Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.. Seih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſ jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe e hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet) wird. ½ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* eträgt: ß für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: F— N „* 5 S 8 6 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ije auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafüt zu ſtehen haben. g g8——B 415Uk Fihliotheß deutſcher Originalromane der heliebteſten Schriftſteller. Beransgegebrn von J. L. Kober. Eilfter Jahrgang. Achtzehnter Band. Ein deutſches Schneiderlein. II. ,, 1856. Prag 8 Leipzig, Expedition des Albums. Ein deutſches Schneiderlein. Hiſtoriſcher Roman in zwei Pänden. Von Franz Hsidor Proschko⸗ Zweiter Band. 1856. Prag Leipzig, Expedition des Albums. Erſtes Capiteſ. Zweites 5 Drittes Viertes günſtes Hechstes Siehentes Achtes Reunkes Zehntes Eilftes 5 Zwölſtes„ Dreizehntes, Inhalt. Der Cornet In Osnabrück Landsknecht Der ewige Jude. Der Taucher. Im Olympe. Die Piſtolenlehre. Auf Schloß Guſow. Der Flickſchneider Deutſche Freundſchaft Der faule Wenzel Im Vaterlande Der Adept Seite 17 26 49 72 84 101 112 142 159 197 237 5 5 Ein deutſches Schneiderlein. Zweiter Band. Erſtes Capitel. Der Cornet. An einen Feldſtein bei Lützen gelehnt weinte der Herzog Bernhard von Weimar die erſte Thräne ſeines Lebens, als am nächſtfolgenden Tage der Leich⸗ nam des großen Schwedenkönigs vor ihm niederge⸗ legt wurde, um hierauf nach Weißenfels, und von da nach Wittenberg und weiter nach Schweden ge⸗ ſchafft zu werden. Vor Allem galt es nun, die große Trauerkunde nach Schweden zu bringen, und den Reichskanzler Arel Orenſtierna in Osnabrück von dem furchtba⸗ ren Nationalunglücke, welches Schweden betroffen hatte, in Kenntniß zu ſetzen. Ein kalter Novemberwind ſtrich über das weite 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II. 1 2 Schlachtfeld bei Lützen, auf welchem die dunklen Maſſen der ſchwediſchen Armada im Morgennebel herumwogten, und die aus der Umgebung entbote⸗ nen Landleute manch wackeren Mutterſohn, der am Tage vorher in eine Lanzenſpitze gelaufen war, oder ein Stück Blet an die Stirne erhalten hatte, in den Lehm ſcharrten.— Vor dem weiten Zelte des Herzogs von Weimar, vor welchem nunmehr der königliche Befehlshaber⸗Wachtpoſten mit ſeiner ciſelir⸗ ten Muskete auf und niederſchritt, ſammelte ſich das Corps des königlichen Generalſtabes und viele andere Officiere der ſchwediſchen Armada, und harrten hier der Dinge, die da kommen ſollten. In einem Nebenzelte hatte der Regiments chirurgus des Herzogs ſein Tiſchchen aufgeſchlagen, und mehrere Ruhebetten ſtanden um daſſelbe herum Verwundete Officiere, denen der Herzog eine beſon⸗ dere Pflege angedeihen laſſen wollte, wurden hinein getragen oder gingen, wenn ihre Wunden leicht waren, hinein. Auch Derfflinger ſtand mit einer preiten Stirnwunde vor dem Zelte, willens ſich einen friſchen Verband anlegen zu laſſen. Da trat ein langer ſtämmiger Reiterofficier mit dunklem Bruſthar⸗ niſch und einem breiten Schlachtſchwerte an den Lenden zu. 3 Derfflinger erkannte ſogleich in demſelben jenen ſchwediſchen Obriſtlieutenant, mit welchem er im Kugelregen der Schlacht zuſammen getroffen war, und Obriſtlieutenant Schaplow trat mit tiefer Be⸗ wegung auf ihn zu.„Wie ſoll ich Euch den Dienſt danken,“ ſagte er,„den Ihr mir geſtern am Schlacht⸗ felde erwieſen habt, als ich an der Spitze meiner Escadron vorwärts und meine waghalſige Schweſter Eurer Hut anvertrauen mußte.“—— „Alſo Eure Schweſter“— entgegnete der Obriſt⸗ wachtmeiſter erſtaunt—„Eure Schweſter war das Fräulein, das in knapper Cornetsuniform—“ „Und großer Thorheit,“ ergänzte der Obriſtlieute⸗ nant,„gegen mein Wiſſen und meinen Willen auf das Schlachtfeld hinausritt, und der es, als unſere Schwadronen den linken Flügel der Kaiſerlichen um⸗ gingen, bald ſo gegangen wäre, wie dem guten neu⸗ gierigen Abt von Fulda, der eben am Schlacht⸗ felde unter den Leichen gefunden wurde.*)— Nun Gott ſei Dank, ſie iſt gerettet, und wird, wenn ſie ) Der Abt von Fulda wollte aus Neugirde, wie er ſich ausdrückte, die Bataglia in der Nähe obſerviren, und wurde niedergeſchoſſen. 6 1 4 vollends geneſen ſein wird, ihrem Retter ſelbſt dan⸗ ten. Darum bitte ich Euch, Herr Obriſtwachtmeiſter, nehmt vorläufig meinen treuen ſchwediſchen Hand⸗ ſchlag, wir müſſen uns jedenfalls näher kennen lernen, und ſo Gott will, in Stockholm einen guten Renn⸗ thierbraten mit einander verzehren, denn ich komme Euch nebenbei auch zu ſagen, daß wir beide beſtimmt ſind, die Sendung zu convoyiren, welche die große Trauerkunde von des Königs Falle dem ſchwediſchen Reichskanzler nach Osnabrück, und in deſſen Geleite dann Guſtao's Leiche nach Schweden ſelbſt überbrin⸗ gen ſoll. Derfflinger blickte traurig nieder.„So iſt mir,“ ſagte er,„das herbe Loos beſchieden, meinen großen Heerfuͤhrer, deſſen Banner ich noch lange folgen zu können glaubte, in die Gruft ſenken zu ſehen.“ „Wenn aber,“ fuhr der Obriſtlieutenant fort, „unſere Sendung nach Schweden beendet ſein wird, dann dürft Ihr mir einen Herbſtbeſuch auf meinem Gute im böhmiſchen Rieſengebirge oder im Bran⸗ denburgiſchen nicht verſagen, manch gute Jagdflinte prangt da in meinem Gewehrkaſten, und mancher ſchußmäßige Eber wetzt ſeine Hauer an meinen Eichen; wollen dann ein paar Monate lang dem edlen Waidwerke obliegen, und ſollt mit dem 5 Empfange zufrieden ſein, den Euch Euer Freund Schap⸗ low— denn Freund müßt Ihr mich fortan nennen — bereiten wird.“ Noch erzählte Obriſtlieutenat Schaplow ſeinem neuen Freunde Derfflinger Vieles von ſeiner ſchönen Schweſter, die als kühne Amazone mit ſeltenem Muthe begabt, ſich's nicht hatte wehren laſſen, den geliebten Bruder zum Heere des Königs zu begleiten, wo ſie in der Tracht eines ſchwediſchen Cornets als deſſen jüngerer Bruder galt, und Niemand ihr Ge⸗ ſchlecht ahnte, bis ſie ihre weibliche Reugierde und Verwegenheit ins Schlachtgetümmel gefuͤhrt hatte, aus welchem ſie durch Derfflinger gerettet wurde.— Im Schloſſe zu Osnabrück, der alten Sachſen⸗ burg, wohin die Officiere am nächſten Tage abgingen, empfing der Reichskanzler Orenſtierna die Botſchaft von ſeines Königs Ableben mit Thränen im Auge. Er erklärte aber dem Obriſtlientenant Schap⸗ low, daß er ſelbſt nächſter Tage nach Schweden ab⸗ reiſen, und die große Trauerkunde dahin überbringen werde.„Ihr, meine Herren,“ ſetzte er, ſich zu den Offi⸗ eieren der kleinen Geſandtſchaft wendend hinzu,„Ihr ſeid in Deutſchland nöthiger als im Norden. Es gilt nunmehr die Sache, für welche unſer großer König mit ſeinem Blute eingeſtanden iſt, auszufechten 6 und Schwedens Generale müſſen den Geiſt des geſchiedenen Heerführers auf den deutſchen Schlacht⸗ feldern bewähren.“ Sämmtliche Officiere erhielten ſomit von dem Kanzler ihre Ordres, zu den verſchiedenen Fahnen zurückzukehren. Zweites Cayiteſ. In Osnabrück. Luſtig wehte am nächſten Morgen die weißgelbe Standarte vor dem Steinhauſe, worin Derfflinger ſein Nachtquartier in Osnabrück gefunden; kaum ſteckte er das behelmte Haupt zum Fenſter heraus, als die ſchwediſchen Oberſtlientenants Schaplow, und Plattenberg vom ſchwediſchen Generalſtabe ihn grüß⸗ ten und einluden, zu einem guten Morgensfrühſtücke in das improviſirte Zelt herabzukommen. Dort fand Derfflinger auch den Oberſten Mon⸗ taigne vom ſchwediſchen Generalſtabe, und den ſchwediſchen Proviantmeiſter und Diplomaten, Doctor Salvius. Letzterer ſtellte ihm die Weiſung des Reichs E Kanzlers Oxenſtierna zu, ſich ohne Verzug zu dem Corps des jungen General Banner, dem berühmten Sieger von Wittſtock über die Kaiſerlichen und Sächſiſchen in die Gegend von Halberſtadt, zu begeben. Obriſtlientenant von Schaplow bat jetzt Derff⸗ linger, ihm ſeine ſchöne Schweſter, das Fräulein Margarethe Tugendreich von Schaplow vorſtellen zu dürfen, die ſchöne muthige Jungfrau, deren Bekannt⸗ ſchaft Derfflinger bei Lützen gemacht hatte, als ſie in Cornetsuniform über Todte und Sterbende ſprengte, und faſt ſelbſt ein Opfer ihrer Kühnheit gewor⸗ den wäre. Derfflinger nickte beifällig, und Obriſtlieutenant von Schaplow führte ihn nun ins Zelt, in deſſen Hintergrunde ein Feldtiſch mit einem kleinen Ruhe⸗ bette ſtand. Von letzterem erhob ſich das edle Fräu⸗ lein von Schaplow. Aus dem bleichen verwundeten Cornet war aber jetzt eine hohe Junoniſche Geſtalt von blendender Schönheit geworden, ihren ſtarken faſt Mannslänge erreichenden Gliederbau von blendender Weiße umfloß ein enganſchließen des Jagdkleid von ſchwarzem Sammt mit breiten Silberborten, unter dem wogenden Buſen von einer enen Agraffe zuſammengehalten, eine brillirende Demantnadel ſchmückte das dunkle Locken⸗ 8 haar, aus den großen dunkelblauen Augen blitzte der Muth eines zwanzigjährigen feuerſprühenden Jüng⸗ lings, und um die lebensfriſchen etwas aufgeworfe⸗ nen Lippen ſpielte ein Zug männlichen Trotzes und jenes Stolzes, der im Bewußtſein der jugendlichen Kraft und des in allen Verhältniſſen ungebeugten Muthes ſeine Quelle hat. An der Stirne trug die Schöne eine breite Kopfbinde, womit ſie jene vor⸗ herrſchende Wunde bedeckte, welche ſie bei Lützen empfangen hatte. Die ſchöne Brandenburgerin ſaß gleich einer den Olymp beherrſchenden Juno an dem Zelttiſche; neben ihr ſtand über die Lehne eines Seſſels gelehnt, der ewig lächelnde Franzoſe, Herr von Bournonville im feinſten Pariſer Anzuge mit dem goldenen Medaillon ſpielend, welches an einer eben ſoichen Kette über ſeinem Nacken herabhing. Er firirte mit ſeinen kleinen ſtechenden Augen den jungen Derfflinger, während das Fräulein von Schaplow wie ein kaltes Marmorbild daſtand, und die Ver⸗ beugung bdes Obriſtwachtmeiſters mit einem ſtolzen Kopfnicken begrüßte. Als aber jetzt Obriſtlieutenant von Schaplow Derfflinger als jenen Reiter vorſtellte, welcher das Fräulein aus dem Schlachtgetümmel vor Lützen trug, von der damals ohnmächtigen Schönen aber bisher 9 noch nicht von Angeſicht geſehen worden war, da ſchlug Margaretha ihr großes ſchönes Auge empor, eine leichte Röthe überflog ihr marmorbleiches Antlitz; aber war es die Scham der Erinnerung im halbbe⸗ wußtloſen Zuſtande in den Armen eines jungen Mannes gelegen zu haben, und als leichtſinnige Abenteurerin vor ihm zu erſcheinen, oder machte Derfflinger's Erſcheinen auf Margaretha einen tieferen Eindruck— ſie erwiederte nur die halbleiſen Worte: „Nehmt meinen Dank,“— dann ließ ſich die Schöne wieder auf ihren Sitz nieder, und begann mit haus⸗ wirthlicher Geſchäftigkeit die Ordnung des Morgen⸗ tiſches, um die Zeltgäſte ihres Bruders zu bewirthen. Derfflinger, deſſen Auge in den engelgleichen Zägen des ſchönen Fräuleins feſt haftete, befremdete die eifige Kälte Margarethens, über die bleichen Lippen des Franzoſen zog aber ein ſarkaſtiſches Lächeln. Er trat, während die übrigen am Felbtiſche Platz nahmen, Derfflinger näher.. „Nicht wahr, mon cher,“ ſagte er leiſe in ge⸗ brochenem Deutſch mit ſpöttiſcher Miene,„ſo kurz wie dieſe Empfangsworte lautet kaum ein Feldcommando; nun macht Euch nichts daraus, Herr Obriſtwacht⸗ meiſter,*s geht uns Allen ſo, die Schöne iſt trotzig und ſtolz wie keine, und es iſt wahrlich noch viel 10 von ihr, daß ſie ſich bei Euch für den Ritterdienſt bei Lützen bedankte, denn dieſe Juno will nur ge⸗ huldigt ſein, und—“ „Nehmt Platz, nehmt Platz, meine Herren,“drängte Obriſtlieutenant Schaplow, indem er Derfflinger mit der Hand einen leeren Sitz neben Margarethen an⸗ wies. Dieſer aber, durch den kalten Eipfang des Fräuleins unangenehm berührt, und durch die kurze Mittheilung Bournonville's bereits belehrt, daß er hier einem ſtolzen und herrſchſüchtigen obwohl engel⸗ ſchönen Frauenbilde gegenüberſtehe, verbeugte ſich, und ging um die' Reihe der Sitzenden herum, um ſich an der andern Tiſchecke neben Doector Salvius einen leerſtehenden Rohrſeſſel zu wählen, während der Sitz nächſt dem Fräulein ſomit leer blieb.— Eine hohe Purpurröthe überſtrömte das Antlitz des Fräuleins; eine derartige Demonſtration hatte die ſtolze an die Huldigungen ihrer Umgebung gewohnte Schöne noch nicht erfahren.— Die Herren an der Tafelrunde lächelten verlegen, aber der gewandte Franzoſe wußte die kleine Störung ſchnell zu beſeiti⸗ gen, indem er auf den leeren Seſſel neben Marga⸗ retha zuſprang, um ihn ſchnell einzunehmen, und ſo die Linke der Sitzenden auszufüllen.— Eine abwehrende Bewegung Margarethen's hielt 11 ihn zurück.„Herr von Plattenberg,“ bat ſie, ſich gegen dieſen verbeugend;„nehmt doch Platz an meiner Seite, damit ſich doch ein Cavalier finde, der mir den geziemenden Ritterdienſt auch außer dem Schlacht⸗ felde erweiſe—“ und Plattenberg ſprang mit Windeseile hinzu, um dem Winke des Fräuleins zu gehorchen. Derfflinger ſtellte ſich, als merkte er nicht den ihn bezielenden Stachel dieſer Rede, und knüpfte bereits ein lebhaftes Geſpräch über den Stand der Kriegsereigniſſe mit dem Herrn von Schaplow an, woran ſich bald die andern Zeltgenvſſen betheiligten, während das Fräulein faſt ausſchließlich auf die Un⸗ terhaltung mit ihrem Rachbar, dem Herrn von Plat⸗ tenberg und dem Franzoſen beſchränkt war, zeitweiſe aber einen Blick auf Derfflinger hinübergleiten ließ, dem man es anſah, daß ihn, ſo ſehr die ſtolze Schöne ihre innere Bewegung zu verbergen ſuchte, die ver⸗ letzte Eitelkeit und innere Zornesglut ſchießen ließ. Nach bald beendigtem Frühſtücke breitete Oberſt Mon⸗ taigne ſeine Specialcharte auf den Feldtiſch—„Nun, meine Herren,“ ſagte er,„das letzte Hlas den Manen unſeres großen Königs! dann geht es nach den Rich⸗ tungen der Windroſe, und ich bin von dem Herrn Kanzler beauftragt, Ihnen die Standarte 12 bekannt zu geben, wo Sie ferners für die Ehre Schwe⸗ dens Ihre Degen führen werden.“ Derfflinger erhielt die Ordre ſich in den nächſten Wochen zu dem ſiegreichen General Banner zu bege⸗ ben, der an der böhmiſch⸗ſächſiſchen Grenze ſtand. Schaplow wollte aber zuerſt eine Urlaubsreiſe nach ſeinen Gütern in Brandenburg und an der böhmi⸗ ſchen Grenze unternehmen, und drang wiederholt in Derfflinger, ihn dahin zu begleiten, oder ihn dort zu beſuchen, ſobald ſich die auftauchenden Hoffnungen auf den nach langjährigen Kriegsleiden wiederkehren⸗ den Weltfrieden verwirklichen ſollten. Derfflinger ſagte endlich zu, und raſch in ſeinen Entſchlüſſen, verſprach er nach weniger als zwei Wo⸗ chen bei Banner's Corps einzutreffen, ſpäter, verſprach er, Schaplow auf ſeinen Gütern im Brandenburgiſchen zu beſuchen. Schon am Nachmittage deſſelben Tages ritten Obriſtlieutenant Schaplow, Plattenberg und Derff⸗ linger mit ihren Dienern in ſüdöſtlicher Richtung ihrem künftigen Fechtboden zu; das Fräulein Mar⸗ garethe von Schaplow fuhr in einem Wagen, hinter welchem der Franzoſe Bournonville eine luſtige Arie trillernd auf ſeinem Falben daher trabte, von Minute zu Minute zum Wagen heranſprengte und mit 13 franzöſiſcher Galanterie nach den Befehlen der Schönen fragte; Plattenberg, der junge Obriſtlieutenant des ſchwediſchen Generalſtabes, ſtrich zeitweilig ſeine dunklen Locken unter dem Helm zurück, um einen brennenden Blick in den Wagen zu werfen, wo Magaretha bleich und ſtumm an der Seite ihrer Zofe Katharina ſaß, und in ſcheinbarer Gleichgiltigkeit die Baumgruppen und Felſen des Weges beſchaute. Derfflinger in ſeiner derben Soldatennatur, un⸗ gewohnt des ſüßen Minnedienſtes in den Frauenge⸗ mächern, näherte ſich dem Wagen nicht, und wenn er zuweilen einen raſchen Seitenblick in denſelben warf, ſo war es die Macht der Schönheit und ho⸗ hen Anmuth, welche auch ihn anzog, und die den Löwen bändigt, daß er ſich zuletzt wie ein Lamm zu den Füßen der Anadyomene windet....... Zuletzt wurden dieſe Blicke Derfflinger's wohl etwas häufiger, und der beſonnene Martisſohn mußte ſeinem Roſſe öfters die Sporen geben, um nicht wieder und wieder das herrliche Frauenbild anzuſtar⸗ ren, welches wie eine dem Meere entſtiegene Cynthia in ihrem Siegeswagen hingegoſſen lag. So vergingen mehrere Tage, ohne daß Derfflin⸗ ger ſich in ein Geſpräch mit Margarethen einließ, während Plattenberg und der Franzoſe fortwährend 14 den Wagen umſchwärmten, und im Ritterdienſte der ſchönen Dame wetteiferten. Dieſe nahm die Huldigungen der beiden Offi⸗ ciere wie einen ſchuldigen Tribut entgegen, und fand gleichfalls kein freundliches Wort für Derfflinger, obgleich ihn ihre Blicke unwillkürlich verfolgten.— Aber Derfflinger war auch in der That zu einem männlich ſchönen kräftigen Kriegsmanne herange⸗ diehen. Sein ſtarkes krauſes Haar, ſeine ſchöne breite Stirne, die dunkeln ſtarken und ſchön ge⸗ wölbten Augenbrauen, das lebhafte Augenpaar, die ſchön gebogene große Naſe, das ſtarke Kinn, die vollen Wangen, ein zierlicher Bart über der Ober⸗ lippe und das kleine verſtutzte Bärtchen an der Un⸗ terlippe, die eng anſchließende Dragoner⸗Uniform mit dem vergoldeten Helm und dem breiten Schlacht⸗ ſchwerte, gaben ſeiner Erſcheinung das Ausſehen eines jungen Kriegsgottes, deſſen Blick allein ſeine Gegner zermalmen konnte.— Noch in derſelben Woche trennte ſich Obriſt⸗ lieutenant von Schaplow mit Plattenberg von Derff⸗ linger und ritt der Mark Brandenburg zu, um auf ſeinen Gütern eine kurze Raſt des Friedens zu feiern, dann aber mit neuer Gluth in das an allen Punk⸗ ten Deutſchlands lodernde Kriegsfeuer zuruͤckzuſtürzen 15 und für den ſchwediſchen Löwen neue Lorbeern zu erſtreiten, während Derfflinger nach dem Merſe⸗ burgiſchen zuſteuerte, um ſich zu Banner's Corps zu begeben. Derfflinger dankte beim Abſchiednehmen nochmals dem Obriſtlieutenant von Schaplow für ſeine Ein⸗ ladung.„Wenn der ſo vielfach verkündete Friebe zur Wahrheit wird,“ ſagte er,„dann will ich gerne in Euren Brandenburgiſchen Wäldern ein Paar Füchſe niederkugeln oder auch einem Luchſe den Gang ab⸗ lauſchen; jetzt aber iſt die Lagerluft vor Allem mein Element, und ich reite zunächſt ins Merſeburgiſche oder gegen Halle, um Mannſchaft anzutreiben, die ich dem tapfern Banner zuführen kann.“ „Nun, ſo haltet Wort,“ ſagte der Obriſtlieute⸗ nant;„möchte ich doch ſo gerne den Lebensretter meiner Schweſter auf meinem Grund und Boden be⸗ wirthen, und den Mann in meiner Nähe haben, dem ich zu ſo großer Dankbarkeit verpflichtet bin!“ „Nun,“ ſagte Derfflinger,„wenn Ihr, Herr Obriſt⸗ lieutenant mir einen rieſengroßen Gefallen thun wollt, den ich Euch mein Lebtag nicht vergeſſen werde, ſo laßt, ſobald Ihr im Brandenburgiſchen auf Euern Gütern ankommt, durch die Euch zu Gebote ſtehenden 16 Wege nach einem alten Hanns Georg Derfflinger forſchen.—— „Euren Verwandten?“ fragte von Schaplow theilnehmend, und Margarethe, welche mit ſichtlicher Bewegung dem Geſpräche zugehört hatte, hob die ſchönen Augen, und blickte erwartungsvoll Derfflin⸗ ger an. „Hanns Georg Derfflinger,“ wiederholte Derfflin⸗ ger,„ein ehrlicher Handwerksmann aus Oberöſterreich, der in Folge der Religionsunruhen aus Oberöſter⸗ reich ausgewandert iſt, und ſich nach den von mir ſeit den drei Jahren gepflogenen ſorgfältigen Nach⸗ forſchungen ins Brandenburgiſche an die Havel be⸗ gab, wo er ſich noch aufhalten dürfte. O wie hebt ſich meine Bruſt bei dem Gedanken, ihn wieder zu ſehen, denn er iſt ja mein..... 4 In dieſem Augenblicke ſchmetterten Trompeten. Die kräftigen Stimmen der Fahnenjunker erſchallten, und die Officiere trennten ſich, noch lange einander von Ferne grüßend, nach ihren verſchiedenen Rich⸗ tungen. 17 Drittes Capitel. Landsknecht. Schon auf halbem Wege erhielt Derfflinger Nachricht, daß Banner bei Halle campire, daß es aber in ſeinem Heere gewaltig an Lebensmitteln und anderm Kriegsbedarf fehle, am Meiſten aber an Mannſchaft, denn in jener ſturmbewegten Zeit folgte der Soldat jener Fahne, wo ihm die beſte Beute und das trefflichſte Leben in Ausſicht ſtand, die Na⸗ tionalität und das Vaterland gaben dabei nicht den mindeſten Ausſchlag, der Name des Werbegenerals war es, dem die Söldner nachliefen. Hatte der einen guten Klang, ſo hing ſich an ihn wie die Bienen an den Weiſel, eine Anzahl von berrenloſen Söldnern und nahmen von ſeiner Trommel das Handgeld; der Krieg war zum Handwerk geworden, und namentlich war es der tüchtige und kampfes⸗ muthige Haufen der dentſchen Landsknechte, der jener Trommel nachſtrömte, auf welcher das beſte Handgeld aufgeſchichtet lag. Dieſe kriegeriſchen Geſellen bluteten daber gar oft für eine fremde Sache, denn den Wechſel der politiſchen Ereigniſſe Europas in ſeinen hundertfältigen Geſtaltungen zu ermeſſen, war nicht ihre Sache. 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein II. 2 18 Ihre Tactik glich jener der römiſchen Prätorianer, jener der ſchweizeriſchen Hirtencolonie, welche der deutſchen Ritterſchaft öfters gar arg den Bart aus⸗ rauften; enggeſchloſſene Maſſen, ſtandhaft und feſt in den Feind raſſelnd, fielen ſie, wie eben der Tod ihnen entgegentrat, der Hintermann trat auf den Rumpf des Vordermannes und was übrig blieb, mußte ſiegen, um zu leben, und ſich auf dieſe Weiſe durch das Kriegshandwerk zu nähren. Zweihundert Dragoner oder eben ſo viel Fuß⸗ volk ſollte Derfflinger für die ſchwediſche Vorhut werben. Er hatte aber weder Geld noch ſonſtige „Werbemittei,— nichts, als ſeinen in beiden Heer⸗ lagern wohlklingenden„Reiternamen.“ An der Heerſtraße nach der Grafſchaft Manns⸗ feld an einem friſchen Morgen vorbei reitend, bog er ehen um eine Waldesecke. Da lagerten auf einem bereiften Stoppelfelde mehrere hundert buntgekleidete Pikenträger mit ihren Hahnenfedern am Hute und dem breiten Richtſchwerte an der rechten Seite; eine Schaar Buben, Weiber, ein Rudel biſſiger Hunde waren in den Knäuel der Zeltwagen und Karren, welche da ſtanden, vermiſcht, hinter denſelben hatten Garköche und ſogenannte„Sudlerinnen“ ihren Feld⸗ herd aufgeſchlagen. 19 Es waren ein Haufe buntgekleideter deutſcher Landsknechte, die ſich hier zuſammengefunden hatten, um ſich zu einem Regimente zu einigen, und den Beſchluß zu faſſen, welchem Heere ſie zunächſt ihre Haut verkaufen ſollten. Schon hatten ſie zur einſtweiligen Verhaltung der Ordnung unter ihrer bunt zuſammengewürfelten Schaar einen Profoß, Gerichtswaibel und Schreiber gewählt, denn dieſe rohen Leute erfaßten gar wohl die Bedeutung ſtrenger Disciplin, welche ſogleich in ihren Reihen herrſchen müſſe, wenn der kaum zu⸗ ſammengewürfelte Haufe nicht wieder ſchnell ausein⸗ ander rennen ſollte; denn ſeit kaum vier und zwanzig Stunden hatten ſie ſich zuſammengefunden, und ſchon war ein Todtſchlag in ihren Reihen vorgefallen; ein Tambour und ein Troßbube hatten im Rauſche mit dem Schlägel des erſteren einen ſie hänſelnden Piken⸗ träger ſo derb auf die Schläfe gepaukt, daß dieſer augenblicklich entſeelt zu Boden ſank. Trommelſchlag rief daher das Kriegsgericht der Landsknechtes) zuſammen. „Guten Morgen, Ihr lieben ehrlichen Lands⸗ Micht Lanzknechte, denn ſie trugen nicht die ritterbürtige Lanze, ſondern den Spieß. 2 2 20 tnechte, edel und unedel, wie uns Gott nun zu ein⸗ ander gebracht hat,“ ſo lauteten die Worte des Profoßen — Dann forderte er den Feldwaibl auf„ein Mehr zu machen, worauf dieſer den Hergang der Sache vortrug, welche dem improviſirten Kriegsgerichte an⸗ heim geſtellt war; mit großer Unparteilichkeit trug er das Für und Wider zum Beſten und„Schaden“ des Angeklagten vor. Der Klagebeſtand war ſo weit feſtgeſtellt. Jetzt traten die ſechs erwähnten Fähndriche des Häufleins vor; ſie wickelten ihre weißen Fähnlein um die Stangen, das heißt, ſie thaten ihre Fähnlein zu, und forderten ſogleich die Landsknechte auf, den Schimpf, den der genannte Tambour und Bube ihrer Schaar angethan, zu ahnden, damit das neugeſchaffene Regiment, dem nichts mehr als ein ſtattlicher Führer und Obriſthauptmann fehle, wieder ehrlich ſei;„ſonſt wollten ſie ihre Fähnlein nimmer fliegen laſſen!“ Nun wurde ein alter erfahrner Landsknecht aus dem Haufen vom Profoß vorgerufen, damit er ſeinen Rath ertheile. Dieſer forderte wierzig gute Kriegsleut, edel oder unedel zum Beiſtand. Dieſe beriethen und andere vierzig urtheilten. Nun wirbelten die Trommeln, der Ausſpruch der vierzig lautete„auf Tod!“ 21 Der Profoß forderte den Haufen auf, zu er⸗ klären, ob Alle mit dieſer Entſcheidung einverſtanden ſeien. Mit emporgeſtreckten Händen gaben Alle ein⸗ ſtimmig das Zeichen des Einverſtändniſſes. Die beiden Todtſchläger waren ſomit verurtheilt. Die Fähndriche warfen nun ihre Fähnlein wieder in die Höhe, und ließen ſie fliegen. Jetzt ordnete ſich das Regiment, den proviſoriſch erwählten Hauptmann, einen alten Dragoner⸗Wacht⸗ meiſter an der Spitze, zum Hochgerichte. Eine lange Gaſſe öffnete ſich, ſie beſtand aus ſtämmigen Landsknechten mit geſenkten Spießen. Der ſchuldige Tambour, ein benarbter Böhme, mit grauen Haaren und der Troßbube wurden vor⸗ geführt, beide treten in die Gaſſe; drei Streiche er⸗ hält jeder auf die Achſel, im Namen der heiligen Dreieinigkeit iſt er alſo zu Tode geweiht!— Zuerſt trifft die Ordnung den Troßbuben, jam⸗ mernd und ſein Loos beklagend, läuft er in die Gaſſe, die Speere ſenken ſich in ſeinen Leib, er hat geendet. Sogleich knieen die ſtrengen Rächer nieder, und beten jetzt laut für ſein Seelenheil, dann umgehen ſie dreimal ſeinen Leichnam, während die Hacken⸗ ſchützen Feuer geben; der Profoß dankt laut für das gerechte Gericht, und ermahnt jeden dieſen Act der Gerechtigkeit wohl zu Gemüthe zu nehmen, und ſich vor dem Vollſaufen zu hüthen“, woraus die meiſten Laſterthaten entſtünden. Nun traf die Reihe den Tambour. Herzhaft und feſten Schrittes trat er in die Gaſſe,— die Spieße hoben ſich— da ſprengte vom nächſten Hügel ein ſtattlicher Dragoner mit blitzendem Offi⸗ ciers⸗Helm in die Reihen. „Halt an!“ ruft er,„und laßt den Derfflinger auch was drein reden, Landsknechte! Was hat der Burſche da verbrochen?“— „Der Derfflinger! der Derfflinger!“ brauſte es durch die Reihen;„der Derfflinger!“ Das war jetzt ein Leben im Haufen, wie wenn der Storch unter den Fröſchen ſchnäbelt. Von allen Seiten rannten die Pikeniere und Reiter, die Helie⸗ bardiere und Hackenſchützen zuſammen, den kühnen Reiterofficier zu ſehen, deſſen Namen ſeit der Schlacht bei Lützen im Kalender der ſchwediſchen wie der dent⸗ ſchen Soldateska obenan ſtand.— Derfflinger aber war kein Mann des Zögerns; raſch den Augenblick erfaſſend, ließ er ſein Auge über den herrenloſen Hau⸗ fen ſchweifen— das war eben das rechte Kanonen⸗ futter, das er für Banner brauchen konnte; aber er 23 hatte keinen Deut, um ihnen Sold auch nur für eine Woche anzubieten.— Thut nichts!— Raſch vom Rappen ſpringend, riß er dem nächſten Fähndrich ſeine Standarte aus den Händen, ſteckte ſeinen eigenen Hut mit dem weißblauen wehenden Federbuſche darauf, pflanzte dieſe ſchnell improviſirte Werbſtange auf den höchſten Hügel des kleinen Lagers, und rief mit gewaltiger Stimme in den Haufen:„Hieher, wackere Freunde, und ehrſame Landsknechte! Der Derfflinger braucht Mannſchaft, wer will ihm in die Bataille nachrennen?!“— „Ho! Ho! Es lebe der Derfflinger und vivat hoch!“ ſchallte es im ganzen Lager, und der Haufe wohl an die eilfhundert Köpfe drängte ſich heran, und der Schneider aus Oberöſterreich hatte ſich mit ſeiner guten Scheere wieder ein Corps Landsknechte und Reiter zuſammengeſchnitten, wie er es bedurfte, um eine Kegelpartie im offenen Felde zu liefern, wie er ſie ſeit vor Lützen her gewohnt.— Schon in der nächſten Viertelſtunde ſtanden die Fähnlein der Schaar in gevierter Ordnung, ein Wald von Speeren ragte Derfflinger entgegen; in der erſten Linie die beſt ausgerüſteten Landsknechte mit ellen⸗ langen Spießen, dann ein Blatt“ mit Schwertern und Hellebarden, dann wieder ein Haufe mit langen 24 Spießen, dann die kurzen Wehren im Centro, mit Säbel und Dolchen und Handmeſſern, im hinterſten Blatte aber die tüchtigſten mit den längſten Spießen bewaffneten Knechte, die beſtimmt waren, den Haufen nachzudrücken. Raſch hatte Derfflinger auch die Hauptleute des Haufens auserkoren, hiezu die handfeſten Chargen mit ihren mächtigen Schlachtſchwertern und den ſchweren Panzerhemden erſehen; zuletzt ſtand als „Rennfähnlein“ oder die verlornen Knechte“ eine ge⸗ ſchloſſene Maſſe der minder brauchbaren Landsknechte, die Plänkler des Haufens, meiſt Hackenſchützen, die ſeit Kaiſer Carl V. beſtimmt waren dem geſchloſſenen Armeecorps voranzueilen und den Feind anzugreifen, den geſchlagenen aber zu verfolgen. Drei Drehbaſſen, Noth⸗ und Feldſchlangen ſtan⸗ den an den Flügeln—„die Sau“, der Ochſe und „der wilde Mann“ hießen ſie, nach den ſeltſamen Namen, welche ihnen die Landsknechte beilegten. So ſtand der kleine Heereshaufe bald geordnet, und Derff⸗ linger ſchwang beim luſtigen Trompetenton ſeinen im Sonnenſtrahle blitzenden Degen über denſelben.— Jetzt aber erinnerten ſich die Landsknechte des Tambours, deſſen Hinrichtung noch vorzunehmen war. Ein dumpfes Gemurmel durchlief die Reihen. Zwei 25 Fähndriche traten vor, und baten Derfflinger im Namen des Haufens, daß deſſen nunmehriger hoch⸗ verehrter Obriſt⸗Hauptmann, der ſoldatiſchen Juſtitia⸗ ihren Lauf laſſen wolle, und— „Ei, Landsknechte,“ rief Derfflinger lachend, und den Degen ſchwingend,„habt Ihr denn nicht geſehen, wie der arme Teufel, kaum daß ich meinen Hut auf die Stange pflanzte, die große Trommel dort ergriff, und meine Werbung fein wacker mit ſeinem Wirbel begleitete, daß wir in zehn Minuten in Ord⸗ nuhg waren, und nun drum und dran ſind, wie ein gewaltiger Eiſenkeil in den Feind zu fahren— und den trefflichen Trommler wollt Ihr mir aufſpießen wie eine ſchlechte Kröte— pfui! Laßt den armen Teufel mit der ausgeſtandenen Todesangſt davon kommen.— Da, halt Dich an den Roßſchweif Deines Obriſthauptmanns an, Tambvur, und jetzt iſt nicht Zeit zum Spießen und Hängen, Cameraden, Obriſt Banner erwartet uns bei Halle. Auf Tambour, ſchlag zum Sturmſchritt, vorwärts marſch, marſch!“... Und der gerettete Tambvur, dem eine dicke Schweiß⸗ und wohl auch Thräne des Dankes für ſeinen Lebensretter vom Auge träufelte, begann ſeine große Trommel anfaſſend, einen ſo gewaltigen Wirbel zu ſchlagen, daß die eherne Maſſe augenblicklich in 26 Bewegung gerieth, und vorwärts, vorwärts ging es im Sturmſchritte dem Merſeburgiſchen zu. „O mein Obriſt,“ ſagte der gerettete Tambvur, als er neben dem Roſſe Derfflinger's keuchend von ſeinem Trommelwirbel ausruhte, und ihn die hellen Klänge der Feldtrompeten vertraten,„v mein Obriſt, wie ſoll ich Euch jemals danken, daß Ihr mir mein armes Leben erhieltet!“ „Sollſt mir an meinem Hochzeittage einmal einen Wirbel vor meiner Brautkammer ſchlagen,“ entgeg⸗ nete Derfflinger lachend, und ſprengte ſeinen guten Degen ſchwingend, an die Spitze der Colonne, kräf⸗ tig wie ein Adler, der den Schaaren der ſingenden Luftbewohner zur ſtrahlenden Sonne empor vorfliegt. Viertes Capitel. Der ewige Inde. Die heiße Juliſonne des Jahres 1642 brannte auf die Oſtſeite Siebenbürgens nieder, wo die Rie⸗ ſenkette der Karpathen ſich in langen Bergesreihen ins Land hinabzieht. Auf dem mit Wald und Obſtbäumen bepflanzten 27 Rücken der Gebirge weideten Schafe und kletterten Ziegen herum, die hoch über den zackigen und be⸗ waldeten Felsſpitzen gleich den Gemſen der Alpen⸗ länder nach Futter ſuchten. Neber den breiten Berg⸗ lehnen zogen die dunkelgrauen Wolkenmaſſen, welche ſich gleich rieſenhaften Löwen um den Sonnenthron lagerten, und zuweilen einen brüllenden Ton verneh⸗ men ließen, der das nahende Gebirgsgewitter ver⸗ kündete, deſſen Vorläufer, ein pfeifender Wirbelwind die Felſenabhänge vom Laub und Steingerölle reinfegte. Am Abhange eines großen Keſſelthales, da wo eine himmelhohe tauſendjährige Eiche ihre breiten Aeſte vom Berge ſtreckte, lagen im Raſen gar weich gebettet, zwei Bettelmönche in ihren weiten dunklen Kutten, und genoſſen der Mittagsruhe, während ihre zwei großen Reiſebegleiter, gewaltige Fanghunde mit ſtählernen Halsbändern, die glühenden Augen rollend, an den Knochen zehrten, die ſie ihnen von der eben gehaltenen Mittagtafel zugeworfen hatten.— Die beiden Reiſenden ſprachen wiederhohlt der Kürbis⸗ flaſche zu, die ſie mit ſich fuhrten.— „Das Gewitter ſteigt immer furchtbarer hinter dem Felſenkamme empor,“ ſagte der kleinere von ihnen zu dem andern, indem er mit dem Finger gegen 28 die Gebirgskette wies, wo ſich ſchwarze Wolkenſchichten zum dunklen Berge aufthürmten. „Wir könnten hier übernachten,“ meinte der an⸗ dere der beiden Reiſenden. „Wenn uns das Ungewitter den Platz nicht zu ſehr durchnäßt,“ entgegnete der Andere. „Warum müſſen wir auch ſo ungewöhnliche Wege wählen,“ grollte der erſte,„mein Weg war ſtets gerade, und daß man mich zu dieſer Sendung erwählte, widerſtreitet meinem innerſten Gefühle.“ Jetzt zeigte ſich auf der Höhe des Felſens ein langer baumſtarker Mann mit einem Lederbündel auf dem Rücken und einem eiſenbeſchlagenen Gebirgsſtocke. „Sötetetlik!“*) rief er mit volltönender Stimme über das Thal zur Eiche, wo die beiden Wanderer ſaßen, indem er mit der Hand nach den dunklen Wolken am Himmel deutete und den beiden Reiſen⸗ den zuwinkte. Dieſe ſchienen ihn gar nicht zu verſtehen. „Sötetetlik! esö félben van!.. 4*) wieder⸗ holte er. Aber auch jetzt erwiederten ſie nichts— es wird finſter. *) es wird finſter— es will(Regen) fallen.— 29 denn ſie verſtanden offenbar nicht die Stimme des Rufes. „Herrlein, brecht auf, der Sturm bricht los!“ rief jetzt der Mann in gebrochenem Deutſch, indem er raſch ins Thal hinab, und auf der andern Seite des Berges heraufſtieg. „Ihr müßt eilen,“ drängte er,„denn wenn Ihr noch eine Viertelſtunde verweilt, ſo ſchwemmt Euch der Gießbach hinweg, der bei dem Gewitter reißend herabſchießen wird.“ Die beiden Reiſenden ſahen ſich jetzt ihren Mann genauer an.— Es war eine lange ſtarke Geſtalt mit ernſtem mehr bleichem als lebensfriſchem Geſichte, das ein dunkelbrauner Bart beſchattete, ein paar feurige dunkle Augen brannten ihnen entgegen, der breite Mund, deſſen Ober⸗ und Unterlippe der Bart umſchattete, ließ eine Doppelreihe ſchneeweißer Zähne wahrnehmen; über die hohe Stirne zogen einige Runzeln, ſein hoher Körper war mit einem grauen groben Wollmantel bedeckt, ſeine Füße bis auf ein paar Sandalen an den Sohlen bloß, der ſtarke Muskelbau derſelben deutete auf häufige Anſtrengung dieſes gewaltigen Fußgeſtelles. Der Mann mußte lange und anhaltend gewan⸗ dert ſein, dies deutete auch ſein völlig abgegriffener 30 Wanderſtab von ſtarkem Eichenholze an. An ſeiner ſtarken Lende hing ein Trinkgefäß von Buchs, und ein breiter Lederſack, in welchem er wohl die nöthigen Geräthſchaften ſeiner Wanderſchaft verbarg.— Finſter und ernſten Blickes ſchaute er drein, ſtarr ſtand er da, zu vergleichen mit einer hundertjährigen Eiche, die dem Sturme der Zeit Trotz bietet— dieſen Gindruck machte er auf die beiden Wanderer. „Folgt mir!“ ſagte er endlich mit faſt trauriger Miene, das minutenlange Schweigen brechend;„der Sturm wird gleich losbrechen, denn der Herr zürnet ſchon gewaltig im Donner.“— Der eine der beiden Reiſenden betrachtete ihn mißtrauiſch.—„Wir fürchten die Stürme nicht,“ ſagte er,„und brauchen keinen Führer.“ „Vielleicht doch,“ entgegnete finſter der Lange vom Berge.„Ihr ſeid keine Landesinſaſſen und 4 „Woher kennt Ihr uns,“ fragte erſchrocken der jüngere der beiden Mönche. „Ich kenne Eure Vergangenheit und Eure Zu⸗ kunft,“ ſagte der Lange eintönig.„Ihr ſeid beide Deutſche und ſucht den— „Still!“ wollte der größere der beiden Reiſen⸗ den rufen, aber ein furchtbarer Donnerſchlag machte ſeine Mahnung verhallen, der Hagel raſſelte jetzt 31 in breiten weißen Streifen vom Himmel und die beiden Reiſenden folgten jetzt ohne weiters ſchwei⸗ gend und eilends dem langen Führer, der ſie durch verſchiedene Windungen aus dem Keſſelthale über das Gebirge führte, und ihnen von Ferne die Ge⸗ gend zeigte, wo Kronſtadt, die damalige Reſidenz des ſiebenbürgiſchen Fürſten Georg Rakoczy lag.— „Dort iſt Euer Ziel,“ ſagte er zu den ihn ſtumm betrachtenden Wanderern;„Ihr ſeid junge kräftige Männer— aber dankt es dem Alten, daß er Euch diesmal aus dem Naßthale führte; denn trotz Eurer verborgenen Waffen wärt ihr im Wetter ohne Gnade ertrunken; wißt, indem wir jetzt reden, iſt das Thal, wo Ihr übernachten wollt, unter mehr als acht Schuh hoher Fluth begraben.“ Die beiden Mönche ſtanden wie angedonnert. „Nun macht Euch nichts daraus,“ ſagte der Lange,„wenn ich Eure Geheimniſſe errathe— ich ſagte Euch ſchon, mir träumte von Euch... und ich weiß, daß Ihr auf den Schlachtfeldern beſſere Ge⸗ ſchäfte macht als im Mönchsgewande.“ „Wer ſeid Ihr,“ donnerte ihm jetzt der größere der Mönche entgegen. „Einer, der lange vor Euch geboren iſt, und wohl lange nach Euch auf Erden wandeln wird,“ ſagte der Lange—„denn wer eine Laſt von Jahren auf ſeinem Rücken trägt wie ich, und noch ungebeugt iſt, an den hat der Tod kein Anrecht.... „Seltſamer Menſch,“ rief der größere der Möuche, „wer ſeid Ihr, und was treibt Ihr hier in dieſem Geklüfte 2“ „Ich wandle die Fußſtapfen meines Erlöſers,“ entgegnete der Lange,„indem ich Wanderern die Wege weiſe, auf denen ſie ſich verirrt haben.“ Jetzt begann dertgrößere der Mönche den Mann aufmerkſam zu betrachten. „Wie alt ſeid Ihr?“ fragte er. „Ich altere nicht,“ entgegnete dieſer.—„Vor ſiebenzig Jahren ſah ich den Zapolya enden, und nach abermals ſiebenzig Jahren werde ich das Ende des Hauſes des ſiebenbürgiſchen Fürſten ſehen, ſollte mich auch mein Weg inzwiſchen in andere Erdtheile füh⸗ ren Aber ſeht,“ ſetzte er hinzu,„dort unten am Bergesabhange das weiße Jagdſchloß des Für⸗ ſten Georg, dorthin geht Eure Sendung.“ „Menſch, Du weißt—“ fuhr der Mönch auf. „Daß Ihr den Fürſten ſucht,“— ſagte ruhig der Lange;„jetzt lebt wohl, erſpart Euch den Dank für meine Führung, der auf Euren Lippen ſchwebt— laßt die Dolche im Gürtel ſtecken, von mir habt Ihr keinen Verrath zu befürchten, wenn Ihr aber im ſchwediſchen Lager anlangt, ſo betet für den grauen Geleitsmann in den Karpathen⸗Ausläufern— lebt wohl!“ Damit wandte ſich der Lange wieder den Ber⸗ gen zu und ſtieg, die Eiſenſpitze ſeines Stockes tief in den Kies bohrend, den nächſten Hügel hinauf. „Noch einmal, wer ſeid Ihr?“ donnerte der größere Mönch—„das iſt Verrath,“ lispelte er ſei⸗ nem Begleiter zu.— „Wir muſſen den ſeltſamen Mann anhalten!“ ſagte der andere. „Steht,“ rief der erſte Mönch.„Ihr müßt uns Beſcheid geben oder....“ hier zog er ein blitzen⸗ des Piſtol aus der Taſche.„Redet,“ donnerte er, „wer ſeid Ihr!“ „Man nennt mich den ewigen Iuden,“ entgegnete der Lange ruhig, und ſchritt vor der Mün⸗ dung des abblitzenden Piſtols vorüber, den Berg hinauf, langſam und ruhig, ohne die beiden Mönche weiter eines Blickes zu würdigen. Im nächſten Augenblicke verſchwand er hinter einem dichten Gebüſche. Der Abendwind pfiff ihm recht ſchaurig nach, und die breite Mondſcheibe trat hervor hinter dem Gewölke, als wollte ſie dem 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II. 3 34 ſeltſamen Gaſte den Weg beleuchten, den er aufwärts gegen die bewölkten Felſenſpitzen der Karpathen zu machen hatte. Der Fauſt des Mönches entfiel das abgebrannte Piſtol. Beide Wanderer ſtanden ſtumm auf dem Raſen.— Von Fern tönte das Geheul eines Wol⸗ fes aus den Felſenſchluchten herüber. Im Ritterſaale des kleinen Jagdſchloſſes un⸗ fern Kronſtadt ſtand ein ſtattlicher Mann im grü⸗ nen Jagdkleide, den rechten Arm auf ein Marmor⸗ tiſchchen ſtemmend, während er in der andern Hand ein Schreiben hielt, welches ihm der ältere der bei⸗ den Mönche mit einer Verbeugung ſo eben über⸗ reicht hatte. Der Mann war Georg Rakoczy, Fürſt von Siebenbürgen. „Feldmarſchall Torſtenſohn konnte keine beſſeren Unterhändler wählen,“ ſagte er, dem älteren Mönche die Hand darreichend in ſchlechtem Deutſch,„wahr⸗ haft außerordentliche Klugheit und Gewandtheit ge⸗ hörte dazu, ſich jetzt, wo unſere Landesgrenzen von ungariſchen Reitern umſchwärmt werden, von Deutſch⸗ land aus durch Siebenbürgen durchzuwinden— 35 Nun, meine Herren, jetzt ſind wir unter uns, werft Eure Vermummungen ab, und folgt mir zum fröh⸗ lichen Abendmahle. Morgen wollen wir uns mit Politik— heute zur Erholung mit dem Becher befaſſen.“ „Wir müſſen Eure Hoheit dringend bitten, unſere Geſchäfte raſch abzuthun,“ ſagte der ältere der Mönche,„denn die Actionen, welche beim ſchwebiſchen Heere vorbereitet werden, machen unſere Anweſen⸗ heit bei demſelben dringend nothwendig.“ „Wer wollte auch ſo wackere Streiter länger als nöthig ihrem Feldlager entziehen,“ entgegnete der Fürſt und führte jetzt die beiden Mönche in die inneren Gemächer des Schloſſes. Dort öffnete er ihnen ſelbſt ein dunkles Gemach mit der Ausſicht in eine gähnende Waldſchlucht, aus deren ſchwarzer Tiefe einzelne Tannen und moosbedeckte Felſenblöcke her⸗ aufſtarrten. Das Gemach ſelbſt war mit grünen Tep⸗ pichen ausgelegt, auf denen Eber⸗ und Bärenhetzen eingewirkt waren. An der Decke hing eine breite filberne Ampel, denn das durch den anſtoßenden Hochwald hervorgerufene Dunkel des Zimmers erfor⸗ derte ſelbſt bei Tage eine ſtete Beleuchtung deſſelben. Fürſt Georg wählte aber eben dieſen dunkeln 3* 36 Geheimplatz zu einem Punkte, auf welchem er unter dem Vorwande der Jagd unbelauſcht und unbehorcht von den Magnaten und Leibeigenen ſeines Hof⸗ ſtaates in Kronſtadt, mit den Sendlingen ſeiner Ver⸗ bündeten in Deutſchland und Schweden, die wich⸗ tigſten Verhandlungen pflegen konnte. Er nannte daher auch dieſes abſeitige Gemach, wo ewiges Dunkel herrſchte,„die Todtenkammer, und ſtets war er es ſelbſt, der die geheimen Send⸗ linge ſeiner Verbündeten dahin geleitete, wo ſie meiſt ſo lange verborgen blieben, und durch einen vertrau⸗ ten Diener mit Speiſe und ſonſtigen Bedürfniſſen ver⸗ ſehen wurden, bis ihre Geſchäfte beendet waren, und ſie ungeſehen von den übrigen Bewohnern des Jagd⸗ ſchloſſes durch ein Hinterpförtlein in die Felsſchlucht hinabſtiegen, um durch einen nur dem Fürſten und ſeinen wenigen Vertrauten bekannten Gang wieder ans Tageslicht und auf die Landſtraße gebracht zu werden, auf welcher ſie ſomit ungeſehen unter ver⸗ ſchiedenen Vermummungen ihre Heimreiſe antreten konnten.— So lagen auch jetzt die beiden Mönche auf den mit Wolfsfellen bedeckten Ruhebetten an den dunklen Wänden der„Todtenkammer.“ Unter dem Fenſter des Gemaches brauſte ein 37 Sturzbach über das Geklüft, ſein Geräuſch, das ver⸗ ſchiebenartige Geſchrei der Waldvögel, und das ferne Rollen des entweichenden Gewitters, das Rauſchen der Baumwipfel und Pfeifen des Windes gab dieſer Waldgegend ein hochromantiſches Gepräge. Die Reiſenden hatten ihre Mönchsvermummungen abgelegt, und lagen jetzt in ihren gewöhnlichen Wämmſern auf den Ruhebetten im Gemache, während ein Page des Fürſten im hellgrünen Jagdkleide ein⸗ trat, und den Gäſten Erfriſchungen brachte, beſtehend in Wein und Wildpret. Bald wurde die Lampe im Gemache erhellt, nachdem vorher mit großer Sorgfalt die eichenen Fenſterläden des Gemaches durch einen Diener ver⸗ ſchloſſen worden waren. Jetzt trat Fürſt Rakoezy ins Gemach. Er ſetzte ſich an die runde Eichentafel in der Mitte des Zimmers auf einen breiten grüngepolſterten Lehnſeſſel, und begann ſogleich die Unterhandlungen, indem er ſich nochmals die Geleitsbriefe der beiden Ankömmlinge reichen ließ. „Alſo ſeid mir gegrüßt,“ ſagte er zu dem größeren der ihrer Vermummung entkleideten Mönche. „Seid mir gegrüßt, Oberſt Derfflinger, und auch Ihr, Oberſt Plattenberg,“ ſetzte er, ſich zu dem 38*— kleinern wendend, hinzu;—„wie ſehr freut es mich zwei Helden des ſchwediſchen Lagers auf meinem Jagdſchloſſe zu bewirthen.“ Derfflinger und Plattenberg verbeugten ſich und eröffneten nun dem Fürſten, wie ſie auf Befehl des Feldmarſchalls Torſtenſohn mit„großer Gefahr und Mühſal“ und im„Tag und Dunkel“ ganz gegen ihre männliche Gewohnheit das gefährlichſte Stück Arbeit ihres Lebens verbringend, unter allerlei Mum⸗ mereien über Polen nach Ungarn und endlich nach Siebenbürgen gedrungen ſeien, um im Namen der ſchwediſchen Armada mit dem Fürſten zu unterhan⸗ deln, und zu erfahren, in welcher Art und Weiſe er mit Schweden pactiren wolle, und ob er es auch ehrlich meine—„denn,“ ſetzte der Derfflinger mit tiefem Ernſte hinzu,„Ihr mögt nur wiſſen, hoher Herr, daß ich ſelbſt ein Oeſterreicher bin, und nur die Religion meiner Väter, um derentwillen ich einſt aus meiner Heimath ausgewandert bin, zu ſchützen und billig zu fördern vermeinte, indem ich meinen Arm dem fremden Herrn verdingt habe; nicht alſo um eine Ueberſchwemmung meines mir noch immer theuren Vaterlandes mit ungariſchen und ſieben⸗ bürgiſchen Horden herbeizuführen, wie zur Zeit Hein⸗ rich des Voglers; ſondern einzig und allein um durch Eure Allianz mit Schweden dieſer Macht im Intereſſe meiner Glaubensgenoſſen eine entſcheidende Stellung bei dem demnächſtigen Friedenswerke zu ſichern, habe ich mich, ohngeachtet vielen Wider⸗ ſtrebens zu dieſer Mummerei und dem gefahrvollen Schleichwege über die Karpathen von Torſtenſohn bereden laſſen; wahrlich er hätte beſſer gethan, einen andern zu wählen als mich, denn ich werde ihm den Triumph eher verderben als gewinnen, mein Kleid iſt der Schlachtrock und nicht das Fuchsfell— zum Diplomaren taugt Derfflinger nicht und hätte mich mein treuer Freund und Waffengenoſſe Plattenberg nicht begleitet, ſo wäre ich wenigſtens zwanzigmal unverrichteter Sache zurückgekehrt, ſo ſehr widerte mich dieſer Schleichgang an.— Nun aber ſind wir da, und jetzt redet Herr Fürſt, wie Euch der Schnabel gewachſen iſt, denn wir wollen reinen Wein über Eure Abſichten mit Schweden.“ Dieſe derbe Soldatenmanier ſtimmte ſtatt zu verletzen, den Fürſten ganz heiter— lächelnd ließ er ſich wieder auf ſeinen Stuhl nieder, und Oberſt Plattenberg, gewandter in diplomatiſchen Geſchäften als Derfflinger, berührte nun die wichtigſten Begebenheiten der letzten Zeit des nun faſt dreißig Jabre lang wüthenden Krieges— insbeſondere Banner's Tod, „5 40 der inmitten ſeiner Siege zu Halberſtadt im kräftigſten Mannesalter von noch nicht vierzig Jahren geſtorben war, und wie Feldmarſchall Torſtenſohn nun den Commandoſtab ergriffen und ihn und Oberſt Derff⸗ linger abgeſendet habe, um mit dem Fürſten von Siebenbürgen einen Bund zu ſchließen, um dann mit Nachdruck vor den Fürſten Deutſchlands ſprechen zu können. Oberſt Plattenberg hatte bei dieſer Rede aller⸗ hand Papiere zum Vorſchein gebracht, die er ſorg⸗ fältig auf ſeiner Bruſt verwahrt hielt, und welche in militäriſchen Plänen, Aufzeichnungen und Rapporten beſtanden. Sie ſollten dem Fürſten ein kleines Bild von dem ganzen Stande der ſchwediſchen Kriegs⸗ operativnen liefern, und eine weſentliche Baſis der Unterhandlung bilden. Jetzt zog Oberſt Plattenberg zur Vervollſtän⸗ digung ſeines Berichtes auch den Rapport eines ſchwediſchen Rittmeiſters hervor, womit derſelbe über eine ihm von Derfflinger aufgetragene Action gegen die Kaiſerlichen in der ſchwediſchen Vorhut berichtete. Der Bericht war der Eile wegen ſehr unleſerlich ge⸗ ſchrieben, und Oberſt Plattenberg hatte große Noth ihn zu leſen; aber wegen eiliger und ſchlechter Schrift hatte der Rittmeiſter das Wort raptim(in Eile) 41 darauf geſetzt, und Plattenberg las daher auch dieſes raptim— Derfflinger's Kraft lag in der Fauſt und im Commandowort, nicht aber in nie erlerntem Latein. „Donner und Trompeten,“ fuhr er daher auf; „ich hatte den Rittmeiſter nach Neudorf beordert, und der Teufel führte ihn nach raptim— da mußte die Action verunglücken*).“ Der Fürſt lächelte, und Plattenberg, gewandter in der lateiniſchen Grammatik als ſein eiſenfeſter Freund ſchlug lachend ſeine Schriften zuſammen. Derfflinger ſah beide erſtaunt an, aber Plattenberg nahm raſch das Wort und gab der Unterhandlung einen andern Schwung, ſo daß ſich die zwei Abge⸗ ſandten Schwedens mit dem Fürſten und ſeinem Kanzler, der auch ins Gemach getreten war, bis ſpät nach Mitternacht im Geſpräche vertieften—— nur einen Tag wollten ſie dann noch auf bem Jagd⸗ ſchloſſe zur Erholung weilen, dann aber eilends von einem ſichern Führer geleitet wieder über die Kar⸗ pathen nach Polen und Deutſchland, diesmal als polniſche Kaufleute verkleidet zurückreiſen. Die Unterhandlungen mit Rakoezy endeten zu ²) Hiſtoriſche Worte. 42 ihrer Zufriedenheit. Der Fürſt von Siebenbürgen wollte, wenn die Schweden ihm gewiſſe Zugeſtänd⸗ niſſe, die er Plattenberg und Derfflinger nunmehr mit⸗ theilte, machen würden, wie er ſie heiſchte, in die deutſch⸗öſterreichiſchen Länder einfallen, die Macht des Kaiſers theilen, und auf dieſe Weiſe den Schwe⸗ den Vorſchub leiſten. Dieſe Aeußerung wurde von Plattenberg mit Freuden hingenommen, ſogleich zu Papier gebracht, und vom Fürſten und ſeinem Kanzler beſiegelt und unterzeichnet. Derfflinger aber ſchwieg düſter und in ſich gekehrt. Hatte ihn gleich Anfangs das Geſchäft dieſer Sendung hoch angewidert, und hatte er ſich nur durch vieles Zureden Troſtenſohn's hiezu ent⸗ ſchloſſen, ſo konnte er ſich jetzt noch weniger mit den ihn beunruhigenden Gedanken befreunden, daß er, der für die Sache ſeines Glaubens gerne ſein gutes Schwert im offenen Feldkampfe ſchwinge, nun die Hand geboten habe zu einer geheimen Verbindung des Fürſten von Siebenbürgen gegen jenes Land, das für Derfflinger— ſo ferne es ihm jetzt auch lag, und ſo traurige Jugendtage er dort verlebt hatte, doch immer ſeine ſchöne und geliebte Vaterſtadt enthielt; denn der Oeſterreicher liebt ſein Vaterland, und ſollte ihn die Fremde mit all' ihren Blumen 43 ſchmücken, er bleibt Oeſterreicher auch auf der andern Hemiſphäre, das bezeugen die Auswanderer jenſeits des Oceans, deren Liebe zum öſterreichiſchen Vater⸗ lande keine noch ſo hohe Meereswoge zu überfluthen im Stande iſt.. Stumm und traurig ſaß daher Derfflinger auf ſeinem Lehnſeſſel, während Plattenberg aufs lebhaf⸗ teſte mit Rakoczy unterhandelte. Dünkte es doch dem guten Oberöſterreicher, als ob er hier die Rolle eines Iſchariots gegen ſeinen erſten angeſtammten Landes⸗ herrn ſpielte... aber der Würfel war gefallen, und die Verhältniſſe drängten vorwärts. Die Lampe im Gemache erloſch— der Fürſt und ſein Kanzler hatten ſich empfohlen, und Derfflinger's traurige Gemüthsſtimmung fand den einſtimmenden Nachklang in den heulenden Klagetönen, welche die vom Winde gepeitſchten Baumwipfel des grauſen Schlundes vor dem Fenſter durch die Lüfte ſandten. Die Verhandlungen waren alſo geendet und tiefe Ruhe herrſchte im Jagdſchloſſe. Derfflinger lag nachdenkend und faſt betäubt von dem ungewohnten und häufigen Genuß des ſtarken Ungarweines, womit Rakoczy ſeine Gäſte bewirthet hatte, auf ſeinem Ruhe⸗ bette, indeß der warme Zugwind durch das geöffnete Fenſter hereinſtrich. Unten in der Felſenſchlucht rauſchte 44 der Sturzbach eintönig, zuweilen fuhr ein ſtärkerer Windeshauch vorüber, der wie die ſpringende Saite einer Harfe klagend durch die Lüfte wehte.— Jetzt ſchlummerte Derfflinger ein wenig ein, aber ein trauriger Traum guälte ſeine Seele, er ſah ſich wieder in ſeiner Heimath auf dem Hauptplatze zu Linz, wo ſieben dunkle Geſtalten, die wie Gerichtsſchöppen oder Geiſt⸗ liche ausſahen, um ihn herumſtanden, und wo ihm der Freimann des Linzer Stadtbannes das Urtel las: daß er wegen innigen Verkehres und gemachter ge⸗ meinſamer Sache mit dem Erzfeinde ſeines Vater⸗ landes durch das Beil vom Leben zu Tod gebracht werden ſollte.— Hinter den ſchwarzen Schöppen ſtand mit hochgeſchwungener Rechte ſein Vater, der ihn traurig anblickte, als würfe er ihm ſeine Treuloſig⸗ keit gegen das Vaterland vor, und neben dieſem ſtand der— ewige Inde, Ahasverus, wie er ihm vor wenigen Stunden im Karpathenthale begegnet war; ein trauriges Lied entquoll der Bruſt des Nim⸗ merruhenden, ein trauriges Lied, die Klage des Vater⸗ landes um den ausgewanderten Jüngling, der jetzt ſein Schwert gegen das eigene Herz ſeines Landes kehrte——„Nein! nein!“ ſchrie Derfflinger auf,„ſo war es nicht gemeint, nur die Gegner meines Glau⸗ bens wollte ich bekämpfen, nicht mein Vaterland, nicht 45 meinen angeſtammten Fürſten; verwünſcht ſei der Gang nach dem fernen Siebenbürgen, zu dem ich mich preſſen ließ.“——— Und im Schweiß ge⸗ badet wachte er auf; er trat zum geöffneten Fenſter und ſchlürfte in vollen Zügen die friſche Bergluft ein, welche ihm die heiße Bruſt kühlte. Ein neues ſchweres Gewitter, wie ſie in dieſen Schluchten hãu⸗ fig und oft ſchnell nacheinander vorkommen, zog wieder herauf, jetzt fuhr ein Blitz am Felſen vorüber, ein Donnerſchlag folgte, und bei dem Leuchten der Flamme erbebte die Bruſt des kühnen Reiteroberſten, der in keiner Schlacht gezittert hatte; denn mit hochge⸗ ſchwungener Rechte ſtand im Geklüfte Ahasverus, der ewige Jude, wie er den beiden Reiſenden wenige Stunden vorher im Felſenthale begegnet war..... Ein trauriges Lied entquoll ſeiner Bruſt, um ſeine Schultern flatterte ein zottiges Wolfsfell, ſeine Rechte hielt den eiſenbeſchlagenen Wanderſtand, ſeine Augen blitzten wie ein Paar Sterne zu Derfflinger herauf — ein unnennbares Grauen faßte den ſonſt ſo ſtark⸗ müthigen Reiteroberſt— Fieberglut brannte auf ſeinem Antlitze, er ſchlug das Fenſter zu, daß die Scherben klirrten und Plattenberg im Schlafe auf⸗ zuckte, dann warf er ſich aufs Ruhebett, und ein 46 fieberhafter Schlummer ſenkte ſich allmählig auf ſein Hanßt Als Derfflinger erwachte, ſtand der Fürſt an ſeinem Lager, die Morgenſonne aber bereits hoch über dem Horizonte. Der getroffenen Verabredung gemäß ſollten Derff⸗ linger und Plattenberg noch am ſelben Tage im Kleide polniſcher Handelsleute durch die Gebirgs⸗ ſchluchten zurückgehen, um das oberwähnte Ergebniß ihrer Sendung ins ſchwediſche Lager zu überbringen. Rakoczy übergab Plattenberg das mit ſeinem großen Siegel verſehene Pergament, worin er die bereits oben berührten Zuſicherungen wiederholte. Da den beiden Reiſenden ſelbſt ſehr daran gelegen war, im Lande unerkannt zu bleiben, und das ſchwediſch⸗ſie⸗ benbürgiſche Bündniß vor der Hand ein Geheimniß der europäiſchen Continentalpolitik bleiben ſollte, ſo fanden es der Fürſt ſowohl, als die beiden ſchwedi⸗ ſchen Sendlinge gerathen, daß letztere noch am ſelben Tage ihre Rückreiſe nach Polen und Deutſchland antreten, wo ſie nur in Torſtenſohn's Hände Rakoczy's Verheißungen niederlegen ſollten. Finſteren Blickes empfing Derfflinger aus des ſiebenbürgiſchen Fürſten Hand ein Privatſchreiben 47 deſſelben an Feldmarſchall Torſtenſohn; er konnte „dem politiſchen Schleichhändler, wie er den Fürſten gegen Plattenberg bezeichnete, nicht ins Auge ſehen, und der Gedanke, die Rolle des Fuchſes ſtatt der ge⸗ wohnten des Löwen hier mitzuſpielen, peinigte ſein männliches Gemüth jetzt mehr als vorher. An dem Paſſe des Keſſelthales, wo Derfflinger und Plattenberg ſich von dem Fürſten trennten, be⸗ merkte derſelbe, daß er ihnen nunmehr einen ſicheren Führer über die Karpathen geben werde.— Er wies dabei mit der Hand in das Tannengebüſch. Dort ſtand in ſeiner ganzen Manneslänge jener rieſenhafte Wanderer, den Derfflinger und Plattenberg bei ihrem Eintritte im Keſſelthal getroffen hatten, und der ſich ſelbſt als den ewigen Juden bezeichnete. „Tritt näher, Freund Peter,“ ſagte der Fürſt zu dieſem.— „Wie? der ewige Jude?“ rief Derfflinger.— „Ah, Ihr kennt den Mann ſchon,“ ſagte der Fürſt lächelnd. Derfflinger ſah den Fürſten zweifelhaft an. „Wir nennen dieſen ſeltenen Menſchen den ewi⸗ gen Juden,“ ſagte Rakoezy,„denn er altert nicht, er iſt ein Ungar von Geburt, ſein Name iſt Peter Gortan, Koevervesz ſeine Heimat; jetzt zählt er 48 bereits fünf und achtzig Jahre, ohne daß ein Härchen an ſeinem Haupte grau geworden, oder ein Zahn ſeines Mundes ausgefallen iſt, er behauptet der Verſicherung einer wahrſagenden Zigeunerin gemäß, daß er wenigſtens noch einmal ſo viele Jahre erleben werde;*) übrigens beſorgt er die ſämmtlichen Botengänge des Gebirges, und die ununterbrochene Bewegung in dieſer rauhen Gebirgsluft erhält ihn geſund, und trotz ſeines Alters wahrhaft jugendfriſch; er übernachtet nicht ſelten im Geklüfte—“ „Wo ich ihn,“ ſiel Derfflinger ein,„geſtern Nachts von dem Fenſter unſers Gemaches aus bemerkt habe — und ich geſtehe es, nicht ohne Grauen auf ſeine Rieſengeſtalt blickte.“ „Er gefällt ſich darin, von den Reiſenden ange⸗ ſtaunt zu werden, prophezeit ihnen zuweilen ſeltſame Dinge, iſt ein kluger vorausſichtiger Kopf,“ endigte der Fürſt ſeinen Bericht;„iſt übrigens ein guter *) Dieſe Prophezeihung erfüllte ſich wörtlich. Peter Czortan aus Kövervesz in Ungarn erreichte in der That das außer⸗ ordentliche Alter von 185 Jahren, ſage: Einhundert fünf und achtzig Jahren als er im Jahre 1724 ſtarb. Er hatte in 3 Jahrhunderten unter 10 Kaiſern gelebt(fiehe Schnabel's Geueralſtatiſtik der enropäiſchen Staaten 177.) 4⁸ leidenſchafts loſer Menſch, dem Ihr vollkommen ver⸗ trauen könnt.“ „Peter,“ rief er dann,„die Herren warten, führe ſie gut und ſicher übers Gebirge!“ „Soll geſchehen, Hoheit!“ entgegnete Peter Czortan und hieb mit ſeinem eiſenbeſchienten Stabe in den Kies, daß die Funken aufſtoben. Dann ſchritt er, ein gewaltiger Rieſe, vor den beiden nunmehr als polniſche Handelsleute verklei⸗ deten Officieren her, welche nach dem letzten Abſchiede von Rakoczy den Karpathen entgegen eilten, um über Polen nach Deutſchland zum Armeecorps Tor⸗ ſtenſohn's zu gelangen. Fünftes Capitel. Der Taucher. Einer der herrlichſten Morgen des Jahres 1642 breitete ſeinen Azur über die ſchwediſche Hauptſtadt, das herrliche Stockholm. Die Buchten des großen Mälarſees boten eine ruhige Fläche, auf welcher eine Menge reichbeladener Schiffe ihre Maſten zum Himmel ſtreckten. Eine große Menge Menſchen trieb 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein 1I. 4 50 ſich am Südermalm und Norrmalm herum, und ins⸗ beſondere reges Leben herrſchte heute auf den Inſeln Kungholm, Kyrkholm, Kaſtelholm und Riddarholm; denn das Paris des Nordens hatte dort heute den ganzen Glanz ſeines Adels und ſeiner reichen Bürger⸗ ſchaft vereinigt.— Die Glocken der großen ſeit dem Jahre 1489 veſtehenden Magdalenakirche auf dem Südermalm hatten nämlich kaum ihren erſten Morgengruß über die Küſten zum Mälar hinaus geſandt, als eine Menge Barken auf den Kungholm(die Königsinſel) zuſchwammen. In einer der erſten Barken, auf welcher ein goldverbrämtes Sommerdach mit hell⸗ blauen und goldgeſtreiften Vorhängen verſehen, an⸗ gebracht war, ſaß eine etwa ſechszehnjährige junge Dame von ſchlankem Wuchſe mit lieblichen hellen Augen und blonden Haaren, eine echte Schwedin von feinſter Sorte.— Ihr ſtrahlendes blaues Auge und die ſchönen regelmäßigen Geſichtszüge verriethen Ent⸗ ſchloſſenheit, ihre Haltung war edel und anmuthig zugleich. Ein dunkles mit Silber verbrämtes Ober⸗ kleid umſchloß ihren ſchlanken Leib, ein prachtvoller Gürtel mit Diamanten geziert und eine von Dia⸗ manten ſtrahlende hellblaue Kopfbinde, deuteten den Reichthum und Stand der Trägerin an— Neben 51 ihr ſaß ein ernſter Greis, der ſich ſchier fröſtelnd in einen ſchwarzſammtnen Mantel hüllte; im Gegen⸗ ſatze zu ihm ſaß der ſchönen Dame zur Linken ein junger ſchöner Mann, deſſen rabenſchwarzes Haar und gelbbraune Geſichtsfarbe ihn als den Sohn des heißen Südens bezeichnete; er lehnte ſeinen mit einem geſchlitzten feinen Wammſe von blauem Sammt be⸗ kleideten Körper an die Hinterlehne der Barke, und ſpielte nachläſſig mit der goldenen Kette an ſeinem Halſe, während er der reizenden Dame in der Barke zuweilen glühende Blicke zuſchoß; ſchnell ſenkte er aber ſein Auge zu Boden, ſobald ſeinem Blicke der ihrige begegnete, der dann ſeine Gluth in einen ſanften Strahl des Wohlgefallens zu ändern ſchien.. Im hintern Raume der Barke lag auf einem Teppiche ein ſchöner blondlockiger Knabe in ſilber⸗ verbrämtem hellblauem Pagenkleide, und ſpielte mit einem zahmen Aeffchen; er mochte zum Gefolge der herrlichen Dame gehören. Hinter dieſer Barke ſchwammen etwa noch zehn audere, und eine nach der andern landete an den Ufern des Kungholm, wo auch große Kauffahrthei⸗ ſchiffe vor Anker lagen, und Boote mit Salz, Ge⸗ treide, Baumwolle und anderen Artikeln beladen hin und herfuhren. Auf dem Kungholm ſelbft wogte 4 52 eine bunte Menſchenmenge herum, und nahm Theil an einem ſeltenen Ereigniſſe, das hier vorbereitet wurde. Am Sandufer der Inſel ſtand nämlich ein großes Holzgerüſte aufgerichtet, an deſſen oberſten Balken ein ungeheuerer Keſſel aus hartem Holze in der Form einer Rieſenglocke hing, etwa eilf Fuß im Durchſchnitte war dieſe Glocke am untern Rande mit großen Eiſengewichtern beſchwert, im Inneren aber hohl nach der ganzen Breite, an den Seiten enthielt ſie zwei Fenſter mit dreifachem dickem Glaſe verſehen; die Wellen des Hafengewäſſers brachen ſich an der ungeheuren Glocke, und in einer kleinen Barke fuhr ein großer Mann in Holländer Hoch⸗ bootsmanns⸗Tracht um die Maſchine herum, indem er allerhand an derſelben richtete, dann aber mittelſt einer herabhängenden Strickleiter auf der mit breiten Bleiſtreifen belegten Außenſeite der Glocke hinauf⸗ kletterte, und auf der oberſten Spitze eine blaugelbe Fahne ſchwang, zum Zeichen, daß jetzt ein Wage⸗ ſtück vor ſich gehen ſollte, das die Gewäſſer von Stockholm bisher nicht geſehen hatten. Ungehenrer Jubelruf vom Ufer begrüßte ihn, die fortwährend ſich nahenden Barken legten an der Inſel an, und die Menſchenmenge drängte ſich an 53 den Ufern des Kungholm bereits ſo gewaltig, daß Musketiere und Hafenſoldaten mit ihren Hellebarden vollauf zu thun hatten, um die Ordnung herzuhalten. Der Mann an der Glocke war der Holländer William Phipps, und ſein hölzerner Rieſenkeſſel war die erſte Taucherglocke, welche die ſchwediſchen Ge⸗ wäſſer aufnehmen ſollten, und mit welcher der erſte Verſuch zur Bergung der Schätze einiger Schiffe ge⸗ macht wurde, die hier vor vielen Jahren bei einem großen Sturme im Angeſicht der Hauptſtadt geſchei⸗ tert waren. Jetzt gab der Holländer mit ſeinem Fähnlein das erſte Zeichen, und die Rieſenglocke wurde von acht baumſtarken Matroſen mittelſt dicker Schiffstauen an dem Gerüſte emporgezogen, um dann mit deſto größerer Gewalt in den Waſſerſpie⸗ gel hinabgeſenkt zu werden. Ein Kanonenſchuß am Ufer gab das Signal, Trompetenſchall ertönte, und die Glocke hob ſich. 3 Aber in dieſem Augenblicke drängte ſich die Menſchenmenge am Ufer des Kungholm gewaltiger hervor, die Hellebardiere und Schiffsſoldaten konnten dem großen Menſchenandrange nicht mehr wehren, und die angelegten Barken geriethen in bedentende Unordnung, Geſchrei und Hilferuf ertönten, denn mehrere Perſonen waren ins Waſſer geſtürzt, und 54 die Hafenwächter drängten ſich mit ihren Barken zur Hilfeleiſtung durch das Gewühl. In dieſem Augenblicke ſank die Rieſenglocke unter Trompetengetön vollkommen gleichmäßig auf den Waſſerſpiegel nieder, und die ruhige Lage des Hafen⸗ gewäſſers ſchien dieſe Fahrt auf den Meeresgrund hoch zu begünſtigen. Der Holländer hatte ſich vor der gänzlichen Senkung der Glocke von ſeiner Barke in ihre Höhlung begeben, worin ein dreifaches Sitzgeſtell in aufſtei⸗ gender Richtung angebracht war, dort nahm er Platz und zog die Wachslarve mit den gläſernen Augen⸗ löchern, die mit einem an die Oberfläche des Ge⸗ wäſſers auflaufenden Athmungsſchlauche, beſtehend aus einer langen ledernen Röhre, in Verbindung war, feſter zuſammen. Aber er traute jetzt ſeinen Augen kaum, als er, ſich auf dem hölzernen Sitzge⸗ ſtelle im Inneren der Glocke anklammernd, noch einen Geſellſchafter wahrnahm— einen jungen in hell⸗ blauen ſilberverbrämten Sammt gekleideten Knaben, der auf der zweiten Abtheilung des Gerüſtes hing, und ſich das Innere der Glocke neugierig beſchaute. Es war jener feine Edelknabe, der in der er⸗ wähnten ſtattlichen Barke hinter der ſtrahlenden Dame gelegen war, nun aber mit ſeltener Kühnheit 55 das Unternehmen des holländiſchen Tauchers mitbe⸗ ſtehen wollte, nachdem er ſich, das Gedränge am Hafendame benützend, faſt ungeſehen in die Glocke geſchlichen hatte. Der Holländer hatte nicht Zeit mit dem Knaben ob dieſes kecken Eindrängens zu rechten, denn die Glocke ſank raſch zu Boden, und ſollte das Wage⸗ ſtück nicht umſonſt unternommen ſein, ſo mußte Wil⸗ liam Phipps ſeine Augen anſtrengen, um die heran⸗ kommenden Gegenſtände am Meeresboden genau und ſchnell zu beſchauen, dann aber dasjenige auszuer⸗ ſehen, woran er die um ſeinen Leib gewundenen Taue binden ſollte, damit dieſe verſunkenen Gegen⸗ ſtände nach ſeiner Ruͤckkehr zur Oberwelt emporge⸗ zogen würden. Lautlos ſaßen daher im Beginne der Senkung beide Grundfahrer im Inneren der Glocke; dumpfes Brauſen des durchſchnittenen und zurückprallenden Gewäſſers ſchlug an ihr dieſes Tones ungewohntes Ohr; Krabben, Seeſterne, und Zitterfiſche— im Hafenbeete von Stockholm ſehr häuſig— ſchoſſen an den Doppelfenſtern der Tauchmaſchine vorüber, die ſich jetzt mit großer Schnelle zu Boden ſenkte, und nun an einem klippigen Korallenfels vorüber dem heraufwogenden Seegraſe des Meeresbodens 56 zuſenkte, wo die Niederfahrenden unter einem Ge⸗ häuſe von Muſcheln, Schallthieren, Korallenmaſſen und Seetang, die Meſſingläufe zweier Kanonen des vor acht Jahren hier geſtrandeten Bootes vom Kriegs⸗ ſchiffe„Erich“ deutlich wahrnehmen konnten. Der Holländer, welcher bei dem halsbrecheri⸗ ſchen Verſuche mit der Taucherglocke nicht Zeit hatte, mit dem Knaben wegen ſeines unbefugten Eindrän⸗ gens in die Glocke zu unterhandeln, trat auf den ſandigen Boden hinab, und wollte gerade das aus dem Conglomerate von Muſcheln, Sand, Schilf und Seethieren hervorragende Metallwappen des hier verſunkenen Zehnpfünders betrachten, als er eben noch Zeit gewann, den durch die ſich in der Glocke verdichtende Luft bereits ohnmächtig gewordenen, von dem Holzgeſtelle der Wölbung herabſinkenden Knaben in ſeinen Armen aufzufangen, und mit der andern Hand, ſo ſchnell er konnte, mit einem durch den Bleirahmen des Glasfenſters faſt hermetiſch einge⸗ fügten Lederſeile das Zeichen zu geben, daß die Glocke aufgezogen würde; denn nicht blos die wirk⸗ lich humane Sorge um den vorwitzigen Knaben, ſondern auch der heftige Andrang des Gewäſſers gegen die zu ſchwach berechneten Glastafeln, deren Einbrechen ihn mit jeder Secunde dem Tode des — 57 Ertrinkens ausſetzte, nöthigte ihn, ſo ſchnell als möglich die Oberfläche des Gewäſſers zu gewinnen. Die Matroſen an der Drehmaſchine am Ufer waren nicht läſſig, und ſo ſtieg die Glocke höher und höher und ragte bereits mit der oberſten Spitze über die See. Da ſchwang ſich der Taucher in der Abſicht, den beinahe ohnmächtig hinſchwinden⸗ den Knaben auf das Spitzgeſtell der Glocke nieder⸗ zulegen, er ſtieg daher höher empor, aber eine un⸗ glückliche Bewegung ſeines Armes ſtieß eine der Fen⸗ ſtertafeln entzwei, und mit Macht ſtrömte nun das brauſende Gewäſſer in die Glocke.— Die See⸗Ex⸗ pedition war verunglückt! Die einſtrömende Fluth hinderte das fernere Aufziehen der Glocke, Waſſer⸗ und Menſchenkraft rangen um die Bente, das Seil riß, wie der furcht⸗ bare Rieſendeckel eines Sarges ſank die Glocke in den Grund zurück, und Taucher und Knabe wurden als leichte Beute der trügeriſchen Welle in die See hinausgeſpült. Aber am Hafendamme hatte man das Verſchwin⸗ den des Knabens aus dem Boote ſchon bemerkt; im Nu waren mehr als fuͤnfzig Boote beſchäftigt, den Verunglückten Hilfe zu bringen. Aber der kühne Knabe kämpfte bereits an der Mündung des Hafens 58 mit den Wogen, denn er war in die reißende Strö⸗ mung des Mündungswaſſers gelangt, und wurde dort hinabgezogen, während Phipps der Holländer durch eigene Kraft und Schwimmkunſt getragen, durchnäßt gleich einer Waſſerratte auf dem Sande des Kung⸗ holm erſchöpft niederſank, und die Rieſenglocke auf dem Meeresgrunde ruhte.. Der verunglückte Knabe trieb immer mehr der Hafenmündung zu, die nachrudernden Barken konnten ihn nicht mehr erreichen; jetzt tauchte er wieder auf einige Augenblicke aus den Wogen hervor, um dann bewußtlos und für immer in den Grund zu ſinken.. Die ſchöne junge Dame im Boote erhob ſich mit ſichtlicher Bewegung und befahl, ihr Boot der ret⸗ tenden Barke entgegenzurudern. Dieſe war jetzt in der Nähe des verunglückten Knaben angelangt. Aber vergebens mühten ſich die beiden Fiſcher, welche die Barke ruderten, ab, dieſe dem Verunglückten näher zu bringen; die Strömung war zu heftig, und ſchon ſtreckte der Verunglückte nur mehr ſeine Hand über den Waſſerſpiegel empor, da warf ein junger kräftiger Mann in hellblauem Wammſe, der auf der rettenden Barke ſtand, ſeinen ſchwarzen Sammtmantel von ſich und das Federbaret vom dunklen Lockenhaupte, ſchnallte raſch ſeinen Degen ab, und ſprang in die Fluthen. 59 Mit rieſiger Kraft kämpfte er mit den Wogen, und arbeitete ſich an jene Stelle hin, wo der Ertrinkende unterſank; entſchloſſen tauchte er dort unter die Welle eine Minute verging, und noch eine und wieder eine, und die beiden Bootführer ſchlu⸗ gen ein Kreuz hinter den Verſunkenen,„die reißt es dem Strudel des Mälar entgegen!“ rief der eine Bvotsmann;„greif das Ruder, Stenhold, und laß uns den Kahn wenden, ſonſt ſtürzt der Schwall unſern Kahn.. Aber ſiehe da— ſchon tauchte der mannhafte Retter mit ſeiner Laſt aus dem Gewäſſer, und ſchwamm weit oberhalb der Gegend, wo die rettende Barke hinzog, mit letzter Kraft dem Kungholm zu. — Drei Barken ruderten ihm mit Macht entgegen, und im Augenblicke, ehe die letzte Kraft ihn verließ, nahmen ihn und den geretteten Knaben, deſſen Wamms er mit den Zähnen feſtgehalten hatte, um ſich ſeiner Hände zum Schwimmen zu bedienen, eine Barke auf. Ungeheurer Jubel begrüßte das Rettungswerk vom Geſtade, und in weniger als zehn Minuten war aus Segeltuch ein Nothzelt aufgeſchlagen, wo der kühne Retter und der gerettete Knabe auf wei⸗ chen Teppichen das erſte trockene Lager fanden, an 60 welchem bald ein Arzt und zwei Diener ſtanden, die ihnen augenblicklich die nöthige Hilfe boten. Dieſe bedurfte der gerettete Knabe in hohem Grade, denn er lag bewußtlos und bleich; in den triefenden Haaren Schilf und Seegras, am linken Arme und an der Seite Quetſchungen, die er an den ſtellenweiſen Balken des Hafendammes erlitten hatte; der Arzt hatte vollauf zu thun, ihn zum Leben zu erwecken; raſcher kehrte die Kraft des Retters wieder, dieſer ſtand bald wieder auf den Sohlen, dankte dem Arzte für ſeine Hilfe, wechſelte ſein durchnäßtes Wamms mit einem ihm dargebotenen trockenen, und erſuchte nur, ihn zu jenem Boote zu führen, auf dem er geſchwommen kam, und wo ſein Degen und Wehr⸗ gehänge, ſein Mantel und Baret, wie ſein Gepäcke lagen. Aber das war leichter geſagt als ausgeführt; vor dem Zelte wogte es wie in einem Bienenſchwarm, da drängte ſich die Menge, den kühnen Retter zu ſehen, der Angeſichts der nur ſelten von einem Schwim⸗ mer des Nordens durchſchnittenen Strömung dicht an der Hafenmündung ein faſt unglaubliches Ret⸗ tungswerk vollbracht hatte. Freudenrufe empfingen ihn vor dem Zelte, als er aus demſelben treten wollte, zwei Knaben in gleichem Kleide wie der Verun⸗ 61 glückte, luden ihn ein, ſie ins Innere des Kungholm zu begleiten, wwo man ſeiner zum Empfange harre. In wenigen Minuten ſtand der kühne Retter vor der ſchönen jungen Dame im goldverzierten Boote, dieſe war auf die auf den Sand gebreiteten Tep⸗ piche am Damm herausgetreten. Ihr Flammenblick haftete jetzt mit Wohlgefallen auf dem ſchönen jun⸗ gen Manne, der ſein dunkles Lockenhaupt tief vor der Dame verneigte, denn die Umgebung, wie ſein richtiges Gefühl, belehrten ihn bald, daß er vor einer der vornehmſten Damen des ſchwediſchen hohen Adels ſtand. Dieſe nahm aber jetzt das Wort; mit klangvoller Stimme ſagte ſie, indem ſie dem mann⸗ haften Retter die Hand zum Kuſſe bot. „Chriſtine, die Königin Schwedens, dankt Euch für die kühne Rettung ihres Leibpagens.“ „Und Marſchall Torſtenſohn's Geſandter, Oberſt Derfflinger,“ erwiederte der junge Mann ſich aber⸗ mals verneigend,„iſt glücklich, ſeine Ankunft auf ſchwe⸗ diſchem Boden ſogleich mit einer Huldigung an die erlauchte Kronenträgerin und würdige Nachfolgerin des großen Guſtav ankündigen zu können.“ „Ah!“ rief die ſchöne junge Königin,„alſo Georg Derfflinger, der kühne Reiteroberſt, von dem die Berichte unſerer Marſchälle ſo Vieles und Rühm⸗ 62 liches beſagen.. ſteht vor uns. Nun ſeid uns herzlich willkommen, Herr Oberſt, auf ſchwediſchem Boden, wahrlich zu Land und Waſſer gleich kühn und tapfer, können wir unſere Krone nur gücklich preiſen, einen ſolch probehältigen Demant auf deutſchem Boden gewonnen zu haben.. Die unendliche Anmuth, mit welcher die ſechs⸗ zehnjährige Königin dieſe Worte der Anerkennung an Derfflinger richtete, machte einen ſo großen Ein⸗ druck auf den Oberſt, daß ſein Blick einige Mi⸗ nuten lang wie feſtgebannt auf den edelſchönen Zügen der jugendlichen Kronenträgerin haftete. „Wahrlich,“ rief er dann,„ganz das Ebenbild des großen Königs; o erlaubt, erlauchte Königin, daß ich, ehe ich die Aufträge meines Marſchalls in wohl⸗ geſetzter Rede zu Euern Füßen lege, Euch von ganzer Seele meine Huldigung darbringe, Euch, der erha⸗ benen Nachfolgerin des großen Königs, deſſen Hel⸗ dentod in der Schlacht bei Lützen ich mit anſehen mußte Chriſtine ſeufzte hier tief auf; dann reichte ſie Derfflinger noch einmal die Hand zum Kuſſe. „Folgt uns, Herr Oberſt, in die königliche Barke, ſagte ſie,„in meinem Palaſte auf dem Norr⸗ malm wollen wir den Bericht anhören, den uns 63 Feldmarſchall Torſtenſohn durch Euch über den Stand unſerer Kriegsangelegenheiten in Deutſchland ſendet. — Dort wird Euch auch unſer Kanzler, der ehr⸗ würdige Orxenſtierna empfangen.“ Die Königin ſtellte hierauf dem Oberſt in dem ernſten alten Begleiter den Oberſtſtallmeiſter Grafen Sture, und in dem jüngeren brüneten Manne den Grafen Monaldeschi vor— den Italiener, deſſen Zuͤge Derfflinger aus Deutſchland nur zu wohl in der Erinnerung waren...... Das Auge des Italieners haftete auf dem Boden, als ihm die Königin Derfflinger vorſtellte, indem ſie der Kühnheit des Reiteroberſten abermals belobende Worte zollte; ſeine brünete Geſichtsfarbe ſpielte in ein dunkles Roth, er hob ſeinen Blick und die Flamme des tiefſten italieniſchen Haſſes blitzte in ſeinen ſchwarzen Augen— aber ein ſüßes Lächeln ſchwebte auf ſeinen dünnen Lippen, krampfhaft hielt ſeine linke Fauſt das vergoldete Gefäß ſeines Degens umſpannt. „Ich hatte bereits die Ehre, den Herrn Oberſten in Deutſchland zu ſehen,“ ſtammelte er ſich verneigend. „Ja, auf den Feldern bei Lützen, wo unſer großer König verblutete, und wenn ich nicht irre, auch im Bauernlager zu Peuerbach,“ entgegnete Derfflinger— und ein ironiſches Lächeln zog über ſeine Lippen. Monaldeschi erblaßte jetzt bis unter das Kinn, aber in ſeiner Miene verrieth kein Zug die innere Bewegung ſeines Zornes; nichts hatte dem leiden⸗ ſchaftlichen Italiener Aergeres widerfahren können, als die Ankunft des wackeren Deutſchen auf ſchwe⸗ diſchem Boden, wo Monaldeschi und der Italiener Leti bereits ihren Einfluß am königlichen Hofe an⸗ ſtrebten;— die Königin winkte jetzt, und die Barken ſetzten ſich in Bewegung, bald landete die Königin mit ihrer Begleitung und Derfflinger am Norrmalm, während ihr Befehl ausgefuͤhrt, und Derfflinger's Gepäck aus dem Boote, das ihn in den Hafen ge⸗ bracht hatte, nunmehr in den Palaſt geſchafft wurde. Dort gürtete ſich der ſchöne Reiteroberſt wieder mit ſeinem guten Schwerte, und ſtand ſchon nach einer guten Stunde im prachtvollen Audienzſaale, wo inmitten der lebensgroßen Bilder ihrer Ahnen und umgeben von den Reichswürdenträgern, Chriſtine, die Königin von Schweden auf einem mit Gold und Elfenbein ausgelegten Throne, und der greiſe Reichs⸗ kanzler Arel Orxenſtierna an ihrer Seite ſaß— um der erlauchten Kronenträgerin im Namen des Feld⸗ marſchalls Torſtenſohn Bericht über die Unterhand⸗ 65 lungen mit dem fſiebenbürgiſchen Fürſten Rakoczy zu erſtatten.— Dies und den Bericht über die Schlacht bei Leipzig nach Schweden zu überbringen, war nämlich der Zweck der Sendung Derfflinger's nach Schweden. Er war nach ſeinem Abgange aus Siebenbürgen nach ſechsmonatlicher Abweſenheit aus Deutſchland, dort mit Plattenberg wieder glücklich angekommen, und von Torſtenſon ſogleich beauftragt worden, die Nachricht über dieſe Verhandlung unverzüglich an Königin Chriſtine und ihren Reichskanzler zu über⸗ bringen. Mit großer Theilnahme nahm Königin Chriſtine Derfflinger's Bericht entgegen; höchſt aufmerkſam ver⸗ nahm Kanzler Orenſtierna die Kunde, und inniges Bedauern ſprach ſich in den Zügen des greiſen Kanzlers aus, als Oberſt Derfflinger im Fluſſe ſeiner Rede unter andern auch den frühzeitigen Tod des tapferen Feldherrn Banner berichtete, der wie erwähnt noch nicht vierzig Jahre alt, zu Halberſtadt angeblich an Gift verſtorben war, nachdem er in verſchiedenen Gefechten achtzigtauſend Feinde geſchlagen, und nicht weniger als ſechshundert Fahnen erobert hatte. Jetzt hatte Derfflinger ſeinen Bericht beendet, der Kanzler Oxenſtierna erhob ſich von ſeinem Sitze, und dankte ihm im Namen der Königin und des 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II. 5 66 Reichs fur ſeine Nachrichten, indem er zugleich den Wunſch ausſprach, daß Schwedens Sache in Deutſch⸗ land endlich ſiegen, und das Herzblut, welches der nordiſche Löwe Guſtav Adolph auf dem Felde bei Lützen vergoſſen habe, nicht vergebens gefloſſen ſein möge! „Was aber an Uns liegt,“ nahm jetzt die Kö⸗ nigin Chriſtine mit ihrer klangreichen Stimme das Wort,„ſo wünſchen Wir, ſo tief Wir auch das An⸗ denken Unſeres höchſtſeligen Vaters ehren, und ſo ſehr Wir ſein begonnenes großes Werk zum Ziele jener Völker des Continents, die ihre Hoffnungsblicke auf den ſchwediſchen Löwen gerichtet haben, zu voll⸗ enden begehren, doch nichts ſehnlicher, als daß bald, ja recht bald der Oelzweig das Schwert, die Palme des Friedens, in deren Schatten die Kunſt und Wiſſenſchaft, der Handel und das Gewerbe gedeihen, den Lorbeer des Krieges erſetze, denn uns dünkt, daß Schweden, deſſen Herzblut und Landesmark bisher mehr für deutſches als gemeinſames Intereſſe hinge⸗ opfert wurde, des Friedens bedürfe, um in ſeinem Innern wieder zu erſtarken, und damit die große Wunde vernarbe, die der Tod unſeres höchſtſeligen Herrn Vaters und Königs dem Lande geſchlagen hat.“— Eine ſchöne Thräne des Schmerzes rann 67 jetzt über die feine Wange der nordiſchen Herrſcherin; vergebens ſuchte ſie den Faden ihrer Rede wieder aufzunehmen; die Erinnerung an ihren großen Vater drückte wie eine Centnerlaſt auf ihr gefühlvolles Herz. Kanzler Orenſtierna bemerkte die innerliche Be⸗ wegung der Königin— er nahm daher das Wort. „Auch ich theile die Anſicht unſerer erlauchten Mon⸗ archin,“ ſagte er,„der Friede thut Schweden wie Deutſchland Noth; vierundzwanzig volle Jahre wüthet die Kriegsfurie ſchon auf deutſchem Boden, verbrannte Hütten und zertretene Saatfelder, Hunger, Krankheit und Leichen bezeichnet ihre Spuren... Traurig wendet ſich der Genius der Menſchheit von dieſem entſetzlichen Schreckbilde des Jammers und Elendes, und heilige Pflicht iſt es für die Machthaber, denen Gott die Schickſale der unglücklichen Völker in die Hände legte, dieſen den Frieden zu geben, auf daß wieder grüne der Oelbaum und wachſe die Kornähre, und der Menſch den Schöpfer preiſe am friedlichen Pfluge, deſſen Schar aus dem gebrochenen Schwerte gehämmert ſei.... Darum kann mich auch,“ fuhr der Kanzler fort,„darum kann mich auch, Herr Oberſt, das Anerbieten Georg Rakoczy's: einen Aufſtand gegen den Kaiſer zu bewerkſtelligen, um dann gemein⸗ ſchaftlich mit dem Türken gegen Wien vorzudtingen 5 68 weder befriedigen noch freuen; ſcheint mir doch dies Beginnen ein unehrenhaftes und hinterliſtiges, das—“ „Wohl der Natur des Fuchſes, nicht aber der des edlen Leuen entſpricht,“ ſiel Derfflinger mit allem Feuer ſeines lang verhaltenen Grolles über dieſes ſiebenbürgiſche„Rückenſpiel wie er es nannte, ein—„ja, Herr Kanzlet,“ rief er mit ſtarker Stimme, und die benarbte Hand an ſeine Bruſt legend,„das iſt auch meine Meinung, der Pact mit dem Rakoczy taugt nichts! Habe den gleißenden Leoparden ſelbſt in ſeiner Höhle geſchaut, bin aber wenig von ihm erhaut worden; der Mann iſt nichts weiter als ein feiger Rebell, der den türkiſchen Roßſchweif zum Sattel brauchen will, um darauf vor die Kaiſerburg nach Wien zu reiten; wenn er uns aber einmal umhat, und wir ihm den Hahn ins Garn geliefert haben, gar leichtlich ſeinen Dollman wenden und die rauhe Seite wider uns zukehren dürfte; nein! erlauchte Königin, und ehrwürdiger Herr Kanzler! Der Derfflinger hat ſich mit ſeinem guten deutſchen Eifer immer geradewegs durch den Feind geſchlagen, und tauſendmal hat's ihn gerent, daß er ein mal die Relle des Fuchſes mit der des Löwen ver⸗ tauſchte, und ſich zum Unterhändler in Siebenbürgen hergab.— Nun das iſt geſchehen— Der Derfflinger 69 hat ſeine Depeſche hergeſagt, Majeſtät; aber der ehrliche Oberöſterreicher, der nicht gewohnt iſt, zu lügen und mit der Katze um den Berg zu ſchleichen, rathet Euch: laßt Euch mit dem ſiebenbürgiſchen Zweizüngler, in deſſen Herzen es finſter iſt, wie auf ſeinem Jagdſchloſſe, in keinen Bund ein— und kurzum— der Teufel hole den Rakoczy und ſeine Fuchsſchwänzerei!“ Die umſtehenden Höflinge lächelten verlegen über die derbe Ausdruckweiſe des ehrlichen Reiterober⸗ ſten, auch der Kanzler konnte ſich hier eines Lächelns über den Eifer des ehrlichen Oeſterreichers nicht er⸗ wehren.— „Viel Wahres! Viel Wahres liegt in dieſen Worten des Herrn Oberſten,“ ſagte er, ſich zur Königin wendend,„und Ihre Majeſtät dürfte ſich jedenfalls bewogen finden, dieſe Angelegenheit in Höchſt Ihrem Reichsrathe einer genauen und wiederholten Be⸗ rathung zu unterziehen, da die Verbindung mit einem ſo unverläßlichen Manne, wie der ſiebenbür⸗ giſche Fürſt ſein ſoll, immerhin eine gewagte Sache verbleibe, und die von ihm angebotenen Mittel zur Förderung der ſchwediſchen Sache— mindeſtens unehrenhaft, wo nicht verbrecheriſch genannt werden müßten.“ „Seht, Hert Kanzler,⸗ ſagte Derfflinger,„als der große König Guſtav die Geſandtſchaft der oberöſter⸗ reichiſchen Bauern in ſeinem Zelte empfing, und von ihnen um Unterſtützung ihrer Sache aufgefordert wurde, da ſchüttelte er das weiſe Haupt und trug billiges Bedenken, mit rebelliſchen Unterthanen ge⸗ gen ihren Landesherrn zu unterhandeln, und ſo mein' ich, daß Rakoczy um nichts beſſer iſt, und daß Ihre Majeſtät die erlauchte Königin gut thun werden, den Siebenbürger ſeinen eigenen Gang gehen zu laſſen, und das hochedle Wappenſchild des ſchwedi⸗ ſchen Löwen nicht von den Pfoten des transſilvani⸗ ſchen Wolfes pekleckjen zu laſſen... und das, Hert Kanzler,“ ſchloß Derfflinger ſeine Rede,„iſt zu⸗ letzt auch die Meinung des Feldmarſchalls Torſten⸗ ſon, der die ſchwediſchen Waffen viel zu hoch in Ehren hält, um ſie in unehrlichem Kampfe zu ge⸗ prauchen, und ſeit meiner Rückkehr aus Siebenbür⸗ gen ganz anders über die Sache Rakoezy's denkt als vorher!“ Der Reichskanzler brach jetzt die Verhandlung ab, und winkte den anweſenden Hofleuten zum Auf⸗ pruche. Die Königin aber wendete ſich zu Derfflin⸗ ger:„Seid uns noch einmal willkommen in Schwe⸗ den,“ ſagte ſie, ihm ihre ſchöne Hand wiederholt zum 7¹ Kuſſe darreichend.„Seid uns willkommen, Herr Oberſt, und ſo wie Wir Uns freuen einen ſo ausgezeichne⸗ ten Officier unſerer Armada in unſern Sälen zu empfangen, ſo wollen Wir auch, daß ſeine Ankunft und Anweſenheit auf ſchwediſchem Boden in ent⸗ ſprechender Weiſe gefeiert werde, und da tapfere Krieger wie Ihr, auch im Frieden das Spiel des Krieges nicht vermiſſen wollen, ſo wollen wir ſogleich für den nächſten Morgen eine Jagd in unſerm gro⸗ ßen Königsgarten und in dem Parke von Johans⸗ dal, dann in unſern Kronwäldern bei Neuhagen an⸗ ordnen. Morgen hoffen Wir Euch aber auf unſerm königlichen Schloſſe Drottingholm zu begrüßen, um euch noch einmal für die edle Hingebung zu dan⸗ ken, mit welcher Ihr unſerm vorwitzigen Pagen das Leben gerettet habt“ Eine anmuthige Kopfbewegung der Königin entließ jetzt die Verſammlung, und Derfflinger wurde von einem Kammerherrn der Königin in den Palaſt des Norrmalm dem ſchönſten Theile der Stadt, ge⸗ leitet, wo er bald erſchöpft, jedoch von ſüßen Träu⸗ men eingewiegt, in einen tiefen Schlummer ſiel, aus dem er erſt erwachte, als am andern Morgen die Sonne ſchon hoch über den Gewäſſern des Mä⸗ lar ſtand. 72 Sechſtes Capitel. Im Olympe. Im königlichen Jagdſchloſſe Drottingholm herrſchte jetzt ein wahrer Carneval. Die kunſtſinnige Königin befahl Alles aufzu⸗ bieten, ihren neuen Gaſt zu ehren. Kanzler Oxen⸗ ſtierna achtete den Muth und die Entſchloſſenheit Derfflinger's, und in den ſchönen Augen der jungen Königin glimmte, wenn ſich der männlich ſchöne Oberſt vor ihr neigte, ein Feuer, welches ihr Wohl⸗ gefallen an dem edlen Gaſte deutlich verrieth, und in den gelbbleichen Wangen und ſtechendem Augen⸗ paar ihres Kämmerlings des Grafen Monaldeschi einen ſeltſamen Wiederſchein fand. Schloß Drottingholm war ſchon vor Derfflinger's Ankunft ein wahrer Feenpalaſt, jetzt wurden daſelbſt die Herbſtfeſte vorbereitet. Die feſten ſchwediſchen Mauern mit ihren runden Thürmen ſtießen an einen kleinen Wald, dieſen hatte die mit den römi⸗ ſchen Claſſikern wohl vertraute Königin zu einem griechiſchen Haine umgeſtaltet, worin der Olympus wieder auflebte. Die feinſten Stoffe aus England und Frankreich mußten ihr Gewebe liefern, aus 73 welchen für den Hofſtaat die Maskenanzüge für die Herbſtfeſte geſchneidert wurden. Dieſe Masken be⸗ ſtanden in mythologiſchen Verkleidungen. Der ſchöne dunkle Park nächſt dem Schloſſe mit ſeinen zahl⸗ reichen Muſchelgrotten, kühlen Marmor⸗ Fontainen, worin weiße Schwäne herumruderten, und duftenden Blumenbeeten faßte bald die ſchönſten Nereiden und Nymphen mit flatternden leichten Gewändern, ſchlan⸗ ken Faunen und ſchnellfüßigen Satyren in ſich, Acteon verfolgte Dianen, und Venus, die ſechszehn⸗ jährige Königin der Schönheit, ward vom Mars, dem herrlichen Gotte des Krieges in die Grotte Neptun's verfolgt, wo ſanftes Wellengeplätſcher einen harmoniſchen Klang in die Lüfte trug. Königin Venus credenzte dem ſchönen Kriegsgotte auf einer porphyrnen Taſſe die friſcheſten Granatäpfel, welche in der Kryſtallwelle des Marmorbaſſins eingekühlt geſtanden hatten, ſie ließ ſich auf dem ſammtartigen Raſen in der dunklen Grotte nieder und die ſchöne Marmorſtatue des Harpokrates an dem Eingange der Grotte deutete mit dem ſchneeweißen Zeigfinger jedem Lauſcher an, daß hier ein Ort des Schwei⸗ gens ſei, deſſen Eingang, außer der Königin der Schönheit, gegen ihr Machtgebot Niemand unge⸗ ſtraft überſchreiten dürfe. Die an den Muſchel⸗ 74 belegten Seitenwänden der Grotte herabhängenden Epheuranken nickten vom loſen Weſte be richen dem Hleinen Gotte des Stillſchweigens wie Beifall ſpen⸗ dpeüd zu Aber die Königin der Schönheit war entſetzlich müde, denn ſchon drei Tage dauerte das ſüße Spiel der mythologiſchen Träumerei, und im jungen ſchönen Olymp auf Schloß Drottingholm hatte derkleine Gott mit der Augenbinde und dem Pfeilgeſchoſſe ſchon ſo viele Herzen verwundet und ſo viele Bändchen ver⸗ knüpft, daß Freund Hymen für den nächſten Carne⸗ val vollauf zu thun bekam, um jedem in Stockholms Paläſten ein Flämmchen anzuzünden. Kanzler Orenſtierna, der feine Diplomat hielt ſich zwar von dieſem Hoffeſte ferne, er ſah es aber nicht ungern, daß die Königin dem wackern Oberſt Derfflinger alle Anfmerkſamkeit bewies, denn in jenen Zeiten der entfeſſelten Kriegsfurie galt ein gutes Schwert oft mehr als eine Tonne Goldes, und der Kanzler wie die Königin rechneten bereits ganz auf Derfflinger bei einem Strauße, der für Schweden demnächſt auszukämpfen war. Die Oſtſeeprovinz Eſthland hatte ſich nämlich ſchon lange unter ſchwediſchen Schutz begeben, Lief⸗ land war mit Polen verbunden, und Kurland nebſt Senegallen ein eigenes Herzogthum unter polniſcher Hoheit geworden, welches der letzte Heermeiſter des deutſchen Ordens, Gotthard Kettler als Lehen von der Krone Polens erhalten hatte. Seit dieſer Zeit ward Liefland der Erisapfel zwiſchen Schweden, Ruß⸗ land und Polen*). Der Kanzler Orenſtierna be⸗ durfte daher eines Feldherrn, der Liefland, deſſen Wappen für die ſchwediſche Krone bereits in An⸗ ſpruch genommen wurde, für dieſelbe auch behaupten konnte. Dieſer Mann ſchien dem Kanzler der kühne Derfflinger zu ſein, der über Torſtenſon's Antrag nach ſeiner Rückkunft aus Siebenbürgen vom Range eines Oberſtlieutenants zum Oberſten befördert worden war. Jetzt ſtand der kräftig⸗ſchöne Mars Derfflinger vor Venus Chriſtine, der reizenden Königin von Schweden in der verſchwiegenen Grotte des Drot⸗ tingholmer Parkes, wohin ihn die ſchöne Kronenträ⸗ gerin aus dem Gebüſche des Parkes entlockt hatte. „Phaeton ſcheint mit den Strahlen ſeines Son⸗ nenwagens“ begann die Königin lächelnd,„den Schild des Kriegsgottes ſchmelzen zu wollen.“ *) Erſt im Jahre 1660 trat Polen die genannten Provin⸗ zen an Schweden ab: im Nyſtädter Frieden 1721 kamen ſie an Rußland. „In der That,“ antwortete Derfflinger, ſich verbeugend,„Eure Majeſtät, haben nicht Unrecht; nie hätte ich geglaubt, daß ein Herbſttag des kalten Rordens ſolche Sonnenſtrahlen mit ſich führe.“ „Nun,“ entgegnete Chriſtine freundlich, den ſchlanken Kriegsgott auf einen Moosſitz an ihre Seite winkend,„ſo findet Oberſt Derfflinger den Aufenthalt im Norden nicht minder angenehm als in den Thälern Deutſchlands, und wir wollen hoffen, daß Stockholm vielleicht die glückliche Stadt bleiben wird, wo der kühne Reiteroberſt für immer ſeinen Heimathsheerd aufſchlagen wird...“ Derfflinger ſchwieg in das Anſchauen der jung⸗ fräulichen Herrſcherin verſunken, in deren ſchönen Zügen er das Abbild des großen Guſtav Adolph wieder fand. Die Königin aber zog jetzt eine große blaue Sammtkapſel aus einer Jagdtaſche, die ſie an einem vergoldeten Bande mit ſich getragen hatte. Mit un⸗ endlicher Anmuth überreichte ſie dem Oberſt eine breite goldene Kette und ein mit zwei Wachskapſeln verſehenes Pergament.. „Dies dem treuen Kämpfer bei Lützen,“ ſagte ſie, indem ſie das Pergament in die Hände Derff⸗ linger's legte;„und dies dem Retter meines Leib⸗ 77 pagen,“ indem ſie Derfflinger die goldene Kette dar⸗ reichte. Derfflinger blickte erſtaunt auf die Geſchenke; abet ſchon ſtand die Königin am Eingange der Grotte, um ſich zu entfernen, jetzt wandte ſie ſich noch ein⸗ mal mit majeſtätiſcher Würde gegen Derfflinger. „Wir hoffen,“ ſagte ſie mit aller Anmuth, die ihr zu Gebote ſtand,„Wir hoffen, Euch, Herr Ge⸗ neral⸗Major, durch dieſe Ehrenkette an unſern Thron zu binden, auf daß Ihr nimmer entweicht aus den Reihen der ſchwediſchen Streiter, wo Guſtav Adolph's Geiſt fortleben ſoll, ſo lange eine ſchwediſche Fahne durch die Lüfte wehen wird.“ Eine ſanfte Thräne der Erinnerung zitterte im Auge der ſchönen Königin, indem ſie den Namen ihres verewigten Vaters ausſprach;— jetzt hatte ſie die Grotte raſch verlaſſen, und Oberſt Derfflinger entfaltete mit glühendem Antlitze das Pergament, welches ſeine Ernennung zum ſchwediſchen General⸗ Major enthielt... Lange ſtarrte er auf das Pergament, dann trat er langſam und ſinnend aus der Grotte, und ſchritt dem Palaſte zu, ohne in ſeiner freudigen Betäubung das glühende Augenpaar des Italieners Mo⸗ naldeschi zu bemerken, das ihn aus dem Gebüſche 78 nächſt der Grotte verfolgte, bis er am Gartenportale des Schloſſes verſchwunden war. Auf der Treppe des Schloſſes begegnete ihm die Maske eines Satyr's— es war der Italiener Leti.„Meine devoteſte Gratulation, Herr General⸗ Majori“ näſelte der Wälſche,„ich empfehle mich Eurer Protectivn.“ „Wie, Ihr wißt ſchon?“ fragte Derfflinger. „Was die Hofpfeifer dem Geſinde bereis vor⸗ ſpielen,“ entgegnete der Italiener;„was alle Glocken in Stockholm bereits ſingen: daß Oberſt Derfflinger die große goldene Gnadenkette und das General⸗ Majors⸗Patent empfangen hat.. 1. Derfflinger wollte reden, aber der Italiener ließ ihn nicht zu Worte kommen.„Ihr ſeid, signore,“ fuhr er mit großer Geläufigkeit fort,„Ihr ſeid von dieſer Minute an der auserkorne Günſtling der jungen Königin; heute ſeid Ihr General⸗Major; zieht nur die Mars⸗ Maske da aus, denn morgen wird man Euch im Generals⸗ und übermorgen im Feldmar⸗ ſchalls⸗ Rocke ſehen wollen, und wer weiß, ob Ihr nicht bald die nordiſche Semiramis—“ „Schweigt!“ rief Derfflinger unwillig,„ich habe dieſe Ehren weder geſucht noch erbeten, und 79 bin ein Feind alles Lärmens und Prunkens mit goldenen Schauſtücken und Titeln.“ „Aber ſo ſeid doch nicht gar ſo kalt bei dieſen Auszeichnungen, die wahrlich nicht jeder Tag alſo mit ſich führt,“ rief der Italiener,„die Deviſe Eures Schildes heißt fortan: Veni, vidi, vici! und Eure Dame: Chriſtine.“ „Meine Deviſe heißt Männertreue!“ entgegnete Derffünger heftig;„und meine Dame: Maria!“ Und er wandte dem erſtaunten Italiener den Rücken, und trat ſinnend in den Palaſt; ſeine Ge⸗ danken flogen ferne über das Meer nach den Ge⸗ ſtaden der Donau, wo das Häuschen ſtand, in welchem ihm die ſterbende Großmutter mit verklärtem Auge, angethan mit Ehrenkette und Goldſpangen, geſchaut und ihm im Scheiden ſeine einſtige Größe prophezeit hatte; nach den Geſtaden der Donau, wo die un⸗ vergeſſene Blume ſeiner Jugendzeit Maria, die lieb⸗ liche Roſe von Linz wohl vergebens auf die Rück⸗ kehr ihres geliebten Georg geharrt haben mochte Wohl hundert Flammen brannten in den Can⸗ delabers und Alabaſterlampen des Schloſſes, in deſſen alterthümlichem Ritterſaale jetzt Königin Chriſtine 80 und der Kanzler Orenſtierna den neuen General⸗ Major dem zum Maskenballe verſammelten Hofe vorſtellten. Derfflinger dankte, ſich verbeugend, in einfachen Worten.— Der ehrliche Sohn von der Donau be⸗ achtete nicht die glühenden Blicke, welche der ihm zulächelnde Neid auf ſeine Ehrenkette warf, und er⸗ wiederte treuherzig den warmen Händedruck, mit dem ihn Graf Erichſon, der Vater des geretteten königlichen Leib⸗Pagen begrüßte; die Dankbarkeit des Grafen, der erſt an dieſem Abende von ſeinen Gütern am Torneo eingetroffen war, kannte keine Grenzen.— Er nannte den wackern Ober⸗Oeſterreicher den Heiland ſeiner Familie und bat ihn, vorläufig nur das Geſchenk von zwölf Holſteinern anzunehmen, die in ſeinem Marſtalle zu Stockholm bereit ſtänden. Der wackere Oeſterreicher aber verbat ſich jede Ablohnung ſeines Ritterdienſtes, verſprach aber die dringende Bitte des Grafen zu erfüllen, und am nächſten Morgen den geretteten Edelknaben, der in Folge des ausgeſtandenen Schreckens noch immer das Lager hütete, zu beſuchen, und ihm ſeine Dankes⸗ Thränen vom Auge zu küſſen. Jetzt drängte ſich ein ſchwarzgelleideter Mal⸗ 81 theſer durch die Reihe der glänzenden Masken an Derfflinger's Seite. „Das Glück iſt rund,“ flüſterte er Derfflinger, den ſein glühender Athem berührte, zu;„das Glück iſt rund, signore, traut ihm nicht zu viel— in hohe Thürme ſchlägt gar gerne der Bt Derfflinger blickte die Maske an— aber dieſe verlor ſich ſchon im Gedränge. Der Italiener Letti aber flüſterte dem General⸗Major zu:„Graf Mo⸗ naldeschi!—“ Ungebundene Freude entſaltete ſich nun in den königlichen Sälen, das ſchwediſche Horn, dann die Harfe und Trompete wie die dumpfe Trommel ſand⸗ ten ihre Töne durch die hellerleuchteten Räume, wo mannshohe ſchwediſche Jungfrauen mit den ſchönen Haaren und den hellblauen Augen des nordiſchen Stammes am Arme baumhoher Schwedenjünglinge im Tanze auf und niederwogten. Auf einem ſchwervergoldeten Seſſel lehnte der greiſe Kanzler, deſſen Sohn Arel, ein ſchöner braun⸗ lockiger Schwedenjüngling die hohe Auszeichnung genoß, mit der Königin den Reigen zu eröffnen. Das Vaterauge ruhte eine Zeitlang auf dem ſchönen Jüngling, dann aber wandte ſich der Kanz⸗ ler zu dem an ſeiner Seite ſtehenden Derfflinget, 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein II. 82 und begann mit dem General⸗Major ein Geſpräch, worin er allmälig auf die Kriegsthaten des großen Königs Guſtav Adolph überging, und dem Andenken deſſelben ſeine Verehrung zollte. „In kurzer Zeit,“ ſchloß er ſeine Rede,„naht das Erinnerungsfeſt jenes verhängnißvollen November⸗ tages, an welchem der nordiſche Aar auf dem Felde bei Lützen verblutete. Es wird ein großes Erinne⸗ rungsfeſt für ganz Schweden werden, und da Ihr, Herr General⸗Major, nun der Krone von Schweden angehört, ſo dürft Ihr dabei nicht fehlen.“— Derfflinger ſenkte traurig das Haupt— jetzt lief aber eine Bewegung durch den Saal. Die Königin brach auf und die Hoftrabanten flogen vor dem Palaſte herum, die Wägen vorzubereiten, in denen die Monarchin noch an dieſem Abend mit dem Kanzler nach Stockholm fahren wollte, um am nächſten Tage ihrem Reichsrathe beizuwohnen. Majeſtätiſch wie eine SiegesGöttin ſchritt ſie durch die Reihen des hohen ſchwediſchen Adels aus dem Ballſaale. An der Treppe ſtand Kammerherr Monaldes⸗ chi mit entblößtem Haupte ſich tief verneigend, Tod⸗ tenbläſſe bedeckte heute das Geſicht des Italieners, denn von den gewohnten Strahlenblicken der könig⸗ 83 lichen Huld und Gnade, hatte er ſeit dieſen letzten Feſten auf Drottingholm keinen mehr erhaſcht. Chriſtine erblickte ihn.„C'est bien,“ ſagte ſie,„daß ich Euch ſehe, Graf; vergeßt doch nicht, dem Gene⸗ ral⸗Major Derfflinger zu ſagen, daß ich noch dieſe Nacht nach Stockholm zurückfahre, und ihn morgen im Wappenſaale meines Winterpalaſtes am Riddar⸗ holm erwarte.—“ Der Italiener zuckte zuſammen, und warf ſeiner hohen Gebieterin einen Blick zu, in deſſen Feuer ſich der ganze tiefe Haß ausſprach, den er gegen den neuen Eindringling den gefeierten Oeſterrei⸗ cher nährte. Aber die Königin ſaß bereits im Wagen und rollte an der Seite des Reichskanzlers nach ihrer Hauptſtadt zurück.— Wüthend riß jetzt der Italiener ſeinen Stahldegen aus der vergoldeten Scheide, und ſtieß ihn ſo heftig auf das Marmor⸗ pflaſter der Vorhalle, daß augenblicklich ein Blutſtrei⸗ fen von ſeiner Wade, die er hiebei ſtreifte, herabrann. „Was iſt Euch, Graf,“ fragte ihn theilnehmend Graf Michna, der dem Kanzler nachzueilen im Be⸗ griffe ſtand. „Corpo di bacco!“ rief der Italiener,„dieſer Oeſterreicher bringt mich noch um den Verſtand!“ Und wie toll rannte er, ſo gut es die Wunde an 6* * 84 ſeiner Wade zuließ, die breite Treppe hinab, um noch einen Wagen zu finden, in welchem er dem Zuge der Königin nacheilen konnte. —— Siehentes Capitel. Die Piſtolenlehre. Die Herbſtnebel ſenkten ſich dichter auf Stock⸗ holms Inſeln und Paläſte. Drottingholms Olymp hatte ſeit vierzehn Tagen bereits die Winterquartiere auf dem Riddarholm bezogen, und Derfflinger, der ſtete Begleiter der jugendlichen Königin auf ihren Jagden in den königlichen Kron⸗Parken ſtand ſchon im Brennpunkte der mißgünſtigen Anfeindung des ſchwe diſchen Adels und jener zahlreichen Paraſiten, die ſich allmälig am gelehrten Hofe Chriſtinens einzu⸗ niſten begannen. Graf Monaldeschi hatte der Weiſung der Köni⸗ gin nach dem Ballabende nicht entſprochen, und Derfflinger für den nächſten Morgen nicht in den Winterpalaſt beſchieden. Als der General⸗Major daher gegen Mittag des nächſten Tages vor der Königin erſchien, fragte * 85 ihn dieſe unmuthig, warum er ihrem Befehle nicht entſprochen habe, und zur Morgen⸗Vorſtellung nicht erſchienen ſei. Derfflinger entſchuldigte ſein Ausbleiben mit der Unkenntniß des königlichen Befehles. „Graf Monaldeschi!“ herrſchte die Königin in gereizter Stimmung einem Pagen zu. „Der Graf läßt ſich entſchuldigen,“ berichtete hier der Italiener Letti,„er muß in Folge einer zufäl⸗ ligen Verwundung am Fuße das Zimmer hüten.“ „Nun,“ erwiederte die Königin mit einem leich⸗ ten Lächeln,„ſo ſagt ihm, daß er ſeine Wunde doch ja recht fleißig pflege, und die beſchwerliche Treppe unſers Winterpalaſtes jedenfalls nicht früher empor⸗ ſteige, bis ich es für ſeine Geſundheit zuträglich finden werde... „Alſo in Ungnade und aus dem Felde geſchla⸗ gen durch den Oeſterreicher,“ lispelte der Wälſche, indem er ſich zur Saalthüre zurückzog, um ſeinem Landsmanne ſobald als möglich dieſe Worte der königlichen Gebieterin zu hinterbringen. Von nun an ſtand General⸗Major Derfflinger auf dem Fechtboden, wo Mißgunſt und Hofintrigue ihre Geſchoſſe nach ihm abblitzen ließen, Einer gegen Viele, aber Einer mit einem Männerherzen und einer * 86 Entſchloſſenheit, die auch Hunderten das Weiße im Auge zu zeigen nicht anſtand.— So nahte der ſechste November— jener Trauer⸗ tag, an dem der große Guſtav Adolph auf dem Felde bei Lützen verblutet hatte. Ganz Schweden bereitete ſich, dieſen Tag in würdiger Weiſe zu feiern; der Trauertag ſollte fort⸗ an ein Nationalfeſt für Schweden verbleiben. Die erhebendſte Feſtfeier deſſelben ſollte aber in der Landeshauptſtadt ſelbſt Statt finden. Auf den Marmorpavimenten des königlichen Winterpalaſtes am Riddarholm wogten wohl achtzig leichtfüßige Diener, Lakeien und Haushofmeiſter auf und nieder; der uralte Wappenſaal mit den lebens⸗ großen Bildern der ſchwediſchen Kronenträger war mit Candelabern geſchmückt, und ſeltſam ſtachen die vergilbten Wandbilder der alten Regenten aus dem Hauſe Sture gegen die friſche Pracht ab, in welcher ſich längs den Saalwänden eine hufeiſenförmige Tafel herumbog, auf welcher an Gold und Silber⸗ geſchirr aufgehäuft war, was der freilich durch Guſtav's Heerzüge etwas erſchöpfte ſchwediſche Reichsſchatz noch in ſich ſchloß. In der Mitte der oberen Rundung der Tafel prangte ein langer, mit zierlichem vergoldeten Schnitz⸗ * 87 werke umzogener Lehnſeſſel, über welchem an der filberblauen mit bibliſchen Idyllen aus der antidilu⸗ vianiſchen Zeit geſchmückten Wand das bleiche trotzige Antlitz der längſt zu ihren Ahnen heimgegangenen gewaltigen Gründerin der calmariſchen Union mit der in unſerer Neuzeit nur in der Engelsburg ihr Abbild findenden dreifachen Krone am Haupte herabblickte.*) Auf der goldſchweren Tafel aber prangte ein Sonderling unter den diamantblitzenden koſtbaren Gefäßen, der zwanzig Pfund wiegende Reichsbecher Schwedens, von gediegenem Kupfer aus den nordiſchen Gruben am Tornev und in der Lappmark mit äußerſt fein gearbeiteten Arabesken und bibliſchen Scenen, ein Gefäß, welches, von den alten Inglingern her⸗ rührend, als ein Familiengut der ſchwediſchen Herr⸗ ſcher im Reichsſchatze aufbewahrt wurde, und vor noch nicht hundert Jahren dem unglücklichen Erich zum Giftbecher geworden war.*) *) Margaretha, Königin von Dänemark und Norwegen, vereinigte dieſe beiden und die Krone Schwedens auf ihrem Haupte(1389). *) Erich XIV., welcher 1560— 1568 regierte, und ſich durch tyranniſche Gebahrung den Haß der Schweden zuzog, übrigens aber manche für Schweden wichtige Unterneh⸗ mung ausführte; wurde zuletzt enttrohnt, neun Jahre ge⸗ fangen gehalten und vergiftet. 88 Ein Kanonengruß und melodiſcher Klang der Silberglocke des Palaſtes verkündete das Ende der kirchlichen Feier, mit welcher das große Trauerfeſt in der Magdalenenkirche begonnen hatte; ein langer Zug, an deſſen Spitze der alte Kanzler Orenſtierna, zur Rechten der jugendlichen im goldgeſtickten Pracht⸗ kleide prangenden Königin auf einem von vier me⸗ tallenen Sphynren geſtützten offenen Staatswagen gegen den Palaſt rollte, bewegte ſich gegen den letzteren, und in weniger denn zehn Minuten war der große Saal unter dem Jubelrufe der anßen harrenden Volksmenge mit der Elite des ſchwediſchen Abels und der Reichswürdenträger, dann den Officieren des Generalſtabes, den Garden und ſonſtigen Stan⸗ desperſonen gefüllt. In der Mitte der Tafel nahm die Königin, zu ihrer Rechten aber der greiſe Reichs⸗ kanzler und neben ihm der baumhohe blühende Jüng⸗ ling ſein Sohn Arel Platz. Der Ceremonienherold hatte den übrigen Reichsgäſten gar bald ihre Plätze angewieſen. Feierliche Stille, welche ſelbſt das ferne Brauſen der See zu vernehmen geſtattete, herrſchte im Saale, als der ehrwürdige Reichskanzler der ſchwediſchen Krone ſein gedankenſchweres Hanpt emporrichtete, und voll des hohen Ernſtes und der ihm eigenen 89 Würde den kupfernen Reichsbecher ergriff, und das ſchwere Gefäß mit Jugendkraft zur Decke des Zimmers gegen jene Seite emporhielt, wo das Bild des ge⸗ fallenen Helden von Lützen auf die Verſammlung wie ein verblichener Stern aus der Vergangenheit herabblickte. Eine große Thräne perlte vom Auge des greiſen Kanzlers auf ſeine gefurchte Wange nieder. „Den Manen Guſtav Adolph's!“ rief er und Trompetengetön, Kanonenſalven und Glockengeläute beantworteten den Ruf. Alle Anweſenden erhoben ſich; es war ein feierlicher Angenblick, als die Elite der ſchwediſchen Würdenträger, Volksvertreter und Kraftmänner ihrem gefallenen Fürſten den Erinnerungsgruß der Treue darbrachten! Manche aufrichtige Thräne perlte da auf die Halskrauſe nieder, und als die junge Kronanwärterin Chriſtine in lautes Schluchzen ausbrach, da konnten ſich ſelbſt die wundenbenarbten Söhne der ſchwedi⸗ ſchen Armee einer tiefen Rührung nicht enthalten. Es war ja derſelbe Saal, wo Guſtav Adolph von denen, die hier verſammelt waren, vor noch nicht langer Zeit Abſchied genommen; es war derſelbe Becher, aus dem er ihnen ein Lebewohl zugetrunken hatte. * 90 Es war eine große Stunde der Trauerfeier des ſchwediſchen Volkes! Kanzler Oxenſtierna hielt nun eine feierliche Rede, welche dem Andenken des großen Todten ge⸗ weiht war, nach derſelben lud er die Anweſenden ſammt und ſonders zum Feſtmahle ein. Bald machte die ernſte traurige Stimmung den gemüthlichen Tafel⸗ freuden Platz, und als das erſte Nationalgericht der Schweden— gebeiztes Rennthierfleiſch— aufge⸗ tragen ward und feuriger Cyper dazu ſervirt wurde, da verbreitete ſich ſchon Heiterkeit und Leben über die Tafelrunde, und die Anweſenden ſchienen eine Familie zu ſein, die ſich beim feſtlichen Mahle recht gütlich zu thun verſammelt hatte. Am rechten Flügel der grußen Schlachtordnung, wo Meſſer und Gabel die Waffe darboten und Major Derfflinger— ihm gegenüber, wie durch einen neckiſchen Kobold hingebannt, ſein böſer Stern, laſt wieder zugelaſſene wälſche Graf Monaldeschi, und ſein bleicher Landsmann, der Italiener Letti. Weingläſer klirrten, Köpfe brannten und Worte flogen— wie die ſchwediſchen Kugeln vor Lützen— nicht immer berechnet, und zuweilen zündend— wie Weinduft den Pulverdampf erſetzte, ſaß der General⸗ der von ſeiner Wunde geheilte und in den Pa⸗ 91 anders, als daß auch in der des cypriſchen und burgundiſchen Feuergeiſtes weniger denn ſeines ge⸗ wäſſerten Oeſterreichers gewohnten Ader Derfflinger's das deutſche Blut heftiger zu ſieden begann, und er auf der zuſammengekniffenen Lippe des Wälſchen gegenüber einen ſarkaſtiſchen Anflug wahrzunehmen vermeinte, als dieſer mit ſeinem Nachbar Letti im Geſpräche über den Unfall des königlichen Pagen in der Taucherglocke meinte:„daß doch der Deutſche wahrlich den Namen eines Allerweltbürgers verdiene, der, wenn's für ihn oben nichts zu fiſchen gebe, ſelbſt auf dem Meeresgrunde nach Würden haſche.“ Dieſe Worte waren genug, um eine glühende Röthe des Zornes auf der Wange Derfflinger's her⸗ vorzurufen. Hatte ſchon der Geiſt des Weines die Fibern des ehrlichen Oberöſterreichers geſchwellt, ſo pulſirte ſeine Zornesader noch heftiger, als er den ſich im königlichen Saale in unbeſchränkter Sicherheit ver⸗ meinenden Italiener mit höhniſcher Miene zu ihm herüberblicken und ſeinem Nachbar etwas ins Ohr ziſcheln ſah. Das wälſche Faunengeſicht ſchien ſich den gegenüberſitzenden Derfflinger zum Stichblatte des Tafelwitzes erkoren zu haben, und ſo war es auch. Monaldeschi, bereits damals ſeinen nachherigen „ 92 gewaltigen Einfluß am ſchwediſchen Hofe, als Ober⸗ ſtallmeiſter Chriſtinens anſtrebend, mißkannte nicht den gewichtigen Gegner, der ihm in der Per⸗ ſon des ehrlichen Oeſterreichers zu erwachſen ſchien, und als nun Kanzler Orenſtierna den General⸗ Major aus dem obderennſiſchen Kernländchen an ſeine Seite rief, ihn gutmüthig ausſchalt, daß er, der ge⸗ feierte Mann Schwedens, den entfernteſten Platz wähle, und dem wackern Deutſchen, deſſen erſter Tritt auf ſchwediſchen Boden eine hochedle Rettungsthat geweſen, im Namen des ſchwediſchen Reichsrathes ein Lebehoch ausbrachte, da blitzte Hohn und Rache⸗ luſt im Auge des wälſchen Neiders empor; leichen⸗ blaß ſaß er da, als die verſammelten Gäſte in das donnernde Hoch für Derfflinger einſtimmten. Derfflinger verbeugte ſich beſcheiden, und nahm wieder ſeinen vorigen Platz an der Tafel gegenüber dem Wälſchen ein. Kaum ließ er ſich aber auf den Seſſel wieder nieder, als Monaldeschi, ſeinen Unmuth nicht län⸗ ger zügelnd, eine neben ihm ſtehende Flaſche mit weißem Weine mit dem Ellbogen bei Seite ſchob. „Dieſer Oeſterreicher iſt unausſtehlich,“ bemerkte er mit höhnender Beziehung;—„wer das Getränke da einmal verkoſtet hat, der weiß auch, daß es nichts 93 als ſüßſaurer Brauſeſchaum iſt, der, wenn er ſich auch mit milderndem Waſſer vermengt, gar nicht auf könig⸗ liche Tafel taugt.“— „Soll mir dieſe Anſpielung gelten?“ fragte Derfflinger, und eine hohe Röthe des Zornes trat auf ſein Antlitz⸗ Der Italiener aber, als ob er die Frage über⸗ hörte, wandte ſich gleichgiltig zu dem Bleichen an ſeiner Seite. „Könnt Ihr mir wohl ſagen, Signore,“ fragte er lächelnd,„ob es ſich beſtätige, daß es einen Offlcier im ſchwediſchen Generalſtabe gebe, der da in ſeiner Jugend einmal ein Schneiderjunge geweſen?——“ Die Frage war abſichtlich betont, und von den zahlreichen Gäſten trotz Tellergeklirre und Flaſchen⸗ klang nicht überhört worden. Aller Augen flogen dem Obersſterreicher zu. Da aber erhob ſich der ehrliche Sohn der Do⸗ nau hochglühend und blitzenden Auges von ſeinem Seſſel; er richtete ſich gleich dem zum Todesſtreiche ausholenden Kriegsgotte empor, ſtemmte die Blicke auf das Tafelbrett und ſchlug mit der Rechten an ſeinen kurzen Haudegen, den er ſeiner Gewohnheit nach ſelbſt bei Tafel nicht ablegte. „Ja!“ rief er mit klangvoller im weiten Saale * wiederhallender Stimme,„ja, Herr Graf, der Schnei⸗ derjunge im ſchwediſchen Generalſtabe bin ich, und dieſe gute Klinge aus noriſchem Stahle iſt die Elle, mit der ich die Schurken, die meine Ehre betaſten, der Länge und Breite nach zu meſſen pflege.*)“ Nach dieſer Satisfactivn ließ ſich der Oeſter⸗ reicher wieder ruhig auf ſeinen Seſſel nieder, zog die Flaſche guten landsmänniſchen Trankes an ſich, und ſchenkte ſich ganz gelaſſen ſein Glas bis an den Rand damit voll. Lautlos war der Saal, man konnte ein Papier⸗ ſtreifchen fallen hören. Aber der Wälſche konnte— wollte er nicht vor den Koryphäen des ſchwediſchen Adels für im⸗ mer compromittirt ſein— den Schimpf nicht hin⸗ nehmen, er richtete ſich gleichfalls empor, ſeine Lippe zuckte krampfhaft zuſammen. „Ihr werdet mir Genugthuung,“ rief er,„fur dieſen Schimpf geben, Herr General⸗Major!“ „Mit nichten!“ donnerte hier die Stimme des Reichskanzlers Orenſtierna dazwiſchen,„vergeßt nicht, Ihr Herten, daß Ihr beide in dem Kronſaale Ihrer Majeſtät der Königin von Schweden als Gäſte *) Hiſtoriſche Worte. 95 befindlich ſeid, und laßt hier Hader und Streit bei Seite, wie es Waffengenoſſen im ſchwediſchen Heere geziemt, die beide unter Guſtav's unbeſiegtem Ban⸗ ner gefochten haben!“ Monaldeschi biß ſich in die Lippe und Derfflin⸗ ger ſchwieg. Als aber der feine Staatsmann Oxen⸗ ſtierna bald wieder den Faden gefunden hatte, um das ſtockende Tiſchgeſpräch wieder anzuknüpfen, da erhob ſich der wackere Oeſterreicher von ſeinem Seſ⸗ ſN und bog ſich über die Lehne des Sammtſtuhles, auf welchem Monaldeschi ſaß. „Der Derfflinger iſt noch nie etwas ſchuldig geblieben,“— lispelte er dem Wälſchen zu—„der Schneiderjunge will Euch mit ſeiner Elle am Kung⸗ holm noch heute Abends um die achte Stunde Ge⸗ nugthuung geben.“ „Angenommen!“ entgegnete der Italiener. Die Gäſte des Reichskanzlers erhoben ſich, es wurde die beltebte Nationalſpeiſe der Schweden— das Kneckebred, eine Art Hirſebrod— als Nach⸗ koſt ſervirt, und in Gruppen ſondirten ſich die Gäſte und wandelten bei Trompetenklang und Cymbaltönen auf die luftigen Straßen vor dem Palais. Um acht Uhr Abends deſſelben Tages ſtand * 96 mit dem Uhrſchlage General⸗Major Derfflinger auf dem Sande des Kungholm, zehn Schritte von ihm ſein Diener mit dem ans Ufer gezogenen Boote und einem Mahagoni⸗Käſtchen, worin ſechs blauläufige Piſtolen blitzten. Zehn Minuten ſpäter erſchien Graf Monalbeschi mit einem Reiterofficier und ſeinem Landsmann, dem Italiener Letti, der an der Tafel neben ihm geſeſſen und nun den Secundanten bei dem ernſten Kugel⸗ ſpiele zu machen bereit war. Schweigend maß dieſer die Diſtanz ab, ſchweigend ſtellten ſich der Oberöſterreicher und der Wälſche an ihre Poſten.— Die aufgehende Mondſcheibe warf ein unheimliches Licht auf das glitzernde Piſtolenpaat im Käſtchen. Bevor ſich jedoch die beiden Gegner in die Poſition ſtellten, trat Letti auf Derfflinger zu. „Ich bin als Secundant des Grafen mitgekom⸗ men,“ ſagte er,„Ihr aber, Herr General⸗Major, habt keinen an Eurer Seite; es iſt villig, daß ich mein Amt unter den beiden Gegnern theile, vielleicht kann gerade ich eine Verſöhnung——“ „Schweigt,“ fiel hier Derfflinger ein,„ich ahnte ſchon lange im Stillen den Tag, der mich mit die⸗ ſem wälſchen Zweigänger zum Klingenſpiele führen müſſe, und ſeit Guſtav auf dem Lützner Schlachtfelde * 97 verblutete, mahnte mich jeder Piſtolenblitz an die Schuld, die ich für ſeine Manen abzutragen habe.“ „Ihr werdet immer kugelſüchtiger, Herr Gene⸗ ral⸗Major,“ bemerkte, bleich wie eine Seemöwe vor Zorn, der Italiener—„ſchteßt oder ich brenne los!“ Er ſchlug an, aber Derfflinger hatte ſich eben um⸗ gewendet und ein Billet in Empfang genommen, welches ein Reichsbote aus dem Palaſte des Staats⸗ kanzlers überbrachte. „Wir ſollen uns bei Degradationsſtrafe nicht ſchießen, bevor uns der Kanzler geſprochen,“ las er finſter. „Und ausgeſöhnt,“ ergänzte der Secundant freudig aufathmend. „Zu ſpät,“ drängte Monaldeschi, mit dem Fuße ſtampfend,„ſchießt! oder beliebt Euch früher noch ein Fußfall bei dem Kanzler?“— Ein Knall aus dem raſchgehobenen Piſtol des Oeſterreichers war die Antwort und der wälſche Graf ſank in die linke Hüfte getroffen zu Boden. Der Reichsbote Orenſtierna's, der wenige Schritte entfernt der Antwort Derfflinger's geharrt hatte, kehrte ſogleich raſch um.„Gegen das Mandat des Reichs⸗ kauzlers, und auf dem eremten Boden des Kung⸗ holms,“— ſagte er achſelzuckend gegen den Palaſt 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II. 5 3 98 eilend,„das wird ſchweres Wetter und einen Can⸗ didaten für die Eiſengruben von Dannemora geben!“ Des Obersſterreichers nationale Gutmüthigkeit trat aber jetzt nach erhaltener Satisfaction augen⸗ blicklich an die Stelle ſeines Zorngefühles. Er eilte zu dem halbohnmächtigen Grafen, deſſen in der Entfernung harrender Diener herbeigerufen wurde, half ihn verbinden, und in ein Boot am Hafen tragen, wo der faſt bewußtloſe Wälſche mit dieſer derben Lection des Oberöſterreichers von ſeinem Diener zur andern Stadtſeite gerndert wurde. Derfflinger aber ſtand mit verſchlungenen Armen am Geſtade, und ſah dem ſchmerzſtöhnenden Italiener nach, finſter und in ſich gekehrt, als ob es ihn är⸗ gere, eine Hand voll Pulver an dieſem Menſchen verſchoſſen zu haben. „Habe kaum den Fußtritt in dieſes Land ge⸗ ſetzt, ſprach er vor ſich hinbrütend,„und ſchon den blaſſen Neid in allen Ecken wider mich aus der Meerestiefe heraufbeſchworen, nun gezwungen gegen Ordre gehandelt.“ „Ah, Signore! überlegt jetzt nicht,“ drängte der Italiener Letti,„Ihr haht jetzt wahrlich nichts Eilige⸗ res zu thun, als die Breite der Hafenmündung zu gewinnen, denn der Reichskanzler verſteht keinen * —— 99 Scherz, und da das Duell auf dem reichsunmittelbaren Boden des Kungholms bei Strafe der Bergfahrt in die Eiſengruben von Dannemora verpönt iſt, ſo wird Euch, ſelbſt wenn der Kanzler Euch retten wollte, und trotzdem daß Ihr den Titel eines General⸗Majors der Königin, und die goldene Gnadenkette tragt, die Wuth des Volkes verurtheilen, zumal Neid und Bosheit den Umſtand benützen werden, daß einer der königlichen Kämmerlinge und der deſignirte Oberſt⸗ ſtallmeiſter Chriſtinens durch Eure Kugel getroffen ſank.“— Er ergriff den Oberöſterreicher am Arme und zog ihn an den Strand hinab. Derfflinger aber riß ſich unwillig von dem Drän⸗ ger los. „Eure Eiſengruben und Euren Straßenpöbel fürchte ich nicht,“ entgegnete er,„auch kann ich mir nicht denken, daß man einen ſchwediſchen Staabs⸗ officier heute mit Gnadenketten ſchmücken und morgen, blos einer Lection wegen, die er einem Unverſchäm⸗ ten gab, in die Bergwerke ſchicken werde— und darum ſehe ich gar nicht ein, warum ich ſo eilig mich auf die Beine machen und Schweden den Rücken kehren ſollte.“ „Ihr wißt auch gar noch nicht,“ bemerkte der 7** 100 Bleiche,„daß Graf Monaldeschi, mein Landsmann ſeit geſtern Abends das Oberſtſtallmeiſterpatent in ſeiner Taſche trägt.“ „Ach, ſteht es ſo um Schweden!“ rief der Oberöſterreicher, glühend vor neberraſchung über die unbegreifliche Wankelmüthigkeit der ſonſt ſo ent⸗ ſchloſſenen jungen Königin, die wohl in einer klug ge⸗ ſpielten Intrigue der Italiener ihren Grund hatte, „nun das giebt eine wälſche Wirthſchaft im Lande. Warum habt Ihr mir dies nicht gleich geſagt? Jetzt wird mir's auch klar, warum der gefeierte Oeſterreicher den hochanſtrebenden wälſchen Favoriten ein Dorn im Auge ſein mußte. In der That, die Königin weiß ihre Leute gut zu wählen!“ Er ſchnallte ſeinen Degen ab, und löſte die goldene Ehrenkette von ſeinem Wammſe. „Da, bringt dem Kanzler,“ bot er den Ita⸗ liener,„ſeine Inſignien, Guſtav Adolph iſt todt, und der Oberöſterreicher,— ſagt ihm das auf gut ſchwediſch— mag nicht unter dem Commando eines wälſchen Parteigängers ſtehen— Gott befohlen!“ „General⸗Major,“ ſagte Letti, mit dem Anſcheine von Gutmüthigkeit, aber innerlich triumphirend,„es liegt ein Bremerſchiff dort unten, welches heute noch abſegelt, laßt mich Euch dahin geleiten.“ * 101 „Dank Euch,“ entgegnete Derfflinger„werde es ſchon allein zu finden wiſſen, Ihr thut mir einen größeren Dienſt, wenn Ihr dem Kanzler meine Worte zubringt, auf daß es nicht ſcheine, als ſei ich duell⸗ flüchtig geworden.“— „Nun, wie Ihr wollt,“ bemerkte der Wälſche, und blickte noch lange mit einem ſeltſamen Lächeln des Sieges dem ſcheidenden Oberöſterreicher nach, welcher in ein ledig ſtehendes Boot ſpringend, dem entgegengeſetzten Hafendamme zuſchwamm. Achtes Capitel. Auf Schloß Guſow. Die arme, von der Kriegsfurie verbrannte und ausgeſaugte Germania ſah mit Sehnſucht Unterhand⸗ lungen des Friedens entgegen, den die hohen Herren zu Osnabrück und Münſter beriethen und mit deſſen Abſchluſſe ſie noch immer nicht fertig werden konn⸗ ten; denn der Herr über Leben und Tod legte die Geißel noch nicht aus der Hand, die er durch drei⸗ ßig Jahre über das unglückliche von Roſſeshufen zertretene Deutſchland ſchwingen wollte, auf daß der * 102 Edelherr wie der Bürger die Segnungen des Frie⸗ dens erkennen und ſchätzen lerne. Traurig ſah es damals auf deutſchem Boden aus. „Der Menſchen waren wenig mehr da, ſchreibt eine rheiniſche Ortschronik, dieweilen, was der Krieg nicht fraß, die Peſtilenz hinweggenommen In den Gaſſen iſt das Gras gewachſen, wie auf einer Wieſe. Die Wingerte(Weinberge) waren eine Wüſtenei. Die Häuſer ſtanden leer, und ſahen am hellen Tage die Füchſe aus den Löchern, da ehemals Fenſter geweſen waren. Alſo hat der Herr das Land ob ſeiner vielen Sünden heimgeſucht, und bleiben die Spaniolen(die Spanier, die 1620 unter Spi⸗ nola die Pfalz einnahmen) noch gar lange in der Leute Gedächtniß, ſo gut als die Krawaten(Crva⸗ ten) und die Völker des Königs in Schweben— denn was der Eine übrig ließ, das nahm der Andere und that die Wahl leid, wer's am Gräulichſten ge⸗ macht hatte. Behüet uns Gott in Gnaden vor ſol⸗ chen Zeitläuften!— Für den Degen gab es daher vollauf zu thun, und der Soldat hatte damals Geltung. Nur wenige Freiſtätten gab es, wo dem Krieger jener Zeit zu⸗ weilen eine kurze Erholung von ſeinem heißen Waf⸗ fenhandwerke gegönnt war, dieſe beſtand dann häufig * 103 in dem edlen Waidwerke, welches die Adeligen und Gutsbeſitzer in ihren Forſten trieben. Auch auf dem Schloſſe Guſow im Oderbruche fand an einem ſchönen Herbſttage des Jahres 1643 eine Jagd auf Hoch⸗ wild ſtatt. Die dunklen Forſte widerhallten vom Klange des Hornes und auf luſtigen Rößlein ſprengten die Gäſte des Schloſſes aus Nah und Ferne zum Walde, wo die Heger und Forſtwärter ſchon vertheilt waren, den Trieb des Wildes zu beſorgen.— Hinter einem kleinen Gehölze ritt eine ſtattliche Dame in dunkelgrünem Jagdkleide auf einer Schecke, bewehrt mit einer netten mit Elfenbein ausgelegten Jagdflinte und einem ſilbernen Pulverhorn. Hinter der Dame trabte auf einem Rappen ein ſchlanker Reiter mit gleichfalls in Gold verbrämtem Jagd⸗ kleide mit einem Federbaret auf dem Haupte und einer kurzen Reitgerte in den Händen. Seine feinen Geſichtszüge, die Weiße ſeiner Hautfarbe und die ſchön geringelten Locken ſeines nichts weniger als ſchön geformten Kopfes, deuteten an, daß der Mann mehr für den Damendienſt und den Boden der Prachtſäle als für den Wald und das Schlacht⸗ feld geſchaffen war.— „Herr von Bournonville,“ herrſchte ihm jetzt die Dame zu, indem ſie ihr ſchönes Antlitz nach ihm * 104 umwendete;„dort raſchelt es im Laube, mich dünkt, das Hochwild wechſelt uns entgegen.“— „Seht Euch vor, Fräulein,“ mahnte der Fran⸗ zoſe, ſich beſorgt umſehend,„der Sechszehnender kommt oft wie wüthend angeſprengt, und ſein Geweih könnte Euch leicht vom Pferde ſtoßen.“ „Ihr ſeid doch unausſtehlich, Monſieur, mit Eurer Feigheit,“ grollte die ſchöne Jägerin, ihre Jagdſlinte anziehend,„wär ich an Eurer Stelle, ich ließe mich noch heute in das Damenſtift nach Quedlinburg auf⸗ nehmen, dort giebt es für das ſchwache Geſchlecht, dem Ihr entſtammt, ſichernde Ringmauern.“ „Nur einem Fräulein von Schaplow verzeihe ich einen ſo verletzenden Witz,“ entgegnete gereizt der Franzoſe;„aber was läßt man ſich Alles aus einem ſchönen Munde gefallen.“ „Beſonders wenn man eine Memme iſt, wie Ihr,“ entgegnete das Fräulein. „Auch der Spott aus Eurem Munde klingt ſchön,“ ſagte der Franzoſe,„nun, Gott gebe, daß Ihr bald in Lebensgefahr kommt, und ich meine Fauſt in Eurem Dienſte dann rühren kann; aber ich habe mir nun einmal vorgenommen, alle Pfeile geduldig hinzunehmen, mit denen Ihr mich verwundet— bald 105 werdet Ihr einſehen, wie ſehr Ihr mich kränkt, und Eure Härte bereuen.“ „Margaretha Tugendreich von Schaplow be⸗ reut nie, was ſie geſagt und gethan,“ ſagte die Schöne ſich ſtolz im Sattel aufrichtend. „Nie?—“ fragte der liebegirrende Franzoſe— „ei, habt Ihr nicht erſt unlängſt bemerkt, daß es Euch leid thut, den wackern Reiteroberſtlientenant Derfflinger, dieſen ſtarken Kämpfer für die gute Sache Schwedens, deſſen Kriegsruhm nun ſchon durch alle Lager tönt, durch Euer abſtoßendes Benehmen wahrſcheinlich für immer aus Eurem Familienkreiſe verſcheucht zu haben?—“ „Schweigt,“ fiel das Fräulein ein, und eine hohe Röthe bedeckte ihr Antlitz,„was kümmert Euch meine Rede— wahrlich man ſollte jedes Wort auf der Goldwage abwägen, ehe man es in die Luft ſeiner Umgebung ſendet, es iſt abſcheulich, ſeine noch ſo ſchuldloſen Aeußerungen anders gedeutet zu hören, als man—“ „Wer deutet denn Eure Aeußerung?“ ſagte der Franzoſe mit einem ſardoniſchen Lächeln;„mich dünkt, Fräulein, die bloße Nennung des Reiteroberſtlieu⸗ tenants— der nebenbei geſagt, mittlerweile in Schwe⸗ den ein Commando als General⸗Major oder was weiß 5 106 ich, erhalten haben ſoll,— ſcheint Euch in eine Auf⸗ regung zu bringen, die— Aber der liſtige Franzoſe hatte nicht mehr Zeit ſeine ſondirende Rede zu beendigen, denn aus dem Dickicht raſchelte ein Hochwild hervor, das beide Jagd⸗ genoſſen keineswegs erwartet hatten; ein gewaltiger Eber, der geradezu auf die Dame zurannte. „Eine Kugel der Bache in den Leib!“ rief Mar- garetha, indem ſie ihre Jagdflinte emporriß; aber ihr Schuß fehlte das Thier, welches auf ihr Pferd zuſprang, und daſſelbe am Hinterfuße verwundete; dieſes bäumte ſich, in einem gewaltigen Satze, und rannte, ohne daß die kühne Jägerin es halten konnte, gegen die Ebene vor dem Walde zurück, während die Bache in blinder Wuth vorüberſchoß, und gegen die andere Seite des Waldes zurannte. Herr von Bournonville hatte bereits beim erſten Anpralle der Bache auf ſeinem flüchtigen Rappen das Weite geſucht. Das mit dem Fräulein durchgehende Roß, das keinem Zügel mehr gehorchte, rannte unaufhaltſam dem Schloßberge zu, wo ein wenigſtens ſieben Fuß preiter mit Waſſer gefüllter Graben, über den die eben aufgezogene Zugbrücke zu führen beſtimmt war, wegen des an den vorhergehenden Tagen eingetre⸗ * 107 tenen bedeutenden Regenwetters hoch angeſchwollen war; da das Roß des Fräuleins blindlings dahin lief, ſo konnte für das Leben Margarethens die größte Gefahr daraus entſtehen.— Aber in dem Angenblicke, als die Schecke mit ihrer ſchönen Laſt in den Graben ſetzen wollte, und der Thorwart mit einem Entſetzensrufe die Zugbrücke niederſchmettern ließ, um dem Fräulein im bevorſte⸗ henden naſſen Bade Hilfe zu bringen, trabten zwei Reiter vom Bergesabhange; der erſte auf hohem Roſſe, hatte eben noch Zeit, ſich mit ſeinem Rappen zwiſchen den Graben und die heranſtürzende Reiterin zu werfen und ihre Schecke am Zügel aufzufangen. Das Fräulein war gerettet, und athmete hoch auf, indem ſie ihrem Retter ſtarr ins Auge blickte.„So ſeid Ihr noch immer die kühne Roßbändigerin wie vor zehn Jahren, als Ihr in Eurer jugendlichen Kühnheit über das Schlachtfeld von Lützen jagtet!“ rief der glückliche Retter, indem er vom Pferde ſprang. Die ſchöne Reiterin blickte erſtaunt empor, indem ſie ſich von Schreck und Anſtrengung des unwillkür⸗ lichen ſcharfen Rittes erholend, an dem Sattelknopf ihres Zelters feſthielt. Die kühne Jungfrau vom Lützner Schlachtfelde hatte ſich im Laufe dieſer Kriegsjahre, die ſie theils * 108 in Berlin, theils auf den Gütern ihres Bruders des Freiherrn Joachim von Schaplow zubrachte, zur voll⸗ ſten Blüthe entfaltet. Eine vollendete Schönheit ſtand ſie jetzt da, und hohe Purpurröthe färbte ihr Antlitz, als ſie der kräftige Reiter, der wohl niemand Anderer als General⸗Major Derfflinger mit ſeinem Reitknechte war, ſanft vom Pferde hob, und ſie auf eine Raſenbank unter der großen Schloßeiche nieder⸗ gleiten ließ. Jetzt kam nun auch der Franzoſe Bournonville, der ſich im Brandenburgiſchen angekauft und als Beſitzer des Gutes Krkow in der Kurmark der ſtete Gaſt auf Guſow war, auf ſeinem Pferde herange⸗ trabt..„Par dieu!“ rief er,„Fräulein, Ihr reitet ja mit dem Luzifer um die Wette, und Euer Renner könnte in Newmarket einen Preis erringen; den meinen aber ſchieße ich heute nieder, denn kaum wurde er der Bache anſichtig, die auf Euch zurannte, ſo war die Beſtie nicht mehr zum Halten und „Ihr mußtet das Weite ſuchen,“ ſagte Mar⸗ garetha von Schaplow, indem Unmuth und Verach⸗ tung ob des feigen Benehmens des Franzoſen aus ihrem Auge blitzte. „Und Diana,“entgegnete Bournonville, mit einem flüchtigen Seitenblicke auf Derfflinger, deſſen männlicher 109 gewordene Züge er nicht ſogleich erkannte,„Diana hat inzwiſchen einen Actäon gefunden, der—“ Aber ſchon brannte eine friſche Roſe auf ſeiner Wange, die ihm die raſche Hand des kühnen Fräu⸗ leins über ſeinen Sarkasmus im Nu darauf gemalt hatte. Derfflinger trat einen Schritt zurück und er⸗ wartete eine Scene... aber der biegſame Franzoſe rieb ſich verlegen lächelnd die geröthete Wange mit dem Handſchuh—„Die Edelfräuleins Deutſchlands,“ ſagte er kleinlaut,„haben in der That eiſerne Hand⸗ ſchuh und üben eine raſche Juſtiz—“ Das Fräulein reichte aber jetzt, ohne den Fran⸗ zoſen weiter zu beachten, Derfflinger ihren Arm. „Seid uns hochwillkommen auf Guſow, Herr Gene⸗ ral⸗Major,“ ſagte ſie;„ſo ferne Ihr uns auch ſeit dieſen Jahren ſtandet, ſo haben wir Eure Sieges⸗ züge doch fortwährend im Geiſte verfolgt, und inni⸗ gen Antheil daran genommen, und ſehnlich den Tag herbeigewünſcht, wo Ihr bei uns auf Guſow einſpre⸗ chen und das Schwert des Krieges auf einige Zeit mit der Jagdflinte vertauſchen werdet. Nehmt meinen Dank für Euer abermaliges Rettungswerk, und ge⸗ leitet mich jetzt ſchnell zu meinem Bruder, der ſich 110 freuen wird, ſeinen einſtigen Zeltgenoſſen bei ſich zu ſehen.“ Derfflinger aber verbeugte ſich kalt.„Der Zweck meines Erſcheinens auf Guſow,“ ſagte er,„iſt nur: aus dem Munde Eures Bruders die lang vermißten Nachrichten zu holen, ob es ihm bisher gelungen ſei, den Aufenthalt meines armen ſchon ſeit zehn Jahren von mir vermißten Vaters ausfindig zu machen.—— Meine abermalige Begegnung mit Euch, mein Fräulein, hat mir die Ueberzeugung bei⸗ gebracht, daß Ihr noch immer nicht zur edlen Weib⸗ lichkeit zurückgekehrt ſeid, die den Damen unſerer deutſchen Edelſitze zur hohen Zierde gereicht....“ Die ſtolze Schöne blickte erſtaunt auf, und eine hohe Röthe überflog ihr Geſicht. „Das Schlachtſchwert und der Jagdſpeer,“ fuhr Derfflinger fort,„gehört den Männern, von denen unſere Zeit manch tüchtiges Erxemplar aufweiſen tann; die Spindel und das Blumenbeet dem Weibe, und da ich überhaupt ein ehrlicher Deutſcher bin, der den Abklatſch eines Damenhandſchuhes, und ge⸗ hörte er einer noch ſo ſchönen Hand an, auf ſeiner unentehrten Wange nicht vertragen könnte; ſo wer⸗ det Ihr ſchon entſchuldigen, edles Fräulein, wenn ich mich auch diesmal nach vollbrachtem Ritterdienſt 111 zurückziehe, und mir im nächſten Städtlein Rathenow eine Herberge ſuche, in der ich Euern Herrn Bruder, meinen hochverehrten Waffengenoſſen mit Sehnſucht erwarte, um von ihm die erwünſchten Auskünfte wegen meines Vaters zu erhalten. Der Herr von Bournonville wird ſchon die Güte haben und Euch vollends in Schloß zu geleiten.—“ Derfflinger verbeugte ſich, und trat zu ſeinem Roſſe, um es zu beſteigen. Margaretha von Schap⸗ low drückte ihre Perlenzähne in die Unterlippe und blickte verlegen auf den Boden; die empfangene Lection hatte das ſtolze Mann⸗Weib zu Boden ge⸗ drückt. Aerger und Scham kämpften auf ihrem An⸗ tlitze, es war die erſte Lection dieſer Art, welche das des häuslichen Commandos und der unbedingten Huldigung im Schloſſe gewohnte Fräulein in ihrem Leben erhalten hatte. Der Franzoſe aber riß ſeine Augen weit auf; „Monsieur Derfflinger!“ rief er, dieſen nunmehr erkennend;„par dieu, wer hätte aus dieſem Bart⸗ walde das Antlitz des kühnen Reiteroberſten gleich heraus gefunden. Erſt an der Nonchalance gegen die Dame, erkannte ich den Deutſchen.... o'est monsieur le tailleur,“ ſetzte er leiſe, wie zu ſeiner eigenen Genugthuung hinzu. Derfflinger beachtete aber den gekräuſelten Laffen nicht weiter, und jagte mit ſeinem Reitknechte ſchon lange der Havel zu, als ſich Bournonville noch immer vergebens bemühte, dem erzürnten Fräulein begreif⸗ lich zu machen, daß nur die Störrigkeit ſeines Jagd⸗ zelters Schuld war, daß er ſich mit der Bache im Forſt in keinen Zweikampf einlaſſen konnte..... Reuntes Capitel. Der Flickſchneider. Im Städtlein Rathenow an der Havel, da, wo nächſt der Brücke des kleinen Fluſſes das zwei⸗ ſtöckige Amtshaus ſtand, duftete es gewaltig nach Braten; friſche Mädchen mit blühenden Geſichtern ſtanden am plätſchernden Hausbrunnen vor dem Thore des Amtshauſes, und wanden eben ſo friſche Blumenſträuße und Kränze; an ihnen vorüber huſchte Meiſter Niklas der wohlbeſtallte Amtsbote des Ortes mit hochwichtiger Miene, und vom Bogenfenſter des Hausaltanes ſchallte es wie aus einem Bienen⸗ ſchwarme nieder, während am Altane ſelbſt zwei Trompeter und ein krummer Paukenſchläger ſtanden, * 113 die mit leiſen Klängen ihre Inſtrumente probirten, um im rechten Augenblicke einen gewaltigen Tuſch auf den Vorplatz des Hauſes hinab zu ſchmettern, wo ſich die ehrſamen Bürger und Inſaſſen Rathe⸗ nows im bunten Haufen herumtrieben, als ob heute ein gebotener Feiertag in Rathenow ſei. Der war auch, zwar kein kirchlich gebotener, wie ſie roth bezeichnet im Kalender prangen, ſondern ein amtlicher; oben im Amtshauſe tagte nämlich der ehrſame und wohlweiſe Magiſtrat des Städtchens zur Wahl eines neuen Bürgermeiſters, denn der alte, ein Meiſter der ehrſamen Schneidergilde war vor drei Tagen nach trefflich geführtem fünfzehnjährigen „Stadtregimente“ von den Rathsmännern Rathenows mit allen Ehren ſeiner Amtswürde zu Grabe ge⸗ tragen worden;— und als nun die knarrende Thurm⸗ uhr des Städtleins die zehnte Morgenſtunde auf den Marktplatz herabrief, da wirbelten die Pauken und ſchmetterten die Trompeten auf dem hohen Altane, und der Ober⸗Aelteſte Senator des Ratb⸗ manns⸗ Gremiums trat heraus und verkündete die Wahl des neuen Bürgermeiſters; der Gewählte, ein ehrſamer Meiſter der Tuchmacherzunft trat her⸗ vor, und verbeugte ſich, und die Menſchenmenge rannte zuſammen, und donnerte ihm ein Lebehoch, 1856 XvIII. Ein d. Schneiderlein I. 8* 114 und der nene Bürgermeiſter verſprach ein„billig und recht Regiment in der Stadt zu obſervieren, ſo lange es Gott gefällig, und in Zucht und Ehren vorzugehen nach den Handveſten gemeinſamer Stadt und Vorſtadt, auf daß männiglich mit ihm zufrieden ſei und einſt ſein Andenken geſegnet werde, wie das ſeines vor drei Tagen verblichenen Vorfahrers.“ Die Trompeten ſchallten wieder, und die Hin⸗ tertreppe des Hauſes hinab ſchlich Meiſter Niklas der Amtsbote, um ſchleunigſtens“ das Transparent zu beſorgen, in welchem am Abende der hochverehrte Taufname des neuen Stabtvorſtandes„Auguſtinus“ in roth flammenden Lettern prangen ſollte. Jetzt trat der neu und wohlbeſtallte Herr Bür⸗ germeiſter mit Mantel und Mütze aus dem Amts⸗ hauſe auf den Altan und zeigte ſich den Bewohnern ſeines Städtchens, die bei der Verheißung,„daß drei Fäßchen Moslerwein zu ihrer Bewirthung im Hofe des Amtshauſes angezapft würden,“ den edel geſtrengen Herrn Bürgermeiſter auch dreimal hoch leben ließen. Im Seitenflügel des Amtshauſes war aber in einem großen Ovale eine gewaltige Feſttafel für die Rathsmänner und Geſchwornen des Stadtſenates aufgerichtet; blank geſcheuerte Zinnteller und Silber⸗ 115 ſervice lagen auf der langen mit einem feinen das Gemälde der Stadt Venedig enthaltenden Tiſchtuche bedeckten Tafel; lange mit blautſammtnen Polſtern bedeckte Lehnſeſſel ſtanden herum. Große Blumen⸗ ſträuße in weißen Alabaſtervaſen, und ein Porzellan⸗ Aufſat, Adam und Eva im Paradieſe darſtellend, prangten zwiſchen den gewaltigen zinnernen Salzge⸗ fäßen und Pfefferbüchſen. Von den mit aſiatiſchen Palmen, Kokosbäumen und Affen bemalten Wänden des Saales blickten der Reihe nach die Bildniſſe jener Bürgermeiſter und Aelteſten der Stadt in ihren dunklen Amtskleidern herab, die man, wie der Amts⸗ bote Niklas ſich auszudrücken pflegte,„des Auf⸗ hängens würdig erachtet hatte.“ Das ganze Hausgeſinde des Herrn Bürger⸗ meiſters, über welches deſſen wohlbeleibte Ehehälfte Frau Lukretia das vieljährige Szepter füͤhrte, war auf den Beinen, und wie in einem Bienenſchwarme wogte es ſeit der zehnten Morgenſtunde, wo die Wahl des neuen Bürgermeiſters verkündet worden war, im Hauſe auf und nieder, denn der auf ſeine Erwählung bereits ziemlich vorbereitete Herr Bürgermeiſter hatte ſchon am Vortage im Stillen jene Anwendungen getroffen, die mit dem erſten Klange der ſeinen 8 * 116 Namen, als neues Stadthaupt, verkündenden Trom⸗ pete ins Werk geſetzt werden müßten. Vom gewaltigen Amtseifer ergriffen, konnte er jedoch die Aufhebung der um drei Uhr Nachmittags anberaumten Feſttafel nicht abwarten, ſondern begab ſich in den Schöppenſaal, wo der Stadtſchreiber Wendelin und Rathsdiener Nitlas mit tiefen Bück lingen den neuen Conſul und Dictator von Rathe⸗ now empfingen.— Erſterer referirte auch ſogleich als erſte Amts⸗ handlung dem neuen primator loci,„daß ſich in der Herberge zum goldenen Löwen ein hochedler Ge⸗ neral oder gar Feldmarſchall vom königlichen ſchwe diſchen Generalſtabe mit ſeinem Reitknecht einge⸗ miethet habe, der erſt des Morgens mit ſcharfem Ritte angelangt, und des Willens ſei, einige Tage in Rathenow zu verweilen. Sein Rappe ſei nach dem Urtheile des Wirthes eines der edelſten Thiere aus den holſteiner Marſtällen, die man jemals in Rathenow geſehen habe, und der Mantelſack des Reiſenden ſei nicht minder durch den wahrſcheinlich goldenen Inhalt bemerkbar, der dem Taſtfinne des ihn in die Oberſtube der Herberge tragenden Gaſt⸗ . hausknechtes darin fühlbar war.“ Die Ankunft eines ſo hohen Reiſenden im Städt⸗ 107 chen Rathenow, wat ſo zu ſagen ein Ereigniß daſelbſt. Der neue Conſul zog daher ſeine Stirne in gezie⸗ mende Falten, und dachte, den Zeigefinger am Munde nach, was dieſer Aufenthalt des Fremden wohl für einen Zweck haben könne. „Ganz merkwürdig,“ referirte der Stadtſchreiber weiter,„iſt jedoch der Umſtand, daß vor kaum einer Viertelſtunde ein reitender Bote vom Schloſſe Gu⸗ ſow anlangte, der ſich in den zwei Gaſthäuſern des Ortes, beim Löwen und Lamm, wovon der erſtere, wie dem geſtrengen Herrn Bürgermeiſter wohl be⸗ kannt, ſchon längſt gern das zweite verſchlingen möchte, im Namen des Gutsbeſitzers, Herrn Joachim von Schaplow, dringend um die angebliche Anweſenheit eines ſchwediſchen Generals erkundigte, auch nach der erhaltenen Nachricht der wirklichen Anweſenheit des genannten Generals im Galopp nach Guſow zurückſprengte, und maſſen froh, ſeinem Herrn eine befriedigende Botſchaft bringen zu können.“ Der Herr Bürgermeiſter ſchüttelte hier bedenk⸗ lich ſein Haupt, und meinte,„der Fall ſei ein casus obliquus und der räthſelhafte fremde General jeden⸗ falls ob ſeiner Abſichten und ſeines Beginnens im Weichbilde des Städtleins einer ſtrengen Beobachtung zu unterziehen; ganz beſonders ſei aber dafür zu * 118 ſorgen, daß er nicht heimlich im Orte herumſchleiche, um etwa, wie in dieſen Tagen der herrſchenden Kriegsfuria ſo häufig geſchehe, die morſchen Stadt⸗ wälle und Thore abzuzeichnen und brevi manu an den Feind zu verrathen;— denn,“ ſchloß der Herr Bürgermeiſter ſeine Rede,„hätte der Mann ehrliches im Sinne, ſo würde er ſich bei mir, dem erwählten Primator und Zügelführer der ſtädtiſchen Regierung ſelbſt melden, und um die Aufenthaltspermiſſion bitten“.. Da klopfte es an der Thür des Schöppenzim⸗ mers, und ohne das herein abzuwarten, trat der Reitknecht des fraglichen Generals in die Stube, und fragte um den Herrn Bürgermeiſter, dem er zu deſſen großen Erſtaunen„geneigten Gruß und Hand⸗ ſchlag ſeines Herrn, des eben angekommenen ſchwe diſchen Generals,„Vorwärts!“ entbot, der den Herrn Bürgermeiſter zu ſprechen, und ihm ein abſon⸗ derlich Anliegen vorzutragen habe. Der Herr Bürgermeiſter ſtand ganz verblüfft, und wußte anfangs nicht, was er erwiedern ſollte; der vermeintliche Herr„Spion' ließ ſich ſelbſt an⸗ kündigen!!— das war zu viel. Aber bald faßte ſich der Conſul von Rathenow.„Er müſſe erſt ſehen,“ ſagte er zum Reitknechte,„ob der Herr Qua⸗ * 5 119 General, auch ein wirklicher General, und nichts Anders ſei— in dieſen Zeiten handtire„allerhand Geſindel“ im Lande, und— kurzum, er würde vor⸗ erſt den Rathsdiener in die Löwen Herberge ſchicken, um ſich über die Perſon des neuen Gaſtes Gewiß⸗ heit zu verſchaffen— dann könne ſich der Herr Qua⸗ General im Rathhauſe einfinden, wo der Primator urbis immer nur mit Perſonen ganz unzweifelhaften Charakters zu tractiren gewohnt ſei...“ Der Reitknecht verſtand den kurzen Sinn der langen Rede nicht, nahm ſich aber ſo viel davon heraus: daß ſein Herr eben nicht willkommen im Rathszimmer des Conſuls von Rathenow ſei. „Werd's meinem Herrn rapportiren,“ ſagte er kurz, machte rechts um, und verließ die Stube. Bald ſtand er in der Herberge zum goldenen Löwen, um ſeinem Herrn zu rapportiren. Aber dort war es mittlerweile lebhaft geworden. Ein Jagd⸗Wagen und zwei Handpferde hielten vor der Hausthür, ein ſtattlicher Mann im grünen Jagdkleide ſtürzte die Treppe herauf. „Wo iſt mein Freund Derfflinger!“ rief er, die Thüre ſprang auf. „Freund Schaplow,“ rief der General⸗Major dem Frager in die Arme 120 Eine herzliche Umarmung folgte, eine Umar⸗ mung, wie von zwei Waffenbrüdern, die zum Aus⸗ gangspunkt ihrer Freundſchaft das Schlachtfeld, und ſich nun lange Jahre nicht geſehen hatten. „Zehn Jahre ſind vorübergegangen,“ rief der Herr von Schaplow,„daß wir uns nicht ſahen— Mann! Dich hat das Kriegshandwerk ſtark und markig gemacht; was iſt aus Dir für ein prächtiger Reitergeneral geworden! mich aber triffſt Du als Invaliden, ſchon nach der Affaire bei Lützen, wo der König von Schweden den Boden küßte, ging es mit meinem von einer kaiſerlichen Musketenkugel ge⸗ lähmten Fuße da nicht mehr recht, und ſeit ſieben Jahren ſitze ich als Invalide auf meinem Schloſſe Guſow, und bin im Geiſte Deinen Ritterzügen nach Schweden und in Deutſchland gefolgt, ſo weit die Fama ſie auf mein Waldſchloß trug— und nun, Du ſtolzer Burſche, ſtehſt Du auf churmärkiſchem Grunde, und gehſt an dem Ritterſitze Deines alten Waffengenoſſen vorüber, als ob Du ihm nie auf dem Schlachtfelde ein Quintchen Pulver gereicht hät⸗ teſt— Derfflinger! Soll mich das nicht wurmen bis in den Kern meiner Seele?—“ „Ja ſieh, Bruder,“ ſagte Derfflinger, ſeine Hand in die des Herrn von Schaplow legend, ſich entſchul⸗ 121 digend;„Fja ſieh, ich kam eigentlich in die Mark, um Dich zu ſehen, Dir wieder einmal einen herzlichen Bruderkuß zu geben, und Dich zu fragen, ob Du über den Aufenthalt meines Vaters, dem ich neun Jahre lang nachforſche, noch nichts herausgebracht habeſt, wie ich Dich bei unſerm Scheiden bat.“ „Keine Spur von ihm,“ ſagte von Schaplow traurig. „Und da,“ ſagte Derfflinger zögernd und mit gepreßter Stimme hinzu,„da traf ich wieder Deine—“ „Schweſter, das ehr- und tugendſame aber noch immer waghalſige Fräulein Margarethe Tugendreich von Schaplow,“ ſiel ihm der Herr auf Guſow in die Rede;„o, ich weiß ſchon Alles; Du haſt die Unver⸗ beſſerliche abermals aus einer ſelbſt hervorgerufenen Gefahr gerettet; o hundertmal ſtellte ich ihr vor, daß Manneswerk nicht Weibeswerk ſei, daß nicht der Kampf mit den Bären und Luchſen meiner Forſte, ſondern die Spinde und der Webſtuhl das Geſchäft eines adeligen Ritterfräuleins unſerer Tage ſei;— das Mädchen iſt ſeit Du ſie aus dem Kugelbereiche von Lützen trugſt, um zehn Jahre älter, aber um kein Haar vernünftiger geworden;— noch immer hetzt ſie die Wölfe in unſern markiſchen Wäldern und die Bewerber der geſammten adeligen Nachbar⸗ * 122 ſchaft aus der Kurmark, die zu ihren Füßen ſchwär⸗ men, in gleicher Weiſe.— Nun ich hoffe, der end⸗ liche Eheſtand, dem ſie ſchon gewaltig entgegenreift, da ſie bald das ſieben und zwanzigſte Lebensjahr zählt, wird ſie kirre machen.“ „Der Eheſtand?“ fragte Derfflinger und eine unwiltkürliche Röthe der Ueberraſchung flammte auf ſeinem Antlitze. „Ja,“ fuhr der Herr auf Guſow fort,„und ich wehre daher auch keinem der jungen und alten Werber um ihre Hand die Gaſtfreundſchaft auf meinem Schloſſe; nun, das Fräulein wird eine eben nicht ſchlechte Partie für unſern Gau; Du weißt, ich habe mich auf den Schlachtfeldern tüchtig yerumgetummelt, und mit meinen Karabinieren auch gute Priſe gemacht;— da habe ich nun außer meinem Ritterſitze Guſow auch die Schlöſſer Walkow, Kerkow, Hernsdorf, Theren und Kraneichen in der Kurmark, Schildberg in der Neumark, und Quitemen, nebſt den dazu gehörigen Dörfern im Preußiſchen an⸗ gekauft; nur das Indigenat für Letzteres will man mir nicht zugeſtehen, weil ich ein Ausländer bin.— Da ich Hageſtolz, und nun ſchon ein Sechziger bin, ferner außer meiner lieben mir vielen Verdruß ma⸗ chenden Schweſter weder Mann noch Maus in meiner 123 Familie zähle, ſo ſoll Margaretha alle, oder doch die Mehrzahl meiner Güter als Mitgift erhalten; ſieh', das lockt denn auch die Freier aus allen Him⸗ melsgegenden ſo herbei, daß mein Guſow nie leer von Gäſten iſt; und einen, den Du wohl ſchon aus unſerm Lagerleben kennſt, wo er ſich zu einem gemeinen Kundſchafter hergab,— bei dieſen Worten zuckte Derff⸗ linger in der Erinnerung an ſeine Siebenbürger Sen⸗ dung unwillkürlich auf— haſt Du ohnedies im Walde an der Seite meiner Schweſter getroffen, wo er, wie mir das ungerathene Kind lachend erzählte, raſch Reißaus nahm, als die Bache auf ſie los⸗ ſtürzte, um ſein köſtliches Fell zu ſalviren.“ „Ach! der Franzoſe!“ ſagte Derfflinger lachend, „nun, der duftende Junge wird Deiner Schweſter doch nicht gefährlich werden.“ „Nein,“ entgegnete gleichfalls auflachend von Schaplow;„ſie benützt ihn wie einen Diener und Reitknecht auf ihren Jagdzügen, und der girrende Seladon läßt ſich jede noch ſo arge Behandlung ge⸗ fallen, weil ihm die Augen nach meinen Rittergütern lüſtern ſtehn; er hat ſich gleichfalls in der Nähe ein kleines Landhaus angekauft, das er, ſo weit ſeine ſchmale Spaarbüchſe es erlaubte, ausbezahlte, obwohl er noch mehr als die Hälfte darauf ſchuldig * 124 geblieben iſt.— Nun, Du weißt, in dieſen Geld⸗ und Menſchenarmen Zeiten gehen die Landgüter um ein Spottgeld her für den, der ſie haben und cultiviren will.—— Nun aber,“ fuhr der Herr von Schaplow fort,„wirſt Du auch einen andern alten Waffenbruder bei mir finden, der erſt ſeit Kur⸗ zem bei uns weilt, um ſich von ſeinen Wunden, die er bei Halle erlitt, zu erholen, und der uns nicht genug von Dir und Deinen Waffenthaten erzählen konnte; wie Du mit ihm als ehrwürdiger Baarfüßer verkleidet über die Karpathen nach Transſilvanien zogeſt, und, ſtatt wie er mit dem Rakoczy zu trac⸗ tiren, bald den ganzen Zweck der Geſandtſchaft durch Deine derben Aeußerungen über die Nutzloſigkeit und Rechtswidrigkeit dieſes Geſchäftes verdorben hätteſt, das Du als einen Verrath gegen Deinen früheren Landesherrn, den Kaiſer bezeichneteſt.“ „Nun ja,“ entgegnete Derfflinger,„ich hatte mich übereilt, als ich mich zum Unterhändler mit dieſem Rakoczy gebrauchen ließ, und der Erfolg hat gezeigt, daß mit dieſem Fuchsſchwänzer, der bald den Tuͤrken, bald dem Kaiſer ſchmeichelte, kein redlicher Pact abzuſchließen war.“ „Alſo den Plattenberg meinſt Du— iſt der auf Guſow?“ 125 „Ja,“ entgegnete von Schaplow,„er weilt auf meinem Schloſſe, kaufte ſich eine kleine Beſitzung in der Nähe an, die er ausbaut, und nach ſeinem Na⸗ men Plattow nennt— er iſt es, der mit aufrichti⸗ ger Geſinnung und rechter uneigennütziger Mannes⸗ liebe um die Hand meiner Schweſter wirbt.“ „Plattenberg?!“ rief Derfflinger, und aberma ls fuhr eine hohe Röthe über ſein männlich ſchönes Geſicht. „Ja, Plattenberg,“ fuhr der Herr auf Guſow fort,„Plattenberg, den ich allen Andern vorziehen und mit Frenden an der Seite meiner Schweſter ſehen möchte, denn ſein Herz iſt, wie ich erkannt habe, ein wahrhaft mannhaftes, edles und treues; nicht meine Rittergüter locken ihn; dieſe würde er unbedingt zurückweiſen— aber er liebt meine Schweſter mit allem Feuer reinſter Liebe.“ „Und ſie?“— fragte Derfflinger heftig.— „Sie ſcheint ihm wohlzuwollen,“ antwortete von Schaplow;„oft ruht ihr Auge freundlich auf ſeinen ſanften ſchönen Zügen, oft reicht ſie ihm die feine Hand, und zeichnet ihn vor allen Andern ihrer Mitbewerber aus; aber, täuſcht mich meine Menſchenkenntniß nicht, ſo iſt dies nicht Liebe, ſon⸗ dern Mitleiden... und ſo bleibt mir das Herz X 126 meiner Schweſter ein fortwährendes Räthſel, und wenn nicht ein fremder Gegenſtand es iſt, nach dem ihre Sehnſucht ſteht, ſo möchte ich ſie mit der eiſernen Jungfrau unſerer Gerichtsſtube vergleichen, die nur geſchaffen iſt, den Dolch in fremde Herzen zu jagen, ſelbſt aber ohne Gefuͤhl und Leben bleibt.“ In dieſem Augenblicke wurde es auf der Treppe laut, die Thüre flog auf, und Freund Plattenberg lag in Derfflinger's weit geöffneten Armen „O ſei mir gegrüßt,“ rief Plattenberg,„Du wie⸗ dergefundener ehrlicher Waffenbruder; ſiehe, der Him⸗ mel hat unſere Fahrten wieder zuſammengeführt, auf daß wir uns eine Zeit lang freuen können in Ruhe und außer dem Bereiche des Schlachtgetüm⸗ mels, wo wir uns jeder ein tüchtig Paar Narben geholt haben, wie ich an Deiner hohen Stirne ſehe, Du lieber, lieber guter Zelt⸗ und Waffenbruder!“ Und die alten Waffenbrüder hielten einander umſchlungen, und theilten ſich ihre Erlebniſſe mit, ſeit ſie ſich nach der Rückkehr aus Siebenbürgen getrennt hatten, und Plattenberg in Torſtenſon's Heerlager geblieben, Derfflinger aber über die Oſtſee nach Schwe⸗ den gegangen war.— Jetzt knarrte die geſchnörkelte Eichenthür wieder in ihren Angeln, und von dem Franzoſen Bournon⸗ —— 2 ville mit wahrhafter Diener-Submiſſion geleitet, trat das zur vollendeten Schönheit aufgeblühte herr⸗ liche Fräulein Margaretha Tugendreich von Schaplow ins Zimmer. Der erſte Blick ihres großen ſchönen Auges be⸗ gegnete Derfflinger; ſie ſchlug es diesmal zu Bo⸗ den; die feurige, keine Schranke ihres übermüthi⸗ gen Stolzes kennende Diana ſchien in dem feſten männlichen Kriegsmanne aus dem ſchwediſchen Lager allerdings ihren Sieger gefunden zu haben—... Stumm ſtand ſie da, und ließ ſich von ihrem Bru⸗ der, dem Freiherrn von Schaplow, auf deſſen drin⸗ gendes Begehren ſie hieher gekommen war, um den lieben Gaſt mit hausfräulicher Anmuth nach Guſow einzuladen, dem General⸗Major vorſtellen.— Derfflinger verneigte ſich, und lange haftete ſein glühender Blick an der ſo herrlich entfalteten Blume, die ſeit jener Zeit, wo er das Fräulein zum erſtenmal auf den Feldern bei Lützen geſehen hatte, zur üppigſten Centifolie aufgeblüht war. Wahrhaft eine Königin der Schönheit, eine dem Meere entſtiegene Anadyomene ſtand Margaretha von Schaplow im Kreiſe der Männer. Ihr ſeidenes Lockenhaar zierte ein Diadem von Brillanten, unter dem enganſchließenden dunkelblauen Kleide hob ſich * gleich einem blendenden Schneehügel der jungfräu⸗ liche Buſen, ein perlengeſtickter Gürtel umfing die ſchlanke Geſtalt, die fein gebogene Naſe und das reizende kuhne Lächeln, welches auf ihren feinen blühenden Lippen fortwährend ſchwebte, gab ihrem ſchönen Antlitze das Gepräge jener Anmuth, welche wir an den antiken Meiſterwerken Hellas ſo ſehr bewundern.— Größer als die Schönheit dieſer Huldin war aber ihr Stolz. „Mein Bruder wünſcht Eure Gegenwart auf ſeinem Schloſſe,“ ſagte ſie ohne alle Wärme im ge⸗ wöhnlichen Tone der höſlichen Einladung, gegen Derfflinger ſich verneigend,„und ich vereinige meine Bitten mit den ſeinigen. Seid unſer Gaſt, auf daß ich Euch für den neuerlichen Ritterdienſt danken mag, den Ihr mir erwieſet, indem Ihr meine flüchtige Schecke aufhieltet, da ſie mit mir ausriß— aber,“ ſetzte ſie hinzu;„das Thier ſoll mir's büßen, eine Kugel vor ſeinen Kopf!.... Derfflinger lächelte. „Eure Schecke, edles Fräulein,“ ſagte er,„fühlte, obgleich ſie ein unvernünftiges Thier iſt, richtiger als Ihr, daß eine Dame nicht in das Bereich der Wild⸗Jagd gehört, und that ganz wohl daran, mit Euch zu wenden, als es noch an der Zeit geweſen 129 ſein mochte; laßt darum das Thier am Leben, ſonſt müßte ich billig Bedenken tragen, in ein Schloß ein⸗ zutreten, wo ſchon die zarte Frauenhand die Todes⸗ geſchoße handhabt, die nur des Mannes ſind.... Das Fräulein nahm ſchweigend die Pille hin— aber hohe Röthe flammte auf ihrem Geſichte. Jetzt aber ſchlug Derfflinger in die dargebotene Rechte ſeines Freundes Schaplow treuherzig ein, und ver⸗ ſprach ihm, ihn nach Guſow zu begleiten; nur bat er, daß ihn ſeine beiden Waffenbrüder vorerſt ins Rathhaus am Rothenow begleiten ſollten, wo er bei dem Bürgermeiſter Nachfrage halten wollte, ob auch hier keine Spur von Derfflinger's Vater, der nach den von dieſem erhaltenen Nachrichten aus Böhmen, ins Brandenburgiſche an die Havel über⸗ fiedelt ſein ſollte, zu erhalten wäre; aus dieſem Grunde hatte Derfflinger vorher ſeinen Reitknecht zum Bürgermeiſter geſandt, und ihn um eine Unter⸗ redung bitten laſſen. Von Schaplow und Plattenberg erklärten ſogleich, Derfflinger begleiten zu wollen, und dieſer bemerkte auch jetzt den Franzoſen, der während den erwähnten Geſprächen am Fenſter getrommelt hatte, und ſich jetzt Derfflinger gleichfalls vorſtellte. „Monsieur,“ ſagte er näſelnd,„unſere connais- 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II. 9* 130 Sance batirt ſich gleichfalls von Lützen, wo ich mit dabei—“ „Bei der Bagage und im Troſſe campirte,“ er⸗ gänzte Derfflinger trocken;„nun, es freut mich, Euch ohne Wunden und Narben wieder zu ſehen, Herr Franzmann,— habt Euch ſeither wohl ziemlich ferne gehalten vom Kanonendonner und Musketen⸗ knalle.“ „Toujours derſelbe!“ näſelte der Franzoſe mit einem ſüßſauern Lächeln.„Der Deutſche Bär hat noch immer Krallen,“ grollte er halblaut. Aber die Geſellſchaft brach auf, und verfügte ſich zum Amtshauſe, wo der Bürgermeiſter an einem armen Flickſchneider inzwiſchen ſein ganzes oberherr⸗ liches Anſehen geltend gemacht hatte. Der Herr Bürgermeiſter ſtieg mittlerweile die Treppe hinab, wo ihn alſogleich eine andere Amts⸗ handlung feſthielt. Der Rathsdiener Niklas hatte nämlich beim Stadtbrunnen einen achtzigjährigen Stra⸗ ßenbettler aufgegabelt, den er, um dem Herrn Bürger⸗ meiſter ſeinen Dienſteifer zu beweiſen, in unſanfter Weiſe gegen das Amtshaus trieb, obgleich der Alte mit Thränen im Auge um Schonung bat, und wiederholt aus Schwäche ſein mit einigen Kleidungs⸗ ſtücken und trockenem Brode gefülltes Bündel fallen * 131 ließ, welches ihm dann der drängende Niklas wieder in die Arme ſchob. „Immer und immer das Bettelvolk auf den Straßen“— grollte der Bürgermeiſter;„der leidige Krieg ſetzt uns noch die Bettler von ganz Deutſch⸗ land auf den Hals.— Wer ſind wir, Landsmann — woher des Weges?“ „Ein armer Flickſchneider,“ hauchte der Greis, ſich auf einen Marmorblock am Hausthore niederlaſſend. „Marſch von da!“ donnerte ihm Niklas, der Amtsbote zu.„Dieſer Rinnſtein iſt nur für den Herrn Bürgermeiſter!“ Der Arme richtete ſich an ſeinem Stabe wieder mühſam empor. „Woher kommt man? was will man hier? wohin will man? wo hat man ſeinen Lehr⸗ und Innungsbrief?“— polterte der Bürgermeiſter in einem Athem heraus. „Ach Herr,“ ſagte der Alte traurig,„weit, weit bin ich gewandert durch Deutſchland und ſeit lange auch in der Kurmark, wie der ewige Jude, heimatlos und verlaſſen, und Niemand reicht mir einen Pfennig, um mir den Weg in meine Heimat oder nach Deutſchland hinab zu ebnen, wo ich viel⸗ 9 * 132 leicht mein Haupt ruhig zu Grabe legen, oder den finden konnte, den ich ſuche.“ „Teufelspack! Henſchreckengezücht!“ polterte hier der Bürgermeiſter.„Wenn wir alle Arme, die der leidige Krieg aus Deutſchland in die Mark ſendet, aus unſern Gemeindeſpeichern ätzen wollten, ſo könnten wir gleich ſelbſt den Bettelſack auf den Rücken und den Stab in die Hand nehmen.“ „Beruhigt Euch, Herr,“ bat der Arme,„ich will Euch ja hier nicht zur Laſt fallen, und heiſche nur ein Stück Brod und einen Trunk Wein, um wieder weiter hinken zu können, wenn Ihr mir den Feldſcheer Eures Ortes für meinen kranken Fuß nicht vergönnen wollt.“ „Wein?!— he, Wein! will der Alte!“ ſchrie der Bürgermeiſter, ſeine beiden feiſten Hände in den breiten Unterleib ſtemmend;„ja Gänſewein dort in der Lacken, und dann marſch, vorwärts, alter Tagedieb; unſere gute Stadt— die übrigens kein Ort iſt, wie der Bettellump ſich auszudrücken die Frechheit hat, hat des armen Geſindels genug, darum fort Graukopf!“ „Laßt doch einen armen Mann ein wenig auf dieſem Eckſtein ausruhen,“ bat der Alte,„ich ver⸗ lange ja nichts mehr von Euch.“ * 133 „Nichts da, marſch! vorwärts! Niklas treibe den alten Burſchen aus dem Thore!“ befahl der Bürgermeiſter. „Herr!“ ſagte der Alte, indem er ſich an ſeinem Stabe emporrichtete, und dicke Thränen aus ſeinem Auge rollten;„es ſteht geſchrieben: ehre das Alter, denn Du kannſt auch alt werden, und Ihr thut mir armen Greiſe ſo unendlich wehe!“ In dieſem Augenblicke aber bogen General⸗Major Derfflinger, von Schaplow, Plattenberg und der Franzoſe um die Ecke, das Fräulein hing ſchweigend und bleich am Arme ihres Bruders. Sie hatten die letzten Worte des Bürgermeiſters vernommen, der, als er die ſtattlichen Officiere und das ſchöne Fräulein wahrnahm, ſein Baret zum Gruße lüftete. „Wer iſt der Mann?“ fragte von Schaplow den Bürgermeiſter. „Ein Bettellump, wie ſie jetzt zu Tauſenden auf den Landſtraßen herumlaufen,“ entgegnete der Bürgermeiſter,„ich will ihn eben vor das Stadtthor ſetzen laſſen, daß er die ehrſame Gemeinde und die uns etwa beſuchende adelige Ritterſchaft nicht weiter moleſtire.“ Aber Derfflinger's Auge haftete jetzt mit einer 134 Gluth auf dem Alten, als wollte er ihn verſchlingen; das urkräftige allem Rechten entgegenſchlagende Herz und das alles Unrecht tief verachtende Gemüth des Oeſterreichers war durch das rauhe Benehmen des Bürgermeiſters gegen den Bettler tief empört. Der Reitergeneral kannte keine Schonung, wo ſein gerechter Zorn aufloderte. „Der Teufel hole einen ſolchen Bürgermeiſter,“ rief er,„der die Armuth von ſeiner Schwelle weiſt. Alſogleich mit dem Manne ins Haus, und eine warme Suppe und ein Glas Wein für ihn!“ „Was?— Schimpf und Schande ſoll ich vor meinem eigenen Hauſe ertragen,“ rief der dicke Bür⸗ germeiſter gereizt—„und wegen eines Bettlers;— auf, Niklas, wirf den alten Landſtreicher aus dem Thore,“ herrſchte er dem Rathsdiener zu.— „Herr, laßt Euch bedeuten,“ mahnte von Schap⸗ low beſänftigend. „Der Alte bleibt!“ rief Derfflinger dazwiſchen tretend— „Der Alte geht!“ ſchrie der Bürgermeiſter.— „Nein!“ ſchrie Derfflinger dagegen. Der Blick des armen Alten haftete jetzt wie brennend am benarbten Antlitze Derfflinger's; er be⸗ * 135 gann am ganzen Leibe zu zittern, als überfiele ihn das kalte Fieber.— „Wißt Ihr, wer ich bin,“ kreiſchte der Bürger⸗ meiſter—„ich bin der wohlerwählte Consul loci—“ „Und ich Hanns Georg Derfflinger, der geweſte General⸗Major der Königin von Schweden“— rief Derfflinger. „Herr Gott in Deinen Höhen!“ ſchrie hier der arme Flickſchneider, wie ohnmächtig zuſammenbrechend. Der Bürgermeiſter ſtand leichenblaß wie eine Wand vor dem General⸗Major—„Der Derfflin⸗ ger!“ hauchte er; und ſeine zitternde Hand faßte den Kopf des ſteinernen Engels am Treppengeländer des Rathhauſes. Jetzt beugte ſich Hanns Georg Derfflinger, der Reitergeneral über den Armen, dem er zu Hilfe eilte.— Dieſer ſchlug die matten Augen auf.„Hanns Georg, mein Sohn!“ rief er....„das Vater⸗ auge hat Dich gleich erkannt.... 4 Jetzt blitzte Derfflinger's Ange auf die Züge des Alten— „Vater!“ rief er, zu deſſen Füßen ſtürzend, „ja! ja! bei Gott! Du biſt es! v mein Vater, mein guter lieber treuer Vater, ſo habe ich Dich wieder, * 136 Du mein Ein und mein Alles auf Gottes weiter Erde!“ Und er bedeckte die Hand des alten Flickſchnei⸗ ders mit brennenden Küſſen, und dicke Thränen rollten über die benarbten Wangen des Reitergene⸗ rals, der da weinte wie ein Kind vor Freude und Schmerz, vor Entzücken und Jammer, als ob ihm der heilige Engel des Herrn den Weihnachtsbaum ſeiner Jugend wieder gebracht hätte, den er im Treiben des kalten Lebens lange vermißte. Und der Alte weinte an der Bruſt ſeines wie⸗ dergefundenen Sohnes, und Freund Schaplow und Freund Plattenberg ſtanden mit naſſen Augen um den Alten und ſeinen Sohn und— einen Thränen⸗ ſtrom aus den lieblichen Augenſternen vergießend, ſank Margaretha das Fräulein von Schaplow an die Seite des Greiſes hin, preßte ſeine Hand an ihren Buſen und gebrochen war in dieſem ſchönen Augenblicke aller Stolz der adeligen Jungfrau, denn ſie hatte geſehen bas ſtrahlende Bild der Sohnes⸗ liebe, die am Herzen des wiedergefundenen Vaters eine Frendenthräne weinte, welche der ſtrahlende Bote Gottes als Himmelsperle zum Sternenthrone der ewigen Freude trug.. Ein ſtrahlender Blick aus dem Auge der ſchönen * 137 Jungfrau haftete jetzt auf dem treuen Sohne. Derff⸗ linger blickte auf— er ſah die letzten Thränen im Auge Margarethens zittern, er hatte ſie weinen ge⸗ ſehen, weinen anf die Hand ſeines Vaters.. es war der erſte ſchöne Augenblick, wo er einen Blick in dieſes ſtolze ſchöne Herz gethan—— vor ſeinem Auge dämmerte es ſeine Pulſe ſie⸗ berten... das Iſisbild ſtand entſchleiert vor ſeiner Seele wie eine Acolsharfe tönte es in ſeinem Herzen wieder.... Leichenblaß ſtand der Bürgermeiſter von Rathe⸗ now im Kreiſe der nun ängſtlich um den Alten be⸗ ſchäftigten Männer;— kaum daß er ſein Auge zu Derfflinger emporzuſchlagen vermochte. Derfflinger ſchloß jetzt ſeinen armen kranken Vater in ſeine Arme und trug ihn, obwohl der Alte von ziemlich großem und robuſtem Körperbau war, mit der Kraft der Sohnesliebe allein und raſch in die Unterſtube des Bürgermeiſterhauſes, wo bereits die Rathsſchöppen von Rathenow zum fröhlichen Bürgermeiſtermahle verſammelt waren, und männig⸗ lich erſchracken, als ihnen ein ſo ſeltſamer Gaſt auf den hohen gepolſterten Großovaterſtuhl am obern Ende der Tafel gepflanzt wurde. Eine förmliche Aufregung durchlief den Speiſe⸗ * 138 ſaal, und Alles blickte nach dem Bürgermeiſter, der jetzt kleinlaut, und mit ſeltſam verzogener ſüßſaurer Miene neben Derfflinger ſtand, und ſtatt ſein ober⸗ herrliches Anſehen als Stadt⸗Conſul geltend zu ma⸗ chen, noch immer kein Wort hervorbringen konnte. Rührend aber war die Sorgfalt, mit welcher das ſchöne Fräulein von Schaplow um den Alten bemüht war, ihm von dem auf der Tafel bereit ſtehenden Weine einträufelte, ſeine Stirne mit ihrem waſſergetränkten Tuche trocknete und hundert freund⸗ liche Worte an ihn richtete, ſie, die ſtolze Spröde, deren Worte ſonſt nur Gnadengeſchenke an ihre Um⸗ gebung waren. Nachdem der Alte ſich vollends erholt hatte, und im Arme ſeines Sohnes lag, fand es Derfflin⸗ ger angemeſſen, in ritterlicher Weiſe die Störung zu entſchuldigen, welche der Vorfall im Schöppen⸗ hauſe gemacht hatte. Die anweſenden Schöppen verneigten ſich, und verſicherten, daß es ihnen angenehm ſein würde, wenn der Herr General, und deſſen hochgeehrte Sipp⸗ ſchaft an dem Mahle Theil nehmen wollten.— Derfflinger und von Schaplow aber erklärten, nach Guſow zurückkehren zu wollen, wo der Haus⸗ medicus des Herrn von Guſow dem alten Derfflinger, * 139 der ſo ſehr der Ruhe bedürftig war, Hilfe leiſten ſollte. „Aber einen ehrlichen deutſchen Zutrunk auf das Wohl unſeres neu erwählten Herrn Bürger⸗ meiſters werdet Ihr uns doch nicht verſagen, edle und ritterliche Herren,“ rief der Aelteſte der Rathsmänner des Städtchens, ein ſtattlicher Obermeiſter der Flei⸗ ſchergilde, indem er zum Tiſche ging, und ein Paar der feingeſchliffenen Gläſer mit den eingeprägten ſchönen Sinnſprüchen aus der rieſenhaften Weinflaſche voll⸗ goß;— dabei winkte er dem Rathsdiener, und das Nebengemach des Saales, deſſen Fenſterläden her⸗ metiſch verſchloſſen waren, um ein wahres Nachtdun⸗ kel darin hervorzubringen, öffnete ſich, und im feuer⸗ rothen Transparente glühte in der dunklen Kammer der lorbeerbekränzte Name des neu erwählten Bür⸗ germeiſters auch Oberälteſten und Stadt⸗ Conſuls von Rathenow. Gleichzeitig rief der Obermeiſter der Fleiſcher⸗ gilde, indem er ſein Glas ſchier bis an die mit der bibliſchen Scene des bethlehemitiſchen Kindermordes bemalte niedere Decke des Saales emporhob:„Hoch lebe unſer neu erwählter Herr Buͤrgermeiſter, der ehrſame und wohlweiſe Auguſtinus Foſter!“ Dieſer hielt ſich leichenblaß an der Lehne eines * 140 Seſſels, und ſein Ange haftete ſtarr auf Derfflin⸗ ger's Zügen.— „Auguſtin Foſter!“ rief Derfflinger—„Hol mich der.. Du— Ihr— Herr Bürgermeiſter— ei, ſeid Ihr wirklich der, den ich meine—“ Der arme Bürgermeiſter ſchlug ſein Auge zu Boden.— „Und ſaßen wir beide wirklich zuſammen auf dem Schneiderbänklein in Prag, und war't Ihr es, der bei Leitmeritz das Ferſengeld nahm, als ich mich zu den blauen Dragonern anwerben ließ?.. „Fi donc!“ lispelte hier der Franzoſe Bour⸗ nonville, der bisher theilnamslos der Scene zugeſe⸗ hen hatte;„toujours tailleurs— hockt doch heute die ganze deutſche Schneiderzunft auf unſern Fer⸗ ſen; helas! friſche Luft thut von Nöthen;“— und er verließ das Zimmer ſich mit ſeinem Tuche Luft zuwehend. Der Herr Bürgermeiſter Auguſtinus Foſter aber nickte auf Derfflinger's Frage leiſe mit dem Kopfe, und als er jetzt in des General⸗Majors treuherziges Ange blickte, faßte er ſich.„O nichts für ungut,“ bat er demuthig und ſchier zitternd,„und laßt es mir nicht entgelten, Herr Generaliſſimus, daß ich heute—“ * 141 „Was Generaliſſimus,“ rief Derfflinger;„Du biſt mein alter Nadelgenoſſe Auguſtin, und ich Dein Freund Georg, und was die Zeit dazwiſchen gelegt hat, das hat der da droben in ſeinem Himmel gemacht, — und Du ſiehſt nun, daß ich kein Lumpenhun d, wie Du mir auf der Strohſchütte in Leitmeritz pro⸗ phezeit hatteſt, ſondern ein ehrlicher Reitergeneral geworden bin— und darum dutze jetzt, alter Schnei⸗ dergeſelle, Deinen Kameraden, den Schneidergeſellen Hans Georg Derfflinger aus Oberöſterreich, wie einſt auf den böhmiſchen Fluren,— aber Burſche, daß Du mir meinen Vater, meinen armen alten Va⸗ ter von der Thüre wieſeſt, das ſollte ich Dir mit meiner eiſernen Elle auf Deinem Rücken da einträn⸗ ken, daß Du zeitlebens daran denken ſollteſt.“— „Ich erkannte ihn nicht mehr,“ entſchuldigte Foſter—„und mein Weib—“ „Was Weib,“ grollte Derfflinger,„Adam hat ſich auch auf die Eva ausgeredet, als er den Apfel ver⸗ ſchluckt hatte, pfui Auguſtin, einen blutarmen alten preßhaften Wanderer hätteſt Du nie von Deiner Schwelle weiſen ſollen, am allerwenigſten heute an Deinem Amts⸗Ehrentage; hat Dir der Herr zehn⸗ tauſend Pfund gegeben, warum willſt Du dem Bru⸗ der hundert Pfennige nicht ſchenken?“ 142 „Vergieb!“ ſtammelte Auguſtin Foſter. „Tuſch!“ rief Derfflinger jetzt den neugierigen Tafelmuſikern des Ortes zu, die ſich im Hinter⸗ grunde der Stube mit Trompeten und Pauken für die feierlichen Toaſte geſammelt hatten, und ihre Hälſe neugierig vorſtreckten,— und die Trompeten ſchmetter⸗ ten und die Pauken dröhnten, und der treffliche Sohn. Hanns Georg Derfflinger, der Schneiderjunge aus Oberöſterreich und nunmehrige Reitergeneral brachte, ſeinen wieder⸗gefundenen Vater, den alten Flickſchnei⸗ der im Arme, und eine ſchöne männliche Sohnes⸗ Thräne im Auge, dem letztern einen Toaſt, wie er ihn, ſeit er in den ſchwediſchen Lagern campirte, mit gleichem Feuer nicht ausgebracht hatte. Freund Schaplow und Plattenberg ſtimmten ein, und die Schöppen von Rathenow ließen ihre Deckelgläſer darein erklingen.— Zehntes Capitel. Deutſche Freundſchaft. Durch eine ſeltſame Fügung der Vorſehung hatte alſo Derfflinger ſeinen Vater wieder gefunden, * 143 und ſchier im ſelben Momente auch ſeinen alten Schlafkameraden Auguſtin Foſter erkannt. Dieſer war von Leitmeritz, wo er vor den blauen Dragonern reißausgenommen, und Derfflin⸗ ger verlaſſen hatte, andern Wegs durch Deutſchland gewandert, und den Feldlagern der Kriegsmacht und ihren Werbern möglichſt ausweichend, zuletzt in das Städtchen Rathenow an der Havel im Brandenbur⸗ giſchen gelangt, wo er als geſchickter Schneider bei der Witwe eines Tuchmachers Unterkunft fand, die⸗ ſer den Zuſchnitt ihrer Waare beſorgte, und bei ihr eine förmliche Schneiderei eröffnete; zuletzt aber, wie das ſo zu geſchehen pflegt, mit ihrer Hand das Geſchäft übernahm, und im Vertrauen ſeiner Mit⸗ bürger vorſchreitend, endlich zum Bürgermeiſter des Ortes erwählt wurde. Aber die gute Ehehälfte, Frau Crescentia Fo⸗ ſter machte dem neuen Manne das Leben ziemlich ſauer und regierte im Hauſe. Das weibliche Szepter iſt ein unbeugſames, und ſo hatte auch Meiſter Au⸗ guſtin Foſter alle Tage dasſelbe Gericht aufgetiſcht: daß er ſein wohlbehäbiges Leben nur ſeiner Heirath verdanke, bis nunmehr ſeine Erwählung zum Bür⸗ germeiſter des Städtleins erfolgte, die das erſte zu⸗ friedene Lächeln auf Frau Crescentias breitem Munde 6 144 hervorzaubette. Die Frau Bürgermeiſterin ſchaltete und waltete aber an dieſem Tage in der Küche, wie eine geborne Küchenregentin, und ließ ſich den ganzen Vormittag über in der Wohnſtube nicht ſehen, vorher aber hatte ſie ihrem Manne die gemeſ⸗ ſene Weiſung ertheilt, doch ja alles Bettelvolk, wel⸗ ches in jener Zeit zahlreich auf den Landſtraßen herumſtrich, und ſich gerne bei Feſten, wie das heu⸗ tige, einfand, durch den Rathsdiener vom Hauſe wegfegen zu laſſen; daher Meiſter Foſter ſich bei ſeinem ehemaligen Mitgeſellen Derfflinger auf Frau Crescentia ausredete, die ihn zu der barbariſchen Behandlungsweiſe des alten Derfflinger veranlaßt habe.— Aber ſeinem Schickſale kann Niemand ent⸗ gehen; als daher Derfflinger mit ſeinem Vater und ſeinen Freunden lange ſchon auf Schloß Guſow zuſtenerten, erhielt Meiſter Auguſtin erſt ſeine wahr⸗ haft claſſiſche Strafpredigt von Frau Crescentia da⸗ für, daß er als Primator loci ſo wenig Urtheil aus ſeinem Hirne entwickelt habe, um nicht gleich im Anfange den Flickſchneider um ſeinen Namen zu fragen, Derfflinger's Vater in ihm zu erkennen, und ſtatt Schimpf und Schande auf das Bürgermeiſter⸗ haus zu laden, den Dank ſeines ehemaligen Schneider⸗ * 145 College und vielleicht ein artiges klingendes An⸗ denken von dieſem zu verdienen... Aber was war zu thun; Derfflinger und ſeine Freunde waren nun einmal fort, und ſaßen am Abende deſſelben Tages froh und heiter auf Schloß Guſow beim Eichentiſche des luftigen Söllers bei⸗ ſammen, wo ſie ſich vom friſchen Strichwinde die Stirne kühlen ließen, und ſich gegenſeitig ihre Kriegserlebniſſe der letzten Jahre mittheilten; wäh⸗ rend der Vater Derfflinger's im Herrenzimmer des Schloſſes auf weichem Pfühl den ſtärkenden Schlaf genoß und Margarethe von Schaplow, das Haupt auf die feine Hand geſtützt, in tiefem Sinnen in ihrer Kammer ſaß, und weder die am Fenſter hüp⸗ fende zahme Grasmücke, noch das liebkoſende Bolv⸗ gneſerhündchen zu ihren Füßen beachtete. Derfflinger theilte hier ſeinen Freunden die Ur⸗ ſachen mit, welche ihn bewogen hatten, die ſchwedi⸗ ſchen Dienſte zu verlaſſen, und erklärte ſeine Abſicht, nunmehr anderwärtig ſeinen Degen für die evange⸗ liſche Sache zu vermiethen— „Freund!“ rief von Schaplow aufſpringend;„da ſchlag ein— Churfürſt Friedrich Wilhelm von Bran⸗ denburg, mein gnädigſter Herr, bedarf eines wackern fürſichtigen Commandos bei ſeinem Heere, biete ihm 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein II. 10* 146 Deine Dienſte als Obriſtwachtmeiſter oder General⸗ Lieutenant an, und ich ſtehe Dir gut, er nimmt mit Freuden die dargebotene Rechte.“ „Hm,“ ſagte Derfflinger,„der junge Churfürſt iſt ein trefflicher Degen und eben ſo guter Regent! Aber ſo er mich haben will, müßte ich, um endlich meine Zukunft zu ſichern, und nicht wie ein Ball von einer Windeswoge in die andere geſchleudert zu wer⸗ den, wie es mir im ſchwediſchen Heere nach Guſtav's Tode ergangen iſt, mehrere abſonderliche Conditiones pretendiren.—“ „Laß hören, Freund Derfflinger,“ ſagte Schaplow. „Fürs Erſte,“ begann Derfflinger,„würde ich be⸗ gehren, des Churfürſten älteſter Generalwachtmeiſter zu werden; ich müßte nächſt dem Generallieutenant des Churfürſten, Grafen Waldeck, das Commando führen, bei etwaigen Beförderungen nicht übergangen werden; im Falle einer Abdankung müßten mir meine etwa erlangten Titel und Ehren ſowohl bei Hofe als bei dem Heere vorbehalten werden; ein Regiment zu Pferd müßte mir vollſtändig als mein Eigenthum übergeben, oder die Werbegelder hiezu mir bewilligt, die Ernennung der Officiere darin aber mir allein überlaſſen werden—“ „Weiter,“ ſagte Schaplow. 147 „Die Beſtimmung des Gehaltes überlaſſe ich dem Churfürſten,“ fuhr Derfflinger fort;„doch würde ich mir einen Zuſchuß zu meiner Montirung bedingen und ausdrücklich verlangen, daß ich bei etwaiger Vermehrung der Truppen und Anſtellung anderer Generale unter keines anderen Commando geſtellt werde „Nicht mehr als billig,“ ſagte von Schaplow;„und dann?“— fragte er. 8 „Dann punctum,“ ſchloß Derfflinger;„wenn der Herr Churfürſt mir dies Alles bewilligt, ſo mag er mich haben, und ich will ihm dienen nach ächter Oeſterreicher Art, treu und redlich für die Sache meiner Religion, denn die iſt es allein, die ich bei allen meinen Kreuz⸗ und Querzügen auf den Schlacht⸗ feldern bisher vor Augen hatte, und der ich ſelbſt mein Vaterland zum Opfer gebracht habe.—“ „Freund,“ ſagte von Schaplow,„das ſind wahr⸗ haft wallenſteiniſche Pacta— die wird der Chur⸗ fürſt nie ratificiren, wie ich ihn kenne; der ſtarte Charakter läßt ſich nicht dictiren, am allerwenigſten derlei wahrhaft immenſe Bedingungen...“ „So mag er ſich einen Derfflinger ſuchen, wo er ihn anderwärts auftreibt,“ ſtolz der 1 148 Oberöſterreicher;«) denn ich habe der Fatigen genug im Lagerleben erprobt, um nicht vorſichtiger in Hin⸗ kunft mein Schifflein zu bemannen, ehe ich wieder in die See ſteche; lieber zehre ich als ſchlachtenmüder Reitersmann von den erſparten Goldgulden meiner Feldzüge.“ ²) Dennoch nahm der große Churfürſt, als Derfflinger in der Mark ſich niederließ, und in brandenburgiſche Dienſte trat, am 16. Auguſt 1655 alle dieſe Bedingungen an und unterzeichnete eine Beſtallung, worin er Derfflinger ein monatliches Tractament von 300 Reichsthalern zu⸗ ſicherte; auch den verlangten Zuſchuß zur erſten Equipi⸗ rung bewilligte er. Der Churfürſt verſprach, laut den Derfſlinger errichtete Bragonerregiment immer vollzählig zu erhalten, daſſelbe nicht ohne dreimonatlichen Sold ab⸗ zudanken, im Falle der Abdankung demſelben zu geſtat⸗ ten, mit allen Officieren und Reitern in andere Dienſte zu treten; das Löſegeld feindlicher Gefangenen, welches nicht unbedeutend war, ſollte halb dem Churfürſten, halb aber Derfflinger und dem Regimente gehören, dagegen der Churfürſt die Auslöſung der in Feindes Hand gera⸗ thenen allein auf ſich zu nehmen haben; den vom Feinde den Officieren an ihrem Vermögen und Gütern zugefüg⸗ ten Schaden ſolle der Churfürſt erſetzen, für ſich ſelbſt aber ſetzte Derfflinger noch hinzu:„Ich präcavire und behalte mir auch bevor, wenn ich in einer und andeen Oecaſion während dieſer meiner Beſtallung bleiben oder Berichten der damaligen Geſchichtsſchreiber, das von 149 Von Schaplow ſchwieg, und die Freunde leerten, ebe ſie ſich trennten, mauchen Becher guten Weines bis die Sonne hinter den Bergen hinabſank, und Derfflinger an der Seite ſeines wiedergefundenen Vaters den ſüßeſten Traum ſeines Lebens träumte, indem er ſeine ihn ſegnende Mutter aus den Wolken herabſchweben ſah, welche einen flammenden Stern ob dem Haupte tragend, ſeine Stirne mit einem leiſen Kuße berührte, aber ganz die lieblichen Ge⸗ ſichtszüge Mariens, der im treuen Herzen getragenen Geliebten ſeiner Jugend— nein, nicht Mariens, ſondern die lieblichen Züge Margarethens des Edel⸗ „Fräuleins auf Guſow trug. Und jetzt erwachte Derfflinger an der Seite ſeines noch ſchlummernden greiſen Vaters; denn ein ſanfter Kuß auf Stirne, ein Kuß ſeines Freundes Plattenberg hatte ihn erweckt, und dieſer lud ihn ein, ihn zum Schloßgarten hinab zu begleiten, wo er ihm ein hochwichtiges Freundeswort zu ſagen habe. ſonſt mit Tode abgehen ſollte, daß weder ein noch ande⸗ rer unter einigem Scheine des Rechtes befugt ſein ſoll, an die Meinigen oder meine Güter und Verlaſſenſchaft etwas dieſer Dienſte halber zu prätendiren, ſondern das Meinige meinen nächſten Erben ohne einigen Aufenthalt ausgefolgt werden möge; daß Sr. churfürſtl. Durchlaucht mir obgedachter maſſen gnädig verſichern wollen!“ 150 Derfflinger ſchüttelte dem geliebten Lagergenoſſen die treue Hand, blickte mit feuchtem freudeſtrahlendem Auge auf das Antlitz ſeines ſchlummernden Vaters und ſtieg mit Plattenberg in den teraſſenförmigen Schloßgarten hinab. Dort ſtanden die Freunde unter einer ſchattigen deutſchen Eiche, feſt an einander gedrückt wie zwei deutſche Kampfgenoſſen aus Hermanns Eichenwald, die dem Feinde ſchon oft im gemeinſamen Kampfe das Weiße im Auge gezeigt hatten. „Freund!“ ſagte Plattenberg, mit Wärme Derff⸗ linger's Hand ergreifend,„Freund, Du weißt, mein Herzblut iſt Dein.“ „Wie meines Dir gehört,“ erwiederte Derfflinger. „Und ſo wie das Schlachtfeld und das Sauſen der Partiſanen,“ fuhr Plattenberg fort,„und das Knattern der Gewehre die Muſik zu unſern erſten Freundſchaftsſchwüren waren, ſo iſt dies unſer Freund⸗ ſchaftsband echt, treu, feſt und wahr...“ „Das iſt es,“ ſagte Derfflinger, mit Wärme die Hand des Freundes faſſend. „Und eben weil es wahr iſt,“ ſagte Plattenberg mit bewegter Stimme,„weil es wahr iſt, ſo darf nichts Falſches zwiſchen uns walten— kein fremdes * 151 Sandkorn darf auf dem blanken Spiegel der Bahn liegen, die wir Hand in Hand durchs Leben gehen.“ Derfflinger blickte dem Freund fragend ins Auge. „Sprich, Plattenberg,“ ſagte er,„was liegt Dir auf dem Herzen?“ „Derfflinger!“ fuhr Plattenberg, ſeines Freundes Hände faſſend, fort;„Hanns Georg— Du weißt, ich bin unverſöhnlich wo ich haſſe, das iſt meines Stammes Fehler, aber leidenſchaftlich wo ich liebe— Du weißt— wir Männer vom Schwerte machen mehr Schritte und weniger Worte.“ „Das ſeh' ich eben nicht,“ ſagte Derfflinger lachend,„Freund Plattenberg holt ziemlich weit dus „Alſo kurz, mein Freund,“ fuhr Plattenberg haſtig fort,„es muß klar werden zwiſchen uns—— ſprich— ſprich— Freund und Waffenbruder— liebſt Du Margarethen von Schaplow, wie ſie Dich liebt 4 Derfflinger athmete tief auf.—„Alſo das iſt's, was ſich zwiſchen uns drängt!?“ rief er...„Armer Junge!“ „Liebſt Du Margarethen?!“ drängte Platten⸗ erg. 152 Derfflinger ſchwieg betroffen, und eine Purpur⸗ gluth trat auf ſeine Wange. „Sieh,“ fuhr Plattenberg mit angſtvoller Haſt fort,„ſieh, Georg, ich habe Dich einſt auf dem Schlacht⸗ felde blutend aus dem Gewühle getragen; ich bin mit Dir ſchweißtriefend über die Karpathen nach Siebenbürgen gerannt; ich würde, wenn Du es verlangſt, wie der Pelikan ſeinen Jungen Dir mein Herzblut geben, aber nur Eines thu' mir jetzt zu Gefallen, antworte mir bei Deiner Krieger⸗Ehre jetzt wahr und offen: Liebſt Du Margarethen von Schaplow?“ 3 erfflinger trat vor dem auf ihn zudrängenden Fraund mehrere Schritte zurück. „Plattenberg!“ ſagte er, indem er ein kleines in vergilbtes Leder gebundenes Buch aus ſeinem Lederkoller zog—„kennſt Du dieſes Buch?“ „Ich kenne es,“ entgegnete Plattenberg;„es iſt Arndt's wahres Chriſtenthum, Dein ge⸗ wöhnlichts Haus⸗ und Handbüchlein, das Du in allen Schlachten mit Dir führteſt, und—“ „Das mir bei Lützen das Herz bedeckte und die Todeswunde abhielt, die eine kaiſerliche Kugel in meine Bruſt graben wollte...“ „Nun?“ fragte Plattenberg.— 153 „Da, ſieh hier,“— ſagte Derfflinger;„lies,— was ſteht am inneren Deckel des Buches da.“— Plattenberg blickte in das Büchlein. Mit faſt unleſerlicher vergilbter Tinte ſtanden da die Worte: Von Deiner treuen Maria.“— Plattenberg blickte dem Freunde ins treue hellſtrahlende Auge. „Maria, die Tochter des Stadt⸗ und Bannrich⸗ ters, Hanns Georg Schröckinger, die liebliche Roſe von Linz genannt,“— ſagte Derfflinger mit tiefer Rührung;„ihr habe ich als Jüngling Treue ge⸗ ſchworen, bis der Tod uns trennt, ihr werde ich dieſe Treue mannhaft halten, ob ich als einſtiger Schnei⸗ derjunge die Radel, oder als Reitergeneral die flat⸗ ternde Standarte meines Regimentes ſchwinge; denn das iſt deutſche Mannesart, daß er die erſte echte Liebe im Herzen wahre als ein Kleinod, das nicht wie flüchtiger Schaum in die vier Winde verwehen darf, ſondern feſt und unverwüſtlich wie ein Diamant in ſeinem Herzen ruhen muß, bis die Zeit kommt, wo er ihn der Erwählten ſeines Herzens am Braut⸗ altare an den Finger ſtecken kann; und ſo habe ich die Treue gehalten meiner einzig Erwählten ſeit faſt zwanzig Jahren, und werde ſie mannhaft halten bis zum langerſehnten Angenblicke des Wiederfindens vor dem Altare des Herrn, ſo wahr mir Gott helfe!—“ * — 154 „Derfflinger! Freund! Bruder! Du biſt die reinſte, edelſte Blüthe am Stamme der deutſchen Eiche, wie ſie ſelten eine ähnliche hervorbringt,“ rief Plattenberg;„ſo wiſſe denn,“ fuhr er mit Begeiſte⸗ rung fort;„ich, ich liebe Margarethen von Schaplow mit aller Gluth meiner Seele, und nur Dir, Dir allein hätte ich den Diamant gegönnt, der mein Auge mit Entzücken erfüllt— ich glaubte, in dieſen wenigen Stunden, ſeit Du auf Guſow weilſt, zwi⸗ ſchen Euch das Einverſtändniß gegenſeitiger Neigung wahrzunehmen, die ich um ſo natürlicher fand, als „Margaretha ſo oft, ſo oft während Deiner Abweſen⸗ heit von Dir ſprach, und jede Nachricht von Dir mit Begierde vernahm— o gewiß ſie liebt Pich Er hielt hier ein wenig inne.— „Aber Du liebſt Marien,“ fuhr er mit ſteigender Bewegung fort:„Du liebſt Marien, die liebliche Roſe von Linz, wie Du ſagſt, und was Du ſagſt, das iſt wahr und treu wie der reine Spiegel Deiner Seele, und ſo haſt Du mich mit dieſen Worten zum glücklichſten Menſchen gemacht, denn nach Dir, das weiß ich, bin ich im Herzen Margarethens der zweite.“ Und Plattenberg Fel ſeinem Freunde um den Hals, und drückte einen heißen Kuß der Freundſchaft auf ſeine Lippen— und ſtürmte aus dem Garten * hinaus, hinaus in die Berge, auf deren Höhen er den fliehenden Wolken ſeine Freude, wie ein Sieger nach glorreich gewonnener Schlacht, zujauchzte. Derfflinger aber blieb ſchweigend und bleich im Garten ſtehen, in ſeinem Innern wogten gar ſeltſame Gefuhle; ſtolz warf er jetzt ſein Haupt empor, und ſchritt feſten und männlichen Schrittes ins Schloß hinauf an das Lager ſeines Vaters, der ihm den Vaterſegen als Morgengruß entgegenſandte. Am nächſten Morgen, als kaum der Hahn krähte, und der Herr auf Guſow eben in ſeine Rüſtkammer trat, um ſich die beſte Jagdbüchſe für das heutige Waidwerk, dem er mit ſeinen Gäſten in den Bergen ſeines Beſitzthumes ohliegen wollte, auszuſuchen, trat Derfflinger zu ihm. Eine ungewöhnliche Bläſſe lag auf ſeinem An⸗ tlitze— ſeine Stimme war bewegt. „Freund!“ ſagte er,„ich komme Dir meinen hohen Dank zu ſagen für die Gaſtlichkeit, mit welcher Du mich und meinen Vater in Deinem Schloſſe auf⸗ nahmſt; wir werden heute ſcheiden—“ „Scheiden?!“ fragte von Schaplow erſchrocken. „Mein Vater,“ fuhr Derfflinger fort,„fordert als Sohnespflicht von mir die Erfüllung einer herz⸗ einnigen Bitte, die ich ihm nicht verſagen kann. Der * 156 arme Greis hat auf ſeinen Wanderzügen viel ge⸗ litten, und fühlt mit Rieſenſchritten,— Du ſiehſt, ich ſage es mit naſſem Auge— ſein Ende nahen.“ „Er will aber,“ fuhr er fort,„an der Seite ſeines vorangegangenen Weibes, meiner längſt heim⸗ gegangenen Mutter in vaterländiſcher Erde ruhen— er will noch einmal den Boden küſſen, wo er gebo⸗ ren, wo er ſeine Jugend, ſein kräftiges Mannesalter verlebt,— wo er gelitten, geduldet, gerungen, und großes Leid erfahren hat... Auch mich zieht es mit mächtigem Drange dahin, wo ich als Kind an der Hand meiner Mutter ins Leben trat und auf ihrem Grabe möchte ich beten...“ hier hielt er mit tieſer Bewegung inne.„Oberöſterreich iſt jetzt paciſtcirt,“ fubr er dann weiter fort,„und wird den armen Schneiderjungen, der jetzt mit dem Schwerte des Reiter⸗Regimentes umgürtet, ins Donauthal hinabſteigt, nicht mehr von ſeiner Grenze weiſen..“ Von Schaplow blickte Derfflinger traurig an. „Ich hoffte Dich im ſchönen Herbſte auf meinen Gütern zu behalten,“ ſagte er,„und mich des Freun⸗ des innig freuen, den ich dann den Reihen der wa⸗ ckern Streiter meines Churfürſten zuführen wollte, nun willſt Du mich aber verlaſſen— höre, Georg, da verdirbſt Du Deinem Freunde eine große Freude, 157 und“ ſetzte er mit Betonung hinzu,„manch Herz auf Guſow wirb drob tiefen Schmerz empfinden; aber wann willſt Du reiſen?“ „Heute noch,“ entgegnete Derfflinger.„Die Kräfte meines Vaters ſind in ſichtlicher Abnahme, und wenn ich nicht eile, und die beſſere Jahreszeit noch benütze, ehe die November⸗Nebel eintreten, ſo bringe ich ihn nicht lebend in ſeine Heimat, und doch muß dem Sohne dieſe erſte Bitte des Vaters ein heiliger Befehl ſein.“ „So reiſe,“ ſagte Schaplow, Derfflinger trau⸗ rig die Hand reichend. In dieſem Augenblicke trat Margaretha, welche den Bruder zum Morgentrunk in den Garten zu laden kam, in die Rüſtkammer. Sie hatte die letzten Worte noch vernommen. „Reiſen?!“ hauchte ſie, und tiefe Leichenbläſſe bedeckte ihr ſchönes Antlitz. „Unſer Gaſt will noch heute den Sattel ſchnal⸗ len,“ ſagte der Bruder—„es drängt ihn, ſeine Heimat zu ſehen.“ „Mein Vater will in ſeinem Geburtslande ruhen,“ entgegnete Derfflinger;„er iſt ein Greis von achtzig Jahren, und ſo habe ich Eile, wenn ſein 158 Wunſch, die Fluren der Heimat zu ſchauen, erfüllt werden ſoll—“ Die Jungfrau ſtand ſchweigend vor den Män⸗ nern. Kein Wort entſchlüpfte ihrem krampfhaft ge⸗ ſchloſſenen feinen Munde; aber ein leiſes Zittern überflog ihren ganzen Körper, zwei große Perlen traten unter den ſeidenen Wimpern ihrer Augen her⸗ vor— ihr Buſen begann zu wogen, ein ſichtbarer innerer Kampf durchzuckte ihr ganzes Weſen; jetzt wandte ſie ſich raſch zur Thüre, und in lautes Schluchzen ausbrechend verſchwand ſie raſch aus der Kammer.... von Schaplow heftete ſtarr ſein Auge auf das Antlitz Derfflinger's. Dieſer ſchlug ſein Auge zu Boden— er fühlte, was ſein Freund ſagen wollte Die Liebe hatte geſprochen.— „Maria!“ rief Derfflinger leiſe vor ſich hin.— Dann gingen die beiden Männer ſchweigend aus der Kammer; kein Wort wurde über dieſe Scene weiter unter ihnen gewechſelt. Aber eine Stunde ſpäter ſaßen Derfflinger und ſein Reitknecht hoch zu Roſſe, und führten in ihrer Mitte einen Zelter, auf deſſen bequemem Damenſat⸗ tel der alte Vater Derfflinger's ſaß, und von ſeinem * 159 Sohne den glücklichen Fluren der Heimat entge⸗ gengeführt wurde. Eilftes Capitel. Der faule Wenzel. An der Grenze des ehemaligen obern Mühl⸗ viertels im Lande ob der Enns wurde um das Jahr 1200 nach Chriſti Geburt von einem Herrn Calio⸗ gus oder Calchochus von Falkenſtein ein uraltes Stift, Namens Schlögl erbaut.*) *) Ueber das eigene Beſitzthum dieſes Ritters erzählt Frei⸗ herr von Hoheneck in ſeiner Genealogie der Stände von Oberöſterreich(Paſſau 1722) Folgendes: „Das Schloß Falkenſtain hat ein Herr von Falken⸗ ſtain auf Veranlaſſung eines ihm entflohenen Falken, auf einem dreifachen Felſen gefunden, erbaut, ſich und das erbaute Schloß nach ſolcher Begebenheit von Falkenſtain genannt, und zum ewigen Angedenken die dreifache Felſen mit dem darauf ſitzenden, zum Fluge geſchickten Falken vor ſein Wappen angenommen, welches Wappen ihnen die Herren Grafen von Saabburg, als Inhaber der Herrſchaft Falkenſtain ausgebetten und noch heut zu Tage in dem Herzſchilde führen. Es liegt aber ſolches Schloß in ei⸗ nem Graben und nächſt des über Felſen und Steinkn⸗ geln vorbeirauſchenden Rannaflußes, und ward bei denen * 4 160 Weiter nordöſtlich von dieſer Kloſtergegend liegt ein anderthalb Meilen langer tiefer Felsgraben zwi⸗ ſchen zwei Gebirgsrücken, er iſt einer jener rieſenhaf⸗ ten Rinnſale, die der alte Iſter in das Stromthal alten Zeiten vor ein vaſt unüberwindlich Veſten gehalten, vordene ſolches nach Zeugniß Valentin Prevenhubers in dem Cataloge der Herren Landeshauptleut dieſes Erzherzog⸗ thumes Oeſterreichs ob der Enns Castrum fortissimum et quasi inexpugnabile genennet wird und haben ſich auch die alten Inhaber dieſes Schloſſes des Fauſt⸗Rechts bedienet, worzu abſonderlich der noch heut zu Tag ſich daſelbſt befindliche ſehenswürdige Thurm, welcher ganz vermuthlich von den Oberhannern, als Dero Wappen in Stein gehauener auf ſelben annoch zu ſehen, erbauet worden, in deſſen Grund iſt ein herrlicher Brunnen, zu welchem man auf einer ſteinernen Treppe abſteigen, das Waſſer daſelbſten ſchöpfen oder da man will, auch in alle und ſogar in die oberſte Gadenhöhe mittelſt eines Ein⸗ pers ziehen kann, aufdeſſen Gipfel aber war eine Leuchte geſtellt, wodurch nächtlicher Zeit den Abweſenden der Zu⸗ gang zu dem Schloß gewieſen ward, weilen vor diſem die gantze Gegend eine lautere Wildnuß und bis an die böhmiſchen Granitzen eine imerwährende Waldung war.— Dieſer Ritter Caliogus oder Calchochus Herr von Falkenſtein ſoll alſo der Sage nach eines Tages im Walde gejagt und ſich im Dickicht verirrt haben. Die Nacht ſank herab— erzählt die Sage weiter— und Caliogus wußte ſich im Forſte nicht mehr zu recht zu * 161 grub— und heißt der Haslgraben. Balſamiſche Heil⸗ kräuter durchduften ihn, und ländliche Hütten und Gärten zwiſchen Felsgeklüft und üppigem Baum⸗ wuchſe geben ihm ein ſolch romantiſches Anſehen. ſinden. Er mochte ſeine Lunge noch ſo ſehr anſtrengen. Die Klänge ſeines Jagdhornes drangen au kein Ohr eines Menſchen; nur das ferne Geheul der Wölfe ant⸗ wortete dem müden Wanderer. Seine Seele Gott empfehlend, ergab ſich Caliogus endlich in ſein Schickſal und ſtreckte die ermatteten Glie⸗ der auf den Waldraſen nieder, indem er ſich gleichzeitig nach irgend einem Pfühle für ſein müdes Haupt umſah. Siehe, da lag ohnfern auf einer Eichenwurzel ein höl⸗ zerner Schlögel, den wohl ein Holzknecht nach vollbrach⸗ tem Tagewerke von ſich geſchlendert haben mochte. Caliogus, Herr von Falkenſtein, griff nach dieſem Schlögel und ſchob ihn als hartes Kopfkiſſen unter ſein Haupt, welches er auf dieſem Pfühle noch immer beſſer bettete als auf einem bloßen Steine. Die bunten Waid⸗ ſtimmen derzwiſchen den Tannenwipfeln ſauſenden Winde, der ihr Nachtlied krächzenden und zwitſchernden Vögel, und das ferne Heulen der Wölfe wiegten den erſchöpften Jäger endlich in den Schlaf. Er begann zu träumen, und da vor dem Einſchlafen fromme Gefühle ſein Herz erfüllt hatten, ſo mochte ſeine Phantaſie die Gedanken, welche ſein Gehirn erfüllten, auch im Schlafe fortſpinnen; es erſchien ihm die ſelige Jungfrau Maria im weißen Lichtkleide, mit der Ster⸗ nenkrone auf dem Haupte. Sie ſprach zu ihm Worte 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II.* 162 Inmitten deſſelben aber ragt ein gewaltiges Wahr⸗ zeichen der finſtern Zeit des Fauſtrechtes die Veſte Wildberg, und trotzt auf ihrem einſamen Felskegel ſchon durch mehr denn als Achthundert Jahre dem Zahne der Zeit. F des Troſtes und verſicherte ihn ihres Schutzes, der ihn ungefährdet durch das Dickicht des Waldes zu den Sei⸗ nen führen würde; ſie mahnte ihn aber auch ſeine wun⸗ derbare Rettung durch den Bau eines Gotteshauſes an jener Stelle, wo er die Nacht hindurch geruht habe, zu verewigen. Der zwiſchen den breiten Tannenäſten durch⸗ blitzende Sonnenſtrahl öffnete die Augen des Schläfers; er ſprang auf, ergriff ſeine Armbruſt, und durchſchritt neu geſtärkt durch den erquickenden Schlaf und ge⸗ tröſtet durch das wunderſchöne Bild ſeines Traumes den Forſt rechts und links ſeine Horntöne in den Wald hin⸗ ausſtoßend, um ſeine ihn bereits ſorgenvoll ſuchenden Jagdgefährten auf ſeiner Fährte zu führen. Das verheißene Wort der Gnadenmutter erfüllte ſich bald; er fand den Ausgang aus dem Hochforſte, und bald begrüßte ihn frendig die Schaar der Seinen⸗ Da ſank Caliogus, Herr von Falkenſtein auf ſeine Knie, brachte dem Herrn über Leben und Tod ſein heißes Dantgebet für ſeine wunderbare Rettung aus den ihn umgebenden Gefahren dar, und gelobte laut vor ſeinem verſammelten Jagdgefolge, an demſelben Orte, wo er, von der Mutter des Heilands geſchützt, die Nacht zuge⸗ bracht hatte, eine Kirche zu bauen. Auf ſeinen Wink durchſtreiſten Waldjungen und * 163 Alles, was uns die ältere Geſchichte und Sage von dieſer merkwürdigen Veſte aufbewahrt, iſt: daß dieſelbe einſt dem edlen Herrn Gottſchalk von Hu⸗ ensberg gehörte, von welchem Enenkel ſagt: Der Jäger den Hochforſt, um den hölzernen Schlögel zu ſuchen, der ihrem Herrn dieſe Nacht hindurch als Pfühl für ſein Haupt gedient hatte. Sie fanden ihn; und da, wo der Schlögel am Waldraſen lag, lichteten gar bald hundert andere Holz⸗ ſchlögel und Beile den Hochforſt. Zuerſt eine Kirche, dann ein Kloſter, genannt Schlögl, bezeichnet den Platz, wo Ritter Caliogus den ſchönſten Traum ſeines Lebens gehabt hatte. Eine Inſchrift auf einer Mauer des Schloſſes Fal⸗ kenſtein erzählt dieſe ſeltſame Begebenheit in folgenden alten Verſen: 1 Caliogus Herr von Falkenſtain, Reitt in ſeinen Wald allein, Begegnet ihm eine junge Mahdt, Gar khünlich ſie zu ihm ſayd. 2 Seyt ihr der Herr von Falkenſtain, Und dieſes Ort ein Herre, So gebt mir Euren Gefangenen herauss, Der aller Jungfrauen ain Ehre. 3 Da ſprach Caliogus von Falkenſtain, Das kann ich fürwahr nit thain, 164 Gottſchalich von Hinczberg gab Herzogen Levpolden (dem Glorteichen) Linz und Alles, das aigen was darzu gehörte.— Eben dieſer Gottſchalk übergab 1198, wie Hormaier berichtet, Wildberg dem in der Geſchichte Zu Falkenſtain unter den Mauren, Da mögt ihr ihn vertrauren. 4 Caliogus verreith ſich in den Wald, Daraus er nicht kommen mocht ſo bald, Die Nacht auf einem Schlögl rueht Es träumt ihm alles Gut. 5 Er ſoll zu Ehren unſer Lieben Frauen, Ain Gotteshauss an diesm Orthe bauen, So wird er kommen aus dem Wald, Und alles beſchehen ſo bald. 6 Da baut er das Kloſter bei dem Schlögl Mit aigener Hand ſeiner Nögl, Den erſten Stain ſelbſt zugetragen, Alldort liegt er begraben. Caliogus von Falkenſtein erbaute alſo zuerſt eine kleine Kirche und die nöthige Wohnung für Geiſtliche; nach ihrer Vollendung wurden von ihm die erſten Geiſt⸗ lichen aus dem Orden der grauen Brüder des Kloſters Burgheim dahin berufen, welche ſich die Mühe gaben, die Gegend urbar zu machen. Allein die wahrhaft fürchterliche Rauheit der Gegend in jener Zeit, wo noch * 165 beider Leopolde(des Tugendhaften und Glorreichen) und Friedrich des Katholiſchen, merkwürdigen Biſchof Wolfker von Paſſau; dieſer ſchenkte die Burg dem um ihn hochoerdienten Stahremberg Gundacker von dichter, mit Raubthieren gefüllter Wald die Gegend be⸗ deckte, veranlaßte die Mönche ſchon nach achthalb Jahren dem neuen Kloſter den Rücken zu kehren, und ohngeach⸗ tet Caliogus ſich alle Mühe gab, ſie zur Rückkehr zu bewegen, verzichtete doch Gunderikus, der damalige Abt des Kloſters, durch einen öffentlichen Brief auf ſein Amt, weil ein Abt und ein Mönch bereits vor Froſt und aus Mangelan Lebensmitteln dort zu Grunde gegangen waren. Caliogus, der Herr von Falkenſtein, ſah nun wohl, daß er das Einkommen des Stiftes erhöhen und ſeine Wohnungen mehr vermehren und verbeſſern müßte, wenn er geiſtliche Bewohner für daſſelbe auffinden ſollte. Er übergab das Stift im Jahre 1210 Prämon⸗ ſtratenſern aus dem Kloſter Oſterhofen; ihr erſter Abt ſoll Ortholf geheißen haben. Da die Stiftung des Kloſters Schlögl von dem Beſitzer des Schloſſes Falkenſtein ausgegangen war, mußten die Mitglieder des Stiftes anfänglich den Got⸗ tesdienſt auf Schloß Falkenſtein zu gewiſſen Zeiten ver⸗ ſehen; ſpäter unterblieb dieſes, und es ſoll hiezu außer der Beſchwerlichkeit der weiten Strecke, welche die Mönche dießfalls von Schlögl nach Falkenſtein zu machen hatten, insbeſondere der Umſtand Veranlaſſung gegeben haben, daß ein Mönch auf der Veſte durch einen unglücklichen Sturz ſein Leben endete. 166 Steyr, ſeit welcher Zeit dieſelbe noch immer ein Eigenthum der Herren von Stahremberg geblieben iſt. So viel in hiſtoriſcher Beziehung; die Tradition knüpft aber ſo manche denkwürdige Sage an dieſe Veſte, von welcher der rechte Flügel neu zugebaut, Hierüber gaben folgende, früher an der Mauer des Schloſſes angebrachte geweſene alte Verſe Auskunft: Zur ewigen Gedächtnuss dieſer Fundation, Jeder Bruder im Cloſter aigner Perſohn Monatlich den Gottesdienſt zu Falkenſtain Andächtig zu verrichten allain. Daſelbſt ain Zimmer auf der Wehr, Die Cloſterbrüder hatten ihr Einkehr, Die Mönch komen ohn all Gefahr Die Schlagbrucken vor dem Zimmer aufzogen war. Fielen unverſehens hinunter zu todt. Den helf zur Seeligkeit der Ewig GOTT Anno 1480. Caliogus von Falkenſtein ſelbſt ſtarb am 30. Sep⸗ tember 1238, ſeine Gemalin Eliſabeth noch früher am 30. Juli 1225 Beide liegen in der von ihnen erbauten Kirche. Ihr Leichenſtein trägt folgende Inſchrift: Anno Domini MCCXXXVIII ultim: Septembris obiit Caliogus de Falkenstain miles, primus fundator hujus Monasteriy und Anno Pomini MCCXKXV. XXX July obiit Elisabeth usor Caliogi Fundatris hujus Monasteriy. 167 und von den Beamten des Pfleg⸗ und Criminalge⸗ richtes daſelbſt bewohnt iſt, der linke aber ſammt dem uralten Thurme die Ueberreſte der Veſte bildet, und ohne weiter benützt zu werden, dem nagenden Zahne der Zeit anheim fällt. Furchtbar ſchön orgelt der Donner in dieſem Felsthale ſein majeſtätiſches Concert, wenn zwei ge⸗ waltige Wetter, ſich kreuzend, ihren ſchwarzgrauen Wolkenflor über den Rieſengraben ſpannen, und die falben Blitze wie Goldfäden darein zucken. Da ſchütteln die alten Tannen auf den be⸗ waldeten Felsſpitzen ihre Hänpter, die manche Jahr⸗ zehente geſehen haben, und Dachs und Füchslein ſuchen ihr trocken Neſt zwiſchen dem Steingeklüfte, und die Krähe zieht kreiſchend über die wolkenbe⸗ ſäumten Berge, und ruft ihr Klagelied als den Tenor des großen Sturmconcertes in die henlenden Lüfte hinaus. Die furchtbare wilde Jagd zieht dann, wie der Volksglaube des Landmannes erzählt, über Häup⸗ tern vorüber und er eilt ſein bergendes Obdach zu gewinnen, um hinter der mit Weihwaſſer gefeiten Diele den Wetterſegen zu beten, und den Herrn des Sturmes anzuflehen, daß er den ſengenden Blitz⸗ ſtrahl von ſeinem Gehöfte fern halte. Aber jetzt * 168 zuckt es wieder feuerfarben durch die Flamme; ein Blitz— ein Schlag— die Wolken reißen, das Eis des Saaten zerſtörenden Hagels raſſelt auf das kleine Hüttendach, und reißt den gewaltigen Tan⸗ nen ihre Arme herab, daß dieſe knatternd zu Bo⸗ den ſinken, und das von der Schloſſe erſchlagene Waldvöglein zur letzten Raſt mit einem grünen Laubdache bedecken. Mitten in dieſem Toben des Waldſturmes ſteht ein kleiner Mann im groben grünen Jagdrocke, den breitkrämpigen waſſergetränk⸗ ten grauen Hut auf dem Haupte von welchem es wie aus zwanzig Röhrchen herab träufelt, den Kugel⸗ ſtutzen umgekehrt in der Hand, auf daß der Regen den innern Lauf deſſelben nicht benetze; den Rücken drückt er ſorgfältig an eine breite Tanne, unter deren Aeſten er einigen Schutz findet, während er ſeinen etwa zwölfjährigen kleinen Begleiter, einen Knaben im naſſen grauen Wollenkittel, der einen Jagdſpeer in den froſtzitternden Händen trägt, feſt an ſich drückt, um ihn zu erwärmen, und einiger⸗ maßen vor dem Regen zu decken. Der Tag hat ſich ſeinem Ende bereits zuge⸗ neigt, und grauenvolle Finſterniß lagert auf dem Forſte, die nur durch das zeitweilige Aufleuchten der * 169 Blitze unterbrochen wird. Wieder rollt der furchtbare Donner durch die Luft. „Siehſt Vater,“ klagte der Knabe,„ich bat Dich gleich, heute in der Hütte zu bleiben, das Gewitter rückte ſo drohend heran.“— „Gott ſei uns gnädig,“ jammerte der Alte, während wieder ein Blitz auflenchtete, und gleich darauf ein ſo gewaltiger Donnerſchlag erdröhnte, daß der Boden unter ihren Füßen erzitterte.„Das hat eingeſchlagen!“ Aber es war ein ſogenannter Waſſer⸗ ſchlag, der in die Felsſpitze fuhr und nicht zündete. „Und weißt Du, Vater,“ jammerte der Kleine, in⸗ dem er ſein Geſicht an der Bruſt des Alten verbarg, „weißt Du, daß wir auf der Höhe des Breitenſteines ſind, wo der faule Wenzel umgeht.—“ Der Vater ſchlug hier ein Kreuz.„Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“ ſchrie er, und be⸗ deckte ſein Geſicht mit beiden Händen—„bet' ein Vater unſer, Melchior, dort ſteht er!“ Der Knabe ſchrie laut auf— ein langer Kreuz⸗ blitz, dem abermals ein furchtbarer Donnerſchlag folgte, verbreitete Tageshelle und beleuchtete zehn Schritte vor dem geängſtigten Paare dicht neben einer Rie⸗ ſentanne die Hunnengeſtalt eines langen Mannes im weiten Jagdmantel, der ſeine Rechte eben emporhob, X 170 während ſeine Linke das kugelförmige Gefäß ſeines gewaltigen Schlachtſchwertes faßte, neben ihm ſtand ein kleiner Begleiter, deſſen Feueraugen forſchend durch das waſſertriefende Geſträuch blitzten.—„Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn! der faule Wenzel! Gott ſei uns gnädig,“ ſchrie in einem Athem der Alte— aber ſchon hob ſich die Rieſengeſtalt an der Tanne, und ſchritt über das Moos heran— „Halt! hier ſind Menſchen!“ rief er—„hie⸗ her, Guntram.“ Der Alte und ſein Knabe waren in die Knie geſunken, und heulten vor Angſt mit dem Sturme um die Wette. Mehrere Minuten bedurfte es jedoch, bis der Rieſe und ſein Begleiter ſich von der Tanne über die vom Hagel niedergeſchmetterten Aeſte und Baum⸗ trümmer heranarbeiteten. Das Gewitter rauſchte in⸗ deſſen vom Windeszuge mitgenommen ins Donau⸗ thal hinab und heller wurde es im Forſte; ſchon drang wieder ein Strahl der ſcheidenden Abendſonne durch die Zweige, und Krähe und Nußhäher ließen ihre Stimmen vernehmen; Dachs und Füchslein ſteckten ſchnuppernd ihre Schnautze aus der bergenden Höhle, und athmeten den friſchen Balſam, der jetzt dem durchnäßten Moosteppiche des Waldes ent⸗ * 171 ſtrömte. Die Waldblümlein ſtanden voller Thränen, welche ihnen die Angſt ob des furchtbaren Sturmes auf die kleinen Kelche getrieben hatte.— Der Rieſe vor der Tanne ſtand jetzt vor dem wimmernden Alten und ſeinem Sohne. „Herr, erbarme dich unſer!“ ſchrie dieſer,„der faule Wenzel iſt aus dem Grabe erſtanden!“ Aber der Lange kehrte ſich nicht an das Geſchrei.„Gott zum Gruße,“ rief er den beiden zu;„ſeid Ihr Landleute aus dieſer Gegend?“— Jetzt blickte der Alte ſcheu empor; er merkte, daß kein Nachtgeſpenſt, wie er ge⸗ glaubt hatte, kein gewaltiger Rieſe, ſondern ein hoch⸗ gewachſener Kriegsmann mit Schwert und Federhut, und deſſen Begleiter, ein ſtämmiger Knecht mit einer Lanze herankamen. „Ich bin der Forſtwart dieſer Wälder,“ ſagte er, „und der da iſt mein Söhnlein, das ſchreckliche Ge⸗ witter hat uns hier überraſcht.“— „Uns auch,“ entgegnete der Kriegsmann;„und wir ſehnen uns nach einem ſchützenden Obdach, um unſere Kleider zu trocknen, und etwas Nahrung zu erlangen.“ „So folgt uns, Herr,“ ſagte der Alte,„und laßt uns dieſe Bergesſchlucht verlaſſen, wo das Geſpenſt des faulen Wenzels ſein Unweſen treibt.“ ₰ 172 „Was iſt's mit dem faulen Wenzel?“ fragte der Lange. „Das ſollt Ihr in meiner Hütte erfahren,“ ſagte der Alte,„dort ſpricht ſich beſſer von ſolchen Dingen als hier, wo alle Zweige Ohren haben,— kommt!“ Raſch führte der Alte die beiden Krieger zu ſeiner Hütte in den Haſelgraben hinab. Sie mußten ſich gewaltig bücken, um durch die niedrige Thür in eine rauchgeſchwärzte Stube zu ſchlüpfen, wo ſie ein bereits für den Alten herge⸗ richtetes Ruhebett von Roßhaaren, einen viereckigen groben Holztiſch, einige Schemel, und gewöhnliches Hausgeräthe fanden; eine anſtoßende Nebenkammer enthielt Aehnliches. Hier erfuhren ſie, daß der Alte, Meiſter Eli⸗ gius Webſer, ſtahrembergiſcher Forſtwart im Haſel⸗ graben, und der Junge ſein Sohn ſei.— Die Mut⸗ ter war bereits todt, und der Alte hauſte in dieſem einſamen Häuschen mit dem Jungen ſeit mehreren Jahren recht gemüthlich und zufrieden, er wollte ihn gleichfalls zu einem tüchtigen Forſtwart heran⸗ bilden; darum mußte er mit ihm hinaus in Nacht und Nebel, in Sturm und Hagel, und nie durfte er zittern nach dem Vorbilde ſeines Vaters— nur mit der Geiſterwelt wollte der Alte nicht anbinden 173 — das war ſeine ſchwache Seite; der heutige Abend am Breitenſtein der höchſten Spitze des Gewäldes nächſt dem Haſelgraben war vollkommen geeignet, ihn aus der Faſſung zu bringen. Aber hohe Röthe flammte auf ſeinem alten Antlitze, als er, der gleichfalls ein alter Krieger war, und erſt ſpäter den Küraß mit der Jagdflinte ver⸗ tauſcht hatte, aus dem Munde des Kriegers erfuhr, daß dieſer ein vornehmer Reiter⸗ General mit ſeinem Reitknechte ſei. Dieſer ſtellte an den Alten alsbald verſchiedene Fragen über die Verhältniſſe und Vor⸗ gänge in Oeſterreich während den letzten Jahren — namentlich aber über den Ausgang des Bauern⸗ krieges. „Ach Herr,“ erzählte der Alte,„das war eine blutige Zeit, die wir in Oeſterreich durchmachten.— Nun, Ihr wißt, daß unſern Bauern die Verbindung mit Guſtav Adolph, dem Schwedenkönige, ſo viel wie gar nichts genützt hatte, denn der ſchwediſche Löwe hatte bei Lützen ſeine Mähne in den Sand gelegt. Die Befehle unſers Kaiſers Ferdinandi, wegen Auf⸗ geben der proteſtantiſchen Religion, wurden nun in Oberöſterreich nur noch ſtrenger vollzogen, und da noch immer viele Anhänger derſelben im Lande ver⸗ blieben, und dieſes durch Einquartirung litt, ſo ent⸗ 5 174 ſtand im fünf und dreißiger Jahre ein neuer Auf⸗ ſtand unter dem Martin Laimbauer, dem Inſaſſen des Herrn von Schallenberg. Der Laimbauer gab vor, Gott habe ihm durch ſeinen Engel befohlen: Alle Proteſtanten, die zur katholiſchen Religion zurück⸗ kehren wollen, davon abzuhalten. Er machte den Pre⸗ diger, und wenigſtens vierhundert Bauern zogen mit ihm nach Gallneukirchen, wo er ſein Lager hatte; aber mein Herr, der wackere Kaspar von Stahrem⸗ berg bläute ihnen bei Frankenburg ſo tüchtig die Köpfe, daß ſie ſich alle mit Weib und Kindern in die Kirche ſalviren mußten. Ich war mit dabei und wir fingen dort den Laimbauer ab, der, ob er auch bereute und katholiſch wurde, am 20. Juni in Linz mit ſechs andern Rädelsführern den verruchten Kopf verlor; zwei andere haben wir gehenkt.— Nun, der Aufſtand, der dritte, den die vertrackten Bauern im Oberlande erregten, wäre auch abgethan, aber unſer Zuſtand iſt noch immer elend genug, und die Schweden plänkeln fortwährend an unſern Lan⸗ desgrenzen; aber auch die kaiſerlichen Reiter kneifen uns auf allen Seiten, und verüben allerhand Unfug im Lande— nur in dieſe Schlucht findet ſelten einer den Weg.—“ „Und was iſt aus dem Willinger geworden,“ * 175 fragte der General,—„aus dem Herrn von der Au und Hinterdobl, der im erſten Bauernkriege ſeine Rolle ſpielte.“ „Caput!“ ſagte der Alte, indem er die Handbe⸗ wegung des Hinrichtens machte. „Und der alte Stadt⸗ und Bannrichter— Herr Schröckinger?“ fuhr der General fort. „Auch caput,“ ſagte der Alte,„aber auf ehren⸗ hafte Weiſe, iſt ruhig geſtorben zu Linz.“ „Und ſeine Tochter?“— fragte der General geſpannt— „Ach Ihr meint die ſchöne Marie, die mit dem windigen Schneiderjungen ins Gerede kam“— be⸗ merkte der Alte monoton—„nun— die—“ „Lebt ſie?“ fragte der General haſtig. „Das kann ich Euch nicht ſagen,“ entgegnete der Forſtwart,„nach dem Tode ihres Vaters verſchwand ſie aus Linz, und ſoll ſich wie ich reden hörte, zu einer Baſe nach Steyr gezogen haben.“ „Und was iſt denn aus dem windigen Schnei⸗ derjungen, der ſie anbetete, geworden?“ fragte der General weiter. „Ah der Statthalter vom Kamin, wie wir das Männlein von ſeiner damals viel Gerede verurſachenden Liebeshiſtoria nannten; nun der ſoll 176 irgendwo unter die Schweden gerathen ſein, und wird vielleicht auf einem der vielen deutſchen Schlachtfel⸗ der modern.—“ „Daß Dich der Teufel reite,“ rief der General jetzt auflachend—„Du meinſt es prächtig mit Dei⸗ nem Landsmanne, alter Waidmann;— ſchau mal her, ſchau mir ins bärtige Geſicht, findeſt Du den Oeſterreicher da nicht mehr heraus?—“ „Füchslein und Mäuslein!“ rief der Forſtwart verwundert aufſpringend, daß der Weinbecher vom Tiſche rollte, und das gelbe Naß auf den Boden rann;„Ihr ſeid wohl gar—“ „Der Hanns Georg Derfflinger,“ erwiederte der General lachend, indem er ſich in ſeiner ganzen Man⸗ neslänge emporrichtete;„bin der Hanns Georg Derff⸗ linger, der Schneiderjunge aus Neuhofen, und das, Alter,“ ſetzte er, auf ſein gutes Schwert ſchlagend hinzu,„das iſt die Nadel, mit der ich mir den Ge⸗ neralsrock ausgenäht babe— glaubſt Du's?“ „Herr Gott in Deinen Höhen!“ rief Eligius der Forſtwart,„Ihr, Ihr, ſeid der windige Schneider, der vor fünf und zwanzig Jahren durch den Kami des Stadtrichters kroch, um zu ſeiner Liebſten zu ge langen, und davon den Spottnamen„der Statthalter vom Kamin“ davon trug; und nun ſeid Ihr gar * 177 General geworden! Und was für ein prächtiger Reiter⸗ General! Und welche Ehre für mich, Euch in meiner Klauſe zu bewirthen; ja unſer Eins kommt halt in die Welt nicht hinaus, und hört nicht, wie's drau⸗ ßen zugeht, und wie ſie ſteigen und klettern auf den großen Leitern, die der Krieg jetzt an alle Thuren ſetzt, und wie da mancher den Marſchallshut erreicht, wenn er auch von niedriger Geburt entſtammt.—“ Auf dieſe Weiſe redete der erſtaunte Forſtwart noch lange.—„Nun, die werden ſchauen, und die Ohren hängen in Linz, wenn Ihr hinkommt als Ge⸗ neral, wo Ihr als geächteter Schneiderjunge ausge⸗ zogen ſeid,“ rief er;„aber freilich, viel Gras iſt ſeit⸗ dem gewachſen, und viel Schnee iſt gelegen auf den Gräbern Eurer Widerſacher, und Ihr werdet Nieman⸗ den mehr kennen von denen, die Euch verjagten— auf daß Ihr Rache nehmen könntet.“ „Pfui, Alter,“ ſagte Derfflinger, gerührt von der herzlichen Freude des Forſtwartes,„pfui, wer wird an Rache denken nach einem Viertel Jahrhundert, Friede, Friede, Friede über die Gräber derer, die mir fluchten und Segen auf die, die mich verfolgten!— alſo iſt es der Wille des Herrn, der mich geführt hat auf rauhen Wegen, und der mich zurückgeführt hat in das Land, wo ich geboren, auf daß ich es 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. I. 12. 178 ſegnend betrete, und nicht mit dem alten Groll im Herzen, den die Zeit verweht hat, wie eine Seifen⸗ blaſe. Roſen, Roſen, Alter, will ich ſtreuen auf die Pfade, die einſt meinen Fuß mit Dornen ritzten, Blumen will ich ſchütten auf die Stadt, die mir ihre Thore verſchloß— meine Feldparole, Alter, heißt, Vergeben und Vergeſſen!“ „O, was ſeid Ihr doch für ein mannhafter herrlicher Ritter,“ rief der Alte, und eine Thräne zitterte in ſeinem Auge.—„Nun denn, ſo ſegne der Herr Eure Fußſtapfen, und gebe, daß Ihr finden möget alles Gluͤck im Vaterlande, das Ihr ſucht.“ „Eine, Eine will ich finden,“ ſagte Derfflinger leiſe— indem er die Hand des Alten drückte.— „Eine unter Tauſenden... 4 Jetzt brachte der Sohn des Alten friſchen Wein und Derfflinger erzählte nun dem erſtaunten Forſt⸗ wart Einiges aus ſeinem Leben.— Er war in den letzten Tagen mit ſeinem Vater und dem Reitknechte aus der Mark und Böhmen allmälig gegen Kloſter Schlögl herabgekommen. Dort mußte er ſeinen Vater, deſſen zunehmende Schwäche ihm die Weiter⸗ reiſe vor der Hand nicht geſtattete, der ſorgſamen Obhut der gaſtfreien Mönche zurücklaſſen; er ſelbſt wollte vollends nach Linz herabeilen— denn nicht * — vermochte er die Sehnſucht zu bannen, den Boden ſeines Vaterlandes zu küſſen, wo er als Jüngling gewandelt, und Marien, die Roſe von Linz aufſuchen, wenn ſie noch für ihn blühte, der ihr die angelobte Treue bis zu dieſer Stunde männlich und feſt be⸗ wahrt hatte.... O, wie zitterte ſein Herz dem ſchönen Augen⸗ blicke des Wiederſehens entgegen— wie malte er ſich die Freude aus, die ihn erfaſſen würde, wenn er den erſten Fußtritt auf die Scholle ſeiner Geburts⸗ ſtätte machen würde! Er eilte daher mit ſeinem Reitknechte, die müden Pferde im Kloſter Schlögl zurücklaſſend, über den Gebirgskamm ins Donauthal herab.— Die Frende und Sehnſucht trieb ihn an— ſo verfehlte er auf den damals noch ungebahnten Feld⸗ und Waldwegen die rechte Bahn, und traf, wie er erzählt, den Forſt⸗ wart Eligius und deſſen Sohn und ſaß alſo jetzt, geſchützt vor Regen und Wind, ſeinen Mantel trock⸗ nend in der Stube des Alten, der mit freundlicher Geſchäftigkeit die friſche Butter, und den beſten Zie⸗ genkäs, dann eine Kanne Wein herbeibrachte, um ſeinen hohen Gaſt nach Kräften zu bewirthen. „Nun aber, ſage mir Landsmann,“ fragte Derff⸗ linger,„warum erſchrakſt Du, alter Fyrümann, der 180 Du mit Wölfen und Bären anbindeſt, und wie Du ſagſt, auf dem Schlachtfelde in die Schule gingſt, ſo ge⸗ waltig, als Dumich am Felskogel herankommen ſahſt.“ „Ach, Herr General,“ entgegnete der Forſtwart, mit banger Stimme;„ich hielt Euch für das Ge⸗ ſpenſt des faulen Wenzels.“ „Des faulen Wenzels?“ fragte Derfflinger; „wer iſt der?“ „Seht,“ ſagte der Forſtwart,„wir Waidmänner im Wildforſte fürchten, wie Ihr richtig ſagt, weder Bären noch Wölfe— aber mit dem nächtigen Luft⸗ geſindel, mag kein ehrlich Chriſtenkind anbinden— und Ihr ſeid in Eurer Jugend niemals in dieſe Gegend gekommen, darum wißt Ihr auch nicht die Mähr vom faulen Wenzel...“ „So erzähl', Alter,“ mahnte Derfflinger und ſtreckte behaglich ſeine ſehnigen Glieder auf die Lager⸗ ſchütte, indem er ſich ſeinen Kriegermantel unter das Haupt und den Weinkrug näher ſchob. „Nun, ſo hört an,“ begann der Alte. „Gegen das Ende des Spätherbſtes des Jahres 1395 ſtand auf einem der Felskegel des Haſelgrabens ein Bäuerlein, Hanns Helmon von der öden Mühle genannt, und ſeine Thränen, ſo heiß ſie auch auf den gefurchten Wangen herabrollten, hatte der ſchneidende * 181 Norbwind doch bald zu Eis verglaſt, ſo rauh tobte der Sturm über die entlaubten Gipfel des Felskegels.— Aber noch lauter tobte der Schmerz im Gemüthe des armen Landmannes; denn nur die nackte Freiheit hatte er gerettet, indem er vor den ſein Hab und Gut in Beſitz nehmenden Schergen des Stadtvogtes von Linz, welche indeſſen in ſeinem Gehöfte hauſeten, auf den Felſen geflüchtet war. Er war durch Unglücksfälle aller Art, insbeſondere aber durch Mißwachs der letzten Ernte nicht im Stande geweſen, dem Stadtvogt ſeinen Leibzoll und Zehent zu entrichten, und nun mit ſeinem ſo eben bei einer Baſe in Linz befindlichen einzigen Töchter⸗ lein dem bitterſten Nothſtande preisgegeben. Da wimmerte er nun hinaus in die hohlen Lüfte, und wimmerte mit der Windsbraut um die Wette, und ſein Herz pochte immer ſtürmiſcher, ſein Schmerz wuchs gleich einer Lawine mit jeder Secunde, denn er war ſich's bewußt, daß, ſo wie er den erſten Schritt an den heimatlichen Herd, oder in das Weichbild der Stadt zurück mache, er auch dem Schuldthurme verfallen ſei, und ohne Gnade ſchmachten müſſe, bis es dem Stadtvogte gefällig ſei, ihm die Freiheit zu ſchenken. Hanns wandte ſein Auge zum Himmel, aber dieſer blieb umzogen, und kein mildes * 182 Sternlein durchzuckte mit ſeinem Friedenslichte den Nebelſchleier der Berge; Hanns ſank auf die Erde, aber kalt fühlte es ſich auch da herauf, kalt wie die WMenſchen ſind, welche der Erdboden trägt. So ſaß er rath⸗ und thatlos, und ſtierte in die Nacht hin⸗ aus, aus welcher kein Rettungsſchimmer für ihn auftauchen wollte. „Und wieder ſprang Hanns von ſeinem Erdblocke auf: HGiebt es denn keine Rettung hier“ donnerte et faſt verzweifelnd in die Nacht hinaus.—„Hier! hier!— ſchallte in immer ſchwächeren Accorden das Echo von der Felſenwand zurück, und wie ein Blitzſtrahl durchzuckte es den armen Hanns. „So ſchallt der gewaltige Ruf: Land! dem todt⸗ müden Seefahrer neubelebend entgegen. „Ohne ſeiner Abſicht recht bewußt zu ſein, ſteu⸗ erte nun Hanns in den dichten Nebel hinaus, der Gegend zu, woher der Ruf erſchollen war, aber ſchon beim vierten Schritte fiel ihm bei, daß eben heute die grauenvolle Thomasnacht heraufgezogen ſei mit ihren Schaaren von Kobolden, Nachtelfen und fin⸗ ſteren Erddämonen, die wie der Volksglaube wiſſen wollte, in dem tiefen Felsgeklüfte des Haſelgrabens in dieſer Nacht ihr Unweſen trieben, und von dem * 183 wilden Jäger alljährlich in der Thomasnacht allhier durch die Lüfte gejagt würden. „Plötzlich ward es Hannſen klar, daß der Ruf, der ihn ſo ſehr entzückt hatte, von keiner lebenden Bruſt ausgehaucht worden ſei. „Aber er ermuthigte ſich. „Sei es!e rief er entſchloſſen vor ſich hin, Hder Himmel war taub für mein Flehen, wohlan! ſo will ich es mit dem wilden Jäger verſuchen!“ „Und raſcher überkletterte er das Geſtrüpp, Baum⸗ ſtrunk und Geklüft, um in die Gegend zu gelangen, aus welcher der Ruf in ſein Ohr erſchollen war. „Und ſiehe ſchon blitzte ein rothes Flämmchen vom ſogenannten„bteiten Stein, dem höchſten Punkte der Felſenwand herüber, und— ein gewaltiger Jäger mit einer rothen Feder auf dem Hute, mit einem Montel von Luchsfell behangen und eine gewaltige Armbruſt in die Erde ſtemmend trat dem armen Bäuerlein entgegen, das erſchrocken zurücktaumelte, und nicht wahrnahm, wie zwei Begleiter des gewal⸗ tigen Waidmannes in einiger Entfernung an einem Feuer lagernd, den Bewegungen ihres hochſtämmigen Begleiters mit den Augen folgten. „Steh!“ herrſchte der Hochſtämmige dem Bauer zu— hhätte bei dichtem Nebel Dich bald verkannt, * 184 und für eine Jagdbeute gehalten, dank es meiner zerbrochenen Armbruſt, ſonſt lägſt Du wohl in Deinem Blute, und fluchteſt dem Leichtſinne, Dich um dieſe Friſt in dies Revier zu verirren, das nur den Wild⸗ bären und Wölfen zum Raſtplatze dient.— Keinen Laut konnte Hanns von ſich geben— denn ſo ſehr er vorher in toller Entſchloſſenheit bergan geſtürmt war, den wilden Jäger aufzuſuchen, ſo ſehr reuete es ihn nun, Gott, ſeinen Herrn in frevelhafter Ver⸗ zweiflung verſucht, und ſich in den Bereich der Un⸗ terirdiſchen gewagt zu haben. „Ich habe Gott, meinen Herrn verſucht, ſtam⸗ melte er, fort, fort von dieſem Orte— lieber will ich arm bleiben, und in den Schuldenthurm wandern mein Lebenlang, als mit dem Böſen mich einlaſſen“ „Der gewaltige Jägersmann hatte mit ſichtlicher Aufmerkſamkeit jedes der Worte Hannſens belauſcht; — wie ein Blitz war es über ſein bleiches Antlitz gefahren. „Arm biſt Du?“ rief er halbleiſe, als wollte er das, was er zu ſagen hatte, vor ſeinen nunmehr ſich emporrichtenden Gefährten verhehlt wiſſen, wohlan, Du ſollſt reich werden, ein Cröſus unter Deinen Genoſſen!“ * 185 „Großer Gott!“ rief Hanns, indem er zurück⸗ taumelte,„Ihr wollt?— „Einen Pact mit Dir machen, murmelte der Jäger halbleiſe, als wollte er nicht, daß ſeine Be⸗ gleiter das Zwiegeſpräch mit dem Bauer vernehmen ſollten. „Einen Pact wollen wir ſchließen— Bäuerlein, fuhr er fort, und ſein Auge blitzte wie der Demant in den finſtern Schachten von Golkonda, aus den dräuenden Brauen hervor, dabei riß er, ſich von ſeinen Gefährten halb abwendend, ſeinen grauen Jä⸗ gerhut vom Haupte, und zerrte ein Pergamenthlätt⸗ chen hervor, das er Hannſen entgegen hielt. „Weh mir,“ ſtotterte dieſer, ſo ſoll ich unter⸗ ſchreiben das Bündniß mit dem Fürſten der Hölle, den ich aufzuſuchen gekommen bin in frevelhaftem Uebermuthe, o! ich kann, ich darf nicht unterſchreiben!“ „Das ſollſt Du auch nicht, herrſchte der Jäger entgegen,„Du nimmſt blos dieſes Pergamentblätt⸗ chen mit meinem Siegel verſehen, und ſo Du am nächſten Morgen wirſt begegnen vor dem Stadtthore zu Linz dem erſten Edelknappen oder Stadttrabanten, ſo wirſt Du dieſem reichen das Blättchen zur wei⸗ teren Beſtellung,— und ſo Du ihm ſagen wirſt Deinen Namen und Hauſirung, wirſt Du alsbald 186 reich und wohlhabend werden, wie Du gewollt in Deinem Gehöfte.— „Wie brennend Feuer lag das Pergamentblätt⸗ chen in Hannſens rechter Hand, und raſch hatte der Jäger ſich den bereits auf ihn zuſchreitenden Gefähr⸗ ten genähert und war unter allerlei ſonderbaren Ge berden und Winken im Dickicht des Waldes ver⸗ ſchwunden. „Hanns aber begann zu laufen, als ſäße der wilde Jäger mit ſeiner ſchwarzen Schaar auf ſeinem Nacken. Aus jedem herabhängenden Tannenaſte grinſten ihn Teufelsfratzen an, und unter ſeinen Füßen ziſchten Erdmolche und Nattern vorüber. Heu⸗ lend klagte die Windsbraut durch den mächtigen Forſt, und ferner tönte das Geheul des hungernden Wolfes über den Anger. Bergab und immer bergab wandte ſich Hanns, das verhängnißvolle Pergament⸗ blatt in der Fauſt, durch Stein und Geklüft, und ſank zuletzt zuſammenbrechend auf einen Wieſenraſen am Abhange des Geklüftes nieder.— „Als Hanns Helmon wieder erwachte, begrüßte ihn der freundliche Strahl der aufgehenden Morgen⸗ ſonne, welche ſich in tauſend und abermals tauſend Demantperlen auf demſelben Wieſenplane ſpiegelte. „Hanns ſuchte almälig die düſtern Bilder der * 187 verfloſſenen Nacht in ſein Gedächtniß zurückzurufen, und vermeinte ſchon, ein wüſtes Traumgebilde habe ſeine Phantaſie beſchäftiget, allein neben ihm auf der vom Frühnebel bethauten Haide lag das Per⸗ gamentblättchen, welches ihm der wilde Jäger gege⸗ ben hatte. Hanns beſah es von allen Seiten, es war mit lateiniſchen Buchſtaben beſchrieben, deren Inhalt ſich jedoch Hanns, da er des Leſens gänzlich unkundig war, nicht entziffern konnte.— „Aber ſchwerer und immer ſchwerer fiel es ihm auf's Herz, daß er ſich auf„dem Breitenſtein, dem wilden Jäger verſchrieben habe; zuletzt brach er über ſein vermeintliches Ungluck in Thränen aus, und ſtürzte ſeiner Behauſung ausweichend, faſt be⸗ wußt⸗ und willenlos der Stadtgegend zu. „Eben vergoldete die milde Herbſtſonne die Zinne des Stadtkirchleins, als Hanns in der Gegend des ſogenannten Häck anlangte, und in ſeinem un⸗ ſtäten Fortraſen durch den Ruf:„Sieh Dich vor, Hanns von der Oed!“— aufgehalten wurde. „Hanns blickte auf, und gewahrte einen alten Bekannten, der oft ſchon auf ſeiner Mühle einge⸗ ſprochen hatte; es war Roderich, der Hauptmann eines Fähnleins der Spießträger, welche Herzog Albrecht von Oeſterreich damals in ſeinem Solde hielt. * 188 Plötzlich erinnerte ſich Hanns auf den Auftrag des wilden Jägers, dem erſten Edelknechte oder Traban⸗ ten die Pergamentrolle zu behändigen und mit vor tiefer Beklemmung bebender Stimme bat er den Hauptmann zu halten, und die Pergamentrolle zu leſen, die ihm, wie er vorſchützte, ein Jägersmann am Wildberge behändigt habe— Doch, er konnte nicht ausreden, denn kaum erblickte der Hauptmann die Rolle, und fing darin zu leſen, ſo ſtrahlte ſein Antlitz:—„Menſch!“ rief er, Helmon krampfhaft am Arme faſſend, ein Jäger am Wildberge hat Dir dieſe Rolle gegeben? Kannſt Du den Mann be⸗ ſchreiben?“ „Aber ehe denn Hanns einige zuſammenhängende Laute hervorgebracht hatte, hatte der Hauptmann mit ungeduldigem Eifer das Blatt ganz durchflogen, und mit dem Ausrufe: Er iſt es!— Alſo endlich doch gefunden!“ ſchleuderte er dem erſtaunten Helmon eine ſchwere Börſe vor die Füße und trabte auf die Schiffbrücke zu, daß die Funken von den Hufen ſei⸗ nes Roſſes aufflogen, als gälte es, den letzten Ritt zu machen auf Leben und Tod. „Hanns aber erinnerte ſich an die Prophezeihung des wilden Jägers von dem künftigen Reichthume, der ihm durch dieſe Sendung werden ſollte, und mit * 189 gierigen Augen hob er den Beutel empor, und wiegte wohl mehr denn hundert Goldſtücke in ſeinen Händen.——— „Ein Jahr war nach dieſer Begebenheit verſtri⸗ chen. Hanns hatte mit dem erhaltenen Gelde all⸗ mälig ſeine Schuld getilgt, und ſaß als reicher Müller und Beſitzer eines zweiten Gehöftes am Ein⸗ gange des oberen Haſelgrabens, ſein Töchterlein hatte aber dem ungeachtet keine Freier gefunden, denn der plötzliche Reichthum Hannſens hatte die Eiferſucht ſeiner Bekannten, ja des ganzen Gaues erregt, denn man wußte ja, daß es erſt die fürchter⸗ liche St. Thomasnacht geweſen, ſeit welcher Hanns zu ſeinem Reichthum gelangt war.— „Geflohen von allen Bekannten, und verrufen als Einer, der da mit dem Böſen ein Bündniß einge⸗ gangen habe, ſuchte Hanns auch vergebens die Stimme ſeines Gewiſſens zu übertäuben, allein es gelang ihm nicht. Obſchon ſich ſein Reichthum täglich ver⸗ mehrte, ſo blieb er doch ein armer Mann, denn ſeine Phantaſie malte ihm allnächtlich das Schreckbild der St. Thomasnacht auf dem Breitenſtein vor, und ſo wäre er mitten in ſeinem Glücke dahingeſiecht an Leib und Seele, hätte nicht der gütige Himmel ſei⸗ nem geiſtigen und leiblichen Elende ein Ende gemacht. * 190 „Es war abermals eine finſtere Herbſtnacht, als Hanns an ſeiner Behauſung in der Oedmühle klopfen hörte,— ſchon zitterte er wieder vor dem Schreck⸗ bilde des wilden Jägers, mit dem er ſich noch im⸗ mer um ſo mehr im Bunde glaubte, als er nicht die Gewalt über ſich beſaß, ſich ſeines zweideutigen Reichthums freiwillig zu entäußern. Diesmal war es aber nicht der wilde Jäger, ſondern ein Ordens⸗ bruder aus dem Mönchsorden der Baarfüßer, wel⸗ cher zum Grabe des heiligen Adalbert wallfahrend für dieſe Nacht Einlaß begehrte. „Helmon ließ ihm gerne eine Zufluchtsſtätte vor dem rauhen Nord in ſeinem Hauſe finden, und ge⸗ wann ſeinen ſeltenen Gaſt, dem er das Beſte auf⸗ tiſchte, ſchon in der erſten Stunde ſeines Aufenthal⸗ tes ſo lieb, daß er allmälig Vertrauen faſſend, ihm zuletzt ſein gepreßtes Herz eröffnend— die ganze ſchauerliche Scene jener Nacht erzählte und ihn unter Thränen um Gewiſſensrath und Hilfe anflehte. „Der Mönch ſchüttelte bedenklich das graue Haupt und meinte zuletzt, Hanns ſolle ihn auf ſeiner Pil⸗ gerfahrt nach Prag zur Sühne ſeiner Schuld baar⸗ fuß und unbedeckten Hauptes begleiten, und ſo viel als er, ohne ſelbſt darben zu müſſen, von ſeinem Hab und Gut entbehren könne, auf dem Altare des * 191 Münſters der böhmiſchen Hauptſtadt der Kirche zum Opfer bringen. So werde ſich das Band löſen, in welches ihn der Böſe verſtrickt habe. „Uebrigens ſetzte er hinzu, müſſe hier noch ein anderes Geheimniß zu Grunde liegen, zumal der Trabanten⸗Hauptmann, den Hanns nicht wiedergeſe⸗ hen hatte, über die Pergamentrolle ſo außerordent⸗ liches Entzücken geäußert habe. „Am andern Morgen wanderte Hanns Helmon an der Seite ſeines Töchterleins und des Baar⸗ füßermönches ſelbſt baarfuß und ohne Hauptbedeckung mit einem ſchweren Sacke Goldes beladen, der Grenze Böhmens zu, und ehe ſechs Tage verſtrichen waren, grüßte die frommen Wanderer bereits der ferne Schimmer der alten Königsſtadt Prag. „Da löſte ſich wohl die Fieberrinde am Helmon's Herz, und er weinte, als er an der Seite des frommen Mönches die große ſteinerne Moldaubrücke betrat, die erſten Thränen wahrhafter Reue, denn er wollte ja nun ſein Hab und Gut als eine Sühne bringen für eine Handlung der Nacht, welche ſein bisheriges Leben mit ſo namenloſem Jammer überſchüttet hatte. „Nun ſollſt Du, arger Verführer, meine Wege nicht mehr betreten, lispelte Helmon leiſe vor ſich hin, als er die Brücke entlang ſchritt—„magſt hauſen 6 192 in Deinen Wäldern, aber meiden meine Fährte, wilder Jäger!—“ „Aber das Wort erſtarb Hannſen im Munde, denn am äußerſten Brückenkopfe ſchritt, wie er leibte und lebte, der wilde Jäger aus dem Forſte des Wildbergs mit ſeiner gewaltigen Armbruſt und der Reiherfeder auf Helmon zu.„Herr meines Lebens, ſchrie Hanns zurückprallend, er iſt es.“ „Iſt's Faſtnachtsſpuk oder Wahrheit, lachte der wilde Jäger entgegen, indem er ſeine Rechte vorſtreckend auf Hanns zuſchritt,„der iſt es, den ich lange vergebens ſuchen ließ.“ „Es loben die guten Geiſter den Herrn, und mit Dir habe ich nichts zu ſchaffen, ſchrie Hanns, in⸗ dem er ein Kreuz ſchlug und gegen das Brückenge⸗ länder zuſprang, während die falbe Mondesſichel ihren Schimmer auf die ſtille Moldavia zurückwarf und das bärtige Geſicht des wilden Jägers be⸗ leuchtete. „Narr Du mit Deinen Poſſen, lachte der wilde Jäger, danke es Deinem Glücke, daß Du mich, oder vielmehr ich Dich gefunden habe, auf daß ich Deinen Dienſt lohnen kann, wie Du es um mich verdient haſt in der kalten Thomasnacht auf dem Wildberge; ließ ich Dich doch allenthalben ſuchen im Donaugau, 193 aber der Hauptmann, dem Du mein Pergament behändiget hatteſt, wußte mir nicht Deinen Namen zu ſagen, und iſt mittlerweile bei den heidniſchen Preußen im Kampfe gefallen, und kein Anderer wußte mir Auskunft zu geben. „Dabei ſchob er den ſich beſorgt vordrängenden Baarfüßler zurück, packte den ſchreienden und ſträu⸗ benden Helmon ohne weiters unter dem Arme und zog ihn, von einem baumlangen Armbruſtträger be⸗ gleitet, auf die Stadtſeite hinüber der Gegend des Wysehrad zu, während Helmon's Töchterlein Agatha, weinend und händeringend nachfolgte. „Am Wysehrad angelangt, öffnete der wilde Jäger ein kleines Pförtlein und hieß Helmon nebſt ſeinen Begleitern in ein hellerleuchtetes Gemach ein⸗ treten, worin außer verſchiedenen Ruhebetten ein mit großen ſilbernen Bierkannen und verſchiedenen Wildpretgerichten beſetzter Eichentiſch befindlich war. „Nun Bäuerlein, wirf Deinen Wollſack ab 3 herrſchte der Jäger dem beſtürzten Helmon zu,„und lagere Dich hier, daß wir Dein ferneres Schickſal be⸗ ſprechen bei einer Kanne echt böhmiſchen Bieres.“ „Nimmermehr!“ ſchrie Hanns ſich an den Thür⸗ pfoſten klammernd, nimmermehr! o Gott! wer bin 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II. 13 * 194 ich, daß Du mich ſo ganz geben willſt in die Hände des Argen!“ „Narr und kein Ende!“ donnerte der Jäger mit dem Fuße ſtampfend—„Du biſt ein närriſcher Kauz, der mit offnen Augen nicht ſehen will— und ich bin König Wenzeslaus der Vierte von Böhmen, dem Du ſonderbarer Träumer in der Tho⸗ masnacht des vorigen Jahres einen unbezahlbaren Dienſt erwieſen haſt, und mit dem Du nun eine Nacht des Jubels auf dem alten Wyöehrad hin⸗ bringen mußt, Du magſt wollen oder nicht. Das war zu viel für den armen Helmon. Bleich vor Schreck und Erſtaunen ſtand er da, ohne ein Wort uber die Lippen zu bringen, und er würde noch immer an dem Erlebten gezweifelt haben, hätten ihn nicht die zum Dienſte ihres Königs herbeieilenden Diener aus ſeinem Staunen geriſſen. „Als aber bei dem fröhlichen Mahle die Becher treiſten, da ward es dem Hanns Helmon von der Oed denn doch klar, daß er ein Kind des Glückes ſei, daß er es aber keiner Verbindung mit dem Böſen, ſondern der durch ihn vollbrachten Befreiung des Böhmenkönigs Wenzels zu verdanken hatte.— Wen⸗ zel der IV. zubenannt der Faule, war nämlich, wie mãän⸗ niglich bekannt, im Jahre 1394 auf ſeiner Rückreiſe von * 195 ſeinem Lieblingsſchloſſe Zebräk nach Prag während der Mittagstafel im Minvritenkloſter zu BVeraun von Markgraf Jobſt von Mähren, und mehreren böhmi⸗ ſchen Großen gefangen genommen und von Heinrich von Roſenberg zuerſt nach dem Schloſſe Ptibenic, dann nach Krumau, und endlich nach Wildberg in die Obſorge des Herrn von Srahremberg gebracht worden; dort war es ihm, als er ſich in der Tho⸗ masnacht in Begleitung ſeiner beiden Leibwächter auf der Jagd verſpätet hatte, gelungen, dem Hanns von Helmon ſeinem Befreundeten, und namentlich dem zur Auskundſchaftung des Aufenthaltes Wen⸗ zels in Linz weilenden Hauptmanne der Spießträger Herzog Albrecht's von Oeſterreich Nachricht von ſeiner Gefangenſchaft auf der Felſenburg Wildberg zu geben, und der Verwendung ſeines Freundes Herzog Albrecht und der übrigen deutſchen Reichsfürſten, welche ſich durch Wenzels Gefangenſchaft beſchimpft erachteten, gelang es im Wege der Unterhandlung Wenzels Befreiung zu bewirken, ſo doß man ihn das nächſte Jahr bereits wieder in Prag als Herrſcher begrüßte! „Und ſo ſchieden denn Helmon und ſein Töch⸗ terlein ſo wie der Baarfüßler von dem Könige reich beſchenkt in ihre Heimat, wo Helmon mit ſeinem Gewiſſen in keinem Zweifel mehr, als Mann, 13 3 196 erſt recht aufzuleben begann, und in der noch heute beſtehenden Ortſchaft Helmonsöd an der obern Mündung des Haſelgrabens das Andenken ſeines Namens eben ſo erhalten iſt, wie in der ſogenann⸗ ten Oedmühle im Haſelgraben, die Ihr da unten ſehen könnt; in der Burg Wildberg aber, fünfzehn Schritte von meiner Hütte, könnt Ihr das alte Zim⸗ mer ſehen worin König Wenzeslaus der Faule ſaß, und welches wir das Königszimmer nennen.*)— „Sein Geiſt aber ſoll, wie man männiglich wiſſen will, noch immer im Gebirge herumwandeln, und da er unverſehens und in Sünden aus der Welt gegangen iſt, oft wehklagend durch die Lüfte fahren, und ver⸗ irrten Wanderern unſeres Gebirges erſcheinen; darum meiden auch wir Waidmänner gerne die Gegend am Breitenſtein, wo das Geſpenſt des faulen Wenzels ſchon oft geſehen wurde, und darum glaubte ich daſſelbe vor mir zu haben, als Ihr mir während des nächtigen Gewitters entgegentrater.“ So endete der alte Forſtwart ſeine Erzählung vom faulen Wenzel, und nahm von dem ihm freund⸗ lich zuwinkenden ſchlaftrunkenen Derfflinger Abſchied, um gleichfalls in der Kammer der Ruhe zu pflegen. *) Die Ruine dieſes Zimmers beſteht noch. Derfflinger's Seele aber webte ſich allmälige goldene Friedensträume des frendigen Wiederſehens ſeines ſchönen Vaterlandes, auf deſſen Boden er nun ſchon ſein gutes Schwert an der Seite, die erſte Nacht entſchlummert war.— Zwölftes Capitel. Im Vaterlande! Ihr Berge! grünen Berge! Du ſchöner Donauſtrand! Ihr hochbelaubten Triften, du blumig Alpenland! Ihr Wälder! ſtolze Wälder! an Duft und Blüthen reich, Euch nenn ich hoch begeiſtert, mein ſchönes Oeſterreich! Ihr dunkelblauen Wellen, ihr Seen zauberhaft, In deren grüner Tiefe, die Elfennire ſchafft, Ihr Klüfte, ſalzgeſchwängert, ihr Berge kohlenreich, Euch nenn' ich freundlich grüßend, mein reiches Oeſterreich Ihr weinbelaubten Höhen, ihr Hügel traubenſchwer, Ihr Forſte voll des Wildes, du reiches Blumenheer, Ihr Felſenbrüche ehern, den Felſenburgen gleich, Euch nenn' ich voll Entzücken, mein ſtarkes Oeſterreich! Du Land, wo Hütten bauet, was ftiedlich wohnen will, Du Land, wo deutſche Treue noch wohnt, und Rechtgefühl, Du Land, wo Herzen ſchlagen für Unglück mild und weich, Dich nenn' ich warm und innig, mein liebes Oeſterreich! * Du Paradießgefilde, mit Städten hell und rein, Du ſchöner Garten Gottes, du grüner Fichtenhain, Durch die ſich ſchlingt der Donau gewaltig waſſerreich, Dich nenn' ich ſtolz und freudig, mein theures Oeſterreich Du Erde voll der Mäler, aus einer ernſten Zeit, Wo Roma mit Germania ausfocht den Welten⸗Streit; Du Stätte der Geſchichte an Monumenten reich, Dich nenn' ich frendig grüßend, mein großes Oeſterreich! Du Land, wo die Geſtirne dereinſt ein Kepler maß, Du Strand, auf deſſen Warte der letzte Ritter ſaß*), Wo Männer im Turniere feſt ſtanden wie die Eich', Dich nenn' ich der Geſchichte mein wackres Oeſterreich! Du Land des Rechts, der Sitte, wo Treue gilt und Schwur, Du Land mit tauſend Blüthen, gekrönt von der Natur, In dir will ich verleben mein Daſein friedensreich, D Land der holden Blüthe, mein ſchönes Oeſterreich! In deinen Wäldern lauſchen, auf deinen Triften gehn, Auf deinen Bergen jubeln, und ſtehn an deinen Seen, Auf deiner Erde ruhen gebettet lind und weich, Im Leben und im Tode biſt du mein Oeſterreich!! Kaiſer Ferdinandus MI. hatte die Regierung ſeiner Reiche, mithin auch jene des ſchönen Landes ob der Enns angetreten.— Aber in welch traurigem *) Kaiſer Mar J. 199 Zuſtande übernahm er es!— Noch hatten zwar die Schweden das Land nicht betreten, aber die Wun⸗ den des Bauernkrieges klafften noch in dem ſchönen elenden Lande. Zur Abwehr eines beſorgten Schwe⸗ denangriffes, hatte man gegen das Mühlviertel zu große Schanzen und Verhaue angelegt, und ſchon im Jahre 1641 ein allgemeines Aufgebot erlaſſen, insbeſondere hatte man Freiſtadt befeſtigt. Die Schwe⸗ den ſtreiften auch wirklich an der öſterreichiſchen Grenze herum, machten aber keinen ernſtlichen An⸗ griff auf die Schanzen, und zogen ſich wieder nach Böhmen zurück. Der Bauernkrieg aber war nun einmal gedämpft; Stephan Fadinger, der Huterer von Aſchach ruhte im wilden Moſe bei Eferding, ſeine Hauptleute hatten die Zeche am Hauptplatze zu Linz mit Blut be⸗ zahlt, wo es gar ſchiefrig hergegangen war. Friede war jetzt im Lande; und die Bewohner von Linz freuten ſich deſſen ſo ſehr und hofften ſo ſicher auf einen baldigen Friedens⸗Abſchluß mit Schweden, daß ſie die große Pacification ihres Landes, wie man die Dämpfung der Bauernunruhen in Oberöſterreich nannte, mit einem Friedensfeſte in der Haupt⸗ ſtadt zu feiern beſchloſſen. Auf Veranſtaltung des damaligen Landes⸗ 8 —— 200 Gubernators, Hanns Lubwig Grafen von Kueſſtein, und des Bürgermeiſters, Daniel Pöllmüller wurde für den St. Lucastag, im Monate September des Jahres 1643 ein ſolches großes Friedensfeſt in Linz vorbe⸗ reitet, deſſen Leitung insbeſondere dem hochgeachteten Handelsmann und Rathsbürger, Chriſtian Sind, einem der reichſten und gelehrteſten Männer von Linz, der eben den Ausbau eines Fabriksgebäudes*) vollendet hatte. Das Feſt ſollte auf der großen Donauinſel vor der Stadt abgehalten werden, und die halbe Bevöl⸗ kerung freute ſich deſſen, denn ſeit der Periode vor dem Bauernkriege hatte Linz keine derartige Feſt⸗ lichkeit mehr geſehen. Es war der herrlichſte Herbſttag des genannten Jahres. Längs des Donauſtrandes ſtanden weißrothe Friedensfahnen**) und breite Tiſche mit langen Bän⸗ ken aufgerichtet; feuriger Oeſterreicher Wein, Zither⸗ und Pfeifenklang verbreiteten Luſt und Leben an dieſem Platze. Weiter aufwärts gegen das alte Stadtthor zu, worin noch gar manche Steinkugel aus den ₰ iebt die k. k. Aerarialteppichfabrik Nro. 335 an der onau. **) die Landesfarbe Oberöſterreichs. 201 Drehbaſſen der Bauern, als Wahrzeichen der ſchreck⸗ lichen Belagerung der Landeshauptſtadt durch letztere ſtak, ſtanden ſchön geſchmückte Feſtbäume und Klet⸗ terſtangen, auf denen die muthige Jugend von Linz ihre Kunſt erproben wollte; vor dem Thor aber gin⸗ gen die Waibel und Wächter der Stadt mit ihren Hellebarden auf und nieder, um Ordnung in den ſich immer mehr und mehr drängendem Volkshaufen zu erhalten, denn Frau Sonne, welche heute ihre bliz⸗ zende Halskrauſe angelegt hatte, hob ſich ſchon be⸗ deutend über den grauen Waſſerſpiegel des alten Iſter. Vor dem Schankhauſe zum goldenen Reichs⸗ adler ſaßen mehrere Stadttrabanten und luſtige Zither⸗ ſchläger aus dem Oberlande bei ihren Moſtkrügen, und ließen ſich auf ihren Holztellern den runden Ziegenkäs mit Pfeffer, Salz und mürbem Weizen⸗ brode trefflich ſchmecken. An ihnen vorüber ging ſtolz und jugendmuthig wie ein eben aus dem Olymp geflogener Apoll, ein junger bildſchöner Mutterſohn, der ein eben ſo ſchönes Fräulein am Arme führte, und rechts und links grüßend auf ſeinen ebenmäßi⸗ gen, mit rothen Sammtſchuhen bekleideten Füßen ſo freudig und freundlich dem Donauufer zutanzte, als hätte er ſein Lebetag nur Goldſand gewogen. Auf ſeinem blonden ſeidenartigen Lockenhaare * 202 lag etwas ſchief gebogen, ein blaues golddurchwirk⸗ tes Baret, mit einer langen herabhängenden weißen Straußfeder; ſein hellblaues Wamms war mit Silber durchwirkt, an einem breiten goldverzierten Bande hing eine aus feinem Kirſchholze geſchnitzte Zither, und ſein lachendes großes Auge, ſein feiner roſen⸗ heller Mund gaben dem prächtigen Jungen ein an⸗ muthiges Anſehen, daß viele am Wege ſtehen blie⸗ ben, und ihm und der reizenden blonden Dirne an ſeinem Arme, die einen koſtbaren golddurchwirkten Reifrock nach der Sitte der damaligen Zeit, und auf dein Haupte nach Landesſitte das flimmernde goldne Linzerhäubchen trug, lange noch nachſahen, als er ſchon auf der Inſel verſchwunden war. „Das iſt der Paſſauer Fidel und ſein Sa⸗ pinchen!“ ſchallte es im Kreiſe der Zecher vor dem Schankhauſe zum goldenen Adler.— „Was iſt's mit dem?“ fragten herantretende fremde Sölbner der kaiſerlichen Soldateska. „Wie? Ihr kennt den prächtigen Paſſauer Fidel nicht?“— ſchrie der Oberöſterreicher—„der Paſſauer Fidel, der im vorigen Sommer ſeine ſchmucke Braut heimführte, und den das ganze Oberland bis weit ins Bayriſche hinaus hoch leben läßt, ſo oft ſein Name in den Trinkſtuben genannt wirdt“ * 203 Und nun ging es an ein Erzählen von dem ſchönen Paſſauer Fidel, den der Bürgermeiſter von Linz auch diesmal nach Linz entboten hatte, damit er als berühmter Minneſänger des Landes mit ſeinem herrlichen Spiele und Geſang das ſchöne Friedensfeſt der Landeshauptſtadt verherrliche und die Herzen der andern Oberöſterreicher erfreue, die da im Kerne gut ſind und auch jetzt noch in ihren trefflichen Liedertafeln das alte Wahrwort be⸗ wahren: „Wo Sang ertönt, da laß dich ruhig nieder, Böſe Menſchen haben keine Lieder...« Das war alſo der hochbelobte jugendfriſche Paſ⸗ ſauer Fidel, und was ſich die Moſttrinker vor dem Adler⸗Schankhauſe von ihm eben erzählten, war un⸗ gefähr folgendes: Gar hoch war das Anſehen, in welchem der ehrenfeſte Bürgermeiſter Johann Prunner, der vor einigen Jahren in Linz die Zügel des Stadt⸗Regimentes führte, daſelbſt ſtand. Und in der That! der Name verdiente die hohe Achtung ſeiner Zeitgenoſſen im vollſten Maße. (Moch jetzt bezeugt eines der humanſten Inſtitute im Weichbilde der Hauptſtadt Linz, das von ſeinem Sohne, dem nachmaligen Bürgermeiſter, Adam Prunner, begründete ſogenannte Prunnerſtift, eine Verſorgungs⸗ * 204 Anſtalt für Sieche und Wahnſinnige, den edlen, menſchen⸗ freundlichen Sinn dieſer braven Familie, und ihr Nach⸗ ruf wird wohl noch lange ihre Grabesglocke über⸗ tönen). Prunner war ein Mann voll Energie und Thatkraft, und ſein feuriger Blick verſtand in den Herzen zu leſen, ſeine gebogene Adlernaſe gab ſeinem ernſten Geſichte ein Cäſarartiges Ausſehen, ſeine Por⸗ traits haben daher vor jenen der anderen, alten Pri⸗ maten der ob der ennſiſchen Provinzial⸗Hauptſtadt eine beſonders markirte, intereſſante Zeichnung. Herr Johannes Prunner galt daher nicht mit Unrecht für einen eben ſo thatkräftigen, als wohl⸗ weiſen Vorſteher der Linzer Stadtgemeinde. Seinem Adlerauge entging nichts, ſeine Hand umfaßte und ordnete alle Bedürfniſſe der Stadt und ihres Weich⸗ bildes, und dennoch hat ihm, wie die Linzer Chro⸗ nik erzählt, der feine Paſſauer Fidel ein Schnippchen geſchlagen, das damals in den Bierkellern der Haupt⸗ ſtadt Linz„dem Bürger und Bauer, der Soldateska, wie den Schiffern, weidlich zu reden gab.“ Es war Maimond, der blaue Himmel ob dem damals noch weit hüglichter geformten Hauptplatz der Stadt Linz ſpiegelte ſich in dem noch blaueren * 205 Himmel der beiden wunderlieblichen Augenſterne Sa⸗ binchens, der ſechszehnjährigen, blonden Nichte des Bürgermeiſters Prunner, welche von dem Fenſter des Hauſes ihres Onkels(jetzt N 36) in die ſchwarzen Angenſterne eines jungen Mannes herabblickte, der ſeine pechſchwarzen Locken über ein roſiges Wangen⸗ paar auf das blaue Sammtkleid herabgleiten ließ, welches er nach Art der damaligen Sänger des öſter⸗ reichiſchen Oberlandes über dem feinen Wammſe trug, während ſeine Linke die Zither hielt, und der zur Kirmes verſammelte Menſchenſchwarm ihn auf dem Hauptplatze umwogte. Das war der Paſſauer Fidel, der ſchönſte Sän⸗ ger im ganzen Oberlande, von gutem Herkommen, ein Augapfel des lieblichen Sabinchens und ein Augendorn des Bürgermeiſters. Herr Johannes Prunner hatte nämlich, wie männiglich, ſeine Schwä⸗ chen, und unter dieſer war ſein Ehrgeiz eben nicht die geringſte; ſein Nichtchen war daher bereits ſeit dem dritten Gallustage dem jüngſten Rathsmanne von Linz, Herrn Erasmus Weithammer, beinahe ſo gut als verſprochen, um die Würde des Amtes in ihren Nachkommen fort zu vererben, und der liebe⸗ flötende Paſſauer Fidel hatte, trotz ſeiner angeſtaun⸗ ten Künſtlerſchaft im Lande, von dem ehrenfeſten Bürger⸗ * 206 meiſter bereits zu zwei Malen den trockenen Be⸗ ſcheid erhalten, daß er bei Strafe des Ausſtäupens die ehrſame Jungfrau Sabine mit ſeinen hinfüri⸗ gen Zudringlichkeiten ſammt und ſonders zu ver⸗ ſchonen habe. Aber den jugendmuthigen Sänger kümmerte das Interdiet des Linzer Stadtprimators gar wenig. Er wußte, daß der Bürgermeiſter, ein Mann des Ge⸗ ſetzes, wohl drohen, aber nicht ſo ſtrenge ausführen könne, was er gedroht habe, um nicht ſein eigenes Nichtchen zur Stadt⸗Parole der auch damals bereits ſehr zungenthätigen Baſen und Gevatterſchaften im Weichbilde von Linz zu machen. Er lachte daher auch an jenem ſchönen Maitage gar unbeſorgt und freundlich zu Jungfrau Sabine hinauf und deutete ihr eben durch einen bezeichnenden Blick an, daß es ihm gelungen ſei, abermals ein Briefchen hinter die Marienſtatue unter dem Fenſtergeſimſe des Prunner⸗ ſchen Hauſes zu practiciren— als er eine gewich⸗ tige Fauſt auf ſeiner Schulter fühlte und der rauhe Baß des Stadttrabanten Anſelmus in ſein Ohr ſchallte. „Der Herr Bürgerprimator,“ lautete die Anſprache „des wehrbehängten Baſſiſten,„der Herr Bürgerpri⸗ mator läßt den Muſieus Fidelis auf das Stadthaus entbieten, um eine Zwieſprache zu halten über 3. * 207 „Werde morgen erſcheinen,“ fiel der Paſſauer Fidel ein,„denn muß eben jetzt im Schloſſe eine Geſangs⸗Probe halten.“ „Werdet auf's Stadthaus folgen,“ bemerkte determinirt der ſtrenge Stadttrabant, und Fidel, wollte er nicht einen Zuſammenlauf vor der Wohnung der Angebeteten veranlaſſen und unter doppelter Escorte auf's Stadthaus wandern, mußte ſich bequemen, dem Stadttrabanten zu folgen. Hier trat Herr Johannes Prunner kirſchroth vor Zorn, dem Sänger entgegen. „Der Thorſchließer,“ rief er ihm entgegen,„hat mir rapportirt, daß Ihr Euch abermals trotz meinem ausdrücklichen Verdict, in die Stadt geſtohlen, und vor meinem Hauſe in der Abſicht herumtreibt, meine Nichte mit Euren Liebesbetheuerungen zu moleſtiren.“ „Ihr gebraucht den unrechten Ausdruck, Herr Stadtprimator,“ entgegnete Fidel ganz ruhig und unerſchrocken;„nicht moleſtiren will ich Eure Nichte, ſondern als ein ehrliches Gemahl heimführen, ich bin der Sohn bemittelter Muͤllersleute in Paſſau, durch Sang und Zitherklang bekannt im Lande und an der Grenzmark, und habe eben heute—“ „Mein Verbot übertreten, in die Stadt zu kommen,“ ſchrie Hanns Prunner wüthend darein, * 208 „und darum ſollt Ihr auch ausgeſtäupt werden, wie ich es Euch verhieß, und ſollt' ich darüber meinen Sitz im Rathsſaale verlieren.“ „Wird nicht leicht angehen,“ erwiedert der Sänger mit leichter Jronie;„denn, ob ich mich zwar an Euer Verbot, die Stadt zu meiden, nicht im mindeſten kehre, da ich ein freier Bürger, und kein Geächteter bin— ſo habe ich doch abſonderlich heute große Urſach', Euren Bann zu übertreten, ſintemalen ich von dem Herrn Statthalter, Grafen von Lamberg, in's Schloß von Linz beſchieden bin, um nach abgelegter Geſangsprobe die Beſtallung als ſtändiſcher Sangmeiſter zu empfahen— ein Amt, das, wie Ihr, geſtrenger Herr, ſelbſt wißt, die ſtete Anweſenheit in Linz bedingt, und demnach Eure gutgemeinte Jurisdiction nicht geſtatten dürfte.“ Der Bürgermeiſter ſtand etwas verblüfft, und ſein Zukünftiger, Herr Erasmus Weithammer, zupfte verlegen an der Halskrauſe; beide hatten ſich in kurzer Juſtiz ihr Müthchen an dem Paſſauer Sänger kühlen wollen; ſeine bevorſtehende Ernennung zum ſtändiſchen Sangmeiſter lief wie ein rother Querſtrich durch ihre Rechnung. Aber Herr Hanns Prunner, ſeines eigentlichen Gewerbes ein Glockengießer, dachte daran, daß er * 209 eben heute die von den Landſtänden zur Hälfte be⸗ zahlte große Stadtpfarrglocke aus ſeiner Feldgieß⸗ ſtätte am Sandberge nächſt der Stadt hereinführen und vor ſeinem Hauſe am Hauptplatze abladen wolle, um ſie von der ſtändiſch⸗ſtädtiſchen Commiſſion beſich⸗ tigen zu laſſen und ein Weidliches an Geldſtücken in ſeinen Säckel einzunehmen; und da paßte denn die chätliche Ausweiſung eines ſtändiſchen Sangmeiſters keineswegs zu dieſer Function.— Er faßte ſich daher und ſagte blos, den Paſſauer vom Haupte bis zur Ferſe meſſend: „Wie Ihr wißt, Herr Fidelis, iſt jeder Fami⸗ lienvater in ſeinen vier Wänden, und ſo wahr ſie dort oben die neu gegoſſene Glocke, welche ich für unſere Pfarrkirche verfertiget habe, an mein Haus heran⸗ führen, ſo wahr ſollt Ihr keinen Fuß mehr über meinen Rinnſaal ſetzen, denn kann ich Euch auch für jetzo nicht von dem Weichbilde der Stadt aus⸗ weiſen, ſo ſollt Ihr doch meinem Hauſe fern bleiben, wie ein ungebetener Gaſt, dem man die Thüre weiſt, wenn er ſich einfindet; verſtanden, Herr Fidelis?“ „Wohl verſtanden, Herr Primator,“ gegenredete Fidel, der Paſſauer;„Ihr wollt alſo das Band der treueſten Liebe und Anhänglichkeit, das mich an 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein II.— 210 Eure Sabine bindet, und das Ihr bei meinen dermaligen Verhältniſſen durch Prieſterhand ſo leicht zu unſerem beiderſeitigen Glucke feſtigen könntet, trennen, und blos deshalb trennen, weil Euch ein Rathsmann, wie dieſer klapperbeinige Herr Erasmus, ein eben⸗ bürtigerer Eidam dünkt, als ein Sohn der Kunſt—“ „Ei, künſtelt und ſingt ins Teufelsnamen,“ fuhr hier Hanns Prunner auf, indem ſein Blick den vor Galle gelbbraunen Weithammer begütigte— „ſingt, wo und wann es Euch beliebt, nur nicht vor meinem Hauſe, denn ich könnte den Lockvogel meiner Nichte, trotz ſeiner ſtändiſchen Sängerſchaft, am Ende fangen und ins ſtädtiſche Vogelhaus am Waſſer⸗ thurme ſtecken laſſen, denn was kümmern am Ende auch den freien Linzer Bürger die geſammten Land⸗ ſtände?“ „Und gerade vor Eurem Hauſe will ich Euch ein Liedchen ſingen,“ brauſte jetzt der feurige Fidel, ſeine Geduld verlierend, auf,„gerade vor Eurem Hauſe will ich Eurer Nichte ein Ständchen bringen, wie ich noch keines brachte.“ „Das wollen wir ſehen!“ lachte der Primator, „das wollen wir doch ſehen; da müßte der alte Hanns Prunner auch dabei ſein.“ „Das verſteht ſich von ſelbſt,“ bekräftigte Fidel, * 211 „mein Lied ſoll Euch in die Ohren ſauſen, wie ich's eben haben will, es ſoll klingen von einer vergilbten Häringsperrücke, der Ihr Euer holdes Töchterlein aufpappen wollt, während das gute Kind der Gram um ihren Fidel tödten wird.“ Die vermeinte Häringsperrücke, Herr Anſelmus Weithammer, wechſelte wieder die Farbe und wollte den Mund eben von einigen erklecklichen Herzergießun⸗ gen entladen; aber Herr Primator Prunner deutete ihm Ruhe; das Automat gehorchte, und der Pri⸗ mator wandte ſich zu Fidel: „Hört, junger Fant,“ ſagte er, ſich ſichtlich be⸗ meiſternd,„der Frechheit iſt genug. Wir wollen's aber mit einander verſuchen. Singt Euer Liedlein immerhin vor meinem Hauſe, und wenn dann nicht einige ſpitze Bolzen in Eurem Wammſe ſtecken bleiben und Ihr mit heiler Haut davon kommt, ſo will ich Euch mein Nichtchen ſelbſt als Braut in die Arme führen, denn noch bindet mich kein anderweitig Wort, ſo Ihr aber anders mit gebläutem Rücken oder zer⸗ ſchoſſenem Auge davon eilt, mögt Ihr Euch's ſelbſt zuſchreiben, denn im Bereiche meiner Dachtraufe halte ich meine eigene Juſtiz; verſtanden?“ Fidelis warf nachdenkend einen Blick durch das Fenſter des Rathſaales auf das Haus des Bürger⸗ 14 * 212 meiſters und Primators hinüber, er wufßte, daß der Alte ſtets das Wort hielt.„Eure Hand darauf,“ ſagte er, dem Primator die feine Palme hinbietend, „wir wollen's mit einander wagen, ich ſinge Euer Nichte die Serenade und führe ſie heim ohne Schimpf und Schande; und ſänge ich, Herr Primator, die Serenade nicht, ſo ziehe ich freiwillig ab aus Linz und will mit keinem Auge weiter ſehen die von mir angebetcte Sabine; ſo ich Euch aber die Serenade ohne Schimpf und Schande binnen drei Tagen aus⸗ bringe, ſo gebt Ihr mir als ehrlicher Worthalter die Hand Eurer Nichte.“ Der Bürgermeiſter, welcher in der Waghalſig⸗ keit des Sängers ein gutes Auskunftsmittel fand, ſeiner los zu werden, ſchlug in die dargebotene Hand desſelben, daß es klatſchte.„Die Rathsmänner ſind Zeugen,“ ſagte er,„daß Hanns Prunner noch nie gelogen!“ Darauf nickte er mit dem Kopfe, und ver⸗ ließ, mit pfiffigem Geſichte das Rathszimmer, der Aushülſung der großen Glocke beizuwohnen, welche ſeine Knechte eben vor ſeinem Hauſe abzuladen be⸗ gannen. Der Metalleoloß von 85 Centner, welcher noch jetzt mit majeſtätiſchem Klange vom Thurme der Linzer Stadtpfarrkirche wiederhallt, war von Hanns * 213 Prunner im Verein mit dem damaligen zweiten Glockengießer der Stadt, Michael Schorer, gegoſſen worden, und wurde nun von ſieben baumſtarken Knechten vor dem Hauſe des Primators und Bür⸗ germeiſters zur Erde geſenkt, um ſie in den nächſten Tagen der Taufe zu unterziehen, und männiglich zur Anſicht und natürlich auch zur Belobung darzu⸗ ſtellen. Um ſie für den Fall eines eintretenden Regen⸗ wetters möglichſt zu ſalviren, hatten die Knechte der Glocke an der vom Hauſe abwärts gekehrten Seite einen kleinen Pflock unterſchoben und ihr eine ſchiefe Stellung für den ablaufenden Regen gegeben, während ſie ſich daran machten, ein kleines Holzhäus⸗ chen darüber zu improviſiren, unter welcher am näch⸗ ſten Tage, dem Sonntage Jubilate, das iſt am 14. Mai, die feierliche Glockentaufe vorgenommen werden ſollte. Hanns Prunner und Melchior Schorer betrach⸗ teten mit künſtleriſcher Verzuͤckung ihr Werk, das in der That die Meiſter lobte und noch lange loben wird, obſchon ihre Gebeine längſt an den Wänden der uralten Pfarrkirche*) der Stadt Linz in Staub und Aſche verwandelt liegen. — ——— *) Im Jahre 1226 bereits erbaut. 214 An jenem Abend aber, ſtreckte ſich Herr Prima⸗ tor Prunner noch ganz gemächlich der Länge nach auf ſein Lager nieder, indeß auf ſeinen Dachfenſtern und im Hofraume dicht am Hausthore Laternen aus⸗ geſteckt wurden und vier ſchießluſtige Knechte mit kurzen Armbrüſten verſteckt harrten, um dem unange⸗ kündigten Serenadenbringer, dem verwegenen Paſſauer Fidel mit Bolzen, die der immerhin gutmüthige Pri⸗ mator denn doch ſtumpf zu machen befohlen hatte, die derbe Lehre einzubrennen, daß er ſich nicht unge⸗ ſtraft mit dem Bürgermeiſter von Linz in einen ſo ungleichen Wettkampf einlaſſen dürfe.— Aber die Stadtuhr hallte bereits die zehnte Stunde, und der Paſſauer Fidel erſchien nicht. Die Nacht wurde immer düſterer, der halbe Mond verſchwand um halb eilf— und der feige Paſſauer Fidel erſchien noch immer nicht. Primator Prunner hatte Befehl gegeben, ihn ſogleich zu verſtändigen, wenn der waghalſige Burſche am Thore erſchiene, aber es warb eilf Uhr und der Paſſauer Fidel erſchien noch immer nicht; das Haus war wohl verſchloſſen, und auf der nächtlichen Straße herrſchte Todtenſtille. Der Primator ſchellte, unge⸗ wohnt, länger ſeines Schlafes zu entbehren, ſeinem Leibdiener Wolfgang; der alte Beſchließer trat ein, ſchläfrig und unwirſch, um des poſſenhaften Spieles willen ſeine Haus⸗ und Tagesordnung unterbrechen zu müſſen. „Dacht ich's doch gleich,“ brummte er in den Graubart,„der böſe Singvogel wird Eurer Geſtren gen in boshaftem Muthwillen nur den Mitternachts⸗ ſchlaf, deſſen Ihr ſo ſehr bedürft, abzwacken wollen— Der fürchtet Eure Bolzen, Herr, und liebt ſeine glatte Larve zu viel, um den Strauß zu beſtehen, den er ſo großmäulig ankündigte; ich ſagt' es gleich, der Paſſauer Fidel kommt nicht.“ „Ei freilich kommt er nicht,“ lachte der Pri⸗ mator— blieb aber inmitten ſeiner Rede ſtecken, denn ganz vernehmlich, anfangs leiſe, dann lauter und lauter, klang es von dem Hauptplatze herauf, in gar ſeltſamen moderirten melodiſchen Klängen. Von einem Rathsmann will ich ſingen, An Jahren reich, an Liebe arm, Der ſich ein Mägdlein will erringen; Vom Klapperbein, daß Gott erbarm! Und von der ſchlummernden Geliebten, Die nur von ihrem Sänger träumt, Dem treuen Fidel— Der Primator hörte nicht weiter; er ſprang zum Fenſter, er riß es auf;„Lichter!“ rief er zum Thore hinab, zur Dachlucke hinauf. Die Bolzen flogen ab 216 in der Gegend vor dem Hauſe, woher das Lied er⸗ klungen war; das Thor flog auf. Windlichter, die vorbereitet waren, erhellten den Stadtplatz— keine Spur von dem treuen Fidel, dem nächtigen Sänger „Der Burſche muß ſich in ein Rattenloch ſal⸗ virt haben,“ eiferte der Primator, und die Knechte, welche auf ſein Geheiß den Hauptplatz und die näch⸗ ſten Gaſſen mit ihren Lichtern durchflogen hatten, zogen ſich, um nicht Aufſehen zu erregen, in das Haus zurück. „Alſo das Bürſchlein hätte mich doch überliſtet,“ brummte ärgerlich der Primator, indem er wieder in ſeiner Stube anlangte und den in der Eile überge⸗ worfenen, weiten Nachtmantel zurückſchlug; aber horch, ſchon ſecundirte wieder ſein Echo vor dem Hauſe: Leicht iſt's der Liebe, überliſten Den, der ihr ſteter Gegner iſt, Dieweil ein noch ſo großes Brüſten Oft überſieht die rechte Friſt. So glaubt Fidel ſein Spiel gewonnen, Und hat das Ständchen Euch gebracht, Herr Hanns, ihr— Doch dieſer ſprang jetzt wie wüthend in drei Sätzen die Treppe hinab; abermals ging das Thor auf und die vier Knechte, welche er früher, der klügern * 217 Vorſicht wegen, mit geſchloſſenen Windlichtern kan den vier Mündungen der nächſtgelegenen Platz⸗ gaſſen poſtirt hatte, flogen mit ihren raſch enthüllten Lichtern herbei, und—„wir haben ihn, wir haben ihn!“ ſchallte es aus acht Kehlen, denn ſo viele Knechte hatte Herr Hanns Prunner aufgeboten, ſeinen Gegner aufzugreifen. Und ſie packten ihn, während die Windlichter durch das Zuſammenrennen erloſchen und einige Gläſer derſelben in Scherben zertrümmer⸗ ten; und jetzt begann das eigentliche Höllenſpectakel im Hofraume des Prunner'ſchen Hauſes, während das Thor, feſt verſchloſſen, keinem Unberufenen den Eingang geſtattete. Der Lärm und Jubel der Knechte, die Fidelis in der Mitte hatten, glich dem Raſen des wüthen⸗ den Heeres.„Wir haben ihn, wir haben ihn!“ brüllte Coloman der Großknecht, während die andern blind im Hofe herumtappend, an den Kleiderzipfeln des Ergriffenen zerrten. „Laßt mich los, Teufeskerle!“ klagte die Stimme des Gefangenen dazwiſchen, und Hinz und Murner am Ziegeldache ſecundirten im Höllen⸗Concerte, wie in weiland Lichtwer's Kernfabel von dem Hausherrn und den Katzen. „Licht!“ donnerte wieder eine Stimme dazwiſchen. * 218 Und es ward Licht. Und welches Licht! daß Gott erbarm! der La⸗ ternenſtrahl fiel auf das zornbleiche Antlitz des alten Primators und wohlbeſtallten Bürgermeiſters, Herrn Hanns Prunner, deſſen nächtlichen Veſpermantel je⸗ der der acht Knechte bei einem Zipfel hielt, während Coloman, der Großknecht, eine ſchartige Haulanze über ſeinem Haupte vibriren ließ. Es war ein Ge⸗ mälde, wie es nur ein Höllenbreugel zu malen ver⸗ ſtanden hätte— ſchier wie der Hexenſabbath auf dem Brocken am Philippstage. „Ah! ahl ah!“ das waren die Laute der Ver⸗ blüfften, die mit Bolzen und Stangen den Paſſauer Fidel zu fangen ausgegangen, und nun den Haus⸗ gebieter in höchſt eigener Perſon zerkniffen hatten. „Burſche! Burſche! ich ſollte Euch Alle in den Gewahrſam bringen laſſen,“ belferte der Bürgermei⸗ ſter, während die übrigen Hausgenoſſen, Sohn, Nichte, Baſe, Knecht und Kind, den Lärm im Hofe mit ihrer Anweſenheit vergrößerten. Von Außen her aber ertönte jetzt ein ſchallen⸗ des Gelächter— und wie der Blitz ſtürzten die Knechte wieder zum Thore; der Riegel klirrte wieder zurück, die neu angezündeten Windlichter flackerten auf— Todtenſtille! keine Spur von dem Paſſauer! 219 Die Knechte und ſelbſt Herr Prunner ſtanden jetzt ſtille. Derſelbe Gedanke ſchien plötzlich Alle zu durch⸗ blitzen; ſie waren ſämmtlich rechtliche Männer, aber ihre Zeit war die des ſiebzehnten Jahrhunderts, wo der Glaube an Geſpenſter noch tiefer wurzelte, als eine Eiche ihre Wurzel ranken kann; der Paſſauer Fidel und— die Paſſauer Kunſt, ſich unſichtbar zu machen!— das war im Weſentlichen der Grundge⸗ danke, der jetzt alle Seelen durchflog. „Herr,“ nahm endlich Coloman, der Großknecht, das Wort,„das geht nicht mit rechten Dingen zu— mit Menſchen, und hätten ſie die Rieſenſchädel und Arme wie die Hunnenknochen zu St. Florian*), will ich es allenfalls noch wagen; hier aber iſt der Gottſeibeiuns im Spiele.—“ „Nein, Herr, und wenn Ihr mit einer goldenen Glocke läutet,“ ergänzte ein Anderer der Knechte,„ſo weit geht meine Pflicht nicht.“— Grauen und Furcht überfiel, als ſich dieſe Beiden NIm Auguſtiner Chorherrn⸗Kloſtergebäude zu St. Florian bei Linz werden eine Maſſe Menſchenknochen, worunter einige von ungewöhnlicher Größe, aufbewahrt, die der Volksglaube irrig als Hunnengebeine bezeichnet. * 220 ſich bekreuzend ins Haus geſchlichen hatten, die Andern; ſelbſt Herr Hanns Prunner empfand ein leiſes Fröſteln, und während der Nachtwind gar ſchaurig an die wahrſcheinlich aufgeſprungenen Fen⸗ ſter ſeines Schlafzimmers klirrte, ſtieg er nachden⸗ kend, den ein frommes Vaterunſer betenden alten Wolfgang hinter ſich, die Steintreppe hinauf und ärgerte ſich noch einmal über den kalten Zugwind, der vom aufgeſprungenen Fenſter in ſein Zimmer blies. Der Primator ſchloß augenblicklich die Fenſter und legte ſich einen Stoßſeufzer an ſeinen Namens⸗ heiligen ausbringend, zu Bett, feſt entſchloſſen, den geſpenſtigen Sänger, wenn er nochmals begänne, ſingen zu laſſen ſo lange es ihm beliebe, ſeine Richte aber von ihm ferne zu halten, und ſollte ſie darüber in das Kloſter der Bueßerinnen' ſich ver⸗ graben müſſen. Aber der Paſſauer Fidel ſang nicht mehr in dieſer Nacht. Als die Pfarrglocke die fünfte Morgenſtunde brummte, wurde Primator Prunner durch ein ge⸗ lächterähnliches Lärmen am Hausthore abermals aufgeſchreckt. Er ſuchte nach Mantel und Schlaf⸗ mütze, konnte dieſe aber nicht ſchnell genug finden, und eilte daher barhaupt zum Fenſter. * 221 Unter demſelben ſtand der eben zum Kirchgange begriffene Stadtſchreiber Ansbert und wies lachend zum ſteinernen Bilde ob dem Hausthore empor, wo der alte Primator zu ſeinem abermaligen Aerger⸗ niſſe auf einem der ſteinernen Engelsköpfe— ſeine höchſt eigene Schlafmütze, die er bei der nächt⸗ lichen Affaire vor dem Thore verloren hatte, wahr⸗ nahm. Der Paſſauer Fidel hatte ihm auch dieſes Streichchen geſpielt, und der Bürgermeiſter nichts Eiligeres zu thun, als dies neue corpus delicti des Fidel'ſchen Witzes unter Dach zu bringen, denn die Anzahl der Kirchengänger mehrte ſich allmählig, und der ehrenfeſte Stadtprimator konnte, wenn außer dem verſchwiegenen Stadtſchreiber noch irgend Jemand des Dinges gewahrte, leicht zur Zielſcheibe des auch damals bereits flüggen Linzer Spottvogels werden. Die neunte Morgenſtunde brach an; eine große Volksmenge hatte ſich vor dem Hauſe des Prima⸗ tors eingefunden, um der Glockentaufe beizuwohnen, welche durch den Stadtpfarrer vollzogen werden ſollte. Herr Johannes Prunner mit bleichem über⸗ nächtigem Geſichte, ließ das Meiſterſtück ſeiner und Meiſter Schorer's Kunſt von dem Stroh entkleiden, mit welchem es die Gießknechte einſtweilen bedeckt 222 hatten, faſt der ſämmtliche Senat der Stadt um⸗ ringte ihn, und hin und wieder flog ihm ein ſarkaſti⸗ ſches Lächeln entgegen, denn wohl die Knechte, nicht aber die Mägde des Hauſes hatten geſchwiegen, und die Mähre von der nächtlichen Geſpenſterei vor dem Prunnerſſchen Hauſe durchlief bereits das Weichbild der Stadt. Der Primator aber in ſeinem Geſchäftseifer achtete nicht auf dieſe Blicke, ſondern befahl ſeinen Knechten die Glocke der inneren Reinigung wegen ganz auf die Seite zu legen. Inzwiſchen kam der Küſter mit dem Weihbrunn angeſtiegen, um nach damaliger Gepflogenheit durch einige vorläufige Beſprengungen mit dem geweihten Waſſer, dem Böſen die Macht über dieſe Glocke zu benehmen. Aber kaum hatte der Mann das Wort gemurmelt:„Geh' aus, böſer Geiſt!“ als aus der Höhlung der Glocke, zum allgemeinen Schrecken der Umſtehenden, ein vernehmliches„Nein!“ ertönte. Wie vom Blitzſtrahl getroffen, rannte die Menge auseinander, der Küſter aber, ein Mann ohne Vor⸗ urtheil, rief den Knechten zu:„Umlegen.“ Die Seile ſpannten ſich, die Glocke ſank zur Seite und unter ihrer Höhlung am Unterlagsſtroh, * 223 lag vom Schlummer erwacht, in ſein Mäntelchen gewickelt— der ſchlanke, kleine Paſſauer Fidel. Allgemeines Gelächter begrüßte den Schläfer, und Herr Johannes Prunner wußte nicht, ob er ſich über den neuen Schabernak oder ſeine eigene Fahr⸗ läſſigkeit ärgern ſollte, mit der er verſäumt hatte, den nächtlichen Sänger, ſtatt in den vier Ecken des Hauptplatzes, unter der Glocke, wo er verſteckt war, — zu ſuchen. Die ganze Paſſauer Kunſt des kecken Fidel hatte alſo darin beſtanden, ſich im rechten Augenblicke, von der pechfinſtern Nacht begünſtigt, unter der Glockenhöhlung im Stroh zu verbergen, und von dort aus, ſeinen naächtlichen Geſang ertö⸗ nen zu laſſen. Während die komiſche Scene der eigenen Aufgreifung des Primators durch ſeine Knechte Statt fand, hatte Fidel den Augenblick benützt und die ſilberſchimmernde, am Hausthore abgeſtreifte Schlafmütze Prunner's, gleich einer Kletterkatze auf dem Mauerſimſe emporhuſchend, dem bausbackigen Steinengel auf die Locken gepflanzt.— Und alſo ſtand der luſtige Fibelis vor dem über⸗ raſchten Primator, der nun den Zuſammenhang der Dinge zu ahnen begann.„Ich habe mein Wort gehalten, Herr Primator,“ ſagte er ſich anmuthig verbeugend,„wollt Ihr nun auch das Eurige halten?“ 3 224 Der Burgermeiſter wurde roth und blaß, er blickte auf die umſtehende Menge,— und war ein geſcheidter Mann, der da augenblicklich überlegte, daß er, um ſich nicht für immer lächerlich und un⸗ möglich zu machen, in den Handel, als einen bloß von ihm ſelbſt veranſtalteten Scherz eingehen müſſe. „Kommt ins Haus,“ ſagte er mit erzwungenem Lächeln,„wir wollen die Glocke hernach taufen, vor der Taufe aber, ſo meine Nichte will, die Verlobung feiern.“ Und den zur Glockentaufe herbeſchiedenen und eben ankommenden Pfarrer mit einer Hand, den Paſ⸗ ſauer Fidel mit der andern ergreifend, enteilte der Primator dem Gewirre ins Haus; hier wollte er ſeinem Zorne vorerſt den freien Lauf laſſen. Aber der gute Alte war ein zu guter Onkel; als er ſeine Nichte in Thränen ſchwimmen ſah, und merkte, daß dieſe Herzens⸗Angelegenheit ſchon weiter gediehen ſei, als er glaubte, da machte er aus ſeiner früheren Aeußerung Ernſt, und Sabinchen und der Paſſauer Fidel waren noch an demſelben Tage die glücklichſten Verlobten. Vier Wochen darauf führte Fidelis ſeine Braut heim, der dürre Rathsmann Erasmus Weithammer war der Einzige in Linz, der ſich darüber ärgerte, denn die ganze Stadt hatte, wie die Chronik berichtet, über den ſchmucken Sangmeiſter aus Paſſan ihr Ergötzen * „als welcher in ſorgſamer Verwahrung des Gedächt⸗ niſſes ſeiner Heiratshiſtoria einen großen eiſernen Ring im Diameter der Pfarreiglocke verfertigen und vor dem Hauſe des Herrn Primator, an ſelbiger Stelle, wo ihm ſein Abenteuer arriviret war, einnie⸗ ten ließ.“ Und in der That iſt noch jetzt der eiſerne Ring von der Peripheriegröße der Stadtpfarrglocke vor dem Hauſe Nr. 36 auf dem Hauptplatze von Linz zu ſehen, und manch Wiener Handelsmann, wenn er die Linzer Oſtermeſſe befährt, frägt wohl, was die eiſerne Fern von dieſem lärmenden Freudenklange in der Stadt ſaß in einem engen Hausgärtchen nächſt dem Gottesacker der St. Barbarakirche*) auf einem Strohſeſſel eine etwa dreißigjährige Frau mit ge⸗ ſenktem Haupte und tiefem Grame in den von früherer großer Schönheit zeugenden Geſichtszügen; ein langes ſilbergraues Kleid bedeckte ihre zum Tode abgemagerten Glieder und die bleiche Lippe küßte der ſanfte Weſtwind, welcher Blumenblüthen von den Gräbern der nahe Schlummernden, wie leiſe Mahn⸗ MDa wo gegenwärtig das Haus Nro. 547 des Linzer Lederfabrikanten Mayrhofer gebaut iſt. 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II. 15 * 226 grüße zur Rachfolge, auf das bleiche Antlitz der Kran⸗ ken herüber trug.— Die Arme ſchien großes Leid erlitten zu haben, und die Trauergeſchichte eines vergriffenen Lebenszieles ſpiegelte ſich auf ihrem Antlitze wieder, das nur ein leiſes, ſchmerzliches Lächeln erhellte, als ein kleines goldlockigtes Mädchen der Dulderin eine blaue Aſter von dem an der nahen Kirchhofsmauer liegenden, bereits ziemlich eingefallenen Grabhügel überbrachte. Oberhalb des Hügels aber entzifferte eben ein Fremder, der ſein Haupt ob der geweihten Stätte entblößt hatte, die faſt ſchon vergilbte Inſchrift des Marmors an der Kirchhofwand, die da lautete: Hier ruhet der wohledle und geſtrenge Herr Georg Schröckhinger, geweſter Stadt⸗ und Bannrichter der Stadt Lintz. Der Fremde war ein Mann von hoher Geſtalt mit ausdruckvollen Geſichtszügen; auf ſeinem dunklen Lockenhaupte trug er ein Federharet, an ſeiner Seite ein deutſches Schwert. Ein breiter Lederkoller von Elenshaut bedeckte ſeine männliche Bruſt. Lange betrachtete er den vergilbten Grabſtein— ernſt und ſinnend ſchien er der Unbeſtändigkeit des menſchlichen Lebens nachzudenken. Jetzt rang ſich ein tiefer Seufzer aus ſeiner * 227 Bruſt hervor.— Die einſamen Grabkreuze des Kirch⸗ hofes klirrten im Windhauche und gaben wehmüthige Töne von ſich, als wollten ſie klagend einſtimmen in den Schmerz, der das Herz des Beſchauers zu durch⸗ zittern ſchien. Ueber die grasbedeckten Grabhügel ſtrich die Morgenluft und küßte die Thautröpflein weg, welche wie Sehnſuchtsthränen um die Entſchla⸗ fenen auf den Grashalmen zitterten. Die bleiche Frau hatte inzwiſchen die blane Aſter, welche ihr das kleine Mädchen am Grabe ge⸗ bracht hatte, an ihre Bruſt gedrückt und mit zittern⸗ der Hand eine Bibel aufgeſchlagen, welche vor ihr auf dem Grabſteine lag. Die Kleine ſprang jetzt zu dem Fremden, der noch immer den Grabſtein des fürgeweſenen Stadt⸗ und Bannrichters“ betrachtete; ſie hatte von jener Aſter, welche ſie der bleichen Frau geboten hatte, eine am ſelben Stiele hängende Blume abgeriſſen und bot dieſe mit freundlichem Blicke dem Manne am Grabſteine dar. Er blickte auf, und der Blick ſeines großen ſchönen Auges ſiel auf die kleine Blumenſpenderin. „Ich danke Dir, mein kleiner Engel,“ ſagte er, die Blume freundlich entgegennehmend. Aber die Kleine war mit kindlicher Beweglichkeit ſchon wieder zu der bleichen Frau zurück geſlgei hib auch 15 2 228 der fremde Mann näherte ſich jetzt langſam dem Platz, wo die Letztere ſaß. Die bleiche Frau hatte ihre Bibel aufgeſchlagen und las mit zitternder, vielfach vor Schwäche unter⸗ brochener Stimme die ſchöne bibliſche Idylle von der Auferſtehung des Weltheilandes, und„Maria Magdalena“— las ſie weiter—„blieb allein am Grabe, und indem ſie weinend hineinſah, gewahrte ſie zwei Engel, die ſie mit den Worten anredeten: Weib, was weineſt Du?“—„Ach, ſprach ſie, ſie haben meinen Herrn aus dem Grabe wegge⸗ nommen und ich weiß nicht, wohin ſie ihn gelegt haben; und ſie blickte um, und ein Mann in Gärt⸗ nerkleidung trat zu ihr und fragte ſie mit ſanfter Stimme: Weib, wen ſucheſt Du 2 Und ſie ſprach:„Haſt Du meinen Herrn hinweggenommen, ſo ſage es mir— und„Maria!“ ſprach der Herr mit ſanfter Stimme— Und„Maria!“ tönte es von bekannter Stimme in die Bruſt der Leſerin;— ſie ſtarrte empor— ſie ſah an der Hand des kleinen Mädchens den Mann am Grabe zu ihren Füßen finken:—— „Maria!“ weinte der lang Erſehnte auf die Hand der Armen nieder— ihr armes Herz hatte ihn ſogleich erkannt. * 229 „Georg! mein Georg!“ rief ſie mit dem höchſten Ausdrucke der innigſten Liebe, die ihr Lebensziel geweſen, und die ſie bis zum Wiederſehen dem Lieb⸗ linge aufbewahrt hatte. Dieſen Augenblick des Wiederſehens mußten Weſen aus lichten Regionen belauſcht haben, denn als Derfflinger nach den erſten Augenblicken des Wiederſehens die Hand ſeiner Maria an die Lippe drückte, da ſank ſie kalt und ſchlaff am Seſſel nieder. Der Todesengel, der ihr vielleicht auch ohne des Geliebten Erſcheinen kaum mehr einige Wochen unter den Menſchen zu wandeln geſtattet hätte, küßte leiſe ihre erbleichende Stirne.— Die Freude des Wie⸗ derfindens ſchien das Herz der Treuen gebrochen zu haben.. Am nächſten Morgen verbreitete ſich wie ein Lauffeuer durch die Stadt Linz das Gerücht, daß der berühmte Reitergeneral Derfflinger in Linz ver⸗ weile. Niemand aber von dem jetzt lebenden Geſchlechte in Linz ahnte, daß Georg Derfflinger, deſſen An⸗ denken in Linz lange ſchon verſchollen war, der ein⸗ ſtige Schneiderjunge vom Wörth ſei, der am St. Martinsfeſte des Jahres 1625 den Bockkönig zu * 230 ſpielen verweigerte, weil er ſich zu gut dünkte für einen Faſtnachtsnarren des Achaz Willinger und ſeiner Genvoſſen. Jetzt aber lag der kühne Reitergeneral, der dem Tode in mancher Schlacht ſchon ſo oft ins Auge geblickt und nie gezittert hatte, vor dem Ruhe⸗ bette im Häuschen nächſt der St. Barbara Kirche, auf welchem ſeine Jugendgeliebte Maria— die Tochter des Stadtrichters Schröckinger, bleich wie eine geknickte Roſe, aber ſchön in ihrer letzten Blüthe, im Scheiden lag... Ihre erkaltete Hand lag zwiſchen den Händen Derfflinger's. Auf dem der Thränen ſo ganz ungewohn⸗ ten Augenpaar des tapfern Reitergenerals ſtanden große Perlen ſie galten ja ſeiner erſten Liebe. und er fand verwelkend und ſterbend die Blume, für die er ſein Herzblut gegeben hätte, und der er all' ſein Sinnen, Denken, Hoffen und Lieben zuge⸗ wandt hatte, ſeit er ein armer Flüchtling aus dem Vaterlande geſtoßen war.. „Maria! heiliger Engel meines Lebens!“ rief er, aufgelöſt in unnennbarem Schmerze, indem er an das Lager der Sterbenden hinſtürzte, und ſein heißes Antlitz auf ihre zitternden Hände drückte. 231 Ein Blick unnennbarer Liebe ſtrahlte aus dem erlöſchenden Auge der Dulderin. „Ich bin Dir treu geblieben, mein Georg—“ ſagte ſie mit leiſer Stimme, indem ſie ſich bemühte, ihre matte Hand auf ſein Haupt zu legen, während das kleine Mädchen, welches am Vortage im St. Barbara Kirchhofe an ihrer Seite geſpielt hatte, nun auf ihre andere Hand bitterlich niederweinte. „Maria!“ rief Derfflinger,„Maria! warum muß ich Dich wiederfinden, um Dich zu verlieren— Sieh, ich habe Dir mannhaft die heiße Liebe und Treue bewahrt, die wir uns einſt zuſchworen, und was ich mir errang und erwarb im Sturme der Zeit, wollt' ich nun zu Deinen Füßen legen, und nun— wrillſt Du von mir ſcheiden, meine ſüße Liebe, mein einziges Leben, Maria, Stern meines Herzens! O giebt es denn einen Unglücklicheren als mich auf Gottes weiter Erde?— Wie ein Schiffer, der im Hafen angelangt ſein Fahrzeug ſcheitern ſieht, ſtehe ich hier, und beweine meinen Engel, der von mir ſcheidet!“ „Weine nicht, Georg,“ ſagte Maria mit ge⸗ brochener Stimme,„wir werden uns wiederſehen i Lichte, wo keine Trennung mehr ſein wird. 232 Jetzt weinte das Kind an der Seite der Ster⸗ benden laut auf. Dieſe wandte ihren matten Blick auf die Kla⸗ gende;„Arme Juliane!“ hauchte ſie— dann traf ein Blick unnennbarer Liebe den Erwählten ihres Herzens. „Georg,“ lispelte ſie,„das Kind hier ſei mein Vermächtniß an Dich—— mein— mein heiß⸗ geliebter Georg!...... Starr blieb ihr Blick auf dem Auge des Lieb⸗ lings haften. Aber der ſanfte Engel des Todes küßte ihre Stirne, und eine ſchöne Seele entwich in die lichten Regionen, wo ewiger Friede waltet.— Maria, die liebliche Roſe von Linz hatte ausgelitten. Derfflinger lag in Schmerz aufgelöſt an der Leiche ſeiner einzigen Jugendgeliebten. Von den Bürgern der Stadt Linz erfuhr Derff⸗ linger am folgenden Morgen, daß Maria, die Erwählte ſeines Herzens nach dem bereits im Jahre 1629 erfolgten Ableben ihres Vaters des Stadt⸗ und Bannrichters Hanns Georg Schröckinger zu ihren Verwandten nach Steyr gegangen war, wo ſie von * 233 der kleinen Rente ihres väterlichen Erbvermögens lebte. Nie hatte ſie ſich vermählt, denn das Bild ihres Georgs lebte fortwährend in ihrem Herzen, und die heiße Liebe, die ſie für ihn im Herzen wahrte, ging mit der Hoffnung Hand in Hand, den Liebling ihrer Seele wieder zu ſehen.... an ihrem frühen Sterbebette ward dieſe erfüllt. Aber die Leiden des Gemüthes, die Stürme der Zeit, in denen ihr Vater mancher Verfolgung von ſeinen Widerſachern ausgeſetzt geweſen war, hatten das Mark ihres Lebens verzehrt; eine unheilbare Krankheit, eine Auszehrung, raubte ihr ſeit dem Tode des Vaters alimälig ihre Kräfte— ſie ſiechte ſo ihrem Ende entgegen, bis ſie, wie erzählt, in den Armen ihres einzig erwählten Jugendgeliebten ent⸗ ſchlummerte... So wie ſie in ihrem Leben der Armuth gar viel Gutes gethan, der ſie ein helfender Engel ge⸗ weſen, ſo zeigte das Vermächtniß, das ſie Derff⸗ linger hinterließ, noch mehr für den hohen Adel ihrer Seele. Juliana, das liebliche Mädchen, welches im St. Barbara Kirchhofe an ihrer Seite geſpielt und an ihrem Sterbebette heiße Thränen geweint hatte, war die arme verwaiſ'te und verlaſſene Nichte des Tod⸗ ₰ 234 feindes Mariens, des berüchtigten Herrn Achaz Willinger von der Au und Hinterdobl. Nach deſſen Hinrichtung auf dem Hauptplatze zu Linz ſtand die arme Kleine, deren Ernährer Wil⸗ linger geweſen war, arm und elternlos an der Land⸗ ſtraße— und nur Maria, die edle Tochter des Stadtrichters Schröckinger war es, die ihren Vater zur Annahme dieſes Kindes bewog, welches von nun an das ihre verblieb, und von ihr wie ein eigenes gepflegt, und erzogen wurde, bis ſie es als das ſchönſte Vermächtniß in Derfflinger's Hände über⸗ gab.— Aber die Bürgerſchaft von Linz, die jetzt am feierlichen Begräbnißtage Mariens, der Tochter ihres Stabt⸗ und Bannrichters, von Derfflinger deſſen Her⸗ kunft und Abſtammung erfuhr, war voll Staunen, den ehemaligen Schneidergeſellen zu ſehen, und er⸗ klärte es füͤr ihre heilige Pflicht, die liebliche Juliana als die Erbin Mariens in den Befitz des Hanuſes der letzteren nächſt der St. Barbara Kirche einzuſetzen, und ihr aus dem Mittel der Rathsmänner zwei Gerhabs oder Vormünder zu beſtellen, die ihr Vermögen ver⸗ walten ſollten, bis das Kind großjährig und eigen⸗ berechtigt ſein werde; denn gar bald regte ſich der Glaubenseifer, der da Bedenken trug, dem proteſtan⸗ 235 tiſchen Derfflinger ein Landeskind zur Erziehung an⸗ zuvertrauen. Eben dieſer in Oberöſterreich nach Be⸗ endigung des Bauernkrieges mehr als je hervortre⸗ tende Glaubenseifer der katholiſchen Partei war Ur⸗ ſache, daß die Erſcheinung Derfflinger's in Linz— obgleich ſein Name ein berühmter geworden war, — keine ſonderliche Freude hervorrief; wußte man doch, daß er ſtets als eifrigſter Vorkämpfer der evangeliſchen Sache aufgetreten war.... Sein längeres Verweilen konnte wohl eher ſeine perſönliche Sicherheit gefährden, denn er ſtand wohi auf vaterländiſchem, immerhin aber, als gewe⸗ ſener ſchwediſcher General, auf feindlichem Boden und der Friede war noch nicht geſchloſſen..... So ſehr ſich daher Derfflinger's Herz bei dem Gedanken hob, an der Nichte ſeines einſtigen Tod⸗ feindes die edelſte Wiedervergeltung üben zu können, indem er dem Kinde fortan Vater ſein wollte, ſo mußte er doch den Gedanken hieran zuletzt aufge⸗ ben, denn der Rechtsſenat von Linz ließ nicht han⸗ deln, und Willinger's Nichte ward alsbald unter Aufſicht einer ſtädtiſchen Lehrerin geſtellt. Derfflinger merkte die ungünſtige Stimmung ſeiner Landsleute nur zu deutlich.— Er beſchloß daher, die Stadt eheſtens zu verlaſſen. 236 Von dem friſchen Grabe ſeiner gefundenen und wieder verlornen Jugendgeliebten eilte er nach Kloſter Schlögl, um ſeinen alten Vater in die Heimats⸗ gefilde nach Neuhofen zu geleiten.*) Ach, der Platz war noch der alte, aber faſt kein Stein lag mehr auf dem andern, ſo ſehr hatte der Sturm des Bauernkrieges in dieſer Gegend gewüthet. Voater und Sohn Derfflinger küßten mit heißen Thränen den Boden, auf dem ſie einſt als arme Aus⸗ wanderer geweint hatten, und der Alte begoß mit ſeinen letzten Thränen den tief eingeſun fenen Gra⸗ beshügel ſeines vorangegangenen Weibes, neben *) Neuhofen, ein Markt und Pfarrort am Kremsfluſſe im Traunviertl Oberöſterreichs; nach Cluver ſtand dort die römiſche Stadt Vetonia. König Arnulf ſchenkte anno 888 dem Kloſter Kremsmünſter ein Landgut Newanhofa, welches wahrſcheinlich das benannte Neuhofen, Derfflin⸗ ger's Geburtsort war; in einer alten Karte, zwiſchen dem 8. und 12. Jahrhundert herrührend, kommt Niunhowa vor. Am 30. Juli 1626 kamen unter Willinger's Anführung die ſchwarzen Bauern(on ihrer ſchwarzen Tracht an der bahriſchen Grenze ſo benannt) von Steyr nach Neu⸗ hofen; der kaiſ. General Löbell ſchlug ſie aber zurück; am 21. Decemb. 1800 campirte dort der franzöſiſche Ge⸗ neral Decaen. welchem er gar bald ruhen ſollte; denn die Anſtrengung der Reiſe, ſeine Jahre langen Leiden und die Aufre⸗ gungen der letzten Zeit hatten ſeine Kraft völlig erſchöpft. Sanft ſchlummerte er ſchon nach kaum acht Tagen an ſeiner Geburtsſtätte in den Armen ſeines Sohnes in das beſſere Jenſeits hinüber.— Die letzten Bande, welche Derfflinger an ſeine Heimat knüpften, waren nun geriſſen, und noch einmal auf die Gräber ſeiner Lieben zurückblickend, ſteuerte er wieder dem deutſchen Norden zu, um wie es in ſeiner Abſicht lag, bei dem Heere der Evangeliſchen neue Dienſte zu nehmen.— Dreizehntes Capitel. Der Adept. Ein heiterer Herbſttag lockte die Bewohner des ſchönen Berlins ins Freie; die ſchöne Hauptſtadt bot das Bild eines großen Bienenkorbes, worin tauſend und tauſend Arbeitsbienen, aber auch viele Drohnen auf und niederwogten..... Vor einem Garten ohnweit des kölniſchen Marktes gegenüber dem churfürſtlichen Schloſſe ſtand ein ſtattlicher Reiterofficier mit Federbaret und deut⸗ ſchem Schwerte, dem ein kleiner Parkwärter vergeb⸗ lich begreiflich zu machen ſuchte, daß dieſer Garten ein ausſchließliches Territorium der vornehmen Welt Berlins bilde, und nicht für Jedermann eröffnet ſei. Der Reiterofficier lachte aber ob den abwehren⸗ den Bewegungen des Kleinen und meinte, in dieſer bewegten Zeit ſei es eben der Degen, der ſich überall Platz mache, und ſo ging er ohneweiters in den Gar⸗ ten, und verlor ſich bald in die künſtlichen Irrgänge aus lebendigen Baumwänden, bis er ſich ermüdet an einer Marmorſtatue des Kriegsgottes niederließ, ſein gedankenſchweres Haupt an dieſelbe lehnte, und den rührigen Fiſchlein zuſah, die vor ſeinen Augen in einem runden Behälter von rothem Marmor ſich ihres Lebens freuten, und munter hin und her ſchwammen. Jetzt ſetzte er ſich müde auf die nahe Raſenbank und zog ein kleines Buch unter ſeinem Koller hervor, in welchem er zu leſen begann. Das Plätſchern des Waſſerbaſſins, und die ſpie⸗ lenden Weſtlüfte zauberten allmälig einen ſanften Schlummer auf das Auge des Müden; das Büchlein entſank ſeiner Hand, und er lehnte ſanft träumend in 239 der Ecke der Raſenbank, wie auf dem grünſeidenen Ruhebette eines Palaſtes. Jetzt kamen aus der Bogenwindung des Gar⸗ tens zwei dunkle Geſtalten herangeſchritten. Ein hochgewachſener Mann war's mit grauem langherab⸗ hängendem Haupthaare, auf dem ein viereckiges ſchwar⸗ zes Baret ſaß und einem langen braunen Rocke, den in der Mitte ein brauner Gürtel zuſammenhielt; die ſilbernen Schuhſchnallen und feine Stkümpfe verrie⸗ then den wohlhabenden Mann; an ſeiner Seite ging ein ſchlanker ſchöner junger Mann von etwa dreiund⸗ zwanzig Jahren mit einem blauen Federbaret auf den ſchön geringelten Lockenhaaren; ein kurzer Waffen⸗ rock von derſelben Farbe, und ein kurzes deutſches Schwert mit vergoldetem Griffe und lange gelbe Rei⸗ terſtiefel mit Kupferſporen bezeichneten ihn als einen muthigen Sohn des Krieges, und ſein Feuerauge blitzte ſo kühn in die Luft, daß ſein Handwerk, das des Krieges, keineswegs zu verkennen war.. Beide Männer näherten ſich dem Schläfer. Der Jüngere hob leiſe das Büchlein, welches dem Schlafenden entfallen war, vom Boden auf, und begann darin zu blättern. Aber ſchon als er den Deckel aufſchlug, zuckte er in freudiger Ueber⸗ raſchung auf, und wies das Büchlein ſeinem Begleiter, * indem er mit dem Zeigefinger auf einen Namen deutete, der auf der einen Seite des Buches einge⸗ zeichnet ſtand.— Sogleich zogen ſich beide Männer wieder ins Gebüſch zurück, nachdem der Jüngere das Buch wie⸗ der zu den Füßen des Schläfers, wie es vorher lag, hingelegt hatte; dann wandelten ſie lange Zeit zwi⸗ ſchen den lebendigen Wänden des Gartens, eifrig mit einander ſprechend, auf und nieder, während der Schläfer auf der Raſenbank mit ſeinen ſchönen Träu⸗ men beſchäftigt war; ſchön mußten ſie auf jeden Fall ſein, denn ein gar freundliches ſüßes Lächeln ſpielte auf ſeinen Lippen... Jetzt erwachte er— die beiden Männer, welche ihn beobachtet, und ſich ohne Zweifel über etwas berathen hatten, traten jetzt näher.— Der Blick des jungen Mannes haftete mit be⸗ ſonderem Feuer auf dem Antlitze des Erwachenden. „Mars in den Armen des Morpheus,“ ſagte er lächelnd;„Freund Kriegsmann, in Berlin dürfen ſolche Männer nicht ſchlafen!. Der Reiterofficier ſtarrte den Sprecher an.„Ver⸗ zeiht, Herr,“ ſagte er aufſtehend, und ſein Büchlein von der Erde aufhebend,„verzeiht, wenn ich mich in Eurem Garten der Ruhe hingab— ſie thut mir — 3 241 wahrlich Noth, denn ſeit acht Tagen auf dem Pferde, das iſt kein Scherz.“— „Beſonders wenn man ſchon manchen ſchönen Ritt auf den Schlachtfeldern Deutſchlands gethan—“ ſagte der grauhäuptige Begleiter des jungen Mannes. Der Reiterofficier ſchüttelte den Kopf.— „Ihr ſprecht da, Herr,“ entgegnete er,„als ob wir alte Bekannte wären.“ „Das ſind wir nicht,“ ſagte der Grane,„aber es giebt eine Kunſt, im Antlitz des Menſchen zu leſen und Vergangenes und Künftiges zu entziffern, und Berlin, die Stadt der ſieben freien Künſte, das Athen Deutſchlands, birgt gegenwärtig Männer in ſeinem Schoße, die mehr zu leiſten im Stande ſind, als ge⸗ wöhnliche Menſchenweisheit ſich träumen läßt.“ Er ſprach dieſe Worte mit einem ungewöhnlichen und ſo geſuchten Pathos, daß er,— wie er klug berech⸗ net zu haben ſchien— augenblicklich die Aufmerk⸗ ſamkeit des Reiterofficiers erregte. „Nun,“ ſagte dieſer lachend;„da ſoll's mich freuen, wenn ich kaum den Fuß in dieſe Hauptſtadt ſetzend, ſchon mit den Weifen des Landes in Berührung komme; was unſer Einem, der faſt nur mit dem Schwerte zu handtiren weiß, jedenfalls viel Ver⸗ 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein II. 16 * 242 gnügen machen muß.— Ihr ſeid alſo ein ſolcher Weltweiſer?—“ „Ich bin Adept,“ antwortete der Graue,„und das iſt,“ ſetzte er, auf den jungen Mann auf ſeiner Seite deutend fort,„mein Schüler, wir ſind beide Para⸗ celſiſten.—“ „Was iſt das?“ fragte der Reiterofficier—„den Ausdruck verſteh' ich nicht.“ „O Ihr Unwiſſender! Habt Ihr nie,“ entgegnete der Graue feierlich,„von dem berühmten Adepten Er- nestus Theophrastus Paracelsus Bombastus ab Ho- henheim gehört, dem weitberühmten Goldmacher und Weiſen?“*) „Ach— Ihr ſeid alſo Goldmacher,“ rief lachend der Reiterofficier. „Und Prophet,“ ergänzte der S feierlich, „und Ihr würdet nicht mehr lachen, wenn ich Euch aus den Liniamenten Eurer Hand Euer vergangenes und künftiges Schickſal bezeichnen würde.—“ „Donner und Karthaunen,“ rief der Reiterofficier *) Philippus Aureolus Theophrastus Paracelsus Bomba- stus ap Hohenheimb, der berühmte Arzt und Wunder⸗ mann, geboren zu Einſiedeln 1493, geſtorben zu Salz⸗ burg 1541. Seine Anhänger nannte ſich Paracelsisten. Er wollte das Unſterblichkeits⸗Elirir erfunden haben. —,— — 243 jetzt aufſpringend—„das heißt viel verſprochen,— nun denn, da prophezeit!—“ Und er reichte dem Grauen die Hand. Dieſer aber wies die Hand zurück.„An Ungläubige verſchwende ich meine Wiſſenſchaft nicht,“ ſagte er—— —„auch will ich Euch die koſtbare Zeit nicht rauben, Euch eheſtens unter die Fahne des Churfürſten von Brandenburg zu ſtellen, und Eurem Soldatenhand⸗ werke nachzugehen.—“ „Herr, Ihr wißt...“ fuhr der Reitergeneral auf. „Ich errathe nur— ich weiß nichts,“ entgeg⸗ nete einlenkend der Graue. Und finſtern Blickes und mit langſamem Schritte bog er, von dem jungen Manne begleitet, abwärts den Laubwänden des Gartens zu. Der Reiterofficier eilte ihm nach. „Verzeiht, Herr,“ ſagte er,„wenn mein Aus⸗ druck vielleicht ungeziemend war, auf den Schlacht⸗ feldern lernt man keine große Beſcheidenheit— mich drängt aber, ich weiß nicht was, Eure nähere Be⸗ kanntſchaft zu machen.“ Der Graue blieb ſtehen. „So kommt morgen um dieſe Zeit wieder— Gaſtfreundſchaft iſt eine Tugend der Deutſchen,“ ſagte er freundlich. 16* . 244 „Warum morgen?“— fragte der Reiterofficier. „Weil ich Euch dann durch die Erfüllung Eures geheimſten Wunſches überzengen will, daß mir die Macht über die Geiſter zu Gebote ſteht,“— ant⸗ wortete der Graue langſam. „Meines geheimſten Wunſches?“ ſagte der Rei⸗ terofficier lachend,„ei, da müßt Ihr ein wahrer Tau⸗ ſendkünſtler ſein, und wenn Ihr allen Leuten ihre innerſten Wünſche erfüllen könnt, ſo wundert's mich, daß Ihr nicht ſchon einen Edelſtein in Eurer Kaſſa⸗ truhe bergt, ſo groß wie der Thurm der St. Mag⸗ dalenenkirche in Stockholm.“ „Auch den beſitze ich,“ entgegnete ruhig der Adept,„und Ihr ſollt ihn morgen zu ſehen bekommen, und... Ibr werdet ihn als ein Kleinod erkennen,“ ſetzte er hinzu,„nach dem Euch der Mund wäſſern wird— alſo morgen, um dieſelbe Stunde. 2 Der Graue und ſein Begleiter gingen jetzt lang⸗ ſam den Baumweg hinab— der Reiterofficier blickte Ihnen noch lange nach; dann wandte er lachend den dunklen Lockenkopf. „Prahlhanſe!“ ſagte er;„glauben den ſchlichten Kriegsmann äffen zu können mit leerem Wortſchwall,— mögen ſich den Faſtnachtsnarren anderswo ſuchen.. —— „ „ 245 ſollte Ihnen den Schwank mit der„flachen Klinge nach Reitergebühr zurückzahlen... Und er verließ brummend den S Am nächſten Tage um dieſelbe Stunde ſtand aber der Reiterofficier wieder in demſelben Garten vor der Raſenbank, wo er geſtern ſaß.— Ein uner— klärliches Gefühl, eine ſeltſame Neugierde ließen ihn nicht ruhen— eine ſchlafloſe Nacht hatte er in ſeiner Herberge hingebracht; die Reden des Adepten laute⸗ ten zu beſtimmt. der Mann war kein gewöhnli⸗ cher Marktſchreier; die ernſte wahrhaftige Wiſſenſchaft ſchien aus ſeinem Auge zu blitzen, in ſeinem Haupte ihren Sitz aufgeſchlagen zu haben.— Jetzt wallte er in ſeinem braunen Faltenkleide allein, ein großes Pergament in der Hand, den Baumweg herauf. Der Reiterofficier ging ihm einige Schritte ent⸗ gegen. „Ich komme mein Wort zu halten,“ ſagte der Adept,„und bringe Euch hiemit ein Pergament, woraus Ihr entnehmen mögt, daß die innerſten Wünſche, die Ihr gegenwärtig im Herzen tragt, zu dieſer Stunde bereits erfüllt ſind— daraus mögt * 246 Ihr dann die Zauberkraft des Adepten entnehmen, und nicht länger an der Probehältigkeit meiner Kunſt zweifeln,“— ſetzte er lächelnd hinzu. Der Reiterofficier entfaltete das Pergament— und las mit flammendem Auge....„Wir Fried⸗ rich Wilhelm, Churfürſt von Brandenburg finden uns in Huld und Gnaden bewogen, den ehrſamen und abſonderlich tapferen, auch inſonderheit in allen artibus belli wohl erfahrenen fürgeweſten ſchwediſchen General⸗Major, Hanns Georg Derfflinger a dato an zum General⸗Wachtmeiſter unſerer Armada zu er⸗ nennen, als welchem wir ihm befehlen, ſich am näch⸗ ſten Sonntage Sancti Caroli Boromäi auf unſerem churfürſtlichen Schloſſe zu Berlin von wegen der ge⸗ bührenden Inſtallation Uns geziemend vorzuſtellen...“ „Wir concediren und bewilligen ihme, unſerm nunmehrigen lieben und getreuen General⸗Wachtmei⸗ ſter, nach ſeinem billigen Begehren die nachſtehenden Conditiones oder Bedingungen ſeines Eintrittes in unſeren landesherrlichen Kriegsdienſt...“ Und nun folgten faſt wörtlich alle jene Bedin⸗ gungen, unter denen Derfflinger einmal ſeinem Freunde Schaplow erklärt hatte, in des Churfürſten Dienſte treten zu wollen. Georg Derfflinger war nämlich in dieſer Ur⸗ —.—— 247 kunde zum General⸗Wachtmeiſter des Churfürſten er⸗ nannt, er ſollte nächſt dem Generallieutenant des Churfürſten, Grafen Waldeck, das Commando führen, vei etwaigen Beförderungen nicht übergangen und im Falle einer Abdankung ſollten ihm ſeine etwa er⸗ langten Titel und Ehren ſowohl bei Hofe als bei dem Heere vorbehalten werden, ein Regiment zu Pferd wurde ihm als ſein vollſtändiges Eigenthum zugeſichert, und die Ernennung der Officiere darin ſollte ihm vorbehalten bleiben; die Beſtimmung des Gehaltes behielt ſich der Churfürſt zwar bevor, jedoch verſprach er Derfflinger einen Zuſchuß zu deren Mon⸗ tirung, und verſprach auch ſchließlich, ausdrücklich, dieſen bei etwaiger Vermehrung der Truppen und Anſtellung anderer Generale, unter keines anderen Commando zu ſtellen...... Der Reiterofficier ließ das Pergament aus der Hand fallen, und blickte dem Adepten ſtarr ins Geſicht. „Nun Ihr ſeht, Herr General⸗Wachtmeiſter,“ ſagte dieſer lächelnd,„daß Eure Herzenswünſche, um derentwillen Ihr nach Berlin gekommen ſeid, ſammt und ſonders, und ehe Ihr ſie noch ausſpracht, erfüllt worden ſind.... habt Ihr ſchon ein ſolches Zau⸗ berſtück erlebt?—“ „Herr!“ rief Derfflinger, der vor Erſtaunen 248 nicht wußte, ob er wache oder träume;„Herr, das kann unmöglich mit rechten Dingen zugehen; ich kam ungemeldet aus Oeſterreich nach Berlin, nie habe ich den Churfürſten bisher geſehen, nie Jemanden anders als meinem Freunde und Waffenbruder Schap⸗ low jene Bedingungen mitgetheilt, unter denen ich in des Churfürſten Dienſte treten wollte, und die ſelbſt meinem Freunde Schaplow ſo kühn erſchienen, daß er ſie für unannehmbar hielt, und über die ich auch zu Niemanden weiter ein Wort darüber verlor; — und nun ſtehen dieſe Bedingungen ſchwarz auf weiß da, und die Unterſchrift des Churfürſten ſteht darunter und das große brandenburgiſche Staatsſiegel hängt an dem Pergamente da— Herr! wenn das ein bloßer Scherz wäre? aber nein! wie hättet Ihr dieſe Conditiones ſo genau wiſſen können, wahrhaftig keine Silbe fehlt daran!!—“ Der Adept weidete ſich an dem ungemeſſenen Staunen Derfflinger's, der allerdings erſt vor zwei⸗ mal acht und vierzig Stunden aus Oeſterreich in Berlin angelangt war, um im Brandenburgiſchen Dienſte zu nehmen, deren Bedingungen er wohl auch milder geſtellt hätte, wenn ſie ihm nicht der Adept jetzt mit des Churfürſten bewilligender Unterſchrift punctatim garantirt erklärt hätte... — — 249 „Nun legt Euer Patent zuſammen,“ ſagte der Adept,„und folgt mir jetzt in meine Wohnungz ſinte⸗ malen ich ja noch die zweite Probe meiner Kunſt und Wiſſenſchaft Euch vorzulegen habe, den ſtrahlen⸗ den Edelſtein, von dem ich geſtern ſprach— oder wie? zögert Ihr, das Beſtallungs⸗Patent des Chur⸗ fürſten anzunehmen?“ „Wer könnte da zögern!“ rief Derfflinger begei⸗ ſtert;„ein Fürſt, der mein gutes Schwert ſo hoch ehrt, daß er mir das mit den glänzendſten Conceſſio⸗ nen verſehene Patent zuſtellt, ehe ich ihn noch ſah— Herr! wer mir den Fürſten fortan antaſtet, der hat's mit mir zu thun!— Aber wenn Ihr glaubt, baß Ihr mir da einen neuen hocus pocus vorrauchern könnt, indem Ihr Euch fur einen Adepten ausgebt, ſo irrt Ihr Euch gewaltig; der Derfflinger iſt kein Stern der Wiſſenſchaft, aber auch kein Hanns Narr, und hat's ſchon heraus, daß Ihr ihn ein wenig hän⸗ ſeln wollt, und daß des gnädigſten Herrn Churfürſten Kundſchafter meine Anweſenheit in Berlin eher her⸗ ausbrachten, ehe ich einen Weg fand, mich ihm vor⸗ zuſtellen; und ſo wird auch Euer prächtiger Edelſtein, den Ihr mir vorweiſen wollt, nur figürlich gemeint und Niemand anderer ſein, als Euer erlauchter Churfürſt Fridericus— darum raſch vorwärts, der * 250 neue General⸗Wachtmeiſter will ihm noch heute ſa⸗ lutiren!—“ Der Adept lächelte, und ſchwieg.— An ſeiner Seite dahinbrauſend, ließ ſich Derfflinger kaum Zeit, die Treppe des churfürſtlichen Schloſſes, wohin ihn der Adept jetzt führte, hinauf zu ſteigen. Dort ſchritten beide über eine lange Gallerie, dann durch mehrere Zimmer, bis ſie vor einer nie⸗ dern Thür ſtanden.— „Hier iſt meine Schatzkammer,“ ſagte der Adept, „und gleich werdet Ihr meinen prächtigen Edelſtein ſehen, der würdig iſt, eine Krone zu zieren—“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich eine Seiten⸗ thür des Zimmers— der junge Krieger, den Derff⸗ linger zuerſt im Garten an der Seite des Adepten geſehen hatte, trat mit Würde und Anmuth in das Zimmer; ihm folgte in beſcheidener Entfernung Derff⸗ linger's alter Freund und Waffenbruder, Freiherr Jvachim von Schaplow. „Freund! Bruder!“ rief Derfflinger auf ihn zu⸗ ſtürzend und ihn wacker umhalſend; dann wandte er ſich lachend zum Adepten—„Herr,“ ſagte er,„allen Reſpeet vor Eurer Zauberei; Ihr habt mich mit Eu⸗ rem Zauberſtabe wahrhaftig ins Paradies verſetzt— weiß wohl, daß alles Das natürlich zugegangen ſein muß; aber jetzt gebt Anufſchluß; ich bekenne in De⸗ muth,“ ſetzte er lachend hinzu,„daß Ihr der Meiſter von der gelehrten Zunft ſeid, und reih' mich willig Eurem jungen Schüler da an, der—“„Euch von Herzen an ſeiner Seite willkommen heißt,“ ſiel der junge Krieger ein.— „Und Eure Huldigung entgegennimmt,“ ergänzte ſich tief verneigend der Adept;„denn Ihr ſeht in die⸗ ſem jungen Krieger hier unſern erlauchten Herrn, den Churfürſten Friedrich Wilhelm von Bran⸗ denburg, und in mir ſeinen Hofarchitekten Nehring, der die Ehre hatte, bei dem Scherze behilflich zu ſein, den wir mit Euch ausführten, als wir Euch vorgeſtern im kölniſchen Parke ſchlummernd tra⸗ fen und, von Euren Abſichten nach Berlin zu kommen, und dem durchlauchtigſten Churfürſten unter gewiſſen Bedingungen Eure Dienſte anzubieten, durch Euren Freund, den Freiherrn von Schaplow, ſchon lange unterrichtet, aus dem Euch entfallenen Büchlein „Arndts wahres Chriſtenthum Euren eingeſchrie⸗ henen Namen erſahen, folglich den ſcherzhaften Plan, Euch als Adepten zu nahen, und Euch mit Wahrſagerei ein wenig zu necken, leicht ausführen konnten.—“ So war es auch... 252 Jvachim von Schaplow hatte ſich nämlich bald nach Derfflinger's Abreiſe von Guſow nach Berlin gezogen, und war von dem jungen Churfürſten Fried⸗ rich Wilhelm, der nachmals den Namen des Großen trug, beauftragt worden: Derfflinger, deſſen kriegeri⸗ ſcher Name damals ſchon ſo hoch in Ehren ſtand, für Brandenburgs Fahnen zu werben; denn er hatte dem Churfürſten die von Derfflinger auf Guſow ge⸗ äußerte Abſicht, in Friedrich Wilhelms Dienſte zu treten, dieſem bereits mitgetheilt, und mehr Will⸗ kommenes konnte es für dieſen in jener kriegeriſchen Zeit nicht geben. Als daher Derfflinger auf dem Wege von Oberöſterreich nach Brandenburg war, hatte der Churfürſt durch ſeine Agenten bereits Nach⸗ richt davon, und erwartete Derfflinger mit Sehnſucht in Berlin; die Begegnung im Garten unweit des kölniſchen Marktes war aber eine zufällige.— Derff⸗ linger's Verhältniß zum Hauſe des Herrn von Schap⸗ low kannte der Churfürſt gleichfalls aus den Mit⸗ theilungen des Letzteren—— Raſch in ſeinen Ent⸗ ſchlüſſen, und vom feurigſten Temperamente, dabei glühend von dem Wunſche, Derfflinger nie mehr aus ſeinen Heeresreihen zu verlieren, wollte er ihn mit jedem Bande an Brandenburg feſſeln.. 253 „Aber wo iſt mein Freund Plattenberg,“ rief jetzt Derfflinger. „Er iſt heimgegangen,“ antwortete von Schap⸗ low;„er wollte dem kecken Franzoſen Bournonville, deſſen Betragen auf Schloß Guſow zuletzt unaus⸗ ſtehlich wurde, für ſeine zudringlichen Bewerbungen um die Hand meiner Schweſter und einige beleidigende Reden gegen Deine Perſon eine derbe Lection geben, und ſchlug ſich mit ihm; die Kugel des Franzoſen traf aber beſſer und Plattenberg ſiel....“ „Armer, armer Freund!“ rief Derfflinger— „alſo für mich gefallen!“ „Der Franzoſe wurde landesflüchtig,“ ergänzte von Schaplow,„und ſoll in Baden, wo er mit kaiſer⸗ lichen Werbern in Streit gerieth, ſein Ende gefun⸗ den haben.“ „Und nichts ſteht mehr im Wege,“ rief der Chur⸗ fürſt lächelnd,„daß Ihr den Edelſtein, den der Adept Euch geſtern verſprach, in Euer Wappen aufnehmt.“ Er riß jetzt die Thür des Nebenzimmers auf. In einer Fenſterniſche ſaß dort Margaretha Tugend⸗ reich das Fräulein von Schaplow auf einem Polſter⸗ ſitze, vor dem eine zierliche Spindel ſtand, an welcher das Fräulein eben den goldenen Faden ge⸗ wunden hatte, den eine Thräne aus ihren ſchönen 254 Augen benetzt haben mochte, denn dieſes war wie von ſanftem Thau übergoſſen, wie eine Frühlings⸗ blume, die der Morgenſonne entgegenharrt... „Margaretha!“ rief Derfflinger, und ſein Auge ruhte liebetrunken auf dem bleichen leidenden Ant⸗ litze des Mädchens, das halb erſchrocken halb freu⸗ dig unter Thränen lächelnd zu ihm aufblickte, und mit einem leiſen Rufe der Ueberraſchung die ſchönen Hände in den Schovoß ſinken ließ. „Der ſchönſte Edelſtein, den ich Euch durch meinen Adepten bieten konnte,“ ſagte der Churfürſt lächelnd.— Ein leiſer Ruf des freudigen Schreckens und der Ueberraſchung entfuhr dem Fräulein. „Margaretha von Schaplow an der Spin⸗ del, in zartem Frauengewande!“ rief Derfflinger, und ſein Auge ſtrahlte. „Das Schwert iſt des Mannes, die Spindel des Weibes,“ recitirte das engelſchöne aber todten⸗ bleiche Fräulein, ihr thränenſchweres Ange zu Boden ſchlagend, leiſe, während Derfflinger in ihr Anſchauen vertieft, wortlos daſtand. „Macht ein Ende, Herr von Schaplow,“ mahnte der feurige Churfürſt,„raſch am Schlachtfelde wie im Palaſte— macht ein Ende, Herr von Schaplow, 255 und ſagt dem Herrn da, was Ihr mir geſtern mit⸗ getheilt habt: daß das Fräulein ſeinetwegen ſo blaß und leidend in die Welt ſchaut, daß ſie, ſeit er Schloß Guſow verließ, täglich in Thränen ſchwamm, daß ſie. „Durchlaucht!“ bat Margaretha, und eine hohe Purpurröthe wechſelte mit der Leichenbläſſe ihres ſchönen Antlitzes— aber der unerbittliche Churfürſt fuhr zu Schaplow gewendet, lachend fort:„Ja, Herr Oberſt, ſagt ihm, daß ſie ſeine Rückkunft er⸗ ſehnte, wie die Blume das Morgenroth erſehnt— — vorwärts, General⸗Wachtmeiſter, mit ganzer Front! dies zarte ſchöne Herz, das Ihr bisher gar nicht ver⸗ ſtanden habt, iſt Euer, nehmt es hin, und für den Herd, wo Ihr fürder Hütten bauen wollt, laßt uns ſorgen, denn Ihr ſeid nun der Unſrige,“ ſetzte er mit Stolz hinzu—„kommt, Schaplow, wir wollen das Feld räumen, auf daß Mars den Amor nicht ſtöre, wenn er Pſyche wieder gefunden hat.“— „Sieh, Derfflinger,“— ſetzte er freundlich hinzu, „dort iſt ja Deine zweite Seele!“— Und der Churfürſt entfernte ſich jetzt raſch mit Schaplow und Nehring aus dem Cabinete. Derfflinger aber ſtand vor Margarethen— ſein Herz ſchlug höher als im Sturme bei Lützen— ſein Auge flammte.— „Margaretha!“ rief er, indem er die feine Hand des Fräuleins faßte,„iſt es wahr, was der Churfürſt ſagte?“ Das Fräulein blickte ihm mit unendlicher Liebe ins Auge—— dieſer Blick ſagte mehr als Worte.— „Maria?“ fragte ſie jetzt leiſe— und ſie zitterte am ganzen Leibe.. „Maria, die Erwählte meiner Jugend, von der ich meinem Freunde Plattenberg erzählte, iſt todt,“ antwortete Derfflinger—„treu hielt ich ihr den Schwur, den jugendliche Liebe that, und darum durfte ich als Mann von deutſchem Herzen und deutſcher Redlichkeit der Blume, die am Schlachtfelde zu Lützen in meinen Armen lag, bisher nicht geſtehen, daß ich ſie ſchön fand, und daß ſtille Liebe in meinem Her⸗ zen zu wurzeln begann, die ich nun offen und männ⸗ lich geſtehen darf, da unſere beiden Herzen frei ſind; der Todes⸗Engel zerſchnitt das Band, das mich mit Marien verband,— ſie war meine Jugendliebe, der Himmel bedurfte eines Engels, und nie werde ich ſie vergeſſen!... aber das Herz des Mannes ſehnt ſich nach einem lebendigen Herzen, das ihm 257 N entgegenſchlage in gleichen Pulſen— mein Vater⸗ land, meine Vergangenheit liegt hinter mir— in die Zukunft iſt mein Blick fortan gerichtet!— will Margaretha von Schaplow das Schickſal eines Mannes, der ſie lange liebte, und nur in treu er Erinnerung an einen Jugendtraum dies Gefühl ver⸗ hehlte, fortan theilen?—“ Da ſank die ſchöne Jungfrau an des Kriegers — „Bin ich denn noch nicht Dein?!“ rief ſie—„Dein, Mann meines Herzens, den ich liebte vom erſten Augen⸗ blicke an, als er mich am Schlachtfelde bei Lützen an ſeine Bruſt zog, und mein Rettungs⸗Engel ward. O, welche Mühe koſtete es mich, dies Gefühl ſo lange zu verbergen, die Flamme zu verhüllen, die mich zu erſticken drohte, Mann meiner Seele! Du mein ritterlicher Freund, mein Georg! mein Ein und mein Alles!“ Und wieder trat jetzt der Chur⸗ fürſt mit Schaplow ins Gemach.— Einen Blick that er hinein— dann wendete erſich zu dem Hofmarſchall Schomberg'“), der ihn begleitete. *) geboren zu Heidelberg 1615, zuerſt in franzöſiſchen, dann in portugieſiſchen, endlich in brandenburgiſchen Dienſten, wo er ſpäter das Generalat en Chef über alle Truppen des Churfürſten überkam. 1856. XVIII. Ein d. Schneiderlein. II. 17 * „Uebermorgen feiert mein General⸗Wachtmeiſter ſeine Vermählung mit dem edlen Fräulein Marga⸗ retha Tugendreich von Schaplow,“ ſagte er;„laßt das Feſt durch die Kammerjäger dem Hofe anſagen, und ſorgt, daß es ein Prachtfeſt werde— Friedrich Wilhelm der Churfürſt von Brandenburg will ſelbſt die Braut zum Altar geleiten! Und alſo geſchah es.— Hanns Georg Derff⸗ linger blieb fortan in Dienſten des Churfürſten, den die Geſchichte ſpäter den Großen nannte. Er ver⸗ lebte an der Seite des Fräuleins von Schaplow manch ſchönes Jahr; ihm ſielen ittergüter ihres Bruders Wulkow, Kerkow, Hermsdorf, Theeren, Kraneiche in der Kurmark, Schildberg in der Neu⸗ mark, und Quitemen, nebſt den dazu gehörigen Dörfern in Preußen zu; auch ſein edler Freund Plattenberg hatte ihm das Gut Plattow vermacht. Derfflinger ſtieg fortan von Stufe zu Stufe, was er in Dienſten des großen Churfürſten leiſtete, hat Clio in ihr gol⸗ denes Buch verzeichnet; als geheimer Kriegsrath, Ge⸗ neral⸗Feldmarſchall und Obergouverneur aller pommer⸗ ſchen Feſtungen wurde der einſt in Linz ſpottweiſe ſo benannte Statthalter vom Kamin zuletzt — 259 Statthalter von Hinterpommern und Kamin, und brandenburgiſcher General⸗Feldmarſchall. Er zeichnete ſich in allen Feldzügen des großen Churfürſten gegen Schweden, Polen und Frankreich durch Tapferkeit, Klugheit und Thatkraft, und als Fried⸗ rich Wilhelms Geſandter bei dem Kaiſer Leopold aus, und wurde zuletzt von dieſem in den Freiherrn⸗ ſtand des deutſchen Reiches erhoben. Noch im hohen Alter ſchlug ein kräftiges deut⸗ ſches Herz in ſeinem Buſen, und erſt im Jahre 1695 ſchlummerte er als Greis von beinahe neunzig Jahren in das beſſere Jenſeits hinüber. Die auf ſein Andenken geprägte Gedächtniß⸗ münze, welche auf der einen Seite ſein wohlgetrof⸗ fenes Bildniß, auf der andern ſeine ſelbſt erworbenen Ahnen Mars und Herkules enthielt, zeugt da⸗ für: was durch Kraft, Genie und Tapferkeit aus⸗ zuführen vermochte: Ein deutſches Schneiderlein. Ende. 8 — — * — — 8 — S S — 8 — — 8 8 — S 8 1 00 — 8 8 — — 5 1 12 13 14 15 16 17 18 7 8 9 10 1