Leihbibliothek deuiſcher, engliſcher und frauzsſiſche Literutr Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. —— . —— 1. Ofensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht z Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M.— Pf 1 Mr 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 66. Schadenersatz. 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Gnhult. —— Die goldene Rugel Die Türkin des letzten Koſenbergs. Ber iet Ein zuſtuf Prag's Btndentenſchaft........ Die Belagerung Pas unterbrochene Ppferfeſt....... Der rechte Mann....... iſt Eine neue Kirma Eine Entdechung....... Ein optiſches Rapitel......... Mancherlei Räthſelhaftes.. Enthüllungen...... Ein gordiſcher Rnoten..... Ein böhmiſcher Student. —— Zweiter Theil. Die goldene Kugel. Immer rauher wurden, wie die Chroniſten Böh⸗ mens ſchreiben, die Zeiten, immer umwölkter der politiſche Horizont. Die Plagen des dreißigjährigen Krieges hauſten bald abermals mit allen ihren Schre⸗ cken im Lande, und insbeſondere verbreiteten die ſchwe⸗ diſchen Truppen überall paniſche Furcht und wilde Zerſtörung. Balbin, der damals lebte, verſicherte: „Der dritte Theil von Böhmen ſtand in Flammen; ſechzehn Meilen um Prag lag Alles wüſt, Niemand baute das Land an. Im Saazer Kreiſe allein lagen vierhundert Flecken und Dörfer in Aſche. Die Trup⸗ pen, über vierundzwanzigtauſend an der Zahl, beka⸗ men keinen ordentlichen Sold aus Schweden, ſondern lebten auf Koſten des Landes, wo ſie waren; daher verübten ſie verſchiedene Grauſamkeiten an den Ein⸗ wohnern, um Geld von ihnen zu erpreſſen. Die Vor⸗ 1861. XI. Ein böhm. Student I 1 10 ſteher der Städte wurden oft unmenſchlich gemißhan⸗ delt, und Einige, wie zu Saaz und Laun, mit dem Strange hingerichtet. Ein einziger Prokop hätte ſonſt mit ein paar Tauſend Taboriten dieſen Räubern das Handwerk gelegt. Die ſonſt wegen der Tapferkeit ſo berühmten Böhmen mußten ſich von dem Feinde jetzt treten laſſen. Eine Hand voll fremder Truppen, von Italienern und Spaniern geführt, ſollte Böhmen ſchützen, welches ſie eben ſo wenig, als Amerika einem Böhmen intereſſiren konnte.“ Trotz der trüben Zeiten entfaltete auch während des langen Krieges der durch ſeine Liebe für Kunſt und Wiſſenſchaft, wie durch ſeine Hochherzigkeit von jeher ausgezeichnete böhmiſche Adel, ſo weit dies die Kriegsſtürme immer nur zuließen, ſeine Kunſt⸗ und Prachtliebe in Aufführung von herrlichen Bauten und in der Begründung von wiſſenſchaftlichen Sammlun⸗ gen. Wer gedenkt da nicht des großartigen Baues des Waldſtein'ſchen Schloſſes zu Ziein und des Wald⸗ ſteinſchen Palaſtes in Prag. Ein nicht minder pracht— voller Bau war in der böhmiſchen Landeshauptſtadt um die Mitte des ſechzehnten Jahrhunderts entſtan⸗ den, nämlich der herrliche Polaſt der Grafen von Czernin am Hradſchin. Einſt ſtand an dieſem Platze eine uralte Kirche 11 des heiligen Mathias, nächſt welcher das ſogenannte Drahomira⸗Loch lag. Drahomira, die Mutter des heiligen Wenzel, verſank dort, wie die Sage behaup⸗ tet, mit ihrem Wagen in den Abgrund, weil ſie dem Allerheiligſten, welches eben von einem Prieſter in der Kirche conſeerirt wurde, ihre Verehrung verſagt hatte, während der Kutſcher, der vom Pferde ab in die Kirche ſprang, gerettet wurde. Auf dem Platze aber, wo die Mathias⸗Kirche ſtand, baute eine ſpätere Zeit das Gaſthaus zur goldenen Kugel, und erſt im achtzehnten Jahrhundert verſchwand auch dieſes, um dem erwei⸗ terten Bau des Czernin'ſchen Palaſtes Platz zu machen. Jakob Graf von Czernin, königlich geheimer Rath, nachmals Statthalter und Obriſtburggraf in Prag, wendete ſich im Jänner 1702 mit einem Geſuche an den Kaiſer, daß ihm dieſer bei dem Magiſtrate des Hradſchins behülflich ſei, damit ihm zwei Bürgerhänſer käuflich überlaſſen werden, durch deren Abbrechung er ſeinem Palaſte eine größere Ansdehnung verſchaffen könne. Allerdurchlauchtigſter c. „Euer kaiſerlichen und königlichen Majeſtät wird nicht unbekannt ſein, was geſtalten mein abgelebter Vater Johann Humprecht Graf Czernin(† 1682) in Euer Majeſtät königlichen Reſidenzſtadt Prag nahend 1* 12 den Patribus Kapuzinern auf den Platz gegen Maria Loretto ob dem Hradſchin, in ornamentum civitatis, einen ziemblich großen Bau oder Haus mit namhaften Unkoſten vom Grund auf zu bauen angefangen, auch ſamt dem Dach bis auf Einſetzung der Fenſter, Thüren und anderwärtiger inwendigen Einrichtungen(die ich zum Theil mit großen Speſen ſchon gemacht, und— noch machen muß) in perfection gebracht.— Wann dann nun dieſem cum magnis sumptibus in de- corem Civitatis aufgeführten Werk nicht nur allein das Ausſehen durch zwei gemeine und dermalen darzu Ganz baufällig ſtehende Bürgerhäuſer benommen wird, ſondern eins gar nur über ein kleines ſchmales Gäſſel unter denen Fenſtern der Hauptzimmer ganz nahe anlieget, und weilen es gemeiner Leute Gaſt⸗ oder Wirthshaus, ſo ſtets mit vollen und tollen Ge⸗ ſindel angefüllet iſt, ſowohl wegen der Feuersgefahr als ſonſter großen Unruhe denen Inwohnenden viel Ungemach verurſachet, daß alſo gleich meinem ſeligen Vater(deme die Bewerkſtellung der unzeitige Tod es verhindert) ſich höchſt nöthig befunden, hiezu ein Mit⸗ tel zu treffen: und demnach ſowohl wegen dieſes als des andern(obzwar etwas weiters von meinem ab⸗ gelegenen, und dahero mir nicht ſo viel offiziren kön⸗ nenden(derzeit die goldene Kugel genanntes Hauſes den 9. Auguſt dieſes zu Ende laufenden 1701 Jahres bei Euer Majeſtät Königlichen Stadt ob dem Hradſchin Magiſtrat, ſowohl des Hauſes Thunlichkeit als des Aequivalentis zur Ablöfung der Onerum Civilium respectu beider conjuctim und eines jeden separa- tim mich freundnachbarlichen angemeldet und erkun⸗ diget: in Hoffnung, dieſe Sach mit einem Billichen Leidentlichen zurichten, und zwar darumben, weilen nicht nur allein zum Erſten das die goldene Kugel ge⸗ nannte Haus, auf denen Grundfeſten einer von Alters allda geſtandenen von Herzog Spitignew kurz vor ſei⸗ uem Tod erbaueten Kirchen Sct. Mattaei exstruirter ſtehet, in welcher Kirchen laut der von dem berühmten Hageck beſchriebenen böheimbiſchen Chronik Fol. 82, 83 und 84 und der daraus gezogenen des heiligen Wenzeslai(wie es vor Jahren von denen P P. wohlehrwürdigen Auguſtinern Baarfüßerordens in der neuen Stadt bei St. Wenzel in Druk ediret und in Anno 1680 wiederumben aufs Neue in der alten Stadt Prag bei Georg Gzernach nachgedrucket wor⸗ den) der heiligen Ludwilla Leichnam, nachdeme ſolcher von Tetin, auf Befehl des gemeldten Herzogs heili⸗ gen Wenzeslai der ganzen Prageriſchen Prieſterſchaft Gutbefund erhoben, und nacher Prag gebracht worden, bis den andern Tag beigeſetzt geſtanden, als dann 14 aber in Begleitung des heil. Wenzeslai, der ganzen Prager Prieſterſchaft und großer Menge chriſtgläubi⸗ gen Volkes mit Andacht und Ehrerbietigkeit in das Schloß zu St. Georgi getragen, und zur männiglich⸗ ſten Veneration ausgeſtellet worden, alwo ſolcher bis auf die heutige Stund veneriret wird. Laut eben gemeldter böhmiſcher Chronik Fol. 85 und St. Wenzes⸗ lai Lebensbeſchreibungs Extract bei dieſer St. Ma⸗ thaikirche der wunderſeltſambe Zufall mit der gottlo⸗ ſen Heidinn, St. Wenzeslai tiranniſcher Mutter Dra⸗ homira, ſich zugetragen, daß namblich ſolche, als ſelbe gegen Saaz reiſend im Vorhaben wider die chriſtgläu⸗ bige einig verrätheriſches Beginnen allda zu vollzie⸗ hen, vor dieſer Kirche St. Mathai fahrend kommen, und ſich getroffen, daß in ſolcher der Prieſter juſt zur Elevation des Hochwürdigen Sakramentes ſich ſchickete, dahero das Glöcklein gelitten(geläutet) wurde; der Heidinn chriſtgläubiger Kutſcher ſolches wahrnehmende, von dero Pferden ab⸗ und in die Kirchen geſprungen, alda das hochwürdige Gut verehret und angebethet, die Haidin aber hierumden erbärmlicher Maßen Gott ge⸗ läſtert und degeſtalten geflucht, daß man darvon den Schall in die Kirchen hörete; bei Zurückkehrung des Kutſchers aus der Kirchen die verdammte Heidinn aus gerechter Rach Gottes in die Erden ſambt Roſſen und 15 Wagen verſchlungen wurde:— und derzeit aber pro tertio in dieſer auf einem olim Deo sacro grund⸗ ſtehenden Haus der goldenen Kugel nicht nurin deſſen Kellern noch zu dato der begrabenen Abgeſtorbenen Ge⸗ beine öfters ausgegraben werden, ſondern täglich, ja ſtündlichen kontinuirlichen Pebachationes, geſchweige andere Gottesläſterungen(wann man es nurrecht chriſt⸗ lich bedenken will) mit dem größten Skandale verführet werden, indeme ſolches der goldenen Kugel Haus ein allgemeines freies Schenkhaus iſt, wo hingegen ich, da im gehofften Falle dieſe zwei Häuſer überkommen und gegen einen billich leidentlichen Aequalenti der onerum civilium ſolche befreien, und alſo hindurch mein Convenienz beobachten hätte können, mich in⸗ kliniret zu ſein zeiget, aus eigener Devotion auf Mit⸗ tel zu trachten: wie dieſes olim sacrirte, nun aber ſtandaloſe profanirt ſtehende Ort wiederumb ad Cultum Divinum gelangen könnte; ſondern zum An⸗ derten, daß durch Demolirung ſolcher zwei Häuſer in decorem Civitatis auch ein ſpazioſer ſchöner Platz ohne aller der Gemeinde Unkoſten oder Abgang zu for- miren wäre, welcher einer Stadt und beſonders bei dieſem Ort, wo viel Wallfahrten oder Processiones und Goncursus Populi gleich allhier Mariac Lo- retto ſich öfters ereignen, wohl anſtändig, ja gleich⸗ ſam nöthig zu ſein ſcheinet.“ 16 Das genannte Gaſthaus waralſo um die Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts der Sammelplatz der unter⸗ ſten Volksſchichten Prags, der Krämer und Landleute der Umgegend und der Soldaten niederer Gattung; Juden und chriſtliche Mäkler, Schalksnarren und fremde Werber, Alles trieb ſich da im bunteſten Ge⸗ wirre untereinander. Die breiten Gärten des Hauſes, wie die engen Kammern desſelben waren täglich mit Gäſten aller Art bis zum Erſticken vollgeſtopft und Bachus und Venus feierten dort um die Wette ihre Triumphe. Weniger um beiden zu huldigen, als um im luſtigen Getriebe manch' luſtigen Schwank zu voll⸗ führen, fanden ſich auch zuweilen Studenten der Hoch⸗ ſchule Prags daſelbſt ein; von dieſen geneckt und an⸗ getrieben, glich die goldene Kugel in der That einer kleinen runden Welt, auf welcher ſich zuweilen das Oberſte nach Unten kehrte. An einem Julitage, dem nächſten nach jenem Abende, an welchem, wie wir eben erzählt, die edlen Herren bei dem Obriſtburggrafen Martinic in Geſell⸗ ſchaft beiſammen geweſen, geſchah es, daß Studenten von Strahöver Thore her den denveg nahmen und an der goldenen Kugel vorüberkamen. Es waren dies Chriſtoph Wunſch und ſein Freund der Luxemburger Studioſus Nikolaus Faber. Sie ſtanden an deralten 17 Linde, welche vor dem Gaſthauſe zur Kugel ihre Aeſte emporſtreckte. Nicolaus Faber, welcher als Fremdländer mit den Merkwürdigkeiten Prags noch nicht ſehr vertraut war, betrachtete mit vieler Aufmerkſamkeit das Haus, von welchem die Sage ging, daß es in ſeinen Räumen die eingeſtürzte Felskluft berge, in welche die berüchtigte Drahomira hinabgeſtürzt ſei; er hatte noch keine Wi⸗ nute im Beſchauen des Hauſes zugebracht, als auch ſchon ein geſchäftiger Cicerone des Hauſes ein kleiner mißgeſtalteter Knirps, zur Stelle war und Beide ein⸗ lud, in das Haus einzutreten und einen Trunk echten böhmiſchen Bieres zu ſich zu nehmen, oder— wie er dem verneinenden Herrn weiter bemerkte, die Stelle zu beſchauen, wo Frau Drahomira mit Roß und Wagen verſunken ſei. Das war's, was die beiden wißbegierigen jungen Männer, welche eben von einem zur Bereicherung ihrer Kräuterſammlungen unternommenen Ausfluge zurückgekehrt waren, ſogleich anzog. Sie ließen ſich die Einladung nicht zweimal ſagen und ſtiegen in die Speluncke durch eine enge Schreckentreppe hinab, de⸗ ren Mündungen in die unteren von Fleiſchgerüchen durchdufteten engen Stuben der Kneipe führten. Aber tiefer hinab, immer tiefer, etwa zehn Klafter unter 18 der Erde ſtiegen ſie jetzt auf den braunen Eſtrich eines dunklen Gewölbes; dort lief einetrichterförmige Oeff⸗ nung in den Felſen, auf welchem das Gebände ſtand. Neben dieſem anſcheinend ins Bodenloſe klaffenden Trichter, aus welchem ungeſunde Dünſte aufwärts quollen und das kleine Gewölbe mit einem den Augen höchſt empfindlich fallenden Qualm erfüllten, ſaß ein widerlich blaßgelbes Weib, welches, in ein paar Klei⸗ derfetzen gehüllt, den Herabſteigenden ſogleich die dürre Hand entgegenſtreckte und für die Beſchauung der Drahomira⸗Kluft eine Gabe verlangte; dann aber fragte, ob ſich„die edlen und geſtrengen Herren nicht wahrſagen laſſen wollten. Die beiden jungen Männer lachten ob des Antra⸗ ges, der in den Spelunken ähnlicher Art und auf den Landjahrmärkten damaliger Zeit nichts Seltenes war. Aber die gelbe Megäre hatte Chriſtoph Wunſch bereits ins Auge gefaßt.—„Ei, Söhnlein,“— ſagte ſie, ſeine Rechte faſſend,—„Du haſt am allerwenig⸗ ſten Urſache, meine Worte zu belächeln. Biſt du doch aus demſelben Holze geſchnitzt wie meine Wenigkeit — hi, hi, Zigeuner⸗Sprößling, nicht wahr? Der junge Mann prallte zurück, und hätte das ſpärliche Oellämpchen dieſer Spelunke nicht gar ſo düſter gebrannt, ſein Freund Nicolaus würde die 19 Flammenröthe geſehen haben, welche dem Freunde auf die Wangen trat, als ihn das Weib an ſeine Her⸗ kunft mahnte, die ihm aus der Mittheilung des alten Forſtwartes am Hirſchberge bei Hohenfurth noch ſehr wohl in Erinnerung war. „Weib!“— ſtammelte er—„woher...“ Die Alte aber riß ſeine Hand an ſich und beſchaute mit gierigen Blicken die Linien auf der Fläche der⸗ ſelben.—„Männlein,“— ſagte ſie mit heiſerer, krächzender Stimme—„deine Saturnalis oder Glückslinie läuft gar krumm und durchſchnitten fort, das Leben hat dir noch wenig Roſen geboten und die Lebens⸗ und Herzenslinie endet in der rundeſten Ge⸗ gend der Handwurzel, das deutet auf nahes Glück in der Liebe— nahes, nahes Glück, das du heute erfaſ⸗ ſen mußt, wenn es ſich naht und nimmer auf mor⸗ gen verſchieben darfſt.“ Die Alte brach ſodann in ein widerliches Kichern aus. „Was ſoll das?“— fragte der junge Mann, be⸗ troffen über die Worte der Megäre. „Nun,“— fiel ſein Freund ein,—„du hörſt es ja, daß dir das Glück der Liebe noch blühen wird, und zwar heute noch. Du mußt es aber erfaſſen, ſonſt ent⸗ wiſcht dir die Braut unter den Händen auf's Nimmer⸗ wiederſehn— jetzt aber, Alte, wahrſage mir!“ 20 Die Megäre nahm eine wahrhaft finſtere und ernſte Miene an.—„Dein Leben, mein Söhnlein,“— ſagte ſie zu Wunſch gewendet,—„war in deiner erſten Jugend ein Feld des Sturmes, ein Sturmfeld wird dein fer⸗ ner Los.“— Dann wandte ſie ſich zu Nikolaus Fa⸗ ber und rief: Eine eiſerne Wetterfahne wirſt du, dich im Kreiſe drehen und Sturm und Eiſen werden dir nichts anhaben.“ „Weib!“— rief der Luxemburger,—„was ſagſt du? Ich eine Wetterfahne? Da ſoll dich ja gleich mein Stoßdegen niederbohren.“ Aber Chriſtoph Wunſch hielt den Arm ſeines Freundes zurück und warf mit einem ſonderbaren Gefühle der Alten ein paar Münzen in die Hand. „Brav, Junge!“— rief die Alte,—„du haſt ein Herz und nicht blos eine Fauſt zum Dreinſchlagen, wie dein ungeſchlachter Begleiter da. Darum will ich dir ein Wörtlein mehr ſagen, als ich Anfangs willens war.—„Geh, Junge,“— fuhr ſie mit halbleiſer Stimmefort,—„geh und ſtelle dich morgen Abends, wenn das letzte Viertel des Mondes eingeht, zum eiſernen Käfig am Altſtädter Ring, da, wo ſie die ungeſchlachten Burſchen anketten, auf ein Weilchen hin. Du wirſt dann die Thüre offen finden zum Tem⸗ 21 pel deines Glückes, wohin dein Auge ſich bisher nicht zu erheben wagte.“ Mit dieſen Worten verlor ſich die Zigeunerin raſch in die hinteren Seitengänge dieſer Schlucht, die, wie die Hohlſchachte eines Bergwerkes das ganze Gebände unterhöhlten. Chriſtoph Wunſch und Nicolaus Faber aber ſtie⸗ gen mit ſeltſamen Gedanken aufwärts. II Die Türkin des letzten Boſenbergs. In der nächſten Nacht träumte Chriſtoph Wunſch von der Zigennerin und deren ſeltſamen Worten. Zum erſten Male hatte er vor ſeinem innigſtgelieb⸗ ten Pflegevater ein Geheimniß. Die erſte Liebe iſt ſchüchtern und gleicht dem Veilchen, das nur im dunk⸗ len Grunde gedeiht, auf daß es nicht zertreten werde von den Menſchen der Alltagsſtraße. Noch hatte Chri⸗ ſtoph Wunſch mit Anna von Sturmfeld außer den wenigen Worten in der Höhle des heiligen Jwan bei Beraun keine Silbe gewechſelt, aber ihr Bild brannte in ſeinem Herzen mit allen Farben der Hoffnung und der reinſten Liebe, ſeine Träume, ſeine Pläne für die Zukunft galten ihr, und ſeine eifrigen Studien galten wieder nur ihr; denn der kraftbewußte Jüngling hoffte, und die lebendige Hoffnung macht ſtark. Wer konnte es unter dieſen Umſtänden dem jun⸗ gen Manne verargen, daß er am nächſten Abende, als das letzte Viertel des Mondes einging, ſich der Wei⸗ ſung der Zigeunerin gemäß vor dem eiſernen Käfige am Altſtädter Ringe neben dem großen Rohrkaſten einfand, der einſt ſehr berühmt war, unn aber ſchon ſeit langen Jahren verwüſtet iſt. Nicht weit von dieſem Brunnen ſtand ein Käfig, aus ſtarkem Eiſendraht geflochten, den am 15. Juni 1551 der damalige böhmiſche Statthal⸗ ter Erzherzog Ferdinand aufſtellen ließ. Hier wurden alle Perſonen halb entblößt eingeſperrt und mehre Stunden feſtgehalten, welche ſich allzu zügellos betra⸗ gen und gegen Zucht und Sitte gefrevelt hatten. Erſt im Jahre 1786 entfernte man ihn, da Kaiſer Joſef damals alle eiſernen Käfige, Pranger, Rabenſteine ꝛc. niederzureißen befahl. Erzherzog Ferdinand muß,— meint Profeſſor Schottty— vollgültige Urſachen zu ſolcher Strenge gehabt haben, denn wirklich waren die Sitten in dem damaligen Prag ſehr in Verfall gera⸗ then; ſo äußert ſich über jene Tage der gut unterrich⸗ tete Arzt Hypolitus Guarionius auf Seite 277 ſeines „Gräuels der Verwüſtung:“„Die Töchter laufenallent⸗ halben herum ohneeinige Zuchtund Ehrbarkeit, bei Tag ſowohl als nächtlicher Weil, da man ihnen ganz freien Willen zu allen ihren Lüſten vergönnt, zum Tanzen, zum Haingarten oder Ständerling und leichtfertigen 24 Schwätzworten, mit den ledigen Geſelleu zu Hochzei⸗ ten unter den vollen Zapfen; allda die Jungfrauen oft voller als die Geſellen vom Tiſch aufſtehen und zum Tanz gehen.“ Bei dieſem Käfig ſtand nun Chriſtoph Wunſch, der, ſeinen Pflegevater zum erſten Male täuſchend, für dieſen Abend einen Gang zu einem Freunde vorge⸗ ſchützt hatte, aber in der That nicht lange an dieſer Stelle der Dinge, die da kommen ſollten, wartete; denn faum waren fünfzehn Minuten verſtrichen, als bereits ein Knabe, in ein dunkles Mäntelchen gehüllt, um die Ecke bog, vorſichtig um ſich blickte, und als er den jun⸗ gen Mann gewahrte, ihm raſch einen Zettel in die Hand drückte, dann aber in einiger Entfernung ſtehen blieb. Chriſtoph Wunſch trat zu dem Windlichte, wel⸗ ches an einem benachbarten Hauſe angebracht war. Das Popier enthielt in kleinen Zügen die Worte; „Den Starken erwartet die Liebe, wenn er zugleich kühn iſt, und ihr entgegeneilen will. Seid Ihr ſo kühn als ſtark, ſo folgt dem Knaben und die, die Euch län⸗ ger liebt, als Ihr glaubt, wird Euch entgegentreten.“ „Anna von Sturmfeld!“— rief der Glückliche. Und keinen Augenblick zögerte er, dem Knaben zu folgen, der ihn durch die Eiſengaſſe und weiter in die 25 Neuſtadt führte. Der junge Mann, begeiſtert von dem Gedanken, daß die langerſehnte Stunde eingetreten ſei, und daß er die, die er im Stillen ſo heiß liebte, nun von Angeſicht ſehen und ihr Aug' in Aug' ſo Vieles, unendlich Vieles ſagen werde, beflügelte ſeine Schritte. Wie ein Trunkener, alles Andere um ſich herum vergeſſend, ſtürzte er dem Knaben nach, ohne zu merken, wo er hineile. Es war ihm, als rieß ihn ein brauſender Bergſtrom abwärts, tiefer immer tie⸗ fer in die Lilienweißen aus dem grauen Seenebel ent⸗ gegengeſtreckten Arme der lieblichen Seejungfrau. Jetzt bog er in die Neuſtadt ein, ging aufwärts durch die Brandgaſſe und über den weiten Viehmarkt einer lan— gen Gaſſe zu, deren Häuschen mit ihren runden klei⸗ nen Fenſtern ausſahen wie Spinnengewebe, die zahl⸗ los unter dem Gebälke des Daches hängen, und in deren Winkeln die böſen Inſekten lauern, die auf vor⸗ überſchwirrende Goldfliegen hervorſchießen, ſie um⸗ ſpinnen und... tödten! Jetzt fiel die kleine Eichenthür eines Häuschens hinter Chriſtoph Wunſch in ihre Angeln und er ſtand in der von einer kleinen flackernden Lampe zweideutig erhellten engen Vorhalle abgeſchloſſen von der Außen⸗ welt. Das Häuschen, in welchem er ſich befand, bot von Außen mit ſeiner Fläche kaum eine Breiten⸗ 1861. XI. Ein böhm. Student. IM. 2 26 Anſicht von zwei Klaftern. Deſto länger aber ſtreckte es ſich in die Tiefe, denn wenigſtens zwölf Klafter tief lief es zwiſchen den Nebenhäuſern hinein, wie eine zwi⸗ ſchen den feſtgekitteten Kacheln des Ofens eingepferchte lange Bratröhre, und ſeine innerſten Räume münde⸗ ten noch weiter in die neben⸗ und dahinterliegenden Häuſer. Aber Chriſtoph Wunſch beachtete nicht, wo er ſtand, und was ihn umgab, er zitterte nur vor Er⸗ wartung, das Ideal ſeiner Phantaſie zu ſehen, und ſein in der That brennendes Herz auszuſchütten vor der, für welche alle ſeine Pulſe ſchlugen. Er beachtete daher auch wenig das braune Mu⸗ lattengeſicht eines alten Weibes, welches, eine kleine Oellampe emporhebend, ſein Geſicht beguckte, dann aber mit einem grinſenden Lächeln auf den Wink des Knaben, welcher Wunſch hieher geleitet hatte, eine kleine halbgebrochene Haupttreppe emporſtieg, und den nachtretenden jungen Mann durch einen engen dunklen Gang führte, welcher für zwei Perſonen neben einander zu eng war, daher Chriſtoph hinter der Me⸗ gäre ſchreiten mußte, und zwar in gebückter Stellung, weil die niedere Decke des Ganges ihm bei ſeinem hohen Wuchs die Aufrechthaltung des Kopfes nicht geſtattete. 27 Aber dieſer enge Gang mündete in einen zweiten gleich engen, dieſer in einen dritten, etwas ſchief lie⸗ genden Gang. Endlich blieb die Alte vor einer klei⸗ nen eiſernen Thür ſtehen. Dieſe erſchloß ſich, und eine ſchmale Steintreppe von ſechs Stufen führte auf⸗ wärts. Nun bot ſich eine breite, lichte und geräumige Vorhalle dar, dann ſprang wieder eine Thür auf, und geblendet vom reinſten Kryſtallichte vieler Lam⸗ pen prallte Chriſtoph Wunſch zurück. Er ſtand in einem ovalen Raume, der, von einem bläulichten Lichte erhellt, mit einer Menge der ver⸗ ſchiedenartigſten Wohlgerüche geſchwängert war. An ſeinen Wänden reihten ſich rothe Ruhebette nach vrien⸗ taliſcher Sitte; über ihnen prangten hohe Bilder mit üppigen halbentblößten Frauengeſtalten, und die Decke enthielt das rieſengroße Bild des Donnergottes mit der Leda. Leiſe Klänge eines Saitenſpieles und ſüßen Sanges einer weiblichen Kehle waren ganz geeignet, die Phantaſie des Eintretenden noch mehr zu erhitzen. Auf drei kleinen Tiſchen von grauem Marmor ſtan⸗ den mehre Flaſchen aus feinſtem Kryſtallglaſe mit feurigen Weinen gefüllt, zwiſchen blinkenden Silber⸗ geſchirren, in welchen dunkle Trauben und hochrothe Baumfrüchte zum Genuſſe einluden. Ehe Chriſtoph Wunſch noch alle Eindrücke dieſer 2* 28 Umgebung in ſich aufnehmen konnte, öffnete ſich die hinterſte Thür des Gemaches, und eine in ein leich⸗ tes Gewand gehüllte üppige Frauengeſtalt, einen Blu⸗ menkranz im reichen ſchwarzen Haaretragend, ſchwebte dem jnungen Manne entgegen. „Anna!“— hauchte dieſer, und ſank zu ihren Füßen nieder. Die ſchöne Frauengeſtalt beugte ſich zu dem jun⸗ gen Manne herab, ihre weichen Lippen berührte ſeine reine Stirn, ihre blendend weißen Arme ruhten warm und weich auf ſeinem Nacken, ihr reiches aufgelöſtes Haar wallte in breiten Locken auf ſeine Schulter nie⸗ der, als wollte es mit ſeinem Schatten den Strahl ſeines Auges mildern, der jetzt glühend über die Reize der Holden hinflog; ihr Herz klopfte an dem ſeinigen, ihr ganzer ſchöner Leib zitterte fieberhaft. Jetzt blickte er dem Engel ſeines Lebens in das dunkle Auge, und — prallte zurück. „Das iſt nicht Anna von Sturmfeld!“— rief er, ſich emporraffend. Seinen Armen entgleitend, ſank das Weib, das er eben ſo innig umſchlungen hatte, auf die Kiſſen des Ruhebettes an der Wand zurück. Aber raſch erhob ſich die Schöne. „Die Ihr ſuchet, bin ich nicht,“— ſprach ſie mit 29 lauter Stimme,—„aber hindert dies, daß der Starke der Schönen einen Blick ſpende, wenn auch ſein Traum nicht ausging, wie er ihn träumte. Verwirft der Tau⸗ cher, der nach der blauen Perle ſuchte, die rothe, welche er findet?“ Ein verachtender Blick des jungen Mannes be⸗ antwortete dieſe Sprache. Schon hatte der plötzlich Enttäuſchte ſeine Beſinnung wieder gefunden.—„Was ſoll das!“— rief er,—„wo bin ich?— was bedeu⸗ tet dieſes Gankelſpiel?“ liſpelte die ſchöne Frauengeſtalt, ſich noch einmal aufraffend, und ihre Arme gegen den jun⸗ gen Mann ausbreitend. „Zurück,“— rief dieſer, und ſeine Hand zuckte nach dem Degen, den er, wie alle Studirende dama⸗ liger Zeit, an den Lenden zu tragen pflegte. Aber die Woffe war von ſeiner Seite verſchwunden, die leere Scheide ſtack im Gehänge Der Enttäuſchte hatte frei⸗ lich nicht wahrgenommen, daß ihm, dem Liebetrunke— nen, während er durch die dunklen Gänge hereinge führt wurde, der dieſes Handwerkes gewohnte rück— wärts folgende Knabe miteinem geſchickten Handgriffe den Degen aus der Scheide gezogen, und ihn ſo ſeiner Vertheidigungswaffe beraubt hatte. Der nun wieder beſonnene junge Mann überſah jedoch augenblicklich 30 die ganze Gefahr ſeiner Lage Es begann in ſeinem Hirn zu dämmern, er entſann ſich des langen undkrum⸗ men Weges, den er bisherzurückgelegt hatte, er begann zu begreifen wo er ſei, und was man mit ihm vor⸗ habe.— Raſch riß er den nächſten Wandleuchter von ſchwer vergoldetem Metalle von deſſen Geſtell, und ſchwang ihn über ſeinem Haupte. „Oeffnet die Thüre!“— donnerte er,—„oder ich bahne mir mit dieſer Waffe den Weg in's Freie über Eure blutige Hirnſchale! Fort aus dieſem ent⸗ ſetzlichen Orte!“ Noch hatte er dieſe Drohung nicht vollendet, da drückte das Weib an einer Stelle der Tapetenwand, und— der Boden begann unter Chriſtoph's Füßen zu ſinken, und in der nächſten Sekunde ſtürzte er mit einer Art Verſenkung in die Tiefe hinab. Als er ſeine Sinne wieder ſammelte, ſchallte ihm hölliſches Ge⸗ lächter entgegen, tiefe Dunkelheit umgab ihn, übel⸗ riechende dicke Luft, die mit Leichenduft geſchwängert ſchien, benahm ihm auf eine Weile den Athem, er ſah und hörte nichts mehr, es war, ihm, als ſei er, ein gefallener Engel, vom Himmel in die unterſte Tiefe der Hölle geſchleudert. Aus einer leichten Stirnwunde blutend, die ihm der Fall verurſacht hatte, lag er auf hartem naſſen Geſtein Nur allmälig gewöhnte ſich 31 ſein Auge an die Finſterniß, einige dunkle Geſtalten krochen heran, wieder begrüßte ihn hohles, heiſeres Gelächter. „Wieder Einer!“— ſchallte es ihm in die Ohren, —„willkommen Kamerad im Naſſen! haſt auch ge⸗ naſcht von den verbotenen Früchten der Türkin?“ Chriſtoph Wunſch blickte wieder um ſich und rieb ſich die Augen. Nun erkannte er vier lange Männer⸗ geſtalten, hager wie Skelette in von Feuchtigkeit und Schimmel zerfreſſenen Wämſern, an denen hie und da noch ſilberverbrämte Theile wahrzunehmen waren. „Gott, wo bin ich, und was geſchieht mit mir!“ — rief Chriſtoph. „Vom Himmel in die Hölle geſtürzt,“— ant⸗ wortete ihm die heiſere Stimme einer der herankrie⸗ chenden Geſtalten.—„Du haſt naſchen wollen vom Honigtopfe, Bürſchlein, und biſt hineingefallen in das Netz der großen Spinne,— jetzt wird man dich eine Weile füttern mit faulem Fleiſche wie uns, bis du ein Fraß für die Ratten dieſer Höhle biſt, wie der daneben, oder mit den Andern nach den Eiſengruben von Dannemora abgehſt, wohin wir Alle beſtimmt ſind, wie die Andern, die geſtern und vorgeſtern ab⸗ gingen.“ Der Sprecher wies dabei auf den Hintergrund 32 des düſtern Gewölbes, wo ein menſchlicher Leichnam lag. Nun erkannte Chriſtoph auch das Schreckliche ſeiner Lage im ganzen Umfange; er lag, wie er aus den unzuſammenhängenden rohen Aeußerungen ſeiner Leidensgenoſſen erkannte, in einem jener dunklen Ab⸗ gründe gefangen, wo fremde Geldgier und Habſucht den„Seelenſchacher“ trieb, er lag in den Banden derer, denen er im Weg geſtanden, und war unſchäd⸗ lich gemächt von denen, die ihn lange, ehe er es ahnte, überwacht hatten, durch deren Sendlinge er an dieſen Ort gelockt worden, und bei denen es beſchloſſen war, den kraft⸗ und muthvollen Jüngling, wie manch' An⸗ dern, der in jener bewegten Zeit auf Nimmerwieder⸗ ſehen verſchwunden war, auf die ſchwediſchen Schee⸗ ren, oder in die Eiſenwerke nach Dannemora zu ver⸗ frachten, auf daß ſolch' tüchtige Männer frühzeitig genug von jenem Kampfplatze entfernt werden, wo ſie unter ihres Gleichen etwa eine Rolle ſpielen konnten. Die Türkin, dieſe ſchwarze Spinne, hatte alſo ihre Schuldigkeit gethan. Sie hatte im ſchwediſchen Solde bei der porta scropharum ihr Netz aufge⸗ ſchlagen. Dieſe porta scropharum iſt das ſpäter ſogenannte blinde Thor in der Meuſtadt Prags, das, zwiſchen dem Korn⸗ und dem Wyſehrader Thore 33 gelegen, nachmals unter der Regierung Kaiſer Leo⸗ pold I. geſperrt, und an deſſen Stelle das Roßthor eröffnet wurde. Die Beſitzerin jenes Häuschens nächſt dem Thore blickte jetzt mit ihren kleinen Augen gar zufrieden darein, als ihr ihre Leibdienerin, die ſchlaue Regina, berichtete, daß der„baumlange Studioſus“ bereits bei den Andern im Keller liege. Sie war freilich keine Schönheit mehr, denn mehr als ſechzig Jahre lagen ſchon auf ihrem eisgrauen Scheitel, ihr dicker Nacken voll Runzeln bog ſich bereits gewaltig. Mit ihrem grauen vorgeſtrecktem Kopfe, den lauernden kleinen Augen, der ſpitzigen Naſe und dem ſtets halb zu einem garſtigen Lächeln geöffneten Munde, aus wel⸗ chem der letzte vordere Stoßzahn herausblickte, glich ſie einer Hyäne, die auf Raub ausgeht. Der Sold, den ſie einſt am Hofe des letzten Wock von Roſenberg genoſſen, war kein geringerer geweſen als der, den ſie nun als geheime Parteigängerin der Feinde des Kaiſers genoß, und chriſtliche„Hunde“ in ihren Stall zu locken, war das einträgliche Handwerk dieſer Me⸗ gäre— ja chriſtliche Giaurs, denn die Alte war leib⸗ haftig eine Mohamedanerin, und hätte dies nicht ihre dunkelgelbe runzlichte Haut und ihre fremdartige Ausſprache verrathen, ſie würde es ſelbſt nicht geläug⸗ 34 net haben, denn ſie haßte alle Chriſten mit einer Wuth ohne Gleichen. Ihr Haus war in jenen Tagen, wo Sitte und Zucht viel weniger als in den unſern auf Schutz und Vertheidigung rechnen konnte, der Sam⸗ melplatz des gröbſten Laſters. Sie war zeitlebens ſelbſt das Werkzeng fremder Sinnenluſt geweſen. Die uralte Chronik des Hauſes der Roſenberge,“) welches im Jahre 1611 mit Peter Wock V. in Wit⸗ tingau ausſtarb, beſagt nämlich:„Herr Peter Wockh von Roßenberg hielte im Schloſſ zu Wittingau 16 Da⸗ men Unterſchiedlichen nationen auß Indien, Spa⸗ nien, Frankhreich, Wälſchlandt, tyrckhey, Pohlen, teut⸗ ſche undt aus Juden geſchlecht, auß welches all die Bäſte ſtäll vertretten, und Erworben hat ein Böhmin mit nahmen Susanna eineß Mühlnerß tochter, u. ſ. w. gemeldten Herrnß Viel Schenkaſchien Umb Viell tauſendt, auch Kleinodien, undt in Sobirslaw ein Hauß bekhommen, auf welches Hauß ſie ſich nach den todt deß Herrn Begeben, albo ſie einen Metzkher mit ²) Dieſe äußerſt intereſſante Chronik befindet ſich, als ein wichtiges Originalwerk im Beſitze der Bibliothek des Ziſterzienſerſtiftes Hohenfurth in Böhmen, und durch die Gute desſelben derzeit in Bearbeitung durch den Verfaſſer dieſes geſchichtlichen Romanes, welcher im laufenden Jahre hieraus intereſſante Bruchſtucke veröffentlichen wird. 35 nahmen Oweziczka geheyrathet, dießer war gneteſt Lebens, Saufte tag undt nach, Verkhauffte Kleynodien Eineß nach den andern, undt Verſetzte ſolche Bießer auch durch überfließiges trinkhen ſein Geiſt aufgeben, aber die Susanna ſtuerbe Ehender alß Er wie gewunnen, alſo Zerrunnen; nach dießer Verſtorbenen hat er noch einmal geheyrathet, undt Verließ nach ſich einen ſohn in größter Armuth.“ „Unter denen oben Benannten Damen hat ſich der Herr Joannes Chlumzanßky ein Hofbedienter deß gnädig Herrn mit der Türkhin bekhandt gemacht, und dieſelbe geſchwängert, dieſer Urſach halben iſt Er ad publicos carceres gezogen worden, Herr Johan Metzer wahr damals Stadtrichter, der Schärg nannte ſich wentzl, welcher eines rathherrns tochter zu Stra⸗ konitz mit nahmen geheyrathet, mit dießer machte ſich Herr Chlumzanßky Bekhandt, undt nachdeme nach dem todt deß Herrn von Roßenberg der ſchachtley ent⸗ laſſen worden, haben ſie mit einander Viel Brieffl gewechſelt, welch ein ſchnell Knab Lorentz Metzer, Ihr ſelbſt abgeleßen, wie auch die andtworth darauf, ſo ſie ihme dictiret hat geſchrieben; So gehet es Herr in dießer Wäldt, daß auch ein Edelmann Vor der ſchör⸗ gin Kein abſcheu genommen, nach dem todt deß Herrn hat ſich daß frauen Zimer hin und wieder Zerſtreuet, 36 daß man nichts gewuſt, wo eß Hin khommen, aber ein Jede iſt Vor Ihre dienſtleiſtung wohl belohnet worden.“ Die erwähnte Türkin und Geliebte des Herrn Johannes Chlumzansky ſaß alſo jetzt als„ſelbſtſtän⸗ dige Wirthſchafterin“ auf dem genannten Hauſe nächſt der porta scropharum, und in ihrem Solde ſaßen an die ſechzehn Dirnen, die ihr dienten, wie die Gei⸗ ſter der Unterwelt dem Oberſten der Teufel dienen... In dieſer Spelunke fand ſich alſo ein, was ſich an den Ketten des Laſters hingezogen fühlte, und die Sünde hielt täglich daſelbſt ihr Feſtmal; die Dirnen waren von der Alten mit türkiſchen Namen bezeichnet, und jede derſelben hatte ein Stadtviertel zugewieſen, wohin ſie zuweilen auf„Kundſchaft“ ausgehen muß⸗ ten; von dem Sündenlohne, den ſie erhielten, durften ſie ſich bei angedrohter Strafe„der ſeidenen Schnur“ nicht das Mindeſte zueignen, und in der That erga⸗ ben gerichtliche Unterſuchungen ſpäter, daß die Alte an zwei derſelben eine eigenmächtige Tortur verübt, und dieſelben beinahe zu Tode gedroſſelt hatte. Da⸗ für empfingen ſie im Hauſe die reichlichſte Verpfle⸗ gung und die ſchönſten Kleider, nebſt koſtbarem Schmucke und andern Koſtbarkeiten. Die Türkin hatte nach dem Tode des Grafen 37 Wock von Roſenberg ein nicht minder flottes und verſchwenderiſches Leben geführt als an deſſen Hofe zu Wittingau, und den aus dem Roſenberg'ſchen Dienſte mitgenommenen Reichthum an Prätioſen, längſt vergendet. Ihr Haus diente jetzt als ein be⸗ guemer Lagerplatz den Anhängern und Parteigängern der ſchwediſchen Sache, in deren Netzen nun auch Chri⸗ ſtoph Wunſch gefangen lag. III. Der Freier. Während dieſer Vorgänge im Hauſe der Türkin fanden auch im Hauſe des Primators Turek von Sturmfeld Bewegungen ſtatt. Frau Ludmilla von Sturmfeld, ſaß zum Sommerbeſuche auf dem Luſt⸗ ſchloſſe Lieben bei Prag. Das iſt ein Luſtſchloß an der Moldau auf dem Wege nach Melnik, etwa eine Stunde von Prag entfernt, mit einem von vielen Ju⸗ den bewohnten Dorfe, welche ſich dort als eine Kolo⸗ der unvermöglichen Prager Judenſchaft nieder⸗ ließen. Wie ein böhmiſcher Gelehrter, und auch Hagek, der Chroniſt ſchon berichten,„ſoll Lieben bereits von der Libuſſa ſeinen Urſprung haben, welche da einen Meierhof angelegt und den Ort nach ihrem Namen Lieben oder Libin genannt haben ſoll. Nach der Zeit, berichtet der genannte Gelehrte, gelangte es von der 39 herzoglichen Kammer an verſchiedene Privatbeſitzer, da es dann aus einem Meierhofe zum Dorfe an⸗ wuchs. Zu welcher Zeit die Juden dort ſich nieder⸗ gelaſſen, kann genaunicht beſtimmt werden. Vermuth⸗ lich geſchah es ſehr früh; denn es iſt wahrſcheinlich, daß von der Prager Gemeinde ſchon lange vorher dieſe Anſiedler ausgegangen waren, welche wegen ihrer zunehmenden Vermehrung in der Judenſtadt keinen Raum gefunden hatten. Im Jahre 1424 ſchlug Zizka ſein Lager bei Lie⸗ ben auf, in der Abſicht vor Prag zu rücken, ſich deſſen zu bemächtigen und es zu zerſtören. Er war über dieſe Hauptſtadt des Königreiches höchſt aufgebracht, weil die Bürger von ſeinem Bunde abfielen, und eine be⸗ ſondere Partei bildeten. Die Prager, welche die Macht dieſes ſchrecklichen Anführers fürchteten, ſchickten zu ihm ihre Abgeordneten, und trugen auf einen Ver⸗ gleich an. Es wurden in Lieben Unterhandlungen ab⸗ gehalten, und ein Vergleich zu Stande gebracht, ver⸗ möge welchen der Bund zwiſchen den Pragern und Zizka erneuert worden.“ „Zu deſſen Beſtätigung wurde beſchloſſen, daß der⸗ jenige Theil, welcher den Vertrag brechen würde, zur Strafe 14000 Schockböhmiſ cher Groſchen erlegen ſollte. Als ein Andenken dieſes Bundes hatte man auf dem 40 Spittelfelde einen großen Haufen Steine zuſammen⸗ getragen, welche lange Zeit nachher beſtanden Hierauf war Zizka in Triumph in Prag eingezogen und von den Bürgern mit Freudenbezeugungen empfangen wor⸗ den. Bei dem Zwiſte Kaiſer Rudolph's mit ſeinem Bruder, dem Erzherzoge Mathias von Oeſterreich, wurde im Jahre 1608 Liben zu einem Orte des Congreſſes aus⸗ gewählt.. Man kam hier überein, daß Rudolph dem Mathias Ungarn abtrat und ihm nach ſeinem Tode die Nach⸗ folge in der Regierung über Böhmen verſicherte. Da bei der ſchwediſchen Belagerung Prags vom Jahre 1648 der Altſtädter und Neuſtädter Rath durch die vortreffliche Leitung der Vertheidigungs⸗Anſtalten und tapferes Benehmen ſeine Treue und Anhänglichkeit für das Haus Oeſterreich auf eine ausnehmende Art bewieſen, ſo belohnte Kaiſer Ferdinand III. dieſe Ver⸗ dienſte, da er beiden Magiſtraten zur Vergütung des erlittenen Schadens 300,000 fl. zahlbar anweiſen ließ. Der Altſtädter Rath kaufte von dieſer Summe von dem Grafen Roſtitz das Gut Liben um 80,000 fl. Er ließ das Gut herſtellen und prächtig einrichten. Während dieſer Vorgänge im Hauſe der Türkin trat auch im Hauſe des Primators Turek v. Sturm⸗ feld ein für Anna bedeutungsvolles Ereigniß ein. Vor 41 Frau Lidwina von Sturmfeld ſtand mit tief niederge⸗ ſchlagenen Augen, an deren Wimpern klare Tropfen hingen, das weiße Marmorbild einer ſchlankeu, wun⸗ derholden Jungfrau, deren voller Buſen auf dem dunklen, von einer goldenen Spange gefeſſelten Sammtkleide ſehr gepreßt zu ſein ſchien, denn die Jungfrau rang nach Lauten und unterdrückte dieſe wieder.— Der ernſte Blick der Matrone ſchien ihr das Wort auf der Lippe feſtzubannen.. So zittern auf dem weiten Plane der Erde tauſend und tauſend Thauperlen, wenn die gewaltige Sonne aus den Nachtwolken tritt und mit der goldenen Sonde ihrer Lichtſtrahlen die Nebeldecke zerreißt, um das reine Bild der Erde mit ihrer Schönheit, ihrem Gaben⸗Reich⸗ thum und all ihrer Pracht und Herrlichkeit zu enthüllen. „Anna,“ ſagte die Mutter mit ſanfter Stimme, indem ſie die Hand der ſchönen Jungfrau faßte,— „mein liebliches heißgeliebtes Kind; glaube mir, daß es uur die innigſte Sorge für deine Zukunft iſt, welche mich und den Vater dieſe Verbindung mit dem Grafen Orlando wünſchen läßt. Orlando iſt ein ſchöner junger Mann von hohem und altem Adel und beſitzt große Güter in Italien.“ Die Jungfrau ſank ſchluchzend vor der Mutter nieder und barg ihr Haupt im Schoße derſelben. 1561. XI. Ein böhm. Stubent. I. 3 „Thränen, meine Tochter,“ fuhr Frau Lidwina fort—,„uun ja, auch ich habe Thränen vergoſſen, als einſt dein Vater um meine Hand warb. Das iſt ja ſo die edle Sitte, daß die Jungfrau ſich bewegt fühle und ein wenig erzittere vor dem ernſten Schritte, der ſie für immer an den Mann binden ſoll, von dem die Schriſt ſagt:„und er ſoll dein Herr ſein!“ „Ach, Mutter, Mutter!“— rief das Mädchen, unter Thränen aufblickend—„du opferſt dein Kind! „Mit nichten,“— entgegnete lächelnd die alte Dame,—„du glaubſt, meine Tochter, daß ich und dein Vater zu raſch vorgehen, weil wir den Grafen Orlando erſt kurze Zeit kennen und über ſeine Perſön⸗ lichkeit noch nicht genügend abſprechen können. Glaube mir, mein Kind, wir Beide, ich und dein wohlmei⸗ nender Vater, haben einen gar ſichern Blick der Er⸗ fahrung und wiſſen im Menſchenauge ſchon zu leſen. Graf Orlando iſt uns von einem guten Hauſe in Ve⸗ nedig empfohlen und ein edler Mann. Dafür hält ihn auch der Obriſtburggraf Martinic, mit deſſen Haus⸗ genoſſen, namentlich dem gelehrten und gottesfürchtigen Magiſter Evariſt Trifolio, er anf ſehr vertrautem Fuße ſteht. Ja, mein Kind, da die Zeiten immer trüber werden und die Feinde des Kaiſers und unſers heiligen Glau⸗ bens bereits in unſerem Vaterlande herumraſen und 43 da ich und dein Vater mit Glücksgütern nur mäßig ge⸗ ſeguet ſind, ſo muß uns ein Freier wie Graf Orlando für unſere Tochter hoch willkommen ſein.“ Der Mann, von dem eben zwiſchen Mutter und Tochter die Sprache war, trat in dieſem Augenblicke durch die Saalthür auf die grünen Fußtapeten des Zimmers. Schlank gewachſen, ein Mann von einigen dreißig Jahren, mit einem glatten, mehr ovalen Ge⸗ ſichte und einer hohen Stirn, hatte er ſein italieniſches Prachtkoſtüm von ſchwarzem, goldverbrämten Sammt angelegt; den Degen an der Seite, den Federhut unter dem Armetragend, verbeugte er ſich tief vor den Frauen, mit frömmelnder Stimme liſpelnd:„Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ „In Ewigkeit“— erwiderte tief gerührt Frau Lid⸗ wina v. Sturmfeld. Der Graf, der um jeden Preis als fromm gelten wollte, nahm nun aus dem nächſt der Thüre hängenden kleinen Gefäße von weißem Alabaſter etwas Weih⸗ waſſer und beſprengte ſich damit. Dann trat er auf das Fräulein zu, welches ſich bei ſeinem Eintritte raſch von der Erde erhoben und in die breite Fenſterniſche zurückgezogen hatte.—„Darf ich meiner edlen Braut den Gruß einer Heiligen darbringen?“— fragte er und legte auf das Marmortiſchchen, neben welchem 44 Anna ſtand, ein in Vrillanten gefaßtes Bildniß der Gottesmutter nieder.—„Von Loretto,“ ſagte er ſodann leiſe. „Was ſeid Ihr doch für ein edler, frommer Herr!“ rief die Matrone, das Bild erfaſſend und betrachtend, mit Begeiſterung.—„Wahrlich, Herr Graf, noch habe ich von Euren Lippen keinen andern Laut als den der wahren chriſtlichen Frömmigkeit vernommen. Mit Gott tretet Ihr ein, mit Gott ſcheidet Ihr, und“— ſetzte ſie mit Wärme hinzu—„mit Gott ſollt ihr auch meine Anna nach einigen Wochen als Euer eheliches Gemal heimführen.“ Anna erblaßte bei dieſen Worten bis an die Stirn. Der Graf ſchien es nicht zu bemerken und ſprach:„Ich bin in der beneidenswertheſten Lage, indem die Huld der edelſten Mutter meinen Freiwerber bei dem Herzen der ſchönſten Tochter macht, zu welchem ich bisher nur durch Blicke zu reden wagte.“ „Ja, meine Anna!“— ſagte Frau Turek von Sturmfeld, ſich zn dieſer wendend und ſanft ihre Rechte erfaſſend,—„ich und dein Vater wollen in dieſer ſtürmiſchen Zeit, wo jeder gern ſein Haus beſtellt und für die Seinigen ſorgt, auch für deine Zukunft nach unſerm beſten Gewiſſen Vorſorge treffen, indem wir deine Hand in die eines wahrhaft glaubensfrommen 45 und edlen Mannes legen, der dir ein ſtarker Führer und Schützer auf deiner Lebensbahn bleiben wird, auch wenn der Herr über uns gebieten und uns aus dieſem Leben abberufen ſollte. Und ſo wiſſe, daß deine Ver⸗ lobung für morgen beſtimmt iſt und deine Vermälung am 16. September, dem Tage der heiligen Landes⸗ Patronin Ludmilla in der St. Salvatorkirche voll— zogen werden wird.“ Orlando verbengte ſich tief, dann wagte er die Hand ſeiner verheißenen Braut zum erſten Male zu erfaſſen und einen langen Kuß daraufzu drücken. Anua, welche die Unwiderruflichkeit der Entſchlüſſe ihrer Mutter, der eigentlichen Herrſcherin im Hauſe, nur zu gut kannte, wagte und vermochte kein Wort mehr des Widerſpruches zu ſtammeln, denn ſie war einer Ohnmacht nahe, als Frau Lidwina, von dem eben ſo ſrommen, als in den Anſtandformen geſchulten künf⸗ tigen Eidam geleitet, den Saal verließ. enige Minuten darnach trat die fromme und zwar nicht blos dem Scheine nach glaubensfromme Freifrau Polixena von Lobkowitz, Gemalin des oberſten Hoftanzlers Zdenko von Lobkowitz, Anna's Tauſpathin, welche eben zum Beſuche der Familie Turek angekom⸗ men war, in den Saal. Es war dies dieſelbe edle Dame, welche in der Geſchichte Vöhmens dadurch 46 merkwürdig geworden, daß ſie, als im Beginne des dreißigjährigen Krieges die kaiſerl. Statthalter Mar⸗ tinic und Slawata aus den Fenſtern des Prager Schloſſes in den Hirſchgraben geſchleudert wurden, Beide nach ihrer wunderbaren Rettung in ihr Haus aufnahm und insbeſondere den an einer Kopfwunde ſchwer darniederliegenden Grafen Slawata mit Gefahr ihres eigenen Lebens gegen den in ihr Haus am Hrad⸗ ſchin eindringenden Grafen Mathias Thurn verthei⸗ digte. Die durch Adel der Geſinnung wie der Geburt ausgezeichnete Freifrau hatte längſt das Vertrauen ihrer jungen Pathin und wußte, daß Anna mit aller Kraft des jugendlichen Gemüthes den jugendmuthigen Chriſtoph Wunſch liebe, daß ſte ihn vom erſten Augen⸗ blicke des Zuſammtreffens mit ihm, liebe. Aus den unzuſammenhängenden Worten des Mädchens erfuhr die hohe Frau den Gegenſtand des letzten Geſpräches und die eben ſo unerwartete als beſtimmte Erklärung der Frau Turek von Sturmfeld.—„Armes, armes Kind!“— rief ſie,—„hier wird Hülfe und Rettung ſfern liegen. Die Kluft, welche den Erwählten deines Herzens nach menſchlichen Vorurtheilen von dir trennt, iſt zu groß, denn nimmer werden deine Eltern den Ge⸗ danken einer Verbindung mit einem, in ihrer Meinung hochſtehenden, reichen und erwünſchten Freier deiner 47 Neigung zu einem erſt emporſtrebenden jungen Manne ohne Stand und Namen zum Opfer bringen. Aber ſage mir, Kind, iſt denn der Gegenſtand deiner heißen Sehnſucht und Liebe auch deiner himmelreinen Neigung wirklich werth?“ In dieſem Angenblicke kam Graf Orlando aus den Gemächern der Mutter Anna's zurück. Er hatte die letzten Worte der Freifrau von Lobkowitz noch ver⸗ nommen und aus dieſen wenigen Worten ſogleich den Gegenſtand der ganzen Unterredung errathen. Aber er ſcheute für heute jede weitere Erörterung, denn erkannte die edle Offenherzigkeit der Freifrauv. Lobkowitz, welche ihm ohne Zweifel manch' aufrichtiges und darum unan⸗ genehmes Wort über ſeine Bewerbung um Anna's Hand geſagt haben würde Er mußte alſo, wie er bisher ſorgſam that, jedes einzelne Zuſammentreffen mit der edlen Dame vermeiden. Mit einer tiefen Verben⸗ gung trat er auf ſie zu und ſprach:„Wie glücklich macht mich wieder die Begegnungmitder edelſten Dame Prags an dieſer Stätte und wie ſehr bedauere ich, alsbald ſchon wieder ſcheiden zu müſſen, um dem Herrn Obriſt⸗ burggrafen heute noch meine Pünktlichkeit zu beweiſen, indem ich ihm die gewünſchten Auskünfte über einen Studiofus der Univerſität bringe, der ſich um den erledigten Dienſt des geheimen Stadtſchreibers bewor⸗ 48 ben hat.— Chriſtoph Wunſch heißt der Junge,“— ſetzte er leicht hinzu. „Was für Auskünfte Herr Graf?“— fragte Frau Polixena v. Lobkowitz raſch uud Anna's bleiches Antlitz überlief eine tiefe Röthe. „Je nun,“— warf der Graf hin,—„die gewöhn⸗ lichen; über die Kenntniſſe und das Verhalten des Candidaten. Leider iſt Letzteres nach meinen Erkundi⸗ gungen bisher nicht das beſte geweſen.“ „Was fällt dem jungen Manne zur Laſt?“ fragte die Freifrau geſpannt. Verzeiht, edle Frau,“— antworteteder Schlaue,— „das ſind Dinge, die ein zartes Frauenohr leicht ver⸗ letzen können. Wenn Ihr mich aber ernſtlich darum fragt, ſo muß ich Euch wohl ſagen, daß man den feuer⸗ ſprühenden jungen Mann vor einigen Tagen in ſelt⸗ ſamer Begleitung in einem der verrufenſten Häuſer bei der ſogenannten Türkin am blinden Thore ver⸗ ſchwinden ſah.“ „Frau Polixena v. Lobkowitz konnte nicht mehr antworten, denn ihre Pathe Anna ſank neuerdings ohnmächtig in ihre Arme, und während auf den Hülfe⸗ ruf des Grafen die Dienerſchaft des Hauſes zur Hülfe⸗ leiſtung herbeieilte, ſtieg Orlando mit einem ſeltſamen Lächeln die breite Streintreppe des Hauſes hinab, 49 wo er noch einmal aufblickte und vor ſich hinliſpelte: „Die Bombe hat gezündet!“ Der, deſſen Namen und Andenken dieſe Bombe vernichten ſollte, Chriſtoph Wunſch, lag aber noch immer im Keller des Hauſes der Türkin,— ein faſt Verzweifelnder, hörte er weder das Jammern, noch das Stöhnen und Fluchen ſeiner Mitgefangenen, welche für den nächſten Transport nach Schweden beſtimmt waren, den die mit der Türkin einverſtandenen Agenten des feindlichen Lagers auf verdeckten Schiffen der Moldau und Elbe, oder in feſt verſchloſſenen Wägen über die Grenze bringen wollten. Zwei Tage wareu ſeit Chriſtoph's Gefangenſchaft verſtrichen. Man hatte während derſelben mittelſt einer Schnur von Oben durch die Lucke der ſchweren Fallthür zweimal dem Gefangenen Brot und etwas Wein ver⸗ abreicht. Chriſtoph Wunſch ſtarrte, vor der ecklen Ge⸗ ſellſchaft dieſer Höhle ſich möglichſt abſondernd, in die rechtſeitige Vertiefung hinab. Mit den Händen fühlend, gewahrte er plötzlich ein früher nicht bemerktes Eiſen⸗ gitter, durch welches ein kühler Zugwind hereinwehte, welcher der Höhle einige Luft gab. Sich ſelbſt zürnend, daß er die Beſchaffenheit dieſer Seite des Kellers noch nicht genauer erforſcht hatte, erfaßte der junge Mann mit ſtarker Hand dieſes Gitter. Es ſtak feſt im Mauer⸗ 50 werke, und nur auf einer Seite bröckelte einiger Sand⸗ ſtein herab. Dies war genug für Chriſtoph, wie ein Blitz durchfuhr der Gedanke an Befreiung ſein Gehirn. „Hieher, meine Leidensgenoſſen!“ rief er in den Keller zurück,—„das Gitter müſſen wir ſprengen, vielleicht finden wir hier einen Ausgang.“ Aber rohes Gelächter folgte ſeinen Worten.— „Wir Alle haben ſchon vergebens unſere Fäuſte an dieſem Gitter blutig gerieben,“— rief ihm einer der Mitgefangenen zu,—„verſucht es, Eiſen zu brechen, Ihr vollbringt es eben ſo wenig, als wir Alle!“ Aber der kraftvolle, junge Maun hatte bereits die Eiſenſtäbe des Gitters erfaßt, jetzt ſchob und drückte er daran nach allen Seiten, bald rollte mehr des zer⸗ bröckelten Sandſteines herab, daun krachte das Mauer⸗ werk und das hinausgedrückte Eiſen klirrte unter der kraftvollen Fauſt des jungen Mannes zu Boden, end⸗ lich ſchlenderte er mit dem äußerſten Aufgebote der Kraft einen Würfel von Sandſtein aus den Fugen, und die friſche Luft wehte von der Außenſeite des Walles, wohin dieſer verſteckte Keller mündete, herein. Wie ein Knäuel drängten ſich die vier Leidensgefährten des jungen Mannes einer nach dem andern über ſeinen von der übermenſchlichen Anſtrengung zu Boden ge⸗ ſunkenen Körper durch die acht Schuh im Durchſchnitte 51 haltende Oeffnung dem friſchen Luftzuge zu, und ohne ſich zu beſinnen, ſprang einer nach dem andern die wenigſtens ſechs Klafter hohe Wand des Walles hinab. Es war ein Glück, daß friſche Sandhaufen am Boden, welche der kaiſerliche Ingenieur Conti zur Verbeſſerung der Stadtwälle hatte aufführen laſſen, ihren Fall mil⸗ derten und ſie unbeſchädigt am Boden anlangen ließen. Der Undank der durch Chriſtoph Wunſch Geretteten, ließ ſie ganz auf dieſen ſelbſt vergeſſen. Er aber be⸗ durfte nur eines Augenblickes zur Erholung, dann rafſte er ſich auf, that gleichfalls den gewaltigen Sprung, und das Glück, das den Kühnen ſtets begün⸗ ſtiget, führte auch ihn auf ſicheren Boden. Sein erſter Gang war aber in die breite Gaſſe, um ſeinem Ziehvater zu Füßen zu ſtürzen und ihm das Erlebte und Erlittene mitzutheilen und dem greiſen Manne die Angſt zu benehmen, die ihm das Verſchwin⸗ den des Sohnes ſeit zwei Tagen verurſachen mußte. Er flog auf den Flügeln des Windes hinab, und ſah nicht die glühenden Raketen fliegen, welche ſich hinter dem Strahov erhoben und Signale für eine fernere Gegend ſein mochten, und hörte nicht den fernen Trom⸗ melſchall und das durch die reine Nacht herüberklin⸗ gende Waffengeklirr auf dem Hradſchin. Dort oben ſtand in ſeinem Hauſe Graf Jaroslaw 52 Martinic im Nachtkleide vor dem hohen Bogenfenſter und hinter ihm ſein Günſtling, der fromme Magiſter Evariſt Trifolio mit einem langen Roſenkranze in den Siti Der Graf war von einem ungewöhnlichen eräuſche erweckt worden, und hatte durch ſeinen Leib⸗ kammerdiener den im nahen Saale ſchlafenden Ma⸗ giſter, der ſeiner ſeltenen Frömmigkeit und Gelehrſam⸗ keit wegen ſeit Kurzem nicht mehr von der Seite des Obriſtburggrafen weichen durfte, zu ſich beſcheiden laſ⸗ ſen, um durch ihn die Urſache des auffallenden Geklir⸗ res, welches von ferne vernehmbar war, zu erforſchen. Magiſter Trifolio erſchien auch, wie erwähnt, mit ſei⸗ nem Roſenkranze bewaffnet.—„Was befiehlt mein gnädigſter Herr um dieſe Stunde?“— fragte er, ſich demüthig verneigend. „Verzeiht, daß ich Euch rufen ließ, Herr Magiſter,“ — erwiderte der Graf,—„ich ſehe, ich habe Euch in Eurem Gebete geſtört.“ „Ja,“— entgegnete der Magiſter mit erhobenen Angen und dem Ausdrucke der tiefſten Andacht auf ſeinem runden Antlitze.—„Ja, ich konnte nicht ſchla⸗ fen, und da habe ich für Euch, edler Herr, gebetet, daß Euch Gott ſegne und von Eurem Herde ferne halten wolle die Feinde unſeres heiligen katholiſchen Glaubens.“ „Edler, aufrichtiger Freund!“— rief der Obriſt⸗ 53 burggraf gerührt, indem er dem Magiſter die vom Roſenkranze umwundene Hand drückte,—„wie danke ich Euch für dieſe ſo aufrichtige Geſinnung und wahre Anhänglichkeit Wahrlich, Ihr ſeid mein treueſter Haus⸗ genoſſe und eine wahre Perle meines Hauſes. So bitte ich Euch denn jetzt wieder, thut mir doch den Ge⸗ fallen und ſeht einmal hinab auf den Hradſchiner Platz, was das Klirren und Rufen unten bedeute. Gewiß gibt es wieder einen der vielen Raufhändel von zucht⸗ und herrenloſen Nachzüglern der Beſatzungs⸗Truppen unſerer Landſtädte.“ Magiſter Trifolio ſtürzte ſogleich durch die Saal⸗ thür hinab und der Obriſtburggraf beugte ſich über die Brüſtung des geöffneten Fenſters und lauſchte dem Waffenklange, der, mit Hülferufen und Flüchen be⸗ gleitet, von der obern Seite des Hradſchins ſtets näher und näher ſchallte. Jetzt wurden dieſe Stimmen unmittelbar neben dem Hauſe vernehmbar, Fenſterſcheiben klirrten nie⸗ der, Schüſſe knallten.—„Feuer! Mord! die Feinde!“ — donnerte es von mehrern Seiten. Der Obriſtburg⸗ graf ſah Soldaten auf ſein Haus zuſtürmen. Lauter und mächtiger und immer mächtiger brauſte der Kampf heran, jetzt wirbelte Trommelſchlag darein, Reiter auf hohen dunklen Roſſen ſprengten vom Hradſchin herab, 54 daß die Funken unter den Hufen der Roſſe aufſtoben; endlich ſprang die Saalthüre auf, und herein trat der kleine Magiſter Trifolio und hinter ihm der dem Obriſt⸗ burggrafen wohlbekannte kaiſerliche Obriſtlieutenant Ernſt Oswald. Dieſer donnerte dem Obriſtburggrafen zu:„Keinen Widerſtand, Herr Graf, Prag gehört den Schweden! gebt Euren Degen!“ „Was ſoll das?“— fragte Graf Martinic be⸗ ſtürzt,—„ein kaiſerlicher Obriſtlieutenant und mein treuer Magiſter, welchen Scherz erlaubt Ihr Euch mit mir in dieſer Stunde?“ „Kein Scherz, Herr Graf,“— entgegnete Ernſt Oswald, nunmehr mit ſeinem eigentlichen Ramen Otto⸗ waldsky bezeichnet—„Prag iſt über, und kurz und gut, der, den das eigene Vaterland ausgeſtoßen, hält es mit dem Feinde,— gebt Euren Degen, HerrGraf!“ Ottowaldsky bezeichnete mit dieſen wenigen Wor⸗ ten die ganze ungeheure That, welche er ſoeben zum Verderben der Stadt Prag, als ein Verräther an ſeiner Fahne, vollbracht. Wie bereits erwähnt, hatte er aus Rache, weil man ihm von kaiſerlicher Seite die erbe⸗ tene Entſchädigung für ſein von den Schweden ver⸗ wüſtetes Landgut bei Eger verweigerte, die Partei der Letzteren ergriffen und in der Nacht auf den 26. Juli 55 kurz vor zwei Uhr die ſchwediſchen Truppen König⸗ marks an einer wenig verwahrten Stelle nächſt den Kapuzinern bei St. Loretto in die Stadt geführt. Sechzehn auserleſene Schweden waren die erſten, mit denen er dort zwiſchen zwei Batterien den Wall erſtieg und einen ihn anrufenden Wachtpoſten mit einer Mus⸗ kete niederſchlug, während der Wachtpoſten zur Linken Zeit hatte, zu entflichen. Nun drangen die Schweden gegen das Strahöfer Thor vor; die Wachen wurden von ſchwediſchen Klingen niedergehauen, das Thor er⸗ brochen, die Zugbrücke heruntergelaſſen, der ſchützende Querbalken des Grabens zertrümmert, und nun ſtürzte das Außen harrende ſchwediſche Fußvolk mit Otto⸗ waldsky an der Spitze in die Stadt, während der in der Nähe harrende Graf Königsmark mit der Reiterei nachgaloppirte. Bald war der obere Theil des Hrad⸗ ſchins von den Schweden beſetzt. Kaum 2500 Schwe⸗ den hatten genügt, dies Werk zu vollbringen. Von dieſen wurde kaum einer getödtet und wenige im Kampfe mit den erwachenden und herbeieilenden Beſatzungs⸗ truppen und Bürgern des Hradſchins und der Klein⸗ ſeite verwundet. Die königlichen Beamten erſten Ran⸗ ges, welche auf dem Schloſſe wohnten und von dieſem Tumulte aufgeſchreckt waren, gewannen eben noch Zeit, mit Zurücklaſſung all' ihres Eigenthumes in die Alt⸗ 56 ſtadt zu entfliehen. Aber Ottowaldsky und der ſchwe⸗ diſche Oberſt Koppi hatten nichts Eiligeres zu thun, als das Haus des Obriſtburggrafen Jaroslaw Graf von Martinic zu umzingeln, und ſo ſtand der edle Graf jetzt, wie eben erzählt, mit Schreck und Staunen vor den Verräthern. Aber ehe ihm dieſe antworten konnten, ſtürzte von der andern Seite des Saales Pater Marcus Maria⸗ nus, der Rector des Jeſuiten⸗Convictes in Prag, in den Saal.—„Rettet Euch, Herr Graf,“— rief er dem Obriſtburggrafen zu,—„die Schweden haben den Hradſchin beſetzt und ſtürmen die Kleinſeite!“ Der Graf erfaßte nun das Gefährliche ſeiner Lage. —„Magiſter Trifolio,“— rief er,—„mein Schwert! es hängt in meinem Schlafkabinete vor meinem Bette.“ Aber der kleine Magiſter vertrat dem Grafen, der ſeitwärts ins Kabinet eilen wollte, den Weg. Seine kleine ſtets gebückte Geſtalt hob ſich jetzt zur unge⸗ wöhnlichen Länge, ſein breiter Mund verzog ſich zur grinſenden Fraze.—„Es iſt Zeit, Herr Graf,“— rief er,—„daß Magiſter Johannes Klee die Larve abwirft und, ſeinen deutſchen Namen wieder anneh⸗ mend, dem Statthalter Böhmens zeige, was Klugheit und Beharrlichkeit gegen die Feinde des reinen evan⸗ geliſchen Glaubens vermögen.“— Damit warf er 57 dem Statthalter ſeinen Roſenkranz vor die Füße, daß die Perlen desſelben auf dem Fußteppiche herumroll⸗ ten, wie die Saat eines Erbſenfeldes. „Was ſoll das heißen,“— rief der Obriſtburggraf. „Das ſoll heißen,“— ſchrie der kleine Magiſter, —„daß der Obriſtburggraf Prags von dem Hofpoeten des Grafen Königsmark überliſtet iſt“) und ſeinen Degen abgeben wird, wenn er ſeinen Kopf noch länger am Rumpfe behalten will!“ Der Graf ſtand einen Augenblick wie vernichtet. Dann aber übermannte ihn der heftigſte Zorn und die tiefſte Beſchämung über ſeine Leichtgläubigkeit, welche ihn eine ſo glatte Schlange ſo lange in ſeinem Buſen bergen ließ. Er warf den elenden Heuchler zur Seite, ſtürzte, von Ottowaldsky gefolgt, in ſein Nebengemach, bemächtigte ſich dort mit einem Riſſe ſeines guten Schwertes und ſetzte ſich gegen Beide ſo wie gegen die nachſtürmenden ſchwediſchen Soldaten zur Wehre. Aber bald ſank er, von einem ſchwediſchen Eiſen in die Hüfte getroffen, blutend zur Erde; der Jeſuit *) Magiſter Johannes Klee„aulicus Königsmarkii de- clamator“ iſt eine wirkliche hiſtoriſche Perſon, ſo wie ſein oberwähnter Begleiter Magiſter Fux. Indeſſen iſt obige Scene der Ueberliſtung des Grafen Martinic nicht geſchicht⸗ lich und gehört nur in das Bereich der unverbürgten Sagen. 1561. X. Ein böhm. Student. U 4 58 P. Marcus Marianus deckte ihn mit ſeinem eigenen Leibe und ſuchte mit der Binde ſeines Ordenskleides die Wunde zu verbinden. So ward der verwundete Obriſtburggraf unter ſchwediſcher Bedeckung ein Gefangener in ſeinem eige⸗ nen Hauſe, und während die Schweden nun gegen die Kleinſeite und die ſteinerne Moldaubrücke hinabſtürm⸗ ten, lag Graf Martinic auf dem Schmerzenslager, „ein zweiter Job,“ wie es ihm der Jeſuit Nicolaus Lancicius bei dem oben erzählten Gaſtmahle voraus⸗ geſagt hatte, und wie auch P. Marcus Marianus bald darauf dem Provinzial der Jeſuiten in Böhmen be⸗ richtete. Nur der Kommandirende der Beſatzung Prags, Graf Rudolph Colloredo, hatte das Glück, daß er, als ſchon ſein Haus umrungen war, mittelſt einer Hinterthüre durch den Weingarten zu Fuß entkam und, in einem Kahne über die Moldau ſetzend, die Altſtadt gewann. Auf dieſelbe glückliche Weiſe rettete ſich Graf Michna, nachdem er ſich lange Zeit in ſeinem Haufe vertheidiget und mehre der Seinen verloren hatte. Trauriger ge⸗ ſtaltete ſich das Schickſal des Präſidenten des oberſten Gerichtshofes Franz Grafen v. Sternberg; als dieſer auf den erſten Lärm des Angriffes zu ſeinem Fenſter trat, fuhr eine vergiftete feindliche Kugel durch ſeinen 59 Armzer ſtarb ſchon am 9. Juni an dieſer Wunde, und ſo erfüllte ſich bei Beiden hier, was Pater Nicolaus Lancicius ihnen bei dem Gaſtmahle im Hauſe des Obriſtburggrafen mit ſeiner Anſpielung auf den Wein und das Gift ſeltſamer Weiſe vorausgeſagt hatte. Nun ergoſſen ſich die Schweden unaufhaltſam über die Kleinſeite Prags. Beim Angezder Thor fiel der Obriſtlientenant des Waldſtein ſchen Regiments, Schmid, welcher dort dem Feinde das Eindringen wehren wollte, von einer Kugel getroffen. Ein anderer vornehmer Offizier ſank gleichfalls neben ihm blutend zu Boden und begehrte noch das Sakrament zu em⸗ pfangen. Aber kein Prieſter wagte ſich der Wuth der Schweden preiszugeben, bis endlich Johannes Nimbbs⸗ dorf aus der Geſellſchaft Jeſn, ſein Ordenskleid aus⸗ ziehend und raſch einen Binſenkorb ergreifend, wie ein Küchenjunge durch die feindlichen Poſten lief, dem Grafen auf dieſe Weiſe geiſtlichen Troſt brachte und ihm bis zum letzten Athemzuge beiſtand. Noch andere hohe Würdenträger Prags wurden von den Schweden gefangen, hierunter auch Kardinal Graf Harrach, der Erzbiſchof Prags, den die Königin von Schweden nach Stockholm abführen laſſen wollte, Graf Königsmark aber früher gegen ein großes Löſegeld frei ließ. Wie der Strom der glühenden Lava den Berg 4* hinabſchießt und Alles vor ſich niederbrennt, wälzten ſich nun die Lanzenmaſſen und rollten die Kanonen der Schweden gegen die große Moldaubrücke hinab. Schon hatten ſie die Brücke ganz gewonnen, ſchon ſtanden ſie vor dem Altſtädter Brückenthurme, da ſtürzte aus dem Clementinum, dem damaligen Jeſuiten⸗Collegium, ein ſtattlicher, mehr denn ſechs Fuß hoher Mann hervor, — es war P. Georg Plachy, Prieſter der Geſellſchaft Jeſu und Profeſſor der heiligen Schrift, den wir be⸗ reits im Hauſe des Primators Turek von Sturmfeld tennen gelernt. Da er das Getümmel vom Fenſter ſeiner Wohnung vernommen, eilte er dem Brücken⸗ thurme zu. Durch die große Jeſuitengaſſe eilte ein anderer bleicher junger Maun einher. Es war Chriſtoph Wunſch, der eben den bitterſten Angenblick ſeines Da⸗ ſeins erlebt hatte. Nach dem glücklichen Durchbruche aus dem Schreckenskeller im Hauſe der Türkin hatte er ſeine beflügelten Schritte gerade nach dem Hauſe ſeines Ziehvaters gerichtet. Dort aber flimmerten ihm nicht mehr die gewohnten Lichter der freundlichen Studirſtube des Alten entgegen. Weinend wieſen ihn Sara, die Hausmagd und Lenoy, der Beſchließer, in das Nebengemach. Da lag Rabbi Löw, auf einem Ruhe⸗ bette ſanft und ruhig ſchlafend, wie ein müder Wan⸗ 61 derer, der ſeinen Stab neben ſich niederlegte und in ſüßer Ruhe von einem reichen vergangenen Leben träumte. Rabbi Löw war eine Leiche; die Sorge um ſeinen Liebling hatte das vollendet, was dem Alter bisher nicht gelungen war— ein Schlaganfall hatte ſeinem thätigen Leben ein Ende gemacht. Chriſtoph's Schmerz kannte keine Grenzen, faſt bewußtlos ſank der junge Mann an der Leiche des edlen Greiſes hin, tau⸗ ſendmal klagte er ſich an, der Mörder ſeines theuren Ziehvaters zu ſein. Dann ſprang er wieder wild im unendlichen Schmerze auf und rannte wie ein Wahn⸗ ſinniger die Straße hinab durch die düſtere Nacht hin⸗ aus, unbewußt wohin, und ohne zu achten auf das Waffengeklirr und das Schießen, welches ihm vom fernen Hradſchin entgegenhallte. Erſt auf dem Platze vor dem Altſtädter Brückenkopfe, wo das ſchöne Stift der Kreuzherren mit dem rothen Sterne ſeine Zinnen in die Lüfte ſtreckt, prallte er einige Schritte zurück, denn wüſter Lärm, lautes Pochen und der Ruf:„zu den Waffen,“ ſchallte ihm aus dem Altſtädter Brücken⸗ thurme entgegen. Wie ein wahrer Held und ſtarkmüthiger Mann beim heranrollenden Donner der Schlacht den Schmerz der eigenen Wunde, die ihm ein feindliches Geſchoß kurz vorher geſchlagen, ſchnell vergißt und ſein feuriges 62 Auge, alles Andere um ſich herum nicht beachtend, nur auf den heranſtürmenden Feind richtet, ſo hatte Chriſtoph Wunſch nur mehr ein Auge für das, was im Thurme vorging. Wie ein Pfeil flog er durch die bereits offenſtehende Thurmpforte die Steintreppe hin⸗ auf. Oben bot ſich ihm ein unerwartetes und wahr⸗ haft erhabenes Bild dar. Profeſſor Georg Plachy ſtand mit ſeinem Freunde dem kleinen Magiſter ar— tium liberalium Cribis und drei Stadtſöldnern vor dem Obertheile des eiſernen Fallgitters des Thurmes und vertheidigte dieſen mit Lanze und Partiſane gegen die auf der langen Moldaubrücke heranſtürmenden Schweden. Einem kaiſerlichen Fähnrich Prichowsty war es gelungen, den Schweden vorauseilend, die Kunde des Ueberfalles nach der Altſtadt zu bringen; hiedurch, und vorzugsweiſe durch die Wachſamkeit Plachy's gelang es, den erſten Anprall der Schweden vor dem Fallgitter des Thurmes zurückzuweiſen. Es waren ihrer im Thurme nur fünf beherzte Männer, aber ſie kämpften insgeſammt mit aller Kraft, welche die Be⸗ geiſterung für Gott, Fürſt und Vaterland ihnen ein⸗ hauchte. Sie hieben und ſtachen nun wacker auf die vor dem Fallgitter heranſtürmenden Schweden, und als Profeſſor Plachy den muthigen Chriſtoph Wunſch 63 heraufeilen ſah, rief er ihm nur die wenigen Worte zu:„Raſch! zur Waffe und Succurs! die Schweden ſind eingebrochen!“ Chriſtoph Wunſch geſellte ſich den fünf Kämpfern zu, und Magiſter Cribis, von Plachy jetzt entſendet, rannte durch die Plattnergaſſe auf den Marienplatz, und rief in die Nacht hinaus ſo laut er konnte, daß die Schweden da ſeien, und daß die Stadtwachen ſich rühren, und Succurs heranrücken ſolle. Wie ein Lauf⸗ feuer durchflog es jetzt die Straßen und Gaſſen der Alt⸗ und Neuſtadt, denn mittlerweile waren auch die Flüchtlinge von der Kleinſeite hin und wieder am Altſtädter Ufer gelandet und hatten Lärm gemacht, und ſchon ſprengten der Alt⸗- und Neuſtädter Haupt⸗ mann mit den Truppen der Beſatzung herbei, von der Neuſtadt kam insbeſondere der kaiſerliche Richter Kawka, und durch die Plattnergaſſe eilte der Prima— tor Turek von Sturmfeld zur gefährdeten Brücke. Ganz Prag war in der nächſten Stunde in Folge der Lärmtrompeten, Allarmſchüſſe und des Trommel⸗ wirbels auf den Beinen. Dumpf und furchtbar ver⸗ kündete die Rieſenglocke des alten Tein den Angriff der Schweden auf die böhmiſche Hauptſtadt. Aber die Beſonnenheit und Tapferkeit des Pro⸗ feſſors Plachy und ſeiner wenigen Begleiter hatte in 64 dieſer Nacht des Entſetzens den Brückenthurm und mit ihm die Alt⸗ und Neuſtadt Prags dem Kaiſer gerettet; die Kleinſeite allein war von den Schweden beſetzt. In den nächſten Tagen wurden nun Anſtalten von Seite der Schweden zum Angriffe, von Seite der Prager zur Vertheidigung gemacht. Die trefflichſten Vorkehrungen traf Herr Primator Turek von Sturm⸗ feld, in der Neuſtadt aber war es Richter Kawka, welcher die zu dieſem Stadttheile gehörigen Moldau⸗ ufer, und die Stadtmauernbefeſtigen ließ. Der oberſte Militärkommandant Graf von Colloredo traf von militäriſcher Seite alle Vorkehrungen, welche noth⸗ wendig erſchienen, um den Feind abzuwehren. —— — W. Ein Auflauf. „Aberglaube und Religionshaß,“— ſagt ein böh⸗ miſcher Schriftſteller—„haben von jeher die Völker zu manchen Ausſchweifungen verleitet. Bei den Ju⸗ den ließ ſich um ſo weniger eine Ausnahme machen, als ſie zu manchen Zeiten wider ihre Religionsgeg⸗ ner vor allen andern Nationen eiferten. Allein dieſe Ausſchweifungen mögen in der Vorzeit begangen wor⸗ den ſein, wo ſich die Rohheit der Sitten Mauches er⸗ laubte, das bei zunehmender Kultur mit Abſcheu an⸗ geſehen wird. Außerdem iſt es gewiß, daß an dem Verbrechen einzelner Glieder die ganze Gemeinde nie Antheil genommen, und daß oft die Thatſache ſelbſt durch Beiſatz vieler unrichtiger Erzählungen übertrie⸗ ben worden. In ſpätern Zeiten kamen dergleichen Vergehungen nicht vor.“ 66 „Man gerieth in Böhmen auf den unausführ⸗ baren Plan, die Juden zur Taufe zu zwingen. Her⸗ zog Brzetiſlaw, als er 1097 aus Polen nach Prag zurückkehrte, bemühte ſich Anfangs ſelbſt, das Bekeh⸗ rungswerk in Vollziehung zu bringen, da er aber ſah, daß die Sache durch Gewalt ſich nicht betreiben ließ, ſo befahl er dem Biſchofe, von der Taufe der Juden abzulaſſen, und dem Aergerniſſe, welches durch die Aufdringung dieſes Sakramentes entſtünde, vorzu⸗ beugen. Man findet in der böhmiſchen Geſchichte, daß ſich zu derſelben Zeit die reichſten Juden zur Aus⸗ wanderung vorbereiteten, und die arme Klaſſe größe⸗ ren Unfug trieb.“ „So nachtheilige Wirkungen, welche aus dem Zwange der Juden zur Taufe, veranlaßt wurden, mögen nachher, da der Mißbrauch immer weiter ge⸗ trieben ward, ſelbſt den Papſt Innocenz IV bewo⸗ gen haben, 1253 eine Bulle herauszugeben, wodurch verboten wurde, die Inden zur Annahme der chriſt⸗ lichen Religion zu zwingeu, und ſie wegen ihres Glaubens hart zu behandeln.“ „Der Papſt verordnete erſtens: Die Taufe ſollte den Juden nicht aufgedrungen werden, ſondern die Bekehrung ſoll vorläufig durch Ueberzeugung geſche⸗ hen, und der Reubekehrte mußte die Taufe verlangen, 67 und ſonach ſeinen freien Willen zu erkennen geben: zweitens: wären die Juden als ein hinterbliebenes Denkmal des auf den Trümmern ihrer aufgehobenen Religion errichteten Chriſtenthums ohne Urſache nicht zu verfolgen, ſondern wenn ſie ſich wohlverbielten, ihnen der Schutz ihrer Perſon und des Eigenthums angedeihen zu laſſen; drittens: ſollen ſie an ihren Samſtagen und feierlichen Feſten zur Handarbeit nicht gezwungen werden, wie dann überhaupt kein Hinder⸗ niß bei der Begehung ihrer Religionsceremonien ge⸗ legt werden könnte; viertens: ſollten ihnen auch keine Vorwürfe gemacht werden, daß ihre Vorfahren an dem Tode Jeſu Urſache geweſen, noch ihnen deßwe⸗ gen etwas zu Leide geſchehen. Dieſe Bulle wurde von den Königen von Böhmen Przemiſl Ottogar 1254, Karl WW. 1356, Wenzel 1395 und den folgenden Regenten beſtätiget.“ Es wäre zu weitläufig, alle die traurigen Vor⸗ urtheile aufzuzählen, die Uebergriffe und Auswüchſe des Religionshaſſes, welche ſich auf beiden Seiten, ſowohl auf chriſtlicher als auf jüdiſcher, kundgaben. Unter andern Vorurtheilen, welche der chriſtliche Pö⸗ bel Prags gegen die Juden hegte, war auch der, daß man ihnen die Verlockung chriſtlich er Kinder in die 68 Judenſtadt und deren Ermordung zur Laſt legte, um ſich ihres Blutes zu abergläubiſchen Zwecken zu be⸗ dienen. Hatte das hohe Anſehen, in welchem der Name des greiſen Rabbi Bezalel Löw während ſeines Le⸗ bens bei Chriſten und Juden in Prag ſtand, jede Aeußerung der religiöſen Eiferer gegen ihn ſchon ein⸗ mal verhindert, ſo war dies anders nach ſeinem Tode. Es ging da wie in der Fabel vom ſterbenden Löwen berichtet wird, den zuletzt die Mäuſe zu benagen kamen. Das erhabene Standbild des Edlen und Weiſen war gefallen, jetzt ſchwirrten die Sumpfmücken um dasſelbe. Der plötzliche Tod des Rabbi hatte den Mund ſeiner Neider unter dem eigenen Volke wie unter ſeinen chriſtlichen Feinden geöffnet. Sein plötz⸗ liches Ableben und ſeine tiefe unverhehlte Trauer wegen des unbegreiflichen Verſchwindens ſeines Zieh⸗ ſohnes Chriſtoph Wunſch hatte raſch zu dem verwor⸗ renen und unſinnigen Gerüchte Veranlaſſung gegeben, daß der Rabbi ſeinen Ziehſohn, den er einſt chriſtli⸗ chen Eltern geraubt, nunmehr ſeiner langjährigen Abſicht zufolge ſelbſt geſchlachtet habe, um ſich des friſchen Blutes des kraftvollen Jünglings zu ſeinen Zauberkünſten zu bedienen; bald darauf habe ihn aber die bitterſte Reue über ſeine Unthat befallen, und er 69 habe ſich deßhalb, und um der ſtrafenden Gerechtigkeit zu entgehen, ſelbſt mittelſt Gift den Tod gegeben. So unſinnig dieſe Mähre war, ſo raſch fand ſie bei dem rohen Pöbel Glauben, und dies um ſo mehr, als auch der Beſchließer des Hauſes des Rabbi und ſeine ſonſtigen Hausleute nicht die mindeſte Auskunft zu geben vermochten, wohin Chriſtoph Wunſch ver⸗ ſchwunden ſei, bis dieſer am zweiten Tage nach ſeiner Gefangenſchaft im Hauſe der Türkin plötzlich wieder erſchien, und ihre allmälig entſtandenen Zweifel gegen den mittlerweile verſchiedenen Rabbi zerſtreute. Aber das Gerücht war einmal unter allen Schichten des ſturm⸗ und beuteluſtigen Pöbels verbreitet, und ganze Schaaren von gemeinem Geſindel zogen daher vor das Haus des todten Rabbi. Ihnen eilten aber be⸗ reits auf raſche Veranlaſſung des kaiſerlichen Richters ſtädtiſche Wachpoſten, verſtärkt durch Musketiere der Beſatzung, nach. Der Pöbel wollte Anfangs auch dieſen nicht wei⸗ chen, und drängte ſich wie eine rollende Lawinc, ſtets größer und größer anſchwellend vor das Haus. Als aber die ſcharfen Spitzen der Hellebarden und die Ge⸗ wehrkolben dennoch Platz ſchafften, da trat Iſrael Schulhoff, ein Prager Jude, vor den kaiſerlichen Stadt⸗ richter und begehrte mit lauter Stimme, daß man 70 nur das hinterſte dunkle Gemach des Hauſes des Rabbi unterſuchen möge, wo, wie der jüdiſche Be⸗ ſchließer des Hauſes ausſage, keiner der jüdiſchen Hausleute jemals Eingang fand, und nur Chriſtoph Wunſch, der Ziehſohn des Rabbi, ſich zuweilen allein einfinden und bei verſchloſſener Thür verweilen durfte; dort werde man ſicher die irdenen Gefäße mit geron⸗ nenem Chriſtenblute und die Marterwerkzeuge des Zauberhandwerkes finden. Der Stadtrichter, überzeugt daß raſches Handeln und eigener Augenſchein der Wortführer des Pöbels den drohenden Aufſtand am beſten beſchwichtigen würde, ſprang raſch vom Pferde und befahl ſogleich die große Hausthüre zu öffnen, dann winkte er dem Wortführer Schulhoff nebſt fünf andern, theils chriſt⸗ lichen, theils jüdiſchen Hetzern dieſer Maſſe, ihm zu folgen. Er ſchritt mit ihnen ins Haus, und befahl dem Beſchließer augenblicklich alle Gemächer desſelben zu öffnen. Im zweiten derſelben, mitten unter ſeinen wiſſenſchaftlichen Schätzen, lag mit ſanften und ruhi⸗ gen Zügen der edle entſchloſſene Rabbi, früher der Helfer und Wohlthäter ſo Vieler, die er mit Segen überhäuft hatte, und von denen nun viele, da er ihnen nichts mehr bieten konnte, ſein Haus zu ſtürmen kamen. 71 Jetzt klirrte der Schlüſſel im kleinen Schloſſe der Thüre, welche zu dem letzten Gemache führte, worin das Chriſtenblut in„ganzen Eimern“ zu finden ſein ſollte. Aber welch' ein Anblick bot ſich den Eintreten⸗ den dar! Gleich gegenüber der Thür ſtrahlte den Eintre— tenden ein ſchwer vergoldeter Altar mit einem wun⸗ derholden Bilde der heiligen Jungfrau Maria im Sternenkranze entgegen Unter dieſem Gemälde, das von dem durch die blauen und gelben Glastafeln des runden Fenſters hereinfallenden Sonnenſtrahle mit einem magiſchen Lichtſtreife ſanft übertüncht war, hing ein großes Kreuz von ſchwarzem Ebenholze mit dem Bilde des Erlöſers aus maſſivem Silber, und zwei gleichfalls ſilbernen Engeln an der Seite. Ein mäßig großer Foliant, das Buch der Bücher, die Bibel lag darneben. Im Uebrigen war das Gemach leer, die Wände desſelben dunkelgrau, und nur von einem ſchönen großen Oelgemälde, dem heiligen Chriſtopho⸗ rus geziert, wie er das blondgelockte Chriſtus⸗Kind über das Waſſer trägt und mit ſeinem Stabe, dem „Tannenbaume,“ die Flut durchwatet. Gegenüber hing ein anderes Oelbild, es ſchien zufällig da zu ſein, denm es ſtellte blos einen ſchönen Mann im einfachen Kleide dar, den ein Blumenkranz umgab. Der Stadt⸗ 72 richter erkannte ihn, es war Albrecht de Wyß, einſt Luſtgärtner Rudolphs II. Aber den mächtigſten Eindruck auf die Eintreten⸗ den machte die Geſtalt eines Lebenden, der auf dem Betſchemmel vor dem Bildniſſe des Gekrenzigten kniete, und in tiefer Andacht verſunken, ſchwere Tropfen auf ſeine gefalteten Hände niederträufeln ließ, ohne in ſeinem tiefen Schmerze die Eintretenden ſogleich zu beachten. Es war Chriſtoph Wunſch, deſſen Herz der Schmerz ſo mächtig gebrochen hatte, daß er der Stärkſte der Starken, nun in Thränen aufgelöſt an dieſer Stelle kniete. Jetzt fühlte er die warme Hand, welche der Stadt⸗ richter auf ſeine Achſel legte. Der edle Herr konnte vor Rührung ſelbſt nicht ſprechen.— Das alſo war es! Das war die Marterkammer des geronnen Chri⸗ ſtenblutes! Der Stadtrichter und ſeine chriſtlichen Begleiter hatten augenblicklich den Schlüſſel zu dieſer Erſchei⸗ nung gefunden. Der edle weiſe Rabbi Bezabel Löw hatte den Waiſenknaben Chriſtoph Wunſch, als Chri⸗ ſtenknaben in ſein Haus genommen. Weit entfernt ihn zum moſaiſchen Glanbensbekenner umzuprägen, ließ er den Knaben vielmehr bei ſeinem Glauben und räumte ihm ſelbſt im hinterſten Raume des Hauſes 73 das Stübchen ein, wo Chriſtoph vor dem Bilde des Gekreuzigten ſeine tägliche Andacht verrichten mußte, während der Rabbi ſeinen eigenen moſaiſchen Reli⸗ gionsübungen oblag, denn, ſagte er zu ſeinem Diener Samuel, dem einzigen, den er von ſeinen Hausleuten in dies Geheimniß zog:„Der Komet zog mit den Pla⸗ neten um das ſtrahlende Bild der Sonne, auf daß ſie ſeinen Wunderbau beleuchte, aber die runde Bahn des Planeten führte ihn eher um den Sonnenball, als ſeine längere elliptiſche den Kometen; ſoll nun der Irr⸗ ſtern den Wandelſtern in ſeinen Bahnen ſtören, weil dieſer erſt ſpäter zur Anſchauung des ſtrahlenden Sonnenbildes gelangt? Wer iſt der Irrende? Wer wandelt die fernſte Bahn? Das weiß der, der dem Wandel⸗ und Irrſterne ſeine Bahnen angewieſen. Darum liebet Euch und duldet einander, und über das Andere walte Gott!“ Die Entdeckung dieſes kleinen chriſtlichen Haus⸗ altares im Hauſe eines Juden brachte auf die chriſtli⸗ chen Bewohner Prags, welche bei dieſem Auflaufe mit⸗ gerannt waren, einen beſchämenden Eindruck hervor; die meiſten derſelben verloren ſich bald nach anderen Richtungen. Nicht ſo die Juden, welche mitgezogen waren. Dieſe bisher gewohnt, den alten Rabbi als einen Stern erſter Größe ihrer Gemeinde zu betrach⸗ 1861. KI. Ein böhm. Student. M. 5 74 ten, konnten nicht glauben, daß ein orthodorer Be⸗ kenner des Talmud von dem Range und der Wiſſen⸗ ſchaft des großen Rabbi Löw auch nur den Hauch des Chriſtenthuns, geſchweige denn gar einen geheimen chriſtlichen Altar in ſeinem Hauſe dulde. Als ſie nun aus dem Munde Chriſtophs ſelbſt die Beſtätigung der großen Duldſamkeit ihres größten Rabbi vernah⸗ men, da brach die Wuth des Religionseifers bei vie⸗ len derſelben los; erſt leiſe, dann laute Flüche und Schmähungen umdonnerten das Haus, worin die Leiche des Rabbi lag, der ſo vielen unter ihnen ein Wohlthäter, Lehrer und Tröſter geweſen, der Stadt⸗ richter hatte ſogar Mühe, das Innere des Hauſes vor augenblicklicher Zerſtörung und ſelbſt die Leiche des Rabbi vor Entehrung und Mißhandlung zu ſchützen und mußte zuletzt ſechsfache Wachen vor dem Hauſe laſſen, um den Pöbel abzuwehren, der bereits das Haus mit Erdhaufen zu bewerfen begann. Der Glaubenseifer der Juden richtete ſich natür⸗ lich auch gegen Chriſtoph, den Chriſten im Fe des Juden, und da Rabbi Löw's Teſtament, welches der⸗ ſelbe lang vor ſeinem Tode gemacht und worin er ſei⸗ nen Ziehſohn Chriſtoph Wunſch reichlich bedacht und deſſen ferneren Unterthalt geſichert hatte, ſich nicht vorfand, indem es wahrſcheinlich durch die eigenen Haus⸗ f* 75 leute des Rabbi beſeitiget worden war, ſo wurde das geſammte Vermögen, welches der Rabbi hinterlaſſen, den geſetzlichen Erben zugeſprochen. Chriſtoph Wunſch aber mußte arm, wie er in das Haus des Rabbi ge⸗ kommen war, wieder aus demſelben ausziehen. So ſtand er jetzt wieder allein auf dem Felſen Wyſehrads, ſein ganzes Erbe nach ſeinem edlen Zieh⸗ vater mit ſich tragend— den Schmerz. Weithin warfer den Blick über die Fläche der ruhig dahinziehenden Moldau und dachte der Unbeſtändigkeit des menſchli⸗ chen Schickſals und ſeines böſen Sternes, der ihn wieder hülf- und rathlos in die Welt hinausgeſchleu⸗ dert hatte. Ueber den blauen Spiegel der Moldau ſchwamm ein kleines Schiff, deſſen beide Ruder wie die Flügel eines Vogels in Bewegung geſetzt wurden, das Schiff ſchwamm der Prager Brücke zu, um— wie Chri⸗ ſtoph Wunſch zu ſich ſelbſt ſagte,„vielleicht über die böh⸗ miſch⸗ſächſiſche Grenze hinabzurinnen.“ Und was hin⸗ derte ihn, den Felſen hinabzuſteigen und mitzufahren, wohin das Schiff ſeine Bürde trug, denn in Sachſen draußen brauchten ſie im deutſchen Heere junge Män⸗ ner und dort konnte die Kraft, der Muth und die Wiſſenſchaft des armen jungen Mannes eben ſo will⸗ kommen ſein, als ſie in Böhmens Hauptſtadt unbe⸗ 5* 76 achtet blieb, weil er Niemanden hatte, der ſich ſeiner annahm, nachdem ſein einziger Freund, der Rabbi, zu Grabe gegangen war. „Wen habe ich,— rief er wehmüthig,—„wen habe ich noch auf Erden, für den ich leben, wirken und ſtreiten ſoll?“ „Das Vaterland“— ertönte eine helle Stimme hinter ihm und das freundliche Auge Nikolaus Fa⸗ bers, ſeines edelſten Freundes und Studiengenoſſen, leuchtete dem jungen Manne entgegen.—„Das Vaterland!“— wiederholte Nikolaus Faber.—„Haſt du nicht ſeinen Ruf gehört? Wie? oder iſt das Schmettern der ſchwediſchen Trompeten und das Wir⸗ beln ihrer Trommeln ſo bald in deinem Ohre ver⸗ hallt? Dorthin blicke, Freund Wunſch, dorthin, wo der hohe Hradſchin mit ſeinen Zinnen herüberwinkt; dort ſitzt Graf Martinic, der edle Obriſtburggraf, in feindlicher Gefangenſchaft und harret der jungen Streiter Prags, daß ſie ihn befreien!“ Das Auge Chriſtophs leuchtete und der Luxem⸗ burger fuhr fort:„Sie werden ſich heute noch ver⸗ ſammeln, die jungen Söhne der Wiſſenſchaft, welche die alma mater an ihren Brüſten großgezogen hat, in ihren Hallen werden ſie ſich verſammeln und den Bund bilden auf Tod und Leben, und darum eben 77 ſuche ich dich ſchon zwei Stunden lang, Freund Wunſch, denn wo das Eiſen klingen und das Blut der Vater⸗ landsvertheidiger fließen wird, da darf Chriſtoph Wunſch nicht fehlen.“ „Nein, da darf Chriſtoph Wunſch nicht fehlen!“ — rief begeiſtert der junge Mann, deſſen Wange mit jedem Worte ſeines Freundes ſich höher zu röthen begann. „Und dein Feldgeſchrei ſei: Anna von Sturmfeld!“ — rief Nikolaus Faber. „Freund! edler Freund!“— rief Wunſch, der das Geheimniß ſeines Herzens längſt in die Bruſt ſeines Freundes niedergelegt hatte, und drückte ſeine glühende Stirne auf die hochklopfende Bruſt Faber's. Da krachte es wie ferner Donner vom linkſeiti⸗ gen Moldauufer herüber.—„Horch! ſie rufen!“— mahnte Nikolaus Faber. „Auf! der böhmiſche Löwe antworte dem ſchwedi⸗ ſchen mit Eiſenklängen!“— rief Chriſtoph Wunſch begeiſtert, und Arm in Arm ſtiegen die beiden Freunde den Berg hinab und eilten durch die Reuſtadt dem Carolinum zu. V. Prag's Studentenſchaft. Ein ſtrahlendes Blatt der Vaterlandsgeſchichte öffnet ſich uns, wenn wir nun den Blick auf den großen Hofraum des Carolinums, dieſes alten Tempels der Wiſſenſchaft, hinlenken. Dort erſchien in jenen ver⸗ hängnißvollen Tagen ein edler, muthiger Mann, be⸗ geiſtert von Vaterkandsliebe, Glauben und Treue für ſeinen Landesherrn, mitten unter den verſammelten Jüngern der Wiſſenſchaft. Es war dies Georg Plachy, Profeſſor an der Fernandiniſchen Univerſität. Er ſprach zu den verſammelten Studenten dieſer und der karoliniſchen Hochſchule:„Die Göttin der Wiſſen⸗ ſchaft führt den Schild und die Lanze. Waffen ſind die Zierde ihrer Söhne, wenn der Sitz der Muſen be⸗ droht wird. Laßt uns Beweiſe ablegen, daß wir zu beiden gebildet werden, dem Vaterlande im Frieden durch Verwaltung der geiſtlichen und weltlichen Aem⸗ 79 ter zu dienen, und bei feindlichen Anfällen dasſelbe zu retten. Die nämliche Triebfeder der Ehre zur Erwer⸗ bung literariſcher Kenntniſſe iſt es auch, die uns auf⸗ fordert, Proben des Heldenmuthes abzulegen. Es iſt der allgemeine Ruf des Vaterlandes, der jeden guten Bürger wider die eindringenden Feinde bewaffnet!“ — Dann ſtellte Plachy den Studenten vor, daß es zum ewigen Ruhme der Univerſität gereichen müßte, wenn die Muſe der Geſchichte in die vaterländiſchen Annalen die Thatſache einzeichnen würde, daß die Studirenden zur Befreiung Prags rühmlich beige⸗ tragen und durch ihr Beiſpiel die übrigen Klaſſen der Stadtbewohner zu gleicher Tapferkeit und Ausdauer aufgemuntert haben. Freudiger Zuruf der begeiſterten jungen Männer antwortete ihm. Alsbald ſchritten die Studenten, welche ein Freikorps bildeten, zur Wahl ihrer Anfüh⸗ rer. Zu ihrem Obriſtwachtmeiſter erwählten ſie den bei der Studentenſchaft ſo hochbeliebten Don Juan de Areyazaga, einen gereiften und erfahrenen Mann, durch deſſen Fürſorge bereits ein großer Theil der Moldau⸗ ſchiffe vor den Schweden in Sicherheit gebracht und einige Befeſtigungswerke um die Stadt raſch angelegt worden waren. Er ernannte den Studenten Daniel Waldhauſer aus Iglauzu ſeinem Adjutanten. Ihm zur 80 Seite wählte die Studentenſchaft den Profeſſor Plachy als oberſten Proviantmeiſter. Dann gingen die Wahlen der übrigen Unteranführer dieſer Freiſchaar vor ſich. Zunächſt war es Johann Kauffer von Prag, ein mun⸗ terer und waffenkundiger Studirender der Rechts⸗ wiſſenſchaft, bereits als tapferer Haudegen erprobt, den die Studenten zu ihrem Hauptmanne erkoren. Zum Oberleitmann wurde Julius Röttel der Schle⸗ ſier, ein junger Mann von tüchtigen Kenntniſſen, zum Wachtmeiſter der Olmützer Niklas Merz, zum Audi⸗ tor oder Kriegsrichter Chriſtoph Kyblin der Münch⸗ ner, beider Rechte Doktor und Profeſſor der Rechts⸗ wiſſenſchaft, erwählt; Rottenmeiſter wurden Johann Duchze aus Schleſien, Fahnenjunker Chriſtoph Knaut, ein Böhme, Quartiermeiſter Karl Schebel, ein Prager, Feldſchreiber Ephraim Naſo aus Schleſien, Geſchütz⸗ meiſter Chriſtoph Schwertfer, Georg Pruina und Kaſpar Spenatzer, Stabsfeldwebel Michael From⸗ boldt aus Löwenthal in Schleſien. Johannes Pro⸗ kowsky, damals ſchon Lizentiat der Rechte, ſpäter Appellationsrath, Ladislaus Pruſſek der Prager, Sa⸗ lomon Urſing und Thomas Luba, zwei Böhmen, ſpä⸗ ter Daniel Ottovec und Ernſt Keller, ein Schleſier, wurden zu Leitmännern der Freiſchaar erwählt; end⸗ lich bewarb ſich um eine ſolche Charge auch Jakob Ro⸗ 8¹ ſenblatt, ein Vetter jenes ambraduftenden Jungen, der im Hauſe des Primators Eingang gefunden hatte und die Gunſt der Frauen beſaß, übrigens zur Unter⸗ ſcheidung von ſeinem wackeren Namensvetter ſeit ſeiner nach Paris den Namen Jacques angenommen atte. Als dieſe Wahlen beendiget waren, öffneten ſich die Gruppen der Studirenden und hereintrat Nikolaus Fa⸗ ber, der Luxemburger. Er trug eine hochflatternde Fahne mit dem Bilde derheiligen Jungfrau auf der einen und dem böhmiſchen Löwen auf der andern Seite; ſie wardem Saale des Carolinums entnommen und ihm von Jo⸗ hannes Kauffer, dem erwählten Hauptmanne, in die Hände gelegt worden. An ſeinem Arme ſchritt, den Federhut auf dem ſchönen Haupte, die breite Schärpe mit den rothweißen Landesfarben am Leibe und das entblößte Schwert in ſeiner Rechten tragend, Chri⸗ ſtoph Wunſch, den ſeine Freunde und Studiengenoſſen mit lautem Zurufe empfingen. Nikolaus Faber wurde ſofort zum Träger der W und Chriſtoph Wunſch zum Pecurio oder Leitmann einer Schaar im Studenten⸗Korps erwählt. In den nächſten Tagen wurden nun in der Alt⸗ und Neuſtadt Prags von allen Seiten Vertheidigungs⸗ anſtalten getroffen. Ein Theil der Prager Beſatzung 82 war vom Hradſchin und der Kleinſeite in die Altſtadt entkommen und vereinigte ſich mit den Bürgern. In⸗ zwiſchen hatten die Schweden auch das Zeughaus ein⸗ genommen. Man litt daher in der Altſtadt Mangel an Gewehren, und für's Erſte mußte ein Nürnberger Handelsmann 500 Flinten abgeben, auf dem jüdiſchen Tandelmarkte fanden ſich 150 Musketen und 100 brachte man aus den Privathäuſern zuſammen. Ebenſo ſammelte man 2 Zentner Lunten, denn damals hatte man noch keine Feuergewehre mit Steinſchlöſſern; man mußte die Lunten am Hahne des Gewehres feſthalten, und durch Aufdrücken derſelben auf die Zündpfanne losfeuern. Da dieſe geringe Anzahl der Flinten für alle Stu⸗ denten, die ſich bewaffnet hatten, nicht hinreichte, ſo mußte man den Mangel durch Partiſanen, Morgen⸗ ſternen, Piken und Kolben erſetzen. Statt des groben Geſchützes erhielten die Studenten zwei Doppelhaken. Das Univerſitäts⸗Freikorps bildete zwei Abtheilungen. Die größere derſelben beſetzte und verſchanzte den Tummelplatz nächſt der Moldau, von wo aus die Studenten mit ihren beiden Doppelhaken kräftige Salven in's ſchwediſche Lager hinüberſandten, die kleinere Abtheilung beſetzte mit den Bürgern das Brückenthor der Altſtadt. Man gab den Studenten 83 auch einige Soldaten bei, um ihren Bewegungen mili⸗ täriſche Richtigkeit zu geben; Oberſt Sigmund Graf v. Götz, der jüngere, befehligte dieſelben. Georg Plachy ſah man oft in den Reihen der kampfesmuthigen jungen Streiter; bald zu Pferde, bald zu Fuß erſchien er inkurzgeſchürztem Ordenskleide, mit Koller und Helm, Schärpe und Partiſane, und ſprach den Studenten Muth ein. Bald donnerten die ſchwediſchen Geſchütze von den Wällen der Kleinſeite und des Hradſchins mit Macht herüber. Um glauben zu machen, daß ihre Truppenzahl eine ungeheure, ritten ſie eskadronsweiſe durch ein Stadtthor hinaus und durch das andere wieder herein. Der Donner ihrer Batterien erfüllte die Luft. Es war in den erſten Tagen der Belagerung. An der Ecke der Plattnergaſſe nächſt dem Clementinum ſtand Chriſtoph Wunſch mit ſeinem Freunde Faber, dem Träger der Univerſitätsfahne. Lange hatte er nachdenkend auf das jenſeitige Ufer geblickt. Noch einmal zog das Bild ſeines Lebens, das ſich bisher ſo ſonderbar geſtaltet hatte, vor ſeiner Seele vorüber.„Möchte ich doch der Erſte ſein,“— ſagte er zu ſeinem Freunde,—„der ſein Blut für die Sache des Vaterlandes vergießt, wahr⸗ lich! das Unglück, welches mein Leben ſtets wie ein 84 rother Strich durchkreuzte, würde dann endlich einen andern Gegenſtand für ſeine Pfeile ſuchen müſſen!“ „Freund!“— entgegnete Nikolaus Faber,—„wir ſtehen jetzt an der Pforte großer Tage, laß Trauer und Mißmuth hinter dir und blicke vorwärts;mit der Partiſane in der Hand mußt du dir jetzt dein Glück erſtürmen!“ „Für den Heimatsloſen, für den Zigeunerknaben und den Ziehſohn eines Juden gibt es kein Glück,“— fiel Wunſch dem Tröſter in die Rede,—„dieſem ſind die Kreiſe verſchloſſen, in denen ſich der Stern ſeines Lebens bewegt. Woraufkann ineiner Zeit, wo nur die Gunſt oder Ungunſtüber dasSchickſal eines jungen Mannes entſchei⸗ den, wo verwandtſchaftliche und geſellſchaftliche Verbin⸗ dungen ſo häufig in die Wagſchalefallen und das wahre Verdienſt niederdrücken, der Mittelloſe, der Mann ohne einflußreiche Verwandte, ohne Gunſt und Ver⸗ bindung, noch rechnen?“ „Auf die eigene Kraft,“— erwiderte eine tiefe, ſtarke Stimme. Sie gehörte dem Profeſſor Georg Plachy, welcher hinter den beiden Freunden ſtand, und nun zwiſchen beide wie der Meiſter unter die Schüler trat, während die Fahne der Univerſität, welche wie die an⸗ getraute Geliebte in dem Arme Faber's lag, hoch empor⸗ 85 flatterte, daß ihr Doppelbild mit der heil. Jungfrau und dem Löwen prachtvoll in der Luft wehte. „Seht, Freunde,“— fuhr der Profeſſor fort,— „das was Ihr beklagt, iſt nicht neu, es iſt allezeit dageweſen. Wahr iſt es, daß unſere Zeit eine traurige, eine zerklüftete iſt. Deutſchland liegt in Hader und Zwietracht erkrankt darnieder, feindliche Elemente gäh⸗ ren in ſeinem Schooße, der Glaube liegt mit dem Un⸗ glauben, die Gerechtigkeit mit der Selbſtſucht, die Genußſucht mit der Vernunft im Streite. Aber iſt das nicht alles ſchon dageweſen? Blickt in die Zeiten der römiſchen Republik, blickt auf den Entdecker der neuen Welt, ja blickt in die Geſchichte des alten Teſtamentes, findet Ihr nicht vom Ziegenfelle an, welches Rachel um die Hände Jakobs band, um deſſen Vater zu täu⸗ ſchen und den Segen der Erſtgeburt zu erſchleichen, bis auf die Parteigänger eines Sulla und Marius, eines Cäſar und Pompejus, bis auf die königliche Schleppe, an welche ſich der große Chriſtoph Columbus anklam⸗ mern mußte, um ein paar Schifflein für ſein unſterb⸗ liches Werk der Entdeckung Amerika's aufzubringen, überall und überall das Triebrad der Gunſt oder Un⸗ gunſt, der Verwandtſchaft, des Geldes und der Par⸗ teiungen? Und ſo lange ſich die Erde um ihre Axe drehen wird, ſo lange wird es Erdennebel geben, welche 86 den Glanz der Sonne verdunkeln, ſo lange wird das Unkraut dort und da den Weizen überragen, denn vollkommen iſt nichts hienieden. Aber das darf uns nicht entmuthigen, meine theuren Freunde! Der Eble, der Treue, der Wahre, der Aufrichtige, der Gläubige, der Chriſt handelt nicht um des irdiſchen Vortheiles willen; nicht Menſchenlob und Gewinn bewegt die Pulsader ſeines Herzens, daß ſie höher ſchlage, nein, er wird recht, gut und groß handeln auch da, wo ſein Wollen und Thun nicht erkannt und gewürdigt, ja auch da, wo es verkannt, durch Argliſt und Mißgunſt miß⸗ deutet wird!“ Der Profeſſor ſchwieg. Wie ein Götterfunke leuch⸗ tete es in ſeinem Auge, er ſtreckte ſeine Rechte hinaus und wies auf das jenſeitige Ufer.—„Seht, Freunde!“ rief er,—„dort iſt der Platz, wohin ſich Eure Blicke jetzt wenden müſſen; bald werden aus den Eiſenröhren da drüben die erſten Grüße herüberdonnern,— gebtacht, wem ſie zuerſt gelten werden; wir wollen ſie erwidern mit dem Feldgeſchrei:„Für Gott! Kaiſer! und Va⸗ terland!“ Der edle Prieſter hatte ſeinen Ruf noch nicht been⸗ det, da blitzte es aus den ſchwediſchen Mörſern und durch die Luft ziſchte im weiten Bogen eine Feuerkugel, die erſte aus dem ſchwediſchen Lager. Sie fiel dicht neben 87 Chriſtoph Wunſch nieder und grub ſich in den Sand der Straße ein. Die Umſtehenden rannten mit Angſt⸗ rufen auseinander, aber raſcher als ein Pfeil flog Chriſtoph Wunſch zur Stelle, wo ſich die Bombe ein⸗ gegraben hatte, bedeckte ſie eben ſo raſch und uner⸗ ſchrocken mit dem Sande, während Profeſſor Plachy und Nikolaus Faber ſich gleichfalls näherten, um ihm bei dieſem Werke behülflich zu ſein. Durch das Beiſpiel dieſer Unerſchrockenen aufgemuntert, machten ſich auch noch Andere an die Arbeit und die Kugel wurde mit noch mehr Sand und Erde bedeckt, ſo daß ſie alsbald gänzlich krepirte. Sieh, Freund Wunſch!“— rief Faber, indem er die Kugel mit ſeinen ſtarken Armen emporhob,—„das war der erſte Feuergruß aus dem ſchwediſchen Lager, der dir gegolten hat, der dich zum Streite herausfor⸗ dert. Laß jetzt die Todten ruhen, gebiete deinem Schmerze und ſchwinge dein Schwert, wie ich meine Fahne! Da nimm, wir wollen die glücklich getödtete Bombe dem Primator aufs Rathhaus tragen, auf daß er ſie weihen und beſtatten laſſe, wie es uralter Gebrauch iſt im Böhmerlande.“ Bei Nennung des Primators leuchtete das Auge des Angeredeten; die erſte Bombe, welche aus dem Lager der Schweden herübergeflogen war und die er 88 unerſchrocken gelöſcht hatte, vor dem Vater ſeiner Heißer⸗ ſehnten als erſte Siegestrophäe des beginnenden großen Kampfes hinzulegen, was konnte es Freudigeres für den jungen Mann geben? Im Triumphzuge wurde die Bombe, ſobald ſie im Sande verkühlt war, auf das Altſtädter Rathhaus ge⸗ tragen. Dort trat Herr Nikolaus Turek v. Sturmfeld der Volksmenge entgegen, welche dieſem Triumphzuge das Geleite gab. Er empfing aus den Händen Chri⸗ ſtophs die Bombe, und als ihm dieſer vom Profeſſor Plachy vorgeſtellt und mit Namen bezeichnet wurde, da ruhte das Auge des Primators lange auf der ſchö⸗ nen Geſtalt des jungen Mannes.„Alſo Ihr ſeid es,“— ſagte er mit freundlicher Stimme,—„Ihr ſeid der hoch⸗ herzige junge Mann, der mir von dem edlen Rabbi Löw ſo angelegentlich empfohlen worden und dem mein Haus ſo hoch verpflichtet iſt? Wie leid thut es mir jetzt, daß die Beſetzung der Stelle des geheimen Stadtſchrei⸗ bers, für welche ich Euch ſchon des edlen Rabbi wegen gerne vorgeſchlagen hätte, nun wegen des plötzlichen Einbruchs der Schweden und der hiedurch veranlaßten Gefangennehmung unſers Obriſtburggrafen ſiſtirt werden mußte Wahrlich, hätte es von mir abgehangen, ich würde nicht gezögert haben, Euch die Stelle zu ver⸗ leihen, aber der Bewerber um dieſelbe ſind ſehr viele 89 und gewichtige, ſo daß ich faſt fürchte, dem Raths⸗ ſenate der Altſtadt Prag werde die Wahl unter denſelben ſchwer fallen, zumal ſich auch die öffentliche Meinung für einen oder den andern der Bewerber mehr oder minder günſtig ausſpricht.“ Chriſtoph Wunſch verneigte ſich ſtumm. Er las im Auge des Primators, daß dieſer feinfühlende und vorurtheilsfreie Mann, der von Rabbi Bezalel Löw ſo ſehr für Chriſtoph Wunſch eingenommen und voll⸗ kommen entſchloſſen war, dieſen und keinen andern für den Geheimſchreiber⸗Poſten des Altſtädter Rathes vorzuſchlagen, ſpäter von den Gegnern Chriſtophs wider dieſen geſtimmt worden war, und daß man ohne Zweifel deſſen unfreiwilligen Aufenthalt im Hauſe der Türkin auch dem Primator ſchon zur Kenntniß gebracht hatte. Da der Primator ſich nicht weiter ausſprach, ſo hielt es auch Chriſtoph Wunſch unter ſeiner Würde, auch nur ein Wort der Vertheidigung zu verlieren, ehe er in beſtimmter Weiſe angeklagt erſchien. Uebrigens war es erklärlich, daß die aus dem Hauſe der Türkin durch die Kraftprobe Chriſtophs entſprungenen Ge⸗ fangenen in Prag nicht alsbald Lärm erregten. Da ſich mit ihrem ſelbſtverſchuldeten Unglücke der Gefangen⸗ ſchaft in den Kellern dieſes verruchten Hauſes die Furcht paaren mußte, ſich als Beſucher dieſes Sündenpfuhles 1861. XI. Ein böhm. Student U. 6 90 zu verrathen und von ihres Gleichen nur verhöhnt zu werden; da ferner im Augenblicke ihrer Befreiung auch der Einbruch der Schweden auf der Kleinſeite erfolgte, wodurch ganz Prag in die größte Aufregung gerieth, ſo fanden die Befreiten weder Zeit noch hatten ſie Luſt, wie in ſolchen Fällen zu jener Zeit gewöhnlich war, den Pöbel Prags gegen das Haus der Türkin zu hetzen. Sie fanden es vielmehr gerathener, die Sache in aller Stille ſobald als möglich dem Primator der Reuſtadt Prags mit⸗ zutheilen, welcher auch gleich nach der erſten Zurück⸗ weiſung der Schweden das Haus der Türkin mit Wachen umſtellen, dann aber von oben bis unten durchſuchen ließ. Man fand aber nur leere, ihres Schmuckes ganz entblößte Zimmer. Die Türkin ſammt ihrem ganzen Anhange hatte nach entdeckter Flucht ihrer letzten Schlachtopfer bereits Zeit gefunden, ins ſchwediſche Lager jenſeits der Moldau überzuſetzen, wo ſie als eine Verbündete ſogleich bereitwillige Aufnahme fand. Primator Turek von Sturmfeld ließ aber die erſte Bombe, welche ihm Chriſtoph Wunſch und ſeine Be⸗ gleiter auf das Altſtädter Rathhaus gebracht hatten, auf dem Rathhauſe nach alter Sitte einweihen und ſpäter auf dem Kirchhofe St. Michael beſtatten. Es war dies ein uralter Gebrauch, durch deſſen Befol⸗ gung man künftige größere Unglücksfälle während der Belagerung hintanzuhalten vermeinte. VI. Bit Belagerung. Nun begann die förmliche Belagerung der Alt⸗ und Reuſtadt Prags durch die Schweden. Bald erſchien der ſchwediſche Feldmarſchall Herzog von Würtem⸗ verg aus Schleſien mit zahlreichen Truppen im La⸗ ger vor Prag. Graf Königsmark hatte ihn herbeige⸗ rufen. Er langte am Feſte des heiligen Ignaz mit großer Streitmacht im ſchwediſchen Lager an, ver⸗ ſuchte zuerſt vergeblich gegen die Wyſehrader Ver⸗ ſchanzungen vorzudringen, ſetzte ſich aber dann am Berge oberhalb Judendorf feſt, von wo aus er am 2. Auguſt von 3 Uhr Morgens bis 5 Uhr Abends aus ſeinen Geſchützen die Schanzen nächſt dem Gal⸗ genthore mit 300 Schüſſen beſtrich. Durch eine dieſer Kugeln wurde der Vorſtand der Kreuzherren mit dem rothen Sterne nebſt ſeinem Diener mitten auf der Gaſſe niedergeſchmettert und getödtet. 6* 92 In der nächſten Nacht verſuchte der Herzog einen Ausfall auf die ſogenannte kleine Inſel, wurde aber zurückgeworfen. Dagegen machten am folgenden Tage die Prager Vorpoſten mit 50 Studenten glückliche Ausfälle auf die Schweden, und nahmen zwanzig der⸗ ſelben gefangen. Da der Herzog von Würtemberg merkte, daß die Erſtürmung Prags ihm nicht ſo leicht werden dürfte, und daß die beiden Prager Städte immerhin weit mehr Streitkräfte in ſich ſchlößen als ſeine eigene Macht betrage, zog er ſich gegen Königs⸗ ſaal zurück, um den Prager Städten die Zufuhr von Lebensmitteln und jeden Truppenzumarſch abzuſchnei⸗ den; unterhalb der Neuſtadt aber beſetzte er die jetzt ſo⸗ genannte Hetzinſel, und ſchlug von Bubna aus eine Brücke über die Moldau, damit er dem Grafen Kö⸗ nigsmark von zwei Seiten zu Hülfe kommen könne. Am 4. Auguſt wurden von den Schweden ſechs grö⸗ ßere Geſchütze vom Schloſſe auf den ſogenannten Schinderberg herabgeſchafft, und wenigſtens 300 Ku⸗ geln gegen den Altſtädter Brückenthurm und 70 auf die Schanzen der Studenten geſchlendert, ohne daß eben damit viel Schaden verurſacht worden wäre. Viele Kugeln fielen durch Fenſter und Mauern der Salvatorkirche in der Altſtadt, und zerſchmetterten die Orgel, den Hochaltar und mehre andere Altäre 93 in verſchiedenen Theilen. Am nächſten Tage wurde die Beſchießung der Stadt mit 190 Kugeln fortge⸗ ſetzt. Dann ging es gelinder her, aber kein Tag ver⸗ ſtrich, ohne daß die Schweden ihre Schüſſe auf die Stadt fortgeſetzt hätten. Graf Wenzel Michna vermehrte in jenen Tagen die Streitkräfte der belagerten Stadt durch die Bil⸗ dung einer eigenen Schaar aus der Klaſſe der Herr⸗ ſchaftsdiener und anderer Dienſtleute, dann der Mol⸗ daubauern, 3000 an der Zahl; er gab ihnen einen ſeſi der Reiterei, Namens Unger, zum An⸗ ührer. Als aber der Herzog von Würtemberg ſah, daß er in ſeinem Lager bei Königsſaal nur unnütz die Zeit verbringe, rückte er, um nicht unthätig da zu liegen, anderſeits aber doch dem Prag belagernden Grafen Königsmark nahe zu bleiben, langſam auf der ſüdöſtlichen Seite Böhmens gegen Tabor vor, nahm dieſe Stadt am 23. Auguſt, machte dort viele vor⸗ nehme Gefangene, welche ſich der Sicherheit wegen dahin geflüchtet hatten, und gewann auch viele Beute. Eine andere ſtärkere Abtheilung ſchwediſcher Trup⸗ pen unter Kannenberg nahm das Schloß Rothenhaus und Tetſchen ob der Elbe nach kurzer Belagerung. So nahte allmälig der September. In Budweis 94 verweilte der Präſident des Hofkriegsrathes Heinrich Graf v. Schlick und zog Truppen an ſich, um ſie den Pragern zu Hülfe zu ſenden. Er berief den General Buchheim aus Prag, falls es dieſem gelänge, ſich ohne Gefahr von Prag nach Budweis zu ziehen. Aber der Herzog von Würtemberg, welcher ſich inzwiſchen wieder gegen Prag zurückgezogen hatte, erhielt hievon Kennt⸗ niß, verfolgte den General Buchheim und ſchlug ihn eine Meile von Budweis entfernt, machte viele ſeiner Lente nieder, und nahm viele andere, nebſt Buchheim ſelbſt, auf welchen die Vertheidiger Prags ihre größte Hoffnung geſetzt hatten, gefangen. Wie ein lauter, furchtbarer Weheklang durchzitterte dieſe Kunde die Prager Städte. Buchheim und der mit ihm gefangene Jeſuit Andreas Callocerus, ſo wie die andern Kriegs⸗ gefangenen, wurden vom Herzoge von Würtemberg ins Lager Königsmark's geſchickt. Graf Königsmark hatte ſein Hauptquartier im Schloſſe, und ließ von der Baſtion in der Nähe des Rudolfiniſchen Luſt⸗ ſchloſſes mit ſeinem groben Geſchütze namentlich gegen den Brückenthurm der Altſtadt und die„Studenten⸗ ſchanze“ faſt ununterbrochen feuern; wodurch beſon⸗ ders das Clementinum und deſſen Kirche argen Scha⸗ den erlitten. Inzwiſchen war der kaiſerliche Ingenieur Conti 95 nach Prag gekommen. Derſelbe leitete die Vertheidi⸗ gungsarbeiten; er ließ vom Spittelthor bis zum Wyſehrad Verſchanzungen anlegen, zwiſchen dieſem und dem Neuthor einen Wall aufwerfen, Bollwerke und Laufgräben errichten, Paliſſaden aufſtecken, Mi⸗ nen anlegen, Außenwerke und Halbmonde errichten. Da andere Waffen mangelten, ließ Conti noch mehr Morgenſterne mit eiſernen Spitzen beſchlagen, Dreſch⸗ flegel und Piken anfertigen. Der Herzog von Wür⸗ temberg war nach ſeiner Rückkehr über die trefflichen Befeſtigungsarbeiten erſtaunt, welche Conti in dieſer kurzen Zeit angeordnet hatte; er zog ſich zu größerer Sicherheit in ein Lager bei Wolan zurück. Seit der Wegnahme des Schloſſes Tetſchen er⸗ öffneten ſich die Schweden auch die freie Fahrt auf der Elbe und ließen auf derſelben die auf der Klein⸗ ſeite gemachte Beute nach Sachſen und weiter nach Schweden verführen. Namentlich ward nebſt andern Koſtbarkeiten der königlichen Schatzkammer auch das Beſte aus der Sammlung von koſtbaren Gemälden genommen und nach Stockholm gebracht. Winckel⸗ mann*) bemerkt:„Die Königin Chriſtina, die zu der⸗ ſelben Zeit mehr Schulwiſſenſchaft als Geſchmack 96 hatte, verfuhr mit dieſen Schätzen wie Kaiſer Clau⸗ dius mit einem Alexander von der Hand des Apelles, der den Kopf der Figur ausſchneiden und an deſſen Stelle des Auguſtus Kopf ſetzen ließ. Aus den ſchön⸗ ſten Gemälden ſchnitt man in Schweden die Köpfe, Hände und Füße heraus, die man auf eine Tapete klebte; das Uebrige wurde dazu gemalt. Dasjenige, was das Glück hatte der Verſtümmlung zu entgehen, ſonderlich die Stücke von Correggio, nebſt den Ge⸗ mälden, welche die Königin in Rom angekauft hatte, kamen in den Beſitz des Herzogs von Orleans, der 250 Stück für 90,000 Seudi(180,000 fl.) erſtanden. Unter denſelben waren eilf Gemälde von der Hand des Correggio.“— Und der berühmte Arzt Karl Catin ſchrieb im Jahre 1673 aus Baſel an den Herzog An⸗ ton Ulrich von Braunſchweig:„Noch jetzt kann ich mich der Thränen nicht enthalten, wenn ich mich an einige leere Zimmer erinnere, worin ehemals Bücher und Münzen aufbewahrt wurden. Was der General Königsmark nicht durch die Gewalt der Waffen er⸗ halten konnte, lieferte ihm ein Verräther vollends in die Hände. Man erzählt, daß der General einen be⸗ trächtlichen Theil hievon der Königin Chriſtina ge⸗ ſchenkt habe, den Reſt aber auf ſein Schloß unweit Bremen habe führen laſſen, wohin ich auch bei Gele⸗ 97 genheit zu reiſen geſonnen bin.“ Potin verſſchert, daß er auf dem Prager Schloſſe mehr als 80 Gemälde von Titian, ein kleines Zimmer voll Rafael ſcher Werke und vier oder fünf große Gemälde von erſtem Range geſehen. Auch ganze Bibliotheken entführten die Schweden aus Prag, ſo z. B. die ſehr reiche des Peter Wock Urſinus von Roſenberg. Den Jeſuiten wurden gleichfalls von den Schweden viele literariſche Schätze entriſſen, namentlich war es Magiſter Johan⸗ nes Klee, der mehrgenannte Hofpoet des Grafen Kö⸗ nigsmark, welcher ſich ſehr thätig bewies und nebſt Fux viele Bücher aus den Bibliotheken weg⸗ nahm. Während die Schweden Zufuhr und Lebensmittel von allen Seiten erhielten, litten die Prager großen Mangel an Fleiſch,— aber eine Liſt ſetzte ſie bald in den Beſitz desſelben, indem ſie aus den Heerden fetter Rinder, welche zwiſchen Bubna und Holleſchowitz wei⸗ deten, durch einige kühne Männer, welche aus der Stadt dahin überſchifften, ein Kalb abfangen ließen, welchem dann die Kuh, und auf deren Brüllen auch Stiere, ſodann aber 200 Rinder an der Zahl nach⸗ liefen und in die Stadt gelangten, ohne daß die Feinde ſie abjagen konnten. Am 3. Oktober traf Karl Guſtav, Pfalzgraf bei Rhein, welchen die Königin von Schweden mit dem Oberkommando im Prager Lager betraut hatte, da⸗ ſelbſt ein, und wurde mit großem Jubel empfangen; denn jetzt ſollte die Belagerung erſt mit wahrem Feuer⸗ eifer betrieben werden. Es wurden daher auf dem Prager Schloſſe, auf dem Sonnenberge und an den Ufern der Moldau Kanonen gelöſt, und Feſt reihte ſich an Feſt. Inzwiſchen hatten ſich in Prag aus der Ritter⸗ ſchaft und den königlichen Beamten vier Kompagnien gebildet. Ueber die erſte führte Wenzel Graf von Michna, Altſtädter Hauptmann; über diezweite Aleſch Wratislaw Freiherr von Mitrowic, der Nenſtädter Hauptmann; über die dritte Herr Johann Loſy von Loſenau, und über die vierte der Münzmeiſter Jakob Waller den Befehl. Andere Freiſchaaren bildeten die Dominikaner, Karmeliter, Benediktiner, Prämonſtra⸗ tenſer, Jeſuiten, Serviten und Kleriker unter der Anführung der Herren Florian Czernitz, Probſt von Zderas, und Rudolf Wihär, Probſt von Alt⸗Bunzlau. Die Ordensgeſellſchaft der Jeſuiten ſtellte allein 70 Bewaffnete, unter denen ſich auch P. Andreas Du⸗ boiſſon, Rektor des Kollegiums und der Akademie, befand. Der Adel Prags hatte raſch eine Reiterab⸗ theilung gebildet, welche ſich den Herrn Heinrich Burg⸗ 89 grafen und Grafen v. Dohna zum Oberſten erwählte, dem ſich wieder ein Herr Frimont als Obriſtlieutenant beigeſellte. Dieſe Reiterabtheilung beſtand aus vier Eskadrons, wovon jede 35 Mann zählte. Den Juden gab man lange Spieße; auch verwendete man ſie zum Ausgraben der feindlichen Minen, von denen ſie viele erſtickten. Uebrigens lief, wo es Gefahr gab, auch das übrige bewaffnete Volk ſtets ſchnell zuſammen. Jedem Poſten der Soldaten, Bürger und Akade⸗ miker gab man zwei Prieſter bei, welche durch Wort und Beiſpiel wirkten, und den Lebenden wie den Ster⸗ benden beiſtanden. Ein furchtbarer Tag wurde der 5. Oktober, an welchem ſich die Schweden zu einem Sturme auf Prag rüſteten. Ihre feſteſte Stellung nahmen ſie unter An⸗ führung des Pfalzgrafen am Galgenberge, während ſich General Königsmark oſtwärts zwiſchen den Wein⸗ gärten hielt, und der Herzog von Würtemberg die Reſerve befehligte. Am nächſten Tage erſchien ein Trompeter der Schweden, durch welchen der Pfalzgraf die Stadt zur Uebergabe auffordern, den Studenten und Geiſtlichen aber insbeſondere bedeuten ließ, daß ihr Beruf nicht der des Woffenhandwerks ſei, und daß ſie daher, falls ſie nicht augenblicklich die Waffen niederlegten, nach Einnahme der Stadt die Erſten über die Klinge ſprin⸗ gen müßten. Aber man antwortete ihm,„daß nichts die Vertheidiger Prags von der Erfüllung ihrer Bür⸗ gerpflicht abhalten könne; hätten die Schweden Luſt Prag zu ſtürmen, ſo möchten ſie nur kommen, man ſei bereit, ſie an den Wällen zu empfangen, und mit blutigen Köpfen zurückzuweiſen.“ Da wüthete der Pfalzgraf; er befahl Prag aus allen ringsumher aufgeführten Batterien auf einmal zu beſchießen. Es war dies eine Kanonade, als ob der jüngſte Tag hereinbrechen ſollte, mehre Häuſer bekamen in Folge deſſen Riſſe, ohne von den Kugeln getroffen worden zu ſein. Aber voll unerſchütterlichen Muthes und feſter Entſchloſſenheit wieſen die Prager auch eine zweite Aufforderung des Pfalzgrafen zurück.„Man brannte,“— wie die Chroniſten ſchreiben,—„vor Begierde, ſich mit dem Feinde im Handgemenge zu meſſen.“ Kolonnenweiſe rückten nun die Schweden an die Stadtmauern, und Sturmleitern wurden angeſetzt. Die Glocken des uralten Tein heulten über die Pra⸗ ger Städte ſo furchtbar zum Sturme hinab, daß ſelbſt beherzte Schweden ſpäter geſtanden, welch' einen ſchauer⸗ lichen Eindruck dieſes Läuten aller Glocken auf ſie gemacht habe. Sie drangen am heftigſten gegen das Galgenthor vor, und ihre vom Blei und Eiſen der 101 Belagerten gelichteten Reihen wurden ſtets durch neue nachrückende Truppen erſetzt. Es war ein mörderiſches Gemetzel, wie deren nur wenige die Geſchichte kennt. Conti, welcher die Befeſtigungswerke ſo trefflich an⸗ geordnet hatte, war auch jetzt thätig, ſeine Kenntniſſe wirken zu laſſen. Als die Beſtürmung am hitzigſten war, ſprengte er eine von ſeinen Minen mit ſo gutem Erfolge, daß eine Menge Schweden dadurch umkamen. Während dieſer Verwirrung erneuerten die Prager den Streit mit verdoppeltem Muthe, fielen die Stür⸗ menden von allen Seiten an, und warfen ſie endlich ganz zurück. Ein zu gleicher Zeit gemachter Ausfall fiel ebenfalls glücklich aus; ein Major mit ſeiner Trup⸗ penabtheilung wurde gefangen eingebracht. Aber nicht blos Kraft und Gewalt, auch Liſt war es, welche die Schweden im Ganzen wie im Einzelnen gegen die Prager Städte anwandten. So hatte ein ſchwediſcher Scharſſchütze am Spittelthor einen Schirm von eigener Erfindung verfertigt, mittelſt deſſen er viele der Belagerten in den Sand ſtreckte, ohne daß ihm von Seite dieſer beigekommen werden konnte. Der Schirm beſtand, wie ein Hiſtoriker erzählt, in einem vorwärts angebrachten Brette von einer bei⸗ nahe länglich viereckigen Form. In der Mitte des⸗ ſelben befand ſich ein rundes Loch mit einer beweg⸗ 102 lichen eiſernen Kugel und die ganze Maſchine hing an beiden Seiten an eiſernen Stangen, daß ſie jeder Be⸗ wegung leicht nachgeben konnte. Wenn der Schütze auf die an der Schanze Stehenden feuerte, ſo ſtellte er ſich hinter ſeinen Schirm, ſah durch die Oeffnung nach dem Platze, wohin er zielen wollte, richtete dann ſein Schuß⸗ gewehr durch den Raum nächſt der in dem Brette an⸗ gehefteten Kugel und drückte los, worauf ihm der Schuß ſelten mißlang. Der Kommandant von Prag, Graf Colloredo, ſetzte endlich eine Belohnung von 10 Du⸗ katen für Denjenigen aus, der den Schützen erlegte Ein ZJäger von der Beſatzung verfügte ſich mit ſeinen Gefährlen nach dem Orte, wo der Schwede ſchon ſo Viele niedergeſchoſſen hatte Ungeachtet der Behutſam⸗ keit, mit welcher dieſer Feind in der Ausübung ſeines mörderiſchen Werkes vor ſich ging, war er doch ſo un⸗ vorſichtig, daß er aus Begierde, um ſogleich zu erfah⸗ ren, wer durch ſeinen Schuß gefallen, über den Schirm hinauszublicken pflegte. Dies benützte der Jäger zum Untergange des Schützen. Er kam mit einem Gefähr⸗ ten überein, daß, während er mit ſeinem Feuerrohre nach dem Orte, wo der Schütze ſeinen Kopf hinaus⸗ zuſtecken gewohnt war, zielte, dieſer eine Stange, an welcher oben ein Hut befeſtiget wurde, hin⸗ und her⸗ bewegen ſollte. Als der Schütze den bewegten Hut —— 103 wahrnahm, glaubte er, daß Jemand auf dem Walle herumging, ſchlug ſeine Flinte an und ſchoß nach dem vermeinten Soldaten. Nun ſteckte er ſein Haupt über den Schirm, wollte ſehen, wen er getroffen habe und empfing in dieſem Augenblicke von dem lauernden Jäger die Kugel durch den Schädel, daß er ſogleich todt niederſtürzte. Der Jäger erhielt nicht nur die verſpro⸗ chene Belohnung von 10 Dukaten, ſondern auch den Dank der ganzen Beſatzung, daß er einen Mann aus dem Wege geräumt, durch welchen bereits ſo viele Stadtvertheidiger ihr Leben eingebüßt hatten. Inzwiſchen waren vom Hofe des Kaiſers, der ſich eben zu Linz befand, zwei huldvolle Anerkennungs⸗ ſchreiben, eines an die Dekane der Fakultäten der Uni⸗ verſität und die Studenten, das andere blos an die Studenten gerichtet, angelangt, worin der Monarch ſeine Zufriedenheit mit ihrer Haltung ausſprach, ſie zur Standhaftigkeit aufmunterte und ſeiner Gnade verſicherte. Mit wahrer Wuth beſtürmten aber jetzt die Schwe⸗ den faſt täglich das Galgenthor und hofften daſelbſt zuerſt einzudringen Die Zinnen dieſes Thores und ein großer Theil der Mauern lagen ſchon im Schutte. Alles ſchien ſich zum„Generalſturme“ zu rüſten. Der Tag des heiligen Franz von Borgia, der 10. 104 Oktober, brach endlich heran. Im Studentenlager am Tummelplatze ſummte es wie in einem Bienenſtocke. Waffengeklirr und kriegeriſche Rufe, Trompetentöne und Pfeifenklang, Hochrufe und ſonſtige Aeußerungen eines freudig bewegten kriegeriſchen Lebens durchzitter⸗ ten die Luftſchichten dieſes Platzes. Vor einem Hornwerke ſtand eben Profeſſor Georg Plachy. Er ſenkte traurig ſein von dem Eiſenhelm und wallenden Federbuſche umſchattetes Haupt und ſtützte ſich auf ſeine Partiſane. Ein tiefer Schmerz ver⸗ ſcheuchte wohl nur auf kurze Zeit ſeine heitere Stim⸗ mung, mit welcher er den Muth ſeiner Studenten an⸗ zufeuern ſtets ſo glücklich war; er betrauerte einen edlen Freund, den der Herr über Leben und Tod, zwei Tage vorher, aus dieſem Leben abgerufen hatte. Es war P. Mathias Meſſe, Prokurator des Ignatianiſchen Kollegiums, welcher an dieſem Tage nach vollbrachtem Gottesdienſte aus dem Clementino herausgetreten war und die von den ſchwediſchen Kugeln geſchoſſenen Bre⸗ ſchen unbehutſamer Weiſe betrachtet hatte; ein Schwede hatte den Pater wahrgenommen, als derſelbe eben ſeinen Kopf durch die Breſche ſteckte, und augenblicklich eine Muskete auf ihn losgebrannt. Der Prieſter war mit durchſchoſſener Bruſt niedergeſtürzt und hatte kaum noch Zeit, die heiligen Sakramente der Sterbenden zu ———— 105 empfangen, ehe er verſchied. Er war aus Pilſen ge⸗ bürtig und als Profeſſor der Humanitätsſtudien, der Philoſophie und Theologie, dann mehrer Sprachen ausgezeichnet, beſonders aber ein Freund der Muſik und— der Armuth. Profeſſor Plachy hatte ſpeben die Kunde von dem Ableben des Pater Meſſe in das Studentenlager ge⸗ bracht. Wahre und innige Trauer folgte der Verkün⸗ digung dieſes Unglücksfalles, welcher der Hochſchule Prags einen ihrer tüchtigſten und liebevollſten Lehrer geraubt. Feierliches Schweigen lagerte nach Plachy's Rede über dem Lager, doch wich es bald wieder einer lebhaften Freude und lautem Jubel, als der Profeſſor den oberwähnten Brief des Kaiſers an die Studenten⸗ ſchaft Prags las. Laute und begeiſterte Hochrufe ant⸗ worteten ihm. Die größte Heiterkeit kehrte bald in die Kreiſe der Studenten zurück, als der Studioſus Waldhauſer aus Iglau nebſt einigen Anderen einen gefangenen Schwe⸗ den, den die Studenten bei dem letzten Ausfalle leicht verwundet in ihr Lager gebracht hatten, herbeiführten, und dem Profeſſor lachend erzählten: der Mann be⸗ gehre von den Lukas⸗Zetteln zu eſſen, welche, wie die Schweden wiſſen wollten, der Profeſſor ſeinen Stu⸗ denten zum Verſchlingen gebe, auf daß ſie kugelfeſt 1861. Kl. Ein böhm. Student. U. 7 106 würden. Da lächelte der ernſte Plachy und befahl einem ſeiner Studenten, einen ſolchen Zettel herbeizubringen. Dieſer brachte aus einem der Zelte ein großes Laib guten böhmiſchen Roggenbrotes herbei, welches Pro⸗ feſſor Plachy dem Schweden mit den Worten vorwies: „Das ſind die Zettel, die ich meinen Studenten zum Verſchlucken gebe und durch welche ſie kugelfeſt wer⸗ den.“— Dann entließ er den Schweden in das Lager der Seinigen, auf daß er ihnen ein paar Lukas⸗Zettel dieſer Art hinübertrage und ihnen erzähle, wie Pro⸗ feſſor Plachy ſeine Studenten kugelfeſt mache. In demſelben Augenblicke donnerte wieder eine Salve vom jenſeitigen Ufer herüber. Die Schweden mahnte nach kurzer Ruhe, daß es Zeit ſei zur Fort⸗ ſetzung des heißen Kampfes, und die Studenten griffen wieder nach ihren Partiſanen. Dort erhob ein ſeit⸗ wärts in der Brüſtung der Baſtion ſtehender junger Manu, der, lange in tieſes Sinnen verſenkt, auf der Mauerbreſche gelehnt war, und ſeine Bruſt, unbeküm⸗ mert um die jetzt heranfliegenden Kugeln, den ſeind⸗ lichen Geſchoſſen ausgeſetzt hatte, ſein Haupt. Es war dies Chriſtoph Wunſch, vor deſſen geiſtigem Auge jetzt abermals das Bild ſeines bisherigen Lebens vorüber⸗ zog. Er fühlte ſich ſeit dem Tode ſeines Ziehvaters ſo hoffnungslos wie nie. Aber große Seelen ſind— 107 wenn der Vergleich nicht ſonderbar klingt— in der That einem Luftſchiffe ähnlich, deſſen hochgeſchnellter Ballon noch an die Erde gebunden, von der Glut er⸗ hitzt, mit aller Macht nach oben ſtrebt. Da brennt die Glut, da loht die Flamme,— jetzt reißen die Seile und majeſtätiſch und herrlich, wie ein ſonnenanſtre⸗ bender Adler der Lüfte, ſteigt der Ball aufwärts, im⸗ mer höher und höher, bis er dem Auge der Erde, daher auch dem des Neides, der Mißgunſt, der Verfolgung entſchwunden iſt, und hoch über den Wolken dem rei⸗ nen Aether entgegenzieht. Und iſt es nicht eine uralte Mähr, daß der wunderbare Vogel Phönix aus Glut und Aſche ſich zum neuen Daſein erhebt? In dieſem Sinne redete mahnend und ermuthigend Nikolaus Faber, der edle Studien- und Geſinnungs⸗ genoſſe Chriſtophs, zu dieſem, als er an dem Horn⸗ werke der Studentenſchanze eben neben ihm ſtand und mit ſeiner Rechten in das feindliche Lager hinüber⸗ deutete, von welchem jetzt ununterbrochen rothe Blitze der abgeſendeten Schüſſe herüberleuchteten.—„Dort iſt dein Platz und nicht vor dem Leichenſteine deines Ziehvaters!“— grollte Nikolaus Faber ſeinem Freunde zu, der eben wieder davon geredet hatte, daß er das Grab des Rabbi beſuchen müſſe.—„Dort iſt dein Platz!“— wiederholte Nikolaus Faber,—„ſiehſt du 7* 108 nicht, wie ſie grüßen und rufen mit leuchtenden Feuer⸗ kugeln und Musketenſalven? Gebiete deinem Schmerze, zeige deine Kraft, wie ich ſie zeigen will— ſich zu, dann komm und thu mir's nach, mein Junge!“ Mit dieſen Worten ergriff Nikolaus Faber die neben ihm lehnende Univerſitätsfahne. Hoch ſchwang er das flatternde Bildniß des Löwen mit der heiligen Jung⸗ frau durch die Luft, ſprang aus einer Breſche hinaus vor die Schanze und ſchwenkte die Fahne den Schwe⸗ den am jenſeitigen Ufer entgegen. „Vivat Ferdinandus†“— donnerte er in die Lüfte und ſchritt mit ihr dreimal im Kreiſe herum, während die Schweden am jenſeitigen Ufer vergebens ihre Kugeln auf ihn herüberſandten.— So erfüllte ſich auch bei ihm die Prophezeiung der Zigeunerin in der Drahomira⸗Grotte, denn wie eine Wetterfahne ſtand er den feindlichen Stürmen ausgeſetzt. Begeiſtert von dieſem Beiſpiele, zog jetzt auch Chriſtoph Wunſch ſein blitzendes Schwert.—„Mir nach!“— rief er, und ſein gutes Eiſen wies auf eine Schaar Schweden, welche eben wieder zu einem An⸗ falle auf das Altſtädter Brückenthor über die Moldau⸗ brücke angeſtürmt kamen. Wie Blatt dem Blatte am friſchen Fruchtbaume ſich anſchmiegt, wenn der Sturm ſeine Blättermaſſe 1 109 nach einer Seite bläſt, ſo ſchloſſen ſich die muthigen Streiter des Studentenlagers mit ihren blitzenden Waffen an die begeiſterten Führer Plachy, Nikolaus Faber und Chriſtoph Wunſch. „Drauf und dran!“— rief Chriſtoph Wunſch, begeiſtert von dem Augenblicke, der ihm die Löſung der Frage ſeines ganzen künftigen Geſchickes zu bringen ſchien, und drauf und dran ging es im feſtgeſchloſ⸗ ſenen Phalanx über die Moldaubrücke, der eiſernen Maſſe den mit ihren Hellebarden heranſtürmenden Schweden entgegen. Sogleich kam es zum furchtbaren Handgemenge, wie keines noch unter den blutigen Kämpfen dieſer Tage ſtattgefunden hatte.„Vivat Ferdinandus!“ und„Sancta Maria!““ tönte das Feldgeſchrei aus den Reihen der Studenten. Ein eiſer⸗ ner Lanzenwald raſſelten die Hellebarden, Piken und Schwerter der Streitenden aueinander; das Knattern der Flintenſchuſſe, das Schreien der Kämpfenden, das Wirbeln der Trommeln und die Klänge der Trom⸗ peten ſchallten weithin über die unter den Füßen der Streitenden ruhig dahinfließende Moldau. Hoch oben auf dem Piedeſtale einer der Statuen der Brücke, dort wo ein hohes Kreuz mit dem gold⸗ ſtrahlenden Namen Gottes aufgerichtet iſt, ſtand neben der flatternden Fahne der Univerſität Chriſtoph Wunſch, * 110 ſeine Lanze ſchwingend. Rings um ihn waren die Streiter der Studentenſchaft bereits verwundet gefallen oder von den heranſtürmenden Schweden beſonders aufs Korn genommen, mit wenigſtens je zwei Schweden im Kampfe begriffen; denn dieſe hatten es beſonders auf die Studenten, welche ihnen vom Tummelplatze aus ſo viel Schaden zufügten, abgeſehen, und geſchworen, heute keinen derſelben am Leben zu laſſen. Wiereißende Thiere der Arena ſtürzten ſie ſich daher wüthend auf die durch ihre Federhüte und feineren Wämſer kennt⸗ lichen Studenten. Hieb auf Hieb klirrte das Eiſen, Flüche wechſelten mit dem Schalle der Streitaxt und Partiſane, Schwert und Pike paarten ſich im eiſernen Würfelſpiel. Dort am Fuße des ſtrahlenden Kreuzes ſtanden, wie erwähnt, Nikolaus Faber und Chriſtoph Wunſch. Da ſtürzte Ernſt Ottowaldsky, der bleiche Verräther, aus dem Kampfesknäuel und ihm nach acht⸗ zehn baumſtarke Hochländer aus Norwegen, lauter Scharfſchützen, mit den blauen gelben Schärpen und vorgeſtreckten Musketen.—„Dorthin!“— donnerte Ottowaldsky und ſein blitzendes Rohr wies aufChriſtoph Wunſch, der wie ein kampfgerüſteter St. Michael mit dem Flammenſchwerte auf dem Piedeſtale des Kreuzes ſtand, und in ſeiner Rechten die Eiſenlanze ſchwang, während ſeine Linke das blankgeſchliffene Schwert er⸗ 134 faßt hatte—„Dorthin!“— rief wiederholt der einſtige kaiſerliche Obriſtlieutenant,—„und dies für Anna von Sturmfeld!“ Und ſein Piſtol, von der glühenden Lunte berührt, entlud ſein Blei, das jetzt an Chriſtoph vorbei, Faber durch den Schenkel fuhr. Dieſer ſtürzte nieder und die Fahne entſank ſeiner Hand. Aber ſchon hatte ſie Chriſtoph Wunſch erfaßt. Mit einem raſchen Tritte ſtellte er ſich vor ſeinen am Piedeſtale der Statue auf das ſteinerne Brückengeländer niedergeſun⸗ kenen Freund, mit dem linken Arm feſt den Stamm des Kreuzes erfaſſend, ſenkte er in dieſen die Fahne, welche auch er mit ſeinem Blute zu vertheidigen ge⸗ ſchworen hatte— und muthvoll blitzte jetzt ſein Auge der auf ihn eindringenden Schaar Ottowaldsky's, der Schaar von achtzehn markigen Söhnen des Nor⸗ dens entgegen, die ihn von dem übrigen Kampfesknäuel gänzlich abſchneidend, jetzt allein in ihre Mitte nah⸗ men und aus ihren achtzehn Feuerröhren mit dem ſicheren Tode bedrohten. Nun war der Augenblick ge⸗ kommen, wo Chriſtoph Wunſch, der junge heimats⸗ loſe Mann, allein und aus eigener Kraft um ſein Le⸗ ben ſtreiten mußte gegen die eiſerne Macht, die in achtzehn wüthenden Kämpfern ihm entgegenſtand. „Die Fahne herab! und ergebt Euch freiwillig, ſo bleibt Euch das Leben!“— donnerte ihm Ottowaldsky 112 zu. Aber ein Gruß aus Chriſtophs Gürtel⸗Piſtole lähmte ihm in demſelben Momente den Arm, der Ver⸗ räther ſank, und über ihn und neben ihm ſtürmten ſeine Begleiter auf Wunſch ein. Chriſtoph ſchwang jetzt wie ein raſender Alcid im Reſſus⸗Gewande ſeine Lanze hierhin, dorthin; rechts und links, hinab und zur Seite flogen ſeine Hiebe. Als gälte es dieſen Rieſenkampf auf der uralten Mol⸗ daubrücke allein auszukämpfen, raſte der junge Mann unter den blutigen Köpfen ſeiner Gegner, dort ver⸗ wundete, hier tödtete er Einen, dort jagte er einen Drit⸗ ten über das ſteinerne Geländer in die Moldau, dort wieder wandte ein Anderer mitzerſchmettertem Schãä⸗ del ſeinen Rücken, um heulend auf die andere Seite der Brücke zu entfliehen— kurz, in weniger als einer halben Stunde waren alle achtzehn Schweden von dem ſiegreichen„Jwaniten“ getödtet, verwundet oder flüch⸗ tend zurückgewieſen. Von dieſem erhabenen Beiſpiele eines wahrhaft unglaublichen Muthes und einer ſeltenen Körperkraft begeiſtert, ſchlugen nun auch die anderen Studenten mit ihren Morgenſternen und Piken ſo wacker drein, daß die Schweden auch diesmal über die Moldau⸗ brücke in's Kleinſeitner Lager zurückgewieſen wurden. Wenige Studenten waren verwundet, einige gefangen⸗ ———„ 113 genommen worden. Chriſtoph Wunſch, der Stärkſte der Starken, der Muthigſte der Muthigen, wurde, die Univerſitätsfahne im Arme, von ſeinen Mitſtreitern durch das Altſtädter Brückenthor in den Hof des Cle⸗ mentinums getragen, wo ihn Don Arehazaga und Profeſſor Plachy feierlich als den Tapferſten der Stu⸗ dentenſchaar begrüßten. Das war eine ſtrahlende That des Muthes und der Tapferkeit— aus eigener Kraft! Meinert erzählt alſo dieſe Begebenheit:„Im Jahre 1648 hätte die Prager Brücke den 2500 Schweden, die ſich unter Königsmark in der Nacht vom 25 zum 26. des Heumonds der Kleinſeite be⸗ mächtigt hatten, zum Uebergange in die Altſtadt die⸗ nen und die Plünderung Prags allgemein machen können, wenn nicht der Jeſuit Plachy noch früh genug herbeigeeilt wäre, das Fallthor des Altſtädter Brücken⸗ thurmes herabgelaſſen und die Beſatzung desſelben verſtärkt hätte. Sie war nun, bis der Osnabrücker Friede geſchloſſen wurde, zum Theil ſelbſt der ſchmale Schauplatz der letzten blutigen Auftritte des verheeren⸗ den dreißigjährigen Krieges, der ſich in Böhmen ent⸗ zündet hatte. Sie wurde Zeugin der Tapferkeit, wo⸗ durch eine im Ganzen ungeübte, in Eile zuſammenge⸗ 114 raffte, zum Theile aus Jünglingen beſtehende, aber von Vaterlandsliebe beſeelte und von den Jeſuiten ange⸗ feuerte Mannſchaft, ſich auszeichnete. Auf ihr fiel das Gefecht zwiſchen den Schweden und den Zöglingen der hohen Schulen vor, in welchem einer der letztern, Chriſtoph Wunſch, mit achtzehn Feinden allein, verwundet und ſiegreich kämpfte.“ Daß aber ſolche Thaten und Kraftübungen der damaligen Studentenſchaft Prags, dieſes markigen und unentnervten Geſchlechtes, nichts Ungewöhnliches waren, dafür führt uns Joſeph Schiffner in ſeiner „Gallerie der merkwürdigſten Perſonen Böhmens“ einen Beweis an, indem er erzählt:„Die Schweden bewunderten auch die anſehnliche Geſtalt des Plachy, der 6 Fuß und 4 Zoll hoch geweſen ſein ſoll. Man unterhielt ſich mit manchen Anekdoten, die von ihm in dem ſchwediſchen Lager ausgeſtreut wurden, und kam dann über die Leibesſtärke einiger Studenten zu ſpre⸗ chen. Die Schweden zweifelten an der Wahrheit der Erzählungen, und Plachy ſollte ſich angetragen haben, die Sache durch Thaten zu beſtätigen. Man ſagt, erhätte einem von dem Gefolge ſeiner Studenten befohlen, die Probe ſeiner Leibesſtärke abzulegen. Dieſer ergriff mit einer Hand zu unterſtden Seſſel mit einem darauf ſitzen⸗ 1¹⁵ den ſchwediſchen Obriſten und ſetzte ſolchen ohne die geringſte Anſtrengung auf den Tiſch. Die Gäſte er⸗ ſtaunten über dieſe Unternehmung. Der Obriſt bat ihn wieder herunter zu ſetzen, und der Student brachte ihn mit gleicher Leichtigkeit an die vorige Stelle.“ VII. Das unterbrochene Vpferfeſt. Im Hauſe des Primators Turek von Sturmfeld war ſeit jenem Abende, wo Anna in Folge der Mit⸗ theilung des Grafen Orlando zu den Füßen ihrer hohen Pathin niedergeſunken war, eine traurige Zeit eingetreten. Das Fräulein fiel wie die vom Sturm geknickte Roſe zu Boden, und eine vierzehntägige ſchwere Krankheit war die Folge ihres tiefen Schmer⸗ zes, der ihr Herz zu brechen ſchien; denn der Mann, den ſie mit aller Kraft ihrer erſten, reinſten Jugend⸗ liebe als ihr Ideal verehrt hatte, ſtand nun entehrt vor ihrem Auge. Nur allmälig genas Anna v. Sturm⸗ feld unter der ſorgſamen Pflege ihrer Mutter. Aber dieſe und Graf Orlando hatten jetzt viel leichteres Spiel, um das Herz des Fräuleins für den Gedanken einer Verbindung mit Letzterem empfänglich zu ma⸗ chen. Stand doch das ſtrahlende Bild des Erſtgelieb⸗ 117 ten nicht mehr vor der Pforte dieſes jungen Herzens, um dasſelbe gegen den Andrang einer fremden Macht zu wahren. Graf Orlando hatte ſich kluger Weiſe der Partei der Schweden nicht mit jener Entſchloſſenheit genähert, wie dieſe es erwartet und bei Ottowaldsky auch wirklich erzielt hatte. Orlando hatte gehört, daß man dem fränkiſchen Ritter im ſchwediſchen Lager nicht Wort hielt, daß man ihn, nachdem durch ſeine Verrätherei die Kleinſeite Prags einmal in die Hände der Schwe⸗ den gerathen, wie eine ausgepreßte Citrone behandelte. Zwar hatte ihm die Königin von Schweden den Adels⸗ titel„Streitberg“ verliehen— aber ein bloßes Prä⸗ dikat war dem hochſtrebenden Manne nicht genug, we⸗ der der erwartete Generalshut noch reiche Geſchenke entſchädigten ihn, und er begann noch im ſchwediſchen Lager ſeine That zu bereuen. Graf Orlando hatte dies durch ſchwediſche Ueber⸗ läufer erfahren, und er, der ohnehin mehr aus Eitel⸗ keit ſich geltend zu machen, als aus wirklicher Neigung mit der ſchwediſchen Sache geliebäugelt hatte, zog ſich vor dem Falle der letzten Zugbrücke zurück, und trat jetzt plötzlich als eifriger Anhänger der kaiſerlichen Sache um ſo kühner und entſchiedener hervor, als er ſeine Leidenſchaft wachſen fühlte, ſeine Bewerbungen 118 in dieſem Hauſe von den Eltern Anna's nicht zurück⸗ gewieſen wurden, und ſein Verbleiben in Prag daher ebenſo klug als nothwendig erſchien. Primator von Sturmfeld hatte den Grafen überdies aufgefordert, ſich an die Spitze eines Fähnleins der Stadtvertheidiger zu ſtellen, und ſo prangte denn Graf Orlando baldunter der Reiterei des Adels im glänzenden Waffengewande. Dieſe von ihm mit allem Pompe zur Schau getragene Ergeben⸗ heit für die kaiſerliche Sache im Gegenſatze zu jenen Nachrichten, die er Anna über Wunſch gebracht hatte, bewirkten, daß das Fräulein ſeine Bewerbungen mit milderen Augen anſah, wozu endlich auch die Zuſprache der Mutter weſentlich beitrug, welche jetzt, da der Primator durch die Unterſtützung der Vertheidigungs⸗ anſtalten der Stadt nur zu häufig von ſeinem Hauſe abgezogen wurde, faſt die einzige Gefährtin ihrer Toch⸗ ter, und die Lenkerin ihrer Geſinnungen und Hand⸗ lungen war.. Aber die Macht der erſten Liebe iſt eine unüber⸗ windliche, und die Liebe vertraut, ſie duldet, ſie ver⸗ zeiht; denn ſie denkt nichts Arges. Die erſte Liebe gleicht im erhabenen Bilde zuweilen einem Irrſterne, der lange von dem Bilde ſeiner Sonne abgewendet, in fernen Regionen des Weltalls irren mag, immer aber wieder zu ihrem ſtrahlenden Bilde zurücktehrt, wo er ———— ———— 119 Leben und Wärme findet; ſie gleicht im kleinen ge⸗ wöhnlichen Bilde einem Blatte, welches die Hand des Menſchen gefalzt hat; mögen hundert andere Linien darauf gezogen werden, ſie werden den Bugnicht mehr verlöſchen, der in das Blatt des Lebens, in das Herz, von der Hand der Liebe gemacht wurde. Anna von Sturmfeld liebte den ritterlichen Sohn der alma mater mit dem Feuer der erſten, reinſten Liebe, ſie glaubte daher an ihn, und weniger an das, was ſeine Gegner über ihn verbreiteten. Hatte auch die erſte Kunde, welche ihr Graf Orlando über Wunſch gebracht, ihr Innerſtes bis in die Tiefen der Seele erſchüttert, ſo fand doch die Liebe bald wieder tauſend Gründe für die Unwahrheit der An⸗ ſchuldigung, und je länger das Fräulein über die Sache nachdachte, deſto gewiſſer wurde ihr: daß die Miß⸗ gunſt des Grafen Orlando und der Stolz der Mutter es ſeien, welche ihr das Bild des geliebten Mannes mit ſo ſchwarzen Farben malten;— ein leiſes Lächeln und tiefes Schweigen war daher nun alles, was Anna derlei ferneren Berichten des Grafen und den Mahn⸗ worten ihrer Mutter entgegenſetzte, wenn dieſe über ihre Neigung zu Wunſch, wovon ſie durch den Grafen Orlando uunmehr umſtändlich in Kenntniß geſetzt worden war, zu ſpotten begann, und die Bemerkung hinwarf, daß das Fräulein von Sturmfeld doch nicht als eheliches Gemahl eines„Studenten“ die Salva⸗ torskirche betreten würde. Anderſeits war aber Frau Turek von Sturmfeld eine zu wohlerfahrene und ent⸗ ſchloſſene Dame, um nicht zu wiſſen, daß dieſer Sache ein ſchnelles Ende gemacht werden müſſe, damit nicht das Haus des Primators dem Spotte der Bekannten und Freunde ausgeſetzt ſei, und die thörichte Neigung Anna's zu dem Studenten mächtigere Wurzeln faſſe. Der 16. September, der Tag der heiligen Lud⸗ milla, war bereits ſeit mehren Wochen verſtrichen, aber der Wunſch Frau Lidwina's, an dieſem Tage die Trauung ihrer Tochter mit dem Grafen Orlando in der Salvatorskirche zu vollziehen, konnte theils wegen der andauernden Kränklichkeit des Fräuleins, theils in Folge der inzwiſchen eingetretenen Belagerung der Pra⸗ ger Städte nicht ſtattfinden. Frau Lidwina von Sturm⸗ feld ließ dieſe Zeit dennoch nicht unbenützt verſtreichen. Sie kannte ihren edlen Gemahl. Sie wußte, daß dieſer wahrhaft geſinnungstüchtige Mann von klarem Blicke und ſeltener Entſchloſſenheit kein Vorurtheil des Stan⸗ des kannte, daß ihm der Landmann am Pfluge eben ſo viel galt, wie der Junker im Prachtſaale. Herr Turek von Sturmfeld hatte, auch außer der Empfeh⸗ lung durch Rabbi Bezalel Löw, gar viel von dem ——— 121 Muthe und der hohen Geiſtesbegabung des nunmehr nach Vollendung ſeiner Studien von der Univerſität Chriſtoph Wunſch gehört. Er wußte, daß ſeinem Hauſe durch Wunſch zweimal, in der Höhle des heiligen Jwan und bei der Mühle in der Scharka, wichtige Dienſte geleiſtet worden waren, er fühlte ſich daher dem jungen Manne noch immer hoch verpflichtet, und ſein gegen denſelben kürzlich geäußertes Bedauern, ihm die Stelle des Geheimſchreibers an der Altſtäd⸗ ter Rathstafel für jetzt nicht verleihen zu können, war ein aufrichtiges. Aber er wollte deswegen doch nicht in der Schuld des jungen Mannes verbleiben, und nur die tauſendfältigen Geſchäfte, welche ihn während der Belagerung in Anſpruch nahmen, hinderten ihn für jetzt, ſeine Abſicht auszuführen und mit Chriſtoph Wunſch eine ernſte und umſtändliche Rückſprache über deſſen künftige Lebensrichtung zu pflegen. Dagegen dachte Frau Lidwina an nichts anderes als an die baldige Verbindung Anna's mit dem Grafen Orlando. Auch ſie wußte, daß die Dienſte, welche der „Studioſus“ Chriſtoph Wunſch dem Turek ſchen Hauſe geleiſtet hatte, noch nicht gebührend belohnt waren. Sie wünſchte, daß dies geſchehe, aber eine Geldablohnung des Jwaniten erſchien ihr am geeignetſten, und zwar eine baldige, damit der Studioſus nie mehr die Kreiſe 1861. Xl. Ein böhm. Student. II. 8 122 der Turel ſchen Familie berühre, und ſeiner Wege ziehe, unter den„Leuten ſeines Gleichen.“ Frau Lud⸗ wina hatte daher nichts Angelegentlicheres zu thun, als ihrem Gemahl mit aller Ueberredungsgabe zwei Punkte zu beweiſen: erſtens, daß er die Rechnung, welche Wunſch an die Turek'ſche Familie zu ſtellen habe, eheſtens mit Geld löſchen müſſe; zweitens, daß ſich die Vermählung Anna's mit dem Grafen Orlando nicht länger mehr aufſchieben laſſe, weil dieſer hoch⸗ willkommene Freier ſonſt nach Welſchland abgehen würde, um ſich mit einem andern, ſeine Vorzüge höher ſchätzenden Hauſe zu verbinden, und das Haus Turek dem Spotte Preis zu geben, denn Frau Lidwina von Sturmfeld hatte die bevorſtehende Verbindung ihrer Tochter mit ihm bereits in alle Winde ausgerufen. Herr Niklas Turek von Sturmfeld beſaß alle gu⸗ ten Eigenſchaften, welche den Mann zieren können, aber— er liebte auch den Hausfrieden, und ſo ſtark⸗ müthig und feſt er auf dem Ehrenſitze an der Altſtäd⸗ ter Rathstafel war, ſo weich und gelenkig war er im Familienrathe des eigenen Hauſes. Die Verbindung ſeiner Tochter mit dem Grafen Orlando würde ihm geſchmeichelt haben, und er hatte daher, als Frau Lid⸗ wina ihm die ernſtlichen Abſichten des Grafen mit⸗ theilte, nur Eines einzuwenden, nämlich: daß die 123 Kunde von deſſen angeblicher Begüterung in Italien, wie überhaupt von ſeiner hochadeligen Abſtammung nur auf eigenen Angaben beruhe. Als aber Orlando vor ihn hintrat, ſich mit ſeinem Adelsdiplom über ſeine hohe Geburt, und mit einigen mit großen Bullen behangenen Lehensbriefen über ſeine Liegenſchaften im Lombardiſchen auswies, da ſchwanden auch dieſe Zwei⸗ fel des Primators und wichen einer argen Mißſtim⸗ mung, die ihn nun beſchlich, als Frau Lidwina und Graf Orlando ihm als Nebenbuhler des Letzteren den kaum der Hochſchule entwachſenen Studioſus Chri⸗ ſtoph Wunſch bezeichneten. Der Primator achtete den jungen Wunſch nach dem, was er von ihm bisher ge⸗ hört, allerdings ſehr hoch; er wußte ſich nicht zu ent⸗ ſinnen, daß ein Studirender der Hochſchule Prags jemals ſolche Proben von Kenntniſſen und Tapferkeit zugleich abgelegt hatte, wie Chriſtoph Wunſch; und als dieſer zuletzt auf der Prager Brücke, gleich einem zweiten Horatius Coecles, allein ſiegreich gegen acht⸗ zehn Schweden gekämpft hatte, da zog der Primator, als ihm auf dem Rathhauſe hievon die erſte Kunde ward, ſein Sammtbaret vom ſilbergrauen Haupte, und rief mit feuchtem Blicke zum Himmel hinauf „Herr, ich danke dir! ſo lange mein Böhmen noch ſolche Jünglinge ſein nennt, wird und muß es wahr⸗ 8* 124 haft der Schild unter den Ländern meines erlauchten Monarchen verbleiben.“ Jetzt erinnerte ſich aber der Primator auch, daß er noch immer in der Schuld dieſes jungen Mannes ſtand, und mit dem feſten Willen, dieſe Verpflichtung endlich auf befriedigende Weiſe zu löſen, berieth er ſich zunächſt mit Frau Lidwina, denn dies war ja eine Angelegenheit, welche in das Hausbereich und nicht mehr auf den Rathstiſch des Primators gehörte. Aber Frau Lidwina erhielt hiedurch eine willkommene Ge⸗ legenheit, mit Einemmale ihrem Ziele näher zu rücken. Noch einmal ſchilderte ſie ihrem Gemahle mit ſcharfem Spotte die Kühnheit des Studenten, der ſein Auge bis zur Tochter des Primators zu erheben wagte, im Gegenſatze zu den ernſten und ehrenvollen Bewer⸗ bungen des reichen Grafen Orlando.—„Du mußt,“ — ſchloß Frau Lidwina ihre Standrede an ihren Ge⸗ mahl,—„du mußtden Studioſus auf die Rathsſtube beſcheiden, ihn befragen, was du für ihn thun kannſt, um ihm unſere Dankbarkeit für den zweifachen Dienſt abzutragen, den er unſerer Familie erwieſen, dann aber ihm kurz und bündig erklären, daß unſere Toch⸗ ter demnächſt den Kirchgang als Braut des Grafen Orlando machen werde, und jede nähere Beziehung zu einer andern Perſon, als ihren künftigen Bräuti⸗ — —ꝛ 125 gam, ernſtlich vermieden wiſſen wolle.“— In die⸗ ſem Sinne ſprach Frau Lidwina noch lange, und deren Gemahl begann zuletzt wirklich einzuſehen, daß eine offene, ehrliche Sprache im Grunde die beſte ſei, um„keimende Blüthen einer nicht zu billigenden Liebe,“ wie er ſich ausdrückte,„auszujäten, und— dar⸗ um eben,“— ſagte er ſchließlich entſchloſſen,—„ſei die Vermählung Anna's mit dem Grafen ſo raſch als möglich zu vollziehen.“ WMit freudeſtrahlendem Geſichte vernahm Frau Lidwina dieſe Erklärung ihres Eheherrn. Sie kannte ſeinen entſchloſſenen Charakter; Anna's Vermählung mit dem Grafen Orlando war alſo ſo gut als volt⸗ zogen, ob auch dem zurten Mädchen das Herz darüber brechen mochte. Schon am nächſten Abende ſtand Chriſtoph Wunſch, der von den Studenten ſeit der ſtrahlenden That auf der Moldaubrücke nicht mehr„der Jwanit“, ſondern „Horatius Cocles,“ und„der ſtarke Ritter St. Georg“ zubenannt wurde, der das Schwert des Brunswik in der Moldau gefunden habe, vor dem Primator, der ihn zu ſich beſchieden. Er mußte ſeinen verwundeten rechten Arm in einer Schlinge tragen, und auch ſein linker Fuß war mit ſchwarzen Bändern umwunden, denn eine ſchwediſche Lanze hatte demſelben zur Ader 126 gelaſſen. Bleich, aber mit feurigem Blicke, ſtand der ſchöne, hochgewachſene junge Mann da. Stolz hob ſich ſein blendender Nacken zwiſchen der ſchneeweißen Halskrauſe, an ſeiner ſchlanken Hüfte hing am ver⸗ goldeten Wehrgehänge der ſcharfe Stoßdegen, das letzte Geſchenk des verſtorbenen Rabbi Löw, über ſeine rechte Schulter lief die weißrothe Feldbinde, aus ſei⸗ nem ebenmäßigen Antlitze blickte die Treue, ſeine ſchöne hohe Stirne neigte ſich vor dem Primator. „Was befehlt Ihr? Herr!“— fragte er mit ſanf⸗ ter Stimme. „Nun, Gott zum Gruße, mein muthvoller Freund!“ — rief der Primator mit bewegter Stimme, indem er auf den jungen Mann zutrat und ihm beide Hände zum Gruße darreichte,—„wie freut es mich, Euch endlich einmal ſo recht von Angeſicht zu Angeſicht be⸗ trachten zu können.“— Mit hohem Wohlgefallen ruhte der Blick des Primators auf dem jungen Manne, wel— cher ſeiner Befehle gewärtig mit offenem, klarem Auge vor ihm ſtand.—„Ich habe Euch zu mir beſcheiden laſſen, mein wackerer Freund,“— fuhr der Primator fort,—„um Euch endlich einmal unter vier Augen zu ſagen, wie hoch ich mich Euch verpflichtet fühle für die muthvollen Dienſte, welche Ihr meiner Familie zweimal, in der Grotte bei St. Jwan, und durch die e 127 Rettung meines Töchterleins aus dem Mühlenwaſſer der Scharka, erwieſen habt.— Sagt, wie kann ich Euch lohnen?“ Chriſtoph hob ſein großes Auge empor.—„Ihr ſeid ſelbſt zu edel und rechtdenkend, Herr Primator,“ — ſagte er,—„um mir zuzumuthen, daß ich mich für eine zufällige Rettungsthat, die ich eben ſo gut, und jeder Andere an meiner Stelle, für das Kind des geringſten Bettlers vollbracht haben würde, wie für das Eure, ablohnen laſſe, wie Ihr Euch auszudrücken beliebt.“ „Ja, ja,“— fiel ihm der Primator raſch in's Wort, — eine ſolche Antwort habe ich erwartet, aber manch' Anderer würde an Eurer Stelle doch anders reden. Wie leid iſt es mir, daß die Herren an unſerm Altſtäd⸗ ter Rathstiſche noch immer nicht einig ſind wegen der Beſetzung der Geheimſchreiberſtelle, welche Euer Zieh⸗ vater für Euch erbeten hat.“ „Hat er das?“— rief Chriſtoph Wunſch, und der Ausdruck tiefer Rührung trat auf ſein ſich röthendes Antlitz. „Ja, das that er,“— entgegnete der Primator, — und der Ziehſohn eines ſo edlen Vaters verdient gewiß jede Berückſichtigung. Er würde ſie von meiner Seite ſchon lange erfahren haben, wären nicht die 128 verſchiedenen Parteiungen, und die inzwiſchen einge⸗ tretenen Stürme der Belagerung hindernd entgegenge⸗ treten, und die Verhältniſſe ſonach mächtiger als mein Wille.— Aber ſeid verſichert, junger Mann, ich will und werde etwas für Euch thun, und da Ihr ſeit der Einziehung des Nachlaſſes Eures Ziehvaters für die Gemeindekaſſe der Judenſchaft und die iſraelitiſche Verwandtſchaft des Rabbi, ſicher ohne dem nothwen⸗ digen Unterhalte ſeid, und vielleicht darben müßt, ſo wünſchte ich Ener Loos zu verbeſſern, und biete Euch einſtweilen in meinem, in der Altſtadt auf dem Beth⸗ lehemsplatz gelegenen Hauſe frei Quartier und Be— köſtigung an.“ Chriſtoph Wunſch verneigte ſich.—„Ihr irrt, Herr Primator,“— ſagte er, und wieder trat eine flüchtige Röthe auf ſeine Wange,—„Ihr irrt, wenn Ihr meint, daß ich ſeit meines edlen Ziehvaters Tode verlaſſen und hülflos daſtehe. Nur wer ſich ſelber auf⸗ gibt, iſt verlaſſen. Es wäre ſchlecht um mich beſtellt, hätte ich nur am wohlbeſetzten Tiſche meines Zieh⸗ vaters gedeihen können; dieſer Edle hat mich gelehrt, daß Glücksgüter wandelbar, daß Geld ein gar unver⸗ läßlich Ding ſei; er hat, vielleicht in der Vorahnung, daß mir nach ſeinem Tode kein Kopfliſſen bleiben werde, um mein Haupt darauf zu legen, meinem fünf⸗ 129 tigen Schickſale eine feſte Grundlage gegeben, indem er mich in Kenntniſſen und Wiſſenſchaften unterrichtet, und mich in vollen Zügen am Borne der Wiſſenſchaf⸗ ten unſerer alma mater hat ſchlürfen laſſen, und ſo kann ich, ob auch der Raſen über dem Grabe mei⸗ nes großen Wohlthäters zu grünen beginnt, dennoch mit dem griechiſchen Weiſen ausrufen: Onmia men mecum porto! Ihr wißt, Herr Primator,“— ſchloß der junge Mann ſeine Rede,—„Ihr wißt, daß ſelbſt die gegenwärtigen Belagerungsſchrecken das ſtille Wal⸗ ten der Wiſſenſchaft in unſerer Stadt nicht ganz unter⸗ drücken konnten; Ihr wißt, daß erſt noch am 3. Auguſt in der welſchen Kapelle durch Pater Arriaga, den Kanz⸗ ler derFerdinandeiſſchen Hochſchule, in feierlicherSitzung, welcher auch General Buchheim mit ſeinen Oberſten beiwohnte, neunundzwanzig Magiſter der Philoſophie promovirt worden ſind. Die Erſparniſſe aus den Ge⸗ ſchenken meines Ziehvaters, die ich bei dem Scheiden aus deſſen Hauſe als mein Eigenthum mitn ehmen durfte, und meine erworbenen Kenntniſſe ſetzten mich in den Stand, mir die akademiſche Würde eines Ma⸗ giſters der Philoſophie zu erwerben, und ich bin einer jener neunundzwanzig, welche am 3. Auguſt dieſe Würde im Clementino erlangten. Ich bin ſeit jener Zeit in den Stand geſetzt, mitten im Belagerungsgetümmel, 130 ſoweit dieſes es zuläßt, mir meinen Unterhalt durch häuslichen und öffentlichen Unterricht Anderer zu ver⸗ dienen, wozu mir unſer gefeierter Profeſſor Plachy reichliche Gelegenheit verſchaffte. Ihr ſeht alſo, edler Herr, daß ich geborgen bin, und werdet verzeihen, wenn ich Euer gutgemeintes Anerbieten einer Unterſtützung oder Ablohnung deſſen, was ich als Chriſt und Mann von Ehre ohnedies zu thun verpflichtet war, beſcheiden zurückweiſe, denn mich nährt und ſtärkt das Vertrauen auf die Vorſehung, und auf die eigene Kraft!“ Der Primator hatte den jungen Mann mit keinem Worte unterbrochen;— wohlgefällig blickte er auf deſſen ſtets höher leuchtende Augen und feurig gers⸗ thete Wangen.—„Aus eigener Kraft!“— ſagte er jetzt,—„ja! es iſt in der That ein ſchönes Bewußt⸗ ſein, Alles nächſt Gott ſeiner eigenen Kraft, ſeinem eigenen Fleiße, ſeinem eigenen Muthe zu verdanken, und Niemands Schuldner zu ſein.“ „Darum wollen auch wir Niemandem Schuldner bleiben, und am wenigſten unbekannten, außer unſeren Kreiſen ſtehenden Perſonen,“— fiel hier eine weib⸗ liche Stimme ein. Dieſe gehörte der Frau Lidwina von Sturmfeld, welche, ihren golddurchwirkten Beutel am Arme tragend, durch eine Seitenthür in den Em⸗ pfangsſaal getreten. 131 Chriſtoph Wunſch verneigte ſich, und die Gemahlin des Primators wandte ſich ſogleich zu ihm:„Wir ſind Euch hoch verpflichtet, Herr Studioſus,“— ſagte ſie in einem zwar ruhigen, aber einige Gereiztheit verra⸗ thenden Tone.—„Es iſt daher gut, daß wir die Sache auf einmal abthun, und ein offenes Wort mit einander reden können, welches ſchon ich ergreifen muß, da mein Gemahl, wie ich ihn kenne, wahrſcheinlich nicht deutlich genug geſprochen haben dürfte.“ „Was willſt du, Lidwina?“— fragte der Prima⸗ tor, der die zuweilen verletzende Raſchheit und ſtolze Unduldſamkeit ſeiner Gattin kannte. Frau Lidwina ließ ſich aber nicht unterbrechen. —„Ihr habt, Herr Studioſus,“— ſagte ſie,— „zweimal unſerer Familie wichtige Dienſte geleiſtet. Dafür ſind wir Euch hoch verpflichtet, und ſehnten uns lange ſchon darnach, Euch dieſelben zu vergelten, ſo gut wir dies im Stande ſind Aber durch Eure zwei⸗ fache Begegnung mit uns iſt es leider dahin gekom⸗ men, daß das dankbare und zartfühlende Herz meiner älteren Tochter Anna ſich, wie mir von glaubwürdi⸗ ger Seite berichtet wurde, und ich ſpäter von Anna ſelbſt erfuhr, zu Euch, Herr Studioſus, mehr als ge⸗ bührlich hingezogen fühlt.“ Auf die Wangen des Angeredeten trat hohe Röthe. Der Primator wollte Einſprache thun, aber Frau Lid⸗ wina ließ ſich in ihrem Redefluſſe nicht mehr unter⸗ brechen.—„Mehr als gebührlich hingezogen fühlt,“ — wiederholte ſie,—„denn Jedermann, der vernünf⸗ tig denkt, wird zuletzt einſehen, daß ungleiche Räder an Einem Wagen, wieungleiche Paare vor dem Altare nicht taugen. Dem Fräulein Anna von Sturmfeld kann und darf ſich nur ein Mann von hohem Stande nä⸗ hern; daher erſuche ich Euch, Herr Studioſus, meinem Hauſe fern zu bleiben und die Ruhe desſelben nicht zu ſtören, ſo lange Ihr nicht durch Eure Verdienſte in den Adelsſtand getreten, oder einſt als Majeſtätsrath des Kaiſers uns ebenbürtig geworden ſeid. Für Eure Dienſte aber bitte ich Euch, ein wohlverdientes Ge⸗ ſchenk anzunehmen, welches ich gern verdoppeln und verdreifachen möchte, wenn ich Euch dadurch bewegen könnte Prag zu verlaſſen, und anderweitig Euer Glück zu verſuchen, damit Ihr nicht mehr in die Lage kommt, meiner Tochter in die Nähe zu treten, und die Kreiſe zu berühren, für die Ihr nicht geboren ſeid; denn ich muß Euch zuletzt auch ſagen, daß Anna ſeit kurzem die Braut eines Mannes von hohem Adel iſt, mit welchem ſie bereits nächſter Tage vor den Altar des treten wird, um von dieſem Kirchgange als räfin heimzukehren!“ —, „———— 133 Nach dieſer mit ſteigendem Affekte ausgeſtoßenen Rede griff Frau Lidwina nach dem grünſammtnen Beutel an ihrer Seite, und zog eine Rolle hellblitzen⸗ der Goldſtücke hervor, die ſie dem jungen Manne in die Hand drücken wollte. Aber weithin auf den Fußteppich des Saales ſchleuderte Chriſtoph Wunſch das Geld.—„Ihr ver⸗ kennt mich ganz und gar, edle Frau!“— rief er, und ſein Antlitz flammte, ſein Auge leuchtete in Fieber⸗ glut,—„Ihr verkennt mich ganz und gar, wenn Ihr meint, daß ich Thaten der Pflicht und Menſchenliebe mir mit Geld ablohnen laſſe. Ihr irrt, wenn Ihr meint, daß ich mich in Eure Kreiſe eindränge, und den Abſich⸗ ien und Plänen, die Ihr für das künftige Lebensglück Eurer Tochter hegt, ſtörend entgegentreten wolle. Wahr iſt es, mein Herzfühlte ſich zu Anna von Sturmfeld hin⸗ gezogen, ſeit ich das Fräulein zum erſten Male in der Grotte bei Beraun geſehen. Ich würde es für das höchſte Glück meines Lebens anſehen, die Hand dieſer edelſten und ſchönſten Blume im Kreiſe der Frauen Prags verdienen, und an ihrer Seite mein Erdenleben vollbringen zu können; aber fern ſei es von mir, die Gunſt des Fräuleins gegen den Willen ihrer Eltern erringen zu wollen. Ich werde das Feld räumen, hoch⸗ edle Frau, ich werde dieſe Stadt verlaſſen, wo mir 134 keine Roſe mehr blüht; aber nicht, weil Ihr mich von Euren Kreiſen fern wiſſen wollt, nein, weil ich ſelbſt ſchon lange zu dieſem Entſchluſſe gelangt bin. Meine nunmehrige akademiſche Würde befähigt mich, auch anderwärtig mein Leben zu friſten, und das Land Un⸗ garn ſoll fortan der Boden ſein, wo ich mein ferneres Leben verbringen, und mir eine neue Heimat ſuchen will; denn wenn nicht alle Nachrichten trügen, welche mein Ziehvater Rabbi Löw über meine Herkunft in den Gegenden meines erſten Jugendaufenthaltes ein⸗ gezogen, ſo ruhen im fernen Ungarn die Gebeine meiner von mir nie gekannten Eltern!“ Der ſonſt ziemlich wortarme junge Mann ſenkte nach dieſer mit großer Bewegung geſprochenen Ver⸗ theidigung ſein feuchtes Auge. Die Frau des Prima⸗ tors blickte ſchier beſchämt auf den Fußteppich, Herr Turek von Sturmfeld aber ergriff die Rechte des jun⸗ gen Mannes.—„Verzeiht, Herr Magiſter,“— ſagte er,—„wenn meine Gemahlin, die Euch und Eure ſeit⸗ her um die Stadt Prag erworbenen großen Verdienſte nicht kannte, Euch mit ihren Worten, wie mit ihrem Anerbieten kränkte, meine Anſicht war und iſt eine andere. Nicht Geld und Geldeswerth ſind im Stande, Eure Hochherzigkeit, Euren Muth, Eure Tapferkeit zu lohnen, die Stadt Prag wird Euch und Euren wackern —— §—— 135 Univerſitätsgenoſſen danken für Eure ſo glorreiche Mitwirkung bei der Vertheidigung der Prager Städte. Jetzt zieht hin mit Gott, und unſertwegen dürft Ihr Prag nimmer verlaſſen; denn von einem jungen Mann von ſolcher Hochherzigkeit wird unſere Familie keine Störung zu befürchten haben. Wollt Ihr aber früher oder ſpäter die Stadt Prag aus eigenem Antriebe ver⸗ laſſen, um anderweitig Euer Glück zu verſuchen, ſo will ich Euch gern Empfehlungen an meine Freunde in Riederöſterreich oder in Preßburg mitgeben, und Ihr werdet durch eine ſolche Entfernung auch jenen Verfolgungen entgehen, die Eure Gegner ſelbſt wider Eure Herzensreinheit durch die Verbreitung ehrenrüh⸗ riger Gerüchte bethätigen, deren Grundhältigkeit aber der erſte Blick in Euer reines Auge widerlegt.“ Der Primator ſpielte hier auf die durch Graf Or⸗ lando im Turek'ſchen Hauſe verbreitete Kunde von dem, freilich unfreiwilligen Aufenthalte Chriſtophs im Hauſe der Türkin an. Der junge Mann verſtand ihn aber nicht, er wollte noch fragen, was der Primator mit den Worten„ehrenrührige Gerüchte“ ſagen wollte, aber dieſer nickte ihm freundlich zu, gab ſeiner Ge⸗ mahlin den Arm, und der Magiſter ſtand jetzt allein im Saale. Doch nicht für lange, denn ein heimlicher Lauſcher, 136 der ſchon geraume Zeit im anſtoßenden Bibliotheks⸗ zimmer geharrt haben mochte, ſchwebte jetzt in den Saal— ſchön wie ein Engel, aber bleich und leidend, und mit thränennaſſen Wangen ſtand wenige Schritte vor Chriſtoph Wunſch Anna von Sturmfeld. Sie hatte nie an ſeinem Herzen gezweifelt, denn die Liebe iſt gläubig. Lange ſchon hatte Anna vergeſſen, was Graf Orlando ihr über des jungen Mannes Auf⸗ enthalt in dem verrufenen Hauſe in's Ohr geraunt; denn die Liebe verzeiht ja das wirklich Geſchehene, wie ſollte ſie ob des nicht Geglaubten zürnen? Es war der Augenblick der erſten Begegnung ohne Zeugen. Die Augen ſuchten einander, die Lippen öffne⸗ len ſich, die Arme ſchienen ſich ausbreiten zu wollen, — der Ausdruck des höchſten Entzückens im ganzen Weſen Beider war jener der reinſten, tiefinnigſten Liebe, einer Liebe, die zu erhaben, zu heilig iſt, um ein menſch⸗ liches Wort als Ausdruck zu finden. Der junge Mann, ſeines Gefühles nicht mehr Meiſter, blickte der lieblichen Jungfrau in's Auge, dann beugte er ſein Knie, ſtürzte zu ihren Füßen hin, und— fand eben noch den rechten Augenblick, um raſch wieder aufzuſpringen, und den Zweig von dunk⸗ lem Rosmarin auf ſeiner Bruſt zu bergen, welchen das Fräulein fallen gelaſſen, denn in dieſem Augen⸗ 137 blicke öffnete ſich die mittlere Saalthüre, und Frau Polyrena von Lobkowitz trat herein. Die edle Dame hatte eben noch geſehen, wie der junge Mann zu den Füßen ſeiner Erſehnten hingeſtürzt war, aber ſie war zu klug und gut, um auch nur einen Augenblick mer⸗ ken zu laſſen, daß ſie eine ſtille Zeugin dieſer Szene geweſen. Sie erwiderte vielmehr mit einer freundli⸗ chen Verbeugung den ehrerbietigen Gruß des den Saal verlaſſenden jungen Mannes. Dann aber ſtürzte Anna, in heiße Thränen ausbrechend, in die Arme ihrer Pathin, und berichtete dieſer mit gebrochenem Herzen, daß ſie eben den Kranz von Rosmarin und Myrthen zugeſandt erhalten habe, mit welchem ge⸗ ſchmückt ſie nach drei Tagen, dem Willen ihrer Eltern gemäß, in der St. Salvatorskirche als die Braut des Grafen Orlando zum ehelichen Bunde mit demſelben eingeſegnet werden ſolle. Anna hatte ihrer Pathin recht berichtet. Schon drei Tage darauf, als eben die Schweden am jenſeiti⸗ gen Ufer ihr Feuer eingeſtellt hatten, und eine kurze Waffenruhe für die Prager eingetreten war, ſaß Anna von Sturmfeld, das Opfer des kindlichen Gehorſams, im vergoldeten Staatswagen des Primators welcher ſie zur St. Salvatorskirche führte, um dort mit dem Grafen Orlando getraut zu werden. Primator Turek 1861. Xl. Ein böhm. Student. I. 9 138 und ſeine Gemahlin hielten dieſe raſche Vermählung Anna's für das ſicherſte Mittel, um der, wie ſie wähn⸗ ten, flüchtigen Neigung derſelben zu Chriſtoph Wunſch einen mächtigen Damm entgegen zu ſetzen, und mein⸗ ten, Anna würde an der Seite des Grafen, welcher ſie zuerſt auf ſeine Güter in Italien führen wollte, im Geräuſche des Lebens, und fern von Prag bald anders denken, und als Gemahlin eines reichen Grafen des Schwärmers vergeſſen, der ſein Auge zur Tochter des Primators aufzuheben gewagt. Frau Polyxena von Lobkowitz ſah richtiger, und ſprach gegen Frau Turek von Sturmfeld laut ihre Beſorgniß aus, daß Anna ſich zwar mit kindlichem Gehorſam unter den Willen ihrer Eltern beugen, daß aber ihr Herz brechen werde ob dieſes Opfers ihrer kindlichen Ergebenheit. Und ſo war es auch. Bleich und traurig ſaß Anna in dem Wagen, der ſie in die Salvatorskirche brachte, wo die Trauung um ſieben Uhr Abends durch den Jeſuiten P. Opelius vollzogen werden ſollte. Um jedes Aufſehen zu vermeiden, hatte der Primator das bei ſolchemFeſtgepränge üblicheGlockengeläute abbeſtellt. Am Portale der Kirche ſtand Graf Orlando im ſchwer vergoldeten Ornate eines italieniſchen Nobili, umgeben von ſechs in himmelblauem Sammt geklei⸗ 139 deten Dienern. Feurig neigte er ſein dunkles Locken⸗ haupt vor ſeiner Braut, welche von ihrem im ſchwarz⸗ ſammtenen, mit Gold verbrämten Feſtkleide prangenden Vater vom Wagen herabgehoben, und dem künftigen Eidam zugeführt wurde. Todtenbleich begab ſich ſo⸗ dann die Braut am Arme des Bräutigams, und ge⸗ leitet von ihren Verwandten, in das Innere der glän⸗ zend erleuchteten Kirche. Aber der Primator hatte ſich getäuſcht, wenn er erwartet hatte, dieſe Abendſtunde ungeſtört im Kreiſe ſeiner Familie zubringen zu können; denn der Hoch⸗ zeitszug war noch nicht im Innern der Kirche ange⸗ langt, als bereits wieder Schüſſe vom jenſeitigen Ufer herüberſchallten, und die tapferen Studenten ſchon wieder ihre Klingen mit den ſchwediſchen Arkebuſieren auf der Moldaubrücke maßen, welche ſie bisher als den vorzüglichſten Platz ihres ehrenvollen Kampfes mit ſo großer Tapferkeit vertheidigt hatten. Primator Turek v. Sturmfeld mahnte zur Eile. Die todtenbleiche, mit dem Muyrthenkranze ge⸗ ſchmückte Braut wankte am Arme ihrer Mutter dem Altar zu, neben ihr ſchritt ſtolz, mit ſiegesleuchtenden Augen im prachtvollen dunklen Feſtkleide der Bräuti⸗ gam Graf Orlandv. Pater Opelius, der Jeſuit, hielt eine ganz kurze 9* „Anſprache an das Brautpaar. Dann ergriff er ſein Buch—„Graf Orlando,“— fragte er nach dem Ge⸗ brauche der katholiſchen Kirche,—„ſeid Ihrentſchloſſen, aus eigenem Willen, frei und ungezwungen Jungfrau Anna Turek v. Sturmfeld als Euer eheliches Gemahl heimzuführen?“ Der Mund des am Ziele ſeiner heißeſten Wünſche ſtehenden Italieners öffnete ſich zum bedeutungsvollen „Jan“—— Aber Gott der Herr, der in den Herzen der Menſchen ihre Freuden eben ſo deutlich lieſt, wie ihre Schmerzen, donnerte ein furchtbares„Bis hieher und nicht weiter!“ auf die Gruppe herab, denn in demſelben Augenblicke krachte die Decke ober den Häup⸗ tern der am Traualtar Stehenden, eine rieſige Bombe, aus einem Mörſer vom jenſeitigen Ufer abgeſandt, zerſchmetterte das Kirchengewölbe, daß das ganze Schiff der Kirche mit Staub und wahrhaft erſticken⸗ dem Pulverdampfe erfüllt war und die Gruppe am Traualtar nach allen Richtungen auseinander ſtäubte. Die Verwirrung war unbeſchreiblich Mit dem Hülfe rufen der Frauen miſchten ſich jene der Hülfebringenden von Außen Eine Schaar Studenten ſtürzte ſogleich von der Seite des Altſtädter Brückenkopfes herbei; man brachte die ohnmächtigen Frauen an die Luft, denn der furchtbare Qualm in der Kirche drohte alle 14¹ zu erſticken. Der Primator ſtürzte mit verwundetem Arme, den ihm ein herabſtürzender Mauerſtein ver⸗ letzt hatte, durch das Kirchenportal und ſchrie nach Hülfe für ſeine ohnmächtige Fran und Tochter. Die Letztere aber lag weich und ſanft in den Armen ihres Einziggeliebten, des jungen Magiſters Chriftoph Wunſch, welcher gleichfalls von der Moldanbrücke herbeigeeilt undeben am Portale der Kirche angelangt war, um die ohnmächtig herausſtürzende Brant in ſeinen Armen aufzufangen. Er rief nun mit tauſend ſüßen Worten den ſterbenden Engel in's Leben zurück und ſeine Worte ſchienen mächtiger als alle Arzneien, welche der Jeſuit Opelius aus dem Clementinum herbeigeholt hatte, denn ſchon öffnete Anna ihre ſchö⸗ nen Augen, ihr Blick begegnete dem Erwählten ihres Herzens; der erſte Gedanke der zum Leben wieder Er⸗ wachten war, daß ſie von den Feſſeln dieſer Erde be⸗ freit, im Lande des ewigen Friedens angelangt ſei, wo ſie denjenigen fand, den ſie auf Erden am meiſten geliebt. Aber bald wieder ward ſie an die irdiſche Welt gemahnt und aus den Armen Chriſtophs ſank nun erröthend die Jungfrau in die Arme ihres Vaters, der ſie in den herbeigerufenen Wagen zu ihrer noch immer halb ohnmächtigen Mutter hob und mit ihr nach ſeiner Wohnung rollte, während Graf Orlando 142 ſchwer verwundet, durch die Menſchenfreundlichkeit der Jeſuiten in die oberen Zimmern des Clementinums geſchafft wurde und— ſeltſam ſind die Wege des Sn— ſtatt des Sakramentes der Ehe, das heilige akrament der letzten Oelung empfing. Wie ein Träumender ſtand Chriſtoph Wunſch, wie der Sieger auf den Trümmern von Karthago, nach dem ſeligſten Augenblicke ſeines Lebens auf dem Platze, wo das prachtvolle Clementinum in die Jeſuitengaſſe ſich hinabneigt, und horchte lange dem entrollenden Wagen nach, auf welchem die Hand der Vorſehung das gehorſame Opferlamm noch im letzten Angenblicke vom Opferaltare zurückführte,—„denn ein Widder ward geſchlachtet ſtatt des Knabens.“ — „———— VII. Der rechte Mann. Wenn du ein Ziel erreicht, ſo ſchau zurück, Den Weg, der hinter dir nochmal im Geiſte meſſend, Nicht einen Schritt— nicht eine Müh' vergeſſend, Dann wende dich und nimm darauf, tiefathmend, froh dein Glück! Die Lage der Prager begann immer bedenklicher zu werden, je näher das Ende des Monats Oktober heranrückte. Der Pfalzgraf, wüthend über den hart⸗ näckigen Widerſtand, welcher ihm ſo lange entgegen⸗ geſetzt wurde, ließ noch einmal die Vertheidigung der Stadt im Allgemeinen und insbeſondere auch die Stu⸗ direnden zur Uebergabe auffordern. Sie gaben ihm abermals zur Antwort, daß ſie dem Kaiſer Treue ge⸗ ſchworen und keinen andern Herrn als dieſen anerken⸗ nen wollen. Da ließ der Pfalzgraf am Sonntage den 25. Oktober Prag mit verdoppelter Gewalt berennen. Ueber die Häuſer und Thürme der Alt⸗ und Neu⸗ ſtadt Prags heulten die großen Glocken aller Kirchen 144 mit wahrhaft infernaliſchem Mahnrufe, ſo daß ſelbſt beherzte Schweden nachmals geſtanden, daß dieſer furchtbare Klang ihre Herzen erbeben machte. Sechs oder ſieben Contiſche Minen ſprangen, und die Maſſe der Feinde wälzte ſich zum Generalſturme gegen die Prager Städte heran. Die Rieſenglocke der uralten Teins verkündete eben die zehnte Morgenſtunde. Man konnte durch den Pulverrauch deutlich den Pfalzgrafen wahrnehmen, wie er mit zum Himmel emporgerichteten Angen auf einem Hügelbeim Galgenthore kniete und ſein Schlacht⸗ gebet zum Himmel ſandte. In der Nähe des Roßtho⸗ res verſuchte der Schwede mitten durch die Breſchen mit aller Macht gegen die Belagerten vorzudringen. Drei Stunden des heißeſten Kampfes folgten, in welchen der Tod mit hochgeſchwungener Senſe in der blutigſten Geſtalt über zerſchoſſene und verbrannte Leichen, über dampfende Schutthaufen und geborſtene Minen dahinraſte. Es war dies einer der blutigſten Momente während dieſer furchtbaren Belagerung. Geſchütze krachten, Musketen knatterten, Angreifer fluchten, Verwundete ſtöhnten, Minen flogen auf, Flam⸗ men züngelten aus dem Schutte und alle Glocken der Stadtthürme heulten ihr Mahn⸗ und Sterbelied zur großen Todtenfeier darein. 145 Drei volle Stunden währte dieſe Metzelei, dreimal ſtürmten die Schweden mit Macht heran, dreimal wurden ſie an allen Punkten durch die wahrhaft bewun⸗ dernswerthe Tapferkeit der Belagerten zurückgeworfen. Viele Leichen bedeckten bereits die Wahlſtadt, ungleich mehre Perſonen wurden verwundet. Unter dieſen der kaiſerliche Obriſt Zabielizky, welcher nach einigen Tagen an ſeinen ehrenvollen Wunden ſtarb, und Jo⸗ hann Kauffer, der Hauptmann der akademiſchen Schaar, welcher, in den vorderſten Reihen der letztern gegen die heranſtürmenden Schweden ſtehend, mit einer Lanze allein einige derſelben getödtet hatte. Die Schweden drangen durch eine Mauerbreſche bis auf 30 Schritte in die Stadt, wurden aber bald wieder aufgehalten, und Schwert, Feuer, Steinmaſſen und aufſpringende Minen wütheten ſodann gegen ſie. Der Generalſturm wurde glücklich zurückgeſchlagen. An den nächſtfolgenden Tagen wüthete der Schwede nicht minder gegen die Stadt, aber ſeine Anſtrengungen prallten immer wieder an der Tapferkeit der Belagerten zurück. Bei einem der letzten Ausfülle ſtarb Thomas Luba, einer der Tapferſten aus der Studentenſchaar, den Heldentod. Und noch einmal am 30. Oktober ſtürmten die Schweden mit geſchloſſenen Maſſen Prag. Pfalzgraf 146 Karl Guſtav hatte bereits Kunde erhalten von dem nahen Ende der Friedensunterhandlungen zu Osna⸗ brück, und wollte die Prager Städte um jeden Preis nehmen, um durch dieſe Eroberung ein ſchweres Ge⸗ wicht zu Gunſten Schwedens in die Wagſchale werfen zu können, aufwelcher die gegenſeitigen Friedensbeding⸗ niſſe von den Diplomaten zu Osnabrück und Münſter abgewogen wurden. Aber der blutige Kampf führte ihn auch diesmal nicht zum Ziele und vergebens for⸗ derte er die unerſchrockenen Vertheidiger der Prager Städte zur Uebergabe auf, ſtellte er dem Befehlshaber Grafen Colloredo vor, daß deſſen hartnäckige Verthei⸗ digung erfolglos bleiben müſſe und nur unnütz Chri⸗ ſtenblut vergoſſen werde. Die Lage der Prager war inzwiſchen eine höchſt be⸗ denkliche geworden; man hatte bereits Mangel an Nah⸗ rungsmitteln und Pulver, und behufs der Beſtreitung der Vertheidigungskoſten hattemanſ chon zum Einſchmel⸗ zen des Kirchenſilbers ſeineZufluchtgenommen. Dennoch blieb der Muth der Belagerten ungebeugt und Graf Colloredo ermüdete nicht in ſeinem Eifer bei der Lei⸗ tung der Vertheidigungsanſtalten beider Städte. Da ſtieg endlich, wirklich von Gottes Finger ge⸗ tragen, der ſiebenfarbige Bogen des Friedens hinter den düſtern Gewitterwolken hervor. Am 1. November —.— —.— 147 zog der Pfalzgraf plötzlich mit den Belagerungstruppen im Gefolge des Herzogs von Würtemberg von Prag gegen Brandeis ab und nur Graf Königsmark blieb auf der Kleinſeite, wohin er auch all' ſein Geſchütz bringen ließ. In Prag wußte man ſich die Urſache dieſer plötz⸗ lichen Bewegungen nicht zu deuten, man hielt ſie für eine Kriegsliſt. Allein am folgenden Tage brachte eine Eſtafette des Kriegsraths⸗Präſidenten Grafen von Schlik von Budweis aus die Kunde, daß der dreißig Jahre andauernde Krieg, welcher Deutſchland von einem Ende zum andern verheert hatte, durch den zu und Osnabrück geſchloſſenen Frieden been⸗ igt ſei. Wer vermag ein Bild der Freude zu geben, von welcher die Bevölkerung Prags nach dieſen langen Drangſalen erfüllt wurde!—„Vor Allem,“— ſagt ein Geſchichtſchreiber,—„wurde dem Königsmark dieſe fröhliche Begebenheit bekannt gemacht, mit dem Erſuchen, ſolches dem Pfalzgrafen zu bedeuten, und den Zug der Schweden aus Böhmen zu beſchleunigen. Mit Bewunderung ſah man, was für eine Verände⸗ rung die Wendung der Angelegenheit hervorbrachte. Beide Nationen, welche noch kurz vorher als unverſöhn⸗ liche Feinde ſich benahmen, legten ihren Haß ab, und wur⸗ 148 den die beſten Freunde Die Kommnnikation der Klein⸗ ſeite mit der alten und neuen Stadt ward eröffnet. Bür⸗ ger und Soldaten beiderlei Mächte beſuchten einan⸗ der wechſelweiſe in ihren Quartieren und betrugen ſich gegenſeitig auf das Leutſeligſte. Vorzüglich beobach⸗ tete man bei dem Freikorps der Studenten ein munte⸗ res, aufgeheitertes Weſen; denn ſie überſchifften ſchaa⸗ renweiſe unter dem Getöne vieler muſikaliſchen Inſtru⸗ mente nach dem jenſeitigen Moldauufer, machten den Schweden in der Kleinſeite Beſuche, und baten die⸗ ſelben zu Gaſte nach der Altſtadt hinüber. Zur Freude⸗ bezeigung über den zu Stande gebrachten Frieden wurde eine herrliche Gaſterei angeſtellt, wobei ſowohl die kaiſerlichen als ſchwediſchen Generäle und Offiziere erſchienen. Auch Plachy undeinige ſeiner tapferſten Stu⸗ denten waren da zugegen. Die Schweden fragten den Je⸗ ſuiten, warum ſeine Studenten beinahe allgemein den Namen Thomas führten. Dieſer verwunderte ſich über dieſe Anfrage, und antwortete, daß ſie in der Benennung ſo wie andere Nationen auf mancherlei Art unterſchie⸗ den wären, und bat um eine nähere Aufklärung der Sache. Bei der letzten Beſtürmung des Spittelthores, ſprachen die Schweden, hörten wir ganz deutlich, daß wenn ein Student einen Schweden niederſchlug, er ſeinem nebenſtehenden Kameraden immer„Thomas“ 1 149 zurief. Plachy und die anweſenden Prager brachen darüber in ein lautes Gelächter aus, und erklärten den Schweden, daß dieſer Zuruf nicht„Thomas,“ ſondern tu mäs(da haſt du) bedeutet habe,— ein Loſungs⸗ wort, deſſen ſich die Prager bei der Beſtürmung be⸗ dienten, wenn ſie einen von den Feinden nieder⸗ ſchlugen. Sie riefen nämlich aus:„Tu mäs,“ da haſt du deinen Reſt,“ und munterten ſich ſo zum Kampfe auf.. Wie Balbin erzählt, waren gegen tauſend Ver⸗ theidiger Prags gefallen, und die Stadt bot einen traurigen Anblick dar. Viele Gebäude lagen in Schutt und die ſchwediſchen Kugeln hatten furchtbar gewüthet. Sonderbarer Weiſe blieb der ehrwürdige St. Veits⸗ dom am Hradſchin ganz verſchont, wie dies eine In⸗ ſchrift auf ſeinem St. Anna⸗Altar bezeugt. Ein feierliches Hochamt am 6. November, ſeltſa⸗ mer Weiſe alſo am Todestage des Schwedenkönigs Guſtav Adolf, wurde in der Kirche des heiligen Heinrich in der Neuſtadt Prags abgehalten, und der Jeſuit Opelius hielt dabei eine ergreifende Predigt, worin er mit Rührung und feierlichem Danke der Gefallenen gedachte. Die Freiſchaar der Studenten, von denen nur vier⸗ zehn gefallen, und noch einmal ſo viele verwundet worden waren, ſammelte ſich nun noch einmal vor der St. Salvatorskirche. Dort ließen die Studenten ihre Waffen, welche ſie ſo ehrenvoll geführt hatten, anein⸗ ander klingen, feuerten Freuden⸗-und Feſtſchüſſe ab, und marſchirten dann in geſchloſſenen Reihen in das Ca⸗ rolinum, um hier ihre Fahnen in die Hände der kai⸗ ſerlichen Bevollmächtigten, der Herren Grafen Wilhelm von Kolowrat und Blumenthal niederzulegen. Im Namen Seiner römiſch⸗kaiſerlichen Majeſtät dankte ihnen Conti für ihre bewieſene Tapferkeit und An⸗ hänglichkeit an den Thron und verkündete zugleich, daß der Kaiſer ihre Thaten in ausgezeichneter Weiſe be⸗ lohnen werde. Dann wurde ein Schreiben des Kai⸗ ſers verleſen.„Anſehnliche, Edle, Ehrwürdige, Ge⸗ lehrte und inſonderheit Getreue und Uns Werthe!“ — begann dieſes an alle Vertheidiger Prags gerich⸗ tete Schreiben.—„Nachdem mit Gottes Hülfe und durch die tapfere Handhabung Euerer Waffen, Unſere Alt⸗ und Neuſtadt Prag, die bis gegenwärtig harte und ſchwere Belagerung ohne weitere Gefahr glück⸗ lich überſtanden hat, und der Feind die tapfere Gegen⸗ wehr der Vertheidiger erkennend, mit Schaden und bekanntem Verluſte entweichen mußte, ſo erachten Wir es der Sache angemeſſen, Euch von der Beruhigung, welche Wir hieraus ſchöpfen, in Kenntniß zu ſetzen, 151 und deren theilhaft zu machen, und Euch zu verſichern, daß wir Euerem hiebei erworbenen Kriegsruhm und Euere für das öffentliche Wohl ſo erſprießlichen Dienſte Uns anempfohlen ſein laſſen, und zur gelege⸗ nen Zeit Euch mit Unſerer kaiſerlichen königlichen Gnade würdig belohnen wollen, ſo wie wir Euch in⸗ zwiſchen in Gnaden gewogen bleiben.“ Nach Vorleſung dieſes Schreibens ſchwenkte Ni⸗ kolaus Faber die Fahne der Univerſität zum letzten Male, worauf dieſelbe nebſt den übrigen Fahnen der Studenten zum ewigen Angedenken in der Univerſi⸗ tätshalle niedergelegt wurde. —— IX. Der Ruiſer. Mehre Wochen ſchwebte ganz Prag im Jubel der Freudenfeſte ob des geſchloſſenen Friedens und des Abzuges der Schweden. Insbeſondere galt dies von der Studentenſchaft Prags. Nur Einer aus der tapfern Freiſchaar irrte fern von dieſen Gelageu und Feſtlichkeiten umher, und richtete ſeine Blicke nach auswärts— denn bald ſollten ihn ſeine Füſſe in die Ferne tragen, wo er Ruhm für ſein gepreß⸗ tes Herz zu finden hoffte. Dieſer Eine war Chriſtoph Wunſch, der jetzt mit feuchtem Auge am Salniterhügel nächſt dem rechten Ufer der Moldau hinſchritt. Dort lag ein weiter Platz mit vielen Denkſteinen beſetzt, deren ſeltſame Inſchriften ihn als die letzte Ruheſtätte heimgegange⸗ ner Lieben bezeichnete. Es war dies der weltberühmte uralte Judenfriedhof Prags. 153 Chriſtoph Wunſch beachtete nicht all die alten denk⸗ würdigen Inſchriften, er blickte nur auf einen Stein, auf welchem mit großen ſchwarzen Lettern der Name „Rabbi Bezalel Löw“ gemeißelt ſtand. Chriſtoph wollte von dieſer geheiligten Stätte noch den letzten Abſchied nehmen, dort noch eine letzte Thräne dem Manne nachweinen, der ihn lange Jahre genährt, gepflegt, auf die Bahn der Tugend und Wiſ⸗ ſenſchaft geführt, und auf dieſe Weiſe zu einem tüch⸗ tigen Manne herangebildet hatte. Lange ſaß Chriſtoph auf dieſer Grabſtätte. Er dünkte ſich hier ja im Vaterhauſe, an ſeiner Seele gingen all' die friedlichen und glücklichen Tage vor⸗ über, welche er im Hauſe des Rabbi erlebt hatte; es war ihm, als ſähe er das weiße Haupt desſel⸗ ben im verklärten Lichte glänzen und den ſanften Blick des hohen Greiſes wie einen Gruß aus der Ewigkeit herüber ſegnend auf ſeinem Haupte ruhen. Noch einen langen, langen Blick warf er auf das Grabmal zurück, dann verließ er den Gottesacker und ſchlug ſeinen Weg gegen den Hradſchin ein. Noch einmal wollte er von jener ſonnigen Höhe der alten Königsburg, von wo aus er ſo oft das königliche Prag betrachtet hatte, auf die Stadt hin⸗ unterſchauen, wo er ſeine jungen Jahre verlebt, wo 1861. X1, Ein böhm. Student U. 10 er die Milch der Wiſſenſchaft und den Honigſeim der Tugend eingeſogen hatte, wo die reinſte Liebe zu der Edelſten im Kranze der Jungfrauen Prags ſein Herz erfüllte— dann wollte er für immer ſcheiden und ſich im fernen Lande eine Zukunft erobern auf dem Felde der Wiſſenſchaft oder des Krieges, und forſchen, wo vielleicht die einſtige Wohnſtätte derer geſtanden, die ihn erzengt hatten. An der vorderſten Terraſſe des königlichen Schloß⸗ gartens, deſſen Pracht und Herrlichkeit einſt unter Kaiſer Rudolf II. ſeligen Andenkens ſo ſehr ge⸗ rühmt wurde, ſtarrte der von Allem, was ihm lieb war, ſcheidende junge Mann in den tiefen Wildgraben mit der verdeckten Brücke hinaus, und ſtand in Ge⸗ danken verſunken. Er gewahrte nicht, daß ihn Jemand dort an der linken Seite der Terraſſe, wo eine Granitſtatue der Pomona ſtand, aufmerkſam betrachtete. Dieſer Beob⸗ achter war ein ältlicher Mann von ſtattlichem Wuchſe mit einem länglichen, tiefen Ernſt verrathenden Ge⸗ ſichte, auf deſſen bleichem Antlitze, ſo wie auf der durchfurchten hohen Stirne ſich die Geſchichte eines von manchem Kummer bewegten Lebens kundgab. Seinen mehr magern als ſchlanken Leib verhüllte ein mit Silberſtickerei verbrämter ſpaniſcher Mantel, hin⸗ 155 ter welchem der übliche Stoßdegen hinausſah; um ſeinen Nacken lag eine breite ſchneeweiße Halskrauſe onv feinen Brüſſeler Spitzen. Der Mann hatte mit der Linken ſeinen Kinnbart erfaßt und blickte unverwandt auf den ſchönen jungen Mann, welcher wie ein Träu⸗ mender auf die Stadt hinüberſah, und in deſſen In⸗ nern noch einmal alle Bilder jener glücklichen Tage vorübergingen, die er hier durchlebt hatte. Plötzlich fühlte Chriſtoph Wunſch eine weiche Hand auf ſeiner Schulter ruhen. Er blickte auf, und der bleiche Mann im dunklen ſpaniſchen Sammtmantel ſtand an ſeiner Seite. „Warum ſo traurig, mein Freund?“— fragte dieſer mit ſanfter Stimme. Chriſtoph Wunſch blickte dem Sprecher ins Auge. Die Züge dieſes Mannes enthielten ſo viel Vertrauen Erweckendes, daß es dem jungen Manne im erſten Augenblicke vorkam, als hätte er denſelben ſchon frü⸗ her irgendwo geſehen.—„Traurig?“— entgegnete er,—„ja, Herr, wem ſollte nicht eine Thräne ins Auge treten, wenn er die Stätte verlaſſen muß, welche das birgt, was ſeinem Herzen am nächſten ſtand auf Erden?“ „Alſo müßt Ihr das ſchöne Prag verlaſſen?“— fragte der Unbekannte, indem er den jungen Mann 10* mit durchdringendem Blicke betrachtete.—„Es iſt im Grunde eigentlich mein freier Wille,— ent⸗ gegnete dieſer nach einigem Schweigen.—„Sceht, Herr, ich habe vor einigen Wochen dort drüben, wo der Friedhof der Iſraeliten⸗Gemeinde mit ſeinen Grä⸗ bern unter dem beſchneiten Gebüſche herüberblickt, den Mann begraben, der mir auf Erden Alles war, der mich einſt als armen Waiſenknaben dem Elende entriß, der mich erzog, lehrte, leitete, aus mir einen Mann und eifrigen Jünger der Wiſſenſchaft machte, und ſtarb, ohne daß ich ihm durch die That danken konnte.“— Tiefer Schmerz erſtickte hier die bewegte Stimme des dankbaren Ziehſohnes Rabbi Löw's. Der Bleiche aber betrachtete ihn mit ſteigender Theilnahme.—„Eure wahrhaft kindliche Dankbar⸗ keit für den Wohlthäter Eures Lebens rührtmich tief,“ — ſagte er gleichfalls mit bewegter Stimme,— „aber vergeßt nicht, junger Freund, daß dieſe Spanne Zeit, die wir das Leben nennen, doch nur der Anfangs⸗ punkt eines andern ewigen Seins iſt; vergeßt nicht, daß der fromme Glaube des Chriſten das R nimmer in ein Nverwandeln darf— beerdigt iſt nicht been⸗ digt, und ſo wird der Geiſt Eures Ziehvaters aus den lichten Höhen ſeiner ſeligen Wohnung ſicher auf die Wege Eures ganzen künftigen Lebens herabblicken, 157 und ſich freuen, wenn Ihr ihm durch Tugend und Frömmigkeit dankbar ſeid.— Aber ſiehe, da predige ich Euch chriſtliche Moral, und Ihr ſagtet ja, daß Euer Ziehvater dort drüben am Judenfriedhofe den ewigen Schlaf ſchläft.“ „Wohl,“— entgegnete der junge Magiſter,— der große, weiſe Rabbi Löw, mein Ziehvater, ſchläft am großen Todtenfelde ſeiner Gemeinde den letzten Schlaf. Mich aber, der ich als Chriſt getauft bin, hat derſelbe auch in dieſem Glauben erzogen, denn er kannte auch den chriſtlichen Bibelſpruch:„in meines Vaters Hauſe ſind viele Wohnungen,“ und er wollte nicht ſtörend eingreifen in die Ordnung, welche der große Meiſter des Hauſes uns Beiden in demſelben an⸗ gewieſen hatte.“ „Alſo Ihr ſeid der Ziehſohn des berühmten Mei⸗ ſters, des weiſen Rabbi Löw, den ganz Prag ver⸗ ehrte?“— fragte der Unbekannte mit ſteigender Auf⸗ merkſamkeit. „So iſt es,“— antwortete der junge Mann.— „Rabbi Bezalel Löw war mein Ziehvater.“ So ſeid Ihr der muthige Chriſtoph Wunſch,“— rief jetzt der Bleiche, den jungen Mann am Arme faſ⸗ ſend,—„ſo ſeid Ihr der kühne Streiter beim Kreuze auf der Moldaubrücke, der mit dieſem ſeinem Arm allein achtzehn Schweden über das Geländer der Mol⸗ daubrücke gejagt und auf das Pflaſter derſelben nie⸗ dergeſtreckt. Ja wahrlich, Ihr ſeid es, denn da ſeh' ich es ja— Euer Arm iſt noch von der Binde umwun⸗ den, welche die Wunde umhüllt, die Ihr für Glauben, Kaiſer und Vaterland empfangen!“ „Ich bin derſelbe, den Ihr meint, Herr,“— ent⸗ gegnete ſchier beſchämt von dieſem überſtrömenden Lobe Chriſtoph Wunſch,—„aber Ihr macht viel zu viel Aufhebens ob der paar Streiche, die ich den tollen Schweden über ihre Helme verſetzt. Da kennt Ihr die ſtreitbaren Söhne der Prager Hochſchule ſchlecht, Herr! Das iſt ein Geſchlecht von Stahl und Eiſen, voll Kraft, Muth und Vaterlandsliebe, und wenn Ihr dabei geweſen wäret, wie unſer rieſenſtarker Träger der Univerſitätsfahne, mein Freund Nikolaus Faber, den hochflatternden böhmiſchen Löwen und die heilige Jungfrau den heranſtürmenden Eiſenmaſſen der Schwe⸗ den entgegentrug; wenn Ihr geſehen hättet, wie dann hintendrein in geſchloſſenen Maſſen, Mann an Mann, mit vorgeſtreckten Lanzen und glühenden Augen beim luſtigen Schmettern der Trompeten und Knallen der Musketen d'rauf und d'ran in die nordiſchen Eiſen⸗ männer einſtürmte; wie es dann klang und klirrte, ſchmetterte und knallte, und dort einer, und da einer 159 den Boden küßte, fallend für's Vaterland, für den Kaiſer, oder auch auf der andern Seite für die feind⸗ liche Sache, wie eben der eiſerne Würfel fiel; o Herr! wenn Ihr dabei geweſen wäret, wie unſer edler Tho⸗ mas Luba den Heldentod ſtarb, wie er noch im letzten Augenblicke ſein„Vivat Ferdinandus!“ in die Lüfte hauchte; wie unſer Hauptmann Kauffer aus ſechs Wunden zugleich blutete; wie der gottbegeiſterte Plachy uns voran in den Feind ſtürzte; wie wir dem Schwe⸗ den mitſammt ſeinen baumlangen norwegiſchen Schützen über die Brücke jagten und ihm ſeinen„Steinbock“ und das„Einhorn von Bayern“ abnahmen*). Herr, wenn Ihr damals dabei geweſen wäret, Ihr würdet das, was ich Einzelner that, wahrlich nicht ſo hoch anſchlagen, denn Ihr würdet geſehen haben, wie die Studentenſchaft Prags, gleich einem geſchloſſenen *) Es waren dies zwei Geſchüte. Bekanntlich führten die erſten Kanonen allerhand ſonderbare Titel. Zu den berühm⸗ teſten gehörten: der Weckauf, der Purlepaus, die türkiſche Kaiſerin, 1490 in Stuhlweißenburg vou Max erobert, das Einhorn von Bayern, die Syren von Görz, das Weible in Haus, Frau Humbſerin von Gennſpühl, der Korauf von der Aupruk, der Leopold von der Wildten, Jungfrau Puelerin, die ſchon Puelerin, das Zytrenndl von Landshuet, die ſcharfen Metzen, die ſchön Polhrena, die ſchön Medea, die ſchön Helena, die ſchön Semiramis, der wunderliche Strauß uf w. Phalanx, Einer wie Alle, und Alle wie Einer daſtan⸗ den, wenn das Feldgeſchrei ertönte:„Vivat Ferdi⸗ nandus!“ Der Bleiche ſtand ſprachlos vor dem Redner, deſſen begeiſtertes Auge jetzt von den durch die Wolken drin⸗ genden Sonnenſtrahlen verklärt wurde. Mit tiefer Rührung ergriff er die Hand des jungen Magiſters. —„Wayrlich,“— rief er,—„das Vaterland darf ſtolz ſein, ſo tüchtige Männer auf ſeinem Boden zu nähren. Aber, junger Mann, Ihr dürft das Land, für das Ihr Euer Blut in ſo edler Weiſe vergoſſen, nun und nimmer verlaſſen. Das wäre wahrlich Verrath an dem Kaiſer, an dem Vaterlande! Ihr müßt ab⸗ warten bis Eure Thaten zur Kenntniß desjenigen ge⸗ langen, der ſie lohnen muß, wenn nicht alle Gerechtig⸗ keit von dieſer Welt geſchieden ſein ſoll. Wie? oder treibt Euch vielleicht noch Anderes, den Boden des Vaterlandes zu verlaſſen? und wo wollt Ihr denn hin, Ihr ſtolzer Auswanderer?“ Chriſtoph Wunſch ſenkte erröthend ſein Haupt— und ſchwieg. „Ihr ſchweigt?“— fuhr der Bleiche fort.—„O Ihr glaubt wohl, daß alle Andern auch ſo geſchwiegen haben, die Eure Thaten der Tapferkeit mit anſahen und ſie bewunderten?“ 161 „Seht da,“— fuhr der Unbekannte zutraulich fort,—„mein Freund Plachy, derſelbe, den Ihr in Eurer begeiſterten Rede früher ſo hoch hervorgehoben, ja, mein Freund Plachy hat mir ſchon von Euch ge⸗ ſchrieben, indem er mir über meine Bitten die Hoch⸗ thaten der Belagerung Prags mittheilte.“ Der Bleiche zog jetzt ein großes Pergamentblatt aus der Taſche, welches in Briefform zuſammengelegt war.—„Seht!“— ſagte er, indem er dem jungen Manne dies Schreiben vorhielt,—„die große Kunde von dem thatkräftigen und begeiſterten Wirken der Prager Studenten-Freiſchaar während der Belage⸗ rung wird bald in allen Zungen verkündet und geprie⸗ ſen ſein, und nach Jahren, wenn wir Beide ſchon lange dieſe Erde verlaſſen haben werden, wird man die Tha⸗ ten dieſer wackern Vaterlandsſtreiter noch erzählen und rühmen!“— Er hatte dieſe Worte mit wahrer Rührung geſprochen. Dann zog ein leiſes Lächeln über ſeine Lippen.—„Aber hört, mein junger Freund,“ — ſagte er mit gedämpfter Stimme, und den Magi⸗ ſter an der Hand faſſend,—„ich weiß vielleicht noch mehr von Euch, als Ihr meint. Wenn Ihr mir glau⸗ ben wollt, daß ich auch ein wenig die ſchwarze Kunſt verſtehe, ſo will ich Euch als Wahrſager aus der Hand leſen: daß Euer feuchter Blick, den Ihr vor einer Weile über die Prager Städte hingleiten ließet, nicht allein dem Andenken Eures edlen Ziehvaters, der Euch als Verklärter umſchwebt, ſondern auch noch einem irdi⸗ ſchen Engel gelte, der vielleicht in Prags Mauern, dort, wo das alte Rathhaus mit ſeiner Thurmuhr und den zwölf Apoſteln aus dem Häuſermeer herauf⸗ blickt, weilen mag.— Oder iſt es nicht ſo, mein jun⸗ ger Freund?“ Chriſtoph Wunſch ſchlug ſein Auge zu Boden Er wollte antworten, aber der Bleiche, welcher jetzt ſeit⸗ wärts nach der S Schloßſeite des Gartens blickte, von woher eine Truppe feiner Herren und Frauen, ſichtlich den höheren Ständen Prags angehörend, ſich langſam näher bewegte, deutete auf die Vertiefung, welche ſich zu ſeinen Füßen hinter der Terraſſe, wo er mit Wunſch ſtand, hinabſenkte, und ſagte lächelnd:„Seht doch, da ſtehen wir an dem Platze, wo, der Sage nach, vor Jahren ein ſchmucker Junker aus Prag ſeiner Geliebten zu gefallen in den damals hier geſtandenen Löwenzwin⸗ ger hinabgeſtiegen, um tit hinabgefallenen Hand⸗ ſchuh zu holen. An dem Manne müßt Ihr Euch ein Beiſpiel nehmen, junger Freund, der ihr aus purem Liebesgram aus der Nähe Eurer Liebſten nach dem fer⸗ nen Ungarn ziehen wollt. Ei, wäre das wohl paſſend für den tapfern Chriſtoph, wenn er das Feld räumen 163. wollte, ſtatt, nachdem er ſich jetzt einen in den Jahr⸗ büchern Böhmens ſtrahlenden Namen durch eigene Kraft erkämpft, hinabzuſteigen für ſeine Erwählte, und den Kampf zu wagen mit den Gegnern ſeines Her⸗ zens?“ Chriſtopy Wunſch ſtarrte den geheimnißvollen Mann an, der mehr zu wiſſen ſchien, als der junge Magiſter in ſeiner Unbefangenheit glaubte.—„Ihr habt Manches errathen, Herr,“— ſagte er jetzt tief aufathmend,—„aber Ihr wißt doch nur die Hälfte von Allem, und kennt nicht alle die Verhältniſſe, welche meinem Lebensglücke im Wege ſtehen. Kurz, ich muß Prag verlaſſen.“ Der junge Mann ſprach dieſe Worte mit einer Be⸗ ſtimmtheit, aber auch mit einem Gefühle des bitterſten Unmuthes aus, als ob er alle jene Forderungen, die er ans Leben noch zu ſtellen habe, mit Einem Schnitt zerreißen wollte.—„Ihr müßt alſo?“— ſagte der Bleiche lachend.—„Nun ja, das Muß iſt eine harte Nuß, und wem nicht zu rathen, dem iſt auch nicht. Ei, Herr meines Lebens!“— fuhr er jetzt auf,— „da iſt mir vom Goldfinger meiner rechten Hand ein Ringelchen über die Terraſſe gefallen, mitten hinein in den Trichter dieſes ehemaligen Löwenzwingers; ſeht doch, ſeht, wie das blitzende Ding dort hinabhüpft! Ei, lieber Freund, thut mir für die gute Meinung, die ich für Euch hegte, doch den Gefallen, und holt mir das Ringelchen aus dem verfallenen Zwinger wieder herauf, da einem alten Manne das Hinabſteigen wahr⸗ lich zu beſchwerlich fallen würde.“ „O gerne,“— erwiderte Chriſtoph Wunſch, und, gewandt, wie es nur immer ſeine Wunde zuließ, klet⸗ terte er von Stein zu Stein, immer tiefer und tiefer, bis er auf einem Diſtelſtrauche das hängengebliebene Ringelchen, ein glattes goldenes Reifchen mit einem koſtbaren Brillant, erhaſchte. Mühſam kletterte er mit demſelben nach oben. Als er tief aufathmend wieder bei dem Unbekann⸗ ten angekommen, hielt er dieſem den ſchönen Ring ent⸗ gegen, indeß er beim Anblicke des goldenen Symbols der Ehe traurig zu Boden blickte.—„So nehmt,“ — ſagte er, dem Bleichen ſeinen Ring wiederholt dar⸗ reichend,—„da iſt Euer Ringelchen wieder.“ „Nicht doch,“— entgegnete dieſer,—„der Ring iſt zwar mein Eigenthum, aber— gebt ihn, lieber Freund, der Dame, die da neben Euch ſteht.“ Chriſtoph Wunſch blickte empor.—„Anna von Sturmfeld!“— rief er voll freudiger Ueberraſchung. Das edle Fräulein ſtand, wie ein durch Gotteshauch aus dem Aether herabgewehter Seraph vor ſeinen 165 Blicken und lächelte dem Liebling ihrer Seele aus den ſanften Augen entgegen. Hinter ihr ſtand im vollen Feſtſchmucke, mit einer ſchweren goldenen Kette um den Nacken, Primator Nikolaus Turek von Sturmfeld und Roſenthal, und an ſeinem Arme hing ſeine im feinſten Feſtkleide prangende Gemahlin. Neben dieſer aber blickten Frau Polyxena von Lobkowitz, und andere edle Frauen und Herren dem jungen Mann entgegen, der nicht wußte, ob er wache oder träume, und was die Rede des Unbekannten zu bedeuten habe. Dieſer aber lächelte ihm wieder freundlich zu und faßte ſeine Hand.—„Nun, ſo gehorcht doch,“— mahnte er,—„und gebt den Ring da dem edlen Fräu⸗ lein von Sturmfeld, der holden Braut eines kaiſerli⸗ chen Würdenträgers von hohem Range.“ „Braut!“— rief Chriſtoph Wunſch.—„Alſo verloren!“ „Ja, Braut des edelſten und muthigſten jungen Mannes,“— fiel der Primator ein,—„Chriſtoph Wunſch wird ihn die Vaterlandsgeſchichte nennen.“ „Herr! welche Sprache!“— rief der junge Mann, —„was bedeutet dies Alles?— wer ſpricht von ſolchem Glücke zu mir?“ „Wir?“— rief der Bleiche jetzt mit klangvoller, weithallender Stimme.—„Wir, Ferdinandus der 166 Dritte, von Gottes Gnaden römiſch⸗deutſcher Kaiſer und König von Böhmen, der Wir gekommen ſind, das Verdienſt zu belohnen, wie es des Lohnes würdig iſt!“ Jetzt fiel es wie Schuppen von den Augen des jungen Mannes; jetzt erkannte er den edlen Monar⸗ chen, den er früher nur im Bilde geſehen. Er ſtürzte zu den Füßen desſelben hin. Nun ward ihm klar, daß dieſer und eben dieſer von Allem in Kenntniß ſein konnte, was die muthigen Thaten der Prager Studen⸗ tenſchaft betraf, denn Profeſſor Plachy hatte an den Kaiſer eine Liſte der vorzüglichſten Thaten der Tapfer⸗ keit ſeiner Studenten einſenden müſſen, und dabei insbeſondere der Thaten und Lebensverhältniſſe Chri⸗ ſtophs gedacht, der jetzt ſeinem Herrn und Kaiſer zu Füßen lag, während Primator von Sturmfeld, den der erhabene Monarch eben aus gleichem Grunde zu ſich beſchieden, mit ſeiner Familie in ehrerbietiger Entfernung ſtand. Kaiſer Ferdinand befahl dem jungen Manne, ſich zu erheben.—„Nun, mein Sohn,“— ſagte er lächelnd, —„ſo du dieſe Braut aus Unſern Händen zu nehmen gewillt biſt, ſo wollen Wir dir nach bereits genomme⸗ ner Rückſprache mit deinem künftigen Schwiegervater, dem Primator Turek von Sturmfeld, dem Wir in Anbetracht ſeiner eigenen Verdienſte um Uns, die gol⸗ 167 dene Gnadenkette verliehen haben, auch ein ſtandes⸗ mäßiges Amt verleihen, welches dich und deine künf⸗ tige Hausfrau ernähren ſoll, und welches eben erle⸗ digt iſt; denn wie mir Profeſſor Plachy berichtete, bewirbſt du dich bereits vergebens um ein ſolches.“ „Wenn Eure Majeſtät die Stelle des Altſtädter geheimen Stadtſchreibers meinen,“— fiel hier ein ältlicher Mann im Geleite der Familie Turek, der kaiſerliche Kämmerer Herr Coſi von Lozinthal ein, —„ſo erlaube ich mir zu bemerken—“ „Was Stadtſchreiber!“— rief der Kaiſer—„Ma⸗ jeſtätsrath muß der Mann heißen, der für Uns ſo kühn ſein Leben eingeſetzt. Wer Uns im offenen Kampfe gegen Unſere Feinde ſo gut dienen kann, wird auch am Rathstiſche der Statthalterſchaft Unſer Wort und Unſern Willen gebührend zu vertreten wiſſen, und ſomit ernennen Wir den Mann, der durch eigene Kraft ſo Großes vollbrachte, und ſich von ſolcher Treu und Ergebenheit für ſeinen Glauben, für ſeinen Für⸗ ſten und ſein Vaterland bewährte, zum Majeſtäts⸗ rath unſerer oberöſterreichiſchen Statthalterſchaft, wo eine ſolche Stelle eben erledigt iſt, und befehlen Euch, Graf von Kuefſtein, ihn nach erhaltener Beſtallung dort einzuführen!“ Damit hatte ſich der Kaiſer an einen der beiden ſtattlichen Männer gewendet, welche nach der Turek⸗ ſchen Familie in den Garten getreten waren, und wo⸗ von der eine Graf Ludwig von Kuefſtein, Landeshaupt⸗ mann in Linz, und der andere der Baumeiſter Mylius aus dieſer Stadt war. „Und damit dem Verdienſte ſein voller Lohn werde, wollen Wir,“— fuhr der edle Monarch fort,—„den Mann, den ſeine Thaten und die Wiſſenſchaft bereits adelten, auch mit unſerm erbländiſchen Adel beſchenken, und zum Zeichen unſerer vollſten kaiſerlichen Gnade führe er fortan den Beinamen von Gnadenheim.“ Dann wandte ſich der Monarch zu dem ſtummen und mit gefalteten Händen daſtehenden Fräulein Anna von Sturmfeld, über deſſen hochgeröthete Wange ſüße Thränen niederperlten.—„Den Ring,“— ſagte er, —„werde ich gegen mein Hochzeitsgeſchenk auf dem Schloſſe zu Linz wieder einlöſen.“ Der Kaiſer entfernte ſich nach dieſen von allen Anweſenden mit lautloſer Ehrfurcht vernommenen Worten langſam aus dem Garten. Er hatte kaiſerlich gelohnt, wie er es gewohnt war, und entzog ſich jetzt dem heißen Danke der Glücklichen. Kaiſer Ferdinand 1f. belohnte die Vertheidiger Prags wahrhaft kaiſerlich. Er war über den Muth 169 der Prager ſo gerührt, daß er alle Rathsherren der Alt⸗ und Neuſtadt Prags bis auf die Syndici, ſammt ihrer ganzen Familie und Nachkommenſchaft in den Ritterſtand erhob, die freigebornen Studenten adelte, die übrigen aber reichlich belohnte und von dem Bande der Unterthänigkeit befreite. Die Prager Stadtge⸗ meinden erhielten 300,000 fl.; wovon der Altſtädter⸗ Rath das Gut Lieben, der Neuſtädter aber Kresowic kaufte. Auch die Gewerbsleute und viele Perſonen der untern Volksklaſſen, welche ſich bei der Vertheidigung der Prager Städte verwenden ließen, wurden durch Verleihung des Bürgerrechtes, und ſonſtige Vortheile bei Bewerbung um die Meiſterrechte belohnt. Profeſſor Plachy erhielt auch ein beſonderes An⸗ erkennungsſchreiben des Kaiſers, und da er, wie er⸗ wähnt, ausdrücklich aufgefordert worden war, die Tapferſten unter der Studentenſchaft zu bezeichnen, welche einer beſondern Belohnung würdig waren, ſo hatte er hierunter insbeſondere den Tapferſten der Tapfern, Chriſtoph Wunſch, als einen der Würdigſten angeprieſen, und dem gnädigſten Monarchen auch Alles mitgetheilt, was er über des jungen Mannes Verhältniß zum Turek'ſchen Hauſe aus deſſen Freun⸗ des, Nikolaus Faber, Munde erfahren. Als nun der Kaiſer die zufällige Bekanntſchaft des jungen Mannes 1861. R1. Ein böhm. Stubent. n. 1¹ im Schloßgarten machte, war er von Allem was Chri⸗ ſtoph Wunſch betraf bereits unterrichtet, und hatte auch mit Turek von Sturmfeld bereits über das künf⸗ tige Schickſal des jungen Mannes warme Worte gewechſelt. Als daher der Primator dem Kaiſer über deſſen Aufforderung im Schloſſe Frau Lidwina und Anna ſelbſt vorſtellen wollte, und von dem dienſt⸗ thuenden Kammerherrn zu dem Monarchen geführt worden war, konnte dieſem kein Beſuch gelegener kom⸗ men, und er benützte dieſe Gelegenheit, um mit ge⸗ wohntem Zartſinne und angeſtammter Milde dem verdienſtvollen Chriſtoph Wunſch ſeine Braut zuzu⸗ führen. Frau Lidwina hatte um ſo weniger etwas dagegen einzuwenden, als ihr ein vom Kaiſer geadel⸗ ter Majeſtätsrath immerhin ein beſſerer Bewerber ſchien, als der an ſeiner in der Salvatorskirche erhal⸗ tenen Wunde dahinſiechende Graf Orlando, der auch nach einigen Monaten ſtarb. Den Trauring, den der Kaiſer durch Chriſtoph dem überſeligen Fräulein Anna von Sturmfeld auf den Finger ſtecken ließ, löſte der edle Monarch in Kur⸗ zem wieder ein. Er ließ dafür dem jungen Majeſtäts⸗ rathe in einer der ſchönſten Gegenden der Stadt Linz, wo üppige Weingärten ihre blauen Reben zwiſchen grünem Laubwerke durchwanden, und welche Gegend 171 noch jetzt„der Weingarten“ genannt wird, von ſei⸗ nem Hofbaumeiſter Mylius ein ſtattliches Haus bauen, welches ſpäter an die Grafen Ungnad von Weiſſen⸗ wolf überging, und noch jetzt unter dem rothmarmor⸗ nen Familienwappen die Inſchrift führt: „Als man zählt ſechszehnhundert Jahr Und neunundvierzig, In dem Wein Monat Hier: Mylius vollendet hat dis Hauß und mit geſtelltem Reim Genennet frey Genadenheim.“ Gleichzeitig ließ der Kaiſer Nachforſchungen über die wahrſcheinliche Herkunft des Chriſtoph Wunſchpfle⸗ gen, aus denen ſich ergab, daß jene Zigeunerbande, welche einſt die Gegend um Hohenfurth zu ihrem Schlupfwinkel gewählt, und bei welcher Chriſtoph gefunden worden war, nach Ausſage einzelner ſpäter eingebrachter Stammesgenoſſen, die im ſüdlichen Böh⸗ merlande herumgeirrt waren, aus der Gegend von Kaſchau in Oberungarn nach Oeſterreich gekommen, und nächſt der genannten Stadt einen Edelhof geplün⸗ dert, deſſen Bewohner aber getödtet hatte, wobei ein Knabe entführt worden war. Man vermuthete daher, daß Chriſtoph Wunſch dieſer Familie angehört habe, ohne daß ſich jedoch hierüber jemals Gewißheit erlan⸗ gen ließ. 11* 172 „In Linz lebte,“— wie die Landeschronik erzählt, — mit ſeiner ſchönen Gattin, dem gebornen Fräu⸗ lein Anna von Sturmfeld und Roſenthal, noch man⸗ ches Jahr im glücklichen Familienkreiſe des Kaiſers Majeſtätsrath Chriſtoph Wunſch, der einſtige arme böhmiſche Student, den nach manchen trüben Schick⸗ ſalen zu hohen Ehren führte Tugend, Vaterlandsliebe, Tapferkeit, und der ſich ſein Lebensglück begründete— durch eigene Kraft.“ — Novelle Guſtan Höcker. —,— 1. Eine neur Firmu. Druck und Leidlich, zwei Freunde und ſeit Jah⸗ ren an ein und dasſelbe Comptoir als Kommis thätig, ſind eben mit den Vorbereitungen zur Gründung einer eigenen Firma beſchäftigt. Beide haben das abhängige Leben ſatt, und ſtehen überdies in dem Alter, wo es Zeit wird, eine ſelbſtſtändige Stellung in der Welt einzunehmen; und dies iſt das Ziel eines jeden ſtreb⸗ ſamen Menſchen, vor allem aber das eines Merkur⸗ jüngers, wie die täglich überhandnehmenden neuen Firmen beweiſen. Vermögen, wenigſtens was man Vermögen nennen könnte, hat Keiner von den Beiden, aber Jeder verfügt über eine Reihe„langjähriger Erfahrungen“ und einflußreicher Konnexionen. Leidlich beſitzt einige hun⸗ dert Thaler, die er in dem Unternehmen anlegen wird, Druckdagegen ſchießt ſeine praktiſche Geſchäftsgewandt⸗ 176 heit als Kapital ein, die dem mehr theoretiſch gebildeten, hinter Strazzen aufgewachſenen Leidlich abgeht. Unſere Freunde werden ein„Kommiſſions⸗ und Speditionsgeſchäft“ gründen und damit eine Tabak⸗ niederlage verbinden. Druckhat nämlich einen auswär⸗ tigen Tabakfabrikanten zum Freunde, der dem zu⸗ künftigen Handlungshauſe ein kleines Kommiſſions⸗ lager anvertrauen wird. Je nach den verſchiedenen Richtungen hin, in welchen jeder der unternehmenden jungen Leute ſeinem Etabliſſe⸗ ment vorſtehen wird, treffen beide Theile jetzt ihre Vorbereitungen. Der praktiſche Druck macht kleine Reiſen, um Ge⸗ chenftsverbindungen anzubahnen, Agenturen zu erwer⸗ kſbä und dergleichen mehr. Druck fand auf dieſen Reiſen mannigfache Gele⸗ genheit, ſeine Menſchenkenntniß zu erweitern, er hätte ſie, wie mancher gelehrte Touriſt die ſeinigen,„em⸗ pfindſame“ Reiſen nennen können. Wer nie ſelbſtſtändig war, wer mit der Welt nur immer für fremdes Inter⸗ eſſe verkehrte, der kennt ſie erſt halb.— Druck warb für die künftige Firma um Kredit. Er ſuchte ſeine zahl⸗ reichen Freunde auf, mit denen er in früheren Jahren gezecht und gearbeitet, gelebt und geliebt hatte. Sie waren inzwiſchen ſelbſtſtändig und wohlhabend gewor⸗ 177 den, ſie freuten ſich herzlich, daß er kam, der alte, ergötz⸗ liche Spaßmacher, wünſchten ihm Glück zu ſeinem Unter⸗ nehmen, luden ihn zu Tiſche und verſäumten ſeinetwegen wohl auch ihre Geſchäfte.— Aber dem neuen Etabliſſe⸗ ment ihre Kundſchaft zuzuwenden oder Kommiſſionsla⸗ ger anzuvertrauen, das konnten ſie nicht verſprechen. „Wenn du nur einen Tag früher gekommen wäreſt,— hieß es hier,—„wenn du für dich allein ſtündeſt, und nicht einen mir wildfremden Menſchen zum Aſſocié hätteſt,“ — entſchuldigte ſich ein Anderer; und ein Dritter zeigte nach dem trüben Gewölk am pelitiſchen Horizont,— das er bei derartigen Gelegenheiten ſchon ſeit zehn Jahren als Vogelſcheuche benutzte und wahrſcheinlich noch lange wird benutzen können. Auf ſeiner Reiſe beſuchte Druck auch einen alten Schulkameraden, nicht zu geſchäftlichem Zwecke, ſondern nur, um ihn nach langen Jahren der Trennung wieder⸗ zuſehen. Der Mann war Handelsgärtner, und es wurde ihm gar ſauer, ſich und ſeine zahlreiche Familie zu ernäh⸗ ren, und dabei die Schulden abzutragen, die noch auf dem kleinen Grundſtücke hafteten. Seine Freude über dus Wiederſehen war unausſprechlich, und als er hörte, daß Druck in nächſter Zeit ſich etabliren werde, jubelte er laut auf. In ſeiner Einfalt glaubte er, ein Kaufmann ſei ſchon ein„gemachter Mann,“ ſobalb er ſich nur 178 etablire, und ſein Freund Druck ſtehe jetzt nahe vor einem durch jahrelange Mühen erreichten Ziele. Als er freilich erfuhr, wie jetzt erſt die ſchwerſten Sorgen des Lebens für Druck beginnen würden, und welche bittern Erfahrungen dieſer bereits habe machen müſſen, da ſchüttelte er traurig das Haupt, und war ſo von herzlichem Mitleid erfüllt, daß er in dieſer Stunde kaum wagte, dem Freunde eine angenehme Ueberra⸗ ſchung zu bereiten, mit der er ſonſt, wenn ihn Jemand beſuchte, nie lange hinter'm Berge zu halten vermochte. Nächſt Weib und Kindern nämlich, war noch ein Drittes vorhanden, das des armen Gärtners Lebensglück aus⸗ machte: ſeine holde Gönnerin, die Mutter Natur, hatte ein Fleckchen Erde in ſeinem Garten auserkohren, der Tummelplatz einer ihrer lieblichſten Launen zu ſein; es war eine Ausnahme von der Regel, und deshalb ein kleines Wunderwerk, und der Gärtner war dazu gekommen, wie mancher Andere zum Genie. Auf einem der Beete wuchs nämlich eine Rieſennelke. Auf einem förmlichen Buſche ſtaudenartiger Blätter, mit leiſem Silberſcheine überhaucht, als hätte die Nacht dort aus Vergeßlichkeit den Mondſchein zurückgelaſſen, ſchwankte, groß wie Sonnenroſen, ein Nelkenflor, von dem tiefglühenden Rothe der Feuernelke bis zu dem ſchneegleichen Weiß, das vor Zartheit an hundert Punk⸗ 179 ten leiſe zu erröthen ſcheint.— Schon mannigfach war der ſeltenen Pflanze in den Zeitungen gedacht worden; es verging faſt keine Woche, wo nicht Durchreiſende kamen, um das Wunder in Augenſchein zu nehmen, und einzelne wohlhabende Blumenfreunde hatten dem armen Gärtner ſchon namhafte Summen geboten. Aber die Rieſennelke war ihm nicht für Geld feil; er betrachtete ſie als ein Sinnbild ſeines Berufes, als ein Geſchenk der gütigen Natur, wie ihm das Leben Weib und Kinder geſchenkt hatte. Druck mußte bei ihm über Nacht bleiben. Als er am nächſten Morgen Abſchied nehmen wollte, ſagte der Gärtner treuherzig zu ihm:„Du weißt, ich bin ein armer Teufel und kann für dich Nichts thun, aber Eins mußt du von mir annehmen;'siſt nicht viel und du wirſt mich auslachen, aber thu' mir's zu Gefallen,— nimm die Rieſennelke mit und ſchmücke damit dein Geſchäftslokal aus.“ Frau und Kinder ſtanden dabei, als der Gärtner ſo ſprach. In Aller Augen ſpielte der Ausdruck der reinſten Freude, der Gärtner hatte ſeine beiden Hände treuherzig auf Druck's Schultern gelegt.— Hätte er ihm Geld angeboten,— Tauſende — Druck wäre davon nicht ſo gerührt worden, als von⸗ dieſem gutgemeinten, kindlichen Anerbieten. Er onnte die Wundernelke nicht brauchen.— Er 180 lehnte das großmüthige Opfer ab, und wie ernſt es dem Gärtner damit geweſen war, bewies die tiefe Niedergeſchlagenheit, mit welcher dieſer von Druck endlich ſchied. Inzwiſchen kauft Leidlich daheim Stahlfedern und Papierproben ein, beſtellt Handlungsbücher, läuft bei allen Graveurs der Stadt herum, und läßt ſich Muſter von Petſchaft und Stempel vorlegen, um Beides zuletzt doch noch von einem Auswärtigen anfertigen zu laſſen;— geht in alle Auktionen, wo Pulte, Tafeln und andere Bureau⸗Utenſilien zur Verſteigerung kom⸗ men; düftelt Rechnungs⸗ und Wechſelformulare aus; beſieht ſich lithographirte Schriftproben zu geſchmack⸗ vollen Empfehlungskarten; entwirft das Circulgir, an dem er täglich etwas ändert, und übt ſich eine kühn⸗ verſchlungene Unterſchrift ein, die ebenſo ſchwer nach⸗ zumachen als zu leſen iſt. Das Circulair übrigens mußte eines Tages endlich der Gegenſtand einer delikaten Unterredung zwiſchen Beiden werden. Es fragte ſich nämlich, ob die Firma „Leidlich und Druck“ oder„Druck und Leidlich“ heißen ſolle. Leidlich war im Stillen der Anſicht, daß er, als der Aeltere, und ferner als Derjenige, welcher das Geld hergab, voranſtehen müſſe— Druck dagegen hatte das Bewußtſein, daß ihm, dem praktiſchen, agi⸗ 181 renden und dirigirenden Kopfe, als der Seele des Ganzen, der Vortritt gebühre. Doch war Keiner von Bei⸗ den ſounbeſcheiden, dieſen Expektorationen Worte zu ver⸗ leihen, ſie ſahen ſich, als ſie faſt zu gleicher Zeit einan⸗ der die Frage vorlegten, an und ſchwiegen.— Zeder hatte die Stirn in Falten gelegt, Jeder that,— wie dies bei Erörterung von Lebensfragen gewöhnlich zu geſchehen pflegt— einen tiefen Athemzug. Endlich unter⸗ brach Leidlich die feierliche Stille durch ein Gemurmel. Er murmelte nämlich zwanzig Male nacheinander: Druck und Leidlich, Druck und Leidlich,— dann Leid⸗ lich und Druck, Leidlich und Druck, und wagte endlich unter Lächeln und Achſelzucken die Behauptung:„Leid⸗ lich und Druck“klingtbeſſer als„Druckund Leidlich.“ Druck meinte, das ſei Geſchmacksſache. Leidlich ent⸗ gegnete, es ſchwebe ihm noch aus ſeiner Gymnaſiaſten⸗ zeit vor, wo er ſich mit der Proſodie beſchäftigt habe, daß es äſthetiſch richtiger ſei, wenn die lange Silbe zuerſt abgethan würde und dann die kürzeren nachfolgten. Der einſilbige Theil der Firma verſicherte, von Pro⸗ ſodie nichts zu verſtehen, gab aber dem Zweiſilbigen, den er als einen Pedanten kannte, nach und ſo wurde die Firma„Leidlich und Druck“ getauft, ſo daß auch wir, lieber Leſer, uns nun nicht mehr die Freiheit nehmen dürfen, den einen oder den andern der Namen 182 nach Willkür voran⸗ oder nachzuſtellen, wenn wir von Beiden ſprechen. Druck ſchlug vor, die Taufhand⸗ lung durch eine Flaſche Wein zu feiern, Leidlich war aber der Anſicht, daß Bier dieſelbe Wirkung thäte, und ſetzte ſeinen Antrag ohne Widerſpruch durch. Eines Morgens wurde das neue Geſchäft eröffnet, aber ſo prunklos, daß der alte Mohrenhaupt, der in der erſten Etage eines ſehr eleganten Hauſes gegenüber wohnte, und, da er ſonſt nichts Wichtigeres zu thun hatte, oft halbe Tage lang mit der Pfeife zum Fenſter her⸗ ausſah, die neue Firma erſt am vierten Tage bemerkte. Druck hatte ein großes, in die Augen fallendes Schild heraushängen wollen, auf welchem mit mächtigen Buch⸗ ſtaben zu leſen ſein ſollte:„Kommiſſions⸗ und Spedi⸗ tionsgeſchäft von Leidlich und Druck.“ Außerdem ſollte ſich die Tabakniederlage ſpeziell auf einer beſonderen Blechfirma empfehlen, die quer in die Straße ragen und ſich wie eine Wetterfahne vom Winde ſchaukeln laſſen ſollte. Leidlich aber hatte dagegen proteſtirt und geäu⸗ ßert, die Mode großer und vielſagender Aushängeſchilder ſei veraltet und überdies nicht nobel. Er hatte eine ganz kleine blaue Firma anfertigen laſſen, auf welcher mit ganz kleinen goldenen Buchſtaben weiter nichts ſtand, als„Leidlich und Druck.“ Dieſe Firma, ein ſchmaler Streifen nur, wurde neben der Ladenthür be⸗ 183 feſtigt, ſo daß man ſie kaum ſah, und dann war es ſchwer, ſie überhaupt zu leſen, denn ſie war ausſchließ⸗ lich nur aus großen Anfangsbuchſtaben zuſammenge⸗ ſetzt und dieſe wiederum mit einem ſolchen Luxus von Arabesken und Verſchlingungen umgeben, daß ſie förm⸗ lich verkleidet waren, wie Menſchen bei einer Maskerade. Dieſem Aushängſchilde, das dem Muſter weltberühmter Banquiersfirmen nachgebildet war, entſprach die Comp⸗ toir⸗Einrichtung Leidlich's vollkommen. Die Lokalität des Comptvirs, das an den kleinen Laden ſtieß, war zwar eng, auch herrſchte darin zu jeder Tagesſtunde, wo die Lampe nicht brannte, totale Finſterniß, denn es hatte ein kleines Fenſter nach einem Hofe hinaus, der erſt von der Comptoirbeleuchtung ſein Licht em⸗ pfing,— indeſſen hätte die Einrichtung innerhalb der engen vier Wände dem größten Handlungshauſe keine Schande gemacht. Da war Alles vorhanden, was ſich das Herz eines Buchhalters, der hinter ſeinen Kon⸗ tobüchern ergrautiſt, wünſchen kann. Ein großes Dop⸗ pelpult, deſſen eine Hälfte Druck zu vermiethen vor⸗ ſchlug, was aber Leidlich ablehnte Eine Lampe, deren Eleganz um ſo ſchwerer in's Gewicht fiel, als ſie nur zur Aushilfe diente, bis eine Gasröhre ins Comptoir ge⸗ leitet ſein würde. Eine Landkarte, welche die ganze eine Wand einnahm und ſich bereits trefflich bewährt hatte, indem Leidlich Veranlaſſung nahm, einen Ort aufzu⸗ ſuchen, von wo der jungen Firma eine unfrankirte Offerte zugekommen war. Sämmtliche, für doppelte Buchführung unerläß⸗ liche Handlungsbücher, in Leder gebunden und mit goldenen eingepreßten Titeln auf den Rücken, Brief⸗ papiere, Schemas zu Wechſeln, Rechnungen, Quittun⸗ gen, Frachtbriefen u. ſ. w. in ſo hohen Stößen, daß der Vorrath für ein halbes Jahrhundert damit gedeckt ſchien, und überall war die Firma aufgedruckt oder ein⸗ gepreßt. Der Name manches Autors iſt nicht ſo oft gedruckt worden. Auch ein Briefſchrank mit fünfund⸗ zwanzig leeren Fächern, ſ ämmtlich nach dem Alphabet geordnet, war vorhanden. Und unter vielen anderen Dingen ſei hier nur noch die eiſerne Kopirpreſſe an⸗ geführt, die vorläufig mehr zur Raſt als zur Arbeit berufen ſchien. Dieſe ganze reiche Ausſtattung, in den kleinen Raum zuſammengedrängt, nahm ſich aus wie eine Titelvignette zu einem kaufmänniſchen Roman. Die ganze Tabakniederlage war bei weitem nicht das werth, was die Einrichtung des Comptoirs koſtete. Erſtere bildete die Quinteſſenz des kleinen Gewölbes, welches mit dem Comptvir durch eine Glasthür ver⸗ bunden war. Auf der Ladentafel ſtand ein großer Glaskaſten mit vielen Fächern und dieſe enthielten, 185 nach Qualität und Preis geordnet, ein wohlaſſortirtes Cigarrenlager. Die eigentliche größere Niederlage be⸗ ſtand in einzelnen Probekiſten, welche im Gewölbe zerſtreut umherſtanden, oder geſchickt vertheilt, wie das Theaterpublikum an einem ſchwülen Juniabend. Amzweiten Tage nach Eröffnung des Etabliſſements glaubte Leidlich, der in ſeinem Comptoir emſig ſchrieb, das erſte Anzeichen des erwachenden Geſchäftsganges zu vernehmen. Der metall'ne Puls des jungen Daſ eins, der an der Gewölbthür in Geſtalt einer Glocke ange⸗ bracht war, that ſeinen erſten Schlag. Leidlich hielt den Athem an und lauſchte. Er hörte ſeinen Aſſocié Druck in lautem Geſpräch mit einem Fremden, doch konnte er den Inhalt nicht verſtehen, er unterſchied nur ein⸗ zelne Worte: wie: Cigarren— junge Anfänger— Kundſchaft— ſchönes Wetter Der Fremde verweilte lange in angelegentlichem Geſpräch mit Druck, der— wie Leidlich durch die Glasthür beobachtete— ſehr artig und zuvorkommend war und dem Andern jetzt eben ein brennendes Schwefelholz überreichte, woran dieſer ſeine Cigarre anzündete, um ſich dann zu empfeh⸗ len. Druck bat um baldige Wiederholung des Beſuchs und rieb ſich vergnügt beide Hände. Leidlich ſtürzte in den Laden.„Das erſte Geſchäft wäre gemacht!“— rief ihm Druck lachend entgegen. Dabei deutete er auf 1861. XI. Junge Anfänger. II. 12 186 eines der ſortirten Cigarrenfächer im Glaskaſten und auf einen auf dem Ladentiſche liegenden funkelneuen Zweipfenniger. Leidlich machte, ohne ein Wortzu ſagen, ſchnell kehrt und zog ſich im Sturmſ chritt wieder hinter ſeine Strazzen zurück. Das Verhältniß zweier Compagnons hat viel Aehnlichkeit mit der Ehe, beſonders was die Schatten⸗ ſeiten anlangt. Mit der Ehe hört die ſchwärmeriſche Liebe, mit einer Aſſoziation die ſchwärmeriſche Freund⸗ ſchaft auf, die zwei ſolche Menſchen zuſammengeführt und mit einander verbunden hat. Da entdeckt der Eine an Andern Einzelnheiten, die er bisher nicht heraus⸗ gefunden hat, und über alte Eigenheiten, die man ſonſt belächelte, oder gar liebenswürdig fand, runzelt man jetzt die Stirn. Zwei Aſſociés gehören einander Tag und Nacht an, der Eine muß ſich nach dem Andern richten, ſie überwachen gegenſeitig ihre Privatbezie⸗ hungen und ihren Aufwand, und wenn ſie verheiratet ſind, ſo thun dies mit noch ſchärferem Blick ihre Frauen. Von unſern beiden Freunden ſtand zwar Keinem eine Lebensgefährtin zur Seite, ſie hatten vorläufig an ſich ſelbſt genug. Namentlich war Leidlich bemüht, ſeinen Aſſocié unter den Pantoffel zu bringen, und dies führte nach den kurzen Flitterwochen zu kleinen Differenzen und Verſtimmungen, während welcher die 187 Beiden oft mehrere Tage lang kein Wort zuſammen ſprachen. Leiblich ſchrieb vom Comptoir aus Herrn Druck lange Briefe, die dieſer vom Laden aus beant⸗ wortete, indem er ſie mit Bleiſtiftbemerkungen ver⸗ ſehen, Jenem zurückgab. Kleine Erinnerungen, die man ſich dann gegenſeitig in Betreff der laufenden Geſchäfte zu machen hatte, wurden mit Kreide auf die ſchwarze Tafel geſchrieben, und dann— zum Zeichen, daß man ſie geleſen hatte, durchſtrichen.— Gewöhn⸗ lich endigte derartige ſtumme Zerwürfniſſe eine einlau⸗ fende Korreſpondenz, die demjenigen, der ſie zuerſt las, je nachdem ihr Inhalt angenehm oder unangenehm war, einen Ausruf auspreßte. Der Andere wurde dann neugierig und fragte, was es gäbe. Damit war das tagelange Schweigen gebrochen. Leidlich hockte den ganzen Tag hinter ſeinen Bü⸗ chern, Druck flanirte in der Stadt herum und ver⸗ ſäumte keine Gelegenheit, wo ein Geſchäft zu machen war. Er war immer vergnügt, und freute ſich über die abgeſchloſſenen Geſchäfte. Leidlich fand ſie nie groß genug und unterſuchte vor Allem, ob Druck unterwegs eingekehrt ſei und nach Bier rieche, was ſich häufig beſtätigte. Leidlich hatte alle alten Kleider, die er früher abgelegt hatte, wieder hervorgeſucht, um ſie vollends abzureißen, ſo daß er hinter ſeinem Pulte wie ein Lum⸗ 12* — 188 penkönig anzuſehen war. Druck hatte ſich zur Feier ſeiner Selbſtſtändigkeit von Kopf bis zu Fuß neu ge⸗ kleidet, und bediente die Kunden im Frack. Leidlich verzichtete, ſeit er die Ketten der Knechtſchaft abge⸗ ſchüttelt hatte, auf den Genuß der Cigarre und be⸗ gnügte ſich mit der Pfeife, die er mit dem wohlfeilſten Tabak ſtopfte. Druck dagegen koſtete das ganze Cigar⸗ renlager durch und entſchied ſich für eine der feinſten Sorten, mit deren angenehmen Duft er fleißig die Gewölbluft ſchwängerte. Leidlich machte ſeinem Aſſocie Vorwürfe, daß er ſich ſo ſelten im Comptoir ſehen ließe und ihn in den mannigfachen ſchriftlichen Arbeiten nicht unterſtütze. Druck lachte über Leidlich's überflüſſige Vielſchreiberei, beſpöttelte den Luxus, den dieſer mit bronzenen Briefbeſchwerern trieb und be⸗ diente ſich ſelbſt zu gleichen Zwecken eines großen Steines, den Leidlich täglich mehre Male zum Fenſter hinauswarf. Beſonders war die Kopirpreſſe ein Gegen⸗ ſtand für Druck's Spottſucht. Es machte ihm Freude, Roſtflecke daran zu ſuchen, als Zeichen allzuſeltnen Gebrauchs, und wenn ſich trotzdem die Kopirpreſſe be⸗ währte und er im Laden hörte, wie Leidlich, um einen zweizeiligen Brief zu kopiren, daran herumſchraubte und mit den Preßbengeln klapperte, ſo war dies für Druck's Lippen erſt recht ein Grund zu einem ſarka⸗ ſtiſchen Lächeln. 189 Während Leidlich vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend bis an die Ohren in Papieren vergraben, kalkulirt, korreſpondirt, ſkontrirt und kopirt, daß ihm die Schweißtropfen von der Stirn herablaufen, ſieht man unſern Freund Druck voran im Gewölbe mit graziöſen Handbewegungen ſeine Cigarre zum Munde führen und behaglich den blauen gekräuſelten Wölkchen nachblicken, oder man ſieht ihn auf der Promenade oder in den Straßen in auſcheinend müßigem Geplauder mit Andern. Selten nur nimmt er eine Feder zur Hand und mit einer Be⸗ reitwilligkeit, die an Schnelligkeit grenzte, hat er dem neuen Lehrlinge ſeinen jeweiligen Platz am Doppel⸗ pulte gänzlich zur Verfügung geſtellt. Und dennoch iſt er keinen Augenblick müßig, denn während er den blauen Rauchwolken nachſchaut entwirft, er in Zeit von wenig Sekunden oft einen Plan, deſſen glückliches Gelingen ſeinem ſchwerfälligen Aſſoeie Leidlich auf Wochen Stoff zum Schreiben gibt, und was den ſchwülſtigen, viel⸗ ſeitigen Briefen Leidlich's mit ihren langathmigen Pe⸗ rioden und dringenden Poſtſkripten nicht gelingt, das vermag Druck's perſönliche Liebenswürdigkeit und ſeine überzeugende Suada.— Dennoch betrachtet ſich Leid⸗ lich als das Faktotum. Zedes Stückchen Papier, das er beſchreibt, verwandelt ſich in ſeinen Augen in eine 190 Banknote, ſeine komplizirte doppelte Buchführung hält, wie er glaubt, allein das Ganze zuſammen, und was Druck's perſönliche Erfolge betrifft, ſo iſt er der Mei⸗ nung', daß dieſe durch ſeine herzgewinnenden Briefe zum mindeſtens erſt vorbereitet worden ſind. Unter⸗ nehmungen, die⸗Druck ohne Leidlich's Hinzuthun zu⸗ wege bringt, werden von dieſem ſtets geringgeſchätzt. —————, H. Eine Entdeckung. Es wurde in der Nachbarſchaft von Leidlich und Druck viel muſizirt; wenn Druck rauchend und kombi⸗ nirend im Gewölbe ſaß oder vor der Thüre ſtand, da rauſchten von allen Seiten Pianotöne in ſein Ohr. Es ſchienen faſt ſämmtlich ſehr genügſame Muſiker zu ſein, denn mit Ausnahme eines Einzigen kam Keiner über die drei oder vier verſchiedenen Stücke, die er täglich ſpielte, hinaus. Einen Tag wie alle Tage derſelbe Tanz aus dieſem, dasſelbe Potpourri aus jenem Fen⸗ ſter u. ſ. w. Bald kannte Druck den Ton eines jeden Klaviers. Das ſchlechteſte Klavier, bei deſſen Tönen man ſo⸗ gleich Verdacht ſchöpfte, es habe noch ſchwarze Unter⸗und weiße Obertaſten, erklang aus einem Dachſtübchen. Aber Druck lauſchte den heiſeren Tönen gern, denn ſie keuch⸗ ten unter der Virtuoſenhand eines armen Konſervatori⸗ 192 ſten daher, der ihnen täglich neue Melodien aufdrang. Ein volltöniger, gewaltig brauſender Flügel dagegen ver⸗ ſauerte unter dem Geſtümper des ungeſchickteſten Di⸗ lettanten, und Druckärgerte ſich im Geheimen oft dar⸗ über, daß der arme Konſervatoriſt nicht den Flügel und der unwürdige Dilettant nicht deſſen Hackebrett beſaß. Er knüpfte hieran eine Betrachtung, in der er ſich ſelbſt als ein Leidensgenoſſe des Konſervatoriſten wiederfand. Wie jener ein tüchtiger Klavierſpieler, ſo war Druck ein tüchtiger Kaufmann, aber wie Zener ſich mit einem elenden Organ behelfen mußte, das ihn an der vollen Entfaltung ſeiner Kunſt hinderte, ſo war auch Druck auf einen engen Wirkungskreis beſchränkt, und es fehlten ihm die Mittel, mit denen ſein Unterneh⸗ mungsgeiſt ſicherlich Großes hervorgebracht haben würde.— Auch der Dilettant war für dieſen Ver⸗ gleich in der Nachbarſchaft vorhanden; das war der alte Mohrenhaupt gegenüber, der müßig auf ſeinen Geldſäcken ſaß, und mit einem dieſer Geldſäcke nur hätte Druck die halbe Welt in Bewegung ſetzen kön⸗ nen. Gar oft ruhte ſein Blick halb wehmüthig, halb neidiſch auf dem fetten Rentier, wenn dieſer die Blu⸗ menſtöcke, mit denen alle Fenſter ſeiner Wohnung dicht beſetzt waren, mit ſeinen plumpen, langſamen Händen bei Seite ſchob, um den Kopf mit dem ſilber⸗ 193 betrottelten Käppchen auf einige Stunden zum Fenſter herauszuſtecken, oder wenn er aus der Hausthür ge⸗ trippelt kam, um ſeinen runden Bauch, von welchem, wie eine Art Unterleibs⸗Civilverdienſtmedaille, das ſchwere goldene Uhrgehänge ſtrahlte, nach einem Auſternkeller zu tragen. Eines Tages glaubte Druck die Beobachtung zu machen,daß ſich unter das muſikaliſ che Treiben der Nach⸗ barſchaft ein fremdartiges Element eingeſchlichen haben mußte. Der arme Konſervatoriſt ſchien auf dem volltönen⸗ den Flügel zu ſpielen, und doch war es nicht ganz der⸗ ſelbe Ton, und auch nicht ganz dieſelbe geübte Hand. Nach vielem Hin⸗ und Herſinnen fand Druck einen Mittelweg; es war ohne Zweifel ein neuer Spieler und ein neues Inſtrument hinzugekommen. Ein gün⸗ ſtiger Luftſtrom gab noch einen weiteren Aufſchluß: die neuen fremden Töne kamen aus der Wohnung des Ren⸗ tiers Mohrenhaupt. Druckhatte keine Veranlaſſung, die lieblichen Harmonien der ungeſchlachten Hand Moh⸗ renhaupt's ſelbſt zuzuſchreiben, ebenſo wenig der alten Haushälterin, die er in ihrer weißen Nachthaube, wie zwiſchen ein Paar Elephantenohren, zuweilen an den Fenſtern bemerkt hatte. Es mußte dem⸗ nach eine dritte Perſon hinzugekommen ſein. Für wen hielt Mohrenhaupt ein Inſtrument? War es 194 vielleicht eine Erinnerung an ſeine längſt verſtorbene Frau? Beſaß er einen Sohn, der auswärts ſtudirte oder eine Stellung bekleidete? Beſaß er— Soeben erſchien der Rentier ſelbſt am Fenſter. Er ſprach mit Jemanden, den Druck nicht ſehen konnte, er nickte mit dem Kopfe, er ſchlug ein luſtiges Geläch⸗ ter auf, erhob die eine Hand, und ſchien ſie Jemanden auf Haupt oder Schulter zu legen. Dann verſchwand er wie der Mann im Wetterhäuschen, und wie dort, ſo kam auch hier jetzt die andere, bisher unſichtbar geweſene Per⸗ ſon zum Vorſchein: eine Erſcheinung, die für Druck an den Fenſtern des alten Rentiers etwas Unerhörtes war, und ihm das ſtille Geſtändniß abnöthigte, daß er den Mann bisher verkannt und unterſchätzt habe, wie einen grünen Strauch etwa, den man für Un⸗ kraut hält, bis ſich aus ſeinem wuchernden Grün eines Tages verlockende Erdbeerblüthen entfalten. Mit wenig Worten, Druck erblickte am Fenſter ei ne junge Dame. Sie beſaß nicht die zauberiſchen Reize einer Romanheldin, die den Helden ſofort packen, ſein Herz zu praſſelnden Flammen entzünden, und den Dichter, der es nicht liebt, die Feuersbrunſt, welche er ſchildern will, bis auf den erſten glimmenden Funken zurückzuführen, als vorſätzlichen Brandſtifter mit Schwefel und Pech auftreten laſſen.— Die Dame an 195 Mohrenhaupt's Fenſter hatte hellblondes, ſorgfältig friſirtes Haar, blaue Augen und auf den Wangen das Inkarnat einer vornehmen Geſundheit. Ihr Geſicht war regelmäßig, aber nicht einſchläfernd, ſondern es erhielt wach, wie ein Theegeſpräch über Muſik, Poeſie, Pariſer Moden unter gleichverwandten Geiſtern.— Ihr Teint war von jener Zartheit, die wohl verdient unter Sonnſchirm und Schleier konſervirt zu werden. Wenn ſich aber, lieber Leſer, eine ſolche Blondine dir gegenüber auf eine Entfernung, die ſo zu ſagen „über Schnupftuch“ iſt, plötzlich einquartiert, eines Ta⸗ ges plötzlich zum Fenſter hinausſieht und dir plötz⸗ lich auch einen zufälligen Blick zuwirft, ſo wirſt du mindeſtens angenehm überraſcht ſein, du wirſt im Laufe des Tages ſehr häufig nach jenem Fenſter hin⸗ aufſehen, wirſt, wenn du es leer findeſt, dich nicht ſehr angenehm getäuſcht fühlen, und— ſo oft du ein gewiſſes Geräuſch hörſt, als würde eben ein Fenſter⸗ flügel geöffnet, wirſt du dich angelegentlich darnach umſehen!— Gerade ſo erging es unſerem Freunde Druck, der außerdem noch von der lebhafteſten Neu⸗ gier erfüllt war, in welchem Verhältniß die unbekannte Schöne zu dem bekannten Rentier eigentlich ſtehe. Als Leidlich am folgenden Morgen von einem kleinen Geſchäftsgange zurückkehrend, in das Comp⸗ 196 toir trat, blieb er wie verſteinert an der Thüre ſtehen. —„Aber lieber Druck!“ redete Leidlich, der die eine Hand noch immer auf der Thürklinke hielt, und mit der andern die Hutkrämpe erfaßt hatte,„du haſt dich doch bisher immer ſelbſt raſirt?!“ Druck vermochte nicht zu antworten; er war bis an die Naſe eingeſeift. „Und mein Comptoir iſt doch wahrhaftig keine Barbierſtube,“ grollte Leidlich mit einem ſtechenden Seitenblick auf ſeinen Schämel, auf welchem der Bar⸗ bier ſein gelbmeſſingenes Becken und ſeinen Scherbeu⸗ tel ausgekramt hatte. „Ja! das iſt ein alter eingefleiſchter Geldmann,“ fuhr der Barbier unbekümmert um die Dazwiſchen⸗ kunft Leidlich's in ſeiner Unterhaltung fort,„wer kein Geld hat, der iſt in ſeinen Augen ein Lump. Ich be⸗ diene ihn ſeit fünf Jahren, aber ich möchte es nicht wagen, ihn um ein Darleihen von uu Einem Thaler anzugehen, er würde mir ſchön heimleuchten.“ Druck zuckte mit den Augenbrauen, da er nicht ſprechen durfte, denn der gewandte Barbier ſchabte und mähte eben zwiſchen Mund und Naſe, daß der Bart in Garben herabfiel. „Es iſt überhaupt ein ſchwerer Umgang mit die⸗ 197 ſem Manne,“— fuhr der Bartkünſtler fort,—„er hört ſchwer, als hätte er mit den Ohren ſein Geld verdient und brauche dieſe nun nicht mehr. Bei übler Laune hört er am ſchwerſten. Einmal bat ich ihn, mir einen Pfeifenkopf zu ſchenken, der mir ſehr gefiel und den er nicht mehr benutzte,— da war er gar taub!“ „Ja! ja!“— ſagte Druck, der jetzt den Mund frei bekommen hatte,—„ſo ein alter Junggeſelle hat ſeine Eigenheiten.“. „Junggeſelle?“— rief der Barbier,—„weit ge⸗ fehlt! Er hat ja eine erwachſene Tochter!“ „So, ſo! hat er eine Tochter, das iſt etwas An⸗ deres, dann iſt er am Ende gar auch ſchon Groß⸗ vater?!“ „Sie iſt ja noch unverheiratet.“ „So, ſo, iſt ſie noch unverheiratet! Aber wenig⸗ ſtens doch Braut, nicht wahr?“ „Auch das noch nicht. Sie iſt noch vollkommen frei, wie mir die alte Haushälterin geſagt hat.“ „Die Haushälterin? Was weiß die, wie es in Fräulein Mina's, oder Anna's, oder Clara's Herzen—“ „Mathilde heißt das Fräulein.“ „Oder in Mathildens Herzen ausſieht, ſie kann ihr doch nicht auf Schritt und Tritt nachgehen, oder 198 heimlich zuwinkenden Blicken in Theater und Konzer⸗ ten Fuchseiſen ſtellen, oder—“ „Fräulein Mathilde iſt ja erſt ſeit zwei Tagen in der Stadt, in ſo kurzer Zeit knüpft ſich kein Verhält⸗ niß an.“ „Erſt ſeit zwei Tagen in der Stadt? Deſto ſchlim⸗ mer, ſo hat ſie vielleicht ſchon längſteine Liebe auf dem Lande.— Was hat ſie denn auf dem Dorfe gethan? — Feldwirthſchaft erlernt?“ „Sie war nicht auf dem Dorfe, ſondern bei Ver⸗ wandten in der Schweiz und iſt nach einjährigem Auf⸗ enthalte daſelbſt jetzt zurückgekehrt, um den Zudring⸗ lichkeiten eines jungen Mannes zu entgehen, den ſie nicht wiederlieben konnte. Ich denke, daraus läßt ſich mit Sicherheit ſchließen, daß die Hand der jungen rei⸗ chen Erbin noch frei iſt.— Gehorſamer Diener!“ „Da haben Sie Recht!“— ſagte Druck, während er ſich die Seife aus dem Geſichte wuſch.—„Sie dürfen mich nun regelmäßig zweimal die Woche ra⸗ ſiren.“— Der Barbier empfahl ſich, nachdem ihm Druck eine feine Cigarre zum Geſchenk gemacht hatte. Leidlich hatte eine eigenthümliche Gewohnheit, ſeine immer gereizte Stimmung an den Tag zu le⸗ gen. Er wußte ſich in ſolchen Fällen ſchwer mit Wor⸗ ten auszudrücken, weil er ſtets um den Anfang verle⸗ 199 gen war, und ſo lange er noch keine paſſende Phraſe, die den Gegner gleich niederſchmettern ſollte, gefunden hatte, begnügte er ſich damit, an allen beweglichen Ge⸗ genſtänden, die ihm unter die Hände kamen, unruhig herumzurücken. Ehe er daher jetzt in ſalbungsvoller Rede ſeinen Aſſocié darauf hinwies, wie unpaſſend es ſei, die ernſten Räume eines Comptoirs wöchentlich zweimal in eine Barbierſtube zu verwandeln, und mit einem Bartſcherer ein ſo vertrauliches Geſpräch zu führen, hatte er zuvor die Landkarte gerade gerückt, den Docht der Lampe ein wenig höher gedreht, und zwei Blei⸗ ſtifte ſo aneinandergelegt, daß ſie einen rechten Winkel bildeten. „Du kannſt dich ja zu Hauſe raſiren laſſen,“äußerte Leidlich am Schluſſe ſeiner Rede. „Das geht unmöglich,— entgegnete Druck, „dann käme ſtatt dieſes jungen Mannes, der nur die Kunden dieſer Straße hier beſorgt, ein anderer Bar⸗ bier und das Raſiren hätte für mich denſelben Nutzen, wie für jenen ungewöhnlich dicken Paſſagier die bei⸗ den Plätze, die er ſich für ſeine Perſon beſtellte und wovon ſich der eine im Hauptwagen, der andere in der Beichaiſe befand. Denn du mußt wiſſen, daß ich gerade dieſes jungen Bartkünſtlers bedarf. Er geht 200 in einem Hauſe ein und aus, für das ich mich ſehr lebhaft intereſſire, und ſtattet mir Bericht ab.“ „War dies ein ſolcher Bericht? Und von wem war eigentlich die Rede?“ „Von unſerem Nachbar drüben, dem alten Moh⸗ renhaupt.“ „Er beſitzt eine Tochter, die ihn beerben wird?“ — frug Leidlich plötzlich ſehr freundlich. Druck war inzwiſchen in den Laden gehüpft und kam mit der Nachricht zurück, daß ſie eben zum Fen⸗ ſter hinausſähe. Er nahm ſeinen Aſſocié am Aermel, und dieſer ließ ſich nachziehen. „Die einzige Tochter,— ſagte Leidlich unter⸗ wegs, ſich das vorhin Gehörte ins Gedächtniß zurück⸗ rufend—„Mathilde heißt ſie— noch unverheiratet — noch nicht verlobt— nicht einmal die Möglichkeit eines Verhältniſſes.— Druck! ich habe eine Idee, eine großartige Idee!“ Inzwiſchen waren Beide an der Ladenthür ange⸗ kommen und Leidlich warf einen vorſichtigen Blick nach der jungen Schönen empor. Er betrachtete ſie nur flüchtig, wie eine Wohnung, die man beim erſten An⸗ blick gleich zu miethen entſchloſſen iſt.„Druck, ich habe eine Idee!“— rief er wiederholt und dann flüſterte er dieſem heimlich ins Ohr:—„Einer von uns muß 201 das Mädchen heiraten.“— Dabei ſchlug er mit der geballten Rechten auf die flachgeöffnete linke Hand, drehte ſich um und ſchritt nach dem Hintergrunde, als wollte er ſich dem Ausbruche eines ungeheuren Bei⸗ falls entziehen. Plötzlich ſchlug er ſich mit der Hand vor die Stirn, ſtemmte die Linke in die Seite, und kam wieder zurück.— „Ich habe bei den Damen unverſchämtes Glück,“ — ſagte er mit einem feinen Lächeln,—„gib Acht, heute über's Jahr ſpäteſtens heißt dieſe da drüben Madame Leidlich!— Fahre hin, glückliches Jung⸗ geſellenthum, wir nehmen jetzt ein Weib!— Aber—“ er ſah Druck bedeutungsvoll an, drohte ihm mit dem Finger, und deutete damit auf ſeinen Mund, dem ein langes, geheimnißvoll warnendes„pſt“ entſtrömte. 1861. Kl. Junge Anfänger. I. 13 III. Ein optiſches Kapitel. Mathilde Mohrenhaupt hatte ein paar Augen von wunderbarer Klarheit. Sie waren ſo ſcharf, daß ſie den feinſten Seidenfaden in das zarteſte engliſche Na⸗ delöhr fädeln konnte, ohne erſt das Wachs anwenden zu müſſen, und ohne auch nur ein einziges Mal dane⸗ ben zu fahren. Sie konnte die kleinſte Schrift leſen, in der je ein Buch gedruckt worden iſt, und das wurde ein neuer Vortheil für die Literatur, denn ſeitdem Mathilde in's väterliche Haus zurückgekehrt war und Mittags und Abends mit ihrer angenehmen Stimme ihrem Papa Geſchichten vorlas, war dieſer in der Wahl ſeiner Lekture bei weitem anſpruchsloſer gewor⸗ den, und ſchob dem Leihbibliothekar nicht mehr die ſiuhettiet Romane als unnützes, dummes Zeug zurück. Aber es gibt nichts Vollkommenes in der Welt, und auch Mathildens Auge hatte ſeine Mängel. Es 203 war ein Auge, das ſozuſagen hinter'm Ofen hockte, ein Stubengelehrter,— es reichte kaum bis über die Straße, und ſo vertraut es auch war mit ſeinen näch⸗ ſten Umgebungen, ſo hielt es doch die Cigarrenkiſten am Schaufenſter des gegenüberliegenden Ladens eine Zeit lang für Pfefferkuchen, die geſchnörkelten Schrift⸗ züge der kleinen blauen Firma für gemalte Brezeln und den Mann, der öfters an der Thür ſtand, für einen Konditor. Sie hatte daher eines Tages ihre elegante Perlmutterlorgnette zur Hand genommen, und richtete dieſe zunächſt auf den vermeintlichen Schweizerbäcker, der gerade den Kopf ſo gewendet zu haben ſchien, daß er die Prüfung, welcher er im Stil⸗ len unterworfen werden ſollte, nicht bemerken konnte. Ein Schanzengräber aber, der vom Feſtungswalle eine Kanonenmündung aufblitzen ſieht, kann ſich nicht ſchnel⸗ ler bücken, als Mathilde die Lorgnette wieder von den Augen riß, um ſich erröthend abzuwenden. Sie hatte unſerm Freunde Druck ſchnurgerade in die braunen Augen geſchaut, und dieſe hatten durch ein plötzliches Aufleuchten deutlich genug zu erkennen gegeben, wie ſehr ſie ſich durch dieſe Ehre geſchmeichelt fühlten. Denn Druck's Auge beſaß die entgegengeſetzten Eigen⸗ ſchaften. Wenn Druck keine Brille auf hatte, ſo über⸗ traf ihn jeder Schuljunge im Leſen und Schreiben. 13* 204 Dagegen beſaß ſein Auge für die Ferne die Schärfe eines Falken. Bei klarem Wetter vermochte er von ſeiner Ladenthüre aus das Bild des Kaiſers Napo⸗ leon zu erkennen, das bei Mohrenhaupt über der Zim⸗ merthüre hing, und aus dieſen widerſprechenden Eigenſchaften der beſchriebenen beiden Augenpaare entwickelte ſich jetzt ein ſtilles Verhältniß, bei welchem Druck einen großen Vortheil vor ſeiner Nachbarin voraus hatte. Seitdem Mathilde ihren Nachbar durch die Lor⸗ gnette kennen gelernt hatte, gleichſam wie man durch einen aufflammenden Blitz ſich über einen finſtern Ort orientirt, fühlte ſich ihr Ange, ſo oft ſie an's Fenſter trat, ganz unwillkürlich von der Ladenthür gegen⸗ über angezogen, und noch ehe ſie ſelbſt es dachte, kehrte ihr Blick drüben ein, und hielt vor dem liebenswür⸗ digen Nachbar ſtill, wie ein treubewährtes Roß, das aus alter Gewohnheit vor einem gewiſſen Gaſt⸗ hauſe auf der Landſtraße regelmäßig von ſelbſt Halt macht. Und das kurzſichtige Auge ſah jetzt ohne Lor⸗ gnette deutlich das etwas gelbliche Geſicht des Nach⸗ bars, mit ſeiner humoriſtiſchen Phyſiognomie und den ſatiriſchen dunklen Linien der Augenbrauen und des Schnurbartes, denn das einmal geſchaute Bild lebte in der Erinnerung des Auges fort, und dieſe ergänzte 205 mit ſcharfen Zügen die matten Contouren der Sehkraft. Menſchen mit kurzſichtigen Augen aber verlieren leicht den Maßſtab für den weiterdringenden Blick Anderer, ſie glauben, wie der Vogel Strauß, der beim Heran⸗ nahen des Jägers den Kopf in den Sand ſteckt, der Beobachtung entzogen zu ſein, wo ihre eigene Sehkraft ſelbſt nicht ausreicht. In dieſem Falle befand ſich Ma⸗ thilde. Während ihr Blick oft auf dem Nachbar drüben weilte, ahnte ſie nicht, daß deſſen verräth eriſches Fal⸗ kenauge wie ein Spion jene Blicke be lauſchte. Sie war mit ihrem heimlichen Intereſſe verrathen und verkauft, wie jenes Liebespaar im einſamen Kornfelde, das von einem fernen Gartenhauſe aus von einer zahl⸗ reichen, lachenden Geſellſchaft durch den Tubus beob⸗ achtet wird.— Wie Druck bei hellem Wetter das Bild über der Zimmerthür zu erkennen vermochte, ſo ſah er jetzt auch häufig ſeine Nachbarin im Gefühle ihrer Sicherheit mitten im Zimmer ſtehen, wie ſie durch die Lorgnette die Firma buchſtabirte, die Cigar⸗ renkiſten am Schaufenſter betrachtete, überhaupt voll⸗ ſtändige Muſterung hielt, und dabei aus ihrem Hin⸗ terhalte kecke Streifblicke auf Druck ſchoß, der eben tief in die Lekture der Zeitung verſenkt zu ſein ſchien. Aber mit dieſen Triumphen begnügte ſich Druck kei⸗ neswegs. Er ſtellte hierzu dem armen Auge drüben 206 noch allerhand Fangnetze, Schlingen und Leimruthen, in Geſtalt von Cigarrenkiſten, die er ſymmetriſch am Schaufenſter aufbaute, und durch deren Zwiſchenräume er nach der Nachbarin hinüberſchielte. Und da ſah er gar oft, wie ſie ihr Auge von den vorüberpaſſirenden Menſchen und Karroſſen plötzlich aufſchlug und es nach der Gewölbthür richtete, und wie es dort Etwas ſuchte und nicht fand, und wie es ſich wieder abwandte, und immer wieder zurückkam, um zuletzt, wenn in der Per⸗ ſon Druck's der geſuchte Gegenſtand endlich hervor⸗ trat, mit Blitzesſchnelle zu entfliehen, wie ein Vöglein an einer Seidenſchnur. Oft auch ging ſie vom Fenſter weg, weil dieſer Mann, nach welchem Ende der Straße ſie auch hinabſchaute, wie weit ſie auch eine modiſch gekleidete Dame verfolgte, ſich doch immer als Staf⸗ fage in den Rahmen ihres Geſichtskreiſes hinein⸗ drängte. Dann ging ſie vom Fenſter weg, ſchloß wohl auch beide Flügel zu, ſtellte die gehäkelten Vorſetzer vor, und wenn ſie recht unwillig war, ſo ließ ſie zu⸗ weilen das Rouleau herab.— Und das Alles nannte Druck bereits ein ſtilles Verhältniß, ein ſtummes In⸗ tereſſe, ein verheißungsvolles Augenſpiel, trotz daß ſein Nebenbuhler Leidlich, wie dieſer ſich ſelbſt aus⸗ drückte, die Sache gleich mit beiden Händen erfaßt, ſo zu ſagen mit gleichen Beinen bereits in ein zärtliches 207 Verhältniß hineingeſprungen war. Leidlich war näm⸗ lich mit Energie, und zwar ſo verfahren. Er hatte ſich eines Morgens breit vor die Ladenthür gepflanzt; als Mathilde ſich am Fenſter gezeigt, hatte er im Fluge einen ihrer Blicke erhaſcht, und die Nachbarin mit einer tiefen Verbeugung und durch Abnahme des Hutes, welchen er zu dieſem Zwecke eigens aufgeſetzt, höflich gegrüßt. Der Gruß war natürlich erwidert worden. Die Folgen dieſes entſcheidenden Schrittes ſprachen ſehr zu Leidlich's Gunſten. Während Fräu⸗ lein Mohrenhaupt für Druck, mit dem ſie noch nie einen Gruß getauſcht hatte, nur auf wenige Augen⸗ blicke am Fenſter erſchien, ja durch ſeinen bloßen An⸗ blick ſogar oft verjagt wurde, blieb ſie, ſo oft der legi⸗ time Nachbar Leidlich an der Thür ſtand, ganz ruhig am Fenſter liegen, ließ ihre Blicke unbefangen die Straße hinauf und hinab gleiten, ja es geſchah ſogar einige Male, daß ſie mit feſtem Auge Leidlich's kleine Geſtalt von Kopf zu Fuß muſterte, ſo daß dieſer über ſolch raſches Vorgehen ſeiner Künftigen faſt verblüfft war, und halb überraſcht, halb triumphirend zu Druck äußerte, es ſei ein wahres Blitzmädel! An einem ſchwülen Sommermorgen jedoch ſahen beide Rivalen ihre Illuſionen plötzlich erbarmungs⸗ los zerſtört. Der treue Barbier nämlich, der eben 208 vom alten Mohrenhaupt kam, erzählte, während er Druck einſeifte, daß er den Rentier heute bei ſehr guter Laune gefunden habe. Wie der Brocken bei heiterm Himmel, ſei das ſonſt ſchwer zugängliche Ohr des Alten heute ebenfalls von der Nebelkappe ganz befreit geweſen, und der Barbier hatte dieſe Gelegenheit benützt, das Geſpräch auf die jungen Anfänger im Laden gegenüber zu lenken.„Ein flottes Geſchäft da drüben,“— hatte der Barbier geäußert, —„ſehr thätige junge Leute, werden's noch zu etwas Großem bringen!“— Der Rentier wollte das nicht einſehen, er ſprach von einem ſehr kleinen, engen La⸗ den, von einem Tabakskram in einer Bude.—„Die Firma macht nur en gros Geſchäfte,“— entgegnete der Barbier,„braucht zu Hauſe wenig Platz, Alles in der weiten Welt, am Bahnhof— auf dem Meere!“ Darauf der Rentier:„Was das Auge ſieht, glaubt das Herz,— ärmliche Winkeljuden— Schwindel— unbegreiflich, wie ſich zwei Menſchen davon ernähren können.“ Der Barbier hatte Einiges erwidern wollen, aber der Alte war wieder ſchwerhörig geworden, hatte keine Antwort mehr gegeben und keine Frage mehr vernommen. Als der Hiobsbote fort war, überſchüttete Leid⸗ lich ſeinen Aſſocis mit Vorwürfen, daß er dieſen Bar⸗ — 209 biergeſellen überhaupt zur Mittelsperſon gemacht habe. Obwohl er(Leidlich) nicht zweifle, daß der rohe Klotz von Rentier ſich wirklich in jenen verächtlichen, gemei⸗ nen Ausdrücken über die Firma ergangen habe, ſo ſei es immerhin eine Schande, derartige Sachen aus dem Munde eines Barbiers zu hören. Während Leidlich ſich von ſeiner angreifenden Rede dadurch erholte, daß er den Wandkalender geraderückte und die Drehſcheibe ſeines Schämels etwas höher ſchraubte, entgegnete Druck: „Wenn der Barbier in der Lage geweſen wäre, uns Angenehmes zu berichten, ſtatt des Gegentheils, ſo hätteſt du nichts dagegen einzuwenden gehabt; nun aber willſt du die Bitterkeiten des dicken Rentiers dem armen Burſchen entgelten laſſen; ich kenne dich, Leidlich!“ „Nein!“— widerſprach dieſer,—„ich finde es nur unter unſrrer, wenigſtens unter meiner Würde, einen Barbiergehülfen zum Zwiſchenträger, reſpektive zur Baſis eines Heiratsabſchluſſes machen zu wollen.“ „Und wenn auf dieſer Baſis dennoch ein Heirats⸗ abſchluß zu Stande käme,“— ergriff Druck wieder das Wort,—„ſo würdeſt du die Hand unſerer lie⸗ benswürdigen Nachbarin, und ihre Mitgift odendrein zu guter Letzt doch nicht von dir weiſen.— Uebrigens 210 bin ich dem Barbier für ſeine aufrichtigen, wenn auch unangenehmen Mittheilungen ſehr zu Dank verpflich⸗ tet, ſie werden dazu beitragen, dem fetten Rentier drüben eine beſſere Meinung von uns beizubringen, da er's nun einmal mit dem Grundſatze hält:„Was das Auge ſieht, glaubt das Herz.“ Der Rentier hat uns Schwindler genannt; das iſt eine krankhafte Anſicht, von der wir ihn heilen müſſen, und zwar durch Homöopathie, die Aehnliches durch Aehnliches heilt. Denn— wie heißt doch das eine deiner latei⸗ niſchen Sprichwörter, die du ſo gern citirſt— mun⸗ dus vull thee—“ „Mundus vult decipit,“ berichtigte Leidlich wür⸗ devoll und mit ſtolzer Befriedigung an ſeine Gymna⸗ ſiaſtenzeit zurückdenkend. Die beiden Aſſociés hatten an dieſem Tage lange und geheimnißvolle Konferenzen, die damit endigten, daß Druck einen gewiſſen Antrag, den er geſtellthatte, und welcher der Gegenſtand der Unterhandlungen war, ſiegreich durchſetzte. ——— IV. Baukapitel. Eines Montags Morgens ſah man vor dem Hauſe, in welchem ſich die Geſchäftslokalität unſerer Freunde befand, gewiſſe Leute in ledernen Schurzfellen, ausgerüſtet mit Kelle, Hammer und Richtſchnur— gewiſſe Vorrichtungen treffen, die deutlich darauf hin⸗ wieſen, daß der bisherigen alten Ordnung ein Um⸗ ſturz bevorſtehe. Ein elegant gekleideter Herr ſtand mit den beiden Aſſociés vor der Thür, und ſchien ihnen Etwas auseinanderzuſetzen. Er beſchrieb, indem er immer nach der Parterrefront des Hauſes deutete, mit gelenkiger Hand große Bogen, hob den Zeigefin⸗ ger hoch empor, und ließ ihn dann wie ein Fallbeil herabſinken, als wollte er das ganze Gebäude in zwei Theile zerſpalten, hielt die linke Hand flach ausge⸗ ſtreckt in ſenkrechter Richtung vor ſich hin, und ſtreifte ſie mit der flachen rechten, als wollte er die Bewe⸗ gungen eines Beckenſchlägers nachahmen, trat bald 212 einige Schritte vorwärts, bald einige Schritte zurück, ſtellte ſich mit weitgeſpreizten Beinen und in die Seite geſtemmten Armen vor der Ladenthür auf und bog, in die Höhe blickend, den Kopf mit dem Hute ſo weit hintenüber, daß beides Aehnlichkeit mit dem herab⸗ gelaſſenen Schlott eines Dampfbootes hatte, welches eben unter einem Brückenbogen hinſegelt. Die beiden Aſſociés nickten fortwährend beiſtim⸗ mend mit den Köpfen, und Druck bot dem Fremden eine Priſe an, die dieſer lange zwiſchen den beiden Fin⸗ gern feſthielt, und gleich einer Katze, die im Ballon eine Luftreiſe macht, demonſtrirend und erläuternd in ſeinem Dunſtkreis umherführte, ehe er ſie einſchnupfte, um dann die auf den Buſenſtreifen etwa herabgefalle⸗ nen Körnchen ſauber mit den Fingern wegzuſchnippen. Der Fremde ertheilte den Maurern Inſtruktionen, nahm einem derſelben die Richtſchnur aus der Hand, und begann nun Vermeſſungen vorzunehmen, mit der ganzen Hingebung eines Baumeiſters, der daran ge⸗ wohnt iſt, ſeinen Beruf, wie ein florentiniſcher Schuh⸗ flicker, auf öffentlicher Straße auszuüben, und ſich den Teufel um die gaffenden Zuſchauer ſchert, die zu er⸗ warten ſcheinen, daß er ſich nun bald auch den feinen Rock ausziehen, und in Hemdärmeln und Schurzfell 213 gleich den Maurergeſellen auf dem Fflaſter herum⸗ rutſchen werde. Im Laufe des Tages kam ein Wagen langſam ange⸗ fahren, der vor der Hausthür ſich einer Ladung Sand entledigte, Bretter, Bohlen und Ziegelſteine wurden vor dem Hauſe abgeladen, eine Ladenthür neben dem Gewölbe unſerer Geſchäftsfreunde wurde durch Balken geſtützt und von unten herauf vermauert, weil ſie zu einem Fenſter degradirt werden ſollte. Das Trottoir war mit Kalk beſpritzt und mit rothem Ziegelſtaub bedeckt, auch war daſelbſt ein großer Schutthaufen aufgethürmt, von welchem bei windigem Wetter eine förmliche Rauchſäule emporwirbelte, daß vorüberge⸗ hende harmloſe Perſonen oft ſtehen bleiben mußten, und ſich die thränenden Augen rieben, als ſchienen ſie bitterlich zu weinen. Dieſer Schutt kam von einer Mauer, die das Gewölbe unſerer Freunde von einem Nachbargewölbe getrennt hatte, und jetzt niedergeriſſen wurde. Wenn man zur Gewölbthür hereinſah, er⸗ blickte man jetzt ſtatt der frühern Tapete, nur noch ein alterndes Rohrgeflecht, das aber auch endlich ver⸗ ſchwand. Bald gewöhnte ſich die Nachbarſchaft ſo an dieſe Unordnung, daß ſie ſie ganz in der Ordnung fand: es ſchien Jedem, als wäre es immer ſo geweſen, als 214 hätten von jeher die Maurer an dieſem Hauſe gear⸗ beitet. Endlich aber lichtete ſich das Chaos von Schutt, Bal⸗ ken und Ziegelſteinen, die Nebel zertheilten ſich, und aus dem Wirrwarr trat langſam und majeſtätiſch eine beſtimmte Grundidee hervor. Der kleine enge Laden unſerer Firma war zu einem breiten, geräumigen Ge⸗ wölbe angeſchwollen, in welchem jetzt Gerüſte und Farbentöpfe umherſtanden und langſtielige Pinſel an den Wänden in die Höhe liefen. Und eines Tages wurden Hobelſpäne aus dem Ge⸗ wölbe geräumt, und Scheuerfrauen rutſchten auf den Die⸗ len umher, oder wuſchen die Fenſter, und eines Tages wa⸗ ren alle Fächer des neuen Regals bis dicht an die Decke mit Cigarrenkiſten gefüllt, obwohl die letzteren ſelbſt faſt alle bis an die Deckel leer waren. Und eines Tages verſchwand die kleine blaue Firma und auf zwei Lei⸗ tern, die von mehren Arbeitern gehalten wurden, ſtiegen zwei Männer empor, von denen jeder, wie zwei Ballettänzerinnen die beiden Enden eines Shawls, ein Ende der neuen Firma angefaßt hatte, die ſo gigantiſch war, daß ſie an einem Stricke, der aus einem Fenſter des erſten Stockwerkes heraushing, em⸗ porgewunden werden mußte. Und dort oben, in einer majeſtätiſchen Fronte, prangte die neue Firma, und 2¹5 ihre goldenen Buchſtaben blitzten im Strahle der Sonne, eine Heerde Kinder und Erwachſener guckten hinauf und die Nachbarn ſahen aus ihren Fenſtern. herab, und die beiden Aſſoeiés ſelbſt ſtahlen ſich ab⸗ wechſelnd über die Gaſſe, um von der andern Seite mit eitlem Behagen die goldne Wahrheit— ihrer Namen zu leſen. Als in dem darauffolgenden Morgen der alte Mohrenhaupt zum Fenſter herausſah, hatte ſich vor dem großen neuen Schaufenſter des Tabakladens eine ziemliche Menge Menſchen verſammelt. Mohren⸗ haupt wurde neugierig und konnte kaum erwarten, bis ſich das Gedränge etwas gelichtet hatte, viel fehlte nicht, ſo hätte er Hut und Stock ergriffen, um ſich ebenfalls unter die gaffende Menge zu geſellen. Er hatte bereits ſeine großrändrige goldene Brille aufgeſetzt und lehnte mit verſchränkten Armen auf dem Fenſterbrett, gerüſtet, das Phänomen im Schaufenſter mit ſeinem Späherblick zu erhaſchen, ſobald es durch die Wolken undurchſichtbarer Gaffer hervorbräche. Und der Augenblick erſchien, und der Rentier erblickte auf einer Art Piedeſtal, der ſich langſam um ſich ſelbſt drehte, einen ſtattlichen Türken mit rothem Turban und weiten Pluderhoſen, mit unterſchlagenen Beinen auf einem Polſter ſitzend, und im Munde einen langen, 2¹6 weit über den Piedeſtal herabreichenden Tſchibuk. Im Halbkreiſe um dieſe Figur wölbte ſich eine Grotte von Cigarrenbündeln mit rothem und gelbem Seiden⸗ band umwunden, von Kautabak, Rauchtabak in Rol⸗ len, und Schnupftabak in Staniol verpackt. Mathilde ſah im Nebenzimmer ebenfalls zum Fenſter heraus und die außerordentliche Erſcheinung drüben entſchuldigte es gewiß, daß ſie ſich ohne Zu⸗ rückhaltung der Lorgnette bediente. Sie lachte über den Türken und noch mehr, als ſich hinter dieſem ein gewiſſes vergnügt herauflachendes Chriſtengeſicht mit ſatiriſchem Schnurrbart und Augenbrauen zeigte. An dieſem Tage aber waren die Blicke, die Druck nach der Nachbarin werfen konnte, gezählt. Seine Zeit war vollſtändig in Anſpruch genommen durch das Publikum, das ſich maſſenhaft in den verlockenden Laden drängte, um zu kaufen. Der Andrang ließ in den darauffolgenden Tagen freilich nach, doch blieb dennoch eine beträchtliche Anzahl neuer Kunden als dauernde Silhouette zurück, und Druck hatte jetzt oft mehr Geld in der„kleinen Kaſſe“, der ein beſcheidenes Schubfach im Ladentiſche angewieſen war, als Leidlich in der großen, welche er alle Abende in einer politirten Schatulle mit nach Hauſe nahm, um ſie während der Nacht im Bettſtroh zu verwahren. Dieſe Vorſicht war 217 indeſſen nicht mehr lange von Nöthen, da Leidlich zu dem Umbau und den übrigen Verſchönerungen des Ge⸗ wölbes nur unter der Bedingung ſeine Einwilligung gegeben hatte, daß das Comptoir endlich durch ein höchſt nothwendiges Inventarſtück bereichert werde, gegen deſſen Anſchaffung ſich Druck bisher immer lei⸗ denſchaftlich gewehrt hatte,— nämlich einen eiſernen feuerfeſten Geld⸗ und Dokumentenſchrank. Es läßt ſich leicht denken, daß durch alle dieſe Ausſtattungen die Mittel unſerer Firma nicht wenig erſchöpft worden waren, und während Druck im guten Vertrauen dar⸗ auf, daß der beabſichtigte Zweck gewiß erreicht werden würde, ſich mit großem Behagen in ſeiner neuen Um⸗ gebung bewegte, ſtellte ſich bei Leidlich eine Art Katzen⸗ jammer ein, der auch dann nicht gehoben wurde, als der eiſerne, koſtſpielige Geldſchrank anlangte. Leid⸗ lich wurde tiefſinnig, melancholiſch; er hatte des Nachts ſchreckliche Träume. Er arbeitete jetzt mit ver⸗ doppelter Ausdauer, indem er ſich die überflüſſigſten Arbeiten aufbürdete; er ſchrieb jetzt noch einmal ſo lange Briefe, als früher. Er zog vor der Nachbarin den Hut jetzt täglich zweimal ab, und ſchwenkte ihn tiefer als je vorher, und ſchaute zu ihr hinauf mit dem Blicke jener gehetzten weißen Hindin, die zitternd zu den Füßen der Braut von Meſſina lag. 1861. x1. Junge Anfänger I. 14 218 Mit Spannung hingen Leidlich's Augen jetzt oft an den Lippen des Barbiers, der die Ausſprüche des alten Rentiers über die neuen Einrichtungen rapportirte. Sie lauteten in der That äußerſt günſtig, aber was konnte unſerer heiratsluſtigen Firma die bloße gute Meinung des Nachbars nützen, der ohnehin nach einigen Tagen, da die Sache bei ihm ſehr bald den Reiz der Neuheit verlor, gar nicht mehr darüber ſprach? „Ich bin nur neugierig,“— ſeufzte Leidlich,— „was aus der ganzen Geſchichte noch werden wird; ich ſehe ſchon kommen, daß Alles beim Alten bleibt. Dann ſchlage aber ein heiliges Kreuzdonner—“ „Beruhige dich,“— fiel ihm Druck in's Wort,— „wir müſſen uns vor allen Dingen mit unſerm Nach⸗ bar nun perſönlich bekannt machen. Wenn er ſich nur erſt herbeiläßt unſer Kunde zu werden, dann haben wir ſchon viel gewonnen. Ich werde ihn mit einer Lie⸗ benswürdigkeit behandeln, daß die geſchäftlichen Be⸗ ziehungen bald in freundſchaftliche übergehen ſollen.“ „Das letztere nehme ich auf mich,“— verſetzte Leidlich ſchnell—„wenn nur der alte Dachs erſt aus ſeiner Höhle gelockt iſt.“ „Zu dieſem Zwecke habe ich bereits einen Schritt gethan,“— ergriff Druck wieder das Wort.—„Ich 219 habe von unſeren feinſten Cigarrenſorten eine Probe⸗ kiſte zuſammengeſetzt und ihm dieſe nebſt einem ſehr ſchmeichelhaften Handſchreiben heute Früh zugeſchickt. Ich ſah ihn vorhin aus ſeinem Frühſtückskeller heim⸗ kehren und in dieſem Augenblicke wird ihn wohl unſere Beſcherung bereits beſchäftigen.“ „Ein ſehr entſcheidender Augenblick,.“— ſagte Leidlich ſeufzend und die Hände faltend, wie er dies häufig während eines ſchweren Gewitters zu thun pflegte. Mittlerweile hatte ſich ein Mann in einem bäuri⸗ ſchen blauen Tuchrocke draußen vor dem Gewölbe auf⸗ geſtellt und buchſtabirte mit weitaufgeriſſenem Munde die Firma. Aus dieſer Betrachtung riß ihn plötzlich der laute Zuruf Druck's, der in dem Fremden ſeinen alten Freund, den Gärtner, erkannte. Er hatte in der Stadt Geſchäfte und wollte eben Druck einen Be⸗ ſuch machen. Die Eleganz des Ladens aber hatte ihn ſo perplex gemacht, daß er ſich erſt durch wiederholtes Leſen der Firma überzeugeh mußte, ob Druck hier auch wirklich wohne. Die Bewillkommnung war die herzlichſte von der Welt, aber ſie ſollte durch eine ſchneidende Diſſonanz geſtört werden. Darunter iſt jedoch nicht ſowohl das froſtige Benehmen Leidlich's zu verſtehen, der mit vor⸗ 14* 220 nehmer Geringſchätzung auf den ſchlichten Gärtner herabblickte und ihn durch allerlei hochtrabende Redens⸗ arten ſo einſchüchterte, daß dieſer nicht wagte, ſich auf dem Stuhle, welchen Druck ihm anbot, niederzulaſſen, — als vielmehr eine gewiſſe Erſcheinung, welche von jenſeits der Straße her ſich jetzt dem Gewölbe näherte. Die Glocke der Ladenthür erſcholl und herein trat der Rentier, unterm Arme die Cigarrenkiſte. Was jetzt vorging, das war für Druck ſo überraſchend, ſo nebel⸗ haft, daß er es eben ſo wenig begreifen konnte, als man die Speichen eines ſich ſchnell drehenden Rades zu zählen vermag, denn kaum war der Rentier in den Laden getreten, da ſah Druck ſeinen Freund, den Gärt⸗ ner, mit Hintanſetzung aller Schüchternheit wie ein ſcheugewordener Gaul Reißaus nehmen und hinten durch die Comptoirthüre verſchwinden. Das ſetzte ihn ſo in Erſtaunen, daß er gar nichts von dem kurzen Ge⸗ ſpräch zwiſchen Leidlich und dem Rentier vernahm; er ſah nur, wie die Cigarrenkiſte aus den Händen des Rentiers in Leidlich's Hünde changirt war, und wie dieſer ſechs bis ſieben tiefe Verbeugungen machte, und wie der Rentier wieder zur Thür hinausging. „Da haben wir's!“— rief Leidlich bitter,—„er bedauert, von unſerm Anerbieten keinen Gebrauch machen zu können. Und da haben wir nun gebaut,“— 221 fuhr er halb weinend, halb vor Wuth lachend fort, während er die Probekiſte wie ein Wickelkind noch auf beiden Armen wiegte,—„und haben den Türken und, was weiß ich, Alles noch angeſchafft.“ Während Leidlich fortfuhr, in klagenden Tönen die koſtſpieligen Verſchönerungen des Etabliſſements ein⸗ zeln aufzuzählen und nach jedem dieſer Gegenſtände mit der Hand deutete, wie ein Bänkelſänger nach den verſchiedenen bildlichen Darſtellungen der Schauder⸗ geſchichten, die er eben abſingt, eilte Druck in das Comptoir. Der Lehrling ſtand da mit dem dummen Erſtaunen eines Ziegenbocks, dem eine Ratte in den Stall gefahren iſt. Der Gärtner hockte unter dem Pulte und kam auf Druck's wiederholten Zuruf endlich hervorgekrochen. „Iſt er fort?“— frug der Gärtner, ſich die Knie abſtäubend. „Wer denn?“ „Der dicke Kerl, der Mohrenkopf, oder wie er heißt.“ „Alſo vor dem biſt du ſo weit gelaufen?“ Vor dieſem Menſchen laufe ich noch weiter, wenn ſonſt die Welt nicht mit Brettern vernagelt iſt, wie hier bei euch.“ „Alſo kennſt du ihn?“ „Verſteht ſich, kenne ich ihn, er verfolgt mich wie 222 der böſe Feind; er drückt mich, wie der Alpz; es ver⸗ geht kein Monat im Jahre, wo er mich nicht in meinen friedlichen vier Pfählen heimſucht. Geſprochen hab' ich ihn nur zweimal, ſeitdem aber verkrieche ich mich in den Keller, ſobald er kommt, oder laufe ſo weit mich meine Beine tragen, ſonſt beſchwatzt er mich noch. Muß der auch gerade zu euch kommen, wo ich da bin!“ „Was will er denn von dir? hat er eine Hypothek auf deinem Grundſtücke ſtehen?“ „Wenigſtens ſcheint er ſich's einzubilden. Solche Leute denken, für ihr Geld können ſie Alles haben und Jeder muß ihnen zu Willen ſein. Er will mir durchaus meine Rieſennelke abkaufen—“ „Die Rieſennelke?!“ „Und obwohl ich ihm mit einem Eide verſichert habe, daß ſie mir für Geld nicht feil iſt, ſo läßt er ſich doch nicht abhalten, immer wiederzukommen. Er iſt zäh wie eine Wanze, er wühlt an mir herum wie ein wildes Schwein an einem Baume, auf dem Jemand ſitzt, den es gern herunterhaben möchte. Druck hatte ſeinen Freund längſt an beiden Schul⸗ tern gepackt und ſchüttelte ihn jetzt ſo tüchtig, daß der Gärtner kirſchbraun im Geſichte wurde. „Menſch!“— rief Druck,—„ſage um Gotteswillen nicht, daß du die Rieſennelke inzwiſchen verſchenkt 223 haſt, oder daß ſie von Raupen zerfreſſen und einge⸗ gangen iſt—“ „Gerechter Himmel!“ „An deiner Rieſennelke hängt jetzt mein ganzes Glück, in ihren Kelchen verbirgt ſich ein Honigſaft, den du ſelbſt nicht darin ahnſt und der in dem Saugrüſſel der Birne, Leidlich und Druck genannt, zu purem Golde werden kann.“ „Die Nelke iſt noch da,“— warf der verwunderte Gärtner dazwiſchen. „Wer hätte damals geahnt, als du ſie mir groß⸗ müthig zum Geſchenke machen wollteſt, daß durch dieſe Nelke dennoch einſt mein Glück begründet werden könnte. Sei offen, Freund, biſt dujetzt noch bereit, mir dieſes Opfer zu bringen?“ „Von ganzem Herzen, aber ſage mir nur—“ „Du ſollſt Alles erfahren; ſchicke mir nur die Rieſennelke her, und was ſpäter mit ihr geſchieht, das wird ſich finden. Du ſollſt dabei auch nicht zu kurz kommen; wenn uns das Glück wohl will, ſo mache ich dir mindeſtens dein kleines Grundſtück ſchuldenfrei!“ „Aber wenn der dicke Rentier nun die Nelke ſieht und—“ „Den biſt du für alle Zeiten los, dafür ſorge ich.“ Die Sache war abgemacht. Der Gärtner verſprach 224 den Transport der Rieſennelke verſönlich zu überwa⸗ chen, und nachdem Druck ihm die Taſchen voll Schnupf⸗ tabak geſteckt und ihn mit einem reichen Cigarren⸗ vorrath verſehen hatte, gingen beide Freunde fort, um beim Korbmacher einen Blumentiſch zu beſtellen und ließen Leidlich im Zuſtande gerechter Verwunderung zurück. V. Mancherlei Räthſelhaftes. Als nach einigen Tagen der zierlich geflochtene Blumentiſch kam, ward Leidlich über dieſen Zuwachs zu den ohnehin verfehlten mannigfachen Neuerungen, ſehr unwillig. Er verlor wenn eine Unternehmung nicht gleich günſtig ausſchlug, ſchnell das Vertrauen dazu, und pflegte ſtets auf halbem Wege wieder um⸗ zukehren. Als die Rieſennelke wirklich ankam, würdigte er ſie kaum eines Blicks, und die Geringſchätzung, die er neulich dem Gärtner fühlen ließ, ging bei deſſen zweitem Beſuche in feindſelige Verachtung über; daß die Nelke ein Geſchenk ſei, wollte er nicht glauben, und um ſich zu vergewiſſern, daß Druck hinter ſeinem Rücken nicht heimlich Geld dafür ausgebe, leerte er die„kleine Kaſſe“ aus und ließ nur die nothdürftigſte Baarſchaft darin. Am Eingange der geöffneten Ladenthür prangte 226 nun das Rieſengewächs in ſeiner ganzen wunderbaren Schönheit. Und wieder ſtand vor dem Gewölbe der genialen Tabakshändler eine gaffende Volksmenge und diesmal hielten nicht nur Droſchkenkutſcher an und ſtiegen vom Bock, ſondern es fuhren ſogar elegante Karroſſen dicht bis an das Trottoir vor den Laden, und die vornehmen Inſaſſen beugten ſich weit heraus, um das Wundergewächs zu betrachten. Jetzt ging der Rentier in die Falle. Es gibt Leute, denen es förm⸗ lich zum Bedürfniß geworden iſt, bei Allem, was ſie thun, mit einer gewiſſen Schlauheit zu verfahren, ſelbſt wenn ſie nicht abſehen, was ihnen ihre Verſchlagenheit in dieſem oder jenem Falle nützen ſoll. Druck hatte Gelegenheit, dieſen Zug an dem Rentier zu beobachten; hätte er die nahen Beziehungen, die zwiſchen der Rie⸗ ſennelke und dem Rentier bereits beſtanden, nicht vor⸗ her gekannt,— er hätte ſie nimmermehr geahnt. Er bemerkte ſehr wohl, wie der Rentier von ſeinem Fen⸗ ſter aus mittelſt der Brille die Rieſennelke ſofort er⸗ kannte; er wußte ſehr wohl, wie es zuging, daß der Rentier, der ſoeben im Schlafrock und Morgenkäpp⸗ chen einhergegangenwar, fünf Minuten ſpäter vollſtän⸗ dig angekleidet aus der Hausthür trat. Drucklächelte, als der Rentier am Laden ganz gelaſſen vorüberging und erſt nach einigen Schritten wieder umkehrte, als 227 hätte er die Bagatelle vergeſſen gehabt. Der Rentier trat in den Laden, ohne die Rieſenblume zu bemerken; er hatte, wie er ſagte, ſeine Schnupftabaksdoſe ver⸗ geſſen, und wollte ſich nur eine Düte Schnupftabak mitnehmen, um nicht erſt wieder die Treppe zu ſei⸗ ner Wohnung hinaufſteigen zu müſſen. Erſt im Hin⸗ ausgehen bemerkte er die Nelke. Er fand ſie ſehr bewunderungswürdig, fragte nach ihrer Herkunft, roch an jede einzelne Blume, ließ ſich dann auf einen Stuhl nieder, den Leidlich ihm förmlich unterſchob, und ver⸗ lor ſich in tiefes Anſchauen. Am andern Morgen kam er wieder, und da er ſich im Geheimen mit dem Pro⸗ jekte trug, den Leutchen nach und nach die Wun⸗ derblume abzuſchwatzen, ſo kam er täglich. Auch ge⸗ fiel ihm der Aufenthalt in dem Gewölbe, er konnte hier, bequemer noch als aus ſeinen Fenſtern, die Leute vorüberpaſſiren ſehen, Druck war ein ſehr geſprächi⸗ ger und gemüthlicher Mann, der nicht nur den Alten unterhielt, ſondern auch an deſſen Späßen Gefallen fand, undſſich darüber halb todtlachen wollte. Es wurde ihm endlich zum Bedürfniß, jeden Morgen nach dem Frühſtück imLaden ein halbes Stündchen zu verplaudern, er wurde der„Hausfreund“ der jungen Firma, der„Ci⸗ eisbeo“ der Rieſennelke. Er fand Gefallen daran, zuzuſe⸗ hen, wenn Druck verkaufte, auf⸗ und abkletterte, einpackte 228 und andere Geſchäfte verrichtete, und begönnerte die Firma, indem er in humoriſtiſcher Weiſe den Käufern die Güte der Waaren anpries, und ſie zu häufigem Wiederkommen einlud, als wäre er am Geſchäfte betheiligt. Viele hielten auch wirklich den dicken, impoſanten Herrn, der mit großem Behagen ſich auf dem Seſſel wiegte, für den Prinzipal. Mittlerweile ſetzten beide Aſſociés natürlich auch ihr ſtummes Verhältniß zu Fräulein Mathilde eifrig fort. Seitdem der Papa zu den Nachbarn in nähere perſönliche Beziehungen getreten war, zog die Tochter den Schleier der Befangenheit allmälig von ihrem Fenſter weg. Sie flüchtete ſich nicht mehr vor Druck und tauſchte mitunter auch ein Lächeln. Auch hatte ſie in Begleitung ihres Vaters dem Nachbarladen bereits einen Beſuch gemacht, um die Rieſennelke in der Nähe zu ſehen. Leidlich triumphirte, denn alle Fragen in Betreff der Blume hatte ſie an ihn gerichtet, ja ſie hatte Druck kaum eines Blickes gewürdigt, und Leid⸗ lich hatte genau beobachtet, wie ſie ſogar abſichtlich vermieden hatte, Jenen anzuſehen. Daß Druck ſeiner⸗ ſeits ebenfalls um die Gunſt der Nachbarin buhlte, konnte er ihm nicht verwehren, doch hielt Leidlich es für ſeine Pflicht, ſeinen Aſſocié durch hingeworfene Aeußerungen vor der bittern Enttäuſchung verſchmäh⸗ 229 ter Liebe zu warnen. Als er einſt Druck in dem Augenblicke überraſchte, wo dieſer ein Kußhändchen hinüber warf, nahm er ſich im Stillen ernſtlich vor, ihn nie zu ſeinem Hausfreund zu machen.— Indem eines Tages Druck's Blicke ſuchend nach dem Nachbarfenſter ſchweiften und mit innigem Wohl⸗ gefallen aufdem weißen Antlitz das ſich hinter den Schei⸗ ben zeigte, ausruhten, ſchüttelte Mathilde plötzlich den Kopf. Er bemerkte genau, daß ihre Augen dabei aufihn gerichtet waren, daß ſie ſchelmiſch blinzelten, daß ſich dazu um ihren Mund ein liebliches Lächeln verbreitete; kurz, es war die liebenswürdigſte Verneinung, die durch Mienenſpiel jemals ausgedrückt worden iſt, und Druck durfte keinen Augenblick zweifeln, daß das Zeichen ihm ſelbſt gelte, obwohl er ſich bewußt war, der Nachbarin niemals, weder mit Worten, noch durch Zeichen eine Frage vorgelegt zu haben. Er wußte nicht, welche Be⸗ deutung er dieſem ſtummen, räthſelhaften Vorgange unterlegen ſollte, und war darüber ganz untröſtlich. Mit verlegenen Blicken prüfte er ſeine ganze Umge⸗ bung und es ſchien, als wollte er von der Wölbung der Ladenthür bis herab zur Schwelle jedes Atom fragen: was hat ſie geſagt? Er vergegenwärtigte ſich mit ängſtli⸗ cher Genauigkeit bis zum Kleinſten herab alle Umſtände, die dem räthſelhaften Kopfſchütteln vorangegangen wa⸗ 230 ren. Er rief ſich ins Gedächtniß zurück, daß kurz vor⸗ her ein Wagen mit weißem Sand vorübergefahren, daß faſt gleichzeitig der gelbrockige Briefträger ins Gewölbe getreten, von Leidlich abgefertigt, und dann hinüber in das Haus des Rentiers gegangen war, wie dies faſt täglich geſchah. Er hatte den Briefträger wie⸗ der aus dem Hauſe treten und dann oben am Fenſter die Nachbarin erſcheinen und den Kopf ſchütteln ſehen. Druck hielt eine förmlicheKriminalunterſuchung, aber ſie ergab Nichts. Da ſich in Mathildens Benehmen, die den Tag über noch häufig ans Fenſter trat, überdies nichts zeigte, das auch nur den geringſten Anknüpfungspunkt an jenes verneinende Zeichen dargeboten hätte, ſo be⸗ ruhigte ſich Druck. Nach einigen Tagen hatte er den kleinen Vorgang faſt gänzlich wieder vergeſſen, denn ſchon wurde ſein Intereſſe von einem andern Gegen⸗ ſtande in Anſpruch genommen.— Unter den ausge⸗ ſucht ſeltenen Blumen, welche vor den Fenſtern des Rentiers ſtanden, war die plötzliche Hinzukunft eines Roſenſtockes eine auffallende Erſcheinung. Und einen ſolchen gewahrte Druck eines Tages zu ſeiner Ver⸗ wunderung, aber auch der Rentier ſchien verwundert, und offenbar fragte er jetzt die Tochter, wo dieſer Ro⸗ ſenſtock hergekommen ſei, und offenbar brachte dieſe Frage Mathilde in Verlegenheit, denn ihr Antlitz 231 glühte auf einige Augenblicke in dunklerem Roth noch als die Roſe. Dann bewegten ſich ihre ſüßen Lippen in Beredſamkeit auf und nieder, indem ſie dem Papa etwas höchſt Glaubwürdiges zu erzählen ſchienen, und als der Alte vom Fenſter verſchwunden war, hob ſie den Roſenſtock empor, als preßte ſie ihn an ihr Herz, und ſog den Duft der Knospen ein, ſo langſam träu⸗ meriſch, ſo tief athmend, daß Druck ihren Buſen auf⸗- und niederwogen ſah. Sie ſchien den Roſen⸗ ſtock mit beſondere Vorliebe zu pflegen, und ſo oft ſie daran roch, was täglich mehre Male geſchah, warf ſie einen Blick auf Druck herab, und lächelte und der Blick und das Lächeln galten ihm, und ſtanden doch auch gleichzeitig in Beziehung zu dem Roſenſtocke. Das konnte dem ſcharfbeobachtenden Druck nicht entgehen, aber es war ein neues Räthſel für ihn. Und er gerieth immer tiefer in die Räthſel hinein, ohne nur eines davon löſen zu können, und ihre Zahl häufte ſich wie unbezahlte Rechnungen— denn noch waren Druck's Gedanken mit dem Geheim⸗ niß des Roſenſtockes beſchäftigt, da ſandte die Nach⸗ barin eines Tages plötzlich wieder ein langanhalten⸗ des liebenswürdiges Kopfſchütteln herab, welches für Druck ſo überraſchend kam, daß er in dieſem Augen⸗ blicke die Entfernung vergaß, welche ihn von der Nach⸗ 232 barin trennte, und indem er das eine Ohr mit der Hand umbog, ein lautet„Wie?“ herausſtieß. Aus Verzweiflung ſchüttelte er ebenfalls den Kopf und da⸗ mit hatte er, wie Goethe's Zauberlehrling, der die leicht heraufbeſchworenen Geiſter nicht wieder zu ban⸗ nen vermag, das Mißverhältniß nur noch mehr ver⸗ wickelt, denn Mathilde ging auf Druck's Kopfſchütteln ein, und wiegte von Neuem verneinend das Haupt. Und wer weiß nun, was das wieder zu bedeuten hatte?! Druck betrachtete ſeine Weſte, ſeine Ellbogen, ſeine Hände und jeden Finger daran, und ſchien wie⸗ derum alle ſtummen Zeugen zu fragen: Was hat ſie geſagt?— Und wiederum ſaß er zu Gericht über alle Vorgänge, um vielleicht den Anſteckungsſtoff zu fin⸗ den, aus dem ſich jene Symptomeerklären ließen, und wieder fand er nichts, als daß der Briefträger im Laden geweſen, von Leidlich abgefertigt, und dann in Mohrenhaupt's Haus gegangen war. Endlich nahte der Tag, der alle Räthſel zu löſen, alle Zweifel zu heben verſprach. Die beiden Kompag⸗ nons wurden vom Rentier auf einen Sonntag zum Diner eingeladen. An dieſem Tage wetteiferten vier Menſchen mehr als je, aus ſich herauszugehen, ſich ſelbſt zu übertref⸗ fen. Der ſauertöp fiſche Leidlich war ganz überzuckert, 233 ſein nüchternes, trockenes blondes Haar war heute po⸗ madetrunken, ſein ſtumpfer Schnurrbart war in zwei ſcharfe Spitzen geſchliffen. Der ganze Menſch glich einem ſchulmeiſterlich gehaltenen Liebesliede. Er ließ Mathilden keinen Augenblick aus den Augen, und er, deſſen Mund ſonſt ſo wortkarg war, wußte ihr tau⸗ ſend ſchöne Dinge zu ſagen, und hundert niedliche Geſchichten zu erzählen. Leidlich ſchwitzte förmlich und ſein Antlitz glühte, die Spannung in ſeinen Mienen verrieth den höchſten Grad von Geiſtesthätigkeit, als legte er eben ein Examen ab. Auch Mathilde ging heute aus ſich heraus: ſie machte ſich mehr in der Küche zu ſchaffen als ſonſt, ſetzte ihren zarten Teint den Feuergluthen des Herdes aus, klimperte mit dem Schlüſſelbunde, wirthſchaftete und half Kochen, und unterſtützte die Haushälterin beim Auftragender Spei⸗ ſen mit einem ſolchen Eifer, daß die Alte darüber erſtaunt war. Sie ſprach nur ſehr wenig mit Druck und ver⸗ mied ſeine Blicke; ihre blauen Augen ſchienenmit Auf⸗ merkſamkeit an Leidlich's Lippen zu hängen, ja! ſie ſchüttete überhaupt den ganzen reichen Zauber ihrer Liebenswürdigkeit auf den blonden Nachbar aus, und Leidlich feierte einen vollkommenen Triumph.— Druck war deßhalb verſtimmt, und inſofern ging er eben⸗ falls aus ſich heraus, denn er war heute in ſeinem Le⸗ 1861. Xl. Junge Anfänger. U. 15 234 ben zu erſten Male bei übler Laune und ärgerte ſich. Der alte Mohrenhaupt ging heute nicht minder aus ſich heraus, indem er, gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, ſein Mittagsſchläfchen opferte, worüber ſich wieder die drei jungen Leute im Stillenärgerten.— Mohrenhaupt führte ſeine Gäſte nach Tiſche in den Garten, und in einer Laube wurde der Kaffee eingenommen. Der Gar⸗ ten war klein, aber ſo reich an den verſchiedenartigſten Pflanzengattungen, daß, er als ein lebendiger botani⸗ ſcher Bilder⸗Atlas gelten konnte. Der Rentier kam auf die Rieſennelke zu ſprechen, und überredete die jungen Leute dahin, daß ſie ihm die Wunderblume, die in dem dumpfen Gewölbe ſich unmöglich erhalten könne, zur Pflege übergeben, und ihm geſtatteten, ſie in ſeinen Garten zu verſetzen. Damit war für die beiden Aſſo⸗ cié's kein kleiner Vortheil verknüpft: ſie durften den Garten des Rentiers wie den ihrigen betrachten, ſie durften frank und frei im Rentiershauſe ein⸗ und aus⸗ gehen, wie eine Mutter ihr Kind beſucht, das ſie frem⸗ den Leuten zur Erziehung übergeben hat, und damit war ihnen der Eintritt in die Bannmeile der ſchönen Nachbarin zu jeder Tageszeit eröffnet. Leidlich nahm das Anerbieten des Rentiers ſehr bereitwillig an. Nur Druck ſchwankte. Einen Augenblick wiegte er ſich in dem triumphirenden Bewußtſein, daß nur ihm allein — — 235 das Recht zuſtehe, über die Rieſennelke zu verfügen; einen Augenblick dachte er daran, die Blume an ſeinen Freund, den Gärtner, zurückzuſchicken, ehe ein Anderer ihren Honigſaft ausſauge— aber als er den leiſen Schatten der Trauer ſah, der über Mathilden's Ant⸗ litz flog, indem er im Begriff war, ſein entſcheidendes „Nein!“ herauszuſtoßen, als er ſah, daß er ihr eine Freude dadurch zerſtören würde, da verzieh er ihr die bittere Täuſchung, die ſie ihm heute bereitet, und un⸗ eigennützig brachte er die blühende Kupplerin, die Nelke, fremdem Glücke zum Opfer. Wenn er es nicht gewußt hatte, ſo wußte er es jetzt, daß er Mathilden liebte. Und jetzt dehnte ſich ſein Herz plötzlich weit aus und ſchrumpfte wieder zuſammen, und er unter⸗ drückte den ſchwerſten Seufzer, der jemals ſeiner Bruſt entſtieg. Und wie ein lichter magiſcher Mondſtrahl ergoß es ſich über alle die vergangenen Minuten, wo er über die Straße hinweg mit der Nachbarin Blicke und Grüße getauſcht, und in ihr nur die reiche Erbin erkannt hatte. Wie ſie jetzt ihm gegenüber in der Laube ſaß, da ſchien ihm ein Schleier von dem Geſicht gezogen, ein Etwas an ihr hatte ſich verändert, wie der Ton eines aiteninſtrumentes, wenn der Dämpfer weggenom⸗ 15* 236 men wird; es war ihm, als ſei mit einem Male ſein geiſtiges Ohr von einem alten, fortwährenden Ohren⸗ brauſen befreit,— Mathilde hatte ſich plötzlich in nie erkannte Reize gekleidet, ihr ganzes Weſen ſchien ge⸗ adelt.— Und ſie ſollte für ihn jetzt verloren ſein!— Es war Abend geworden, und die kleine Geſell⸗ ſchaft in der Laube erhob ſich. Der Rentier wollte in's Kaſino gehen, und die beiden Kompagnons ſchickten ſich zum Heimwege an. Mohrenhaupt ging voraus und war bereits in der Hausthür verſchwunden, als Mathilde in Begleitung der Gäſte noch über den wei⸗ ßen Gartenkies wandelte. Alle drei hatten ſich ein gutes Stück von der Laube entfernt, da entſann ſich plötzlich Mathilde, daß ſie ihren Schlüſſelbund dort zurückgelaſſen habe. Noch ehe Druck ſich umdrehen fonnte, war Leidlich nach der Laube zurückgeſprungen, um ſeine Kavalierpflicht zu erfüllen. Druck war mit Mathilden allein. Es war der erſte unbelauſchte Au⸗ genblick zwiſchen Beiden, und ein Jedes von ihnen fühlte das.— Mathilde warf einen einzigen leuchten⸗ den Blick auf Druck, aus welchem dieſem ein ganzer Himmel entgegenſtrahlte, und mit ſchnell zu Boden geſchlagenen Augen ſagte ſie leiſe:—„Der Roſenſtock iſt mir über Alles theuer!“ „Welcher Roſenſtock?“— fragte Druck. — 237 Aber ſtatt der Antwort drohte ihm Mathilde mit dem Finger, und da man bereits Leidlich's Schritte ſich nahen hörte, ſo fügte ſie haſtig hinzu:„Und die Briefe aus der Schweiz kommen von meiner Couſine, von niemand Anderem.“ „Welche Briefe?“— wollte Druck fragen, aber in demſelben Augenblicke war Leidlich, der ſich ſehr beeilt hatte, ſchon wieder bei dem Paare angelangt, und Druck mußte die geheimnißvollen Andeutungen unentziffert mit nach Hauſe nehmen. Aber ſo dunkel dieſe waren, ſo hell ſtrahlte ihm doch die Hoffnung, daß Mathilde für ihn fühlte, denn ihre ganze offene Liebenswürdigkeit gegen Leidlich wog die ſtille Innig⸗ keit nicht auf, mit welcher ſie jenes kurze, geheime Geſpräch geführt hatte. Von dieſem Abende an er⸗ wähnte Leidlich gegen ſeinen Aſſocié der Nachbarin mit keinem Worte mehr. Und das war das ſicherſte Zeichen, daß Leidlich das Spiel bereits gewonnen zu haben glaubte, denn es lag in ſeiner Art etwas, wie in der eines Hundes, der von einem glücklich erwiſch⸗ ten fetten Biſſen kein großes Rühmen macht, ſondern ihn in einem verborgenen Winkel in aller Stille ver⸗ zehrt. Er buck ſeinen Glückskuchen für ſich allein, und ließ Andere nur ſo lange daran Theil nehmen, als es Roſinen zu leſen und Mandeln zu ſchälen gab. 238 Druck kannte ſeinen Aſſocié zu genau, als daß ihm dieſes Merkmal entgangen wäre. Er ertrug Leid⸗ lich's geſpreizte Schweigſamkeit mit Geduld, aber be⸗ deutend ſchwerer kam es ihm an, gleichzeitig auch die liebenswürdige Sonntagsſtimmung zu ertragen, der ſich Leidlich von nun an hingab, und in welcher er Druck täglich mehrere Male umarmte. Zu allem dieſem geſellte ſich noch ein Umſtand, der geeignet geweſen wäre, Druck mit Beſorgniß zu erfüllen. Leidlich hatte einen jungen Mann zum Freunde, der einer auswär⸗ tigen, ſehr reichen Kaufmannsfamilie angehörte und in einem hieſigen Geſchäft als Volontair fungirte. Der reiche Kaufmannsſohn war im Vorübergehen mit⸗ unter zu Leidlich in's Geſchäft gekommen, und hatte ſich mit beiden Aſſociés unterhalten. Jetzt kam er faſt täglich, aber er ſchien in ſeinem Benehmen gegen Druck plötzlich befangen, und hielt ſich nie mehr im Gewölbe auf, ſondern begab ſich gleich zu Leidlich in's Comptoir. Auch bemerkte Druck, daß Leidlich dann ſtets unter irgend einem Vorwande den Lehrling aus dem Comptvir entfernte. Die Unterredungen wurden leiſe geführt, und deſto lauter wurde dazwiſchen mit⸗ unter von gleichgiltigen Dingen geſprochen, ſo daß Druck, anſtatt dadurch irregeführt zu werden, nun erſt recht von Mißtrauen erfüllt ward. Durch den 239 Vorhang beobachtete Druck zu verſchiedenen Malen, daß der Volontair in den Handlungsbüchern blätterte, auch kamen ihm, wenn er mitunter unerwartet in's Comptvir trat, einzelne Aeußerungen zu Ohren. Die Worte:„meine Braut“, oder„mein Schwiegervater“ waren ſchon zu wiederholten Malen Leidlich's Lippen entſchlüpft, obwohl er zweifelte, daß Druck ſie noch gehört habe. Und einſt ward Druck unfreiwilliger Ohrenzeuge, als der Volontair gerade äußerte:„Erſt muß Alles feſt und ſicher ſein, eher gibt mir mein Alter keinen Pfennig.“ vI. Enthüllungen. Die Woche, die mitjenem bedeutungsvollen Sonn⸗ tage begonnen hatte, war noch nicht zu Ende, da ſaß eines Morgens Druck gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit im Comptoir am Doppelpulte, hatte die Brille auf die Naſe geſetzt, und ſchrieb ſehr eifrig. Der Gegen⸗ ſtand, mit dem er beſchäftigt war, feſſelte ihn ſo, daß er die unvermeidliche Cigarre, die neben ihm lag, von Zeit zu Zeit in den Mund ſteckte und daran zog, ohne zu bemerken, daß ſie längſt ausgegangen war. Er konnte ungeſtört ſchreiben, denn Leidlich hatte ſich die⸗ ſen Morgen noch gar nicht blicken laſſen, obwohl er ſonſt regelmäßig der Erſte im Geſchäfte zu ſein pflegte. Druckfertigte, wie es ſchien, von einigen zerſtreut umherliegenden Blättern, die mit ihren argdurchſtri⸗ chenen Zeilen und eingeflickten Wörtern einem Kon⸗ zept ſehr ähnlich ſahen, ſoeben eine ſaubere Abſchrift 241 an. Er ſchrieb auf einem roſenfarbigen Briefbogen, der mit einem geſchmackvollen gepreßten Rande eingefaßt war; eben zog die Feder langſam und ſicher, wie ein Ackerpflug die letzten Furchen auf der erſten Seite, und wir kommen daher gerade zur rechten Zeit, um noch die Ueberſchrift:„Hochverehrtes Fräulein!“ leſen zu können.— Wahrhaftig! Druck ſchrieb an Mathilde Mohrenhaupt: er geſtand ihr ſeine Liebe, und bat um die Erlaubniß, bei ihrem Vater um ihre Hand anhal⸗ ten zu dürfen. Druck hatte endlich ſeine Reinſchrift beendet, nur fehlte ihm noch ein paſſender Schluß, den er nicht erſt zu konzepiren für nöthig erachtet hatte, ſo ein Schluß, wo der Briefſchreiber von ſich wie von einer dritten Perſon ſpricht, um ſich durch eine geſchickte Wendung erſt in der Namensunterſchrift wieder zu erkennen zu geben. Druck nahm noch ein Stück Konzeptpapier zur Hand, und komponirte ein effektvolles Finale, in wel⸗ chem er in die Maske eines auf Erfüllung harrenden Bettlers ſchlüpfte, der aber dann plötzlich Krücke und Bettelſtab von ſich warf, und ſich nannte:„Fräulein Mathilden's ewig ergebener Florentin Druck“ Da tönte die Glocke an der Ladenthür, und im langſamen, ſchlotternden Gange kam Leidlich hereinge⸗ wankt. Es war bereits gegen Mittag. Druck bemerkte 242 mit Erſtaunen eine auffallende Veränderung an ſei⸗ nem Aſſocié. Seine Stimme klang rauh und bewegte ſich in einer ſchäbigen Baßlage; ſein Geſicht war gelb, als ſei es längere Zeit ſchon nicht mehr gewaſchen worden; ſeine Augen glänzten gläſern und hatten dunkle Ringe;— dazu plötzlich die gebückte, hinfällige Haltung des Körpers, und eine eigenthümliche Gei⸗ ſtesabweſenheit, welche ſich dadurch kundgab, daß Leid⸗ lich denſelben Rock, den er eben auszog, um ihn mit dem Comptoirrocke zu vertauſchen, gleich darauf wie⸗ der anzog, ſeinen Hut, den er ſonſt in althergebrachter Ordnung an einen Haken hing, auf einen Stuhlſtellte, und ſich dann ſelbſt darauf niederließ, bei welcher Ge⸗ legenheit der feine Kaſtor ſo breit gequetſcht wurde, wie eine Oblate. Zu jeder andern Zeit würde Leidlich hierüber troſtlos geweſen ſein, ſtatt deſſen brach er heute in lautes Gelächter aus, und ſogar die Falten, die bei dieſem Lachen in Leidlich's Geſicht entſtanden, er⸗ ſchienen Druck nicht wie die gewöhnlichen,— ſie wa⸗ ren offenbar aus ihrer ſonſtigen Lage verrückt, wie die Buchungen eines betrügeriſchen Kaufmanns, der zweier⸗ lei Bücher führt. Endlich beantwortete Leidlich die fragenden Blicke ſeines Kompagnons, indem er lachend ſagte:„Ich bin geſtern Abends zu Gunſten des Geſchäfts liederlich 243 geweſen, und erfreue mich eben eines tüchtigen Katzen⸗ jammers. Aber er iſt rein phyſiſcher Natur— was Teufel!“— unterbrach ſich Leidlich plötzlich, indem er über Druck's Achſel ſchaute,— ein Brief auf Roſa⸗ Papier? Das ſieht ja einem Billet doux verzweifelt ähnlich!“ „Wie ein Ei dem andern,“ beſtätigte Druck in etwas ſpitzfindigem Tone, weil er über dieſe Einmi⸗ ſchung verſtimmt war. Aber Leidlich ging noch weiter; er ſchickte ſich an, den ganzen Brief gemächlich durchzuleſen. „Du biſt aber ſchön im Thrane!“ rief Druck,“ und ſogar dein Bischen Zartgefühl ſcheint geſtern liederlich geweſen zu ſein.“ „Ich bin heute nicht zurechnungsfähig,“ entgegnete Leidlich, den Brief zerſtreut weglegend,„ich weiß effek⸗ tiv nicht was ich thuc, und komme mir wie ein Nacht⸗ wandelnder vor. Mir iſt, als könnte ich jene Wand⸗ karte dort, die doch gewiß drei Schritt von mir ent⸗ fernt iſt, mit Händen greifen; ich hätte Luſt, gleich auf der Stelle einen Purzelbaum zu ſchlagen, oder dich wie einen Kreiſel herumzudrehen, und dabei habe ich das Bewußtſein, daß ich dies Alles an mir ſo natür⸗ lich finden würde, als verſtände es ſich von ſelbſt.“ 244 Druck war inzwiſchen beſchäftigt, das Billet doux zuſammenzubrechen und einzuſiegeln. „Laß das ſein,“ ſagte Leidlich lachend,„dieſe Mühe habe ich dir erſpart. Meine Indiskretion vorhin hat mich mit dem Inhalt dieſes Briefes doch inſoweit be⸗ kannt gemacht, daß ich weiß, an wen er gerichtet iſt, und was er bezweckt.— Ich habe aber inzwiſchen die ganze Angelegenheit geordnet, und du haſt nun nicht mehr nöthig,„unſerm Hauſe“ in dieſer Hinſicht ein Opfer zu bringen.— Ich bin nämlich mit Mathilde verlobt!“ „Mit Mathilde Mohrenhaupt?“ frug Druck ge⸗ dehnt, und mit einem Geſicht, wie man es eben nicht zieht, wenn man der Nothwendigkeit enthoben wird, ein Opfer zu bringen. „Mit derſelben Mathilde,“— ſagte Leidlich,— „an welche dein Brief gerichtet iſt Zerreiße ihn nur gleich.“ „Und ſeit wann biſt du verlobt?“ „Seit geſtern Abend,“— gab Leidlich zur Ant⸗ wort,—„laß dir erzählen.“— Mit dieſen Worten ließ ſich Leidlich auf einen Stuhl nieder, und Druck folgte ſeiner Einladung, ein Gleiches zu thun, weni⸗ ger aus Behaglichkeit, ſondern nur deßhalb, weil er 245 ſeinem Aſſocié verbergen wollte, daß er zitterte und ſich kaum auf den Füßen zu erhalten vermochte. „Die Sache ging mir zu langſam,“— begann Leidlich;—„wenn ich auch von Mathilden's Neigung zu mir längſt ſchon die unzweideutigſten Beweiſe be⸗ ſaß, wie du mir ſelbſt einräumen mußt, ſo blieb doch immer die Einwilligung des Alten die Hauptſache. Der gute Papa aber iſt ein umſtändlicher, ſchwerfälli⸗ ger Burſch, er hätte ſich die Geſchichte zehnmal hin und herüberlegt, und zu guter Letzt am Ende gar ge⸗ ſagt, ich ſolle in einem Jahre wieder nachfragen. Ich bin der Mann der raſchen That, und daher faßte ich, als ich den Alten geſtern Abend mit mehren ſeiner Bekannten in einem Weinkeller traf, ſchnell einen Ent⸗ ſchluß. Er hatte bereits ein Gläschen über den Durſt getrunken, und mit jedem weiteren Glaſe wurde er fideler und zugänglicher. Seine Schwerhörigkeit war faſt ganz verſchwunden. Es dauerte nicht lange, ſo ging von ſeinen Freunden einer nach dem andern nach Hauſe, und da er darauf beſtand, daß ich mit ihm eine Flaſche zutrinken müſſe, ſo blieb er mit mir allein zurück. Ich ſprach dem Glaſe fleißig zu, um Muth und Beredſamkeit zu gewinnen, und als er ſah, wie ich mir den Wein ſchmecken ließ, kam er auch wieder tüchtig in's Bechern hinein. Wie viel Flaſchen wir 246 Beide geleert haben, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß der Alte in Form von berühmten Sentenzen ſeine ganze Lebensweisheit auskramte, und daß ſein Geſicht immer dunkler und dunkler glühte, bis ich faſt fürch⸗ tete, es möchte zerplatzen. Dichter bringen nur im Rauſche Großes zu Stande, und einer ſolchen Begeiſte⸗ rung bedurfte es bei dem Alten auch, um einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, der über ſeine täglichen Gewohnhei⸗. ten hinausging.“ „Auch ich war dermaßen begeiſtert, daß ich heute nicht im Stande bin, mich zu erinnern, wie ich nach und nach das Geſpräch auf ſeine Tochter leitete, dann auf unſer emporblühendes Geſchäft, auf mein Jung⸗ geſellenthum, auf meine Sehnſucht nach einer Lebens⸗ gefährtin,— kurz und gut, die Worte floßen mir wie Honig vom Munde, und wie ein in eine Paſtete ge⸗ backenes Bouguet kam das große Wort mit heraus: daß ich ſeine Tochter zur Frau begehrte. Halb ſagte ich es, halb kam er ſelbſt mir zuvor. Er kieß ſofort noch eine Flaſche Wein bringen und wirſtießen darauf an. Er ärgerte ſich, nicht ſchon längſt auf die Idee gekommen zu ſein, daß Mathilde und ich ein prächti⸗ ges Paar abgeben würden und beklagte die Stumpf⸗ heit des Alters. Dazwiſchen fiel ihm auch ein Be⸗ denken ein, ob ich nämlich von Mathilden's Gegenliebe 247 überzeugt ſei. Als ich ihm aber hundert kleine Züge zu erzählen wußte, welche ſeine vorübergehenden Zwei⸗ fel zerſtreuten, da ſtrahlte der Alte vor Freude, nannte mich ſeinen Sohn, ſeinen Herzensjungen und umarmte mich. Ich mahnte endlich zum Aufbruch; er wollte noch eine Flaſche Wein kommen laſſen Da⸗ gegen legte ich aber entſchiedenen Proteſt ein, indem ich ſagte, daß ein guter Bürger um dieſe ſpäte Stunde ohnehin längſt im Bett liegen müſſe, daß ich ein ab⸗ geſagter Feind von allen derartigen Gelagen ſei und mir heute eine große Ausnahme von der Regel ver⸗ ſtattet hätte Darauf nannte er mich einen braven, ſoliden Kerl, der ganz dazu geſchaffen ſei, eine Frau glücklich zu machen, umarmte mich und gab mir ſogar einen Kuß. Wir gingen nun nach Hauſe. Er ſchlang unterwegs ſeinen Arm um meinen Hals und ich, als der Kleinere, legte den meinigen um ſeine breite Taille. Du hätteſt uns ſehen ſollen! Keine Straße war zu breit für uns, daß nicht der Eine oder der Andere bald an der rechten, bald an der linken Häuſerreihe den Kalk von der Wand gerieben hätte. Ich ſchwitzte und arbeitete wie ein Markthelfer, der einen ſchweren Ballen zu wälzen hat. Bald blieb der Alte ſtehen und nannte mich ſeinen herzigen Schwiegerſohn und ſeinen Goldjungen, oder nahm mein Geſicht zwiſchen 248 ſeine beiden Fäuſte und ſchmatzte mich ab, und dann ging es wieder im Sturme vorwärts, und als wir endlich, ich weiß ſelbſt nicht wie, vor ſeinem Hauſe angelangt waren, war er der Anſicht, er habe mich nach Hauſe begleitet und dies ſei meine Wohnung. Es koſtete mich unendliche Mühe, ihn vom Gegentheile zu überzeugen, und nun beſtand er darauf, mich nach meiner Wohnung zu bringen.„Bruder,“ ſagte er in näſelndem Tone und drohte mir mit dem Finger,„du darfſt nicht allein gehen, du haſt dir einen Haarbeutel getrunken!“ Dabei ſchwankte er hin und her und der ſchwarze Hut ſaß ihm tief in der Stirne, wie eine Sonnenfinſterniß. Endlich erſchien die alte Haus⸗ hälterin mit der Lampe in der Hausthüre und im Vereine mit dieſer überredete ich ihn endlich, ſich hin⸗ auf zu begeben und mich meinen Weg allein gehen zu laſſen. Vorher umarmte und küßte er mich noch ein paar Male und mit der Verſicherung, daß heute die Verlobung gefeiert werden ſollte, entließ er mich. Ich bat die Haushälterin, von dem kleinen Vorfalle gegen Fräulein Mathilde, die bereis zu Bette war, zu ſchweigen und ging heiter nach Hauſe.“ Leidlich hatte ſeine Erzählung in kurzen Sätzen vorgetragen, und oft Pauſen machen müſſen, theils aeil er mitunter vor Lachen nicht weiterſprechen konnte, 249 theils den Faden verlor und ſich auf den nächſten Ver⸗ lauf lange beſinnen mußte.— In der That mußte ſich Druck jetzt eingeſtehen, daß Leidlich vorher nicht zu viel geſagt hatte, indem er ſeinen heutigen Zuſtand unzurechnungsfähig nannte, denn ſonſt hätte er ihm den Vorfall mit dem Rentier gewiß nicht erzählt. „Und glaubſt du“, frug Druck,„daß der Alte ſein im Rauſche gegebenes Wort halten und dich im nüchternen Zuſtande mit ſeiner Tochter verloben wird?“ Im Wein iſt Wahrheit!“ entgegnete Leidlich,„und ſeine geſtrigen Betheuerungen waren unverkennbar der Ausfluß ſeiner Geſinnungen gegen mich.“ „Das wird ſich finden,“ verſetzte Druck.„Biſt du aber auch gewiß, daß ihr Beiden, du und Papa Mohrenhaupt nämlich, die Rechnung nicht ohne den Wirth gemacht habt? Denn— offen geſtanden— daß Fräulein Mathilde geradezu in dich verliebt wäre, hab ich bis jetzt noch nicht gefunden!“ Um Leidlich's Mund ſpielte ein mitleidiges Lächeln. „So Etwas läßt ſich nicht beweiſen,“ gab er zur Antwort,„das läßt ſich nur fühlen, nur ahnen! Zu einer Erklärung iſt es zwiſchen uns Beiden allerdings noch nicht gekommen, es wäre am Sonntag ohne Zweifel geſchehen, wenn ich mit Mathilde nur einen Augenblick unter vier Augen hätte ſprechen können, denn 1561. XI. Junge Anfängrr. II. 16 250 die Erklärung liegt in der Luft, wie ein Gewitter, das ſich unter den Sonnenſtrahlen von hundert verliebten Neckereien, die zwiſchen Mathilde und mir ſchon ſeit längerer Zeit ſpielen, zuſammengezogen hat.“ „Verliebte Neckereien? Verſtehſt du darunter etwa die tiefen Bücklinge, die du ihr über die Straße hin⸗ weg gemacht haſt, oder—“ Leidlich unterbrach ſeinen Aſſocié, indem er ihn unter geheimnißvollem Lächeln am Arme nahm, und ihn in den Laden führte. Mit der Hand nach dem Fenſter deutend, fragte er ihn: „Siehſt du dort den blühenden Roſenſtock?“ „Den habe ich ſchon längſt bemerkt,“ gab Druck etwas ſtutzig zur Antwort. „Ich habe ihr ihn heimlich geſchickt; wenn ſie nicht ahnte, daß ich der Geber ſei, ſo hätte ſie ihm ſchwerlich einen Platz unter den vornehmen Blumen angewieſen, hätte ihn ſchwerlich mit ſo ſichtbarer Sorgfalt gepflegt, ja, ſie hätte ihn vielleicht gar nicht angenommen.“ Druck war nahe daran, in ein ſchallendes Gelächter auszubrechen, aber die Macht des Zweifels, die jeder Liebende erfahren muß, kam blitzſchnell über ihn. „Dieſer Roſenſtock iſt mir das Theuerſte auf der Welt,“ hatte Mathilde zu ihm geſagt.— Jetzt ſchien das Räthſel gelöſt, aber konnte die Löſung nicht eine falſche ſein? Konnten Mathilden's dunkle Worte nicht 251 auch zu Leidlich's Gunſten ausgelegt werden und ſomit für Druck eine zarte Warnung, ein delikater Korb ge⸗ weſen ſein? „Schließt dieſer Roſenſtock ſämmtliche verliebte Neckereien in ſich?“ fragte Druck, in dem plötzlich ein ahnungsvoller Gedanke aufleuchtete. „Ich könnte noch hundert aufzählen,“ prahlte Leidlich,„für jetzt nur noch dies. Du weißt, daß der Briefträger, che er zu Mohrenhaupt hinübergeht, erſt zu uns kommt. Da habe ich denn einige Male Briefe bei ihm geſehen, die an Fräulein Mathilde Mohren⸗ haupt adreſſirt waren und aus der Schweiz kamen.“ Hier fing Druck fürchterlich zu lachen an und Leid⸗ lich lachte ebenfalls und ſagte:„Der Hauptſpaß bei der Geſchichte kommt erſt nach. Ich ſtellte mich ei⸗ ferſüchtig,“ fuhr er fort,„und als habe ich Mathil⸗ den in dem Verdachte, daß ſie mit einem Andern in zärtlicher Korreſpondenz ſtehen könne, ſchrieb ich ſtets auf die Rückſeite der Briefe einige bezeichnende Gloſ⸗ ſen, was mir der Briefträger, der den Scherz merkte, auch gerne geſtattete.“ Druck hatte auch während die⸗ ſes letzten Theils der Erzählung nicht aufgehört zu lachen, und Leidlich lachte natürlich mit. „Iſt auf dieſe Anſpielungen hin nichts erfolgt?“ fragte Druck lachend. Und unter Lachen gab Leidlich 16* 252 zur Antwort:„Die Folgen waren bedeutungsvoll genug; der Briefträger erzählte mir, daß er von dem Fräulein für jeden dieſer Briefe ein reiches Trinkgeld erhalten habe.“ Druck ſchlug ſich vor Lachen mit beiden Händen auf die Schenkel und Leidlich mußte ſich den Bauch halten. „Du hätteſt dich eigentlich dann ſtets an die La⸗ denthüre ſtellen ſollen, ſagte Druck, noch immer la⸗ chend,„vielleicht hätte dir Mathilde von ihrem Fen⸗ ſter aus ein Zeichen gegeben, daß die Briefe von kei⸗ nem Geliebten kämen.“ „Ja! wie hätte ſie das anſtellen wollen?“ „Sie hättez. B. einfach mit dem Kopfe geſ chüttelt.“ Hä! hä! hä! Wahrhaftig, das hätte ſie am Ende gethan.“ „Ein Poſten im offenen Verkaufsladen,“ lachte Druck,„iſt mir doch lieber, als zwei im Comptoir.“ Da lachte Leidlich wieder, indem er ſich den An⸗ ſchein gab, als hätte er die ganze Tiefe dieſer witzigen Bemerkung ausgemeſſen. An dieſem Tage ließ ſich Papa Mohrenhaupt nicht ſehen. Leidlich wäre gerne hinübergegangen, um ſi nach ſeinem Befinden zu erkundigen, wenn er nicht Mathilden's Scharfblick in doppelter Hinſicht zu fürch⸗ 253 ten gehabt hätte. Zunächſt ſeines„übernächtigen“ Aus⸗ ſehens wegen, und dann weil es nichtunwahrſcheinlich war, daß ſie das Letztere ſowohl als auch das Unge⸗ wöhnliche eines ſolchen Beſuches mit dem Unwohlſein ihres Vaters in Verbindung zu bringen wußte. Erſt am darauffolgenden Morgen erſchien Nachbar Moh⸗ renhaupt wieder und nahm ſein gewöhnliches Plätzchen im Laden ein. Sein künftiger Schwiegerſohn begrüßte ihn mit ſchmunzelndem Geſichte. Der Alte ignorirte den Umſtand, daß er ſeine regelmäßigen Beſuche einen Tag lang ausgeſetzt hatte, Druck wollte nicht fragen aus Zartgefühl, und Leidlich wagte keine Bemerkung aus einer gewiſſen ängſtlichen Spannung. Endlich ſagte Mohrenhaupt:„Ich habe nun alle Vorbereitungen getroffen,“— hier unterbrach er ſich durch ein langes Gähnen, während Leidlich mit bren⸗ nend⸗rothem Geſichte einen Blick nach Mathilden's Fen⸗ ſter warf,—„daß,“ fuhr der Alte endlich fort,„unſerer Verabredung gemäß, heute noch die Rieſennelke in meinen Garten verſetzt werden kann.“ Druck biß ſich in die Lippen, beobachtete aber fort⸗ während eine würdevolle Haltung. Leidlich raffte ſich zuſammen und ſagte mit ſüßflötender Stimme:„Es trifft ſich oft eigenthümlich, daß ſich wichtige Ereigniſſe des Lebens in gleichzeitigen minder wichtigen Vorgän⸗ 254 gen ſymboliſch wiederholen. Wie dieſe Nelke jetzt in Ihren Garten verpflanzt werden ſoll, ſo ſtehen Sie, verehrter Nachbar, in Begriff, das herrlichſte Gewächs, das aus Ihrer ſorgſamen Pflege hervorging, in mei⸗ nen Garten zu verſetzen.“ Der Alte, der gerade im Begriff geweſen war eine Priſe einzuſchnupfen, ließ plötzlich den Tabak wieder in die Doſe fallen.„Mein herrlichſtes Gewächs?“ fragte er,„davon weiß ich ja keine Silbe. Das heißt— ja, ganz recht,— wenn Sie das meinen, was ich darunter zu verſtehen glaube—“ „Ganz recht,“ verſetzte Leidlich mit feinem Lächeln, „das meine ich.“ „Nun, allerdings,“ ſagte Mohrenhaupt,„es mag ſein, aber daß ich nun gerade mein herrlichſtes Ge⸗ wächs dazu hergeben ſoll, das ſehe ich nicht ein.“ „Oh, übergroße Beſcheidenheit eines Vaters!“ rief Leidlich. „Was ſollen nur dieſe verfluchten, zuckerſüßen Re⸗ densarten?“ fragte der Rentier, unwillig auf ſeinem Stuhle hin⸗ und herrückend,„es verſteht ſich von ſelbſt, daß es meine Sorge iſt, den leeren Platz wieder aus⸗ zufüllen—“ „Papa'chen Papa'chen!“ rief Leidlich ſchalkhaft dro⸗ 255 hend,„ich glaube gar, Sie haben Abſichten, ſich noch einmal zu verheiraten?“ „Himmelſapperment!“ ſchrie der Rentier,„was ſind das für Späße? Wovon ſprechen Sie denn?“ „Kleiner Schäker, von dem leeren Platze.“ Der Rentier ſtand auf, ging an den Blumentiſch und rief, indem er mit der Hand an das Rohrgeflecht ſchlug:„Von dieſem Platze rede ich, der hier leer wer⸗ den wird, wenn die Rieſennelke heraus iſt. Und den fülle ich Euch aus mit einem halben Dutzend Levkojen.“ Leidlich ging auf den Scherz ein, da er ſehr wohl einſah, daß der Alte ſich in Gegenwart Drucks nicht deutlich ausſprechen wollte. Druck verſtand den Wink ſeines Aſſocié's und verließ das Gewölbe. „Nun, Papa'chen,“ ſagte Leidlich mit Sicherheit, jetzt ſind wir allein und können ungeſtört zuſammen ſprechen.“ Mohrenhaupt ſah ihn mit einem gleichgil⸗ tigen Blicke an, als hielte er Leidlich's Bemerkung für höchſt überflüſſig. Leidlich ſetzte ſich ihm gegenüber auf einen Stuhl, und ſo ſaßen Beide eine lange Weile in tiefem Schweigen einander gegenüber. Leidlich betrach⸗ tete den Rentier, deſſen Züge des Geſichts ihm noch nie ſo marmorartig vorgekommen. „Wo iſt denn der Andere hin?“— fragte nach einer Weile der Rentier verdrießlich. 256 „Er iſt aus gewiſſen zarten Rückſichten hinausge⸗ gangen,“— gab Leidlich kleinlaut zur Antwort,— „damit wir uns freier ausſprechen können.“ „Worüber denn?“— frug Mohrenhaupt grob. „Nun, über die Angelegenheit von wegen meiner Verlobung.“ „So? darf er denn das nicht hören?“— ſtieß Mohrenhaupt rauh heraus,—„er muß es doch ein⸗ mal erfahren, iſt ja Ihr Kompagnon. Wozu denn immer dieſe verdammten Heimlichkeiten und verblümten Reden?“ „Herr Mohrenhaupt,“— ſagte Leidlich würdevoll, indem er ſich verletzt ſtellte,—„die eigenthümliche Art und Weiſe, in welcher Sie jetzt dieſe eben ſo zarte als erfreuliche Angelegenheit berühren, läßt mich faſt vermuthen, daß Sie darüber mehr verſtimmt als er⸗ baut ſind. Sollten ſich in ſo kurzer Zeit Ihre Geſin⸗ nungen gegen mich geändert haben, nun wohlan! ſo bin ich nicht der Mann, der ſich Ihnen unter ſo be⸗ wandten Umſtänden mit Gewalt aufdrängt.“ Mohrenhaupt ſtieß mit ſeinem Stocke ungeduldig auf den Boden„Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Nachbar,“— riefer,—„aber Sie ſind mir wahrhaftig ein langweiliger Geſell! So rücken Sie doch einmal mit der Sprache heraus!“ 257 „Nun, ohne Umſchweife,“— ermannte ſich Leiblich zu ſagen,—„wann ſoll die Hochzeit ſein?“ Der Rentier ſah den Nachbar eine kleine Weile mißtrauiſch an, dann bewegte ſich ſein dicker Bauch, wie ein ſchwellendes Polſter, in einem gemüthlichen langathmigen Takte auf und nieder und er lachte aus voller Kehle, daß die Wände des Gewölbes wider⸗ tönten.— Leidlich hielt es für das Gerathenſte, ſich geduldig in die rauhe Art dieſes Mannes zu fügen. Er ließ den Alten erſt zu Athem kommen und dann wiederholte er ſeine Frage. Und wieder erhob ſich jenes fürchterliche Gelächter, und auf ſeinem Stuhle arbeitete der Alte mit Nacken, Armen, Bauch und Kopf. Und wieder mußte Leidlich den Sonderling zu Athem kommen laſſen. Endlich hatte ſich der Alte wieder erholt, aber er ath⸗ mete ſchwer, wie ein Fieberkranker. Er ſah es Leidlich an, daß dieſer von Neuem fragen wollte, und weil er an den beiden heftigen Erſchütterungen ſchon genug hatte, ſo winkte er ihm abwehrend mit der Hand. Aber Leidlich war unerbittlich. Er fragte dennoch zum dritten Male, wann die Hochzeit ſein ſolle, und nach⸗ dem der Alte einen vergeblichen Verſuch gemacht hatte ernſt zu bleiben, dehnte und krümmte ſich wieder ſeine ganze phyſiſche Natur unter den Anſtrengungen eines 258 ſchallenden Gelächters. Dann bekam er einen Huſten⸗ anfall; als ſich derſelbe nach einiger Zeit wieder etwas gelegt hatte, ſtand er auf und ging im Gewölbe auf und ab. Sobald Leidlich Miene machte, den Mund aufzuthun, gebot ihm der Rentier mit ſeinem Taſchen⸗ tuche Schweigen, indem er es flatternd in der Luft ſchwenkte. Um die Gefahr einer Exploſion von ſich abzuwehren, rief er Leidlich endlich mühſam und mit erſtickter Stimme zu:„Ich kann ja doch nicht wiſſen, wann Ihre Hochzeit iſt, ich weiß ja erſt ſeit heute, daß Sie— heiraten wollen— ich bin ja überhaupt— wie— aus den— Wolken gefallen!“ „Wa— as?“— rief Leidlich, der gerade beide Hände in den Hoſentaſchen hatte, und dehnte die letz⸗ teren ſo weit auseinander, daß ſein Beinkleid um die Hüften den Pluderhoſen des Türken am Schaufenſter glich.„Sie wollen erſt ſeit heute wiſſen, daß ich mich verheiraten will? Sie wiſſen es ja ſo lange und ſo gut, als ich es ſelbſt weiß, nämlich ſeit vorgeſtern.“ „Seit vorgeſtern?“ „Seit vorgeſtern Abend. Bei einem Glaſe Wein haben wir's beſprochen!“ Der Rentier ſchien ſich zu beſinnen, über ſeine Stirn flogen dunkle Wolkenſchatten, ſeine Naſenflügel bewegten ſich.„Guter Freund,“— ſagte er mit müh⸗ 259 ſam zurückgedrängtem Zorn,—„vorgeſtern Abend ſaßen wir Beide bei einem Glaſe Wein fidel beiſam⸗ men, ſo weit ich mich beſinne, nicht wahr?“ „Allerdings, Herr—“ „Ich hatte des Guten zu viel gethan, was mir ſeit langen Jahren nicht paſſirt iſt. Wer's geweſen iſt, der ſich den Spaß erlaubt hat, mich abſichtlich be⸗ ſoffen zu machen, weiß ich nicht, genug! ich war's. Ob das nun für ſo einen alten Kerl, wie ich bin, eine Schande iſt oder nicht, das geht Niemanden was an. Ich bezahle meinen Wein und habe Geld genug, für drei Dutzend ſolche Kerle, wie Sie ſind, an einem Abende auffahren zu laſſen, daß zuletzt ſechsunddreißig un⸗ ter'm Tiſche liegen. Ein Ehrenmann kann dem andern wohl Vorwürfe machen, wenn er einmal über den Strang gehauen hat, aber ſchlechte Witze und alberne Anſpielungen erlauben ſich nur dumme Jungen! Wenn ſo ein dummer Junge mir an einem ſolchen Abende, wo ich meinen geſunden Verſtand in die Weinleſe ge⸗ ſchickt habe, einen Floh ins Ohr ſetzt, und mir weiß macht, daß er ſich verlobt habe und nächſtens Hochzeit halten werde, oder daß er das große Los gewonnen hätte, oder Kaiſer von Frankreich geworden wäre, oder ſoeben von einer Reiſe in den Mond zurückgekehrt ſei, — ſo mag er ſich gratuliren, wenn ich ſeinen ſchlechten 260 Spaß nicht merke und den andern Tag, Dank meinem ſchwachen Gedächtniß für ſolche Weinhausſchnurren! keine Silbe mehr davon weiß. Wenn man aber die Unverſchämtheit beſitzt, hinterdrein, am lichten Tage noch auf Mondreiſen, Kaiſerthrone, großes Los oder Hochzeiten anzuſpielen, ſo bin ich der Mann, der Jemandem den Rücken braun und blau und die Knochen zu Mehl ſchlagen könnte, wenn mir dieſer Jemand nicht zu klein wäre!“ Der Rentier war kirſchroth im Geſichte geworden. Er ballte ſeine Fäuſte, gewann aberſo viel über ſich, daß er die letzteren nur dazu gebrauchte, ſeinen Hut von der Ladentafel zu nehmen und aufzuſetzen. Die letzten Sätze hatte er mit ſo donnernder Stimme ge⸗ ſprochen, daß Druck erſchrocken aus dem Komptoir getreten war. Der Rentier klopfte dieſem auf die Achſel, daß er, obwohl es nur freundſchaftlich gemeint war, faſt zuſammengebrochen wäre, und ſagte:„Leben Sie wohl, Herr Leidlich, oder Herr Druck, oder, was weiß ich, Herr Druck und Leidlich, wir bleiben Freunde, aber den hier(er zeigte auf Leidlich), den ſchicken Sie wo möglich noch heute ins Narrenhaus!“— Damit ging er ſeiner Wege. Leidlich zitterte wie Espenlaub.— Es dauerte lange, ehe er ſich einigermaßen erholte, um die Sprache 261 wieder zu gewinnen. Auf einmal rief er:„Druck! Schlange, Verführer! ſchaffe mir meine Gelder wieder, ſchaffe mir ſie wieder! verflucht ſei der Baumeiſter, der unſere engen Wände durchbrach; verflucht ſei der Tiſch⸗ ler, der dieſe Säulen aufführte! Der Teufel hole dieſe Giftpflanze—“ ſetzte er wüthend hinzu, und wollte ſich auf die Rieſennelke ſtürzen. Aber Druck hielt ihn auf, und Leidlich wandte ſich um, riß den Türken aus dem Schaufenſter heraus, gab ihm ein Dutzend Ohr⸗ feigen, ſchüttelte ihn tüchtig beim Kragen, und prü⸗ gelte ihn wie einen Schulbuben ſo lange, bis er ſeine eigene Hand nicht mehr fühlte. Druck ſtand ernſt und ruhig bei Seite, bis Leidlich ſich ausgeraſt hatte, und ſich zu ſchämen anfing.„Für mich iſt nun Alles verloren,“ ſagte Leidlich ruhiger zu Druck,„liebe du nun Mathilden nach Herzensluſt, hei⸗ rate ſie morgen, heirate ſie meinetwegen auf der Stelle, mir ſoll's recht ſein; ich kann nur dabei ge⸗ winnen.—“ * 6 VII. Ein gordiſcher Knoten. Druck's Befürchtung, daß der Rentier nach dem heftigen Auftritte mit Leidlich ſeine Beſuche einſtellen möchte, beſtätigte ſich nicht. Am nächſten Morgen war ſchon der Alte zur gewohnten Stunde wieder da.— Leidlich ließ ſich nicht ſehen, und der Rentier fragte nicht nach ihm. Mohrenhaupt war nicht der Mann, der ſich eines ſolchen Zwiſchenfall's wegen von einer ſüßen Gewohnheit hätte abbringen laſſen. Vor einer unfreundlichen Aufnahme fürchtete er ſich nicht, weiler überhaupt nicht daran dachte; denn die glücklichen Ver⸗ hältniſſe, in denen er ſich ſchon ſeit vielen Jahren be⸗ wegte, hatten ihm das beneidenswerthe Bewußtſein der Sicherheit im höchſten Grade verliehen. Druck faßte ſich ein Herz und ſchickte ſeinen Brief, den er nicht zerriſſen, ſondern als einen Sekundq⸗ 263 Wechſel aufbewahrt hatte, an Mathilde Mohren⸗ haupt ab.— Jeder Menſch kommt einmal in eine Lage, in wel⸗ cher er ſich noch nie befunden hat, und worin er ſich trotzdem nicht um ein Haar anders benimmt, als Tau⸗ ſende vor ihm ſich in gleicher Lage benommen haben, ohne daß es ihm Jemand geſagt oder gelehrt hätte.— So Mathilde, als ſie Druck's Brief empfing: Sie er⸗ röthete über und über, als ſie ihn las; ſie las ihn im⸗ mer wieder von Neuem, und verbarg ihn inihrem Bu⸗ ſen.—— Sie vermied an dieſem Tage ängſtlich das Fenſter und verbrachte hierauf eine ſchlafloſe Nacht. Das einfachſte, durchſichtigſte Frauengemüth wird zu einem gordiſchen Knoten, ſobald es ſich der Liebe er⸗ ſchließt, und wer da glaubt, daß Mathilde am nächſten Tage nichts Eiligeres zu thun hatte, als zur Feder zu greifen und den verliebten Nachbar durch Erhörung zu beglücken,— der kennt die Mädchen ſchlecht!— Schon geſtern, als ſie den Brief zum erſten Male las, ſchwirrte ihr ein kleines„Aber“ durch die Sinne. Es war ein unklarer Widerſpruch, über den ſie ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft zu geben vermochte. An die Möglich⸗ keit, daß ein Mann ſie nur des irdiſchen Reichthums wegen zur Frau begehren könne, dachte ſie nicht, denn ſie war ſich dieſes Vorzuges, den ſie ſchon in der Wiege 264 beſeſſen hatte, ſo wenig bewußt, als man das Gewicht des eigenen Körpers fühlen kann. Der unklare Wider⸗ ſpruch trat zuerſt in Geſtalt eines leiſen Vorwurfes auf, den ſie ſich ſelbſt machte— darüber, daß ihr Be⸗ nehmen überhaupt Jemanden Veranlaſſung gegeben hatte, ſich über die Straße hinweg in ſie zu verlieben, und ſogar an ihre Gegenliebe glauben zu dürfen. Nach und nach wälzte ſie dieſe Selbſtanklage von ſich ab, indem ſie ſich einredete, daß Druck allzu ſtürmiſch zu Werke gegangen ſei. Beide hatten ja erſt wenig Worte zuſammen gewechſelt, ſie hatte ihm nur ganz zarte Andeutungen gegeben, und jetzt ſollte ſie ihm ſo ohne Weiteres ſchwarz auf weiß erklären: Ja! ja! ich bin Dein, nimm mich hin; ſprich mit meinem Vater?! „Unmöglich!“ rief ſie laut und unter Lachen. Mitten in ſeinen nüchternen Berufsgeſchäften hatte Druck das Verhältniß begonnen und weitergeſponnen. Vielleicht aus Langeweile, um müßige Augenblicke auszufüllen? Ebenſo gut hätte er einen Roman zur Hand ehmen und darin leſen können! Ob erweiß, wie ſchwer ein Mäd⸗ chenherz zu erobern iſt, und welche Kämpfe darum beſtan⸗ den werden müſſen?„Unmöglich,“ widerholte Mathilde am Schluſſe dieſer Reflektionen, aber diesmal ſprachſie es leiſe und träumeriſch vor ſich hin, ein unerklärliches weiches Gefühl beſchlich ihr Herz und aus ihrem Auge 265 brachen ein paar Thränen.— Zuletzt ſtand ſie auf einem wahren Scheiterhaufen voll brennenden Wider⸗ ſprüche. Noch ehe ſie ſelbſt recht wußte, was ſie that, hatte ſie der Haushälterin Auftrag gegeben, den Ro⸗ ſenſtock vom Fenſter zu entfernen. Dann packte ſie ihre Handarbeiten, mit denen ſie ſich zu beſchäftigen pflegte, ſo wie ihre Bücher zuſammen, und räumte ſie in ein Hin⸗ terzimmer, deſſen Fenſter in den Garten herabgingen. Zuletzt ließ ſie ſich ihren Nähtiſch nachbringen, kurz, ſie entfernte jede Spur ihres Daſeins aus dem Zim⸗ mer, zu welchem Er hinaufblickte, deſſen Brief ſie noch immer in ihrem Buſen ſorgfältig verwahrt hielt. So oft ſie ausging, hüllte ſie ihr Antlitz in einen dichten Schleier, und erſt nachdem ſie die Straße hinab war, ſchlug ſie den Schleier zurück. Mathilde hatte einen abonnirten Platz im Thea⸗ ter. Wer beſchreibt den ſüßen Schreck, der ſie durch⸗ zitterte, als ſie eines Abends den Mann im Parterre erblickt, den ſie dort noch nie geſehen hat? Sie ſah ihm an, daß er ſie grüßen wollte, aber ihr Auge wandte ſich blitzſchnell ab. Sie ſah nur noch, wie Druck ſeine Hand vom Hute unverrichteter Sache wieder zurückzog, und im nächſten Augenblicke fühlte ſie ſo bittere Reue darüber, daß ſie über eine kleine Rührſzene, die auf der Bühne vor ſich ging, die heißeſten Thränen vergoß. 1561. X1. Junge Anfänger. U 17 266 Ihm nachträgliche Gelegenheit zu geben, ſeinen Gruß anzubringen, ließ ihr Stolz nicht zu. Auch hielt die weiche Gemüthsſtimmung nicht lange an, ſondern machte ſchnell einem bittern Grolle Platz: ſie hatte nämlich ſchon zu wiederholten Malen ganz verſtohlen ins Parterre hinabgeſchielt, ohne daß Druck zu ihr heraufgeſehen hätte. Das Schlimmſte aber ſollte noch kommen: eine junge Dame verlor aus der Par⸗ terreloge ihr Taſchentuſch, und der Erſte, der ſich bückte und es aufhob, war— Druck. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße: Mathilde ließ ſich ſofort mit ihrem Nachbar, einem reichen Banquiersſohne, in ein Ge⸗ ſpräch ein, und als ſie bemerkte, daß Druck ſie mit blitzenden Augen beobachtete, wurde ſie nur noch lie⸗ benswürdiger und redſeliger gegen den entzückten Ban⸗ quiersſohn.— Sie entſchädigte Druck aber für die Qualen der Eiferſucht, indem ſie ihmendlich doch noch einen anmuthigen Gruß zunickte, worauf ſie ſogleich gegen den Banquiersſohn kälter wurde, ſo daß dieſer nun nicht wußte wie ihm geſchah.— Es war vorauszuſehen, daß Druck nach Schluß der Vorſtellung im Korridor Mathilden erwarten und ihr ſeinen Arm anbieten würde. Das erwog auch Mathilde, und ſchon war ſie im Begriff, der ſchmei⸗ chelnden Stimme ihres Herzens nachzugeben, als 267 ihr einfiel, daß Druck's Anweſenheit im Theater vielleicht nur eine zufällige ſein könne, und daß er am Ende ihretwegen gar nicht gekommen ſei. Dieſes konnte ſich erſt morgen oder übermorgen ſicher herausſtellen, und ſo lange es nicht entſchieden war, hielt ſie es für beſſer, mit ihren dankbaren Geſinnungen noch zu geizen. Daher war ſie, noch ehe der Vorhang fiel, verſchwunden, und in einer Droſchke nach Hauſe gefahren.— In der Nacht fiel ihr ein, daß dieſes plötzliche Verſchwinden dem Geliebten neue Qua⸗ len verurſachen müſſe. Es war nicht ihre Abſicht, ihm ſolche zu bereiten; ſie wollte nur wiſſen, ob er deren auch wirklich empfände, und forderte hiezu jede Gele⸗ genheit heraus. Mit großer Befriedigung hörte ſie am andern Morgen von der Haushälterin, daß Herr Druck ſich nach Fräulein Mathildens Befinden erkun⸗ digt habe, weil ſie geſtern Abend ſo plötzlich ihre Loge verlaſſen hätte.— Mathilde beſuchte eine Freundin; als ſie ſich unterwegs zufällig umblickte, bemerkte ſie, daß Druck ihr in geringer Entfernung folgte. Sie machte einige Umwege und immer blieb er hinter ihr, aber er kam ihr näher und näher. Und je kürzer ſie die Entfernung werden ſah, deſto ſtürmiſcher klopfte ihr Herz. Sie konnte ihn jetzt nicht ſprechen und ſchlüpfte in ein Haus Dasſelbe hatteglücklicher Weiſe 268 einen Durchgang nach einer andern Straße und ſo ge⸗ langte ſie zu ihrer Freundin. Der zaghafteſte, ſchüchternſte Menſch hat Augen⸗ blicke muthigſter Entſchloſſenheit. Ein ſolcher Moment war es, in welchem Mathilde ſich eines Abends in den Garten hinabwagte. Eben kokettirte ſie noch mit der Wahrſcheinlichkeit, daß Druck heute Abend nicht her⸗ überkommen würde, als ſie ihn plötzlich unter der Thür, welche in den Garten führte, erſcheinen ſah. Mathilde huſchte hinter einen Stachelbeerſtrauch, nicht um ſich zu verbergen, denn dazu war dieſes Verſteck nicht hinreichend, ſondern aus Verwirrung. Druck er⸗ blickte ſie und kam haſtig näher. Sie ſprang auf und entfloh. Aber der Rückzug in das Haus war ihr ab⸗ geſchnitten. Druck warf Hut und Stock von ſich und mit einigen kühnen Sätzen war er ihr ſo nahe, daß er die Enden ihres fliegenden Shawls mit den Händen hätte erfaſſen können. Mathilde flüchtete ſich in die Laube, und ließ ſich auf die Bank nieder, indem ſie ihr Angeſicht mit beiden Händen bedeckte und auf den Tiſch lehnte. Druck kniete neben ihr nieder und flüſterte ihren Namen. Er ergriff ſie ſanft bei einer Hand, und ſie überließ ihm ihre Hand und hielt die andere vor beide Augen.„Mathilde! darf ich noch hoffen?“ Ein Druck 269 von ihrer Hand ſagte ihm Alles. Noch immer bedeckte Mathilde beide Augen, noch immer ruhte ihre Stirn' auf dem harten Tiſche. Aber unterhalb der Tiſchplatte näherte ſich den unbewachten, nach dem Gartenkies ge⸗ richteten Lippen, Druck's Mund, Mathilde fühlte ſei⸗ nen heißen Kuß, ſie wollte ausweichen, aber Druck um⸗ ſchlang ſie mit beiden Armen und willenlos ſank ſie zurück an ſeine Lippen und an ſeine Bruſt. „Mathilde!“— fragte Druck, als er ihr zum erſten Male wieder in dieblauen Augen blicken durfte,„warum haben Sie mir das gethan? Mußte ich nicht fürchten Sie erzürnt zu haben, da Sie mir nicht antworteten?“ Der gute Genius der Unſchuld, die Naivität, half Mathilden aus ihrer Verwirrung; noch ehe ſie ſelbſt wußte was ſie ſagte, ſtammelten ihre Lippen:„Ich wollte Ihnen die Antwort mündlich geben.“ — VIII. Von Erz. Unſer Aſſocié Leidlich trug ſich inzwiſchen mit den heterogenſten Empfindungen. Er hatte ſich insgeheim gefreut, als ein Tag nach dem andern vergangen war, ohne daß Mathildens Antwort kam, die Druck in verzehrender Spannung vergebens erwartete. Ma⸗ thildens Zögern, ihre Sprödigkeit, Druck's Qualen— das Alles war für Leidlich, der ſich von Mathilden geliebt wähnte, ein großer Triumph, und er ſog ihn mit ſolcher Gier ein, daß er ſogar ſeinem Aſſocié von weitem gefolgt war, als dieſer, wie wir im vorigen Kapitel berichteten, der Nachbarin auf ihrem Wege zu einer Freundin nachſchlich. Ja, er hatte einen Platz im Theater genommen, und von Druck unbemerkt, ſich an den ſchmachtenden Blicken geweidet, welche dieſer zu Mathilde emporſandte.— Leidlich hatte dieſes Herz erobert und wenn er, ſeitdem ihn der Rentier ſo arg zurechtgewieſen hatte, ſeinem Kompagnon das Feld ganz überließ und ſich um Mathilde nicht mehr bekümmerte, ſo war dies Seelengröße. Es wurde ihm leicht, Mathilden zu entſagen, denn er hatte ſich nur 271 eingebildet ſie zu lieben. Und wenn es dem Andern gelang, ihr Herz zu erobern, ſo kam Leidlich wieder zu ſeinem Gelde, das er an die koſtſpieligen Verſchöne⸗ rungen des Ladens gewendet hatte. Nach und nach gewann in Leidlich das materielle Intereſſe aber doch entſchieden die Oberhand, es wurde ihm bange um ſein Geld, und um die Entſcheidung ſchnell herbeizuführen, bot er ſich zu einem Opfer an, welches glänzend bewies, wie tief die Einbildung, daß Mathilde ihn wirklich geliebt habe, in ihm wurzelte. Leidlich wollte nämlich das Gerücht verbreiten, daß er ſich mit einer auswärtigen jungen Dame verlobt habe. Dies würde Mathilden nicht allein die letzte Hoffnung rauben, ſondern ſie vielleicht zu dem ver⸗ zweifelnden Schritte treiben, Druck's Bewerbung nun ohne Weiteres anzunehmen.— Druck war hierüber ſo überraſcht, daß er ſich nicht enthalten konnte, endlich mit der Wahrheit hervorzutreten und ſeinem Aſſocié auseinanderzuſetzen, wie ſehrer ſich von jeher über Ma⸗ thilden getäuſcht habe. Aber Leidlich glaubte von Allem was Druck ihm verſicherte, keine Silbe. Sein Ehrgeiz empörte ſich, er ſchwor, daß er Druck vom Gegen⸗ cheil überzeugen wollte und faßte den jähen Entſchluß, ſeine Bewerbungen um die Hand der reichen Erbin dem übermüthigen Aſſocié zum Trotzvon Neuem wieder 272 aufzunehmen. Er vergaß die Beleidigung, die ihm der Rentier zugefügt hatte, und fing damit an, daß er den Alten, der auch nicht nachträglich war, wieder mit freundlichen Worten anredete. Nun erſt erſchien es ihm ſelbſt unbegreiflich, wie er damals ſo ſchnell die Flinte ins Korn hatte werfen können. Druck's Vorhaben erſchien ihm plötzlich ganz hoffnungslos, und Leidlich ſchrak vor der eigenen Zuverſicht zurück, mit welcher er das Wohl und Wehe der Firma in Drucks Hände gelegt hatte. Heute war für Druck ein wichtiger Tag, und Leidlich erſtaunte nicht wenig, als er ſeinen Aſſocié, nachdem dieſer ſich ſeines Sommerpaletots entledigt hatte, plötzlich in Frack und weißer Weſte vor ſich ſtehen ſah. Druck wollte dieſen Vormittag bei Mohrenhaupt um Mathildens Hand anhalten, und wie er, noch ehe der Alte zum Frühſtück ging, in würdevoller Haltung nach dem Nachbarhauſe hinüberſchritt, ſah ihm Leidlich mit einem eigenthümlichen Lächeln nach. Druck war inzwiſchen in der Hausflur ver⸗ ſchwunden und in den Garten getreten. Er hatte ge⸗ hofft, den Rentier dort zu finden und ſein ſchweres Anliegen unter Gottes freiem Himmel vorzubringen, Aber der Rentier war nicht im Garten. Nur Mathilde kam Druck aus der Laube entgegen, aber mit lang⸗ 273 ſamen, faſt zögernden Schritten, denn ſie wußte, wes⸗ halb Druck jetzt hier war und ſah der Entſcheidung mit klopfendem Herzen entgegen. Sie drückten einander verſtohlen die Hände, und waren heute doppelt vor⸗ ſichtig, daß Niemand ihre Zärtlichkeiten ſehe, der's dem Alten hinterbringen konnte, denn das wäre außer der Reihenfolge geweſen, in welcher Druck dem Ren⸗ tier die Sache vortragen mußte. Mit größerer Vor⸗ ſicht iſt nie ein Kuß gegeben worden, als der Abſchieds⸗ kuß, zu welchem ſich die Lippen der beiden Liebenden vereinigten, ehe Druck die Treppen hinaufſtieg, und Mathilde ſich Hut und Mantille umwarf, um ihr ge⸗ preßtes Herz durch einen langen, weiten Spaziergang zu beruhigen. Druck klopfte an. Der Alte ſaß auf dem Sopha. Er ſtand nicht auf, als er den Nachbar eintreten ſah, und erwiderte unwirſch ſeinen Gruß. Er wußte ſofort, daß Druck' Beſuch eine außerordentliche Angelegenheit betraf, ſonſt hätte Jener ja warten können, bis er heute hinübergekommen wäre, wie er es alle Morgen that. Daher war der Alte gleich von vornherein kurz ange⸗ bunden; er machte eine Bewegung mit der Hand, daß Druck ſich auf einen Stuhl niederlaſſen ſolle, und rückte dann ſein Käppchen weit über die Stirn hinauf, was ſeinem Geſicht den Charakter einer gewiſſen Aufregung 274 verlieh. Vielleicht dachte er, Druck ſei gekommen um ein Darlehen zu erheben. Der alte Herr war ganz umgewandelt. Ein befremdendes Gefühlempfand Druck, als er jetzt vor dem Nachbar ſtand, mit dem er geſtern noch geſcherzt und gelacht hatte. Im längern Umgange mit einem Menſchen vergißt man über dem„Wie er iſt“ ſchnell das„Was er iſt.“ „Ich war bereits im Garten,“ begann Druck,„und hoffte Sie da zu finden.“ Der Rentier bog das eine Ohr um, zum Zeichen, daß er Drucks Aeußerung nicht verſtanden habe. Das ſieht ſchlimm aus! dachte Druck bei ſich, und wiederholte ſeine Einleitung mit lauter Stimme. Der Rentier nickte langſam mit dem Kopfe und erwiderte: „Ein ſchöner Morgen heute“ Druck ließ es dahinge⸗ ſtellt ſein, ob dieſe Antwort ſeine Vermuthung, den Renlier im Garten zu finden, motiviren ſolle, oder ob der Alte ihn überhaupt auch jetzt noch nicht verſtanden habe. So viel war gewiß: Druck that wohl, ſich kurz zu faſſen. Er rückte ſeinen Stuhl dicht neben das Sopha, auf welchem der Rentier ſaß, hielt die Hand flach vor den Mund, wie man an Gasflammen einen Reflektor anzubringen pflegt, und raunte dem Alten ſein An⸗ liegen ins Ohr. Druck hob zunächſt, ſo weit es ſeine Beſcheidenheit geſtattete, ſeine guten Eigenſchaften 275 hervor, und ſagte, wenn er auch nicht mit glänzenden Gaben ausgeſtattet ſei, ſo wäre er doch ein thätiger, arbeitſamer Menſch, und dies ſei der goldene Kern alles Glücks. Der Rentier hielt fortwährend ſein Ohr mit der Hand umgebogen; er ſchien ſehr aufmerkſam zuzuhören, ja faſt nach Druck's Worten zu haſchen und nickte oft beifällig mit dem Haupte. Druck fühlte ſeinen Muth wachſen und durch eine geſchickte Wen⸗ dung kam er nun darauf zu ſprechen, daß er eine Ver⸗ bindung für das ganze Leben zu ſchließen beabſichtige, allmälig bezeichnete er immer näher und näher die Perſon, und als er den Rentier auch da noch wohlwol⸗ lend mit dem Kopfe nicken ſah, wo es unzweifelhaft erſchien, daß ſeine Anſpielungen Mathilden gälten, wagte er, dem Alten vertrauungsvoll die Bitte vorzu⸗ tragen, daß er als Schwiegerſohn in den Schooß ſeiner Familie aufgenommen werden möchte. Er hätte Alles reiflich erwogen, es gäbe eine ſchöne Harmonie, ſein und Mathildens Charakter paßten trefflich zuſammen, und ſie hätten Beide die Worte des großen Dichters wohl beherzigt:„Es prüfe, wer ſich ewig bindet, ob ſich das Herz zum Herzen findet!“ Als Druck ſchwieg, räuſperte ſich der Rentier, rückte an ſeinem Käppchen hin und her, zog langſam ſein Schnupftuch aus dem Schlafrock und huſtete hin⸗ 276 ein. Dann ſchaute er auf und ſah Druck an. Auf einen Augenblick zog er ſeine buſchigen grauen Augen⸗ brauen in die Höh', deren beide einander zugekehrte Enden ſich bei dieſer Gelegenheit berührten, ſo daß dadurch das Geſicht des Rentiers einen eigenthümlichen mephiſtopheliſch⸗humoriſtiſchen Ausdruck erhielt: End⸗ lich erwiderte er:„Was Sie mir da von einem gol⸗ denen Kern ſagten, lieber Nachbar, war ſehr richtig bemerkt. Aber ſolch' ein Kern iſt ſelten; wie man ſich in der Geſchäftswelt heut zu Tage auch umſehen mag, überall trifft man auf Schwindel. Da ſieht man glän⸗ zende Schaufenſter, goldſchimmernde Firmen, weite Bazars, und zuletzt verſteckt ſich dahinter ein glän⸗ zendes Elend, und der goldene Kern— das Kapital— fehlt! Ihre vertrauliche Mittheilung von wegen der Verbindung fürs ganze Leben hat mich ungemein ge⸗ freut. Ihr Aſſocié hat damals im Weinkeller viel ge⸗ ſchwatzt, was ich nicht behalten habe, nur deſſen erin⸗ nere ich mich, daß er ſich von Ihnen trennen und ſich mit einem reichen jungen Mann aſſociiren wollte. Ich rieth ihm gleich damals davon ab, denn daraus ent⸗ ſteht nichts als Konkurrenz und das iſt nicht gut, denn es zerſplittert die Kräfte, und vereinte Kraft macht ſtark. Jetzt ſagen Sie mir, daß er ſich anders beſonnen hat, und daß ihr Beide euch wieder vereinigt habt, und 277 das freut mich, denn ich nehme den herzlichſten An⸗ theil daran. Charaktere, die einmal zu einander paſſen, müſſen zuſammenhalten; wo Geld iſt, da muß auch wieder Geld hinzukommen, und wo keins iſt, da muß man ſich mit der Zeit welches zu erwerben ſuchen, und wem das nach langen Jahren und unſäglichen Mühen geglückt iſt, der wäre, wie Sie ganz richtig bemerkten, ein großer Thor, wenn er das ſauer erworbene Ver⸗ mögen dem erſten Beſten in den Schooß werfen, und ihn mir nichts dir nichts zum Schwiegerſohne machen wollte, und der Dichter, den Sie anführen, hat ganz Recht, wenn er ſagt:„Es prüfe, wer ſich ewig bindet, ob ſich das Erz zum Erze findet!“ Und wie Erz ſtand der Sprechende vor Druck. Unter dieſem Eindrucke machte Druck dem Rentier eine tiefe Verbeugung und verließ ſchweigend das Haus. Er ſchanderte vor der ſtarren, kalten Gewalt des Reichthums, ein Ingrimm erfaßte ihn. Dieſer leidenſchaftliche Sturm in ſeinem Innern verſtummte plötzlich vor dem Gedanken an Mathilde, aber der Gedanke war mit Bitterkeit gemiſcht, ſie blieb ja doch eine reiche Erbin, für welche er zu gering, zu ſchlecht war. Wie hätte er wagen dürfen, ſeine Hand nach ihr auszuſtrecken— er ſchlug ein lautes höhniſches Gelächter auf, und mit dieſem Lachen trat er in den 278 Laden. Sein erſter Blick fiel auf Leidlich, der an der Tafel lehnte und in der Zeitung geleſen hatte. Er ſah Druck mit einem Gemiſch von Neugierde und Spott an, und ſtocherte in den Zähnen. „Nun?“ fragte Leidlich. „Nun?“ wiederholte Druck gereizt,„genire dich nicht, nimm den Zahnſtocher heraus, ich weiß, es ſitzt dir nichts im Zahne. Hinter ſolchen Spielereien ver⸗ bergen ſich demüthig die altklugſten Gedanken, und die brauchſt du vor mir nicht mehr zu verſtecken, denn ich kenne dich ſo durch und durch, daß mir deine er⸗ zwungene Mäßigung zum Ekel iſt. Hätteſt du mich jetzt gleich mit einem Hohngelächter empfangen, du hätteſt beſſer gethan. Uebrigens will ich dir länger nicht mehr hinderlich ſein, dir einen reichen Aſſocié zu ſuchen, wir können noch in dieſer Stunde unſern Geſellſchafts⸗ vertrag in freundſchaftlicher Uebereinkunft auflöſen.“ Leidlich nahm dies Anerbieten ſofort an. Der Rentier hat herausgeplaudert, dachte Leidlich bei ſich, indem er über den Vorgang nachſann; war es aber nicht auch möglich, daß Druck des Alten Einwilligung erlangt, und in Folge deſſen gleichzeitig eine Gelegenheit geſucht hätte, Leidlich's loszuwerden, um alleiniger Herr des Geſchäfts zu ſein? Indeſſen war Druck in einer zu gereizten Stimmung vom Nachbar gekommen, als 279 daß das Reſultat ſeines Beſuches in einer für Druck ſo erfreulichen Thatſache hätte beſtehen können. Druck fiel jetzt mit Centnerlaſt aufs Herz, daß Mathilde unvorbereitet unter die Augen des harten Vaters treten könne. Er wollte ſie erwarten und ihr ſchonungsvoll den unglücklichen Verlauf ſeiner Unter⸗ redung mittheilen. Aber ſie blieb ihm zu lange aus, und daher ging er hinüber in das Haus des Rentiers, ſchlich vorſichtig in den Garten und blickte ſich überall um. Die Haushälterin ſah zu Mathildens Garten⸗ wohnung heraus. Er fragte leiſe hinauf, ob das Fräu⸗ lein zu Hauſe ſei. Die Alte wußte um das Geheimniß der Liebenden und gab Druck halb ängſtlich, halb vertrau⸗ lich zur Antwort, daß Mathilde vor einiger Zeit zu⸗ rückgekehrt, aber nirgends im Hauſe zu finden ſei. Das Zimmer des alten Herrn ſei von Innen verriegelt, wahr⸗ ſcheinlich habe er mit ſeiner Tochter eine geheime Un⸗ terredung.— Eine geheime Verhandlung hinter ver⸗ ſchloſſenen Thüren! Das ſtand heute allerdings in grellem Widerſpruche mit dem Ohrenleiden des Alten. Es war heute Sonnabend und Druck ſah finſter in das Treiben der Straße. In ſolchen Stimmungen, in ſolchen Stunden, wo der Menſch unter der drückenden Laſt banger Entſcheidungen faſt erliegt, hängt ſich ſein Blick oft an die unbedeutendſten Kleinigkeiten und faßt 280 ſie mit daguerreotypiſcher Genauigkeit auf. Draußen auf der Straße wurde gekehrt und geſprengt, und doch ſieht Druck nur auf den Knecht und das Waſſergefäß, er ſieht nur die Strahlen dünner werden, und plötzlich ſtocken, er ſieht nur, daß der Knecht die Kanne niederſetzt und nach der Mütze greift, und dieſe zum Gruße lüftet, dann ſieht er, daß Jemand, den Gruß erwidernd, den Hut zieht, und daß Jemand im blauen Rocke und mit funkelnder Uhrkette über die Straße daherkommt und— wahrhaftig! das iſt der Rentier Mohrenhaupt, und noch ehe Bruck ſich erſt beſinnen kann, tönt ſchon die Glocke und der alte be⸗ kannte Nachbar ſteht im Laden. Er kommt heute nur um wenige Stunden ſpäter als gewöhnlich, und doch ſteht ſeine Erſcheinung zu der Umgebung in einem außergewöhnlichen, man möchte ſagen, ſonntäglichen Verhältniß. Der Rentier grüßte in ſeiner alten gemüth⸗ lichen Weiſe, ließ ſich auf den Stuhl nieder und ſtrich ſich mit beiden Händen die Schenkel, während er ſeine Augen im Gewölbe überall umherſchweifen ließ, als ſei der Laden mit ſeinen hochaufgeſtapelten Vorräthen eine Ausſtellung, in welcher er ſich für ein erlegtes Eintrittsgeld zu vrientiren das Recht hätte. Leidlich fuhr in ſeiner Beſchäftigung zum Scheine fort, aber man konnte ſeinem halb abgewendeten Geſichte anſehen, 281 daß er Allem was vorging, mit großer Spannung lauſchte. „Meine Herren,“ ſagte der Rentier lachend, aber in kurz abgeſtoßenen Worten,„ich komme in einer außerordentlichen Angelegenheit zu Ihnen. Ich bin zwar, wie man es nennt, ein vermögender Mann, demungeachtet kann doch auch der Fall vorkommen, daß ich ei mal Geld brauche, und keins habe. Und ſo geht mir's eben heute, ich brauche tauſend baare Thaler.“ Leidlich ahnte Unheil. Kaum hatte der Rentier die letzten Worte geſprochen, da war er flugs durch die Comptoirthür verſchwunden, und wenige Augenblicke darauf trat er, zum Ausgehen gerüſtet, wieder in den Laden, ſtellte ſich keck neben Druck und den Rentier und hörte mit großer Seelenruhe zu, als der Letztere fortfuhr:„Wenn ich nun jetzt zum Banquier Warken⸗ ſtein gehe, gleich hier an der Straßenecke, ſo gibt er mir die tauſend Thaler mit Kußhand. Ihr ſeid junge Anfänger, verdient euch gern etwas, und warum ſoll ich die Proviſion, die Warkenſtein einſtreichen würde, nicht lieber euch zuwenden?“ Zu Druck gewendet, fuhr der Rentier fort:„Daß es einem ſolchen ſchmucken Geſchäft, wie das eurige, nicht an dem bewußten goldenen Kern fehlt, verſteht ſich von ſelbſt. Da kommt es nicht darauf an, ob tau⸗ 1861. Xl. Junge Anfänger. U. 18 ſend Thaler mehr oder weniger im Kaſſenſchranke ſind. Alſo ſtreckt mir mal das Tauſend vor. Ueber Zinſen und Proviſion werden wir uns ſchon einigen.“ „Sogleich, Herr Nachbar,“— entgegnete Druck wie im Traume. „Sie entſchuldigen mich,“— ſagte Leidlich zum Rentier und zog ein großes Bund Schlüſſel aus der Taſche,—„ich habe einen wichtigen Gang vor, der keinen Aufſchub duldet, mein Aſſocié wird das Geſchäft mit Ihnen in Ordnung bringen.“— Damit reichte er Druck die Schlüſſel zu dem feuerfeſten Geldſchranke und ſchwebte zur Thüre hinaus. Druck hielt die Schlüſſel in der Hand. Mechaniſch hatte er vorhin das verhängnißvolle Wort:„Sogleich!“ ausgeſtoßen; er war über die Abſicht des Rentiers kei⸗ nen Augenblick in Zweifel, es galt eine Prüfung zu beſtehen. Der Rentier hatte ihn herausgefordert, und in der erſten Aufwallung von Ehrgeiz und Entrüſtung hatte er die Herausforderung angenommen, ohne zu erwägen, daß er nicht fechten konnte. Im Kaſſenſchranke befanden ſich keine hundert Thaler; wenn heute das Wohl und Wehe der Firma von der Beſchaffung einer Summe von zweihundert Thalern abgehangen hätte, ſie wäre zu Grunde gegangen.—„Sogleich!“— Tauſend Thaler er wußte es, wenn er die tanſend Thaler 283 ſchaffte, war Mathilde ſein eigen, und— obwohl er hieran nichtdachte— mit ihr hunderttauſend Thaler! Ein ganzes reiches Leben lag in hellem Sonnenſchein vor ihm. Es gibt Streifen Papier, von denen ein einziger tauſend Thaler gilt, Druck hatte oft das Zehnfache in ſeiner Hand gehalten, als er noch in reichen Handels⸗ häuſern ſervirte, es hatte in ſeinem Belieben geſtanden, die Papierlumpen in die glühende Aſche des Ofens zu werfen und zuzuſehen, wie eine einzige Flamme die eingebildeten Werthe verſchlang.—„Sogleich!“— „Sogleich!“— Er griff nach einem Stück Papier, es hatte zufällig ein Waſſerzeichen. Wenn es noch bunter gefärbt geweſen, gewiſſe Vignetten und Nummern und Buchſtaben gehabt hätte, ſo hätte es eben ſo gut eine Tauſendthaler⸗Note ſein können,— und dann war Mathilde ſeine Gemalin und er ein reicher, glücklicher Mann.— Oh! du ſonderbare, närriſche Welt! Von ſolchen Lappalien hängt Menſchenglück und Menſchen⸗ geſchick ab! Dann muß es auch durch Lappalien zu erlangen ſein! Dieſer letzte Gedanke leuchtete wie ein Blitz in Druck's Gehirn auf, er tappte und tappte, und noch ehe er ſich ſelbſt recht klar war, indem er Sproſſe für Sproſſe auf der Leiter einer dunklen Idee emporſtieg, ohne ſich des Ziels, dem er entgegenklomm, genau bewußt zu ſein, ſah er den Rentier bedenklich 18* 284 an und ſagte unter Stirnrunzeln:„Tauſend Thaler, Herr Nachbar,— das iſt keine Fleinigkeit. Daß Sie ein Mann ſind, dem man getroſt das Zehufache anver⸗ trauen dürfte, bezweifle ich keinen Augenblick. Aber ich bin Kaufmann, und habe ſtreng kaufmänniſche Grundſätze. Und wenn heute Rothſchild zu mir käme, und ich hätte von ſeinem Reichthume keine andere Ueber⸗ zeugung, als die des bloßen Hörenſagens, ich würde ihm nicht zehn Thaler darauf leihen.“ „Alſo halten Sie mich für einen Lump?“— ſchrie der Rentier, deſſen Geſicht vor Wuth aufſchwoll. „Verſtehen Sie mich nicht falſch,“— ſagte Druck beſchwichtigend, und jetzt ſchwebte ihm jener Gedanke in tagesheller Klarheit vor.—„Sie erhalten noch in dieſer Stunde die tauſend Thaler von mir, aber nur gegen eine Sicherheit. Wenn Sie ruhig über die Sache nachdenken, ſo werden Sie mich nur achten können.“ „Und worin beſteht dieſe Sicherheit?“— fragte der Rentier mißtrauiſch. „Sie unterſchreiben einen Solawechſel,“— gab Druck zur Antwort. „Daß dich das Donner— ha! ha! ha! Ihr Kauf⸗ leute ſeid mir beſond're Burſchen. Ihr Umſtandsräthe, Ihr Federfuchſer, Ihr Tintenklexer, Ihr Sicherheits⸗ kommiſſäre!—„Iſt das Ihr Ernſt, Nachbars“ 285 „Mein völliger Ernſt, obwohl nichts, als eine Ce⸗ remonie.“ „Da bin ich in ein ſchönes Neſt gerathen! Wenn man bei mir zu Hauſe in die Küche kam, wo man nichts zu ſuchen hatte, da wurde man von den Mägden mit einer Schürze angebunden, und mußte ſich durch ein Geldgeſchenk wieder loskaufen.— Hol mich der Satan! — ich hab' mein Lebtag mit Kaufleuten nichts zu thun gehabt und jetzt ſteck ich nur die Naſe herein, und da ſoll ich auch gleich einen Solawechſel unterſchreiben. Das kommt mir gerade ſo vor, wie das Anbinden.— Her mit dem Wechſel, ich unterſchreibe ihn, ha Lha!“ Druck ſprang wik eine Gemſe davon, kam mit einem Wechſelformular zurück, und fragte den Rentier, auf wie lange Zeit er das Darlehen zu haben wünſche. Der Rentier überlegte, und warf dabei prüfende Blicke auf Druck.—„Auf ein Vierteljahr,“ ſagte er endlich. „Das lohnt ſich ja kaum der Mühe,“— wandte Druck lächelnd ein. „So?“— ſagte der Rentier gedehnt, und ein we⸗ Leheuf„nun dann meinetwegen auf ein halbes Jahr.“ Druck hatte den Wechſel ausgefüllt, und fragte, während der Rentier mit ſchwerer Hand ſeinen Namen unterſchrieb,— ob er die Summe in Gold, Silber oder Papier zu haben wünſche. Der Rentier machte ein Geſicht, in welchem ſich faſt Hochachtung vor Druck ausſprach, und entgegnete: „In Banknoten.“ Druck ging nach dem Comptoir, übergab dem Lehrlinge den Wechſel, und ſchickte ihn damit durch die Hinterthür ſchleunig zum Banquier Warkenſtein. Dort galt des Rentiers Wechſelunterſchrift ſo viel wie baares Geld. Er wußte, daß Mohrenhaupt mit den Tabakhändlern im freundſchaftlichen Verkehr ſtand, und erklärte ſich dieſe Wechſeloperation ſehr einfach dadurch, daß der Rentier den jungen Anfängern durch ſeine Unterſchrift wahrſcheinlich aus der Verlegenheit helfen wolle. Ohne weiters diskontirte er den Wech⸗ ſel. Druck ſtand in großer Aufregung vor dem offenen Kaſſenſchranke, bis nach Verlaufvon einigen Minuten der Lehrling mit den Banknoten eintrat. Der Rentier ſtrich das Geld ein. Er hatte nicht die mindeſte Ahnung von dem Wunder, das ſeine ein⸗ fache Namensunterſchrift bewirkt hatte. Er war einſt Holzhändler geweſen, und wie er im guten Vertrauen auf Wind und Wellen ſeine Flöße dem Rücken des Stromes preisgab, ſo hatte er ohne alle kaufmänniſche Intelligenz mit ſeinen Schuldnern und Gläubigern 287 verkehrt, auf Treu und Glauben, daß Alles ſo richtig ſei, wie man es ihm vorrechnete. Und er war dabei reich geworden, ohne je zu ahnen, wie oft man ihn betrogen hatte. Uebrigens nahm er, ſeitdem er ſich zur Ruhe geſetzt hatte, jederzeit großes Intereſſe an dem Kauf⸗ mannsſtande, und oft wünſchte er ſich, ſtatt einer Toch⸗ ter, einen Sohn zu haben, um die Freude zu genießen, denſelben zu einem tüchtigen Kaufmanne ausgebildet zu ſehen. Daher konnte er jetzt auch nicht umhin, in Drucks Vorſicht ein feines kaufmänniſches Prinzip zu erblicken, und das lobend anzuerkennen. Als er den Laden verlaſſen hatte, und ſchon draußen auf der Straße war, kehrte er noch einmal um, und als habe er's vorhin vergeſſen, lud er Druck auf den nächſten Tag zum Frühſtück ein. Als Druck ſich einfand, verrieth ihm Mathildens freudeſtrahlendes Auge Alles, was ihm bevorſtand. Von dieſem Tage an waren Mathilde und Florentin Druck Braut und Bräutigam, und einige Monate darauf, war die Hochzeit.— Der glückliche Druck bot ſeinem Aſſocié die Hand zur Verſöhnung. Trotzdem aber trat Leidlich aus dem Geſchäfte: aus Verdruß, daß Mathilde ihn ſo ſchnell vergeſſen konnte; aus Wehmuth, daß ihm im Geſchäft jetzt nicht mehr die erſte Rolle zukam, aus Bangigkeit, daß die Firma 288 eines Tages in„Druck und Leidlich“ umgeändertwer⸗ den könne, was gegen die Regeln der Proſodie ver⸗ ſtoßen konnte. Die Rieſennelke gab der Rentier nicht wieder her⸗ aus. Dafür iſt jetzt das Grundſtück des ehrlichen Gärtners nicht nur ſchuldenfrei, ſondern auch bedeu⸗ tend erweitert, und ſeine Gärtnerei ſteht dermaßen im Flor, daß man faſt in ganz Deutſchland ſeinen Na⸗ men an der Spitze mächtiger Preiscourante leſen kann, k er alljährlich in vielen tauſend Exemplaren drucken läßt.— ⸗ Ueber das bewußte Diskontogeſchäft, welches Druck mit dem Banquier Warkenſtein gemacht hat, iſt der alte Rentier lange im Unklaren geblieben. Erſt ſpäter hat ihm Druck die Wahrheit erzählt. Da um⸗ gaben den Alten bereits blühende Enkel, und der alleinige Chef und Inhaber der angeſehenen Firma:„5 loren⸗ tin Druck“ konnte den Nachweis führen, daß die im Geſchäfte angelegte Mitgift ſeiner Frau inzwiſchen Frucht getragen hatte,— wie ein ausgeſtreuter geſeg⸗ neter Samen! Druck von F. Fridrich. ————— — —— ſſſſ 5 8 9 10 11 12 13 14 16 16 17 18 * N 1 *.