Leihbibliot 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1 0Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Vücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en aenmmen 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ eträgt: F füt wochentlich WBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 3 Monat: 1 M.— Pf 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. 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Vor zweihundert Jahren gab's in Deutſchland ſo gutes Traubenblut wie in unſern Tagen; der Rheinwein und der Mosler, der Ungar⸗Trank wie der Oeſterreicher perlten eben ſo friſch in die Deckel⸗ gläſer, wie ſie jetzt noch zur Erheiterung und Er⸗ weiterung der Herzen und Nieren hineinperlen.— Zog damals auch eine gar ſchwarze und unheilbrin⸗ gende Wolke über die alten deutſchen Eichenwälder, ſo fehlte es darum doch nicht an heiteren Lichtge⸗ mälden des freundlichen bürgerlichen Lebens, und be⸗ ſonders war es der ehrſame Gewerbeſtand, welcher ein gehäbiges heiteres Leben entfaltete, und durch eine gewiſſe hergebrachte Ordnung und Ehrenhaftig⸗ 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 1 keit in ſeinen Einrichtungen und Beſtrebungen eine feſtgegliederte Geſellſchafts⸗Schichte bildete, auf welcher der Wohlſtand und die Ordnung des Staates vor⸗ zugsweiſe gegründet war. Nicht ohne große Beden⸗ tung iſt aus jener Zeit die häufig vorkommende Be⸗ zeichnung der bürgerlichen„Ehrbarkeit“ einzelner Standesclaſſen; dieſes Beiwort wurde wohl nirgends häufiger als von den ehrſamen“ Meiſtern und Ge⸗ ſellen der Zünfte gebraucht; und ſo wie jede Zunſt ihre„Ehrenhaftigkeit“ ſtrenge bewahrte, ſo hielt ſie auch anderſeits auf ihre ,luſtigen Gewohnheiten“ oder den ſogenannten Zunftgebrauch.— Dem auf⸗ merkſamen Geſchichtsforſcher ſind auch dieſe nralten Zunftgebräuche eine Merkwürdigkeit, er wird ſie beach⸗ ten, weil er in ihnen Markſteine einer vergangenen Zeit findet, auf denen oft mit lachenden Zügen ein Sittenbild dieſer Vorzeit geſchrieben iſt.— Seit Kaiſer Heinrich der Vogler die erſten größe⸗ ren Städte Deutſchlands gründete, und ihre Be⸗ wohner mit Privilegien verſah, ſtieg der Stand der Handwerker und der Handelsleute fortwährend an“s chtung, und Künſte und Cultur, ſelbſt Lurus und feinere Sitten nahmen zu; es entſtanden die Bür⸗ gervereine, die ſogenannten Gilden, Zechen oder Zünfte mit ihren Geſetzen, Vorſtehern und ihrer gemeinſchaftlichen Lade. Sie handhabten die deutſche Waffe, führten die eigene Fahne, welche oft die ſelt⸗ ſamſten Schildereien trug. War es doch z. B. ſo⸗ gar ein„Bundſchuh“ den die Bürger von Ried am Inn im Wappen trugen, ſeit Einer der Ihrigen bei den Kämpfen in Paläſtina ein Häuflein Chriſten⸗ ſtreiter, deren Panner gefallen war, durch Aufſteckung ſeines Bundſchuhes auf ſeiner Picke und Vortragung dieſes ſeltſamen Panners zum Stehen brachte, und dem Siege zuführte. Der eigentliche Urſprung dieſes Innungs⸗ und Gildeweſens mag aber im alten Glauben unſerer deutſchen Voreltern geſucht werden. Ihre zwölf Hauptgötter, Aſen genannt, bildeten eine Gilde oder Gemeinſchaft, wohnten vereint und unterſtanden be⸗ ſtimmten Geſetzen; eine ſolche Vereinigung aber hieß bei den Angelſachſen Gegylde Innung.— Daher galten auch die Innungen des deutſchen Mittelalters gleichſam als religiöſe Geſellſchaften und hatten Fahnen; man ſtellte und hing ſie in den Kirchen auf, gleichwie die Trophäen und Feldzeichen der alten Germanen ſich in ihren heiligen Hainen und Plätzen befanden, und von Prieſtern in die Schlachten getragen wurden. Die Innungen feierten jährlich auch ihren be⸗ 1* 4 ſondern Gottesdienſt mit Opfergängen, dann den „Jahrtag“ mit Tänzen und Gelagen, ſowie auch von den alten Bruderſchaften religiöſe Gaſtmäler ver⸗ anſtaltet wurden.*) Bei dieſen Gelagen wurden Ge⸗ lübde abgelegt, Fackeln und Kerzen angezündet— ſo wie es jetzt noch bei den öffentlichen Prozeſſionen und Frohnleichnamsumzügen üblich iſt. Auch die ſogenannte Aufdingung oder Aufnahme des Lehrlings iſt eine eigenthümliche uns überlieferte Erſcheinung jener Zeitperiode, in der das deutſche Innungsweſen blühte. So verſchieden nun dieſe Innungsgebräuche waren, ſo komiſch waren ſie mitunter; wohl mochten ſie in jüngern Zeiten mehr zur Unterhaltung gedient haben; anfänglich aber hatten ſie ſicher einen tiefen Sinn.— Wie ſeltſam war zum Beiſpiel der Handwerks⸗ gebrauch der deutſchen Fleiſchhauer, ihre Lehrlinge nach vollendeter Lehrzeit in einem ſogenannten Brun⸗ nenkorbe voll Waſſer, wie ſie auf den Stadtplätzen angebracht ſind, unterzutauchen; hiedurch wollte man eine Taufe oder Wiedergeburt andeuten, wo⸗ durch der Lehrjung als ein neues Geſchöpf auf⸗ *) Mone II. 138. tauchte und als Mitglied der Zunft eine religiöſe Weihe erhielt, die— wenn ſie nicht vom Chriſten⸗ thum ausging— eine noch ältere Sitte ſein mag; denn uralt iſt die Ordalie der Waſſerprobe, und ſchon bei den Finnländern wurde der Lehrling der Zauberkunſt auf einem Steine mitten unter einem Waſſerfalle umgetauft. So wie nun dieſe Zunft⸗Gebräuche und In⸗ nungsgewohnheiten während des Mittelalters in ganz Deutſchland gang und gäbe waren, ſo fehlte es auch im gehäbigen Leben der gemüthlichen Oeſterreicher ob der Enns nicht an derlei feſtlichen Vorgängen, wobei Meiſter und Geſelle im traulichen Vereine bei einer Kanne des auten„Heurigen“ ſich ergötzten und dem Handwerksgebrauche auch in der Luſtbarkeit Rechnung trugen. Ein ſolches Feſt feierten die Nadelhelden der freundlichen Landeshauptſtadt Linz an der Donau alljährlich am ſogenannten Jahrtage. Das war ein Faſtnachtsſchwank, wobei ein hiezu beſonders auser⸗ leſener hübſcher Schneiderjunge auf einem mit Sei⸗ denbändern und Flittergolde verzierten Geisbocke durch die Straßen der Stadt geführt und vielfach gehänſelt wurde. Der Zug bewegte ſich in eine bergige Waldgegend, das ſogenannte Häck bei der 6 Stadt; und dort wurde bei Wein und Moſtkrügen der Kurzweil gar viel getrieben. Der gute Schneiderjunge, welcher ſein junges Fell zu dieſer nicht ſelten in arge Mißhandlungen ausartenden Kurzweil hergab, hieß der„Bockkönig⸗ und empfing nebſt„gut Trank und Speiſe“ zuletzt einen artigen Pfennig aus der Zunftlade. War er ein luſtiger Kautz, ſo gab das einen doppelten Scherz, und das tolle Treiben der luſtigen Schneider artete beſonders bei einbrechender Dämmerung, wenn der Bock wirklich Sprünge zu machen begann, in eine Art Saturnalien aus, bei denen weder Meiſter noch Geſelle mehr in den Schranken des Zunftgeſetzes verblieben. Auch am Vorabende des St. Martinstages des Jahres 1625 wurden von der ehrſamen Schneider⸗ zunft in Linz lebhafte Vorbereitungen zur Feier des Martinstages gemacht. In allen Werkſtätten wurde genäht und geglättet und die züchtigen Töchterieins der Schneidergilde wanden Kränze aus Herbſtroſen und Weinlaub, die am nächſten Nachmittage zur Verzierung der Feſttafel am Häck dienen ſollten. Am untern Wörth, einem Stadttheile am rech⸗ ten Ufer der Donau ſaßen am Vorabende dieſes Feſttages des heiligen Martinus in einem Häuschen 7 vor der Stadt fünf muntere Zeiſige. Es waren ehr⸗ liche Schneiderburſchen mit glatten Geſichtern und ſchmächtigen Taillen. Sie unterhielten ſich vom mor⸗ gigen Feſte und ſangen luſtige Liedlein. Nur einer von ihnen, ein ſchlanker Kernjunge von etwa achtzehn Jahren mit ſchwarzem Krauskopfe und ein paar Kohlen⸗ augen, die dem Kopfe einer afrikaniſchen Gazelle entnommen zu ſein ſchienen, nahm keinen Theil an ihrem luſtigen Geſpräche, und ſtreckte den feinen Nacken ſchier alle fünf Minuten aus dem groben Wollwammſe einer Gegend am rechten Dynauufer zu, wohin ſich ſeine Seele zu ſehnen ſchien. Heiterkeit und Luſt lebte in dieſem kleinen Kreiſe, und ſo wie der Gang des Handwerkslebens hier den Schwaben mit dem Preußen und den Böhmen mit dem Oeſterreicher zuſammengewürfelt hatte, und der Elſaſſer mitten unter ihnen die Würde des Altge⸗ ſellen bekleidete, ſo gab es auch eine gar bunte Un⸗ terhaltung; dieſe aber betraf vorzugsweiſe die Mum⸗ mereien des morgigen Feſtes, auf welches Groß und Klein ſich freute, und ſo flogen unter heiteren Scher⸗ zen die Nadeln durch die bunten Tuchlappen, aus welchen der Elſaſſer die Narrenjacke für den Bock⸗ könig zugeſchnitten hatte. Jetzt knarrte die alte Eichenthüre in ihren An⸗ 8 geln, und in die Werkſtätte traten zwei lange Män⸗ ner; der erſte mit einem Wammſe von blauem mittel⸗ feinem Tuche bekleibet und einem einfachen Barete auf dem ſilbergrauen Haupte; der andere mit einem ſilberverbrämten Mäntelchen und einem feinen Hirſch⸗ fänger an den breiten Lenden. Sein langes braunes Haar bedeckte ein ſilbergeſticktes Baret, unter welchem ein paar dunkle Augenſterne hervorblitzten; ſeine lange gebogene Habichtsnaſe und der wie ein liegen⸗ des 8 geſchweifte Mund, von einem langen Schnur⸗ und Knebelbarte beſchattet, dann die ganze Hager⸗ keit der Geſtalt gaben ihm das Ausſehen jenes un⸗ heimlichen Geiſtes, den deutſche Mähr' dem hoch⸗ und weltberühmten Doctor Fauſt, als Geſandten der Hölle zu ſeinem Begleiter giebt.... Auf der Bruſt trug er ein breites Koller von Elenshaut und große kupferne Sporen klirrten an ſeinen weiten Reiterſtiefeln. In der rechten aber hielt er eine lange Gerte aus Lederſtriemen geflochten.— Seine Stirne aber war von breiten Falten durchfurcht, wie die Natur ſie auf das Antlitz der Leidenſchaft malt, und die Verwegenheit des Menſchen damit bezeichnet.— So ſtarrt das todtenfahle Antlitz dieſes gewal⸗ tigen Martisſohnes der damaligen Zeit noch jetzt aus dem wurmſtichigen alten Rahmen in der Ge⸗ 6 mäldegallerie des öſterreichiſchen Landes⸗Muſeums zu Linz. Beide Männer waren Meiſter— und beide Meiſter von der Elle;— der Erſte aber war Mei⸗ ſter der Elle von Holz, womit er das Kleid; der andere Meiſter der Elle von Eiſen, womit er die Haut abſtrich— alſo ehrſamer Schneidermeiſter der Zunft der Eine, und ehrſamer Waffenmeiſter und Ritter der Andere— und der erſtere Meiſter Arnold, der Gilden Vorſteher der ehrſamen Schneiderzunft, beugte ſich tief vor dem Andern, lüftete ſein Barett und ſchob ſogleich den breiten Lederſtuhl am Znſchnei⸗ detiſche zu rechte. „Kinder!“ rief er, auf ſeinem arthritiſchen Fußge⸗ ſtelle langſam daher wackelnd,„morgen iſt, wie ihr wißt, Jahrtag und Schwank im Häck. Seine Gnaden der alte Schirmer unſerer Zunft, Herr Achaz Willinger von der Au und Hinter⸗ dobl“— dabei verneigte Meiſter Arnold ſich ſchier bis zur Erde—„begleitet mich eben zu allen Werkſtätten und will ſich ſelbſt ein Jüngelchen aus⸗ ſuchen, das morgen als König unſeres Bockfeſtes prangen ſoll, fintemalen—“ „Ich meine Braut, des ehrſamen Rathsherrn und Stadtrichters Herrn Hanns Georg Schröckingers 10 Töchterlein, die holdſelige Maria, an dem Schwanke ergötzen will“— fiel Herr Achaz Willinger, der an⸗ dere Meiſter der eiſernen Zunft, dem Schneidermeiſter in das Wort.— Die vier Schneiderjungen und der Altgeſelle ſtanden augenblicklich dienſtfertig von ihren Plätzen auf, nur Hanns Görg, der hübſche Junge von achtzehn Jahren mit dem ſchwarzen Krauskopfe und den Pechaugen ſaß bleich wie eine Leiche und rührte ſich nicht.— Ihn ſchien ein Blitzſtrahl gelähmt zu haben. Mit geſchwätziger Freude über die Ehre, welche ſeinem Hauſe durch den Beſuch des Ritters wider⸗ fahren war, zählte jetzt Meiſter Arnold all die Herr⸗ lichkeiten her, welche das morgige„Bockfeſt' der Zunft darbieten und wobei an Pracht und Geſchmack Alles übertroffen werden würde, was die Linzer Innungen bisher bei ihren Feſten geſehen hätten;„fünfzehn Edelherren aus dem Oberlande,“ fuhr er fort,„wür⸗ den das Feſt durch ihre Anweſenheit beglücken, und ſei auch die Zeit jetzt noch ſo ernſt, und drohe die Kriegsfurie auch noch ſo nahe, ſo würde es doch ein Feſt werden, bei dem ſich die ehrſame Nadelzunft in allen Ehren erluſtigen werde, wie noch nie.“ Ach der gute Meiſter Arnold hatte nicht Un⸗ recht, wenn er die Todtenfarbe, welche damals der 11 erbleichende Stern des Landes ob der Enns trug, mit dem Flittergolde des Faſtnachtsſcherzes zu ver⸗ decken ſuchte; denn ernſt, gar ernſt, ſah es damals im Lande aus. Als nämlich Ferdinand zum deutſchen Kaiſer gewählt worden war, hatten ihm die Stände ihre Huldigung verweigert, und nur ein Bündniß mit ſeinem Jugendfreunde, dem Herzog Maximilian von Baiern, verſchaffte dem Kaiſer Gehorſam; der Herzog rückte nämlich gegen Oeſterreich ob der Enns und forderte die Stände zum Gehorſam und zur Auflöſung ihrer Conföderation mit Böhmen auf; vergebens hofften die Stände auf Böhmen, der Bund wirkte nichts, die Baiern rückten unter ihrem Herzoge über St. Martin Ried und Stahremberg ins Land, und da die Abgeordneten der Stände mit ihrer vollſtän⸗ digen Unterwerfung ſchwankten, ſo kam auch der gefürchtete General⸗Lientenant Graf Tilly mit 12000 Mann nach Linz und ſcheuerte dem Kaiſer den Hul⸗ digungsſaal;— bairiſche Truppen lagen in den oberöſterreichiſchen Orten— die Hauptarmee zog nach Niederöſterreich, vereinigte ſich dort mit den kaiſer⸗ lichen Truppen und rückte nach Böhmen ein.— Der achte November 1620 hatte die weltberühmte Schlacht am weißen Berge gebracht. Friedrich von der falz war entflohen, Prag hatte ſich ergeben, am 13. huldigten die Stände— Böhmen, Mähren und Schleſien unterwarfen ſich und das Strafgericht des Kaiſers begann. Aber milder war es im Lande ob der Enns als in andern Ländern.— Am 6. März 1621 wurde mit Trommelſchlag und Pfeifenklang am Haupt⸗ platze zu Linz und in anderen oberöſterreichiſchen Orten bekannt gemacht, daß das Land pfandweiſe dem Herzoge von Baiern gehöre, dem alle Stände gehorſamen ſollten. Das Land war verarmt, geplündert, verwüſtet, die bairiſchen Truppen koſteten große Summen, ſo⸗ gar ein neues Regiment Fußvolk wurde geworben, und deſſen Erhaltung lag dem Lande ob; hart, rauh und unendlich verhaßt war der bairiſche Statthalter Graf Herberſtein; ſchlechtes Geld und Theuerung laſteten auf dem Lande; der Kryſtalliſationsprozeß des gewaltigen Bauernaufſtandes im Lande ob der Enns, bei welchem ſiebenzig Tauſend Köpfe brannten, und ein finſterer Hutmacher— Stefan Fadinger, der Bauernkönig— den Landleuten die Jodelhüte auf die entbrannten Schädel drückte, war in ſeinem erſten Stadium.... Der gute alte Meiſter Arnold von der Schnei⸗ dergilde hatte daher nicht unrecht, wenn er die Tod⸗ 13 tenfarbe, welche damals der erbleichende Stern des Landes ob der Enns trug, mit dem Flittergolde des Faſtnachtsſcherzes zu überdecken ſuchte;— und die Sache, ſo ſchwankhaft ſie erſchien, hatte eine ernſte und wohlberechnete Kehrſeite. Die vom fremden Gifte beträufelten Bürger und Landleute waren vielfach nur die Drahtpuppen des Adels, und ſo wie es im Sinne und Wunſche manches Standesherrn des Landes ob der Enns lag, dieſe Drahtpuppen nach ihrer Pfeife tanzen zu machen, ſo mußten ſie hinwieder dieſen von ihnen gegängelten Leuten ihre wahren oder geheuchelten Sympathien beweiſen. Sie ſtanden daher nicht an, den Adelsſtolz auf eine Weile bei Seite zu legen, und ſich in die Kreiſe des Bürgerthumes und des Landvolkes zu miſchen.— So barg das kleine„Bauernlöchel, eine finſtere Schenke zwiſchen der Stadtmauer zu Enns wohl manchen Standesherrn des Landes ob der Enns, der da die Moſtkorbel des Bauers an ſeinen Mund ſetzte, und mit ihm ein Paar Würfel Striche über den Eichen⸗ tiſch machte, es wohl auch verſchmerzte, wenn er ſeinem Säckel Gewalt anthun, und einmal einen„Bauern⸗ tiſch“ mit der Zeche freihalten mußte. So geſchah es auch, daß die goldbehängten und betreßten Herren aus dem Adel des Landes ſich bei den Zunftfeſten des Bürgerthumes unter die Zunftgenoſſen mengten und am Narrenſeile mittanzten, auf daß ſie populär erſchienen und im heitern Spiele der Faſtnacht Werk⸗ zeuge für ihre Plane gewannen.— So ſtand auch Herr Achaz Willinger, der Herr von der Au und Hinterdobl, der nachmals eine ſo große Rolle im erſten Bauernkriege ſpielte, aber zuletzt am Haupt⸗ platze zu Linz mit ſeinem Blute bezahlte, in der Schneiderwerkſtätte Meiſter Arnold's, und blitzte mit ſeinen kleinen Augen in den beſtäubten Räumen der⸗ ſelben herum, als wollte er überall zünden, wo er hinſchaute. Noch einmal warf er einen langen forſchenden und giftigen Blick auf den Hanns Georg, der ob der wiederholten Verſicherung des Herrn von der Au und Hinterdobls: daß er nächſter Tage des Stadtrichters Töchterlein heimführen werde, lautlos und bleich auf dem Schneiderſtuhle ſaß, und vor ſich hinſtarrte. Herr Achaz aber ſpielte mit der goldenen Kette, die an ſeiner Halskrauſe herabhing.„Meiſter,“ be⸗ gann er dann lächelnd und auf den ſchmucken Georg deutend,„Meiſter, das ſchlanke Bürſchlein dort wird morgen ein prächtiger Bockkönig werden; der Junge 15 paßt prächtig in die rothe Kutte, und ſein ſchwarzes Lockengezöpfe wird ſich in der Schellenkappe trefflich ausnehmen....“ „Herr,“ fuhr Georg empor,„ſucht Euch einen andern Faſtnarren für Eure Schwänke, mich aber verſchont, ich habe meine kranke Großmutter daheim, und kann Euren Faſtnachts⸗ Schwank nicht mit⸗ machen..“ Dabei ſprang der junge Nadelheld von ſeinem Sitze auf und ſchleuderte ungeſtüm Nadel und Scheere auf den Boden. Sämmtliche Geſellen der Werkſtatt und ſelbſt der Altgeſelle ſtarrten betroffen und todtenbleich auf den kecken Jungen, der in ſo unerhörter Weiſe dem hohen Schirmer der Gilde entgegen zu treten und die Ehre der Bockkönig zu werden, nach welcher ſo viele Ge⸗ ſellen der Zunft gegeizt hatten, in ſo ungeſtümer Weiſe ablehnte. Herr Achaz Willinger von der Au und Hinter⸗ dobl ſtand aber glühend im ganzen Geſichte, wie der leibhaftige Moloch der alten Babylonier, da.— Auf ſeinen Mund trat der Schaum, ſein Auge rollte in wildem Kreiſe. „Meiſter!“ donnerte er,„duldet Ihr dieſe Widerſetzlichkeit von einem windigen Nadeljungen?!“ 16 „Nun, nun,“ beſänftigte der Zunftmeiſter; „nehmt dem armen Rarren, hochedler und gnädiger Herr, ſein jugendliches Aufbrauſen nicht ſonderlich übel. Der arme Burſche hat wirklich eine todtkranke ſchier neunzigjährige Großmutter, die ihn, da ſeine armen Eltern im Oberlande ihm keinen Deut geben können, bisher ernährte, im Waſſerhüttlein an der obern Sandſchutt liegen, und eben darum ſollte ich ja meinen, daß ihm die im Faſtnachtsſpiele als Bock⸗ könig zu verdienenden paar Schock guter Gröſchlein ein willkommener Fang wären, der da nicht alle Tag für ein kleines Schneiderlein, ohne anderer Schätze als Nadel und Scheere abfaällt.“ „Und nun, wirſt Du den Schwank durch Deine Perſon als Bockkönig orniren oder nicht?“ ſchrie der zornglühende Willinger, indem er mit dem ge⸗ waltigen Kupferſporen den Sand der Diele aufſtampfte. Georg aber richtete ſich mit ſtolzer Entſchloſſen⸗ heit empor und den Ritter vom Kopfe bis zum Fuße meſſend, entgegnete er ein ruhiges:„Nein!“— „Nein?“ donnerte der Willinger.„Nein ſagſt Du? — gut; auf der Stelle will ich das rothe Kleid des Bockkönigs angefertiget haben, Meiſter! Befehlt ihm Nadel und Scheere zu faſſen und flink zu ſein, auf daß Morgen das Kleid vollendet daliege, 17 und geſchieht nicht nach meinem Willen, ſo laß ich bei meines Vaters Bart den Burſchen auf den erſten beſten Ulmer Donaufahrer werfen und an die untere Donau zu den türkiſchen Schiffszügen verhandeln.“— Damit warf er einen ſilbergefüllten Beutel, der für die andern Geſellen als Auszfluß der hochade⸗ ligen Herrlichkeit und Muniſicenz gelten ſollte, auf den Boden. „Laßt Euch das Kleid immerhin anderswo machen, wenn Ihr dazu Luſt habt,“ entgegnete Georg;„ich arbeite für Euch keinen Stich mehr.“„Du mußt!“ ſchrie hier der alte Zunftmeiſter über die Weigerung Georg's gleichfalls erboſt dazwiſchen; aber ſchon war Georg, durch eine geſchickte Wendung dem Gertenhiebe des in größter Wuth auf ihn zuſtürzen⸗ den Achaz Willinger ausgewichen und aus der Stube entwichen, von welcher er der Sandſchütte der oberen Donau zuſteuerte, wo ſeine kranke Großmutter der Ankunft ihres Lieblings entgegenhartte.— „Großmutter!“ rief er, in die ärmliche Stube tretend, und der Strohmatte zueilend, auf welcher die arme neunzigjährige Fran einen ſchwachen Schlum⸗ mer genoß.„Großmutter! Mit meinem kargen Ver⸗ dienſte in der Werkſtatt des Gildenmeiſters iſt es aus; laß mich mein Ränzel ſchnüren, und ins 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein.. 2 18 Hungerloch nach Böhmen zu meinen Eltern zurückkehren, denn ich ſoll mich zum Narren herabwürdigen, um ferner mein ehrlich Stücklein Brod zu finden!“— Die arme Frau richtete ſich mühſam vom Lager emvor und mit fliegender Bruſt erzählte ihr der im ganzen Antlitze glühende Georg den Auftritt mit dem reichen und übermüthigen Herrn von der Au und Hinterdobl. „Nun, Großmutter,“ fragte er, als er geendet hatte,„darf ein ehrlicher Junge aus dem Oberlande ſich den Sporntritt dieſes hochadeligen Uebermuthes gefallen laſſen,— o ich weiß recht gut,“ ſetzte er erröthend hinzu,„woher der Wind über den Acker des Herrn von der Au und Hinterdobl bläſt!“— Aber die Greiſin legte ſanft lächelnd ihre zitternde Hand auf das Lockenhaupt des Enkels. „Sei ruhig, Georg!“ tröſtete ſie mit ſchwacher Stimme,„eine Entehrung darfſt Du Dir nimmer gefallen laſſen, um die letzten Tage Deiner Groß⸗ mutter zu verſüßen. Deine Eltern in Neuhofen be⸗ dürfen Deiner eben ſo wie ich, die ich am Ende im Weichbilde der Stadt Linz, wo ich geboren bin, auch einen Biſſen Brod und ein kleines Grab finden werde; darum ſollſt Du nicht länger in einer Stadt leben, wo Deine Freiheit und Dein Leben nicht mehr 19— ſicher ſind, Du gehſt morgen nach Hauſe, mein Se⸗ gen wird Dich geleiten auf Deinen Wegen, und Mutterſegen macht die Kinder glücklich.— Siehe nur, ſieh!“ fuhr ſie mit ſtrahlendem Blicke ſich erhe⸗ bend, fort,„ſieh, wie Deine Locken von weißen Perlen ſtrahlen, als ob jede Thräne, die mein Auge um Dich weinen wird, zur ſchönen Perle geworden wäre!— welch prächtige Goldſpangen zieren Deine Schultern! o wie ſchön biſt Du mein Tochter⸗Sohn, wie ſtrahlt Dein Antlitz in ſtiller Heiterkeit, wie leuchtet Dein Auge! das iſt der Wiederſchein der Mutterthränen!“ „Großmutter! Du liegſt im Fieber!“ klagte der arme Georg,„o! wo iſt ein Arzt, der Dich mir er⸗ hält, mein Großmütterlein, mein Alles!“ Sanft legte er die matte Hand der Alten aufs Bett und eilte weinend vor die Hütte einen Arzt aufzuſuchen, der ſeiner armen Großmutter ein paar Tropfen Lebens⸗ waſſer einträufle, um ihr ſchwindendes Daſein zu friſten. 2* 20 Zweites Capitel. Der Aſtrolog⸗ Die herrliche Herbſtnacht breitete ihren Sternen⸗ mantel aus. Myriaden Welten zogen in ihrer ru⸗ higen Bahn am Himmelszelte herauf, und wurden hin und wieder von dunklen Wolken überdeckt, welche der ſchlummernden Erde ihr Licht entzogen. Ueber der großen Donauinſel, nächſt Linz flimmerte ein ſchwefelgelbes zweideutiges Licht, welches auf Augen⸗ blicke greller zwiſchen dem fliehenden Wolkengewim⸗ mel hervortrat. Eine Schaar Arbeiter, welche am Wördt ihr Tagewerk beendigt hatten, betrachtete das Meteor in ängſtlicher Stimmung und prophezeite ſich von dem bereits ſeit drei Tagen ſichtbaren„Kometſtern“ Krieg, Peſtilenz und andere Landplagen, mit denen— was den erſten Theil der Prophezeiung betraf,— die Stadt nur zu bald heimgeſucht werden ſollte. Aber auch in einem kleinen Eckhauſe in der Lederergaſſe zu Linz, da wo gegenwärtig die Eiſen⸗ ſtraße ihre Trains durchführt, lugte ein ſorgſamer Beobachter des ſeltenen Phänomens aus ſeinem mit Sextanten, Aſtrolabien und Himmelskugeln, dann großen Zahlenmappen bepflanzten Stübchen in den 21 violetten Nachthimmel empor.— Der Mann war von ziemlich hagerer Geſtalt, aus ſeinem blaſſen Ge⸗ ſichte blickten ein paar dunkle Augen, deren matter Glanz deutlich zeigte, daß ihr Inhaber zu häufig ins Glas geſchaut hatte— nicht ins Trinkglas, ſondern ins Fernglas ſeines kleinen Tubus, mit welchem er die Räume des Himmels durchſchaute, während ſein kleiner Ludwig und ſein Töchterlein im Nebenzimmer des ruhigen Schlummers genoßen, und von der verblichenen Mutter träumten.... Zu⸗ weilen durchflog der Aſtronom die bezifferten Tafeln, die auf der Tiſchplatte vor ihm lagen, und in Lapi⸗ daren die Ueberſchrift trugen: tabulae rudolphinae; — daneben lagen die berühmten observationes Hieronymi Megiseri des Gelehrten von Oberöſter⸗ reich— und ſchier mit Widerwillen ſchob jetzt der Sternkundige ein paar Kalender mit aſtrologiſchen Zeichen bei Seite, indem er ſeufzend aufſtand und ausrief:„mit ſolchen nichtsnutzigen Praktiken muß ein Gelehrter des ſiebzehnten Jahrhunderts ſein Brot gewinnen!“ Dann trat er leiſe an die Thür des Neben⸗ zimmers, und blickte mit ſtiller Freude auf die kleinen Schläfer in demſelben; jetzt ſetzte er ſich wieder in das Fenſter und richtete ſeinen Tubus gegen den Sternenhimmel, um das rothe Licht des Mars, der bald das Jahr regieren ſollte, zu erreichen;— da gewahrte er an ſeiner Seite einen Jüngling mit ſchwarzen Kraushaaren und breiter offener Stirn und einem treuherzigen Antlitze, aus welchem die ge⸗ bogene Adlernaſe recht ſymmetriſch hervorlugte. „Ouid desideras?“ fragte der Aſtronom noch halb in ſeinen ſideriſchen Träumen begriffen, ohne für den Augenblick zu bedenken, daß er nicht mehr mit ſeinen aſtronomiſchen Folianten eonverfire.„Herr! meine Großmutter ſtirbt!“ bat der Jüngling und ein Thränenſtrom verhinderte ihn ſeine Bitte vollends aus der gepreßten Bruſt zu löſen. Er war ſchluchzend ins Knie geſunken und faltete mit ſtillem Schmerze die Hände über demſelben. Der menſchenfreundliche Aſtronom errieth ſogleich den Sinn der flehentlichen Bitte des Jünglings. „Sei getroſt, mein Sohn!“ ſagte er, ihm freund⸗ lich die feine Wange klopfend;„ich verſtehe Dich, Du ſuchſt in mir den Arzt; nun, ich habe heute genugſam in coelis obſervirt, ich will mich augen⸗ blicklich zu Deiner Großmutter begeben, um zu ſehen, ob nicht eines meiner arcanorum ihren Lebensodem zu friſten vermag. Scheinſt mir ein braver Sohn, der für ſeine Großmutter ſo flehentlich bittet.“ Jetzt machte ſich das Herz des guten Jungen Luft, ein neuer Thränenſtrom rollte über ſeine bleichen Wangen; er faßte die hageren Hände des Gelehrten, druͤckte ſie an ſein Herz, und begann dem gerührten Aſtronomen nun umſtändlich zu erzählen, wie ſeine arme Großmutter in Fieberhitze liege, und wie bei ihrem hohen Alter die höchſte Todesgefahr vorhanben ſei, wenn der heißerbetene Arzt nicht eile und ihr den Lebensbalſam auf die Zunge träufle. Inzwiſchen hatte der Aſtronom vom Mauer⸗ ſimſe mehrere Phiolen mit Flüſſigkeiten von unter⸗ ſchiedlichen Farben herabgeholt, aus einem wohlver⸗ ſchloſſenen Wandſchränkchen aber ein kleines Kriſtall⸗ fläſchchen entnommen, das, wie er ſagte, mit der Univerſal⸗Lebenstinctur des großen Erneſtus Theo⸗ phraſtus Paracelſus Vombaſtus ab Hohenheimb ge⸗ füllt war, und unfehlbar die ſcheidende Seele ſelbſt von der Zungenſpitze noch in den Leib zurücktreiben müſſe... Dann ging der Aſtronom in das Nebenzimmer und weckte Suſanne, die Wärterin ſeiner Kinder, auf, daß ſie während ſeiner Abweſenheit wache und dieſen kein Leid geſchehe; dann warf er ein ſchwarzes ſilber⸗ verbrämtes Mäntelchen, die damalige Leibtracht der Gelehrten um die Schultern, und trat in nächſter Minute — 24 mit dem Jüngling auf die Gaſſe, um der Hütte der Großmutter des letztern zuzuwandern. Aber der bleiche Todesengel war mit ſeinem Schrirte raſcher geweſen als der Aſtronom mit ſeiner Wundertinctur. Ruhig wie eine müde Pilgerin, die ihren weißen Stab am Rande des Blumenbeetes, das ihr für die Nacht zum Lager dienen ſoll, mit lächelnder Miene niedergelegt, zufrieden mit der langen Bahn, die ſie in Sonnenhitze und eiſigen Stürmen zurück⸗ gelegt hat, lag die neunzigjährige Greiſin da, mit ſanftgeſchloſſenen Augen und bleichen Lippen, auf denen noch ein ſanftes Abſchiedslächeln ſchwebte, als wollte ſie noch im Tode ihrem treuen Enkel Segen erflehen, und als ſei die erſte Bitte, die ſie am Throne des Weltenrichters anbrachte, wieder nur ein Segenswort für ihren Enkel! Der Aſtronom trat zur Leiche— er faßte ihre abgezehrte Hand, fühlte ihren Puls, ließ ſie aber ſogleich wieder traurig ſinken, indem er mitleidig auf den armen Jüngling blickte, der mit ſeinem Blicke der Hand des Aſtronomen gefolgt war, und ſobald er das Troſtloſe errieth, laut jammernd vor dem Lager ſeiner Großmutter zu Boden ſank. „Richte Dich auf, armer Junge,“ tröſtete jetzt der Aſtronom;„hier hat die Natur nur ihren Tribut 25 gefordert; wohl haſt Du viel verloren, aber denke Dir, Deinem Großmütterchen iſt nun wohl und ſchon bittet ſie jenſeits an des Allmächtigen Sternenthrone für Dich, auf daß Du, der Du ihr gewiß viele Liebe und Treue bis zu ihrem letzten Athemzuge erwieſen haſt, wieder ein Herz findeſt, das Dich Dein großes Leid vergeſſen macht— ſ g' einmal, wie heißt Du, mein Innge?“ „Großmütterchen nannte mich ihren lieben Georg, eigentlich aber heiße ich Hanns Georg,“ ent⸗ gegnete ſchluchzend der arme Jüngling, noch immer die erkaltete Hand ſeiner entſchlafenen Großmutter in die ſeinige preſſend und mit ſeinen Thränen be⸗ deckend. „Welche Armuth!“ rief der Aſtronom aus, in⸗ dem er mit mitleidigem Blicke die ärmliche Einrich tung im Stübchen betrachtete, die nur aus einem Holztiſche, zwei Lehnſtühlen und einem wurmſtichigen Wandſchranke beſtand, und ihre einzige Zierde in einem kleinen Kreuze aus ſchwarzem Ebenholz ent⸗ hielt, welches mit blauen Kornblumen bekränzt in der Ecke der baufälligen Kammer hing. Die Armuth blickte hie von allen vier Wänden, aber Reinlichkeit herrſchte dennoch in dieſer Stube und der prüfende Blick des Aſtronomen ſchweifte jetzt über die gebohnte 26 Platte des kleinen Tiſches, worauf eine kleine Schreib⸗ tafel mit einem Steingriffel lag. „Und biſt Du nun ganz verwaiſt,“ fragte der Aſtronom, näher tretend, und die Tafel beſchauend— „Ach Herr,“ entgegnete Georg;„wohl leben meine Eltern noch in Neuhofen, aber ſie find arm und können mir und meinen Geſchwiſtern kein dürres Brodrindlein geben; als für uns evangeliſche in Oeſterreich nichts mehr zu ſuchen war, da wurden auch ſie hart bedrängt und wollen nun wie die Salz⸗ burger ſich ein anderes Plätzlein ſuchen; mich aber laſſen Sie bei der guten Großmutter, die ihre Vater⸗ ſtadt Linz nicht mehr verlaſſen will, und ich mußte das Schneiderhandwerk erlernen, um mir mein Brod bald ſelbſt verdienen zu können.“ Aber der Aſtronom hörte nicht weiter, was der Jüngling ſprach, denn aufmerkſam betrachtete er die Rechnungs⸗Exempel auf der kleinen Schiefertafel.„Ei, Söhnlein,“ fragte er,„haſt Du dieſe Rechnungs⸗Erempel niederge⸗ ſchrieben?“ „Ei, wer ſonſt,“ entgegnete Georg erröthend— „ja, Herr, das Rechnen iſt meine Paſſion, aber mit dem Schreiben will's nicht gehen, denn da fehlt's an einem Lehrer.“—„Höre, Söhnchen,“ begann jetzt der Aſtronom, indem er den Jüngling neben ſich auf 2 die Ofenbank niederzog,„ich will mit Dir ein väterliches Wörtlein reden, trockne jetzt Deine Thränen, denn als junger Rechnenmeiſter mußt Du lernen, daß die Gleichung, die der Tod auf die Stirne des Staub⸗ gebornen ſchreibt, auch durch die heißeſte Thräne der Sohnesliebe nicht ausgelöſcht werden kann.— Höre alſo, lieber Georg! Ich werde Deine Großmutter im kleinen Gottesacker der St. Barbara⸗Kirche mit Prieſterſegen, wie es der braven Frau, die einen ſolchen Sohn erzog, gebühret, zur Erde beſtatten laſſen; Du aber nimmſt Deine Habſeligkeiten zu⸗ ſammen, und biſt von morgen an in meinem Schutze; nächſter Tage ſende ich meine rudolphiniſchen Tafeln nach Ulm oder Regensburg, um ſie dort drucken zu laſſen, indem ich ſie und noch manch andere arcana coelestica zu Nutz und Frommen der göttlichen Aſtronomie zu ediren gedenke; dorthin werde ich Dir an meine gelehrten Freunde Empfehlungen geben, und Dir wird Gelegenheit werden, was Tüchtiges zu erlernen, und ſo duh heilige Mathematicam ſo recht eultivireſt, wird es Dein Schade nicht ſein, kannſt einmal ein Gelehrter primae Classis werden, und Deinen Eltern ein ſchönes Stündlein bereiten, denn all gut Ding muß einen Anfang haben. Alſo 28 salve, und finde Dich morgen Nachmittags in meiner Wohnung ein.“ Der Aſtronom warf der Leiche der alten Frau noch einen mitleidigen Blick zu, und ſchied dann von dem troſtloſen Georg, welcher, den Kopf in die Hand geſtützt, an der Seite ſeiner entſchlummerten Eltern⸗ mutter die Nacht weinend hinbrachte. Am nächſten Morgen kamen auf Geheiß des Aſtronomen die ſchwarzen Leichenträger und brachten den engen Schrein, in welchen ſie Georgs Groß⸗ mutter betteten, um ſie in ihre letzte Wohnung an der Kirchhofsmaner bei St. Barbara zu tragen.— Georg ſank nun in ſeiner ärmlichen Hütte noch ein⸗ mal nieder, und ſuchte Troſt im Gebete, dann aber trat ruhige Ueberlegung an die Stelle des ſchmerz⸗ ichſten Wehklagens. Er überdachte ganz richtig, daß ſeine Weigerung bei dem geſtrigen Feſte im Häck, deſſen letzte Klänge noch über die Donau herüber ſchallten, den Bockkönig zu ſpielen, ihn der Wuth und Verfolgung des reichen und angeſehenen Achaz Willinger Preis geben müßte; was galt aber ein mageres Schneiderlein gegen den reichen Dynaſten Oberöſterreichs— und die Schiffszüge an der un⸗ teren Donau bedurften Leute, und wer würde es bemerkt haben, wenn ein angehender Nadelheld von 29 Linz, der weder Verwandte noch ein Beſitzchum auf⸗ zuweiſen hatte, plötzlich verſchwunden wäre, um in der Koppel der unglücklichen Schiffszieher am eiſernen Thor wieder aufzutauchen! Georg ſchnürte alſo ſein Bündel— Nadel und Scheere, ein Wollwamms, die kleine Schiefertafel mit dem Griffel, das Kreuz von Ebenholz, und ein ſil⸗ bernes Halskreuzlein, das er ſeiner entſchlafenen Großmutter vom Halſe löſte, dann einige härene Wäſchſtücke, und das Hausbuch„Arnd's wahres Chriſtenthun, worin er nothdürftig zu leſen verſtand, waren die wenigen Habſeligkeiten, die er in dies Bündel ſchnürte. Er drehte das verroſtete Thürſchloß des leeren baufälligen Wohnungsloches, genannt Häuschen, weinend in ſein Gefüge, und eilte in der Dämmerung der Donan am Waſſerthore zu, während aus der jenſeitigen Gegend des Häck der wüſte Lärm der zweiten Hälfte des Bockfeſtes herüber ſchallte, bei welchem in ſeinem Abgange ein anderer ſtämmi⸗ ger Schneidergeſelle die Hauptrolle übernommen hatte. 30 Drittes Capitel. Der Statthalter vom Kamin. Der Rottenmeiſter Wendelin hatte die Runde durch das Weichbild der Stadt Linz vollendet, und der Thorwart ſchob eben den hölzernen Querbalken mit den eiſenbeſchlagenen Enden hinter das Fall⸗ gitter am Waſſerthurme, als Georg, der junge Schnei⸗ dergeſelle, vor dem Thor erſchien und noch Einlaß begehrte, um ſeinen letzten Gang in die Stadt zu thun, den er zu dem Zwecke, den er vorhatte, beim hellen Tageslichte nicht wagen durfte. Die Glocke am Pfarrthurme ſchallte die zehnte Abendſtunde, und leiſer Regen rieſelte auf das Lockenhaupt des Jüng⸗ lings herab. Zweimal hatte der Thorwart die Bitte des Jünglings um Einlaß durch das Thor verhört; als Georg zum drittenmale bat, fragte ihn der Rauhbart mit derber Stimme, ob er denn nicht den Befehl Seiner Geſtrengen, des Herrn Stadtrichters und des hochweiſen Stadtſenates kenne, daß in dieſen Tagen wegen der ſich im Lande allenthalben kund gebenden Ordnungswidrigkeiten alle Stadthore nach 9 Uhr Abends geſperrt ſein müßten, und daß bei ſtrenger * 31 Strafe weder Mann noch Maus eingelaſſen werden dürfe. Damit neſtelte der alte Thorwart ſeinen großen Schüſſelbund an ſein Lederwamms, und ſtieg die Wendeltreppe des Waſſerthurmes mit ſchwer wieder⸗ hallenden Tritten hinauf, während Georg, ſich ſelbſt zürnend, daß er die Stunde der Thorſperre verſäumt habe, in dem immer heftiger niederträufelnden Regen daſtand. Morgen aber ſollte er ſich bei dem Aſtronom ſtellen und mit dem Geleitsbriefe deſſelben verſehen, nach Ulm abgehen,— um Linz vielleicht nie wieder zu ſehen. Traurig blickte er auf die Eiſenſtäbe des ge⸗ waltigen Gitterthores, deſſen rechter Flügel ſich an eine wohl acht Fuß hohe Mauer lehnte, die weiter aufwärts mit der Ringmauer des kaiſerlichen Schloſſes in Verbindung ſtand, von welcher heut zu Tage nur noch ein altes graues Gemäuer oberhalb des Schloß⸗ berges in das Donauthal herabſieht, Ueberreſte je⸗ ner Gemächer, in denen Kaiſer Friedrich IV. am Schenkel amputirt wurde und verſtarb. Dort guckte ehemals zwiſchen Geſtrüppe und Dornbüſchen eine kleine rothe Thur hervor, deren Spuren noch jetzt erkennbar ſind, und worauf zwei wilde Beſtien, ein Bär und ein Wolfshund, denen ein gewaltiger 32 Fleiſcher mit dem Beilhiebe den Garaus machte, gemalt waren. Das dunkle Kämmerlein, zu welchem dieſe Thür führte, hieß die Advocatenkammer, denn in ihr wurden Rabuliſten und überwieſene Rechts⸗ verdreher eingekerkert, und das bezeichnete Gemälde trug die Ueberſchrift: Mordaces canes, ursos, rabulasque Simili sorte punire decet. (Biſſige Hunde, Bären und Rechtsverdreher, muß man auf gleiche Weiſe beſtrafen.) Dieſe Thür mit ihrem Eiſengitterwerk benützte der flinke Schneiderjunge als Leiter, um auf die Höhe der Mauer zu gelangen, die er gleich einem Iltiſſe erklomm; bald war er, an den einzeln vorſpringen⸗ den Mauerſteinen und Schießſcharten ſich feſtklam⸗ mernd, auf der Höhe der Mauer angelangt; dieſe war von dem Steindache des alten Stadtrichter⸗ hauſes nur durch einen zwei Schubh breiten Raum getrennt, der mit einer doppelten zur Trocknung der Hauswäſche beſtimmten Strohmatte überzogen war, und ſo befand ſich der gewandte Georg in weniger als fünf Minuten im— Schornſteine an der öſtli⸗ chen Dachſeite des Stadtrichterhauſes, durch welchen nun der junge Waghals ohne viele Mühe vor die Thür zum Kämmerlein der ſchönen Maria, des 33 einzigen Töchterleins des Stadtrichters Hanns Georg Schröckingers zu gelangen hoffte, um dem Mädchen vor ſeinem Scheiden den letzten Abſchiedsgruß zu bringen. Georg hatte Marien unter den Blumen des Schloßgartens, welcher an das Häuschen ſeiner Groß⸗ mutter grenzte, zuerſt geſehen; das ſechszehnjährige Mädchen hatte bald mit ihren Veilchenaugen zu tief in die Feuerſterne des ſchönen Jünglings geblickt; ein unſchuldiger Blumenhandel, den Georg ſeit Jah⸗ resfriſt in der Hausflur des Stadtrichters führte, knüpfte gar bald das zarte Band zwiſchen beiden feſter.— Maria, die reiche Stadtrichterstocher, vergaß den Standesunterſchied ihres Georgs, und der feurige Jüngling dachte eben auch nicht daran, daß Nadel und Scheere keinen Geleitsbrief in die Brautkammer Mariens darbieten könne. Rein und ſchuldlos an Herz und Gemüth, voll glühender Liebe zu dem Mädchen, und im vollſten Bewußtſein ſeiner Jugend⸗ kraft ſcheute Georg kein Wagniß jetzt wo es galt, ſeine Marie noch einmal zu ſehen und ihr vielleicht auf immer Lebewohl zu ſagen. Das wußte er wohl, daß, wenn er zur nächtigen Stunde im Stadtrichter⸗ hauſe aufgegriffen würde, ſein Loos das eines über⸗ wieſenen Diebes und mindeſtens die Folter werden 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein I. 3 würde; denn Niemand würde in dieſem nächtigen Einſchleichen ein Liebesabenteuer vermuthet haben, weil Niemand die Kühnheit begriffen hätte, daß ein Junge von der Nadel um das wunderſchöne und ſteinreiche Töchterlein Seiner Geſtrengen des wohl⸗ beſtallten Herrn Stadtrichters Hanns Georg Schrök⸗ kinger zu werben wage! Schon dieſe Kühnheit allein mußte den Nadeljungen in die unterſten Verließe des Stadtrichterhauſes bringen. Herr Hanns Georg Schröckinger, der wohlbe⸗ ſtallte Stadt⸗ und Bannrichter der Landeshauptſtadt Linz, deſſen gewaltiges, fünf Schuh langes Amts⸗ ſchwert mit den goldenen Buchſtaben ſeines Namens noch jetzt im vaterländiſchen Landes⸗Muſeum zu Linz aufbewahrt wird, war ein gerechter aber ſtrenger Herrt. Er liebte ſein einziges Töchterlein, aber auch die Ehre ſeines Hauſes; dieſes war der Sammel⸗ platz der Edelſten und Mächtigſten im Lande, denn Herr Hans Georg Schröckinger wurde allgemein verehrt. Niemanden wunderte es daher, als in der Landes⸗ Hauptſtadt Linz die Mähre verlautete: Herr Hanns Georg Schröckinger werde ſchon im nächſten Faſching die ſchöne Hand ſeines einzigen Töchterleins in die des ſtolzen Herrn Achaz Willinger von der Au und Hinterdobl legen.— Herr Achaz, der kluge 35 Wittwer, mochte aber dieſe Verbindung mit dem Stabtrichterhauſe noch ſehnlicher als Herr Achaz Schrök⸗ kinger ſelbſt herbeiwünſchen; denn ſein Säckel war nicht überfüllt, und vielleicht nährte er ſchon ein ſtilles Vorgefühl der blutrothen Tage, die da bald über ſeinen Stammbaum heraufziehen würden.— Herr Achaz Willinger war daher täglicher Gaſt im Hauſe des Stadtrichters, und ſeinem Scharfblicke konnte in dem kleinen Weichbilde von Linz nicht verborgen bleiben, daß die Stickerei eines Bandes, bei welcher er die ſchöne Marie eines Morgens über⸗ raſchte, und welches die in blaue Vergißmeinnichts verſchlungenen Namen Hanns Georg enthielt, kei⸗ neswegs, wie Maria hoch und theuer verſichert hatte, auf den Schreibtiſch ihres Vaters Hanns Georg Schröckinger wanderte, ſondern noch für einen anbern Hanns Georg beſtimmt war.—— Herr Achaz Willinger hegte daher nicht umſonſt einen bedeutenden Groll. gegen das kleine Schneider⸗ lein, und wenn er ſich in die Werkſtätte ſeines Mei⸗ ſters verfügte, um Georg zum Bockkönig zu preſſen, ſo ſuchte er, die Weigerung des jungen Nadelhelden in Vorhinein ahnend, nur Gelegenheit, mit demſel⸗ ben anzubinden, und einen Anhaltspunkt zu finden, das Bürſchlein unter dem Scheine des Geſetzes wegen 3* 36 beleidigenden Reden und Benehmen in den ſtädtiſchen Gewahrſam zu liefern, von wo er deſſelben ſchon weiter ledig zu werden hoffte.— So ſaß denn Herr Achaz an dieſem Abende mit dem ehrſamen Stadtrichter Herrn Hanns Georg Schrök⸗ kinger bei einer Kanne guten Heurigen im Stadt⸗ richterhauſe, und beide Männer beſprachen den Ehe⸗ pact, der demnächſt zwiſchen Herrn Achaz Willinger und der ſchönen Marie abgeſchloſſen werden ſollte. Herr Schröckinger hatte drei wohleonditionirte Zeugen geladen, von denen bereits Herr Oedt von Götzen⸗ dorf, Beſitzer des Herrenhauſes vor dem Stadtthor, und Herr Georg Schreiner, Bürger von Linz zugegen waren. Ein dritter, Herr Georg Jurguvitſch, ſrei⸗ herrlich herberſteiniſcher Hauspfleger der Herrſchaft Peuerbach') trat eben in die Stube, und poſtirte ſich mit ſeinem breiten Körper ſogleich auf einen der gro⸗ ßen Lehnſtühle, indem ihm Herr Schröckinger die Weinkanne zuſchob. Marie, die liebliche Roſe von Linz, ſaß aber träumend in ihrem kleinen Zimmer an der Oſtſeite des Stadtrichterhauſes und blickte mit ſchmerzlicher *) Durchgängig hiſtoriſche Namen, wie überhaupt im Verlaufe der ganzen Erzählung ſämmtliche Namen hiſtoriſch ſind. 37 Erinnerung auf das Wandbild ihrer vor drei Jahren entſchlafenen Mutter, deren herzinnige Liebe ſie in dem rauhen Gemüthe ihres in ſeinem Berufe ver⸗ härteten Vaters nicht wieder fand. Das Mädchen nahm in ihren Träumen nicht wahr, wie ſich die Thür ihres Zimmers leiſe öffnete, und Georg, eine berußte Strohmatte, die ihm zur Wanderung durch den, Schlott gedient hatte, zurücklaſſend, in das Zim⸗ mer zu den Füßen des Mädchens hinſtürzte, welches den ſonderbaren Abenteurer mit freudigem Schrecken empfing, und in jugendlicher Unbefangenheit ihm erzählte, wie eben ihre Gedanken bei ihm und ihrer guten Mutter verweilt hatten. Ein Blick der innigſten Liebe ſtrahlte aus dem Feuerauge des Jünglings, ein Zug ſchönen männlichen Ernſtes trat auf ſein Antlitz, er ergriff die Hand ſeiner Marie und führte ſie zu dem heißklopfenden Herzen, er bog ſich auf ſein Knie und erzählte mit äberſtrömendem Gefühle ſeiner geliebten Marie die Erlebniſſe der letzten Tage und wie nun das Schick⸗ ſal zu ſcheiden gebiete, und wie er nach dem Ver⸗ luſte ſeines lieben Großmütterleins das Weichbild von Linz gleichfalls verlaſſen und vvrerſt zu ſeinen Eltern nach Neuhofen zurücktehren, dann aber Oeſter⸗ reich verlaſſen, und mit der Empfehlung des Aſtro⸗ logen in Ulm oder Regensburg ſein Glück weiter verſuchen werde. Das ſchöne Mädchen hing mit ihrem hellen Auge an den Lippen ihres Lieblings, und Thränlein um Thränlein perlte von ihrem Auge nieder.„Georg,“ lispelte das Mädchen,„hier vor dem Angeſichte des ewigen Gottes ſchwöre ich, mit meinem Willen nie einem Andern gehören zu wollen als Dir.“ „Und ich, mein Mädchen,“ erwiederte der Juͤng⸗ ling,„gelobe Dir, Dein eigen zu bleiben, ſo lange ich athme; ich will in die Fremde, einen Herd will ich mir erringen, wo ich mit Ehren beſtehen kann; denn ich fühle es, mein Arm iſt zu ſehnig, um nur die Nadel zu führen, und ſchon oft ſah ich mich im Traume mit der Muskete auf der Hand auf den Wällen unſerer Stadtmauer ſtehen, und— ſtatt Fäden durch das Tuchwamms zu führen— meine Picke auf fremden Harniſchen meſſen. Morgen aber,“ fuhr der Jüngling mit tiefer Bewegung fort,„morgen, liebe Marie, iſt ein Tag des Scheidens zwiſchen uns auf lange— lange. Ich gehe zunächſt zu meinen Eltern nach Reuhofen, um ihnen den Tod unſerer lieben Elternmutter zu melden, dann aber rechts nach Ulm und ſo Gott will, weiter in die Welt hinaus.— Auf wie lange, das weiß ich nicht. Aber 39 was auch zwiſchen unſerem Wiederſehen liegen mag, ein echter Sohn des Donauthales hält feſt und tren wie unſer majeſtätiſcher Strom an der Bahn, die ihn einſt in den erſehnten Hafen führt. Wir werden ſcheiden, aber uns wiederſehen, Marie, und in den Armen.“ „Der eiſernen Jungfrau wird der Held von der Nabel den Wahnwitz büßen, um das Töchterlein des Stadt⸗ und Bannrichters von Linz zu buhlen,“ tönte eine heiſere Stimme hinter den Koſenden. Herr Hanns Georg Schröckinger und Achaz Willinger, dann die beiden Gäſte Pfleger Jurguvitſch mit Herrn von Götzendorf ſtanden hinter ihnen. Marie ſtürzte wie eine geknickte Lilie zu den Füßen des Vaters nieder.— Der Willinger aber ergriff den jungen Georg unſanft am Arme und ſchleuderte ihn dem Stadtrichter entgegen. „Da habt Ihr den nadelgerechten Eidam, das Schneiderbürſchlein,“ brauſte er,„da habt Ihr den Jungen, von dem ich Euch ſagte, was Ihr nun und nimmer glauben wolltet, daß er die Keckheit hatte, mir ins Gehege zu treten.“ „Herr Ritter,“ erwiederte Georg, ſich aufraffend, „Herr Ritter, die Liebe eines ehrlichen Jünglings hat noch kein Mägdlein entehrt; Ihr habt Eure 40 goldenen Sporen ererbt, ich kann ſie verdienen, denn ſtatt der Nadel die Muskete zu tragen kann mir Niemand verwehren, und man hat Beiſpiele, daß gemeine Söldner zum Commandoſtab und zu hohen Ehren gelangten.“. „Ja! Statthalter vom Kamin wirſt Du werden,“ höhnte der Willinger,„Statthalter vom Kamin, mein Jüngelchen! von dem Kamin, durch den Du, wie Dein berußtes Wamms zeigt, wie ein Marder in den Taubenſchlag gekrochen biſt.“ „Wenn er nicht früher in den Armen der eiſer⸗ nen Jungfraus) oder auf dem Gevatter Dreibein ſeinen Einbruch bei Nacht und Nebel in meine Woh⸗ nung büßen wird,“ ſchrie der Stadtrichter, den es gewaltig wurmte, ſein Haus durch einen Schneider⸗ jungen entehrt zu wiſſen. „Sei ruhig, liebe Marie,“ tröſtete der Jüngling, „meine liebe Großmutter ſagte mir gar oft:„ohne den Willen des Allmächtigen wird mir Niemand ein Haar auf meinem Kopfe krümmen.⸗ 9 Eine Tödtungsmaſchine von Eiſenblech, deren Form einer Jungfrau glich, und die inwendig mit Dolchen beſetzt war, eine der grauſamen Hinrichtungsmaſchinen unſerer biderben Vorzeit. 41 „Das ſollen ſie Dir auch nicht,“ fiel hier eine feſte Stimme ein, die niemand Anderem gehörte als dem Aſtronomen, der als vierter Gaſt im Hauſe des Stadtrichters geladen eben in das Zimmer trat, als Herr Willinger mit roher Wuth auf den armen Georg losfahren und ihn zu Boden reißen wollte. „Was hat der Junge verbrochen? Wie kommſt Du hieher, Georg, und um dieſe Stunde 2“ fragte der Mathematiker erſtaunt. „Durch den Kamin! durch den Kamin!“ eiferte der Willinger, mit langen Schritten im Gemache auf und nieder ſchreitend,„und darum hänge ich den Burſchen ohne weiteres Federleſen ſogleich zu den Fledermäuſen im Schornſteine auf.“ „Das werdet Ihr nicht!“ rief der Aſtronom, „iſt mein Famulus, und geht morgen in meinen Ge⸗ ſchäften nach Ulm; dixi!“ „Das kann nicht ſein!“ brauſte Herr Hanns Georg Schröckinger auf,„die Ehre meines Hauſes iſt verletzt, ich muß zuvor Gericht halten.!“ „Ei, haltet's der Ingend zu gute, geſtrenger Herr Stadt⸗ und Bannrichter, mahnte Jurguvitſch, der Pfleger von Peuerbach; ſind wir doch auch einmal jung geweſen, unb wer kann da ſagen, daß er nicht 42 auch einige unbeſonnene Jugendſtreiche auf ſeinem Kerbholze zähle.“ „Item, man kann ja,“ bemerkte der Herr von Götzendorf,„ex jure nur das imputiren, was ſatt⸗ ſam als böſe Abſicht erwieſen iſt, und ſintemalen der Junge gewiß nicht die ganze Strafbarkeit ſeiner Handlung ermißt.“ „Schweigt,“ fiel Herr Achaz ein—„der Gau⸗ dieb baumelt, ſo wahr ich der Herr von der Au und Hinterdobl heiße.“ Marie brach in Thränen aus, Georg aber, die Größe ſeines Wageſtückes jetzt begreifend, ſtand mit düſterem Schweigen vor den Männern. „Herr Ritter,“ bat Pfleger Jurguvitſch jetzt vortretend,„ſeid nicht ſo ungeſtüm und hört; laßt mir den Jungen, ich will billige Juſtiz an ihm üben, und—“ „Herr, bemüht Euch nicht,“ fiel Georg trotzig ein;„was ich gethan, will ich vor den ordentlichen Gerichten verantworten, wie ich es vor Gottes Ge⸗ richte zu verantworten im Stande bin.“ Aber mit furchtbarer Stimme ſchrie der Wil⸗ linger:„noch einmal ſage ich, der Edelherr Achaz Willinger von der Au und Hinterdobl, Euch kurz und gut: der Junge baumelt, und kein Gott rettet ihn aus meinen Händen.“ 43 „Und ich, Johannes Kepler, Mathematicus Seiner Römiſch⸗Kaiſerlichen Majeſtät und der hochpreiſlichen Herren Landſtände von Oeſterreich ob der Enns,“ ſagte der Aſtronom, ſich mit Würde emporrichtend, „ich verſichere Euch, daß ich den jungen Waghals da als mein Eigen betrachte und ihn augenblicklich mit mir nehme, ſintemalen er bereits als geſtern in meinen Dienſt getreten; und ſo ſage ich Euch, daß ich, was er auch begangen haben mag, mit meiner Ehre und meinem Gute für ihn hafte, und ich will doch ſehen, wer es wagen wird, den kaiſerlichem Ma⸗ thematicus, deſſen Diplom von ſeiner Majeſtät Höchſt⸗ eigenen Händen gleich dem eines kaiſerlichen Kammer⸗ herrn ſignirt iſt, den Weg zu vertreten— oder bin ich vielleicht auch ein Gefangener im Stadtrichterhauſe?“ Und der große Aſtronom— damals ſtändiſcher Mathematiker in Linz— faßte den Jüngling, der noch immer die Hand ſeiner Marie feſthielt, unter den Arm, Ein Blick noch— die Jungfrau hatte ihn verſtanden— und der Aſtronom führte ſeinen Schützling, ohne daß weiter Jemand Einſpruch zu thun wagte, durch die Thür auf den Gang hinaus, wo bald die Schritte beider über die enge Steintreppe hinabſchallten. Herr Hanns Georg Schröckinger und Achaz 44 Willinger wagten trotz ihrer aufgeregten Stimmung nicht, den bei Hofe ſo angeſehenen Aſtronomen, der ſo eben wegen Vollendung ſeiner rudolphiniſchen Stern⸗ tafeln nach Regensburg zu reiſen im Begriffe ſtand und mit einem Rudolph II., Tycho Brahe und Kaiſer Matthias I. an einer Tafel zu ſpeiſen gewohnt— in den Weg zu treten. Johannes Kepler aber ſchritt mit ſeinem Schütz⸗ linge ruhig durch die vom Dienerperſonale durch⸗ wogte Hausflur die Badgaſſe und den Stadtplatz hinab, der Lederergaſſe zu, wo Georg ſein gepreßtes Herz vor ſeinem väterlichen Freunde ausſchüttete und die Nacht über in deſſen Wohnung verblieb, um am nächſten Morgen zu ſeinen Eltern nach Neuhofen abzugehen. Aber die Scene im Hauſe des Stadtrichters war nicht, ohne Aufſehen zu erregen, vorübergegangen. Die Dienerſchaft ſchwieg ungeachtet des ſtrengſten Gegen⸗Mandates nicht, und ſo erluſtigten ſich denn ſchon in der nächſten Faſtnacht alle Zunftkränzchen der Linzer Gilden und Bierſtuben an der ſchönen Hiſtoria des jungen Statthalters vom Kamin. 45 Viertes Capitel. Das Bauernlöchel an der Traun. Schwer und dumpfig, eine Wetterwolke, wie der große deutſche Dichter ſo ſchön das Herannahen des Schlachtenſturmes beſchreibt, hing auch ob den ſchönen Fluren des Landes ob der Enns eine drohende Sturmesnacht; das Vorſpiel des oberöſterreichiſchen Bauernkrieges war zwar geendigt, aber die Ruhe war durch die Einlegung der bairiſchen Söldner im Lande nur erzwungen, ihre Beherbergung und das dem öſterreichiſchen Bauer auferlegte Garniſonsgeld ſtei⸗ gerte den Mißmuth des Landmannes eben ſo, wie die Güterconfiskation jene des Adels, und als die Soldateska des bairiſchen Statthalters ſich allmählig Thätlichkeiten und Grauſamkeiten gegen den gemeinen Mann erlaubte, da wuchs der Unmuth auf das Höchſte, zumal die gegenſeitigen Religionsanfeindungen der Katholiken und Proteſtanten, und unter den Letztern wieder der Reformirten und Lutheraner, die einander die Ausübung ihrer Religion erſchweren wollten— was man damals unter dem gemeinſamen Namen „Reformiren“ begriff— die Aufregung noch ver⸗ mehrten. So manche gewerbsfleißige Unterthanen, deren Reformation man im angedeuteten Sinne bezwecken wollte, verließen ihr Beſitzthum und dies wirkte auf die Landescultur und Induſtrie höchſt nachtheilig zurück. Kaiſer Ferdinandus, der eifrige Katholik, begann nach ſeiner Rückkunft von Regensburg die Refor⸗ mation mit Oberöſterreich, welches bei allen vorigen ergangenen Unruhen an der Spitze geſtanden war, zuerſt; er befahl ſpäter mit Patenten vom 30. Auguſt und 4. October 1625 den lutheriſchen Predigern und Schulmeiſtern„weil ſie mit ihren läſterlichen Lärm⸗ predigten zur Aufwieglung des gemeinen Mannes und zur Erbitterung der Gemüther wider ihre Obrig⸗ keit nicht die wenigſte Urſache geweſen, das Land ob der Enns binnen 8 Tagen zu räumen, ſie thaten es in großer Anzahl, und erhielten von den Ober⸗ öſterreichern Reiſebeiträge und eine doppelte Jahres⸗ beſoldung auf den Weg.— Mit ihnen wanderten wie erwähnt, viele Evangeliſche aus; viele rüſteten ſich noch zur Auswanderung im ganzen Lande aber gährte es, und blutroth ſchimmerte der ferne Horizont, hinter welchem die furchtharen Geſtalten heraufſtiegen, die da im allgemeinen Kirchengebete bezeichnet ſind: Krieg, Krankheit, armſelige und be⸗ trübte Zeiten... Der Lenz des Jahres 1625 küßte — die Fluren, auf dem blaugrauen Wogenbeete der gewaltigen Donau lagerten dichte Frühnebel, und zu den Burgruinen der alten Veſte Steyeregg, da wo die Traun in die Donau mündet, begannen die Schwalben wiederzukehren, während Füchslein und Dachs kühner geworden, ſich den ſchwarzen Mauern des alten Enns näherten, und ihre Winterquartiere zu verlaſſen begannen. Rauchten bereits große Nebel auf der Donau, ſo rauchte und glimmte es auch in allen Häuſern und Hütten des Landes, und mancher kecke Oberlander putzte insgeheim an ſeinem Lun⸗ tengewehre, mit welchem er bisher nur die Feldhaſen von ſeinem Acker weggebürſtet hatte, deſſen Trag⸗ weite er aber nun mit ſtillem Grollen„für den Baiernſchädel berechnete.“ Aus dunkler Kammer wurbe hie und da ein blanker Morgenſtern oder eine Partiſane hervorge⸗ holt, und die Bauernjungen ſchnitzten verſtohlen im Hinterhofe des Bauernhauſes zweizackige Gabel⸗ ſtecken, deren man ſich damals zur Auflegung der Luntenbüchſen beim Zielen bediente. Es gährte allenthalben im Lande ob der Enns. Dennoch klangen zu Ebelsberg“) über die Traun Ebelsberg an der Traun, wo nach Cluver die alte rö⸗ miſche Stadt Vitoniana oder Vetoniana zwiſchen Tutatio herüber recht luſtige Weiſen, welche die kunftfertige Hand irgend eines Landbauers der Zither oder Fidel entlockte. Sie kamen aus einem kleinen graubraunen Häuschen, welches hinter der Schanze halb von Kniegeſträuche und Steingerölle verdeckt hervorſchaute. Dort ſaßen um einen langen Eichentiſch etwa zwanzig und Ovilaba(Wels) geſtanden ſein ſoll. Ebelsberg auch Ebersberg Eporesburg wird ſchon im Jahre 893 nach Chriſti Geburt erwähnt, um welche Zeit Kaiſer Arnulph dem Kloſter Kremsmünſter die cvufiscirten Güter des Grafen Engelſchalk Il. an der Traun übergab, weil letz⸗ terer die Tochter des Kaiſers entführt hatte. Ebelsberg iſt jetzt ein Markt mit einem der Familie Ritter von Kaſt gehörigen Schloſſe; er brannte im Jahre 1538 ab, im Jahre 1626 während des erſten Bauernkrieges hatte Stefan Fadinger, der Anführer der Bauern daſelbſt ſein Hauptlager; er verſtarb auch daſelbſt an ſeiner vor den Wällen von Linz erhaltenen Schenkelwunde, und wurde zu Ebelsberg begraben, nachmals aber wieder ſeiner Ruheſtätte entriſſen, und im wilden Moſe bei Efferding verſcharrt. Der merkwürdigſte Tag für Ebelsberg war aber der 3. Mai 1809, an welchem die bekannte Schlacht bei Ebelsberg zwiſchen öſterreichiſchen und franzöſiſchen Truppen vorfiel, und ein öſterreichiſcher Kanonier die Fran⸗ zoſen auf der Brücke lange aufhielt, indem dieſer ſie mehrmals mit ſeinen Kugeln raſirte. 49 Oberländler Bauern beiſammen, ſie ſaßen in ihren Lodenkitteln, die ſpitzigen Jodelhüte auf ihren dicht behaarten Köpfen. Vor ihnen ſtanden die breiten Pitſchen(hölzerne Gefäße mit Henkeln), worin friſcher Aepfelmoſt ſchäumte. Daneben lagen große Laibe ſchwarzen Brodes, und in einer großen irdenen Schüſſel eine Menge runden Ziegenkäſes nebſt ſafti⸗ gen Birnen. An den ſchmutzigen Wänden des rauch⸗ geſchwärzten Stübchens hing das Bruchſtück eines ſchwarzen Rahmens mit zerbrochener Glastafel; die zerfetzten Ueberreſte des herausgeriſſenen Bildes ließen eben noch den Kübel und die eine Hand des heiligen Florians erkennen, der als einer der Patrone des Landes und Beſchützer gegen Feuergefahr verehrt, nunmehr den bereits auflodernden Brand des Auf⸗ ruhrs im Lande auch nicht mehr zu löſchen vermochte. An den übrigen Seiten der Wand ragten mächtige Hirſchgeweihe hervor, an denen die Bauern zum Theile ihre Hüte aufgehängt hatten. Jeder Bauer hatte ein Paar ſcharfe Stechmeſſer nach Innviertler Art in ſeinem Gürtel ſtecken. Unter dieſen gebräunten Geſichtern ragte aber beſonders ein ſtämmiger Mann mit ſchwarzen Haaren und langem braunen Geſichte hervor, von den An⸗ deren der braune Steffen genannt, deſſen breite Bruſt 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 4 mit einem ledernen Koller bedeckt war, während an ſeinen hohen Lenden ein Hirſchfänger hing, und ein Bauernkittel vom groben Loden ſeinen ſehnigen Glieder⸗ bau verhüllte; ſein Auge ſah finſter darein, auf ſeiner gefalteten Stirne ſaß der Bauerntrotz und ſeine auf den Eichentiſch geſtemmte Fauſt ſchien anzudeuten, daß er Herr und Gebieter dieſer Tafelrunde ſei;— und ſo war es auch. Der gewaltige Mann, ſeinem Gewerbe nach ein Hutmacher, wußte mit den Jodel⸗ hüten der Bauern trefflich zu handtiren, ſo daß nach kurzer Zeit ſiebenzig tauſend Hüte auf einen Wink ſich von den Köpfen erhoben. Seine Commandoſprache war aber in der Trink⸗ ſtube kein Donnerwort wie nachmals auf offenem Felde;— halblaut überzählte er die Anweſenden, indem ſein kurzer Knochenfinger auf die ringsum den Tiſch auf ihre Ellbogen geſtützten Bauern deutete, während ein Röthel und ein Stück altes Pergament vor ihm lagen, auf welch' letzterm ein anderer Bauer die Namen der Genannten verzeichnete. „Alſo Ihr ſeid Alle gekommen,“ ſagte er, ſeine Anſprache an die horchenden Bauern beginnend,„Alle ſeid Ihr gekommen, bis auf den Wolf Madlseder von Steyer.“ „Ja!“ ſchrieen die Bauern, und einer unter 51 ihnen bemerkte:„Weißt ja, Huterer, daß der Mabls⸗ eder als Rentmeiſter der Stadtkammerkaſſe von Steyer eben nicht zu jeder Stunde abkommen kann.“ „Und zuwarten will, bis er ſieht, wie es mit der Sache geht,“ entgegnete der Huterer;„ich traue den Federfuchſern nicht, könnte den Zauderer auch höchſtens zum Feldſchreiber unſerer künftigen Armada brauchen;— überdies iſt er durch unſern wackern Studenten leicht erſetzt.“ „Dank ſchön für das Zutrauen, Herr Fadinger,“ antwortete ein bärtiger Trinker in der Ecke des Tiſches, deſſen Baret und Sammetmäntlein den ge⸗ weſenen Studioſus andeutete.„Sollt leben!“ Der Stubent ſetzte die Moſtkorbel an den breiten Mund, und that einen langen Zug. „Dank ſchön,“ erwiederte Stephan Fadinger, der Großmeiſter dieſer Loge monoton, dann blickte er im Kreiſe herum und zählte die Köpfe ſeiner Getreuen. „Ah, ſieh da, David Spatt,“ begann er, auf einen baumlangen Holzbauer aus dem Mühlviertel deutend,„und Du, Hanns Himmelberger, und der kleine Baßgeiger aus Riedan, der Tobias Knollmaier; der Forauer vom Machland, der Wolf Wurmb aus Neumarkt, der Hanns Aubreck und der Väterer vom 4* 52 Hausruck, der Ringel unb Hochbauer aus Enns und St. Florian—— und wer iſt der Nachbar dort in der Ecke bei der Thür?“ „Das iſt der alte Hanns Derfflinger, der Schnei⸗ der von Neuhofen,“ antwortete David Spatt, der Holzbauer vom Mühlviertel;„'s iſt auch einer von den Unſrigen, der ſtatt der Nadel ſeine Partiſane zu ſchwingen verſteht.“ „Alſo lauter Evangeliſche,“— ſagte der Fadin⸗ ger mit ſichtlicher Befriedigung,„nun, ich meine, ein Judas Ischarivt iſt nicht unter uns, und ſo kann man reden, wie einem der Schnabel gewachſen iſt. Män⸗ ner— alſo zur Sache; erſt will ich Euch etwas erzählen, dann mag der Herr Student Euch was leſen, wobei Euch die Augen übergehen werden;— alſo wißt nun, der Kaiſer hat für uns Evangeliſche eine Reformations⸗Commiſſion ernannt.— Die Bauern fuhren wie angeſchoſſene Eber empor— „Teufel und Granaten!“ tönte es im Kreiſe—„Sie beſteht,“ fuhr der Fadinger fort,„aus unſerm Todt⸗ feinde, dem Statthalter Herberſtorf, dem Doctor Georg Falbius, den ſie eigens aus Wien verſchrieben haben, dem alten Prälaten von Göttweih, dem Mauth⸗ amtmann von Linz, Conſtantin Grundemann von 53 Falkenberg, und dem Doctor Johann Spindler von und zu Hofeck. „Der Herr Abt predigte am letzten Sonntage ſchon zu Linz in der Pfarrkirche und der Statthalter am Rathhauſe die Reformation, und jetzt leſ't, Herr Studioſus, wasmaſſen das vor acht Tagen erlaſſene kaiſerliche Patent vom 10. Auguſti lautet.“ Magiſter Glacianus, der Student genannt, erhob ſich von ſeinem Rohrſeſſel, und entfaltete eine Schrift;„Pereat Ferdinandus!“ begann er. Aber jetzt klopfte es ganz leiſe an der Thür, die Banern fuhren auf ihre Sitze nieder, und der Student verbarg eilig die Schrift, aus welcher er leſen wollte, in ſeinem Wammſe. „Teufel!“ rief der kleine Baßgeiger,„der lange Hanns wird doch Wache halten— wen läßt er denn anreiten?“ Aber die Bauern hatten keine Urſache zu erſchrecken, denn flink wie ein Reh hüpfte blos ein junger hübſcher Burſche mit ſchwarzem Krauskopfe und magerm Ränzel über die Schwelle. „Grüß Gott, Vater!“ rief er, rannte auf den alten Schneider von Neuhofen, den Hanns Derfflin⸗ ger zu, und umhalſte ihn wacker. „Ey Görge, wie haſt Du mich hier aufgefun⸗ den,“ rief der Alte. 54 „Je nun, Vater,“ antwortete der Georg,„weiß ich ja doch lange, wo wir Evangeliſchen unſere Po⸗ ſtille leſen, und da wollte ich auf dem Wege nach Hauſe nicht vorübergehen, ehe ich den Wirth im Bauernlöchel meinen aufpathen beſuchte, um ihm zu ſagen, daß ſie unſere Großmutter geſtern auf dem St. Barbara Kirchhof weich und lind in die Erde gebettet haben...“ Dabei fiel der arme Junge dem Alten weinend um den Hals, und dieſer ſchluchzte laut auf und konnte kein Wort hervorpreſſen; denn tiefſinniges Gefühl für ſeine Eltern wurzelt im Her⸗ zen des guten Oeſterreichers, und der Tod ſeiner Lieben bildet einen der ſchwärzeſten Trauerpunkte in ſeinem Leben Die braunen Landleute ſaßen ſchweigend und theilnehmend da, und ſchienen ob der rührenden Familienſcene den Zweck ihrer Zuſammen⸗ kunft vergeſſen zu haben. Aber Fadinger ſtand jetzt auf und nahm wieder das Wort.„Manner,“ ſagte er,„laßt Euch ſagen, um zehn Uhr macht der Marktwächter die Runde und die Edelherren reiten von der Waſſerjagd zurück— da muß, auf haß wir nicht zu früh Verdacht erregen, unſere Sache abgemacht ſein— alſo hört den Stu⸗ denten.“ 55 Magiſter Glacianus der Student*) entfaltete jetzt wieder ſeine Schrift, und las mit deutlicher Stimme, nachdem er den gewöhnlichen Eingang der kaiſerlichen Patente kurz überflogen hatte.„Als ſollen alle Prädikanten und akatoliſchen Seelſorger das Land verlaſſen; der proteſtantiſche Hausgottes dienſt abge⸗ ſchafft ſein; die Faſten wieder beobachtet, die Frohn⸗ leichnamsprozeſſionen wieder von allen Zünften ohne Ausnahme begleitet werden; an Sonntagen während des Gottesdienſtes kein Verkauf ſtatt finden; die akatoliſchen Kinder ſollen bei Verluſt ihres Erbrechtes aus dem Vermögen der Eltern, zum katvliſchen Schulbeſuche angehalten werden; Niemand ſoll mehr Söhne im akatoliſchen Auslande ſtudiren laſſen, und alle Akatoliken ſollen ſich bis Oſtern 1626 zur kato⸗ liſchen Religion bequemen oder auswandern— beim Auswandern aber den zehnten Pfennig an den Fis⸗ kus als Abfahrtsgeld und ihrer Herrſchaft das ge⸗ wöhnliche Freigeld entrichten..... „Wie! Was!“ fuhren hier die Bauern am Tiſche empor, indem ſie mit den gewaltigen Fäuſten auf die Tafel hämmerten;„auswandern?2 Freigeld ent⸗ * Auch eine richtig hiſtoriſche Perſon. 56 richten?— daß die Peſt dem Statthalter aufs Haupt fahre....“ Aber ſie ſprachen nicht aus— benn die Thür ſprang auf und ein ſeltſames Geſpenſt huſchte wie aus den Wolken gefallen in die Trinkſtube. Ein langer hagerer Mann war es mit ſtruppigem Roth⸗ haar und einem erdfahlen Antlitze, aus welchem ein Paar Kohlenaugen blitzten, die er wie Feuerfunken im Kreiſe rollte. Ein braunrother ziemlich abgetra⸗ gener Mantel bedeckte nothdürftig ſeinen ſehnigen Gliederbau; ſeine kleine gebogene Spitznaſe und die markirten Züge des vielfach durchfurchten hin und wieder mit borſtigem Rothaare beſetzten Geſichtes gaben ihm ein unheimliches Ausſehen. Als der Mann eintrat, und mit einem Katzenbuckel in die Ecke der Trinkſtube ſchlich, that er aus ſeinen Augen einen ſtechenden Seitenblick auf die verſammelten Bauern und verzog ſeinen kleinen Mund zu einem hämiſchen Lächeln, bei welchem zwei Reihen ſchneeweißer Zähne unter ſeinen dünnen bartloſen Oberlippen hervortraten. Scheu, und faſt demüthig zog er ſich in die hinterſte Ecke der Stube zurück, wo er eine Moſt⸗ korbel an ſich zog und einen Schluck daraus that, als wollte er das Meer austrinken— und es ſchien als ob der Mann ſein garſtiges Antlitz nur um ſo 57 läͤnger im Trinkgefäße vor den Anweſenden verbergen wollte. Schon wurde aber unter dieſen ein leiſes Mur⸗ meln hörbar—— dann gab ſich ein lautes und immer lauteres Grollen im Kreiſe kund, und ſtechende Blitze flogen dem Platze zu, wo der rothhaarige Gaſt Platz genommen. Dieſer aber ſchien plötzlich anderen Sinnes geworden; er warf ſeinen Mantel auf die Bank, und ſtand jetzt in einem braunledernen dicken Koller da, in welchem vorne ein breites Gürtelmeſſer ſtack; um den Leib hatte er einen dreifach gedrehten Strick gebunden. Feſten Schrittes trat er zur Tafel, wo mehrere Bauern eben ein Würfelſpiel begonnen hatten.„Laßt ſehen,“ ſagte er mit heißerer Stimme, indem er mit ſeinen langen Knochenfingern nach dem Würfelſpiele langte, und ihn ſchüttelte;„will wagen auch ein Spiel.“ Aber Hanns Virſche, ein Bauer von Hausruck, der faſt gleichzeitig mit ihm in die Stube getreten war, riß ihm mit einem Satze den Becher aus den Händen,—„fort arger Schächer,“ rief er,„fort, mit Dir würfelt kein ehrlicher Oeſterreicher.“ „Und warum nicht!“ fuhr der Rothe auf, in⸗ dem er den Becher gewaltſam in die Hand preßte 58 und mit dem Fuße in die Erde ſtampfte, daß der Eſtrich aufflog. „Weil wir ehrlicher Leute Kind ſind,“ ſchrie der Baßgeiger von Riedau. „Ja, ehrlicher Leute Kind,“ wiederholte Ringel, der Holzbauer;„Du aber biſt ein Achter.“*) „Blut klebt an Deiner Hand!“ ſchrie der Holz⸗ bauer aus Enns. „Wir kennen Dich,“ rief der Väterer vom Haus⸗ ruck,„Du biſt Hanns Schrattenbach, der Freimann von Paſſau.—— Uebe Deine Kunſts*) anderswo, als bei uns unter ehrlichen Leuten,“ ſchrie der Ringel. „Was, der Freimann,“ ſchrieen die andern Bauern, „und der wagt es, mit ehrlichen Oeſterreichern um die Korbels**) zu langen— ſchlagt ihn, bindet ihn, in die Traun mit ihm!“ „Bruder Studio, das giebt eine Hetze,“ jubelte aufſpringend Magiſter Glacianus, der Student— aber ruhig und ernſt trat Stefan Fadinger, der Huterer von Aſchau zwiſchen die Bauern, die ſich ) geächtet, in der Volksmeinung unehrlich. *) Die Paſſauerkunſt, ſich kugelfeſt zu machen, nach dem da⸗ maligen Volksglauben. **) Trinkgefäß zum Moſt. 50 anſchickten, den Freimann zu faſſen, und nach der Gepflogenheit der damaligen Zeit kurze Lynchjuſtiz zu üben.—„Manner,“ ſagte er, ſeinen dicht behaarten Kopf, ſeiner Gewohnheit gemäß in die Höhe richtend, „Manner, was ſoll's das?—— Dem wird ſein Stündlein auch ſchlagen, wie allen Herrenknechten der verfluchten Pfandwirthſchaft— aber jetzt hat's noch nicht geſchlagen— auseinander ſag' ich, und daß mir keiner den Scharfrichter da anrührt!“—— und zum Freimann gewendet, fuhr er mit der Hand zur Thür weiſend fort:„Zieh ab!“ Die Bauern, ſchon damals gewohnt, ihrem nach⸗ maligen»Bauernherzog, dem ernſten gewaltigen Stefan Fadinger, von deſſen Erfahrung und Ein⸗ ſicht ſie überzeugt waren, unbedingt zu gehorchen, hielten inne— aber man ſah es ihnen an, daß ſie den Scharfrichter, den ſie als einen Vollſtrecker der ſtrengen Urtheile des Statthalters Herberſtorf, faſt eben ſo haßten wie dieſen, nicht gerne entwiſchen laſſen, ſondern vielmehr die Gelegenheit benützen wollten, ihm, wie ſie ſich ausdrückten, ein Sturzbad in der vorbeifließenden Traun zu bereiten. „Der Strolch kam geſchlichen, um uns zu be⸗ lauſchen,“ grollte der Spatt. 60 „Wir müſſen ihn abthun,“ ſchrie der Baßgei⸗ ger—„warum den Lungerer laufen laſſen.“ „Es muß ſein!“ herrſchte der Fadinger— riß den Freimann kräftig beim Arme zur Seite, und ſchob ihn zur Thuͤr hinaus—„Zurück, Manner,“ herrſchte er den nachdrängenden Bauern zu. Aber ſchon war der Freimann zur Thür hinaus geſprungen, und hatte die Ecke des Häuschens um⸗ gangen, die Bauern reihten ſich brummend und grollend wieder um den Tiſch.—„Kommt,“ rief der kleine Baßgeiger,„faßt die Würfel, und laßt den Strolchen laufen, muß er doch tanzen, wie ſein Meiſter im Schloſſe es befiehlt.“ „Teufel! wo ſind meine Würfel,“ rief der Spatt. „Hier!“ antwortete eine heiſere Stimme, und Hanns Schrattenbach, der Freimann, ſtreckte ſein falbes Antlitz durch das kleine Fenſter herein.„Merkt Euch das Stündlein gut,“ rief er mit heiſerer Stimme, welche vom Toſen der angeſchwollenen Traun über⸗ tönt wurde;„merkt Euch das Stündlein gut, Ihr Oberländler; Ihr wollt mit mir nicht würfeln— gut— ich nehme die Würfel mit mir, und Ihr müßt ſie bei mir holen, ſo wahr ich Freimann bin!“ Zu flog das Fenſter, und mit gellendem Lachen entſprang der Freimann den Bauern, die ſogleich 61 herausſtürzten, um ihre ganze Wuth an ihm auszu⸗ laſſen. Während ſie ihn aber an der Straßenecke nach Linz zu ſuchten, ſtand der Rothhaar auf einer kleinen Sandinſel in der Traun, und las von dem breiten Schwerte, das er jetzt unter ſeinem Mantel hervor⸗ zog, die eingeätzten Worte herab: Hanns Georg Schrattenbach bin ich genannt, Das Schwert führ' ich in meiner Hand; Zu der Juſtitia ich es gebrauch, Davor ſich ein jeder mag hüthen auch*) Die letzten Worte verhallten im Pfeifen des Windes, der eiskalt über das Hochwaſſer der Traun herüberwehte. Fünftes Capitel. Das Frankenburger Würfelſpiel.**) Auf der graublauen Fläche des majſeſtätiſchen Donauſtromes lagen breite Nebel, und leiſer Regen *) Dieſes Schwert befindet ſich noch als vaterländiſche Merk⸗ würdigkeit im Museum Francisco- Carolinum zu Linz, und zeigt auch jetzt nach zweihundert und dreißig Jahren noch einen ziemlichen Schliff, die erwähnten Verſe ſind „ Darauf eingeätzt neben Galgen und Rad. Frankenburg, Schloß, Markt und Pfarrort im Hausruck⸗ 62 rieſelte von dem wolkenbedeckten Himmel auf das alte Gemäuer des Linzerſchloſſes. Im Anfange des Maimondes 1625 ſtand auf dieſer Zinne ein gewaltiger Mann mit finſter blik⸗ kendem Auge und blaſſem Geſichte, welches durch den breiten Schnurr⸗ und kurzen Kinnbart, ein eigenthüm⸗ liches finſteres Ausſehen erhielt. Sein kurzer Hals trug nach damaliger Sitte eine blendend weiße Krauſe und um ſeinen Nacken hing eine breite goldene Kette, das Gnadengeſchenk des erlauchten und ſouveränen Herzogs Maximilian von Baiern. Der Mann war der bai⸗ riſche Statthalter, Adam Graf von Herberſtorf. In ſeiner Rechten hielt er ein Fernrohr, mit welchem er in die Stadt hinablugte, die linke hielt den metallenen Degenknauf gefaßt. Der große gothiſche Saal des Schloſſes, in welchem er ſtand, trug das düſtere melancholiſche kreiſe Oeſterreichs, am Redelbache. Zum Pfarrbezirke gehören der Markt und viele Ortſchaften. Der Name des Ortes ſoll von den alten fränkiſchen Völkern ſtammen, welche hier wie in der benachbarten Gegend von Fran⸗ kenmarkt Niederlaſſungen hatten. Die Herrſchaft Franken⸗ burg gehörte früher zum Bezirke Salzburg, im Jahre 1437 wurde ſie vom Kaiſer Albrecht II. dem Ullrich Eringer verſetzt. 63 Bild eines Kloſterſaales an ſich; rings an den dun⸗ kelgrauen Wandtapeten hingen die Wappenſchilder des Grafen zwiſchen kunſtreichen Jagdſtücken, mitten prangte ein großes ſchwarzes Kreuz mit dem Bild⸗ niſſe des ſterbenden Erlöſers, und darunter das Bruſt⸗ bild des heiligen Ignatius, des Stifters jenes mächtigen Ordens, der ſich damals mit aller Kraft der Reformativn im Lande ob der Enns entgegen⸗ ſetzte.— Mehrere hohe Lehnſeſſel mit vergoldeter Einfaſſung, und ein Steinbecken aus rothem Salz⸗ burger Marmor, worin die klare Fluth reinen Quell⸗ waſſers ſprudelte, waren die übrige Einrichtung des Saales.— Dicht bei den Füßen des Statthalters lag zu einem ungeheneren Fleiſchklumpen gewunden eine ſchwarzbraune Dogge— Zu ſeiner Rechten aber ſtand ein bleicher Jüngling von einigen zwanzig Jah⸗ ren, an deſſen blauem, an verſchiedenen Stellen zer⸗ fetzten Wammſe und verbundener Kopfwunde Spuren erlittener Gewaltthätigkeiten erkennbar waren. Mit angſtvoller Haſt erzählte er, ſich zuweilen an der Lehne des Seſſels feſtklammernd, dem Statt⸗ halter Dinge, worüber ſich deſſen Stirne von Minute zu Minute in mehr finſtere Falten legte.—„Und weil,“ ſo ſchloß der junge Berichterſtatter ſeine Rede, „weil einmal das Natter ngift des religiöſen Zwie⸗ 64 ſpaltes in unſerm unglücklichen Lande wuchert, ſo waren es ſonderbarerweiſe auch die Ortſchaften Nat⸗ terndorf und Zwieſpalten, von denen ich Euer Erlaucht zuerſt berichten muß, daß ſich die dortigen Bewohner der kaiſerlichen Reformations⸗Com⸗ miſſion widerſetzten.“. „Widerſetzten?— für ein eiſernes Regiment der Ordnung und des Geſetzes giebt es keine Widerſetz⸗ lichkeit,“ herrſchte der Statthalter, indem er die blei⸗ chen Lippen zuſammenkniff, und eine finſtere Wolke auf ſeiner Stirne vorüberzog. „So meinte mein Vater, der Pfleger von Fran⸗ kenburg auch,“ fuhr der junge Mann fort;„wie Euer Erlaucht ihm zu befehlen geruhten, ließ er in den letzten Apriltagen den katholiſchen Pfarrer von Pfaffing zu ſich bitten, und dietirte auf Grund des freiherrlichen Mandates Eurer Erlaucht den Landleuten in Zwieſpalten die Einſetzung eines katholiſchen Pfarr⸗ herrn; aber—“ „Aber?—“ fragte der Statthalter aufgeregt. „Aber jetzt war das Signal zum Aufſtande der Cvangeliſchen gegeben,“ erzählte der junge Mann weiter;„am St. Peterstage den 13. d. M. blieben Richter und Rath und die Achters) unſerer Pfarre 65 Frankenburg bei der Frühmeſſe vor der Kirchenthür ſtehen, weil ſie ſelbander meinten, als Evangeliſche unſerm Gottesdienſte nicht länger beiwohnen zu können.“ „Sollen auch nicht beiwohnen, ſollen auswan⸗ dern,“ ſiel der Statthalter mit finſterm Blicke ein. „Plötzlich, fuhr der Erzähler fort,„entſtand auf dem Kirchhofe Lärm, weiß Gott, wem es beifiel, die Sturmglocken heulen zu machen, in fünf Minuten war der Marktplatz mit Evangeliſchen angefüllt, Flinten, Spieße, Stangen ragten wie ein kleiner Wald empor.“ „Teufel! ſie wagten es,“ ſchrie Herberſtorf mit dem Fuße ſtampfend dazwiſchen. „Sie wagten es Euer Erlaucht,“ ſagte der Be⸗ richterſtatter;„ſie wagten es trotz der Abmahnung unſeres ehrwürdigen Capellans; ja der Schuſter Rainold hob ſogar ſeine Büchſe gegen die Tonſur des Geweihten; zum Glücke ging das Gewehr nicht los, aber der Schuhmacher verſetzte doch dem Capel⸗ lan einen faſt tödtlichen Streich über den Kopf, und hätte der Capellan nicht mit dem Pfarter und meinem Vater augenblicklich das Weite geſucht, um auf Umwegen im Schloſſe Sicherheit zu finden,— Gott, ſie 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 66 lägen jetzt ſämmtlich als Leichen auf dem Kirchhofe zu Frankenburg.“ „Daß die Peſt über das Geſindel fahre,“ ſchrie der Statthalter—„und was thaten die Rebellen?“ „Sie gaben,“ berichtete der junge Pflegersſohn fer⸗ ner,„den andern Pfarren zu Neukirchen, Vöklamarkt, Gampern, und Berndorf mit der Sturmglocke das Zeichen zum förmlichen Aufſtande; über fünftauſend Bauern verſammelten ſich um das Schloß, worin wir nun förmlich von ihnen belagert wurden; ſie drohten meinem Vater mit Einbrechen und Abbrennen, ſchoſſen in ſein Zimmer, trafen aber zum Glücke nur die Wand— da ſchlich ich durch den Keller und watete durch den Redel und Scheidebach und den Sumpf im Haslachermvos, bis ich mich von dem Geheule der Sturmglocken umſauſt nach Linz durchſtahl, um Euer Erlaucht die dringende Gefahr meines Herrn Vaters zu berichten, und um ſchleunige Hilfe zu bitten, ehe denn er den Evangeliſchen in die Hände fällt, und dieſe ihn mit ihren Kolben aufs Gras legen.“ „Mord! Donner und Hölle!“ ſchrie der erzürnte Statthalter hierauf, daß die Mauern des feſten Schloſſes ſchier vor ſeiner Stentorſtimme wiederhallten. „Die Canaille iſt nach Pulver und Strick lüſtern, ſie wollen's den Böhmen nachthun, welche die kaiſerliche Statthalterſchaft in den Hirſchgraben ſpedirten. Oho! noch hält Adam Graf Herberſtorf auf dem Schloſſe zu Linz Haus, und ſein breiter Hirſchfänger allein iſt im Stande, das Geſindel bei Frankenburg aus⸗ einander zu jagen.“— In dieſem Augenblicke klirrten Sporen auf dem Eſtrich des Saales; ein baumlan⸗ ger Reiter mit einem Koller von Elenshaut und einem zwei Ellen langen Haudegen war bereits frü⸗ her unbemerkt von Herberſtorf hereingetreten. Er trat jetzt näher. „Recht ſo, Erlaucht,“ ſagte er,„das Geſindel„ muß über das Scheermeſſer ſpringen,— und Herr von Tattenbach, mein General, hat mich inſonderheit be⸗ auftragt, Euer Erlaucht zweitauſend Reiter und ſechstauſend Füſeliere aus ſeinem Lager an der bai⸗ riſchen Grenze zuzuſenden, wenn's gilt, den Bauern die Köpfe zu bläuen.“ „Dank Euch, Rittmeiſter Löbell,“ Graf Herberſtorf;„bin ſchon allein im Stande, meinen Mandaten mit eiſerner Hand das Sigill aufzubrücken,— brauche eben nur einen, den ich mit der Hetzveitſche unter die Bauern jagen wil.“— Er faßte eine große Meſſing⸗Glocke auf dem Tiſche und läutete: Ein herzoglicher Musketier trat in den Saal. 5* 68 „Rufe mir die Herren Ingenreiter und von Schlüſſelburg“),“ herrſchte er dem Trabanten zu. Eine tiefe Pauſe erfolgte jetzt, während welcher der Statthalter ſchweigend mit langen Schritten den Saal durchmaß.— Sein erdfahles Geſicht ſpielte alle Farben. In weniger als zehn Minuten traten die zwei Edlen des Landes, die Herren Ingenreiter und von Schlüſſelburg in den Saal. „Die Evangeliſchen zu Frankenburg haben revol⸗ irt,“ ſchrie ihnen der Statthalter ſogleich entgegen, „man muß die Fäuſte zeigen, um ſie mit Kern und Stiel zuſammenzupreſſen.“ „Haltet zu Gnaden, Herr Reichsgraf,“ entgeg⸗ nete der Herr vvn Schlüſſelburg, ein ſchöner Mann im ſchwarzen Adelskoſtüm;„meines Erachtens ſind „„ das fremde Hetzer, welche unſer Landvolk aufzuregen ſuuchen, und ich ſollte daher meinen, daß ſchonende und milde Behandlung den glimmenden Brand viel eher löſchen würde, als die Klinge der Soldateska.“ „Auch ich meine,“ ſagte der Herr von Ingen⸗ reiter hinzu,„daß es gerathener wäre, dem Landmanne die Ueberzeugung von der Zweckmäßigkeit jener Ver⸗ *) Landſtände Oberöſterreichs. ₰. fügungen beizubringen, welche rückſichtlich der Evange⸗ liſchen im Lande getroffen wurden.“— Da trat der 4 Statthalter zum hohen Bogenfenſter ſeines Erkers vor. 3 „An der eiſernen Klammer dieſes Fenſterkreuzes,“ ſagte er mit vom heftigſten Zorne gedämpfter Stimme, „an der eiſernen Klammer meines Erkerfenſters will ich die Landesverräther hinaushängen laſſen, welche mir von friedlicher Pactirung mit dem Bauerngeſin⸗ del reden.“ Die Herren Ingenreiter und Schlüſſelburg griffen an ihre Stoßdegen an den Lenden und hochroth flammten ihre Geſichter ob der beſchimpfenden Rede des Statthalters; dieſer aber trat ihnen ruhig entgegen. „Laßt das Eiſen in der Scheide, meine Herren,“ ſagte er kalt;„das Wort galt nicht Euch! ich weiß, Ihr meint es gut, und möchtet gerne dem Landmanne Eures Oeſterreichs ſeine Scheuern wahren, und ſeinen Rücken ſalviren, auf dem bald die flache Klinge meiner Soldateska herum tanzen wird;— aber nur zu gut kenne ich die Wölfe im Schafpelze, welche unter dem Landvolke herumſchleichen, weiß ich doch, daß der Herr von Hinterdobl es iſt, der tagelang in den Landkneipen der Bauern ſich herumtreibt— doch genug, meine Geduld iſt zu Ende, und ich will 70 den Bauern die Zeche mit Blut an die Wand ſchreiben, daß ihnen für immer die Luſt ſchwinden ſoll, mit dem bairiſchen Statthalter um die Wette zu würfeln.“ Die beiden Standesherren wollten etwas erwiedern; allein mit ſtolzer und imponirender Hal⸗ tung ſchritt der Statthalter an ihnen vorüber in den Burgplatz hinab. Eine Viertelſtunde ſpäter ſtanden zwölfhundert wohlgerüſtete Söldner auf dem hüglichten Haupt⸗ platze der Stabt; luſtig wehten ihre blauweißen Fähnlein in der Luft; vor ihnen rollten drei Kano⸗ nen auf, bei deren jeder zwei Musketiere mit bren⸗ nender Lunte ſtanden. Hellebardiere drängten mit ihrer blinkenden Waffe die herbeieilenden Bürger und ſonſtigen Stadtbewohner in die nahen Gaſſen zuruck Jetzt tanzte ein grauer Eiſenſchimmel von dem Schloß⸗ berg herab, er trug die eiſenbeſchirmte ritterliche Geſtalt des Statthalters mit der weißblauen Schärpe und dem wallenden Federbuſche. Wäre ſein Helm⸗ viſir nicht geſchloſſen geweſen, ſein Feuerblick würde den Brand des Zornes verrathen haben, der in ſeinem Innern loderte. Rittmeiſter Löbell und ein Reitknecht begleiteten ihn zu Roſſe. Ein kurzes Marſch erſchallte aus ſeinem Munde, die Truppe ſetzte ſich in Bewegung und marſchirte langſam über 71 die Zugbrücke des Welſerthores auf die Landſtraße hinaus. Hinter dem Zuge aber ritt auf einem falben Klepper eine gar ſeltſame Geſtalt; es war ein Mann von widerlichem Aeußern mit einer gebogenen Naſe im blaßgelben Geſichte, ein halbzerfetzter Mantel, hinter welchem ein breites Eiſen hervorblitzte, hing über ſeine Schulter, er ſtützte ſein ſpitzes Knie auf die breite Mähne des Rößleins, und verzog ſein breites Kiefer zum grinſenden Lachen, als er an der Schaar der mit ſichtlicher Scheu auf ihn deutenden Volksmenge nächſt der Landſtraße vorüberritt.—— In einem wunderſchönen Thale nächſt der Grenze des Salzkammergutes am alten Hausruck des Landes ob der Enns in einer Gegend voll blühender Obſt⸗ bäume, durch welches der ſogenannte Vöcklafluß ſich über eine lange Wieſe(jetzt Ortſchaft Langwies genannt) ſchlängelt, liegt ein freier Markt mit einem Bräuhauſe, verſchiedene Säge und Mahlmühlen am Vöcklafluſſe reihen ſich daran; eine alte Kirche von maſſiver Bauart und ein Thurm aus breiten Quadern ragen daſelbſt als Denkmal einer vergange⸗ nen Zeit zum Himmel empor. Einſt ſtand das alte römiſche Laciacum an dieſem Platze; Bruchſtücke einer römiſchen Inſchrift am dortigen Kirchhofe: L. TERENIIO RESTUTO, ET TERENTI0 Oui.. ERBONIO, OPTATA. C. C PIISSIIO0 ET FI- LIO FACIVN zengen von ſeiner römiſchen Abſtammung. Völkermarkt— Markt der Völker hieß jener Ort einſtens, und von Oſt und Weſt, von Süd und Nord mögen an dieſem Punkte die Send⸗ linge der Nationen zuſamengekommen ſein, welche da ihre Handelsproducte austauſchten. Der ſtolze Bürger Roms, der baumlange markige Germane, der Franke im weiteren Sinne des Wortes, mögen ſich da zu⸗ ſammengefunden haben zum völkerrechtlichen Verkehre, dies beweiſen noch die Bezeichnungen Franken⸗ markt, Frankenburg Nördlich von jenem Thale ſteckt ſich ein großer Wald, der Sieberer, ins Land hinein, und weiter aufwirts liegt der Pfarrhof Pfaffing und der ſobenannte Pfaffinger Fußſteig nächſt Hausham. Auf dem weiten Haushamerfeld ſtand vor wenig PJahren noch eine gewaltige Linde; ſieben Klafter hielt ſie im Umfange, und gar traurig lispelte ihr Laubwerk durch die Lüfte, als wollte ſie ein ernſtes Wahrzeichen barbariſcher Vorzeit, eine traurige Mähr' verkünden von ſchweren und blutrothen Gewitter⸗ wolken, die ſie in jüngern Tagen um ihre Wipfel ſchweben ſah...... Dicht vor jener Linde hielt * 73 am nächſten Donnerstage nach der erzählten Scene auf dem Linzer Schloſſe Adam Graf von Herber⸗ ſtorf, der bairiſche Satthalter im Lande Oeſterreich ob der Enns. Eintauſend zweihundert Blauröcke ſtanden in Colonnen zu hundert Mann mit Hellebar⸗ den und Musketen um ihn gereiht, die drei Kanonen ſtreckten aber ihre langen Hälſe einem weiten Halb⸗ kreiſe von Landleuten, Holz; und Kohlenknechten entgegen, welche auf das in allen unruhigen Pfarren kund gemachte Mandat des Statthalters erſchienen waren. Der Profoß trat vor, und rief es laut in den lautloſen Kreis hinaus: daß, wer dem Mandate des erlauchten Statthalters nicht gehorcht, und ſich heute nicht unbewaffnet und freiwillig auf dem Haus⸗ hamerfelde eingefunden habe, die Todesſtrafe verwirkt häben ten, wo eben ein ſchweres Gewitter über den Haus⸗ ruk heraufzog, und ſeine erſten Blitze ausſchüttete, ſchwirrte ein Geyer⸗Paar, wie ſie im Hochlande horſten, über den Köpfen der bangen Landleute vor⸗ über, als wollte es, nach einer Menſchenleiche lüſtern, auf jenes Haupt herabfahren, welches dem Zorne des Statthalters zum Opfer fallen würde. 74 Ueber fünftauſend Landbewohner waren erſchienen — Jetzt öffneten ſich die Reihen der bairiſchen Söld⸗ ner, der Statthalter gab ſeinem Eiſenſchimmel plötzlich die Sporen, und ſprengte wie ein rächender Erzengel mitten unter die Schaaren der Landleute, hinter ihm folgten mehrere Oberſten und Fahnenjunker ſeiner Hofhaltung. „Rebellen!“ donnerte der zornglühende Statt⸗ halter in den Halbkreis:„Ihr vermeint die alte Komödie der Wiedertäufer auf Euren Ackern zu wie⸗ derholen; ihr irrt euch, Oberländer!— Graf Her⸗ berſtorf läßt mit ſich nicht ſcherzen, und wo ſein Sporn in die Erde ſtampft, da wächſt Eiſen und rieſelt Blut hervor.——— Aber glaubt Ihr, daß ich den müßigen Zuſchauer bei Eurem rebelliſchen Han⸗ del ſpielen werde; o ich weiß, Ihr haßt mich, haßt mich in tiefſter Seele, wie man den Feind nur haſſen kann— gut! ich will und brauche keine Liebe; will aber die Flamme ausblaſen mit dem Ziſchen meines Schwertes, ehedenn ſie zum Brande auf⸗ lodert, den ich vor meinem erlauchten Herrn und Gebieter nie verantworten könnte. Kennt Ihr das oberländiſche Sprüchlein? wer kegelt, der muß auf⸗ ſetzen?— Alſo vorwärts, öffnet Eure Reihen— Profoß, thu Deine Schuldigkeit!“ 75 Der Profoß des Statthalters ritt auf einer niedrigen Schecke vor die zitternde Menge, und don⸗ nerte derſelben mit gewaltiger Stimme zu, daß all⸗ ſogleich die Richter und Rathsmänner von Franken⸗ burg mit allen Achtern der rebelliſchen Pfarren, Neu⸗ kirchen, Vöcklamarkt, Gampern, Berndorf und Fran⸗ kenburg vorzutreten, und ſich nach Urtel und Recht dem Richtſchwerte Seiner Gnaden des Herrn Statt⸗ halters unterzuſtellen hätten.— Todtenhleich und verſtörten Antlitzes ſtanden die Vorgerufenen vor dem Statthalter— jetzt erſchallte ein gellendes Gelächter hinter den Reihen der das Gewehr ſchulternden Musketiere, und hervortrat in ſeinem fadenſcheinigen Mantel der Reiter auf der kleinen Mähre, Hanns Georg Schrattenbach, der Scharfrichter der Landes⸗ hauptſtadt Linz. Hoch ſchwang er in ſeiner knöcher⸗ nen Fauſt zwei klappernde Würfel...„Männer aus dem Oberlande,“ rief er mit heiſerer Stimme in den Haufen,„da bring ich Euch die Würfel zurück, die Ihr mir im Bauernlöchel zu Ebersberg nachge⸗ ſchleudert habt, als ich vor Euren Fäuſten das Weite ſuchen mußte.— Heida! kommt ſie zu holen.“ Gleichzeitig trat der Profoß vor; die Trommel ertönte, der Statthalter ſprengte abermals vor die Reihen der Bauern. Eine ſtrenge Strafpredigt be⸗ 76 ginnend, warf er den Aufrührern das ganze Straf⸗ würdige ihres Beginnens vor, drohte ihnen im Wie⸗ derholungsfalle mit dem Zorne des Kaiſers und Churfürſten, mit Rad und Beil, und ſchloß ſeine Rede mit der Aufforderung an den Freimann Hanns Schrattenbach: ſeinen Mantel auf die Erde zu breiten. „Ich könnte,“ rief er unter die Bauern mit Stentorſtimme,„ich könnte dreihundert aus Euch, die auf meinen Liſten als Rebellen bezeichnet ſind, auf dieſe Linde knüpfen, und wenigſteus dreißig als die Haupt⸗Rädelsführer auf das Rad, das ſie führen*), niederſtrecken laſſen, allein ich will Gnade für Recht ergehen laſſen.— Faßt den Becher und würfelt auf dieſem Mantel untereinander, wer den geringeren Wurf thut, baumelt auf dieſer Linde.“— Das eiſerne Wort des Statthalters war unverbrüchlich, der ge⸗ ringſte ſeiner Söldner wußte das. Niemand aus dem ganzen Haufen wagte daher zu widerſprechen. Leichenblaß mit niedergeſenkten Häuptern traten die *) Der Ausdruck Rädelsführer ſoll im Bauernkriege dadurch entſtanden ſein, daß die Anführer der Landleute ein Rad auf einem Stabe vor ſich hertrugen. Daher ſie Rädels⸗ träger oder Rädelsführer genannt wurden. 77 Unglücklichen hervor, und das grauenvolle Spiel— das die Geſchichte des Landes ob der Enns unter dem Namen des Frankenburger Würfelſpie⸗ les mit blutigen Lettern in ihre Annalen zeichnete — begann in feiner ganzen traurigen Geſtalt. Zwei und zwei der Hervorgerufenen mußten würfeln. Hinter ihnen ſtand Hanns Schrattenbach, der Scharfrichter. Das erſte Paar der Unglücklichen ergriff mit ſchlotternden Beinen unter hörbarem Zähnen⸗ klappern den Becher.— Die weißen Würfel mit den ſchwarzen Augen klapperten wie kleine Todtenbeine untereinander, und rollten auf den Mantel hin „Jeſus! Maria!“ ertönte ein ſchmerzvoller Ruf, zwi⸗ ſchen die ſtreitenden Todeskinder ſtreckte ſich das ſpitze Kinn des Scharfrichters, und um den Nacken eines der unglücklichen Würflers ſchlang ſich die hanfene Feſſel, mit welcher er von dem Felde ge⸗ führt wurde, um wenn es ein katholiſcher war, in nächſter Minute nach einer kurzen Beichte und Ab⸗ ſolution durch den katholiſchen Feldprediger des Statthalters auf den ſchwankenden Aeſten derſelben zu baumeln. Und neue Jammertöne erſchallten nach allen Richtungen; die verunglückten Würfler, ihre an⸗ weſenden Eltern, Gatten, Freunde und Verlobten heulten und baten um die Wette, dazwiſchen tön⸗ 78 ten die Flüche der abwehrenden Soldaten, das Wirbeln der Trommeln, die Wehklagen der Geopfer⸗ ten, welche raſch zur furchtbaren Linde geführt, und von denen vier ſogleich gehenkt, die andern aber bei Seite geſtellt wurden, dann gleich einer Donner⸗ ſtimme das Commandowort des erzürnten Statthalters, der durch die Blutſcene noch mehr aufgeregt, den Landleuten wiederholt ihre Strafwürdigkeit ins Ohr rief, und durch kein Bitten, kein Flehen, keine Zu⸗ ſprache der anweſenden Pfleger und ſeiner Officiere zu bewegen war, der Blutſcene Einhalt zu thun. Jetzt winkte Hanns Schrattenbach, der Freimann, abermals zwei Landleute hervor, die ſich unter Thränen eng umſchlungen hielten, und gleichfalls als Achter ihrer Pfarre zum Würfeln mit einander beſtimmt ſchienen, aber ſich hiezu nicht entſchließen wollten, denn ſie waren Vater und Sohn—...... „Georg,“ ſagte der Alte,—„laß mich los; es muß ſein, geh' heim, grüße die Mutter, und“.. hier konnte er vor Schluchzen kein Wort mehr hervor⸗ bringen.„Mein Vater, Du ſtirbſt nicht,“ jammerte der zwanzigjährige ſchöne Jüngling mit dem ſchwar⸗ zen Lockenkopfe,„ich, ich will für Dich würfeln, ich will für Dich ſterben!“ „Georg! mein Georg!“ entgegnete der Alte 79 wieder unter einem heißen Thränenſtrom.„Du biſt noch jung und rüſtig, und wirſt Deiner Mutter Stütze ſein, ich aber bin ein alter, morſcher Baum, mag dieſe arge Welt auch nimmer ſehen, darum laß mich in die Grube fahren———“ „Vater! ich laß Dich nicht— ich— ich will mit Dir,“ rief laut jammernd der Jüngling, indem er vor den Füßen des Alten zuſammenbrach, und halb ohnmächtig am Boden lag. Aber Hanns Schrattenbach, der Scharfrichter, riß ihn vom Boden auf und verſetzte dem Alten einen Stoß in die Rippen, daß dieſer laut aufſchreiend zur Seite taumelte. „Dorthin, Derfflinger!“ ſchrie er ihm ins Ge⸗ ſicht—„faß den Becher, Dein Wurfbruder mag nicht warten.“ Mechaniſch ſtellte ſich der alte Derf⸗ flinger, indeß ſein armer Sohn, der Schneiderjunge Georg, ſich vom Boden aufzuraffen bemühte, ſeinem Gegenmanne, einem ſtämmigen Holzknechte von Bern⸗ dorf entgegen— mechaniſch ſchwang er den Becher, die Würfel klapperten, und eines und drei Augen rollten, gleich ſchwarzen Todtenköpfen auf den Mantel nieder; ſchnell faßte ſein Gegenmann den Becher; ihm glückte der Wurf beſſer, denn ſechs und drei 80 Augen riefen ihm mit ſchwarzer Schrift vom Mantel herauf Gnade zu. Fiebergluth trat jetzt auf das Antlitz des arme Georg.„Vater! Vater!“ rief er mit Herz und Mark erſchütternder Stimme.„Vater, der Wurf war falſch— Du mußt noch einmal würfeln, und ich bin Dein Gegenmann!“ Sei es, daß Hanns Schrattenbach, der Frei⸗ mann von Linz, von menſchlichen Gefühlen beſchlichen wurde, oder war es eine augenblickliche Laune, welche ihm den ſeltenen Handel eingehen ließ, oder las er in den Blicken der Umſtehenden bereits den höchſten Groll und Unmuth über die Schlächterei dieſer Stunde —„Es gilt,“ rief er,„da, Georg, faß' den Becher und würfle mit Deinem Vater, ſo Du ihn retteſt, mag der Alte fürbaß ziehen, Du aber baumelſt.“ Der alte Vater ſträubte ſich— der Freimann aber, den Plan Georgs, ſeinen Vater durch einen abſichtlich geringern Wurf zu retten, durchſchanend, drückte dem Alten den Becher in die Hand, den dieſer aber wegſchleudern wollte, aber ſchon kollerten die Würfel heraus, der Alte hatte vier Angen ge⸗ worfen. „Siehſt Du, Georg,“ ſagte der Alte mit ſchwacher 3 81 Stimme,„ich ſoll und muß an die Linde, denn mehr als vier Augen wirfſt Du gewiß.“ „Nimmermehr,“ rief Georg, feſt in den Becher blickend und dieſen vorſichtig drehend, um den Würfeln jene Lage zu geben, die ihm nothwendig ſchien, weniger als ſein Vater zu werfen. Aber ſeine Hand zitterte, ſein Auge umflorten Thränen, er drehte den Becher, und jammerte laut auf, denn ſechs Augen rollten auf den Mantel. „Amen!“ ſagte der Alte feierlich ſich emporrich⸗ tend.„Es konnte nicht anders kommen, mein Georg. Du haſt die beſſern Augen, denn Du biſt jünger, Du mußt die alten Tage Deiner Mutter verſchönern, Georg, Du haſt mehr Augen.“ „Nein Vater! Nein!“ rief in größter Ver⸗ zweiflung der Jüngling.—„Du haſt der Augen weit mehr als ich!— Wie 2 oder ſoll ich Dir ſie vorzählen die Augen, die Du vor mir voraus haſt,“ fuhr er mit vor Schmerz bebender haſtiger Stimme fort, indem er den Nacken ſeines Vaters umſchlang, als wollte er ſich das theure Haupt nimmer und nimmer entreißen laſſen.—„Sieh, Vater, ein Auge hatteſt Du ſchon für mich, als ich kaum das Tages⸗ licht erblickt hatte, und noch an der Bruſt meiner Mutter lag, da ſorgte ſchon Dein Auge liebend für 1856. LVII. Ein d. Schneiderlein T. 6 82 mich; ein Auge hatteſt Du für mich, als ich ein Knabe wurde, und aller Sorgfalt und Liebe bedurfte, um kräftig und geſund an Leib und Seele heranzu⸗ wachſen; und war's denn nicht Dein Auge, das für mich wachte, als ich vor zwei Jahren an dem bös⸗ artigen Fieber auf unſerer Strohmatte krank dar⸗ nieder lag; und war's nicht Dein Auge, das mich bewachte, als die bairiſchen Werber mich zu Ebels⸗ berg abfangen wollten, und war's denn nicht Dein Auge, das für mich täglich um Segen zum Himmel flehte, und war's Dein Auge nicht, das in Thränen ſchwamm, als ich Dir die Schmach erzählte, welche mir von der Gilde in Linz von dem ſtolzen Wil⸗ linger zugedacht war.— Da habt Ihr die ſechs Augen, Ihr Herren, und ich habe nur zwei Augen, die nur weinen und ſich ſterbend ſchließen können um meinen Vater zu retten!“ Erſchöpft ſank der Jüngling ins Gras— die Jammerſcene aber konnte ihren Eindruck auf die Ge⸗ müther der Anweſenden nicht verfehlen. Schon nahte ſich Statthalter Herberſtorf, welcher der Execution zuzuſehen mit ſeinen Begleitern vor der Linde ge⸗ halten hatte.—„Was ſoll's mit dem Burſchen,“ ſragte er den unſchlüſſig daſtehenden Freimann. „Es iſt der Sohn des alten Schneiders Derff⸗ 83 linger von Neuhofen, gnädigſter Herr,“ antwortete der Scharfrichter;„der Alte hat im Bauernlöchel zu Ebelsberg mitconſpirirt, und war bei der Belagerung des geſtrengen Herrn Pflegers in Frankenburg mit— mitgefangen, mitgehangen, heißt es bei ihm; aber da will ſein Sohn Jörg jetzt aus purer Sohnesliebe für ihn baumeln. „Geht nicht an!“ brauſte der Statthalter auf, „dem Schuldigen das Gericht! führt den Alten fort.“— „Nur wenn ich mitgehe,“— rief Georg ſich aufraffend und mit ſtarrer Entſchloſſenheit zwiſchen den Freimann und ſeinen Vater drängend.—„Laß mich, Georg,“ ſagte dieſer begütigend,„Du ſiehſt, es muß ſein.“ „Gnädigſter Herr!“ nahm jetzt Herr Jurguvitſch, der Pfleger von Peuerbach das Wort;„gnädigſter Herr, ſchon hängen ſiebzehn bleiche Opfer auf der Linde des Freihammerfeldes als bleiche Schreckbilder Eures Zornes, ſchenkt dem wackern Sohne das Leben ſeines Vaters.“ „Warum mit dieſem grauen Schurken eine Aus⸗ nahme machen?“ grollte der Statthalter;„konnte ihn ſein erbleichendes Haar nicht vor dem Rebellen⸗ handwerke zurückhalten, ſo mag es auf der Linde im Winde flattern, damit die Oeſterreicher ſehen, daß 6*¹ Adam Graf von Herberſtorf kein Alter ſchont, wenn es gilt, den Aufruhr gegen den rechtmäßigen Herrn zu beſtrafen! fort mit ihm.“ Jetzt aber warf ſich der arme Georg laut wei⸗ nend vor dem Pferde des Statthalters auf den Raſen. „Gnädigſter Herr,“ rief er,„nehmt mir das Leben, aber ſchont meinen Vater!“ „Wer mit den Rebellen zog, mag mit den Re⸗ bellen hängen,“ ſagte der Statthalter mit eiſiger Kälte, indem er den Zügel ſeines Roſſes anriß, und zur Seite reiten wollte. Der Freimann ſtreckte ſeine Hand auf den alten Derfflinger aus, aber jetzt trat Jurguvitſch, der Pfleger von Peuerbach vor. „Schenkt dem alten Schneider das Leben, gnä⸗ diger Herr,“ bat er;„er iſt keiner von den Aerg⸗ ſten; wenn er mitzog in den Strauß, that er es lediglich als Eiferer für ſeinen Glauben.“ „Das iſt es eben, was ich ſtrafen will,“ ſchrie Her⸗ berſtorf dazwiſchen;„kein Fanatismus iſt ſchrecklicher als der religiöſe, und laſſe ich die Fackel glimmen, ſo wird ſie gar bald ob Euern Häuptern lohen, daß Ihr Euch vor Brand und Schutt nicht mehr ſicher wiſſen werdet in Eurem Lande.. Fort mit dem alten Sünder, laßt ihn baumeln und den Jungen dazu.“ 85 „Nun,“ ſagte der Pfleger, traurig zur Erde blickend,„die Erecution wird dem erboſten Willinger in den Kram paſſen— braucht der ſtolze Herr von Hinterdobl und der Au doch den Schneiderjungen nun nicht mehr zu fürchten.“ „Der Willinger?— Was ſoll's mit dem?“ fragte der Statthalter aufbrauſend. „Ei, habt Ihr denn die Mähre nicht vernommen,“ entgegnete der Pfleger mit ſcheinbarer Gleichgiltig⸗ keit, jedoch innerlich frohlockend, daß ſeine Bombe gezündet hatte. „Was für eine Mähre?“ fragte der Statthalter. „Die Mähre von dem kecken Schneiderjungen, der dem reichen und ahnenſtolzen Willinger bei dem ſchönen Stadtrichter Töchterlein ins Gehege tritt;— iſt doch die ganze Stadt Linz von dem Mährlein über den Statthalter vom Kamin erfüllt, und der ſtolze Willinger wird es Euch gewiß danken, daß Ihr ihm das freche Bürſchlein da aus dem Wege räumt...“ Es bedurfte nur dieſer hingeworfenen von dem gutmüthigen Pfleger wohlberechneten Worte, um die ſtrenge Richterhand des Statthalters, welche über den Häuptern bes alten Derfflinger und ſeines Sohnes ausgeſtreckt war, zu entwaffnen; er haßte den ſtolzen illinger mehr als ſeinen Todfeind; die Bemerkung 86 des ehrlichen Pflegers, daß dem Willinger mit der Hin⸗ richtung Georgs und ſeines Vaters ein weſentlicher Dienſt gethan werde, war genügend, das Gemüth des ſtrengen Statthalters umzuſtimmen. Denn lange ſchon war ihm bekannt, daß der ſtolze Willinger und ſeine ſtolze Sippſchaft der bairiſchen Pfandherrſchaft im Lande abhold, nur auf den Zeitpunkt harrten, wo ſie im offenen Kampfe gegen die Perſon des ihnen bis in die Seele verhaßten Statthalters auftreten konnten, lange war ihm bekannt, daß der Herr von Hinterdobl und der Au ſich häufig auf den Kirch⸗ weihfeſten der Bauern ſehen laſſe, und ihre Huldi⸗ gung entgegennehme, um vielleicht an ihrer Spitze bald die bairiſche Statthalterſchaft im Lande, wie es ſpäter auch geſchah, ernſtlich zu befehden.. Auch war Willinger trotz der ausdrücktichen Ein⸗ ladung des Statthalters auf dem Freihammerfelde zur Zeugenſchaft der Exeeution nicht erſchienen. Dieſe und andere Erinnerungen mochten das Gehirn des Statthalters durchkreuzen, indem er jetzt den gewohnten Begnadigungswink mit ſeiner Rechten that, und auf den alten Derfflinger und ſeinen Georg hindeutete, und dem fürbetenden Pfleger das kurze Commandowort zuwarf:„Marſch mit den Ketzern über die Grenze!“ 87 Nach dieſem von ſeiner Umgebung wohlverſtan⸗ denen Begnadigungsacte, hob ſich der Graf noch einmal im Sattel nach ſeiner ganzen Manneslänge. „Merkt Euch die Lection!“ donnerte er gegen die todtbleichen Geſichter des Haufens,„und auf daß Ihr ſie nicht vergeßt, ſchaut Euch Morgen die Glocken⸗ ſchwengel an den Kirchthürmen zu Zweiſpalten, Vöck⸗ lamarkt, und Neukirchen gut an, damit Ihr wißt, womit Ihr läuten könnt, wenn's Euch wieder einmal gelüſtet, den Landſturm zuſammenzurufen!...“ druͤckte dann ſeinem Roſſe die Sporen in die Weichen, die Trommeln wirbelten, die Soldateska ſchob ſich wie ein Keil zwiſchen die in zwei Hälften auseinander weichenden Landleute, der Statthalter voran, die Colonnen ſeiner zwölfhundert Söldner hinterdrein, die Kanonen am Schluſſe. Nur der Freimann fehlte beim Rückzuge, er ſtand noch neben dem Profoßen an der Linde, welcher den dort mit gebundenen Händen zurückgebliebenen todtbleichen unglücklichen Würflern den Schluß des Urtels vorlas:„daß ſieben von ihnen auf dem Kirch⸗ thurme zu Zweiſpalten, drei auf dem Thurme zu Vöcklamarkt, und drei auf der Thurmzinne zu Neu⸗ kirchen gehenkt, ihre Leichname aber auf ſiebzehn Spießen, Zzu manniglicher Warnung vor gleicher 88 Handtirung“ aufgeſteckt werden ſollten.“ Und ſo ge⸗ ſchah es auch. Das war das berüchtigte Frankenburger Wür⸗ felſpiel im Vorſpiele des erſten oberöſterreichiſchen Bauernkrieges. Sechſtes Capitel. Die Auswanderer. Graf Herberſtorf war nach der erzählten furcht⸗ baren Erxecution auf ſeinen Herrſcherſitz in das Schloß Linz abgereiſt; in Frankenburg, Frankenmarkt, St. Georgen und Schörfling blieben aber auf ſeinen Befehl 100 Mann Beſatzung. Milde gewinnt, Strenge verliert. Nie hatte ſich dieſes altdeutſche Sprichwort in ſeiner ganzen Wahr⸗ heit ſo ſehr bewährt, als während der traurigen Periode, in welcher das Land ob der Enns dem Blutjahre des Bauernkrieges entgegen ging, und der Bauer und der Baier ſchon nah daran ſtanden, mit einander die Partiſane zu tauſchen.— Die raſche Juſtiz des Statthalters hatte alſo „ ſtatt der Hydra des Aufſtandes gleich Anfangs den —— — 89 Kopf zu zertreten, Oel ins Feuer geworfen, und der Name des Statthalters Herberſtorf begann bei dem Landvolke einen wahrhaft herben Geſchmack zu er⸗ halten;— ſtolz, ſtarrfinnig, und aufbrauſend, glaubte er es mit lutheriſchen Unterthanen, die ohnehin zur Auswanderung bereit ſtünden, nicht ſo genau nehmen zu dürfen, und trat den in der That ſehr großen Ausſchweifungen ſeiner bairiſchen Soldaten nicht mit jener Kraft entgegen, welche Gerechtigkeit und Staats⸗ klugheit erfordert hätten; er, ein Standesherr des bairiſchen Churhutes glaubte den Willen Kaiſer Ferdinand's, der ſeine reformirten Unterthanen mit Schonung behandelt wiſſen wollte, nicht ſo ſtrenge beachten zu müſſen, und ſein Herr, Churfürſt Maxi⸗ milian kümmerte ſich um das Pfandland Oberöſterreich nur ſo viel, als es ſein Säckel erforderte. Der Wohlſtand Oberöſterreichs, bereits durch die Mitleidenſchaft an den Nachwehen der türkiſchen und böhmiſchen Kriege aufs tiefſte erſchüttert, konnte durch dieſe Wirthſchaft im Lande nicht gehoben werden; das Mißvergnügen wuchs, die Elemente ber Gährung lagen bereit, es fehlte nur die Hand, welche die Gift⸗ phiole zu rütteln hatte, um den Kryſtalliſationsprozeß der feindlichen Elemente zu bewerkſtelligen, und dieſe 90 Hand faßte bereits die Zugfäden der künftigen Em⸗ pörung vom hohen Norden Europas aus...... Dort ſtand auch ein anderer Feind des Kaiſers, König Chriſtian von Dänemark bereits mit einem Heere gegen Ferdinand gerüſtet. Mit ihm unterhan⸗ delten die öſterreichiſchen Bauern. Im Südoſten harrte der Osmanli und ſein Bundesgenoſſe der ſiebenbürgiſche Betlem Gabor, gleich⸗ falls ſchon im Einverſtändniſſe mit den Landleuten Oberöſterreichs, auf den Augenblick, den Kaiſer aus der Burg ſeiner Vorfahren zu drängen. In Böhmen und Norddeutſchland begünſtigten die Proteſtanten jeden Aufſtand gegen den katholiſchen Fer⸗ dinand im Innern ſeiner Reiche. Aber wer waren die ſogenannten ob der ennſi⸗ ſchen Bauern, die ſich, wie oben erzählt, in den Schenken des Landes, auf den Kirchtagen und bei Jahrmarktsfeſten zuſammenfanden?... Wohl waren es zum großen Theile Landleute, wohl zahlten Landleute zu Frankenburg die erſte blutige Zeche mit ihren Köpfen; aber auch Adelige, Bürger, Magiſtrats⸗ perſonen, Beamte, Doetoren traten mit ihrer höheren Einſicht an die Spitze der rohen Gewalt, und lenkten mtt ihren wohlgeſetzten Reden die Fäuſte der Lun⸗ tenträger; ſie waren es, die ſpäter Form und Klang 9¹ in das eiſerne Würfelſpiel brachten, bei welchem zu⸗ letzt der verführte Landmann die Zeche mit ſeinem Blute zahlen mußte!— Das Frankenburger Würfelſpiel beſchleunigte nur die Kataſtrvphe.. Von nun an wimmelten die Schenken und Kirch⸗ täge des flachen Landes von Landleuten.— Unter den Augen des Statthalters organiſirte ſich der Aufſtand; ein förmlicher Obriſt⸗Hauptmann, der nachmals ſo berühmt gewordene Stefan Fadinger trat an die Spitze, Hauptleute wurden über ganze Viertel des Landes, Unterhauptleute, Kriegsräthe, Feldſchreiber, Ausſchüſſe, Proviantmeiſter ernannt. Es bildete ſich die Kernſchaar der ſchwarzen Bauern, von ihrer dunklen Kleidung ſo genannt; es wurde eine Defenſions Ordnung entworfen, Zufluchts⸗ und Sammelplätze wurden für Weiber und Kinder be⸗ ſtimmt und im Geheimen Manövrirübungen gehalten — kurz die Bauern handelten nach einem Plane, den ihnen die Feinde des Kaiſers entworfen hatten; und gingen auch jetzt den Landſtänden Oberöſterreichs allmälig die Augen auf über das verſteckte Treiben der ausländiſchen Hetzer, und ermahnten ſie auch den Landmann in Proclamationen: wieder zu ſeinem Pfluge zurückzukehren, ſo war dies nun ſchon vergebens, und ſie mußten zuſehen, wie ſo manche ihrer ſchönſten Schlöſſer der tollen Wuth des empörten Pöbels anheim ſielen; denn hat der Bergſtrom ein⸗ mal die Schleuße durchbrochen, dann ſchont er auch die Eiche nicht, welche ihm in ſeinem Sturze ent⸗ gegenſteht. Alſo ſtand es im Lande ob der Enns im Beginne des Maimondes des verhängnißvollen Jahres 1626. Noch vor dieſem Ausbruche der grauenvollen Kataſtrophe, an einem der nächſten Abende nach dem Frankenburger Würfelſpiele klangen auf einer breiten Wieſe der Ortſchaft Neuhofen gar wehmü⸗ thige Klänge einer Zither, welche ſich mit dem ein⸗ tönigen Gebimmel der Vesperglocke des kleinen Thur⸗ mes miſchten. Auf der Wieſe ſaß ein alter Mann mit breit herabhängendem grauen Haare, und ſein mattes Auge blickte thränend auf den kräftigen Jüngling, der zu ſeinen Füßen im Graſe lag, während drei Landleute, die Nachbarn des Alten ihn mit trübſe⸗ liger Miene umſtanden und ein junger Bauern⸗ burſche die Melodie des Abendliedes auf derZither anſtimmte. Der alte Mann war Hanns Derfflinger, der Schnei von Neuhofen, und der Jüngling zu ſeinen ———— 56* Füßen ſein Sohn Georg— der in Linz nun ſpott⸗ weiſe genannte Statthalter vom Kamin.. „Hanns!“ mahnte den Alten einer der umſte⸗ henden Bauern,„nimm die Moſtkorbel und thu' Dir noch einmal gütlich mit dem heimiſchen Trank, ehe Du das Weite ſuchſt jenſeits der Donau.“ Der Alte wies das Geſchirr abwehrend von ſich und ſchwieg mit traurig geſenktem Haupte.— „Ei, Nachbar, nicht ſo traurig,“ tröſtete ein anderer der Bauern,„es iſt doch immer noch beſſer auszuwandern, als auf einem der Kirchthürme unſe⸗ rer Pfarren zu ſtecken wie eine geſpießte Kröte.“ Voll des bitterſten Unmuthes ſprang jetzt der alte Derfflinger auf, und wollte ſeinem Haſſe gegen den Statthalter durch einige Kernflüche Luft machen, aber in dieſem Augenblicke bewegte ſich ein Zug ſchwer bepackter Landleute gegen die Wieſe. Es waren ſämmtliche evangeliſche Auswanderer, die ihren Seelſorger an der Spitze, ſich im Orte zuſammengefunden hatten, um der Weiſung des Statthalters gemäß, heute noch aufzubrechen, und das Land zu verlaſſen, wo ſie geboren waren, um ſich im Norden Deutſchlands bei ihren Glaubens⸗ Verwandten eine bleibende Stätte zu ſuchen. 94 „Es iſt Zeit, Jörg!“ mahnte der Alte,„nimm die Bündel und laß uns gehen.“ Vater und Sohn ſchüttelten ihren treuen Nach⸗ barn ſchweigend die Hände. Dann lenkten ſie ihre Schritte ſeitwärts einer langen halbverfallenen Mauer zu, über welche kleine Holzkreuze hervorſchauten. Dort— auf dem Kirchhofe ſchritten ſie auf ein ſchmuckloſes Grab in der Erde zu, auf welchem ſtatt des Kreuzes ein Strauß wilder Vergißmeinnicht blühte. „Mutter! Mutter!“ rief der junge Georg, indem er ſich weinend auf dem Grabhügel niederließ,„Mutter, leb' wohl, bis wir uns wiederſehen im Lichte der Auferſtehung!“— Er pflückte die Blumen am Grabe und befe⸗ ſtigte ſie an ſeinem Hute; ſtumm ſtand der greiſe Vater vor dem friſchaufgeworfenen Grabe; denn erſt acht Tage lang ſchlummerte die Arme hier, welche der Schreck über die Todesgefahr ihres Gatten und Sohnes auf dem Freihammerfelde getödtet hatte. Jetzt tönte von der Wieſe das Jubelgeſchrei der Auswanderer— glich es doch dem Pfeifen des Sturmwindes, der ſich vor dem losbrechenden Ungewitter erhebt, auf daß er die Straße reinfege, ehe der Bergſtrom ſie zerſpaltet und durchfurcht... Vater Derfflinger und ſein Sohn Görge ſtanden 95 bald in der Mitte der ihre Jodelhüten) ſchwingen⸗ den Landleute. Die letzte Moſtkorbel machte nun die Runde, und Hanns Himmelberger, einer der Evangeliſchen legte jetzt ein breites in Leder gebundenes Buch auf einen Holzpflock der Wieſe, worauf er Tinte und Feder hervorzog und die Namen der Auswanderer zu verzeichnen begann. Dann forderte er diejenigen unter ihnen, welche des Schreibens kundig waren auf, ihre Unterſchrift in das Buch“ zu ſetzen, aber nur wenige, hierunter auch der Schneiderjunge, waren im Stande ihre Schriftzüge hinzumalen. Der Himmelberger aber ſchlug jetzt das Fami⸗ lienbuch der Evangeliſchen zuſammen und verhüllte es ſorgfältig unter ſeinem Lodenkittel, um es als koſt⸗ baren Schatz in der Betſtube der Evangeliſchen zu hinterlegen, auf daß das Andenken der ausgewander⸗ ten Brüder im Lande erhalten werde bis in ſpäte Zeiten. Die Nacht brach jetzt allmälig herein, und als Eine Gattung ſpitziger Filzhüte, welche die öſterreichi⸗ ſchen Bauern beim Singen(Jodeln) in die Luft warfen; das Museum Francisco Carolinum bewahrt noch Erem⸗ plare hievon aus der Vorzeit Oberöſterreichs auf. 96 die erſten Sterne das Rieſengeſicht des uralten Traunſteines verſilberten),überſchritten mehr als hundert evangeliſche Auswanderer die Donau, um jenſeits derſelben eine neue Heimath zu finden. Sie zogen durch den alten Haſelgraben ob der Donau, dem ſüdlichen Böhmen zu, dort begaben ſich mehrere derſelben zu Verwandten, und auch Derf⸗ flinger's Vater, krank und müde, im innerſten Ge⸗ müthe betrübt, ſtieg mit ſeinem Sohne die waldige Gegend nach der Moldau hinab, welche vom Süden Böhmens auslaufend, ſich wie eine blaue Schlange durch den Schild des geharniſchten Ritters Oeſter⸗ reich windet und der uralten Königsſtadt Prag entgegen läuft, bis ſie das Haupt mit Weinreben belaubt, der größern Schweſter Elbe den Vereinigungskuß bietet, und wie die Geliebte dem Geliebten folgend, auch ihren Namen und ihre Selbſtändigkeit verliert. Von ferne bilden die Umriſſe des Traunſteines das Proſil eines Menſchengeſichtes;— man ſagt das Portrait des unglücklichen Königs Ludwig XVI von Frankreich. 97 Siebentes Capitel. Die Teufelsmauer. An jenen erſten Ufern der böhmiſchen Molda⸗ via, wo unter oft ſeltſam zuſammengewürfeltem Fels⸗ geſtein der Perlenfiſcher eine koſtbare Beute aus dem Moldauſande holt, ritt vor fünfhundert Jahren— wie die Vaterlandesgeſchichte es in ihre Annalen ge⸗ graben hat— der gewaltige Sproſſe eines edlen uralten Geſchlechtes, Herr Peter Wok von Roſen⸗ berg, entſtammt dem mächtigen Geſchlechte der Urfini von ſeiner Burg Roſenberg gegen die Mol⸗ dau herab. Noch jetzt ragt unter finſteren Wäldern die alte Burg Roſenberg ins Land hinaus. Ein großer bombenfeſter Thurm, freiſtehend auf einem Hügel, ohne Thür und Thor, auf ſeinem Dache mit Wald⸗ bäumen bewachſen?), ragt als trauriges Wahrzeichen einer finſteren Zeit empor, in welcher er als„Hunger⸗ thurm“ die Gebeine manches unglücklichen Opfers der Barbarei verſchlang, welches auf das noch jetzt *) Thatſache. 1856. LVII. Ein d. Schneiderlein. I. 7 98 vorhandene eiſerne Fallgitter in ſeiner Mitte hinab⸗ ſchmetterte... Auf den Thoren des gewaltigen Schloſſes hangen Ueberreſte von Bären⸗ und Wildſchweinsköpfen, als Zeichen, daß die Wälder dieſer Umgegend vor noch nicht langer Zeit noch ähnliche Beſtien in ſich bargen. Von dieſer Feſte aus ritt an einem ſchwülen Nach⸗ mittage des Jahres 1258 nach der Geburt des Welthei⸗ landes Herr Peter Wok l. von Roſenberg“) auf ſeinem Rappen in das Moldauthal herab, um jenſeits des Fluſſes im Kirchlein der heiligen Anna ſein gewöhn⸗ liches Vespergebet zu verrichten. Ferner Donner rollte, und näher und näher rückten hochgethürmte Wolken am Himmelsdome empor. Der Blitz zerriß die ſteigende Finſterniß, und in den weiten Himmels⸗ räumen flogen die Geiſter des Sturmes hin und her, um das erhabene Schauſpiel zu bereiten, wo Gottes Donner zu den Menſchen ſpricht:„Mir iſt Himmel und Erde unterthan, i Wolken ſind mein Schemel, und der Blitz iſt mein Sih große Waſſerperlen fielen aus den Wolken nieder *) Peter Wok V., der Letzte dieſes Hauſes beſchloß als Utraquiſt im Schloſſe Wittingau zu Kaiſer Matthias Zeiten ſein Leben. 99 und zerrannen auf dem ſchwellenden Spiegel der Moldau, wie Thränen des Kindes auf dem Antlitze der Mutter... und der Graf hielt den Rappen an und ſah unmuthig am Geſtade, wie der Fluß ſtets höher ſchwoll und die ſandige Furth, wo er ſonſt durchzureiten pflegte, mit jeder Minute von den ſchäumenden Wogen der Moldau höher über⸗ fluthet wurde.— Das Wetterläuten aller umlie⸗ genden Thürme heulte durch die Lüfte.— Der Donner krachte— ein Blitz— ein Schlag— jetzt rauſchte der Regen in Strömen nieder— der furcht⸗ loſe Reiter aber blickte zum Kirchlein auf dem Berge jenſeits des Ufers hinüber:„Und doch muß ich durch! Ich muß es wagen!“ rief er;„kein Frevelmuth treibt mich— aber feierlich habe ich dem Herrn heute meine Andacht im Waldkirchlein gelobt;“— und dem Rappen die Spornen eindrückend, ſprengte der Graf in die Fluthen... dieſe ſchlugen alsbald über ſeinem Haupte zuſammen, und ſeitwärs zog ihn der Schwall; da erkannte der edle Roſenberg die drohende Todesgefahr, er flehte zum Herrn der Welten um Rettung vom Tode, und ſiehe jenſeits erſchien ein lichter Bote Gottes, und wo ſein Stab hinwies, theilte ſich die hohe Furth, der Rappe des Grafen ſtrengte alle ſeine Sehnen mit letzter 7* 100 Kraft an, und alsbald lag der gerettete Roſenberg in heißen Dank zerfließend auf dem jenſeitigen Ufer, und auf daß ſeiner Rettung aus der hohen Fluth auch nach Jahrhunderten noch gedacht würde, ge⸗ lobte der Graf an jener Stelle, wo der Engel ihm rettend erſchienen war, ein Kloſter zu bauen... Und alſo geſchah es;— da, wo Hert Wok von Roſenberg aus ber hohen Furth gerettet worden war, baute er im Jahre 1259 das Kloſter Hohenfurth;— daſſelbe erhielt ſeine erſten Geiſt⸗ lichen aus dem Ciſterzienſerſtifte Wilhering in Ober⸗ öſterreich?) mit acht Mönchen, und ſteht nun da als eine ſteinreiche, das heißt: an Steinen reiche Abtei Böhmens, doch belehnt im Laufe der Zeit mit Dörfern und Gütern durch die Freigebigkeit des böhmiſchen Adels. Auf dem Thore des Stiftes aber, und in manchen ſchönen und alten Oelgemälden prangt noch jetzt die erzählte Sage, welche Caroline Pichler in einer Ballade verherrlichte, und das dieſelbe ſchön verſinnlichende Bild des edlen Wok von Roſenberg, wie er mit ſeinem Rappen die Wogen durchſchneidet, und das rettende Ufer anſtrebt. *) Erbaut im Jahre 1147. 101 Aber auch ein anderes uraltes Bildniß enthält das alte Stift, in welchem ſich die Gruft der Roſenberge und uralte Gräber des Herrn Zäwis von Roſen⸗ berg'), des Herrn von Serin und anderer Edlen aus der kechiſchen Vorzeit befinden.— Das erwähnte Bild erhält eine Anſicht des Stiftes Hohenfurth nach ſeinem uralten Plane, zwiſchen den gemalten Bergen laufen gehörnte Bürger der Unterwelt, Satan mit ſeinen Genoſſen herum; ſie tragen große Fels⸗ maſſen, die ſie auf die Mauer des Stiftes nieder⸗ ſchmettern wollen.... Das iſt eine Hindeutung auf die Teufelsmauer bei Hohenfurth, und auf eine andere mit derſelben verbundene böhmiſche Sage. Die Sage erzählt nämlich, daß jene düſteren Waldesklüfte an der baieriſch⸗böhmiſchen Grenze, wo die Moldau ihre erſten Bahnen durchbricht, einſt von Dämonen der Unterwelt bewohnt waren. Dieſe Widerſacher des Menſchen und beſonders des neuen Lichtes, welches das Chriſtenthum über den Erdball verbreitete, hatten auch den Bau des Kloſters Hohenfurth mit neidiſchen Augen angeſehen, und ihn zu hindern verſucht. *) Vor Frauenberg enthauptet. 102 Cernobog, der ſchwarze Geiſt, und ſeine Ge⸗ noſſen thürmten daher, wie die Sage weiter berichtet, Fels auf Fels im Beete der Moldau, bis die Fluthen derſelben hoch aufſchäumten, und ihr Waſſerſpiegel zur Höhe des Stifts⸗Baues ſtieg, den die Geiſter der Finſterniß damit in den Abgrund ſtürzen wollten. —— Schon habe das Gewäſſer die Höhe des neuen Kirchenbaues erreicht, ſo hatten die Wellen der Moldau an dem neugemauerten Portale des Gotteshauſes geleckt: unterirdiſche Feuer⸗ und Waſſer⸗ geiſter ſeien in glühender Thätigkeit hin⸗ und herge⸗ fahren, an dem großen Zerſtörungswerke arbeitend— da ſeien die frommen Arbeiter des Baues voll Furcht und Zagen, aber wieder vertrauend auf den Herrn, auf ihre Kniee geſunken, und in Folge ihres Gebetes habe das Glöcklein zum Engelsgruße am Morgen geklungen und heulend und wehklagend ſeien die Dämonen der Finſterniß in ihre Klüfte zurückgeflohen— fortan nicht mehr beirrend den Bau des Kloſters, das nun zu einem prachtvollen Ciſterzienſerſtifte heranblühte, in welchem gegenwärtig ein Landesprälat ſeinen Sitz hat, der zugleich an der böhmiſchen Herrentafel zu Prag ein Wort mit⸗ ſpricht, und in hohen Ehren ſteht im Lande. Aber da, wo die furchtbaren Dämonen in ihre 103 Klüfte wieder zurückfuhren, thürmen ſich jetzt noch große Maſſen von Granitfelſen über einander in ſolcher Höhe und merkwürdiger Schichtung, daß der Geſpenſterglaube des Landvolkes noch immer feſt darauf beſteht: nur die Dämonen der Unterwelt hätten dieſe gewaltigen Felsſchichten über einander gethürmt, und dieſe ſeien ein ſicheres Denkmal jener finſteren Zeit, wo Cernobog und ſeine gehörnten Genoſſen hier gehauſt haben... In der That ſcheinen aber jene ſeltſamen berge⸗ hohen Steinmaſſen durch große Waſſerfluthen über⸗ einander geſchichtet worden zu ſein, und dürften vor⸗ ſundfluthlichen Urſprunges ſein. Iſt aber ſelbſt der Volksglaube unſerer Tage noch ſo ſehr geneigt, ungewöhnlichen Naturerſcheinun⸗ gen eine geiſterhafte Deutung zu geben, um wie vielmehr war der Landmann vor zweihundert Jahren dieſem Glauben ergeben, und Männer, deren Herz unerſchüttert blieb vor dem Donner der Karthaunen, und im Getümmel der Feldſchlacht, erzitterten nicht ſelten vor dem Rufe der Unke oder dem Gekrächze des Todtenvogels— der Aberglaube, die Furcht vor Hexen und Kobolden und derlei luftigem Geſin⸗ del wucherte damals in allen Ständen. Was Wunder, wenn daher auch jene zwei 104 Wanderer, welche in einer Julinacht des Jahres 1626 über den Hirſchberg zur Teufelsmauer herabſtiegen, mit ziemlich ernſten Mienen vor ſich hinblickten, als ſie dieſe Felstrümmer durchwanderten; weniger Furcht als Staunen malte ſich auf ihren braunen Geſich⸗ tern, als ſie, die Steinmaſſen empor klimmend, das ſeltſame Gefüge der Felsblöcke betrachteten, auf welche der bleiche Mond zwiſchen dem Gewölke vor⸗ überziehende Schatten hinwarf. Die beiben Fels⸗ ſteiger waren arme Auswanderer, die aus Oberöſter⸗ reich kamen, wo ſie dem Schwerte des Nachrichters entronnen waren, um in Böhmen bei ihren Glau⸗ bensgenoſſen Aufnahme zu finden;— Vater Derff⸗ linger und ſein Sohn Georg waren es, die jetzt auf dem Steingerölle ſaßen, vom Mondſtrahle be⸗ ſchienen, gleich jenen trauernden Geſtalten, die einſt nach Jeruſalems Fall auf den Ruinen Sions das Schickſal ihres Volkes betrauerten Sie hatten ſich auf ihrem Gange über das Gebirge verirrt, und die Nacht hatte ſie in dieſer ſchauerlichen Oede überraſcht. Das Brauſen der Baumwipfel in den Lüften, das ferne und nahe Krächzen, Hämmern und Pfei⸗ fen der gefiederten Waldbewohner, ein kurzes Ge⸗ heul, welches das Nahen eines Wolfes verkündete 105 — das dumpfe Rollen eines fernen Gewitters, deſſen Wolkenberge bereits die Mondſcheibe bedeckten, und nur auf Augenblicke einen Strahl auf die Stein⸗ maſſen fallen ließen— das ganze ſchauerliche dieſer Nachtſcene ſtimmte das Gemüth der beiden Verirrten noch düſterer.—— Jetzt erinnerte ſich der alte Vater, daß ihm auf dem Grenzwege nach Böhmen ein Schenkwirth in der Ortſchaft Leonfelden, wo die Auswanderer übernachtet hatten, von den ſchauer⸗ lichen Klüften und Steinfelſen des Böhmerwaldes erzählt, und ihn ernſtlich gewarnt habe, die Fährte nicht zu verlieren, und etwa in die Felſenburg der Teufelsmauer zu gerathen, wo Heren und Kobolde ihr Unweſen trieben, und Satan ſelbſt nicht ſelten von Jägern oder Landleuten, die ſich auf ihren Gängen verſpätet hatten, hoch oben auf der äußer⸗ ſten Felskante mit Schaudern geſehen worden ſei... Nicht ohne Bangigkeit theilte der von den Vor⸗ urtheilen ſeiner Zeit nur zu ſehr befangene Alte ſeinem Sohne ſeine beängſtigende Stimmung mit— Georg aber blickte ſeinem Vater ruhig ins Geſicht. Er hatte es mit ſeinem offenen Kopfe und klarem Verſtande ſchon berechnet, daß es hier galt, allen ſeinen Muth zuſammen zu nehmen, und zaghaftes Benehmen ſie beide ins Unglück ſtürzen könnte, dafür 106 einen ſchwächlichen und durch die Reiſe hochermüdeten Greis bei dem herannahenden Wetterſturme dieſes Geklüft kein Obdach und Ruheplatz ſein könne; daher alle Kraft und Beſonnenheit nothwendig ſei, um den Vater auf eigenen Füßen aus dem Walde zu bringen, und in irgend einer Herberge weicher zu betten. „Vater!“ ſagte daher Georg, ſich zu einem mu⸗ thigen Lächeln zwingend,„laß den Höllenfürſten nur anreiten, mit meinem eiſenbeſchlagenen Wanderſtabe fürchte ich ihn auch nicht....“ Aber laut aufſchreiend ſprang jetzt der Alte zu⸗ rück, und deutete zitternd und zähneklappernd auf ein hohes Felſenſtuͤck, wo ein ſechs Fuß hoher Luzi⸗ fer, der ſchwarze Höllenfürſt, mit einem langen Höllenhacken bewaffnet, herabgrinſte, indeß der zwi⸗ ſchen den vom Winde gepeiſchten Wolkenfetzen hervor⸗ tretende Mond ſein falbes Licht über ſein Antlitz goß. „Jeſus Maria!“ ſchrie der Alte jetzt auf, denn die ſchwarze Teufelsgeſtalt ſprang mit einem Satze vom Steine herab, und ſtand jetzt vor Georg, der nichts weniger als erſchrocken, ſeine Fauſt um den Metallknopf ſeines kurzen Hirſchfängers im Guͤrtel ballte, und einen Schritt vortrat, entſchloſſen ſelbſt dem Höoͤllenfürſten Trotz zu bieten. 107 Dieſer aber lachte laut auf, als er den alten Derfflinger auf die Kniee fallen und ein Kreuz ſchla⸗ gen ſah. „Dacht ich mir's doch,“ rief er, daß es im Walde wiederhallte;„die thörichten Leute halten mich für den leibhaftigen Gott ſei bei uns, weil ich in mei⸗ ner ſchwarzen Montur auf den Teufelsſtein ge⸗ ſtiegen bin.“ Die beiden Auswanderer faßten jetzt ihren Mann aufs Korn, und ſahen, daß es ein ehrlicher Rauch⸗ fangkehrer war, der von ſeiner Arbeit aus den um⸗ liegenden Dörfern zurückkehrend, gleichfalls von der Nacht und dem Unwetter überraſcht, im Geklüfte der Teufelsmauer Schutz vor dem Regen geſucht hatte, und auf dieſe Weiſe mit ihnen zuſammenge⸗ troffen war........ DDer ehrliche Geſelle theilte ſogleich den Reſt ſeines Brodſackes mit den Beiden, und freute ſich, ihnen durch das Gewälde bis zu dem eine kleine halbe Stunde entlegenen Kloſter Führer zu ſein. Dort lebte, wie er ihnen im Wei⸗ terſchreiten erzählte, ſein Vater, Peter Foſter, ein Schneider, und ſein jüngerer Bruder Auguſtin, der gleichfalls zur Nadel geſchworen hatte, und nächſter Tage tiefer ins Böhmen zu wandern gedenke, um dort, wo die zahlreichen Truppenbewegungen den 108 Handwerkern ſeines Faches genug zu thun gäben, Arbeit zu ſuchen, und ſich für die Meiſterſchaft ſeines Gewerkes heraufzubilden. Als Vater Derfflinger und ſein Sohn mit dem jungen Rauchfangkehrer aus dem Walde traten, brei⸗ tete ſich vor ihnen im Morgenglanze ein äußerſt an⸗ muthiges Thal aus, durch welches ſich die Moldau wie ein Silberſtreifen ſchlang; an ihrem rechten Ufer ragte das Ciſterzienſerſtift Hohenfurth empor, deſſen Silberzinnen und Metallkreuz der Morgenſtrahl mit ſeinem Lichte übergoß. Dicht am Fuße des Kaſten⸗ berges ſtand im Moldauſande das kleine Häuschen des Schneiders Foſter. Gleich und gleich geſellt ſich gern, und ſo wur⸗ den der alte Schneider Derfflinger und ſein Sohn von dem alten Foſter und ſeiner Familie mit deut⸗ ſchem Händedrucke aufgenommen. Der alte Foſter, ein guter Katholik, wohnte hier unter dem Krumm⸗ ſtabe des infulirten Abtes, aber er fragte nicht lange, welcher Farbe der Glaube Derfflinger's ſei; er lud beide zur Milchſchͤſſel ein, die am Frühtiſche dampfte, und eine blondgelockte liebliche Dirne, Foſter's Töchterlein, breitete den vom Nachtgange ermüdeten Auswanderern in der ärmlichen Hütte eine reiche 109 Laubſchütte, auf welcher dieſer und der junge Rauch⸗ fangkehrer die nächſten Stunden in Ruhe und Frie⸗ den verſchliefen. Achtes Capitel. Fidlowaska und Strohſack. Fidlowakka und Strohſack— wer von der Be⸗ völkerung der königlichen Hauptſtadt Prag kennt dieſe Feſte nicht?— Fidel und Pfeife rumoren um die Wette, luſtige Jodler fliegen zum blauen Himmel empor; zwiſchen den kleinen Leinwandzelten und Bu⸗ den, worin ſüßer Imbiß und Meth⸗Wein und Bier⸗ fäſſer zum Genuſſe einladen, wogt die bunte Menge. Noch immer ſtrömen zahlreiche Schaaren von Feſtgängern mit heiteren Mienen jenen außerhalb Prag gelegenen Orten zu, wo heute die ehrſame Schneider⸗und Schuſter⸗ zunft ihre Jahresfeſte feiern.— Wurde einſt ſchon auf denſelben wacker getanzt und gepfiffen, ſo haben ſich dieſe Jahresfeſte auch jetzt noch bei den genann⸗ ten Handwerkszünften unter der Bezeichnung Fidlo⸗ wakka“ und„Strohſack erhalten.— Das ſind,— wie ſie es vor zweihundert Jahren waren, die 110 Saturnalien des Geſellen⸗ und Lehrlingsſtandes der ge⸗ nannten Zünfte. Meiſter und Geſellen, wie der das ganze Jahr hindurch wacker gehänſelte Lehrbub, freuen ſich das ganze liebe Jahr hindurch auf dieſe Feſte, und arbei⸗ ten gern um ein Paar Stunden in der Woche mehr, um ſich einen Zechpfennig für die genannten Feſte zurückzulegen. Dann aber hemmt nicht Riegel nicht Schloß den Zug der Handwerker zu dieſem Feſte, und wer das Volksleben in ſeiner wahren Geſtalt beleuchten will, der miſche ſich unter dieſe frohe Menge, wo ungebundene Freude ihre Ernte hält, und Momus und Jocus die Becher credenzen. So war es noch vor zweihundert Jahren an einem ſchönen Auguſttage des Jahres 1620. Dort trieben ſich ein Dutzend ſchäckernde Böh⸗ minnen von dem feſten Kernſchlage ihres Landes mit hochgeſchürzten Kleidern und rothen Wollſtrümpfen an einer Bude herum, wo ihnen junge Burſche den ſüßen Meth eingoſſen Hier tanzten andere Paare bei dem Klange der Fidel und des Hackbrettes im Kreiſe auf dem plattgetretenen Boden; nicht weit davon bot ein marktſchreiender Quackſalber ſeinen Ktam zum Kaufe aus, neben ihm machte Hanns⸗ wurſt im bunten Kleide ſeine Sprünge— beide 111 überſchrie die näſelnde Stimme des krummrückigen Handelsjuden mit ſeinem Waarenballen alter Kleider — am Kletterbaume glitten kecke Knaben auf und nieder; hier zankten ſich zwei weinglühende Schneider um den Erisapfel des rothwangigen Geſichtes einer kichernden Dirne; dort rannte ein vom Steinwurfe getroffener Hund auf drei Beinen heulend durch den Schwarm; hier ſang es, dort klagte es, über die Unbill erhaltener Fußtritte; da ertönte Lachen, dort Singen; hier marſchirten ein paar baumlange Lanz⸗ knechte Arm in Arm die Mode des Marſches nach⸗ ahmend an der Weinbude vorüber, wo böhmiſche Dra⸗ goner für ein paar Kupfermünzen ihre Kegel ſchoben, und als kaiſerliche Reiter hochmüthig auf das, zun⸗ beſpornte Fußvolk“ herüberſahen; dort würfelten auf einer Trommel Soldaten mit Geſellen um ihren Wochenlohn, und ließen die kecken Würfler mit ver⸗ dutzten Geſichtern ſtehen, wenn ſie ihnen den letzten Heller„abgetrumpft“ hatten— wieder auf einer andern Seite rollten prächtige Equipagen vorüber, und hielten am geeigneten Platze an, damit ſich die vornehmen Herrſchaften das Treiben des Pöbels⸗ recht gemüthlich betrachten konnten. Das war ein Brauſen, ein Lärmen, ein Jodeln, ein Singen, ein Lachen, ein Heulen, ein Tanzen, 112 ein Springen, ein Summen, wie in einem Bienen⸗ ſtocke, und dazwiſchen quickte luſtig der runde Dudl⸗ ſack, mit dem der arme Kroate mit den nackten Füßen und langen ſchwarzen Fetthaaren in dem Winkel einer Bude ſeinen Pfennig verdiente, während er— um doch auch etwas zu haben— von Zeit zu Zeit iune hielt, und von einem Stück Schwarzbrod abbiß, das er zwiſchen ſeine ſchneeweißen Zähne geklemmt hielt.— Bei ihm eaſſirten ſich zwei junge ſchlanke und hochaufgeſchoſſene Schneiderburſchen, welche mit Ränz⸗ lein auf dem Rücken und Knotenſtöcken in der Hand vorübergingen, ein Vergelts Gott“ ein, indem ſie ihm jeder einen Pfennig in den runben Hut gleiten ließen Die beiden Schneiderjungen waren Georg Derff⸗ linger und Auguflin Foſter, der Sohn des Schnei⸗ ders von Hohenfurth, welche von dem Segen ihrer Eltern begleitet, die Wanderſchaft nach Böhmen und wenn ſie dort keine Arbeit fänden, weiter nach Sach⸗ ſen und ins Merſeburgiſche, wo Foſter Verwandte hatte, angetreten, und nachdem ſie mehrere Tage in Prag zugebracht hatten, nun im Vorübergehen das Zunftfeſt beſuchen, dann aber mit ihren Ränzlein auf dem Rücken weiter reiſen wollten. Derfflinger's Vater hatte ſich in Hohenfurth von ſeinem Sohne getrennt, 113 und ein ruhiges Kiſſen für ſein Haupt bei Verwand⸗ ten im Hafen Pilſens geſucht. Beide Geſellen be⸗ ſchauten ſich das bunte Gedränge mit verſchiedenar⸗ tigen Gefühlen. Auguſtin, der lebensluſtige muntere Burſche von der Nadel erfreute ſich hoch an dem Treiben des Feſtmarktes, war auch ſein Beutel nur mit wenigen Kupfermünzen gefüllt;— der achtzehn⸗ jährige ſchwächliche Burſche dachte über ſeine Schnei⸗ derbank nicht hinaus, und ſagte ſich im Stillen, wie glücklich er ſich fühlen würde, einſt an der Seite einer ehrſamen Frau Meiſterin, als Inhaber einer eigenen Werkſtatt ein ſolches Volksfeſt zu beſuchen.. Andere Gedanken durchkreuzten das Gehirn ſeines jugendkräftigen ſchönen Kameraden. Hanns Georg Derfflinger, der Schneiderjunge aus Linz, deſſen Auge wie ein Sternfunke über das bunte Getriebe hinüberblitzte, ſtand, ein jugendlicher Herkules voll Mark und Leben, an einen Baum gelehnt, indem er ſeine musculöſen Arme über dem grauen Wollwammſe zuſammenſchlug. Ueber ſeine weiße hohe Stirne und ſein edel ſchönes Antlitz goß ſich die bleiche Farbe des Unmuthes, ſein feiner von einem kleinen Lip⸗ penbarte beſchatteter Mund zog ſich zu einem bit⸗ tern Lächeln zuſammen, er erinnerte ſich eines ähn⸗ lichen tollen Treibens, des Bockfeſtes in der ober⸗ 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 8 114 öſterreichiſchen Landeshauptſtadt Linz, wo er über das hochfahrende Anſinnen Willingers im Narren⸗ kleide den Bockkönig ſpielen ſollte, und von welchem Tage ſeine Auswanderung aus dem geliebten Vater⸗ lande eigentlich datirte. Aber noch andere Gefühle durchwogten ſeine Bruſt. Lange blickte er dem Schwarme blauer Dra⸗ goner nach, welche mit ihren klirrenden Schwertern wie Herren und Meiſter durch die ihnen ausweichende Menge ſchritten— ſein großes Auge haftete an den blanken Helmen und klirrenden Sporen, und faſt beſchämt ſank es dann auf ſein eigenes ſchlichtes Wollwamms nieder, worin als einzige blanke Waffe für ſeinen jugendkräftigen Arm— ein paar Nadeln mit weißen Zwirnsfäden ſteckten... Jetzt wurde es im Menſchenknäuel unter den Buden, wo Georg und Auguſt ſtanden, laut— Scheltworte ertönten, und es erſchallte der gellende Schrei einer ſchönen jungen Dirne, die ſich mit aller Kraft an die ſchwankende Hand eines alten Mannes anklammerte, der ſie vergebens aus den ſie umſchlin⸗ genden Armen eines baumfeſten Dragoners zu reißen verſuchte, während ſich bereits eine Gruppe anderer Soldaten— deren Zügelloſigkeit in jener kriegsrei⸗ chen Epoche kein Damm entgegenſtand— um den 35 Alten und das Mädchen ſchaarten, und mit ſchallen⸗ dem Gelächter die handgreifliche Ungezogenheit ihres Kameraden begleiteten.— Aber ſchneller als der Blitz ſprang Georg, der, die drangvolle Lage des Mädchens ſogleich erkennend, näher getreten war, herzu; ein gewaltiger Riß ſeiner Fauſt warf das Mädchen aus den Armen des kecken Soldaten in die ihres Vaters, dann richtete er ſich in ſeiner ganzen Körperlänge empor, und ſtellte ſich den erboſten Soldaten, beide Fäuſte wie zum Kampfe entgegenſtreckend, und ſich mit dem Rücken an den Baum lehnend, gegenüber. „Beliebt's,“ fragte er mit flammendem Blicke— der halbtrunkene Soldat wollte anfänglich in höch⸗ ſter Wuth auf Georg losſtürzen; aber Gott Bacchus war diesmal ſtärker als Mars, der ſeinem Sohne nicht helfen konnte, weil der Geiſt des Weines ihn zu Boden warf. „Danke für das Compliment, Herr Soldat,“ ſagte Georg lachend, indem er ſeine Arme ſinken ließ; der rechtzeitige Witz machte die Kameraden des Dragoners lachen, und ſo waren ſie, die gleich⸗ falls ſchon auf Derfflinger losſtürzen, und ihn kalt machen wollten, entwaffnet, ſo daß dieſer ungehindert 8* 116 um die Bude biegen, und nach der Stadt zu ſteigen konnte, wo ihn der alte Herr mit dem Mädchen und Auguſtin am Roßthore ängſtlich erwarteten. Jetzt aber erging ſich der Alte in Dankſagun⸗ gen gegen den wackern Ehrenretter ſeines Kindes; er ſtellte ſich ihm als Meiſter Reinhold Körner von der Schneidergilde, und das ſchöne Mädchen an ſeinem Arme als Angelika, ſein einziges Töchterlein vor, mit welcher er heute das Feſt beſucht hatte; er lud Georg und ſeinen Freund Auguſtin in ſeine Wohnung nächſt dem Wysehrad ein, und führte beide in ein freund⸗ liches mit Obſtbäumen umgebenes Haus, wo Georg beim Klange eines Bechers guten böhmiſchen Bieres erſt Muße fand, die wunderholde Angelika von An⸗ geſicht zu betrachten. Das Mädchen war in der That ihres Namens werth. Der blaue Himmel ſchien ſich in ihrem großen blauen Auge abzuſpiegeln; die Jugendfriſche ihres erſt achtzehn Sommer zählenden Lebens ſprach von ihrem Antlitze, und ſchüchtern und erröthend ſchlug ſie die Seidenwimpern ihres ſchönen Augenpaares zu Boden, als Georg ihre zitternde ſchneegleiche Hand ergriff und ſein Gluck pries, eine ſo liebliche Jungfrau aus den Händen roher Soldateska befreit zu haben.— 117 Leiſe und mit bebenden Lippen erwiederte die ſchöne Jungfrau ihren Dank— obgleich ſie nach der Verſicherung ihres lächelnden Vaters ſonſt jugend⸗ muthig genug, und nichts weniger als eine ſchüchterne Taube war, deren Fittige nur im Anblicke eines Königs-Adlers ſich zu ſenken ſchienen. Was war aber natürlicher, als daß Georg Derfflinger und ſein Genoſſe Auguſtin in der Werk⸗ ſtätte des reichen Meiſters Reinhold ſogleich die Plätze zugetheilt erhielten, am nächſten Tage an ſeinem Tiſche aßen, für welchen Angelika, die ge⸗ ſchäftige Martha des Hauſes den Imbiß beſorgte.— Reuntes Capitel. Löſſeln. Sct Nicolaus hing ſeinen Flockenmantel aus, kryſtallene Sternchen ſilberweiß überzogen die Fenſter⸗ ſcheiben, und Freund Boreas zog mit ſeinem eiſigen Hauche eine breite Eisdecke über die Moldau.— Georg, der bildſchöne Jüngling, handhabte mit leiſen Seufzern, Auguſtin, ſein treuer Genoſſe, mit 118 gewohntem gleichmäßigem Eifer und großer Finger⸗ fertigkeit die winzige Stahllanze, womit beide Waffen⸗ röcke für die Söldner der kaiſerlichen Armada zuſammennähten. Oft ſtarrte der arme Georg wie ein Träumender auf die Tuchlappen, denen er mit Stahl und Eiſen Glätte geben ſollte, und in ſeinem Auge glühte ein Feuer, das der rothen Gluth ſeines Feuerſtahles nichts nachgab.— Wenn ihn dann der ein munteres Liedlein pfeifende Auguſtin anſtieß, und auf den ſchwarzen Fleck am Tuche hindeutete, den Georgs Eiſen während ſeiner Tränmereien in dem neuen Waffenrocke eines Reiterhauptmanns eingebrannt hatte— dann fuhr der junge Träumer mit einem tiefen Seufzer empor, griff zornig zum glühenden Eiſen und ſchleuderte es weit weg in die Stubenecke, daß alle Geſellen und Lehrlinge aufſprangen, und förmlicher Aufruhr in der Werkſtatt entſtand, deſſen Urſache dem alten Meiſter Reinhold um ſo ſicherer und ſchneller hinterbracht wurde, je mißgünſtiger die Geſellenſchaft in ſeiner Werkſtätte auf die bei⸗ den Eindringlinge blickte, denen der Meiſter alles Vertrauen und die ſorgfältigſte Beachtung zuwandte. Aber Meiſter Reinhold hatte für alle Klagen und Beſchwerden ſeines Altgeſellen gegen Derfflinger's 119 unwirſches Benehmen in der Schneiderwerkſtatt nur ein ſtilles Lächeln— glaubte er doch die Urſache von Allem nur zu gut in den freundlichen Blicken zu leſen, mit denen ſich Georg und Angelika begeg⸗ neten, wenn ſie einander gegenüber ſtanden....... hatte er doch den Umſtand nicht überſehen, daß Angelika in ihrem Kämmerlein neben dem Bilde ihrer Schutzheiligen auch ſeit Kurzem das des heiligen Georg verehrte... Vater Reinhold liebte ſein einziges Kind von ganzer Seele; er war ein rechtlicher ſchlichter und ganz vorurtheilsfreier Bürgersmann, der nie über ſeinen Stand hinausſtrebte, daher das Glück ſeines einzigen Kindes nur dann am beſten zu ſichern glaubte, wenn er ihm einſt einen ebenbürtigen Geſponſen aus den Söhnen ſeiner Gewerbs⸗Verwandten bei⸗ geſelle. Zerwürfniſſe und mißgünſtige Anfeindungen unter den Genoſſen ſeiner Werkſtätte duldete der Biedermann nicht— barſch und trocken warf er daher auch ſeinen Altgeſellen, wenn ihm dieſer die Aenßerungen der Unzufriedenheit der übrigen Geſellen mit Daftuge zuflüſtern wollte, ein kurzes„Thut nichts!“ entgegen. Der ige Chriſt ſtand mit ſeinen ſchönen Gaben vor der Thür, auch Meiſter Reinhold's Werk⸗ üblich iſt,— darin, daß jeder Loſende 120 ſtätte wurde am ſchönſten Abende, den die Chriſten⸗ heit der weiten Erde feiert, geſchloſſen. Auf dem großen Eichentiſche im Speiſezimmer prangten Kuchen, Bier und Wein, dann in großen irdenen Henkelgefäßen böhmiſcher Honig von beſter Sorte. Die Geſellen des reichen Meiſters reihten ſich von der„Metten“ oder mitternächtlichen Meſſe dieſes Feſtes der Geburt des Herrn um den Tiſch des Meiſters, um ſich gütlich zu thun, dann aber unter dem Klappern der Mühle und Rollen der Spar⸗ pfennige ſich dem heitern Spiele hinzugeben. Anderes wurde in der Mägdeſtube daneben ge⸗ pflogen. Dort ſtanden am Kaminſimſe eiſerne Ge⸗ fäße mit ſiedenden Bleiſtücken, und eine große mit Waſſer gefüllte Schüſſel auf dem Tiſche. Es galt nämlich, heute zu löſſeln.“ Dieſes beſtand, wie es noch heute eine länd⸗ liche Gewohnheit der Bewohner des ſüdlichen Böh⸗ mens in den ſogenannten Faſt⸗Raun⸗Nächten*) Lößelnde) Raunen, Alraunen, die alten weiſen Fraue in ihren Eichenwäldern, welche weißagte Künſte trieben. der Deutſchen und ſonſtige 121 ein wenig geſchmolzenes Blei in die große Schüſſel mit Waſſer goß; jene Geſtaltung, welche das nieder⸗ ziſchende Blei annahm, wurde dann im prophetiſchen Sinne gedeutet, und die Schickſalsfrage eines jeden Einzelnen für das nächſte Jahr gelöſt. Lautlos ſtanden die Geſellen um den großen Tiſch, das Blei ziſchte in das Waſſer nieder; ein Jubelſchrei oder herzliches Gelächter folgte jeder derartigen prophetiſchen Frage an das Schickſal; für jenen formte ſich das Blei zu einer Menge Nadeln um einen runden Klumpen— dem ſinnig gedeuteten Nähliſſen des künftigen Meiſters; für dieſen zu einem Todtenkopfe mit drei Oeffnungen, den die kühne Frage an das Schickſal traurig und verſtimmt in die Ecke des Zimmers zurückſchleichen ließ.. bald kam die Reihe an Georg. „Meiſter,“ ſagte er, zum Tiſche vortretend, „erlaßt mir den Schnack; es liegt nicht in meinem erſten Sinne, mich mit derlei ernſten Dingen zu be⸗ faſſen, die für Scherz zu ernſt, und für Ernſt doch zu gering ſind— ſteht es doch geſchrieben: Du ſollſt Gott, Deinen Herrn nicht verſuchen.“ Der Altgeſelle warf hier einen Blick des Ein⸗ verſtändniſſes dem Nebengeſellen zu, der beiläufig ſo viel zu ſagen ſchien, als:„Der Sonderling will wieder etwas vor uns voraushaben....“ „Ei, was ſchadet ein luſtiger Faſtnachtsſcherz,“ entgegnete Meiſter Reinhold, und drängte Georg zum Tiſche. „Meiſter!“ ſagte Georg ernſt,„mir ſteht ein vor noch nicht langer Zeit verlebtes Faſtnachtsſpiel grauſenhafter Art nur zu gut in der Erinnerung, um an derlei Dingen Gefallen zu finden. Hab' ich Euch doch ſchon erzählt, wie ich zu Frankenburg um mein Leben würfeln mußte....“ „Nun,“ entgegnete Meiſter Reinhold gutmüthig lächelnd,„ſo laß das Ding— oder warte, ich will ſelbſt einen Wurf für Dich thun.“— Er faßte das Gefäß mit dem Blei, dieſes ziſchte ins Waſſer. Nach einer Secunde nahm der Altgeſelle den Bleiklumpen heraus.—„Wahrhaftig,“ ſagte er, „das Bleiſtäbchen da, und die halbrunde Platte— bei meines Vaters Haar! Das iſt der Marſchalls⸗ Hut und Commandoſtab, von dem der Oeſterreicher träumt, wenn's ihm in unſerer Schneiderwerkſtatt zu enge wird.“ „Wir gratuliren, Herr General⸗Feldmarſchall!“ ſagte einer der Geſellen mit dem Fuße hintaus ſcharrend. 123 „Spart Euch Eure Poſſen!“ rief Derfflinger aufbrauſend;„der Oeſterreicher läßt ſich nicht hanſeln, das ſag' ich Euch— oder wollt Ihr mit mir an⸗ binden, ſo kommt in den Hofraum, wo wir anreiten können.“ „Oh, Herr Reitergeneral,“ ſagte der Altgeſelle vor⸗ tretend;„wozu die Großſprecherei, wiſſen wir doch lange, daß es dem Oeſterreicher in der böhmiſchen Werkſtätte nicht gefällt, und daß er am liebſten der Trommel oder Trompete nachziehen möchte nach Sachſen oder ins Reich hinaus.“ Derfflinger blickte jetzt kampffertig ſeinem Gegner ins Auge, der nach getroffener Verabredung mit den andern Geſellen abſichtlich Streit mit ihm hervor⸗ rufen wollte, um den gehaßten Einbringling einmal wacker zu bläuen. Aber der alte Reinhold trat dazwiſchen.„Ruhig, Geſellen!“ ſagte er mit ſeiner volltönenden Stimme. „Wer wird in dieſer Nacht des Heiles ſeiner Leiden⸗ ſchaft die Zügel ſchießen laſſen.— Wir ſind alle Chriſten.“ „Ja! gute, katholiſche Chriſten,“ ſchrie der Alt⸗ geſelle—„aber der Oeſterreicher, der iſt ein Luthe⸗ raner! Hinaus mit dem Ketzer aus unſerer Werk⸗ ſtatt, oder wir räumen Alle das Feld, Meiſter!“ „Das mögt Ihr thun und auf der Stelle!“ ſchrie der alte Reinhold dagegen. Augenblickliche Stille trat jetzt ein. Die Worte des greiſen Meiſters wirkten in gewohnter Weiſe auf die Geſellen.— Meiſter Reinhold's Stimme hatte dem Meere Schweigen geboten— die Ge⸗ ſellen ſenkten trotzig ihre Köpfe und ſchwiegen, mit dem Faſtnachtsſcherze aber war es zu Ende und die gut Katholiſchen ſuchten ihre Schlafkammer, um mit dem Lutheriſchen nicht länger die heilige Racht feiern zu müſſen. Religiöſer Fanatismus und ſeine Auswüchſe traten in jener Zeit— wie die eben erzählte Seene einen Beleg liefert— in allen Geſellſchaftsclaſſen, namentlich aber in den untern Volksſchichten, in tauſend Geſtalten hervor. Georg Derfflinger und ſein Glaubensgenoſſe, Auguſtin Foſter fühlten ſich daher im Hauſe des alten Reinhold täglich unwohler; ſeit jenem Weihnachts⸗ tage hielt nur das Anſehen des Meiſters die Aus⸗ brüche des Unmuthes und der gegenſeitigen Gehäſſig⸗ keit der ſich feindlich Entgegenſtehenden zurück. Der Fruͤhling des Jahres 1627 mit ſeinem ganzen Farbenſchmucke zog bereits über das Land. Maiblümchen ſtreckten ihre weißen Sternchen zwiſchen — 125 dem noch ſchwachen Graſe heraus, die Lerche wir⸗ belte dem Herrn ihr Morgenlied, und in den Gar⸗ tenhäuſern blühte Tulpe und Lilie.— Auch in Meiſter Reinhold's Hauſe blühte eine Lilie— bleich und entfärbt vom Hauche des kalten Nordwindes. Angelika's Thräne entging dem Vater nicht. Er wußte ſie wohl zu deuten. Aber er konnte hier nicht handeln, wie er es nach ſeiner Entſchloſſenheit und ſeinem geraden Sinne gerne gewollt hätte.. die, welche reden ſollten, ſchwiegen,— Vaterliebe und Zartſinn lagen untereinander im Streite, und ſprachen ſich in der großen Perle aus, welche von der Wimper des alten ehrbaren Meiſters herabrollte, als er an einem der ſchönſten Frühlingsmorgen des Jahres 1627 an der Seite ſeiner bleichen Angelika ſtand, die ihre Morgenarbeit beginnend, ſtill und leidend am Fenſter ſaß. Ein halb freudig halb ſchmerzlicher Zug flog über ihre Lippen, als ſich jetzt die Thüre öffnete und Georg hereintrat.— Finſter vor ſich blickend trat der Geſelle, ſeinen Meiſter und das Mädchen be⸗ grüßend, auf erſteren zu. Wortkarg und einſilbig wie immer, verbeugte er ſich.„Meiſter,“ ſagte er, „gebt mir den Abſchied.“ „Hoho, Jürge,“ entgegnete Meiſter Reinhold betroffen,„was ſicht Dich an— gefällt's Dir nicht mehr in meinem Hanſe?“— Georg ſchwieg, aber ſeinem Ange entging nicht die Todtenfarbe auf dem Antlitze Angelikens, welche ihre Hände wie von der Arbeit ermüdet in den Schooß ſinken ließ. „Weiß wohl,“ nahm jetzt Meiſter Reinhold das Wort,„weiß wohl, daß Du mit den Katholiſchen, beſonders ſeit der Metten in der Weihnacht nicht gut ſtallen magſt; aber dieſe Beſchwer wird Dich fürder nicht mehr moleſtiren, ſintenmalen der katholiſche Altgeſelle, der mir die andern aufhetzt, den Laufpaß hat; auch den andern kann das geſchehen; Du aber, mein Sohn, darfſt mir das nicht anthun,“ ſetzte et mit einem beſorgten Seitenblicke auf Angelika hin⸗ zu—„Du ſtehſt meinem Hauſe näher, und biſt ſeit dem Augenblicke, wo Du am Jahresfeſt unſerer Gilde der Ritter meiner Tochter wurdeſt, ſo zu ſagen ein Glied meines Hauſes geworden.“—„Ich dank Euch, Meiſter,“ entgegnete Derfflinger bewegt,„o ich dank Euch für all' die Liebe und Freundſchaft, die ich in Eurem Hauſe fand, und ich für das bißchen Dienſt, das ich Euch am Jahresfeſt unſerer Gilde er⸗ wieſen habe, gar nicht verdiene; ich weiß es, daß ich es nirgends mehr ſo gut haben werde, als in 127 Eurem Hauſe— aber ſcheltet mich nicht aus, ich kann nicht bleiben auf der Stelle, wo es mir enge wird wie in einer Tonne; hinaus, hinaus treibt es nich in die Welt, fort, fort muß ich, denn ich fühle es, hier iſt kein Raum für mein heiß ſiedendes Blut.“— „Georg!“ ſagte der Alte, freundlich des Jüng⸗ lings Hand faſſend,„findeſt Du denn auf dieſem Boden keine Blume, die Dich anlächelt, hält Dich nichts zurück, was zu Deinem Herzen ſpricht? Wirſt Du in weiter Ferne auch Herzen finden, die Deinen Werth erkennen, und—“ „Wer, wer ſollte auch den armen Schneider an ſein Herz drücken, mich, der ich von Jugend auf an der Hand des Kummers und der Noth durchs Leben ging, und es nur der großmüthigen Laune eines Hochmüthigen verdanken muß, daß ich noch am Leben bin,“ ſagte bitter lächelnd der Jüngling. „Wer?“ fragte der Alte, indem er ſein Antlitz dem Fenſter zuwandte, woher lautes Schluchzen er⸗ tönte; denn in einen Strom von Thränen ausbrechend ſprang Angelika, die liebliche Jungfrau, vom Seſſel auf, und verließ, an Georg und dem Alten vorüber eilend, das Zimmer. Georg ſtand bleich und wie vom Blitz gelähmt. 128 „Nun Du die Antwort in Thränen geſehen haſt,“ ſagte der Alte, ſeine Hand ſanft auf die Schulter des Jünglings legend,„nun darf ich auch ohne Scheu und Rückhalt, wie det Vater zu ſeinem Sohne reden. — Georg!“ fuhr er fort,„Georg, Du biſt ein ehr⸗ liches Landeskind aus Oeſterreich ohne Trug und Falſch, die Wahrheit ſteht auf Deiner Lippe geſchrie⸗ ben, und wie Du fühlſt, haſt Du ehrlich ſtets zu mir geſprochen, darum ziemt mir auch ein offenes Wort Dir gegenüber— Mann gegen Mann, ſo war es ſtets meine Art.“ „Redet, Meiſter,“ ſprach Georg halblant, Pur⸗ purröthe aber färbte ſein Geſicht, er ahnte die Worte, die da kommen würden aus dem Herzen des alten Mannes.—„Redet,“ wiederholte er,„und ſeid gewiß, daß ich eben ſo offen Euch erwiedern werde, was ich muß.. „Du weißt,“ fuhr der Alte nicht ohne innere Beklemmung fort,„Du weißt, ich bin durch des All⸗ mächtigen Segen und meiner Hände Arbeit ein rei⸗ cher Mann geworden, meine Säckel ſind gefüllt, aber mein größtes Kleinod iſt mein einziges Kind meine Angelika,— dieſen Schatz an einer würdigen Bruſt prangen zu ſehen, war und iſt mein Wunſch —— nun ich glaube, das Mädchen hat gewählt..“ 129 Der Alte hielt hier eine Weile inne; er ſchien eine Antwort aus dem Munde ſeines jungen Freun⸗ des zu erwarten. „Hat gewählt!“— wiederholte Derfflinger ton⸗ los, und ſein Auge an den Boden heftend.— „Du kannſt Dir wohl denken,“ fuhr der Alte fort,„daß mir, dem ſorgſamen Vater, die erſte Liebe meines Kindes, dieſes heiligſte Gefühl des Menſchen⸗ herzens nicht entgehen konnte—— Georg.. ich billige dieſe Wahl meines Kindes vom ganzen Serzen Der Alte ſchwieg. Georg auch— eine peinliche Pauſe folgte der Rede des Meiſters. „Georg,“ nahm der Alte wieder das Wort; „ich weiß, Du biſt arm; Dein Zartgefühl will die Worte zurückdrängen, die Du, um die Hand der rei⸗ chen Meiſterstochter zu erbitten, machen müſſeſt; Du willſt hinaus in die Welt, willſt Dir zuerſt ein Haus und Herd erringen, um Dein Weib einführen, und ſelbſt nach Manneswerth ernähren zu können—— o ich weiß wohl dieſen Zartſinn zu würdigen, der da den Ban erſt vollends aufführen will, ehe er deſſen Gipfel mit der ſchönſten Zierde des grünen Maibaumes ſchmückt— aber rechne es dem Vater⸗ herzen zu Gute, wenn es das einzige Kind nicht lei⸗ den ſehen will—— Angelika liebt Dich, und glüht 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein I. 9 130 für Dich—. wohlan, nimm das Mädchen hin und meinen beſten Segen, und werdet beide die Stütze meines Alters, das ohnehin ſchon mit Rieſen⸗ ſchritten vorwärts eilt!“ Der Alte warf ſich erſchöpft in ſeinen Lehnſeſſel.— Georg, der ſtarke Georg, der auf dem Hammer⸗ felde furchtlos dem Nachrichter ins Auge geblickt hatte, und um das Richtſchwert für ſich, den Vater zu retten, gebuhlt hatte— ſtand jetzt zitternd, bleich ind kraftlos vor dem redlichen Meiſter der Gilde, vor dem Vater der ſchönen Angelika— deren Hand und Erbe Hunderten als das höchſte Glück erſchienen wäre, und das Wort erſtarb ihm auf ſeinen Lippen.— „Vater!“ ſtammelte er und ſank vor dem Alten nieder, indem er ſein von Neuem erglühendes Ant⸗ itz in deſſen Hände barg.— „Mein Sohn!“— rief der ehrwürdige Greis ihn mit dem Ausdrucke der innigſten Liebe an ſein Herz drückend.—— Aber Georg richtete ſich jetzt euf und ſtand gleich einem kampfbereiten Fechter der blrena mit freier Stirne und entſchloſſener Haltung da. „Vater!“ rief er,„ja, der ſeid Ihr, o mein edler Herr und Meiſter, der Ihr mir, dem Fremdlinge und Unbekannten, mir, der ich nicht einmal vor dem Altar des Herrn mit Euch Gemeinſchaft machen darf, weil 131 mich Eure Satzungen als Ketzer verdammen, mit ſo vieler Liebe entgegenkommt—— o wie tief em⸗ pfinde ich dieſe Liebe! Aber eben weil ich ſie empfinde, will ich Euch nicht täuſchen, weil ich nicht mit dem Kleide der Lüge von Euch ſcheiden mag, ſo muß ich jetzt, jetzt in dieſer furchtbarſten Stunde meines Le⸗ bens vor Euch offen und wahr ſein, ſo wahr wie ich es ſein würde, riefe mich Gott der Allgerechte jetzt vor ſeinen Richterſtuhl.“ Meiſter Reinhold blickte dem Jüngling mit Theilnahme und Beſorgniß ins Auge. „Meiſter!“ fuhr dieſer fort,„Euer Kind, Euer engelgleiches Kind iſt ein Kleinod, ein reines grünes Blatt, eine Blume des Paradieſes, die aus der Hand des Schöpfers fiel, als er einen Engel bilden wollte; o wie glücklich muß ihr Beſitz jenen machen, der dies reine Weſen einſt vor den Altar des Herrn führen wird—— Aber mein Herr und Meiſter, nur eine freie Hand darf der freie Mann der auserwählten Lebensgefährtin ſeiner künftigen Tage entgegenſtrecken, und— meine Hand iſt nicht mehr frei!“ Jetzt gedachte der trene Jüngling ſeiner geliebten Marie im Stadtrichterhauſe zu Linz; er ſchilderte dem alten Meiſter mit der ganzen Beredſamkeit der erſten Liebe ſeine Neigung zu Marien, der lieblichen Roſe von 9* 132 Linz, und erzählte ihm, wie er dieſer Treue für dies Leben gelobt habe und dieſe wahren wolle, für immer; wie er wohl wiſſe, daß die Bahn noch eine weite, weite ſei, die ihn einſt zum Ziel führen würde, wie er für jetzt an eine Verbindung mit ſeiner Erwählten gewiß nicht denken könne, wie er aber Kraft unb Muth in ſich fühle, das Wort, das er als Jüngling gegeben, auch als Mann zu löſen, und ſein einſtiges Glück zu erringen glaube, wenn er den engen Kreis der Werkſtatt verlaſſe und zu dem Schwerte greife, mit dem ſich in jetziger Zeit ſo mancher eine Bahn gebrochen für alle Zukunft.— Meiſter Reinhold hörte die Rede des jungen Schwaärmers ruhig an;— nur die Liebe zu ſeinem Kinde hatte ihn zum Freiwerber deſſelben bei Georg ge⸗ macht;— angenblicklich den Standpunkt wieder erfaſſend, auf dem er nun Georg gegenüber ſich be⸗ fand, behauptete er auch ſchnell wieder ſeine Würde. „Nun,“ ſagte er ruhig,„ſo muß meine Tochter vergeſſen lernen, daß Du der Gegenſtand ihrer erſten Liebe biſt. Ich ehre, mein Sohn, Deine edle und des Mannes würdige Geſinnung, bleibe ihr treu durch Dein ganzes Leben— und vergiß, was ich heute zu Dir ſprach; Du magſt morgen reiſen, doch ich werde auf kurze Zeit meine Werkſtätte verlaſſen, um 133 dem Gemüthe meines Kindes durch die Zerſtreuung einer Reiſe nach Magdeburg, zu ihrer Muhme, Hei⸗ lung zu verſchaffen. Den Gegenſtand unſerer Unter⸗ redung darf Angelika nie erfahren.— Zehntes Capitel. Schneidercourage. Die Lerche wirbelte hochaufſteigend dem Herrn ihr Lied, die ſtrahlende Ampel im großen Dome der Natur zog empor, das graue Nebeltuch riß über dem Silberbeete des Stromes entzwei, und in tauſend und tauſend Funken ſpielend tanzten die Wellen der ſchönen Elbe über die Böhmengrenze in die ſächſiſche Schweiz hinab. Die Thurmuhr des Städtchens Leitmeritz rief die dritte Morgenſtunde herab und der Nachtwächter auf der Straße rief ſie nach. Thiere und Menſchen ſchliefen— um mit Licht⸗ wer zu reden, noch feſt, ſelbſt der Hausprophet ſchwieg noch— nur auf dem breiten Strohlager in der Schenke des Bärenwirthes warf ſich ein unruhiger Geſell hin und her, als ob böſe Träume ſein Hirn erfüllten.— Georg Derfflinger, der Schneidergeſelle aus Oberöſterreich war's, der in ſeinen traumartigen Phantaſien bald den Kopf bald den Rücken ſeines nebenanſchlafenden Wanderkameraden Auguſtin Foſter unſanft berührte, bis dieſen endlich die Unruhe ſeines Schlafgenoſſen zu beläſtigen begann, und er halb ſchlaftrunken den Kopf emporſtreckte, indem er fragte: „Haſt Du die Schneidercourage, Georg, oder biſt Du toll?“ Ein tiefer Seufzer, entrang ſich der Bruſt des Angeredeten. „Ach, Auguſtin,“ ſagte er halbleiſe,„was hatte ich doch für einen ſchönen Traum!“ „Ach laß mich, Du Träumer,“ erwiederte dieſer unwirſch, und warf ſich auf die andere Seite des Strohlagers wieder, mit Gott Morpheus anſpinnend, vor deſſen Umarmung er ſich nicht erwehren konnte. Wieder trat Windſtille ein, und die beiden Geſellen ſchliefen. Aber„Vorwärts! die Standarten empor, ein⸗ hauen!“ rief es wieder, und der feurige Träumer Georg, dem dieſer Ruf entfahren war, ſtieß wie zum Kampfe ausholend, diesmal den ſchnarchenden Kame⸗ raden ſo gewaltig in die Rippe, daß dieſer heulend emporſprang, und ſchlaftrunken die Fäuſte ballend auf ſeinen vermeintlichen Morder losfahren wollte, von 135 dem erwachenden Georg aber unſanft zurückgeworfen auf die Strohſchütte zurücktaumelte, daß ihm die Beine knickten. „Ruhig, Freund,“ tröſtete Georg den gequälten Schlafkameraden, der wiederholt auffahren wollte, „ich that es nicht gerne, und kann wahrlich nicht dafür, wenn Dir mein zu lebhafter Traum ein wenig Ungelegenheit bereitet, weißt ja, daß ich ſonſt eben kein Raufbold bin.“ „Der Teufel hole Dich mit Deinen Träumen!“ eiferte Anguſtin,„lief ich geſtern deshalb vierzehn Stun⸗ den lang in Staub und Hitze, um nicht einmal ein Stündchen ruhigen Schlafes an der Seite dieſes wüthenden Träumers genießen zu können?“ „Nun! nun,“ ſagte Georg begütigend;„höre nur erſt, welch ſtrahlendes Traumbild ich ſah, dann vergiebſt Du mir, mein Guter, wohl die kleine Stö⸗ rung Deiner Ruhe, ſieh, meine Seele iſt erhoben und mein Herz iſt geſtärkt durch das, was ich zwei⸗ mal heute im Traume ſah!“ „Nun das wird wohl was Apartes ſein,“ ſagte Auguſtin lachend, indem er ſich aufhorchend auf beiden Armen, die er rückwärts vor ſich ſtemmte, emporrichtete.„Nun, was haſt Du denn geſehen?“ „Ich ſah mich,“ erzählte Georg Derfflinger,„an 136 der Spitze jener Kernſchwadron blauer Dragoner, die geſtern Abends an der Straße neben uns vor⸗ überſprengten und uns zwei arme Schneidergeſellen mit dem Staube beſtreuten, in dem wir den über⸗ müthigen Reitern ausweichen mußten.“ „Oho!“— rief Auguſtin lachend„Nun?“ „Ich ſah mich als ihren General,“ fuhr Derff⸗ linger fort,„mit Eiſenhelm und Bruſtpanzer, mit Pallaſch und Pulverhorn hoch oben auf däniſchem Roſſe, die breite blaue Feldbinde um meine Bruſt gewunden, die verſilberten Sporen an meinen langen Reiterſtiefeln, und ein langer Knebelbart hing von meinem Kinn herab, ſo lang, daß ich drei Schnei⸗ derleins Deiner Größe daran hatte hängen können.“ „Dummer Schnack!“ ſagte Auguſtin unwillig; „glaubte ich doch, wer weiß, welche Wunderdinge Du mir erzählen würdeſt und nun—“ „Nun,“ fiel Georg ein,„iſt das nicht genug, daß ich General geworden bin, daß ich mich an der Fronte eines Regimentes ſah— o, wenn Du nur geſehen hätteſt, wie wir da auf offenem Felde in den Feind raſſelten und rechts und links um uns herum ſäbelten, wie der Schnitter in das Korn einhaut.“ „O hab' ich das auch nicht geſehen, ſo hab' ich es doch gefühlt,“ ſagte Auguſtin ſeine ſchmerzende 137 Rippe befühlend.„Nun ja,“ fuhr Georg fort,„bei dieſer Attaque magſt Du mir nun zu nahe gekom⸗ men, und von meinem Pallaſch getroffen worden ſein. Aber vergieb, wenn ich einmal General werde, ſollſt Du für jeden Stoß, den ich Dir bei der heutigen nächtlichen Affaire verſetzte, ein Stößchen ſächſiſcher Thaler erhalten, und gewiß mit mir zufrieden ſein; o laß mich nur erſt General werden!“ „Ja, dazu biſt Du geboren!“ ſagte lachend Auguſtin,„ein Ellenreiter wirſt Du bleiben, und ſo wenig ein General werden als ich einer bin,— und jetzt laß mich ſchlafen und träume auf Deine Fauſt— ſonſt bin ich früh nicht im Stande Dir zu folgen, und mein Bündel nach Sachſen hin⸗ abzutragen.“ Auguſtin Foſter drehte dem General in spe den Rücken zu, und ſchlief wieder ein; Derfflinger ſchloß gleichfalls ſeine Augen, und ließ nochmals ſein Traum⸗ bild vor ſeinem Geiſte vorübergehen.. ach er wäre gar zu gern General geworden, der arme, arme Schneidergeſelle! Mutter Natur war alſo vom Schlummer erwacht, und ſchmückte ihr grünes Kleid mit Myriaden Dia⸗ manten, die auf dem Wieſenteppiche des Elbeufers niederſtrahlten; durch die zerreißenden Nebeldecken 138 drangen die Sonnenſtrahlen gleich goldenen Lanzen⸗ ſpitzen, welche die Regenwolken wie Spinnengewebe von der blauen Decke des großen Saales fegten, in dem nun der junge Tag ſeine neue Wirthſchaft ein⸗ richten will. Mit luſtigem Hollarufe löſte der alte Fährman zwiſchen dem breiten Uferſchilfe ſeinen Kahn, um ſein Tagewerk zu beginnen, die blaue Fläche des Stro⸗ mes auf und abwärts zu durchlaufen, wie das Holz⸗ ſchifflein am Webeſtuhl hin und herfliegt, bis der Leinenverfertiger am Feierabende ſeine Hände ruhen läßt, und mit lachendem Auge und vergnügter Stirne das fertige Stück Arbeit überſchaut und den Lohn überzählt, den er dafür ſeinem Leinwandſäckel ein⸗ trichtert. Dem Rufe des emſigen Kahnführers antwortete jetzt der Ton einer Feldtrompete, deren luſtige Klänge von der Heerſtraße herüber ans Ufer ſchallten. Die herabſchießenden Sonnenblitze prallten dort von den metallenen Helmen einer Schwadron blauer Dragoner ab, welche auf braunen und weißen Holſteinern im kurzen Trabe ans Ufer heranſprengten, und dem alten Fährmann das Zeichen gaben, daß er ſie über⸗ führen müſſe. Der alte Charon ſtieg jetzt mit ſeinen langen Waſſerſtiefeln zwiſchen das lange Schilfgras herab, und löſte eine breite Plette, die aus ſtarkem Prü⸗ gelholz zuſammengebunden mit Baſt an einem Baum befeſtigt hing, von dieſem ab, um ſie der Breite nach für die Herren Soldaten zur Ueberfahrt am Ufer zurechtzulegen. Gleich einer aufſteigenden dunklen, vom Morgen⸗ ſchimmer mit Gold beſäumten Wolke trabte jetzt die Schwadron beim luſtigen Trompetenklange dem Strome zu.. „Halt!“ commandirte der Oberſt, indem ſein breiter Degen durch die Luft blitzte, und feſt wie eine Mauer ſtanden die kräftigen Geſtalten, Mann und Roß wie Brückenſäulen eines Römerbaues vor den tanzenden Wogen des ſtolzen Stromes. Dann ſenkte der Oberſt wieder ſeinen Degen, die Trompete erklang, zehn Reiter ſprengten über das hohe Schilf auf die breite Plette, dieſe ſtieß vom Lande, und faſt eine Stunde verging, bis die ganze Schwadron übergeſetzt war. Jetzt ſprengte noch ein Haufen Nachzügler und an ihrer Spitze ein alter Wachtmeiſter heran, der bald die beiden Wanderburſche überritten hätte, welche mit ihren Ränzlein am Ufer ſtanden, und der Ueber⸗ ſchiffung der Soldaten zugeſehen hatten. 140 Der Wachtmeiſter mit ſeinen Reitern ſtand bald auf der Plette; jetzt traten auch die beiden jungen Burſche auf dieſelbe. „Wollt Ihr uns überführen?“ fragte der eine den Fährmann. „Zahlt erſt Euern Pfennig,“ antwortete dieſer. „Ei, verſteht ſich,“ antwortete Georg Derfflinger, der eine dieſer Burſche, indem er ſein mit den Pra⸗ ger Erſparniſſen wohlgefülltes Säcklein ziehen wollte. Aber leichenblaß zog er jetzt ſeine Hand aus der Taſche—„Fort! fort!“ rief er,„ich bin be⸗ ſtohlen.“ Faſt im ſelben Momente hatte auch Auguſtin nach ſeiner Baarſchaft geſucht— auch ſie war ver⸗ ſchwunden. Jetzt erinnerten ſich die armen Burſche, daß ſie die erſten Stunden der vergangenen Nacht bei offener Thür geſchlafen hatten.— Sie hörten nicht mehr, wie ihnen der Fährmann ſeine Frage nach dem Fahrpfennige wiederholte; in wenigen Minuten ſtan⸗ den ſie in der Wirthsſtube, wo ſie übernachtet hatten; aber blos höhnendes Gelächter ſetzte der Inhaber dieſer Schenke ihrer Beſchwerde entgegen;„jeder Gaſt möge ſich ſelbſt ſein Eigenthum wahren,“ lautete 141 ſeine Rede; er könne für nichts haften und der⸗ gleichen mehr. Traurig und voll Unmuth ging Georg Derff⸗ linger, laut klagend ſein ſchwachmüthiger Gefährte wieder zum Strome hinab. Hier hatte der Fährmann eben ſeinen Kahn losgebunden, um ihn ſtatt der ſchwerer lenkbaren Plette, die er zur Uberſchiffung der Schwa⸗ dron benützt hatte, für die Ueberſetzung einzelner Rei⸗ ſender zu benützen, während abermals ein Haufen gegen den Strom herabritt. „Wir ſind wirklich beſtohlen, guter Freund,“ ſagte Derfflinger zum Fährmann,„auch nicht ein Pfennig iſt unſer Eigenthum, aber wir hoffen von Eurer Güte, daß Ihr ein Paar Landsleute, die wir find, gerne auch ohne Fahrgeld überführen werdet — unſer deutſcher Händedruck wird Euch's lohnen!“ „Oho!“ entgegnete der alte Charon,„das wäre ja eine funkelnagelneue Erfindung; glaubt Ihr win⸗ digen Tagediebe denn, daß ich hier nur ſo zum Ver⸗ gnügen herumfahre? o da irrt Ihr gewaltig. Kein Pfennig, keine Ueberfahrt!“ Damit warf er ſein Ru⸗ der in den Kahn, und kauerte ſich, lachend, und beide Arme auf die Ellbogen ſtützend auf dem Quer⸗ brett des Kahnes nieder. 142 „So ſchwimm ich durch den Strom!“ rief Georg ungeduldig. „Das könnt Ihr verſuchen,“ ſagte lachend der Fährmann,„das könnt Ihr verſuchen, wenn Ihr er⸗ trinken wollt, der Schwall hat hier noch keinen hin⸗ übergelaſſen.“ Georg ſtand unſchlüſſig. Auguſtin aber hob ſein Ränzel, das er früher abgeſchnallt hatte, wieder auf ſeinen Rücken.„Wir thun am beſten, Georg,“ ſagte er,„wenn wir nach Leitmeritz zu dem Meiſter zurück⸗ kehren, der uns geſtern Arbeit anbot; vielleicht ent⸗ decken wir den Dieb unſers Geldes leichter, wenn wir im Orte bleiben, wo uns das Ungluͤck betraf.“ „Du magſt bleiben,“ entgegnete Georg ent⸗ ſchloſſen.„Ich gehe über den Strom, und wenn es Pfeile auf demſelben regnen ſollte; kann ich ohne Geld nicht hinüberkommen, ſo halte ich mich an den Schweif eines Roſſes, wie ſie dort zur Pletten herabtrotten... „Bravo, Burſche, Du biſt mein Mann; Muth bricht Eiſen, und ſchneidet Schiffstau entzwei,“ ſchallte es jetzt hinter den Sprechenden. Der Dragoner Wachtmeiſter, welcher mit einem nenen Zuge ans Ufer geritten kam, und dem Handel eine gute Weile zugehört hatte, berührte mit derbem 143 Handſchlage die Schulter des Juͤnglings.„Brauchſt Dich nicht an den Schweif des Roſſes zu klammern, kannſt mit Deinen ſtattlichen Läufen auf dem Roſſe ſizen— da nimm die Zügel, und ſchwing Dich hinauf“— ſagte er. „Du willſt mich alſo ohne Geld nicht hinüber⸗ ſetzen?“ fragte Georg den Fährmann nochmals. „Euer Biegeleiſen und Eure Scheere ſind mir zu ſchwer,“ entgegnete dieſer lachend. „Nun denn, ſo mögen ſie unterſinken und im Schlamm liegen, bis ſie am jüngſten Tage irgend ein deutſches Schneiderlein wieder herauszieht;“ rief Georg mit flammendem Auge;„ich aber will nicht länger ein Gewicht mit mir tragen, das mich zu Boden zieht, wohin ich immer meinen Fuß lenke. Fort Nadel! fort Scheere! fort Biegeleiſen! fort dieſer Bündel, der mich hindert, vorwärts zu ſchreiten, und mir mit beiden Fäuſten Bahn zu brechen.“ Weithin in die Elbe ſchleuderte er jetzt ſein Bündel ſammt Nadel und Scheere, ſammt Tuch und Lappen. „Schwimm,“ rief er,„ſchwimm du letztes Ei⸗ genthum eines deutſchen Schneidergeſellen, ſchwimm hinab in das deutſche Meer, und warte zwiſchen irgend einem Uferſteine bis ich dich wieder hole, 144 wenn aus meiner Nadel ein Schwert, aus meinem Biegeleiſen eine Muskete geworden iſt!— Arm und frei ſteh ich jetzt da, wie ein einſamer Baum ohne Blatt und Blüthe, aber Muth hab'ich mit den Blitzen zu ſpielen, und mit dem Sturme zu kämpfen!“ Nach dieſem tönenden Selbſtgeſpräche trat der wackere Schneidergeſelle auf den ihn lächelnd und wohlwollend betrachtenden Wachtmeiſter zu, und drückte die Fauſt deſſelben mit einem tüchtigen Hand⸗ ſchlage. „Wollt Ihr mich?“ fragte er. „Es gilt, Burſche!“ entgegnete der Reiter ein⸗ ſchlagend.„Du biſt unſer!“ i„Gehſt Du mit, Auguſtin,“ rief Georg ans fer. Auguſtin Foſter, dem dies Spiel nicht im min⸗ deſten behagte, war bereits ſoldatenſcheu nach ein⸗ wärts gelaufen, die Stimme ſeines Kameraden er⸗ reichte ihn nicht mehr... Jetzt drückte Georg Derfflinger einen ſchönen Helm von blaulichtem Eiſenbleche, den der Wacht⸗ meiſter füͤr ihn vom Sattel abgeſchnallt hatte, auf ſeine dunklen Locken. „Vorwärts, Fährmann!“ rief er im Commando⸗ tone,„willſt Du mich fahren?“ 145 „Ei, das verſteht ſich, Herr Recrut,“ entgegnete kleinlaut Freund Charon— und die Plette mit dem Zuge der blauen Dragoner ſtieß vom Lande; Hanns Georg Derfflinger, der junge Reitersmann trank die Luft der Freiheit mit langen Zügen und prüfte ſeinen Arm, indem er mit dem blitzenden Schwerte, welches ihm der Wachtmeiſter behändigt hatte, die Luft durchhieb, als hätte er ſein Lebtag nur die Klinge geführt...... Eilftes Capitel. An der Donau ⸗ Im ſchönen Oberlande Oeſterreichs, wohin wir den Blick zurückwenden, hatte inzwiſchen der Tod ſeine blutige Ernte gehalten. Düſter und bang ſtanden im Juni des heißen Jahres 1626 die Bürger von Linz auf den Wällen der Stadt. Hoch flatterte dort die Fahne der Bauernſchaft; mit großen Lettern ſchrieben ſie darauf: „Weils gilt die Seel' und auch das Blut, So gab uns Gott einen Heldenmuth: Es muß ſein! 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 10 146 Vom bairiſchen Joch und Tyrannei, Und ſeiner großen Schinderei ei uns, o lieber Herr Gott, frei! Weil es dann gilt die Seel und Gut, So gilt's auch unſer Leib und Blut, Gott, gieb uns einen Heldenmuth, Es muß ſein!“ Graf Herberſtorf hatte den Bauern gleich An⸗ fangs eine unglückliche Schlacht an der ſogenannten Hörlesmühle zwiſchen Peuerbach und Waitzenkirchen geliefert, welche vorzüglich dadurch verloren ging, daß jene Landlente, welche ihm ſeine Kanonen führten, die Stränge abſchnitten, und waldeinwärts die Flucht nahmen. Vergebens waren alle Unterhandlungen;— ſiebenzig Tauſend Köpfe brannten im Lande ob der Enns; an ihrer Spitze ſtand der ,braune Huterer⸗ von Aſchach, Stefan Fadinger. Mit ſeinem finſtern ſtrengen Auge und falben Antlitze, von ſchwarzen ſchlichten Haaren umſchattet, in ſeiner braunen Bauernjacke, den runden Federhut auf dem Haupte, den Kugelſtutzen in der Rechten, den gewaltigen Flammberg an den Lenden, ſtand er am 24. Juni des Jahres 1626 vor den Mauern von Linz, wo die bangen Bürger Alles aufboten, um dem Sturme der Bauernſchaft Vertheidigung entgegenzuſtellen. 147 Fadinger ließ vor Allem der Stadt die Zufuhr abſchneiden, Herberſtorf, ſein Erzfeind dagegen ließ alle Fourage aus den Vorſtädten in die Stadt brin⸗ gen, den Soldaten ſtatt zwei Pfunden Brod nur eines nebſt einer Kanne Wein täglich verabreichen, allen Mehlvorrath verwahren, Holz, Kohlen, Lunten und viertauſend Eimer Wein ins Schloß bringen, die Bürger aber in Corps eintheilen, und die Stadt⸗ thore verrammeln, im Schloſſe aber Batterien auf⸗ werfen. Jetzt ſtand er in ſeinem großen Saale, ange⸗ than mit der vollen Rüſtung eines churfürſtlichen Generals und Obercommandanten, die blauweiße Schärpe über ſeinem Koller, das breite Schwert an der Lende, umgeben von ſeinem Stabe und den meiſten Vertretern der Landſchaft, dann dem Stadt⸗ richter Hanns Georg Schröckinger und ſeinen Be⸗ gleitern. „Und ſo fordere ich Euch denn auf,“ ſchloß er ſeine volltönende Rede,„als ehrliche Leute mit mir zu ſtreiten und zu ſterben— und da jeder von Euch weiß, was für ein Schickſal uns erwartet, wenn wir den feuerſprühenden Bauern in die Hände fallen, ſo habe ich, Ihr Herren, in den Gewölben des Schloſſes Pulverfäſſer zurechtſtellen ſſen⸗ bei 10 148 denen ein Geſchützmeiſter mit brennender Lunte ſteht, um uns, ſobald die Bauern das Schloß erſteigen, ſammt dem alten Schloſſe in die Luft zu ſprengen.. das iſt ein cavaliermäßiger Tod ſollt ich meinen!“ Erbleichend hörten die Herren von der Tafel⸗ runde des Landes die Rede des Statthalters, und die runden Scheiben der hohen Bogenfenſter erklirrten jetzt von dem wilden Hallorufe der anmarſchirenden Bauernſchaft, die in hellen Haufen und mit fliegen⸗ den Fahnen über den Martinsberg gegen das Schloß zogen. Aber hoch von der Zinne des Schloſſes wehte ihnen die von Herberſtorf ausgeſteckte Blutfahne, ein ſchauerliches Symbol ihrer Zukunft entgegen. Noch glaubten die Stände unterhandeln zu können, ſpät Abends ſandten ſie ihren Boten, einen gewiſſen Mitterndorfer mit einem Abmahnungsſchreiben an Fadinger— aber der Huterer von Aſchach erwie⸗ derte den Herren Ständen;er bitte gehorſamſt dienſt⸗ und freundlichſt, den ermeldeten Adamen von Herberſtorf mit ſeiner Perſon heraus⸗ zu ſtellen, die drinnen liegenden Soldaten mit Sack und Pack und ihren Seitengewehren abziehen, die Stadt überantworten, und fünfzig ehrliche Mann als Geißel den Bauern erfolgen zu laſſen, ſo pari passu 149 auch von ihnen geſchehen ſolle; die Stände ſollten ſich, ſo wie die Bürger, Bauern und Inwohner von Linz ſammt Weib, Kinder, Hab und Gut salva guardia nach Wels oder Ebelsberg begeben, und dies Anerbieten mit der Trommel öffentlich zu jedermänniglich Wiſſen publicirt werden; widrigens die Bauern an der Ruine der Stadt Linz unſchul⸗ dig, und bei Ihrer kaiſerlichen Majeſtät allerdings ungegolten ſein wollten“... Gleichzeitig forderte Fadinger die Adeligen und die Bauern auf, ſich mit ihm zu vereinigen. Die Stände antworteten hierauf in einer eben ſo klugen als meiſterhaften Zuſchrift, daß ihnen über den Statthalter keine Jurisdictivn oder Ge⸗ walt zuſtehe, da er mit ihnen und dem Lande, nicht aber ſie mit ihm zu ſchaffen hätten; daß es für die Bauern als Unterthanen, gebühre, den Erfolg ihrer bereits nach Wien geſendeten Friedens⸗Commiſſäre abzu⸗ warten, und ſie ſich nicht unterſtehen ſollten, in eigener Sache Richter ſein und nach Scepter und Schwert greifen zu wollen, welches nur der weltlichen und geiſtlichen Obrigkeit zuſtände. Religion und Gewiſſens⸗ ſachen ließen ſich nicht durch Gewaltthaten vertheidigen, ſelbſt harten und wunderlichen Obrigkeiten müſſe man nach der Lehre der Schrift gehorchen und ſie 150 ehren; die Stadt Linz ferner, ſei Eigenthum des Landesherrn, den Ständen gehöre nur das Land⸗ haus und ihre Wohnungen;„eine Publicativn mit der Trommel, wegen Uebergabe der Stadt Linz könne ihnen daher nicht zugemuthet werden; eben ſo wenig, als daß ſie aus dem hhochprivilegirten Landhaus, wo ihre Freiheiten und andere hochwichtige Sachen verwart ſeien, weichen würden; ſie befänden ſich der Landeswohlfahrt wegen beiſammen und fürchteten alſo keine Gewaltthätigkeiten von der Bau⸗ ernſchaft; ſie ermahnten die Bauern überdies, den kaiſerlichen Gnadenweg zu ergreifen, ihr zeitliches und ewiges Wohl nicht länger mehr aufs Spiel zu zu ſetzen, ſich vor ſpäter Reue zu wahren, und von friedhäſſigen Leuten nicht verführen zu laſſen, indem ſie ſchwerlich glauben könnten, daß ſie zuletzt gegen ſo mächtige Potentaten(wie der Kaiſer und Churfürſt) durchdringen, und am Ende, wie die Geſchichte es in allen ähnlichen Fällen nachweiſe, ihres ungerechten Krieges muͤde werden würden; endlich proteſtirten ſie, wenn alle ihre Mahnungen vergeblich wären, daß ſie vor Gott dem Allmächtigen, der römiſch kaiſerlichen Majeſtät, dem ganzen hochlöblichen Hauſe Oeſterreich, Ihrer Churfürſtlichen Durchlaucht in Baiern, vor der ganzen werthen Chriſtenheit, an allen Enden und 151 Orten der Welt, wo ſolches erſchallen werde, jetzt als dann und dann als jetzo entſchuldiget, und ſo⸗ wohl für der geſammten Stände, als auch ihre Perſonen, ihre Erben und Nachkommen allen daraus erfolgenden Nachtheiles, Schaden, Untergangs und Verderbens unentgolten ſein wollten. Auf dieſes kernige Patent der Stände vom 26. Juni 1626 antwortete Fadinger einfach, daß es bei ſeinem vorigen Schreiben ſein Bewenden habe, daß die Stände und die evangeliſche Bürgerſchaft,zum Ueberfluß noch erſucht würden, vor Anbruch der Nacht den Statthalter auszuliefern, oder ſich mit den ihrigen aus der Stadt zu begeben, wornach ihnen die Bauern alle Sicherheit zuſagten, daß ſie den Statthalter als Gottes und ſeines armen Häuf⸗ leins im Land höchſten Feind anſehen, und alle Ver⸗ antwortlichkeit des noch Kommenden von ſich wälzen müßten. Unterzeichnet war dieſes Antwortſchreiben mit:„Stephan Fadinger, Oberhauptmann und ain erſame Gmain und Bauernſchaft des chriſtlichen evangeliſchen Veldlagers in Linz. Nochmals ermahnten die Stände durch den Ueberbringer des vorerwähnten Schreibens die Rebellen zum Frieden, aber Alles blieb fruchtlos. Traurig und bange kehrte daher der ſonſt ſo 152 ſtarkmüthige Stadtrichter Hanns Georg Schröckinger am 29. Juni Mittags in ſeine Wohnung am oberen Waſſerthore zurück— denn ihm bangte nicht für ſeine Perſon, nein, die liebliche Marie, die Roſe von Linz war es, deren Schickſal ein trauriges war, wenn es der wüthenden Bauernſchaft gelang, die Mauern zu überſteigen und Linz zu plündern.— Aber ſchon hatte ſich ein hilfreicher Arm im Hauſe eingefunden. Lächelnd und freundlich trat dem bekümmerten Stadtrichter auf der Hausflur Herr Achaz Willinger, der Herr von der Au und Hinterdobl entgegen. Lächelnd bot er ihm die Hand und fragte, woher er komme. „Wo ich Euch vermißte, Herr,“ entgegnete der Stadtrichter, finſter vor ſich ſchauend. Verlegen blickte Herr Achaz zu Boden. „Ihr wißt, Herr Stadtrichter,“ ſagte er,„daß ich und Graf Herberſtorf zwei ſich kreuzende Klingen ſind, deren jede für einen andern Zweck aus der Scheide fährt, er iſt Baier, und ich bin—“ „Bauer,“ ſiel der Stadtrichter mit Be⸗ tonung ein,„das heißt, nämlich, Ihr ſeid Bauer unter den Bauern, und macht fleißig ihren Gerhab und Vormund in der Schenke ſowohl als am land⸗ 153 ſtändiſchen Rathstiſche; geht doch in Linz die Kunde, daß Ihr Euch ſchon als Hauptmann im Bauernlager zu Weiberau an die Spitze einer Rebellen⸗Rotte ſtelltet, und nimmt es mich doch Wunder, daß Ihr den Weg in die Stadt finden konntet, wo Alles von des Statthalters Soldateska wimmelt.“ „Herr Achaz! Herr Achaz!“ ſetzte er kopfſchüt⸗ telnd hinzu,„Ihr geht auf glattem Wege, ſeht Euch vor, daß Ihr nicht über das Schwert des Statt⸗ halters ſtolpert, und ſucht bei Zeiten über die Stadt⸗ mauer zu kommen, denn auch im Hauſe des Stadt⸗ richters ſeid Ihr nicht ſicher.“ „Dafür iſt geſorgt,“ entgegnete der Willinger lachend—„wenn wir uns treffen, ſo dürfte der Graf leicht den Kürzern ziehen, nun aber zur Sache. Ich komme, Herr Stadtrichter, Euch in dringender Gefahr meine Dienſte anzubieten.“ „Ihr wißt, das Landvolk iſt ſchwierig, der Sturm brauſt näher und näher heran, und bald dürfte das Land ob der Enns und ſeine heitere Hauptſtadt zum Wahlplatze werden, wo der Bürger und der Bauer zuſammentreffen...“ „Dann wird Hanns Schröckinger, der Stadt⸗ und Bannrichter von Linz,“— entgegnete dieſer— „der Sache ſeines Kaiſers und Herrn eben ſo dienen, 154 wie er ihr bisher ohne Unterſchied der Perſon, und des Anſehens gedient hat, und das Schwert der Gerechtigkeit, welches der Stadtrichter von Linz mit Ehren trug, wird auch dann die Goldlettern ſeines Namens im ungetrübten Glanze tragen.“*) Ein bedeutungsvoller Blick des Stadtrichters begleitete dieſe Worte; der Willinger verſtand ihn gar wohl,— denn gerade in ſeinem Wunſche und Zwecke lag es, ſich mit dem Hauſe des Stadtrichters in die innigſte Verbindung zu ſetzen, damit, wenn die Bahn zu weit abwärts führe, und wider alle Erwartungen auf ihn ein Theil der blutigen Zeche, die der Bauer bezahlen würde, zurückfiele, er im Senate des ſtrengen Stadtrichteramtes die gewaltige Stütze für ſich habe. Ging es dem Herrn von der Au und Hinterdobl doch wie dem ungerechten Haushalter im Evangelio, der ſich ſeine Freunde ſammeln wollte, ehe denn er die Rechnung zu machen hatte.. Mit freundlicher Miene, und ſeine große Be⸗ geiſterung für das Stadtrichterhaus verſichernd, trug *) Dies Schwert befindet ſich noch in der Rüſtkammer des vaterländiſchen Muſeums zu Linz. Es mißt 5 Fuß, und trägt in Goldbuchſtaben die Inſchrift: Hanns Georg Schröckinger, Stadt⸗ und Bannrichter von Linz. 155 nun der Willinger die Bitte vor, daß Herr Schrök⸗ kinger nun nicht länger zögern und ihm die ſchöne Marie zum Weibe geben wolle, wie er es vor einem Jahre verheißen hatte. Aber der ehrſame Stadtrich⸗ ter, dem das Benehmen des Willinger ſeit Jahres⸗ friſt kein Räthſel geblieben war, und der deſſen Ver⸗ kehr mit ver unruhigen Bauernſchaft nunmehr nur zu wohl kannte, entgegnete, daß er allerdings ſein Wort zu halten bereit ſei, für jetzt aber bitten müſſe, daß der Hert von Hinterdobl und der Au alle Hoch⸗ zeitsgedanken bis zur Beendigung der Bauern⸗Revolte verſchieben möge, weil ſich beim Knalle der Kugeln wohl kein Hochzeitslied anſtimmen ließe.— Der redliche Stadtrichter liebte ſeine Tochter zu ſehr, um nicht in den ſtillen Thränen zu bemerken, welche ſeit der Begebenheit am Kamin und Georgs Verſchwinden nur zu häufig ihr Auge füllten, aber eben um dem Dinge eine ernſte und befriedigende Wendung zu geben, und einer thörichten Jugendliebe mit einem Streiche ein Ende zu machen, würde er eine Verbindung mit dem reichen und angeſehenen Herrn von der Au und Hinterdobl gar gerne geſehen haben, hätte ihn die offenkundige Hinneigung Wil⸗ linger's zu der ſich empörenden Bauernſchaft nicht zur Behutſamkeit aufgefordert. 156 Unbedingt und tief empört, wies er daher auch das Anerbieten Willinger's, ſich von dieſem ſammt Marien aus der Stadt geleiten zu laſſen, und auf dem Landgute Willinger's den Ausgang der Belage⸗ rung abzuwarten, zurück, indem er wiederholt erklärte, „daß der Stadt⸗ und Bannrichter von Linz ſich auf den Trümmern der Stadt begraben müſſe, wenn es nothwendig wäre.“ Aber auch der ſtolze Willinger durchſchaute das Mißtrauen des Stadtrichters. „So tragt Euer Schickſal, das Ihr Euch ſelbſt bereitet haben werdet, wenn Fadinger die Mauern von Linz überſteigt.— Hört Ihr, Herr Stadtrichter,“ rief er,„hört Ihr das Knattern der Musketen der an den obern Schanzen plänkelnden Bauern.— Lebt wohl,“ rief er,„auf den Trümmern von Linz ſehen wir uns wieder!“„Wo die Landesverräther ihr Gericht finden werden,“ rief ihm der Stadtrichter nach.— Der Willinger rannte wüthend dem Thore zu, aber leichenblaß, und wie vom Blitze gelähmt blieb er auf der Schwelle ſtehen— ein Trabant des Stabt⸗ halters brachte die große Kunde, daß Stefan Fadin⸗ ger der„Bauernherzog“ vor den Wällen der Stadt gefallen ſei... 157 Wie von Sinnen rannte der Willinger hinaus, er hatte eben noch Zeit, durch den einzigen Schlupf⸗ winkel des ſogenannten Schulerthürls aus der Stadt zu kommen, und auch dies würde ihm nicht mehr gelungen ſein, wäre nicht der Wachtpoſten jenes Stadt⸗ theiles durch die kaiſerliche Feldbinde Willinger's ge⸗ täuſcht, auf einen Augenblick zur Seite gewichen. Der ſtolze Fadinger war wirklich verwundet; er ritt nämlich am 29. Juni Abends um 5 Uhr von ſeinen Leibſchützen umringt, vor dem Landhauſe vorüber, um die dortigen Feſtungswerke zu beſehen; hoch blitzte ſein Flammberg in ſeiner Rechten, aber auch vom Landhauſe blitzte es aus dem Rohre eines Soldaten— ein Knall, und Fadinger's rechter Schen⸗ kel hing zerſchmettert an der Weiche des gleichfalls getroffenen und zu Boden ſinkenden Roſſes herab— der kugelfeſte Bauernkönig lag zum Tode getroffen in ſeinem Blute und kaum gelang es den ihn beglei⸗ tenden Bauern, ihn in die Vorſtadt— da, wo jetzt die Herrengaſſe in den Promenadeplatz mündet— hinauszuſchleppen.— Als die Soldaten, welche auf ihn gefeuert hatten, hinausritten, fanden ſie ſeinen Flammberg, ſeinen blutigen Sattel und ſeine Piſtolen. Dieſe Trophäen brachten ſie dem Statthalter, welcher 158 ihnen vor Freude über den Fall ſeines ärgſten Fein⸗ des augenblicklich hundert blanke Thaler aufzählte Fadinger's Verwundung entflammte natürlich die Wuth der Bauern: Kugel auf Kugel kam jetzt gegen die Stadtmauer geflogen, und bis ſpät in die Nacht hinein dauerte das Gewehr und Kanonenfener. Am nächſten Morgen erließen die Stände aber⸗ mals ein Abmahnungsſchreiben an die Bauern, worin ſie dieſelben aufmerkſam machten, doch ja nicht auf ihre Menge zu pochen, indem nichts unbeſtändiger ſei als der Pöbel. Der verwundete Fadinger ver⸗ langte einen Zuſammentritt der Stände in Steyr. Aber am Abende des 30. Juni zwiſchen 5 und 6 Uhr gewahrten die Burger von Linz plötzlich den rothen Hahn auf dem Hauſe zur eiſernen Hand, dann in der ſogenannten Eiringiſchen Wohnung, wel⸗ cher ſich blitzſchnell in die Lederergaſſe und auf den Wört an der Donau verbreitete. Ungewiß blieb es, ob die Bauern, oder die Soldaten Herberſtorf's den Brand dieſer Vorſtädte und Haͤuſer anlegten; aber die Soldaten in der Stadt benützten ihn zu einem Ausfalle am 2. Juli, wobei ſie viel Leder, Brod, Wein, Fleiſch und Speck erbeuteten. Fadinger's Verwundung und dieſer Brand 159 bewirkten eine kurze Waffenruhe, während welcher Unterhandlungen fortgeſetzt wurden. Mittlerweile hatten die Bauern im Mühl⸗ und Machlandviertel alle Schlöſſer erobert, in Neuhaus die Donau geſperrt, in Ottensheim unter ihrem An⸗ fuͤhrer Zeller ein großes Lager aufgeſchlagen, und von dort aus die Adeligen und Unterthanen des Landes ,bei Mord⸗ und Brandbedrohung“ zu ihren Rotten aufgeboten, allein nur die letzteren in ihre Reihen erhalten, da ſich die Adeligen, auf ihren dem Kaiſer geleiſteten Huldigungseid berufend, theils nach Wels, theils nach Steyr flüchteten. Vieles und großes Ungemach hatte vorzüglich die Veſte Freiſtadt zu erdulden. 4 Auf den Rath der Herren von Pollheim und Ingenreiter beriefen die Landſtände in Linz nun eine Commiſſion aller ſtändiſchen Glieder nach Steyr, weil die Bauern den Zuzug der letzteren in das be⸗ lagerte Linz verhinderten; man wollte in Steyr be⸗ rathſchlagen, wie man Linz von der Belagerung befreien, die Friedensverhandlungen in Enns beginnen, wie man die Bauern in Enns abhalten könne, daß ſie nicht den Zuzug der Adeligen und die Gültpferde ver⸗ langen, und wie man die bairiſchen Commiſſäre mit Sicherheit hereinbringen könne. 160 Da zwei Ausſchußmänner der Bauern von Wien gekommen waren, welche ihnen den kaiſerlichen Be⸗ fehl brachten, die in Steyr gefangenen kaiſerlichen Commiſſäre frei zu laſſen, und in Enns die Unter⸗ handlung zu beginnen, ſo verſprach man ſich viel Gutes von der in Steyr beantragten neuen Commiſſion. Aber ſchon bei der erſten ſtändiſchen Commiſſion in Steyr ſtellten die Bauern ihr altes Begehren; man ſolle ihnen den Statthalter ausliefern; ließen ſich auch nach neuerlichen Abmahnungspatenten der Stände nicht abhalten, bei den Kapuzinern nächſt Linz neue Schanzen anzulegen, und wollten den von den Ständen verlangten Bauern⸗Ausſchuß nur dann nach Linz ſenden, wenn der Statthalter ihnen zuvor Geißeln hinaus geſendet haben würde, was jedoch dieſer verweigerte. Später ſchützten die Bauernhänpt⸗ linge Fadinger und Zeller vor, daß keine hinläng⸗ liche Anzahl von„hausgeſeſſenen und friedliebenden Perſonen“ im Lager ſei, um aus ihnen Ausſchüſſe wählen zu können. Die Zuſchrift an die Stände, worin Fadinger dieſe Entſchuldigung vorbrachte, war aber ſeine letzte; denn der 5. Juli des Jahres 1626 wurde ſein Todestag; er ſtarb nach achttägigem, ſehr ſchmerz⸗ haftem Krankenlager an ſeiner Wunde und wurde 161 (nicht, wie Einige glaubten, in dem Kirchlein zu Kleinmünchen nächſt Ebelsberg), ſondern zu Eferding begraben, ſpäter, im Jahre 1627 aber auf Befehl des Statthalters Herberſtorf, nebſt dem bis dahin gleichfalls verſtorbenen Bauernhauptmann Zeller aus⸗ gegraben und im wilden Mooſe unweit vom Dorfe Seebach verſcharrt. Mit Fadinger ſank die bedeutendſte Stütze der aufrühreriſchen Bauernſchaft; er hatte ihr größtes Zu⸗ trauen genoſſen, und ſein Name war es, der Tau⸗ ſende zur freiwilligen Einreihung in die Rotte der Rebellen bewog. Fadinger war ein rauher ſtrenger Mann; ſein Stod ſpielte, ſo wie ſeine Drohungen mit dem Gevatter Dreibein, eine Hauptrolle bei ſeinen Hauptmannsfunctionen. Pomp und Ehrenbe⸗ zeugungen liebte er, bei ihm bewährte ſich das Sprüch⸗ wort buchſtäblich:„Wenn der Bauer aufs Roß kommt, ſo vermag ihn Niemand zu erreiten!“ Seine Leibwache, der erhabene Sitz, auf welchem er im Rathhauſe von Steyr die Bürger empfing, ſein Breitmachen in den Kaiſerzimmern des Kloſters in Kremsmünſter haben dieſes bewährt. Grauſamkei⸗ ten befahl er nicht, beſtrafte ſie aber auch nicht, Haudegen und Diplomat zugleich, führte er die Unterhandlung im Munde, und hintertrieb ſie unter 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 11 162 Einem mit der Fauſt; was ihm am Kenntniſſen mangelte, erſetzte ſein Ausſchuß. Sein Glück war, daß er zu einer Zeit an die Spitze der Bauernſchaft trat, wo das Land von Truppen entblößt, und er alſo leicht im Stande war, den Meiſter zu ſpielen. Perfid und widerſprechend war das Begehren der Bauernſchaft bisher geweſen. Ununterbrochen hatten ſie die Stände wegen Abhaltung des Einfalles frem der Truppen gebeten, aber ihrem Rathe nie gefolgt. Während ſie Ausſchußmänner mit Friedenstractaten nach Wien ſandten, zündeten ſie am ſelben Tage neun und zwanzig Häuſer in Linz an. Selbſt mit ihrem Ausſchuſſe differirten ſie, wie in ihren verſchiedenen Lagern zu Linz und zu Weiberau. Aber offen trat jetzt„Achaz Willinger von der Au und auf Hindern Dobl und Khatering, wie er ſich ſelbſt ſchrieb, an ihre Spitze und wollte Einheit in die ſeit Fadinger's Tode noch mehr disharmoni⸗ rende blutige Bauernwirthſchaft bringen. Er verlangte durch ſeinen Trompeter die Aus⸗ lieferung des Statthalters,„das unſchuldige Volk ſollte ſich aus Linz entfernen, die Stände aber, wenn ſie den Anerbiethen der Bauern pariren wollten, Pardon erhalten, widrigens alle Friedlichkeit aufge⸗ ſagt ſeie“ Viele Einwohner verließen alſo die von 163 Hunger bereits hart bebrängte Stadt. Die Stände erſuchten die Bauern in einem beſonderen Patente um deren freie Paſſirung und beantworteten am fol⸗ genden Täge die Aufforderung Willinger's voll Ernſt und Wurde dahin, daß es nur zwei Wege gäbe, den Frieden zu erhalten— Güte und Gewalt; daß Luther ſelbſt wider die Meinung gelehrt habe, als ob die evangeliſche Lehre nur durch das Schwert ver⸗ breitet werden könnte; daß alle Bauernaufſtände ſeit Menſchengedenken einen böſen Ausgang genommen, und ihre Beſchwerden nur vermehrt nicht vermindert haben; daß ſie durch ihren Aufruhr noch mehr Kriegsvolk ins Land ziehen würden, daß die Anzahl der Bauern dieſem nun und nimmer gewachſen ſein werden; daß ſie trotz ihren bisherigen Erfolgen, nur Elend über ſich und die Ihrigen bringen, und keiner von ihnen in ewige Zeit ſein Stück Brod mit dem Seinigen bei Haus in Ruhe eſſen, keine Stund ſicher ſchlafen, ſondern in immerwährender Furcht und Sorg alſo ſtehen werde, daß er lieber Haus und Hof ver⸗ laſſen, als in ſolch fortwährender Qual werde leben wollen; daß der Einfältigſte unter ihnen, wenn er nur Gott fürchte, den endlichen Ausgang des Auf⸗ ruhrs vorausſehen könne; daß demnach der Kaiſer und Churfürſt von den Ständen treuherzig und 164 beweglich erinnert worden ſei, den Weg der Güte mit den verführten Landleuten einzuſchlagen; daß ſie(die Stände) das Ihrige nach höchſter Möglichkeit bei⸗ tragen wollen, um den Beſchwerden der Bauern ab⸗ zuhelfen, und demnach allerdings Geſandte an den Kaiſer und Churfürſten ſenden wollten; daß der Ver⸗ dacht der Bauern eines unredlichen Verfahrens gegen ſelbe nicht verdient ſei, da ihnen doch im eigenen Intereſſe daran gelegen ſein müſſe, daß die Bauern, als ihre guten Stiftleut nach Hauſe kehren und Frieden machen;„was den Statthalter anbelange, ſo käme es ihnen nicht zu, ihm Maß und Ordnung zu geben,“ ſie ſelbſt ſeien vielmehr, wie die ganze Stadt in ſeinen Händen, und ohne ſeinen Willen könne keine Perſon in Linz weder aus noch ein— wie ſollten ſie ihn daher ausliefern! Auch ſei er ihnen als Obrigkeit vorgeſetzt, und ſie ihm Gehorſam ſchuldig; daß es aber den Bauern mit der Drohung Ernſt ſei, im Falle der Stadtbezwingung weder Weib noch Kind zu ſchonen, können ſie ihnen als Chriſten, denen es um die evangeliſche Religion zu thun ſei, nicht glauben, dies verſtoße ja ſogar gegen ihre eigene frühere Erklärung;— der im Schreiben der Bauern gebrachte Ausdruck eines den Ständen zu gebenden Pardon“ endlich müſſe wohl ein Schreib⸗ 165 verſehen ſein— und ſie möchten lieber ihrerſeits den Gnadenweg betreten, ſo lange die Thüre noch offen ſtehe! Aber auch dieſe Mahnung blieb vergebens. Die Bauern brannten vielmehr noch einige Häuſer in der Linzervorſtadt nieder, und ließen in der Umgebung von Steyr ein neues Aufgebot ergehen. In Linz nahm der fromme Sinn der dem Kaiſer treuen Anwohner zum Gebete ſeine Zuflucht. Und ſiehe da! das fromme Vertrauen auf den Herrn der Kriegesheere ward nicht getäuſcht. Mit Thränen der Rührung und des Dankes im Auge ſahen die der Aushungerung nahen, und ſchon auf den Genuß des Pferdefleiſches verwieſenen Bewohner von Linz das Wahrwort aller Zeiten:„Wo die Noth am größten, da iſt Gott am Nächſten!“ freudig bewährt, als am 18. Juli um 8 Uhr Morgens unvermuthet ſechs Schiffe aus Baiern mit 400 Füſelieren, ſiebzehn Kanonen und 300 Mehlfäſſern nebſt anderem Pro⸗ viante und tüchtiger Ladung von Munitivn die Donau herabſchwammen, die darauf befindlichen Soldaten mit nerviger Kraft in die Ketten und Seile, welche die Bauern über die Donau geſperrt hatten, einhie⸗ ben, ſie zerſprengten, und nur mit fünf Mann Verluſt, worunter drei von den Bauern erſchoſſen wurden und 166 zwei ertranken, mit eiſenbeſchlagenen Schiffen am Waſ⸗ ſerthore anlandeten, wo der Statthalter ſeine Soldaten nebſt den Bürgern ins Gewehr treten, das Thor öffnen, und die Ausladung der Schiffe unter dem Musketenfeuer der am entgegengeſetzten Ufer befind⸗ lichen Bauern vornehmen ließ. Willinger, hierüber in höchſter Wuth, erließ ſo⸗ gleich am 15. Juli an die Hauptleute geſammter Bauernſchaft ein Schreiben, worin er von dem größten Ernſte ſprach, in welchem nun die Vertilgung ſeines Todtfeindes Herberſtorf und deſſen Anhanges durch Feuer und Schwert betrieben werden müſſe, und ihnen auftrug,„daß der beſte Kern ihres Volkes verſam⸗ melt, und ohne Aufſchub mit nothwendigen Waffen und Munitivn in das Lager wohl ausſtaffirt abge⸗ fertigt werde.“— Den Ständen aber ſagte er zum Scheine in einem Antwortſchreiben auf ihr vorer⸗ wähntes Patent viel Schmeichelhaftes, und forderte zugleich die Herren Weikhard von Pollheim und Stangel von Waldenfels auf, als ſtändiſche Ausſchüſſe bei einer neuen Verhandlung mit den Bauern zu interveniren, was dieſe jedoch, als von der ausdrück⸗ lichen Genehmigung des Kaiſers abhängend, ab⸗ lehnten, da ſie nicht die dreifache Amtspflicht und 167 Gelübd gegen den römiſchen Kaiſer, den Lehnsherrn und Lanbesfürſten brechen woliten. Dagegen verſprachen die Stände, über eine Auf⸗ forderung Willinger's nach Wels zu kommen, und dort Sitzungen zur Beilegung des Aufruhrs zu halten⸗ Merkwürdig iſt an dieſem letzterwähnten Schreiben Willinger's, daß er, vielleicht im Vorgefühle ſeines traurigen Schickſales, in demſelben bat:„die Stände ſollten ihm, als ihr zugethanes Mitglied heut oder morgen bei dem allergnädigſten Erbherrn und Lan⸗ desfürſten entſchuldigen.“ Wahrſcheinlich vermochte Willinger die Bauernrotte ſelbſt nicht mehr zu zü⸗ geln, und mußte ihrem Vorhaben, die Stadt zu ſtürmen nachgeben. In banget Erwartung hartten die Einwohner von Linz in der Nacht des 20. auf den 21. Juli dem Sturme entgegen, den die Stände durch ein neuer⸗ liches Abmahnungsſchreiben an die Bauern, vergebens zu beſchwören hofften. Die furchtbare Nacht vom 24 auf den 22. Juli des Blutjahres 1626 zog herauf; dicht um Linz lagerten die ſchwarzen Maſſen der Bauernrebellen, aber Horn und Trommel ſchien ver⸗ ſtummt, und Gewitterſchwüle lagerte auf den zer⸗ tretenen Saatfeldern in der Umgebung von Linz, über welche die Regennacht ihren grauen Flor 168 gebreitet hatte, als wollte ſie das Blut und die Thrä⸗ nen verdecken, welche in dieſer Nacht geſäet werden ſollten. Von zehn zu zehn Schritten ſtand ein mit Eiſenhelm und Stachelpicke bewaffneter Bürger auf den Wällen der Stadt, während Herberſtorf's Söldner mit ihren Hellebarden und Musketen im Innern der Stadt geheimnißvoll lauerten. Herberſtorf war von dem Vorhaben der Bauern nur zu pünktlich unterrichtet. So ſtand der Bogen nur zum Abdrucke bereit, als die Thurmuhr am ſtändiſchen Landhauſe die zehnte Abendſtunde herabdröhnte. Da zog Willinger's Unterhauptmann mit einer Rotte von mehr als tauſend Mann gegen das Haupt⸗ thor herauf, und begann mit fürchterlichem„Halloh!“ auf drei Seiten gegen die Stadt Sturm zu laufen; aber nur zum Scheine— denn ganz anders war der ſtrategiſche Plan Willinger's; während nämlich die fal⸗ ſchen Sturmangriffe der Bauern die bairiſchen Soldaten an den Hauptpunkten beſchäftigten, drang eine an⸗ dere Bauernrotte zwiſchen dem ſogenannten Schuler⸗ thürl und dem Welſerthor“) vor, machten bei letzterem 7 Das jetzige Schmidthor. 169 Breſche, und ſechshundert Mann ſuchten gleich dem ſprudelnden Quell, auf den Hauptplatz gegen das Hauptthor, um es zu öffnen, vorzudringen. Aber,„Feuer!“ donnerte es wie aus Wolken⸗ höhen, und Kugel um Kugel ſauſte aus den vom Statthalter mit Kanonen bepflanzten nächſtgelegenen Häuſern und Gaſſen unter die Bauern. Ein wildes „Halloh!“ zerſtäubte die Maſſen und Schwert und Hellebarde der aus ihren Verſtecken hervorbrechenden Soldaten— worunter eine Maſſe Kroaten— wüthe⸗ ten nun unter den getäuſchten Rebellen. Gnaden⸗ ruf, Verzweiflungsgeſchrei, und Todesächzen erfüllte den Hauptplatz, und nur dem perſönlichen Einſchrei⸗ ten des Statthalters gelang es, daß von allen dieſen ſechshundert eingebrochenen und in der Falle gefan⸗ genen Bauern und ihren Helfershelfern vierzig am Leben gelaſſen wurden. Das Geheul der Mordſcene verſcheuchte auch die vor der Stadt harrenden Rebellenbrüder; um drei Uhr Nachts war von ihnen, außer zwei zurückge⸗ laſſenen Kanonen und anderem Rüſtzeuge auf der Schanze vor der Stadt, nichts mehr zu ſehen. Erhaben und großmüthig war aber jetzt das Benehmen des Statthalters Herberſtorf. Er hatte deu Rebellen gezeigt, daß ſie nicht ungeſtraft 170 und unerwartet das Aeußerſte wagen durften; nach vollbrachtem Siege über ſie handelte er aber edel und klug; er ließ vor allem die Verwundeten der gefangenen vierzig Bauern ſorgfältig verbinden, die andern unter ihnen aber auf dem Hauptplatze auf⸗ ſtellen, trat mitten unter ſie, und erinnerte ſie, wie ſehr ſie ſich durch ihr Beginnen ſtrafbar gemacht— erlaubte ihnen jedoch allen, Mann für Mann, ſogleich in ihr Lager zurückzukehren, und verlangte nichts als das Verſprechen, daß ſie ſich hinfüro nimmer als Rebellen ſollen brauchen laſſen, ſondern zu ihren Häuſern begeben, und dergleichen auch andern an⸗ rathen, und ihnen andeuten, daß er, wie ſie ihn aus⸗ ſchrieen, nicht ſo blutgierig und tyranniſch, ihm auch nicht gedient ſei, Bauernblut zu vergießen, ſondern gar herzlich leid ſei, daß er ſolches thun müſſe und anſehen; was aber anjetzo geſchehen, oder inskünftig noch geſchehen werde, daran würde nicht er, ſondern ſie ſelber ſchuldig ſein, ſintemalen er vor Gott und der Welt obligirt ſei, ſein Leben und Namen mit allen Gegenmitteln wider die, ſo ihn feindlich angrif⸗ fen, zu ſchützen! Tief gerührt über dieſe Zuſprache und herzlich weinend zogen die freigelaſſenen Bauern nebſt an⸗ deren, bereits früher Gefangenen ihrer Rotten, im 171 Ganzen Sechszig, in ihr Lager zurück. Nach ihrem Abzuge räumte man den Hauptplatz: fünfhundert Todte allein aus der Bauernſchaft wurden hinweg getragen. Das gab ein entſetzliches Rieſenbegräbniß. Zur Abführung der Verwundeten nach dem Markte Urfar mußten drei große Schiffe verwendet werden, ſie brachten den Rebellen am jenſeitigen Ufer die blutigen Köpfe ihrer geſchlagenen Genoſſen zurück. Weiſe ihren Sieg benützend, ſtellten die Stände in Linz am nächſtfolgenden Morgen den Bauernrebellen abermals in einem beſonderen Schrei⸗ ben vor: wie Gott der Herr ſie eben für ihr frevel⸗ haftes Beginnen gezüchtiget habe, wie ſie ſich doch jetzt nicht mehr von denen verleiten laſſen ſollten, welche ſich nur mit ihrem Gute und Blute reich machen wollten, und endlich durch Schaden klug wer⸗ den möchten! Willinger ſuchte über dieſes Schreiben den miß⸗ glückten Sturm damit zu entſchuldigen, daß der Statt⸗ halter die über die Donau bei Engelhartszell ausge⸗ ſpannten Seile abhauen und Schiffe mit fremdem Kriegsvolke nach Linz habe einlanden laſſen, übrigens ſeine Ausfälle und das Schießen auf die Bauern nicht einſtelle; er wolle aber der Friedensunterhand⸗ lung gemäß ſich benehmen, wenn letzteres geſchähe, 172 und keine fremden Soldaten mehr ins Land kämen, dieſes aber durch Brief und Siegel des Statthalters und Stellung vornehmer Geißeln verſichert würde; dann wolle er auch die nothwendigen Lebensmittel zur Stadt gelangen laſſen; die Waffen niederzulegen und abzuziehen, ſei den Bauern ein„wunder⸗, be⸗ denk⸗, nicht thun⸗ noch mögliches Begehren,“ ſo lange die Friedensunterhandlungen nicht zu Ende kommen werden; ſchließlich bat er um Gotteswillen, die Stände ſollten ſich des Vaterlandes annehmen, und die Erledigung der bäuerlichen Beſchwerden herbei⸗ führen. Endlich bemerkte er, daß die Bauern ohne die abmahnende Zuſchrift der Stände„im wenigſten zaghaft ſondern vielmehr erhitzt und reſolvirt,“ folg⸗ lich einen neuen Sturm gewagt hätten,„um Gottes Willen“ ſollten jedoch die Stände ihn„in Anſtif⸗ tung eines Blutvergießens nach Widertreibung des Friedens mit vermerken.“ So ſchrieb Willinger an die Stände— gleichzeitig aber an alle ſeine Unter⸗ hauptleute:„daß ſie alles, Mann für Mann, was uur 16 Jahre alt ſei, edel und unedel, in allen Oertern und Revieren, zur Bewahrung der Donau⸗ ketten, dergeſtalt aufbiethen ſollen, daß: wann einer oder der andere nit pariren ſollt, deſſen Haus und 173 Hof allſobald in Aſche gelegt und derſelbe Ungehor⸗ ſame ſelbſten niedergeſchoſſen werden ſollte!“ „Daß es,“ redete Willinger in ſeinem Tagebe⸗ fehle zur Bauernſchaft,„nit anderſt mehr ſein könne, denn daß wir mit Heeresmacht den gräulichen Wit⸗ terich und Tyrannen, den Statthalter und Landes⸗ verderber in Linz Adamen von Herberſtorf, auf ſeinem Nöſt dermalen einſtens heben und dieſes Bluthunds teufliſches Fürnehmen dämpfen, daß alſo alles, was nur über 16 Jahre alt, mit hellen Haufen ſammt ihren Balbierern auch habenden Wehren und Waffen nach Ebelsberg rücken, und dort weitere Ordonanz erwarten ſollte. Wer nicht erſcheinen würde, ſolle mit ſeinem Hauſe verbrennt werden, und wie wir“ — ſchloß er—„ferner discentes zu machen, unvon⸗ nöthen zu ſein erachten, als weiß ſich männiglich nach Fürweiſung dieß hernach zu richten.“— End⸗ lich drohte er auch den Adeligen und Bürgern, welche ihre Pferde nicht nach Ebelsberg ſtellen wür⸗ den, mit Mord, Brand und Plünderung. Aber jetzt kam ein anderer Mann, Oberſt Löbel ins Treffen. Noch jetzt zeigt ein altes Bild im Rathszimmer der uralten Stadt Enns in Oberöſter⸗ reich die Lager der Bauern rings um die Stadt Enns. Sie dehnten ſich am Aichberge, im Moll⸗ 174 graben und am oberen Reinthale aus; in der Stadt aber thaten ein Fähnlein bairiſcher Söldner und die wackeren Bürger Vertheidigungsdienſte gegen die Rebellen. Am 23. Juli Abends kam Oberſt Hanns Chriſtoph Freiherr v. Löbel, ein tüchtiger Haudegen und ebenſo gewandter Stratege ſeiner Zeit, mit dem Fürſt Lie⸗ gnitz'ſchen Infanterie⸗Regimente und einer Reiter compagnie unter dem Rittmeiſter Görz, Carolyi, Tor⸗ quaſti und von Auersperg vor Enns an; blitzſchnelt hatten ſeine Krieger— da die Bauern einige Strom⸗ joche abgetragen hatten— mit von Joch zu Joch gezogenen Schiffsſeilen und Querläden eine Brücke geſchlagen; eben ſo ſchnell und ſicher hatten Bürger⸗ ſchaft und Soldaten in der Stadt den Zeitpunkt der Annäherung Löbels wahrgenommen und einen Ausfall gewagt, wodurch die Vereinigung mit Löbel's Schaaren und deſſen Einmarſch in Enns in wenigen Minuten erfolgte. Die Nacht vom 24. aber, düſter wie jene des Sturmes auf Linz, begünſtigte Löbel's Plan; mit geſchloſſenen Maſſen rückte er vor die Stadtthore. Ein Lager der Banern nach dem an⸗ dern wich vor den heranbrauſenden Kriegerſchaaren des tapferen Oberſten, der mit ſich nicht ſcherzen ließ;— wie Schaum zerſtäubten die prahleriſchen 175 Bauernrotten; Hieb auf Hieb, Stich auf Stich, ſpielte Hellebarde und Schlachtſchwert das furchtbare eiſerne Würfelſpiel des Todes! es war keine Schlacht, ſondern ein Schlachten, gleich jenem vorerzählten auf dem Hauptplatze zu Linz; von 12000 Bauern fanden ſich am Morgen des 25. Juli 600 Todte— aber auch nicht ein Lebender außer den Gefangenen auf dem Wahlplatze. Gleich grauſam, als feige, hatten ſie auf ihrer pfeilſchnellen Flucht auch die Mitnahme von vier Ka⸗ nonen vergeſſen, welche den kaiſerlichen Soldaten in die Hände fielen. Oberſt Löbel war alſo der Alzid, welcher berufen ſchien, der Hydra des Bauernaufſtandes ihre Häupter abzuſchlagen. Nun kam aber die ſchrecklichſte Epoche dieſes ſchrecklichen Bauernaufſtandes, die größte Jammer⸗ periode des Jahres 1626 blutig roth verzeichnet als Warnungstafel in den Annalen unſeres Vaterlandes. Die kaiſerliche Soltadeska, ſich gegenüber den vogelfreien Rebellen zu allen Grauſamkeiten gegen ſelbe berechtigt vermeinend, wollte ſich denſelben mög⸗ lichſt furchtbar machen, und wüthete nun auf entſetzliche Weiſe im Lande, wie es die Bauern vor ihr gethan hatten. Feuerbrünſte,— ſchreibt die Landeschronik 176 — wwaren damals ein angenehmes Schauſpiel, Raub, ein Bereicherungsmittel der Soldaten, Mord, ein Aderlaß für die allzuheißblütige Bauernſchaft! Weiber und Kinder derſelben quälen, den Soldaten eine ſichere Rache; und Gleiches mit Gleichem ver⸗ geltend, gaben die Bauernrebellen in dieſen den Namen der Menſchheit entehrenden Entſetzlichkeiten nicht einen Nagel breit nach.“ Geplünderte Dörfer ſanken ſo in Schutt, viele gutgefinnte Landleute, welche ihren Abſcheu vor dieſen Gräuelſcenen kund gaben, oder nicht mit den Rebellen ziehen wollten, wurden hingeſchlachtet, der Menſch in ſeiner Behauſung ſank unter dem Morbmeſſer der Wütheriche wie der Halm am Felde unter den Hufen ihrer Roſſe, Anarchie und Blut hieß die Loſung des Tages. Die Bauern hatten ſich einmal vorgenommen, Linz um jeden Preis zu erobern. Willinger ſchrieb, um ſeinen Plan zu verbergen, hin und wieder an den Statthalter und die Stände wegen Friedensunterhandlungen, und ſelbſt noch an dem Tage, an welchen er den zweiten Sturm auf Linz wagen wollte. Am 29. Juli kam er mit 2000 ſchwarzen Bauern— ſo benannt von ihrer ſchwarzen Kleidung, welche damals die Bauern an 177 der bairiſchen Grenze des Hausruckviertels trugen, nach Steyr, und forderte die Bürgerſchaft, welche er am Platze zuſammentreten ließ, auf, zu erklären: ob ſie mit den Bauern leben und ſterben wollten? Cosmas Mann, Bürger von Steyr— der ſeinen Namen„Mann“ nicht umſonſt führte— antwortete mit männlicher Entſchloſſenheit:„Ja, was nicht wider Ihre kaiſerliche Majeſtät gehandelt wird, in dem⸗ ſelbigen ſei die Bürgerſchaft willfährig mit ihnen zu halten.“ Bald darauf ſtellten ſich alle Bauern bewaffnet auf dem Platze auf; die Steyrer wurden aus den Häuſern geholt, und in die Reihen der Rebellen eingeprügelt. In Rotten zu ſieben Mann marſchirten dann die Bauern mitfünfzig Reitern(einigen Bürgern) und mehreren Kellnern um eilf Uhr Nachts nach St. Florian, wo ſich vierzig im Kloſter befindliche Soldaten gegen ſie vertheidigten, und ſie durch Schüſſe vertrieben; dennoch plünderten die Rebellen einige Häuſer, und legten den halben Markt in Aſche. Von St. Florian zogen ſie nach Neuhofen, während ſich die Steyrer Bürgerſchaft in einem Lager auf ihrem Friedhofe zur Gegenwehr rüſtete. Dieſe Action hatte Willinger ausgeführt; indeß 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 178 erfolgte durch die Rebellen vor Linz, ein zweiter Sturm auf Linz. Langſam und ſchwerfällig marſchirten in der Nacht vor dem 29. Juli 1626 neue und immer neue Rotten der Bauernrebellen von den Feldern um Ebelsberg gegen die Stadt Linz, bis eine ungeheure Rebellenmaſſe an jenen Plätzen, wo gegenwärtig der Kirchhof und ſogenannte Löfflerhof befindlich ſind, in Schlachtordnung ſtand. Jeder der Rebellen trug im Innern ein Feuer der furchtbarſten Wuth gegen den Statthalter, deſſen Söldner und die friedlichen Burger der Stadt, welche den erſten Sturm ſo wacker abgeſchlagen hatten, und führte nebſt Streitkolben und Schwert ein Holz⸗ bündel mit ſich, worin Steine und Erde eingebunden war, und mit welchen die Rebellen den Stadtgraben ausfüllen wollten, um ebenerdig in die Stadt hin⸗ einzulaufen.“ Die blutige Sonne des 29. Juli-Tages ſtieg empor, und der Sturm begann. Schäumend vor Wuth, und mit fürchterlichem Gebruͤlle ſtürzten die Bauern gegen die Stadtmauer los, während ihre Reiter alle jene der zum Mitzuge Genöthigten, welche auf den Feldern von Ebelsberg 179 noch zurückblieben, mit Kolbenſtößen zum Vormar⸗ ſchiren und Sturmlaufen zwangen. Tauſend Bauern rannten auf einmal gegen die Mauer, eine Salve aus Kanonen, Doppelhacken und Musketen empfing ſie;— ſie brüllten,— und wichen — wichen, um Tauſend Andern Platz zu machen, welche ſich neuerdings in die Laufgräben warfen und wahnſinnig vor Wuth, auf den hinabgeworfenen Reiſigbündeln, mit denen ſich wirklich die Laufgräben zu füllen begannen, gegen die Wälle emporkletterten; während Pulver und Blei zehn der ſchrecklichen Meuterer niederknallten, hob die Hydra der Rebellion in fünfzig Nebenmännern ihr blutiges Schlangenhaupt, und ſchon zweifelten Bürger und Soldaten in der Stadt, Linz länger denn eine halbe Stunde noch vertheidigen zu können!—— Da erſchien der Statthalter am Platze, und befahl das Mordfeuer der Rebellen mit gleicher Waffe zu löſchen; Pechkugeln und Pechkränze flogen in ihre Reihen und in die mit ihren Holzbündeln gefüllten Laufgräben. Die Hölle ſchien jetzt ihren Lavaſtrom aus⸗ gegoſſen zu haben; gleich einer Feuerſchlange brann⸗ ten die Laufgräben und mit ihnen die meiſt nur in leichte Leinwand gekleideten Rebellen. Wuth und 126 Geheul durchdröhnten die vom Rauche verdüſterte Luft, Blitz und Donner der Karthaunen leuchteten und brüllten es den Rebellen ins wahnfinnige Gehirn, daß die eiſerne Gerechtigkeit zuletzt doch ſiegen müſſe! — Sie verzweifelten und rannten über die Leichen mehrerer Tauſende ihrer Sturmgenoſſen in die Wälder vor Ebelsberg, wo ſie erſt— eine Stunde von Linz entfernt— Athem zu ſchöpfen und ihre vom Pul⸗ verdampfe und Brandrauche verdüſterten Angen auf⸗ zuſchlagen wagten. So war auch dieſer zweite Sturm der bei Ebelsberg gelagerten Bauernrebellen auf Linz für dieſelben gänzlich verunglückt. Schaden macht klug, meinten unſere deutſchen Vorältern; aber die Bauern waren dieſer Meinung nicht, ſie athmeten nur Rache und ſannen auf neue Anſchläge gegen die Stadt. Mittlerweile verſchanzte ſich Oberſt Löbel in Wels immer mehr; ſeine Soldaten gingen aufs Beutemachen in den benachbarten Orten aus, und Willinger, der ihn vergebens zur Räumung von Ebelsberg auffor⸗ derte, ließ ſeine ſchwarzen Bauern, mit denen er, ungeachtet ihrer überwiegenden Anzahl, den Oberſt nicht anzugreifen wagte, nach dem Wiedervergeltungs⸗ rechte ebenfalls in fünf Pfarren plündern, und den Pfarrhof in Pöttenbach und Vichtwang abbrennen. 181 So ſtanden die friedlich geſinnten Bewohner Oberöſterreichs zwiſchen zwei Kreuzfenern. Die kaiſerlichen Commiſſäre riefen nun den Oberſt Preuner von der böhmiſchen Grenze als Succurs; dieſer rückte gegen Freiſtadt vor; bei Kerſchbaum kam es zwiſchen ihm und den Bauern zum erſten Gefechte, wobei aus den Pfarren Lasberg und St. Oswald allein fünfzig Hausbeſitzer und viele Andere am Platze blieben. Willinger, der ſein Rebellenheer mit 2000 ſchwar⸗ zen Bauern vermehrt hatte, wollte nach dem Falle der Freiſtadt das hier Eingebüßte durch eine Ueber⸗ rumplung von Ebelsberg, wo Oberſt Löbel lag, wie⸗ der einbringen; aber ſein Vorhaben wurde vereitelt. Er zog hierauf mit ſeinen Bauern gegen Neuhofen, wo die gegen ſie auftretenden Einwohner von ihnen geplündert wurden, und von da nach Gſchwendt. Löbel lagerte ſich zwiſchen Neukirchen und Amt⸗ ſtetten, griff die Bauern bei Kremsdorf an, wo von dreihundert Rebellen dreißig auf dem Platze blieben. Willinger ſelbſt ſtand mit ſeinen— durch die Holz⸗ knechte von Weyr verſtärkten Bauern— auf einer großen Wieſe bei Gſchwendt. Als er den Oberſt Löbel anrücken ſah, ſtürzte er ſich mit ſeinen Rotten mitten unter die kaiſerlichen 182 Truppen, um ihre Reihen zu ſprengen, und furchtbare Musketenſalven der Rebellen begleiteten dieſe Action. Aber eben dadurch hatten die Bauern ihre Munition bald verſchoſſen; Oberſt Löbel öffnete ſeine beiden Flügel; auf einer Seite ſeine Cavallerie, anf der andern ſein Fußvolk, in der Mitte die Bauern, und nun folgte Blitz und Knall, und Hieb und Stich; die Rebellen flüchteten in den nahe gelegenen Wald, aber hier erfolgte erſt die wahre Metzelei; von den Bäumen an der Flucht gehindert, ſank Mann um Mann wie die welken Baumblätter ins Gras, und ehe das Tagesgeſtirn ſeinen Lauf vollendet hatte hatten Schwert und Partiſane der Löbelſchen Truppen mehr als tauſend Bauern unter furchtbarem Wuthgeſchrei derſelben zu Boden geſtreckt, und ihr Hauptmann Wurmb— der kaum einige Wochen zuvor Enns belagert hatte— wurde von dem kaiſerlichen Oberſt nebſt andern gefangenen Rebellenhäuptern gefangen dahin geſendet. Löbel ließ 200 Mann Beſatzung in Neuhofen, brach gegen Ebelsberg auf, nahm die von den her⸗ anrückenden Bauern an der Brücke aufgerichtete Schanze, und hieb ſiebenhundert Rebellen in die Pfanne, wovon viele ihren fanatiſchen Feuereifer in der Traun abkühlten. Willinger ſelbſt floh mit durch⸗ 183 ſchoſſener linker Hand ſchweißtriefend nach Steyr, wo der Stadtbader ihm die Kugel aus dem Fleiſche ſchneiden mußte. Oberſt Löbel hatte bei dieſer Action nicht ver⸗ hindern können, daß Kleinmünchen verbrannt und geplündert wurde, und ſeine Soldaten— wie die Chronik ſchreibt— ſchlimmer als die Türken es nicht hätten machen können, daſelbſt hauſten. Viele Weiber und Kinder kamen in den Flam⸗ men um. Die vielen Gefangenen ſandte Oberſt Löbel zur Feſtungsarbeit in die Wiener Schanzgräben. Daß dieſe Blutſcenen noch am Thore des durch die Un⸗ terhandlungen ſchon geöffneten Friedentempels ſtatt fanden, lag wohl am meiſten an den Bauern ſelbſt. Ihre nach Mölk zur Unterhandlungs⸗Commiſſion geſendeten Ausſchuͤſſe gaben fortwährend vor: ſie ſeien blos ad audiendum et referendum dahin ge⸗ ſandt, und ließen ſich— wahrſcheinlich in Hoffnung neuer Erfolge ihrer Landsleute, zu keinem definitiven Friedensabſchluſſe herbei, den die Commiſſäre ihrerſeits nicht eingehen wollten, bevor die Bauern gemäß dem kaiſerlichen Befehle nicht von Linz abziehen würden. Ueberzeugt, daß von den Bauern keine andere Sprache mehr, als die eiſerne des Schwertes und der Kugelpfiffe verſtanden werde, ließ der Kaiſer auf 184 Antrag der Commiſſion in Mölk nun alle an den Grenzen von Niederöſterreich, Steiermark, Baiern und Salzburg ſtationirten Truppen gleichzeitig gegen die Rebellen anrücken, um ſie zum Friedensſchluſſe zu zwingen. Man hoffte abermals auf eine gütliche Ausgleichung, und die kaiſerlichen Truppen mußten auf ihrem Anmarſche Halt machen. Wie wenig die Bauern geſonnen waren, ihre Feindſeligkeiten einzuſtellen, zeigte ſogleich die von ihnen neuerdings unternommene Verſchanzung von Neuhaus, wo ſie die Donau durch eine Kette geſperrt hatten; ſie wollten gefangene Soldaten in Steyr erſchießen, und nur mit Mühe konnte der Stadtrichter Himmelberger ſie davon abhalten; Naſe und Ohren abſchneiden, in die Füße ſchießen, und langſamen Todes ihre Opfer ſterben laſſen, das waren die Urtheile, welche von trunkenen Rebellenhäuptern in den Bierkneipen ge⸗ fällt wurden.— Die Bauern ſchloſſen Linz nunmehr von Ur⸗ fahr aus, wo die Bauernhauptleute Ruprecht und Reizmaier commandirten, wieber enger ein. Indeß näherte ſich Oberſt Preuner der Stadt Linz immer mehr, verjagte die Bauern aus mehreren Poſitionen, und ſo konnte Herberſtorf bereits am 24. Auguſt mit fünf Schiffen über die Donau ſetzen 185 und die einzelnen Bauernhaufen zerſtreuen. Was von den Rebellen nicht floh, ward niedergemetzelt, Gefan⸗ gene und Proviant von den Soldaten nach Linz gebracht. Zugleich ſuchte Herberſtorf die Bauern im Mühl⸗ und Machland⸗Viertel dadurch zu beruhigen, daß er ein Patent erließ, worin er allen eine salva guardia verſprach, welche ſich darum melden würden. Auch vie Stände mahnten die Bauern in einem Patente vom 26. Auguſt zur Ruhe, und faſt alle Landleute des Machlandviertels eilten ſogleich zu ihren Häuſern und Höfen zurück. Oberſt Löbel war unterdeſſen am 22. Auguſt mit Kriegsvolk auf dem ſogenannten Tabor vor die Stadt Steyr angekommen, und ließ die Steyrer fragen, ob ſie gegen das kaiſerliche Volk fechten, oder ihnen Quartier geben wollten; man bat in Steyr um kurze Bedenkzeit und berieth ſich;— als aber die daſelbſt noch anweſenden 500 Bauern von der Ab⸗ ſicht der Bürger, die Stadt zu übergeben hörten, und die kaiſerlichen Truppen bereits das Gilgen⸗ und Neu⸗ thor beſetzt hatten, da ſchlugen die Bauern mit einem ſogenannten Reiter⸗Tſcharkan das Schloß vom Neu⸗ thore weg, und flohen über den Ternberg mit ihren Hauptleuten Neumüller und Plank nach Wels. 186 Oberſt Löbel zog nach Uebergabe der Stadt wie⸗ der nach Enns, und ließ den Obriſtlieutenant Johann Tegos in Steyr zurück; die Soldaten brannten einige Bauernhöfe bei Raming nieder, machten viel Beute, und die Stadt mußte außerdem, daß die Häuſer der entflohenen Bürger geplündert wurden, 500 Reichs⸗ thaler an Kriegkoſten bezahlen. Nun kam die Reihe an Wels. Willinger hatte die Stadt mit 2000 Bauern beſetzt, als Löbel ihn zur Uebergabe aufforderte; er verlangte zwei Tage Bedenkzeit, erhielt aber nur eine Stunde, und war froh, mit heiler Haut abziehen zu können. Die kaiſerlichen Soldaten bildeten an den Stadtthoren eine Gaſſe, durch welche die Rebellen mit ihren Spießen, Stangen und Gabeln, denn alle regelmäßigen andern Waffen mußten ſie in Wels zurücklaſſen— abzogen. Zwei kaiſerliche Regimenter lagen nun acht Tage in und vor Wels, und ſchon am Tage nach der Uebergabe von Wels wurde von den Bauern auch Kloſter Lambag geräumt, und von Oberſt Löbel beſetzt. Die Bauern, entmuthigt durch dieſe Niederlagen und Nachtheile, zogen nun ſchaarenweiſe nach Hauſe. Der Kaiſer ertheilte den Heimkehrenden auch 187 ſogleich Vergebung, zumal ſie verſprachen, ſich nach allen Kräften die Habhaftwerdung und Auslieferung ihrer Häupter angelegen ſein laſſen zu wollen. Daß es daher den Letzteren eiskalt über den Rücken lief, und ſie ihr Stündlein kommen fühlten, iſt wohl natürlich, und ſie konnten demnach nichts Eiligeres thun, als daß ſie ſich in einem von dem„ge⸗ ſammten Oberhauptleut und Verordneten der arm höchſt bedrangſeligen Bauerſchaft verfolgten Wort Gottes und ſeiner heiligen hochwürdigen Sakrament Jeſu Chriſti allda“ unterfertigten Schreiben an den König von Dänemark um Hilfe wandten, in welchem ſie über„heimlich abgewichene Hauptleut⸗Verrätherei und Partita und darüber klagten, daß ihnen das Waſſer an die Kehl gelangen will,“ ſie baten ihn, „als arme verlaſſene Waislein auf gebogenen Knien um eine Anzahl Volk durch die Pfalz“— das Schrei⸗ ben überbrachte ihr Stuckmeiſter Abraham Katzen⸗ berger(wahrſcheinlich ein Jude) an den König. Aber der König von Dänemark befand ſich nach der eben erlittenen großen Riederlage bei Lutter zu ſehr im Schach, um ihnen beiſpringen zu können. Noch einmal verſuchte Herberſtorf den Weg der Güte in einer am 29. Auguſt an die Rebellen 188 erlaſſenen Proclamation, worin er ſie zur Waffenable⸗ gung ermahnte; aber vergebens. Am 30. Auguſt trug der Statthalter alſo dem Linzer Magiſtrate auf, am folgenden Morgen 50 Individuen aus dem Stadtbezirke und alle Bürger der Vorſtadt mit Schaufeln verſehen, bei Leibesſtrafe auf dem Hauptplatze erſcheinen zu laſſen. Dies geſchah. Allein die Bauern hatten Wind bekommen von dem, was da geſchehen ſollte, und am nächſten Mor⸗ gen, als Herberſtorf mit ſeinen Soldaten gegen das Kapuzinerfeld ruͤckte, ließ ſich kein Bäuerlein mehr blicken. So wurde Linz nach einer ſechszehnwöchentlichen Belagerung entſetzt. Seuchen und Hunger hatten während dieſer Be⸗ lagerung eine große Anzahl von Linzern ins Grab geſchlendert, ſiebenundachtzig Häuſer lagen in der Vorſtadt im Schutte, fünf Monate lang kam die Bürgerſchaft nicht von den Wällen, viele rechtliche Bürger waren erſchoſſen worden. Hunde⸗, Katzen⸗ und Pferdefleiſch diente den Belagerten ſchon zur Nah⸗ rung. Feuersbrünſte waren nichts Seltenes, und billig war's daher, daß der Magiſtrat von den Stän⸗ den am Ende der Belagerung eine Aushilfe zum 189 Aufbauen abgebrannter und zerſchmetterter Häuſer erbat. Am gleichen Tage mit der Entſetzung von Linz ſchlug Oberſt Prenner die Bauern bei Leonfelden, welchen von den kaiſerlichen Truppen beſetzten Markt die Bauern mit 3000 Mann angreifen wollten. Schneller aber, als ſie angreifen konnten, hatte Oberſt Preuner ſie angegriffen, zerſtreut, 300 Bauern in die Pfanne gehauen und ihren Hauptmann ge⸗ fangen. Bald war das Mühlviertel pacificirt. Oberſt Preuner, der Mann des veni, vidi, vici zog nun nach Freiſtadt zurück, und die kaiſerliche Commiſſion in Mölk unterhandelte mit den Bauern einen Waffenſtillſtand, und nun begannen ernſtliche Unterhandlungen. Aber auch im Hausruckkreiſe hatten ſich in den Gegenden an der Donau und Traun wieder große Haufen von Bauern zuſammengezogen, Wilhering geplündert, und waren gegen Wels aufgebrochen, wo Oberſt Löbel mit mehreren Compagnien und den Overſten Preuner, Auersperg, Schaftenberg und 500 Mann bairiſche Verſtärkung ihrer harrte, und ſogleich 200 Rebellen in die Pfanne hieb. Aber am 10. Oetober mußte er den Rebellen weichen, und ſogar 190 die Vorſtadt Wels niederbrennen, um ſich vor ihnen gehörig zu ſalviren. Nun folgte ein vergeblicher Sturm auf Lambach. Der hochgefeierte General der Cavallerie Heinrich Gottfried von Pappenheim war damals aus dem italieniſchen Feldzuge zurückgekehrt; er ſchien dem Churfürſten der Mann der That, welcher das Feuer des neuauflodernden Aufruhrs mit ſeiner Klinge nie⸗ derhalten und dämpfen konnte, er, der mit Herber⸗ ſtorf als ſeinem Stiefvater verwandt war, und zwei Schweſtern in Linz bei demſelben hatte, zögerte auch keinen Augenblick ſich mit 8000 Mann bairiſcher Kerntruppen nach Oberöſterreich zu begeben. Als die Bauern Pappenheim's Ankunft vernahmen, entboten ſie in der Gegend von Gmunden und Vöklabruck von Neuem den Landſturm. In Vöcklabruckcommandirte ein Bauernhauptmann Namens Becker. Pappenheim ließ 108 Fähnlein Fußvolk auf Schiffen gegen Paſſau führen, marſchirte mit einer größeren Truppenmaſſa nach, und ſchlug den Weg nach Griesbach ein; als kluger Stratege langte er Morgens immer da an, wo ihn die Rebellen Abends erſt erwarteten, und ſo drängte er ſie immer weiter zurück, verblüffte ſie, ließ ſie die Donau geſperrt halten, und verband ſich— was von den andern 191 kaiſerlichen Truppen in einem halben Jahre nicht ermöglicht worden war— ſchon am 4. November mit dem kaiſerlichen Haupttruppencorps in Linz. Und Pappenheim, kein Mann des Zögerns, trug in dem Hufeiſen, das die Natur in ſeine Stirnfalten ge⸗ zeichnet hatte, ſein Symbol: Die Stärke und That⸗ kraft, die ihn beſeelte; wie der Blitz ſtand er nach weiteren drei Tagen am 8. November mit Oberſt Löbel vor Eferding, eine Meile von dem Hauptlager der Bauern. Der Mittag des 9. Novembers des Jahres 1626 zog mit ſchneidendem Nordwinde über die kahlen Stoppelfelder nächſt Eferding, wo ſchon manche blutige Rebellenleiche zu modern begann, herauf. In feſter Schlachtordnung ſtanden die Pappen⸗ heimer Reiter mit ihren Fähnlein und breiten Schlacht⸗ ſchwertern, vor ihnen die Arkebuſiere, am linken Flügel Oberſt Löbel mit den Kaiſerlichen, am rechten der eiſerne Pappenheim mit den Baiern, vor ihnen ſechs pulvergeſchwärzte Karthaunen, die Kanoniere mit brennenden Lunten, hinter ihnen die Lanzen⸗ knechte und tauſend braune lange Musketiere unter dem Befehle des Herzogs Adolph von Holſtein, und die Hauptmaſſe der ſchweren Artillerie von dem Ca⸗ pitain de la Torre befehligt. 192 Die Rebellen hatten vorerſt in Eferding ſelbſt eine tüchtige Beſatzung gelaſſen, hierauf aber in dem Gehölze vor der Stadt Schanzen aufgeworfen. Voll Uebermuth ritten einzelne Plänkler der⸗ ſelben heran, und höhnten die Pappenheimer. Das ging ſo fort bis gegen Abend— denn der kluge General hatte ſeinen Plan gefaßt. Als es nun aber zu dämmern und ein heftiger Regen zu fallen begann, erſchien das furchtbare Huf⸗ eiſen auf Pappenheim's Stirne. „Wir wollen dem Geſindel einen guten Abend wünſchen!“ befahl er ſeinem Büchſenmeiſter— die Karthaunen krachten, und Roß und Reiter der Re⸗ bellen flüchteten, was nicht fiel, wieder hinter die Schanzen. Aber das war, wie Pappenheim es berechnet hatte, für die wuthentbrannten Rebellen das Signal zum Durchbruch. Geſchloſſen wie eherne Mauern avancirten ſie gegen den rechten Reiterflügel Pappen⸗ heim's.„Feuer!“ commandirte Oberſt Cordobach, ſeinen ſchweren Dragonern, und wüthend ſchoſſen und hieben nun Rebellen und Soldaten auf einander los, aber einer der Bauern⸗ Rebellen lachte höhnend den her⸗ anfliegenden Kugeln entgegen; auf ihn, einen der gewaltigen Hauptleute der Bauernſchaft— flog eine 193 große Stückkugel los, traf ihn auf die Bruſt,— und prallte zurück.*) So ſtand der rechte Flügel im vollen Kampfe. Wie das Heer des wilden Jägers brachen die Rebellenkjetzt auch aus dem dem linken Flügelides kaiſer⸗ lichen Heeres nahe gelegenen Gehölze, wo die Ca⸗ vallerie Oberſt Löbel's mit gutgebläuten Klingen ſie in Empfang nahm. Und wie zum Tanze ging's hier im luſtigen Klingengeklirr; die kaiſerlichen Cüraſſiere raſſelten mit ihren breiten Schlachtſchwertern unter die Bauern, hieben und ſtachen wie die Hetzjäger, und trieben den Rebellen⸗Knäuel bis vor die Stadt Eferding zuruͤck, während die Musketiere im Gehölze viele, welche ſich auf die Tannenbäume geflüchtet hat⸗ ten, herabſchoſſen.— Da bemerkte Pappenheim, daß die Reiter am rechten Flügel ein wenig zurückwichen, und es die Rebellen bereits auf Wegnahme einiger Kanonen abzuſehen ſchienen, und daß ſelbſt Ober⸗ ſeutenant Buttberg, der ſich ihnen entgegen geſtellt hatte, zurückgedrängt wurde.— Aber„Vorwärts“ commandirend, ergriff Pappenheim, der Eiſenmann, *) Seine Kampfgenoſſen hielten ihn daher für einen Kugel⸗ feſten; aber ſchon in der nächſten Affaire riß ihn eine Kugel nieder. 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 13 194 ſelbſt einen Fahnenjunker beim Arm, ſtellte ſich an die Spitze der Reiterei und des Fußvolkes am rech⸗ ten Flügel, bat, drohte, beſchwor ihm zu folgen, und— in zehn Minuten war der Rebellenſchwarm, theils in die Donau, theils auf die Inſel oder in die Stadt ſelbſt verſprengt. Die Nacht brach herein, über 1500 wohlge⸗ zählte Bauernleichen deckten die Wahlſtatt, ungleich weniger aus Pappenheim's Heere waren den ehren⸗ vollen Soldatentod geſtorben, aber die Erſteren hatten auch mit einer Wuth ohne Gleichen gekämpft, und oft acht bis zehn Mann den Kampf gegen eine ganze Compagnie der Pappenheimer gewagt. Um Mitternacht dröhnte die Thurmuhr in Efer⸗ ding den Trauerklang auf das große Blutfeld der Erſchlagenen; da brachten die Buͤrger von Eferding die Schlüſſel der Stadt und die Nachricht, daß alle Rebellen mit Rücklaſſung von fünf großen Kanonen der Stadt den Rücken gedreht hätten. Am 10 November Morgens zogen Pappenheim's Trompeter durch die Thore von Eferding, und der Herzog von Holſtein blieb als Beſatzung daſelbſt, während ſich Pappenheim nach Gmunden wendete. Nun jagte Pappenheim die Bauern in der Ge⸗ gend von Gmunden auf; auch dort verſchanzten ſie 195 ſich, von dem ſogenannten Studenten angeführt, in einem Gehölze. General Pappenheim und Oberſt Löbel folgten ihnen auf dem Fuße. Die Rebellen ſangen Pſalmen, ließen ſich von dem„Studenten“ eine Predigt halten, plänkelten ſo⸗ dann ein wenig herum, und ſielen endlich mit ſolcher Wuth auf die Soldaten los, daß Oberſt Löbel, welcher eine halbe Stunde Weges von Pappenheim getrennt war, ſich nach Gmunden zurückziehen mußte, während am linken Flügel auch Pappenheim's nach⸗ rückende Truppen wohl zweihundert Schritte weit zurückwichen. Aber der Marſchall„Vorwärts“ des dreißig⸗ jährigen Krieges war kein Mann des Weichens; pfeilſchnell, daß der Raſen von ſeines Rappens Hu⸗ fen aufſtäubte, ſprengte er hinter einem Waldzaune heran, wo dreihundert Musketiere mit ihren Lunten⸗ büchſen im Hinterhalte lagen, und„fertig! Feuer!“ donnerte er, und der Wiederhall ſeines volltönenden Commandowortes war eine Salve, vor der die her⸗ anbrauſende Rebellenhorde in die vier Winde zu⸗ rücktaumelte;— und d'rauf und d'ran rückten Rei⸗ hen Lanziers, rechts dieſe, links die Scharfſchützen — und umrungen im blitzenden Eiſenkranze foch⸗ ten und heulten die Rebellen, von immer neuem 3 196 Succurſe, den Pappenheim herbeidonnerte, bedrängt; vier Stunden lang wüthete die Schlacht, und als der Tagſtern in die Berge ſank, da blitzten ſeine letzten Strahlen auf 4000 Leichen der von ihren fliehenden Brüdern verlaſſenen Rebellen. Eine wohl vorbereitete Reſervemacht Pappenheim's jagte auch am andern Flügel jene Rotten zurück, welche den Oberſt Löbel in die Stadt zurückgedrängt hatten.— Pappenheim's Beſonnenheit und Feldherrntalent hatte die Schlacht gewonnen, welche die kaiſerlichen Trup⸗ pen durch ihre Flucht nach Gmunden bereits verlo⸗ ren gegeben hatten.— Am Schluſſe der Schlacht rannte ein ſtämmiger ſchwer verwundeter Rebelle von dem Berge bei Gmunden gegen den See nieder; weithin flatterten ſeine langen Haare, den Hut hatte er verloren, und in der Rechten ballte er krampfhaft einen Haudegen, ein kryatiſcher Reiter verfolgte ihn mit ſeiner langen Lanze, vor dem See konnte der Gehetzte nicht mehr weiter, er blickte verzweifelnd um ſich, einen Rettungsweg zu finden— aber vergebens: der Kroat hielt auf ſeinem blitzſchnellen Rößlein vor ihm,— ein entſetzlicher Schrei— und der Speer des Reiters ſtack in dem Eingeweide des Verfolgten, deſ⸗ ſen Leib er durchbohrte. Blutſtrömend ſank der Ge⸗ troffene nieder, der Kroat ſprang vom Pferde, und 197 hieb ihm mit ſeinem Schlachtmeſſer augenblicklich den Kopf ab— er wußte wohl warum; denn als dieſer auf Befehl Pappenheim's nach Linz geſandt, und der Rumpf vor dem Gmundnerthore auf den Spieß geſteckt wurde, da bekrenzte ſich Groß und Klein vor dem berüchtigten,Studenten“*) Der Bauernhügel bei Pinsdorf ohnweit Gmun⸗ den enthält den Staub der an dieſem Tage geblie⸗ benen Bauern. Am 19. November ſchlug Pappen⸗ heim— welcher übrigens in der Schlacht bei Efer⸗ ding einen ſchweren, nur von ſeiner Eiſenrüſtung abgehaltenen Kolbenſtoß erhalten hatte, und den Verluſt der wackern Officiere Achatius Dellinger von Grünau, Rittmeiſter Berenz und Pollinger von Tho⸗ mar nebſt 160 Todten und 200 Verwundeten erlit⸗ ten hatte— die Bauern, welche ſich abermals auf der Welſerhaide geſammelt hatten bei Vöklabruck, und am 30. bei Wolfseck, wo beinahe die Hälfte der Bürgerſchaft umkam, und einige Hundert Bauern erſchlagen wurden, die übrigen aber ſich nach Peuer⸗ vach zurückzogen, nachdem in dieſen letzteren Tagen vei 5000 Bauern erſchlagen worden waren. MMagister Glacianus der Student genannt; eine hervor⸗ ragende Perſönlichkeit im Bauernkriege. 198 Und alſo hatte der Finger der Vorſehung die Kreiſe der großen Blutſcene des Jahres 1626 an jene Punkte zurückgeführt, wo der erſte Aufſtand ausgegangen war. Nur drei Pfarren beharrten noch im Widerſtande.— Doch mit der Schnelligkeit eines Blitzes und der Tactik eines Pappenheim hatte auch ſie Oberſt Löbel umrungen; über ſein Anerbieten, ihnen Pardon zu ſchenken, wenn ſie die Rädelsführer ausliefern würden, baten ſie um Gnade. Sie zogen mit einem Sicherheitsgeleite nach Hauſe. Faſt einhundert Rädelsführer aber wurden nach Linz zum Gerichte abgeführt, nur wenige waren nach Böhmen und Mähren entwiſcht. Unter den Gefangenen befanden ſich auch Herr Achaz Willinger und ſein Oberſtwachtmeiſter Schlotter, welche jetzt am Stadtrichterhauſe vorüber in ihren Ketten über den Hauptplatz in Linz raſſelten. Der Tod hatte in Oeſterreich ob der Enns ſeine blutige Ernte vollendet, nun kam der Teufel, der geſandt wurde, um das Strafgericht mit den Schuldigen zu halten. Kaiſer Ferdinand ſandte einen Teufel nach Oberöſterreich, aber einen Teufel, der mit dem heili⸗ gen Georg, ſonſt ſeinem Widerſacher verbunden war, 199 nämlich den Freiherrn Georg Teufel, Vice⸗ Statthalter der nieder„öſterreichiſchen Regierung, welcher der aus dem geheimen Rathe und Hofkammer⸗ Präſidenten, Anton Abt von Kremsmünſter und dem nieder ⸗öſterreichiſchen Regierungsrathe Dr. Hafner, dann den zwei churfürſtlichen Räthen, Hanns Chriſtof Herrn von Preyſing und Dr. Johann Peringer zu⸗ ſammengeſetzten Erecutions⸗Commiſſion präſidiren ſollte, während die frühere Friedens⸗Commiſſion aus Enns nach Wien einberufen wurde. Ueber Veranlaſſung dieſer Commiſſivn mußten noch im December dieſes Blutjahres mehrere tauſend Soldaten zur Entlaſtung des Landes aus Oberöſter⸗ reich abmarſchiren. Und nun begann das gerichtliche Verfahren gegen die gefangenen Bauern. Bei minder gravirten Rebellen pflogen daſſelbe die Landgerichte; lauteten ihre Geſtändniſſe wider angeſehene Burger, ſo wurden Abgeordnete zu ihrer Verhaftung abgeſendet. So wurden in Steyr plötzlich über 20 Buͤrger, hierunter der ehemalige Stadtrichter Himmelberger inhaftirt und verhört. Die Hauptfrage, welche die Commiſſion aufſtellte, lautete dahin:„ob man die Thäter am Leibe und zugleich am Gute beſtrafen ſolle?“ Nach längerer 200 Berathung erſtatteten ſie an den Monarchen folgen⸗ des, von Doctor Hafner verfaßtes, eben ſo humanes als gewiſſenhaftes Gutachten, wodurch viele hunderte Familien der Strafe entgingen, und vor dem größten Elend bewahrt wurden, und wodurch ein heller Licht⸗ ſtrahl auf die ganze Geſchichte dieſes Aufſtandes rückſichtlich ſeiner verſchiedenen und lange vorbereiteten Urſachen zurückfällt. „Die Bauern haben ſich des Laſters der belei⸗ digten Majeſtät und des Hochverrathes nicht ſchuldig gemacht, lautete dieſer Ausſpruch;— dieweil ſie die Waffen wider Ihre Majeſtät nicht ergriffen, noch auch dieſelbe irgend für Dero Herrn und Landes⸗ fürſten nicht erkennen wollten: ſondern dieſer Aufruhr hat vielmehr ſeinen Urſprung und Anfang daher genommen, daß die Delinquenten von denen im Lande derzeit anweſenden churbairiſchen Miniſters, ihrem der Bauern Vernehmen nach etwas zu ſcharf gehal⸗ ten, und wider dieſelben rigoroſe verfahren worden ſein ſolle. Und obwohl ſie ſich hiernach auch wider Ihro Majeſtät Kriegsvolk mit bewaffneter Hand ge⸗ ſetzt, ſo iſt doch ſolches allein aus vorerzählten Ur⸗ ſachen, und daß man ihnen Abbruch und Widerſtand gethan, erfolget. Daß alſo die Commiſſäre einmal nicht recht ſehen, oder erachten können, daß die Delin⸗ 201 quenten das Laſter der beleidigten Majeſtät, wohl aber des Aufruhrs begangen haben. Auf welche Vorausſetzung ſie dann auch gehorſamſt nicht erachten können, daß die Verbrecher nebſt der Todesſtrafe auch zur Confiscation ihrer Güter ſollten verurtheilt wer⸗ den, welch letztere Strafe doch nur jenen gebührt, die ſich des Laſters der beleidigten Majeſtät ſchuldig gemacht haben. Damit aber gleich wohl Ihre Ma⸗ jeſtät an der Confiscation nichts hiedurch vergeben, ſo könnte bei der Begnadigung auch dieſes geſetzt und vermeldet werden, daß Ihre kaiſerliche Majeſtät ſich die Conſiscation der Güter gegen einen und den andern fürzunehmen gänzlich vorbehalten haben wollen.“ Nun folgte das eigentliche Erecutions⸗Verfahren. Der 26. März des Jahres 1627 war der blutige Morgen, an welchem die Stadtthore von Linz geſperrt, und doppelte Wachtpoſten mit ihren blitzenden Lanzen, und Scharfſchützen mit ihren wohlgeladenen Luntenbüchſen in den Mündungen der Gaſſen aufgeſtellt waren. Dumpf wirbelten die Trommeln, und traurig wimmerte die Sterbeglocke von dem Thürmlein der Pfarrkirche bei den Jeſuiten*) in die Stadt herein, als begleitet von einer unüberſehbaren Menſchenmenge *) Die jetzige Collegiokaſerne. 202 der Zug von acht der vornehmſten Rebellenhäupter ſich dem Hauptplatze entlang vor das Rathhaus be⸗ wegte, wo der wohleconditionirte Stadtſchreiber den bleichen Verbrechern ihr Urtheil herablas. Der Kai⸗ ſer hatte es zum Theil gemildert. 2 Mitten auf dem Hauptplatze war eine ſchwarze Bretter⸗Bühne mit dem Blutpflocke und den ſcharfen Haubeilen aufgerichtet, und zwei rothe Freimänner harrten hier mit ihren Knechten derjenigen, die im Augenblicke noch als Menſchen unter ihnen wandelten, und in dem nächſten Momente als Leichen den Sand des Bodens mit ihrem Blute färben ſollten.— Doch der Armenſunderzug ging vorerſt in die Pfarrkirche zu den Jeſuiten. Hier ſchworen ſieben der Verur⸗ theilten ihren lutheriſchen Glauben ab, und kehrten in den Schvoß der katholiſchen Mutterkirche zurück; der achte, der vbenerwähnte Bauer HannsVirſche, der dem Freimann im Bauernlöchl zu Ebelsberg ſo kühn entgegen getreten war, blieb Proteſtant. Lauter und lauter heulten die Glocken, alle Fen⸗ ſter und Gaſſen nächſt dem Hauptplatze ſtrotzen von Menſchen—„es iſt Zeit!“ brauſte es durch die Menge — und paarweiſe zogen die erdfahlen Grabescandi⸗ daten den Hauptplatz hinab, dem furchtbaren Gerüſte entgegen, wo die Gerechtigkeit ihrer Sühne harrte! 1 ———— 203 Achaz Willinger, der Herr von der Au und Hin⸗ terdobl beſtieg zuerſt das Schaffot. Er hatte ſein Schickſal vorausgeſehen, und nicht den Muth gehabt, es bei Zeiten abzuwenden. Ein kurzes Gebet entfloh noch ſeinen bleichen Lippen, er entkleidete ſelbſt ſeinen Nacken, dann ziſchte das Schwert des Nachrichters, und ſein Kopf kollerte auf dem ſchwarzen Teppiche hinab;— doch er war ein Adeliger und ſeinen Leib durfte der Scharfrichter nicht berühren; Brüder des Jeſuitenordens legten ihn in den Sarg, und Abends wurde er mit Pro⸗ zeſſion begraben. Hierauf beſtieg Wolf Madlſeder, ehemaliger Stadtrichter von Steyr, welcher zur Flucht des däniſchen Hetzers Scultetus und zum Plane der Kettenſperrung an der Donau behilflich geweſen war, die Bluttreppe. Angſtvoll ſtierte ſein Auge über die lautloſe Menge. Der zweite Scharfrichter holte mit dem Schwerte aus, und Madlſeder's Haupt kollerte zur Erde, um den folgenden Tag auf einem Spieße am Stadtthurme in Steyr als Wahrzeichen der geſühn⸗ ten Gerechtigkeit da zu prangen, wo es der ehema⸗ lige Stadtrichter nie geträumt hätte. Dann traf die Reihe den Doctor Lazarus Holz⸗ 204 müller aus Steyr und hierauf den Hanns Hausleitner, ehemaligen Pfleger in Parz; nach dieſen den Bauer Hanns Virſche, endlich die Hauptleute der Rebellen, Balthaſar Mahr, Hanns Leitner und einen ehema⸗ ligen Bäcker aus Steyr Namens Angerholzer. Allen wurden die Köpfe abgeſchlagen, ihre Leich⸗ name mit Ausnahme jenes des Achaz Willinger geviertheilt, und dieſe Theile auf Spießen an den Straßen und Orten, wo ſie gewüthet hatten, aus⸗ geſteckt Auch Holzmüller's Kopf prangte neben jenem Madlſeder's vor dem Rathhauſe in Steyr, die Köpfe der übrigen an der Donau bei Linz, ihre Vierttheile aber an den Straßen nach Wels, Steyr, und im Urfahr Linz. Eben ſo blutig begann der 23. April, an wel⸗ chem Hanns Himmelberger, Stadtkämmerer und auch ein ehemaliger Stadtrichter von Steyr, Tobias Mayr, von Gmunden, Forauer Richter von Neumarkt, und Wolf Wurmb, der Enns belagert hatte, Reuter, Richter zu Landberg, Hanns Aubreck, Wachtmeiſter der Bauern, Vätterer, ein Bauer und Obriſtfourier der Rebellen, David Spatt, welcher ein Preunerſches Corps bei Leonfelden geſchlagen, Kloſter Schlögel, Aigen, Peilſtein und Schloß Berg abgebrannt hatte, enthauptet, endlich Ringel, der bei der Belagerung 205 von Linz ſehr thätig war, mit einem andern Bauer Hochbaum auf einem doppelten Galgen aufgehängt wurden. Der Kopf des Wolf Wurmb wurde auch auf dem Stadtthurm in Enns, ſeine Vierttheile in der Stadt, und auf dem Aichberge auf Spieße geſteckt. Andere wurden für ihre Treue belohnt. Die genannten Bauern und ihre Anführer büßten alſo ihre Thaten mit ihrem Blute— andere minder Beſchwerte wurden nach den Grenzhäuſern oder in die Stadtgräben nach Wien zur Schanzarbeit verwieſen, Mehrere blos zu einer Geldſtrafe verurtheilt. Hierauf erließ der Kaiſer eine Amneſtie mit der Bedingung, daß ſich alle Bauern des Landes ob der Enns zur katholiſchen Religion bequemen ſollten; — ein Ausſchuß der Hausruck Viertler bat durch die Erecutions⸗ Commiſſton den Kaiſer um Vergebung ihrer Frevel, und ſtellte unterm 30. April 1627 einen diesfälligen Revers aus. Fadinger's Hof wurde der Erde gleich gemacht. Alſo hatte ſich nach Georg Derfflinger's und ſeines Vaters Ausweiſung aus Oeſterreich der blutige Fa⸗ den des Bauernaufſtandes abgewickelt, und Georg, der Schneiderjunge von Linz, ritt ſchon lange als ſchwediſcher Dragoner die Elbeufer hinab, als das 206 blutige Haupt ſeines gewaltigen Gegners des Herrn Achaz Willinger von der Au und Hinterdobl auf dem Sand des Linzer Hauptplatzes niederkollerte. Stadtrichter Hanns Georg Schröckinger war ſeines ſchweren Amtes durch das von dem Kaiſer eingeſetzte Strafgericht enthoben worden. Bald nach jener blutigen Kataſtrophe endete er ſein irdiſches Daſein. Marie, die liebliche Roſe von Linz, drückte ihm mit heißen Thränen das müde Auge zu. In der Rüſtkammer des vaterländiſchen Muſe⸗ ums der Landeshauptſtadt Linz hängt aber noch ein trotz ſeines mehr als zweihundertjährigen Alters ziem⸗ lich ſcharfes Schwert, welches bei der eben erzählten Trauerſcene am Linzer Hauptplatze eine gar gewal⸗ tige Rolle ſpielte. Auf demſelben ſind nämlich oberhalb des Ge⸗ vatters Dreibein, auf dem ein Delinquent vom Leben zum Tode befördert wird, die erſten Worte ein⸗ gegraben: PEt verbum caro factum est. Jesus Maria Josef Alles was Du thueſt, nimb wohl in acht, Vor allen Du das end betracht; Und Trau auf Gott, die Gerechtigkeit lieb, Das Dich der Strang hier nit betrüeb. 207 Hanns Georg Schrattenbach bin ich genand, Das Schwerd' füehr Ich in Meiner Hand. Zur der Juſtitia Ich es gebrauch, Davor ſich ein Jeder ſoll hüthen auch! „Memento Mori!“ Zwölftes Capitel. Im ſchwediſchen Lager. Gleich einem zitternden Rubin ſchwamm die Herbſt⸗ ſonne des blutigen Jahres 1632 am 29. des Wein⸗ monates, über den in leichte Abendnebel gehüllten Donanbergen des Schwabenlandes, als ein Officier vom Banner'ſchen Dragoner⸗Regimente auf einem braunen Holſteiner einen Waldpfad in der Nähe der Feſte Ingolſtadt hinabritt Er hatte Mühe, die rich⸗ tige Bahn zwiſchen den himmelhohen Tannen und grauen Felsblöcken der wunderlichſten Art, welche wohl ſeit der Urfluth in dieſen Wäldern wie von Rieſenhänden aufgethürmt lagen, ſich durchzuwinden; zuletzt aber flimmerte der Strahl des ſcheidenden Taggeſtirnes nur noch ſparſam zwiſchen den grauen Baumſtämmen hindurch: da ſprang der Reiter vom 208 Pferde, und forſchte mit Hand und Augen mühſam am Boden, als ob er irgend etwas ſuchte. „Gott ſei Dank,“ ſagte er, ſich wieder auf den Braunen ſchwingend,„ich habe den Pfad nicht ver⸗ fehlt, denn die Radfurchen der„Karthaunen und die Hufſpuren der kräftigen Mecklenburger zeigen deutlich, daß ich auf dem rechten Wege bin.“ Er gab ſeinem Roſſe einen leiſen Sporndruck und trabte den Waldesſaum hinab, an welchem ſich plötzlich die Ausſicht in ein weites Thal öffnete, in deſſen Tiefe eine Menge Wachtfeuer das Lager an⸗ denteten, welches der Dragoner zu erreichen ſuchte. In wenig Minuten hatte er die Vorpoſten deſſelben vor ſeinem Auge; es waren Hackenſchützen vom Regimente des Oberſt Winkel, welches Guſtav Adolph bei ſeinem Einmarſche nach Baiern aus dem Oldenburgiſchen an ſich gezogen hatte. Als der wach⸗ habende Rottenmeiſter den Reiter auf die gegen die Waldſeite gerichtete Karthaunenbatterie zuſprengen ſah, trat er ihm ſogleich entgegen. „Parole!“ donnerte er, ſeine Büchſe zwiſchen ſeinen Lederkoller und dem Roſſe des ſtattlichen Offi⸗ ciers ausſtreckend. „Luther!“— erwiederte dieſer raſch— und der 209 Rottmeiſter ſenkte die Hackenbüchſe und blickte for⸗ ſchend dem jungen Reiter unter den Sturmhut. „Ei, ſeid Ihr es, Herr Georg!“ rief er, dem Officiere die Hand reichend,„wie trabt Ihr ſo plötzlich von den Merſeburger Baſtionen bei Nacht und Nebel zu uns herüber?— oder ſitzt Ihr Herren vom blauen Regimente nicht mehr in der ſächſiſchen Wolle ſo warm wie vordem?“— „Es bläſt ein arger Zugwind von Sachſen her⸗ ein,— die Kaiſerlichen ſind einmal wieder flügge,“ entgegnete der Officier vom Pferde ſpringend;— „laß', ehrlicher Alter, meinen Braunen an die Krippe führen, und zeige mir raſch das Zelt des Königs, ich darf keine Minute zögern, ſo ich mein Mandat nicht übertreten will.“ „Iſt es ſo windig um unſer Lager!“ brummte der Rottenmeiſter, indem er auf das Wachfeuer zuſchritt. „Auf, Nils!“ rief er, indem er einem ſtämmi⸗ gen Burſchen, der am Wachfeuer ſeinen Imbiß— eine tüchtige Hammelskeule— verzehrte, auf die Schulter ſchlug,„führe den Herrn Rittmeiſter zum Fichtenringe, wo des Königs Zelt mit dem goldenen Knaufe ſteht,— vorwärts, ſpute Dich!“ Der Däne, etwas unwirſch in ſeiner Mahlzeit 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein I. 14 210 unterbrochen zu ſein, nahm ſogleich eine auf dem Holzſtocke nebenan ſtehende Handlaterne, erhellte ſie, und in wenigen Augenblicken ſchritt der Rittmeiſter durch die Trancheen und Baſtionen des feſten Heeres⸗ lagers, von hundert zu hundert Schritten den einzelnen Wachpoſten ſeine Parole abgebend. In ſeinem mit gelben und blauen Teppichen ausgelegten Zelte ſaß vor einem runden Feldtiſche, auf welchem eine große Karte der deutſchen Kreiſe ausgebreitet lag, ein großer ſtark gebauter Mann, mit ſchlichten Blondhaaren und Knebelbarte, einem blauen Waoffenrocke mit gelber Schärpe am Leibe tragend, und hohe Reiterſtiefel mit großen kupfernen Sporen über die Beinkleider vom gegerbten Renn⸗ thierleder gezogen. Sein großes dunkelblaues Auge blitzte voll kühnen Muthes im Kreiſe der theils auf Feldſeſſeln ſitzenden theils ſtehend um den Tiſch gereihten Officiere aller Waffengattungen vom hell⸗ blauen Waffenrocke der Bannerſchen Dragoner bis zum grünen Jägerwammſe der Norwegiſchen Berg⸗ ſchützen. Es war der große Schwedenkönig und Heer⸗ führer Guſtav Adolph im Kriegsrathe ſeines Gene⸗ ralſtabes. So herausfordernd auch der Blick des großen 211 Königs an der ernſten Tafelrunde vorüberſtreifte, ſo konnte doch dem aufmerkſamen Beobachter der düſtere Faltenzug an der Stirne des nordiſchen Siegers nicht entgehen, der über dem ſonſt freundlichen Auge desſelben ſchwebte, als er mit dem ſilbernen Griffel die Striche an der Landkarte bezeichnete, welche den Marſch und die Stellung ſeiner Armee andeuteten und welche von den Generalen und Subaltern⸗Offi⸗ cieren des verſammelten Stabes mit verſchiedenen Gefühlen beobachtet wurden. „Die Armee iſt nicht mehr das,“ unterbrach endlich der König ein Minuten langes Schweigen der berathenden Verſammlung, indem er ſich in ſeiner ganzen Mannesgröße emporrichtete,„die Armee iſt nicht mehr das, was ſie im Frühherbſte des vorigen Jahres geweſen— damals, ja damals konnte ein einziger Septembertag hinreichen, den Lorbeer eines Tilly mit unſeren nordiſchen Lanzen zu entblättern — wir hatten Mannſchaft, Muth, und— Einigkeit; nun aber, je näher wir dem Inn und der Donau rücken, deſto ſpärlicher werden unſere Subſidia— das Ausreißen nimmt in unſern Reihen überhand, und die ſchöngeputzten ſächſiſchen Fahnenjunker ſcheinen eher an dem Sirenenklange der vergoldeten Trompeten 14* 242 des Friedländers, denn an unſerer ehrlichen Schweden⸗ koſt Behagen zu finden.“ „Eure Majeſtät halten zu Gnaden,“ fiel hier einer der Kriegsräthe, ein ſtämmiger Mann mit grauem Haare, in gelber Generals⸗Uniform— Mar⸗ ſchall Kniphauſen, der das Corps der Arriergarde com⸗ mandirte— dem Könige in die Rede—„Eure Maje⸗ ſtät haben die Sachſen dadurch in ihrem point d' honneur attaquirt, daß Sie die ſächſiſchen Fahnen⸗ junker und Lieutenants am Schlachttage bei Leipzig hinter die Straßenpflöcke von Düben poſtirten, wo ſie uns weder nützen—“ „Noch ſchaden konnten, lieber Marſchall,“ fiel der König dem Sprecher ins Wort,„denn hätte ich den geputzten Herrleins damals getraut, wer weiß, ob ſie nicht mitten im Feuer zu den Katholiſchen über⸗ gelaufen wären, ſchon aus Sorge für ihre Lärvchen, wie die Pompejaner in der Schlacht bei Pharſalus; meine Ledernen?) haben mir auf den Leipziger Fel⸗ dern weit mehr Zäune gebrochen, als dieſe ſächſiſchen Windbeutel, darum laßt ſie laufen.“ *) Lederne Kanonen, deren ſich Guſtav Adolph in der Schlacht bei Leipzig am 7. September 1631 mit vielen Vorthei⸗ len bediente. 2 3. „Erſt heute Morgens,“ bemerkte der Schwadrons⸗ commandant der Küraſſiere, Oberſt Holmſtädt, von ſeinem Feldſeſſel näher tretend,„erſt heute, Maje⸗ ſtät, meldeten ſich vier Cornets von der ſächfiſchen Küraſſier⸗Escadron, die ohnedies ſchon auf 150 Mann herabgeſchmolzen iſt, zum Rückmarſche nach den hei⸗ mathlichen Fleiſchtöpfen.“ „Fiat,“— entgegnete lächelnd der König— „aber eben darum, meine Herren!“ ſetzte er ernſter hinzu,„eben darum müſſen wir ſchlagen.“ „Ich bin auch dieſer Meinung, obgleich unſere Truppenzahl dermalen nicht einmal an die dreißig⸗ tauſend Mann reichen wird,“ bemerkte einer der General⸗Stabsvofficiere, ein großer hagerer Mann, mit ſehr auffallend bleichem Geſichte, der dem König zur Rechten ſaß, und ſeine linke Hand in der Binde trug,„wir ſind mitten in Feindes Land, und ſo wie wir dem Friedländer den Vorſprung laſſen, ſo könn⸗ ten uns ſeine Wallonen leicht in den Rücken kommen und bei dem ſchwankenden Sinne der ewig in Bru⸗ derzwiſt ſich hänſelnden deutſchen Reichsfürſten, das Spiel auf einmal eine Wendung bekommen, die uns wieder nöthigen möchte, zu ſehen, wo die Eyder fließt.“ „Der Herzog von Weimar ſieht zu ſchwatz,“ 214 lächelte hier ein jüngerer Theilnehmer des Kriegs⸗ rathes, der nachläſſig über die bordirte Lehne eines der hohen Lehnſeſſel gebogen, den fein geſpaltenen Mund zu einem faſt höhniſchen Lächeln verzog, und mit den goldverbrämten Quaſten an ſeiner hochrothen über dem reichgeſtickten Waffenrocke hängenden Schärpe ſpielte;„noch haben wir den Churfürſten mit ſeinen Sachſen in der Reſerve—“ „Auf den ſich Euer Majeſtät jedenfalls verlaſ⸗ ſen kann,“ fiel ein bisher ferne ſtehender, die Feld⸗ adjutanten⸗Schärpe tragender Officier, den ſein brau⸗ ner Teint, ſo wie ſeine blitzenden Augen als einen Sohn des ſüdlichen Frankreichs ſignaliſirten— dem Sprecher in das Wort,„was hier Seine Erlaucht der Herzog von Lauenburg ganz richtig bemerkte, iſt Thatſache; Briefe, die mir heute von Bauzen zu⸗ kamen, beſagen, daß Churfürſt Johann Georg mit zehntauſend ſchweren Reitern auf dem Wege nach dem Lech iſt, um uns in wenigen Tagen Suc⸗ curs zu bringen.“ „Sind Eure Correſpondenzen begründet,“ rügte der König den Sprecher,„ſo begreife ich nicht, Herr von Bournonville, warum Ihr uns dieſe Notiz nicht ſogleich im Beginne des Kriegsrathes mittheiltet— denn ſteht es alſo mit dem Churfürſten, ſo brauchen wir 245 nicht in Sorge zu ſein, von unſerer Nachhut im Oldenburgiſchen abgeſchnitten zu werden.“ „Ei,“ bemerkte der alte Marſchall von Knip⸗ hauſen, den jungen Franzoſen firirend,„der Herr von Bournonville wird wohl die Gute haben, uns die Quelle zu nennen, aus der er ſeine ſo wichtige Nachricht geſchöpft hat; ich meinerſeits traue den fliegenden Taubenpoſten nicht eben viel, und ſollten ſie auch ihre Neſter auf den Bleidächern von Vene⸗ dig, oder im Thurmknaufe der Engelsburg aufge⸗ ſchlagen haben.“ „Herr Marſchall!“ blitzte der Franzoſe zorn⸗ glühend nach ſeinem Degengriffe langend, empor; aber vor dem feſten offenen Blicke des greiſen Schlach⸗ tenmannes ſein Auge niederſenkend, lenkte er mit nationaler Geſchmeidigkeit ſogleich wieder ein:„Eure Majeſtät geruhen mich zeitlebens in die ſchwediſchen Scheeren zu verbannen, wenn meine Worte nicht lauteres Gold—“ Da ſchlug der Eingangsvorhang des Zeltes zurück, und gebückt trat ein mehr als ſieben Schuh langer Küraſſier⸗Officier, jugendlichen Anſehens, mit uͤberlangem Schnurrbarte und einem eine halbe Mannslänge meſſenden Haudegen in den Kriegsrath⸗ 216 „Ah, ſieh' da, unſer Feldadjutant, der lange Fritz,**) rief der König aufſtehend—„gewiß Neuig⸗ keiten aus Stockholm?“ „Nein, Eure Majeſtät!“ entgegnete der Küraſſier ſalutirend—„aber aus Sachſen; vor der Haupt⸗ wache, bei Euer Majeſtät Gezelt, harrt ein Ritt⸗ meiſter der blauen Dragoner vom Regimente Waſa; wenn ſeine Stirnfalten den Barometer machen, ſo giebt's bei Leipzig wieder Kugeltegen.“ „Eintreten!“ befahl der König, und der Ritt⸗ meiſter, der eben durch die Waldhöhe herabgeritten und auf Commando des Rottenmeiſters zum Zelt des Königs gewieſen worden war, trat ein. „Was giebt's? Was ſoll's? Wie ſteht's in der ſächſiſchen Mark?“ fragte der König, auf ihn zu⸗ gehend, indeß die Officiere des Generalſtabes ſich um ihn reihten. Der Rittmeiſter blickte fragend auf den König, dieſer aber, ſeinen Blick verſtehend, ſetzte raſch hinzu: ²) Der lange Fritz, Rittmeiſter im ſchwediſchen Königs⸗Kü⸗ raſſier⸗Regimente, bekannt in der Geſchichte des dreißig⸗ jährigen Krieges durch den Umſtand, daß durch ihn der kaiſerliche General Tilly in der Schlacht bei Leipzig bei⸗ nahe gefangen genommen oder gar getödtet worden wäre. 217 „Ohne Scheu geſprochen, Herr Courier, wir ſind im geheimen Kriegsrathe und unter uns.“ Der große Guſtav Adolph bemerkte nicht den ſtechenden Blick, den der alte Marſchall Graf Knip⸗ hauſen hier dem Herzog von Lauenburg, und dem ewig lächelnden Franzoſen Bournonville zuwarf. „Euer Majeſtät geruhen aus dieſer Depeſche des Generalmajors Horn zu entnehmen,“ berichtete der Rittmeiſter,„daß uns die Wallonen auf der Ferſe ſind. Wallenſtein,“ berichtete er weiter,„iſt in Sachſen bereits eingefallen, und hauſt nach ge⸗ wohnter Weiſe mit Feuer und Schwert, und ſo Eure Majeſtät dem Churfürſten nicht ſchleunigſt Subſidien zukommen laſſen, ſo— meint der Ge⸗ neralmajor— ſei auf den wetterwendiſchen Sinn deſſelben nicht zu rechnen, zumal der Friedländer es verſteht, ſeine Leute zu werben.“ Der König hatte die Depeſche durchlaufen; ſein Auge glühte, und im Kreiſe der Generäle ſich um⸗ ſehend, rief er: „Meine Herren! jetzt gilt's! die Hände an unſer nordiſches Eiſen! oder zweifelt noch Einer der Herren, daß wir uns ſchlagen müſſen?“ Da nahte ſich der Lauenburger:„Eure Ma⸗ jeſtät!“ bemerkte er—„wir Officiere der ſchweren 8 Artillerie wiſſen aus unſerer Algebra, daß ein plus und ein minus ſich gegenſeitig aufheben, und da Herr von Bournonville ganz andere Notizen aus Sachſen erhalten—“ „Die erlogen ſind,“ brauſte der König rauh empor,„wir ſchlagen, und damit holla!“ Eine frendige Bewegung gab ſich nun plötzlich in der Verſammlung kund; die kampfergrauten Ko⸗ ryphäen der ſchwediſchen Soldateska ſchienen durch das Zauberwort ,ſchlagen⸗ elektriſirt. „Nun, dem Himmel ſei's gedankt,“ rief der alte Kniphauſen, ſein breites Schlachtſchwert feſt ſchnallend,„nun geht's aus dem verdammten ſchwä⸗ biſchen Sumpfloche wieder in friſches Fahrwaſſer!“ Und die Officiere drängten ſich um den großen König, der denn Lederhandſchuh auf die General⸗ charte von Deutſchland geſtützt, wie der Kriegsgott mit dem allmächtigen Finger die Siegesbahn an⸗ deutete, die er zu nehmen hatte. „Zuvörderſt alſo nach Erfurt!“ „Wird beſetzt!“ ſecundirte der alte Kniphauſen. „Dann nach Naumburg,“— fuhr Guſtav, ſeinen Finger weiter rückend, fort. „Das nehmen wir!“— rief Kniphauſen. 219 „Dann über Zeiz nach Pegan“— bemerkte Guſtav. „Das nehmen wir!“ wiederholte ungeduldig der alte Haudegen. „Von da nach Grimma, Lü—, wie heißt doch die kieine Stadt va,“ fragte er den Herzog von Weimar,„da wo fataler Weiſe ein ſchwarzer Tinten⸗ fleck den Namen verwiſcht.“ „Lützen, Eure Majeſtät,“ entgegnete der Herzog in ſeine Spezialkarte ſehend. „Alſo nach Lützen“— bemerkte der König, den Namen des Ortes mit Rothſtift friſch auftragend. „Und von Lützen nach Leipzig, Prag und in die Kaiſerburg nach Wien,“ eiferte der alte Kniphauſen mit Jugendhitze fort:„pereat Ferdinandus!“ „Geduld, Geduld, Marſchall!“ lächelte der König,„einſtweilen wollen wir vor Lützen halten, wo ich das rothe Kreuz in die Karte gemacht habe, wir brauchen wahrlich nicht ſo zu eilen, wir haben noch eine Wallenſteiniſche Armee vor uns, und das will Etwas ſagen.“ Er blickte auf die Schlaguhr auf ſeinem Zelt⸗ ſchranke. „Schon drei Uhr Morgens!“ rief er,„und 220 ſeit neun Uhr Abends ſind wir in consilio— Gott befohlen, meine Herren, morgen zu Roſſe!“ Die Kriegsräthe entfernten ſich, der König aber winkte dem jungen Adjutanten, welcher die Hiobs⸗ poſt vom ſächſiſchen Heere überbracht hatte, zurück⸗ zubleiben. „Wir haben uns bereits geſehen?“ fragte er, die Arme übereinander ſchlagend und den ſchönen Rittmeiſter mit ſeinem gewohnten durchdringenden Blicke firirend. „Ja, Euer Majeſtät!“ entgegnete dieſer, ſtramm wie die perſoniſteirte Subordination daſtehend. „Wo?“— fragte Guſtav weiter. „Auf den Höhen von Wiederitſch an der Dübner⸗ ſtraße.“—„Bei Leipzig,“ ergänzte der König;„ganz recht! er war dem langen Fritz zur Seite, als der den grauen Marſchall von der Ligue aufs Korn nahm— und hieb mir am Laberbache den braven Oberſt Horn aus dem Kreuzfeuer der Wallonen heraus.“ „Euer Majeſtät haben nicht vergeſſen“— ent⸗ gegnete hocherglühend der Officier. „Wer wird ſo etwas vergeſſen,“ eiferte Guſtav; „hab' ihm ja damals das Officierspatent zuſtellen laſſen, doch bei mir gilt nur der Mann und nicht 221 der Name, und ſieht er, den letzteren habe ich denn doch vergeſſen. Wie heißt er wohl?“ „Georg Derfflinger, Euer Majeſtät,“ entgegnete der Rittmeiſter. „Ach ja, Georg Derfflinger heißt er,— aus Oberöſterreich und Proteſtant?“— bemerkte der König mit der Hand über die Stirne fahrend. „Zu Befehl, Eure Majeſtät,“ erwiederte der Officier,„und eben weil ich mich zu den Evangeli⸗ ſchen bekenne, glaube ich im Heere Eurer Majeſtät am rechten Platze zu ſein. Eure Majeſtät ſind Krie⸗ ges⸗ und Glaubensheld. Wer wollte ſich da nicht um Ihre Fahne ſchaaren?“—„Mit nichten! bin nur das Werkzeug in der Hand des Höchſten,“ be⸗ merkte der König, ſein Haupt leiſe verneigend,— „aber hör' er, mein lieber Derfflinger, da er ein tüch⸗ tiger Degen, Proteſtant und Oberöſterreicher dazu iſt, ſo mag er uns ſogleich einen wichtigen Dienſt leiſten— und iſt gerade zur rechten Stunde ge⸗ kommen!“ Der König ergriff eine ſilberne Glocke mit einem Kreuzgriffe, welche auf ſeinem Feldtiſche ſtand, läu⸗ tete, und als der wachhabende Zelttrabant eintrat, befahl er:„Laßt die Bauern vortreten!“ Georg ſtand in der rechten Zeltvertiefung, und 222 prallte einen Schritt zurück, als er ſeine Jugendge⸗ ſpielen, Thomas Ecklehner, nunmehr Beſitzer des Eck⸗ lehens in der Pfarre Hofkirchen im Hausruckviertel und deſſen Vetter Sebeſtian Nimbervoll, dann den Wolfgang Uebelbauer Thürmer aus Linz, den Wolf⸗ gang Brandſtetter, und Georg Burgſtaller, endlich Schulmeiſter Siegmund Riedermüller aus St. Geor⸗ gen— von denen die erſten vier Hauptleute, der fünfte Quartiermeiſter, und Niedermüller Schrift⸗ führer der Bauern⸗Rebellen im Hausruckkreiſe waren — erblickte. Dicht hinter ihnen ſtand ein kleines Männchen, Tobias Knollmaier?), ehemaliger Baßgeiger in Riedau, und nunmehr wegen ſeiner Geſchicklichkeit gleichfalls Feldſchreiber der Bauern, ein äußerſt verſchmitztes Männchen, deſſen ſchwarze Aenglein in dem pfiffigen Geſichte wie ein paar Feuerräder herumrollten. Er war es auch, der nach mehreren ziemlich linkiſchen Verbeugungen der Bauern einem Manne im evan⸗ geliſchen Ordenskleide, der Niemand anderer war, als der Bauernaufwiegler, Prädikant Jacob Graimbl von Reichenthal, auch Pfarrer im Eferdinger *) Durchgehends hiſtoriſche Namen der oberöſterreichiſchen Rebellen. 223 Lager“ genannt, ein Pergament einhändigte, woraus dieſer dem auf die Ankunft der Bauern⸗Deputation bereits vorbereiteten Könige das Anbringen der ob der ennſiſchen Bauernſchaft im Hausruckkreiſe vor⸗ las, des Inhaltes:„daß ſie, die Bauern im Haus⸗ ruckviertl zuſammen, nur deßhalber bei Ihrer kaiſer⸗ lichen Majeſtät in Ungnad waren, und wenn ſie ſich des Königs Hilfe getröſten dürften, wollten ſie einen ganzen Aufſtand machen.“— Ein langer Blick des Königs war die Antwort auf dieſe Einladung der Bauern; es ſchien, als ob er Bedenken trüge, die angebotene Union mit rebel⸗ liſchen Unterthanen einzugehen. Aber der ſchwediſche Löwe wußte wohl, daß er nur mit Hilfe der öſter⸗ reichiſchen Picken— ſollten ſich dieſe auch gegen den eigenen Landesherrn richten— in der Brigittenan einziehen konnte.— Zudem galt es das„Evange⸗ lium“ als deſſen Vorſtreiter ſich Guſtav Adolph pro⸗ elamirt hatte.— Längſt daher ſchon einig mit ſeiner Politik gegenüber den Bittſtellern, erwiederte ihnen Guſtav Adolph ganz kurz, daß ihn die Herren von Dietrichſtein und von Eck*) aus Nürnberg bereits über ihr Anſinnen im Voraus verſtändigt hätten, * Ausgewanderte Adelige aus Oberöſterreich. 224 daß ſie nur nach Hauſe kehren, inſonderheit die Päß vor dem bairiſchen Kriegsvolk wohl verwahren, die Hof und Schlöſſer mit verwüſten und— ſeiner Hilfe gewärtig ſein ſollten. Beinebens gebe er ihnen einen Landsmann, wobei der König auf Derff⸗ linger wies— mit, welcher in allem Kriegshandwerk und auch in der Politika wohl erfahren ſei und ihnen in ihrem Glaubensſtreite erſprießliche Dienſte leiſten werde.“ Die Abgeordneten der Bauernſchaft machten große Augen, als ſie einen Landsmann vor ſich ſahen— aber faſt ſieben Jahre waren ſeit Georgs Entfernung von Linz verfloſſen, ſein Name in Linz war verſchollen, ſein Todfeind Achaz Willin⸗ ger von Hinterdobl und der Au hatte ſeine Führer⸗ ſchaft im erſten Bauern⸗Aufſtande am 27. Febrnar des Jahres 1627 am Linzer Hauptplatze auf dem Schaffote gebüßt, und Georgs Abenteuer im Stadtrichterhauſe wie ſein Spottname: der Statt⸗ halter vom Kamin war im Klange des ehernen Zeit⸗ rades wie im Weichbilde von Linz verſchollen.— Georg aber verbeugte ſich vor dem Könige:„So Euer Majeſtät mir die Rückführung dieſer Bauern⸗ deputation als ein Friedensgeſchäft anvertrauen wol⸗ len,“ erwiederte er,„ſo will ich als gut evangeliſch geſinnt, wohl meinen Namen und Hand dazu bieten, um einen billigen Pakt mit dem Kaiſer und meinen Landsleuten zu erzielen— aber den Degen, den ich im Heere des Churfürſten und Eurer Majeſtät bisher mit Ehre trug, den kann ich wohl gegen die Feinde der evangeliſchen Lehre im offenen Felde, nicht aber in den Reihen fanatiſcher Bauern gegen ihren Lan⸗ desherrn führen!“ „Das ſoll Er auch nicht,“ entgegnete Guſtav Adolph;„ich will vor der Hand wiſſen, was ich von den Oberöſterreichern, die mir da ihren Bund an⸗ tragen, zu halten habe. Er geht morgen mit den Oeſterreichern nach ihrem Lager ab, ſieht, hört und berichtet mir, was von Nöthen, und ſo Er Seiner Sendung gewachſen iſt, will ich Ihms in Gnaden gedenken.“ „Noch Eins,“ rief der König, als Derfflinger ſich zum Abgehen wandte.„In meinem Generalſtabe haben die kaiſerlichen Kugeln viel Breſche geſchoſſen. Er hat ſeine Eignung zum Commando ſchon trefflich im Feuer bewährt, und mag das Oberſtwachtmeiſter⸗ Patent auf den Weg mitnehmen; werde es Ihm durch meinen Feldſchreiber noch heute zuſtellen laſſen.“ Derfflinger ſtand ſprachlos—„Mein Herr! mein König!“ rief er endlich,„die Huld—“ „Alſo Gott befohlen!“ fuhr Guſtav fort, mit 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 15 226 einer gnädigen Handbewegung.„Vor Lützen ſehen wir uns wieder.“ Dreizehntes Copitel. Im Bauernlager zu Peuerbach⸗ Schweigend und in trauriger Stimmung ritt am erſten Auguſtmorgen des Jahres 1632 Derff⸗ linger an der Seite der Abgeordneten der öſterreichi⸗ ſchen Bauernſchaft in das ſteinerne Thor des Amts⸗ hauſes zu Peuerbach ein, deſſen Umgebung bereits von 6000 Bauern des Hausruckviertels beſetzt war, die hier im zweiten Bauern⸗Aufſtande ihr Haupt⸗ lager aufgeſchlagen hatten, und nun in Verbindung mit den anrückenden Schweden, dem Kaiſer Ferdinand in Wien ein zweites Kriegsſpiel liefern wollten, wie es vor fünf Jahren Stefan Fadinger, und Achaz Willinger freilich mit Zurücklaſſung vieler blutigen Haare geliefert hatten. Mit verſchränkten Armen ſtand Derfflinger im Vorhofe des Gebäudes, um welches herum wie in der ganzen Gegend eine Menge Strohhütten als im⸗ provifirte Zelte der Bauernſchaft gereiht ſtanden, und 227 in deſſen Hofraume ſich mehrere bezechte Bauern mit Kegelſpiel erluſtigten, indem ſie unter brüllendem Gelächter auf einen gewaltigen Holzkegel in der Mitte der Bahn losſchoben, der mit einem großen F bezeichnet war. „Hier alſo,“ ſagte Derfflinger zu ſich ſelbſt,„hier betrete ich wieder den Boden eines Landes, den ich als armer Flüchtling vor Jahren verlaſſen mußte. O wie freue ich mich, die Fluren zu grüßen, wo ich als Knabe ſo glücklich war, wo ich noch vor wenig Jahren als Jüngling dem Tode ins Auge ſah— — ich werde ſie wiederſehen die Hütte meiner Eltern, wenn ſie im Sturme, der ſeither über ſie hinbrauſte, unverſehrt geblieben iſt— an dem Bache werde ich wieder ruhen, wo meine Blumen keimten, auf dem Raſen werde ich knien, wo meine Mutter ruht.. Thränen perlten hier von ſeinem Auge, er ſtand eine Weile ſinnend da, dann ſtrich er mit der Hand über die Stirne, als wollte er die Erinnerung der letzten ſechs Jahre verwiſchen. „O, welch ein großer Traum iſt in dieſer kurzen Zeit an mir vorübergezogen,“ rief er wieder aus. „Mit der Nadel bewaffnet zog ich aus, mit dem Schwerte umgürtet kehre ich wieder, und ſo Gott will als Friedensbringer fuͤr meine Landöleute, 15 deren Beſchwerden und Wünſche ich vor das Auge des ſchwediſchen Löwen bringen ſoll, auf daß er ſie ſichte, und mit der Feder oder mit dem Schwerte geltend mache im ehrlichen Kampfe gegen meinen ehemaligen Landesherrn..4 Hier ging ein gar ſchmerzlicher Zug über die Stirne des jungen Kriegers, es mochte ihm wohl der innere Mahner, den auch die laute Kriegstrompete und der Ruf nach Sieg und Ruhm nicht übertäuben kann, zuflüſtern:„Du dienſt dem Gegner Deines Landesherrn, und biſt ſo gut ein Rebell wie die kegelnden Bauern da.“ Aber in jenen Tagen, wo die Kriegsfurie ge⸗ waltig über den deutſchen Boden raſ'te, galt die Fahne der Parteiung mehr, als jene der Legitimi⸗ tät, und der ehrgeizige junge Rittmeiſter brachte ſeinen inneren Mahner bald durch den Gedanken zum Schweigen, daß er ja der Sache ſeiner Religion dem lutheriſchen Glauben diene, indem er ſich den Reihen des großen Guſtav Adolph angeſchloſſen habe, und daß er von dieſem nach Oeſterreich geſandt ſei, um in der Sache der oberöſterreichiſchen Aufſtands⸗ männer klar zu ſehen, und ſein Urtheil hierüber ins ſchwediſche Lager zu tragen, nicht aber um ſogleich die Waffe gegen den Kaiſer zu führen. ee 2 229 Dieſe und ähnliche Gedanken beſchlichen den Rittmeiſter, als er den kegelnden Bauern näher trat. Neben dieſen ſtand ein ziemlich wohlgebauter und ſchön gekräuſelter Reiterofficier, deſſen vergoldetes Degengehänge den vornehmen Mann verrieth, ſein blei⸗ ches Geſicht, die kleinen grauen Augen und den fein geſpaltenen Mund hatte Derfflinger ſchon irgendwo geſehen. Daneben ſtand ein anderer junger Mann, mit pechſchwarzen Haaren, mit dem brünetten Teint des Italieners, und eben ſo vornehm gekleidet. Beide ſchienen ſich zum Scherze an dem Spiele der kegeln⸗ den Bauern zu betheiligen. Noch ſann Derfflinger nach, wo ihm die beiden Geſichter, die einen nichts weniger als Vertrauen er⸗ weckenden Eindruck auf ihn machten, begegnet ſeien aber ſchon trat der erſterwähnte der beiden Officiere vor:„Ah, monsieur,“ ſagte er,„ſo kommt Ihr end⸗ lich; ich habe die Ehre, Euch in meiner Wenigkeit den Rittmeiſter Bournonville, Franzoſen von Geburt, und zur Zeit im Dienſte des großen Guſtav Adolph, vorzuſtellen.“ „Und ich bin Rittmeiſter Monaldeschi, den Ihr im Zelte des Königs bemerkt haben dürftet,“ ſagte 230 der andere der beiden Officiere, höflich grüßend mit fremdartigem Dialekte. „Wir beide,“ bemerkte der Franzoſe,„wurden Euch von Seiner Majeſtät dem Könige nachgeſendet, um bei dem ſchwierigen Geſchäfte Eurer Sendung unter die Aufſtändiſchen Oeſterreichs als Geleitsmänner zu dienen; da wir mit den Kehlhamern auf der Donau herabfuhren, ſo ſind wir vor Euch zu Aſchach ans Land geſtiegen, und in Peuerbach angelangt, und haben zum Spaße mit den Landleuten ein wenig nach ihrem Könige, dem großen Ferdinand, gekegelt...“ Ein brüllendes Gelächter der Bauern begleitete dieſe Rede, während Bournonville auf den Kegel mit den Buchſtaben F hinwies. Derfflinger widerte dieſe Rede des kecken Süd⸗ länders im Innerſten an.„Ihr kennt vielleicht das oberöſterreichiſche Sprüchlein nicht, monsieur,“ ſagte er, „das da lautet: Wer kegelt, der muß aufſetzen!“... „Oh,“ entgegnete der Franzoſe,„das Aufſetzen laſſen wir den Oeſterreichern über, der große Guſtav Adolph wird ihnen damit genug zu thun machen; wir ſind auch gar nicht zum Kegeln nach Oeſterreich gekommen, und die gefährliche Geſandtſchaft in ein Lager von Aufſtändiſchen iſt auch gar nicht unſer Zweck; den Ruhm davon mögt Ihr, Herr Rittmeiſter, 231 allein hinnehmen; wir wollen andere Roſen brechen; kennt Ihr den Pfleger des Statthalters Herberſtorf, Herrn Georg Jurguvitſch?“ Ueber Georgs Auge flog ein Bild der Erinne⸗ rung jener einſtigen Scene vor dem Kamine des Stadtrichters, wo Herr Georg Jurguoitſch, der frei⸗ herrlich Herberſtorf'ſche Hauspfleger zu Peuerbach ſich des armen Schneidergeſellen ſo angelegentlich ange⸗ nommen hatte. „Wohl kenne ich ihn,“ entgegnete er—„es iſt ein greiſer Ehrenmann.“ „Ja,“ entgegnete der Franzoſe,„ein Ehren⸗ mann iſt er.“ Er wies dabei mit ſeinem Finger nach dem Steinthore, durch welches die hohe Geſtalt des Her⸗ berſtorf'ſchen Pflegers hereintrat. Herr Georg Jurguvitſch war eine anſehnliche Geſtalt, mit hoher Stirne und edlen Geſichtszügen, aus denen Entſchloſſenheit und ruhiger Ernſt her⸗ vorleuchtete. An ſeinem Nacken hing eine goldene Gnadenkette, an ſeiner Seite ein breites Schlacht⸗ ſchwert. Ernſt und kalt nahm er den Gruß entgegen, als Rittmeiſter Bournonville ſeinen Waffengefährten Derfflinger als den Geſandten des Königs vorſtellte, 232 der da den oberöſterreichiſchen Bauern in die Karten ſchauen, und dem König über ihre wahre Farbe be⸗ richten ſollte... „Ihr kommt da zu einem ſchwierigen Geſchäfte,“ entgegnete der Pfleger, aufmerkſam in den Geſichts⸗ zügen Georgs forſchend, den er als ſeinen früheren Schützling im Stadtrichterhauſe nicht ſogleich erkannte; „dieſe Bauern,“ ſetzte er halbleiſe hinzu,„ſind ein ent⸗ artetes Geſchlecht, entflammt und aufgeſtachelt von fremdem Einfluſſe; wie der Löwe, wenn er Blut ſchmeckte, Blut haben muß, ſo heben ſie ihre Piken und Morgenſterne über unſern Häuptern, um ſie auf uns niederſchmettern zu laſſen, wenn es der Augen⸗ blick räthlich macht; wir wandern hier auf ſchwanker Brücke über einem reißenden Strome, der uns jeden Augenblick hinwegſpülen kann.“ „Wie?“ fragte Derfflinger,„wenn Eure Lage ſo gefährlich iſt, Herr Pfleger, ſo ſollte ich meinen, daß eine tüchtige Schaar Musketiere oder ein paar Schwadronen Küraſſiere—“ „Dazu iſt es zu ſpät,“— entgegnete der Pfle⸗ ger.„Seht dort die Strohhütten und Zelte der Bauern im Thale; wir ſind von der Hauptſtadt ſo gut wie abgeſchnitten, und was nicht vom Auslande 233 aus Guſtavs Lager kommt, das paſſirt nicht mehr durch das Bauernlager.... 4 „So ſchließt Euch uns an,“ erwiederte Derfflin⸗ ger,„verlaßt mit uns, die wir als Geſandte des Königs Unverletzlichkeit genießen, dieſen Boden und—“ „Das darf ich nicht,“ ſagte der Pfleger düſter; „meinen Poſten muß und will ich als treuer Diener meines Herrn nie verlaſſen und gälte es mein Herzblut, denn wie Ihr Eurem Herrn dient, ſo diene ich dem meinigen...“ Derfflinger verneigte ſich ſtumm, und überreichte dem Pfleger ein Sendſchreiben des Königs, worin dieſer dem Grafen Herberſtorf anzeigte, was maſſen er nicht als Feind und Aufhetzer rebelliſcher Unter⸗ thanen gegen ihren Landesfürſten auftreten, ſondern vielmehr dieſe zu ihrer Pflicht zurückführen, zugleich aber auch als Vorkämpfer der Sache der Evangeli⸗ ſchen als Friedensvermittler zwiſchen dem Kaiſer und ſeinen evangeliſchen Unterthanen einſchreiten wolle Er ſende daher den Rittmeiſter Derff⸗ linger, als einen Oeſterreicher und bitte, daß Her⸗ berſtorf ihn ins Bauernlager geleiten laſſen, und zum Unterhändler des Königs mit den Bauern ge⸗ brauchen wolle, auf daß dieſe Sache nicht hinter dem Rücken und ohne Wiſſen des Kaiſers und 234 Churfürſten, ſondern vielmehr vor aller Augen abge⸗ handelt werden möge Langſam und ſchweigend ſtiegen alſo Derfflin⸗ ger, Pfleger Jurguvitſch und deſſen Begleiter Johann Lepper, Bürger zu Peuerbach, dann Derfflinger's Waffengenoſſen Monaldeschi und Bournonville den Schloßberg hinab ins Lager der Bauern, welche ſechs tauſend Mann ſtark dort mit dem vorhabenden Intent zu Felde lagen, um die Donau zu ſperren, und wie ihre Landsleute im Jahre 1626 es thaten, der Landeshauptſtadt Linz die Zufuhr abzuſchneiden. Viele hundert Zelte und Strohhütten ſtanden da aufgerichtet; zwiſchen ihnen hingen Feldkeſſel mit Fleiſch über glühenden Kohlen, und zu Haufen ge⸗ ſchichtet ſtanden Speere, Piken und Morgenſterne daneben. Das Bauernlager erſtreckte ſich weit hinab, war aber in verſchiedene Gruppen abgetheilt, vor deren jeder ein großes Rad auf einer Stange ſchwebte, zum Zeichen, daß dort„der Bauernhauptmann“(Ra⸗ delführer, Rädelsführer) campirte. Finſteren Blickes mit großen ſchwarzen Bärten ſchauten dieſe kriegeriſchen Landleute unter ihren ſpitzen Jodelhüten hervor; breite Kittel von braunem gro⸗ bem Loden bedeckten ihre gebräunten ſchmutzigen Leiber, 1 z ——— —— — 235 hin und wieder hing über die breite Bruſt eines ſolchen Ackerhelden ein ſtählernes meiſt durch Parti⸗ ſanen oder Schwert zerriſſenes Panzerhemd; in den benarbten Fäuſten trugen ſie lange Piken, ſtachlichte Morgenſterne, Spießt und die Kanoniere Luntenbüſchel an ihren Lenden. Am Eingange des Lagers ſtanden vier Drehbaſſen und zwei eherne Feldſchlangen, tiefer einwärts reihten ſich ſechs Mörſer für gewaltige Steinkugeln, die jetzt noch im Landesmuſeum zu Linz aufbewahrt ſind. Dort würfelten ein Paar Bauern um eine Kanne Moſt, hier pries eine dicke Dirne ihr Getränk und eine andere mit gewohnter Frechheit ihre Reize— hier balgten ſich ein paar moſtbenebelte Bauernjun⸗ gen und dort verſuchte ein Bauern⸗ Rottenmeiſter einigen ungelenken Burſchen die Handgriffe der Mus⸗ kete einzuüben. Von ſoldatiſcher Disciplin bot das Lager wenig dar. Mitten aber im Lager flatterte eine halbzerfetzte Fahne mit der alten Inſchrift:„Es muß ſein!“ die der Bräuer am Eck unter Roid ſo eben als Fahnenträger aus der Hand des Obriſt⸗ hauptmanns der Bauern Luegmaier empfangen, und mit einem gewaltigen Pereat! auf den Kaiſer in die Erde geſtoßen hatte. Luegmaier trat in ſeiner gewaltigen Mannes⸗ 236 länge von ſieben Schuh auf die herankommende Ge⸗ ſandtſchaft zu, während die trägen Bauern, die bei Würfel und Karte ringsherum lagen, ihre fett⸗ triefenden ſchwarzbehaarten Häupter emporreckten und ſahen, was da vorgehe. „Was ſoll's, Pfleger Jurguvitſch,“ fragte er frech entgegentretend. „König Guſtav Adolph ſendet Euch hier einen Friedensvermittler,“ ſagte der Pfleger,„und ich hoffe, daß Ihr nach Anhörung ſeines Mandates billig trac⸗ tiren und Euer Lager des Aufſtandes und der Meu⸗ terei abbrechen werdet.“— „Oho!“ rief der Bauernobriſt;„noch ſind wir noch nicht ſo weit, Herr Pfleger, um uns Herren⸗ Schimpf ins Geſicht werfen zu laſſen; wiſſen ſchon, wie Ihr mit unſern Kameraden anno ſiebenundzwan⸗ zig am Hauptplatze zu Linz umgeſprungen ſeid— ſeht Euch vor, daß Ihr nicht in unſere geſchliffenen Streitärte anläuft—— und will Guſtav Adolph unſer billiges Anbot annehmen, und mit uns trar⸗ tiren,“ ſetzte er zu Derfflinger gewandt hinzu,„ſo muß nicht gleich von Lagerabbrechen die Rede ſein; dazu hats Zeit, wenn die Sache der Evangeliſchen obenauf ſchwimmt, verſtanden?“——— Pfleger Jurguvitſch biß ſich ſchweigend in die — 237 Lippen. Er und die ſchwediſche Geſandtſchaft traten in das Zelt des Bauernanfuͤhrers. Dort ſtand ein kleiner aus einem knorrigen Eichenklotz improviſirter Tiſch und Feldſeſſel, darneben lag eine breite Pferde⸗ decke mit einem Holzſcheite und Haberſack als Kopf⸗ unterlage, das Ruhbett des Bauernobriſten, darneben lagen zwei Streitärte, ein Paar Sattelpiſtolen und ein gewaltiger Flammberg, die Waffen des Zeltinha⸗ bers. Auf dem Tiſche lag eine alte Bibel mit gro⸗ ßen Schriftzügen und Bilder⸗Initialen; in derſelben blätterte ein langer hagerer Mann im evangeliſchen Paſtorkleide, den der Oberſthauptmann der Bauern den Eintretenden ſogleich als den bereits bekannten Prä⸗ dikanten Greimbl, den Hauptagitator im Bauernlager, vorſtellte. Auf einen Wink des Bauernobriſten wurden lange Bänke ins breite Zelt geſchafft, und andere Bauern traten hinein, es handelte ſich um eine Art Kriegsrath, in welchem die ſchwediſche Geſandtſchaft ihre Sendung vorbringen ſollte. Derfflinger ſprach zuerſt, und legte den Bauern den Wunſch des Königs dar, Frieden zwiſchen ihnen und dem Kaiſer zu ſtiften— andererſeits aber ſeinen ernſten Willen, die Sache des evangeliſchen Glaubens mit der Kraft ſeines ſiegreichen Schwertes zu ver⸗ theidigen bis zum letzten Hauche ſeines Lebens.„Ich 238 bin,“ ſchloß Derfflinger ſeine Rede,„ich bin ein Evangeliſcher wie Ihr— und bin Euer Landsmann, mein Herz blutet daher bei dem Gebanken, daß unſer ſchönes Vaterland von Roſſeshufen zertreten, mit Blut getüncht werden ſoll wie vor ſechs Jahren.— Seht mich an, Landsleute! kennt Einer von Euch noch meine Züge?— o freilich bin ich in dieſen ſechs Jahren um zwölf Jahre gealtert, denn das Kriegs⸗ handwerk macht den Jüngling früher reif zum Manne, als der Pflug oder der Hammer... Neugieriger traten die Bauern jetzt auf Derff⸗ linger herzu; ſie blickten ihm feſt ins Auge, aber keiner, keiner kannte ihn mehr, denn die ihn da kannten, waren nach den Bluttagen des Jahres 1627 ausgewandert, und lohte auch daſſelbe Feuer nun⸗ mehr auf Oeſterreichs Boden, ſo war doch das Bau⸗ ernlager im Ganzen nicht mehr daſſelbe wie anno 1626. „Seht mich an, Mannen,“ rief jetzt Derfflinger, indem er ſein ſchönes Lockenhaupt erhob und ſich in ſeiner ſtattlichen Länge aufrichtete;„ſeht mich an— und ich ſage Euch: ich war Einer von denen, die da zu Frankenburg mitwürfelten um Tod und Leben, denn ich bin Georg Derfflinger, der Sohn des Schnei⸗ ders von Neuhofen.“ 239 „Tod und Teufel!“ riefen die Bauern—„Fran⸗ „Ruhig!“ mahnte Derfflinger;„ich rufe Euch die Scene nicht ins Gedächtniß, um Euch von Neuem aufzuſtacheln gegen die Machthaber Eures Landes; nein— ich rede davon, damit Ihr ſeht, daß Einer, der weit mehr als Ihr über Unrecht und Willkür klagen könnte, in Euer Lager kommt, um Euch ab⸗ zumahnen von dem verderblichen Wurfe, den Ihr gegen Euern Landesherrn ſchleudern wollt.— Denn der König, mein Herr will Eure vielleicht gerechten Beſchwerden nur im friedlichen Vermittlungswege beilegen, nicht aber Rebellion gegen den angeſtammten Landesherrn unterſtützen.“—— „Donner und Teufel!“ rief hier Tobias Knoll⸗ maier, der Waldbauer aus Wolfseck;„ſeid Ihr alſo gekommen, uns eine Strafpredigt zu halten— oho! da kommt Ihr um öppes*) zu ſpät, wir wiſſen von anno ſechsundzwanzig her, was es mit dem Unter⸗ handeln und Kreuzkriechen für eine Bewandtniß hat, und wie ſte mit den Unſtigen am Hauptplatz zu Linz umgeſprungen ſind, wie ſie Alle im Garn gehabt hatten 4 *) Einiges. 240 „Narten muß man mit Kolben lauſen, lautet ein landsmänniſches Sprichwort,“ ſagte der Lueg⸗ maier— aber jetzt richtete ſich Herr Jurguvitſch der Pfleger empor; in feierlicher und eindringlicher Rede hielt er den Bauern ihr Unrecht vor, und wies ſie anf das Schickſal ihrer Landsleute; er mahnte ſie, doch ja das Schickſal derſelben nicht neuerdings her⸗ aufzubeſchwören.„Wollt Ihr Blut und Rad,“ don⸗ nerte er zuletzt in den Haufen,„wollt Ihr Blut und Rad abermals heraufbeſchwören wie die Mühlviertler vor ſechs Jahren; habt Ihr die blutbeſpritzten blei⸗ chen Häupter eines Willinger und Conſorten ver⸗ geſſen?!“— Aber dieſe im Feuereifer für die gute Sache zuletzt von dem ſonſt ſo klugen Pfleger gebrauchten Worte goſſen Oel in die Flammen. Wüthend durch die wiederholte Erinnerung an die Opfer des frü⸗ heren Aufſtandes rief Luegmaier der Obriſthauptmann des Aufſtandes:„Wir haben es friſch durch den Mund unſers Prädikanten des Herrn Jacob Greimbl da, daß wir ſchwediſchen Succurs bekommen, und was der Herr Officier da, der unſer Landsmann ſein will, uns vorſagt, das iſt friſchweg erlogen, und vom Pfleger ausgeſonnen, um uns die Hände zu binden. Wäre der Officier da unſer Landsmann, ſo würde 24 er nicht gegen uns reden, ſondern gemeine Sache mit uns machen— nichts da!— glaubt ihm nicht, Mannen!— ein Schelm, der dem Pfleger und ſeinen Conſorten nicht das Großmaul zunagelt!“ Und mehr als zwanzig Eiſenpiken von Bauern, die ſich inzwiſchen ins Zelt gebrängt hatten, fuhren auf den Pfleger und Georg los. Dieſer aber legte ſeine Hand auf das Degen⸗ gefäß.„Soll ich dieſe Klinge gegen meine Lands⸗ leute gebrauchen 2“ donnerte er in den Haufen.— „Wie? iſt Euch die Geſandtſchaft Seiner Majeſtät des Königs von Schweden alſo unverletzlich, daß Ihr ſie frech zu höhnen und der Lüge zu zeihen wagt, indem ſie Frieden bringend zu Euch kommt. Pfui der Rebellen, die nicht einmal zu unterhandeln ver⸗ ſtehen! Ehret Ihr Knochenreiter wenigſtens das Völ⸗ kerrecht!“ „Was, Völkerrecht,“ ſchrie hier Gabriel Knoll⸗ maier, der Waldbauer aus Wolfsegg, indem er ſeinen Morgenſtern ſchwang. „Haut den Lungerer zu Boden! er iſt ein heim⸗ licher Katholiſcher!“ rief Melchior Schrembs, der baumſtarke Bräuer am Erb unter Roid*), indem er 2 Durchgängig hiſtoriſche Namen. 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 16 242 mit ſeiner Streitart einen Hieb auf den Blechhelm des Rittmeiſters führte, dem Derfflinger aber durch eine raſche Bewegung auswich.— Jetzt aber drängte ſich der hagere Prädikant Jakob Greimbl dazwiſchen. „Evangeliſche!“ rief er—„es iſt des Herrn Wille nicht, daß Ihr die Abgeſandten ſeines Volkes tödtet.“— „Abgeſandte? ja, wenn ſie das wären,“ rief der Luegmaier. „Hunde ſind es, welche die Heerde des Herrn auseinander bellen wollen, darum vorwärts, und bläut ihnen die Köpfe auf Nimmerwiederſehen,“ ſchrie jetzt Hanns Hölming, ein Bauernknecht aus der Um⸗ gebung, der den Poſten eines Wachtmeiſters in der Bauernrotte bekleidete, er ſchwang dabei ſeinen ge⸗ waltigen Eiſenſchlägel, gleichzeitig knallte aus dem Rohre eines der Bauern ein Schuß, und mit zer⸗ ſchmettertem Hinterhaupte ſank def edle Jurguvitſch auf den Sand nieder.*) „Ich ſterbe für meinen Glauben und meine Pflicht,“ rief er. Jetzt aber wurden die Partiſanen und Streit⸗ ſtreng hiſtoriſch. „ 243 ärte im Zelte lebendig, und Derfflinger hatte eben Zeit, ſein Eiſen aus der Scheide zu reißen und durch einen gewandten Seitenſprung den Zelt⸗Ausgang zu gewinnen, was ihm wohl nicht gelungen wäre, hätte ihn nicht der Prädikant mit ſeinem Leibe gedeckt. Draußen bahnte er ſich durch die Haufen der von dem Vorgange im Zelte noch nicht unterrichte⸗ ten Bauern mit beiden Armen eine Gaſſe aus, und gewann ſo den freien Platz nächſt dem Amtshauſe, wo er ſeinen Rappen angebunden hatte, und Seve⸗ rin, ſein Reitknecht harrte. In nächſter Minute ſprengten beide über die Wieſe der Herrſtraße zu, wohin Monaldeschi und Bournonville, dem Sturme entweichend, ſchon ſeit einer Viertelſtunde vorausgeflohen waren,—— denn die geſchnigelten Herren hatten gar bald her⸗ aus, daß mit den Bauern nicht gut zu kegeln ſei. Nacheilende Bauern kamen mit ihren Kugeln zu ſpät; ſie kehrten bald zurück, um die Leiche des Pflegers aus dem Zelte zu tragen, und in ein Ge⸗ wölbe des Schloſſes zu werfen. Der Begleiter und Amtsnachfolger des Gefal⸗ lenen, Lepper, Bürger aus Peuerbach brachte den Tag ſpäter die Kunde dieſer Ereigniſſe nach Linz, 16* * 244 wo ſie die größte Beſtürzung verbreitete.*) Die Rebellion ging ihre Wege. Georg Derfflinger aber ſtand auf der Höhe des Donauufers, und blickte traurig, wie Moſes auf dem Berge, in das gelobte Land ſeiner Heimat binab, das er zu ſehen und deſſen Erde zu küſſen er *) Noch findet ſich das Grabmal, welches Lepper dem gefal⸗ lenen Jurguvitſch in Peuerbach ſetzte. Es lautet wört⸗ lich: Als in anno 1632 der ledige Aufſtand und Bauern⸗ Rebellion in dieſem Lande ſich erhoben, iſt der edle und veſte Herr Georg Jurguvitſch, deſſen Leib allhier ruhet, damaliger freiherrlicher Herberſtorfſcher Hausvfleger der Herrſchaft Peuerbach, ſonſten aus Carndten des Marktes Idelzhofen gebürtig, durch die Rebellanten den 14. Au⸗ guſti allhier auf dem Platz zu Waizenkirchen, nachdem ſie ihn gewaltthätiger Weiſe mit ihnen von Peuerbach gefänglich heruntergeführt, erſtlich durch einen Schuß, nachmals Musketen und Kolben jämmerlich und barba⸗ riſcher Weiſe zu Tod geſchlagen worden. Hat alſo dieſer eifrige Chriſt und treue Faſal des hochlöblichen Hauſes Seſterreich ſein Leib und Leben für die katholiſche Reli⸗ gion und ſeine hohe Obrigkeit treulich aufgegeben, deſſen Seele ohnzweiflich der ewigen Freud genießt. Amen. Und hat ihm ſein Successor Johann Lepper, Bürger zu Peuerbach und urſula ſeine Hausfrau dieſen Grabſtein zum chriſtlichen Gedächtniß im Jahre 1638 machen und aufrichten laſſen.“ 245 gekommen war. Aber der Aufruhr hielt ſeine zweite blutige Ernte auf dem Boden deſſelben, und wie Moſes blickte Derfflinger hinab in das Land ſeiner Sehnſucht, deſſen Paradies ihm mit allen ſeinen Naturreizen entgegenblickte, das aber ſein Fuß nicht mehr betreten durfte. Seine Sendung war mißlungen, traurig und ſchweigend ritt er die Straße nach Baiern entlang, um bald wieder im Lager des großen Königs ein⸗ zutreffen, wo ſich gewaltige Dinge vorbereiteten;— denn die Hand der Vorſehung hatte Lützen dem ſchwediſchen Löwen als den letzten Markſtein ſeines Siegeslaufes vorgezeichnet. Vierzehntes Capitel. Die Schlacht bei Lützen. „Herr Vetter, wir haben einen dummen Streich gemacht!“ waren die Worte, welche der große Gu⸗ ſtav Adolph zu dem Pfalzgrafen Karl Guſtav ſprach, als er nach dem mißlungenen Sturm auf das kaiſer⸗ liche Lager anfangs September 1632 ſein Lager aufhob, und an den feindlichen Batterien vorüber 246 auf Neuſtadt an der Aiſch vorrückte, wo er fünf Tage hindurch campirte. Wallenſtein folgte ihm nicht, der Churfürſt von Baiern aber marſchirte zur Deckung ſeines Landes ab, die Hauptmacht aber führte der Generaliſſimus nach Bamberg, um in Sachſen Winterquartiere zu nehmen. Guſtav Adolph fand ſich hindurch veranlaßt, ſeinem Bundesgenoſſen zu Hilfe zu eilen, er marſchirte durch Thüringen über Arnſtadt und Erfurt nach der Saale Der Herzog von Friedland dagegen hatte den eiſernen Pappenheim aus Niederſachſen berufen; am 22. Oectober ergab ſich Leipzig, am 23. die Pleißenburg mit Capitulation. Als Wallenſtein die Kunde von der Annäherung der Schweden erhielt, kehrte er raſch um, und bezog ein Lager vei Weißen⸗ fels, welches er jedoch ſchon am 4. November wie⸗ der verließ, um ſeine Truppen im Merſeburgiſchen zu cantoniren. Er glaubte nicht, daß der König in dieſer vorgerückten Jahreszeit noch etwas unternehmen werde. Um ſich aber jedenfalls die Straße nach dem nördlichen Deutſchland zu öffnen, welches er zum künftigen Kriegsſchauplatze erſehen hatte, befahl er dem eiſernen Pappenheim mit 12000 Mann nach 247 Halle vorzuruͤcken, und die von der ſchwediſchen Be⸗ ſatzung eingenommene Morizburg zu nehmen. König Guſtav dachte vor der Hand an keine Schlacht, ſondern blos auf die Vereinigung mit den Sachſen bei Grimma. Ein aufgefangener Brief und die Ausſagen der Gefangenen brachten ihm aber die Kunde von Pappenheim's Abgang nach Halle. Wallenſtein hatte im Schloſſe Weißenfels den Oberſten Colloredo mit einer Beſatzung zurückgelaſſen, und ihm befohlen, das Anrücken der Schweden durch Kanonenſchüſſe zu ſignaliſiren, den verſchiedenen can⸗ tonirenden Truppen war die Ebene von Lützen be⸗ zeichnet worden, wo ſie ſich in dieſem Falle ſammeln ſollten. Die Kanonen auf Weißenfels donnerten; alle Regimenter rückten ſchleunigſt ans, und Iſolani mit ſeinen Kroaten beſetzte die Defiléen von Rippach. Guſtav Adolph aber gewann einen Schäfer, der ihm den Weg wies, auf welchem der König die Hauptſtellung der kaiſerlichen Armee umging. Der Würfel lag. Wallenſtein entwarf ſeinen Schlachtplan. Seine Eilboten flogen zu Pappenheim. „Der Feind marſchirt hereinwärts,“ ſchrieb er dieſem;„der Herr laſſe Alles ſtehen und liegen und 248 incaminire ſich hirzu mit allem Volk und Stücken, auf daß er morgen früh ſich bei uns einfinde.“*) Der ſieggewohnte Herzog von Friedland lag alſo vor Lützen. Sein rechter Flügel lehnte ſich an die Stadt, die gerade vor ſeiner Fronte lag. Dieſe maß etwa dreißig Schritte, ſchloß einen Steindamm ein, und war mit Gräben eingefaßt, wohin Wallenſtein Mus⸗ ketiere poſtirte— den rechten Flügel bildete ein Seitengeſchwader unter Feldmarſchall Holk, das Centrum eine Maſſe Fußvolk in vier großen ſoge⸗ nannten burgundiſchen Vierecken, Tertien genannt**), der linke Flügel lehnte nicht an, ſondern ſtand etwas ge⸗ neigt nach Kriegsausdruck in der Luft, ihn commandirte General Götz, und die Troßbuben mit ihren Hand⸗ pferden waren angewieſen, um den Feind zu täuſchen, die Schlachtlinie bis zur Ankunft von Pappenheim' Reiter zu verlängern. Ein und zwanzig ſchwere Geſchütze ſollten in zwei Batterien aufgeſtellt, auf das Commandowort des Friedländers zu donnern anfangen. ²) Dieſer Brief lag nach der Schlacht mit Pappenheim's Blut getränkt, in deſſen Kleide. *) vom tertio Regiment. 249 Alſo ſtanden fünf und zwanzigtauſend kaiſer⸗ liche Männer zum Kampfe gerüſtet— der eiſerne Pappenheim war mit ſiebentauſend Berittenen auf dem Wege. Der ſchwediſche Löwe führte auf dieſem Schlacht⸗ felde neunzehntauſend Streiter mit zwanzig Geſchützen von ſchwerem Kaliber, und vierzig Regimentsſtücken. Seine Schlachtordnung enthielt zwei Treffen, die Reiterei an den Flügeln, das Fußvolk in der Mitte, Oberſt Ohm mit ſeinen Reitern in der Reſerve. Am rechten Flügel im erſten Treffen, wo ſechs ſchwediſche Regimenter ſtanden, führte der König ſelbſt das Commando, am linken Herzog Bernhard von Sachſen Weimar; im zweiten Treffen am rechten Flügel General Bulach, am linken General Hoff⸗ kirch; zwiſchen jedem Regimente hielt eine Abtheilung von fünfzig Commandirten, nämlich auserleſene Musketiere, deren Büchſen ihr Ziel nie verfehlten. Den Troß hatte Guſtav Adolph in Naumburg bei dem Dorfe Churſitz zurückgelaſſen. „Gott mit uns!“ lautete die Parole der Schwe⸗ den—„Jeſus! Maria!“ die der Kaiſerlichen. Gleich einem weißen Leichentuche hatte ſich der dichte November⸗Nebel auf die beiden Heere gelagert, kaum konnte man die nächſten Gegenſtände unter⸗ 250 ſcheiden. Schon plänkelten an der Rippach, einem kleinen Fleckchen bei Lützen die Kroaten des Iſolani mit ſchwediſchen Scharfſchützen. Vor der Fronte des kaiſerlichen Heeres ritt ein hagerer Mann mit erdfahlem Antlitze aber durch⸗ dringendem Feuerauge, in einfacher dunkler ſpaniſcher Tracht, auf einem hohen Holſteiner Rappen. Seine Füße waren bis an die Steigbügeln mit Tüchern umwunden— ſeine Haltung nichts deſto weniger eine königliche. Ein zahlreiches Gefolge umringte ihn. Der Mann war Albrecht von Wallenſtein, Her⸗ zog von Friedland und Sagan, der ungeachtet er heftig an Gichtſchmerzen litt, ſchweigend und ruhig ſeine Pflicht als Generaliſſimus der kaiſerlichen Armee an dieſem heißen Tage erfüllen wollte, ihm zur Seite ſtolzirten die Prinzen von Medici und Eſte, und der kaiſerliche General⸗Commiſſär Graf Michna; an dieſe hing ſich ein Schweif von Officieren, Pagen und Dienern. Einfach und ohne Gepränge lag auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite vor der Fronte des ſchwediſchen Heeres ein großer ſchön gebauter Mann mit offenem geiſtvollem Antlitze, hellen nordiſch kühnen Augen, gehüllt in ein einfaches Lederkoller und ſchmuckloſen Tuchrock, mit einem kleinen Hute auf dem Haupte 251 auf den Knieen, und ſtimmte mit ſchöner männlicher Stimme in den Choral der ganzen Armee ein:„Eine feſte Burg iſt unſer Gott!“ Weithin ſchallte der Klang dieſer tauſend und abermals tauſend kräftigen Männerſtimmen und der Mann im ſchmuckloſen Koller und Tuchrocke, Guſtav Adolph der Schwedenkönig, ſtimmte nun das Lied an:„Verzage nicht, du Häuf⸗ lein klein, ob alle Feinde Willens ſein, dich gänz⸗ lich zu zerſtören!“ Die ganze Armada ſtimmte ein. Jetzt ſtieg der König zu Pferde, und ritt vor die Fronte ſeiner Schweden und Finnen. Er ſprach ſie an als ſeine lieben Freunde und Landsleute, ſagte ihnen, daß ſie den Feind, der bisher das offene Feld geſcheut, jetzt vor ſich hätten, und daß ſie zeigen müßten, was ſie gelernt hätten; daß ſie feſt und ritterlich an einander halten, und fur Gott und ihr Vaterland einſtehen ſollten. Auch die Deutſchen ermahnte er, ihre Schuldig⸗ keit zu thun, und erinnerte ſie, wie ſie vor einem Jahre an demſelben Platze den alten Tilly geſchlagen hatten Jubelruf und Waffengeklirr der Krieger antwor⸗ reten ihm; der Nebel hob ſich allmälig und der Tag⸗ ſtern zerſtreute mit ſeinem heſlen Strahle die Schatten des trüben Novembermorgens. 252 Da erhob ſich der König in ſeinen Steigbügeln. Aufwärts zum Himmel blickend rief er:„Nun wollen wir in Gottes Namen daran! Jeſu! Jeſu! Jeſu! laß uns heute zur Ehre Deines heiligen Namens ſtreiten.“— Und er gab ſeinem Roſſe die Sporen, und ſprengte die Fronte entlang, hinter ihm Herzog Franz Albert von Sachſen Lauenburg als Freiwilliger, zwei Herren vom Hofſtaate, mehrere Officiere, der Page von Leubelfing und zwei Leibdiener. Auf den Dächern von Lützen ſaß bereits der rothe Hahn, den die Kaiſerlichen aufgepflanzt hatten, um einen Flankenangriff der Schweden von dorther zu verhindern. Jetzt blitzte der Degen des Königs durch die Luft— das Zeichen der Schlacht.. Die ſchwediſche Kanonade begann. Die Ge⸗ ſchütze der Kaiſerlichen antworteten. Trommel wirbelten, Trompeten erſchallten. Die Waffen wogten zum eiſernen Würfelſpiel an einander. Die Brigaden der ſchwediſchen Füſeliere mar⸗ ſchirten in geſchloſſener Ordnung dem erſten Straß⸗ graben zu, den kaiſerliche Musketiere beſetzt hatten. Ein gewaltiger Kugelregen empfing ſie. Sie ſtutzten und wichen. Aber ſchon ſprengte an der Spitze einer Escadron 253 blauer Dragoner Obriſtwachtmeiſter Georg Derff⸗ linger, der am Abende vor der Schlacht in Lützen angelangt war, und von der andern Seite der König herbei. Guſtav Adolph ſprang vom Pferde und riß einem Pikenier die Partiſane aus der Hand.„Soldaten, wo iſt Euer Löwenmuth,“ rief er„Ihr, die Ihr Flüſſe überſchritten und Mauern erſtiegen habt, Ihr laßt Euch durch einen elenden Graben aufhalten?“— von Ku⸗ geln umſauſt ſchritt er voran, Derfflinger mit ſeinen Dragonern hinter ihm. Jetzt ſtürzte ſich die dritte Brigade, das blaue Regiment des Oberſten Winkel auf den Graben, warf die kaiſerlichen Musketiere, nahm die Batterien und drang unaufhaltſam vor⸗ wärts; zwei andere Brigaden, die gelbe und die ſchwediſche folgten raſch, bald war die Linie der Kai⸗ ſerlichen an dieſem Punkte geſprengt. Der König hielt jetzt auf einem Hügel abſeits von der Schlachtlinie an und ſtützte ſich auf ſeinen Degen. Derfflinger trat ſich verbeugend herzu, und bot dem Ermüdeten ſein Pferd. „Sieh da,“ ſagte der König lächelnd,„Obriſt⸗ wachtmeiſter Derfflinger, freut mich, Euch mitten im Kugelregen zu begegnen, da iſt unſer rechtes Element; nun rapportirt mir mit zwei Worten, wie iſt Eure 254 Miſſion ins Lager der oberöſterreichiſchen Bauern abgelaufen?“ In gedrängter Kürze berichtete Derfflinger dem Könige das Mißlingen ſeiner Sendung, und wie er unter dieſen Umſtänden am beſten zu thun glaubte, wenn er raſch zum Heere zurückkehre und dem Kö⸗ nige Bericht erſtatte, auf daß dieſer erwäge, ob es unter dieſen Umſtänden gerathen ſei, mit den Auf⸗ ſtändiſchen in Oberöſterreich ein Bündniß abzuſchließen. „Wir können Seine ſchnelle Rückkehr nur billigen,“ ſagte Guſtav Adolph, ſeine Hand dem Obriſtwacht⸗ meiſter auf die Schultern legend;„wir wollen hier zuerſt den Streit ausfechten in offener Feldſchlacht, und wenn, wie ſich ſchon zeigt, der Wurf gelingt, ſo wollen wir mit unſerm Kriegsrathe das Weitere berathen, ob es zweckmäßig, und für uns nicht viel⸗ mehr entehrend ſei, mit fremden Unterthanen gegen ihren Landesherrn zu unterhandeln— Aber ſieh' mal, dort ſtürzt mein Oberſt Stenbock vom ſmaländi⸗ ſchen Regimente vom Pferde, und drüben raſſeln Pieco⸗ lomini's Küraſſiere mit ihren dunklen Harniſchen heran.“ Dann wandte ſich Guſtav zum Oberſten des finniſchen Reiterregiments Stalhandske.„Greif ſie an, die ſchwarzen Burſche,“ befahl er,„ſie werden uns übel bekommen.“ „Darf ich mit meinen Blauen ſecundiren 2“ fragte Derfflinger mit vor Kampfluſt glühendem Antlitze, während hinter den heranbrauſenden Küraſſierſchwad⸗ ronen Iſolani's Kroaten ſichtbar wurden. „Meinetwegen,“ entgegnete der König kopfnickend, „er mag ſich das Obriſtlieutenants⸗Patent holen, führ er meine Leibſchützen gegen den Graben, und hole er ein Paar Kanonen von den Katholiſchen heraus.“ Wie ein Blitz flog Derfflinger den feindlichen Feuerſchlünden entgegen. Wahrhaft mörderiſch entbrannte der Kampf in⸗ zwiſchen im Centrum des Schlachtfeldes. Wallen⸗ ſtein ſelbſt befehligte dort mit Harancourt; ſein Rock war bereits von einer Kugel durchlöchert; ſein Oberſt⸗ kämmerer, Graf Harrach, ſtürzte vom Pferde, und wurde überritten, raffte ſich aber wieder empor, und Mann gegen Mann ſtand dort im dichteſten Kampfes⸗ knäuel einander entgegen. Aber die ſchwediſche Rei⸗ terei wich dort zurück. Guſtav Adolph erhielt durch ſeinen Adjutanten kaum hievon Kunde, ſo ſprengte er nach dem Punkte der Gefahr. Der Nebel ſtieg, der König bemerkte nicht, daß am Graben kaiſerliche Musketiere auf ihn ihre Büchſen anlegten. 256 Ein kaiſerlicher Corporal faßte ihn beſonders ſtark ins Ange, denn Guſtav jagte ſeinen Begleitern voran über das Feld. „Das muß ein vornehmer Herr ſein! ſchieß!“ rief der Corporal einem ſeiner Musketiere zu. Mehrere Schüſſe knallten, und des Königs Pferd blutete am Halſe, ihm ſelbſt war der linke Arm zerſchmettert. Er verbiß ſeinen Schmerz, und bat blos den Her⸗ zog von Lauenburg in franzöſiſcher Sprache, ihn un⸗ bemerkt aus dem Gefechte zu bringen. Während aber beide abwendeten, fiel der Nebel immer tiefer; plötzlich raſſelte ihnen ein kaiſerliches Küraſſiergeſchwader entgegen. Ein kaiſerlicher Obriſtlieutenant von Fal⸗ kenberg erkannte den König.„Dich habe ich lange geſucht!“ brüllte er ihm entgegen, und ſeine Kugel pfiff dem König durch den Rücken... Aber ſchon ſtürzte auch Falkenberg vom Degen des königlichen Pagen durchbohrt zur Erde... Guſtav ſchwankte im Sattel; der Herzog von Lauenburg faßte ihn um den Leib und hielt ihn.„Rette Dein Leben, Bruder!“ ſtammelte der Held,„ich habe genng!“ Von allen Seiten umringt, hatte der Herzog gerade noch Zeit, das Piſtol, welches ihm ein Ku⸗ raſſier vor den Kopf hielt, zur Seite zu ſchlagen, ſo daß ihm blos das Geſicht und die Haare vom Pulver verbrannt wurden; bei dieſer Bewegung war ihm der König jedoch zur Erde geſunken, wo er vom Pferde noch eine Strecke weit geſchleift wurde, dann aber liegen blieb. Die kaiſerlichen Küraſſiere fegten nun das Feld und verſprengten die Begleiter des gefallenen Königs nach allen Richtungen, nur ein Treuer, der Page von Leubelfing hielt bei dem ſterbenden Löwen aus; er ſprang vom Pferde, und verſuchte dem König aufzuhelfen. Jetzt aber ſprengten abermals drei kaiſerliche Reiter heran.„Wer iſt der Verwundete da?“ herrſch⸗ ten ſie dem Pagen entgegen... Der Jüngling wollte ſeinen König nicht preisgeben.„Ich weiß nicht..“ ſtotterte er;— aber ein Stich durch ſeinen Leib war die Antwort, und ein Schuß durch den Kopf des Königs folgte, dann plünderten die Küraſſiere beide bis aufs Hemd und Guſtav Adolph der große Schwe⸗ denkönig hauchte ſeinen letzten Seufzer aus, während ſein treuer Page ſchwer verwundet liegen blieb.*) Mit weniger Umänderung des Erzählten wird dieſe Be⸗ gebenheit auf Grund eines aufgefundenen Originaldocu⸗ mentes hiſtoriſch beſtätiget. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde nämlich eine Urkunde bekannt, welche dieſen Fall näher beleuchtet; es iſt dies 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 17 258 Der Schwedenkönig lag alſo als Leiche am Schlachtfelde. Noch ahnte aber Niemand in ſeinem Heere das inhaltsſchwere Ereigniß. ein Brief des Freiherrn von Leubelfing, Stadtoberſten in Nürnberg. Sein Sohn war Page Guſtav Adolph's, focht und fiel mit ihm. Außer ihm befand ſich in der Um⸗ gebung des Königs der Hofmarſchall Kreilsheim, der Kam⸗ merherr Truchſeß, und der Herzog Franz Albert von Lauenburg, dann der Page Auguſt von Lenbelfing. Es galt, wie andere Schriftſteller erzählten, über die Land⸗ 1 ſtraße zu dringen und die kaiſerliche Batterie zu nehmen. Schon war dies gelungen, als die Schweden von der heranrückenden kaiſerlichen Reſerve zurückgedrängt wurden. Guſtav Adolph ſtellte ſich an die Spitze der flamändi⸗ ſchen Reiterei, deren Obriſt verwundet war, und überſprang mit ſeinem Roſſe den Straßengraben, um ſeiner be⸗ drängten Infanterie zu Hilfe zu eilen. Das Regiment war nicht im Stande mit gleicher Haſt zu folgen. Zudem ſenkte ſich Nebel herab, welcher veranlaßte, daß Guſtav Adolph mit ſeinen wenigen vorgenannten Begleitern unter die kaiſerliche Reiterei gerieth, von der er im Kampfe mehrere Soldaten tödteke. Aber ſein Roß erhielt einen Schuß durch den Hals, und er ſelbſt einen durch den linken Arm, wodurch dieſer zerſchmettert wurde. Er bat nun den Herzog von Lauenburg, ihn aus dem Gefechte zu führen, erhielt aber einen zweiten Schuß(von wem . iſt unbemerkt geblieben) durch den Rücken und ſtürzte vom Pferde, welches ihn eine Strecke weit fort ſchleppte. ——— —,——— 259 Jetzt ſtürmten von der andern Seite eine Schaar ſchwediſcher Dragoner heran, Obriſtwachtmeiſter Derff⸗ linger an ihrer Spitze. „Deroſelben, erzählt nun der Vater des Pagen Leubelfing in dem erwähnten Briefe, deroſelben denn mein Sohn zugerennt von ſeinem Pferde abgeſtiegen ſolches dem Koͤnige präſentirt, mit Vermelden, ob Ihro Majeſtät allein zu erheben, geſtalt denn derſelbe Ihnen ſelbſt nicht mehr helfen können. Unterdeſſen ſind nun des Feindes Küraſſiere, ſolches ſehend, darauf zugeritten, und haben wiſſen wollen, wer dieſes ſei, aber weder der König noch mein Sohn woll⸗ ten dieſes ſagen; darauf Ihrer Majeſtät einer das Piſtol angeſetzt, und dieſelbe durch den Kopf geſchoſſen, während dieſer geſagt haben ſoll: Ich bin der König von Schwe⸗ den geweſt, und iſt alſo eingeſchlafen, indem Ihro Maje⸗ ſtät empfangen gehabt ein Schuß und zwei Stich(bei Einbalſamirung des Leichnams fanden ſich neun Wunden). Meinem Sohne haben ſie gegeben zwei Schuß und drei Stich, auch haben ſie ihn auf der Wahlſtadt bis aufs Hemd ausgezogen, und für todt liegen laſſen.“ Der junge Lenbelfing wurde übrigens am Kampf⸗ platze aufgefunden und nach Naumburg gebracht, wo er am 15. November an ſeinen erhaltenen Wunden ſtarb. Die obigen Nachrichten erhielt der Baron von Leu⸗ belſing vom Senior der Domkirche von Khar, welchen der Edelknabe erſucht hatte, ſeinem Vater ſeinen Tod, nebſt den ihn begleitenden limſtänden zu eröffnen. Die Einfachheit der Darſtellungsweiſe des bezoge⸗ nen Briefes mag für ſeine Echtheit bürgen. 6 * 17 260 Er, der mit ſeinen Dragonern eine kaiſerliche Batterie genommen hatte, und aus einer tiefen Stirn⸗ wunde blutete, ſuchte mit glühendem Auge den wei⸗ ßen Helmbuſch des Königs, er wollte ihm die raſche Wegnahme der kaiſerlichen Geſchütze melden. Er hielt einen Augenblick ſich im Sattel aufrichtend an, und ließ ſein Auge über die Schlachtlinie ſtreifen— aber der weiße Helmbuſch und des Königs Zelter, kennt⸗ lich vor Allen, waren nicht zu erſpähen. Jetzt ſprengte ein ſchwediſcher Obriſtlieutenant heran, welcher den Zügel eines Roſſes hielt, auf dem ein junger Cornet mit todbleichem Antlitze und unſicherer Haltung ſaß; man konnte es dem jungen Streiter anſehen, daß er eben zum erſtenmale über ein Schlachtfeld jagte. „Unſer Herr und König ſcheint in Gefahr zu ſein!“ rief Derfflinger dem Staabsofficier entgegen. „So ſcheint es mir auch,“ entgegnete dieſer,„ich ſuche ihn ſchon lange vergebens im Gedränge, das der Teufel zuſammengewürfelt hat, denn wo das Auge hinſtarrt, gähnen Feuerſchlünde entgegen.“ Jetzt raſſelte der Herzog von Lauenburg bleich wie der Tod heran, hinter ihm jagte Graf Monal⸗ deschi auf ſchweißbedecktem Roſſe. „Haltet an, Herr Oberſt,“ donnerte Derfflinger 261 dem erſteren entgegen,„und ſagt, wo kämpft der König?“ „Dort kämpfte er zuletzt“— rief der Lauen⸗ burger, indem er auf die Oſtſeite des Straßengra⸗ bens hinwies, wo ſich der Kampfesknäuel mehr und mehr zertheilte, und jetzt der weiße Zelter des Königs ſichtbar wurde, der mit blutbebecktem Sattel vorüber⸗ rannte, aus welchem noch die abgebrannten Piſtolen des Königs hervorblitzten. „Herr der Welten, was bedeutet dies 2“— klagte Derfflinger, das Streitroß des Königs am Zaume faſſend;„wo iſt der König?“ „Bei ſeinen erlauchten Ahnen,“ entgegnete achſel⸗ zuckend Monaldeschi, der auf dieſer außer dem Ku⸗ gelbereiche liegenden Stelle tief aufathmend anhielt, und ſich mit einem feinen Brüſſler⸗Tuche den Schweiß von der Stirne trocknete,„die Schlacht iſt aus,“ fuhr er fort,„Mars und Mors haben ſich die Hände gegeben, laßt uns ganz aus dem Bereiche der Kugeln kommen, ich liebe die Bleipillen nicht.“ Damit gab der Wälſche ſeinem Falben die Sporen, und Derfflinger, ſtarr wie ein Marmorbild, ſtierte auf den Schlachtplan hinaus. „Der König iſt entweder verwundet oder todt,“ ſagte der ſchwediſche Obriſtlieutenant,„jedenfalls 262 müſſen wir ihn als ſeine treuen Streiter vom Schlacht⸗ felde zurückholen.“ „Das mein' ich auch,“ rief Derfflinger ſein gutes Eiſen ſchwingend;— aber jetzt ſank der bleiche Cornet auf dem Handpferde des Obriſtlieutenants in ſeinen Arm; der ſchöne Junge ſchien verwundet, oder vom ungewohnten Pulverdampfe betäubt ge⸗ worden Gleichzeitig ertönte Trompetenſignal vom Straßengraben herüber. „Meine Schwadron ſprengt zum neuen An⸗ griffe,“ ſagte der Obriſtlieutenant haſtig;„ich muß an ihre Spitze, thut mir doch den großen Gefallen, und führt meinen verwundeten Neffen da aus dem Schlachtfelde hinter die Schlachtlinie, wo das Zelt des Herzogs von Weimar ſteht! thut mir den Ge⸗ fallen; Obriſtlientenant Schaplow wird Euch den Dienſt dankbar vergelten.“ „Jetzt, jetzt, wo die Trompete zum Angriffe ruft, wo unſer großer König in Gefahr iſt— jetzt ſoll ich das Schlachtfeld verlaſſen,“ rief Derfflinger. Aber der Obriſtlientenant hatte ihm den ohn⸗ mächtigen Cornet bereits in die Arme geſenkt, und jagte wie ein Blitz an der Spitze ſeiner Schwadron den kaiſerlichen Baſtionen zu— und Derfflinger ſtand da, den verwundeten Jüngling im Arme. 263 „Jetzt! Jetzt! das Schlachtfeld verlaſſen,“ rief er,„iſt denn kein Feldſcherer in der Nähe, dem ich den Verwundeten da anvertrauen könnte.“ Er betrachtete den Jüngling näher; ſeine feinen ſchönen Züge, und ſchön gekräuſeltes Lockenhaar, ſein goldverbrämter blauer Jagdrock und die goldene Kette um den blendenden Nacken, der goldausgelegte Hirſchfänger, und das blitzende Piſtolenpaar im Gürtel. Die ganze reiche Kleidung ſchien mehr den jugendfriſchen Waldjäger, als einen Cornet der ſchwe⸗ diſchen Armada zu bezeichnen, und beurkundete den Sprößling hochadelichen Stammes. Es war eine herrliche Geſtalt voll üppiger Jugendfülle, aber bleich wie der Tod; auf dem üppig hervorquellenden Lok⸗ kenhaare ſaß ein leichtes blauſammtenes Baret mit weißer Reiherfeder; die blendend weiße Hautfarbe des jungen Streiters zeigte deutlich, daß er den Sonnenbrand des Lagerfeldes noch nicht empfunden hatte, und ſtach ſeltſam gegen den purpurnen Blut⸗ ſtreifen ab, der unter dem eng anſchließenden Jagd⸗ kleide aus der Bruſt des Jünglings hervorquvll. Derfflinger, der ohngeachtet des ihn umbrau⸗ ſenden Schlachtgetümmels einige Angenblicke mit Wohlgefallen den wunderholden Jüngling betrachtet 264 hatte, bemerkte jetzt das hervorquellende Blut am Halſe deſſelben. Raſch faßte er die Schnuͤre des Jagdkleides, um dieſes zu löſen. In dieſem Augenblicke ſchlug der Cornet ſein dunkles Auge empor— eine ab⸗ wehrende Bewegung deſſelben, und die ſich allmählig röthende Wange des Iünglings, lſo wie die reizende Fülle des jugendlichen⸗ Körpers des Cornets ließen den Obriſtwachtmeiſter ſchnell ahnen, daß der ſchöne Jüngling nicht für das Schlachtfeld— ſondern für die Spindel geboren war.. Raſch hob er jetzt ſeine ſchöne Laſt auf ſeinen Rappen, und prüfte die nächſten Auswege vom Schlacht⸗ felde mit ſicherem Auge. In weniger als zehn Mi⸗ nuten hatte er das Zelt des Herzogs von Weimar hinter der Schlachtlinie erreicht, dort legte er ſeine ſchöne Beute auf ein Feldbett, und empfahl ſie der Sorge zweier Diener des Herzogs, dann ſchwang er ſich von Neuem auf ſeinen Rappen, und ſprengte in den dichteſten Kampfesknäuel, um ſich zur Leiche ſeines Königs Bahn zu brechen. Der Sachſenherzog Bernhard von Weimar com⸗ mandirte am linken Flügel: er warf mit ſeinen tapfern Brigaden die feindlichen Musketiere zweimal aus den Gräben, und drang bis in die bereits 265 brennenden Gärten von Lützen vor, wo er die kaiſerlichen Batterien dicht vor ihrer Fronte angriff. Aber hier fielen die Kugeln zu mörderiſch; der Herzog mußte Halt machen, und um nutzloſes Blutvergießen zu vermeiden, zum Rückzug blaſen laſſen. An einen Feldſtein gelehnt, noch im Bereiche der Kugeln, überſah er mit feuchtem Blicke die große Todtenſaat. Da ſprengte der Hofmarſchall von Kreilsheim und der Kammerherr von Truchſes, die im Ge⸗ folge des Königs geweſen waren, heran, und brachten athemlos die große traurige Kunde, die ſich am rechten Flügel bereits verbreitet hatte; denn der An⸗ blick des blutenden reiterloſen königlichen Pferdes 6 ließ keinen Zweifel über den Fall ſeines Reiters über. Herzog Bernhard flog zu Graf Kniphauſen, der das zweite noch nicht ins Gefecht gekommene 14 Treffen befehligte.—„Rache! Sieg oder Tod!“ galt nun die Loſung. Herzog Bernhard jagte nun die Fronte der Schlachtlinie entlang, und entflammte die Truppen; Fußvolk und Reiterei drangen mit Sturmesmacht vor; auch der linke Flügel ſetzte ſich in Bewegung, die gruͤne Brigade unter Oberſt Wildenitz, das Reiter⸗ regiment von Courville, und im Rücken drei Re⸗ gimenter, Karberg, Kurländer und Thieſenhauſen ſetzten 1856. XVII. Ein d. Schneiderlein. I. 18 266 ſich in Bewegung; die große kaiſerliche Batterie war bald erſtürmt, ihre vierzehn Geſchuͤtze wurden ge⸗ wendet— ein furchtbarer Knall. der Boden erzitterte ein Paar Pulverwägen waren aufgeflogen, — da ſchmetterten Trompeten. Graf Pappenheim der Eiſerne langte mit ſiebentauſend baumſtarken Reitern am Schlachtfelde an. „Wo commandirt der König?“ fragte er.— Aber Niemand konnte ihm antworten. Da traten auf der Stirne des eiſernen Käm⸗ pfers als wunderbares Mahl die blutroth⸗ gekreuzten Schwerter hervor; ſein Auge flammte und forſchte nach dem nordiſchen Löwen.„Vorwärts!“ comman⸗ dirte er, und ſeine Geſchwader brauſten in den Feind; raſch war der ſchwediſche rechte Flügel zurückgewor⸗ fen, und bald wichen auch auf allen Punkten die nordiſchen Streiter. Todesmuthig ſtürzte jetzt die ſchwediſche gelbe Brigade unter ihrem Anführer, dem Grafen Brahe, den Kaiſerlichen entgegen, aber die furchtbare Kraft der feſtgegliederten kaiſerlichen Cavallerie brach bald ihre Maſſen; faſt in einem Augenblicke waren ihre Reihen in einen Berg von Todten verwandelt*). *) So erzählt der taiſ. General⸗Quartiermeiſter Diodati. 267 Ein Schuß entwaffnete den Grafen Brahe und riß ihn vom Pferde. In gleicher Weiſe litt die blaue Brigade. Aber der Gott der Schlachten iſt lau⸗ niſch und Mars lächelt oft dem Beſiegten im letzten Augenblicke, und wendet dem Sieger plötzlich den Rücken zu. Eine Falkonetkugel ziſchte durch den Bruſtkoller des eiſernen Pappenheim, und der Unverwundbare⸗ ſank vom Pferde. Sterbend ſchleppten ihn ſeine Küraſſiere aus dem Gewühle. Ehe er den letzten Athemzug that, vernahm er Guſtav's Tod.—„So ſcheide ich fröhlich von hinnen,“ rief er,„denn der unverſöhnliche Feind des katholiſchen Glaubens iſt mit mir an einem Tage gefallen!“ Pappenheim war gefallen, und ſeine Reiter wandten ſich; die Schweden ſtürmten von Neuem heran, und die Kaiſerlichen wichen. Nur Piecolomini mit ſeinen ſchwarzen Harniſchreitern avancirte in ſtets neuen Angriffen, obgleich er fünf Pferde unterm Leib verloren, und ſechs Schüſſe empfangen hatte; keiner ſeiner Officiere blieb unverwundet, aber er war allein zu ſchwach, um die herandrängende ſchwe⸗ diſche Reiterei aufzuhalten, die Dunkelheit brach her⸗ ein, und Wallenſtein gab den Befehl zum Abzug; Pappenheim's anmarſchirendes Fußvolk deckte den 18* Rückzug.— Wallenſtein ſelbſt war verwundet, er führte das Heer nach Böhmen, und bezog bei Teplitz Winterquartiere, wo er über die Reiterregimenter, die in der Schlacht ihre Pflicht nicht gethan hatten, Gericht hielt. Guſtav Adolph's Leiche blieb auf dem Schlacht⸗ felde.— Einer ſeiner Reitknechte Jacob Erichſon war an ſeiner Seite verwundet, und nach dem nächſten Dorfe gebracht worden, wo er wieder ge⸗ nas. Er veranlaßte die Landleute jener Gegend einen großen Stein an die Stelle zu wälzen, wo Sutuv Leiche gefunden worden war. Dreizehn Mann machten ſich an dieſe Arbeit, aber ſie konnten den Stein nur etwa vierzig Schritte bis zu jener Stelle bringen, wo die Leiche gelegen war. Noch zeigt man den„Schwedenſtein“ bei Lützen, er wurde im Jahre 1837 mit einem gothiſchen Monumente über⸗ wölbt. Ende des erſten Bandes⸗ Prag 1856. Druck von Kath. Gerzabek. ſſſi ſ 2 8 18 ſ 13 14 15 16 1 2 8 9 10 11 1 ——