Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Jeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dein Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet A ————— wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: 1 W.— W 1N 2F 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Franz Joſefs⸗ und anderer Orden ꝛc 2c. mit wahrer Verehrung gewidmet vom Perfaſſer. —— Inhalt. Seite Prr oriin der Ftift 9 N. Pie Seſetnäe 25 en 41 IV. Der verhängnißvolle Tilly-Rock 464 V u ſpät 87 VI. In der Felſenſtadt.. 97 112 VIII. Das Haus des Primators 152 Sn Sro 169 X. Bas Geſpenſterhaus 185 195 XII. Die Geheimſchreiberamts-Kandidaten 207 I. Der Port in der Stift. So wurde Hohenfurth erbauet, Das jetzt noch an der Moldau Strand In Herrlichkeit der Enkel ſchauet, Und von der Fluten Bahn benannt— Ein Denkmal iſt der Zeit geblieben, Wo noch ein frommer Sinn gelebt, Der unbeſtrickt von ird'ſchen Trieben Nach Höhern, Ew'gem geſtrebt. Karoline Pichler. Gleich einem Markſteine verrollter Jahrhunderte erhebt ſich an den rechten Ufern der böhmiſchen Mol⸗ davia im ſüdweſtlichen, an das Land ob der Enns grenzenden Theile Böhmens ein ſtattliches Kloſter mit ſeinen Zinnen; unweit davon, etwa eine kleine Viertelſtunde des Weges entlegen, befindet ſich ein großer Markt, über welchen das Stift bisher die Schutzherrſchaft ausübte. Kloſter und Markt führen den Namen Hohen⸗ furth, und erſteres nimmt in der altböhmiſchen Ge⸗ ſchichte einen wichtigen Platz ein. 1861. X. Ein böhm. Student. 1. ¹ Wenn gleich die Urtraditionen über die erſte Entſtehung des Stiftes keine hiſtoriſche Baſis für ſich haben, und das eigentliche Begründungsmotiv desſelben in Dunkel gehüllt iſt, ſo muß doch jene allgemeine gangbare Sage, welche die Benennung des Kloſters„Hohenfurth“ mit ſeiner Entſtehungs⸗ weiſe in Beziehung bringt, als ſinnig und ſehr wahr⸗ ſcheinlich erſcheinen, da ja auch ſehr viele andere Ortſchaften Böhmens ihren Namen von ihrer Ent⸗ ſtehungsurſache herleiten. Es befand ſich nämlich, ſo erzählt die Sage, auf jenem Felſen, wo ſich gegenwärtig hoch ober den filberblinkenden Wogen der perlenreichen Moldau das ſchöne Ziſterzienferſtift Hohenfurth erhebt, mit⸗ ten in dem von Urochſen und Wölfen durchſtreiften Forſte ein kleines Kirchlein, zu welchem die chriſt⸗ lichen Einwohner der Umgebung, und unter ihnen auch der böhmiſche Reichsmarſchall Wok L aus dem berühmten Geſchlechte der Herren Urſini, ſpäter Ro⸗ ſenberg genannt, von ſeiner noch jetzt beſtehenden, eine halbe Meile von dem Kirchlein entfernten Veſte Roſenberg zu wallfahrten, und hier ſein Gebet zu verrichten pflegte. Ein Gelübde, dieſe Waldkapelle in Andacht zu beſuchen, ſoll nun, wie die Sage erzählt, eines Ta⸗ 11 ges den frommen Burgherrn der Veſte Roſenberg, Reichsmarſchall Wok, das Moldauthal herab bis vor den Fluß geführt haben, welcher jedoch durch ein plötzlich über die Berge heranbrauſendes Ungewit⸗ ter ſo ſehr anſchwoll, daß Wok von Roſenberg an der ſonſt für ſeinen Ritt durch das ſeichte Flußbett offenen Furth zagend den Zügel ſeines Roſſes zu⸗ rückhielt, und die Größe der ſich plötzlich darſtellen⸗ den Gefahr überſchauend, eine Weile nachſann, ob er den Ritt durch den Strom zum Kirchlein, das am andern Ufer wie ein Stern durch die Wildniß blickte, wagen ſolle oder nicht.— Aber da mahnt ihn die Stimme des Herzens, daß er dem Herrn der Welten gelobt habe, ihm noch heute ein Herz voll Andacht und des Dankes für empfangene Wohltha⸗ ten an den Stufen des herüberblickenden Waldkirch⸗ leins darzubringen;„ich muß es wagen!“— ruft er—„es iſt nicht Frevelmuth, der mich treibt mein Gelübde zu halten!“— Schon ſchwimmt ſein Rappe in den Fluten, und dieſe drängen Roß und Reiter mächtig abwärts, ſo daß der Reichsmarſchall in we⸗ niger denn einer Minute in Gefahr iſt, mit ſammt ſeinem Roſſe zu ertrinken. Aber mitten in der Ge⸗ fahr wendet er ſein Herz zu Gott, er empfiehlt dem Herrn ſeine Seele, und fleht ihn um Rettung an; 12 und ſiehe, ein Lichtſtrahl dringt durch den Wetter⸗ nebel am Geſtade, und ein Bote des Himmels, im ſternhellen Glanze, ſtreckt ſeine Rechte über die entfeſſelten Wogen, welche ſich plötzlich zur gangba⸗ ren Furth auseinander theilen, ſo daß der Marſchall ohne weitere Gefährde das Ufer erreicht, und voll heiliger Ehrfurcht vom Pferde ſteigend, vor dem im Himmelsglanz zerfließenden Cherub das Gelübde ʒum Himmel weint: Hier an dem Orte ſeiner Ret⸗ tung durch ein Himmelswunder ein Kloſter bauen zu wollen, welches als Erinnerungsdenkmal ſeines heißen Dankes der Nachwelt von ſeiner wunderba⸗ ren Rettung erzählen ſolle. Wirklich gründete Wok von Roſenberg im Jahre 1259 n. Ch. G. an jenem Orte, wo früher die Wald⸗ kapelle ſtand, das Ziſterzienſerkloſter Hohenfurth, deſſen von der Rettung des Reichsmarſchalls aus der„hohen Furth“ der Moldau abgeleitete Benen⸗ nung der Volksglaube aus der eben erwähnten Wun⸗ derſage bedeutungsvoll und ſinnig ableitet. Bereits im Jahre der Erbauung des Stiftes hatte Wok von Roſenberg zwölf Ordensgeiſtliche aus dem unfern Linz im Lande ob der Enns gele⸗ genen uralten Ziſterzienſerſtifte Wilhering(erbaut im Jahre 1146) nach Hohenfurth berufen. Am 13 1. Juni 1259 erſchien der Prager Erzbiſchof Johann nebſt vielen böhmiſchen Edlen im Stifte, wo bereits der erſte Abt Otto I. fungirte, und nahm die feier⸗ liche Einweihung desſelben vor. Der edle Grün⸗ der begabte bei dieſem Anlaſſe die Abtei mit anſehn⸗ lichen Beſitzungen in der nächſten Umgebung, wor⸗ unter die Dörfer Dobring, Dorfſtadt, Frauenthal, Abdank, Gaishof, Hornſchlag, Kapellen, Hundruck, Kloſterhof, Kienberg, Limberg, Martetſchlag, Mün⸗ nichſchlag, Mühlhof, Neuhäusl, Poſtſchlag, Pürſt⸗ linghäusl, Schönfelden, Stift und Stern, die Wieſe Zbiadel, die Fiſchgerechtigkeit in einem großen Theile der Moldau, der nahe gelegene Markt Hohenfurth, dann die Dörfer Babitz, Gutenbrunn, Kotzen, Po⸗ nedraz, Sedlecz, Wintersdorf, Hofſtetten, die Ze⸗ hentgiebigkeiten mehrerer anderer Ortſchaften der Roſenberge, und die Patronate einzelner in der Um⸗ gegend liegenden Kirchen befindlich waren. So wie alle Klöſter der mittelalterlichen Vorzeit, genoß auch das Stift Hohenfurth fortan ſo manche Begünſti⸗ gung durch die Edelleute Böhmens und die Kronen⸗ träger dieſes Landes;— ſchon Przemisl Ottokar II. hatte in einer eigenen Handfeſte im Jahre 1264 die Gründung des Stiftes gutgeheißen und genehmigt, und ſeit Karl IW. bis Franz den I. hatten alle 14 fürſten für das Kloſter. cenaten wetteiferten, die Abtei aufzuwühlen. Herrſcher Böhmens das Kloſter mit Privilegien be⸗ dacht; die Kirche konnte daher nicht weniger für die⸗ ſen Markſtein ihrer Souveränität thun, und Papſt Martin IV. war es zuerſt, welcher im Jahre 1281 die bisherigen Stiftsprivilegien Hohenfurths be⸗ ſtätigte; Papſt Bonifaz IX. gewährte den Stifts⸗ äbten des Floſters im Jahre 1403 das Recht des 3 Pontifikaliengebrauches, auch fehlte es nich reichen Indulgenz⸗Konzeſſivnen anderer Kirchen⸗ Nach der Gepflogenheit der damaligen Ordens⸗ korporationen hatte auch das Ziſterzienſerſtift Ho⸗ henfurth Verbrüderungen mit anderen geiſtli den und Klöſtern, wie z. B. mit den Stiften Schlägl, Florian, Strahof ꝛc., eingegangen. Während nun die geiſtlichen und weltlichen Mä⸗ Hohenfurth in Flor zu bringen, begannen die huſſitiſchen Unruhen den Boden des alten Czechenlandes zu unterminiren und ſ Aber während die Stifte Goldenkron, Sedletz und andere in brennender Lohe aufgingen, und manch katholiſcher Mönch und Laienbruder daſelbſt den uſtigen Schaar Eiſennagel von der Fauſt der mordl cheitel geſchla⸗ 3 des Ritters von Trocznow in den S 15 gen empfing— blieb das Kloſter Hohenfurth von der Plünderung durch die fanatiſche Horde der Kelch⸗ ner ganz verſchont, blos die Auslieferung des Kir⸗ chenſilbers an den Heerführer der königlichen Truppen Ulrich II., Grafen von Roſenberg, wurde verlangt; der Kaiſer verpfändete es für eine nicht unbeden⸗ tende Summe an den Herrn von Wallſee, von wel⸗ chem es der Konvent nach einer neununddreißigjäh⸗ rigen Verpfändung wieder einlöſte;— als der Bruderzwiſt zwiſchen Kaiſer Rudolf II., dem Him⸗ melsträumer, und Mathias, ſeinem Nachfolger, die Paſſauer Söldner in's Land zog, wurden dagegen die Beſitzungen des Stiftes hart mitgenommen; ſo⸗ wie auch im Jahre 1619 ſechshundert Thurn'ſche Söldner durch etwa ſechs Monate im Kloſter ſich gütlich thaten.— Dieſe Begebniſſe und drei große Brände in den Jahren 1536, 1690 und 1709 ſtehen als dies nefasti in den Kloſterannalen verzeichnet. So entwickelte ſich allmälig der materielle und geiſtige Einfluß dieſer Abtei in ihrem nächſten Be⸗ reiche; die Schutzherrſchaft übten fortan die Roſen⸗ berge bis zu ihrem im Jahre 1611 erfolgten Aus⸗ ſterben, worauf Graf Johann von Zriny, als nächſt⸗ berufener Verwandter, dieſelbe überkam, jedoch mit ſeinem in dem gleichen Jahre erfolgten Hinſcheiden 16 dieſelbe wieder niederlegte, ſo daß nun der Kaiſer ſelbſt Schutzherr des Stiftes wurde; als hierauf Grof Johann Ulrich von Eggenberg im Fahre 1622 von dem ihn hochſchätzenden Kaiſer Ferdinand mit⸗ telſt Majeſtätsbriefes die Herrſchaft Krumau er⸗ hielt, wurde ihm gleichzeitig auch das Patronat über das Stift Hohenfurth übertragen, und als der Graf von Eggenberg im Jahre 1623 gefürſtet, und Krumau zu einem Herzogthum erhoben worden war, wurde dieſem das Stift Hohenfurth abermals einverleibt; im Sutzeſſionswege gekangte nun die Schutzherrſchaft des Stiftes auf Johann Anton von Eggenberg, Sohn des vorigen, und deſſen zwei un⸗ mündige Kinder, Johann Chriſtian und Johann Seyfried, für welche ihre Mutter Anna Maria, geborne Markgräfin von Brandenburg, und Wolf von Stubenberg bis 1664 die Verwaltung der Eg⸗ genberg'ſchen Beſitzungen leitete, und hierauf an den älteren ihrer Söhne Johann Chriſtian übertrug; da dieſer bereits im Dezember des Jahres 1710, und neun Jahre ſpäter auch ſeine Gattin Maria Erneſtine, eine geborne Gräfin von Schwarzenberg, mit Tode abging, ſo gelangte die Schutzherrſchaft über Hohenfurth an das gräfliche und nachmals gefürſtete Haus der Schwarzenberge; ununterbro⸗ 47 chene Reklamationen und Differenzen hinſichtlich der ſeither von dem Hauſe der Schwarzenberge ange⸗ ſprochenen Hoheitsrechte auf das Stift hatten end⸗ lich zur Folge, daß im Jahre 1622 die Emanzipa⸗ tion der Stiftsherrſchaft als einer eigenen, bei der königlichen Landtafel in Prag immatrikulirten Kor⸗ poration und eines Dominiums ausgeſprochen, und durch eine Hofverordnung vom Jahre 1691 den 30. April den Hohenfurther Prälaten, als infulir⸗ ten Landſtänden, Sitz und Stimme bei den Land⸗ tagen in Prag eingeräumt wurde. Die Klippe der Joſephiniſchen Reformation ragte auch über die Zinnen der Hohenfurther Abtei ge⸗ fahrdrohend herüber, denn der Name Hohenfurth ſtand wirklich ſchon auf der Liſte jener geiſtlichen Sammelhäuſer, deren deleatur der gewaltige Fin⸗ ger des römiſch⸗deutſchen Kaiſers angedeutet hatte; aber im Buche des Schickſals ſtand es anders ge⸗ ſchrieben, der Kaiſer ſtarb, und Hohenfurth blieb beſtehen, doch hatten die klöſterlichen Reformations⸗ verfügungen Joſeph II. dem Stifte ſein früheres Exemtions⸗Verhältniß, zu Folge welchem es blos von dem jedesmaligen Viſitator in Prag, und dieſer blos von dem Ordensgenerale in Citeaux abhing, gekoſtet, und die unmittelbare Aufſicht über das 18 Stift erhielt der Biſchof von Budweis; ebenſo ver⸗ lor es im Jahre 1783 das Recht, in den Orten Ho⸗ henfurth, Friedberg und Kapellen Mauthgebühren abzunehmen, und das Jahr 1785 ſah die Zahl der Mönche, bis dahin 60, auf 18 herabgemindert;— dagegen wurden im Jahre 1798 ſtatt einigen in der Umgegend des Kloſters befindlichen, und damals geſchloſſenen Kirchen, die Pfarren Thurnplanles, Heuraffel, dann die beiden Filialſchulen zu Kalten⸗ brunn und Prabſch als Stiftsparzellen eröffnet. Kaiſer Joſeph II. ſchien ein beſonderes Augenmerk auf dieſes Stift gewendet zu haben, denn es be⸗ durfte nur der Denunziation eines entlaſſenen Stiftsbeamten, daß er den damaligen Stiftsabt, Hermann Kurtz, durch einen Machtſpruch ſeiner Stelle als Abt entſetzte, und einen geweſenen Pfar⸗ rer und Chorherrn des Kloſters in Wittingau, Jvannes Aquilinus Hrdliczka, zum Abbé commen- dateur des Stiftes mit einem Gehalte von 1000 fl. ernannte Nicht genug mit dieſen Schickſalsſchlägen, wurde der Wohlſtand des Stiftes auch dadurch erſchüttert, daß es im Jahre 1788, und ſpäter im Jahre 1810, alles Stift⸗ und Kirchenſilber in das k. k. Münz⸗ amt einliefern mußte. 19 Damals fand auch die Geldreluition der ſtift⸗ lichen Frohndienſte ſtatt, und die noch jetzt beſtehen⸗ den Meierhöfe Bauhof, Habrzy, Heuraffel, Hode⸗ nitz, Wrazau, Lhotta, Glashof und Stradow wurden unentgeltlich unter Erbpächter vertheilt. Zur Er⸗ innerung an die Prälaten Hermann und Deutſch⸗ mann, dann den Stiftsprior Stephan Lichtblau, wurden ſpäter die letztern drei Höfe: Hermanns⸗, Deutſchmanns⸗ und Lichtblauhof genannt. Mit der allmäligen Regelung der klöſterlichen Verhältniſſe Böhmens wurde für jeden Stifts⸗ geiſtlichen ſpäter eine Alimentationsſumme von 320 fl. für ein Jahr feſtgeſetzt; nunmehr hat das Stift eine jährliche Summe von 2000 fl. an den Religionsfond abzuliefern. Nach Kaiſer Joſeph II. Tode wurde der einſtwei⸗ len in dem von ihm erbauten ſchönen Fiſcherhofe nächſt Hohenfurth lebende Abt Hermann Kurtz wie⸗ der in ſein Amt reſtaurirt, und nun begann die Hei⸗ lungsperiode der tiefen Wunden, welche die vor⸗ angegangenen Kalamitäten dem Stifte geſchlagen hatten. Die fernere Geſchichte des Stiftes begreift eine Periode des ſegensreichſten Wirkens zweier hochbie⸗ derer Stiftsäbte, nämlich des Prälaten Oswald Neumann, von 1795 bis 1801 und Iſidor Deutſch⸗ mann, eines edlen, tief religiöſen und bei ſeinem Ableben gleich einem Heiligen verehrten Mannes; dieſer in ſeinen nächſten Kreiſen hochgeſegnete Prä⸗ lat errichtete im Stifte eine eigene theologiſche Lehr⸗ anſtalt, und unter ihm wurden im Jahre 1815 die Kanzeln der philoſophiſchen Lehranſtalt in böhmiſch Budweis mit Profeſſoren aus dem Kloſter Hohen⸗ furth beſetzt.— Merkwürdig ſind auch die Grabmäler dieſes Stiftes, hierunter insbeſondere: Graf Wok lI. von Roſenberg, † 1262; Zawiſch von Falkenſtein, den 24. Auguſt 1290 bei Frauenberg enthauptet. und beerdiget im Kapitel des Stiftes; Hineck MI. von Krumau, ein Roſenberger, † am 6. Mai in einem unbekannten Jahre; Wok II. von Krumau, † um 1302; Heinrich II. von Roſenberg, † 1310; Johanna, Gattin Johanns von Weleſchin, Tochter Heinrichs II. von Roſenberg, † 13 17; Viola oder Eliſabeth, Herzogin von Teſchen. erſte Gattin Pe⸗ ter I. von Roſenberg, ehedem mit dem böhmiſchen Könige Wenzel III. vermählt, † 1317; Wohunk von Harrach, † 1325; Kunigunde, Gattin Dietrichs von Harrach, † 1328; Pilgrin der Walich und Sophla, deſſen Gattin, † 1335; Dietrich von Har⸗ rach, † 1336; Peter I. von Roſenberg, † 1347; 21 Margaretha, geborne von Roſenberg, Witwe Ba⸗ bor I. von Strakonitz, † 1357; Winczko von Pland⸗ les, † 1368; Jodok von Roſenberg, † 1369; Eli⸗ ſabeth, geborne von Wartenberg, Gattin Ulrich I. von Roſenberg, † 1390; Barbara, geborne Gräfin von Schaumburg, Heinrich V. von Roſenberg Gat⸗ tin, † 1398; Agnes, geborne von Wallſee, Witwe Jodok I. von Roſenberg, † 1402; Heinrich V. von Roſenberg, † 1412; Heinrich VI. von Roſenberg, † 1456; Ulrich II. von Roſenberg, † 1462; Jo⸗ hann II. von Roſenberg, Georg Graſſauer, von Gelycz, Pfleger in Wittinghauſen, † 1475; Hed⸗ wig, Tochter Heinrichs X., Herzogs zu Glogau, und der Hedwig, gebornen Herzogin von Olsnicz, mit Johann II. von Roſenberg früher verehelicht, † 1483; Heinrich VII. von Roſenberg, † 1489; Eliſabeth, geborne Krawarz und Straznioz, Gattin Peter IW. von Roſenberg, † 1500; Wok IV. von Roſenberg, † 1505; Ulrich III. von Roſenberg, † 1513; Peter W. von Roſenberg, † 1523; Hein⸗ rich IX. von Roſenberg; Wandalina, auch Bohunka, geborne von Starhemberg, erſte Gattin Jodok I. von Roſenberg, † 1530; Ferdinand Wok von Ro⸗ ſenberg, † 1531; Jodok III. von Roſenberg, † 1539; Peter V. von Roſenberg, † 1545; Katharina, Toch⸗ 22 ter des Braunſchweiger Herzogs Erich, erſte Ge⸗ mahlin Wilhelms von Roſenberg, † 1559 Anna geborne von Rogendorf, zweite Gattin Jodoks III. von Roſenberg, † 1562; Sophia, Tochter des Kur⸗ fürſten von Brandenburg, Joachim II., und der Hedwig, gebornen königlichen Prinzeſſin von Polen, Wilhelms von Roſenberg zweite Gemahlin, † 1564; Katharina, geborne von Ludawicz, Gattin Peter Woks von Roſenberg, der letzte Sproſſe aus ſeiner Familie, geſtorben den 6. November 1611; Johann Graf von Serin, † 24. Februar 1612; ſein Leichen⸗ ſtein aus rothem Marmor in der Kapelle zu den heil. drei Königen hat die Umſchrift: MI. ac. Per. PD. Joh. comes a Zrinio in Chziakathun et Pberau. dom. in Ros. S. G. M. a cons. ob. 24. Febr. A. D. 1612.— Aufwärts von dem Stifte gegen den ſüdöſtlichen Böhmerwald zu, wo die Hochforſte desſelben be⸗ ginnen, lag in der erſten Hälfte des ſiebzehnten Jahrhunderts, hinter dem gewaltigen Hirſchberge, zwiſchen baumhohen Berggebüſchen und grauem Felsgeſtein, eine einſame Bergſchmiede mit einem Senfenhammer, nebſt einer Mühle, deren Beſitzer, ein wohlbemittelter Schmiedmeiſter und Müller, ins⸗ gemein Port in der Stift genannt wurde, weil 23 ſein Hammerwerk und ſeine Mühle eine Stiftung der Roſenberge waren. Der Port in der Stift galt für einen der reich⸗ ſten Männer der Gegend, und von ihm erzählt die Volksſage jener Gegenden noch jetzt eine gar traurige Begebenheit, deren Inhalt wohl in den Akten der peinlichen Gerichte jener Zeit auf die Nachwelt überliefert wurde, daher leider den Stempel der Wahrheit an ſich trägt. Es war im Oktober jenes Jahres, in welchem der Uſurpator aus der Pfalz ſich die böhmiſche Krone auf das Haupt drückte— des Jahres 1619 — als der Port in der Stift an einem Abende von ſeiner Hausfrau Abſchied nehmend, auf dem engen Waldpfade ins Kloſter Hohenfurth hinabſtieg, um dort ſeine Geldkatze mit den Silbergroſchen zu füllen, die er für ſein dem Stifte geliefertes Mehl einzukaſſiren hatte. Ihn begrüßte bei ſeinem Abſchiede der Kuß ſei⸗ nes treuen Weibes, ihn begrüßte der Handſchlag ſeines Bruders, ihn brauſte grüßend der Waſſer⸗ ſturz ſeiner Mühle, der gewaltige Schlag ſeines Hammers, die Klingel ſeiner Mühle, und das Li⸗ ſpeln der Blätter des uralten Eichbaumes vor ſeinem Hofe, ihm ſchlich bis an die Grenze ſeiner Hofmark 24 der kleine Mühlbach nach und murmelte ſeinen Ab⸗ ſchied, bis endlich der Schmied und Müllermeiſter in den finſtern Keſſel der Teufelsmauer hinabſtieg, wohin ihm der kleine Bach nicht mehr folgen konnte, denn er wandte ſich von da an ſeitwärts durch das Geſtrüppe der Brombeeren und Hagebutten einem andern, dem Steindl⸗Hammer zu, um dieſem den Gruß ſeines alten Freundes, des Ports in der Stift, zu überbringen. IH. Die Teufelsmauer. In's Inn're der Natur Dringt kein erſchaff'ner Geiſt, an glücklich, wem ſie nur Die äuß're Hülle weiſt. Haller. Etwa eine halbe Stunde von dem Kloſter Ho⸗ henfurth entfernt ſchäumt die Moldau über einen eingeſtürzten Felſen, deſſen Trümmer die ſeltſamſten und abenteuerlichſten Geſtalten bilden. Der Volks⸗ glaube nennt denſelben— die Teufelsmauer, und die Sage erzählt hievon Folgendes: Noch hauſten auf den Bergſchlöſſern des ſüdlichen Böhmens die mächtigen Grafen Urſini, deren italieniſcher Name ſpäter in den deutſchen Roſenberg verwandelt wurde. Auf der Veſte Roſenberg lebte Peter Wok von Roſenberg; da aber, wo jetzt das ſchöne Ziſterzien⸗ ſerkloſter dem Wanderer freundlich entgegenblickt, ſtarrte damals dichter Urwald empor, deſſen ewi⸗ ger Schatten dem Urochſen, Wolfe und Wildbären 1861. X. Ein böhm. Student. I. 2 26 zur Wohnung diente, während der gefleckte Auerhahn auf den hohen Tannengipfeln balzte, und ein Schwarm luſtiger Eichhörnchen die tauſendjährigen Aeſte der Steineiche belebte. Ueber dem naturfri⸗ ſchen Raſengewölbe dieſer Wälder rankten die üp⸗ pigſten Schlinggewächſe, und wucherten edle Arznei⸗ kräuter, deren heilende Kräfte manche in jenen dunklen Zeiten des Fauſtrechtes klaffende Wunde zuſchloſſen, und auch jetzt noch find jene Berge und Wälder reich an geognoſtiſchen und naturhiſtoriſchen Seltenheiten. Auf einem jener waldigen Felſenſpitzen lugt von der Böhmergrenze ein alter Thurm nach Oeſterreich herüber, die alte Ruine St. Thoma. Dort hauſte ungefähr um das Jahr 1250 ein Raubritter, deſſen blankem Schwerte der vorüberziehende Wanders⸗ mann und Kaufmann zinſen mußte. Die Umgegend kannte den Ritter unter dem Namen des grünen Siegfrieds— und er ſtand im Verdachte des Um⸗ ganges mit den Kobolden, Wald⸗ und Waſſergeiſtern des Landes. Aus fernem Lande war er gekommen und hatte ſich die Burg erbaut, wo er mit einer jungen Baſe Anna, welche er nach dem Tode einer weitläufigen Verwandten aus Laa zu ſich genommen, oder vielmehr zu ſich gelockt hatte, abgeſondert von 27 der übrigen Welt, und nur im Verkehr mit ſeinem Jägertroſſe und den Thieren des Waldes manches Jahr durchlebte. Tagelang durchirrte er den Forſt mit ſeiner ge⸗ wichtigen Armbruſt, und drang durch das Dickicht bis in die innerſten Klüfte der Felſen, wo er das Raubthier aus ſeinem Lager aufſcheuchte, und mit wilder Freude die verwegenſten Jagdkämpfe beſtand. Da geſchah es auch nicht ſelten, daß der eherne Jagdritter in dem verſchlungenen Gezweige einer Eiche übernachtete und mitten unter dem Geheule der Wölfe eines kurzen Schlummers genoß. So durchlebte Siegfried in freier Jagd und Waldluſt, ein mächtiger Felſenritter, in der That aber ein Straßenräuber, Wegelagerer und blinder Anhänger des Heidenglaubens, ſeine Tage. Je eiſiger aber die Bruſt des Ritters dem beſeligenden Strahle des empordämmernden Chriſtenthums entgegenſchlug, eine deſto eifrigere Chriſtin war ſeine Baſe, die liebliche Anna. Sie hatte bei ihrer Mutter, einer Grundbeſitzerin zu Laa, die reinſten und erhaben⸗ ſten Grundſätze der Tugend eingeſogen, und hielt ſie fortan feſt in ihrem Herzen, ſo daß ſie ihrem Heilande auch dann treu blieb, als ſie der Ritter unter der Maske eines Kaufherrn und nahen An⸗ 2* 28 verwandten nach dem Tode ihrer Mutter vorgeblich in ſeine Vaterſtadt Nürnberg abholen, ſodann aber auf ſein Schloß bringen ließ, um ſich mit ihr zu vermählen. Anna zählte ſechzehn Sommer, und ein Jahr noch hatte ihr der Ritter, gleichſam durch eine höhere Macht getrieben, Zeit gelaſſen— dann ſollte ſie unwiderruflich ſein Weib werden. So ſehr aber Ritter Siegfried ſein Bräutchen vor den Angen der Welt verborgen zu haben glaubte, ſo wenig war ihm dies gelungen. Roger von Löwenfeld, ein junger Edler, deſſen kleines Beſitzthum unfern der böhmiſchen Grenze lag, hatte ſich bereits in Laa mit Anna verlobt, und gleich einem Donnerſchlag traf ihn die Nachricht, daß Anna nunmehr in Siegfrieds Händen ſei. Der Lenz küßte bereits die Fluren, und in des Urwaldes dunklen Grenzen lagerten ſich die befie⸗ derten Sänger der Lüfte, ſowie die Schaar der Winterſchläfer in ihren Höhlen erwachte und dem Raube nachging. Seine Armbruſt in der Hand und den Falken am Arme trat Siegfried in das wohlbekannte Dickicht, durch welches er zum Fuße des gewaltigen Hirſchberges gelangte, wo er das Lager eines Wildbären aufzuſpüren und mitunter ſeinen Falken aufſteigen zu laſſen gedachte. Etwa 29 zehn Schritte von dem Berge hielt der Ritter an, und blickte lauernd auf eine Tanne hinüber, welche ſich aus dem loſen Geſteine des Abhanges über eine hervorſprudelnde Quelle hinüberbog, und unter welcher ein dichter Haufen von verdorrtem Laub⸗ werke aufgeſchichtet lag, welcher unter der entſchwun⸗ denen Schneedecke allmälig in Verweſung überge⸗ gangen war. „Der große Aſt an der Tanne da drüben,“ mur⸗ melte der Ritter vor ſich hin,„iſt von einem Bären abgebrochen, und das von keinem kleinen, denn der Riß beurkundet eine gewaltige Tatze.“ Siegfried trat auf den Baum zu und wollte den Aſt beſehen. Er ſchwang ſich mit einem Fuße auf den Laubhaufen hinüber— da raſchelte es unter ſeinem Fußtritte, und eine graue Maſſe richtete ſich empor. Es war eine gewaltige Bärin, welche über dem feuerſprühenden Auge einen Eiſenbolzen ſtecken hatte, und um ſo fürchterlicher war, als der Ritter nur zu gut wußte, daß ein aus der Schmerzbetäu⸗ bung erwachender Wildbär nicht leicht zu überwäl⸗ tigen ſei. Siegfried riß haſtig ſeine Armbruſt von der Schulter, aber ehe er den Federbolzen auf den Holzlauf heftete, hatte ihn die breite Tatze der Bä⸗ rin zu Boden geſtreckt, und das Thier hob ſich jetzt 30 zum gewaltigen Sprunge, welcher dem Ritter das Leben koſten ſollte. Da ziſchte ein Pfeil durch das und die Bärin ſtürzte in das Laubwerk erab. Roger von Löwenfeld ſtand vor Siegfried, wäh⸗ rend ſich dieſer mühſam und blutend aus dem Reiſig herausarbeitete.„Das war ein Meiſterſchuß!“ ſagte der Jüngling, indem er Siegfried empor⸗ half; und mir doppelt lieb,“ fuhr er fort,„weil ich Euch dadurch zu meinem Schuldner gemacht habe.“ Siegfried entgegnete keine Silbe. Finſter vor ſich hinblickend wehrte er Roger ab, als dieſer ihm ʒur Verbindung der Wunde behülflich ſein wollte. „Ihr dankt mir nicht einmal den Dienſt, den ich Euch erwies?“ klagte der Jüngling,„und doch galt es Euer Leben!“ Siegfried lächelte höhniſch vor ſich hin. „Wahrlich,“ fuhr Roger fort,„Ihr könntet mir die That wohl anders lohnen, und die Hand Eurer Nichte hätte ich nun wohl zehnfach verdient, denn ohne meine Dazwiſchenkunft lägt Ihr jetzt in Eu⸗ rem Blute.“ Da brach der Ritter das finſtere Schweigen. „Ich hätte mich ſchon ſelbſt der Beſtie entle⸗ diget,“ ſagte er, indem er auf die todte Bärin 31 wies,„das Thier ſchnaubte ohnehin bereits in den letzten Zügen,— Eurer Armbruſt that es wahrlich nicht Noth.“ „Undankbarer!“ brauſte Roger empor, aber kalt lächelnd fuhr Siegfried fort: „Für eine halbtodte Bärin iſt mir meine Nichte nicht feil— und ſchreibt Euch's auf Euren unbe⸗ fleckten Schild, Herr Ritter:; im ganzen heiligen römiſchen Reiche läutet kein Kirchenglöcklein, das Euch jemals zur Vermählung mit Anna rufen könnte.“ Der Ritter hatte die letzten Worte nicht vollen⸗ det, da klang es in der Ferne wie leiſes Glockenge⸗ tön, und Roger blickte in frommer Ahnung zum weiten Firmamente empor, auf welchem das goldene Taggeſtirn in ſeinem vollen Glanze heraufgezogen war;— und wie unwillkürlich ſtimmte er den engliſchen Morgengruß an, welchen der warme Hauch ſeines gotterfüllten Buſens zum Schöpfer des Weltalls emportrug. Als er aber wieder zur Erde blickte, da war Siegfried verſchwunden, und vor ihm kniete unter einem Baume ein grauer Mönch mit blendend wei⸗ ßem Haare und ſtrahlendem Auge. Sein unendlich milder Blick weilte auf dem Antlitze des Ritters, 32 und ſeine erhobene Hond ſchien den heiligen Segen auszuſpenden. Roger ſchien es, als ſtünde ein Bote aus jenen heiligen Heimatsgefilden vor ihm, der ihn zu rufen käme in das Land des Friedens. Der Greis erhob ſich langſam und trat Roger entgegen. Majeſtätiſch war ſein Bau, aber an ſeiner linken Seite klaffte eine Wunde, und wo die Bluts⸗ tropfen herabträufelten, keimten weiße Blümchen wie Blüthen im Maimonde. Eine unnennbare Wehmuth und ſüße Freude zu⸗ gleich bemächtigte ſich des Jünglings. Weinend ſank er vor dem Diener des Herrn zur Erde. „Herr, was muß ich thun,“ rief er,„um ſelig zu werden?“ Sanft lächelte der Greis.„Selig ſind die eines reinen Herzens ſind,“ ſagte er mit helltönender Stimme,„denn ſie werden Gott an⸗ ſchauen!“ Da ſchien es dem Jüngling, als müßte ſein ge⸗ preßter Buſen ſich aufthun, und ſein Schickſal und die Härte Siegfrieds und Annens Kummer,— Alles, Alles wollte er dem Greiſe zu Füßen legen. Aber ehe er redete, legte ihm der Mönch ſeine Hand wie ſegnend auf das Haupt. „Das Gebet des Gerechten dringt durch die 3 33 Wolken, und der den Raben nährt,“ fuhr er fort, „hat den Menſchen in ſeinen Leiden nicht vergeſſen. — Der Herr hat Dein Gebet erhört und Dir in ſeinen Glockentönen geantwortet; und iſt im weiten heiligen römiſchen Reiche kein Kirchlein, deſſen Glocke Dich zum Altare führt, wohlan denn, ſo ziehe hinab in das Thal und baue dem Herrn in dieſer Einöde einen Altar, und Du bringe ihm der Erſte 5 der Hand Deiner Verlobten Dein Dankgebet ar.“— So ſprach der Mönch, und immer heller und lauter tönte ein Glöcklein vom Thale herauf, als Roger, ohne zu wiſſen wie, im Thale angelangt war, und da ſtand, hoch über dem Ufer der ſilberblinken⸗ den Moldavia, den Worten des Greiſes nachden⸗ kend, bis der Abendſtern über dem nahen Waldge⸗ birge heraufzog. Drei Monden nach jener Begebenheit trat der grüne Siegfried abermals in ſeinen Forſt, das La⸗ ger eines Ebers aufzuſpüren, um den, zu ſeiner nach wenig Wochen mit Anna zu feiernden Vermählung eingeladenen Zechgeſellen eine Feſtjagd zu bereiten. Zwei Monden lang hatte er die Burg, der von der Bärin erhaltenen Wunden wegen, nicht verlaſſen kön⸗ 5 nen. Nun erſtieg er mit gewohnter wiederkehrender Kraft den bekannten Waldhügel.— Aber ſein Blick ſtarrte wie gefeſſelt auf Cinen Punkt hin.— Aus dem grünen Dickicht des Waldes ragte das rothe Dach eines Kirchleins hervor, und faſt zur Vollen⸗ dung war das Thürmlein gediehen, um welches ſich rüſtige Arbeitsleute mit Hammer und Meißel her⸗ umtummelten. Siegfried eilte raſch auf die Anhöhe zu, wo der Bau begonnen wurde. „Wer legte den Grundſtein zu dieſen Mauern?“ herrſchte er einem Troßbuben zu, welcher Steine auf die Anhöhe wälzte. „Der Ritter von Löwenfeld,“ entgegnete dieſer erſchrocken ob dem grimmigen Tone Siegfrieds,— „der Ritter von Löwenfeld gründet hier ein Kirch⸗ lein und—“ Aber Siegfried hörte ihn nicht mehr. „Die Mauern find noch zu weich, um feſtzu⸗ halten,“ murmelte er vor ſich hin, und eilte, die grimmigſte Wuth auf dem verzerrten Antlitze, und den ſchwärzeſten Vorſatz im Herzen, dem Dickicht zu, wo er bald hinter den tauſendjährigen Eichen ver⸗ ſchwand, während der Bube hinter ihm ein Kreuz ſchlug. Immer tiefer drang Siegfried in den Wald, 3½ 35 einer Stelle zu, wo die ſchäumende Welle der Mol⸗ dau über einen Abhang hinabſtürzte. Dort,— umſchloſſen von dem finſtern Gewölbe der Tannenäſte, warf er ſein Wamms und Koller von ſich, ſprang in die ſchäumende Flut, und rief mit gewaltiger Stimme den— Fürſten der Finſterniß. Uund Welle kräuſelte ſich auf Welle, und die Steine der ſchäumenden Moldavia begannen ſich zu regen, und der Stein, worauf der Ritter ſtand, ſenkte ſich in die Tiefe. Und plötzlich ſah ſich Sieg⸗ fried in einer großen kriſtallenen Halle, an deren ſpiegelnden Wänden ſeltſam geformte Waſſerzwerge, über und über mit Schuppen bedeckt, herum⸗ ſchwammen. Ferner und ferner ſchallte das Rauſchen des über ſeinem Haupte flutenden Gewäſſers, und Mu⸗ ſchel⸗und Schalthiere klebten an demſandigen Boden der Halle. Immer weiter wurde der Prachtbau die⸗ ſer unterirdiſchen Grotte, und Siegfried, der nun an ſeinem eigenen Leibe einen grünen, ſchuppenar⸗ tigen Ueberzug gewahrte, begann zu ſchwimmen und trieb, von Myriaden Waſſerkobolden umringt, die Höhle entlang, während herabfallende Tropfen einen hellen Klang ertönen ließen. So gelangte er an das Ende der Halle, und ein 36 weiter Waſſerſaal, voll der friſcheſten Flut, ge⸗ ſchmückt mit unzähligen kriſtallenen Waſſerſäulen, nahm ihn auf. Auf einem Throne aus Milliarden von Waſſerperlen ſaß ein grüner Zwerg mit einer Schilfkrone und hellblitzenden Aeuglein, in der krallenartigen Hand ein ſchlankes Rohr, und über und über mit Schuppen bedeckt. Ueber ſeinem Kopfe drehte ſich gleich einem Sterne das tauſendgliedrige Meduſenhaupt, zu ſeinen Füßen wand ſich ein un⸗ geheures Ammonshorn und ein Armbuſchpolyp, während unzählige Rieſenpolypen aus allen Ecken hervorzüngelten, und der Hummer und Seeſtern heranſchwammen. 6 Aber kein Laut ertönte. Erſchöpft ſank der Rit⸗ ter an der porphyrnen Stufe des Waſſerthrones nie⸗ der, während ein mißgeſtalteter Waſſerzwerg auf ihn zuſchwamm und ihn mit ſchneidendem Schilf⸗ graſe in die Hand ritzte. Augenblicklich färbte ſich der Waſſerſaal von ſeinem Blute, und der grüne Zwerg deutete nach Oben. „Du haſt mir von Deiner Kindheit an gedient,“ wandte er ſich zu Siegfried,„bleibe mir fortan treu, und ich will Dir auch jetzt behülflich ſein zum Ver⸗ derben Deines Feindes!“ Siegfried richtete noch ſein Auge auf den Für⸗ ſten der Finſterniß; aber ſchon hoben ſich die Ge⸗ wäſſer in der Halle. Wirbel jagten die Wirbel, und ferne Donner verkündeten die heranrollenden Wo⸗ gen. Bald konnte Siegfried keine Geſtalten mehr wahrnehmen. Er befand ſich jetzt mitten unter den Waſſerbewohnern, welche toſend und mit Blitzes⸗ ſchnelle in tauſend und tauſend kräuſelnden Waſſer⸗ ringen um ihn herumſchwammen. Und Felsſtücke auf Felsſtücke rollten, durch die Waſſerbewohner aus ihren Grundfeſten gerüttelt, in die ſchäumende Moldavia, und bald ſchwoll dieſe zum reißenden Seeſtrome empor und beſpülte bereits das Portal des kleinen Kirchleins, das Löwenfeld's Glaube auf dem Felſen zu gründen begonnen hatte. Immer höher und höher ſchwoll die reißende Flut, immer dichter wurde das Gewimmel der wüthenden Waſſergeiſter, die Tannenwälder brauſten, und heulend durchzog die Windesbraut den Forſt. Luft⸗ und Waſſergeiſter arbeiteten an des Kirchleins Untergang. Der grüne Zwerg und Siegfried ſtan⸗ den im Forſte mitten im Gewimmel und blickten mit ſtrahlenden Augen in den Sturm der Elemente herab;— ſchon ſenkte ſich die Flut in das Schiff des Kirchleins hinab, da ſchwang ſich wie durch Zau⸗ 38 berkraft das Glöcklein in der neuerbauten Kirche, und ein Mönch ward ſichtbar am Thürmchen, wel⸗ cher ſeine Rechte über das wogende Element aus⸗ ſtreckte.— Es war die Morgenſtunde, welche ſein Glöcklein— zum heiligen Engelsgruße rufend— verkündiget hatte.— Die Fluten begannen zu ſin⸗ ken, und heulend flohen die Geiſter der Finſterniß in ihre feuchten Gräber zurück.— Prachtvoll ſtieg das Taggeſtirn am fernen Horizonte empor,— da ſtrömte ein Zug von Reitern und Troßknechten dem Kirchlein zu. Viele Büßende waren unter ihnen in härenen Kleidern. Es waren Knappen und Reiſige aus der Burg des grünen Siegfrieds, welche, Anna in ihrer Mitte, durch das fürchterliche Schauſpiel in der Nacht erſchüttert, und gläubig dem Kirchlein zuwankten, an deſſen Schwelle Roger von Löwen⸗ feld Anna empfing und in das Innere führte, um als ihr Gatte daraus hervorzugehen.. Die Knappen und Reiſigen des grünen Sieg⸗ frieds aber erzählten, daß in dieſer Nacht das ein⸗ zige Heiligenbild, welches in ihrer verwitterten Burgkapelle geſtanden, und welches den heiligen Thomas mit ſeinen Wundmalen vorgeſtellt habe, von ſo hellem Glanze geſtrahlt habe, daß ſie hie⸗ durch aufmerkſam geworden, und wie durch eine 39 übernatürliche Macht zum Gebete und zur Erkennt⸗ niß ihrer Sünden geführt worden ſeien. Und als nun das Bild dem Ritter von Löwen⸗ feld vorgewieſen und in dem Kirchlein aufgeſtellt wurde, da erkannte er in jenen Zügen den wunder⸗ baren Mönch im Forſte, der ihn zur Erbauung des Kirchleins ermuntert hatte, und er ſank mit ſeiner jungen Gattin vor ſeinem Bilde in den Staub und dankte dem Allmächtigen für die Hülfe in der höch⸗ ſten Noth. Und weil nun Löwenfeld's Gattin Anna genannt war, ſo wurde ihrer Namensheiligen zu Ehren das Kirchlein der heiligen Anna gewidmet, und heißt gegenwärtig das Annakirchlein. Der grüne Siegfried aber ward von keinem Menſchenauge mehr geſehen.— An dem Hügel aber, wo die Volksſage ihn in die unterirdiſche Werkſtätte der Waſſergeiſter verſinken ließ, hoffte der Aber⸗ glaube Goldſand und andere Schätze zu finden, viele Fiſcher und Landleute ſuchten daſelbſt lange nach, und es wurden im Laufe der Zeit nach und nach Fiſcherhütten gebaut, aus welchen endlich Häuſer wurden, und ſo entſtand an dieſer Stelle der kleine Flecken Siegfriedsberg,— aus welchem in der Folge mit Abkürzung der erſten Silbe Friedberg gewor⸗ den iſt. 40 Ein großer Teich aber führt von dem Waſſer⸗ zwerge„Mini“ noch jetzt den Namen des Mini⸗ teiches. Die Burg Siegfrieds wurde als Annens Erbe von Roger in Beſitz genommen, und er nannte ſie ſeinem heiligen Schützer, welcher ihm in Mönchsge⸗ ſtalt beigeſtanden war, zu Ehren St. Thoma. Die Burg des Ritters von Löwenfeld wurde jedoch bereits in den ſpäteren Bauernkriegen Ober⸗ öſterreichs zerſtört, und nur der ſchöne Marktflecken Löwenfelden, jetzt Leo nfelden, hat den Namen des Ritters, welcher daſelbſt mit ſeiner Anna lange und in zufriedener Ehe lebte, der Nachwelt überliefert. Um das kleine Annenkirchlein, zu welchem Peter Wok häufig wallfahrtete, baute derſelbe nach ſeiner wunderbaren Rettung aus Waſſergefahr in der„ho⸗ hen Furth“ im Jahre 1259 das herrliche Kloſte Hohenfurth. III. nomaden. Weltenvater, überall iſt es gut in Deinen Zouen, Nur zur Freude, nicht zur Qual ſchufſt Bu Deine Millionen; Deine gute Erd' entſtellt nicht ein Fluch, wie Manche Nur in Deiner Menſchenwelt ſtöhnen S Thränen. Auf dem ſchwarzen Geklüfte der erwähnten Teu⸗ felsmauer zitterte in einer Oktobernacht des genann⸗ ten Jahres 1619 ein ſchwaches Licht des untergehen⸗ den Mondes, und ſäumte mit ſchwefelgelben Streifen die Kanten der gewaltigen Felſen, zwiſchen denen dunkle Geſtalten herumſchlichen. Es waren braune Männer, in zerfetzte Mäntel gehüllt, und braune Weiber mit Kindern auf dem Rücken. Sie machten ſich Feuer zwiſchen dieſen Felſen, lugten jedoch vorſichtig in dieſem Geklüfte herum, 1861. X. Ein böhm. Student I. 3 42 damit ihr Daſein nicht von Menſchenaugen er⸗ ſpäht werde; denn dieſe Leute waren ſogenannte Zigeuner, denen der Aufenthalt im Lande Böhmen nicht geſtattet war, weil man ſie eben für Zauberer, Diebe, Mordbrenner und ärger als die Peſt anſah, daher allenthalben verfolgte, wo man ſie antraf. Dieſe Leute waren vogelfrei. Sie waren vogelfrei, das heißt, Jedermann der ſie traf, konnte ſie niederſchießen, und wie ſie ſelbſt im achtzehnten Jahrhunderte noch verfolgt wurden, davon zeugen insbeſondere zwei in den alten Ge⸗ richtsakten des genannten Stiftes Hohenfurth be⸗ findliche Urkunden. Die eine iſt eine Anzeige des Stiftes an das Kreisamt vom 31. Jänner 1715, und lautet: „Hoch⸗ und Wohlgebohrner Reichs Graff! Wohl Edl gebohrner Ritter! „Gnädige Herren Kreyßhaubtleuthe. Einem Hoch⸗ löbl. Königl. Kreyß⸗Ambt gebe ich, alß Ihrer Hoch⸗ würden undt gnaden(titul) Stanislai Joannis heyl. Cistercienser Ordens, des Würdigen Stiffts undt Kloſters Unſer lieben Frauen Zu Hohenfurth Würdigſten Abbtens Und deſſen Unterhabenden Klo⸗ ſters daſelbſt beſtelter Secretarius gehorſ. zu uer⸗ 43 nehmen wie das einige Zeithero ſich etwelche Zü⸗ geiner in denen zu hieſigen Kloſter gehörig⸗ undt nahe an denen oberöſter. Reichiſchen Gräntzen anliegenden Dörffern Kaltenbrunn und Schlägl ſehen laſſen, Undt ungeachtet mann zu Folge Ihrer Excell. undt gnaden Deren Königl. herrn herren Statthaltern den 7. Jan. 1710 Publicirten Patenten auff ſelbe zu Verſchiede⸗ nen mahlen durch die Jäger Undt Bauren mit groſſen Unkhoſten geſtreiffet, und ſelbe fangen laſſen wohlen. So hat ſolches doch ein mehrers nicht ge⸗ fruchtet, alß daß ſie ſich über die Gräntzen retirirt, baldt aber ſich wieder eingefunden, allermaßen dis liederliche geſindl, welches mit gezogenen Röhrn, Flinten, Piſtohlen, Tertzerolen, Palläſchen, Säbeln Und Degen Sattſamb Verſehen, nicht allein die Jä⸗ ger undt bauren nicht förchtet, ſondern an ſelbe ſich noch zu rächen Trohet, mithin geſchiehet, daß die Jäger in die revier zu gehen ſich Kaum getrawn Und die Baurn umb nicht angezindet, oder Ihnen anderwerthig geſchadet zu werden, ſorg tragen; Vndt demnach mann ſolcher geſtalten dies geſindl allhier nicht⸗ es ſeie dann durch eine größere Macht abzu⸗ treiben Vermag; Alß befinde(in anſehung daß Ihrer itt vnd gden Meinem G'digen Herrn Herrn raelathen alß hieſig⸗Geiſtlicher Obrigkeith die durch 3* 44 hierinfahls befahrenden Todtſchlag leicht einlauffen Könnende irregularitaet im Weeg ſtehet) mich ge⸗ müßiget, umb Meine g'dige Herrſchaft dießfahls von aller gefahr zu retten, ſolches an Ein Hochlöbliches Königl. Kreyß⸗Amt gelangen zu laſen. „Beſchiehet dannenhero an Euer Hoch Reichs Gräffl. G'den vnd Euer G'den Mein gehorſ. bitten, Selbte geRuhen, dies Mein gehorſ. anbringen fer⸗ ner gehörigen orths zu befördern, Womit mehr er⸗ wehnt⸗ liederlich und ehe beur ſchon für Vogl frey Publicirte Geſindl mit allem ernſt auß dem weeg geraumet, undt hießige Unterthane alles vnheyls be⸗ frewet ſein mög, ſo ohne gehorſ. Maaßgeben am füglichſten geſchehen kunnte wan die in hieſiger gegend neu⸗Einzuquartirn Komende Miliz ſo beordert würde, das Jedesmahl(nach deme Mann die Zügeiner außgeKuntſchaffet, wie dann vnſere Dorfſchafften befehlicht, daß ſie alſo baldt, wan ſie einige Spüh⸗ ren, ſolches in aller Still in hieſigen Ambt andeu⸗ ten ſollen) auff von hierauß beſchehendes anmelden ond erſuchen der Gommandirende officier, ſo viel Mann, alß nöthig ſein wurden, wider ſelbe Com- mandiren⸗ vnd entweder Todtſchieſſen⸗ oder gefan⸗ gen nehmen laſſen ſolte, Maßen wielang kein Ernſt gewieſen wirdt, Selbe auf die Patenten und die zu 45 gewarthen habende Straffen, nichts geben. Wormit zu G'dig huld mich gehorſ. empfehle und bleibe „Eines hochlöbl. Königl. Kreyß Ambts gehorſamer J. Paul Grimb. Kloſter Hohenfurth den 31. Jan. 1715.“ Die andere dieſer Urkunden iſt eine Reſolution des böhmiſchen Statthalters an das Bechiner Kreis⸗ amt vom 22. Februar 1715, des Inhaltes: „Wohlgeborner und Edler Beſonders liebe Herren und Freunde ꝛc. Wür haben auß Ihren vntern 14ten dieſes Monaths Fe- bruary Vns Erſtatteten bericht vernommen, daß ge⸗ ſtalten dem Königl. Krayßambt der Johann Paul Grimb auß Hohenfurth, ſamb eine zeither, in denen zu daſſigen Kloſter gehörig⸗ und an dennen Ober Oeſterreichiſche Confinien nache Ligenden Dörffern Kaltenbrunn und Schlögl ſich etwelche zügeiner hätten ſehen laſſen, und vngeachtet auf ſelben zu Verſchiedenen mahlen durch die Jäger und Bauern mit großen Vnkoſten geſtraiffet worden, vmb dieſel⸗ ben einzufangen, ſo hetten ſie ſich in Oeſterreichiſche gränitzen reteriret. Baldt aber wieder in Böhmen ſich 46 eingefunden, welliches Liederliches geſindel mit ge⸗ zogen Röhrn, Flinten, Piſtohlen, Säbeln und Degen Verſehen ſein ſolle, daß alſo die Jäger in die Revier zu gehen ſich Kaum getrawen, die Bauern auch vmb nicht mit Feiöer angeſteckht zu werden, eine ſorg trag, weillen nun dieſes zügeiner Volckh ohne dem Vogel frey, dahero die Anfrag Thuen, ob Sie Herren Krayß⸗ haubtleuthe die Prinz Emanuel in den Krayß ein⸗ geruckthe Miliz zur Austilgung dieſes Schädtlichen geſindels zu Hülff Erſuchen Kunten. „Gleich wie nun dem Publico daran Höchſtens gelegen, auch Ihro Kayſ. und Königl. Mayſt. Vnſers allergnädigſten Herrn, die gnädigſte meinung und Befehl iſt, dieſes dem Landt ſchädtliches zügeiner geſündel quoquo modo außzutilgen; Alß Be⸗ fehlen im Namen und anſtatt Ihrer Kayſ. und Kö⸗ nigl. Mayſt. denen Herrn hiemit, das ſie ohnverlängt mit dem allda Commendirenten Herrn Offizier im Fahl dieſe zügeiner Rotta ſich in den Crayß annoch ſehen Ließe, unter Reden, auch beuor mit denen Her⸗ ren OeſterReichiſchen Crayßhaubtleuthen, oder mit denen an denen gränitzen ligenden Herrſchaften und Obrigkeiten Correspondendo, ihnen die Zeith vmb welche die Herren mit der Miliz die zügeiner auß⸗ tilgen, und dieſelben auffangen Laſſen wollen, zu dem 47 Ende andeutten, und die zeith benenne ſollen, auf daß dieſelbe eben zu dieſer zeith einige Bewehrte Mann⸗ ſchaft in casum, wann dieſe zügeiner Rotta in Oeſterreich ſich salviren wollte, ihnen an denen gränitzen aufpasen vnd unanimibus viribus ſolche auffangen, in die herumb ligende Orther Verarresti- ren, oder auch alſo Vor Vogl frey declarirte Todt⸗ ſchieſſen laſſen, und womit völlig außgetilget werden Könnten ſich auff alle weiß befleiſſ. ſodann den Erfolg berichten ſollen. „Hieran würd vollbracht Ihrer Mayſt. allergnä⸗ digſter will und meinung. „Geben ob dem Königl. Prager Schloß den 22. Februar 1715. X. H. Der Königl. Kayſ. auch in Germanien, zu Hispanien, Hungarn und Böhaimb Königl. Mayſt. Verordnete Königl. Statthalter ꝛc. ꝛc. Frantz Leopoldt Liebmann m p. An das Königl. Bechiner Creys⸗Ambt.“ Dieſe in dem Geklüfte der Teufelsmauer gela⸗ gerten Zigeuner hatten ſich an fünfzig Mann ſtark in dieſe Gegend des ſüdlichen Böhmens gezogen, um nicht blos bei dem Landvolke hin und wieder zu ſteh⸗ len, und nach Umſtänden auch zu rauben, ſondern ſie wollten auch in den damals ſo hoch gehenden 48 Wogen des politiſchen Ozeans im Trüben fiſchen, denn Friedrich von der Pfalz ſaß, wie erwähnt, be⸗ reits in Prag, und bald mußte der Knall der ſcharf⸗ geladenen Mine die Luft erſchüttern; es blitzte am bewölkten Himmel nach allen Richtungen, der gewal⸗ tige Schlag konnte in jedem Augenblicke nieder⸗ ſchmettern. Die Zigeuner wollten daher, wenn der Brand im Lande auflohen würde, in der Nähe ſein, um zwiſchen Rauch und Feuer zu fiſchen, was ſich eben fiſchen ließ, und ihre markigen Knochen, und ihre Gewandt⸗ heit im Unterhandlung und Kundſchaftergeſchäft jener Partei anzubieten, welche dann die mächtigſte im Lande bleiben würde. Vorerſt aber mußten ſie ihren Hunger ſtillen, ihre Kinder ſättigen, ihre zerfetzten Kleider mit an⸗ dern vertauſchen, und— Rache nehmen an dem Müh⸗ lenbeſitzer, dem Port in der Stift, welcher kürzlich durch ſeine Leute einen der Zigeuner, der ſich als Kundſchafter über den Hochforſt der Teufelsmauer hinausgewagt, dem Raitmeiſter des Stiftes Hohen⸗ furth angezeigt hatte, ſo daß Jäger des Stiftes auf ihn fahndeten, und er nur mit tiefen Wunden bedeckt zu den Seinigen wieder zurückgelangen konnte. Darum zogen die braunen Nomaden, welche Ports 49 Abgang von ſeinem Hauſe ausgewittert hatten, vier⸗ zig Mann ſtark, gegen deſſen Mühle, und umzingel⸗ ten dieſelbe. Ein großer Fanghund, welcher an der Thüre des Gehöftes an der Kette lag, war durch die geſchickt geworfene Schlinge eines im hohen Graſe auf allen Vieren leiſe herankriechenden Zigeuners bald zum Schweigen gebracht, und ſtreckte ſich er⸗ würgt vor dem Thore des Hofes. Faſt zu gleicher Zeit flogen von den kräftigen Armen der Nomaden hoch durch die Lüfte geſchleudert mehrere Strickleitern über die Dächer des Hofes und der Mühle, und fan⸗ den ihren Haltpunkt in den eiſernen Wetterhähnen der letzteren. Auf dieſen Strickleitern kletterten mit Vogelſchnelle rüſtige Männer der diebsgewohnten Nomaden, welche zu dieſem Werke nur den völligen Untergang des Mondes abgewartet hatten, auf die Dächer des Gehöftes; von dieſen ſchlüpften ſie durch alle Dachfenſter und Lucken in die Böden, und nun war der Platz gewonnen, auf welchem ſie ihr Hand⸗ werk zu üben gewohnt waren. Es dauerte nicht zehn Minuten, und die ſämmt⸗ lichen Zigeuner hatten ſich im Hauſe, in den Ställen und auf dem Dachboden bereits vertheilt. Da der Fattzcte des Hauſes, der gewaltige Fanghund iras, zum Schweigen gebracht war, ſo erwachte 50 auch Niemand im Hauſe aus dem Schlafe, bis Wolf der Zigeuner⸗Hauptmann ſelbſt den Altknecht in der untern Stube aus dem Schlafe aufſchüttelte und mit lauter Stimme Geld und Geldeswerth begehrte, wenn nicht das Haus in wenigen Minuten in Flam⸗ men auflodern ſollte. Nun erwachte, zitterte, ſprang und ſchrie Alles im Hauſe auf, die Weiber weinten und jammerten, die Knechte wollten ſich zur Wehre ſetzen; allein die Räuber hatten ſich bereits ſo geſchickt vertheilt, daß jeder wehrfähige Mann im Hauſe abgeſondert unter den Händen zweier oder dreier Zigeuner lag, die ihn knebelten, und nur dem Bruder des abweſenden Port gelang es, ſich unbemerkt in eine Niſche hinter dem großen grünen Kachelofen der weiten Geſindeſtube zu flüchten, wo er zuſammengekauert wie eine Katze ſich geſchickt verbarg, und zuſah, wie die braunen beutegierigen Zigeuner ihre geknebelten, wimmern⸗ den Opfer mit ſchwachen Meſſerſtichen in die Arme und Schenkel zwangen, die Verſtecke anzugeben, wo der Port in der Stift ſeine Gold⸗ und Silberfüchſe verborgen habe. Die Müllerin ſelbſt zwangen ſie, ihnen mit der Laterne voranzutreten und Schränke und Truhen auf⸗ zuſchließen. Mit lüſternem Auge wählten ſie in dem 51 Inhalte der letzteren, und riſſen jedes Silberſtück, jeden Schmuckgegenſtand, den ſie da fanden, mit Haſt an ſich, um ihn vor den eigenen Raubgenoſſen unter ihren braunen zerfetzten Kitteln, oder in ihren wul⸗ ſtigen ſchwarzen Kopfhaaren zu verbergen. Jetzt trat der Anführer der Bande, ein baumlan⸗ ger, gewaltiger Rieſe von beinahe ſieben Schuh Höhe, der ſchwarze Wolf genannt, in die große Geſinde⸗ ſtube. Er ſchleuderte das rothe Luchsfell, welches ſeine ſehnigen Glieder deckte, von ſich, und ſtieß mit roher Gewalt die beinahe ohnmächtige Müllerin, das Weib des Port in der Stift, vor ſich hin, indem er ihr in gebrochenem Deutſch mit untermiſchten unga⸗ riſchen Flüchen vorwarf, daß ſie— was in dem Munde des braunen Räubers ſchier komiſch klang— unredlich handtiere, und ihm die eigentlichen Schätze des Hauſes, das goldene und ſilberne Kröſengeld (Pathengeſchenke) und die Brautpfennige(Hochzeits⸗ geſchenke) verberge. Das arme Weib betheuerte, daß ſie Alles, was ſie und ihr Mann als Eigenthum beſeſſen, hergege⸗ ben, daß ſie Küche und Keller, Truhen und Schreine geöffnet habe. „Wäre nur der Port in der Stift zugegen, der 52 gäbe euch ſicher auch ſein gutes Pulver, und ein paar Kugeln dazu—“ tönte es jetzt mit hohler Stimme. Der Zigeuner⸗Hauptmann ſah ſich um; er forſchte, woher dieſe Stimme komme. Und wieder tönte es:„Ich kenne Dich, Wolf! Du biſt der Kälberdieb von Roſenberg, und haſt auch den Thurm zu Plandes angezündet.“ Die unvorſichtigen Worte waren noch nicht ver⸗ klungen, als der Rieſe Wolf den Sprecher ſchon er⸗ forſcht hatte. Wie ein Stoßhabicht ſchoß er hinter den grünen Ofen, riß mit gewaltiger Fauſt den Bruder des Port herab, und ſchleuderte ihn mit einem fürchterlichen Schlage zu Boden.„Kennſt Du mich, baratom“— rief er faſt heulend—„wart, will Dir den Mund gleich ſtopfen!“— Er riß einem Zigeuner der eben mit der breiten eiſernen Oellampe, welche ſonſt vor einem Gnadenbilde in der Hausflur hing, hereingetreten war, dieſelbe aus den Händen, dann drückte er ſeine Fauſt dem ohn⸗ mächtig auf dem Boden liegenden Bruder des Port zwiſchen die Zähne, ſperrte auf dieſe Weiſe den Mund des Unglücklichen auseinander, und goß mit wider⸗ lichem Geheule den heißen Oel⸗Inhalt der Lampe in denſelben. Bald war der ſo mißhandelte Bruder des Port in der Stift eine Leiche. Das Raubthier hatte Blut geſchmeckt, es mußte folglich noch mehr Blut haben. Nun blitzten auch die Gürtelmeſſer der andern Zigeuner.„Geld, Gold und Silber!“ hieß die Loſung, und da dieſem Begehren nicht mehr entſprochen werden konnte, ſo geriethen die braunen Räuber, von denen inzwiſchen mehrere die Keller des Hauſes erbrochen und ſich in Bier und Wein berauſcht hatten, in kannibaliſche Wuth. Blutend fiel das Weib, blutend fielen die Knechte und Mägde des Port in der Stift unter den Meſſern der Zigen⸗ ner, nur die Kinder hatten ſich auf dem Heuboden der Scheune in ein Verſteck verkrochen. Da krähte der erſte Hahn, und der erſte Strahl des anbrechenden Morgens brach aus dem fliehenden Nachtgewölke auf die Jammerſtätte. Die Zigeuner hatten ſich das große Stückfaß mit Melniker Wein aus den Kellern des Hauſes in die große Stube ge⸗ wälzt, und lagerten eben nach gethaner blutiger Ar⸗ beit, wie die Schnitter nach der Ernte, zwiſchen den Leichen und ſtöhnenden Verwundeten, die ihre Raub⸗ ſucht zu Boden geſtreckt hatte. Aber der erſte Hahn⸗ ſchrei aus der benachbarten Scheuer ſchreckte den Häuptling der entſetzlichen Horde auf; er richtete ſich in die Höhe und wollte nach dem Tage ſchauen. Da klirrten die Scheiben des Fenſters, zu dem er 54 getreten, zu Boden— eine Kugel pfiff an ſeinem Ohr vorüber. Seine trunkenen Raubgenoſſen taumel⸗ ten empor, wieder klirrten die zerſchmetterten Schei⸗ ben eines Fenſters der Oſtſeite des Hauſes, und einer der wüſten Zecher ſtürzte mit zerſchmetterter Hirnſchale auf den Eſtrich der Stube. Die Zigeuner ſtürzten zu den Fenſtern, eine Mus⸗ ketenſalve überzeugte ſie ſogleich, daß das Haus um⸗ zingelt ſei. So war es auch. Die Kinder des Port in der Stift, unmündige Knaben und ein Mädchen, waren während des Zechgelages der braunen Räuber aus der Scheuer, wo ſie ſich verborgen hielten, herabge⸗ ſprungen, dann aber ſo ſchnell als ſie konnten nach dem eine kleine halbe Stunde entfernten Forſthauſe in der Moldau⸗Au herabgelaufen, und hatten Lärm gemacht. Meiſter Cöleſtin, der Forſtwart, ſtand daher mit ſeinen fünf Jägern, und mit mehreren auf dem Wege zuſammengerafften Hegern und Bauern vor dem Ge⸗ höfte des Port, er feuerte wacker auf die Zigeuner, aber die liſtigen und kampfgewohnten Nomaden hat⸗ ten es bald heraus, daß ſie es nur mit einer kleinen Schaar zu thun hatten, welcher ſie weit überlegen waren. Sie zogen ſich zuerſt auf die Dachböden zu⸗ 55 rück, und als ſie von dort aus beim grauenden Mor⸗ genſchimmer die Schwäche ihrer Gegner bemerkten, ſtürzten ſie ſich wie ein geſchloſſener Keil mit vorge⸗ ſtreckten Büchſen auf die Belagerer. Dieſe mußten der Uebermacht weichen, und zogen ſich nach der nord⸗ öſtlichen Waldgegend hinab, während die Zigeuner beladen mit Allem, was ſie in der Mühle aufraffen konnten, gegen die Schluchten der Teufelsmauer hinab entwichen. Dort lagen wie zerſtreute rieſenhafte Steine eines Brettſpieles ſeit grauer Vorzeit Felſenmaſſen von ungeheurem Umfange, von jener Hand zuſammen⸗ gewürfelt, die den Erdball lenkt und die Schleuſen der Meere öffnete, um zu vertilgen was die Erde bewohnte. Zwiſchen dieſen himmelhohen, mit grünem und graublauem Mooſe bewachſenen Rieſenwürfeln zwäng⸗ ten ſich die Söhne des Orients durch, und verſchwan⸗ den zuletzt in einer unter den Felsblöcken verborgenen Steinhöhle, welche tief in den Waldberg hineinlief und von der Natur mitzackigem Thonſchiefer gewölbt war. In dieſem ſichern Verſtecke hatten die Zigeuner, ſeit ſie ſich in Böhmen herumtrieben, um während des Krieges im Trüben zu fiſchen und hie und da zu ſtehlen und zu rauben, ihr warmes Neſt gefunden, 56 denn bis in dies Geklüfte drang weder der Sonnen⸗ ſchein noch der Regen. Seit ihrem Beſtande war dieſe Höhle kaum von eines Menſchen Fuß betreten worden, dichtes Schlingkraut, aufſtrebende Waldbäumchen und breite Polſter von gelbgrauem und ſaftgrünem Mooſe bildeten vor ihrem Eingange eine natürliche Decke. Dieſer Eingang war eigentlich der enge, trich⸗ terartige Gang zwiſchen zwei kegelförmigen Fels⸗ ſtücken, zwiſchen denen man ſenkrecht, und nicht ohne Gefahr hinabgleiten mußte, worauf man erſt zur eigentlichen Oeffnung der Höhle gelangte, welche mehr abſchüſſig als wagrecht in den Berg hinablief. Das geübte Falkenauge der wandernden Zigeuner hatte dieſen Schlupfwinkel dennoch erſpäht, der ihnen ein um ſo ſichereres Verſteck bot, als die Gegend der Teufelsmauer beim Landvolke im Rufe des Gei⸗ ſterſpukes ſtand und von Jedermann gemieden wurde. Nicht ſo von den Jägern der Umgegend. Dieſe betrachteten die Gegend des Steingeklüftes nächſt der Teufelsmauer lange ſchon als den Sammelplatz des damals in Deutſchland und in Böhmen ſo häufig herumziehenden räuberiſchen Geſindels.— Dem ungeachtet hätte aber vielleicht lange Niemand den eigentlichen Aufenthalt der Bande entdeckt, wennnicht einer der Zigenner, welcher vom ſogenannten Rucken⸗ 7 O dorfe herüberwanderte, von einem Heger des großen Hirſchberges beobachtet worden wäre. Dieſer erblickte den Nomaden, wie er eben im Begriffe ſtand, ſich ein Huhn von der Boden⸗Tenne des Jägerhäuschens herabzulangen, verfolgte ihn ſodann mit ſeiner Büchſe und ſah ihn plötzlich im Geklüft der Teufelsmauer verſinken. Er meldete ſogleich den Vorfall ſeinem Förſter. Noch war keine volle Woche ſeit der blutigen Me⸗ tzelei in der Mühle des Port in der Stift vorüber⸗ gegangen, als bereits ein Fähnlein Musketiere von Budweis entboten, nebſt allen Jägern der Umgegend von Hohenfurth den ganzen Umkreis der Teufels⸗ mauer umſtellte, und durch einen in der unterirdiſchen Höhle zufällig losgehenden Schuß aufmerkſam ge⸗ macht, im Geſtrüppe vordrang. Die Soldaten wur⸗ den von den Schüſſen der verſteckten Zigeuner em⸗ pfangen, welche in ihnen blos einzelne Jäger der Gegend vermutheten. Diesmal aber hatte ſich Wolf, der Rieſe, geirrt. Der Lieutenant, welcher das Fähnlein führte, befahl, Schuß auf Schuß in die Höhle zu ſenden. Mit ver⸗ zweifelter Gegenwehr erwiderten die Zigeuner das Feuer, und Einige von ihnen zogen ſich allmälig in das Innerſte der Höhle zurück, wohin die Schüſſe 1861. X. Ein böhm. Student. I. 4 58 wegen der plötzlich wagrechten Lage nicht mehr drin⸗ gen konnten. Sie vermochten aber nicht zu verhindern, duß das Streiftommando der Soldaten jetzt dürres Reiſig zuſammenraffte, und über der Oeffnung der Höhle rings um den Eingang⸗Trichter derſelben Feuer machte Der Rauch drang theilweiſe hinab; um ihn zu vermehren, und das Werk der Zerſtörung zu vol⸗ lenden, warfen jetzt die Soldaten die glühenden Brände des zuſammengetragenen Holzes in die Höhle. Ein glühendes Holzſcheit um das andere flog hinab, der hiedurch verurſachte Rauch und das Ziſchen des Waſſers, mit welchem die Zigeuner die herabſtür⸗ zenden Brände zu löſchen ſuchten, verurſachten einen dicken, erſtickenden Qualm. Da es zuletzt an Waſſer mongelte, ergriffen die Zigenner einige Bierfäſſer in der Höhle und benützten den Inhalt derſelben zum Löſchen. Aber nun wurde der Dunſt in der engen Höhle erſt ganz unleidlich. Man konnte das Wim⸗ mern der Kinder, das Wehklagen der Weiber, und das verzweifelnde Fluchen der Männer dieſer einge⸗ ſchloſſenen Räuberhorde hören. Da ſchallte, wie der Donnerruf eines Heerfüh⸗ rers in der Schlacht, die gewaltige Stimme des Rie⸗ ſen Wolf durch die Höhle herauf:„Gnade! Barm⸗ 59 herzigkeit! um Gottes Chriſti Willen!— nicht für mich, ſondern für die armen Weiber und Kinder der Zigeunerſchaar!“ Ihm antwortete das Hinabkollern neuer Brände. Darauf krachten auch von Seiten der Zigeuner wie⸗ der Schüſſe, und zwei dem Trichter der Höhle zu nahe getretene Soldaten ſtürzten ſchwer verwundet auf das Moos. Aber ſeltener und immer ſeltener wurden dieſe Schüſſe aus der Höhle. Endlich hörten ſie gänzlich auf, die„Zigeunerbrut“, wie die Soldaten ſich aus⸗ drückten, war erſtickt. Man konnte dies mit Sicherheit annehmen, da der Mangel an friſcher Luft, und der durch das fort⸗ währende Hineinwerfen von glühenden Bränden un⸗ terhaltene Rauch alles Leben in der Höhle erſticken mußte. Nichtsdeſtoweniger gebrauchte der Anfüh⸗ rer des Streifkommandos alle Vorſicht, ehe er die Höhle betrat, und es wurde zuerſt der große Jagd⸗ hund eines bei dem Streifkommando befindlichen Förſters an einem Stricke hinabgelaſſen. Deſſen Ge⸗ bell ſollte den Kampf mit den Belagerten bezeichnen. Aber auch jetzt blieb Alles ſtill, der Hund mußte ſo⸗ nach auf keinen Widerſtand geſtoßen, und wahrſchein⸗ lich vom Dunſte betäubt, niedergeſunken ſein. 60 Volle vierundzwanzig Stunden lagerten die Sol⸗ daten und die Forſtleute vor der Höhle, dann wagte es ein Musketier, langſam auf der zum Theil bereits zerriſſenen Strickleiter hinabzuklettern. Da die Höhle mehre unbemerkt gebliebene Luftlöcher nach Außen hatte, ſo konnte ſich der Qualm und Rauch in der⸗ ſelben auch früher verziehen, als man gehofft hatte. Welch ein Schauſpiel bot ſich aber nun den all⸗ mälig eindringenden Soldaten und Jägern beim Scheine der mitgenommenen Laterne dar! Eine Reihe männlicher und weiblicher Leichen lag mit vom ſchreck⸗ lichſten Todeskampfe verzerrten Zügen in den Win⸗ keln des Raubneſtes. Ganz vorne war Wolf der Rieſe ausgeſtreckt, in der noch geballten Fauſt den Kugelſtutzen haltend, womit er die letzten Schüſſe nach aufwärts geſendet. Die Soldaten drangen nun weiter in das Innere vor. Dort lagen die Vorräthe der Bande aufgehäuft: Luntenbüchſen, Pulver und Blei, Brotlaibe, Mehl⸗ ſäcke, erlegtes Wild, und allerhand Geſchirre, wie die Horde es auf ihren Zügen hin und wieder zu⸗ ſammengeſtohlen oder geraubt hatte. Als die letzten Reſte dieſer weit und breit gefürch⸗ teten Bande weggebracht, und alle Leichen aus der Höhle geſchafft worden waren, hörte man plötzlich 61 noch einen Bewohner dieſes Raubneſtes in der hin⸗ terſten Ecke desſelben wimmern. Einer der Muske⸗ tiere, welcher bei dem Blutwerke mitgewirkt, kehrte nochmals um, und zog ein in naſſe Windeln gehülltes, noch nicht ein Jahr altes Knäblein hervor, neben welchem eine Zigeunerin vom Rauche erſtickt hinge⸗ ſtreckt lag. Der Soldat trug den wimmernden Kleinen an das Tageslicht. Auf dem oberſten halbrunden Steine des Felsgeklüftes, der von dem Landvolke jetzt noch ſeiner Form wegen der Predigtſtuhl genannt wird, hob er mit der Linken das nackte Kind bei einem Füßchen in die Höhe, während er mit der rechten Hand ſeinen Säbel aus der Scheide riß.—„Iſt Jemand do, der dieſe Heidenbrut auffüttern will?“— rief er. Aber das bereits in großer Menge herbeiſtrö⸗ mende Landvolk bekreuzigte ſich.—„Ein Heidenkind! ein Zigeunerbube! ein Wechſelbalg!“ ſchallte es aus hundert Kehlen. Niemand regte eine Hand für das arme Kind, das Vorurtheil der Zeit war ſeiner Ret⸗ tung entgegen. Der Soldat ſchwang nun mit einem derben Fluche das Knäblein in die Luft, und hob, um es mitten zu durchſchneiden, ſeinen Säbel im gewaltigen Bogen. 62 Aber in dieſem Augenblicke fiel ihm eine ſtarke Fauſt in den Arm. „Her mit dem Buben!“— ſchrie ein baumlan⸗ ger Mann, der einen grauen Lodenkittel und auf dem pechſchwarzen Haare einen breiten Hut tragend, ſich herangedrängt hatte. Es war der Förſter von Mardetſchlag, Jakob Rothkopf, von dem Landvolke insgemein„der Roth⸗ ſchädel“ genannt. Dieſer Mann, ein„wackerer Schütze und Weidmann vom alten guten Schrott und Korn“, wie die Chronik ihn nennt, dabei, wie allekraftbewuß⸗ ten Naturſöhne, ohne alle Vorurtheile, begehrte mit kurzen Worten den Zigeunerjungen für ſich; denn— ſagte er— er und ſeine Grete hätten ſich längſt einen Leibeserben gewünſcht, da ſie kinderlos ſeien, und ihr Wunſch ſei es, den Gott erfüllt habe, indem er ihnen dies„Heidenbüblein“ zuſende. Der biedere Forſtmann achtete auch nicht weiter auf das höhnende Geziſche der Umſtehenden, die da meinten, daß der„Rothſchädel“ ohnehin mit der Paſ⸗ ſauer Kunſt“) und derlei Praktiken ſchon lange ver⸗ traut, eben den rechten Balg in ſeine Behauſung be⸗ komme, um ſich einen tüchtigen Genoſſen und Lehr⸗ *) Paſſaner Kunſt, ſchwarze Knnſt: ſich kugelfeſt zu machen. ling ſeines finſtern Treibens heranzuziehen. Aber der alte Forſtwart ging, nicht rechts und nicht links ſchau⸗ end, von dannen, und brachte ſeiner Grete den Bu⸗ ben, der ſo klein und mager war, daß er, wie der Chroniſt ſagt,„mit ſeinen nacketen Aermelein einer ausgeſpannten Fledermaus gliche, und aus dem hoh⸗ len Brüſtlein ſchier nimber athmete.“ Aber die gute Grete, brav und gutmüthig wie ihr Alter, hatte dennoch mit dem Kleinen ihre Freude, und ſo ſehr die Leute ihren Mann als einen„Anti⸗ chriſten“(ſollte wohl ſo viel ſagen als einen Atheiſten) in Verdachte hatten, ſo war doch das erſte und ſchleu⸗ nigſte, was beide Eheleute zu thun hatten, daß ſie den kleinen Schreihals, nach erſter Sättigung mit der warmen Milch ihrer Ziegen, in die Kaplanei nach Friedberg hinabtrugen, und daſelbſt, da ſie ihn gleich⸗ falls für ein Heidenkind hielten, auf den ganz beſon⸗ ders chriſtlichen Namen„Chriſtophorus“ taufen ließen. Weil aber ein Söhnlein zu beſitzen lange ſchon der Wunſch beider Eheleute, und dieſer Wunſch nur durch Gottes Fügung in Erfüllung gegangen war, ſo gaben ſie dem kleinen Pflegeſohn, deſſen Zunamen ſie nicht kannten, den Namen Wunſch. Chriſtophorns Wunſch hieß alſo fortan der Knabe. IV. Der verhängnißvolle Tilly-Bock. ärva büsan zengi igy Kinos panaszait: Felelve rä a téli sz6l, Uvöllve felsivit. So traurig ſchluchzt, ſo bitter klagt Das früh verwaiſte Kind, Antwortend d'rauf heult brauſend auf Der ſcharfe, kalte Wind. Freiherr Joſeph Eötvös. Wie gleicht das Menſchenſchickſal doch ſo ganz einem großen Spinnengewebe zwiſchen den Balken einer Dachkammer! An hundert Fäden hängt es, ein kleiner Windhauch, der zufällige Flug eines Vogels, der Fall eines Steinchens— und das Gewebe zer⸗ reißt! Wenn wir die Familiengeſchichte eines jeden großen Mannes bis an das äußerſte Ende ſeines Eintrittes in das Leben und Wirken ſeiner Tage ver⸗ folgen könnten— welch unbedeutende Dinge, welch 65 winzige Punkte würden wir da finden, die der ewige Meiſter über den Sternen hinzeichnete, um daran das Schickſal, das Leben eines Menſchen zu knüpfen, den die Nachwelt„den Großen“ nannte. Auch die gewaltige Donau ſprudelt urſprünglich aus einer kleinen Quelle— aber ſie endigt im Meere kaiſerlich!. Das Jahr 1633 war heraufgezogen, mit ihm die Furie des dreißigjährigen Krieges. In Böhmen wü⸗ thete ſie nicht minder als in den Nachbarländern. In Oberöſterreich hatten die Bauern, auf die Hülfe Gu⸗ ſtav Adolfs von Schweden vertrauend, wieder„einen ganzen Aufſtand“ gemacht, häufige Truppenmärſche, das herumziehende Geſindel der Wegelagerer und Nachzügler machten das ganze Land unſicher, und der Friede verbarg ſich in die äußerſten Gebirge und Schluchten der Wälder. Er barg ſich auch im Hauſe des Pflegevaters des armen Zigeunerbuben Chriſtoph Wunſch, und dieſer gedieh unter des redlichen Forſt⸗ warts Erziehung zu einem wackern und kräftigen Weidmann heran. Die Natur war ſeine Lehrmeiſte⸗ rin, und im weiten Tempel derſelben lehrte der bie⸗ dere Forſtmann dem Knaben die Erkenntniß Gottes. Die erwachende Morgenſonne beleuchtete ſchon ſein ſtrahlendes Auge, welches am Munde ſeines edlen 6 66 Ziehvaters hing, der ſein edles Porbild in der Tu⸗ gend wie in der Arbeit war. Aus dem kleinen Chri⸗ ſtoph war nach einem Jahrzehend ein wackerer Knabe geworden, und dieſer würde zum tüchtigen Forſtmanne herangereift ſein, wenn nicht, als er das dreizehnte Jahr erreicht hatte, ſein Ziehvater zu ſeiner nur we⸗ nige Wochen vorangegangenen Grete in's Grab ge⸗ ſunken, und der Waiſenknabe Chriſtoph Wunſch noch einmal zur Waiſe geworden wäre. Der lebensfriſche Knabe, welcher gern im luftigen Tempel der Natur gelebt und gelernt hatte, ſaß nun im Jahre 1633 zu Forbes, einer kleinen Ortſchaft bei Budweis, am Schneiderbänklein bei einem ehr⸗ ſamen Meiſter, zu welchen ihn ſein beſtellter Gerhab, der Müller am grünen Anger, nächſt dem Hauſe des verſtorbenen Förſters, gebracht hatte. Statt im Hoch⸗ walde luſtig zu bürſchen, ſtatt die freie, friſche Got⸗ tesluft in vollen Zügen zu ſchlürfen, mußte Chriſtoph jetzt die kleine eiſerne Lanze ſchwingen, um ſich zum Geſellen der ehrſamen Schneidergilde heranzubilden. Gar mancher Tropfen perlte da auf die Tuchlappen, und dieſe Tropfen zitterten um ſo reichlicher in Chri⸗ ſtophs Ange, je häufiger er aus dem Munde der den Lehrbuben ſo gern hänſelnden Geſellen ſeines —————— —————— 67 Meiſters den höhnenden Spottnamen„der Zigeuner⸗ findling“ vernehmen mußte. Da brach der Sommer des Jahres 1633 heran. In Böhmen, und insbeſondere in der Landeshaupt⸗ ſtadt Prag tobten die Unruhen des kriegeriſchen Le⸗ bens; jeder Tag, jede Stunde warf neue Blaſen in dem ſiedenden Lavaſtrome auf, der dann ſengend und zerſtörend über Deutſchlands Fluren zog; denn jede Partei war bemüht, ihre Kämpfer in's Feld zu ſtel⸗ len, und wie alle Waffenſchmiede des Landes vollauf zu thun hatten, um den zahlreichen Beſtellungen zu genügen, welche von allen Parteien an ſie ergingen, eben ſo rührig und emſig wurde in allen Schneider⸗ werkſtätten des Landes gearbeitet, um die Maſſe der Waffenröcke und Wämſer, der Koller und Beinklei⸗ der zu liefern, welche für Hauptmann und Musketier, für„Rottenmeiſter, Trumler und Pfeiffer“ beſtellt wurden. Und als der Herbſt bereits ſeine Früchte auf das Land ſchüttelte, ſaß eines Tages Meiſter Reichhard in der Werkſtube ſeines Häuschens mit ſeinen Ge⸗ ſellen beim Werktiſche, ſchneiderte und biegelte, und ließ von ſeinem erhabenen Meiſterſitze ſein Kom⸗ mandowort weit erſchallen, wie der Marſchall in der Feldſchlacht, während ſeine drei Geſellen, und im 68 der dunklen Stube ſein Lehrling der leine Chriſtoph Wunſch ſeinen Befehlen lauſchten und emſig die Nadel führten. Da klirrten Sporen auf dem Eſtrich des Vorhauſes und in die Stube trat tief gebückt ein wenigſtens ſechs Schuh langer Reiteroffizier im blauen Waffenrocke eines ſchwedi⸗ ſchen Küraſſiers. Er hatte über ſeine Schulter einen andern Waffenrock von hellgrünem Atlas geworfen, den er gleich nach ſeinem Eintreten herabriß und auf den Schneidertiſch hinwarf. „Meiſter“— rief er mit einer ſchallenden Baß⸗ ſtimme, die beinahe das kleine Gewölbe des Zim⸗ mers erſchütterte—„da habt Ihr ein Stück Arbeit, ſchneidert mir die Kutte da zurecht, in einer Stunde ſchicke ich meinen Wachtmeiſter aus der Schenke die⸗ ſes Neſtes, wo ich inzwiſchen verweilen werde, um den Rock.“ Meiſter Reichhard ſprang von ſeinem Dreifuß auf; ſein kunſtgeübtes Auge hatte ſogleich die zerfetz⸗ ten Enden des grünen Waffenrockes bemerkt.„Mit Gunſt, Herr General,“— ſagte er—„der Rock iſt zerriſſen bis auf die Naht, er ſcheint aus der Bataille zu kommen, und kann vor drei Tagen nicht zurecht gemacht werden.“ „Muß zurecht gemacht werden!“— donnerte der 69 Reiter, mit ſeinem beſpornten Fuße auf den Boden ſtampfend—„muß heute noch nach Budweis, und fürbaß nach Prag, und dann weiter nach Leipzig und in die Mark, und kann den Tilly⸗Rock nicht zurück⸗ laſſen, und auch in dieſem zerfetzten Zuſtande nicht mitſchleppen, ſonſt reißt mir das feine Gewebe ganz in Stücke, ehe ich es, von meiner Sendung an den Kaiſerhof in Wien zurückkehrend, noch dem Herzog von Weimar vorlegen, und gegen eine güldene Gna⸗ denkette umtauſchen kann.“ „Nicht möglich!“— ſtammelte der Schneider. „Der lange Fritz kennt keine Unmöglichkeit!“— donnerte der Küraſſier entgegen. „Ah!“— rief Meiſter Reichhard, von ſeinem Sitze aufſpringend—„ſo ſeid Ihr, edler Herr, der be⸗ rühmte Haudegen, der lange Fritze, von dem in allen Schenken des Landes erzählt wird, daß Ihr in der Feldſchlacht bei Leipzig den General⸗Lieutenant Tilly beinahe gefangen, oder wohl gar getödtet hättet, wenn er nicht mit Zurücklaſſung ſeines Waffenrockes noch entkommen wäre ) Der lange Fritz iſt eine hiſtoriſche Perſon. Tilly, der Niebeſiegte, wurde in der Schlacht bei Leipzig halb bewußt⸗ los von ſeinen Getreuen aus dem Getümmel gerettet, in⸗ dem ſich 600 Mann den Weg nach Halle bahnten. Ein ₰ 2„ „Bin's!“— entgeguete lachend der Küraſſier— „und darum keinen Widerſpruch, Meiſter, der Rock muß in einer, höchſtens in zwei Stunden zurecht ge⸗ richtet ſein.“ „Herr!“— entgeguete der Schneider, und ſeine Augen und die ſeiner Geſellen hingen jetzt mit Be⸗ wunderung an der rieſenmäßigen Geſtalt des langen Fritz—„Herr! meinem Hauſe iſt heute wahrlich Heil widerfahren, da ich einen ſo berühmten Krieger, von dem ſie in allen Quartieren und Schenken des Landes erzählen, und der ſo mannhaft für die Sache unſeres Glaubens ſtreitet, in meiner ſchlechten Werk⸗ ſtatt ſehe, und ſo will ich als guter Proteſtant und geheimer Anhänger der ſ chwediſchen Sache, Euch meine aufrichtige Verehrung beweiſen, daß ich alles Andere liegen und ſtehen laſſe, um den Rock des kleinen Ge⸗ neral⸗Lieutenants, den Ihr als wohlverdiente Sieges⸗ trophäe nach Schweden mitführen wollt, bis zum Morgen zurecht zu richten.“ Der lange Rittmeiſter horchte hoch auf.—„Alſo auch in dieſer Gegend“— fragte er lauſchend und halbleiſe—„gibt es evangeliſch Geſinnte und An⸗ hänger der ſchwediſchen Sache?“ ſchwediſcher Rittmeiſter, der lange Fritz genannt, hätte ihn auf dieſem Wege bald gefangengenommen, oder getödtet. —.—————— „Herr!“— erwiderte der Meiſter—„hier könnt Ihr laut reden, denn meine drei Geſellen ſind eben ſo gute Anhänger der ſchwediſchen Sache, die jetzt die gemeinſame Sache Deutſchlands geworden iſt, als ich, ſonſt hätten ſie den Weg in meine Werkſtatt nicht ge⸗ funden. Und wenn Ihr bis morgen in unſerem Fle⸗ cken verweilen wollt, ſo könnt Ihr nicht nur Euren Rock im möglichſt fertigen Stande mitnehmen, ſon⸗ dern auch heute Abends einer ganz abſonderlichen ge⸗ heimen Verſammlung beiwohnen, welche die Unſeren bei der Zizka⸗Eiche abhalten werden, um zu berathen, was in dieſen Zeitläuften für die Sache der Evan⸗ geliſchen am dienlichſten ſein wird. Da werdet Ihr auch einen Mann kennen lernen, der im evangeliſchen Lager das Wort des Herrn führt, und vor dem Ihr allen Reſpekt haben werdet; Ihr möget von ihm dann auch dem Herzog von Weimar erzählen, wenn Ihr wieder in ſein Lager kommt.“ Darauf winkte der Meiſter den Lehrjungen Chri⸗ ſtoph Wunſch herbei, reichte ihm den grünen Tilly⸗ Rock, und befahl mit barſcher Stimme:„Den ſchnei⸗ deſt Du halb handbreit ab, dann ſäumſt Du ihn mit den grünen Fäden und glätteſt ihn mit dem Eiſen.“ Der lange Fritz erkannte nun, daß er hier ſein Herz ausſchütten dürfe. Er ließ ſich auf dem Drei⸗ 71 fuße des Meiſters nieder und erzählte, wie er vom Herzog Bernhard von Weimar mit Aufträgen nach Wien entſendet, die geheime Weiſung und Intenta⸗ tion habe, auf der ganzen Linie ſeiner Rückreiſe zu forſchen und zu beobachten, wie die Stimmung im Lande Böhmen gegen die Schweden beſchaffen ſei, und ob man erwarten könne, daß ein ſtarker Anhang der ſchwediſchen und evangeliſchen Sache zufallen würde, falls dieſe gegen den Kaiſer ſieghaft ausfiele, wor⸗ nach dann der Kanzler Orenſtierna und der ſchwedi⸗ ſche Reichsrath ihre weiteren Pläne faſſen, und In⸗ ſtruktionen ergehen laſſen würden. Am Abende dieſes Tages wimmelte es im Ge⸗ büſche des finſtern Tannenwaldes bei Forbes von Menſchen. Es hatten ſich dort junge und alte Män⸗ ner gelagert, aber ſämmtlich waren es Waiſen. So nannten ſie ſich nämlich als Nacheiferer jener Taboriten, welche einſt ſich von Zizka's Nachfolger, Prokop dem Großen, dem einſtigen Mönche, getrennt, und unter dem Namen„die Waiſen“ einen beſonde⸗ ren Heerhaufen unter Prokop des Kleinen Anführung gebildet, ſomit nebſt den F und Pragern die vierte Huſiten⸗Partei im Lande gebildet hatten. Dieſe„Waiſen“, theils heimliche Reformirte, theils Calviner, fanden ſich in der abgelegenen Ge⸗ —————.————————— 2 gend bei Forbes zuſammen, um unbelauſcht von ihren Gegnern ihre Pläne für die nächſte Zukunft zu ver⸗ abreden. Ihr gemeinſames Banner war ein lebens⸗ großes, von Alter geſchwärztes Bild, welches auf dem morſchen, in ſich zuſammenbrechenden Rumpfe einer uralten Eiche unter einem großen vergoldeten Kelche hing. Es ſtellte einen Krieger des alten Böhmens vor, mit rundem Geſichte, geſchornen Haaren und Bart, einem breiten Munde, einer Habichtsnaſe, dichten Augenbrauen über ſeinen beiden geſchloſſenen Angen; ſein Geſicht war ſchwarzgelb und ſeine Kleidung glich beinahe der eines Polen im nationalen Waffenſchmucke. Es war dies das leibhaftige Bild des alten gewalti⸗ gen Hußitenführers Johann Zizka, Ritters von Trocz⸗ now, an deruralten Eiche, an deren Fuße dieſer Mann der Sage nach geboren worden war. Theobald beſchreibt den gewaltigen Heerführer mit folgenden Worten: „Sein(des Zihka) Bild hab ich in Czaslau, Ta⸗ bor, Raby, und zu Prag auf dem Altſtädter Rath⸗ hauſe geſehen. Iſt immer eines anders geweſen, als das andere, alſo daß ich alle gedachte für falſche halte. Es haben aber die Herren Griesbecken(in Kralo⸗ witz) ein altes Conterfeyt des Zizka, welches der alte H. Florian Grießbeck fleißig aufgehoben. Das halte ich für das beſte. Wills beſchreiben wie es iſt: 1861. X. Ein böhm. Student. 1. 5 74 Die Haare und der Bart ſeynd beſchoren, wie heut zu Tag eines Polaken: doch iſt der Knebelbart feuer⸗ roth. Das Geſicht iſt rund, und nicht länglicht; mit einem ziemlichen Maul, und einer Habichtsnaſen. Die Stirn iſt keilicht; hängt das Gewölbe mit den Wiedbramen, ſo alle über ſich ſtehen, herab. An der Stirn iſt nur eine einzige, mitten durch krumb gezo⸗ gene Linea ſo juxta doctrinam metoscopiae wird martialis genannt. Lineas mercuriales, ſo gegen der Naſen herab ſeyn, hat er viere: wie auch ineam Veneris auf der Naſen. Die Farbe des Geſichtes iſt ſchwarzgelb: ſeine Kleidung wie eines Polaken, mit Säbel und Puſikan. Welches ich denen hab melden wollen, welche Physiognomiam hominis in Acht nehmen: oder ſo ihn ein Maler wollt abmahlen.“ Heute feierten die Verſammelten dieſes Waldes, die ſich nach dem Vorbilde ihrer hußitiſchen Vorel⸗ tern gleichfalls Brüder Kelchner nannten, den To⸗ destag des hußitiſchen Heerführers; es war der 12. Oktober, der wahre Sterbetag Johann Zizka's von Trocznow, der auch im Munde des Volkes fortlebte, obgleich Gelehrte, wie Balbin, Schiffner, Schirach, Theobald, Binenberg u. a., jeder eine beſondere Be⸗ rechnung desſelben geliefert haben. Sie feierten aber nach ihrer Meinung den zwei⸗ —.—.——— 75 hundertzährigen Todestag Zizka's. Dies beſagte eine andere auf der Rückſeite der Eiche hängende Tafel mit der Lapidar⸗Inſchrift: Ne syLa nepfateLiskä aLe räna glzLIVého prIekIe PreMohLa a za- prLa lana 217 kV stateOného rItIre*). (Richt der Feinde Kraft, ſondern die Plage der Peſtbeule überwand und tödtete den tapfern Ritter Johann Zizka.) Die ſeltſame Feſtlichkeit fand unter derſelben Eiche ſtatt, von welcher die Sage ging, daß Lizka am Fuße derſelben geboren worden ſei, eine Sage, welche auch jetzt noch im Munde des Volkes fort⸗ lebt, obgleich von der Eiche kaum mehr einige Wur⸗ zelſpuren nächſt der Ortſchaft Forbes vorhanden ſind. An jenem Tage aber, an welchem die heimlichen Anhänger der proteſtantiſchen Sache dieſen Platz zu ihrer Zuſammenkunft beſtimmt hatten, um mehrfache Maßnahmen zu berathen, breitete dieſer Baum noch ſeine Aeſte in die Luft, und dunkles Gewälde reihte ſich um ihn. Das kam den Verſammelten ſehr zu ²) Dieſes Chronoſtichon gibt nämlich das Jahr 1419 — und findet ſich in der böhmiſchen Chronik des Bickowsky; ſo ging dieſer Irrthum auch ins Volk über, während bei rich⸗ tigerer Schreibung des Wortes glzLIWeho ſtatt gIzLIVého das wahre Todesjahr Zizka's 1424 herauskommt. 5* 76 ſtatten; denn wenn ſie auch bereit waren, bei nächſter Gelegenheit gleich ihren hußitiſchen Vorfahren mit den Streitkolben darein zu ſchlagen, ſo mußten ſie doch die Aufhebung durch die kaiſerlichen Truppenabthei⸗ lungen fürchten, welche in verſchiedenen Richtungen das Land durchzogen. Ein in einen dunklen Mantel gehüllter langer, hagerer Mann mit todtenbleichem Geſichte ſtieß eben aus ſeiner hochgewölbten Bruſt mit aller Kraft den Bibelſpruch:„Und es kam ein Mann von Gott ge⸗ ſandt, und ſein Name war Johannes!“ Er ſpielte damit auf den Namen des gewaltigen Hußitenführers Johann Zizka von Trocznow an, deſſen Bildniß zu ſeinen Häupten hing. Der junge Prediger, ein Mann von kaum dreißig Jahren, ſchilderte mit der ganzen Glut des heftigſten und bitterſten Fanatismus die angeblichen Verdienſte des blinden Heerführers und ſeiner Nachfolger Prokop des Großen und des Klei⸗ nen; er forderte die Verſammelten auf, feſtzuhalten an ihren Glaubensſatzungen, und nicht zu weichen, ſo lange nicht wieder der Kelch ſtatt des Kreuzes auf dem Portale der Teinkirche in Prag ſtrahle. Der Name dieſes jungen fanatiſchen Predigers, — Jakob Greimbl— iſt in den Jahrbüchern des Landes ob der Enns mit blutigen Lettern verzeichnet. 77 Kaum hatte er ſeine Rede, deren letzter Mahnruf „Gegen die Katholiſchen!“ lautete, geendet, ſo ſtimm⸗ ten die Verſammelten das alte böhmiſche Lied an, welches Prieſter Gapek für die Hußiten gedichtet hatte, als Zizka am 14. Juli 1421 vom Berge Witkow aus mit ſeinen fünfzig Bogenſchützen und mit Dreſchfle⸗ geln bewaffneten Bauern, den Prieſter an der Spitze, gegen Kaiſer Sigmunds Truppen losſtürmte und dieſe in ihr Lager zurücktrieb. In dieſem Augenblicke trat Meiſter Reichhard mit dem ſchwediſchen Rittmeiſter unter die Schaar. Seine Mittheilung, daß er den Mann bringe, der den gro⸗ ßen Marſchall der Ligue aufs Korn genommen und beinahe gefangen hätte, wurde mit lautem Jubel be⸗ grüßt. Doch bald wieder verſchwand er mit ſeinem Gaſte in dem großen ſchwarzen Zelte, welches fünf⸗ zig Schritte von der Fizka⸗Eiche im Walde zwiſchen kleinen grauen und weißen Zelten an vier himmel⸗ hohen Tannen aufgerichtet war, und wohin ſich auch Jakob Greimbl, der Prädikant, begab. Die evangeliſchen Geſellen Meiſter Reichhard's waren ebenfalls zu dem Feſte gekommen, nur ſein Weib, die emſige Frau Margarethe, und ſeine Schwä⸗ gerin, die nicht minder um die Hauswirthſchaft be⸗ ſorgte Frau Martha, eine Witwe des Nachtwäch⸗ 78 ters im Orte, dann der Waiſenknabe Chriſtoph Wunſch waren zu Hauſe geblieben. Der arme Knabe hatte den ganzen Tag über ge⸗ näht und geglättet; es war daher kein Wunder, daß ihm mit hereinbrechender Nacht das Köpfchen aufden dunklen Tuchlappen ſank, den er in der Hand hielt, und daß Freund Morpheus zuletzt ſeine Mohnkörn⸗ lein auf das Lockenhaupt des armen Waiſenknaben ſtreute, der ſanft einſchlummerte, während ihn Frau Margarethe lächelnd betrachtete und im Stillen ſich über die Abweſenheit ihres aufbrauſenden und ſtren⸗ gen Hausmonarchen, und ſeiner nicht minder rauhen Arbeitsgeſellen freute, welche dem armen Jungen die⸗ ſen Schlummer nie und nimmer gegönnt, und ihn auch jetzt um zehn Uhr Nachts noch zur Arbeit an⸗ getrieben hätten; denn es lag ja der grüne Tilly⸗Rock auf der gebohnten Werktafel, und der Rock mußte abgeſchnitten und geſäumt ſein, ehe der Tag wieder anbrach und Meiſter Reichhard mit ſeinen Geſellen und dem Gaſte vom Feſte zurückkehren würde. Die gute Frau Margarethe erinnerte ſich gar wohl des Auftrages ihres ſtrengen Eheherrn an den Lehrling, daß heute noch der Rock beſchnitten und ge⸗ ſäumt werden müſſe.—„Aber der gute Junge ſchläft ſo ſüß,“— ſagte ſie gutmüthig lächelnd—„das arme 79 Kind hat heute wieder gearbeitet, daß ihm die Finger zitterten. Ich gönne ihm wohl das Stündlein Schlaf; aber,—“ ſetzte ſie hinzu,„der Rock muß dennoch fertig ſein, ſonſt wüthet mein Mann wie ein ange⸗ ſchoſſener Eber des Hochforſtes.“ Die gute Schneidersfrau warf den Hausrath, mit dem ſie beſchäftigt war, bei Seite, nahte ſich leiſe dem Werktiſche, und ergriff den Rock, an welchem ſie den unterſten etwas ſchadhaften Theil halb handbreit, wie der Meiſter befohlen hatte, abſchnitt, und nun langſam zu ſäumen begann. Kaum hatte ſie mit dieſer Arbeit begonnen, ſo trat Nachbar Eginhart, der Schreiner, in die Stube. —„Frau Grete,— ſagte er,—„Euer Eheherr, der mit Eurem Gaſte zu unſerm Feſte bei der Zizka⸗ Eiche hinabgekommen, ſchickt mich hieher, um Euch da⸗ hin abzuholen; denn ſo traulich, wie's da unten heute„ zugeht, iſt es lange ſchon in unſeren Verſammlun⸗ gen nicht mehr hergegangenz lauter echt Cvongeliſche, Frau Grete, und der lange Fritz hat Nachrichten aus Schweden, vor denen den Katholiſchen die Haare zu Berg ſtehen müßten, wenn ſie davon wiſſen würden.“ Margarethe kannte den eiſernen Willen ihres Eheherrn. Wor ſie auch keine Freundin von Zechge⸗ lagen, ſo mußte ſie ſich doch in den Willen des Gat⸗ „ *. * Abendbrot bereitet hatte. Die ſorgſame Frau ging 80 ten fügen, und ging alſo mit dem Sendboten desſel⸗ ben zum Walde hinab, während ihre Schwägerin Martha im Hauſe verblieb. Dieſe kam nun aus der Küche herbei, und wollte ſich müde von der Tages⸗ arbeit eben auf ihr Lager hinſtrecken, als ihr Blick auf den Tilly⸗Rock und den daneben ſchlafenden Knaben fiel.—„Mein Gott!“— dachte ſie—„der arme Knabe! er iſt bei ſeiner Arbeit aus Müdigkeit eingeſchlafen. Ich gönne ihm das Bischen Ruhe, und will ſtatt ſeiner die Arbeit vornehmen, ehe mein Schwager nach Hauſe kommt, und ihn ſchlägt, wenn der Rock nicht beſchnitten und geſäumt iſt.“ Frau Martha ſetzte ſich alſo hin, ergriff Schere und Nadel, ſchnitt von dem Rocke ebenfalls halb hand⸗ breit ab, und begann dann denſelben zu ſäumen, während der kleine Chriſtoph auf ſeinem Werkbänk⸗ lein fortſchlief, und von ſeinen Eltern träumte, die er nie gekannt hatte, nunmehr aber im lichten Him⸗ mel fand, wo ſie ihm die vielen Thränen abtrockne⸗ ten, die er bisher auf Erden geweint hatte. Als Frau Martha mit dem Säumen des Rockes beinahe fertig war, fiel ihr ein, daß noch Feuer auf dem Herde brannte, wo ſie für ſich und den kleinen Chriſtoph das 81 das Feuer zu löſchen hinaus, und verweilte dort län⸗ gere Zeit, um Einiges in der Küche zu ordnen. Da wurde es laut vor dem Hauſe, denn Meiſter Reichhard und ſein Weib waren mit dem ſchwedi⸗ ſchen Rittmeiſter und den Geſellen heimgekehrt. Der Letztere war müde vom Ritt, und hatte ſich daher nicht lange beim Feſte der„Waiſen⸗ aufhalten wol⸗ len, ſondern betrat gern das Oberſtübchen des Schnei⸗ ders, wo er ſich auf das kurze Bett hinſtreckte, ſo gut es ſein langer Körper zuließ. Auch Meiſter Reich⸗ hard und die Uebrigen gingen alsbald zur Ruhe, nur Frau Margarethe ſtand noch ein Weilchen weh⸗ müthig lächelnd vor dem auf dem harten Werkbänklein ſanft ſchlummernden kleinen Chriſtoph.—„Armer Knabe!“— ſagte ſie—„wie ſanft er da ſchlum⸗ mert! Und nicht einmal ein Kiſſen hat er unter dem Köpfchen.“— Sie ſchob dann dem ſchlafenden Kna⸗ ben ihre zuſammengeballte Schürze unter den Kopf. Chriſtoph aber träumte fort; ihm war es, als ob er im lichten Himmel ſich befände, und dort von ſeinen niegekannten Eltern liebkoſet würde. Doch bald wurde ſein Traum unruhiger; zwiſchen den füßen Lauten, mit denen er von Vater und Mutter begrüßt wurde, donnerten an ſeine Ohren die Scheltworte des Mei⸗ 82 ſters, weil der Rock nicht beſchnitten und geſäumt, den er ihm am Abende vorher übergeben hatte. Vom ſchreckhaften Traume plötzlich erwacht, blickte Chriſtoph, aus ſeinem ſchönen Himmel ge⸗ fallen, auf die Werkbank. Der grüne Tilly⸗Rock lag noch dort; hoch oben vom Himmel blickte aber der Morgenſonne erſter Strahl in die dunkle Kammer. Halb ſchlafend, mit kaum geöffneten Augen raffte ſich der arme Junge empor und griff mit fieberhafter Haſt nach dem Rocke, eingedenk der eiſernen, ſchonungs⸗ koſen Strenge ſeines Meiſters, wenn die anbefohlene Kürzung und Einſäumung am Morgen nicht vollen⸗ det wäre. Chriſtoph ergriff alſo zuerſt die Schere und ſchnitt, ohne weiter oder neben ſich zu ſchauen, in den Rock, beſchnitt denſelben, und ſäumte ihn dann ſo ſchnell als er konnte, ein. Er war mit dieſer Arbeit noch nicht zu Ende, als mit dem erſten Hahnſchrei der lange Fritz ſchon über die Treppe pokterte und nach Meiſter Reichhard rief. Dieſer trat alsbald aus ſeiner Schlafſtube, und im Hauſe entfaltete ſich reges Leben. Bald ſtand eine Bohnenſuppe nebſt friſchem Brote auf dem Holz⸗ tiſche, und die Männer ſetzten ſich zum Frühtrunk nieder, den Meiſter Reichhard mit echt böhmiſchem Weißbier aus einem hölzernen, mit Krok's und Sa⸗ 83 mo's Bildniſſen verzierten Jagdbecher, einem alten Erbgute ſeiner Familie, dem ſchwediſchen Rittmeiſter zubrachte. Da fiel ſein Blick auf den noch immer emſig nähenden Lehrling.—„Ei, fauler Burſche!“— rief er—„haſt wohl die Nacht verſchlafen, daß du jetzt noch an dem Rocke des kleinen Marſchalls fädelſt, als wollteſt du des Doktors Fauſt Hausmäntlein daraus zuſammenflicken.“ In dieſem Augenblicke trat die Schwägerin des Meiſters in die Stube. Sie hatte die letzten Worte des Schneiders vernommen.„ Ei, Schwager,“— ſagte ſie lächelnd,—„der grüne Rock da braucht keinen Stich mehr, hab ihn ſelber noch vor Mitternacht halb handbreit beſchnitten und geſäumt, wie Ihr es geheißen, denn wahrlich, den kleinen, todtmüden Jun⸗ gen da aus dem Schlafe zu wecken, hätte mich Sünde gedünkt.—“ Chriſtoph ließ die Nadel ſinken und ſtarrte die Sprecherin mit offenem Munde an. Meiſter Reich⸗ hard aber trat auf den Knaben zu, riß ihm den nun wiederholt gekürzten Rock aus den Händen, und hielt bleich wie eine Seemöve ihn in die Höhe.— „Was iſt mit dem Rocke geſchehen?“— ſchrie er. „Den hab ich beſchnitten und geſäumt,“— ſagte 84 mit freundlichem Geſichte, das große Selbſtbefriedi⸗ gung verrieth, Frau Grete, die Schneiderin, indem ſie mit der zweiten Auflage der Bohnenſuppe in die Stube trat.—„Ja,“— fuhr ſie fort, als ſie das ſeltſame Farbenſpiel auf den Geſichtern ihres Man⸗ nes und ihrer Schwägerin ſah,—„der arme Junge dauerte mich, er ſchlief ſo ſüß auf dem Werkbänklein, und da hab ich ſtatt ſeiner noch in der Nacht den Rock halb handbreit, wie du, lieber Mann, es gehei⸗ ßen haſt, beſchnitten und geſäumt.“ „Aber ich auch!“— ſchrie Frau Martha entgegen. „Und ich auch!“— winſelte Chriſtoph Wunſch, der kleine Nadeljunge. Ein brüllendes Gelächter des langen Rittmei⸗ ſters, und zuckende Blitze aus Meiſter Reichhard's glühenden Augen folgten jetzt. Dann brach nach minu⸗ tenlanger Stille der Sturm los.—„Alſo dreimal beſchnitten, und dreimal geſäumt!“— donnerte Reich⸗ hard.—„Herr Gott von Mannheim! donnere Du darein in dieſes Geſchlecht, abſtammend von Bi⸗ leam's Laſtthier, und würdig, ſammt und ſonders aus dem Hauſe gejagt zu werden, bis dahin, wo die Grenze des Landes zu Ende läuft! Einem hab ich aufgetragen den Rock zu beſchneiden, und Drei haben daran geſchneidert, daß Gott erbarm!—“ Dann wandte ſich der vor Wuth zitternde Meiſter, den ſo⸗ wohl der ſchwediſche Rittmeiſter als die beiden Frauen vor einer Mißhandlung des Lehrjungen abzuhalten ſuchten, gegen dieſen Letzteren.—„Aus dem Hauſe, Burſche!“— rief er,—„aus dem Hauſe, ehe mein Zorn dich erdrückt.“ Der kleine Schneiderjunge ſtand in den nächſten zehn Minuten wieder obdachlos im Gebüſche, und blickte nach ſeinem verunglückten Debut auf dem Schneiderbänklein, eine arme verlaſſene Waiſe, in die zerriſſenen grauen Wolken hinaus, welche der Herbſtwind über den Böhmerwald jagte. Aber ehe der arme Junge mit thränenden Augen ſein Bündel aufnahm und wieder in die weite Welt hinauszog, ſchlich die gute Frau des Schneidermeiſters hinter ſei⸗ nem Rücken daher.—„Chriſtoph,“— ſagte ſie, und ein paar ſchwere Tropfen ſtanden in ihren An⸗ gen—„Chriſtoph, du mußt unſer Haus verlaſſen, denn mein Mann duldet dich nicht mehr, aber du ſollſt nicht leer und hilflos von dannen gehen.“— Die gute Frau drückte dem armen Knaben ein Sil⸗ berſtück, Alles was ſie ſelbſt beſaß, in die Hand.— „Wandere, mein lieber Junge,“— fuhr ſie leiſe fort—„wondere dem Rieſengebirge zu; in Trau⸗ tenau, nicht weit von der Felſenſtadt, wohnt meine Baſe, die Leinweberin; dieſer überbring von mir Gruß und Kuß, und du wirſt bei ihr geborgen ſein, wie du es in unſerm Hauſe bisher warſt. Im näch⸗ ſten Frühjahre, wenn der Schnee auf dem Rieſenge⸗ birge ſchmilzt, will ich euch beſuchen.“ Die gute Frau konnte nicht weiter ſprechen, und ſie durfte es auch nicht thun, denn fern aus dem Hauſe erſchallte die Stimme ihres noch immer wü⸗ thenden Mannes. v. Zu ſpät. Auch nicht der Trabanten Schaar Bringt den König außer Gfahr. Altdeutſches Sprichwort. Der Monat Februar des Jahres 1634 ſchüttete ſeine Flocken über die Berge Böhmens. Im Stabs⸗ quartier zu Pilſen waren die Generäle und Ober⸗ ſten des Herzogs von Friedland verſammelt. Große Dinge bereiteten ſich vor. Ein ſchwarzer Stern ſchwebte über dem Haupte des mächtigſten Mannes im Königreiche. Die Umgegend von Pilſen bot das Bild eines großen Schachbrettes: Bauer, Rößlein und Thurm zogen unter einander, und auch die Lau⸗ fer ſah man ſchon in verſchiedenen Richtungen zie⸗ hen, denn es galt ein großes Schach dem Könige, der bald in der linken Ecke des Schachbrettes ſein letztes Aſyl zu ſuchen bemüßigt ſein ſollte. 88 Nicht weit von Pilſen zog in der Abenddämme⸗ rung auf beſchneitem Wege auch ein Knabe über den Bergrücken. Es war unſer kleiner Schneiderjunge, Chriſtoph Wunſch, der wieder hinausgeſtoßen in die weite Welt, ſeinem ferneren unbekannten Schickſale entgegenging. Einige Monate hatte er ſein Glück bei einem andern Schneider in der Nähe von Stra⸗ konitz geſucht. Als aber dieſer geſtorben, hatte er wie⸗ der ſein Bündlein geſchnürt, und ging nun frierend und hungernd den Waldabhang hinab, um nach Pil⸗ ſen zu kommen. Er ſtand nahe an einem dichten Tannengebüſch, als zugleich mit dem Schalle des Abendglöckleins einer benachbarten Dorfkirche auch ein Hilferuf eines Verfolgten an ſein Ohr tönte. Furchtlos, wie er von ſeinem Pflegevater am Hirſchberge erzogen worden, eilte er näher. Da ſah er eine lange dunkle Geſtalt mit einer andern weißen ringen, welch Letztere die Hülferufe der Erſteren mit Flüchen in böhmiſcher Sprache beantwortete. Kaum dieſer Gruppe anſichtig, bedachte Chriſtoph nicht, daß ſeine geringe Körperkraft hier wenig Hülfe leiſten könne. Muthig ſchwang er ſeinen Knotenſtab, und rannte mit dem kauten Rufe:„Hier iſt Hülfe!“ auf die Gruppe zu. 89 Die weiße Geſtalt hatte dieſen Ruf ſogleich ver⸗ nommen. Bei dem Heranſtürmen des Knaben rollte eine Schütte Kieſelſteine unter deſſen Füßen in das Wäldchen hinab; das mochte bei dem Weißen die Vermuthung hervorrufen, daß mehre Leute heran⸗ nahen, er wendete ſich daher gegen den Anſtürmenden. Aber ſogleich ſeinen Irrthum erkennend, erfaßte er wieder ſeinen Gegner, der ſich eben losreißen wollte, und ſein breites Schwert blitzte durch die Lüfte, wäh⸗ rend der kleine, muthige Knabe mit ſeinem Knoten⸗ ſtock bewehrt, vergebens auf ihn eindrang. Der Kampf war zu ungleich; ein unbewehrter, greiſer Mann und ein Knabe gegenüber einem voll⸗ kräftigen Soldaten, deſſen eiſerne Züge jetzt der her⸗ vortretende Strahl des Mondes erkennen ließ!— Es war offenbar ein Straßenraub, der hier verübt werden ſollte. Mit einem neuen Fluche hob der Soldat ſein breites Schlachtſchwert, um den auf ihn eindringen⸗ den Knaben niederzuſchmettern. Aber ſeine Klinge prallte an einer andern ab, und„halt an!“ donnerte es ihm entgegen. Eine Blendlaterne tauchte jetzt im Gebüſche her⸗ vor, und beleuchtete die Gruppe. Ein Reitersmann, in einen weißen Mantel gehüllt, ſtand wie eine Mar⸗ 1861. R. Ein böhm. Student. I. 6 90 morſäule auf dem Tannenhügel, weiter unten ein ſtämmiger Dragoner⸗Offizier, welcher den Streich des räuberiſchen Soldaten ſoeben aufgefangen hatte. Zu deſſen Füßen lag der aus einer Stirnwunde blu⸗ tende Knabe, und neben ihm ſtand der Wegelagerer, deſſen Fauſt das halb zerriſſene Kleid ſeines Opfers noch umſpannte. Hinter dem Reitersmann auf dem Hügel trat allmälig eine Anzahl bewaffneter Krieger aus dem Gebüſche, die ſogleich einen Kreis um die Gruppe ſchloſſen. „Gott meiner Väter, ſei geprieſen!“— rief jetzt der greiſe Mann im ſchwarzen Talar,—„die Ret⸗ tung kam zur rechten Stunde!“ „Ein Raub!“ rief der Dragoner-Offizier, welcher den für den Knaben beſtimmten Hieb aufgefangen hatte. Mit ſtarker Fauſt hielt er dieſen, der ſich ſeiner Hand entwinden und das Weite ſuchen wollte, nieder. Der Reitersmann auf dem Hügel ließ jetzt ſei⸗ nen Blick über die Gruppe ſchweifen.—„Laß die Beſtie hängen!“— donnerte er. Zehn Soldaten ſeiner Begleitung ſtürzten ſo⸗ gleich vor.—„Gnade!“— ſchallte es von den Lip⸗ ven des Verurtheilten; aber in der nächſten Sekunde —„meinetwegen ſoll kein Weſ 9¹ lag er unter einer himmelhohen Fichte, wo ihm raſch aus Baumbaſt ſein letztes Halsband geknüpft wurde. Der hohe Mann im weißen Mantel trat jetzt auf die Befreiten zu, während mehre Handlaternen ſei⸗ ner Begleiter die Szene erleuchteten. „Ein Jude!“— ſagte er, indem er den langen hageren Mann im ſchwarzen Talar betrachtete. „Herr! Euch ſegne der Gott Abrahams und Ja⸗ kobs!“— rief dieſer, indem er ſein Haupttief neigte. „Ihr ſeid wahrlich zur rechten Stunde gekommen, ſonſt läge Rabbi Löw jetzt als Leiche hinter dieſen Fichten.“ „Rabbi Bezabel Löw?“— fragte der Hohe;— „der kluge, weiſe Meiſter der geheimen Wiſſenſchaft aus Böhmens Hauptſtadt?“ „So neunt mich das Volk,“— entgeguete ſich noch einmal verneigend der Jude,—„ich aber bin weder klug noch weiſe, Herr, denn wäre ich das, ſo wäre ich nicht bei Nacht und Nebel mit mei⸗ nem Roſſe in dieſe Einöde getrabt, ſondern hätte die Warnung beachtet, die mir gute Leute in der letz⸗ ten Herberge gegeben, mich nicht den in dieſer Ge⸗ gend jetzt ſo häufigen Angriffen räuberiſcher Nachzüg⸗ ler auszuſetzen. Aber, Herr,“— ſetzte er bittend hinzu, ſen verathmen auf Got⸗ 6* 92 tes weiter Erde, ſchenkt dem Manne, der mich ange⸗ griffen, das Leben!“ „Ehre dem Manne, der eine ſolche Bitte thut in dieſem Augenblicke,“— lautete die Erwiderung;— „aber wie kann der weiſe Rabbi, das Vorbild der Ge⸗ rechtigkeit in ſeinem Volke, fordern, daß ein elender Wegelagerer, der ſeinen Stand entehrt, indem er auf Raub ausgeht, ungeſtraft bleibe?“ „Hat mir der Herr zehntauſend Pfund erlaſſen, warum ſoll ich dem Bruder nicht hundert Pfennige ſchenken?“— entgegnete der Rabbi ſanft. „Wer iſt der Knabe da?“— fragte der Hohe, indem er jetzt auf den faſt ohnmächtig daliegenden Chriſtoph Wunſch deutete. „Herr, ich kenne ihn nicht,— entgegnete der Rabbi;—„aber ihn ſandte Jehova, der zu rech⸗ ter Zeit mit ſeiner Hülfe kam, und ſo jung und ſchwach er noch iſt, ſo ſchwang er doch ſeinen Stock, um mir Hülfe zu leiſten gegen meinen Bedränger.“ Chriſtoph Wunſch, von dem Rabbi unterſtützt, erhob ſich jetzt. Der Hohe blickte ihm lange ins Auge. —„Woher, Knabe?“— fragte er dann. „Aus Forbes bei Budweis,“— antwortete mit ſchwacher Stimme Chriſtoph Wunſch. „Was ſuchſt du in dieſen Wäldern?“— fuhr Jener fragend fort. Chriſtoph Wunſch gab mit wenigen Worten Aus⸗ kunft über ſein Schickſal. Der Hohe blickte ihm theilnahmsvoll ins Auge.— „Du gefällſt mir, Knabe,“— ſagte er,—„kühn und beſonnen im rechten Augenblicke, ohne rechts noch links zu blicken, der eigenen Kraft vertrauend— ſo will ich die, denen ich trauen mag.“ Er wandte ſich jetzt zu dem Dragoner⸗Offizier an ſeiner Seite und befahl ihm:„Sorgt dafür, Oberſt, daß der Knabe verbunden und gepflegt werde.— Dann zog er ſeinen Siegelring vom Finger und ſprach: „Nimm, Junge, und bring mir den Ring, ſobald du von deiner Stirnwunde geheilt biſt, nach Eger, wohin wir morgen abgehen; wir wollen ferner für dich ſorgen.“ „Rabbi,“— ſagte er dann zu dem Juden gewen⸗ det—„in der böhmiſchen Hauptſtadt ſehen wir uns wieder.“ Der Jude wollte noch einmal danken, er wollte auch die Hände des muthigen Knaben faſſen, und die⸗ ſem ſagen, daß auch er für ihn ſorgen, und ihn nach Prag mit ſich führen wolle, aber die des kurzen Kom⸗ mandos gewohnten Soldaten hatten den muthigen 94 Jungen ſchon zur Seite entführt, und drüben hinter dem Fichtenwäldchen zogen die Andern nach Pilſen hinab, welche den Befehl ihres Herrn ausgeführt, und den räuberiſchen Nachzügler zum warnenden Beiſpiele für Andere, an die höchſte Fichte des Waldes geknüpft hatten. Acht Tage lag Chriſtoph Wunſch in der Waldher⸗ berge, bis ſeine Stirnwunde zu vernarben begann. Dann zog er wieder hinab in die nordweſtlichen Flu⸗ ren Böhmens, der fruchtbaren Gegend von Eger zu. Es war der Faſchingmontag, der 26. Februar, als Chriſtoph den Waldweg gegen die Feſtung, in welcher das Terzky'ſche Regiment lag, hinabſtieg. Der jugend⸗ muthige Knabe freute ſich im Stillen, nun am Ziele ſeiner traurigen und mühſeligen Tage zu ſtehen, und durch Gottes wahrhaft wunderbare Führung endlich den Mann gefunden zu haben, der ſich ſeiner anneh⸗ men und ihn auf die Ehrenbahn des Kriegers gelei⸗ ten werde, wo er Nadel und Schere mit dem Degen vertauſchen, vielleicht auch emporklimmen würde auf der Leiter, die zuletzt zum Generalshute führen könnte. Aber lautlos ſchien es in der Feſtung zu ſein; keine Trompetenklänge, kein Pfeifenklang ſchallte dem Knaben entgegen, als er an der erſten großen Zug⸗ brücke anlangte. Verdoppelte Wachen ſtanden an der⸗ 95 ſelben. Ein Hauptmann der Arkebuſiere trat ihm auf der eben herabgelaſſenen Zugbrücke entgegen.—„Zu⸗ rück, Knabe!“— rief er,—„hier darf Niemand paſ⸗ ſiren, trage deinen Bettelſack in's Land hinaus.“ Der muthige Knabe ließ ſich jedoch nicht ſo leicht zurückweiſen.— rief er dem Offizier ent⸗ gegen,—„ſchaut einmal dieſen Ring an meinem Fin⸗ ger näher an, dann führt mich zu dem, dem er ge⸗ hört.“ Der Offizier beſah den Ring.—„Du biſt alſo der muthige Junge,“— rief er,—„von dem ſie im Lager erzählen, daß er in den Pilsner Wäldern ſich dem Nachzügler, der einen Juden ſchlachten wollte, entgegengeſtellt?— Aber, Burſche,“— ſetzte er hinzu, —„du kommſt zu ſpät!“ Chriſtoph Wunſch wollte noch reden, doch der Offi⸗ zier ſteckte lachend den Ring, den er dem Knaben ab⸗ genommen hatte, an ſeinen eigenen Finger.—„Der, den du ſuchſt, Junge,“— ſagte er dann,—„der ſchläft, oder beſſer, er iſt verreiſt; wandere alſo nur ins Rieſengebirge, und ſuche den Rübezahl auf, damit er dich in ſein Haus auf der Schneekoppe aufnehme; denn hier findeſt du den Eingang nimmer. So du dich aber in nächſter Stunde noch hier, oder in der 96 Umgegend betreten laſſeſt, jage ich dir eine Kugel durch den Kopf!“ Darauf flog die Zugbrücke empor, und der arme Schneiderjunge ſtund wieder rath⸗ und hülflos auf dem Wege.— Dem rauhen Soldaten, der ihm die⸗ ſen wies, war es offenbar um den koſtbaren Ring zu thun, den er dem Knaben abgenommen; er würde auch gewiß Chriſtoph den Eingang in die Feſtung nicht wieder geſtattet haben. Dies überlegte der kluge Knabe im Stillen, warf daher ſein Bündel über den Rücken, und wanderte wieder in die weite Welt hinaus, entſchloſſen in günſtigerer Zeit wiederzukommen, vorerſt aber dem Rieſengebirge zuzuwandern, um die Baſe der Schneiderin von Forbes zu Trautenau auf⸗ zuſuchen. VI. In der elſenſtadt. Te saxa loquuntur. Im Königgrätzer Kreiſe Böhmens, unweit von Trautenau, ſtarrt ein großartiges Naturgebilde, ein ſtei⸗ nernes Rieſendenkmal jener Urzeit, wo der Allmächtige die Schleuſen des Himmels und die Brunnen der Tiefe öffnete, zum Himmel empor. Es iſt dies die gewaltige Felſen ſtadt bei Adersbach. Hier hat die Natur durch eigene Kraft, ohne Zuthun künſtelnder Menſchenhände, eine Reihe von Felſenmaſſen hingeworfen, welche Gäſſen und Häuſer, Burgen und Paläſte bilden, und die man nach ihren Aehnlichkeiten verſchieden benannt hat. Wahrhaftig großartig tritt vor Allem auf einer Wieſe am Eingange der Felſenſtadt ein ungeheurer Zuckerhut dem Beſchauer entgegen, ein thurmhoher Felsblock nämlich, welcher ganz die Geſtalt eines rie⸗ ſenhaften Zuckerhutes hat, deſſen breite runde Grund⸗ fläche aber nach oben gekehrt iſt, während ſeine Spitze im Waſſer ſteckt. Nahe dieſem Felsblocke ſaß in den erſten Märztagen des Jahres 1634 ein Knabe, auf deſſen runden Wangen der Nordhauch ein paar Roſen gemalt hatte. Vergebens ſuchte er ſich mit den faden⸗ ſcheinigen Lappen ſeines leichten Mäntelchens gegen den Wind zu ſchützen, der durch die Klüfte der Felſen⸗ ſtadt herüberwehte. Der Knabe war Chriſtoph Wunſch, welcher, ſeit ihm die Thüre des Schneiderhäuschens bei Forbes verſchloſſen war, nirgends ein längeres Obdach gefunden, und nunmehr von Eger aus nach Trautenau gekommen war. Aber die Kriegsſtürme hatten auch die Hütte der Baſe der Schneidersfrau von Forbes verweht, an der Stelle des Häuschens derſelben lag ein Aſchenhaufen, und Chriſtoph Wunſch konnte dieſe Baſe nicht mehr auffinden. Da wollte er der ſchleſiſchen Grenze zuwandern, um jenſeits der⸗ ſelben Arbeit zu ſuchen, oder wenn er dieſe nicht fände, ſich bei irgend einer Abtheilung der nach Böhmen einmarſchirten Truppen als Troßbube aufnehmen zu laſſen. Die Zeit war damals eine wahrhaft traurige. Ueberall herrſchte der Soldat, der Bauer und Bürger aber ſuchten vergebens ihr Eigenthum gegen die Will⸗ 90 tür desſelben zu vertheidigen. Ganze Strecken lagen im Lande unbebaut, denn der Ackersmann, deſſen Saat von den Roſſen des Kriegers verzehrt oder zertreten wurde, griff zuletzt gleichfalls nach dem ein⸗ träglicheren Geſchäfte des Kriegsmannes und ver⸗ tauſchte die breite Pflugſchar mit dem langen Schwerte. Wer kümmerte ſich in dieſer Zeit der Wirren um einen heimatloſen Schneiderjungen! Chriſtoph ſtützte ſein Lockenhaupt auf die Hand, und betrachtete mit naſſem Blicke die vom Strahle der Abendſonne roth⸗ geſäumten zerrinnenden Wolken, welche ſich ober den Zinken der Felſenſtadt gelagert hatten. Die Phan⸗ taſie des Knaben, welcher während ſeiner Wanderung in dieſen Thälern und Bergen bereits vielfach die Sage von dem gewaltigen Berggeiſte Rübezahl und ſeinen dienſtbaren Gnomen und Kobolden auf der Hochkuppe der Rieſenberge vernommen hatte, malte ihm die ſeltſamften Geſtalten vor, die er in den Um⸗ riſſen der über der Felſenſtadt ſchwebenden Wolken zu erkennen glaubte. Da zitterte er plötzlich aus ſei⸗ nen Träumen auf, denn die dunklen Geſtalten zweier Männer in ſchwarzen Mänteln, die er in den ver⸗ ſchwimmenden Wolken zu erkennen glaubte, ſtanden an ſeiner Seite. „Was ſuchſt du hier, Knabe?“— herrſchte ihm 100 einer der Beiden zu. Er war ein langer hagerer Mann mit erdfahlem, von geblichen Haaren umſchatte⸗ ten Geſichte. Als er ſeine dürre Hand aus den Fal⸗ ten des Mantels hervorſtreckte, glänzte der vergol⸗ dete Griff eines langen, eiſenbeſchlagenen Alpenſtockes dem Knaben entgegen. Dieſer ſprang auf und ſtarrte die beiden Männer an. Aber der Andere, ein kleiner, ſtämmiger Mann mit wahrhaft feuerblitzenden Augen und einem runden Hütchen auf den geſcheitelten Haaren, drückte den Knaben auf deſſen Sitz nieder.—„Fürchte dich nicht, Junge,“— ſagte er mit wohlklingender Stimme im gebrochenen Deutſch,—„wir thun dir kein Leid an.“ „Ich mich fürchten?“— entgegnete ſich raſch em⸗ porrichtend Chriſtoph Wunſch,—„vor wem ſollte ein armer, heimatsloſer Waiſenknabe ſich fürchten? Ich fürchte nur Gott, den wir fürchten, und auch lieben ſollen,“— ſetzte er mit ſanftem Nachdrucke hinzu. „Armer, heimatsloſer Waiſenknabe?“— fragte der Kleinere der Männer, indem er den andern be⸗ deutungsvoll anblickte. „Da wäre vielleicht der rechte Bote gefunden,“— murmelte der Andere vor ſich hin.„Höre, Junge,“— ſagte er dann zu Chriſtoph gewendet,—„nach den paar Worten, welche wir ſoeben mit einander geſprochen, S 101 zu urtheilen, ſcheint mir, daß du eben ſo arm, als entſchloſſen und muthig biſt. Wohin führt deine Straße?“ „Weiß ich es?“— entgegnete Chriſtoph Wunſch, —„wohin der Himmel meine Füße eben lenken wird.“ „Dein Vertrauen auf den Himmel iſt groß,“— ſagte der Kleinere der beiden Männer lächelnd;— „nun, über die Gunſt des Himmels darfſt du dich, ar⸗ mer Junge, mit deinem fadenſcheinigen, zerriſſenen Mäntelchen bisher wahrlich nicht beklagen— ver⸗ ſuch's einmal mit der Hölle und—“ „Herr! redet nicht ſo gottlos!“— fiel der Knabe ein. „Was gottlos!“— rief lachend der Kleine.— „Schwert und Thaler, das ſind jetzt die Götter der Erde; hilf dir ſelbſt, ſagt der Himmel, dann wird dir geholfen!“ Auch der größere der beiden Männer verzog ſein Geſicht zum hämiſchen Lachen.—„Ja, mein Junge,“ — ſagte er, den Knaben auf die Schulter ſchlagend, —„laß deinen frommen Glauben auf die Vorſicht des Himmels, und ſuche einen andern Weg einzuſchla⸗ gen, dann werden ſich die Löcher deines fadenſcheini⸗ gen Mäntelchens bald ausfüllen. Aber freilich, für 102 dieſe Lebensphiloſophie biſt du noch zu jung, und kannſt, was ich meine, nicht umfaſſen.“ „Damit du aber wiſſeſt, wie du das Ding anfaſ⸗ ſen mußt,“— fuhr der andere der beiden Männer fort,—„um wenigſtens einen andern Weg zu neh⸗ men, ſo ſchau dieſe drei blanken Thaler, die ſind dein, wenn du für uns einen Gang nach Böhmen zurück⸗ thun willſt.“ Der Lange zog bei dieſen Worten drei blitzende Silberthaler aus ſeinem Wamſe. Chriſtoph Wunſch ſtarrte das Geld an; ſo ſchöne blanke Tha⸗ ler hatte er in ſeinem Leben noch nicht geſehen. Der Mann aber fuhr fort:„Wenn du, wie du ſagſt, ein armer, heimatsloſer Knabe biſt, ſo wird es dir gleichviel ſein, wohin du eben wanderſt. Das Geld wirſt du wohl brauchen können, um dir in der näch⸗ ſten Stadt ein beſſeres Gewand zu kaufen. Es iſt dein, wenn du ins Thal hinabſteigſt, und ohne Auf⸗ enthalt, und ohne Jemanden im Geringſten von die⸗ ſer Sendung etwas mitzutheilen, nach Jiéin hinab⸗ gehſt, dort im herzoglichen Schloſſe um den Dürren⸗ teufel frägſt.“— Der Knabe horchte hoch auf, der Sprecher aber fuhr fort:„Man wird dir dann Einen zeigen, dem du nichts weiter als das zu geben haſt, was wir dir hier mitgeben; hörſt du, Junge?“ Bei dieſen Worten riß er einen Fuchsbart, 103 nämlich ein Haarbüſchel aus dem Schweife eines Fuchſes, wie die ſchwediſchen und norwegiſchen Jäger zuweilen einen ſolchen als Zeichen einer guten Jagd⸗ beute zu tragen pflegen, vom Hute; ſein Begleiter aber ſprang auf die Wieſe hinab, und pflückte von einer hinter dem ſchmelzenden Schnee hervorſchielen⸗ den grünen Stelle ein Kleeblatt.—„Da,“— ſagte er, indem er das Blatt dem Knaben reichte,—„ein Klee⸗ blatt und ein vierblättriges dazu, das lege zu dem Fuchsbarte und bringe es dem, den dir mein Freund ſo eben nannte. Aber eile, denn er muß Beides bald in Händen haben; auch mußt du ihm ſagen, wer dir dieſe Gegenſtände gegeben, und wo du uns verlaſſen haſt, dann daß die, welche dir dieſe Dinge einhändig⸗ ten, durch volle drei Tage noch auf ſichere Nachricht aus dem Schloſſe von Jiéin warten wollen.“ Chriſtoph Wunſch wußte nicht wie ihm geſchah. Plötzlich ſtand er allein da, denn ſchon in der nächſten Minute waren die beiden Männer in den Klüften der Felſenſtadt verſchwunden. Der Knabe ſtieg, die drei Silberthaler in ſeiner vom Froſt erſtarrten Rechten haltend, als er ſich allein ſah, den Felſen hinab, und ſchlug den Fußweg nach Trautenau ein. Des Wetters und Windes gewohnt, wanderte er nach kurzer Ruhe in der Herberge von Trautenau die Straße nach Jiein 104 hinab, wo er am Abende müde und erſchöpft vor dem neuen Schloſſe anlangte, welches der Friedländer in den Jahren 1623— 1630 erbaut, und das ihm nach ſeiner erſten Abſetzung längere Zeit zur Reſidenz ge⸗ dient hatte. Als Chriſtoph die Glocke vor dem großen Thore zog, öffnete ihm Niemand. Das Schloß ſchien wie ausgeſtorben; denn obwohl eine düſtere Märznacht heraufgezogen war, leuchtete doch keine Flamme in den Gemächern. Todesruhe ſchien ſich hier niederge⸗ ſenkt zu haben. Da bog der ehrliche Knabe, der ſeine drei Thaler nicht umſonſt empfangen haben wollte, um die andere Ecke des Schloſſes. Dort knarrte auf ſein Klopfen ein kleines Hinterpförtchen, und ein alter Mann im grauen Wollwamſe, mit finſterem, bleichem Geſichte, ſchen um ſich blickend, trat heraus. „Was ſuchſt du, Knabe?“— fragte er in böhmi⸗ ſcher Sprache. Chriſtoph Wunſch, deſſen einſtiger Nährvater, der Forſtwart am Hirſchberge, ihm einige Kenntniſſe der böhmiſchen Sprache beigebracht, antwortete mit dem üblichen frommen Gruße:„Gott mit Euch!“ Der Graue erwiderte den Gruß nicht, ſondern betrachtete nur mitfinſteren Blicken und ſichtlichem Mißtrauen den Grüßenden; dann murmelte er unverſtändliche 105 Worte zwiſchen den Zähnen.—„Du trägſt ja auch einen ſpaniſchen Marienpfennig am Halſe,“— ſagte er nach längerer Pauſe mit heiſerer Stimme;—„kommſt gewiß auch um auszukundſchaften, wo ſeine Schätze, aufgeſpeichert liegen? Nicht wahr?“ Chriſtoph ſchob den vergoldeten Gnadenpfennig, ein Geſchenk der Schneidersfrau in Forbes, unter ſein Wollwams und zog das Papierblättchen heraus, worein er den Fuchsbart und das Kleeblatt, welches ihm die ſeltſamen Männer in der Felſenſtadt bei Adersbach gegeben, gewickelt hatte.—„Ich dachte,“ — ſprach er,—„ich ſuche—“ „Das Weite!“— donnerte ihm der Graue ent⸗ gegen,—„fort, Lungerer! und ſage denen, die dich ge⸗ ſandt haben: Der Friedland iſt zwar todt, aber ſeine treuen Diener leben noch, und das Schloß bleibt je⸗ dermann unzugänglich, bis Familienbefehle einlangen, es zu öffnen.“ Aber der Knabe ließ ſich nicht ſo leicht zurückwei— ſen.—„Herr,“— ſagte er,— ſeht Ihr wahrhaftig ſo grimmig aus, daß ich meine: Ihr ſeid der, nach den ich fragen ſoll— der Dürrenteufel.“ Bei dieſem Namen zuckte der Alte zuſammen.— „Und was willſt du von dem?“— fragte er. 1861. X Ein böhm. Student. I. 7 106 „So ſeid Ihr alſo der Dürrenteufel?“— rief der Knabe. „Nein,“— entgegnete der Alte raſch;—„aber du kannſt und ſollſt mir Alles ſagen, was du dem, den ſie alſo nennen, mittheilen ſollteſt. Was für eine und von wem bringſt du die Botſchaft?“ „Scht einmal an,“— fuhr Chriſtoph fort, „was in dieſem Papiere enthalten iſt. Es wurde mir von zwei Reiſenden im Gebirge bei Adersbach über⸗ geben, und mir zugleich ein Lohn von drei Thalern eingehändigt, wenn ich es im Ficdländiſchen Sh loſſe zu Jiein an den Dürrenteufel übergäbe. Ich kann aber die drei Thaler nicht mit gutem Gewiſſen behal⸗ ten, ſobald ſich Niemand im Schloſſe findet, der mir die Dinge abnimmt.“ Der Alte öffnete das Papier.—„Siehe da!“— rief er mit halblauter Stimme,—„der Fuchs und der Klee— ei ja, die kommen zu ſpät, und wiſſen wohl nicht, was ſich inzwiſchen in Eger begeben hat — und doch— ich muß ſie wohl warnen, ſonſt ren⸗ nen ſie den Hellebarden unſerer Feinde entgegen.— „Knabe,“— ſagte er ſchließlich, Chriſtoph zutraulich bei der Hand faſſend,—„drei Thaler empfingſt du von den Reiſenden in Adersbach für den Gang?“ 107 „Wie Ihr da ſeht,“— entgegnete Chriſtoph, den Alten die drei Silberſtücke hinhaltend. „Gut,“— ſagte dieſer,—„hier haſt du noch zwei dazu, gehe aber ſogleich die Straße nach Trau⸗ tenau und Adersbach zurück, und ſuche wo du nur kannſt die beiden Männer zu erſpähen, welche dir den Fuchsbart und das Kleeblatt gaben, erzähle ihnen das, was du jetzt zu ſehen bekommen wirſt.“ Mit dieſen Worten faßte der Alte den Knaben an der Schulter und zog ihn mit ſich. Er öffnete mit ſeinem Schlüſſel das Thor des Schloſſes, in welchem Todtenſtille herrſchte. Kein Menſchenlaut, nur das eintönige Hämmern einer großen Wanduhr in der Vorhalle begleitete Beide. Nach längerer Wanderung öffnete der Alte eine Wandthür. Nun bot ſich dem Blicke des Knaben ein mit ſchwarzen Teppichen be⸗ hangenes Gewölbe dar, in deſſen Mitte ein Katafalk ſtand, auf dem eine Leiche aufgebahrt war. Der Kata⸗ falk, neben welchem ein zerbrochenes Schwert, gleichſam zufällig hingeworfen lag, trug die Wappen eines der mächtigſten Männer jener Tage, Albrechts von Wald⸗ ſtein, Herzogs von Friedland. Nur einige Augen⸗ blicke geſtattete aber der Alte dem Knaben in dieſer Todtenhalle zu verweilen, dann drückte er ihm zwei Silberſtücke in die Hand, und befahl ihm zu eilen 7* 108 und an die Stelle, wo er jene Männer verlaſſen hatte, nach Adersbach zurückzukehren. Am nächſten Abende langte Chriſtoph wieder in Adersbach an, aber vergebens durchſtrich er die Schluch⸗ ten und Klüfte der Felſenſtadt, und ſtrengte ſeine Augen an, keine Spur war mehr von„Fuchs“ und „Klee“ zu ſehen. Unmuthig kletterte er daher auf die höchſte Spitze der Felſen. Breite, graue Wolkenmaſſen ſchwammen aus den Lüften nieder, und ſchier klagend lief der Windhauch zwiſchen den Felſen durch. Aber den muthigen Knaben beirrte weder der ſauſende Wind, noch die hereinbrechende Nacht. Hoch oben auf der höchſten Kante des Felſens beobachtete er den Untergang der Sonne, welche ſich rothglühend hinter den Bergen herabſenkte. Als es allmälig dunkler geworden, ſtieg Chri⸗ ſtoph vom Felſen herab, um wieder eine Nacht auf fremdem Lager zu ſchlafen, denn keine Heimat nannte er die ſeinige; und recht ſchwer fiel es ihm wieder auf's Herz, ſo ganz verlaſſen auf der weiten Erde dazuſtehen.—„Ich will nach Schleſien hinüberwan⸗ dern,“— ſagte er zu ſich,—„vielleicht finde ich dort Arbeit und ein Stück Brot, vielleicht“— ſetzte er bitter hinzu—„begegnet mir im Gebirge Rübezahl, 109 der Geiſt der Rieſenberge, und gibt mir Brot ſtatt der Steine, die ich auf allen meinen Wegen finde.“ Das Schickſal ſchien auf dieſen Seufzer gewartet zu haben, denn plötzlich richtete ſich vor dem armen Knaben eine lange, ſchwarze Geſtalt empor und ſchritt auf ihn zu. Chriſtoph wich überraſcht einige Schritte zurück. Der Mond warf einen langen, bleichen Strahl auf den Mann und den ſtaunenden Knaben.„Hier alſo finde ich dich, mein Sohn,“— begann der Er⸗ ſtere, und Chriſtoph Wunſch erkannte beim Mondes⸗ ſchimmer nun deutlich jenen Juden, dem er bei Pilſen gegen den räuberiſchen Anfall des Soldaten zu Hülfe geeilt war.—„Ich bin deiner Spur gefolgt, Knabe,“ — ſagte der Jude ſanft, indem er ſich auf einen Felsblock neben dem kleinen Wanderer niederließ.— „Nach vielen Nachforſchungen erfuhr ich am Thore der Stadt Eger, daß du dich dort angefragt habeſt, dann aber die Straße nach Norden gezogen ſeieſt. Ich folgte dir nach, denn Rabbi Löw kann nicht ſchul⸗ dig bleiben, was die Dankbarkeit ihn zahlen heißt. Und nun ſage mir, wer ſind deine Eltern; und was kann ich für dich thun?“ Da ward es licht in der Seele des kleinen Wan⸗ derers. Der arme Waiſenknabe, deſſen durch die Volksſage überlieferte, in der That ſeltſame Wan⸗ derungen wir ſo eben in ihren Umriſſen gezeichnet haben, erkannte mit ſeinem durch frühes Leiden geſchärften Blicke, daß einer jener Augenblicke für ihn gekommen, welchen die Vorſehung als Knoten⸗ punkt beſtimmt, um das Schickſalsgewebe eines Men⸗ ſchen daran zu binden. Seele fühlt ſich da zu Seele gezogen, und verwandte Geiſter begegnen ſich in menſchlichen Geſtalten. So war es auch bei Chriſtoph Wunſch. Er fühlte ſich ſogleich zu dem alten Juden mächtig hingezogen; es war ihm als erſtünde ſein Vater, den er nie gekannt, aus dem Felſengrabe, und legte ſeine Rechte ſegnend auf ihn, ſprechend:„Du biſt am Ziele deiner Leiden, arme Waiſe, von nun an ſollſt du wieder am Va⸗ terarme wandern.“ „Vater!“— rief der Knabe, indem er mit Inbrunſt die beiden Hände des vor ihm ſtehenden Greiſes faßte, und ein heißer Thränenſtrom ergoß ſich aus des Knaben Augen auf die Hände des Greiſes. Es ſchien, als ob die Rinde gebrochen ſei, welche Noth, Elend und Verlaſſenheit um das kummergewohnte Herz Chriſtophs gezogen hatten. Mit wenigen Worten erzählte er dem Rabbi die bisherige Geſchichte ſeines Lebens.— Da ſchloß ihn 111 dieſer gerührt in ſeine Arme.—„Ja, Vater will ich dir ſein! und der ſteinerne Löwe vor meinem Hauſe in Prag ſoll mich nicht mehr kinderlos in mein Haus ſchreiten ſehen!“ ——— VII. Der Dürrenteufel. Ich bin wie ein and'rer Mann, Nur daß mir Gott die Ehre gan. Kaiſer Maxl. Noch ragt auf einem Felskegel im Haſelgraben, einer meilenlangen Schlucht oberhalb des ſchönen Donauthales bei Linz, eine alte Veſte, der Wildberg, das Stammhaus der längſt ausgeſtorbenen Familie von Wildberg, empor. Sie iſt mit einem hohen, run⸗ den Thurme verſehen, ein achteckiges Gebände diente den einſtigen ritterlichen Bewohnern der Burg zur Wehre und als Wohnung. In der Mitte ragen vier leere, ſchwarze Mauerräume, das einſtige Königs⸗ zimmer der Burg, zum Himmel. Die beſſeren Ge⸗ bäude, namentlich der nördlich gelegene Trakt, wer⸗ den von Amtsperſonen des Schloſſes bewohnt, leer 113 und verfallen ſtarrt aber das dunkle Königszimmer empor— ſo genannt, weil dort einſt der Böhmen⸗ könig Wenzel IV. in Gewahrſam ſich befand, nach⸗ dem er im Jahre 1394 auf ſeiner Rückreiſe von Zebrak nach Prag während der Mittagstafel im Mi⸗ noritenkloſter zu Beraun vom Markgrafen Joſt aus Mähren und mehren böhmiſchen Großen gefangen⸗ genommen, und von Heinrich von Roſenberg zuerſt nach dem Schloſſe Pribsnitz, dann nach Krumau, endlich nach Wildberg in die Obſorge des Herrn von Starhemberg gebracht worden, von wo er erſt durch die Verwendung des Herzogs Albrecht von Oeſter⸗ reich und der übrigen deutſchen Reichsfürſten wie⸗ der befreit wurde. König Wenzel durchirrte als Gefangener jener Leſte gar häufig in ſicherer Begleitung den Hochforſt, und handhabte da ſeine Armbruſt, und wenn er ſich zuweilen in's Dickicht verirrte, empfing er dort ge⸗ heime Beſuche des— Dürrenteufels. Dieſer war der gefürchtete Anführer einer mähriſchen Räu⸗ berhorde, deren Hauptſitz Znaim, und deren Treiben vollkommen geeignet war, die Aufmerkſamkeit des Herzogs von Oeſterreich zu erregen, ſo daß er gegen ſie zu Felde zog. Aber im Lager Albrechts brach die Diſſenterie aus, auch der Herzog wurde von ihr er⸗ griffen, mußte ſich nach Kloſterneuburg bringen laſſen, und ſtarb im September 1404. Die Horde des Dür⸗ renteufels trieb noch lange ihr Unweſen, und ihr An⸗ führer flüchtete endlich in die Wälder von Oberöſter⸗ reich und Böhmen, wo ihn König Wenzel zum Bot⸗ ſchafter an ſeine Freunde, aus ſeinem Gewahrſam 3 Wildberg benützte. Um die geheimen Zuſammen⸗ künfte im Hochforſte des Wildberges möglichſt zu verdecken, ſtahl ſich der Dürrenteufel gewöhnlich in einem zottigen Mantel von Bären⸗ und Wolfsfellen durch den Hochforſt, und wußte von der Ruine St. Thomas aus, die damals eine von ihrem Beſitzer ver⸗ laſſene kleine Waldveſte war, durch ſeine Begleiter und Genoſſen unter dem andvolke das Gerücht eines im Wildberger Forſte herrſchenden Teufelsſpukes zu verbreiten. Erklärlich iſt es, daß ſich dieſes Gerücht noch lange nach Wenzels Befreiung aus Wildberg erhielt, und daß ſich nach dem Ableben des Böhmen⸗ königs die Kunde verbreitete, es wandle ſein Geiſt im Geleite des gleichfalls zur ewigen Höllenſtrafe verurtheilten Dürrenteufels allnächtlich auf den Höhen des Wildberger Forſtes umher. Das Geſpenſt des „faulen“ Wenzel und des Dürrenteufels lebte in der Voltsſage Oberöſterreichs bis in das 17. Jahrhun⸗ dert, und noch jetzt zeigt man auf dem höchſten Punkte 115 jenes Hochforſtes, dem„Lichtenberge“, deſſen Gipfel die neuerrichtete„Giſela⸗Warte“ ziert(welche zu Ehren der durchlauchtigſten kaiſerlichen Prinzeſſin Giſela ſo benannt wurde), einen breiten Stein, von welchem der Dürrenteufel zuweilen in nächtlicher Stunde ins Land herabgelugt, und gar ſeltſame Kla⸗ getöne ausgeſtoßen haben ſoll. Der Chorherr Franz X. Pritz erwähnt dieſes Räuberanführers beſonders in ſeiner Geſchichte des Landes ob der Enns*). Der Dürrenteufel iſt ſomit eine hiſtoriſche Per⸗ ſon. Sein Nachtbild gab aber, wie der Linzer Chro⸗ niſt Chriſtian Sind erzählt, zu einer„gar ergötzli⸗ chen Hiſtoria“ Veranlaſſung, ſo ſich auno 1481 post Christum natum zugetragen hat, und die wir in nuce mittheilen wollen: „Der Herbſt ſchüttelte am 11. Abende des zehn⸗ ten Jahrmondes, das iſt am Vorabende des Feſtes des heil. Maximilian im Jahre 1481, ſeine Früchte auf die Flur;— die Sterne des Himmels ſchimmer⸗ ten durch die Fenſterſcheiben, und Füchslein und *) Seite 63.„Herzog Albrecht mußte im Jahre 1404 ge⸗ gen die mähriſchen Räuber ziehen, welche ſchon ungeheuren Schaden angerichtet hatten. Znaim war der Hanptſitz der⸗ ſelben, ihr Anführer hieß gewöhnlich der„Dürrenteufel.“ Dachs ſuchten ihre Neſter, als über den ſchmalen Felsſteig ober der Oedmühle im Haſelgraben zwei ſiebzehnjährige junge Dirnen gegen die Burg Wild⸗ berg hinaufſtiegen. Ihre lieblichen, runden Geſichter wurden vom eiſigen Nordhauche umſpielt, und ihre freundlichen Augenpaare ſchienen ein paar glitzernde Goldſternchen zu ſein, oder ein paar leuchtende Jo⸗ hanniskäferchen, die in das Dunkel der Herbſtnacht hinauszufliegen pflegen. Dieſe begann aber ihren breiten Sternenmautel ſchon mächtig abzulegen, zerriſſene Wolkenſchichten ſchwammen über den Wildberg herüber, die alten Föhren und Kiefern rauſchten im Walde, und die gu⸗ ten Mädchen blieben zuweilen ſtehen und blickten ſchüchtern um ſich.— Das Gewagte des nächtlichen Ganges mochte ihnen vor der Seele ſchweben. Die ſchönen Nachtwandlerinnen waren Veve, des Thorwarts vom Schloſſe Tochter, und Apollonia, die liebliche Tochter des Beſitzers der Oedmühle im Haſelgraben. Beide Mädchen ſprachen ſich gegen⸗ ſeitig Muth zu— den die kräftigere Veve im höhe⸗ ren Maße beſaß, als die ſchüchterne Apollonia, die ſich nur als Schülerin der Erſteren zu dieſem nächt⸗ lichen Gange hatte bereden laſſen. Es galt nämlich einen ernſten Gang.— Heute 117 war eine ſogenannte Losnacht, in welcher nach dem Glauben der Landleute, Kobolde und Hexen ihr Un⸗ weſen im Gebirge trieben, und in welcher Fragen an die Geiſterwelt geſtattet waren. Während die alten Landleute Oberöſterreichs und im ſüdlichen Böhmen an dieſen Abenden Beſen um⸗ gekehrt vor die Thüren ihrer Ställe lehnten, um da⸗ mit die Heren zu verſcheuchen, und den ſogenannten Trudenfuß, ein verſchränktes Alpha, darauf zeichneten, zogen junge Männer und Mädchen den Bergen und Wäldern zu, um in dieſen Losnächten das Schickſal zu befragen, und die Räthſel ihrer Zukunft zu löſen. Auch die muthige Thorwarts⸗Veve hatte die lieb⸗ liche Apollonia beredet, mit ihr den Wildberg zu beſteigen, und die Alraune zu gkaben, um zu erfah⸗ ren, wann Peter, der junge Forſtgehülfe, ihr Liebling, ſie in ſein eheliches Kämmerlein heimholen wolle. Sorgſam ſpähten daher die Blicke der beiden Mädchen nach der Alraune, die ſie nach der Verſiche⸗ rung Vevens ganz ſicher im feuchten Boden des Kö⸗ nigszimmers in der Burg Wildberg, welches ſeit Wenzels Befreiung leer und unverſchloſſen ſtand, finden mußten. Veve führte ihr Hündchen mit, wel⸗ ches zum Ausziehen der Alraune behülflich ſein ſollte. Jetzt betraten die beiden Dirnen den leeren Burg⸗ raum, wo ſie jedoch vergebens nach der Wurzel ſuch⸗ ten. Nicht ohne Widerſtreben folgte die liebliche Apollonia daher ihrer Freundin, der muthigen Veve, in den Forſt hinauf, um bei der höchſten Linde des Breitenſteines nach der Wurzel zu ſuchen. Jetzt ſtanden die hübſchen Nachtwandlerinnen vor dem Baume, zähneklappernd und fröſtelnd, denn der Nordwind weinte durch die Aeſte des Forſtes und jagte breite Flocken über den Hochwald. Veve ſtellte ihre Waldlaterne auf den Boden und forſchte emſig im Mooſe desſelben. Ein leiſer Jubel⸗ ſchrei verkündete ihrer Genoſſin: daß an dieſem glück⸗ lichen Orte die Wurzel gefunden ſei.—„Geſchwind, Apollonia!“ rief ſie,„das Hündchen und die Schnur!“ Und ſie grub jetzt mit einem Gartenmeſſer die Erde rings um die Wurzel der Alraune haſtig auf, und knüpfte mit gleicher Eile die Schnur, woran das Hündlein befeſtigt war, an die Pflanze.„Warte noch ein wenig,“ ſagte Apollonia ſchwer aufathmend,„ach, mir bangt vor dem frevelhaften Beginnen. Veve, laß die Wurzel lieber im Boden ruhen, und uns nach Hauſe kehren; iſt dir dein Peter beſchieden, ſo wirſt du ihn auch ohne dieſem nächtlichen Frevelwerke er⸗ halten.“ „Thörin)!“ eiferte die muthige Veve.„So nahe 119 am Ziele willſt du umkehren! Haben wir umſonſt uns ſeit dem Herbſte verabredet, und auf dieſe Stunde gewartet, daß du den Geiſterſchatz jetzt, wo er vor uns liegt, ungehoben laſſen willſt?! Vorwärts! binde die Schnur an die Wurzel, und ſpute dich, ehe der Froſt uns die Finger erſtarren macht!“ „Ach Gott!“ rief Apollonia kleinlaut,„mir graut vor dieſem Frevel.“ „Schäme dich!“ rief Veve, unwillig die Schnur erfaſſend;„ſo will ich die Wurzel heben, aber rühre dich nicht, und rede mir ja kein Wort, ehe die Wur⸗ zel aus dem Boden iſt, ſonſt kann es dir ergehen wie der Elſe des Kaſtellans auf Riedegg, die vor fünf⸗ zig Jahren, wie mir die Großmutter erzählte, in eine garſtige Nachteule verwünſcht wurde, weil ſie beim der Alraunwurzel einen Schrei ausgeſtoßen atte.“ „Hu! mich friert!“ rief Apollonia, fröſtelnd vor Angſt und Kälte. „Und du! das ſag ich dir,“ fuhr Veve fort,„daß du dir auch die Ohren zuhältſt, wenn die Wur⸗ zel ſchreit.“ Aber Apollonia ſtieß jetzt einen gewal⸗ tigen Schrei aus, und wies mit dem Finger gegen einen mächtigen Baumſtamm.„Dort, dort hat er her⸗ ausgeſehen!“ rief ſie. 120 „Wer?“ fragte Veve ſich emporrichtend. „Wer ſonſt, als der Dürrenteufel, der in dieſer Gegend umgeht,“ entgegnete Apollonia;—„haſt du ſein behaartes, ſchreckliches Geſicht nicht geſehen, wie es eben dort zwiſchen den beiden Föhren hervor⸗ grinſte“ „Närrin!“ rief Veve,„das iſt wieder deine Ein⸗ bildung, die dir aus den krummen Baumäſten ein Menſchenantlitz zuſammenſetzt. Die Schnur her! und ſchweig jetzt!“ Und jetzt band Veve raſch die Schnur um die von dem Erdreiche rings gereinigte Wurzel.„Zieh an, Hektor!“ rief ſie dem Hündlein zu, indem ſie ihm einen leichten Streich auf den Rücken verſetzte. Das Hündlein ſprang auf und zog an der Wurzel; aber in dieſem Augenblicke ſprang Apollonia mit einem lauten Schrei zurück, und rannte ohne umzuſehen den Hügel hinab, während Veve mit dem Schreckensrufe: „der Dürrenteufel!“ ohnmächtig zu Boden ſ ank. Vor einer hohen Eiche aber grinſte das behaarte Antlitz eines zottigen Ungeheuers mit menſchenähn⸗ lichen Zügen auf die todtbleiche, im Graſe hinge⸗ ſtreckte Jungfrau herab, und ferne tönte es durch den Hochforſt wie das Geheul der wilden Jagd, wenn der 121 Wild und Rauhgraf mit ſeiner Meute durch die Lüfte zieht... Sanfte Klänge einer Aeolsharfe zitterten durch die reine Luft. Hoch oben im blauen Runde ſchwam⸗ men ſilberne Lämmerwölkchen, jedes ſchien ein En⸗ gelsköpfchen zu ſein, welches auf das lachende Para⸗ dies der Erde herablächelte.— In der That, ein Paradies! ein Garten Gottes!— Auf ſanften Hü⸗ geln wanden ſich üppige Reben, und dufteten lieb⸗ liche Blumen zwiſchen Epheu und Gaißblattlauben. Eine friſche Felſenquelle goß ihr Kriſtall auf die bun⸗ ten Steine und die Muſchelreihen einer großen Grotte, in deren Nähe ein tempelartiges Gebäude mit wei⸗ ßen Marmorſäulen ſtand. Durch die damaſtenen Vorhänge küßte der leiſe Weſt das heiße Antlitz einer reizenden Jungfrau, welche auf einem mit vergolde⸗ ten Schnitzwerke ausgezierten Ruhebette ausgeſtreck lag, und über deren blendend weiße Stirne ſüße Träume zogen. Ihr reiches Blondhaar, welches in breiten Flechten auf den wogenden Buſen herabſank, ſchmückte ein Diadem von venetianiſchen Perlen, an ihrem ſchneegleichen Halſe hing eine breite goldene Kette, ihren üppigen Gliederbau deckte ein keichtes 1861. X. Ein böhm Student. I. 8 grünes Jagdkleid mit goldener Verbrämung, und eine Diamanten⸗Agraffe, in deren Steinen die Morgenſonne wiederſtrahlte, prangte an ihrem Gürtel.— Jetzt ſchlug die ſchöne Schläferin die Angen auf. Voll Stannen haftete ihr Blick an der beſternten Decke des kleinen Pavillons. „Wo bin ich?“— rief ſie Die zitternden Klänge der Aeolsharfe antworteten ihr. Purpurröthe überflog das Antlitz der lieblichen Jungfrau, dann wieder Leichenbläſſe. Zitternd be⸗ fühlte ſie ihre Stirne, dann wieder den herrlichen Sammt, in den ihre üppigen Glieder gehüllt waren. Jetzt kehrte allmälig das Bewußtſein der Ver⸗ gangenheit in ihr Gedächtniß zurück.—„Die Alraun⸗ wurzel!“— rief ſie, und zwei Thränen, vom bangſten Gefühle ausgepreßt, träufelten auf ihre Wangen nie⸗ der.—„Die Alraunwurzel,“ liſpelte ſie,„ich bin verzaubert— und alle dieſe Herrlichkeit wird auf meinem Leibe zum glühenden Metalle.“ Sie bemühte ſich, den Ring, der ihren ſchönen Arm umſpannt hielt, abzuſtreifen, aber eine weiche Hand hinderte ſie daran. Sie blickte auf, und freundlich wie die Morgen⸗ ſonne lächelte ihr das ſchöne männliche Antlitz eines fraftvollen, hochgebauten jungen Mannes entgegen, än deſſen Schultern ein Silber⸗Hermelin herabhing, während ein breiter Jagdhut von grünent Sammt ſein ſchönes, in breiten Locken hinabwallendes, Haupt⸗ haar deckte. Sein Blick ruhte auf dem goldenen Griffe eines langen deutſchen Schwertes, ſeine warme Rechte hatte die Hand des Mädchens erfaßt.— Sein gro⸗ ßes, ſtrahlendes Ange blickte voll Jugendfeuer dem ſchwimmenden Auge der Erwachten entgegen. „Allgütiger Gott!“— rief Veve, zu ſeinen Füßen ſtürzend,—„ſagt, Herr, wo bin ich, und wie komme ich hieher?“ „Steht auf, Prinzeſſin,“— mahnte der ſchöne Mann im Hermelinmantel,—„erhebt Euch, Ihr ſeid in Eurem Luſtgarten, Herzogin, und habt nur eine kurze Stunde in Eurem Gartenpavillon nach der Jagd geſchlummert.“ Ein faſt wahnſinniges Lächeln trat jetzt auf den Mund des armen Mädchens. „Schöne Prinzeſſin?“— rief ſie entſetzt,—„o nein, nein! ich bin ja des Thorwarts Veve vom Wild⸗ berg, und—“ „Ruhig, ruhig, Herzogin,“— mahnte der Mann im Hermelin,—„Ihr träumt noch; wißt Ihr denn nicht, daß geſtern, als wir das erſte Mal nach Eurer überſtandenen Todeskrankheit in unſerem Parke jag⸗ — ten, Euch der Schlummer beſchlich, und Ihr mich batet, Euch im luftigen Pavillon unſers Ziergartens ein wenig ausruhen zu laſſen?— Nun, Ihr habt lange geſchlafen, Prinzeſſin,“— ſetzte er lachend hinzu,—„und müßt böſe Träume gehabt haben.“ Die arme Veve ſchlug Ihr großes Auge wieder empor, und fuhr mit der flachen Hand über ihre Stirn. „Heilige Jungfrau!“— klagte ſie,—„ſteh du mir bei, daß dieſes furchtbare Zauberbild an meinem Ange vorübergehe!— Rein, nein!“— ſetzte ſie hinzu, —„ich bin die Veve, die arme Thorwarts⸗Veve, und ewig keine Prinzeſſin.— Fort, fort mit dieſem Höllen⸗ flitter, der an meinem Leibe brennt und mich in Zau⸗ ber und Bann erhält, weil ich Gott den Herrn ver⸗ ſuchte, und in nächtlicher Weile die Alraunwurzel graben wollte!“ Sie zerrte und zog jetzt an dem Sammt ihres Kleides, um ihn herabzureißen, dann aber mahnte ſie ihr natürliches Schamgefühl, innezuhalten in dem Zer⸗ ſtörungsgeſchäfte, auf daß nicht die üppigen Formen ihres Gliederbaues über Gebühr enthüllt würden. Aber der Mann im Hermelin winkte jetzt mit einem feinen Lächeln einem andern entgegen, der mit einem dunklen ſpaniſchen Mantel bekleidet, und einen 125 langen Degen mit blauem Stahlgefäß an der Lende tragend, in den Salon trat, und ſein ergrautes Haupt vor dem Manne im Hermelin neigte. „Ihr kommt zu rechter Zeit; die Herzogin, meine Brant, fiebert wieder!“— rief ihm der Mann im Hermelinmantel entgegen. „Seine Braut!“ hauchte die Arme,„o mein Gott! du weißt es, daß ich meinen Peter, meinen Peter und keinen Andern auf Erden liebe.“ Aber der Mann im Hermelin ließ ſich jetzt auf ein Knie vor der Jungfrau nieder.—„Angelika!“ liſpelte er, und ein ſeliges Lächeln trat auf ſein wahr⸗ haft ſchönes Antlcz,—„Angelika! verſcheuche dieſe trüben Fieberbilder, du biſt ja die Braut des Her⸗ zogs von Braganza, und Fieberträume ſind's, die deine Seele mit andern Bildern quälen.“ Das arme Kind erwiderte nichts mehr, ihr thrä⸗ nenſchweres Auge ſtarrte auf den ſchönen Sprecher, geduldig ließ ſie es geſchehen, daß er ihr einen ſchönen Smaragdring an den Finger ſteckte und auf ihre Hand einen Kuß drückte;— geduldig ließ ſie es ge⸗ ſchehen, daß der Leibarzt im ſpaniſchen Mantel her⸗ zutrat, ihren Puls befühlte, und von einem Ader⸗ laſſe redete. Aber der herzogliche Bräutigam meinte lächelnd 126 „ſtärkende Nahrung thue hier wohl mehr vonnöthen, als andere Heilmittel.“— Er ſtampfte mit dem Fuße in den getäfelten Boden, dieſer ſenkte ſich in der Mitte nieder, und ſank, ſank tiefer, und durch die runde Oeffnung trat alsbald eine gedeckte Tafel hervor. Die auserleſenſten Gerichte des Südens und Nor⸗ dens, und feurige Weine dufteten entgegen. Ein gro⸗ ßer ſilberner Pokal zierte die Mitte der Tafel, wohl⸗ riechende Blumen in Alabaſter-Vaſen bedeckten die⸗ ſelbe. Die arme Jungfrau, ungewiß, ob ſie wache oder träume, ließ dieſe Bilder und Geſtalten an ihrem Auge vorübergleiten und ſaß, keines Wortes mächtig, auf den Sammtkiſſen ihres Lagers. Der ſchöne Mann im Hermelinmantel nahm jetzt wieder das Wort.„Morgen,“ rief er,„holde Braut, hoffe ich das ſüße„Ja“ von Eurem Munde zu hören, wenn der Hauskaplan meiner Kapelle uns vereinigen wird zum unauflöslichen Bunde.“ Bei dieſen Wor⸗ ten ſteckte er wieder einen ſchweren Goldring mit drei Brillanten an ihren Finger. Die Jungfrau wagte nichts mehr zu erwidern, aber ein Thränenſtrom entquoll ihren ſchönen Angen. Sie wußte ja, ein arger Zauber umfange ihre Sinne, und alle die Geſtalten, von denen ſie umgeben war, 127 ſtammten aus dem Reiche des Dämons, dem ſie ver⸗ fallen war, als ſie ſich mit dem unſeligen Werke des Grabens der Alraunwurzel im Hochforſte befaßte. Die Augen niederſenkend, begann ſie leiſe zu beten, und von dem inbrünſtigen Flehen zu der Mutter aller Gnaden hoffte ſie Löſung ihres Bannes. Sie dachte ihrer armen Eltern, ihrer Geſchwiſter, ihres treuen Peters.. jetzt ſchlug ſie ihr ſchönes Augenpaar wie⸗ der empor—— ſeltſam! der ſchöne Mann im Her⸗ melin ſammt allen Andern waren aus dem Pavillon verſchwunden... Die Jungfrau blieb allein ihren Gedanken über⸗ laſſen. Grauen beſchlich ſie jetzt, Grauen vor dem Orte, wo ſie ſich befand, und vor der Todtenſtille, die ſie jetzt umgab. Alle die blendenden Geſtalten, welche ſie eben umrungen hatten, waren verſ chwunden, auch der mit duftenden Speiſen und Weinen beladene Tiſch war wieder verſunken. Jetzt erkannte die arme Thorwartstochter, daß ſie ſich wirklich im Feenreiche unter dem Banne mächti⸗ ger Geiſter befinde, die ſie durch ihr verwegenes Be⸗ ginnen mit der Alraunwurzel heraufbeſchworen hatte. Heiße Zähren träufelten aus ihren Augen, jetzt ſchlug ſie dieſelben wieder zu Boden, fiel auf die Kniee, und 128 flehte weinend zur Mutter aller Gnaden um Löſung dieſes ſchrecklichen Bannes. Erſchöpft von Schmerz und Müdigkeit blieb ſie vor dem Ruhebette auf den Knieen liegen; die Natur forderte ihre Rechte, die arme Jungfrau fühlte Hun⸗ ger und brennenden Durſt, denn ſeit ihrer Verſetzung in dieſen Zaubergarten hatte ſie nichts genoſſen, ob⸗ gleich von dem wiederverſunkenen Tiſche ihr die fein⸗ ſten Speiſen entgegengeduftet, und die feinſten Weine, die der Orient und Occident liefern konnten, in brilli— renden Venetianergläſern entgegeng leuchtet hatten. Die Arme erhob ſich jetzt und trat mit geſenktem Haupte, von brennendem Durſte gequält, aus dem Pavillon.— Welche Pracht! Ein ſtrahlender Garten Gottes, ein zweites Pa⸗ radies, mit hundert und hundert duftenden Blüthen zwiſchen ſchäumenden Waſſerſtürzen, lachten ihr ent⸗ gegen. Runde Marmorbecken, mitvergoldeten Engels töpfen geziert, nahmen die Kriſtallflut aus den brau⸗ nen, mit goldſchimmernden Jagdgeräthſchaften ge⸗ ſchmückten Felſen entgegen. Hoch oben auf den Spitzen der Felſen hingen hin und wieder kleine Glocken thürme mit rothen Dächern; das ſanſte Gebimmel ihrer Silberglocken vermiſchte ſich mit dem fernen Rauſchen des Waldes. 129 Dort am zackigen Fels ſchaute eine junge Gemſe zutraulich und lieblich auf die paradieſiſche Stätte herab. Jetzt eilte die arme Thorwartstochter zu dem näch⸗ ſten Marmorbaſſin, um ihren trockenen Gaumen zu erfriſchen;— ſieh da!— wie von Geiſterhand geho⸗ ben trat aus einer Spalte des Felſens ein ſilberner Becher, er nahm in ſeinem Goldgrund die perlende Flut auf, zitternd und zagend griff die arme Veve nach dem Becher, es war kein Zauberwerk— das Waſſer der Felſenquelle überſchäumte den Silberbe⸗ cher.— Veve trank es in gierigen Zügen. Jetzt ruhi⸗ ger und kühner, bog ſie um die Ecke des Felſens, ihr Blick forſchte nach einer der herabhängenden goldenen Früchte dieſes Heſperidengartens. Als ſie ihr Auge wieder ſenkte, ſiehe! da ſtand ein winziger, mißgeſtalteter Zwerg mit unverhältnißmä⸗ ßig großem Kopfe vor ihr. Er hielt ihr einen ſilber⸗ nen Becher mit Wein und ein Körbchen vor, worin die feinſten Granatäpfel zwiſchen anderen goldenen Früchten prangten.. Die Arme zögerte wieder, von der Zauberfrucht zu eſſen— aber ſie hatte ja auch ſchon getrunken von der Quelle des Zanbergartens. Neue Wunder boten ſich ihren Blicken dar;— ſie ergriff eine der ſüßen 130 Früchte, und eine zweite und eine dritte, und beſchäf⸗ tigte ſich, auf eine Raſenbant hingeſunken, noch eine gute Weile mit dem ſüßen Inhalte des von dem Zwerge hingeſtellten Korbchens, als dieſer bereits hin⸗ ler dem Felſen verſchwunden war. Jetzt begann die Sonne heftiger zu brennen Die arme Thorwartstochter wagte wieder einen Schritt weiter in das Innere des Zaubergartens. Dort, wo die regelmäßig beſchnittenen lebendigen Wände ſich zum Durchgange in das Innere dieſes Feenreiches vereinigten, lag ein gewaltiger grüner Löwe. Die Jungfrau ſchrak zurück und ſtieß einen furchtbaren Schrei aus; aber ein donnerartiges Raſſeln erfolgte, und der Löwe war in die Erde verſunken. Die Arme, ihrer faſt nicht mehr mächtig, lief jetzt zurück, und lief wieder vorwärts; wie ein gehetztes Reh wanderte ſie ſo im Kreiſe herum, flehte leiſe und laut die heilige Jungfrau an, ihr einen Ausweg aus dieſem zauberhaften Irrgarten finden zu laſſen. Vergebens! Die Sonne ſank tiefer, der Tag war zur Hälfte vergangen, und die arme Veve lag erſchöpft auf einer Raſenbank, von der aus ſie einen offenen grünen Platz überſchauen konnte, auf welchem zwölf graue Rieſen⸗ geſtalten ihr entgegenſtarrten. Die vorderſte davon 131 ſtellte einen Rieſen dar, der goldſchimmernde Blitze in ſeiner Rechten ſchwang; zu ſeinen Füßen ſaß ein töniglicher Aar, der gleichfalls goldleuchtende Blitze in ſeinem Schnabel trug. An der Seite des Rieſen ſtand ein rjeſtätiſches Weib voll Kraft und Schöne, aber grau und aſchfar⸗ big vom Scheitel bis zur Zehe; nicht weit davon ſchien eine ähnliche graue Rieſengeſtalt auf einem vier⸗ rädrigen Wagen mit einem bäumenden Roſſegeſpann durch die Wellen zu ſchiffen. Das Murmeln des Gewäſſers, Müdigkeit und innere Seelenangſt machten, daß die arme Jungfrau, ein leiſes Gebet vor ſich herſagend, auf die Raſenbank hinſinkend allmälig einſchlief... Sie vernahm daher auch nicht mehr die rufende Stimme des ſchönen Mannes im Hermelinmantel und ſeiner Begleiter, welche von der andern Seite des Zaubergartens daherkamen und ängſtlich nach der Entſchwundenen ſuchten, die ſie im Pavillon verlaſſen hatten. Zetzt ſtand der ſchöne Mann im Hermelinmantel mit verſchlungenen Armen vor der ſanft Schlum⸗ mernden, und betrachtete, ſeiner Umgebung Schweigen zuwinkend, das jugendlich⸗ſchöne träumende Mäd⸗ 132 chen, von deſſen zitternder Lippe der Name ihres lie⸗ ben Peters mit ſanftem Lächeln ertönte. Und die Sonne ſank allmälig hinter den lebendi⸗ gen Wänden des Irrgartens hinab. Und Thorwarts Veve erwachte— und blickte verwundert um ſich, und rieb ſich die ſchönen Augen, und rafſte ſich vom Boden auf, und wollte dieſen ſchö⸗ nen Augen nicht trauen, die ihr eben ſagten, daß ſie auf demſelben Waldflecke vor der alten Burg Wildberg lag, wo ſie mit ihrer Freundin Apollonia, der ſieb⸗ zehnjährigen Tochter des Oedmüllers, vor kaum vier— undzwanzig Stunden die Alraunwurzel gegraben hatte. Sie hatte alſo geträumt?— Doch nein— an ihrem niedlichen Mittelfinger prangte der köſtliche Ring mit den drei blitzenden Steinen, den ihr der Mann im Hermelinmantel im Zaubergarten ange⸗ ſteckt hatte, an ihrem Halſe hing die goldene Kette, welche er ihr umgehängt hatte!... Sie hatte alſo nicht geträumt. Aber fort mit dem Zauber!— wie Feuerbrannte das Gold auf ihrem Finger, auf ihrem Halſe. Ein neuer Thränenſtrom ſtürzte aus ihren ſchönen Augen, aber frendiger athmete ihre Bruſt, denn ſie kannte jetzt die Gegend, ſie wußte, daß die Himmelskönigin ihr heißes 133 Flehen erhört, und ſie aus den Banden des gottloſen Zaubers erlöſet habe. Einen thränenſchweren Blick des Dankes richtete ſie gegen den Himmel, von wel⸗ chem ein gnadenreicher Gott herabſchaute, weit, weit offnete ſie ihre Arme, und— in dieſelben rannte laut aufjauchzend vor Freude ihr treuer Peter.. Der gute Junge drückte ſein wiedergefundenes Vevchen ans treue Herz— und jetzt vermeinte die arme Geprüfte wieder im Zauberhimmel zu wan⸗ deln... „O laß mich nicht mehr von dir, mein treuer Freund!“ bat ſie hoch aufathmend, und die Hand ihres Lieblings an die Stirne drückend, ſuchte ſie ſich zu überzeugen, ob ſie wirklich wache und nicht träume. Aber ſchon kamen den Berg herauf ihre Eltern und Apollonia ihre Freundin, und alle, alle klagten, daß ſie ſeit einer ganzen Nacht und einen ganzen Tag die Verlorne in allen Richtungen geſucht, und heiße Gebete zum Himmel geſandt hatten, um ſie wieder zu finden. Mehr getragen als gehend langte Veve, die Wie⸗ dergefundene, im elterlichen Hauſe an; die Liebe, um ſie beſchäftiget, bereitete ihr bald die ſüßeſte Ruhe am Mutterherzen, und mit Staunen und Grauen ver⸗ nahmen alle ihre Lieben die ſeltſame Mähr von dem Wundergarten, in welchem Veve verweilt hatte, und aus deſſen Bann ſie offenbar nur durch ihr heißes Flehen, und das Gebet der Ihrigen zu dem Herrn der Menſchenſchickſale erlöſt worden war. Aber jetzt hingen die Blicke ihrer Lieben wieder fragend an dem herrlichen Brillantringe an der Hand der Veve, und an der goldenen Kette, die ſie noch am Halſe trug;— und mit fieberhafter Glut riß Veve den Ring und die Kette von ſich, daß ſie klirrend auf den Tiſch flogen, wo ſie Niemand zu berühren wagte, — uur Peter der muthige Junge trat näher und be⸗ trachtete die Kleinode.—„Das ſind echte Steine,“ ſagte er ruhig,„wahrhaft echte Steine, wie ich ſie bei mei⸗ nem Vetter, dem Goldſchmied in Linz, gar oft geſehen habe.—“ „O berühre ſie nicht!“— bat Veve,—„ſonſt tonnte es dir ergehen wie mir, und du könnteſt ver⸗ wunſchen werden, wie es mir geſchah, als ich in muth⸗ williger Herausforderung der Unterirdiſchen durch das Zeichen der Alraunwurzel in den ſeltſamen Zau⸗ bergarten verſetzt wurde. Aber Peter, der derbe Forſtgehülfe, gewohnt mit Bären und Wölfen des Hochforſtes anzubinden, konnte ſich mit dem Gedanken nicht zurechtfinden, daß ſeine Veve wirklich in einem Zaubergarten geweſen ſei,— ja er hätte darauf geſchworen, daß die Dirne irgendwo im Forſte geträumt habe, wären eben nicht Ring und Kette, die ſie mitgebracht hatte, auf den Tiſche gelegen. „Hab' auch einmal von meiner Großmutter ge⸗ hört,“— ſogte er lachend,—„daß derlei Ringe, die von Zauberern und Kobolden fabrizirt werden, wenn man ſie an den Finger ſteckt, ſo recht prächtig dazu taugen, daß man ſich hin und her, und allerhand wün⸗ ſchen kann, was einem eben in den Sinn kommt, und ſo will ich's mal probiren. „Allmächtiger Gott!— waswillſtdu thun, Peter!“ —kreiſchte hier die alte Mutter. „Laß ab, laß ab, Petrus— mahnteder Vater,— es ſteht geſchrieben, du ſollſt Gott deinen Herrn nicht verſuchen.—“ Veve begann aber zu ſchluchzen:„Ach, er will ſich und mich verderben!“— rief ſie. „Mutter, Mutter! öffne das Fenſter, und wirf die Zauberkette und den Ring in die Pfütze.“ Aber Peter Helmon, der junge Weidgehülfe, war kein Mann von Kork, den Weiberfurcht jemals von einem Vorhaben zurückhielt, er konnte ſich einmal nicht überreden, daß bei all dieſen Dingen eine wirkliche Zauberei im Spiele ſei. „Ei was!“— rief er entſchloſſen,—„ich will's 136 einmal probiren— iſt der Ring zu nichts nütz, ſo hätte ihn der Zauberprinz nicht mitgegeben— und taugt er wirklich nichts,“— ſetzte er mit pfiffigem Lä⸗ cheln hinzu,—„ſo mag ihn mein Vetter, der Gold⸗ ſchmied zu Linz, einſchmelzen, und wir können uns mit dem gewonnenen Gelde ein Häuschen kaufen, und—“ „Gott bewahre uns gnädig vor dem Sündengeld,“ — jammerte die alte Mutter,—„nicht einen Pfennig würde ich jemals davon anrühren 1 Aber Peter Helmon hatte den Ring ſchon ange⸗ rührt und auf ſeinen Mittelfinger geſteckt.„Biſt du ein Zaubering,“— rief er mit gewaltiger Stimme und halbunterdrücktem Lachen,—„ſo thue jetzt deine Pflicht, und mache, daß das, was ich mir wünſchen werde, er⸗ füllt werde!“ „Gott ſei deiner armen Seele gnädig!“— kreiſchte die alte Mutter! „Laß ab, Peter!“— mahnte der Vater Vevens noch einmal. Aber Petrus, der Mann von Felſen, rief lachend: „So wünſche ich mir denn vonwegen unſerer Liebe, du meine herzliche Veve, daß in dieſem Augenblicke ein Kammerjäger vom Schloſſe zu Linz hereintrete, und mir die Beſtallung als erzherzoglicher Revierjäger der 137 Linzer Schloßfeſte überbringe...“ Und ſiehe da!— nie Worte des muthigen Forſtgehülfen waren noch dicht verklungen, als die Thüre aufſprang, ein erz⸗ herzoglicher Kammerjäger vom Schloſſe zu Linz hereintrat und, eine kurze Frage nach dem Forſtgehül⸗ fen Peter ſtellend, dieſem eine Pergament⸗Rolle überreichte, worauf deſſen Ernennung zum erzherzog⸗ lichen Revierjäger des Kirnberger Forſtes enthal⸗ ten war. Sprachloſes Staunen!... todtenbleich ſahen die ſämmtlichen Familienglieder, nachdem ſich der erz⸗ herzogliche Kammerjäger wieder entfernt hatte, einan⸗ der an, und die alte Mutter trippelte ſchnell zum Weihbrunnkeſſel nächſt der Thüre, während der Vater einen verdorrten, an dem Fenſter ſteckenden geweihten Palmzweig ergriff, und mit demſelben voll des Ern⸗ ſtes auf den angeblichen Sendling aus dem erzher⸗ zoglichen Schloſſe zutrat.—„Wirf die hölliſche Bulle von dir, Peter,“ mahnte er dieſen,„ſie iſt Blend⸗ und Zauberwerk, womit der Satan unſere unglückliche Familie verderben will!“ Aber Peter, der baumfeſte, muthige Junge, ſtand eben da, wie wenn er vor dem Eingange des Tarta⸗ den Fürſten der Unterwelt ſelbſt lauern wollte. 1861. X. Ein böhm. Student. I. 9 „Vater Wendelin,“— ſagte er lachend zu ſeinem künftigen Schwiegervater,—„das iſt kein Teufelsſpuk, ſondern gutes echtes Pergament, wie ſie es eben in der erzherzoglichen Kanzlei auf dem Linzerſchloſſe beklek⸗ ſen— und ich müßte wahrlich ein ſolches Pergament ſtatt meiner ehrlichen Menſchenhaut zu tragen verdie⸗ nen, wenn ich einen Augenblick zögern könnte, dem gnädigſten Erzherzoge zu Füßen zu ſtürzen, und—“ „Bleib! bleib! mein Sohn!“— kreiſchte die alte Mutter, aber Peter drückte ſie unſ anft zurück. „Gleich wird es klar werden!“— rief er,—„fort ins Linzerſchloß! zu Sr. Hoheit dem Erzherzoge— Er riß die Thüre auf— und im ſilberblitzenden Jagdmantel, den grünen Jägerhut auf dem Haupte, ſtand der ſchöne Mann, den Veve im Zaubergarten geſehen, und der ihr als ſeiner angeblichen Braut Ring und Goldkette angethan hatte— vor dem Stau⸗ nenden. „Jeſus Maria!“— ſchrie Veve zurückſinkend. „Seine Hoheit der durchlauchtigſte Erzherzog Maximilian!“— rief erſchrocken der alte Thorwart. „Bin's!“— entgegnete lächelnd der Erzherzog,— „komme vom Jagdgang ermüdet, um einen friſchen Trunk zu bitten, und will mir dann den neuen Re⸗ vierjäger für den Kirnberg abholen, wenn er anders 139 meinem Rufe folgen will.“— Dabei blitzte ſein Auge recht freundlich auf den freudeſtrahlenden Peter,— während Veve und ihre Mutter zitternd und bleich auf den Knieen lagen, und vor Angſt und Ueberraſchung kaum zu athmen wagten. „Da hab'ich Schönes angerichtet!“— ſetzte Mar lachend hinzu.—„Steht auf, Kinder, bin eben ein Menſch wie ihr, und weder Berggeiſt noch Luzifer, ſondern ein Menſch wie ein anderer, nur daß mir Gott die Ehre gab.— Dir, Burſche, ſeh' ich's an,“— fuhr er zu Peter gewendet fort,—„daß du das Rechte ſchon heraus haſt, und mich zu begleiten gewillt biſt, und führe ich dich fürbaß zur Hölle Peter winkte lachend mit dem Kopfe, aber Veve rief ängſtlich: „Er iſt's, er iſt's! Peter, er iſt's! der mir im Zau⸗ bergarten entgegentrat, berühre nicht ſeine Hand.“ Ihre Worte verhallten aber im Waffengeklirre, das vor der Thüre erſchallte— dieſe ſprang auf und das erzherzogliche Jagdgefolge drängte ſich in die Stube. In fünf Minuten waren auch die hartgläubi⸗ gen Köpfe des alten Thorwarts Wendelin und ſeines Weibes zurechtgeſetzt, und dieſe Beiden und Veve la⸗ gen nach kurzem Verſtändniſſe auf ihren Knieen zu den Füßen des gnädigen Erzherzogs Maximilian, des 9* 140 erhabenen Sohnes Kaiſers Friedrich IV., der nachmals als Kaiſer Maximilian I. ſo glorreich regierte, nun⸗ mehr aber ſchützend ſeine Hände über die glückliche Thorwartsfamilie ausſtreckte, der er nun ein neues, glückliches Leben begründete, indem er den wackern Peter Helmon durch die Zuſendung des Pergamentes zu ſeinem Revierjäger in Kirnberg ernannt hatte, in deſſen kleiner Waldkapelle der glückliche Peter mit ſei⸗ ner Veve vier Wochen ſpäter feierlich getraut wurde. Und der Dürrenteufel? und der Zauber⸗ garten?— Erzherzog Maximilian, der kühne und lebensluſtige„Theuerdank“, aus deſſen thatenreichem Leben uns die Vaterlands⸗Chronik ſo manches körnige Geſchichtchen aufbewahrt hat, war an jenem Morgen, als Veve und Apollonia, vorwitzig genug, am Wild⸗ berge die Alraunwurzel gruben, in den dortigen Hoch⸗ forſten im Jagdgange begriffen; dieſe Jagd galt aber eben einem ganz zahmen Thiere, ſeinem zahmen Orang⸗ Outang, einem menſchenartigen Affen, den er von dem türkiſchen Geſandten in Wien zum Geſchenke erhalten hatte, der ihm an dieſem Morgen entlaufen war, und der mit ſeiner haarichten Fratze die beiden Mädchen Veve und Apollonia als vermeintliches Geſpenſt des Dürrenteufels ſo gewaltig erſchreckthatte, daß Apollo⸗ nin entlief, Veve aber vor Schreck ohnmächtig hinſank. 14¹ In dieſem Zuſtande fand ſie der Erzherzog, der in Geſellſchaft ſeines Jagdgefolges den Hügel heraufkam; er ließ das ſchöne Mädchen auf einer aus Tannenäſten raſch zuſammengefügten Tragbahre den Berg hinab in ſein Jagdſchloß im Walde tragen, in deſſen Pavil⸗ lon das Mädchen erwachte, dann aber die oben erzähl⸗ ten Zauberdinge erlebte, wobei ſich der an Abenteuern ſeltſamer Art ſtets großes Gefallen findende Erz⸗ herzog als vermeintlicher Zauberprinz ergötzte. Er ließ daher, um dem Zauberſpiele den beſten Anſtrich zu geben, mittelſt der ſehr künſtlichen Verſenkung im Pavillon den mit köſtlichen Speiſen bedeckten Tiſch aufſteigen und wieder verſchwinden, und ſpäter ſeinen Hofzwerg, der Purlepaus genannt, der armen Veve entgegentreten, wodurch dieſe in der That ſich in das Feenland verſetzt glaubte. Als endlich die arme Jungfran in der Nähe jenes Platzes, wo die nie ge⸗ ſehenen rieſenhaften Statuen Jupiters, Neptuns und anderer römiſchen Gottheiten, und der grüne ſteinerne Löwe ſie vollends außer Faſſung brachten, von Mü⸗ digkeit und Angſt eingeſchlafen war, ließ ſie der Erz⸗ herzog, der ſtets in einiger Entfernung mit ſeinem Jagdgefolge nachgegangen war und ſie fortwährend beobachtet hatte, wieder auf eine Sänfte legen, und leiſe an denſelben Platz im Wildberger Forſte tragen, 142 wo er ſie gefunden hatte. Ring und Kette wurden an ihrem Halſe belaſſen. Mittlerweile hatte der Erzherzog durch einen aus⸗ geſandten Kammerjäger ſchleunige Erkundigung über Veve und ihren Peter angeſtellt, die er leicht erlangen konnte, da Veve gleich nach ihrem Erwachen im Pa⸗ villon ſich ſelbſt als die arme Thorwartstochter bezeich⸗ net, und von ihrem Peter geſprochen hatte. Eben ſo ſchnell hatte dann der Erzherzog Peters Anſtellung als Revierjäger beſchloſſen, und gleich nachdem Veve wieder am Wildberge niedergelegt worden war, den Kammerjäger mit dem pergamentenen Beſtallungsbriefe abgeſendet. Der Weiſung gemäß, mußte der Kammer⸗ jäger an der Thüre des Thorwarts harren, um im paſſenden Augenblicke einzutreten und das Beſtal⸗ lungsdekret zu überreichen. Auf dieſe Weiſe glaubte die arme Veve, welche ſo wenig wie ihre Mutter jemals das Antlitz des Erz⸗ herzogs geſehen, noch jemals ſein mit morgenländi⸗ ſcher Pracht ausgeſtattetes Jagdſchloß am linken Ber⸗ gesabhange betreten hatte, in dieſem einen Zauber⸗ prinzen, und in ſeinem zahmen Affen das Geſpenſt des„Dürrenteufels“ zu erblicken, bis der eben ſo le⸗ bensluſtige, als gutmüthige Erzherzog durch ſein eige⸗ nes Erſcheinen das Räthſel löſte. Alſo bereitete ſich der jugendmuthige, ſchöne Erz⸗ er einmal einen köſtlichen Schwank, und den der ſchönen ob der ennſiſchen Berge das Glück ihres Leber egel des Wildberges aber ſteht uralte Burg Wildberg, wie auch die Oed⸗ t davon liegt nächſt der Ortſchaft igen Wohnſitze Peter Helmons, ber und über bemooſter Sandſtein. Die Volksſage nennt ihn zur Erinnerung an die erzählte und weil der vom Alter geſchwärzte Mooſe überkleidet einſt vor der Höhle des berüchtigten Ränbers dieſes Namens gelegen ha⸗ Unten am Felsk mühle, und nicht wei ein grauer, ü Begebenheit, Stein mit dürrem ben ſoll— den Dürrenteufel. von dem Dürrenteufel. — So lautet die Sage r dem Schloſſe Wildberg aber liegt och oben übe der„Breitenſtein“, jener p latte Felsſtein, auf welchem ter dem Gewebe des ſchwim⸗ der Dürrenteufel mitten un menden Wolkennebels ſeine Raſt gehalten haben ſoll, den Losnächten von den aus kehrenden Landleuten häufig und und namentlich in den Holzſchlägen mit Schrecken geſe Noch höher liegt die h ſten Geſichtskreiſ Jahren, wie bereits erwähnt, ein Denkmal der chſte Felſenſpitze des weite⸗ ichtenberg, wo ſeit einigen Ver⸗ 144 ehrung unſeres a. g. Kaiſerhauſes, die ſogenannte Gi⸗ ſela⸗Warte ſteht, ein Thurm, errichtet zu Ehren der kaiſ. Prinzeſſin Giſela.— Es war im vorletzten Jahre des furchtbaren drei⸗ ßigjährigen Krieges, ſchreibt eine rheiniſche Ortschro⸗ ni In den Gäſſen iſt das Gras gewachſen, die Wingerte(Weingärten) waren eine Wüſtenei. Die Häuſer ſtanden leer, und ſahen am hel⸗ len Tage die Füchſe aus den Löchern, die ehemals Fenſter geweſen waren. Alſo hat der Herr das Land ob ſeiner vielen Sünden heimgeſucht, und blieben die Spaniolen(die Spanier, die 1620 unter Spinola die Pfalz einnahmen) noch gar lange in der Leute Ge⸗ dächtniß, ſo gut als die Krawaten(Kroaten) und die Völker 5 Königs von Schweden; denn was der Eine übrig ließ, das nahm der Andere, und that die Wahl leid, wer's am gründlichſten gemacht hatte.“ In jenen trüben und bewegten Zeiten war es be⸗ greiflich, daß der Aberglaube und die erhitzte Phan⸗ taſie des Landvolkes allerhand Vorboten eines noch größeren Elendes wahrzunehmen glaubte, welches in Folge der Sünden der Welt über Deutſchland kommen ſollte. Kometen, Doppelſonnen, feurige Kugeln und Irrwiſche in den Sümpfen, alle derartigen Erſcheinun⸗ 145 gen fanden ihre Deutung, und ſo fand auch bei dem Landvolke in Oberöſterreich und in der ſüdlichen Gegend Böhmens der Glaube leichte und ſchnelle Verbreitung, daß ſich auf dem breiten Steine bei Wild⸗ berg, und im verfallenen Königszimmer der Dürren⸗ teufel wieder ſehen laſſe.— In der That hatten vor⸗ überziehende Forſtleute und Holzknechte aus der Tiefe des Thurmes bei Wildberg ein gar ſeltſames Rau⸗ ſchen und Klingen vernommen, und der Aberglaube mied jene Gegend. Aber das war es ja eben, was die unterirdiſchen Nachtgeſpenſter dieſes Thurmes und der damals völlig unbewohnten Feſte Wildberg wollten. Der Nordwind jagte die Regenwolken vor ſich her zerrte an dem breiten Mantel, welcher die lange hagere Geſtalt eines Mannes verhüllte, der in der Nähe dieſes Thurmes ſtehend, mit ſeinem todtblei⸗ chen Geſichte und dem dunklen Barte, dann dem brei⸗ ten Schlachtſchwerte an den Lenden vollkommen dem Bilde des berüchtigten Dürrenteufels glich, jetzt aber ſorgfältig durch das Gebüſch lugte, durch welches ſich zwei andere dunkle Geſtulten hervordrängten. Es waren Männer in blauen Mänteln. Als ſie den Langen erblickten, blieben ſie einige Schritte von ihm entfernt ſtehen. Dieſer aber ging ſogleich auf ſie 146 zu und fragte:—„Ihr habt Euch wahrſcheinlich auch in dieſer Gegend verirrt gleich mir?“ „Wir gingen auf Füchſe aus,“— antwortete der Größere der beiden Männer mit lauerndem Blicke; —„außer einem Fuchsbarte, den ich am Wege fand, habe ich eben nichts erjagt,“— ſetzte er hinzu. „Und meine Jagdbeute,“— ſagte der Andere la⸗ chend,—„iſt ein vierblättriger Klee, den ich am Wege fand, und der mir Glück verheißen ſoll.“ „Richtig,“— ſiel der Lange ein,—„Fuchs und Klee— nun vorwärts, ihr Herren, die Parole iſt richtig, wir finden uns ſogleich zuſammen.“ Er geleitete hierauf die beiden Männer zu dem Thurme, hob dort ohne Mühe das lockere eiſerne Kreuz eines niedern Fenſters heraus, und alle Drei ſtiegen auf einer im Innern angelehnten Leiter in den Thurm hinab. Dort ſaßen ſechs Klafter tief unter der Erde zwölf vom Kopf bis an die Zehen gewappnete Herren, in deren Mitte ſich nun auch der lange, hagere Mann niederließ. Er war vor zwei Nächten über den Berg⸗ rücken von der Burg Riedegg wandernd geſehen, und von den Landleuten für das Unheil und neue Kriegs⸗ noth prophezeiende Geſpenſt des Dürrenteufels gehal⸗ ten worden. ————————— 147 Der ſonderbare Mann hatte auch alle Urſache, den Aberglauben der Landleute benützend, nur des Nachts nach Oberöſterreich hereinzuſchleichen. Er nannte ſich Herr von der Eck, und war nebſt dem an ſeiner Seite ſitzenden Herrn von Dietrichſtein einer jener öſterrei⸗ chiſchen Adeligen, welche zur Zeit des zweiten Bauern⸗ aufſtandes in Oberöſterreich im Jahre 1632 in das Lager Guſtav Adolfs ausgewandert und nunmehr, nicht ohne große Gefahr, über die bayeriſche Grenze herübergekommen waren, um mit den Abgeſandten des Kanzlers Oxenſtierna in den von den abergläubi⸗ ſchen Landleuten gemiedenen Gewölben der Burg Wild⸗ berg„mündliche Rede und Werbung zu traktiren“, in⸗ wieweit der Schwede auf die Stimmung und Beihülfe der„Evangeliſchen“ in Böhmen rechnen könne, falls ſeine geſammte Streitmacht dahin vorgeſchoben würde. Neben dieſen Herren ſaßen im Gewölbe des Thurmes zu Wildberg auch die zwei Männer, welche der Herr von der Eck in den Thurm geführt hatte. Meiſter„Fuchsbart“ und Meiſter„Klee“ waren beſſer bekannt mit den Schluchten der böhmiſchen Ge⸗ birge, als mit jenen Oberöſterreichs, ſeit ſie im Jahre 1633 zum erſten Male den wandernden Waiſenknaben Chriſtoph Wunſch in den Felsſchluchten bei Adersbach mit ihren Namens⸗Symbolen in das Waldſtein ſche 148 Schloß zu Jiein hinabgeſchickt hatten. Beide ſind hiſto⸗ riſche Zeugen jener traurigen Parteienkämpfe auf deut⸗ ſchem Boden, und ihre Rolle war auch in den Gewölben des Wildberges nicht ausgeſpielt. Dort ſaßen ſie aber als Abgeordnete des„evangeliſchen Heeres“ unter den Feinden des Kaiſers und der katholiſchen Ligue. Nachdem einige minder bedeutende Reden gewech⸗ ſelt worden waren, erhob ſich Derjenige, welcher einen Fuchsbart auf ſeinem breiten Hute trug.—„Chriſtus der Herr,“— ſprach er mit volltönender Stimme, in⸗ dem er ſich von ſeinem Sitze erhob,—„Chriſtus der Herr hielt vor der Entſcheidung ſeines leidenvollen Erdenwandels das letzte Abendmahl, und bedeutungs⸗ voll ſind ſeine Worte, als er zu ſeinen zwölf Send⸗ boten ſprach:„Geht hinaus und predigt das Evange⸗ lium allen Völkern.“ Alſo tritt einer der Herolde der reinen evangeliſchen Lehre, geſandt aus dem ſchwedi⸗ ſchen Lager der Generäle Wrangel und Königsmark, unter Euch, und ermahnet Euch, daß Ihr an jedem von den zahlloſen Fäden faſſen möget, die wir vom Oſt⸗ meere bis zur Donau, vom Lech bis zum Rieſengebirge geſpannt haben, um gemeinſchaftlich die Fahne der evangeliſchen Sache zu erheben. Und nun vernehmt, was der ſchwediſche Reichsrath und die Generäle des ſchwediſchen Lagers Euch durch ihren Herold, den Ma⸗ 149 giſter Fur*), entbieten.“— Hierauf entrollte der Magiſter der aufhorchenden Verſammlung jenen Plan, der zur Eroberung Böhmens entworfen war.—„Die böhmiſche Hauptſtadt,“— riefer,—„muß vor Allem genommen werden. Wie Tarquin ſeinem Sohne die große Lehre gab, daß man die Bezwingung einer Stadt mit der Entfernung ihrer Häupter beginnen müſſe; wie die Natur es lehrt, daß man den Baum, den man ver⸗ derben wolle, die friſchen und nicht die dürren Aeſte abſägen müſſe: ſo enthält der Plan der ſchwediſchen Generäle zunächſt die Liſte der Häuptlinge, die vor Allem unſchädlich zu machen ſind.“— Der Prädikant zog ſodann die Liſte dieſer Häupter heraus. Zu oberſt auf derſelben ſtanden der böhmiſche Oberſtburggraf Martinic, der Kommandant Prags Graf Colloredo, der oberſte Gerichtspräſident Franz Graf v. Sternberg und der Erzbiſchof Harrach; dann kamen der Altſtädter Hauptmann Wenzel Graf v. Michna, der Neuſtädter Hauptmann Alex. Wratislaw Freiherr v. Mitrowic, dann der Altſtädter Primator Turekv. Sturufeld und Roſenthal, endlich der Rektor des Jeſuiten⸗Kollegiums ²) Magiſter Furius, in der Geſchichte der Belagerung Prag beſonders dadurch merkwürdig, daß ihn Graf Königs⸗ mark zum Prediger der lutheriſchen Lehre auf der Kleinſeite beſtimmte. 150 zu St. Klemens P. Duboiſſon und der Herr Cernie, Propſt von Cderas, und Rudolf Pihar, Propſt in Altbunzlau, welche insgeſammt wegen ihres Einfluſſes auf die weltlichen und geiſtlichen Angelegenheiten der königlichen Hauptſtadt Böhmens und wegen ihres großen Anhanges im Volke als die Erzfeinde der Evangeliſchen betrachtet wurden.—„Sodann,“— fuhr der Magiſter fort,—„gilt es, ihr Herren, die friſchen Zweige des Baumes, die wir fällen wollen, für uns zu ſammeln. In der Jugend ruht die Kraft, wer über die Jugend gebietet, der gebietet über die Zu⸗ kunft— und über die Jugend Prags herrſcht zur Zeit — der Jeſuit.— Ihr Herren! ſoll die ſchwediſche Sache, welche eine iſt mit der der Evangeliſchen, in Böhmen ſiegen, ſo müſſen die Pfeiler der Stadt unter⸗ minirt und das Kollegium Clementinum muß in die Luft geſprengt werden!“ Donnernder Beifallsruf antwortete der Rede des Prädikanten, und hätte nicht die ſtürmende Windsbraut noch lauter um den Thurm herumgetobt, der Beifalls⸗ ſturm dieſer Unterirdiſchen wäre weithin im Forſte vernehmbar geweſen.—„Seid klug wie die Schlan⸗ gen,“— mahnte zum Schluſſe der Redner;—„wo der eiſerne Schlüſſel nicht hinreicht, da muß der goldene uns, die wir den Speeren unſerer Feldherren den Weg 151 ebnen wollen, die Wege bahnen. Jetzt aber, meine Freunde, das Abendmahl, dann der Gang zum Kreuze!“ Der Prädikant ſtand auf und tiefe Stille trat ein. Er reichte ſodann jedem der Anweſenden das Abend⸗ mahl in beiden Geſtalten, wie dies in einem uralten Holzgemälde aus dieſer Veſte noch verſinnlicht iſt.... vIII. Dus Haus des Primutors. Widjm mésto w swé oswéte Gako stunce po wéem swéte, Pro Präh gemn wzdögle Praha Tamt bude welikä draha.— Ich ſab die Stadt in würdig ſtolzer Pracht Sich ſpiegeln in der klaren Welle, Jetzt ſehe ſie, der Größe Burg und Macht So nennt ſie Prag des Böhmenruhmes Schwelle. Libuſſa. Nahe an dem Dorfe Podbaba bei Prag liegt das freundliche Scharka⸗Thal mit dem gleichnamigen Bache, der murmelnd über den Kieſelgrund hinläuft, während an ſeinem Ufer eine Mühle gleich einer grollenden Sybille ihre klappernden Räder ſchwingt und grüne Raſen mit gelben Saatfeldern und fruchtbringenden Obſtbäumen den Blick des Naturfreundes ergötzen. Einſt beſiegte, wie die altböhmiſche Sage erzählt, in dieſem Thale die Argliſt des Weibes die Rieſenkraft 153 des Mannes.... Da war es nämlich Cztirad aus dem Hauſe Proſch, Herzog Premisl's vorzüglichſter Rath⸗ geber und Richter des Prager Bezirkes, den Premisl mit zwanzig bewaffneten Reitern ausſandte, um einen Federſtreit zwiſchen Mlad, dem Sohne Dobrowis, und Smieluſch, dem Sohne Chabor's, zu Kapannia ſchlichten.— Aber Wlaſta, die berüchtigte und zu berühmte Führerin der böhmiſchen Amazonen, welche Cztirad's Zug durch Verrath von Premisl's Diener erfuhr, dachte darauf, Cztirad zu fangen und ſandte ihm fünfzig ihrer kräftigſten Mädchen mit treff⸗ lichen Roſſen entgegen. Unter dieſen befand ſich Scharka, ſchön und üppig von Geſtalt und liſtig wie die Schlange. Sie ließ ſich Hände und Füße binden, ein Horn auf den Rücken und eine Flaſche Meth an ihre Seite hängen. So traf ſie Cztirad im Dickicht des Forſtes. Scharka weinte. Cztirad fragte um die Urſache ihrer Thränen und erfuhr von dem Mädchen: ſie ſei die Tochter Mnohoslaw's von Oſtorin, habe dieſen auf der Jagd verloren, ſei von Wlaſta's Amazonen ver⸗ folgt und alſo gebunden zurückgelaſſen worden, als dieſe Cztirad's Reiter herannahen hörten. Cztirad, voll Mitleid für Scharka, verſprach ſo⸗ gleich, ſie ihrem Vater zurückzubringen. Sie aber bat: 1861. X. Ein böhm. Student. 1. 10 154 „Bei deinem Adel bitt' ich dich, ſetz' dich ein wenig auf dieſen Raſen neben mir und laß uns ausruhen.“ Und die Liſtige reichte dem Argloſen ihren Methkrug, und er trank und reichte den Meth auch ſeinen Reitern. Aber das ſüße Getränk war von Wlaſta bezaubert, und wer davon trank, deſſen Kraft war gelähmt.— Zetzt bat die liſtige Scharka: Cztirad möge in ſein Horn ſtoßen, damit ſie höre, was dies für einen Schall habe. Der Argloſe willfahrte ihr, und der Schall ſeines Hornes dröhnte durch die Luft.— Das war das Zeichen für ſeine Feinde.— Jetzt ſtürzte ſich der Mädchenſchwarm von Wlaſta's Amazonen auf Cztirad und ſeine Begleiter und Pfeil und Schwert wüthete unter Cztirad's Kriegern, er ſelbſt wurde gebunden und von den Dirnen nach der Mädchenburg Diwin abge⸗ führt. Von dieſer durch den Chroniſten Hajek überlie⸗ ferten Sage heißt das erwähnte ſchöne Thal noch im⸗ mer die Scharka, deren weiter Keſſel einen Bergrücken wahrnehmen läßt, auf welchem die St. Mathiaskirche ſteht, von welcher eine andere Sage erzählt, daß Herzog Boleslaw, als er in dieſen Wäldern nächſt der Grube der getödteten Knechte Cztirad's jagte, von einem ge⸗ waltigen Bären angefallen wurde, gegen welchen ihm der plötzlich erſchienene heilige Mathias beiſtand;— wornacher an dieſer Stelle die St. Mathiaskirche erbaute. 155 In dieſem Thale wogte und brauſte es während eines ſchönen Herbſtabends des Jahres 1647 wie in einem großen, vom Winde bewegten Binnenſee. Die Alma mater Prags hatte ihr Studienjahr geſchloſſen und ihre Jünger fanden ſich heute in dem ſchönen Scharkathale noch einmal zuſammen, um vor dem Abgange nach allen Richtungen der Windroſe einen fröhlichen Commers zu feiern. Dort, wo der ſtürzende Mühlbach über Felsblöcke hinrollt, ſaßen die fröhlichen Studenten beim perlenden Melniker, und um und neben ihnen, in verſchiedenen Gruppen, Bürger der Stadt Prag, Soldaten und Landleute, wie ſie eben der ſchöne Herbſtabend zuſammengewürfelt hatte. Auf der höchſten Raſenterraſſe aber, hinter einem vom Herbſt⸗ winde beſtrichenen Gebüſche, ſaßen mit goldenen Ketten gezierte Herren, welche an dem luſtigen Treiben mit ſtillem Vehagen ſich ergötzten und zuweilen dem vor ihnen in kleinen ſilbernen Krügen ſtehenden Weine zu⸗ ſprachen, den ihnen zwei beſondere Diener aus breiten Flaſchen zugoſſen. Dieſe Herren waren der edle Graf Jaroslaw Martinic, der Oberſtburggraf und Statt⸗ halter des Kaiſers in Böhmen, ferner Rudolf Graf v. Colloredo, der Kommandirende Prags, dann der Altſtädter Primator, Turek v. Sturmfeld und Roſen⸗ thal, endlich der Appellationsgerichts⸗Präſident Franz 10* 156 Graf v. Sternberg. Die Herren hatten ſich heute wie öfters im freundlichen Kreiſe zuſammengefunden, we⸗ niger der Erholung wegen, als um in dieſem traulichen Kreiſe ihre Meinungen und Anſichten auszutauſchen, was ſie, ohne ſogleich von hundert Augen beobachtet zu werden, in ihren Sälen und Amtszimmern der Hauptſtadt nicht immer thun konnten. Das Landhaus, auf deſſen Terraſſe ſie ſaßen, ge⸗ hörte dem Altſtädter Primator Niklas Turek von Sturmfeld und Roſenthal. Von Außen unſcheinbar, im einfachen gothiſchen Style erbaut, barg es im In⸗ nern eine wahrhaft orientaliſche Pracht. Die reichſten Teppiche mit eingewirkten Bildern aus der älteſten Geſchichte Böhmens zierten die Wände ſeiner Zimmer. Da ſah man unter denſelben, mit Goldfäden einge⸗ wirkt, die Darſtellung der Ankunft der Czechen in Böhmen, der Wahl Krock's zum Richter, der Wahl Li⸗ uſſab's zur Fürſtin, der Gründung Prags, der Siege Wlaſta's, der alten Mähr von Ritter Hokimir und an⸗ derer geſchichtlichen Sagen,— denn Herr Turek von Sturmfeld war Böhme mit Leib und Seele, begeiſtert für ſein Vaterland und ſeinen König, ſowie für ſeinen Glauben, für Recht, Tugend und Sitte. Kraftvoll und treu, in Gedanken und Rede gleich wahr und offen, ſtand er da als ein treuer Bürger der Stadt, in welcher 157 er das Regiment führte; ſeine Bruſt ſchmückte die gol⸗ dene Kette des Kaiſers, ſein edles Haupt die Krone des Vertrauens ſeiner Mitbürger. Aber ſein ſchönſter Schmuck war Anna, ſeine acht⸗ zehnjährige Tochter, ein zartes, hoch aufgeſchoſſenes Mädchen, voll Lieblichkeit und edler Sitte, der Liebling ihres Vaters. Die Anmuth der Jungfrau, ſowie der Reichthum des Vaters konnten nicht verfehlen, das Ange vieler junger Männer auf das Haus des Pri⸗ malors zu lenken, und da ſeine Amtsführung ihn mit vielen Fremden und Einheimiſchen zuſammenführte, ſo war es wohl kein Wunder, daß junge Männer aus den entfernteſten Gegenden um das holde Mädchen ſchwärmten. Ihre Mutter, Frau Lidwina, eine edle gottesfürchtige Dame, ſuchte dem Leben der Tochter eine möglichſt religiöſe Richtung zu geben; viel lieber ſah ſie daher den Beſuch geiſtlicher Würdenträger des Landes im Hauſe ihres Gatten, als den der jungen Tonangeber Prags, welche ſich in den angeſehenen Häuſern wie die Drohnen des Bienenſtockes einfanden und die Blumen der Schönheit und des Reichthums umſchwärmten: Frau Lidwina genoß an dem erwähnten Abende in dem nächſt dem Landhauſe gelegenen Garten im Kreiſe anderer Frauen des heiteren Abends. Das Haus des S 158 Primators war nämlich auch durch den Beſuch zweier anderen edlen Frauen, der in Prag allgemein verehrten frommen und mildthätigen Frau Polyxena von Lobko⸗ witz, aus dem Geſchlechte der Pernſtein, Gemalin des oberſten Hofkanzlers Zdenko von Lobkowitz, ihrer Muhme, der edlen Frau Salome Gräfin von Herber⸗ ſtorf und deren Nichten Roſa und Maria von Pern⸗ ſtein ausgezeichnet. Die innige Freundſchaft, welche zwiſchen dieſen Letzteren und Anna, der Tochter des Hauſes, beſtand, machte ihnen auch dieſe abendliche Zuſammenkunft zu einem Feſte. Aber, wo Blumen blühen, ſchwirren wohl auch bunte Falter herum. Drei derſelben bewegten ſich eben um dieſen Frauenkreis. Der eine war ein hochgewach⸗ ſener, finſterer und bleicher Mann, deſſen ganze Hal⸗ tung vollkommen dem eiſernen Ernſte entſprach, der ſich auf ſeinem ſtarren Antlitze ausprägte; ſeine hohe, freie Stirn trug bereits einige Furchen, die Zahl ſeiner Lebensjahre mochte an fünfundvierzig betragen, aber ſein Blick fiel noch feurig und durchdringend auf die ſchlanken Geſtalten Anna's und Roſa's von Pernſtein. Er trug das Koller und Wehrgehänge eines kaiſerlichen Obriſtlieutenants und war den Frauen durch den Pri⸗ mator Turek als ein fränkiſcher Ritter von Oswald vorgeſtellt worden, der eben mit ſeinem Freunde und 159 Waffenbruder, dem Grafen Orlando, einem Edelmann aus Wälſchland, nach Prag gekommen. Dieſer, ein ſchöner, junger Mann von kaum dreißig Jahren, wußte den Damen gar viel zu erzählen von der Pracht und Herrlichkeit des italieniſchen Lebens und von der Ma⸗ jeſtät der altberühmten, mächtigen Dogenſtadt. Ein faſt komiſches Gegenbild zu dieſen beiden männlichen und kräftigen Geſtalten bot endlich der dritte männ⸗ liche Theilnehmer dieſer Geſellſchaft. Er war ein jün⸗ gerer Verwandter des Hauſes, ein Prager Student, Jakob Roſenblatt, deſſen roſenduftende Ausſtattung ſeinem Namen vollkommen entſprach. Jakob Roſenblatt, welcher, ſeit er ein Jahr in der Weltſtadt Paris zugebracht, ſich Couſin Jaques nennen ließ, war einer der„Hofirer und müſſigen Junkerle“, wie ſie in jenen Tagen ſchon in Prags Gaſſen und Straßen das Pflaſter traten und von denen Hypolit Guarinonius in ſeinem„Greuel der Verwüſtung“ er⸗ zählt:„Wer Luſt und Liebe zu lachen und ſeine Wun⸗ der zu ſehen hat, der gehe ein wenig in die Stadt und beſehe ſich, wie die Hofirer und müſſigen Junkerle, ja auch nicht weniger die armen Herrenknecht und Maul⸗ affen ſich ergehen, die da meinen, daß ihnen Alles wohl anſtehe, was ihre Herren thun. Sie haben oft einen ſchonen Kragen und kein Hemd an, entleihen oft zu der 160 Buhlſchaft den Mantel und Hut, eine Menge von ihnen ſtreicht im Tage hin, und herwieder, auf und ab, und ſtehen wie die Raben ums Aas, laufen mit der Leimſtange, wüthen und toben; iſt ihnen allent⸗ halben, in und aus, hinten und vornen, ob und unten, um und um angſt und bang; arbeiten und zappeln mit Aug und Kopf, mit Händen und Füßen; ſchwingen auf vielerlei Weiſe den Mantel hin⸗ und herwieder, bald unter die Achſeln, bald um das Maul, bald laſſen ſie ihn auf der einen Seite herabhängen, damit man das ſchöne(bisweilen entliehene, oder noch nicht be⸗ zahlte) Kleid ſehe. Auch bemerkt man gar wohl, wie ſie den Hut hinter ſich, dann für ſich und jetzt nach der Seite richten; wie ſie im Gehen die Hände und die Füße ſchwingen, nicht Anders, als wenn ein Bauer im Felde Getreide ſäet; wie ſie jetzt das Faridet(Schnupf⸗ tuch), bald eine Pomeranze oder eine Blume in den Händen herumführen, bald die Handſchuh für die Naſen henken, daß man meinen ſolle, ſie ſeien mit Biſam ge⸗ ſalbet; und daß man die Ringe an den Fingern ſehen ſolle, die entweder entliehen oder nicht bezahlt, oder falſch ſeien. Andere ſchauen ihre Händ und Schuhe an, ob ſie zierlich herantreten, ob die langfetzenden Hoſen⸗ bänder und Flenken recht hin- und herwieder klangeln, ob ſich das Rappier der Gebühr nach hinten ſchwinge. 161 Andere die tragen einen Zahnſtührer und ſonderlich Nachmittags, bis zu Nachts in Händen, und ſtühren ſtets in den Zähnen herum, können die köſtlichen übrig⸗ gebliebenen Schiefer nicht aus den Zähnen bringen; ich trag Sorg, es fräße mancher den Zahnſtührer ſelbſt vor Hunger, oder er ſteckt den Zahnſtührer auf das Ohr oder gar auf den Hut; wie auch etwa einen über⸗ zogenen langen Zimmetzucker, damit man meinen ſoll, wie ſie gar ſo ſtaatlich ob der Tafel gelebt haben. Wie auch etwan diejenigen thun, ſo die Federn von Hüh⸗ nern oder Vögeln über das Fenſter hinabwerfen, oder einen Fuß vom Repphuhn hinter das Ohr ſtecken, oder die Semmelbroſen auf den Bart ſtreuen und den ganzen Tag daran zu ſäubern haben, bis ſie die Broſamen herausbringen. Andere die gehen mit aufgerecktem F in die Höhe wie die Gäns herein, halten den opf ſteif, als wenn er gegoſſen wäre, ſehen nur grad vor ihnen her, dürfen ſich gar nichts mit dem Hals bewegen, damit ſie nicht das große Affen⸗ und Narren⸗ wappen, den geſtärkten und ausgekreſten Kragen ver⸗ wirren und verrücken. Andere thun nichts als hin und her wieder und auf allen Seiten ausſpritzen und ſich räuspern. In Summa, ſie haben viel zu thun und zu ſchaffen, ſo viel zu verrichten, ſo viel Hoſen zu waſchen, daß ſie ſelbſt oft nicht wiſſen, wo ihnen der Kopf, ge⸗ 162 ſchweige das Geſäß ſteht, und ſind dermaßen verzuckt und verwirrt, daß ſie Niemanden, der mit ihnen redet, Acht oder Audienz geben, ſonderlich wenn ihr guter Bekannter, welcher etwa nicht ſtattlich bekleidet, auf offener Gaſſe zu ihnen tritt, den haben ſie gewaltig ungern und ſchämen ſich ſeiner, thun oft, als kenneten ſie ihn nicht. Dieſe und dergleichen ſchöne Ceremonien brauchen jetzige Corteſierer, die ihren Holdſchaften das Hofrecht erweiſen und auf den Dienſt warten.“... Der duftende Jacques Roſenblatt tanzte an der Seite der Jungfrauen im Garten des Primators da⸗ hin und wetteiferte mit dem Italiener an Aufmerkſam⸗ keiten, womit er ſich den Fräulein bemerkbar zu machen ſuchte; während der fränkiſche Ritter, ruhig und ernſt, wie immer, an der Seite der alten Damen einherſchritt, nichtsdeſtoweniger aber ſein dunkles Auge nur zu oft auf den lieblichen Zügen des Fräuleins Roſa von Pern⸗ ſtein ruhen ließ. Die Geſellſchaft hatte den Garten rückwärts verlaſſen und war in jene romantiſche Schlucht hinausgetreten, welche über den Bach zu dem kleinen Waſſerfalle und zu dem hochgethürmten Felſen führte, wo breite Steinmaſſen eine Mühle beſchatteten. Dort hielten die Frauen Raſt und die Geſellſchaft bil⸗ dete ſich wieder zu jener Gruppe wie im Garten, denn —.—— 163 die wildromantiſche Gegend bot dem Auge wohl hun⸗ dert verſchiedene Bilder von Naturſchönheiten. Während der Faden des Geſpräches wieder fort⸗ geſponnen wurde und Graf Orlando an Anna's Seite mit Begeiſterung von der Aehnlichkeit dieſer Gegend mit den Alpenregionen ſeines italieniſchen Vaterlandes ſprach, hatte ſich die liebliche Ludmilla, Anna's kaum ſechs Jahre zählende Schweſter, gegen den Mühlbach gewendet, um ſich einen Strauß von gelben, hellglän⸗ zenden Schmalzblümchen zu pflücken und dieſen ihrer Schweſter zu bringen. Aber, wie dies gar häufig ge⸗ ſchieht, man hatte in der Geſellſchaft das lebhafte Kind nur einen Augenblick aus dem Geſichte verloren, und ſchon ſchallte deſſen Hülferuf vom Mühlbache herauf, in den es geſtürzt war und auf welchem es unaufhalt⸗ ſam dem klappernden Rade zutrieb, unter deſſen eiſernen Zähnen es ſicher das junge Leben aushauchen mußte, wenn nicht im rechten Augenblicke Hülfe kam. Und der Retter erſchien. Während die Geſellſchaft, durch das Geſchrei des dahin ſchwimmenden Kindes aufmerkſam gemacht, den Hügel herabeilte, ſtand be⸗ reits ein kraftvoller junger Mann mit ausgeſpannten Füßen auf beiden Seiten der Mühlſchleuſe und hatte mit wahrer Rieſenkraft eine Speiche des gewaltigen Mühlrades erfaßt, wodurch dieſes zum augenblicklichen 164 Stillſtande gebracht wurde, während er die Linke weit ausſtreckte, um das mit dem Schwalle herantreibende, durch ſeine Kleidchen auf der Oberfläche des Waſſers gehaltene Kind zu erfaſſen, was ihm in der That auch gelang. Dann ſchwang er ſich mit einer kühnen Wen⸗ dung auf die rechte Schleuſenwand, und das Rettungs⸗ werk war vollbracht. In dieſem Augenblicke langten auch die zum Tode erſchrockenen Frauen an. Der junge Retter hielt ihnen das wimmernde Kind entgegen. Der Italiener und der Franke eilte ſogleich herbei, und Letzterer ſprang, ohne ſich lange zu beſinnen, in den Wogenzug der Schleuſe hinab, um dem kühnen Retter das weinende Mädchen abzunehmen, während die Frauen wehkla⸗ gend herbeieilten, der duftende Studioſus, Jaques Ro⸗ ſenblatt aber, der Möglichkeit einer Aufforderung zum Nacheilen ausweichend, in der Ferne innchielt, und wohlbedächtig den Nachzügler bei dem Rettungswerke machte. Bald hatte Oswald, mit aller Kraft ſich an den vorragenden Steinen der Schleuſe feſt anklam⸗ mernd, das Kind aus den Armen des jungen Retters an ſich gezogen, und mit einer raſchen Wendung das Ufer gewonnen, wo er das Mädchen in Anna's Arme legte, während der junge Mann, der das Kind ge⸗ rettet, mit einem kühnen Sprunge das andere Ufer 165 des ſchäumenden Mühlbaches erreichte, und als die Frauen nach den erſten Liebkoſungen des wiederge⸗ wonnenen Kindes ſich nach ihm umſahen, bereits hoch oben auf dem Berge ſtand, von welchem aus der Weg durch Saatfelder und Baumgruppen in das freund⸗ liche Dorf Libos, und weiter zu den Ringmauern des Sternwaldes am Abhange des denkwürdigen weißen Berges führt. Doch nicht blos das Auge der ſchönen Anna, auch das ihrer Mutter, und der Blick der edlen Frau von Pernſtein waren ihm gefolgt. Da keuchte das duftende Roſenblatt heran. Jacques hatte beſſere Au⸗ gen als Füße.—„Die edlen Frauen,“— rief er von weitem,—„ſchauen dem kecken Studioſus nach, der es wieder einmal wagte uns in den Weg zu treten, und uns in der Vollbringung eines Rettungswerkes zuvorkam, daß wir auch ohne ſeine Dazwiſchenkunft vollbracht hätten.“ Die Damen mußten trotz der tief-ernſten Stim⸗ mung, welche die erlebte Unglücksſzene bei her⸗ vorgerufen hatte, lächeln. Aber Monſieur Jacques fuhr fort:„Ja, ja, es iſt der Jwanit, der uns hier zum zweiten Male in den Weg trat, und überall auftaucht, wo das edle Fräu⸗ lein von Turek ſich ſehen läßt.“ 166 Anna's Antlitz übergoß tiefer Purpur. Frau Sa⸗ lome hatte dies bemerkt.—„Der Jwanit?“— fragte ſie,—„was iſt's mit dem?“ Jacques Roſenblatt wollte hierüber alſogleich be⸗ richten, aber die Frauen mahnten, daß Ruhe nach dem gehabten Schrecken vor Allem Noth thuc. In wenigen Minuten befand ſich daher die Geſellſchaft wieder im Landhauſe. Dort aber war es eine der er⸗ ſten Sorgen der edlen Frau von Turek, ihren Gatten von dem Vorgefallenen zu unterrichten, ſodann Couſin Jacques zu ſich zu beſcheiden, und von ihm nähere Aus⸗ künfte über den Retter des Kindes, den„Iwaniten“ zu verlangen. „Die hätte Euch, edle Frau,“— berichtete Roſen⸗ blatt,—„am beſten Eure Tochter, Fräulein Anna ſelbſt geben können. Sie war es ja, die den rettenden Arm des Iwaniten bereits einmal fühlte.“ Er erzählte nun, wie im vorjährigen Herbſte, wel⸗ chen Anna bei einer ihrer Verwandten in Beraun zu⸗ gebracht, das Fräulein mit dieſer iſt Muhme die St. Jwans⸗Grotte bei Beraun beſucht habe, wo um eben dieſe Zeit auch mehre Studirende und Künſtler aus Prag ſich eingefunden. Die beiden Damen beſahen ſich eben die Höhle, in welcher St. IJwan gelebt haben ſoll, als plötzlich das Geſchrei ertönte, 167 daß ſich ein Felsblock vom Geſteine löſe, und herab⸗ zuſtürzen drohe. Die Gefahr war, wie Roſenblatt be⸗ richtete, keine geringe, denn das herabbröckelnde Ge⸗ ſtein deutete an, daß der gewaltige Felsblock ſogleich folgen, und Alles zerſchmettern werde, was in der Höhle ſtand. Die Angſt aber ließ die Damen den Aus⸗ gang verfehlen, und ſtatt nach aufwärts, ſuchten ſie ſich nach den Seiten der Höhle zu retten. Noch eine Sekunde und ſie mußten zerſchmettert in ihrem Blute liegen—— aber der Stein fiel nicht, denn mit ſtar⸗ ker, ſchier übermenſchlicher Kraft hing oben ein wah⸗ rer Helfer in der Noth. Ein rieſenſtarker Jüngling hatte beide Arme gegen den ſtürzenden Felsblock ge⸗ ſtemmt, während er mit den Füßen eine Felſenzacke innerhalb der aufwärts führenden Oeffnung umklam⸗ mert hielt, und ſo ſelbſt in der größten Gefahr ſchwe⸗ bend, den Sturz des Blockes einige Minuten aufhielt, indem er mit donnernder Stimme hinabrief, daß ſich Jedermann aus der Höhle entfernen ſolle, weil der Stein, welcher mehrere Zentner wog, ſogleich nieder⸗ ſtürzen würde. So gewannen die Untenſtehenden Zeit, ſich im Gewölbe zurechtzufinden, und in's Freie zu gelangen. Kaum waren ſie hervorgekommen, ſo ſtürzte der gewaltige Felsblock Alles zerſchmetternd in die Tiefe hinab, und zerſprang dort in tauſend Splitter 168 und Steine, während ſich der junge Mann mit einem gewaltigen Sprunge in die Höhe hob, und durch die Seffnung auf den Berg ober der Höhle gelangte, von wo er zu ſeinen jungen Freunden, den übrigen anwe⸗ ſenden Studirenden zurückkehrte. Es war dies eine jener Kraftproben nicht ungewöhnlicher Art, wie ſie die Studenten der böhmiſchen Hochſchule damals häu⸗ fig an den Tag legten. Die Kollegen des muthigen jungen Mannes nann⸗ ten dieſen von ſeinem, in der St. Jwanshöhle erleb⸗ ten Abenteuer ſcherzweiſe den Jwaniten.—„Sonſt aber,“— ſo ſchloß Jacques ſeinen Bericht,—„führt dieſer Studioſus den Namen Chriſtophorus Wunſch, und iſt der Pflegeſohn eines Prager Juden.“ IX In Troja. Fuimus Pross. Das dentwürdige Jahr 1648, das Jahr des wiederkehrenden Friedens, war heraufgezogen. Der Schwede wollte nun den Kriegsſchauplatz vorzugs⸗ weiſe nach Böhmen verlegen. Schon ſtand Graf Kö⸗ nigsmark vor Eger, und zog aus den benachbarten Provinzen ſeine Streitkräfte an ſich. Unweit von Eger, mitten im Hochwalde, wo außer dem eintönigen Hiebe der Holzart und des Stein⸗ metzers kein anderer Klang als die Laute der befieder⸗ ten und vierfüßigen Waldbewohner ertönte, lag da⸗ mals eine finſtere Waldſchmiede, in welcher Meiſter Daniel, der Grobſchmied aus Chemnitz, ſeit Jahren nach Böhmen eingewandert, ſeine Hufeiſen hämmerte, die er dann durch ſeine Geſellen in die Lager der da⸗ 1861. X. Ein böhm. Student. 1. 11 170 mals hin und wieder ziehenden Truppen verhandeln ließ. Dieſer Handel bezog ſich jedoch nicht nur auf das gehämmerte Eiſen des Alten, ſondern auch auf Ver⸗ bindungen mit den Parteien im Lager der Evange⸗ liſchen, denn Meiſter Daniel war ein geheimer Be⸗ kenner des Lutherthums, und ſeine Bergſchmiede, wegen ihres finſteren Ausſehens und ihrer Lage im düſtern Keſſel des Hochwaldes„die graue Schmiede,“ insgemein„Wald⸗Schmidten“ genannt, war ein ge⸗ wöhnlicher Sammelpunkt ſchwediſcher Agenten und wandernder Parteigänger des evangeliſchen Lagers. So ſtand denn auch an einem finſtern Abende kurz nach dem Einmarſche der ſchwediſchen Truppen in Eger, in der rauchgeſchwärzten Unterſtube des Schmied⸗ häuschens ein hochgewachſener Mann im Alter zwi⸗ ſchen fünfundvierzigbis fünfzig Jahren. Seine breite, nach rückwärts gebogene Stirn deckten röthlich⸗blonde Haare, welche in wirren Lockenwülſten auf den feinen Spitzenkragen niederfielen, den der Mann über ſeinen Koller trug. Ueber der Schulter hatte er eine blaue Schärpe hängen, und ſeine benarbte Hand ruhte auf dem gewaltigen Degenknopf, während um die in zwei Winkeln niedergebogenen Lippen ein Zug des Trotzes und Hohnes ſpielte, und dieſer ſo wie die große Ad⸗ lernaſe ſeinem Geſichte den unheimlichen Ausdruck des 1 Lauerns und einer gewiſſen Herrſchſucht gaben, die ſich in ſeinen ganzen Zügen auszuprägen ſchien. Dieſer unheimliche Gaſt im Waffenrocke war Graf Konigsmark, der ſchwediſche Unterfeldherr, welcher auf dem Jagdgange durch dieſen finſtern Hochforſt von ſeinen Offizieren abſichtlich in dieſt Schmiede geführt worden war, wo er eben den Bericht eines ſeiner Send⸗ linge, des Prädikanten Magiſter Fux empfing, der eine kleine Karte von Böhmen auf der Eichentafel vor dem Grafen ausbreitete, und auf eine Anzahl rother Kreuze hindeutete, die auf dieſer Karte angedeutet waren.—„Und in den Ortſchaften und Städten Böhmens, bei deren Namen dieſe Kreuze angebracht ſind“— ſchloß der Prädikant ſeinen Bericht,—„wir⸗ ken Anhänger der ſchwediſchen Sache für das reine Evangelium, alle dieſe Städte und Flecken ſind ſo gut wie unſer, die rothen Kreuze deuten die Funken an, bei denen es blos des Windhauches bedarf, um die Flamme des Aufſtandes zu Gunſten der evangeliſchen Sache anzufachen. Nur die Hauptſtadt, das königliche Prag, wird Widerſtand, gewaltigen Widerſtand leiſten; aber auch dort ſind rothe Kreuze, obgleich nur wenige, bereits angebracht.“ Der Prädikant entfaltete bei dieſen Worten den Plan der Prager Stadt.—„Hier,“— ſagte er,—„das 1 Haus zur goldenen Kugel, bei der Drahomira⸗Grube, hier das Geſpenſterhaus in der Brandgaſſe, hier die Huſſiten⸗Kammer, endlich die porta scropharum— das, Erlaucht, ſind die Sammelplätze der Unſern; aber auch in den Häuſern des hohen Adels und der angeſehenen Bürgerſchaft, wie im Rath der Prager Si haben die Unſern Poſto gefaßt, und—“ „Die Jugend! die thatendurſtige und thatenkräf⸗ tige Jugend Prags müßt Ihr gewinnen,“— unter⸗ brach Graf Königsmark den Sprecher,—„ſonſt nützt Euch all Euer Schleichen und Miniren nichts. Hat Magiſter Klee unter den Studenten der Hochſchule bereits Anhang gefunden?“ „Noch nicht, Erlaucht,“— erwiderte der Prädi⸗ kant.—„Ihr wißt⸗ daß ich und Magiſter Klee ſeit der langen Reihe von vierzehn Jahren für die Sache des Evangeliums in Böhmen thätig ſind, daß wir im Schloſſe zu Jiéin, wie in den andern Burgen Böh⸗ mens und Oberöſterreichs oft mit eigener Lebensge⸗ fahr einſprachen, warben und wirkten ſo viel wir konnten. Landvolk und Beamte, Adel und Gelehrte konnten wir für unſere Fahne gewinnen, aber dieſe Studentenſchaft Prags war bisher unerreichbar für unſere Netze, und kraftvoll und markig, wie dieſes Geſchlecht junger Bekenner der Wiſſenſchaft unter der 173 Leitung tüchtiger Lehrer, namentlich aus dem katho⸗ liſchen Ordensſtande, ſich entfaltet, wird es uns ſchwer⸗ lich gelingen, ſie für unſere Sache zu gewinnen.“ „Ihr müßt die Stimmführer der Studentenſchaft gewinnen!“— rief Graf Königsmark,—„oder un⸗ ſchädlich machen,“— ſetzte er bedeutungsvoll hinzu. Und der ſchwediſche Feldherr hatte nicht Unrecht, denn in der Jugend ruht die Kraft, und wäre er Zeuge geweſen, wie die jungen kraftvollen Söhne der Alma mater in eben dieſer Stunde den Schweden ein ein⸗ ſtimmiges„Pereat“ ausbrachten, ſo würde er noch dringender auf die Studentenſchaft Prags, als die muthvollſten Gegner der Schweden in Böhmen, hin⸗ gedeutet haben. Da ſaßen und lagen nämlich wohl an die fünfzig junge Männer, ſchön und kraftvoll, mit ſehnigen Glie⸗ dern und blitzenden Angen, wie die einſtigen Helden aus Griechenland vor Troja— ja, vor Troja, dem ſchönen, an der Moldau unweit von Prag gelegenen Schloſſe. Die Studenten hatten es ſich vor dem Schloſſe bequem gemacht, und das große Rieſenfaß von ſiebzig Eimern, welches ſpäter bei dem Eisſtoße des Jahres 1784, bei welchem das Waſſer in das Schloß eindrang, zu Grunde ging, labte mit ſeinem edlen Naß an dem erwähnten Abende des Mai auch 174 die Studenten ſchaft Prags, welche nach ihren Lands⸗ mannſchaften abgeſondert vor den gefüllten Stein⸗ krügen ſaß und ſich gütlich that. Bei einem runden Tiſche unter einer ſchattenrei⸗ chen Tanne ſaßen die Inländer, die eigentlichen Böh⸗ men, und ihre Nachbarn die Mährer und Schleſier. Johann Kauffer, ein Sohn der Stadt Prag voll Froh⸗ ſinn und Munterkeit, führte das Wort, ihm zur Seite Julius Röttel und Johannes Duchze, dann Ephraim Naſo, alle drei aus Schleſien.— Drüben bei den andern Tiſchen ſaßen die fremdländiſchen Studenten, welche ihre beſonderen Landsmannſchaften bildeten. Nikolaus Faber, der Luxemburger, führte bei ihnen das große Wort. Die Studenten, welche hier verſammelt waren, hatten ſo eben in dieſem Herbſte ihre Studien an der Univerſität beendet. Nun ſaßen ſie im freundlichen Kreiſe und ſcherzten und tranken, und die Rede drehte ſich zuerſt um die Lebensbahnen, welche ein jeder von ihnen einſchlagen würde.—„Es lebe die Themis!“ — rief Salomon Urſing, der Böhme,—„die höch⸗ ſten Stufen ihres Tempels werde ich erklettern, denn wißt, ihr Herren, es fehlt mir nicht an Gönnern.“ „Ja!“— rief lachend Julins Röttel der Schle⸗ ſier dazwiſchen,—„man weiß, daß der Küchenjunge 175 des Oberſtburggrafen Martinie dein leiblicher Vet⸗ ter iſt.“ „O, ſo ein Küchenjunge iſt zuweilen der beſte Pro⸗ tector eines jungen Aſpiranten,“— entgegnete Urſing, —„der Küchenjunge ſteht unter dem Fittiche des Koches, dieſer hat den Küchenmeiſter, dieſer wieder den Kammerdiener, dieſer den Sekretär, und dieſer endlich den Herrn zum Gönner.“ „Bene dicis, amice!e“— rief Ephraim Naſo entgegen,—„auch meine tünftige Carriere beruht auf ſo einem kleinen Stützpunkte, es iſt das kleine Schürzchen, das liebliche Gretchen des Thorwarts am Spittelthor. Das ſchöne Kind iſt die Erwählte eines Gärtnerburſchen im Dienſte des Neuſtädter Stadt⸗ hauptmanns, der Gärtnerburſche iſt der Sohn der Beſchließerin im Hauſe des Primators Turek, dieſe und der Kammerdiener des Primators wollen ein Paar werden, und ſo wäſcht eine Hand die andere.“ „Da kann ich Euch eine ganz andere Geſchichte erzählen,“— rief Kaſpar Spenatzer, ein ſchöner, jun⸗ ger Student der Gottesgelehrtheit, dazwiſchen.— „Ihr mögt wiſſen, Burſche, daß eben in der Kanzlei des Primators Turek v. Sturmfeld die Stelle eines Sekretärs zu vergeben iſt, und wer meint Ihr wohl, wird dieſen einträglichen Poſten erhalten?“— Die 176 Studenten blickten den Sprecher fragend an—„Ei⸗ ner,“— fuhr Kaſpar Spenatzer fort,—„von dem Ihr es am wenigſten vermuthet, unſer Jacques, der Roſenblatt, iſt der Glückliche, der kaum dem Hörer⸗ ſaale entwachſen, dieſe Stelle erlangen wird, und wißt Ihr, wie es kam?— Nun ſeht: Freund Roſenblatt hat einen reichen Onkel, und Primator Turek von Sturmfeld einen armen Haushofmeiſter, der aber bei ihm Alles gilt, weil er ihm ſein Landhaus in der Scharka mit exotiſchen Gewächſen ausſtaffirte, wozn der reiche Onkel des Roſenblatt—“ „Schweigt, Burſche, mit Eurem Gewäſche!“— mahnte Ladislaus Prucek, ein ehrlicher Prager Stu⸗ dioſus der Medizin,—„thut nicht ſo dick mit Din⸗ gen, die Ihr am liebſten verſchweigen ſollt, um Eure Kleinheit zu verbergen. Selbſt muß ſich der Mann helfen und rathen, und traurig genug, wenn es der Liſt und dem Truge auf andere Weiſe gelingt. Das wahre Talent bricht ſich Bahn, und Ihr werdet ſehen, daß der edle Stadtprimator Turek v. Sturmfeld viel zu klar ſchauen wird, als daß er ſich durch Ränke und Schleichwege umgarnen und einen Menſchen auf⸗ dringen ließ, der ihm nicht blos unnütz, ſondern ſelbſt läſtig werden müßte.“ Prusel redete in dieſer Weiſe noch längere Zeit, 177 bis endlich das Geſpräch der Studenten ſich zu einem ernſteren Gegenſtande wendete. Man hatte in Prag be⸗ reits Kunde, daß der ſchwediſche Unterfeldherr Graf Königsmark bei Eger ſtehe, und wahrſcheinlich in Böh⸗ men weiter vorrücken werde. Die Studenten theilten ſich gegenſeitig jene Nachrichten mit, welche ſie über den Stand der ſeindlichen Truppen in Böhmen erhal⸗ ten hatten, als ein hoher ſtattlicher Mann mit Silber verbrämten ſchwarzem Sammtmantel unter ſie trat. Es war der edle Herr Don Juan Areyazaga ein tüchtiger Kriegsmann und Freund der Studenten, der ſich bei Troja ein Landhaus gekauft hatte, und mit ihnen als freundlicher Bewirther manchen ſchönen Abend verbrachte. „Ihr Herren,“— ſagte er, ſich an einem der Tiſche niederlaſſend,—„Ihr Herren von der Hochſchule, der Schwede ſteht vor der Thüre, und man will wiſſen, daß er demnächſt Pilſen beſetzen und nach Prag vor⸗ ſchreiten werde. Da gilt es, ſich zu ſchaaren für Kaiſer und Vaterland!“ Die Erſcheinung des edlen Studentenfreundes brachte ſogleich eine doppelt freudige Stimmung unter die jungen Männer; ſchier hundert Hände ſtreckten ſich ihm entgegen. Don Areyazaga aber ſetzte ſich ſogleich mitten unter die böhmiſchen Studenten.—„Sagt, Ihr 178 Herren,“— rief er eine Zinnkanne ergreifend und ſich einen Becher vollſchenkend,—„ſagt Ihr Herren, habt Ihr nie daran gedacht, daß ſchwediſche Karthaunen auch vor den Wällen Prags auffahren, und unſeren ural⸗ ten Veitsdom aus ihren glühenden Schlünden be⸗ grüßen könnten, und würde ſich da die edle Studen⸗ tenſchaft der Prager Hochſchulen nicht auf den Wällen der Stadt einfinden, und dem Feinde des Vaterlandes und Glaubens die Partiſane entgegenſtrecken?“ Die Studenten horchten auf, und dort und da zuckte ſogleich eine Fauſt nach dem ſtählernen Degen⸗ gefäße. Ja, ja, Ihr Herren,“— rief Don Areyazaga,— „ich leſe ſchon die Antwort in Euren blitzenden Augen, und auf Euren erglühenden Wangen. Profeſſor Plachy hat Recht, Ihr wäret ſicher alle auf dem Platze, wenn es gälte, den böhmiſchen Löwen gegenüber den Schwe⸗ den zu vertheidigen. Aber ſagt, wen unter Euch wür⸗ det Ihr dann zum Anführer Eurer Kohorte wählen. Seht, ich will ihm im voraus ein Lebehoch bringen, daß es alle Wälder und Steine um Troja hören ſoll⸗ ten, und ſäßen noch ſo viele verkappte Griechen, will ſagen Schweden im Holzroſſe, das vielleicht vor Tro⸗ ja's Mauern ſteht.“ Der edle Don warf einen bedeutungsvollen Sei⸗ 179 tenblick auf einige im Schatten einer Jasminlaube abſeitig ſitzende dunkle Geſtalten, welche ſeinen Worten gleichfalls aufmerkſam zugehört hatten. Nun ſtand Karl Schebel, ein Prager Student, auf. —„Der Anführer unſerer Kohorte“— rief er,— „wäre bald gefunden; der Stärkſte an Geiſt und Kraft muß es ſein, der die Starken anführen ſoll.“ „Und ein Böhme müßte es ſein!“— rief Chri⸗ ſtoph Knaut, gleichfalls ein markiger Geche. „Oder ein Schleſier!“— riefen Ernſt Keller und Ephraim Naſo, die beiden Schleſier. „Und warum immer und immer ein Inländer?— donnerte Nikolaus Faber, der Luxemburger, der mit an⸗ deren Fremdländern am benachbarten Tiſche ſaß,— „wollt Ihr den alten Nationalitätsſtreit unſerer akade⸗ miſchen Vorfahren wieder ernenern? Ich dächte, wenn die Sache zum Ernſte käme, müßte das Los entſchei⸗ den, ob ein Böhme oder ein Ausländer unſere Fahne vortragen würde.“ „Wir wollen keinen Ausländer!“— ſchrien Ladis⸗ laus Prusek der Prager, und die Böhmen Chriſtoph Schwertfer und Kaſpar Spenatzer ſtimmten in ſeinen Ruf ein. Aber die Bayern und Luxemburger hatten ſchon nach ihren Degengefäßen gegriffen, der unbedeutende ————— 180 Anlaß ſchien, wie nicht ſelten, ein blutiger Zankapfel zwiſchen den inländiſchen und fremden Akademikern der deutſchen Hochſchule zu werden. Da ſprang aber Michael Frombolt, der Schleſier, von ſeinem Sitze auf: „der Stärkſte ſoll Führer der Starken ſein!“— don⸗ nerte er in den Kreis hinein,—„und ſeht, dort kommt er heran, der Euch alle niederſchmettert mit ſeiner Fauſt, wenn Ihr die Probe aushalten wollt!“ „Der Jwanit!“— riefen die Studenten, und ihre Klingen ſenkten ſich, denn Chriſtoph Wunſch, der im Anſehen ſeiner Studiengenoſſen am höchſten ſtand, kam mit ſeinem Freunde Thomas Luba, gleichfalls einem böhmiſchen Studenten, herangeſchritten. Der Jüngling, einſt ein armer, verlaſſener Waiſen⸗ knabe, war jetzt zum Manne geworden, er hatte ſeine akademiſche Laufbahn an der juridiſchen Fakultät der Karoliniſchen Hochſchule in dieſem Jahre vollendet. Er hatte ſie durch die Beihülfe eines der edelſten Männer, welche die böhmiſche Hauptſtadt jemals in ihren Mau⸗ ern barg, und an dem der an Geiſt und Körper ge⸗ ſunde junge Mann mit aller Liebe hing, deren ſein kräftiges Herz nur fähig war, mit dem günſtigſten Erfolge beendet. Kraftvoll, in der ſchönſten Blüthe des Mannesalters, ragte er gleich einer jungen Eiche durch Wuchs und Stärke über alle ſeine Univerſitätsgenoſ⸗ 181 ſen empor; ſein dunkles glühendes Auge, der muthige entſchloſſene Ernſt ſeines Antlitzes, die veine hohe Stirne boten den Spiegel ſeiner Seele, und ſeine unentweihte Jugendkraft gab ihm eine ſo ungewöhn⸗ liche Körperſtärke, daß unter den Studenten die Sage ging, ſeine Fauſt ſei durch magiſche Mittel gefeit, in deren Beſitze ſein Pflegevater ſich befinde. Seine Erſcheinung hatte auch augenblicklich Ein⸗ heit in die entzweiten Streiter gebracht. Böhmen und Bayern, Luxemburger und Schwaben, Mährer undHeſſen, umſtanden den gefeierten„Jwaniten“, der, hoch über Alle emporragend, dort die Hand drückte, hier ein Freundeswort gab, und dort wieder eine ihm zum Gruße gebotene Kanne entgegennahm. Aber jetzt regte ſich's auch in der dunklen Seiten⸗ laube Einer der ſtillen Zecher, ein hochſtämmiger Oſſizier mit der kaiſerlichen Schärpe über ſeinem Kol⸗ ler, ſtund bald im Kreiſe der ſcherzenden und ſingenden Studenten.—„Erlaubt, Ihr Herren,“— ſagte er,— „daß ein kaiſerlicher Stabsoffizier, der Eurem luſtigen Treiben bisher mit Behagen zugeſehen hat, ein Wort darein rede.“ Sogleich ward es ſtille im Kreiſe.—„Ihr Her⸗ ren,“— fuhr der bleiche Offizier fort,—„werdet es einem erprobten Kriegsmanne, der gar oft ſchon ſchwe⸗ — — ₰ diſches Pulver gerochen, nicht übel deuten, wenn er einige Worte über die Eigenſchaften an Euch richtet, welche der Führer einer ehrenhaften Schaar, wie die Eure ohne Zweifel wäre, haben muß.— Körperkraft und Körperlänge, meine ich, machen noch nicht den Mann zum Helden.“ Bei dieſen Worten maß der Offizier Chriſtoph Wunſch mit einem Blicke, der deutlich die innere Auf⸗ regung verrieth, in welche ihn der Anblick des jungen Mannes verſetzt hatte. Aber auch Chriſtoph Wunſch erhob jetzt ſein flammendes Auge.—„Was ſollen dieſe Worte, Herr?“— fragte er.—„Wer ſeid Ihr? Was wollt ihr von mir? „Wer ich bin?“— antwortete der Offizier.— „Ich nenne mich Ernſt Oswald, bin Ritter von Ge⸗ burt, und kaiſerlicher Obriſtlieutenant. Wir haben uns gegenſeitig zum erſten Male geſehen, als wir uns un⸗ längſt hinter dem Garten des Primators Turek von Sturmfeld begegneten, wo man nach Eurem Namen und Aufenthaltsorte forſcht, ſeit Ihr die Heldenthat vollbracht, und das Kind aus dem Mühlbache gezogen habt.“ Chriſtoph Wunſch blickte dem Offizier jetzt genauer ins Geſicht.—„Ja!“— rief er,—„ichsſah Euch an Fräulein Anna's Seite.“ 183 „Wo ich zu bleiben gedenke;“— entgegnete der Offizier,—„denn ſpeben erwarte ich den edlen Herrn von Turek und Sturmſeld und mehre andere Herren vom Prager Adel, welche, von der Jagd heimkehrend, hier vorbeireiten werden, und an die ich mich anſchließen will— ein Adeliger an die Andern.— Ihr verſtehl mich wohl, und wenn ich mich um Fräulein Anna's Hand bewerbe, ſo mag ich es nicht leiden, daß ein faum dem Hörſaale entwachſener Studioſus ſich er⸗ kühnt, ſich in unſere Kreiſe zu drängen, ſelbſt wenn er den Retter von Kindern aus Waſſergefahr macht.“ Der Obriſtlieutenant hatte noch nicht ausgeſpro⸗ chen, als Chriſtoph Wunſch und ſein Freund Luba ſchon ihre Waffen gezogen hatten. Doch in dieſem Augenblicke rollte ein ſchöner Jagdwagen, mit zwei prächtigen Braunen beſpannt, den Hügel herab. In demſelben ſaß der Primator Turck von Sturmfeld und der Oberſtburggraf Martinic. Ihr Erſcheinen entwaffnete für den Augenblick die Studenten, aber als die beiden Herren grüßend vorübergerollt waren, und die Studenten Miene machten, wieder gegen den Obriſtlieutenant vorzudringen, ſtreckte dieſer ſeinen Degen vor:—„Ihr Herren!“— rief er,—„zehn gegen einen— das iſt unritterlich!“ „Ihr habt Recht!“— rief ihm Chriſtoph Wunſch, ſeine Freunde zurückdrängend, entgegen— wir wollen unſere Sache mit einander allein auskämpfen.“ „Ja!“— rief ihm der Obriſtlieutenant entgegen, —„heute über ſechs Wochen will ich Euch mitten auf der großen Moldaubrücke in Prag mit meinem guten Damaszener entgegenſtehen, und Genngthuung geben, wofür Ihr mir nur“— ſetzte er mit ſcharfer Beto⸗ nung hinzu— Eure Adelſchaft oder mindeſtens Eure freie und cheliche Geburt nachweiſen könnt, denn Ernſt Oswald, der wohlgeborne Ritter, ſchlägt ſich nur mit ſeines Gleichen, oder mit Leuten von makelloſem Namen.“ Mit dieſen Worten drehte ſich der Obriſtlieu⸗ tenant auf die andere Seite, ſteckte ſeinen Degen in die Scheide, und ging ruhig und unangefochten in die Laube zurück, während Chriſtoph Wunſch mit glühen⸗ dem Angeſichte, und ohne eines Wortes mächtig zu ſein daſtand und, den Blicken ſeiner ihn anſtarren⸗ den Kollegen ausweichend, den Hügel hinabſtürzte und der Altſtadt Prag zueilte. Gegen Stolz und Mißgunſt zu kämpfen, fühlie er ſich ſtark, aber nun hing das Vorurtheil der damali⸗ gen Zeit an ſeinen Ferſen, und dies zu beſiegen, war ihm keine Macht gegeben. ———— KIII. Das Geſpenſterhaus. O würden Güter, Nang und Aemter nicht, Verderbter Weiſ' erlangt, und würde Ehre Durch das Verdienſt des Eigners rein erkanſt; Wie Mancher deckte dann ſein bloßes Haupt! Wie viel des Pöbels würde ausgeſondert Aus reiner Ehre Saat! und wie viel Aehren, Geleſen aus der Spren, dem Raub der Zeit, Um nun zu glänzen.. Shakeſpeare. Es gibt im menſchlichen Leben Dinge und Geſcheh⸗ niſſe, welche ungeachtet aller Erörterungen und Nach⸗ forſchungen in ihrem Urſprunge nicht enträthſelt werden können. Zuweilen liefert die Zeit endlich den Schlüſſel zu dem Räthſel, oft aber bleibt dieſes ungelöſt. So iſt dies der Fall mit einem Ereigniſſe, das ſich nach der Ausſage vieler Menſchen in der Nacht des 20. Juli 1571 in der Neuſtadt Prags zugetragen haben ſoll, und welches, wie Graf Slawata in ſeiner handſchrift⸗ lichen Geſchichte Böhmens erzählt,„gar großes Auf⸗ 1861. R. Ein böhm. Student I. 12 186 ſehen in Böhmen erregt hatte.“ Redel, deſſen Werk: „Das ſehenswürdige Prag,“ ſo manche Merkwürdigkeit unſerer königlichen Hauptſtadt enthält, erzählt hiervon im Jahre 1710:„Erſtlich entſtund ein großer Wind mitten in der Nacht ganz ſchnell und unvermuthet; dieſer weckte die Bürger vor Schrecken durch ſein grau⸗ ſames Brauſen auf, und als ſie aus den Fenſtern auf den Markt zu, wo dieſer Sturm zu ſein ſchien, ſahen, wurden ſie vieler Reiter gewahr, deren Aufgang und Ende ſie nicht ſehen konnten. Dieſelben begaben ſich von der weiteſten Gaſſe, jetzn die Brandgaſſe genannt, zu der Kirche Corporis Christi, und vor ſolcher vor⸗ bei zum Kloſter Slowan; die Reiter führten ihre Wappen, als wenn ſie gleich auf einander losgehen wollten, und ſchienen ſehr ſchön gewaffnet zu ſein; die Pferde und Rüſtungen ſahen roth aus und gaben ein großes Geräuſche von ſich, die Reiter aber waren ganz ſtill. Als die Reiter vorbeigezogen, kam ein bedeckter und mit Eiſen wohl verwahrter Wagen, doch ohne Rä⸗ der, dieſer hatte eine ſolche Schwere, daß die benach⸗ barten Häuſer, ja die Erde ſelbſt ſich zu bewegen ſchien; den Wagen begleiteten acht Männer von ungehenrer Größe, mit Stiefeln und Sporn, aber ohne Köpfe, welche durch ihr Gehen ein größer Trappen als das vorhergehende Kriegsheer machten. Als dieſe Prozeſſion 187 über den Neuſtädter Markt war, ſah man ein großes Feuer mitten auf dem Markte in der Kirche Conporis Christi, und in ſolchem Feuer viel Käſten, gleich als Pulverkäſten; es wurde aber alſobald ein Wagen her⸗ beigeführt, in den dieſe Käſten und Schlagfäſſer ge⸗ worfen wurden; dieſer Wagen folgte den Reitern nicht, ſondern ging zurück in die Stadt nach dem Rathhaus zu. Hierauf entſtund ein Wind, und verſchwand Alles im Augenblicke, ausgenommen, daß in der Luft helle Dämpfe und ein glänzender Wagen bis an den lichten Tag blieb. Viele, ſo ſolches Trauerſpektakel ſahen, er⸗ ſchracken, fielen in Krankheit, und ſtarben auch einige an ſolchen. An der Wahrheit dieſer Sache iſt nicht zu zweifeln, weil zahlreiche Menſchen, ſo es geſehen, genau befragt und examinirt worden, wie der hohe Autor Graf Slawata bezeugt.“— Ein böhmiſcher Gelehrter meint, dieſe Erſcheinung ſei eine Luftſpiegelung(Fata Morgana) geweſen, wie ſie zuweilen in Böhmen vor⸗ kommen. Andere vermuthen, es handle ſich hier um einen heimlichen Pulvertransport, den man unter Be⸗ nützung des Aberglaubens der Städter bei einem großen Winde durch⸗ oder eingeſchmuggelt hat. Dem ſei nun wie immer. Dort, von wo dieſer nächtliche Geiſterzug ausging, in der damals breiteſten Gaſſe Prags, die ſogenannte Brandgaſfe(jetzt Brennte⸗ s 12* 188 Gaſſe genannt) liegt, gegenüber der Dreifaltigkeits⸗ Kirche, ein mäßig großes, zweiſtöckiges Haus, welches die Nummer 93 führt und vor fünfzig Jahren ein Beſitzthum des gelehrten und geachteten Badearztes Dr. Leo in Karlsbad war. Der innere Hofraum dieſes Hauſes ſtößt an einen kleinen Garten, deſſen öſtliche Seite eine Mauer begrenzt, auf welcher verſchiedene kleine Steinſtatuen angebracht ſind. An der Stelle dieſes kleinen Gartens ſtand vor zweihundert Jahren ein Häuschen, von Eichenholz erbaut, ohne Thür und Thor, man mußte mittelſt einer Leiter durch eine Art Dachfenſter in das Innere desſelben gelangen. Das Haus ward ſeit dem erwähnten Geiſterſpuke von män⸗ niglich gemieden, wie dies bei dem damals herrſchenden Aberglauben ſehr begreiflich war; kaum daß eine oder zwei ärmere Parteien ihre Wohnung in demſelben auf⸗ zuſchlagen wagten, während der rückwärtige Theil, nämlich das hölzerne Gebäude auf dem jetzigen Garten⸗ grunde, ganz verödet und baufällig daſtand. So war es auch erklärlich, daß Perſonen, welche das Licht ſcheuten oder geheime Pläne ſchmiedeten, ſolche Schlupf⸗ winkel ſuchten. Wie in Oberöſterreich die Veſte Wild⸗ berg die Stätte war, wo die Anhänger der ſchwediſchen Sache ihre Zuſammenkünfte hielten, um gegen Kaiſer und Reich ſich zu verſchwören, ſo war es, wie ſeine 189 Parteigänger dem Grafen Königsmark ſchon in den Eger'ſchen Wäldern berichtet hatten, das ſogenannte Geſpenſterhaus in der Brandgaſſe, wo jene Maul⸗ würfe zuſammengekrochen waren, welche den Boden der königlichen Städte Prags unterhöhlen ſollten, auf daß der Sporn des Schweden lockeres Erdreich finde, wenn er über die Moldaubrücke gegen den alten Tein heranſtürmen würde. Die Herren, welche ſpeben im hölzernen Neben⸗ gebäude des Geſpenſterhauſes auf den Heubündeln ſaßen, ſich ihre Erlebniſſe mittheilten und Pläne für die Zukunft ſchmiedeten, waren größtentheils dieſelben Parteigänger, welche auch auf der Burg Wildberg ver⸗ ſammelt geweſen und ſeither Böhmen in allen Rich⸗ tungen durchſtreift hatten. Heute aber befanden ſich unter ihnen noch zwei andere Gäſte, zwei Gäſte, welche auch im Hauſe des Altſtädter Primator's ein⸗ und aus⸗ gingen: der ſogenannte Graf Orlando und Ernſt Os⸗ wald, der fränkiſche Ritter. Die Stimmführer dieſer Verſammlung waren Ma⸗ giſter Fuxius, der ſchwediſche Prädikant und ſein Ge⸗ noſſe Magiſter Klee, der ſeit Kurzem im Hradſchin zu Prag ein warmes Neſt gefunden hatte. Fein und wahrhaft klug und vielſeitig waren die Netze angelegt, mit welchen die ſchwediſchen Partei⸗ 190 gänger das alte Prag umſtrickt hatten, um es möglichſt unbewehrt dem Grafen Königsmark in die Hände zu ſpielen, der nun bereits in Pilſen ſtand und nur mehr ihre Berichte erwartete, um nach der Hauptſtadt vor⸗ zurücken. Einer der weſentlichſten Hebel zu dieſem Werke des Verraths war— der kaiſerliche Obriſtlieu⸗ tenant Ernſt Oswald, wie er ſich ſelbſt nannte, ſonſt auch Ottowaldsky genannt. Er beſaß bei Eger ein kleines Landgut, welches ſchwediſche Truppen verwüſtet hatten. Obgleich er ſich vergebens an den Grafen Col⸗ loredo, den Befehlshaber Prags, gewendet hatte, um eine Entſchädigung hierfür zu erhalten, ſo war er doch bei dieſer Gelegenheit zufällig in die Kreiſe der Fami⸗ lien Martinic und Turek v. Sturmfeld gelangt. Leicht und beweglich von Gemüth, hatte die blendende Schön⸗ heit der beiden Fräulein von Pernſtein auf ihn den größten Eindruck gemacht, noch größeren Zauber aber übte auf ſein Gemüth Anna, das Fräulein Turek von Sturmfeld. Da er, um in dieſen Häuſern eine ernſte Verbindung anzuknüpfen, noch einen weiten Weg auf der Stufenleiter des Soldatenſtandes machen mußte, ſo war es dem ſchwediſchen Parteigänger, der ſich unter verſchiedenen Namen und Geſtalten in den genannten Häuſern herumtrieb, leicht geworden, ihn für die ſchwe⸗ diſche Sache zu gewinnen, die, wenn ſie in Böhmen 191 ſiegte, dem durch ſeine Nichtberückſichtigung bis auf's Aeußerſte gereizten kaiſerlichen Obriſtlieutenant Ehre und Macht und die Hand des Fräuleins Anna von Sturmfeld verſchaffen ſollte. Ernſt Oswald hatte da⸗ her den Grafen Königsmark in Pilſen perſönlich be⸗ ſucht und ihm nichts Geringeres als die Ueberlieferung der Stadt Prag verheißen, wogegen ihm Graf Königs⸗ mark vor der Hand einen reichen Monatsgehalt und eine angeſehene Stelle im ſchwediſchen Heere verſpro⸗ chen hatte. Die Herren der im Geſpenſterhauſe verſammelten Tafelrunde hatten, wie bereits erwähnt, die Weiſung des Grafen Königsmark:„beſonders die jungen Streit⸗ kräfte Prags zu bannen,“ im Auge, und mit ernſter, beſorgter Miene theilte ihnen Magiſter Fuxius mit, wie ſich nach ſeiner Erfahrung, beſonders unter der Studentenſchaft Prags, jugendlicher Muth und laute Begeiſterung für die Sache des Kaiſers, des Vaterlan⸗ des und der Religion ausſpreche, und man ernſtlich be⸗ ſorgen müſſe, daß dieſe Studentenſchaft die erſte ſein würde, von welcher der Schwede bei ſeinem Erſcheinen vor den Mauern Prags auf thatkräftigen Widerſtand ſtoßen würde. Magiſter Fux hörte daher aufmerkſam zu, als ihm Ottowaldsky mehre Namen der böhmiſchen Stu⸗ — — 192 denten, und hierunter vorzugsweiſe als den Saul unter den Iſraeliten, Chriſtoph Wunſch, den kräftig⸗ ſten der Kraftvollen, den Stärkſten der Starken, be⸗ zeichnete, von welchem der mächtigſte Widerſtand zu beſorgen wäre. „Dieſe Geiſter der ſchäumenden Jugendkraft müſſen gebannt werden,“— bemerkte der landes⸗ flüchtige oberöſterreichiſche Herr von der Eck. „Das heißt unſchädlich gemacht werden,“— er⸗ widerte Magiſter Fux. „Das iſt auch meine Meinung,“ bemerkte der Rit⸗ ter aus Franken, der ſeinen Gegner Chriſtoph Wunſch, ſeit dieſer im Garten der Scharka den Kreiſen der Turek'ſchen Familie genaht war, und das Rettungs⸗ werk des kleinen Mädchens vollbracht hatte, mit aller Glut haßte, deren ſein Blut fähig war, daher auch alle Bemühungen der Turek'ſchen Familie, den Retter des kleinen Mädchens näher an ſich zu ziehen, bisher auf geſchickte Weiſe zu verhindern gewußt hatte. Nichtsdeſtoweniger hatte ſich in Anna's Herz das Bild des ſchönen Jünglings, welcher ihr nun zweimal auf ihren Lebenswegen entgegen gekommen war, mit unauslöſchlichen Zügen eingegraben. Dem Herrn Turek von Sturmfeld war es nicht ſchwer geworden, den Namen des kraftvollen Jünglings, der ſeinem 193 Hauſe bereits ſo große Dienſte geleiſtet, zu erfahren, aber ſo oft er auch denſelben zu ſich hatte laden laſſen, um deſſen nähere Bekanntſchaft zu machen— Chri⸗ ſtoph Wunſch war nie erſchienen, und wich mit mög⸗ lichſter Sorgfalt, außer den Kreiſen ſeiner Univerſi⸗ tätsgenoſſen, allen Verbindungen und Geſellſchaften aus. Jetzt aber wurde im Hauſe in der Brandgaſſe über ſein künftiges Schickſal entſchieden. Ein kleines rundes Männlein aus der ſeltſamen Geſellſchaft, mit blauen Augen und hellblonden Haaren, erzählte, wie ſelbſt der Oberſtburggraf Jaroslaw Graf Martinic ſeine beſtimmte Abſicht ausgeſprochen, den jungen, thatkräftigen und entſchloſſenen Mann kennen zu lernen. „Fort daher mit ihm aus dem Weichbilde Prags,“ — rief Orlandv. „Auf den ſchwediſchen Scheeren, oder in den Gru⸗ ben von Dannenora, würde der Burſche ſeine Kraft üben können,“— rief Ottowaldsky dazwiſchen. „Die Nürnberger hängen Keinen, ſie hätten ihn denn zuvor,“— bemerkte der Kleine mit den blonden S und blauen Augen—„Ihr müßt den jungen oliath, der einen großen Anhang unter ſeinen Uni⸗ verſitätsfreunden hat, und Euch als ihr muthmaßli⸗ cher Anführer bei jedem Strauße zu thun geben dürfte, * 194 auf kluge Weiſe abfangen, und ins ſchwediſche Lager ſchaffen. „Zur Türkin alſo mit ihm!“— entſchied Magi⸗ ſter Fux.—„Dalila hat dem Simſon ſchon manches Haar abgeſchnitten, und wird auch den Schopf dieſes Goliath's zu faſſen im Stande ſein.“ „Demungeachtet möchte ich Euch größere Vor⸗ ſicht anrathen, Herr Prädikant,“— ſagte der Kleine, „das Treiben der Roſenbergerin eziant in Prag be⸗ reits Aufſehen zu erregen, und das Verſchwinden ſo manchen reichen Söhnleins aus gutem Hauſe hat die Le der Stadt zur Wachſamkeit aufgefordert.“ „Dieſer Eine noch!“— rief der Prädikant, dann mag die Türkin wieder dahin wandern, woher der letzte Roſenberg ſie gebracht hat, wir aber ſind mitt⸗ lerweile die Herren der Landeshauptſtadt Böhmens.“ RI. Der Zude. Während über Chriſtoph Wunſch's Schickſal auf dieſe Weiſe abgeſprochen wurde, ſtand der junge Mann in einer mit feinem weißen Sande beſtreuten Unter⸗ ſtube eines kleinen Hauſes in der breiten Gaſſe der Prager Judenſtadt. Das Haus, von Außen ganz un⸗ ſcheinbar, grau und uralt, trug auf ſeinem Portale einen großen ſteinernen Löwen. So unſcheinbar aber auch dasſelbe von Außen erſchien, ſo reich war ſeine innere Einrichtung, denn aus der untern dunklen Stube, deren runde Fenſterſcheiben den Strahl der Sonne nur als ſparſames Licht hineinſchimmern ließen, führte ein zweites und drittes Gemach in das Innere des Hauſes, von denen jedes ſchöner als das andere war. Die reichſten Teppiche mit Gemälden bibliſcher Idyllen durchwirkt, hingen an den Wänden, der feinſte Marmor ans Salzburger Brüchen bedeckte den Bo⸗ 196 den, auf welchem gleichfalls Scenen aus der älteſten bibliſchen Geſchichte in Moſaik ausgeführt waren; ſchwere vergoldete Wandleuchter und ſilberne Krüge hingen und ſtanden in den Wandniſchen, und große breite mit den feinſten Schnitzwerken verzierte Arm⸗ ſeſſel luden zur Ruhe vor rieſigen feingebohnten Ei⸗ chentiſchen ein. Eines dieſer rückwärtigen, koſtbar geſchmückten Zimmer barg eine reiche Bild⸗ und Bü⸗ cherſammlung des Beſitzers. Das hinterſte Zimmer endlich, die oberwähnte mit feinem Sande beſtreute Unterſtube enthielt ein langes, auf einem Geſtelle von Mahagoniholz ruhendes Fernrohr, dann eine große Anzahl reihenweiſe aufgeſtellter Tiegel, Retorten und Phiolen auf einem Wandſimſe. Große Folianten um⸗ ſtanden einen kleinen Feuerherd, die eigentliche Werk⸗ ſtätte des uralten Meiſters dieſer Kunſtwerkſtatt. Die⸗ ſer war ein ſtattlicher Greis, hoch in Jahren ſtehend, aber blühend, wie die bibliſche Ueberlieferung jene Patriarchen ſchildert, die der Sage nach mehr als hun⸗ dertmal die Ufer des Jordans friſch ergrünen geſehen hatten, aber jung an Körper und Kraft verblieben waren, und von dem Alter nichts als die weißen Haare an ſich trugen. Rabbi Belzalel Löw, der Beſitzer des Hauſes zum goldenen Löwen in der breiten Gaſſe, war ein ſolcher 197 Greis. Ueber ſeinen Nacken rollten Locken, weißer denn der friſchgefallene Schnee, aber auf ſeinen Wangen blühte die Roſe der Jugend; ſein Haupt drückten wohl ſechs⸗ oder ſiebenundachtzig Jahre nieder, aber ſein rei⸗ nes, großes Auge, der wahre Spiegel ſeiner reinen Seele, ſtrahlte noch mit dem hellen Feuer auf das Lockenhaupt des ſchönen jungen Mannes nieder, der jetzt zu ſeinen Füßen lag, und ihn„mein Vater“ nannte. Der edle Mann, ein Greis voll Welterfah⸗ rung und Duldſamkeit, voll Wiſſenſchaftseifer und Menſchenliebe, konnte ſtolz auf ſeine ſchöndurchlebten Tage zurückſehen. Einſt, vor mehr denn dreißig Jah⸗ ren, war es Kaiſer Rudolf II. hochſeligen Angedenkens, der die Werkſtätte dieſes Weiſen nicht ſelten mit einem Beſuche beehrt hatte; jetzt ſtand der Rabbi in glei⸗ cher Achtung da, geliebt und geehrt von ſeinen Glau⸗ bensgenoſſen, wie von den Bekennern des Chriſten⸗ thums— ein Lehrer, ein Weiſer, ein Tröſter der Armen, ein Freund und Fürſprecher eines jeden Un⸗ glücklichen. Der bei allen Religionsparteien der damaligen zerriſſenen und zerklüfteten Zeit gleich geachtete Mann legte wie ſegnend ſeine Hand auf das ſchöne Locken⸗ haupt ſeines Pflegeſohnes, des jugendkräftigen Soh⸗ nes der Wiſſenſchaft, Chriſtoph Wunſch, der neben 198 dem Armſeſſel des Alten hingeſunken, dieſem mit gro⸗ ßer Bewegung und feuchtem Auge die erlebte Demü⸗ thigung im Garten bei Troja mittheilte. Der Alte blickte dem Liebling ſeiner Seele tröſtend ins Auge. —„Cdel, mein Sohn,“— ſagte er,—„iſt dein Schmerz, aber du biſt ein noch zu großer NReuling im Leben, um das Treiben ganz zu durchblicken, wel⸗ ches dieſe Menſchenwelt in Bewegung ſetzt. Sie ha⸗ ben dich gedemüthiget und auf den dunklen Fleck dei⸗ ner Geburt hingewieſen, den nicht einmal ich, dein Pflegevater, dir aufzuklären im Stande bin. Aber laß ſie ſchmähen, die auf Geburt und Rang ſo ſtolz ſind. Sieh, mein Sohn, dort in dem Wandkäſtchen von Eben⸗ holz meine Sammlung von ſeltenen Münzen; ihr Rang iſt das Gepräge nur, ihr innerer Werth richtet ſich nicht nach dieſem; nichts iſt unſere Größe vor der Welt, die wahre Größe mußt du in deiner Bruſt finden, die Größe, die jedem Schickſale, die ſelbſt dem Tode trotzt!“ O mein Vater, mein einzig geliebter Vater!“— rief Chriſtoph Wunſch, die Hände des Alten mit Küſ⸗ ſen bedeckend.—„Du biſt ſtets mein weiſer Tröſter, aber bedenke, daß ich in dieſem Herbſte meine Stu⸗ dien an unſerer Hochſchule vollendet habe, und daß es ſich jetzt darum handelt, mir eine Stellung im Leben 199 zu erringen. Nie habe ich bisher daran gedacht, daß man nun nach Geburt und Herkunft, nach dem ehrli⸗ chen unbeſcholtenen Namen fragen wird, den ich nim⸗ mer nachweiſen kann, denn der Sohn des Anders⸗ gläubigen“— „Mein Sohn,“— fiel der Weiſe lächelnd ein,— „glaube mir, es gibt noch viele edel und klar denkende Menſchen, welche wohl zu unterſcheiden wiſſen, daß Glaubenslehren nicht der Glaube ſind, daß ein Gott, ein einziger unwandelbarer Allvater in den Hö⸗ hen, und nur im Erdenſtaube Meinungskampf herrſcht.“ „Wohl, mein Vater,— erwiderte der junge Mann,—„ſo denkſt und ſprichſtdu, und manch, an⸗ dere Edle werden ebenſo ſprechen; aber die Menſchen urtheilen nach dem Scheine“— „Und nach dem Bedürfniſſe,“— ſiel der Greis ein.—„Du willſt mir einwenden, daß Wahn und Trug die Welt beherrſche, daß auch jene, in deren Hand dein künftiges Schickſal liegen wird, die über deinen Werth entſcheiden und dir eine deinen Kennt⸗ niſſen angemeſſene Stellung in der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft anweiſen ſollen, irren können. Wahr iſt es, daß Mißgunſt und Bosheit ſich oft in die Nähe der Mächtigen dieſer Erde drängen und ihren Blick zu umdüſtern ſuchen, aber glaube mir, es gibt doch wie⸗ 200 der Zeiten, wo die Vorſehung derlei Gewebe des Tru⸗ ges und der Scheelſucht im Sturme zerreißt und die umwölkten Blicke der Getäuſchten nach Männern aus⸗ blicken läßt, deren Werth auf eigener Kraft und nicht auf erborgter Größe beruht.“ Das Auge des jungen Mannes hing an deu Munde des begeiſterten Greiſes. Dieſer aber fuhr fort:„Sieh, mein Sohn, dort auf dem Marmor⸗Wand⸗ tiſchchen den Gegenſtard unſerer täglichen Erholung, unſer kleines Schachſpiel. Da gibt es einfache Bauern und ſchön vergoldete Läufer, und in der Ecke ſtehen die ſtarten Thürme. Alle dieſe Figuren ſind ſo recht in ihrer beſtimmten Rangordnung auf den Platz ge⸗ ſtellt, den die Hand desjenigen, der das Spiel auf⸗ ſtellte, ihnen anwies. Nun aber beginnt der Kampf, es wogen die Maſſen durcheinander, und dort und da bedarf es einer Figur, um den Platz auszufüllen und das Spiel mit Glück und Geſchick zu leiten. Glaube mir, mein Sohn, da mögen jetzt die bunten Steine noch ſo ſchön geſchmückt durcheinander ziehen, man wird dennoch, wenn man ihrer bedarf, nach den Thür⸗ men an der Ecke oder nach dem einfachen Bauer am äußerſten Felde greifen.“ Chriſtoph Wunſch drückte einen innigen Kuß auf die Hände des Greiſes.—„Duhaſt mich verſtanden,“ — 201 — fuhr dieſer fort, und ſo mache es wie die Perle in ihrer Schale; verſchließe deinen Werth, bis die Hand des Fiſchers dich hervorſucht, aber zeige deine Penſ dort, wo du Gelegenheit findeſt. Ein edler Menſch zieht edle Menſchen an und weiß ſie feſt zu halten, und Manche werden dir auf deinem Lebenswege begeg⸗ nen, die du, wie der Magnet das verwandte Eiſen, anziehen wirſt.“ „O mein Vater,“— erwiderte der junge Mann, —„ſchön und wahr iſt deine Rede: der eigenen Kraft vertrauen! Aber wenn dieſe unterliegt, und wenn, um mich deines Bilbes zu bedienen, die glänzende Perle in ihrer Schale am Meeresgrunde, angefeſſelt von den drückenden Wogen des Lebens, zu Boden ge⸗ halten, nie ihren Glanz, ihren Werth geltend machen kann—“ „Dann gilt ſie doch vor den Augen des Allſehenden,“ — ſiel der Jude ein,—„und der ſie erſchuf wird wiſſen, wann und wo er ſie im großen Haushalte der Natur verwenden wird. Ja, mein Sohn, in unſe⸗ rer bewegten Zeit, wo die Parteien ſich mächtig und ſchroff gegenüber ſtehen, wo Glaube und Glaubens⸗ lehre ſo häufig verwechſelt werden, wo jede Partei ihre Angehörigen und Vorkämpfer in einflußreiche und mächtige Stellungen zu bringen ſucht, um durch 1861. X. Ein böhm. Student. I. 13 202 ſie zu herrſchen, und ihre Pläne durchzuführen— in dieſer bewegten Zeit des Eigennutzes und Partei⸗ kampfes, welche man am beſten mit einer großen Mühle vergleichen könnte, in welcher ein Rad das an⸗ dere treibt— iſt es ſchwer, daß eigene Kraft und be⸗ ſcheidenes Talent zum Durchbruche gelange, und daß auch dir, der du außer deinem bald neunzigjährigen Pflegevater keine Seele dein Eigen nennſt, und weder einflußreiche Bekannte, noch ſonſtige Gönner beſitzeſt, auf jenen Standpunkt gelangſt, der dir, deiner Kraft und deinen Kenntniſſen angemeſſen, ein Feld des edel⸗ ſten und erfolgreichſten Wirkens eröffnen würde! Aber,“ ſetzte der Greis lächelnd hinzu,—„eben darum hei⸗ ßeſt du Wunſch— ja, Wunſch ſcheint dein Drang nach thatkräftigem Auftreten im Leben zu bleiben?“ „O, daß dieſer Wunſch zur Wirklichkeit würde, mein Vater!“— klagte der junge Mann. „Er ſoll es“— ergriff der Greis wieder mit tie⸗ fem Ernſte das Wort,—„ſieh, mein Sohn, es iſt einmal die Zeit, wo man das Talent und die Kraft nur im höchſten Nothdrange aus ihren verborgenen Kammern hervorſucht, außer dieſem Falle iſt das Flit⸗ tergold der Afterbildung Mode geworden, und die Pa⸗ role der Zeit iſt: Kühnheit! Darum haben die wahren Talente, die Träger der gründlichen Wiſſenſchaft ab⸗ 203 geblüht und gehen allmälig zu Grabe, ohne daß der Genius der Zeit auf einen edlen Nachwuchs zu weiſen vermag. Was nachkommt, mag vielleicht im Stillen keimen und blühen, der laute Markt bietet nur Markt⸗ ſchreierei.“ Der Greis hielt eine Weile inne, dann fuhr er fort: „Du aber, mein Sohn, du edles Reis am Baume des Wiſſens, du unverdorbener, kraftvoller und der eigenen Kraft bewußter Zögling meiner Hand, du ſollſt und wirſt nicht vor den himmelſtürmenden Söhnen des Reichthums und Nepotismus zurückſtehen und verge⸗ bens nach einem Ziele ringen, welches den Kindern der Bevorzugten, ohne daß ſie es ahnen, zugeführt wird. Ich will in meinem Greiſenalter noch einmal das Vor⸗ zimmer eines Mächtigen betreten, der deine Kraft be⸗ nützen ſoll, wenn er ſie kennen zu lernen ſelbſt die Kraft hat.“ „Wie gut du biſt, mein Vater!“— ſagte der junge Mann,—„du tröſteſt und handelſt.“ „Wie mein edler Meiſter mich vor mehr als fünfzig Jahren es lehrte,“— entgegnete der Alte, indem er ſein feuchtes Auge auf ein großes Oelgemälde richtete, welches auf der Tapetenwand hing und einen Mann im langen ſchwarzen Kleide mit weißem Barte und den moſaiſchen Geſetztafeln in den Händen darſtellte. 13* „Siehe dort,“— fuhr der Greis fort,— meinen Lehrer, Tröſter und Wohlthäter, den edlen Mordachai Meiſel, der mich einſt, als ich, ein armer heimatloſer Knabe wie du, aus dem ſüdlichen Böhmen, wo meine 3 Eltern in Roſenberg lebten und ſtarben, der Landes⸗ 3 hauptſtadt Prag zuwanderte, in ſein Haus aufnahm, mich pflegte und aufrichtete und mir Vater wurde, wie ich dir es bin“), und ſo will ich auch nach ſeinem Bei⸗ ſpiele an dir handeln und für dich, mein lieber Pflege⸗ ſohn, auch den Weg noch weiter bahnen, wie es die Nothwendigkeit unſerer Zeit erheiſcht. In der Raths⸗ kammer der Altſtadt iſt die Stelle des Geheimſchrei⸗ bers des Primator's Turek erledigt. Ich kenne den Primator und er mich, wir Beide ſind uns auf unſeren Lebenswegen oft begegnet und haben einander ſchätzen gelernt. Ich will bei ihm morgen für dich eine perſön⸗ liche Fürbitte einlegen.“ Auf die Wangen Chriſtoph's trat hohe Röthe, als ſein Pflegevater den Namen Turek von Sturmfeld *) Bekanntlich ſind das Rathhaus, Spital, Kinderlehr⸗ haus, warme Frauenbad, das ſpäter zur Hauptſchule ver⸗ wendete Gebäude, die ſchöne Meiſelſynagoge und andere wohlthätige Stiſtungen das Werk des edlen Mardochai Mei⸗ ſel, der um die Mitte des ſechzehuten Jahrhunderts lebte. 205 naunte Der Alte hatte ſie bemerkt, aber der edle Weiſe ſchwieg, obgleich er durch ſeinen Beſchließer, den alten Jochem, und die wenigen Freunde, welche ſein Haus beſuchten, von ſeines Pflegeſohnes Begegnung mit der Turek'ſchen Familie in der Höhle bei Beraun und von dem Vorjul bei der Mühle in der Scharka längſt un⸗ terrichtet war, und Anna's Namen bereits aus jenen Ausrufungen lannte, welche ſeinem Pflegeſohne im Traume zuweilen entfuhren, de der des Schlafens entwöhnte Greis in derſelben Stube noch am Fernrohre ſaß und den geſtirnten Himmel betrachtete. Chriſtoph's ile Liebe zu Anna war dem edlen Rabbi ſomit nicht unbekannt, und er billigte ſie, hatte aber zu lange ge⸗ lebt, um nicht t zu wiſſen, daß der Glaubenshaß die weiteſte Kluft iſt, welche Familien und Herzen von ein⸗ ander trennt, und daß, ſo lange Chriſtoph Wunſch als der Pflegeſohn des Juden galt, jede Bewerbung um Aufnahme im Turek'ſchen Hauſe nothwendig ſcheitern müſſe. Ueberdies wollte auch der Rabbi ne die Rolle eines Vermittlers in dem Vereinigungswerke zweier Herzen übernehmen, welche zwar für, aber auch fern von einander brannten, und—„ſelbſt handeln, und aus eigener Kraft!“ wat auch in dieſer Beziehung die Loſung Rabbi Bezalel Löw's, darum verlor er, wie geſagt, gegenüber ſeinem Pflegeſohne kein Wort. Wohl aber nahm er ſich vor, der Worte viele am nächſten Morgen bei dem Primator Turek zu verlieren, um von dieſem für ſeinen Pflegeſohn die Stelle eines Geheim⸗ ſchreibers im Stadtrathe zu erbitten. XII. Die Geheimſchreiberamts-Randidaten. In den nralten großen Saale des Rathhauſes auf dem Altſtädter Ringe zu Prag wehte der linde Früh⸗ lingswind ſchneeweiße Blüten, welche einem benach⸗ barten Hausgärtchen entflogen. Weißer als dieſe Blü⸗ ten waren aber die Häupter und langen Bärte meh⸗ rer daſelbſt verſammelten Männer, die des Eintrittes des Stadt⸗Primators harrten. Auf den hohen Lehn⸗ ſeſſeln ſaßen Rabbi Simon Bonatus und Rabbi Si⸗ mon Jeiteles, die Aelteſten, dann Rabbi Jahel Karpe⸗ les, Wentura Sax und Herſchel Lararus, die Gemein⸗ Aelteſten der Judenſchaft. An einem langen Tiſche ſeitwärts ſaßen David Sacerdot, Bernhard Hanta und Abraham Jadels, ſämmtlich Beifitzer, und Salomon Moſes, Schreiber⸗Beiſitzer der Juden.*) *) Durchgehends hiſtoriſche Namen. 208 Da öffnete ſich die Saalthüre und Herr Primator Turel von Sturmfeld und Roſenthal, gefolgt von den Rathsverwandten der Altſtädt, trat im dunklen Sammt⸗ mantel und geziert mit dem Ehrendegen und der ihm von Sr. römiſchen kaiſerlichen Majeſtät verliehenen goldenen Kette in den Saal. An ſeiner Seite gingen zwei hohe, ſtattliche Männer mit ſchneeweißen Bärten in jüdiſcher Tracht, beide hoch an Jahren, aber noch nicht kraftlos, und mit wenig gebeugten Häuptern. Der Eine zur Linken war der hochgelehrte und von der geſammten Judenſchaft Prags tiefverehrte Rabbi Iſrael Brandeis, älteſter Primas der Judenſchaft Prags, der Andere Rabbi Bezalel Löw, der faſt neunzigjährige Greis, der gleichfalls heute geladen war, der Eröffnung und Vorleſung gewichtiger, die geſammte Judenſchaft Prags betreffender Urkunden beizuwohnen. Es waren dies die neuen Privilegien, welche Kaiſer Ferdinand III. unterm S. April 1648 der Judengemeinde Prags er⸗ theilt hatte. Nicht geringen Antheil hieran hatte die Verwen⸗ dung des Primas Iſrael Brandeis, des edlen Rabbi Löw, ſo wie des Primators Turek von Sturmfeld ſelbſt. Mit feuchten Blicken horchten die anweſenden Juden, als Salomon Moſes, nachdem ſich Alle auf Gruß und Wink des Primators niedergelaſſen hatten, 209 und es nach einer kurzen Anſprache des Letzteren unter anderen Privilegien auch zu dem eben ſo merkwürdigen als die damaligen Verhältniſſe der Prager Judenſchaft bezeichnenden achtzehnten Paragraph kam, der folgen⸗ dermaßen lautet:„Wann etwa ein Uebelthäter vor oder nach der Tortur auf einen Juden bekennete, doch den⸗ ſelben weder in Perſon kennte, noch ſonſten mit andern erkenntlichen Umſtänden zu beſchreiben wüßte, ſo ſollen nicht alle Juden, wie zuvor bisweilen geſchehen, zu dem Uebelthäter in das Gefängniß, noch der Uebelthäter unter den Juden herumgeführt, ſondern vermöge der Rechte, mit Anſtellung einer Inquiſition prozedirt und verfahren werden.“ Nachdem die Vorleſung beendet war, erhob ſich der Vorſtand der Judenſchaft, Rabbi Iſrael Brandeis. Mit wenigen, aber herzlichen Worten dankte er dem Kaiſer für dieſen Ausſpruch der Gerechtigkeit, welcher nunmehr auch ſeinen iſraelitiſchen Unterthanen ihre Menſchenwürde zurückgab und die Feſſel des Vorur⸗ theiles allmälig von ihnen nahm. Würdevoll und mit Theilnahme bemerkte hierauf der Altſtädter Primator, wie ſehr es ihn freue, daß ſich die Verhältniſſe der Ju⸗ den zum Beſſeren wenden und daß ihre Stellung als Staatsbürger anerkannt wurde. „Edle, ehrenfeſte und geſtrenge Herren,“— nahm 210 Rabbi Bezalel Löw, der hohe Rabbi, das Wort.— „Wahr iſt es, unſere Glaubensgenoſſenſchaft hat in Prag ſo Manches erduldet, was zur Ehre der chriſtli⸗ chen Gemeinde beſſer unterblieben wäre, aber der Ge⸗ rechte, den Jehova begnadigt, denkt in dieſem Augen⸗ blicke nimmer und nimmer an das erlittene Unrecht. Er gleicht dem Sandelbaume, von dem der Brahmine ſo ſchön ſagt:„Vergib nicht nur, thue auch Gutes dem, der dir Verderben zubereitet, ſo wie der Sandelbaum im Fallen noch wohlriechend macht, die ihn gefällt.“ — Alſo denken auch wir nicht mehr an Erlittenes, ſondern ſeien wir beſtrebt uns der Gnade würdig zu beweiſen, welche uns Seine römiſche kaiſerliche Ma⸗ jeſtät zu Theil werden laſſen. Von dieſem unſern gu⸗ ten Sinne und Willen ſei den geſtrengen Herren Raths⸗ verwandten in der Altſtadt Prag ſogleich eine Probe dargebracht. Es iſt, ihr edlen Herren,“— fuhr der Rabbi fort,—„eine traurige Wahrheit, daß das Mißtrauen, welches unſere Glaubensgenoſſen von Seite der Chriſten fortwährend verfolgt, leider nur zu gerechten Grund in mancher Wunde unſeres eige⸗ nen Leibes hat. Eine der tiefſten Wunden bilden die falſchen Umtriebe, welche zuweilen bei der Wahl des Stadtvorſtehers der Judenſtadt Prags vorkommen. Um dieſen Krebsſchaden zu heilen, haben wir eine 211 Bannformel berathen und niedergeſchrieben gegen die falſchen Wähler in unſerer Judenſtadt, und wol⸗ len ſie Euch, edle und ehrenfeſte Herren, vorleſen und Euch bitten, daß Ihr ſie zu den Füßen des allerhöch⸗ ſten Thrones leget und billigen laſſet von Seiner römiſchen katholiſchen Majeſtät, auf daß ſie fortan gelte als unſer Geſetz.“ Auf den Wink des weiſen Rabbi erhob ſich Sa⸗ lomon Moiſes, der Schreiber⸗Beiſitzer, und las nach⸗ ſtehende Bannformel, welche die Aelteſten der Juden⸗ ſchaft auf Rabbi Bezalel Löw's und des Rabbi Brand⸗ eis Anrathen gegen die falſchen Wähler der jüdiſchen Gemeinde entworfen hatten:„Durch Anruffung Gottes des Allmächtigen, der alle Himmel, Erde, Laub, Gras und alle Kreatur erſchaffen, welcher ſein Volk Iſrael aus Aegypten erlöſt, welcher ſeine zehn Gebot auf dem Berg Sinai gegeben—, durch Anru⸗ fung des heiligen Gerichtes und des jüdiſchen Gerich⸗ tes auf Erden und mit Erlaubniß des obriſten Rab⸗ bi's ſollen ſein verbannedeyt und verflucht Mann⸗ oder Weibsperſonen, wie die Verbannedeyung und Verfluchung von dem Iſaak's Sohn geſchehen, da er hat verbannedeyet die Stadt Gerecha mit 613 Fluchun⸗ gen:— daß, welcher zu dieſer jetzt künftigen neuen Rathswahl in der Judenſchaft zu Prag einigerlei fac- 212 tiones, Zuſammen⸗Verbindung, heimliche Pracktiken, ſchriftliche, mündliche oder andere Liſtigkeit anſtiften der Jemanden dazu Anleitung geben möchte, es ſei in was für Geſtalt es wolle, von Allem was der Mund reden, und das Herz erdenken könnte, ſei, er thät es ſelbſt, oder ließ es durch Jemand ander nthun— ſol⸗ ches alles ſoll bei obbemeldeter Verbannung und bei Straff aller Verfluchungen, ſo in den fünf Büchern Moſes begriffen ſeien, abgethan, kaſſiert und aufge⸗ hoben werden. Wofern nun Einer oder mehr, es ſei Mann oder Weibsperſon, dem zuwider thäte; ſo ſoll der oder diejenigen verflucht, verbannedeyt und wie Korach, Dathan und Abiron verſunken werden, Got⸗ tes Straf, die Ausſatzkrankheit ſolle auf ihren Herzen behaften wie die ſcharfen Pfeile; Gott der Allmächtige ſolle ablöſchen ihren Namen unter dem Himmel, und ſollen abgeſondert ſein zu allem Böſen von allem Ge⸗ ſchlecht des Volkes Israel; Gott ſolle ſie plagen mit 5 Pein, und ihre Geſundheit und Leben ſamt der ihrer Weiber und Kinder, verkürzen.— Diejeni⸗ gen Juden aber, ſo ſich in dergleichen Sachen oder Faktiones, Mann⸗ oder Weibsperſon, nicht gebrau⸗ chen laſſen, und keine Aufwiklerei anſpinnen, Gott und ihr Gewiſſen vor Augen haben, alle Privat⸗Affeck⸗ ten, Feindſchaft, Neid und Haß bei Seite ſetzen, und 213 die Gemeinde zu verderben nicht gemeint ſind; ſondern ehrliche wohlverhaltene Leute, ſo der Gemeinde für⸗ ſtehen können, zu dieſem Akte benennen— dieſelben ſollen beſchützt und beſchirmt werden vor Allem Bö⸗ ſen, und vor obbeſagter Verfluchung, Gott der All⸗ mächtige wolle ihnen allen Segen verſichern, der in den fünf Büchern Moiſes begriffen; er wolle ihnen ſamt Weibern und Kindern langes Leben und Ge⸗ ſundheit verleihen; ſie ſollen Glück und Heil haben, und Gott wird ihnen alles Gute geben. Amen.“ Als der Schreiber⸗Beiſitzer geendet hatte, herrſchte tiefe Stille im Saale. Der Bann war geſprochen, und daß er vorkommenden Falls zur Ausführung kommen würde, dafür ſprach die Anweſenheit des gefeiertſten Mannes der Judenſchaft Rabbi Bezalel Löw, deſſen Wort wie reines Gold verehrt wurde. Primator Turek von Sturmfeld verſprach ſo⸗ gleich auch dieſe Angelegenheit der kaiſerlichen Maje⸗ ſtät zu Füßen zu legen, und ſetzte hinzu, daß er ander allerhöchſten Genehmigung dieſes ſelbſt gegebenen Ge⸗ ſetzes der Judenſchaft nicht zweifle. Ernſt und feierlich geſtimmt, verließen die Aelte⸗ ſten der Judenſchaft, nachdem ſie die von ihnen ins⸗ geſammt gefertigte Bannformel in die Hände des Primators gelegt hatten, und die Rathsverwandten 2¹4 der Stadt Prag den Saal. Nur der greiſe Rabbi Bezalel Löw hielt den Primator zurück. Er wollte ihm, der ſchon ſo manche treffliche Maßregel vorge⸗ ſchlagen, noch den beſonderen Dank der Stadt und ſeine vollſte Anerkennung ausſprechen. Da ward nun manch' menſchenfreundliches Wort gewechſelt, denn der Primator achtete hoch den edlen anſpruchloſen Rabbi, den Mann des Rathes und der That, der ſtets das Gemeinnützige und Gute förderte, für ſich ſelbſt aber nie etwas begehrte, und ſelbſt die goldene Ehrenkette abgelehnt hatte, welche der Primator für ihn bei Sei⸗ ner kaiſerlichen Majeſtät einſt hatte antragen wollen. „Aber,“— fiel der weiſe Rabbi dem Primator in's Wort, als dieſer an den eben erwähnten Umſtand angeſpielt—„wahr iſt es, daß ich nie etwas für mich begehrt habe. Ich habe geſucht in meinem langen Le⸗ ben ſtets nur zu gleichen der Wachskerze, die ſich all⸗ mälig ſelbſt verzehrt, um für Andere Licht zu ſpenden. Aber edler, geſtrenger Herr, jetzt ſteht die Kerze an der Neige, bald wird ſie ſein herabgebrannt bis auf das letzte Stümpfchen des Dochtes, und der große Meiſter, der ſie einſt ſchuf, wird das Häuflein Aſche, welches von ihr bleiben wird, nehmen, und es zu dem großen Aſchenhaufen werfen, der da genannt wird die Erde.— Da möchte ich aber, ehe mich der Gott mei⸗ 215 ner Väter verſammelt zu dieſen, noch ſorgen für die, die ich liebe. Laßt daher die erſte und letzte Bitte des greiſen Rabbi für ſeinen Pflegeſohn zu Eurem Her⸗ zen dringen.“— Und nun brachte der Rabbi die Bitte vor, daß der Primator die offene Stelle eines Geheim⸗ ſchreibers im Stadtrathe der Altſtadt Prag ſeinem Pflegeſohn verleihen möge. Er verſchwieg dem Pri⸗ mator bei dieſer Gelegenheit nicht, daß Chriſtoph Wunſch es geweſen, der deſſen Hauſe in der Höhle des heiligen Jwan und bei der Mühle in der Scharka ſo thatkräftige Dienſte geleiſtet hatte. Das Antlitz des edlen Primators leuchtete bei dieſem Berichte. Hocherfreut, auf dieſe Weiſe den zwei⸗ fachen Retter ſeiner Töchter gefunden zu haben, nach⸗ dem er ſo lange geforſcht und den Neid, Mißgunſt und Bosheit ſo lange abſichtlich ſeinem Auge entrückt hatte, verſprach er, keinen Andern als den wackern Fflegeſohn des Rabbi für die genannte Stelle vorzu⸗ ſchlagen. Auch wolle er dafür ſorgen, daß dieſer Vor⸗ ſchlag von dem Obriſtburggrafen Jaroslaw Grafen von Sternberg genehmigt werde. Zugleich bat er den Rabbi, ihm den jungen Mann ſchon am nächſten Tage vorzuſtellen. Während der Rabbi für ſeinen Fflegeſohn bei dem Primator das Wort führte, harrte bereits im 216 königlichen Schloſſe auf dem Hradſchin Herr Jaros⸗ law Graf v. Martinic der Gäſte, die er für dieſen Abend zu ſich geladen. Der edle Oberſtburggraf hatte gerade ſeine Betſtunde vollendet, und weilte mit meh⸗ ren vertrauten Perſonen, die er zuweilen ſeinen geiſt⸗ lichen Uebungen beizuziehen pflegte, noch in der zu dieſem Zwecke eingerichteten Stube. Da öffnete ſich die Thür, und einer dieſer From⸗ men trat heraus. Es war ein kleiner Mann von etwa fünfundvierzig Jahren mit vollem, runden Geſichte und tiefgeſenkten Augen, ſeine beiden Hände drückten ein großes ſilberbeſchlagenes Gebetbuch an die Bruſt, ſeinen runden Leib umſchloß das ſchwarze Mäntelchen eines Gelehrten: Er verneigte ſich tief vor dem Obriſt⸗ burggrafen, liſpelnd:„Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ und wollte ſodann der Saalthüre zuſteuern. „In Ewigkeit!“— antwortete mit bewegter Stimme der Obriſtburggraf.—„Weilet doch ein we⸗ nig, Herr Magiſter Evariſtus, ich habe Euch Wichti⸗ ges mitzutheilen.“ Der Angeredete blieb ſtehen.—„Zu Befehl, Euer Erlaucht,“— ſagte er, ſich abermals verbeugend— „was hat mein gnädigſter Gebieter ſeinem unterſten Diener mitzutheilen?“ „Nicht immer dieſe tiefe Unterwürfigkeit und De⸗ 217 muth, lieber Magiſter,“— mahnte der Obriſtburg⸗ graf,—„ich mag's nicht leiden, daß meine lieben Hausfreunde und Genoſſen ſtets ihren Rücken vor mir krümmen, wie die Derwiſche in Biſanz.“ „Selig ſind die Sanftmüthigen und Demüthigen, denn ihrer iſt das Himmelreich,“— entgegnete ſanft verweiſend Herr Evariſt Trifolio, der Hausfreund des Grafen. „Nun verzeiht,“— ſagte der Obriſtburggraf,— „wenn meine Rede vielleicht etwas verletzend iſt, aber Eure übergroße Tugend, Demuth und Unterwürfig⸗ keit beſchämt mich. Es ſind nun ſechs Monate, daß Ihr, von St. Loretto im Kirchenſtaate kommend, durch Eure große Andacht und Frömmigkeit in unſerer St. Loretto⸗Kapelle am Hradſchin meine Aufmerkſamkeit erregt habt, ich preiſe mich glücklich, einen ſo from⸗ men und gelehrten Mann in meinem Hauſe zu haben.“ „O, wer iſt fromm, wer iſt gelehrt!“— rief der Magiſter, deſſen Sprachweiſe den Fremdländer verrieth.—„Solus Peus bonus! wir Alle ſind elende Sünder, und die hochgebenedeite Gottesmutter möge für uns in Gnade fürſprechen, damit aus den fünf Wunden unſeres Herrn Zeſu Chriſti Segen für uns träufle und Erbarmung!“ „Amen, Amen!“— rief der Obriſtburggraf ge⸗ 1861. X. Ein böhm Student. 1 14 218 rührt, während der fromme Magiſter ſeine kleinen Augen in einer convexen Linie nach dem Chriſtus⸗ Bilde an der Wand drehte. „Haben die Frauen ihre Betſtunden noch nicht vollendet?“— fragte der Obriſtburggraf. „Noch nicht,— antwortete der Magiſter. „Und der Jeſuit?“— fragte der Obriſtburggraf weiter,—„wird er heute Abends bei uns erſcheinen?“ Bei dieſer Frage trat ein leiſer Zug des Unmuthes auf die Lippen des Kleinen.—„Ich weiß nicht,“ bemerkte er nach einigem Zögern.—„Ihn und den Altſtädter Primator erwarte ich heute zur Abendtafel bei mir; dann, lieber Herr Magiſter“ ſetzte er freund⸗ lich hinzu,„wollen wir auch Eure Angelegenheit zur Sprache bringen. Es ſoll mich wahrlich freuen, einen ſo edlen, glaubensfrommen und demüthigen Diener des Herrn auf einen Poſten zu bringen, der mehr als je in unſerer ſo bewegten Zeit einen Mann des Glau⸗ bens, der Standhaftigkeit und Redlichkeit bedarf, denn wißt, Herr Magiſter, der Geheimſchreiber des Altſtädter Primators hat nach dem nralten Gebrauche den Schöp⸗ peneid zu leiſten, wie er im Jahre 1344 ſchon in Prag üblich war und ihm ſind dermalen die Stadtſiegel und Schlüſſel zum Rathhauſe anvertraut; er muß alſo im Falle eines feindlichen Einfalles die Kleinodien und 219 den Schatz, die Urkunden und Barſchaft in der Raths⸗ truhe verwahren und an ſicheren Ort bringen laſſen, auf daß er keinem Feinde in die Hände falle. Dazu bedarf es eines wahrhaft ſtandhaften Mannes wie ihr ſeid, Herr Magiſter.“ Auf die dicken Lippen des Magiſters trat jetzt ein ſeltſamer Zug der Freude und des Behagens; ſeine kleinen Augen glänzten.—„Die heiligen Engel und Erzengel ſeien geprieſen,“ſagte er, ſich tief verbeugend— „daß ſie für mich gebetet haben, auf daß mir die Gnade wurde, meinem gnädigſten frommen Gebieter zu gefallen.“ Der Obriſtburggraf aber ſpielte mit ſeiner Rede auf den Schöppeneid an, wie er ſchon im vierzehnten Jahrhundert in der Rathsſtube Prags gefordert wurde. „Wir ſchwören,“ lautete er,„deß einen Eid Gott und unſerm Herrn dem Könige, und Armen und Reichen, daß wir wollen an dem Schöppenamt das Recht ſtärken und das Unrecht kränken, und daß wir wollen den Armen und den Reichen vorſtehen an aller Gerechtig⸗ keit, wobei Gott uns helfe und alle Heiligen!“— Und unter den Schöppenpflichten finden wir auf Seite 204 und 205 des älteſten Stadtbuches:„Wer zum erſten Male kommt auf das Rathhaus, den ſoll man zum erſten ausrichten(abfertigen), ausgenommen Wittwen, 14* 220 Waiſen, Gäſte(Fremde), Prieſter, Mönche, Nonnen und der Stadt Sachen und andere höchſt nöthige Dinge die ſoll man zuerſt richten. Und wenn das iſt, daß ſich die Schöppen einer Sache unterwunden haben, ſie zu richten, die ſollen ſie enden und ſollen während der Zeit keine andere Sache, außer ſie thäte ſehr noth, vornehmen. Wenn ein Schöppe aus der Rathsſtube tritt in ſeine Nothdurft, der ſoll nicht hinab von dem Vorhanſe gehen, bei ſechs Hellern zur Buße, ohne des Bürgermeiſters Urlaub Alle Herren, die da die Schlüſſel haben zu der Truhe, darin der Stadtſiegel verſchloſſen iſt, die ſollen ihre Schlüſſel halten zu Fleiß, verliert aber Jemand aus denſelben ſeine Schlüſſel, der ſoll darum auch allen Herren des Rathes geben einmal zu eſſen.“ In dieſem Augenblicke meldete der Diener den hoch⸗ würdigen Jeſuiten, und auf den freundlichen Wink des Obriſtburggrafen trat ein ſtattlicher, mehr als ſechs Fuß hoher Mann mit ein paar Feueraugen, aus denen Muth, Entſchloſſenheit und Seelenruhe ſtrahlte und deſſen Züge beim erſten Anblicke ſchon einnahmen, im Ordenskleide der Jeſuiten in den Saal. „Willkommen, Profeſſor Plachy,“ ſagte der Graf, dem Einſchreitenden entgegentretend,„wie freut es ei ei 221 mich, unſeren gelehrten und glaubenseifrigen Freund wieder einmal in unſerer Mitte zu ſehen.“ „Ich leiſte der Einladung Eurer Erlaucht Folge,“ ſagte er mit volltönender ſanfter Stimme,„ſo oft ich dieſes Haus der edlen Sitte und Frömmigkeit betrete, freue ich mich, denn wahrlich, Herr Graf, Ihr waltet hier nach dem Worte der Schrift:„ich aber und mein Haus wollen Gott dienen!“ Nochmals öffnete ſich die Saalthür und hereintrat im ſilbergeſtickten dunklen Sammtmantel Herr Pri⸗ mator Turek von Sturmfeld und Roſenthal. Auch ihn bewillkommte der Obriſtburggraf mit großer Freude und alsbald darauf, als auch derAltſtädter Stadthauptmann Graf von Michna und der Neuſtädter Hauptmann Ales Wratislaw Freiherr von Mitrowitz dann der kaiſ. Obriſt Czabelitzky, der Propſt Rudolph Wihar von Altbunzlau und Herr Czernitz Propſt von Zderay, ferner der kaiſerliche Münzmeiſter Waller und ſpäter der Präſident des Appellations⸗Gerichtshofes Franz Graf v. Sternberg mit anderen böhmiſchen Edlen in den Saal getreten waren, begaben ſich die Herren zur Abendtafel in den mit prachtvollen Wand⸗ tapeten ausgeſchmückten, von zehn ſtrahlenden Arm⸗ leuchtern erhellten Speiſeſaal und ſetzten ſich zur Tafel. Da lief das Auge des Obriſtburggrafen über die Tafel 222 hin.„Wir ſind dreizehn,“ ſagte er lächelnd,„das vier⸗ zehnte Gedeck iſt leer. Das bedeutet wohl Unglück, ihr Herren. Wer iſt noch geladen?“ fragte erden Kammer⸗ diener, der hinter der hohen Lehne ſeines Seſſels ſtand. „Der ehrwürdige Prieſter des Clementinums P. Lancicius,“ antwortete der Angeredete,„er obſervirt da drüben im Bibliothekzimmer die Geſtirne und wurde ihm ſchon zweimal berichtet, daß die Tafel ſer⸗ virt ſei.“ In dieſem Augenblicke trat ein langer hagerer Mann mit todtenbleichem Geſichte, gleichfalls im Or⸗ denskleide der Jeſuiten, in den Saal. Es war der Pater Lancicius aus der Geſellſchaft Jeſu, der mit einer ſtummen Verbeugung zum Tiſche trat, ſein kurzes ſtilles Gebet verrichtete, dann ſich, fortwährend ſeine Blicke an den Boden heftend, auf den unterſten Lehnſtuhl der Tafel niederließ. Ihm folgte ſein gelehrter Freund und Studiengenoſſe P. Marcus Marian, Rector des Convietes der Jeſuiten. Der rothe Melniker hatte bereits ſeine erſte Runde gemacht und heiter geſtimmt rief Graf Martinitz über die Tafel dem Pater Lancicius zu:„Nun, was ſagen die Geſtirne, ehrwürdiger Vater?“ „Troſtloſes,“ erwiderte dieſer eintönig,„der Herr hat ſeine Geißel bereits aus den Fenſtern des Himmels 223 geſteckt, und ehe der Mond in ſeinem Laufe am Fir⸗ mamente viermal die Geſtalt geändert haben wird, wird Gewaltiges auf Erden vor ſich gehen, denn Jupi⸗ ter ſteht hellglänzend dem blutrothen Mars gegenüber.“ Bei dieſen Worten ſtreckte der Gelehrte ſeine Rechte wie ein weiſſagender Augur der Römerzeit gegen das hohe Bogenfenſter, durch welches in der That ein ſelt⸗ ſames ſchwefelgelbes Licht in den Saal flimmerte. Die Herren ſprangen vom Tiſche auf und ſtarrten hinaus auf die feurige Ruthe, welche der Herr, wie der Jeſuit ſagte, aus dem Himmelsfenſter geſteckt hatte. Es war ein großer Comet, der damals am Him⸗ melsplane ſichtbar war. Seine Erſcheinung erregte, wie es in den damaligen Zeiten natürlich war, große Beſorgniſſe und die verſchiedenartigſten Deutungen gingen im Munde des Volkes herum. Da ſtreckte der lebensfrohe Franz Graf v. Stern⸗ berg dem Zeſuiten P. Nicolaus Lancicius ſeinen hohen ſilbernen Ehrenbecher mit dem eingeprägten Wappen des Grafen Martinitz entgegen.—„Laßt uns, Herr Aſtrolog,“ rief er ſcherzend,„auf eine glückliche Zu⸗ kunft anſtoßen, die feurige Ruthe des Herrn auf dem Firmamente möge ſchadlos vorüberziehen; wir wollen ſie ziehen laſſen, das falbe Himmelslicht ſoll die rothen Gläſer beſtrahlen, aus denen wir unſern guten heimi⸗ 224 ſchen Melniker ſchlürfen wollen.„Auf, ehrwürdiger Herr! thut uns Beſcheid, dann ſtellt uns ein wenig die Nativität— ſagt mir, wird Kugel oder Gift mein Leben enden?“ „Beides, entgegnete ernſt und eintönig der Jeſuit, „ſo wie es Euer Horoſtop mir lange ſchon verkündete.“ Auf des Grafen Antlitz trat Bläſſe. Aber der Obriſtburggraf, der die Heiterkeit der Geſellſ chaft durch dieſe ſeltſame Wendung nicht geſtört wiſſen wollte, ſuchte das Geſpräch zum Scherze zu wenden.—„Unſer gelehrter Freund,“— ſagte er—„hat durch das ſchwarze Glas geſehen; der Comet mit ſeinem falben Lichte verwirrt ſein Auge; ich meine, ihr Herren, wir ſtehen an der Neige der böſen Tage und der bleiche Comet mit ſeinem Ruthenbündel hat nur für unſere Feinde, die Schweden, die Bedeutung, daß der Herr der Heerſcharen ſie mit dem Himmelsbeſen aus dem Lande fegen werde. Für uns hat dies ſeltſame Him⸗ melszeichen mit ſeinem Strahlenfächer ſicher nur die Bedeutung der Friedenspalme, welche der Herr nach der Sündflut eines dreißigjährigen Krieges, der Deutſchland von einem Ende zum andern zerfleiſchte, als Verſöhnungszeichen auf ſeinem Himmelsgewölbe ausſtreckte, und ſo meine ich auch, ehrwürdiger Herr, daß ich auf der Stätte, wo ich ſo Manches für meinen 225 Kaiſer und Herrn erlitten habe, nun in Ruhe meine Tage werde beſchließen können.“ „Wie Job auf den Trümmern ſeines eingeſtürzten Hauſes,“— ſagte Nikolaus Lancicins traurig,—„wie Job,“— wiederholte er leiſe,—„und man wird von Euch ſchreiben:„weder ein Hemd nennt er ſein Eigen, mit dem er ſich bekleiden, weder ein Kopfkiſſen bleibt ihm, auf welches er ſein zerſchlagenes Haupt nieder⸗ legen könne, denn ſo will es der Herr, daß der gerechte und treue Diener des Herrn und Kaiſers noch einmal an derſelben Stelle zum Märtyrer ſeines Glaubens und ſeiner Treue werde, wo er dieſelbe bereits mit ſei⸗ nem Blute beſiegelt hat.“ Der Zeſuit war bei dieſen Worten, die er mit tiefer Rührung geſprochen, aufgeſtanden, der helle Schein des in ſeinem ſchönſten Glanze vor dem Fenſter ſtehenden Kometen beleuchtete ſein todtenbleiches Antlitz, auf wel⸗ chem zwei große Thränen herabperlten. So ſtand er da, ein gottbegeiſterter Seher der Zukunft, wie ein Paulus einſt an den Stufen des Tempels geſtanden haben mochte. Der Obriſtburggraf aber erhob ruhig ſein Haupt und ſprach:„Herr, dein Wille geſchehe!“ Tiefe Stille herrſchte eine Weile im Saale, dann nahm der Obercommandant Prags Graf Rudolph Col⸗ 226 loredo das Wort:„Nicht ſo trübe, meine Herren!“— rief er,—„laßt den edlen Sorgenbrecher kreiſen; ſo lange er uns mundet, ſollen uns keine ſchwarzen Bilder ängſtigen. Stoßt an, ehrwürdiger Herr, nehmt Wein.“ „Ja, der Wein... wird Eure Rettung ſein!“— entgegnete der Jeſuit eintönig, dann erhob er ſich lang⸗ ſam und ſchritt, ohne ein Wort des Grußes zu ſagen, zum Saale hinaus. Man fühlte nun allgemein, daß die Unterhaltung einen gar zu ernſten Gang genommen hatte. Die Herren brachen daher auf und begaben ſich in den Garten. Dort ſonderten ſie ſich in Gruppen und alsbald hatte ſich Graf Martinic und der Primator zuſammengefun⸗ den. Die Herren ſchienen ſich abſichtlich zu ſuchen. Der Obriſtburggraf erfaßte den Arm des Primators.— „Diesmal, Euer Liebden,“— begann er im ſcherz⸗ haften Tone,—„habe ich eine Bitte an Euch zu ſtellen.“ Der Primator verneigte ſich.—„Sie ſei im Vor⸗ hinein gewährt, Erlaucht,“— ſagte er,—„ſo es nur irgend in meiner Macht ſteht, aber auch ich bin in dem⸗ ſelben Falle, Herr Graf, und habe auch ein Anliegen vorzutragen.“ „Heraus damit,“— rief Graf Martinic,—„mein edler Freund darf glauben, daß der Obriſtburggraf von 227 Böhmen den allgeehrten wackern Primator der Altſtadt Prag gar hoch zu ſchätzen wiſſe!“ „So will ich zuerſt hören, womit ich Euch dienen kann, Herr Graf,“— ſagte der Primator. „Nein, redet zuerſt,“— bat der Obriſtburggraf, —„Ihr ſeid ja der Gaſt, und dem gebührt allerwegen der Vortritt.“ „Nun, wenn Ihr durchaus nicht anders wollt, Er⸗ laucht,“— ſagte der Primator,—„ſo muß ich wohl reden. Ihr wißt, Herr Graf, ſeit dem letzten Aſcher⸗ mittwoch iſt nach dem unerwarteten Ableben unſers wackern Geheimſchreibers der Altſtädter Rathsſtube dieſer Poſten erledigt.“ „So iſt es,“— rief Graf Martinic betroffen und trat einen Schritt zurück. „Dieſer hochwichtige Poſten, mit dem das verant⸗ wortliche Amt der Schlüſſelbewahrung unſerer Raths⸗ truhe und des Stadtſiegels verbunden iſt,“— fuhr der Primator fort,—„iſt in unſeren Tagen doppelt wich⸗ tig wegen des drohenden Anmarſches der innerhalb der Grenzen des Königreiches ſtehenden feindlichen Armada. Gnädiger Herr, Ihr werdet zugeben, daß es eines tüch⸗ tigen, kräftigen und treuen Geheimſchreibers bedarf, der dem Primator zur Seite ſteht.“ „Ohne allen Zweifel!“— rief der Obriſtburggraf. 228 „Aber unter den fünfundzwanzig Bewerbern, die ſich beim Rathsmittel um dieſen Poſten bisher gemel⸗ det haben“— „Iſt Keiner, den Ihr mit Recht und Gewiſſen vor⸗ ſchlagen könnt,“— rief Graf Martinic dazwiſchen. „So iſt es,“— ſagte der Primator. „Nun ſeht, da habe ich,“— fiel der Obriſtburg⸗ graf wieder ein. „Da habe ich,“— fuhr der Primator ohne Unter⸗ brechung fort,—„da habe ich einen jungen, treuen und kenntnißreichen Mann, der eben an unſerer Hoch⸗ ſchule ſeine Studien vollendet hat, und den ich Euch, Herr Graf, für dieſen Poſten zur Beſtätigung vor⸗ ſchlagen möchte. Er nennt ſich Chriſtophorus Wunſch, und—„Fürwahr!“— rief der Obriſtburggraf,— „denſelben Vorſchlag wollte ich Euch machen, und das ſollte der Gegenſtand meiner Bitte ſein, die Ihr mir nun ſo zu ſagen aus dem Munde genommen habt. Auch ich habe nicht einen, ſondern gleich drei Kandi⸗ daten für dieſen Poſten, die ich Euch zum Vorſchlage empfehlen wollte. Der Eine iſt auch ein junger Mann, der ſoeben ſeine Studien an unſerer Hochſchule voll⸗ endet und überdies ein Jahr lang in Paris zugebracht hat, er nennt ſich Jakob Roſenblatt und ſoll auch Euer Haus beſuchen, Herr Primator.“ 229 „Der?— der?“— rief der Primator lächelnd dazwiſchen,—„darf ich fragen, Erlaucht, woher Euch dieſer empfohlen iſt?“ „Von mehren ſehr achtbaren Damen,“— ſagte der Graf zögernd. „Dacht ich's doch,“— entgegnete der Primator, —„aber glaubt mir, Herr Graf, das duftende Bürſch⸗ lein würde uns mit dem Stadtſchlüſſel ohne Weiteres davon laufen, wenn die erſte feindliche Trompete vor unſeren Mauern erklänge.“ „Nun,“— ſagte der Obriſtburggraf etwas ver⸗ ſtimmt,—„ſo habe ich einen andern nichts weniger als geſchniegelten und gebiegelten, vielmehr einen ſehr einfachen und wahrhaft frommen Mann, der ſeit län⸗ gerer Zeit in meinem Hauſe weilt, mir namentlich we⸗ gen ſeiner Frömmigkeit und wahrhaften Religiöſität werth und theuer geworden iſt. Ihr kennt ihn ja, Herr Primator, den kleinen gelehrten Magiſter, der täglich unſere Betſtunde leitet und mir durch den Domherrn an der Veitskirche Johann Ctibor Kotwa von Treufeld zugeführt wurde. Ihr wißt, wie ſehr ich dem edlen Domherrn verpflichtet bin.*) Derſelbe hat mir den *) Nach dem berüchtigten Fenſterſturze der beiden Statt⸗ halter Martinic und Slawata in den Schloßgraben des Hradſchin richtete ſich Martinice auf, um ſeine Rettung zu 230 frommen Mann ins Haus gebracht, der ihm wieder von Leipzig aus empfohlen war. Er nennt ſich Ma⸗ giſter Evariſtus Trifolio, iſt ein Italiener von Geburt, von ſeiner Kindheit an aber in Norddeutſchland erzo⸗ gen, ein Muſter von Gelehrſamkeit und Frömmigkeit. Er verſäumt keine Betſtunde, weiß alle Bibelſtellen auswendig, das ſanfte Roth der Tugend und Enthalt⸗ ſamkeit ſchmückt ſeine Wange, und ſeit der Edle in un⸗ ſerem Hauſe waltet, ſcheint es, als ob ein Geiſt beſon⸗ derer Frömmigkeit in dasſelbe eingezogen wäre. Den Mann, Herr Primator, möchte ich durch eine feſte Stellung in unſerer Stadt binden, und da er mir, wie verſuchen Da er den kraftloſen Statthalter Slawata nicht fortbringen konnte, ſo vertröſtete er ihn mit Herbeiſchaffung ſchneller Hülfe und nahm von demſelben einen rührenden Abſchied. Er kletterte mit angeſtrengter Kraft eiligſt den Graben hinauf, erſtieg den Wall und blickte ſchüchtern nach einem ſichern Ausgang umher, als er den vormals in Smecna angeſtellten Kreisdechant, nun Domherrn an der St. Veits⸗ kirche, Johann Etibor Kotwa, traf. Dieſer Geiſtliche war ehedem der Gewiſſensrath des Grafen Martinie und deſſen vertrauter Freund. Er hatte kaum von dem Unglück ge⸗ hört, das ihn betroffen, als er ſogleich herbeieilte, um ihm geiſtlichen Troſt zuzuſprechen und womöglich der Todesgefahr zu entreißen. Burch ſein thätiges Beſtreben wurden die Diener beider verunglückten Herren zu einem wirkfamen Bei⸗ ſtande herbeigerufen. — ——— — 231 geſagt, von dem Domherrn Kotwa, meinem Freund, empfohlen iſt, ſo“— In dieſem Augenblicke trat ein Diener des Hauſes ein und überreichte dem Grafen ein zierlich gefaltetes Billet mit den Worten:„Von Frau Salome von Her⸗ berſtorf.“*) Der Obriſtburggraf erbrach das Billet.—„Oh!“ — rief er,—„noch einen Kandidaten, ſeht, Herr Primator, den Dritten im Bunde. Unſere Frauen haben Wind erhalten, daß Ihr eine einträgliche und bedeutende Stelle zu beſetzen habt, und da empfiehlt mir die achtungswerthe Frau Salome von Herberſtorf und ihre Baſe einen jungen Maun, der durch ſein Aeußeres, ſeine Kenntniſſe, ſeine auf Reiſen inFrankreich erworbene Erfahrung die edle Frauenwelt ganz be⸗ zaubert hat, und in der That den in Frage ſtehenden Poſten vollkommen ausfüllen würde. Ephraim Naſo heißt der Mann.“ Der Primator machte eine bedenkliche Miene. „Nun, Ihr ſcheint den Mann zu kennen?“— fragte der Obriſtburggraf. „Ja wohl,“— entgegnete der Primator,—„er *) Auch eine geſchichtliche Perſon, ſie war die Gemalin des bekannten Bekämpfers der Bauern⸗Revolution im Lande ob der Enns vom Jahre 1626. hat ſich in unſere Kreiſe eingeſchlichen, und da ihn meine Frauen als gewandten Sprecher und Schlepp⸗ träger in ihrer Nähe bisher duldeten, ſo mochte ich auch nichts gegen ſeine Beſuche einwenden. Der Mann taugt übrigens gleichfalls eben ſo wenig zum Schlüſſ el⸗ bewahrer des Altſtädter Rathhauſes, als— entſchul⸗ digt, hoher Herr, das Gleichniß— mein mit einem goldenen Knopfe verſehener Gehſtock. Uebrigens, Herr Graf, muß ich Euch berichten, daß auch der Reichthum ſein Gewicht in unſere Schale werfen wird und die Juden der Altſtadt zehntauſend Mark für die Alt⸗ ſtädter Truhe geboten haben, wenn einer ihrer Glau⸗ bensgenoſſen— der Studioſus Salomon Urſing— den Poſten erhält. Ihr ſeht alſo, Erlaucht, Geld— Frauen und“— „Meine Kandidaten,“— bemerkte der Graf,— „haben, wie ich ſehe, Euren Beifall nicht— und, wie Ihr mich kennt, bin ich nicht der Mann, der auf Em⸗ pfehlungen ſonderlich viel hält. Der Würdigſte, das iſt mein Wahlſpruch, und damit zerreiße ich das Ge⸗ webe, welches Selbſtſucht, Argliſt und Eigennutz um mein Auge ſpinnen wollen. So handle ich im Sinne und nach dem Willen meines erlauchten Herrn und Kaiſers. Aber ſagt mir, Herr Primator, ſeid Ihr ſo — feſt überzengt, daß gerade Euer Mann der würdigſte für die Stelle iſt?“„Eriſt ein Pflegeſohn und Zögling des edlen Rabbi Bezalel Löw,“— entgegnete der Pri⸗ mator,—„dies genüge vor der Hand; dann“— „Genug! genug!“— rief der Obriſtburggraf,— „der Name dieſes Greiſes, der alle Tugenden der al⸗ ten Patriarchen in ſich vereint, genügt mir vollkommen. Herr Primator, Euer Schützling Chriſtoph Wunſch iſt ſicher der Würdigſte, und ihm werden wir die Stelle des Stadtſchreibers zuwenden.“ Ein lautes, höhnendes Gelächter, welches aus dem nahen Laubgebüſche herü⸗ berſchallte, folgte auf die Rede des Grafen. Dieſer und der Primator erhoben ihre Hä und horchten auf — das höhnende Gelächter ertönte nicht wieder. Von der andern Seite der Laubengänge aber ſchlich gebückten Rückens Magiſter Evariſt Trifolio, der fromme Günſtling des Obriſtburggrafen heran; ſeine Augen drehten ſich gegen den Himmel, ſeine beiden hatte er auf der Bruſt gefaltet.—„Von St. Loretto tönt der Abendſegen herüber, Herr Graf,“— ſagte er,—„es iſt die Betſtunde.“ Die beiden Herren entblößten ihre Häupter und verließen ſchweigend den Garten, während Magiſter Trifolio mit andächtiger Geberde hinter ihnen ein⸗ her ging. ——— ſinſſ ſi 9 10 11 3 1 1 8 1 9 12 1 4 5 16 17 1 9