ſ Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Oltmann in Gießen, chloßgaſſe Lit. A. Nr 256. SLeih und Leſebedingungen. 0 der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepreis. Bei R ückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1. oflensein 3. Cdution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 N— Pf 2 W.— f 5 Auswürtige ahonienten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. —— 6. Schadenersatz. 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Novelle von Ernſt Fritze 1-110 1 Die Tillysburg.— Die Sage vom Sandkorn. Im Lande ob der Enns nächſt dem Chorherrnſtifte St. Florian am ſogenannten Chriſteinbache lag einſt das Schloß Volkensdorf, das Stammſchloß der alten Familie Volkensdorf, welche in der Landesgeſchichte Ober⸗ öſterreichs bereis im Jahre 978 mit Leonhard von Vol⸗ kensdorf zuerſt auftritt. Im Jahre 1096 erſcheint ein Otto, im Jahre 1120 ein Arnhelm von Volkensdorf als Miniſteriale des Markgrafen Ottokar von Steyer. Ein Ortolph von Volkensdorf erſtach im Jahre 1256 im Kloſter St. Florian einen Sekretär des Herzogs Fried⸗ rich von Oeſterreich, weshalb er aus dem Lande verwie⸗ ſen wurde. Im Jahre 1558 brannte das Schloß ab. Während der Unruhen des Jahres 1620 wurde die Herr⸗ ſchut Volkensdorf fubſt anderen Gütern dieſer Familie Proſchlo. Der ſchwarze Mann. III. ſ. 2 confiszirt und im Jahre 1623 dem kaiſerlichen General⸗ Lieutenant, Grafen von Tilly, verliehen, welcher das alte Schtoß abbrechen, und von dem Materiale desſel⸗ ben die noch jetzt ſtehende Feſte Tillysburg bauen ließ. Von dieſem Schloſſe lebt nachſtehende Sage im Munde des Volkes: Der Todtengräber Hanns Traugott zu Volkens⸗ dorf grub ein Grab. Es war damals eine gar traurige Zeit für das Land ob der Enns und die Todtengräber hatten vollauf zu thun. Rudolf II. hatte den deutſchen Kaiſerthron beſtie⸗ gen, und eben auch die Regierung des Landes ob der Enns angetreten.— Am 14. Juli des Jahres 1578 hatten ihm die Landſtände zu Linz gehuldigt, und bald darauf ſaß der Kaiſer wieder unter ſeinen Globen und Himmelskarten auf dem Hradſchin zu Prag. B Aber die Vorzeichen des dreißigjährigen Krieges gaben ſich auch im Lande ob der Enns kund, und die ver⸗ ſchiedenen Maßnahmen des Kaiſers gegen den auch im Lande ob der Enns Boden gewinnenden Proteſtantismus verurſachten in den Gegenden an der Donau bedenkliche Bewegungen unter den Landleuten. Unter dem Deckman⸗ tel der Religion verhüllten böswillige Hetzer des Land⸗ volkes ihre eigennützigen Pläne. Insbeſondere hatte ſich 3 in der Gegend von Windiſchgarſten, zu Spital am Pyrhn und in der Pfarre Sierning ein Bund von Aufrührern gegen den Kaiſer gebildet, und der Schuhmachermeiſter Franz Rottenhofer ſtand an der Spitze desſelben; Hand⸗ werker, Hammerſchmiede, Meſſerer, Schleifer, Köhler und Holzknechte gehörten dieſem Bunde an. Zu St. Pe⸗ ter am Wimberge verſuchten zwei andere Männer, der Bauer Großwinkler und der ſogenannte Chriſtofel aus Sprinzenſtein, auch ein Bauer, das Landvolk aufzuwie⸗ geln.— So konnte es denn, bevor dieſe eigennützigen Volks⸗ hetzer von der verdienten Strafe ereilt wurden, an be⸗ dauerlichen Vorfällen im Lande ob der Enns nicht feh⸗ len. Brand, Mord und Todſchlag waren zu jener Zeit nicht ungewöhnlich und auch der Todtengräber zu Vol⸗ kensdorf hatte daher manches Grab zu graben. Während Hanns Traugott an dem Grabe arbeitete, und ein geiſtliches Abendlied ſang, ſtreute die hinter dem dunklen Gemäuer der Feſte Volkensdorf aufſteigende Mondſcheibe einen breiten Lichtſchimmer über den Kirch⸗ hof, und Hanns Traugott ſchrack unwillkürlich zuſam⸗ men, als er vor dem Steine, der für das neue Grab be⸗ ſtimmt war, zwei mit dunklen Mänteln bekleidete Män⸗ ner gewahrte, welche das Chronografium des eben zum 6 N 4 Setzen bereitliegenden Grabſteines MDLXXVIII ent⸗ zifferten. Beide trugen breite Hüte, und ihre bleichen Ge⸗ ſichter hatten einen unheimlichen geſpenſtigen Ausdruck. Der Eine größer von Wuchs als der Andere, hatte ge⸗ wöhnliche, ziemlich regelmäßige Züge; der Andere war klein von Geſtalt, hatte ein dürres Geſicht mit eingeſun⸗ kenen Wangen und eine breite Stirne, welche, obgleich er kaum zwanzig Jahre zählen mochte, bereits Runzeln trug; ſeine lange Naſe, ſein finſteres Auge und ſein ſchma⸗ les, unten ſpitzig zulaufendes Kinn gaben ihm ein faſt abſchreckendes Ausſehen. Die ſchwarzen Mäntel und brei⸗ ten Hüte, welche beide Männer trugen, deuteten darauf hin, daß ſie dem gelehrten oder geiſtlichen Stande ange⸗ hörten. Der Todtengräber ſtand lange auf ſeinen Spaten geſtützt, und betrachtete die beiden Männer, in denen er ſogleich Fremde erkannt hatte. Nun bemerkten auch ſie den Mann der Gräber. „Was machſt Du da?“ fragte der kleinere der bei⸗ den Männer, indem er Hannſen näher trat, mir barſchem Tone. „Herr!“ ſtotterte der etwas erſchrockenen Handlan⸗ ger des Todes,„ich baute eben eine Wohnung für einen neuen Gaſt meines Reiches.“ Der kleine todtenbleiche Mann mit der Faltenſtirne ſenkte düſter ſein Auge in die Grube.„Tief genug, ſagte er halb lächelnd, halb höhniſch,„um darin eine Ewig⸗ keit zu ſchlafen.“— „Je nun,“ meinte der zutraulicher werdende Tod⸗ tengräber, indem er den Mann näher in's Auge faßte, „je nun, es kömmt wohl auch ein Tag, der dieſe Ewig⸗ keit lichten, der den eiſernen Schlaf im Grabe unterbre⸗ chen wird.“ „Ei,“ fragte der Bleiche, wie ausholend, dagegen, „ei, glaubſt Du denn ſo feſt an die Verheißung—“... „Einer Auferſtehung!“ ergänzte der Todten⸗ gräber mit leuchtenden Blicken, und der freundliche Mond⸗ ſtrahl goß eben ſein Friedenslicht wie einen ermuthigen⸗ den Gruß aus dem Lande der Unſterblichkeit über die Schlummerſtätten des Kirchhofes „Einer Auferſtehung!,“ wiederholte er be⸗ geiſtert;„ja! mein Herr, Ihr werdet mir dieſen heiligen, großen Glauben, meines Lebens ſchönſte Hoffnung, nicht hinweglächeln!“— „Alſo Du, Mann mit dem blanken Spaten,“ fuhr der Bleiche fort,„Der Du täglich im Menſchenſtaube wühlſt, Du glaubſt wirklich, daß...“ „Gottes Allmacht mich mit den Millionen meiner Mitbrüder dereinſt erwecken werde zum ewigen Leben!“ 6 ergänzte der Todtengräber, indem er ſich, wie die ſiegende Hoffnung auf ihrem Anker, auf den Spaten ſtützte und ſeine Hand betheuernd auf das Herz legte. Dem Blei⸗ chen ſchien das feſte Vertrauen des Todtengräbers ſehr zu gefallen, aber er wollte wohl den Starkmuth des ar⸗ men Schauflers noch weiter auf die Probe ſtellen. Er lüftete jetzt ſeinen Mantel und zog eine goldene Uhr aus ſeiner Taſche. „Sieh' da,“ ſagte er,„das Uehrlein zwiſchen den Fingern emporhaltend, und ſein Räderwerk aufſchließend, „ſieh' da, den Menſchenkörper, ein Rad zu viel oder zu wenig, einen Stift heraus, und das Uhrwerk ſteht und bleibt ſtehen— alſo des Menſchen Leben; und wenn ich das goldene Ding da auf die Erde werfe und es zerbreche, wo iſt ſeine Pracht und Schönheit? Wer heftet mir das das Ganze wieder zuſammen?“— Dabei warf er das Uehrlein mit einiger Heftigkeit auf den Boden, daß das Gehäuſe aufſprang und der Mondſtrahl auf die dicht vergoldeten Räder des inneren Werkes blitzte. „Der große Meiſter dort oben,“ entgegnete der Todtengräber feierlich, indem er ſeine Hand zu dem ſich immer mehr lichtenden Sternenhimmel emporhob. „O! glaubt mir, Herr!“ fuhr er fort,„ſo wie ein Hauch des Allmächtigen genügend war, die Millionen Sonnen und Welten dort oben im weiten Himmelsraume 7 zu ſammen zu wehen, ebenſo genügt ein Sandkorn in der Hand des Allmächtigen, um die Geſchicke von Nationen zu lenken.“— Der Bleiche wandte ſich jetzt zu ſeinem Begleiter, der bisher geſchwiegen hatte. „Die Beharrlichkeit dieſes Mannes in ſeinem Glau⸗ ben und ſeine ſeltene Zuverſicht gefällt mir,“ ſagte er; „Männer in ſeinem Kleide, welche gewohnt ſind, mit Menſchenſchädeln wie mit Kegeln zu ſpielen, ziehen oft zu ſehr von der Scholle an, um ſich noch zum Ueberſinn⸗ lichen aufzuſchwingen. Der Mann iſt ein Original, wir müſſen ihn näher kennen lernen.“ „Auch mir gefällt ſeine Rede,“ bemerkte der Be⸗ gleiter des Bleichen.„Sage mir,“ fragte er den Tod⸗ tengräber,„ſage mir, Mann mit dem Spaten, wie nennſt Du Dich?“ „Hanns Traugott,“ entgegnete der Todtengräber. „Haſt Du Familie?“ fragte Jener weiter. „Ein krankes Weib, Herr, und acht unverſorgte Kinder.“ „Und Brot?“— „So viel Stücke als Gräber in der Woche.“ „Alſo arm,“— nahm jetzt der Kleinere der beiden Männer wieder das Wort,„blutarm, und doch noch Vertrauen auf den, der für Dich nur Waſſer und nicht ——— 8 Manna regnen läßt. Iſt die Grabſchaufel Dein einziger Erwerb?“ „Nur während des Winters und der ſchlechten Jah⸗ reszeitüberhaupt,“ entgegnete der Todtengräber.„Kömmt der Lenz, ſo geleite ich Reiſende auf die Geiſterburg, de⸗ ren Beſchließer ich bin; dann ſetzt es wohl während die⸗ ſer beſſeren Jahreszeit ſo viel an Nebenerwerb, daß ich meinem Weibe und meinen Kindern davon ſpäter warme Winterkleider und einen geheizten Ofen beiſtellen kann.“ „In die Geiſterburg?“ fragte der Bleiche,— „wo iſt dieſe?“ „Schaut nur vor Euch,“ antwortete der Todten⸗ gräber,„da ſteht ſie ja die alte Veſte Volkensdorf, die manches Jahrhundert mit angeſehen hat; wir nennen ſie halt die Geiſterburg, weil es darin umgeht.“ „Umgeht?“— „Oder ſpuckt,“ fuhr der Todtengräber fort,— „das heißt nämlich, der abgeſchiedene Geiſt des alten Ortolph von Volkensdorf, welcher vor mehr als zwei⸗ hundert Jahren im Kloſter St. Florian einen Sekretär des Herzogs Friedrich von Oeſterreich erſtach, ſoll dort nächtlicher Weile, und zwar gewöhnlich gegen eilf Uhr, in der Burg ſein Unweſen treiben.“ Die beiden Fremden lächelten. 9 „Willſt Du uns wohl in die Burg führen?—“ fragte der kleinere Bleiche. „Was fällt Euch ein!“ rief der Todtengräber er⸗ ſchrocken;„wollt Ihr an Leib und Seele Schaden neh⸗ men? nein, bei Tage führe ich Euch, wohin Ihr wollt, des Nachts bringt mich Niemand in das Geiſterneſt da hinauf.“— „Wir können uns in der Gegend nicht aufhalteu,“ ſagte der Bleiche—„die Nacht beginnt, und noch wäh⸗ rend derſelben geht unſere Reiſe weiter; darum, willſt Du uns Punct eilf Uhr die Gemächer der Geiſterburg, wie Du ſie nennſt, öffnen, ſo verdienſt Du von uns zwei Silberſtücke mit des Kaiſers blankem Bruſtbilde.“ „Nein, nein!“ jammerte der Todtengräber,„es ſteht geſchrieben: Du ſollſt Gott, Deinen Herrn, nicht verſuchen.“— „Narr!“ eiferte der Bleiche,„wirſt Dich wohl nicht von eitler Geſpenſterfurcht um ein nahmhaftes Trinkgeld bringen laſſen, welches Du Dir verdienen kannſt, wenn Du uns heute um eilf Uhr in die verfallene Burg gelei⸗ teſt?“ „Und wenn Ihr mir die verſilberte Kuppel des morſchen Thurmes da oben mit Goldſtücken anfüllt—“ betheuerte der Todtengräber,„ſo bringt Ihr mich des Nachts nicht in das Geiſterneſt hinquf.“ 10 Dabei ſchielte der arme Spatenträger denn doch mit lüſternen Augen nach den zwei Silberthalern, welche der Bleiche zwiſchen den Fingern hielt,— dieſer aber ſann ein wenig nach, dann ſchien ihm ein Gedanke auf⸗ zuleuchten— er wollte jetzt ſeinen Mann auf eine an⸗ dere Weiſe faſſen. „Sieh' dieß Amulet“— fuhr er fort, indem er eine blauſeidene Kapſel aus der Bruſt hervorzog,„dieß Amulet iſt angerührt und geweiht von Seiner Heiligkeit dem Papſte ſelbſt,— wer es trägt iſt ſicher vor den Anfechtungen des Böſen.“ Der Todtengräber trat einen Schritt vor und riß die Augen weit auf. Die Rede des Bleichen hatte ſchnell gewirkt. „Laßt ſehen“— ſagte jetzt gefügiger Hans Trau⸗ gott,„ja es iſt richtig ein Amulet, wie mein Schwager, der Küſter, eines beſitzt, nun denn, ſo will ich den Gang mit Euch wagen, alſo!..„ „Alſo Punct eilf— ſind wir hier wieder am Platze,“ entgegnete der Bleiche,„keine Minute früher, noch ſpäter— Punct eilf findeſt Du Dich ein.“ „In Gottesnamen,“ ſagte ſeufzend der Todten⸗ gräber. Die beiden Männer zogen ihre Mäntel enger zu⸗ —————— 11 ſammen und verließen den Kirchhof, um ſich im Weiler ein Abendbrot zu ſuchen. Noch hatte die alte Thurmuhr im Schloſſe Vol⸗ kensdorf das dritte Viertel auf eilf nicht ausgeſchlagen, als der Tobtengräber Hans Traugott bereits auf der Zugbrücke der Veſte ſtand uud durch die Stille der ſtern⸗ hellen Nacht nach allen Richtungen lauſchte, ob die bei⸗ den Fremden, welche ihn hieher beſtellt hatten, den Hü⸗ gel ſchon heraufkämen. Allein kein Laut regte ſich, keiner der beiden Män⸗ ner ließ ſich ſehen. Die Thurmglocke brummte eilf, auf der zackigen Warte flog eine Ohreule auf, und hinter der wohlver⸗ ſchloſſenen Pforte der alten Burg wurde ein ſeltſamer Schall vernehmbar, gleich dem Rollen von Erdſchollen, welche der Spaten des Todtengräbers auf den eben in die Tiefe verſenkten Sarg ſchleudert. Hans Traugott hatte manche Nacht auf dem Kirch⸗ hofe in ſeinem traurigen Geſchäfte verbracht, allein eine Bangigkeit, wie eben jetzt, hatte ihn noch nie befallen. Kalte Schweißtropfen drangen auf ſeiner Stirn hervor, er glaubte jeden Augenblick die Pforte der alten, unbe⸗ wohnten Burg ſich von ſelbſt öffnen, und den Schatten eines der längſt entſchlafenen Bewohner derſelben her⸗ 12 ausſchweben zu ſehen, zuletzt begann er in ſeiner uner⸗ klärlichen Angſt fieberhaft zu zittern, und, da die Thurm⸗ uhr bereits das erſte Viertel nach eilf dröhnte, und die beiden Fremden noch immer nicht erſchienen, ſo lief Hans Traugott endlich den Hügel herab gegen den ungefähr hundert und fünfzig Schritte entfernt liegenden Weiler zu.— Aber kaum war er im Thale angelangt, ſo krachte ein furchtbarer Donner von der halbverfallenen Veſte herab, ſo furchtbar, daß Hans Traugott augenblicklich be⸗ täubt auf der Erde lag, und von einem ungeheuerem Feuerſtrahle geblendet, erſt nach geraumer Weile ſich vom Boden aufraffen konnte, als ihn das Geſchrei der vor Schrecken und Beſtürzung herbeieilenden Bewohner der Gegend wieder in's Leben rief. Die Stätte vor dem Schloſſe glich jetzt einem durchwühlten Acker, die zackige Thurmeswarte des Schloſſes war verſchwunden, Trümmer deckten den Fel⸗ ſenabhang; der Theil der weſtlichen Seite der Burg mit dem alten Ahnenſaale war durch eine Pulver⸗Erploſion in die Luft geſprengt worden, kein Menſch ahnte das „Wie?“— denn außer dem Todtengräber und jenen Reiſenden, denen dieſer die vergilbten Wände der Burg ſehen ließ, war ſeit vielen Jahren Niemand über die Zugbrücke des Schloſſes geſchritten und von aufbewahr⸗ 13 ten Pulvervorräthen in der Burg hatte ſelbſt Hans Trau⸗ gott keine Wiſſenſchaft... und dennoch kündigte der zurückgebliebene Pulverdampf über den Trümmern des eingeſtürzten Gemäuers eine erfolgte Pulver⸗Exploſion an. Hans Traugott dachte aber jetzt der beiden Män⸗ ner mit den breiten Hüten und ſchwarzen Mänteln, welche ihn um eilf Uhr Nachts zur Burg beſchieden hat⸗ ten, ſelbſt aber nicht erſchienen waren. Sie waren im Weiler am Bergesabhange geſehen worden, jedoch ſpur⸗ los verſchwunden. Das Landpolk der Umgegend aber ſprach noch lange davon, daß die bleichen Männer mit ſchwarzen Mänteln und breiten Hüten verſehen, Bürger aus dem Jenſeits geweſen ſeien, welche durch göttliche Zulaſſung jenen Theil der Veſte Volkensdorf zerſtörten,— klügere und weitdenkendere Bewohner der Gegend, welche wohl wuß⸗ ten, daß auch der Kaiſer ſeine Freunde im Lande hatte, welche das Treiben ſeiner Gegner beobachteten, hielten die nicht wieder zum Vorſchein gekommenen Schwarz⸗ mäntel für Kundſchafter Rudolfs II., welche für ihn im Lande ob der Enns Freunde warben, und die Stimmung des Landvolkes erforſchen ſollten, noch andere hielten die Schwarzmäntler für Jeſuiten. 14 Im Erntemonat des Jahres 1619 ſah es im Lande ob der Enns gar trübe aus. Rudolf II. und Mathias I. ruhten bereits in der Gruft und Kaiſer Ferdinand II. folgte ihnen auf dem deutſchen Kaiſerthrone, er war bereits als König von Ungarn und Bohmen gekrönt, und der eigentliche Erbe der Länder ob und unter der Enns, Erzherzog Albrecht, damals Regent der Niederlande, bereits im Alter vor⸗ gerückt, übertrug am 9. Oktober 1619 in einer beſon⸗ deren Urkunde ſeine Rechte auf die Länder ob und unter der Enns an den Kaiſer. Allein, ſo wie ſich in Böhmen damals der Geiſt des Unfriedens und Zerwürfniſſes regte, und das Vor⸗ ſpiel des dreißigjährigen Krieges begann, ſo gaben ſich auch im Lande ob der Enns bedauerliche Zeichen von herannahenden Stürmen kund. Unter dem Deckmantel der Religion ſuchten Selbſt⸗ ſucht und Unzufriedenheit das Land aufzuregen. Die Mehrzahl der dem Kaiſer abgeneigten Landſtände brachte es dahin, daß demſelben die Huldigung verwei⸗ gert wurde, ja, die Stände beſtellten in dem Herrn Sig⸗ mund von Pollheim einen eigenen Landeshauptmann, nur die Prälaten traten dieſem Beſchluſſe nicht bei. So wie ſich nun die Stände des Landes ob der Enns mehr und mehr den böhmiſchen anſchloſſen, ver⸗ 15 band ſich dagegen Kaiſer Ferdinand mit ſeinem Jugend⸗ freunde, dem Herzoge Marimilian von Baiern, zur Un⸗ terdrückung der in Böhmen und Oberöſterreich begin⸗ nenden Unruhen. Noch einmal verſuchte er durch Milde die Landſtände von Oberöſterreich zu ihrer Pflicht zu⸗ rückzubringen, dieſe aber verweigerten dem Monarchen noch immer die Huldigung und ließen ſich in Unterhand⸗ lungen mit den unruhigen Böhmen und Ungarn ein, ja ſie luden ſogar die Türken durch eine Geſandtſchaft zum Bündniſſe ein. Aber ſchon nahte der edle Verbündete des Kaiſers, Herzog Maximilian von Baiern mit ſeinem Heere den Grenzen Oberöſterreich's, um hier die Ordnung herzu⸗ ſtellen. Während achttauſend aufrühreriſche Bauern des Landes ob der Enns ſich bei Walchen und Frankenmarkt zuſammenrotteten und unter den feſten Plätzen des Lan⸗ des zuerſt das Schloß Kogel einnehmen wollten, lager⸗ ten ſich die Baiern um die Mitte des Monates Juli des genannten Jahres, 30,000 Mann ſtark unter dem be⸗ rühmten Tilly, bei Schärding am Innfluſſe. Tilly erklärte den Ständen ob der Enns, er komme als Stellvertreter des Kaiſers, dem ſie Gehorſam lei⸗ ſten ſollten, er verlange von ihnen, daß jeder Bund mit den Böhmen von ihnen allſogleich aufgelöſt werde. 16 Die Stände zögerten auf Hülfe hoffend, mit der Antwort. Tilly aber verſtand keinen Scherz und eine Abtheilung ſeiner Truppen rückte am 25. Juli unter Alexander von Hußlanger nach Oeſterreich ein, während mehrere tauſend, der zum Widerſtande gerüſteten Bau⸗ ern im Innviertel gelagert waren, und die Grenzplätze Peuerbach, Riedau, Neumarkt und Aeſtersheim von den Einwohnern mit Schanzen und Palliſaden verſehen wurden. Die Tage wurden daher immer heißer, die Gewit⸗ terwolken, welche ſich über dem Lande ob der Enns zu⸗ ſammenzogen, immer ſchwärzer. Hochbedauerliche Ereigniſſe fielen auf beiden Sei⸗ ten vor, denn der Bauer wie der Baier war zum Aeu⸗ ßerſten entſchloſſen, und das Wort„Pardon“ ſollte aus dem Verzeichniſſe ihrer Loſungsworte ausgeſtrichen ſein. Das war die Zeit des eigentlichen Vorſpiels zum oberöſterreichiſchen Bauernkriege, welcher jedoch erſt meh⸗ rere Jahre ſpäter in ſeiner vollen Wuth ausbrach. An einem dieſer„heißen Julitage“ des obgenann⸗ ten Jahres war die Trinkſtube des Lenzenwirthshauſes zu Aſchau an der Donau, genannt„zum rothen Hahn“ mit braunen Männern gefüllt. Sie hatten ſich in ihren . 17 Lodenkitteln, die ſpitzigen Jodelhüte ¹) auf den dicht⸗ behaarten Köpfen, an den Wandbänken der dunklen Stube gereiht, wenigſtens zwanzig an der Zahl. Auf den langen Eichentafeln, welche längs den Bänken hinliefen, ſtanden die breiten„Pitſchen“(höl⸗ zerne Gefäße mit breiten Henkeln) worin der in dieſem Jahre wohlgerathene Aepfelmoſt ſchäumte. Daneben la⸗ gen ungeheure Laibe ſchwarzen Brodes und in einer großen irdenen Schüſſel eine Menge runder Ziegenkäſe nebſt ſaftigen Frühbirnen. An den ſchmutzigen Wänden hing das Bruchſtück eines ſchwarzen Rahmens mit zerbrochener Glastafel, die zerfetzten Ueberreſte des herausgeriſſenen Bildes lie⸗ ßen eben noch den Kübel und die eine Hand des heili⸗ gen Florian's erkennen, der als einer der Patrone des Landes und Beſchützer gegen Feuersgefahr verehrt, nunmehr den bereits auflodernden Brand des Aufruhrs im Lande auch nicht mehr zu löſchen vermochte. An den übrigen Seiten der Wand ragten mächtige Hirſchgeweihe hervor, an denen die Bauern zum Theil ihre Hüte aufgehängt hatten. Jeder der Bauern hatte übrigens ein paar ſcharfe ) Von„Jodeln“(Singen) weil dieſe Hüte beim Sin⸗ gen emporgeworfen wurden. Proſchko. Der ſchwarze Mann. III. 2 18 Stechmeſſer nach Innviertler Art in ſeinem Gürtel ſtecken und in den Stubenecken lehnten Morgenſterne, Parti⸗ ſanen und zwei verroſtete Lanzen, welche die Landleute vom Schloße Aeſtersheim entwendet hatten. Unter dieſen Bauern aber ragte ein ſtämmiger Mann mit ſchwarzen Haaren, und langem, braunem Geſichte, der braune Steffen genannt, hervor, deſ⸗ ſen breite Bruſt mit einem ledernen Koller bedeckt war, während an ſeinen hohen Lenden ein langer Hirſchfän⸗ ger hing, und ein Bauernkittel von grobem, braunem Lo⸗ den ſeinen ſehnigen Gliederbau verhüllte, ſein Auge ſah finſter darein, auf ſeiner gefalteten Stirne ſaß der Bau⸗ erntrotz, und ſeine auf den Eichentiſch geſtemmte Fauſt ſchien anzudeuten, daß er der Herr und Gebieter dieſer Tafelrunde ſei. Und ſo war es auch. Der gewaltige Mann, ſeinem Gewerbe nach ein Hutmacher, wußte mit den Jodelhüten der Bauern gar trefflich zu handtiren, ſo, daß nach kurzer Zeit ſiebenzig tauſend Hüte auf ſeinen Wink ſich von den Köpfen ho⸗ ben.— Seine Commandoſprache war aber in der Trink⸗ ſtube kein Donnerwort, wie nachmals aufoffenem Felde; halblaut überzählte er die Anweſenden, indem ſein lan⸗ ger Knochenfinger auf die rings um den Tiſch auf ihre 10 Ellenbogen geſtützten Bauern deutete, während ein Rö⸗ thel und ein Stück altes Pergament vor ihm lagen, auf welch' letzterem ein anderer Bauer die Namen der Ge⸗ nannten verzeichnete.— „Alſo Ihr ſeid alle gekommen,“ ſagte er, ſeine An⸗ ſprache an die aufhorchenden Bauern ſchließend—„alle ſeid Ihr gekommen, bis auf den Wolf Madlſeder von S „Ja,“ riefen die Bauern, und Einer unter ihnen bemerkte: „Weißt ja, Huterer, daß der Madlſeder, als Rent⸗ meiſter der Stadt⸗Kammerkaſſa von Steyer, eben nicht zu jeder Stunde abkommen kann.“ „Und zuwarten will, bis er ſieht, wie es mit der Sache geht,“— entgegnete höhniſch der Huterer;„ich traue den Federfuchſern nicht; könnte den Zauderer auch höchſtens nur zum Feldſchreiber unſerer künftigen Ar⸗ mada brauchen, überdies iſt er durch unſern zweiten Feld⸗ ſchreiber, den Doctor Holzmüller, gar leicht erſetzt ¹); ¹) Dr. Lazarus Holzmüller, einer der bedeutendſten Stimmführer im erſten oberöſterreichiſchen Bauernkriege, er wurde ſpäter wegen ſeiner Theilnahme an den Unruhen enthauptet, das gleiche Schickſal traf den Rentmeiſter der Stadt Steyer Wolf Madlſeder, ſein Kopf wurde am Thurme zu Steyer aufgeſteckt. 2* 20 aber nun Ihr Andern, rührt Euch wacker, müßt's jetzt machen, wie der Quirl im Butterfaße, rund herum, bis die Butter fertig iſt und wir den Käſe dazu bereiten, der dem Bayer in die Gurgel beißen ſoll.“— „Du, David Spatt—“ fuhr er auf einen baum⸗ langen Holzbauer vom Mühlviertel deutend fort.„Du biſt im Mühlviertel zu Hauſe, Du nimmſt alſo dieſen Theil auf Dich; Du, Hanns Himmelberger, redeſt mir die Flößer an der oberen Donau auf.“ „Soll geſchehen,“ erwiederte lachend der Angere⸗ dete, einer der ſogenannten ſchwarzen Bauern vom Inn. ¹) „Der Tobias Mayer,“ fuhr der Bauer wieder fort, indem er auf einen andern, der um den Tiſch ſitzenden Bauern deutete,„der Tobias Mayer geht mit dem For⸗ auer in's Machland; der Reiter, der Wolf Wurmb, Handes Aubrek und Vätterer werben im Hausruck, der Ringel und Hochbauern in der Gegend von Enns und St. Florian.“ Alle dieſe und die folgenden Namen oberöſterrei⸗ chiſcher Landlente ſind hiſtoriſch, die Bezeichneten waren die Haupträdelsführer im erſten oberöſterreichiſchen Bau⸗ ) Die ſchwarzen Bauern vom Inn— von ihrer in einem ſchwarzen Banernkittel beſtehenden Tracht ſo genannt, waren eine beſonders furchtbare Rotte im Bauernkriege Oberöſterreichs. ernkriege, ſie büßten jedoch ihre vorzugsweiſe Theilnahme an demſelben mit dem Leben, und wurden ſämmtlich im März des Jahres 1627 am Hauptplatze zu Linz mit dem Beile hingerichtet. Nur ihr Hauptanführer, der oben als Sprecher angeführte„braune Steffen“ ſtarb an einer erlittenen Verwundung zu Ebelsberg. Die Angeredeten nickten, und der Braune ſprach weiter: „Unſer Factotum, der rührige Doctor Holzmüller hat uns bereits eine Defenſionsordnung verfaßt; auch kann ich Euch ſagen, daß der Balthaſar Mayr, der Hanns Leitner und der Angerholzer, die ich ſämmtlich zu Feld⸗ hauptleuten unſerer Defenſion beſtimmt habe, in der Ge⸗ gend von Freiſtadt und Gallneukirchen werben.“ „Und wir Andern werden nicht hinter ihnen zurück⸗ bleiben,“ rief jetzt ein kurzer, ſtämmiger Bauer mit ro⸗ then Haaren und rothem Barte, der bisher auf ſeinen Ellenbogen geſtützt, ſchweigend dageſeſſen war, dazwi⸗ ſchen. „Kenne Dich ohnedem, Hans Virſche) als einen 0) Hans Virſche, einer der wüthendſten Anführer der Rotten des Bauernkrieges und der einzige unter den zum Tode durch das Beil verurtheilten Führern der Bauern⸗ 22 Schneidigen!“) entgegnete der Braune,„wirſt unſerer Sache gute Dienſte leiſten; und ſomit iſt Alles vorbe⸗ reitet, und wir können die Bayern mit gefällter Parti⸗ ſane und brennender Lunte erwarten.“ „Aber wenn wir unterliegen,“— nahm jetzt Einer der Landleute das Wort. „Schweig'!“ fiel der Braune ein,„wir dürfen— wir können nicht unterliegen, wenn Ihr nur vor der Zeit und ehe wir den Zaun um den Garten haben, nichts ausredet— darum macht keinen Lärm von der Sache.“ Aber hier unterbrach den Sprecher eben ein gewal⸗ tiger Lärm, welcher ſich vor der Schenke erhob; die Hunde im Hofraume ſchlugen an; fluchende Männerſtimmen und kreiſchende Töne aus Weiberkehlen verkündeten, daß etwas Ungewöhnliches im Anzuge ſei. „Wir ſind verrathen!“ ſchrieen die Bauern in der Stube, und einige ſprangen von ihren Bänken zu den Fenſtern der Stube, um zu ſehen, was im Anzuge ſei, während andere ihre mit langen Eiſenſpitzen verſehenen Knotenſtöcke und die Partiſanen aus den Ecken der Stube hervorriſſen und ſich zur Wehre bereit machten. ſchaft, welcher vor ſeiner Hinrichtung ſeine Rückkehr zur katholiſchen Kirche verweigerte. ¹) Provinzialismus ſtatt Muthigen. — 23 Der braune Steffen aber riß die Thür weit auf, und ſtellte ſich, wie ein Goliath, ſeinen gewaltigen Hirſch⸗ fänger vom Leder ziehend, auf die Schwelle; er hatte eben noch Zeit, ſeine Fauſt vorzuſtrecken, um den buck⸗ ligen Knirps zurückzuſchleudern, welcher athemlos auf die Spitze des Hirſchfängers zugeſtürzt kam. „Was gibt's, Tobias?“ rief er, das Höckermänn⸗ lein am Halſe faſſend,„ſind Blauröcke vor der Schenke? ſie ſollen, ſo wahr ich Steffen heiße, nicht lebendig her⸗ einſitzen!“— „Kommen auch nicht lebendig,“ berichtete keuchend der Kleine,„kommt nur Einer, und den tragen ſie auf zwei Tannenäſten, denn ſie haben ihn—“ dabei machte er mit der Hand eine Bewegung, welche den Meſſerſtoß andeuten ſollte.— „Rede deutlicher, Tobias Knollmayer!“ ¹) befahl der Braune,— aber ſchon traten zwei baumlange Bau⸗ ern mit ſchwarzen Kitteln und knorrige Stöcke in den Händen ſchwingend, herein; ihre durchfurchten Stirnen waren mit Blut beſpritzt, von ihren ſchwarzen Kitteln hingen Fetzen herab, ein Zeichen, daß ſie einen Strauß auf Leben und Tod beſtanden hatten; Beide holten durch ¹) Tobias Knollmayr, Baßgeiger von Riedau, einer der eifrigſten Sprecher im zweiten Bauernkriege. 24 ihre weiten Nüſtern tief Athem und blickten ſogleich gie⸗ rig nach den Moſtkrügen am Tiſche. „Ah,“ rief der Braune,„da kommt der Neu⸗ müller und der Hurter;) nun, was bringt Ihr?“ „Nicht viel,“ berichtete Neumüller, der Waldbauer, „wir bringen den Balg eines Geiers, von jener Sorte, wie ſie eben über die Grenze fliegen.“ Dabei deutete er, die Moſtkorbel an den Mund drückend, auf die Haus⸗ flur, wohin die Bauern aus der Stube bereits zuſam⸗ mengelaufen waren. Der braune Steffen trat hinaus. Auf dem Eſtriche lag ein baieriſcher Trompeter mit zerſchmetterter Hirnſchale; ſeine Fauſt war noch krampf⸗ haft geballt; ein Büſchel rother Haare in derſelben deu⸗ tete auf den fürchterlichen Kampf, den er mit Hurter, dem Rothkopfe, beſtanden hatte, ehe er von deſſen Kno⸗ tenſtocke den tödtenden Stirnſchlag erhielt. „Den haben wir in der Scharlen ²) kalt gemacht,“ entgegnete Neumüller, der Wirth von Steyer. „Er iſt Einer der Tilly'ſchen,“ bemerkte der Hur⸗ ter, von ſeinem rothen Barte der„Fuchsbart“ genannt, ) Zwei durch ihre beſondere Grauſamkeit berüchtigte Führer der Bauernrotte, erſterer kommandirte zu Steyer, letzterer im Markte Urfahr nächſt Linz. 5) Eine romantiſche Waldgegend nächſt Efferding. 25 „der Gaudieb wollte nach Linz, um dem Statthalter Her⸗ berſtorf bei Depeſchen des Tilly, der mit ſeiner Soldateska im Anzuge iſt, zu überingen,— wir vertraten ihm aber den Weg,— und haben ihn geſtreckt und zugedeckt,— der bläſt Keinen mehr aus dem Felde!“ Der braune Steffen hatten inzwiſchen die dem tod⸗ ten Trompeter um den Leib gebundene Ledertaſche ge⸗ muſtert. In derſelben ſtack nebſt einer Brandweinflaſche ein wohlverſchnürtes Pergament, welches der Braune ſo⸗ gleich an ſich rieß und, da er des Leſens wenig kundig war, dem kleinen Baßgeiger von Riedau reichte, mit welchem er in eine Ecke des Hofraumes trat, und ſich von demſelben die Depeſche des Trompeters vorleſen ließ. Er nahm aber gar bald eine bedenkliche Miene an. „Männer,“ ſagte er, wieder zu den Bauern vor⸗ tretend,„der Herzog Maximilian von Baiern iſt heute Morgens ſchon von Schärding abgezogen, und hat ſich über St. Martin nach Ried begeben, wo er mit den Ab⸗ geordneten der Stände unterhandeln will, auch der Tilly iſt mit 20,000 Mann, Reiter und Fußvolk, im Anzuge und kann jede Stunde in Efferding eintreffen.“. „Teufel!“ rief Leitner, der Holzbauer,„da hat's Zeit, daß wir auseinander rennen.“ „Und unſere Strohdächer vor den Lunten der Bai⸗ ern ſalviren,“ ſetzte der Wolf Wurmb hinzu. 26 „Wir ſind hier allerdings keinen Augenblick ſicher,“ ſagte der braune Steffen mit bedenklicher Miene,„da⸗ rum rafft Euer Waffengeräth zuſammen, werden's ſpä⸗ ter gut brauchen können, das klingende Zeug da— wie ich Euch ſagte, ſo finden wir uns auf dem nächſten Kirch⸗ tage zu Enns im Bauernlöchel hinter der Galgenſchanze ¹) zuſammen, auch der Student ²) kommt hin... aber jetzt ſchnell, bringt den Kalten da in den Wald und ver⸗ ſchüttet ihn gut, ſonſt ſetzen Euch die Baiern den rothen Hahn auf das Dach, unter welchem ſie ihn finden!“ Dabei deutete er auf die Leiche des Trompeters, welche die Brannen umſtanden. „Ei was,“ entgegnete brummend der lange Neu⸗ müller,„rollt den marmorirten Blaurock in die Donau, daß er ſeine Botſchaft ſchwimmend vor's Linzer⸗Schloß träge „Was Dir nicht einfällt,“ eiferte der Braune,— „das wäre eben recht, den Herberſtorf³) vor der Zeit in den Harniſch zu jagen.“.. Ein bekannter Sammelort der Bauern im erſten Bauernkriege, wo ſie ihre geheimen Berathungen gepflogen. ²) Meiſter Glacianus,(von der Glacau), der Student genannt, einer der thätigſten Hetzer im Bauernkriege, ſein Schickſal ereilte ihn am Gmundner⸗See, wo er von einem kaiſerlichen Kroaten niedergeſtochen wurde. *) Graf Herberſtorf, baieriſcher Statthalter im Lande ob 27 Er ſann darauf ein wenig nach. „Im wilden Mooſe müſſen wir die Leiche verſchar⸗ ren,“ ſagte er,„holt einmal Schaufel und Krampe, und eine Tragbahre nebſt Laterne.“. „Was!“ ſchrie David Spott, und ihm ſtimmten mehrere der Bauern bei,„wir ſollten die Todtengräber für den baieriſchen Poſtenreiter da machen?— Hui! das hat ſeine ege „Nun, ſo laßt Euch das Dach über den Köpfen wegbrennen,“ grollte der Braune,„wir haben keine Zeit zu verlieren, mir iſt, als hörte ich ſchon die Hufſchläge der bairiſchen Reiter.“... „Wartet ein wenig,“ rief jetzt der kleine Baßgei⸗ ger Tobias,„ich ſchaffe Rath.“— „Ich ſtelle Euch in fünf Minuten den kleinen Tod⸗ tengräber aus dem Hegerhäuschen am Walde,“ fuhr Tobias Knollmayer fort,„der ſcharrt Euch den Trom⸗ peter in's Moos drüben.“ Raſch war das Höckermännlein aus der Stube ver⸗ ſchwunden, und kaum zehn Minuten vergingen, da ſtan⸗ den der braune Steffen, der Neumüller, Hurter und der kleine Baßgeiger im ſogenannten wilden Mooſe, einer den Enns, wegen ſeiner Strenge bei den Bauern tief ver⸗ aßt. finſteren und feuchten Waldgegend, nächſt Efferding, wo nur Schlingkraut und feuchtes Steinmoos über ſchlam⸗ miger Erde wucherte, und der Oſtwind ſo ſchaurig durch die Aeſte der himmelhohen Tannen blies, als ob er zu dem Begräbniſſe des todten Trompeters das Sterbelied zu liefern hätte. Die Gegend ſtand auch wirklich bei den Landleu⸗ ten im Rufe des Geiſterſpuckes, bei dem Aberglauben der damaligen Zeit nichts Ungewöhnliches. Zwei andere Bauern ſtellten eine aus Tannenäſten verfertigte Tragbahre auf das Moos, und Hanns, der Todtengräber aus dem Hegerhäuschen, ein junger, etwa achtzehnjähriger Burſche mit einem runden Bauernhute, unter welchem ein offenes, ehrliches Geſicht hervorblickte, und einem grauen Bauernkittel bekleidet, ſtand mit Spa⸗ ten und Krampe daneben, um dem todten Trompeter ſeine letzte Ruheſtätte auszuſcharren. Indeß war die bleiche Mondſcheibe heraufgezogen, und beleuchtete die Geſtalten der Theilnehmer dieſes nächtlichen Begräbniſſes, welches einem der ſagenhaften Vehmgerichte des Mittelalters glich. Auf den vom Monde beleuchteten Geſichtern der Bauern prägte ſich jedoch weder Furcht, noch eine ſon⸗ ſtige Aufregung über das Ungewöhnliche der Scene aus nur der braune Steffen ſtand nachdenkend auf 29 ſeinen Knotenſtockgeſtützt und liſpelte, während der junge Todtengräber an dem Grabe arbeitete, und ein halblau⸗ tes Vaterunſer für die Seele des zu Begrabenden her⸗ ſagte, vor ſich hin:„Heute mir— morgen Dir!— wer weiß, ob der Steffen nicht auch bald in's feuchte Moos hinabtauchen muß!“ „Spute Dich, Hanns,“ mahnte der Neumüller den Todtengräber,„und bette den Blaurock recht tief, daß er nicht wieder aus dem Mooſe iecht „Sechs Schuh und drei Zoll,“ ſagte halblaut der Todtengräber;„das Grab iſt ſeris Und von den Händen der Bauern hinabgeſtürzt, lag die Leiche des armen Baiern in der Grube. Hanns, btt Todtengräber, ſchaufelte raſch die ſchlammige Erde darüber. „Den ſeht Ihr nimmer, bis zur Auferſtehung,“ ſagte lachend der Neumüller, indem er mit ſeinem Stocke in den ſchnell aufgeworfenen Grabhügel ſtach, als wollte er die Feſtigkeit desſelben prüfen. „Jeſus Maria!“ ſchrie jetzt der kleine Baßgeiger von Riedau, der an einer fernſtehenden Fichte mit der La⸗ terne Wache gehalten hatte. „Was kreiſcht denn der Bucklige“fragte der braune Steffen, auf Tobias Knollmayer zueilend. „Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!“ rief der Kleine wieder,„der Trompeter! der todte Trom⸗ peter!“ „Hans Narr“,— grollte der Steffen; als er aber aufblickte, ſchrack er ſelbſt gewaltig zuſammen; denn der eben Verſcharrte ſtand in ſeiner vollen Mannslänge mit rollenden Augen und gehobener Rechte, gleich einem dro⸗ henden Nachgeſpenſte der Wälder, unter einer Fichte. Sein bleiches Antlitz, von ſchwarzen Haaren um⸗ ſchattet, grinſte ſo furchbar drein, als wollte er ſagen: „grabt mich ſo tief— Ihr wollt in die Erde, ich ver⸗ folge Euch doch durch alle Wälder!“ Aber der braune Steffen war kein Mann der blei⸗ chen Furcht, und konnte wohl nur einen Augenblick lang von der ſeltſamen Erſcheinung überraſcht werden; eben⸗ ſowenig ließen ſich ſeine Begleiter von derſelben ein⸗ ſchüchtern; ſie hatten ſogleich den Stiel zu der Hacke ge⸗ funden und zogen, ſich zur Wehre ſetzend, ihre langen Meſſer aus den Gürteln; denn ſchon trat der Doppel⸗ gänger des Begrabenen unter der Fichte hervor und hin⸗ ter ihm reihten ſich noch ſechs, ſieben, endlich zehn. bairiſche Blauröcke mit langen Musketen, um die über⸗ raſchten Bavern. „Was treibt Ihr da um Mitternacht, im ſumpfi⸗ gen Grunde?“ fragte der größte der Blauröcke, indem 31 er ſeine Muskete emporzog und nach ſeiner glimmenden Lunte am Gürtel griff. „Was treibt Ihr in dieſer abgelegenen Gegend, fragen wir Euch?“ antwortete raſch vortretend der braune Steffen, indem er ſeinen Hirſchfänger zog, und ihn vor ſich hinſtreckte. „He! Holla!“ ſchrie der Blaurock,„Ihr wollt an⸗ binden— ſechs gegen zehn, und nur auf den Stich ge⸗ rüſtet!“ „So kommt bairiſches Pulver zu riechen,“ rief ein anderer der Blauröcke, indem er nach ſeinem Pulver⸗ horne langte und die Muskete von der Schulter rieß. Der braune Steffen aber trat jetzt den Soldaten ſchier auf den Leib: „Oho!“ rief er,„glaubt Ihr, wir ſeien Haſen vom Fichtelgebirge? Da kommt Ihr uns ſchlecht. Auf Ober⸗ ſalvirt Euch den Rücken und dann drauf und ran!“ Er lehnte ſich dabei mit dem breiten Rücken an eine hohe Tanne, und die andern Bauern thaten desgleichen, indem ſie ihre Stöcke in der Fauſt ſchwenkten. Der buck⸗ lige Baßgeiger von Riedau aber war bereits gleich einer wilden Katze, auf eine hohe Fichte geklettert, wo er einen Nußheher aufſcheuchend, ſeinen Höcker zwiſchen den Aeſten verbarg, während Hans der Todtengräber, rath⸗ 32 los und geiſterbleich vor Angſt, auf dem Spaten lehnte, der noch im aufgethürmten Grabhügel ſtack. Die zehn Musketen der Soldaten waren bereits auf die Bauern gerichtet, aber der Führer der erſteren ließ noch einmal ſeine Waffe ſinken. „Ihr thut ja gewaltig dick mit Euerm Muthe,“ ſagte er, auf den braunen Steffen deutend,„wer ſeid Ihr denn?“ Aber der braune Steffen antwortete: „Ich bin der Stefan Fadinger, der Huterer, der Eueren Köpfen eben den Deckel anpaſſen wird.“ Der baieriſche Rottenführer überhörte das Wort, da er eben das friſch aufgeworfene Grab erblickte. „Wen habt Ihr da verſcharrt,“ rief er. „Einen Fuchs, der in die Falle ging,“ ſchrie der Fadinger dagegen. „Oeffnet die Grube,“ befahl der Baier. „Bohrt Eure Nägel ſelber hinein,“ entgegnete höhnend der Neumüller,„könnt da einen Kameraden finden.“ „He!“ rief der Rottenführer jetzt raſch zurücktre⸗ tend,„die Strolche haben einen der Unſern erſchlagen, vorwärts Kameraden, bläut ihnen die Köpfe!“ Aber er hatte nicht Zeit auszureden, die Bauern und die Soldaten waren ſchon handgemein geworden, 33 und in weniger als fünf Minuten lag der blaue Rot⸗ tenführer der Soldaten mit zerſchmetterter Hirnſchale im Blute, während die Bquern durch ihre mangelhafte Be⸗ waffnung und die Ueberzahl der Soldaten im offenen Nachtheile, ſich bald in's Dickicht zurückzogen und faſt alle den der Gegend unkundigen, über Baumwurzeln und Stöcke ſtürzenden, Soldaten entſprangen. Auch das Höckermännlein, der Baßgeiger von Riedau, war wie ein Eichhörnchen von Aſt zu Aſt ge⸗ klettert und ſo dem Bereiche der Gefahr entkommen, nur den armen Todtengräber Hans und jene beiden Bauern, welche die Leiche des Trompeters hergetragen hatten, und nicht einmal mit Stöcken bewaffnet waren, faßten die Baiern und ſchleppten ſie mit Stricken ge⸗ bunden, aus dem Walde, ſie mußten noch dazu den Soldaten, welche ſich auf dem Marſche nach Linz im Walde verirrt hatten, den Weg aus dem Forſte weiſen. Im herrlichen Donauthale, eine Meile von der Landeshauptſtadt Linz aufwärts ragt auf einem mäßi⸗ gen Hügel nächſt dem Donauſtrande ein Schloß mit mehreren kleinen Thürmen empor, am Fuße des Ber⸗ ges liegt ein nicht unbedeutender Markt. Schloß und Markt führen den Namen Ottensheim und auf ei⸗ nem der Häuſer des Marktplatzes ſieht man ein altes Bild, welches ein Kind in einer mit einem Baldachin Proſchte. Der ſchwarze Mann. III. 3 34 bedeckten Wiege vorſtellt, neben letzterem lieſſt man die im ſiebzehnten Jahrhundert wieder aufgefriſchte In⸗ ſchrift: „Jahr 1208 da Ottensheim noch nicht genannt war,“ „Iſt Kaiſer Otto auserkohren,“ „Allhier in dieſem Haus geboren.“ Davon ſcheint alſo der Name Ottensheim herzu⸗ rühren. In Jahre 1240 wurde die Kirche in Ottensheim dem Stifte in Wilhering einverleibt, während der Un⸗ ruhen des Jahres 1474 wurde Ottensheim von den Böhmen eingenommen und geplündert. Während dem Bauernkriege im Jahre 1626 ſtand dort ein großes Lager der Bauern unter Anführung des Bauernhaupt⸗ mannes Chriſtof Zeller, welcher von dort aus an alle Herrſchaften das Aufgebot erließ, daß ſich die Adeligen ſowohl, als ihre Unterthanen bei Vermeidung des Mor⸗ des und Brandes nach Ottensheim zum Bauernheere ſtellen ſollten. Im Jahre 1809 fielen zwiſchen den Oeſterreichern, Würtembergern, Baiern und Franzoſen bei Ottensheim mehrere kleine Gefechte vor. Dieſem Schloße gegenüber liegt dicht am rechten Ufer der Donau das im Jahre 1146 gegründete Ciſter⸗ zienſer Stift Wilhering Vormals Schloß der Herren von Wilhering, welche ⸗ 35 Dieſe Gegend nun wimmelte im Beginne des Mo⸗ nats Auguſt des Jahres 1619 von baieriſchen Solda⸗ ten, denn letztere rückten ſowohl von dieſer Seite über Grieskirchen, Eferding und Ottensheim, als auch in größeren Kolonnen, über Wels und Ebelsberg, in Gegend ihr Hauptquartier ſtand, gegen Linz erab. Dort auf der großen Ebene, welche ſich zwiſchen Ebelsberg und Linz ausdehnt, und von kleinen Tannen⸗ gehölzen und üppigen Wieſen durchſchnitten iſt, ſtehen noch jetzt drei einzelne Tannenbäume auf einem weiten Felde als Wahrzeichen, daß dieſe Stelle einſt Wald ge⸗ weſen war. In dieſem ſchon um jene Zeit tüchtig gelichteten Behölze waren in jener Nacht, in welcher die erzählte Scene im wilden Mooſe bei Efferding vorfiel, zahlreiche baieriſche Wachpoſten ausgeſtellt, und zwiſchen den Tan⸗ nenbäumen ſtanden und hingen die feſtgebundenen Zelte der Soldaten, in der Mitte des Gehölzes war auf wei⸗ chem Raſen das blaugeſtreifte Zelt des Kommandanten, aus dem Geſchlechte der Grafen von Kirnberg oder Hunds⸗ berg, ſonſt auch Freiherrn von Waxenburg genannt, ab⸗ ſtammten, in ihren Wappen führten ſie zwei weiße Hirſch⸗ geweihe, von dem Kieren⸗ oder Gehörnberge her, wo ſich viele Girſche befanden. 3* 36 der dieſe aus mehreren tauſend Mann beſtehende Ko⸗ lonne am nächſten Morgen vollends nach Linz zu füh⸗ ren beabſichtigte. Das Innere ſeines Zeltes war ſehr einfach, zwei kleine Feldſeſſel aus Eichenholz mit Ledergurten zum Zuſammenlegen(gleich den curuliſchen Sitzen der Rö⸗ mer), ein kleiner Feldtiſch mit dem einzigen knorrigen Fuße in der Erde feſtgekeilt, ein kurzes, eiſernes Feld⸗ bett, mit einer leichten Wolldecke und einem ſtrohgefüt⸗ terten Kopfkiſſen, bildeten die ganze Einrichtung des Zeltes, auf dem Feldtiſche ſtand neben einer großen Karte des Donaukreiſes ein hohes, ſchwarzes Kreuz mit dem Bilde des Heilands, daneben ein Steinkrug mit Waſſer, zwiſchen beiden lag ein aufgeſchlagenes Gebet⸗ buch, deſſen Titelblatt die Worte:„Breviarium ro- manum“ enthielt. Auf einem der Feldſeſſel ſaß der Kommandant die⸗ ſer Heeresabtheilung, ein hageres Männchen mit blei⸗ chen eingeſunkenen Augen, durchfurchter Stirne, langer! Naſe und ſtarkem Knebelbarte, ſein graues Haar hing faſt bis zu den finſter blickenden Augen herab, ſein ſpitzig zulaufendes Geſicht, hatte einen unbeſchreiblich widerlichen Ausdruck, natürliche Wildheit des Charac⸗ ters, eiſerne Härte und düſtere Gemüthsſtimmung ſpra⸗ chen ſich auf demſelben in markirten Zügen aus... 37 Ein ſpaniſches Wamms von hellgrünem Atlas mit aufgeſchlitzten Aermeln und breite Beinkleider von gleichem Stoffe verhüllten ſeinen hageren Körper, ein hoher, ſpitziger Hut und darauf eine rothe Straußfeder, welche bis auf den Rücken herabhing, gaben ihm vollends das Anſehen jenes Bürgers der Unterwelt, welcher in den Fauſtſagen der Vorzeit eine ſo große Rolle ſpielte, — aber das Amt, das er auf Erden übte, verkündete der gewaltige Haudegen, welchen er mittelſt eines leder⸗ nen Wehrgehänges über ſeinen Rock geſchnallt hatte, ſeine rechte Fauſt lag auf dem Gebetbuche, die andere hatte er in die Seite geſtemmt, ſein düſteres Auge haf⸗ Strafpredigt zu erhalten ſchien. „Ihr ſeid keine Soldaten mehr!“ eiferte dieſer, „Ihr kennt nur Raſttage, Weiber und Wein, nach Lu⸗ thers Sprüchlein, da zieht Ihr Euch wie eine krumme Feldſchlange nach Linz herab, und könntet mit Euern Kolonnen längſt die Stadt beſetzt haben, ich hoffte Euch mit meiner Armada bereits auf dem Martinsfelde vor dem Linzer Schloſſe zu treffen, und nun werde wohl ich noch früher dem Kaiſer in Linz den Huldigungsſaal ſcheuern ſſcu 38 „Haltet zu Gnaden, Herr Reichsgraf,“ entgegnete der ſtramm, wie die perſonifizirte Subordination daſte⸗ hende Reiteroffizier,„die Kantoniruug der Reichstrup⸗ pen in ihre verſchiedene Lagerplätze an der Donau, und die ſchwierige Verproviantirung aus den Speichern der Landleute hat den Marſch verzögert; morgen aber wird auch die Kolonne am linken Donauufer von Ottensheim nach Linz aufbrechen.. „Sollte längſt dort angekommen ſein,“ fiel der Kommandant wieder ein, indem er vom Seſſel aufſtand und im Zelte mit haſtigen Schritten auf und nieder⸗ ging, dann beſtrich er mit dem Zeigefinger die Karte auf dem Tiſche:„Meine Parole heißt:„Vorwärts,“ eiferte er,„in die größeren Orte werden die Truppen eingelegt, das wird die Lande in größerem Reſpect erhal⸗ ten, und zur Huldigung bringen, dieſe muß in acht Ta⸗ gen erfolgt ſein, dann marſchirt die Hauptarmee nach Unteröſterreich, vereinigt ſich mit den kaiſerlichen Trup⸗ pen, rückt in Böhmen ein, und jagt den Ufurpator aus der Pfalz über die Grenze, und die Rebellion iſt am Ende ¹0)——— Doch das Zaudern iſt Euer, die That mein,“ ſetzte er unwillig hinzu. — So geſchah es auch, am 20. Auguſt huldigten die Stände Oberöſterreichs dem Kaiſer, und am 8. November fand die Schlacht am weißen Berge bei Prag ſtatt, worauf 39 „Uebrigens,“ fuhr der lange Reiteroffizier wieder fort,„haben die Unſern bei Efferding geſtern mehrere Bauern zerſprengt, welche den Trompeter, den Seine Hoheit Herzog Mar an Euch Herr Generallieutenant, ſandte, erſchlagen haben, drei dieſer Gaudiebe wurden, als ſie den Erſchlagenen eben im wilden Mooſe ver⸗ ſcharrt hatten, gefangen und hieher eskortirt, auch wurde an der Straße von Enns nach Linz eine verdächtige Weibsperſon aufgegriffen, welche eine Scheuer, worin ein Rottmeiſter unſerer Kolonne übernachtete, anzuzün⸗ Begriffe ſtand, ſoll ich die Gefangene vorfüh⸗ ren „Seid Ihr toll? Ein Weib ſollte mein Zelt be⸗ treten,“ ſchrie der kleine General mit verſchränkten Ar⸗ men vor den Sprecher hintretend,„ein Weib? Wißt Ihr nicht, daß ich nie dem Athem eines Weibes vertra⸗ gen kann,— doß ich nie eine Schlacht verloren, nie ei⸗ nen übermäßigen Trunk gethan, aber auch nie einen Blick an ein Weib verſchwendet habe?— fort mit der Dirne, laßt ſie baumeln, aber vorher ſendet ihr,“ ſetzte er ruhiger hinzu,„den Feldkaplan, ich will nicht, daß ſie Friedrich von der Pfalz, genannt:„der Winterkönig“ ent⸗ ioh. und auch die böhmiſchen Stände dem Kaiſer hul⸗ igten. 40 fürbaß zur Hölle wandere, die gefangenen Bauern aber laßt vorführen.“ Der Offizier entfernte ſich, und bald trat ein Rot⸗ tenmeiſter, mit den beiden nächſt Efferding im wilden Mooſe während jener nächtlichen Scene gefangenen Bauern und dem, gleich dieſen, mit Stricken gebundenen Todtengräber Hans in das Zelt. Der kleine General trat mit verſchränkten Armen auf ſie zu. „Alſo Ihr ſeid,“ rief er zornglühend,„Ihr ſeid die Buſchritter, welche meinen Soldaten auflauern, und ſie nächtlicher Weile von rückwärts niedermeucheln.“ „Haltet zu Gnaden Herr General⸗Feldmarſchall,“ entgegnete einer der gefangenen Bauern,„wir haben den Baier, der im Mooſe liegt, nicht erſchlagen, das thaten die Steyrer, der Neumüller und der Hurter, wir mußten nur den Leichnam aus der Kneipe zum rothen Hahn auf der Tragbahre in's Dickicht ſchaffen..„ „Schweig,“ fiel der General ein,„Ihr ſeid alle Lumpenhunde, und mitgefangen— heißt mitgehangen— führt ſie ab,“ herrſchte er dem Rottenmeiſter zu,„und bei nächſtem Sonnenaufgange mit ihnen an die Fichte!“ Die beiden Bauern fielen auf die Knie und baten heulend um ihr Leben, aber auf den Wink des Rotten⸗ meiſters wurden ſie von zwei Hackenſchützen aus dem 41 Zelte gezogen, während der kleine General jetzt den Todtengräber bemerkte. „Gehört der auch zum Kleeblatte?“ fragte er den Rottenmeiſter. „Spiſt der Todtengräber, Herr Generallieutenant,“ entgegnete dieſer,„der Burſche höhlte das Grab für den erſchlagenen Trompeter im Walde aus.“ „Und biſt auch unſchuldig an der Sache, nicht wahr,“ ſagte höhniſch der General. „So gut wie Ihr,“ entgegnete halb trotzig der Todtengräber,„Ihr führt den Degen und ich die Schau⸗ fel, und ſo thun wir jeder, was unſeres Amtes iſt, ohne uns um das„Warum“ zu kümmern.“ Der kleine General trat einen Schritt zurück, die kecke Antwort des jungen Todtengräbers machte ihn ſtutzen, er betrachtete den muthigen Sprecher, welcher mit ruhiger Miene und offenem Auge vor ihm ſtand, jetzt genauer. „Ich glaube,“ ſagte er,„der Hans Narr will ſei⸗ nen Spaten auf einen Nagel mit meinem Degen hän⸗ gen „Warum nicht,“ entgegnete raſch der Todtengräber, „Ihr ſchlagt mit Euerm eiſernen Werkzeuge die Köpfe ab, und ich vergrabe ſie, daß ſie Euch nicht mehr im Wege ſiud 42 „Kurz angebunden,“ murmelte der General vor ſich hin,„wie ich's liebe, der Burſche gefällt mir... Und wenn ich Dir den Deinen für die freche Rede auch vor die Füße legen laſſe?“ fuhr er zum Todtengräber gewendet fort. „So ſterbe ich für meine Pflicht,“ entgegnete die⸗ ſer,„und werde mit meinem Spaten im Grabe die Auferſtehung ruhig erwarten.“ Der kleine General blickte jetzt dem Todtengräber ſcharf und lange in's Auge. „Wie heißt Du?“ fragte er. „Hans Traugott,“ entgegnete dieſer. „Und biſt aus dieſer Gegend?“ „Der alte Todtengräber zu Ebelsdorf iſt mein Va⸗ ter,“ entgegnete der Jüngling. „Und nennt ſich?“ fragte der General. „Hans Traugott, wie ich,“ antwortete der Jüng⸗ ling,„er war früher Todtengräber zu Volkensdorf bei St. Florian, ſeit aber das Schloß in Trümmern liegt, und die Bauern ſich aus der Umgegend fortgezogen, iſt er nach Ebelsberg überſiedelt, und ruht von ſeiner trau⸗ rigen Arbeit aus, während ich ihn mit meinem Ver⸗ dienſte als Todtengräber zu Efferding, unterſtütze, Ihr werdet meine Bitte beachten und ihn rufen laſſen, auf 43 daß ich von ihm Abſchied nehme, wenn ich ſchon d'ran muß.“ „Wo lebt er?“ fragte der General.“ „Hundert Schritte von hier, dicht am Fuchsholze, ſteht ſein Häuschen,“ entgegnete der Jüngling. Der General winkte einem Soldaten der ſogleich das Zeit verließ. Schweigend und mit raſchen Schritten ging jetzt der General im breitem Zelte auf und nieder, von Zeit zu Zeit warf er einen langen Blick auf den zwiſchen zwei Soldaten daſtehenden Jüngling, endlich fiel ſein Auge auf die gefeſſelten Hände desſelben. „Die Stricke los!“ herrſchte er den Soldaten zu, und im nächſten Augenblicke ſtand der junge Todten⸗ gräber feſſellos im Zelte. Wieder ging der kleine General, von Zeit zu Zeit erwartungsvoll nach dem Zelteingange blickend, ſchwei⸗ gend auf und nieder... Nach einer Viertelſtunde traten zwei Lanzenknechte ein, welche einen alten Mann mit wüſten Haaren und zitterndem Haupte, in's Zelt führten, der ſeine dürren Hände ſogleich um den Hals des jungen Todtengräbers ſchlang und dieſen mit dem Ausrufe:„Mein Hansl Mein Sohn! was iſt denn geſchehen?“ laut ſchluchzend an die Bruſt drückte. 44 Der kleine General betrachtete mit ſichtlicher Be⸗ wegung die Gruppe, aber ſchon im nächſten Augenblicke lag der Greis zu ſeinen Füßen und bat um Gnade für ſeinen Sohn, was auch dieſer verbrochen haben möge, denn die Musketiere, welche ihn aus ſeinem Häuschen am Walde hergeholt hatten, hatten ihm zugleich eröffnet, daß es ſich wohl um den Kopf des Jünglings handeln di Der kleine General blickte dem alten Traugott lange in's bleiche Geſicht.— Stille herrſchte im Zelte, die noch immer ſtramm daſtehenden und die Befehle ihres Gebieters gewärtigenden Soldaten erwarteten jeden Augenblick, daß dieſer den gewöhnlichen Ausſpruch thun, und durch ein kurzes:„Auf die Tanne mit ihm“ das Schickſal des jungen Todtengräbers bezeichnen werde. Aber der kleine General ſchwieg noch immer, end⸗ lich trat er auf den alten Traugott zu. „Hans!“ ſagte er, ihn bei den grauen Aermeln ſeines Lodenkittels faſſend,„dein Sohn hat ſich bei den Bauernrebellen treffen laſſen, ob er die Partiſane oder die Schaufel trug iſt einerlei, genug, er iſt mitgefangen und ſollte mitgehangen werden.“ „O! mein Gott, Gnade!“ jammerte der Alte, nach der Hand des Generals haſchend und ſich an dem Feldtiſche des Zeltes anhaltend. 45 „Sollte mitgehangen werden,“ wiederholte der General,„aber höre alter Schwede, ich bin heute ein⸗ mal bei der Laune, und will das Schickſal, das eiſerne Fatum, wie die Gelehrten es nennen, reden laſſen..“ „Dein Sohn gefällt mir, vielleicht rettet ihn ſein guter Stern!“ Er trat jetzt in den Hintergrund ſeines Zeltes, wo er einen Mantelſack, der das Kopfkiſſen ſeines Feldbet⸗ tes bildete, hervorzog. Er öffnete dieſen, und nahm eine kleine Lederkap⸗ ſel von eirunder Form mit einer kurzen Stahlkette her⸗ aus. Dieſe Kapſel öffnete er, ſie enthielt zwiſchen blauem Seidenfutter ein kleines Papier, kaum von der Breite eines halben Zolles. Dieſes Papier faßte der kleine General zwiſchen ſeinen Daumen und Zeigefinger, und auf den alten Todtengräber zutretend, fragte er. „Kannſt Du leſen, Hans Traugott?“ „Ein wenig,“ entgegnete der Alte. „Nun, ſo buchſtabire die Aufſchrift dieſes Zettels.“ Der Alte las mühſam: „Das verſtehe ich nicht,“ ſagte er. „Glaub' Dir's,“ erwiederte der kleine General. „Das Wort iſt lateiniſch und heißt auf deutſch 7. 46 „Schatz,“ jetzt rathe, was für ein Schatz liegt in dieſem Papiere verborgen, rathe gut, ſo Du erräthſt, was im Papiere liegt, iſt dein Sohn frei, und begleitet Dich nach Hauſe, erräthſt Du nicht, ſo baumelt er an der nächſten Fichte, alſo nimm Dich zuſammen... „Ach Gott!“ ſagte der alte Todtengräber, ängſtlich auf die kleine Papierhülſe blickend,„wie ſoll ich das er⸗ rathen, das iſt ja ein Papierſtreifchen, kaum groß ge⸗ nug für ein Sandkorn.“ „Acu tetigisti!“ ſagte der tteine General lä⸗ chelnd,„haſt den Nagel auf den Kopf getroffen,— ein Sandkorn liegt darin.“ Und er öffnete das Papier, und nahm daraus ein kleines Sandkorn, das er auf die flache Hand legte, und es dem alten Todtengräber. „Großer Gott,“ rief der Todtengräber,„an einem Sandkorn hing das Leben meines einzigen Kindes!“ „Hans Traugott!“ ſagte der General mit tiefbe⸗ wegter Stimmer, indem er die beiden Hände des alten Todtengräbers zutraulich faßte, und an ſeine Bruſt zog, „Hans Traugott! weißt Du denn nicht, daß ein Hauch des Allmächtigen genügend war, die Millionen Sonnen und Welten, dort oben im weiten Himmelsraume zu⸗ ſammen zu wehen, und daß ein Sandkorn in ſeiner 47* Hand genügt, um die Geſchicke von Nationen zu lenken? Siehe dieſe Worte ſtehen auf dem Zettel da.“ Hans Traugott ſtarrte den Sprecher an, wie die Erinnerung an einen längſt entſchwundenen Traum dämmerte es in ſeinem Gehirne— ſprachlos ſtand er vor dem kleinen Generale; dieſer aber nahm wieder das Wort. „Setz'Dich einmal Alter,“ ſagte er, indem er dem zitternden Greiſe den Lehnſeſſel unterſchob,„ich will Dir eine kurze Geſchichte erzählen, damit Du die Schwere eines Sandkorn's in der Hand der Allmacht würdigen lernſt. „Es ſind wohl mehr als vierzig Jahre verfloſſen, als zwei Zöglinge der Jeſuitenſchule zu Lüttich eine Ferienreiſe nach Schwaben und weiter in's Salzburg'⸗ ſche unternahmen. Wißbegierig und Freunde des klaſſi⸗ ſchen Alterthums forſchten ſie allenthalben, wo ſie auf ihrer Reiſe hinkamen, nach hiſtoriſchen Denkmälern der Vorzeit, und beſuchten beſonders gerne die Ruinen al⸗ ter Ritterburgen, dann die Kirchhöfe, welche auf ihren Wegen lagen. „Eines Tages kamen die beiden ZJeſuitenzöglinge mit ihren breiten Hüten und dunklen Mänteln auch in die Gegend der halbverfallenen Burg Volkensdorf nächſt St. Florian in Oberöſterreich, und trafen auf dem Kirchhofe vor der Burg den Todtengräber, mit wel⸗ 48 chem ſich der eine dieſer Reiſenden in ein kurzes Ge⸗ ſpräch über die Hoffnung des Chriſten auf eine Aufer⸗ ſtehung einließ.“ „Der Todtengräber war ich!“ ſchrie hier der alte Hans Traugott dazwiſchen,— aber der kleine General fuhr fort. „Die Reiſenden freute es, in dem Todtengräber einen Kernmann von ſtarkem Glauben zu finden, und ſie kamen zuletzt mit ihm überein, daß er ſie beide Punkt eilf Uhr Nachts in die Burg Volkens⸗ dorf, deren Beſchließer er eben war, führen ſollte. „Dieſe nächtliche Stunde wählten ſie, theils weil ſie noch in dieſer milden Sommernacht weiter zu reiſen ge⸗ dachten, theils weil ſie ihr Jugendmuth antrieb, den an⸗ geblichen Geiſterſpuck, der nach des Todtengräbers Aus⸗ ſagen allnächtlich in der Burg vernehmbar war, zu be⸗ lauſchen; auch durften ſie bei der damaligen aufgeregten Stimmung des Landvolkes nicht zu lange in der Ge⸗ gend verweilen, um nicht für ausgeſandte Parteigänger gehalten zu werden. „Sie kamen alſo mit dem nur ſchwer zu dieſem Gange bewogenen Todtengräber überein, ſich wie ge⸗ ſagt, Punkt eilf Uhr Nachts, auf dem Kirchhofe einzu⸗ finden, um die Burg zu beſehen.. Aber..“ „Aber ſie betraten die Burg nicht,“ rief der alte ——,— —,— ee Ece 49 Traugott dazwiſchen,„denn Punkt zehn Minuten nach eilf Uhr!—“ „Flog der Vordertheil der Burg in die Luft“.. fuhr der kleine General fort,„und die beiden Jeſuiten⸗ zöglinge—“ „Waren auf's Nimmerwiederſehen verſchwunden,“ ſagte der alte Todtengräber... „Wären durch Gottes gnädigſten Rathſchluß dem ſchrecklichen Schickſale, in die Luft geſprengt zu werden, nicht entgangen,“ erzählte der General weiter,„denn, hätten ſie ſich, wie ſie es mit dem Todtengräber beſpro⸗ chen, pünktlich um eilf Uhr in der Burg eingefunden, ſo wären ſie zehn Minuten ſpäter unter dem Schutte der zertrümmerten Burg begraben worden, aber ſiehe, der Herr hatte in ſeiner allerbarmenden Gnade für die beiden Jünglinge, gleich jenem bibliſchen Ereigniſſe von Jericho, der ZeitStillſtand geboten. Als näm⸗ lich die im Thale wandelnden Jünglinge die eilfte Stunde herangerückt glaubten, für welche ſie den Tod⸗ tengräber in die Burg beſtellt hatten, blickte der Jüngere auf das goldene Genferührlein, welches er in der Bruſt⸗ taſche ſeines Kleides trug, die Uhr zeigte aber erſt die zehnte Stunde, und die beiden Reiſenden beſchloſ⸗ ſen daher, da ſie der Todtengräber erſt um eilf Uhr in der Burg erwarten konnte, noch eine Stunde lang im Proſchke. Der ſchwarze Mann. MI. 50 Thale zu verbleiben,... aber, wie geſagt, ſchon zehn Minuten ſpäter erfolgte die Pulverexploſion auf dem Schloſſe,— die erwähnte Uhr des jüngeren Reiſenden war ſtehen geblieben, und ihr metallenener Zeiger wies noch die zehnte Stunde, während die eilfte bereits vorüber war, als der Jüngling ſpäter ihr inneres Rä⸗ derwerk unterſuchte, ſtack in demſelben.. ein kleines Sandkorn, welches den Gang der Räder gehemmt, dieſe zum Stehen gebracht hatte, und ohne Zweifel hin⸗ eingefallen war, als der Reiſende um zehn Uhr, am Kirchhofe vor der Burg, mit dem Todtengräber im Ge⸗ ſpräche begriſſen, das Uehrlein hervorgezogen und auf den Sand geworfen hatte, wobei ſich deſſen Räderwerk öffnete, und das kleine Sandkorn in dasſelbe eingedrun⸗ gen war. „Durch Gottes unerforſchlichen Rathſchluß waren alſo die beiden Jünglinge gerettet, ſie beeilten ſich, da ſie nicht ohne Grund fürchten mußten, als Fremde von den aufgeregten Landbewohnern für die Urheber des fürchterlichen Ereigniſſes gehalten zu werden, die Ge⸗ gend augenblicklich zu verlaſſen.“ „O!“ unterbrach der alte Todtengräber hier den Erzähler,„die eigentlichen Urheber jener Pulvererplo⸗ ſion kamen bald zum Vorſchein, ſie wurden unter den Trümmern der eingeſtürzten Burg als verſtümmelte — 51 Leichen hervorgezogen, und waren Bauern aus der Ge⸗ gend von Steyer geweſen, welche den Glauben des nächſt der Burg wohnenden Landvolkes an den Geiſterſpuck in der letzteren benützend, dort ihren geheimen Schlupf⸗ winkel hatten, wo ſie Pulver⸗ und Waffenvorräthe häuf⸗ ten, um ſolche auf bequeme und ſichere Weiſe nächtli⸗ cher Weile über die Donau an die böhmiſchen Rebellen zu liefern. aber ſie zahlten den lange getriebenen Geiſterſpuck mit ihren zerſchmetterten Köpfen.“ „Die beiden Jeſuitenzöglinge wanderten alſo,“ fuhr der kleine General wieder fort,„in's Salzburg'⸗ ſche und allmälig in ihre Heimat nach den Niederlan⸗ den zurück, der Jüngere von ihnen verließ ſpäter den geiſtlichen und gelehrten Beruf und widmete ſich dem Kriegerdienſte. er ſtieg von Stufe zu Stufe.. gab mit ſeinem Schwerte in mancher Schlacht den Aus⸗ ſchlag und führt jetzt über mehr als als achtzigtauſend ſtreitbare Männer den Kommandoſtab, und ſiehe, ſeine Rettung aus jener Todesgefahr, ſein großer Gang durch das Leben, ſein jetziger entſchiedener Einfluß auf die Weltbegebenheiten, das iſt das Werk des Herrn, dazu bedurfte der allmächtige Gott nichts weiter, als.. ein kleines Sandkorn!!!. 4 Der Todtengräber ſtand bleich und ſtumm und mit 4* 52 gefalteten Hünden vor dem General und wandte keinen Blick von deſſen Antlitz. Hert! Here rief er,„jener Todten⸗ gräber war ich! und—“ „Jener Jeſuitenzögling war ich...“ entgegnete mit tiefer Bewegung der General. „Sieh' wackerer Hans Traugott,“ fuhr er fort, „die Worte, die Du einſt am Kirchhofe zu Volkensdorf zu mir ſprachſt, ſtehen noch auf dem Zettel, worin ich jenes in meiner Uhr gefundene Sandkorn als meinen heiligſten Schatz bis zu dieſer Stunde bewahrt habe, lies nur.“ Und er las wieder mit lauter Stimme: „So wie ein Hauch des Allmächtigen genügend war, die Millionen Sonnen und Welten da oben am weiten Himmelsraume zuſammen zu wehen, ebenſo ge⸗ nügt ein Sandkorn in der Hand des großen Meiſters, um die Geſchicke des Erdballes zu lenken!“ „Herr! Herr! Gott! Dich loben wir,“ rief jetzt der akte Todtengräber neben ſeinem laut weinenden Sohne niederſinkend;“ ja! ein Sandkorn wiegt in de Hand des Allmächtigen eine Welt auf. „Und hat auch meinen Sohn, meinen einzigen Sohn gerettet,“ fuhr er, mit einem vertrauungsvollen ———————— 53 Blick auf den General fort,„nicht wahr, jetzt ſtirbt er nicht?“ 5„Hans Traugott!“ rief der kleine General, die erſte Thräne ſeines Lebens in ſeinem Auge zerdrückend, „Hans Traugott, wie kannſt Du ſo etwas in dieſem Augenblicke glauben.“ „Und ſeine Mitgefangenen ſterben auch nicht,“ ſetzte der alte Todtengräber bittend hinzu. „Ei,“ ſagte der kleine General mit tiefer Rührung, „hat mir der Herr zehntauſend Pfund erlaſſen, warum ſollt ich dem Bruder hundert Pfennige nicht ſchenken!.. Sie mögen ungehindert von dannen ziehen, Du aber und Dein Sohn nicht.“ „Wie!“ rief der Todtengräber auf's Neue er⸗ ſchreckend—„Wir nicht?. „Denn Ihr zieht beide mit mir,“ fuhr der kleine General fort, indem er die Hand des Alten faßte,„Du haſt mir vor vierzig Jahren die Burg Volkensdorf als ihr Beſchließer öffnen wollen, aber ich kam zu ſpät, die Burg fiel inzwiſchen in Trümmer, und wir ſind Beide alte Kerle geworden, aber aufgeſchoben iſt nicht aufge⸗ hoben, Du mußt Dein Wort doch halten, Alter, und mir auch nach vierzig Jahren die Burg noch aufſchlie⸗ ßen, da aber das alte Geierneſt in Schutt und Trüm⸗ mern liegt, ſo will ich mir vom Kaiſer ihr altes Gerölle 54 zum Lohne meiner Kriegsthaten ausbitten, und eine an⸗ dere Burg, deren Kaſtellan und Beſchließer Du von heute an ſchon biſt, darauf bauen, und ſie ſoll nach dem Namen des kleinen Generallieutenants heißen die.... Tillysburg.“. Wenn der Wanderer den herrlichen Garten des Landes ob der Enns, nächſt dem Stifte St. Florian, eine halbe Meile von Enns entfernt, betritt, ſo erblickt er ein ſchönes viereckiges Gebände mit vier Thürmen, und mit ſchönen Gärten umgeben, das iſt die Veſte Tillysburg, welche Johann Tzerklas, Graf von Tilly, öſterreichiſcher Feldherr und Generallieutenant, um das Jahr 1630 nicht weit von der Stelle erbauen ließ, wo die ihm vom Kaiſer Ferdinand II. geſchenkten Reſte des Schloſſes Volkensdorf lagen. Das iſt jene Burg, auf welcher Hans Traugott, der Todtengräber in Wolkensdorf, noch ſieben Jahre als Kaſtellan an der Seite ſeines Sohne verlebte, wel⸗ cher ihm als glücklicher Familienvater in dieſem Amte nachfolgte. In den alten Gedenkbüchern des Landes ob der Enns wird aber noch eines Markſteines des Schloſſes gedacht, auf welchem die Worte eingegraben waren; —, —, 55 „Gar mächtig iſt in Gottes Hand Zu jeder Friſt ein Körnlein Sand, Das hat vor hundert fünfzig Jahren Graf Tzerklas Tilly hier erfahren, Dem allhie aus Lebensg'fahr Ein Sandkorn ſein Erretter war D'rum preiſet Gott und bethet an, Was Gott thut, das iſt wohl gethan.“ 2. Der Prinz von Wales. Bei der Tillysburg, deren Erbauung durch den kai⸗ ſerlichen Feldherrn Grafen Tzerklas Tilly eben erzählt wurde, entfaltet die große Natur ein ſchönes Leben, den ſtillen Frieden, und eine tiefe, heilige Ruhe;— wie ein großer Garten Gottes liegt hier eine paradiſiſche Ge⸗ gend vor dem Auge des Beſchauers; dort unten im Thale winken zwiſchen den grünen Schatten der Fruchtbäume und Geſträuche die weißen Mauern des herrlichen kunſt⸗ und wiſſenſchaftsreichen Chorherrn⸗Stiftes St. Florian, an jener Stelle, wo einſt der römiſche Tribun Florianus als Blutzeuge für das Chriſtenthum in der grünen Traun ſein Leben endete— dort— weiter gegen die Ufer des mächtigen Donauſtromes zu, liegt das, in obiger Sage bereits erwähnte alte Eporasberg oder Ebersberg, wo 57 am 3. Mai des denkwürdigen Jahres 1809 die große Schlacht gegen die Franzoſen vorfiel, und die Wiener⸗ Freiwilligen ſich die in der großen Geſchichte Deutſch⸗ lands bisher noch viel zu wenig gewürdigten Lorbeeren errangen. Es ſei bei dieſer Gelegenheit mir geſtattet nur Ei⸗ niges und bisher noch wenig Bekanntes anzuführen, was die Chroniſten vom Lande ob der Enns nach authenti⸗ ſchen Quellen— nach den Angaben und Aufſchreibun⸗ gen von zum Theile noch lebenden Augenzeugen über die denkwürdige Schlacht berichten, und wodurch manche in die Kriegsgeſchichte des 1809 eingeſchlichene Unrich⸗ tigkeit berichtigt werden mag.— „Unglücklich und merkwürdig,“ ſagt ein oberöſterrei⸗ chiſcher Chroniſt„war für Ebersberg der 3. Mai 1809, als ſich die öſterreichiſche Armee des Erzherzogs Lud⸗ wig und Generals Hiller der franzöſiſchen Uebermacht wegen, zurückziehen mußte. „Schon vom frühen Morgen an bedeckte ein langer un⸗ unterbrochener Zug von öſterreichiſchen Wägen, Pfer⸗ den, Soldaten, die Ebersberger⸗Brücke; auf dem Schloß⸗ berge wurden Kanonen aufgeführt, welche die Brücke be⸗ ſtreichen und dem Feind den Uebergang verwehren ſoll⸗ ten; ein Theil der öſterreichiſchen Truppen zog unter Anführung des Generals Freiherrn von Kienmayer nach 58 Oſten, um die Stadt Enns im Rücken zu ſichern; die Uebrigen ſtellten ſich auf den Anhöhen und in den Auen von Ebersberg auf; nach zehn Uhr drängten ſich ſchon die Franzoſen und Oeſterreicher heran, und ſuchten die Brücke zu gewinnen, bis gegen zwölf Uhr hielten letztere den Feind ab, die Brücke zu betreten; als aber dieſes wegen der anwachſenden Uebermacht nicht mehr möglich war, zogen ſich die Oeſterreicher über die Brücke zurück, fingen an ſie durch den vorbereiteten Brennſtoff zu zer⸗ ſtören, und zu gleicher Zeit fiel von dem Schloßberge herab ein mörderiſches Kartätſchen⸗Feuer, das ganze Rei⸗ hen der heranſtürmenden Feinde niederſtreckte; doch die glühende Wuth der Franzoſen ließ ſich nicht abſchrecken, ſie drangen immer vor, Todte und Verwundete wurden durch immer neue Colonnenüber die Brücke hinabgedrängt, und den Wellen preis gegeben; die Flamme an den Jo⸗ chen griff nicht um ſich, und erloſch gar bald; jetzt ergoß ſich die feindliche Uebermacht über den Markt Ebersberg. Am Ausgange des erſten tiefen Hohlweges ſtanden im erſten Treffen das vierte, fünfte und ſechſte Bataillon Wiener⸗Freiwilligen. Auf einmal kam die Arriergarde aus dem Hofmarkt den langen Hohlweg heran, und der Feind auf dem Fuße nach; ſie wendeten ſich aber plötz⸗ lich rechts durch einen Seitenweg, um den Hohlweg zu umgehen, und das freie Feld zu gewinnen, und bemäch⸗ 59 tigten ſich des beiläufig hundert Schritte entfernten Got⸗ tesackers, Herr Oberſtlieutenant, Colonnen⸗Commandant von Küffel, und Major Rudolf Graf von Salis, An⸗ führer der Wiener⸗Freiwilligen, ſtellten ſich mit ihrer muthigen Mannſchaft dem Feinde entgegen, der ſie mit einem allgemeinen Feuer aus den kleinen Gewehren em⸗ pfing, welches die Wiener⸗Freiwilligen mit zwei Batail⸗ lons⸗Dechargen erwiederten, endlich ſich mit dem Bajo⸗ nette auf den Feind warfen; ſie ſtürmten unaufhaltbar mit ſelbem in den Vormarkt zurück, nur der Mühlbach hinderte ſie durch die kleinen Gaſſen rückwärts in den Markt ſelbſt einzudringen, und ſich der Brücke zu nähern; Major Salis brach alſo ganz unvermuthet auf der Straße, die nach Ansfelden führt, gegen den Vormarkt vor, und griff die Feinde im Rücken an, die Obriſtlieutenant Küf⸗ fel von oben herab mit ſeinem Bataillon ängſtigte, es fing ein mörderiſches Gefecht an, in den Häuſern und auf den Seitenwegen herum wurde mit wilder Erbitte⸗ rung geſtritten; viele Franzoſen und Badner, welche ſich, um Beute zu machen, in den Häuſern zerſtreuten, wur⸗ den unerwartet überfallen und zu Gefangenen gemacht, die Freiwilligen brachten deren mehr als 600 zurück, bei dieſem Kampfe zeigten die Wiener herrliche Thaten, die anderweitig einzeln aufgeführt ſind.— Das Gefecht wurde allgemeiner, mehrere öſterreichiſche Bataillons von 60 den Regimentern Lindenau, Stuart, Beaulien u. ſ. w. rückten vor, und nahmen Antheil; überall wüthete Tod und Verderben, vorzüglich traten Helden auf Helden beim Schloſſe, der Berg wurde von allen Seiten vom Feinde beſtürmt, um die Artillerie zum Schweigen zu bringen, aber die Beſtürmten ſtellten ſich muthig entgegen. „Während das Gefecht um das Schloß herum wü⸗ thete, ſtellte ſich eine feindliche Maſſe auf dem Markt⸗ platze auf, und verſuchte, durch das Thor in den Vor⸗ markt zu dringen, wo öſterreichiſche Linien⸗Infanterie unbeweglich ſtand; das Thor konnte von keinem Theile überſchritten werden, man ſtritt ſich bei drei Stunden lang, in den engen Straßen lagen die Todten aufgehäuft, die Oeſterreicher bemühten ſich, um die Brücke zu zer⸗ ſtören, die Franzoſen um dieſes zu verhindern; Graf Salis mit ſeinem Bataillon und der Corps⸗Adjutant Obriſtlieutenant von Baumgarten drangen über die Lei⸗ chen in das Thor, um die Brücke zu erreichen, aber alle feindlichen Gewehre waren auf das Thor gerichtet; Baum⸗ garten fiel von einer feindlichen Kugel getroffen, und ſo auch wurde der Adjutant des fünften Wiener⸗Bataillons, Joſef von Schwind, an der Seite des Grafen Salis, nebſt vielen anderen zu Boden geſtreckt. Chevalier du Mont de Florgy, Oberlieutenant vom vierten Bataillon der Wiener⸗Freiwilligen, eilte mit beiläufig 60 Mann 61 dem Thore zu, verurſachte dem Feind vielen Schaden, und wehrte ſich mit einer ſolchen Hartnäckigkeit, daß er nur mit acht Mann vom Kampſplatze zurückkam. „Graf Salis blieb noch einige Minuten ſtehen, und rief den Seinigen zu, aber nun kam der Befehl zum Rückzuge, denn die Zahl der Feinde vermehrte ſich ſtünd⸗ lich über die offene Brücke, und am rechten Ufer des Traunflußes näherten ſich zahlreiche Colonnen, welche zu Wels über die offen gebliebene Brücke und den Fluß geſetzt hatten; der franzöſiſche General Durosnell kam dort mit 1000 Reitern an, und vereinigte ſich mit dem General Legrand; Kaiſer Napoleon war mit der Divi⸗ ſion Nanſouty und Molitor eben zu Wels über die Brücke und über Weißkirchen gegen Ebersberg im vollen An⸗ zuge; Marſchall Lannes eilte mit ſeinem Corps über Kremsmünſter nach Steier; ſomit war der Rückzug, um nicht ganz abgeſchnitten zu werden, äußerſt nöthig. Erſt jetzt wurden die Schloßthore von den Franzoſen aufge⸗ ſprengt. Klinger ſchreibt:„daß 300 Mann(die Staats⸗ geſchichte von Europa gibt deren 800 Oeſterreicher an) die ſich darin muthig vertheidigt, in den Flammen ihr Leben auf eine elende Weiſe verloren hatten.“ Der Verfaſſer des Buches:„Krieg in Deutſchland, München 1810,“ Seite 79, erzählt,„daß die Oſterrei⸗ cher die Stadt angezündet haben ſollen,“ aber Augen⸗ zeugen verſichern, daß erſt Nachmittag um drei Uhr nach dem Thorſprengen, als das Gefecht mit der öſterreichi⸗ ſchen Arriergarde gegen Oſten ſich zu entfernen ſchien, plötzlich im Gemeindehauſe auf dem Platze und auch im Schloſſe die Flamme hoch emporloderte. Ein Theil der Einwohner hatte ſich zu Anfang des Treffens entfernt, ein anderer verbarg ſich in die Keller und Gewölbe, um das Leben zu retten; bei dieſen trau⸗ rigen Umſtänden war alſo an kein Löſchen zu denken, und ſo brannten ſechzig Häuſer mit der Kirche ab. Der Kampf mit der Arriergarde dauerte bis ſpät in die Nacht hinein, nur kämpften nicht mehr tauſende, ſondern nur einzelne Schaaren, die ſich hie und da auf verſchiedenen Wegen begegnet hatten, das Armee⸗Corps des Feldmarſchall⸗Lieutenant von Hiller ſetzt zu Enns über die Brücke, und ſteckte ſie am 4. Mai um 1 Uhr Nachts in Brand. Nicht nur die Wiener⸗-Freiwilligen, ſondern mehrere der Armee zeichneten ſich ſehr tapfer bei Ebersberg aus; einige Thaten ſind von dem berühmten Geſchichtsſchrei⸗ ber Kurz, Pfarrer zu St. Florian, in ſeiner Laudwehr⸗ Geſchichte, 2. Theil, ſehr ſchön dargeſtellt, ich rufe nur einen Tambour der Wiener⸗Freiwilligen, Namens Mar⸗ tin Ott, hervor: Als die Freiwilligen bei dem erſten hef⸗ tigen Angriff der Franzoſen etwas zurückweichen wollten, drängte er ſich aus freiem Antriebe vor, und ſchlug den 63 Sturmmarſch; die Feinde ſtutzten, und die Wiener erhol⸗ ten ſich von ihrer Verlegenheit. Ott war nun General im Felde, ſie folgten dem gegeben Zeichen des Tambours und die Feinde mußten weichen. Das fünſte Bulletin der franzöſiſchen Armee in Deutſchland enthält:„daß nur 7000 Franzoſen unter Anführung des Herzogs von Iſtrien und Rivoli gegen eine 35,000 Mann ſtarke öſterreichiſche Armee gefoch⸗ ten haben, die Oeſterreichern verloren 12,000 Mann, worunter 7,500 Gefangene, 4 Kanonen und 2 Fahnen waren. Klinger ſchreibt:„daß Ebersberg von 20,000 Mann Oeſterreicher vertheidigt worden, die Diviſion Klaperade ſtürmte an, die Kavallerie des Herzons von Iſtrien paſſirte die Brücke, die Diviſion Legrand eilte zur Unterſtützung, General Durosnell kam mit 1000 Pfer⸗ den und Kaiſer Napoleon rückte mit zwei Diviſionen ſelbſt nach, und da ſoll General Klaperade nur 300 Todte und 600 Verwundete gehabt haben; zwei franzöſiſche Generäle blieben auf dem Platze. In der Staatsgeſchichte von Europa lieſt man: „daß die Truppen des Herzogs von Iſtrien und des Ge⸗ nerals Oudinot ſich vereinigt, und den Nachtrab der Oeſterreicher angegriffen hatten; die Truppen verfolgten die Fliehenden, warfen Kanonen, Wägen, dann 8 bis 64 900 Mann in den Fluß, und machten 4000 Mann in der Stadt zu Gefangenen, dann fing erſt der Kampf zu Ebersberg gegen 30,000 Mann Oſterreicher an, welcher drei Stunden lang währte; da kam die Diviſion des Ge⸗ neral Legrand, vereinigte ſich mit Klaperade, und Duros⸗ nell führte 1000 Pferde an, der Verluſt der Oeſterrei⸗ cher ſoll in 12,000 Mann, worunter 7,500 Gefangene, jener der Franzoſen in 300 Todte und 600 Verwunde⸗ ten beſtanden haben.“ Indeſſen bewieſen die Spitäler, welch' eine große Zahl der Verwundeten von Ebersberg gebracht wurden; Sachkenner ſchätzen den beiderſeitigen Verluſt auf 16,000 Mann. Zur Wegſchaffung der Todten brauchte man mehrere Tage, und ſogar wurden von Wiesbach 80 Mann zu dieſem Geſchäfte verlangt; die meiſten wurden in den Traunfluß geworfen, und ſo wälzte nach 183 Jahren dieſer Fluß wieder blutige Wellen gegen die Donau hin, und beſonders an dem ſchrecklichen Tag, am 3. Mai, wo ganze Schaaren auf der Brücke niedergeſtreckt, und durch die Andringenden in den Fluthen begraben wurden, in⸗ deſſen ganze Haufen Leichname an beiden Ufern la⸗ gen, und halb Begrabene unter den Trümmern der ein⸗ geäſcherten Häuſer um Hülfe riefen; weit umher ver⸗ nahm man das Wimmern und das Geheul der Ster⸗ benden bis in die ſpäte Nacht, und als der Morgen an⸗ chh 65 brach, um die ſchauderhafte Scene von Neuem zu beleuch⸗ ten, kroch noch mancher Unglückliche aus den Haufen der Leichname hervor. Von Durſt, Hitze und Brand der Wunden gegquält, ſchleppten ſich andere mühſam am Rande des Waſſers hin, um aus der kalten Fluth den augenblicklichen Tod einzuſchlürfen, der ſie erſtarrt hin⸗ ſtreckte.“ Wenige Stunden von dieſer Gegend entfernt liegt die uralte landesfürſtliche Stadt Wels auf der ſogenann⸗ ten Welſerhaide, wo einſt der in der Volksſage bekannte Birnbaum ſtand, der„Birnboam uf der Welſer⸗Had“ in der Volksſprache genannt, von welchem die Sage ging, daß es im Lande losgehen werde, wenn dieſer Baum verdorrt ſein würde; dies geſchah nun, wie die Sage weiter erzählt, in den erſten Tagen des Bauernkrieges im Jahre 1626, als der ſogenannte„Prophet“ die auf⸗ ſtändiſchen Bauern auf dieſer Haide gegen die bairiſche Pfandherrſchaft im Lande zum Kampf aufrief. Dieſe denkwürdige Welſerhaide ſelbſt iſt eine über ſechs Stunden lange, und bei Stunden breite Fläche von Kies und Schottergrund mit wenig Erdbedeckung, aber vom ſingenden Volke der luſtigen Feldlerchen belebt. Die Stadt Wels ſelbſt iſt eben ſo alt als in der Geſchichte des Landes ob der Enns denkwürdig. Sie beſtand ſchon zur Römerzeit, und vielleicht ſchon Proſchke. Der ſchwarze Mann. III. 5 66 früher, und der Chroniſt Oberöſterreich's ſchreibt von ihr:„Die Gelehrten ſind nicht einig, welchen Namen ſie führte; merkwürdig iſt, daß um Wels herum mehrere römiſche Münzen gefunden und ausgegraben worden ſind, die dieſes zum Theile beurkunden. Mehrere wollen behaupten, daß Ovilabis das heutige Lambach wäre, wegen der ähnlichen Benennung; allein Cluver, Lambez und Weſſeling glauben Ovilabis dort zu ſuchen, wo heut zu Tag Wels ſteht, denn nach des Kaiſers Antonini Reiſebuch werden 20,000 Schritte von Laureacum der heutigen Standt Enns nach Ovilabis gerechnet, und dies wird wohl mehr die Lage der Stadt Wels, als Lam⸗ bach betreffen; endlich ſcheint der Name Wels mit dem Worte Wielaps, wie die alten Noriker dieſe Stadt nann⸗ ten, viele Verwandtſchaft zu haben, welches Wort her⸗ nach zu Römerzeiten ſehr möglich durch Veränderung und Hinzuſetzung der Buchſtaben in Ovilava, Ovilaba, oder Ovilavis überging, denn Wortveränderungen wa⸗ ren bei den Römern nichts Ungewöhnliches. Da nun Marcus Aurelius Antoninus vom Jahre 163 bis 182 nach Chriſti Geburt römiſcher Kaiſer war, ſo kann Wielaps ſchon vor dieſer Zeitrechnung be⸗ ſtanden haben; Lacius leitet den Namen Wels von einer Stadt Falſiana aus der notitia imperii her, andere holten das Wort Wels von den Namen des Kaiſers Va⸗ 67 lens, eines Bruders des Mitkaiſers Valentinian her, welcher zu Ehren des Valens die Stadt Wels im Jahre 374 erbaute und eine römiſche Kolonie hineingelegt ha⸗ ben ſoll; ſo kommt auch noch dieſe Stadt unter dem Na⸗ men Deliciae, Freudenſtadt, vor, vielleicht wegen ihrer angenehmen Lage, allein hier mangeln die Beweiſe. Da unter den Römern mehrere Heerſtraßen zur Bequemlichkeit des Militärs und der Handelsleute ange⸗ legt waren, wo die Stationen und beſonders ihre Be⸗ ſatzungsörter immer angezeigt worden ſind, ſo hätten freilich wohl dieſe Namen in den Anzeigern auf der ſchon beſtandenen Heerſtraße über die heutige Welſerhaide vor⸗ kommen ſollen; ſo zeigten aber die Itiners von Laureacum gegen Juvavia, dem heutigen Salzburg, nur die Sta⸗ tionen Ovilabis, Wels, Tergolape, wahrſcheinlich Lam⸗ bach, einige halten es für Vöklabruk, Loriaci, Franken⸗ markt, Tagratoni, Neumarkt, nach Juvavia hin, bei al⸗ lem dem beſtand noch eine römiſche Stadt Joviacum ge⸗ nannt, 16 römiſche Meilen oder vier Stunden von Ovi⸗ labis entfernt, welche ganz vermißt wird. Die erſtbeſagte Straße ging nach dem Verfalle der römiſchen Monarchie zu Grunde, bis Karl der Große ſie wieder herzuſtellen befahl. Auch iſt bekannt, daß die Römer mit den deutſchen Völkerſchaften immer zu ſtrei⸗ ten hatten, und als ſie dieſelben überwanden, wurden ſie 5 5 68 wieder von den Hunnen aus Panonien beunruhigt; durch dieſe immerwährenden Kriege iſt endlich Ovilabis ganz herabgeſunken, beſonders haben nach Kaiſers Arnulphus Tode die Hungarn vielen Schaden verurſacht, ſie kamen mit zwei große Heeren bis an den Traunfluß, wo ihnen Herzog Berthold aus Baiern entgegen kam, und im Jahre 937 oder 938 bei Wels eine große Schlacht lieferte, wie Aventinus ſchreibt, er ſchlug ſie vollends im Traun⸗ kreiſe zwiſchen dem Traun⸗ und Ennsfluße. In der Geſchichte von Kremsmünſter lieſt man: daß Kaiſer Arnulph im Jahre 888 dem Kloſter ein Le⸗ hen bei Wels ad Welas verſchafft hätte, es beſtand in Kirchengebäuden, Leibeigenen beiderlei Geſchlechtes, Ze⸗ hendrechten und allem Uebrigen, was zur Kapelle ſeines Hofkaplans Zazko gehörte, und noch iſt das Stift Krems⸗ münſter im Beſitze des Drittelzehends von dem ganzen Pfarrbezirke Wels. Welas wurde nach der Hand eine lehnbare Reichs⸗ grafſchaft. Thiemo, Graf zu Schärding und Lambach be⸗ 1 ſaß ſie im Jahre 1048 und ſie wurde zur Grafſchaft Lambach einverleibt; Adalbero der Letzte der Grafen von Wels und Lambach übergab die Grafſchaft Welas nebſt vielen andern Gütern ſeinem neugeſtifteten Kloſter Lam⸗ bach, er war Biſchof zu Würzburg, und die nachfolgen⸗ den Biſchöfe entzogen nach und nach durch ihre Macht 69 die Stiftung ſo, daß dem Kloſter Lambach nichts mehr als einige grundherrliche Rechte blieben. Damals befand ſich ſchon eine Brücke über den Traunfluß zum Behufe der frommen Pilger, die über Spital am Pyhrn nach dem heiligen Lande ziehen woll⸗ ten. Herzog Albrecht zu Oeſterreich bewilligte im Jahre 1352 den Welſern ſo viele Gründe zu nehmen, als man zum Waſſerſchutzbaue der Stadt nöthig hatte; das Pri⸗ vilegium lautet fo: „Wir Albrecht von Gottes Gnaden Herzog zu Oeſter⸗ reich, zu Steier und zu Kärnthen thun kund, daß wir un⸗ ſern getreuen, den Bürgern zu Welß von Gnaden gön⸗ nen, und erlaubt haben, wie ſie dieſelbe Stadt zu Welß vom Waſſer retten, und beſſern wollen, und ſie dazu des Grun⸗ des bedärffen, es ſeie Au, oder Acker, was derſelbe Grund iſt, daß ſie denſelben Grund dazu nehmen mögen, und ſollen, und daß ihnen daran Niemand keine Irrung thun ſoll. Mit Urkund dies Briefes gegeben zu Welß am Eri⸗ tage vor Gottes Leichnam, Anno domini 1352.“ Rudolf IV., Herzog von Oeſterreich tauſchte vom Johann II. Abten zu Lambach im Jahre 1363 und 1365 ernige grundherrliche Rechte über einige Häuſer und Grundſtücke zu Wels gegen Fiſcher⸗ und Jägerrechte, dann Wochenmarktsfreiheit ein. Im Jahre 1412 geſtattete Herzog Albrecht von 70 Oeſterreich, daß in Wels auch am Dienſtage Wochen⸗ markt gehalten werden darf, und daß an dieſem Tage, ſowie an Samſtagen die Fleiſchhauer und Bäcker vom Lande ihre Erzeugniſſe in die Stadt zum Verkaufe brin⸗ gen dürfen; auch geſtattete dieſer Erzherzog im Jahre 1422 der Stadt den Bau eines Hochgerichtes. Anfangs Dezember 1610 rückte das, vom Kaiſer Rudolf zu Paſſau gegen ſeinen Bruder geworbene, ſoge⸗ nannte„Paſſauer⸗Volk“ von Lambach her; dieſe Leute raubten, plünderten und mordeten, was ihnen unterkam, ſie nahmen die Vorſtadt Wels ein, und zogen dann über die Traunbrücke nach Kremsmünſter. Sechzehn Jahre ſpäter in dem bekannten Bauern⸗ kriege 1626 nahmen die ergrimmten Bauern am 24. Mai Wels ein, führten mehrere gefangene Soldaten mitten auf den Platz, hauten ſie mit einem Schlachtſchwerte zu⸗ ſammen, und warfen die Stücke in den Traunfluß. Beim Abmarſche nahmen ſie viele Bürger mit ſich und ließen eine Beſatzung von 300 Bauern im Orte. Nach der Nie⸗ derlage der Baiern am Zuckerberge und jener, die der Herzog von Holſtein erlitt, ſammelten ſich die Bauern an mehreren Orten, und beſonders oberhalb des Ober⸗ hofs am Linetholz. Am 9. October griff Obriſt Löbel die Bauern auf der Welſerhaide an, und trieb ſie mit einem beträchtlichen 71 Verluſte zurück, aber am folgende Cage wurde er von den Bauern wieder zurückgedrängt, kehrte mit ſeinen Leuten nach Wels zurück und ließ die Vorſtadt abbrennen, damit ſie den Bauern zu keinem Zufluchtsorte diene; ſie blieben in mehreren kleinen Gefechten Sieger und zogen am Ende gegen Lambach hin. In den unglücklichen Kriegen 1800, 1805 und 1809 wurde die Stadt und Vorſtadt durch die Franzo⸗ ſen geplündert. In dieſer Gegend nun, zwiſchen der bezeichneten Tillysburg und der uralten Stadt Wels ging und wim⸗ melte es im September des Jahres 1805 von Soldaten. Der Bund der Großmächte Europa's gegen den Kaiſer Napoleon, an welchem Bunde auch England theil⸗ nahm, war geſchloſſen. Die öſterreichiſchen Truppen hat⸗ ten ſich größtentheils in Oberöſterreich geſammelt, und lagerten in großen Maſſen in der erwähnten Gegend zwiſchen Tillysburg und Wels, um ſpäter nach Baiern und Würtemberg aufzubrechen. Den Oberbefehl führte Erzherzog Ferdinand Eſte, ihm zur Seitt ſtand General Mack. Erzherzog Karl kommandirte in Italien.— Aber Kaiſer Napoleon war bereits über den Rhein gegangen. Würtemberg, Baden und Baiern hatten ſich ihm angeſchloſſen; die fränkiſchen Heeresſäulen rückten durch das neutrale preußiſche Gebiet vor Anſpach und 72 die Oeſterreicher waren dadurch überflügelt. Einige be⸗ deutendere Gefechte waren für ſie unglücklich ausgefallen; ſie hatten keinen Rückzug mehr. General Mackſchloß ſich in Ulm ein, Erzherzog Ferdinand und Fürſt Karl von Schwarzenberg, der nachmalige Held von Leipzig, ſchlugen ſich mit einem Theile der Kavallerie durch Böh⸗ men. Am ſiebenten Tage des Traubenmondes erſchien der Vortrab der Ruſſen im Lande ob der Enns, etwa 20,000 Mann ſtark, und vereinigte ſich am Inn mit dem General Kienmayer;— am 20. desfelben Monats ergab ſich Mack mit 25,000 Mann an Kaiſer Napoleon, während inzwiſchen der große Erzherzog Karl in Italien bei Caldiero einen Sieg über Maſſena erfocht, dann aber, um nicht abgeſchnitten zu werden, ſich zurückzog. Am 24. October begannen die Ruſſen ihren Rück⸗ marſch, und am 27. überſchritten die Franzoſen und Baiern den Inn— am 30. ſtand Kaiſer Napoleon in Braunau, der Stadt, wo ſpäter ſein Machtwort den un⸗ glücklichen deutſchen Märtyrer Palm zum Tode führen ließ. Schon am 2. des Windmonats ſchmetterten fran⸗ zöſiſche Trompeten vor der öſterreichiſchen Hauptſtadt und durch das alte Stadtthor zog Marſchall Lannes und beſetzte den Markt Urfahr am linken Ufer der Donau. 73 Am 3. November ging Davouſt über die Traun und die Alben, rückte gegen Steier, und erzwang, da, wo einſt die Türken über die Furth in Enns geſetzt hatten, ſich durch eine mehrſtündige Kanonade den Uebergang. Ueber das Erſcheinen der Türken vor Steier, er⸗ zählt Preuenhuber, ehemaliger Stadtſchreiber von Steier, in ſeinen Annalen: „Als Graf Gnauſſen von Hardtegg, Fähnrich Wolfgang von Zedlitz in einem Ausfall vor Wien ge⸗ fangen, iſt er gefragt worden,„wo der König ſei.“ Da hat er geantwortet:„Vierundzwanzig Meilen von dan⸗ nen zu Linz.“ Hat ſich der türkiſche Kaiſer vernehmen laſſen:„Quäram illum, etiam sit in medio Im- perii(Ich werde ihn ſuchen, wenn er auch in der Mitte ſeines Reiches iſt). Aber der Allerhöchſte legte dem Tirannen einen Ring in die Naſe, denn am 15. Oktobris(etliche ſetzen den 18.) nahm die Belagerung der Stadt Wien wieder ein Ende, und der Feind nahm mit großem Verluſte den Rückzug. Dadurch dann auch dieſes Land und hieſige Stadt wiederum in Sicherheit geſtellt ward. Zur Ge⸗ dächtniß dieſer denkwürdigen Belagerung ließ König Ferdinandus golden und ſilberne Münzen ſchlagen mit der Ueberſchrift:„Türk belagert Wien anno 1529,“ ſo noch zu finden.“ 1 74 Ueber die Grauſamkeiten der Türken bei Steyer berichtet er vom Jahre 1529: „Haben Alles mit Feuer und Schwert verheert, Leute und Vieh hinweggeführt. Die Gefangenen, ſo ih⸗ nen nicht folgen konnten, niedergehauen, und gar keine Grauſamkeiten unterlaſſen, Weiber aufgeſchnitten, Jung und Alt auf die Erde niedergebunden, mit ihren Säbeln durchſtochen, und alſo angeſpießt, blutig daher geführt. Indem ich aber ſolches erzähle, und andere es leſen, wäre wohl zu wünſchen, daß wir dieſe verübten Grau⸗ ſamkeiten, in unſerer ſteyeriſchen Nachbarſchaft began⸗ gen,(welche doch bei Weitem nicht alſo können erzählt oder beſchrieben werden, als groß wohl das erbärmliche Elend damals wird geweſt ſein) auch noch jetziger Zeit öfters bedächten, Buße thäten, und Gott fleißig bäthen, uns, unſere Kinder und Nachkommen vor ſolchem gräu⸗ lichen Jammer gnädig zu behüten. Weil aber dieſes nun⸗ mehr eine alte, über hundertjährige Geſchichte iſt, ſo denket faſt Niemand mehr daran. „Gleichwohl,“ fuhr er fort,„ſein auch die erzählten unmenſchlichen Thaten manchen Türken auch ſehr theuer zu ſtatten gekommen, dann das Bauer⸗ und Landvolk, ſo ſich von der großen Furcht und Schrecken wieder et⸗ was erholt, haben ſich aller Orten zuſammengehäuft, dort und da überfallen, deren eine große Anzahl erlegt, 75 von den Höhen mit Steinen todtgeworfen, viele gefan⸗ gen, in die Stadl und Ställe eingeſperrt, alsdann mit Feuer verbrennt, auch ihnen viel vom Raube wieder ab⸗ genommen. Und Urfinus erzählt, daß auch das Weiber⸗ volk hiebei tapfer, ja männlich ſich gezeigt und geholfen. Als welche ſonderlich in einem Dorfe ein denkwürdiges Treffen gehalten hätten.“ Und über den Einfall Caſſan Paſcha's in Ober⸗ öſterreich im Jahre 1531 berichtet Paul Jovius: „Es habe nämlich Oglam Michael Baſſa auf Be⸗ fehl Solimanni des türkiſchen Kaiſers, den Caſſan Baſſa mit einem Heer von Freiwilligen, und nur um den Raub dienenden Türken abgefertigt, mit der Ordre, die ganze Revier zwiſchen der Donau und dem Gebirge durchzu⸗ ſtreifen, wo, und wie ſtark der römiſche Kaiſer an Volk ſei, zu erkunden, und überall ſo zu hauſen, daß die Deutſchen ſeiner Ankunft ein Andenken hätten. Caſſan Baſſa ſei ein unverdroſſener und des Raubes begieriger Mann geweſt, habe ſich hiezu gerne brauchen laſſen, weil er ſich erinnert, daß ihm der vormalige Streiff, den er anno 1829 bis an Linz gethan, an Raub und Beute ſtattlich heimgetragen, ſein Volk in 15.000 Mann ſtark, habe er in drei Haufen doch nicht weit von einander ge⸗ theilet, aller Orten alles rein ausgeplündert, eine große Menge Landvolkes, jung und Alt, Weib und Mann ge⸗ 76 fangen genommen, und mit Ketten und Stricken an die Roß gebunden, mit fortgeſchleppt, die ganze Gegend weit und breit mit Feuer verwüſtet, und ſei endlich bis an's Waſſer an die Enns gekommen.“ „Inmittens war man zu Steyer mit Schrecken und Furcht erfüllt, doch aber dabei einigermaßen getröſtet, weilen gleich damals der Landeshauptmann zu Steher, Herr Hans Ungnadt, Freiherr, mit der ſteyeriſchen Landſchaft ſtaatlichen Reiterei vor der Stadt ankam, darob man ſich hoch erfreute, in Hoffnung durch derſel⸗ ben Beiſtand die ſtreifende türkiſche Rotten nicht allein abzutreiben, ſondern nebſt den armen Gefangenen auch den mitgenommenen Raub abzujagen, wie denn ſolches leicht geſchehen können. Zu dem Ende baten die von Steyer, wie auch der Herrſchaft Landrichter zu Hall, Willinger, welcher die zu Wolfern gelegenen Türken gerne angegriffen hätte, gedachten Herren von Ungnadt um Hülf, Rettung und Beiſtand, aber ob er wohl ſon⸗ ſten ein chriſtlicher Herr und Rittersmann, ſo erzeigte ex ſich doch ſeinem Namen nach dermalen gar ungnä⸗ dig; denn ungeachtet ihm das große erbärmliche Elend der armen Leute im Land, der verhoffende ja gewiſſe Sieg und die dabei zu erholende Ehre repräſentirt wur⸗ den, ſo mochte er doch zu ſolchen Angriff der Türken, ja daß er nur 30 oder 20 und endlich nur 10 Streiter zu 77 Hülf allda zu laſſen, nicht erbeten werden, unterm Vor⸗ wand, wie er mit ſeinem Volke zu Kaiſerl. und Königl. Majeſtät nach Linz forteilen müſſe“ ꝛc. ꝛc. Solcherge⸗ ſtalt nun erzählen die von Steyer den Handel in einem an Herrn Hans Hofmann, Burggrafen von Steyer er⸗ gangenen Schreiben, Herr Hans Ungnadt, ſelbſt aber in ſeiner Defenſionsſchrift erzählet ſolches etwas anders und zwar des Inhalts: „Als er mit und nach der drei Landes Kriegsvolk bei 1000 Pferde ſtark nach Steyer kommen, und des andern Tags zum Morgenmal habe ſitzen wollen, ſei der Bürgermeiſter nebſt etlichen des Rathes erſchienen, und mit großem Ernſt angezeigt!„Gnädiger Herr, Gott ſei es geklagt, der Türk iſt nahe bei der Stadt, und brennt draußen aller Orten.“ Darauf Herr Ungnadt geantwortet: „Lieber Herr Bürgermeiſter, ſeid fröhlich, was Gott ſchickt, das iſt gut, ſehet zu den Thoren.“ „Die Herren und Reiter wiſchten von dem Tiſch auf. Herr Hans Lieſer als Lieutenant, und Herr Hans von Hummelberg, welcher die Kärtneriſchen Reiter geführt, führten das Volk auf den Platz in Ordnung zuſammen, Herr Ungnadt aber ritt mit zehn Pferden in die Stadt. Als er auf die Höhe zum Kreuz kam, da brannte es an vielen Orten, unter andern auch ein adeliges Schlößl, Stadlkirchen genannt, da ſie Weib und Kind, Jungfrau, Diener, Knechte, und alle Fahrniß weggeführt, und den Sitz angezündet.“ „Zu Linz iſt um ſelbe Zeit Kaiſer Karl mit einem auserleſenen Kriegsheer zu Waſſer angekommen. Dabei waren außer dem niederländiſchen Volk über 14.000 Mann zu Fuß und 2000 Küraſſier, welche Ferdinandus Gonzaga führte. Eitel Italiener und Spanier und dar⸗ unter eine merkliche Anzahl großer Herren und vom Adel, die ſich freiwillig bei dieſem Feldzug eingeſtellt.“ Die Türken zogen ſich nach dieſen Plünderungen bald wieder aus Oberöſterreich zurück. Am 4. November verkündigten nuu franzöſiſche Trompeten den Einzug Kaiſer Napoleons in Linz, und das alte Stadthor hatte keinen lockeren Balken mehr, um ihn, wie vor hundert fünfundzwanzig Jahre auf das Haupt des edlen Montecuecoli, auf den kleinen Hut des großen Corſen herabzuſchleudern. Kaiſer Napoleon wohnte nun mehrere Tage im Landhauſe zu Linz und durch das obere Mühlviertel zo⸗ gen ſeine Truppen in's Land herab. In der erwähnten Gegend zwiſchen Wels und Tillysburg aber ſtand der Vortrab ſeines Heeres. Da ſaß in einem Zelte ein junger, ſchöner Mann in franzöſiſcher Marſchallsuniform, vor einem Feld⸗ 1 — — 79 tiſche, anf welchem eine Karte lag, welche die mit rothen Strichen vorgezeichnete Route für den weiteren Marſch der franzöſiſchen Heerſäulen in das Innere Oeſterreichs bis zur Kaiſerſtadt Wien enthielt. Der junge Mann in der reichen Marſchalls⸗Uni⸗ form war Prinz Eugen Beauharnais, der Stiefſohn des Kaiſers und Vice⸗König Italiens. Sein Auge ruhte düſter auf der Karte, er ſchien über den Plänen zu brüten, welche ſein Stiefvater, der Dictator Europa's zur Unterjochung des Landes ent⸗ worfen hatte, in welchem eben ſeine Garden kampirten. Er ſchien mit ernſten militäriſchen Dingen beſchäf⸗ tigt, und mehrere Offiziere ſeines Generalſtabes um⸗ ſtanden ihn. Es waren mehrere jener Offiziere, welche ihm ſieben Jahre ſpäter auch auf jenem Feldzuge folgten, den die von den Säulen des Herkules bis in die Eisgefilde Rußland's ſiegreiche franzöſiſche Armee nach Moskau, dem non plus ultra Attila's⸗Napoleon unternahm. Da ſtand der Graf Ornano, Kavallerie⸗Komman⸗ ant, da ſtand der nachmalige Adjutant des Generals Murat's Dery, der ſpäter auf ruſſiſchem Eiſe ſein Blut verſpritzte, da ſtand der wackere Delzons und Guillo⸗ minot— aber der junge Vice⸗König hörte nicht ihre Berichte, nicht ihre Meldungen über das Vordringen 80 franzöſiſcher Truppen nach Niederöſterreich, über die Anſtalten, welche der Kaiſer bereits getroffen hatte, um gerade auf Wien loszugehen— er ſaß verſunken in Gedanken, die bei— Ghiraldinen waren.. Der„Fahneneid“ der ſtrenge Befehl des Kai⸗ ſers hielt den Prinzen mit eiſernen Feſſeln zurück.— Er hatte im Palaſte zu Mailand, als ihn das Wort Napoleons augenblicklich zur Armee rief, auch bereits Befehl ertheilt, Ghiraldinen und den Oberſten Lenoir in allen Richtungen zu verfolgen, aber Niemand brachte ihm ſichere Nachricht von ihnen. „Die junge Gräfin Ghiraldina Orſini und ihr Entführer, Oberſt Lenoir, ſeien“— ſo lautete eine Nach⸗ richt,„in Geſellſchaft einer älteren Dame, in einer Miethkutſche auf der Straße nach der Schweiz abge⸗ fahren,“ nach einem anderen Berichte, wollte man die Flüchtlinge in Venedig zu Schiffe ſteigen, nach einem dritten, ſie nach Neapel abfahren geſehen haben—— und wie ein berühmter Magier in Berlin einſt durch drei Stadtthore zu gleicher Zeit hinausfuhr, ſo ſchienen es Ghiraldinen's Entführers darauf abgeſehen zu ha⸗ ben, die Richtung ihrer Reiſe durch verſchiedenartig aus⸗ geſtreute Gerüchte zu verbergen.——— Inzwiſchen mußte der junge Vice⸗König mit den Heeren des Kai⸗ ſers in Deutſchland vorrücken. 81 Aber die ſich allmälig aufrollenden Bilder der Schlachten konnten das Bild ſeiner Liebe nicht verwi⸗ ſchen; Eugen's großes Herz hatte der Gegenſtand ſeiner erſten Liebe zu ſehr erfüllt, als daß er Ghiraldina hätte ſobald vergeſſen können. Im Gewühle des Lagers, beim Getöſe der Waffen, ſtand das Bild der Verlorenen vor ſeiner Seele und rauſchten auch täglich die Klänge der lauteſten Krieger⸗ muſik an ſeinem Ohre vorüber,— er fand dennoch Augenblicke, um ſein Herz an der Bruſt ſeines Freun⸗ des Pino auszugießen. So ſaß denn der junge Prinz vor der Karte von Oeſterreich ernſt und gedankenvoll auf die rothen Kreuze ſtarrend, welche der General⸗Quartiermeiſter Foreſtina als Lagerpunkte der ſiegreichen Armee hinge⸗ zeichnet hatte. „Hier, Hoheit,“ demonſtrirte der Stabsoffizier Delzons,„hier an dem kleinen Flüßchen, die Traun ge⸗ nannt, rückt Davouſt vor— dort drüben längs dem Strande der Donau ſtehen unſere Eliten, und da, wo der kleine rothe Strich eine lange Bergſtraße bezeichnet, nächſt dem Oertchen Strengberg, ſteht unſer großer Ar⸗ tillerie⸗Park. So iſt Alles zum Vormarſche gerüſtet,“ fuhr der General⸗Quartiermeiſter fort,„und Eure Ho⸗ heit geruhen nur das Signal zu geben.“ Proſchko. Der ſchwarze Mann. III. 6 „Die Truppen harren auf Ihren Wink,“ ſetzte Delzons hinzu.— In dieſem Augenblicke trat ein junger Lieutenant der Eliten, Herr Evrard, in's Zelt. Er überbrachte dem Prinzen ein verſiegeltes Schreiben. Es enthielt einen geheimen Tagsbefehl des Kai⸗ ſers von Linz datirt und an die Befehlshaber der ein⸗ zelnen Diviſionen und Brigaden der Truppenkorps ge⸗ richtet. „Der Kaiſer macht darauf aufmerkſam,“— ſagte der Vicekönig zu ſeinen Offizieren gewendet—„daß nach Ausſage zweier Spione, die in der Gegend von Linz aufgefangen wurden, engliſche Subſidien in Gold und Silber auf dem Wege nach Wien ſind,— man will ſogar wiſſen, daß eine hochgeſtellte Per⸗ ſon aus England im Convoi dieſer Sendung mit⸗ reiſe; wir haben daher die größte Wachſamkeit anzu⸗ wenden— meine Herren, das Offizierskreuz der Ehren⸗ legion und augenblickliches Avancement iſt demjenigen zugeſichert, der dieſe Subſidienſendung aus England an den Kaiſer von Oeſterreich aufgreift.— Treffen Sie meine Herren, jeder die nöthigen Dispoſitionen in Ih⸗ rem Bereiche.“ Die Offiziere des Vicekönigs zerſtreuten ſich nach —— 83 dieſer Weiſung— jetzt trat Major Pino, der Vertraute des Prinzen in's Zelt. „Hoheit!“ ſagte er mit ſeltſam bewegter Stimme, —„von der äußerſten Vedette des Lagers bei dem Kronwerke, welches unſere Artillerie dort zur Vorſicht aufgeworfen hat, iſt die Meldung eingelangt, daß ſoeben drei Reiſende vorbeipaſſirt ſind, welche—— „Aus England kommen?“ fragte der Vice⸗ könig. „Nein, aus Italien,“ entgegnete Pino,„es iſt ein Mann und zwei Damen, alle drei ſind mit franzöſiſchen Päſſen verſehen, und wurden daher nicht weiter ange⸗ halten.“ Die Augen des Prinzen ruhten jetzt auf dem Papier. „Ghiraldina Orſini!“ las er mit zitternder Stimme, und Louis Graf Lenoir, Oberſt in franzöſi⸗ ſchen Dienſten, dann—“ „Pino!“— rief er hier aufſpringend,—„mei⸗ nen Rappen und meinen Degen!— auf! wir müſſen ſie verfolgen!!.... endlich!— Im nächſten Augenblicke ſprengte der Prinz, ſein Lager, ſeine Stellung, ſeine Offiziere und Soldaten, Alles— Alles vergeſſend, hinter den Zelten hinab zur Vedette, von welcher die Nachricht über das Vorbei⸗ 6* paſſieren Ghiraldinens und des Oberſten eingelangt war.— Major Pino hatte keine Zeit ihm zu folgen. „Wer hat hier den Vedettendienſt?“ rief er dem wachehabenden Offizier ſchon aus der Ferne zu. Dieſer trat ſalutirend vor. „Ich werde Sie füſiliren laſſen!“— donnerte der Prinz, und eine nie geſehene Zornesflamme brannte auf ſeinem Antlitze. „Hoheit!“ ſtammelte der erſchrockene Vedetten⸗ Kommandant. „Warum habeu Sie den franzöſiſchen Oberſten und die beiden Damen nicht angehalten?“ herrſchte ihm der Vicekönig zu. „Sie waren mit legalen, vom Polizeiminiſter Sei⸗ ner Majeſtät des Kaiſers Napoleons ſignirten Päſſen nach Ungarn verſehen—“entſchuldigte der Offizier— „und eine andere Ordre hatte ich nicht „Falſche Päſſe!“ donnerte der Vicekönig,„das hätten Sie beurtheilen ſollen!— Wie kann ein franzöſi⸗ ſcher Oberſt jetzt an einem franzöſiſchen Armeelorps vorbei— allein, mit zwei Damen, in Feindesland rei⸗ ſen—— begreifen ſie dieſe Abſurdität mein Herr?! Man hat Sie dupirt!— Es waren drei Flüchtlinge aus Mailand, die jedenfalls anzuhalten waren— Sie haben Ihre Pflicht verletzt.“ 85 „Hoheit!“ ſtotterte der Offizier wieder,„ich hatte keine Ordre.—“ „Welche Richtung nahmen die Flüchtlinge!“— fiel der Prinz ein. „Dorthin,“ entgegnete der Offizier, indem ſeine Hand nach der Reichsſtraße wies, die, wie ein weißer Faden in der Ferne durch das ſchöne Gartenland Ober⸗ öſterreichs ſchimmerte, und an deren äußerſten Geſichts⸗ punkte noch eine ſchwache Staubwolke in der Luft ver⸗ ſchwamm.. Der Vicekönig hörte ihn nicht mehr— er jagte wie ein von Furien Verfolgter der erwähnten Straße zu, aber die Staubwolke ſtatt ferner und ferner zu ver⸗ wehen, wurde jetzt immer größer und größer, ein ſchwar⸗ zer Punkt trat aus derſelben hervor, es war eine be⸗ wegte Maſſe— eine Menſchen⸗ und eine Thierge⸗ ſtalt— ein Reiter auf ſchäumendem Roſſe, ein Adju⸗ tant des Grafen von Ornano war's, der, als er kaum des Vice⸗Königs anſichtig wurde, anhielt, vom Pferde ſprang, und mit dem Rufe: „Hoheit! eine Nachricht von größter Wichtigkeit!“ auf dieſen zuſtürzte. „Was ſoll's?“ fragte der Prinz. „Dort— dort an der linken Lagerflanke!“ berich⸗ tete der Offizier athemlos— er konnte nicht weiter reden. 86 „Nun? haben Sie die Sprache verloren?“ fragte der Vicekönig,„reden Sie doch! Ich habe Eile!“ „Der Prinz von Wales!“ rief der Adjutant,— „dort!— Sie haben ihn angehalten!..“ „Der Prinz von Wales?“ fragte der Vicekönig — und hohes Staunen malte ſich auf ſeinem Antlitze. „Er iſt's— er hat ſich ſelbſt genannt!“ berichtete der Offizier weiter. „So wäre er die ſignaliſirte hohe Perſönlichkeit im Convoi des Subſidientransportes nach Wien 7*— rief der Vicekönig—„wo iſt er?“ In dieſem Augenblicke hatte Prinz Eugen wieder ſeine ganze Faſſung gewonnen, er fühlte, daß er ſeine Leidenſchaft ſeiner Pflicht als Soldat und Befehlshaber nachſetzen müſſe, und fand im Momente ſeine gunze Beſonnenheit wieder. Er ritt im raſchen Trabbe zum Bivouac an jener Lagerſeite, wo eine auffallende Zuſammenſtrömung der Soldaten den Punkt bezeichnete, an welchem ſo uner⸗ wartet ein ſo bedeutender Kriegsgefangener feſtgehalten wurde:— der Prinz von Wales.— „Die Kaltblütigkeit der Engländer und ihre Toll⸗ kühnheit grenzt doch an's Unglaubliche—“ fagte der Prinz während des Rittes zu ſeinem Begleiter, dem Ad⸗ jutanten des Grafen Ornano—„die letztere iſt aber 7 87 die Folge der erſteren, und es iſt in der That nur zu wun⸗ dern, daß der Prinz von Wales gerade dieſen Weg an unſerem Heereslager vorüber wählt, wo er doch bei einiger Bewachung ſeine Anhaltung vorausſehen konnte.“ „Hoheit werden dieſe Kühnheit des Prinzen von England begreiflicher finden,“ entgegnete der Adjutant, „wenn ich Ihnen ſage, daß er in einer ſeltſamen Ver⸗ kleidung reiſet.“ Jetzt war Prinz Eugen bei dem Bivouac ange⸗ langt, wo der hohe Gefangene angehalten worden war. Sogleich trat ihm Graf Ornano entgegen. „Iſt es Wahrheit, oder äfft man uns?“ fragte der Vicekönig,„man berichtet mir, Georg, Friedrich Auguſt der Prinz von Wales ſei hier paſſirt und angehalten worden— Was iſt an der Fabel?“ „Keine Fabel, Hoheit!“ entgegnete der Graf,„es iſt der Prinz von Wales, wie er leibt und lebt, zwar iſt er in der Tracht dieſes Landes verkleidet, und behauptet nur deutſch ſprechen zu können, aber fein Begleiter, ein kleiner, ſtämmiger Landbauer, war, wie es von einem ehrlichen, ſimplen Landhauer dieſer Gegend nicht anders zu erwarten iſt, unvorſichtig genug, auf das erſte„qui vive!“ unſerer Vedette zu antworten:„der Prinz von Waoles!“ und ſtolz wie ein ächter Britte, hat der Prinz auch ſeinen Namen nicht weiter verläugnet, ſpottet aber, 88 ſo viel wir ſein ſchlechtes Deutſch verſtehen können, über dieſen Ernſt der Sache, ſpricht unverholen davon, daß er nach Wien abreiſen will, wohin er Briefe ſeines Va⸗ ters zu überbringen habe,— und da ihm auch ein paar Mal der Name„Pitt“ entfuhr, endlich, einem der Ser⸗ geanten unſeres Flügelpoſtens, welcher einige Zeit in der engliſchen Artillerie gedient hat, auch die Geſichtszüge des Prinzen genau bekannt ſind, ſo unterliegt es keinem Zweifel: Georg, Friedrich Auguſt der Prinz von Wales und Thronfolger Englands, hat ſich in einem Anfalle engliſchen Spleen's auf den Kontinent verirrt, und iſt unbekannt mit den Dispoſitionen und dem unvorher⸗ geſehenen raſchen Vordringen unſerer Heeresſäulen in unſere Schlingen gerathen, und in dieſem Augenblicke der Gefangene Euerer Hoheit....“ Der Vicekönig ſtand über dieſen Bericht des Gra⸗ fen Ornano in tiefem Sinnen. „In der That!“ rief er endlich,„es gibt im menſchlichen Leben allerdings Augenblicke, in denen auch den beſonnenen Mann die Ruhe und Geiſtesgegenwart verläßt und in welchen er blind fortſtürmt und das Un⸗ glaublichſte wagt. Aber dieſer edle ritterliche Prinz, wie man ſagt, ein ſtoiſcher Anglomane vom Scheitel bis zur Zehe, wie und warum ſollte dieſer junge königliche Britte eben jetzt, wo England ſchlachtfertig auf unſere Gallio⸗ — — 89 nen harrt, ſein Vaterland verlaſſen, und als ſimpler Kourier von London nach Wien jagen— es iſt zu ab⸗ ſurd, um glaubwürdig zu ſein!...“ „Hoheit vergeſſen,“ fiel der Graf von Ornano ein —„daß das intime Verhältniß, welches der Prinz von Wales zur ſchönen Miſtreß Fitzherbert vor ſeiner Ver⸗ ehelichung mit der Prinzeſſin Karoline von Braun⸗ ſchweig hatte, ihn mit ſeinem Vater entzweite, daß er nur gezwungen der Letzteren ſeine Hand reichte, daß das Betragen ſeiner Gemalin ihm ſeine Ehe keineswegs ver⸗ ſüßt „Sollte es da nicht möglich ſein, daß Prinz Georg, Friedrich, Auguſt, zufällig mit ſeinem königli⸗ chen Vater und ſeiner königlichen Gemahlin in einer An⸗ wandlung engliſchen Spleen's, die Küſte von Brit⸗ tanien verließ, und beim Heere des Kaiſers von Oeſter⸗ reich, als des nunmehrigen Verbündeten Englands, Zerſtreuung beim Waffenklange in den bevorſtehenden Bataillen ſuchte.— Aber geruhen Sie ihn nur ſelbſt zu ſprechen.“ Prinz Eugen folgte dem Grafen Ornano jetzt in Dieſes unangenehme Verhältniß des Prinzen zu ſeiner Gemahlin kam leider ſpäter ſelbſt im Parlamente zur Sprache. ————FHFHF 90 das größte Zelt im öſtlichen Bivouac des Lagers, dahin, wo gegenwärtig ein großer Lagerthurm der maximilia⸗ niſchen Befeſtigung von Linz und Umgebung mit ſei⸗ nem grünbemooſten Dache emporragt, und etwas weiter nach Nord⸗Oſt, wo vor mehreren Jahren der intereſſante Römerfund eines unterirdiſchen Hypocauton(warmen Bades der Römer) aus jener Periode gemacht wurde, in welcher noch die castra lentiana(das jetzige Linz) den Reiterflügel des römiſchen tribuns Lentulus ein⸗ ſchloß. In dem erwähnten Zelte ſtand ein kräftiger Mann von etwa zwei bis drei und vierzig Jahren, ſein langes, bleiches von einem ſchwachen Barte beſchattetes Antlitz trug ganz den Typus des Altengländers: hohe Stirn, etwas gebogene Naſe, und feingeſchnittene Lippen, breite Schultern; ein ziemlich weiter Rock von feinem Tuche, weißgeſtreifte Beinkleider und kurze Stiefletten waren ſeine Kleidung, ſeine ganze Haltung die des ungenirten Gentlemans. Ein kleinerer faſt ebenſo gekleideter Begleiter ſtand an ſeiner Seite. Um beide Männer hatten ſich die wachehabenden Offiziere des Bivouac's gereiht, man war eben beſchäf⸗ tigt, das Gepäck der Angehaltenen durchzuſuchen, wel⸗ S ches jedoch außer einigen Kleidungsſtücken und einem ledernen Beutel mit ſächſiſchen Kronthalern nichts ent⸗ hielt. Dex Vicekönig trat ſogleich auf den größeren die⸗ ſer beiden Männer zu. „Good morning prince,“ ſagte er lächelnd dem Angeſprochenen die Hand biethend,„Nou arée very welcome!“ Der Angeredete ſchlug die Augen empor und rich⸗ tete dieſe ſtarr auf den Sprecher. „Vou must take care not to travel within the reach of the guns,“ fuhr der Vicekönig fort. Der Angeſprochene ſchüttelte den Kopf. „Das verſtehe ich nicht,“ ſagte er endlich in deut⸗ ſcher Sprache,„was wollen die Herren eigentlich von nir Der Vicekönig fixirte jetzt ſeinen Mann von oben bis unten. Dann trat er lächelnd zum Zelttiſche, wo ſein erſter Adjutant zu Verifizirung des Prinzen aus einer Reiſemappe mit Bildern ſämmtlicher Regenten Europa's und ihrer Familienglieder das zufällig beilie⸗ 3 Porträt des Prinzen von Wales herausgeſucht hatte. „Is the portrait to your satisfaction?“ fragte er lächelnd auf den erwähnten Mann zutretend, und ihm das Bildniß des Prinzen von Wales entgegenhal⸗ tend. Dieſer ſtarrte das Bildniß an, ein Lächeln⸗des Un⸗ muthes zog jetzt über ſeine Lippen. „Was wollt Ihr von nns,“ rief er,„wir ſind ehr⸗ liche Landleute aus Oberöſterreich und reiſen nach Wien.“ „Ah! Sie wollen ihre Mutterſprache jedenfalls verläugnen, Prinz,“ ſagte der Vicekönig.—„Sie dach⸗ ten wohl nicht an die Lebensregel:„the great art of life is to play for much and Stake little— das hätten Sie bedenken ſollen, mein Prinz,“ fuhr er in deutſcher Sprache fort,„und wir ſind auch des deut⸗ ſchen Idioms genug mächtig, um Ihnen zu ſagen, daß Sie ſehr viel auf's Spiel ſetzten, und Alles verlo⸗ ren haben, weil Sie Alles wagten. Sie ſind jetzt un⸗ ſer Gefangener, Prinz!“ Der Angeſprochene erbleichte jetzt wieder, ſein klei⸗ ner Begleiter aber, der wahrſcheinlich ſchon die Kugeln der franzöſiſchen Grenadiere um ſeinen Kopf pfeifen hörte, zitterte am ganze Leibe. „Führen Sie den Begleiter des Prinzen einſtwei⸗ len in das Nebenzelt,“ befahl der Vicekönig. 93 Der Kleinere der beiden Gefangenen wurde abge⸗ führt. Am Zelteingange brachen ihm beinahe die Knie. „Bitt' bitt'!!“ konnte er noch ſtammeln, dann zo⸗ gen ihn die Sergeanten vor das Zelt hinaus. „Da hören Sie es Hoheit,“ ſagte der Graf Or⸗ nano ihm nachblickend,„Pitt! Pitt! lautet ſein letzter Stoßfeufzer, er galt dem großen Miniſter ſeines Vater⸗ landes, der ohne Zweifel den Prinzen vor dem unbe⸗ dachtſamen Schritt dieſes Ganges auf den Kontinent gewarnt hat.“ Jetzt wandte ſich der Vicekönig wieder zu dem Grö⸗ ßeren der beiden Gefangenen. „Sit down, Sir!“ ſagte er mit franzöſiſcher Ar⸗ tigkeit einen Feldſeſſel herbeirückend,„opposite tomé: we may talk at our ease,“ ſetzte er lächelnd hinzu. Aber der Prinz von Wales ſtarrte ihm wieder lä⸗ chelnd entgegen. „Sie wollen durchaus ihre Mutterſprache verläug⸗ nen, und beharrlich den Deutſchen ſpielen,“ ſagte der Vicekönig jetzt etwas gereizt,„ich will alſo auf Ihre Caprice eingehen, und auch, ſo gut ich es vermag, deutſch mit Ihnen verhandeln, und ſo frage ich Sie 94 auf Ehrenwort noch einmal in Güte:„Sind Sie Georg, Prinz von Wales?“ „Nun ja der bin ich,“ entgegnete der Gefan⸗ gene im guten Dentſch. „Endlich!“ rief der Vicekönig; ſo geben Sie denn Ihre Papiere und Ihren Degen.“ „Meine Papiere? meinen Degen?“ fragte der Gefangene lachend. Jetzt ſchien aber den Vicekönig die Geduld zu ver⸗ laſſen. „Prinz!“ rief er, an ſeinen Degen ſchlagend,„be⸗ denken Sie, daß wir hier vor den Mündungen einer Batterie und nicht auf einem Vorſtadttheater Londons ſtehen, wo John Bull ſeine Späſſe auskramt!“ Nach dieſen Worten faßte ſich Prinz Eugen ſo⸗ gleich wieder. „Freilich,“ ſagte er,„ich vergaß Ihnen zu ſagen, wer vor Ihnen ſteht: Ich bin Prinz Eugen von Beau⸗ harnais, der Vicekönig Italiens.“ „Und ich der Prinz von Wels, der Müllermeiſter von Grünbach,“ fiel der Andere ein,„hier iſt mein Rei⸗ ſepaß.“ Bei dieſen Worten zog der Sprecher ein Papier aus ſeiner Rocktaſche und reichte es dem Vicekönige. 95 Dieſer durchlief es.— Es war ein formeller Rei⸗ ſepaß des Pflegamtes Wels, lautend für:„Meiſter Georg Prinz, Müller von Wels am Grünbache.“ Auf das Antlitz des Vicekönigs trat jetzt eine hohe Röthe. „Es ſcheint allerdings,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe mit halblauter Stimme,„daß hier ein Mißver⸗ ſtändniß obwaltet.“ „Das ſage ich auch,“ fiel der Gefangene ein,— „leſ't nur alle, Ihr Herren, da ſteht es ja klar,„Georg Prinz von Wels, Müllermeiſter am Grünbach, 43 Jahre alt, mittlerer Statur, länglichten Geſichtes, und ohne beſondere Kennzeichen.— Und mein Begleiter da iſt der Schulmeiſter von der Had— ebenſo unſchuldig wie ich.“ Die intereſſante Verlegenheit, welche ſich nach die⸗ ſer Aufklärung auf den Geſichtern ſämmtlicher Herren Fronzoſen im Zelte malte, war in der That keine kleine. Wie von einem kalten Waſſerguſſe war das heiße Blut ſämmtlicher Inquiſitoren plötzlich abgekühlt. Klar und immer klarer ward allen jetzt die Sache. WMan hatte alſo in Folge der ziemlich gleichlau⸗ 96 tenden Ausſprache, wie der Chroniſt Oberöſterreichs et⸗ was ſarkaſtiſch bemerkt:„aus abſonderlicher franzöſi⸗ ſcher Hitzköpfigkeit“ den ehrlichen Müllermeiſter Georg Prinz von Wels für Georg den Prinzen von Wales gehalten, und viel fehlte jetzt nicht, daß man vor Be⸗ ſchämung über dieſe Selbſttäuſchung, den guten Müller⸗ meiſter ohneweiteres ſammt ſeinen ehrlichen Begleiter, den Schulmeiſter Wendelin Storch von der Welſer⸗ haide, füſilirt hätte, um ihnen für immer über dieſe Scene den Mund zu ſtopfen, hätte nicht die Be⸗ ſonnenheit des Vicekönigs dem Dinge raſch ein Ende gemacht. Der vermeintliche Prinz von Wales ward daher ſammt ſeinem Begleiter, dem Schulmeiſter Wendelin in aller Stille zwiſchen den Zelten auf die Landſtraße geführt und es ward ihm bedeutet, daß er, ohne ſich weiter umzuſehen, ſeinen Weg nach Wien fortzuſetzen habe, widrigenfalls man ihm ein paar Bleipillen nach⸗ ſenden würde. Die Verfolgung Ghiraldinen's und ihrer Entfüh⸗ rer, war aber durch dieſes Intermezzo abermals ver⸗ ſäumt worden. 3. Im Schelmeuloch. In einem Thale, unterhalb des ſogenannten Soo⸗ ßer⸗ oder Kaltenberges, ohnweit Baden in Niederöſter⸗ reich, ſtarrt ein ziemlich großer Fels, welcher von einem noch höheren Berge herabgeſtürzt zu ſein ſcheint.. Er enthält eine vier und einen halben Schuh hohe Heffnung, welche den Eingang zu einer großen Höhle bildet. Man vermag nur mit Mühe in dieſe erſte Höhle einzudringen, hinter welcher ſogleich die Haupthöhle im Durchmeſſer von drei bis vier Klaftern und in der Höhe von zwei eirer halben Klafter ſich ausdehnt, und, da nur durch den Eingang ein wenig Licht hereinſtrömen kann, finſter iſt, ſo, daß man Fackeln bedarf, um ſie zu er⸗ leuchten. Proſchko. Der ſchwarze Mann. III. 98 Die Höhle enthält auch im Winter einen ziemli⸗ chen Wärmegrad, weil kein Luftzug in derſelben herrſcht. Aus der erwähnten Haupthöhle führt auf der rech⸗ ten Seite eine etwas weitere in eine Nebenhöhle in wel⸗ cher man kaum noch aufrecht ſtehen kann, und in deren Boden ſich ein weites Loch gegen die Haupthöhle zieht; links aber gelangt man durch einen engen Schlauch in eine dritte Höhle, in welcher drei oder vier Perſonen in gebückter Stellung neben einander ſtehen können; auf beiden Seiten dieſes Ganges klaffen viele größere oder kleinere Räume zwiſchen auf einander liegenden Fels⸗ ſtücken. Kalkſtein iſt der Hauptbeſtandtheil dieſer Höhle, hin und wieder enthält ſie auch Kriſtalliſationen, und durch die über einander liegenden Felſen ſickert Feuch⸗ tigkeit, welche ſich in Tropfen von den Wänden ablöſt, auf den Boden perlet, und allmälig eine Kruſte von Kalkſinter bildet, der nach außen häufig wie abgeſchloſ⸗ ſen und marmorirt ausſieht. Die Wände der vorderſten Haupthöhle aber, wo keine oder nur wenige Tropfen niederfallen, iſt mit einer ſilberflimmernden Kruſte, und da, wo die Tropfen reich⸗ licher fallen, mit wellenförmigem Kalkſinter überzogen, da bildet ſich weißer Tropfſtein in Geſtalt von Pfeifen⸗ röhren, oder kleinen eylindriſchen Vögelknochen, ebenſo 99 iſt der Fußboden durch das Herabfallen der Tropfen und das Inkruſtiren derſelben mit einem weißen und grauen Ueberzuge bedeckt. Wo die Tropfen ſchwerer nie⸗ derfallen, bilden ſie allmälig Höhlungen und in den Spalten und Klüften, wo die erwähnten Röhren den Boden erreichen, bilden ſie niedliche Unterſtützungsſäul⸗ chen, von der ewig thätigen Natur viel regelmäßiger ge⸗ baut, als die höchſte Kunſt des Menſchen ſie hätte bauen können. Am Eingange zur zweilen Höhle ſenkt wohl ge⸗ wöhnlich der Führer ſeinen eiſernen Meißel in die hohe Seitenwand, dann quilt die dicke weiße Bergmilch her⸗ vor, die ſich dort und da verhärtet hat. So arbeitet hier die ewig ſchaffende Natur, und die ſeltſamen Gebilde, die ſie ſeit der Vorzeit an dieſer Stelle hervorzaubert, ſind großartig und mannigfaltig. Wenn dann die kniſternde Fackel des Führers die Räume dieſer Höhle beſtrahlt, dann fliegen dort und da aus ihrer Ruhe aufgeſchreckt, wie flüchtige Schatten der Unterwelt, Fledermäuſe, herum, und tauſende von Mücken umkreiſen das Haupt des Eintretenden; auch kleine ci⸗ lindriſche verſteinerte Thierknochen liegen hier herum, ja in einer der tiefen Seitenhöhlen fand man noch das Skelett eines Raubthieres. Dieſe rückwärtige Höhle führt aber den ſeltſamen 7* 100 Namen„das Schelmenloch“(Schelmaloch) und ſoll in älteren Zeiten der Aufenthalt herumziehenden Geſindels, und, wie die Sage berichtet, zur Zeit des Türkenkrieges des Jahres 1683 der Aufenthalts⸗ und Schutzort vieler flüchtiger Chriſten geweſen ſein. Es war bereits im Windemonat des Jahres 1805, am 13. dieſes Monates hatten die Franzoſen ihren Ein⸗ zug in Wien gehalten, und der Zwingherr Europa's, Kaiſer Napoleon, ſtand in der Hauptſtadt Oeſter⸗ reich's. Er ſuchte ſich in dieſer Stadt, in welcher er keine Simpathien für ſich und ſein Heer fand, vor Ueberrump⸗ lung zu ſichern, und ſeine Operationsbaſis zu befe⸗ ſtigen. Davouſt ſollte ſich nach Preßburg begeben, damit Ungarn, bei der Annäherung des Heldenprinzen Erz⸗ herzog Karl nicht aufſtehe, und Gudin ſollte nach Neu⸗ ſtadt marſchieren, um die Verbindung mit Marmont und Maſſena zu erhalten, und Steiermark zu beo⸗ bachten. Es wor an einem düſteren Novemberabende, als in der Gegend des erwähnten Schelmenloches eine kleine, auf allen Seiten verſchloſſene Kaleſche auf einer Seiten⸗ ſtraße ſtand. Der in einen grauen Feldmantel gehüllte Kutſcher v—— v—— 101 blickte nach allen Seiten, als ob er unſchlüſſig ſei, wel⸗ chen Weg er hier einſchlagen ſollte. Jetzt wandte er ſich an einen auf dem nebenliegen⸗ den Feldwege vorüberſchreitenden Mann, in der Tracht eines niederöſterreichiſchen Landmannes, und bat den⸗ ſelben in gebrochenem Deutſch, ihm die nächſte Fahr⸗ ſtraße nach Ungarn zu weiſen. Der Angeſprochene, ein ehrlicher Bauer aus der Umgebung, blieb ſtehen, glotzte den Wagen, und ſagte dann lachend: „Nach Ungarn, guter Freund, führt jetzt keine Straße; die Wege dahin ſind eben alle von Franzoſen beſetzt.“— „Von Franzoſen?“ fragte der Kutſcher beſtürzt. „Aha!“ rief der Bauer.„Ihr wollt Euch auch Euren Rücken vor den ungebetenen Gäſten ſalviren; ſeid wohl Flüchtlinge, die ſich in den ungariſchen Wäl⸗ dern verkriechen wollen vor den blauen Franzoſen?“ „Allerdings,“ entgegnete der Kutſcher—„wir kommen aus dem Friaul und fahren ſeit acht Tagen in die Kreuz und Quere, und können den rechten Grenz⸗ punct nicht finden, um nach Ungarn zu entkommen, denn überall ſtoßen wir auf Vorpoſten der Franzoſen— hier, it Goldſtück, wenn Du uns ſicher über die Grenze ringſt.“— „Unmöglich!“ entgegnete der Bauer—„und wenn Ihr mir eine Rolle ungariſcher Goldfüchfe gebt,— ſeht — dort oben am Birkenbüchel reiten ſie ſchon herauf; es ſind ihrer ſieben oder acht, lauter Kernfranzoſen! — lebt wohl— ich muß meine Haut in Sicherheit brin⸗ gen, ſonſt preſſen ſie mich zur Vorſpann ihrer Bagage⸗ wägen Nach dieſen Worten entſprang das Bäuerlein in das Gebüſch, als ob der wilde Jäger hinter ihm darein⸗ jagte.— Von der Höhe des Birkenbüchels aber ſprengte eine Schaar franzöſiſcher leichter Reiter herab, welche gerade auf den Wagen zuritten. Noch waren ſie etwa hundert Schritte entfernt. Der Kutſcher des erwähnten Wagens ſchwang ſich jetzt raſch von Bocke herab, einen flüchtigen Blick warf er auf die herantrabenden Reiter, dann rieß er den Wagen ſchlag auf. „Franzoſen!“ rief er in italieniſcher Sprache hin⸗ ein:„ich glaube den Prinzen ſelbſt an der Spitze zu be⸗ merken.“—— Er hatte dieſe Worte noch nicht ausgeſprochen, als ſich der Inhalt des Wagens ſchon entleerte; aus demſelben beugte ſich Oberſt Lenoir, in ſeinen Armen lag Ghiraldina Orſini.— Mit flüchtigem Blicke hatte der Oberſt augenblicklich das Terrain geprüft. 103 „Dorthin!“ rief er; dann hieb der Kutſcher in die Pferde und der Wagen jagte vorwärts auf der hügelich⸗ ten Straße, daß die Funken von den herumliegenden Kieſelſteinen aufſtoben; hinterdrein aber trabten die franzöſiſchen Reiter, welche die Flüchtlinge bemerkt hat⸗ ten, und nun mit verhängtem Zügel verfolgten. Jetzt bog die Kaleſche um die Ecke eines Tannen⸗ gebüſches; nur fünfzig Schritte trennten die Verfolger mehr von den Verfolgten— da krachte es am Wagen — ein Rad war geborſten— das Fuhrwerk ſtockte, und die Flüchtlinge ſchienen verloren.... Dort aber, auf der entgegengeſetzten Seite, wo der Abhang des Birkenwaldes ſich zur Straße verlief, jagte auf hohem Roſſe Prinz Eugen Beauharnais, der Piee⸗ könig mit ſeinen Reitern herab; er hielt ſein gutes Fern⸗ rohr vor dem Auge, und überzeugte ſich, daß, was ihm durch einen ſeiner Vorpoſten gemeldet worden war, ein Wagen mit Flüchtlingen aus Italien dahinjagte— er ſah mit ſeinem glühenden Auge wie ſich Oberſt Lenoir aus dem Wagen beugte.... Zetzt mußte er Beide erreichen!— Aber die Gei⸗ ſtesgegenwart auch in dieſem Augenblicke nicht verlierend, hatte Oberſt Lenoir während dem Fahren die Gegend nach allen Richtungen gemuſtert, und den Moment be⸗ 104 reits erſehen, in welchem die letzte Rettung möglich er⸗ ſchien. Staubwirbel verhüllte jetzt die Scene.— Jetzt hat⸗ ten die nachſetzenden Reiter den Wagen der Fliehenden umringt— jetzt faßte einer der Reiter die Zügel der Wagenpferde, jetzt ritt Prinz Eugen näher, und rief dem Kutſcher ein donnerndes„Halt!“ in die Ohren.— Dieſer ſprang ab, und—„Varlet!“ rief der Prinz „Du abermals auf meinen Wegen— Elen⸗ der!!“— „Verzeihung, Hoheit!“ ſtammelte der Pſeudo⸗ Kutſcher;„ich wollte ja mit meiner Herrſchaft fliehen, und wenn uns Eure Hoheit mit ihren Chaſſeur's ein⸗ holten, ſo iſt das wahrlich nicht meine Schuld, ſondern die der holperichten Straße, und Ihrer gut geſtellten Vorpoſten, die uns bisher auf allen Punkten den Aus⸗ weg nach Ungarn verſperrt haben. „Schweig Elender!“ donnerte der Prinz, in deſſen Augen Zornesflamme aufloderte;„ich will den Verrath jetzt zu meinen Füßen ſehen.“ Varlet gehorchte augenblicklich, der Kutſchenſchlag flog auf, aber leer war der Wagen bis auf einePerſon, die ſich aus der Ecke desſelben herauswand, und jetzt auf feſtem Boden vor dem Vicekönige ſich verbeugte— 105 es war die Wortführerin vom grauen Hauſe auf Iſola bella, Madame Henriette Fare „Verrätherin!“ ſchrie der Prinz,„wo ſind die Flüchtlinge!“ Madame Faure aber ſtieg ruhig aus dem Wa⸗ gen, und verbeugte ſich vor dem Prinzen. „Verzeihung, Hoheit,“ ſagte das Mannweib mit ihrer tiefen Baßſtimme,„der Fuchs iſt vorläufig dem Grimme des Löwen entwichen, ſpäter wird er ſich vor dem königlichen Gebiether wieder einfinden.“ „Was ſoll dieſer Spott?“ donnerte der Vicekönig, „wer ſind Sie Madame?— Ha! mich dünkt, ich habe Sie bereits irgendwo geſehen.“ „So iſt's, Hoheit,“ entgegnete Madame Faure, „auf der Villa Orſini auf Iſola bella war es, wo Sie mir begegneten, Hoheit.“ „Es iſt Madame Henriette Faure, jene Parthei⸗ gängerin, welche in den Tagen des letzten Attentates auch in Mailand zu ſehen war,“ berichtete ein Offizier im Geleite des Vicekönigs. „Ganz recht, ich entſinne mich,“ fuhr der Prinz empor,„alſo zur Suite des Hochverrathes gehörig!— Man führe die Elende in das nächſte Gehölz, und halte Standrecht über ſie,— doch zuvor ſoll ſie geſtehen, wo⸗ hin die Flüchtigen ſich wandten.“ 106 Die Offiziere im Geleite des Prinzen ſahen einan⸗ der befremdet an, ſo kurze Juſtiz waren ſie von dem ſonſt ſanften, beſonnenen und große Selbſtbeherrſchung beweiſenden Prinzen nicht gewohnt. Aber der junge Löwe kannte in dieſem Augenblicke keine Schonung mehr. Das bitterſte Gefühl getäuſchter Liebe und das Bewußtſein, von der, welcher er Alles opfern wollte, vielleicht verſpottet zu ſein, erfüllte ſein Herz mit Grimm. „Nun?!“ rief er in höchſter Aufregung,„wird man meinen Befehl befolgen oder nicht?“ Das Auge des Vicekönigs glühte, ſeine Fauſt lag auf dem Degengefäße, als wollte er ſeinen Worten mit Eiſen Nachdruck geben. Die Offiziere an ſeiner Seite wagten nichts mehr einzuwenden, zwei Sergeanten ſtürzten ſich jetzt auf Madame Faure... Die ſtolze Dame ſchien nichts weniger als er⸗ ſchrocken——— man hätte glauben ſollen, daß eine Ohnmacht der zum Standrechte beſtimmten, die nächſte Scene bilden würde, aber ſieh' da!— Die ſtolze Dame lächelte.——— Sie ſtreckte ſich in ihrer ganzen anſehnlichen Körperlänge empor,— ſie trat im 107 Kreiſe der ſie Umgebenden auf den Vicekönig zu, ver⸗ beugte ſich abermals, ſchüttelte ſich ein wenig, neſtelte jetzt an ihrem Reiſemantel, warf jetzt ihren befiederten Damenhut zur Erde— ihr Mantel ſank von ihren Schultern, und von ihren Oberkleidern fiel, wie Bürger ſingt:„des Reiters⸗Koller Stück für Stück, jetzt ab wie mürber Zunder,“ und vor dem Vicekönige ſtand in einem einfachen dunkelgrauen Reiſerocke ein Mann.. „Da mir das Standreecht auf dem Nacken ſitzt, ſagte dieſer Mann zu dem ihn anſtarrenden Vicekönige und ſeinen Begleitern,„ſo werden mir Eure Hoheit erlauben, daß ich meine bisherige geborgte Maske abwerfe, und mich durch dieſes Papier als Meiſter— „Vidocg“, erſter Agent des noch größeren Mei⸗ ſters Fouché präſentire, der von Letzterem aus beſtellt war, um in der Verkleidung einer Madame Faure, der längſt verſtorbenen Mutter des bekannten Attentäters, Jean Niklas Faure, mitten unter den Verſchworenen im grauen Hauſe auf Iſola bella aufzutreten, indem ich mich ſcheinbar von franzöſiſchen Gensdarmen bis auf die Inſel verfolgen ließ, um auf dieſe Art dem Polizei⸗ miniſter des Kaiſers der Franzoſen aus erſter Quelle alle jene Fäden in die Hand zu liefern, die Herr Fouché brauchte, um das Attentat von Mailand gegen den Kaiſer zu vereiteln und die tollen orſiniſchen Ritter und 108⁸ Damen„vom Todtenkopfe“ mit einem Schlage in ſein Netz zu bekommen.“ Nach dieſen Worten zog weiland Madame Faure nun Monſieur Vidoeg, jener berüchtigte und ſchlan⸗ gengleiche Agent, deſſen ſich Fouché bei ſeinen Opera⸗ tionen ſtets mit ſo vielem Erfolge bedient, und der als geſchichtliche Perſon in den Annalen des franzöſi⸗ ſchen Polizeiminiſteriums eine ſo große Rolle ſpielte, eine Legitimations⸗Urkunde mit dem großen Siegel des Polizeiminiſters hervor, und reichte ſie dem Vicekönige, deſſen Officiere ſich jetzt mehrere Schritte zur Seite zo⸗ gen, um nicht weiter Zeugen einer Scene zu ſein, die in der That ebenſo Beſchämendes für den erlauch⸗ ten Stiefſohn des Kaiſers haben mußte, als jene oben Erzählte mit dem vermeintlichen Prinzen von Wales. Aber noch hatte der Prinz die ihm überreichte Le⸗ gitimations⸗Urkunde des am Schlußpuncte ſeiner mit ſo großer Gewandtheit durchgeführten Rolle ſtehenden Polizeiagenten Vidocq nicht ganz durchleſen, als ihm dieſer ein zweites Papier überreichte, und ihn bat, das⸗ ſelbe ebenſo raſch zu durchblicken. Es enthielt ein eigenhändiges Schreiben des jun⸗ gen Oberſten Lenoir an denſelben; es enthielt die wenigen aber inhaltsſchweren Worte: 109 „Prinz!“ „Ich vechne auf die Verzeihung Eurer Hoheit, weil ich in Ihrem Intereſſe handelte, indem ich Sie über die Treue einer Dame aufklärte, die Ihrer nicht würdig iſt. — Hiedurch habe ich dem Adoptivſohne des Kaiſers die erhabene Prinzeſſin erworben, die man für Ihn aus dem königlichen Stamme der Wittelsbacher beſtimmte.“ Louis Piqueur, genannt: Graf Lenoir, Oberſt Seiner Majeſtät des Kaiſers der Franzoſen. Der junge Vicekönig ſtarrte ſchweigend auf das Papier— Todtenbläſſe, dann wieder hohe Röthe der Ueberraſchung, der Scham, des Unmuthes bedeckten ſein ſchönes Antlitz.— Sein Herz pulſirte jetzt in raſchen Schlägen, ſeine Lippen zitterten, ſein klares Auge ſchien faſt feucht zu werden, aber ſein eben ſo klarer Verſtand durchſchaute im Angenblickte das ganze Gewebe, mit welchem ſein Herz und ſeine ganze Perſon von der klu⸗ gen Politik des Kaiſers auf den klugen Rath des wahr⸗ haft klug berechnenden Polizeiminiſters umgarnt worden war.— Es war ihm im Augenblicke klar, daß jener junge ſchöne Oberſt, genannt, Graf Lenoir, nur der gewandte Sendling des noch gewandteren Miniſters geweſen, der das Band, welches Ghiraldinens Herz an das des Prinzen band, und welches man, den ſtarren, 110 ſelbſtſtändigen Character des letzteren kennend, von den Tuilerien aus nicht zu„durchſchauen“ wagte, mit der Liſt der Schlange, ſanft und allmälig löſen mußte, in⸗ dem er auf geheimen Befehl des Kaiſers der Franzoſen das Herz eroberte, das bis dahin nur für den Herrn de la Pagerie, Eugen Beauharnais, Prinzen und Vice⸗ könig von Italien geſchlagen hatte.... Tauſend widerſtreitende Gefühle durchtobten die junge, kräftige Bruſt des Prinzen,— es gährte gleich⸗ ſam in ſeinem Herzen wie glühende Lava——— das reizende Bild Ghiraldinen's trat noch einmal in ſeiner ganzen Schöne vor ſein Inneres; er hatte ja die herr⸗ liche Jungfrau ſo heiß geliebt— aber ſie hatte ihn nicht verſtanden, ſonſt wäre es ja nicht möglich geweſen, daß irgend eine Macht der Erde ſie von ſeinem Herzen riß. —— Verwundet bis in's Innere ſeines Herzens, ge⸗ täuſcht, verrathen, beſchämt— ſo fand ſich jetzt Prinz Eugen wieder; aber er fand ſich wieder——— nach kurzem Kampfe blieb aus dem Chaos der wider⸗ ſtreitenden Gefühle in ſeinem Herzen nur eines noch: das Gefühl ſeiner Würde, ſeiner ſtets bewahrten männ⸗ lichen Würde zurück.... Schweigend gab er jetzt ſeinem Rappen die Spo⸗ ren— ſchweigend wandte er ſich um, und auf flüchti⸗ gem Roſſe ritt er, den letzten Blick nach der Seite wer⸗ 111 fend, wohin die Treuloſe entflohen war, in ſein Haupt⸗ quartier zurück.... Seine Begleiter folgten ihm, der Letzte unter ihnen fuhr mit zufriedener Miene, wie ein Sieger nach gewonnener Feldſchlacht,— Meiſter Vidocq, der Agent, im leeren Wagen, das Coſtüme der nunmehr demaskirten Madame Henriette Faure mit ſich führend, und mit Bleiſtift ein paar Zeilen an ſeinen Herrn und Meiſter in Paris aufſchreibend, die ohngefähr lauteten, wie die telegraphiſchen Depeſchen unſerer Tage: „Agent Vidocq an den Polizeiminiſter Monſieur Fouché: Die Bombe iſt geplatzt, der Vicekönig iſt nüch⸗ tern geworden, in den Tuilerien das Weitere! Vidocq.“ Während ſich dieſe Scene im Gebüſche des Birken⸗ waldes vor der oberwähnten Höhle, genannt das„Schel⸗ menloch“ begab, ſchlug in den düſteren Räumen dieſer Höhle auch ein Herz in heftigen Schlägen— es war das Ghiraldinen's. Oberſt Lenoir als er keinen Ausweg mehr vor ſich ſah, dem Vicekönige und ſeinen Begleitern zu entrinnen, hatte mit Ghiraldinen den„wohlberechneten“Ausweg in die von ihm ſeitwärts wahrgenommene, erwähnte Höhle genommen, wo beide von der düſteren Nacht der Erde aufgenommen, ſich in dem Geklüfte ſo lange verbergen ———,,—Üům ů ·————— 112 konnten, bis ihre Verfolger vorübergezogen waren, und ſie mit Sicherheit wieder ihr Verſteck verlaſſen konnten. Hier hatte Oberſt Lenoir, wie Moſes die Israeli⸗ ten in der Wüſte, ſeine Entführte ſeit Wochen an der Grenze Ungarns hin und hergeführt, um, wie er ſagte, den franzöſiſchen Streifſchaaren zu entgehen, Ghiral⸗ dina im entſcheidenden Augenblicke verborgen. Er bat ſie jetzt, indem er der Erſchöpften einige Labung aus ſeiner Feldflaſche reichte, wenige Minuten zu harren,„er würde, ſagte er,„mit Vorſicht gegen den Eingang der Höhle ſchleichen und ſpähen, ob die Verfolger bereits vorüber gezogen ſeien, damit er mit Ghiraldinen die dumpfe Atmosphäre dieſes Geklüftes bald wieder ver⸗ laſſen könne.“ Hier lehnte nun die ſchöne Blume des Südens mit all der Gluth ihres Herzens an einem feuchten Steine, und zählte die Minuten, welche ſeit der Entfer⸗ nung Lenoirs verſtrichen. Ein dunkles unnennbar ban⸗ ges Gefühl fing an, ſie zu deſchleichen, die erſten, einſa⸗ men Minuten, die ſie durchlebte, ſeit ſie mit dem Ober⸗ ſten Iſola bella verlaſſen hatte.— Gedankenſchwer ſtarrte ſie vor ſich hin, das Bild des verrathenen, von ihr ſo ſchnell und leicht verlaſſenen Prinzen, des edlen, ſchönen Eugen Beauharnais, trat jetzt, wo ſie einen Augenblick Zeit hatte, ſich zu beſinnen, vor ihre Seele. 113 Ein tiefes Gefühl der Bangigkeit, Beſchämung, Reue, überkam ſie.. Unwillkürlich drückte ſie ihre Hände feſt auf das pochende Herz, und ein paar große Perlen entquollen ihren Augen. Aber dichte Finſterniß umgab ſie, kein Laut einer menſchlichen Stimme war hier vernehmbar, nur der eintönige Klang der vom feuchten Geſteine niederfallen⸗ den Tropfen und das Schwirren der hier und dort aus ihren Schlupfwinkeln auftauchenden Fledermäuſe, unter⸗ brach die ſchaurige Stille dieſes Ortes, es ſchien dieß der düſtere, ſchauervolle Ort zu ſein, von welchem der Dichter die troſtloſen Worte ſingt:„Laßt, die ihr ein⸗ geht, jede Hoffnung ſchwinden!“ Ja, dieſe Stätte der Nacht glich jenen ewig dü⸗ ſtern Orten, von welchen die Traditionen aller Völker des Erdballes erzählen, daß ſie von der Gottheit abge⸗ wandte Geiſter beherbergen, deren Wurm nie ſtirbt, deren Klage keine Zeit endet!... In der That! auch in Ghiraldinens Herzen ſchien hier der Wurm der Reue über ihre an Eugen Beauhar⸗ nais verübte Treuloſigkeit zuerſt zu erwachen, ſie fühlte ſich jetzt unendlich einſam, verlaſſen——— verur⸗ theilt!.. So ſaß ſie wohl eine Stunde in tiefen Träumen, in denen ihre ganze Vergangenheit an ihrem Innern Proſchko. Der ſchwarze Mann⸗III. 8 114 vorüberging, ohne daran zu denken, daß Louis Lenoir nicht wiederkehrte... Und wieder eine Stunde verrann, und noch eine.. und draußen am heitern Geſilde der Erde ward es Nacht, und Ghiraldina fühlte endlich in ihrer düſtern Einſamkeit an dem Orte, wo Tag und Nacht ſich nicht mehr unterſcheiden, daß die Zeit, welche ſie hier zugebracht, weit, weit vorgeſchritten ſei. Die zunehmende Feuchtigkeit der Höhle wirkte jetzt auf ihren zarten, nur des füdlichen Klima's gewohnten Körper ein, ſie fühlte ſtechenden Kopfſchmerz, ein leiſes Fieber ſchüttelte ſie und das ſeidene Tuch, welches ſie um den weißen Nacken trug, bot ihr nicht mehr jene wärmende Hülle, um ſie vor den Wirkungen der Höhlen⸗ feuchtigkeit zu ſchützen. Brennender Durſt, und das Gefühl tiefer Ermat⸗ tung mahnten ſie jetzt den Ausgang der Höhle zu ſu⸗ chen, und ein banges Gefühl ſagte ihr, daß ihrem Ent⸗ führer ein Unglück begegnet ſein könne.“ „Louis! Louis!“ rief jetzt die geängſtigte Jung⸗ frau, indem ſie vorſichtig durch die finſtere Höhle vor⸗ ſchritt. Aber nur der ſchaurige Wiederhall ihrer eigenen Stimme von den Höhlenwänden antwortete ihr. Jetzt flog plötzlich, wie ein brennender Funke, die Ahnung durch ihre Seele, daß ſie von Louis Lenoir auch 125 abſichtlich verlaſſen ſein könnte.— Ihre Sinne ver⸗ wirrten ſich, laut ſchluchzend drang ſie jetzt vor, ihre Füße zitterten, ihre Pulſe fieberten, ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe,— jetzt— jetzt glaubte ſie ein fernes Licht zu erblicken,— noch einmal rief ſie mit aller An⸗ ſtrengung ihrer Stimme„Louis!!!...“ Dann brach Ghiraldina ohnmächtig zuſammen.. Als die Arme wieder erwachte, warf ſie ihre mat⸗ ten Blicke ſtaunend um ſich:— ein langer Traum, aber ein böſer, hatte ihre Sinne umfangen, ſie war in dieſem Ohnmachtstraume in den hesperidiſchen Gefilden auf Iſola bella geweſen, ſie hatte die warme Hand ihrer Mutter gefühlt, die Stimme derſelben gehört. Jetzt ſchlug ſie ihre matten Angen wieder auf,— und fühlte ihre Glieder auf ein weiches Ruhebett in einem freund⸗ lichen Gemache geſtreckt, und an ihrer Seite kniete, auf ihre Athemzüge lauſchend, Bianca Gräfin Orſini, ihre Mutter... Dieſer aber zur Seite ſtand ein ſchöner, junger Mann, in ungariſcher Nationaltracht und eine ebenſo gekleidete, ſchöne, junge Dame. „Ghiraldina! mein Kind, mein wiedergeſchenktes — theures Kind!!“ Das waren die Laute, mit denen Bianca Gräfin Orſini an dem Lager ihrer Tochter dieſer die erſten Grüße des Wiederſehens brachte. 8 N So mag das Erwachen des Erdenpilgers im Jen⸗ ſeits ſein, wenn er nach vollendetem Todeskampfe in Edens Gefilden ſeine Lieben wieder findet. „Mutter! Mutter!“ war das erſte Wort, welches jetzt von Ghiraldinen's Lippen floß. Eine ſüße, ſüße Wonne des Wiederſehens folgte nun, in welcher weniger Worte, als heiße Küße und Umarmungen zwiſchen Mutter und Tochter gewechſelt wurden. Als aber der höchſte Sturm der Gefühle ſich ge⸗ legt hatte, da ſtellte Bianca Gräfin Orſini ihrer wieder⸗ gefundenen Tochter den jungen Mann, welcher an ihrem Lager ſtand, als den edlen jungen Grafen Herrmann von Pazman, ihren Blutsverwandten, und die junge Dame als Helene, die Tochter des Grafen Arpad, des nahen Verwandten der Gräfin Bianca vor, welcher eben im Lager des Kaiſers von Oeſterreich weile. Aus dem Munde ihrer Mutter erfuhr nun Ghi⸗ raldina, daß die Gräfin Bianca Orſini durch die Groß⸗ muth des Vicekönigs Eugen Beauharnais, nach dem mißglückten Attentate auf Kaiſer Napoleon, nach Un⸗ garn, zu ihrem Verwandten dem Grafen Arpad ent⸗ fliehen konnte, daß dieſer ſich bei dem beginnenden Ein⸗ marſche der Franzoſen ſogleich in das Lager des Kai⸗ ſers Franz begeben habe, um ſich als echter Ungar zum 17 Waffendienſte anzubieten, daß ihm die Gräfin Bianca mit ſeinem Neffen Herrmann von Pazman und ſeiner ſchönen Tochter Helene eben zu folgen im Begriffe ſtand, und auf dem Wege zu der Armeeabtheilung des, im Sü⸗ den der gegen Mähren aufbrechenden Franzoſen, operi⸗ renden Korps des öſterreichiſchen Generals Noſtitz eben in dem Momente an der berüchtigten Schelmenhöhle vorübergefahren ſeien, als Ghiraldina in derſelben verweilte, daß Herrmann von Pazman, mit dieſer Ge⸗ gend bereits aus der Zeit ſeiner früheren Reiſen be⸗ kannt, nachdem die ihn begleitenden Hußaren noch ſo glücklich geweſen waren, den von Vidocg zur Recognos⸗ zierung abgeſandten Varlet aufzugreifen, der alten Grä⸗ fin den Vorſchlag gemacht hatte, die Höhle zu beſehen, und daß auf dieſe Weiſe Ghiraldina, ohnmächtig von ihm aufgefunden, und in das Zimmer dieſes Bauern⸗ hauſes geſchafft worden ſei, wo ſie jetzt in den Armen ihrer Mutter erwachte, deren Bemühungen, ſich mit Ghiraldinen von Ungarn aus nach Italien brieflich zu verſtändigen, und deren Reiſe nach Ungarn zu ermögli⸗ chen, durch die eingetretenen Kriegsunruhen fortwährend vereitelt worden waren. Und nun erfolgten auch von Ghiraldinen Mitthei⸗ 118 lungen über ihre letzten Schickſale——— und ſie ſtockte jetzt, als ſie den Namen nennen ſollte, des Man⸗ nes, der ſie aus den reizenden Fluren der Iſola bella in die düſtern Räume der Höhle geführt hatte, wo Herr⸗ mann von Pazman ſie fand. Aber ſie nannte ihm endlich den Namen— Louis, genannt Graf Lenoir.... Herrmann's Augen flammten, als Ghiraldina die⸗ ſen Namen nannte... „Ol! ich ſah ihn, dieſen Mann,“ rief er,—„ehe ich die Höhle betrat, wohin er Sie führte, arme Ghiral⸗ dina!— Ich ſah ihn ferner auf dem Feldwege davon jagen, um unſeren Klingen noch einmal zu entgehen. So wiſſen Sie denn, dieſer Mann hat Sie verrathen, verrathen— und nie wird er wiederkehren zu Ihnen, denn ſeine Sendung war, wie wir aus dem Munde ſei⸗ nes elenden, von unſerer Reiterei vor einer halben Stunde aufgegriffenen Helfershelfers Varlet, welcher im Auftrage Vidocq's nun nach Ungarn gehen ſollte, er⸗ fuhren, in dem Augenblicke vollendet, als er,„der wahre Schelm,“ Sie im ſo benannten„Schelmenloche“ abge⸗ ſetzt und Sie Ihrem Schickſale überlaſſen hatte.“ Ghiraldinen's Auge hing am Munde Herrmann's, und dieſer fuhr fort: —,— 119 „Und ſo wiſſen Sie denn auch, Ghiraldina, welche die wahre Geſtalt dieſes ſogenannten Grafen Lenoir iſt. Louis Piqueur, einſt Sergeant im franzöſiſchen Heere, durch Buonaparte's und Fouché's Gunſt erhoben, diente beiden fortwährend als Kundſchafter, als Emiſſär in Ungarn und Italien. Zuerſt im Jagdſchloſſe des Grafen Arpad auftretend, verrieth der zufällige Ver⸗ luſt ſeines Taſchenbuches, was ich bei ſeinem erſten An⸗ blicke geahnt hatte, daß er im Solde des Polizeiminiſters Frankreich's ſtehe.— Auf Iſola bella bethörte er Sie, und war, wie Varlet mit unverſchämter franzöſiſcher Naivität geſteht, das Werkzeug Napoleon's und Fou⸗ ché's, war der Judas, der mit verſtellter Liebe ihr Ver⸗ hältniß zu dem Prinzen Beauharnais löſte und Sie nun nach vollendetem Werke„als Schelm in der Schelmen⸗ höhle“ verließ.“ Ghiraldina bedeckte ihre ſchönen Augen mit beiden Händen, das furchtbare Licht, dieſe Aufklärung, konnte ja die arme Getäuſchte nicht ertragen... Aber Herrmann von Pazman fuhr fort: „Ungariſcher Hochſinn ließ den ſchwarzen Mann aus Frankreich, deſſen Name Lenoir bedeu⸗ tungsvoll ſich in le noir auflöſt— am Jagdſchloſſe in den Karpathen entweichen— deutſche Fauſt wird aber die Unbild rächen, mit welcher er Italien's Tochter täuſchte und Ungarn's Tochter zu täuſchen ſuchte.“ „Ghiraldina! das Horn des Lelu ruft!— Jetzt folgen Sie dem Ungar in das deutſche Lager!!!“ „ 4 Bei Raab— bei la belle Alliance— im Thale St. Helena. Kaiſer Napoleon ſtand am Höhenpunkte ſeiner Macht. Eine traurige Epoche für Oeſterreich war ge⸗ kommen. Der Friede vonTilſit hatte den Krieg des franzö⸗ ſiſchen Kaiſers gegen Rußland und Preußen zum Vor⸗ theile Napoleons geendigt. Das Herzogthum Warſchau war entſtanden und von dem Dictator Europa's ſeinem Verbündeten, dem Könige von Sachſen zugetheilt worden, die von Napo⸗ leon hinterliſtig bewirkte Thronentſagung der ſpaniſchen Bourbon's war erfolgt. Murat herrſchte in Neapel, Hieronimus in Weſtphalen, der Papſt war keine Stunde mehr ſeiner weltlichen Herrſchaft ſicher, Preußen war 122 gedemüthigt, und Rußland's Herrſcher Alexander ſchien in Napoleon's Freundſchaft eine perſönliche Auszeich⸗ nung zu finden. Nur Oeſterreich ſtand noch, ſeines guten Rechts bewußt anf der deutſchen Warte und bereitete ſich, den einzigen möglichen Bundesgenoſſen in Spanien erwar⸗ tend, zu neuem Rieſenkampfe vor. Der Held von Aſpern, von welchem die Geſchichte ſagt, daß ſie ſeit dem Prinzen Eugen zu keinem ihrer Füh⸗ rer mehr Vertrauen und Liebe gehabt habe, als zu ihm, ſtand nun als Generaliſſimus an der Spitze der öſter⸗ reichiſchen Armee. Er rechnete in dieſen Tagen der Vorbereitung zum neuen Rieſenkampfe Oeſterreichs gegen den Korſen ganz beſonders auf die ritterliche Nation der Ungarn — und er verrechnete ſich nicht. Schon im Jahre 1805 vor dem erſten Einzuge der Franzoſen in Wien, hatte der Erzbiſchof von Kalocza, Leopold, aus dem Hauſe der Kolonits, von denen auch ein wackerer Biſchof vor hundert und zwei und zwanzig Jahren dem edlen Grafen Starhemberg, während der Belagerung Wien's durch die Türken, treu zur Seite geſtanden war und viele Waiſenkinder aus dem erober⸗ ten türkiſchen Lager als„Beute des Himmels“ nach Wien geführt hatte, im Rathe der edelſten Ungarn die 123 ſchönen Worte geſprochen:„Ich habe 100,000 Gulden vorräthig; ich werde augenblicklich ſo viele Schulden machen, als meine Güter vertragen, und ſtelle dieſes Geld zur Verfügung für das Vaterland, es ſoll nicht heißen, daß Ungarn nicht in der Lage war, ſeine Pflicht zu er⸗ füllen, daß es in der Vertheidigung ſeines Königs zu⸗ rückgeblieben iſt!“ Ein Verſuch des Kaiſers Napoleon, die Ungarn zur Neutralität zu bewegen, wurde von der ritterlichen Nation mit edlem Unwillen, und wie der Geſchichts⸗ ſchreiber Ungarn's ſagt,„ſcharf“ zurückgewieſen. .. Und wieder rüſtete nun im Jahre 1808 auch Ungarn gegen den Zwingherrn Europa's, zehntauſend Menſchen arbeiteten täglich an der Veſte Comorn's und der König ſchrieb einen Reichstag nach Preßburg aus, wo die Krönung der neuen, ſchönen und jungen Köni⸗ gin Maria Ludovica von Eſte ſtattfinden ſollte. Das Krönungsgeſchenk betrug 50,000 ungariſche Dukaten und, wie der Geſchichtsſchreiber ¹) ſagt, wur⸗ den auch,„mit ritterlicher Verehrung gegen das ſchöne Geſchlecht, welche der ungariſchen Nation von jeher ei⸗ gen war, 20,000 Rekruten unter dem Titel einer Sub⸗ ſidie zur Deckung der Kriegsbedürfniſſe votirt, damit der ) Feßler's, Geſchichte Ungarn's X. Band, Seite 716. Feind die Monarchin nicht unvorbereitet finde, ſollte ein jeder Edelmann Ungarn's, welcher 3000 Gulden Ein⸗ künfte hatte, als Reiter auf eigene Koſten in's Feld rücken, jener der weniger hatte, ſollte zu Fuß dienen, oder ſein Rüſtzeug als Reiter von der Inſurrektions⸗ Caſſa bezahlt erhalten. Da ſtanden die edlen Magnaten, Erzherzog Pala⸗ tinus, der neuernannte Fürſt Primas, Erzherzog Karl Ambros, ein junger Mann von ſchönen Geiſteskräften, hochherzig und feurig der Judes euriae Joſef Urmé⸗ nyi, der Tavernikus der Magnatentafel, Joſef Graf Brunßwick, der neue Perſonal Stefan Atzel, und der ungariſche Graf Mailäth,— alle bereit, für den König und das Vaterland, Gut und Blut, Athem und Leben zu geben. Der Erzherzog Primas machte zum Zwecke der Inſurrektion eine Reiſe durch die oberen Komitate, und ſtellte als Obergeſpan des Graner Komitates ein gan⸗ zes Kavallerie⸗Regiment in's Feld, ein Gleiches that das Neutraer Komitat ¹). Fürſt Eſterhazy lieferte zwei Eskadronen, und ſo ging es fort durch alle Komitate, überall wurden mehr )) Beide Regimenter fochten die Siegesſchlacht bei Aſpern mit. 125 Soldaten zur Inſurrektion geſtellt, als es das Geſetz zur Pflicht machte, und auch an Naturalbeiträgen fehlte es nicht, ſo lieferte Graf Erdödy allein 10.000 Metzen Getreide. Kaiſer Napoleon aber zog jetzt— man ſchrieb das Jahr 1809— mit ſeiuen Kolonnen wieder über die Grenze Oberöſterreichs. Die Gefechte bei Abensberg, Thaun und Eckmühl, der Rückzug der Oeſterreicher bei Regensburg erfolgte. Napoleon zog abermals vor Wien. Es war am 3. des Brachmondes im genannten denkwürdigen Jahre 1809, als der franzöſiſche Mar⸗ ſchall Davouſt den Brückenkopf bei Preßburg berannte, welchen der kaiſerliche General Bianchi mit höchſter Tapferkeit vertheidigte. Dreimal ſtürmten die Franzoſen gegen die öſter⸗ reichiſchen Kanonen an, dreimal wurden ſie zurückge⸗ ſchlagen, dann folgte das Bombardement der Stadt, welches ihr aber wenig Schaden brachte. Inzwiſchen ſtand vor den Baſtionen des alten Jau⸗ rinum, oder Raab, die ganze ungariſche Inſurrection unter dem Oberbefehle des Erzherzogs Palatinus. Sie zählte 10.000 Reiter und 14.000 Mann In⸗ anterie. Erzherzog Johann, über Körmend her, aufrückend 126 vereinigte ſich mit dem Inſurrektionsheere vor Raab. Aber auch die Franzoſen, durch die Schlacht von Aſpern und durch die Angriffe am Preßburger Brückenkopfe ge⸗ ſchwächt, ſammelten neue Streitkräfte, und der Vice⸗ könig Italien's Prinz Eugen Beauharnais, welcher mit der franzöſiſchen Armee dem Erzherzoge Johann bis Gratz gefolgt war, wendete ſich nun gegen Wien, um ſich der großen ſranzöſiſchen Armee unter den Mauern Wien's anzuſchließen. .. Kaiſer Napoleon ergänzte die Cadres ſeiner Heere, und dachte dem Erzherzoge eine Schlacht zu lie⸗ fern. Vor Allem mußte daher das Inſurrektionsheer bei Raab geworfen, über die Donau gedrängt und Raab erobert werden. Den Befehl hiezu gab der Kaiſer der Franzoſen dem Prinzen Eugen Beauharnais. Der 14. des Brachmonates war angebrochen. Auf ungariſchem Boden, auf dem Platze, wo einſt der Fürſt von Schwarzenberg ſich den Raben, welcher dem Türken das Auge aushackte, für ſein Wappen er⸗ ſtritten hatte, ſtand Erzherzog Johann mit dem Centrum der öſterreichiſchen Armee; am linken Flügel komman⸗ dirte der Palatinus. Vom weitem Himmel ſfanken wie feurige Lanzen, die Strahlen der Mittagsſonne auf die wehenden Fahnen 127 mit dem Doppeladler, und voll Begeiſterung für ihren König und ihr Vaterland ſtürzten ſich die ritterlichen Ungarn, als letztes Bollwerk, dem franzöſiſchen Erb⸗ feinde entgegen. Trommelwirbel, Trompetengeſchmetter und der lu⸗ ſtige Klang der Schlachtenmuſik miſchten ſich mit freu⸗ digen Eljen⸗Rufen der begeiſterten Streiter und den Donner der Kanonen. Dort bei dem Dorfe Szebadhegy und dem Meierhofe von Kis⸗Megyer, wo der Kampf am heftigſten wüthete, flog der junge Vicekönig auf einem weißen Roße ſeinen Reitern voran— ihm ent⸗ gegen ſtürmten die wackeren ungariſchen Hußaren mit ihren Standarten— an der Spitze der erſten Escadron der Deutſch⸗Ungar Herrmann von Pazman, den ſein im Lager des Königs befindlicher Onkel Graf Arpad mit dem ſchönſten Säbel ſeiner Rüſtkammer umgürtet hatte, welchen der junge Streiter jetzt voll Begeiſterung für ſeinen König und ſein Vaterland, dem Kampfesknäuel entgegen ſchwang, wo mitten im dichteſten Pulverrauche das Zentrum der Mordſcene zu ſein ſchien, in welchem Menſchen, mit Menſchen ringend, ſich gegenſeitig zer⸗ fleiſchten. Dort hob ſich auf einem ſchönen Rappen in ſeinen Steigbügeln ein langer Reiter in ſchwarzer Uniform, eiſenbeſchient,— es ſchien einer der ſogenannten Eiſen⸗ 128 männer zu ſein, welche Napoleon ausgerüſtet und im Kampfe bei Aſpern gebraucht hatte. Er hob ſein Schlachtſchwert mit Macht, und ſchwang es über dem Haupte eines jungen Cornets, der ungariſchen Inſurrections⸗Cavallerie, welcher mit einem goldbedeckten Dollmann auf dem Leibe, auf falbem Un⸗ garroſſe gegen ihn heranſprengte, und es ganz beſonders auf dieſen Eiſenmann abgeſehen zu haben ſchien. Herrmann von Pazman faßte dieſen ſchon von Ferne in's Auge— er erkannte ihn wohl dieſen Reiter. „Lenoir!“ rief er, dann ſprengte er mit glühendem Rachedurſte gegen den ſchwarzen Mann heran,„Le⸗ noir!“ rief er,„nun iſt der Augenblick gekommen, in welchem deutſche Hiebe an dem falſchen Franken für Ungarn und Italien Rache nehmen werden!“ Louis Lenoir hatte den heranſprengenden jungen Grafen bereits bemerkt, aber der junge Cornet, welcher ihn im Kampfgewühle auch aufgeſucht zu haben ſchien, ließ ihm keine Zeit ſich Herrmann entgegen zu werfen, Hieb auf Hieb flog jetzt, wie der Racheengel Sankt Mi⸗ chael beugte ſich der junge Cornet auf ſeinem bäumen⸗ den Roſſe dem ſchwarzen Ritter entgegen, ſeine Augen flammten, ſein Athem glühte,— jetzt ſprengte Herrmann von Pazman zu ſeiner Hülfe herbei— aber in dieſem 129 Augenblicke ſank der junge Reiter in der glänzenden Huſarenuniform von dem blitzenden Schwerte Lenoir's getroffen, aus dem Sattel ſeines Roſſes zur Erde.. neben ihm zerſprang eine heranſauſende Granate in dem Kampfesknauel; Pulverdampf verhüllte die Scene— Trommeln wirbelten von Neuem, Trompeten ſchmetter⸗ ten, das Knattern des Gewehrfeuers, der Kanonendon⸗ ner, das Schreien und Fluchen der Streitenden, das Wimmern der Verwundeten, über welche die Räder der ſchweren Geſchütze hinrollten, gaben ein furchtbares Bild der ſteigenden Verwirrung, die jetzt eintrat, als die Fran⸗ zoſen immer weiter vordrangen, das öſterreichiſche Heer aber zurückgedrängt wurde.. Als der Abend auf das Schlachtfeld niederſank, zogen ſich die Oeſterreicher nach Komorn zurück. Gene⸗ ral Mesko aber, von der Hauptarmee getrennt, nahm mit einem Theile des Inſurrektionsheeres einen excen⸗ triſchen Rückzug über Särvär und Papa, wo er ſich mit dem Inſurrektionsheer wieder vereinigte, während die Franzoſen ſich zur Belagerung von Raab anſchickten. Oben am Weltendome, mit Miriaden, Sternen beſäet, ſchwamm jetzt die ewige Lampe der Erde mit ih⸗ rem Silberlichte vorüber, und küßte mit ihren Strahlen die Tanſende der Schläfer, welche auf dem Schlachtfelde ausgeſtreckt lagen. Proſchko. Der ſchwarze Mann. III. 6 130 Durch ihre Reihen ritt ſchweigend und tiefſinnig Prinz Eugen der Vicekönig Italien's und Sieger in die⸗ ſer Schlacht. Sein Auge ſenkte ſich trübe auf die bleichen Ge⸗ ſtalten, welche als neue Opfer der Eroberungsſucht ſei⸗ nes Stiefvaters auf dieſen Feldern ausgeſtreut lagen. Jetzt langte er bei einem Hügel an, wo auf einem Leichenhaufen auch der junge Cornet mit klaffender Hauptwunde ausgeſtreckt lag, welchen das Schwert Le⸗ noirs zu Boden geſtreckt hatte. Sanft und lieblich waren die Züge des Hinge⸗ ſchlachteten auch im Tode geblieben— ſein bleicher Mund ſchien zu lächeln, als ob er von dem Glücke eines früh vollendeten Lebenskampfes erzählen wollte— ſeine Rechte war auf ſein treues Herz gedrückt, als ob er ſagen wollte— es hat ausgeſchlagen. Prinz Eugen warf einen langen Blick auf die ſchöne Leiche... Todtenbläſſe bedeckte ſein Geſicht,— ſeine Lippen zitterten leiſe, aber ſie nannten laut den Namen Ghiraldina... Sie war's, die hier als Leiche im ſchönen Waffen⸗ ſchmucke eines ungariſchen Vaterlandsvertheidigers da⸗ lag.— Das erſte Todtenopfer für die Geſchiedene war die 131 Perle, welche aus dem Auge des jungen Vicekönigs auf ihre bleiche Stirn niederträufelte. Die Liebe, welche der Verrath zum Treubruche verleitet hatte, hatte ihre Schuld abgebüßt! die weiße Roſe lag mit ihrem Herzblute gefärbt zu Füßen des Verſöhnten. Acht Tage nach dieſer Trauerſcene ſtand Napo⸗ leon I. in ſeinem Hauptquartiere, vor ihm jener Ungar, jener einzige der edlen Nation der Ungarn, welcher uneingedenk der großen Erinnerungen ſeines Volkes und ihrer ritterlichen Hingabe an ihren König, ſchon im La⸗ ger von Boulogne vor dem Kaiſer der Franzoſen geſtan⸗ den war, um ihm Kunde zu geben, von der Stimmung im Lande Ungarn. Bacſanyi, der einzige Unglückliche, welcher ſich ſo weit vergaß die Proklamation in ungariſcher Sprache zu ſchreiben, welche Kaiſer Napoleon nach dem Siege bei Raab in Tauſenden von Exemplaren vertheilen ließ, und worin er den Ungarn Frieden, Vollſtändigkeit ihres 9 X 132 Gebiethes, Achtung ihrer Inſtitutionen, beſtändigen Frieden, Handelsverträge mit Frankreich, geſicherte Un⸗ abhängigkeit zuſicherte, und ſie aufforderte, ſich auf dem Rakos zu verſammeln, und ſich einen neuen beſonderen König zu wählen! „Und wie ward meine Proklation im Lande der Ungarn aufgenommen?“ fragte er den Unglücklichen, der ſie geſchrieben hatte,„welchen Erfolg hatte ſie?“ und ein zweiter Judas Iſchariot, ſtarrte dieſer lautlos vor ſich hin. „Keinen, Sire!“ entgegnete ſtatt ſeiner der Gene⸗ ral Davouſt, welcher eben im Zelte des Kaiſers einge⸗ treten war, um Nachrichten aus den Cantonirungen der Armee zu bringen,„wo man eines Exemplares habhaft wird, liefert man es der Behörde ab). „Und welchen Erfolg hatte es,“ fuhr der Kaiſer fort,„daß ich die Ungarn in den öffentlichen Blättern auffordern ließ, ſich auf dem Rakos zu verſammeln, und ſich in der Perſon des Fürſten Eſterhazy einen König zu wählen?“ Marſchall Davouſt zuckte die Achſeln. Geſchichte der Magyaren des Grafen Mailath, 6. Band, Seite 153. 133 „Nun!“ fragte der Kaiſer geſpannt. „Man lacht darüber!“. verſetzte der Marſchall zögernd. „Und der Fürſt Eſterhazy ſelbſt?“ fragte der Im⸗ perator weiter, und auf ſeinem Antlitze malte ſich der Ausdruck der höchſten Erwartung. „Der Fürſt hat ſich,“ berichtete Marſchall Da⸗ vouſt weiter,„als Antwort auf dieſe Aufforderung Euer Majeſtät als echter, ritterlicher Ungar ſogleich in's Haupt⸗ quartier ſeines Kaiſers und Königs Franz I. begeben, und ſich dort zum Militärdienſte angeboten.“ Jetzt wandte ſich der Dictator Europa's unwillig zur Seite: „Dieſe Nation iſt zu ſtolz,“ ſagte er,„um ihrem Könige unſertwillen treulos zu werden.— Wir werden unſere Adler bald wieder nach Frankreich zurücktragen.“ Sechs Jahre nach dieſen Unglückstagen des Ma⸗ gharenlandes, am 17. Juni des Jahres 1815 ſtand Kaiſer Napoleon mit ſeinem Generalſtabe auf den Hö⸗ hen von la belle Aliance, ſeine hellen Augen äuf den mörderiſchen Kampf richtend, durch welchen ſich der neue Atlas abermals mit letzter Kraft anſtrengte, den Erd⸗ theil Europa auf ſeine Schultern zu bringen, neben ihm ſtund mit gebundenen Händen der Beſitzer von la belle 134 Alliance, Herr la Coſte, welcher ihm über die Eigenthüm⸗ lichkeiten des Schlachtbereiches Auskünfte geben mußte. Hinter dem Kaiſer ſtand lautlos ſein Generalſtab. Der Augenblick der Entſcheidung war gekommen. Ein Kanonendonner, furchtbar— wie man ihn ſeit der Schlacht bei Leipzig nicht mehr gehört hatte,„ denn hundert und fünfzig franzöſiſche Feuerſchlünde und die ganze Leibwache des Kaiſers waren vorgerückt. Auch Lord Wellington hatte alle ſeine Britten und Schotten in's Feuer geführt, er ſprengte ihnen voran, und gab Proben perſönlicher Tapferkeit. Wie ein eiſerner Keil brachen die geſchloſſenen Maſſen der alten Garde in die Cadres der Engländer, welche den Vortheil des höheren Standpunktes für ſich hatten, wodurch ihre Kugeln mit größerer Sicherheit trafen, als die der Franzoſen. Ein Hagel von Kartätſchen ſchmetterte in die Reihen der durch die Vertiefungen der Gegend auf die Engländer vordringenden Blauröcke; die Britten ſtutzten — wichen aber nicht, ihre Glieder ſchloſſen ſich in dem Augenblicke, wo eine Lücke entſtanden war, und auch aus ihren Reihen flogen die vier und zwanzigpfündigen Ku⸗ geln in die Reihen der heranſtrömenden Franzoſen. Dreimal war ihre Stellung in Gefahr überwältigt zu werden, und wäre dies geſchehen, ſo hätte ihre Flucht 135 durch den Wald von Soignes mit ihrer gänzlichen Nie⸗ derlage endigen müſſen, Mit brittiſcher Kaltblütigkeit und ächtem Sparta⸗ nermuthe bot Wellington daher Alles auf, ſich zu hal⸗ ten, bis der wackere General„Vorwärts,“ der preußiſche „Grandhuſar“ Blücher, ſein Wort gelöſt haben, und mit ſeinen Reitern am Schlachtfelde eingetroffen ſein werde. Dieſe echt brittiſche Entſchloſſenheit fand ihren Gegenſatz in der ſich allmälig kundgebenden Niederge⸗ ſchlagenheit des franzöſiſchen Soldaten, der, zu allen Zeiten ſich gleich, den Muth verliert, ſobald er keine Fortſchritte macht. Dumpfes Schweigen trat an die Stelle des tollen Feldgeſchrei's, womit die Franzoſen zuerſt herange⸗ ſtürmt waren,— die Krieger Napoleons fühlten ſich er⸗ mattet, und wem von ihnen es möglich war, der ſchlich ſich unter irgend einem Vorwande hinter die geſchloſſe⸗ nen Batterien, die vom Schlachtfelde wegrollten. Jetzt erkannte der große Dictator Europa's, daß ſeine Stunde gekommen ſei.— Der Adler mußte ſiegen — oder für immer beſiegt in den Abgrund ſtürzen.. Er mußte den Sieg, der nicht kommen wollte er⸗ zwingen. Verſtärkung auſ Verſtärkung ſandte er in die Kampfesreihen der Seinen. 136 „Die Sachen ſtehen übel,“ berichtete ein Adjutant, ſchweißbedeckt auf ihn zuſprengend. „Vorwärts! Vorwärts!“ war die einzige Antwort des Kaiſers. Dort brachte ein anderer Adjutant die Hiobspoſt eines Generals,„er könne ſich in ſeinem Lager nicht länger mehr halten; er werde von einer Batterie zer⸗ ſchmettert.“ „Weiß der General nicht,“ donnerte Buonaparte dem Adjutanten entgegen,„daß man ſolche Batterien nehmen muß?“ Dann wandte er dem Offizier den Rücken zu. Jetzt brachte man einen gefangenen engliſchen Offizier vor den Kaiſer. „Wie ſtark iſt das brittiſche Heer noch?“ fragte Napoleon. „Es wurde in dieſem Augenblicke um 60,000 Mann verſtärkt,“ antwortete der Britte und ſein Auge ruhte auf dem Antlitze des Kaiſers. „Deſto beſſer,“ antwortete dieſer kalt,„je mehr ih⸗ rer ſind, deſto mehr werden wir ſchlagen!“ Dann wandte er ſich zu ſeinem Adjutanten. „Senden Sie eine neue Staffette nach Paris,“— befahl er,„und melden Sie dem Senate:„Kaiſer Na⸗ poleon hat geſiegt!“ 137 „Dem Muthigen der Sieg!“ liſpelte er dann vor ſich hin und ſprengte auf ſeinem weißen Roſſe nach der andern Seite des Bivouac's, um mit ſeinem Fernrohre den Gang der Schlacht näher zu betrachten. Lord Wellington wandte nun ſein Auge wiederholt der Gegend zu, aus welcher das preußiſche Armeekorps marſchiren ſollte. Die Minuten wurden zu Diamanten. Aber mit dem Schlage fünf, den die Thurmuhr von la belle Alliance niederdröhnte, trat General Bü⸗ low an der Spitze von zwei preußiſchen Brigaden und einem Kavallerie⸗Korps aus dem Walde von Friche⸗ mont.— Kaiſer Napoleon blickte hin, hörte das Schmettern der preußiſchen Trompeten und das Wirbeln ihrer Trom⸗ meln— und erblaßte... Das ſind die Preußen!“ rief einer ſeiner Offi⸗ ziere. „Wo denken Sie hin!“ rief der Kaiſer dagegen, „ich ſage Ihnen mein Herr, es ſind unſere Brigaden, die vom andern Flügel durch den Wald dringen.“ „Verzeihung, Sire!“ entgegnete der Offizier,— „man kann durch das Fernrohr deutlich die Fahnen mit dem preußiſchen Adler wahrnehmen.“ 138 „Und ich ſage Ihnen,“ rief der Kaiſer mit dem Fuße ſtampfend—„es ſind Franzoſen!“ Aber die Todtenbläſſe ſeines Antlitzes zeigte, daß er das, was er ſprach, ſelbſt nicht mehr glaubte. In wenigen Minuten wälzte ſich auch ſchon auf Befehl des Kaiſers das ſechſte franzöſiſche Armeekorps, mit dem Grafen Lobau an ſeiner Spitze, gegen die mit luſtigen Siegesklängen heranſtürmenden Preußen.— Ein mörderiſcher Kampf begann. 1 Dort aber über Ohain ſtürzte ſich die zweite preu⸗ ßiſche Kolonne, geführt von General Ziethen, gegen die rechte Flanke der Franzoſen. Marſchall Blücher ſprengte ihr voran. 1 Jetzt galt es, das letzte„Schach dem Kaiſer der Franzoſen und König von Italien!“ zu biethen. Noch ſtand ſeine Prätorianergarde— harrend des Kampfes— die letzten Triarier des verzweifelten Im⸗ 3 perators... 1 Der Kaiſer bildete aus ihnen die vierte Angriffs⸗ 7 Kolonne, und befahl ihr im Sturme nach dem Kampf⸗ 8 platze vorzudringen, indem er gleichzeitig allen Generälen den Befehl ertheilte, dieſe Bewegung zu unterſtützen, weil von ihr der Sieg abhänge. Von Marſchall Ney geführt, warf ſich dieſe Ko⸗ 139 lonne in geſchloſſenen Reihen mit ganzer Macht dem Feinde entgegen. Mit den Franzoſen kämpfte jetzt die Verzweif⸗ lung— mit den Britten die Hoffnung... Wild und fürchterlich war der Anlauf der galli⸗ ſchen Kolonnen, aber feſt und unerſchütterlich ſtanden die engliſchen und preußiſchen Vierecke mit vorgeſtreckten Bajonetten, hinter ihrem Rücken die ſcharfgeladenen Kartätſchen, welche, fobald ſich ein Viereck öffnete, ihr Feuer in die Maſſen der franzöſiſchen Kavallerie ſpieen. Jetzt ſtand die alte Garde, noch ein kleiner Haufe, umringt von den preußiſchen und engliſchen Reitern.— „Streckt die Gewehre!“ donnerte es in ihre Reihen: Aber die Antwort lautete: „Die Garde ergibt ſich nicht— ſie ſtirbt!“ Jetzt entwickelte ſich ein furchtbares Blutbad. Die preußiſchen Hußaren den Marſchall„Vor⸗ wärts“ an ihrer Spitze, warfen ſich auf die Vierecke der Franzoſen— Alles, was Widerſtand leiſtete, wurde nie⸗ der gehauen, und was übrig blieb, ſtürzte in Verwir⸗ rung die Anhöhe hinab, um ſich wieder zu ſammeln. Gleich einem reißenden Strome warfen ſich die Engländer den Franzofen nach, die wie eine getriebene Horde Schaafe vor ihnen herjagten, jeden Widerſtand 140 aufgebend. Vergebens donnerten die franzöſiſchen Ge⸗ nerale ihren Soldaten das militäriſche„Halt!“ ent⸗ gegen, niemand achtete mehr darauf— vergebens raffte Napoleon die letzten Reſte der alten und jungen Garde zuſammen, um den letzten Verſuch des Widerſtandes zu machen— aller Muth war gebrochen— das:„Sauve qui peut!“ durchzitterte alle Reihen, und im Augen⸗ blicke geſtaltete ſich die ganze Armee zu einem unförmli⸗ chen Knäuel, der nicht mehr entwirrt werden konnte. Jetzt verkündete Trommelwirbel und Trompetenge⸗ ſchmetter, und lautes Hurrahrufen noch die Ankunft des Ziethen'ſchen Korps, welches in ſchönſter Ordnung die terraſſenförmigen Abhänge herabſteigt, und den Franzo⸗ ſen in die rechte Flanke dringt— ihre Niederlage iſt vollendet... Die Soldaten warfen ihre Waffen weg' die Kano⸗ niere verlaſſen ihre Geſchütze, und jagen auf abgeſträng⸗ ten Roſſen davon—„Hier iſt nichts zu retten, denken wir alſo darauf, uns ſelbſt in Sicherheit zu bringen!“ ruft der geſchlagene Kaiſer der Franzoſen, noch einen Blick über das Schlachtfeld werfend, ſeinem General⸗Major Bertrand zu,— dann gibt er ſeinem Pferde die Sporen, und ihm folgt ſein Generalſtab nach mit dem Wegweiſer la Coſte— auf dem letzten Wege der Flucht über Je⸗ mappe nach Charleroy.— 141 Der letzte Akt des großen hiſtoriſchen Trauerſpie⸗ les iſt ausgeſpielt... Dort aber, wo das Schlachtfeld zu Ende lief an der Seite gegen den Wald von Soignes kämpfte im Dunkel der Mitternacht noch der letzte franzöſiſche Rei⸗ ter mit dem letzten auf dieſer Seite entgegen ſtehenden Deutſchen. Einer der Eiſenmänner Napoleon's war's— in der bekannten ſchwarzen Rüſtung, Louis genannt. Graf Lenvir, und ſein Gegner war Hermann von Pazman, und der Moment war's, der Rache, die jetzt der Deutſch⸗Ungar an dem böſen Genius ſeiner Fami⸗ lie nahm, den er im Kampfeswüthen der Völkerſchlacht aufgeſucht hatte. „Das für Ghiraldinen!“ rief der junge Graf Her⸗ mann von Pazman, und das gute deutſche Schwert Her⸗ mann's ſchmetterte auf den Eiſenhelm des ſchwarzen Mannes nieder, und ſchwer verwundet ſank Lenoir in den Staub. Als ſich Feldmarſchall Blücher und Lord Welling⸗ ton bei la belle Alliance Abends als Sieger begrüßten — da wurde Louis, genannt Graf Lenoir, in dem von dem preußiſchen Major Keller erbeuteten Wagen des Kaiſers Napoleons als ſchwer verwundeter Gefangener vom Schlachtfelde geführt. Einſt in den Tagen der grauen Vorzeit war das große ſchöne Wien mit ſeinen Thürmen und Paläſten noch die Hauptſtadt der mächtigen Oſtmark— Tuln war's, die jetzige kleine Stadt am großen Tulnerfelde, und Ennenkel in ſeinem Fürſtenbuche ſingt von ihr: „Tuln waz dez Landes hauptſtat als man michz tichten pat darnach übir manich Jahr wart ein Stat ze war erpawen vnd hiez Vaviana ſeit war ſie ſchon umbmaurt ha vnd wart Wianna genannt alz ſi noch heut iſt bechant da rinnet Wazer nahe pei zwar daz iſt nicht namens vrei daz wart' Tunnaw genant alz ez noch heut iſt bechant enhalben mer es vnd bei dem Rein erchennet man dez wazzer name ſchein unterthalben pei der Stat 143 rinnet ein chlaines wazzer drat daz iſt Wienne genant alz ez noch heut iſt erchant Nu iſt mir laider nicht bechant wie der haiden were genant der herre dar inne wazz war ich ſeins namen nicht laz chund ich nu wol bedeuten allen gueten leuten vnd ſagt gerne an diſer vriſt wie Wiene her geſtiftet iſt vnd auch Oſterreich daz lant daz iſt mir en tail bechant da von muz ich ein wenig ſagen mein zung wil ez nicht verdagen Wien wap ein Haidenſchaft vnd het an lewten nicht die chraft wann ba nicht nur ein Hoff lag ond waz ein haiden der ſein phlag der Hoff wart der Perichhoff genant er iſt noch manchem wol bechant wan ſich der nam verchert hat zu Wienn in der gueten ſtat der hieze Vaviana ond lagen nicht mer heiſer da 144 wann der Hoff beſunder da gie manich chunder in einem Werde der lag dapei ſwie derſelb Werd nu ploz ſei do ſtunden doch peume an zai in dem Werde überall dar inne daz wilt het guelen mach vil maniges man da laufen ſah der vie der haydenn genuch vil maniches er nider ſtuech dez mocht er da gern ſeinn er ſtifft ein weniges ſtatleinn daz hiez er Vaviana ſeit wart ez ſchon umb maurt da vnd wart Wienna genani ſeitit ez ſeu weiten bechant Darnach wart ez ſo geſtalt daz ſew cham in der Chriſtengewalt ſeit nach dez Haiden tot alz ez der lieb Gott gepot da ſazzen die Chriſten vnd trachten wie ſew ein chirichen gemachten do Gott inne würde geert ond ſein grozzes lob gemert do ſprach der weiſeſt vnder in 145 ir hercen hert meinen ſin mit hulden ich ez ſprechen ſol die chirich ſtet nidert ſo wol ſam gegen dem werd auf der haide do hat ſi ſchon augen waide dired begund in allen vil recht wol gevallen do wart di gruntfeſt gegraben vnd auch die chirich ſchon erhaben ond wart geweicht alſo here in Sand Keuchprechz ere alz ſei noch heut iſt bechant in Wienne ſi di pharr wart genant.“ Dieſes Vaviana beherrſchte aber bald die Um⸗ gegend und in ihren Bereich gehörte auch bald die herr⸗ liche Gegend der thermae austriae oder Panoniae — das jetzige Baden bei Wien... Dort, wo einſt das Schwert und der Schild des römiſchen Triarier's erklang, ſauſt jetzt der Dampf der Lokomotive, und in dreißig Minuten durchfliegt das Dampfroß die ſechs Stunden von der Vaviana bis zu den Thermen Pannoniens. Da liegt nun eine Stadt, nein— eine ganze Land⸗ ſchaft von Sommergebäuden mit Villen jeden Styles, Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 10 146 und zahlloſe Omnibuſe, und ganze Karavanen von Pfer⸗ den und Laſtthieren bewegen ſich in dieſe paradiſiſche Gegend hinaus, wo im eigentlichen Sinne„die Stadt“ auf„dem Lande“ iſt. Die warmen Quellen Badens, das ſchon den Rö⸗ mern bekannt, bringen dort Tauſenden Heilung und La⸗ bung. 672 Fuß über der Meeresfläche am Fuße des Kalvarienberges entſpringt aus dolomitiſchem Alpenkalke, Badens Hauptquelle„der Urſprung“ genannt, und hier ſprudelt das heiße Waſſer ſo reich aus dem 19 Fuß tie⸗ fen Keſſel, daß täglich bei 6000 Eimer geliefert werden. Wunderbar und entzückend iſt die Fernſicht gegen Sonnenaufgang auf die mit Dörfern beſäete, vom Leitha⸗ gebirge begränzte Ebene. Aber der reizendſte Punkt der herrlichen Umgebung Badens iſt das ſchöne Helenenthal am weſtlichen Thaleinſchnitte, bei den Ufern der Schwechat. Zwiſchen niedlichen Schweizerhäuſern und präch⸗ tigen Sommervillen ſchweift der Blick an den Eingang des Thales St. Helena. Links auf ſchroffen Felſen ragt die Ruine Rau⸗ heneck— ein ſchönes Nachtbild und Erinnerungsmal der Vergangenheit,— und ein Lichtbild einer neuen Aera hebt ſich unter ihr am Fuße des Cliuskogels die herrliche Weilburg, hervorgezaubert durch die Hand des 147 großen unſterblichen Siegers von Aſpern, Erzherzogs Carl. Von dieſer Burg führt ein Fußſteig vom rechten ufer der Schwechat durch dunkle Wälder und auf friſche Wieſen zur ſogenannten Antonsgrotte und ein Seiten⸗ weg durch den Kohlgraben auf den großen Berg,„das eiſerne Horn“ genannt, mit ſeiner herrlichen Fernſicht in's Land, am Flußufer ſührt der Fußweg zu den Krai⸗ nerhütten und weiter nach Heiligenkreuz. Am rechten Ufer beginnt die Fahrſtraſſe mit einem Tunnel durch den ſogenannten„Urtelſtein“ einem Felſen, der früher den Endpunkt des Thales machte. In dieſem Helenenthale wagte es im erſten Frühlinge nach den Kriegswirren, welche Europa von einem Ende bis zum andern erſchüttert hatten, von einer Menge freudig bewegter Menſchen. Alles fühlte, daß eine neue Zeit des Friedens und der wiederkehrenden Ruhe angebrochen ſei, daß die Völ⸗ kerfamilien Europa's nun wieder frei ſeien von den eher⸗ nen Feſſeln, mit denen ſie der Zwingherr an der Seine belaſtet hatte... Der„Bellerophon“ hatte die beſiegte Chimäre an die Küſten Brittaniens getragen, auf dem Felſen jen⸗ ſeits des Gleicher's ſaß der Prometheus angekettet. Es war eben am 5. Mai, als im Helenenthale⸗ 10 148 eine Trauerweide ihre langen Zweige über einen todt⸗ bleichen Mann bog, der geiſtig und körperlich ſchwer verwundet von den Händen zweier Diener unter dieſe Trauerweide gelegt wurde, damit er noch einmal vor ſeinem Scheiden das Bild der majeſtätiſch untergehen⸗ den Sonne in die fernen Berge ſchaue. Der Mann war, wie ſeine Sprache verrieth, ein Ausländer, und ſeine Kleidung zeigte einen der franzö⸗ ſiſchen Gefangenen, denen die öſterreichiſche Regierung den Gebrauch der Schwefelquellen des ſchönen Badens geſtattete, damit ſie die zu ihrer Heimkehr nöthige Stär⸗ kung und Geſundheit wieder fänden. Der Mann, todtenbleich, und tiefen Schmerz in ſeinem Antlitze tragend, nannte ſich Louis Lenoir, und ſein Auge ſchweifte bang im Kreiſe umher, ſeine Lippen zitterten, er ſchien den Menſchen von einem langen, ver⸗ fehlten, der Lüge und Treuloſigkeit geweihten Leben er⸗ zählen zu wollen— jetzt lauſchte ſein Ohr, ſein Herz pochte, ſein Auge flammte—— denn dort, an dem Hele⸗ nenthale vorüber, flog ein Wagen, ein ſchöner, junger Krieger ſaß darin im deutſchen Waffenſchmucke, an ſei⸗ ner Seite eine ſchöne junge Dame im National⸗Koſtüm Ungarn's. Der ſterbende, gefangene Franzoſe erkannte die beiden Geſtalten gar wohl:„Hermann!“ liſpelte er. 149 Dann warf er einen unendlich traurigen Blick auf die ſchöne Dame im Wagen: „Helena!“— war ſein letztes Wort. Dann ſtarrte ſein brechendes Auge in den Flam⸗ menball der im Weſten niederſinkenden Sonne... Der Engel des Todes küßte leiſe ſeine Stirn und der Gefangene im Thale Sanct Helena hatte vol⸗ lendet. — Der Wagen aber, in welchem Hermann von Paz⸗ man und Helena vorüberfuhren, rollte der großen Haupt⸗ ſtadt des deutſchen Aares entgegen, und als die herr⸗ liche Sonne des neuen Tages das Kreuz des majeſtäti⸗ ſchen St. Stephansdomes mit ihrem Feuer vergoldete, und die metallenen Zungen des uralten Thurmes den neuen Morgen verkündeten, da trat der edle Deutſche Hand in Hand mit der edlen Tochter Ungarns, durch Gottes Hand zum nimmer endenden Bunde vermählt, aus der geweihten Stätte, und während die Orgelklänge im Dome das:„großer Gott, dich loben wir!“ ſangen und die Wolken der Nacht, wie der Rieſenmantel des „ſchwarzen Mannes“ im Weſten zerriſſen, rief Arpad, der alte, herrliche, mannhafte Magnat ſeinen neuver⸗ mälten Kindern, Hermann und Helene im Portale des 150 Stephansdnmes ſegnend zu:„So ſei's fortan: „„Deutſchland und Ungarn im ewigen Bunde vereinigt, und der Doppelaar ſchirmend über Beide!““ Ende. Die Sperulation. Nd velhe von Ernſt Fritze. Erſtes Capitel. Dem Actienweſen mit ſeinen gewaltigen induſtriel⸗ len Kräften und ſeinem koloſſalem Gewinne verdankte Herr Adam ſeinen Reichthum und den Beſitz eines der ſchönſten Rittergüter im Mittelpunkte der fruchtbar⸗ ſten Provinz der preußiſchen Monarchie. Seine Spe⸗ culationen hatten ſich ſeit langen Jahren ſo wohlbe⸗ rechnet erwieſen, daß man ſich verſucht fühlte ihn mit einiger Ehrfurcht zu betrachten und ihm durch die ſcherzhafte Benennung„der Actienkönig“ eine Art hul⸗ digender Anerkennung zu verleihen. Herrn Adams nüchterner praktiſcher Sinn zeigte ſich in ſeinen Geſchäftsunternehmungen mehr einem echten Sohne Albions ähnlich als einem Deutſchen, und die großartige Ruhe und Beſonnenheit, womit er ſich ſtets an die Spitze umfangreicher und weitver⸗ Fritze. Die Speculation. 1 2 zweigter Actiennnternehmungen ſtellte, verſchaffte ihm ein volles Vertrauen unter denjenigen, die mit kleinen Mitteln der Vereinigung von Privatkräften beitraten, um ihre Erſparniſſe ohne große Mühen und Anſtren⸗ gungen zu vervielfältigen. Herr Adam entſprach die⸗ ſem Volksvertrauen vollkommen. Er war der abgeſagteſte Feind alles Actienſchwindels, und ſeine ſeltene Offen⸗ herzigkeit für ſolche Fälle hielt die Anſtifter riskanter Speculationen fern von ſeiner Sphäre. Nachdem er durch Jahrzehende hindurch für ſeine eigene Kaſſe ſowohl, als für das Gemeinwohl vieler Tauſende von Menſchen gewirkt hatte, zog er ſich von dem Geſchäftsbetriebe zurück und lebte als„Actienkö⸗ nig“— inmitten einer Landſchaft, die durchweg von Edelleuten auf Stammgütern bewohnt war— bequem, glänzend und gaſtfrei auf ſeinem Gute Bohrendorf. Herr Adam, rechtlich durch und durch, ein treff⸗ licher Mann, ein liebevoller Gatte und Vater und ein zuverläſſiger Freund, hatte aber doch eine bedeutend ſchwache Seite. Er liebte den Adel und konnte es nicht überwinden, daß er trotz ſeiner prächtigen Lebens⸗ ſtellung kurzweg und plebejiſch„Herr Adam“ hieß, während ſeine Herren Nachbarn mit volltönenden Na⸗ men Prunk treiben konnten. Es reizte ihn zum höch⸗ ſten Aerger, wenn er einem Blicke ſtiller Verwunde⸗ — ——— — 3 rung bei der Vorſtellung fremder Herrſchaften begeg⸗ nete, die hinter ſeiner noblen Außenſeite eher einen Grafen als einen ſchlichten Herrn Adam vermuthet hatten. Hätte er Söhne gehabt, ſo würde er Alles daran geſetzt haben den Briefadel zu erlaugen, allein der Him⸗ mel hatte ihn nur mit drei Töchtern geſegnet, wovon die älteſte eben in ihr achtzehntes Jahr getreten war und die beiden jüngeren zur Zeit in einem berühmten Erziehungsſtiſte verweilten. Im Stillen hatte Herr Adam auf Bohrendorf den Schwur abgelegt ſeine Töch⸗ ter, mit einer reichen Mitgift, nur an Abkömmlinge aus alten, dem höhern deutſchen Adel angehörenden Fami⸗ lien zu verheiraten und er ſtieß bei dieſem Plane für jetzt auf keine Schwierigkeiten, da Fräulein Fanny Adam, die erſte heiratsfähige Tochter des„Actien⸗ töuigs,“ ſehr bereitwillig war, anf alle Fälle lieber eine gnädige Frau zu werden, als ihr kleines ſtolzes und übermüthiges Herz durch die bürgerlichen Vor⸗ trefflichkeiten eines bürgerlichen Mannes gewinnen und überrumpeln zu laſſen. Warum ſollte Herr Adam alſo fürchten mit die⸗ ſen leidenſchaftlichen Wünſchen zu ſcheitern, da ihm bis dahin Alles im Leben geglückt war? Er gehörte zu den geborenen Speculanten, wußte jede 1 4 mung am rechten Ende anzugreifen und bewahrte ſich ſtets diejenige Ruhe, die bei wankenden Ausſichten noch überlegungsfähig bleibt. Mit dieſer Ausſtattung von Geiſteskraft und Gemüthsruhe begann er die Zuknnft ſeiner Tochter Fanny ins Auge zu faſſen und die noth⸗ wendigen Schritte zu überlegen, die ihn zum gewünſch⸗ ten Ziele führen konnten, als ſich plötzlich eine Gelegen⸗ heit darbot, ſeine Wünſche zu realiſiren. Es lag wohl in der Natur der Sache, daß ſeine Vorbereitungen dazu weder dem Ange ſeiner Frau, einer ruhigen, ſehr bequemen Dame von mittelmäßigem Verſtande und halb fertig gewordener Bildung, noch den Blicken ſeiner lebhaft denkenden und ſprechenden Tochter Fanny entgingen und da Beide einverſtanden mit den väterlichen Plänen waren, ſo blieb eine ver⸗ trauliche Beſprechung derartiger Schritte zuletzt auch nicht aus. Fanny, blühend, hübſch, hinreichend gut erzogen, erfahren in den nöthigen Toilettenkünſten um ſich repräſentabel zu machen und ausgeſtattet mit vie⸗ ler Liebenswürdigkeit, die nur den Fehler hatte allzu⸗ bürgerlich zu erſcheinen, zweifelte in richtiger Anerken⸗ nung ihrer äußern und innern Vorzüge keineswegs an günſtigen Erfolgen und ſie fühlte die exemplariſche Halt⸗ barkeit der väterlichen Anordnungen in jeder Hinſicht ſo klar heraus, daß ſie ſich unbedingt denſelben ergab. —,——£—— 5 Nur einmal ſtutzte das junge Mädchen einen ein⸗ zigen Augenblick, als ihr Vater mit ruhigem Lächeln ihr die Weiſung ertheilte, nach der Reſidenz des be⸗ nachbarten Großherzogthums zu fahren und ſich von dort die Tochter des Baron von Harrowitz, welche eine Jugendfreundin von ihr war, zum Beſuche zu holen. „Papa— was ſoll Elfriede hier?“ fragte Fanny betroffen.„So lieb ich mein Friedchen habe, ſo möchte ich doch jetzt nicht in der Laune ſein, ſie gehörig zu ſchätzen.“ „Fräulein Elfriede wird dies auch nicht von Dir verlangen, mein Kind,“ entgegnete Herr Adam,„ihre Hingebung für Dich ſoll ein Relief ſein, weiter nichts. Die junge Dame iſt mir höchſt ſchätzenswert erſchie⸗ nen durch ihren esprit de corps.— Dieſe ausge⸗ prägte Eigenthümlichkeit macht ihre Freundſchaft für Dich zu einem bedeutenden Mitkämpfer.“ „Mein Gott, ſollte das nöthig ſein?“ ſiel Fanny etwas ärgerlich ſein, indem ſie mit einem Blicke hoch⸗ müthigen Uebermuthes ihre volle ſchöne Geſtalt im Spiegel muſterte.„Liegen nicht kampffähige Elemente in meiner Perſönlichkeit? Glaubſt Du ſo ſtarken Vor⸗ urtheilen zu begegnen, daß mein künftiger Gemal meine bürgerliche Abkunft—“ 6 „Mein Kind,“ unterbrach Herr Adam ſie maje⸗ ſtätiſch lächelnd,„bei jeder Speculation muß man das pro und contra ins Auge faſſen und die erlaubten Mittel richtig anzuwenden ſuchen. Fräulein Elfriedens Freundſchaft läßt ſich jetzt vortrefflich verwerthen—“ „Aber der Vergleich mit ihr könnte mir mehr ſchaden als nützen,“ fiel Fanny etwas bedenklich ein. „In dieſem Falle nicht, mein Kind. Der junge Edelmann, welcher, beiläufig geſagt, ein vortrefflicher ſittenreiner Cavalier iſt, muß durch eine reiche Heirath ſeine Lebensſtellung ſichern. Er iſt ſchwer daran ge⸗ gangen ſeine Wahl einer Lebensgefährtin von dieſem Materialismus abhängig zu machen, aber die Noth bezwang ſeinen ritterlichen Idealismus, der ſich herbei⸗ ließ nach altmodiſchen Grundſätzen die Liebe bei einer ehelichen Verbindung nothwendig zu finden. Er in⸗ tereſſirt ſich jetzt für Dich.“ „Ohne mich zu kennen?“ warf Fanny beklommen ein. Ihr Herz wallte etwas ſtärker bei dem Gedanken an ihres Bewerbers ideal ritterliche Huldigung. „Die Schilderung Deiner Perſönlichkeit hat ſeine Phantaſie entflammt und er iſt geneigt Dich als Haupt⸗ ſache und Deine Mitgift als eine erfreuliche Nebenſache zu betrachten.“ 6 „Und wenn die Schilderung der Wahrheit nicht entſpricht, wenn ſeine Phantaſie erkaltet bei meinem Anblicke2“ „So hat er uns einen Beſuch gemacht, den er nicht über das gewöhnliche Zeitmaß einer ſteifen Viſite aus⸗ dehnen wird.“ Ein leichtes Unbehagen ſchien Fräulein Fanny zu durchrieſeln. Was ihr bis dahin als ein annehmba⸗ res Geſchäft erſchienen war, erhielt durch dieſe Wen⸗ dung des Geſpräches den Charakter eines gewagten Unternehmens, bei deſſen Fehlſchlagung ſie compromittirt werden konnte. Was ſie bis dahin als einen Act im menſchlichen Verkehre betrachtet hatte, deſſen Entwickelung ſie mit behaglicher Ruhe abwarten wollte, trotzdem ſie als Hauptperſon agirte, das gewann durch die plötzliche Aufklärung über ihres Bewerbers Anſichten und Vor⸗ ſätze eine Beimiſchung von ängſtlicher Spannung. Sie kam ſich wie eine Spielerin vor, die auf einen Wurf Leben und Tod erzielen ſollte und in dieſer tragi⸗ ſchen Stimmung umſchlang ſie den Hals ihres Vaters und rief: „Vater— laß uns dieſen Plan aufgeben— mir wird bange!“ Herr Adam lächelte mit der Sicherheit eines ſieg⸗ gewohnten Feldherrn. 8 „Sorge Dich um nichts, ſondern fahre wohlge⸗ muth hinüber zum Baron von Harrowitz, der ſeiner Tochter ſicherlich ſehr gern einen Aufenthalt von drei Wochen beim reichen Adam, dem Actienkönig, geſtatten. wird.“ Zweites Capitel. Wir ſind genöthigt, uns vom Gute des Herrn Adam in Bohrendorf nach einer preußiſchen Feſtung zu verfügen, die auf der Eiſenbahnlinie ungefähr zwei bis drei Stunden von dieſem Dorfe entfernt liegt und bitten den Leſer uns in ein gut gebautes Haus dicht am Eingange der kleinen ernſthaft ausſehenden Stadt zu folgen. In einem hellen, von dem grellen Sommerſonnen⸗ ſcheine übermäßig durchleuchteten Zimmer ſaßen dort zwei junge Männer, beherrſcht von den Empfindungen, die ein eben beendetes Geſpräch über ihre Seele er⸗ goſſen hatte. Der Jüngere dieſer Herren, ein Baron Ewald von Eſcherode, lehnte im Sopha. In ſeinem Mienen⸗ ſpiele waren die Nachwirkungen eines demüthigenden Fritze. Die Speculation. 10 Geſtändniſſes ſichtbar, während ſein Freund, ein Artil⸗ lerielieutenant Briſek, hart mit einer innerlichen Entrü⸗ ſtung kämpfte und dabei von Zeit zu Zeit einen Blick voll Mitleid und Verdruß auf den Baron warf, dem er gegenüber ſaß. Briſek war der Bewohner des hübſchen Zimmers, das neben einer charakteriſtiſchen Einfachheit die höchſte Sauberkeit zeigte, welche ſich bis auf den alten Uni⸗ formrock, den er trug, erſtreckte, der vom Paraderocke bis zum Hausrocke degradirt war. Der Baron zeigte in ſeiner Kleidung jene feine Eleganz, die dem gewe⸗ ſenen Militär gewöhnlich auf Lebenszeit treu bleibt und ihn von der Geckenhaftigkeit der Mode fern hält. Er war augenſcheinlich mehrere Jahre jünger als Bri⸗ ſek, hatte außerdem den Vorzug ſchöner zu ſein und bildete in ſeiner ganzen Erſcheinung das Muſter einer ritterlichen Nobleſſe, während ſein Freund nur den Eindruck eines edeln charaktervollen Mannes machte. Jetzt, wo der Schleier der Beſchämung die ari⸗ ſtokratiſch ſtolzen Züge des Barons einigermaßen ver⸗ unſtaltete und die Erwartung eines herben Tadels ſei⸗ nen Nacken etwas beugte, trat die ſtattliche Männlich⸗ keit Briſeks trinmphirend hervor, als derſelbe auf⸗ ſtand und mit feſten hallenden Schritten mehrmals das 11 Zimmer durchmaß. Dann blieb er ſtehen und fragte ruhig: „Haſt Du Dich nicht ein einzigesmal an unſere Vorſätze erinnert, Ewald, als Du den erſten Entſchluß zu dieſer Heirath faßteſt?“ „Ich habe mich erinnert, allein es blieb mir kein anderer Ausweg,“ erwiederte der junge Mann ſehr ernſt. „Hätteſt Du ganz vergeſſen, wie empört wir wa⸗ ren, wenn wir die heiligſten Empfindungen des Men⸗ ſchen durch den Wuchergeiſt der Zeit beeinträchtigt ſahen?“ „Ich hatte nichts vergeſſen!“ „Iſt Dir nichts eingefallen, was wir über die Nich⸗ tigkeit der Lebensverhältniſſe feſtgeſtellt hatten?“ „Es iſt mir eingefallen!“ „Haſt Du nicht daran gedacht, welche Schwüre wir damals auf jener Höhe tauſchten, wo wir allein, erhaben über alle irdiſchen Elemente, vom Abendgolde umflogen, weilten und die Kraft in uns erwachen fühl⸗ ten beſſer und edler zu handeln und zu leben wie die armen Bethörten, welche, im Dunſtkreis ihrer anerzo⸗ genrn Begriffe von Nothwendigkeit und Bedürfniß, lieber ſchmachvolle Unterwerfung als kühnen Kampf wählen?“ 2* 12 „Ich habe daran gedacht!“ „Und doch erlagſt Du dem erſten Angriffe, den die Wirklichkeit auf unſere phantaſievollen Lebensanſichten wagte?“„Die Noth zertrümmerte meine Phantaſie und ſtellte ſie mit ihren Gebilden ins Reich der Phantome,“ entgegnete der Baron mit bitterm Tone.„Deine Vor⸗ haltungen würden gerecht ſein, Richard, wenn Leicht⸗ ſinn meine Schritte geleitet hätte, aber ſie ſind von der Nothwendigkeit geregelt. Setze Dich an meine Stelle! Mein Vater ſtirbt in dem Glauben die Zu⸗ kunft ſeiner Kinder ſei geſichert und die Ehre ſeines Stammes ganz ungefährdet. Statt deſſen überſteigen ſeine Schulden, die er, ein Freund der Repräſentation, leichtſinnig gemacht hat, ſein Vermögen dermaßen, daß der völligſte Ruin, und zwar unter ſchmählichen Ne⸗ benumſtänden, unausbleiblich iſt, wenn nicht ſein älte⸗ ſter Sohn das Opfer bringt durch eine reiche Hei⸗ rath, die ihm dargeboten wird, Alles das zu erret⸗ ten, was ſonſt unwiederbringlich verloren iſt. Nun— Richard? Ich habe vier unverſorgte Geſchwiſter!“ Der Strahl eiuer innern Begeiſterung färbte bei die⸗ ſen Worten plötzlich ſein Geſicht und durchſtrömte ſein ſchönes dunkles Auge mit einer überirdiſchen Energie. Briſek betrachtete ihn ſchweigend. Seine Lippe zuckte von dem Kampfe ſeine innere Bewegung zu be⸗ 18 wältigen und ſeine Hand ſtreckte ſich der Freundeshand entgegen. „Verzeihe, Ewald—,“ ſprach er leiſe und drückte des Barons Hand innig.„Und was iſt der Kauf⸗ preis dieſer edeln Hand?“ fragte er nach einer langen Pauſe eben ſo leiſe. „Einhundertzwanzigtauſend Thaler!“ entgegnete der junge Edelmann ernſt und gemeſſen. Der Lieu⸗ tenant fuhr zurück und wiederholte voller Schrecken die für ihn ungeheure Summe. „Sechszigtauſend Thaler baare Mitgift und ſechs⸗ zigtauſend Thaler Credit zu jeder Zeit, wo ich ihn brauche. Der Vater dieſes Mädchens will ſich dadurch einen Edelmann reinſten Waſſers als Schwiegerſohn erkaufen. Die„Eſchenrodes“ conveniren ihm und mir dient ſein Kaufpreis— wir kamen uns auf hal⸗ bem Wege entgegen und unſer Unterhändler, ein Ehren⸗ mann, hatte leichtes Spiel die Bande zu knüpfen, welche den reichen Bürger mit dem armen Edelmänne vervollſtändigen ſollen.“ Briſek ſtarrte nachdenklich vor ſich hin. Sein kaum ſichtbares Kopfſchütteln verrieth noch immer ſeine Unzufriedenheit, allein er wagte es kaum derſelben Worte zu geben.„So ganz proſaiſch!“ murrte er endlich.„So ganz offen Wucher mit Deinem Stande 14 und mit Deiner Geburt zu treiben, um als Zinſen vom gewagten Einſatze einen geſtörten Lebensfrieden zu ge⸗ nießen! Ewald, Ewald, mir ahnet Unglück! Du erträgſt dieſe Herabwürdigung nicht! Dein poetiſches Gemüth rebellirt, wenn es vielleicht zu ſpät iſt.“ „Sieh' nicht zu ſchwarz, Richard. Der Zufall vermittelt vielleicht mein Glück, indem er die Nothwen⸗ digkeit mit meinen Wünſchen in Einklang bringt.“ „Wer möchte darauf bauen, mein Freund!“ „Fräulein Fanny ſoll gut und ſchön und dabei von tadelloſem Rufe ſein.“ „Genügt das dem Herzen, welches idealen Lebens⸗ anſchauungen huldigt?“ fragte Briſek ſehr bedeutſam. „Wäre ſie häßlich— was thäte das? Wenn nur Herz zum Herzen ſpräche.“ „Warum ſoll ich der Hoffnung entſagen, daß ſich unſere Neigungen begegnen?“ fragte der Baron ſehr geduldig vor ſich niederſehend.„Unſer Arrangement iſt zweckmäßig getroffen. Mißfalle ich der Familie oder auch nur dem Fräulein, ſo erfolgt keine Einladung, daß ich„bleibe“— meine Verabſchiedung iſt ſonach kein Korb. Genügt ſie meinen Anforderungen nicht, ſo beſehe ich das ausgezeichnete Gewächshaus des Herrn Adam und„verſchwinde!“ Bleibe ich zu Tiſche, ſo nimmt man dies als eine ausgeſprochene Werbung an 15 und erzeigt mir Gaſtfreundſchaft auf ſo lange Zeit, wie ich zur nähern Bekanntſchaft nöthig finde.“ „Gebunden biſt Du alſo gleichſam nach dem er⸗ ſten Erblicken?“ fragte Briſek mißbilligend. Der Ba⸗ ron ſtutzte. Er hatte eigentlich im Sinne auf jeden Fall und vorſätzlich als gebunden ſich zu betrachten, wenn ſich Fräulein Fanny nicht geradezu gegen ihn erklären ſollte, was er im Grunde nicht fürchtete. „Ja,“ antwortete er ſchnell.„Als Mann von Ehre bin ich zu einer Erklärung verpflichtet, ſo wie ich zu Tiſche bleibe.“ Briſek ſeufzte ſchwer und verſank wieder in je⸗ nes brütende Sinnen, das mehr Trauer als Freude verräth. Baron Eſcherode erhob ſich, ſchloß raſch den oberſten Knopf ſeines grünen Jagdfracks, griff nach ſei⸗ ner Mütze und der Reitpeitſche und trat dann ganz dicht an ſeinen Freund heran. Dieſer ſchaute auf. Ihre Blicke trafen einander. Der etwas größere Bri⸗ ſek legte ſeine Arme um Eſchenrode und eine eigen⸗ thümliche Ironie miſchte den Ausdruck, womit er fragte: „Alſo, Du gehſt darauf aus zu lieben?“ „Mit dem feſteſten Willen!“ „Du ſchwörſt derjenigen Treue, die Du findeſt, ohne ſie geſucht zu haben?“ 16 „Mit freiem und ruhigem Herzen!“ „Du wirſt ein philiſterhafter Bauer, reſpective Gatte, Vater und Schwiegerſohn?“ „Meine Kräſte werden hoffentlich dazu ausreichen, wenn ich auf meine Geſchwiſter blicke.“ „Geh mit Gott! Ich bin Dein Freund—! Der Telegraphendraht ſei Dein Troſt, wenn Du Dich hilf⸗ los findeſt und das einzige Wort:„Komm!“ wird mich zu Dir führen, ſo wie Du mich gebrauchſt. Ewald— ich bin Dein Freund— vergiß dies nicht!“ Ein Händedruck und ſie ſchieden. —½ Drittes Capitel. Das Dorf Bohrendorf lag nicht ganz reizlos und was die Natur vielleicht der Gegend verſagt hatte, das erſetzte die Kunſt. Prächtige Parkanlagen ließen den natürwüchſigen Wald nicht vermiſſen und die brillante Ausſtattung des großen Gartens mit Tropengewächſen aller Art konnte leicht zu dem Irrthum führen, man befinde ſich unter einem andern Himmelsſtriche als wo Deutſchland und namentlich Preußen liegt. Das Wohnhaus war einfach bürgerlich von außen. Weder ruinenhafte Thürme, noch Mauern ſprachen von alten Geſchlechtern. Schlicht und gerade erhoben ſich die Wände der Fagade, die nach dem Garten gerichtet war und nur ein ſehr breiter, bequem eingerichteter Bal⸗ kon, mit hohen Granatbäumen beſetzt, gereichte derſel⸗ ben zur Zierde. Unmittelbar an dieſen Balkon ſchloß 18 ſich ein großes, geräumiges Gemach, das unter dem Namen„der Gartenſalon“ florirte. In ſeiner ganzen Breite vom Balkon bezeichnet, waren die beiden Sei⸗ tenwände mit Divanen, Polſterſtühlen und Fauteuils beſetzt, vor denen elegante Tiſche mit und ohne Mamor⸗ morplatten ſtanden. Andere Möbel zeigte der Gartenſalon nicht auſ, aber man konnte ſich dennoch nichts Reizenderes und Bequemeres denken als ein geſelliges Zuſammentreffen in dieſem Zimmer mit ſeinen ſchnell wechſelbaren Roll⸗ tiſchen und Seſſeln. Es wurde dort gefrühſtückt, der Nachmittagskaffee eingenommen und Thee getrunken, während es Mode war die Mittags und Abendmahl⸗ zeiten in einem beſonders dazu eingerichteten Zimmer abzuhalten. Acht volle Tage nach dem Geſpräche zwi⸗ ſchen Herrn Adam und ſeinem Fräulein Tochter zog die Sonne ganz abſonderlich heiter vom öſtlichen Ho⸗ rizonte nach dem Zenith herauf und ſtreuete ihren Glanz über die Gartenanlagen des Bohrendorf'ſchen Rittergutes. Laue Lüftchen kühlten ihre Gluth und leichte, weiße Wölkchen hüllten ſchäckernd ihr Licht ein, wenn ſie gar zu heiß auf den blühenden Gewächſen ruhen wollte. Unter den Purpurblüthen der Granat⸗ bäume ſaß eine Frauengeſtalt mit einer weiblichen Handarbeit beſchäftigt, von welcher ihr Blick oftmals 19 ſich hob, um mit Entzücken in die Ferne und über das dichte prächtige Grün des Parkes zu ſchweifen. Fräu⸗ lein Elfriede von Harrowitz war ſeit achtundvierzig Stunden ein Gaſt im Adam'ſchen Hauſe und ſie ſchwelgte unter dem Reize der Neuheit, von Träumen heiterer Art umſchwirrt, in der Schönheit der künſtli⸗ chen Natur, die ſich vor ihren Blicken entfaltete. Das Frühſtück war vorüber. Ihre Freundin Fanny hatte ſich mit ſchelmiſchem Lachen zurückgezogen, um „Toilette zu machen,“ worüber ſich die junge Dame, die den Anzug der Freundin hinreichend ſchön fand, zuerſt wunderte, um es dann in den Hintergrund ihrer Seele zu ſchieben. Von Natur zu jener heitern Lebensauffaſſung ge⸗ neigt, die ſich in ſcharfer Kritik wohlgefällt, belächelte ſie im Stillen die prahleriſche Art des Herrn Adam, auf engliſche Sitte ein Haus machen zu wollen und ſie enthielt ſich grundſätzlich von dem eingeführten Gebrauche zum Mittagstiſche en famille nochmals ſich umzukleiden. In beſchränkten, aber durchwegs noblen Verhält⸗ niſſen aufgewachſen, erſchien der jungen Dame ein ſol⸗ ches Verfahren als eine Verſchwendung, der ſie ſich nicht anſchließen wollte aus nothwendiger Sparſamkeit. Ein⸗ fach, doch vornehm in Haltung und Geberde, ſtand ſie neben der verwöhnten Freundin da, ohne Neid ihre Koſt⸗ 20 barkeiten bewundernd. Daß ſie bisweilen mit Unbeha⸗ gen die ſtark aufgeputzten Damen des Hauſes betrach⸗ tete und nicht ohne Verlegenheit den Hintergrund des Zimmers ſuchte, wenn Beſuch eintrat, war zu natürlich, um ihr zum Vorwurfe zu gereichen. Ihre Beſcheidenheit ging mitunter auch nicht ſo weit, ſich ohne Weiteres zur Demuth zu bequemen und ſie nahm gefliſſentlich den Platz in Anſpruch, der ihr, ihrem Stande nach, gebührte. Achtundvierzig Sunden waren nur nöthig ge⸗ weſen, um ſie von ſolchen kleinen Conflicten zwiſchen arm und reich zu unterrichten, aber ſie hatte auch in⸗ nerhalb dieſer achtundvierzig Stunden die Kühnheit er⸗ langt, gegen jede Großthuerei des Reichthums in die Schranken zu treten. Ganz ihrem harmloſen Wohlbehagen hingegeben, beachtete das junge Fräulein es nicht, wie ungebührlich lange ihre Freundin ſie allein ließ. Endlich erſchien ſie und zwar in ſo vollem Glanze, daß Elfriede mit dem Ausdrucke einer übernatürlichen Verwunderung ihre Augen weit öffnete, um ſie zu be⸗ trachten. Fanny, vou ihrer ſorgloſen Selbſtzufrieden⸗ heit verblendet, hielt das ſtarre Anſtaunen für wohl⸗ verdtente Bewunderung und rief mit wohlgefälligem Lächeln: „Gefalle ich Dir, mein Friedchen?“ 21 „Wenn Du zum Balle gehen willſt, ja,“ entgeg⸗ nete die junge Dame mit ruhigem Spotte. „Bewahre— nicht zum Balle!“ ſchäckerte Fanny, ſchelmiſch den Kopf von einer Seite zur andern neigend. „Es hat jedoch eine beſondere Bedeutung, daß ich die⸗ ſen Anzug gewählt habe. Soll ich Di'rs vertrauen! Ich gehe auf Eroberungen aus!“ „So? Haben wir Geſellſchaft zu Mittag zu er⸗ warten?“ fragte Elfriede kaltſinnig ihre Blicke auf ihre Arbeit niederſenkend. „Nur einen Herrn! Meine ganze Zukunft hängt davon ab, daß ich ihm gefalle!“ „Alſo eine Freiwerberpräſentation— oder der zu⸗ künftige Bräutigam ſelbſt?“ fragte Elfriede etwas neu⸗ gierig, Fanny nickte. „Wenn Dein Bewerber ein vernünftiger Mann iſt, ſo muß er Deinen Anzug für eine lächerliche Oſten⸗ tation erklären, Fanny,“ ſprach das junge Mädchen hierauf.„Ich rathe Dir etwas weniger nackte Schul⸗ tern und Arme zu präſentiren und die rothen Atlas⸗ agraffen von dem ohnehin ſchon ballmäßigen weißen Kleide abzunehmen.“ Fräulein Fanny Adam, die ſich ungeheuer viel auf ihren Geſchmack einbildete, ſtand ganz verblüfft und 22 ſchauete ihre Freudin an. Hatte ſie Recht oder Unrecht? Ganz im Hintergrunde ihrer Seele regte ſich eine Stim⸗ me, die ihr Recht gab. „Meinſt Du, daß ich mich umziehen ſoll?“ begann ſie nach einer minutenlangen Pauſe. „Unbedingt meine ich das und rathe Dir recht züchtig verhüllt zu erſcheinen!“ erklärte Elfriede gut⸗ müthig die runden weißen Arme ihrer Freundin ſtrei⸗ chelnd. Fanny ging dieſem Befehl gehorſam zu ſein und Elfriede ſah ihr kopfſchüttelnd nach. Ihre Gedanken fielen auf das eben erhaltene Geſtändniß des jungen reichen Mädchens zurück.„Wer mag der Bewerber ſein?“ dachte ſie, innerlich über eine Situation lachend, die zwei Menſchen, wie Waarenballen, zur Beſichtigung einander gegenüberzuſtellen ſchien.„Irgend eine Kauf⸗ mannsſeele— ganz gewiß! Fanny ſah gerade aus wie ein Luftballon, gefüllt mit fünzigtauſend preußiſchen Kaſſenanweiſungen.— Welch' ein faux pas ſich, wie eine Bajadere, zu ſolchem Zwecke aufzuputzen!“— Ihr Gedankenmonolog erſtarb unter ernſten Betrachtungen über Zeitanſprüche und über die Mittel ſich mit einem ausgeprägten Hange zum Luxus und zur Zerſtreuung in der Gegegend zu placiren. Sie überlegte, trotz ihrer Jugend philoſophirend, mit einem ſo ſeelenruhigen Lä⸗ —— 23 cheln auf den feinen Lippen, daß es erſichtlich wurde, wie wenig ſie mit Wünſchen dieſer Art ihre Bruſt be⸗ unruhigte. Während ſie ihren Gedanken nachhing, öffnete ſich plötzlich die Thür des Gartenſalons mit einigem Ge⸗ räuſche und ſie ſah einen Herrn von entſchieden vorneh⸗ mehm Weſen im Reitanzuge eintreten, dem Herr Adam in einer gewiſſen ungelenken Verlegenheit folgte. Von einer verzeihlichen jugendlichen Neugier ge⸗ trieben, erhob ſich Elfriede ſchnell von ihrem Sitze und trat durch die Glasthüren, um den Mann zu ſehen, der in beſtimmten Abſichten den Kreis dieſer Familie auf⸗ ſuchte. Ihr Mienenſpiel zeigte ein lächelndes Wohlbe⸗ hagen, als ſie die formenloſe Höflichkeit des guten Herrn Adam beobachtete, der gegen den gewöhnlichſten Etiket⸗ tenton verſtieß, als er ſuchend ſeine Blicke hinaus auf den Balkon richtete und ſeine Tochter nicht ſah. Er ſtellte weder den Herrn vor, noch nannte er die junge Dame, ſo daß der Baron von Eſchenrode in den verzeihlichen Irrthum verfiel, in Elfrieden diejenige vor ſich zu ſehen, der er das Glück ſeines Lebens anver⸗ trauen wollte. Sein Auge richtete ſich prüfend, durchdringend und ſeelenvoll auf das Geſicht Elfriedens, das, ohnehin be⸗ deutend und ſchön, jetzt von der Heiterkeit ihrer inner⸗ 24 lichen Bemerkungen durchleuchtet, ſehr wohl im Stande war, einen tiefen Eindruck zu machen. Ruhig, in der angeborenen Würde ihres Standes, erwiederte, die junge Dame den Gruß, geſpannt er⸗ wartend, wie ſich die tragi⸗komiſche Scene entwickeln würde. Der Baron Eſchenrode war nicht der Mann, wel⸗ cher ſich durch Kleinigkeiten aus der Haltung des Welt⸗ mannes bringen ließ. Mit einer gewinnenden Gewandt⸗ heit bat er das Fräulein zu ihrem verlaſſenen Platze zu⸗ rückzukehren und richtete die Bitte daran, dort auch Platz nehmen zu dürfen. Elfriede gewährte ohne die geringſte Sprödigkeit und Herr Adam dankte Gott, daß er nicht nöthig hatte, weiter die Honneurs zu machen. Er begriff gar nicht, wo ſeine Tochter ſei, da er ihr vor einer Viertelſtunde hatte melden laſſen, daß er mit dem beſagten Edel⸗ manne im Gartenſalon erſcheinen werde, wo die erſte Vorſtellung am ungenirteſten vor ſich gehen könne. Nachdem der Baron die Zeit mit einigen nichtsſagen⸗ den Höflichkeitsfloskeln hingebracht und in Elfrieden eine junge Dame von Verſtand und bedeutender Tour⸗ nüre erkannt hatte, legte er eine ſchärfere Sonde an ihr Weſen, das ihm augenſcheinlich zuſagte. Ihr Lächeln erſchien ihm zu kalt, zu ſpöttiſch— der Blick ihres 25 Auges fiel eiſig in die Wärme ſeines Herzens, das er ihr offen entgegengetragen. Wollte ſie ein Spiel mit ihm treiben? Hatte ſie im Sinne ihren Reichthum blos der Ehrſucht zum Opfer zu bringen? Was ſollte der Hohn ſagen, der momentan über ihr reizendes Ge⸗ ſich lief, um dann auf der weißen Stirn zwiſchen den ſchön gewölbten Augenbrauen zu lagern? Sein Auge ſuchte ihren Blick, um mit einer ſtum⸗ men Frage, wie ſie nur das Herz dem Herzen ab⸗ lauſcht, nach der Kälte und dem Hohne ihres Betra⸗ gens zu forſchen. Eine blitzartige Bewegung ſchien das Mädchen zu durchſchauern. Groß und voll er⸗ wiederte ſie ſeinen fragenden Blick, während ein ängſt⸗ liches Lächeln ihre Züge verſchönerte. Der Baron war zufrieden mit den Erfolgen ſei⸗ ner Herzenstaktik. „Ihr Herr Vater hat unendlich viel für die Ver⸗ ſchönerung des Gartens gethan,“ begann er mit freiem Athemzuge. „Sie irren, mein Herr, dort—,“ unterbrach ihn Elfriede ſehr haſtig und ſehr beklommen, indem ſie mit der Hand nach der Thür des Gartenſalons zeigte, wo ſo eben, roſiigen Wolken gleich, Fräulein Fanny herein⸗ ſchwebte. Beſonnen trat der Baron zurück von ihr— ein Fritze. Die Speculation. 26 bleicher Schimmer flog über ſeine Wangen und ſeine Lippen zuckten als er fragte: „Und Sie, mein Fräulein— Sie ſind?“ „Elfriede von Harrowitz!“ entgegnete ſie zitternd. Warum aber zitterte ſie plötzlich und warf ſich unſäglich betrübt auf ihren Seſſel nieder, während der Baron dem Fräulein Adam entgegenſchritt und ihr mit pathetiſchem Tone von Herrn Adam als„der Baron Ewald von Eſcherode“ vorgeſtellt wurde? Warum zitterte ſie und ergriff mit dem ſtolzen Vorſatze„ſich um nichts zu bekümmern“ ihre Stickerei, während der Baron ſich mit ſonderbarem Eifer in eine Converſation mit Fräulein Fanny vertiefte? „Baron Ewald von Eſcherode!“ flüſterte Elfriede leiſe, ganz leiſe und ſenkte den Kopf tief nieder. Sie kannte dieſen Namen. In den Kreiſen, denen ſie an⸗ gehörte war der junge Mann geprieſen als ein Mu⸗ ſter— ſein Ruf war glänzend rein und nun fand ſie ihn hier, buhlend um die Gunſt des reichen Vaters, der ſeiner Tochter einen Rang erkaufen wollte. Der Gäh⸗ rungsſtoff der Vorurtheile hob ſich in ihrem jungen Her⸗ zen und eine unausſprechliche Bitterkeit wallte empor, um ſie zu einem Kampfe mit den niedigen Lebensele⸗ menten aufzufordern. Viertes Capitel. Baron Ewald von Eſcherode war der Gaſt des Rittergutsbeſitzers Adams geworden. Er hatte ſich heimiſch in den Räumen gemacht, die ihm nur unter gewiſſen Bedingungen eröffnet worden waren und hatte dadurch Vorausſetzungen rege gemacht. Weshalb er geblieben war, als man ſich befugt glaubte eine Ein⸗ ladung an ihn ergehen zu laſſen? Doch wahrſchein⸗ lich um die Liebe der ſchönen Tochter des Actienkönigs zu gewinnen! Oder nicht? Es gab unerhellte, tief dunkle Stellen in des jun⸗ gen Mannes Bruſt, der wie in einem Rauſche fortlebte und ſich ſelbſt unklar war. Fräulein Fanny Adam gefiel ihm— ſie war auch reizend genug, um die Sinne eines jungen ziemlich unverſuchten Mannes zu blenden, aber galt ihr denn 3 die Huldigung, die ſeines Herzens Wallen und Wogen verrieth und momentan in erſchreckender Leidenſchaftlich⸗ keit hervorbrach? Zuweilen ſchien es ſo und Fanny nahm ſie ſorglos an. Sie lachte viel, wenn er Scherz trieb und ihre Fröhlichkeit ſtieg bis zur Luſtigkeit hinauf, während Elfriede ſtolz und ernſt ſeine heitere Stimmung ignorirte und nur dann der Converſation ihre Theilnahme ſchenkte, wenn eine gemäßigte Heiter⸗ keit vorwaltete. So liebenswürdig dieſe junge Dame ſein konnte, ſo ſtellte ſie dennoch ihre geiſtige Ueber⸗ macht gefliſſentlich in Schatten und gefiel ſich in einer Rolle, die ihrem Weſen ganz entgegen war. Ihr Benehmen paßte vortrefflich in den Plan hinein, den Herr Adam zum Beſten ſeiner Tochter ent⸗ worfen hatte und er rieb ſich frohlockend die Hände als er einige Male zu bemerken glaubte, daß des Ba⸗ rons Eifer dieſen ſtolzgeſchloſſenen Lippen ein Wort zu entlocken, wuchs, je abſtoßender ſie ſich zeigte. Er betrachtete ſie ſo ſicher als eine bloße dame d'honneur ſeines Hauſes, daß ihn ein Vergleich mit ſeiner Toch⸗ ter nicht beunruhigte. Fanny's zahlbarer Werth wog in ſeinen Augen bedeutend genug, um alle andern Vor⸗ züge, die nicht in klingender Münze Wſinnben gering anzuſchlagen. Genug, Herr Adam war überzeugt, in kurzer Friſt 29 der Schwiegervater des Herrn von Eſchenrode zu ſein und Madame Adam zeigte ſich nachgerade ſo vertraut mit dieſer Vorausſetzung, daß ſie sans géne von der Ausſtattung ihrer Tochter zu reden begann, die fürſt⸗ lich dotirt werden ſollte. Unter dieſen verſchiedenartigen Gemüthsſtimmun⸗ gen verflogen einige Wochen ohne den jungen Edel⸗ mann zum klaren Bewußtſein ſeiner wahren Gefühle zu bringen. Er glaubte mit nüchternem Verſtande ein Verhältniß anzubahnen, das er zu ſeinem ferneren Fortkommen für nöthig hielt und da er, wenn auch nicht angezogen, ſo doch auch nicht abgeſtoßen von der Eigenthümlichkeit der Adam'ſchen Familie, ſich wohl und behaglich in dem Kreiſe zu fühlen begann, ſo un⸗ terſuchte er nicht, worin es kag, daß er mit Zögern am Abend daraus ſchied und mit Sehnſucht am Mor⸗ gen den Augenblick des Wiederſehens herbeiwünſchte. Es geſchah an einem Tage, daß Fräulein Elfriede beim Frühſtücke im Gartenſalon fehlte und auch beim Mittagsmahle nicht erſchien. Sei es, daß ſie etwas in ſich fühlte, was ſie launenvoll von der gewöhnlichen Familienverſammlung abhielt oder daß ſie wirklich krank war, was ſie vorgegeben hatte, aber die Folge dieſer kleinen unbedeutenden Handlung zeigte ſich durchgrei⸗ fend auf alle Verhältniſſe. Zum erſten Male erkannte 30 Baron Ewald an der peinigenden Unruhe, welche ihn folterte, wer für ihn der Nero der Geſellſchaft in Adams Hauſe war und nach dieſer Erkenntniß über⸗ fiel ihn ein Grauen vor der Verantwortung ſeines Han⸗ delns das von ſeiner Männerehre abhängig gemacht worden war. Mit finſtern Empfindungen, durch die der Schmerz ſich einen hinlänglich vorbereiteten Weg brach, über⸗ ſchaute er die Erlebniſſe der letzten Wochen und fand ſich auf vulkaniſchen Boden, zwei Frauensgeſtalten ge⸗ geuüber, wovon die Eine ihm den Ueberfluß des Le⸗ bens bot, während die Andere— er fühlte es am ſchmerzlich⸗ſüßen Aufflammen ſeines Herzens— das Ieal ſeiner Träume, die Verwirklichung Alles deſſen, was er ſeiner Liebe für würdig hielt, abgab. Er ſtellte beide Frauensgeſtalten zuſammen vor ſeinem Geiſte auf, um den Werth derſelben gegen einander abzuwägen. Noch glaubte er ſich fähig, mit ſtarkem Entſchluſſe ſeine Stellung zu regeln, wenn er nur den Abgrund erſt ermeſſen hatte, an dem er ſorglos gewandelt, deshalb zerlegte er ſich ſeine Gefühle mit der erzwungenen Kälte eines Anatomen. Er gab es kaltblütig, ſo meinte er, ſich ſelbſt zu, daß Elfriede von Harrowitz eine der holdeſten weiblichen Erſcheinungen war, die Gottes Erdboden tragen kann, daß die ſanfte, reine, etwas — 31 ſpröde Jungfräulichkeit ihres Weſens bezaubernd ſei, daß ihre anmuthige Beweglichkeit, von der Groazie tactvoll im Zaum gehalten, etwas Reizendes habe— genug, er gab es ſich ſelbſt zu, daß Elfrieden von Har⸗ rowitz nichts fehle, als das Geld der Adam'ſchen Toch⸗ ter, um ſich zu dem Inbegriff ſeiner heißeſten Wünſche zu erheben. Dagegen ſank nun freilich die Wagſchale, worauf die üppig ſchöne Fanny mit ihrem zuverſichtlichen We⸗ ſen ſtand.„Lilie und Roſe—,“ ſeufzte der arme Freier in einem romantiſchen Aufſchwunge ſeiner Phan⸗ taſie.„Lilie und Roſe! Wird der Reiz der Roſe ein dauerndes Glück für ein Herz ſein können, welches nach der Stille einer geſegneten Häuslichkeit lechzt?“ Nach dieſer Frage, die ſeine Selbſtſchau ſchloß, ver⸗ ſank er in ein melancholiſches Träumen, das von dem leiſen Eintritte der fröhlich in die Zukunft blickenden Dame geſtört wurde, die er ſein Eigenthum nennen konnte, wenn er ſonſt Luſt dazu hatte. Erſchrocken fuhr er empor. Fanny ſah ihn etwas verwundert an und trat ihm raſch näher.„Was fehlt Ihnen?“ fragte ſie leb⸗ haft.„Iſt Elfriede hier geweſen?“ fügte ſie hinzu, den Blick ſuchend umherſendend, ob ſie vielleicht auf den Balkon Platz genommen.„Hat Elfriede böſe Laune? Hat Elfriede Sie beleidigt?“ 32 „Fräulein Elfriede mich beleidigt?“ wiederholte Ewald zerſtreut, aber augenſcheinlich ſehr frappirt. „Ja, ja! Läugnen Sie nicht, Baron! Biswei⸗ len iſt Elfriede garſtig unfreundlich gegen Sie!“ rief Fanny mit der ganzen Unbefangenheit ihres Naturells. „Geſtern Abend zum Beiſpiel— ich habe es wohl be⸗ merkt—“ Der Baron blickte ſie ſcharf an und wendete dann mit Gleichmuth den Blick hinaus in die Ferne. „Geſtern Abend?“ ſprach er dabei gedankenvoll. Er wußte recht gut, was das ſoraloſe Mädchen meinte, aber ſie wußte nach ſeiner Meinung nichts von der Bedeutung der kleinen Scene, die ſich in Folge eines leiſen Wor⸗ tes voll flammender Leidenſchaft zwiſchen Elfriede und ihm entſponnen hatte. Elfriedens ſpöttiſche Oeffent⸗ lichkeit ihrer Beantwortung war allerdings eine herbe Zurückweiſung geweſen. „Ja wohl, geſtern Abend, mein Herr,“ ſchäkerte das Fräulein,„Elfriede benahm ſich rückſichtslos gegen Sie— man ſah, daß es Ihnen weh that— ich werde das ferner nicht dulden!“ ſchloß ſie mit gutmüthigem Trotze. „Sie wollen für mich in die Schranken treten,“ rief Ewald gezwungen lachend.„Was wird Ihre 33 Freundin zu dieſem Heroismus ſagen? Wird ſie ſich nicht wundern?“ Fanny warf ihren Kopf mit ſchmachtender koketter Miene zurück. Sie ſah allerliebſt bei dieſer Pantomine aus.—„O,“ ſprach ſie dabei„Etfriede weiß ja, wes⸗ halb Sie hier ſind!“ „Weshalb ich hier bin—!“ wiederholte der junge Edelmann mit ſo ſchwerfälliger Bedeutſamkeit, daß die junge Dame von Furcht ergriffen und eine gewaltſame Liebeserklärung vorausſehend, pfeilſchnell den Garten⸗ ſalon verließ. Ihr Vater begegnete ihr in der Thür. Ihre Verwirrung, das hohe Roth ihrer Wangen und die Eile ihrer Flucht brachten ihn zu der Meinung, daß hier„etwas vorgefallen“ ſei, wozu er ein„Ja“ und „Amen“ ſagen müſſe. Schmunzelnd, ein väterliches Wohlbehagen in allen Mienen trat er ein und ſchritt eilfertig auf den Baron zu, der ganz andern Gedanken nachhing, als der glückliche Vater vorausſetzte. Die ſichtliche Wirkung der innerlichen Vaterfreude verrieth aber dem jungen Manne, was er zu erwar⸗ ten hatte, wenn er nicht als kluger Feldherr operirte und den Angriff abzuſchlagen ſuchte, deshalb zwang er ſein Geſicht zu dem möglichſt heitern Ausdrucke, als Herr Adam ihm gemüthlich die Hand auf die Schultern 34 legte und kopfnickend hinter der verſchwundenen Fanny her deutete, und rief lachend: „Sie haben eine tapfere Tochter, Herr Adam!“ „Wie ſo?“ fragte der gute Mann, ganz aus der Faſſung gebracht, mit ſo komiſchem Ernſte, daß Ewald Mühe hatte ſeine weitere Erwiederung vor unziemlichem Spotte zu bewahren. „Für dies Mal gerettet!“ murmelte er aber, als er gleich darauf unter einem Vorwande den Salon verließ.„Was ſoll jedoch daraus werden? Die Leute haben das Recht eine Erklärung zu fordern!— El⸗ friede weiß, weshalb ich hier bin? Sie weiß es— 2 Wenn ſie es aber nicht gewußt hätte, würde ſie mir dieſelbe ſtrenge und conſequente Ruhe entgegengetragen haben? Liegen nicht vielleicht Elemente in dieſer jung⸗ fräulichen Bruſt, die ſympathetiſch mit meinem frühern phantaſtiſchen Träumereien ſind?“ Von dieſem Augenblicke an war der Baron auf⸗ geſtört aus ſeiner Seelenruhe und einer peinlichen Aufregung überantwortet. Er ſah ſich in ſeinen eige⸗ nen Netzen gefangen, durch ſein gegebenes Wort ge⸗ bunden und betrachtete fortan die Verhältniſſe mit dem Unbehagen eines eingeſperrten Vogels, dem Futter in Ueberfluß und ein goldener Käfig die Freiheit er⸗ ſetzen ſoll. — — 35 Er war jedoch keineswegs ſo ungerecht, die Schuld von ſich abzuwälzen. Im Gegentheil, er nahm edel⸗ müthig den größten Theil auf ſeine Schultern und trug ſein ſtilles Herzeleid unter den quälendſten Selbſtvor⸗ würfen. Am nächſten Morgen erſt erſchien Elfriede wieder im Salon. Ewald begrüßte ſie ernſter als ſonſt. Er ſtand ſchweigend in einiger Entfernung von ihr und be⸗ trachtete ſie anſcheinend mit kühler Aufmerkſamkeit. Von dieſer ſonderbaren Beobachtung befremdet, hob die jung Dame zuerſt mehrmals das Auge fragend zu ihm auf und veränderte, als dies nichts fruchtete, plötzlich ihren Platz. Es war jedenfalls die richtigſte Manier ihm ihre Indignation über ſein Benehmen auszudrücken und ihre Selbſtbeherrſchung trat dabei in das hellſte Licht. Von den übrigen Anweſenden ntt Niemand die ſtumme Kriegführung dieſer beiden ebenbürtigen Mächte. Madame Adam war ſtets ihren Bemühungen, die liebenswürdige Wirthin zu machen, ſo unbedingt hin⸗ gegeben, daß ſie für nichts Anderes Sinn behielt. Sie wünſchte auf ihre Art auch zu excelliren und ſuchte 36 durch eine affektirt feine und graziöſe Aufmerkſamkeit zur Hebung ihrer häuslichen Gefelligkeit beizutragen. Natürlich vergriff ſie ſich wie alle Frauen, die von einer einfachen Lebensweiſe zu höheren Lebensſtellungen avancirt ſind, dabei leicht in den Mitteln und zer⸗ ſtörte durch allzueifrige Sorge den glücklichen Erfolg. Bis dahin hatte Fräulein Elfriede mit ihrer an⸗ geborenen und anerzogenen Anmuth und Leichtigkeit ſtets das Zuviel in dieſen Bemühungen vermittelt, allein an dieſem verhängnißvollen Morgen war ſie dergeſtalt eingenommen von ihren eigenen Kümmer⸗ niſſen, daß ſie ſich in einen Winkel zurückzog und die Adam'ſchen Prinzipien walten ließ. Mit Schrecken ſah ſich durch dieſe Unthätigkeit der arme Baron in einen förmlichen Belagerungszu⸗ ſtand verſetzt und es ſchien ihm plötzlich darauf abge⸗ ſehen zu ſein, ſeine Phantaſie durch einen Ueberfluß von ſchönen Redensarten, begleitet mit bedeutenden An⸗ preiſungen der vorliegenden Frühſtücksartikel, zu er⸗ wärmen. Jeder feinen Behaglichkeit entkleidet ſtand ihm ein Familienleben vor Augen, das trotz allem E ſeine Schreckniſſe vor ihm entfaltete. War es denn möglich, daß es bis zu dieſem Mn⸗ mente dem Wohllaut einer ſüßen Mädchenſtimme allein 37 gelungen war, den herben Abſtand zu verſchleiern, der zwiſchen ſeinen Gewöhnungen und den Eigenthümlich⸗ keiten dieſer Leute obwaltete oder bewirkte das zuneh⸗ mende Vertrauen die Kundgebungen ihrer Individua⸗ lität? Mit verrätheriſcher Beklommenheit ſtreifte des jungen Barons Blick das Geſicht Elfriedens und das mediſante Lächeln, womit dieſe Dame die entſetzlichen Bemühungen der Madame Adam betrachtete, erklärte ihm genugſam, daß er nur allein blind für die auf⸗ fallenden Verletzungen der hergebrachten geſelligen For⸗ men geweſen war. Eine leidenſchaftliche Empfindlichkeit überwältigte ſein gutes Herz bei dieſer Bemerkung. Elfriedens Be⸗ tragen ſchien ihm als ein ſyſtematiſcher Hohn, der ihre Verachtung gegen ſeine Pläne ausdrücken ſollte. Sie hatte ſich mit Selbſtbewußtſein über die Sitten und Gebräuche der bürgerlichen Großprahlerei empor⸗ geſchwungen und war dadurch zu dem Rechte gelangt, die weltliche Erbärmlichkeit ſeiner Pläne zu verſpotten. Ihre Kritik beruhete auf den Grundſätzen der Moral, welche er mit Sophismen umgangen hatte und dieſe Kritik warf ihn in eine Kategorie mit jenen Schwäch⸗ lingen, die ihre Ehre dem Wuchergeiſte unterordnen. O— er hätte ſein Leben laſſen mögen, um die Scham⸗ 38 röthe zu verwiſchen, die lodernd ſeine Wangen über⸗ flog! Der Baron war ein Meiſter in Ausübung äuße⸗ rer Formen. So gewaltig ſeine innere Aufregung wurde, nicht eine Miene ſeines Geſichtes verrieth die Qualen, die er fühlte und ſein feſter Wille bemeiſterte ſogar nach und nach die Klangloſigkeit ſeiner Stimme, womit er ſeine gewöhnliche Scherze begann. Elfriede mochte nicht ganz ſo gefühllos ſein wie ſie ſich ſtellte. Sie gab ihr Schmollen auf und verſuchte die Pein zu vermindern, die den jungen Edelmann ſichtlich demüthigte. Jetzt aber wurden ihre Bemü⸗ hungen mit ſtolzem Trotze vom Baron zurückgewieſen und er ſchien es ſich zum Geſetze zu machen, die tref⸗ fenden, geiſtreichen Einfälle des jungen Mädchens durch ſeine Gleichmüthigkeit augenblicklich zu entkräftigen. Der Kampf zwiſchen ihnen entbrannte nun ſtill, aber heiß. Beide, vollendete Meiſter in der Kunſt ge⸗ ſellige Verhältniſſe zu beleben, wendeten ihr Talent lediglich dazu an, um die Geißel der Satyre unmerk⸗ lich gegen einander zu erheben und ſie zuweilen mit zermalmender Härte zu ſchwingen. Dabei amüſirte ſich Herr Adam, ſeine ehrenwerthe Gattin verfiel in Betrachtungen über ſolche enorme Klugheit und Fräu⸗ 39 lein Fanny lachte. Wohin zuletzt dieſe täglichen Kämpfe mit ihren Siegen und Niederlagen führen würden, dar⸗ über dachte Niemand nach, am wenigſten die beiden Kämpfer. Fünftes Capitel. Während ſein Freund Ewald auf dem Gute des Herrn Adam beſchriebenermaßen ſein Unweſen trieb, lebte der Artillerielieutenant Briſek ſtill und vergnügt in den Tag hinein. Er hatte vor längerer Zeit ſein Capitänsexamen abſolvirt und endlich nach langem Warten jetzt die Nachricht erhalten, daß er als„beſtan⸗ den“ zu betrachten ſei und bei irgend vorkommenden Avancen berückſichtigt zu werden hoffen könne. Da er nun mit Seelenruhe dieſem glücklichen Zeitpunkte eutgegenſehen konnte, ſo nahm er in den Mußeſtunden, welche ihm der Dienſt übrig ließ, aller⸗ lei Dinge vor, womit ſich ein verſtändiger Artillerie⸗ lieutenant wohl zu beſchäftigen pflegt und dabei dachte er gelegentlich an ſeinen Freund, den er, als glücklichen Argonauten, dem Hafen ſeines Glücks ſo nahe glaubte, ——— 41 daß er nur die Ankertaue auszuwerfen nöthig hätte. Seine Sorge um Ewalds Wohlſein hatte ſich ziemlich gelegt und er betrachtete den Abfall des Freundes von ihren Jugendtheorien nachgerade mit verzeihendem Herzen. Eines Morgens ſaß er im wohlbekannten, ſaubern Stübchen vor ſeinem Reißbrette und entwarf Pläne zu einer Citadelle im neueſten Style, als ſein Burſche mit wichtiger Eilfertigkeit die Thür aufriß und ziemlich laut hinein ſchrie: „Herr Lieutenaut— eine Telegrafentaſche!“ Briſek ſah ſich lachend um.„Dummer Kerl— was?“ fragte er ſorglos. Der arme Burſche rieb ſich die Ohren.„Ja— Herr Lieutenant— hier iſt der Mann, der ſie bringt,“ erwiederte er in kläglicher Verlegenheit. Der Telegrafenbote trat ein und überreichte ein Couvert nebſt dem üblichen Quittungszettel des Tele⸗ grafenbureaus, den Briſek jetzt etwas eilfertiger als vorhin ausfertigte, um nur erſt den Inhalt der Depeſche zu erfahren, da er aus der Station erſah, daß ſie vom Baron Ewald kam. Mit fieberhafter Spannung riß er das Siegel auf und ſeinen Blicken begegneten die beiden Worte: „Komm! Komm!“ mit ſeines Freundes Namen als Fritze. Die Speculation. 4 42 — Unterſchrift. Bedenklich blickte Briſek auf die paar Worte nieder und ſuchte ſie ſich zu erklären.„Komm! Komm!“ murmelte er.—„Wie läßt ſich dieſe lakoni⸗ ſche Kürze interpretiren? Ganz verſchieden! Iſt der Accent der Freude darin, ſo leſen ſie ſich als Jubel eines beglückten Herzens.— Ja, ja! Komm, ſiehe und ſtaune! So kann es heißen— aber eben ſo richtig könnte man es als„Hilfe! Hilfe!“ überſetzen! Verwünſcht, daß dieſe auf dem Telegrafendraht ent⸗ lang gelaufenen Worte auch nicht das Mindeſte von menſchlicher Innerlichkeit verrathen. Hätte Ewald ſie geſchrieben, ſo wollte ich aus den Grundzügen er⸗ kennen, was er dabei gefühlt hat, ſo aber ſtehen ſie kalt, fremd, ſtabil verzeichnet da, ohne Hauch und ohne Leben. Es bleibt mir nichts weiter übrig, als hurtig Urlaub zu ſuchen und noch heute den Weg zurückzu⸗ fahren, denn dieſe Worte hergeflogen ſind.“ Er kleidete ſich an zur Viſitte bei ſeinem Vorge⸗ ſetzten, gab ſeinem Johann die nöthigen Anweiſungen für ſeine Reiſeeffecten und verließ das Zimmer mit einer Eile, die hinlänglich Zeugniß ſeiner innern Un⸗ ruhe war. Unter dem Vorgeben wichtiger Familienereigniſſe erbat er ſich Urlaub auf zwei Tage und bevor die Som⸗ merſonne ihre Strahlen am nordweſtlichen Horizonte 43 von der Erde abzog, ſtand er auf dem Perron der Sta⸗ tion Bohrendorf und ſah das hübſche weiße Gutshaus im Sonnengolde vor ſich liegen. Gleich darauf eilte ein Heer auf ihn zu und faßte herzlich ſeine Rechte. Es war Eſchenrode. „Guten Abend, Richard!“ flüſterte der Baron, während Briſek ihn unverwandt anſtarrte.„Gottlob, daß Du da biſt!“ „Menſchenkind,“ brach dieſer los,„Menſchenkind, was iſt los mit Dir? Was fehlt Dir? Biſt Du krank, Ewald?“ Der Baron lächelte ſchwach.„O, nein! Komm, laß uns hinaufgehen— dort ſind wir ungeſtört.“ Er ſchritt ſtürmiſch voraus, der Lieutenant folgte ihm kopf⸗ ſchüttelnd nach. Es war unbeſtreitbar gewiß, daß Ewald von Eſchenrode ungeheuer verändert ausſah, daß entweder ein Körper⸗ oder ein Seelenleiden die Spuren der Zerſtörung auf ſein ſonſt ſo ſchönes Ge⸗ ſicht geprägt und die edle Harmonie ſeines Weſens unterjocht hatte. Ein garſtiger ironiſcher Zug entſtellte ſein Mienenſpiel und die Augen, ſonſt ſo treu und gut, flackerten in einem unſteten Feuer. Dazu deckte ein fahles Bleich ſeine Wangen und die Stirn wie Wol⸗ ken tiefen Verdruſſes auf. 4 6 44 Kaum hatten die Freunde Platz genommen, ſo begann Briſek in theilnehmendem Tone: „Nun beichte mir was vorgefallen iſt, mein Py⸗ lades!“ „Vorgefallen iſt gar nichts,“ entgegnete Ewald dumpf und blickte zerſtreut vor ſich hin. „Hat der Papa, als Actienmajeſtät, Bedingungen geſtellt, die Dir nicht zuſagen?“ forſchte Briſek weiter, als er vergeblich auf eine vollſtändige Beichte gewartet hatte und wohl einſah, daß er nichts erfahren werde, wenn er nicht ſchärfer zu inquiriren beginne. „O— nein!“ antwortete Ewald gedehnt und ſtrich verlegen ſeinen Bart glatt. „Oder haſt Du vergebens um Liebe geworben?“ Ewald hob ſeinen Kopf und erröthete ſtark.„Wenn ich darüber im Klaren wäre!“ ſprach er halblaut. „So frage doch darnach!“ rief Briſek ungeduldig. „Sie würde mir hohnvoll antworten,“ erklärte der junge Edelmann dumpfen Tones. „Aha— ſie iſt capriciös!“ meinte Briſek. „Schlimm, aber immerhin intereſſanter als dumm und gefügig. Ich begreife nur nicht, wie ein geweſener Hu⸗ ſarenlieutenant ſo deſperat feige ſein kann, ſich vor einem Bischen Hohn auf Mädchenlippen zu fürchten und dar⸗ 45 über ein zweiter Werther mit ſeinen Leiden zu werden. Du haſt ja Rechte— fuße doch darauf!“ Ewald ſah ihn mit gedankenleeren Blicken an⸗ „Ich denke, Fräulein Fanny hat gewußt, was Ihr zuſammen verabredet hattet?“ fuhr Briſek hartnäckig weiter forſchend fort. „Fräulein Fanny?— Fräulein Fanny?— Ja Fräulein Fanny!“ erwiederte nun Ewald wieder mit jenem leiſen Lächeln, das ein unſägliches Mitleid in Briſeks Herzen aufwühlte. „Ar—h ſo! ſprach Briſek begreifend.„Es iſt noch Jemand Anderer liebenswerth auf Burg Bohrendorf,“ ſpöttelte er gutmuthig.„ Nun und wer iſt das?“ Ewald ſchüttelte traurig den Kopf.„Laß das— mir iſt der Schmerz näher als der Scherz und daß ich denſelben eigentlich verdient habe, daß ich mit verächt⸗ lichem Leichtſinne auf einen Weg gerathen bin, der in Labyrinthe führt, das beugt mich.“ „Wenn ich erſt weiß, wie die Sachen ſtehen, ſo will ich Dir ſagen, ob Dir zu helfen iſt!“ erklärte Briſek teuherzig.„Iſt die„Andere“ eine Verwandte des Hau⸗ ſes?7“ inquirirte er wieder, um endlich hinter das Sach⸗ verhältniß zu kommen. „Nein— ſie iſt aus dem Hauſe Harrowitz—“ beichtete Ewald kleinlaut. 46 „So—,“ entgegnete Brieſek zufriedengeſtellt. „Alſo von Adel? Und Du liebſt ſie?“ Eſchenrode ſah ihn an ohne zu antworten. Briſek wußte genug, denn er kannte den Ausdruck in ſeines Freundes Augen. Freilich überſtieg die Gluth derſelben für dies Mal Alles, was er bis dahin darin geleſen hatte, allein das beunruhigte ihn eigentlich nicht, da er über⸗ zeugt war, daß ſeine Geliebte damit nicht unzufrieden ſein werde. „Fräulein von Harrowitz iſt aber arm?“ fragte er. Eſchenrode fuhr empor.„O— wenn es nur das wäre!“ rief er leidenſchaftlich.„Ich würde arbeiten gleich einem Tagelöhner, um die Mittel zu erwerben, ſie ohne Sorge mein zu nennen.“ Briſek rieb, innerlich über die Wiederkehr zu ſei⸗ nen frühern Principien frohlockend, die Hände. „Mein Himmel, Menſchenkind, was ſollte Dich abhalten von einer Verbindung mit ihr, wenn Du in dieſem Stücke reſignirſt? Was iſt's denn?“ „Sie verachtet mich!“ „Verachtet— Dich!— Dich verrachten? Unmög⸗ lich! Weshalb?“ „Weil ſie weiß, weshalb ich in Bohrendorf bin!“ „Nun— ſo gehe doch ſchleunigſt fort von Boh⸗ rendorf!“ rief Brieſek eifrig und heiter. 47 „Nachdem ich vier volle Wochen die Täuſchung unterhalten habe, Fanny's wegen dort zu ſein „Verwünſcht—! Warum bliebſt Du aber? Du konnteſt ja laut der Verabredung ungefährdet abziehen „Das iſt's, was mich elend macht! Ich verſtand weder mein Gefühl, noch ſah ich die Gefahr, worein ich ſtürzte— blindlings voll unverſtandener Leiden⸗ ſchaft ſtürzte.“ „Was ſagen die Majeſtäten auf Bohrendorf zu der Geſchichte?“ „Was dieſe ſagen? Sie wiſſen nichts davon, ahnen in ihrer Einfalt nichts davon und erwarten mit jedem Augenblick meine Erklärung, um dann ein ſolennes Ver⸗ lobungsfeſt loszulaſſen,“ entgegnete Eſchenrode mit gro⸗ ßer Bitterkeit. Briſek ſah ihn tadelnd an.„Die Familie Adam iſt alſo wenig beachtungswerth?“ fragte er vorwurfsvoll. „O— Gott behüte mich, daß ich dergleichen Ur⸗ theile gäbe!“ rief Ewald haſtig.„Sie haben ſich ſehr gütig und liebreich gegen mich benommen und Fanny iſt ſchön, gut und freundlich genug, um ſie liebenswerth, auch ohne ſechzigtauſend Thaler baare Mitgift, zu fin⸗ den, allein mein innerliches Leiden verbittert mich gegen ſie.“ 48 „Wie ſteht Fräulein von Harrowitz zu der Fami⸗ lie?“ „Ste iſt eine Freundin Fanny's und ein hochge⸗ achteter Gaſt im Hauſe.“ „Fräulein von Harrowitz iſt ſchöner als Fanny?“ „Für mich— ja, tauſendmal— ja!“ rief Eſchen⸗ rode enthuſiaſtiſch.„Sie iſt das vollſtändige Abbild des Ideals, das ich Dir ſo oft malte! Mein ganzes Herz gehörte ihr beim erſten Anblicke, wo ich ſie in meiner ſtürmiſchen Herzensfreude für Fanny Adam hielt—.“ „Sie iſt ſtolz, dieſe Elfriede?“ „Sehr ſtolz, ſehr zartfühlend, ſehr rein und jung⸗ fräulich? Die leiſen Verräthereien meines wild ent⸗ flammten Gefühles wies ſie mit der Ruhe einer Veſta zurück.“ „Natürlich, ganz natürlich, mein Pylades,“ ſpot⸗ tete Briſek gemüthlich,„denn ſie mußte glauben, Du wolleſt ſie lieben und Fräulein Fanny heirathen.“ „So wird es auch werden müſſen,“ entgegnete Ewald mit trübem Ernſt. „Soll das heißen, daß Du eine Heirath mit Fanny ſchließen willſt, wenn Fräulein Harrowitz Dich nicht liebt, oder willſt Du auf alle Fälle zur Verlobung mit Fannh ſchreiten?“ Eſchenrode ſtützte ſeine Stirn in die Hand ohne zu 49 antworten. Brieſek wartete ganz gelaſſen auf eine Ant⸗ wort und wiederholte nach einer Pauſe dieſelbe Frage. „Richard— ich will Dir geſtehen, welch' ein kna⸗ benhaftes Vertrauen ich auf Deine Frenndſchaft geſetzt habe,“ ſprach der junge Edelmann nun ganz gefaßt.„Du biſt von mir zu Hilſe gerufen, um mich zu retten!“ „So— ſo— alſo irrte ich mich nicht, als ich aus dem„Komm! Komm!„Hilfe! Hilfe“— herausinter⸗ pretirte,“ warf Briſek ſcherzend ein.„Weiter, mein Py⸗ lades!“ „Ich werde mich ermannen, wenn es auch einige Jahre Lebensruhe koſten wird, und werde das Bild El⸗ frieden's im Heiligthume meines Herzens ſtill gebannt tragen, aber ich werde mit dieſem heiligen Gefühle nie⸗ mals um Fanny werben!“ „Recht ſo! Recht ſo! Weiter!“ „Daß ich jedoch meine Ehre gern makellos aus dieſem Wirrwar erretten möchte, wirſt Du natürlich fin⸗ den. Willſt Du die Löſung des Verhältniſſes überneh⸗ men?“ „Ja! Ja! Ja! Weiter!“ „Willſt Du aber auch Elfrieden veranlaſſen, daß ſie ihre harte Verurtheilung zurücknimmt, daß ſie ſcho⸗ nend die Motive meines Entſchluſſes erwägt und willſt 50 Du dafür ſorgen, daß der Schein gemeiner Habſucht von meiner Handlung entfernt wird?“ Briſek zögerte mit der Antwort. Endlich ſagte er: „Ewald, ich muß Fräulein von Harrowitz erſt ken⸗ nen lernen, ehe ich dieſen Theil Deiner Miſſion auf mich nehme. Dem kalten ahnenſtolzen Mädchen nahe ich mich nicht—, finde ich ein menſchliches Irren bei ihr, ſo will ich Deinen Wunſch erfüllen, obwohl ich es ihr kaum ver⸗ zeihen kann, daß ſie Dich„verachtet“—“ „Sei ruhig, Richard,“ unterbrach Ewald ihn. „Ich verdiene die Verachtung eines edlen Mädchen⸗ herzens!“ „Du biſt und bleibſt der Phantaſt des neunzehn⸗ ten Jahrhunderts,“ lachte Briſek ganz erheitert.„So geht es aber, wenn ſich die Phantaſie mit Geldſäcken verehlichen will!— Mir hat es doch beinahe geahnt, daß Deine Heirathsprojecte mit ſchmählicher Niederlage enden würden. Friſch den Kopf gehoben, Bruſt heraus und das Herz in die rechte Stellung gebracht!— Wir wollen aufbrechen nach Bohrendorf!— Man erwartet mich doch?“ „Ich habe geäußert, daß Du vielleicht einen Ab⸗ ſtecher von wenigen Stunden hierher wachen würdeſt und man hat mir die herzlichſten Einladungen für Dich aufgetragen. Wie lange kannſt Du bleiben?“ 51 „Zwei Tage und anderthalb Nächte!“ verkündete Briſek mit lachendem Pathos.„Lange genug alſo, alle Vorurtheile umzuſtoßen. Zuerſt werde ich jedoch mein Geſchütz auf die Verachtung des gnädigen Fräulein von Harrowitz richten und dann die kleine Adamitin à faire nehmen!“ Er legte ſeine Hand auf Ewalds Arm und ſchritt ſehr muthig auf den Park des Bohrendorf'ſchen Herren⸗ hauſes zu. Sechſtes Capitel. Auf dem Balkon des Hauſes ſaßen die beiden jungen Damen, einig, freundlich und liebevoll gegen⸗ einander wie immer, Fanny in unverändert guter Laune, ſtets bereit zum Lachen und ſelig im Nichtsthun, El⸗ friede hingegen fleißig mit einer Stickerei beſchäftigt und viel bleicher und ernſthafter, als es ſich für ihre Jahre ziemte. Die Luft von Bohrendorf ſchien ihr durch⸗ aus nicht gut zu bekommen und es that ihrer Schön⸗ heit ganz bedeutenden Abbruch, daß ihr Auge matt uud ihre Wange ſchmal wurde. Sie ſah krank aus, allein da ſie nicht klagte, ſo dachte Niemand daran ſie um ihren Geſundheitszuſtand zu befragen. Und das Wort auf ihren Lippen bewies auch nichts weniger als Leiden und Kummer. Stets bereit zu jenen treffenden Einfällen und Vergleichungen, die einen geſunden und —— 53 kräftigen Geiſt verrathen und die aus ernſtem Munde um ſo komiſcher klingen, war ſie nach wie vor das be⸗ lebende Princip des kleinen Kreiſes im Adam'ſchen Hauſe, der ſich bei der allbekannten Gaſtfreundſchaft des Hausherrn faſt täglich erneuerte. Die Neugier lockte die Nachbarn der ganzen Ge⸗ gend her, als ſich die Nachricht verbreitete, daß Baron Ewald von Eſchenrode als erklärter Freier auf Bohren⸗ dorf verweile. Fräulein Fanny bildete die Blume als Zierde dieſer Verſammlungen, Fräulein Elfriede den Stern, der Al⸗ les zu einem gewiſſen geiſtigen Gewichte erhob, was im Hauſe geſchah. Herr Adam hatte außerordentlich viel Menſchenkenntniß verrathen, indem er dies junge, rei⸗ zende und begabte Mädchen für fähig erklärte, ſeinem Familienzirkel ein Relief zu geben und er that ſich, für den Augenblick wenigſtens, viel auf den Einfall zu Gute. Seine Ungeduld die Verlobung Fannys erklären zu können ſtieg mit jedem Tage. Er bemerkte ſehr wohl, daß er bei ſeinen adeligen Nachbarn im Preiſe ſtieg, als man den Sprößling der ſtolzeſten Familie des Landes zu den Füßen der reichen Bürgerstochter ſah und er begriff ſehr wohl, daß eine allzulange Verzöge⸗ rung des allgemein erwarteten Ereigniſſes ihn in ein 54 ſchiefes Licht ſetzen würde. Allein direct veranlaſſen konnte und durfte er keine Erklärung. Aus dieſem Grunde war ihm daher die Nachricht von einem mög⸗ lichen Beſuche des Lieutenant Briſek, des vertraute⸗ ſten Freundes des Barons, ſehr angenehm. Der Mann kam ihm gelegen. Gegen ihn konnte er ein Wörtchen fallen laſſen und eventualiter von ihm auch ein Wörtchen erfahren. Ganz ſeinen Wünſchen angemeſſen blieben die beiden jungen Damen auf dem Balkon ſitzen, als der Thee getrunken war und er gewann dadurch Gelegen⸗ heit ſich auf den Weg zu begeben, den die beiden Freunde vom Bahnhofe einſchlagen mußten. Er wollte ihnen begegnen und durch ſchlaues Frageſtellen einen An⸗ knüpfungpunkt für ſeine Angelegenheiten herbeiführen. Sein Plan ſcheiterte an dem Einfalle des Barons, auf einem ſchmalen Feldwege den Park des Gutes zu gewinnen und von dort aus das Herrenhaus zu betreten. Als Herr Adam auf dem gewöhnlichen Wege dem Bahnhofe zuſteuerte, hatte er das Vergnügen mehrere Equipagen auf ſich zukommen zu ſehen und es währte gar nicht lange, ſo ſah er ſich von einer zahlreichen Ge⸗ ſellſchaft fröhlicher Menſchen umzingelt, die der Familie Adam auf Bohrendorf einen Abendbeſuch zugedacht 55 hatten. Es blieb ihm nichts weiter übrig als fröhlich mit den Lachenden umzukehren und ſeine Pläne aufs Geradewohl zu verſchieben. Während er dieß Abenteuer beſtanden hatte, wa⸗ ren die beiden Freunde von der Rückſeite in ſein Be⸗ ſitzthum einpaſſirt und der ſonſt ſo muthige Artillerie⸗ offizier hatte mit einigem Herzklopfen der erſten Vor⸗ ſtellung zweier Damen, die ſo bedeutenden Einfluß auf die Herzensbewegungen ſeines Freundes ausgeübt, ent⸗ gegengeſehen. Die Sache war weit beſſer vor ſich gegangen als er gedacht. Mit courageuſem Geſichte war er„eingerückt,“ hatte„Breſche geſchoſſen“ und ſaß ſchon„bombenfeſt“ in der Gunſt beider Mädchen ganz ſeelenvergnügt zwi⸗ ſchen ihnen, als Papa Adam in Begleitung ſeiner Gäſte eintraf und mit großen Augen die Herren begrüßte, die ſeiner Berechnung entgangen waren. Madame Adam zeigte ſich an dieſem Abende in ihrer ganzen Glorie. Die großartige Gaſtlichkeit des Actienkönigs breitete ſich wahrhaft mäjeſtätiſch aus. Wie durch Zauber war urplötzlich eine brillante Geſellſchaft zuſammen. Es ſchienen aber auch Feenhände bereit zu ſein dieſem improviſirten Feſten Glanz zu verleihen und üppige Genüſſe zu bereiten. 56 Dem bürgerlich einfach erzogenen Briſek impo⸗ nirte dieſer fürſtliche Luxus und es erfüllte ihn einiger⸗ maßen mit Achtung, daß ſein Freund nicht davon ver⸗ blendet worden war. Was dem Baron ein geringſchät⸗ zendes Lächeln abzwang, das erfüllte ihn mit Ehrfurcht. Er ſah ſich unter den Triumphbögen des ſelbſterworbe⸗ nen Ueberfluſſes mit andern Empfindungen um, als der hochgeborene Freund, den die Schwäche des Millionärs für das, was er nicht ſelbſt erwerben konnte, auf einen Standpunct brachte, wo die Götzendienerei anhebt. Das improviſirte Feſt ſchloß mit einem improvi⸗ ſirten Balle, der dem Lieutenant Briſek volle Gelegen⸗ heit verſchaffte, ſowohl das Naturell Fannys, als das Temperament Elfriedens zu prüfen. „Schade, mein Pylades,“ ſagte er ſpät in der Nacht, als die Gäſte endlich aufgebrochen waren, der Tumult ſich gelegt hatte und Beide etwas matt und müde nach ihrem Zimmer wanderten,„Schade, daß Fräulein Fanny nicht etwas ſtolzer und Fräulein El⸗ friede nicht etwas weicher und demüthiger iſt.“ „Du haſt Beweiſe ihres harten Sinnes?“ fragte der Baron, ohne das Urtheil über Fräulein Adam nur im Geringſten zu beachten. „Beweiſe? Nein. Aber Vermuthungen! Sie hörte mit eiſerner Ruhe an, was ich von Dir erzählte. Was 57 ſie dabei gedacht hat, konnte man nicht erkennen— da⸗ gegen habe ich die gegründete Hoffnung, daß ſich Fanny nicht um Dich todt grämen wird. Jetzt bin ich gehörig präparirt und kann morgen meine diplomatiſchen Ta⸗ lente ſpielen laſſen.“ „Auch ich habe vorgearbeitet und eine kleine Reiſe mit Dir in Ausſicht geſtellt,“ entgegnete der Baron. „Meine Rückkehr hierher machte ich freilich davon ab⸗ hängig, daß ſich Herr Adam vernünftig beträgt. Will er ſich blamiren, ſo mag er mich nur zwingen, die Ver⸗ bindung mit ihm jähe abzubrechen. Was er an glänzen⸗ den Erſcheinungen heute um ſich verſammelt geſehen hat, was überhaupt an Adel hier in der Umgegend lebt, das Alles muß er in mir ſchonen, ſonſt verdirbt er ſeine Stellung. Ich werde ihn ehrlich und offen auf die Frei⸗ maurerei des Adels, die ſich durch die verſchiedenen Ver⸗ zweigungen und Verheirathungen bildet, aufmerkſam machen, werde ihn belehren über die wenig tröſtlichen Ausſichten auf ſpätere günſtige Erfolge, wenn er Luſt bezeigen ſollte, ſich bei der Löſung unſer gegenſeitigen Verbindlichkeiten brüsk zurückzuziehen und werde mein Unrecht eingeſtehen, natürlich ohne Zugeſtändniſſe der obwaltenden Gründe.“ „Du haſt ſchon früherhin Geldgeſchäfte mit Herrn Adam entrirt?“ fragte Briſek dazwiſchen. Fritze. Die Speculation. 58 „Ja! Ich habe von ihm das Verſprechen eines bedeutenden Darlehens. Will er es annulliren, ſo muß ich es mir gefallen laſſen.“ „Das wird er gewiß thun!“ „Gut— ich füge mich gern in dieſe verdiente Strafe. Ich deprecire, arbeite nach menſchlichen Kräf⸗ ten und harre auf einen Tag, der mich für meine Be⸗ ſtrebungen belohnen kann.“ „Alſo— morgen früh recognosciren wir, allarmi⸗ ren durch einiges Pelotonfeuer die ſichern Wachtpoſten und beginnen dann heroiſch eine förmliche Attake! Gute Nacht, mein Pylades! Er ſchüttelte ſeinem Freunde die Hand und wollte in's Nebenzimmer ſchlüp⸗ fen, wo er ſchlafen ſollte. Plötzlich wendete er ſich nochmals um. „Apropos— was haſt Du in Hinſicht auf Fräu⸗ lein von Harrowitz beſchloſſen, Ewald?“ „Gar nichts!“ erwiederte Eſchenrode ſehr be⸗ ſtimmt. „Willſt Du Dich gegen ſie erklären? Vielleicht insgeheim ein Band der Verlobung—“ Eſchenrode wehrte die Vollendung dieſer Frage durch eine ſprechende Geberde ab. „Nein, Richard— nein! Was zwiſchen ihr und mir liegt, muß ich in den Schooß der Zeit legen. Wende 59 nur ihre Verachtung von mir ab— ſonſt wünſche ich nichts!“ Die Thür ſchloß ſich hinter dem Artillerielieute⸗ nant. Ob er in Ausſicht auf ſeine kriegeriſchen Tha⸗ ten in einem Terrain, das ihm völlig fremd war, nicht ebenſo unruhig geſchlafen hat wie ſein Freund, das kön⸗ nen wir nicht verrathen. 5* Siebentes Capitel. Der nächſte Morgen brach trübe herein. Die Sonne verbarg ſich hinter dichten Wolkenſchleiern, die Luft war drückend ſchwül und lag regungslos und blei⸗ ſchwer auf der Flur. Dieſelbe Schwüle und Trübſeligkeit zeigte ſich in den Geſichtern einiger Menſchenkinder, als der Früh⸗ ſtückstiſch ſervirt ſtand und die Bewohner des Herren⸗ hauſes ſich um denſelben verſammelten. War es nur die Einwirkung der Atmosphäre, die Fräulein Elfriede ſo eigenthümlich ſanft und traurig machte? War es das matte Tageslicht, welches Ewald von Eſchenrode ſo todesbleich erſcheinen ließ? War es die drückende Luft, welche dem tapfern Lieutenant bisweilen alle Con⸗ tenance raubte, wenn er ſich im Brennpunkte von El⸗ frieden's fragenden Blicken ſah? 61 Banale Phraſen erſetzten an dieſem ſchwülen, dunklen Sommermorgen das ſonſt ſo geiſtreiche Kreuz⸗ feuer, womit Ewald und Elfriede auf Koſten ihres eigenen Herzens die Geſellſchaft amüſirt hatten. Das Frühſtück ging unter wenig poetiſchem Eifer mit Eſſen und Trinken vorüber. Herr Adam wurde von einem Geſchäfte gleich nach demſelben in Anſpruch genommen und Madame verfügte ſich ächzend vor Hitze nach ihrem Boudoir. Eſchenrode, von einem bedeutſamen Blicke ſeines Freundes belehrt, zog ſich auf einige Minuten zurück und überließ den beiden jungen Damen die Unter⸗ haltung des kriegeriſch geſinnten Briſek, der in einer Stimmung, die an Verzweiflung grenzte, fürchterliche Pläne entwarf. Fräulein Fanny geſtand in liebenswürdiger Nai⸗ vetät„ſehr langweilig zu ſein“ und nahm die mög⸗ lichſt bequemſte Stellung in ihrem Seſſel ein, den ſie übermüthig hin⸗ und herrollte„um nur einen Luftzug hervorzubringen.“ „Wir bekommen Gewitter, Herr Lieutenant,—“ rief ſie ſchäckernd,„auf Ehre, wir müſſen Gewitter be⸗ kowmen, um nicht vor Hitze zu erſticken!“ „Das Gewitter wird nicht ausbleiben, Fräulein 62 Fanny,“ entgegnete Briſek,„ja— mir däucht, es iſt ſchon im Anzuge—“ Fanny lachte.„Wo denn? Ich ſehe nichts blitzen und höre nichts donnern!“ Briſek ſeufzte komiſch, worüber Fanny herzhaft lachte, Elfriede jedoch betroffen wurde und ihn mit einem ſchnellen Seitenblicke fixirte. „Sehen Sie in mir den Donnergott, mein Fräu⸗ lein!“ fuhr er fort.„Ich trage vielleicht dieſelben ver⸗ heerenden und ſegensreichen Elemente in mir, wie ein rechtſchaffenes Gewitter.“ Fräulein Elfriede ſenkte ihren Blick auf ihre Stickerei und erhob ihn im Laufe des ganzen nun fol⸗ genden Geſpräches nicht wieder. „Donnern Sie los, Herr Zeus!“ ſcherzte Fanny. „Sie fürchten ſich nicht, mein Fräulein?“ fragte Briſek. „Furcht kenne ich nicht,„auf Ehre“— ich habe mich noch nie furchtſam gezeigt! Donnern Sie nur immerhin tüchtig, Herr Lieutenant!“ „Nein, mein Fräulein— ich will Blitze ſenden— helle, grelle, leuchtende, vernichtende, verzehrende Blitze — das Donnern überlaſſe ich Ihnen. Was meinen Sie zu der blitzenden Erklärung,„daß mein Freund Ewald von Eſchenrode Sie trotz ihrer Schönheit nicht 63 liebt!“ Der Ausfall war gewagt— er ſchlug ein wie eine Bombe. Fräulein von Harrowitz neigte ſich tiefer auf ihre Arbeit, Fanny hingegen hob ſich zu einer ſehr krampfhaften Haltung empor. Zuerſt zeichnete der Schreck ſeine dunkeln, entſtellenden Schatten auf ihr blühendes Geſicht, dann aber zog die Gluth des zorni⸗ gen Eifers darüber. „Hat Herr von Eſchenrode Ihnen aufgetragen, mir dies zu ſagen?“ fragte ſie ſehr heftig. „Ja,—“ antwortete Briſek ruhig, aber die Bläſſe ſeines Geſichtes verrieth, wie tief er die Beleidigung fühlte, die er ſich gegen das arme hübſche Mädchen er⸗ laubte. „Warum bleibt der Herr bei uns, wenn er ſo fühlt?“ fuhr Fanny mit ſteigendem Aerger fort. „Mein Fräulein— das verdient allerdings Ihren Tadel!“ entgegnete Briſek unter dem Zwange des er⸗ heuchelten Gleichmuthes. „Warum ſetzte mich dieſer Mann dem Gerede der Leute aus?“ „Mein Fräulein, auch dies verdient Tadel! Allein ich glaube zu ſeiner Rechtfertigung ſagen zu können, daß er erſt durch eine herbe Selbſtprüfung zur Erkennt⸗ niß ſeiner Gefühle gekommen iſt.“ Fräulein Fanny warf ärgerlich den Kopf auf. 64 „Eine alberne Ausrede— eine unſinnige Ent⸗ ſchuldigung— Ein Mann muß wiſſen was er thut.“ „Mein Fräulein, Sie haben Recht! Allein ein Mann weiß oft nicht was er fühlt!“ wendete Bri⸗ ſek ein. „Ein unzeitiger Scherz, Herr Lieutenant!“ „Mein Fräulein— bitterer Ernſt! Hunderte von Menſchen verderben ſich das Glück ihres Lebens dadurch, daß ſie nicht wiſſen was Sie fühlen. Fxempli causa— mein Fräulein, wiſſen Sie denn wohl ganz genau in dieſem Augenblicke, ob Sie Herrn Ewald von Eſchenrode lieben oder haſſen?“ Fräulein Fannh ſchauete den dreiſten Frager eine kurze Weile frappirt und mit düſtern Mienen an. Dann ſtahl ſich ein Lächeln durch das Gewölk ihres Mienenſpieles. „Sie haben Recht,—“ erklärte ſie offenherzig und mit einem ſo ſchönen, zutraulichen Blicke, daß dem ta⸗ pfern Lieutenant ganz warm ums Herz wurde.„Ich weiß wirklich nicht, was für Gefühle ich hege— es iſt eine einfältige Geſchichte, die mich fürchterlich ver⸗ drießt!“ „Nur verdrießt? Nicht ſchmerzt, mein Fräulein? Damit haben Sie ſchon hinlänglich verrathen, daß Sie 65 meinen Freund keineswegs lieben!“ verſetzte Briſek bedeutungsvoll. Fräulein Fanny flammte merkwürdiger Weiſe von Neuem zornig auf: „Handeln Sie im Auftrage Ihres Freundes, in⸗ dem Sie mich über meine eigenen Gefühle aufzuklären ſuchen?“ fuhr ſie ihn voller Entrüſtung an.„Herr Ewald von Eſchenrode beweiſt wenig Muth—“ „Erlauben Sie mir, daß ich Ihre Beſchuldigung unterbreche,“ ſprach Briſek, ſich von ſeinem Sitze er⸗ hebend.„Herr Ewald von Eſchenrode hat Muth zu Allem, was gut, edel und groß iſt. Aber er hatte nicht den Muth, Sie, mein Fräulein, beleidigend zu verlaſſen, indem er ohne Erklärung aus Ihrem elterlichen Hauſe ſchied, was ihm jedenfalls frei ſtand, da er ſich nicht durch ein einziges Wort gebunden hatte. Er hat Ihre Eltern, er hat Sie ſeiner Achtung und Verehrung wür⸗ dig befunden und wünſcht keineswegs in eine feindſelige Stellung zu Ihnen zu treten, was geſchehen ſein würde, wenn er rückſichtslos die angeknüpften Verhältniſſe zer⸗ riſſen hätte. Ewald von Eſchenrode und ich ſind Freunde im ſchönſten Sinne des Wortes— wir ſind Brüder durch unſere unbedingte Hingebung, und er trug kein Bedenken mir ſein Inneres aufzuſchließen, als ich geſtern ankam. Ich beſchloß ſogleich, daß es meine Aufgabe ſein 66 ſollte, die Verbindungen hier ſo zu löſen, daß es ohne Blut und Leichen abginge. Mein Fräulein— meine ganze diplomatiſche Befähigung liegt in einer erſtaunens⸗ werthen Hinneigung zur Offenherzigkeit— ich pflege den Knoten zu durchhauen, der langſam und ſchwierig zu löſen iſt. Ich muß mich Ihrem Tadel unterwerfen, wenn Sie finden, daß ich plump eine zarte Angelegen⸗ heit zur Sprache gebracht habe, allein ich hielt Offen⸗ herzigkeit ohne Einſchränkung hier für zweckmäßig— ich halte noch jetzt die Behandlung eines verwirrt ge⸗ wordenen Verhältniſſes ſo für zweckmäßig, und werde bis an mein Lebensende die Löſung drückender Bande durch Freimuth für zweckmäßig hakten. Ich habe bei dieſer Unterhaltung mein Ziel ſcharf in's Auge gefaßt und tapfer losgefeuert, als ich in Ihnen ein kerngeſun⸗ des, deutſchgeſinntes Mädchen, und nicht eine rache⸗ ſprühende und rachebegierige italieniſche Natur erkannte. Mein Fräulein, ich weiß, daß ich jetzt hier überflüſſig ſein werde, deßhalb beurlaube ich mich auf einige Stun⸗ den. Werfen Sie Ihren Zorn auf mich, der ihn verdient,“ aber nicht auf meinen Freund, der von dieſer Unter⸗ redung nichts ahnet.“ Er nahm die Hand Fanny's und führte ſie an ſeine Lippen, wo er ſie weit länger feſthielt als eigentlich die Convenienz geſtattete, und der Ausdruck ſeines Auges 67 würde das junge Mädchen belehrt haben, daß er weit bewegter war, als er zu zeigen für gut fand, allein Fanny hob ihren geſenkten Blick nicht, und er mußte endlich Anſtalt treffen zu verſchwinden, weil kein Wider⸗ ſpruch gegen ſeine Behauptung erhoben wurde,„daß er jetzt überflüſſig ſein werde.“ Erſchritt eilfertig hinaus, entfernte ſich jedoch nicht eben ſo eilfertig von der Eingangsthüre, die durch eine Portière verdeckt wurde, um nicht die nun ſich entwickelnde Scene noch theilweiſe erlauſchen zu können. Kaum hatte Briſek den Gartenſalon verlaſſen, ſo ſprang Fannh heftig auf und rief: „Ich muß zu meinem Papa—! Er muß dieſen Skandal beendigen, der ſeine Tochter in ſeinem eigenen Hauſe bloßſtellt!“ Elfriede erhob ſich eben ſo raſch wie ſie, und faßte ſie zitternd in ihre Arme. „Ruhig, Fanny! Was willſt Du beginnen?“ ſprach ſie athemlos vor innerer Beklemmung. „Mein Vater ſoll mit Eſchenroden ſprechen!“ eiferte das junge Mädchen. „Das heißt„mit ihm brechen,“ meine Fanny, und Dich dadurch mit Eſchenrode zugleich brandmarken,“ fiel Elfriede ein.„Nimm Dich zuſammen— laß Dich nicht von Deiner ganz natürlichen Empfindlichkeit hin⸗ 68 reißen zu Schritten, die durch nichts wieder verlöſcht werden können. Laß Deine Seele erſt wieder urtheils⸗ fähig werden, bevor Du ein Wort über Deine Lippen bringſt, das, wie eine Schneeflocke, die bergab rollt, zur Alles überſchüttenden Lawine wird.“ Ihre Stimme erſtarb in einem krampfhaften Auf⸗ ſchluchzen. Fanny wendete ſich zu ihr. „Du weinſt, Elfriede— Du weinſt?“ ſagte ſie weich, und küßte der Freundin bebende Lippen.„Du weinſt um mich? O ſei ruhig, ich mache mir ja nichts d'raus, daß mich Eſchenrode nicht liebt— ſei ruhig!“ Es trat eine Pauſe ein, die unter der Einwirkung einer beruhigenden Sympathie verfloß. Endlich ermannte ſich Fräulein von Harrowitz und fragte ſehr leiſe: „Du liebſt ihn nicht, Fanny— prüfe Dich wohl— Du liebſt ihn wirklich nicht?“ „Nein, Friedchen, nein!“ betheuerte Fanny, und man hörte ihrer Stimme an, daß der alte Leichtſinn ſchon wieder bei ihr eingekehrt war.„Auf Ehre— ich liebe ihn nicht, aber ich möchte ihn durch irgend etwas recht tüchtig kränken! Sinne etwas aus, Friedchen.“ „Kränke ihn nicht, ſondern bedanke Dich bei ihm für den Beweis ſeiner wahren Achtung, die er dadurch 69 an den Tag legt, daß er Dich nicht, wie hundert andere Männer es gethan haben würden, als eine Nebenbedin⸗ gung zu Deiner reichen Mitgift betrachtete.“ Fanny ſah ihre Freundin groß an. Von dieſem Geſichtspunkte hatte ſie die„einfältige Geſchichte“ noch nicht betrachtet. Freilich— die Mitgift entging ihm ja!— „Er muß mich ſehr häßlich finden, muß mich ſehr niedrig anſchlagen,“ entgegnete ſie mit wiedererwachen⸗ der Bitterkeit,„daß ſelbſt mein Geld ihn nicht hat be⸗ ſtimmen können!“ „Nein, Fanny, er hält Dich mit Deinen Vorzügen eines freien Männerherzens werth,“ rief Elfriede warm und mit leuchtenden Augen.„Er kann den Gedanken nicht ertragen, daß Du ſeinem Andenken grollſt! Er hält Dich hoch genug, um Deiner ſelbſt willen geliebt zu werden!“ Fanny ſah ſie treuherzig traurig an. „Wer wird mich aber meiner ſelbſt wegen lieben, Elfriede?“ fragte ſie gedrückt. „O, ich weiß ſchon Einen, Fanny, und er iſt ein Mann, um den man Dich beneiden könnte, wenn man nicht—.. 35 Sie hielt inne in ihrer feurigen Erwiederung und küßte Fanny auf die heißgeröthete Wange. 70 „Was ſoll ich aber thun?“ fragte dieſe, ohne auf die unterbrochene Rede abſonderlich zu achten. „Schweigen wie das Grab!“ erklärte Elfriede ſehr beſtimmt.„Jedes Wort über zerſtörte Erwartungen profanirt unſer Gefühl. Niemand würde Dir glauben, wenn Du behaupteteſt,„es ſei Dir gleichgültig von Eſchenrode nicht geliebt zu werden.“ „Schweigen? Auch gegen Papa und Mama?“ fragte Fanny in höchſter Verwunderung. „Auch gegen dieſe,“ entgegnete Elfriede.„Unſere Herzenserfahrungen gehören uns als unantaſtbares Eigenthum, worauf kein Menſch einen Anſpruch hat, und es liegt ſchon in der Natur der Sache, daß wir das, was uns heilig iſt und was die Menge beſpöttelt, tief in uns verſchließen. Der Lieutenant Briſek hat ganz richtig den Weg eingeſchlagen, den er wählen mußte, indem er Dich, ohne Beſchönigung, eher mit dem Re⸗ ſultate einer eingegangenen Geſchäftsverbindung bekannt machte, als Deinen Vater. Er wollte Dir dadurch den Schlüſſel zur friedlichen Löſung in die Hände ſpielen. Jetzt iſt es an Dir Deine Gleichgültigkeit für Eſchen⸗ rode ſichtbar werden zu laſſen. Er wird Dir das Spiel erleichtern, und die Sache gleitet ſpurlos in's Weltmeer, höchſtens von einigen zudringlich Neugierigen beachtet, während Erörterungen, und ſeien ſie im geheimſten 7¹ Gemache bei verſchloſſenen Thüren und Fenſtern vor⸗ genommen, auf einem Lufthauche fortgetragen werden und als öffentliche Geheimniſſe glänzen. Die klügſte Manier in allen Conflicten des Lebens iſt„eine Sache todtſchweigen!“ Fanny hatte ſehr aufmerkſam zugehört. Ihr Mienenſpiel zeigte, daß ſie ihrer weisheitsvollen Freun⸗ din Recht gab. Sie entging beſchämenden Geſtänd⸗ niſſen, wenn ſie ſchwieg und ſie entging den unerträg⸗ lichen Betheuerungen von ungeſtörter Herzensruhe, wenn ſie ihre Erfahrungen Niemandem mittheilte. Hatte ſie nicht in Elfriede eine treue Vertraute? Sie beſchloß ſich die Bewunderung des Herrn Lieutenant Briſek zu verdienen. Sie beſchloß„zu ſchwei⸗ gen“ und ſchlimmſten Falles einen kleinen vorüberge⸗ henden Zornausbruch ihres Papa zu ertragen, wenn die Schuld an der Zerſtörung ſeines Lieblingsprojektes ſich auf ſie wälzen ſollte. Wie ſchwer ihr dies Schwei⸗ gen aber im Voraus erſchien, das verrieth ſich in der Haſt, womit ſie Elfriedens Vorſchlag entgegen kam, „mit ihr zu ihren Eltern zu reiſen.“ Achtes Capitel. Während oben im Gartenſalon die überraſchenden Angriffe auf Mädchenvorurtheile mit bewunderungs⸗ würdigem Eifer von dem tapferen Lieutenant gewagt worden waren, hatte ſich der Baron Ewald in ſein Zimmer zurückgezogen und überlegte beſonnen die Schritte, die er zu thun beabſichtigte. Er hatte keine Ahnung von den gefährlichen Ope⸗ rationen, worin ſich ſein Freund verſtrickte, und er war erſtaunt, als er dieſen nach ganz kurzer Friſt freude⸗ ſtrahlend in ſein Zimmer treten und dasſelbe vorſichtig verriegeln ſah. „Triumph— der Sieg iſt unſer!“ ſchrie er ihm mit gedämpfter Stimme in's Ohr,„Victoria— das Feld iſt erobert! Höre, mein Pylades! Ich habe beiden 73 Fräulein klar zu machen geſucht, daß Du Fräulein Fanny nicht liebſt—.“ „Beiden? Warum beiden Fräuleins?“ fragte Ewald, ſichtbar unangenehm berührt. „Still! Still! Ich habe ihnen erörtert, daß man oft nicht wüßte, was man fühlt.“ „Aber, Richard—!“ „Ich habe ihnen anſchaulich dargethan, daß„irren menſchlich iſt.“ „Aber, mein Gott, wozu Beiden?“ „Ich habe es in ihre Hände gelegt, die Fäden ihres Schickſales ſelbſt zu ergreifen, um ſich und Dich aus dieſem Labyrinthe zu leiten. Und— Ewald— meine Operationen haben ſich als practiſch bewährt!“ „Das wollen wir doch erſt abwarten,“ warf Eſchen⸗ rode verſtimmt ein. „Bewahre, mein Pylades! Es iſt Alles im beſten Gange! Fräulein Elfriede von Harrowitz weiß jetzt was ſie wiſſen mußte, ohne daß Fräulein Fanny Adam er⸗ rathen hat, welche tief eingreifende Rolle ihre Freundin bei ihrem Glückswechſel ſpielt, und das liebe, füße, leicht⸗ ſinnige Adamskind ſteht damit unter der ſtrengen Obhut ihrer beſonnenen, weiſen Freundin, die ſie von allen Uebereilungen zurückhalten wird, um ihres eigenen zu⸗ künftigen Glückes wegen. Kurzum— die beiden Damen Fritze. Die Speculation. 6 74 ſind unſere Alliirten geworden, ganz bereit die Kräfte der Großmächte, worunter ich die elterlichen Actien⸗ majeſtäten verſtehe, zu unterminiren.“ „Noch verſtehe ich Dein Werk nicht zu ſchätzen,“ erwiederte Ewald,„allein ich bin gewohnt Dich mit Deiner Gemüthsruhe als mein Vorbild zu betrachten, und will Dich deßhalb nicht tadeln, obwohl ich Deine Machinationen durchaus nicht begreife.“ „Das thut auch nichts, wenn nur Fräulein von Harrowitz mich begreift und mich bewundert,“ rief Bri⸗ ſek ſehr heiter.„Die kleine Adamitin wird ſich aber für heute meine ganz beſondere Anbetung und Vergötterung gefallen laſſen müſſen. Ihre Laune darf dem Herrn Papa nicht auffallen— ich habe erforſcht, daß Fräulein El⸗ friede den Frauenſtolz dieſes ungeſchulten Kinderherzens zu wecken ſuchte, und dieſer würdige Stolz ſoll uns bie Uebergangsbrücke bauen.“ „Willſt Du damit ſagen, daß Fräulein Fanny mir einen Korb flechten ſoll?“ fragte der junge Edelmann ſtolz und ruhig. „Nein, mein Pylades! Das Geſchäft des Korb⸗ flechtens foll überhaupt vermieden werden. Meine Ab⸗ ſicht ging dahin, Fanny's leichtes Wohlwollen für Dich im Keime zu erſticken und eine ausreichende Gleichgültig⸗ keit in ihr zu erwecken. Das iſt mit einer kleinen Durch⸗ 75 gangsperiode von Aerger glücklich gelungen, und wenn die holde Adamitin den Lehren ihrer klugen Freundin folgt, ſo wird der ſpeculative Vater mit Erſtaunen wahr⸗ nehmen, daß die Attraction Eurer Herzen nicht aus⸗ reichte, um Geld und Adel zu vermälen.“ „Ich übergehe alſo bis auf Weiteres das Schei⸗ tern unſerer gegenſeitigen Speculation mit Stillſchwei⸗ gen?“ fragte Ewald mit Kopfſchütteln nachgebend. „Du ſchweigſt, mein Pylades!“ verſetzte Briſek mit dem Pathos des Muthwillens.„Die klügſte Ma⸗ nier in allen Conflicten des Lebens iſt: eine Sache todtſchweigen, belehrte ſo eben Fräulein von Har⸗ rowitz das zornſprühende, liebe, ſüße Adamskind und ich wende ihren vortrefflichen Lehrſatz an, um Dich vor dem fürchterlichen Krieg mit Sr. Majeſtät dem Actienkönig zu ſchützen. Wir reiſen am Abend zuſammen ab. Du läſſeſt gleichmüthig durchblicken, daß Deine Freierei zu Ende ſein möchte, darauf wird Fräulein Fanny nach den„von Harrowitzſchen Recep⸗ ten“ ſchon ihre eigene Meinung kundgeben und wenn Du dann in zwei bis drei Tagen wieder eintriffſt, um Anſtalten zu machen ohne Eclat ſpurlos zu verſchwin⸗ den, ſo wird Dir nichts im Wege ſein. Ich vermuthe, daß Fräulein Elfriede das hübſche Adamskind ans Recompenſe mit ſich in die Regionen ihres großherzog⸗ 6* 76 lichen Lebens entführen wird, um das Trappiſtengelübde beſſer beaufſichtigen zu können, das ſie klugerweiſe den Lippen Fannys angehängt hat.“ „Richard— ich fühle, daß ich eines Tages Dein dankbarer Schuldner ſein werde,“ ſprach jetzt, die vor⸗ theilhaft angebahnte Löſung aller Wirrniſſe erkennend, der junge Edelmann.„Ich ſchweige— ja, ich ſchweige! Möge der Himmel mich ſegnen, damit ich dann das Verſtummen meines Mundes gegen Elfriede löſen kann, wenn Fanny Adam als glückliche Gattin kaltblütig auf unſere vereitelten Pläne blicken kann. Bis dahin ſchweige ich, mein Freund!“ Der Tag verging weit beſſer als man zu hoffen berechtigt war. Briſek war befliſſen dem hübſchen Mädchen die kleine Demüthigung vollſtändig vergeſſen zu machen und nebenbei dem Elternpaare deſſelben mit exemplariſcher Laune die Augen über die wahrhafte Liebenswürdigkeit eines königlich preußiſchen Artillerielieutenants zu öff⸗ nen. Es gelang ihm Alles vortrefflich. Herr Ewald von Eſchenrode ſank unter ſeinen Be⸗ mühungen im Preiſe. Er trat gefliſſentlich in den Hin⸗ tergrund und die bethörten Eltern glaubten ihn werth⸗ lofer, weil er ſo erſcheinen wollte. Elfriede unterſtützte Briſeks Bemühungen. Durch 77 die offenen Darlegungen des jungen Kriegers von er⸗ drückenden Gefühlen befreit, erblühete ihre eigenthüm⸗ liche, bezaubernde, ſanfte Heiterkeit im ſchönſten Glanze und durchleuchtete mit dem friſchen Geiſtesregen die ſchwere Atmoſphäre, die bisweilen über die Gemüther ſchlch. Gegen Abend rüſteten ſich die Freunde zur Ab⸗ reiſe. Herrn Adams Geſichtszüge ſpannten ſich und ſein Blick muſterte ſcharf die gleichgiltigen Mienen ſei⸗ ner Tochter und ihres Bewerbers. Der ſorgloſe Ton des letztern entwaffnete und der heitere Ausdruck in Fanny's Augen beruhigte ihn. Er ſchlug vor, die Her⸗ ren zum Bahnhofe zu begleiten, was von den Da⸗ men wegen der drückenden Hitze beſtimmt verwei⸗ gert wurde. Herr Adam aber erklärte mitgehen zu wollen. Die Zeit drängte. Briſek eilte auf ſein Zimmer, um den Reiſeſack zu ordnen. Herr Adam ging ſeinen Hut zu holen. Der Zufall vermittelte, daß Fanny ſich ebenfalls entfernte und daß Madame Adam abgerufen wurde. Elfriede und Eſchenrode blieben allein. Das junge Mädchen ſtand in der Nähe des offe⸗ nen Balkonfenſters. Ihr Blick hing an der lichtrothen Färbung des Abendhimmels, der umſchleiert von den 78 Nebelwolken, nur durch dieſen gluthgefärbten Schim⸗ mer den Abſchied der Sonne verrieth. Sie ſtand ſchwei⸗ gend und als Ewald in raſcher ungeahnter Wendung ihr näher trat, da hob ſie das Auge zu ihm auf. Mit zärtlichem Ernſt ruhete ihr Blick auf ihm. Sie hatten Beide die feſte Abſicht gehabt, zu ſchweigen und zu ſchei⸗ den, aber die Gunſt des Zufalles überwältigte ihre herr⸗ lichen Vorſätze. Der ſüße betäubende Duft der Heliotro⸗ pen, Reſeda und Nelken durchzog die Abendluft und leichte Lüftchen führten den Wohlgeruch hinauf zum Balkon, wo er wie märchenhafter Zauber die jungen Seelen durchfluthete. Einige Momente überwallte unſägliche Verwirrung die ſonſt ſo formenfeſten Leutchen und raubte ihnen die nöthige Faſſung, dann aber trat Elfriede haſtig, zitternd, von der Gluth innerer Aufregung übergoſſen, auf Eſchen⸗ rode zu und ſagte: „Ich bin Ihnen eine Abbitte ſchuldig, Herr von Eſchenrode, ich leiſte ſie hiermit und genüge damit mei⸗ nem Herzen, dem dies Pflicht war. Vergeben Sie mir, was ich gegen Sie verbrach— ich ſündigte im Irr⸗ thume!“ Ewald ergriff ihre dargebotene Rechte, führte ſie an ſeine Lippen und behielt ſie feſt in ſeiner Hand. Seine Bewegung verhinderte ihn an einer Antwort. Eine Pauſe, 79 unter der reinſten irdiſchen Seligkeit verfloſſen, reichte hin das Band unauflöslich zu machen, das unbewußt ihre Seelen lüngſt vereinigte. „Elfriede— Sie haben mich mir ſelbſt wieder gegeben—,“ begann endlich ſehr leiſe der junge Edel⸗ mann,„der Weg, welchen ich betreten hatte, würde mit Selbſterniedrigung geendet haben!“ Das Fräulein lächelte ihn innig an. Ganz unwill⸗ kürlich legte ſie ihre andere Hand auch in ſeine Rechte und neigte, erröthend, die Stirn ein klein wenig. Es ſchien als zöge eine unſichtbare Feſſel ſie einander näher, als wolle die Seele der Seele im ſüßen Kuſſe ſich zu eigen geben. Aber ſie ermannten ſich. Elfriede zog die Hände zurück— Ewald verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ver⸗ ließ langſam den Gartenſalon. Gleich darauf trat Herr Adam wieder ein und ihm folgte Briſek mit ſchmeichelhafter Aufmerkſamkeit Madame Adam überhäufend, die er am Arme einführte. Der kleine Familienkreis ſchloß ſich noch ein Mal, um den Thee einzunehmen, wobei Madame Adam mit aller nur möglichen Eleganz präſidirte. Eine weiche ſanfte Stimmung beherrſchte Alle. Als wüßte man, daß ſich die Ringe des Verbandes, der wochenlang eine gewiſſe Spannung und Lebendigkeit erhalten hatte, nun löſen 80 würden, als fürchte man eine Annehmlichkeit des Lebens aufgeben zu müſſen, ſo mild und leiſe verkehrte man miteinander. Selbſt Herr Adam, der Luſt hatte, tüchtig verdrießlich zu ſein, wurde von dieſer Stimmung be⸗ ſänftigt und verwandelte ſeinen Verdruß in ſtilles Be⸗ dauern.. So ſchieden ſie endlich, fremd und höflich von außen— innerlich mannigfach bewegt. Ewald verſprach in drei Tagen zurück zu ſein, um dann direct noch ſei⸗ nem Beſitzthume Eſchenrode abzugehen. Herr Adam ſchien den Sturz ſeiner Hoffnungen ſchon zu begreifen, aber er verrieth nichts davon. Er begleitete die Freunde dis zum Bahnhofe und zog es vor, an dieſem Abende nicht in ſein Haus zurückzukehren. Dadurch vertagte er jedoch nur ſeine Erfahrungen um einige Stunden. Schon am nächſten Tage erklärte Fräulein von Harrowitz, daß ſie nach einem ſpeciellen Befehle ihres Vaters zu Hauſe erwartet werde. Herr Adam runzelte ſeine Stirn und bat,„nur noch einige Tage zu ver⸗ weilen.“ Das Fräulein bezog ſich auf die väterlichen Be⸗ fehle und blieb feſt bei ihrem Vorſatze. Wer malt das Erſtaunen des großen Speculanten, den ſeine Zeit⸗ genoſſen als Actienkönig bezeichneten, als plötzlich feine 81 Tochter Fanny lebhaft die Bitte ausſprach, ihre Freun⸗ din begleiten zu dürfen. Mit großen verwunderten Angen ſchaute Herr Adam ſie an. „Was würde Herr von Eſchenrode ſagen, wenn er Dich nicht zu Haus fände?“ fragte er vorwurfs⸗ voll. „Papa— eben Eſchenrodens wegen möchte ich mit Elfriede reiſen,“ entgegnete Fanny mit liebens⸗ würdigem Freimuthe.„Ich paſſe nicht für Eſchenrode— zwiſchen uns waltet auch nicht der kleinſte ſympathetiſche Zug— wenn er mich nicht zu Hauſe findet, ſo mag er dies als eine Antwort auf unausgeſprochene Fragen nehmen. Damit aber braucht ſich das Geſchäftsver⸗ hältniß zwiſchen ihm und Dir keineswegs zu löſen, eben ſo wenig wie unſere freundſch aftliche Verbindung, beſter Papa. Eſchenrode iſt ein liebenswürdiger Cava⸗ lier— ich läugne das nicht, allein im Grunde meines Herzens regt ſich die Ueberzeugung, daß mein Intereſſe für einen zukünftigen Gatten tiefer ſein wird. Ich bin jung, nicht häßlich und nicht arm— wozu ſollte ich mich wohl bei der Wahl meines Gatten über⸗ eilen!“ Herr Adam hörte ſprachlos vor Ueberraſchung der Rede Fanny's zu, die ſie jedenfalls unter dem Beiſtande 82 Elfriedens memorirt hatte und als ſie ſchwieg, antwor⸗ tete er nichts weiter als: „Das iſt die erſte Speculation, die mir mißglückt iſt, mein Kind, allein ich bin weit entfernt, tyranniſch und deſpotiſch Deine Schritte zu beſchränken. Fahre in Gottes Namen mit Fräulein von Harrowitz. Das Wei⸗ tere mag ſich von ſelbſt geſtalten!“ Neuntes Capitel. Der Sommer hatte ſich nach gehöriger Sonnen⸗ hitze und unvermeidlichen Gewitterſtürmen zur Ruhe begeben und der Herbſt neigte ſich mit den erſten Tagen des Decembers ſeinem Ende zu, als der Artillerie⸗ lieutenant Briſek eines Morgens von der tröſtlichen Nachricht überraſcht wurde, daß ſonderbar raſch auf⸗ einander folgende Todesfälle in ſeiner Brigade ihm wider alle Erwartung ſchon jetzt den Titel Hauptmann verſchafft hätten. Mit zufriedenem Lächeln empfing Briſek die Ernennung, welche ſeit Jahren das Ziel ſeiner Wünſche geweſen war, und er überſah in der Freude über das erſehnte Patent den zweiten Brief, den ſein Burſche ebenfalls aus den Händen des Poſtboten erhalten und auf den Tiſch gelegt hatte. Seelenvergnügt warf er ſich aufs Sopha, um ſich 84 dem Genuſſe einer verſtändigen Luftſchloßbauerei nach neueſtem Style hinzugeben. Seine Einbildungskraft bevölkerte ſich merkwürdigerweiſe bei dieſem eingetretenen Avancement— das ihm zwar noch keine freie Heirat geſtattete, aber dieſelbe doch erleichterte— ſogleich mit einigen Familienbildern, wobei„ſeidene Vorhänge, Cau⸗ ſeuſe mit Sammt, Fauteuil mit Plüſch bezogen, türkiſche Ceppiche und practiſche Kronenleuchter“ durch ſeine Phantaſie flatterten und ein hübſches aufgebauſchtes“ Mädchen mit roſenrothen Wangen, vollen weißen Armen und üppigem Wuchſe dazwiſchen gaukelte. Eine ziemliche Weile ergab er ſich faſt unbewußt ſeinen Erinnerungs⸗ malereien und als er endlich daraus erwachte, ſah er ſich ſchamroth nach allen Seiten um, ob auch Niemand ſeine vemeſſenen und thörichten Träumereien hatte belauſchen können. Schnell ſprang er auf, griff mit etwas trübſeligem Blicke und bedeutungsvollem Kopfſchütteln nochmals nach dem Patente, durchlas es abermals und murmelte dann: „Ja, wenn es der Hauptmann von Briſek wäre—! Und dann? Sechszigtauſend Thaler Mitgift erdrücken meine Phantaſie— fort mit der hübſchen kleinen Ada⸗ mitin aus meinen Träumen! Es taugt mir nichts und es hilft mir nichts! Fort!“ 85 Dieſe Selbſtbefehle kamen nicht aus einem ganz ruhigen Innern, ſondern wurden nur von einer gewiſſen männlichen Sprödigkeit dictirt, die ſich ſträubt etwas im Herzen als richtig anzuerkennen, was längſt unbe⸗ ſtreitbare Rechte erlangt hat. Nachdem Briſek im Som⸗ mer ſeinen Freund aus der peinlichen Stellung zum Hauſe Adam errettet und die Weisheit Elfriedens den weitern Weg zur ſtillen Auflöſung aller Verbindlichkei⸗ keiten zwiſchen den ſpeculirenden Herren gebahnt hatte, war Herr Adam in einem Anfluge von Verlegenheit mit erhabener Großmuth dem zurückkehrenden Herrn von Eſchenrode entgegengekommen und hatte ihm unver⸗ züglich bedeutende Darlehen zur Dispoſition geſtellt, ohne der frühern Verabredung nur mit einer Sylbe Er⸗ wähung zu thun. Eſchenrode zeigte ſich offen und ehr⸗ lich, ſehr dankbar für dieſe Gefälligkeit. Er ſchied als Freund von denen, die er unter andern Verhältniſſen, als den beabſichtigten, mit wahrer Hochachtung zu be⸗ trachten geneigt war. Seitdem hatte ſich Eſchenrode mit Eifer der Regulirung ſeiner Familienangelegenheiten unterzogen und zwar mit ſichtlichen Glücke. Als Briſek einigermaßen wieder aus ſeiner Haupt⸗ mannsträumerei zum wirklichen Leben zurückkehrte, fiel natürlich ſein erſter Gedanke auf ſeinen Pylades und 86 daß er ihm eine ſchleunige Benachrichtigung ſeines Avancements ſchuldig ſei. Er ſchritt eilig ſeinem Schreibtiſche zu und ſiehe da, dort lag ein Brief von dieſem. Jubelnd nahm er ihn zur Hand, riß das Couvert herunter und ſprach fröhlich: „Was ſchreibt denn der alte Junge?—„Geht prächtig, alles erwünſcht— eine höhere Hand ſcheint oftmals ausgleichend über den ſchwierigſten Verhält⸗ niſſen zu ruhen!“ Das klingt vortrefflich! Gott ſei Lob und Dank dafür!“ unterbrach er ſeine Lectüre. „Was ſchreibt er weiter?—„Ich habe Elfriede wieder geſehen! Der Zufall führte mich in der vorigen Woche nach Braunſchweig und die erſte Dame, die mir in der Gegend des Leſſingdenkmals entgegen kam, war Fräu⸗ lein von Harrowitz in Begleitung ihres Vaters. Mein Herz drohte in der freudigen Ueberraſchung ſtill zu ſtehen, allein ich gewann es wirklich über mich, als gut⸗ geſchulter Cavalier alle Veſuvausbrüche zu bewältigen. Sie war blühender, ſchöner und lieblicher als je und ihr Blick, ihr Lächeln und das leiſe ſeltſame Beben ihrer Stimme verriethen mir genug, um mich zu beſeligen. Natürlich lenkte ſich das Geſpräch ſogleich auf Bohren⸗ dorf und Adams. Herr von Harrowitz lobte die Familie und bedauerte nur, daß die Schwäche des Vaters viel⸗ 87 leicht eines Tages ſeine gute liebenswürdige Tochter Fanny in's Unglück ſtürzen würde. Durch einige Ge⸗ ſprächswendungen erfuhr ich dann, daß mein ehemaliger Rittmeiſter, von der Port, jetzt der begünſtigte Freier ſei und daß ſich Fräulein Fanny, behufs dieſes Arran⸗ gements, in wenigen Tagen nach Deinem Wohnorte verfügen würde. Du wirſt ſie alſo wahrſcheinlich ſchon geſehen haben. Grüße ſie von mir und ſuche mein An⸗ denken in ein gutes Licht zu ſtellen. Daß von der Port dieſes gute Kind erobert hat, iſt ein unverdientes Glück. Er hat wüſt gelebt und wird ferner wüſt leben— allein, wie Herr von Harrowitz ganz richtig ſagte:„es iſt nichts dagegen zu machen!“ So wie Fanny verheirathet iſt, erkläre ich mich gegen Elfriede und werde ihr die fernere Ausgleichung unſerer Stellung zu Adams überlaſſen. Ich bin neugierig auf Deinen nächſten Brief—!“ „Ja, mein Pylades, Du haſt Urſache neugierig zu ſein,“ murrte Briſek mit ingrimmigen Blicken.„Was? Von der Port? Von der Port ſoll der Gatte des ſchö⸗ nen Adamkindes werden— von der Port? Und„dage⸗ gen wäre nichts zu machen?“ Das wollen wir doch verſuchen! Alſo Fanny iſt hier— hier in dieſen Mau⸗ ern? Recognoſciren wir, wo ſie ſteckt und blockiren wir ihr Aſyl.“ Briſek dachte nicht mehr daran ſeinem Freunde die 88 erwünſchte Veränderung ſeiner Charge zu melden, er dachte nur an Fräulein Fanny Adam und an den Ritt⸗ meiſter von der Port. Sein redliches Herz würde ſich immer in chriſtlicher Barmherzigkeit geregt haben, wenn er gehört hätte, daß ein unſchuldiges liebes Mädchen den Klauen dieſes abgelebten Roués überantwortet werden ſolle, allein hier war es noch etwas Gewichtigeres, als bloße Barmh herzigkeit, was ſein Blut rollen, ſein Herz klopfen und ſein Auge blitzen ließ. Wenn ſi Mann wie der neucreirte Hauptmann Briſek ſich ein Ziel geſteckt hat, ſo ſteuert er mit epnſe⸗ quenter Ruhe darauf los ſich an gelegentliche Blut⸗ wallungen zu kehren. Noch an demſelben Tage brachte er in Erfahrung, daß Fräulein Fanny aus Bohrendorf bei der Majorin von Wettin, einer Couſine des Ritt⸗ meiſters von der Port, zum Beſuche ſei, und daß man ſich als ein öffentliches Geheimniß ihre Verlobung mit demſelben in die Ohren flüſtere. Dieſe Nachricht lautete in ſo fern günſtig, weil Briſek zum Major Wettinſchen Hauſe ſehr freund⸗ ſchaftlich ſtand, er ſich alſo ohne ridicüle Zudringlichkeit erlauben konnte, ſogleich buſelbſi vorzuſprechen, um die Bekanntſchaft mit Fräulein Adam zu erneuern. Aber auf der andern Seite erſchwerte dieſer Umſtand ſeine Abſicht die junge Dame vor der Verbindung mit Herrn von der Port zu warnen, weil er von Wettins ſelbſt den Lebens⸗ wandel desſelben erfahren hatte und er durch Anwen⸗ dung der dort erlangten Kenntniß in eine ſchiefe Stel⸗ lung zu ſeinen Bekannten kam. Allein, wie geſagt, Hauptmann Briſek commandirte ſich ſelbſt zum Sturmſchritt auf dieſe Affaire los und ging noch an demſelben Abend, mit ſehr unſchuldigem Geſichte zu Frau von Wettin, um ihr perſönlich ſein Avancement, das ſie freilich ſchon wiſſen konnte, mitzu⸗ theilen. Er fand die Majorin allein und in der beſten Laune. Sie gratulirte ihm fröhlich und gab ihm ſogleich den guten Rath ſich nun ſchleunigſt nach einer Braut umzuſehen. Frau von Wettin gehörte zu den ſeltenen, ſehr glücklichen Frauen, die alle Männer für gut halten und jede Ehe für zweckmäßig, wo Geld genug vorhanden iſt zum Ganz des Lebens. Sie erklärte die Fehler der Männer für Eigenthümlichkeiten, die man reſpectiren müſſe, um Frieden zu halten, und ſie befand ſich ſo wohl bei ihren Maximen, daß ſie ſorglos jede Heirath begün⸗ ſtigt haben würde, die noch weit gewagter war, als eine Verbindung zwiſchen ihrem lebensluſtigen Vetter Alfred von der Port und dem reichen Kaufmannstöchterchen Fanny Adam.— Kaum waren die erſten Begrüßungen zwiſchen ihr Fritze. Die Specnulation. 90 und Briſek vorüber, ſo erzählte ſie ihm mit geheimniß⸗ vollem Lächeln, daß ſie Beſuch habe, und daß es mit dieſem Beſuche eine beſondere Bewandtniß habe. Briſek ſchlug eine weitere, für ihn bindende Erklä⸗ rung glücklich ab, forſchte gar nicht nach dem Namen des Beſuches, und ließ die ſprachluſtige Dame weder zu vertraulichen Mittheilungen, noch zu Darlegungen von Plänen kommen. Er fragte beiläufig nach dem Major und wurde darauf belehrt, daß dieſer mit ſeinem ſchönen Gaſte eine Weihnachtsausſtellung beſichtige, aber ſehr bald zurückkommen werde. „Sie bleiben, lieber Briſek, und nehmen den Thee bei uns ein,“ bat die Majorin. Briſek hatte nur auf dieſe Einladung gewartet, um es ſich ſogleich ſehr bequem zu machen und der Ankunft Fanny's mit verſtellter Gleichgiltigkeit entgegen zu leben. Was er eigentlich beabſichtigte? Er wußte es ſelbſt nicht. Fanny ſehen? Fanny warnen? Fanny bewuu⸗ dern? Fanny— Er dachte das fürchterlich ſchöne Wort nicht aus, denn ein helles friſches Gelächter auf der Treppe ver⸗ kündete ihre Ankunft. Sein Herz begann mächtig zu pochen. Er ſtand auf und beſchäftigte ſich ſehr jünglingsmäßig mit dem 91 häßlichen Papagei der Majorin, der jeden in den Fin⸗ ger biß, der ihn liebevoll ſtreicheln wollte. Die Majorin merkte nichts und ging arglos ihrem hübſchen Gaſte entgegen. Der Papagei belohnte richtig ſeine gezwungenen Aufmerkſamkeiten mit einem rechtſchaffenen Biß in ſei⸗ nem Daumen und als er ſich halb ärgerlich darüber umwendete, da ſtand Fräulein Fanny in der herrlichſten Wintertoilette mitten im Zimmer. „Mein Gott, Fräulein Adam!“ rief Briſek mit gutgeſpielter Verwunderung. „Guten Abend, Herr Lieutenant—,“ entgegnete ſie heiter und hielt ihm die Hand hin. „Hauptmann—,“ corrigirte die Majorin muth⸗ willig und pathetiſch,„Hauptmann Briſek, liebe Fanny — aber um's Himmels Willen, woher kennt Ihr Euch denn?“ Fräulein Fanny lächelte ſchelmiſch und vertraulich zu Briſek hinauf. „Ach unſere Bekanntſchaft begann mit einer fürch⸗ terlichen Geſchichte, nicht wahr?“ Dann ſich ſchnell ganz zu der Majorin wendend, ſagte ſie ſchmollend: „Denken Sie ſich, Mama, Alfred kommt nicht heute Abend.“ 7 X Ein Stich ging durch des tapfern Hauptmanns Herz und ſein Buſen quoll von Theilnahme. „O weh— ſie iſt ſchon verloren— verloren! Armes Kind!“ dachte er, nach ſeiner Meinung ganz ohne Selbſtſucht.„Sie nennt ihn ſchon Alfred! Eine verwünſchte Vertraulichkeit!“ „Laſſen Sie ihn gehen, Fanny! Die Männer müſſen ſich frei von und zu uns begeben können. Zwang erkältet ſie für unſere Geſellſchaft,“ entgegnete die Majorin. Fräulein Fanny warf aber, nicht erbaut von dieſer Lebensphiloſophie, ſchmollend den Kopf zurück und flü⸗ ſterte:„Zehn Jahre ſpäter hätte ich nichts dagegen.“ Briſek ſah ſchnell nach ſeiner Mütze, die er ab⸗ gelegt hatte und dachte:„Es iſt am Beſten, daß ich gehe,— denn Ewald hat Recht, dagegen iſt nichts mehr zu machen!“ Aber ſehr ſchnell änderte er ſeine Mei⸗ nung, als jetzt Fräulein Fanny haſtig Hut und Mantel dem eintretenden Diener hinreichte und ſich mit herzli⸗ cher Traulichkeit dicht neben ihn ſetzte. Sie fragte nach Ewald von Eſchenrode, freute ſich, daß es ihm gut ging, erzählte von Elfrieden und ſchien über dieſes Thema den Herrn von der Port gänzlich zu vergeſſen, bis Briſek endlich ſelbſt wieder auf ihn zurück kam. Der Schauplatz hatte ſich während dieſes kurzen, 93 ſehr lebhaften Geſprächs außerordentlich günſtig verän⸗ dert. Die Majorin war in ihre Kinderſtube gewandert und der Major von einer Ordonnanz abgerufen. Briſek, immer geneigt ſeinen Impulſen zu folgen, faßte ſchnell entſchloſſen das Fräulein plötzlich feſt ins Auge und fragte mit tiefem wichtigem Ernſte: „Wie ſoll ich das Intereſſe denten, Fräulein Fanny, das Sie an der Geſellſchaft des Herrn von der Port verriethen— ſind Sie mit ihm verlobt?“ „Und wenn ich's wäre?“ fragte Sie dagegen, er⸗ röthend vor dem Blicke, der bis in ihr Herz hineindrang. „Lieben Sie den Herrn von der Port, Fräulein Fanny?“ „Und wenn ich ihn liebte? Was würden Sie da⸗ gegen haben?“ „Ich würde Sie bedauern—,“ flüſterte Brieſek ſehr weich und innig.„Ich würde Sie von Herzen beklagen!“ Fanny ſchaute verwundert und ärgerlich zugleich in ſein Geſicht. Seine innere Bewegung mochte ſich nicht ſo deutlich, wie er ſie fühlte, in ſeinem Mienen⸗ ſpiele ausprägen, allein etwas drang doch aus den ſonſt ſo charakterfeſten Zügen hervor, was ſie nachdenkend machte und ihren Zornausbruch hemmte. Ziemlich ru⸗ 94 hig, wenn auch mit einer bedeutenden Beimiſchung von Impertinenz entgegnete ſie: „Sie durchkreuzen meine Wege auf eine wunder⸗ bare Weiſe, mein Herr Hanptmann! Als Eſchenrode mich nicht liebte, beeilten Sie ſich locomotivartig mich davon in Kenntniß zu ſetzen. Wozu? Das habe ich bis dahin mit meinem ſchwachen Verſtande noch nicht einge⸗ ſehen. Jetzt nun, wo mich ein liebenswürdiger Cavalier wirklich liebt— ich weiß dies nämlich ſchon ganz ge⸗ wiß, mein Herr Hauptmann— jetzt haben Sie nichts Eiligeres zu thun, als mir die Verſicherung zu inſinui⸗ ren, daß Sie mich bedauern und beklagen. Was bewegt Sie zu dieſen Handlungen?“ „Theilnahme!“ ſprach Briſek mit gepreßter Stim⸗ me. Er begann das Mißliche ſeiner Offenheit zu begrei⸗ fen und wünſchte ſich feigherzig weit hinweg von dem Kampfplatze ſeiner Thaten. „Theilnahme? Theilnahme für mich? Thörichte Ausrede! Weswegen bedauern und beklagen Sie mich denn bei Port's Liebe?“ „Port's Liebe ſchadet Ihnen nichts und ſie ſchadet auch ihm nichts, aber im Falle Sie ihn lieb gewonnen hätten, würde ich Sie bedauern!“ entgegnete Briſek völlig wieder ruhig und gefaßt, indem er aufſtand und nach ſeiner Kopfbedeckung griff. 95 „Und weshalb?“ fragte das junge Fräulein ſehr keck. „Weil der Rittmeiſter von der Port Ihrer un⸗ würdig iſt!“ „Meiner unwürdig,—“ rief Fanny etwas er⸗ ſchrocken.„Wie ſo?“ „Die Unſchuld Ihrer Jugend paßt durchaus nicht zu den Erinnerungen ſeiner durchlebten Iugend und die Reife ſeines Mannesalters hat ihn nicht von den elen⸗ den Lebenszwecken abwendig gemacht, denen er von früh an gehuldigt hat!“ Fanny ſtand mit ſpöttiſch verzogener Lippe vor ihm und ſah ihn ſtarr an. „Darf ich ihm das ſagen, mein Herr Hauptmann?“ fragte ſie heftig, als er ſchwieg und mit einer leichten Verbengung das Zimmer verlaſſen wollte. Briſet ſtutzte. Wie ein Blitz durchfuhr ihn die Erkenntniß der ſchweren Folgen, die unabwendbar wa⸗ ren, wenn von der Port von ſeiner handgreiflichen Warnung Nachricht erhielt. Sein Leben war verwirkt. Eine Forderung auf Piſtolen unausbleiblich und der Rittmeiſter von der Port, ein vollendeter Schütze, hatte den erſten Schuß. Einen Moment gebrauchte er, um dieſe Reſultate an ſich vorüberfliegen zu laſſen, dann neigte er ſich 96 nochmals vor den jungen Mädchen und antwortete klar und feſt: „Ja, mein Fräulein. Ja, wenn Sie es für nö⸗ thig halten!“ Er verließ das Zimmer, verabſchiedete ſich unter einem Vorwande von dem Major und bat ihn, ſein Weggehen bei ſeiner Gemahlin zu entſchuldigen. Unter verworrenen Empfindungen eilte er nach Hauſe. Mit der verdrießlichen Miene eines Mannes, der ſeine Maßregeln geſcheitert ſieht, ohne einmal das Mit⸗ leiden ſeiner Nebenmenſchen dafür in Anſpruch neh⸗ men zu können, weil Hohn und Spott näher lagen als Mitgefühl, warf er ſich in ſein Sopha. Sein Auge blickte finſter und die feſt zuſammengekniffenen Lippen verriethen einen Kampf zwiſchen Scham und Aerger. Er brauchte eine lange Zeit, um ſich ſelbſt aus dem Chaos ſeiner Gefühle herauszuarbeiten, als ihm dies jedoch gelungen war, da brach ſein alter gewohnter Muth wieder ſiegend hervor. Er ſtand auf, ging zu ſeinem Schreibſchrank und holte ein koſtbares Piſtolenkäſtchen hervor. Es war das 7etzte Geburtstaggeſchenk ſeines Freundes Ewald. Prüfend beſchaute er ſie von allen Seiten. Es war möglich, daß er ſie gebrauchen mußte. Sein Blick — 97 ſenkte ſich ruhig in die runde Oeffnung der Läufe, der Gedanke an ſeinen Tod in Folge ſeiner Warnungen hatte ſür ihn nichts Furchtbares, obwohl das Leben in ſchöner Heiterkeit vor ihm lag. Es that ihm auch kei⸗ neswegs leid, das geſprochen zu haben, wozu ein Au⸗ genblick ihn hingeriſſen. Als Mann von Ehre mußte er die Wahrheit ſeiner Behauptung aufrecht halten und ſchlimmſten Falles mit ſeinem Blute beſiegeln. Was war da zu machen! Nach ſolchen einleuchtenden Ehrengeſetzen blieb ihm nichts übrig als ſich auf ſeinen Tod zu präpariren. Das that er denn ſogleich auf eine würdige und höchſt mannhafte Weiſe. Er ſetzte das Piſtolenetui auf den Tiſch und ſtellte ſich ernſthaft vor den erleuchteten Spiegel, aus welchem ihm ſein eigenes Bild ebenſo ernſthaft entgegenſchaute. Er ſah feſt in ſeine Augen hinein und redete ſich ſelbſt mit heller Stimme an: „Richard Briſek, bereite Dich zum Tode vor und lege Dir ſelbſt Beichte ab, damit Du Dich abſolviren oder Dir Dein Verdammungsurtheil ſpre⸗ chen kannſt. Ueberlege in Ruhe einmal den Antrieb Deiner Handlungen und ſtelle die wichtigen Folgen daneben. Richard Briſek haſt Du Dich nicht vom Zeitgeiſte packen laſſen, der Dir ein Leben in ſpielend 98 erobertem Reichthume als ein Götterleben vormalte? Haſt Du nicht in lächerlicher Träumerei das Mäd⸗ chen, das des Lebens Ueberfluß in Deinen Schooß ſtreuen kounte, als Dein gedacht und in thörichter Ein⸗ bildung an eine Möglichkeit geglaubt, ihre Hand zu er⸗ ringen? Ja, Richard Briſek— ja, das haſt Du! Schäme Dich auf ſolchen Pfaden gewandelt zu ſein! Wie?— Richard Briſek— mir, Auge in Auge, willſt Du weiß machen, daß Du auch einem armen Mädchen, wenn Du es geſchätzt hätteſt, wie Fräulein Fanny Adam, dieſen Dienſt geleiſtet haben würdeſt? Wie2 Willſt Du mir etwas vorlügen, daß Du dieſe Fanny auch ohne ihr Geld lieben könnteſt? Wie, Du willſt behaupten, daß nicht der Zeitgeiſt, der die Geldſäcke lieber hat, als die Frau, Dich zu dem hübſchen Mäd⸗ chen zieht, daß ihr fröhlicher Sinn Dich gefangen ge⸗ nommen, daß ihr roſiges Geſicht, ihre ſchönen vollen Schultern, daß ihre reizenden weißen Arme und Hände, daß ihr reiches Haar Dich bezaubert hat? Wie— Richard Briſek, Du geſtehſt mir zu ſie zu lieben, ganz ſo zu lieben, wie man ſeine Erwählte fürs Erdenleben lieben muß? Armer Richard Briſek—! Wie konn⸗ teſt Du ſo dumm ſein, da Du wußteſt, welche Bedin⸗ gung ſich an das Geſchenk dieſer mit ſechszigtauſend Thalern bewaffneten Hand der reizvollen Adamitin 99 knüpft. Geh fort, Richard Briſek! Dieſer Schwaben⸗ ſtreich macht Dich unwürdig mir, Deinem edlern Ich, ferner in's Auge zu ſehen! Rechts um ſchwenkt—“ Briſek commandirte ſich wieder in's Sopha zurück und von da, nach ſehr langen hübſchen Träumereien, die mit der Frage des Fräulein Adam endigten: „Darf ich ihm das ſagen?“ an den Schreibtiſch, wo⸗ ſelbſt er ſeinem Freunde Eſchenrode einen launigen Brief über ſeine Ernennung als Hauptmann ſchrieb, aber von den bevorſtehenden Möglichkeiten nicht ein Wort erwähnte. Nachdem er das Werk vollbracht, legte er ſich ſeelenruhig ins Bett und ſchlief ohne Beun⸗ ruhigung bis zum Morgen, wo er ſich bereit hielt eine Herausforderung ſeines glücklichen Nebenbuhlers mit Anſtand entgegen zu nehmen. Aber Stunde an Stunde verſtrich. Es erſchien kein Cartelträger. Der Abend kam heran. Gefliſſentlich hatte Briſek ſein Quartier nicht eine Minute verlaſſen, um den Abgeordneten des Rittmeiſter von der Port nicht zu verfehlen. Die Nacht deckte abermals ihre dunkeln Schleier über die Erde und es brach wiederum ein Morgen an. Briſek wurde ungeduldig. Er beſchloß mindeſtens ſich nicht länger einzuſperren. Eben legte er die Uniform an, als es klopfte. 100 „Herein!“ rief Briſek, und ſtellte ſich kriegeriſch kühn mitten in die Stube. Der Major von Wettin erſchien auf der Schwelle. „Ah—! Endlich!“ rief Briſek ihm entgegen. „Endlich—! Ihr habt Euch lange beſonnen, oder iſt's erſt geſtern zu Tage gekommen? Ich bin bereit zu jeder Satisfaction, mein lieber Freund Major, muß aber be⸗ dauern, daß ich noch mit dem letzten Athemzuge wieder⸗ holen werde, was meine Ueberzeugung iſt.—“ Der Major ſah, auf der Schwelle ſtehen bleibend, den Hauptmann groß an. „Briſek— es rappelt wohl bei Ihnen!“ erwiederte er ganz gemüthlich.„Ich habe keine Zeit zu ihren meta⸗ phyſiſchen Darſtellungen, und wollte Ihnen bloß auf aus⸗ drücklichen Wunſch unſeres liebenswürdigen Gaſtes, des Fräuleins Adam, mittheilen, daß dieſelbe um zwölf Uhr mit dem Courrierzuge abreiſt, und Sie fragen läßt, ob Sie Beſtellungen an Fräulein Elfriede zu machen hätten. Briſek ſperrte die Augen weit auf und ſchärfte ſeine Ohren. Der Major fuhr fort: „Die junge Dame hat geſtern dem Vetter Alfred von der Port einen handfeſten Korb geflochten, worin ſie ihm mittheilte, daß ſie vor der Hand noch nicht Wil⸗ lens ſei„wegen einer Lhombrepartie bei der odiöſen 101 Frau von Mahlmann hintenangeſetzt zu werden und deßhalb ſeine Bewerbungen ein für alle Mal abweiſe.“ Das Fräulein hat Recht! Alfred iſt unverbeſſerlich leichtſinnig und ſeine Verhältniſſe entſetzlich derangirt. Fräulein Fanny fragte mich auf's Gewiſſen darnach, und ich habe ihr klaren Wein eingeſchenkt. Es wäre Schade um das liebenswürdige Mädchen geweſen. Nun, Sie ſind ja ganz ſtumm und ſehen aus, als ärgere Sie etwas? Haben Sie Aufträge für Fräulein Fanny, ſo eilen Sie, daß Sie zu uns kommen. Es iſt eilf Uhr — ich muß fort, Briſek. Der Dienſt nimmt mich in Anſpruch— Sie könnten mir den Gefallen erweiſen und Fräulein Fanny zur Eiſenbahn begleiten, meine Frau erwartet Sie. Adieu!“ Wie im Traume befangen ſtarrte Briſek dem Fort⸗ eilenden nach. Welch' ein Wechſel der Verhältniſſe! Es erhöhte den Werth Fanny's bedeutend in ſeinen Augen, daß ſie ſo energiſch von ſeinen Warnungen ab⸗ ſtrahirt und ſich durch eigene Wahrnehmungen von der Unwürdigkeit ihres Bewerbers überzeugt hatte. Er mußte noch zu ihr. Sein Herz erwachte ſtärker nach der Feſſel, die er barbariſch darüber geworfen hatte. Nicht, daß er mit Hoffnungen zu ihr eilte, aber mit Freude über ihr kluges Schweigen, welches ſie mit Rück⸗ ſicht auf ihn beobachtet hatte. 102 Der Einfluß der Unterdrückung hebt und fördert die Gefühle immer. Mit fliegenden Schritten erreichte Briſek die Wohnung des Majors. Am Fenſter ſtand Fanny und ſah ihm entgegen. Ja, wenn es uns möglich wäre, nun den Verlauf der folgenden Scenen recht anſchaulich zu malen! Aber wir geben es von vorn herein auf, weil es ganz gewiß von unſern Leſern als eine„Ueberſtürzung“ betrachtet werden würde, die ſich kaum vor den Geſetzen der Schick⸗ lichkeit verantworten ließe und die noch dazu an die Grenzen der Unwahrſcheinlichkeit ſtreifte. Genug, es währte keine zwei Minuten, ſo hielt der freudenberauſchte Richard Briſek eine fröhliche Braut in ſeinen Armen, und küßte mit Entzücken die rothen Lippen Fanny's, die ſie ihm willig und gerne darreichte. Wie das gekommen war? Sie wußten es alle Beide nicht und wir wollen es auch nicht weiter erörtern. Ihre gegenſeitigen Erklärungen reducirten ſich darauf, daß ſie Beide ſeit beinahe achtundvierzig Stun⸗ den an nichts Anderes gedacht hätten, als daß es das höchſte Glück ſein würde, einander angehören zu können. Nun, dazu war wohl die beſte Ausſicht und daran be⸗ ruhigten ſich endlich ihre Gemüther. Nachdem ſie in glückſeligem Leichtſinne einige Du⸗ zend Küſſe ausgetauſcht und ſich von ihrer gegenſeitigen 103 Zärtlichkeit hinreichend überzeugt hatten, trat die Wirk⸗ lichkeit wieder in ihre Rechte und entriß den Lippen des Hauptmanns den Ausruf: „Aber, mein ſüßes Mädchen— Dein Vater!“ „Still— ſtill!“ flüſterte Fanny ſehr eilig von ihm wegtretend und ihren kunſtvoll gewundenen Scheitel mit beiden Händen glatt ſtreichend, was unter uns geſagt, ſehr nöthig war. „Still, das findet ſich— aber für jetzt nur eine weit nothwendigere Verabredung. Die Majorin macht Toilette. Sie wird gleich fertig ſein. Vor allen Dingen darf hier im Hauſe Niemand ahnen, daß mein Korb an Herrn von der Port mit Dir, Du böſer Menſch, in Ver⸗ bindung ſteht. „Wir müſſen unſer Bündniß, das„auf Ehre“ einer Uebereilung ſehr gleich ſieht, noch eine Zeit lang geheim halten—“ „Aber Ewald, meine Lieb'— Ewald darf es doch wiſſen?“ fiel Briſek bittend ein. Fräulein Fanny verneinte dieß. Briſek ver⸗ ſuchte ſie zu überreden. Sie ſchüttelte beharrlich den Kopf. „Ewald am wenigſten,“ ſprach ſie beſtimmt.„Was ſollte der von mir denken! Nein, es erfährt Niemand etwas von meiner Verlobung mit Dir, als meine Her⸗ 104 zensfreundin Elfriede, die ich auf meiner Rückreiſe be⸗ ſuchen werde!“ Briſek lachte. Sein Hang zur Offenherzigkeit ſpielte ihm den Streich, daß er eine Andeutung ſehr verdächtiger Natur fallen ließ, die im Stande geweſen wäre, bei einem weniger ſeelenvollen, gutmüthigen Mäd⸗ chen eine kleine Bitterkeit gegen die liebſte Freundin an⸗ zuſetzen. Fanny begrüßte das Licht der wahren Erkenntniß allerdings zuerſt mit einem glühenden Erröthen und einem Blicke, der nicht frei von bitterer Empfindlichkeit war, allein ihr Gefühl wechſelte ſchnell und der Schat⸗ ten wich ſogleich von ihrer klaren Stirne, als ſie fragte: „Elfriede— 7 Elfriede und Ewald? Sind Beide einig? Haben Sie ſich ſchon in unſerem Hauſe er⸗ klärt?“ Briſek verneinte es eifrig und ſtellte jedes Ver⸗ hältniß zwiſchen ihnen beſtimmt in Abrede. Er gab aber zu, daß ſein Scharfſinn ihn gewiß nicht auf Ab⸗ wege geführt habe, als er das Intereſſe beiderſeitig er⸗ klärte. Jetzt lachte das junge Mädchen fröhlich auf. „Habe ich's meinem Papa nicht gleich geſagt— habe ich's nicht im innerſten Herzen gefühlt, daß ich 105 neben Elfrieden in den Augen eines Edelmannes rein⸗ ſten Waſſers total verſchwinden müſſe! Aber„auf Ehre“ mein tapferer Hauptmann, ich bin zufrieden mit dem Tauſche.“ Ein heißer Kuß belohnte ihr Geſtändniß. „Was wird jedoch Dein Papa dazu ſagen?“ fragte der tapfere Hauptmann ſehr kleinlaut, als Fanny ge⸗ ſchwind wieder aus ſeinen Armen ſchlüpfte. „Papa hat noch zwei Töchter,“ entſchied das Mäd⸗ chen. „Er mag ſeine Speculationen mit denen ver⸗ ſuchen.“ „Ja, mein Lieb— wir wollen ihm hilfreich die Hand dazu geben!“ rief Briſek freudig von dieſer Re⸗ ſolution berührt. „Laß ihn ſein Geld denen geben—“ „O— nein!“ fiel Fanny ein.„Wir können unſer Geld auch brauchen.“ „Meine Verhältniſſe ſind Gottlob geordnet,“ fuhr Briſek fort. „Was ich als Officier in vorgerückter Charge noch geſetzlich aufweiſen muß, das beſitze ich aus dem Nach⸗ laſſe meiner Eltern.“ „Iſt mir ganz egal, Freund meiner Seele—, beharrte das Fräulein.„Papa hat mir ſechzigtauſend Fritze. Die Speculation. 8 7. 106 Thaler Mitgift ausgeſetzt, und die ſoll er mir bei Hel⸗ ler und Pfennig ausliefern. Was thut's, ob Du von Adel biſt oder nicht— das Geld kann ich immer ver⸗ langen!“ Die Majorin trat ein. Sie fand ihre jungen Freunde höchſt ehrbar in einiger Entfernung von ein⸗ ander ſitzen und nur das Schelmenlächeln Fanny's würde ſie über das Ereigniß haben belehren können, wenn ſie ſonſt darauf geachtet hätte. Schluß⸗Kapitel. Mit rachebrütenden Plänen im fröhlichen Herzen langte Fräulein Fanny Adam bei ihrer Freundin an, die ſie an der Schwelle ihrer Hausthür mit Erſtaunen betrachtete und begrüßte. Sie kam ihr unerwartet. Ein merkliches Herzpochen legte dieſem unerwarteten Beſuche ſogleich einen beſonderen Grund unter, und als ſie erſt dieß glückſtrahlende Lächeln auf dem reizenden Geſichte Fanny's und ihr geiſtig verklärtes Auge ſah, da machte ſie ſich auf ſonderbare Nachrichten gefaßt. Sie ſollte nicht lange darauf warten. Kaum ſah ſich Fanny mit ihr allein, ſo begann ſie in der Zweideu⸗ tigkeit eines hervorbrechenden Muthwillens: „Haſt Du meinen Brief erhalten, Frieda?“ „Den mit der Nachricht von dem ausgetheilten Korbe an den Rittmeiſter von der Port?“ 8 X 108 „Ja, ja! Und ich bin dennoch Braut—,“ froh⸗ lockte das ſchelmiſche Mädchen. „Vom Rittmeiſter?“ fragte Elfriede mißbilligend. „Nein, o nein! Zufälliges Zuſammentreffen— aufgeklärte Mißverhältniſſe—“ Elfriedens Herz durchzog ein Bangen ohne Glei⸗ en. 3„Schneller Entſchluß— zärtliche Hingebung,“ fuhr Fanny fort, trotzdem eine fahle Bläſſe das Geſicht ihrer Freundin entſtellte und ihre Hand bebend nach einer Stütze ſuchte„Genug— wir löſchten alle Er⸗ klärungen und Beleidigungen der Vergangenheit mit unſern herzinnigen Küſſen—! Rathe, rathe, wer mein Bräutigam iſt!“ Elfriede ſtemmte ihre Hand feſt auf den Tiſch, neben dem ſie ſtand. Der Name, der in ihrem Innern längſt verklungen war, wollte nicht von ihren Lippen. Sie widerſtrebten, das Unglück ihres Lebens zu ver⸗ künden. In affectirtem Nachſinnen ſuchte ſie Zeit zur Faſſung zu gewinnen, aber Fanny ließ ſie nicht dazu kommen. „Iſt es denn ſo ſchwer, dieſen Namen zu er⸗ rathen?“ fragte ſie lachend.„Denk ein Bischen nach.—“ „Eſchenrode—,“ hauchte Elfriede tonlos. „Eſchenrode? Eſchenrode?“ wiederholte Fanny B — 109 .— lachend.„Du denkſt nur an Eſchenrode! Als wenn es weiter keinen liebenswerthen Mann gäbe, als Eſchen⸗ rode! Nun—“ fügte ſie herzlich hinzu, als Elfriede von der ausgeſtandenen Qual übermannt, wankte und ſich machtlos in einen Stuhl warf,„nun ſtirb nur nicht, mein Herzensfriedchen, ſtirb nur nicht! Strafe muß ſein— warum biſt Du ſo verſchloſſen geweſen—! Nein, mein Bräutigam heißt Richard Briſek, ſeit achtund⸗ vierzig Stunden Hauptmann in der königlich preußiſchen Artillerie⸗Brigade!“ „Richard Briſek—,“ rief Elfriede neubelebt. „Aber Du beſchuldigſt mich ungerecht, meine Fanny— ich hatte und habe nichts zu geſtehen, als eine ſehr thörichte Leidenſchaft für einen Mann, deſſen Verhält⸗ niſſe ihm ſchwerlich geſtatten werden, jemals um das arme, ganz mittelloſe Fräulein von Harrowitz zu werben.“ „Das wollen wir doch abwarten,“ entgegnete Fanny.„Ewald von Eſchenrode ſoll und muß Dich hei⸗ rathen! Hat mein Papa durch ſeine Speculationen auf dieſen edlen Herrn Eure Liebe herbeigeführt, ſo kann er nun auch ſeine Schuld ſühnen. Nicht, daß er Dir Geld ſchenken ſoll, mein Friedchen— nein nur„bor⸗ gen.“ Ich weiß, dik Verhandlungen um das Darlehn, welches Eſchenrode nöthig hat, find faſt abgebrochen, weil mein Papa verdrießlich war.— Zetzt ſoll und 10 muß er ihm das Geld in gefälliger Aufmerkſamkeit entgegentragen. Laß mich nur nach Hauſe kommen! Ich fühle merkwürdige Kräfte und Anlagen zum Comman⸗ diren, ſeit ich eines Artilleriehauptmannes Braut bin. Allein,“ fügte ſie mit blitzenden Augen hinzu, indem ſie Elfrieden feſt umſchlang,„jetzt bekenne mir Alles, was Du fühlſt.“ Zwiſchen den Freundinnen entſpann ſich ein traulicher Austauſch aller Empfindungen und Herzensregungen. Sie gaben ſich ganz Hoffnungsbil⸗ dern hin und es iſt zu erwarten, daß Alles, was ſie ſich erträumten, realiſirt werden wird. Es wird Se. Majeſtät, dem Actienkönig, wohl nichts Anderes übrig bleiben, nachdem er mit ſeiner letzten Speculation ſo gründlich auf den Sand gefahren iſt, als daß er„gute Miene zum böſen Spiele“ macht und den Vorſchlägen Gehör gibt, die ihm ſeine Tochter Fanny zu inſinuiren gedenkt. Ende. Druck von Plachy& Spitzer. In meinem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Die Familie Germandre. Roman von George Sand. 2. Auflage 8o. 200 Seiten. S 80 kr. Oeſt. Währ. gr Aus dem Extraſtübchen eines modernen Reſtaurants. Ein Pariſer Lebensbild von Ponſon du Terrail. So. 191 Seiten. Preis: 80 kr. Oeſt. W.= 15 Ngr. Capituin Phntome. Roman aus der Zeit des ſpaniſchen Unabhängigkeitskrieges von Paul Feval. 3 Bände. 8.0 343, 283, 325 Seiten.— Preis: 4 fl. Oeſt. W.= 2 Rthlr. 15 Ngr. Eaſt Wnnr. Ein engliſches Familienbild von Mrs. Henry Wood. 3 Bände. So. 281, 246, 384 Seiten. Preis: 3 fl. 60 kr. Oeſt. W.= 2 Rthlr. Dieſe bei ihrem erſten Erſcheinen in Frankreich und England mit großem Beifalle aufgenommenen Romane empfehlen ſich in meinen eleganten und wohlfeilen Ausgaben der Beachtung des deutſchen Leſepublikums ſchon durch die Namen der anerkann⸗ ten und beliebten Verfaſſer, ſowie durch die ſorgfäl⸗ tige und fließende Ueberſetzung. Herm. Markgraf. Verlagsbuchhandlung in Wien. ——— Berichtigungen. Erſter Band. S. 19 Zeile 14 ſtatt Vorausſegel lies: Vormarsſe gel. 8 22 27 29 49 53 94 109 125 126 134 139 5 2 16 14 16 11 20 23 13 6 2 11 14 12 1 6 16 11 3 16 77 Waſſerhöhe lies: Waſſerhoſe. ſie begründeten lies: ſie bezielten. Höheren der Armeel.:Führernder Armee. Coriolonusſchwert 1.: Brennusſchwert. in ihren Conſul l.: in Ihnen Conſul. weißen Schimmel lies: Eiſenſchimmel. Fexier Olivier lies: Texier Olivier. Moosſitz lies: Moosfilz. geſcheckte lies: gefleckte. ſtammweiſe lies; ſtellenweiſe. grüne Segler lies: graue Segler. Biffweſt lies: Biffröſt. geſalbten Pfalzgrafen lies: gefalleneu Pfalzgrafen. Schwegwald lies: Schwarzwald. feſteſte Roß lies; feiſteſte Roß. Todtenamt lies: Todtenmal. Starhans lies: Starkhand. flatternden lies: lagernden. Lur lies: Luchs. Scheines lies: Schleiers. ſchwimmenden lies: ſchimmernden. igozan lies: igazn. 7/ 191 191 201 201 216 218 — +—— ——— C c S ci c 00 — d2 —— d —= — S c c e — 00 . 19 20 20 12 — G— 00 0 —5 S. 142 Zeile 25 ſtatt tiefſinnige lies: tiefinnige. 175 10 77 Ehe der Mond dreimal lies: ehe das Jahr zehnmal. (10 Bataillonn lies:(10 Catalonier. daß wie lies: daß wir. und Teleky lies: und Teleky nennen. Bande lies: Lande. Degen lies: Dogen. Balaton lies: Palaton. aufgeräumt lies: aufgewärmt. Zweiter Band. ruhigen Leben lies: rührigen Leben. ſtatt Ritterſtande lies: Grafenſtande. ſtatt ſieben Jahre lies: neun Jahre. war er jenem Abend lies: hatte an jenem Abende. Dynaſtie lies: Dynaſte. Neumatel lies: Neumetel. nocadomo lies; novadomo. Bichta lies: Prichta. gar lies: gar nicht. ſtatt Igel lies: Igel, Jezek von Pardubic. ſtatt Durchſuchung der lies: Durchſu⸗ chung durch die. kritiſche lies: brittiſche. ſtatt: ein Knabe von ſiebzehn Jahren, lies: ein Knabe von neun Jahren. ſtatt: Lebfevre lies: Lefebvre. .. 3„ ℳ 1 ſſiſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 1 17 18 F 6 2. 8—