„ Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Seſebedingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe deziß welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 5* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.—„f. 5 Answärtige Ahonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſtene., verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mnit Kupfern c) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder deferte Buch ein Theil eines größeten Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmertſam gemacht, daß das Weiterverleihen ver Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Album Bibliothek dentſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang. Sechzehnter Band. 5 Pugacew. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Griher: J. L. Kober.) — Pugaten. Grschichtlicher Rumnn von F. Iſidor Proſchkv. Erſter Band. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Prag, Druck von Jarosl. Poſpiöil. Inhalt. Erſtes Cnpitel. Ein Buran Zweites Capitel. An der Newa. Prittes Cnpitel. Die Tochter des Czars Piertes Capitel. Menſchenpläne. Fünftes Capitel. Non plus ultra. Sechstes Cnpitel. Koſak und Huſar Siebentes Cupitel. Eine Weſpe. Achtes Cnpitel. Ein Doppelgänger. Neuntes Capitel. Ein Kronenfall Jehntes Cnpitel. Neskaſtni ludi. Seite 11 61 76 106 132 144 200 235 264 Pugnten. Erſter Theil. Vorwort. „Pugakew,“ ſagt der ruſſiſche General Bibikow, „war weder ein Held, noch ein ſelbſtändiger Eroberer er war nichts als ein Spielzeug der Schelme von jaiki⸗ ſchen Koſaken— nicht Pugakew war daher von Bedeu⸗ tung; von Bedeutung war nur der allgemeine Un⸗ wille“. Pugakew war alſo kein Held— ihn als ſolchen zu ſchildern, wäre eine Verſündigung gegen die Wahr⸗ heit der Geſchichte. Der Leſer dieſes Zeitbildes erwarte daher nicht, daß der Verfaſſer einen Mann, der als Aenteurer, Räuber, Parteigänger in fremden Kriegsdienſten, und zuletzt als ſchrecklicher Empörer gegen ſeine rechtmäßige Regierung auftrat, in allen dieſen ſeinen Lebensperioden mit dem ſchimmernden Mantel der Romantik behangen vorführe und als„Helden“ vergöttere. 1860. XVI. Pugadew. I.. 10 Der Verfaſſer wollte bloß, treu dem Gange der Ge⸗ ſchichte, für denkende Leſer und Freunde der Geſchichte jene weiteren und engeren Fäden enthüllen, an denen die furchtbare Empörung hing, welche der„Koſak vom Don“ hervorrief; er wollte und konnte daher den Namensträ⸗ ger dieſer Erzählung weder als gemüthlichen Rinaldini, noch als irrenden Ritter, ſondern nur als das, was er eben war, als ein„Werkzeug der Revolution“ ſchildern; er wollte in dieſem Zeitbilde nur die geſchicht⸗ liche Wahrheit verkörpern: daß die Hand der Vorſehung ſich von Zeit zu Zeit des Schwertes eines Attila bedient, um Bewegung in die Fäulniß der Staaten, Licht in die Schatten der Zeit, Erkenntniß des Rechtes in das Leben der Völker zu bringen, und das Gefühl der großen Wahr⸗ heit unter der Menſchheit wachzurufen: daß Einer über Allen ſteht, der in ſeinen Himmeln das Geſetz für die Erde geſchrieben hat: daß ohne Ordnung keine wahre Freiheit, ohne Gerechtigkeit kein Völkerſegen; daß Recht und Geſetz im Kampfe gegen den Aufruhr zuletzt immer Sieger bleiben; daß das Reich der Lüge und des Ver⸗ rathes, ſei es auch auf der Bahn der Gewalt noch ſo weit vorgerückt, endlich in Trümmer geht, ſo gewiß als der Gott, den wir anbeten, ein Gott der ewigen Wahr⸗ heit iſt. Der Verfuſſer. ——— Erstes Cupitel. Ein Buran. Ueber die Schneefelder der Hochkuppe des Wolga⸗ gebirges an der Grenzſcheide der beiden Welttheile Eu⸗ ropa und Aſien zog in einem der ſtrengſten Winter der erſten vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein leich⸗ ter Windhauch; die Schneekörnchen ballten ſich nicht, aber ſilberne Streifen erhoben ſich von der Ebene und ſtiegen immer wirbelnder als eine dunkle graue Wolken⸗ maſſe auf. Sie lag auf den höchſten Zinken des Gebirges gleich einem rieſenhaften Ungeheuer der Urwelt, welches ſeine Arme weit hinausſtreckt, unſchlüſſig, ob es in die⸗ ſem oder jenem Welttheile niederfahren ſolle. Zetzt begann der Wind zu heulen. Die himmelhohen Eichen des Hochwaldes an der Abdachung des Gebirges rüttelte ein zeitweiliger furcht⸗ barer Windſtoß, und kalter Regen rauſchte in kleinen Eis⸗ 1* 12 nadeln auf die gleichfalls beeisten Wipfel der Bäume nieder. Schwere Wolkenmaſſen, welche gegen Süden und Oſten heraufzogen, und bis in den Zenith reichten, ver⸗ dunkelten immer dichter den Horizont, aber nicht ſchwarz wie Gewitterwolken, ſondern weißgrau wie ſchwere Ne⸗ belmaſſen; denn einer der furchtbarſten Schneeſtürme des hohen Nordens war im Anzuge. Die Sonne, welche an dieſem Tage ohnedies nur wie ein blutrother Ball, ohne Licht und Wärme am Himmel gehangen hatte, neigte ſich dem Untergange zu, ſchauerlich brauſte der Hochwald, ferne ertönte das Rau⸗ ſchen eines Stromes; weiße Füchſe und braune Zobel ſchoßen durch den Forſt in ihre Höhlen hinab, und das ferne Geheul der Wölfe verſtummte allmälig; denn ſelbſt das Gethier des Waldes flüchtete inſtinktmäßig in ſeine Verſtecke.— Jetzt wurde Alles eine dunkle dichte Maſſe, welche der brauſende Wirbelwind erfaßte und im Kreiſe drehte. Dann nahm die Rieſenwolke nach oben eine mehr gelbliche Färbung an, ſie endete im Zenith in Haufen Wolken mit ſcharf abgegrenztem hellleuchtenden Rande, am weſtlichen Himmel flogen größere tiefhängende Dunſt⸗ maſſen pfeilſchnell mit dem ſich jetzt erhebenden Sturm⸗ winde aus Nordoſt daher. Jetzt ſenkte ſich die graue Rieſenwolke gänzlich auf das Gebirge, der letzte matte Sonnenblick erloſch— 13 Nacht ward es im Gebirge und auf der Abdachung deſſelben, ein Chaos der Natur ſchien geboren, vor wel⸗ chem ſelbſt Wolf und Luchs entſetzt in die Thalabgründe flüchteten. Zetzt brach der Orkan los, ſo furchtbar und gewal⸗ tig, daß vor ſeinem Raſen die Eichenſtämme des Hoch⸗ waldes wie dünne Strohhalme zu Boden knickten, wäh⸗ rend er aufwirbelnde Schneemaſſen vor ſich hertrieb. Der Pol ſchien näher gerückt, und was Blut und Leben hatte, mußte in dieſem Sturme erſtarren. Es war ein ſogenannter Buran, ein Schnee⸗Orkan des ie Nordens, welcher oft ganze Karawanen ver⸗ weht. Was der Samum für Afrikas Wüſten, das iſt der Buran für Aſiens Steppen; ſeine Benennung gaben ihm daher die Steppennomaden Aſiens, ſie bezeichneten da⸗ mit einen Sturmwind, welcher im Sommer den Staub, im Winter den Schnee zur Rieſenwolke empor wirbeln macht. In der Regel beginnt er auf der Erde, zuweilen aber auch in hoher Luft; zuerſt ſtreift ein leichter Wind⸗ zug über die Ebene, man erblickt ſilberne Schneeſtreifen, welche ſich von der Erde erheben, dieſe mehren ſich; jetzt fängt der Wind zu ſauſen und zu heulen an, die Luft ſchimmert von dem Kriſtall des Schnees, und die endlich zuſammengeballte dichte Schneemaſſe trägt der Wirbel⸗ 14 wind bis in die höchſten Stellen der Steppen empor. Oft dauert dieſes Wüthen einen ganzen Tag, häufig be⸗ ginnt er bei ſonnenhellem Wetter, wenn das Thermometer ſich bis acht oder zehn Grade Reaumur erhebt. Seinen Urſprung ſuchen Gelehrte*) damit zu erklären, daß der⸗ ſelbe eine Folge der gefrornen und in Schnee verwandel⸗ ten Dünſte ſei, welche während des Thauwetters in der Abendſpähre ruhen. Aber wehe, wenn der Buran eine Karawane ergreift! Nicht Menſch, nicht Thier vermögen dann dem Sturmchaos zu entfliehen, jede Richtung, jeder Orientirungsinſtinkt iſt da verloren; wie im Kreiſe dreht ſich Roß und Reiter, ein Zauberbann hält Alles inner⸗ halb der Schnee⸗Cyelone furchtbar gefeſſelt. Die Thiere, welche inſtinktmäßig ihre breite Seite dem Sturme ent⸗ gegenſtellen, ſtürzen oft mehrere Werſte weit fort, und zerſchmettern ſich in Klüften und Abgründen. Aber der Kirkes⸗Kaiſake wirft ſich wie der Karawanenpilger der Sahara beim Herannahen des Samums, vor dem Buran auf die Erde, und rettet ſo, oft mehrere Tage liegend, ſein Leben, denn nur ſo entgeht er dem Erfrieren in der Schnee⸗Chelone. Im Sommer bildet ſich der Buran zu⸗ weilen aus dem Sande, welchen er himmelhoch empor⸗ treibt; gleich wie bei einer Sonnenfinſterniß trübt ſich 5) Profeſſor Eversmann in Kaſan. 15 das Tagesgeſtirn dann blutroth, aber nicht lange dauert dieſer Sommerburan. Die Jahrbücher des aſiatiſchen Nordrußlands erzählen von den traurigen Verwüſtungen des Burans im Winter; im einzigen Jahre 1827 kamen in der Saratower Steppe 10.500 Kameele, 280.000 Pferde, 13.000 Rinder und eine Million Schafe um. Dennoch war die grauenhafte Waldesöde um dieſe nächtliche Stunde nicht menſchenleer. Tief unten an dem öſtlichen Abhange des Gebirges, da wo himmelhohe, tauſendjährige Eichen mit ihren viel verſchlungenen Aeſten ein natürliches, mit ſchweren Schneemaſſen bedecktes Dach bildeten, ſtand auf ſeinen eiſenbeſchlagenen Alpenſtok gelehnt, ein hochſtämmiger Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, deſſen ganzes Aeußere den Altruſſen verrieth, und deſſen kräftige For⸗ men ein mit Eisnadeln überglaster Pelzkaftan bedeckte, über welchem ein breiter Mantelſack von grauem Pelz⸗ werk und eine Jagdflinte, dann eine Kürbisflaſche hingen. Zu ſeinen Füßen lag ein großer finnländiſcher Fanghund, welcher mit ſeiner thieriſchen Wärme die Sohlen ſeines Herrn vor Erſtarrung ſchützte. Der Mann mußte lange im Gebüſche herumgeirrt ſein, denn er ſchien gänzlich er⸗ ſchöpft, und ſank jetzt an der Eiche nieder, indem er ei⸗ nigemale ſchwer aufathmete. Jetzt griff er nach ſeiner Flaſche und that einen 16 langen Zug daraus.„Es iſt der letzte Reſt,“ ſagte er in ruſſiſcher Sprache zu ſich ſelbſt;„wenn der Sturm in ganzer Stärke losbricht und mich die Chelone des Bu⸗ rans erreicht, ſo war dieſe Jagd meine letzte— und meine Leute werden nicht einmal meinen im Schnee⸗ ſturme mitgeriſſenen Leichnam finden.“ Es mochte elf Uhr Nachts geworden ſein— der Sturm brüllte ſchauerlicher von der ſich immer tiefer ſen⸗ kenden Wolkenmaſſe herab, ganze Eisſtücke flogen vom ſchwarzumnachteten Himmel nieder, ferner Donner der niederſchmetternden Lawinen miſchte ſich mit dem Brauſen der vom wachſenden Sturme gepeitſchten Bäume, die Kälte wuchs mit jeder Stunde, und der einſame Jäger ſuchte jetzt, ſich feſter in ſeinen Pelzrock wickelnd, nach ei⸗ ner Höhlung irgend eines Baumes— denn nur ſo konnte er ſich durch Zuſammenſchmiegen mit ſeinem zottigen Fanghunde vor dem Erfrieren ſichern. Aber die graue Wolkenmaſſe mit ihrem eiſigen In⸗ halte ſank immer tiefer und erſtarrende Kälte ging vor ihr her; der verirrte Jäger, die ganze Größe ſeiner Ge⸗ fahr ermeſſend, wandte jetzt ſeinen Blick nach Oben. „Der Himmel hat ſein gütiges Antlitz mit dem ſchwärzeſten Tuche überzogen!“ rief er jetzt faſt klagend, „ſo wollte ich, daß der Fürſt der Finſterniß und der ————— 17 Nacht erſchiene und mein Retter würde aus dieſer ſchreck⸗ lichen Einöde!“ Er hatte dieſe Worte noch nicht ausgeſprochen, als ein Windſtoß von Oſten die ſich niederſenkende Wolke zerriß, und die furchtbare Nacht auf einen Augenblick lichtend, der ſteigenden Beklommenheit des Verirrten das Bild eines Menſchen zeigte— das Bild eines Men⸗ ſchen in dieſer troſtloſen Einöde! Der Verirrte raffte ſich wieder auf und ſchritt auf die an einer beſchneiten Eiche gelehnte Geſtalt zu. Ein langer hagerer Mann, in einem zottigen Wolfs⸗ pelz gehüllt, gleichfalls mit Flinte und Bergſtock bewaff⸗ net, trat dem Verirrten entgegen. „Freund!“ rief er im gebrochenen Ruſſiſch,„Ihr habt Recht, der Fürſt der Finſterniß hat an dieſem Platze ſeine neunundneunzig tauſend Höllengeiſter losgelaſſen, denn heulende Wölfe und brennender Froſt machen die⸗ ſen Ort wahrlich zum Abgrunde, wo Heulen und Zähne⸗ klappern iſt. Aber ſchlürft jetzt aus meiner Flaſche, dann wollen wir ſehen, wie wir uns mit vereinten Kräften aus dieſem Schneeſturme heraus winden können!“ Der Verirrte griff mit Haſt nach der ihm von dem Andern dargebotenen Steinflaſche, und ſog den Trank in ſeine vom Wind ausgetrocknete Kehle. „Herr,“ ſagte er,„das iſt wahres Lebenswaſſer; hinab.“ ich fühle mich, Dank Eurer Güte, geſtärkt und erwärmt, als wäre neues Leben in meinen Adern.“ Der Lange verzog ſeinen Mund zu einem ſeltſamen Lächeln. „Nicht wahr,“ ſagte er,„mein Trunk mundet Euch; nun, er hat ſchon Manchen, dem die Seele bereits auf der Zunge ſaß, in's Leben zurückgezaubert; aber jetzt macht, daß wir fortkommen aus dieſer Gebirgsſchlucht, ehe die Wind⸗Cyclone losbricht.“ Die beiden verirrten Jäger ſprangen jetzt mit Pfeil⸗ ſchnelle unter das Geäſte der himmelhohen Eiche zu ihrer Rechten, denn eine donnernde Lawine brauſte an ihrer Linken in den Abgrund hinab— dann trat eine augen⸗ blickliche ſeltſame Stille ein. „Das iſt allerdings das Zeichen des in ſeiner gan⸗ zen Macht losbrechenden Schneeſturmes des Buran,“ ſagte der Ruſſe zu dem langen hagern Mann.„Herr, wenn Gott nicht ein Wunder thut, ſo ſind wir in näch⸗ ſter Minute unter dem Schnee begraben.“ „D'rum Eile,“ erwiderte der Andere,„und zittert nicht wie eine frierende Sumpfkröte— da nehmt mein Wolfsfell, dann laßt uns den Weg ſuchen zum Strome „Was thut Ihr?“ rief der Ruſſe;„Ihr müßt er⸗ frieren ohne Euern Wolfsmantel.“ 19 „Meint Ihr?“ erwiderte der Andere.„Vor zwei⸗ hundert Jahren meinte es Czar Zwan auch, als ich mit ihm auf dieſer Felskante ſtand, ohne Mantel und Mütze, und vor der Erſtürmung des mächtigen Kaſan ihm ſeinen Sieg prophezeite.“ Der Ruſſe blickte wieder auf und wollte den ſon⸗ derbaren Redner in's Auge faſſen— aber die wieder heranſtürmende Schneewolke und der losbrechende Sturm jagte jetzt die beiden Männer mit Windesflügeln vor ſich her; es war eine mit Schnee und kleinen Eisnadeln ge⸗ füllte pyramidale Windhoſe, die ſich zu einem kegelförmi⸗ gen Trichter erhebend, plötzlich zur Höhe von fünfzig bis ſechzig Fuß emporſtieg; der Wind hatte ſich nach Nordoſt gedreht, und eine Schneemaſſe wirbelte der andern nach. Wie Halme knickten dazwiſchen die Bäume des Waldes nieder, nur ein neuer glücklicher Sprung hinter einen her⸗ vorragenden Fels rettete die beiden Männer vor dem Be⸗ grabenwerden in den tiefen Schneemaſſen. Dort hatten ſie etwa fünfzehn Minuten zugebracht, als der Schnee⸗ ſturm ein wenig ferner zu raſen ſchien. „Wir ſind vor der Hand einer großen Geſahr ent⸗ gangen,“ ſagte jetzt der vor Froſt zitternde Ruſſe zu ſei⸗ nem Leidensgenoſſen;„dem ungeachtet kann ich Euch ſa⸗ gen, daß die furchtbaren Schneeſtürme in dieſer Gegend oft mehrere Tage anhalten, und wenn es uns nicht ge⸗ 20 lingt, das Centrum der Windhoſe zu umgehen und ganz aus ihrem Bereiche zu kommen, ſo werden wir den Fuß des Gebirges nicht wieder ſehen und im Schnee unſere erſtarrenden Körper begraben.“ Der lange Bleiche erwiderte nichts; aber er hatte ſein ovales Haupt in die Richtung nach Nordoſt ge⸗ wendet.„Hört Ihr?“ fragte er jetzt ſeinen Leidensge⸗ noſſen. Dieſer lauſchte gleichfalls nach derſelben Seite. Trau⸗ rige Klagetöne, wie das Schluchzen eines Menſchen, klan⸗ gen von dort herüber; ſie ſchienen aus der Nähe zu er⸗ klingen. Beide Männer erklommen nun eine Anhöhe; dort bot ſich ihren Augen ein ſeltſames Schauſpiel dar. Zwiſchen den knorrigen, aus der gefrorenen Eisdecke emporragenden Wurzeln einer tauſ endjährigen Eiche, welche vollkommenen Schutz gegen das vorbeiſtürmende Wetter bot, lagen ausgeſtreckt auf dem Schnee, blos mit einer Pferdehaut bedeckt und einen Schneeballen unter dem Kopfe, neben einem kleinen Eichenſtamm zwei Eiſen⸗ menſchen. Sie hatten ungeachtet der grimmigen Kälte von 20 Graden R. ihre Pelzjacken ausgezogen, und die oberen Theile ihres halbnackten Körpers waren mit hohem Reife bedeckt, ja dieſe„Eiſenmenſchen“ hatten ſogar eine Art muſikaliſcher Saiteninſtrumente bei ſich, von denen 21 eines kahnförmig geſtaltet, mit fünf Saiten, das andere, größere mit acht Saiten beſpannt war. Es waren das die oſtiakiſche Dombra und die Narnissa jucti chotning (d. h. Schwan), zu deren einförmigem Klange dann die beiden Eiſenmenſchen ſo traurige Töne hervorgurgelten, daß ihr Geſang, völlig wehmüthig, dem Schluchzen eines Menſchen glich. Beide hatten braune Pelze von Thierfellen neben ſich liegen, Bogen und Pfeile, Spieße mit Beinſpitzen und zwei lange Schneeſtöcke, nämlich Stöcke mit runden Brettern am untern Ende, wodurch ſie das Einſinken im hohen Schnee verhinderten; an ihren Füßen hatten ſie kahnartige Schnabelſchuhe von Thierhäuten gebunden. Dieſe Eiſenmenſchen waren zwei Jakuten, welche vom nördlichſten Strande des Eismeeres und den Ufern der Lena in ruſſiſchen Dienſten in dieſe Gegend gelangt waren, und gleichfalls der Jagd nachgehend, im Hochgebirge das Vorüberziehen der Schneeſtürme abwarteten. Die wahrhaft wunderbare Abhärtung dieſer an Kälte gewöhnten Naturmenſchen verſchaffte ihnen bei den andern Volksſtämmen Sibiriens längſt den Namen der„Eiſenmenſchen“, und ſo lagen die beiden Jakuten auch jetzt auf dem gefrorenen Schnee hingeſtreckt, als ob ſie auf Eiderdunen ſchliefen, und erhoben ſich erſt, als die beiden verirrten Jäger auf ſie zutraten und der Hoch⸗ ſtämmige ihnen auf ruſſiſch zurief:„Erhebt Euch, Dwor⸗ uye Ljudis), Euer Herr ſteht vor Euch.“ Die beiden Jakuten ſprangen jetzt auf und warfen ſich gleich wieder auf die Erde. „Der Herr!“ riefen ſie wie aus einem Munde in ruſſiſcher Sprache. Dann rafften ſie Pfeile und Bogen von der Schneedecke auf und ſchritten, ohne weiter ein Wort zu verlieren, mit ihrem Jagdgeräthe den beiden Verirrten voran, den Bergesabhang hinab. „Es ſind zwei meiner Diener,“ ſagte der Ruſſe zu ſeinem Begleiter;„ſie werden uns mit Gewandheit und Sicherheit bald zu dem übrigen Jagdgefolge führen, welches ich heute im Schneeſturme verloren habe.“ Der fürchterliche Sturm raſte noch immer mit gro⸗ ßer Heftigkeit; der Hochſtämmige konnte ſich kaum mehr *) Die Dwornye Ljudi(ofleute) ſind in Rußland jene Dienet, welche der Hert zu ſeinen perſönlichen Dienſten aus⸗ erwählt, haben daher manche Begünſtigung, und werden weder zum Ackerbau noch zum Soldatendienſt verwendet. Sie erhalten jedoch am Hofe ihres Herrn keine andere Nahrung als zu Hauſe, müſſen ſich daher ihr Brod und ihren Kwas ſelbſt ſchaffen, und empfangen gewöhnlich auch keine andere Fleidung als ihre mit⸗ gebrachte, welche aus Schuhen von Lindenbaſt und Schafpelzen beſteht. Da ſie auf dieſe Art ihren Herren viel weniger koſten, als die Leibeigenen, welche auch insgemein viel träger, langſamet und widerſpänſtiger ſind, ſo werden ſie dieſen häufig vorgezogen. 23 auf den Füßen erhalten, und mußte ſich auf einen Diener ſtützen und durch mehrmalige Benützung der Brantwein⸗ flaſche ſeines Begleiters ſeine Sinne wach erhalten. Der Schneeſturm tobte immer heftiger. Es war eine jener mit Schnee und Eisnadeln gemiſchten Wirbel⸗ wolken, welche wie die Cyelonen in den chineſiſchen Ge⸗ wäſſern Alles mit ſich in den Abgrund reißen, was in ihre unmittelbare Nähe gelangt. Es galt daher die größte Vorſicht, dem Mittelpunkte dieſer Wolke auszuweichen, ſonſt waren die Verirrten unrettbar verloren. Sie wären es ſicher auch geweſen, hätten ſie nicht die beiden Eiſen⸗ menſchen mit ihren Luchsaugen und wahrhaft wunder⸗ barem Feingefühle bei ſich gehabt. Aber die Sehkraft dieſer Jakuten iſt außerordentlich*). Dank derſelben ſtiegen nun die Jakuten vor den beiden Jägern den Weg in die Gebirgsebene hinab, bald rechts, bald links durch den Nebel ſpähend und ver⸗ ſchiedene Wendungen einſchlagend, während unweit vor ihnen die Sturm⸗Chelone des Hochgebirges wie ein rie⸗ ſenhafter Granitberg vorüberſauſte, Alles mit ſich reißend, 8 Ein Jakute zeigte dem Lieutenant Anjou den Planeten Jupiter mit dem Finger und bemerkte,„er habe dieſen Stern ſehr oft einen kleinen verſchlingen und ihn einige Zeit nachher wieder gusſpeien geſehen« Er hatte alſo ohne Fernrohr den Ein⸗ und Austritt des Jupiter⸗Trabanten bemerkt. 24 was ſie auf ihrem Wege traf. Jetzt waren die vor die⸗ ſem Unwetter Fliehenden auf einen Felsblock hinabge⸗ ſtiegen, die Schneewolke wurde dort dünner, der Eis⸗ regen leiſer, die grauenhafte Schnee⸗Chelone war vor⸗ übergezogen— die höchſte Gefahr überſtanden. Beide Männer hatten mit einander wegen des hef⸗ tigen Sturmes kaum mehr als die wenigen erwähnten Worte wechſeln können. Zetzt wies der lange, dürre Finger des einen der Jakuten durch den verſchwimmenden Nebel. „Die Wolga!“ rief er in ruſſiſcher Sprache. Die beiden Verirrten athmeten tief auf. Ihre Augen konnten zwar durch den noch immer dichten Nebel nicht das Mindeſte erſpähen; aber ſie kannten die ungewöhn⸗ liche Sehkraft ihrer Begleiter, der Eiſenmenſchen, und trauten ihr. Beide ſtärkten ſich wieder aus der Flaſche des Langen. „Beim Haupte des Satans!“ rief dieſer,„ſolch Unwetter habe ich ſeit dreihundert Jahren nicht erlebt, ſelbſt auf der Hochkuppe des Himalaya liegen ſolche rieſige Wolken nicht.“ Der Ruſſe warf jetzt wieder einen ſcheuen Blick auf den Sprecher; er mochte glauben, daß dieſem das ſchreck⸗ liche Abenteuer im Hochgebirge die Sinne verwirrt habe⸗ 25 Aber der Lange ſchüttelte jetzt den Schnee von ſei⸗ ner Lederjacke.„Gebt mir jetzt mein Wolfsfell auf kurze Zeit,“ ſagte er,„denn der Froſt hat mich heute ein we⸗ nig zu ſtark durchgeſchüttelt; fonſt mag ich Kälte ſchon er⸗ tragen.“ „Verzeiht,“ entgegnete der Ruſſe,„daß ich wäh⸗ rend dem Wüthen des Sturmes nicht früher daran dachte, Euch Euer Eigenthum, welches Ihr mir ſo groß⸗ müthig geliehen, zurückzuſtellen; ich bewundere Eure wahrhaft eiſerne Abhärtung.“ Der Andere nahm ſchweigend ſein Wolfsfell zurück, und tiefer und tiefer ſtiegen die beiden Jäger, von den eine ziemliche Strecke voranſteigenden Jakuten geleitet, das Gebirge hinab. MNäher und näher zogen ſich auch die Nebel; jetzt mochten die Verirrten eine Stunde lang das Gebirge hinabgeſtiegen ſein, als ſie an einem Abhange wieder Raſt machten und ſich durch einige Schluck Branntwein wieder ſtärkten— ſchon in weiter Ferne zog der Schnee⸗ ſturm, wie ein ferne brauſendes Meer. Blutroth ſank am weſtlichen Himmel der Tagſtern hinter das Wolgagebirge, breite Abendnebel als ketzter Reſt des Sturmes verſchwammen, von Aſien nach Europa hinüberfliehend, ineinander. Düſtere Nacht lag jetzt auf den weiten Schneefeldern, die Kälte ſchien wieder em⸗ 1860. XVI. Pugabew. T 2 pfindlicher zu werden, und da die vom Gebirge Herab⸗ ſteigenden weder Licht noch Feuerung hatten, ſo würden ſie ohne die Luchsaugen der beiden Jakuten in den Un⸗ tiefen des am Fuße des Gebirges aufgehäuften Schnees verſunken ſein. Der Hochſtämmige der beiden verirrten Jäger konnte jetzt ſeine große Erſchöpfung nur noch ſchwer bekämpfen. „Herr!“ ſagte er zu ſeinem Begleiter,„meine Füße werden mir ſchwer, ich kann Euch nicht mehr folgen; der Schlaf übermannt mich, ich will mich in mein Fell wickeln und unter jene Eiche—“ „Rüttelt Euch auf,“ mahnte der Andere.„Euer Schlaf im Schnee würde Euch dem Tod in die Arme legen.“ „Das weiß ich,“ entgegnete der Andere,„aber meine Kraft iſt gebrochen, das Unglück verfolgt mich auch bis in dieſe Einöde.“ „Fürchtet nichts,“ rief der Lange;„wo ich wandle, da liegt das Glück in den Fußtapfen. Tretet nur nach, und mein Wort darauf, der Himmel wird ſeinem Lieb⸗ linge die Leuchte ſenden, welche uns aus dieſem Eisge⸗ birge in gaſtliche Hütten geleitet. Haben wir kein irdi⸗ ſches Licht, ſo will ich Euch mit meinem Moſesſtabe da das himmliſche herabziehen. Seht, ſeht nur, mein bloßes Wort wird ſchon zur That!“ 27 Der Lange ſtreckte bei dieſen Worten ſeinen eiſen⸗ beſchlagenen Bergſtock in die Richtung nach Norden— und ſiehe, am nördlichen Himmel begann jetzt ein zuerſt ſchwaches, dann ſtärkeres, zuletzt ſehr lebhaftes hoch⸗ rothes feuerfarbenes Licht emporzutauchen, aus welchem helle Lichtſäulen gegen den Scheitelpunkt emporſtiegen. Es war ein ſchönes Nordlicht, welches jetzt die Pfade der Herabſteigenden beleuchtete. Jetzt konnten dieſe die Gegend, in welcher ſie fort⸗ ſchritten, überſchauen. Mit freudigem Erſtaunen blickte jetzt der Ruſſe umher.„Herr,“ ſagte er,„die Gefahr iſt vorüber, wir ſind den Wohnungen der Menſchen näher, als ich dachte. Seht Ihr dort in der Ferne hinter dem Schneehügel—“ Der Ruſſe hatte das Wort noch nicht ausgeſpro⸗ chen, da kamen ſchon wie weiße Polarfüchſe die beiden Jakuten, welche zur Erforſchung des Weges voraus⸗ geſandt worden waren, auf ihren kahnförmigen Schlitt⸗ ſchuhen mit den langen, unten tellerförmigen Schneeſtöcken auf dem gefrornen Schnee dahergerauſcht. „Bolgarü! Bolgarü!“ riefen ſie aus einem Munde, indem ſie ihre Stöcke in die Luft ſchwangen. Beim Scheine dieſes herrlichen Nordlichtes erblickten die Herabſteigenden jetzt ein beſchneites Buſchwerk in einer Niederung, welche hier wie überall das linke Ufer der 2* 28 mächtigen Wolga bildet; weiterhin zeigte ſich ihren for⸗ ſchenden Augen ein höheres Plattfeld, und erfreut wies der Ruſſe ſeinem Begleiter die zerſtreute Häuſermaſſe. „Es iſt das Dorf Bolgarü,“ ſagte er.„Dem heiligen Zwan ſei gedankt, wir ſind geborgen.“ „Ich ſehe zwiſchen den weißen Schneemaſſen nur braunen Schutt, der ſich dort wie zu einem Walle erhebt,“ bemerkte der Lange. Das ſind die Ruinen der alten Stadt, welche einſt, als noch die Chane in Kaſan herrſchten, an dieſem Platze ſtand,“ entgegnete der Ruſſe.„Seht dort den von Oſten nach Weſten an der Wolga ſich hinziehenden Wald, der das alte Bulgar einſt gedeckt haben mag. An dem Abhange innerhalb dieſes Waldes liegt das Dorf Bul⸗ garü, dort an ſeiner öſtlichen Seite die ſteinerne Kirche zwiſchen zwei Thürmen, von denen der eine an der Grundfläche ein Achteck bildet. Seht, dort blickt ſchon die Tſchornaja palata oder das ſchwarze Haus, von den Landleuten das Gerichtshaus genannt, mit ſeinen drei Stockwerken und der halbkugelförmigen, wieder die be⸗ zeichnete achteckige Oeffnung enthaltenden Kuppel hervor. Unter dem Schutte dieſer Ruine liegt noch mancher Schatz, wie ſilberne Ringe, Ohrgehänge und dgl. be⸗ graben.“* Der Lange hörte aufmerkſam zu, und ließ ſeine . 29 blitzenden Augen über alle Punkte der beſchneiten Gegend hinſtreichen. „Iſt dieſes ſogenannte ſchwarze Haus jetzt unbe⸗ wohnt?“ fragte er.„Mich dünkt, ich ſehe Licht in dem⸗ ſelben.“ Der Ruſſe ſchwieg— oder es machte ihn der wie⸗ der heranſtürmende letzte Eishauch des gewaltigen Buran ſchweigen. Er dentete bloß auf ein anderes aus der Ferne ſichtbares Gebäude, welches einige hundert Fuß gegen Süden von der erwähnten Tſchornaja palata lag. „Seht,“ rief er,„das ſogenannte weiße Haus (Sjelaja palata), einſt wahrſcheinlich ein Bad, jetzt nur noch eine Mauermaſſe von etwa 82 Fuß Länge und 36 Fuß Breite am nördlichen und 25 Fuß am füdlichen Ende dort unten.“ „Das Dorf Bolgarü mit ſeinen uralten Ruinen!“ rief er jetzt hochaufathmend.„Zetzt ſind wir nur noch neun Werſte vom Ufer der Wolga entfernt. Seht ihr dort das beſchneite Buſchwerk?“ „Das ſind alſo die merkwürdigen Ruinen der Hauptſtadt der Wolga⸗Bulgharer!“ rief der Lange, indem er von einem der höchſten Schneehügel in's Land hinaus ſchaute. „Es ſind die größten Ruinen, die ſich in Rußland befinden,“ entgegnete der Ruſſe,„und kein Reiſender 30 läßt ſie unbeſucht. Unter ihrem Schutte findet man, wie ich ſchon ſagte, noch viele ſilberne und kupferne Münzen, kupferne Ringe, Ohrgehänge und andere Gegenſtände, mit denen die Bauern dieſer Gegend an die Reiſenden Handel treiben; auch ſollen mehrere tartariſche Heilige dort begraben liegen, daher von den Gläubigen dieſer Nation häufig dahin gewallfahrtet wird. Uebrigens liegen dieſe Ruinen ziemlich entfernt von einander, und wir werden Mühe haben, einen bewohnten Theil derſelben aufzuſuchen, um Raſt und Erholung daſelbſt zu finden.“ „Alſo ſind einige dieſer alten Mauern noch be⸗ wohnt?“ fragte der Lange,„da müſſen ihre Mauern wohl eine ungewöhnliche Feſtigkeit haben, Jahrhunderte auszudauern, und jetzt noch den Menſchen als Wohnſtätte zu dienen.“ Der Ruſſe ſchwieg, als ob ihn die Frage ſeines Begleiters um eine Antwort verlegen mache; nach einer Weile ſagte er:„Allerdings haben dieſe Mauern eine ungemeine Feſtigkeit, die ſelbſt dem ſchärfſten Zahne der Zeit getrotzt hat, und ſo iſt es erklärlich, daß Leute, welche das Leben der geräuſchvolleren Hauptſtadt dieſes Königreiches fliehen wollen und die Einſamkeit lieben, dieſe uralten Steinmaſſen nicht unbenützt laſſen, um ſie zu Wohnungen für ſich aufzufriſchen; nun, die Regierung 31 legt ſolcher Einſiedelei nichts in den Weg,“ ſetzte er mit einem ſeltſamen Lächeln hinzu. Der Lange wollte wieder fragen— aber während dieſem Geſpräche waren Beide auf eine Art Hochebene ge⸗ langt, auf welcher Bolgarü mit ſeinen Ruinen lag. Man konnte von dort aus ſchon in der Nähe einen, von einem Graben umgebenen Wall wahrnehmen, welcher ein längliches Oval bildete und deſſen Umfang etwa ſieben Werſte betragen mochte. Nur an der nördlichen Seite hatte dieſer Wall eine Breſche, und an einem Abhange innerhalb deſſelben lag das Dorf Bolgarü; an ſeiner öſtlichen Seite konnten die beiden Männer bereits die ſteinerne Kirche und in dem übrigen Raume einzeln und zerſtreut die alten Ruinen der Wolgaſtadt wahrnehmen. Wie graue Markſteine einer längſt vergangenen Vorzeit ragten dort zwiſchen den vom Buran aufgethürmten Schneemaſſen zwei ruinartige Thürme empor, von denen der größere chlinderförmige und an ſeiner Grundfläche achteckige, Spuren menſchlicher Bewohnung an ſich trug; denn in dem unterſten Geſchoße dieſes über ſiebzig Fuß hohen Thurmes leuchtete der Strahl einer Lampe, und ſein ſchneebedecktes Dach ließ ſtellenweiſe eine friſche Schindeldecke wahrnehmen. Weiter abwärts, aber ziemlich in der Mitte des Walles, blickte aus dem weißen Schnee⸗ felde ein quadratförmiges, gegen vierzig Fuß hohes Ge⸗ 32 bäude mit drei Stockwerken, deſſen oberſtes klein und achteckig und von einer halbkugelförmigen Kuppel mit der bezeichneten achteckigen Oeffnung bedeckt war, entge⸗ gen. Die Anßenſeite dieſes Gebändes war von einzeln daſtehenden Mauerreſten einſtiger Prunkgemächer umge⸗ ben, an denen ſich überall die ſonderbare achteckige Form kund gab. Einige hundert Schritte abwärts gegen Süden hob ſich ein etwa achtzig Fuß langes Gebäude von gegen die graue Maſſe des vorerwähnten Hauſes grell abſtechender Der Ruſſe, der von der Ermüdung übermannt, ſich kaum mehr auf den Füßen halten konnte, ließ ſich jetzt auf einen beſchneiten Steinblock nieder. „Endlich!“ rief er,„St. Jwan ſei geprieſen! ich ſtehe vor der Thüre meiner Wohnung.“ „Eurer Wohnung?“ fragte der Lange.„Dieſe alten ſchwarzen Mauerreſte ſind Eure Wohnung?“ „Seht ſie erſt von Innen,“ entgegnete der Ruſſe, „dann werden ſie Euch beſſer gefallen. Jetzt aber, da wir an der Schwelle unſerer Behauſung ſtehen, werdet Ihr mir erlauben, wenn ich Euch nach guter altruſſiſcher Sitte, da Ihr ſo zu ſagen heute mein Lebensretter wur⸗ det, mit einem herzhaften Kuße in meinen vier Pfählen willkommen heiße und Euch um Euren Namen bitte, damit ich Euch meinen Hausleuten als den willkommſten Gaſt, der jemals meinen Herd beſuchte, vorſtellen kann.“ Der Lange ſchwieg eine Weile, als zögere er dem Frager ſeinen Namen zu nennen; dann warf er ſein Haupt wieder ſtolz in die Höhe.„Ich nenne mich Ahmar,“ ſagte er,„und bin— derzeit Naturforſcher, als welcher ich die Erde von einem Pole zum andern durchziehe. Zetzt ſteige ich vom hohen Altai herab, und reiſe direkt nach Petersburg an den Hof der Kaiſerin— habt Ihr Nach⸗ richten dahin zu ſenden, ſo könnt Ihr ſie mir mitgeben, ich bin ein verläßlicher Beſteller.“ Der Jäger zuckte bei dieſen Worten auf.„Kommt,“ ſagte er,„wir wollen im Hauſe weiter davon reden, die Kälte durchſchauert mein Gebein und die Müdigkeit er⸗ drückt mich.“ Inzwiſchen waren die beiden Jakuten ſchon voraus⸗ geeilt, und im nächſten Augenblicke öffnete ſich die Ein⸗ gangsthüre zum ſchwarzen Hauſe. Beide Männer traten in ein naheliegendes Gebäude von etwa zweiundachtzig Fuß Länge und ſechsunddreißig Fuß Breite; eine kleine Thüre führte in einen länglich großen Raum, welcher in jeder Ecke viereckig gebaute Zimmer enthielt, ſo daß in der Mitte eine Art breiter Kreuzgang blieb, welcher ſein Licht durch eine achteckige 34 Oeffnung in der Mitte einer Kuppel empfing, die ſich über der Mitte des Kreuzganges befand. Vier andere kleine Kuppeln ragten über jedem der vier Eckzimmer mit achteckigen Oeffnungen empor. Schon die Außenwände dieſer Zimmer trugen ſchöne künſtliche Arabesken, und die Zimmer ſtanden durch Thüren mit dem Kreuzgange in Verbindung. Unter dem Boden klafften ſtellenweiſe Ka⸗ näle, welche unter dem mit Brettern bedeckten Boden des Kreuzganges hinliefen; ſie zeigten, wie die eiſernen Röhren, Spuren alter Waſſerleitungen an den Wänden, und ließen über die einſtige Beſtimmung dieſes Ge⸗ bäudes keinen Zweifel. Schon auf dem Kreuzgange des Gebäudes ſtießen die Ankommenden auf einen Mann. Er trug ein ſchmuck⸗ loſes Käppchen, einen ſpitzigen weißen Filzhut und ein langes, um den Hals und an den Aermeln bunt aus⸗ genähtes Hemd, blaue leinene Hoſen und Fußlappen mit Filzſchuhen, ſomit die Kleidung der Tartaren niederer Gattung. Er ſaß vor einer kleinen Holzbank und berei⸗ tete ſeinen Airan, d. i. eine Art geſäuerter Kuhmilch mit Waſſer. Ihm rief der Jäger ſogleich entgegen:„Stoppi! Stoppi! Petruſcha*), rufe den Zurin, und bring' friſchen 5) Vorwärts! Vorwärts! Peterchen. 35 Kumiß und Früchte, und breite Teppiche auf den Boden meines Zimmers. Wir haben einen Gaſt bekommen.“ „Si tſchas, Batuſchka“*),“ antwortete der Angere⸗ dete, indem er ſeine Arbeit ſogleich ruhen ließ, ſeine Arme über die Bruſt kreuzte und raſch in das linke Eckzimmer des Ganges eilte.. Aus dieſem trat im nächſten Augenblicke den beiden Männern ein anderer Bewohner des Hauſes entgegen. Es war ein Mann von langer hagerer Geſtalt, mit einem geſchorenen Schädel, auf welchem ein goldgeſticktes, eng⸗ anſchließendes Käppchen, der ſogenannte Kollabuſch ſaß. Er trug weißbaumwollene Slans, eine Art Beinkleider, und bunte Saffianſtiefel mit den Baſchmaks oder Ueber⸗ ſchuhen von Leder. Sein Kulman oder Hemd von weißer Leinwand ließ einen nackten Hals ſehen, doch trug er darüber ſeinen Arſchaluk oder Rock von geſtreifter Seide, mit dem bis an die Knie reichenden Kuſchak oder Shawl zuſammengebunden. Ueber ſeinen ganzen magern Körper flatterte noch ein violetter weiterer Rock. Der Mann ſchien alſo ohne Zweifel ein vornehmer Tartar; er war vielleicht einer der Murſas(einer heimlichen Fürſten⸗ familie), welche, ſich ihrer jetzigen Armuth ſchämend, we⸗ nigſtens in der Kleidung zu prunken ſuchen, ſich jedoch in ) Sogleich, Väterchen! 36 die letzten Reſte der einſtigen Prachtwohnung ihrer rei⸗ chen Ahnen verkriechen. „Unſer Beſchließer des ſchwarzen Hauſes,“ ſagte der Jäger zu ſeinem Begleiter; dann zu dem langen Tartar gewendet:„Freund Zurin, heute ging's Deinem Haus⸗ genoſſen an das Fell, und wäre nicht dieſer eiſenfeſte und freundliche Mann mir im wüthenden Buran noch zu rechter Zeit mit Hilfe entgegengekommen, ſo läge ich jetzt von irgend einer Lawine bedeckt, erſtarrt in den Schluchten des Wolgagebirges— darum raſch, Freund Zurin, und öffne die warmen Zimmer und laß auftiſchen, was Deine Vor⸗ rathskammer vermag, daß ſich unſere Lebensgeiſter wieder auffriſchen.“ . Ein abermaliges, äußerſt freundliches„Si tſchas, Batuſchka“ von der Seite des langen Tartaren war die Antwort. Das Innere des erſten Zimmers, in welches die Gäſte des Tartars jetzt traten, hatte vollkommen ein europäiſches Ausſehen; ein Sopha ſtatt des vrientaliſchen Diwans, Stühle, Tiſche und Glasſchränke mit chineſiſchem Porzellan, zwei Spiegel an den Wänden, eine herrliche Porzellanvaſe auf einem Seitentiſche waren angenehme, in's Auge fallende Einrichtungsſtücke. In einem Glas⸗ ſchranke ſtand eine ſteinerne Schale mit Sprüchen aus dem Koran, welche von einer Wallfahrt nach Mekka her⸗ rührte. Vor dem Fenſter ſtanden Blumentöpfe, beſtimmt für Orangen, Feigen und Doppelpalmengewächſe, aber jetzt lagen zarte Eiskruſten auf ihnen. An der Wand hing der perſiſche Säbel des Tartars, Schaſchka genannt, und ein Dolch in einer von Bucharer bereiteten Haut. Auf einem Tiſche lag der Koran mit arabiſchen Lettern, einige tartariſche Gebetbücher und ein Kalender in Form eines Thierkreiſes. Den Fußboden deckte ein dunkelrother, pracht⸗ voller Teppich aus Perſien, und ober der Eingangsthüre ſtand mit großen ſchwarzen Buchſtaben ein Vers aus dem Koran. Die Thüre deckte grüner Saffian mit aus rothen Saffianſtreifen geſchnittenen Figuren. In dieſem Zimmer lud der Tartar ſeine ſeltſamen Gäſte ſogleich zum Nie⸗ derlaſſen auf den Wandbänken ein, während Petruſcha, ſein Diener, in wenigen Minuten ſchon ein langes Brett brachte, auf welchem Honig, Meth und Süßigkeiten, ge⸗ trocknete Aprikoſen aus Bochara, Pinien⸗Nüſſe(Pinus cembra), dann Thee mit Kumiß ²) in Porzellanvaſen ſtanden. Der Kumiß iſt ein bei den Tartaren und Kirgiſen äußerſt beliebtes Getränk. Ein ruſſiſcher Schriftſteller Dr. Dahl ſagt über denſelben: Die Vereitung iſt einfach Die friſch gemolkene Milch wird in einem durchräucherten Sack oder Schlauch aus der Schen⸗ kelhaut von Pferden gegoſſen, und mittelſt eines langen Quirls, Beim Eintritte der beiden Gäſte des Tartaren aber ſprang eine Frauengeſtalt aus dem Vordergrunde des Zimmers auf und huſchte mit ſchnell übergeworfenem Schleier wie ein geſcheuchtes Reh durch die Nebenthür hinaus. Es war Ardopia Baſſiliewa, die Frau des Tar⸗ tars, welche, um nicht gegen tartariſche Sitte zu ver⸗ ſtoßen, außer ihrem Herrn und Gebieter, von keinem Manne geſehen werden durfte. Die beiden Männer machten ſich's nun bequem, ſchlenderten ihre Pelze in die Winkel, und hüllten ſich be⸗ der beſtändig im Schlauche ſteckt, gepeitſcht und geſtoßen, wodurch rin ſtarker Schaum hervorgebracht wird. Die Gährung wird da⸗ durch aufgehalten und zugleich viel atmoſphäriſche Luft unter die Flüßigkeit gemengt. Es iſt Sitte, daß jeder Beſucher, der in das Zelt tritt, gleichſam zur Bewillkommnung nach dem Quirl des Schlauches greift, der rechts vom Eingang ſteht, und ihn auf und nieder bewegt. Täglich wird in den Schlauch die friſche Milch gegoſſen, die in einigen Stunden ſäuert, zumal da der Kumiß nur immer im Sommer bereitet wird. Die Stutenmilch enthält viel Zucker⸗, aber wenig Käſeſtoff und Buttertheile. Von dem Käſe⸗ ſtoffe zeigt ſich faſt gar nichts, da die Milch ſelbſt nach der Säuerung nicht dicker wird. Die Bereitung des Kumiß ſcheint darin zu beſtehen, daß die ſaure Gährung durch das beſtändige Quirlen geſtört wird. Sobald die wenige Gährung anfängt, iſt das Getränk fertig, das dann oft meilenweit in die Städte ge⸗ bracht, oder auch auf Reiſen mitgenommen wird. Der Kumiß iſt je nach der Bereitung oder andern Umſtänden verſchieden, ſchmeckt 39 haglich in die weiten Kaftans, welche ihnen der Diener des Tartars brachte. Auf die bepolſterten Wandbänke ge⸗ ſtreckt, genoßen ſie von den Erfriſchungen, welche ihnen der gaſtfreundliche Zurin bot, und ſprachen zuletzt der Porſa, eine Art gut zubereiteten Fiſchfleiſches, welche Petruſcha auftrug, wacker zu, während die beiden Ja⸗ kuten unter dem bedeckten Kreuzgange des Hauſes ſich den Kwas trefflich munden ließen. Der Charakter der Tartaren iſt, ſo ſehr der Name „Tartar“ als Symbol der Wildheit verſchrieen iſt, nichts bald einfach ſauer, oft ſogar etwas ranzig, iſt aber zuweilen ſehr ſüß und ſtark ſchäumend. Der echte Kumiß muß nur ſehr ſtark ſäuerlich, etwas ſüßlich, dabei reizend ſein und auf der Zunge prikeln. Vor und nach dem Genuß hat der Kumiß einen nicht Jedermann angenehmen Geruch und Beigeſchmack, was zum Theil von dem geräucherten Schlauche herrührt; doch gewöhnt man ſich ſehr leicht daran, zumal man ihn zum erſtenmale gleich in be⸗ deutender Menge und bei heftigem Durſte trinkt. Nach einer ſtar⸗ ken Bewegung iſt er ſehr angenehm und labend, und hat man ſich einmal an den eigenth ümlichen Geruch und Geſchmack ge⸗ wöhnt, ſo wird man ihn nicht leicht für ein anderes Getränk hin⸗ geben. Er iſt ſehr erfriſchend, und beſchwichtiget ſogar den Hun⸗ ger, ohne ſättigend zu ſein, kann einige Zeit recht gut o da er die Eßluſt nicht nimmt. Man hne Speiſe mit ihm auskommen, wohl aber dabei eben ſo viel eſſen wie ſonſt. Auch hat er die beſon⸗ dere Eigenſchaft, daß er nie überfüllt, und ſoviel man auch da⸗ von trinken mag, ſo fühlt man ſich doch immer leicht und wohl. 40 deſtoweniger, wie Alexander von Humboldt ſelbſt ver⸗ ſichert, freundlich, zutraulich, verträglich, ehrliebend, ja liebenswürdig; es war daher nichts ungewöhnliches, daß auch Zurin, der Beſchließer— richtiger der Aufſeher— des ſchwarzen Hauſes, den Gaſt ſeines Hausgenoſſen mit gro⸗ ßer Freundlichkeit empfing, und augenblicklich die dienſt⸗ baren Geiſter des Hauſes, von denen jetzt außer den bei⸗ den Jakuten und dem zuerſt erwähnten Tartaren Petru⸗ ſcha mehrere tartariſche und ruſſiſche Diener mindern Ranges zum Vorſchein kamen, zuſammenjagte. Jetzt ſaßen die beiden Leidensgenoſſen, welche der ge⸗ waltige Buran ſeltſamer Weiſe zuſammengeweht hatte, auf den Wandpolſtern des Zimmers in behaglicher Ruhe; der Tartar brachte noch mit eigener Hand die letzten Lecker⸗ biſſen ſeiner Vorrathskammer, prächtigen Honig, fette Milch und den ſüßeſten Meth; für ſeinen ruſſiſchen Hausgenoſſen und deſſen Gaſt ſetzte er fettes Schwein⸗ fleiſch, für ſich aber— da den Tartaren nach dem Koran der Genuß dieſes letztern verboten iſt— auf einer großen, mit Figuren bemalten Porzellanſch hüſſel junges und ſtark gepfeffertes Pferdefleiſch auf den Tiſch; zuletzt brachte der runde Petruſcha eine lange grüne und roth geränderte Holztafel mit dem Deſſert: wieder getrocknete Nüſſe aus Bochara, Pinien⸗Nüſſe(von Pinus cembra) und ſüßes Gebäcke, endlich drei ungeheure langhalſige Am⸗ 41 phoras nebſt kleinen vergoldeten Schalen ʒ in erſterer ſtand nun zur Auswahl der Gäſte gleichſam, wie in dem Extra⸗ fäßchen friſcher Thee, Kumiß und gegorene Stutenmilch, welche ſäuerlich, feſt und ein ebenſo erfriſchendes als nahrhaftes Getränke der Tartaren iſt. Nachdem der Tartar die Tafel alſo beſtellt hatte, entfernte er die mit den erwähnten Erfriſchungen auf und nieder gehenden Diener allmälig aus dem Zimmer, und ſchloß dieſes ab, während er die Nebenſtube des Schlafzimmers öffnete. Dies bildete einen länglichen Raum, welcher eine längs der ganzen Fenſterſeite hin⸗ laufende ſechs Fuß breite Bank als Schlafſtätte enthielt. In einer Ecke dieſes Zimmers lagen Kiſſen, Decken, Ma⸗ tratzen und Oberbetten aufgethürmt, denn die Tartaren lieben eine weiche Lagerſtatt und decken ſich gerne mit Federbetten zu. Dieſen Kiſſen rückte nun der Tartar die mit den Speiſen beladene Rolltafel entgegen, und die bisher ziem⸗ lich ſchweigſamen, nur mit der Befriedigung ihrer leib⸗ lichen Bedürfniſſe beſchäftigten Tafler ſtreckten ſich jetzt in gemüthlicher Ruhe auf die Kiſſen, und der erquickende Kumiß begann ihre Lippen zu benetzen. Aber wahrhaftig naiv klang es, als der Tartar nach gewohnter Sitte jetzt vor den fremden Gaſt hintrat und mit großer Freundlichkeit, aber ernſter Miene ſich tief 1860. XVI. Pugabew. I. 3 42 verbeugend entſchuldigte,„daß er für dieſen Augenblick nichts Beſſeres bieten konnte, weil die Zeit zur Herrich⸗ tung eines ſtattlichen Mahles gemangelt habe.“ Aber der Lange fuhr über dieſe Rede auflachend empor.„Straf mich Gott!“ rief er,„wenn ich je im Hofe der Czarin ein beſſeres Abendmahl eingenommen habe, als dieſes war, und auf irgend einem Bette im Winterpalaſte beſſer geſtreckt lag, als auf dieſen weichen Roßhaarmatratzen. Nie hätte ich gedacht, daß dieſe grauen Ueberreſte der Mauern ſo freundliche Zimmer und ſo reiche Keller enthielten, und daß ſo große Gaſtfreund⸗ ſchaft hier zu finden ſei!“ „Und dennoch ſeid Ihr im Hauſe des Unglücks— im ſchwarzen Hauſe des Elendes, wo Groll und Ver⸗ rath angekettet liegen,“ fiel der Jäger mit faſt tonloſer Stimme ein. „Im ſchwarzen Hauſe des Elends?“ fragte der Lange.„Wie ſoll ich dies verſtehen? Aber,“ ſetzte er hinzu,„ich ahne vielleicht, was Ihr damit meint; denn ſeit den drei Wochen meiner Irrfahrt durch dieſe Step⸗ pen habe ich des Elendes ſo viel geſehen und gehört, daß ich blind ſein müßte, um nicht auch überall das Rieſengewicht wahrzunehmen, mit welchem der eiſerne Scepter dieſer Eliſabeth auf dem Reiche Peter's des Großen laſtet.“ 43 „So ſeid Ihr kein Freund der Czarin?“ fuhr der Ruſſe auf. „Eure Frage klingt ſarkaſtiſch,“ entgegnete der Lange.„Kennt Ihr die Palaſtgeſchichte dieſer Selbſt⸗ herrſcherin?“ „Herr!“ fuhr der Ruſſe auf,„ob ich ſie kenne! Ich ſage Euch, ſo wahr ich der Sohn meines Vaters bin, ich bin ein Stück dieſer Geſchichte!“ „Und wie ich aus Euren rollenden Augen leſe,“ fiel der Lange ein,„habt Ihr wahrſcheinlich in dem letzten Acte eines Trauerſpieles mitgeſpielt, in welchem die Tochter des Czaren vielleicht die Hauptrollen aus⸗ theilte.“ „Die Tochter des Czaren!“ fuhr der Ruſſe auf, indem er wüthend emporſprang und ſeine Schale um⸗ ſtieß, daß die fette Ziegenmilch auf den Ziegelboden des Zimmers herabrann,„die Tochter des Czaren! Herr, woran erinnert Ihr mich— der Czar! o er— der große, große Selbſtherrſcher ſeiner Reuſſen.“ Der Ruſſe zog bei dieſen Worten ſeine Pelzmütze vom Haupte.„Herr!“ rief er dann begeiſtert,„als Peter der Große an der Newa reſidirte, da regierte Gerechtigkeit, Scharfblick, Thatkraft, Beſcheidenheit, Selbſtverläugnung, mit einem Worte, er war wahrhaft groß! Unſere Väter konnten davon erzählen, wie der Zimmermann von Sardam mit 35 44 der einen Fauſt das Schiffstau dem Sturme entriß, mit der andern das Staatsſchiff in den Hafen zog! Jetzt aber liegt ſein Diadem unter dem Schutte kleinlicher Neigungen begraben.“ Hier unterbrach ſich der Ruſſe plötzlich, indem er einen leiſen Wink des Tartaren beachtend, einen bren⸗ nenden Blick auf das Geſicht ſeines Gaſtes warf.„Ver⸗ zeiht meiner Heftigkeit,“ ſagte er, indem er ſeine Schale wieder mit Milch füllte,„alte Erinnerungen haben mich aufgeregt, und— Gott erhalte die Czarin!“ ſetzte er mit einem ſonderbaren Stoßſeufzer hinzu. Der Lange lächelte. „Ihr könnt Euch Euern zweideutigen Segensſpruch ſparen,“ entgegnete er lächelnd;„nach dem, was Ihr mich ſoeben hören ließet, brauche ich nicht länger zu fragen, um die Wege zu einem Manne zu finden, den ich eben ſuche.“ Der Lange öffnete jetzt ſeine Wollweſte und zog unter ſeinem Hemde eine Ledertaſche hervor, aus welcher er zwei kleine Briefe nahm.„Ich ſteige nicht,“ ſagte er mit halbleiſer Stimme,„wie ich Euch früher erzählte, vom Altai herab, ſondern komme eben von Berlin über Warſchau und Petersberg, um an den Don und Dnieper hinabzugehen. In Berlin wurde mir dieſer Brief und in Petersburg der zweite da zur Beſtellung anver⸗ 45 traut.— Den erſten,“ ſetzte er mit einem ſcharfen Blicke auf den Ruſſen hinzu,„gab mir der Geſandte der Kaiſerin Maria Thereſia am preußiſchen Hofe, mein Freund, Marquis von Botta, den andern mein Freund, der General⸗Kommiſſär des ruſſiſchen Seeweſens, Herr La⸗ puſchkin— beide ſind an den wackern Marſchall Münnich adreſſirt. Könnt Ihr mir wohl ſagen, wo ich den Mann in Kaſan auffinden werde?“ Auf dem Antlitze des Ruſſen malte ſich jetzt Leichen⸗ bläſſe, dann gleich wieder Flammenröthe. „Was ſagt man in Petersburg von dem Mar⸗ ſchall Münnich?“ fragte er, indem er die beiden Hände des langen Gaſtes krampfhaft drückte und die Briefe, welche dieſer zögernd noch in der Hand hielt, mit zittern⸗ den Händen an ſich riß. „Man ſagt,“ antwortete der Lange,„daß er nun in Sibirien in demſelben Gefängniſſe ſitze, wozu er den Plan entwarf, als er ſeinen Feind, den geſtürzten Her⸗ zog Biron von Kurland, dahin abführen ließ; ihre bei⸗ den Schlitten, ſagt man, ſollen ſich begegnet haben, als der Marſchall in die Verbannung und ſein Feind Biron aus derſelben an die Newa zurückfuhr— nun, heute mir, morgen dir.“ Der Ruſſe erwiderte nichts, aber leichenblaß durch⸗ flog er die Briefe mit einer fieberhaften Haſt; dann wandte er ſich wieder an den Langen. 46 „Die mir nur zu gut bekannten Schriftzüge dieſer beiden Briefe,“ ſagte er,„bürgen für ihre Echtheit, und daß man ſie Euch anvertraute, bürgt mir dafür, daß ihr, wie es in dieſen Briefen ſteht, wirklich ein Freund des Marquis von Botta und des Herrn Lapuſchkin ſeid, und uns noch manches mitzutheilen habt im traulichen Freun⸗ deskreiſe.“ Der Lange hatte während dieſer Rede den Jäger mit durchdringenden Blicken betrachtet. Nach einer kurzen Pauſe wandte ſich der Ruſſe zu dem Tartaren.„Geh', Freund Zurin,“ ſagte er,„und ſieh zu, ob die Bewohner des ſchwarzen Hauſes bereits im Wappenſaale verſammelt ſind.“ „Sie ſind ſchon lange verſammelt, Herr,“ entgegnete der Tartar,„und warten auf Dein Erſcheinen.“ „So kommt,“ ſagte der Jäger zu ſeinem Gaſte; „bald ſollt Ihr in dem Kreiſe der andern Bewohner dieſes Hauſes ſtehen, wohin Euch dieſe Briefe den Zu⸗ tritt verſchaffen.“ Er und der Tartar führten den Gaſt jetzt durch den Kreuzgang des Hauſes an die Stufen einer engen abwärts führenden Steinſtiege. Etwa zwanzig Stufen ſtiegen ſie hinab in einen dunklen Raum, welcher einſt das Hauptbecken der Waſſer⸗ leitung dieſes Gebändes gebildet haben mochte. Dieſer 47 Raum war von mehreren eiſernen Hängelampen erhellt, deren Licht er auf den feuchten, vom Schimmel überzo⸗ genen Granit der zackigen Wände, wie Flämmchen eines tiefen Bergwerkes widerſtrahlte. An einem langen Holz⸗ tiſche, worauf in hohen Flaſchen ruſſiſcher Branntwein, dann Fleiſchſchüſſeln ſtanden und große Brodlaibe lagen, ſaßen fünf Altruſſen beſter Sorte. Dies deuteten ihre Bärte und der nationale Typus ihrer Geſichtszüge, dann die reichen Pelze an, in welche ihre ſehnigen Glie⸗ der gehüllt waren. Sie ſprangen ſogleich auf, als der alte Ruſſe mit ſeinem Gaſte in das Gewölbe trat. „Stoi!“*) rief ihnen der Ruſſe entgegen,„ſtill ge⸗ ſtanden! und die Pelze gelüftet! Ich bringe gute Nach⸗ richt aus Petersburg.“ „Iſt die Czarin todt?“ ſchallte es aus dem Kreiſe der fünf Männer, wie aus einem Munde. Der alte Jäger wandte ſich jetzt mit einem bittern Lächeln zu ſeinem langen Gaſte, welcher die ſeltſame Gruppe der Männer im Gewölbe aufmerkſam betrachtete. „Ihr ſeht,“ ſagte er zu dieſem,„daß es für die Leute hier nur eine gute Nachricht aus Petersburg gibt: den Tod oder die Entthronung der Czarin. Ich will daher Halt 48 kurz ſein, indem ich Euch ſage, daß Ihr Euch in der Tſchornaja palata zu Bolgari, in dem„ſchwarzen Hauſe des Unglückes“ befindet, wo das verſchloſſene Grab edler Altruſſen iſt, die, wenn ſie nur von ihren Freunden an der Newa nicht vergeſſen werden, nicht aufhöre zu hoffen und zu handeln, bis von dem Throne des großen Czaren die Willkür herabſteigen und Recht und Gerechtigkeit wieder auf denſelben zu ſitzen kommen werden. Aus den Briefen, die Ihr mir brachtet,“ fuhr der Ruſſe fort, „erſah ich, daß unſere Verbündeten am Berliner und Pe⸗ tersburger Hofe für uns denken, vorbereiten und— handeln werden. Auch Graf Lynar, dem es gelang, ſich bei unſerer Verbannung, da er eben in Polen abweſend war, vor dem Exil in dieſes Eisland zu retten, hat mir geſchrieben, daß Großes im Zuge ſei, und mir die An⸗ kunft eines Freundes unſerer Sache angekündigt, und da ich Euch als dieſen erkenne, ſo erlaubt, daß ich Euch die Herrn dieſer Tafelrunde des ſchwarzen Hauſes vorſtelle. Ihr ſeht zuerſt in mir den Marſchall Münnich, der zwar von Abſtammung ein Deutſcher, jetzt aber mit Herz und Seele ein Ruſſe iſt, und an welchen die Briefe gerichtet ſind, welche Ihr bei Euch trugt.“ Der Lange betrachtete den Redner mit durchdringen⸗ den Blicken.„Ihr ſeid alſo der berühmte Marſchall Münnich!“ rief er,„der Deutſ che, der als Rußlands 49 Heros in den dreißiger Zahren Azow nahm, Oczakow und die Krimm erſtürmte, ſich mit Ruhm bedeckte, den übermüthigen Enkel des Bereiters des Herzogs von Kurland, und Nachfolger des Letztern im Herzogthum, den Günſtling Biron nach Sibirien ſchickte?“ „Und ihn, wie Ihr früher erwähntet, nach der Laune der Czarin zuletzt ſelbſt im Exil ablöſte,“ fiel der Marſchall ein.„Doch genug— dieſe Erinnerungen er⸗ drücken mich— jetzt will ich Euch einen Andern vorſtellen. Seht dort den langen Herrn an der Ecke der Tafel, mit dem grauen Barte, es iſt der Altruſſe Graf Oſtermann, der einſtige Kabinetskanzler; dort der Mann mit dem blonden Barte iſt Graf Golowkin, der geweſene Vice⸗ kanzler Rußlands, und der andere mit dem weißen Zo⸗ belpelze und dem Gänſekiele hinter dem Ohr iſt der Graf Lolwendwoldo, unſer Geſellſchafts⸗Sekretär. Drü⸗ ben an der andern Ecke der Tafel ſeht Ihr den Baron von Mengden, welcher Euch auch Manches aus der ruſſiſchen Kabinetsgeſchichte erzählen kann, und daneben der junge Fant mit dem Milchbarte und weißen Armak* iſt mein liebeigener Sohn, der nur auf eine Gelegenheit wartet, ſeinen Vater aus der Eiskruſte Sibiriens herauszuhauen. Nicht war, mein Sohn?“ MKurzer Kaftan. 50 Das Auge des jungen Mannes flammte auf, aber der alte Marſchall fuhr fort:„So wie Ihr uns hier im ſchwarzen Hauſe in der Tſchornaja palata zu Bolgarü verſammelt ſeht, ſo ſitzen wir in dieſer Ruine, welche der ruſſiſche Bauer dieſer Gegend„das Gerichtshaus“ nennt, in der That zu Gerichte— nicht wahr, meine Herren?“ Ein einſtimmiger bejahender Zuruf der Herren an der Tafelrunde unterbrach den Redner; dann fuhr er fort:„Wir ſitzen zu Gerichte, und wollen uns mit Hilfe unſerer Freunde in Berlin und an der Newa Recht ver⸗ ſchaffen. Einſt im Glanze des Petersburger Hofes, jagten uns Herrſchſucht und Eiferſucht vielfach durcheinander, wir ſtanden uns oft feindlich gegenüber, an dieſer Tafel der Tſchornaja palata hat uns aber ein gemeinſames Band vereinigt— das Unglück, das bindet die Menſchen⸗ herzen, wir kennen jetzt Alle nur ein Ziel: es iſt die Rich⸗ tung unſerer Geſchütze auf den Czarenpalaſt an der Newa, die Rückkehr nach Europa— und ſo führe ich Euch denn, mein Herr, der Ihr durch die Briefſchaften unſerer Freunde in Europa legitimirt ſeid, ſomit in unſere Kreiſe, damit Ihr hört, was wir im Sinne haben, und uns erzählt, was unſere Freunde an der Neva für uns thun wollen.“ Aber jetzt erhob ſich Graf Oſtermann der Bleiche; 51 ein faſt mißtrauiſcher Blick ſeines Auges ſtreifte über das Antlitz des langen Gaſtes. „Herr,“ ſagte er,„Ihr kommt von der Newa— nun ſo erzählt mir, wie weit die ruſſiſche Staatskunſt dort vorgerückt iſt, und was wir an den Ufern der Ka⸗ ſanka davon zu hoffen haben. Aber ſagt zuerſt, wie nen⸗ nen wir Euch, wenn wir nach empfangener guter Nach⸗ richt Eure Geſundheit an dieſer Tafel ausbringen wollen?“ Der lange Gaſt des Marſchalls, ſein Retter in dem Buran, blickte empor. Sein Angeſicht trug jetzt die Züge einer freudigen Offenheit und jenes Wohl⸗ behagens, welches ſich auf dem Antlitze gleichgeſtimmter Männer im Freundeskreiſe aufzudrücken pflegt. „Entſchuldigt,“ ſagte er zu dem alten Marſchall Münnich gewendet,„wenn ich Euch früher aus Vorſicht meinen Namen anders angab. Ich heiße Marquis Betmar, meine Wiege ſtand am Tajo, jetzt bin ich ein Weltbürger; ich genieße den Morgen auf der Spitze des Altai, den Mittag an der Newa, den Abend in Liſſabon am Mee⸗ resgeſtade. Jetzt komme ich von St. Petersburg, und kann Euch ſagen, meine Herren: ein finſterer Geiſt geht durch die Hallen des Czarenpalaſtes— es iſt der grollende Geiſt Peter's des Großen, Kaiſers aller Reuſſen, welcher ſeine Opfer fordert. Man regiert an der Newa, wie einſt, unumſchränkt, das heißt jetzt: ohne Schranken; Günſt⸗ linge und Prätorianer und Freunde theilen ſich in die Herrſchaft, man taſtet nach Organen für die Staatsver⸗ waltung herum, und wählt ſie, wie die Czarin an jedem Morgen ihren Anzug aus der großen Garderobe ihrer dreißigtauſend Kleider wählt, und ihn, wie ihre Günſt⸗ linge, nur mit leichten Stichen an den durchaus keine Be⸗ wegung mehr ertragenden Körper anheften läßt, um dieſe Fäden am Abend von der Scheere ihrer Kammerzofe wieder trennen zu laſſen. So, meine Herren, lautet das Programm der inneren Politik des Czarenpalaſtes in St. Petersburg.“ „Die uns nur zu gut bekannt iſt,“ fiel Graf Golow⸗ kin ein; aber der Marquis von Betmar fuhr fort: „Nach Außen ſcheint ſich die Politik der Czarin gegen Preußen, deſſen ſteigende Macht ſie fürchtet, wen⸗ den zu wollen, und gegen Schweden herrſcht die alte er⸗ erbte Eiferſucht, die ein Vermächtniß aus der Zeit des zwölften Carl und des großen Peter iſt; doch iſt der Friede mit Schweden vor der Thüre und dürfte in dieſem Augen⸗ blicke vielleicht ſchon abgeſchloſſen ſein.“ „Man ſpricht von ſtarken Verſuchen, ein Bündniß zwiſchen der deutſchen Kaiſerin und der Czarin zum Nach⸗ theile Preußens zu vermitteln. Würde wohl das Kabinet 53 von Verſailles in aller erdenklichen Weiſe contreminiren!“ rief der Graf Oſtermann. „Allerdings,“ entgegnete der Marquis von Betmar, „und da eine kluge Politik nie müſſig iſt und ſtets nach dem alt bewährten Grundſatze handelt:„si vis pacem, para bellum,“ ſo liegt es auch in der Berechnung Lud⸗ wig's XV., daß die Stimmung der Nationen des weiten Czarenreiches gegen die Regierung Eliſabeth's erforſcht werde, und ein gleiches Intereſſe hat der Hof von Berlin hieran, denn er ſieht den Eisrieſen in ſeiner Nachbarſchaft täglich wachſen, und wer vor ſeinem künftigen Gegner Stand halten will, thut gut, wenn er ſich bei Zeiten in dem Lager deſſelben umſieht und die Schwere des Eiſens kennen lernt, ehe dieſes wider ihn gezückt wird.“ „Ich verſtehe Euch vollkommen,“ ſagte der alte Marſchall;„Ihr ſeid eben Einer, der das Vertrauen der Ludwig's und Friedrich's unſerer Tage genießt, und Rei⸗ ſen macht, um zu ſehen, zu hören und zu berichten. Aber bei alle dem ſehe ich nicht ein, wie unſere Freunde an der Spree und Newa es anfangen wollen, um— wie der Marquis von Botta mir da ſchreibt, eheſtens einen neuen Umſchwung der Dinge im Czarenpalaſte an der Newa zu bewirken. Man ſagt in Kaſan; die Regierung der Czarin gehe wie auf Rädern, nichts fehle der ſeltſamen Krone, als ein Erbe, und ſo lange der nicht vorhanden 54 iſt, könne von einer Erhebung einer andern Partei, deren jede unter dem Fußtritte der Czarin niedergehalten werde, keine Rede ſein.“ „Ein Erbe der Czarenkrone?“ ſiel Marquis von Betmar ein;„nun, der iſt gefunden. Iſt es möglich, daß Euch dies unbekannt iſt? Die Czarin hat ihn im Palaſte des Fürſtbiſchofes von Lübeck aufgefunden. Der Neffe des Biſchofes und Enkel Peter des Großen, Carl Peter Ulrich, Prinz von Holſtein⸗Gottorp, nun nach ſeinem Uebertritte zur griechiſchen Kirche Peter genannt, iſt ja ſchon ſeit dem Eintritte des vorigen Jahres nach Peters⸗ burg gerufen und von der Czarin zu ihrem Nachfolger erklärt worden. Wie konnte Euch dies unbekannt bleiben?“ „Ich befand mich bis vor Kurzem im tiefern Si⸗ birien, zu Palhm im Exile, und auch meinen Leidens⸗ genoſſen wurde erſt in letzter Zeit der Aufenthalt in der Tſchornaja palata zu Bolgarü geſtattet; daher treffen uns dieſe Eure Mittheilungen zu ſpät,“ entgegnete finſter vor ſich blickend der alte Marſchall. „Rußland hat alſo einen Thronerben,“ fuhr der Marquis von Betmar ruhig fort,„und iſt hierdurch für einen alffülligen Thronwechſel bereits vorgeſehen; und nun, blicken wir zurück auf die Geſchichte des großen Czarenreiches ſeit Peter dem Großen, was war das für eine ſeltſame Epoche?— Glich nicht die Krone Rußlands 55 ſeither einem Zauberapfel, der in der Hand des Einen verſchwand, um ſich in der des Andern zu finden? Glich ſie nicht dem Moſesſtabe, welcher ſich in der Hand des⸗ jenigen, der ihn faßte, als Stab befand, und im nächſten Augenblicke ſich zur Schlange verwandelte? Glich ſie nicht einem Wunderkäſtchen, welches jetzt von Diamanten ſtrotzte, die ſich aber im nächſten Augenblicke für den Beſitzer in Folterwerkzeuge und ſibiriſche Knutenhiebe verwandelten?“ Der alte Marſchall ballte ſeine Fauſt und ſeine Blicke glühten im furchtbaren Feuer, welches auch in den Augen der andern Herren von der Tafelrunde wider⸗ leuchtete. Aber der Marquis von Betmar fuhr fort:„Ver⸗ zeiht, wenn ich jetzt Eure eigene Lebensgeſchichte, Herr Marſchall, berühre, von welcher gar manche Epiſoden an den Höfen Ludwig's und Friedrich's erzählt werden. Ihr wißt, Peter der Große war todt, auch die Kaiſerin Anna ſtarb; ſie hinterließ die Krone Rußlands einem einige Monate alten Kinde unter der Regentſchaft ihres Günſt⸗ linges Biron—“ Bei der Nennung dieſes Namens flammte es im Auge des Marſchalls wieder gleich einem rothen Blitze, aber der Marquis fuhr fort:„Ihr wißt, wie verhaßt die⸗ ſer Mann war, der mit kalter Grauſamkeit hunderte von Menſchen tödten ließ, und mehr als zwanzigtauſend in 56 die Verbannnung ſchickte; ſelbſt die Mutter des kaiſerlichen Kindes, die Regentin Anna von Braunſchweig, konnte ſeine Anmaßungen nicht ertragen— da war es den 7. September vor drei Jahren—“ „Ja! ja! da war es!“ rief der Marſchall aus Deutſchland, indem er ſeine Arme wie zum Kampfe vor⸗ ſtreckte. „Gut,“ ſagte der Marquis,„an dieſem Tage ließet Ihr die janitſchariſch geſinnten Soldaten des Regimentes Preobraſchinsky zuſammentreten, ſpracht mit ihnen von der demüthigenden Lage, in welcher ſich die Regentin Anna von Braunſchweig befand, ſpracht von ihrer künf⸗ tigen Erkenntlichkeit, und ließet dabei die Gewehre laden— und einige Stunden ſpäter war der kecke Pſendo⸗Regent, Biron, der Sohn des Bereiters des kurländiſchen Her⸗ zogs, mit Flintenkolben von ſeinem uſurpirten Throne ge⸗ ſtoßen. Sagt, Herr Marſchall, was war das?“ „Ein Staatsſtreich!“ ſchrie der alte Marſchall, „der beſte, der je vollbracht worden iſt, ſeit die Welt ſteht.“ „Gut,“ fuhr der Marquis mit feinem Lächeln fort; „ein Jahr geht vorüber, aber man iſt am Hofe von Ver⸗ ſailles höchſt unzufrieden mit der Allianz, welche die Re⸗ gentin Anna von Braunſchweig mit der deutſchen Kaiſerin geſchloſſen hat. Ein Leſtveg, ein La Chetardie regierten in Rußland—“ 57 Bei der Nennung dieſer Namen lief wieder eine ſichtliche Bewegung durch die Verſammelten. Aber der Marquis fuhr wieder fort:„Der 25. November vor zwei Jahren war es, als die Großfürſtin Eliſabeth im prachtvollen Gewande, die Bruſt mit einem blitzenden Harniſch geziert, in die Wachſtube der Präto⸗ rianer Preobraſchinskh trat und ſich als die unglückliche verfolgte Tochter des großen Czaren Peter, darſtellte. Nun, Ihr Herren, wißt es, wie die Soldaten da im Weinrauſche riefen:„Befiehl, Mutter, befiehl, und wir erwürgen ſie Alle!“ Nun, die Großfürſtin befahl, wie Ihr auch wißt, eben nur die Verhaftung der Regentin, ihres Gemahls und ihres kleinen Sohnes, des Bambino⸗ Kaiſers Jwan— die Armen wanderten und ſtarben in der Verbannung— ſagt mir, mein ruſſiſcher Marſchall aus Deutſchland, was war das?“ „Ein Staatsſtreich!“ brüllte der Marſchall,„ein Staatsſtreich, der mich, meinen Sohn und dieſe Edlen da in die Verbannung brachte, und meinen Todfeind Biron wieder an den Hof zurückbrachte. In Kaſan unten trafen unſere Schlitten, von denen der meinige mich nach Palhm, der ſeinige ihn nach Petersburg führte, zuſam⸗ men; es war dies der ſchrecklichſte Augenblick meines Le⸗ bens— wir grüßten einander, ohne ein Wort zu wech⸗ ſeln, aber unſere Blicke ſprachen und forderten einander 1860. XVI. Pugadew. I. 4 58 heraus... O, ich treffe ihn noch, den Verhaßten!“ fuhr der Marſchall fort.„O, ich treffe ſie Alle, die mich haß⸗ ten und verurtheilten! O, wie ſie zitterten und lungerten nach Beweiſen meiner Schuld. Die Elenden ſuchten mit tauſend Augen nach Beweiſen wider mich, um mich ſchul⸗ dig zu finden, und als ſie zu wenig des Geſuchten fanden, da warfen ſie mir vor, daß ich bei meinen Schlachten ſo viele Soldaten geopfert hätte.„Ei, ſeht doch!“ ſagte ich ihnen,„kann man wohl Holz zimmern, ohne Späne zu machen?“— Endlich verlor ich die Geduld und brüllte ihnen in die Ohren:„Schreibt die Antworten, die ihr von mir haben wollt, ſelbſt auf, ich will Alles unterzeich⸗ nen!“— und— nun, Ihr wißt es ja, meine Herren, wie das Urtheil ausfiel, welches uns die feigen Schleppträ⸗ ger der Czarin an den Hals warfen: Graf Oſtermann, der da vor Euch ſitzt, ward verurtheilt gerädert, ich ſollte geviertheilt, der Löwendwold dort und der Mengden ent⸗ hauptet werden; aber die Henker mußten ihre gezückten Meſſer wieder einſtecken— die erſtaunliche Großmuth der Czarin, welche kein Blut ſehen kann, ſchickte uns blos auf den Zobelfang nach Sibirien. Ihr Herren, das war doch ein Staatsſtreich von der beſten Sorte!“ Der Marſchall ſank jetzt erſchöpft auf den Polſter ſeiner Ruhebank nieder. Seine Tiſchgenoſſen, welche ſeinen mit ſteigendem 59 Feuer geſprochenen Worten mit flammenden Augen ge⸗ folgt waren, zitterten vor innerer Aufregung, ihre Fäuſte ballten ſich um die Griffe ihrer Jagdmeſſer, die Glut, welche ſich auf ihren Wangen malte, die zitternden Lip⸗ pen, die gefurchte Stirne, die leiſe aneinander klappern⸗ den Zähne, das tiefe Athemholen der Herren zeugten für das vulkaniſche Toben ihres Innern, in welchem ſeit lange Rachepläne gleich ſiedender Lawa kochten, zu derem Ausbruche es nur— der Gelegenheit bedurfte. Aber ſpiegelglatt und eiſeskalt war das Antlitz des ſeltſamen Marquis von Betmar. Er ſtand da, wie der Geſandte der Hölle, der nur auf die Seele wartet, die ihm anheim fallen ſoll, aber mit ruhiger Sicherheit und Gewißheit, daß ſie ihm nicht mehr entgehen könne. „Alſo Staatsſtreich auf Staatsſtreich!“ ſagte er. „da alſo die Staatsſtreiche im Czarenpalaſte ſeit Peter's Tod ſo ſehr an der Tagesordnung ſind, ſo meint der Hof von Verſailles und meinen gewiſſe Herren am Ber⸗ liner Hofe, es wäre nichts außerordentliches, wenn auch dem Regimente der gewaltigen Tochter des Czaren und ihrem Günſtlinge durch einen Staatsſtreich—“ „Ein Ende gemacht würde!“ brüllte der alte Mar⸗ ſchall drein. „Da ſeht wieder den Deutſchen!“ rief Graf Go⸗ 4* lowkin;„zuerſt denkt er auf den Feodor Feodorowitſch*) an der Spree, dann erſt auf uns. Was bekümmert uns Preußens Dranglage, denkt vielmehr daran, ihr Herren, daß wir unſere Zobelbüchſen ablegen und wieder im Czarenpalaſte an der Newa diniren!“ „Graf Golowkin!“ rief hier der Exkanzler Oſter⸗ mann,„man merkt, daß Ihr in der Politik wenig Schule gemacht habt. Wie kann die Allianz der beiden Kaiſer⸗ höfe in Schach gehalten werden, wenn unſere Partei nicht mit aller Kraft für den Adler an der Spree arbeitet. Feodor Feodorowitſch der Zweite muß unſere Loſung und die Loſung desjenigen ſein, für den wir uns an den Ufern der Newa ſchlagen wollen, wenn uns unſere Freunde in Frankreich und Deutſchland die Bahn dahin öffnen.“ „Und wodurch zunächſt?“ fragte der Baron Mengden. „Nun,“ fiel der alte Marſchall ärgerlich ein,„Ihr hörtet es ja ſchon: durch einen Staatsſtreich!“ Ein wahrhaft brüllender Beifallsruf erſchütterte das hohe Gewölbe der Tſchornaja palata, welches Ge⸗ ſchrei ſeltſam abſtach gegen die metallreiche und fanfte Stimme einer wahrhaft engelſchönen Dame, welche in demſelben Augenblicke in einem der ſchönſten Paläſte am 5) So nannten die Ruſſen Friedrich den Großen⸗ 61 Ufer der Newa in St. Petersburg eben vor einem mannshohen Venetianerſpiegel ſtand und ſich noch ein⸗ mal im Glanze deſſelben mit ſtillem Wohlgefallen be⸗ ſchaute, ihrer runden Kammerzofe aber befahl, ihr nun den prachtvollen, karmoiſinrothen, mit Goldroſen durch⸗ wirkten Sarafan*) um den ſchlanken und ebenmäßigen Leib zu legen. — Zurites Capitel. An der Newa. Dieſe wunderholde Dame von hohem Wuchſe und in einem Alter von kaum dreißig Jahren, glich dem Ideale, welches die griechiſche Kunſt nur in ihrer höchſten Blüthe von weiblicher Schönheit bieten konnte; ihr gro⸗ ßes feuriges Auge ſchien mit ſeinem Glanze zu ſagen, daß die Eigenthümerin deſſelben ſich der Macht ihrer Schönheit wohl bewußt war; jede der Bewegungen ihrer feingeformten üppigen Glieder verlieh ihrer ſchönen plaſtiſchen Geſtalt einen neuen Reiz; faſt beſtändig ſchwebte ein ſanftes Lächeln auf den friſchen, nur für bren⸗ Ein prachtvoll geſchmücktes Kleid der Ruſſen. * 62 nende Küſſe geſchaffenen Lippen dieſer Frau; aber auf ihrer blonden weißen Stirn ſchwebte eine Hoheit, und ihre edel geformten Züge trugen den unverkennbaren Aus⸗ druck einer Entſchloſſenheit, welche ihr ganzes Weſen als das Bild einer ſtolzen und thatkräftigen Herrſcherin er⸗ ſcheinen ließen, zu deſſen Vollendung nicht einmal mehr das in ein paar hundert Diamantblitzen ſpielende Diadem nothwendig geweſen wäre, welches dieſe engelſchöne Dame jetzt aus den Händen ihrer Zofe nahm und mit acht Goldnadeln auf dem dunklen Haarkranze ihres Hauptes befeſtigen ließ, während der golddurchwirkte Sarafan über den blendend weißen Nacken und die zarten Schnee⸗ hügel ihres feingeformten Buſens hinabgleitete. So ſtand dieſe Dame da, ein Seraph von vollen⸗ deter Schönheit, eine Königin an Pracht und Schmuck ihrer Kleider; denn von der ſiebenfachen Schnur der koſt⸗ barſten Perlen, welche um ihren weichen blendenden Nacken rollten, von den diamantblitzenden Ringen, welche ſich um ihre runden Arme ſpannten, bis zu den gold⸗ durchwirkten rothen Schuhen von feiner Seide, auf denen kleine Edelſteine aus den Gruben des Urals geſäet wa⸗ ren, ſchien der ganze Reichthum des ruſſiſchen Schatzes auf ihrem Leibe zu ſtrotzen.— Dennoch ſchien dieſe Kö⸗ nigin der Schönheit nur eine Herrſcherin im Reiche der Schönheit und des Hofglanzes, nicht aber beſonders 63 glücklich zu ſein, denn der Zug einer gewiſſen Aengſtlich⸗ keit lagerte auf ihrem ſchönen Antlitze, und ihre Finger ſchienen zu zittern, als ſie jetzt nach vollendeter Toilette zu ihren kleinen zwei Marmorbüſten, der des großen Friedrich und Peter auf dem Schreibtiſch, trat und mit ihrer Feder einige Worte auf ein Billet hinwarf. „Maruſchka,“ ſagte ſie dann aufſtehend zu ihrer noch im Zimmer beſchäftigten Zofe,„ich fahre erſt um elf Uhr Nachts auf den Hofball; vorher beſtellſt Du dies Billet an die Gräfin Beſtuſcheff. Um zehn Uhr er⸗ warte ich Herrn la Chetardie, bis dahin ſorge, daß Nie⸗ mand mein Kabinet betrete.“ Die Zofe verbeugte ſich und verließ das Zimmer. Die ſchöne Eigenthümerin dieſes Zimmers war aber Frau Lapuſchkin, Gemahlin des Herrn Lapuſchkin, Ge⸗ neralkommiſſärs des ruſſiſchen Seeweſens, aus dem Hauſe, von welchem die erſte Gemahlin Peter des Gro⸗ ßen abſtammte— ſomit mit dem kaiſerlichen Hofe in Petersburg verwandt. Sie galt als die ſchönſte Zierde des Hofes, nichts glich ihr an Liebenswürdigkeit und An⸗ muth, und wer nach Petersburg kam, war begeiſtert von der Schönheit dieſer Frau. Aber Madame Lapuſchkin war ſich dieſer Schönheit auch bewußt. Und die Schön⸗ heit will herrſchen. 64 Frau Lapuſchkin ſetzte ſich jetzt in ihr Fauteuil vor dem Schreibſekretär und begann emſig zu ſchreiben. Aber ſchon nach einer kleinen halben Stunde, als ſie das, was ſie eben geſchrieben, geſiegelt hatte, warf ſie ihren ſchönen Ovalkopf lauſchend in die Höhe, denn die Silberklingel ihres Seitenkabinets erinnerte ſie mit zwei ſehr leiſen Klängen,„daß ein leiſer Mahner an der geheimen Pforte ſtand“. Frau Lapuſchkin ſtand auf, ſchob ein lebensgroßes Wandbild des alten Czaren Jwan an der Wand mittelſt eines geheimen Drückers bei Seite, eine verborgene Ta⸗ petenthür ſprang auf, und auf dem mit dunklen Centifo⸗ lien durchwirkten Fußteppiche des Zimmers trat leiſe, leiſe wie der glückbringende Kobold der Unterwelt— die kleine fratzenhafte Geſtalt eines Zwerges. Es war ein Männlein kaum zehn Spannen lang, mit alterndem runzlichtem Geſichte, aus welchem ein paar kluge Augen hervorblitzten, welche vor Allem zu fragen ſchienen:„Sind wir allein, Madame?“ Die ſchöne Dame nickte ihm auch ſogleich vertrau⸗ lich zu, und der Zwerg, welcher in einen kurzen Zobel⸗ pelz gehüllt war, warf dieſen auf den Zimmerteppich und ſtand jetzt in der über und über mit Goldborten ver⸗ brämten grünen Kleidung eines kaiſerlichen Hofbedien⸗ 65 ten da; ſeine kleinen Finger blitzten von Ringen, ſelbſt ſeine niedlichen Sammtſchuhe trugen goldene Schnallen. Das Männlein war eine jener Geſtalten, welche die Natur erſchaffen zu haben ſcheint, damit ſie die un⸗ terirdiſchen Minen aufwühlen, durch welche zuweilen Pa⸗ läſte und Hütten in die Luft fliegen. Der Kleine war der Leibzwerg des künftigen Thron⸗ folgers Rußlands, des Prinzen Peter von Holſtein⸗Got⸗ torp*), welchem er nach Petersburg gefolgt war; er war ein Sardinier aus Villafranca, mußte aber in Pe⸗ tersburg ſeinen Familiennamen auf Peter's Befehl ab⸗ legen, und führte nun den bezeichnenden Namen Gran⸗ voglio, zu deutſch:„Gernegroß“ Aber der kleine Gerne⸗ groß übte eine große Macht auf ſeinen Gebieter, und wurde daher auch von jenen Herren und Damen des Ho⸗ fes geſucht, welche an Peter's Erſcheinen am ruſſiſchen Hofe für die Zukunft ihre Hoffnungen knüpften. Jetzt ſtand Meiſter Granvoglio, wie ihn ſein Gebieter nannte, vor der ſchönſten Dame in Peters⸗ burg. „Nun, Signore Granvoglio,“ ſagte Frau Lapuſch⸗ kin leiſe zu dem Kleinen, als ob ſie ſelbſt unter ihren vier Hiſtoriſche Perſon. Siehe Memviren der Kaiſerin Katha⸗ rina II. von A. Herzen. — 66 Wänden Lauſcher befürchtete,„welche Nachrichten aus Berlin?“ „Gute,“ entgegnete der Kleine, indem er mit einer graziöſen Bewegung den Saum ihres Sarafan faßte und denſelben mit zierlich geſpitztem Mündlein küßte; „meine Königin mag dies Brieflein leſen.“ Die Dame nahm aus den kleinen Händen des win⸗ zigen Mannes ein Schreiben und entfaltete es haſtig. „König Friedrich,“ ſagte ſie, nachdem ſie es durch⸗ geflogen hatte,„wünſcht die Beendigung der Gefangen⸗ ſchaft des Prinzen von Braunſchweig in Archangel.— Ja, wer das ſo ſchnell bewirken könnte! Hat Lapuſchkin keine Briefe erhalten?“ fragte ſie dann. „Der Oberſtlieutnant,“ berichtete der Zwerg,„er⸗ hielt ein Schreiben Lolwendwold's aus Bolgarü bei Ka⸗ ſan. Er las es vor einer Stunde in der Fontanka*) in Geſellſchaft mehrerer Offiziere, und brachte die Geſund⸗ heit des künftigen jungen Kaiſers dabei aus.“ „Der Unvorſichtige!“ rief die Dame. Dann wandte ſie ſich, ohne das grinſende Lächeln des kleinen Sardiniers zu beachten, gegen ihren Schreibtiſch. „Nimm Dir von der Warenia**) dort,“ ſagte 35 Kleiner Palaſt nahe beim Hauſe Peter I. in Petersburg. *) Zucker⸗Geſottenes. 67 ſie, indem ſie auf einen, von dieſer ſüßen Waare gefüllten Silberteller hinwies, welcher mitten unter anderem vergol⸗ deten Silbergeräthe auf dem marmornen Seitentiſche ſtand.„Nimm Dir von der Warenia,“ wiederholte ſie, „ich will indeß ein Briefchen zurechtlegen, welches Du— aber ſogleich— beſtellen mußt.“ Der Kleine griff nach dem Silberlöffel und ſchmatzte an dem ſüßen Gerichte, die Dame trat aber zur Büſte des preußiſchen Friedrich, nahm mit flinker Hand den Kopf derſelben herab, und langte aus dem Innern einen kleinen Brief heraus— ſie reichte dann denſelben dem Zwerge.„Dieſen beſorgſt Du ſchnell an die Gräfin Beſtuſcheff,“ ſagte ſie. „In fünf Minuten,“ entgegnete der Zwerg. „Kein Auge darf ihn ſehen, keine andere Hand ihn berühren,“ ſetzte Frau Lapuſchkin hinzu, indem ihre ſchöne Hand einige Silberrubel in die Hand des Kleinen gleiten ließ.“ Der Zwerg nickte.„Madonna lohnt die Treue,“ lispelte er, und die Dame blickte ihm aus dem hohen Bo⸗ genfenſter lange nach, als er um die Palaſtecke bog und hinter der Mauerecke verſchwand. Er hatte nur die Thüre einem Andern in die Hand gegeben; denn, als ob der Eine nur auf das Abgehen des Andern gewartet hätte, ſtürzte jetzt unangemeldet ein 68 ſchöner Mann von etwa vierzig Jahren in das Kabinet. Dunkles Kraushaar, feuriges Auge und ein feines klu⸗ ges Antlitz zeigten den Mann von Geiſt und Muth; ſein unſteter Blick und eine, alle ſeine Bewegungen charakteriſirende Reizbarkeit ſeines Weſens deutete auf eine immerwährende Unruhe ſeines Geiſtes, in welchem ſtündlich neue Pläne für ſeine Unternehmungen ausge⸗ brütet werden möchten. Sein Anzug aber trug den Zuſchnitt der neueſten franzöſiſchen Mode. Das feinſte Pariſer Spitzenhemd blickte unter dem ſeidenen Unterkleide hervor, über welchen er einen kurzen polniſchen Pelz mit feinem Zobel ver⸗ brämt und mit Goldfranſen durckſtickt trug; ſeine ſchö⸗ nen weißen Hände ſtrotzten von Diamanten, und gewürz⸗ reicher Duft durchwehte das Zimmer, als er ſein Porte⸗ feuille zog und der Dame„ſeines Herzens“ die Karte bot, welche die Nummer des Hofgallawagens bezeichnete, worin er mit ihr um elf Uhr auf den Hofball zu fahren ſo glücklich ſein ſollte. Madame Lapuſchkin blickte dem ſchönen Ritter lä⸗ chelnd in's feurige Auge. „Marquis la Chetardie,“ ſagte ſie,„preiſt zu mei⸗ nen Füßen ſein Glück, heute Nachts als mein Cavalier auf dem Hofball erſcheinen zu dürfen, und doch will man wiſſen, daß der Geſandte des Hofes von Verſailles ein 69 geheimer Verehrer der Gräfin Romanzow und des ſchö⸗ nen Hoffräuleins von Carr ſei— ja, man ſagt auch, daß die Prinzeſſin von Kurland—“ „Par Dieu!“ rief Marquis la Chetardie, der Ge⸗ ſandte Frankreichs am Petersburger Hofe.„Weiß meine engelgleiche Gebieterin keine größere Schönheit mehr für meine Neigung, als dieſe kleine, häßliche, intriguante, ränkeſüchtige, unverträgliche Prinzeſſin von Kurland, von welcher überdies die Rede geht, daß der junge Thron⸗ folger in ihren Feſſeln ſchmachte.“ „Still, Monsieur l'ambassadeur!“ ſagte die Da⸗ me,„die Liebe der Männer an dieſem Hofe gleicht gar häufig der Politik, wie ein Ei dem andern, und wenn ich Euch alles erzählen wollte, was man mir über Euch bereits in die Ohren raunte—“ „So will ich all dieſe Gerüchte mit einem Worte Lügen ſtrafen,“ entgegnete der Marquis haſtig,„indem ich Euch ſage, daß ich mich morgen um acht Uhr früh im letz⸗ ten Hinterhofe des Winterpalaſtes mit dem Vice⸗Kanzler Grafen Beſtuſcheff⸗Runin auf Piſtolen ſchlagen werde, weil er Euch den Preis der Schönheit unter den am letz⸗ ten Hofballe in der Fontanka anweſenden Damen nicht zugeſtehen wollte.“ Während dieſer Worte hatte der ſchöne und ſchlaue Franzoſe allmälig die weiche Hand der engelſchönen Dame 70 an ſeine Lippen gezogen; jetzt ruhten dieſe wie aus Zufall auf dem ſeidenweichen blendenden Nacken der ſchö⸗ nen Frau, welchen der Glühende mit der Knospenfülle der jungen Marienroſe verglich.. Aber Frau Lapuſchkin blickte halb lächelnd, halb ſchmerzlich vor ſich hin. „Marquis,“ ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe, „Ihr nennt Euch meinen Freund und nennt mich die Königin der Schönheit an dieſem Hofe; ihr ſchwört mir allabendlich Ergebenheit bis in den Tod:— iſt aber die Farbe Eures Herzens auch echt und probehaltig?“ Der Franzoſe trat einen Schritt zurück.„Ma⸗ dame,“ ſagte er, und eine leichte Bläſſe flog über ſein glattes Antlitz,„was beſtimmt Euch zu dieſer Frage?“ „Erſt antwortet, dann fragt,“ entgegnete Madame Lapuſchkin leichthin.„Seht“, ſetzte ſie hinzu,„Ihr prieſet wohl ſchon hundertmal die blendende Weiße dieſes Na⸗ ckens; noch iſt die Flamme Eures Kußes nicht ver⸗ glüht, den Ihr ſo kühn waret, darauf zu drücken, weil ich es duldete; aber— darf dieſer Nacken ſich mit ganzem vollem Vertrauen beugen unter das ſchützende Joch Eurer Hand?“ „O! dieſe Frage!“ rief der Marquis und ſein Auge flammte.„Madame! Und wenn ſich im weiten Kaiſerthum der Czarin keine Hand mehr erhöbe, Euer — ſchönes Haupt und dieſen feengleichen Nackeh zu ſchützen, ſo wird der Marquis la Chetardie Euer Schützer ſein.“ Die Dame wollte ſich bei dieſen Worten zu dem in maleriſcher Stellung per ihren Füßen hingeſunkenen Franzoſen niederbeugen, per ein lautes Gekrächze ſchreckte ſie auf. 5 „Was war das?“ rikf der Franzoſe aufſpringend. Aber ſchon lächelte dis Dame wieder.„Der Hahn des Beſchließers im Vorhofe meines Hauſes hat gekräht,“ ſagte ſie, lächelnd mitdem Finger drohenb;„geb't Acht, Marquis, daß Ihr mich nicht vor dem Morgen ver⸗ läugnet.“ Der ſchöne Fratzzoſe ſagte nichts, aber ſein vor⸗ wurfsvoller Blick ſchien alf die verletzende Aeußerung der ſchönen Dame zu epwidẽrn. Dieſe fiel aber jetzt in ihre frühere Mitere Laune zurück.„Da Ihr alſo heute mein Rittepzauf dem Hof⸗ balle ſein werdet,“ ſprach ſie,„ſo müßt Ihr auch meine Farben tragen. Hier—“ Sie löſte jetzt aus dem Seidenhaare ihres ſchönen Hauptes eine große Goldnadel, welche am Kopfe einen großen weißen Solitär in ſchwarzer Emailfaſſung ent⸗ hielt, und reichte ihn dem Marquis. „Schwarz und weiß!“ rief dieſer, indem er die Nadel in ſeinem Etui verbarg.„Preußens Farben!“ 72 „Die Farbe der Unſern,“ ſagte die Dame mit Betonung; dann legte ſie den weißen Finger an den Mund und horchte auf, denn die Silberklingel der Vor⸗ halle deutete der Vorſichtigen wieder an, daß in der unterſten Halle des Hauſes ein neuer Gaſt ange⸗ kommen ſei. Der ſchöne Geſandte Frankreichs hatte auch kaum das Zimmer durch eine Seitenthür verlaſſen, als die Mittelthür aufrauſchte und eine ſtattliche Dame, gleichfalls im ſpitzenreichen Ballkleide mit dem feinſten grauen Zobel über den hohen Schultern, und über und über von dem Flimmer edler Steine widerſtrahlend, wie eine zweite Feenkönigin in das Zimmer trat. Aber das Antlitz dieſer ſchönen Dame trug keines⸗ wegs das ſanfte Lächeln, welches auf den Roſenlippen der Andern fortwährend ſchwebte, ein ſeltſamer Zug des Mißtrauens und der innern Seelenangſt ſchien ſich auf ihrem Antlitze zu malen. Sie ſchien zu zittern, und das Wogen ihres hohen Buſens verrieth den innern Kampf ihrer Seele. Die ſchöne Eigenthümerin dieſes Zimmers trat dieſer ältern Dame auch ſogleich beſorgt entgegen. „Welche Aufregung, liebe Beſtuſcheff!“ rief ſie; „iſt der Thron der Czarin zuſammengeſtürzt?“ „Ich komme nicht zu ſcherzen,“ erwiderte Ma⸗ 73 dame Beſtuſcheff, indem ſie ſich ſogleich auf dem hoch⸗ gepolſterten Sammetſeſſel an der Thüre warf;„da lies.“ Die ſchöne Dame nahm von der Angekommenen ein zuſammengelegtes Papier entgegen und überflog es. „Eine Warnung vor den Intriguen des Marquis la Chetardie,“ ſagte ſie;„er ſuche uns zu verderben.“ Sie nahm das Billet, trat damit zu ihrem Kamin und warf es in die Kohlen, daß in nächſter Minute nur der Zunder übrig blieb. „Was thuſt Du?“ rief die Dame Beſtuſcheff. „Der Lüge ihre Strafe geben,“ entgegnete die An⸗ dere.„Marquis la Chetardie hat mich vor wenigen Mi⸗ nuten noch ſeiner Ergebenheit verſichert, und wird am heutigen Hofballe meine— unſere Farben; die ſchwarz⸗ weiße Brillantroſe an ſeinem Collier tragen.“ „Und Dich, die Du ihm ſo unbedingt vertrauſt, ehe der Hahn zweimal krähen wird, dreimal verrathen,“ entgegnete die Dame Beſtuſcheff.—„Sieh, mein Kind,“ ſetzte ſie hinzu,„ich theile Deine Anſichten, Deine Hoffnungen und Pläne, und gehöre mit ganzer Seele zur Suite der„Trauermäntel“, wie ſich die preußiſch geſinnte Partei an unſerm Hofe nennt; aber ich bin älter als Du und betrete längere Zeit den glatten Boden dieſer Hofſalons— Du trauſt dem Marquis la Chetar⸗ die, Du hältſt den Zwerg des Großfürſten in Deinem 1860. XVI. Pugabew. I. 5 Solde, Du beobachteſt auch gegenüber dem intriguanten Günſtling Leſtoch zu wenig Vorſicht— hüte Dich, Du Schönſte der Schönen an dieſem Hofe, daß man nicht ſage: ſie war ſchön aber nicht klug.“ Frau Lapuſchkin lächelte.„Egmont und Oranien,“ ſagte ſie,„wenn des Damokles Schwert über dem Haupte der Lapuſchkin ſchwebt, ſo würde die Beſtuſcheff wohl klüger handeln, ſich vor dem bevorſtehenden Brande dieſes Palaſtes auf ihre Güter in der Krim zurück⸗ zuziehen.“ „Vielleicht wäre das klug,“ entgegnete Frau Beſtu⸗ ſcheff nach einigem Nachdenken, während ihr Auge ſtier vor ſich hinblickte;„mich dünkt, der Boden unter unſern Füßen ſchwanke ſeit einiger Zeit.“ „Er iſt nie ſicherer geweſen, als eben jetzt,“ entgeg⸗ nete die Lapuſchkin,„und wenn Du das Schreiben des Marquis Botta geleſen haſt, welches ich Dir vor wenigen Minuten in Dein Palais ſandte, ſo—“ „Welches Schreiben?“ fiel die Beſtuſcheff ein, und ihre Lippe zitterte fieberhaft. „Nun jenes, welches Dir Signor Granvoglio, der Zwerg, von mir vor wenigen Minuten überbrachte,“ entgegnete die Lapuſchkin;„er muß Dich in Deinem, kaum fünfzig Schritte entfernten Palais noch getroffen 75 haben, wenn Du geraden Wegs von dorther gefahren kömmſt.“ „Allerdings komme ich von dort eben hergefahren,“ entgegnete die Beſtuſcheff haſtig,„aber Dein Billet er⸗ hielt ich nicht.“ .„So wird es der Zwerg Deiner Zofe behändigt haben,“ entgegnete die Lapuſchkin ruhig.„Laß uns jetzt unſern Wagen beſteigen, der uns zu dem glänzendſten Balle führen ſoll, welchen Eliſabeth die Erſte heute ihrem Hofe gibt; im Vorbeifahren magſt Du das Briefchen in Deinem Pälaſte in Empfang nehmen.“ Die beiden Damen ſaßen fünf Minuten ſpäter, Frau Lapuſchkin ſehr heiter wie gewöhnlich, die Beſtu⸗ ſcheff aber ſehr nachdenkend im Wagen, der ſie in die Vorzimmer der großen Czarin zum erſten Hofballe dieſer Saiſon führen ſollte. 5* 76 Prittes Capitel. Die Tochter des Czars⸗ Es war eine der großen Hofmaskeraden angeſagt, welche damals zur Tagesordnung gehörten, und während die reich gekleidete kaiſerliche Dienerſchaft mit verſchiedenen Vorbereitungen zu dieſem Feſte beſchäftigt, hin und her lief, fanden ſich in den Höfen des Palaſtes bereits die koſtbaren Schlitten ein, welche ruſſiſche„Große“ und „Kleine“ zu dieſem Feſte trugen, und von Zeit zu Zeit wehten die Saalflügel auf, um einzelnen reichgeſchmückten Masken, oder im gewöhnlichen Hofkleide erſcheinenden Galadamen der Czarin den Eintritt zu gewähren. In einer Fenſtervertiefung des erſten Saales, neben einem kleinen Marmortiſche, auf welchem feiner ruſſiſcher Branntwein mit Caviar und Weißbrod und anderm Ge⸗ bäcke bereit ſtand, lehnten zwei Männer, welche gleich⸗ falls zu den Geladenen der Czarin gehören mochten, nach ihrem Aeußern aber und ihren Kleidern eben ſehr verſchieden waren. Der Eine war ein ſchöner, hochgewachſener Mann von einigen vierzig Jahren, ſeine Finger ſchmückten Brillanten vom reinſten Waſſer, und der goldene, mit 77 Diamanten beſetzte Griff ſeines Staatsdegens deutete auf den großen Reichthum ſeines Beſitzers. Aber das halbe, von einem dunklen Ruſſen⸗Barte beſchattete Geſicht dieſes Mannes trug Spuren von Sorge und Leidenſchaft; un⸗ ſicher lief ſein Blick über den Marmorboden des Saales hin, deſſen Flügelthüren, wie erwähnt, fortwährend auf und zu wehten, um die ankommenden Gäſte einzulaſſen. Sein Gegner am Schachbrette würde, wenn ein Maler ſchnell beide Geſtalten aufgenommen hätte, gerade das Gegenſtück zu ihm geboten haben. Er war ein gleichfalls hochgewachſener Mann, aber nichts weniger als jung, ſchön und ſchlank, von wahrhaft herkuliſchem Körperbau, mochte er gegen fünfzig Jahre zählen; ſein Auge flammte noch mit einer Glut, welche das ſcheue Auge des Andern kaum zu ertragen ſchien die wahrhaft eiſernen und martialiſchen Züge dieſes Mannes deuteten den Soldaten an. Seinen athletiſchen Körper deckte ein ſchafwollener Tulup*), welchen ein breiter mit reichem Silber durchwirkter Kuſchack oder Gürtel zuſammenhielt. Ueber den Tulup trug er den rothen Kaftan; ein breiter Säbel mit vergoldetem Griff hing an ſeiner ge⸗ waltigen Lende. Um den Hals trug er eine Kette mit lau⸗ Kurzer Pelz, der nicht bis an die Knie reicht. ter Petaks, d. i. fünf Kopekenſtücken aus vergoldetem Ku⸗ pfer. Auf dem Marmortiſche neben ihm lag eine hohe mit Goldquaſten verzierte koſakiſche Zobelmütze. Der Mann war der alte Koſchewnikow, ein rau⸗ her Kriegsmann und ergrauter Koſchewoi, Ataman, oder höchſter Anführer*) der doniſchen Koſaken, welchen dieſe an das Hoflager der Czarin geſandt hatten, weil ſie ſchon im vorhergehenden Jahre, während der Dauer des Krieges mit Schweden, als deſſen Feindin ſie nach ihrer Thronbeſteigung aufgetreten war, und von welchem ſie die Rückgabe von Wiburg und Finnland verlangt hatte, auch die Stimme verſchiedener Anführer der Völ⸗ kerſchaften in andern Theilen des großen Reiches im Kriegsrathe hören wollte. Der rauhe Kriegsmann der Steppe, den nebſt an⸗ dern ſeiner Stammgenoſſen ſomit der Befehl der Kaiſerin am Hofe noch feſthielt, ſchien ſich in dieſem Elemente nichts weniger als zu gefallen; finſter ſchweiften ſeine Blicke von Zeit zu Zeit über die Gruppen der eintreten⸗ den Gäſte. „Schach der Königin!“ rief jetzt der Andere wieder, indem er ſeinen Läufer verſchob. „Fort mit dem Narren!“ entgegnete trotzig der 5 Von Koſch, tartariſch Feld oder Kotſchewat, ruſiſch lagern. Ataman der Koſaken, indem er mit ſeinem Rößlein den Läufer des Gegners nahm,„Schach der Königin,“ rief er dann, und... „Matt!“ ergänzte der Geſchlagene lächelnd. „Matt,“ wiederholte der Hettmann, indem er mit bitterm Lächeln die Figuren durcheinander warf.„Matt,“ wiederholte er,„matt wie Alles an dieſem Hofe, was ich ſeit den drei Wochen, die ich auf Befehl der Czarin hier zubringe, geſehen und beobachtet habe.“ „So ſeid Ihr,“ ſagte der Andere lächelnd,„nicht zu⸗ frieden mit der Regierung Ihrer Majeſtät der Czarin?“ „O gegen die große Czarin habe ich nicht das Min⸗ deſte einzuwenden,“ erwiderte der Ataman raſch;„aber ſelbſt, ſelbſt ſollte ſie regieren, wie es ihr großer Vater that. Da ſagt man aber, und nach Allem, was ich ſelbſt ſah, ſagt man recht, daß an den beiden Seiten ihres Thrones zwei ehrgeizige Fremde ſtehen, der intriguante franzöſiſche Geſandte la Chetardie und der Hofarzt LEſtoch, ein unruhiger Kopf, welchen ſie ſogar zum Prä⸗ ſidenten des mediziniſchen Collegiums und zum geheimen Rath gemacht, und dem ſie— kann man die Günſtlings⸗ wirthſchaft weiter treiben— Generalsrang verliehen hat. Herr! da möchten ſich doch alle Koſakenroſſe unſerer Steppen bäumen, wenn die einen Wundarzt, einen n mit dem Generalshute einherſtolziren ähen!“ Der alte Ataman ſtrich ſich bei dieſen Worten ſeinen langen Kinnbart und erhob ein lautes Gelächter; aber auf dem lang gewordenen bleichen Geſichte ſeines Gegners am Schachbrette malten ſich alle Farben; ſein Auge glühte, ſeine Lippen wollten ſich bewegen, aber in dieſem Augenblicke ſtürzte aus der mittleren Saalthüre ein in der prachtvollſten blau und goldbordirten Galauni⸗ form eines königlich⸗franzöſiſchen Kammerherrn geklei⸗ deter Hofmann. „Schnell, Monſieur LEſtocq!“ rief er,„Ihre Majeſtät die Czarin wünſcht Euch zu ſprechen!“ Der Angerufene ſtand auf.„Habt die Güte, Mon⸗ ſieur,“ ſagte er,„meine Schachpartie mit dem alten Herrn da fortzuſetzen“— dann verſchwand er mit einem wahrhaft ſardoniſchen Lächeln pfeilſchnell durch die Mit⸗ telthür des Saales. Der alte Ataman aber ſtand mit einem Geſichte, welches noch länger war, als das ſeines nunmehr ab⸗ gezogenen Gegners im Schachſpiele, da; auf ſeinem braun⸗ſchwarzen benarbten Antlitze wechſelten die Züge der höchſten Ueberraſchung und der größten Verlegenheit. „Verzeiht, mein Herr,“ ſagte er mit faſt ſchüchter⸗ nem Tone zu dem Hofmann, welcher ſeinen Schachgegner abgerufen hatte, gewendet,„der war der berühmte Leibarzt Ihrer Majeſtät der Czarin?“ — 81 „Ja,“ entgegnete der Angeredete,„es iſt mein Freund, Herr LEſtoeg, erſter Hofarzt Zhrer Majeſtät, der allmächtige Günſtling und Herrſcher an dieſem Hofe.“ „Der intime Freund des franzöſiſchen Geſandten la Chetardie?“ fragte der Ataman. „Welcher die Ehre hat, vor Euch zu ſtehen,“ ent⸗ gegnete der Andere. Der Ataman ſchwieg jetzt; er fühlte, daß er von der Seylla in die Charybdis gerathen war, und daß die Geſtalten an dieſem Hofe viel überraſchender wechſelten, als unter ſeinen Koſakenhorden am Don. Er ſetzte ſich jetzt ſchweigend wieder an's Schachbrett und faßte die bei⸗ den Läufer der Königin, als wollte er ſie mit einem Handgriffe zerdrücken. Aber jetzt erhob ſich vor der Thüre des Vorſaales ein lautes Geräuſch; ein Wortwechſel der Thürhüter mit einem neuen Gaſte, welcher ſtürmiſch Einlaß be⸗ gehrte, ſchien ſtatt zu finden. Der Marquis la Chetardie ſprang auf und ſah nach der Thüre. Dieſe ſprang auf, und der Ataman er⸗ blickte jetzt einen eisgrauen alten Mann, deſſen lange ha⸗ gere Geſtalt ein koſtbarer grüner, mit feinem Zobel ver⸗ brämter Galarock deckte, worauf das Gold in dichten Reihen eingeſtickt war, zugleich aber eine Menge kleiner rother Schleifen prangten. Am Kopfe, deſſen wenige 82 weiße und graue Haare das hohe Alter des Mannes ver⸗ riethen, trug dieſe ſeltſame Geſtalt eine thurmartige Mütze mit ſchellenartigen vergoldeten Kügelchen, um den Leib hatte der Mann einen breiten koſtbaren Kaſchmir⸗ Shawl mit Golbſtickerei gewunden. An den magern Füßen ſchleppte er rothe, gleichfalls mit Gold durchwirkte Pantoffeln; in ſeiner hagern Rechten ſchwang er einen Bambus mit goldenem Knopfe. „Zurück, feiles Volk,“ krächzte er jetzt mit heiſerer Stimme, indem er ſeinen Stock über die Köpfe der ihn hinausdrängenden Dienerſchaft ſchwang;„Ihre Maje⸗ ſtät die Czarin hat mich zum Hofballe geladen!“ Aber ſchon ſtand der Marquis la Chetardie an der Thüre. „Platz, ihr ruſſiſchen Eisbären!“ rief er den Die⸗ nern zu,„und daß mir Keiner den Alten berühre!“ Dann trat er durch die Reihe der zurückweichenden Dienerſchaft auf die ſeltſame Geſtalt zu.„Verzeiht, alter Herr,“ ſagte er mit ſanfter Stimme,„wenn dieſe Schlin⸗ gel Euch am Eintritte hinderten; aber ich habe Euch zu ſagen: der Hofball iſt wegen Unpäßlichkeit der Czarin abgeſagt, und Ihre Majeſtät will ſich ſo eben in ihre Apartements zurückziehen und zur Ruhe begeben.“ Ein tiefer Seufzer des ſeltſamen Mannes mit der Thurmmütze war die Antwort, dann neigte dieſer ſein — 83 Haupt; auf ſeinem von tiefen Furchen durchzogenen tod⸗ tenblaſſen Antlitze, welches die entſetzliche Leidensgeſchichte eines ganzen Lebens zu erzählen ſchien, lag die tiefſte Trauer.„So will ich morgen kommen!“ lispelte er mit einer Stimme, deren herzzerreißender Klang aus den un⸗ terſten Räumen des Grabes zu kommen ſchien. Dann ſchritt er langſam einige Schritte vorwärts zur Ausgangsthüre. Plötzlich wandte er ſich wieder um und trat zu dem Marquis heran. „Aber der Kriſtallpalaſt iſt fertig,“ ſagte er jetzt, und ſein Auge flammte und ſeine Züge belebten ſich mit wildem Feuer. „Allerdings, Monſieur,“ antwortete der Marquis mit gleicher Sanftheit wie früher;„aber—“ „Und dreihundert Perſonen ſind zu meiner Hochzeit geladen,“ fuhr der ſeltſame Mann fort. „Aber ſie kann doch heute nicht ſtattfinden,“ ent⸗ gegnete der Marquis,„denn ich ſagte Euch ja ſchon, mein Herr, die Czarin iſt unwohl.“ „So will ich morgen kommen,“ lispelte der Andere wieder, und leiſen Schrittes und geſenkten Hauptes ver⸗ ſchwand jetzt der ſeltſame Mann äus dem Vorſaale. Der Marquis la Chetardie wandte ſich aber nun⸗ mehr zu der Dienerſchaft des Vorſaales. „Wer mir den Narren noch einmal über die Schwelle 41 1 des kaiſerlichen Palaſtes ſchreiten läßt,“ donnerte er,„der iſt ſeines Dienſtes verluſtig und wandert nach Irkutzk!“ Dann ging er ſchweigend wieder zum Tiſche, wo der Ataman beim Schachſpiele ſaß. „Was war das?“ fragte dieſer. „Der alte Narr des Hofes,“ entgegnete der Mar⸗ quis;„man hat ihn wieder einmal unvorſichtiger Weiſe über die Treppe des Palaſtes gelaſſen.“ „Daß ſich auch an dieſem Hofe zuweilen Narren einfinden, iſt mir ſchon bekannt geworden,“ ſagte der Ataman;„aber die ſeltſame Geſtalt, die Ihr ſoeben zurückweiſen ließet—“ „Iſt ein wirklich Wahnſinniger,“ fiel der Marquis ein,„ein Opfer religiöſen Eifers; es iſt Einer aus dem Hauſe der Golitzin, eine uralte Rarität, ein Kabinetsſtück czariſcher Juſtiz und Selbſtherrſchaft aus den Zeiten der jungfräulichen Kaiſerin Anna, welche dieſen Mann, weil er zur Fahne des Pabſtes geſchworen haben ſoll, die Narrenkappe auf den Kopf drücken und den Kolben in die Hand geben ließ.“ „Man ſagt,“ fiel der Ataman ein,„die Czarin habe ſechs Narren gehabt, von denen drei aus Strafe zu dieſem Amte verurtheilt waren.“ „Der dritte war dieſer Arme aus der ſchwer ver⸗ folgten Familie der Golitzin,“ fuhr der Marquis fort; bhei⸗ 85 „wie geſagt, die Czarin hatte ihn wegen ſeines Uebertrit⸗ tes zur katholiſchen Religion der kränkendſten Verſpottung preisgegeben. Sie zwang ihn, ſich mit einer Dirne aus dem Pöbel zu verheirathen, und veranſtaltete im ſtreng⸗ ſten Winter eine poſſenhafte Hochzeitsfeier; ſie hatte ei⸗ nen Palaſt aus Eis erbauen kaſſen, deſſen Gemächer mit Einrichtungsſtücken jeder Art, aber alle aus Eis zu⸗ geſchnitten, verſehen waren. Sogar eine Kanone und zwei Mörſer aus Eis waren vor dieſem Palaſte auf⸗ geſtellt, und dieſe Geſchütze waren ſo feſt und ſtark ge⸗ froren, daß man ſogar einige Schüſſe aus ihnen thun konnte. Die Gouverneurs der Provinzen mußten jeder einen Mann und eine Frau in der eigenthümlichen Lan⸗ destracht zu dieſer Hochzeit nach Petersburg ſenden; mehr als dreihundert Perſonen zogen auf dieſe Weiſe an dem kaiſerlichen Palaſte vorüber und durch die Haupt⸗ ſtraßen der Stadt. Zuerſt mußte das Brautpaar, der unglückliche katholiſche Convertit mit ſeiner hochzeitlichen Braut aus der niedrigſten Volksſchichte, in einem großen Käfig, den ein Elephant trug, vorbeidefiliren, dann ka⸗ men die Hochzeitsgäſte auf Kameelen, oder zwei und zwei auf einem Schlitten daher gezogen, woran Rennthiere, Ochſen, Hunde, Böcke oder gar Schweine geſpannt wa⸗ ren; in der Reitbahn Biron's war das Hochzeitsmahl bereitet, wobei Nationaltänze aufgeführt wurden. Dann zwang man die Neuvermählten in den Eispalaſt zu tre⸗ ten, wo ihnen ein Bett von Eis bereitet worden war; man ſtellte Schildwachen vor dem Palaſte auf, damit die Vermählten ihn ja vor dem Morgen nicht verließen*). War das nicht ein allerliebſtes Faſtnachtsſpiel, Hett⸗ mann?“. Der Marquis begleitete ſeine Erzählung jetzt mit einem unbändigen Gelächter. Aber der Ataman ſprang entrüſtet von ſeinem Stuhle empor und warf das Schachbrett mit einem der⸗ ben Schlage ſeiner Fauſt auf den Boden, daß die Figu⸗ ren nach allen Seiten herumkollerten. „Und Ihr könnt dies ſchauderhafte Faſtnachtsſpiel Eurer Hofkabalen mit lachendem Munde erzählen?“ rief er wüthend und mit zornfunkelnden Augen;„und Ihr laßt das unglückliche Opfer dieſes tollen Herrſcherüber⸗ muthes, ſtatt den Unglücklichen endlich für das erlittene namenloſe Unrecht ſchadlos zu halten, von Euren Leuten über die Treppe werfen? Wißt Ihr, was Peter der Große zu derlei Streichen ſeiner Thronerben und ihrer Rathgeber geſagt hätte?— In die Newa mit ihnen! oder in die Kupferminen des Ural!— Nun, Gott ſei's gedankt, morgen endet mein Aufenthalt in dieſer Czarenſtadt, und tſichtuich. ernanns Geſhhichte Rußlanbs 3 V. S. 83. 1 ————————— 87 wenn ich an den Don zu meinen Stammgenoſſen zurück⸗ kehre, ſo will ich ihnen erzählen, was ich hier geſehen und gehört habe; denn das, was Ihr mir preisgabt, iſt nicht die einzige That der Willkür, die an den Ufern der Newa ſeit des großen Peter's Tode verübt wor⸗ den iſt.“ Der alte Ataman mußte jetzt mit ſeiner improvi⸗ ſirten Standrede inne halten, denn die beiden Flügeln der Mittelthüre des Saales wehten auf, und zwei Die⸗ ner mit großen Armleuchtern meldeten, daß Ihre Ma⸗ jeſtät die Czarin im großen Empfangsſaale die Vorſtel⸗ ſung der Geladenen erwarte. In dieſem Augenblicke rauſchten die Prachtgewän⸗ der der Schönſten der Schönen, der engelgleichen Frau Lapuſchkin und ihrer Freundin der Madame Beſtuſcheff vorüber, welche beide als Geladene des Feſtes der Mit⸗ telthüre zuſchwebten, um den Kreis der Auserwählten in der Umgebung der Selbſtherrſcherin aller Reuſſen zu vermehren. In der nächſten Viertelſtunde wogte es im pracht⸗ vollen, von tauſend Lichtern erhellten großen Saale des Winterpalaſtes von einer großen Anzahl ſchön geſchmück⸗ ter Herren und Damen. Beſternte Offiziere und Staats⸗ beamte der höhern Rangordnung, engelſchöne Hofdamen und niedliche, in grünem goldverbrämten Sammet geklei⸗ dete Pagen zogen auf und nieder, und in den Fenſter⸗ niſchen dufteten in ſilbernen Geſchirren der koſtbare Thee und— trotz der vorgerückten Jahreszeit— die edelſten Früchte des Südens, neben dem würzigen Mocca und den feinen Gerüchen des Feres, welcher in weißen Krhſtall⸗ flaſchen zur Erfriſchung der Ballgäſte bereit ſtand. Es waren keine fünf Minuten vergangen, als dieſe wie das Summen eines Bienenſtockes tönende Bewegung der immer zahlreicher hereinſtrömenden Ballgäſte aller Sorten, worunter ſich auch viele reich brillirende Mas⸗ ten befanden, einer plötzlichen Windſtille Platz mach⸗ te—denn aus der mittlern, der dem Eingange in dieſen Saal entgegen ſtehenden Flügelthüre traten jetzt, zwiſchen ſechs mit ſtrahlenden Kronleuchtern bewaffneten, hellgrün gekleideten und goldſtrotzenden Pagen, mehrere wahrhaft prachtvoll gekleidete Damen heraus. Sogleich bildete ſich die Maſſe der Ballgäſte zu einem weiten Halbkreiſe, in welchen die eben aus der Mittelthüre herauskom⸗ menden Damen eintraten. Es war der Kern des Hofadels, ein wahrhaft ſtrahlender Kranz von Herren und Damen, in deſſen Mitte drei hohe Frauen hervorragten, unter denen wie⸗ der zwei mit ihrem Alles überſtrahlenden Brillant⸗ ſchmucke hervorragten. Rechts von dieſen drei Damen ſtanden mehrere be⸗ 89 bänderte Herren; und zwar zunächſt der Baron Ther⸗ kaſſon, Kabinetsſekretär der Kaiſerin; der Oberjägermei⸗ ſter Razumowſky, der Graf Michael Woronzow und der Oberkammerherr Graf Beſtuſcheff und andere; an der Spitze der Hofdamen zur linken Seite brillirte Gräfin Anna Karlowna Skaverenſky, Nichte der Kaiſerin Ka⸗ tharina I. und Gattin des Grafen Woronzow. Im Hintergrunde des Sagles ging die ganz in leichte grüne Seide gekleidete Geſtalt eines Männleins auf und nieder, welches die Franſen an den Tapeten zu zählen und mit Haarſchärfe die Länge des Saales aus⸗ meſſen zu wollen ſchien. Es war dies der kaiſerliche Balletmeiſter Laude, welcher die Tänze dieſes prachtvollen Feſtballes zu ordnen hatte. Jetzt trat der Kammerkavalier Zacharias Czernit⸗ ſcheff im hellgrünen Staatskleide vor, und erklärte den Hofball für eröffnet, indem er beiſetzte:„Ihre Majeſtät die Kaiſerin wünſche vor Allem die Gäſte aus den Gouvernements des Reiches vorgeſtellt zu ſehen.“ Sogleich drängte der Marquis de la Chetardie, unter deſſen nunmehr geöffnetem Oberkleide der alte, an ſeiner Seite eingetretene doniſche Ataman auch das ſtrah⸗ lende Kreuz des ruſſiſchen Andreas⸗Ordens bemerkte, dieſen vor. 1860. XVI. Pugadew. I. 6 90 „Ataman Koſchewnikow!“ rief er mit ſtarker Stimme, indem er dieſen vorſtellte. Der Bär vom Don, welcher die feine Sitte des Hoflebens wenig kannte und ſich in ſeinen Steppen wenig um die Czarin und ihren Hof bekümmert hatte, nunmehr aber, wie bereits erwähnt, als Stimmführer ſeiner Stammgenoſſen auf kurze Zeit an den Hof berufen worden war, weil die Czarin ſich von den Wünſchen und Bedürfniſſen ihrer einzelnen Gouvernements unterrichten wollte, übrigens ſeit ſeiner mehrwöchentlichen Anweſen⸗ heit in Petersburg nach gewohnter Hofſitte zu warten mußte, und bisher die Czarin noch nicht zu Geſichte be⸗ kommen hatte, bog ſeinen ſtarken Nacken in eine ziemlich linkiſche Parabel, und trat auf die ſchönſte der drei ſtrah⸗ lenden Damen, welche in der Mitte des todtenſtillen Halbkreiſes ſtanden, zu. Er ſtrich ſich nach Landesſitte ſeinen dichten Ruſſenbart, und ſein Auge ruhte wohlgefäl⸗ lig auf den ſchönen Zügen der vor ihm ſtehenden Dame. „Die Nation der treuen Koſaken am Don,“ begann er mit lauter Stimme,„begrüßt ihre erlauchte Ge⸗ bieterin, die große Tochter des größten Czaren, und legt der Mächtigſten der Mächtigen, der Schönſten der Schönen durch mich ihre Huldigung zu Füßen. Wahrlich, man hat am Don nicht zu viel geſprochen von der Pracht 91 und Schönheit der großen Gebieterin des weiten Czaren⸗ reiches!“ Er hatte dieſe Worte noch nicht ausgeſprochen, als einer der Kammerherren, Herr Birkholz, welcher in ſeiner Nähe ſtand, ihm augenblicklich mit der Miene der größ⸗ ten Verlegenheit zuraunte:„Aber Ataman, das iſt ja nur die Hofdame Lapuſchkin, die andere neben ihr in der Mitte iſt die Czarin.“ Die Kaiſerin, welche der alte Ataman, vom Glanze der tauſendfach ſtrahlenden Pracht ihrer Umgebung irre⸗ geführt, vor ihrer Umgebung nicht ſogleich herausgefun⸗ den hatte, war dieſe Verwechslung und die ſich im gan⸗ zen Kreiſe kundgebende Verlegenheit und Beſtürzung nicht entgangen. Sie wandte ſich auch ſogleich zu dem in einiger Entfernung ſtehenden Grafen Beſtuſcheff.„Un⸗ ſer Oberkammerherr,“ ſagte ſie mit ſchneidendem Tone, „ſcheint an Gedächtnißſchwäche zu leiden und vielleicht eine Erhohlungsreiſe in die geſunde Luft des hohen Nor⸗ dens nöthig zu haben; denn die Rückſichten des Hof⸗ ceremoniels, welche eine genaue Rangirung der Gäſte des Hofballes erfordern, zu beachten, iſt wohl die erſte Pflicht ſeines Amtes.“ Dann wandte ſich die Czarin mit einem mehr eiſigen als feinem Lächeln von dem mit Todtenbläſſe über⸗ 6* 92 laufenen Oberkammerherrn zu dem alten Ataman. „Hier die Macht der Schönheit,“ ſagte ſie, auf die gleich⸗ falls mit wahrer Todtenbläſſe auf dem ſchönen Antlitze daſtehende Lapuſchkin deutend,„und hier in Unſerer Per⸗ ſon die Macht des Reiches, die Euch, mein lieber Ataman, an den Hof berufen hat, um uns von dem Stande der Dinge am Don in Kenntniß zu ſetzen! Sagt: ſind mir die Stämme Eures Landes treu ergeben, und darf Eliſabeth die Czarin auf die Völker des Dons mit Zuverſicht bauen?“ „Sie darf, mächtige Czarin,“ entgegnete der Ata⸗ man,„wenn ſie auf ihren Rath hören will.“ Eliſabeth warf ihre Augen im Kreiſe herum, als muſtere ſie die Stirnen der Anweſenden. Sie mochten ihr nicht alle rein genug erſcheinen, um ſich mit dem alten Ataman in weitere Erörterungen vor dieſem Publikum einzulaſſen. „Wir wollen Euch morgen im verſammelten Kriegs⸗ rathe ſprechen,“ ſagte ſie jetzt ablenkend;„inzwiſchen ſagt mir, was denkt Ihr von unſern Beziehungen zu Schweden? Der Reichsrath verlangt für Schweden die Zurückgabe von Wiburg und Finnland— was denkt Ihr, mein ergrauter Kriegsmann, was denkt Ihr in Euern Steppen von dem Frieden, den wir mit den Herren in Stockholm abſchließen wollen?“ 93 Jetzt richtete ſich der Ataman in ſeiner ganzen Manneslänge empor.„Hätte der Kaiſer, Euer Vater,“ ſagte er mit ſtarker Betonung,„hätte der Kaiſer, Euer Vater, meinen Rath befolgt, als wir Ruſſen das erſte⸗ mal in Schweden eindrangen, ſo brauchte man jetzt kei⸗ nen Krieg mehr gegen die Schweden zu führen.“ „Und welchen Rath?“ fragte die Kaiſerin. „Den,“ antwortete der Ataman mit eiſiger Kälte, „den einen Theil des ſchwediſchen Volkes nach Rußland zu verſetzen, und den andern niederzuhauen.“ Die Kaiſerin trat jetzt einen Schritt zurück. „Das war ein grauſamer Rath!“ rief ſie. „Ei,“ entgegnete kalt der Hettmann,„ſie ſind ja doch auch geſtorben.“*) Die Kaiſerin ſchwieg eine geraume Weile, und auf den Geſichtern der Umſtehenden wechſelten die verſchieden⸗ artigſten Farben, je nachdem die Geiſter für oder gegen Schweden geſtimmt waren. Aber Todtenſtille herrſchte im weiten Saale, eine Stille, daß man hätte eine Nadel fallen hören können. „Und was denkt Ihr von der Stellung des Czaren⸗ thrones zum Kabinette an der Spree?“ fragte die Czarin nach einer langen Pauſe. *) Buchſtäblich hiſtoriſche Worte. 94 „Preußens Machtgebiet und Einfluß ſtrebt nach dem Weſten,“ entgegnete der Koſakenhauptmann;„nie wird der preußiſche Adler gegen Rußland ſeine Fittige entfalten. Preußen iſt eine deutſche Macht, und thöricht wäre es, dieſe Macht in ihrem Siegeslaufe nach Süden und Weſten aufhalten zu wollen, da die Staatsmänner an der Spree nie daran denken werden, preußiſche Bajo⸗ nette über Rußlands Grenzen tragen zu laſſen.“ „Meint Ihr?“ fragte die Czarin mit einem Tone, welchem das ſeltſame Lächeln auf ihren zuſammen⸗ gekniffenen Lippen Lügen ſtrafte. Aber in dieſem Augenblicke gab ſich in der Ver⸗ ſammlung der Umgebung der Kaiſerin eine auffallende Bewegung kund; auf dem ſchönen Antlitze der Lapuſch⸗ kin lag Todtenbläſſe, ſie mußte ſich halb ohnmächtig an die ihr nahe ſtehende Frau Tſchoglokow, die Oberſthof⸗ meiſterin der Czarin, lehnen; ihre Blicke, die ſie mit ſicht⸗ licher Angſt mit der gleichfalls bis zum Tode blaß ge⸗ wordenen Madame Beſtuſcheff wechſelte, brannten wie feſt gebannt auf dem Haardiadem der Kaiſerin. Dort ſaß nämlich der weiß⸗ſchwarze große Soli⸗ tär— eine Goldnadel, welche genau jener glich, die kurz vorher Marquis la Chetardie vor der Lapuſchkin in deren Zimer erhalten hatte... Der Czarin war die angſtvolle Verwirrung der 95 Lapuſchkin nicht entgangen. Aber ſie ſchien darauf nicht achten zu wollen.„Mesſieurs,“ ſagte ſie jetzt zu ihrer Umgebung in franzöſiſcher Sprache,„finden ſie nicht, daß im Saale ſchon jetzt eine drückende Schwüle herrſcht!— Ach, hätt' ich nur meinen Pariſer Fächer, das koſtbare Geſchenk der Pompadour bei der Hand!— Liebe Lapuſchkin,“ fuhr die Czarin mit großer Unbefan⸗ genheit zu dieſer gewendet fort,„im letzten Garderobe⸗ Kabinet des rückwärtigen Tractes des Winterpalaſtes liegen meine Fächer— ich wünſchte einen davon, hier die Karte für meine Garderobe⸗Intendantin.“ Die Czarin zog aus den Falten ihres reichen Klei⸗ des ein verſiegeltes Billet, welches ſie der Lapuſchkin behändigte. Die todtenbleiche Madame Lapuſchkin wankte nun im nächſten Augenblicke über die Treppe vor dem Ball⸗ ſaale, um den Fächer zu holen, den ihre mächtige Gebie⸗ terin begehrte; hinter ihr klangen wie höhnend die rauſchenden Chöre des beginnenden Ballfeſtes nach, deſſen Königin zu ſein ſie, die Schönſte der Schönen, bei allen Hofbällen gewohnt war. Wenige Schritte hinter ihr ging Andrey Czernitſchew, ein Gardelieutenant der Kaiſe⸗ rin von der Suite des Großfürſten. Jetzt ſtieg Frau La⸗ puſchkin, deren Entfernung im Momente des beginnenden Balles, bei dem ſie ſtets als Königin zu glänzen pflegte, 96 offenbar eine berechnete Demüthigung war, in höchſt aufgeregter Stimmung, mit hochklopfender Bruſt und glühenden Wangen die letzte Wendeltreppe, welche aus dem vordern Tract des Winterpalaſtes in einem großen, mit leichten Schnee bedeckten Hofraume führte, durch welchen der rückwärtige Tract des Palaſtes von dem vor⸗ dern getrennt war. Sie hielt das Billet der Czarin, welches ihr den Eintritt in das Heiligthum der Letztern öffnen ſollte— eine Gunſt, die in der That nicht Zeder⸗ mann zu Theil wurde— feſt in ihrer ſchönen Hand. In der That, die ſchöne Lapuſchkin wußte nicht, ſollte ſie ſich dieſe auffallende Entſendung vom Hofballe als eine feine Intrigue der Czarin, oder als eine beſondere Gnade derſelben auslegen; denn, wie geſagt, die Garderobe der Kaiſerin im hintern Tracte des Winterpalaſtes war ein Heiligthum, und von großer Gnade durften jene Hof⸗ damen erzählen, welche darin Zutritt fanden, was jeder⸗ zeit nur durch beſondere, von der Kaiſerin eigenhändig, oder über ihre ausdrückliche Erlaubniß ertheilte Billete oder Eintrittskarten möglich wurde. Eliſabeth huldigte nämlich in ihren jungen Jahren der Eitelkeit ſehr, und hatte unter andern den Eigenſinn, daß keine Mode, welche ſie liebte, und kein Stoff, den ſie trug, von irgend einer Dame des Hofes eher nachgeahmt oder getragen werden durfte, bevor nicht die Czarin dieſe Mode abge⸗ 97 legt hatte. So fanden ſich zuletzt 30.000 verſchiedene Kleider in ihrer Garderobe, und dieſer mußte ein eigener Intendant vorgeſetzt werden. In ſpäteren Jahren wurde der Kaiſerin bei ihrem angegriffenen Körper jeder Zwang ſo unerträglich, daß ihr ihre Kammerfrauen die nöthigen Kleidungsſtücke des Morgens mit leichten Stichen anhef⸗ ten, und dieſe beim Auskleiden wieder auflöſen mußten.— Noch ſann alſo Madame Lapuſchkin darüber nach, ob ſie ihre Abſendung in die kaiſerliche Garderobe als eine Gnade, oder abſichtliche Entfernung vom Hofballe vor Beginn des Balles nehmen ſolle, und ob ſie ſich mit dem Blicke auf das Haar der Kaiſerin, wo ſie die große Goldnadel mit dem ſchwarz⸗weißen Solitär bemerkt haben wollte, nicht getäuſcht habe— als ſie jetzt den Gardelieutenant Andrey Czernitſchew an ihrer Seite und vor ſich in der Ecke des beſchriebenen Hofraumes mehrere Männer mit Windlichtern wahrnahm. Dieſe näherten ſich allmälig und ſchloſſen, als Frau Lapuſchkin, in ihrem leichten Ballanzuge fröſtelnd vor ihnen vorbeieilen wollte, plötzlich einen Kreis um die Dame. Frau Lapuſchkin blieb jetzt verwundert ſtehen. „Platz!“ rief ſie,„ich muß in die Garderobe der Czarin.“ 5 „Wo iſt die Karte, Madame?“ fragte jetzt hinter ihr vortretend Lieutenant Andreh Czernitſchew. 98 „Hier,“ ſagte die Lapuſchkin, indem ſie dem Offi⸗ zier das ihr von der Kaiſerin behändigte Billet entgegen⸗ hielt, an dem ſie erſt jetzt bemerkte, daß es ganz gegen die Art der gewöhnlichen Karten für den Einlaß in die kaiſerliche Garderobe zuſammengelegt und geſiegelt war. „Das iſt keine Legitimation zum Eintritte in die kaiſerliche Garderobe,“ ſagte der Offizier, indem er das raſch entſiegelte Papier der Lapuſchkin entgegenhielt, wäh⸗ rend einer der umſtehenden Trabanten ein Windlicht em⸗ porhielt, ſo daß die Schriftzüge des Billets genau wahr⸗ genommen werden konnten. Die Lapuſchkin warf einen Blick auf das Papier. „Gerechter Gott!“ ſchrie ſie, und das Billet ſank zu ihren Füßen in den Schnee;„es iſt das Schreiben des Marquis Botta vom Berliner Hofe an mich! Wie kam dies in die Hände der Kaiſerin?“ „Das weiß ich nicht,“ entgegnete der Lieutenant kalt. „Der Zwerg ſollte es der Madame Beſtuſcheff bringen,“ jammerte die Arme. „Auch das iſt mir unbekannt,“ ſagte der Lieutenant kalt;„ich habe nur die Ordre,“ fuhr er fort,„Euch, Madame, im Namen der Czarin zu bedeuten, daß die Tänze auf dem heutigen Balle und den künftigen Hof⸗ bällen ohne Eure Anweſenheit ſtatt finden werden.“ Die Lapuſchkin ſtand vernichtet. 99 „Oranien und Egmont!“ lispelte ſie vor ſich hin. Aber in dieſem Augenblicke drang der Strahl eines Windlichtes aus einer Seitenthüre des linken Palaſtflü⸗ gels, aus welchem im Geleite zweier Männer mit dunklen Pelzen Madame Beſtuſcheff, die Buſenfreundin der La⸗ puſchkin, trat. Jetzt trat Gardelieutenant Czernitſchew auf einen der Männer zu, welche die Lapuſchkin umringt hatten. Er reichte ihm ein verſiegeltes Papier.„Von Ihrer Ma⸗ jeſtät der Kaiſerin,“ ſagte er. Dann entfernte er ſich raſch auf demſelben Wege, den er gekommen war. Frau Lapuſchkin ſtand überraſcht im Kreiſe der bär⸗ tigen Männer, deren, bei dem Scheine ihrer Windlichter nunmehr greller hervortretendes Aeußere höchſt Ab⸗ ſchreckendes darbot, denn Rohheit und Schadenfreude blitzten aus ihren kleinen Kalmückenaugen. Auf den dicht behaarten Köpfen trugen ſie große polniſche Mützen von Haſenfellen, in ihren breiten Ledergürteln ſteckten ellen⸗ lange Meſſer, und ihre Fäuſte hielten Bündel von Repp⸗ ſchnüren und lange eiſenbeſchlagene Stöcke. Frau Lapuſchkin wußte nicht, ob ſie träume oder wache; aus der Glorie des höchſten Glanzes des Hof⸗ balles ſah ſie ſich plötzlich unter eine Schaar wilder Männer verſetzt, deren größter jetzt das vom Garde⸗ 100 lieutenant übergebene Papier entfaltete, es an das Wind⸗ ucht einer der Männer hielt und las; dann aber den an⸗ dern Männern einen Wink gab, worauf dieſe ihre groben Pelzmäntel zur Erde warfen und jetzt mit nackten Ar⸗ men und Beinen vor der zarten Dame ſtanden. Frau Lapuſchkin begann jetzt theils vor Froſt, theils vor Beſtürzung über dieſe Vorgänge heftig zu zittern; große Thränen traten in ihre ſchönen Augen. „Mein Gott, was will man von mir?“ fragte ſie zu dem größten der Männer gewendet. Dieſer riß ihr als Antwort den feinen Kaſchmir von dem Nacken. Jetzt fiel der Blick der Unglücklichen zur Seite; dort— an der entgegengeſetzten Seite, ſchritt eilig ein Retter— Marquis la Chetardie über den Hofraum. „Gott ſei geprieſen!“ rief die Arme.„Marquis la Chetardie!“ Und ſie rief den Mann ihres Vertrauens wieder⸗ holt laut bei ſeinem Namen. Aber ihr antwortete das laute Krähen eines Hah⸗ nes, welcher die nahe Stunde des Morgens verkündete; der vorübereilende Marquis aber warf ihr einen kurzen Blick, der einem mitleidigen Abſagebrief an die Geprie⸗ ſene glich, zu, und verſchwand unbekümmert um den von ihm ſo hoch gefeierten ſchönen Nacken der ſchönſten 101 Frau, noch ehe der Hahn das drittemal krähte, im Palaſte der Kaiſerin. Die Feder ſträubt ſich jetzt wahrhaft, jene ſchauer⸗ liche Scene zu beſchreiben, welche nunmehr erfolgte und in der That zu dem furchtbarſten Nachtgemälde eines Höllen⸗Breugels Stoff geboten hätte*). Einer der die ſchöne Frau umſtehenden Männer riß ihr nämlich jetzt die Seidenhülle ihres ſchönen Buſens herab, und während die Arme zuſammen und in Thrä⸗ nen ausbrach, warf ſie ein Anderer mit einem raſchen Ruck auf ſeinen Rücken, ein Dritter hob ſie einige Zoll von der Erde empor und legte ſie mit ſeiner rauhen Fauſt in die gehörige Lage, ergriff dann das furchtbare Werk⸗ Aber die Schilderung dieſes Actes damaliger czariſcher Juſtiz bietet eben ein Streiflicht der Hofgeſchichte jener Tage, gehört ſomit weſentlich zum Verſtändniſſe der Geſchichte jener Zeit und zur Zahl der in einem Theile der damaligen Bevöl⸗ kerung des weiten Czarenreiches allmälig Wurzel faſſenden Erbit⸗ terung gegen die Willkür der Machthaber in Petersburg, ſomit zu den mittelbaren Urſachen der nachfolgenden Auſſtände, deren Leiter derlei geſchichtliche Acte der Grauſamkeit natürlich zur Auf⸗ regung der Maſſen geſchickt zu benützen wußten. Der empfindſame Leſer möge daher die dunkle Blutfarbe der nachfolgenden Scene mit ihrer geſchichtlichen Wahrheit und ihrem charakteriſtiſchen Zuſammenhange mit der Hofgeſchichte jener Tage entſchuldigen. 102 zeug ruſſiſcher Juſtiz, die Knute, trat einige Schritte zu⸗ rück, und riß mit einem Schlage ein Stück Haut von dem Rücken der Armen, und wiederholte die Streiche ſo lange, bis die ganze Haut des Rückens der Halbohnmächtigen in kleine Stücke zerriſſen war; dann endigte er die fürch⸗ terliche Arbeit damit, daß er der Armen die Zunge aus⸗ ſchnitt*), wobei ſich die Mißhandelte im wüthendſten Schmerze heftig ſträubte, daher nur um ſo mehr ver⸗ ſtümmelt wurde, ſo daß ihre Sprache in der Folge nur denen verſtändlich war, welche gewöhnlich mit ihr um⸗ gingen**). Die gleiche Execution wurde in der andern Ecke des Hofraumes an der Freundin und Vertrauten der ſchönen Lapuſchkin Madame Beſtuſcheff vollzogen. Beide wurden ſodann im ohnmächtigen Zuſtande durch einen im rück⸗ wärtigen Tract des Palaſtes harrenden Wundarzt ver⸗ bunden. Am nächſten Morgen, ehe Ihre Majeſtät die Kai⸗ ſerin aller Reuſſen mit ihrem Günſtlinge, dem einſtigen Wundarzte Leſtocq, ihre Chokolade einnahm, rannten zwei Kibitken, worauf die unglückliche Lapuſchkin und ihre *) Home, Geſchichte des Menſchen. 1. Thl. S. 368. **) Hermann's Geſchichte Rußlands. 3. B. S. 102. Siehe auch Herzen's Memviren der Kaiſerin Katharing. S.. 103 Freundin Beſtuſcheff lagen, längſt ſchon über die Schnee⸗ felder bei Petersburg, um dieſe Opfer ruſſiſcher Juſtiz dem fernen Sibirien, der Tſchornaja palata an der Wolga, zuzuführen. So wollte es der Wille der ſchwer erzürnten Cza⸗ rin, welche dann ihrem Geheimſekretär eine Depeſche an den Wiener Hof in die Feder diktirte des Inhaltes: „Sie ſei durch die Treue ihrer Hofdiener einer Verſchwörung auf die Spur gekommen, welche der kai⸗ ſerliche Geſandte am Berliner Hofe, Marquis von Botta, von dort aus dadurch ermuntert habe, daß er den Ver⸗ ſchwörern in Sibirien und Petersburg, welche ſeit län⸗ gerer Zeit in genauer Verbindung ſtanden, namentlich aber von Bolgarü bei Kaſan aus conſpirirt hätten— mit einer Unterſtützung von Seite Maria Thereſia's ſchmeichelte, und den ſehnlichen Wunſch des Königs Fried⸗ rich II. ausſprach: die Kaiſerin aller Reuſſen vom Throne geſtürzt, und den jungen Zwan, Sohn des Prin⸗ zen von Braunſchweig, ſeines Schwagers, auf demſelben zu ſehen. Ihre Majeſtät habe dieſe von Berlin bis in die Wolgagegenden verzweigte Verſchwörung durch die Be⸗ ſtrafung der Rädelführer glücklich beſiegt, und verlange jetzt von Ihro römiſch⸗katholiſchen Majeſtät: daß der be⸗ ſagte Marquis von Botta sine mora für ſein„allen Völkerrechten und ſtattlichen Courtoiſie geradezu hohn⸗ 104 ſprechende Conjurations⸗Politika“ auf die Feſtung ge⸗ ſandt werde, widrigens die Czarin die Verweigerung die⸗ ſer Genugthuung*) als einen casus belli betrachten müſſe.“ Eine zweite Depeſche mußte der Geheimſekretär an den Gouverneur von Kaſan ausfertigen des Inhaltes: „Daß die unverbeſſerlichen Conjuranten und Ver⸗ ſchwörer in der Tſchornaja palata zu Bolgarü, inſonder⸗ heit der alte Münnich, die Grafen Oſtermann, Golowkin, Löwendwolde und der Baron von Mengden, deren Um⸗ triebe und Verbindungen mit ihren Genoſſen in Peters⸗ burg entdeckt worden ſeien, ſammt und ſonders auf Ki⸗ bitken zu ſchnallen und einzeln am Ob, Jeneſai der Lena und der Indigirka, insbeſondere aber der mit der bereits beſtraften Conjurantin Lapuſchkin im lebhaften Briefwechſel geſtandene Löwendwolde am weiteſten un⸗ ter ſtrenger Aufſicht zu vertheilen, der Tartar und Auf⸗ ſeher der Tſchornaja palata als Helfershelfer der Con⸗ juranten ſammt allen ſeinen Hausleuten und Dienern zur doppelten Knute zu verurtheilen und in die Kupferberge des Urals zu ſenden ſeien.“ Dann trat die Kaiſerin aller Reuſſen mit ruhigem Antlitze, das dem klaren See nach dem Sturme glich, *) Velche ihr allerdings gegeben wurde. 105 ihrem in das Kabinet tretenden Günſtlinge LEſtoeg ent⸗ gegen und reichte ihm die Hand zum Kuße. „Monſieur LEſtocg,“ ſagte ſie,„mein Kanzler ſoll es am Hofe verkündigen: Wer mir in meiner Gegen⸗ wart noch einmal den Namen Feodor Feodorowitſch 3) über die Lippen bringt, oder von einer jemals noch mög⸗ lichen Allianz des nordiſchen Adlers mit dem preußiſchen ſpricht, der wandert auf Lebensdauer zu den Vulkanen von Kamſchatka!“ Dann winkte Eliſabeth ihren Günſtling an das Schachbrett. Mit einem Ausdrucke der unbeugſamſten Entſchloſſenheit und der ganzen Würde Ihrer Majeſtät ergriff die Semiramis des Nordens ihre Königin und ſetzte ſie auf das Brett, indem ſie mit einem glühenden Blick auf die Stellung der Figuren am Schachbrette mehr ſchrie als rief:„Schach dem König!“ *) Friedrich II. von Preußen. 1860. XVI. Pugabew. I. 7 Biertes Capitl. Menſchenpläne. Der reizendſte Frühling des Jahres 1755 war für Portugal längſt vorüber, auch die reichen Garben der Ernte des Juni befanden ſich bereits unter Dach, und der erſte Regen des September hatte die Erde ge⸗ tränkt und ſie auf's Neue mit dem friſcheſten Grün über⸗ zogen. Der zweite Frühling des Jahres 1755 lachte über den Fluren Luſitaniens. Auf dem herrlichen Comerzplatze, wo der Palaſt des Königs ſeine ſtolzen Mauern emporſtreckt, am Ufer des Tajo, wo der viereckige Landungsplatz in ſeiner Länge von mehr als ſechshundert Schritten mit ſeinen anſehn⸗ lichen Gebäuden liegt, war eben das wöchentlich einmal nach Rio Janeiro abgehende Packetbvot eingefahren und wand ſich zwiſchen den mit reichen Ladungen von Fernam⸗ bukholz, Indigo, Baumwolle und Fruchtwaaren be⸗ ladenen Schiffen des Hafens durch. Aus dem ſogleich von einer Menge Laſtträgern, Kaufleuten und müſſigen Gaffern umringten Boote, welches jetzt im Hafen Anker warf, landete mit dem erſten Hafenkahne, welcher an das Packetboot anlegte, ein langer bleicher Mann, deſſen 107 Haupt ein ſpaniſcher Hut mit wallender Feder, und deſſen hageren Leib ein rabenſchwarzes Sammtkleid mit Gold⸗ ſtickerei, und ein kurzer, dunkel violetter ſpaniſcher Man⸗ tel deckte, unter welchem der mit Diamanten beſetzte Griff eines langen Degens hervorblitzte. Der Mann, welcher kein Gepäck zu haben ſchien, daher die herandrängenden Laſtträger barſch zurückwies, ſteuerte mit ſeinen Storch⸗ füßen dem Rocio⸗ oder Roscio⸗Platze zu, jenem furcht⸗ baren„Schlachtfelde“, auf deſſen geſchichtsreicher, 1800 Fuß langer und 1400 Fuß breiter Rombenfläche nicht weniger als zehn Straßen zuſammenliefen, welche einſt gar viele Thränen der Wuth und Verzweiflung auf dieſem Platze zuſammenſchwemmte— denn auf die⸗ ſem Platze rauchten die Scheiterhaufen empor, welche religiöſer Fanatismus und vielleicht auch Bosheit und Heuchelei dem Gotte der ewigen Liebe anzündete, bis ſich nämlich ſeine Erde, müde, das Blut ſo vieler Opfer zu trinken, ſpaltete und Opfer und Henker eines Tages ver⸗ ſchlang, auf daß keine Spur bliebe von dem kanibaliſchen Treiben der„Schein⸗Chriſten“. Auf dieſem Platze der einſtigen Autos da Fé ſchritt der ſchwarze Mann mit den Storchbeinen einem zwar nichts weniger als ſchönen, aber ſehr großen Ge⸗ bäude vom alterthümlichen grauen Ausſehen zu, deſſen nach der Hafenſeite gerichtete ſtark vergitterte Fenſter wie 7 108 trübe Augen eines mürriſchen Greiſes hinausſchauten, und wie die zwiſchen ihnen angebrachten rothen Patriar⸗ chen⸗Kreuze und das Wappen mit den Infeln über dem maſſiven, mit Eiſen beſchlagenen Hauptthor andeuteten, daß hinter der hohen Frontmauer dieſes Gebäudes Ge⸗ heimnißvolles, Großes, Heiliges verborgen liege. Ja, das lag hinter dieſen Mauern; denn dies Haus nannte der fromme Glaube des von der„aller⸗ getreueſten Majeſtät“*) und einigen zwanzigtauſend Geiſtlichen beherrſchten Volkes Luſitaniens, das heilige Haus, die Santa Caſa— es war der Palaſt, wo die Schriftgelehrten zu Gerichte ſaßen, um die Urtheile der Kirche über die dem Scheiterhaufen zugeſprochenen„Ke⸗ tzer“ zu fällen. Als der ſchwarze Mann mit den Storchbeinen auf der breiten Steintreppe ſtand, auf welcher er zu einer Seitenpforte der Santa Caſa gelangen wollte, drehte er ſich noch einmal um, und ließ ſeinen Blick über die weite ruhige Fläche der Hafenmündung und das Häuſermeer Liſſabons, ſo weit er es überſehen konnte, ſchweifen. Da ſtrahlten ihm im Abendglanze der ſinkenden Sonne die goldenen Doppelkreuze der auf der Anhöhe 6) Rex fdelissimus iſt der Titel, den Pabſt Benedict XIV. im Jahre 1749 dem Könige von Portugal verlieh. 109 emporragenden Patriarchalkirche, die vom Sonnenſtrahl leicht vergoldeten, über das Thal von Alcantara füh⸗ renden fünfunddreißig Bögen der anderthalb Stunden langen Waſſerleitung, die zahlloſen Garten, Gebäude und Bildſäulen Ulisboas in ihrer wunderbar ge⸗ miſchten Farbenpracht entgegen, als ſtumme Zeugen von der Schönheit der Erde, von der Größe der Natur und Kunſt, deren blutigſter Zerſtörer der Menſch allein iſt. Noch einen langen, langen Blick warf der ſchwarze Mann auf alle dieſe im Golde des in's Meer verſinkenden Taggeſtirnes ſchwimmende Pracht und Herrlichkeit— dann wendete er raſch ſeinen Rücken und riß an der ſtählernen Glockenſchnur der Seitenpforte von Santa Caſa. Alsbald ſchob ſich ein Mauerſtein zurück; der Mann im ſchwarzen Kleide legte eine Karte auf denſel⸗ ben, und in nächſter Minute erſchloß ſich ihm die Pforte, hinter welcher er verſchwand. Dort durchſchritt er mehrere todtenſtille weite Hofräume, deren Marmorpflaſter nur von Helebardieren und andern Wachen durchſchritten wurden. Wie ein wohlbekanntes Nachtgeſpenſt flog der Schwarzmäntler an dieſen vorüber, und ſtand jetzt auf der höchſten Treppe des Mittelhofes in einer dunklen, von einer ungeheuren Silberampel ſchwach erhellten 110 Vorhalle vor einer hohen eichenen Doppelthüre, auf welcher ein rieſengroßes Meſſingkreuz mit dem ſterbenden Heiland ihm entgegenblickte. Der Schwarzmantel klopfte ſiebenmal mit dem als Thürklopfer herabhängenden meſſingenen Todtenkopfe an dieſe Thüre; ſie ſprang auf, und durch ein kleines, mit grauen Wandtapeten ausgeſchlagenes Vorzimmer trat er in einen großen, an ſeinen Wänden ſchwarzbehangenen Sagl. Dort bot ſich ihm ein ſonderbares, ihn aber durch⸗ aus nicht befremdendes, daher wohlbekanntes Bild dar. Vor einem halbrunden Eichentiſche mit drei vergol⸗ deten Kruzifixen und zwei brennenden Wachskerzen ſaß ein langer bleicher Mann im ſchwarzen geiſtlichen Ge⸗ wande des Dominikaner⸗Ordens; ſeine wenigen grauen Haare deckte ein kleines Rochet, d. i. die viereckige, in eine Ovalſpitze zuſammenlaufende Kopfbedeckung katholi⸗ ſcher Prieſter bei ihren kirchlichen Funktionen, über ſeinen Nacken hing eine breite goldene Kette mit einem maſſiv goldenen, mit Brillanten ausgelegten Kreuze, ſeine dürren Finger brannten von gleichen Diamantenſtrahlen, und ſuchten auf dem Buche der Bücher, der heiligen Schrift, welche neben einem ungeheuren, über und über mit ſchwarzen Kreuzen bezeichneten Globus lag, auf welchem auch zuweilen der ſtiere Blick des Geiſtlichen ruhte. 111 Neben ihm ſaß ein ſtattlicher, gleichfalls bereits er⸗ grauter Mann im dunklen goldgeſtickten Sammtkoſtüm, mit dem kleinen Mäntlein, goldenen Degengriff und der ſchweren goldenen Halskette, an welcher der päbſtliche Orden des heiligen Johann von Lateran hing. Ein anderer ähnlich gekleideter kleiner Mann von jüngern Jahren ſaß neben ihm, und auf ſeiner Bruſt glänzte der Orden des päſtlichen goldenen Spornes. Neben dieſen Beiden ſaßen mehrere Männer in der Ordenstracht der Dominikaner, Zeſuiten und Bettel⸗ mönche, welche theils Bücher und Portefeuilles, theils Schriften vor ſich liegen hatten. Drei junge Männer in der Novizentracht der Bet⸗ telmönche, die ſie bis auf die nackten, bloß mit Sandalen bekleideten Füße trugen, ſaßen an kleinen Seitentiſchen von ſchwarzem Marmor und ſchienen das Amt von Se⸗ kretären zu verwalten. Der lange bleiche Mann in der Mitte des Tiſches mit der goldenen Kette und dem maſſiv vergoldeten Kreuze glich einem Könige im Rathe ſeiner Miniſter oder Vaſallen. Er war auch in der That ein König auf einem Throne, deſſen Stützen im Vatikan zu Rom, deſſen Decke im Himmel der Gläubigen befeſtigt waren.— Man nannte ihn den Inquiſitor Portugals und Algar⸗ 112 biens, welcher mit päpſtlicher Autoriſirung den Vorſitz in der Santa Caſa zu Liſſabon führte. Der Mann neben ihm, welcher den päſtlichen Orden des heiligen Johann von Lateran trug, war Don Ca⸗ valho, der Staatsminiſter Portugals; ſein Nebenſitzender mit dem goldenen Spornorden der Graf Perelada, Ge⸗ ſandter der Krone Spaniens am Hofe von Liſſabon. Die übrigen Herren der Tafelrunde waren hohe Prieſter vom Rathe der Inquiſition, ſogenannte Cali⸗ ficadores oder Beiſitzer, welche gewöhnlich über das Ver⸗ hältniß theologiſcher Lehrſätze zum kirchlichen Dogma zu entſcheiden hatten, dann Fiscale, welche die Anklagepunkte gegen die Ketzer zu inſtruiren hatten. Neben den Sekre⸗ tären an den Marmortiſchen ſtanden jetzt auch zwei ſpäter eingetretene Offiziale der Inquiſition, welche dieſe ge⸗ wöhnlich ausſandte, um ihre Angeklagten zu verhaften. Im Hintergrunde des Saales bei einem beſondern Tiſche ſaß im ſchwarzen Talar der Segueſtrator oder Aufſeher der Güter der heiligen Inquiſition. Man würde aber ſehr irren, wenn man das Bild, das die Herren an dieſer Tafelrunde darſtellten, als das jenes furchtbaren Ingquiſitionsgerichtes angeſehen hätte, wie es noch vor 100 Jahren über das Leben und Gut der„Ketzer“ urtheilte; in der neueren Zeit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, wo der Verfol⸗ 113 gungsgeiſt in faſt allen Ländern Europas ſchon mehr und mehr gefeſſelt war, war zwar die Verfaſſung der Inguiſition ſelbſt nur wenig geändert, aber die Furcht⸗ barkeit des Inquiſitionsgerichtes hatte bereits abgenom⸗ men; die heilige Inquiſition prangte nicht mehr in aus⸗ erleſenen Autos da Feé, ſie züchtigte meiſt nur ſolche Perſonen, welche ohnedies dem ſtrafenden Arm des weltlichen Gerichtes anheim gefallen wären— ja, das Jahr 1762 wies ſogar das großartige Beiſpiel auf, daß der Großinquiſitor Spaniens, weil er eine päpſtliche Bulle gegen ein frarzöſiſches Buch ohne Bewilligung des Königs verkündiget hatte, in ein Kloſter dreizehn Meilen von Paris verwieſen wurde. Die Herren von der erwähnten Tafelrunde ſaßen daher auch diesmal über keine Ketzer zu Gericht, ſie waren vielmehr mit den erwähnten zwei Staatsmännern in Berathungen begriffen, welche ganz andere Dinge als Autos da Fé, nämlich die Weltlage der damaligen Zeit, das Verhältniß, die Hoffnungen und Befürchtungen der Kirche und der Staaten des Continentes betrafen. Jetzt hatte der Vorſitzende an der Tafel den ein⸗ tretenden Schwarzmäntler, welcher eben gelandet und in den Palaſt der Juguiſition heraufgeſtiegen war, bemerkt. „Marquis Betmar!“ rief er ſogleich, und ſein mat⸗ 114 tes Auge erglänzte in Verwunderung;„was führt Euch nach Liſſabon?“ „Ich komme von Paris,“ entgegnete der An⸗ geredete,„von wo ich nach Rom, Livorno, Genua, und über Cadir nach Liſſabon ging. Der Kardinal⸗Staats⸗ ſetretär übergab mir dieſes Schreiben an Euch. Von hier gehe ich nach England— ein unſtäter Ahasver wie im⸗ mer, und auf dem Wege will ich anfragen, was Ihr etwa aus meiner Reiſetaſche nehmen und was Ihr in dieſelbe hineinlegen wollt.“ „Was bringt Ihr uns aus der Weltſtadt an der Seine?“ fragte Don Cavalho, der Miniſter. „Europa ſteht an der Thüre einer neuen Zeit,“ entgegnete der Marquis,„einer Zeit, welche ſeinen poli⸗ tiſchen Syſtemen eine andere Geſtalt geben wird. Zwi⸗ ſchen England und Rußland, zwiſchen Preußen und Eng⸗ land werden Vergleiche, zwiſchen Oeſterreich und Frank⸗ reich werden Bündniſſe angebahnt; ehe die Sonne in den Wendekreis des Steinbockes tritt, werden ſie voll⸗ zogen ſein.“ „Und die Kirche?“ fragte der Vorſitzende der Ta⸗ fel, welcher inzwiſchen das Schreiben vom päbſtlichen Hofe erbrochen und durchflogen hatte. „Erregt in Frankreich Unruhen gegen den König,“ erwiderte der Marquis;„kühne Prälaten wollen das Anſehen der Parlamente nicht anerkennen; der Erzbiſchof von Paris, kühner und hartnäckiger als Alle, wurde aus ſeinem Palaſte verwieſen, und—“ „Genug!“ rief der Vorſitzende;„das Jahrhundert fordert ſeine Kämpfe, die Kirche Gottes darf ſie nicht ſcheuen, und darum ſind wir hier, wie in jeder Woche ſeit den letzten Monden verſammelt, um am äußerſten Ende, an der Stirne der altgewordenen Jungfrau Europa zu berathen, was Noth thut, damit die allein ſelig ma⸗ chende Kirche Chriſti allmälig ihr Banner aufpflanze von den Geſtaden des Tajo an bis zu den Ufern der Wolga, von der Spitze der Farver bis zur Meerenge von Meſ⸗ ſina.“ „So iſt es,“ nahm jetzt der Graf von Perelada das Wort,„die Weltlage Europas iſt eine ganz eigen⸗ thümliche und ernſte geworden; ſchon blitzt die Schneide des Schwertes in allen Richtungen, das Jahrhundert fordert ſeine Opfer; England ſoll gegen Frankreich in Amerika und Aſien zu Land und zur See kämpfen; Frankreich ſteht, wie uns berichtet iſt, bereit, die deutſchen Staaten des Königs von England anzugreifen; die rö⸗ miſch⸗deutſche Kaiſerin zückt ihre Waffen gegen Friedrich den Zweiten und zählt die meiſten Fürſten und Stände Deutſchlands auf ihrer Seite, und Rußland, das mäch⸗ tige Rußland verknüpft ſeine Hoffnungen und Pläne mit N 116 eſterreichs gegen Preußen, denn„Schach dem iſt jetzt die Loſung in Petersburg.“ „So wird die Macht des Czarenthums in Europa vorſchreiten,“ fuhr der Vorſitzende der Tafel fort,„und mit ihr der Kampf gegen Rom und die päbſtliche Tiara— und nicht das Lutherthum Preußens— ſondern die wach⸗ ſende Macht und die Kirche des nordiſchen Moskowiten⸗ thums iſt es, welche die Fahnenträger des Stuhles Petri bekämpfen müſſen; nicht das proteſtantiſche Preußen mit ſeinen toleranten Ideen, das griechiſche Patriarchat Ruß⸗ lands iſt die mächtig anwachſende Lawine, welche, wenn die Heere der Czarin über die Spree vordringen, auch den Weſten Europas bedecken wird!“ „Darum,“ nahm jetzt Don Cavalho, der Miniſter, wieder das Wort,„heißt unſere Loſung, ſo ſeltſam ſie im Hauſe der katholiſchen Inquiſition klingen mag: für Preußen und gegen Rußland.“ „Ein Griff, ein gewaltiger Griff in die Erdaxe, um welche ſich der Rieſenball von Oſten nach Weſten dreht,“ ſagte ein anderer der geiſtlichen Würdenträger an der Tafel,„iſt es, den dies Jahrhundert zur Zeit⸗ frage macht— er muß von der Hand ausgehen, die von der Engelsburg aus die Geſchicke des Continentes leitet.“ „Aber dieſer Griff, verehrte Herren, iſt nicht ſo leicht, als Ihr denkt,“ fiel der Marquis ein.„Zwölf 117 Jahre ſind es, ſeit ich ebenfalls als Kundſchafter Frank⸗ reichs an der Wolga im Dorfe Bolgarü vor einer Tafel⸗ runde ſtand, wo— freilich verbannte Staatsmänner und Heerführer Pläne gegen die nordiſche Semiramis an der Newa ſchmiedeten und eine gar kluge Rechnung ab⸗ zuſchließen glaubten; aber ſie verrechneten ſich doch, und die ſibiriſchen Zobel und Füchſe waren es, die ſie ſtatt ruſſiſchen Armeen jagen mußten— Eliſabeth ſitzt noch feſt auf dem Throne ihres Vaters.“ Jetzt erhob ſich der Vorſitzende an der Tafelrunde, ſeine langen hagern Finger deuteten auf die ſchwarzen Kreu⸗ ze auf dem Globus, welcher vor ihm ſtand.„Rom zählt ſeine Streiter auf tauſend und aber tauſend Punkten der Erde!“ rief er mit hochtönender Stimme,„und ſchon ge⸗ rüſtet werden die Armeen des Vatikans, welche bald mit geiſtiger Macht im fernen Oſten und Norden einbrechen und unwiderſtehbar den Weg deſſen bereiten werden, der da kommen wird im Namen des Herrn.— Nach zwei Monaten, am Feſte Allerheiligen,“ fuhr er mit ge⸗ dämpfter Stimme fort,„werden ſich in dieſem Palaſte Alle einfinden, welche an dem heiligen Kampfe Theil neh⸗ men und als Vorkämpfer der einzig ſelig machenden Kirche hinaus ziehen werden, um auf Rußlands Schneefeldern, an der Oder, an der Spree, an der Moſel, am Rhein, an der Donau und jenſeits der Alpen die Sache des 118 Herrn zu vertreten, und eher werden dieſe Mauern, eher wird ganz Liſſabon in Schutt und Trümmer fallen, ehe dieſe Armee Gottes eine Hand breit des Terrains räumen wird, welches ſie erkämpft hat und noch er⸗ kämpfen wird.“ „Groß iſt das Wort, welches Ihr da ſprecht, ehr⸗ würdiger Herr,“ fiel der Marquis ein,„und groß iſt die Macht Eurer Kirche; aber bedenkt Ihr Herren, die Macht der Ereigniſſe iſt noch größer, und wer kann ſa⸗ gen, ob das ſtolze Gebäude Eures hohen Muthes nicht vor der That noch vom Hauche der Gottheit angeweht, in Trümmer ſinken wird?“ „So möge das Portal meines eigenen Palaſtes mich unter ſeinen Trümmern begraben!“ rief der ſpani⸗ ſche Geſandte Graf von Prelada;„denn ſo lange ich den Namen eines Granden Hispaniens führe, war der Sieg unſerer Kirche der Gedanke meiner Seele!“ „Amen! Amen!“ rief der Vorſitzende der Tafel. „Ihr Herren, Ihr kennt nicht die Macht und Stärke des Glaubens, der Berge verſetzen und Klüfte ausfüllen kann; o findet Euch nur ein am Tage Allerheiligen, wel⸗ chen dieſes Schreiben des päbſtlichen Staatsſekretärs als den Zeitpunkt einer Generalverſammlung aller fremden Würdenträger der Kirche in dieſem Hauſe bezeichnet; o findet Euch dann nur ein in dieſen Hallen, da ſollt 19 Ihr Streiter des Herrn kennen lernen in allem ihren Waffenſchmucke, in ihrer Zahl, in ihrer Begeiſterung; da wird der heilige große Kriegsrath gepflogen, da wird der heilige Kongreß in der Sache des Herrn abgehalten wer⸗ den, welcher die Bewegungen der Armee der allein ſelig machenden Kirche regeln ſoll, da wird die Parole aus⸗ gegeben werden gegen den Koloß des Nordens, deſſen Vordringen in Preußen mit aller Macht gehindert wer⸗ den muß, welche uns zu Gebote ſteht.“ Bei dieſen Worten hatte der Vorſitzende das große Kruzifir auf der Tafel in ſeine geballte Fauſt gefaßt, und ſchwang es, wie einſt Peter von Amiens der Eremit das ſeine vor den tauſenden der Kreuzfahrer geſchwungen haben mochte.— Das Bild dieſes begeiſterten Mannes an der Tafelrunde im Inguiſitionsgebäude zu Liſſabon hätte, wenn eine Gegenſtellung möglich geweſen wäre, einen ſeltſamen Contraſt gebildet gegen die Geſtalten und Sprachweiſen jener begeiſterten Nordländer, welche um eben dieſelbe Stunde an den fernen Ufern des Potomak in Nordamerika auf der Eſtrade eines kleinen weißen, theilweiſe im grünen Gebüſche verſteckten Hauſes gleich⸗ falls über die damalige Weltſtellung ſprachen. Dort ſtand bereits in der zweiten Hälfte des vori⸗ gen Jahrhunderts unter grünen Gebüſchen ein freund⸗ liches weißes Häuschen verſteckt, deſſen ſpiegelhelle Fen⸗ 120 ſter recht freundlich über die Wellen des Flußes hinaus⸗ blickten. In unſern Tagen iſt dieſes damals kleine Häus⸗ chen zu einem ſchönen ſtattlichen Gebäude herangewachſen, welches, das„weiße Haus“ genannt, hinter freundli⸗ chen Gartenanlagen, dem„erſten Bürger“ eines großen Weltreiches der freien Staaten Nordamerikas als Woh⸗ nung, als Palaſt, wenn man will, als die Stätte dient, von wo aus derſelbe die ihm auf eine Zeit anvertrauten Geſchicke ſeiner Staaten leitet. An dem erwähnten Tage, an welchem die Herren an der Tafelrunde des Inquiſitionsgebäudes zu Liſſabon ihre Berathung über die Weltlage pflogen und die Lenk⸗ ſeile der Geſchicke Europas in ihren Händen zu vereini⸗ gen vermeinten, ſaßen im Gebüſche des weißen Hau⸗ ſes am ſtillen Potomak, da wo eine kleine Felſenwand am Ufer des Flußes emporſteigt, mehrere Herren an einer kleinen Tafelrunde bei der engliſchen Punſchbowle, und auch ihr Geſpräch drehte ſich um die Weltlage Eu⸗ ropas und die Forderungen des Jahrhunderts, um die Fortſchritte der Menſchheit und die Mittel, dieſelben zu fördern. Der eine dieſer Männer, welcher an der rechten Ecke des Tiſches lehnte und in die reine, blaue Ferne hinauf⸗ ſtarrte, von mäßiger Größe, in der einfachen Tracht eines amerikaniſchen Gutsbeſitzers, mit einem offenen 121 geiſtreichen Geſicht, ſchien weder an dem Geſpräche der Andern, noch an ihrem kleinen Zechgelage Theil zu neh⸗ men. Vor ihm ſtand ein Kriſtallglas mit reinem Waſſer, von welchem er zuweilen nippte, während ſein ausdruck⸗ volles Auge von Zeit zu Zeit in die fernen Regionen des Himmels ſchweifte; dem ungeachtet ſchien er mit ſei⸗ nen Gedanken dem Geſpräche der heitern Zecher zu fol⸗ gen, dies verrieth das wechſelnde Muskelſpiel ſeines Antlitzes und das zeitweilige Nicken ſeines Kopfes. Dieſer Mann, an der äußerſten Rechte am Tiſche und von ſo geiſtreichem Ausſehen, war ſeines eigentlichen Gewerbes ein Buchdrucker und ein erfindungsreicher Kopf, denn eben hatte er lächelnd vernommen, wie eine ſeiner letzten Erfindungen, ein Sparofen, von ſeinem Freunde Meredith, welcher dicht an ſeiner Seite recht wacker der Punſchbowle zuſprach, den Andern mit viel Rühmens auseinander geſetzt worden war. Aber der Nachbar zur äußerſten Linken, am Tiſche ganz unten, trug nicht die ruhigen Züge der Beſonnenheit und Geiſtesſtärke des er⸗ wähnten Buchdruckers. Sein langer ovaler Kopf mit der hohen Stirne, ſein todtenbleiches Geſicht von pechſchwar⸗ zen Haaren beſchattet, ſeine glänzenden Augen, ſeine ha⸗ gere Geſtalt, die leidenſchaftliche Glut ſeiner Worte, der fremdländiſche Ausdruck ſeiner Sprachweiſe kennzeichne⸗ ten in ihm den Südländer, den Eingebornen Wälſch⸗ 1860. XVI. Pugabew. I. 8 122 lands; die andern Zecher am Tiſche, welche ſeinen Wor⸗ ten mit ſteigender Aufmerkſamkeit zuhörten, nannten ihn den Träumer. Dieſer Mann ſchien nur eine Lebensader zu haben, die des Haſſes gegen alle beſtehende ſtaatliche Ordnung jenſeits des Meridians; er ſchien, nach ſeinen volltönen⸗ den und wie ein wildbrauſender Bergſtrom dahin ſtürzen⸗ den Reden zu ſchließen, die alte Jungfrau Europa mit einem Biſſe ſeiner Zähne zermalmen zu wollen, ſo erbit⸗ tert war er gegen die Machthaber des europäiſchen Continentes, von denen er eben ſprach. Mit großer Unbefangenheit ſprach er ſich über die Forderungen und Hoffnungen des Jahrhunderts aus— aber die traurige Lehre, welche er predigte, die politiſche Regeln, welche er in ſeinem Portefeuille trug, athmeten Blut und Thränen, Schutt und Umſturz des Beſtehen⸗ den;„wie der Sauerteig in das Brod,“ meinte er, müſſe die Gährung in die verſumpfende menſchliche Geſellſchaft eingeimpft werden, damit friſche Keime emporgetrieben und eine neue Menſchheit, tauglich für die Strahlen eines neuen Lichtes, geſchaffen werde; dieſer Sauerteig, dieſer Impfſtoff müſſe alle Reiche Europas vom Koloß des Nordens bis zum kleinſten Staate des Südens durch⸗ ſäuern; in Rußland wie in Deutſchland, in Frankreich wie in Italien, überall, überall müſſe gewirkt werden im 123 Verborgenen, und wo es nöthig, mit flatternder rother Fahne der Gewalt, ginge der Weg auch über rauchende Trümmer und hochgethürmte Leichen; auch ſeine Loſung war, daß der ruſſiſche Aar in ſeine Steppen zurückge⸗ drängt, der preußiſche Adler aber ſiegen müſſe, wenn das Licht der Aufklärung auf dem Continente vorſchrei⸗ ten ſoll. Seinen blutathmenden Worten horchten die andern Beiſitzer dieſer Tafel nicht ohne große Theilnahme zu; er ſprach mit einem ſolchen Feuer, mit einer ſo heftigen Leidenſchaft, daß die ruhigen Wellen des ſtill vorbei⸗ fließenden Potomak Feuer zu fangen ſchienen, denn ſie glänzten im Strahle des untergehenden Taggeſtirnes, als ob die Sonne, von den Zauberflüchen dieſes unheimlichen Gaſtes beſchworen, heute noch einmal zurückkehren, und vor der von ihm ſo hoch vermaledeiten„Finſterniß Eu⸗ ropas“ zurückbebend, nur die weſtliche Halbkugel der Erde mit dem Strahlenmeere ihrer ewige Lampe erhellen wollte. Aber lächelnd nahm dieſen blutathmenden Träumer jetzt der Mann mit dem geiſtreichen Auge, der ſchlichte Buchdrucker, welcher den blutigen Philippiken des Ita⸗ lieners und den ſtürmiſchen Toaſten und Beifallsrufen ſeiner Tiſchgenoſſen ruhig und lächelnd zugehört hatte, und zwiſchen den Pauſen ihres Sturmjubels nur 8* 124 zuweilen die ſanften Töne einer Mundharmonika, die er auch als ein Werk ſeiner verbeſſernden Erfindung in ſeinen Händen hielt, erſchallen ließ, daß dieſe wie Klänge einer Aeolsharfe über dem Brauſen eines Meeresorkans ertönten— ruhig und lächelnd nahm dieſer ſtille ernſte, tief ſinnende Mann jetzt dem blutathmenden Träumer der Zukunft das ſchäumende Glas aus ſeiner fieberzittern⸗ den Linken. „Dem großen Geiſte des Weltfriedens!“ rief er, indem er ſein klares Auge zu den, an dieſem Nachthimmel wie einzelne Lämmer einer unüberſehbaren Heerde all⸗ mälig hervortretenden Sternen erhob,„dem großen Geiſte des Weltfriedens, der da nicht will, daß ſeine Mil⸗ lionen vernünftiger Geſchöpfe auf Blut und Trümmern ihre Hütten bauen und den Tempel der Wahrheit auf Leichen gründen!“ Tiefe Stille folgte dieſem erhabenen Toaſte— und der ernſte Redner fuhr fort:„Freunde! Brüder! Wahr iſt es, daß die Jungfrau jenſeits des Weltmeeres, genannt Europa, alt geworden iſt, daß auf ihrem Leibe manch' wunder und fauler Fleck, in ihrem Innern, im Leben ihrer Völker manche Krankheit wuchert; aber mit der Schärfe des Schwertes, mit der Brandfackel des blutigen Aufruhrs werdet Ihr dieſe Wunden nicht heilen; Ihr werdet da die Bahnen eines Dſchingischan, eines Mu⸗ 125 hamed's betreten und nur Heloten Eures politiſchen Freiſtaates und Glaubens erpreſſen. Die wahre Freiheit iſt die Schweſter der Ordnung! Blickt auf zu dem weiten Sternenhimmel, wo jeder Himmelskörper den ihm ange⸗ wieſenen Raum durchwandert, der eine näher, der andere ferner dem Lichte— der eine als die bereits vollendete, der andere als die werdende Welt— o wollt Ihr in das große Meiſterwerk des Himmels eingreifen und der ſengende Irrſtern ſein, welcher mit ſeinem feurigen Ruthenbündel die Kreiſe der Wandler im großen Welt⸗ raume zerreiſt und die Ordnung des Seins zerſtört?— Menſchen! Menſchen! Blickt zum Sternenhimmel und lernt dort die große Wahrheit: Stufenweiſe iſt die Ent⸗ wickelung der Welt, ſtufenweiſe die Entwickelung der Menſchheit vom werdenden Sterne bis zum werdenden Kornhalme herab; wer ſtörend und mit der Brandfackel der Gewalt in die göttliche Weltordnung eingreifen will, der lehnt ſich gegen den Schöpfer auf, der ein Gott des Friedens und der Ordnung iſt, der mit flammenden Zü⸗ gen das große Wort in ſeinen Sternenhimmel geſchrie⸗ ben hat: Nur wo Millionen in ruhiger Bahn, Da kündet die göttliche Freiheit ſich an.“— Tiefe Stille folgte der begeiſterten Rede des Buch⸗ druckers. 126 Aber jetzt erhob ſich wieder der Italiener. „Schön geſprochen!“ rief er;„aber ſagt mir, edler Friedensfreund, wer wird, wer kann den Knoten löſen, der ſich eben in unſern Tagen immer enger um das fadenſcheinig gewordene Kleid der alternden Europa ſchürzt; wer kann dieſe theilweiſe ſchon begonnenen, theil⸗ weiſe noch furchtbarer drohenden Völkerkämpfe ſchlichten und die ſoziale Ordnung, die ihr ſo warm vertheidiget, ohne Blutvergießen unter den Völkern wieder herſtellen; wer kann den Schiffen Brittaniens und Frankreichs auf dem Weltmeer Anker zuwerfen, wer kann, um auf die nächſte Frage der Gegenwart zurückʒukommen, den Hor⸗ den der Koſaken und Baſchkiren Rußlands Halt ge⸗ bieten, daß dieſe nicht Preußens Adler zu Boden drücken?“ „Der große Gott,“ erwiderte mit tiefem Ernſte und unverkennbarer Rührung der Buchdrucker,„der Weltgeiſt, der über dem Gewäſſer ſchwebte, ehe er das Werk der Schöpfung vollbrachte; der Urgeiſt, der dort den Monden ihre Kreiſe angewieſen, der das Sandkorn zum Bergesrieſen anhäuft, der auch dem Wurme am Blatte des Baumes den Kreislauf ſeines Lebens vorgezeichnet hat.“— Er hielt hier eine Weile inne und betrachtete die kleine Weſpe, welche ſich eben von der Welle der Abend⸗ luft getragen auf ſeine Hand geſetzt hatte.„Seht!“ rief 127 er begeiſtert und mit feuchtem Auge,„ſeht ihr Klein⸗ gläubigen, eine kleine Weſpe, wie dieſe, kann in der Hand der Allmacht genügen, die Heere der Czarin zum Rück⸗ zuge zu bannen und den preußiſchen Adler vor dem Unter⸗ gang zu retten— wenn der, der den Adler und die Weſpe ſchuf, ſich dieſes kleinen Werkzeuges ſeiner Allmacht be⸗ dienen will, um die Geſchicke eines Welttheiles damit zu lenken!“ Der begeiſterte Redner ſchwieg. Kein Lächeln der lautlos um ihn ſtehenden Tiſchgenoſſen entweihte ſeine Rede, aber auf dem Antlitze des Italieners zuckte es, wie ein innerer unhörbarer Wehlaut des Gemüthes vorüber. „Ihr habt alſo das noch nicht verlernt,“ ſagte er eintönig,„das, was ich längſt verlernt habe— den Glau⸗ ben 7— Ihr glaubt an eine Allmacht des Schöpfers, ich nur an eine Allmacht des Gedankens; Ihr glaubt viel⸗ leicht auch an einen Himmel, an eine Hölle, an eine Auferſtehung des Fleiſches, ich nur an eine Auferſtehung der Völker.“ „Ich glaube, und feſt glaube ich,“ rief ſich aber⸗ mals begeiſtert erhebend der Buchdrucker,„ich glaube an ein göttliches Walten in dem Himmel und auf der Erde, an eine ewige Fortdauer nach dem Tode; ich glaube, daß das Sternenbanner der Freiheit eines Volkes ohne Reli⸗ 128 gion, Glauben, Tugend und Ordnung nicht beſtehen kann; ich glaube, daß der Urgeiſt, der ſeine Menſchen in dieſe Welt berief, ein Geiſt der Liebe und kein Geiſt des Haſſes iſt— darum glaube ich, daß er eben ſo verdamme die Unduldſamkeit des Glaubensfanatismus, als die Unduldſamkeit der blutigen Freiheitsapoſtel, welche die Welt mit Schwert und Flamme zum Tempel der Wahr⸗ heit führen wollen; denn Friede und Liebe iſt das Ge⸗ bot des großen Weltgeiſtes, der nicht im Ingquiſitions⸗ gebäude zu Madrid und Liſſabon, aber auch nicht im Ab⸗ grunde der freiheitsſchwindelnden Schreckensherrſchaft wohnt— das glaube ich, und werde an dieſem Glauben halten mein Lebelang, und wenn ich einſt meinen Wander⸗ ſtab niederlege, ſo will ich, daß man mir noch die Worte auf mein Grab ſchreibe: Hier liegt der Leib eines Buch⸗ druckers, gleich dem Deckel eines alten Buches, aus wel⸗ chem der Inhalt herausgenommen und der ſeiner In⸗ ſchrift und Vergoldung beraubt iſt, eine Speiſe für die Würmer; doch wird das Werk ſelbſt nicht verloren ſein, ſondern— das glaubt er feſt— einſt erſcheinen in einer ſchöneren Ausgabe, durchgeſehen und verbeſſert von dem Verfaſſer.“ Eine längere Pauſe trat jetzt im Geſpräche dieſer Geſellſchaft ein. Ein jeder der Umſitzenden mochte in ſei⸗ nem Innern ſeine eigenen Gedanken vorüberziehen laſſen; 129 aber auf den Spiegeln ihrer Seele, den Geſichtern, malte ſich ihre innere Bewegung in verſchiedenen Farben; Ruhe und Klarheit, Gottvertrauen und Liebe zur ver⸗ nunftmäßigen Freiheit ſprach ſich auf dem geiſtreichen Angeſichte des Buchdruckers, unbezähmte Leidenſchaft und tödtlicher Haß ſeiner Meinungsgegner auf dem Ge⸗ ſichte des Italieners aus. „Bald!“ rief er,„bald werden wir uns, Ihr Herren, in alle Richtungen der Windroſe zerſtreuen, denn ſchon ſind die erſten Mahnrufe der furchtbaren Poſaune er⸗ klungen, welche dem jüngſten Tage des Lichtes und Ge⸗ richtes vorausſchallen. Europa iſt der Kampfplatz; wie Archimed mit ſeiner ewigen Schraube, werden wir den Welttheil zuerſt da, wo er an ſeiner äußerſten Grenze durch ewige Gebirgsketten an das alte Stammland des Menſchengeſchlechtes, Aſien, gekettet iſt, aus ſeinen Fugen heben und in neue Bahnen des Lichtes, der Aufklärung und des Völkerglückes, werfen; mit der Brandfackel des Lichtes werden wir über Rußlands Steppen, über Preu⸗ ßens Ebenen, über Deutſchlands Gebirgshochwarten, über Frankreichs blaue Ströme den Pyrenäen entgegen ziehen, und das Sternbanner des Lichtes aufpflanzen! Die neue Welt Amerikas wird nach einem Jahrzehend von uns ſagen—“ „Daß Zwerge mit der Donnerkeule des Zeus ſpiel⸗ 130 ten,“ fiel lächelnd der Buchdrucker ein;„daß das Werk des Lichtes, das Werk Gottes nicht mit Feuer und Schwert, nicht mit Blut und Brand gefördert wird!— O Menſcheneitelkeit und Wahnſinn!“ ſetzte er hinzu,„ Ihr meint Berge zu verſetzen und einen Welttheil aus ſeinen Fugen zu heben, und wißt nicht, vb Eure unüberwind⸗ liche Armada vom Hauche des Weltgeiſtes verweht, im nächſten Sturme zu Boden ſinken wird! Meint Ihr denn, Ihr hochtrabenden Titaner, daß die Völker Eu⸗ ropas mit all' ihren uralten Traditionen, ihren Sitten und Gewohnheiten, mit ihrer ganzen Geſchichte ein Federball Eurer Launen ſeien, welche Ihr mit einem ein⸗ zigen Gluthauche Eurer falſchen Begeiſterung in andere Bahnen wehen könnt; glaubt Ihr, daß Euer erſtes An⸗ kerwerfen auf dem Boden Europas, daß die erſten Töne Eurer ſogenannten Weltpoſaune die Mauern von Jericho in Trümmern zerſchmettern werden? Wißt: wie ein Alerander der Eroberer werdet ihr mitten in Eurem Siegeslaufe verſchwinden, wie Attila im eigenen Blute erſticken, wie Bajazet zuletzt im Käfig enden, deſſen Eiſen⸗ ſtangen die falſchen Grundlehren Eurer Freiheit ſein werden. Wer Sturm ſäet, wird Sturm ernten, und von Euch wird man ſagen, was Brittanien auf ſeine Denk⸗ münze ſchrieb: Peus afklavit et dissipati sunt.“ Aber noch hatte der Buchdrucker, deſſen edles Ant⸗ 131 litz bei dieſer Rede wie das eines gottbegeiſterten Sehers der Zukunft leuchtete, ſeine Worte nicht geendet, als der Italiener glühenden Antlitzes wieder aufſprang und auf eine Marmorſäule zurannte, welche unweit des Tiſches ſtand und eine ſchöne ſymboliſche Statue des geharniſch⸗ ten Kriegsgottes und der geflügelten Göttin der Freiheit trug, zu deren Füßen eben eine Schale mit Purpurfarbe ſtand, welche der kunſtſinnige Gärtner des weißen Hauſes zur Verſchönerung der beiden Statuen und der ſie ſym⸗ boliſch umſchlingenden Blumen⸗Guirlande bereit geſtellt hatte. Der Italiener riß den Pinſel aus dieſer Schale. „Seht!“ rief er den Herren an der Tafelrunde zu,„mit der Purpurfarbe des Blutes ſchreibe ich meinen Namen zu den Füßen des Kriegsgottes und der Freiheit nieder! Kein Sonnenſtrahl, kein Regentropfen ſoll ihn jemals verlöſchen, und wenn ich nach einem Jahrzehend wilder Kämpfe auf dem Boden Europas, wo das Licht mit der Finſterniß ringen wird, an dieſe Stelle zurückkehren werde, will ich meinen unverlöſchten Namen wieder leſen und die Worte des Dictators der größten der Republiken darunter ſchreiben: Veni, vidi, vici!“ Der Italiener ſchrieb jetzt mit blutrothen Lapidar⸗ zügen ſeinen Namen an die Statue des Krieges und der feſſelloſen Freiheit:„Marrarini“. 132 Aber ernſt und ruhig nahm ihm jetzt der Buchdrucker den blutroth gefürbten Pinſel und tauchte ihn in die nebenſtehende Schale mit klarer weißer Farbe. „Auch ich!“ rief er,„will meinen Namen zu den Füßen dieſer Statuen aufſchreiben, und nach einem Jahr⸗ zehend ſoll er noch an dieſer Stelle zu leſen ſein und Zeu⸗ genſchaft geben, daß ſich mein Wort bewährte: Freiheit ohne Geſetz iſt ein Unding, auf Blut und Trümmern fußt keine ſtattliche Ordnung, und Menſchenpläne ohne Gottes Hilfe ſind Spinnengewebe, welche der Flug einer kleinen Weſpe zerreißen kann.“ Und der ſchlichte Buchdrucker ſchrieb jetzt mit ſchnee⸗ weißer Farbe und feſter Hand auf die Piedeſtale der Statue der Freiheit in großen Zügen ſeinen Namen: „Benjamin Franklin“. Fünftes Capitrl. Non plus ultra. Das Feſt Allerheiligen am 1. November des Jah⸗ res 1755 war herangezogen. Der reinſte Morgenhim⸗ mel, wie er in den glücklichen Kreiſen des Südens ge⸗ 133 wöhnlich iſt, lachte über Liſſabons großen Weltmarkt; derſelbe Waſſerſpiegel vor der ſieben Hügelſtadt des We⸗ ſtens trug den Reichthum von vier Welttheilen, und die ſiebenundſiebzig altfränkiſchen Thürme ſtrahlten im Golde des dem Meere entſteigenden Taggeſtirnes. Durch die an der Tajoſeite gelegenen ſechsundzwanzig, und durch die ſiebzehn Thore der Landſeite ſtrömten die zum neuen Le⸗ ben erwachten Bewohner der großen Seeſtadt, und die einundvierzig Kirchen derſelben füllten ſich allmälig mit frommen Betern; durch die engen und zum Theile ſehr ſteilen Gaſſen wallten neben der reitenden, fahrenden und laufenden Bevölkerung der großen Hauptſtadt viele Mön⸗ che der fünfundzwanzig Klöſter, und die tauſende von Schiffen in dem ſchönen Hafen zogen ihre Flaggen em⸗ por zur Feier des großen Feſtes, welches den Namen Allerheiligen der katholiſchen Kirche führt. Im königlichen Palaſte, deſſen Anblick von der Tajoſeite ein wahrhaft feenhafter war, ſchien es aber heute ſtiller als ſonſt, denn die lönigliche Familie lag an dieſem Tage zu Belem, einem reichen Kloſter an der Mündung des Tajo, dem Gebete ob. Deſto lebhafter ging es am Roscio⸗Platze in der Santa Caſa dem Hauſe der Inquiſition her. Dort hatte ſich jener mächtige Bund zuſammen ge⸗ funden, welcher, ſich allmächtig dünkend durch das Band 134 des gleichen Glaubens, vor Kurzem, wie oben erzählt, den Tag Allerheiligen zum Tage der allgemeinen Ver⸗ ſammlung und Schlußberathung beſtimmt hatte, in wel⸗ cher die Rollen ausgetheilt werden ſollten für den Rie⸗ ſenkampf, den die Vorkämpfer des Glaubens im Namen des ewigen Gottes mit dem Geiſte des Jahrhunderts aufnehmen wollten, welcher eben als Sturmwehen über die europäiſche Erde ging, und deſſen nächſtes Ziel die Zurückdrängung des nordiſchen Barbarismus in die Steppen des Urals und Sibiriens, und in zweiter Linie die Bekehrung der Ketzer des Nordens— vorläufig daher kurz geſagt, die Hemmung des Fortſchreitens der ruſſi⸗ ſchen Waffen auf preußiſchem Boden war. Dieſe Starken im Geiſte zählten ſiegestrunken die ſchwarzen Kreuze auf der kleinen Erdenkugel, welche auf dem Tiſche vor ihnen ſtand; ſie bezeichneten die Punkte des großen Czarenreiches, wo ihre Miſſionen thätig ſein wür⸗ den— nicht mit der Blutfahne, welche der Wälſche im weißen Hauſe am Potomak aufgerollt ſehen wollte, ſon⸗ dern einzig mit der Macht des Wortes, mit der Kraft des Kreuzes, im Namen desjenigen, als deſſen einzige Schildträger auf dieſer Erde ſie ſich wähnten. Ihr Zweck war, ſo weit ſich bei Einzelnen unter ihnen nicht Ehrgeiz und Herrſchſucht dazu geſellte, ein edler und heiliger; aber manche unter dieſen Herren dünk⸗ 135 ten ſich an dem aufgegangenen Feſte Allerheiligen ſelbſt Allerheilige zu ſein, und vergaßen das große Wahr⸗ wort, welches unſer größter deutſcher Dichter ſo ſchön ausdrückt: „Soll das Werk den Meiſter loben, Doch der Segen kommt von oben“— und welches unſere deutſchen Voreltern ganz kurz faßten, indem ſie an ihre Thüre ſchrieben: „Der Menſch denkt, Gott lenkt!“ Es war fünfzig Minuten auf zehn Uhr Morgens. Kein Lüftchen regte ſich, kein Laut erſchallte im weiten Palaſte der Inquiſition, als der Vorſitzende der Tafel dieſer begeiſterten Triumphatoren ſein mächtiges Wort in die Verſammlung gedonnert hatte:„In hoc signo vin- ces!“ rief er, indem er das metallene Kreuz vom Tiſche nahm und mit ſtolzem Auge verkündete, daß kein Jah⸗ reswechſel mehr vorübergehen werde, ehe nicht der letzte Koſake über die Weichſel zurückgedränkt, ehe nicht die Fahne des wahren Glaubens auf tauſend Thürmen im weiten ruſſiſchen Reiche flattern werde! „Amen! Amen! Amen!“ ſchallte es an der Runde der ſiegestrunkenen Tafel— aber ein dumpfes Rollen antwortete von Außen; es ſchien, als ob der Fürſt der Finſterniß wüthend über den Treubund der Glanbens⸗ 136 ſtarken durch die Straßen von Liſſabon jage und ihnen mit ſeinem unterirdiſchen Donner antworte, als ob der ewige Herr des Himmels und der Erde aus ſeiner Wolke am Sinai rufen wollte:„Ich bin der Herr dein Gott— bis hierher und weiter nicht!“ Die Herren an der Tafel horchten auf— und er⸗ bleichten; denn ſiehe! unter ihren Füßen, durch deren Tritt allein ſie ganze Armeen des Nordens über die Grenzen zu ſcheuchen vermeinten, zitterte jetzt der Bo⸗ den— noch eine Minute, eine kurze kleine Minute— und mit einem gewaltigen donnerähnlichen Getöſe ſchmetterten die Wände des Palaſtes der Inquiſition mit allen Män⸗ nern der großen Tafelrunde, mit allen ihren Plänen und Hoffnungen auf einen Trümmerhaufen zuſammen. Jammergeheul in allen Gaſſen und auf allen Plä⸗ tzen der Stadt war das furchtbare Echo dieſes Sturzes, denn drüben war auch der königliche Palaſt mit allen, we⸗ nigſtens vier Millionen Thaler betragenden Koſtbarkei⸗ ten, welche er enthielt, vom gähnenden Schlunde der Erde in einer Minute verſchlungen; das prachtvolle Ordens⸗ haus der Jeſuiten mit all ſeinen Bewohnern lag in Trümmern. Das war eine grauenvolle Verwüſtung! Nicht an⸗ ders als ob die letzte Poſaune über dem Erdenrunde er⸗ ſchalle, nicht anders als ob der Herr der Welten auf ſei⸗ 137 nem ewigen Richterthrone zur Erde niederſchwebe und ſeinen vernichtenden Blitz vorausſende, das ſündige Men⸗ ſchengeſchlecht zu vertilgen.— Trümmer einſtürzender Häuſer, rieſenhafte Staubwolken, welche, düſtre Nacht verbreitend, durch die engen Gäſſen zogen, Jammer, Ge⸗ heul und Rettungsrufe auf allen Seiten— und neue Erd⸗ ſtöße in allen Richtungen waren die wechſelnden Bilder dieſes ſchauervollen Nachtgemäldes. Dort am großen Quai in der Nähe des Zollhau⸗ ſes, wo die reichen Flotten Braſiliens, Oſtindiens und Afrikas ihre Ballen, Kiſten und Säcke voll koſtbarer Er⸗ zeugniſſe entluden, wo ein Maſtenmeer Millionen an Waaren von Zucker, Indigo, Elfenbein, Goldſtaub, Baumwolle, Seide, Kaffee, Zimmt, Muskaten, feinem chineſiſchen und ſpaniſchen Porzellan, Juwelen, Früchten, koſtbaren Farbhölzern und allen Gattungen von Erzeug⸗ niſſen des europäiſchen Kunſtfleißes trug, wo täglich mit dem erſten Strahle der Sonne bis ſpät in die Nacht mehr als ein halbes Tauſend von Schiffern, Rhedern, Beamten, Dienern, Matroſen, Laſtträgern, Mohren, Tür⸗ ken, Juden, Chriſten, Armeniern und anderen Südländern auf und niederſchwärmten— dorthin hatten ſich im Tau⸗ mel der Verwirrung viele Hunderte der Bewohner Liſſa⸗ bons geflüchtet; aber eine Minute ging an der Zeit⸗ uhr vorüber— das brauſende Meer gähnte im weiten 1860. XVI. Pugadew. I. 9 138 Schlunde, und der ſchöne große Quai verſank mit allem, was darauf lebte und webte, in die bodenloſe Tiefe des Meeres— eine rauſchende Waſſerfläche verwiſchte die Spur, wo er geſtanden. Jetzt erreichte die Verwirrung, das Jammergeheul und der Schreck den höchſten Grad. Betende, Fluchende, Verwundete, Sterbende, Verzweifelnde füllten die Stra⸗ ßen; Kinder und Greiſe, Männer und Frauen, zum Theil halb nackt, verbrannt und verzweifelnd durchrannten die Gaſſen. Zerſchmetterte und Verſchüttete jammerten unter den Trümmern um Hilfe, Laſtthiere und Roſſe riſſen ihre Stränge und wurden wie die Menſchen von dem Hagel der Mauerbrüche und geborſtenen Ziegeldächer zer⸗ malmt. Dort an der Terra de passa gegen den Tajo hinab ſuchte ſich eine Maſſe auf die Schiffe zu retten, aber— o grauenhafte Szene! als ob die erzürnte Gott⸗ heit ſelbſt in ihrer Richtermacht den Unglücklichen ent⸗ gegen treten wollte— der ſonſt ſo friedlich dahin fließende Tajo ſtieg plötzlich zur Rieſenhöhe von dreißig Fuß em⸗ por, dann ſtürzten ſeine ſchäumenden Wogen, als ob ſie ein wüthender Waſſergott in ſeinen Rachen ſauge, eben ſo ſchnell in die grauenhaften Rieſentrichter der kochen⸗ den See hinab, und während die Rettung ſuchende Men⸗ ſchenmaſſe mitgeriſſen wurde, ſtanden jetzt die von der Fluth gehobenen Schiffe im Trockenen. 139 Stoßweiſe brach ſich jetzt die empörte See wie im entſetzlichſten Meeresſturme nach der Mündung des Hafens Bahn.. Die Nacht des Schreckens, welche über dem von Gott verlaſſenen Babylon des äußerſten Weſtens von Europa lag, erreichte jetzt ihre höchſte Finſterniß, denn die unge⸗ heuren Staubſäulen von den eingeſtürzten Paläſten und Häuſern ließen nicht mehr den leuchtenden Strahl der Sonne durchdringen— man konnte nichts mehr wahr⸗ nehmen, nur hören konnte man das Angſtgeſchrei der herumirrenden Väter, Mütter, Kinder, Gatten, welche einander jammernd und hilferufend ſuchten; der Tod raſte in tauſendfachen Geſtalten durch die verſchütteten Gaſſen Liſſabons— es war ein Bild gleich dem der Gräuelſcenen in den verſchütteten Städten Herkulanum und Pompeji.— Jetzt trat, nachdem der Tod ſeine grauenhafte Ernte gehalten hatte, eine Pauſe ein. Die Sonnenſtrah⸗ len drangen endlich wie goldene Lanzenſpitzen durch die langſam zerreißenden Staubwolken; die erbarmende Gottheit ſchien wieder einen Blick der Gnade auf das Werk der Zerſtörung werfen zu wollen. Man konnte von den Höhen der noch ſtehenden Häuſer und Paläſte, worunter die königliche Münze und Schatzkammer war, das Bild der Zerſtörung in ſeiner ganzen Ausdehnung 9* 140 wahrnehmen, und ſchrecklich war es anzuſehen, wie Eltern und Gatten an den zerſchmetterten Leichen ihrer Ange⸗ 5 hörigen die Hände rangen, wie Verſtümmelte und Ver⸗ wundete unter den Mauertrümmern hervorkrochen, wie viele ſich in fürchterlicher Höhe an den Balken eingeſtürz⸗ ter Häuſer feſtklammerten und um Hilfe riefen. Man glaubte, der Zorn der Gottheit ſei jetzt be⸗ ſänftiget— aber nein! ſchon bebte die Erde zum zweiten⸗ male, und wieder wankten die wenigen noch ſtehen ge⸗ bliebenen Häuſer. Viele rannten jetzt den Kirchen zu, um Gott für ihre Erhaltung zu danken; aber ſie fanden nur Trümmer, welche die früher hierher Geflüchteten bedeckten. Abermals ſchien das Werk der Zerſtörung vollendet zu ſein, Todtenruhe nach dem Schreckensſturme wiederzu⸗ kehren. Aber wieder donnerte ein dritter gewaltiger Stoß durch die Trümmer— Niemand vermochte aufrecht zu ſtehen— wieder daſſelbe Angſtgeſchrei, dieſelbe grauen⸗ volle Verwirrung, welche jetzt noch durch auflohende Brände vermehrt wurde; denn der Gott, welcher die Elemente der Erde und des Waſſers gegen die unglück⸗ liche Weltſtadt Ulisbva entfeſſelt hatte, ſchien jetzt auch die Elemente des Feuers und der Luft über der unglücklichen Stadt zu entfeſſeln. Nicht blos die Flammen der mit den —————— 141 Häuſern einſtürzenden Küchenherde und die umſtürzenden brennenden großen Weihkerzen vieler Kirchen, ſondern auch— wer ſollte der menſchlichen Natur eine ſolche Ver⸗ worfenheit zutrauen?— eine Anzahl Mordbrenner hatte (die Geſchichte ſagt zur Ehre der Menſchheit„vie⸗ leicht“*) Feuer hervorgerufen, welches vom heftigſten Winde angefacht, nun durch acht Tage lang mit zer⸗ ſtörender Macht fortwüthete.. So verbanden ſich alle Elemente zum Untergange der blühendſten Stadt des weſtlichen Europas, und der päbſtliche Nuntius datirte den Brief, welchen er als Augenzeuge dieſes Jammertages an den in Madrid ſchrieb:„dalla terra, dove Lisabona fu.“ Dieſe Macht der Zerſtörung zwang die Zahl der noch verſchont gebliebenen Menſchen auf die um Liſſabon liegenden Felder zu entfliehen; dort lagen im bunten Gemiſche als von der Hand des richtenden Gottes zuſammengeſchaarte Unglückliche, Hofleute und Bettler, Mönche, Nonnen, Soldaten, Gelehrte, Schiffer und Ar⸗ beiter, wie ſie eben der zerſtörenden Wuth des Erdbebens entronnen waren. „Zur Erfüllung des Unglückes,“ ſagt Abbé Millot,„fan⸗ den ſich Frevler genug, welche ſich der allgemeinen Verwirrung zu ihrem Vortheile bedienten und fühllos bei dem allgemeinen Leiden plünderten, wo ſie konnten.“ 142 Viele, welche geſtern noch über zahlloſe Maſten und Paläſte geboten, waren heute elende, an allen Glie⸗ dern verbrannte Bettler, und was die Elemente verſchon⸗ ten, fiel dem Hunger der Krankheit und der Raubſucht anheim, welcher nur dadurch geſteuert werden konnte, daß der König, welcher auf ſeiner Rückkehr von Belem in ſeiner Kutſche auf freiem Felde übernachten mußte, einige in der Umgebung liegende Regimenter in die Trümmer⸗ tadt entſandte, durch welche wieder einige Ordnung hergeſtellt und in einem Tage an ſechsunddreißig Stra⸗ ßenräubern das Standrecht mittelſt des Galgens geübt wurde. Dreißig bis vierzigtauſend Menſchen hatten in die⸗ ſen wenigen, aber ſchrecklichen Stunden den Tod gefun⸗ den; nur die Pyramiden ausgebrannter Häuſerfronten ſtarrten dem thränenden Auge des Beſchauers entgegen, und auf 570 Millionen Thaler wurde der Schaden be⸗ rechnet, welchen dieſes Erdbeben verurſacht; nur das in eiſerne Käſten verſchloſſen geweſene Geld, geſchwärzt vom Rauch und Brande, war gerettet, und lange noch be⸗ dingte man ſich ſpäter bei Zahlungen dieſe im„ſchwarzen oder im blanken Gelde“. Als in den nächſten Tagen mehr als dreitauſend Menſchen daran arbeiteten, den Schutt dieſer entſetzlichen Verwüſtung wegzuräumen, da ſtand auf den Trümmern 143 des geweſenen Palaſtes der ſpaniſchen Geſandſchaft jener Schwarzmäntler, welcher ſich Marquis von Betmar nannte, und im hohen Norden, wie im tiefſten Weſten Europas gleich heimiſch zu ſein ſchien, und betrachtete die zerſchmetterte Leiche eines Mannes im ſpaniſchen Sammtmantel, welche ihm einer der ſchweißbedeckten Ar⸗ beiter gegen ein Goldſtück aus dem Schutte näher gewen⸗ det hatte. „Er iſt es,“ ſagte der Schwarzmäntler mit tiefem Ernſte auf die Leiche deutend;„es iſt der ſpaniſche Ge⸗ ſandte Graf von Perelada, welcher ſich eher unter den Trümmern des Thores ſeines Palaſtes begraben laſſen wollte, ehe ſeine großen Pläne und die der Männer an der Tafelrunde im Inquiſitionsgebäude, an welcher ich zu meinem Glücke am Allerheiligenfeſte noch nicht eintreffen konnte, zu Waſſer wurden. Peus afflavit, et dissipati sunt.“ Dann reichte der Schwarzmäntler dem Arbeiter, welcher ihm die Leiche des Geſandten näher gerückt hatte, ein zweites Goldſtück.„Dort,“ rief er,„das alte Oel⸗ gemälde, welches zwiſchen den zerſchmetterten Rahmen unter dem Schutte hervorblickt, ziehe mir heraus; ich will es als eine Erinnerung an dieſe Schauerſtätte der Ver⸗ wüſtung mit nach Norden nehmen.“ Und der Arbeiter ſchob ſein Goldſtück in die Falten 144 ſeines Kittels, und arbeitete von Neuem, um dem Manne im ſchwarzen Mantel das ſonderbar in ſeiner ganzen Länge erhaltene Gemälde in die Hand zu legen. Lange und mit tiefem Sinne betrachtete es der ſchwarze Marquis, ehe er es zuſammenrollte und unter ſeinen Mantel ſchob.„Es ſtellte ein großer Meiſter dar: den Sturz der hoffährtigen Engel.“ Sechstes Capitrl. Koſak und Huſar. Der ſiebenjährige Krieg, in welchem Oeſterreich und Preußen ihre Waffen gegeneinander maßen, war ausge⸗ brochen; kein politiſcher Grund konnte Rußland zur Theilnahme an demſelben beſtimmen; aber die Czarin haßte ſeit der entdeckten letzten Verſchwörung, welche den Marquis Botta auf die Feſtung und die Lapuſchkin und Beſtuſcheff nach Sibirien brachte, Friedrich den Zweiten. Sie ſchloß Bündniſſe mit Oeſterreich und Frankreich, und eine ruſſiſche Armee wälzte im Jahre 1757 ihre Colon⸗ nen unter Marſchall Apraxin über die deutſchen Grenzen. Aprarin trug bei Großjägerndorf einen Sieg davon, —— 145 verfolgte ihn aber nicht und zog ſich nach Kurland zurück, wo er in die Winterquartiere ging; er fiel in Ungnade, kam in Unterſuchung, und General Farmer übernahm den Oberbefehl der ruſſiſchen Armee. Seine Thaten waren die Beſetzung Königsbergs, die Verwüſtung Küſtrins und die blutige Schlacht bei Zorndorf; ihn erſetzte im folgenden Jahre Soltikof, ſtark durch die Gunſt der Kaiſerin und die Liebe ſeiner Soldaten. Er hatte Befehl, ſich mit den Oeſterreichern zu vereinigen, und traf bei Frankfurt an der Oder mit Laudon und Haddik zu⸗ ſammen. Der heiße Erntemonat des Jahres 1758 war herangezogen, die Armee Friedrich's war über die Oder gegangen, und ſtand bei Biſchofsheim bereit, mit den Gegnern Preußens die Schlacht aufzunehmen. Auf den Höhen hinter Krettin lag das Corps des General Fink.— In einem großen Zelte vor ſeinem Feldtiſche ſaß der General ſelbſt, vor ihm lagen Landkarten und Pläne, und er ſtudirte zwei Schlachtpläne, welche ihm der König wie den anderen Generälen mitgetheilt hatte; einer dieſer Pläne war berechnet für den Fall, daß der Feind ſeinen Poſten feſthielt, der andere, wenn er ſeine Stellung verändern ſollte. Neben dem General ſaß in einem Halbkreiſe der Kriegsrath ſeiner Offiziere. Ihm zunächſt von dieſen ſtand mit ernſtem, aber 146 klugem Geſicht ein ſtattlicher Krieger in der Uniform eines preußiſchen Majors. Seine hohe Stirne, ſein offenes ruhiges Auge, das ganze Aeußere dieſes Offiziers bezeichnete denſelben als einen Mann von Geiſt und Entſchloſſenheit, und die treffenden Bemerkungen, mit welchen er von Zeit zu Zeit ſeine Stimme in dieſem Kriegsrathe abgab, zeigten von ſeiner Kriegserfahrenheit und der reichen Fülle ſeines Geiſtes. Er hatte den Berathungen des Kriegsrathes auf⸗ merkſam zugehört— jetzt waren dieſe zu Ende, und die Offiziere ſammelten ſich in einem rückwärtigen kleinen Zelte, von wo ſie den ſchönen Anblick der hinter den Höhen untergehenden Abendſonne, aber auch die Labung der deutſchen Rebe genoſſen, deren Gold mancher von ihnen an dieſem Vorabende der Schlacht vielleicht zum letztenmale in ſeinem Leben zu den Lippen führte. Die Geſellſchaft war ungemein heiter, am heiterſten war aber der erwähnte ſtattliche Major, welcher ſeine Kameraden wiederholt leben ließ, während auch er ihre Toaſte freudig erwiderte. Die Begeiſterung des kampfluſtigen Offizierscorps wurde immer lebendiger; Toaſte wurden auf Toaſte ge⸗ bracht, für Deutſchlands Größe, für Preußens Ruhm, dem Könige, dem Prinzen Heinrich, der Armee und ihren Führern!“ 147 „Freund Ewald,“ rief jetzt einer der Offiziere, indem er den mit deutſchen Lorberblättern umrankten Glaspokal in die Höhe ſchwang,„Freund Ewald, Deine Muſe lebe hoch! und bringe uns die ſchöne Apotheoſe unſerer Armee, welche Friedrich's Adler morgen in den Kampf voran nehmen wird— die ſchöne Apotheoſe, welche Du zu Ehren der preußiſchen Armee gedichteſt haſt.“ Der Major ſchlug lächelnd mit feiner Rechten auf das klirrende Eiſen an ſeiner Lende: „Unüberwund'nes Heer!“ begann er mit Be⸗ geiſterung. Unüberwund'nes Heer! mit dem Tod und Verderben In Legionen Feinde dringt, Um das der frohe Sieg die gol'dne Siegel ſchwingt, D Herr! bereit zum Siegen oder Sterben. Sieh'! Feinde, vor deren Laſt die Hügel faſt verſinken, Den Erdkreis beben macht, Zieh'n gegen Dich und droh'n mit Qual und ew'ger Nacht. Das Waſſer fehlt, wo ihre Roſſe trinken—“ Der Dichter hielt hier inne. „Weiter! Weiter! Freund Ewald!“ tönte es im Kreiſe. Aber der Major blickte jetzt düſter zu Boden. „Freunde,“ rief er,„ich kann meine Ode nicht vollenden! Seht, ich habe ſie, noch iſt es nicht ein Jahr, zur Ver⸗ herrlichung unſerer ruhmreichen Armee gedichtet, ihre 148 Poeſie kam aus meinem innerſten Herzen, aber Freunde, die Worte der Begeiſterung, welche mir die Muſe dictirte, ſind gemiſcht mit dem bittern Gefühle, daß dieſer Zuruf an unſere ruhmreiche Armee zugleich der Schlachtruf gegen unſere deutſchen Brüder iſt— o möchte doch endlich die große Sonne aufgehen, welche, nicht Preußens, nicht Oeſterreichs Fahne allein, welche die Fahne eines einigen Deutſchlands beſtrahlte!“ „Ein einiges Deutſchland!“ ſchallte aus dem Kreiſe die Stimme eines der heiteren Waffenbrüder; es war General Fink, welcher eben in das Zelt trat.„O frommer Wunſch des Dichters!“ rief er;„ſeit Hermann im Teuto⸗ burger Walde den Varus auf's Haupt ſchlug, iſt dies einige Deutſchland ein frommer Wunſch geworden, und ſo lange der Deutſche den Deutſchen befehdet, um das Stück Erde, welches jedem zwiſchen dem Rhein und der Donau angewieſen iſt, wird es den Feinden des edlen Germanenthums ein Leichtes ſein, durch Trennung über uns zu herrſchen. Pivide et impera heißt die Loſung der Zeit.“ „Und dennoch verzweifle ich an meinem Volke nicht!“ rief der Major ſeinen Becher hebend.„Es wird die Zeit kommen, vielleicht bald, vielleicht nach einem Jahrhundert der Entwürdigung des deutſchen Mannes und Volkes, wo Deutſchlands Fürſten und Völker ein⸗ 149 ſehen werden, daß der Dichter des Alterthums ſchon ihrer im prophetiſchen Geiſte gedachte, wenn er die Fabel vom Pfeilbündel zum Beſten gab, welches keine Rieſen⸗ fauſt brechen konnte, wenn ſie im feſten Bunde zuſammen⸗ lagen. Laß rüſten den Franzmann jenſeits des Jura, laß ſtampfen koſakiſche Hufe auf den Fluren unſerer Grenz⸗ ſcheiden, laß ſchleudern den Wälſchen die Spitzen ſeines Eiſens auf deutſche Panzer— den Wappenſchild eines einigen großen Deutſchlands wird Keiner durchbohren, darum rufe ich mit der Stinme eines Johannes aus der Wiüſte noch einmal: kein Preußen, kein Oeſterreich— ein einiges Deutſchland!“ Und der edle Major ſchwang wieder ſeinen Becher, als wollte er der großen Verſöhungsfeier deutſcher Völker ein Lebehoch ausbringen; aber wie das Hohn⸗ gelächter eines ſchadenfrohen Dämons krachte von den Niederungen zum preußiſchen Lager herauf der Gruß deutſcher Kanonen gegen die Krieger deutſcher Stamm⸗ verwandten.. und Adjutanten flogen, und Trompeten ſchmetterten, und lauter krachten die Salven, und der rechte Abhang auf dem Zudenberge in der Gegend eines großen Dammes, welcher bei Frankfurt an der Oder gegen die Ueberſchwemmungen des Flußes aufgeführt war, wimmelte im nächſten Momente von Koſaken, welche gegen die Straße nach Kroſſen marſchirten. 150 Es war inzwiſchen Nacht geworden, aber eine Nacht, gelichtet vom Feuer des Dorfes Kunersdorf, welches die Ruſſen angezündet hatten, nachdem der König die Oder paſſirt hatte. Der brennende Thurm der Dorfkirche ließ auf ſei⸗ ner Uhr noch die dritte Morgenſtunde wahrnehmen, und die Maſſen der kampfgerüſteten Legionen zogen ſich in der Nähe des abgebrannten Dorfes dichter gegeneinander. Sechs preußiſche Grenadier⸗Bataillons und das Regiment Bredow ſtanden im erſten, die preußiſche Infanterie im zweiten Treffen, die Reiterei am linken Flügel; hundert ruſſiſche Haubitzen und Kanonen ſtarrten mit ihren ſchuß⸗ fertigen Schlünden dem Könige entgegen; General Lau⸗ don, der Held des öſterreichiſchen Heeres, ſtand mit dem öſterreichiſchen Corps in der Nähe des Judenberges. Zetzt flogen die Granaten der Ruſſen gegen einen Verhau, um dieſen in Brand zu ſtecken; dieſer Kugelregen und das Fallen der gebrochenen Aeſte machten ein ſchauerliches Getöſe; aber die preußiſchen Grenadiere ſtürmten mit gefälltem Bajonette gegen die ruſſiſchen Ver⸗ ſchanzungen und eroberten in kaum zehn Minuten mehr als ſiebenzig Kanonen, der ganze ruſſiſche linke Flügel löſte ſich zwiſchen den Mühlbergen und Kunersdorf in wilde Flucht auf, und König Friedrich dietirte ſeinem Adjutanten ein Billet an die Königin des Inhaltes: 151 „Madame, wir haben die Ruſſen aus ihren Verſchan⸗ zungen getrieben; in zwei Stunden erwarten Sie die Nachricht von einem glorreichen Siege.“ Aber der Gott der Schlachten iſt wetterwendiſch.— Noch ſtand die treffliche preußiſche Cavallerie nicht am Platze, wo ſie einhauen ſollte, denn ſie befand ſich am linken Flügel, noch waren die vorrückenden Bataillone mit dem ſchweren Geſchütze nicht zur Stelle. So konnten die Ruſſen ihre gelichteten Cadres wieder ausfüllen, und da auch der Anmarſch des Finkſchen Corps, welches zwei ſchmale Brücken paſſiren mußte, einigen Aufenthalt verurſachte, endlich General Laudon mit klingendem Spiele im Sturmſchritte heranmaſchirte und ruſſiſches Kartätſchenfeuer gleich einem hölliſchen Feuerregen in die Maſſen praſſelte, ſo begannen einige preußiſche Ba⸗ taillons zu wanken. Vergebens ließ der König am linken Flügel ſeine Cavallerie vorrücken, vergebens ſtürzte ſich die tapfere preußiſche Infanterie gegen den Kunersdorfer Spitzberg, vergebens ſtürmte das Finkſche Corps gegen denſelben an, vergebens ſuchte Friedrich immer neue Truppen in's Treffen zu jagen, und der Prinz von Würtemberg mit der Reiterei in die Quarres der ruſſiſchen Infanterie ein⸗ zudringen, vergebens ſtarb General Puttkamer an der Spitze ſeiner Huſaren den Heldentod— die preußiſche Armee befand ſich bereits in Verwirrung, mehr als achtzehntauſend Mann, beinahe die Hälfte der ganzen Armee, lagen todt oder verwundet auf dem Wahlplatze, und die letzten Verſuche des Königs, ſeine Bataillone zum Stehen zu bringen, mißlangen. Ein paniſcher Schrecken hatte Friedrich's Armee er⸗ griffen, und Alles ſtürzte den Brücken bei den Mühlen und im Walde zu, wo ein furchtbares Gedränge gleich jener furchtbaren Scene, welche vierundfünfzig Jahre ſpäter an der Bereſina Rußlands ſtatt fand, nun auch noch den Verluſt von ein hundert und fünfundſechzig Ka⸗ nonen von allen Kalibern für den König zur Folge hatte. Die Schlacht war für Preußen verloren; aber auch General Soltikof berichtete ſeiner Kaiſerin, daß ruſſiſcher Seits fünfzehntauſend Mann gefallen ſeien, und ſetzte hinzu:„Eure Majeſtät werden ſich darüber nicht wundern; Sie wiſſen, daß der König von Preußen ſeine Niederlagen allemal ſehr theuer verkauft.“ Zu ſeinen Offizieren aber ſprach er nach der Schlacht wie Pyrrhus: „Wenn ich noch einen ſolchen Sieg erfechte, ſo werde ich mit dem Stabe in der Hand allein die Nachricht hiervon nach Rußland bringen.“ König Friedrich aber entſandte nun einen zweiten Courier an feine Gemahlin mit der ſchriftlichen Wei⸗ ſung:„Madame, entfernen Sie ſich mit der königlichen 153 Familie von Berlin. Laſſen Sie die Archive nach Pots⸗ dam bringen, die Stadt mag mit dem Feinde kapi⸗ tuliren.“ Während des ſtärkſten Feuers dieſes blutigen Tref⸗ fens war der oberwähnte Major im Fink'ſchen Corps, welcher am Abende vor der Schlacht ſeinen Freunden die herrliche Ode auf die preußiſche Armee zum Beſten gegeben hatte, wie ein Heros der Römerzeit ſeinem Bataillon vorangeſprengt, er hatte bereits drei Batterien erobern helfen, und dabei mehr als zwölf ſtarke Contu⸗ ſionen, dann an der rechten Hand mehrere Wunden erhalten. Aber ſein Muth erlahmte nicht. Er faßte den Degen in die linke Hand und ſprengte, als er den kom⸗ mandirenden Offizier nicht mehr an der Spitze des Ba⸗ taillons bemerkte, ſelbſt vor die Fronte. Seinem begeiſterten Schlachtrufe antwortete ein mörderiſches Kanonenfeuer aus einer ruſſiſchen Batterie. Zetzt faßte er einen Fahnenjunker am Arm, ergriff, da eine Kugel auch ſeinen linken Arm zerfleiſchte, mit dem Daumen und den beiden letzten Fingern ſeiner Hand den Degen, und kommandirte„Vorwärts!“ und das ganze Bataillon warf ſich todesmuthig hinter ſeinem entſchloſſe⸗ nen Führer auf die furchtbare und ſchußfertige Batterie der Feinde. Jetzt krachte das Feuer von Neuem, und ein Kartät⸗ 1860. XVI. Pugadew. I. 10 154 ſchenſchuß zerſchmetterte das rechte Bein des todesmuthigen Majors mit drei Kugeln; er ſank vom bäumenden Pferde einem ſeiner Krieger in die Arme; aber ſogleich verſuchte er, unterſtützt von ſeinen treuen Kampfgenoſſen, wieder zu Pferd zu ſteigen. Da verließen ihn ſeine Kräfte, er ſank ohnmächtig zu Boden, und neben ihm und über ihn raſſelte die Maſſe ſeines Bataillons, und hinterdrein das Beſtewitzi'ſche Regiment, den feindlichen Feuerſchlünden entgegen, um ehrenvoll im heißen Kampfe zu verbluten. Zwei Krieger ſeines Regimentes und einen des Re⸗ gimentes Prinz Heinrich aus jener Compagnie, welche der edle Major früher befehliget hatte, zog die Liebe zu ihm herbei. Sie trugen ihn aus dem Getümmel hinter die Fronte, wo ein Feldſcheer herbeieilte, ihm etwas Spi⸗ ritus auf die Wunde zu gießen und ein Schnupftuch um dieſelbe zu binden. Aber da kam eine Kugel geflogen und der arme Arzt ſtürzte an der Seite des verwundeten Majors zu Boden. Dieſer wollte ihm emporhelfen, aber ſeine Schwäche geſtattete es ihm nicht mehr, und der Feld⸗ ſcheer ſtürzte entſeelt an ſeiner Seite nieder. Der edle Major that einen Seufzer um den armen Mann, dann fiel der Schwache in eine dumpfe Betäubung. Ueber dem Schlachtfeld, wo kurz vorher Menſchen gegen Menſchen geraſt hatten, lag der Friede des Todes. 155 Im Weſten war das Tagegeſtirn lange ſchon blutroth hinabgeſunken und wie ein großes Leichentuch zogen vom Sturme gepeitſchte Wolken mahnend vorüber. In der ganzen Gegend tönten noch die Horn⸗ und Trommelſignale der ſiegreichen Truppen, welche die Preu⸗ ßen nur mit einigen Schwadronen unter Anführung des General London verfolgt hatten, indem ſie zufrieden waren, das Schlachtfeld zu behaupten, während ſich die preußiſche Armee in ungeordnetem Gemenge aller Waf⸗ fengattungen mit Einbruch der Nacht bis Oetſcher zu⸗ rückzog. Die Nachtfeuer der auf der Wahlſtatt kampirenden Ruſſen brannten in allen Richtungen, Kavallerie⸗Piquets durchſtreiften die Gegend, und dort, wo der erwähnte tapfere Major mit zerſchmettertem Schenkel unfern eines Sumpfes lag, ritten jetzt drei baumlange ruſſiſche Ko⸗ ſaken mit ihren rohen Mützen und ſcharfen Lanzen vor⸗ über. Sie waren aber in blaue preußiſche Mäntel ge⸗ hüllt, welche andeuteten, daß ſie dieſe entweder als gute Beute auf dem Schlachtfelde aufgeleſen, oder daß ſie ihre Lanzen für dieſen Sommer wirklich an die preußiſche Armee vermiethet hatten, wie es eben damals nichts ungewöhnliches war. Der Vorderſte derſelben, ein ſtar⸗ ker bärtiger Ruſſe mit bleichem, mehr klugen als finſtern Antlitze, trug eine mit Pelz verbrämte Mütze auf ſei⸗ 10* 156 nem Kopfe, aus welchem ein paar kleine Sperberaugen hervorblitzten, mit denen er den verwundeten Major un⸗ geachtet des denſelben theilweiſe bedeckenden Schilf und Moorgraſes ſogleich wahrnahm. „Stoi, Salawatka, da liegt ein Vornehmer!“ rief er ſeinem Hintermanne zu, und dieſer, ein baumlanger Koſak von wildem, faſt thieriſchem Ausſehen, ſtreckte die behaarte Fratze vor.„Der Teufel ſoll mich reiten,“ rief er in ruſſiſcher Sprache,„der Mann hat Goldtreſſen auf ſeinem Hute! Komm, Tſchika, den müſſen wir ſchälen.“ „Richtig,“ rief der andere der Koſaken;„aber Du vergißt, Jemelian, daß wir für dieſen Feldzug preußiſche Dienſte genommen haben, und der verwundete Offizier da iſt nach ſeiner Uniform offenbar ein Preuße. 6i meinetwegen ein Baſchkir!“ rief Jemelian der Koſak;„wer wird das beim Beutemachen ſo genau un⸗ terſcheiden; wenn wir auch für dieſen Sommer preußiſche Soldatenmäntel tragen, ſo bleiben wir doch Ruſſen, und Beute iſt Beute, wo ſie immer zu finden iſt!“ Dies Wort ſchien den anderen Reitern zu gefallen. Die drei Koſaken ſprangen jetzt von ihren Rößlein, und während die Habgier aus den Augen der beiden letzten blickte, der erſte aber den entblößten Degen des verwundeten Majors aus dem Moore zog und die Spitze und Schneide deſſelben prüfte, ehe er denſelben 157 als gute Beute zwiſchen ſeinen Gürtel ſteckte, riſſen ſie den armen, jetzt aus ſeiner Ohnmacht erwachenden Major em⸗ Por, und machten ſich daran, demſelben ſeine betreßte Uni⸗ form, die Unterbeinkleider, ja ſogar das Hemd, den Hut und die Perücke mit kanibaliſcher Raubgier vom Leibe zu reißen. „Stoß den deutſchen Hund nieder, Tſchika!“ rief der wilde Koſak mit dem behaarten Nacken;„wer weiß, wie viele der Unſrigen der Preuße da zuſammengeſäbelt hat.“ Dabei krallte der Rohe ſeine nervige Fauſt um die Schenkelwunde des armen Majors, daß dieſer vom brennenden Schmerze aus ſeiner Ohnmacht geweckt, laut aufſtöhnte. Sein umflortes Auge nahm die um ihn be⸗ ſchäftigten Koſaken wahr. „Ach, einen Trunk Waſſer!“ lispelte er mit mat⸗ ter Stimme in polniſcher Sprache. „Si tſchas!“*) rief mit roher Mordluſt der eine der Koſaken, welche ihn ausgeplündert hatten, indem er ſeinen Säbel aus der Scheide riß und zum Hieb auf den Schädel des Majors ausholte. Aber ſchon war der erſte der Koſaken mit dem Sper⸗ berauge und der hohen Pelzmütze dazwiſchen geſprungen und hatte mit ſeiner Klinge den Hieb aufgefangen. 5) Ja, Morgen. 158 „Na liva!“*) donnerte er dem mordluſtigen Ka⸗ meraden zu;„hörſt Du denn nicht, daß der Mann ein Pole iſt, folglich kein Deutſcher; d'rum laß ihn liegen, Salawatka, dort drüben, wo der Kampf noch brennt, gibt's beſſere Beute.“ „Haſt recht, Jemelian,“ riefen die beiden Plünde⸗ rer des armen Offiziers wie aus einem Munde; der eine von ihnen gab dem Verwundeten noch einen Stoß, daß dieſer vom Abhange, wo er lag, mit einem Schmerzens⸗ ruf in den naſſen Sumpf hinabkollerte, dann ſchwangen ſich die drei Koſaken wieder raſch auf ihre Pferde und flogen einer andern Gegend der Wahlſtatt zu. Hier lag nun der tapfere, arme, verwundete Major vom Fink'ſchen Corps im Sumpfe, nackt und fern von aller menſchlichen Hilfe, aber keineswegs verzweifelnd, ſondern gefaßt und ergeben in ſein Schickſal, welches der Heldentod für's Vaterland zu werden ſchien. Fieberglut, vom brennenden Schmerze ſeiner Wunden hervorgeru⸗ fen, lag auf ſeinem Geſichte, und die Natur forderte end⸗ lich ihre Rechte; von der ſtarken Bewegung und von dem Blutverluſte in Folge der vielen Verwundungen ermattet, entſchlummerte jetzt der edle deutſche Krieger in dieſem WMoorſumpfe ſo ruhig, als ob er auf dem Feldbette ſei⸗ *) Links um. 159 nes Zeltes gelegen hätte, und träumte ſich von Neuem an der Spitze ſeines braven Bataillons. Nach einigen Stunden erwachte er wieder. Zetzt war die Nacht heraufgezogen. Der Sturm in den obern Regionen der Lüfte hatte gleichſam als Nach⸗ ſpiel der großen Menſchenſchlächterei am Tage alle die grauen Wolkenmaſſen in Fetzen zerrißen und hinter die fernen Berge verjagt; jetzt ſtrahlte der große weite Ster⸗ nenhimmel mit ſeinen Myriaden Lichtern, zwiſchen denen, wie eine ſtrahlende Ampel im Dome der Natur, die volle Mondſcheibe dahinſchwamm und mit ihrem Glanze die bleichen Geſichter ſo mancher Helden verklärte, welche die Wahlſtatt mit ihren Leichen bedeckten. Es ſchien, als wollte der ſchimmernde Abendhimmel eine große Todtenfeier be⸗ gehen für alle die Sterbenden und Geſchiedenen, welche dieſes große Leichenfeld deckten, und jetzt friedlich bei⸗ ſammen lagen, obgleich ſie noch vor wenigen Stunden wie Raubthiere des Waldes gegen einander geraſt hatten. Der verwundete Major ſchlug jetzt die matten Augen empor. Der Schmerz, den ihm ſeine Wunden ver⸗ urſachten, hatte vielleicht durch die Kühle des Sumpf⸗ waſſers nachgelaſſen, er konnte wieder ruhig denken, und ſeine Gedanken waren zuerſt— bei ſeinem Schöpfer. Der prachtvoll ſtrahlende Sternenhimmel erfüllte das edle Dichterherz des Verwundeten, deſſen jetzt todten⸗ 160 bleiches Angeſicht, wie er ſo auf den Rücken hingeſtreckt lag, dem Himmel zugewendet war, mit unnennbarer Rührung. Leiſe ſprach der von Allen verlaſſen daliegende edle Deutſche zu dem Einen, welcher bei ihm war, als kein Menſchenlaut mehr in ſeiner Nähe ertönte; leiſe zitterten jetzt auch ſeine bleichen, vom brennenden Durſte ausgetrockneten Lippen die erhabenen Worte einer begei⸗ ſternden Hymne, welche er vor Jahren ſchon dem, der ihm in dieſer verlaſſenen Lage Troſt in's Herz goß, dargebracht hatte; wie in der Phantaſie eines Fieber⸗ kranken erklang es von ſeinen Lippen zuerſt leiſe, dann lauter und lauter gegen den prachtvoll geſtirnten Himmel: „Tauſend Sternenheere loben meines Schöpfers Macht und Stärke, Aller Himmelskreiſe Welten preiſen ſeiner Weisheit Werke; Meere, Berge, Wälder, Klüſte, die ſein Wink hervorgebracht, Sind Pvoſaunen ſeiner Liebe, ſind Poſaunen ſeiner Macht!“ Noch hatte der verwundete Krieger und Dichter dieſen, von einer hellblitzenden, ſeinen Augen entrollen⸗ den Perle der Begeiſterung begleiteten Gruß an die Gottheit nicht vollendet, als wieder vier Krieger des Schlachtfeldes, durch ſeine begeiſterten Worte aufmerkſam gemacht, im Vorbeireiten an der Stelle, wo der Ver⸗ wundete lag, anhielten. Es waren vier ruſſiſche Huſaren. Sie ritten an den Verwundeten heran, und mehr neu⸗ gierig als mitleidig beſchaute ihn der Führer derſelben, 161 ein alter Unteroffizier mit einem ſchwarzen Ruſſenbarte und von Säbelhieben tüchtig zerriſſener Stirnhaut. „Ein Halbtodter,“ ſagte er nach einer Weile;„den haben ſie ausgeplündert wie eine Schmuckſchachtel.“ Der verwundete Major richtete ſich jetzt ſo gut er konnte empor, und bat wieder in polniſcher Sprache um einen Trunk Waſſer. „Schlürf im Sumpfe!“ rief ihm mit rauher Stimme der Huſarenkorporal zu;„wir haben keine Zeit zu verlieren, um nach Quellwaſſer für Dich zu ſuchen. Marſch, Burſche, na prava!“ Der Korporal wollte ſich auf ſein Pferd ſchwingen, aber jetzt ſprang einer ſeiner Leute, ein junger Huſar, heran; kaum zwanzig Jahre mochte er zählen, aber edler Muth blitzte aus ſeinen brennenden Augen, ſtrahlte aus ſeinem edelgeformten Antlitze; er trug am linken Arme eine breite Wunde, welche er ſich auf dem Schlacht⸗ felde geholt und mit einem weißen Tuche umwunden hatte. „Einen Verwundeten,“ rief er mit voller Ent⸗ rüſtung,„läßt kein braver Krieger verdurſten,“ und wie ein zweiter St. Martin riß er jetzt ſeinen alten Huſaren⸗ mantel von der Schulter und warf ihn auf den verwun⸗ deten Major, deſſen Blöße damit deckend; dann ſetzte er dieſem ſeinen Hut auf, und, von dem edlen Beiſpiele des 162 jungen Kriegers belebt, ſaßen jetzt auch die andern Huſa⸗ ren von ihren Pferden ab, und ſchauten nach friſchem Waſſer umher, welches ſie auch fanden und jetzt in ihren Hüten nebſt Brod dem Verwundeten zu deſſen großer Erquickung darreichten. Selbſt den rauhen Korporal ſchien der edle Eifer des jungen Huſaren aufgerüttelt zu haben; er beorderte jetzt ſeine Begleiter, einige Aeſte der naheſtehenden Tannen zu kappen, und ließ ein Wachfeuer improviſiren, in deſſen Nähe der Verwundete auf weichem Graſe gebettet wurde. Sein Dank an dieſe wackern Huſa⸗ ren war innig. Schon röthete ſich aber der öſtliche Himmel zum neuen Morgen, und die Huſaren mußten der ferne klingenden Trompete folgen und ihre Roſſe beſteigen. Bereits ritten der alte Korporal und zwei ſeiner Huſaren voraus, nur der dritte, jener Jüngling, welcher zuerſt dem verwundeten Krieger beigeſtanden hatte, kehrte noch einmal um und warf dem verwundeten Major ein Acht⸗ groſchenſtück auf den Mantel; der Major verweigerte mit tiefer Rührung die Annahme des Geſchenkes, aber der wackere Huſar warf das Geld mit edlem Unwillen auf den Mantel, mit welchem er die Blöße des Verwundeten bedeckt hatte, und beſtieg eilig ſein Pferd, um im Gebüſche zu verſchwinden. Faſt im ſelben Augenblicke kamen aber von der andern Seite jene drei Koſaken, welche den Verwundeten 163 vorher ſeiner Kleider beraubt hatten, von ihrem Streif⸗ ritte wieder zurück. Den alten Mantel und Hut auf dem Leibe des Majors wahrnehmend, und wie die Falken darauf zuſtürzen, war eins— ſelbſt das Achtgroſchenſtück, welches der wackere Huſar auf den Mantel des ver⸗ wundeten Kriegers geworfen hatte, war ſchon in der Fauſt desjenigen von dieſen Koſaken, welchen ſeine Kameraden früher mit dem Namen Tſchika angerufen hatten. Aber er ließ es ſogleich wieder fallen, denn ein gewaltiger Schlag von der kräftigen Fauſt des wackern jungen Huſaren, welcher noch einmal rückwärts ſchauend, die letzte Scene beobachtet hatte, lähmte ſeine Rechte. Gleich Raſenden riſſen die drei Koſaken jetzt ihre Meſſer aus den Koſchaks, und der junge Huſar hatte eben noch Zeit, die Klingen derſelben mit einem geſchickten Hiebe ſeines blitzenden Säbels zu pariren und ſeinen Rücken an einem Fichtenſtamme zu decken, wo er jetzt, einer gegen drei wüthende Koſaken, den Kampf auf Leben und Tod kämpfen ſollte, während der verwundete Major vergebens in polniſcher Sprache den Koſaken zurief: ſie möchten doch dieſen wackern Krieger ſchonen und ſich Alles nehmen, was dieſer ihm geſpendet hätte. Aber es bedurfte dieſes Rufes nicht mehr; denn ſchon ſtand zwiſchen den Fechtenden ein hoher ſtattlicher 164 Offizier in ruſſiſcher Hauptmannsuniform, ſeine Feld⸗ binde zwiſchen dieſelben ſtreckend. „Halt, Koſaken!“ donnerte er.„Was ſoll dieſer Streit? Ruſſen gegen Ruſſen! Was gibts, was iſt das?“ Die drei Koſaken fuhren augenblicklich zurück, aber ſchon trat der größte unter ihnen vor.„Der Huſar,“ rief er,„hat uns rechtmäßige Beute abjagen wollen! Das iſt gegen den Kriegsgebrauch, Hauptmann, darum wollten wir ihn kalt machen.“ „Sie haben da einen Mantel, mit welchem ich die Blöße dieſes Verwundeten deckte,“ ſchrie der Huſar da⸗ zwiſchen,„dem Armen wieder abnehmen wollen, da legte ich mit meiner Fauſt Proteſt ein!“ „Der Reiter lügt,“ rief der andere der Koſaken; „was der Jemelian ſagt, iſt wahr.“ „Zurück!“ donnerte jetzt der Hauptmann, indem er die wie zum Kampfe vorgeſtreckte Lanze des erſten Koſaken ergriff und unter ſeinem Fußtritt in zwanzig Trümmer zerſplitterte;„ich kenne Euch, Ihr Steppenreiter, die ihr als Ruſſen von Geburt und Nation Euch nicht ſchämt, auch die Waffen der Feinde Eures Vaterlandes zu tragen. Beute machen an Wehrloſen iſt Euer Gewerbe, und nur im Hinterhalt habt ihr Courage.“ Da hob ſich die lange Geſtalt des Koſaken Jeme⸗ lian.„Oh,“ rief er,„Ihr Herren vom ruſſiſchen 165 Generalſtabe denket niedrig von unſern Steppenreitern; wartet nur, es wird die Zeit ſchon kommen, wo ihr uns wieder brauchen werdet, wenn ſie in Petersburg Revolu⸗ tionen machen und die geſchniegelten Fähnrichs der Hofgarde zur Stillung des Aufruhrs nicht mehr hin⸗ reichen.“ „Ja, ja!“ ſchrie Tſchika, der andere der Koſaken, „wir laſſen nicht wegen eines Milchbartes von Hu⸗ ſaren unſere Pulks im offenen Felde beſchimpfen.“ Der dritte Koſak Salawatka aber, unſtreitig der wüthendſte und verwegenſte unter den Dreien, hatte ſchon ſein Meſſer aus dem Gürtel geriſſen, um es auf den Hauptmann zu zücken. Aber er hatte noch nicht vollends Zeit dazu gehabt. „Ordre halten, Koſak!“ donnerte ihnen der Haupt⸗ mann nochmals entgegen, indem er ihm mit ſeinem aus der Scheide fliegenden Säbel das Meſſer aus der Hand ſchlug, daß es klirrend in den Sumpf flog.„Ordre hal⸗ ten, ſage ich! und legt ſogleich Eure Lanzen zu meinen Füßen, ſonſt laß ich Euch in nächſter Minute auf die höchſten Tannen da drüben hängen, daß Eure Leichen er⸗ zählen, wie man in der ruſſiſchen Armee meuteriſche Ko⸗ ſaken tracktirt!“ „Verſucht's,“ entgegnete trotzig vortretend und jetzt * ſein langes Seitenmeſſer entblößend, Jemelian der oſak. 166 Aber im nächſten Augenblicke ſchon ließ er ſein Meſſer in den Moor fallen, und auch ſeine zwei ver⸗ wegenen Genoſſen ließen die Waffen ihren Fäuſten ent⸗ gleiten; denn eben im rechten Augenblicke wirbelte eine gewaltige Trommel in nächſter Nähe, und eine Compagnie ruſſiſcher Kernfüſeliere marſchirte den Feldweg herauf, gerade auf die kampffertige Gruppe zu. Dieſer trat der ruſſiſche Hauptmann einige Schritte entgegen— man ſalutirte. „Nehmt dieſe drei Strolche in Eure Mitte,“ befahl er dem vortretenden Profoßen,„legt ihnen Ketten an, und laßt ſie in's Lager transportiren, daß man ſie vor dem Kriegsgerichte lehre, wie ruſſiſche Soldaten ihre Hauptleute zu reſpectiren haben.“ Die drei Koſaken ließen ſich ſammt ihren Pferden jetzt ſchweigend abführen; ſie machten keine Miene mehr, den Soldaten Widerſtand zu leiſten, nur Jemelian, der größte unter ihnen, bückte ſich noch mit einer geſchickten Seitenwendung, um einen Splitter ſeiner zerbrochenen Lanze, das Heiligthum des Koſaken mit ſich zu nehmen, nachdem er auf den wackern jungen Huſaren einen wü⸗ thenden Blick geworfen hatte, welcher einer Herausfor⸗ derung auf künftige Tage glich. Der junge Huſar verſtand dieſen Blick.„Wenn Du eine Lanze mit mir wechſeln willſt, Koſak!“ rief er ihm 167 zu, indem er ſich in ſeinen Sattel ſchwang,„ſo frage nur in Frankfurt drüben an der Brückenſchanze nach dem Huſaren Michelſon; ich ſtehe Dir mit ein paar Kugeln aus meiner Sattelpiſtole gerne zu Dienſten.“ Damit gab der junge Huſar ſeinem Rößlein die Sporen und jagte der entgegengeſetzten Seite zu, daß der braune Moor unter den Hufen ſeines Pferdes empor⸗ ſchlug. Jetzt war die Truppe mit den übernommenen drei Koſaken abmarſchirt, der ruſſiſche Hauptmann aber trat auf den verwundeten Major zu. „Verzeiht, mein Herr,“ ſagte er in gebrochenem Deutſch, des Preußen edle Geſichtszüge betrachtend und den Mann von Bildung ſogleich erkennend,„verzeiht, daß Eure körperlichen Leiden durch dieſe wilde Scene koſaki⸗ ſcher Rohheit noch vermehrt wurden. Ich bedauere Eure hilfloſe Lage, vom Blut überſtrömt in dieſem Sumpfe liegen zu müſſen; ich werde ſogleich nach meinem Feld⸗ ſcheer ſenden, damit Euch Hilfe und Rettung werde.“ Der Verwundete ſuchte ſich wieder mühſam empor⸗ zurichten. Vier Soldaten der Truppe und ein Korporal blie⸗ ben auf den Wink des Hauptmanns zu ſeinem Schutze zurück. „Ich danke Euch, mein Herr,“ antwortete der Ma⸗ 168 jor mit ſchwacher Simme,„ich danke Euch für Euer Mitleiden und Eure thätige Hilfe, die der Soldat vom Soldaten ſo gerne annimmt. Wollt Ihr Euer edles Werk vollenden, ſo laßt mich vor Allem unter ein Zelt bringen, denn die Nachtluft drückt auf mein zerſchmettertes Bein wie Blei; dann bitte ich Euch, laßt durch einen Eurer Kouriere, welche nach Frankfurt an der Oder einreiten, den Profeſſor Nicolai in Kenntniß ſetzen, daß ſein Freund, der Major von Kleiſt, mit zerſchoſſenen Gliedern auf der Wahlſtatt liege.“ „Wie?“ fiel der ruſſiſche Hauptmann ein,„Ihr wäret der Ewald Chriſtian von Kleiſt, der edle Dichter Deutſchlands, deſſen Oden und Lieder bis an die äußerſten Grenzen Deutſchlands und ſelbſt über dieſel⸗ ben gedrungen ſind?“ „Und der jetzt, ein Lazarus mit bluttriefenden Glie⸗ dern, in die Gefangenſchaft der Feinde ſeines Vaterlandes abgeführt werden wird,“ entgegnete mit vom Schmerz gebrochener Stimme nicht ohne Unmuth der Leidende. „In die Gefangenſchaft,“ ergänzte der Hauptmann, „in die Gefangenſchaft, die ihm ein Ehrenbett werden ſoll, ſo wahr ich Hauptmann in der ſiegreichen Armee Ihrer Majeſtät der Czarin bin.“ „Und ein edler Mann, der ſeinen Gegner achtet,“ ſagte der Major;„darf ich Euch wohl um Euren Na⸗ men bitten?“ 169 „Ich nenne mich von Stackelberg,“ entgegnete der Hauptmann,„und diene im Corps der ſchweren Kavalle⸗ rie— doch ich ſehe, Euch will abermals eine Ohnmacht beſchleichen, wir müſſen eilen, unter Dach zu kommen.“ In der That war es hohe Zeit, daß die ruſſiſchen Füſeliere mit der aus raſch abgebrochenen Tannenäſten verfertigten Bahre zu Stande kamen, denn Major von Kleiſt fiel, vom Blutverluſt und längeren Reden ermattet, abermals in todtenähnliche Schwäche; der edle Haupt⸗ mann hatte ſein eigenes Halstuch herabgeriſſen, um die heftig blutende Fußwunde des Leidenden nothdürftig zu verbinden. Inzwiſchen war auch ein Feldſcheer mit einem Wagen herangekommen, und ſo gelang es, daß Ewald Chriſtian von Kleiſt von der Wahlſtatt fortgeſchafft und endlich nach Frankfurt an der Oder gebracht wurde, wo er in der äußerſten Entkräftung anlangte, von ſeinem Freunde, dem Profeſſor Nicolai, aufgenommen und dort ordentlich verbunden wurde. Hier fand Herr von Kleiſt alle mögliche Pflege und viele Theilnahme von Seite der ruſſiſchen Offiziere; man hoffte ihn zu retten, aber in einer der Nächte, welche er nun auf dem Schmerzenslager zubrachte, ſonderten ſich die zerſchmetterten Knochen, eine Pulsader zerriß, und am 24. Auguſt um zwei Uhr gab der edle deutſche Dich⸗ ter unter dem Gebete des Profeſſors Nicolai ſeinen Geiſt 1860. XVI. Pugabew. I. 313 170 in die Hände deſſen zurück, dem er als ſeinem Schöpfer ſo manches begeiſterte Loblied dargebracht hatte. Am 26. Auguſt fand über Veranſtaltung des da⸗ maligen Kommandanten Oberſten von Schettnow die feierliche Beerdigung des Verblichenen ſtatt, welcher alle ruſſiſche Stabsoffiziere, die Profeſſoren, Mitglieder des Magiſtrates und Studenten folgten; als der Degen auf der Bahre fehlte, nahm ein ruſſiſcher Stabsoffizier den ſeinen von der Seite und legte ihn auf den Sarg, „denn,“ rief er,„ein ſo würdiger Offizier ſoll nicht ohne dieſes Ehrenzeichen begraben werden.“— Nach dieſer Schlacht bei Kunersdorf ſchien ſich das Kriegsglück von Friedrich II. abwenden zu wollen; der öſterreichiſche Feldmarſchall Daun nahm bei Maxen in Sachſen den preußiſchen General Fink mit 15.000 Mann gefangen, und im folgenden Jahre vollführte General Loudon einen ähnlichen Streich, indem er den General Fouchet mit 9000 Mann bei Landshut gefangen nahm; aber Friedrich kam und ſiegte bei Liegnitz.— Mittlerweile ſtreifte Lach ſchon bis gegen die preußiſche Hauptſtadt Berlin, und brandſchatzte dieſe Reſidenz des Königs, wo auch die verbündeten Ruſſen unter General Tottleben einzogen; Daun bedrohte die Mark durch ſeinen Marſch nach Torgau an der Elbe, der König rückte ihm entgegen, und würde vielleicht dieſe Schlacht verloren haben, wenn 171 nicht Daun verwundet, das Kommando einem weniger glücklichen General hätte überlaſſen müſſen; im folgen⸗ den Jahre 1761 aber nahm Feldmarſchall Loudon durch den bekannten Handſtreich die Feſtung Schweidnitz in Schleſien. König Friedrich H. befand ſich ſomit gerade im Jahre 1761 in der allergefährlichſten Lage, und eine größere Thätigkeit der ruſſiſchen Generäle konnte dieſe Gefahr bis zum äußerſten Höhenpunkt treiben, denn Kaiſerin Eliſabeth, die nordiſche Semiramis, war— wir entwickelten oben, wie es kam— eine unverſöhnliche Fein⸗ din des großen Königs, deſſen gekröntes Haupt ſomit der ruſſiſche Aar mit drohendem Auge umſchwebte, welcher, trotz den verunglückten Berathungen im Inquiſitions⸗ gebäude zu Liſſabon und den transatlantiſchen Plänen Mazzarini's und ſeiner Geſinnungsgenoſſen, ſtets tiefer und tiefer auf die deutſchen Marken des Preußenlandes niederſchwebte. 11* 172 Hirbentes Capitrl. Eine Weſpe⸗ Ende des Jahres 1758 war der Hof der Czarin von Zarskve⸗Selo nach der Reſidenz zurückgekehrt; den 9. Dezember gebar Katharina, die Großfürſtin Ruß⸗ lands, eine Tochter, Anna Petrowna; nun folgten Feſte auf Feſte im Winterpalaſte, welche am Neujahrstage mit einem großen Feuerwerke endigten. An einem dunklen Abende am Schluße dieſes Car⸗ nevals ſtand in dem breiteſten Gange des Winter⸗ palaſtes ein junger Lieutenant der ruſſiſchen Miliz in Huſarenuniform. Ungeachtet ſeines noch jugendlichen Ausſehens ſprach ſich auf ſeinem ſchön geformten Antlitze eine gewiſſe männliche Ruhe und Entſchloſſenheit aus, und die breite ſchwarze Stirnbinde und eine ähnliche, welche er um ſeinen linken Arm trug, deuteten an, daß er eben nicht von den getäfelten Sälen des Hofballes, ſondern geradenwegs vom blutgetränkten Fechtboden des Schlachtfeldes komme. Darum ſchien ſich auch dieſer junge Krieger, ungewohnt eines andern Bodens, in den Irrgängen des Czarenhofes nicht zurecht finden zu können; die großen klaren Au⸗ 173 gen ſeines ehrlichen offenen Geſichtes blitzten nach allen Ecken; er wußte nicht, wo er anklopfen ſollte, um den Mann herauszufinden, welchen er zu ſuchen ſchien. Nachdem er eine gute Weile an den im bunten Ge⸗ wirre herumſchießenden Hofleuten und Hofdienern vor⸗ übergeſchritten war, ſchien er endlich des Suchens müde, und trat einem ſtattlichen, etwas ältlichen Manne ent⸗ gegen, welcher im goldgeſtickten Staatskleide mit ſtolz ge⸗ hobenem Nacken an ihm vorüberſchritt und den jungen Kriegsmann vom Kopfe bis zum Fuß mit einem Blicke maß, als wollte er fragen:„Was will der Fremdling in meinem Reiche?“ Dieſer aber trat auf ihn zu.„Verzeiht, mein Herr,“ ſagte er ſich mit Anſtand verneigend,„wenn ich Euch um die Zimmer des Herrn Großkanzlers Grafen Beſtuſcheff frage.“ Die kleinen Augen des Angeſprochenen blitzten auf— eine leiſe Röthe flog über ſein breites Antlitz, deſſen Züge ein von Kämpfen der Leidenſchaft durchweb⸗ tes Leben verriethen. „Des Grafen Beſtuſcheff?“ ſagte er;„was wollt Ihr bei dem?“ Der rauhe Ton des Mannes ſchien den jungen Lieutenant unangenehm zu berühren; er maß jetzt auch ſeinen Mann mit einem langen Blicke, in welchem ſich 174 einiges Mißtrauen auszuſprechen ſchien. Er ſchwieg.— Aber der Andere ſchien nicht zur Geduld geboren. „Was wollt Ihr bei Beſtuſcheff?“ rief er mit faſt ärgerlichem Tone;„wer ſeid Ihr, was habt Ihr zu ſagen?“ „Ich bin der Huſarenlieutenant Michelſon vom Corps der Kavallerie Ihrer Majeſtät der Czarin, welches im Preußiſchen ſteht,“ entgegnete jetzt der junge Mann; „ich komme,“ fuhr er fort,„als Kourier des Marſchalls Apraxin aus dem Lager unſerer Armee in Deutſchland, und habe Depeſchen an den Großkanzler zu übergeben, deren Einhändigung Eile fordert.“ „So,“ entgegnete der Betreßte;„alſo Depeſchen? und an den Grafen Beſtuſcheff— gebt her dieſe Depe⸗ ſchen, ſie ſind an dem rechten Orte.“ „Seid Ihr vielleicht dieſer Graf Beſtuſcheff ſelbſt, deſſen Name im garzen ruſſiſchen Lager ſo hoch geachtet iſt?“ fragte der Lieutenant, indem er mit einer Gebärde der Ehrfurcht einen Schritt zurücktrat. Der betreßte Hofmann ſchien einen Augenblick mit der Antwort zu zögern— dann warf er wieder ſeinen Nacken ſtolz zurück. „Ich bin der Graf Alerander Schuwalow,“ ſagte er kurz, und ſein Auge ruhte, wie das Auge eines Batteriekommandanten, welcher einen Vierundzwanzig⸗ 175 Pfünder abgefeuert hat, ſiegestrunken auf dem Antlitze des jungen Offiziers, den er mit dieſem einzigen Worte zu ſeinen Füßen niedergedonnert zu haben glaubte.“ Der junge Lieutenant wußte freilich nicht, daß die Familie Schuwalow damals Herz und Hand der Kaiſerin aller Reuſſen beherrſchte, und daß ſomit der wohlbeſtellte „Großinquiſitor“ des Reiches, wie die Großfürſtin Katharina ihn nannte, vor ihm ſtand, der eine geheime Depeſche an ſeinen Gegner, den Großkanzler Graf Beſtu⸗ ſcheff, durchaus nicht ungeleſen laſſen konnte. Als der Graf ſah, daß die Nennung ſeines Namens auf den jungen Offizier nicht den mindeſten Eindruck machte, malte ſich ein Zug des Aergers auf ſeiner Stirne, wie er über die Stirne des Proconſuls Cicero gezogen ſein mochte, als er, nach Rom zurückkehrend, ſeinen Namen nur mit gewöhnlichem Tone ausſprechen hörte. „So gebt die Depeſche,“ ſagte er,„und fragt mor⸗ gen um dieſelbe Stunde im Peterhofe an.“ „Verzeiht, Herr Graf,“ entgegnete Lieutenant Mi⸗ chelſon mit ruhiger Feſtigkeit,„meine Ordre lautet, die Depeſche des Marſchalls Apraxin nur in die Hände des Herrn Großkanzlers Grafen Beſtuſcheff, oder Sr. Hoheit des Großfürſten, oder Ihrer Majeſtät ſelbſt zu legen.“ „Ihre Majeſtät die Czarin iſt unwohl,“ entgegnete 176 raſch der Graf;„man hat ihr ſoeben zur Ader ge⸗ laſſen— und Graf Beſtuſcheff iſt auf der Fontanka*)— alſo gebt—“ „So will ich zu Seiner Hoheit dem Großfürſten eilen,“ entgegnete mit Beſtimmtheit Lieutenant Michelſon. „Der Großfürſt iſt in dieſem Augenblicke auch mit dringenden Staatsangelegenheiten beſchäftigt,“ bemerkte der Graf haſtig. In dieſem Augenblicke ertönte von der linken Seite, wo mehrere Flügelthüren zu einem rückwärtigen Tract des Palaſtes führten, ein wahrhaft jämmerliches Geheul, ein Bellen und Winſeln, ein Peitſchen, Knallen und Flu⸗ chen, als ob die ganze Horde des wilden Jägers über den Winterpalaſt hinflöge. Von der entgegengeſetzten Thüre ſtürzte aber eine ſchlankgewachſene Dame in der enganſchließenden Tracht eines ruſſiſchen Hoffräuleins heraus; ſie erblickte kaum den Grafen Schuwalow, als ſie auf denſelben zuſchritt. „Um's Himmelswillen, Herr Graf,“ rief ſie,„eilen Sie in die Apartemens des Großfürſten und bitten ſie um einige Ruhe; ſeine Gemahlin iſt ſo ſchwach, daß ſie dieſe Höllenjagd nicht länger anhören kann, ohne neuen Ner⸗ Ein ſtrinernes Gebäude, nahe bei dem Hauſe Peter I, wo die Großfürſtin Katharina mit ihrer Mutter einige Zeit wohnte. 177 venzufällen ausgeſetzt zu ſein. Monſieur Boerhave, der Arzt, verbietet ihr jede Aufregung.“ Graf Schuwalow lächelte:„Geht nur zurück, Ma⸗ dame Jvanowna,“ erwiderte er,„und ſagt Ihrer Hoheit der Großfürſtin, daß ich, obwohl ich ſonſt die Apar⸗ tements Sr. Hoheit nicht gerne betrete, doch Hochden⸗ ſelben in Ihrem Auftrage ſogleich um mehr Ruhe bitten werde.“ Katharina Jvanowna Scheregorodskaja, die Kam⸗ merfrau der Grofßfürſtin, ging mit dieſer Botſchaft in die Zimmer der kranken Großfürſtin; Graf Schuwalow wandte ſich aber jetzt an den jungen Lieutenant. „Da habt Ihr die beſte Gelegenheit,“ ſagte er, „um die Depeſche ſogleich abzugeben.“ An Schuwalow's Seite trat jetzt Lieutenant Michel⸗ ſon durch die Seitenthür, welche in die Vorzimmer zu den Apartements Peter's von Holſtein⸗Gottorp, des Großfürſten von Rußland führte, und aus denen noch immer die wilde Jagd mit einem wahren Zetergeſchrei herübertobte. Beide traten nun in ein mäßig großes Zimmer, an deſſen Wänden ſich mehrere Schlachtgemälde befan⸗ den; die erſtern waren mit Tſchinarholz verziert, und da Tſchinar nicht glänzt, mit Firniß überſtrichen, wodurch 178 dieſes Zimmer ein gemeines Ausſehen erhielt, welches man jedoch dadurch zu verbeſſern geſucht hatte, daß man auf den Tſchinar eine Menge ſchweres verſilbertes Schnitzwerk angebracht hatte, ſo daß dieſe Verzierungen in der That weißen Spitzenmanſchetten auf gelbem Grunde ähnlich ſahen. Welches Schauſpiel bot ſich aber im Innern deſſel⸗ ben! Da ſtanden mehrere kurze und lange Tiſche und Ruhe⸗ betten. Auf letzteren lagen eine Menge bunt angezogener Puppen und anderes ähnliches Spielzeug; auf einigen Tiſchen ſtanden kleine Soldaten. Rings um dieſe Tiſche lagen Stöcke und Peitſchen. In der Mitte des Zimmers aber ſtand in das Hauskleid eines kurzen grünen Zobel⸗ velzes gehüllt, ein junger Mann von ebenmäßigem Glie⸗ derbau, deſſen Züge frühere männliche Schönheit ver⸗ riethen, deſſen Geſicht aber nunmehr deutliche Spuren einer erlittenen Pockenkrankheit an ſich trug. Eine Art roher und wilder Freude malte ſich auf ſeinem, im übri⸗ gen edel geformten Antlitze und blitzte aus ſeinen ſchönen Augen; ſeine kräftige Fauſt hielt eine lange Peitſche, mit derem dicken Ende er unter dem rohen Gelächter dreier baumlanger, in die grüne Uniform ruſſiſcher Hof⸗ beamten gehüllter Burſche auf einen kleinen Hund von engliſcher Rage, welchen ein dicker Kalmückenjunge am Halſe in die Luft hielt, zuhieb, daß das arme Thier und 179 eine Rudel anderer Hunde, welche im Zimmer herum⸗ lagen, ein Geheul ausſtießen, als ob der Wolf mitten unter ſie gefahren wäre. Der große Züchtiger dieſes kleinen Hundes war Peter von Holſtein⸗Gottorp, Großfürſt von Rußland und beſtimmter Thronfolger Ihrer Majeſtät der Kaiſerin aller Reuſſen*). Der ihn bei dieſem Spiele begleitende Burſche war ſein vertrauter Kammerdiener Karnowitſch, ein Ein⸗ faltspinſel aus der Ukraine, und die drei Leibeigenen Söhne von Grenadieren aus der Leibgarde. Der Großfürſt trat ſogleich auf Schuwalow zu. „Ah, quel plaisir!“ rief er,„Sie bei mir zu ſehen, Graf; ich dächte, Sie haben den Schritt über meine Schwelle verlernt.“ Graf Schuwalow verneigte ſich.„Ihre Gemahlin die Großfürſtin,“ ſagte er,„hat mich beauftragt, Eure Hoheit zu bitten, mit dieſem Spiele innezuhahlten, weil es ihr unleidliche Nervenzufülle verurſacht, und Monſieur Bwerhave, der Arzt—“ „Ei, was der Arzt!“ rief der Großfürſt;„der Arzt hätte meiner Frau den Sommeraufenthalt in Zar⸗ skve⸗Selo verlängern ſollen; ich will nicht, daß man Herzens Memoiren der Kaiſerin Katharina S. 71. 180 mich in meinen Vergnügungen ſtöre, und mißfällt mei⸗ ner Frau das bischen Hundegebell, ſo will ich ihr andere Muſik in die Ohren klingen laſſen.“ Mit dieſen Worten riß der Tolle einem der um⸗ ſtehenden Burſchen eine Violine aus den Händen, begann darauf mit wahrhaft grauenhafter und außerordentlicher Kraft zu kratzen, daß die Hunde, durch dieſe ohrzerreißen⸗ den Töne mehr als durch die Lederriemen der Peitſche zu noch fürchterlicherem Geheul aufgeſtachelt, jetzt ein wahrhaft unleidliches Höllen⸗Concert begannen.— Aber ſchon war der ſchadenfrohe Blick des Großfürſten auf den Begleiter des Grafen, den jungen Lieutenant gefal⸗ len. Er warf die Violine auf den Fußteppich und befahl dem Höllenchor„Ruhe!“ Sogleich legte ſich der Sturm. „Was will der Offizier?“ fragte Peter. „Ein Kourier aus unſerem Lager im Preußiſchen,“ ſagte der Graf. Das einzige Wort Preußiſch ſchien den Großfürſten förmlich zu elektriſiren. Puppen und Marionetten, Hunde und Violine ſchienen im Augenblicke vergeſſen.„Aus Preußen!“ rief er,„herrlich! trefflich! Raſch, raſch, die Depeſche entſiegelt!“ Aber jetzt beſann er ſich wieder. „Ich danke Euch, Herr Graf,“ ſagte er in franzöſiſcher Sprache;„ſagt der Großfürſtin, daß ich für heute keine 181 Hiebe mehr austheile und daß ſie ruhig ſchlafen möge.— Gute Nacht, gute Nacht, Herr Graf.“ „Wollen Eure Hoheit nicht geſtatten,“ entgegnete Graf Schuwalow,„daß ich Antheil nehme an dem in⸗ tereſſanten Inhalte der Nachrichten, welche der Lieutenant mit dieſer Depeſche—“ „Später, ſpäter, Herr Graf,“ rief der Großfürſt; „für jetzt bitte ich, mich mit dieſem Herrn allein zu laſſen.“ Mit einem Geſichte, als ob er in die Kupferberg⸗ werke Sibiriens geſchickt würde, zog ſich Graf Schuwa⸗ low nach einer halben Verbeugung über die Schwelle. ein leiſer Wink des Großfürſten entferute die Diener und den Kalmücken ſammt allen Hunden, und jetzt ſtand Peter allein dem jungen Lieutenant Michelſon gegenüber. „Ich kann ihn nicht leiden, dieſen Großinquiſitor unſeres Hofes,“ ſagte er mit einer ſeltſamen Offenheit, dem Grafen nachblickend und auf den jungen Lieutenant zutretend;„ich habe den Lauerer darum eben vor fünf Minuten hängen laſſen,“ ſetzte er laut lachend hinzu, indem er in den Hintergrund des Zimmers auf einen kleinen Seitentiſch deutete. Lieutenant Michelſon folgte mit ſeinem Blicke dem Finger des Großfürſten, und der rauhe Ernſt ſeiner ſchönen Züge machte einem ſchlecht gezwungenen Lächeln Platz. Auf dem erwähnten Tiſchchen ſtand nämlich neben einer aus Pappe verfertigten und von mehreren, aus Zünd⸗ ſchwamm gemachten kleinen Schildwachen umſtandenen niedlichen Feſtung aus ſchwarzem Ebenholz ein ganz eigen⸗ thümliches Inſtrumentchen— ein kleiner Galgen aufgerich⸗ tet, an welchem, den behaarten Kopf nach unten, an den Hinterfüßchen eine große, dicke Ratte aufgehängt war, wel⸗ che mit den Vorderfüßchen noch ein wenig zappelte. „Das iſt der Schuwalow,“ ſagte der Großfürſt mit halbleiſer Stimme, aber großem Ernſte, indem er mit einem Seitenblicke nach der Thüre ſchielte, als ob er die plötzliche Rückkunft des in effigie Gehängten beſorge; „das iſt der Graf Schuwalow, der Preußenfeind. Ich habe ihm nach Kriegsrecht den Prozeß machen und ihn hängen laſſen, weil er mir drei von den Schildwachen der Feſtung Schweidnitz aufgefreſſen hat, und weil er mir überhaupt Ihre Majeſtät die Czarin fortwährend gegen meine lieben Preußen aufhetzt und mir den großen Feodor und ſein treffliches Heer verkleinert, und bin ich erſt Kaiſer von Rußland, dann laß ich ihn im Ernſte—“ Er machte die Pantomine des Hängens. Der Lieutenant wußte nicht, was er dem Manne einer ſolchen Juſtiz erwidern ſollte. Kein Lächeln trat jetzt mehr auf ſein ſchönes Antlitz, ein Zug ſtillen Aergers und der getäuſchten Erwartung 183 malte ſich auf demſelben; der junge Offizier, bisher nur gewohnt an ernſte Scenen des Schlachtfeldes, fühlte ſich trotz des Komiſchen dieſer Scene arg enttäuſcht über die Perſon und den Character des künftigen Thronfolgers Rußlands, welchen man im Lager der Armee als einen freiſinnigen, ſchönen, muthigen und dem Vorbilde des großen Friedrich nachſtrebenden Fürſten geſchildert hatte. Nun ſchien es, als ob ein kindiſcher Narr oder ein när⸗ riſches Kind vor ihm ſtünde. Er ſchwieg daher und wartete die Antwort des Großfürſten ab. Dieſer nahm aber jetzt, als er ſah, daß der Lieute⸗ nant ſeiner Anſprache nur einen Blick des tiefſten Ernſtes entgegenſetzte, nicht ohne einige Verlegenheit auf einmal eine andere Haltung an. Es ſchien, als hätte er den jungen Lieutenant anfänglich nur zur Zahl der demüthigen Ge⸗ noſſen ſeiner rohen Scherze gehalten, welche ſich eine ungeheure Gnade daraus machten, wenn„Seine Hoheit der mächtige Großfürſt“ ihnen geſtattete, ſeine Privat⸗ ſpäße im Kreiſe ſeiner Leibdiener und Hunde mit an⸗ zuſehen. Dieſer junge Lieutenant, welcher den Ernſt des Schlachtfeldes auf ſeinem Antlitze trug, ſchien durch ſein ſchweigendes Entgegentreten auf den tollen Großfürſten Eindruck zu machen. 184 Ruhiger Ernſt und männliche Würde waren wie durch eine zauberhafte Umwandlung jetzt auch auf das Antlitz Peter's getreten. „Ihr bringt alſo Nachrichten vom Heere?“ fragte er, indem er dem jungen Offizier winkte, ihm aus dieſer Folterkammer in das Nebenkabinet zu folgen. Lieutenant Michelſon zog aus ſeiner Bruſttaſche ein Schreiben.„Dies für Eure Hoheit vom General Solti⸗ koff,“ ſagte er. „Ah,“ rief der Großfürſt, indem er das Schreiben erbrach;„man muß geſtehen, unſere Truppen wiſſen zu ſiegen— aber ich muß Euch auch geſtehen, mein lieber Freund, dieſe Siege würden mich doppelt freuen, wenn die Beſiegten andere Uniform trügen, als die preußiſche. Mein Meiſterkönig*) iſt mir ein ſehr unwillkommener Gegner, und ich muß Euch nur ſagen,“ fuhr er mit ſteigen⸗ der Gemüthserregung fort,„dieſer ganze Krieg Ruß⸗ lands gegen ſeinen alten Nachbar Preußen iſt durchaus nicht nach meinem Sinne; Rußland, Preußen und Oeſterreich ſollten, ſtatt den Weſtmächten das Schauſpiel ihrer gegenſeitigen Befehdung zu geben, lieber in gemein⸗ ſamer Allianz den europäiſchen Weltfrieden dictiren und *) So nannte Petet MI. ſtets Friedrich den Großen, für welchen er die innigſte Verehrung hegte. — mit vereinter Macht das Gegengewicht wider die An⸗ maßungen des europäiſchen Weſten bilden, wozu ſich das ſtets uneinige Deutſchland nicht verſtehen will.— Aber, beim ſeligen Zwan! das ſoll anders werden, wenn ich erſt auf dem Thronſeſſel Peter des Großen ſitze!“ ſchloß der Czarewitſch ſeine Rede. Der junge Lieutenant blickte dem Großfürſten jetzt mit einigem Staunen in's leuchtende Auge. Dieſe plötz⸗ liche Sprache einer reifen und gediegenen Anſicht der politiſchen Machtſtellung der Gegenwart überraſchte ihn aus dem Munde eines Mannes, welcher im Augenblicke der erſten Begegnung auf ihn nur den ganz entgegen⸗ geſetzten Eindruck eines tollen Thierbändigers gemacht hatte. „Eure Hoheit theilen die Geſinnungen vieler Offi⸗ ziere in unſerer Armee,“ ſagte er;„auch ſie meinen, daß Rußlands Aufgabe nicht die Befehdung ſeines in ſchöner Entwickelung begriffenen Nachbarſtaates Preußens, ſon⸗ dern die Vortragung des Banners der Civiliſation in ſeinem eigenen Reiche ſei, deſſen Oſten und Norden noch im Dämmerungslichte, oder wohl gar in der Nacht der Barbarei ſchlummert.“ „A Propos!“ rief jetzt der Großfürſt von ſeiner Rede abſpringend,„wird in Eurem Lager nichts geſpro⸗ chen von der vortrefflichen Disziplin meiner leiniſen 1860. XVI. Pugabew. I. 186 Grenadiere in Oranienbaum, welche ich ganz nach dem Reglement meines Muſterkönigs uniformirt habe?“ Der Lieutenant verneinte mit einer leiſen Kopf⸗ bewegung. „Die müßt Ihr ſehen und Euren Marſchällen da⸗ von erzählen,“ fuhr der Großfürſt fort;„aber jetzt vor Allem zu meiner Gemahlin, der Czarewna, die lechzt nach einer jeden Nachricht vom Schlachtfelde.“ „Auch für Ihre Hoheit die Großfürſtin habe ich ein Schreiben des Generals Soltikoff,“ fiel der Lieute⸗ nant ein. „So kommt,“ entgegnete der Großfürſt, und ſchon in nächſter Minute ſtand Lieutenant Michelſon im Vor⸗ zimmer der gegenüber den Zimmern des Grofßßfürſten lie⸗ genden Appartements Katharina's, der Großfürſtin des Czarenreichs, wo Beide vom Monſieur Skurin, dem Kammerdiener der Czarewna, bei dieſer gemeldet und auch ſogleich bei ihr eingelaſſen wurden. Ein gleichfalls mäßig großes, mit Silbertapeten ausgelegtes Zimmer nahm Beide auf; daſſelbe enthielt außer dem gewöhnlichen Geräthe von großen und klei⸗ nen Tiſchen, Ruhebetten und Lehnſeſſeln an den Wänden die Bruſtbilder und auf dem mit vergoldeten Leiſten ver⸗ zierten Wandſimſe eine große Anzahl von Marmorbüſten griechiſcher und römiſcher Dichter und Gelehrten. An den 187 Wänden ſelbſt ſtanden aber in Käſten von Ebenholz eine Menge Bücher, und auf den Tiſchen lagen in großen Folianten die Werke eines Homer, Virgil, Horaz, Plau⸗ tus und Plinius und anderer Schrifſteller des Alter⸗ thums. Durch dieſes Gemach, welches mehr der Haus⸗ bibliothek eines Gelehrten erſter Sorte, als einer Dame glich, und in welchem außer dem alten Wundarzte Gyon, Madame Tſchoglokow, die Oberſthofmeiſterin der Kaiſe⸗ rin, und die Gräfin Anna Korlowna, geborene Crawon⸗ ſty, Gattin des Vice⸗Kanzlers, beim Kartentiſche ſaßen, ſich aber beim Eintritte des Großfürſten ehrerbietig er⸗ hoben, traten die beiden Männer mittelſt einer Tapeten⸗ thür in ein kleines Nebenzimmer, wo ihnen zuerſt ein ungeheurer, von der äußerſten Gegenwand bis zur Thüre reichender Schirm entgegenſtarrte; man hatte ihn offen⸗ bar wegen des fürchterlichen Zugwindes hingeſtellt, wel⸗ cher dem Eintretenden ſogleich aus dieſem ſchlecht ver⸗ wahrten Zimmer entgegenſtrömte. Eine offene Tapeten⸗ thüre nach ſeitwärts ließ eine Art Garderobekabinet wahrnehmen, welches ganz mit Schreinen und Koffern verbarrikadirt war. Tragbare Tiſche, Spiegel und einige Stühle bildeten den Inhalt des erſten Kabinets; an der rechten Seite der Fenſter hinter der erwähnten Tapeten⸗ wand ſtreckte ſich aber ein faſt die Hälfte dieſes ziemlich 12* 188 langen Schlafzimmers einnehmendes Bett, welches die Eintretenden nicht ſehen konnten, weil der erwähnte Schirm es bedeckte, während die dahinter befindliche Perſon recht gut Jeden beobachten konnte, welcher die Schwelle des Zimmers überſchritt. Dieſes Zimmer war die Schlafkammer der Cza⸗ rewna Katharina, Gemahlin des Großfürſten Peter. Auf dieſem Bette lag im leichten Hauskleide vom blauen Stoff mit Silber eine junge Dame von einigen zwanzig Jahren; ihr ſchönes ebenmäßiges Geſicht zeigte von Ent⸗ ſchloſſenheit, ihr reiches Haar floß in zwei breite Flech⸗ ten auf das Ruhbett nieder, ihr geiſtreiches Auge ruhte auf dem Plutarch und Plato, die ſie eben mit Eifer zu ſtudiren ſchien, ihr feuriges Auge ſchien aber trotz der trockenen ernſten Lektüre von einem ſchwachen Thau be⸗ feuchtet— ſie mochte wohl außer dem Studium der Alten ſich auch in das ihres Schickſals an dieſem Hofe vertieft haben.— Vielleicht galten die Spuren zurückgedrängter Thränen ihres feurigen Auges auch dem einſtigen Schick⸗ ſale des kleinen Schläfers auf dem Ruhebette an ihrer Seite, gewiß aber nicht der Sehnſucht nach dem Gemahl, der in dieſem Augenblicke an der Seite des jungen Lieute⸗ nants Michelſon hinter ihrem Luftſchirme hervortrat, 5) Herzen's Memoiren S. 278. 189 während er ihrer Geſellſchafterin, Madame Wladiſlawa, zum Gehen winkte. Er war aber diesmal kein Tartar, ſondern neigte ſich mit ſichtlicher Freundlichkeit vor ſeiner geiſtreichen Gemahlin. „Eure Hoheit,“ ſagte er mit ungewohnter Zärtlich⸗ keit,„wird entſchuldigen, wenn ich ſo unvorbereitet in dies Kabinet trete. Ein Kourier vom Heere in Preußen, Lieutenant Michelſon, iſt angekommen und hat Brief⸗ ſchaften, welche für meine Gemahlin vom höchſten In⸗ tereſſe ſein werden.“ Das Auge der jungen Großfürſtin ruhte bereits mit Wohlgefallen auf dem ſchönen Lieutenant, noch mehr aber auf dem Schreiben, welches Michelſon jetzt im Auf⸗ trage des General Tottleben der Czarewna überreichte. Mit einem reizenden Lächeln nahm ihm dieſe das Schreiben des Generals aus den Händen. „Wir ſind bereits von dem, was uns General Tott⸗ leben hier berichten wird, unterrichtet,“ ſagte ſie.„Gene⸗ ral Soltikoff—“ Bei Nennung dieſes Namens ſchien der Großfürſt jetzt von einer unangenehmen Erinnerung beſchlichen, ein Zug leiſen Unmuthes malte ſich auf ſeinem Geſichte. „General Soltikoff,“ ſagte ſie,„hat uns über die Affaire bei Frankfurt an der Oder und dem Sieg bei 190 Kunersdorf, deſſen einziger Gewinn der Ruhm war, be⸗ reits Mittheilung gemacht, und ſo iſt mir auch Euer Name, Lieutenat Michelſon, nicht unbekannt geblieben.“ Auf das ſchöne Antlitz des jungen Offiziers trat Purpurröthe. „Ja,“ fuhr die Czarewna fort,„ich kenne daher Eure Bravvur auf dem Schlachtfelde, welche Euch, nach Sol⸗ tikoff's Bericht, noch am Abende der Schlacht bei Kuners⸗ dorf Lientenantsrang verſchaffte, und kenne auch den Edelmuth, mit welchem Ihr einen verwundeten preußi⸗ ſchen Major gegen die Roheit einiger Koſaken in Schutz genommen habt— das war edel und ſchön, Herr Lieute⸗ nant, und Katharina, die Großfürſtin von Rußland, hat es für kommende Tage in ihr Gedächtniß geſchrieben.“ „O meine Czarewna!“ rief der Lieutenant in un⸗ willkürlicher Bewegung vorſtürzend; die edle Sprache, der ſchöne ruhige Ernſt, die ganze geiſtreiche Gefühls⸗ äußerung der jungen Großfürſtin machten auf ihn einen ganz andern Eindruck, als das widerſprechende Beneh⸗ men des anfänglich einem Wahnſinnigen, dann einem Komödianten gleichenden Großfürſten, welcher jetzt ſchwei⸗ gend und theilnahmlos vor dem Bette der Großfürſtin ſtand, und eben ſchwieg, weil die redete, welche ihm an Geiſt und Gefühlsausdruck weit überlegen war⸗ „Ach, meine erlauchte Czarewna!“ rief der junge 191 Lieutenant,„wie glücklich macht mich dieſer Augenblick, welcher mir die frohe Ueberzeugung verſchafft, daß auch die geringſte That der Ehre eines ruſſiſchen Offiziers im Czarenpalaſte an der Newa Anerkennung findet.“ „Bei mir gewiß,“ entgegnete die Czarewna;„in⸗ deß vergeßt nicht, Lieutenant, daß Ihr ein Kourier Eures Generals an den Kanzler Ihrer Majeſtät der Czarin ſeid; darum wird Euch mein Kammerdiener Skurin ſogleich zum Großkanzler geleiten, wo Ihr Eure weiteren Be⸗ fehle empfangen möget.“ Ein leiſes Kopfnicken der Czarewna entließ den Lieutenant, welcher jedoch nicht nöthig hatte noch nach dem Palaſte des Großkanzlers zu fragen, denn ſchon im letzten Vorzimmer der Czarewna verneigte ſich Skurin, der Kammerdiener Katharinens, vor einem ältlichen Herrn im reich gallonirten Staatskleide, deſſen Bruſt der Sanct Andreasorden deckte und welchen Herr Skurin dem Lieu⸗ tenant als den oberſten Kanzler Ihrer Majeſtät der Czarin, Grafen Beſtuſcheff, vorſtellte. Hinter dem Gra⸗ fen, der eben der Czarewna einen Beſuch zu machen kam, trat ein junger Offizier von der kaiſerlichen Garde in das Zimmer, welcher das Abzeichen eines Ordonanzoffiziers trug und offenbar zum Dienſte des Grafen oder ſeines Palaſtes gehörte. 192 Als ſich Lieutenant Michelſon vor dem Großkanz⸗ ler Rußlands neigte, ſich demſelben mit wenigen Wor⸗ ten als Ueberbringer der Siegesbotſchaft darſtellte und ihm ein verſiegeltes Schreiben des Generals Farmer überreichte, griff Beſtuſcheff mit ſichtlicher Haſt darnach und erbrach es ſogleich; ſeine Züge verriethen aber durch⸗ aus nicht jene Siegesfreude, welche der junge Kourier nach dem Inhalte der Siegesdepeſche erwartet hatte. „Unſere Truppen,“ ſagte er endlich nach einer lan⸗ gen Pauſe, während welcher er das Schreiben aus dem Heereslager, als ob er es ſtudieren wolle, angeſtarrt hatte,„unſere Truppen ſchlagen ſich alſo brav, und Ihre Majeſtät die Kaiſerin wird ſich ohne Zweifel freuen, ſo gute Nachrichten vom Schlachtfelde zu erhalten, und dem Kourier, der ſie überbringt,“ ſetzte er mit einem faſt hä⸗ miſchen Seitenblicke auf Lieutenant Michelſon hinzu, „mit allerhöchſter Huld und Gnade ein Patent im Garde⸗ corps zu Theil werden laſſen. Lieutenant Charlow,“ ſagte er in franzöſiſcher Sprache,„ſorgen Sie für den Herrn Kourier da, daß er in meinem Palaſte gute Un⸗ terkunft und Amuſement finde, bis ich ihn wieder rufen laſſe.“ Nach dieſer lakoniſchen Aufnahme des Siegeskou⸗ riers entfernte ſich der Großkanzler in die Appartements — 193 der Großfürſtin, während Lieutenant Michelſon mit dem Ordonanzoffizier Charlow allein im Zimmer zurückblieb. Wie ein Traum dünkte ihm Alles, was er bisher ge⸗ ſehen und gehört hatte. Er, der begeiſterte junge Offizier, welcher mit der Siegesbotſchaft nach Petersburg kam, und als ein Land⸗ junker zum erſtenmale in der Reſidenz, beinahe die ge⸗ wöhnliche Beleuchtung des Häuſermeeres der großen Cza⸗ renſtadt für eine ihn bewillkommnende Freudenillumination gehalten hätte, fand einen mit Kinderſpielzeug beſchäftig⸗ ten Hundebändiger in dem jungen Großfürſten, ruhigen aber freudenloſen Empfang bei deſſen Gemahlin und ſarkaſtiſche Kälte im Staatsgeſichte des erſten Reichs⸗ kanzlers. Aber ein gewiſſes Wohlwollen glaubte er bei dieſer erſten Begegnung auf dem jugendlichen Antlitze des Or⸗ donanzoffiziers Charlow zu leſen. Dieſer, ein junger Mann von gleichfalls einigen zwanzig Jahren, mit blon⸗ dem Barte und hellen blauen Augen, wie ein Kern⸗ ſchwede von beſter Sorte, trat ihm freundlich entgegen. „Ich leſe in Euren Zügen,“ ſagte er freundlich, Ddaß Euch der froſtige Empfang in dieſem Palaſte als Siegesbote hoch befremdet; nun, Ihr werdet bald kla⸗ rer ſehen, wenn Ihr erſt einige Tage in das Gewebe der Fäden geblickt haben werdet, welche die verſchiedenen 194 Regenten an dieſem Hofe nach ihren verſchiedenen Wün⸗ ſchen durcheinanderziehen.“ „Ich muß in der That geſtehen,“ entgegnete Mi⸗ chelſon,„daß ich für meine frohe Botſchaft einen andern Empfang erwartete; indeß gebührt mir hierüber kein Urtheil, und ich bitte Euch daher, mir jetzt meine Woh⸗ nung und einige Erfriſchung anzuweiſen, denn ich komme geradenwegs von der Landſtraße aus dem Schlitten, um auch keinen Augenblick die Abgabe meiner Depeſche zu verzögern.“ „Ihr ſeid doch Soldat vom Kopf bis zur Zehe,“ entgegnete lächelnd der Ordonanzoffizier;„pünktlich und raſch, wie man es nur immer wünſchen kann; folgt mir nur jetzt in meine eigene Wohnung im Palaſte des Groß⸗ kanzlers, wo Euch die beſten Zimmer zu Gebote ſtehen ſollen, und ſagt mir, wo Ihr Euren Schlitten mit Eurem Gepäcke ließet— es ſoll Alles beſorgt werden; aber merkt Euch's gleich im Vorhinein: der Hof iſt nur ein diplo⸗ matiſches Schlachtfeld, aber keines wie die Euren, wo Kanonen reden und Trompeten rufen, und welches ich für meine Perſon gerne ſtündlich mit dieſem Marmor⸗ boden vertauſchen würde; wir ſchwimmen aber hier in Ambra und Roſenduft, und da heute zum Beiſpiel drei Hochzeiten auf einmal gefeiert werden, nämlich: die des Grafen Alexander Stroganoff mit der Gräfin Anna —— — Maria Woronzoff, Tochter des BVicekanzlers, die des Herrn Leon Nariſchkin mit Fräulein Zakreffſty und die des Grafen Baturlin mit der Gräfin Woronzoff, ſo darf ein ſo wackerer Degen wie Ihr auf einem ſolchen Feſte, das die Czarin ſelbſt mit ihrer hohen Gegenwart beehren wird, nicht fehlen. Ihr werdet dabei,“ ſetzte der Garde⸗ lieutenant hinzu,„ſogleich ein wenig in die Karten ſchauen können, welche an dieſem Hofe gemiſcht werden, und deren Farben ich Euch gelegentlich erklären will.“ Damit zog der Ordonanzoffizier den jungen Kourier Michelſon aus dem Zimmer und geleitete ihn durch die Hallen und über die Treppen des Palaſtes jenem des Großkanzlers entgegen, um ihm Quartier zu machen.— Großkanzler Beſtuſcheff hatte aber alle Urſache ge⸗ habt, die Depeſche, welche Michelſon überbrachte, nicht mit jener Wärme zu empfangen, wie dieſer es erwartet hatte. Er hatte an dem ſeines Commandos entſetzten und in Unterſuchung befindlichen Marſchall Apraxin ſeinen Freund verloren, und dafür den Haß der mächtigen Schuwaloff's und Woronzoff's am ruſſiſchen Hofe ge⸗ wonnen. Der öſterreichiſche Geſandte Graf Eſterhazy und der franzöſiſche Marquis de[Hoſpital waren gleichfalls Gegner Beſtuſcheff's auf dem Schachbrette des Hofes, weil dieſer wollte, daß Rußland an ſeiner Allianz mit dem Wiener Hofe feſthalte und die Kaiſerin Maria The⸗ 196 reſia unterſtütze, aber durchaus nicht, daß die Cza⸗ rin in erſter Linie gegen Preußen kämpfe; die Herren Woronzoff und Jwan Schuwaloff befanden ſich ganz in den Händen der beiden genannten Geſandten. Während daher der Reichskanzler Graf Beſtuſcheff eben jetzt in den Appartements der Großfürſtin, gegenüber derſelben, offen ſein Bedauern über das haltloſe Vor⸗ ſchreiten der ruſſiſchen Truppen gegen die preußiſche Armee ausdrückte, ſtand der franzöſiſche Geſandte, Mar⸗ quis de[Hoſpital, mit einer Depeſche in der Hand vor dem Vicekanzler Grafen Woronzoff. „Herr Graf,“ ſagte er dieſem,„ſo eben habe ich dieſe Depeſche von meinem Hofe erhalten; es heißt darin, daß, wenn binnen vierzehn Tagen der Großkanzler Ihnen ſeine Stelle nicht räumt, ich mich ferner an ihn wenden und nur noch mit ihm die Geſandſchaftsgeſchäfte beſor⸗ gen ſoll.“ Wie eine Flamme zündete dieſes Wort bei dem Vicekanzler, er eilte zu IJwan Schuwaloff, und Beide begaben ſich— zur Kaiſerin. Als nun die Nebel der herabſinkenden Nacht über dem Wogenbette der Newa lagen, da leuchteten im Win⸗ terpalaſte wohl mehr als tauſend Fenſter, da wogten be⸗ bänderte und betreßte Gäſte der Geladenen der erwähnten drei Hochzeitsfeſte in den Sälen des Palaſtes auf und 197 nieder, und auch Lieutenant Michelſon, der Siegeskourier trat, die ſchlanken Glieder in die ſchöne Huſarenuniform gehüllt und den Säbel an der Lende, am Arme des ihm bereits mit großer Zutraulichkeit entgegenkommenden Gardelieutenants Charlow in den großen Saal, wo eine Rieſenbande von Muſikern der Hauptſtadt mit ihren Blechinſtrumenten, Pauken und Trommeln das große Wort führte. Schon waren ſämmtliche Würdenträger des Reiches und der Armee, welche Petersburg eben in ſeinen Mauern enthielt, in dieſen, von Düften aller Art durch⸗ würzten, mit Goldtapeten, Prachtgemälden und dem gan⸗ zen Treibhaus⸗Frühling einer orientaliſchen Flora gezier⸗ ten Sälen verſammelt, ſchon ſaß auch die Großfürſtin Katharina auf ihrem etwas erhabenen Sitze am Spiel⸗ tiſche, nur der Großfürſt fehlte noch und die Czarin. Von Erſterem war es Niemandem befremdend, denn, wie Gardelieutenant Charlow ſeinem neuen Zimmer⸗ genoſſen Michelſon ſogleich„gelegentlich“ erzählte, hatte ſich Seine Hoheit wahrſcheinlich mit„ſeinen guten Freun⸗ den“ wieder in ſeinem Lieblingselemente, dem„gebrann⸗ ten Waſſer“ zu ſehr vertieft und zog jedenfalls ſeine „häuslichen Freuden“ dem bal paré Ihrer Majeſtät vor. Dafür ſtand ein anderer junger und ſchöner Mann in polniſchem Waffenrocke mit ſtolzer freier Miene dicht hinter dem Stuhle der Czarewna, und ſchien jeden ihrer 198 Blicke, jeden ihrer Winke zu belauſchen. Gardelieutenant Charlow nannte ihn den Grafen Poniatowſky, und Nie⸗ mand hätte es damals vorausgeſagt, daß in dieſem Manne ein künftiger König von Polen ſtecke. Die um den Stuhl der Czarewna gereihten Damen ihres beſonderen Vertrauens, die Nariſchkin, Siniawin und Ismailoff, ſchienen oder wollten nichts von dem hören, was dieſer ſchöne Mann ihrer Gebieterin zu⸗ üſterte. Aber deſto feſter ruhten auf ihrem lächelnden Antlitze die Augen jenes Fräuleins im ſilbergeſtickten Sarafan, welches vor der Marmorbüſte des Harpokratos mit ein paar klugen Augen herüberblitzte. „Das iſt eine Gegenfüßlerin der Czarewna,“ lis⸗ pelte Charlow dem Reutenant Michelſon zu,„Fräulein Lapuſchkin, eine Tochter jener Unglücklichen, welche wegen ihrer politiſchen Verbindung mit dem Geſandten der Kai⸗ ſerin Maria Thereſia, Marquis Botta, ſeit langer Zeit in Sibirien verbannt iſt.“ „Und die Tochter kann auf dem Hofballe glänzen, während die Mutter im Elende ſchmachtet?“ fragte Michelſon. „Vielleicht iſt es kluge Politik,“ entgegnete Char⸗ low;„der Großfürſt kann für jetzt gegen den Strom nicht ſchwimmen, wird er einſt Selbſtherrſcher, ſo wird ———— 199 die Zurückberufung der armen Mutter dieſer glänzenden Tochter wohl eine ſeiner erſten Verfügungen ſein.“ „Alſo ein kindliches Opfer der Tochter für die Mutter,“ ſagte Michelſon bitter lächelnd;„und wer iſt die kleine häßliche Dame dort mit dem Mulattengeſichte und der ſiebenfachen Diamantenkette um ihren Haar⸗ wulſt?“ „Auch eine Gegenfüßlerin der Czarewna,“ entgeg⸗ nete leiſe der Gardelieutenant;„es iſt die Prinzeſſin von Kurland, eine intrignante, unverträgliche, ränkeſüchtige Perſon, aber nichts deſto weniger in großer Gunſt bei Seiner Hoheit dem deſignirten Thronfolger der Czarin.“ „Seltſamer Geſchmack dieſes Fürſten,“ ſagte Mi⸗ chelſon lächelnd;„und jene hübſche Brünette in der Fenſterniſche neben dem großen Venetianerſpiegel?“ „Das iſt Frau Eliſe Carr, die Gemahlin des Stallmeiſters Fürſten Gallitzin, auch eine emeritirte Ge⸗ genfüßlerin der Czarewna.“ „Beim Barte des heiligen Jwan!“ rief Lieutenant Michelſon mehr unwillig als heiter,„der Großfürſt gleicht ja einem Paſcha der Osmanli in optima forma.“ „Und wenn Ihr,“ fuhr Lieutenant Charlow fort, „wiſſen wollt, welche Dame dermalen das lenkſame Herz unſeres nordiſchen Amadis erfüllt, ſo wendet gütigſt Euren Blick auf die andere Seite— dort, wo ihr den, mit dem 200 ganzen Schmuck ſeines Auslagkaſtens verbrämten Hof⸗ Juvelier Bernardi und den reich gollonirten Adjutanten des Oberſtjägermeiſters Raſumowſty Teleguin an der Marmorbüſte Peter des Großen mit unſerm Hofſprach⸗ meiſter Adaduroff im eifrigen Geſpräche begriffen ſeht; dieſe Herren ſind ſämmtlich große Anhänger des Groß⸗ kanzlers Beſtuſcheff, und die junge Dame neben ihnen, mit dem dunklen reichen Lockenhaare und dem goldſchim⸗ mernden Seidengürtel um den ſchlanken Leib, iſt Gräfin Eliſabeth Woronzoff, die dermalige Flamme des Groß⸗ fürſten und daher auch Gegenfüßlerin der Czarewna.“ „Die ſich, wie ich ſehe, auch ihrerſeits wieder für die Untreue ihres Gemahls entſchädigt,“ fiel der Lieu⸗ tenant Michelſon ein. „Und ſchon mehrfach entſchädigt hat,“ ergänzte der Berichterſtatter.„Ihr werdet doch wohl von dem ſchö⸗ nen Soltikoff gehört haben, oder noch zu hören bekom⸗ men, welcher unſere junge Czarewna durch ſeinen Ver⸗ ſtand und ſeine Anmuth zu bezaubern wußte, aber auf ſeinen Geſandſchaften an fremden Höhen oft und ſo lange abweſend war, daß er endlich der Großfürſtin gleichgiltig, und durch den nicht minder jungen und ſchönen Auguſt Poniatowſty, den ihr da drüben am Stuhle der Czarewna ſo eben bewundert habt, förmlich ausgeſtochen wurde.“ 201 Lieutenant Michelſon wollte wieder eine ſarkaſtiſche Gegenbemerkung machen; aber jetzt ſäuſelte es wie ein unheimlicher Windſtrich durch den Prachtſaal: daß man die längſt erwartete Ankunft Ihrer Majeſtät der Czarin auf dem Balle für heute vergebens entgegenſehe, weil Höchſtdieſelbe, durch äußerſt wichtige und dringende Staatsangelegenheiten veranlaßt, ihr Erſcheinen abzu⸗ ſagen, und eine außerordentliche Conferenz der ſämmt⸗ lichen Staatscoryphäen des geheimen Conſeils anzu⸗ ordnen geruht habe. In der That ſaß die Selbſtherrſcherin aller Reuſſen Gzarin Eliſabeth eben in dieſer Stunde bereits in den obern Sälen des Palaſtes mitten unter ihren Räthen. Ihr ganzes Ausſehen war ſehr leidend, denn der am S. September des verfloſſenen Jahres von ihr bei der Dorfkirche in Zarskoe⸗Selo erlittene Schlaganfall ſchien die Kraft ihres ſtarken Körpers gebrochen, ihre Geſund⸗ heit unwiederbringlich erſchüttert zu haben. Bleich und leidend ſaß Eliſabeth in ihrem vergol⸗ deten Armſtuhle; ihr glanzloſes Auge ruhte mit mattem Schimmer auf ihrer Umgebung, und nur der Unmuth unerfüllter Erwartung ſprach ſich auf ihrer faltenreichen Stirne aus. So eben berichtete ihr Herr Wolkoff, welcher als Sekretär an dieſem Conferenztiſche zu fungiren ſchien, 1860. XVI. Pugadew. I. 13 und neben welchem der General Alexander Schuwaloff, der Marſchall Buturlin und der Oberſtaatsanwalt Fürſt Trubetzkoy ſaßen, daß ſich der in dieſe Verſammlung berufene Großkanzler Graf Beſtuſcheff mit Krankheit entſchuldigen laſſe, daher nicht, wie es die Czarin befahl, erſcheinen könne. Aber im matten Auge der Selbſtherrſcherin aller Reuſſen flammte jetzt ein Blitz.„Das iſt Ungehorſam!“ donnerte ſie dem Sekretär entgegen,„das iſt Meuterei! Man ſage dem Großkanzler: er habe ſich ohne Verzug hier einzufinden, wenn er nicht heute noch nach den Step⸗ pen Kamtſchakas abfahren wolle!“ In weniger als zehn Minuten ſtand der Graf Beſtuſcheff ſcheinbar ruhig, aber bleich wie ein Todter, vor dem Lehnſtuhle der Czarin. „Warum legte man mir nicht die Depeſchen, welche meine Generäle vom Schlachtfelde in Preußen ein⸗ ſandten, und worin über einen Sieg meiner Truppen berichtet wurde, augenblicklich vor?“ donnerte ſie dem Kanzler zu. „Eure Majeſtät geruhen gnädigſt zu entſchuldigen,“ entgegnete mit unſicherer Stimme der Großkanzler,„der Kourier Lieutenant Michelſon, welcher dieſe Depeſchen überbrachte, ließ ſich zuerſt bei Ihrer Hoheit der Cza⸗ rewna melden, und erſt im Vorzimmer ihrer Appartements 203 bekam ich das vom General Farmer an mich gerichtete Schreiben zu Geſichte.“ „Der Kourier Lieutenant Michelſon geht morgen nach Kaſan ab, und wird zu dem dortigen Feſtungs⸗ Commando verſetzt,“ entſchied die Czarin.„Ich würde ihn nach Irkutz ſchicken, hätte ich nicht von ſeiner bei Kunersdorf bewieſenen Bravour bereits auf anderem Wege Nachrichten. Aber warum muß ich dieſe eben zuerſt durch andere Hände, und nicht vor allem durch die des Großkanzlers meines Reiches erhalten?“ ſetzte ſie mit einem vernichtenden Blicke auf den Grafen Beſtuſcheff hinzu. Dieſer ſchwieg, aber ſein Blick ſtrich ſeitwärts über die ſchadenfrohen Geſichter an der Tafel und blieb auf dem zuckenden Mundwinkel des Grafen Alexander Schu⸗ waloff haften. Er ahnte ſein Schickſal. „Ich kenne Eure Politica, Graf,“ nahm jetzt die Kaiſerin mit ſteigender Gereiztheit wieder das Wort; „o ich weiß, wie Ihr nur ſtets mit einem Auge nach Berlin hinüberſchielt, und nur ein halbes für den Ruhm und die Ehre Eurer Kaiſerin habt.— Graf Beſtuſcheff, geſteht es, Ihr ſeid ein Preußenfreund, ein Freund des Feodor Fedorowitſch, den ſie in Deutſchland bereits den Großen nennen— und da Ihr und Eure Kreaturen meinen Lebensfaden ſchon im Ablaufen begriffen wähnet, 13* 204 ſo wollt Ihr die Actionen meiner ſiegreichen Armee in Deutſchland ſo lange möglichſt hemmen, bis mein deſignir⸗ ter Nachfolger, der tolle Peter von Holſtein⸗Gottorp mei⸗ nen Thron beſtiegen haben wird; dann werdet Ihr raſch unſere Armeen aus Preußen zurückziehen und dem großen Friedrich an der Newa neben der Statue des großen Peter wohl ein Monument bauen, ob auch die todte Czarin Eliſabeth ſich in ihrer Gruft darüber um⸗ drehe— oder iſt's nicht ſo, Graf Beſtuſcheff?“ Der Graf, deſſen innerſte Gedanken die Czarin mit dieſer Philippica wohl aufgedeckt haben mochte, ſchlug ſeine Augen zu Boden, aber er mochte kein Verläugner ſeines eigenen politiſchen Glaubensbekenntniſſes werden. „Ihre Majeſtät, ſagte er mit ſchwankender Stimme,„hat meiner Politik ſtets Vertrauen geſchenkt.“ „Das Ihr ſchmählich mißbraucht habt,“ fuhr die Czarin dazwiſchen.„Ihr wußtet, Graf, daß ich aus Prinzip eine Feindin Preußens bin und es bleiben werde ſo lange ich lebe, daß ich eine Lapuſchkin und Eure Namensverwandte, eine Beſtuſcheff ſelbſt in's Exil nach Sibirien jagte, weil ſie für Preußen gegen mich kon⸗ ſpirirten. Daſſelbe Schickſal, Graf, kann auch Euch werden, und noch mehr; je größer das Vertrauen, deſto größer die Strafe für deſſen Täuſchung!“ 205 Dann wandte ſich die Czarin zu dem Fürſten Trubetzkoy: „Schreibt es nieder, Oberſtaatsanwalt!“ donnerte ſie;„der Oberſtkanzler Graf Beſtuſcheff iſt von dieſen ſeinen Würden und Aemtern entſetzt, verliert ſeine Orden und wird caſſirt. Man laſſe ihn vorläufig in Haft ſetzen, und ſeine Kreaturen, die Preußenfreunde Bernard, Tele⸗ guin und Adaduroff mit ihm; ob ich ihn nach Sibirien ſchicke, darüber ſoll eine Kommiſſion, welche Ihr Herren bilden werdet, nach Recht und Urtheil entſcheiden. Meinen Generälen in Preußen,“ ſchloß die ergrimmte Selbſt⸗ herrſcherin,„will ich aber Beine machen und ihnen ZJuch⸗ ten am Ob und Zeniſei anweiſen, wenn ſie noch länger zögern, ihre Siege gegen den Spreekönig zu verfolgen!“ Damit erhob ſich die Czarin und verließ auf die, bei dem großen Lärm, den dieſer Auftritt verurſachte, beſorgt in den Saal ſtürzende Oberſthofmeiſterin Gräfin Tſchoglokow geſtützt, den Conferenzſaal. Eine Viertelſtunde ſpäter marſchirte eine Compagnie Grenadiere durch die Moika, wo die Häuſer der Grafen Alexander und Peter Schuwaloff lagen. Die Soldaten meinten, es handle ſich um die Verhaftung der Letzt⸗ genannten.„Gott ſei Dank,“ ſagten ſie,„wir ſollen dieſe verfluchten Schuwaloffs arretiren, die nichts thun, als Monopole erfinden.“— Als ſie aber hörten, daß Graf 206 Beſtuſcheff zu verhaften ſei, riefen ſie kleinmüthig und kleinlaut:„Er iſt es nicht, ſondern die Andern, die das Volk mit Füßen treten.“ Graf Beſtuſcheff wurde alſo verhaftet, und mit ihm der Hofjuwelier Bernardi, der geweſene Adjutant Tele⸗ guin und der Sprachmeiſter Adaduroff, welche vom Balle weggeholt wurden. Lieutenant Michelſon erhielt„aus beſonderer Gna⸗ de“ die Weiſung, augenblicklich zur Beſatzung der Feſtung Kaſan in Sibirien abzugehen. Graf Beſtuſcheff, der Großkanzler des ruſſiſchen Reiches, war alſo geſtürzt, und blieb es, obwohl er ſpäter nicht nach Sibirien wanderte. Der Großfürſt hatte ihn nie geliebt, er ſchien alſo, als er ſeinen Sturz erfuhr, ſehr vergnügt; anders die Czarewna, in welcher der einſichtsvolle, nachdenkende Großkanzler bei der zuneh⸗ menden Kränklichkeit der Czarin und deren wiederholten Krämpfen die einzige Perfönlichkeit erblickte, auf welche er, für den Fall der Unfähigkeit der Kaiſerin, die Hoff⸗ nung des Staates gründen konnte, und die er, wenn auch der Großfürſt zum Kaiſer ausgerufen würde, als Mit⸗ regentin erklären wollte. Katharina konnte daher an ſeiner Verhaftung keine Freude finden.„Was bedeuten denn dieſe ſchönen Sachen; haben Sie mehr Verbrechen als Verbrecher, oder mehr 207 Verbrecher als Verbrechen gefunden?“ fragte ſie den Oberſtaatsanwalt und Heirathsmarſchall Fürſten Nikita Trubetzkoy. „Wir haben gethan, was man uns befohlen hat,“ antwortete dieſer;„aber was die Verbrechen betrifft, ſo ſucht man darnach— bis jetzt iſt das Verfahren vom Glücke nicht gekrönt.“ Es war auch in der Folge nicht vom Glücke ge⸗ krönt, obwohl man von Seite der Unterſuchungs⸗Kom⸗ miſſion gleich im erſten Augenblicke allen Geſandten, Räthen und Beamten Rußlands an fremden Höfen durch das Collegium der auswärtigen Angelegenheiten befohlen hatte, Copien der Depeſchen zu ſchicken, welche Graf Beſtuſcheff geſchrieben hatte, um hierin etwas aufzufin⸗ den, was ihm die Kaiſerin nicht befohlen habe. Da aber die Kaiſerin weder etwas ſchrieb noch unterzeichnete, ſo hatte er freie Hand gehabt, und man konnte ihn keines Verbrechens überweiſen. Man langweilte ſich zuletzt mit der Sache und endigte ſie nach Jahresfriſt mit der Ver⸗ öffentlichung des Manifeſtes, welches man am Tage nach der Verhaftung des Großkanzlers begonnen hatte. Als aber die Czarin an dem Tage dieſer Verhaf⸗ tung, wie erzählt, den Conferenztiſch verlaſſen hatte, war ihr erſter Schritt zu ihrem Schreibtiſche. Dort riß ſie ein Blatt Papier heraus und ſchickte ſich an, mit eigener 208 Hand einen eben ſo ernſten als ſtrengen Befehl an ihre Generäle in Preußen zu entwerfen, wodurch dieſe bei Vermeidung der höchſten Ungnade ihrer Gebieterin an⸗ gewieſen wurden,„mit Mann und Roß, mit fliegenden Fahnen und rollenden Wägen gegen den Erzfeind der Czarin, den König von Preußen vorwärts zu ſtürmen, ſeine Armeen zu vernichten, und nicht Halt zu machen, bis ſie ihm die Krone vom Haupte—“ Da hielt die zorn⸗ glühende Czarin mit einem furchtbaren Schrei plötzlich inne, und wies, als Frau Tſchoglokow, die Oberſthofmei⸗ ſterin, herbeiſtürzte und bis zum Tode erſchrocken nach der Urſache dieſes Jammerrufes fragte, auf eine kleine Weſpe, welche in der Stubenwärme vom Winterſchlafe erwacht, die mächtige Czarin in die Hand geſtochen hatte, und jetzt in das Tintenfaß fiel, wo das Thierchen ſeinen Tod fand. Das war ein„böſes Omen— ein Anzeichen“. Die Czarin ſchleuderte ihre Feder zur Erde und— die Ordre an die Generäle blieb unausgefertigt, und die Armeen der Czarin fuhren fort, ſich mit gewohnter Langſamkeit zu bewegen, weil ſie auf den Tod der kränkelnden Czarin rechneten und Peter's des Großfürſten Abneigung gegen den Krieg mit Preußen kannten— und Friedrich II., wel⸗ cher ſich damals in einer ſehr bedrängten, vielleicht in der bedrängteſten Lage ſeines Lebens befand, war für 209 den Augenblick und bei dem ſpäter wechſelnden Kriegs⸗ glücke für immer gerettet. Dieſe Weſpe gehörte alſo, wie ein Geſchichtsſchreiber Rußlands*) ſagt, mit zu den Urſachen, durch welche Friedrich II. glücklich aus ſeinen Gefahren hervorging. Was alſo weder die frommgläubigen Herren des nun lange ſchon in Trümmern geſtürzten Inquiſitions⸗ gebäudes in Liſſabon, was weder die himmelſtürmenden Donnerrufe der freiheitsſchwindelnden Pigmäen am Po⸗ tomak in Amerika bewirken konnten: die Hemmung der Fortſchritte der ruſſiſchen Heeresmaſſen auf deutſch⸗preu⸗ ßiſchem Boden, bewirkte nach dem unerforſchlichen Rath⸗ ſchluſſe der Vorſehung— eine kleine Weſpe. Achtes Capitel. Ein Doppelgänger. Am Tage vor dem Feſte der Geburt Chriſti, nach griechiſch⸗ruſſiſchem Ritus d. i. am 5. Jänner des Jah⸗ res 1762, hauchte die Kaiſerin aller Reuſſen, Eliſabeth, *) Auguſt L. Herrmann Geſchichte Rußlands. 3. B. S. 105. 210 ihren Geiſt aus. Der ſeltſam gemiſchte Charakter dieſer Regentin, in welchem ſich Härte mit Weichheit, Sanft⸗ muth mit Grauſamkeit, Bigotterie mit den freieſten Sit⸗ ten paarten, weiſt ihr in der Geſchichte wohl nicht die Stelle einer willensfeſten und darum großen Herrſcherin an. Es iſt wahr, nie hatte ſie ein Todesurtheil unter⸗ ſchrieben; aber tauſende von Verbannten ſchmachteten auf ihren Befehl in Sibirien; ſtrenge hielt ſie die gebotenen Faſttage, ſtrenge beobachtete ſie die Gebräuche ihrer Kir⸗ che, und ſtrafte ihre Vernachläſſigung bis zur Härte; aber nichts weniger als ſtrenge waren ihre eigenen Sitten, und dieſe verdarben die ihres Hofes. Auf den von ihr verlaſſenen Thron ſtieg nun Peter von Holſtein, unter dem Namen Peter III. Seine erſte Handlung auf dem Throne war der Friedensſchluß mit ſeinem„Meiſterkönige“ Friedrich II. von Preußen; ſein zweiter Gedanke: die Wiedergewin⸗ nung des Herzogthums Holſtein⸗Gottorp, welches er an Dänemark abgetreten hatte, als er auf den Thron Ruß⸗ lands berufen worden war. Er ließ daher an den König von Dänemark ſogleich die nachdrücklichſten Erklärungen in dieſer Beziehung gelangen und rüſtete wirklich zum Kriege. Sein dritter, ſogleich zur Ausführung gebrachter und jedenfalls löblicher Gedanke aber war die Rückberu⸗ 211 fung vieler Verbannter aus Sibirien; insbeſondere des Herzogs von Kurland, Biron, und deſſen Sohn, des Marſchalls Münnich und vieler Anderer, die er wieder in ihre Aemter einſetzte. Löblich waren auch manche Verän⸗ derungen, welche er im Militär anordnete, bei welchem er das preußiſche Erercitium einführte, die grauſamen Stra⸗ fen des gemeinen Mannes und die erniedrigenden des Offiziers abſchaffte. Ein neues Handelsgericht, viele Handelsfreiheiten und die Abſchaffung der furchtbaren, ganz auf das ſchänd⸗ liche Denunziationsweſen begründeten geheimen Kanzlei, die dem Adel Rußlands geſtattete Freiheit, in Kriegs⸗ oder Staatsdienſte zu treten, oder ſeine Güter zu bewoh⸗ nen, dieſe zu verkaufen, zu reiſen und ſelbſt in fremde Dienſte zu treten, die Vereinigung der überflüßigen geiſt⸗ lichen Ländereien mit der Krone und Feſtſetzung von Jahresgehalten für dieſelben— das waren die Lichtblicke in der kurzen Regierung dieſes Monarchen, deſſen menſch⸗ liche Schattenſeiten oben in einigen Umriſſen nach dem Zeugniſſe ſeiner Frau, vielleicht nicht ganz unparteiiſch, überliefert ſind. Aber am meiſten mißfielen dieſe Veränderungen der ruſſiſchen Geiſtlichkeit, welche den jungen Kaiſer zu haſſen begann, und als Peter dem Erzbiſchof von Nowgorod befahl, die Ueberzahl von Bildern in den Kirchen ab⸗ 212 zuſchaffen, da grollte und murrte es zum erſtenmale vernehmlich unter dem Volke, man raunte ſich in die offenen Ohren: der Kaiſer wolle ſtatt der griechiſchen die lutheriſche Lehre in Rußland einführen, denn er habe für ſein holſteiniſches Regiment in Oranienbaum ein evangeliſches Bisthum einrichten laſſen. So fiel Pe⸗ ter III. bei dem ruſſiſchen Volke in Ungnade. Aber er war auch ſchon lange in die Ungnade ſeiner Gemahlin gefallen; Katharina, deren Herz er ſich durch ſeine regelloſe Lebensweiſe bald entfremdet hatte, und welche ſich daher gleichfalls für berechtigt hielt, durch den zwangloſen Umgang mit ihren Günſtlingen ſich zu entſchädigen, wurde beſonders dadurch mißtrauiſch ge⸗ macht, daß Peter ſeinen Oheim, den Herzog Ludwig von Holſtein, an ſeinen Hof zog und mit Auszeichnungen überſchüttete; man ſagte deshalb: Peter betrachte den Herzog als ſeinen Thronerben, und Katharina mit dem kleinen Sohne Paul würden in einer Feſtung ihr Leben beſchließen. War es ein Wunder, daß dieſe Sage, welche in der ruſſiſchen Geſchichte ſchon ſo viele Beiſpiele hatte, Glauben fand? Der Friede mit Preußen war ſomit geſchloſſen und die ruſſiſchen Heeresmaſſen zogen nach allen Seiten in ihre Heimath zurück. Es war an einem ſchönen Abende der erſten Juni⸗ — — 213 tage des Jahres 1762, als die untergehende Sonne mit voller Farbenpracht die unendliche Menge der Thür⸗ me von Moskau, dieſes geſchichtlichen Mittelpunktes aller volksthümlichen und religiöſen Gefühle der Ruſſen, dieſer„heiligen Mutter“, vor welcher der ruſſiſche Bauer ſeine Mütze ehrfurchtsvoll abnimmt, und vor welcher kein Großruſſe des unermeßlichen Reiches von Archangel bis Odeſſa ohne ein religiös freudiges Gefühl, ohne ſchwärmeriſche Liebe ſpricht, wie mit einem rothen Feuermeer vergoldete. Petersburg, das„Schönfenſter“, welches, wie der Ruſſe ſagt, Peter I. geöffnet habe, um nach Europa hinauszuſehen, hat nicht dieſen echt ruſſiſch⸗nationalen Charakter, wie das uralte Moskau mit ſeinem, den Flä⸗ chenraum einer halben Stunde einnehmenden Kreml, mit ſeinem alten Czarenpalaſte, ſeinen Kathedralen, ſeinen Kirchen und Klöſtern, ſeinem Krongebände und einhundert und ſiebzig Thürmen— dort in dem neuen Arſenale der Oruſchcheinaja palata liegt der Schatz von Kronen und Sceptern, von Thronen und Waffen, von Trinkgefäßen, Diamanten, Rubinen, Smaragden und Perlen, welchen die Czaren von Rußland im Laufe der Jahrhunderte auf⸗ gehäuft haben; dort ruht auch auf einem Kiſſen die älteſte Krone des Schatzes, welche Kaiſer Alexius Com⸗ nenus im Jahre 1116 dem Großfürſten Wladimir 2¹14 Chonomachus nach Kiew zu deſſen Krönung überſandt hatte. Das eigenthümliche Anſehen Moskaus wird durch ſeine zahlreichen Thürme hervorgerufen, welche von Stein aufgeführt, meiſt auf freien Plätzen liegen, daher ſie auch im Jahre 1812 durch die große Brandfakel, welche der Altruſſe den Franzoſen anzündete, wenig oder nichts von ihrer nationalen Phyſiognomie verloren, in⸗ dem auch der durch Kaiſer Napoleon geſprengte Theil des Kremls wieder ganz im alten Style aufgebaut wurde. Ein ſeltfumes Ausſehen haben in der That dieſe Thürme Moskaus, welche in zwibelförmigen Spitzen der grün angeſtrichenen, bei dem Thurme des Kreml aber ſtark vergoldeten und mit Halbmonden verſehenen Kup⸗ peln von Eiſen oder Kupferblech endigen. Wahrhaft harmoniſch und feierlich erklang von dem mehr als halben Tauſend dieſer Thürme der uralten Czarenſtadt Moskau an dem erwähnten ſchönen Abende des Juni— oder nach griechiſch⸗ruſſiſchem Ritus des ſchö⸗ nen Mai im Jahre 1762, der rieſenhafte Glockenſang. Es war der ſchöne Feiermonat, in welchem die Altruſſen ihr Feſt der Himmelfahrt des Herrn, ihr Feſt des heiligen Conſtantins und der heiligen Helena, ihr Pfingſtfeſt feierten und dem Feſte Allerheiligen entgegen faſteten; in welchem auch die Juden Moskaus ihr Wochenfeſt und die arabiſchen Türken ihren fünfunddreißigſten Tſchaum im Jahre feierten. Da war eben ein Leben und Lärmen, ein Rollen und Brauſen, ein Singen und Schreien, ein Gehen, Fahren und Reiten, daß die große Czarenſtadt einem Jahrmarkte glich, auf welchem ſich die Völker aller Welt verſammelt hatten, um ſich Feſte zu geben. Dort, auf einem freien Platze neben der Kirche des Waſſili Blaſcheni(des heiligen Baſilius) in Kikai Gorod ging es beſonders lebhaft zu. Dieſe Kirche, deren Be⸗ dachung faſt aus lauter von einander verſchiedenen und in ihren Farben abweichenden Kuppeln und Thürmen beſteht, baute Czar Zwan Waſſiljewitſch der Grauſame im Jahre 1554 zum Andenken der Eroberung Kaſans; er ſoll den italieniſchen Baumeiſter, als ſie vollendet war, gefragt haben, ob er ſich getraue, den Plan zu einem noch wunderbarlicheren Gebäude zu entwerfen, und als dieſer es in ſeinem Stolze bejahte, ihn haben blenden laſſen. Dort auf dem großen Platze neben dieſer Kirche hatte die Volksbeluſtigung an dem erwähnten Abende den höchſten Gipfel erreicht; ein Haufe ruſſiſcher Tartaren, welche vom Norden Aſiens nach Moskau gekommen waren, um den jungen Kaiſer zu begrüßen, den man zum Beſuche in Moskau erwartete, feierte in gewohnter 216 Weiſe ſeinen„Saban“, d. i. ein ländliches Feſt, wie es bei den Tartaren jährlich nach beendeter Saat der Feld⸗ frucht durch allerhand Spiele, gymnaſtiſche Uebungen, Ringen und Wettlauf gefeiert wird; und die Bewohner dieſes Stattheiles von Moskau hatten ſich zahlreich eingefunden, um das Ungewöhnliche dieſes Tartaren⸗ feſtes mit anzuſehen und wohl auch Theil daran zu nehmen.* Die tartariſchen Männer hatten auf einem Raſen⸗ platze vor der Kirche einen großen Kreis geſchloſſen, in welchem nun das Ringen ſtattfand. Die Kämpfer warfen ihre Oberkleider ab, umkreiſten einander, wie die Wölfe des Nordens ihre Beute, und ſuchten ihre Gürtel einander um den Rücken zu ſchlingen, und ſich mittelſt derſelben in die Höhe zu ſchwingen und umzuwerfen. Dabei bogen ſie den Vorderleib gegeneinander, und hiel⸗ ten den Gürtel ganz kurz, ſo daß ſie gleichzeitig auch das Unterkleid des Gegners an den Rippen deſſelben faſſen und dieſen vor und rückwärts drängen konnten. Dort und da fiel nun Einer unter dem Jubelgeſchrei der Zuſehenden, zuweilen auch Beide zu Boden, und der Sieger, welcher den Beſiegten am Boden feſthielt, wurde durch das Zu⸗ jauchzen der Umſtehenden und durch kleine Geſchenke ſei⸗ ner Landsleute belohnt. Der Beſiegte entſprang ſeitwärts vom Platze, und Erſterer nahm es nun gemeiniglich mit neuen Gegnern auf, bis er zuletzt ermattet, gleichfalls einem neuen Sieger weichen mußte. Die herumſitzenden Frauen der Tartaren, welche über ihren Köpfen kleine Zelte aufgeſchlagen hatten, ergötzten ſich weidlich an die⸗ ſem Spiele, und ſprachen fleißig dem Thee und Kumiß und den getrockneten Aprikoſen zu, welche ſie in Geſchir⸗ ren und Körben neben ſich ſtehen hatten. Zetzt verhallte der Rieſenſang des harmoniſchen Glockengeläutes auf den Thürmen Moskaus mehr und mehr, die dem Spiele der Tartaren zuſehende Menge verlief ſich allmälig, und einzelne Ruſſen, deren Säckel vielleicht die Bezahlung einer beſſern Nachtherberge in der überfüllten Czarenſtadt nicht zuließ, ſuchten ſich unter den Bäumen nächſt der Waſſilikirche eine Schlafſtatt. Dort ſtreckten ſich auch zwei baumlange Reiter in's Gras. Es waren Koſaken mit dichten Ruſſenbärten; ſie betteten ſich neben ihren Pferden, und richteten ſich die Decken derſelben als weichen Kopfpfühl zurecht. Einige Schritte von ihnen ſtand ein langer ſtarker Mann in einen kurzen Mantel gehüllt, unter welchem ſeine Waffe hervorragte. Er ſtand mit verſchlungenen Armen und betrachtete mit ſeinen blitzenden kleinen Augen das ſich mehr und mehr entwirrende Getriebe nächſt der Kirche. Dort in dem Ziergarten eines ſchönes großen Palaſtes, deſſen grünes Gitterthor halb geöffnet war, und 1860. XVI. Pugabew. I. 14 218 aus welchem die Wohlgerüche einer vrientaliſchen Flora herüberdufteten, ſaßen an einem kleinen, von hohen Fruchtbäumen beſchatteten runden Marmortiſche fünf Männer, ſämmtlich von ernſten, entſchloſſenen Geſichts⸗ zügen, aber verſchiedener Kleidung. Der eine, welcher das große Wort an dieſer Tafel zu führen ſchien, auf welcher der in großen Flaſchen ſchimmernde Branntwein fleißig die Runde machte, trug den dunklen Vollbart des Altruſſen, und die über und über mit Gold beladene Uniform eines kaiſerlichen Hof⸗ kavaliers oberſter Klaſſe. Es war der Graf Panin, Oberſthofmeiſter des jungen Großfürſten Paul; ſein Nachbar, welcher die Generals⸗Uniform eines ruſſiſchen Artillerieoffiziers und das Kreuz des ruſſiſchen Alexander Newſty Ordens trug, war der Director des ruſſiſchen Artillerieweſens Orlow; neben ihm leerte ſein Freund der Artilleriegeneral Villebvis ſein Glas; die tiefländiſche Abſtammung ſprach ſich im Geſicht und Haltung des Edelmannes Rehbinder aus, welcher ihm eben dieſes Glas kredenzte. Der Mann an der gegenüber ſtehenden Tiſchſeite, welcher Dänemarks Farben im Wappen ſeines Fingerringes trug, war der aus Petersburg eben in Moskau anweſende däniſche Geſandte Graf von Ran⸗ zau. Neben ihm leerte ein Mann mit einem langen grauen Barte, im Kleide eines ruſſiſchen Popen, ſein Glas; es war der Hausgeiſtliche des Grafen Panin und ſein Rathgeber, der jetzt ſchweigend dem ernſten Inhalte der Reden dieſer Herren zuhörte. Dieſe Reden nahmen allmälig einen ſehr lebhaften Ausdruck an, denn der Generaldirector des Artillerie⸗ weſens hatte den Herren dieſer Geſellſchaft eben erzählt, wie Czar Peter III. nach allen Wahrnehmungen über ſeine Pläne und Abſichten damit umgehe, einen Schritt zu thun, welcher der Stellung aller Parteien am ruſſi⸗ ſchen Hofe eine gewaltige Veränderung geben würde. „Was gilt's,“ rief Graf Panin, halb lächelnd, halb ernſt,„es iſt wieder eine neue Gunſtdame des Kai⸗ ſers auf der Hofliſte des Sommerpalaſtes— nun, Katha⸗ rina von Rußland iſt dieſen Herzenswechſel ihres erlauch⸗ ten Gemahles ſchon gewohnt.“ „Ihr irrt, Herr Graf,“ entgegnete der Director der Artillerie ernſt und kurz;„diesmal iſt von keinem Wech⸗ ſel in den Neigungen des Czars, ſondern vielmehr von der Bekräftigung einer alten Bekanntſchaft mit dem unverlöſchbaren Staatsſiegel einer regelrechten Ehe die Rede.“ „Wie!“ rief der däniſche Geſandte mit dem Aus⸗ drucke der Ueberraſchung;„ſollte Katharina, die große, verſtändige und muthvolle Gemahlin des wetterwendiſchen 14* 220 Czaren, wohl gar das Schickſal der Schweſter Peter's I. theilen und in ein Kloſter—“ „So iſt es,“ entgegnete Orlow;„Ihr alle, meine Herren, kennt die Macht und den Einfluß, welchen Eli⸗ ſabeth Woronzoff, die ſchöne ſtolze Gräfin auf den Cza⸗ ren ausübt— nun ſie hat die Feſſeln, mit welchen ſie den Selbſtherrſcher aller Reuſſen ſo enge umſtrickt, bereits bis auf den äußerſten Knoten zuſammengezogen, und wir ſte⸗ hen ſchon am Vorabende jenes Tages, an welchem Grä⸗ fin Woronzoff im Kreml da drüben die Krone Iwan's auf ihr ſchönes Lockenhaupt ſenken und an der Seite Pe⸗ ter's UI. den Thronſeſſel einnehmen wird, von welchem die rechtmäßige Gemahlin Katharina in ein Kloſter hinabſteigen ſoll.“ Auf den Geſichtern der Zuhörer malte ſich das höchſte Staunen. „Fabelgerichte!“ brauſte jetzt der Geſandte auf; „woher kann Graf Orlow wiſſen—“ „Man müßte blind ſein,“ entgegnete Graf Orlow leichthin,„wenn man die triumphirenden Blicke der Wo⸗ rorzoff, ihre Sicherheit, mit der ſie ihrer großen Zukunft entgegen ſieht, nicht auf ihrem Antlitze wahrnähme.“ „Darum keine Zeit verloren,“ rief der däniſche Geſandte Graf Ranzau;„Peter III. taugt in der Länge — — 221 nicht auf den ruſſiſchen Thron, den nur Katharina ge⸗ bührend ausfüllen wird.“ „Das meine ich eben nicht,“ fiel Graf Panin der Oberſthofmeiſter ein;„Peter III. hat wenigſtens in der erſten Zeit ſeiner Regierung durch manche gute Eigen⸗ ſchaften bewieſen, daß er den ehrlichen Willen hat, ſein Volk glücklich zu machen; aber man hat ſeinen Willen ge⸗ ſchwächt, ſeine Sitten verdorben, und darum bedarf es einer ſtarken Stütze ſeiner Schwäche, einer Hand, welche im eigenen Intereſſe die Nebel zerſtreut, die Herrſchſucht, Leidenſchaft und Habgier der Günſtlingswirthſchaft um ſeinen Thronſeſſel ziehen. Meine Herren! nicht eine Ent⸗ thronung des Kaiſers alſo kann, das bin ich feſt über⸗ zeugt, Rußlands Glück und Wohlfahrt begründen; die Zeit der Staatsſtreiche iſt vorüber:— aber Katharina, die kluge, gelehrte und ſtarkmüthige Katharina muß an der Seite ihres Gemahls auf dem Throne Rußlands ſitzen und Theil nehmen an der Regierung des großen Czarenreiches. Das, meine Herren, zu bewerkſtelligen, wäre ein unblutiger Sieg, der Rußlands Wohl dauernd begründen würde, und zu einer ſolchen unblutigen Pa⸗ laſtrevolution biete ich meine Hand.“ „Nein! und abermals nein!“ donnerte Graf Or⸗ low darein;„ſo lange Peter III. auf dem Throne Ruß⸗ lands ſitzen wird, werden ihn auch ſeine Günſtlinge um⸗ 222 ſtehen, und Katharina, die kluge, gelehrte und ſtarkmüthige Katharina, wie Graf Panin ſie benennt, nie einen ent⸗ ſchiedenen Einfluß auf die Regierungsangelegenheiten üben. Die leidige Aushilfspolitik des Grafen Panin kann dem Lande nicht frommen, ſie würde das Kabinet von St. Petersburg nur in zwei Parteien ſpalten, den An⸗ hang Peter's und die unſere, und nimmer und nimmer könnte das Glück des Reiches aus dieſer Zwitterherrſchaft emporblühen. Darum“— bei dieſen Worten ergriff Graf Orlow ſein Glas und ſchwang es hoch in die Lüfte—„darum rufe ich mit Kraft und Entſchiedenheit: es lebe Katharina II., Kaiſerin von Rußland; in ein Klo⸗ ſter mit Peter und nach Sibirien mit ſeinen Kreaturen!“ „Hoch Katharina II., Kaiſerin von Rußland!“ rie⸗ fen die andern Herren am Tiſche mit Ausnahme Pa⸗ nin's; aber ſie riefen dies nicht zum zweitenmale, denn Todtenbläſſe bedeckte ſogleich das Antlitz des Liefländers Rehbinder; ſein langgeſtreckter Finger wies gegen das Gartengitter, wo die oberwähnten drei Koſaken mit ihren Pferden ſich's bequem gemacht hatten. Die Blicke der andern Herren an der Tafel folgten ſeinem Finger zu jener Stelle des Gitters, durch welchen im Nebel der eingetretenen Abenddämmerung ein langes bleiches Antlitz mit glühendem Blicke hereinlugte. „Der Kaiſer!“ lispelte der Liefländer. 223 „Er iſt es,“ entgegnete eben ſo leiſe Graf Panin. „Man hat uns belauſcht!“ rief mit nicht minder ſchwankender Stimme der däniſche Geſandte Graf Ran⸗ zau, während der Pope, ohne weiter ein Wort zu verlie⸗ ren, wie vom Windhauche Sibiriens angeweht, in den Seitenalleen des Gartens verſchwand. „Wir ſind verloren,“ ſagte der Artilleriegeneral Villebois, deſſen Auge wie feſtgebannt an dem bleichen Antlitze des Horchers am Gitterthore haftete. „Wenn wir uns verloren geben,“ fiel Graf Orlow mit gedämpfter Stimme ein.„Auf, meine Herren! Der Würfel liegt, wir ſind über dem Rubikon, und die Brücken hinter unſerm Rücken ſind abgebrannt. Auf! mir nach! In Petersburg ſehen wir uns wieder!“ In zwei Minuten ſtanden die großen Branntwein⸗ flaſchen wie verlaſſene Batterien einer felbflüchtigen Ar⸗ tillerie„einſam und allein“ auf dem Rundtiſche. Die begeiſterten Verehrer Katharinens, der Gemah⸗ lin Peter's III., waren ſämmtlich aus dem Garten ver⸗ ſchwunden, ihnen folgte der glühende Blick aus dem blei⸗ chen Antlitze, welches noch immer zwiſchen den Stangen des grünen Gitterthores in den Garten lugte. Durch dieſen kamen aber jetzt an der linken Seite, wo dichtes Gebüſch in allen Blumenfarben emporragte, zwei engelſchöne Geſtalten geſchritten. 224 Es waren zwei ruſſiſche Hofdamen, beide mit Gold, Diamanten und Perlen überladen, beide ihre weißen Nacken ſtolz emporwerfend und im angelegentlichen Ge⸗ ſpräche mit einander begriffen. Die eine, jünger und ſchöner als die andere, mit dunklem, von brennenden Diamantnadeln gezierten Haare, den ganzen Stolz einer Herrſcherin auf ihrem edelgeformten Antlitze tragend, war eine Gräfin; die andere, ältere und größere, aber nicht minder ſchöne, brunette Dame in gleichem, ja beinahe noch größerem Schmucke war eine Fürſtin, beide waren aber— dies verrieth die Aehnlichkeit ihrer Züge— leibliche Schweſtern. Sie ſpielten aber am ruſſiſchen Hofe verſchiedene Rollen; man nannte die Erſte die ſchöne Gräfin Eliſe Woronzoff, und beugte ſich vor ihr bis zur Erde, denn ſie war zur Zeit die auserkorene erſte Gunſtdame Peter's III., Kaiſers aller Reuſſen; die Andere war aber ihre Schweſter, die ſchöne, aber nicht minder eitle Fürſtin Daskoff. Beide Damen waren im eifrigen Geſpräche mit einander begriffen, welches aber leiſe und in dem Grade lauter geführt wurde, als ſich beide mehr und mehr aus der Umgebung des Palaſtes gegen das Gitterthor deſſelben entfernten. Jetzt legte Gräfin Eliſe Woronzoff ihre feinen Fin⸗ 225 ger wie zum Zeichen des Schweigens auf ihren ſchönen Mund, auf welchem ein feines Lächeln vorüberzog. „So hat er Dir das geſagt?“ fragte die Fürſtin, indem ſie, von einer glühenden Röthe übergoſſen, ſtehen blieb, und einen langen Blick auf ihre Schweſter warf, welcher das höchſte Erſtaunen ausdrückte. „Zweifelſt Du?“ fragte die ſchöne Gräfin entgegen; „nun, ich meinte, Du denkſt von unſerm Stammbaum höher, als daß Du mir zumuthen wirſt, mein Lebelang nur den Titel—“ „Dein Lebelang?“ fiel mit einem ſarkaſtiſchen Lächeln die Fürſtin Daskoff ein.„Ei, wer könnte glauben, daß Se. Majeſtät der allergnädigſte Czar Peter III. eine Favorit⸗Sultanin ihr ganzes Leben hindurch mit ſeinem Schnupftuche zu beglücken geruhen werde.“ „Höre, aber glaube,“ rief jetzt Gräfin Woronzoff mit ſteigender Gereiztheit;„ich ſage Dir aber, der Czar hat mir geſtern noch aus Petersburg, von wo er in einigen Tagen in dieſem Palaſte eintreffen wird, ein koſt⸗ bares Geſchenk zuſenden laſſen, deſſen glanzvoller Anblick alle Deine Zweifel zerſtreuen wird, wie der Strahl der Sonne das Nebelkleid der Berge zerreißt, wenn es endlich Tag wird vor den Augen der ſchlafenden Erde.“ „Und dies Geſchenk iſt?“ fragte die Fürſtin mit höchſter Spannung. 226 „Ein Diadem!“ rief die Gräfin mit einem trium⸗ phirenden Lächeln, indem ſie ein kleines Goldnetz aus dem Buſen zog, aus demſelben eine Demantenſchnur nahm und ſie der ungläubigen Fragerin vor die blitzenden Augen hielt. Die Fürſtin ſtarrte lautlos auf den Schmuck, wäh⸗ rend die feurigen Augen ihrer glücklichen Schweſter ſich an der namenloſen Ueberraſchung weideten, die ſich auf dem Antlitze der Ueberzeugten jetzt mit Todtenbläſſe, dann mit hoher Flammenröthe malte. Eine lange Pauſe trat ein. Dann beugte die Fürſtin Daskoff ihren ſchönen Nacken; Spott war es nicht, aber auch nicht der ſtille Ernſt der Freude, welcher ſich in ihren zitternden Geſichts⸗ muskeln ausſprach. „Die Fürſtin Daskoff,“ ſagte ſie kalt,„verbeugt ſich in Ehrfurcht vor Ihrer Majeſtät Eliſabeth Woron⸗ zoff, der künftigen Kaiſerin von Rußland.“ „Und Ihre Majeſtät Eliſabeth Woronzoff, die künf⸗ tige Kaiſerin von Rußland,“ entgegnete die Gräfin im gereizten Tone,„nimmt die Huldigung der Fürſten Das⸗ koff allergnädigſt entgegen, und wird nicht ermangeln, ſie zu ihrer erſten Palaſtdame zu erheben.“ „Welche ihr für dieſe allerhöchſte Auszeichnung den tiefſten Dank zu Füßen legt,“ entgegnete die Fürſtin, 227 „ſie aber vor der Hand noch mit ſchweſterlicher Vorſorge warnt, den von ihren unwiderſtehlichen Reizen, wie von ſeinen Branntweinamphoren begeiſterten Selbſtherrſcher aller Reuſſen nicht ſo unbedingt eine ewige Liebe, und ſeiner erlauchten Gemahlin Katharina eine ſo große Blindheit zuzutrauen, daß ſie, durch den zu früh hervor⸗ ſchimmernden Glanz izeeb in unrechte Hände gerathenen Diadems auf die rechte Spur gebracht, endlich dem neuen Heinrich VIII. nicht einen Strich durch ſeine ge⸗ heime Rechnung mache.“ Die Gräfin Woronzoff warf einen langen Blick auf das glühende Antlitz ihrer Schweſter; in ihrem Gehirne ſchien jetzt der Gedanke Raum zu faſſen, daß ſie ſich mit ihrer Mittheilung übereilt habe, und daß auch die Bruſt einer Schweſter keine ganz ſichere Stätte für die Auf⸗ bewahrung von Geheimniſſen ſei, von deren Verſchwei⸗ gung Tod und Leben abhängt. „Schweſter,“ ſagte ſie jetzt mit ſichtlich beklom⸗ mener Stimme,„was ich Dir eben anvertraute, hat au⸗ ßer Dir keine lebende Seele erfahren; es wäre himmel⸗ ſchreiend, wenn Du vor der Zeit—“ „Sei ruhig, Eliſe,“ entgegnete die Fürſtin lächelnd, „Dein Geheimniß liegt in meiner Bruſt begraben, wie im Schooße Gottes, aber verachte meine Warnung nicht; ich ſage Dir, dieſer Peter, dieſer Czar Peter, welcher 228 jetzt zu Deinen Füßen ſchmachtet, iſt ein herzloſer, roher, unbeſtändiger, durch ſeine Umgebung frühzeitig verdor⸗ bener Fürſt, welcher Deiner, die Du ihm ſo unbedingt vertrauſt, eben ſo wie eines Fräuleins Carr, einer La⸗ puſchkin, einer Prinzeſſin von Kurland und noch Anderer überdrüßig werden und Dich, wie er es mit ſeinen Pup⸗ pen, Hunden und Kalmücken zu thun pflegte, mit einer andern Puppe ſeines Hofes vertauſchen wird. Eliſe! ſei vorſichtig, fürchte Katharina und ihren hohen, entſchloſſe⸗ nen Geiſt, und wenn Dir Peter das Diadem ſeiner Krone auf das Haupt drücken will, ſo ſtreife es ab, denn Du könnteſt leicht eine zweite Anna Boleyn werden.“ „Nicht ſo ungeſtüm, Frau Fürſtin,“ fiel hier die Woronzoff lächelnd ein;„es ſcheint doch, daß nur die Mißgunſt Eure gelenkige Zunge in Bewegung ſetzt, und dieſe lebhafte Parteinahme für Katharina, die ehrgeizige Gemahlin des Czars, iſt in der That ſo bezeichnend, daß man glauben könnte, es bereite ſich ein neuer Staats⸗ ſtreich vor, wie ſie zu Eliſabeth's und Biron's Zeiten am Hofe zu Petersburg gang und gäbe waren.“ „Meint Ihr, Gräfin?“ rief jetzt die Fürſtin Das⸗ koff in gleichfalls ſteigender Aufregung,„meint Ihr, daß ich meine Begeiſterung für Katharina, die edle, ſtolze und geiſtvolle Czarin Rußlands, an deren Seite ſich Pe⸗ ter III. wie der Bube neben der Coeur⸗Dame im Kar⸗ 229 tenſpiele ausnimmt, etwa vor Euch, Schweſter, verläugnen ſollte? O nein, nein und dreimal nein, das hieße ja wie Petrus ſeinen Herrn verläugnen! Seht, Ihr habt Euer großes, für ein weibliches Herz faſt untragbares Geheim⸗ niß in meine Bruſt gelegt; ſeht, ich lege auch all mein Sehnen und Hoffen in Eure Bruſt und ſage Euch: nur Katharina mit ihrem großen hochgebildeten Geiſte, ihrer Beſonnenheit, Ruhe, Majeſtät und Würde, iſt der Brenn⸗ punkt, um welchen ſich die Großen des ruſſiſchen Hofes ſchaaren ſollten, wenn ſie ernſtlich an das Heil Ruß⸗ lands und ſeiner Völker dächten; Peter III. aber, dieſer in Leidenſchaften bis an die Stirne verſunkene tolle Wüſt⸗ ling—“ Ein furchtbarer Schrei der Gräfin Woronzoff un⸗ terbrach hier die ſchöne Standrede der Fürſtin Daskoff; ihr Auge folgte der Hand ihrer Schweſter, welche gegen das oberwähnte Gitter am Eingange des Palaſtgartens deutete. „Um Gottes Barmherzigkeit willen! wir ſind ver⸗ loren! der Czar!“ ſchrie die Fürſtin halb ohnmächtig zuſammenbrechend. „Er iſt es!“ rief die Gräfin Woronzoff, todtenblaß jenem bleichen Manne entgegenſtürzend, welcher jetzt lang⸗ ſam, ruhig und majeſtätiſch durch das von ſeiner Hand aufgeriſſene Gitterthor des Gartens hereinſchritt. 230 „Gnade, Eure Majeſtät!“ hauchte die Fürſtin ſich mit geſenktem Haupte nähernd; ſtumm und ſchweigend und mit auf der Bruſt gefalteten Händen ſtand die Grä⸗ fin vor dem Gefürchteten.„Mein Czar!“ hauchte ſie mit bis zur Todesangſt gepreßter Stimme aus ihrem hochwogenden ſchönen Buſen, während der kühlende Hauch des Abendwindes, wie ein mahnendes Lüftchen aus Si⸗ birien, die kleinen Schweißtropfen der hohen Stirnen bei⸗ der Damen abtrocknete. „Mein Czar!“ hauchte die ſchöne Gräfin noch ein⸗ mal, dann lauſchte ſie den zerſchmetternden Donnerwor⸗ ten, welche in nächſter Minute auf die verrathenen Da⸗ men aus dem Munde des ſo eben von der Fürſtin Das⸗ koff mit allen Ehrentiteln des ruſſiſchen Wörterbuches benannten Czaren herabſchmettern mußten.— Aber Er⸗ treme berühren ſich.— Ein derbes, weitſchallendes Ge⸗ lächter ſchallte den beiden zerknirrſchten ſchönen Sünde⸗ rinnen in die zitternden Ohren. Sie ſchlugen den geſenk⸗ ten Blick empor. Zetzt trat die runde Mondſcheibe mit ihrem falben Lichte hinter der reißenden Nachtwolke hervor; ſie beleuch⸗ tete mit ihrem Streifſchimmer die ganze hohe Geſtalt des Furchtbaren, der vor den zitternden Sünderinnen ſtand, und bis zu deſſen bleichen Geſichtszügen ſich jetzt 231 das Auge der Fürſtin Daskoff empor gewagt hatte, deſ⸗ ſen Blick plötzlich in eine ſeltſame Flamme aufſchlug. „Das iſt— nicht— der Czar!“ rief ſie entſetzt empor ſpringend. Jetzt hob auch die Gräfin Woronzoff ihr feuch⸗ tes Auge. „Er iſt es— nicht!“ rief ſie zurücktretend;„das iſt der Czar nicht!— und doch welche Aehnlichkeit!“ Ein faſt brüllendes Gelächter des langen Bleichen antwortete wieder. „Der Czar bin ich nicht,“ ſchallte es mit fremd⸗ artiger Stimme aus der Kehle dieſes Mannes den Er⸗ ſchrockenen in die Ohren,„aber was nicht iſt, das kann noch werden.“ „Wer ſeid Ihr, was wollt Ihr hier!“ ſchrie die Fürſtin Daskoff faſt wahnſinnig vor Aerger und Be⸗ ſchämung. „Man muß dem Gartenmeiſter die Knute geben, daß er das Thor nicht beſſer verſchließt,“ klang es von den ſchönen Lippen der ſonſt ſo ſanften, jetzt am ganzen Leibe zitternden, einer gereitzten Löwin ähnlichen Gräfin Woronzoff. „Wer ſeid Ihr?“ donnerte die Fürſtin abermals dem Langen entgegen, indeß ihr Auge mit dem Aus⸗ drucke des erneuerten Zweifels wieder ſeine Züge muſterte. 232 „Nun, ich bin der Koſak Jemelian Pugakew von Simoweisk am Don,“ entgegnete der Angerufene,„und wenn Ihr mich für den Czaren hieltet, ſo kann ich wahr⸗ lich nichts dafür, daß mich, wenn ich ihm ähnlich ſehe, der Herrgott nicht ſtatt ſeiner auf den ruſſiſchen Thron ſetzte; hätt er's aber gethan, ſo ließe ich Euch Beide hän⸗ gen,“ ſetzte er mit rohem Scherze hinzu,„denn ein Ko⸗ ſak kann ſchreiende Weiber in der Seele nicht leiden.“ Dieſer derbe Scherz des doniſchen Koſaken hatte aber zur Folge, daß die beiden Hofdamen ein wahrhaftes Zetergeſchrei erhoben, welches auch glücklich bis zu den Vorhallen des Palaſtes drang, worin ſich die Elite des damaligen ruſſiſchen Hofadels befand, welche der zum Allerheiligenfeſte erwarteten Ankunft des Czaren und ſeiner Gemahlin entgegenharrte. In weniger als fünf Minuten brannten Windlich⸗ ter und Laternen im ganzen Garten, und der erſte Haus⸗ hofmeiſter des Palaſtes ſtand, während die beiden Da⸗ men in den Palaſt retirirten und von hundert Fragen ihrer Standesgenoſſen beſtürmt wurden, mit einigen Hof⸗ garden in der Pforte des Gartens. „Was ſoll's?“ fragte er die drei Koſaken, welche, jetzt um ihre Pferde beſchäftigt, ein wenig zurückgetre⸗ ten waren. „Was wird's geben?“ ſchnaubte ihn einer der Rei⸗ 233 ter entgegen;„der Jemelian iſt ein wenig in den Gar⸗ ten getreten und Eure zierlichen Puppen haben ihn für den Czaren gehalten und ſind davon gerannt.“ „Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr hier?“ fragte der Haushofmeiſter weiter. Zetzt trat der größte der Koſaken wieder vor.„Ich ſagt' Euch ſchon, daß wir Koſaken vom Don ſind,“ ſagte er;„ich bin Jemelian Pugatew aus der Setſch von Simoweisk, und das ſind meine Landsleute der Tſchika und Salawatka. Wir kehren vom Feldzug in Preußen in un⸗ ſere Heimath zurück, und wollten uns in Moskau den Czaren anſehen, der, wie man uns ſagte, zum Allerhei⸗ ligenfeſt kommen ſoll. Nun habt Ihr mich aber ſelbſt für den Czaren gehalten,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„und das iſt noch beſſer, ſo weiß ich doch, daß ich mich nur in den Spiegel zu ſchauen brauche, wenn ich den Czaren ſehen will.“ „Packt Euch von dieſem Platze,“ donnerte der Haushofmeiſter, indem er ſich anſchickte, das Gitterthor zu ſchließen;„hier haben nur die hohen Herrſchaften das Recht einzutreten, für Geſindel Eures Gleichen gehören nur die Steppen am Don und Dnieper.“ Da ſtreckte ſich die Geſtalt des Koſaken Jemelian Pugakew in ihrer ganzen Mannslänge empor. „Oh, beim Barte meines Vaters!“ vief er,„meint 1860. XVI. Pugabew. I. 15 Ihr, daß wir uns nach Euren Treibhausgärten da drin⸗ nen ſehnen? O Ihr habt in Euren duftenden Sälen und durchräucherten Stuben noch nie geſchlürft die friſche, freie Luft unſerer Hochſteppen, ſeid nie dahin geflogen auf den Sätteln unſerer flüchtigen Roſſe hinter dem rothen Kaftan des Pulkownik*); Ihr ſeid Sklaven Eu⸗ rer Herren, ſeid Leibeigene in Eurem Palaſte: nur der Koſak iſt frei in ſeinen Steppen, und ein einziger Pulk enthält mehr Männer, als Euer ganzes Moskau und Petersburg in Prachtpaläſten zählt.“ Die letzten Worte des kühnen Koſaken verhallten im beginnenden Sturme eines allmälig nahenden ſchwe⸗ ren Gewitters, welches den Staub der Straßen Mos⸗ kau's aufwirbelte, während das Gitterthor des Palaſt⸗ gartens hinter den ſich mit ihren Rößlein allmälig ent⸗ fernenden Koſaken in ſeinen Angeln klirrte. Die Nacht ſank im Gewitterſturme auf das weite Moskau herab; demungeachtet rollten noch in dieſer Nacht mehrere unbedeckte Halbchaiſen aus dem erwähn⸗ ten Palaſte in Moskau auf der Straße nach Petersburg fort; ſie trugen den Grafen Orloff, den däniſchen Ge⸗ ſandten Grafen von Ranzau, den Grafen Panin und den Liefländer Rehbinder. *) Anführer einer Koſakenſchaar. 235 Dieſe Herren flogen wie aufgeſcheuchte Dohlen vor dem vollen Beginne des Sturmes nach einer andern Ge⸗ gend; denn ſie hatten von der„ſchweigſamen“ Fürſtin Daskoff bereits erfahren: daß Peter III. mit dem Ge⸗ danken umgehe, Rußlands Krone auf das Haupt ſeiner angebeteten Eliſe Gräfin Woronzoff zu ſetzen.. es galt daher den neuen Staatsſtreich mit einem neue⸗ ren Staatsſtreiche zu pariren. Venntes Cnpitel. 1 Ein Kronenfall. Es war am Tage Amos des Propheten, d. i. am 27. und nach griechiſch⸗ruſſiſchem Ritus am 15. Juni, nach der eben erzählten Scene, als die Abendſonne blutroth, wie ein großer zitternder Rubin über der am kaiſerlichen Sommergarten majeſtätiſch vorbeiſtrömenden Newa lag und die ſchönen Paläſte und Häuſer an dieſer Seite der großen Stadt Peter's I. mit ihren ſchwarz und grün lakirten Platten vergoldete; der prachtvolle Kaiſerhof Zarskoe⸗Selo, an welchem ein deutſcher Prinz nur einen Fehler rügte:„daß er kein Futteral habe,“ glich mit ſeinen zahlreichen blitzenden Fenſtern einem Feenpalaſt, 15* 236 worin der König der unterirdiſchen Schätze ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen habe, denn ſeine Fronte ſchim⸗ merte in tauſend Spiegellichtern; über den Landhäuſern und kleinen Gartenanlagen an der Straße, welche nach dem der See gegenüberliegenden Peterhofe führte, ſchim⸗ merte die Sternenpracht des reinſten Himmels, welche ſich in den hochgehenden Waſſerſäulen zahlloſer Spring⸗ brunnen ſpiegelte; man hatte ſie alle in Bewegung geſetzt, man hatte Baumateriale dort aufgehäuft, denn in weniger als zwei Wochen, am 29. Juni nach ruſſiſchem, am 11. Juli nach katholiſchem Ritus, ſollte ja das große Peter⸗ und Paulsfeſt daſelbſt gefeiert werden, welches der Czar mit ſeinem ganzen Hofe verherrlichen mußte. Weiter drüben auf der Kammenoy⸗Oſtrow, der ſogenannten„Steininſel“ ſaßen an dem erwähnten Abende des St. Amostages, an dem Tiſche der Unter⸗ ſtube eines kleinen Landhauſes, zwei Männer bei einem Glaſe ruſſiſchen Branntweins. Der eine war jener Ita⸗ liener Mazzarini, welcher an den Ufern des Potomak in Nordamerika ſein furchtbares politiſches Glaubens⸗ bekenntniß in die Winde hinausgerufen hatte; der andere war jener geſpenſtige Marquis von Betmar, welcher, ein unſtäter Ahasver, jetzt von den Hochkuppen des Altai herabſtieg, jetzt in den Niederungen des Nils, und jetzt wieder an den Geſtaden des Tajo wanderte, wie eben der 237 Zugwind ihn dahin blies, wo ſeine Ideen, Pläne und die Männer, in derem Intereſſe er handelte, es bezahlten. Jetzt ſaßen dieſe beiden ſeltſamen Männer zuerſt ſtumm und ſchweigend neben einander, wie etwa die Sturmvögel auf dem Hauptmaſte eines Schiffes ſitzen, in deſſen Takelwerk der bereits nahe drohende Orkan ſein erſtes Mahnlied ſäuſelt. Ihre Augen, klug und tief liegend, hatten ſich kaum begegnet, als ſie ſchon gegenſeitig in denſelben ſahen und laſen— jetzt fanden ſie beiderſeits ihr Intereſſe an einem Geſpräche, welches ſie anſcheinend wie zwei Weltrei⸗ ſende, die ſich zufällig in der Raſtſtube begegneten, in der That aber, um die Endziele dieſer Reiſen aus dieſem Geſpräche herauszuwittern, mit einander einfädelten. Marquis Betmar erzählte dem Italiener mit großer Unbefangenheit und nicht ohne bombaſtiſchen Schwung, wie er ſoeben von einer Reiſe aus dem chineſiſchen Gebirge zurückkomme, wo er ſich bei den fünf Teufels⸗ trümmern und auf der ſteilen Höhe der fünf Pferde⸗ köpfe von dem tauſendjährigen Bonzen neue Weisheit für ſein Leben und friſches Lebenswaſſer geholt habe. „Was hat es mit dieſen Teufelstrümmern und Pferdeköpfen für eine Bewandniß?“ fragte der Ita⸗ liener lächelnd, die lange Geſtalt des modernen Ahasver mit einem leiſen Lächeln vom Kopfe bis zum Fuße meſ⸗ ſend. 238 „Sie liegen in der Gegend des Pikiang⸗Flußes, wo die Strömung dieſes in die Boeca⸗Tigris mündenden Flußes am ſtärkſten iſt,“ entgegnete der Marquis;„dort liegen ungeheure Felſen, und ihre hochgewölbten Kalk⸗ ſteine ſchmettern oft auf die Engpäſſe, welche ſie umrin⸗ gen, nieder; dort iſt die gefahrvolle Stelle der fünf Teu⸗ felstrümmer— am Zuſammenfluße der zwei Ströme Tong⸗hu, des öſtlichen, und Si⸗hu, des weſtlichen Flu⸗ ßes; da, wo ſie eben den Namen des Pikiang annehmen, liegen die fünf Pferdeköpfe, d. i. fünf Berge, deren Ge⸗ talt aus der Ferne eben ſo vielen Pferdeköpfen ähnlich iſt. Auf einem der höchſten Gipfel dieſer Berge wohnt der tauſend Jahre alte Bonze Lu⸗za zwiſchen Trümmern eines einſtigen Bonzentempels; um ſeinen Leib trägt er eine eiſerne Kette; ſie fraß ſich bereits in's Fleiſch und Würmer fraßen ſich in dieſes, aber wenn einige dieſer Würmer abfallen und die Schmerzen des tauſendjährigen Büßers erleichtern, ſo legt er ſie wieder in den wunden Theil, indem er ſpricht:„es ſei noch weitere Nahrung für ſie vorhanden.“ Zuweilen beſucht er den nahen„fliegen⸗ den Hügel“ San⸗Vaen⸗hap, den der Stab eines Zau⸗ berers in einer Nacht aus den nördlichen Provinzen Chi⸗ nas dahin überſetzt haben ſoll.“*) ) China und die Chineſen. Stuttgart, 1859. Schütlein. 239 „Und wohin geht jetzt Eure Reiſe?“ fragte der Italiener den Marquis. „Nach Petersburg hinein,“ entgegnete dieſer;„ich will mich wieder einmal in den Strudel ſtürzen, deſſen Wogen eben wieder im weiten Kreiſe zu ſchäumen be⸗ ginnen.“ Das Auge des Italieners blitzte, ſein braunes Ant⸗ litz nahm einen unheimlichen Ausdruck an. „Das iſt auch meine Abſicht,“ ſagte er,„wir könn⸗ ten alſo, wenn es Euch beliebt, zuſammen gehen. Wo ge⸗ denkt Ihr Euer Quartier in der großen Newaſtadt zu nehmen?“ Der Marguis ſchlug ſein düſteres Auge empor und maß die lange Geſtalt des Italieners mit durchdringen⸗ dem Blicke; er ſchwieg und ſchien mit ſich zu überlegen, ob er mit dieſem Manne gleichen Weg gehen, oder lie⸗ ber ſeine Bahn weit umſchreiten ſollte. In dieſem Augenblicke ſtürzte ein baumlanger Menſch in die Gaſtſtube des Landhauſes; er trug die grüne Kleidung eines herrſchaftlichen Kammerdieners mit Silberborden und Hirſchfänger, ſein dunkles Haar hing aber in größter Unordnung um ſeine mit Schweiß be⸗ deckten Schläfen; draußen ſtand eine Halbchaiſe, von wel⸗ cher er eben abgeſprungen war. „Ein Glas Branntwein!“ rief er. 240 Das Auge des Marquis brannte auf dem Antlitze dieſes Menſchen. „Was iſt das!“ rief er, als der Ankömmling ohne alle Umſtände das nächſte Glas auf dem Tiſche an ſich riß und ſeinen Inhalt bis auf die Neige hinabſchlürfte. Aber ſchon ging die Thüre der Gaſtſtube wieder auf, und eine wunderſchöne Dame im goldgeſtickten, enganſchließenden grünen Kleide einer Amazone, den Helm auf dem reichen Haarwuchſe, mit einem kurzen Degen umgürtet, ſtürzte herein. „Activité! activité! vitesse, Monsieur!“ rief ſie dem vor ihr eingetretenen Diener zu, welcher ſie kaum erblickte, als er das Glas, woraus er noch einen Zug gethan hatte, auf den Ziegelboden der Stube hin⸗ ſchleuderte, daß es in hundert Trümmer klirrte, und der Dame ſchweigend den Arm bietend, mit ihr aus der Stube verſchwand und in nächſter Sekunde in der Halb⸗ chaiſe ſaß, deren kleine Roſſe von dem Ruſſen, der auf dem Kutſchbocke ſaß, angetrieben, das Fuhrwerk mit Stur⸗ meseile auf die Straße nach Petershof hinrollten. Zetzt war die Mitternacht heraufgezogen; dort in einem mit hundert Kronleuchtern und blitzenden Vene⸗ tianerſpiegeln ausgezierten Saale, mitten unter den le⸗ bensgroßen Wandbildern der einſtigen Machthaber Ruß⸗ lands, von Rurik bis Peter dem Großen und Eliſabeth, 241 ſtand in dieſer Mitternacht eine ſtattliche Dame; ſie trug eine Art engliſchen Reitkleides von ſehr reichem Stoffe in Blau und Silber mit Kryſtallknöpfen, welche auf's täuſchendſte Diamanten glichen, und einen ſchwarzen Reithut von einem Diamantenbande umſchlungen; ihr geiſtreiches ſtolzes Auge ruhte auf den Zügen des großen Czars Peter, wie etwa das Auge eines Betenden auf dem Bildniſſe ſeines Schutzpatrons ruht, wenn ein Au⸗ genblick der Schickſalsentſcheidung gekommen iſt; eine mächtige innere Aufregung malte ſich in allen Zügen dieſer ſtolzen Dame, welche ſich bis heute Katharina, die Gemahlin Peter's III., Kaiſers von Rußland, nannte, und jetzt mit weiten Schritten auf und nieder ging, jetzt wieder ſtehen blieb und mit dem Ausdrucke der höchſten Spannung nach der Thüre ſah— jetzt aber mit dem freu⸗ digen Rufe:„Endlich, Graf Orloff!“ dem erwähnten Herrſchaftsdiener entgegenſtürzte, welcher eben ſchweiß⸗ bedeckt mit der ſchönen Amazone in's Zimmer trat. „Auf, erlauchte Czarin!“ rief er dieſer entgegen; „die Minuten ſind Edelſteine! Ich und dieſe ſchöne Ama⸗ zone, Eurer Majeſtät wohlbekannt, ſind die erſten, welche Euch auf dem größten Gang Eures Lebens zu begleiten kommen.“. „Ah, Fürſtin Daskoff!“ rief die Czarin, wäh⸗ rend ihr Auge auf den üppigen Formen der ſchönen 242 Amazone ruhte.„Nun, Fürſtin, jetzt gilt's zu zeigen, ob ich zählen kann auf die, denen ich bisher vertraute.“ „Eure Majeſtät wird ſehen— und ſiegen!“ rief die Fürſtin Daskoff begeiſtert, indem ſie ihre ſchönen Arme über der Bruſt kreuzte und ſich vor der Gemahlin des Kaiſers verneigte. „Wohlan, der Würfel liegt!“ rief Katharina mit einem bedeutungsvollen Blicke auf das lebensgroße Bild Peter's I.,„ſo laßt uns den Rubikon überſchreiten!“— Die fünfte Morgenſtunde dröhnte von den Thür⸗ men St. Petersburgs, als Katharina, die Gemahlin des Czars, auf hohem Roſſe an der Spitze der Schaar ihrer Getrenen den Kaſernen der Preobrajensky⸗Garde zu⸗ ſprengte. Sie trug jetzt ruſſiſche Gardeuniform, welche ihr Marſchall Baturlin, der jetzt hinter ihr ritt, von ſei⸗ nem eigenen Leibe geliehen hatte; auch Graf Razuwoff⸗ ſty ſprengte auf einem ſchwarzen Roſſe in ihrer Suite einher. Schon ſtanden die Prätorianer der erwähnten Garde in Reih' und Glied— vor ihnen die Fürſtin Das⸗ koff, welche der Gemahlin des Czaren vorausgeeilt war. Die Fürſtin verkündete den Garden nichts Gerin⸗ geres, als:„der Kaiſer ſei geſtorben— ſeine Gemahlin Katharina werde unter ihnen erſcheinen, und ihr, als 243 der rechtmäßigen Thronerbin hätten ſie bis zur Volljäh⸗ rigkeit ihres Sohnes den Eid der Treue zu leiſten.“ Dann ſprachen die Offiziere. Sie fragten die Prätorianer:„ob ſie ſich denn nicht erinnerten, daß Peter III. ihnen ſtets ſeine Holſteiner Garden vorgezogen habe?“ Laute des Unwillens gegen den Kaiſer waren die Antwort. Zetzt trat Katharina ſelbſt im Gardewaffenſchmucke mit der ganzen Würde ihrer perſönlichen und kaiſerlichen Majeſtät unter die Garden; ihre Haltung war muthvoll und entſchloſſen, nur eine leichte Bläſſe ihres Antlitzes verrieth den Sturm ihres Innern. Begeiſterter Jubelruf empfing ſie. Die Garden leiſteten ihr ſogleich den Eid der Treue und der erſte Erfolg des Staatsſtreiches war geſichert. Die Flamme züngelte weiter, denn die Verſchwornen hatten ihren Schlachtplan trefflich entworfen.— In der Kaſan⸗ kirche war über ihre Veranſtaltung lange ſchon der Erz⸗ biſchof von Nowgorod mit der Geiſtlichkeit verſammelt; er empfing Katharina mit ſeinem Segen, und alsbald ſchwur dieſe in ſeine Hände die Geſetze des Reiches, ſo⸗ wie die Religion des Volkes aufrecht zu erhalten; alle Anweſenden huldigten ihr; die Prieſter ſtimmten das Te Deum an; der Donner der Kanonen verkündigte dem 244 Volke die Wahl der neuen Kaiſerin, und die Menge ge⸗ leitete ſie mit Jubelrufen zu ihrem Palaſte, und trank ihr zu Ehren den unter daſſelbe reichlich vertheilten Branntwein hinunter, während der von der neuen Kai⸗ ſerin gewonnene Vice⸗Admiral Talizin, welcher die Flotte von Kronſtadt befehligte, die dortige Beſatzung und die Matroſen bearbeitete. Aber die Truppen hatten der neuen Kaiſerin nur gehuldigt, weil man ihnen geſagt hatte:„der Kaiſer ſei todt.“ Peter III. ſtand aber noch ruhig und ahnungslos im Parke ſeines Luſtſchloſſes in Oranienbaum, um ſich am folgenden Tage nach Peterhof zu begeben, wo er ſein Namensfeſt feiern wollte. An ſeiner Seite ſtand ein ſtatt⸗ licher Greis in der Uniform eines ruſſiſchen Marſchalls; ſein Antlitz trug Spuren eines großen erlittenen Leidens, aber auch die Züge jener aufrichtigen Treue, mit welcher er dem Kaiſer ergeben war. Der Kaiſer unterhielt ſich mit dieſem Marſchalle eben aufs angelegentlichſte über die neue Uniformirung, welche er ſeinen holſteiniſchen Truppen geben wollte, und konnte ſich nicht genug in Lobſprüchen über die gute Hal⸗ tung und die Gewandheit derſelben bei ihren Manbvres ergehen. „Mit meinen Holſteinern,“ rief er zuletzt begeiſtert, 245 „wollte ich die Welt erobern, wenn ich ſie zu einer Armee vervielfältigen könnte.“ „Ich fürchte,“ entgegnete der Marſchall düſter, „Eure Majeſtät wird durch dieſe holſteiniſche Garde viel eher die Krone Rußlands verlieren, als die Welt mit ihnen erobern.“ Der Kaiſer blieb einen Augenblick überraſcht ſtehen. „Wie verſtehe ich dieſe Rede, Marſchall?“ fragte er und eine glühende Röthe trat auf ſein pockennarbiges Antlitz. „Als ein treuer Diener meines Herrn,“ entgegnete der greiſe Marſchall,„muß ich reden, und wenn mich meine Rede auch die Gnade meines Kaiſers koſten ſollte. Eure Majeſtät! ſeit lange ſchon brauſt ein dumpfes Mur⸗ ren durch die Reihen der preobrajenskiſchen Garde und ſelbſt durch Reihen anderer Regimenter der Reſidenz, welche es nur mit Neid und ſtillem Grolle anſehen, daß ihr Kaiſer ſeine ganze Gunſt und Aufmerkſamkeit nur ſeinen holſteiniſchen Truppen zuwendet.“ „Die Knute einem Jeden, der zu mürren wagt!“ donnerte Peter.„Wer kann es mir verargen, wenn ich in dieſem Lande, wohin ich gerufen, und nicht von ſelbſt ge⸗ kommen bin, wo Verrath und Hinterliſt Aller, wo die Ränkeſucht meiner eigenen Gemahlin und tauſend andere Palaſtintriguen mein Daſein vergiften, mir eine Kern⸗ 246 ſchaar von Landsleuten auserleſe, unter denen ich wie in meiner Heimath wandle und—“ Hier unterbrach die Rede des Kaiſers ein furchtba⸗ rer Wortwechſel, welcher vom Eingange des Parkes zwi⸗ ſchen den grünen Taruswänden herüberſchallte. Peter hielt inne und hob ſein Haupt horchend in die Höhe, auch der Marſchall lauſchte; dann winkte dieſem der Kaiſer. „Seht doch zu, Marſchall,“ befahl er,„wer es wagt, die Ruhe meiner kaiſerlichen Luſtgärten zu ſtören?“ Der greiſe Marſchall ging raſchen Schrittes zum Parkthore hinab. Dort bot ſich ihm eine unangenehme Scene dar. Ein ruſſiſcher Bauer, mit dem gröbſten Tu⸗ lup von Lammfell und mit einem verſiegelten Schrei⸗ ben in der Hand, wollte durch das Gitterthor des Par⸗ kes eindringen, woran ihn mit aller Kraft, doch bis jetzt vergebens, ein langer, in einen dunklen Mantel gehüllter Mann zu hindern ſuchte. Der Marſchall trat raſch zwi⸗ ſchen Beide. *„Was will der Bauer?“ rief er dieſem zu, und „wer ſeid Ihr?“ zu dem Andern gewendet. Ein bedeutungsvoller Blick des Bauers folgte— der Marſchall ſchien ihn zu verſtehen.„Was haſt Du wieder für Händel, Romberg?“ fragte er den Bauer. „Ich komme von der Hauptſtadt,“ entgegnete der 247 Bauer ſich demüthig verneigend,„und wollte mir den Park beſchauen, da hat mir der Herr da den Weg ver⸗ treten und will durchaus nicht geſtatten, daß ich hier eintrete.“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Marſchall jetzt den Langen näher in's Auge faſſend— aber ſchon prallte er einen Schritt zurück.„Mein Geleitsmann im Schnee⸗ ſturme bei Bolgarü!“ rief er,„der ſogenannte Marquis Betmar!“ „Und Ihr der Marſchall Münnich, dem ich im Buran mein Lebenswaſſer reichte?“ fragte keck vortretend der Angeredete entgegen. „So ſeid Ihr alſo der ſogenannte Marquis Betmar wirklich?“ fragte der Marſchall,„wirklich?“— und eine ſteigende Flammenröthe auf ſeinem Antlitze verrieth ſeine innere Aufregung. „Ihr hört es ja, daß ich mich nicht verläugne,“ entgegnete der Marquis nicht ohne einige Befangenheit und ſichtlich verſtimmt durch den ſeltſamen Ton des Fragers.* „Dann habt die Güte,“ rief der greiſe Marſchall mit einer wahren Donnerſtimme,„Euch, ehe der Hahn kräht, aus dem Umkreiſe von Petersburg bis auf wenig⸗ ſtens zehn Meilen, und binnen drei Wochen aus Ruß⸗ land zu entfernen, ſonſt wandert ihr auf einer der erſten 248 beſten Kibitken nach Bolgarü in die Tſchornaja palata, wo wir einſt Zirbelnüſſe mit einander geſpeißt und Ihr mir das Ammenmärchen Eures Lebens zuerſt aufgetiſcht habt.“ „Mir das? Eurem Lebensretter im Schneeſturme!?“ rief der Marquis, und ſeine unheimliche Geſtalt ward um einen Fuß länger. „Laßt das,“ ſagte jetzt mit eiſiger Ruhe der Mar⸗ ſchall,„laßt das, Herr Marquis, und ſeid verſichert, daß Eure Perſon in Petersburg bereits hinlänglich bekannt iſt, und daß man weiß— doch genug, ich rathe Euch zum Danke für den Dienſt, den Ihr mir bei Bolgarü erwieſen habt: entfernt Euch von Petersburg wenigſtens hundert Werſte, und kehrt nicht wieder, ſonſt könnte es leicht geſchehen, daß man den Mann der Diamanten in irgend eine Kibitke ſtecke und trotz ſeines dreihundertjäh⸗ rigen Alters an die Lena oder den Indigirka zum Zobel⸗ fange abſchicke.“ Der Marſchall wies bei dieſen Worten mit ſeiner langen Hand nach dem Ausgange der Parkpforte; aber auf das lange bleiche Geſicht des Marquis Betmar trat jetzt ein Zug der höchſten inneren Erbitterung. „Herr Marſchall,“ ſagte er mit vor innerer Auf⸗ regung ſchier erſtickter Stimme,„Ihr gebt da ein Bei⸗ ſpiel unerhörten Undanks, indem Ihr mich, der Euch 249 im Schneeſturme vor Bolgarü ſo dringliche Hilfe leiſtete, jetzt verhöhnt und von dieſer Pforte abweiſt; aber ſeid verſichert, wir ſehen uns wieder, und ich werde zahlen, was ich Euch heute ſchuldig geworden bin!“ Mit dieſen Worten verſchwand der Marquis im Gebüſche vor dem Parke. Der Marſchall wandte ſich aber jetzt zu dem Bauer. „Zetzt ſchnell, Romberg,“ ſagte er,„den Park umgan⸗ gen und die untere Palaſtwache alarmirt. Sie ſollen nach allen Richtungen auslaufen, um dieſen ſogenannten Mar⸗ quis Betmar aufzugreifen. Der Mann kömmt wieder einmal aus Frankreich und flattert wie ein Rabe da her⸗ um, wo er Aas wittert.“ „Zu Befehl, Herr Marſchall,“ entgegnete der Bauer, deſſen jetzt hervortretende militäriſche Haltung mit ſeiner Bauerntracht in ſeltſamem Widerſpruche ſtand; „aber ich muß Euch bitten, dieſes Schreiben, welches mir Oberſt Cudberg in Peterhof für Seine Majeſtät den Czaren behändigte, und welches höchſt dringend iſt, ſo⸗ gleich Seiner Majeſtät zu übergeben. Der Herr Oberſt ſagte, es hänge Leben oder Tod davon ab.“ „Gib!“ ſagte der Marſchall, und während der Bauer um die äußere Ringmauer des Parkes abbog, ging der alte Marſchall eilenden Schrittes in den Park und überreichte mit einem kurzen Berichte des Vorgefallenen 1860. XVI. Pugabew. I. 16 250 dem Kaiſer den Brief, welchen, wie er dieſem ſagte, ſo⸗ eben der als Bauer verkleidete Kammerdiener des Cza⸗ ren, Romberg, überbracht hatte*). Der Czar erbrach ſogleich das Siegel des Briefes und ward bleich bis an die Stirne— der Brief enthielt nämlich die Nachricht von den Vorgängen im Petershofe und von der Palaſt⸗Revolution, welche Katharina, die Gemahlin des Czars, mit ihrem Anhange ſoeben aus⸗ führte. Starres Entſetzen ergriff den Czaren. Das hatte er nicht geträumt; keines Entſchlußes fähig, ſtand er ſprach⸗ los vor ſeinem Marſchall. Nicht ſo dieſer.„Majeſtät!“ ſagte er,„jetzt gilt kein Säumen und Zagen. Katharina hat die Maske, welche lange auf ihrem Antlitze lag, weg⸗ und den Hand⸗ ſchuh hingeworfen, aber noch iſt deßhalb nichts verloren. Eure Majeſtät verlieren jetzt keinen Augenblick! Wir müſſen die treuen Regimenter zuſammenberufen, im Sturmſchritte auf Petersburg losgehen und den treuen getäuſchten Regimentern zeigen, daß man ſie hinterging, indem man ihnen ſagte:„der Czar ſei todt!“ Sie wer⸗ den beim Anblicke ihres Kaiſers zu ihrer Pflicht zurück⸗ kehren, und Katharina mit ihrem Anhange wird fliehen, *) Früher ſchwediſcher Dragoner. 251 und verfolgt, im Kloſter ihren verſuchten Kronenraub büßen!“ „Marſchall!“ rief Peter, die beiden Hände ſeines treuen Generales krampfhaft erfaſſend,„Mümich! Ihr ſeid die edelſte kräftigſte Stütze meines Thrones! Nie werde ich Euch dieſen Angenblick vergeſſen, in welchem ihr in der ganze Größe Eures Geiſtes vor mir ſteht.“ Peter ſandte jetzt Boten nach allen Richtungen aus, um die in der Nähe der Hauptſtadt liegenden Regimen⸗ ter herbeizurufen; aber Katharina hatte bereits auch dar⸗ auf gedacht— die Boten des Czars und ſeines Mar⸗ ſchalls wurden abgefangen. Vergebens wartete der Kaiſer die ganze Nacht hin⸗ durch auf den Anmarſch dieſer Regimenter; ſtatt ihrer kam die Nachricht, daß Katharina mit zwanzigtauſend Mann heranrücke. Zetzt ſchien nur die Flucht des unglücklichen Kaiſers noch übrig zu bleiben. Peter warf ſich in eine Yacht, angſtvoll ſaß dort, nebſt andern Getreuen, ſeine angebe⸗ tete Gräfin Woronzoff an ſeiner Seite. Bald langte er im Hafen an.„Wer da?“ lautete der Ruf der Schildwache. „Der Kaiſer!“ ſchallte es entgegen. „Der Kaiſer iſt todt!“ rief man von zehn Seiten, und„zurück!“ donnerte es von allen Seiten,„und wenn 16* 252 die Yacht nicht ſchnell wende, würde man ſie mit den Kanonen im Hafen in den Grund bohren!“ Wie ein furchtbarer Schlachtruf ſchallte es aus den Reihen der am Ufer unter Waffen ſtehenden Beſatzung durch die Luft:„Es lebe Katharina!“ „Die Yacht wenden!“ rief Peter. „Nein, Eure Majeſtät!“ rief ſein Adjutant Gudo⸗ witſch entgegen.„Wir müſſen vorwärts und nimmer zu⸗ rück. Raſch, Eure Majeſtät, reichen Sie mir Ihre Hand und ſpringen Sie raſch mit mir an's Land. Man wird, ſobald man Sie erkannt hat, nicht wagen, Feuer auf uns zu geben, und Kronſtadt gehört Ihnen!“ „Herrlich und wahr geſprochen!“ rief Marſchall Münnich.„Vorwärts, Eure Majeſtät! Wir werden kom⸗ men, ſehen und ſiegen!“ Der Czar trat, dieſen ſtarkmüthigen Vorſchlägen ſo⸗ gleich Gehör ſchenkend, auf den Vordertheil der Yacht; er wollte ein zweiter Wilhelm der Eroberer mit dem Degen in der Fauſt an's Land ſpringen. Aber es war ein Weib auf dem Boote, und wegen einer Helena iſt Troja in Trümmer geſunken. Gräfin Woronzoff lag in Thränen gebadet zu den Füßen des Czars.„Um aller Heiligen Willen,“ jam⸗ merte ſie in Todesangſt,„laſſen Sie die Wacht wenden, Majeſtät, ſonſt liegen wir Alle in nächſter Minute auf 253 dem Hafengrunde! Laſſen Sie uns nach Peterhof umkeh⸗ ren, dort werden wir Rath und Hilfe finden!“ „O daß ich Deine Zunge lähmen könnte, Weib!“ rief der greiſe Marſchall;„Du, Du biſt die Klippe, an welcher die Krone des Geſalbten hängen bleiben wird.— Majeſtät! hören Sie nicht auf die Winſelnde. Vor⸗ wärts! Vorwärts! iſt in dieſem Augenblicke unſere Lo⸗ ſung.“ „Vorwärts! Majeſtät,“ drängte der Adjutant,„die Minuten ſind koſtbar!“ „Vorwärts!“ wollte Peter kommandiren, aber ſein Blick fiel jetzt wieder auf die halb ohnmächtige Helena zurück, welche im raſenden Schmerze ſeine Füße umklam⸗ mert hielt.„Wende!“ rief er dem Führer der Yacht zu, „nach Peterhof!“ ſetzte er hinzu. Und die Yacht fuhr aus dem Bereiche der Hafenbat⸗ terie von Kronſtadt, und bald darauf ſtand der halbent⸗ thronte Kaiſer aller Reuſſen auf den Teppichen ſeiner Appartements im Peterhofe; zu ſeinen Füßen lag die angebetete Gräfin Woronzoff. Düſter und ſchweigend ſtarrte der alte Marſchall durch das Bogenfenſter in den Nachthimmel, an welchem ſtatt der freundlich leuchtenden Sterne hochgethürmte fin⸗ ſtere Gewitterwolken heraufzogen, durch welche der rothe Blitz wie das glühende Eiſen über den neuen Krö⸗ 254 nungsmantel eines neuen Herrſchers herumfuhr, daß es ſchier ſchien, als ob auch der Himmel in dieſer Nacht geſchäftigt ſei, an dem neuen Krönungsmantel der künfti⸗ gen Herrſcherin Rußlands zu meiſtern. Während Peter und ſeine Getreuen nun im Peter⸗ hofe den übrigen Theil der Nacht hindurch beriethen und zu keinem Entſchluße kamen, langte die Nachricht ein, daß die Kaiſerin in Oranienbaum eingetroffen ſei. Zetzt verſuchte Peter den Weg der Unterhandlun⸗ gen. Er ſchrieb an Katharina und— bat um Erlaub⸗ niß, ſich in ſein geliebtes Holſtein zurückziehen zu dürfen, wo er mit ſeinen Getreuen und ſeiner Helena, der ſchö⸗ nen Gräfin Woronzoff, von einem ihm auszuſetzen⸗ den Jahresgehalte leben wollte. „Generalmajor Ismailoff!“ ſagte der Kaiſer, zu einem ſeiner wenigen Getreuen gewendet,„überbringt die⸗ ſen Brief meiner Gemahlin, und kehrt mit guten Nach⸗ richten wieder. Ich rechne in dieſen drangvollen Angen⸗ blicken ganz auf Eure Treue und Klugheit, und werde ſie zu lohnen wiſſen.“ „Meine Treue iſt ein Felſen, auf welchem Eure Majeſtät mitten im Meeresſturme Ihr geſalbtes Haupt ruhig legen können,“ entgegnete mit feuchten Augen der treue Generalmajor.„Als Friedensbote oder nimmer 255 kehre ich wieder; denn wehe Katharinen, wenn ſie weiter geht, als ſie bisher ſchon gegangen iſt!“ Der treue Generalmajor warf bei dieſen Worten einen vielſagenden Blick auf den Ehrendegen, den er an ſeiner Seite trug. Er warf ſich in nächſter Minute auf das beſte Pferd im Marſtalle des Peterhofes und ſprengte mit Sturmes⸗ eile nach Oranienbaum hinüber. Dort empfing ihn am erſten Thore Graf Orloff. „Ihr kommt für eine verlorne Sache zu wirken, Generalmajor,“ rief er ihm ſogleich entgegen;„Pe⸗ ter III. hat bereits aufgehört zu regieren. Es lebe Katha⸗ rina II.!“ „Ich komme im Auftrage meines Herrn und Kai⸗ ſers,“ entgegnete Generalmajor Ismailoff,„um zu un⸗ terhandeln. Peter II. begehrt nicht mehr, als freien Abzug mit uns, ſeinen Getreuen, nach Holſtein und einen anſtändigen Jahresgehalt.“ „Und dieſem Feigling wollt Ihr ferner dienen?!“ rief laut auflachend der Graf.„Sagt mir doch, General⸗ major Ismailoff, ſeid Ihr wirklich ein Altruſſe, einer jener tapfern Offiziere im ruſſiſchen Heere, welche unter Münnich in der Krimm gefochten haben?“ „Der Marſchall hält es auch mit dem Kaiſer!“ rief der Generalmajor. 256 „Wird aber bald, ſo gut wie Ihr, von der Seite des feigen, unentſchloſſenen, thatenloſen Peter, in die Reihen der entſchloſſenen, ruhmdürſtigen Garden Katha⸗ rina's II. übertreten,“ entgegnete Graf Orloff,„wenn er ſich nämlich bald genug überzeugen wird, daß es eine Schande iſt, den Flügelmann einer Kohorte zu bilden, an deren Spitze die kaiſerliche Buhlerin Gräfin Woron⸗ zoff ſteht.“ Ueber die Stirne des ehrenhaften Generalmajors zuckte es jetzt wie ein Gewitterblitz; er mochte denken, daß der Graf nicht ſo ganz unrecht habe. Schweigend folgte er dieſem in den Palaſt, noch als treuer Apoſtel ſeines Herren Peter's III.— die Pforte fiel hinter ihm zu. Was die wenigen Worte des Grafen im Herzen dieſes Sendboten Peter's angebahnt hatten, das vollendeten die glänzenden Verſprechungen Katharina's: nach einer hal⸗ ben Stunde trat ſtatt des treuen Apoſtels ein Judas Iſcharivt aus dem Palaſte, und Judas Ismaeloff trabte auf demſelben Roſſe nach Peterhof hinüber, um dem Kaiſer mit wenigen Worten zu berichten:„Katharina ſei bereit ſich mit Peter zu verſöhnen, verlange nun einen Antheil an der Regierung, und lade den Kaiſer ein, nach Oranienbaum hinüberzukommen, um das Weitere zu verhandeln.“ Peter's Antlitz ſtrahlte. Aber jetzt trat Marſchall Münnich wieder auf ihn zu.„Majeſtät,“ ſagte er, indem ſein finſterer Blick auf dem, eine ſeltſame Aufregung verrathenden glühenden Antlitze des Generalmajors ruhte, deſſen Augen ſich vor dieſem Blicke des greiſen Marſchalls zu Boden ſenkten. „Majeſtät geruhen zu geſtatten, daß ich Ihre geheiligte Perſon mit den treuen Holſteiner Garden nach Oranien⸗ baum geleite.“ Der Czar blickte dem Generalmajor in's Geſicht. „Nimmermehr!“ rief dieſer.„Wenn Eure Maje⸗ ſtät dieſe unnöthige Vorſicht gebrauchen, iſt Alles ver⸗ loren; denn Ihre Majeſtät die Kaiſerin verlangt unbe⸗ dingtes Vertrauen, und würde ſich durch ein ſolches Vor⸗ gehen auf's tiefſte beleidigt erachten.“ „Das iſt mir nicht recht begreiflich,“ bemerkte der alte Marſchall;„wimmelt es doch in Oranienbaum ſelbſt von Soldaten, wie kann die Czarin verlangen, daß ihr erlauchter Gemahl nach dem, was ſpeben vorgefallen, ihr noch ein ſo unbedingtes Vertrauen ſchenke.“ „Ruhig, Marſchall,“ mahnte der Kaiſer;„wir wollen vertrauungsvoll und groß handeln. Katharina ſoll ſehen, daß Peter ihre Achtung verdient. Keine Garde, Marſchall!“ Und Peter ſtieg im nächſten Augenblicke ganz allein 258 mit dem Generalmajor Ismaeloff in einen Wagen und fuhr nach Oranienbaum— ſeinem Schickſale entgegen. Dort ward es Tag! Bei dreißig Kibitken oder kleine vierrädrige halb⸗ bedeckte Wagen ſtanden auf dem Hofe des Palaſtes. „Dorthin!“ herrſchte Generalmajor Ismaeloff jetzt dem Kaiſer zu. „Was ſoll das?“ rief Peter;„das iſt Verrath!“ Aber ehe ihm das Wort entfahren, ſaß er ſchon von zwei kräftigen Fäuſten niedergedrückt in einer dieſer Ki⸗ bitken und zwei handfeſte Begleiter an ſeiner Seite, und nun rollten alle dreißig Kibitken in verſchiedenen Rich⸗ tungen zugleich ab; denn man wollte die Richtung ver⸗ decken, wohin der Kaiſer abgeführt wurde. Peter wurde aber auf das Landhaus Robeak bei dem Dorfe Kraskapelo, einige Stunden von Petersburg ent⸗ fernt, geführt und dort durch verſtärkte Poſten„als Gefangener in ſeinem eigenen Reiche“ bewacht. Drei Tage verſtrichen, dann erſchien Graf Panin und legte ihm eine Thronentſagungsacte vor, worin Peter ſelbſt bekennen ſollte,„daß er Rußland zu regieren un⸗ fähig ſei“. Die Geſchichte beſtätigt es nicht, ob Peter dieſe Entſagungsurkunde wirklich unterzeichnet habe. Der neue ruſſiſche Staatsſtreich— die neue Palaſtrevolution 259 in Petersburg war vollendet.— Man beeilte ſich, wie es bei Siegen dieſer Art ſtets gewöhnlich iſt, mit Hul⸗ digungen für die neue Herrſcherin, und Katharina benahm ſich nach dieſem kurzen aber gewaltigen Sturme, welcher ihrem Gemahle die Krone vom Haupte geſchüttelt, und dieſe auf ihr Haupt geweht hatte, nach dieſem tollen Faſt⸗ nachtsſpiele, in welchem Alle wie im Rauſche gehandelt hatten, mild und freundlich gegen die Beſiegten, und eine große Sonne der Hoffnung ging auf für Alle, welche auf eine ſtarke und weiſe Regierung hofften; aber auch ungeheure Sonnen der Hoffnung malten ſich, wie es in ſolchen Fällen ſtets zu geſchehen pflegt, Jene an die Wand, welche da vermeinten, oder ein wirkliches Recht hatten zu erwarten, daß ihre Hingebung für die neue Kaiſerin mit glänzendem Lohne erwidert werde. Der Erfolg entſprach natürlich nicht bei Allen der Größe der Erwartungen.... ſomit miſchte ſich jetzt auch die Unzufriedenheit unter die Jubelklänge der großen Sie⸗ gesfeier; andererſeits ſchlich auch leiſes Mitleiden durch manche Gemüther; man beklagte zuerſt leiſe, dann lauter das Schickſal des geſtürzten und erniedrigten Fürſten, man fand jetzt manches Gute in ſeinen Eigenſchaften, was man vorher nicht geſehen hatte oder nicht ſehen wollte, und laut erſchallte es im Hafen von Kronſtadt aus dem Munde der trunkenen Matroſen: daß die kaiſerlichen 260 Garden es waren, welche ihren Herrn und Kaiſer für den Judaslohn„des Branntweins“ verrathen hätten! Dies ging in und um Moskau zu. Aber auch die alte Reichs⸗ und Czarenſtadt Moskau grollte. Dort ſtand der Stadtkommandant vor den fünf Regimentern und verkündete ihnen die Entthronung des Kaiſers und rief in die Luft hinaus:„Es lebe Kaiſerin Katharina II.!“ Aber düſteres Schweigen der Soldaten und Todten⸗ ſtille unter dem verſammelten Volke antworteten ihm. Noch einmal wiederholte der Kommandant ſeinen Ruf:„Es lebe Katharina II.!“ Zetzt erhob ſich dumpfes Gemurmel unter dem Volke und in den Regimentern, man hörte laut dort und da rufen:„es ſei unverzeihlich und über alle Gebühr anmaßend, daß die Garden zu Petersburg ſich das Recht herausnähmen, gleich den römiſchen Prätorianern den Thron zu verſchenken!“ Ja, es erhoben ſich einzelne, für die Anhänger Katharinens furchtbare Stimmen, welche da meinten: man müſſe eine Gegenrevolution machen und Peter III. auf den ihm gewaltſam entriſſenen Thron im Triumphe zurückführen!! Somit konnte Katharinens Partei nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben. 261 Peter, der ungläubige Peter dachte aber in ſeiner Haft, mit deren baldigen Beendigung er ſich ſchmeichelte, vorläufig auf nichts Anderes, als auf ſeine Zerſtreuung. „Nur ſeine Neger, ſeine Lieblingshunde, ſeine Violi⸗ ne, die Bibel und einige Romane“ verlangte er von Ka⸗ tharina. Aber die neue Kaiſerin ſandte ihm lieber einen ihrer Getreuen. Am 14. Juli, oder 2. Juli nach griechiſch⸗ruſſi⸗ ſchem Ritus, trat Alexin Orloff mit dem Offizier Tepeloff zu dem Kaiſer in's Gemach. Peter empfing ihn frendig; denn der Graf kündigte ihm ſeine Befreiung an. Sie mußte nach ruſſiſcher Weiſe ſogleich durch einen Trunk guten Branntweins gefeiert werden. Man ſetzte ſich daher ſogleich zu Tiſche. Branntwein⸗ flaſchen und Gläſer machten die Runde. Tepeloff begann nun mit dem Kaiſer ein Geſpräch, indeß ſchenkte dieſem Orloff ſein Glas mit Branntwein voll; der Kaiſer leerte es auf einen Zug. Zetzt bot ihm Orloff ein zweites; da ſprang der Kaiſer, plötzlich Verrath merkend, wie ein Raſender empor.„Gift! Gift!“ rief er mit fürchter⸗ licher Stimme.„Milch! um aller Heiligen willen, bringt Milch!“ Aber die beiden Mörder erfaßten ihn jetzt, und nun begann ein Ringen zwiſchen dieſen Männern, grauenhaft 262 und ſchrecklich, wie der Kampf der wilden Thiere in der Arena. Peter III. rang um ſein ſchwindendes Leben, Orloff und Tepeloff um den letzten Reif der Krone für Katha⸗ rina I. Fürſt Baratinskoj, ein junger Offizier, welcher die Wache im Hauſe befehligte, ſtürzte über dies Geſtöhne und Brüllen herbei, und war nun der dritte im Bunde mit den Mördern Peter's, von denen Orloff den Kaiſer zu Boden warf, während die andern beiden dem unglück⸗ lichen Monarchen ein Tuch um den Hals ſchlangen und ihn erdroſſelten.... So ſtarb Peter III. in der ſchönſten Mannesblüthe, er hatte kaum das vierunddreißigſte Lebensjahr erreicht. Wenige Stunden darnach ſchallte die Kunde durch Rußlands Hauptſtadt: der Kaiſer ſei an einem heftigen Anfalle von Hämorrhoidalkolik verſtorben. Man zierte ſeinen Leichnam mit der Uniform ſeiner geliebten Holſtei⸗ ner, und ſie wurde im Alexander⸗Newsky⸗Kloſter bei⸗ geſetzt; man verabſchiedete alle Offiziere des Regimentes Holſtein und entließ auch den Oheim Peter's III., Georg von Holſtein, aus Rußland. Selbſt die gleichzeitig mit Peter verhaftete Gräfin Woronzoff und einige ihrer ver⸗ hafteten Verwandten erhielten die Freiheit wieder. Be⸗ lohnungen regneten auf die Verbündeten Katharina's nieder. 263 Stolz und ruhig wie eine kühne Weltſeglerin ſtand die nordiſche Semiramis auf dem Marmor ihres Palaſtes, und reichte dem Feldmarſchall Münnich, welcher ihr nach erlangter ſicherer Nachricht über den Tod des Kaiſers den Eid der Treue geleiſtethatte, die Hand zum Kuße— die Hand, mit welcher ſie die des am reichlichſten unter Allen belohnten Grafen Orloff drückte, den ſie ſpäter durch den deutſchen Kaiſer Franz I. ſogar zum deutſchen Reichsfürſten ernennen, und dem ſie in St. Petersburg einen prachtvollen Marmorpalaſt errich⸗ ten ließ, welcher die Inſchrift trug: A la réconnais- sance*). ²)„Wunderbar,“ ſagt ein ruſſiſcher Geſchichtsſchreiber,„er⸗ ſcheint hier die Verkettung der Vorzeit mit den Ereigniſſen der Gegenwart. Als Peter der Große die Strelitzen aufhob und den ſchauerlichen Hinrichtungen derſelben in Perſon beiwohnte, ja ſo⸗ gar ſelbſt mit Hand anlegte, war der Henkerpflock ſo mit Köpfen bedeckt, daß für Andere kein Platz mehr blieb. Einer der Ver⸗ urtheilten räumte dieſelben mit der größten Kaltblütigkeit hinweg, und als ihn der Czar fragte, aus welchem Grunde er dies thue, antwortete er:„Um Platz für meinen Kopf zu haben.“ Dieſer herviſche Muth gefiel dem Kaiſer ſo wohl, daß er dieſem Stre⸗ litzen Leben und Freiheit ſchenkte. Er hieß Orloff, und ſoll der Großvater des Orloff geweſen ſein, welcher Peter HI. Thron und Leben raubte.“ 264 Zehntes Capitel. Nestaſtni ludi. Durch einen lieblichen Wald von Pappeln, Linden und Eichen, deſſen Boden jedoch äußerſt ſandig war, auf dem Wege zwiſchen der Stadt Perm und der uralten Stadt der Chane, Kaſan, ſchallte am Tage der ſieben Schläfer, d. i. am 4. Auguſt des Jahres 1771 nach ruſſiſch⸗griechiſchem, und am 16. Auguſt nach unſerem Kalender, ein ſeltſames Geräuſch; eine dunkle Maſſe bewegte ſich im gleichgemeſſenen Schritte zwiſchen den himmelhohen Baumſtämmen, man hätte ſie von der Ferne für einen Heuſchreckenſchwarm, in der Nähe aber für eine warnende Kalmückenhorde halten können, wie ſie häufig herum, und ſpäter auch ihrer Bedrückung müde, aus dem Lande zogen*), wenn die Köpfe, welche zwi⸗ *) Im Jahre 1771 wanderte eine ganze Kalmückenhorde von 400.000 Menſchen aus, welche mit ihren Heerden Aſtrachans Steppen bewohnte. Dieſe freien Söhne der Natur fühlten ſich bedrückt, trafen heimlich alle Anſtalten zur Flucht, und zogen in die Einöden Chinas, wo ihre Vorfahren gelebt hatten. Dadurch entging den Ruſſen ein reicher Abſatz ihres Getreides gegen Ein⸗ tauſch von Vieh und Pelzwerk. Nur die Aermſten dieſer Horde blieben. 3 265 ſchen den Pappeln und Eichen des erwähnten Waldes hervorleuchteten, zahlreicher geweſen wären; aber die Schaar, welche da lagerte, beſtand aus kaum hundert Perſonen verſchiedenen Geſchlechtes, welche eben jetzt von ihrer Raſtſtätte im Walde aufbrachen und den Hügel⸗ abhang hinabſtiegen, um die Richtung gegen Kaſan ein⸗ zuſchlagen. An ihrer Spitze, zu beiden Seiten und am Ende des Zuges ritten auf kleinen Pferden mit Lanzen, Pfeil und Bogen bewaffnete Männer von häßlichem, verwilder⸗ tem Ausſehen. Es waren Baſchkiren mit ihren ſpitzigen Mützen, zottigen Mänteln und ihrer eigenthümlichen, den Kalmücken ähnlichen Geſichtsbildung. Die von ihnen Ge⸗ leiteten gingen zum Thele frei, zum Theile aber ſchrit⸗ ten ſie vorwärts an einem langen Taue, an welches die linke oder rechte Hand jedes Einzelnen gebunden war; Einzelne in der Mitte des Zuges trugen ſogar leichte Eiſenketten. Dieſe Leute waren alſo keine„freien Nomaden“, wie ſie auf ihren flüchtigen Roſſen die Steppen Sibiriens durchjagen und die friſchen Berglüfte trinken; es waren „Neskaſtni ludi“, das ſind unglückliche Leute, welche, durch das ſtrenge Machtwort der Czarin aus verſchie⸗ denen Theilen des ruſſiſchen Reiches in dieſe Steppen Sibiriens zuſammengeweht, ihrer Verbannung entgegen 1860. XVI. Pugadew. I. 17 266 zogen.. die leichteren Verbrecher unter ihnen gingen, wie erwähnt, frei, die ſchwereren an der Leine, die ſchwer⸗ ſten mit Ketten belaſtet. Unter dieſen letztern ſchritt mit einem leichten Eiſen⸗ kranze beſchwert, ziemlich voran im Zuge, ein baumlanger Mann mit finſterem gebräunten Geſichte und ein paar Sperberaugen, die er wie der Beute ſuchende Tiger nach allen Richtungen in die Steppe herumblitzen ließ. Seinen markigen muskulöſen Körperbau deckte ein grober Tulup von ſchwarzem Lammfell, ſein zottiges Haar eine dunkle Pelzmütze, um welche er, vielleicht aus angeborner oder nationaler Eitelkeit, ein fadenſcheiniges Silberband gewunden hatte; ſeine mächtige Fauſt umwand ein brau⸗ ner Tuchlappen, zwiſchen welchem einzelne Blutstropfen hervordrangen— ein Zeichen, daß der Mann nicht müßig war, wo es galt drein zu ſchlagen. Dieſe„Verſchickten“, wie der Ruſſe auch die Neskaſtni ludi nennt, ſchienen ſämmtlich bereits auch hoch ermüdet, und mochten ſich nach den Abendſtationen ſehnen, welche alle dreißig Werſte auf der Hauptſtraße nach Sibirien als mit Palliſaden umgebene Häuſer erbaut ſind; ſie hatten ſoeben im erwähnten Walde ihr Mittagmahl aus Brod, Suppe und Kwas eingenommen, und wollten ſich dort eben niederlaſſen, als ſie der Trom⸗ melwirbel der begleitenden Soldaten aufſchreckte und der * 267 den Zug befehligende Offizier den andern Führern der Truppe erklärte:„ein Sandburan ſei im Anzuge, und man müſſe das Plateau an der Wolga zu gewinnen fuchen, ehe er losbräche und die aufgehäuften Sand⸗ maſſen den Weitermarſch erſchweren, wo nicht unmöglich machen würden.“ Der Offizier hatte nicht unrecht, denn ſchon kräuſelte der heranbrauſende Wirbelwind große Sandſtreifen, und da die Sandburans gerade um Mittag am heftigſten wüthen, ſo mußte die Karawane dieſer Unglücklichen bedacht ſein, noch rechtzeitig eine Straße außerhalb der Sandehklone zu finden, um nicht von dieſer fortgeriſſen zu werden. Hierzu kam noch der Umſtand, daß die Unglück⸗ lichen, welche dieſe Karawane ausmachten, in der nächſten Herberge eine beſſere Unterkunft als in der vorhergehenden hoffen konnten, daher ſelbſt trachteten, ihren Marſch mög⸗ lichſt zu beſchleunigen und abzukürzen; denn man würde ſehr irren, wenn man vermeinte, daß ſie bloß als„Hinaus⸗ geſtoßene“ der menſchlichen Geſellſchaft rückſichtlslos dem Elende preisgegeben waren, vielmehr wurde von jeher ihren Familien geſtattet, ihre unglücklichen Verwandten ſchon von den Gefängnißmauern an zu begleiten, und jene, welche Mittel dazu haben, können ſich im Winter ſogar einen Abocz oder Schlitten verſchaffen; ſelbſt die Ketten, welche die Verwegenſten unter ihnen tragen, ſind 17* * 268 nie ſchwerer als vier Pfund, und der Gefangene darf ſie nach ſeinem Belieben an den Händen oder den Füßen tragen, zieht es aber gewöhnlich vor, die Hände und Arme frei zu haben. Der Marſch einer ſolchen Schaar beträgt am erſten Tage vier, ſpäter je nach der Ent⸗ fernung der zur Nachtſtation beſtimmten Dörfer mehr, jedoch nie über ſieben Stunden; auch werden ihnen die beſten Häuſer eines Dorfes zur Herberge beſtimmt, es wird ihnen theils aus ihren eigenen Mitteln, theils aus den milden Gaben der Einwohner jener Orte, durch welche ſie ziehen, beſonders der reichen Kaufleute, welche zu dieſem Zwecke oft große Summen zuſammenſchießen, ein entſprechendes Taggeld zu ihrem Unterhalte angewie⸗ ſen; ihrem Führer wird die größte Menſchlichkeit anempfohlen; ſelten begleitet ſie aber der den Zug kommandirende Offizier weiter als eine Tagreiſe, daher es zuweilen kommen mag, daß die ſpäteren Aufſeher gefühllos und roh mit ihnen verfahren*). So geſchah es auch bei dem erwähnten Zuge, wel⸗ cher eben gegen eine Hochebene nächſt Kaſan herabkam, als in ſeinem Rücken der Sandburan ſtärker und ſtärker zu wüthen begann; ſchon wirbelten haushohe Sand⸗ Alexander Humboldt's Reiſen im eurvpäiſchen Rußland. 1. Bd. S. 87. 269 wolken empor, ſchon wurde der fliehenden Schaar der Neskaſtni ludi das Sehen und Athmen ſchwerer; ver⸗ gebens ſtrengten die Führer ihre Stimme an, um den Zug in Ordnung zu erhalten; ſie verhallte im Brau⸗ ſen des Windes; vergebens rief jetzt der erſte der Führer, ein ſolche Scenen bereits gewohnter Altruſſe:„es möge ſich Jedermann auf die Erde werfen und den Mund an den Boden drücken,“ ſeine Worte wurden ſo wenig gehört, als die Flüche und Hilferufe der Geängſtigſten, welche an das gemeinſame Seil gebunden, einander hin⸗ und her riſſen und wie eine an derſelben Laſterkette zum Höllenpfuhle verdammte Schaar herumraſten. Zetzt ward der Sand von einem Windſtoße zur ungeheuren Höhe emporgetrieben; er drehte ſich in dichten Knäueln herum und verſchloß den von der Sandchklone Erfaßten Auge und Mund, und verfinſterte die Sonne zur blut⸗ rothen Scheibe. Das war jetzt eine unbeſchreibliche Verwirrung unter den von dieſem Sandburan Ueberraſchten. Das Chaos, in welchem ſich jetzt Menſchen, Pferde, abgeriſſene Kleidungsſtücke, Baumſtämme, Erde, Steine, Sand und Moor herumdrehten, wuchs noch mehr, als auch von der entgegengeſetzten Seite eine ungeheure Sandchklone heranzog, welche ebenfalls eine Anzahl Menſchen erfaßt hatte und vor ſich herjagte. 270 Aber gleich einem Simſon unter den hingeſtreckten Philiſtern ſtand mitten in dieſem furchtbaren Knäuel jener oberwähnte Mann mit dem groben Tulup und der hohen Koſakenmütze; er hatte die leichten Eiſen, welche ſeine Füße gefeſſelt hielten, wie Spreu abgeſchüttelt, und kommandirte gleich einem gewaltigen Ordner des Schlachtfeldes mit Stentorſtimme rechts und links und nach allen Seiten, bis der immer mehr zunehmende Wind, die Wuth des Sturmes und die gänzliche Verfinſterung und Verdickung der Luft in ſeiner Umgebung, auch ſeine Stimme verhallen machte. Aber der Sandburan hält nie ſo lange an wie der des Schnees, oft hört er plötzlich auf, ſo auch in dem erwähnten Falle. Schon nach zehn Minuten blitzten wieder Sonnenſtrahlen wie goldene Lanzenſpitzen durch den ſich allmälig zertheilenden Sandnebel, klarer und klarer trat das Bild der fürchterlichen Verwirrung her⸗ vor, endlich konnte das Ange wieder frei emporblicken— und jetzt lag das ſeltſame Schlachtfeld wieder bei gänz⸗ lichem Tageslichte hinter der ferne verbrauſenden und wie in leichten Rauchwolken verwehenden Sandehklone. Aber welch' ein Anblick! Dort lag ein Haufen Menſchen übereinander, hier riſſen ſich zwei aneinander Gefeſſelte empor; dort kroch ein vom Sande überdecktes Pferd, hier eine verſchüttete 271 Menſchengeſtalt unter einer Sandſäule hervor. Geheul und Flüche ſchallten durcheinander, und erſt nach länge⸗ rem Hin⸗ und Herrennen und Suchen fanden ſich die Trümmer der verunglückten Karawane wieder zuſammen. Wie auf den farbigen Nebelbildern, welche die Kunſt unſerer Tage in's Leben rief, allmälig die graue Maſſe zerrinnt und ſich die Umriſſe eines Gemäldes bil⸗ den, indem zuerſt die Spitze, dann der ganze Bau eines gewaltigen Thurmes hervortritt, ſo ragte jetzt aus dem ſich entwirrenden Sandknäuel zuerſt die gewaltige Geſtalt jenes Mannes mit dem Sperberauge, dem groben Tulup und der Koſakenmütze hervor, welcher, leicht gefeſſelt, nächſt der Spitze des Zuges geſchritten war; ſein Auge flog jetzt im Kreiſe herum, wie das eines Feldherrn, welcher nach dem wüthendſten Sturme der Schlacht das Terrain überblickt, um raſch ſeine weiteren Befehle auszutheilen. Wie zwei Feldadjutanten umſtanden den eben erwähnten Mann zwei andere wilde Geſellen, ähn⸗ liche Tulups auf dem Leibe und Koſakenmützen auf dem dicht behaarten Kopfe tragend, und ihre glühenden Augen hingen an ſeinem Munde, als ob ſie eben nur das Wort erwarteten, welches ſeinen zuckenden Lippen entfahren ſollte; auch ſie hatten die leichten Ketten, welche ſie früher trugen, abgeſtreift, dies verriethen die Blutſpuren an den Knöcheln ihrer Füße. 272 „Teufelseier*) will ich mein Lebtag eſſen!“ rief der Lange mit dem Sperberauge,„wenn jetzt nicht die Stunde da iſt, wo der Jemelian ſeine Schlinge zerreißt und auf dem Rücken des Rößleins dort in's Weite jagt.“ „Und wir mit!“ riefen die beiden andern wilden Geſellen. „Auf, Tſchika!“ rief jetzt Jemelian, der lange Koſak,„faß den Schimmel, der dort ausreißt, am Half⸗ ter; Du, Salawatka, raff' die beiden Flinten auf, welche dort im Sande ſtecken; ich ſtoße den Zugführer dort von ſeinem bäumenden Pferde, und ſchwinge mich hinauf, dann jagen wir rechts und immer nach rechts, bis wir am Jack zuſammentreffen.“ Der Plan, den Jemelian, der Koſak, entwarf, war gut, aber eine andere Scene kam jetzt zwiſchen ſeine Ausführung. 4 Von der Wolgaſeite herauf brauſte es jetzt wie ein neuer Sturm daher, Sandſtreifen ſpritzten empor, lautes *) Bei allen Bauern Rußlands und Altgläubigen oder Ras⸗ kolniki herrſcht ein gewiſſes Vorurtheil gegen Tabak und Kar⸗ toffeln, von denen ſie ſagen, ſie ſeien verflucht und aus dem Leibe Judas gewachſen. Sogar im europäiſchen Rußland wurden vor gar nicht langer Zeit noch die Kartoffeln von den Bauern für Teufelseier ausgegeben und verabſcheut. 273 Geſchrei und Hilferuf ertönte— im nächſten Augenblicke jagte, wie vom Teufel getrieben, das Geſpann einer vier⸗ rädrigen Droſchke den Hügel herab, deren ſchäumende Roſſe im brauſenden Sandſturme durchgegangen waren. Der Droſchkenführer lag mit gebrochenem Beine in den Sand geſchleudert; von den im Wagen ſitzenden und Laute des Schreckens ausſtoßenden Perſonen gelang es jetzt einem ſtattlichen Manne, welcher eine grüne Jagd⸗ uniform mit dem Abzeichen des Ranges eines ruſſiſchen Stabsoffiziers trug, aus dem Wagen zu ſpringen, indem ſeine ſtarken Arme eine junge Dame umſchlangen, die nun gleichzeitig mit ihm eben keinen gar ſanften Fall in die Sandmaſſe that, an welcher jetzt der von den ſcheu gewordenen Roſſen fortgeriſſene Wagen vorüberraſſelte. In dieſem aber war eine ältere, ziemlich beleibte Dame zurückgeblieben, welche jetzt von Ferne die Hände rang und um Hilfe zu rufen ſchien. Aber ſchon flog der lange Koſak Jemelian, wie der Habicht eines Hochwaldes, dem durchgehenden Geſpann nach; ſchneller als dieſes, riß er mit gewaltiger Fauſt die wilden Roſſe eben noch am Zügel zurück, als ſie mit dem halbzertrümmerten Wagen in eine dicht vor dem⸗ ſelben gähnende Schlucht hinabſtürzen wollten.„Stoi!“ donnerte er den wilden Beſtien zu, und wie von der Zauberſtimme eines Orpheus gefeit, ſtanden die wilden 274 Roſſe, und die wohlbeleibte Dame ſank, ihrer Sinne kaum mehr mächtig, dem Koſaken Jemelian in die Arme. Inzwiſchen kam auch der erwähnte Ruſſe in der grünen Jagduniform herangejagt; ihm folgten mehrere Soldaten des ſich allmälig wieder ſammelnden Zuges der Nestaſtni ludi. Man trug die Dame ſogleich auf einen Sandhügel, und ihr Begleiter, der Ruſſe in der Jagd⸗ uniform, träufelte ihr aus ſeiner Jagdflaſche ſtärkende Flüßigkeit in den Mund. Bald erholte ſich auch die Dame, zu deren Füßen jetzt jene jüngere Dame, mit welcher der Mann in Jagduniform aus dem Wagen geſprungen war, hinſank, und in Thränen zerfließend den breiten Nacken der erſteren umſchlang und mit brennen⸗ den Küßen bedeckte. Der Mann in der Jagduniform bengte ſich aber zu dieſer älteren Dame, deren weit geöffnete Augen wie ſuchend herumflogen, nieder.„Beruhige Dich, Eudoria,“ ſagte er,„wir ſind Beide wohlbehalten und diesmal mit dem Schreck davongekommen.“ „O wie zitterſt Du, Mütterchen!“ rief die jüngere Dame, welche zu den Füßen der älteren lag,„wie unglück⸗ lich hätte dieſe Fahrt enden können!“ „Daran iſt nur wieder der Eigenſinn Deines Onkels ſchuld,“ entgegnete jetzt die ältere Dame, indem ſie ſich emporrichtete und ungeachtet ihrer Schwäche — —————— — ——————— —————— ———— 275 einen ziemlich feurigen Blick über das bärtige Antlitz des Mannes in der Jagduniform ſtreifen ließ.„Sag', Theo⸗ dora, hab' ich dem Oberſten nicht hundertmal geſagt, daß ſeine beiden Rappen aus der Steppe höchſtens zu einem kirgiſiſchen Wettrennen und nimmer an die Droſchke einer Spazierfahrt mit Damen taugen? Da habt ihr's, jetzt hätten ſie uns bald im Sandburan begraben, wenn nicht klügere und kräftigere Leute uns noch vor dem Abſturze zurückgeriſſen hätten.“ Das Auge der Dame ſuchte bei dieſen Worten nach ihrem Retter. Der Mann in der Jagduniform aber, dem dieſe Standrede der ſich allmälig erholenden Dame galt, ſchien dieſelbe zu überhören; er hatte ſein edel⸗ ſchönes Geſicht mit dem ruſſiſchen Vollbarte der Ge⸗ gend zugewendet, wo der kühne Retter der Dame, Koſak Jemelian, mit ſeinen beiden Genoſſen Tſchika und Sa⸗ lawatka, ohne Zweifel denkend:„den Dank der Dame begehre ich nicht,“ ſich eben anſchickte, die Stränge ei⸗ nes der Rappen, die er gebändigt hatte, mit ſeiner Fauſt zu zerreißen, und ſich auf den Rücken deſſelben zu ſchwin⸗ gen, um„auf's Nimmerwiederſehen“ davon zu fliegen. Aber auch ihm donnerte noch im letzten Angenblicke ein gewaltiges„Stoi!“ in die Ohren— denn die ſich ſammelnden Zugführer hatten es ſogleich heraus, daß der kecke Geſelle und ſeine Genoſſen die Verwirrung 276 benützend, aus den Reihen der Neskaſtni ludi, zu denen ſie gehörten, das Weite ſuchen und in ihre Steppen ent⸗ eilen wollten. Lauter aber als ihr Haltruf ſchallte das höhniſche „Si tſchas!“ des langen Koſaken über die nun ruhig daliegende Sandfläche, und wie Steppenvögel flogen dieſe auf den erbeuteten Pferden dahin, dahin— bis ſie den Augen der Nachrufenden und Nacheilenden ent⸗ ſchwanden und dann, wie von einem Zauberſpruche gebannt, an der Kante eines Sandwalles anhielten; denn vor ihnen tauchte aus der Tiefe eine Maſſe von ruſſiſchen Grünmänteln empor, deren langgeſtreckte Lanzen ihnen ein entſprechendes Halt entgegenblitzten. „Stoi!“ ſchallte es jetzt zum drittenmale. Es war eine Schwadron ruſſiſcher Reiter, an deren Spitze ein ruſſiſcher Major mit zwei andern Offizieren ritt. Sein ſicherer Blick ſtreifte kaum über die wilden Geſichter der Flüchtlinge, als ſein blanker Säbel durch die Lüfte blitzte und die Schwadron in raſcher Schwen⸗ kung einen Halbkreis bildete, in welchem die flüchtigen Koſaken jetzt wie Vögel in dem offenen Bauer ein⸗ geſchloſſen ſtanden. „Wohin des Weges, Koſaken?“ donnerte der Ma⸗ jor vorſprengend den Flüchtigen zu. „An die Kaſanka hinab!“ entgegnete, ſich keck em⸗ 277 porrichtend, Jemelian der Koſak.„Gebt Platz, wir ha⸗ ben Eile!“ Mit dieſen Worten drückte er ſeinem Rappen die Abſätze ſeiner ſehnigen Füße in die Weichen, daß ſich das Thier, zum Sprunge ausholend, hoch aufbäumte. Aber ſchon fiel ihm der Major in die Zügel, denn von der entgegengeſetzten Seite jagten mehrere Zugfüh⸗ rer der verunglückten Karawane der Neskaſtni ludi, den Mann in der Jagduniform an der Spitze, die Sandhü⸗ gel herab, und ihre Zurufe beſtätigten dem Führer der Reiterſchwadron, daß es ſich um die Verfolgung der drei flüchtigen Koſaken handle, die jetzt ihre Roſſe nach allen Seiten riſſen, um den enger werdenden Kreis der ſie um⸗ ringenden Reiter zu brechen und mit Anſtrengung der letzten Kräfte das Weite zu gewinnen. Aber es war vergebens. In nächſter Minute ſtand der Mann in Jagd⸗ uniform vor der Gruppe. „Ergebt Euch, Koſaken!“ donnerte der Major der Reiterſchwadron den flüchtigen zu;„Ihr habt keinen Aus⸗ weg mehr.“ „Koſaken vom Don kennen das Wort„Ergebung“ nicht,“ brüllte Jemelian der Koſak entgegen; dann ſtreifte ſein Blick über das Geſicht des Majors— wie ein Blitz zuckte es über ſeine Stirne, ein grauenhafter Zug der * 278 höchſten Wuth trat auf ſein braunbärtiges Antlitz—„und Euch,“ ſetzte er hinzu,„ergibt ſich Jemelian Pugakew am allerwenigſten!“ „Aber dem Stellvertreter Ihrer Majeſtät der Cza⸗ rin!“ donnerte der Mann in der Jagduniform, welcher auf ſchäumendem Roſſe eben angelangt war, indem er ſeinen Arm vorſtreckte. Die Koſaken Salawatka und Tſchika ließen bei die⸗ ſen Worten die Zügel ihrer Roſſe fallen und wichen einen Schritt zurück. „Wer ſeid Ihr?“ ſchrie Jemelian Pugakew, der doniſche Koſak. „Oberſt Brand, der Gouverneur von Kaſan, Ihrer Majeſtät der Kaiſerin Stellvertreter in dieſem König⸗ reiche,“ donnerte ihm der Mann in der Jagduniform entgegen;„und jetzt ergebt Euch, oder, ſo wahr ich lebe, Ihr baumelt an Euren Ketten an der nächſten Eiche, bis Euch die Nachtvögel davon ablöſen!“ „Und wenn Ihr der Czar ſelbſt wäret, den ſie in Petersburg gefangen halten!“ ſchrie Pugakew der Koſak entgegen,„mich bekommt Ihr lebendig nicht wieder!“ Aber ſie hatten ihn ſchon erfaßt; fünfzig kräftige Hände fielen über den kecken Koſaken her, und ehe fünf Minuten vergingen, lagen Jemelian Pugacew und ſeine beiden wilden Gefährten Tſchika und Salawatka auf dem 279 Rücken ihrer Roſſe gebunden, und der Zug der Neskaſtni ludi trabte, von der Reiterſchwadron eskortirt, die Straße nach der alten Stadt der Chane, Kaſan, hinab. Hinter dem Zuge rollte die wieder in den Stand geſetzte Droſchke mit den beiden Damen. Oberſt Brand, der Gouverneur von Kaſan, aber ritt an der Seite des jungen Majors der Schwadron, dem er jetzt die Hand drückte, indem er ſprach:„Ihr kamt wahrlich zur rechten Zeit, Major Michelſon, um dieſe drei Flüchtlinge noch aufzuhalten. Sie ſind mir bereits von Petersburg her als die gefährlichſten unter den Ge⸗ fangenen des neuen Transportes ſignaliſirt; der Ver⸗ wegendſte unter ihnen aber iſt der feurige, wilde, unbän⸗ dige Koſak Jemelian Pugakew, welcher, wie mein Bericht ſagt, ganz im Geiſte ſeiner Nation handelt, nachdem er, von der Belagerung von Bender im türkiſchen Feldzuge zurückkehrte, unter ſeine Landsleute den Samen des Auf⸗ ruhrs ausſtreute, und erſt kürzlich zu Maikowka auf⸗ gegriffen wurde, um in den Kaſematten von Kaſan Sitte zu lernen. Wir werden dieſen Pugatew ſtrenge überwachen müſſen.“ Ende des erſten Bandes. —.— w— „ „ *——̃̃— — ſſimſſſſſ 8 9 10 11 12 4 16 17 18