Leihbiblinthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Oitmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Jeſehedingungen. 1. Ofensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Qution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: f für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat TN 1W W. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſenvung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. 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Piertes Capitel. Koſaken. Fünftes Cnpitel. Redivivus et ultor. Sechstes Capitel. Major Charlow. Sirbentes Cnpitel. An der Swapa. Achtes Capitel. Im Rebellen⸗Lager. Nruntes Cnpitel. Der Sturm von Kaſan. Zehntes Cnpitel. Die Höhle von Kungur. Elftes Cnpitel. Nur einmal im Leben. Seite 75 105 5 149 189 212 232 278 298 Puguten. Zweiter Theil. Erstes Capitel. Der Erzähler. Eine furchtbare Auflöſung und Willkür herrſchte am Hofe Rußlands in den letzten Lebensjahren Eliſa⸗ beth's; die Kaiſerin ſah faſt nur noch ihre Günſtlinge, die Schuwaloffs, und gab das Reich ſo zu ſagen der Plünderung der Parteien Preis.„Rußland,“ ſagt der Augenzeuge, Generalfeldzeugmeiſter von Villebvis,„war nie in einer gefährlicheren, bejammernswertheren Lage; kein Schatten mehr von Treue, Ehre, Vertrauen, Scham oder Billigkeit.“ Auf dem Throne Peter's I. ſaß aber jetzt Kathari⸗ na II. Treffliche Einrichtungen bezeichneten ihre erſte Re⸗ gententhätigkeit. Vor Allem erließ die Kaiſerin nach ihrer Krönung ein allgemeines Gardenmanifeſt. Sie ſetzte die Leibgarde⸗Regimenter in den früheren Stand, und brach dadurch zum Theil die Prätorianermacht der Preobra⸗ 1860. XVII. Pngadbew. II. 1 — 10 jenskyſchen Garde; ein ſtrenger Befehl gegen die in Rußland üblichen Beſtechungen und Erpreſſungen der Beamten erfloß. Die Handelsmonopole wurden aufge⸗ hoben. Die furchtbare, einer Inquiſition ganz ähnliche Kanzlei, wo der verworfenſte Böſewicht durch Anklage den rechtlichſten Mann in Haft bringen konnte, war ſchon durch Peter III. aufgehoben worden; Katharina hob auch die geheime Kriminalkanzlei auf; ſie vertheilte an ver⸗ abſchiedete Soldaten Ländereien, ſie lud Ausländer zu Niederlaſſungen in Rußland ein, und Gefangenen wurde von ihr ein ſchnelles Gericht zugeſagt; ſie rief den ver⸗ bannten Beſtuſcheff zurück; Orloff mußte ihn empfan⸗ gen; Panin übernahm die auswärtigen Angelegenheiten. Marſchall Münnich, jetzt ganz der neuen Kaiſerin er⸗ geben, und Generaldirektor mehrerer Häfen und des La⸗ dogakanales, beleuchtete ihr den beſtehenden inneren Ver⸗ waltungsorganismus Rußlands; er zeigte ihr, daß das ungeheure Reich faſt nur von den Oberſekretären und Sekretären, und nicht von den eigentlichen, meiſt aus ver⸗ abſchiedeten Offizieren gewählten Gonverneuren regiert werde, welche ungeſchult in den Staatsgeſchäften, an den Rathstiſchen nur hin und her zu ſchwatzen pflegten, wäh⸗ rend die gleichſam zufälligen und„unvergleichlichen“ Erinnerungen der Oberſekretäre bei dieſen Berathungen ſtets den Ton angaben und auch den Ausſchlag gaben. 11 Katharina ſchuf daher neue Einrichtungen des Se⸗ nates, den ſie in ſechs Departements, jedes mit drei bis fünf Senatoren eintheilte; ſie führte eine ſtrenge Ab⸗ gränzung der Geſchäfte, einen neuen Civiletat, größere Beſoldungen der Beamten, aber auch eine Steuererhö⸗ hung ein. Peter des Großen Auge war ſein Generalproku⸗ rator des Reichs und der auf den Trümmern des frü⸗ heren Bojarenthums errichtete Senat geweſen; Katha⸗ rina traute dieſem Auge allein nicht, ſie wollte ſolche Augen, auf die ſie ſich verlaſſen konnte, auch in den Pro⸗ vinzen haben. Schon Peter I. hatte Rußland in acht Gouverne⸗ ments getheilt und Reichscollegien geſchaffen. Dieſe Ein⸗ richtung erwies ſich als gut im offenbaren Gegenſatze zu Frankreich, deſſen Auflöſung in Departements der Re⸗ volution die Thore öffnete. Eine der erſten und weiſeſten Regenten⸗Handlungen Katharina's II. war daher die: daß die kluge Czarin vor Allem ihre Arme prüfte, mit denen ſie das weite Reich der Czaren regieren wollte, oder mit andern Worten, ſich um tüchtige Gouverneure für die Provinzen des weiten Reiches umſah. Der ruſſiſche Kaiſerſtaat bedurfte dreiundzwanzig Statthalter. Katharina berief in richtiger Auffaſſung des Bedürfniſſes ihres Reiches Männer auf dieſen Poſten, 1* 12 von deren ſtaatsmänniſcher Einſicht ſie eben ſo viel er⸗ warten konnte, als von ihren Degen, denn der viel⸗ fach noch nneiviliſirte Charakter der Nationen Ruß⸗ lands erforderte nicht nur Staatsklugheit, ſondern auch ſoldatiſche Kraft und Stärke. Katharina berief daher faſt nur penſionirte Militärs zu dieſen Statthalter⸗ poſten, und wählte aus dieſen ſiebzehn, welche ſie mit den Würden von Kommandanten und Provinzialwoj⸗ woden bekleidete. Einer der wichtigſten Gouverneurspoſten war Now⸗ gorod. Man gab der Kaiſerin eine Liſte von dreißig Kan⸗ didaten für dieſen Statthalterpoſten; am Schluße dieſer Liſte ſtand Johann Zakob Graf Sievers, ein trefflicher Staatsmann, der ans Holſtein ſtammte, wo ſein Ge⸗ ſchlecht bis zu Ende des dreißigjährigen Krieges blühte. Ihn wählte die Kaiſerin zum Gouverneur für den verant⸗ wortlichen Poſten in Nowgorod, und am 20. April 1764 erhielt er ſeine Beſtallung. Für Orenburg wurde Sievers Freund, der edle Steinsdorf, für Kaſan Oberſt von Brand zu Gouverneuren ernannt.— So ſtand der Oberſt von Brand jetzt als ſtarker und edler Wächter der Krone auf einem der wichtigſten Poſten in Kaſan. Dort waltete er mit Kraft und Recht, und hielt ein Haus, wo Wohlſtand, Sitte und altruſſiſche Lebens⸗ luſt und Heiterkeit bei Flaſche und wohlbeſetzter Tafel herrſchten. 13 Oberſt von Brand, ein Mann von hohem Wuchſe, mit einem altruſſiſchen Vollbarte und ein Dutzend Ehren⸗ narben im Geſichte, und dem St. Andreas Orden auf der ſtarken Bruſt, war der Soldat mit Leib und Seele, der Degen war ſein Gott und die Ehre ſeiner Kaiſerin ſeine Parole. Anders war es mit ſeiner„Hausehre“ der Fall. Frau Eudoxia von Brand, dieſe Hausehre, führte im Hauſe auch das Regiment; ſie führte es mit Stolz und Kraft und großer Eitelkeit, denn Frau von Brand hatte längere Zeit am Hofe der Czarin zugebracht, was Wunder, daß ſie jetzt an ihrem eigenen kleinen Hofe der nordiſchen Semiramis nachäffen wollte. Zwar trug Frau Eudoxia auf ihrem ſtolzen Nacken ſchon mehr als vier Kreuze, aber ſelbſt als Vierzigerin war ſie noch ſchön zu nennen; das wußte die Gouverneursfrau von Kaſan; die Schmeichelei that das Uebrige, und ſo kam es, daß die„kleine Czarin von Kaſan“ gerne eben denſelben Weihrauch am Ufer der Kaſanka ſchlürfte, welcher der „großen Czarin am Ufer der Newa“ ſo vielfach geſtreut wurde. Die Selbſtherrſcherin zu Kaſan, Frau von Brand, hatte daher auch ihre Günſtlinge, wie Frau Katharina, die Selbſtherrſcherin zu St. Petersburg; je jünger und ſchöner, je ritterlicher und feiner ein ſolcher Günſtling war, deſto näher wohnte er der von den Sloboden oder 14 Vorſtädten umgebenen Feſtung an der Kaſanka, deſto näher dem Krongebäude, wo Sberſt von Brand reſidirte. Abgerechnet dieſen Naturfehler ihrer Eitelkeit und Vergnügungsſucht, war die Oberſtin eine gutmüthige Dame, die„lebte“ und„leben ließ“, und die Strenge, welche ihr Gemahl im Sinne der Regierung gegen Man⸗ che der nach Kaſan verbannten Nestaſtni ludi anwen⸗ den mußte, erhielt durchaus nicht ihre Billigung; die Frau Oberſtin bedauerte vielmehr gar häufig die Jugend und männliche Schönheit ſo Mancher, die da auf den Wällen der Feſtung Schanzarbeit verrichten mußten, während ſie früher in den Prunkſälen an der Newa auf Silber geſpeiſt hatten. Wie die ſtrahlende Sonnenblume, die aber außer ihren goldfarbigen Blättern weder angenehm duftet, noch beſonders nützt, ragte alſo die Doppelgängerin der Cza⸗ rin, der ſie ſelbſt in den kleinſten Dingen nachzuahmen bemüht war, an der Kaſanka über die Blumen ihres Gartens empor. Unter dieſen glühte aber in ſchönſter Frühlingsblü⸗ the eine junge Maienvoſe von ſeltener Schönheit, Theo⸗ dora Eliſabeth, die Nichte des Oberſten. Sie trug den Glanz des Morgenſternes in ihren großen freundlichen Augen, den reinen Himmel in ihrer Bruſt und das Bild innerer Zufriedenheit und Seelenreinheit in ihrem ganzen 15 Weſen. Schlang und feurig wie die Gazelle des Tropen⸗ landes durchflog die junge Ruſſin den Gouverneurspalaſt. Jugendmuth und Luſt am ſteten Schaffen und Ordnen prägte ſich in allen ihren Bewegungen aus; dennoch ſtrich zuweilen auf der reinen Stirne der achtzehnjährigen Jungfrau ein Zug ſtillen Grames, ein Zeichen heimli⸗ cher Trauer vorüber. Theodora ſchien ſich in ſolchen Augenblicken an das zu erinnern, was ihr Frau Eudoria, ihre ſtolze Tante, oft unwillkürlich fühlen ließ: daß näm⸗ lich Theodora als elternloſe Waiſe ihres im Türkenkriege bei Bender als Major gefallenen Vaters, hilf⸗ und mit⸗ tellos in des Oberſten Haus, und mit ihm nach Kaſan kam, wo ſie jetzt zwar als Nichte deſſelben einen elter⸗ lichen Herd, einen neuen Vater, eine neue Mutter, in letzterer aber auch„eine Herrſcherin“ fand, die ſie gar häufig fühlen ließ, daß Theodora ihre Dienerin ſei, und dies beſonders dann nicht vergeſſen dürfe, wenn die fünf⸗ undvierzigjährige ſtolze Oberſtin mit dem koſtbarſten Zobelpelze auf dem blendenden Nacken im großen Cour⸗ ſaale des Palaſtes aus dem Kreiſe der edlen jungen Beſatzung Kaſans mehr Blicke auf ſich ziehen wollte, als die achtzehnjährige blühende Theodora wirklich auf ſich zog. In ſolchen Augenblicken eines vorübergehenden ſchmerzlichen Gefühles fühlte Theodora ihre ganze Ab⸗ 5 16 hängigkeit von den Launen und der ſtolzen Herrſchſucht der Oberſtin. Eine andere ſtrahlende Blume im Hauſe der Ober⸗ ſtin war Malwina, die ſiebzehnjährige ſchöne Tochter der⸗ ſelben, eine liebliche Blondine, deren hoher Wuchs, blaues Auge und ſeidengelbe Haarflechten ihr unter den liebeglühenden jungen Kriegern an der Kaſanka lange ſchon den Namen der„ſchönen Schwedenjungfrau“ ein⸗ gebracht hatten. WMalwina hing mit der ganzen Glut der erſten Ju⸗ gendliebe an dem Herzen ihrer verwandten Freundin, und dieſe Herzen verſtanden ſich; da konnte es aber nicht feh⸗ len, daß die, wie in vielen andern ruſſiſchen Städten, hohl liegenden Balken der Straßen Kaſans, welche zum Pa⸗ laſte des Gouverneurs hinaufführten, gar häufig von den Hufen der edelſtolzen Roſſe dröhnten, auf denen die junge Ritterſchaft der Beſatzung Kaſans, Orenburgs und anderer nicht gar zu entfernter Städte um einen Blick aus den ſchönen Augen der beiden Jungfrauen buhlte; und wenn Generallieutenant Steinsdorf von Orenburg auf Beſuch einſprach, wenn Oberſtlieutenant Simonow und andere Freunde des Oberſten von Brand ankamen, und mit dem Oberſten über Rußlands Politik, über Kriegs⸗ und Friedenspläne verhandelten, wenn der Marſtall des Palaſtes und die Branntweinbatterien des 17 Speiſeſaales ihre Augen glänzen machten, ſo ſchwärmte die jüngere Soldateska ihrer Begleitung wie Honig ſu⸗ chende Bienlein um die ſchönſten Blumen des Palaſtgar⸗ tens— Theodora und Malwina. Frau Eudoxia von Brand war nicht nur eine ſtolze Selbſtherrſcherin ihres Hauſes, ſie war auch eine kluge Dame; ſo wie ſie daher im Haushalte ihres Palaſtes ſtrenge Controlle führte und daſelbſt als wahres Manns⸗ weib den ihr von ihrem Gemahl gerne überlaſſenen Kom⸗ mandoſtab führte, ſo rechnete ſie auch da mit großer Geſchicklichkeit, wo es galt, die Säulen ihres Hauſes feſt zu ſtellen für alle Stürme der Zukunft. Rußland hatte aber ſeit Peter des Großen Tode eigentlich keine ruhige Stunde mehr gehabt, Staatsſtreich war auf Staatsſtreich gefolgt, Umſturz auf Umſturz— wer bürgte dafür, daß nicht auch Katharina II. das Lvos anderer unglücklicher Nachfolger Peter I. theile, daß dann mancher der Gouverneure der Provinzen, welche die neue Kaiſerin einſetzte, wieder von der Stufe herab⸗ treten würde, worauf ihn die Hand der jetzigen Selbſt⸗ herrſcherin aller Reuſſen gehoben hatte. Ueberdies iſt nichts wandelbarer, als die Gunſt der Mächtigen. So rechnete die Oberſtin, und blickte daher bei Zeiten herum für ihre Tochter, die ſchöne blonde Malwine, 18 einen der aufſtrebenden jungen Stabsoffiziere auszuleſen, an deſſen ſtarker Hand das Mädchen durch das Leben gehen ſollte. Aber auch für Theodora dachte die Oberſtin. Theodora war ſchön wie ein Maitag in vollſter Blüthe; ſie überſtrahlte mit den reizenden Gaben, welche ſie aus der Hand der Mutter Natur empfangen hatte, nicht nur die liebliche Malwina, ſondern auch— was in den Augen der eitlen Oberſtin nicht unbemerkt blieb— dieſe ſelbſt im hohen Grade. Grund genug, daß Frau Eudoxia von Brand, welcher die mittelloſe Nichte ihres Mannes in ihrem Hauſe ohnedies gleich anfangs keine ſehr willkommene Erſcheinung war, täglich empfindlicher wurde gegen die Waiſe, die mit allen zarten Aufmerk⸗ ſamkeiten die eiferſüchtige Abneigung der ſtolzen Tante nicht mehr zu beſiegen vermochte. So hatte denn Frau Eudoria von Brand auch in dieſer Beziehung bereits ein großes Rechnungserempel entworfen; ſie hatte ſich die Ziffern auserſehen, aus denen ſie das künftige Haus ihres Familienglückes bauen wollte; zu oberſt ſtand der unabänderliche Grundſatz: daß mit Malwinens Hand der reichſte, durch die meiſten Ver⸗ bindungen am kaiſerlichen Hofe ausgezeichnetſte Offizier oder Kavalier von denen, welche im Gouvernements⸗ palaſte zu Kaſan aus und ein gingen, gewonnen werde; ℳ 8 19 ſodann, daß auch die täglich herrlicher heranblühende Nichte Theodora je eher, je lieber an der Hand irgend eines an⸗ deren Kavaliers oder Offiziers aus Kaſan ziehen müſſe. Eine dritte ebenbürtige Blume gab es im Roſengarten des Gouvernementspalaſtes nicht mehr, und Frau Eudoria von Brand ſtand dann allein da als die Göttin, welcher in dieſem Palaſte zu huldigen geſtattet war. Es war an einem ſchönen Auguſtmorgen des Jahres 1772, als Oberſt von Brand die prachtvollen Teppiche des Kabinets ſeiner Gemahlin betrat. „Ich komme Dir anzukündigen, Eudoxia,“ ſagte er, „daß wir uns auf längere Zeit trennen werden. Ihre Ma⸗ jeſtät die Czarin hat mich und den Gouverneuer von Orenburg durch dies Schreiben nach Petersburg einbe⸗ rufen, wo wir Organiſationsmaßregeln des Reiches zu berathen haben.“ Die Oberſtin blickte überraſcht empor.„So wird unſere für dieſen Monat vorgehabte Luſtreiſe nach Aſtra⸗ chan und an's kaſpiſche Meer wieder zu Waſſer?“ fragte ſie mit einem leiſen Zuge des Unmuthes auf ihrem breiten Antlitze. „Nicht im Mindeſten,“ entgegnete der Gemahl, „vielmehr ſollſt Du dieſe Reiſe mit Malvinen und Thev⸗ doren noch in dieſer Woche, oder wenn Du willſt, ſchon morgen antreten, denn mein Abgang nach Petersburg kann erſt nach längerer Vorbereitung und jedenfalls vor zwei Wochen nicht ſtatt ſinden; bis dahin biſt Du von Aſtrachan wieder zurück.“ „So willſt Du uns nicht begleiten?“ fragte die Oberſtin. „Ich erwarte morgen den Gouverneur Reinsdorf von Orenburg,“ entgegnete der Oberſt,„und kann alſo Kaſan nicht verlaſſen, ſo gerne ich an den Ufern des ka⸗ ſpiſchen Meeres in Eurer Geſellſchaft ein paar freund⸗ liche Erholungsſtunden genießen möchte; indeß habe ich für Eure ſichere und angenehme Begleitung bereits Sorge getragen, und meine Stelle wird in dieſer Beziehung gut vertreten ſein.“ „Wer ſoll uns begleiten?“ fragte die Oberſtin geſpannt. „Auf der Hinreiſe Oberſt Tſchernitſchew, welcher von der Reiſe nach Petersburg eingetroffen iſt und mit mir die Reiſe zurück machen wird,“ entgegnete der Oberſt; „und für Eure Rückfahrt habe ich einen Offizier beſtimmt, welcher gegenwärtig in Aſtrachan ſtationirt, zu uns nach Kaſan überſetzt wird, um die Inſpection in der Sunibeka unſeres Kremls zu übernehmen*). Du kennſt den Mann; es iſt derſelbe, welcher kürzlich auf ſeinem Marſche nach ) Ein alter Thurm in der Feſtung Kaſan. 21 Aſtrachan hinab, bei Bolgarü im rechten Augenblicke an⸗ kam, als einige von den Neskaſtni ludi entſpringen woll⸗ ten; ein tüchtiger Offizier, in der That, ſeine Kameraden nennen ihn den Ritter ohne Furcht und Tadel, ſonſt nennt er ſich Major Michelſon.“ „Major Michelſon?“ fragte Frau Eudoxia, und ein ſeltſames Lächeln zog über ihre Lippen.„Ich habe mir von dem Manne ſchon erzählen laſſen; nun, da werden wir wohl nur die ſtrategiſche Lage Aſtrachans, die Ras⸗ ſchiwa, Mangiſchlakls und Aslams*) des kaſpiſchen Meeres zu ſehen bekommen, denn der Mann, wie man mir ſagte, kennt außer ſeinen Karten und Büchern keine andere Leidenſchaft.“ „Major Michelſon wird als der bravſte und ehren⸗ hafteſte Offizier der Garniſon Aſtrachans geſchildert,“ entgegnete der Oberſt;„ſeine rauhe Außenſeite verbirgt, wie mir geſagt wurde, einen glänzenden Kern, er iſt Sol⸗ dat mit Herz und Seele, offen, wahr und ehrlich, ein *) Raſchiws, Fahrzeuge auf dem kaſpiſchen Meere in der Nähe Aſtrachans; ſie werden von Seeleuten geführt, von denen die ſogenannten Mangiſchlaks den Namen des Hafens führen, von welchen ſie ehemals die Waaren der Karawanen von Ching und Buchara nach Aſtrachan brachten.— Die Aslams ſind nach ei⸗ nem tartariſchen Worte, welches Frachtfuhrmann bedeutet, benannt⸗ 22 Kato an Sitte und Entſchloſſenheit, und dabei anſpruch⸗ los, wie Keiner.“ „Endigen, endigen Sie die herrliche Standrede, mein Herr Gemahl,“ fiel die Oberſtin mit ſichtlicher Aufregung dazwiſchen;„Sie wiſſen, daß ich trockene, kalte, mit den Forderungen des feinen Anſtandes durchaus unvertraute Soldaten nicht vertragen kann.“ „Weil Sie das Gold vom Kieſel nicht zu unter⸗ ſcheiden wiſſen, Madame,“ entgegnete der Oberſt gleich⸗ falls ſchon gereizt;„Sie wollen ewig in einem Luſtgarten wandeln, wo loſe Schmetterlinge und ſchmeichelnde Weſt⸗ winde ihre Schläfe umſäuſeln; das ehrliche, männliche Auftreten eines braven Mannes und Soldaten, wie Mi⸗ chelſon iſt, paßt nicht in Ihre Appartements.“ „Ich dächte, Herr Gemahl,“ lispelte die Oberſtin jetzt durch ihre fieberhaft zitternden Lippen,„ich dächte, Sie ſchlügen der Czarin in Petersburg einen Wechſel des Gouvernements⸗Stuhles vor, und räumten„dem edlen Kato“ ihren eigenen Poſten als Gouverneur Kaſans.“ „Allerdings,“ entgegnete der Oberſt, immer mehr auflodernd,„allerdings, Frau Gemahlin; käme es auf mich an, ſo würde ich einem Offizier, wie Major Michel⸗ ſon mir geſchildert wird, ohne Bedenken den Befehl in der Feſtung Kaſans während meiner Abweſenheit übertragen. Indeß können Sie ſich beruhigen, vor der Hand wird 23 Oberſt Larionow meine Stelle vertreten und Major Michelſon nur, wie ich ſagte, die Gefangenen in der Suni⸗ beka überwachen.“ Die Oberſtin glühte; ſie wollte losbrechen, allein ſie kannte ihren Gemahl. In allen Punkten ließ er ihr die Herrſchaft des Hauſes, nur in einem nicht: da, wo es die Ehre ſeiner Offiziere, wo es militäriſche Maß⸗ nahmen galt— hier duldete der Oberſt keinen Wider⸗ ſpruch. Dies wußte Frau Eudoxia von Brand, ſie fügte ſich daher. „Nun, wenn ſchon der Major unſere Fahrt von Aſtrachan zurück leiten ſoll,“ ſagte ſie einlenkend,„ſo wird mir mein Gemahl wohl erlauben, daß ich mir für meine nächſte Umgebung auf dieſer Fahrt dahin aus der Blüthe der Ritterſchaft Kaſans auch einen Kavalier aus⸗ ſuche, welcher mich zurückgeleiten kann.“ „Major Charin und Hauptmann Charlow von der Garniſon Kaſans ſind von hier zu dieſer Fahrt beor⸗ dert,“ entgegnete der Gouverneur. „Charlow und Charin?“ rief die Oberſtin, und ein Lichtblick zog über ihre Stirne.„Nun, das laß ich mir gefallen, dieſe Herren haben Hofſitte gelernt und verſtehen eine Dame zu begrüßen. Wann reiſen wir?“ „Ich ſagte Dir ſchon, morgen, wenn Du willſt,“ entgegnete wieder ruhig der Oberſt.„Die Tage ſind hei⸗ ter und Eure Fahrt wird angenehm ſein.“ Der Oberſt wandte ſich jetzt nach der Thür, aber Frau Eudoxia trat noch einmal auf ihn zu.„Noch eine Bitte, Herr Gemahl,“ ſagte ſie;„ehe wir von Kaſan abreiſen, wünſchte ich eine kleine Schuld der Dankbarkeit abzutragen, welche mir gegen jenen Gefangenen obliegt, der mir kürzlich während des Sandburans, als unſere Pferde ſcheu wurden, ſo entſchloſſene und thätige Hilfe leiſtete.“ „Du meinſt den verwegenen Jemelian? den Puga⸗ kew?“ fragte der Gemahl. „Allerdings,“ entgegnete die Oberſtin;„was iſt ſeither geſchehen, um dem Manne, ohne deſſen raſche Hilfe ich vielleicht von unſern wilden Roſſen in die Wolga geriſſen worden wäre, eine Erkenntlichkeit zu verſchaffen?“ „Ich geſtehe,“ entgegnete der Oberſt,„daß ich daran bisher nicht gedacht habe; aber ſo ſehr wir dem Manne für ſeine erwähnte Hilfeleiſtung verpflichtet ſein mögen, ſo wenig vermag ich für ihn vor der Hand zu thun. Er iſt mir als der verwegenſte unter den Ne⸗ staſtni ludi bezeichnet, ich bin zur größten Wachſamkeit über ihn aufgefordert; denn der Mann beſchäftigte ſich ſchon in ſeiner Jugend nicht bloß mit dem Handwerke des Krieges, ſondern auch mit dem des Raubes, nahm im 25 letzten Kriege gegen Preußen, obgleich er Ruſſe iſt, preu⸗ ßiſche, dann im Türkenkriege wieder öſterreiſche Dienſte, überfließt bei jeder Gelegenheit in Spottreden gegen die Czarin und den Hof, und iſt daher ein höchſt gefährlicher und verwegener Mann, welchem nur die Gelegenheit fehlt, um das ganz zu ſein, was er gerne ſein möchte: der Führer einer Partei für Raub und Mord. Ueberdies iſt er als Aufwiegler ſeines Volkes übel berüchtigt, und dies auch Urſache ſeiner letzten Verhaftung; denn nach⸗ dem er von dem Feldzuge gegen die Türkei abgelöſt, in ſein Vaterland zurückkehren durfte, faßte er, wie man mir mittheilte, den Entſchluß, deſſen Ruhe zu ſtören; er ge⸗ ſellte ſich im Flecken Malikowka unter die Roskolniki und wollte ihr Anführer werden, der mit ihnen Rache nehmen ſollte an ihren Gegnern; deshalb ward er aufgegriffen und nach Kaſan überliefert. Ueberdies wollte er eben neulich, als er Dir im Sandburan zu Hilfe kam, ſpäter entſpringen, und wurde nur durch die Dazwiſchenkunft Major Michelſon's daran verhindert.“ „Du ſiehſt allzuſchwarz, mein Freund,“ entgegnete die Oberſtin;„ein Menſch, den man in Ketten nach der Feſtung ſchleppt, und der im ſelben Augenblicke ſein Le⸗ ben einſetzt, um das unſere zu retten, muß auch gute Seiten haben.“ „Ich finde nichts beſonderes an ihm,“ bemerkte der 1860. XVII. Pugabew. II. 2 26 Oberſt,„als höchſtens ſeine auffallende Aehnlichkeit mit dem verſtorbenen Czaren Peter III., eine Aehnlichkeit, welche der ſchlaue Jemelian auch kennt, und die ihm unter ſeinen Mitgefangenen, welche ihn ſcherzweiſe den Pſeudo⸗ Demetrius nennen, in der That eine Art Uebergewicht und Einfluß verſchafft.“ „Wenn Du alſo für den Jemelian Pugasew ſelbſt nichts thun kannſt,“ fiel die Oberſtin ein,„ſo hindere mich nicht, ihm meinen Dank zu beweiſen; ich will ſein Lvos erleichtern.“ „Der Koſak verdient es nicht,“ erwiderte der Oberſt kalt;„der Polizeiminiſter Yevranoff*) meldete mir erſt geſtern noch, daß der Jemelian unter ſeinen Mit⸗ gefangenen den egyptiſchen Joſeph ſpiele und einen Traum erzählt habe, gleich den ſieben fetten und ſieben mageren Kühen, wornach wir es erleben werden, daß er noch an der Spitze einer Bande die Kaſanka überſchreite und in unſerm Palaſte ſeinen Branntwein ſchlürfen werde.“ „Aber er ſoll ein trefflicher Erzähler ſein, wie mir der Polizeiminiſter auch ſagte,“ fiel die Oberſtin ein, Thimotheus Jevranoff, der alte Kammerdiener der Groß⸗ fürſtin Katharina, welchen Kaiſerin Eliſabeth unter dem Vor⸗ wande eines Streites im Garderobezimmer verabſchiebete und nach Kaſan verwies, wo man ihn ſpäter zum Polizeiminiſter machte. 27 „und da meine Hofhaltung in dieſem Palaſte mit ihrer Zuſtitia und Politica nichts zu thun hat, Herr Gemahl,“ ſetzte ſie gereizt hinzu,„ſo werden Sie auch nichts einzu⸗ wenden haben, wenn ich mir den Jemelian Pugakew, verſteht ſich unter den gehörigen Vorſichten gegen ſeine Entweichung, auf ein paar Tage nach meiner Rückkehr von Aſtrachan als Erzähler ausbitte.“ Frau Eudoxia von Brand meinte mit dieſer Bitte nichts Ungewöhnliches. In Rußland iſt es nämlich eine alte Sitte, daß vornehme Frauen ſich zuweilen„einen Erzähler“ halten, welcher ihnen die Abende,„bis ſie einſchlafen,“ verkürzt. Als einen ſolchen Erzähler wollte Fran Putiphar von ihrem Herrn Gemahl jetzt den Traumdeuter Joſeph, genannt Jemelian Pugacew, erbitten. Aber auf die Stirne des ſtrengen Gouverneurs von Kaſan trat jetzt eine rieſenhafte Falte.„Ich habe dem Polizeiminiſter bedeutet,“ ſagte er,„daß er den egypti⸗ ſchen Joſeph einige Werſt weiter in's Land hin escortiren laſſe, damit ihm ſeine Traumdeutereien vergehen; in meinem Hauſe ſoll ein ausgedienter Räuber und Par⸗ teigänger keinen Erzähler abgeben, es müßte mich denn ſelbſt gelüſten, mein Bündel zu ſchnüren und ein Re⸗ ſeript der Czarin abzuwarten, das mich ſammt meinen Gefangenen zu den Vulkanen Kamtſchatkas verwieſe.“ 2* Der Oberſt wartete nach dieſer beſtimmten Erklä⸗ rung die Gegenrede ſeiner Ehehälfte nicht mehr ab, und verſchwand in der Vorhalle des Palaſtes, während Frau Eudoria im tiefen Sinnen ſtehen blieb, wie etwa Eva geſtanden ſein mochte, als ihr Adam ſagte: Gott hat es verboten, von dieſem Baume dürfen wir nichts eſſen.— Zehn Tage nach dieſer Unterreduug des Oberſten mit ſeiner Gemahlin lagerte über den ſandigen Ebenen Aſtrachans eine drückende Schwüle, aber ſchon wich die⸗ ſelbe allmälig der milderen Abendluft, und die uralte Stadt erwachte jetzt aus ihrem Schlummer, wie die lauen Abendlüfte des Südens auch den glücklicheren Bewohner Wälſchlands erſt zu neuer Thätigkeit beleben. Ein wahrhaft maleriſches Schauſpiel bot ſich jetzt dem Blicke dar; die Häuſer entluden ihre Bewohner, die Magazine belebten ſich, die Bevölkerung aller Ragen und Sprachen verbreitete ſich raſch auf den Brücken und den baumreichen Quais, der Kanal bedeckte ſich mit Kaiks, die mit Melonen und andern Früchten beladen waren; Droſchken, Kaleſchen und Reiter wimmelten durcheinan⸗ der, und die Stadt, welche erſt einem großen ausgeſtor⸗ benen Leichenfelde voll uralter Monumente glich, trug jetzt ein wahrhaft feſtliches Kleid. Dort an der Seite einer tartariſchen Wohnung „% 29 dehnte ſich ein großes, durch die Zeit geſchwärztes Ge⸗ bäude mit mittelalterlichen halb verlöſchten Figuren, dort ſtand ein europäiſches Magazin mit Kleidungsſtücken, dort eine Karawanſerie, weiter links die prachtvolle Hauptkirche unter dem Schatten einer zierlichen Moſchee mit ihrem Brunnen; dort in einem der äußern Stadt⸗ theile, wo dickhälſige Trauben mit ihren großen und ſaf⸗ tigen Beeren, aus denen der beliebte Kiſchmiſch, eine Weinſorte aus kernloſen Beeren, gekeltert wird, an Spa⸗ lieren hingen. Aber mitten in dieſem idylliſchen Bilde tauchten auch wie die Schlagſchatten in einem romantiſchen Land⸗ ſchaftsbilde gebräunte und ſchwarze Mauertrümmer her⸗ vor; ſie ſchienen Trümmer zu ſein, aber nicht Ruinen einer längſtvergangenen Zeit, ſondern einer jüngſt ver⸗ floſſenen Trauerperiode, das waren ſie: denn erſt vor fünf Jahren, im Jahre 1767, war Aſtrachan durch einen Brand zum Theile eingeäſchert worden, und noch lagen daher viel Wohnungen der ärmern Bevölkerung in Trümmern und harrten auf ihren Wiederbau. Zwiſchen den windmühlähnlichen Thürmen und ge⸗ mauerten Baſſins ſaß eine ſeltſame Geſtalt. Es war ein kleiner Mann mit blaſſem Geſichte und dunklen Augen; ſeine hohe Stirne und der ganze Ausdruck ſeines Geſich⸗ tes verrieth den ernſten Denker und Mann der Erfah⸗ rung; aber auch ein Zug unendlicher Gutmüthigkeit lag auf ſeinen bleichen Lippen, und ſein ganzes Weſen trug das Gepräge jener Menſchen, denen wir beim erſten Begegnen zurufen möchten: in deinem Auge iſt kein Falſch! Dieſer Mann mochte einige fünfzig Lebensjahre zählen, ſein Anzug beſtand aus einem einfachen dunklen Hausrocke, einem kurzen Beinkleide und Spitzſchuhen mit Silberſchnallen. Statt der gewöhnlichen ruſſiſchen Mütze trug er eine Art braunen Hutes, welcher über und über mit Inſecten benadelt war. Sein ſanfter Blick ruhte mit ſichtlichem Wohlgefal⸗ len auf der ſchlanken Geſtalt einer ſchönen Jungfrau, welche unter den zwiſchen den Traubengeländern zerſtreut liegenden Trümmern herumwandelte, umringt von einer Schaar weinender und wieder jubelnder Kinder, denen ſie aus einem von einem kleinen Knaben gehaltenen Hand⸗ korbe Brod und Früchte vertheilte. Der bleiche Mann mit dem inſectengeſpickten Hute ſchien ſich an dieſer Scene wahrhaft zu ergötzen; denn er merkte nicht, daß jetzt ein ſchlanker kräftiger Mann in ruſſiſcher Staabsoffiziersuniform hinter ſeinem Rücken ſtand und gleichfalls mit großem Antheile die Brod⸗ ſpenderin beobachtete. Jetzt zog dieſe aus ihrem Körbchen auch eine höl⸗ F 31 zerne Kanne, aus welcher, nachdem ſie den Deckel geöffnet hatte, die beliebte Theeſuppe der Kalmücken, bereitet aus feingeſchnittenem Thee, Schaffett, Milch und Salz, her⸗ ausdampfte; nun kannte der Jubel der Kleinen keine Grenzen mehr, ſie ſchmiegten ſich an die holde Spen⸗ derin, ſprangen um ſie herum, wie die Lämmlein um die Lammesmutter, und die ſchlanke Jungfrau hatte zu thun, um Alle zu befriedigen und keines der Kleinen leer aus⸗ gehen zu laſſen. Auf dem gefurchten Antlitze des kleinen Mannes mit dem Inſectenhute perlte jetzt eine Thräne nieder. „Laſſet die Kleinen zu mir kommen,“ ſagte er,„denn ihrer iſt das Himmelreich!“ „Und wer iſt der Engel, der dieſes Himmelreich dort um ſich verſammelt?“ fragte der nebenſtehende Offizier, indem er vortrat. Der Mann mit dem Inſectenhute blickte um.„Das iſt meine Schülerin, Theodora Eliſabeth, die Nichte des Gouverneurs von Kaſan,“ ſagte er, und ein Zug großer Selbſtbefriedigung trat auf ſein bleiches Antlitz. „Dieſe Schülerin macht Euch Ehre, Herr,“ ent⸗ gegnete der Offizier;„ihre Seele ſcheint ſo ſchön zu ſein, wie ihr Aeußeres, wandelt ſie doch wie eine ſorgſame Mutter unter dieſen Kleinen, die ſie umjubeln, indem ſie ihnen Brod ſpendet.“ 32 „Das ſie ſich von ihrem eigenen Munde abſpart,“ ſagte der Andere.„Ja Herr, Profeſſor Lowitz nennt dieſe Jungfrau ſeine beſte Schülerin, und der kleine Knabe, welcher ihr Körbchen trägt, iſt ihr Bruder, der kleine Jwan.“ „Profeſſor Lowitz?“ fragte der Offizier.„Wie? ſeid Ihr der gelehrte, ſanfte Profeſſor Lowitz aus Kaſan, von welchem mir mein Freund Charlow erſt bei ſeinem jüngſten Beſuche in Aſtrachan ſo viel Schönes und Gu⸗ tes erzählte?“ „Der bin ich allerdings,“ entgegnete der Profeſſor mit ſichtlicher Befangenheit;„das Lob Eures Freundes wird mir aber ganz unwürdigerweiſe zu Theil, denn was ich jemals Gutes geleiſtet habe, kommt nur auf Rech⸗ nung des da droben, welcher die Herzen der Menſchen lenkt und das Gedeihen gibt zu allem Guten.“ „Nun,“ ſagte der Offizier,„wer eine ſo edle Schü⸗ lerin heranbilden kann, der muß ſelbſt ein edler Menſch ſein. Seht, Herr Profeſſor, Eure Schülerin iſt mir zu⸗ vorgekommen, auch ich war im Begriffe die Brandſtatt da zu beſuchen und Gaben—“ In dieſem Augenblicke hatten einige der Kinder den Offizier wahrgenommen.„Väterchen Michelſon!“ ſchallte es jetzt in ihrem Kreiſe, und wie von einem kleinen Schwarm Bienen umſummt, ſtand der Offizier im näch⸗ 33 ſten Augenblicke mitten unter den Kleinen, die ihm in gewohnter Weiſe ihre ruſſigen Händchen und kleine Mütz⸗ chen entgegenſtreckten, während er eben noch Zeit ge⸗ wann, den Lederbeutel mit kleinen Münzen aus ſeiner Bruſttaſche zu ziehen und die mitgebrachten Gaben un⸗ ter die armen Jungen und Mädchen zu vertheilen, unter denen wohl die meiſten wirkliche oder von ihren Eltern verlaſſene Waiſen waren. Der Profeſſor ſah ihm mit ſtiller Freude zu, während ſich ſeine Schülerin, die liebliche Theodora, als ob ſie dem Spruche nachleben wollte:„was Deine Rechte gibt, von dem ſoll die Linke nichts wiſſen,“ mit ihrem Körbchen in das naheſtehende Haus entfernte. Jetzt wandte ſich der Profeſſor zu dem Offizier. „Nun, mein Herr,“ ſagte er lächelnd,„mich dünkt, Ihr gebt meiner Schülerin in dem nichts nach, was man Menſchenliebe und Wohlthätigkeit nennt; ſeh' ich Euch doch auch dem Spruche der Bibel nachkommen: Laſſet die Kleinen zu mir kommen.“ Eine ſchöne Röthe der Beſcheidenheit trat auf das Antlitz des Offiziers.„Sagt mir, Herr Profeſſor, begann er ausweichend,„in welchem Stadttheile nahm die Oberſtin Brand ihr Abſteigequartier? Ich bin Major Michelſon, Interims⸗Kommandeur eines Theiles der Beſatzung Aſtrachans, und habe bereits ſchriftliche Ordre, 34 die Frau Oberſtin nach Kaſan zurückzugeleiten und dort die Inſpection der Staatsgefängniſſe zu übernehmen.“ „Die Frau Oberſtin befindet ſich mit ihrer Tochter im Fakirhauſe neben jenem Bauhofe,“ ſagte der Pro⸗ feſſor, indem er mit ſeinem Finger auf ein naheſtehendes Gebäude wies, wohin vorher ſeine Schülerin verſchwun⸗ den war. „Alſo hat ſie auch eine Tochter?“ fragte der Major. „Sic est,“ entgegnete der Profeſſor;„aber—“ „Nun aber?“ fragte der Major. „Aber Fräulein Malwina von Brand,“ erwiderte der geſprächige kleine Profeſſor,„iſt kein Schatten von meiner Schülerin, dem Fräulein Theodora, obgleich es hier wie oft im Leben geht, daß der Glasſtein prunkt, während der Diamant verborgen in der Erde liegt und mit Füßen getreten wird.“ „Wie meint Ihr das, Herr Profeſſor?“ fragte mit Theilnahme der Major. „Je nun,“ entgegnete der Gelehrte,„wenn Ihr Herren Kriegsmänner uns nach Kaſan begleiten werdet, ſo wird Euch das bald klar werden. Fräulein Malwina von Brand iſt die Tochter des Hauſes, und meine Schülerin Theodora eine arme Waiſe. Da habt Ihr's alſo klar und laßt Euch's alſo nicht befremden, wenn Ihr 6 35 zuweilen Thränen in dem Auge des armen Aſchenbrödel bemerken werdet.“ Der Major hörte nachdenkend und ſchweigend dem Profeſſor zu. „Und beſonders dann,“ fuhr dieſer immer vertrau⸗ licher werdend fort,„wenn es gilt, die Huldigungen der Umgebung unſeres kleinen Hofes in Kaſan wie aufſtei⸗ gende Weihrauchdüfte einzuſaugen. Die Frau Oberſtin will es da als kleine Selbſtherrſcherin in Kaſan der großen Selbſtherrſcherin in Petersburg nachmachen, und möchte am liebſten Jeden, der ſich vor ihr und ihrer ſtolzen Tochter nicht bis zur Erde beugt, an den ZJeniſay zu den Spitzmäuſen verbannen.“ Jetzt ſchlug ſich der kleine Profeſſor mit der flachen Hand auf den Mund; er mochte fühlen, daß ſein Zün⸗ gelchen gegenüber einem Unbekannten ſchon viel zu ge⸗ läufig war. „Wenn Ihr alſo der Frau Oberſtin die Honneurs zu machen habt,“ ſagte er,„ſo habt die Güte, mir in das Haus dort zu folgen, wo die Frau Oberſtin eben den Braminen⸗Gottesdienſt mit anſehen will.“ Major Michelſon ging ſchweigend und nachdenkend hinter dem Profeſſor her, der ihn alsbald in das wenige Schritte entfernte Haus und über eine Treppe in ein mehr ovales als viereckiges Zimmer führte. Daſſelbe lag gegen Abend und hatte ſtatt aller Einrichtungsſtücke nur große türkiſche Divans. In der Seitenmauer zeigte ſich den Eintretenden eine kleine Kapelle; vor derſelben ſtanden mit gegen Weſten gerichteten Augen, welche der hinab⸗ ſinkenden Sonnenſcheibe zu folgen ſchienen, zwei lange Männer mit braunen Gewändern, über welche der Quere nach weiße Schärpen hingen, deren Ende ſie am Boden ſchleppten; ſie trugen Turbane vom weißen Mouſſelin mit weiten Falten auf ihren Häuptern, ihre bronze⸗ farbigen Geſichter deckte eiſige Kälte. Dieſe Männer waren Braminen. Jetzt trat ein dritter, größerer herzu; er hatte ein freundlicheres Antlitz und lächelte den Eintretenden entgegen, indem er einen ungeheuren perſiſchen Fächer ſchwenkte und ſie damit förmlich in einen Luftſtrom einhüllte. Inzwiſchen hatte ſich die Sonne gänzlich hinab⸗ geſenkt, die Prieſter zündeten jetzt mehre Kerzen an und ſtellten ſie vor die Kapelle, worauf ſie ihre ſonderbar ge⸗ ſtaltenen Gefäße mit Reinigungswaſſer füllten. Der Profeſſor machte den Major jetzt durch einen Wink aufmerkſam auf einen in die Wand gefügten Stein, welcher der vorzüglichſte Gegenſtand der Anbetung der Braminen zu ſein ſchien.„In dieſen Stein,“ lispelte er ihm zu,„hat ſich nach der Lehre der Braminen ein berühmter Heiliger, müde der Welt und der Menſchen, 37 geflüchtet; er iſt alſo heilig, und ſein Anblick allein kann Wunder wirken.“ Eine liebliche Weihrauchwolke durchduftete jetzt das Zimmer, und verbreitete ein magiſches Dunkel, welches den ekſtatiſchen Zuſtand der Braminen erſt recht zu erhöhen ſchien; denn jetzt warfen ſich zwei der Prieſter mit Ungeſtüm zur Erde und gurgelten laute und ſeltſame Töne, während der dritte aus einer Pfeife durch⸗ dringende Töne hervorlockte, dann aber eine große Seemuſchel ergriff und in die wahrhaft grauenvollen Gurgeltöne ſeiner Gefährten mit immer ſtärkeren Tönen dareinblies. Seine Augen und die ſeiner Gefährten wurden jetzt glänzend, ſeine Glieder ſtarr; jetzt riß er an einer Glockenſchnur, und nun begann ein ſo ſchreckliches Concert, wie es nur Meiſter Luzifer mit ſeinen Geſellen in der Unterwelt aufführen kann. Die Gurgel⸗ und Glockentöne, das Heulen, das Tönen der Muſchel, die raſenden Geberden der ſich herumtummelnden Prieſter erinnerten an den Hexenſabath, an die Veitstänze des Mittelalters, und es gehörten in der That ungeſchwächte Nerven dazu, um dieſes Höllen⸗Concert, viel ſchrecklicher als jenes, welches die heulenden Derwiſche in Kon⸗ ſtantinopel aufzuführen pflegen, auch nur einige Minuten anzuhören. Jetzt war das fürchterliche Getümmel zu Ende; der 38 größte der Prieſter nahm nun eine Handvoll gelber, unſern Ringelblumen ähnlicher Blumen, tauchte ſie in ein Gefäß, worin er das heilige Gangeswaſſer auf⸗ bewahrt hatte, und bot dem Major wie dem Profeſſor davon an; dann walkte er zwiſchen ſeinen Fingern ein Stück Teig zu einer ſymboliſchen Geſtalt, ſteckte ſieben kleine zuvor angezündete Kerzen hinein, und ſchwenkte dieſes Symbolum nun nach allen Himmelsgegenden vor der Kapelle, dann auch gegen die Zuſeher; zuletzt ergriff er eine weiße Muſchel, die auf dem heiligen Stein gelegen war, goß Gangeswaſſer hinein und beſprengte damit die Anweſenden. Inzwiſchen richteten ſeine Gefährten auf einem Seitentiſchchen eine kleine Erfriſchung mit Früchten und Backwerk vor, welche der Oberprieſter dem Major und Profeſſor anbot. Dieſer winkte jetzt dem Major ihm zu folgen. „Die Oberſtin wird bereits die unteren Räume des Braminenhauſes beſehen,“ ſagte er;„wir müſſen ſie daher aufſuchen, wenn Ihr Euch noch vor der Abendtafel vorſtellen wollt.“ Der Major nickte ihm zu, und Beide ſtiegen jetzt über eine ſchmale Treppe in einen wahrhaft mit Purpur und Gold überſäeten Garten hinab, denn die ſchönſte Flora des Südens duftete und glühte in dieſem Garten des Nordens an der Sonnenwärme. Mehre hölzerne Ge⸗ — 39 bäude bildeten geräumige Gartenhäuſer mit allerhand Geräthen. Neben einem dieſer Gebäude ſtand eine Art Verſchlag, vor welchem auf einem breiten Sammtſeſſel die Oberſtin Frau Eudoxia von Brand mit ihrem ſtolzen Blondchen, dem Fräulein Malwina, Platz genommen hatte, während mehrere Diener derſelben ſie umſtanden, und einige Tartaren und Eingeborne von Aſtrachan, dann zwei Perſer, an ihrem reichgeſchmückten Kaftanen kennbar, vor dieſem Verſchlage auf kleinen Teppichen auf den gekreuzten Knieen lagen und mit über die Bruſt geſchlagenen Händen beteten, als ob in dieſem Verſchlage ihr Heiligſtes verborgen wäre. So war es auch. In dem erwähnten Verſchlage ſaß auf einem durchlöcherten Fußboden, ganz zuſammen⸗ gekauert, das Kinn auf die Kniee geſtützt, mit einem langen, bis auf den Boden reichenden Barte, eine ganz nackte, blos mit einem Schafpelze loſe bedeckte, hagere und ein⸗ geſchrumpfte Menſchengeſtalt. Es war ein Fakir oder indiſcher„Heiliger“, welcher, wie Profeſſor Lowitz dem Major zulispelte, fünfzehn Jahre auf derſelben Stelle ſaß, ohne ſich fortzubewegen, was unglaublich klingt, wenn man die ſtrenge Winterkälte Aſtrachans bedenkt*). Noch hatte Major Michelſon dieſen Fakir nicht 5) Dieſe Thatſache erzählt Profeſſor Roſe. genau in's Auge gefaßt, als an der linken Ecke eines Gartenhäuschens neben dem erwähnten Verſchlage, worin der Fakir ſaß, ſich grollende Stimmen erhoben, welche den an jener Stelle in Gebet liegenden Perſern angehör⸗ ten. Einer der ruſſiſchen Diener der Oberſtin hatte ſich nämlich auf ein ſchmutziges, auf der Erde liegendes Fell geſetzt, welches Fell ſich aber plötzlich erhob. Zetzt zeigte ſich unter demſelben eine menſchliche Geſtalt von kaffee⸗ brauner Farbe, die mehr vom Schmutze als vom Sonnenbrande herrühren mochte; dieſe Geſtalt nahm allmälig eine ſitzende Stelle an, hob mit weit ausgeſtreck⸗ ten Armen das Fell empor, und ſtierte die Anweſenden mit einem wahrhaft fürchterlichen Blicke aus ein Paar vom unterlaufenen Blute gerötheten Augen an. Auch das war ein„Heiliger“ der Hindu. Der Profeſſor ſtüſterte dem Major zu:„Das iſt ein Durak(Verrückter), welcher ſeit zwölf Jahren mit zwiſchen den Beinen geklemmten Kopfe unter dieſem Felle lebt. Ein Krug Waſſer und einige Stücke Brod, welche ihm die Prieſter täglich reichen, ſind ſeine einzige Nahrung.“ Aber noch hatte der kleine Gelehrte nicht aus⸗ geredet, als dieſer Fakir ein fürchterliches Geheul aus⸗ ſtieß und mit einem Schrei, der durch Mark und Bein drang, ſich unter ſein Fell wie eine Schnecke zurückzog, 41 während die betenden Perſer und Hindu mit wüthenden Geberden empor ſprangen und ihrem S zu Hilfe eilten. Einer der ruſſiſchen Leibeigenen der Oberſtin hatte nämlich dem Fakir zuerſt eine Düte mit Schnupftabak dargereicht, welche dieſer mit großer Begierde ergriff und deron Inhalt er haſtig in ſeine Naſe ſteckte. Dies erſchien dem Ruſſen ſo komiſch, daß er laut auflachte, und jetzt zutraulich werdend, dem Fakir eine Branntweinflaſche zuwarf, welche zufällig an den kahlen Schädel des „Hindu⸗Heiligen“ anflog, hiedurch zerſchellte und ihren duftenden Inhalt auf das Fell des Heiligen ergoß. Dies gab aber das Signal zu einer allgemeinen Aufregung unter den Betern im Garten. Die betenden Perſer ſtürzten zuerſt mit geballten Fäuſten gegen die Ruſſen, andere miſchten ſich darein, und in weniger als fünf Minuten entwickelte ſich einer jener Fauſtkämpfe, wie ſie bei gereizten Religionsgegnern und Leuten der herrſchenden und geduldeten Religionen zuweilen vorkommen. Unter die Anweſenden der beſſern Stände fuhr natürlicherweiſe ein paniſcher Schrecken. Alles rannte dem Gitter des Gartens zu, um durch die Haustreppe die Flucht zu nehmen und nicht von den Meſſern oder Stöcken der wüthenden Kämpfer verwundet zu werden. 1860. XVII. Pugakew. II. 3 Eine der erſten dieſer Flüchtigen war die Oberſtin mit ihrer Tochter; angſtvoll flogen ihre Augen im Kreiſe herum, um eine rettende Hand zu finden, die ihr den Ausweg durch den heulenden und lärmenden, ſich mit ſtets wachſender Wuth vor die Eingangsthüre des Gartens drängenden Menge bahnen ſollte; während ihre Tochter, das blonde Fräulein Malwina, halb ohnmächtig an ihrem Arme hing. Jetzt fiel das nach Hilfe ſuchende Auge der Oberſtin auf den an der Seite des kleinen Profeſſors ſtehenden Major Michelſon; ſie wollte ihm, ſo gut ſie ſich in dem Tumulte noch verſtändlich machen konnte, zurufen: er möge ſich zu ihr durchdrängen und in di er entſcheidenden Lage Hilfe leiſten. Aber der Major hatte keine Augen für ſie. An ſei⸗ nem Arm hing eine andere und ſchönere Laſt— Theodora, die Nichte der Oberſtin, welche in den Garten nachge⸗ kommen war, und nun in gleiche Bedrängniß gerathen, aber ſchon durch den ſtarken Arm des Majors geborgen war, der ſich jetzt mit ſeiner ſchönen Laſt mit aller Kraft durch den kämpfenden Knäuel drängte und das ſchöne Mädchen glücklich durch die Gitter in das Haus herauf⸗ brachte. Klug und gefaßt im rechten Augenblicke hatte aber der kleine Profeſſor einen Weg gefunden, welcher zur Rettung der Schreienden und Hilferufenden aus dieſer 43 in der That großen Gefahr dienen konnte; er kletterte raſch auf eines der Weingeländer an der Gartenmauer, und ſprang auf einem ähnlichen, auf der Außenſeite ange⸗ brachten Geländer hinab, und wie der Zufall dem Kühnen und Klugen oft günſtig iſt, zog nicht ferne eine Rotte ruſſiſcher Fußſoldaten vorüber. Der Ruf des Profeſſors bewirkte ſogleich ihr Herbeieilen; wie Eichkatzen kletterten die Soldaten auf demſelben Wege, woher der Profeſſor gekommen war, in den Garten, und ihr Erſcheinen allein brachte ſogleich Kryſtalliſation in die kämpfende Maſſe— in wenigen Minuten war die Ruhe hergeſtellt. Als aber jetzt Frau Eudoria von Brand und ihre Tochter ſich auf den breiten Divans des Braminenzimmers von ihrem Schrecken gänzlich erholt hatten, und Profeſſor Lowitz von ihr die gebührenden Lobſprüche für ſein kluges Benehmen empfing, dann aber der Oberſtin den Major Michelſon vorſtellte, welcher ſich durch die Rettung Theodora's um das Brand'ſche Haus verdient gemacht habe, und dem die Ehre zu Theil wurde, die Oberſtin nach Kaſan zu geleiten: da verfinſterte ſich das Angeſicht der Letzteren gar gewaltig; ſie würdigte den Major keines Blickes, und eine ſtumme Verbeugung war Alles, womit ſie vor der Hand dem Retter Theodora's dankte, der ſich während der nun überſtandenen Gefahr um die Oberſtin gar nicht gekümmert hatte und deſſen Name fortan im 3* Kalender der Gouverneursgattin von Kaſan ſchwarz an⸗ geſtrichen ſtand. So blieb es auch. Frau Eudoxia von Brand wür⸗ digte den wackern Major auch auf der ganzen Rückreiſe nach Kaſan keines Blickes, und dort angelangt, war es Oberſt Larionow allein, mit dem ſie fortan verkehren wollte. Major Michelſon konnte dieſe Mißachtung leicht ver⸗ ſchmerzen— lebte doch in ſeiner Seele ein ganz anderes Bild. Er, der auf ſeiner bisherigen beſchwerdevollen Le⸗ bensbahn wenige Silberblicke des Glückes geſehen hatte, dem weder Verwandte noch Freunde lebten, er hatte zu⸗ fällig auf dem ſchönen Wege des Wohlthuns das Jeal gefunden, welches er ſich zuweilen in Träumen vorgemalt hatte— das Weſen, dem ſich ſeine edle, argloſe, nur nach Großem und Schönem ſtrebende Seele verwandt fühlen konnte— Theodoren. Alles, was ihm Profeſſor Lowitz von der ſchönen und ſanften Jungfrau ſchon auf dem Wege von Aſtra⸗ chan nach Kaſan zurück erzählte, mußte ihn noch mehr für die ſeelenverwandte Jungfrau begeiſtern. Jetzt befand ſich Major Michelſon in Kaſan. Er hatte, ſeit das Machtwort der Czarin Eliſabeth ihn nach Kaſan ſtationirte, durch militäriſches Talent und Eifer die Stufe eines ruſſiſchen Stabsoffiziers erklommen, welche er jetzt inne hatte; dort ward ihm von dem zeitweiligen Kommandanten Oberſt Larionow die Inſpection des gro⸗ ßen Staatsgefängniſſes der Sunibeka übertragen. Auf dem höchſten Punkte der Nordſeite Kaſans, im Kreml der Feſtung Kaſan, welche auf drei Seiten von den Sloboden oder Vorſtädten umgeben iſt, hielt jetzt Frau Eudoria von Brand ihren Hof. War dieſer glänzend und ungebunden zur Zeit der Anweſenheit ihres Gemahls, ſo war er noch ungebundener zur Zeit ſeiner jetzigen Ab⸗ weſenheit. Ganz die nordiſche Semiramis im Kleinen ſpielend, war die Haltung der Oberſtin gegenüber dem zeitweiligen Kommandanten Oberſt Larionow eine wahr⸗ haft imponirende. Oberſt Larionow, ein feiner Hofmann von angeneh⸗ mem Aeußern, hatte die Geſetze der Courtviſie am Czaren⸗ hofe ſo gut wie die Oberſtin ſtudirt; er war ein Lebe⸗ mann erſter Sorte; er fand ſich ganz in ſeinem Elemente, als ihm die Oberſtin ſchon bei ſeiner erſten Vorſtellung als Interims⸗Kommandant im Kreml Kaſans ankün⸗ digte, daß ſie, um ſich während der Abweſenheit ihres Gemahls die möglichſte Erheiterung zu verſchaffen, eine Reihe von Feſten und Bällen, Luſtfahrten und Spielen zu veranſtalten gedenke, deren Arrangement ſie beſonders dem Herrn von Larionow und ſeinen Offizieren Charin und Charlow, ihren Günſtlingen, überlaſſen würde, weil dieſe mit Hofſitte und feinem Ton vertraut ſeien. 46 Und jetzt begannen in der That im Kreml von Ka⸗ ſan die„ſchönen Tage von Aranjuez“; die Oberſtin und ihre ſchöne aber ſtolze Tochter ſtanden alsbald um⸗ ſchwärmt von Allem, was in Kaſan vornehm, reich und ſchön genannt werden konnte, und laut ſprach man ſchon nach den erſten Feſten, welche Frau Eudoxia von Brand mit großem Pompe veranſtaltete, und wie es bei ſolchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, von ſüßen Banden, welche Momus und Jokus um verſchiedene Herzen geſchlungen hatten; Major Charin galt fortan als gewiſſer Bräuti⸗ gam des Fräuleins Malwine von Brand, und nur die Rückkunft des Oberſten von Petersburg hieß es, würde noch abgewartet, um dieſes Band vor Hymens Altar zu beſiegeln. Andere deuteten wieder auf Hauptmann Char⸗ low als künftigen Eidam der Oberſtin, und als auch Ge⸗ neral Banner, Oberſtlieutenant Muffel und Major Graf Mellin von verſchiedenen Garniſonen eintrafen, endlich General⸗Lieutenant von Suwarow auf einer Reiſe von Nowgorod nach Kaſan dieſe Stadt berührte, da erreich⸗ ten die Hoffeſte der Oberſtin den höchſten Glanz. Nur ein Offizier der Garniſon erhielt von ihr we⸗ der Einladungskarte noch irgend einen Blick— Major Michelſon. „Freund Cato“, wie ihn ſeine Kameraden nannten, ſaß aber bei andern Karten; ſtreng und ernſt in ſeinem 47 ganzen Weſen geizte er mit ſeiner Zeit, und wenn er ſich auch im Stillen nach einem Hoffeſte der Semiramis Ka⸗ ſans ſehnte, ſo entſprang dieſe Sehnſucht nur aus dem Wunſche, Theodoren näher zu ſein— Theodoren, der ſtillen, reizenden Jungfrau, welche wie eine Dienerin des Hau⸗ ſes durch die Gänge und Hallen des Kremls ſchlich und von der Oberſtin beſonders ſeit dem Tage von Aſtra⸗ chan, wo das Mädchen auf den ſtarken Armen des Ma⸗ jors Michelſon aus dem Braminengarten getragen wor⸗ den war, von allen Feſten ferne gehalten wurde. Da war es an einem ſchönen Sommerabende nach einem dieſer Feſte, als die Oberſtin erſchöpft von den Freuden Terpſichorens, denen ſie trotz ihrer vorgerückten Jahre und leiblichen Schwerfälligkeit noch mit Leiden⸗ ſchaft huldigte, dem mit hofmänniſcher Galanterie an ihrer Seite ihrer Winke harrenden Oberſt Larionow freundlich in's Auge blickte. „Monſieur,“ ſagte ſie zu ihm in franzöſiſcher Sprache,„wir haben nun alle Vergnügungen erſchöpft, welche Zeit und Gelegenheit uns boten und uns im un⸗ ſern entfernten Winkel geſtatteten; ich möchte nun die wahrhaft glänzende Aſſemblée meines heutigen Balles nach der Ermüdung des Tanzes mit anderer Koſt des Vergnügens bewirthen. Ah, Monſieur le Colonel, wiſſen Sie keinen Erzähler in Kaſan aufzutreiben, der uns in 48 altruſſiſcher Weiſe die Raſtſtunden des Balles mit hei⸗ tern Märchen und derlei Geſchichtchen verkürze?“ Der Oberſt ſann eine Weile nach.„Ihr Wunſch, ma chöre,“ ſagte er im vertraulichen Tone,„iſt mir Befehl; indeß muß ich geſtehen, daß ich für den Augen⸗ blick keinen Erzähler in Kaſan auftreiben könnte.“ „Aber ich, ich habe ſchon einen in Vormerkung,“ fiel die Oberſtin lächelnd ein,„nicht wahr, Monſieur Yevranoff?“ Bei dieſen Worten wandte ſich Frau Eudoxia von Brand an den in glänzender Balluniform naheſtehenden Polizeiminiſter Kaſans. Der Angeredete ſchwieg mit ſichtlicher Verlegenheit. „Nun, Yevranoff?“ fragte die Oberſtin,„haben Sie mir nicht von dem großen Erzählertalente des Ge⸗ fangenen in der Sunibeka geſagt, jenes muthigen Koſaken, welcher nicht viel weniger als mein Retter aus der Gefahr während dem Wüthen des Sandburans war?“ „Allerdings— ja—“ ſtammelte der Polizeiminiſter; „ich erzählte von dem— ja, ja, er iſt ein gewandter Er⸗ zähler, ein ganz beredter Burſche, der Jemelian Pugatew; aber—“ „Nun, aber?“ fragte die Oberſtin, ihr diamanten⸗ gekröntes Haupt emporwerfend. „Aber der Mann taugt doch nicht— in dieſe glän⸗ 49 zende Geſellſchaft,“ bemerkte der Polizeiminiſter zögernd; „er iſt ja einer von den Neskaſtni ludi, und nach den Gefangenen⸗Protokollen noch dazu einer von den Verwe⸗ genſten, denen die Kette gebührt.“ „Pourquoi?“ rief die Oberſtin, ſich jetzt erhebend; „wenn alle die Gefangenen, welche von Petersburg aus nach Kaſan escortirt werden, die Ketten verdienen wür⸗ den, die ſie tragen, ſo gäbe es in Petersburg keinen un⸗ gerechten Richter mehr; Ihr aber, Monſieur Mevranoff, wißt als ehemaliger Kammerdiener unſerer erlauchten Czarin eben ſo gut wie ich, wie das zuweilen zugeht, und ich meine, der Mann, der mein Retter im Sandburan war, kann kein ſo arger Böſewicht ſein, als ihn Eure Gefangenenliſten vielleicht bezeichnen.“ „Er iſt als gefährlicher Straßenräuber und Volks⸗ hetzer ſignaliſirt,“ entgegnete der Polizeiminiſter. „Signaliſirt!“ fiel die Oberſtin ein;„ſignaliſirt— iſt er es aber auch? Verläumdung, ſage ich Euch, Yevra⸗ noff! pure Verläumdung! Der Pugacew iſt ſein Lebtag kein Straßenräuber geweſen und trägt gar nicht die Phi⸗ ſiognomie eines ſolchen— und kurzum, ich will ihn als Erzähler meinen Gäſten vorſtellen, und ſcheuen ſich die feinen Herren und Damen, ihn hier in ihrer Mitte zu ſehen, ſo will ich ihn ſelbſt in meinem Kabinette empfan⸗ 50 gen und mich von ihm nach altruſſiſcher Sitte in den Schlaf erzählen laſſen.“ Der Polizeiminiſter blickte verlegen auf ſeine Degen⸗ quaſte. Oberſt Larionow ſchwieg, aber ein ſarkaſtiſches Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen. „Oberſt,“ ſagte, ſich jetzt zu dieſem wendend, Frau von Brand mit entſchloſſenem Tone,„heute noch, jetzt gleich will ich den Jemelian Pugacew bei mir ſehen. Sie, mon Colonel, haben mit wahrhaft chevaleresker Galanterie bisher keinen meiner Wünſche unbeachtet ge⸗ laſſen, Sie werden mir auch den heutigen erfüllen und mir den Pugakew vorſtellen.“ „Damen haben bisweilen bizarre Wünſche,“ ſagte der Oberſt mit einer galanten Verbeugung, ein aber⸗ maliges feines Lächeln auf ſeinen Lippen unterdrückend, „allerdings, Madame, iſt jeder Ihrer Wünſche für mich Befehl; ich würde ihm auch augenblicklich entſprechen, indeß muß ich bekennen, daß ich hiezu nicht die Macht beſitze.“ „Wie ſo? Sind Sie nicht Interims⸗Kommandant von Kaſan?“ warf die Oberſtin dazwiſchen;„wer kann Sie hindern?“ „Major Michelſon iſt Kommandant der Sunibeka,“ entgegnete der Oberſt,„und er wird nie zugeben, daß 51 einer ſeiner Gefangenen, insbeſonders der verwegene Pugatew den Thurm verlaſſe, um—“ „Michelſon? der Michelſon?“ fuhr die Oberſtin mit glühendem Antlitze empor;„überall und überall dieſer Michelſon auf meinen Wegen! O wie verhaßt mir dieſer Mann iſt! Nun,“ ſetzte ſie mit entſchloſſenem Tone hinzu, „eben jetzt, weil Major Michelſon meinem Wunſche ent⸗ gegen ſtehen wird, will und muß ich den Pugakew heraus haben. Oberſt,“ ſchloß ſie ihre Rede,„Oberſt, ich ſage Ihnen, Pugakew wird mein Erzähler, oder ich ſchließe meine Feſte und verlaſſe Kaſan ſchon morgen, um nach Petersburg zu überſiedeln, wo mehr Galanterie gegen Damen zu Hauſe iſt, als in dieſen Sälen.“ Die Bombe zündete. „Wohlan, Madame,“ entgegnete der Oberſt, der den Vorwurf der Unritterlichkeit gegen Damen am aller⸗ wenigſten ertragen konnte,„ſo ſei es denn, wenn Sie die Sache bei Ihrem Gemahl nach deſſen Rückkehr vertreten wollen, ſo mag Herr Yevranoff den Pugatew aus der Sunibeka heraufbringen laſſen.“ „Ich— ich, Herr Oberſt?“ rief der Polizeiminiſter erſchrocken;„ich getraue mich wahrlich nicht die große Verantwortlichkeit auf mich zu nehmen.“ „Nun,“ ſagte die Oberſtin ſich raſch erhebend, „wenn die Herren den Blick eines Gefangenen nicht 52 ertragen können, ſo will ich ſelbſt den Mann mir abholen. Eine Frau ſoll vorangehen, haben ſich doch die Czarinnen Eliſabeth und Katharina gleichfalls in eigener Perſon furchtlos unter die Garden von Petersburg begeben.“ Jetzt ſchien dem Oberſten Larionow die Sache auf die Spitze getrieben, er mußte bei dem entſchloſſenen Charakter dieſes Mann⸗Weibes in der That einen kleinen Skandal beſorgen. „Geduld, Madame,“ ſagte er,„ich will ſogleich ſelbſt zu Major Michelſon hinabgehen und mir den Gefan⸗ genen vorſtellen laſſen, und wenn die Sache halbwegs thunlich, ſo ſoll der Erzähler Jemelian Pugakew auf ſich nicht warten laſſen.“ Der Oberſt ging. In zehn Minuten ſtand er im Zimmer des Majors und forderte von demſelben die Schlüſſel zu Pugacew's Gefängniß. Sie wurden ihm als Interims⸗Kommandanten der Feſtung ohne Anſtand erfolgt. Als aber der Oberſt dem Major bedeutete, daß Pugakew von der Oberſtin von Brand als Erzähler begehrt werde, da zog der Major das Papier aus ſeinem Schreibtiſche, welches ſeine Ordre als Inſpektor des Gefangenhauſes der Sunibeka enthielt. „Dies Papier,“ ſagte er,„befiehlt mir, keinen mei⸗ 53 ner Gefangenen die Schwelle dieſes Thurmes überſchrei⸗ ten zu laſſen.“ „Aber die Oberſtin beſteht darauf,“ entgegnete Larionow,„und ſie will die ganze Sache bei ihrem Gatten nach ſeiner Rückkehr aus Petersburg vertreten.“ „Dann muß ich bitten, Oberſt,“ entgegnete der Major,„dieſen meinen Degen entgegen zu nehmen; ich kann von einer Dame keine Verhaltungsbefehle anneh⸗ men, wo meine Ordre mir andere vorzeichnet; mit meinem Willen überſchreitet Pugakew dieſe Schwelle nicht.“ Oberſt Larionow wußte dieſem Grunde nichts ent⸗ gegen zu ſetzen. Er ging. „Madame,“ ſagte er, zur Oberſtin zurückgekehrt, „es iſt ſo, wie ich ſagte, Major Michelſon iſt ein Eiſen⸗ kopf, und ich habe keine Macht, ihm eine andere Ordre zu dietiren, als die ihm durch den determinirten Befehl der Czarin vorgezeichnet iſt.“ Die Oberſtin ſchwieg; die erneuerte Muſik des Feſtballes rauſchte dazwiſchen, und Niemand verlor wei⸗ ter ein Wort über den gewünſchten Erzähler. Am zweiten Abende nach dieſer Scene vergoldete die Abendſonne ein kleines Wäldchen von untermiſchten Tannen, Fichten, weißen Birken und grünen kleinen und mehr ſtrauchartigen Linden, zwiſchen welchen wilde Roſen⸗ ſträuche in üppiger Fülle blühten und angenehme, das Auge überraſchende Gruppen bildeten. Dieſes Wäldchen war der Auslaufer des großen Schloßgartens im Kreml zu Kaſan, und wegen ſeiner einſamen Lage und geiſter⸗ haften Stille der Lieblingsaufenthalt Theodorens, der Nichte der Oberſtin von Brand. Die arme Waiſe, welche fich in dem tollen Treiben des Schloſſes nie heimiſch fühlte, und nur gezwungen und gleichſam als Dienerin bei den Feſten der Oberſtin Theil nahm, hatte ſich auch an dieſem Abende, an welchem ſie manche ſtolze Reden ihrer lebensluſtigen Tante ertragen hatte, in das Lieb⸗ lingswäldchen am äußerſten Gartenende geflüchtet; dort ſaß ſie jetzt, ſinnend und träumend die vorüber fliegenden Wolken betrachtend, in ihren ſchönen Augen zitterten ſchwere Tropfen; ſie galten der Erinnerung an die voran⸗ gegangenen Lieben und ihrer Verlaſſenheit. Theodora bemerkte nicht, daß lange ſchon ein Mann hinter ihrem Raſenſitze ſtand, welcher ſie aufmerkſam beobachtete. Jetzt zog abermals eine trübe Wolke über die Stirne der Jungfrau, ſie ſchlug ihr feuchtes Auge zu den unzähligen Lichtern empor, welche am weiten Himmel der Schöpfung hinter den fliehenden Wolken heraufzogen. „Wer da oben wäre,“ lispelte ſie vor ſich hin;„o es 55 iſt troſtlos, Niemanden, Niemanden auf der weiten Erde zu haben, von dem die Waiſe ſagen kann: Er iſt Dir gut.“ „Er iſt Dir gut,“ wiederholte leiſe und kaum ver⸗ nehmbar ein ſonderbares Echo hinter ihrem Rücken; die Jungfrau blickte erſchrocken um— und Major Michelſon ſtand hinter ihr. „Welch' trauriges Selbſtgeſpräch, Fräulein Theo⸗ dora,“ ſagte er, und ein tiefes Gefühl des Mitleidens ſprach ſich in ſeinen ſchönen Zügen aus;„wer wird an der Vorſehung, an den Menſchen ſo verzweifeln, Fräulein?“ Theodora ſchwieg; eine Purpurröthe, gehoben vom Strahle der in ihrem vollen Glanze heraufſteigenden Mondesſcheibe, überfloß ihr ſchönes Antlitz, ihre Lippen zitterten— eine große Perle hing an ihrer Wimper. Der Major hatte jetzt ein Blättchen aufgehoben, welches zu den Füßen der Jungfrau lag und ihrem Körbchen entfallen war; er las die Worte, welche in ruſſiſcher Sprache darauf von Theodorens Hand gezeich⸗ net ſtanden und ohngefähr lauteten: Blättchen ruht am Baumesaſt, Vöglein auf den Zweigen, Lüftchen auf des Schiffes Maſt Bei der Stürme Reigen 56 Lämmchen an des Lammes Bruſt Haſcht nach Blumenfutter, Kindlein, hängt voll ſüßer Luſt An der Bruſt der Mutter! Ungehört verhallen hier Rauhe Welten⸗Stürme, Ob auch über Häuptern Dir Well' und Blitz ſich thürme! Mutterherz!— mir ſchlägt es nicht!— Vaterherz!— Vergebens! Wo der Tod die Kränze flicht, Strahlt kein Licht des Lebens. und ſo tret' ich an ihr Grab, Thränlein, rollet nieder; Rufe ſüßen Gruß hinab: Doch kein Laut ſchallt wieder! Aber durch die Grabesflur Tönt's wie Harfen leiſe: „Trockne Deine Thränen nur, Du verlaſſ'ene Waiſe! Der die Lilie auf dem Feld Und das Veilchen kleidet, Sieht von ſeiner Sternenwelt, Wenn die Unſchuld leidet. Kränze dieſes Grabes Rand Mit der Tugend Blüthen, Und es wird der Vorſicht Hand Deine Wege hüten! 57 Nennt die Welt Dich elternlos— Dort im Sternenkreiſe Lebt Dein Vater gut und groß, Du biſt keine Waiſe!“ Der Major las das Gedicht bis zu Ende, dann ruhte ſein Blick mit einem Ausdrucke unnennbaren Ge⸗ fühles auf Theodoren.„Nein, Theodora, Du biſt keine Waiſe,“ ſagte er leiſe, und ſeine männliche Rechte hatte die zitternde Hand des ſchönen Fräuleins erfaßt. Ihre Augen begegneten ſich, Beide hatten ſich verſtanden. So verſchwimmt der klare freundliche Wieſenbach in dem brauſenden Bergſtrom, und beide wandern dann ver⸗ eint dem großen Meere zu. „Theodora!“ rief jetzt Michelſon, von der Gewalt des Augenblicks erfaßt,„auch ich fühle mich in dieſem Hauſe als ein Verwaiſter; auch mir, der ich von Jugend an nie auf Roſen gebettet war, behagt die lärmende Menge mit ihrem gleißenden Schimmer und Welttruge nicht— Offenheit und Wahrheit iſt mein Streben, mein Leben ſoll ein leuchtend Buch ſein, in welchem das Auge der Gottheit in jeder Sekunde leſen mag, ohne daß ich erröthen darf. Man nennt mich den Sonderling, den Wortarmen, den ſtolzen Cato von Kaſan; aber man ver⸗ gißt, daß in dem tollen Treiben dieſes Hauſes ein Mann der Wahrheit und Ehrlichkeit keinen Raum ge⸗ 1860. XVII. Pugabew. II. 58 winnen kann, und eben weil ich offen und wahr bin, weil ich mich verwaiſt fühle in dieſem Hauſe, ſo will ich die offene Frage wagen: darf der Verwaiſte der Waiſe na⸗ hen? darf er zu hoffen wagen, daß Theodora, die ſanfte, fromme, duldende Waiſe dem ſchlichten Mann der Ehre und Wahrheit, dem in dieſem Hauſe Verfehmten angehö⸗ ren wolle?“ Der Sturmſchritt, mit welchem der alſo redende Major auf das Herz der ſchönen Jungfrau losſteuerte, zauberte wechſelnde Todtenbläſſe und Hochröthe der glück⸗ lichſten Ueberraſchung auf die feinen Wangen derſelben. Nicht Worte waren es, die ſie erwiderte, denn die Se⸗ ligkeit der erſten erkannten Liebe erſtickte ihre Stimme, aber ſchön wie ein vom Himmel geſtiegener Engel ſtand ſie da, hoch leuchtete ihr Auge, wie der ober ihrem Haupte funkelnde Abendſtern; ſie wollte reden und ſchluchzte, ſie wollte ſich faſſen und ſank— doch nein, jetzt ſchrack die Jungfrau zuſammen— eine lange dunkle Mannes⸗ geſtalt mit kleinen glühenden Augen tauchte zwiſchen den Birkenbäumen hervor, und glotzte wie der Geiſt des ſteinernen Gaſtes im Don Juan auf die liebesathmende Gruppe. Der Major blickte um, ſein ſcharfes Auge erkannte ſogleich den Geſellen. „Pugatew!“ rief er,„was ſoll das? Wer geſtattet 59 einem Gefangenen der Sunibeka in dieſem Garten zu erſcheinen?“ „Der Polizeiminiſter,“ rief der Angeredete grin⸗ ſend, und ſeine Sperberaugen blitzten wahrhaft grauen⸗ haft auf die Gruppe. „Der Polizeiminiſter?“ fragte Michelſon;„was hat Monſieur Mevranoff in der Sunibeka zu gebah⸗ ren?“ „Oder, wenn Ihr lieber wollt, Oberſt Larionow,“ fiel der Gefangene dazwiſchen.„Der Oberſt braucht einen Erzähler für die ſchmucken Herren und Damen dort oben,“ ſetzte er hinzu,„und auf ſeinen Befehl bin ich hier, und dort ſteht die doppelte Wache der Sunibeka, welche mich, um kein Aufſehen zu erregen, durch das Hin⸗ terpförtchen des Gartens in den Palaſt geleiten ſoll. Was kann ich dafür, wenn ich ungerufen Euer Liebesgewinſel mit der Dirne da anhören mußte; rechnet's mit dem Mond da oben ab, warum er ſo hell ſcheint und uns nicht im Finſtern vorüberſchleichen ließ.“ Aber der Major ließ ihn nicht ausreden.„Zurück, Koſake, in Deine Zelle!“ rief er;„ſo lange Major Mi⸗ chelſon Befehle in der Sunibeka zu ertheilen hat, darf kein Gefangener wagen, ſie zu übertreten.“ Da ſtreckte ſich die lange Geſtalt des Koſaken in ihrer ganzen Manneslänge empor, ſein dichtes Haar 4* 66 ſchien ſich zu ſträuben, ſeine Züge wurden ſtraffer, auf ſeine Miene zogen ſich die Falten zur Form eines Huf⸗ eiſens zuſammen.„Zweimal!“ rief er, indem er mit ſei⸗ nem ſehnigen Arme wie zum Schlage ausholte und auf Michelſon deutete,„zweimal in meinem Leben iſt mir dieſe Geſtalt ſchon entgegengetreten! Oich kenne ſie!— Bei Kunersdorf war's, wo ich ihr weichen mußte; im Sandburan war's, wo ſie mir wieder den Weg vertrat, der mich in's Freie führen ſollte:— zum drittenmal ſoll mir dieſer Mann nicht mehr in den Weg treten, vder ich hänge ihn auf den nächſten Baum, ſo wahr ich Jemelian Pugakew, der Sohn eines Koſaken bin!“ Und wie der Tiger auf ſeine Beute losſtürzt, bog der Koſak jetzt ſeinen magern Rücken in eine krumme Lie⸗ nie, um den Hyänenſprung gegen den Major zu thun, woran ihn gerade noch die Fäuſte der zwei Wachen aus der Sunibeka hinderten, die ihn auf Befehl des Polizei⸗ miniſters in den Garten geleitet hatten, an deſſen Aus⸗ gang ihn Oberſt Larionow empfangen und der Oberſtin zuführen wollte. Aber im nächſten Augenblicke flogen die beiden Wa⸗ chen, von der gewaltigen Fauſt Pugakew's getroffen, in den Gartenſand, dann wandte ſich der Koſak gegen Mi⸗ chelſon, während Theodora hilferufend den Garten ent⸗ lang eilte. 61 Der Major hatte auch ſchon ſein gutes Eiſen aus der Scheide geriſſen, würde damit aber die Flucht des Koſaken, wozu ſich dieſer, die Höhe der Gartenmauer an dieſer Seite meſſend, anſchickte, nicht gehindert haben; denn ſchon brachen unter Pugakew's Tritten und Händen die Taxuswände, über welche er wie ein des Kletterns gewohnter Brandfuchs hinüberſetzte. Aber ſchon ſtand er wieder ſtille— ein Detachement der Schloßwache, von Hauptmann Charlow geführt und durch Theodoren her⸗ beigerufen, ſtand ihm gegenüber. Der verwegene Koſak, welcher der Freiheit ſeiner Steppen eingedenk, den Angen⸗ blick zu einem kühnen Fluchtverſuche benützen wollte, über⸗ ſchaute augenblicklich die Unmöglichkeit, dieſen auszuführen, da er das Terrain des Gartens durchaus nicht kannte, daher den nunmehr entgegenſtehenden Gegnern zu entrin⸗ nen keineswegs hoffen konnte. Im ſonderbarſten Gegenſatze zu ſeiner früheren Ver⸗ wegenheit ließ ſich Jemelian Pugatew jetzt, wie ein Feld⸗ herr nach verunglücktem Handſtreiche, in ſeine frühere Po⸗ ſition zurückjagen. Der kecke Koſak ſenkte ſein Haupt und folgte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, und nur noch einen glühenden Blick auf Charlow werfend, dieſem und dem ihn abführenden Detachement durch das entgegen⸗ geſetzte Gitterthor über den Schanzgraben in die Sunibeka zurück, wo ihn ſein früheres Gefängniß aufnahm.—— 62 Acht Tage verſtrichen. Wieder ſank der Tagſtern hinter dem von ſeinen letzten Strahlen vergoldeten Kreuze des Kremls von Kaſan hinab. Die Hoffeſte der Cybele Kaſans waren ſo ziemlich zu Ende, man erwartete nur eines noch vor dem beginnenden Herbſte, das, welches am Abende der ſtündlich erwarteten Rückkunft des Ober⸗ ſten von Brand von Petersburg ſtattfinden ſollte. Die größte der Thurmuhren Kaſans dröhnte die eilfte Nachtſtunde; was da den Tag über, ſo weit es die Sonnenhitze geſtattete, gearbeitet hatte, lag im ſtärkenden Schlafe, tiefe Stille herrſchte in den Gemächern der Frauen, wo auch Oberſtin von Brand, müde von den un⸗ unterbrochenen Feſten, endlich einmal die Ruhe zu ge⸗ nießen ſchien. Sie fühlte ſich unwohl, und hatte den Interims⸗ Kommandanten Oberſt Larionow ausdrücklich erſucht, auch die üblichen Wachen auf der Seite ihrer Gemächer vom Walle zu entfernen, um nicht durch das weitſchallende eintönige Rufen und Waffengeklirr derſelben in ihrer Nachtruhe geſtört zu werden. Der galante Oberſt hatte dies verſprochen. So lehnte denn jetzt Frau Eudoria von Brand, frei von allem Zwange der Etikette, im reizenden, weißen Nachtkleide, ein goldgeſticktes Käppchen auf dem reichen Haarwuchſe und rothe Saffianpantoffel an den Füßen 63 tragend, im magiſchen Halbdunkel ihres innerſten Schlaf⸗ kabinets. Dieſes bildete ein mäßiges Oval, lag im Inner⸗ ſten des Hauſes und enthielt nur ein einziges Fenſter nach der Gartenſeite. Wie die Wände dieſes Gemaches mit koſtbaren Shawls und blauen Teppichen mit ein⸗ gewirkten goldenen Sternen ausgeſchlagen waren, ſo trug der Fußboden die reichſten grünen Teppiche; zwei türkiſche Divans und mehrere Marmortiſchchen mit Erfriſchungen aller Art luden da zur füßen Ruhe ein. Goldene Wand⸗ uhren und Büſten vom feinſten chineſiſchen Porzellan, dann ein großer Armleuchter von gediegenem Silber mit goldenen Amorköpfchen vollendete den Schmuck dieſes Zimmers. Frau Eudoria von Brand nannte dieſes Kabinet ihr„Geheimſtübchen,“ und in der That hatte außer ihrer einzigen geliebten Tochter Malwina nur noch eine treue Dienerin Danielowna Zutritt in dieſe Klauſe. Auch an dieſem Abende war es Danielowna allein, welche mit ihren Füßchen auf dem Teppiche des Kloſets herumtrippelte und die damaſtnen Vorhänge deſſelben feſter zuzog, auf daß kein verrätheriſcher Strahl des Mon⸗ des hereinblicke; denn ſo geheimnißvoll wie die Miene der kleinen hübſchen Danielowna heute war, war ſie lan⸗ ge nicht geweſen. Frau Eudoxia von Brand lehnte aber in behaglicher 64 Ruhe auf ihrem Divan, während jetzt Danielowna die Kryſtallampe vor dem Sitze der Oberſtin niederzog und einen blauen Sammtſeſſel in die Nähe des Divans rückte. Tiefes Schweigen herrſchte im Gemache, nur das ferne Rauſchen eines Abfalles der Kaſanka tönte herauf. Jetzt ertönte ein leiſes fernes Klingeln im Hauſe. Die Oberſtin gab ihrer Dienerin einen Wink. Dieſe ver⸗ ließ das Kabinet, kehrte aber ſchon nach wenigen Minuten wieder. „Er wartet im Vorzimmer,“ berichtete ſie leiſe. Frau Eudoxia von Brand warf ihren koſtbaren Sarafan und ein kleines Pelzmäntelchen vom feinſten Zobel um den Leib, und trat in ihren Empfangsſaal. Dort ſtand in militäriſcher Haltung Major Michelſon. „Verzeihung, Major,“ ſagte die Oberſtin ihm ent⸗ gegentretend,„wenn ich Eure koſtbare Zeit raube, indem ich perſönlich eine Bitte an Euch zu ſtellen habe.“ Der Major verbengte ſich. „Man hat mir erzählt,“ begann die Oberſtin, in⸗ dem ihre Handbewegung jetzt dem Major einen Platz auf der Ottomane des Zimmers anbot,„man hat mir berich⸗ tet, daß unter den Gefangenen der Sunibeka ein gewiſſer Jemelian Pugadew, Koſak vom Don, durch ſeine Gabe des geſchickten Erzählens Aufſehen errege; ich wünſchte den Mann um ſo mehr kennen zu lernen, als er derſelbe 65 ſein ſoll, dem ich für ſeine während dem Sandburan uns geleiſtete Hilfe verpflichtet bin.“ Major Michelſon blickte der Oberſtin, welche dieſe Bitte mit ſichtlich großer Selbſtüberwindung hervorgepreßt hatte, ruhig in's Geſicht. „Ich bedauere, hochedle Frau,“ entgegnete er,„daß ich dieſer Bitte durchaus nicht entſprechen kann. Euer Gemahl, Oberſt von Brand, ließ für die Inſpection der Sunibeka den gemeſſenen Auftrag zurück, daß keiner der Gefangenen die Ringmauern derſelben überſchreiten dürfe. Für den Offizier iſt die ſtrengſte Befolgung ſeiner Ordre die höchſte Pflicht.“ Das Antlitz der Oberſtin verfärbte ſich bis zur Leichenbläſſe. „Major,“ ſagte ſie mit vor innerer Erregung beinahe unhörbarer Stimme,„vergeßt nicht, daß Ihr der Gemahlin des Kommandanten von Kaſan gegenüber ſteht.“ „Das werde ich keinen Augenblick vergeſſen,“ entgegnete der Major ruhig und kalt,„und eben darum muß ich Euch bitten, hochedle Frau, verlangt nicht, daß ich Eurem Gemahle ungehorſam werde, indem ich ſeiner Gemahlin gehorche. Oberſt von Brand muß nächſter Tage ſelbſt eintreffen, dann mögt Ihr—“ 66 Aber Frau Eudoria von Brand ließ ihn nicht zu Ende reden. „Ich ſehe,“ ſagte ſie jetzt mit einem Lächeln, wel⸗ ches den ganzen Ingrimm ihres bis zur Südhitze erreg⸗ ten Gemüthes verrieth,„ich ſehe jetzt, Major, daß Ihr, wie man mir recht berichtet hat, mein entſchiedener Geg⸗ ner ſeid; vergeßt alſo meine Bitte wegen des Pugacew. Ihr habt recht, ich will die Ankunft meines Gemahls abwarten, und habe daher nur noch das Eine zu Euch zu reden: daß Ihr als Mann von ſo ſtandhaften Grund⸗ ſätzen und ſo ſtarren Begriffen der militäriſchen Ehre und des Gehorſams wohl auch begreifen werdet, daß mir jede Eindrängung Eurer Perſon in die Kreiſe mei⸗ ner Familie bei den Beziehungen, in welchen wir zu einander ſtehen, unangenehm ſein müſſe. Ihr werdet daher auch meine angelegentliche Bitte natürlich finden, daß ich jede Annäherung Eurer Perſon an meine Nichte Theodora, deren unberufenen Schützer im Braminenhauſe Ihr vor Kurzem machtet, für die Zukunft verbieten müſſe, und dies um ſo mehr, als ich Euch verſichern kann, daß Theodora noch in dieſem Monate als Braut mein Haus verlaſſen wird.“ „Als Braut?“ wollte Major Michelſon fragen. Aber die Oberſtin war nach einer ſtolzen Verbeugung gegen den Major aus dem Saale verſchwunden. 67 Fünf Minuten ſpäter ſaß die Stolze wieder im Nachtkleide in ihrem Kloſet und blickte auf die vergoldete Uhr, welche zwei große ſilberne Löwen an der Wand hielten.„Es iſt Zeit, Danielowna,“ lispelte ſie, indem ſie ſich den Schweiß von der Stirne trocknete, welchen ihr die vorhergehende Scene entlockt hatte. Die Dienerin nickte und verſchwand im nächſten Augenblicke hinter einer unſcheinbaren Tapetenthür, welche eine Schneckentreppe verſteckte. Einige Minuten darnach öffnete ſich dieſe Thüre wieder, und tief gebückt trat durch dieſelbe in das vom gedämpften Lichte durchwehte Kabinet— Jemelian Puga⸗ cew der Koſak. Ein mehr als freundlicher Blick, eine einladende Handbewegung der Obriſtin empfing ihn und wies ihm den Sammtſeſſel vor dem Divan an. Ihr Auge leuchtete. Wie eine Siegerin, die den Fuß auf einem Bündel eroberter Trophäen ſtützt, betrachtete ſie den Mann, der vor ihr ſaß, der in der That nach ſeinem finſtern Aeußern einem verfehmten Wegelagerer glich und den ſie unter andern Umſtänden nie in ihrer Nähe geduldet haben würde. Zetzt aber ſaß Jemelian Pugakew, der Koſak, an der Seite der Oberſtin und erprobte ſein Talent als Erzähler. 68 Ein triumphirendes Lächeln war das erſte, womit die Oberſtin den„Erzähler“ begrüßte, welcher ſie nach zuſſiſcher Sitte„in den Schlaf erzählen“ ſollte. Ihre Schlauheit hatte geſiegt, ihre Macht hatte ſich bewährt. Der Gedanke war ihr unerträglich geweſen, daß es Ze⸗ manden im Kreml Kaſans gebe, welcher ihren Wünſchen Widerſtand leiſte; je tiefer daher ihr Haß gegen ihren wermeintlichen Widerſacher Michelſon war, gegen den einzigen Mann ihrer Umgebung, deſſen ſtolzer, unbeng⸗ ſamer und ehrenhafter Charakter ihr allein Widerſtand leiſtete, deſto feſter ſtand ſchon ſeit lange der Entſchluß in ihrer Seele, den„Erzähler“ Pugacew jedenfalls in ihrem Kloſet zu begrüßen. Das kurze Zeit vorhergegangene Zweigeſpräch mit Michelſon war daher nur noch der letzte Verſuch ge⸗ weſen, ihren Willen auf eine gütliche Weiſe durchzuſetzen, um vor ihrem Gemahl einige Entſchuldigung für ſich zu haben. Jemelian Pugakew war aber bereits durch Vermittlung des gefälligen Oberſt Larionow und des ſchwachen Polizeiminiſters Yevranoff in den Palaſt be⸗ ſtellt und ſaß jetzt als wohlbeſtallter Erzähler an der Seite ſeiner Gönnerin. Die Myſterien des geheimen Kabinets einer ruſſi⸗ ſchen Dame in ihrer Vollſtändigkeit zu enthüllen, vermag keine deutſche Feder; ſo viel iſt gewiß und geſchichtlich, 69 daß Jemelian Pugakew nun den Erzähler der Oberſtin von Brand machte.— Er mußte der hohen Dame erzählen zuerſt von ſeinem Volke, den doniſchen Koſakeu, von ihren Setſch und Pulkowniks, Kämpfen gegen die mosko⸗ witiſchen Czaren und gegen die Chane der Krim, gegen die Türken und Polen; er ſchilderte den finſtern Geiſt der Unzufriedenheit und Racheluſt, welcher ſeit Peter den Großen, der nach Mazeppa's Aufſtand ihnen das Recht der Wahl ihres dernunn genommen hatte, unter die⸗ ſen kriegeriſchen Horden waltete. Hätte Pugasew ſo vor Katharina der Czarin geſtanden und ihr von den Dingen erzählt, welche ſich im Stillen am Don und Jaik vor⸗ bereiteten, die Czarin würde ſeine Erzählung mehr be⸗ achtet haben. Mit großer Klugheit überſprang der Erzähler ſein eigenes Schickſal, und als er der hochaufhorchenden Oberſtin erzählte, wie ihm als ſein größter Gegner auf⸗ fallender Weiſe ſchon ſo vft nur immer„Michelſon“ ent⸗ gegen getreten, wie er dieſem zuerſt nach der Schlacht bei Kunersdorf, dann im Türkenkriege, wo Michelſon eben ſo wie im Kampfe gegen die polniſchen Confoede⸗ rirten bereits der Schrecken ſeiner Feinde war*), end⸗ lich bei und in Kaſan entgegen getreten ſei— da glühte das Nbe Pillors Veltgeſchicht. 13. L. S. 113. 70 Auge der Oberſtin; ſie betrachtete von dieſem Augen⸗ blicke an den kühnen Koſaken als ihren Verbündeten ge⸗ gen den verhaßten Major— und als endlich der ſchlaue, mit den Familienverhältniſſen der Oberſtin durch ſeine Mitgefangenen vertraut gewordene Erzähler, das Zün⸗ den ſeiner Worte wahrnehmend, ſeiner Gönnerin die eben verlebte Gartenſcene nach ſeiner Weiſe ſchil⸗ derte, von Michelſon's Herzenskönigin„Theodora“ ſprach und mit ironiſcher Betonung der Frau Ober⸗ ſtin zum künftigen Eidam ihres Hauſes Glück wünſchte, da glühte hohe Röthe auf dem Antlitze der ſtolzen Cy⸗ bele, und der Entſchluß, dem Major durch die zur Wahr⸗ heit werdende raſche Vermählung Theodora's den dich⸗ teſten Strich durch die Rechnung zu ziehen, ſtand un⸗ vertilgbar in ihr Inneres geſchrieben. Frau Eudoxia von Brand war von dieſem ihr durch den ſchlauen Koſaken halb in's Ohr geflüſterten Entſchluße ſo begeiſtert, daß— der erſte Händedruck den „Feſtungsſträfling der Sunibeka“ lohnte. Und ob und wie viele Händedrücke nun folgten?... das Kloſet einer Dame iſt, wie geſagt, verſchwiegen... man konnte daher auch das überaus leiſe Klopfen des zarten Fingers Danielowna's vernehmen, welche der Herrin durch das Schlüſſelloch zuflüſterte: ſoeben ſtehe 71 Oberſt von Brand, von Petersburg zurückgekehrt, auf der Geheimtreppe, die vom Garten heraufführe und durch welche Pugacew gekommen ſei. In der That, kein Blitz aus heiterem Himmel konnte mehr erſchrecken. Die Oberſtin ſpielte die Farben ihrer Sarafan— Jemelian Pugacew, klug genug den Stand der Dinge augenblicklich zu überſehen, war zu oft auf den krummen Schleichwegen der Gefahr gegangen, um aus der Faſſung zu gerathen; ſein erſter Blick ſiel auf das Fenſter des Kloſets, aber da war kein Raum in der ſchmalen Fenſter⸗ öffnung, durch welche ein baumſtarker Koſak ſich durch⸗ zwängen konnte, und die Höhe der Mauer war eben ſo bedeutend, daß ein Waghals beſter Sorte ſicher darauf rechnen konnte, den Hals zu brechen, wenn er den Salto mortale da hinab wagen wollte. Aber wo die Klugheit des Mannes zu Ende iſt, hilft die Schlauheit der Frauen. Frau Eudoxia von Brand öffnete raſch von innen die Thüre, welche zu den Vorſälen und zu der Garderobekammer des Hauſes führte.„Dorthin!“ rief ſie, indem ſie den hohen Garde⸗ robekaſten ihres Mannes öffnete. Jemelian Pugakew verbarg ſich zwiſchen den Män⸗ teln und Uniformen des Oberſten, gewärtig des Augen⸗ 72 blickes, bis ihm die Oberſtin im Dunkel der Nacht aus dem Hauſe in die Sunibeka zurückverhelfen würde. Frau Eudoxia von Brand aber eilte in ihr Kloſet zurück, wo ſie den Oberſten von Brand, welcher, um ſeine Eudoria zu überraſchen, durch die geheime Hinter⸗ treppe gekommen war und ſich nur wunderte, ſeine Ge⸗ mahlin noch nicht in ihrem Kloſet zu finden, mit„ſüßen Thränen“ der Ueberraſchung empfing und ihm erzählte, wie ſie ſoeben, von einem böſen Traume über ſein Schick⸗ ſal gequält, in der Nachtruhe geſtört, in die Hauskapelle hinab gegangen ſei und ſich Troſt geholt habe. Ein langer, langer Kuß des überglücklichen Ehe⸗ mannes war der Lohn für dieſe ſeltene Treue ſeiner ſehn⸗ ſüchtigen lieben Hausfrau— o glückliches Taubenpaar! Eine Viertelſtunde ſpäter ſalutirte der Wachpoſten am Vorderthor des Palaſtes vor dem Oberſten, der in ſeiner ſchönſten Uniform, den Federhut auf dem Haupte, dem Unteroffizier einen Wink gab, die kleine Thorpforte zu erſchließen, dann aber mit ſtolzem Schritte, ohne Zweifel, um gleich nach ſeiner Rückkehr ſeiner löblichen Gewohnheit gemäß die Nachtrunde im Kreml zu machen, durch die Laufgräben hinab in entgegengeſetzter Richtung von der Sunibeka nach der Stadtſeite ſchritt und hinter einem Mauervorſprung der Baſtion einer Schwalben⸗ ſchanze verſchwand. 73 Am nächſten Morgen, als der Oberſt, welcher von der Reiſe und wohl auch von der nächtlichen Runde in der Feſtung ermüdet lange geſchlafen hatte, die erſten Beſuche der Offiziere des Kremls entgegennehmen wollte, befahl er dem Michailow, ſeinem Leibhuſaren, die ſchönſte ſeiner Uniformen mit dem Andreasorden herbeizuſchaffen; denn im vollſten Glanze ſeines Amtes wollte der Gou⸗ verneur den Offizieren ſeiner Garniſon danken für die treffliche Disziplin und Ordnung, welche ſie, wie ſeine Gattin ihn verſicherte, während ſeiner Abweſenheit in der Feſtung gehalten hatten, und ihnen das glückliche Ergebniß ſeiner Berufung an den Hof und wichtige Be⸗ fehle der Czarin mittheilen. Aber Michailow der Koſak, der ſonſt die perſoni⸗ ficirte Pünktlichkeit war, ließ den guten Oberſten wohl eine halbe Stunde auf die Paradeuniform mit dem An⸗ dreasorden warten— konnte er ſie doch in der ganzen Garderobe des Oberſten nicht auffinden. Inzwiſchen trat Major Michelſon mit verſtörtem Geſichte in das Vorgemach des Oberſten und begehrte von dem zweiten Leibhuſaren deſſelben augenblickliche Vorlaſſung, indem er Hochwichtiges zu berichten habe. Der Oberſt warf ſeinen Schlafpelz um den Leib, und in nächſter Minute ſtand der Major vor ihm und 1860. XVII. Pugabew. II. 5 74 überreichte, ehe er noch den freundlichen Gruß des Gou⸗ verneurs mit einem Worte erwiderte, ſeinen Degen. „Laßt mich in die Sunibeka ſetzen voder ſendet mich nach Irkutzk auf den Zobelfang, Herr Oberſt,“ ſagte er;„ich bringe Euch zum erſten Willkomm die Nachricht, daß heute Nacht der gefährlichſte unſerer Ge⸗ fangenen, der Koſak Jemelian Pugakew, entſprungen iſt.“ Der Oberſt ſtand angedonnert! „Der Pugatew!“ rief er,„der Koſak vom Don, deſſen Feſthaltung mir Potemkin und Panin in Peters⸗ burg vorzugsweiſe auf die Seele banden?— Wie war dies möglich? Stehen doch doppelte Wachpoſten an den Wäl⸗ len der Sunibeka; ſind doch die Thüren aller Kaſematten mit doppeltem Eiſen geſchloſſen?“ „So iſt es, Oberſt,“ entgegnete Michelſon;„aber weder Thür noch Schloß iſt verletzt, weder Wache noch Thurmwart ſah den Vogel entſchlüpfen, ſonſt hätte die Lärmkanone ſchon längſt ordonnanzmäßig gekracht. Der Pugatew muß in die Erde verſunken und wie eine Waſ⸗ ſerratte am Rande der Kaſanka durchgebrochen ſein, oder—“ „Nun— oder?“ fragte der Oberſt. Michelſon ſchwieg— er dachte, was er nicht ſagen wollte; aber er war eben ein Mann von ſo edlem, ſtark⸗ müthigem Charakter, daß er einen Verdacht nie aus⸗ ſprechen wollte, den er nicht beweiſen konnte. „Man ſagt,“ begann er einlenkend,„Ihr ſelbſt, Herr Oberſt, hättet kaum von der Reiſe angelangt, um uns zu überraſchen und vielleicht die von uns vorgehabte Empfangsfeier mit gewohntem Zartgefühle zu verhin⸗ dern, die Inſpectionsrunde um den Kreml bis zur Ka⸗ ſanka hinab vorgenommen.“ „Ich?“ fragte der Oberſt erſtaunt,„ich hätte ge⸗ ſtern noch eine Runde auf den Wällen unſers Kremls vorgenommen?“ „Ja, mein Oberſt,“ entgegnete Michelſon;„die Wache am Hornwerk und auch jene am Außenwalle bei der Schwalbenſchanze hat, als ſie Eure Paradeuniform mit dem Andreaskreuze bemerkte, ſalutirt.“ Zetzt dämmerte es im Gehirne des alten Oberſt. „Michailow!“ donnerte er in den Vorſaal. Der Diener erſchien. „Wo iſt meine Paradeuniform?“ ſchrie ihm der Oberſt entgegen;„warum bringſt Du ſie nicht?“ Der arme Leibeigene zitterte am ganzen Leibe. „Laßt mir die Knute geben, Herr,“ ſchrie er auf die Kniee ſtürzend,„Eure Paradeuniform iſt verſchwunden!“ „Was Knute! Du alter Narr!“ ſchrie der Oberſt wüthend;„ſoll ich wegen eines entſprungenen Schurken 5* 76 noch einem alten treuen Diener den Rücken zerfleiſchen laſſen? Lauf, ſtürz hinab, ruf' ſchrei ſo laut Du kannſt: die Lärmkanonen ſollen ſie löſen, und aufſitzen ſollen die Offiziere und die Soldaten der ganzen Garniſon! Ich muß den Pugakew wieder haben! Wer mir ihn bringt, erhält fünfhundert Silberrubel!“ Aber wenn der Oberſt fünf Tauſend geboten hätte, der Vogel war und blieb ausgeflogen, und kein Auge ſah ihn wieder— den ſchlauen Erzähler*). Zurites Cnpitel. Der Schreckvogel. Die Geſchichte der Menſchheit iſt wie die Geſchichte der Natur, eine ewige Wiederholung des Dageweſenen. Krieg und Friede, Theuerung, Hungersnoth und Krank⸗ heit, Krönungsfeſte und Todtengeſänge, Jubelſturm und der Weheſchrei zertretener Nationen— Alles, Alles das wechſelt im bunten Spiele der Zeit und buntfärbig, wech⸗ *) Siehe: Ein ruſſiſcher Staatsmann von Karl Ludwig Blum. W B. S. 6.* 77 ſelvoll, ſich ewig erneuernd und wieder zerſtörend ſind die Bilder, welche die Hand der Zeit auf die boden⸗ und farbloſe Fläche der Ewigkeit malt. Im Jahre 1771 re⸗ gierte Neptun in der Mitte und im Weſten Europas, im Südoſten Mars. Im Jänner und Februar verwüſteten ungeheure Waſſerfluthen Holland; im November den nördlichen Theil Englands, im ZJuni einen großen Theil Deutſchlands, beſonders litten Thüringen, Meißen, Ober⸗ ſchleſien und Niederſachſen davon. Die naßkalte Witte⸗ rung brachte Mißwachs, und die zweite Geißel Gottes: den Hunger, und die dritte: die Krankheit, brach herein. Man erzählt, daß im Jahre 1771 und 1772 das Korn auf den Aeckern Deutſchlands verfaulte, und daß man auf den Mühlen nur übelriechenden Brei ſtatt dem Mehle erhielt; man erzählt z. B., daß zu Chemnitz allein ein hundert Kinder untergebracht werden mußten, deren El⸗ tern verhungert waren. Rußland aber, das mächtige Czarenreich wurde um dieſe Zeit durch die furchtbare Peſt heimgeſucht; man rechnete, daß über 60.000 Menſchen ihre Beute wurden, nachdem die Peſt des Jahres 1763 bereits 250.000 Menſchen in Podolien und der Ukraine weggerafft hatte. Als die furchtbarſte Gabe aus der Pandorabüchſe wüthete auch noch der Krieg, und umwölkt ſtand der politiſche Himmel. * 78 Peter des Großen Teſtament ward auch von Katha⸗ rina geleſen. Der nordiſche Aar ſtand kampfbereit dem Halbmonde entgegen. Die Kämpfe der Polen hatten es herbeigeführt, daß die Pforte, von Frankreich angeregt, der Czarin ſchon im Jahre 1763 den Krieg erklärt hatte, der bis zum Jahre 1774 fortwährte. Aber auch damals blickte man im Sturme auf den Blitzableiter, der da heißt Congreß.* Am 26. Oktober 1772 wurde er von Rußland und der Pforte zu Buchareſt eröffnet, aber er zerſchlug ſich; denn die demüthigenden Bedingungen, welche die Kaiſerin dem Großherrn diktirte, und Frankreichs Intri⸗ guen, welches die Veziere und Großen des türkiſchen Reiches mit Geld gewann und durch die Hoffnung auf eine Diverſion Schwedens ig Pinnland belebte, ließen den Congreß nicht fruchtbringe Ken. Man erzählte von einei Geſchwader, welches Frank⸗ reich ausrüſte, um im griechiſchen Archipelage zu kreuzen. Frankreich, der ſtete eiferſüchtige Gegner Oeſter⸗ reichs, konnte daher auch ein Bündniß Oeſterreichs mit Rußland und Preußen nicht gleichgiltig anſehen. Eine heilige Allianz dieſer drei Mächte paßte nie in die Kabinetspolitik von Verſailles. Um ſich an Oeſterreich zu rächen, weil es zu Ruß⸗ land hielt, entwarf man alſo in Frankreich ein vierfaches Bündniß. 79 Sardinien war dabei, die Höfe von Madrid und London wollte man beiziehen. Ja, die Geſchichte der Menſchheit iſt— wie die Geſchichte der Natur— eine ewige Wiederholung des Dageweſenen! Franzöſiſche Emiſſäre ſtreuten Pamphlets gegen Preußen und Rußland aus, in denen ſie zu beweiſen ſuchten, daß der engliſche Handel und die Schifffahrt am ſchwarzen Meere durch Preußen und Rußland benach⸗ theiligt würde.— Es war einer der erſten Sommerabende des Jahres 1773, als in der„Eremitage“ zu Petersburg in einem grünſammtnen Lehnſeſſel eine mittelgroße, wohlgewachſene Dame ſaß. Ihre Stirne war hoch, ihr Geſicht trug die Züge ſeltener Entſchloſſenheit; der untere Theil hatte etwas hartes, faſt grobes, ihre geſenkten Augen eine unklare graue Farbe, um die Naſe herum lag ein fin⸗ ſterer Zug, das ganze Geſicht war mehr länglicht als rund, der Mund fein geſpaltet, das Lächeln auf demſelben verſchwand ſo raſch, als es gekommen war; ihr reiches Haar war zurückgekämmt und zweimal mit Zöpfen umwunden; ein Federſtutz ſtack zu oberſt in dieſer Friſur. Um den Hals trug die Dame ein dunkles Spitzenband, um den vollen Leib einen koſtbar verbrämten Zobelpelz; ihre Bruſt deckte ein Ordensſtern. 80 Dieſe Dame war Katharina II., Kaiſerin aller Reuſſen*). Hinter ihrem Seſſel ſtand ein ſtattlicher Mann in ruſſiſcher Generalsuniform. Dieſer Mann war der Sohn eines verabſchiedeten Majors eines Garniſons⸗Regiments bei Smolensk. Er war von ſeinem Vater zuerſt auf die Univerſität Moskau geſandt worden, um„Erzbiſchof“ oder„Miniſter“ zu werden; eine goldene Troddel, die er von ſeinem eigenen Degen ablöſte und die er am Tage, an welchem die Czarin ihren Gemahl vom Throne ſtürzte, mit ritterlicher Galanterie derſelben darreichte, weil er keine ſolche an ihrem Degen bemerkte, hatte ihm ihre Gunſt erworben. Dann war der Mann ſcheinbar tiefſinnig geworden, und ſaß als„Mönch“ in einem Kloſter Petersburgs, weil ²) Als ſie der berühmte Lampi in ihren älteren Tagen malte, und in dem ſehr geſchmeichelten Bilde den finſtern Zug um die Naſe nicht wegließ, mußte er das Bild ändern, und dieſes glich nun einer reizenden Nymphe. Lebrun malte die Czarin als Leiche; ein Witzling meinte, um ihr vollkommene Aehnlichkeit zu geben, müſſe er die Karte des ruſſiſchen Reiches als Leinwand, die Nacht der Unwiſſenheit als Hintergrund, die Träume Polens als Deko⸗ ration, Menſchenblut als Farbe, Katharina's Thaten als Griffel und ſechs Monate der Regierung ihres Sohnes zur Anlage des Schattens benützen.— Dies Urtheil dürfte wohl zu hart erſchei⸗ nen.— Man überſehe auch nicht das Gute, was dieſe Fürſtin in ihrem Reiche anbahnte und leiſtete. 81¹ ihn die Liebe zur Kaiſerin toll machte— wie ſeine Freunde ſagten und er ſelbſt ausſprach; nun aber ſtand er hinter dem Lehnſeſſel der Czarin, als ihr erſter und immer⸗ währender Günſtling. Es war der Mann, welcher mit Gewalt in die Zimmer des früheren Günſtlings Orloff eindrang; es war der Mann, welcher, nachdem die Feſſeln der Liebe zu ſeiner Gebieterin ſich löſten, ſich mit den Ketten des Ehrgeizes an ſie band; es war der Mann, der Bände von Bankbillets in ſeiner Bibliothek hatte, der beſondere Kouriere unterhielt, damit ſie hunderte von Meilen reiſten, um für die Kaiſerin eine Frucht oder Blume zu holen, womit der Günſtling ſie überraſchen wollte; es war der Mann, der Alles in Rußland ſchuf, verwirrte und zerſtörte, und von dem der Fürſt Ligne ſagte:„Er iſt gigantiſch, romantiſch und barbariſch“; es war der Mann, bei deſſen endlichem Verluſte durch den Tod Katharina dreimal in Ohnmacht fiel; der den Staatsſchatz geplündert, aber auch viel für den Staat gethan hatte, deſſen Andenken bei der Czarin bis zu ihrem Tode in Ehren blieb— es war der ſtolze Mann, von dem ganz Petersburg und Rußland ſprach, der allgewaltige Günſtling.... Potemkin. Neben ihm ſtand ein anderer, nicht minder reich gallonirter Hofmann, mit ſtolzem Blicke und in ehrfurcht⸗ voller Haltung; es war Graf Bruco, einer der Vertrauten der Czarin. 82 Ihm gegenüber ſpreizte mit großer Zwangsloſig⸗ keit, faſt unverſchämt, ein unſchöner Höfling ſeine Beine aus; es war dies Leo Nariſchkin, der Oberſtſtallmeiſter der Kaiſerin, welcher zuweilen„den Hofmann“ der Kaiſerin machte, und mit der kindiſchen Matrone, der Hofdame Danielow und den Favoritinen der Czarin, Braniska und Protoſow, in ziemlich freier Weiſe ſcherzte. Das war der ſogenannte„kleine Kreis“ der Czarin, der Selbſtherrſcherin aller Reuſſen, wohin außer einigen auswärtigen Geſandten, wie Segur, Cobenzl, Steding und Naſſau, nur wenige Perſonen Zutritt hatten. Aber heute war die Kaiſerin beſonders gut gelaunt; ſie hatte ſich auf der Jagd trefflich unterhalten und eben heute Nachricht erhalten, daß trotz den Beſtrebungen Frankreichs das gute Vernehmen zwiſchen Rußland und Preußen ein neues Band der Befeſtigung erhalten würde; denn die Vermählung ihres Sohnes, des Thronfolgers Paul, mit der Prinzeſſin Wilhelmine von Heſſendarm⸗ ſtadt, Schweſter der Gemahlin des damaligen Prinzen von Preußen, ſtand in ſicherer Ausſicht, und die Kaiſerin beſprach jetzt in ihrem„kleinen Cirkel“ den Tag, an welchem dieſe Vermählung vollzogen werden ſollte. Roſenfarben hing der Himmel über dieſem„kleinen Cirkel“, weder das dumpfe Grollen des politiſchen 83 Erdbebens, welches das alte Polen damals zu zerreißen begann, noch die grollende Stimme der Roskolniken oder Starowerzi*), welche um Religionsfreiheit ſchrieen und an den Tod Peter's III. nicht glauben wollten, der nach ihrer Meinung nur von den Trägern der jetzigen Regierung gefangen gehalten wurde. Roſig hing der Himmel über dem„kleinen Cir⸗ kel“, indeß die Schläge auf der Uhr des Jahrhunderts mächtig erdröhnten. „Graf Bruco,“ ſagte die Czarin, ſich zu dieſem Günſtlinge wendend,„ich rechne darauf, bei dem heutigen Hoffeſte, wozu Wir die Geſandten Polens laden wollen, Alles recht vergnügt zu ſehen; habt Ihr für Meiſtermuſik und ungewöhnliches Amuſement geſorgt?“ „Für beides, Majeſtät,“ entgegnete der Graf;„der Hof wird bei dem heutigen Feſte den Wundermann zu ſehen bekommen, deſſen Name ganz Petersburg in Be⸗ wegung ſetzt.“ „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte die Czarin. *) Altgläubige, welche die vom Patriarchen Neikow in der rufſiſchen Kirche gemachten Verbeſſerungen verwarfen und in ihren Religionsgebräuchen von den andern Ruſſen merklich abwichen. Unter Peter dem Großen erlitten ſie manche Verfolgung, blieben aber ihrem Glauben getreu und wurden Märtyrer deſſelben. Ka⸗ tharina II. gab ihnen endlich Religionsfreiheit. 84 „Der Prophet,“ entgegnete Potemkin ſich verbeu⸗ gend;„ein ſeltſamer Mann, der vorgibt, ein intimer Freund des berühmten Montaigne*) geweſen zu ſein und deſſen Namenszeichnung in ſeinem Stammbuche zu beſitzen.“ Die Czarin lächelte— ein lautes Gelächter Leon Nariſchkin's begleitete dieſes ungläubige Lächeln. Aber mit hohem Ernſte fuhr Potemkin fort: „Jedenfalls iſt der Mann eine ſeltſame Erſcheinung; er geht einher und lebt, wie Augenzengen verſichern, gleich einem Bettler, und ſein Portefeuille ſtrotzt von Diaman⸗ ten, die er, wie er vorgibt, ſelbſt verfertigen kann; darum iſt auch die geringſte Probe ſeines Genies, mit welcher ich Euer Majeſtät für das heutige Hoffeſt eine Ueber⸗ raſchung bereiten will, die wirkliche Verfertigung eines Diamanten von 500 Karat, die Abſicht dieſes ſeltſamen Menſchen. Ihre Majeſtät muß ſelbſt ſehen, um zu glauben.“ „Und zu prophezeien verſteht er auch?“ fragte die Czarin nachdenkend;„ei, da können wir den Mann für unſere Politica brauchen. Geh', Nariſchkin,“ ſetzte ſie mit einem Blicke auf den Oberſtſtallmeiſter hinzu,„laß *) Michael de Montaigne, einer der geiſtreichſten franzöſiſchen Schriftſteller, welcher im Jahre 1592 ſtarb. 85 die Hofwägen vorfahren, mich gelüſtet nach dem Wun⸗ dermanne.“ „Er war nicht ſo leicht zu gewinnen,“ berichtete der Obergünſtling weiter,„viel der Ueberredung bedurfte es, um ihn in unſere Kreiſe zu ziehen, und unter andern mußte ihm mein Adjutant die heilige Verſicherung geben, daß Marſchall Münnich, den er einen Profanen der Kunſt, einen Hiperboräer, einen deutſchen Bären nannte, derzeit nicht in Petersburg verweilte, ſonſt wollte er kei⸗ nen Fuß über die Schwelle des Winterpalaſtes ſetzen.“ „Seltſam,“ bemerkte die Czarin;„jetzt wünſchte ich gerade, daß Marſchall Münnich von Moskau, wohin ich ihn vor acht Wochen in Staatsgeſchäften ſandte, ſchon zurückgekehrt wäre. Alons enfants, wir wollen dem Wundermann auf den Zahn fühlen; wird wohl ein Abenteurer ſein, wie viele nach unſerm Norden reiſen, um uns für unſere Silberrubel ſchlechtes Metall zu bieten.“— Drei Stunden ſpäter flammte der große Prachtſaal im Winterpalaſte Petersburgs von tauſend Lichtern; die ganze Schaar der Höflinge hoher und niederer Schichte war da verſammelt, und wie ein buntes Meer von ſtrah⸗ lenden Nymphen und Halbgöttern wogte es auf und nieder. Aber der Herzkönig dieſes Feenreiches, Potemkin, 86 hatte ſich für die Nacht vorgenommen, der Herzdame und Beherrſcherin dieſes Reiches eine andere Ueberraſchung zu bereiten. Die Politik dieſes Mannes ging mit ſeiner Liebe Hand in Hand— und ſo berechnete er auch den Er⸗ folg dieſes Palaſtfeſtes, indem er der Czarin„zur Ab⸗ wechslung“ einmal„einen Propheten“ vorſtellen wollte. Während ſich daher die kleinen Halbgötter des mächtigen Czarenhofes in den Tanzſälen herumtrieben und auch ohne Masken ihr Maskenſpiel begannen, trat Katharina, von Potemkin und dem Gefolge„des kleinen Cirkels“ geleitet, in einen der Nebenſäle des Winterpala⸗ ſtes dicht neben dem Wappenſaale. Kaum dort eingetreten, blieb die Czarin überraſcht ſtehen; eine wahrhaft meiſter⸗ hafte Harmoniemuſik ſchallte wie das reinſte Glockengetön aus dem anſtoßenden Wappenſaale in ihre Ohren. Sie ſchien zu lächeln, aber ſogleich verſchwand die⸗ ſes Lächeln wieder.„Was ſoll das, Potemkin?“ fragte ſie.„Du haſt mir da ein Muſikchor in den Palaſt ge⸗ ſchickt; Du weißt, daß ich dieſe rauſchenden Klänge nur in meinen Ballſälen hören mag. Was ſoll dieſes Orche⸗ ſter in meinem Wappenſaale?“ Der Günſtling lächelte. Er öffnete jetzt die Thür zum Wappenſaal, und die Czarin blieb an der Schwelle derſelben überraſcht ſtehen. Mitten in dem ungeheuren Wappenſaale, an deſſen Marmorwänden die lebensgro⸗ 87 ßen Bilder der uralten ruſſiſchen Herrſcher von Rurik bis Peter den Großen und Eliſabeth in ſchwer vergol⸗ deten Rahmen herabſtarrten, ſtand ein einzelner langer Mann in ſchwarzer ſpaniſcher, mit vielen blitzenden Diamanten beſetzter Kleidung, mit einem todtenbleichen Geſichte und dunklen, über die hohe Stirne hangenden Haaren. Er hielt in ſeiner Hand eine Cremoneſer Vio⸗ line, welcher er, ohne ſich um die Eintretenden zu be⸗ kümmern, die reizendſten Töne entlockte, und auf wel⸗ cher er mit ſolcher Kraft, Geläufigkeit und ſolchem Aus⸗ drucke ſpielte, daß die in einander verſchwimmenden Töne nicht anders klangen, als ob mehrere Inſtrumente ſpiel⸗ ten; zu ſeinen Füßen wand ſich eine kleine lebende Schlange, welche den Tönen der Violine zu lauſchen und ihren langen Kopf wie im Tacte zu bewegen ſchien. „Das iſt der Prophet,“ lispelte Potemkin ſeiner Gebieterin zu. Die Kaiſerin ſtand wie angefeſſelt auf dem Platze. Sie lauſchte mit ſichtlichem Wohlgefallen dieſem ſeltſamen Spiele, welches wohl eine halbe Stunde währte, ohne daß der Prophet die Eintretenden im mindeſten beachtete. Jetzt hatte er ſein Spiel geendet. Stille ward es wieder im weiten Wappenſaale und ſchweigend ſtand der Spieler; gleichſam erſchöpft von ſeiner Kunſtanſtrengung ließ er ſeine beiden Arme her⸗ 88 abſinken, während ſein ſtarrer Blick auf der zu ſeinen Füßen zuſammengerollten kleinen braunrothen Schlange haftete, die ſich wie ein zahmes Hündchen an die Sohlen ſeiner mit Diamantenſchnallen beſetzten Schuhe ſchmiegte. Auch die Kaiſerin und ihr kleiner Cirkel ſtanden ſchweigend. Jetzt trat Potemkin auf den Wundermann zu. „Ihre Majeſtät, die Kaiſerin Katharina,“ ſagte er auf die Czarin deutend. Der Prophet erhob jetzt ſeine ſtarren Augen. „Glück und Heil der Semkamis des Nordens!“ ſagte er mit volltönender Stimme in franzöſiſcher Sprache, indem er ſich verneigte. Der Kaiſerin ſchien dieſer erſte Hruß zu ſchmei⸗ cheln, ein wohlgefälliges Lächeln trat wieder auf ihr An⸗ tlitz; ſie ſenkte ſich jetzt in einen großen vergoldeten Thronſeſſel, welcher in der Mitte des Wappenſaales zwiſchen den Marmorbüſten Alexanders von Macedonien und Peter des Großen ſtand. „Ihr habt Uns einen hohen Genuß bereitet,“ ſagte ſie gleichfalls in franzöſiſcher Sprache;„woher des Lan⸗ des, Monſieur?“ „Ein Portugieſe von Geburt,“ entgegnete der Künſtler,„ein Bürger der weiten Welt, ein Heimath⸗ loſer; jetzt ein Glücklicher, welcher die ſeltene Ehre hat, zwiſchen den Standbildern der größten Männer, welche 89 die Welt gebar, die größte der Frauen unſerer Zeit zu begrüßen!“ Katharina lächelte. Der Mann hatte ſich mit dieſen wenigen Worten ihre Gunſt erobert. „Ihr kommt aus dem Süden?“ fragte ſie wieder. „Zunächſt von Paris,“ entgegnete der Prophet. „Und wollt Uns Proben Eurer ſeltenen Kunſt, in der Zukunft zu leſen, geben?“ fragte die Czarin wieder. „Verlangt ſie nicht zu wiſſen, Majeſtät,“ entgeg⸗ nete der Prophet;„ſie hängt voll ſchwerer Wolken, und die altgewordene Jungfrau Europa mag zittern vor den Dingen, die als unausweichlich im Buche des Schickſals verzeichnet ſtehen.“ „Seid Ihr der Prophet,“ fiel die Czarin ein,„ſeid Ihr der Prophet, der bereits den Tod des Königs Lud⸗ wig von Frankreich vorausgeſagt haben ſoll?“ Der Prophet ſchwieg. „Da dürft Ihr dem Geſandten Frankreichs an Un⸗ ſerm Hofe nicht in die Nähe kommen,“ ſagte die Czarin lächelnd,„er würde Euch mindeſtens ſeinen Staatsdegen durch die Bruſt rennen.“ Die Czarin hielt jetzt inne, denn ein ſeltſamer Duft, eine Art leiſer Nebel, zog durch den Saal, die Gegen⸗ ſtände verſchwammen in dunkles Grau; der Prophet 1860. XVII. Pugadew. II. 6 90 mit ſeiner kleinen Schlange ſchien in eine Zwerggeſtalt zuſammenzuſchrumpfen; wie ferne Harfentöne zitterte eine leiſe Muſik durch die Luft, die hochbrennenden Lichter auf den vergoldeten Armleuchtern und feinen Glasluſtern erloſchen; keiner der Anweſenden konnte mehr den an⸗ dern wahrnehmen; eine ſeltſame ſüße Betäubung wehte um die Stirnen Aller, verdunkelte ihren Blick, und wie im Taumel einer durchraſten Ballnacht fühlten ſich Alle befangen; es war ein Sinnenbann, der den„kleinen Cir⸗ kel“ ſammt der mächtigen Czarin gefangen hielt— der Meiſter der Magie hatte ſeinen Zauber entfeſſelt. Zetzt löſte ſich der Nebel in leiſe Umriſſe, näher und näher, deutlicher und deutlicher reihten ſich auftauchende Sil⸗ berſtrahlen eines regenbogenfarbigen Lichtes zu Umriſſen, zum prachtvoll aufſteigenden majeſtätiſchen Bilde ge⸗ ſtalteten ſich die unbeſtimmten Umriſſe; eine weite, weite Ebene trat hervor— reizend, reizend wie ein Paradies, ein prachtvolles Wieſengrün, eine vom auftauchenden Sonnenſtrahle vergoldete Fläche trat hervor; tauſend andere Farben und Thaudiamanten vom reinſten Waſſer zitterten auf den Halmen, und wie bunte Edelſteine blitz⸗ ten die blauen, rothen und violetten Blümchen zwiſchen ihnen darein; der Ginſter ſtreckte ſeine gelbe Pyramide hervor, die Glockenblumen und der Ritterſporn waren in dieſen Teppich eingeflochten, und über das reizende Bild 5 91 hin jagten in der Ferne kleine Reiter, und zitterten allmä⸗ lig wie aufſchießende Cryſtallſterne Häuſer und Thürme, Säulen und Mauern gleich Luftſchlöſſern empor; leiſe, leiſe ertönte ſanftes Glockengeläut; jetzt wölbte ſich allmälig der Prachtbau eines Domes mit rieſigen runden Kuppeln und bombenfeſten Quadern— der Kreml der uralten Czarenſtadt Moskau. Das Bild belebte ſich, und ſchwamm näher und näher, und wuchs allmälig zur natürlichen Größe; Köpfe von Menſchen und Thieren tauchten empor, und das Glockengeläut wurde ſtärker und ſtärker, und ein Prachtzug nahte jetzt, welchem eine große Krone vom ge⸗ diegenen Golde, mit Perlen verziert und dem Patriarchen⸗ kreuze verſehen, vorgetragen wurde; an der Spitze die⸗ ſes Zuges ſchritt eine ſtattliche Frau im Krönungsman⸗ tel, die Geſichtszüge derſelben konnten nicht verkannt werden— ſie waren die der Kaiſerin ſelbſt. Das Bild war offenbar ein ſinniges Gemälde der Czarinkrönung in Moskau. Lautes Beifallsgemurmel der von ihrer au⸗ genblicklichen Betäubung allmälig zu ſich kommenden Mit⸗ glieder des„kleinen Cirkels“ begrüßte das herrliche Bild. Aber jetzt— jetzt ſprühte die ſtrahlende Krone tauſend Funken, ihre Strahlen ſchoſſen nach allen Himmels⸗ gegenden, im gleichen Maße aber verlor ſie allmälig der Glanz, und während in der Ferne eine andere Landſchaft 6* 92 hervortrat, und plötzlich eine Menge kleiner Pferde nach allen Richtungen hervorſchoſſen, auf denen Reiter mit langen Spießen ſaßen, verſchwamm das Bild allmä⸗ lig in dunkles Grau; das ganze Gemälde löſte ſich in eine einzige große Krone auf, und während plötzlich ein eiſiger Lufthauch durch den Saal ſtrich, ſenkte ſich ein großer Vogel mit ſchwarzweißem Gefieder auf das Kreuz der zuſammenſchrumpfenden Krone nieder; es war kein König der Lüfte, kein Adler: ein mäßig großer ſchwarz⸗ weißer Vogel war's, eine Art Käupchen— ein Tod⸗ tenvogel!— ein ſogenannter Schreckvogel— ein Pugat. „Ein Pugas!“ tönte es aus mehreren Lippen der Zuſehenden. „Ein Schreckvogel, ein Pugak!“ tönte es lauter, aber Niemand wußte das Bild zu deuten, die kluge Czarin allein erfaßte ſeinen Sinn— ſie, die in den Herzen der Menſchen zu leſen gewohnt war; ſie, die die Draht⸗ fäden leitete, an denen ſie die Marionetten ihres großen Staatsſpieles gängelte; ſie, deren Anſicht über Men⸗ ſchenwürde der Leute ihrer Umgebung ſich in den zu einem ihrer Höflinge ausgeſprochenen Worten kundgab: „Wenn ich glaubte, was ihr wechſelſeitig von euch ſagt, ſo wäre Keiner darunter, der nicht verdiente ſeinen Kopf zu verlieren;“— ſie, die durch ihre Gouverneure 93 von der Stimmung des Volkes in allen Provinzen des weiten Reiches genau unterrichtet war, ſie hatte auch die kaum leſerlichen Worte im Schnabel des kleinen Schreck⸗ vogels nicht überſehen, die da lauteten:„redivivus et ultor!“— ſie allein unter Allen hatte in der ſchwimmen⸗ den Steppengegend die Ufer des Don, in den kleinen Reitern das verwegene Volk der Koſaken, in dem „Schreckvogel“ den Mahnruf zur Wachſamkeit ihrer Krone gegen die noch lebenden und hoffenden zahlreichen Freunde ihres Vorgängers auf dem Throne Rußlands er⸗ kannt. Sie hatte erfaßt, daß der Mann, der ihr dieſes Bild geboten, mehr wiſſen mochte, als ein bloßer erbärm⸗ licher Prophet und Wahrſager des großen Marktes. Mit einem ſtolzen ſtechenden Blicke, der die ganze emporlodernde Gluth ihres Innern verrieth, ſprang ſie von ihrem Seſſel auf und wandte ſich an den Grafen Bruce. „Wir tragen Euch auf, Graf,“ ſagte ſie mit ſchnei⸗ dendem Tone,„daß der ſogenannte Prophet, mit deſſen Poſſen man Uns ſoeben beläſtigte, ſogleich verhaftet werde. Euer Kopf bürgt Uns für die pünktliche Voll⸗ ziehung dieſes Befehles!“ Nach dieſen Worten rauſchte die Kaiſerin wie ein Segelſchiff im wüthendſten Sturme durch den Saal und 94 die Damen des„kleinen Cirkels“ vermochten kaum ihr zu folgen. Potemkin und die andern Herren aber waren zurück⸗ geblieben. Sie ſchrieen nach der Dienerſchaft, man zündete die erloſchenen Lichter der Armleuchter an, man ſtürzte in die Nebelhülle der verſchwimmenden Bilder— der Prophet, der Magier war aus dem Saale verſchwun⸗ den; alles Suchen war vergebens, kein Auge konnte ihn erſpähen, kein Ohr hatte den Fußtritt vernommen, der ihn aus dem Saale entfernte. In nächſter Stunde ſchoß die Polizei von ganz Pe⸗ tersburg auf Potemkin's Wink nach allen Gegenden der Windroſe; man mußte den Propheten der Kaiſerin lie⸗ fern; kein Preis war zu hoch, um ihn zu ſeiner Auffin⸗ dung zu wagen, kein Haus zu vornehm, das nicht, um ihn aufzugreifen, unterſucht werden ſollte— aber man fand ihn nicht. War der Mann auf ſeiner kleinen Schlange davon geritten? war er im Nebel verſchwunden? hatte er ſich wie der Prophet des Alterthums Elias auf feurigem Wagen in die Lüfte tragen laſſen?— Nein. Er ſtand ruhig da, wo man ihn am allerwenigſten geſucht hätte, faſt am Ende der Stadt Petersburg, in der Halle des tauriſchen Palaſtes mit den wunderſchönen Gärten, welche ſich Potemkin, der mächtige Günſtling, — 95 der ihn jetzt überall ſuchen ließ, ſelbſt erbaut und den Ka⸗ tharina in Potemkin's Abweſenheit ſo ſehr verſchönert hatte. Dort, wo man ihn eben am wenigſten ſuchte, un⸗ terhielt ſich der Magier, der Prophet, als ob er eben von einem luſtigen Gaſtmahle käme, mit der Betrachtung der ſeltenen Blumen, auf welche der grauende Morgen eben ſeinen erſten Thau träufelte. Aber ſein feines Lächeln machte einem Zuge ernſter Ueberraſchung Platz, als er jetzt um ſich blickte und hin⸗ ter ihm die baumlange Geſtalt eines ruſſiſchen Offiziers hinter dem Gebüſche emportauchte. „Marſchall Münnich!“ rief er unwillkürlich. „Bin's,“ entgegnete der Ruſſe auf ihn zuſchreitend und ihn feſt in's Auge faſſend; dann ſtreckte er die Hand aus, als ob er den Propheten feſthalten wollte.„Goſpo⸗ din pomiluy!“*) rief er,„da tritt er mir wieder in den Weg! Nun, diesmal ſoll mir der Großſprecher nicht ent⸗ laufen, es müßte denn der Teufel mit ihm im Bunde ſein.“ Der Prophet warf ſein Haupt ſtolz zurück.„Ent⸗ laufen?“ ſagte er kalt, aber ſichtlich nach Faſſung rin⸗ gend.„Ei, Marſchall, wer ſoll entlaufen?“ ⁵) Gott ſei mir gnädig! 96 „Der Prophet, der Schwarzkünſtler!“ brach der alte Marſchall los,„der Parteigänger für Frankreich,. Schweden, Oeſterreich, England, was weiß ich für andere Mächte noch; der Portugieſe, der bald im Süden, bald im Norden auftaucht, wie ein Rabe, da wo er Aas wit⸗ tert, und den Revolutionen und Aufſtänden nachzieht, um im Trüben zu fiſchen; der Hetzer, der Lauerer, der Groß⸗ ſprecher, der Wundermann, der Diamantenſchmied, der Schlangenbändiger, der Ueberall und Nirgends, den ich am Tage der Entthronung Peter's III. ſchon gerne gean⸗ gelt hätte, der aber damals wie alle andern Parteigän⸗ ger verſchwand wie ein Schatten; der, wie ich gleich nach meiner heute Nachts erfolgten Rückkehr von Moskau er⸗ fuhr, wieder im Winterpalaſte ſpukte und ſogar der Cza⸗ rin blaue Dünſte vor das Auge gezaubert hat! Nun ſie ſuchen ihn, und diesmal ſoll er mir nicht entgehen, Herr Aymar oder Marquis von Betmar, wie er ſich nennt; diesmal ſollen Eure Fußtapfen in St. Peters⸗ burg, mein Herr Graf—“ Der Prophet zuckte auf.„Still!“ rief er dem alten Marſchall in die Rede fallend;„ich ſehe, daß Ihr meinen wahren Namen kennt. Ihr ſucht mich— gut, ich bin da, bin in Eurer Gewalt, denke wahrlich an keine Flucht und bin erbötig, Euch eine befriedigende Erklärung meines Weſens und meines ganzen bisherigen Treibens zu ge⸗ 97 ben. Aber dort nahen Diener des Hauſes, laßt uns vollends in den Palaſt treten, bei einer Flaſche Brannt⸗ wein ſpricht ſich's leichter, habe ich Euch doch meine Fla⸗ ſche im Buran bei Bolgarü einſt auch nicht verſagt.“ Das dunkle Auge des Propheten mußte eine ma⸗ giſche Kraft haben, der alte Marſchall folgte ihm ſchwei⸗ gend, und Beide traten in die linke Erdſtube der Palaſt⸗ halle, wo große Batterien von Branntweinflaſchen ſtünd⸗ lich zur Erfriſchung von Beſuchern des Palaſtgartens aufgepflanzt waren. Der alte Marſchall hatte nicht bemerkt, wie ein ſtolzer Wink des eintretenden Propheten den Diener dieſer Stube entfernte; jetzt waren beide Männer allein. „Wir ſind jetzt allein, Herr Marſchall,“ ſagte der Prophet jenem ein gefülltes Branntweinglas darreichend; „ſetzen wir uns, dann hört, ehe Ihr urtheilt.“ Der alte Marſchall nahm das Glas und ſchlürfte es hinab.„Macht's kurz,“ ſagte er;„mich täuſcht Ihr nicht mehr, ich kenne Eure Vergangenheit und Gegen⸗ wart; meinen Nachforſchungen durch unſere Geſandten in allen Reichen iſt es gelungen, Euch und Eurem Trei⸗ ben auf die Spur zu kommen: Ihr nennt Euch Aymar und wieder Marquis Betmar, und gebt vor, ſo und ſo viele hundert Jahre alt zu ſein; Ihr ſeid ein Betrüger, 98 Herr— das ſagt Euch ein ruſſiſcher Marſchall in's Ge⸗ ſicht; Ihr ſeid der berüchtigte—“ Zetzt ſchien dem alten Marſchall die Zunge zu er⸗ lahmen, ſein Blick ward ſtarr, er ſtützte ſich auf die Stuhllehne und die Farbe des Todes trat auf ſein fal⸗ tenreiches Antlitz. Der Prophet machte keine Miene, welche Ueber⸗ raſchung verrathen hätte. „Nun, ſo redet das Wort zu Ende, Herr Mar⸗ ſchall,“ ſagte er;„ſprecht es vollends aus, daß Ihr mich mit dem nächſten Transporte der Neskaſtni ludi nach Si⸗ birien ſpediren wollt— oder wie? ſeid Ihr plötzlich ſtumm geworden, Herr Marſchall?“ Marſchall Münnich aber ſaß oder lehnte vielmehr bewegungslos auf einem der großen Lehnſeſſel der Trinkſtube. Der Prophet faßte ihn jetzt ſanft unter die Arme und legte den erſtarrenden Mann auf den orientaliſchen Lederdivan, welcher längs den rothen Marmorwänden der Stube hinlief. „Ich muß Euch eine bequemere Lage geben, Freund aus dem Buran,“ ſagte er lachend, indem er mit ſeiner flachen Hand einigemale über das Antlitz des alten Mannes hinſtrich, daß ſich deſſen Augendeckel plötzlich ſchloßen. 99 „Seht, Herr Marſchall“, fuhr er jetzt mit ge⸗ dämpfter Stimme fort,„ſo geht es allen Sterblichen, welche mit der Geiſterwelt anbinden mögen; ſie ziehen den Kürzeren und vermögen nichts gegen die gewaltige Macht der ars magica.“ Wieder betrachtete er den Erſtarrten mit trium⸗ phirender Miene. „Jetzt könnt Ihr wieder im Stillen Euer Goſpodin pomiluy beten,“ fuhr er abermals fort;„es wird Euch nichts nützen; Ihr ſeid der Rache verfallen, die Ihr an mir üben wolltet, Herr Marſchall. Ihr wolltet mich zum Danke für das Lebenswaſſer, das ich Euch vor Jahren im Sturme des Burans bei Bolgarü reichte, und womit ich Euer Leben rettete, nach Sibirien ſchicken, blos weil meine Wanderfahrten durch die Welt Eurer Politica bedenklich erſcheinen. Ich werde Euch dafür Schrecklicheres, viel Schrecklicheres bieten; ich werde Euch fühlen laſſen, wie die Zauberkraft der Magie ſich an dem Manne rächt, der, obgleich er einſt ein Verfechter der Sache Peter's III. war, der Thronräuberin Katharina huldigte, ſobald ſie das Diadem in's Haar geflochten hatte. Ich habe ihr, der ſtolzen, eitlen, ſittenloſen und herrſchſüchtigen Czarin, heute den Schreckvogel, den Pugas, im Bilde ſehen laſſen, der ſie ereilen wird, wenn ſie lange zögert, den gerechten Wünſchen eines muthigen Volkes am Don 100 Rechnung zu tragen. Ihre Krone wird dann zuſammen⸗ ſchrumpfen, wie ſie es im Bilde ſah. Euch aber, Herr Marſchall,“ fuhr der Magier fort,„gebührt dafür, daß Ihr ſtatt am ſchrecklichen Ende Eures Herrn und Kaiſers abgedankt und in Euer Deutſchland zurückgekehrt wäret, Euch unter den Mantel der neuen Kronenträgerin gebor⸗ gen habt, und daß Ihr mich, der ich Euch ſelbſt nie beleidigte, verfolgt— der Tod, aber nicht der Tod durch Pulver und Blei, durch Schwert oder Dolch— nein, ſchrecklicher muß Euer Ende ſein: Ihr werdet lebendig begraben werden.“ Der Prophet hielt hier eine Weile inne; auf dem ſtarren Antlitze des Marſchalls zuckte es wie eine leiſe Flamme der entſetzlichſten Angſt, ſein Leben ſchien wieder⸗ zukehren— doch nein, er rührte kein Glied. „Seht,“ fuhr der Prophet wieder fort,„Ihr habt es nicht bemerkt, wie ich, ehe ich Euch das Glas Brannt⸗ wein da anbot, einige Tropfen aus dieſem kleinen Fläſch⸗ chen, welches ich für unvorgeſehene Fälle bei mir trage, in den Trank träufelte; dadurch geſchah's, daß Ihr jetzt für wenigſtens drei Tage an allen Nerven gelähmt ſein werdet, ohne daß Eure Seele den Körper verlaſſen wird. Ihr könnt Alles hören, was ich ſpreche, Ihr fühlt aber nichts, denn das Empfindungsvermögen Eures Körpers liegt, Dank meinen paar Tropfen, im Starrkrampfe; die 101 magnetiſche Kraft meiner Handfläche hat Eure Augen⸗ deckel geſchloſſen, Ihr könnt Euch nicht bewegen, Ihr ſeid ein Lebendig⸗Todter. Man wird Euch nach ruſſiſcher Sitte bald in Eurer Gruft beiſetzen, und unter dem bleiernen Sargdeckel werdet Ihr erwachen, und von Neuem ſterben den gräßlichen, verzweiflungsvollen Tod des Erſtickens. Wenn ſich dann Eure Nägel in Euer Fleiſch bohren und Eure blutigen Augen aus den Höhlen treten werden, wenn Ihr vergebens wimmernd an dem Sargdeckel kratzen werdet— dann wird das Werk der Rache des Propheten vollbracht ſein.“ Der Schreckliche ſchwieg. Er ging jetzt zur Thüre und ſchob den einen Riegel vor, den er früher zu ſchließen vergeſſen hatte. Die ſchreckliche Todtenbläſſe auf dem marmornen Antlitze des ſtarren Marſchalls wuchs zur Weiße einer Gyps⸗ büſte. Der furchtbare Prophet ging jetzt lautlos auf und nieder. Zetzt ſchien er von einem Gedanken ergriffen. Er trat wieder auf den alten Marſchall zu und ſteckte ſeine Hand in die Taſche des kurzen Waffenrockes, den der Erſtarrte am Leibe trug. Er fand das, was er ſuchte. Der Marſchall trug, wie viele vornehme Ruſſen, ſein Siegel nebſt Wachs bei ſich. 102 Der Prophet riß einige Blätter Papier aus ſeinem eigenen Portefeuille, ſetzte ſich an den Eichentiſch der Stube und ſchrieb auf zwei Blätter, auf das eine mit der linken, auf das andere mit der rechten Hand zugleich; er ſchrieb zwei Befehle an die Thorwachen von St. Petersburg des Inhaltes, daß Vorzeiger dieſer Schrift unangehalten aus der Stadt paſſiren dürfe, und Niemand ſich bei Strafe der Knute unterfange, ihn auch nur einen Angenblick lang anzuhalten. Dann ſuchte er nach Feuerzeug am Simſe des kleinen Kamins der Trinkſtube; er fand es ſogleich, und drückte nun auf dieſe Papiere das große Siegel des Marſchalls Münnich, dann ſchob er die Siegel wieder in die Bruſttaſche des Letztern. Jetzt warf er wieder einen ſtolzen Blick auf ſein Opfer. „Nicht wahr, Herr Marſchall,“ ſagte er,„dieſe Todesangſt habt Ihr auf allen Schlachtfeldern, die Ihr betreten, nicht ausgeſtanden— daß Gott erbarm! wahr⸗ lich der Schweiß Eurer Todesangſt drängt ſich in großen Tropfen auf Eurer Stirne hervor.“ Wieder trat eine lange Pauſe ein. Der Prophet ging wie unſchlüßig in der Stube auf und nieder, indem er von Zeit zu Zeit einem Glas Branntwein zuſprach. 103 Zetzt leuchtete ſein Auge plötzlich auf. Wieder blieb der Schreckliche vor ſeinem Opfer ſtehen.„Im Grunde muß ich doch bekennen,“ ſagte er jetzt mit einem ruhigeren Tone,„meine Rache an Euch iſt ſchwer, zu ſchwer vielleicht; und wenn ich denke, daß Ihr doch ein tapferer Degen waret und bei dem Czar Peter doch bis zum letzten Augenblicke ausgehalten habt, wenn Ihr dann auch den Mantel nach dem Winde kehrtet, ſo— nun, Herr Marſchall,“ ſetzte er plötzlich hinzu, „ſagt der Czarin, Ihre Gegner ſind verzweigt und ver⸗ bunden vom Tajo bis zum Jeniſei, ſie harren des Tages, wo ſie ihre Fahnen entrollen werden. Die Revolution ſchläft nur, aber ſie iſt nicht beſiegt, ſie glimmt unter den Getretenen, den Roskolniks. Die Günſtlingswirth⸗ ſchaft am Hofe Katharina's muß ein Ende nehmen, Recht muß Recht und die alten Rechte der Nationen müſſen geachtetet, den Prieſtern des Volkes müſſen ihre Güter wieder zurückgegeben werden, ſonſt wird am Don, am Jack, an der Wolga bis zum Ob der Schreckvogel ſeine Fittige entfalten, und ein Auferſtandener und Rächer wird für Peter den Dritten hervorgehen und von Völkerſchaaren gefolgt den Kampf anbieten— den Kampf gegen die Thronräuberin!“ Jetzt ſetzte ſich der Prophet wieder an den Tiſch, zog ein anderes Blatt Papier aus ſeinem Portefeuille und beſchrieb es. Dies ließ er neben dem brennenden * 104 Lichte, an welchem er das Wachs zu ſeiner Siegelung erweicht hatte, liegen. „Lebt wohl, Herr Marſchall,“ ſagte er dann;„ich verlaſſe Rußland; Andere werden jetzt hier handeln. Auf Nimmerwiederſehn!“ Jetzt öffnete er leiſe den Riegel an der Thüre und verſchwand, in ſeinen Mantel gehüllt, im Gebüſche des Gartens. Als der nach einer Stunde eintretende Diener der Trinkſtube den erſtarrten Marſchall fand und Lärm machte, als die übrige Dienerſchaft des Palaſtes herbei⸗ rannte und der vermeintliche plötzliche Tod des alten Marſchalls bejammert wurde, da ſiel dem Intendanten des Palaſtes das von dem Propheten bei der brennenden Kerze zurückgelaſſene Schreiben in's Auge. Er las es und eilte damit zu Potemkin in den Winterpalaſt. Es enthielt die Worte: „Marſchall Münnich iſt nur ſcheintodt. Milchein⸗ güße und Oeleinreibungen werden ihn wieder beleben. Er bleibe eingedenk der Rache ſeines Lebensretters im Buran. Graf St. Germain.“*) ) Graf St. Germain, als Abenteurer und Schwarzkünſtler berüchtigt unter dem Namen Ahmar und Marquis Betmar, war wahrſcheinlich ein Portugieſe. Seine chemiſchen Kenntniſſe, ſeine 105 Prittes Cnpitel. Die Meſſe zu Makariewskoi. Gleich goldenen Lanzen drangen die Sonnenſtrah⸗ len eines der ſchönſten Morgen des endenden Früh⸗ lings durch die breiten Nebeldecken der mächtigen Wolga, und zerriſſen den trüben Regenmantel, welcher auf dem gewaltigen Grenzſtrome zwiſchen Europa und Aſien lag. Freundlich lachte der blaue reine Himmel auf das Treiben der erwachenden Menge herab, die ſich jetzt an den Ufern des Stromes aus ihrer Schlafſtätte heraus⸗ wand, und von allen Seiten dem Kloſter und der kleinen Stadt Makariewskvi an der Wolga zuſteuerte; denn heute war ein großer Tag daſelbſt— es war der große Großſprecherei und Kühnheit verſchafften ihm Bewunderer. Er gab vor, 350 Jahre alt zu ſein, ein Lebenswaſſer zur Verjün⸗ gung zu beſitzen; auch Edelſteine verfettigte er, wahrſcheinlich durch Unterſchiebung anderer, die er bereits vorbereitet hatte. Er machte den Propheten und ſagte den Tod Ludwig's XV. von Frankreich voraus; auch war er ein großer Virtuoſe auf der Vivline, die er ſo zu ſpielen verſtand, daß man mehrere Inſtru⸗ mente zu hören glaubte, und mit welcher er ſelbſt auf das Ge⸗ fühl der Thiere wirkte. Eine ſeltene Fertigkeit beſaß er darin, daß er mit beiden Händen zugleich zu ſchreiben verſtand. 1860. XVII. Pugadew. II. 7 106 berühmte Markt, welchen die Ruſſen, Tartaren, Perſer und Kalmücken jährlich im bunten Gemiſche zu beſuchen pflegten. Gleich Feuerzungen, welche dem Ewigen in ſeinem Himmel von der Andacht und Ehrfurcht der gläubigen Menſchenwelt reden ſollten, ragten die vom Morgen⸗ ſchimmer vergoldeten Thürmknöpfe des Kloſters empor, ein feſtliches friſches grünes Kleid hatten Steppe und Wald angezogen, und in das Brauſen des gewaltigen Stromes miſchten ſich die Muſikklänge und Freudenrufe heranziehender Horden. Dort auf einer höher gelegenen Ebene vor dem Städtchen hatte eine wandernde Kalmückenhorde ihr Lager aufgeſchlagen; ſie wollte den Markt beſuchen und ruhen von den Beſchwerden ihrer Wanderzüge, ein nationales Feſt, ein Pferderennen abhalten, wie es in den Wolgagegenden nicht ſelten vorkömmt. Die Horde war vom Wieſengrunde des Kalmückendorfes Tjumenowka an der Wolga, 72 Werſte oder 10 ½ deutſche Meilen von Aſtrachan heraufgekommen, um den großen Völker⸗ markt zu beſuchen. Sie gehörte dem größten Uluß*) am kaspiſchen Meere an. Uluß iſt eine Anzahl Nomadenzelte, welche unter einem Chane ſtehen; er wird in mehrere Chotane getheilt, die zuweilen 107 Das Bedürfniß der Religion iſt bei allen Völkern vorhanden; auch dieſe Kalmückenhorde hatte ſich auf einer Erhöhung einen Altar gebaut, wo eine Schaar Gelunen oder Prieſter vor einer Steinplatte ſtanden, auf welcher kleine vergoldete Götzenbilder, Burchhan oder Hausgötter, und kleine ſilberne Schalen mit Reis, getrocknetem Obſt und Hirſe, in der Mitte aber große Vaſen mit dem Arſchan oder geheiligtem Waſſer ſtanden, während um den Altar herum chineſiſche Malereien von Götzenbildern ſtarrten. etzt traten die Gelunen und Gezulen, das ſind die Prieſter der Kalmücken, und die Manshi oder Prieſter⸗ ſchüler, wohl zwanzig an der Zahl, in ihren heiligen gelben Gewändern mit dem rothen Okrimtſch oder Bandelier über den Schultern vor, ſetzten ſich in zwei Reihen auf den mit Steinen belegten Boden einander gegenüber; auf ihren Köpfen trugen ſie Kränze von ſchwarzem Sammt mit den Abbildungen der fünf Bucha⸗ nen oder Hausgötter; lange aufgelöſte Zöpfe von ſchwar⸗ zer Seide hingen an dieſen Kränzen herab. Ietzt begann ihr Gottesdienſt in tunguſiſcher Spra⸗ che. Eine Art geiſtlicher Muſikkapelle trat vor; eine 200 00 Veiſte zerſtreut liegen, und jeder 15 bis 20 Kibitken ſtark ſind. Der Aufenthaltsort des Chans iſt die Orga oder ſein Hauptlager. 7* 108 große kupferne Schüſſel, der Zang, kleine Pauken, Krit⸗ ſchergeh genannt, Glöckchen, Choncho, eine Art Obve, Büſchkuhr und die Gandama oder kleine Trompeten, dann die Dung oder großen Seemuſcheln ſtimmten mit dem Geſange der Kalmückenprieſter zu einem wunder⸗ lichen wilden Concerte zuſammen, deſſen widerliche Töne wahrhaft entſetzlich klangen. Während dieſes beginnenden Gottes⸗ oder vielmehr Götzendienſtes kamen von allen Seiten Zuzüge jaitzkiſcher und doniſcher Koſaken, Tartaren, Perſer und anderer nicht gar zu ferne wohnender Volksangehörigen; Pferde und Kameele tauchten hinter den Steppenhügeln empor, und das bunte Leben des ſchönen Morgens entfaltete ſich nach allen Seiten. Dort, wo ſich zwiſchen zwei Hügeln ein kleiner Thalpfad hinabſchlängelte, lagerten gleichfalls drei Män⸗ ner mit kurzen Kaftans und langen Lanzen neben ihren Pferden. Es waren Koſaken, welche gleichfalls die Meſſe zu beſuchen kamen. Der größte unter ihnen trug eine roſenfarbige bis auf's Ohr reichende Koſakenmütze mit goldener Quaſte und einen grünen Kaftan mit fliegenden Aermeln reich mit Gold und Silber durchwirkt. Eine Fülle ſchon wei⸗ ßer Haare quoll unter ſeiner Mütze hervor und ein mehr* weißer als grauer Schnurrbart hing wie ein paar Kinder⸗ —— 109 zöpfe von ſeinen dicken Lippen nieder, zwiſchen welchen eine Reihe blendend weißer Zähne hervorblitzte. Ein lan⸗ ger Koſakenſäbel in einer mit Bein und Silber ausgeleg⸗ ten Scheide hing an ſeiner Lende. Die Pferde, welche auf dem grünen Hügel grasten, waren perſiſche ſogenannte Argamaks. Weiter aufwärts ritt eine Truppe ruſſiſcher Huſaren den Thalweg herab, welche ohne Zweifel Befehl hatte, während der großen Meſſe den Platz zu überwachen. Ihr Führer, ein junger Schwadronskommandant, ließ ſeine leuchtenden Augen über die Gegend ſchweifen. Jetzt hielt er vor dem Hügel, auf welchem die Koſaken ſaßen. Er gebot ſeiner Gruppe gleichfalls Halt und ließ ſeine Reiter von den Pferden ſteigen. 2 Mittlerweile hatte das Leben im Thale recht be⸗ gonnen. Im Städtchen wimmelte es von Menſchen aller Nationen; bunte Zelte wurden aufgeſchlagen, und in den vergoldeten oder verſilberten Knöpfen an ihrer Spitze ſpiegelte ſich das Bild der in ſeltener Reinheit emporſtei⸗ genden Sonnenſcheibe. Förmliche Wagenburgen waren allmälig aufgefahren und Vorräthe aller Art waren zum Kaufe ausgeboten. Dort prangten unter einem Zeltdache die feinſten Zobelpelze und Felle des weißen oder blauen Polarfuchſes neben der ſcheckigen Haut des Königstigers; dort die feinſten perſiſchen Seidenſtoffe; hier bot ein 110 Jakute Elfenbein und Foſſilienknochen, die er von Nord⸗ ſibirien aus den Sumpfwäldern des Sugatſch und der Birukſa gebracht hatte; dort ſtand ein einheimiſcher Wol⸗ gabewohner vor ſeinem eingezäunten Ogorody oder Krautgarten, und pries den Reichthum und die Güte ſeiner Frucht; hier bot ein Anderer Warenia oder Zu⸗ ckergekochtes, dort ein Zweiter Piniennüſſe aus; drüben dicht am grünen Geländer des Kloſtergartens zwiſchen hohen Bäumen lagen ſtrotzende Fäſſer mit Sidak oder doniſchem Champagner und anderen Kisljars oder Wei⸗ nen. Gold und Silbergeſchmeide, Marjöna(rubia tinc- torum), Färberröthe aus der Selenika und Sjerpucha zum Grün und Roth färben, gediegenes Kupfer aus den Gruben von Polöekowskoi und Kirähinskoi, Diamanten aus der Gegend von Biſſersk und Magnete vom Ma⸗ gnetberg zu Niſchne⸗Tagilsk, wurden ausgeboten, Roſſe und Kameele, Hunde und andere Hausthiere wieherten und ſchrieen, zum Verkaufe gebracht, nach ihrer Art unter⸗ einander. Ja ſelbſt kleine zahme Schlangen vom Schlangen⸗ berge(Smojewſtaja Gora) Sibiriens, und ſogar Blut⸗ blumen vom heiligen Berge Bogdo lagen zum Ver⸗ kaufe aus. Ein alter Tartar vom Ural, hager, lang und bleich wie ein Geſpenſt, in einen ſchwarzen Kaftan gehüllt, 111 über welchen ſein gekräuſelter ſchneeweißer Bart herab⸗ hing, bot dieſe Blumen hinter einem kleinen Ständchen zum Verkaufe aus. Ein kleiner, ſchwarz gekleideter Mann, deſſen rundes Hütlein eine Menge aufgeſpießter Inſekten zierten, ſtand vor ihm und feilſchte um dieſe Waare. Es war der Profeſſor Lowitz, welcher mit ſeiner Ledertaſche an der Seite und dem eiſenbeſchlagenen Gebirgsſtocke eine botaniſch⸗mineralogiſche Wanderung nach dem ſüdlichen Rußland unternehmen wollte, und auf dieſem Zuge die große Meſſe von Makariewskvi beſuchte, wo er für ſeine Pflanzen⸗ und Steinſammlung ſeltene Erwerbungen zu machen hoffte. So waren ihm auch die ſeltſamen„Blut⸗ blumen“ in die Hände gefallen, welche der Tartar hinter dem Schatten einer großen Säule, die den alten Czaren Iwan Waſilewitſch vorſtellte, mit einer gewiſſen Heim⸗ lichkeit feilbot. Der kleine Profeſſor befand ſich in einer ungemeinen Aufregung, er zappelte mit Händen und Füßen und griff in alle Taſchen, um ſeine Silberlinge hervorzuholen. Freude, endlich einmal die Wunderblu⸗ men gefunden zu haben, und ängſtliche Furcht, ſie wie⸗ der zu verlieren, malte ſich auf ſeinem ſchmalen Antlitze; er hielt mehrere derſelben krampfhaft in ſeiner zuſammen⸗ geballten Fauſt, er wollte ſie um keinen Preis mehr los⸗ laſſen, und hätte er ſich ſelbſt als Leibeigener verkaufen müſſen, um den Preis zu bezahlen. 112 Des tartariſchen Sprachausdruckes ziemlich mächtig, verſtand der kleine Profeſſor ſehr wohl, was ihm der lange Tartar über die geheimnißvolle Entſtehung dieſer „Blutblumen“ zuflüſterte.„Der große und der kleine Bogdu⸗Berg im Ural,“ berichtete er,„beſtanden einſt nicht. Da pilgerten zwei heilige Männer zum Bogdo⸗ Hla, dem heiligen Berge, der in China liegt, um dort ihre Andacht zu verrichten. Glücklich zurücktehrend, nah⸗ men ſie einen kleinen Theil der Erde dieſes Berges in ihre Heimath in Beuteln mit, die ſie auf den Rücken lu⸗ den. Aber zu ſchwer ward dem Einen die Laſt, die er im frommen Eifer ſo weit getragen hatte, er ſtürzte nieder und hauchte ſein Leben aus. Als aber hierbei ſein Beutel barſt und die heilige Erde den Boden berührte— ſiehe, da erhob ſich allmälig ein Erdhäufchen nach dem andern, Geſtein ſchoß am Geſtein, Fels wuchs zu Fels, und ein neuer Berg wuchs aus dem verſchütteten Erdhäufchen empor. So entſtand der kleine Bogdo im Lande der Kir⸗ giſen. Der andere der beiden Pilger, kräftiger und ſtär⸗ ker, wanderte muthig vorwärts, er trug ſeine Laſt noch bis an die Grenze des von Kalmücken bewohnten Landes gegen zehn Werſte weit; dort aber mußte auch er ſeine Bürde ablegen, denn ſie ward ihm zu ſchwer. Wo er ſie hinwarf, entſtand aber in gleicher Weiſe der große Bogdo. Von Schmerz und Ermüdung ergriffen murrte der Pil⸗ 1¹13 ger, und Reue über den Mangel ſeiner Ausdauer, daß er nämlich die heilige Erde nicht bis in ſeine Heimath getragen, ergriff ihn mit einer ſolchen Macht, daß er ſich von der Höhe des neu entſtandenen Bogdo auf den Felſen des öſtlichen Abhanges ſtürzte, der ſich weithin mit ſeinem Blute röthete. Aus dieſem vergoſſenen Blute nun,“ ſchloß der Tartar ſeinen geheimnißvollen Bericht, „ſind als ſtumme Zengen des vergoſſenen Blutes jener heiligen Pilger dieſe„Blutblumen“ aufgeblüht, welche beſonders am Gipfel des Bogdo, dem ſogenannten Schlangenberge blühen, wohin ſo viele Pilger wandeln, um dem ſich durch unterirdiſchen Donner kundgebenden Berggeiſte Goldmünzen darzubringen, die ſie freilich,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„unter Steinen verbergen müſſen, damit die entartete Menſchheit der Gegenwart, die heil⸗ Loſen Kirgiſen und Kalmücken ſie nicht mit geldgierigen Fingern dem Berggeiſte entwenden, ehe er komme, die⸗ ſelben abzuholen*). Und darum,“ ſchloß der Tartar ſeine Rede,„haben dieſe Blutblumen vom heiligen Berge eine ſeltene Zauberkraft. Sie machen den, der ſie auf ſeinem Haupte oder Hute trägt, kugel⸗ und ſtichfeſt; ſie können ihn zum rieſenſtarken Herrn und Gebieter von Siehe Aler. von Humboldt's Reiſen im europäiſchen und aſiatiſchen Rußland von H. Kletke. 1. Bd. S. 343. 114 Tauſenden machen, deren Blut ihm durch die heilige, ge⸗ heimnißvolle Macht dieſer Blumen verfallen und ver⸗ pfändet iſt für die Ewigkeit!“ Der kleine Profeſſor hatte mit wahrhaft geſpitzten Ohren jedes Wort des alten Tartaren eingeſogen. Zetzt warf er dem Manne ſein letztes Silberſtück hin; wie ein Wahnſinniger ſprang er vor Freude, dieſe lang⸗ gewünſchten Blumen des tartariſchen Marktſchreiers in der Hand zu haben, empor, hoch ſchwang er den ſel⸗ tenen Schatz in ſeiner Rechten, und kehrte ſich um, und— ſiehe da! eine kräftige Fauſt hatte ihm ſeinen Schatz im Augenblicke entriſſen. Sie gehörte einem langen baumfeſten Koſaken an, welcher mit einem groben Tulup von ſchwarzem Schaf⸗ fell bekleidet hinter des Profeſſors Rücken der Rede des Tartaren gelauſcht hatte, und die Blumen in ſeiner langgeſtreckten nervigen Hand hoch emporhaltend, wie ein Rieſe Goliath den kleinen Profeſſor abwehrte, der wü⸗ thend über dieſen Raub, wie das Eichkätzlein gegen den braunen Bären emporſprang und ſich vergeblich be⸗ mühte, ſeinen wohlbezahlten Schatz im ſeines Angeſichtes zurück zu erobern. Aber ſchon war der lange Koſak mit weitet Schrit⸗ ten den Hügel hinabgeeilt, wo er ſich in das Gedränge der Marktbuden miſchte, während ihm der Profeſſor 115 nachſtürzte und gleich einem kläffenden Hündlein mit vor Wuth und Angſt um ſeine Blumen erſtickter Simme ſein:„Stoi! Stoi!“ nachbellte. Die Scene wurde ſogleich lebhafter; der Koſak hatte die Blumen während des Davoneilens um ſeine hohe Mütze geſchlungen. Wie ein Bienenſchwarm ſummte es augenblicklich um ihn herum, im Nu ſchloßen eine Menge Käufer und Verkäufer und ſonſtigen Beſucher der großen Meſſe einen Kreis um den Koſaken, wie es eben zu gehen pflegt, daß oft die geringſte Veranlaſſung einen Haufen ſchau⸗ und ſtreitluſtiger Leute in Aufregung bringt, gleich der Schneeflocke, die ſich endlich zur Rie⸗ ſenlawine aufwirbelt. Jetzt hob der lange Koſak ſeinen Arm wieder. „Platz da, ihr knorrigen Teufelseier!“ donnerte er in den Haufen.„Laßt mich durch! Was wollt Ihr?“ Aber„Stoi!“ donnerte es ihm mit gewaltiger Stimme entgegen, und die flache Klinge eines blitzenden Säbels klatſchte auf ſeinen gebogenen Nacken nieder. Dieſen Schlag führte die Hand eines ruſſiſchen Offiziers, deſſelben, welcher früher an der Spitze der Huſaren⸗ ſchwadron den Thalweg herabgeritten kam uud zur Militär⸗Inſpektion der Meſſe befehligt war. „Was wollt Ihr?“ ſchrie ihm der lange Koſak wieder entgegen. 116 „Ordnung!“ donnerte der Offizier.„Steh', Koſak! Was iſt's?“ wollte er fragen; aber das Wort verſchwand ihm auf der Lippe, und weit riß er ſeine Augen auf, ein ſcharfer Blick derſelben ſtrich über das bärtige Antlitz des Koſaken. „Beim Barte St. ZJwans!“ rief er,„das iſt—“ In dieſem Augenblicke drängten ſich mehrere Soldaten in grüner goldbordirter Uniform durch den Menſchenknäuel; ſie waren Gardiſten aus Petersburg. Einer unter ihnen, der durch ſeine hohe Geſtalt über die übrigen hervorragte, zog ſeinen Säbel und ließ ihn über die Köpfe der Menge blitzen.„Peter! Peter! Czar Peter der Dritte!“ donnerte er über den Haufen.„Seht Ihr nicht, Leute, der iſet iſt erſtanden. Zu ſeinen Füßen! Es lebe Peter der Dritte— der Czar aller Reuſſen!“ Zetzt gährte es in der zuſammengelaufenen Menge wie in einem Chaos, Freudenrufe, Geheul der Nieder⸗ getretenen, Flüche und Jubel, Waffengeklirr und Lebe⸗ hochrufe ſchallten durcheinander. „Ja, ja, Goſpodin pomiluy!“ ſchallte es rundum; „das iſt der Czar, den man ſo lange eingekerkert hielt. Der Czar iſt's! Auf, laßt uns ihn befreien und mit ihm nach Petersburg ziehen, wo ſeine Henker ſitzen!“ „—5 117 „Nieder mit der Hofbrut!“ tönte es von der andern Seite.„Es lebe Czar Peter, der Wiedererſtandene!“ Die Revolution im Kleinen ſchien im beſten Zuge. Man ſchwenkte die Mützen in der Luft, man riß die Säbel und Meſſer aus ihren Scheiden, man drängte ſich um den langen Kaſaken, der mit ſeinem fahlen, von dunklem Barte beſchatteten Antlitze daſtand, wie Gott Neptun auf den ſturmbrauſenden Wogen, und ſeine kleine Augen mit ſeltſamem Feuer über die Menge ſtrei⸗ chen ließ. Aber ſchon hatte der erwähnte Befehlshaber der Reiterſchwadron ſeinen Säbel in der Luft blitzen laſſen, ſeine Stimme verhallte freilich in dieſem Getümmel, aber ſeine Reiter, welche nicht ferne von ihm auf dem Hügel hielten, hatten ihn verſtanden. Mit hoch geſchwungenen Säbeln ſtürmten ſie auf ihren kräftigen Roſſen gegen die Menge heran, und wie dies bei ähnlichen Ausläufen gewöhnlich zu geſchehen pflegt, brachte ihr Heranſtürmen augenblicklich Ordnung in die tobende Maſſe. Dieſe wich ſchreiend und heulend nach allen Seiten der Windroſe auseinander, und im nächſten Augenblicke ſtand der Reiteroffizier, nur von Wenigen umringt, vor dem langen Koſaken, der ihm trotzig in's Antlitz ſtarrte, und unbeweglich, ohne eine Miene zur Flucht zu machen, den Gegner zu erwarten ſchien, während der kleine 118 Profeſſor, keuchend und mit Schweiß bedeckt, ſeinen glühenden Blick in gerader Linie auf die Blutblumen an der Mütze des Koſaken gerichtet, ſich jetzt an den Schweif des Roſſes des Offiziers feſthielt, um hierdurch gleichſam ſtummer Weiſe den Schutz deſſelben anzuflehen. Aber der Reiteroffizier betrachtete nicht den kleinen Profeſſor; ſein Auge haftete auf dem großen Goliath, dem Koſaken, um welchen die Reiter bereits Quarre geſchloſſen hatten. Zetzt donnerte der Offizier über die ſich allmälig wieder ſchaarende Menge.„Unſinnige!“ rief er,„wer von Euch hat es gewagt, Ihre Majeſtät die Czarin zu beſchimpfen, und dieſen Menſchen als Peter den Dritten zu begrüßen?“ „Wir!“ entgegnete der lange Gardiſt aus Peters⸗ burg vortretend.„Wir kennen die Züge des wie man ſagt verſtorbenen Czaren Peter; der iſt es und kein Anderer. Man hat ihn nur gefangen gehalten und—“ „Faßt den Verräther!“ ſchrie der Offizier ſeinen Leuten zu,„faßt den Unſinnigen, der das Volk gegen ſeine rechtmäßige Herrſcherin aufwiegeln will— nach Ir⸗ kutzk mit ihm!“ „Unſinnige,“ fuhr er fort, während einige ſeiner Reiter auf den Gardiſten losſtürzten, dieſer aber ſeinen Säbel zog und das wieder zuſtrömende Volk Miene machte, Partei für den Letztern zu nehmen.„Unſinnige! ——— 119 Thoren! Verräther! Das der Kaiſer? Das Peter der Dritte? O heilloſes, gottvergeßnes Volk!— Nieder mit Dir, Koſak!“ donnerte er,„nieder mit Dir, und brülle es den Wahnſinnigen da ſelbſt in die Ohren: biſt Du Peter der Dritte von Rußland?“ „Ihr ſagt es, und dieſe glauben es auch,“ entgegnete der Koſak, indem er ſich, nachdem er bisher theilnahmslos dem Handel zugehört hatte, wie ein kampfbereiter Gladiator, der eben nur in die Arena herabzuſteigen bereit ſteht, um die Beſtien gegeneinander zu hetzen, auf den Eiſengriff ſeines langen Säbels ſtützte. „Wie?“ donnerte der Offizier jetzt faſt raſend vor Wuth,„Du wagſt es, Frecher, Dich für Peter den Dritten auszugeben? Du? Teufelsſohn!— Nun, ich will euch ſagen, ihr Leute, wen ihr vor euch habt! Kein Czar, kein Funken von einem Ezaren lebt in dieſem Menſchen! Es iſt Jemelian Pugakew, der Koſak vom Don, ein Molch der Steppe, ein Bettler in Klöſtern, ein Räu⸗ ber in Wäldern, der Aufwiegler von Malikowka iſt's, ein Gefangener der Kaſematten Kaſans, der dort auf liſtige Weiſe entſprungen iſt, und nun ſein edles Hand⸗ werk der Volksaufwieglung auf dieſem Boden fortſetzen will, weil ſeine zufällige Aehnlichkeit mit dem Czaren, der längſt in der Gruft des Alexander⸗Newsky Kloſters zu Petersburg ruht, ihm zu dieſem Poſſenſpiel günſtig iſt.“ 120 „Ja, ja, er iſt es,“ rief der kleine Profeſſor jetzt darein;„ich kenne den Mann von Kaſan aus, wo er in der Sunibeka wohnhaft war.“ Der Koſak warf einen langen ſtechenden Blick aus ſeinen kleinen Augen auf den Sprecher. „Und wer ſeid denn Ihr?“ fragte er dann keck dem Offizier näher tretend,„wer ſeid denn Ihr, daß Ihr mit ſolcher Beſtimmtheit mich mit den Ehrentiteln bezeichnen könnt, die ihr mir ſoeben in den Bart gewor⸗ fen habt?“ „Ich bin Ihrer Majeſtät der Czarin Offizier und ſeit Kurzem wohlbeſtallter Schwadronsmajor Charlow aus dieſem Gouvernement,“ entgegnete der Angeredete, „und als ſolcher befehle ich Dir, Jemelian Pugacew, augenblicklich Deinen Säbel zu meinen Füßen zu wer⸗ fen, und Dich auf Gnade und Ungnade meiner Gewalt zu ergeben, ſonſt zerbreche ich Dein Eiſen mit dieſer Fauſt in tauſend Trümmer, oder meine Huſaren hauen Dich in Stücke zum Fraße für die Fiſche in der Wolga!“ „Si tſchas!“ ertönte jetzt eine feſte Stimme hinter der Gruppe. Sie gehörte dem langen Koſaken mit dem golddurchwirkten fliegenden Kaftan, welcher beim Be⸗ ginne des Marktes mit den andern Landsleuten auf dem oberen Hügel Raſt gehalten hatte. Er trat jetzt vor, richtete ſich in ſeiner ganzen 121¹ Manneslänge faſt majeſtätiſch empor, und ſtrich ſeinen weißen Bart, während er ſeinen langen Arm gegen den bedrohten Koſaken ausſtreckte und ihn auf deſſen Schulter legte. „Der Mann iſt weder der Czar Peter,“ ſagte er mit volltönender Stimme,„noch der Koſak Pugacew, welcher, wie Ihr ſagt, aus der Sunibeka in Kaſan ent⸗ wichen iſt. Es iſt mein Knecht, der Dmitri Sergieff, der mir meine Roſſe in die Schwemme reitet, kämmt, und mir den Siedack in den Steinkrug gießt, wenn ich Durſt habe. Herr, denn dürft Ihr mir nicht berühren, ſonſt habt Ihr es mit Koſchewnikow, dem Hettmann der jaikiſchen Koſaken zu thun, und der führt eine gute Lanze— nicht wahr, Michailoff Braniſchka?“ Bei dieſen Worten wendete ſich der Alte gegen einen jungen Koſaken, welcher an ſeiner Seite ſtand und ſeinen Ausruf durch ein leiſes Kopfnicken bejahte. Major Charlow faßte jetzt den Sprecher in's Auge. „Euch kenne ich allerdings, Ataman Koſchewnikow,“ ſagte er;„ich erinnere mich ſehr wohl, Euch einmal in Kaſan geſehen zu haben, wo die Rede davon war, daß Ihr ſchon zur Zeit der Kaiſerin Eliſabeth in Petersburg die Sache Eures Volkes vertreten habt.“ „Die ich auch jetzt, da ich mehr als achtzig Jahre alt geworden bin, vertreten will,“ entgegnete der Hett⸗ 1860. XVII. Pugabew. II. 8 mann mit hohem Ernſte, indem er mit der Fauſt auf ſeinen Säbel ſchlug,„und darum darf ich auch den geringſten meiner Knechte nicht verunglimpfen laſſen, und ſage Euch noch einmal, der Dmitri Sergieff da iſt kein Peter und kein Pugakew, ſondern mein leibeigener Knecht, und zieht mit mir in die Steppe hinab, wo Ihr ihn in meiner Setſch am obern Don finden könnt, wenn Ihr weiter mit ihm zu verhandeln habt.“ Der Ataman wollte jetzt mit ſeinem ſogenannten Knechte abziehen; aber der Reitermajor trat noch einmal zwiſchen Beide.„Halt!“ ſagte er, indem ſein Auge noch einmal über die Geſtalt des ſtolz und ſtumm ſich auf ſeinen Säbel ſtützenden Koſaken und des angeblichen Knech⸗ tes der Ataman ſtreifte;„Euer Zeugniß, Ataman, lautet deutlich und beſtimmt, wer bürgt mir aber dafür, daß es echt iſt?“ In dieſem Augenblicke ertönte hinter den Rücken der Streitenden ein furchtbares Geheul; es kam hinter einem Hügel herauf, an deſſen Fuße ſich Kalmücken einen Circus aus Brettern erbaut hatten, in welchem ſie eine Art Wettrennen abhalten wollten, zu deſſen Preiſe mehrere Kameele, Wallachen und einige Tuch⸗Chalats(Röcke) ſeitwärts bereit gehalten wurden. Es waren ſogenannte Zaganleaus oder Kalmücken von weißen Knochen, oder zu dem Stande der„Wohlgebornen“ gehörige, im Ge⸗ 123 genſatze zu den Charas oder Kalmücken von ſchwarzen Knochen, d. i. gemeine Leute. Sie hatten kleine dreſſirte Pferde aus den freien Taburen oder Heerden der Kal⸗ mücken, die ſie allmälig in die Rennbahn führten. Einer ihrer Knaben, ein Junge von vierzehn Jah⸗ ren, hatte im jugendkühnen Eifer ein ſolches Pferdchen beſtiegen und war in den Circus hinabgeſprengt, indem er ſich an der fliegenden Mähne des Thieres mit aller Kraft anklammerte. Der Kernjunge, den es ſchon gelüſtet haben mochte, das Reiterhandwerk ſeines Vaters nach⸗ zuahmen, war aber noch zu ſchwach, das unbändige, erſt vor Kurzem mit dem Arkan*) eingefangene Pferdchen zu bändigen; daſſelbe riß aus, und ob auch der junge Rei⸗ ter feſt auf dem Rücken des Thieres ſitzen blieb und weder einen Hilferuf noch Angſtſchrei hören ließ, ſo war doch ſeine Lage eine höchſt gefährliche, denn die Stute verſchwand bald mit ihm aus dem Geſichtskreiſe der Nachſchauenden, und es war kein Zweifel, daß die junge Lunge des Knaben dieſen windſchnellen Ritt nicht aus⸗ zuhalten vermochte, daß er endlich ſchwach geworden, mit zerſchmettertem Hirnſchädel auf dem Boden liegen blei⸗ ben müſſe. Aber er war der Sohn eines Chans der Kalmücken *) Ein Fangſtrick mit einer Schlinge. 8* 124 von den weißen Knochen, und ſo brauſte es denn augen⸗ blicklich durch die Menge wie eine Sturmwolke. Wohl an dreißig geſattelte Roße griffen mit ihren Reitern aus, und eine förmliche Horde jagte hinter den Staubwolken darein, welche eben noch die Spur der Gegend verriethen, wohin die wildgewordene Stute mit dem Knaben ge⸗ flohen war. Faſt eine Werſte und zwanzig Saſchen, d. i. 10 einer deutſchen Meile, verfolgten die Kalmücken die Spur des unglücklichen Knaben, den ſie endlich aller⸗ dings, aber in wahrhaft bejammernswerthem Zuſtande in einem benachbarten Uluß, wohin das Pferd mit ihm gerannt war, mit beinahe zerſchmetterten Gliedern neben dem Pferde liegen fanden. Dieſe Scene hatte auf dem Markte zu Makariew⸗ skoi wo möglich noch mehr Störung verurſacht, als die vorher erzählte; eine dichte Staubwolke, verurſacht von der zur Einholung des Knaben aufbrechenden Kalmücken⸗ ſchaar, und von einem plötzlich entſtehenden Wirbelwind über Stadt und Kloſter getragen, hüllte jetzt den Markt ein. Als dieſe Wolke ſich allmälig zertheilte und die Rufenden, Schreienden, Lärmenden und Fluchenden ſich wieder zurecht fanden und einander zu erkennen an⸗ fingen, da ſuchte das Auge des Reitermajors nach dem Knechte Koſchewnikow's, in welchem er den aus Kaſan entwichenen Pugakew erkannt zu haben überzeugt war; 125 aber der ſchlaue Koſak hatte ſchon den Augenblick wahr⸗ genommen; er hatte ſich während des erwähnten Tu⸗ mults mit der Schnelle eines Windhundes auf eines der Kalmückenrößlein geworfen und war ſcheinbar dem ent⸗ ſchwundenen Knaben nachgejagt, in der That aber mit geſchickter Schwenkung ſeitwärts ausgebrochen, und jagte jetzt lange ſchon über die halbe Steppe hinaus dem Jaik zu, während ihn die Augen des Majors Charlow noch lange unter den vielfarbigen Geſichtern der Marktbuden ſuchten. Biertes Capitrl. Koſaken. „Mit fünfzigtauſend Koſaken will ich ganz Frank⸗ reich erobern,“ ſprach der alte Suwarow zur Czarin Ka⸗ tharina; und wenn dieſe Aeußerung auch mehr eine Ge⸗ ringſchätzung der Franzoſen in ſich begriff, ſo enthält ſie doch zugleich eine Anerkennung der Kraft und Tapfer⸗ keit jenes Volksſtammes, welchen die Weltgeſchichte unter dem Namen der Koſaken kennt. Die Geſchichte vermag aber nicht mit Beſtimmtheit den Urſprung dieſes Volkes zu bezeichnen. Vielleicht 126 ſtammt es von der durch Conſtantin Porphyrogenetes ſo benannten Landſchaft Kaſchir. Der Türke nennt Kapack einen Räuber, der Tartar einen herumziehenden, leicht bewaffneten Soldaten. Vielleicht ſind die Koſaken auch Ueberbleibſel verſchiedener Türken⸗ und Tartarenhorden, wielleicht von einſtigen Abenteurern der nowgorodiſchen Provinzen; jetzt ſind ſie aber das ſtehende Freicorps Rußlands. Sie bildeten nach Vertreibung der Mongolen, deren Sitten ſie noch zum Theil bewahren, eine Art mi⸗ litäriſch⸗demokratiſche Republick, und vergeblich waren die Verſuche der moskowitiſchen Czaren und Krim⸗Chane, der Pforte und Polens, dieſe kühnen Stämme zu unter⸗ werfen; nur ihre eigene Uneinigkeit beſiegte ſie, ſo daß ſich endlich die Koſaken der Ukraine der Krone Peter's und die am Don dem ruſſiſchen Scepter unterwarfen, während die Zaporogiſchen Koſaken am Yaik und an der Wolga frei blieben. Nichts als die griechiſche Religion und die Aehn⸗ lichkeit der Sprache hat der Koſak mit dem Ruſſen ge⸗ mein; er übertrifft ihn aber an Geſtalt, Tapferkeit und Freiheitsſinn; er iſt Nomade, Krieger, Prieſter und— Räuber, wie es eben die Noth erfordert, und er erbeutet, wohin er immer auf ſeinen Kriegszügen kömmt, Alles, was ſich erbeuten läßt, und zerſtört, was er nicht erbeu⸗ ten kann; aber er bietet auch wieder großmüthig dem von 127 ihm Geplünderten am nächſten Morgen ſeine Hilfe an, wenn eben ſeine Plünderungsluſt geſtillt iſt. Dieſes iſt aber ganz begreiflich, denn der Koſak erhält mit Aus⸗ nahme ſeines Offiziers keinen Sold; ſeine oft achtzehn Fuß lange Lanze, die Knute, mit welcher er ſein Pferd ſtatt mit den ihm mangelnden Sporen antreibt, ſein lan⸗ ger Säbel und ein Paar ſchlechte Piſtolen müſſen ihm ſeinen Unterhalt verſchaffen. Wie eine Heuſchreckenwolke umſchwärmt er ſchaarenweiſe das Heer; wie der Rabe dem Aaſe nachzieht, iſt er windſchnell zugegen, wo es „Verfolgung“ gilt; einige fünfzigtauſend Koſaken dienen fortwährend in der ruſſiſchen Armee. Man hatte dieſer verwendbaren und nicht koſtſpie⸗ ligen Miliz von Seite der Regierung einſt große Vor⸗ rechte gewährt, welche ihnen jedoch ſpäter wieder be⸗ ſchränkt wurden. Der urſprüngliche Stamm der eigentlichen Koſaken war ein flaviſches Volk, welcher die Ukraine bewohnte, und ſich von dort über die Ufer des Don, des Ural und der Wolga verbreitete, und in einer kleinen Abtheilung unter dem Ataman Yermak im Jahre 1580 Sibirien eroberte. Einer der wildeſten und kriegeriſchſten Stämme der Koſaken iſt der der Zaporoger, welche ihren Namen von Za(ienſeits) und porog(Cataract) ableiten, weil ſie tie⸗ 128 fer wohnten, als die Granitlager reichen, die an ver⸗ ſchiedenen Stellen das Bett des Dnieper durchſchneiden. Man nannte daher ihr Land Zaporojic. Sie beherrſchten einen großen Theil der fruchtbaren Ebenen aus den Steppen in der Ukraine und ſtritten ſich wacker mit Ruſſen, Polen, Tartaren und Türken herum, indem ſie eine Art freier Militärverfaſſung hatten. Gewöhnlich war es eine Inſel des Dniepers, wo ihre Hauptniederlaſſung, die„Setſch“, eine Reihe großer Hütten aus Holz und Erde mit einem ebenen Spazier⸗ wege umgeben, ſtanden. Eine ſolche Hütte diente oft einem halben Hundert von Koſaken zum Aufenthalte; während des Sommers verliefen ſich die Bewohner dieſer Hütten zur Feldarbeit, im Winter befanden ſich oft gegen vier tauſend Menſchen in einer ſolchen Setſch, und nur die, welche nicht Platz darein fanden, zerſtreuten ſich in der Umgegend, um ſich unterirdiſche Wohnungen, Zimawniki(von zima, Winter) aufzuſuchen. Ordnungsmäßig war jede Setſch in achtunddreißig Kureni oder Wohnungen getheilt(von Kuril, rauchen, weil ſie einen Rauchfang enthielt). Kein Koſak durfte ſei⸗ nen Kuren verlaſſen und in einen andern ziehen; jeder Kuren trug einen beſondern Namen von dem erſten Vor⸗ ſteher deſſelben, jeder wählte ſeinen Ataman für ſo lange, —————— 129 als die Koſaken mit ihm zufrieden waren; der Ataman verwahrte das bei ihm hinterlegte Geld und die ſonſtigen Werthgegenſtände ſeiner Koſaken, vermiethete die Läden und Kähne(duby) des Kuren, und führte die Rechnung der gemeinſchaftlichen Kaſſe; alle Koſaken des Kuren aßen zuſammen an demſelben Tiſche. Von den verſammelten Kuren wurde der höchſte Anführer, der Koſchewoi⸗Ata⸗ man(von Koſch, tartariſch Feld oder Koſchewat, ruſſiſch lagern) oder Woishowi⸗Ataman, Heeres⸗Ataman ge⸗ wählt; er hielt zweimal im Jahre, im Juni am Tage Johann des Täufers, und im Oktober am Tage der Ver⸗ kündigung Marie, die Rada oder Nationalverſammlung ab, und ſorgte dafür, daß kein Weib in der Setſch wäh⸗ rend der Verſammlung zugelaſſen wurde. Nicht minder kräftige Naturſöhne ſind die aſtracha⸗ niſchen Koſaken, deren Regiment im Jahre 1730 zuerſt aus 300 Kalmücken gebildet, im Jahre 1750 aber auf 500 Mann erhöht und mit Kindern der ehemaligen Strelitzen, doniſcher Koſaken, Kalmücken und Tartaren vermehrt wurde. Katharina vereinigte mit ihnen die ſtäd⸗ tiſchen Koſakenkommandos von Thermojar, Jenotajewsk und Krosnojar, ſpäter kamen auch die Kommandos von Saralow, Zarizyn und Kamyſchin dazu, und im Beginne unſeres Jahrhunderts alle ehemaligen Wolgakoſaken. Zetzt zählt dies Heer 13 Stainizen oder Dörfer, jedes 130 von 100 bis 200 Häuſern, enthält mehrere Regimenter und ſelbſt eine reitende Artillerie⸗Brigade. Sie ſind mit dem Koſakenrock oder Tſchekmen mit gelben Aufſchlägen uniformirt, und erhalten aus dem all⸗ gemeinen Landbeſitze des Koſakenheeres Antheile, ſo⸗ genannte Disjätinen zur Benützung; ſie theilen ſich in drei Rangſtufen, beſitzen auch Fiſchereirechte in der Wolga und treiben großen Viehhandel, beſonders im Frühjahr nach dem Dorfe Stawka, d. i. Standlanger. Es liegt in ihren Freiheiten, ſich ihre Offiziere und Beamten aus ihrer eigenen Mitte zu wählen; insbeſon⸗ dere hielten die doniſchen und tſchernomoriſchen Koſaken darauf, ſich ihren Ataman aus ihrer Mitte zu wählen; bei den andern Koſaken werden dieſe Hauptleute jetzt meiſt aus Offizieren der regulären Cavallerie ernannt. Durch ſolche Ernennungen, die auf Lebenszeit dau⸗ erten, hat ſich eine Art erblicher Adel unter den Koſaken gebildet; übrigens ſind die Koſakenheere jetzt in Re⸗ gimenter, Bataillons, Batterien, dieſe wieder in Sotta⸗ ren(hundert), in kleine Eskadrons und Kompagnien ge⸗ theit, und ihr Dienſt wechſelt regimenterweiſe. Zu dieſem Dienſte iſt jeder Koſak verpflichtet; er wird nach ſeinem Alter in eine der drei Klaſſen ein⸗ getheilt, von denen die von 25 bis 40 Jahren das Re⸗ giment, die andern Altersklaſſen die Reſerven bilden. ————— ,— 131 Sobald eine Koſaken⸗Stanize aufgefordert wird, eine Anzahl Koſaken zu ſtellen, ſo kommen die wehr⸗ pflichtigen Männer zuſammen; ſie gruppiren ſich zu je dreien, und eine Art Meiſtgebot findet Statt, indem der, welcher nicht mitziehen will, dem, der für ihn zu zie⸗ hen Luſt hat, einen Werthanbot macht; der das mindeſte Gebot macht, zieht dann mit und erhält, was die anderen Beiden boten*). Für die Garde in Petersburg wurden natürlich die ſchönſten und größten der Koſaken geworben, welche zu⸗ weilen 5 bis 6000 Rubel für ihre allerdings beſchwer⸗ lichen Dienſte erhielten. „Seit die krimiſchen Chane nicht mehr herrſchen,“ ſagt Humboldt,„die es für eine Schande hielten, wenn ſie ihre Säbel nicht wenigſtens einmal in ihrem Leben an den Ufern der Oka unfern Moskaus geſchwungen hatten, ſeit die Kalmücken und Baſchkiren gezähmt, die 5) Im Jahre 1837 wurde die Sache kürzer abgemacht. Der Kriegsbedarf forderte vier Regimenter jedes zu 550 Mann, die binnen drei Wochen beritten und bewaffnet waren. Da ritt der Voſtawoy, Stelloertreter des Hettmanns, unter die Reihen, ſchwenkte den Befehl des Kaiſers über ſeiner Mütze und rief:„Auf, Ata⸗ mans! Ihr ſeid gefordert aufzuſitzen und vier Regimenter zu ſtel⸗ len.“ Hierauf zog er ſeine Mütze ab, las den Befehl und be⸗ zeichnete den Verſammlungsort. Und die Sache hatte ein Ende. 132 Nogrier über den Kuban gedrängt, iſt die Gefahr eines feindlichen Einfalles dort vorüber; aber auch der alte kriegeriſche Sinn der Koſaken nicht mehr in jener Blü⸗ the, wie einſt die alteigenthümlichen Koſakenpoſten auf hohem Holzgerüſte, mit einem Fanale daneben, von denen aus der Lärm raſch in's Land verbreitet wird, ſte⸗ hen jetzt an den Linien des Kuban und Terek, und öſtlich gegen die Kirgiſen der kleinen Horde und die Tartaren von Chiwa; daher ſind auch die Kernpoſten oder kleine Forts vorgeſchoben. Eine friedliche Schule iſt es, die jetzt den jungen Koſaken am Don bildet; wenn er die Steppe durchfliegt, blickt er nicht mehr wie früher in die Ferne nach dem lauernden Feinde; er weiß ſeine Beru⸗ fung zum Kriegsdienſte gewöhnlich Monate lang voraus; nicht mehr ſind es die brennenden Stanitzen der Nachbar⸗ ſchaft, welche Alles, was Pike, Säbel, Piſtole, Bogen und Kantſchuh führen kann, in den Sattel rufen; nicht mehr fahren, wie einſt, die Koſaken vom Schlafe auf, um den mit Raub und Gefangenen beladenen, abziehen⸗ den Tartaren die Beute abzujagen. Verſchwunden ſind die Zelte, wo die Bewohner des Don und Donez auf eigene Fauſt das Antwerpen des Pontus⸗Aſow nahmen und Treviſon plünderten; jetzt ſind dieſe Koſaken nur noch angeſiedelte Vertheidiger unruhiger Grenzen, tragen gleichſam ihr Land zu Lehen, und führen dafür einen 133 immerwährenden Krieg; wo ſie in ihrem Lande ſitzen blieben, während Rußland die Grenzen des mächtigen Czarenreiches über ſie hinausſchob, wurden ſie theilweiſe zu guten friedlichen Staatsbürgern, zu Zolleinnehmern und Gensdarmen geſtaltet.“ So ſchildern neuere Reiſende das Volk der Koſaken. Es war an einem heißen Auguſttage, bald nach der erzählten Begebenheit auf der Meſſe zu Makariewskoi, als ſich die ſcheidende Abendſonne in den Wellen des Jaik, welcher aus Rußland in die Tartarei dem kaspiſchen Meere zurennt, abſpiegelte; die Luft war vom Geſange der Vogel erfüllt, deren kreiſchende Töne weit über die Steppe hin erſchallten. Oben in den Lüften ſchwebte die Tſchaika, eine Art Möve, mit dem Sperber um die Wette, und ba⸗ dete wollüſtig ihre Flügel in der Luft; bald verſchwand ſie in den Fluthen des Azurs und war nur noch als ein ſchwarzer Punkt am Himmel ſichtbar. Aber von der andern Seite des Aufganges ſtiegen langſam und majeſtätiſch, wie die heranziehende Horde eines ſieggewohnten Steppenvolkes, mächtige Wolkenmaſ⸗ ſen empor. Wie weiß⸗graue Schneegebirge thürmten ſie ſich höher und höher, wie ungeheure Rieſenlöwen am Fuße des Thrones der ewigen Allmacht lagerten ſie an der Grenze des Horizonts. Jetzt hoben ſich auf der Steppe die Spitzen der Gräſer und Blumen; zuerſt ein 134 leichter, dann ein ſtärkerer Windſtoß, der Vorbote eines nahenden Sturmes, zog über die Flächen; bald brau⸗ ſete es ſtärker aus den höhern Himmelsgegenden nie⸗ der, vom Sturme gepeitſcht flogen die Wolkenberge am Horizonte raſcher und raſcher heran, ſchon miſchten ſich mit den wirbelnden Luftmaſſen feine Regentropfen; jetzt breitete ſich ein weites graues Bahrtuch über die Flur, von welcher der letzte Sonnenſtrahl, von verlängerten Schatten gejagt, zurückwich; es hing über dem Lande eine ſchwarze Decke gleich dem Mantel der Nacht, den wie einzelne, von Menſchenhand gezogene Goldfäden, funkelnde Blitze zerriſſen. Ein furchtbares Gewitter ſtand am Himmel. Ein Blitz— ein Schlag— die Wolken riſſen, und wie ein reißender Bergſtrom ſtürzten jetzt die Wäſſer des Himmels auf die Steppe herab, auf welcher Thier und Vogel nach ihren Schlupfwinkeln jagten. Ein Platzregen, eine Art Wolkenbruch ſtrömte nieder, die fernen Grenzgebirge ſchienen jetzt geköpft, denn ihre Gipfel waren in grauen Wolken, der Spiegel des Flußes war erblindet, alle Berge wuſchen ſich in Waſſer des Himmels, welches an ihren Lenden herab⸗ ſtürzte; es ſchien, als hätten all die Himmliſchen das Spülwaſſer ihrer Haushaltung ausgeſchüttet, aus jedem Steppenhügel ſchoß ein ſchmutziger Waſſerſtrahl hervor; es ſchien als ob die Waſſergeiſter aus jeder Schlucht mit 135 Waſſerkanonen von großem und kleinem Kaliber hervor⸗ ſchößen, und die Blätter der Bäume und die Blüthen⸗ kelche der Blumen fielen unter dem kleinen Gewehrfeuer der ſenkrecht niederſchlagenden Regentropfen; das Rau⸗ ſchen des Himmelswaſſers miſchte ſich mit dem Brauſen des Windes und mit dem ferner und ferner ziehenden Grollen des Donners. Mitten durch dieſen Sturm jagten dort, wo zwi⸗ ſchen zwei Steppenhügeln eine enge Thalſchlucht gegen den Jaik hinablief, drei Reiter einem Kuren zu, welcher im dichten Gebüſche verſteckt, ihnen mit ſeinen Hütten gaſt⸗ lich entgegenwinkte. Es war Ataman Koſchewnikow mit ſeinem angeb⸗ lichen Knechte, jenem Koſaken, welchen Major Charlow auf der Meſſe zu Makariewskoi als den aus Kaſan ent⸗ ſprungenen Pugacew bezeichnete; hinter ihnen ritt auf einem kleinen Pferdchen ein anderer Leibeigener des Ataman. Schneller als der Wind flogen die drei Reiter dem Kuren zu, wo man ſie ſchon von weiten bemerkt hatte, und deſſen vorderſte Gitterthür ſogleich zu ihrem Em⸗ pfange aufflog. Der achtzigjährige Koſchewnikow ſprang wie ein Junge von fünfzehn Jahren vom Pferde, ihm folgten die beiden Andern. 136 „Teufelsheiduken!“ rief er mit der Fauſt auf den Bug ſeines Rößleins ſchlagend, daß dieſes aufwieherte, „wenn Ihr noch ſagt, daß der alte Koſchewnikow nicht mehr reiten kann, wie der beſte Koſak am Jaik, ſo ſoll Euch meine Fauſt das Genick zerſchmettern mit einem Schlage. Nun Jemelian,“ fuhr er zu dem erwähnten Koſaken gewendet fort,„diesmal hat's gegolten, ſie ha⸗ ben in Dir doch den Pugatew erkannt, und Du ſiehſt alſo, verfluchter Junge, daß meine Warnung nicht ver⸗ geblich war, wenn ich Dir ſagte, Du follſt die Meſſe nicht beſuchen, weil Dich die Marktbeſucher von Kaſan und Aſtrachan leicht erkennen würden.“ „Sie ſollen mich noch beſſer kennen lernen, Ba⸗ tke,“*) ſagte der Koſak;„der Jemelian Pugakew hat ſich ſeine Leute wohl gemerkt, und keiner von den grünen Fanghunden, die um ein paar Kopeken ihr Leben ver⸗ kaufen, ſoll leer ausgehen, oder der Teufel ſoll mir heute noch die ſibiriſche Peſt über den Hals ſchicken!**6) Auch *) Vater. *) Die ſibiriſche Peſt iſt anfänglich in der Regel eine Pieh⸗ ſeuche, die mit verhärteten Geſchwulſten anfängt, und ſich bei den Menſchen an den von den Kleidern unbedeckten Körpertheilen, im Geſichte, im Nacken und den Armen äußert. Das ſchwarze bran⸗ dige Geſchwür bringt Fieber und den Tod mit ſich. Durch Ein⸗ ſchnitt in die Beule und Aufguß von Tabak und Salmiak wird ſie gemeiniglich im Anfange geheilt. 137 dem kleinen Hölleninſekt, welches mit ſeinen Bergfedern auf mich deutete und beſtätigte, daß ich der Pugacew bin, will ich's gedenken, und die kleine Kröte aufſpie⸗ ßen, wie der Teufelsſohn die Inſekten auf ſeinem Hut aufgeſpießt trug.“ Der ergrimmte Koſak meinte mit dieſer Standrede den kleinen Profeſſor Lowitz, welcher ihn auf der Meſſe von Makariewskvi gleichfalls erkannt und als den Flücht⸗ ling von Kaſan bezeichnet hatte. „Recht, Du Teufelsſohn!“ rief der Alte;„wir wollen überhaupt Rechnung machen mit denen in den Herrenſtuben. Aber vorwärts jetzt, mich verlangt nach einem guten Glas Branntwein und einem Stück Ham⸗ melfleich. Die drinnen im Kuren werden auch auf uns warten. Fort alſo in den Kabak*).“ Der Ataman ſchritt jetzt, über und über durch⸗ näßt vom fürchterlichen Regen, in die nächſte große Hütte des Kuren, aus welchem ihm ſchon früher wü⸗ ſter Lärm eines großen Trinkgelages entgegenſchallte. In ſeiner Hand trug er jetzt ſeine baumlange Lanze, und mit dieſer und dem weiten fliegenden Kaftan, dann den vom Regen ganz durchnäßten weißen Haarflech⸗ ten, von denen die letzten Tropfen niederfielen, glich ³) Ruſiiſche Schenke. 1860. XVII. Pugabew. II. 9 138 er einem Indianer der Hochwälder Nordamerikas, der eben einem Sturzbade im Miſſifippi glücklich entron⸗ nen iſt. Der Ataman und ſein angeblicher Knecht, der Jemelian Pugatew, gingen jetzt, während der andere Ko⸗ ſak Dmitri, der eigentliche Diener und Leibeigene des Atamans, die Pferde beſorgte, in den Kuren, welcher an ſeiner Rückſeite in den Kabak oder die ruſſiſche Schenke ſtieß, die wieder auf einen großen freien Platz mündete, wo bereits eine Anzahl von neun Koſaken bei Brannt⸗ weingläſern und Fleiſchtöpfen auf Fellen und Säcken la⸗ gerte. Zwiſchen ihnen ſaßen mit vom Trunke hoch gers⸗ theten Wangen zwei ruſſiſche Popen, kennbar an ihren dunklen Mänteln und Mützen. Der Raum, wo dieſes Trinkgelage ſtattfand, war mit Bäumen und Strauch⸗ werk eingezäumt und von der Ausdünſtung der Zecher durchduftet; eine Menge von Mücken, Viehbremſen und Gretzen(eine Art Moskitofliegen) ſchwärmten durch denſelben, und das zur Vertreibung dieſer Inſekten offen ſtehende Rauchgefäß, die Kurewa, ein Topf mit verrö⸗ ſtendem Kumiſſe, verbreitete einen nicht minder unange⸗ nehmen Geruch in dieſem Raume. Dem ungeachtet war dieſer Platz die Stätte einer ſehr ernſten Verſammlung. Ein hochgewachſener junger Burſche ſtand vor einem Paar an Pfähle gebundenen Pauken, die er mit höl⸗ 139 zernen Keulen zu rühren begann, als der Ataman mit Pugatew in den Kreis trat. Dieſer hatte aber, ehe er den Platz betrat, aus dem Kuren eine ungeheure Keule vom ſchwerſten Holze, das Zeichen ſeines Amtes, mit ſich genommen. Sogleich ſprangen ihm die Anweſenden entgegen und zogen ihre langen Mützen, ihn begrüßend, von den behaarten Köpfen. Der Ataman warf jetzt ſeine Keule mit einem der⸗ ben Fluche auf den Sand.„Koſaken!“ rief er, indem ſeine nervige Hand das Regenwaſſer aus ſeinem langen Barte ſtreifte, daß es auf die Erde hinabplätſcherte, „Männer der Setſch! hier iſt der Pugacew wieder, den ſie uns heute auf der Meſſe zu Makariewskvi bei einem Haar abgefangen hätten, hätte den Teufelsſohn nicht mein gutes Falkenauge bewacht, um in ihm das Meſſer zu finden, welches endlich den Knoten zerſchneiden ſoll, der ſich nicht löſen will.“ „So kommt, Ataman, in die Stube,“ rief einer der Koſaken;„hier iſt es vor den Stechfliegen ohnedies nicht mehr auszuhalten, und drinnen finden ſich noch an⸗ dere Gäſte.“ Die ganze Geſellſchaft brach jetzt auf und ſchritt durch eine gegen den Hintergrund des Raumes befindliche Thüre in die weite ebenerdige Stube des angrenzenden 9* 140 Kuren, deſſen beſſere Bauart aus Backſteinen gleich ver⸗ rieth, daß er die eigentliche Wohnung des Ataman bildete. Zwei ſchöne Dirnen, ganz bedeckt mit Moniſten, oder durchgeſchlagenen, an Fäden gereihten Goldſtücken, entflohen ſogleich mit ſchamhaftem Geſchrei durch die Hin⸗ terthür, als die Männer eintraten, und bedeckten ihre Ge⸗ ſichter mit den weiten Aermeln ihrer Kleider; ſo war es nämlich Sitte. Dieſes Zimmer trug ganz die Spuren einer gewiſ⸗ ſen Wohlhabenheit. Ein Lage glänzender und mit Figu⸗ ren bunt bemalter Thonerde ſchmückte die Wände, Büch⸗ ſen und Säbel, Peitſchen, Fiſch⸗ und Vogelgarne, ſelt⸗ ſam geſtaltete Pulverhörner, golddurchwirkte Pferdezü⸗ gel und mit Silbernägeln beſäete Spannſeile hingen herum. Die kleinen Fenſter enthielten kleine runde trübe Gläſer, und geſtatteten weder einen Blick in die Stube hinein, noch hinaus; man mußte eine dieſer kleinen be⸗ weglichen Glasſcheiben in die Höhe ſchieben, wenn man hinausſehen wollte. Fenſter und Thürbalken waren roth angeſtrichen. Auf den in der Ecke dieſer Stube ſtehenden Schenktiſchen ſtanden irdene Krüge und Flaſchen aus dunklem Glaſe mit Branntwein, einige Becher von eiſe⸗ lirtem Silber, dann einige florentiniſche, venetianiſche 141 und türkiſche Prachtgeräthe, welche den theils ererbten, theils auf verſchiedenen kriegeriſchen Zügen erbeuteten Hausrath des Atamans bildeten. Mit brauner Rinde bedeckte hölzerne Bänke ſtan⸗ den im Zimmer herum, ein breiter Backofen mit einer Menge Abtheilungen und glänzend lackirten Ziegeln nahm den hintern Theil der Stube ein. In der Mitte derſel⸗ ben ſtand aber ein ungeheurer Tiſch, an welchem bereits einige Gäſte ſaßen, welche den Ataman und ſeine Freunde erwartet zu haben ſchienen. Es waren abermals zwei ruſſiſche Popen aus der ſüvlichen Gegend am Don, welche hier nebſt einem jun⸗ gen Menſchen am Tiſche ſich mit Meth und Brannt⸗ wein, mit trockenen Weintrauben und andern derartigen Leckereien gütlich thaten. Der erwähnte junge Menſch trug rothe Stiefel mit kleinen Abſätzen, und hatte ſein dunkles faltenreiches Beinkleid mit einer goldenen Schnur gebunden; an dieſer Schnur hing ein langer Le⸗ derriemen, welcher in Büſcheln alle Geräthſchaften des Rauchers trug; ſein kurzer Rock aus feuerrothem Tuche ſchmiegte ſich mit einem geſtickten Gürtel um ſeinen Leib; in diefem Gürtel ſteckten ein paar blauläufige Piſtolen und ein langer Säbel lag zwiſchen ſeinen Beinen. Sein ſonngebräuntes Antlitz trug die Spuren der Jugend, ein kleiner dunkler Schnurbart beſchattete das runde Kinn 142 und deckte die blendend weißen Zähne; eine Mütze aus ſchwarzem Aſtrachan, als ein vergoldetes Seitenkäppchen endend, lag auf ſeinem dunklen Haupthaar. Der junge Mann war alſo offenbar ein An⸗ gehöriger der Setſch, ein junger Koſak, der wie ein eben flügge gewordener Vogel in nagelneuer Uniform ſeine erſten Sporen zu verdienen bereit ſaß. Der alte Ataman ging auch ſogleich auf ihn zu, und ein derber Schlag auf die Schulter des jungen Krie⸗ gers war der erſte Gruß, den er ihm anbot.„Recht ſo, Oſtap*), mein Bruderſohn,“ ſagte er;„Du haſt den Studentenrock ausgezogen und den Koſakenſäbel um⸗ geſchnallt. Das hab' ich von Dir erwartet, Rabenkind! Sollſt auch nicht länger auf den Büchern liegen, ſollſt mit uns ziehen hinaus in die friſche freie Steppe, wo das Eiſen allein die Worte macht! Wer iſt aber der braune Haiduk da an Deiner Seite, der dreinſieht, als ob er nie in der Setſch geſeſſen hätte?“ Der Ataman deutete auf einen langen magern Jüngling, welcher in ein einfaches langes braunes Gewand gehüllt, ſtumm und ohne ſichtliche Theilnahme vor ſeinem Kruge ſaß. Euſtach. 143 „Es iſt Andrey(Andreas), unſer Conſul*) von Kiew,“ entgegnete Oſtap,„der Enkel Koſchewnikow's.“ „O!“ rief der Alte,„dachte mir's gleich, daß er ein geſchworner Federfuchſer iſt; indeß auch ſolche Leute taugen jetzt in unſere Pulks.“ Jetzt hatte ſich die Stube gefüllt, es waren außer dem Ataman Koſchewnikow, dem Pugakew und den Popen neun Koſaken zugegen. In die Mitte dieſer Leute trat nun der alte Koſchewnikow. „Koſaken!“ rief er, indem er jetzt ſeine Rechte emporhob, zum Zeichen, daß er der bereits ziemlich trunkenen und untereinander lärmenden Verſammlung Schweigen gebiete;„Koſaken!“ rief er,„große Dinge haben ſich ergeben. Hört ihr draußen den Donner orgeln, der über unſere Steppen zieht? Seht ihr das Leuchten des Blitzes, der den Hufen unſerer Roſſe vor⸗ leuchtete, als wir, ich und der Jemelian da, heute bei Sturm und Regen nach Hauſe trabten? Der Donner, Koſaken, will euch aufrütteln aus eurer trägen Ruhe, der Blitz will beleuchten das, was licht werden ſoll im Reiche. Freunde!“ fuhr er mit gehobener Stimme fort, *) Conſul heißen die Ueberwacher oder Vorſteher der Stu⸗ denten in ihren Wohnungen in der Univerſitätsſtadt Kiew; ſie werden von den Studenten ſelbſt gewählt. 144 „hört mich an. Mein Haar iſt weiß geworden, ſeit ich am Hofe der Czarin Eliſabeth, dorthin berufen, erſchienen war, und dort der argen Wunderdinge gar viele ſah; Willkür und Genußſucht herrſchte ſchon damals am Hofe, was aber ſeitdem von dorther verlautet, das über⸗ trifft Alles, was ein ehrlicher Koſakenmagen vertragen mag!“ Die Männer, zu denen der alte Ataman ſprach, lauſchten, auf ihre Säbel geſtützt, mit ſteigender Auf⸗ merkſamkeit den Worten des Alten, und er fuhr fort: „Der Teufel ſoll den alten Ataman Koſchewnikow in die Bergſchlünde Kamtſchatkas entführen, wenn das, was ſie in Petersburg treiben, nicht unſer ehrliches Blut bis zum Sieden bringt. Alles iſt dort feil, ſage ich euch; einige zwanzig Leute im Gefolge von Favoriten theilen Rußland unter ſich, plündern die Staatskaſſe oder laſſen ſie plündern; gemeine Leibeigene ſchaaren ſich Schätze zuſammen; wem eine Summe aus dem Kronſchatz durch die Hände läuft, der ſtreicht die Hälfte ein; die großen Diebe nehmen den Kleinen den Raub ab, jeder betrachtet den Staatſchatz als ein Huhn, das man rupfen muß; Muſiker, Komödianten und Narren, ſogar die Erzieher ihrer Kinder beziehen Gehalte, und— kurz, die Czarin iſt einmal eine Fremde in ihrem Reiche, und Laune, Ver⸗ 145 druß und Scherz beherrſchen ihre Denkungsweiſe*); endlich, Freunde, mögen euch die ſchwarzen Herren da erzählen, was man mit unſerer Kirche und unſeren Altären vor hat; ich ſage euch, Teufelsſöhne, man will uns auch unſere alte, einzig wahre Religion nehmen.“ Der alte Redner deutete bei dieſen Worten auf die zwei Popen, welche in der Verſammlung ſaßen. Er hatte mit kluger Berechnung geſprochen, aber freilich ſeine Farben für die damaligen Zuſtände Rußlands viel zu grell aufgetragen; denn nicht die erſten Jahre der Regie⸗ rung Katharinens, ſondern erſt der ſpätere Verlauf der letztern bot die ganze Größe jener Mängel, welche ihr der alte Koſchewnikow eben vorwarf. Aber die Anſpielung auf die kirchlichen Verhältniſſe der Roskolniky's, welche von der Regierung Katharinens nichts Gutes hofften, war der eigentliche zündende Funke, welchen der Ataman mit Vorbedacht in die Verſammlung ſchleuderte. Sogleich ergriff einer der Popen das Wort und ſchilderte mit ſteigendem Feuer die bevorſtehende Vernich⸗ tung der alten Religion Rußlands, die man von Seite des Hofes unterdrücken wolle; man ſchien zu vergeſſen, daß der verſtorbene Czar Peter III. viele Beſitzungen der *) Rußland bei der Thronbeſteigung Paul I. Leipzig. Ver⸗ lag von Ernſt Kollmann. 146 Geiſtlichkeit mit der Krone vereinigt, daß er den Erz⸗ biſchof von Nowgorod die Abſchaffung der übermäßig großen Bilderzahl in der Kirche und den Weltgeiſtlichen die Ablegung der Bärte anbefohlen, und hierdurch jene Mißgunſt heraufbeſchworen hatte, welche ihn in den Verdacht brachte, als wolle er ſtatt der griechiſchen, die lutheriſch⸗proteſtantiſche Kirche in Rußland einführen; man hörte nur, wie der alte Koſchewnikow jetzt mit lauter Stimme gleich dem Donner der Weltpoſaune es in den Kreis der Verſammelten rief:„Koſaken, ich ſage euch, man hat mit Rußland ein unverantwortliches Spiel getrieben, man hat uns verkündet, daß Czar Peter, der es mit uns Koſaken gut meinte, in der Gruft ſeiner Vorfahren ruhe— Koſaken! das war falſches Spiel! Ich ſage euch, man hat einen Gardiſten, welcher dem Czaren ähnlich ſah, wie ein Ei dem andern, auf dem Paradebett ausgeſetzt, und den wirklichen Czaren auf irgend eine ruſſiſche Feſtung zu Haft gebracht, aber vergeblich ſage ich euch, Teufelsſöhne; denn wißt, Czar Peter lebt, iſt frei, und mit dieſen meinen eigenen Augen habe ich ihn auf der großen Meſſe zu Makariewskoi eben geſchaut, wo er erſchienen iſt, um zuerſt ſeine treuen Koſaken für die Wiedereroberung ſeiner Krone in den Kampf zu rufen, und morgen wird er unter Euch treten auf der großen Steppe hinter Jaitzkoy.“ 147 Der alte Ataman konnte ſeine Rede nicht mehr beendigen, denn ſie wurde von dem wüſten Getöſe unter⸗ brochen, welches ſich in den Vordergebäuden des Hauſes erhob; verworrene Stimmen ſchallten durcheinander und Waffengeklirr tönte herein. Zetzt ſtürzte einer der Leibeigenen des Atamans in die Verſammlung.„Ata⸗ man!“ ſchrie er,„der Dmitri Michaeloff, welcher mit Euch von der Meſſe zu Makariewskoi kam, hat uns verrathen; Huſaren ſind in die Höfe der Setſch ein⸗ gebrochen.“ Dieſe Nachricht verbreitete unter den Verſammelten einen wahrhaften Schrecken, aber nur auf einen Augen⸗ blick; denn ſchon lagen die Fäuſte der Koſaken auf den Griffen ihrer Säbel; dieſe rauhen Steppenſöhne dachten eher an den Kampf, als die Flucht, aber der alte Koſchewnikow winkte nach der Hinterthür der Stube. „Koſaken,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme,„wir ſind unſer neun zu ſchwach, um Stand zu halten gegen eine Reiterabtheilung, die uns bald in die Pfanne hauen und unſern Setſch über den Kopf anzünden würde; auch iſt unſere Stunde noch nicht gekommen; zieht euch darum zurück durch dieſe Thüre, die rückwärts durch die Steppengebüſche führt, und findet euch morgen auf der braunen großen Steppe hinter Jaitzkoy ein.“ Jetzt erhob ſich der Jemelian Pugakew, welcher bisher anſcheinend theilnamlos, innerlich aber hoch auf⸗ 148 geregt der Rede des Alten zugehört hatte.„Der Ata⸗ mann hat recht,“ ſagte er,„jetzt wäre der Kampf nutz⸗ los; aber bald ſoll der Sturm beginnen, und der wieder⸗ erſtandene Czar wird hoffentlich auf die Lanzen ſeiner treuen Koſaken rechnen können.“ Auch er hatte dieſe Worte noch nicht beendet, als ein ſtarkes Krachen der äußern Thüre des Gehöftes das Eindringen von Leuten verrieth; einzelne Schüße fielen, Geſchrei und Flüche ſchallten herein; es war kein Zweifel, man hatte die Berathungen der Koſaken in der Setſch entdeckt, und dieſe hatten eben noch Zeit, ſich vor den einbrechenden Soldaten durch die Hinterthür zu retten und ſammt den Popen ihre im Hinterraume des Gehöftes auf der Streu liegenden Pferde zu beſteigen, auf denen ſie pfeilſchnell durch die Steppe flogen— nur Koſchewnikow, der Ataman, konnte dies nicht mehr. Er hatte, unter Allen der ſtarkmüthigſte, ausgehalten, bis es zu ſpät war und ihn die Huſaren Charlow's, welcher von Dmitri, dem Diener des Atamans, über den Zweck dieſer Verſammlung und ihre Schlupfwinkel genau unterrichtet worden war, umringten. Ataman Koſchewnikow wurde gefangen abgeführt, aber Major Charlow ließ vergebens alle Räume nach dem„Pſeudo⸗ Czaren“ Jemelian Pugatew ſ Vogel war abermals ausgeflogen. 149 Fünftes Capitel. Redivivus et ultor. Der Tag des heiligen Zacharias, der ſiebzehnte September des Jahres 1773 nach unſerem, oder der fünfte September nach griechiſchem Ritus war angebrochen. Gelbliches Grün lag auf der Steppe vor der Stadt Jaitzkoy am Jaik, in welcher Oberſtlieutenant Simonow den Befehl führte. Wie ein geſpenſtiger Reiter durch die Nebel der Nacht hinfliegt, und graue Schatten, vom unſichern Mondlicht gerufen, den Hufen ſeines Roſſes folgen, ſo trabte durch den Morgennebel des erwähnten Tages ein langer Reiter auf ſeinem Roſſe den Ufern des Jaik zu. Jemelian Pugatew, der Koſak war's, welcher der großen Steppe am Jaik entgegenritt; einige zwanzig Schritte hinter ihm trabte auf einem kleinen Pferde Oſtap, der Enkel Koſchewnikow's, des gefangenen Atamans. Der Ritt ſchien ſchon lange gedauert zu haben, denn der markige Koſak ſtieg jetzt vom Pferde, ſtreckte ſich auf die Erde hin, und hielt ſein Ohr lauſchend an den Boden, während Oſtap, der Enkel Koſchewnikow's, in einiger Ent⸗ fernung den Pferden einen Morgentrunk in den nebel⸗ bedeckten Fluthen des Jaik geſtattete. Pugakew richtete ſich jetzt wieder empor.„Roſſehufe ſind es,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„Roſſehufe ſind es, die ich ſchallen höre. Ohne Zweifel ſind es Koſaken, die auf Koſchewnikow's Worte der großen Steppe entgegen⸗ ziehen, wo—“ Er hatte nicht ausgeredet, als vier Reiter ihm aus dem Gebüſche pfeilſchnell entgegenflogen. Es waren Roskolnik's, welche Pugakew auch ſogleich erkannten, denn ſie waren aus ſeinem Setſch. Sie ritten ſogleich auf Pugacew zu und reichten ihm die Hände. „Jemelian,“ rief ihm Einer unter ihnen zu,„Deine Stunde iſt gekommen; wir ſind Dir entgegengeritten und wollen Dich vor Deinem großen Gange noch einmal fragen, ob Du feſthalten willſt an dem, was Du ver⸗ ſprochen haſt: Rache an der jetzt in Rußland herrſchenden Kirche, Freiheit für uns und Aufrechthaltung unſerer Altäre auf dem Schutte der Tempel und der Leichen unſerer Religionsgegner.— Schwöre uns, daß unſere Sache die Deine, und ſei gewiß, daß Deine Sache die unſere ſein wird!“ „So wahr ich ein echter Koſak und der Sohn meiner Mutter bin!“ rief Pugasew, indem er zum 151¹ Zeichen des Schwures ſeine Fauſt auf die vorgehaltene Lanze des Andern drückte,„und wenn ich den Roskolnib's nicht Wort halte, ſo ſoll mich kein Koſakenroß mehr tragen, keine Lanze in meiner Fauſt mehr feſthalten, und mein Haupt ſoll der Teufel auf die höchſte Zinne des Kremls zu Moskau tragen, und die Raben ſollen mein Auge aushacken, und der Name Pugacew ſoll verflucht ſein bei allen Koſaken, die nach uns am Don und Jaik ihre Roſſe weiden werden!“ „Du haſt geſchworen, Jemelian Pugacew,“ ent⸗ gegnete der Roskolnik,„Du haſt Deine Hand auf meine Lanze gelegt. Du wirſt Wort halten, und wenn Du oben ſtehen wirſt, wirſt Du nicht vergeſſen, wer Dich gehoben hat— und könnteſt Du es vergeſſen, ſo weißt Du, daß wir es nicht vergeſſen werden. Jetzt lebe wohl, vor Zaitzkoi ſehen wir uns wieder!“ Die Roskolniki jagten auf ihren Pferden in's Weite. Pugacew aber ritt langſam und ruhig, mit einem ſeltſamen Lächeln auf ſeinen Lippen, das Fluß⸗ ufer hinab. Als er von ferne die Zinnen der Feſtung Jaitzkoi aus dem Nebel emportauchen ſah, hielt er bei einem hohen Blocke, welcher wie ein ſteinerner Rieſenwächter den Eingang auf eine weite Ebene ſchloß, an. Dort tauchte, wie ein Nebelgeſpenſt, eine ſonderbare 152 Geſtalt empor; es war ein langer hagerer Mann mit todtbleichem Geſichte und pechſchwarzen Haaren. Sein Haupt deckte eine ſcharlachrothe kleine Mütze, ſeinen Leib ein ſchwarzer Mantel; es war derſelbe ſeltſame Mann, welcher vor Jahren im weißen Hauſe am Potomak mit rothen Buchſtaben ſeinen Namen an die Wand gezeichnet hatte:„Mazzarini.“ Zetzt glühten ſeine dunklen Augen dem Koſaken Pugatew entgegen, dem er wie ein Geſpenſt in der Nacht in den Weg trat. „Steh', Jemelian Pugakew!“ rief er. Der Koſak hielt an und betrachtete ſich den Mann, der ſeinen Namen nannte. Dieſer ſtreckte ſich aber in ſeiner ganzen Länge empor.„Du machſt einen großen Ritt, Koſak,“ rief der Schwarze im gebrochenen Ruſſiſch;„kennſt Du den Diamant, den Du zu erjagen gehſt?“ Der Koſak blickte dem Schwarzen in's Auge; es dünkte ihm, als ob er den Mann ſchon irgendwo im Leben geſehen hätte. „Was willſt Du von mir?“ fragte er;„wer biſt Du?“ „Dein böſer Genius,“ entgegnete der Schwarze; „der Bräutigam bin ich der Braut, die Du zu freien gehſt. Kennſt Du ſie, Koſak? Sie trägt ein glühendes 153 Feuer in den Angen, Gluth auf der Stirne, ein Flammenkleid am Leibe, glühendes Blut wallt in ihren Adern, und wo ihre Sandalen kniſtern, da brennt der Boden und brechen die ſtärkſten Eichen! Sie rottet aus, was veraltet iſt, und ſäet neue Frucht auf blutigem Boden. Wehe dem, der ſie berührt und ihr treulos wird; ihre ehernen Arme zermalmen den Mann, der mit ihrer Keule ſpielen will und ſie fallen läßt; ihr Hauch ſchlägt den zu Boden, der ihn trinkt, und nicht in ſein Fleiſch und Blut verwandeln kann. Menſch! kennſt Du dieſe Braut: es iſt die Freiheit, die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Du jetzt zu verfechten gehſt, Jemelian Pugacew, gegen Eure Unterdrücker!“ Pugatew's Auge haftete feſt auf den zitternden Lippen des ſeltſamen Mannes. „Ich will mit dieſer Braut zum Altare gehen,“ ſagte er ſtolz vor ſich hinblickend,„und wenn zehntauſend Teufel aus den Höllenſchlünden auf uns einſtürmen, ſo will ich ſie heimführen, in meinen Setſch, dieſe Braut!“ Da leuchtete das Auge Mazzarini's. „Kannſt Du Deiner Braut auch einen Hochzeits⸗ ſchmuck bieten?“ fragte er, und ein ſeltſames lauerndes Lächeln trat auf ſein ernſtes Antlitz. „Wie meinſt Du das?“ fragte der Koſak,„und wer 1860. XVI. Pugabew. II. 10 biſt Du, daß ich Dir Rede ſtehe; mit welchem Rechte trittſt Du mir in den Weg?“ „Jemelian Pugatew!“ rief jetzt der Schwarz⸗ mäntler ſich wieder emporrichtend;„ich kenne Dich länger als Du glaubſt; ich habe Dich geſehen, als Du, ein Koſak Rußlands, im Dienſte des Preußenkönigs gegen Oeſter⸗ reich Deine Lanze ſchwangſt; ich habe Dich geſehen, als Du als Koſakenoffizier bei Bender der furchtbaren Sprengung des Globe de Compreſſion beiwohnteſt 8) ich habe Dich geſehen, als Du in Kaſan an den Schanzen arbeiteteſt—“ Auf Pugakew's Antlitz trat bei dieſen Worten eine Zornesflamme der Erinnerung. „Ich habe Dich geſehen,“ fuhr der Schwarze fort, „als Du auf der Meſſe zu Makariewskvi mit Deinem Ataman zuerſt die Augen Deiner Landsleute und Gegner auf Dich richteteſt. Wir haben Dich überall beobachtet, und ſind Dir gefolgt, Jemelian, weil wir in Dir den Mann erblickten, welcher der Braut ebenbürtig iſt, deren Hochzeit wir in Rußland feiern wollen, damit auch hier *) Graf Panin belagerte im Juli 1770 die Feſtung Ben⸗ der.— Am 27. September wurde eine Doppelmine, der Globe de Compreſſivn, durch 400 Pud Pulver(das Pud zu 40 Pfund) ge⸗ ſprengt, was ein wahres Erdbeben verurſachte. Bender wurde von den Ruſſen erobert. 155 ihr Banner wehe und von hier, von Oſten nach Weſten weiter flattere, und die wir Dir ſchmücken wollen, damit Du nicht arm mit ihr zum Altare trittſt.“ Der Schwarzmäntler lüftete jetzt ſeinen faltenreichen Mantel und reichte dem Koſaken ein Käſtchen dar, deſſen Deckel aufſprang und eine Reihe Goldrollen wahrneh⸗ men ließ. „Jemelian Pugakew,“ fuhr der Schwarze jetzt mit erhobener Stimme fort,„hier haſt Du Geld; denn Geld, Geld, Geld iſt der Talismann, der zuletzt die Waffe feit. Wir haben für Dich geſammelt und werden ferner für Dich ſammeln in allen Welttheilen. Du gehſt einen gro⸗ ßen Kampf zu kämpfen, den Kampf der Freiheit gegen die Thranei; Du wirſt Rußlands Boden mit Deinem Schwerte auflockern und umſtürzen für eine neue Saat, Du wirſt ſteigen— aber durch uns und die, die Dir vor⸗ gearbeitet haben. Drum vergiß nicht, Jemelian Puga⸗ dew, vergiß nicht, wenn Du oben biſt, daß Du nur das Werkzeug biſt, mit dem Andere handeln, und daß das Werkzeng ſich nie über ſeinen Meiſter erheben darf; ver⸗ giß nicht, daß tauſend Augen Deiner Hand folgen wer⸗ den, und könnteſt Du dies je vergeſſen, und könnteſt Du, am Ziele angelangt, die verläugnen, die Dir ihre Sache vertrauten, ſo wiſſe, daß dieſe Fauſt, die jetzt die Deine brüderlich drückt, Dich zermalmen, daß ſtatt des erträum⸗ 10* 156 ten Glanzes Dir nicht mehr viel übrig bleiben wird, als dieſer Knochen werth iſt, welcher zu Deinen Füßen liegt.“ Bei dieſen Worten erfaßte der Schwarze einen halb⸗ befleiſchten Pferdeknochen, welcher zufällig am Hügel lag und von einem daſelbſt gefallenen Thiere herrühren mochte, und ſchleuderte ihn dem Koſaken vor die Füße. Pugakew, welcher der Rede des Schwarzmäntlers mit ſteigender Aufmerkſamkeit zugehört hatte, wollte ihm antworten, aber ſchon war der ſeltſame Mann im Ge⸗ büſche verſchwunden, und mit ſeinem Goldkäſtchen bela⸗ den, ritt Jemelian Pugakew mit dem inzwiſchen heran⸗ gekommenen Oſtap langſam längs dem Fluße hinab, der großen Steppe von Jaitzkvi entgegen. Eingeſchloſſen von einem bergenden Gebüſche la⸗ gerten dort unfern dem Fluße mehr als dreihundert Männer, meiſt Koſaken und andere Eingeborene der Um⸗ gegend. Sie hatten ſich einige Zelte aufgeſchlagen; theils lagen ſie im Schatten der Gebüſche, die Branntwein⸗ flaſche machte unter ihnen die Runde und Kampfbegier blitzte aus den Augen aller dieſer Leute. Durch ihre Reihen ſchlichen gleich mächtigen Ge⸗ ſpenſtern im beginnenden Zwielichte dunkle Geſtalten— es ſchienen ruſſiſche Popen zu ſein; aber auch andere Geſtalten bewegten ſich durch dies Lager, deſſen Umriſſe immer deutlicher aus dem Morgennebel hervortraten. 157 Es wat früh Morgens; kaum hatte der erſte Blick des Tagesſternes die oberſte Spitze des fernen Steppen⸗ gebirges mit einem zarten Lichtſchimmer umzogen; wie ein rieſenhaftes Spinnengewebe lag breiter Nebel auf der Steppe. Aber unter den hier lagernden Leuten herrſchte be⸗ reits eine große Rührigkeit; wie ein leiſer Morgenruf, gleichſam der erſte Mahnruf zur Wachſamkeit für die hier Gelagerten, zitterte ein ſchwacher Wirbel über ein paar große Pauken, welche ein kleiner, dicker Koſak vor die Zelte getragen hatte, und auf denen er mit zwei höl⸗ zernen Schlägeln herumfuhr. Sogleich ward es im La⸗ ger ganz wach, die noch theilweiſe zwiſchen ihren Pfer⸗ den liegenden Koſaken ſprangen auf und ſchaarten ſich in Gruppen zuſammen. Jetzt trat ein rieſenhafter Koſak, deſſen breiter Rücken ein zottiges Fell deckte, mit einer ungeheuren Keule bewaffnet, gegen die erſte Gruppe.„Pauke wacker zu, Jwan!“ rief er dem kleinen dicken Koſaken entgegen, „aber mach's nicht zu arg, damit man Dich nicht überm Fluß drüben höre.“ Dann wandte ſich der rieſenhafte Koſak zu den an⸗ dern, allmälig in die Mitte des Lagerplatzes herantreten⸗ den.„Koſaken!“ rief er,„es wird Tag und wir müſſen uns ſchaaren; der Herr wird gleich unter uns ſein. Steckt 158 die Lanzen in den Sand und macht die Runde; ehe er kommt, müſſen wir einen Koſchewoi für uns wählen, denn der alte Koſchewnikow ſitzt, wie Ihr wißt, gefangen in der Feſtung Jaitzkoi drüben.“ „Der Tſchika ſoll unſer Koſchewoi ſein!“ riefen Mehrere, indem ſie auf einen langen Koſaken deuteten, welcher ſich eben neben ſeinem Pferde emporrichtete und mit ſeinen dunklen Augen wie mit ein paar Feuerrädern darein glotzte. „Wir wollen den Kubenkoi!“ ſchrieen Andere. „Der Kilo ſoll unſer Ataman ſein!“ riefen wieder Andere;„aus dem Kilo machen wir unſern Koſchewoi.“ „Auf euren Rücken einen Kilo*),“ rief der Rieſe fluchend;„zum Teufel mit dem Kilo! Er iſt ein Trun⸗ kenbold, ſeit er in der Tartarei lebte.“ „Den Borodny!“ ſchrieen Andere,„den Borodnh wählen wir!“ „Wir wollen den Borodnh nicht zum Koſchewoi, zum Teufel mit dem Borodny!“ brüllten die Andern. „Schreit Salawatka!“ flüſterte ein alter Koſak Anderen in's Ohr. „Salawatka! Salawatka!“ ſchrieen Mehrere. „Borodny! Tſchika! Salawatka! zum Teufel Kilo! ) Kilo ruſſiſch: Ahle, Pfriemen. 159 Tſchika!“ ſchallte es jetzt durcheinander; die Träger dieſes Namens traten jetzt aus dem Kreiſe heraus, daß es nicht ſchien, als hätten ſie Anlaß zu ihrer eigenen Wahl gegeben. „Tſchika! Tſchika!“ erſcholl es jetzt lauter und ſtärker. „Salawatka!“ antworteten Andere. Jetzt flogen Fauſtſchläge hin und wieder; die Partei des Tſchika ſchien zu ſiegen. Man packte ihn und zog ihn in den Kreis. „Ich will nicht Koſchewoi ſein!“ ſchrie der Ge⸗ wählte. Aber einer der Koſaken drückte ihm jetzt die Keule in die Fauſt.„Raſch!“ rief er,„Teufelsſohn! nimm die Ehre, Du Hund, die man Dir anbietet!“ Zetzt traten vier altersgraue Koſaken aus den Krei⸗ ſen, jeder von ihnen faßte eine Hand voll weicher Erde und legte ſie auf das dicht behaarte Haupt Tſchika's und beſudelte ihm das trotzige Geſicht damit; das war das Zeichen der Wahl Tſchika's zum neuen Koſchewoi oder Ataman. Aber dieſe Wahl lag nicht im Willen des andern Theils; denn in zwei Gruppen war jetzt der Haufe ge⸗ ſpaltet, die Einen reihten ſich um Tſchika, den Gewähl⸗ ten, die Andern um Salawatka den Rieſen, welcher that⸗ 160 ſächlich mit dem Zeichen der Atamanswürde, der ungeheu⸗ ren Keule bewaffnet, da ſtand und zu erwarten ſchien, daß dieſer„polniſche Landtag“ in ein tüchtiges Fauſtgemenge umſchlagen würde. Wieder brüllten Stimmen durcheinander:„Sala⸗ watka! Nieder mit Tſchika!“ und andere:„Tſchika ſei Koſchewoi, nieder mit dem Teufelsſohn Salawatka!“ Jetzt trat ein baumſtarker Mann mit ſchwarzem Ruſſenbarte in den Kreis, es war ein Altgläubiger oder Roskolnik. „Koſaken!“ rief er,„eure Schaar muß ein ganz Anderer führen— kein Ataman, kein Koſchewoi, kein Pul⸗ kownik! Wißt ihr, warum wir euch heute daher zuſam⸗ mengepaukt haben? Nicht die Wahl eines Atamans ſtatt des gefangenen Koſchewnikow's iſt es, warum ihr da verſammelt ſeid; wißt, der Wiedererſtandene wird unter euch treten, und wir werden ihm das Kreuz vor⸗ tragen, mit dem er bis Petersburg ziehen wird, um die ſtolze Czarin, die uns unſere Rechte rauben will, ſammt ihren Günſtlingen vom Throne zu ſtoßen; ich ſage euch, Koſaken, Czar Peter III. iſt vom Tode auferſtanden und wird heute noch unter euch treten.“ „Der Czar!!!“ ſchrieen jetzt Mehrere. „Aus einander, Hunde! Der Czar!“ ſchallte und brüllte es. 161 Jetzt trat ein baumlanger Mann ſtolz und kraft⸗ voll in den Kreis der lautlos Gaffenden. Er trug einen ſchönen, an den Nähten geſtickten Koſakenkaftan, eine hohe mit einer Goldquaſte gezierte Zobelmütze, welche bis an ſeine kleinen, im Kreiſe herumblitzenden Augen reichte, ein langer Koſakenſäbel hing an ſeiner Lende, eine ſilberne und vergoldete Kette hing an ſeiner Bruſt. „Der Czar!!“ ſchallte es wieder im Kreiſe. Der Angerufene warf ſein Haupt in die Höhe, er ſtreckte ſeine ſtarke Rechte aus, er gebot damit Schwei⸗ gen, und als ihm von einigen zum Fauſtkampfe bereit ſtehenden Koſaken nicht augenblicklich Folge geleiſtet wurde, lag ſeine nervige Fauſt im nächſten Augenblicke an ſeinem Säbelgriffe. Aber ſeine Erſcheinung ſchien dennoch eine wahr⸗ haft zauberhafte Macht auf den aufgeregten Haufen zu üben. „Der Czar! Der Czar!“ ſchallte es leiſe, leiſe, dann lauter und lauter durch den Kreis, während der Lange mit Salawatka, Tſchika und den Roskolniken Blicke des Verſtändniſſes wechſelte. „Der Czar! Der Czar Peter der Dritte! Der Wie⸗ dererſtandene!“ ſchallte es lauter. Wieder trat eine lautloſe Stille ein. 162 Aber jetzt folgte ihr wie das Aufblitzen und der ge⸗ waltige Donner einer platzenden Mine ein einziger weit⸗ hin ſchallender Donnerruf: „Es lebe der Czar Peter der Dritte! Der Wieder⸗ erſtandene!!!“ „Redivivus et ultor!“ ſchrieen die Popen, welche mit auf langen Stäben befeſtigten Tafeln herbeirannten, auf denen mit großen Buchſtaben dieſer Schlachtruf ge⸗ ſchrieben ſtand. Die Roskolniki hatten ihr Spiel gewonnen, drei⸗ hundert Ruſſen lagen zu den Füßen des wiedererſtan⸗ gdenen Czaren Peter III. Dieſem aber flüſterte Tſchika, der neuerwählte Ataman, an ihm vorüberſtreifend, in's Ohr:„Das Eiſen glüht, Pugakew, auf, hämmere es zum Schwerte, Du Teufelsſohn!“ Der wiedererſtandene Czar ſprang jetzt auf den Sattel eines Pferdes und von dieſem auf einen manns⸗ hohen Feldſtein. „Koſaken!“ rief er,„ja, ihr habt wahr gerufen; ich bin Czar Peter III., ich bin euer Kaiſer, den man durch Hinterliſt und Gewalt in den Kerker warf, deſſen Leben man vertilgen wollte; aber treue Hände haben mich gerettet aus der Gewalt meiner treuloſen, herrſch⸗ ſüchtigen Gattin, dieſer elenden Katharina, welche meine Krone auf ihrem Haupte trägt. Aber ſo wahr eine Seele 163 in dieſem meinem Körper lebt, ſo wahr will ich mein gu⸗ tes Recht mir erkämpfen bis zum letzten Tropfen Blut; herab von dem geraubten Throne will ich die Elende rei⸗ ßen, die mich in's Nichts ſtoßen wollte. Auf, meine treuen Koſaken, auf, die alt⸗ und rechtgläubigen Ruſſen, denen Katharina ihre Altäre vernichten, ihre Popen ſchlachten will, auf ſie rechne ich, und eher ſoll keine Ruhe in meine Seele kommen, bis ich nicht im Kreml, der alten Czarenſtadt, meine Krone wieder auf das Haupt ſetze, von welchem ſie Katharina mir herabgeriſſen hat. Schwört, Koſaken, daß ihr mich begleiten wollt auf die⸗ ſem Gange, in dieſem Kampfe, den der Wiedererſtan⸗ dene und Rächer zu eurem Beſten gegen ſeine Wider⸗ ſacher unternimmt!“ Ein neues:„Heil, Heil dem Czaren!“ donnerte durch die Lüfte, und dreihundert Säbel blitzten dem empor⸗ tauchenden Sonnenſtrahle entgegen; die Rede hatte gezündet. Wie der Sturm losbricht und das Meer mit Donner und Gebrülle aufwühlt, wie ſich die Fluthen thürmen und ſchäumen, ſo brauſte es jetzt unter dieſer Horde. Die Sage, daß Czar Peter III. nicht todt ſei, und nur von ſeinen Feinden gefangen gehalten werde, lebte zu allgemein unter dieſem rauhen Volke, um nicht geglaubt zu werden. Auf der blaugrünen Welle des nahen Jaik ſchwamm 164 jetzt ein prächtiger Gogol(eine dem Schwane ähnliche Wildente) herab, ihm folgte hoch in der Luft eine Wolke von Brachvögeln und Waſſerſchnepfen mit röthlichem Gefieder. „Seht! Seht! Koſaken!“ rief jetzt der wieder⸗ erſtandene Czar,„ſeht, wie das Gethier des Waſſers und der Luft ſelbſt herabkommt, uns zu begrüßen und uns den Platz zu zeigen, den wir heute noch erjagen müſſen, wenn Czar Peter III. ſeinen Thron wieder beſtei⸗ gen und ſeine treuen Koſaken lohnen ſoll. Auf Tſchika! Auf Salawatka! Auf Wowiufeusko! Tſchenitſchenko! Guska! Zadorojny! Meteliza! Roſtugar! Balbenko! Zwan Zagraty! Guba! Schilo! Piſarenko!“ donnerte der Czar in den Haufen;„ſattelt eure Pferde! Auf nach Jaitzkoi!“ Die Angerufenen, im vollen Einverſtändniſſe mit dem wiedererſtandenen Czaren, waren jene Koſaken, welche kurz vorher in der Setſch des alten Koſchewnikow's geſeſſen hatten und auseinander geſtoben waren, als Charlow's Reiter die Setſch beſtürmten und der alte Koſchewnikow gefangen wurde. Sie und die eben jetzt verſammelten Roskolniki und Popen derſelben waren der Sauerteig, welcher die„Gährung“ im neugebackenen Brode hervorbringen konnte und mußte, wenn der Plan gut angelegt war. Sie fuhren auch augenblicklich über 165 des„wiedererſtandenen Czaren“ Gebot auf ihre Sättel, die Pauke wirbelte, die Pfeife ſchrillte, und der„Wieder⸗ erſtandene und Rächer“ flog an der Spitze der erſten dreihundert ſeiner Anhänger der Feſtung Jaitzkoi ent⸗ gegen. Klein war das Häuflein„des verwegenen Koſaken aus Simoweisk“, aber es glich der Schaar Gideons. An der Spitze der Dreihundert flog der„Wieder⸗ erſtandene und Rächer“ jetzt der Feſtung Jaitzkvi ent⸗ gegen, neben ihm Salawatka und Tſchika, ſeine ver⸗ trauteſten Freunde, und voran ſandte er einen Koſaken, der eine lange Trompete und ein Paar kleinere, an ſeinem Sattelknopfe befeſtigte Trompeten bei ſich hatte. Ueber dem kleinen Haufen ſchwebte ein furchtbarer Geiſt, deſſen Hauch gleichſam Seele und Leben in denſelben einblies: der Geiſt der Empörung. So kräuſelt ſich vom Gipfel des Schreckhorns die kleine Flocke; ſie fliegt vom Nordhauche getragen über die Schneefläche hinab, ſie wächſt im Fluge, wird zum Balle, zur Maſſe, zum Rieſenklumpen, endlich— zur Lawine, die zerſchmet⸗ ternd in das Thal herabſtürzt, und Bäume, Geſtein und Felſen, Alles, Alles mit ſich reißt, was ihr im Wege ſteht. Jetzt ſtand das Häuflein der Dreihundert vor der Feſtung Jaitzkoi, deren Zinnen im Morgenſtrahle des 166 ſchönen Septembertages in's Land herabblickten. Das blanke Eiſen des„Wiedererſtandenen und Rächers“ blitzte durch die blaue Luft; der Koſak mit den Pauken trabte vor und ſchrie es mit gewaltiger Stimme den Schanzwächtern der Veſte hinauf:„Ihr Reuſſen und Tartaren, Ihr Kalmücken und Steppengeborne! und was Alles in der Feſtung Jaitzkvi lebt und webt— herab mit euren Fahnen und Geſchützen! Riegelt die Thore auf und gebt Raum für euren Herrſcher. Czar Peter UI. iſt wiedererſtanden, er ſteht vor euren Thoren und ent⸗ bietet euch ſeinen Gruß. Auf! und nehmt den Kaiſer in euren Mauern auf! Ihr ſeid die Erſten, denen er entgegentritt auf ſeinem Siegeszuge; nehmt ihn auf, oder ſeid gewärtig, daß kein Stein eurer Veſte auf dem andern bleibt. Es lebe Czar Peter der Dritte, der Wiedererſtandene, der Rächer!!!“ Gleichzeitig entrollte ein anderer Koſak eine un⸗ geheure weiße Fahne, auf welcher mit großen rothen Buchſtaben der von ruſſiſchen Popen in Pugasew's Haufen geſchrieene Schlachtruf ſtand:„Redivivus et ultor!“ Jetzt hielt der Haufe nahe vor der Feſtung. So hält der Tieger in der Wüſte vor ſeinem gewaltigen Sprunge an, und ſendet vorher noch einmal einen glühenden Blick auf die Stelle, wohin er loszuſtür⸗ 167 zen bereit iſt; ſo ſchwebt die ſchwarze Gewitterwolke über der Flur; im nächſten Augenblicke zuckt ihr Blitz durch die ſchwarze Maſſe, um vernichtend auf das Thal nieder⸗ zufahren.— Aber ſchon wurde es in der Feſtung laut, Horn und Trompete, Pfeife und Trommelwirbel er⸗ ſchallte, ein Schuß krachte über die Wälle, jetzt flog das vorderſte Thor derſelben auf, und wohl an fünftauſend Koſaken ſpie die Veſte aus, welche ſich auf Befehl des in derſelben befindlichen Oberſtlieutenants Simonow mit Macht dem Häuflein Pugacew's entgegenſtürzten. Der„Wiedererſtande und Rächer“ hatte aber ſchon am Fluße eine feſte Stellung zwiſchen Gebüſch und Geſtein eingenommen. Zetzt ritt den ihm entgegen geſendeten Koſaken ſein Sendbote entgegen.„Ein Manifeſt des Kaiſers!“ donnerte er den aus der Feſtung herabſtürmenden Koſaken zu. Hoch ſchwang ſeine Fauſt ein Pergament mit einer Art Bulle, welches gleichfalls von den im Pugatew's kleinen Heere befindlichen Popen vorbereitet worden war. „Die ſchmerzlichſte Todesſtrafe,“ lautete im We⸗ ſentlichen der Inhalt dieſes Manifeſtes,„die ſchmerz⸗ lichſte Todesſtrafe und alle Martern Jenen, die ſich ihrem wiedererſtandenen rechtmäßigen Kaiſer Peter III. nicht augenblicklich unterwerfen würden!“ 168 Die aus Jaitzkoi herabſtürmenden Koſaken hielten an. Wie ein gewichtiger Stein die Fluthen zertheilt und unter das Heer der Küſtenfiſche fällt, deren Maſſe er zerſprengt; wie eine Feuerbombe in die geſchloſſenen Glieder der Schlachtordnung niederſchmettert und die Maſſe zertheilt— ſo dieſes Manifeſt! „Es lebe der Czar! Nieder mit den Andern in Petersburg! Es lebe Peter III!“ donnerte es aus dem Haufen der Fünftauſend. Keinen Halt gab es mehr. Wie im heranbrauſenden Küſtenſturme dort und da ein Stück Ufer losreißt, und Stein um Stein, von der tobenden Fluth mitgeriſſen, dem wüthenden Strome folgt, ſo riß jetzt dort und da eine Maſſe aus, Unordnung kam in den Haufen der Fünftauſend. Die Trompete von Jericho ſchien gerufen zu haben; im nächſten Augenblicke flogen mehr als fünfhundert Koſaken, eilf Pulkowniks mit ſich reißend, den Rebellen entgegen, um ihnen den Bruderkuß zu brin⸗ gen, und andere ſtanden bereit ihnen zu folgen. Gräßliche Unordnung riß in den Reihen der Fünf⸗ tauſend ein; Oberſtlieutenant Simonow mußte, um einen größeren Abfall ſeiner Leute zu verhindern, zum Rückzuge blaſen laſſen; die Schlacht war verloren, ehe ſie begonnen hatte. Der„falſche Czar“ hatte geſiegt. 169 Stolz wie ein Caeſar vor Roms Thoren über⸗ ſchaute der Sieger Pugatew ſeine neue Armee; er war gekommen, hatte geſehen und geſiegt. Zetzt ſtanden achthundert Streiter unter ſeiner Fahne, die Thore der Veſte ſchloſſen ſich; der neue Czar ließ es geſchehen und zog ſich eine halbe Meile zurück. In einem breiten Garten ſchlug er jetzt ſein Lager auf, und ſein erſtes Herrſcherwort war ein Befehl, ihm die von den übergegangenen Koſaken mitgeriſſenen elf Pul⸗ kowniks vorzuführen. „Ich bin euer Kaiſer,“ donnerte er dieſen zu; „nieder auf eure Knie und huldigt mir!“ „Du biſt der Czar nicht! Wir können Dir nicht huldigen!“ lautete die Antwort der Braven. „So henkt ſie an die Bäume!“ war die noch kürzere Gegenrede des Wiedererſtandenen und Rächers. Und zehn Minuten ſpäter hingen elf Leichen als die erſten Siegestrophäen um den Thron des neuen Czaren.. 1860. XVII. Pugabew. II. 1¹ 170 Sechstes Citel. Major Charlow. Am folgenden Tage ſtand der„falſche Czar“ mit ſeiner jungen Heeresmacht abermals vor Jitzkoi; dort hatte ſein Manifeſt bereits große Gährung hervor⸗ gebracht, der Apfel der Zwietracht war geſchleudert; es glimmte, und der Brand konnte jeden Augenblick in ſeiner ganzen furchtbaren Größe losbrechen. Oberſtlieutenant Simonow, die Unzuverläßlichkeit ſeiner Leute kennend, beſchloß keinen Augenblick zu verlie⸗ ren, und zu wagen ſtatt zu zögern. Nur Unerſchrockenheit und Feſtigkeit konnte hier retten. Wie ein verzweifelnder Spieler ſetzte er jetzt Alles auf eine Karte; er hielt eine ernſte Anſprache an ſeine Leute, drohte Jedem, welcher Miene machen würde auszureißen, mit dem Strange, rückte dann mit ſeinem Feldkommando gegen die Rebellen und begann aus zwei Kanonen auf ſie zu feuern. Pugakew, damals noch mit keinem ſchweren Ge⸗ ſchütze verſehen, glaubte jetzt, ſeine Hoffnung auf einen Zuzug von Koſaken aus der Stadt habe ihn getäuſcht; er zog ſich daher weiter nach der orenburgiſchen Linie herauf. 171 Dort hatte das Gerücht von dem„wiedererſtan⸗ denen Czaren“ wie eine zügelnde Flamme um ſich ge⸗ griffen.„Peter III.,“ rief man,„ſei wiedererſtanden, und nehme Zuflucht zu ſeinen treuen Koſaken!“ Die Roskolniki waren es ganz beſonders, welche von dem„Wiedererſtandenen“ auch die„Wiederkehr aller ihrer Freiheiten“ erwarteten, und in ihm ihren Heiland und den Retter ihrer Religion begrüßten. Wenige Tage verſtrichen, und Pugakew ſtand an der Spitze von eintauſend fünfhundert auserleſenen Streitern. Zetzt zog er vorwärts, ein hundert und ſiebzig Werſte weiter gegen das Städtchen Theteka, wo gleich⸗ falls Koſaken wohnten. Auch dieſe fielen ihm zu, nur ihr Ataman ſchien zu ſchwanken; ſeine Leiche zierte alsbald den nächſten Baum. In Theteka erhielt der neue Czar auch Kanonen. Zetzt ſtand der„Wiedererſtandene und Rächer“ an der Spitze einer gewaltigen Heeresmacht; denn alsbald fiel ihm noch die Beſatzung der Feſtung Raſypnaja mit allem Geſchütze, aller Mannſchaft und allen Vorräthen zu; denn da die Koſaken dieſer Feſtung ſich ſogleich auf ſeine Seite ſchlugen, waren die andern Truppen ihrer Be⸗ ſatzung zu ſchwach, ihm Widerſtand zu leiſten. Eben ſo grauſam als kühn ließ Pugakew die Offiziere, die ihm nicht ſogleich zufielen, henken, und auch den Gemeinen 11* 172 ward dieſes Schickſal, wenn ſie ihm nicht als Kaiſer huldigten. Jetzt ſtand er vor der Veſte Niſchnaja⸗Oſernaja. Dieſe einzige Feſte ſchien der Stein zu ſein, an welchem der Fuß des kühnen Eroberers anſtieß und auf dem begonnenen Siegeslaufe Halt machen mußte. Aber der Pſeudo⸗Czar war nicht gewillt, ſich auf dieſem Sie⸗ geslaufe aufhalten zu laſſen.„Sturm!“ war das kurze Wort, welches er ſeinen Koſaken in die Ohren brüllte. Es war eine kühle Septembernacht— aber ſo wie⸗ derſprechend der Ausdruck klingen mag— eine düſtre Helle lag auf der Steppe; denn düſter lag die Gegend da vor der Feſtung. Wie ein ſchwarzer Trauerflor hingen ſchwere Gewitterwolken über derſelben; aber hell ſtrahlte die nahe und ferne Umgebung vom Brande der umliegen⸗ den Ortſchaften; hier ſtreckte ſich die Flamme breit in die Lüfte empor, dort riſſen ſich Brandſtücke los und flo⸗ gen durch die Nacht; wie ein rieſiger Mönch in ſeiner Kapuze ſtarrte der graue Hauptthurm der Feſtung in's Land herab; man konnte da das Knattern und Pfeifen der verbrennenden Bäume hören, und eine Anzahl auf⸗ geſcheuchter Vögel und Waldhühner wirbelten durch die Luft. Unten vor den Hügeln, welche zur Feſtung herauf führten, lagerte die Heerſäule des Pſeudo⸗Czats. In der 173 Stadt hatte man ſich zum verzweifelten Widerſtande vor⸗ bereitet. Sandſäcke, Steine, Fäſſer mit brennbarem Harze und zwei kleine Geſchütze ſtanden auf den Wällen. Jetzt ſtürmte der Koſakenhaufen gegen die Mauern der kleinen Veſte an. „Perod! Perod!“*) ſchallte es in den Reihen der anſtürmenden Koſaken vor der Feſtung. „Niebos! Niebos 1“*) antwortete der Schlacht⸗ ruf von den ſchwachen Wällen. Aber der Muth der Belagerten war größer als ihre Kraft. Wie eine wilde Horde warfen ſich die Koſaken, Pu⸗ gakew an ihrer Spitze, gegen die Mauern; mit raſender Kampfeswuth ſtürmten ſie empor, das Häuflein der Ver⸗ theidiger war bald gelichtet. Schon ſtand der Pſeudo⸗Czar auf der höchſten Mauer der Stadtwälle, und hinter ihm drängte ſich der wilde Haufe ſeiner Koſaken empor; ihm gegenüber ſtand aber ein Mann, den er lange geſucht und jetzt gefunden hatte, um im offenen Kampfe heiße blutige Koſakenrache an demſelben zu üben— Major Charlow. Der Major hatte ſich nach ſeinem Rückzuge von der großen Meſſe zu Makariewskoi in die Feſtung Riſch⸗ 5) Vorwärts!*) Muth! 174 naja⸗Oſernaja geworfen und von Orenburg aus den Befehl erhalten, das Kommando in derſelben zu über⸗ nehmen. Zetzt ſtand er ſeinem Todfeinde gegenüber. Pugatew's Auge glühte, als er Charlow an der Spitze der Beſatzung bemerkte. Wie ein Stoßgeier ſchoß er demſelben entgegen. „Jetzt bin ich der Czar!“ donnerte er dem ihm mit blitzendem Säbel entgegenſtürmenden Major zu; „Ihr habt recht geſehen auf der Meſſe zu Makariewskvi, der Czar iſt wiedererſtanden! Nieder auf eure Knie, ihr Schergen von Kaſan!“ Aber ein Knall aus dem Handpiſtol des Majors antwortete ihm. „Zurück, Rebellen!“ donnerte Charlow ihm ent⸗ gegen. „Rebellen ihr ſelbſt!“ brüllte Tſchika, der Koſa⸗ kenpulkownik, indem er mit ſeiner Lanze auf Charlow eindrang. Ein Kugelregen aus den Büchſen der Beſatzung ant⸗ wortete ihm, er lichtete hier und dort die Reihen der Ko⸗ ſaken, aber nur um dieſelben zu größerm Muthe zu ent⸗ flammen. Wie eine züngelnde Feuerkette drängte ſich jetzt der ganze Schwarm der Stelle zu, wo Major Charlow mit hochgehobenem Säbel, die Fahne der Kaiſerin in ſeinen Armen, auf dem Walle ſtand. 175 Nur das Gebrüll der Stürmenden, das Schreien der Vertheidiger und das Knattern der Gewehrſchüße war noch zu hören— der Sturm wüthete in ſeiner vol⸗ len Macht. Jetzt hatte ein furchtbarer Blitz die höchſte Eiche des Waldes niedergeſchmettert. Von Tſchika's Lanze in die Seite getroffen, ſank Major Charlow, der Befehls⸗ haber der Feſtung, am Walle nieder; ſein Blut färbte den Sand deſſelben. Lautes Jubelgebrüll aus den Reihen der Anſtür⸗ menden folgte ſeinem Falle, Muthloſigkeit auf der andern Seite; jetzt brachen die Rebellen ohne Mühe die Haufen der Beſatzungstruppen, eine furchtbare Metzelei begann; noch wenige Minuten— und Nisnaja⸗Oſernaja war ge⸗ fallen. Major Charlow, der tapfere Vertheidiger der Fe⸗ ſtung, lag ſchwer verwundet vor den Füßen ſeines Todt⸗ feindes, des Pſeudo⸗Czaren Jemelian Pugakew. „Chriſtos woskres!“*) rief jetzt ein Protojereis oder Erzprieſter der Roskolniki, welcher mit dem Kreuze in der Fauſt vordrang.„Chriſtus iſt erſtanden, demü⸗ thiget euch vor ihm und küßt ſeine Ferſen!“ *) Chriſtus iſt auferſtanden. 176 „Iſtinnve woskres!“*) ſchallte es von allen Sei⸗ ten, und freiwillig oder gezwungen ſanken die Ueberwun⸗ denen von der Beſatzung neben ihren plündernden und mordenden Siegern nieder— und mitten unter ihnen ſtand der Pſeudo⸗Czar. Sein Auge blitzte, ſeine Lippen zitter⸗ ten vor innerer Freude über den erfochtenen Sieg. „Iſtinnve woskres!“ donnerte er über die knieende Menge.„Auf, Zereis!*) laßt die Dutka, Rileh und Raſchock**) bringen. Je Bog! †) Ihr ſollt euch in Branntwein baden! Wir, der Czar, wollen euch ein Siegesfeſt geben, wie keines in Rußland noch gefeiert wurde!“ Sogleich änderte ſich die Scene. Die Stürmenden hielten an, das Gebrülle ver⸗ hallte, die noch übrigen treuen Kämpfer der Feſte hatten ſich theils durch kühne Sprünge über die Wälle gerettet, theils waren ſie den Rebellen zugefallen. ZJetzt warf der Siegestrunkene einen furchtbaren 3 S Pu wahrhaftig auferſtanden. **) Prieſt *²) Dutka, eine Pfeife mit drei Löchern; Rileh, eine Leier; Raſchock, eine Schalmei von Pirkenrinde mit ſechs Grifflöchern und einem Mundſtück, dazu wird der Takt durch zwei Scheilen⸗ bündel gegeben. 4) Bei Gott! 177 Blick auf den zu ſeinen Füßen liegenden Major Charlow. „Huldige Deinem Czaren!“ donnerte er.„Lang genug habt Ihr mich verkannt und zum Müſchick“) herabge⸗ würdigt.“ „Du der Czar?“ rief Charlow ſich mühſam empor⸗ richtend.„Jemelian Pugakew, der Feſtungsſträfling von Kaſan biſt Du!“— „Du willſt nicht?“ donnerte ihm der Sieger raſend vor Wuth entgegen; dann wandte er ſich zu Tſchika, ſei⸗ nem Getreuen:„An den Aſt mit dem Hunde!“ brüllte er. In dieſem Augenblicke ſtürzte eine todbleiche junge Frau mit aufgelöſtem Haupthaar, einen kleinen Knaben an der Hand haltend, aus dem oberſten Theile der Fe⸗ ſtung herab; das entſetzlichſte Unglück ſtand auf ihrer Stirne, auf ihrem bleichen Antlitze geſchrieben; darum fand ſie auch eine Gaſſe durch den bereits zum Theil be⸗ trunkenen Haufen der Rebellen, welche auf Pugakew's Wort vor allem die Keller und Vorrathsgewölber der Feſtung aufgeſucht hatten. „Charlow! Charlow!“ jammerte die Unglückliche, indem ſie zu den Füßen des ſchwer verwundeten Majors hinſtürzte, den eben ein paar Koſakenfäuſte emporrichteten. „Thevdora!“ rief der Unglückliche mit erſterbender § Mann aus dem Pöbel. 178 Stimme,„was thuſt Du, warum haſt Du meiner Bitte nicht entſprochen, warum biſt Du nicht mit Deinem klei⸗ nen Bruder durch die Rettungstreppe auf der Nordſeite der Veſte entflohen?“ „Kann ich Dich denn verlaſſen, Charlow!“ jam⸗ merte die Arme;„Dich, meinen Gatten?“ „O dieſe Liebe und Hingebung habe ich nicht ver⸗ dient!“ hauchte der Verwundete, indem er jetzt vhnmäch⸗ tig zuſammenbrach. Aber ſchon weckte ihn wieder das brüllende Hohn⸗ gelächter des Würgers Pugatew. „Teufelshund!“ rief er,„das iſt ja die ſchmucke Dirne aus den Gärten von Kaſan, die gehört auch zu der Schergenfamilie im Kreml der Wolgaſtadt, und der ihr Mann! Ei, Golubuſchka, ²) Du fliegſt mir ja gerade in mein Netz.“ „Goſpodi pomiluy!“*) ſchrie im namenloſen Schmerze zu Boden ſinkend die Arme.„Gnade! Gna⸗ de! O ſchone, ſchone das Leben meines Gatten!“ „Nepognewajſa, Duſchinka,“**6) entgegnete Puga⸗ dew mit einem fürchterlichen Lächeln,„wenn ich jetzt die *) Täubchen. **) Herr erbarme dich! **) Nimm's nicht übel, Seelchen oder Herzchen. 179 Igriſchi*) zuſammenpfeifen und mir von Dir einen feu⸗ rigen Kofakentanz vorhüpfen laſſe. Du bleibſt bei mir, Matuſchla,**) aber Du mußt hinauf zur Lada**), ruf ihm Dein Proſchai zu.“) Mit einem furchtbaren Schrei brach die Arme ohn⸗ mächtig zuſammen, und hörte nicht mehr, wie ihr der Wütherich noch nachrief:„Er ſoll vor Deinen Augen gehenkt werden, und Du biſt fortan meine Sklavin und Leibeigene!“ †) Der ohnedies bereits Sterbende wurde fortge⸗ ſchleppt. Die ohnmächtige Theodora aber wurde nebſt ihrem kleinen Bruder von den Koſaken Pugacew's um⸗ ringt, die ſie in das Zelt des Pſeudo⸗Czars hinabtrugen. Das Getümmel der branntweinberauſchten Koſa⸗ ken, das Lärmen, Fluchen und Schreien auf der Stätte des Mordes und der Plünderung war aber jetzt auf's *) Sieggeſellſchaft. **) Mütterchen. **) Am Donerſtag vor Pfingſten feiern die ruſſiſchen Mäd⸗ chen ein Feſt zu Ehren der alten ſtawiſchen Göttin Lada und ih⸗ res Sohnes Dida, wobei ſie ſingen und tanzen, und einen mit Bändern gezierten Virkenzweig in ein fließendes Waſſer werfen; aus dem, was dem Bande nun widerfährt, ſchließen ſie auf ihr künftiges Schickſal im Eheſtande. 3) Lebe wohl. †3) Abbi Villot's Veltgeſchichte. 13. Bd. S. 57. 180 höchſte geſtiegen. Ein Theil der Rebellen war noch mit Plünderung des Städtchens beſchäftigt, ein anderer, be⸗ reits vom Plündern und Morden ermüdeter, rannte den aufgebrochenen Branntwein⸗ und Weinkellern zu; Einzelne warfen ſich in die auf 40 Reaumur erhitzten Badeſtuben, wo ſie ſich ganz entkleidet in dem durch Aufſpritzen auf glühende Feldſteine erzeugten Dunſte„erfriſchten“. Von der andern Seite trieb man gefangene Ruſſinnen aus der Feſtung, welche trotz Weinen und Heulen neben den Lei⸗ chen ihrer gemordeten Männer, Brüder und Kinder den ruſſiſchen Nationaltanz aufführen ſollten.*) Ein Tanz, der Liebeserklärung, Weigerung, Nachgeben und Genuß ausdrücken ſoll. Ihn tanzen ſtets zwei Perſonen. Seine Hauptbewegung beſteht in zwei Schritten und einem Sprunge, ſeine Schönheit bloß in künſtlicher Bewegung der Füße, indem, wenn der Eine auf dem Abſatz ſteht, der Andere auf den Zehen ruht, und bald ein⸗ bald auswärts gebogen wird. Kopf, Augen, Schulter, Oberleib, Arme, Hände, kurz Alles bewegt ſich. Zwei Perſonen fangen an zu tanzen, das Mädchen verhält ſich zuerſt leidend; die Schultern beider Tanzenden heben und ſenken ſich gleichmäßig; wenn der Tänzer den Kopf rechts beugt, ſo ſenkt ihn die Tänzerin links; er wirft ſchmachtende Blicke, ſie macht ſpröde Bewegungen; ſie flieht, er folgt ihr; endlich geht ſie, wenn er Traurigkeit darſtellt, ihm entgegen, und Beide umarmen ſich und tanzen hierauf einigemal im Kreiſe herum. Der eigentliche koſakiſche Nativnaltanz iſt aber lebhafter und ſpringender, und der Tänzer ſetzt ſich dabei zuweilen auf die Erde und erhebt ſich dann raſch wieder in die Höhe. 181 Während dieſer chvatiſchen Verwirrung bemerkten auch die Koſaken, welche Theodora in das Zelt des Pſeudv⸗Czars hinabtrugen, vom Branntwein, den ſie aus ihnen entgegenrollenden Fäſſern ſchlürften, benebelt, nicht, wie ein kleiner Mann mit todtbleichem Antlitze und einer Wunde am Halſe, zwiſchen ihren Reihen durch⸗ ſchlüpfte und jetzt den Augenblick erſah, wo er der un⸗ glücklichen Theodora einige Worte zuflüſtern konnte. Es war Profeſſor Lowitz.—„Muth! Muth und Standhaftigkeit, Theodora!“ rief er.„Ich werde Mit⸗ tel finden, nach Orenburg zu entkommen und ſchleunige Rettung bringen, und ſollte es mein Leben koſten— das ſchwöre ich! Der Knabe folgt mir.“ Ach, die Arme, von einer Ohnmacht in die andere ſinkend, hörte ihn nicht! Aber der Profeſſor, klug und ſee⸗ lengut, hatte ungeachtet ſeiner gelehrten Monomanie in diefem fürchterlichen Augenblicke eine ſeltene Geiſtes⸗ gegenwart bewahrt; er hatte Zeit und Raum gefunden, dieſelben Worte, welche er dem ohnmächtigen Weibe Ma⸗ jor Charlow's in's Ohr flüſterte, ehe er von der Feſtung herabrannte, mit Bleiſtift auf einen Zettel zu ſchreiben, und drückte dieſen jetzt, ſammt einem kleinen Fläſchchen in die krampfhaft geballte Hand der unglücklichen Theodora. Dies Fläſchchen enthielt ſchnell tödtende Blauſäure aus dem chemiſchen Laboratorium des Profeſſors. Ach, er wußte nur zu wohl, daß ſeine gelehrige Schülerin dies „letzte Mittel“ wohl kannte, und daß er ihr mit demſelben ein willkommenes Rettungsmittel für den verzweifelten Fall in die Hand legte, wenn der Schändliche, der ſie ge⸗ fangen hielt, ehe der Profeſſor Rettung bringen konnte, ihre Ehre gefährden wollte; denn ſie jetzt ſchon den Hän⸗ den ihrer Peiniger zu entreißen, ſtand nicht in der Macht des Profeſſors, weil die ohnmächtige Theodora ihm nicht folgen konnte. Aber die Hand der Vorſehung ſchwebte über ſeinen Schritten, daß er, den kleinen Bruder Theo⸗ dorens erfaſſend, mit dieſem durch die ihrer Sinne nicht mehr mächtige blut⸗ und raubgierige Horde in verſchie⸗ denen Wendungen einen Ausweg fand und aus dem Schußbereiche des Lagers gelangte. Pugacew, welcher durch dieſe Schandthat, wie der Geſchichtsſchreiber ſagt,„ſeine Rotte zu neuen Grau⸗ ſamkeiten eingeweiht hatte,“ erlangte jetzt ein ſolches Anſehen, daß ſich wieder einige Tauſend Mann ſeinem Zuge anſchloßen. „Peter III. iſt erſtanden!“ ſchallte es jetzt durch ganz Südrußland, und wer die wilde Jagd der Zügel⸗ loſigkeit und Grauſamkeit mitmachen wollte, ſchloß ſich dem„falſchen Czaren“ an. Schon drang ſein Schlachtruf wie die Poſaune des Weltgerichtes bis Orenburg, wo der edle und tapfere 183 Geneneral⸗Lieutenant Reinsdorf Statthalter war.— Es war ein Steppenſturm, welcher vom obern Zaik bis tief in's Uralgebirge hineindringen ſollte, und Alles mit ſich fortriß, was er traf. Laut erklärte Pugakew jetzt:„Er wolle den auf⸗ geblaſenen Adel mit Stumpf und Stiel ausrotten,“ und Leibeigene und Verbrecher, Koſaken, Baſchkiren und Angehörige der Budjakiſchen Stämme, welche Katharina nach Benders Erſtürmung jenſeits der Wolga verſetzt hatte, ſtrömten dem neuen Kaiſer zu. Statthalter Reinsdorf war überzeugt, daß die kleinen Feſtungen Südrußlands bei der Treuloſigkeit der Koſaken nicht lange gehalten werden konnten; er ſandte daher den Brigadier Bilow mit tauſend Mann in die Feſtung Tatiſchewa am Jaik. Aber Pugakew kam und forderte zur Uebergabe auf; die Koſaken gingen ſogleich zu ihm über; die andern Trup⸗ pen vertheidigten ſich tapfer und drängten den Aufrührer zwei Werſte zurück. Da gelang es dem Verrathe, einen großen Heuvorrath in der Feſtung in Brand zu ſetzen, und die Beſatzung, welche nicht zugleich löſchen und fechten konnte, wurde überwältigt, die Feſtung erſtürmt— ein grauſamer Tod ward dem Brigadier Bilow, dem Kommandanten Zelagen und allen Offizieren; die Sol⸗ daten der treuen Beſatzung aber wurden unter Pu⸗ gacew's eiſernes Joch gezwängt. Zetzt brannte es an allen Ecken. Was noch treu an der Kaiſerin hielt, flüchtete, oder ſtarb den Martertod. „Pugat, der Schreckvogel“, ſchwebte, wie der Ma⸗ gier St. Germain es der Kaiſerin und ihrem Hofe zu Petersburg im Bilde gezeigt hatte, hoch in den Lüften, und ſein furchtbarer Schrei ſchallte weithin über Land und Steppe, wo Feuer und Schwert zu wüthen begannen. Ein großes Trauerſpiel hatte ſeinen erſten Act begonnen. Der Statthalter von Orenburg ſandte Eilboten nach Petersburg. Man hatte dort die Sache anfangs für unbedeutend gehalten, denn Pugacew war nicht der einzige Abenteurer geweſen, der ſich für Peter den MI., den Wiedererſtandenen, ausgab. Zetzt ſah man mit Schrecken, daß dieſer„Wiedererſtandene und Rächer“, der anfangs ein gewöhnlicher Abenteurer zu ſein ſchien, zum furchtbaren Rieſen anſchwoll und mit eiſerner Fauſt nach der Krone Peter des Großen langte. Katharina II. ſandte jetzt den Generalen Karr und Feigmann den Befehl: augenblicklich zur Erſtickung des Aufruhrs abzugehen, und befahl dem Kommandanten 185 von Sibirsk, Tſchernitſcheff, mit 1200 Mann und zwölf Kanonen zu Kaar zu ſtoßen. Es war um die Mitte des Monates September des Jahres 1773. Pugacew zählte bereits fünftauſend Mann und 36 Kanonen. Zetzt glaubte er auch eine ſtärkere Feſtung be⸗ lagern zu können, und rückte auf Orenburg los. Dort ſchloß er, würden ihm alle Koſaken wieder zufallen und ſeine Macht verſtärken. Aber ſo klug der Empörer rechnete, ſo ſehr ver⸗ rechnete er ſich; der Statthalter Reinsdorf hielt in Oren⸗ burg ſtrenge Mannszucht, und ſeine Macht fußte auf der Liebe ſeiner Untergebenen. In ſolchen Fällen zeigt ſich, wer es verſtand, ſich zur Zeit der Ruhe Herzen zu ge⸗ winnen, auf die er zur Zeit des Sturmes rechnen kann. Pugacew hatte allmälig auf ſeinem Raubzuge achtzig Kanonen zu erbeuten verſtanden; er wagte daher am 4. Oktober eine Belagerung und am 3. November und nochmals am 9. November einen Generalſturm auf die Feſtung, aus welcher einige zwar tapfere, aber nicht glückliche Ausfälle gemacht worden waren. Gott der Herr war mit den Belagerten. Sie gen beide Stürme zurück. 1860. XVII. Pugabew. II. 12 186 Wuthſchäumend zog ſich jetzt der Empörer am 10. November unter fortwährendem Kanonenfeuer zurück, und begnügte ſich, die Feſtung mit kleineren Haufen ein⸗ zuſchließen. General Karr war mittlerweile über Moskau nach Bugulminska gezogen, hatte ſich mit General Freymann vereinigt, ſandte den Oberſten Tſchernitſcheff rechts und marſchirte mit ſtolzer Verachtung des Feindes auf den⸗ ſelben los; aber dieſer, vielleicht der Gegend genauer kundig, ſchnitt ihm zwei Grenadiercompagnien ab, und ſchlug auch, da er ſchon ſechzehntauſend Mann unter ſeiner Fahne zählte, den Oberſten Tſchernitſcheff. Oberſt Tſchernitſcheff ſelbſt und alle Offiziere wurden hin⸗ gerichtet. Jetzt kannte der Stolz des Pſeudo⸗Czaren keine Grenzen mehr. Mit einem Haufen Freiwilliger ſtürmte er dem General Karr gegen Bugulminska entgegen; wüthend rückte ihm dieſer entgegen. Das Recht hätte hier über den Verrath geſiegt, wenn dieſer ſich nicht wieder unter den Reihen der kaiſerlichen Truppen befunden hätte. Aber General Karr's Koſaken riſſen aus und miſchten ſich mit ihren Pferden unter die Rebellen. Der General ſelbſt flüchtete, eilte unter dem Vorwande einer Krankheit nach Moskau, und ließ dem General Frey⸗ mann das Kommandv. 187 Jetzt ſchallte es wie der eintönige furchtbare Ruf der Weltpoſaune durch das Land:„Czar Peter III. der Wiedererſtandene hat geſiegt! Ein neues Rußland iſt erſtanden! Vivat Redivivus et ultor!“ Die kriegeriſchen Baſchkiren, welche im Beginne des achtzehnten Jahrhunderts aus ſiebenundzwanzigtauſend Familien beſtanden, und andere Nachbarvölker ſtrömten dem„Wiedererſtandenen und Rächer“ zu, und ſeine Macht wuchs wie die Rieſenlawine, welche ein einziger Ballen von der Schneekuppe gerollt, jetzt aber zum furcht⸗ baren Rieſengebirge angeſchwollen war, das zum drohen⸗ den Sturz vorgeneigt, mit jedem Augenblicke auf das Erbreich Peter des Großen niederzuſchmettern drohte.. Stolz und furchtbar ſtand Jemelian Pugakew, der Koſak vom Don, der einſtige Räuber, der Gefangene von Kaſan, der Erzähler im Palaſte des Kaſaner Kremls, der von tauſend Zungen geprieſene Czar Peter III. vor den Wällen von Orenburg, wo eine von Hunger und Krankheit täglich mehr gelichtete Beſatzung von zwei⸗ tauſend Mann lag; dort ſtand er unter ſeinem hohen, mit einem vergoldeten Knaufe geziertem Zelte, in Mitte ſei⸗ ner von ihm geſchaffenen Generäle und Oberſten, mit einem purpurnen Kaftan bekleidet, die hohe, jetzt mit ge⸗ raubten Diamanten über und über beſäete Zobelmütze 12* 188 auf ſeinem Haupte, auf der Bruſt einen zweiköpfigen gol⸗ denen Adler von der Größe eines Petak*) tragend. Die wilde Natur des Tigers blitzte aus ſeinen Sperberaugen; ſein braunes Antlitz glühte vom Geiſte des Branntweins, den er aus den ungeheuren Flaſchen geſchlürft hatte, die auf langen Tiſchen um ihn herum⸗ ſtanden und denen auch von ſeinen Offizieren weidlich zu⸗ geſprochen wurde; er glühte vom Dunſte eines Dampf⸗ bades, welches er nach dem letzten Blutbade genommen hatte; zu ſeinen Füßen ſpielten, als ob er ſich im Hauſe des tiefſten Friedens befände und eben nur ein ruſſiſcher Patriarch in Mitte ſeiner Familie ſäße, ſeine Lieblings⸗ thiere, zwei kleine Meerſchweinchen. Jetzt trat ein rieſiger Koſak im dunkelgrünen Kaf⸗ tan, der über und über mit Blut beſpritzt war, mit einem vom Feindesblut bis an das Heft gerötheten langen Säbel, in das Zelt. Es war Tſchika, Pugasew's Lieb⸗ ling, welcher das Meiſte zur Gefangennehmung des Ober⸗ ſten Tſchernitſcheff beigetragen hatte. Ihm entgegen trat der Pſeudo⸗Czar; in der einen Hand hielt er hoch das Branntweinglas, in der andern ein Pergament, worauf die das Rebellenheer begleitenden Popen mit Rieſenlettern ein neues Ernennungsmanifeſt Petat, ein Fünfkopekenſtic 189 des falſchen Czars gezeichnet hatten. Pugakew hielt es dem Eintretenden entgegen; es enthielt die Ueberſchrift: „Der wiedererſtande Czar Peter III. an Tſchika, den neuen Grafen von Tſchernitſcheff und Feldmarſchall!“... Siebentes Capitel. An der Swapa. Wenn der austretende Strom den feſten Boden überfluthet, dann blickt der Beſitzer deſſelben nach jenen Markſteinen, mit welchen er ihnen einen Damm ent⸗ gegenſtemmen kann. So Katharina II. und der Hof von Petersburg. Das Lied des Schreckvogels ſchallte den ge⸗ kräuſelten Herren in der Fontanka und zu Sarskoje⸗Selo nun ſchon zu gewaltig in die Ohren; die Kaiſerin wü⸗ thete über das feige Benehmen des Generals Karr und beſchloß, ihm ſogleich in dem bewährten Befehlshaber General Bibikow einen Nachfolger zu geben. General Bibikow erhielt den Befehl, nach Kaſan abzugehen, wohin die Rebellen fortwährend ihre Rich⸗ tung nahmen. Dieſer General faßte ſeine Aufgabe richtig auf; 190 er erkannte die Größe der Gefahr, aber auch die Fäden, an denen dieſe furchtbare Empörung hing. „Pugatew,“ lautete, als er in das Getriebe die⸗ ſes rieſenhaften Aufruhrs geblickt hatte, Bibikow's Ur⸗ theil über dieſe Empörung,„Pugasew iſt weder ein Held, noch ein ſelbſtändiger Eroberer; er iſt nichts als ein Spielzeug der Schelme der jaikiſchen Koſaken; nicht Pugasew iſt daher von Bedeutung— von Bedeutung iſt nur der allgemeine Unwille.“ In dieſen wenigen Worten liegt der Knotenpunkt der ganzen Geſchichte Pugakew's und ſeines augenblick⸗ lichen Glückes. Höchſt merkwürdig und bezeichnend iſt demnach, was die Kaiſerin am 10. Dezember 1773 an ihren Statt⸗ halter in Nowgorod, Sievers, ſchrieb: „Ich habe vor zwei Jahren die Peſt im Herzen des Reiches gehabt, jetzt habe ich an der Grenze des Kö⸗ nigreiches Kaſan eine politiſche Peſt, die uns was zu rathen aufgibt. Ihr theurer und würdiger Mitbruder wird ſeit zwei langen Monden von einer Raubbande belagert, die ſchreckliche Frevel und Verwüſtungen an⸗ richtet. General Bibikow geht dahin mit der Truppe, die durch ihr Gouvernement gekommen ſind, um dieſe Gräuel des achtzehnten Jahrhunderts zu beſchwichtigen, die Ruß⸗ land weder Ehre, noch Ruhm, noch Vortheil bringen werden. Doch zuletzt mit Gottes Hilfe hoffe ich, werden wir die Oberhand behalten, und es gibt weder Verſtand, noch Ordnung, noch Geſchick auf Seite jenes Lumpen⸗ geſindels dort, ſondern es ſind zuſammengeraffte Schur⸗ ken, an deren Spitze ein eben ſo frecher, als unver⸗ ſchämter Betrüger ſteht; doch wird dies gleichfalls mit Hängen endigen. Aber welche Ausſicht, Herr Gonverneur, für mich, die das Hängen nicht liebt? Europa wird in ſeiner Meinung uns in die Zeiten des Czaren Jwan Waſiliewitſch zurückverweiſen; ſolche Ehre müſſen wir für das Reich von dieſem verächtlichen Jungenſtreich er⸗ warten. Ich habe befohlen, kein Geheimniß mehr aus dieſer Geſchichte zu machen, indem es gut iſt, daß die Leute im Amte ſich über ihre Geſinnung äußern und da⸗ von in der Weiſe ſprechen, wie die Sache zu betrachten iſt. Ich ſchicke Ihnen nun zu Ihrer Kenntnißnahme ein Eremplar des Manifeſtes, welches Bibikow da veröffent⸗ lichen will, wo er es für paſſend hält. Der General⸗ prokureur wird Ihnen die Papiere ſenden, die Sie ver⸗ langen. Adieu, leben Sie wohl!“ Sievers antwortete: „Als getreuer und eifriger Unterthan theile er die Bekümmerniß, welche Katharina über die unerwartet in Orenburg ausgebrochenen Unruhen fühlen müſſe. Doch 192 beruhige ihn wieder die in Bibikow's Perſon getroffene Wahl, ſo wie das Bewußtſein, das er in dem Eifer, die Fähigkeit und den Muth ſeiner Freunde Brand und Reinsdorf habe. Letzterer habe ſchon Beweiſe abge⸗ legt, und werde ſich in Zukunft gewiß ſo gut halten, daß die Kaiſerin, mit ſeinen Verdienſten zufrieden, ihn gut ſtellen werde. Dies im Vorbeigehen geſagt,“ fuhr Sie⸗ vers fort,„geruhen Eure Majeſtät es auf Rechnung der Freimüthigkeit zu ſetzen, die Sie an mir kennen. Nicht minder zähle ich auf Brand's Klugheit, und was mir am beſten gefällt, Beide ſind Freunde Bibikow's. Dieſer kam vorgeſtern Morgens durch. Ich gab ihm den Gedanken ein, von Bronitz das erſte Bataillon Grena⸗ diere auf Schlitten abgehen zu laſſen. Auf ſein Begehren habe ich 2200 Rubel zu Poſigeld zahlen laſſen, und einen Beamten vorausgeſchickt, um je 200 unterlegte Pferde zu beſorgen; ſie werden täglich 80 Werſte ma⸗ chen. Das zweite Bataillon, welches das Kriegsgeräthe führt, ging geſtern mit 150 Pferden ab; ſie werden täglich 40 bis 45 Werſte machen. Die Huſaren ſind ſchon ſehr weit, die Kompagnie von Wätzkoh, die den 1. d. M. von hier abgegangen, muß bei Kaſan ſein. Sie legte in zwei Tagen 250 Werſte zurück. Ich erwarte die Küraſſiere, die nicht ſo ſchnell kommen werden. Mit Ent⸗ zücken las ich die erhabene Anſprache des Manifeſtes. 193 Welche Wahrheit in wenigen Worten über die Schreck⸗ niſſe des Bürgerkrieges! Wag' ich es zu ſagen: Es wäre Zeit, das Manifeſt bekannt zu machen. Das Volk dürſtet nach Neuigkeiten; fehlen ihm die wirklichen, ſo erdichtet es ſich welche. Ich habe viele lächerliche Neuigkeiten zu bekämpfen gehabt. Im Grunde fürchte ich nicht ſo ſehr für Orenburg, da ich Reinsdorf kenne, als für Aſtrachan, welches ehemals dem Stenko Raſin und bei den Aufſtänden der Stre⸗ litzen die Zuflucht dieſer war.“— Dem General Bibikow wurden die Generäle Fürſt Gallizin und Manſurow beigegeben, die Generäle Celom und Stanislawskoi in Sibirien mußten mit ihren Trup⸗ pen zu ſeiner Unterſtützung nach Orenburg vorrücken. Aber erſt im Januar des Jahres 1774 kam Bibikow in Kaſan an. Es war an einem kalten Abende dieſes Monates, als General Bibikow im Palaſte des Oberſt von Brand anlangte. Todtenſtille herrſchte dort. Die einſtige Freude und Heiterkeit war ausgezogen und düſteres Schweigen, wie vor dem beginnenden Gewitterſturm, war an ihre Stelle getreten. Hatte nämlich der alte, biedere Oberſt ſeiner Ge⸗ mahlin ſchon höchlich gezürnt, als durch ihre Schuld der Gefangene Pugadew aus dem Kreml entwichen war, ſo 194 erreichte ſein Unmuth jetzt den höchſten Grad, als die Kunde von des Koſaken Aufruhr in die Mauern Kaſans drang. Aus der ſtolzen Selbſtherrſcherin Kaſans, Frau von Brand, war jetzt eine düſtere, unmuthvolle und men⸗ ſchenſcheue Dame geworden, die ſich tagelang in ihre Ge⸗ mächer verſchloß. Der freundliche Stern des Hauſes, Theodora, war durch den Willen der Oberſtin entfernt. Malwina hatte als Gattin Major Charin's ihre Eltern verlaſſen. An der Stätte, wo Feſt das Feſt gejagt, wo ſich die Oberſtin im Kranze der Schönheit und des Reich⸗ thums täglich bewegt hatte, tönte jetzt nur noch der Klang der Waffen, hallte nur das ferne Brauſen der näher und näher heranſtürmenden Empörung herein. Jetzt ſtand General Bibikow im Wappenſaale des Kremls zu Kaſan, deſſen Zimmer der Strahl der hinab⸗ ſinkenden Winterſonne vergoldete. Um ihn herum glänzte in zahlreichen Uniformen und feinen Pelzen der zuſam⸗ mengerufene Adel der Provinz und hörte die ernſten Worte des Generals, die er Alle der Gnade ihrer Maje⸗ ſtät der Kaiſerin verſicherte und ſie ermunterte, zur Be⸗ kämpfung des Aufruhrs mitzuhelfen. Dann entfaltete der General, an deſſen Seite bleich und ſchweigend Oberſt von Brand ſtand, ein großes Pergament mit zwei Bullen. Es war das Manifeſt der Kaiſerin, worin ſie ihre ge⸗ 195 treuen Unterthanen ihres kaiſerlichen Schutzes verſicherte und allen Verführten, wenn ſie zu ihrer Pflicht zurück⸗ kehren würden, Verzeihung verſprach. Das Manifeſt war in erhabenen Ausdrücken ge⸗ geben, und mit Begeiſterung vernahm der anweſende Adel ſeinen Inhalt. Die Errichtung mehrerer Schwa⸗ dronen Huſaren, deren Offiziere ſie gemeinſchaftlich er⸗ nennen wollten, war das erſte Verſprechen, welches die verſammelten Edelleute in die Hände des Generals ab⸗ gaben; es war eine große, erhabene Scene, ähnlich denen unſerer Gegenwart, wo ſo viele Hochherzige als frei⸗ willige Kämpfer dem Vaterlande ihre Kraft, ihr Leben und Gut anboten. Hierauf erklärte der General, daß Fürſt Gallizin und die Generäle Manſurow und Frehmann mit ſechs⸗ tauſend Mann nach Orenburg, und der zum General vorgerückte Larionow mit zweitauſend Mann nach Ufa, welches Tſchika, nun Graf Tſchernitſcheff genannt, ein⸗ geſchloſſen hielt, vorrücken würde. „Und ſo,“ ſchloß Obergeneral Bibikow ſeine Rede, „werden wir mit Gottes Beiſtand alle nöthigen Vorkeh⸗ rungen treffen, um den verwegenen Feind in die Flanke zu nehmen und den Sieg über den entſetzlichen Betrüger anzubahnen. Ich grüße euch, ihr Herren, im Namen Ihrer Majeſtät der Czarin als die Vertheidiger Ihres 196 Reiches, als die Helden, von deren Klugheit und Tapfer⸗ keit die Kaiſerin Alles erwartet— und wie ich ſehe, ſeid ihr auf meinen Ruf Alle gekommen, um euch unter die ſiegreichen Fahnen Ihrer Majeſtät zu reihen; nur Einen vermiſſe ich— nur Einen, wo iſt der Held ohne Furcht und Tadel, der Mann, der bereits der Schrecken der Türken und der polniſchen Conföderirten war— wo iſt Oberſtlieutenant Michelſon?“ Oberſt von Brand blickte verlegen zur Erde. Daß der inzwiſchen auf der militäriſchen Stufenleiter zum Oberſtlieutenant emporgeſtiegene Major Michelſon ſeit Pugasew's Entweichung aus dem Gefängniſſe der Suni⸗ beka, noch weniger als vorher ein willkommener Gaſt im Hauſe der Oberſtin war, daß er mit ſtolzem Selbſt⸗ gefühle ſelbſt ſeine Entfernung von Kaſan angeſtrebt, daß die Oberſtin auf dieſe hingewirkt hatte, konnte Oberſt von Brand dem Obergeneral nicht mittheilen. „Der Oberſtlieutenant,“ ſagte er mit ziemlicher Be⸗ fangenheit,„wurde von mir mit einer Sendung an den Gouverneur von Moskau betraut.“ „Und muß augenblicklich zurückgerufen werden,“ fiel der Obergeneral ein.„Ein Mann von ſeinem Seelenadel, ſeiner Tapferkeit und Hingebung, wie ſie der Kaiſerin aus vielen Berichten bekannt iſt, darf nicht fehlen an der 197 Spitze der Armee, welche hinauszieht, den Erzfeind des Reiches zu bekämpfen.“ So kam es denn, daß der Monat Januar nicht zu Ende lief, als Michelſon, blos von wenigen Reitern be⸗ gleitet, ſich bereits auf dem Wege nach dem Nordoſten be⸗ fand. Er ritt, von einem einzigen Diener begleitet, ſchwei⸗ gend und in tiefem Sinnen an der Swapa in der Statt⸗ halterſchaft Kursk herauf. Es gibt im Leben des Menſchen Augenblicke, in denen er ſtille ſteht und einen langen, prüfenden Blick auf ſeine Vergangenheit zurückwirft. Sein Auge ruht da auf den Lichtpunkten wie auf den Schatten, die ſein Le⸗ bensbild ihm bot, und— mag er noch ſo hoch auf der Leiter menſchlicher Größe emporgeſtiegen ſein, er bleibt zuletzt am Grabe ſo mancher großen Hoffnung ſtehen und bekennt: daß Alles, Alles auf dieſer Erde vergänglich, daß Alles Schaum und Schatten ſei, daß dem armen Menſchen zuletzt nur der Glaube an eine Vorſehung und die Hoffnung auf ein beſſeres Leben als letzter Anker ſei⸗ ner Irrfahrt in dieſem Leben übrig bleiben. So träumte jetzt auch Oberſtlieutenant Michelſon von ſeinem vergangenen Leben.„Theodora“ hieß der Stern deſſelben. Dieſer Name ſtand in ſeinem Herzen mit unauslöſchlichen Zügen geſchrieben; er trug dieſe edle männliche Liebe mit ſich, als er Kaſan verlaſſen mußte, 198 um an die Moskwa abzugehen; er hatte in Theodoren das Weſen gefunden, an deſſen Seite er ſein Lebensglück zu finden hoffte, er hielt ſich ihrer Gegenliebe verſichert; aber die Dienſtpflicht ſtand dem edlen Krieger höher, als Liebe, ſeine reine große Seele war zu edel, um den Arg⸗ wohn zu nähren, daß es wieder die Hand der Oberſtin ſei, welche mitwirkte, ihn von Kaſan zu entfernen; er nahm ſeine Sendung als einen ehrenvollen Antrag an, und beſchloß nach ſeiner baldigen Rückkehr förmlich um die Hand Theodorens anzuhalten. Niemanden hatte er ſeine Abſicht entdeckt, denn ſein treueſter Freund Charlow, vor dem er kein Geheimniß hatte, weilte damals gleichfalls in einer Dienſtſendung zu Nowgorod; ihm eröffnete er in einem Schreiben aus Moskau das Geheimniß der Liebe, ihm theilte Michelſon mit, wie er nach ſeiner Rückkehr von Moskau um Theo⸗ dorens Hand werben wollte. Aber ehe dies Schreiben noch von Moskau ablief, erhielt Michelſon ein anderes von der Hand Charlow's, worin dieſer ihm mit ähnlichen Lobpreiſungen ſeines ge⸗ fundenen Lebensglückes, die gleiche Abſicht mittheilte, ſein Lebensglück in die Hand eines geliebten Weſens zu legen. Theodora, die Pflegetochter des Oberſten, nannte er ſeine Erwählte, mit ihr wollte er zum Altare treten. Michelſon ſtand zum erſtenmale in ſeinem Leben 199 bis in's Innerſte erſchüttert, als er dieſen Brief empfing. So vernichtet der Winterfroſt einer einzigen Nacht die zarten Blüthen des Frühlings. Zetzt blickte Michelſon klar in das Gewebe, welches die Hand der Oberſtin um ſeine Hoffnungen und Pläne für eine glückliche Zukunft geſponnen hatte; jetzt ahnte er deutlich die Hand, mit welcher man in das Rad ſeines Schickſals eingriff, um den goldenen Faden zu zerreißen, welchen ſein guter Ge⸗ nius ihm geſponnen hatte. Aber war Charlow von Theodoren auch geliebt? Sollte nicht in der That Palaſtintrigue allein, wie Oberſtin von Brand ſie in Petersburg gelernt hatte, hier ihre Hand im Spiele haben? Sollte nicht vielleicht ſogar Zwang und Drohung mit dem Herzen der armen Waiſe ſpielen? O wie klug hatte man vorher Michelſon's Abreiſe von Kaſan eingeleitet! Aber nur einen Augenblick konnte der„Ritter ohne Furcht und Tadel“ über die Handlungsweiſe, die er nun zu beobachten hatte, mit ſich im Unklaren ſein.„Freund Charlow,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„kann kein Verräther ſeines Freundes Michelſon ſein; Theodora liebt ihn alſo, ſonſt würde er nicht wagen, um ihre Hand anzuhalten, ſonſt würde ſie Mittel geſucht und gefunden haben, Mi⸗ chelſon von Allem zu benachrichtigen und ihn nach Kaſan 200 zurückzurufen.. und wahre Mannesfreundſchaft kennt nicht Argwohn, und iſt opferwillig, gälte es auch ihr Herz⸗ blut.“ Oberſtlieutenant Michelſon ſchleuderte den Brief, der für Charlow beſtimmt lag, in die Flamme, und be⸗ ſchloß— zu ſchweigen. Als aber die Zeit ſeiner Rückkehr nach Kaſan heran⸗ nahte, da ritt er mit gebrochenem Herzen der Gegend zu, wo die Einzige athmete, welcher er ſeine ſchöne, edle Man⸗ nesliebe geweiht hatte, und welche ſein Herz nicht erkannte, vielleicht weil ſie zu wenig Selbſtändigkeit und Muth beſaß, ſeinen Feinden entgegenzutreten; vielleicht weil ſie den jüngern und begüterten Eharlow dem ernſten, nur ſei⸗ nem Berufe lebenden Manne vorzog, deſſen Erklärung noch nicht ſo deutlich erfolgt war, als es die Jungfrau vielleicht erwartet hatte. So ritt denn jetzt Oberſtlieutenant Michelſon, von ſeinem Diener begleitet, an der Swapa hinauf, deren Flu⸗ then durch den Eisgang ſo hoch angeſchwollen waren, daß er an keiner Stelle eine Furth oder Fähre finden konnte, um zu dem gegenüberliegenden kleinen Städtchen Dmi⸗ triewsk zu gelangen. Es war aber auch ein Glück für den Oberſtlieutenant, daß er den Fluß trotz alles Suchens nach einer Furth nicht überſetzen konnte; denn jenſeits ſtand die ganze Gegend in Aufruhr. Koſakenſchwärme 201 jagten in allen Ecken dem Rebellenheere Pugakew's zu, deſſen Maſſen ſich immer weiter gegen den Nordoſten Rußlands vorwälzten. Wie ein Träumender ritt Michelſon den Fluß ent⸗ lang; er hörte nicht das Rauſchen des Gewäſſers, das Klirren der Eisſchollen, das Jauchzen und Brüllen der jen⸗ ſeits jagenden Koſaken⸗Pulks. Seine Seele war nur mit ei⸗ nem Gemälde beſchäftigt, welches wie im ſchönen, im ro⸗ then Feuerglanze zerrinnenden Nebel vor derſelben ſtand. Vor ſeiner Seele ſchwebte die ſchöne Scene, wie er die Liebliche im Kreiſe der Bettelkinder zu Aſtrachan Gaben der Nächſtenliebe vertheilen geſehen hatte, in je⸗ nem Augenblicke, wo ſich zuerſt ihr ſchönes Bild mit un⸗ auslöſchlichen Zügen in ſein Herz gegraben hatte. Vor ſeiner Seele ſchwebte das ſtrahlende Bild der edlen Jungfrau, noch tönte in ſeinem Ohr die Erzählung des kleinen Profeſſors Lowitz, welcher die Seelenſchön⸗ heit ſeiner lieblichen Schülerin pries; er glaubte noch einmal die Stimme des kleinen Mannes zu hören... Doch horch! waren das nicht wirklich die bekannten Klänge aus der Kehle des kleinen Profeſſors, die vernehmlich und klar in das Ohr Michelſon's ſchallten? Der Oberſtlieutenant fuhr aus ſeinem Traume em⸗ por; er blickte über die ſich jeden Augenblick höher thür⸗ menden Eismaſſen des Flußes auf das jenſeitige Ufer 1860. XVII. Pugabew. II. 13 202 hinüber. Dort ſtand wahrlich, wie er leibte und lebte, mit hochgehobenen Händen der kleine Profeſſor Lowitz. Seine faſt flehende Geberde fiel dem Oberſtlieutenant ſchon von Weitem in's Auge, jetzt ritt er dicht an das Ufer des Flußes heran und rief mit ſtarker Stimme dem Profeſſor ſeinen Gruß hinüber. „Hilfe! Rettung!“ waren die erſten Worte, welche ihm der kleine Gelehrte, ſo gut es Wind und Waſſer⸗ brauſen zuließ, zurückrief. Dann theilte er dem Oberſt⸗ lieutenant mit wenigen Worten die Schauerſcene der Er⸗ mordung Charlow's, ſeine eigene Flucht von Niſchnaja⸗ Oſernaja und ſeine ſchreckliche Lage mit, indem er ſeither von Koſaken und aufrühreriſchem Geſindel verfolgt, in allen Richtungen herumirre und nach Orenburg zu kom⸗ men ſuche, um die Kunde von Charlow's Hinrichtung durch die Rebellen und Theodora's, ſeiner Gattin, Ge⸗ fangenſchaft dahin, und letzterer Hilfe zu bringen. „Theodora, Charlow's Gattin— und gefangen?!“ rief Michelſon leichenblaß vor Ueberraſchung und Schrecken. Aber der kleine Profeſſor konnte nicht mehr antwor⸗ ten; denn hinter ihm ſtürmte ein Haufen wilder Baſch⸗ kiren und Koſaken mit Pfeil und Bogen herauf, Sala⸗ watka, der fürchterlichſte unter Pugakew's Genoſſen, an ihrer Spitze. Eine Menge Pfeile und Kugeln regnete auf den Oberſtlieutenant und ſeinen Begleiter herüber, ſein 203 Rappe riß aus, kein Bändigen half, und nur durch ein Wunder fand er ſich nach einiger Zeit weit von der Stelle des Flußes, wo ſein zum Tode getroffener Diener im Ver⸗ ſcheiden lag, am untern Flußbeete— der Himmel, barm⸗ herziger als die Menſchen, wollte ihm den entſetzlichen Anblick einer Scene erſparen, die jetzt vor ſich ging und die mit den Worten des Geſchichtſchreibers nur kurz an⸗ gedeutet ſei:„Profeſſor Lowitz wurde jetzt ein Opfer der Barbaren. Man hob ihn zuerſt an Spießen in die Höhe, dann henkte man ihn.“*) Als Michelſon ſein von dem Pfeile eines Baſchkiren verwundetes Pferd wieder zum Stehen brachte und un⸗ bekümmert um ſein eigenes Leben an die Stelle zurück⸗ kehrte, von welcher aus er mit dem unglücklichen Profeſſor geſprochen hatte; als er unbekümmert um Welle und Eisſcholle mit ſeinem Roſſe über die jetzt dichter ſchwim⸗ menden Eisblöcke ſetzte, um dem Profeſſor, ſo gut es noch geſchehen konnte, zu Hilfe zu eilen: da fand er nur noch die Leiche des Armen, die er unter den hervorragenden Wur⸗ zeln einer himmelhohen Eiche auf die gefrorne Erde legte und dicht mit Schnee verhüllte, um ſie für ein ſpäteres ehrenvolles Begräbniß aufzubewahren. Aber die Worte des Unglücklichen: Theodora, Char⸗ 5) Streng geſchichtlich. 13* 204 low's Gattin, werde von Pugakew als ſeine Gefangene mitgeſchleppt, hallten in Michelſon's Ohren wieder. Alſo Charlow's Gattin war ſie— ſie, deren Liebe Michelſon zu beſitzen glaubte. Es war ein unnennbarer Doppel⸗ ſchmerz, welchen Michelſon in dieſem Augenblicke zu be⸗ kämpfen hatte, der tiefſte Schmerz war es, der ſein In⸗ nerſtes beim Anblicke der Leiche des unglücklichen Pro⸗ feſſors zerſchnitt, und der Schmerz innerer Beſchämung und getäuſchter Hoffnung, der ſein Gemüth bei dem Gedan⸗ ken erfaßte, daß er ſich in Theodorens Neigung getäuſcht, daß ſie, ohne ſeine Rückkehr nach Kaſan abzuwarten, Charlow's Gattin geworden war. Aber wurde ſie es auch freiwillig? War hier nicht, wie ſchon erwähnt, die Hand der Oberſtin im Spiele? Dieſer Gedanke war wohl na⸗ türlich, und je länger ihm Michelſon nachhing, deſto be⸗ gründeter fand er ihn. Aber der edle Mann der That wiegt im Augen⸗ blicke der Entſcheidung, im Augenblicke der Noth und des Dranges nicht die Schuld, ſondern nur die Nothwendig⸗ keit der Hilfe für den Unglücklichen. Vor Michelſon's Auge trat jetzt das Bild Theodorens mit der ganzen Größe ihres Unglückes. Er ſah die Arme, wie ſie, fort⸗ geſchleppt und mißhandelt von der ſchrecklichen Rebellen⸗ horde, dem entſetzlichſten Elende preisgegeben, keine Ret⸗ tung vor ſich ſah; wie ein Blitz leuchtete auch ſchon in 205 ſeinem Gehirne der Gedanke auf, daß es die unver⸗ kennbare Hand der Vorſehung ſei, welche ihn eben an dieſe Stätte geführt hatte, wo er zwar den unglücklichen Pro⸗ feſſor zu retten nicht mehr im Stande war, durch deſſen letzte Worte aber von dem namenloſen Unglücke Theodo⸗ rens unterrichtet, die große Aufgabe erhielt, die Arme aus den Händen ihrer Peiniger zu retten. Kein anderer Gedanke faßte mehr in ſeinem Hirne Raum; Theodora mußte gerettet werden, und ſollte er ihre Spur bis an die äußerſten Grenzen der bewohnten Erde verfolgen. Dies war fortan ſein Gedanke, ſeine Sehnſucht, die Aufgabe ſeines Lebens, die er zu löſen ſich vorſetzte. Plötzlich unterbrach ſein düſteres Sinnen der Ton eines leiſen Wimmerns in ſeiner Nähe. Michelſon blickte um ſich— ſollte noch irgend ein unglückliches Opfer der Grauſamkeit an dieſem Platze liegen? Der düſtere Abend war inzwiſchen ſeiner dunklen Schweſter, der Nacht, in die Arme geſunken; breite Schnee⸗ flocken ſchwammen durch die Lüfte, das Klirren der Eis⸗ blöcke im Fluße miſchte ſich ſchauerlich mit dem Krächzen der Vögel, welche, nach ihren Neſtern ſuchend, die ſchnee⸗ gefüllte Luft durchſchnitten, und wieder und vernehmlicher tönte zwiſchen dem Wurzelgeflechte der Eiche leiſes Wim⸗ mern an das Ohr des Oberſtlieutenants. Michelſons ſcharfes Auge ſuchte jetzt zwiſchen dieſen Bäumen, und 206 chenſtämme an einer Anhöhe ſtanden, bemerkte er jetzt einen kleinen Knaben, welcher, zitternd vor Kälte, leiſe wim⸗ merte und ſich vor Michelſon's Blicke tiefer in das be⸗ ſchneite falbe Laubwerk zwiſchen den Wurzeln der Eichen zu verbergen ſuchte. Aber ſchon lag er in den Armen des Oberſtlieutenants, welcher das Kind beruhigend an ſeine Bruſt zog. Es war ein kleiner Knabe, in ein dunkel⸗ grünes leichtes Pelzröckchen gekleidet. Michelſon erkannte den Armen ungeachtet der Dun⸗ kelheit ſogleich an der Stimme.„Jwan!“ rief er,„mein Zwan, wie kommſt Du in dieſe Einöde?“ Iwan, der achtjährige Bruder Theodora's, welcher zu Kaſan gar vft an der Seite Michelſon's geſpielt hatte, ſchlang ſeine erſtarrten Hände ſogleich feſt um den Nacken des Oberſtlieutenants, und ein Thränenſtrom des armen Knaben benetzte das Antlitz Michelſon's.„Sie haben Schweſterchen fortgeführt,“ mehr konnte das arme Kind nicht reden. Schneller als der Blitz machte jetzt Michelſon, den Knaben in ſeinem Arme, denſelben Weg über die hoch⸗ gethürmten Eisſchollen der Swapa zurück, den er her⸗ gemacht hatte; er ſchwang ſich, noch einen Blick auf ſei⸗ nen armen, nun gleichfalls als Leiche daliegenden Diener werfend, auf ſein treues, am Stromufer auf und nieder 1 in der That— dort, wo zwei in einander verwachſene Ei⸗. 207 trabendes Roß, und jagte im nächſten Augenblicke in den Nachtnebel hinein. Es war auch die höchſte Zeit, denn näher klangen wieder durch die düſtere Nacht laute Schre⸗ ckensrufe der nachziehenden Horden, und nicht ferne leuch⸗ tete der Brand eines von den Rebellen angezündeten Dorfes. Michelſon trabte daher jetzt, gleich dem Vater mit ſeinem Kinde vor dem verfolgenden Erlkönige, durch die Nacht, immer aufwärts dem Laufe des Flußes ent⸗ gegen, während er aus dem Munde des Knaben das ganze entſetzliche Unglück Theodora's und Charlow's und die Flucht des Profeſſors mit dem Knaben ſammt allen Ne⸗ benumſtänden erfuhr. Aber der allmächtige Schützer der Unſchuld, der die Kleinen zu ſich kommen ließ und ihnen ſein Himmel⸗ reich verſprach, hatte ſeinen Engel geſandt, daß er den Knaben und ſeinen Retter wohlbehalten mitten durch die Gefahren dieſer Schreckensnacht leitete. Als die Morgenſonne wie ein blutrother Feuer⸗ ball über den Eismaſſen der Swapa hing, hatte Mi⸗ chelſon mit dem kleinen Zwan die Stadt Michailowsk erreicht, deren Branntweinbrennereien und Wachsfabriken zwar von den Rebellen geplündert, aber auch ſchon ver⸗ laſſen waren. Dort fand der Oberſtlieutenant wider ſein Erwarten 208 bei gutgeſinnten Unterthanen der Gräfin Scheremetow gaſtliche Aufnahme und mehrſtündige Pflege für den klei⸗ nen Zwan. Wenige Stunden nach ſeiner Ankunft traf eine ſtarke Abtheilung ruſſiſcher Huſaren im Städtchen ein, und ſo kam es, daß Michelſon jetzt mit Sicherheit ſeine Reiſe nach dem Nordoſten fortſetzen konnte, bald daher mit Zwan auf Umwegen der Wolga zuſteuerte, endlich in Kaſan anlangte. Dort hatte General Bibikow bereits nachdrückliche Anſtalten gegen die ſtets näher rückenden Rebellen ge⸗ troffen. Zetzt ſtand Oberſtlieutenant Michelſon vor dem Obergeneral und meldete dieſem ſein Eintreffen in Kaſan. Ein wahrhaft freudiger Empfang ward ihm. Der Ober⸗ general ſchüttelte Michelſon die Hand.„Unſere größten Feinde in dieſem Feldzuge gegen gemeine Räuber und Rebellen,“ ſagte er„ſind nicht die Menſchen; die ent⸗ ſetzliche Kälte und die ungeheuren Schneemaſſen, welche unſere Ebenen bedecken, ſind es, mit denen wir zu kämpfen haben.“ „Und die wir überwinden werden und überwinden müſſen, Obergeneral,“ erwiderte Michelſon.„Ich habe während meines Aufenthaltes im Süden Rußlands die Kriegskunſt dieſer Rebellenhorden kennen gelernt; ſie be⸗ 209 ſteht in Rauben, Morden und Sengen, ihre ganze Stärke beruht auf ihren Maſſen; ſie ſind ebenſo tollkühn im Siege, als ſie muthlos ſind, wenn ein einziger tüchtiger Schlag gegen ſie geführt wird und wenn die Führer un⸗ ſerer Truppen ihre Pflicht thun—“ „Wenn ſie ihre Pflicht thun!“ fiel der General, mit einem ſonderbaren Zuge des Unmuthes auf ſeinem Ge⸗ ſichte, ein. „Wie?“ rief der Oberſtlieutenant,„haben wir nicht den trefflichen Fürſten Gallizin in—“ „Fürſt Gallizin thut allerdings ſeine Schuldigkeit,“ unterbrach ihn Bibikow;„er überwindet muthig alle Hin⸗ derniſſe.“ „Und Oberſt Larionow,“ bemerkte Michelſon. „Trägt den Generalshut,“ entgegnete Bibikow, „aber kleinmüthig und unentſchloſſen hält er jede Schwie⸗ rigkeit, wie die Macht unſerer Feinde für unbezwinglich. Darum habe ich der Kaiſerin bereits berichtet, daß ich den Befehl über die Truppen gegen Pugakew, während ich in Kaſan mein Hauptlager aufſchlage und von da aus den ganzen Feldzug leite, einem andern, dem tüchtigſten Offizier unſerer Armee übertragen.“ „Dem braven General Manſurow?“ fragte Mi⸗ chelfon. „Nein, dem braven Oberſten Michelſon,“ 210 entgegnete lächelnd der Obergeneral, indem er das bereit gehaltene Oberſten⸗Patent in die Hand des über⸗ raſchten Oberſtlieutenants legte. „Oberſt Michelſon, der Schrecken der Türken und der polniſchen Conföderirten,“ ſetzte der General hinzu, „wird auch der Schrecken der Rebellenhorden Pugatew's ſein; er wird nicht ruhen und raſten, bis er den falſchen Czar mit ſeinem ganzen Anhange in die Hände der Ge⸗ rechtigkeit geliefert haben wird— nicht wahr, Oberſt?“ Michelſon ſtand mit ſtrahlendem Angeſichte vor dem General. Tiefe Rührung über die erhaltene Aus⸗ zeichnung, hohe Begeiſterung für die gerechte Sache ſeiner Kaiſerin malte ſich auf ſeinem ſchönen Antlitze; er ſah ſich ſchon im Geiſte an der Spitze der Tapferen, welche für die Sache des Rechtes gegen den verwegenen Empor⸗ kömmling und Thronräuber ausgezogen waren; er ſah die Fahne wehen, deren Aufſchrift lautete:„Für die Czarin und den Thron Rußlands“— die Stimme ſeines Her⸗ zens ſetzte hinzu:„und für Theodora!“ Schon in den nächſten Tagen ſtürmte Oberſt Mi⸗ chelſon mit tauſend Reitern auf den Feind los, rückte ihm näher und näher, und warf bei dem Dorfe Karakubowka, 22 Werſte vom Ufer und 25 von Tſchesnakowka, hundert Rebellen zurück. Tſchika, welcher mit ſeinen Rebellen 211 dort ſtand, verſchanzte ſich in einem Engpaſſe mit 8000 Mann und 9 Kanonen. Wie ein Adler, der aus den hohen Lüften ſein ſcharfes Auge auf die Flur ſenkt und den Punkt erſpäht, wo er das verfolgte Wild am beſten erfaſſen könne, erſah ſich nun Oberſt Michelſon den Platz, wo er den Feind erfaſſen mußte, um ihn zu zerdrücken. Er wendete ſich nach Tſchesnakowska, ſchlug die Vorpoſten der Re⸗ bellen von 2000 Mann unter ihrem Oberſten Uljanow, nahm ihnen zwei Kanonen ab, ſchützte ſeinen Rücken durch eine aus ſeinem Gepäcke errichtete Wagenburg, und ging hierauf gerade auf Tſchesnakowka los. Dort hatten die Rebellen Batterien errichtet, und empfingen den Oberſten mit Macht und in weit überlegener Zahl; aber mit verhängtem Zügel ließ Michelſon in ſie einhauen— wenige Minuten, und ihre Batterien waren erſtürmt, 800 Rebellen fielen, 2000 wurden gefangen, alle Kanonen und Mörſer und viel Kriegsbedarf fielen in die Hände des Siegers, während von Michelſon's Truppen nur 116 Mann an Todten und Verwundeten auf dem Platze blieben. Jetzt verfolgte Michelſon den Schwarm Tſchika's, welcher ſich gegen Orenburg gezogen hatte. RMittlerweile war auch Fürſt Gallizin gegen Oren⸗ burg vorgerückt. Eine ſtürmiſche Märznacht war es, als 212 die tauſend Rebellen, welche den Major Zelagin getödtet und zwei Kanonen erobert hatten, gegen die eben ſo ſtarken Vortruppen des Fürſten anſtürmten, aber mit Hilfe zweier zur Verſtärkung anrückenden Huſarenſchwa⸗ dronen zurückgeworfen wurden. Pugakew ſelbſt warf ſich mit zehntauſend Mann in die Feſtung Talitſchewa. Achtes Capitrl. Im Rebellen⸗Lager. Das Banner der Geſchichte iſt die Wahrheit. Will die Dichtung dieſes heilige Sternenbanner mit ihren Blüthen ſchmücken, ſo darf ſie den Stamm nicht benagen und entwurzeln, auf dem ſie ihren Schmuck der Erfin⸗ dung aufhängen will. Die Säule der Wahrheit muß unverrückt bleiben, ob ſie auch mit Goldſtreifen und bunten Blumen geziert wird. Aus einem Manne, den die Geſchichte nicht einen „berühmten“, den ſie einen„berüchtigten“ nennt, darf auch die Dichtung keinen Helden ſchnitzen. Der Koſak vom Don, deſſen Geſtalt wie ein blutiger Schatten durch die Kette der erzählten und fol⸗ 213 genden Begebenheiten zieht, iſt in der Geſchichte Ruß⸗ lands als ein„berüchtigter“, nimmer jedoch als ein „berühmter“ Mann verzeichnet. Zemelian Pugakew, der Koſak vom Don, war kein Held. Er war ein Werkzeug zunächſt in der Hand Gottes, welcher zuweilen Attila's unter die Menſchheit ſendet, um ſie zu züchtigen; er war ein Werkzeug der Parteien, kein ſelbſtändiger Character. Wenn der Leſer vergebens nach Großthaten und edlen Gefühlsäußerungen des Namenträgers dieſer Er⸗ zählung ſucht, wenn er die fluchbedeckte Geſtalt deſſelben nur in dunklen Schattenriſſen hie und dort auftauchen und wieder verſchwinden ſieht, wenn dieſer ſogenannte „Held“ der Geſchichte nur wie ein von der Hand ſeines Verhängniſſes geſchleuderter Dämon durch die Sturmfluth der gewaltigen Ereigniſſe ſeiner Zeit fliegt, ohne mit ſtarker Hand und edler Selbſtthätigkeit einzugreifen, ſo iſt die Dichtung gewiſſenhaft geblieben, indem ſie es nicht wagte, dem Manne im blutigen Kleide einen Heldenmantel um die Schulter zu werfen. Kühn und ſtark, unternehmend und verwegen, aber kein großer Mann war Jemelian Pugasew. Aber anders als das ſtrenge Urtheil der Geſchichte lautet das Urtheil des denkenden Menſchenfreundes und Pſychologen. Er zieht wohl auch in Betrachtung die Um⸗ 214 ſtände der Geburt, der Erziehung, der erſten Umgebung eines Menſchen. Er bedenkt, daß Mancher, der ein großer Mann geworden, bei andern Verhältniſſen ſeiner Jugend ein berüchtigter, daß umgekehrt ein berüchtigter zum großen Mann gereift wäre, hätte ſein Leben im Beginne eine beſſere Richtung erhalten. Umſtände und Verhältniſſe beſtimmen den Menſchen, und die Schuld ſeines Lebens iſt faſt immer der Fluch ſeiner verfehlten Erziehung. Alſo ſaß Jemelian Pugakew„der Berüchtigte“ jetzt im Lenzmonate des Jahres 1774 in der Veſte Talit⸗ ſchewa, gegen welche Fürſt Gallizin anrückte. Er ſaß, ein blutiger Attila ſeiner Zeit, in ſeinen rothen Kaftan gehüllt, die Zobelmütze auf dem Haupte, den Fuß auf den Lauf einer Kanone geſtützt, die, eine erbeutete Siegestrophae, zu ſeinen Füßen lag. Stolz wie ein Alexander ſaß der Fürſt des Aufruhrs da, er wiegte ſich in ebenſo ſtolzen Träumen: wie er bald in Kaſan einziehen und die Stadt der alten Chane unter ſein Joch beugen, dann aber nach Moskau zurückkehren und die alte Krone der Czaren auf ſein Haupt drücken würde. — Zetzt erhob ſich ein Wortwechſel des vor ſeiner Thüre wachhaltenden Baſchkiren, die Thüre der Stube öffnete ſich und herein ſtürzte ein hoher Koſakengreis mit weißen Haaren. 215 „Koſchewnikow!“ rief Pugacew aufſpringend. „Bin's, rief ihm der Eintretende entgegen,„bin's, der alte Ataman, welcher zu ſchauen kommt, wie der neue Czar ſich ſeinen Thron zurecht richtet.“ „Wie haſt Du Dich durchgeſchlagen, Deduſchka?“*) rief Pugatew auf den Alten losgehend. „Gerade ſo wie jetzt,“ erwiderte der Ankömmling, „indem ich Deinen Baſchkiren niederſchlug, der mich nicht zu Dir laſſen wollte. Sie hatten mich nach Makariewskvi gebracht, wo mir die Hunde in nächſter Zeit die Knute, dann einen Platz in den Kupferbergwerken des Ural zudachten; aber ich fand noch Kraft genug in dieſen alten Knochen, mich zu befreien— und kurz, da bin ich und will jetzt mit Dir ziehen, Bratez**), denn Du haſt wahrhaft Gro⸗ ßes geleiſtet, und die Welle des langen Dons ſpricht von Dir, Du Teufelsſohn!“ „Gelt, Deduſchka,“ entgegnete der Pſeudo⸗Czar geſchmeichelt,„ich habe meine Brandfackel unter unſere Feinde geworfen, und mein Fuß ſitzt ſchon gewaltig auf ihrem Nacken; Alles ſtrömt mir zu, die Soldaten, welche ſie gegen mich ausſenden, reihen ſich unter meine Fah⸗ nen, und die Offiziere laſſe ich henken.“ *) Großväterchen. **) Brüderchen. —— 216 In dieſem Augenblicke ſtürmte Pugasew's böſer Stern, Salawatka, in die Stube. „Czar!“ donnerte er;„Fürſt Gallizin rückt hinter dem Walde vor der Feſtung herab und hat ſich eine Werſte von hier gelagert; Talitſchewa iſt nicht ver⸗ ſchanzt, wir können uns nicht halten!“ „Laßt Schnee auffahren,“ donnerte ihm der Pſeudo⸗ Czar entgegen,„und laßt ihn mit Waſſer begießen, daß er friere; dann haben wir Wälle, wie wir ſie brauchen, um die Dränger abzuwehren.“ „Gut geſprochen, Du Teufelsſohn,“ rief der alte Koſchewnikow, nach dem Branntwein auf dem Tiſche greifend;„ich ſehe, Du biſt ein tüchtiger Heerführer geworden!“ Zetzt erſchallte von der innern Seite aus der an⸗ grenzenden Stube lautes Jammern. „Was iſt das?“ fragte der Ataman. „Weibergeheul,“ entgegnete Salawatka,„Czar, ich ſage Dir, laß das Weib knuten, oder gib ſie den Koſaken preis, denn lebend bringſt Du ſie doch nicht nach Kaſan.“ „Führt der wiedererſtandene Czar mit Weibern Krieg?“ fragte der alte Ataman. „'s iſt das Weib des Majors Charlow,“ entgeg⸗ nete Pugakew;„ich hatte bisher nicht Zeit, mich weiter mit der Widerſpenſtigen zu befaſſen; ſie iſt eine von der Sippſchaft der Oberſtin in Kaſan, welcher ich den Vor⸗ leſer machen mußte. Ich führe ſie mit mir bis Kaſan, wo ich ſie vor den Augen der Ihrigen zu meiner Leib⸗ eigenen machen will, damit das Gezücht ſehe, daß der Gefangene der Sunibeka an demſelben Platze, wo man ihn in den Staub gedrückt hatte, ſeinen Triumph zu feiern die Macht habe!“ Jetzt riß er die Seitenthüre auf. „Tritt heraus, Weib!“ rief er. Bleich wie der Tod, mit aufgelöſtem Haupthaar, einen leichten Zobelpelz um ihren Leib geworfen, wankte Theodora, die Nichte und Pflegetochter der Oberſtin von Brand, heraus. „Haſt Du Dich beſonnen, Golobuſchka,“*) rief ihr Pugasew entgegen,„willſt Du freiwillig meine Haus⸗ hälterin machen und mir die Fußriemen binden, oder ab⸗ warten, bis ich Dich im Kreml von Kaſan ausſtelle und als meine Leibeigene den andern Weibern meines Hof⸗ geſindes einreihe?“ Theodora erwiderte kein Wort; mit ſtolzer Ver⸗ achtung wandte ſie dem Schrecklichen den Rücken und wankte in ihre Stube zurück. „Elende!“ donnerte Pugatkew;„ich weiß beim äbchen. 1860. XVII. Pugabew. II. 14 218 Barte meines Vaters nicht, was mich abhält, die Stolze nicht ſogleich zu meinen Füßen niederzuſchmettern und ſie zu lehren, was es heißt, die Gunſt des Czaren zurück⸗ zuweiſen!“ „Laß ſie knuten,“ ſchrie ihm Salawatka entgegen, „dann gib ſie dem Lager preis! Was ſoll das Gerippe in Deinen Händen, Du bringſt ſie doch nicht lebend nach Kaſan.“ „Du haſt Recht, Salawatka,“ brüllte der Pſeudo⸗ Czar,„ich will ihr ein paar Hiebe—“ „Teufelsſohn! Czar! Pugatew!“ rief jetzt der alte Ataman dazwiſchen, indem er ſein rieſenmäßiges Brannt⸗ weinglas auf den Tiſch ſchmetterte, daß die gebrannte Flüßigkeit auf den Boden hinſchwamm.„Sag', Jemelian, noch einmal, führſt Du mit Weibern Krieg? Haſt Du nicht eben erſt geſagt, daß Du beſchloſſen, ſie zu Kaſan im Triumphe aufzuführen? Ein Czar muß Wort halten, und ſeine Entſchlüſſe nicht ändern, wie der Wind, der in der Steppe hin und her bläſt.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Pugacew,„aber—“ In dieſem Augenblicke erſchallte von den Außen⸗ werken der Feſtung furchtbares Geſchrei und Waffen⸗ geklirr; Büchſen knallten, Pfeifen ertönten, Alles ſchrie durcheinander, denn Fürſt Gallizin rückte mit ſeiner Macht gegen die Feſtung heran. 219 „s gibt Sturm!“ ſchrie der Ataman.„Auf! der alte Koſchewnikow wird noch einmal den Waffentanz mitmachen!“ Und die Männer ſtürzten aus der Stube auf die Straßen hinaus; dort konnte man deutlich von ferne den anrückenden Feind wahrnehmen. Aber Fürſt Gallizin rückte nur langſam und in großer Ordnung heran. Die Nacht des 22. März ſank herab, eine bitter⸗ kalte Nacht. Pugakew hatte noch Zeit gefunden, ſeine Befehle ausführen zu laſſen. Seine Leute thürmten alſo in aller Eile große Schneemaſſen um das Lager der Stadt, und ſchleppten Waſſer herbei, wodurch ſich in Folge der wahrhaft fürchterlichen Kälte feſte Eiswälle um die ſogenannte Feſtung bildeten. In der größten Ruhe harrten nun die Aufrührer dem Fürſten entgegen. Jetzt war dieſer mit ſeinen Truppen bis auf Schußnähe herangekommen. Da krachte es auf den Eiswällen und Kartätſchenhagel flog ihm entgegen. Aber nun riß auch eine wahre Raſerei in die Glieder der heranrückenden Ruſſen ein. In geſchloſſenen Reihen ſtürmten ſie gegen die Eiswälle. Im Sturmſchritte erſtiegen ſie dieſelben, und nun wüthete die Handwaffe und das Musketenfeuer in allen Richtungen. Eine wahre Mordnacht brach heran. Pugatew's 1* 220 Haufen ſtürzten ſich über die Wälle und zerſtoben nach allen Seiten; 31 Kanonen und 6000 Gefange ließ der Pſeudo⸗Czar zurück, viele der Aufrührer waren getödtet. Pugatew ſelbſt rettete ſich durch die Flucht. Aber auch 1000 Mann von den Truppen des Fürſten Gallizin blieben auf dem Platze. Fürſt Gallizin ließ in Talitſchewa Beſatzung zurück, und entſandte den General Manſurow, um das noch immer von den Rebellen beſetzte Jaitzkoi zu ent⸗ ſetzen. Er ſelbſt flog mit General Freymann nach Berda. Dort, hinter einem aufgehäuften Schneewall, ſaß jetzt Jemelian Pugacew, der Pſeudo⸗Czar. Düſter blickte ſein Auge zu Boden, Todtenbläſſe la⸗ gerte auf ſeinem Antlitze, die Wuth des Beſiegten malte ſich auf demſelben. Vor ihm ſtand ſein Vertrauter Salawatka. „Czar,“ ſagte er,„befiehl, daß wir den Ort an allen vier Ecken anſtecken; wir können uns nicht halten.“ „Du ſagſt es, graue Steppenmöve!“ donnerte ihm Pugakew entgegen;„ich aber ſage Dir, daß Du ein Verräther biſt, den ich an der nächſten Eiche aufhängen laſſen werde.“ „Thu's, Czar,“ entgegnete Salawatka trotzig, „aber laß Dir zuerſt berichten, wie es um uns ſteht, wenn Du mit eigenen Augen nicht ſehen willſt. Den Platz 221 anzünden und uns im Getümmel durchhauen, das iſt unſere einzige Rettung vor der Hand.“ „Wo iſt Koſchewnikow?“ fragte der Pſeudv⸗Czar. „Voraus 6 Korgoli,“ entgegnete Salawatka; „er hat Dein Gepäck und was ſonſt von Werth in unſerm Lager war, ſammt den Weibern dahin gerettet.“ „Der kluge Alte!“ rief Pugacew;„er handelt ſtets, wo wir nur denken; und ich ſage Dir, Salawatka, wir werden doch noch Meiſter unſerer Feinde, deren Zahl und Macht ich nicht fürchte, ſo lange mir nur Einer nicht in den Weg tritt.“ Salawatka blickte den Pſeudv⸗Czar fragend in's Geſicht. „Sieh', Bruder,“ fuhr dieſer fort,„ich kenne nur einen Menſchen, der mir auf meinen Lebenswegen, wo wir uns immer trafen, ſtets wie ein böſes Geſpenſt ent⸗ gegengekommen iſt, und deſſen Blick ich nicht ertragen kann; dieſer Michelſon, der wie ein Stoßadler plötzlich aus den Lüften auf uns niederſchießt, und vor dem ſchon unſer braver Uljanow nicht Stand gehalten hat. Nun, ich denke, der Tſchika wird ihn bei Orenburg ſchon auf's Korn genommen haben.“ Jetzt trat ein finſterer Zug auf Salawatka's Stirne. „Czar,“ ſagte er,„Du haſt mir bisher den Tſchika über⸗ all vorgezogen, Du haſt ihn zum Grafen von Tſchernit⸗ 222 ſcheff ernannt; ich will nicht, daß der Schlaue über⸗ all vorgezogen werde, weil er es beſſer verſteht, Dir Deinen Bart zu ſtreichen.“ „Schweig, Teufelsſohn!“ donnerte Pugacew auf⸗ ſpringend,„willſt Du Dich gegen Deinen Czar jetzt ſchon auflehnen? Ich habe euch den Tſchika vorgezogen, weil er die erſten Thaten der Tapferkeit gegen unſere Feinde vollbrachte, weil er der Einzige iſt, der Kriegserfahren⸗ heit hat; ihr Andern habt nur eure Fäuſte zum Drein⸗ ſchlagen, und während ihr euch aus Talitſchewa hinaus⸗ werfen ließet, hat Tſchika ſicher ſchon bei Orenburg mei⸗ nen Todfeind, dieſen Michelſon, in Ketten gelegt.“ Jetzt ſtürzte ein Leibkoſak des Pſeudo⸗Czaren her⸗ bei.„Czar! Czar! Schreckliches iſt geſchehen! Tſchika, der Graf von Tſchernitſcheff, iſt bei Orenburg mit allen ſeinen Koſaken gefangen worden!“ „Tod und Teufel!“ rief Pugakew aufſpringend. „Hund! Du lügſt!“. „So höre ſelbſt, Czar,“ entgegnete der Koſak,„höre und ſieh ſelbſt, wie die Baſchkiren und Koſaken dort unten ihre Köpfe zuſammenſtecken und von unſerer verzweifelten Lage ſprechen. Dort drüben zieht eben ein Pulk nach Berda zurück; ſie haben die Lanzen geſenkt, weggeworfen, und wollen ſich dem Fürſten Gallizin ergeben, Pardon von ihm erbitten und Dich dem Fürſten ausliefern.“ 223 „Memmen! Steppengeſindel!“ brüllte der Pſeudo⸗ Czar;„ich will unter ſie treten und ſie dezimiren! Woher tam die böſe Nachricht, Du Hund, daß Tſchika gefangen wurde, und wer hat ſeinen Haufen geworfen 26 „Oberſt Michelſon,“ ertönte eine tiefe Baßſtimme; ſie gehörte dem Hordenführer Baſchkurt von Baſchkira, welcher dem Czar ſeinen Säbel vor die Füße warf.„Ich kann meine Leute nicht mehr halten, Czar,“ ſetzte er hinzu, „ſie reißen alle aus und wollen Dich verlaſſen, weil Dein Stern untergeht.“ „Oberſt Michelſon hat den Tſchika, den Grafen von Tſchernitſcheff, in Ketten gelegt, welcher der einzige iſt, der Kriegserfahrenheit hat, während wir nur Fäuſte haben, um drein zu ſchlagen,“ ſagte Salawatka höhniſch auflachend.„Da haſt Du es, Czar!“ „So iſt Alles verloren,“ rief Pugatew, ſeinen ge⸗ zogenen Säbel hinſchleudernd.„Dieſer Michelſon iſt mein böſer Sterk.— Auf, Salawatka, laß das Lager abbrechen!“ „Stoi!“ ſchallte es jetzt wie eine unheimliche Gei⸗ ſterſtimme hinter dem Rücken des Pſeudo⸗Czars. Pugakew blickte um ſich— die lange hagere Geſtalt Mazzarini's ſtand hinter ihm. „Jemelian Pugatew!“ rief er,„iſt das der ſtarke Czar, der mit ſeinem Feuerauge den Thron Katharinens —— — 224 verbrennen wollte? Iſt das der Eroberer Moskaus und Petersburgs, der auf halbem Wege ſtehen bleibt, weil ihm ein Sandkorn vor die Füße fiel?— Stolzer Czar, wenn Du Dich ſelbſt verloren gibſt, ſo biſt Du verloren; der echte Czar wird unter ſein Volk treten und es mit ſei⸗ nem Blicke zermalmen! Wenn Du Muthloſigkeit zeigſt, biſt Du verloren! Dein Schlachtruf muß anders lauten: Auf! Nach Kaſan!“ Ehe der Pſendo⸗Czar den grauenhaften Mahner noch recht in's Auge faſſen konnte, war derſelbe im Ge⸗ tümmel, welches ſich jetzt wie ein plötzlich aufbrauſender Orkan erhob, verſchwunden. Der Pſeudo⸗Czar aber ſtand jetzt umringt von ſei⸗ nem Haufen zügelloſer und bunt zuſammen gewürfelter Rebellen, vor dem Haufen, der ihn im nächſten Augen⸗ blicke zu zerdrücken drohte. Aber die Rede des grauenhaften Mahners hatte in ſeinem Innern ſchon gezündet. „Koſaken und Baſchkiren!“ donnerte er in den heran⸗ ſtürmenden Haufen, der ſich im Ganzen auf zwanzigtau⸗ ſend Mann belaufen konnte.„Freunde! Brüder! Teu⸗ felsſöhne!“ rief er;„ihr kommt, um euern Czar zu zwingen, daß er euch zum Siege führe. Recht ſo! Laßt die Roſſe zäumen, ſchwingt die Lanzen, friſchen Sieg und Beute muß es geben! Auf nach Kaſan!“ „ 225 In dieſem Tone fuhr der Pſeudo⸗Czar mit aller Beredſamkeit, deren ein Koſak fähig iſt, fort, ſeinen wilden Haufen Muth und Kaltblütigkeit entgegen zu ſetzen. In der That brachte ſein entſchloſſenes Auftreten auf einen Augenblick Ordnung in die Maſſen, aber der Zunder der Uneinigkeit war bereits unter die Horde gefallen. Die Baſchkiren, welche bisher ihre Beuteluſt nicht befriedigt fanden, waren bereits in einzelnen Haufen abgezogen; un⸗ ter dem übrigen Haufen erhob ſich zuerſt leiſes, dann lau⸗ teres Murren über getäuſchte Hoffnungen. Die Furcht vor der Rache der heranrückenden regulären Truppen hatte ſich einmal Vieler bemeiſtert— kurz, ehe die Nacht völlig hereinbrach, waren von dem ganzen Haufen Pu⸗ gacew's nur 4000 Mann zurückgeblieben, die Andern zogen theils nach ihrer Heimath, theils meldeten ſie ſich in Oren⸗ burg, wo ſie Gnade erbaten und mit Ausnahme der Rädelführer auch erhielten. Der Pſendo⸗Czar warf ſich jetzt mit ſeinen 4000 Mann und 7 Kanonen nach Kargali, unfern Orenburg; ihre in Berda zurückgelaſſenen Vorräthe ließ der Statt⸗ halter von Orenburg durch Major Subow aufgreifen; ſo erhielt Orenburg Lebensmittel. Bei Kargali wurde Pugacew am 29. März vom Fürſten Gallizin abermals geſchlagen, hierauf Jaitzkoi vom General Manſurow befreit; Pugacew wandte ſich 226 darauf mit dem Reſte ſeiner Haufen gegen die ſibiriſche Grenze, wohin General Frehmann ihn aufzuſuchen abging. Alle dieſe herrlichen Erfolge waren der trefflichen Kriegskunſt General Bibikow's zu danken. Aber einem Gegner war dieſer treffliche General nicht gewachſen: dem Tode. Schon in den erſten Tagen des Aprils traf in Moskau die Nachricht ein, daß Bibikow zu Baskali an einem hitzigen Fieber verſtorben ſei. Sein Nachfolger im Oberbefehl war Fürſt Tſcher⸗ batow in Kaſan, welcher nun ſeinerſeits alle Anſtalten trat, um dem ſchändlichen Empörer die Stirne zu bieten und dem furchtbaren Kampf bald ein Ende zu machen. Der falſche Czar hatte nicht Unrecht, wenn er den muthvollen, thatkräftigen Ritter ohne Furcht und Tadel, wenn er den Oberſten Michelſon als ſeinen am meiſten zu fürchtenden Gegner bezeichnete. Aber nicht bloß die Stimme der Pflicht und Soldatenehre war es, welche den Oberſten zu ſeinem großen Werke begeiſterte— auch die Liebe beflügelte ſeine Schritte. Noch wußte er ſich's nicht zu deuten, wie es möglich war, daß Theodora, deren ganzes Herz er zu beſitzen glaubte, ſeiner ſo ſchnell vergeſſen und Charlow's Gattin werden konnte, ehe ein Lenz verging. Aber ſo redlich der Ritter ohne Furcht und Tadel von Andern dachte, ſo klar ſtand es doch vor ſeinem Geiſte, daß hier 227 die Hand der Oberſtin im Werke, daß ein falſches Spiel geſpielt, daß Theodara ſelbſt getäuſcht worden ſein mußte. Jetzt galt es aber, mit Niemandem zu rechten, jetzt war die Zeit des Handelns, des raſchen Handelns ge⸗ kommen, wenn das Lamm nicht in den Händen des Räu⸗ bers verbluten ſollte. Theodora mußte gerettet werden, ehe ſie unterging in den Händen des Würgers. Mit raſender Eile ſetzte Michelſon daher dem Heere der Aufrührer nach. „Ihn ſchreckten,“ ſagt der Geſchichtsſchreiber,„nicht die größten Hinderniſſe und Beſchwerden. Er ſetzte über angeſchwollene und aus ihren Ufern getretene Ströme. Er achtete nicht den Schlamm, die vom geſchmolzenen Schnee ſumpfigen Wege, in welchen ſeine Leute bis an die Knie waten mußten, nicht den Mangel an Lebens⸗ mitteln und die öden, menſchenleeren Gegenden, durch welche er gehen mußte. Er ſchlug mehr als einen, zum Theil zahlreichen Haufen der Aufrührer, die ihm auf⸗ ſtießen, und erhielt endlich Kunde, daß der von Neuem verſtärkte Pugakew mit einem ſtarken Haufen nach der Veſte Magnitnaja, dreiunddreißig deutſche Meilen vom Ufer des Flußes ZJaik oder Ural ſich gewendet habe.“ 228 Aber die Liebe erſteigt auch Berge und das heiße Pflichtgefühl kennt keine Grenzen ſeiner Kraft. Michelſon unternahm auch den Marſch über das gewaltige Ural⸗ gebirge. Noth und Beſchwerden aller Art kämpften hier gegen ihn. Er ſchlug einen Haufen Baſchkiren und wandte ſich gegen Tſcherbakul. Inzwiſchen hatte Pugakew die Feſtung Magnitnaja und Troitzka erobert, in letzterer den Befehlshaber und die Offiziere wie gewöhnlich hinrichten laſſen, war dann vom Generallieutenant de Colom in die Flucht geſchlagen, jedoch nicht verfolgt worden, daher Pugasew wieder die Koſakenfeſtung Koyegala einnahm und ſich mit 4000 Mann bei Warlamora lagerte. Dort erreichte ihn Michelſon und ſchnitt ihm den Weg nach Tſcherbakul ab. Ein wüthendes Gefecht entſpann ſich, 600 Rebellen blieben auf dem Platze, 400 wurden gefangen, die letzte Kanone Pugacew's ward genommen. Als Michelſon in das zurückgelaſſene Zelt des Pſeudv⸗Czars ſtürzte, um Theodora zu ſuchen und zu finden— da war es leer; der Pſeudo⸗Czar hatte ſein Opfer wieder mit ſich geriſſen. Vergebens entwarf jetzt Oberſt Michelſon mit Gene⸗ ral Colom und zwei Majoren einen Plan zur gemeinſamen 229 Einſchließung des Anführes. Keiner hatte die Thatkraft und Schnelligkeit des begeiſterten„Ritters ohne Furcht und Tadel“. Nur auf ſich und ſein gutes Glück bauend, verfolgte jetzt Michelſon den furchtbaren Salawatka, der, wie Rußlands Geſchichtsſchreiber ſich ausdrückte,„die Baſchkiren aufwiegelte, die Männer folterte, die Weiber ſchändete und die Prieſter am Altare umbrachte.“ Am Fluße Ah war's, am 29. Mai, als Salawatka, der den Fluß aller Brücken und Fähren beraubt hatte, dem Oberſten gegenüber ſtand, und mit ſtolzer Verach⸗ tung ein Zelt aufſchlagen und in demſelben wie zum Hohne des letzteren Tiſche mit großen Branntweinfla⸗ ſchen und Fleiſchtöpfen aufſetzen ließ. Jetzt brüllten es die Verwegenen herüber: daß ihre Verfolger zu Gaſte geladen ſeien, und auch die Wir⸗ thin nicht fehlen werde. Michelſon befahl augenblicklich zwei kleine Kanonen vorzuführen und ſie gegen die Frechen zu richten. Aber in dem Augenblicke, als der Soldat die Lunte anlegen wollte, ſchlug ſie ihm Oberſt Michelſon ſelbſt mit ſeinem Degen zurück, denn ſein Blut erſtarrte; er ſah— Theodora, welche Salawatka, der Schreckliche, als die „Wirthin dieſes Gaſtmahles“ in das Zelt ſchleppen ließ. Bleich und leidend bis zum Tode warf die Arme einen 230 Blick hinüber, ſie wollte rufen, ſtürzte aber ohnmächtig zu Boden. Jetzt befahl Michelſon vierzig Koſaken, deren jeder einen Jäger hinter ſich auf's Pferd nahm, in den Fluß zu ſetzen, und ſchärfte ihnen ein, ſich am Ufer ſo lange zu halten, bis er mit den andern Truppen nachkommen werde. Salawatka aber eröffnete ein furchtbares Feuer hinüber. Einen ſchrecklichern Kampf zwiſchen Pflicht und Liebe hat wohl ſelten ein Sterblicher gekämpft, als Mi⸗ chelſon jetzt kämpfte. Seine Geſchütze ſollte er gegen ei⸗ nen Haufen richten, in deſſen Mitte das größte Kleinod ſeines Lebens, Theodora, gefangen lag! Aber war eine Kugel aus ſeinem Geſchütze nicht beſſer für die Arme, als der tägliche Tod, den ſie erlitt in der Geſellſchaft der Elenden, die von dem gehetzten Pugakew den Auftrag hatten, ſie nach Kaſan zu ſchlep⸗ pen, wo er ſein Siegesmahl an ihrer Seite feiern und ſie zu ſeinem Weibe preſſen wollte? Raſch in ſeinen Entſchlüßen, wählte Oberſt Michel⸗ ſon auch diesmal das Richtige. Er ließ am Ufer Kanonen aufpflanzen, andere verſtopfen und an Stricke binden, um ſie über den Fluß zu ziehen, die Ladungen der Pulver⸗ käſten aber in kleineren Theilen den Reitern aufladen. Dann nahm er ſeinen Säbel zwiſchen die Zähne, ſein 231 Paar Sattelpiſtolen in die Fäuſte, und mit dem Rufe: „Für Gott, das Recht und mein Leben!“ ſprang er in die Fluth, gerade gegenüber der Stelle, wo das Zelt aufgeſchla⸗ gen war, ihm nach ſeine Reiter— die Kugeln ſauſten hinter ihm und vor ihm, das Gebrüll des raſendſten Kampfes umtobte ihn, und in wilder Flucht flogen die Rebellen vor ihm her. Sieben deutſche Meilen weit ver⸗ folgte ſie der Oberſt, bis er athemlos Halt machte; da hatte er wohl den glänzendſten Sieg in ſeinen Händen, aber nicht— Theodora. Erſt am 2. Juni war's, als der Oberſt Salawatka's Haufen wieder einholte, mit allem Feuer der Tapferkeit angriff und ſchlug. Jetzt oder nie mußte er ſein Ziel erreichen! Er ließ die halbe Reiterei den Rebellen nach⸗ ſetzen, und rückte mit der andern Hälfte und dem Fuß⸗ volke nach, und zu ſeinem Glücke, denn plötzlich brauſte Pugatew ſelbſt mit einem Haufen heran. Ein verzweifelter Kampf entſpann ſich; denn Pu⸗ gakew, welcher in ſechs Tagen wieder 5000 Mann ge⸗ ſammelt hatte und dem unthätigen ruſſiſchen Corps in Sibirien auf blutgetünchtem Wege entkommen war, ſtürzte ſich mit der Wuth eines Verzweifelnden auf ihn. Dennoch ſiegte das Recht, und der Pſeudo⸗Czar floh, fünf Werſte weit verfolgt, gegen Ufa, wurde aber auch dort von Michelſon vertrieben, überſchritt hierauf den Fluß Ay, zwang Oſſa, im Gouvernement Kaſan, zur Uebergabe, überſetzte Ströme und Sümpfe, und rückte, jetzt durch neuen Zulauf verſtärkt, mit 20.000 Mann Baſchkiren, Tartaren und anderem Geſindel gerade auf Kaſan. Renntes Capitel. Der Sturm von Kaſan. Eine ſchwere dunkelgraue Wolke hing über der Stadt Kafan, ſie hatte die Umriſſe eines Rieſen, der mit flammendem Schwerte über das Himmelsgewölbe fährt. Die finſtere Nacht des 12. Juli 1774 begann her⸗ ein zu brechen, Blitze eines furchtbaren Gewitters durch⸗ zuckten den Wolkenſchleier; das Klagelied des beginnen⸗ den Wetterſturmes heulte durch die Lüfte, in welchen der aufſteigende Wirbelwind die zerriſſenen Wolken vor ſich jagte. Die Medſchehs oder Bethhäuſer der Tartaren in Kaſan waren mit Gläubigen dieſer Nation, die vielen Kirchen und Klöſter der Chriſten mit Betern dieſes Glau⸗ bensbekenntniſſes angefüllt. Der Aſantjah oder Küſter in den erſtern hatte den einleitenden Spruch:„Neigt euch zur Erde, denn das iſt das Geſetz,“ geſungen, der 233 Molla ſeine Rede geendet und den Tartaren laut ver⸗ kündet, daß Kaſan eine große Gefahr drohe, indem der Aufruhr ſich heranwälze. Ganz Kaſan zitterte, den die furchtbaren Gerüchte über den Schreckenszug Pugasew's erfüllten jedes Haus. Im Kreml der Stadt ſtand aber der Statthalter und nunmehriger General und Oberbefehlshaber von Brand mit dem Generallieutenant Banner. Feſt, wie unbeugſame Eichen, ſtanden dieſe beiden Männer und überlegten, wie ſie die Stadt am beſten gegen den anrückenden Pſeudo⸗Czaren halten könnten, denn ſeine Ankunft gab ſich bereits durch die fernen Wachtfeuer kund, welche am 11. Juli Abends von der Gegend bei Bolgarü herabſchimmerten.— Aber das Haar des Generals von Brand war ſeither weiß gewor⸗ den; die Sorge lag in den Furchen ſeiner Stirne, der Unmuth auf ſeinen Zügen. War es doch ſeine eigene Gemahlin, durch deren Leichtſinn jener„Erzähler“ Pu⸗ gakew aus der Sunibeka entwich, der jetzt als„wieder⸗ erſtandener Czar“ mit Heeresmacht gegen Kaſan heran⸗ gezogen kam. Jetzt öffnete ſich die Thüre des Wappenſaales, und die Herren des„Kriegsrathes“, welcher abgehalten wer⸗ den ſollte, traten ein. Es waren viele vom benachbarten Adel darunter. 1860. XVII. Pugadew. II. 15 234 Mit ihnen ſchritt auch General Larionow in den Saal. Düſter und ſchweigend reihten ſie ſich um die große Mar⸗ mortafel, jeder von ihnen erkannte die ganze Gefahr des Augenblicks. Es ſchallten Trompeten vom Walle herauf. Ein hoher ſtattlicher Mann, unter deſſen kurzem Reiſemantel zahlreiche Ordenskreuze hervorſchimmerten, trat in den Sagl. „General Potemkin!“ ſchallte es durch den Kreis, und die Häupter der Herren im Kriegsrathe neigten ſich vor dem Mächtigen. „Ihre Majeſtät die Czarin,“ begann der General, noch in ſeinen Reiſekleidern daſtehend, indem er zur er⸗ ſten Erfriſchung ein Glas Branntwein von der Tafel an die Lippen ſetzte,„Ihre Majeſtät die Czarin entbietet euch Ihren Gruß, und entſendet mich nach Kaſan, um an eurer Spitze, ihr Herren, zu ſchauen, wie weit der freche Verrath und Uebermuth dieſes verwegenen Kaſaken, der ſich für Peter III. ausgibt, es noch treiben wird, und um mit aller Kraft die Anſtalten zu leiten, welche dieſen ſtets mehr um ſich greifenden Aufruhr endlich bändigen werden. Sagt, was iſt geſchehen, um dieſe Stadt zu halten?“ „Wir haben Gräben ziehen, Wälle und Redouten aufwerfen laſſen, Fürſt,“ berichtete General von Brand, „und ſie ſind mit Kanonen hinlänglich bepflanzt.“ „Und wie groß iſt die Beſatzung?“ fragte Potemkin. „Leider nur 1500 Mann ſtark,“ entgegnete der Ge⸗ neral von Brand. „Aber wir haben 6000 Bürger bewaffnet,“ ſetzte General⸗Lieutenant Banner hinzu;„auch haben wir den Adel der Umgegend, von welchem bereits viele Herren hier im Kriegsrathe ſitzen, zu uns entboten, und ſeine Die⸗ nerſchaft in die Schanzen und Redouten vertheilt, wo ich und General Larionow ſelbſt kommandiren werden.“ Auf Potemkin's Stirne trat ein düſterer Zug.„Und das iſt Alles, was wir dem Rebellenheere entgegenſetzen können?“ fragte er. „Alles,“ entgegnete General von Brand.„Die Ruſſen in der Stadt, die Sloboden in den Vorſtädten und die Tartaren, welche ein Drittheil der Bevölkerung ausmachen, ſind gehörig vertheilt.“ Aber Potemkin ſchüttelte ſein Haupt.„Viel zu we⸗ nig,“ ſagte er,„und wir werden mit aller Kraft zu käm⸗ pfen haben, um dieſe wüthenden Horden von Kaſans Mauern abzuwehren.“ Was der Fürſt vorausſagte, traf ein. Während die Nacht noch unter Vorbereitungen der Einwohner Kaſans verging, ſtrömten bereits gegen Mor⸗ 15* 236 gen viele Menſchen aus der Umgegend in die Stadt, welche angſtvoll verkündigten, daß Pugacew mit ſeiner ganzen Heeresmacht im Anmarſche ſei. Der Schrecken, den dieſe Nachricht verbreitete, war nur zu ſehr ge⸗ gründet. Man kannte in Kaſan nur zu gut die Blutſpuren, auf denen der neue Czar in ſein zu eroberndes Reich ein⸗ ging. Man wußte, wie ſeine Koſaken, Baſchkiren und die in ſeinem Heere befindlichen Zaporogen zu verfahren pflegten. Während des Marſches drangen die Berittenen die⸗ ſer letzteren langſam vor, ohne ihre Pferde bedeutend zu ermüden; das Fußvolk folgte in geſchloſſenen Gliedern der Wagenburg, mit welcher die Marſchirenden den Tag über gewöhnlich auf einſamen Wald⸗ oder Steppenſtre⸗ cken ausruhten. Ein Vortrab von Spionen ritt voraus, um den Weg, der zu nehmen ſei, zu erkunden; Feuers⸗ brünſte bezeichneten ihre Spur. Menſchen, die ſich nicht mehr retten, und das Vieh, welches die Fürchterlichen nicht mehr verzehren oder mitſchleppen konnten, wurden eine Beute der Flammen.„Kinder wurden von ihnen zerhauen, Weibern ſchnitten ſie die Brüſte ab,“ ſagt der ruſſiſche Schriftſteller Nikolaus Gogl,„den Wenigen aber, die ſie frei ließen, zogen ſie gewöhnlich die Haut vom Knie bis zur Fußſohle ab; Mönchen, die um Scho⸗ 237 nung für ihr Kloſter zu bitten kamen, erwiderte der Ko⸗ ſchewoi:„Meine Koſaken wollen nur ihre Pfeifen an⸗ zünden!“— Schon ſah man in Kaſan die Horde Pugatew's her⸗ anziehen; Trompeten und Pfeifen der Koſaken und wilde Rufe derſelben kündeten ihre Anweſenheit. Ohne lange eine beſondere Schlachtordnung zu bilden, über⸗ ſchwemmte der wilde Haufe die Flächen und Hügel vor der Stadt; die Koſaken drangen ſogleich auf Schußweite vor und entluden alle ihre ſechs Schuh langen Büchſen. Das Knattern ihres Feuers dehnte ſich über die Fläche wie ein fortgeſetzter Donner. Eine Rauchwolke ſchwebte vor den Wällen und das Schießen litt keine Unterbre⸗ chung mehr. Während die Reiter in der erſten Reihe ihre Büchſen abbrannten, luden andere in den letzten dieſelben, und führten auf dieſe Weiſe die Belagerten irre, welche nicht ſogleich begreifen konnten, wie die ihnen ſichtbaren Koſaken ununterbrochen ſchoßen, ohne zu laden. In den Wolken des ſchwarzgrauen Rauches konnte man bald nicht mehr wahrnehmen, wie dort und da einer aus den Reihen fehlte, und wie jetzt Pugakew nach dieſem Vorſpiele des Sturmes plötzlich ſeine halbmondförmigen Haufen zertheilte, und drei gewaltige Kanonen vorſchie⸗ bend, mit ganzer Macht gegen die Mauern der ge⸗ ängſtigten Stadt vordrang. Pugakew flog auf einem 238 kleinen doniſchen Pferde dem Haufen voran, hinter dem⸗ ſelben ſah man eine Taratäka, eine Art kleiner Kaleſche, worin der Pſeudo⸗Czar nach der Meinung ſeiner Leute ſeine Schätze und die Siegel ſeines neuen Reiches mit⸗ führen ließ, abſeits jagen. Zetzt donnerte auch von den Wällen Kaſans der erſte Gruß einer vollen Kugelladung herüber. Man kannte in der Stadt das Schickſal derſelben, wenn es den Aufrührern gelang, ihre Wälle zu erſteigen. Mit großer Vorſicht waren daher alle Poſten auf den Wällen beſetzt, und überall flogen die Generäle und an⸗ deren Stabsoffiziere, der Beſatzung Muth einſprechend, herum. Die metallenen Rieſenzungen der großen Glocken im Kreml und in den zahlreichen Kirchen verkündeten nun auch am 12. Zuli 1774 mit anbrechendem Morgen den Beginn des Generalſturmes, der jetzt wie ein wü⸗ thender Orkan näher brauſte. Wie die Cyklone des wilden Burans von den Hoch⸗ kuppen des Ural herabſauſt und rieſige Schneewolken vor ſich herjagt, wie im erſchütternden Erdbeben der Bo⸗ den in tauſend Spalten zerklüftend kracht und das rothe Feuer aus demſelben hervorſchießt, ſo brauſte und tobte jetzt der Sturm der Rebellenhorde gegen die Stadt. Furchtbar ſchwankte das eiſerne Würfelſpiel. 239 Dort riß eine Kartetſchenkugel eine Reihe anſtür⸗ mender Baſchkiren aus dem Haufen, hier ſank ein ſchwer Getroffener auf dem Walle; es ſpieen große Feuer⸗ ſchlünde ihre metallenen Eingeweide den Koſakenſchwär⸗ men der Stürmer entgegen, dort wirbelte eine Rauch⸗ wolke über die mit wilden Flüchen und Schlachtrufen her⸗ anſtürmenden Maſſen. „Perod! Perod!“*) ſchallte es wie vor Niſchnaja⸗ Oſernaja von Seite der Stürmenden,„Niebos! Nie⸗ bos!“*) von Seite der Belagerten. Es war eine Schreckensſcene, wie jene des wilden Jägers im Oden⸗ walde, ein Bellen, Heulen, Brüllen und Raſen zwiſchen Himmel und Erde, ein furchtbares Nachtſtück des Schre⸗ ckens, und mitten durch das ſchaudervolle Blutgemälde der Nacht flog auf einem hohen Rappen, wie ein blutrothes Geſpenſt, wie der Fürſt der Finſterniß, Jemelian Puga⸗ kew, der Koſak und Pſeudo⸗Czar, von einem Belagerungs⸗ punkte zum andern, nicht achtend der tauſend Lanzen und pfeifenden Kugeln, welche über ſein Haupt und rings um ihn herumflogen. Es galt für ihn Alles an dieſem Tage, deſſen blutrothe Morgenſonne eben wie eine rie⸗ ſige Blutperle über dem Horizonte heraufſtieg. Zetzt drängte ſich der wilde Haufe der Stürmenden, *) Vorwärts!**) Muth! 240 durch immer neue Zuzüge der nachziehenden Haufen ver⸗ mehrt, gegen die Wälle zu. Nun entbrannte der Kampf am heftigſten und die wie Heuſchreckenſchwarm anwachſenden Haufen der Re⸗ bellen überſtrömten die Mauern; die ihnen entgegen ſtür⸗ menden Truppen der Beſatzung Kaſans waren zu gering, um überall auszureichen. Sie kämpften wie die Löwen— aber was vermag der Löwe der Tapferkeit gegen die Hydra des Verrathes! An den Trümmern des alten Thurmes vor Kaſan, den Czar Jwan IV. vor zweihundert Jahren hatte auf⸗ führen laſſen, ſtand ein Wachtpoſten mit vorgeſtreckter Muskete— aber es war kein Ruſſe, wenigſtens kein Ruſſe von Muth und Treue; kaum dröhnte der erſte Schlachtruf der heranſtürmenden Rebellen zu ſeinen Oh⸗ ren, ſo verließ er ſeinen Poſten, und jetzt drang der wilde Haufe ein. Die Beſatzung wich dort und da vor der Uebermacht der Stürmenden zurück. Auf hohem Roſſe, den Federhut auf dem Haupte und den blitzenden Degen in der Fauſt ſchwingend, jagte Fürſt Potemkin an der Spitze der Kerntruppen der Be⸗ ſatzung den Aufrührern entgegen. Aber eine raſche Schwenkung der pfeilſchnellen Koſakenhorde ſchnitt wie ein ſpitzer Keil in die Truppenmaſſe des Generals, und 241 von den Lanzen der Rebellen durchbohrt, ſtürzten die be⸗ ſten Streiter der Beſatzung von ihren Pferden. Zetzt mußte Fürſt Potemkin fürchten, von den übri⸗ gen, in der Feſtung kämpfenden Beſatzungstruppen abgeſchnitten zu werden. Raſch ließ er ſeinem Trompeter das Zeichen geben, um ſeine Truppen und Kanonen zu ſammeln. Mit rieſenhafter Kraft bahnten ihm jetzt ſeine Reiter eine Gaſſe, und es war die höchſte Zeit, denn ringsherum ſtanden die Vorſtädte und Sloboden in Flam⸗ men und Leichenhügel thürmten ſich zu Hauf. Jeder Zoll⸗ breit der Straße wurde mit raſender Wuth vertheidigt und mit raſender Wuth genommen. Keine Schonung gab's, kein Wort von Gnade entfloh den brennenden Lip⸗ pen der Streiter, Geheul und Gebrüll, Geröchel, Knallen der Schüſſe und Klirren der Waffen allein war vernehm⸗ bar, und der letzte Ton dieſes Trauerkonzertes war das Geraſſel an den Ketten der Fallbrücke, welche ſich ſchloß hinter den fliehenden Truppen der Beſatzung, die ſich jetzt mit General Potemkin in die Feſtung der Stadt zurückgezogen hatten, um dort den letzten Verſuch einer Vertheidigung zu machen, und ihr Gut und Leben ſo theuer als möglich an den Schreckensmann der Empörung zu verkaufen. General von Brand mit ſeiner Gemahlin befanden ſich gleichfalls an dieſem letzten Zufluchtsorte im Kreml. 242 Dort, im ſtillen Kloſet, wo einſt der„Erzähler“, der jetzt als„Eroberer“ in der Stadt unten wüthete, zu den Füßen der ſtolzen Oberſtin, nunmehr Generalin von Brand ſaß, lag jetzt neben ihrer Tochter Malwina, der Gemahlin des Major Charin, die ſtolze Semiramis von Kaſan und— weinte; doch nur verſtohlen, denn als jetzt ihr Gemahl, der General von Brand, in das Kabi⸗ net trat, preßte ſie ihre Thränen zurück, um nicht den Schein einer Schwäche an ſich zu tragen, obwohl ihr todtenbleiches Antlitz, ihr ganzes leidendes Ausſehen, die ſichtliche Abmagerung ihrer früher wohlbeleibten und kraftvollen Geſtalt deutlich zeigten, daß die Kraft der ſtolzen Frau gebrochen war. General von Brand trug ſeinen Arm in einer ſchwarzen Binde, denn die Wurflanze eines Koſaken hatte ihm eine Wunde geriſſen. „Nun, Madame,“ ſagte er, mit bitterem Tone ſeinen Säbel auf einen Divan ſchleudernd,„nun werden Sie den„Erzähler“, den Sie aus der Sunibeka entwiſchen ließen, bald als Eroberer von Kaſan, als Czaren aller Reuſſen wieder zu Ihren Füßen ſehen. Hören Sie ſeinen Schlachtruf an die letzten Thore unſerer Schutzmauern klingen?“ Die Generalin ſchwieg, aber ihr trauriger Blick traf das Auge des Generals. Pif 243 „Vater!“ bat Malwina, auf den Erbitterten zu⸗ ſchreitend,„was nützen jetzt Vorwürfe, wo Hilfe von Nöthen?“ „Du haſt Recht, meine Tochter,“ entgegnete Herr von Brand;„aber wo, wo ſoll uns Hilfe werden? Die wenigen Truppen unſerer Beſatzung kämpfen mit Löwen⸗ muth; ſiedendes Pech und glühende Kugeln ſchleudern ſie auf die Häupter der Rebellen; aber dieſe ſchießen wie Pilze aus der Erde und hinter dem JZwansthurme tauchen immer neue Schwärme hervor. Wenn Gott kein Wunder thut, ſo brennt auch der Kreml in der nächſten Stunde an allen Ecken, und wir ſinken mit ihm in den Schutt, aus dem uns kein Machtwort der Czarin mehr ins Lager rufen kann! Alle unſere Stabsoffiziere ſind verwundet.“ „O wo weilt mein Gatte?“ jammerte Malvina, „warum eilt er uns nicht zu Hilfe!“ „Major Charin,“ entgegnete der General,„ſteht, wie die letzten Berichte ſagen, am Jaik, und kann Kaſan nicht ſo ſchnell erreichen, als es vom Feinde genommen ſein wird.“ Jetzt erhob ſich Frau von Brand mit dem ihr auch im Unglücke noch eigenthümlichen Stolze.„Beruhige Dich, meine Tochter,“ ſagte ſie;„noch iſt nicht Alles verloren! General Larionow, der Treueſte der Treuen, 244 der uns in dieſen Gemächern oft ſeiner Ergebenheit ver⸗ ſicherte, hat mir verſprochen, in dieſem Kabinet das blutige Haupt des Empörers Pugakew zu meinen Füßen zu legen, und iſt gewiß jetzt ſchon—“ „Auf der Flucht über die Wolga,“ fiel der General ein;„der Treueſte der Treuen hat Kaſan mit„wenigen Dienern“ angſtvoll verlaſſen, und ſucht das Weite, um einige hundert Werſte von uns ſeinen theuren Leib in Sicherheit zu bringen. Sie ſehen alſo, Madame, daß auf dieſe Salonsherren ihrer Aſſemblee nicht zu rechnen iſt.“ „So iſt Alles verloren!“ jammerte die Generalin zuſammenbrechend. Und ſie ſchien Recht zu haben, denn unten ertönte jetzt ein wahrhaft ſchauderhaftes Gebrülle und Jam⸗ mern; furchtbar heulten die Sturmglocken des Kremls darein, todtenbleich ſtürzte General Potemkin in das Kloſet.„Pugakew hat die Stadt eingenommen!“ donnerte er,„Alles iſt verloren!“ Und unten folgte nun das Blutbad.... „Alles,“ berichtet der Geſchichtsſchreiber dieſer Belagerung,„Alles, was den Barbaren begegnete, wurde niedergemacht, gemißhandelt, geplündert. Morden, Rau⸗ ben, Sengen, Brennen, Schwelgen war die ganze Be⸗ ſchäftigung der Rebellen. Eltern ſahen ihre Kinder, Kinder ihre Eltern ermorden. Die Unmenſchen kannten 245 kein Mitleiden. Zur Erhöhung des Unglücks und zum Untergange noch vieler Menſchen ward die Stadt in Brand geſteckt.“ Selbſt die hochliegenden Balken, mit denen die Straßen der Stadt ſtatt des Pflaſters bedeckt waren, geriethen in Brand, und das Löſchen wurde ganz unmög⸗ lich*). Erſt mit hereinbrechender Nacht legte ſich der Sturm zum Theile, und Pugakew traf jetzt, berauſcht vom Siegesfreudentaumel, Anſtalten, den letzten General⸗ ſturm gegen⸗die Feſtung ſelbſt zu unternehmen. Am äußerſten Weſtende der Stadt ſtand ein, bereits oben erwähnter, alter, himmelhoher, aber bedeutend ver⸗ fallener Thurm. Sein ſchwarzes Gemäuer, um welches eben die Flamme des Aufruhrs lohte und der Mord und die Plünderung raſten, hatte vor zweihundert Jahren ein ähnliches ſchreckliches Trauerſpiel mit angeſehen. Es war dies der ſchwarze Jwansthurm, welchen Czar Jwan IV. zur Erſtürmung der Stadt Kaſan auf⸗ geführt hatte. „Mehrere Feldzüge,“ berichtet der Geſchichtsſchrei⸗ ber Rußlands,„wurden gegen die Tartaren von Kaſan *) Seitdem iſt die Stadt mit Steinen gepflaſtert, wurde aber im Jahre 1842 wieder in Aſche gelegt. Die Bohlen von Ei⸗ chen, die an den Seiten der Häuſer als Gangweg gelegt waren, beſchleunigten auch diesmal die Ausdehnung des Brandes. Siehe Alexander von Humboldt's Reiſen. 1 Bd. S. 73. 246 unternommen, ohne daß es dem Großfürſten von Moskau gelang, ſie gänzlich zu unterwerfen. Ein ſteiler Berg, ſchon von der Natur zu einer Feſtung gebildet, fünf Stunden von Kaſan an der Swiaga gelegen, wo dieſer Fluß in die Wolga fällt, gab dem Czar plötzlich den Gedanken, dieſen Punkt zu befeſtigen und von demſelben aus Kaſan anzugreifen. Kaum war er nach ſeiner Hauptſtadt zurück⸗ gekommen, ſo wurden mit der größten Thätigkeit Bäume gefällt, zugehauen und als Balken ineinandergepaßt, ſo daß dieſe Materialien nur zuſammengeſtellt zu werden brauchten, um eine neue Stadt zu bilden. Nach vollendeter Arbeit wurde Alles auf große Kähne geladen, welche nebſt einer beträchtlichen Mannſchaft die Wolga hinab⸗ ſchwammen. Unter Begünſtigung eines dicken Nebels langte man unbemerkt am Fuße des Berges an, und beſetzte ihn ohne Widerſtand. Alle Hände waren nun Tag und Nacht in Bewegung, und nach einem Monate ſtand eine neue Stadt, wie durch einen Zauberſchlag, da, welche man von dem Fluße Swiaga Swiaks nannte. Sie war geräumig; eine Hauptkirche und ſechs Neben⸗ kirchen nebſt einem Kloſter verherrlichten dieſelbe. Vor⸗ nehme von Moskau, Kaufleute und andere Leute ver⸗ ſchiedener Stände errichteten daſelbſt Häuſer und Paläſte auf eigene Koſten; die benachbarten Tſcheremiſſen unter⸗ warfen ſich dem Schutze derſelben, verſprachen einen Tribut und konnten 40.000 waffenfähige Männer 247 ſtellen. Die Bewohner von Kaſan erſchraken über dieſe neue Colonie, und die Beſtimmung derſelben wohl vor⸗ ausſehend, befeſtigten ſie ihre Mauern und Wälle mit Sorgfalt. Im folgenden Jahre verließ Zwan ſeine Hauptſtadt, vertraute die Regierung ſeiner Gemahlin an, und traf den 17. Juni 1552 bei ſeinem Heere ein. Der gute Zuſtand deſſelben verſprach ihm einen glücklichen Erfolg; das ſchwere Geſchütz hatte er auf der Wolga herbeikommen laſſen. Sofort ward nun Kaſan ein⸗ geſchloſſen, und ungeachtet eines heftigen Widerſtandes der Tartaren rückten die Belagerer doch immer weiter vor. Der Czar war überall; oft umritt er die Stadt, beſichtigte die Arbeiten, leitete die Erbauung der Schan⸗ zen, und ließ vornehmlich einen großen Thurm erbauen, welchen man mit zehn Kanonen beſetzte, welche die Stadt unaufhörlich beſchoßen, während die Strelitzen mit ihren Feuerröhren in die Straßen zielten, ſo daß Nie⸗ mand weder außerhalb, noch innerhalb der Häuſer ſicher war. Der Großfürſt hatte einen Arzt bei ſich, der zugleich Ingenieur war. Dieſer legte Minen unter die Stadtmauer, zu gleicher Zeit ſchnitt man der Stadt das Waſſer ab, zwanzig Pulverfäſſer wurden in die hinein⸗ führenden Kanäle gelegt, und den 2. Oktober war Alles zu einem Hauptſturme bereit, wo man alle Minen wollte ſpringen laſſen. Es war ein Sonntag; eine feierliche Meſſe wurde im Lager geleſen, welcher der Czar bei⸗ 248 wohnte. Als der Prieſter im Evangelium die Worte: „Es wird nur eine Heerde und ein Hirt ſein,“ las, wurde das Zeichen zur Abbrennung der Minen gegeben. Mit einem donnerähnlichen Krachen, von welchem die Gegend weit hin widertönte, flog ein Theil der Mauern in die Luft. Die Belagerten erbebten, verloren aber den Muth nicht. Sie vertheidigten die entſtandene Mauerlücke, ſie vertheidigten ſich auf den Trümmern der eingeſtürzten Wälle, ſie ſchleuderten von ferne Pfeile auf ihre Feinde, unterhielten ein lebhaftes Kanonen⸗ und Gewehrfeuer, goßen in der Nähe kochendes Waſſer auf die Anſtürmen⸗ den, und warfen Balken und Steine auf ſie herab. Man ſchlug ſich von Gaſſe zu Gaſſe, Hügel von Leichen bedeck⸗ ten den Boden, um jeden Fußbreit Erde floß Blut. Am wüthendſten war das Gefecht beim Palaſte des Chans. Dieſer war in ein entferntes Viertel zurückgedrängt, mit einem Häuflein Getreuer kämpfte er den Kampf der Ver⸗ zweiflung. Schon ſchwebte ein Säbel über ihm zum Todesſtreiche, da rief eine Stimme:„Es iſt der Chan!“ Dies rettete ihm das Leben; gefangen ward er nach Moskau gebracht, wo der unglückliche Mahomet Indiger die chriſtliche Religivn annahm und in einer anſtändigen Haft lebte. Kaſan war gefallen, und ſomit die Macht der damaligen Herrſcher, der alten und unverſöhnlichen Feinde Rußlands, für immer gebrochen.“— 249 Auf der Plattform dieſes Thurmes ſtand jetzt wie Luzifer, der oberſte der Teufel, in ſeinem rothen Kaftan gehüllt, mit der Sperberfeder auf der hohen Zobelmütze, Jemelian Pugakew der Schreckliche. Sataniſche Freude malte ſich auf ſeinem, vom Feuer des Brandes zu ſeinen Füßen beleuchteten Antlitze. „Perod! Perod*)!“ ſang der Schreckliche vor ſich hin.„Slawa bogott, Kripokt wſiata y ia tam**).“ Jetzt drang ein Denſchik**), welcher zu den Re⸗ bellen übergelaufen war, auf die Plattform des Thurmes herauf.„Fünfhundert von den Beſatzungstruppen, die am Feſtungsthore einen Ausfall machen wollten, ſind ge⸗ fangen, Czar,“ berichtete er. „Nieder mit ihnen,“ donnerte ihm der Trunkene entgegen. Und der Denſchik verſchwand, um den Befehl auszuführen. Ihm folgte ein Zaporoge, der berichtete, daß zwei⸗ hundert Andere am Oſt⸗Ende der Stadt das Gewehr ge⸗ ſtreckt und um Gnade gebeten hätten. „In's Feuer mit ihnen!“ brüllte der Pfeudv⸗Czar. Ein Dritter kam und berichtete in gleicher Weiſe von der Gefangennehmung vieler Kaufleute der Sloboden. ³) Vorwärts. *) Ruhm ſei Gott, die Stadt iſt mein, und ich bin hier! ***) Militäriſcher Diener. 1860. XVII. Pugabew. II. 16 250 „In die Kaſanka mit ihnen!“ ſchrie Pugakew;„doch ſollen ſie erſt gemartert werden, damit ſie ihre Schätze anzeigen!“ Und ſo ging es in einem Athem fort; die To⸗ desurtheile in Maſſen folgten auf einander, wie zwanzig Jahre ſpäter die der Blutmänner von Paris. Dann wandte er ſich zum Kreiſe, der ihn umſtand. „Branntwein!“ donnerte er,„Branntwein ſo viel, daß jeder Koſak ſich darin baden mag! Kaſan iſt unſer, und wer will noch läugnen, daß ich wahrhaft der wiedererſtan⸗ dene Czar bin, der gekommen iſt, den Thron ſeiner Väter zu beſteigen?1 „Vivat redivivus et ultor!“ ſchallte es von unten, und eine mächtige Blutfahne, mit dieſem Schlachtrufe beſchrieben, flatterte von der Plattform des Thurmes und hüllte den Fürſten der Empörung in ihren Schatten. Jetzt ſchwang der Schreckliche ſein Glas mit feu⸗ rigem ruſſiſchen Branntwein, und wahrhaft fürchterlich klangen ſeine Lebehochrufe, die er, umbrauſt vom Plün⸗ derungsgetümmel, in die Nacht hinausdonnerte, bis der Geiſt des brennenden Getränkes und die größte Ermü⸗ dung ſeine Zunge erſtarren machte. „Jetzt will ich ſchlafen!“ ſtammelte er, ſich taumelnd zur Thurmtreppe wendend. Aber„Stoi, Czar!“ ſchallte es ihm entgegen. 251 Sechs finſtere Männer mit ellenlangen Ruſſenbärten ſtanden hinter ihm. Es waren die Stimmführer der Roskolniki oder Staroweérzi(Altgläubige), Männer, welche ſich eher todt⸗ ſchlagen ließen, als daß ſie das Zeichen des heiligen Kreu⸗ zes anders als mit zwei Fingern machten*). Sie verneigten ſich vor dem Eroberer bis zur Erde. „Czar,“ ſagten ſie,„Kaſan liegt zu Deinen Füßen, und bald wirſt Du in ſeinem Kreml einziehen. Du ſtehſt an der Spitze Deines Glückes; Du weißt aber, daß wir es ſind, die Dir Deine Fußſtapfen geebnet und die Stimme ²) Die ruſſiſchen Geiſtlichen riefen in ihrem Glaubenseifer keine andere Streitigkeit hervor, als, indem der Erzbiſchof Nicod den Cultus vereinfachen wollte und den Czaren Alezis zwang, ſeine Beſtimmungen durchzuſetzen. Wer ſich weigerte, das Zeichen des Kreuzes nur mit drei Fingern zu machen, verlor die Hand. In Folge dieſes grauſamen Befehls traten Schismatiker auf, die nun auch von der Nicod'ſchen Ueberſetzung der heiligen Bücher und ſeiner neuen Litanei nichts wiſſen wollten. Sie ließen ſich lieber die Hand abſchlagen, als daß ſie das Kreuzzeichen anders als mit zwei Fingern machten, um anzudeuten, daß der heilige Geiſt nur vom PVater abſtamme. Man nannte ſie Roskolniki (Schismatiker), ſie ſelbſt nennen ſich Starowerzi(Altgläubige). Fürſt Potemkin erlaubte ihnen eigene Kirchen zu bauen und wollte ſie als eine fanatiſche Macht benützen. Jetzt werden ſie nicht mehr verfolgt und haben unter allen Ständen Rußlands großen Au⸗ hang. 16* 252 des ruſſiſchen Volkes für Dich erobert haben; Du weißt, welchen Pact wir mit einander geſchloſſen und was wir daher von Dir erwarten dürfen. Wir wollen uns deſſen verſichern, und legen Dir hier das Pergament vor, auf dem Du uns, noch ehe Du in den Kreml einziehſt, Reli⸗ gionsfreiheit und Sicherung unſerer Rechte verbürgſt— unterſchreib alſo, Czar!“ Ein alter Pope, welcher mit den Roskolniki herauf⸗ geſtiegen war, hielt dem Eroberer das Pergament und eine in Feindesblut getauchte Feder hin. „So könnt ihr nicht einmal abwarten, ihr Klein⸗ gläubigen,“ donnerte ihnen der Czar entgegen,„bis ich meinen ehernen Fuß in den Kreml Kaſans geſetzt habe? Wie, Starowerzi, traut ihr eurem Czare ſo wenig, daß ihr Siegel und Brief haben müßt, ehe ſein Werk noch vollendet iſt?“ „So iſt es Sitte in Rußland,“ entgegnete kalt der Pope;„auch die Czarin, die Du vom Throne ſtoßen willſt, hat, ehe ſie als ſolche ausgerufen wurde, den Ruſſen ihre Rechte an die Krone verbürgt.“ „Aber nicht gegeben!“ ſchrie auflachend der Pſeudo⸗ Czar.„Wie? ſind wir nicht deßwegen hier, um im Kampfe mit der Ungerechtigkeit und Treuloſigkeit unſer altes Recht zu erobern? Fort mit eurem Mißtrauen, ihr Kleingläu⸗ bigen, fort mit dem papiernen Plunder. Das Eiſen allein 253 iſt jetzt die Sprache, die Geltung hat; ich will nichts unterſchreiben, bevor meine Sendung vollendet iſt!“ „Du mußt, Czar!“ ſchrie der Pope,„Du haſt es zugeſagt, als Du um unſern Beiſtand zu Deinem Werke warbſt.“ Aber ein Fauſtſchlag des gewaltigen Pugakew ſtreckte den kühnen Redner zu Boden. „Müſſen?“ donnerte er;„wer wagt es, mit Czar Peter III. alſo zu rechten? Ihr Popen ſeid ſtets die Laurer und Wühler im Haufen!“ Dann wandte er ſich von dem heulend zu Boden geſunkenen Popen zu den todtbleichen Roskolniki.„Ihr habt mir kein Unrecht vorzuwerfen,“ donnerte er;„ihr habt mir nichts gegeben, was nicht mein war vom An⸗ fange her. Was ſtarrt ihr da, ihr Elenden? Bin ich nicht Czar Peter III., warum ſeid ihr mir gefolgt und habt meine Sache verfochten? Und bin ich der Czar, wie könnt ihr es wagen mit mir alſo zu rechten und mir Geſetze vorzeichnen, wo nur ich zu dictiren habe?— Fort mit dem Plunder!“. Er riß dem Sprecher der Roskolniki bei dieſen Wor⸗ ten wüthend das Pergament aus den Händen, und ſchleu⸗ derte es weit hinaus in das an allen Ecken brennende Ka⸗ ſan.„Dort ſucht euern Pact!“ ſchrie er, und ein gellen⸗ des Hohngelächter folgte dieſen Worten. 254 Da wandte ſich der Pope zu ſeinen Begleitern. „Brüder,“ ſagte er,„wir nennen uns Altgläubige, ſind aber Kleingläubige geweſen. Von dieſem Czar haben wir nichts zu erwarten; er wird enden, wie er angefangen— treulos und klein!“ „Werft den Hund in die Flamme!“ ſchäumte Pu⸗ gakew, indem er auf den Popen losſtürzte, aber dieſer und ſeine Begleiter hatten bereits die Thurmtreppe im Rücken und verloren ſich im wüſten Getümmel der Plünderung. Als der„falſche Czar“, der alſo dieſem Beiſatze be⸗ reits alle Ehre zu machen begann, jetzt ſein glühendes Antlitz nach einer andern Seite wandte, da tauchte im Feuerſchein des von allen Seiten hereinſtrahlenden Bran⸗ des vor ihm eine hohe Geſtalt mit weißem Barte empor. Es war ein Greis, der einen weißen, mit breiten blauen Bändern beſetzten Schafpelz, und eine rothe, neun Fuß lange Binde trug— ein Prieſter, eine Art Bramine der Kalmücken. Seine Hände hatten eine offene Silber⸗ ſchale, in welcher Gold und edles Geſtein flimmerte, und im Feuer des ringsum wüthenden Brandes widerſtrahlte; hinter ihm waren zwei Poſaunenträger in rothen Ge⸗ wändern mit entblößten Häuptern, ihre am Ende ver⸗ ſilberten Poſaunen von ſieben Fuß Länge tragend, meh⸗ rere Schalmeibläſer, dann drei andere Männer aus der Klaſſe der Ghelungen, Ghezuelen und Mandſchi, d. i. 255 der höheren und niederen Geiſtlichkeit und der Schüler. Der erſte derſelben trug ein ſcharlachrothes Gewand und eine Krone auf dem Kopfe, die mit Bildern verſchiedener böſer Geiſter beklebt war und an deren Spitze ein Gebet⸗ ſpruch hing, welches ſo befeſtigt war, daß es leicht vom Winde bewegt werden konnte, wodurch„die böſen Göt⸗ ter beſänftiget wurden“. Der Ghezuele war weniger koſtbar gekleidet, trug aber einen ſilbergeſtickten Kragen und kurzen Mantel mit rother Binde; der Mandſchi trug einen Schafpelz und eine gelbe niedrige Mütze mit einem beweglichen Gebetſpruch; hinterher trat ein Pauker herauf, der ſein Inſtrument auf Stäben in der Luft und einen Schafsknochen als Schlä⸗ gel, in der andern Hand aber eine Muſcheltrompete hielt. Dieſe ſeltſame Geſellſchaft ſtand jetzt vor dem Pſeudv⸗Czar, und der erſterwähnte Prieſter oder Lama verneigte ſich dreimal. Er hatte ſeine Hand um einen aus mehr als hundert Kügelchen beſtehenden Roſenkranz gewunden.„Om nea ni pad mã chom,“ flüſterte er.*) *) Dieſe Worte ſind eigentlich ohne Bedeutung, aber das heiligſte Gebet der Budhaiſten, mit denen ſie eine Art Verehrung der Gottheit ausdrücken, und durch welche ſie ihre Lippen in ſo ſchnelle Vewegung bringen, wie dies bei keinem andern Gebete der Fall iſt. 256 Der Ghelunge aber hatte ſeine Gebetmaſchine in den Händen, d. i. eine kleine hölzerne Walze, welche in einem zierlich geſchnitzten und bunt bemalten Geſtelle an einer ſenkrechten Spindel befeſtigt war, vermittelſt einer Schnur ſich drehen ließ, und in den hohlen Räumen ihrer Walzen mit geſchriebenen Gebeten für die Gottheiten der Kalmücken aller drei Rangſtufen gefüllt war. Der Lama verneigte ſich tief vor dem ihm ent⸗ gegen tretenden Pſeudo⸗Czaren. „Die Götter grüßen Dich,“ begann er in ruſſiſcher Sprache,„Du biſt wahrhaftig ein Sieger!“ Der Gruß ſchien dem Eroberer zu ſchmeicheln. „Was wollt ihr, wer ſeid ihr?“ fragte er ruhiger. „Prieſter und Schüler aus dem Tempel des höchſten Gottes und ſeiner Untergötter,“ entgegnete der Lama; „wir bringen Dir an Gaben, was unſer Tempel vermag, aber Du ſollſt dem Sturme Einhalt thun, der unſere friedlichen Wohnungen verwüſtet, und das Feuer in den ſilbernen Opferſchalen bannen, die auf den Altären un⸗ ſerer Götter ſtehen, und die wir Dir darreichen, mit un⸗ ſeren Gaben gefüllt, ehe die Poſaune der Rache über Deinem Haupte erdröhnt.“ Das Auge des Pſeudo⸗Czaren ruhte auf den Schät⸗ zen, die ihm aus den Silberſchalen entgegenblitzten. „Ihr kommt alſo, um Gnade zu bitten für die Stadt, 257 die mir Widerſtand leiſtete,“ ſagte er,„ihr bietet mir das als Löſegeld, was vhnedies mein iſt? Her mit eurem Golde! Euch gehört kein Stäubchen mehr davon, mein iſt Alles und ich bin der Czar!“ Da legte der Oberprieſter ſeine breite Hand auf die Silberſchale.„Das iſt heiliges Gut,“ rief er,„und wenn wir Dir es opfern, ſo fordern wir dagegen—“ „Was fordern!“ brauſte der Pſeudo⸗Czar auf;„ihr habt nichts zu fordern; die Stadt iſt mein, und wehe dem, der alſo mit ſeinem Czaren zu reden wagt!“ Und ſeine Fauſt erfaßte die Silberſchale und riß den Ghelungen die Gebetmaſchine aus den Händen. Jetzt flammte auch das Auge des ſtolzen Prieſters. „Du biſt nicht der Czar!“ rief er klagend,„Du biſt nur ein Werkzeug der Götter. Kehre um, Empörer, auf der Bahn des Würgens, und—“ Ein gewaltiger Fauſtſchlag des Pſeudo⸗Czars machte den kühnen Redner verſtummen, er ſtürzte zu Boden, und ein hohltönender Sturm und Klagelaut aus den Poſaunen ſeiner Begleiter erdröhnte. Er wurde von dem Jammergeheule der Kalmücken und Tartaren, welche unten von den Plünderern gejagt, herumflogen, erwidert. Aber vergebens ſammelten ſich dieſe am Thurme. Ein Haufe wüthender Koſaken und Baſchkiren mähte be⸗ 258 reits unter ihnen und unter den nach allen Seiten aus⸗ einander ſtäubenden Begleitern des in ſeinem Blute hin⸗ geſtreckten Lama's. Laut auflachend ob dem neuen gräßlichen Schau⸗ ſpiele ſtand der Pſeudv⸗Czar, und ſein gieriges Auge zählte nur das koſtbare Opfergeſtein in den Silberſchalen. Zetzt flog ſein Blick wieder empor— er ſchrak zurück. Wie ein auftauchendes Nachtgeſpenſt ſtreckte ſich hinter ihm die hagere Geſtalt des Wälſchen Mazzarini empor. Ein lan⸗ ger, langer Blick ſeines düſtern Anges ruhte auf dem glühenden Antlitze des Empörers.„Mann der Revolu⸗ tion!“ rief er,„ich komme, Dich an der Schwelle Deines Siegestempels zu begrüßen und Dich noch einmal zu er⸗ innern, daß Du nicht vergeſſeſt, das Panier feſſelloſer Einheit auf den Mauern zu entfalten, die nun bald von Dir erſtiegen ſein werden!“ Aber der Pſeudo⸗Czar ließ den ernſten Mahner nicht ausreden. „Noch ein Dränger und Schuldenmahner?“ rief er glühend vor Wuth und Trunkenheit.„Fort mit dem Nachtgeſpenſte! Selbſtherrſcher will ich ſein, und dulde Keinen neben mir, der mir Befehle ertheilen will!“ Da ſtreckte ſich die Geſtalt Mazzarini's noch ein⸗ mal empor, ſein düſteres Auge ruhte mit furchtbarem Aus⸗ drucke auf den Zügen Pugatew's. 259 „Alſo gezählt, gewogen, zu leicht befunden,“ ſagte er ruhig und mit heiſerm Tone.„Jemelian Pugasew, Du biſt, wie der Lama ſagte, nur das Werkzeug in der Hand Deiner Meiſter, Du wirfſt Deinen Manutel zu früh von Dir, und zertrittſt die Häupter derer, die Dir den Weg zum Siege gebahnt haben. Nur vorwärts, ſtolzer Brutus, bei Pharſalus werden wir uns wieder ſehen; zuvor aber wird Dir noch Einer über den Weg treten, über den der Czar ſteigen muß, wenn er den Thron erklimmen will; kennſt Du den Namen Michelſon?“ Der Pſendo⸗Czar trat einen Schritt zurück, als ob das Blei einer Kugel an ſeine Stirne geprallt wäre. „Was heult dies Nachtgeſpenſt?“ ſchrie er, und ſeine Worte verhallten in dem immer wüthender heranſauſenden Plünderungsſturme. Er ſtürzte trunken vor Siegesluſt und Branntwein, den er während dieſer Scene aus einer nebenſtehenden Flaſche ununterbrochen ſchlürfte, auf den Wälſchen los; aber dieſer verſchwand in dem Getümmel, und der Pſendo⸗Czar ſtürzte hinab in die brauſende Fluth des Mordes und der Plünderung, deren ſchreckliches Getöſe nur durch das Brüllen der Feuerſchlünde vom hohen Kreml unterbrochen wurde. . Der Pſendo⸗Czar ſtürmte jetzt mit ſeiner ganzen Macht gegen die Feſtung des Kremls, um ſeinem Werke 260 der Zerſtörung und des Fluches die letzte Krone aufzu⸗ ſetzen. Aber mitten im Kampfesgetümmel wandte der Schreckliche ſein ſchwarzes Koſakenroß und hielt einen Augenblick an, denn wie ein Poſaunenruf klang die Kunde in ſein Ohr:„Oberſt Michelſon ſtürme mit ſeinen Trup⸗ pen in Eilmärſchen gegen Kaſan heran.“ So war es auch. Der heldenmüthige Oberſt hatte nach dem Siege bei Ufa die Rebellen verfolgt, mehrere Haufen derſelben geſchlagen, und verfolgte jetzt voll Kampfesluſt und Sie⸗ geshoffnung die Spur des Empörers. Kaum hatte der Oberſt die Kunde, daß der Pſeudo⸗Czar ſich gegen Ka⸗ ſan gewandt, ſo ſetzte er Alles daran, demſelben den Weg abzuſchneiden, und als dies bereits nicht mehr mög⸗ lich, ihn doch einzuholen, ehe Kaſan erſtürmt war. Am Abende, als Pugacew vor Kaſan ſtand, war der Oberſt nur noch fünfundvierzig Werſte weit von Kaſan entfernt. Noch in der Nacht brach der brave Oberſt mit ſei⸗ nen Truppen, die bloß tauſend Mann betrugen und vom Marſche ermattet waren, auf, um der geängſtigten Stadt zu Hilfe zu eilen. Als die Sonne hinter den Bergen heraufſtieg, konnte er ſchon den Donner der Kanonen vor Kaſan hören, und bald erblickte er auch den furchtbar aufſteigenden Rauch— 261 das ſchreckliche Zeichen, daß die Hauptſtadt der alten Chane an allen Ecken in Brand ſtehe. Die Sonne ſenkte glü⸗ hende Strahlen auf die Unglücksſtätte. Oberſt Michelſon mußte wegen der furchtbaren Er⸗ mattung ſeiner Truppen und zur Fütterung der Pferde Halt machen. Kaum waren dieſe von der Tränke zurück⸗ geführt, als ausgeſandte Kundſchafter Nachricht brachten, daß tanſend Aufrührer in ſeiner Nähe lagerten. Dies hören und den Haufen überrumpeln, war bei Michelſon Eins. Seine Reiter hieben in die Rebellen, zerſtäubten ſie, und vierhundert Gefangene blieben in den Händen des Siegers. Zetzt ſtand dieſer nur noch ſiebzehn Werſte von Kaſan, und gleichzeitig mit der Kunde von dem traurigen Schickſale der Stadt, ward ihm auch die andere, daß Pu⸗ gadew ſich in der Nähe bereits in Schlachtordnung befinde. Der Empörer, aller der Geiſter, die er entfeſſelt hatte, nicht mehr mächtig, konnte ſeine Leute, die mit Plündern, Sengen, Brennen und Schwelgen in Kaſan beſchäftigt waren, und nicht weniger als zwanzigtauſend Gefangene zuſammengebracht hatten, noch nicht ſammeln, er hatte alſo nicht alle ſeine Streitkräfte vereinigt, raſte aber vor Racheluſt und zog, ſo gut es ging, aus der Um⸗ gebung andere Rebellenhaufen an ſich. Ein heißer Tag, der Tag des Kleides Maria, das 262 iſt nach ruſſiſchem Ritus der 2., nach unſerem Kalender der 14. Juli, war aufgegangen. Pugatew gönnte ſeinen Leuten an dieſem Tage Raſt. Aber am 15., am Tage des grie⸗ chiſchen Heiligen Hyazinth, zog er dem Oberſten entgegen. Michelſon war inzwiſchen von Potemkin aus der Feſtung mit 180 Mann verſtärkt worden, und rückte dem Empörer bis auf fünf Werſte weit entgegen. Bald überſah er die überlegene Macht Pugatew's. Er theilte daher ſeine Truppen in drei Haufen, die ſich ziemlich nahe halten mußten, um von den Rebellen nicht überflügelt zu werden. Dicht hinter jedem Flügel lag ein Hohlweg, den Michelſon mit fünfzig Mann Infanterie und einer Kanone beſetzte. Sein Fußvolk voran, ſeine Reiterei hinterdrein, ſtürzte nun der„Ritter ohne Furcht und Tadel“ auf das Rebellenheer los, deſſen verhältniß⸗ mäßig ungeheure Anzahl ihm ein ſchweres Spiel bereitete. Ein ſchwerer Kampf begann, wechſelnd fiel der ei⸗ ſerne Würfel. Der falſche Czar, deſſen ganzes Sein in dieſem Au⸗ genblicke auf dem Spiele ſtand, kämpfte mit der Wuth der Verzweiflung. Vor Allem hatte er ſeinen jaikiſchen Koſaken, die er in das erſte Treffen ſtellte, befohlen, alle Flüchtlinge niederzuſtoßen. Vier volle Stunden wüthete der Kampf. Wie raſende Höllengeiſter durchflogen Pugakew und 263 ſeine ſogenannten Generäle die Reihen der Kämpfer. Die Blutfahne mit der Aufſchrift:„Redivivus et ultor!“ 6 flatterte in allen Richtungen ſeinen Haufen voran, und grauenvoll tönte der Wirbel der Hornpauken, das Fluchen der Kämpfer, das Heulen der Verwundeten, das Praſſeln der brennenden Sparren und Dächer der auf der Schlacht⸗ linie liegenden Häuſer darein. Zetzt ſank, jetzt hob ſich wieder die Blutfahne der Rebellen.„Sieg! Sieg! Iſtinve woskres!“ ſchallte es, und die Truppen Michelſon's wichen auf einer Seite zu⸗ rück. Wildes Jubelgebrüll der Empörer verkündete ihren beginnenden Sieg— aber nur auf kurze Zeit; denn wie der Adler durch die höchſten Lüfte ſchwebt und mit ſiche⸗ rem Auge ſeine Beute auf der Erde erfaßt, hatte Oberſt Michelſon das Weichen ſeiner Truppen wahrgenommen. „Unſere Mutter, die Czarin, erwartet von euch einen Sieg, Kinder!“ rief er ſeinen Reitern zu, dann faßte er die Standarte mit dem Bildniß des heiligen Mi⸗ chael, des Racheengels, und mit dem leiſen Rufe:„Theo⸗ dora!“ ſtürmte er mit dem Flammenſchwerte der Ver⸗ nichtung auf die Rebellenmaſſe ein.„Führ uns, Vater!“ donnerten ihm ſeine braven Reiter entgegen, und drauf 5) Er iſt auferſtanden(der Czac)! 264 und dran ging's gegen den Lanzenwald der wüthenden Koſaken und Baſchkiren. In dieſem Augenblicke ſchwenkte Major Charin ſeine Reiter vom linken Flügel gegen den Feind. „Nun,“ ſchreiben die Jahrbücher Rußlands,„riß der reißende Strom der ruſſiſchen Tapferkeit Alles mit ſich fort. Alles wurde über den Haufen geworfen und in die Flucht geſchlagen!“ Major Charin jagte mit verhängtem Zügel den in überſtürzter Flucht weichenden Rebellen nach. Dreißig⸗ tauſend Meineidige verloren an dieſem Schlachttage ihr Leben; mehr als fünftauſend wurden gefangen, alle Ka⸗ nonen der Rebellen erbeutet, und was wohl das Größte und Freudigſte, dreißigtauſend Perſonen aller Stände, welche die Aufrührer in der Stadt und der umliegenden Gegend zu Gefangenen gemacht hatten, jubelten und wein⸗ ten mit Freudenthränen dem ritterlichen Befreier ihren Dank zu! Nur ein hundert ſiebzig Todte und Verwundete zählte ſeine eigene Schaar. Zetzt riefen es alle Glocken der Stadt und des ho⸗ hen Kremls mit feierlichen Klängen in das Land hinaus: daß die alte Stadt der Chane, das große Kaſan durch die Tapferkeit und Kriegserfahrung des herrlichen Krie⸗ gers, des Ritters ohne Furcht und Tadel, Oberſt Mi⸗ chelſon befreit ſei!— 265 Wo vor einigen Augenblicken der Mord geraſt, das Feuer gewüthet, das Schwert gemäht hatte, da ſchallten nun Jubelklänge; die Flammen erloſchen, die Flüchtigen kehrten zurück, Gatten und Brüder, Eltern und Kinder fanden ſich zuſammen und ſanken ſich ein⸗ ander in die weit geöffneten Arme; die Ordnung zog in die rauchenden Gäſſen, auf die ſich wieder füllenden Plätze ein. Die Thore der Stadt thaten ſich auf. Ein nimmer endender Walffahrtszug aus allen Standesklaſſen bewegte ſich mit Windesſchnelle dem Hel⸗ den entgegen, der jetzt mit dem Kerne ſeiner braven Trup⸗ pen, eine Ehrenwunde an der reinen Stirne, das Banner der Ehre und des Sieges mit dem Bildniſſe des heiligen Racheengels in ſeiner Hand, auf die befreite Stadt zu⸗ geritten kam. „Bog s toboj!“*) „Gott ſei mit Dir, Du Sieger und Retter von Tauſenden! Du Erlöſer, Du Heiland unſeres Volkes!“ ſchallte es aus tauſend Zungen. Wie die Kinder um den Vater, drängten ſich jetzt Ruſſen, Tartaren, Kalmücken, treu gebliebene Koſaken, und was Kaſan an verſchiedenen Volksſtämmen in ſich faßte, um das Roß des Oberſten Gott ſei mit Dir! 1860. XVII. Pugabew. II. 17 266 Michelſon. Sie faßten den Saum ſeines Reitermantels, ſie rangen nach ſeinen Händen, um ſie zu küßen; ſie riſſen die grünen Zweige von den Bäumen und ſtreuten ſie auf ſeinen Weg— ein Hoſianna war's, ein heiliges unbeſchreib⸗ liches Hoſianna voll des aufrichtigſten und unermeßlichen Jubels, ähnlich dem Einzuge des Heilandes der Welt in Jeruſalem, welches jetzt den Beſieger der Revolution in die offenen Thore von Kaſan geleitete. Dort empfing ihn neuer Jubelſturm; Mütter hiel⸗ ten ihm ihre Kinder entgegen, und zeigten dieſen zum Gedächtniſſe für ihre Lebenszeit den Retter aus der höch⸗ ſten Gefahr. Am Thore des Kremls aber trat dem edlen Ober⸗ ſten der General von Brand entgegen. Er konnte nicht reden, aber das naſſe Auge des ſonſt jeder Thräne ungewohnten Generals, der warme Druck ſeiner ſtarken Hand, mit welcher er den Oberſten an ſein Herz zog— ſie ſagten Alles, was er in dieſem Augenblicke empfand. Vor dem Thore des Kremls wandte ſich Oberſt Michelſon noch einmal zur nachjubelnden Menge um. „Nicht mir, dem da droben!“ rief er, und ſein blitzender Degen wies zum Himmel. Und das ganze Volk ſank auf die Knie, und in allen Zungen erklang ein weithin hallender Jubelruf zum 267 Himmel, der dem galt, welcher nach langen Schreck⸗ niſſen den Blick der Erbarmung auf ein bedrängtes Volk geſandt und durch den ſtarken Arm eines Helden ſeine Peiniger nach allen Winden zerſtreut hatte. Wie der Baß zu dieſem Chorale donnerten die Sieg kündenden Kanonen des Kreml darein. Jetzt drückte Oberſt Michelſon ſeinem treuen Cha⸗ rin die Hand.„Dir nächſt, Gott und meinem guten Glücke danke ich dieſen Sieg!“ rief er. Dann wandte er ſich gegen ſeine Reiter.„Kinder!“ rief er ihnen zu,„unſere Mutter, die Czarin, wird er⸗ fahren, wie ihr mit Löwenmuth geſtritten. Dort jagt unſer Feind, ſeine letzten Reiter ſind nur noch wie kleine Punkte am Horizonte ſichtbar, das hat euer Heldenmuth bewirkt, der in der Geſchichte Rußlands fortleben wird bis in die ſpäteſten Zeiten!“ Zetzt ſprengte ein Hauptmann der Reiterei heran. „Oberſt,“ rief er,„unermeßliche Beute haben wir dem Feinde abgenommen. Sollen wir mit der Vertheilung un⸗ ter die Truppen beginnen?“ „Gott ſei davor!“ donnerte ihm Michelſon da⸗ gegen;„der Sieger darf nimmer den Raub der Beſieg⸗ ten theilen. Auf, laßt die Trommel rühren und die Pfei⸗ fen ertönen, laßt alle Beute auf den größten der Plätze Kaſans in Ordnung legen und Wachen dazu ſtellen. Ze⸗ 17* 268 der Eigenthümer eines Stückes möge ſich das Seine ausſuchen, und nur das, wofür ſich kein ſolcher findet, werde unter unſere Truppen vertheilt!“ „Und Euer Antheil?“ rief der Hauptmann. „Den werde ich mir ſelbſt ſuchen,“ erwiderte Mi⸗ chelſon mit glühendem Antlitze, und er gab ſeinem Rap⸗ pen die Sporen und ſprengte, gefolgt von dem unbe⸗ ſchreiblichen Jubel der Menge, dem General von Brand nach, welcher ihm nach der erſten Begrüßung voraus⸗ geritten war, um die Anſtalten zum feierlichen Empfange des herrlichen Siegers im Kreml zu treffen, wo Potem⸗ fin und die andern Generäle im großen Wappenſaale auf den Tapfern harrten. Aber Michelſon ſuchte mit gierigen Augen nach ſeiner Beute.... nicht Gold und Geſtein, nicht koſt⸗ bares Gewand und gefüllte Fäſſer waren es, was er ſuchte— Theodora, Theodora, die unglückliche Gefangene, die Beute des Rebellen war es, die ſein flammendes Auge in allen Straßen Kaſans aufzufinden ſuchte. Ach, vielleicht lag die Arme ſchon mit zerſchmetter⸗ tem Haupte unter irgend einem Aſchenhaufen der ein⸗ geſtürzten Brandſtätten— vielleicht hatte ihr der Wüthe⸗ rich im letzten Augenblicke ſeiner Flucht ſein Eiſen in das Herz geſtoßen! Kein Haus des weiten Kaſan blieb undurchſucht, 269 keine Leiche unter den tauſend Gefallenen unbetrachtet— aber keine Spur von Theodoren!— Zetzt ſtand Held Michelſon im Waoffenſaale des Kremls und empfing aus Potemkin's Händen im Namen der Czarin den erſten Dankesgruß. Der Fürſt überreichte ihm ſeinen eigenen Säbel als Ehrendegen und ſchloß ihn mit tiefer Bewegung in ſeine Arme. „Die Kaiſerin wird den Helden belohnen,“ rief er, „welcher der Rebellion die Ader zerſchnitt, indem er die Hauptſtadt Kaſan befreite!“ Glückwünſche und Segensworte regneten nun auf das Haupt des edlen Siegers, und Alles drängte ſich, ihm die gebührende Huldigung zu erweiſen, nur Eine nicht— Frau von Brand, die gedemüthigte Semiramis von Kaſan. Sie verſchloß ſich in ihr Kloſet und hatte nicht den Muth, dem Manne entgegen zu treten, den ſie früher ſo ſehr mißachtet hatte. Aber Michelſon dachte jetzt nicht mehr an das im Kreml zu Kaſan Erlebte, ſondern all ſeine Gedanken wa⸗ ven bei Theodoren. General von Brand konnte ihm über Theodorens weiteres Schickſal nichts mittheilen, da er, ſeit ſie an Charlow's Seite von Kaſan fortgezogen war, nichts mehr von ihr erfahren hatte. Von Michelſon's Liebe zu Thev⸗ 270 dora hatte der Herr von Brand keine Kenntniß, denn ſeine Gemahlin hatte ihm Alles verſchwiegen, da ſie nur zu gut wußte, wie ſehr ihr Gatte den edlen Michelſon ſchätzte und wie wenig er ihre Pläne, dieſem Theodoren zu entziehen, gebilligt hätte. Mit Staunen und inniger Theilnahme entnahm jetzt General von Brand aus einzelnen Worten Michel⸗ ſon's deſſen edle Neigung zu Theodora; er wollte fra⸗ gen, wie es gekommen ſei, daß Michelſon nicht früher ein Wort hierüber verloren habe, aber dieſer ließ ihm zu keiner Frage Zeit; wie ein dem Tode Verfallener, dem nur noch die kurze Friſt weniger Minuten in dieſem Le⸗ ben gegönnt iſt, fragte und forſchte er angſtvoll in allen Straßen und Plätzen Kaſans nach einer Spur von Theo⸗ doren— vergebens. Es war nur zu gewiß, der Empörer hatte ſie auf ſeiner Flucht von Kaſan mitgeriſſen, oder noch vor ſei⸗ nem Einzuge in die Stadt getödtet.— Pugacew hatte die Nacht nach ſeiner Niederlage in einem Walde verbracht, und ſtand bald wieder an der Spitze von fünfzehnhundert Mann, mit denen er am 18. Juli, oder am 6. nach griechiſchem Ritus, gegen die Wolga zog. Zwar fehlte es ihm dort an Fahrzeugen zum Uebergange, aber er ſetzte mit fünfhundert ſeiner Treueſten, größtentheils ilitzkiſchen und jaikiſchen Koſaken, 271 über den Strom, den Uebrigen befahl er, zurückzugehen und die Fackel der Verwüſtung überall, wo ſie könnten, hinzuſchleudern, er würde bald wieder zu ihnen ſtoßen. Pugakew's Erſcheinen jenſeits der Wolga glich der eines weltzertrümmernden Kometen. Man ſchien dort auf ſeine Ankunft nur gewartet zu haben. Alles empörte ſich. Die Unterthanen ſtanden gegen den Adel, die Land⸗ leute gegen ihre Obrigkeit auf. Schwert und Feuer raſten um die Wette. Wie ein blutiges Geſpenſt zog der falſche Czar, dieſe Geißel Gottes, weiter. In der Stadt Ziwilsk am Flüßchen Zywil, in der Statthalterſchaft Kaſan, ließ er den Woiwoden henken, und da ſich auf dem fortgeſetzten Marſche ſein Haufe ſtündlich mehrte und er auch wieder Kanonen erhiekt, ſo brannte, raubte und mordete er, und ließ, wie die Geſchichte Rußlands berichtet,„vornehme und angeſehene Perſonen unter den ausgeſuchteſten Mar⸗ tern ſterben.“ Oberſt Michelſon durfte, ſo ſehr es ihn drängte, über Theodorens Schickſal endlichen Aufſchluß zu erhal⸗ ten, Kaſan nicht verlaſſen; denn verſchiedene Haufen der Empörer umſchwärmten noch immer die Stadt. Erſt als durch Ueberläufer der Empörer die Kunde nach Kaſan kam, daß bereits die Fürſten Gallizin und Tſcherebatow zum Entſatze heranrückten, und daß Pugakew durch ſeine 272 Niederlage vor Kaſan keineswegs entmuthigt, nunmehr ſogar die alte Czarenſtadt Moskau bedrohe, flog Oberſt Michelſon an der Spitze ſeiner Reiter über die Wolga und über Tſchebakzar gegen Arſamaſch hinab. Auf dieſem Marſche begegnete er vielen gebundenen Edelleuten, die man auf die Schlachtbank des Pſeudo⸗Czaren liefern wollte; aber ſein gutes Schwert zerhieb ihre Banden und machte ihre Peiniger zu ſeinen Gefangenen. Mit ſicherm Blicke und pfeilſchnell ſchnitt der Oberſt dem Empörer jetzt den Weg nach Moskau ab, wartete aber ſein Erſcheinen nicht ab, ſondern ſuchte ſeine Verei⸗ nigung mit dem Oberſten Bosnäk zu bewerkſtelligen, wel⸗ cher ſich dort mit einem Bataillon Infanterie, zwei Com⸗ pagnien Artillerie und fünfhundert Koſaken verſchanzt hatte. Pugakew, tollkühn und racheglühend, zog ſogleich dahin, und ſtand, ehe Michelſon noch anlangen konnte, auf dem Berge vor Saratow. Kaum ſandten ſeine Kanonen die erſten Grüße auf die Veſte, als die Koſaken in derſelben ſchon ein Thor er⸗ brachen, und ſich wie ein reißender Strom an Pugakew's Horde anſchloßen. Nothgedrungen folgten ihnen die Bür⸗ ger der Stadt, um ihr Leben zu retten. Zetzt ſah Oberſt Bosnäk, daß er die Stadt nicht länger halten konnte; im Geleite von dreißig Braven und einigen Offizieren zog 273 er ſich an die Wolga hinab und fuhr in einer Schaluppe nach Zaritzin. Major Salmanow, welcher in der Veſte zurück⸗ geblieben war, ergab ſich mit der Infanterie an Pugacew, leiſtete den Eid der Treue und wurde ſogleich Oberſt im Rebellenheere. Nothgedrungen that Artillerie⸗Hauptmann, Fürſt Baratajew, das Gleiche. Aber man traute ihm nicht, und wenige Tage darauf lag er, von den Rebellen hin⸗ geſtreckt, als Leiche auf dem Wege. Alſo wüthete der Schreckliche, und ſeine Macht wuchs wie die der Gewitterwolke, die ſich, alle Wäſſer der Himmel nach ſich ziehend, endlich zum ſchwarzen Rie⸗ ſenmantel ausdehnt, aus welchem die Blitze des Him⸗ mels auf die bange Erde niederſchießen. Alle Koſaken an der Wolga ſchlugen ſich jetzt zu dem Empörer. Er erſtürmte Dmitriewsk, ließ den Befehlshaber hinrichten, zog die Beſatzung mit, rückte nach Dubowka, ſchlug am 9. Auguſt bei Zaritzin ein aus 500 Mann, 9 Kanonen, 1000 doniſchen Koſaken und 6000 Kalmücken beſtehendes Heer unter dem Major Freiherrn von Dietz, weil die Leute des letzteren die Flucht nahmen, erbeutete die Kanonen, ließ ſich von den Gefangenen huldigen, reihte einen Theil der Kalmücken in ſeinen Haufen, und zog nun auf Zaritzin, am Einfluße der Zaritza in die 274 Wolga zu, dieſe Stadt, die Oberſt Ziplatow beſetzt hielt, um jeden Preis zu erſtürmen. Aber bis hierher und nicht weiter! Schon war der Arm erhoben, welcher dem Sturme einen mächtigen Damm entgegenſtemmen ſollte. Schon flog St. Michael, der Racheengel, genannt Michelſon, herbei. Der Oberſt hatte Potſchinsky, die kleine Kreisſtadt an der Rudna befreit, und mit ihr 45 Reiter der kaiſerlichen Garde, welche die Rebellen eben gebunden zum Galgen geführt hatten. Nun ſchwang aber der Racheengel auch ſein Rache⸗ ſchwert; denn Schonung und Milde war bei dieſer un⸗ menſchlichen Horde nicht mehr am rechten Platze. Mi⸗ chelſon ließ daher gleichfalls einige der Unmenſchen für ihre Frevelthaten mit dem Tode beſtrafen. Dann zog er den Major Grafen von Mellin und den Oberſtlieutenant Muffel an ſich, und rückte in Eil⸗ märſchen gegen Zaritzin vor. Unterhalb Zaritzin, wo ſich die Wolga in einem rechten Winkel gegen das kaspiſche Meer wendet, und auf ihrer linken Seite die Sarpa aufnimmt, liegt am Fuße der Sarpa'ſchen Hügelkette das freundliche Städt⸗ chen Sarepta, die letzte deutſche Herrnhuter⸗Colonie. Im Frühling bilden Tulpe und Iris den reizenden Wieſen⸗ 275 ſchmuck dieſer Gegend, im Sommer herrſcht dort eine Alles zerſtörende Hitze, und im Herbſt bedecken nur graue Artemiſien den Boden. Das Städtchen ſelbſt mit ſeinen freundlichen, mit Pappeln bepflanzten Straßen und dem Springbrunnen und der kleinen Kirche macht einen ſehr angenehmen Eindruck auf den Reiſenden. Dorthin zog ſich jetzt Pugakew mit ſeiner Horde, um dann weiter nach Tſchernajarsk zu gehen. Er rechnete nun darauf, daß Michelſon ihm in dieſe Steppe nicht folgen würde. Aber der kluge und entſchloſſene Oberſt war kein Mann des Zuwartens und Schwankens. Raſch verſah er ſich mit Lebensmitteln, zog vierhundert treue Koſaken aus Zaritzin an ſich, und rückte, entſchloſſen den Rebellen auch in die Wüſte zu folgen, ſchon am Tage des hei⸗ ligen Photius, oder am 12. Anguſt nach griechiſchem, 24. Auguſt nach unſerem Ritus, dem Aufrührer bis auf eine deutſche Meile entgegen. Hinter zwei ſtarken Hohl⸗ wegen erwartete ihn der Pſeudo⸗Czar, der mehr als 20.000 Mann mit 24 Kanonen und einem Mörſer hatte, und eine im Ganzen ſehr gute Schlachtordnung entwickelte. Eine kurze Kanonade, welche Michelſon eröffnete, war nur das Vorſpiel; dann ſprengte der Oberſt an der 276 Spitze ſeiner Reiter vor und hieb in die Flanken des Rebellenheeres ein. Nichts widerſtand ſeiner Macht. Schrecken und Tod flog vor ſeinen Reitern her. Er kam, ſah, und ſiegte; wie das Schwert des Racheengels St. Michael theilte ſein guter Degen Maſſen der Feinde, die nach allen Seiten zerſtoben. Zweitauſend Todte, ſechs⸗ tauſend Gefangene und das ganze Geſchütz Pugatew's blieb auf dem Platze; die geraubte Czarenkrone flog von ſeinem Haupte, er floh— fünfunddreißig Werſte weit, und hinter ihm jagte Michelſon drein. Jetzt wollte Pugacew wieder Stand halten, aber noch einmal warf ihn Michelſon über den Haufen, machte noch einmal ein⸗ tauſend Gefangene, und ein glorreicher Sieg war er⸗ fochten. Oberſt Michelſon hatte nur einen Fähnrich und zwölf Mann verloren, dreiundſiebzig ſeiner Leute waren verwundet. Die Kriegskunſt des Oberſten hatte über die zwar größere, aber ungeübte Maſſe des Aufrührers geſiegt. Dieſer hatte nur noch 300 Getreue unter ſeinem ge⸗ raubten Scepter; er floh noch am Schlachttage zehn deutſche Meilen weit gegen Tſchernajarsk an der Wolga, wo er mit mehreren der Seinigen vier Boote beſtieg und den Reitern befahl nachzuſchwimmen. Aber ſchon erſchienen Michelſon's Reiter; der Nachtrab Pugatew's 277 ſprang, vom paniſchen Schrecken ergriffen, in die Wolga, ihre Fluthen ſchlugen zuſammen, und Alle ertranken. Zenſeits des Flußes aber jagte der Mann voll Blut und Thränen, welcher dieſe Empörung hervorgerufen hatte, wie einſt der Mörder Kain den Grenzen der fünfhundert Werſte langen Wüſte zu, um ſein elendes Leben zu retten— ihm nach Oberſt Michelſon, ſein Racheengel. Inzwiſchen hatte man in Petersburg den ganzen furchtbaren Ernſt dieſer anfangs geringe geachteten Empörung eingeſehen. Obergeneral Graf Peter Zwa⸗ nowitſch Panin, welcher früher ſeine Entlaſſung er⸗ halten hatte, hatte der Czarin ſeine Dienſte zur Stillung dieſes Aufruhrs angetragen, und führte bereits den Oberbefehl in der Gegend der Empörung. Er ſtand eben zu Karensk in der Statthalterſchaft Penſa, als ihm die Nachricht von dem Siege Michelſon's über⸗ bracht wurde. Er ſtaunte und berichtete ſogleich nach Hofe, wie dieſer Held in wenigen Monaten über 1100 deutſche Meilen zurückgelegt und mit ſeinen wenigen Truppen einen unendlich überlegenen Feind ſo oft und ſo entſcheidend geſchlagen hatte! Der Empörer konnte jetzt nicht mehr entfliehen. Oberſt Michelſon, welcher ihn zu Zaritzin er⸗ wartete, hatte den Oberſtlieutenant Muffel und den Grafen Mellin über die Wolga geſandt, um den Re⸗ 278 bellen den Ausweg zu verſperren. Auf der andern Seite zog Fürſt Gallizin über die Wolga gegen den Fluß Irgis herauf. Zehntes Canitel. Die Höhle von Kungur. Graue Herbſtnebel ſchwammen hoch in den Lüften, durch welche die Sumpfvögel am Rande der ungeheuren Steppe hinflogen, um dieſe Fläche der troſtloſen Ein⸗ ſamkeit und Verödung zu verlaſſen. Kein anderer Laut, als das Schwirren dieſer Luft⸗ bewohner, durchzitterte die endloſe Fläche, kein ſanftes Lüftchen regte ſich— hier ſchien die Grenzmarke zu ſein, wo das Reich des Todes begann; hier ſtand es mit geheimnißvollen Lettern von der Hand der Natur auf⸗ geſchrieben:„Das iſt das Reich der Verlornen; laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung ſchwinden!“ In der That wurde auch dieſe todtenſtille Fläche, ſo weit ſie ſich erſtreckte, deſto trauriger und einförmiger, faſt nur das leiſe Aufwirbeln des gelben Flugſandes auf dem von Hitze glühenden Boden machte dieſe Steppe einer förmlichen Sandwüſte ähnlich, und wenn hie 279 und da ein kahler Fels emportauchte, ſo glich er dem ausgebrannten Krater eines Vulkans. Tiefer und tiefer flüchtete der Empörer in dieſe Wüſte, der Schrecken folgte ſeinem Fuße, aber er ging nicht mehr vor ihm her; denn es gab hier außer den Möven und dem Gewürme des Bodens kein Geſchöpf mehr, welches vor dem blutbeſpritzten Eiſen des Furcht⸗ baren zu fliehen hatte. Er glich dem ſterbenden Eroberer, der, ſeine blutigen Fußtapfen hinter ſich laſſend, in die endlos unabſehbare Wüſte der Ewigkeit hinüberwandern muß— ſeinem Gerichte entgegen. Zetzt hielt Jemelian Pugakew, der„wiedererſtandene Czar,“ mit ſeinen wenigen noch Getreuen bleich, ermüdet bis zum Tode und gänzlich erſchöpft in einer Steinhöhle an. In ſeinem Gefolge befanden ſich noch Salawatka, ſein böſer Stern, und einige ſeiner vorzüglichen Raub⸗ genoſſen, dann drei Geſtalten von furchtbarem Ernſte: der Hunger, der Durſt und die Gewiſſenspein. Voll des tiefſten Mißtrauens flogen ſeine Blicke auf ſeine wenigen Begleiter, und dieſe flüſterten zuweilen verſtohlen mit einander. Dürr und trocken ſtarrte ihm das kahle Land ent⸗ gegen, deſſen Boden er jetzt als letzte Zufluchtsſtätte betreten hatte; ſtellenweiſe zeigten ſich in einzelnen Sand⸗ ſpalten Salzefflorescenzen neben dürrem Moraſte, den ein 280 Winterburan zuſammengerollt haben mochte. Durch die Luft ſchwärmten jetzt Maſſen von Gnetzen, eine Art Mücken oder Moskitos, vor deren unleidlichen Stichen ſich die Steppenbewohner durch die Kurewas oder Rauch⸗ gefäße, oder Ablagerungen von Miſt und durch ſack⸗ ähnliche Kopfbedeckungen aus Pferdehaaren zu ſichern ſuchen. Weder der ſchwarze Bär, noch der Wolf, Fuchs und Zobel, noch der Kulunok oder ſibiriſche Marder, noch das Burunduk oder geſtreifte Eichhorn verirrten ſich mehr in dieſe Gegend. Alles, was die Flüchtlinge in dieſer Gegend zu ihrer Nahrung noch beſaßen, beſtand in dem Rückentheile eines Saiga oder Dikaja koſa, d. i. eines ſibiriſchen Rehes, und des Fleiſches eines Pferdes, welches man geſchlachtet hatte. Bald war Alles verzehrt, der letzte Waſſerſchlauch von grobem Schafleder lag, ſeines Inhaltes zur Hälfte entleert, am Boden, düſter und finſteren Blickes lagen die Häupter der Empörung daneben. So liegen die letzten Matroſen eines geſtrandeten Schiffes auf dem Rettungsboote, welches mit ihnen in die endloſe Waſſer⸗ wüſte hinaustreibt, während ihre vom heißen Durſte und wüthenden Hunger glühenden Augen einander meſſen, um den unter ſich auszuſuchen, welchen ſie zuerſt opfern müſſen, damit ſein Blut das Leben der Uebrigen friſte. 281 Eine drückende Schwüle als Folge der Sonnen⸗ hitze lagerte über dem gelben Sande der Steppe; die ſtockende Luft laſtete wie Blei auf den Gliedern der Lechzenden. Eine zunehmende Schwermuth malte ſich in ihren bleichen Zügen; alle Standhaftigkeit ihres blut⸗ athmenden Wahnſinnes ſchien gebrochen. Das Waſſer im Schlauche war bereits verdorben, Würmer hatten ſich darin erzeugt und Infuſorien wimmelten in demſelben. Das Fleiſch des geſchlachteten Pferdes war in Fäulniß übergangen, das Brod in den Mantelſäcken mit Schimmel überzogen, und von zahlloſen Käfern und Ohrwürmern durchlöchert, die bei jedem Schnitte haufenweis heraus⸗ liefen. Nur ein einziges Mittel, das Leben der Flüchtlinge einige Tage zu erhalten, war noch vorhanden; der ſchwarze Rappe, auf welchem der Häuptling der Em⸗ pörung, Jemelian Pugatew, Dank den ſchnellen Läufen dieſes erprobten Thieres, ſeinen Verfolgern entkommen war, und der ihn wieder retten konnte, wenn es nach einiger Zeit gerathen ſchien, die Wüſte zu verlaſſen und den Rückweg in bewohntes Land anzutreten. Darum bewachte auch jetzt ſein ſcharfes Auge ſorgſam die Blicke ſeiner Genoſſen, die nur zu oft und lange auf dem ſchönen Thiere ruhten und wieder auf ihren Meiſter zurückfielen. 1860. XVII. Pugadew. II. 18 282 Jetzt trat Salawatka auf den Pſeudo⸗Czar zu. „Wie lange ſollen wir noch in dieſer Steinhöhle ſchmach⸗ ten?“ fragte er, und ſein Auge glühte. Pugakew, der, ſein ſtolzes Haupt auf die Fauſt ge⸗ ſtützt, nachdenkend am Boden lag und an einem Pferde⸗ knochen nagte, ſprang auf. „Wer ſpricht?“ rief er;„wer wagt zu fordern, was der Czar beſtimmen wird? Zetzt iſt es noch nicht an der Zeit, dieſe ſichere Stätte zu verlaſſen und unſeren Feinden in den Rachen zu rennen. Aber nur einige Tage, und wir ſind—“ „Vom Hunger und Durſt aufgerieben,“ fiel Sala⸗ watka ein. „So iſt es,“ rief ein Anderer;„wir hungern und durſten, und theilen unſern letzten Tropfen faulen Waſ⸗ ſers noch mit dem Thiere dort.“ Pugakew's Auge flammte.„Was ſoll das?“ don⸗ nerte er,„was wollt ihr?“ „Laß das Thier ſchlachten, Jemelian,“ rief Sala⸗ watka, ihm näher tretend,„ſo haben wir auf einige Tage Nahrung, bis wir wieder auswärts flüchten können.“ „Ja, ja, das Thier ſoll geſchlachtet werden,“ brüllten jetzt die andern Leidensgenoſſen von der Höhle. „Elende, zurück!“ donnerte ihnen der Pſeudo⸗Czar 283 entgegen, indem er ſeine Fauſt in der Luft ſchwang und ſich vor ſein Pferd hinſtellte. Aber Salawatka trat ihm dicht an den Leib.„O weiſer Fuchs vom Zeniſey!“ rief er,„glaubſt Du, wir denken uns nicht, warum Du den Rappen nicht ſchlach⸗ ten willſt? O Du Klügſter aus der Setſch der doniſchen Koſaken! Du witterſt Unrath, und willſt Dich allein aus der Falle ziehen, wenn's etwa an den Hals ginge; Dein Rappe ſoll Dich allein forttragen, wenn ſich das Garn der Jäger um unſere Beine ſchlingen wird. Iſt's nicht ſo, Jemelian Pugakew?“ Da ſprang der Pſeudo⸗Czar, deſſen innerſte Ge⸗ danken ſein Raubgenoſſe errathen haben mochte, auf Salawatka zu, und packte ihn an der Bruſt.„So redeſt Du, Elender, mit Deinem Herrn und Czaren!?“ don⸗ nerte er. Aber Salawatka ſtieß ihn mit der Fauſt zurück. „Was Czar!“ brüllte er,„Du biſt nun lange genug Kaiſer geweſen; nieder mit Dir in den Staub, aus dem Du emporgeſtiegen biſt!“ Ein Knall aus der Piſtole Pugakew's antwortete ihm, aber die Kugel ſtreifte nur am Arme, denn eine mächtige Hand hatte den Arm des Schießenden noch zu rechter Zeit in die Höhe geſchlagen, daß der Schuß fehl ging. 18* 284 Pugakew blickte auf und ſchrak zurück— die hohe, furchtbare Geſtalt Mazzarini's ſtand hinter ihm. „Jemelian Pugakew!“ rief er mit heiſerer Stimme, „denkſt Du an mein Wort: dem Czaren iſt von allem ſeinem geraubten Glanze nur ein fleiſchloſes Pferdebein geblieben?“ „Was willſt Du? was wollt ihr?“ ſchäumte jetzt in raſender Wuth der Pſeudo⸗Czar, indem er ſich den ihn niederreißenden Genoſſen zu entringen ſuchte. „Dir wird der Lohn der Selbſtſucht,“ entgegnete mit eiſiger Kälte der Italiener;„der Meiſter zerbricht das Werkzeng, weil er es zu ſeinem Werke untauglich fand. Auch mir haſt Du nicht Wort gehalten, darum mußt Du fallen, Jemelian Pugakew!“ Der Pſendo⸗Czar wollte wieder auf den Sprecher losſtürzen, aber einer ſeiner Raubgeſellen ſchleuderte ihm jetzt einen Arkan um den entblößten Nacken, d. i. ein Strick mit einer Schlinge, deren ſich die Koſaken häufig zu bedienen pflegen; dieſe ſchnürte ſogleich den Hals des Elenden zuſammen, daß ſeine letzten Flüche im un⸗ hörbaren Röcheln erſtickten und er betäubt zu Boden ſank. Jetzt fielen die Schüler des Entſetzlichen über ihren Meiſter her, wie die Wölfe über den alten Wolf, der ſie, an der Spitze ihres Raubzuges ſchreitend, in die Falle 285 geführt hat,— der letzte Schimmer der geraubten Krone erblich, und Zemelian Pugakew lag in den längſt ver⸗ dienten Banden. Noch einen Feuerblick der Verachtung und Schaden⸗ freude warf der hinter der ringenden Gruppe ſtehende Wälſche Mazzarini auf ihn, dann verſchwand er im auf⸗ tauchenden Sandnebel der Steppe. Mehrere der Leibtrabanten Pugakew's eilten jetzt nach Jaitzkoi voraus, um dem Kommandanten der Feſtung Nachricht von Pugakew's Gefangennehmung und ihrer Unterwerfung zu bringen. Hiervon wurde zuerſt General⸗ lieutenant von Suwarow unterrichtet, welcher ſich mit dem Corps des Grafen von Mellin vereinigt hatte, und ſich nun nach Ural⸗Godorok wandte, wo ihm Pugakew ge⸗ bunden übergeben wurde. Suwarow ließ ihn nach Sibirsk führen, wo bereits der Obergeneral Graf Peter Jwa⸗ nowitſch Panin eingetroffen war. Seiner Pflicht hatte Oberſt Michelſon ganz genügt, jetzt lebte nur noch ein Gedanke in ſeinem Gehirne: der, über das Schickſal Theodorens Aufſchluß zu erlangen. Alle Gefangenen und Ueberläufer der Rebellen, Alle, welche zur Pflicht zurückkehrend, Pugakew's Fahnen ver⸗ laſſen hatten, waren befragt, Doch Keiner war, der Kundſchaft gab Von Allen, die da kamen.“ 286 Es ſchien, als ob der Furchtbare, der dieſen Revolutionsſturm heraufbeſchworen hatte, den Diamant, welchen ſein größter Gegner, Michelſon, ſuchte, bis in das Innerſte der Erde vergraben habe, damit er, wenn letzterer auch Sieger bliebe, von dieſem nimmer und nimmer gefunden würde; denn auch unter den zahlloſen Leichen, welche in letzter Zeit die Schlachtfelder dieſes ſchrecklichen Kampfes bedeckt hatten, war die Theodorens nicht zu finden, und der ſchreckliche Gedanke: daß die Arme eines jener unglücklichen Opfer ſein könnte, welche im Brande von Kaſan erſtickten oder zu Aſche wurden, konnte Michelſon nicht verlaſſen; auch ſchien dies nur zu gewiß zu ſein, denn man hatte nach dem Brande von Kaſan nur zu viele verbrannte und in den Geſichtszügen nicht mehr erkennbare weibliche Leichname gefunden. Jetzt ritt er mit wenigen getreuen Reitern durch die Gegend der Statthalterſchaft Perm zurück, überzengt, daß Theodora nicht mehr unter den Lebenden weile. Ein freundlicher Septembermorgen war aufgegan⸗ gen; es war der 11. dieſes Monats nach ruſſiſch⸗ griechiſchem, der 23. nach unſerem Ritus, der Feſttag der heiligen Theodora. Tauſend und abermals tauſend Diamanten zitterten auf den hohen Gräſern, welche dem Abhange eines Bergrückens am Einfluße des Iren und der Pſchuſſowaja, 287 unfern der kleinen Kreisſtadt Kungur in die Sülwa, bedeckten. Der weiße Kalkſtein des nahen Berges leuchtete im reinſten Morgenlichte, wie eine große weiße Moſes⸗ tafel, auf welcher das große Gebot der Liebe Gottes ſtand— der Liebe Gottes und des Nächſten, welches in dieſem Lande längſt zur Fabel geworden ſchien. Hoch oben auf der weißen Kalk⸗ und Gypswand hatte ſich ein mächtiger Geier gelagert, gleich einem Wächter an der Pforte der großen Schatzkammer, worin die Natur, unbeirrt von dem Treiben der Menſchen, ihre Schätze bereitet und für die Zeit des friedlichen Waltens der Menſchheit aufſpeichert. Noch höher in den blauen Lüften ſangen die ge⸗ fiederten Luftbewohner dem allmächtigen Herrn der Natur ihr vieltöniges Morgenlied. Eine nie gekannte Wehmuth beſchlich das Herz Michelſon's, welcher ſtumm und in ſich gekehrt an der Seite ſeines Feldadjutanten dem Gypsberge näher ritt, denn ſeine Gedanken waren bei Theodoren. Zetzt deutete der Finger des letzteren auf den Gyps⸗ berg.„Oberſt,“ ſagte er,„blicket auf und betrachtet ein wenig die Gegend. Seht dort die ſchmale Felſenſpalte, das iſt der Eingang zur berühmten Höhle Kungur. Wollt Ihr das Naturwunder nicht beſehen?“ Michelſon ſchlug ſeine Augen empor. Schweigend 288 ſtieg er von ſeinem Rappen und trat, von dem Adjutanten und Einigen ſeiner Leute begleitet, in die Höhle, um in dieſelbe hinaufzuſteigen. Aber jetzt trat Einer ſeiner Leute, der aus dieſer Gegend gebürtig war, vor. „Wenn Ihr in dieſe Höhle hinaufſteigen wollt, Oberſt,“ ſagte er,„ſo müßt ihr Vorbereitungen treffen, ohne welche es geradezu unmöglich iſt, ihr Inneres zu durchſtöbern.“ Der Reiter neſtelte jetzt von ſeinem Gaule eine lange Wachtlaterne und einen Bund Schnüre los, zündete das Lämpchen der erſteren an, und ſtieg in einigen Minuten dem Oberſten und den andern Offizieren voran. Bald hatten Alle den achtzehn Faden über dem Wa ſſerſpiegel liegenden Eingang der Höhle erreicht. Sie betraten eine Art Vorhof, wo ſie zwei andere von dem Reiter mitgenommene Laternen anzündeten, und dann der engen, im Hintergrunde dieſes Vorhofes befindlichen Oeffnung zuſchritten. Durch dieſe krochen ſie abwärts in die erſte größere Abtheilung der Höhle von 21 Faden Länge. Ueber ihren Häuptern wölbte ſich dort eine düſtere graue Decke, während Felſentrümmer den Boden bedeckten und klaffende Spalten zur Seite heraufgähnten. Hier befeſtigte der erwähnte Reiter, welcher den 289 Offizieren vortrat, die mitgenommene Schnur an einem ſpitzigen Steine;„denn,“ ſagte er,„nur auf dieſe Weiſe können wir den Ausgang aus den Irrgewinden dieſer vielfach durchſchnittenen Höhle wieder finden.“ In der That war dieſe Vorſicht höchſt nothwendig geweſen. Denn jeder Fußtritt bot jetzt den Fortſchreiten⸗ den neue Windungen dar. Bald berührte die Decke der Höhle den Boden, und ließ nur eine kleine klaffende Spalte zum beſchwerlichen Durchſchlüpfen, bald wölbte ſie ſich zu einer Höhe von fünf bis acht Faden; auf allen Seiten klafften Eingänge und Schluchten, lagen herab⸗ geſtürzte Felstrümmer, und mehre hundert Grotten und Klippſchluchten gähnten allmälig den Einſteigenden ent⸗ gegen. Jetzt kamen dieſe durch eine zweite große Schlucht in ein Gewölbe von acht Faden Länge. Hier ſtrahlte ihnen eine wie mit Kryſtall überzogene ſchneeweiße Decke ent⸗ gegen, welche den Schimmer ihrer Laterne blendend widergab. Das Geſtein dieſer Wand überzog ein dicker Reif des reinſten Eiſes in Form von ſchön geordneten Spießen und Blättern, und ein eiſig kalter Luftzug ſtrich durch dieſes Gewölbe. Der Führer nannte es den Eis⸗ keller. Jetzt öffnete ſich eine neue Schlucht, welche zu der dritten Abtheilung von achtzehn Faden Länge hinabführte. 290 Eine wahrhaft ſibiriſche Kälte ſtrich hier entgegen, und die Vorſicht des Führers, auch die Mäntel der Offiziere mitgenommen zu haben, bewies ſich hier als wahrhaft lobenswerth, denn ſonſt hätte keiner von den Eingetretenen mehr den Rückweg gefunden. Jetzt wandten ſich die Offiziere zu einer viertene Grotte, an derem Eingange ſich ſchlanke Eispfeiler ſenk⸗ recht vom Boden bis zur Decke ſtreckten und dieſe gleich⸗ ſam ſtützten; dann ſchritten ſie zwiſchen großen Stein⸗ pflöcken und zertrümmerten Flötzſchichten über ſpiegelnde Eisflächen, und nach fünfzehn Faden Entfernung zu neuen Säulen derſelben Art. Dort wölbte ſich die Decke zu einer ungeheuren Höhe; wie ein rieſiges Himmelsgewölbe ſpannte ſich die⸗ ſelbe über den Häuptern der dieſes Naturwunder Anſtau⸗ nenden aus. Auf zwei Seiten ſtiegen jetzt ſenkrechte, von her⸗ abſtrömenden Erdgewäſſern gebildete, oben geſchloſſene Schluchten empor, deren Ende dem Auge nicht mehr er⸗ reichbar war. Es ſchlängelte ſich der Fußweg durch bald engere, bald weitere Räume zwiſchen Seitenſchluchten und Fels⸗ tümmern in verſchiedenen Richtungen zu einer neuen Grotte, deren zernagte Wände von ferne den Tuffſtein wahrnehmen ließen, und hinter welchen das Rauſchen eine in die endloſe Tiefe ſtrömenden Sees vernehmbar war. Hier änderte ſich plötzlich die Temperatur in eine mildere, wärmere Luftſtrömung. Der Reiter, welcher den Offizieren als Führer diente, empfahl ihnen, hier Raſt zu halten, indem er ihnen er⸗ klärte, daß ein weiteres Vordringen hinter dieſen See, deſſen Gewäſſer in die furchtbare, nächtige und bodenloſe Tiefe der Erde hinabſtrömten, gänzlich unmöglich ſei. Auch das herrliche Echo an dieſer Stelle empfahl er ihnen zu prüfen;„zehnfach,“ berichtete er,„erſchalle die Antwort des Gerufenen aus dem Wunderlabyrinthe der Höhle.“ Oberſt Michelſon, ungeachtet des großartigen Ein⸗ druckes, welchen der Wunderbau dieſer ſeltenen Natur⸗ ſchönheit auf ihn machte, in ſeinen Gedanken ununter⸗ brochen mit einem Bilde— dem Theodorens beſchäftigt, ſprang von dem Felsblocke, auf welchem er eben geruht hatte, empor. „Theodora!“ rief er, das Echo prüfend. Theodora! rief der ſich fortpflanzende Schall ein⸗ mal, Theodora! Theodora!! zweimal— zehnmal, fer⸗ ner und immer ferner in den zahlloſen Irrgängen der Höhle verſchwimmend. Und.... horch!.... was war das? 292 „Hier! hier!... Goſpodi pomiluy!“*) ſchallte es erſt ferne, dann lauter und immer lauter im Echo eines in den innerſten Tiefen und Windungen der Höhle aus⸗ geſtoßenen Schmerzensrufes. Die Offiziere, Michelſon an ihrer Spitze, ſtürzten der Gegend zu, woher dieſer Ruf drang; er ſchien aus einer der zahlloſen Seitenſchluchten zu kommen, aber aus welcher von den hunderten! Da war's ein Iſchwoſchtik oder Bauernfuhrmann, welchen der erwähnte Reiter und Führer der Offiziere in die Höhle mitgenommen hatte, um ihn als Wegweiſer in der innerſten Tiefe derſelben zu benützen, und welcher kurz vorher über eine quer im Wege liegende Eisnadel ge⸗ ſtolpert zu ſein vermeinte, der nun mit den Händen her⸗ umtappend, plötzlich aufſchrie und eine Schnur in die Höhe riß, welche auch andern früheren Beſuchern dieſer Höhle als Leitſeil gedient haben mochte, und wahrſchein⸗ lich aus Vorſicht, nicht verrathen zu werden, von den er⸗ wähnten Beſuchern der Höhle dicht an den Boden ge⸗ ſpannt oder fortgezogen worden war. Dieſer Schuur mit möglichſt ſchnellen Schritten nacheilend, gelangten die Offiziere jetzt durch unzählige größere und kleinere Windungen zu einer engen Felſen⸗ *) Herr erbarme dich! 293 ſpalte, durch welche ſie ſchon von ferne ein wahrhaft wun⸗ dervolles Kryſtallicht ſchimmern ſahen. Mitten in dieſer Spalte, welche einem mäßig gro⸗ ßen Manne nur in gebückter Stellung den Eintritt ge⸗ ſtattete, ſtarrten ihnen aber plötzlich die Läufe zweier Sat⸗ telpiſtolen entgegen und eine rauhe Stimme donnerte ihnen das gewaltige ruſſiſche„Stoi!“ entgegen. Aber Michelſon hatte ſchon ſein gutes Eiſen aus der Scheide geriſſen.„Zurück!“ rief er dem braunen Wächter dieſer Pforte zu, deſſen dicht behaartes altes Geſicht und nackte Arme an die einſtigen Troglodyten er⸗ innerten. „Zurück Du ſelber!“ ſchrie dieſer.„Kehrt um von dieſer Stätte, die unſer iſt! Hinter mir ſtehen noch fünf⸗ zig meines Gleichen mit Eiſen und Blei bewaffnet!“ „Und wenn's ihrer hundert ſind, ſo ſoll uns nichts abhalten, dieſen Platz zu betreten!“ donnerte Michelſon entgegen.„Platz, alte Mumie, oder mein Damaszener durchrennt Dein Eingeweide!“ Aber die Antwort: zwei Kugeln aus dem Piſtol des Wächters dieſer Pforte ziſchten ſchon am Haupte des Oberſten vorüber; eine davon ſchlug in die rückwärtige Wand, daß die Eiskruſte derſelben in breiten Streifen zu Boden raſſelte, die andere ſtreifte dem Oberſten an der Stirne, und riß ihm den Verband einer erſt vor 294 Kaſan erhaltenen Wunde herab. Aber ſchon lag auch der verwe gene Wächter dieſer Pforte am Boden, die Kugel aus dem Terzerol des Reiters, der den Führer der Offiziere in die Höhle machte, hatte ihn niedergeſtreckt, ſo daß er keinen Laut mehr von ſich gab. „Nepognewaiſa, Bratez“*),“ ſagte der Reiter, als er über den Sterbenden der Erſte in die Höhle hinein⸗ ſchritt; aber jetzt hatte er einen Blick auf den Getödteten geworfen.„Ich will die Knute haben,“ rief er,„wenn das nicht der alte Sünder, der Koſchewnikow iſt, einer von den oberſten Spießgeſellen des falſchen Czars!“ Schon waren die Offiziere ihm nach in die Höhle getreten; dieſe, die größte der Schluchten in der Kungurs⸗ Grotte, glich einem förmlichen Kryſtalpalaſte, deſſen Sil⸗ berwände der Strahl mehrerer Windlichter erhellte, welche in großen Sattellaternen herumſtanden. Bei ihrem Schimmer bemerkten die Eintretenden auch allerhand herumliegendes Gepäck und Säcke mit Brot und andern Nahrungsmitteln, Pferdedecken und ei⸗ nige lange Koſakenlanzen. In den tiefer liegenden Seiten⸗ ſchluchten verhallten die nachtönenden Schritte mehrerer Perſonen, welche offenbar beim Eintritte der Offiziere die Flucht ergriffen hatten. Rimms nicht übel, Vrüderchen. 295 Aber der Blick Michelſon's fiel ſogleich auf ein menſchliches Weſen, welches auf einem der herumliegenden Mäntelſäcke hingeſunken, eine verblichene Frau zu ſein ſchien. Neben derſelben kniete ein junges Koſakenmädchen, aus deſſen dunkelbraunen Augen ein Thränenſtrom nieder⸗ perlte. Ein Schimmer der hochgehaltenen Laterne be⸗ ſtrahlte ihr bleiches Antlitz, und—„Theodora!“ rief Michelſon, vor ſie hinſtürzend. Sie war's. Die Liebe frägt nicht, ſie handelt. In der nächſten Stunde lag die Ohnmächtige in der Kibitke des Iſchwoſchtiks, das Koſakenmädchen kniete neben ihr, und das Fuhrwerk rollte, von den Offizieren geleitet, nach Kungur hinab, wo die arme Wieder⸗ gefundene im Hauſe eines Popen endlich Pflege und die erſte Ruhe nach einer langen Periode der ſchrecklichſten Leiden fand. Theodora lag noch mehrere Tage in bewußtloſer Schwäche gefangen; ihre einſtige reizende Körperfülle war verſchwunden, ſie glich jetzt mehr einem Skellette als einer menſchlichen Geſtalt, denn die entſetzliche Grauſam⸗ keit ihres Peinigers, welcher ſie fortwährend mit ſich ge⸗ ſchleppt hatte, um ſie, wie er vor hatte, in Kaſans Kreml * 296 als ſeine Braut zur Schau auszuſtellen, dann aber ſeiner Horde preis zu geben, hatte ihre Lebenskräfte erſchöpft. Von ihrer Begleiterin, dem Koſakenmädchen Ma⸗ ruſchka, welches Theodora nach deren Vermählung mit Charlow gefolgt war, und ſich auch nach deren Ab⸗ führung durch Pugacew mit ſeltener Treue zu ihr gefun⸗ den hatte, erfuhr Michelſon jetzt: daß man Theodora getäuſcht und ihr nach Michelſon's Entfernung von Kaſan vorgeſpiegelt hatte, er ſei gegen eine rebelliſche Kirgiſenhorde entſendet worden und im Felde geblieben; „den Thränen Theodorens um den Verlornen“, berichtete die treue Maruſchka weiter,„hatte die Oberſtin alle möglichen Ueberredungskünſte entgegengeſetzt, um endlich Theodora, die heimatsloſe Waiſe zu vermögen, Charlow ihre Hand zu reichen, und mit ihrem kleinen Bruder dem Major in ſeine Station nach Niſchnaja⸗Orſenaja zu folgen.“ Aber hatte auch die Arme ihre Pflicht gegen den ungeliebten Gatten erfüllt, ſo war doch Michelſon's Bild aus ihrem Herzen keinen Augenblick lang verſchwunden. Sie betrauerte ihn als einen Todten. Wie ſie in Puga⸗ dew's Gefangenſchaft gerieth, wurde erzählt; der Wüthe⸗ rich hatte nicht Zeit gefunden, das Schrecklichſte an ihr zu üben; er hatte ſie mitgeſchleppt, um, wie bereits mehr⸗ mals erwähnt, in Kaſan an dem Platze, wo er einſt als —— 297 Gefangener der Sunibeka gefeſſelt lag, durch ihre Vor⸗ führung vor die Fronte ſeiner Koſaken den höchſten Triumph zu feiern. Aber die Vorſehung hatte ihm dort durch Michelſon's ſtarken Arm die Grenzen ſeiner Gräuel⸗ thaten geſetzt. Auf der Flucht hatte er ſeinen grauen Spießgeſellen Koſchewnikow beauftragt, Theodora, bis er als Sieger wiederkehrend, die Unglückliche abholen würde, in ein ſicheres Verſteck zu führen und ſtrenge zu bewachen. Der Alte hatte die ihm wohl bekannte Höhle von Kungur mit ihren tauſend Schlupfwinkeln gewählt; die Vorſehung, welche rächend die Schritte des Verbrechers zählt, hatte Michelſon dahin geführt, und ſo lag jetzt Theodora ge⸗ rettet im Hauſe des Popen zu Kungur, und acht Tage ſpäter im Palaſte des Kreml, wo ihr von Michelſon ge⸗ retteter und über ſeine Veranſtaltung bereits ſeit langer Zeit in Sicherheit gebrachter kleiner Bruder zu ihren Füßen lag, und hundert Hände geſchäftig waren, die langſam Geneſende für die lange erduldeten Leiden zu entſchädigen. Michelſon,„der Ritter ohne Furcht und Tadel“, begab ſich aber, ehe er der an Geiſt und Körper leiden⸗ den theuren Geneſenden vor das liebe Auge zu treten wagte, und um durch keine unzeitige Gemüthserſchütterung ihre Wiedergeneſung zu ſtören, nach Sibirsk, wo ihn 1860. XVII. Pugabew. II. 19 298 General Panin, wie der Geſchichtsſchreiber ſagt, mit aller Achtung aufnahm, welche er in ſo hohem Grade ver⸗ diente;„denn,“ ſagt letzterer,„Michelſon allein war der Retter ſeines Vaterlandes, indem er der Empörung ein völliges Ende machte.“ Elftes Capitel. Nur einmal im Leben. Die Kaiſerin Katharina II. erkannte auch vollkom⸗ men den hohen Werth der von Michelſon in dieſem Feld⸗ zuge geleiſteten Dienſte. „Herr Gouverneur,“ ſchrieb ſie unterm 11. Sep⸗ tember 1774 an ihren Statthalter Sievers in Nowgo⸗ rod,„aus Ihrem Schreiben vom 6. September aus Wyſchim⸗Wolotſchok erſehe ich mit Befriedigung, daß Sie mit den Vorbereitungen zu meiner moskovitiſchen Fahrt ſich beſchäftigen. Die doppelte Progon ſoll der Zamtſchiks bis auf neuen Befehl verbleiben. Die unter Ihnen verbreiteten Gerüchte vom Friedensbruch ſind gänzlich falſch. Fürſt Repnin, der als Botſchafter nach Konſtantinopel gehen muß, ward außerdem zum Heer 299 abgefertigt wegen der Krankheit des Marſchalls Rumän⸗ zow, der jedoch nach ſpäteren Nachrichten des Fürſten Repnin ſich ſchon hergeſtellt findet; auch ſchickt er eben einen Brief des neuen Großvezirs(da Muſſun Oglu eines natürlichen Todes zwiſchen Schumla und Adrianopel ſtarb), der den Frieden beſtätigt und ſogar viel Eifer für die genaue Erfüllung des Vertrages bezeigt.. Pugatew ward eben auf's Haupt geſchla⸗ gen, den 25. Auguſt, 100 Werſt jenſeits Czarizyns, durch unſern Heros Michelſon. Die doniſchen Koſaken ſetzten dem Böſewichte auf den Ferſen nach, und der Major Duve, Ueberbringer der Nachricht, will nicht, daß man an ſeiner Gefangennehmung zweifle. Gleich⸗ wohl ſoll man das Bärenfell nicht verkaufen, ehe man ihn erwiſcht. Was aber gewiß iſt, Kanonen, Beute, Men⸗ ſchen und Thiere, Alles fiel in die Hände Michelſon's. Der Verräther flüchtete verhängten Zügels, mit der ge⸗ wöhnlichen Rotte von fünfzig jaikiſchen Koſaken, gen Aſtrachan auf dieſer Seite der Wolga. Dort unten wird er das Waſſer nicht trüben, aber 1500 Koſaken vom Don, ihm mit friſchen Pferden auf den Ferſen, machen Hoffnung ihn gefangen zu ſehen. Adien! Leben Sie wohl. Katharine. Petersburg am 11. September 1774.“ So ſchrieb die Kaiſerin, und der Ton dieſes Schrei⸗ bens verräth, wie ſicher ſie in ihrem Innern von dem 19* 300 oben erzählten günſtigen Ausgang des Feldzuges gegen den Empörer überzeugt war und wie hoch ſie den„He⸗ ros“ Michelſon ſelbſt achtete.*) Während Pugakew's Empörung, welche der Kai⸗ ſerin ihre Krone vom Haupte zu reißen drohte, bewegte ſich dennoch dieſe moderne Semiramis des Nordens in einem Meere von Vergnügungen.„Mehrmals,“ erzählt ein Geſchichtsſchreiber Rußlands,„wurden Turniere ver⸗ anſtaltet, wobei die Hofleute eine ungewöhnliche Pracht zur Schau trugen. Sogar die Damen kämpften mit, in vier Züge getheilt, vier verſchiedene Nationen, die Sla⸗ ven, die Indier, die Römer und Türken vorſtellend. Die beiden letztern hatten die Brüder Orloff, Gregory und Alexei zu Anführern. Der bejahrte Münnich aber ſtellte den Kampfrichter vor, wobei er bewies, daß ihm auch die Sprache der Schmeichelei zu Gebote ſtehe. Doch auch ernſthafte Gegenſtände beſchäftigten Katharinens Thätigkeit. Die Verwaltung der Gerechtigkeit war der unbedingten Willkür oder Nachläſſigkeit der Richter überlaſſen, um ſo mehr, da ſie entweder keine oder nur eine unbedeutende Beſoldung hatten; das Geſetz⸗ *) S. des Grafen Jakob Johann Sievers Denkwürdigkeiten zur Geſchichte Rußlands, 2. Bd. S. 51. Von Carl Ludwig Blum. Leipzig, Winter ſche Bchhdlg. 1857. 301 buch von Aleri Michaelowitſch beſtand noch, war aber veraltet und unzureichend. Durch Anweiſung von grö⸗ ßern Gehalten und Penſionen ſuchte Katharina dem erſtern, durch Zuſammenberufung einer Verſammlung der einſichtsvollſten Männer aller Provinzen dem zwei⸗ ten Uebel abzuhelfen. Sie ſelbſt entwarf die Grund⸗ linien dazu und ſchrieb eigenhändig eine Anweiſung nieder. Die Verſammlung fand in Moskau ſtatt, wo⸗ hin ſie ſich ſelbſt begab. Unter andern kam auch die Frei⸗ laſſung der Bauern zur Sprache, welche aber ſo heftigen Widerſpruch fand, daß einige Edelleute laut erklärten, ſie würden denjenigen mit dem Dolche durchbohren, der dieſe Neuerung einführte. Nur der Graf Scheremetoff, einer der reichſten Gutsbeſitzer Rußlands, der 150.000 leib⸗ eigene Bauern hatte, ſtimmte für die Freilaſſung derſel⸗ ben. Die ganze Berathung entſprach den Abſichten der Kaiſerin nicht und löſte ſich ohne bedeutende Ergebniſſe wieder auf, vorher aber beſchloß die Verſammlung, ihr die Titel: die Große, die Weiſe, die Einſichtsvolle, die Mutter des Vaterlandes beizulegen. Katharina aber er⸗ klärte, daß ſie ſich derſelben nicht würdig fühle und nur trachten will,„die Mutter des Vaterlandes“ zu ſein. Die Errichtung eines Findelhauſes in Moskau und Pe⸗ tersburg, die Anlegung von Armen⸗ und Krankenhäuſern, eine Anſtalt zur Erziehung adelicher und bürgerlicher 302 Mädchen, gingen als glückliche Folgen ihrer Sorge für das Wohl ihrer Unterthanen hervor. Friederich II. un⸗ terließ nicht, ihr über Alles dieſes in den ſchmeichelhaf⸗ teſten Ausdrücken zu ſchreiben, und überſchickte ihr den ſchwarzen Adlerorden, welchen Katharina ſehr gern und als eine ehrenvolle Auszeichnung annahm. Die Inoku⸗ lation der Kuhblattern fing um dieſe Zeit an ge⸗ wöhnlich zu werden, als einige Schutzwehr gegen die Verheerungen dieſer Seuche, fand aber auch auf vielen Seiten Widerſpruch. Zur Empfehlung dieſes Mittels ließ es Katharina bei ihrem einzigen Sohne, dem Groß⸗ fürſten Paul anwenden, zur Probe aber mußte ihr vor⸗ her der geſchickte engliſche Wundarzt Dimsdale die Blattern ſelbſt einimpfen, und nachdem ſie ſich überzeugt hatte, daß keine Gefahr dabei ſei, auch ihrem Sohne. Orloff unterwarf ſich derſelben Operation und nachher viele Höflinge; der Senat ſtellte zur Ehre der mütterli⸗ chen Zärtlichkeit ein großes Feſt an. Vielfach und gewiß auch übertrieben lauten die Be⸗ richte über die Günſtlingswirthſchaft an dem Hofe der Kaiſerin, und es würde gegen den Anſtand verſtoßen, Manches davon aufzählen. Regis ad exemplum ſchienen auch die Damen am ruſſiſchen Hofe keiner ſtrengen Sitte zu huldigen, obgleich 303 ihnen, wie allen ruſſiſchen Damen, Liebenswürdigkeit und Anmuth nicht abgeſprochen wird. ²)— 3) Ohne Zweifel ſind viele Anekdoten, welche deutſche Schriſt⸗ ſteller über Rußlands geſchichtliche Frauen erzählen, vielfach über⸗ trieben, und der Geſchichtsſorſcher wird ebenſo ernſte Zweifel in dieſelben ſetzen, wie in glle jene Hiſtörchen, welche über das Leben Katharinas II. kreiſen, die jedenfalls, wie oben erwähnt, für Ruß⸗ lands Größe Vieles gethan. So erzählt z. B. ein ungenannter Schriftſteller in der Brochüre„Rußland bei der Thronbeſteigung Paul I.“(Leipzig bei Kollman 1859):„Unter der Regierung Ka⸗ tharinen's hatten die Frauen bei Hof einen Einfluß gewonnen, den ſie in die Geſellſchaft und ihre Häuslichkeit mitnahmen. Die Fürſtin Daskow war nicht nur durch ihre Neigungen, Manieren und durch ihren Geſchmack eine männliche Natur, ſie wurde ein Mann durch ihre Titel und Würden, als:„Direktor der Akade⸗ mie der Viſſenſchaften und Präſident der ruſſiſchen Akademie.“ In den Provinzen ertheilten die Frauen der Chefs den Offizieren Be⸗ fehle. Madame Mellin, die Oberſtin des Regimentes Tobolsk, kommandirte die Truppen und führte ſie in Uniſorm ins Gefecht. Es fehlt, ſagt er, jedoch durchaus nicht an ſchönen und liebens⸗ würdigen Geſtalten. Faſt alle ruſſiſche Frauen haben natürlichen Humor, Grazie in den Manieren, Unterhaltungsgabe, und gleichen in dieſer Beziehung den Franzöſinnen. Im Theater verſtehen ſie ebenſo den Geiſt und die Poeſie zu ſchätzen, wie mit Schärfe ſie aufzunehmen; das Einzige, was ihnen fehlt, iſt das Gemüth. Ebenſo haben die Ruſſinnen keinen Sinn für Häuslichkeit und häus⸗ liche Hrdnung; ſie brilliren in der Geſellſchaft und ziehen es vor, Mehreren zu gefallen, als einem Einzigen. Die Erziehung arbeitet vorzüglich auf Sprachkenntniß. Faſt jede gebildete Ruſſin ſpricht 304 Es war am Feſte der heiligen Katharina, den 24. Dezember nach griechiſch⸗ruſſiſchem, oder am 6. nach unſe⸗ rem Ritus, als die„Mutter des Vaterlandes“, Katha⸗ rina II., Kaiſerin aller Reuſſen, in ihrem Palaſte zu Zarskve⸗Selo, dem prächtigen Luſtſchloſſe, 3 ½ Meilen von Petersburg, wohin jetzt eine breite, mit mehr als tau⸗ ſend Laternen verſehene Straße führt, den Tag ihrer Namensheiligen feierte. Das regelmäßige Viereck des Palaſtes, deſſen größte Länge ſchon damals bei 700 Faden maß, ſo wie der ganze Halbzirkel der Hofgebäude war mit kaiſerlicher Pracht ausgeſchmückt. In allen Fenſtern hingen bunte und gold⸗ durchwirkte Tücher, das kaiſerliche Wappen prangte vor allen Portalen. Wie ein der Feuergluth entſtiegener Phönix blitzte ein großer über und über vergoldeter Doppeladler im Strahle der am wolkenloſen blauen Him⸗ mel ſtill und majeſtätiſch emportauchenden Morgenſonne auf der höchſten der fünf ſtark vergoldeten Kuppeln der Schloßkapelle. Es glich dieſer lichtſtrahlende Adler in der That dem Phönix, der ſich aus der Aſche erhoben hatte, dem ruſſiſchen Reiche, welches aus den Flammen deutſch, franzöſiſch und italieniſch, zuweilen auch engliſch. Unter dieſen Damen findet man die liebenswürdigſten Frauen Europas, beſonders wenn eine ſorgſame Mutter oder tüchtige Gouvernante den Adel der Seele gepflegt hat.“ 305 des weithin züngelnden Aufruhres ſich zu neuer Größe emporringen ſollte. Alle Glocken in Petersburg und Moskau, von Now⸗ gorod bis Riga, von Archangel bis an die unterſte Linie des Dons, erklangen in dieſer herrlichen Morgenſtunde im feierlichen Choral zu einem großen:„Herr Gott, dich loben wir!“ welches in der erwähnten Schloßkapelle zu Zarskve⸗Selo abgehalten wurde, und welchem die Kaiſerin unter einem grünen goldgeſtickten Baldachin bei⸗ wohnte, den vier ſchwebende Geſtalten von maſſivem Sil⸗ ber trugen, welche die Religion, die Stärke, die Ge⸗ rechtigkeit und den Frieden vorſtellten. Rings um ſie ſtanden die höchſten Würdenträger des Reiches in ſtrahlender Uniform und Feſtkleidern, deren zahlloſe Dia⸗ manten und Rubinen an Glanz Alles überboten, was je ein Prachtfeſt der Czarin gezeigt hatte. In dieſem feierlichen Augenblicke hatte der Hof der ſtolzen Kaiſerin in der That ein ganz anderes Ausſehen, als gewöhnlich. Alle Lebensluſt und Genußſucht, aller Stolz und Faſtnachtsprunk ſchien von den ernſten Ge⸗ ſichtern der in dieſer Stunde Verſammelten verſchwunden. Tiefe und wahre Andacht malte ſich an allen Geſichtern. Man fühlte: der allmächtige, ewige Herr der Welten, der Gott, der die Schlachten lenkt, hatte eine Zeit lang ſeinen ſtrafenden Arm erhoben und die Geißel geſchwun⸗ 306 gen, welche Feuer und Blut über die Länder der Czarin hervorrief; aber ſeine allerbarmende Vaterhand hatte dem Strome der Verwüſtung noch zu rechter Zeit Ein⸗ halt geboten.„Bis hierher und nicht weiter!“ Alſo klang ſein erbarmender Ruf über die verwüſteten Gefilde Ruß⸗ lands, und der große Verwüſter, die Geißel Gottes, das Werkzeug der Revolution, der entthronte Pſendo⸗Czar Jemelian Pugadew lag jetzt zu Moskau in Ketten und Banden. Als jetzt die Majeſtät der mit dem Kaiſermantel Peter des Großen gezierten Czarin Katharina vor der größern Majeſtät des Ewigen ihre Knie in Demuth beugte, als zwei große Thränenperlen in ihren ſchönen Augen zitterten, und ſie laut in das„Herr Gott dich loben wir!“ des Metropoliten einſtimmte, da ſank auch der ganze Hof und Alle in der Kirche, und alles Volk vor derſelben in die Knie, und ein begeiſterter Jubelruf des Dankes ſtieg aus aufrichtigen Herzen zum Gotte der Erbarmung empor. Eine Stunde ſpäter ſtand die Kaiſerin im Pracht⸗ ſaale, deſſen Wände mit Bernſtein⸗ und feinen Porzellan⸗ und chineſiſchen Goldfiguren verziert waren. Um ſie her⸗ um ſtanden wieder die Großen ihres Reiches. Vor ihr ſtand in ruhiger, nicht ſtolzer, nicht demüthiger, aber in edler Haltung der Eine, der ein St. Michael mit dem 307„ Flammenſchwerte, der Hyder der Revolution das Haupt abgeſchlagen hatte: Oberſt Michelſon. Die Kaiſerin hatte eine kurze Anſprache voll dank⸗ barer Begeiſterung für die Tapfern, welche ihr Blut für die Rettung des Staates verſpritzt hatten, gehalten, und edle Thränen des heißen Dankes an die Vorſehung, die ihr die Krone gerettet hatte, befeuchteten wieder ihr Auge. „Unbezahlbar,“ rief jetzt die dankbegeiſterte Kai⸗ ſerin dem Oberſten Michelſon zu,„unbezahlbar ſind die Dienſte, die der Ritter ohne Furcht und Tadel der Krone Rußlands erwieſen. Katharina II. iſt jetzt die Erſte, welche dem Beſieger der Revolution im Angeſichte aller Großen des Reiches den Dank der geretteten Monarchie darbringt.“ Die Kaiſerin winkte, und auf einem grünen Sammt⸗ kiſſen überreichten zwei reich gekleidete Pagen dem Ober⸗ ſten ein Pergament; es enthielt das Generals⸗Patent nebſt einem koſtbaren Ehrenſäbel. Dann trat Fürſt Potemkin heran.„Im Namen Ihrer Majeſtät der Kaiſerin,“ rief er,„bin ich, der Zeuge Eures Sieges bei Kaſan war, ſo glücklich, den Helden zu belohnen, auf deſſen Namen Rußland von nun an ſtolz ſein wird,“ und er heftete dem Gefeierten das in Diamanten ſtrahlende Kreuz des St. Andreasordens an die Heldenbruſt. *. 308 Jetzt nahm die Kaiſerin ſelbſt aus der Hand ihres Großſchatzmeiſters ein Pergament, und überreichte es Michelſon.„Dem Manne,“ ſprach ſie, und tiefe Rüh⸗ rung malte ſich auf ihrem Antlitze,„dem Manne, der in ſo kurzer Zeit, mit ſo geringer Macht einer ſo großen Länderſtrecke den Frieden wiedergab, geziemt auch ein Antheil an dem, was er gerettet.“ Sie überreichte ihm das Pergament. Es enthielt eine Schenkung von hunderttauſend Bauern nebſt dem dazu gehörigen Lande in der Ukraine.„Und damit,“ ſchloß die Kaiſerin,„damit der Mann, der unſerer Krone ein koſtbarer Edelſtein geworden, auch fortan un⸗ ſerem Throne nahe ſtehe, wünſchen wir, daß General Mi⸗ chelſon ferner an unſerm Hofe verbleibe und hier den Engel finde, der ihm ſeine Lebensbahn mit Roſen be⸗ ſtreue.“ Die Czarin verließ ſodann den Saal. General Panin aber trat auf den Beglückten zu. „Die Gnade der Czarin,“ ſagte er,„beſtrahlt mit Recht das Haupt des Würdigſten; hat General Michelſon aber auch verſtanden, was die Erlauchte mit den letzten in⸗ haltsſchweren Worten vermeinte?“ Michelſon, betäubt von der Größe des Augen⸗ blickes, blickte den Frager verwundert an; dieſer lächelte. „General,“ ſagte er,„die Czarin will Euch an 309„ ihre Perſon feſſeln, und Eure Hand darum in die ſchönſte Hand der Schönen legen, welche dieſen Palaſt zieren. Das holde Fräulein Branisca, die Nichte des mächtigen Potemkin's ſelbſt, um deren Gunſt ſich bisher ſo viele vergebens bewarben, weil ſich die Kaiſerin die Vergebung ihrer Hand bisher ſelbſt vorbehielt, iſt es, welche Euch, dem größten Sieger unſerer Tage, von der Czarin zu⸗ gedacht iſt.“ Michelſon verneigte ſich. „Obergeneral,“ ſagte er,„die Gnaden, mit denen mich Ihre Majeſtät die Czarin überſchüttet, ſind groß; dankbar erkenne ich ſie, aber ſollen ſie Gnaden für mich bleiben, ſo darf meinem Willen keine Schranke gezogen, meine Manneswürde nicht verletzt werden.“ General Panin blickte verlegen auf den Sprecher, dieſer fuhr aber fort.„Ich bin Soldat, und ein Soldat gehört, wie Ihr wißt, Herr Obergeneral, in's Feld; an den Hof tauge ich nie. Laßt mich daher ziehen in die friſche freie Luft, dorthin, wo die Gnade der Czarin mir ein gut Stück Landes angewieſen; und was das Glück einer Ver⸗ bindung mit der Schönſten der Schönen an dieſem Hofe anbelangt, ſo muß ich Euch bitten, Obergeneral, Ihrer Majeſtät für dieſe gnädige Geſinnung meinen Dank zu Füßen zu legen; denn—“ „Das könnt ihr ſelbſt,“ entgegnete Graf Panin, indem er ſich ehrfurchtsvoll verneigte; denn von ihrem * 310 ganzen Hofſtaate begleitet, trat jetzt die Kaiſerin rieh in den Saal, um durch denſelben in den Hofraum hina zu ſteigen, wo die kaiſerlichen Gallawägen ihrer harrten, um ſie nach Petersburg zu führen, wo für den heutigen Abend in glänzendſter Weiſe das Hoffeſt des Sieges ge⸗ feiert werden ſollte, deſſen Beginn bereits alle Glocken der Newa⸗Stadt verkündeten. Die Czarin hatte die letzten Worte Michelſon's ver⸗ nommen.„Habt Ihr noch eine Bitte, General Michel⸗ ſon?“ fragte ſie mit wahrhaft liebreizender Herablaſſung. Da trat der Ritter ohne Furcht und Tadel vor. „Majeſtät!“ ſagte er mit kraftvoller Stimme und ent⸗ ſchiedenem Tone,„Erlauchte Czarin! Eure Huld und Gnade iſt in der That größer als mein Verdienſt, denn ich habe als Soldat nur eben meine Schuldigkeit gethan und nichts weiter. Aber dennoch flammt in meinem In⸗ nern noch ein Wunſch, deſſen Erfüllung mir mehr Glück bereiten würde, als alle Gnaden, mit denen mich Eure Majeſtät überhäufte. Mit mannhafter Liebe hängt mein Herz an einem Weſen auf der weiten Erde, ohne deſſen Beſitz mein Leben einem trüben Schatten gleichen wird, den kein Lichtſtrahl aller Gnaden, mit denen mich die Hand meiner höchſten Gebieterin beglückt, zu verſcheuchen vermag. Jetzt, nachdem ich dem Gewühle der Schlachten entronnen bin,“ fuhr er fort,„nachdem ich den Kampf ausgekämpft habe mit den Feinden meiner erlauchten — 311 Monarchin, fordert auch mein Herz ſeine Rechte. Cza⸗ rin! Mein künftiges Lebensglück heißt: Theodora von Brand, die Nichte des Generals und Gouverneurs von Kaſan, die unglückliche Witwe des zu Niſchnaja⸗Oſernaja gefallenen Majors Charlow. Sie weilt in Kaſan— dort⸗ hin laßt mich ziehen, und Eure mächtige Hand, meine erlauchte Czarin, knüpfe das Band, welches das Glück meines Lebens bilden wird!“ Da blickte die Czarin mit tiefer Rührung auf den ſchönen Sprecher. Die Worte einer ſo innigen Liebe, welche den ſonſt ſo ſchweigſamen Lippen des gefeierten Helden jetzt wie reine Perlen einer tiefliegenden, plötzlich vom Sturme geöffneten Meeresmuſchel entrollten, machte auf das empfängliche Herz der Fürſtin einen tiefen Ein⸗ druck. Freundlich trat ſie auf Michelſon zu. „Wer wollte ein ſo ſchönes Band nicht knüpfen,“ ſagte ſie;„wo die Macht einer ſolchen Liebe geſprochen, da bedarf es wohl des Machtwortes der Fürſtin nicht mehr.“ „Und dennoch iſt die Macht der Fürſtin nicht im Stande, den Wünſchen dieſes Edlen zu entſprechen,“ fiel hier eine volltönende Stimme ein. Sie gehörte dem Me⸗ tropoliten von St. Petersburg, welcher im Geleite der Kaiſerin jetzt hervortrat.„Eure Majeſtät vekzeihe,“ fuhr er fort,„wenn ich dem General Michelſon ein Schreiben behändige, deſſen Züge er alsbald erkennen wird.“ 312 Der greiſe Kirchenfürſt überreichte dem neuen Ge⸗ neral ein ſchwarz geſiegeltes Schreiben. „Von Theodorens Hand!“ rief dieſer erblaſſend. Er riß es auf und verſchlang mit ſeinen Augen die Zeilen. Nur wenige waren es— mit zitternder Hand ge⸗ ſchrieben. Theodora, die arme, am Ziele ihrer Leiden an⸗ gelangte Theodora, ſprach dem Manne ihres Herzens in dieſen wenigen Zeilen den ganzen Jammer ihres Lebens aus. Sie klagte ſich an, daß ſie, getäuſcht über ſeine an⸗ geblich verlorene Liebe, dem ungeliebten Charlow ihre Hand gereicht habe; ſie hielt ſich nicht mehr würdig, Michelſon's Gattin zu heißen. Sie war todt für dieſe Welt, ſie nahm von dem Lieblinge ihrer Seele in den zärtlichſten Worten Abſchied— ſie hatte im St. Kathari⸗ nens⸗Ordensſtifte den Schleier genommen. Sie bat ihn nur, für ihren kleinen Bruder Sorge zu tragen. Michelſon ſtand vernichtet. Der furchtbarſte Augenblick ſeines Lebens war die⸗ ſer. Sich am Ziele ſeiner Hoffnungen wähnend, im Au⸗ genblicke, wo ſeine Hand die Roſe faſſen wollte, nach wel⸗ cher er gerungen mit aller Heldenkraft ſeines ſchönen Le⸗ bens— fiel dieſe entblättert zu ſeinen Füßen nieder. Aber größer als im Glücke iſt der Held im Un⸗ glücke. Schon faßte ſich der Mannhafte. Seine Hand ruhte auf dem Diamantengriffe des 313 Ehrenſäbels, welchen er kurz vorher um ſeine Lenden ge⸗ gürtet hatte. „So ſei du meine Braut durch dies Leben,“ rief er, ſeine ſtarke Rechte auf die Waffe legend;„kein anderes Weib ſoll meine Hand jemals berühren, und wenn Theo⸗ dorens Bruder, dem ich fortan Vater ſein will, dies gute Eiſen von mir als Erbe überkömmt, ſo ſoll es ihm die Geſchichte meines Lebens und meiner einzigen vergebli⸗ chen Liebe erzählen, denn mit tiefen Zügen will ich es auf den Stahl ätzen laſſen: der wahre Mann liebt nur ein⸗ mal im Leben!“ Es waren die letzten Worte, welche der Ritter ohne Furcht und Tadel über ſeine Liebe verlor. Dann ſchritt er ſtolz und frei, ein Sieger über ſein eigenes Herz, durch die Reihen der Höflinge, gefolgt von den mit⸗ leidigen Blicken der Czarin, und nur die Reihen ſeiner treuen Krieger und Kampfgenoſſen ſahen ihn wieder.— Zu St. Petersburg aber ſtand am folgenden Tage die Majeſtät der Kaiſerin aller Reuſſen, und ließ ſich von ihren Generälen das Urtheil Pugakew's, des verwe⸗ genen Empörers, vorlegen. Es lautete dahin: daß der tollkühne Empöter zu Noskau auf öffentlichem Platze lebendig geviertheilt wer⸗ den ſollte. Aber in ihrem ganzen Leben die Czarin kein 1860. XVII. Pugabew. II. 20 314 Todesurtheil unterſchrieben. Sie zögerte auch diesmal. Die Feder zitterte in ihrer Hand, ſie konnte ſich nicht entſchließen, den Lebensfaden eines Menſchen mit einem raſchen Federzuge entzwei zu ſchneiden. Da trat Fürſt Potemkin heran; er ſtellte der Kai⸗ ſerin vor, wie Jemelian Pugatew, der„große Empörer“, und ſeine Horden nicht weniger als 67 Kirchen geplün⸗ dert, eintauſend vierhundert und vier Perſonen ermordet, und hierunter Generäle, Oberſten, Stabs⸗ und andere Offiziere, Hof⸗ und andere Beamte, Kaufleute, Kinder und Greiſe, Männer und Frauen geſchlachtet und ver⸗ brannt hatte, und wie demnach der hohe Gerichtshof nach Recht und Urtheil auch die wohlverdiente Strafe erkannt habe, und der tollkühne Pſeudo⸗Czar zu Moskau daher ohne Weiteres öffentlich und lebendig geviertheilt werden müſſe. Es war am Tage der unſchuldigen Kindlein, oder den 29. Januar des Jahres 1774 nach ruſſiſchem und der 10. nach unſerem Ritus, als auf dem ſchwarzbehan⸗ genen Schaffote vor dem Kreml zu Moskau ein großer bleicher Mann emporſtieg. Es war Jemelian Pugakew, der Pſeudo⸗Czar, wel⸗ cher ſeinen Todesgang machte. Schon ſtanden die ſchnaubenden Roſſe bereit, welche ſeine gewaltigen Glieder nach allen vier Himmelsgegen⸗ den zerreißen ſollten. 315 Da— war es ein Verſehen oder Abſicht, trat ein Mann im rothen Mantel mit dem Richtſchwerte hervor. Er befahl dem Schuldigen, in die Knie zu ſinken. Lautlos harrte das Volk— dann ziſchte das Schwert des Nach⸗ richters. Das Haupt des Empörers rollte in den Sand, und das Volk jauchzte ſein„es lebe die Czarin!“ durch die Lüfte. Dann verrichtete der Nachrichter daſſelbe Amt an andern Genoſſen des Empörers; noch Andere bekamen die Knute, und wieder Andere wurden für die Bergwerke nach Sibirien und zum Feſtungsbau abgeführt.— In dieſer Stunde ſtieg am friedlichen Ufer des Po⸗ tomak in Nordamerika ein müder Wanderer aus einem kleinen Boote an's Land. Ein Bürger des jungen Freiſtaates blickte ihm ent⸗ gegen. Beide erkannten ſich ſogleich. „Franklin!“ rief der Eine. „Mazzarini!“ der Andere.„Und woher des We⸗ ges und warum ſo trübe? Steht Dir das Kleid der al⸗ ternden Europa nicht mehr zu Geſichte, Bürger?“ „Für diesmal war die Keule Jupiters der Men⸗ ſchenhand zu ſchwer,“ entgegnete der Italiener mit bit⸗ terem Lächeln;„das Werkzeug iſt zerbrochen, ehe das Werk vollendet war.“ 20* 316 Da hob Meiſter Franklin ſein Auge zu den Ster⸗ nen.„Wir haben auf der andern Seite der Hemiſphäre von Eurem Rieſenkampfe im Nordoſten Europas gehört und geleſen,“ ſagte er.„Freund! Eure Sache war, wie wir es vorausſahen, im Anfange ſchon verloren: denn das Werkzeug Eurer Hand war in Feuer und Blut getaucht; Ihr habt vergeſſen, was ich einſt zu Euch ſprach! War's nicht mein Wort, Bürger Mazzarini, daß die wahre Freiheit nicht durch Blut und Thränen, daß ſie nur dann gedeihen könne, wenn Geſetz und Ordnung herrſchen? Sieh, Ohnmächtiger! Nicht einmal die rothe Farbe hat Stand gehalten, mit der Du Deinen Namen vor Jahren an jene Säule gezeichnet.“ Der Italiener blickte hin. In der That! Der Zahn der Zeit hatte ſelbſt einen. Theil ſeines Namens verwiſcht;„der Aar“ war fort⸗ geflogen, aus dem Namen Mazzarini waren die Buch⸗ ſtaben u und x verblichen. Und die blutrothen Lettern zeigten nur noch den Namen:„Mazz ini“. Ende des zweiten und letzten Bandes. ————— M 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17