Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von . jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat; 1 W.— 1 N 2 F f 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſ n.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ S efecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. bei 14 T feſtgeſetzt und wird „daß das Weiterverleihen nden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ n, auch dafür zu ſtehen haben. 7 SEBU Pibliothek deutſcher Briginalromane. Herausgegeben von Herm. Markgraf. Achtzehnter Jahrgang. Vierzehnter Band. Der ſchwarze Mann. II. Wien. Herm. Markgraf. 1863. ——————— Der ſchwarze Mann. Geſchichtlicher Roman von F. Iſidor Proſchkv. Zweiter Theil. Wien. Herm. Markgraf. 1863. — Inhalt. Erſtes Capitel. Der ſchwarze Mann. Zweites Capitel. Ungariſcher Hochſinn Drittes Capitel. Die Ritter vom Todtenkopfe. Viertes Capitel. Die Sage vom Raben und Löh 5 Fünftes Capitel. Die goldene Myrthe Sechſtes Capitel. Die e Frau.— Ein neuer Verbündeter. Siebentes Capitel. Cäſfar i in Neu⸗ Athen Achtes Capitel. Der Herr de la Pagerie. Neuntes Capitel. Im Lager von S— Der Fahneneid. Der ſchwarze Mann. ——— k Der ſchwarze Mann. (Fortſetzung.) „Jetzt begann ein Wettlauf um Tod und Leben. „Voran Joſſu mit ſeiner theuren Laſt— fünfzig Schritte hinter ihm der Rieſe Karatſon mit ſeiner Schaar, gleich dem wilden Jäger, welcher die nächtliche Runde um den Erdball zurücklegt, donnernde Flüche und Ra⸗ cheſchwüre jagten die Horde und Joſſus Athem begann bereits zu ſtocken, ſeine Pulſe fieberten, dichter Schweiß perlte über die ermattenden Glieder, vor ſeinen Blicken drehten ſich Anger und Haide im bunten Wirbel, er ſah, er hörte nicht mehr den Jubel der ſchrecklichen Verfolger. „Jetzt— jetzt verließ ihn die letzte Kraft, ſeine Knie brachen, er fank mit ſeiner thenern Laſt zu Boden Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 1 m 2 und hinter ihm— raſſelte das gewaltige Fallgitter des Stadthores von Debrezin zur Erde.—— „Helena lag bereits auf dem weichen Teppiche in ihrem väterlichen Hauſe, umgeben von ihrem Vater und dem wonnetrunkenen Joſſu deſſen Jugendkraft ihm jede andere Labung nach dem fürchterlichen Laufe entbehrlich machte, als jene, die er im ſeligen Blicke ſeines Lebens⸗ engels fand. „Gottes Hand hatte ſichtbar über dem Hauſe des Stadtrichters gewaltet, ſeine Hand aber ruhte ſegnend auf Joſſu's und Helenens Häuptern, ſein Mund lispelte die ſchönen Worte.„Nach Stürmen Ruhe!“ und die hei⸗ lige Stille im Gemache wurde nur durch ein fernes Po⸗ chen und Hämmern unterbrochen. „Da trat aber ein Stadtgeſchworner mit bleichem Antlitze in das Gemach und rief den Stadtrichter in die 3 Vorhalle. „Der ſchwarze Mann ſteht vor den Thoren, mit ſeiner Rotte,“ berichtete der bleiche Bote;„der Bürger 31 ſind nur wenige ſtreitbar, die meiſten außer der Stadt, wir ſind verloren, wenn es der Rotte gelingt, das Fall⸗ ₰ gitter zu erbrechen.“ „Beſtürzt rannte der Stadtrichter über die Stein⸗ treppe zum Stadtthore herab, wohin bereits der größte Theil der Bürger zugeeilt war. 3 „Der liſtige Karatſon aber hatte dieſen Umſtand wahrgenommen, und während ſich die Belagerten abmüh⸗ ten den Bogen des Thores mit Stein und Holz zu ver⸗ palliſadiren, und einige von Karatſon's Leuten das fürchterliche Gebrüll fortſetzten, war Georg unbemerkt durch ein unbeſchütztes Pförtlein am öſtlichen Ende der Stadt eingebrochen und ſchwang jetzt mit Hohngelächter ſeine mächtige Partiſane im Rücken der Belagerten. „Nun entſpann ſich der Kampf, der im Bogengang des Thores und zwiſchen den nächſten Wohngebäuden ein⸗ gepferchten Debreziner mit der wilden Rotte. „Aber Karatſon's Wink gebot plötzlich Ruhe, 3 augenblicklich ſenkten ſich die Morgenſterne ſeiner otte.— „Hört ihr Männer von Debrezin!“ donnerte er unter die Reihen,„nur die Gottloſen, welche ſein Geſetz ſchändeten, hat der Herr vertilgt— Korah, Dathan und Abiram; ſo liefert ſie uns aus: den entflohenen Joſſu, Helena und den Stadtrichter, daß ich ſie opfere, als Sühne für eure Halsſtarrigkeit, womit ihr mir eurem Retter und Freiheitsbringer, die Thore verſchloßet.“ „Einen Blickwarf der ſchwarze Mann um ſich, und gewahrte den Stadtrichter, der nun bereit ſtand, ſich mit den wenigen ſtreitbaren Bürgern, dem ſchwarzen Manne entgegen zu ſtellen. 1 „Ergreift ihn,“ brüllte Karatſon„und hängt ihn am Erker ſeines eigenen Hauſes! dann hohlt mir das ſittige Töchterlein und ihren Sponſen, damit ihnen werde nach ihrem Verlangen. Sie ſollen an einander gekettet werden wie ſie es wünſchen, dann werft ſie in das Feuer!“ „Als aber jetzt die Rotte Miene machte mit jubeln⸗ den Eijens den Stadtrichter zu ergreifen, und die Sen⸗ tenz ihres Abgottes an ihm zu vollziehen, da ballten die Bürger von Debrezin ihre Fäuſte und drangen mit ge⸗ ſchwungenen Waffen jeder Art auf die Rotte Karatſon's ein.— „Ein blutiges Handgemenge begann, in deſſen Mitte der ſchwarze Mann mit ſeiner Keule um ſich mähte; hier und dort ſank ein Debreziner, und lauter immer lauter tönte das Gebrülle der ſchwärzen Rotte, während ſich der Kampfknäuel dem Stadtrichterhauſe näherte, vor welchem ſich zuletzt ein kleiner, dicht geſchloßener Haufe von Bürgern, den grauen Stadtrichter an ſeiner Spitze, zuſammenballte, und den Eingang, Mann auf Mann hinſinkend,— heldenmüthig vertheidigte. „Schon brach die ſchwarze Rotte in ſiegestrunkenes Freudengeſchrei aus,— da ſchmetterten Trompeten⸗ klänge in ihrem Rücken und eine blanke Schaar gepan⸗ zerter kaiſerlicher Reiter umzingelte ſie, Joſſu und einen magyariſchen Helden, den gefeierten Niclas Bathori, 5 an ihrer Spitze. Joſſu, als er dem Stadtrichter in das Getümmel nacheilen wollte, hatte vom Erker aus den auf Debrezin zueilenden Helden wahrgenommen, und ihm das obere Stadthor ſchneller geöffnet, als die Rotte hie⸗ von Kenntniß erlangt hatte. „Im Namen kaiſerlicher Majeſtät,“ donnerte Nic⸗ las Bathori unter den Haufen, während ſeine Reiter in Angriffsſtellung verharrten,—„einem Jeden Schonung und Gnade, welcher ſein Gewehr ſtreckt, und zu ſeinem Pfluge zurückkehrt,— der Strang einem Jedem, der eine Secunde zögert!“ „Das Wort wirkte wie ein Blitz.— „Der feige Räuberhaufe, nur muthig im Plündern und Sengen, warf ſeine Morgenſterne und Picken von ſich, und flehte zu den Füßen Bathori's um Gnade. „Aber Karatſon, ſein Schickſal ahnend, ſtreckte ſich jetzt in ſeiner ganzen Länge empor: „Elende Midianiter!“ rief er,„wollt ihr Euch dem Henkertode preisgeben?— Wollt ihr trauen den Worten des Verrathes?— Werft Eure Waffen nur von Euch, dann werden ſie Euch binden, wie die Lämmer unter dem Meſſer des Würgers, und zum Feuertode führen.“ „Deine Rolle iſt ausgeſpielt elender Leibeigener!“ donnerte Bathori hier dazwiſchen.„Längſt wäreſt du deinem Schickſal nicht entgangen, hätte ich nicht den rech⸗ 6 ten Augenblick abgewartet dein Raubneſt mit ganzer Macht zu umzingeln— denn ſeit mehr als ſechs Wochen war ich von kaiſerlicher Majeſtät beauftragt, dem Raub⸗ unfuge ein Ende zu machen.— Der Holzknecht gehört zum Pflocke, und darum geſchehe ihm ſein Recht!“ fuhr er mit gehobener Stimme fort. „Und Bathori winkte, und ſchon war eine dichte Strickſchlinge über Karatſons Nacken gefallen und wäh⸗ rend ihn drei Kriegsknechte von rückwärts zu Boden riſ⸗ ſen, ſchleppten ihn ſchon drei andere zu demſelben Hau⸗ blocke, an welchem er vor zwei Jahren ſeine Pläne aus⸗ geſponnen hatte. „Jetzt verließ den Trotzigen ſein Hochmuth, er brüllte gleich einem Raſenden, und ſuchte ſich mit Gewalt die Stricke von den Händen zu winden; zuletzt brach er in Thränen aus und rief jammernd um Gnade und Schonung. „Dieſe Schmerzenslaute hatten jedoch nur die Wir⸗ kung, daß ſie die noch wenigen trotzigen Gemüther ſeiner Raubbande, gänzlich entmuthigten, und dieſe ihm, ihrem Verführer, ſchrecklich zu fluchen begannen. „Die Soldaten Bathori's aber drückten mit raſen⸗ der Eile den ſtruppigen Kopf des Holzknechtes auf den Haublock, rießen ſein Panzerhemd zurück, und— 7 der blutige Rumpf ſank vor dem Stadthauſe zur Erde.— „Die meiſten der Anhänger Karatſons, wurden be⸗ gnadigt, gingen ruhig nach Hauſe und pflügten ihre Aecker wieder; Ladislaus der Kürſchner, welcher eben im Be⸗ griffe war, mit dem von den Türken aus dem heiligen Lager verſprengten Ueberreſte der Rotte gegen Debrezin heranzuziehen, wurde von Bathori's Streifwachen in der nächſten Nacht entdeckt, geſchlagen und zierte das Stadt⸗ thor von Debrezin mit ſeinem Leichnam. „Der nächſte Maimond aber ſah Helena an der Seite ihres Joſſu als Gattin aus der Kirche ziehen. „Die ernſte Weltrichterin, dieGeſchichte, aber zeich⸗ nete als Denkmal jener barbariſchen Zeit mit blutigem Griffel in ihre Tafeln den Namen des„ſchwarzen Man⸗ nes,“ welcher die angebliche Bekämpfung der Türken in Ungarn, zum Vorwande ſeines Bauernaufſtandes ge⸗ brauchte. „Das iſt die Sage vom ſchwarzen Mann,“ ſchloß der Mönch ſeine Erzählung;„dießmal war es alſo das Landvolk Ungarns, unter welchem der Ahasver, der böſe Genius Ungarns wieder in der ſchwarzen Maske auftrat, und wieder war es eine Helena, welche ſeinen Untergang verurſachte;— lange ging aber unter den 8 Landleuten Ungarns die Sage: daß auch bei dieſem Bau⸗ ernaufſtande eine fremde Hand im Spiele war, und daß auch der ſchwarze Mann des Jahres 1569 den Gift⸗ hauch, mit dem er das Land anſteckte aus jener Luft ein⸗ ſog, welche vom fernſten Weſten her, über die deutſchen Fluren herüber nach Ungarn wehte.“— 2. Ungariſcher Hochſinn. Das hat der edle Ungar mit jenen ehrwürdigen Heldengeſtalten der bibliſchen Vorzeit gemein, daß er wie dieſe keinen Gaſt von ſeinem Zelte weiſet, vielmehr ſelbſt mit ſeinem Feinde Milch und Brot theilet, und wüßte er auch, daß dieſer den friſchgeſchliffenen Dolch unter ſei⸗ nem Mantel verbirgt, um ihn zu tödten, ſo wird der gaſt⸗ freie, hochherzige Ungar ihm dennoch das Nachtlager gön⸗ nen, um dem vom Wetter und Sturm Verfolgten ſein: Kérem tessck besétalni!) ohne lang zu fragen:„wo⸗ her? wohin? warum?“ zuzurufen. So fand es auch im Hauſe des edlen Grafen Ar⸗ pad Niemand auffallend, daß der unbekannte Gaſt Louis, „ 0) Ich bitte, ſpaziren Sie herein! 10 genannt Graf Lenoir aus dem Rheinlande, den der Sturm am Hanſag plötzlich in's Haus geweht hatte, ſchon ſeit zwei Monden daſelbſt weilte und von der Gaſtfreund⸗ ſchaft des Grafen einen Gebrauch machte, als ob er ein Sohn des Hauſes wäre, und ſeit Jahren ein Recht hätte vom Tiſche des Grafen zu eſſen und deſſen Jagdſchloß zu bewohnen. Nur der alte Zoltan, der als Vollblut⸗Magyar von uralter Färbung alles Fremdländiſche in der Seele haßte, hatte den Rheinländer mit ſcharfen Augen betrachtet und konnte nicht begreifen, wie der alte Graf gar nicht ſehen wollte, daß der Mann vom Rhein der ſchönen Tochter des Hauſes gar nicht mehr von der Seite kam. Seit der Ankunft des jungen Grafen Hermann hatte Zoltan einen Bundesgenoſſen in ſeinem Beobachtungs⸗ geſchäfte gefunden. Graf Hermann von Pazman der echte„deutſche Magyar,“ wie ihn die Leute des Grafen nannten, hatte die erſte Jugendliebe zu Helena als eine junge Knospe auf ſeine Reiſen mitgenommen und als eine aufgeblühte Roſe nach Hauſe gebracht; jetzt fand er aber einen Falter bei ſeiner Blume, und der erſte Blick, den er auf die Geſtalt des Rheinländers that, war der Blick der bitterſten Eiferſucht.— Aber der junge Graf, eben ſo edel als ſtolz, bekämpfte ſein Gefühl, wenn er He⸗ lenen nahte, aber offen wollte er dem Manne entgegen⸗ 11 treten, welcher ein Gaſt im Hauſe, ſich die ſchönſte Blume in demſelben pflücken wollte... Graf Arpad ſelbſt mit ſeinen Gäſten und dem Ge⸗ danken an die nächſten Schickſale ſeines Vaterlandes be⸗ ſchäftigt, beachtete den erwähnten Stand der Dinge in ſei⸗ nem Hauſe nicht; der Mann, deſſen vorzüglichſter Charak⸗ terzug Offenheit, Ehrlichkeit und Hochherzigkeit war, hlickte durch kein dunkles Glas und ſah daher in der Per⸗ ſon des jungen Rheinländers nur den Gaſt des Hauſes, dem nach altungariſcher Sitte ſo lange Gaſtrecht und Gaftfreundſchaft gewährt werden mußte, als er Beide anſprach. Hochbefriedigt von dem ruhigen Leben, welches ſich um ſeine Perſon eben auf ſeinem Jagdſchloße bewegte, ſtieg der alte Graf mit faſt jugendlicher Leichtigkeit an der Spitze ſeiner Gäſte in den Schluchten und Thälern ſeines Jagdbereiches herum, bald dort bald da die Ku⸗ gelbüchſe, welche ihm ſeine Heiduken nachtrugen, zum Schuße aufnehmend. Dort an der nordweſtlichen Seite des Jagdſchloſſes, wo ein halbmondförmiger Felſenkranz ſich hinzog, liegt der rothe See, ſo benannt vom rothen Lichte, welches ſein Spiegel zurückwirft, und welches von einem feinen Ueber⸗ zuge des Granitgerölls in dem kriſtallenen Waſſer mit rothgelbem Eiſenocker herrührt. 12 Auf jener Seite aber, wo der grüne See ſein kri⸗ ſtallenes Gewäſſer ausbreitet, bietet ein von ſteilen Fel⸗ ſen umfloſſener Keſſel ein hundertfaches ununterbroche⸗ nes Echo, und wird dort eine Piſtole abgeſchoſſen, ſo kracht ein nachhallender Donner, der allmällig dumpfer wird, und zuletzt in ein, das Ohr immer ſanfter und ſanfter berührendes, Säuſeln, endet. Würde an dieſem Platze eine Kanone gelöſt, ſo würde die in dieſem engen Raume eingeſchloſſene Luft unſtreitig Felſenſtücke von den aufgethürmten Wänden losreiſſen und in die Tiefen ſchleudern. Seltſam klingen dort in hundertfacher Vervielfäl⸗ tigung die verſchiedenartigen Töne des durchdringenden Pfeifens der Steinböcke und Murmelthiere, das Geplät⸗ ſcher der herabfallenden Wäſſer und ſelbſt das ſanftere Wehen der von den Felswänden zurückſtrömenden Luft, dann die Laute der menſchlichen Stimmen, welche ſich hier in den Choral der Naturmuſik hineinmengen. Den Rand des Keſſels, welcher dieſe Schlucht einſchließt und der, wenn die Sonne ihren Strahlenkranzüber die Schlucht ausſchüttet, einem rieſenhaften Goldreife gleicht, nann⸗ ten die Bewohner des Jagdſchloſſes die Feuerkrone des Doſa. In dieſer Schlucht ſtand am nächſten Abende nach der erwähnten Feſttaſel Louis Lenvir, der Rheinländer 13 — an ſeiner Seite ein alter Diener des Grafen Arpad, welcher den jungen Mann zuweilen auf den Jagdgängen in die Felſen begleitete.— Die Fauſt Lenoir's hielt ein blauläufiges Piſtol umſpannt; jetzt drückte er los und ein hundertfaches Echo, zuerſt laut, dann leiſe und immer leiſer hallte der Schuß in den Bergen wieder. Aber auch hoch oben von der Felszacke krachte ein Schuß herab. Er ſchien die Antwort auf den erſten zu ſein. Gleich einem aus der Tiefe emporſteigenden Berg⸗ geiſte ſtand dort oben auf der höchſten Felſenkante ein kühner Jäger. Hermann Graf von Pazman war es, welcher jetzt die ſteile Felswand langſam herabſtieg; hinter ihm Zol⸗ tan, der alte Heiduke des Grafen. „Wir ſind am Entſcheidungspunkte angelangt,“ ſagte Hermann von Pazman zu ſeinem Begleiter.„Der Gaſt des Hauſes des Grafen Arpad wird zurückprallen vor dem Meduſenſchilde, welchen wir ihm entgegenhal⸗ ten werden.“ Der Rheinländer bemerkte den jungen Grafen, er erwartete ruhig deſſen Herantreten. Zetzt ſtanden ſich die beiden jungen Männer ganz nahe. An der Seite des Grafen Lenoir ſtand ein bärtiger Ungar von etwa vierzig Jahren mit einem faſt geiſter⸗ bleichen Geſichte und pechſchwarzem, über das Geſicht herabhängendem Haare, ein dunkler Dollman bedeckte ſei⸗ nen Leib. Graf Hermann hatte dieſen Mann früher im Jagd⸗ ſchloße am Karfunkelthurm nicht geſehen, er warf einen langen Blick auf ihn. „Mein Sekundant Bacſany,“ bemerkte der Rhein⸗ länder kurz;„er iſt vor einigen Stunden auf dem Jagd⸗ ſchloße eingetroffen, ein alter Reiſegeſellſchafter von mir, und wie Sie ſehen, ein Ungar; Sie werden daher nichts einzuwenden haben, daß ich ihn zu meinem Beiſtande bei dem Geſchäfte erwählte, das wir eben abthun wollen.“ „Nicht das Geringſte,“ erwiederte Hermann mit einem Blicke auf den Sekundanten; dieſer aber trat einige Schritte vor. „Mein Herr,“ ſagte er,„es iſt etwas Außergewöhn⸗ liches, daß der Gaſt eines ungariſchen Herdes mit dem Sohne des Hauſes Kugeln wechſelt; es wäre vielleicht gerathen, ſich über den Gegenſtand des Streites früher zu verſtändigen.“ Graf Hermann warf einen ſpöttiſchen Seitenblick auf den Sprecher.„Sieh' da, der Ungar ſpielt den Sach⸗ walter des Ausländers,“ ſagte er—„nun, mein Herr,“ fuhr er, zu Louis Lenoir gewendet, fort,„wenn Sie Scheu 15 vor ungariſchen Kugeln haben, ſo räumen Sie das Feld, ich will Gnade für Recht üben—“ Ein glühender Blick des Rheinländers war die Antwort. „Mein Herr,“ rief er,„Sie kennen mich nicht— vorwärts! ſchießen Sie!“ „Ihnen gebührt der erſte Schuß!“ herrſchte ihm raf Hermann zu. Der Rheinländer war ſeiner Bewegung nicht mehr Herr, er hob zitternd vor Aufregung das Piſtol und ſeine Kugel ziſchte am Haupte Hermann's vorüber. „Fehl geſchoſſen!“ ſagte dieſer kalt;„nun, mein Herr, iſt der Schuß an mir, bevor ich aber eine Kugel durch Ihr Gehirn jage, muß ich Ihnen offen und ehr⸗ lich ſagen, daß der Grund meines feindlichen Auftretens gegen Ihre Perſon nicht Vorurtheil gegen den Fremd⸗ ling, nicht leere Eiferſucht auf die Rolle iſt, die Sie im Hauſe meines Onkels ſpielen. Ich ſage Ihnen offen, daß ich Zweifel gegen Ihre Perſönlichkeit hege, und ich möchte wiſſen, ob mir der Gegner, den ich meiner Kugel wür⸗ dig halte, auch an Rang und Herkunft ebenbürtig iſt; — mein Herr. Sie nennen ſich einen Grafen Lenoir vom Rheingaue, womit können Sie dieſe Herkunft und die Wahrheit Ihrer meinem Onkel gemachten Angaben über Ihren Adel und Ihre Beſitzungen im Rheingaue bewei⸗ 1 16 ſen? Der Neffe des Grafen Arpad ſchießt ſich nur mit einem Ebenbürtigen.“ Louis Lenoir lächelte;„ich glaubte nicht, daß man in Ungarn nach Reiſepäſſen und Geburtsnachweiſen frage,“ ſagte er kalt;„indeſſen, ich kann und will Ihnen dieſen Nachweis auf der Stelle liefern. Sie ſollen ſo⸗ gleich meine Papiere zu Geſichte bekommen.“ Graf Louis Lenoir griff bei dieſen Worten in ſeine Bruſttaſche— aber tiefe Todtenbläͤſſe bedeckte auch ſogleich ſein Antlitz — ein leiſes faſt unmerkliches Zittern verrieth ſeine in⸗ nere Aufregung, er ſuchte— ſuchte und ſchien nichts zu finden— hohe Flammenröthe bedeckte jetzt ſein Geſicht. „Sie ſcheinen die Diplome Ihres rheinländiſchen Ritterſtandes verloren zu haben,“ bemerkte Graf Her⸗ mann—„geben Sie ſich keine Mühe es länger zu ſu⸗ chen, hier iſt es!“ Bei dieſen Worten riß er ein ſchwarzes Portefeuille aus ſeiner Bruſttaſche;„ich habe dieß geheimnißvolle Portefeuille mit allen ihren Briefſchaften am Ufer des Sees da unten gefunden,“ ſagte er lächelnd,„wo Sie es in der Eile des Heraufſteigens vermuthlich verloren haben.“ „Mein Portefeuille!“ rief Herr von Lenoir, in⸗ dem er die Hand darnach ausſtreckte. 17 Hermann von Pazman aber zog es zurück.„Da ich nicht wußte, daß es Ihr Eigenthum ſei,“ ſagte er, „ſo habe ich es durchblättert und bin ſomit über deſſen Inhalt vollkommen unterrichtet——“ „Mein Herr!“ rief der Herr von Lenoir. „Sie werden begreifen,“ fiel der junge Graf ein, „daß wir uns nicht weiter ſchießen können, und wennich die erſte Kugel von Ihnen entgegen nahm, ſo that ich es nur um, den Schein einer Feigheit von mir abzulocken; hier iſt Ihr Portefeuille, nehmen Sie es und reiſen Sie dahin, wohin Sie die, in demſelben neben den unechten Papieren liegenden, echten Briefſchaften beordern.— Le⸗ ben Sie wohl,“ damit legte Graf Hermann dem Rhein⸗ länder das Portefeuille in die leiſe zitternden Hände. Louis Lenoir ſtand todtenbleich und keines Wortes mächtig. „Wie ſoll ich,“ hauchte er—„das—“ „Nennen?“— fiel Hermann von Pazman ein; „Ungariſche Sitte! mein Herr!— Der Bewohner Un⸗ garns ſchlägt ſeinen Feind in offener Feldſchlacht, von andern Mitteln ihn zu verderben, hat kein echter Ungar und auch kein echter Deutſcher noch Gebrauch ge⸗ ſächt Proſchle. Der ſchwarze Mann. II. 2 18 Nach dieſen Worten ſtieg Graf Hermann von Paz⸗ man mit ſeinem Begleiter den Hügel hinab. Der Rheinländer Louis, genannt Graf Lenoir ver⸗ lor ſich aber im Gebüſche auf der Seite hin, wo der Weg fern vom Jagdſchloße des Grafen Arpad gegen die S nach Deutſchland hinausführte.... Die Ritter vom Todtenkopfe. Der vorrückende Frühling des Jahres 1805 ſtreute ſeine Sonnenſtrahlen auf die herrlichen Gefilde Italiens von deren Golde beleuchtet die reizende Isola bella auf dem lago maggiore einem Feenreiche glich, in wel⸗ chem Natur und Kunſt ihre ſchönſten Schätze darboten. Dort an der Südſeite der herrlichen Villa der Gräfin Bianca Orſini lag der ſchönſte Theil ihres Par⸗ kes der ſogenannte vrientaliſche und afrikaniſche Wunder⸗ garten, mit dem von den Bewohnern der Inſel ſoge⸗ nannten grauen Hauſe, ausgebreitet da. Hier rankte ſich die Feige an der ſchneeweißen Mauer empor, dort hingen blühende Fuchſien, hier er⸗ hob ſich der ſtachlichte rieſenhafte Cactus und die blü⸗ hende Aloe, drüben ſtand eine Laube mit gelbblühenden 2* 20 Bignonien und den herrlichen roſenrothen Bougonvillen; breite Hecken von blauen Hortenſien, baumhohe Came⸗ lien ſchloßen den lichtgrünen Raſenplatz ein, auf welchem die Furcroia gigantea ihren rieſenhaften Schaft mit den goldfärbigen Blüthen und von grünen Blättern umhüllten Zwiebeln ſo hoch wie die dreißigjährige Eiche darneben emporſtreckt. An einer andern Stelle tiefer im Parke ſtreckte die köſtliche Ananas ihr Kraut zur Höhe von acht Fuß ne⸗ ben der ſchönen Dattelpalme empor. Weithin im dichten Palmenwäldchen erhob ſich die fichtenähnliche Pendane mit ihren ſchilfartigen Blätter⸗ büſcheln und der pyramidalen Krone wohl zu einer Höhe von vierzig Fuß, daneben duftete der immergrüne Kafee⸗ ſtrauch mit ſeiner wohlriechenden jasminähnlichen Blüthe und ſtand der Orangen⸗, Feigen- und Mangobaum mit den herrlichen Früchten von der Größe, Geſtalt und Farbe einer großen Pfirſich mit dem goldgelben, ſaftigen Flei⸗ ſche, und der ſchöne Roſenapfel mit den kleinen gelben einem Apfel gleichenden und roſenartig duftenden Früch⸗ ten, der zierliche Pitango⸗Strauch mit den kleinen wei⸗ ßen Blüthen und den dunkelrothen, ſäuerlichſüßen Bee⸗ ren, daneben die liebliche Myrthe, die Granate und der Liebes⸗Apfel(persicum esculentum) mit ſeinen ge⸗ nießbaren Früchten. 21 Drüben aber, wo ein kleiner Bach ſich zwiſchen Ta⸗ marinden zum See hinabſchlängelte, erhob ſich neben dem wunderlichen Perückenbaume die mächtige Libanon⸗ Ceder mit ihrem haushohen Stamme. Dichter ward hier die wunderliche Flora und die ſeltſamſten Planzen der Tropenwelt reihten ſich im bun⸗ ten Gemiſche aneinander— plötzlich zeigte ſich da wo der kleine Bach in die Richtung nach Süden einbog wie⸗ der eine eigene Welt, die des Thierreiches. Vom kleinen Biſamäffchen mit dem buntgefleckten Schweife angefangen bis zur ſchnellfüßigen Gazelle, vom goldſchimmernden Honigſauger der heißen Zone bis zum großen Trappe und dem gewaltigen Strauße Afrika's, war hier theils in Käfigen, theils in freier Bewegung die Thierwelt des heißen Erdgürtels vertreten; ein eigenes Leben des Friedens ſchien hier ausgegoſſen, denn ruhig wondelte, hüpfte und flatterte da Alles durcheinander wie einſt in Edens Wundergarten die neugeſchaffene Thier⸗ welt durcheinanderwogte, als noch der Geiſt des Frie⸗ dens über der Erde kag und die Sünde des Menſchen den Garten Gottes nicht befleckt hatte. Dort ringelte ſich die kleine Meerkatze an dem Aſte eines Baumes, hier hüpfte das auſtraliſche Beutelthier mit ſeinen Jungen, dort ſchritt der ſtolze Pfau, ſein gold⸗ geſäumtes Rad ſchlagend, im Schatten jener blätterrei⸗ 22 chen Ulme brachte der Chor der erwachten Sänger der Luft dem Schöpfer ſein Morgenlied, und den größten Choral der Natur ſang die melodiſche Stimme eines ſanften Glockenſpieles: ein frommes Ave, welches das weitſchallende Echo des braunen mit kühlen Grotten und ſilberſpangenähnlichen Waſſerfällen erfüllten Felſens ſechsfach wiedergab.... Ueber dieſes reitzende Bild ſpannte der weite Abend⸗ himmel ſeine blaue Kuppel und wie ein großer zittern⸗ der Rubin ſank der Tagſtern langſam und majeſtätiſch nieder und ſtreute ſeine letzten Feuergarben auf die Fläche des See's und ſpiegelte ſich in den kleinen Tiefen, welche wie grüneingerahmte Silberſpiegel, auf denen der ſchnee⸗ weiße Schwan Furchen ſchnitt, zwiſchen dem dunklen Hrangenwäldchen hervorblickten. Die Feeninſel ſchien, wie erwähnt, ein Paradies zu ſein, in deſſen Räumen gewürzreiche Düfte des Orients ſchwammen und Laute des Friedens auf den Luftwellen dahin getragen wurden. Schön, groß und ewig gleich in ihrer majeſtätiſchen Ruhe, wie im aufbrauſenden Sturme, iſt die Natur— ſie wirkt ſelbſt dort ſchaffend und ſegnend, wo ſie zu zer⸗ ſtören ſcheint; der Friedensſtörer der Erde iſt aber nur der Menſch; er verſteht oft nur zu zerſtören nicht aber zu bauen;— auf der Stätte des Friedens entwirft er 23 ſeinen Plan zum Kriege und unter dem grünenden Baume ſchleift er die Axt, um deſſen Stamm zu füllen. So auch auf der reizenden Iſola bella. Dort wo ein kleiner Lorberwald an der Oſtſeite der Villa kühlen Schatten bot und der wunderliche Rie⸗ ſenleuchter der Euphorbia canariensis) neben der baumhohen Erica arborea ſeine Dornen herabſenkte, ſtand ein ſchief geſenktes kleines thurmartiges jedoch mehr viereckiges Gebäude, deſſen Hinterwände in einen Fel⸗ ſen ſo kunſtreich eingefügt waren, daß das graue Haus aus dem Granite des Felſens hervorzuwachſen ſchien. Das breite Blattgeflecht des Weinſtockes mit dunkelblauen großen Trauben zierte die Wand dieſes Hauſes; einige wenige dicht geſchloſſene Jalouſien blickten durch das Weingeflecht und die kleine enge Thür, zu welcher man auf ſechs Granitſtufen emporſteigen mußte, war hinter den zackigen Blättern eines rieſenhaften Cactus verſteckt. ¹) Euphorbia canariensis(el Cordon der Spanier) ein ſonderbares Gewächs der kanariſchen Inſeln, welches kaum mehr einer Pflanze gleicht; es trägt ſtatt der Blätter längs den Kanten zwei kleine abwärts gebogene Dornen, die ei⸗ nem Blatte entſprechen, und hat ganz das Ausſehen eines mit vielen Kerzen beſteckten Leuchters. Die Prica arborea, ein Heidekraut, deſſen Stamm, oder richtiger Baum, oft gegen 40 Fuß Höhe erreicht und einen Umfang von 6 ½ Fuß hat. 24 Das kleine Haus trug ein plattes Dach mit einem klei⸗ nen mit weißem Silberbleche gedeckten Thurme zwiſchen deſſen Wänden eine niedliche Meſſingglocke hing, die au⸗ genblicklich einen weitſchallenden aber ſanften Ton von ſich gab, ſobald Jemand auf die erſte Stufe der Stein⸗ treppe den Fuß ſetzte. Ueber das ganze Haus breitete ein ſeltſamer exo⸗ tiſcher Baum ſeine Aeſte gleich einer Palme; aus der Mitte ſeiner Blätterkrone trat eine mächtige vielver⸗ zweigte Blüthentraube hervor, ſein Stamm verlängerte ſich dann nicht weiter, ſondern bildete Seitenäſte, welche ſeine Spitze guirlandenförmig umringten— das war ein ſogenannter Drachenbaum von der Inſel Madeira, mit der ſpornähnlichen Blüthe und dem blutrothen Safte, der unter den Namen des Drachenblutes bekannt iſt. Dieſes Haus war ein Haus des Geheimniſſes für die Bewohner der Inſel im Allgemeinen— manche dunkle Sage über nächtlichen Geiſterſpuck ging von demſelben herum; aber ſo düſter und alt das Haus von Außen ei⸗ ner verfallenen Ruine ähnlich erſchien, ſo prachtvolle Räume barg es in ſeinem Innern. Eine ziemlich dunkle mit weichen Teppichen belegte Wendeltreppe führte zu den innern Räumen, dieſe waren zwar klein, aber prachtvoll ausgeſtattet; durch eine Reihe kleiner mit grünen und violetten Teppichen ausgelegter Gemächer gelangte man 25 im oberſten Geſchoße zu einem ovalförmigen Gemache, deſſen Wände rieſenhafte Spiegel zierten, welche dieſem Raum das Anſehen eines großen Zimmers gaben, ob⸗ wohl er kaum acht Fuß im Längendurchmeſſer hatte. Helles ſchwefelgelbes Sicht ſtrahlte von den ſchweren ſil⸗ bernen Wandleuchtern mit vergoldeten Drachenköpfen an der Wand auf den feinen Moſaikboden, auf welchem längs der ovalen Wand des Gemaches dunkelgraue Ru⸗ hepolſter hinliefen. Das Gemach hatte keine eigentlichen Fenſter, nur oben in der Mitte des ſpitzförmig zulaufen⸗ den Plafonds klaffte eine ovale mit feinem Glaſe ver⸗ deckte Spalte, durch welche das Tageslicht hereindrin⸗ gen konnte, zwiſchen den Ruhebänken an der Wand ſtan⸗ den kleine Tiſche von Granit mit muſchelförmigen Ver⸗ tiefungen, in welchen feine venezianiſche Gläſer mit feu⸗ rigen Weinen und duftende Südfrüchte zur Erfriſchung einluden. Das ganze Gemach erfüllten Balſamdüfte der herrlichen Flora der Inſel. In der Mitte desſelben ſtand von Löwenfüßen getragen ein ovaler Tiſch von grauem Marmor, auf welchem eine kleine eiſerne Kiſte ſtand. Um dieſen Tiſch aber ſaßen auf niedern Lehnſeſſeln die„Glücklichen,“ denen die Geheimniße dieſes kleinen Felſenhauſes bekannt waren. „Die Ritter vom Todtenkopfe“ nannten ſich die Herren und Damen dieſer Tafelrunde. In ihrer NRitte ſaß ihr Haupt. 26 Bianca Orſini war's, die ſtolze und reiche Beſitze⸗ rin der herrlichen Villa, Bianca Gräfin Orſini, die Voll⸗ blut⸗Italienerin, deren Herz zwei Kammern enthielt, die eine voll flammender Liebe für ihr ſchönes Vaterland, deſſen Einheit und wiederkehrende Größe ſie erſehnte, die andere voll brennenden Haßes gegen die fremden Machthaber dieſes Vaterlandes gegen die Franken. Bianca Gräfin Orſini entſtammte jenem uralten Geſchlechte, deſſen Urahnen unter dem Namen der Ur⸗ ſini einſt nach Böhmen ausgewandert waren und bis zum Jahre 1611 unter dem Namen der Roſenberge als gewaltiges Dynaſtengeſchlecht im füdlichen Böhmen ge⸗ herrſcht hatten, bis ihr Geſchlecht mit dem letzten kin⸗ derloſen Stammhalter Peter Wok V. von Roſenberg zu Wittingau erloſch. Gräfin Bianca Orſini hatte, wie oben erwähnt, ihren Gatten auf ſeinen Reiſen nach den Antillen und zurück begleitet, nach deſſen vor Kurzem erfolgtem Tode aber das Beſitzthum ihres Verwandten des Grafen Ar⸗ pad auf Iſola bella angekauft und ſich mit ihrer Tochter Ghiraldina dahin zurückgezogen. Hier lebte die Gräfin Orſini in ſcheinbarer Zurück⸗ gezogenheit, in der That aber in ſtiller Thätigkeit für ihr Vaterland. 27 In dem Herzen der Vollblut-Italienerin glühte die heißeſte Liebe für ihr Vaterland, und keine Seltenheit iſt es, daß die Frauen Italiens an dem großen Netze mit⸗ ſpinnen, welches die Politik der Zeit über jene Länder⸗ flächen ausbreitet, die durch den Reichthum ihrer Natur⸗ gaben und ihre weltbeherrſchende Lage den ewigen Eris⸗ apfel zwiſchen den Machthabern der Erde bilden. Venedig, die Meeresperle und Mailand„die präch⸗ tige“ waren aber Frühlings und Sommer des Jahres 1805 jene Centralpuncte, nach denen der kleine Corſe ſein Netz auswarf, und ſchon ruhte die eiſerne Krone unter dem Scepter des galliſchen Machthabers. Mitten im Lande aber, wo ſein Machtſpruch fort⸗ an das alleinige Geſetz war, wo das Schwert des galli⸗ ſchen Brennus allein den Ausſchlag gab, und außer dem Klange ſeiner Trommel kein anderer Commandolaut mehr Geltung hatte, ſtand dem gewaltigen Mann gegenüber, ungeſehen und unbeachtet ein unerſchrockenes Weib, wel⸗ ches ſich die Bekämpfung des Titanen zur Lebensaufgabe machte. Dieſes Weib war die Gräfin Bianca Orſini. Sie haßte den Zwingherrn Napoleon als den Unterdrücker ihres Vaterlandes, deſſen Heil ſie von der franzöſiſchen Herrſchaft nimmer erwartete. Gleichartiges zieht ſich an— die Villa der Gräfin 28 Orſini auf Iſola bella war demnach ſeit den letzten Mo⸗ naten das Coblenz jener italieniſchen Vaterlandsfreunde, welche Frankreich und ſeinen Machthaber haßten und den uten Hoffnungsſpruch Italiens in ihrem Sinne hatten:„Italia fara da se!“ Der Centralſtern dieſer kleinen Velt der Orſini⸗ ſchen Villa auf Iſola bella war alſo die Gräfin Bianca Orſini ſelbſt, die Strahlen dieſes Sternes floßen, wie erwähnt, in zwei Brennpunkte zuſammen; in die glühende Liebe zu ihrem italieniſchen Vaterlande und in dem glü⸗ hende Haße gegen deſſen Zwingherrn. Es konnte daher nicht fehlen, daß der Stern der kleinen Welt auf der Orfiniſchen Villa bald von Tra⸗ banten umringt war. Die thatkräftige für ihr Vaterland begeiſterte Dame hatte hier ihre vertrauteſten Freunde vereinigt und mit⸗ ten in dem Lande, wo das Schwert des gewaltigen Dik⸗ tactors Frankreichs das neue Geſetz dictirte einen Areo⸗ pag gebildet, der über ihn richten und ihn verderben ſollte. So unſcheinbar dieſe kleine Verſammlung im grauen Häuschen auf der Villa der Gräfin Orſini war, ſo weit reichten ihre Verbindungen. Die reiche Gräfin Orſini unterhielt ſolche in den meiſten Hauptſtädten des Con⸗ tinents und Niemand auf der ganzen Inſel ahnte, daß 29 in dieſem Paradieſe von der Hand einer entſchloſſenen Frau an der Kette gefeilt wurde, welche der Imperator Frankreichs allmählig um den Leib des herrlichen Ita⸗ liens legte. Die vertrauteſten Gäſte an der Tafelrunde imgrauen Hauſe der Gräfin führten aber einen ſeltſamen Namen und ſeltſame Abzeichen. Sie nannten ſich„die Ritter vom Todtenkopfe,“ und trugen als Abzeichen unter dem Halſe an einer kleinen ſilbernen Spange einen kaum kennbaren ſilbernen Todtenkopf.— Dieſe Dekoration hatte eine geſchichtliche Be⸗ deutung. Wie erwähnt, leitete Bianca Orſini ihre Abſtam⸗ mung von dem alten Grafen⸗Geſchlechte der Orſini her, deſſen Zweig einſt in Böhmen unter den Namen der Roſenberge ein großes Gebiet beherrſcht hatte. Sie tru⸗ gen einſt den ritterlichen Orden des Todtenkopfes über welchen die Archive Böhmens folgendes enthalten: „Der ritterliche Orden des Todtenkopfes(Ordo calvariac), heißt es in einer derartigen Beſchreibung, ſoll angeblich vom Herzog Sylvius zu Würtemberg und Hels, als Großprior in Verbindung mit ſeiner verwit⸗ weten Mutter, der Fürſtin Maria Magdalena, Herzo⸗ gin zu Liegnitz und Brieg, als Großpriorin— zu ſteter Erinnerung an die allgemeine Nothwendigkeit des Ster⸗ 20 90 bens und Erweckung aller adeligen Tugenden— im Jahre 1652— in der Reſidenzſtadt Hels— für Da⸗ men und Ritter geſtiftet— im Verlaufe der Zeit eingegangen, im Jahre 1709 durch des genannten Stifters Enkelin, nämlich durch die Fürſtin Louiſe Eliſabeth, geborene Herzogin von Oels und Bernſtadt, Herzog Philipp von Sachſen⸗Merſeburg's Witwe, als Großpriorin, unter gewiſſen Veränderungen erneuert, — endlich nach der Hand blos für Damen beſtimmt worden ſein, welche ihre Vorſteherin jedesmal, aus den Prinzeſſinen des regierenden Hauſes Würtemberg zu erwählen hätte.— Seine Dekoration ſoll anfänglich in einem Todtenkopfe beſtanden haben, welchen die Mit⸗ glieder mittelſt eines Ringes und ſchwarzen Bandes an der linken Hand trugen; ſpäter in einem ſilbernen Tod⸗ tenkopfe an einer ſchwarzemaillirten Schleife, welche die Worte:„Memento mori!“ mit weiß emaillirten Buch⸗ ſtaben enthielt und an einem weißen Bande befeſtigt war.“ So ſprechen Hübner, Iſelin und ähnliche encyelo⸗ pädiſche Quellen. Aber in der Schrift:„Adjumen- tum memoriae manuale. Editio quinta. Mona- chii et Ingolstadii 1763 in 8. Pag. A heißt es: „Ordo equitum Calvariae, conditorem habuit, Carolum Fridcricum, Würtembergiae ducem: 31 viros faeminasque illustres complectens, me- ditationi mortis intentos. Subinde taedio as- siduae hujus meditationis affecti equites va- rescere coeperunt. Sed oportune a Principe Sophia Elisabetha, Silesiae duce, novum in- crementum accepit anno 1709, solis faeminis adscitis. Ooepisse videtur anno 1704.“ Welche aus beiden ſich offenbar widerſprechenden Angaben, iſt nun die wahre?— Ohne Zweifel keine von Beiden, wie es in ſolchen Werken gewöhnlich der Fall zu ſein pflegt. Denn, daß dieſer Orden ſchon am An⸗ fange des ſiebzehnten Jahrhunderts vorhanden geweſen, geht aus der Thatſache hervor, daß nach einem gleich⸗ zeitigen Gemälde in der Abtei des böhmiſchen Ciſter⸗ zienſerſtiftes Hohenfurth— und zwar in den ſogenann⸗ ten kleinen Fürſtenzimmern— auch der letzte Mann dem Stamme der czechiſchen Roſenberge, Peter ock,(geſtorben im November 1611) ein Mitglied die⸗ ſes religiös ritterlichen Vereines war; was er vermuth⸗ lich ſchon gegen das Ende des ſechzehnten Jahrhunderts, beim Verkaufe ſeiner Beſitzungen Silberberg und Rei⸗ chenſtein in Schleſien, an den Herzog Johann Friedrich von Liegnitz und Brieg geworden ſein mag. Seine Ordens⸗Decoration beſtand, Zeuge jenes Gemäldes, aus einem goldenen Todtenkopfe, der an einer 32 halbmondförmigen goldenen Spange mit den Worten: „Memento mori!“ hing. Die Spange ſelbſt war mittelſt eines goldenen Ringes an einem ſchwarzen Bande befeſtigt. So trug der Ritter das Ganze an ſei⸗ ner Bruſt. Bürgſchaft für das Alter und für die Echtheit die⸗ ſer Darſtellung liefert eine ſeltene, von des letzten Ro⸗ ſenberg's Schwager und theilweiſen Erben, Schwam⸗ berg, herausgegebene, im Münzkabinete des genannten Stiftes verwahrte, gegoſſene ſilberne und vergoldete, ovale, zwei Zoll hohe und anderthalb Zoll breite Me⸗ daille; welche auf dem Avers das ziemlich wohlgetrof⸗ fene Bruſtbild Peter Woks mit der Unſchrift: Petrus Wock. Ursin: Gubern; Rosenb. Dom. Uti. und mit der Jahreszahl 1611 unter dem rechten Arm, auf dem Revers aber das von einem ſtehenden Schwan (an deſſen Bruſt die Roſenberg'ſche Roſe ſich zeigt) ge⸗ tragene mit einer herzoglichen Krone gezierte, Roſen⸗ berg'ſche Wappen und ringsum die Worte;„Adhuc in morte virescit in silentio et spe—“ enthält. Auch hier trägt Peter Wok dieſen Orden an ſeiner Bruſt. Woraus es erſichtlich iſt, daß im Jahre 1652 nicht erſt die Begründung, ſondern bloß die Organiſi⸗ rung oder auch nur eine Reform dieſes Ordens vorge⸗ 33 nommen worden ſein mag.— So viel des Geſchichtli⸗ chen über dieſen bisher wenig bekannten Orden. Gräfin Orſini hatte ſich aber dieſen Orden als Symbol ihres Bundes erwählt, eines Bundes, der kei⸗ neswegs ſo unbedeutend ſchien, als er an dieſer Tafel⸗ runde ausſah. Die große Charte dieſer Tafel enthielt eine Menge rother Kreuze. Sie bezeichnete die Punkte Europa's in welcher die Verſammlung der Ritter vom Todtenkopfe ihre Verbündeten zählte und mochte auch jeder dieſer Herren, welche unter den Damen der Tafelrunde ſaßen, noch ſein beſonderes Intereſſe haben, ſo einigte dieſes im Ganzen doch in der Abſicht:„der ſteigenden Macht des franzöſiſchen Kaiſers in Ita⸗ lien entgegen zu arbeiten und Italien von derimmer mehr um ſich greifenden franzö⸗ ſiſchen Herrſchaft zu befreien.“ An der Tafelrunde des kleinen grauen Hauſes auf der Iſola bella ſaßen daher nicht blos Vollblut⸗Italiener, ſondern auch andere Gäſte, welche ſich in dieſem Coblenz Italiens allmälig eingefunden hatten. Eine ſtattliche Bame war es, mit bleichem Geſichte und feinen Zügen, eine Franzöſin, Madame Encore und Abbeville; eine wohlbeleibte, feurige Italienerin, Pauline Riotti, und mehrere junge Männer aus ade⸗ Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 3 ligen Geſchlechtern Italiens, welche den Kern dieſer ge⸗ heimen Geſellſchaft bildeten, und alle von der Idee be⸗ geiſtert waren:„überall und überall die Fußſtapfen des Löwen zu verfolgen und die Freiheit Italiens gegen den korſiſchen Machthaber zu erkämpfen; ſei es mit Schwert oder Dolch, mit Wort oder Waffe jeder Art.“ Faſt alle dieſe Verſchworenen waren durch die Re⸗ volution, welche Buonoparte in Italien und in der Schweitz geſtiftet hatte, um ihr Vermögen gekommen oder hatten einzelne Glieder ihrer Familien verloren. Das große Wort in dieſer Verſammlung führte Madame Orſini ſelbſt. Ihre ſtarke Hand auf die Charte geſtützt, blickte ſie wie eine Königin über die Verſamm⸗ lung. „Italia fara da se!“ rief ſie,„ſo lautet die Pa⸗ role dieſer Verſammlung, ich ſage Ihnen aber meine Freunde, es iſt hoch an der Zeit, daß das große, ſchöne Italien ſich erhebt um den kleinen Korſen in ſeinem Sie⸗ geszuge aufzuhalten. Sie ſehen, meine Freunde, ſchon ſtreckt er die Hand nach der eiſernen Krone der Lombar⸗ den aus, ſchon iſt ein Vice⸗König in Mailands Palä⸗ ſten eingezogen, bald wird das Wappen der alten Do⸗ genſtadt vom Wappenherolde Frankreichs unter die Wappenſchilde des galliſchen Imperators gereiht wer⸗ den— laſſen Sie uns daher unſere Verbündete zählen 35 und dann handeln, um mit einem Schlage eine allge⸗ meine Erhebung der italieniſchen Nation von den Ufern Sicilien's bis zur Mündung des Po zu bewerkſtelligen!“ Die Gräfin hatte jedoch ihre heutige Rede in dieſem vertrauten Kreiſe noch nicht beendet, als ſie ein leiſes Zittern der kleinen Silberglocke am Plafond des Gema⸗ ches darin unterbrach. Es war das Zeichen, daß ihr vertrauteſter Diener Giuſeppe im untern Erdgeſchoſſe auf ſie harre, um ihr wichtige Dinge mitzutheilen. Ohne einen Augenblick zu zögern begab ſich die Gräfin hinab. Dort ſtand ihr Diener mit geiſterbleichem Angeſichte. „Signora,“ berichtete er,„eine Gondel mit fran⸗ zöſiſchen Soldaten iſt gelandet, man ſcheint einen Flücht⸗ i zu verfolgen, der bereits auf der Inſel befindlich i Der alte Diener hatte noch nicht ausgeredet, als durch die Thüre des Gemaches ſchon eine hohe Frauen⸗ geſtalt hereinſtürzte. Eine ſtattliche Dame war's, von männlichem, ent⸗ ſchloſſenem Anſehen; dunkle, faſt aufgelöſ'te Haare hin⸗ gen über ihr bleiches Antlitz, ein ſchwarzes Sammtkleid umhüllte ihren ſtattlichen Körperbau, ihre muskulöſen Arme trugen ein kleines Käſtchen, ſie mochte zwiſchen vierzig bis fünfzig Jahre alt ſein. Ein junger Mann 3* im Alter zwiſchen zwanzig und dreißig Jahren folgte „Per dio! retten Sie uns!“— war der erſte Ruf, den die fremde Dame der Gräfin Orſini entgegen⸗ hauchte— dieſe ſtarrte die Fremde an, welche aber vor Angſt beinahe ohnmächtig die Hände der Gräfin er⸗ faßte. „Wir ſind franzöſiſche Flüchtlinge!“ rief ſie, „Mailänder Gensdarmen ſind auf unſern Ferſen, ret⸗ ten Sie uns—“ In nächſter Minute ſtanden die Dame und ihr Begleiter im obern Gemache vor der Tafel, die aber von den Gäſten der Hräfin Orſini bereits verlaſſen war; auf einen leiſen Druck mit dem Finger der Gräfin ſenkte ſich eine Marmorplatte zu den Füßen der fremden Dame, und ſchon ſtand dieſe unten in einem dunklen Gemache ohne Fenſter, deſſen Thüre in einen Felſengang mün⸗ dete, durch welchen man in eine fern gelegene Gegend des Parkes gelangen konnte. Das war Alles das Werk eines Augenblickes, der aber von der Gräfin mit genauer Noth benützt worden war; denn an der unterſten Treppe der Villa erſcholl bereits das Geraſſel der Gewehre, welche die Soldaten der Streifpatrouille der Mailänder Gensdarmen auf den Mamorboden ſtießen. 37 Zetzt ſtand der Sergeant der letztern, vor der ihm entſchloſſen entgegen tretenden Gräfin Orſini. „Sie verzeihen, Signora,“ ſagte er ſich verbeu⸗ gend,„daß wir Ihre nächtliche Ruhe ſtören; wir ſind einer proſcribirten franzöſiſchen Dame auf der Spur, die ſich mit ihrem Sohne auf dieſe Inſel geflüchtet hat, und als eine Hauptcomplottiſtin gegen die Regierung des Kaiſers, von Paris aus verfolgt wird. Bei dieſen Worten hob der Sergeant ein Papier in ſeiner Hand empor.“ „Hier ein Verhaftsbefehl gegen Madame Henriette Faure nnd ihren Sohn Jean Niclas Faure aus Haute⸗ fort im Dordogne Departement. „Wie!“ rief die Gräfin Orſini mit einer faſt fie⸗ berhaften Aufrdgung.—„Jean Niclas Faure!? Iſt das nicht der junge Arzt von dem man erzählt, daß er in den Tagen nach der Kaiſerkrönung am Marsfelde ſei⸗ nen Dolch gegen den neuen Herrſcher Frankreichs zückte?“ „Derſelbe,“ entgegnete der Sergeant,„ſeine Ma⸗ jeſtät der Kaiſer hatte ihn begnadigt, der Unwürdige conſpirirte aber von Neuem und iſt jetzt mit ſeiner nicht minder ſtrafbaren Mutter auf der Flucht nach Deutſch⸗ land begriffen; aber wir haben die ſignaliſirten Verbre⸗ cher, welche mit der Emigration in ununterbrochener 38 Verbindung ſtehen auf der Straße von Mailand aufge⸗ wittert und bis auf die Inſel verfolgt, wo ſie ſoeben verſchwunden ſind. Sie werden daher die Güte haben, Signora, und uns dieſes Haus durchſuchen laſſen.“ Gräfin Orſini ſchüttelte den Kopf. „In dieſem Hauſe des Friedens finden keine Ver⸗ brecher eine Freiſtätte,“ ſagte ſie;„mein Herr, nehmen Sie mein Wort darauf, die Verfolgten finden ſie hier nicht!“ „Und doch müſſen ſie hier ſein,“ behauptete der Sergeant;„wir ſahen ſie in dieſem Gemäuer verſchwin⸗ den.“ „So ſuchen Sie ſelbſt!“ ſagte die Gräfin Orſini entſchloſſen, indem ſie den Sergeanten zum Eintritte einlud. In weniger als einer Viertelſtunde hatten der Ser⸗ geant und ſeine Leute das ganze graue Haus durchſucht, in deſſen künſtlich erbautem Untergemache aber die bei⸗ den Flüchtlinge in völliger Sicherheit unbeachtet ruhten. „Signora,“ ſagte der Sergeant zuletzt,„Sie werden ſich eine ſchwere Verantwortung aufladen, wenn Sie die beiden Staatsverbrecher irgendwo verborgen haben— der Kaiſer hat Deportationsſtrafe auf ihre Verheimlichung geſetzt.“ „Ich will ſie erwarten!“ entgegnete die Gräfin 39 ſtolz,„glauben Sie mir, mein Herr, ihre Flüchtlinge haben ſich ohne Zweifel in eine der zahlreichen Gondeln geworfen, welche an den Ufern der Inſel hängen, und ſind auf dem See davon geſchwommen, während ſie von Ihnen hier geſucht werden.“ Der Sergeant war grollend mit ſeinen Leuten ab⸗ gezogen und Gräfin Orſini empfing den heißen Dank der geretteten Madame Faure und ihres Sohnes, des⸗ ſeben jungen Mannes, deſſen Attentat auf den Kaiſer Napoleon oben erzählt worden iſt. Schon am nächſten Tage ſaß Madame Faure im Rathe der Ritter vom Todtenkopfe; denn ſie, die glü⸗ hende Feindin des franzöſiſchen Kaiſers, ſchien mit ih⸗ rem Sohne vom Himmel geſandt, um als eine neue Stimmenführerin im Areopage des grauen Hauſes mit⸗ zureden und den Stahl mitzuſchmieden, der hier zum Kampfe gegen den kleinen Corſen gehämmert wurde. Madame Henriette Faure berichtete, wie ſie mit der franzöſiſchen Emigration in Deutſchland und Eng⸗ land in Verbindung ſtehe und eben im Begriffe geweſen ſei mit ihrem Sohne über Genua nach Trieſt zu reiſen, von Fouché's Polizei aber ununterbrochen beobachtet, ſchon bei ihrem Eintritte in Italien verfolgt und nun in höchſter Gefahr geſtanden war, aufgegriffen und depor⸗ tirt zu werden. Sie wußte keinen Ausdruck für den 40 Grad des Haßes, mit welchem ſie gegen den Zwingherrn Napoleon erfüllt ſei, ſie ſprach von der künftigen Frei⸗ heit des großen ſchönen Italien's mit einer ſolchen Be⸗ geiſterung, daß die Augen der Gräfin Orſini in Thrä⸗ nen ſchwammen und ſie die edle Franzöſin zuletzt in ihre Arme ſchloß. Oft begegnen ſich im Leben Menſchen, welche ſich früher nie geſehen; dennoch fühlen ſie eine Geiſtesver⸗ wandtſchaft zu einander als hätten ſie ſich von Jugend an gekannt.— Dieſer Fall trat zwiſchen der Gräfin Orſini und der Dame Henriette Faure ein. Schon am erſten Tage nach ihrem plötzlichen Erſcheinen auf der Villa der Gräfin, war die Dame Faure ſo einheimiſch daſelbſt, als wäre ſie von jeher ein Familienglied in die⸗ ſem Hauſe geweſen. Vertrauen erzeugt wieder Vertrauen, ſo kam es, daß beide Damen ſich gegenſeitig gar bald über ihre Pläne und Hoffnungen verſtändigten und Madame Faure bald im Beſitze der Spezial⸗Charte war, auf wel⸗ cher die Gräfin Orſini jene Städte des Continents mit rothen Kreuzen bezeichnet hatte, wo ſie Anknüpfungs⸗ punkte ihrer geheimen Verbindung unterhielt. Damit jedoch Madame Faure ſammt ihrem Sohne vor den etwa wiederkehrenden Streifpatrouillen der franzöſiſchen Gensdamen geſichert und ſelbſt in der Villa 41 möglichſt unerkannt bliebe, mußte ſich ihr Sohn in die dunkle Livree eines Dieners des Hauſes umkleiden, und wurde der Dienerſchaft als ein ſolches, neu aufgenom⸗ menes Hausglied vorgeſtellt. Madame Faure ſelbſt aber wechſelte ihren Anzug mit männlichen Kleidern und erſchien ſchon am nächſten Tage als Vicomte Tadolini in der dunklen Tracht nes italieniſchen Nobili. Demungeachtet ſollte die Anweſen⸗ heit der Frau Henriette Faure ſammt ihrem Sohne auf der Villa nicht länger als acht Tage dauern; nur der Erholung wegen wollte ſie ſo lange auf der Villa ver⸗ bleiben, dann aber unerkannt ihren Weg über die Grenze Südtyrol's fortſetzen, um auf Umwegen nach Trieſt zu gelangen um zu Schiff nach England zu gehen. Von dort ſollen die Fäden der Verſchwörung ge⸗ gen den franzöſiſchen Machthaber im Einverſtändniſſe mit ſeinen andern zahlreichen Gegnern weiter geſpon⸗ nen werden, bis die Sache zu einem großen Schlage in Italien reif geworden ſein würde. Inzwiſchen machte ſich die geiſtige Ueberlegenheit und der Scharfſinn der in ihrem bewegten Leben bereits viel geprüften Madame Faure geltend. Sie gab ſo treffliche Rathſchläge in der Sache der Verbündeten des grauen Hauſes auf der Iſola bella, ſie wußte ſo viel von Paris, dem Kaiſer Napoleon, ſeinen Palaſtgeheim⸗ 42 niſſen und den Plänen ihres erbittertſten Gegners, des Polizeiminiſters Fouché, zu erzählen, daß die Gräfin Orſini geſtand, bisher ſeien alle Pläne der Geſellſchaft des grauen Hauſes nur Chimären geweſen; jetzt ſei aber Klarheit und Sicherheit in dieſelben gekommen;— eine gewiſſe Criſtalliſation trat in der Sache hervor, man konnte erwarten, daß die Rundreiſe der Madame Faure nach London, Petersburg, Wien und Peſt das große Werk gewaltig fördern und vielleicht bald ein zweites Höllenattentat gegen den Machthaber Frankreichs in's Leben rufen werde. Am achten Tage nach ihrer Ankunft auf der Inſel trat Madame Faure mit ernſter Miene in das Cabinet der Gräfin. „Signora,“ ſagte ſie,„es iſt nun höchſte daß ich mich zur Abreiſe rüſte, die Zwecke unſeres Bun⸗ des verlangen es und meine Sicherheit fordert es— die franzöſiſche Polizei hält mich auch auf dieſer Inſel in ihren Kreiſen.“ Bianca Orſini blickte fragend auf. „So iſt es,“ fuhr Madame Faure fort,„und Fouché's Polizei ſucht in ihrem eigenen Hauſe, Gräfin, in ihrer nächſten Umgebung mir und meinem Sohne die Falle zu legen, in welcher man uns einſchließen will.—“ 43 „In meinem eigenen Hauſe? in meiner nächſten Umgebung?“ fragte die Gräfin—„wer ſollte von mei⸗ nen Leuten, die alle treu wie Gold ſind, ſo thöricht ſein, mit Sendlingen Fouché's anzubinden. „Ihre eigene Tochter,“— entgegnete Ma⸗ dame Faure ruhig;„ich habe ſie heute belauſcht, wie ſie einen jungen Mann, im Palmenwalde am öſtlichen In⸗ ſelgeſtade empfing, der mit einem Begleiter auf einer Gondel den See herabſchwamm— ſie lag in ſeinen Armen. Die Gräfin Orſini fuhr glühend vor Ueberraſchung empor. „O ich kenne dieſen jungen Mann,“ fuhr Madame Faure fort;„er nennt ſich Monſieur de la Pagerie und ſteht im Dienſte der Garde des neuen Vice⸗Königs von Italien.“ „Herr de la Pagerie,“ fiel die Gräfin ein;„das iſt ein junger Mann, der kurze Zeit aufunſerer Villa weilte. Einſt, ſchon als Knabe von ſieben Jahren, war er mit einem, ſeine kindliche Kraft weit überſteigenden, Muthe auf unſerer Reiſe von den Antillen nach Europa der Retter meiner Ghiraldina;— vor wenigen Wochen trafen und erkannten wir uns wieder; er verweilte einige Zeit auf meiner Villa, und begab ſich dann, wie er ſagte, nach Mailand, ſollle er wiedergekehrt ſein?“ 44 „So iſt es,“ entgegnete Madame Faure,„er iſt wiedergekehrt, ich ſage Ihnen, daß ich den jungen Mann in Paris an der Seite Fouché's mehr als einmal ſah, darum iſt mir ſein Erſcheinen auf der Inſel auffallend, und ich rathe Ihnen, Alles anzuwenden, daß Ihre Toch⸗ ter die Geſellſchaft dieſes jungen Mannes meide.— Ha! eine Tochter der Gräfin Orſini, der Vorkämpferin für die italieniſche Freiheit, und ein Franzoſe und Send⸗ ling der franzöſiſchen Polizei!“. „Wo iſt Ghiraldina, wo iſt meine Tochter!?“ rief die Gräfin aufſpringend,„o! wie danke ich Ihnen, Ma⸗ dame, daß Sie mir auch in dieſer Beziehung ſo weſent⸗ liche Dienſte erweiſen!“ „Ruhig!“ mahnte Madame Faure;„Sie würden durch Ihre Hitze Alles verderben. Wir müſſen handeln, nicht raſen. Ich reiſe heute noch mit meinem Sohne von hier ab; jetzt aber rufen Sie allerdings Ihre Tochter; Sie müſſen ſehen, wie weit die Leidenſchaft derſelben für den Franzoſen gediehen iſt.“— In wenigen Minuten ſtand Ghiraldina vor ihrer Mutter. Ein ſtrenges Verhör begann. Gräfin Orſini erfuhr von Ihrer Tochter, daß der Herr de la Pagerie, welcher nach einigen Tagen Aufenthalts auf der Inſel Abſchied genommen hatte, bereits das Herz der jungen Ghiraldina 45 beſaß und eben wieder aus ſeiner Garniſon in Mailand zurückgekehrt und im Begriffe ſtehe, die Gaſtfreundſchaft der Gräfin auf eine längere Zeit in Anſpruch zu neh⸗ men.— Ghiraldina geſtand aber ihrer Mutter, daß ihr Herz bereits dem jungen Manne angehöre und daß keine Ge⸗ walt der Erde das Band zerreißen würde, womit die erſte Liebe ſo ſchnell zwei Herzen verbunden hatte. Die Gräfin kannte die Entſchloſſenheit ihrer Toch⸗ ter, ſie ſchwieg und ſtand rathlos, als ſich dieſe bereils aus dem Kabinette entfernt hatte. Noch am ſelben Abend, verließ Madame Faure mit ihrem Sohne auf Umwegen des Parkes die Villa und beſtieg eine Gondel, um die weſtlichen Ufer des Lago maggiore zu gewinnen und nordwärts durch Südtyrol in das Innere von Deutſchland abzugehen. Ihr letzter ernſter Rath an die Gräfin Orſini war, die Verbindung Ghiraldinens mit dem Herrn de la Pagerie um jeden Preis zu hindern und das Fräulein eheſtens von der Inſel zu entfenen, da dem jungen Manne der Zutritt in die Villa, ohne den Verdacht der Feindſelig⸗ keit gegen das damals in der Lombardie ſchon ſo mäch⸗ tige Franzoſenthum zu erregen, nicht leicht verſagt wer⸗ den konnte. 46 Rührend war der Abſchied zwiſchen Madame Faure und der Gräfin Orſini, mit großer Innigkeit wagte die Gräſin ihre Börſe für den Reiſebedarf der Madame Faure anzubieten, aber lächelnd verbat ſich dieſe jedes Geſchenk, indem ſie ihre eigene wohlgefühlte Caſſette auf die Gondel tragen ließ. Wie ein plötzliches Meteor waren Madame Faure und ihr Sohn auf der Villa der Gräfin Orſini erſchie⸗ nen, wie im Fluge vorüberbrauſend hatten ſie die Flam⸗ men angefacht, welche in der Werkſtätte der ſeltſamen Verſchwörung einiger Italianiſſimi im grauen Hauſe auf der Villa der Gräfin Orſini emporzüngelten. Aber auch die größten Verſchwörungen in der Welt⸗ geſchichte haben mit dem Zuſammenſtehen weniger Per⸗ ſonen begonnen und ſind nach dem Grade ihrer Lebens⸗ fähigkeit zum Rieſenhaften emporgewachſen.— So war's ein Muhamed, ein Ignaz Loyala, ein Pugaczew, die mit wenigen Menſchen Werke begonnen haben, deren Anfang winzig ſchien, deren weitere Durchführung aber weltge⸗ ſchichtlich wurde.— Der Geiſt dieſer Männer war die magnetiſche Kraft welche im entſcheidenden Augenblicke auf ihre nächſte Umgebung begeiſternd, anfeuernd wirkte, der Geiſt die⸗ ſer Männer und ſein Uebergewicht war es, dem ſich dieſe Letztern willig beugten, dem ſie als gefügige Werkzeuge 47 dienten, deſſen Ausläufer und Apoſtel ſie machten; und in ähnlicher Weiſe hatte der Geiſt der wunderbaren Fran⸗ zöſin Henriette Faure, dieſes Mannweibes in Geſtalt, Rede und Entſchloſſenheit, auf die Gräfin Orſini einge⸗ wirkt.— Was Anfangs auf der Villa der Gräfin noch im kleinen Kreiſe der wenigen Vertrauten für die Sache Italiens vorbereitet wurde, ſchien ſich nach Madame Faure's Eintreffen plötzlich zur planmäßigen Unterneh⸗ mung zu entwickeln. Madame Faure galt fortan als die eigentliche Seele des Complottes— ſie hatte verfprochen nach wenigen Monden wiederzukehren,— dann ſollte Großes ausge⸗ führt werden; ihren Weiſungen über gewiſſe mittlerwei⸗ lige Vorbereitungen auf der Villa ſollte pünktlich entſpro⸗ chen werden. Die erſte dieſer Weiſungen war, wie er⸗ wähnt, die möglichſte Fernh altung des Herrn de la Pagerie von der Villa und Trennung ſeines Verhältniſſes zu Ghiraldinen.— Madame Faure hatte der Gräfin in dieſer Ange⸗ legenheit, Behutſamkeit und Klugheit und, wie erwähnt, die Entfernung Ghiraldinens von der Inſel empfohlen. Die Gräfin Orſini verſtand dieſe Warnung gar wohl; ſie zweifelte keinen Augenblick, daß Fouché's weit⸗ blickendes Auge auch ſchon auf ihrer Villa thätig, daß der Herr dela Pagerie einer ſeiner Send⸗ 48 linge ſei, welcher die geheime Verbindung der„Rit⸗ ter vom Todtenkopfe,“ zu überwachen, und von Zeit zu Zeit an Fouché hinüber zu berichten habe. Es ſchien ſo⸗ mit die größte Klugheit und Behutſamkeit gerathen. Ein auffälliges ernſtes Entgegentreten, eine kurze Erklärung gegen den Herrn de la Pagerie, daß man ſeine Beſuche auf der Jufel nicht mehr wünſche, ſchien, wie geſagt, ge⸗ führlich; man hätte offenbar dadurch die Befangenheit verrathen, welche ſich der Verbündeten im grauen Hauſe nun bemächtigt hatte. Die Gräfin Orſini kannte den eiſernen Willen ihrer Tochter. Eine Bekämpfung der Nei⸗ gung derſelben zn dem ſchönen jungen Manne, zu Herrn de la Pagerie, würde gerade die Flamme dieſer erſten Liebe noch mehr angefacht und den heftigſten Widerſtand der jungen Ghiraldina hervorgerufen haben. Auch in dieſem Puncte befolgte daher die Gräfin Orſin den Rath ihrer neuen Freundin, der Madame Faure, Ghiraldina ſollte reiſen; es ward beſchloſſen, daß ſie ſich ſchon in den nächſten Wochen nach Ungarn zu den Verwandten der Gräfin Orſini in das Haus des Grafen Arpad begebe, um dort den Bewerbungen des ſ de la Pagerie in die weiteſte Ferne entrückt zu ein. Ohne daher mit gewöhnlicher Feſtigkeit und müt⸗ terlicher Machtvollkommenheit gegen ihre Tochter aufzu⸗ 49 treten, ſuchte die Gräfin Orſini in den nächſten Tagen nach Madame Faure's Abreiſe Gelegenheit Ghiraldinen in einem paſſenden Augenblicke deren bevorſtehende Ab⸗ reiſe nach Ungarn anzukündigen und ihr ohne der leiſe⸗ ſten Beziehung ihres Verhältniſſes zu dem Herrn de la Pagerie einige Winke über den wahren Character dieſes geheimnißvollen Mannes zu geben. Dieſe Gelegenheit fand ſich bald. Ghiraldinens Lieblingsaufenthalt war jener kleine Tempel im Parke der Villa, worin ſie den Herrn de la Pagerie bei ſeinem erſten Erſcheinen auf der Villa getroffen hatte, und wo ſie in Mitte der herrlichen Gemäldeſammlung ſo gerne ihre Kunſtſtudien betrieb. Dort hing unter andern Gemälden auch in einer Ecke ein ſchier vergilbtes Bild. Es ſtellte zwei Ritter in Lebensgröße vor, von denen der eine im altböhmiſchen Coſtüm des 15. Jahrhunderts, der andere in ungariſcher Tracht einander gegenüber ſtanden, während die Geſtalt eines vom Kopfe bis zum Fuße ſchwarz gerüſteten Rit⸗ ters ſich zwiſchen Beide drängte und mit vorgeſtrecktem Flamberge Beide gleichſam zu trennen ſuchte, im Hintergrunde aber die nebelhafte Geſtalt einer ſchönen gekrönten jungen Frau ſchwebte. Dieſes Bild hatte für Ghiraldina ſtets einen wun⸗ derbaren geheimnißvollen Reiz, welcher natürlicher Weiſe Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 4 50 dadurch erhöht wurde, daß ſie die Bedeutung desſelben bisher nicht kannte. Oft ſtand ſie in das Anſchauen des⸗ ſelben verſunken und betrachtete mit einem ſeltſamen, grauenhaften Gefühle die bleichen von berechnender Klug⸗ heit und Schadenfreude redenden Züge des ſchwarzen Ritters zwiſchen den beiden ehernen Geſtalten des Bö h⸗ men und Ungarn auf dieſem Bilde. So ſtand ſie wenige Tage nach Madame Faure's Abreiſe ebenfalls vor dieſem dunklen Bilde und hinter ihr, ohne daß ſie es merkte, ihre Mutter, die Gräfin Orſini. „Du vertiefſt Dich in das Anſchauen dieſes alten Familiengemäldes, meine Tochter,“ begann die alte Grä⸗ fin plötzlich. Ghiraldina blickte erſ chrocken um.„Meine Mutter!“ rief ſie.— „Dieſes alte Gemälde ſcheint Dich anzuziehen, meine Tochter,“ ſagte die Gräfin;„ich ſah Dich bereits einmal vor demſelben ſtehen und es aufmerkſam betrach⸗ ten.— Kennſt Du auch ſeine Bedeutung?“ „Ich wollte ſchon darum fragen, meine Mutter,“ entgegnete das Fräulein. „Es iſt ein Gemälde aus der Geſchichte Böhmens und Ungarns; ich erhielt es von unſerm Verwandten, dem Grafen Arpad,“ fuhr die Gräfin fort;„ein großer, böh⸗ 51 miſcher Meiſter, Raphael Menghs, hat es ihm zum An⸗ denken einer Begebenheit gemalt, welche als romantiſche Epiſode in den Geſchichten zweier edlen Nationen, in den Jahrbüchern derſelben verzeichnet iſt und, da auch unſere Vorfahren einſt als ein mächtiges Geſchlecht in Böh⸗ menwalteten, auch für Dich, meine Tochter von beſonderem Intereſſe, und warnend und lehrreich erſcheint.“ Ghiraldina blickte ihre Mutter fragend an— die Gräfin fuhr aber fort: „Dieſes alte Gemälde iſt abermals eine Verſinn⸗ lichung jenes geheimnißvollen ſchwarzen Dämons, welcher ſeit Jahrhunderten mit dem Schwerte der Zwi⸗ tracht in der Hand zwiſchen befreundeten Nationen hin⸗ ſchreitet und den Erisapfel ſchlendert, aus deſſen Samen er für ſich Früchte zu ziehen hofft. Setze Dich zu mir, meine Tochter, ich werde Dir die Sage vom Raben und Löwen erzählen, wie ſie dieß Bild verſinnlicht, dann wol⸗ len wir uns jene große Lehre daraus ziehen, welche für unſere Verhältniſſe anwendbar iſt, meine Tochter.“— Gräfin Orſini zog ihre Tochter neben ſich auf den ſchwellenden orientaliſchen Divan und begann: 4* 4. Die Sage vom Raben und Löwen. „Es war einer der ſchönſten Frühlingsmorgen in den letzten fünfziger Jahren des fünfzehnten Jahrhun⸗ derts, als der aufſteigende Tagſtern auf das prachtvolle Wieſengrün vor einem Hochforſte im ſüdlichſten Theile Böhmens, da wo die Moldau bei dem alten Ciſterzien⸗ zer Stifte Hohenfurth ſchiffbar zu werden beginnt, My⸗ riaden Diamanten ſtreute. „Die ganze Fläche der breiten Wieſen ſchien ein Meer von vergoldetem Grün zu ſein, welches tauſend andere Farben wie mit Edelſteinen emaillirten; zwiſchen den von Thau⸗Diamanten blitzenden Halmen des Graſes guckten, wie echt böhmiſche Edelſteine, Maſſen von blauen, rothen und violletten Blümchen hervor; der Ginſter ſtreckte ſeine gelbe Pyramide empor und der rothe und weiße 53 Wieſenklee und das fette gelbe Schmalzblümchen waren ſo bunt in den von der Meiſterhand der Natur gewebten Teppich eingeflochten, daß die kleinen„Völker der Lüfte“ ihre Freude daran zu haben ſchienen, denn ſie zwitſcher⸗ ten ſo luſtig darein, als ob ſie der Schöpfer eben heute zu einem beſondern Feſtmahle an ſeiner großen Tafel geladen hätte. Drüben vom bergigen Hochforſte des böh⸗ miſchen Hochwaldes ſchallte das Brauſen der zahlloſen Baumwipfel, über welche der friſche Morgenwind hin⸗ ſtrich, der eben ſein gewohntes Geſchäft aufnehmend, ein uralter Haarkünſtler, die Häupter der tauſendjährigen Eichen und rieſenhohen Tannen des Waldes zu kämmen anfing; die kreiſchenden Töne der Raubvögel des Wal⸗ des tönten herüber, der Reiher und der gewaltige Läm⸗ mergeier ſchwammen über dem ſauſenden Wipfelmeere, und dieſer vielſtimmige, erhabene Choral alles deſſen, was in dieſer erſten Morgenſtunde lebte und webte, klang zuletzt harmoniſch zuſammen, wie ein einzig großes Ge⸗ bet, welches die erwachende Natur, dem großen Meiſter derſelben darbrachte!... „Aber auch der ſanfte Laut einer menſchlichen Kehle fehlte bei dieſem Morgengruße nicht— dort an der thau⸗ getränkten Haſelſtaude ſtand ein kräftiges Kind der Na⸗ tur, ein junges Mädchen, deſſen Aeußeres ſchon verrieth, daß dieſe Frühlingsblume dem Boden des böhmiſchen 54 Vaterlandes entſproßen ſei. Schönes dunkles Haar hing in zierlichen Flechten über den ſtarken, ſchneeweißen Nacken der wohlgebildeten Jungfrau; die weißen Glieder deckte ein leichtes Morgenkleid und Kraft und Fülle ſpra⸗ chen ſich in der ganzen Geſtalt der einer munteren Ge⸗ birgsjägerin gleichenden Tochter dieſer Flur aus. „Sie ſchnitzte Pfeile und ſang eben mit ſchallen⸗ der Stimme das altböhmiſche Lied: Seht den Berg mit Birken dort, Drrinn iſt reichen Silbers Hort,, Fördert es herauf vom Schacht Bringt Euch und den Enkeln Macht. Aber wahrt den mächtigen Gang Vor dem Volk im Niedergang, Hoch wird Euer Name ſteigen Und der Fremde Euch ſich beugen. „Die ſchöne Sängerin ſchien aber die ſanften Töne ihres Sanges in die Luft zu ſenden, damit ſie von dem gehört wurden, den ſie damit in ihre Nähe zu zaubern wünſchte. Jetzt lagen in der That ein paar weiche Hände über ihren ſchönen Augen, und jetzt ſtand ein ſchlanker Jüngling mit hellblauem Wamſe, Jagdhorn und Jagdmeſſer an ihrer Seite. „Ich habe Deinen Sang vernommen, mein Kind,“ ſagte er freundlich,„und biete Dir den ſchönſten Gruß zum ſchönſten Morgen, den der Frühling eben in's Le⸗ ben rief.“ „Die liebliche Dirne wollte mit hochglühenden Wan⸗ gen den Gruß des jungen Waldläufers erwiedern— aber:„Libuſſa“ erſchallte es laut aus der offenen Thür des nahen Forſthäuschen, und die ſchöne Jungfrau ver⸗ ſchwand im nächſten Angenblicke, hinter dieſer in ihr Schloß fallenden Thüre. „Dort ſtand in einer mit Jagdgeräthen angefüllten und an den grünen Wänden mit Hirſchgeweihen aus⸗ ſtaffirten Stube ein baumhoher, ſchier rieſenhafter Mann von verwildertem Aeußern mit einem faſt ganz vom ſchwarzen Barthaare beſchatteten, dunkelbraunen Ge⸗ ſichte, angethan mit einem rauhen, bis an die muskulö⸗ ſen Knieen reichenden Lodenkittel, in deſſen Gürtel gleich⸗ falls ein ellenlanges Jagdmeſſer ſtack. „Das war Meiſter Przemyslaus Kane— der Wald⸗ geier genannt, ein Czeche von Geburt und Geſinnung, der begeiſtert für ſein Volk und Vaterland, keinen Laut von ſeinem Munde fließen, keinen Gedanken in ſeinem Gehirne entſtehen ließ, der nicht czechiſch war— darum trug auch ſeine Umgebung das Gepräge ſeiner Vater⸗ landsliebe. Prijchod Cechnow do Bojehema(die Ankunft der Czechen in Bojerheim) Samo's, Krok's, Libuſſa's und Wlaſta's Bildniſſe waren die Zierden ſeiner Stube 56 und ſeine Schuhe und Mütze waren genau nach dem Muſter, aus Thierfellen verfertigt, wie ſie der böhmiſche Herzog Przemysl, Libuſſa's Gemahl getragen haben ſoll). „Darum erhielt auch das einzige Kind des alten Forſtwartes,— nach der Geburt den Namen Libuſſa, — für jetzt aber eine derbe Strafpredigt, und der alte Przemyslaus drohte der liebenden Jungfrau, daß, wenn er ſie nochmals in Geſellſchaft des jungen, ſchlanken Jägers treffen würde, der ſeit einiger Zeit die Hochforſte der Umgegend durchſtreife, er ſie ohne weiters in's Rie⸗ ſengebirge zu ihrer Baſe verbannen würde;„ denn,“ſchloß er ſeine Strafpredigt,„der blaue Guckguck, welcher mein Neſt umſchleicht, iſt kein Czeche— ſeine Züge, ſeine Haltung, ſeine ſeltſame Tracht, die ich von meinen Wanderzügen kenne, verräth den Ungar.“ „Aber Libuſſa, das kraftvolle und entſchloſſene Mäd⸗ chen, fragte nichts nach Tracht und Abſtammung, ſie war dem ſchönen„Ungar“ zufüllig im Hochwalde bei der Holzleſe begegnet, ſie hatte ihm zufällig in das große 0) Schottky erzählt nämlich unter Anderm von der ehe⸗ maligen rudolfiniſchen Schatzkammer in Prag, von welcher ein Theil in das Schönfeld'ſche Muſeum einverleibt wurde, daß ſie auch einen Schuh und eine Mütze des Herzogs Przemysl, von höchſt einfacher Arbeit aus Thierfellen, enthielt. 5 brennende Auge geblickt, und die einſam, aber herrlich heranblühende Roſe dieſer Flur hatte an dem himmel⸗ blauen Fälter ſogleich ein großes Wohlgefallen gefun⸗ den, daß wenige freundliche Worte desſelben hinreichten, um die ſtärkſten Gefühle der erſten und reinſten Liebe in ihrem Herzen wach zu rufen. „Feſt und entſchieden iſt der Charater des Czechen, treu und bieder wird er, wenn er dem Freunde einmal die Hand für's Leben reichte, und dieß Band als ein unauflösliches betrachtez, und ſo iſt auch das Band der Liebe, welche das czechiſche Mädchen ihrem einmal Er⸗ wählten ſchenkt, untrennbar für alle Zeit. „Libuſſa nahm daher die drohende Aeußerung ihres Vaters ſchweigend hin, in ihrem Herzen aber ſtand der Entſchluß geſchrieben:„der Rabe oder keiner!“— „Der Rabe,“ ſo hatte ſich der blaue, ſchöne Jäger dem Mädchen genannt, welchem er ſeit einigen Wochen im Walde plötzlich entgegen getreten war, und welches er ſeither öfters ſah, indem er bald dort, bald da mit ſeinem Jägerzeuge emportauchte. „Aber hat er Dir denn geſagt, daß er Dich auch liebe?“ fragte der einzige Vertraute des Mädchens, als dieſes ihm, mit niedergeſchlagenen Augen das Geheim⸗ ſ Liebe und die Scheltworte ihres Vaters mit⸗ theilte. 58 Dieſer Vertraute war Gangolf, einer der Ordens⸗ brüder der alten Eremiten nächſt Heuraffel ¹); der hatte die Jungfrau in den Lehren des Chriſtenthums unter⸗ wieſen und für ihre geiſtige Erziehung mit Sorgfalt bisher gewirkt; ſein Einfluß auf den Vater Libuſſen's war kein geringer— dennoch kannte er den eiſernen Willen desſelben, der ſeinem Kinde für alle Zeit die Verbindung mit einem Manne anderer Nationalität verweigern würde. Aber die Frage des Eremiten:„hat er Dir denn geſagt, daß er Dich liebt—“ wiederhallte fortan im Herzen des ſchönen Mädchens. Es war wenige Tage ſpäter, als Libuſſa abermals auf dem grünen Teppich der Hochwieſe unter dem Laub⸗ dache jener himmelhohen Eiche ſtand, wo ſie„der Rabe“ zuerſt getroffen hatte.— Das große, dunkle Auge der Jungfrau ſchweifte über den Waldſaum hin, ſie ſuchte nach einem Gegenſtande, welchen ſie zwiſchen den him⸗ melhohen Tannenſtämmen erſpähen wollte, während ihre weißen Hände aus Eichenblättern, geſtreiftem Graſe und Wieſenblumen einen Kranz wanden. Jetzt war die Jungfrau mit dieſer Arbeit fertig geworden, ſie ſtand auf und warf noch einmal ihre Blicke auf den Wald, ¹) Na wegtone, im füdlichen Böhmen, wo die ſoge⸗ nannten Antoniter⸗Eremiten lebten. 59 dann aber traurig zur Erde;— denn der Erſehnte er⸗ ſchien nicht. Jetzt leuchtete das Auge des ſchönen Kindes mit ſeltſamem Feuer; der angeborene Trotz der jungen Cze⸗ chin ſchien über das Gefühl der erſten Liebe das Ueber⸗ gewicht zu erhalten, ſie fühlte, daß ſie nicht geliebt werde, ſonſt wäre der„ſchöne Rabe“ ſchon lange den Berg⸗ hang herabgekommen, und hätte ihr den Morgengruß des Waidmannes gebracht. Unwillig ſchleuderte ſie jetzt den fertigen Kranz in die Lüfte; aber zwei weiße Hände auf der anderen Seite des Raſenhügels fingen ihn auf, und— der Rabe ſtand vor ihr... Ein freudiger Schrei der Ueberraſchung entfuhr der Bruſt des Mädchens, er glich dem Freudenlaute des Schiffers, der plötzlich aus dem ſeine Waſſerſtraße ver⸗ hüllenden Sturmnebel das flammende Bild des wieder erſcheinendes Taggeſtirnes emportauchen ſieht. „Du biſt heute lange herumgeflattert,“ rief das ſchöne Kind der Natur, mit unverhehlter Freude, dem flüchtigen„Raben“ entgegen. „Ich durfte mein Waldneſt heute nicht früher ver⸗ laſſen, ſchöne Waldroſe,“ entgegnete der Jüngling, ſich an der Seite des Mädchens niederlaſſend und den Blü⸗ thenkranz auf ſein Haupt drückend, indem er ſeine Blicke faſt ſchen in der Gegend herumſtreifen ließ. 60 „Wer hindert Dich denn daran?“ fragte die ſchöne Maid.„Biſt Du ein fauler Bärenhäuter, der die Strah⸗ len der Morgenſonne nicht vertragen kann?“ „Mein Kind,“ erwiederte der Rabe,„es gibt Tage im Leben, an denen man den hellen Sonnenſtrahl zu vermeiden ſucht, weil—“ er hielt inne, und blickte wieder um ſich, als fürchte er Lauſcher in den Büſchen des Waldes. „So biſt Du ein Flüchtiger, Verfolgter?“ fragte Libuſſa. „Verfolgt, flüchtig, nein!“ entgegnete der Jüng⸗ ling,„das bin ich noch nicht.“ „So biſt Du ein Leibeigener,“ fuhr das Mädchen fort,„ein Diener Deines Herrn, der ohne deſſen Willen den Jagdſpeer nicht ſchwingen, der Morgenſonne nicht in's Antlitz ſehen darf?“. Der Jüngling ſchwieg, und ein düſterer Zug malte ſich wie eine vorüberziehende ſchwarze Wolke auf ſeiner hohen Stirn. „Du haſt recht,“ ſagte er nach einer Pauſe,„ich bin der Rabe im Käfig, ich bin ein Leibeigener, ein Die⸗ ner meines Herrn, der ohne deſſen Willen der Morgen⸗ ſonne nicht in's Antlitz ſchauen darf— und dennoch ſuche ich ſie, dieſe Morgenſonne, und werde ſie finden 61 in dieſen Wäldern, wo es Niemand vermuthen wird, daß der Rabe nach der Sonne zu fliegen wagt„ Libuſſa's ſchöne Augen leuchteten bei dieſen Wor⸗ ten. Das Kind der Natur hielt ſich in ſeiner kindlichen Einfalt für überzeugt, daß Frühlingsblüthen der Liebe, die aus ihrem Herzen aufſchoßen, auch im Herzen des Erwählten aufgekeimt ſein müßten. Ihre runden Wongen erglühten jetzt vom reinſten und hellſten Purpur, ſie fühlte ſich geliebt— aber ſie wagte das ſchöne Auge nicht emporzuſchlagen. „Du ſollteſt Deiner Sonne ſagen,“ liſpelte ſie jetzt in leiſeren, von Befangenheit allmälig erſtickten Lauten, „Du ſollteſt Deiner Sonne ſagen, daß Du ſie ſucheſt, daß ſie Dein Leben erhellen müße, daß Du ohne ſie nicht athmen———“ Die ſchöne Jungfrau konnte nicht weiter ſprechen, denn das Herz drohte ihr zu ſpringen, und leiſe Perlen traten auf die Wimpern ihrer dunklen Augen.— „Das will ich, das werde ich,“ rief der Jüngling mit Feuer,„ſo wahr edles Blut in meinen Adern rollt, aber jetzt iſt es noch nicht an der Zeit, denn ich muß erſt von ihren Lippen hören, daß ſie mich liebt.—“ „O zweifle nicht,“ fiel das Mädchen mit dem Aus⸗ der heftigſten Leidenſchaft ein,„ſeit ſie Dich ah, 62 DDer ſchöne Jäger blickte dem Mädchen verwundert in's klare Auge. „Mädchen,“— rief er,„ſprichſt Du wahr?“ Libuſſa ſchlug das Auge zu Boden, ſie konnte nicht antworten, aber das Klopfen ihres Herzens tönte hörbar. Der Jüngling hielt ihre zitternde Hand in der ſei⸗ nen, er wollte wieder zu ihr reden von ſeiner Familie— aber jetzt hatte er ſein Auge zur Seite geworfen auf die Stelle, wo der grüne Teppich der Wieſe in den Wald mündete.— Ein ſeltſamer Zug von Beklommenheit trat auf ſein Antlitz. „Mädchen,“ rief er, mit halb unterdrückter Stimme, „wenn ſie Dich fragen, wer mit Dir ſprach, ſo ſage ihnen, Dein Bräutigam, der Rabe, der Bergſchütz vom Roſenberg— hörſt Du Libuſſa?“ Mit dieſen Worten war der ſchöne Jäger raſch auf der andern Seite des Forſtes im Dickicht verſchwun⸗ den. Libuſſa aber ſtand ſprachlos von dem Eindrucke des Augenblickes und blickte dem Entſchwundenen nach — ſie verhörte im ſeligen Entzücken des Augenblickes den rauhen Ruf einer Männerſtimme, welche jetzt in ih⸗ ren Ohren ſchallte. „Wer war der Mann der mit Dir ſprach, Dirne?“ lautete die Anfrage eines bis an die Zähne bewaffneten ⸗ 63 Mannes, welcher in ein Jagdkleid von dunkler Wolle gehüllt, nebſt einem kleineren Gefährten vor dem Mäd⸗ chen ſtand. Libuſſa ſchaute auf. Sie blickte den beiden Män⸗ nern ſtarr in's Geſicht— beide ſchienen Waffenträger oder Jäger der Herren von Roſenberg zu ſein, denn ſie trugen die Roſe auf ihrem Koller. „Wer war der Mann, der mit Dir ſprach?“— donnerte dem Mädchen der eine dieſer Männer wieder zu. Libuſſa faßte ſich jetzt. „Nun wer wird es ſein,“ ſagte ſie, einen gleich rauhen Ton annehmend.„Mein Bräutigam, der Rabe war es, der Bergſchütz vom Roſenberge, den ihr wohl kennen werdet, wenn ihr Roſenberger ſeid!“ Der Mann blickte ihr zweifelnd in's Auge. „Redeſt Du wahr, Dirne?“ fragte er wieder. „Es iſt ziemlich einerlei was uns die Dirne ſagt,“ fiel der andere ein,„wir haben ihn jedenfalls ſchon ent⸗ ſpringen laſſen und wiſſen nicht einmal die Seite genau, wohin er entſprang.“ Dann wandte er ſich zur Jung⸗ frau,„Sag', Mädchen, bei Deinem Leben,“ rief er, ſein Meſſer zückend, auf welche Seite entſprang Dein Rabe?“ Libuſſa deutete mit der ſchönen Hand nach der entge⸗ gengeſetzten Waldſeite von jener, wohin der Rabe ent⸗ 64 flohen war. Ohne ſie weiters eines Blickes zu würdigen, entfernten ſich die beiden Männer dahin.——— Acht Tage waren nach dieſem Vorfalle im Walde, nächſt dem Eremitenkloſter, verſtrichen. Libuſſa, das arme, liebeskranke Mädchen, war an jedem Morgen, war an jedem Abende in der Waldge⸗ gend auf der Raſenſtelle unter der Eiche geweilt, um den Gegenſtand ihrer erſten reinen Liebe,„den Raben“ zu erſpähen. Er kam nicht.. Libuſſa durchirrte mit der ihr eigenen Leichtig⸗ keit einer gewöhnten Waldläuferin den Forſt nach allen Richtungen, ſie ſandte ihr wohlklingendes Lied zu den rauſchenden Wipfeln der Fichten und Tannen.— Aber ihr Bräutigam„der Rabe“ kam nicht. Jetzt hielt ſie ermattet vor einer himmelhohen Wand, welche die Fluthen der Urzeit gebildet hatten, indem ſie Steine auf Steine thürmten und ſo ein Ge⸗ bäude aufführten, ſtärker als Menſchenhand es jemals hätte zimmern können. Senkrecht ſtarrte dieſe natürliche Mauer empor und auf ihrer wohl zwanzig Ellen hohen Fläche konnte man den Forſt, ſoweit er ſich in die Berge hinabſtreckte, erſchauen. Aber ſchneller als die Eichkatze, welche den im Winde ſchwankenden Wipfel des hohen Rieſenbaumes 65 erjagt, war Libuſſa, das kraftvolle Naturkind, auf den erſten, zweiten und dritten Stamm geklettert, um vom hohen Moosſitze der Steinwand nach dem geliebten Ge⸗ genſtand, nach ihrem Bräutigam, dem Raben, zu ſpä⸗ hen. Und ſiehe, die Liebe, die Ströme überſetzt, und Berge erklimmt, hatte dießmal nicht fruchtlos ſich abge⸗ müht—— hoch oben am Steintiſche erblickte Libuſſa auf der andern Seite den„Raben“ ihren Bräutigam, aber nicht allein.—— Ihr Auge flammte, ihr ganzer Körper zitterte, ſie mußte ſich an der Kante des Stei⸗ nes feſthalten, um nicht herabzuſinken— denn ſie ſah nit ſchwimmenden Augen den Liebling ihrer Seele auf den Knieen vor einem holden Mädchen, deren dunkler ebenmäßiger Kopf ſich auf den Jüngling niederbeugte und deren Lippen die ſeinen zu berühren ſchienen. Libuſſa hielt den Athem zurück, und lauſchte dem Geſpräche der Beiden. Sie glaubte das ſüße Wort „Katharina“ zu vernehmen, welches der Name des en⸗ gelſchönen Mädchens im prachtvollen grünen Jagdkleide zu ſein ſchien, zu deſſen Füßen der Rabe lag. Deutlich hörte Libuſſa wie der Rabe der ſchönen Katharina ſeine Liebe betheuerte. Ein Wehlaut der tiefgekränkten Liebe entfuhr Li⸗ buſſen's bewegter Bruſt. Die beiden Liebenden hatten ihn vernommen, ſie Proſchlo. Der ſchwarze Mann. II. 5 66 blickten um ſich, aber ſie nahmen Libuſſa nicht wahr und als das Mädchen mit dem Gefühle der bitterſten Ent⸗ täuſchung im gebrochenen Herzen auf der andern Seite der Steinwand hinabkletterte, um die Nähe des treulo⸗ ſen Bräutigams zu fliehen ehe er ſie bemerkte, da war auch dieſer und die ſchöne Jägerin, welche an ſeinem Herzen gelegen hatte, im Innern einer tiefen Stein⸗ höhle verſchwunden, welche einen ſchmalen Durchgang auf die andere Waldſeite bot, und rauhe Männerſtim⸗ men ertönten auf der anderen Seite des Waldes. Hun⸗ degebell ſchallte voran, dann traten wohl vier oder fünf Männer aus dem Gebüſche auf die Moosſtätte, wo Li⸗ buſſa mit thränendem Auge vor der Steinwand ſtand. Der vorderſte dieſer Männer war eine ſtattliche ſtarke Geſtalt, mit einem dichten Barte; er trug einen kurzen Jagdrock von grauem Loden, ein gewaltiges Schwert, und ein ungeheurer Fanghund ſchritt an ſei⸗ ner Seite. Hinter ihm aber ging mit flammendem Ge⸗ ſichte, in deſſen Zügen Zornesblitze herumſchoſſen,— Libuſſen's Vater.. Beide Männer hatten das Mädchen ſogleich be⸗ merkt, welches noch betäubt von dem Eindrucke der ent⸗ deckten Treuloſigkeit, des von ihr mit dem ganzen Feuer der erſten Liebe Umfaßten, auf den Raſen in die Knie geſunken war und zu ſtolz, um dem Treuloſen eine Thräne 67 nachzuweinen mit mühſam unterdrücktem Gefühle in lautloſem Schmerze vor ſich hinſtarrte. Aber ſchon hatte ſie der Vater erblickt. „Hier,“ ſchrie er,„iſt die ungerathene Dirne!“ „Schweigen!“ befahl ſein vortretender Begleiter, dann zu Libuſſa gewendet:„Rede, Mädchen, wo iſt der junge Ungar, mit welchem Du, wie man mir erzählt, tagelang in dieſen Wäldern herumirrſt?“ Libuſſa richtete ſich jetzt ruhig empor. Ihr klarer Geiſt faßte ſich ſogleich, daß ſie einen der unbekannten Verfolger des Raben vor ſich habe, an welchen ſie den Verräther dennoch nicht verrathen durfte. „Ich kann Euch nichts ſagen,“ entgegnete ſie das Auge düſter zu Boden ſenkend. „Aber Dein Vater kennt Deine Neigung zu dem jungen Manne,“ ſagte der Hochſtämmige mit dem Jä⸗ gerrocke,„Du kennſt ſicher ſeinen Aufenthalt, Dirne, und ich rathe Dir, ihn ſogleich zu bezeichnen, wo Du nicht im Thurme der Feſte Roſenberg dazu gezwungen werden willſt.“ „Jetzt erhob ſich die Tochter des Waldes ſtolz vom Raſen. „Macht mit mir was ihr wollt,“ ſagte ſie mit fe⸗ ſter Stimme,„ich kann nichts anderes ſagen.“ „Aber der Ungar wurde auch von andern Jagd⸗ 5* 68 leuten in Deiner Geſellſchaft geſehen,“ ſagte der Hoch⸗ ſtämmige. „Nun ja, wenn ihr den Raben meint, der ſich mei⸗ nen Bräutigam nannte,“ entgegnete Libuſſa. „Da hört ihr es,“ rief Przemyslaus, der Vater Libuſſen's,„ihren Bräutigam nennt ſie ihn.“ „Auf die bartbedeckten Lippen des Hochſtämmigen trat jetzt ein leiſes Lächeln. „Der Junge hat ſich mit der Dirne einen Jugend⸗ ſcherz erlaubt,“ ſagte er,„Kind, der kann Dein Bräu⸗ tigam nie werden, und Du wirſt mir gerne ſagen, wo ich ihn finde, wenn ich Dir ſage, wer ich bin.“ „Ihr,“ ſagte Libuſſa, und die Thräne der weib⸗ lichen Eitelkeit trat auf ihre Augen.—„Wer ſeid Ihr denn, daß ihr meinen,— daß ihr den Raben ſo ver⸗ folgt?“ „Ich bin der König Georg„von Podiebrad“ zube⸗ nannt,“— entgegnete jetzt ſanft der Hochſtämmige, „und nun wirſt Du mir wohl Rede ſtehen, wo mein ver⸗ mißter Waffengefährte dein„Rabe“ hingeflogen iſt.“ „Libuſſa warf einen langen Vlick der Verwunderung auf den König——— „Ich weiß es nicht!“ rief ſie dann entſchloſſen, indem ſie ihr Auge ängſtlich zu dem Eingange der Höhle 69 richtete, durch welche der Rabe mit ſeiner ſchönen Flamme verſchwunden war. „Aber der Blick ihres Vaters war ihr gefolgt. „Die Höhle müſſen wir durchſuchen, königlicher Herr,“ ſagte er. „Doch wie ein Cherub mit dem flammenden Schwerte ſtellt ſich Libuſſa vor den Eingang der Höhle. „Hier iſt er nicht!“ rief ſie. „Zurück, Dirne!“ donnerte ihr der Vater zu„oder mein Jogdmeſſer ſpaltet Dir Ungerathenen den Schei⸗ tel!“ er hatte dieſe Worte noch nicht ausgeſprochen, als Libuſſa ſchon von ſeinem blitzenden Jagdmeſſer in den Arm getroffen, vor dem Eingange der Höhle nieder⸗ ſtürzte, während ihr Vater und der König in die Höhle eindrangen. „Aber die Liebe iſt mächtiger als der Schmerz. Das Mädchen ſprang wieder auf und wand ſich durch einen Seitenweg des Geſtrüppes jener Stelle entgegen, wo der jenſeitige Ausgang der Höhle in den Wald mündete. Dort ſtand der treuloſe Rabe mit Katharina ſeiner neuen Liebe unter dem Laubdache einer bergenden Eiche. „Beide ſchienen für heute Abſchied zu nehmen und dann verſchiedene Wege aus dem Walde einzuſchlagen. 70 „Der Rabe blickte jetzt auf— er ſah Libuſſa, welche ihm von Weitem zuwinkte.„Der König!“— rief ſie und der Rabe und ſeine ſchöne Begleiterin entſprangen mit der Schnelligkeit von Rehen über Stock und Stein den jenſeitigen Bergesabhang hinab. Libuſſa aber ſank erſchöpft vom Blutverluſte und Herzleid an der Wurzel einer tauſendjährigen Eiche „Einer der ſchönſten Edelſteine in der Krone Böh⸗ mens war einſt das Schloß Wiſſehrad, die Felſenſtätte des böhmiſchen Löwen, außerhalb des Weichbildes der königlichen Stadt Prag. „Gegen die Moldau hinab liegt ſodann das be⸗ rühmte Bad der Libuſſa. „Oberhalb dieſes Bades der Libuſſa befand ſich um die Zeit des erzählten Vorfalles im Eremitenwalde bei Heuraffel ein mit feinem Salzburger Marmor getäfeltes Gemach, deſſen graue Wände mit Waffengeräthen aller Art geziert waren, und über deſſen eiſenbeſchienter Ei⸗ chenthür das Wappen des Königreiches Ungarn mit den Landesfarben desſelben hing. „In dieſem Gemache ſtand eine Woche nach der eben erwähnten Begebenheit im glänzenden Waffen⸗ ſchmucke eines ungariſchen Edelmannes erſten Ranges, Lebensfriſche auf dem ſchönen Antlitze und Muth in den blitzenden Augen— der Rabe. 71 „Ja, der Rabe war's vor welchem in mehr ehrer⸗ bietiger als zutraulicher Stellung ein unmäſſig großer Mann im ſchwarzen Waffenſchmucke eines fränkiſchen Ritters ſtand. Der Rabe nannte ihn ſeinen Freund und Rathgeber le Noir. „Der Freund und Vertraute des„Raben“ aber be⸗ grüßte dieſen mit den Worten„Prinz“ und„Prinz Mathias.“ Der ſich im Eremitenwalde bei Heusraffel „der Rabe“ nannte, hatte keine Urſache im Palaſte des Königs Georg von Podiebrad am Wiſſehrad ſeinen ech⸗ ten Namen Corvinus zu verhehlen, denn dieſer Name war von ſchöner und großer Bedeutung in der Ge⸗ ſchichte ſeines Landes. „Aber Prinz Mathias Corvinus konnte ſeinen Un⸗ muth nicht verhehlen, wenn er ſich thatenlos in die en⸗ gen Zellen dieſes Palaſtes verbannt fühlte. „Als nämlich der junge Ladislaus, der älteſte Sohn des Helden und Türkenbezwingers, Johann Hunyad, den Manen Ulrich's von Cilli, zu Stuhlweiſſenburg zum Opfer geſchlachtet worden war, da hatte man den jüng⸗ ſten Sohn, Mathias Corvinus, aus politiſchen Grün⸗ den, nach Guttenſtein in die Umgebung Kaiſer Frie⸗ drich IV. gebracht. „Georg von Podiebrad, der Freund des Türkenbe⸗ zwingers, hatte vom Kaiſer ſeine Freilaſſung erbeten 72 und den jungen Ungar⸗Prinzen Mathias nach Prag ge⸗ führt, wo er im alten Wiſſehrad gaſtfreie Aufnahme fand. „Damals ſtand Mathias im blühenden Jünglings⸗ alter, ſtolz wie ein Ungar, aber nicht offen und arglos, wie der edle Character dieſer Nation— vielmehr miß⸗ trauiſch und trotzig, ein Unzufriedener mit ſeinem Schickfale, welches ihm noch keine Lorbeern auf dem Boden ſeines Vaterlandes ernten ließ, und ihn, wenn auch nur auf kurze Zeit verurtheilte, von der Gnade des Böhmenkönigs zu leben. „So kam es, daß Mathias,„der Rabe“, lange ſchon in ſeinem Innern die Sehnſucht nährte, den Hof des Königs,„des Löwen“, zu verlaſſen,— nur ein Band, ein gewaltiges, hielt den königlichen Sohn der Pußta am czechiſchen Hofe feſt— die Liebe. „Katharina, die Tochter Georgs von Podiebrad, war der Gegenſtand der unbeſiegbaren Neigung des jungen Mathias und die ſchöne Königstochter erwie⸗ derte, obwohl nur ſchüchtern, die Neigung des ſchönen Ungarn. „Da war es aber wieder Politik, welche ſich, wie nur zu oft im Leben, in die Herzensangelegenheit des künftigen Kronenträgers Ungarns miſchte.— 73 „Ein fränkiſcher Ritter— Mathias nannte ihn ſeinen vertrauten Freund le Noir— bewachte, im In⸗ tereſſe der Gegenparthei des jungen Corvinus in Un⸗ garn und im Auslande, die Schritte des thatendurſtigen heranreifenden jungen Helden— er war es, der im In⸗ tereſſe derſelben Parthei, der keimenden Neigung des Letzteren zur ſchönen Königstochter entgegenarbeiten mußte, denn eine künftige Verbindung des jungen Ma⸗ thias mit dem Kronenträger Böhmens widerſtritt ge⸗ radezu den Plänen jener ungariſchen und fremdländi⸗ ſchen Parthei, welche den Sohn des Türkenbezwingers vom ungariſchen Staatsruder entfernt wiſſen wollte und ihm auch jenſeits der Sevennen entgegenarbeitete. „Damals hielt Ulrich II. von Roſenberg auf den Schlöſſern dieſer mächtigen Familie zu Krumau und Roſenberg Hof. Seine Schlöſſer umgab, wie heute noch dichter Wald, bewohnt von Wildbären nnd Wölfen. „Die Hofjagd bildete daher eine Hauptbeſchäftigung der böhmiſchen Dynaſtie und der König fehlte, ſoweit er mit dieſen in Frieden lebte, niemals, wenn er zum Waidwerk geladen war. „Das war's, was Mathias benützte, um zuweilen in den Hochforſten des ſüdlichen Böhmens, wenn er den König dahin begleitete, ſeiner angebeteten Katharina zu nahen, ihr im Schatten des verſchwiegenen Waldes im 74 Jägergewande entgegen zu treten, und mit dem ritter⸗ lichen Anſtande des edlen Ungarn von ſeiner Liebe zu erzählen, welche die ſchüchterne Jungfrau im Innern feurig erwiederte, im Wort und Ausdruck aber kaum auszuſprechen wagte. „Auf einem dieſer Jagdgänge hatte Mathias ſtatt der ſehnſüchtig erwarteten ſchüchternen Königstochter Katharina, das kraftvolle und muthige Naturkind Li⸗ buſſa getroffen,— und wahrlich, hätte der feurige Un⸗ gar nicht mit der ganzen Kraft der erſten unvertilgbaren Liebe, das Bild ſeiner angebeteten Katharina im Herzen getragen,— das dunkle Feuerauge der wunderholden Tochter des Waldes nächſt der Eremitenkirche, würde ihn für immer angezogen haben. „So kam es alſo, daß Mathias Corvinus von der Burg Roſenberg aus tagelang in jenen Forſten ſtreifte, wo er Katharinen von Podiebrad zu begegnen hoffte, und Libuſſen ſo oft begegnete, bis der König durch das öftere Verſchwinden des jungen Mathias und durch die Winke des fränkiſchen Ritters aufmerkſam gemacht, ſelbſt die Wälder nächſt dem Eremitenkloſter in Heuraffel be⸗ trat und wie erzählt, Zeuge von der entſchloſſenen Selbſtverläugnung Libuſſens war, welche ſelbſt im Au⸗ genblicke der ſchmerzlichen Enttäuſchung ihrer Liebe den, der ihr Herz gebrochen hatte, nicht verrieth und ihm da⸗ 75 durch die Möglichkeit bot ſich dem forſchenden Auge des Königs und ſeiner Begleiter zu entziehen. „Aber voll des finſtern Unmuthes und glühen⸗ den Grolles ſtand jetzt Mathias Corvinus in ſeinen Wohnzimmern auf dem Wiſſehrad und hörte den gleiſ⸗ ſenden Worten ſeines vermeintlichen Freundes, des fränkiſchen Ritters le Noir, zu. Mathias hatte ſeit längerer Zeit keine Nachricht aus ſeinem Heimatlande Ungarn erhalten. Vor ihm lag auf einem Tiſche das letzte Schreiben ſeiner Mutter, welches in räthſelhaften Ausdrücken von ſeiner künftigen Sendung als Lenker der Geſchicke ſeines Vaterlandes und von dem Glücke ſprach, das er an dem Hofe des böhmiſchen Königs fin⸗ den würde. „O des großen Glückes!“ rief der Jüngling mit wilder Jronie,„des Glückes, der Gefangene eines Kö⸗ nigs zu ſein, welcher ſich nicht entblödet, den ſogenann⸗ ten Gaſt ſeines Hofes bis in die einſamſten Wälder des Landes zu verfolgen, und zu bevormunden. Könnte ich doch, wie ein Horymir von Neumatel mit ſeinem Roſſe, mit einem Sprunge über die Mauer ſetzen, um unauf⸗ gehalten meinem Vaterlande zuzufliehen!“ „Ihr kämet doch zu ſpät, mein Prinz,“ entgegnete mit einem ſeltſamen Lächeln ſein Vertrauter, der frän⸗ kiſche Ritter.„Schwört mir bei dem Andenken Eures 76 Vaters, daß Ihr mich nicht verrathen wollt, ſo will ich Euch Dinge mittheilen, welche Euch über die wahre Stellung an dieſem Hofe aufklären und hinter dem Glanze mit dem man Euch umgibt, die Wahrheit zeigen werden.“ „Das Wort der Verſchwiegenheit bis zum Tode war von Seite des Prinzen raſch gegeben, und le Noir wies jetzt demſelben ein Schreiben aus Ungarn vor, worin deutlich ausgeſprochen war, daß König Georg von Podiebrad ſich ſelbſt um die erledigte ungariſche Krone bewerbe, und daß man in Ungarn wohl wiſſe, er halte den Sohn des großen Hunyad nur deßhalb in Prag gefangen, damit ihm dieſer in den Bewerbungen um Ungarn's Krone nicht im Wege ſtehe.— Das Schreiben ſchloß mit der ernſten Mahnung:„Mathias Corvinus, der Sohn des Türkenbezwingers, möge doch die Jagdausflüge in das weſtliche und ſüdliche Böhmen benützen und auf einem derſelben entfliehen, um in Un⸗ garn ſeine Rechte auf die Krone dieſes Landes zu ver⸗ theidigen und mit den Waffen in der Hand des Ruhmes ſeines großen Vaters würdig zu werden.“ „Der junge Rabe ſtarrte mit glühenden Augen auf das Papier— ja! das waren Worte, die in ſeiner Seele geſchrieben ſtanden, und wenn er bisher keinen der Jagdzüge nach dem ſüdlichen Böhmen zur Flucht be⸗ 77 nützt hatte, ſo war es nur das Band der Ehre, welches ihn an die Perſon des Königs knüpfte, und ihm eine feige Flucht aus deſſen Hauſe, wo nicht ſchimpflich, doch hinterliſtig erſcheinen ließ jetzt aber, da er hörte und las, und mit eigenen Augen las: daß Georg Po⸗ diebrad ſelbſt nach der Krone Ungarns ſtrebe, ſomit un⸗ redlich und hinterliſtig gegen den an ſeinem Hofe ge⸗ feſſelten Gaſt des Hauſes handle, jetzt war dieſes Band zerriſſen, und Flucht, Flucht und wieder Flucht vom Wiſſehrad nach Ungarn war der einzige Gedanke der im Gehirne des jungen Corvinus noch Raum hatte. „Aber Katharina?— ſie war dann für den jungen Helden Ungarn's verloren; denn nie durfte Mathias dann hoffen, die königliche Jungfrau wieder zu ſehen.. Ehre und Liebe zu ſeinem ſchönen Vaterlande und ſtille Liebe zur ſchönen Katharina von Podiebrad kämpften in ſeinem jugendlichen Herzen. „Mathias Corvinus ſchwankte— ſchwankte aus heißer Liebe zur ſchönen Katharina.— Aber le Noir der fränkiſche Ritter, deſſen Augen den leidenſchaftlichen Bewegungen des Jünglings gefolgt waren, hielt ihm noch einmal das verhängnißvolle Papier, den Brief aus Ungarn vor das Angeſicht.— Da ſiegte das edlere Gefühl des Jünglings. Er hatte ſo oft in das ruhige klare Auge des edlen Königs geſchaut, er erinnerte ſich, 78 mit welcher Milde und wahrhaft väterlichen Güte ihn dieſer behandelt und wie er ſelbſt ſeine Verweiſe ſtets ſanft und ſchonend ertheilt habe. „Nein! nein!“ rief er,„einer ſolchen Tücke und Argliſt iſt Georg von Podiebrad nicht fähig; edel iſt ſein Character und eher würde er mir zehnmal mit dem Schwerte entgegen treten, und mir die Krone meines Landes im ehrlichen Kampfe entreißen, ehe er einen einzigen Flecken des Verrathes und der unmännlichen Hinterliſt auf ſeinem Wappenſchilde dulden würde;— noch vor einem Monate, ehe wir die Jagden auf dem Roſenberger Gebiete begannen, nannte er mich den künftigen König von Ungarn und Podiebrad's Worte waren nie leerer Schall.— in's Feuer daher mit die⸗ ſem Briefe, er iſt falſch, wie die Hand, die ihn geſchrie⸗ ben hat!“ „Ein feines Lächeln des fränkiſchen Ritters war die Antwort. „Prinz,“ ſagte er leiſe,„darf ich mir von Euch die Gnade erbitten, Euch heute um die ſechſte Stunde des Abends in dem Hauſe bei der Fürſtengruft erwarten zu dürfen?“ „Was ſinnſt Du wieder?“ fragte Prinz Ma⸗ thias. 79 „Euch die Ueberzeugung zu verſchaffen, von dem,“ entgegnete der Ritter kalt,„was Ihr jetzt nicht glauben wollt.“ „Mathias Corvinus ſchwieg, und ſtieg nachdenkend und langſamen Schrittes die Wendeltreppe hinab, um einen Ritt in's Freie zu thun, denn die widerſprechend⸗ ſten Gefühle drohten ſein Herz zu zerſprengen. „Unterhalb des Wiſſehrad's liegt die ſogenannte altböhmiſche Fürſtengruft). „Dort erwartete le Noir, der Ritter, den jungen Mathias Corvinus um die ſechſte Abendſtunde— und Mathias ließ auf ſich nicht warten. Pünktlich bog er Die auf Libuſſa folgenden vorchriſtlichen Herzoge, Przemysl, Nezamysl, Mnata, Wuylaw, Krzeſomysl, Nek⸗ lan und Hostiwit, ſollen in einer beſondern Grabſtätte (elche dann den Namen des Fürſtengrabes erhielt) an der Nordſeite des Wiſſehrad, am rechten üfer des Baches Bot⸗ tiſch Potucel), an jenem Orte der gegenwärtigen Spital⸗ gaſſe, begraben worden ſein, wo jetzt das geräumige Haus Nr. 415 ſteht, an deſſen Vorderſeite die Bildniſſe der Her⸗ zoge Przemysl, Nezamysl, Mnata, Wogen und Kerzeſo⸗ mysl, bemerkbar waren, ſo ſprachen Dobner und Schaller; Legenwärtig ſind aber nur die vier erſteren ſichtbar, dann Herzog Wratislaw und der heil. Wenzel. Doch wurde auch darüber ſchon vor geraumer Zeit mit Recht bemerkt, daß außer Hagek kein einziger Chroniſt jenes aus vielen Urſachen ganz unwahrſcheinlichen Fürſtengrabes gedenkt. 80 um die beſtimmte Zeit mit ſeinem Roſſe um die Ecke, gab dies dem Leibdiener zur Verſorgung und ſtand jetzt neben dem fränkiſchen Ritter, ſeinem Vertrauten. Dieſer führte ihn nun um die Ecke der Fürſtengruft auf Um⸗ wegen gegen den finſterſten Theil der Burg, wo ſich von einer Stelle die Ausſicht auf das kleine Thor bot. Jetzt blieb le Noir ſtehen, und deutete ohne ein Wort zu ſprechen, mit ſeinem eiſenbeſchienten Finger auf eine kleine Pforte, welche ſich neben dem Thore aufthat. „Prinz!“— fragte er,—„wen ſeht Ihr dort eintreten?“ 6 Mathias richtete ſeine ſchönen Augen auf die be⸗ zeichnete Stelle und eine Flammenröthe ſtieg auf ſeine Wangen empor. „Fürſt Gara!“ rief er. „Ja,“ entgegnete triumphirend der Ritter,„er iſt es, Fürſt Gara, der große Magnat Ungarns, und die beiden Männer mit den Dolmans an feiner Seite ſind gleichfalls vom maghariſchen Vollblute, ſie ſind auf den Wiſſehrad gekommen, als Geſandtſchaft ihrer Nation, um dem König Georg Podiebrad die Krone Ungarns zu Füſſen zu legen, und Euch mein Prinz dieſelbe für im⸗ mer zu entwinden.... nun Prinz was denkt Ihr jetzt von Georg Podiebrad's Plänen wieder Euch?“ — 81 Da riß der Prinz wüthend die goldene Kette, welche er, ein Geſchenk des Königs, am Halſe trug, herab— „Keine Nacht mehr in dieſer verrätheriſchen Burg!—“ rieſ e da bring' dieſe Kette dem meineidigen Kö⸗ nige und ſag' ihm, daß der Sproſſe des edelſten unga⸗ riſchen Stammes, daß Mathias Corvinus, dem böhmi⸗ ſchen Thronräuber mit dem krummen Säbel in der Fauſt entgegen treten und ſein väterliches Erbe aus den Krallen des gleißenden Löwen zurückfordern werde2 Fort! fort! nach den freien Steppen, wo mir kein böh⸗ miſcher Verrath auf den Ferſen ſitzt!“ Aber der Ritter le Noir hielt den enteilenden Jüngling zurück. „Prinz,“ rief er,—„wollt' Ihr Euch ſelbſt ver⸗ derben? Eure Flucht würde, da man Euch in einer Stunde zur Abendtafel erwartet, ſogleich entdeckt wer⸗ den, Eure Aufgabe als einſtiger König Ungarns, iſt nicht blos Tapferkeit und ſchrankenloſe Kraftäußerung, ſondern auch Klugheit.“ Mathias blickte dem vermeintlichen Freunde ſtarr in's Auge—„darum,“ fuhr dieſer fort,„nur noch drei Stunden— inzwiſchen ſchnüre ich unſere Sättel, halte Roß und Knappen bereit unterhalb des Felſens des Li⸗ buſſabades, und wenige Minuten nach der Abendtafel, wenn der König Euch in Eurem Schlafgemache vermu⸗ Proſchko. Der ſchwarze Mann. IH. 6 82 thet, traben wir dem ſüdlichen Böhmen zu und gewin⸗ nen, während die Lampe in Eurem Zimmer brennt, und Eure nächtlichen Studien verkündet, ſo viele Stunden Zeit, daß uns kein königlicher Leibtrabant mehr aus den böhmiſchen Wäldern herausfinden ſoll. In weni⸗ gen Tagen breitet ſich Ungarn's Pußta vor unſeren Blicken aus, und mit dem Schwerte in der Hand, mit der ſchwarzen Legion der Rache wird Euch Katharina von Podiebrad wieder ſehen, als Helden.“ „Genug, ſo ſei es!“ rief begeiſtert der Jüngling, der am Hofe Georg Podiebrad's, wie ein Kind des ei⸗ genen Hauſes gehalten, jetzt kein Dankgefühl, keine Ehr⸗ furcht mehr für ſeine Wohlthäter, der nur Haß und Ehrgeiz in ſeinem Herzen nährte, und nur mehr auf Rache gegen den verrätheriſchen König, den Räuber ſei⸗ nes ungariſchen Kronerbes ſann. Aber ſanft und ruhig klangen die Worte, welche jetzt von der Seite her dem jungen Prinzen in's Ohr ſchallten. Sie boten den Abendgruß, und kamen aus dem Munde zweier junger Freunde des Prinzen;— Hein⸗ rich und Victorin, die Söhne des Königs Georg Po⸗ diebrad waren es, welche den jungen Mathias zur Abendtafel zu holen kamen. Aber nur mit düſterem Schweigen und finſter vor ſich hinblickend, folgte Mathias den beiden Söhnen des Königs die lange ſchmale Treppe in das Schloß hinauf, düſter und ſchweigend trat er auch in den weiten Wap⸗ penſaal des Königs, welchen ſtatt der gewöhnlichen Ah⸗ nenbilder, Scenen aus der altböhmiſchen Geſchichte, Priſaha Samovi, der Schwur des Samo, Wolenj Kerku za Saudei, die Wahl Krob's zum Richter, Wolenj Libuſſa za Knezna, Libuſſens Wahl zur Fürſtin Wlaſti Slavo, des Landes Ruhm und viele andere Gemälde zierten. An einem einfachen Tiſche von Tannenholz, auf welchem das gewöhnliche ebenſo einfache Mahl des Kö⸗ nigs, Brot mit Wildpret neben dem ſteinernen Kruge mit Meth vorgerichtet war, ſaß im linnenen Waffen⸗ rocke Georg Podiebrad; neben ihm ſtanden zwei Stühle, auf welche ſich ſeine Söhne niederließen; ein dritter, dicht an der Seite des Königs angebrachter etwas höher ſtehender Sitz ſtand leer. Mathias Corvinus, finſter und in ſich gekehrt, wollte ſeinen gewöhnlichen Sitz neben den Prinzen des Hauſes einnehmen; aber der König winkte ihn in ſeine Nähe und wies ihm den ewähnten höher ſtehenden Stuhl zu ſeiner Linken an. Wäre Mathias nüchternen Sinnes geweſen, ſo hätte ihm dieſer Umſtand auffallen müſſen, aber er erwachte aus ſeinen düſtern Träumen nicht früher bis Konig Georg ihn bei der Hand faßte. 84 „Nehmt heute bei mir Platz, mein Sohn,“ ſagte dieſer ruhig und mit ausdrucksvoller Stimme;„aber warum ſo verdrießlich und traurig, mein Sohn?“— Mathias ſchwieg und blickte finſter zur Erde. „Nun,“ ſagte der König,„hat mein Sohn Mathias keine Antwort für ſeinen königlichen Vater?“ „Ein Gefangener,“ entgegnete jetzt Mathias— und ein Zug äußerſter Bitterkeit und Gereiztheit lief über ſeine Stirne—„ein Gefangener kann unmöglich fröhlich ſein.“— „Seit wann,“ rief der König ſich emporrichtend, mit ſtarker Stimme,„ſeit wann dünkt ſich Mathias im Hauſe ſeines Vaters ein Gefangener zu ſein?“— Keine Antwort.— Eine Pauſe der entſetzlichſten Beklemmung für den jungen Corvinus folgte— er fühlte, daß die Sache jetzt auf die Spitze gelangt ſei, daß es zwiſchen ihm und dem Könige zum ernſten Wortkampfe gekommen, daß eroffen den Handſchuh aufnehmen müſſe, welchen der offene, redliche Georg von Podiebrad ihm vor die Füße warf. In ſeinem Herzen glühte es wie Lava eines ber⸗ ſtenden Vulkans— ſeine ſchöne gewölbte Bruſt hob ſich, er rang nach Worten— der Ungar mußte dem Böhmen, der Böhme dem Ungarn Rede ſtehen in dieſem entſcheiden⸗ den Augenblicke. 85 Es war der Augenblick der losbrennenden Mine — ober ſiehe, auf das mannhäfte Antlitz des Böhmen⸗ königs trat jetzt ein ſanftes Lächeln— er trat auf Ma⸗ thias Corvinus zu, und faßte zutraulich die leiſe zittern⸗ de Rechte des kampfluſtigen Jünglings.„Seid fröhlich, Mathias,“ ſagte er,„verſcheucht dieſe Falten von Eurer jungen Stirne, wißt Ihr doch, daß Georg Podiebrad nichts Arges hinter ſeinem unbefleckten Wappenſchilde duldet, klar und offen wie meine Seele ſei daher auch heute meine Sprache zu Euch; wißt denn, mein junger Freund, ich habe gute Nachricht für Euch; Eure Nation hat einen neuen König erwählt.“— Mathias zitterte bei dieſen Worten auf— Todten⸗ bläſſe wechſelte mit der Glühröthe ſeines Antlitzes. „Hat einen neuen König gewählt,“ fuhr Georg fort,„und mir dieß kund gethan, er möge mir ein guter Nachbar und Freund werden!“— Zetzt ergriff der Kö⸗ nig den eiſernen Pokal mit ſeinem Familienwappen voll ſüßen Methes und ſchwang ihn hoch über ſeinem edlen Haupte:„Es lebe,“ rief er mit ſtarker Stimme,„es lebe der neue König von Ungarn, Mathias Corvinus, hoch 1“ „Er lebe hoch!“ riefen die beiden Prinzen,„er lebe hoch!“ tönte es von der Vorhalle herein, und durch die aufſpringende Saalthür traten die Geſandten Ungarns, 86 an ihrer Spitze Fürſt Gara ein, um dem Prinzen die Hul⸗ digung Ungarns zu Füßen zu legen.— Mathias Corvinus wußte nicht, ob er träume oder ob Alles große, ſchöne Wirklichkeit ſei, was in ſeiner Um⸗ gebung vorging— ſeine Blicke leuchteten wie die Sterne des Südens, aber ſie leuchteten noch mehr, als der König jetzt abermals ſeine Hand faßte, ihm freundlich in's Auge blickte und auf eine entzweigehende Nebenthür hinwies. „Damit der König von Ungarn,“ ſagte er lächelnd, „ſich ſeines Bundesgenoſſen auch in ſeiner Heimath er⸗ innere, ſo nehme er den ſchönſten Theil aus meinem Hauſe weg.“— Und König Georg führte dem freudetrunkenen, künftigen Könige Ungarns die ſchöne Katharina, Prin⸗ zeſſin von Böhmen, jene liebliche Jägerin, mit welcher Mathias in den Wäldern bei der Eremitenkirche die er⸗ ſten Worte der langgekeimten Liebe gewechſelt hatte, ent⸗ gegen. Wie ein Träumender ſtand Mathias Corvinus, der Glückliche im Kreiſe der Huldigenden; die Freude und Ueberraſchung drohte ihm die Bruſt zu zerſprengen, aber ſchon äußerte ſich die Staatsklugheit des künftigen Königs, er fühlte wohl, daß er undankbar an ſeinem Wohlthäter gehandelt habe, dem er heute noch hatte ent⸗ fliehen wollen; aber er verbarg die innere Scham über 87 ſeinen rieſenhaften Irrthum meiſterlich und nur inniger Dank und Worte der heißeſten Liebe ſtrömten über die Lippen des neu erwählten Königs von Ungarn, des glück⸗ lichen Bräutigams Katharina's von Podiebrad. Wer beſchreibt die Fröhlichkeit der Feſte, welche die⸗ ſem ſchönen Abende folgten.— Der alte Wiſſehrad konnte in den nächſten Wochen die Gäſte nicht faſſen, welche von verſchiedenen Städten und Burgen des Reiches, das junge Brautpaar zu be⸗ glückwünſchen. kamen. Nur Einer hatte ſich gleich einem Judas Iſchariot aus dieſem Kreiſe der Freude davon geſtohlen— Lenoir, der fränkiſche Ritter; die Pläne ſeiner Sender in Ungarn und Franreich hatte jener glückliche Abend mit einem Schlage vernichtet.— Es war die ſchönſte Sommernacht noch nicht voll⸗ ends heraufgegangen als der junge König Ungarns mit ſeiner reizenden Gemahlin auf leichtem Nachen an dem ho⸗ hen Wiſſehrad vorbeiſchwamm.— Der uralte Begleiter der Liebenden, der„ſilberne Mond“ verklärte die Ge⸗ gend ringsumher zum magiſchen Bilde und wie mit Sil⸗ berſtreifen überzogen, traten die Kanten des mächtigen Felſens den Schlafenden entgegen. Die Natur ſelbſt ſchien ein bräutliſches Feſtkleid angezogen zu haben, um dem 88 jungen Könige Hungariens und ſeiner Erwählten zu huldigen.— Sanfte Klänge des Hornes ſchwammen durch die lauen Lüfte und in unnennbarer Seligkeit der beglückten Liebe ruhte Mathias Corvinus am Herzen ſeiner ſchönen Gemahlin.— Jetzt ſchwamm der Kahn an dem geſpalteten Fel⸗ ſen vorbei, den die Sage das Bad Libuſſens nennt. Da leuchtete das Auge der jungen Königin— ſie hatte einen Kranz von Tannenreiſig und Waldblumen wahrgenommen, welchen irgend eine freundliche Hand für das junge königliche Paar ſelbſt an dieſer ungang⸗ baren Felſenſtelle, offenbar als Zeichen der Huldigung, aufgerichtet hatte. Ein bittender Blick— und Mathias Corvinus ließ den Kahn näher rudern und ſprang kühn und raſch, wie er gewohnt, auf die hervorragende Felſenkante, um den Kranz für ſeine königliche Gemahlin zu holen;— aber was war's, das ſeine Hand jetzt zittern machte und ſei⸗ nen Fuß ſtarren, daß er nicht mit derſelben Schnellig⸗ keit und Gewandtheit in den Kahn zurückſprang, ſondern den halbverwelkten Kranz wohl eine Minute lang ſin⸗ nend betrachtete?— ein Purpurband von rother Wolle war's, welches den Kranz umwand; Mathias las die eingewirkten Worte: 89 „Der Rabe hat den Kranz zerriſſen, den die Liebe ihm gewunden hat, Libuſſa liegt zu den Füßen des kö⸗ niglichen Herrn und wäſcht in ihrem Bade die Schuld der Liebe ab, welche ihr Herz gebrochen.“ Den Händen des jungen Königs entfiel der Kranz — ſchweigend kehrte er in den Kahn zurück—„der Kranz iſt welk geworden,“— antwortete er auf die Frage ſei⸗ ner jungen Gemahlin und ſchweigend kehrte er in die Burg zurück. Als aber über ſeine Veranlaſſung in nächſter Nacht Fiſcher des Moldau⸗Ufers die Kluft des Libuſſabades hinabſtiegen, da fanden ſie am unterſten Grunde die ſchöne Leiche der Tochter des Waldes Libuſſen. Sie fand ein Grab unweit der Felſenburg Wiſſeh⸗ rad und ihr Todtenopfer war: die erſte männliche Thräne, welche im Auge des künftigen Helden Ungarns Mathias Corvinus glänzte, als er mit ſeiner jungen Gemahlin. aus Böhmen ſcheidend, an jener Stätte vorüberſchritt, wo die Tochter des Waldes ruhte.—— So erzählte die Gräfin Orſini ihrer Tochter. „Und ſo,“ ſchloß ſie ihre Erzählung,„ſo, meine Tochter, wie der fränkiſche Ritter in der ſchwarzen Rü⸗ ſtung einſt den Apfel der Zwietracht zwiſchen den biedern Böhmer⸗König und den jungen Herrſcher Ungarns zu ſchleudern bemüht war, ſo ſchreitet er auch jetzt auf blu⸗ 90 tigen Sohlen leiſe durch die Fluren Italiens und tritt dort und da in ſeiner wahren Geſtalt hervor bis er end⸗ lich nach vollendetem großen Vernichtungswerke die Selſt⸗ ſtändigkeit unſeres Volkes vernichten und als Alleinherr⸗ ſcher auch auf der Halbinſel Italien, ſein Brennusſchwert in die Wagſchale des Völkerrechtes werfen wird.— Und ſiehe, meine Ghiraldina, in unſerem Beſitzthume ſchleicht dieſer ſchwarze Mann in der Perſon eines falſchen En⸗ gels herum, der mit ſeinen Künſten Dein junges Herz beſtrickt und ſein einſtiges zufälliges Zuſammentreffen mit uns auf dem ſturmbewegten Spiegel des Weltmee⸗ res im Teifun nun benützt, um ſich für die Pläne ſeines Imperators hier ein Feid zu verſchaffen und, um es mit einer Silbe auszuſprechen: den Spion Buonapartes zu machen, der vielleicht ahnt, was hier gegen ihn vorberei⸗ tet wird,—— und was ich bisher auch Dir nicht mit⸗ theilte.“— Die Gräfin Orſini hielt hier inne, das Auge ihrer Tochter ruhte auf ihren Lippen; nach einer Pauſe fuhr die alte Gräfin fort: „Ich habe Dich im Bilde durch meine Erzählung gewarnt, mein Kind, die Tochter der Gräfin Orſini, de⸗ ren Vorfahren einſt auch in Böhmen lebten darf ſich von dem fränkiſchen Ritter nicht längerumgarnen laſſen; ihm einfach die Thür zu weiſen, wäre unklug und hieße unſere Pläne, die ich Dir jetzt nicht entdeckten darf, vor der Zeit verrathen; ſich unſcheinbar ſeinem Zauberkreiſe entziehen, gebietet die Vorſicht; darum meine Tochter, Du wirſt reiſen und in wenigen Tagen nach den Kar⸗ pathen zu meinem Vetter, den Grafen abgehen.“— Bianca Gräfin Orſini hielt hier wieder inne— und erhob ſich von ihrem Sitze, um in den Park hinaus⸗ zutreten. Schweigend folgte ihr Ghiraldina, in ihrem Auge zitterte eine große Thräne, welche zu ſagen ſchien:„ſtär⸗ ker als die Stimme der Mutter iſt der Herzſchlag der Liebe—— Mutter! Mutter! ich kann nicht rei⸗ ſen. 5 Die goldene Myrthe. Am 18. März des Jahres 1805 hatte Kaifer Na⸗ poleon im Senate zu Paris erklärt, daß er den Thron Italiens beſtiegen habe.„Wir haben die Krone der al⸗ ten Lombardie angenommen,“ hatte er geſprochen,„und werden ſie auf unſer Haupt ſetzen, um ſie feſter uud ſtär⸗ ker zu machen, damit ſie in den Stürmen nicht zertrüm⸗ mert werde, von denen ſie ohne Unterlaß bedroht ſein wird, bis das Mittelmeer zu ſeinen natürlichen Zuſtän⸗ den zurückgekehrt iſt.“— Gegen Ende Mai wurde ſeine Ankunft in Mailand erwartet, wo er aus den Händen des Cardinals Caprara die alte eiſerne Krone der lombardiſchen Könige, welche einſt Karl der Große getragen, empfangen hatte; dann ſollte auch die bereits erfolgte Ernennung ſeines Stief⸗ 93 ſohnes des jungen Beauharnais zum Vize⸗König von Italien öffentlich verkündigt werden. Die alte Kokette, welche ſich täglich im Spiegel der Seine beſchaut und bald mit den Handſchellen der Re⸗ volution angethan iſt, bald in den goldenen Feſſeln des Kaiſerthumes prunkt; das große Babel unſeres Jahr⸗ hundertes, das gewaltige Paris lag damals in Stau⸗ nen und Ehrfurcht aufgelöſt zu den Füßen ihres Abgot⸗ tes Napoleon. Im Herzen dieſer Weltſtadt, da wo der Palaſt em⸗ porragt, den das Genie eines Viskonti entwarf und das eines Leſuel ausführte, in dem großen Louvre mit ſeinen Fagaden, Balkonen, Balluſtraden, Pylaſtern, prunk⸗ vollen Säulengängen, ſtolzen Karyatiden und monumen⸗ talen Treppen voll harmoniſchen Einklanges im innerſten geheimſten Kabinette, deſſen graue Wände von der ſchwervergoldeten, in Form einer Kaiſerkrone geflochte⸗ nen Ampel nur matt erleuchtet wurden, ſtand auf dem mit ähnlichen ſilbernen Kaiſerkronen durchwirkten Blu⸗ menfußteppiche der Dictator des Jahrhunderts, Kaiſer Napoleon Buonaparte der Erſte. Seine Hand ruhte auf dem Gefäße des kurzen De⸗ gens, den er an ſeiner Seite trug, ſein Auge aber auf dem Munde eines jungen Mannes, welcher in die fran⸗ zöſiſche Staatsuniform gekleidet, an der Seite eines 11 94 älteren Herrn im gleichen Coſtüme ſtand, und dem Kai⸗ ſer eben einen längeren Bericht erſtattet hatte. Monſieur Eduard Lefebor war's, erſter Sekretär der franzöſiſchen Geſandtſchaft am neapolitaniſchen Hofe, welcher an der Seite des alten Diplomaten Talleyrand ſtand, und dem Kaiſer unter Anderem Bericht erſtattete, daß, wie Seine Majeſtät gewünſcht habe, am Hofe von Neapel die große Frage der Vermählung des künftigen Vice⸗Königs der Lombardie, des jungen Beauharnais, mit der königlich neapolitaniſchen Prinzeſſin Amalie zur Sprache gekom⸗ men ſei. „Und die Königin?“ fragte der Dictator geſpannt. „Antwortete auf meine Bemerkung: daß ſie im Intereſſe ihres Hauſes dieſe Verbindung begünſtigen müſſe,“ fuhr der junge Geſandtſchafts⸗Sekretär fort, „antwortete einige Augenblicke lange nichts,— aber ein bitteres Lächeln ſchwebte um ihre Lippen; ſie ſchien durch peinliche Gedanken bewegt zu werden; endlich brach ſie das Schweigen und ſagte mit Anſtrengung: ſie habe durchaus keine Einwendung gegen die Perſon des jungen Beauharnais, aber er bekleide noch keinen Rang in der Welt, wenn ihn ſpäter die Vorſehung zur Würde eines Prinzen erhebe, könnten auch wohl die Hinderniſſe be⸗ ſeitgt werden, welche jetzt einer ſolchen Verbindung ent⸗ gegenſtünden.“ 55 Kaiſer Napoleon hörte dieſen Bericht ſeines Ge⸗ ſandtſchafts⸗Sekretärs ſchweigend an; eine leichte Bläſſe zog über ſein ſtarres Antlitz. Dieſe Königin Karoline,“ ſagte er kalt,„iſt eine echte Tochter Maria Thereſia's; ſie fürchtet ſich weniger von ihrem Throne herabzuſteigen als den Stolz ihres Blutes zu verleugnen— die Zukunft wird lehren, ob ſie dieſen Stolz nicht bereuen wird.“ Dann winkte der Dictator— und der Geſandt⸗ ſchafts⸗Sekretär trat mit einer tiefen Verbeugung ab. Jetzt warf der Kaiſer einen flüchtigen Seitenblick auf das Tiſchchen vom weißen Carara⸗Marmor zu ſei⸗ ner Rechten. Dort ſpielten die langen Strahlen der ſil⸗ bernen Ampel am Plafond in dem ſchimmernden Blatt⸗ geflechte eines kleinen Myrthenkranzes, den die Hand des Künſtlers aus hellem Golde zuſammengefügt hatte. „Die Thörin!“ rief Buonaparte jetzt wit Beziehung auf ſeine frühere Unterredung;„ſie meint, weil die nea⸗ politaniſche Amalie aus ererbten Stolze für den Stief⸗ ſohn des Volkskaiſers zu groß gehalten wird, fünde ſich keine zweite Purpurgeborne mehr, welcher wir dieſe gol⸗ dene Myrthe zuſenden könnten— Talleyrand! laſſen Sie den goldbetreßten Herrn eintreten.“— Die Thür des Kabinets wehte entzwei und ein ſtatt⸗ licher Mann im dunklen italieniſchen Staatskleide, mit 96 der Ordensdekoration des heiligen Januarius geziert, trat herein ſich tief verbeugend. Es war der Marcheſe di Gallo, Geſandter von Neapel, am Hofe des Kaiſers der Franzoſen. Napoleon trat ihm einen Schritt entge⸗ gen.— „Ich habe Sie zu mir bitten laſſen,“ ſagte er,„um Sie zu erſuchen, Ihrer Regiernng zu eröffnen, daß ich die Ernennung meines Stiefſohnes Beauharnais zum Vice⸗König der Lombardie und zugleich ſeine Vermäh⸗ lung mit der Prinzeſſin Amalie Auguſte von Baiern be⸗ ſchloſſen habe.“— Dann wandte ſich der Dictator zu ſeinem Miniſter des Auswärtigen. „Talleyrand,“ ſagte er,„ſorgen Sie dafür, daß unſere Depeſche heute Nachts nach München abgehe und daß ihr dieſe bereits vorbereitete goldene Myrthe bei⸗ gelegt werde.“— Der Geſandte Neapels, von dieſem außer allen ſei⸗ nen Combinationen liegenden Schritte des Kaiſers der Franzoſen auf das Höchſte überraſcht, ſtand, keines Wor⸗ tes mächtig, wie eine Salzſüule vor dem Dittator und ſtarrte jetzt in deſſen eiſernes Antlitz, jetzt wieder auf die goldene Myrthe, welche der Miniſter Talleyrand auf deſ⸗ ſen Lippen ein diplomatiſches Lächeln ſpielte, zwiſchen ſeine Fingerſpitzen nahm, und dem dienſtthuenden Kammer⸗ 97 herrn im Vorzimmer übergab.— Die Audienz war hier⸗ mit geendet.... Der Geſandte Neapels verbeugte ſich bleich und ſchweigend— hätte es damals eine Verbindung zwiſchen Paris und Neapel durch den electriſchen Telegrafen ge⸗ geben, Marcheſe di Gallo würde ſofort den raſchen Puls⸗ ſchlag ſeines„diplomatiſchen Herzens“ augenblicklich dem Cabinete am Fuße des feuerſchwangeren Veſuv's kundgegeben haben.... Er hatte in ſeiner Ueberraſchung auch nicht einmal das ſchadenfrohe Lächeln bemerkt, welches ſich auf dem falben Antlitze jenes hageren Mannes malte, der ihn nach dieſer kurzen Audienz im geheimen Cabinette des Kaiſers ablöſte. Der Kaiſer trat dieſem, gleichfalls in die reiche, franzöſiſche Staats⸗Uniform gekleideten Manne raſch entgegen. „Nun, wie lauten Ihre Berichte von der Donau, Fouché?“ fragte er haſtig. „Sire!“ entgegnete der Polizeiminiſter ſich verbeu⸗ gend;„faſt überall die alte Begeiſterung der Nationen für ihre angeſtammte Dynaſtie; die Lehre, welche die Völker aus der Geſchichte unſerer Revolutionsperiode ziehen, macht ſie vorſichtig und mißtrauiſch gegen unſere Proklamationen.“— Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 7 98 „Wir müſſen unſere Adler fliegen laſſen!“ rief der Dictator;„vom Erfolge hängt das Vertrauen ab; der Cäſar, welcher den Rubicon im Rücken hat, iſt der Sie⸗ ger Rom's!— Aber, ſagen Sie, Fouché, haben Sie auch das Terrain Ihrer Operationen genau ſtudirt? — Ich will im nächſten Augenblicke losſchlagen;— Ita⸗ lien, ſo gut als Deutſchland und ohne Zweifel auch die Felder, wo ein Attila begraben liegt, werden der nächſte Schauplatz meiner Thaten ſein— haben Sie durch verläßliche Agenten dieſen Kampfplatz ſondirt?“ Der Polizeiminiſter lächelte und zog eine kleine Karte aus ſeinem Portefeuille, die er auf dem Marmor⸗ tiſch, vor dem Kaiſer ausbreitete. „Hier iſt das Netz, Sire,“ ſagte er, mit dem Zei⸗ gefinger auf die Karte deutend,„welches meine Leute gezogen haben, um das Feld zu vermeſſen, auf welchem ihre Herren kampiren werden. Von der Pregel an bis zum Balcan und von der Charybde bis zu den Kanonen von Gibraltar gibt es keinen Punct, den Ihr Polizei⸗ miniſter, Sire, nicht in's Auge gefaßt hätte.“— Der Kaiſer blickte wie prüfend auf die Charte.... „Und was deuten die rothen Puncte da?“ fragte er. „Das ſind jene Sammelpuncte,“ berichtete der Polizeiminiſter,„welche einer beſonderen Beachtung be⸗ dürfen, weil dort jene Clique ſich conzentrirt, welche ge⸗ 99 gen Sie, Sire, und Ihre ſteigende Macht beſonders thä⸗ tig iſt; das ſind jene Feuerſtätten, wo die einäugigen Eyclopen beiſammen ſitzen, die das Eiſen zu ſchmieden vermeinen, mit welchem ſie nach ihrer Anſicht, dem Kai⸗ ſer der Franzoſen ſeinen Gang auf der Siegesbahn durch Wälſchland, Deutſchland und weiter zu verwehren ge⸗ denken.“ „Ha! alſo Verſchwörungen gegen meine Macht?“ ſagte der Kaiſer lächelnd,„und was braut man zunächſt in dieſen Garküchen?“ „Gift allerdings,“ erwiederte der Miniſter;„aber nicht überall gleich kräftiges.— Dort im Süden, wo der große rothe Punct eine ſolche Garküche andeutet, mitten auf dem ſchönſten der Eilande im Lago maggiore auf der herrlichen Iſola bella ſpinnt ein Rudel italieni⸗ ſcher Vollblut⸗Damen und auch Herren, die alte Gräfin Bianca Orſini an der Spitze, den Faden einer Verſchwö⸗ rung gegen Sie, Sire, und harrt auf die Wiedergeburt des einigen Italiens— und ſchleift den Dolch, für den Kaiſer der Franzoſen.“.. „Pah!“ rief Buonaparte lächelnd,„eine Weiber⸗ verſchwörung!— nun, ein einziger, unbärtiger Ser⸗ geant meiner Garde iſt genug die Gänſe des Capitols auseinander zu ſcheuchen.“ 7 100 „Dort aber im fernen Oſten,“ fuhr der Miniſter fort,„zwiſchen den Bergen Ungarn's im ſogenannten Carpathenlande, da wo der rothe Strich die Stelle an⸗ deutet, konſpirirt eine Anzahl für ihr Vaterland begei⸗ ſterter Magnaten auf einem Jagdſchloſſe am ſogenann⸗ ten Carfunkelthum gegen Sie, Sire, und ſchleift den Säbel, mit welchem man Ihre Garden begrüßen will wenn Ihre Adler bis an die Grenze des alten Magharenrei⸗ ches vordringen ſollten. Ein Graf Arpad—“ „Halt!“ fiel Buonoparte ein,„Ungarn! ja das iſt etwas Anderes! Dieſe Nation hat Feuer, und alte Kraft und alte Sitte und alte Erinnerungen an die Großthaten ihrer Helden; was vom Lande der Arpaden, der Zrinyi's und Palffy's ausgeht, iſt wohl zu beach⸗ ten.— „Demungeachtet dünkt es mich,“ fuhr der Miniſter fort,„ſei die Damenverſchwörung auf der Iſola bella am Lagomaggiore vorläufig weit mehr zu beachten, Sire— es ſind zwar faſt nur Weiber, die dort Gift für ſie brauen, aber in ihren Kreiſen bewegt ſich ſeit Kur⸗ zem ein Mann, deſſen dortiges Auftreten Ihre ander⸗ weitigen großen Pläne, Sire, gewaltig durchkreuzen kann.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“— fragte der Kaiſer. 101 „Die Gräfin Bianca Orſini,“ berichtete der Poli⸗ zeiminiſter leiſe,„hat eine junge, ſchöne Tochter, Ghi⸗ raldina iſt ihr Name— um dieſe bewirbt ſich ein jun⸗ ger Mann, den ſein Geſchick ſchon als Kind auf einer Meeresfahrt von Amerika nach Europa in die Kreiſe der Orſini'ſchen Familie brachte, da er als Knabe das Kind Chiraldina im Sturme rettete; dieſer junge Held hat ſich nun durch Zufall in den Kreiſen der Gräfin Orſini eingefunden und ſpricht, obwohl von der alten. Gräfin als Franzoſe mit Mißtrauen betrachtet, häufig von Mailand auf Iſola bella ein, und wirbt allen Ern⸗ ſtes um Ghiraldinen's Liebe.— Das Nähere über die Hoffnungen und Abſichten dieſes jungen Mannes, Sire geruhen Sie aus dieſem Schreiben Ihres eben in Mai⸗ land weilenden Geſandten am neapolitſchen Hofe, Herrn Alquier's zu entnehmen. Man kennt ihn auf der Iſola bella als den ſchönen jungen Herrn de laPagerie..“ „Was ſagen Sie da!?“ rief der Kaiſer einen Schritt zurücktretend und das Schreiben ſeines Geſand⸗ ten des Herrn Alquier entfaltend. Eine kleine Pauſe trat ein„ der Kaiſer warf das Schreiben, welches er ſchnell durchleſen hatte unmu⸗ thig auf den Boden. „Es kann nicht ſein!“ rief er, heftig auf und nie⸗ dergehend;„Ihre Agenten ſind unverläßlich, ſie ſehen 102 alle ſchwarz, wie Sie ſelbſt, Fouché— wer ſind dieſe Leute? verdienen ſie Vertrauen? ich will ſie kennen dieſe Mouchard's— dieſe Leute reden nur für das Geld, und glauben uns Märchen aufzubinden, wenn ſie nur unſere Napoleon's in den Taſchen haben.“ „Sire!“ ſagte der Polizeiminiſter,„bloße Mou⸗ chard's und Agenten niederer Gaſſenſpionage wären hier ſchlecht auf ihrem Platze.— Die Sendboten mei⸗ nes Amtes, welche an jenen Puncten wirken, die ich Ihnen eben bezeichnet habe, Sire, ſind wohl gewählt— ſind aus dem Kreiſe Ihrer Verehrer und auch aus — Ihren einſtigen Feinden von mir gewählt.. „Nun?“ fragte der Kaiſer. „Sire!“ fuhr der Polizeiminiſter fort,„Verzeihen Sie, wenn ich Sie an die bedauerliche Thatſache jenes Attentates erinnere, welches ein toller Brauſekopf, jener Nielas Faure, ein eltern⸗ und mittelloſer junger Me⸗ dieiner aus Hautefort im Dordogne⸗Departement,— wenige Tage nach Ihrer Kaiſerkrönung am Marsfelde gegen Sie unternahm.“ „Gut,“ ſagte der Kaiſer,„ich entſinne mich gar wohl, wir pardonirten den Narren und ſandten ihn in ſeine Heimath nach Brigueur zurück, damit er am Se⸗ eirtiſche ſeine Studien übe, und dem Löwen danke, daß . ———————— 2 103 er die Maus nicht zertreten wollte. Was iſt aus dem Burſchen geworden?“ „Herr Fexier Olivier, der Präſident des Creus⸗ Departements,“ berichtete der Miniſter weiter,„ſetzte mich bald in Kenntniß, daß die Gnade, welche Sie, Sire, gegen den Unglücklichen übten, auf dieſen einen ſolchen Eindruck machte, daß er aus Ihrem wüthenden Gegner alsbald Ihr feurigſter Anbeter geworden.“ „Das hatte ich erwartet,“ ſagte Buonaparte be⸗ friedigt;„Extreme berühren ſich und junge Tollköpfe curirt man am beſten mit Verachtung.“ „Und dann,“ fuhr Fouché fort,„werden Sie ſich, Sire, auch an jenen jungen Sergeanten, Louis Piqueur genannt, erinnern, welcher bei dem erwähnten Attentate Ihr Retter war, indem er den tollen Jean Niclas Faure im rechten Momente niederſtieß.“ „Ah!“ rief der Kaiſer, und ein Zug des Unmu⸗ thes trat auf ſein Geſicht;„warum hat man mich an den jungen Mann nicht wieder erinnert,— in der That, das Getümmel des Hofes und Lagerlebens ließ mich meine Schuld gegen den Wackern faſt ganz vergeſſen, man muß ihn aufſuchen und belohnen— man muß ihn heben, und—“ „Ich habe da in Ihrem Namen gehandelt, Sire,“ bemerkte der Polizeiminiſter,„Louis Piqueur ſtand fort⸗ 104 während auf der Liſte meiner Ueberwachten. Wie konnte ich auch einen Mann unbeachtet laſſen, der Ihnen, Sire, bis zum letzten Athem ſeines Lebens ergeben ſein wird, ich handelte daher in ihrem Geiſte, indem ich den jun⸗ gen Mann an den Kriegsminiſter reits zum Hauptmann Ihrer alten Garde beförderte.“ „So lebt er alſo in Paris,“ fragte der Kaiſer. „Erlauben Sie, Sire, daß ich meinen Bericht ende,“ bemerkte der Polizeiminiſter.„Ich ſagte früher, daß ich meine Agenten an den wichtigſten Punkten des Kontinents aus Ihren Freunden und auch aus Ihren einſtigen Feinden wählte; nun Louis Piqueur, der ein⸗ ſtige Sergeant und Ihr Retter beim Attentate Jean Faure's auf dem Marsfelde, war der ein e, und eben dieſer Jean Faure, Ihr ein ſtiger Feind und nun⸗ mehr begeiſteter Verehrer, war der andere meiner beſten und gewandteſten Agenten an dieſen Punkten.“ „Fouché!“ rief der Kaiſer,„Sie ſind in der That ein trefflicher Schachſpieler.“ „Erlauben Sie, Sire,“ bat der Miniſter,„daß ich den einen ſogleich eintreten und ſelbſt Bericht erſtat⸗ ten laſſe.“ Fouché öffnete die Thür des Kabinets und in das⸗ ſelbe trat Louis Lenvir, der junge Rheinländer, welcher empfahl, der ihn be⸗ 105 vor Kurzem im Jagdſchloſſe am Karfunkelthurm in den Karpathen ſeine Rolle ſo geſchickt geſpielt hatte. Hinter ihm trat der Ungar Baeſany in das Ge⸗ mach.— Louis Lenoir verbeugte ſich vor dem Kaiſer, Herr Fouché aber nahm das Wort: „Herr Louis Piqueur,“ ſagte er den jungen Mann vorſtellend, zum Kaiſer gewendet,„Herr Louis Piqueur, jener Sergeant, welcher Ihr Retter, Sire, bei dem At⸗ tentate Jean Faure's auf dem Marsfelde war.“ Der Kaiſer trat auf den jungen Mann zu, der ju⸗ gendlich, kraftvoll und in der That ſchön, wie ein Apoll in der enganſchließenden Uniform eines die Gold⸗Epau⸗ letten tragenden Hauptmannes der kaiſerlichen Garde vor ihm ſtand, und ſeine großen Augen, wie zwei Feuer⸗ ſterne im Gemache herumſchweifen ließ. „Sie ſind Franzoſe?“ fragte der Kaiſer. „Ja Sire,“ entgegnete der junge Mann,„von Abſtammung Corſicaner gehöre ich nun der großen Na⸗ tion an.“ „Und dienen?“ „Seit drei Jahren im Korps der Garde.“ „Wie alt?“ fragte Buonaparte. „Fünfundzwanzig Jahre.“ „Und tragen nun die Epauletten eines Capitäns?“ 106 „Sire,“ fiel hier der Polizeiminiſter ein,„die Dienſte, welche der junge Mann dem Vaterlande bisher leiſtete, machten ihn dieſer Auszeichnung würdig— die Erfahrungen, die er auf ſeinen Reiſen ſammelte, ſind für uns von unberechenbarem Nutzen,— er reiſ'te auf meine Veranlaſſung, ſetzte der Polizeiminiſter hinzu, und kömmt nun aus Ungarn.“ „Ah!“ rief der Kaiſer mit einem bedeutungsvollen Blicke auf Fouché,„jetzt begreife ich,“— und zu dem jungen Capitän gewendet.„Wie fanden Sie die Nation der Arpaden?“ „Kraftvoll, muthig, ſtolz und begeiſtert für ihre Nationalität und ihren König,“ entgegnete der junge Mann. „Wir werden einen harten Kampf mit dieſen ur⸗ kräftigen Söhnen der Natur haben,“ ſagte der Kaiſer. „Sie werden ſpäter geſtatten, Sire,“ nahm jetzt Fouché das Wort,„daß Ihr Capitän Louis Piqueur ſeine in Ungarn geſammelten Erfahrungen vortrage, und Sie werden mir erlauben, Sire, Ihnen den jungen Mann für eine ganz wichtige Miſſion in Stalien vor⸗ zuſchlagen.“ Der Kaiſer blickte den Polizeiminiſter fragend an, — dieſer lächelte.— 107 „Erlauben Sie Sire,“ ſagte er,„daß der junge Mann inzwiſchen in das Nebenzimmer abtrete, bis ich die Vorſtellung eines andern beendet haben werde, dann werde ich die Ehre haben, Ihnen das Ganze meines Planes vorzulegen, der nothwendig durchgeführt werden muß, wenn Omphale's Spinnrocken den Herkules im Baue ſeines Rieſenwerkes aufhalten ſoll.“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte Napoleon. Fouche lächelte wieder. „Sire,“ ſagte er,—„dieſem jungen Mann wer⸗ den Sie bald noch zu höherem Danke verpflichtet ſein.“ „Ah,“ bemerkte der Kaiſer,„Sie erinnern mich an meine Verpflichtung für den Retter meines Lebens, in der That, ich bin lange Ihr Schuldner geblieben, mein Herr!“ fuhr er zu dem jungen Kapitän gewendet fort,„und es iſt gut, daß ich endlich daran gemahnt werde. Ich ernenne Sie vor der Hand zum Oberſten meines zweiten Armeecorps.“— Der junge Mann ſtand ſtarr vor Ueberraſchung. Fouché nickte mit zufriedenem Blicke als wollte er ſagen;„das war's, was ich wollte,“— dann wandte er ſich zum Kaiſer. „Erlauben Sie, Sire,“ ſagte er,„daß ich die Bitte wiederhole, daß der neue Oberſte einſtweilen in das Ne⸗ 108 benkabinet abtrete, bis ich Ihnen den zweiten Flügel⸗ mann meiner Schlachtordnung vorgeſtellt haben werde.“ Buonoparte nickte bejahend. „Mein Herr und Kaiſer,“ rief der neue Oberſt begeiſtert auf Napoleon zuſtürzend— aber ſchon ſchob ihn der Polizeiminiſter durch die Seitenthüre des Ka⸗ binets.— Dann rieß der Miniſter mit einer leichten Hand⸗ bewegung die Hauptthüre bes Kabinetes auf, und ein⸗ trat Jean Niklas Faure, der junge Mediciner und— Madame Henriette F auve, ſeine Mutter. „Dieſe Dame,“ ſagte Fouché mit einem ſonder⸗ baren Lächeln,„iſt die Mutter von Jean Niclas Faure.“ „Wie?“ rief Buonoparte,„nannten Sie dieſen Jean Faure nicht vorher elternlos Fouché lächelte. „Allerdings,“ ſagte er,„aber dieſe Dame iſt den⸗ noch ſeine Mutter und Ihnen, Sire, ſehr wohl bekannt, — forſchen Sie nur gefälligſt in ihren Zügen.“ Buonaparte firirte die in mehr ſtolzer als ehrer⸗ bietiger Haltung ſchweigend neben ihm ſtehende Ma⸗ dame Faure. Fouché aber fuhr fort. „Dieſe gewandte Agentin,“ ſagte er,„ließ ſich— als wir die beſtimmte Kunde von den tollen Umtrieben 109 der Ritter des Todtenkopfes im grauen Hauſe auf der Iſola bella und von Herrn de la Pagerie's Erſcheinen daſelbſt erhielten, zum Scheine auf die ſchöne Inſel durch unſere eigenen Gensdarmen verfolgen, gab bei der Gräfin Orſini vor, ein Opfer Ihrer Verfolgung, Sire, zu ſein, und fand deßhalb jene vertrauungsvolle Aufnahme, die es ihr möglich machte, mitten im Rathe der„ritterlichen Damen vom Todtenkopfe“ zu ſitzen, und ſchon am erſten Tage nach ihrer Ankunft im grauen Hauſe der Inſel alle Geheimniſſe der Gräfin Orſini zu erfahren, ja ſogar bei der wegen des Erſcheinens des Herrn de la Pagerie beſchleunigten Abreiſe von der arg⸗ loſen Gräfin mit den Porträten ſämmtlicher ritterlichen Kämpen von der Tafelrunde im grauen Hauſe beſchenkt zu werden, ſo daß ſie nun in der Lage iſt, Eurer Maje⸗ ſtät ſogar die Geſichtszüge ſämmtlicher Theilnehmer dieſer tollen Bande zu konterfeien.“ Bei dieſen Worten des Polizeiminiſters zog Ma⸗ dame Faure ein kleines Portefeuille aus ihrem Buſen⸗ tuche hervor und überreichte es mit einer Verbeugung dem Kaiſer. Napoleon griff lächelnd darnach. „In der That,“ ſagte er,„Fouché, ich bewundere Ihr Talent, Sie wiſſen Ihre Leute und Mittel ſo treff⸗ 110 lich zu wählen, daß Ihnen am Ende Satan in ſeiner Hölle, ſelbſt dienen muß, um die Pforten derſelben zu ſprengen.— Aber wer iſt denn die Dame?“ ſagte er, näher tretend und Madame Faure fixirend,„iſt es mir doch, als hätten wir uns erſt kürzlich geſehen?“ „Sie haben Recht, Sire,“ entgegnete Fouché wie⸗ der lächelnd—„geruhen Sie nur der Dame näher in's Geſicht zu ſehen, und ſie zu ſprechen aufzufordern, und Sie werden finden, daß ſie Niemand Anderer iſt, als—“ In dieſem Augenblicke wehte die Thüre des Kabi⸗ netes wieder entzwei und herein trat der dienſtthuende Kammerherr und überreichte eine ſoeben angekommene dringende Depeſche des franzöſiſchen Geſandten am öſterreichiſchen Hofe— Napoleon riß das Siegel ent⸗ zwei und durchflog das Schreiben; ſein Auge glühte, ſeine Lippen zitterten: „Mein eiſerner Gegner im großen Schachſpiele Europa's,“ ſagte er zu Fouché gewendet,„Herr William Pitt hat jenſeits des Kanales das Bündniß zwiſchen Oeſterreich, Rußland und Schweden gegen uns wirklich zu Stande gebracht,— nun wir wollen die Fäden die⸗ ſer Coalition raſch mit dem Degen von Marengo durch⸗ ſchneiden!“ Dann wandte er ſich zu dem Kammerherrn, wel⸗ cher die Depeſche überbracht hatte: —.—— 111 „Herr von Talleyrand!“ befahl er, und zu den Uebrigen gewendet:„Morgen wollen wir weiter ſpre⸗ chen.“ Und Monſieur Fouchs verließ mit Madame Faure das Kabinet des Imperators..... 6. Die weiße Frau.— Ein neuer Verbündeter. Glaube und Aberglaube haben, ſeit Menſchen auf Erden leben, unter allen Nationen Gebilde der Phanta⸗ ſie geſchaffen, welche im Volksleben eine hervorragende Rolle ſpielen und deren Aehnlichkeit ſich in den Tradi⸗ tionen ſtammverwandter oder nachbarlicher Völker häu⸗ fig nicht in Abrede ſtellen läßt.— Ein ſolches Fantaſiegebilde iſt das der weißen Frau. Wir finden es ſo gut in den engliſchen als elſäßiſchen, ganz beſonders aber in den ſlaviſchen Volksſagen. In Böhmen war es das Geſchlecht der Roſenberge, in deſſen Familiengeſchichte das Geſpenſt der weißen Frau eine große Rolle ſpielt und die Sagen, welche von dieſer Erſcheinung im Munde des Volkes kreiſen, ſind —————— gar verſchieden. Das Urbarium der Stadt Teltſch ent⸗ hält über die weiße Frau Folgendes: „Auf allen Roſenberg'ſchen Gütern,“ ſagte dieſes Urbarium,„mehrentheils aber zu Neuhaus, Krumau und Teltſch hat ſich ein Geiſt, genannt die weiße Frau, juxta probatos Autores aufgehalten. Dieſe weiße Frau iſt aus dem Geſchlechte der Ro⸗ ſenberge geweſen und ſoll zwiſchen 1420 und 1430 ge⸗ boren ſein, und dem Taufnamen nach juxta Balbinum Bertha geheißen haben und eine Tochter Udalrici II. von Roſenberg und der Frau Katharina von Warten⸗ berg geweſen ſein. Im Jahre 1449, am Sonntag vor Martini hat Berthan ihr Herr Vater zu Krumau dem Herrn Johann von Lichtenſtein aus Steiermark verhei⸗ rathet, jedoch ſoll ein übler Eheſtand und bald der Tod des Herrn Ehegemahls erfolgt ſein. Als Wittib hat ſich Bertha zu ihrem Bruder Henrico VI. nach Neuhaus be⸗ geben, und iſt bei ihm verblieben. Nach ſeinem Tode aber, weil er keine Erben gehabt, iſt die Herrſchaft an Mainhardum de nocadomo erblich gefallen, welcher Berthan, als ihn der Tod überraſchte, und derſelbe un⸗ mündige Kinder hinterließ, als Vormünderin feſtſetzte. Während dieſer Vormundſchaft hat Bertha in Neuhaus einen großen Tractum des Schloßes, welcher annoch ſteht, auferbaut.“ Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 8 114 „Indem ſich aber die Unterthanen mit Zuführung der Materialien gar zu ſehr beſchwert zu ſein beklagten, ſoll ſie ihnen zur Antwort gegeben haben:„arbeitet, ar⸗ beitet, getreue Unterthanen, für Euren Herrn, ich werde Euch und allen Euren Nachkommen, wenn wir das Schloß im vollkommenen Stande haben, einen ſüßen Koch auf⸗ ſetzen.“ Dieſer„ſüße Koch“ wurde auch den Unterthanen gegeben, anfangs im Herbſte, vielleicht weil in dieſer Jah⸗ reszeit das Schloß fertig geworden iſt, nachher am Grün⸗ donnerstag, weil an dieſem Tage die armen Leute von den Vermöglichen in memoriam coenae Pomini geſpeiſt zu werden pflegen. „Dieſer„ſüße Koch“ wird gegeben zu Teltſch, zu Neuhaus und zu Krumau, und die Zahl der Leute, die daran Theil nahmen, belief ſich oft über 5000. Einem Jeden, ſowohl Jung als Alt, wurde gegeben eine Sem⸗ mel, ein Laib Brot, ein Stück Fleiſch, etwas von gekoch⸗ tem Brei, dann eine Maß Mittelbier, wenn aber die Sachen nicht hinreichten, bekamen die Uebrigen etwas im Gelde. „Die Stadt Teltſcher Rathsverwandte bedienten die Armen und die Fleiſchhacker hackten die Karpfen, für welche Obſorge, die erſteren vier Hechten, ſechs mitt⸗ lere Karpfen, zwölf Seitel Wein, acht Pint Bier und vierundzwanzig Laib Brot, die letzteren einen Eimer Bier 115 erhalten haben. Dieſer ſüße Koch iſt in Teltſch 1793 das letzte Mal in natura ausgetheilt worden. 1784 wurde er zu Geld reduzirt und der Betrag wird jetzt für arme und verunglückte Unterthanen verwendet. „Daß dieſe Bertha dieſen Koch geſtiftet, iſt zwar in keinem Archiv zu finden, nachdem aber der Graf Fer⸗ dinand von Slavata die älteſten Leute hat zuſammen kommen und examiniren laſſen, haben ſelbe einſtimmig ausgeſagt, von ihren Vorältern gehört zu haben, daß dieſer ſüße Koch von der weißen Frau herrühre, welches auch zu glauben iſt, indem dieſelbe allezeit zornig erſchie⸗ nen iſt, wenn der ſüße Koch unterlaſſen wurde, wie anno 1645, als der Schwede Stadt und Schloß eingenommen, und der Major nicht erlaubt hat, den ſüßen Koch aus⸗ zu theilen. „Da hatte der Major keine Ruhe vor der weißen Frau und wurde Tag und Nacht geängſtigt und ſeine Truppe durchgeprügelt, daß ſie davonlief, bis der Ma⸗ jor in der Octava den ſüßen Koch hatte austheilen laſſen. „Daß dieſe weiße Frau ein guter und zum ewigen Seelenheil auserwählter Geiſt ſei, erhellet aus vielen Urſachen. „Pro primo, weil ſie ſich jederzeit in einem bis auf die Erde hängenden Talarkleide gezeigt hat, ja ſogar, wenn einer aus der Roſenberg'ſchen oder Slavata'ſchen 8* 116 Familie heirathete oder geboren werden oder ſonſt etwas Luſtiges geſchehen ſollte, ſie ſich geſchäftig mit vielen an⸗ hängenden Schlüſſeln, wenn aber einer von Obigen ſter⸗ ben ſollte, ſich in ſchwarzen Handſchuhen gezeigt.) „Pro secundo, als anno 1604 am 24. Jänner Adam von Neuhaus ſterben ſollte und Keiner den Prie⸗ ſter rufte, hat die weiße Frau auf die Thür des dama⸗ ligen Patris Rectoris, Nicolai Piſtoris, des Beichtva⸗ ters des Herrn Grafen, angeklopft, iſt ihm erſchienen und hat ihn gemahnt, zu eilen und das hochwürdige Gut mitzunehmen mit Vermelden, daß dieſer Graf nur noch eine Stunde leben werde, wie denn auch geſchah. „Pro tertio, unter der Vormundſchaft Katharina's und Anna's, Fürſtinen von Münſterberg, Vormünderi⸗ nen Peter Woks und Wilhelms, der Söhne des gewe⸗ ſenen Oberſtburggrafen Heinrich von Neuhaus hat ſich dieſe weiße Frau am meiſten ſehen laſſen und den jun⸗ gen Wock, wenn die Amme und das Kindweib ſchliefen, auf die Arme genommen, wenn er weinte, gewiegt, aus den Windeln gehoben, angelacht und alles dasjenige vor⸗ gekehrt, was ein Kind zu ſtillen nothwendig iſt. Nachdem 0) Hier muß ich noch einer Sage von Teltſch erwäh⸗ nen: Bei der Schloßkapelle hängt eine Glocke, und dieſe ſoll immer von ſelbſt geläutet haben, wenn Jemand ans der gräflich Slavata'ſchen Familie ſterben ſollte. 117 ein neues Kindsweib aufgenommen worden und ſie dieſes geſehen, hat ſie ſolches für unzuläſſig erachtet, iſt keck zu der weißen Frau getreten und hat ihr das Kind aus den Armen geriſſen mit den Worten:„Was haſt Du mit unſerm Kinde zu thun?“ „Darauf verſetzte die weiße Frau:„Du garſtige Metze, die Du erſt dieſe Tage in's Haus gekommen, ſollſt mich dieſes fragen? Du follſt wiſſen, daß dieſes Kind aus meinem Stamme herrührt!“ Hierauf wendete ſich die weiße Frau an die Umſtehenden und ſchrie:„Ihr, Ihr habt Eure Frau niemals geehrt, wie es ſich gebührt, behaltet daher das Kind, ich werde nicht mehr zurück⸗ kommen.“ Darauf zur Amme:„Du aber habe Acht auf das Kind und ſage ihm, wenn es zu Jahren kömmt, meine gegen dasſelbe bewieſene Liebe, und wie ich aus dieſem Bette(ſie zeigte auf die Wand) zu ihm kommen und wieder rervertirt bin.“ Hierauf verſchwand ſie und ließ ſich nicht mehr ſehen. Peter Wock hat nachher die Wand niederreißen laſſen und einen unerhörten Schatz gefunden. Graf Wilhelm von Slavata meldete in ſeinen Schriften, daß dieſe weiße Frau nicht eher aus dem Fe⸗ gefeuer werde erlöſt werden, als bis das Neuhauſer Schloß ganz verfallen ſein wird, indeſſen hoffet man, daß ſie ſchon befreit ſei.“—— Im Archiv zu Wittingau im Budweiſer Kreiſe Böh⸗ 118 mens wird noch ein Original⸗Handſchreiben dieſer wei⸗ ßen Frau aufbewahrt. Ernſt und traurig klingen dieſe Sagen von dem Geſpenſte der weißen Frau, aber die Politik der Liebe, welche ſich ſelbſt die Löwen der Wüſte und die Schatten des Orcus dienſtbar macht, hatte Iſola bella auch dieſes Familienmärchen von der weißen Frau zu ihren Zwecken benützt... Im Myrthengebüſche nächſt dem grauen Hauſe auf der Inſel, ſo lautete die Sage unter den Bewohnern der Inſel, ließ ſich ſeit einiger Zeit die Ahnfrau der Or⸗ ſini, Bertha oder Bichta von Roſenberg, im weißen Kleide mit dem ſchwarzen Gürtel zuweilen in Geſellſchaft eines ſchwarzen Ritters mit dem Todtenkopfe ſehen,— das bedeute Unglück für die Gräfin Orſini— dieſe aber ließ dem Aberglauben ihrer Leute ſein Spiel, wußte ſie doch, daß das graue Haus und dieſe ganze Parkgegend nächſt demſelben in Folge dieſer thörichten Geſpenſterfurcht von den Bewohnern der Inſel mehr als ſonſt gemieden wurde, und daß eben an dieſem Platze die Gondeln jener Be⸗ ſucher der Iſola bella, welche zum Bunde der geheimen Tafelrunde des grauen Hauſes gehörten, nun viel ſiche⸗ rer und unbeachtet anlegen konnten.— Ein prachtvolle Frühlingsnacht zog allmälig wie⸗ der über die Feeninſel, die letzten ſchwachen Hichtſtrahlen 119 des ſterbenden Tages, waren hinter dem leichten Nebel verloſchen, welcher wie ein zarter Silberflor die Myr⸗ thengebüſche nächſt dem grauen grauen Hauſe umſchlich. Die Sänger der Lüfte träumten bereits auf ihren Zwei⸗ gen von den Liedern, die ſie am nächſten Morgen dem Schöpfer wieder ſingen wollten. Die blaue Viole öffnete ihren Kelch, beſtrahlt von dem geiſterhaften Lichte, wel⸗ ches die emporſteigende Mondſcheibe über das Eiland ſtreute, entzückend, ſanfter und hundertfach ſchöner als der Feuerglanz, welcher aus den Fenſtern der Paläſte der ſchönen Inſel ſtrahlte. In dieſem Myrthengebüſche neben dem grauen Hauſe aber wandelte geiſterhaft und bleich... die w eiße Frau. Ein langer Schleier deckte ihre Geſtalt,— ein dunkler Gürtel umſchloß ihren Leib. Dort wo der Silberſchaum der Felſenkaskade zwi⸗ ſchen dem Schatten der Lorberbäume von braunen Felſen ſtaubte und die graue Nachtigal zwiſchen den Goldoran⸗ genbäumen dem melodiſchen Klange der niederfallenden Tropfen und dem allmälig hinſterbenden Tone eines im ſiebenfachen Echo wiederhallenden Saitenſpiels lauſchte, ſtand jetzt die„weiße Frau“ traurig und ſtumm—— doch nein! frendig und erwartungsvoll— denn dort un⸗ ten hinter dem Tamarindengebüſche, wo die Roſenflur des Parkes ſich bis zum Seegeſtade hinabſenkte, hielt 120 eine Gondel mit zwei Männern, von denen der eine der weißen Frau entgegeneilte, und ſie wohlbewußt, daß er keine Nephele umarme, an ſein Herz drückte, aus wel⸗ chem das hohe Lied der erſten Liebe zum Herzen der Ge⸗ liebten tönte.... Die„weiße Frau“ ſchlug ihren Schleier zurück und das lebensfriſche Antlitz Ghiraldinens ſchmiegte ſich weich und warm an die glühende Wange des jungen, ſchönen Herrn de la Pagerie, der ein zweiter Leander ſein Herz zu bringen kam. Der Herr de la Pagerie hatte vorher Iſola bella lange ſchon verlaſſen.— Die Gräfin Bianca Orſini glaubte ſich von dieſem unheimlichen Gaſte, dieſem„heim⸗ lichen Geſandten Napoleons“ für immer befreit, ſie hielt die Geſtade des Seeis nächſt ihrer Villa, ſeit Madame Faure's Abreiſe doppelt ſorgſam im Auge— kein Frem⸗ der durfte nahen, der ihr nicht gemeldet wurde und ab⸗ ſichtlich ließ ſie das Märchen von dem nächtlichen Um⸗ gange der„weißen Frau“ in der Gegend des grauen Hauſes auf der Inſel verbreiten, weil ſie bei dem herr⸗ ſchenden Aberglauben der Bewohner erwarten konnte, daß dieſe die Gegend des grauen Hauſes, welches die politiſchen Geheimniſſe der Gräfin barg um ſo ſicherer meiden würden;— aber die Liebe Ghiraldinens zu dem Erwählten ihres Herzens hatte eben dieſes von der alten 121 Gräfin ausgeſtreute Märchen von dem nächtlichen Um⸗ gange der weißen Frau benützt, ſich dem Geliebten im weißen Schleier der Orſiniſchen Ahnfrau zu nahen um auf dieſe Weiſe den Späheraugen der Bewohner der Villa am ſicherſten zu entgehen, nicht bedenkend, daß ſie viel⸗ leicht gerade durch dieſe Verhüllung die Aufmerkſamkeit des weniger befangenen Theiles der Hausgenoſſen auf der Villa erregen konnte;— aber die Liebe überlegt nicht lange, und ſo lag jetzt die liebliche Ghiraldina am Her⸗ zen des Mannes ihrer erſten Liebe des jungen, ſchönen Herrn de la Pagerie, welcher abermals auf ſeiner Gon⸗ del den See herabgeſchwommen war, um ſeiner Gelieb⸗ ten den Schwur der ewigen Liebe zu erneuern, den nur der Tod löſen ſollte.... Sowie die Gräfin Orſini ſeit Madame Faure's Abreiſe ihre Villa faſt hermetiſch ſchließen, und jeden Fremden, der zufällig ankam, abweiſen ließ, ebenſo ſchien der Herr de la Pagerie abſichtlich, ja mit Aengſtlichkeit jede weitere Begegnung mit der Gräfin und ihren Haus⸗ genoſſen zu vermeiden und nur im Dunkel der Nacht, wenn eine graue Nebelhülle über dem See lag, durch⸗ ſchnitt ſeine Gondel das Gewäſſer und ſtieg er allein im Myrthengebüſche nächſt dem grauen Hauſe an's Land, während ſein Begleiter in der Gondel blieb, und ſeine auf kurze Zeit in den See hinausſchwimmende Gondel 122 mit einer kleinen weißen Fahne für die lauſchende Ghi⸗ raldina das Zeichen der Ankunft ihres Geliebten verſe⸗ hen war. Was die Glücklichen ſich jetzt ſagten, hörten nur die Liebesgötter in den Blumenkelchen zu ihren Füſſen, und nur der zwiſchen den auftauchenden grauen Wolken des Nachtshimmels vorübereilende Mond konnte es ſe⸗ hen, wie der Herr de la Pagerie ſeine Rechte in die ſei⸗ ner Ghiraldina legte. Kein Lauſcher war wach, nur die Blumen und Blü⸗ then zu den Füßen der Liebenden zitterten leiſe, als fühl⸗ ten ſie mit die Sehnſucht der erſten Liebe, welche ſich jetzt in dem langen, langen Kuſſe ausſprach, den der junge Mann auf die weichen Lippen ſeiner Geliebten drückte. „Ghiraldina,“ſagte er,„Du meine einzig Erwählte, wie ſtrahlt Dein Auge voll der reinſten Liebe, viel ſchö⸗ ner als aller Glanz des weiten Himmels da oben, aber Du biſt heute ſo ſchweigſam, wie die Nacht, die über dem See liegt.“— Ghiraldina barg das ſchöne Antlitz auf der Bruſt des Geliebten; ihr Herz pochte, ein leiſes Schluchzen ſchien dieſem gepreßten Herzen Luft zu machen.—„Du weinſt, Seele meiner Seele,“ rief der junge Mann, das dunkle Lockenhaupt des Mädchens emporhebend—„o, 123 ich verſtehe Dich, meine Ghiraldina, ich verſtehe dieſe ſeligen Thränen, und die Liebe fürchtet jetzt ſchon zu ver⸗ lieren, was ſie eben gewonnen.“ Ghiraldina blickte ihrem Erwählten in's Auge. „O, mein Freund,“ liſpelte ſie,„kann Liebe ohne Ver⸗ trauen nicht beſtehen?“— „Nein, mein ſüßes Kind,“ entgegnete der junge Mann,„aber eben darum muß Du mir vertrauen, und darfſt nicht verlangen, daß ich vor der Zeit den Schleier lüfte, der meine Erſcheinung auf dieſer Inſel noch län⸗ gere Zeit verhüllen muß, damit nicht die Hand der All⸗ tagsmenſchen in unſerm Kreiſe die Saiten der Aeolsharfe zerreiße, ehe das hohe Lied der Liebe uns zum ewigen Bunde vor dem Gottesaltar geleitet; o, meine Ghiral⸗ dina, einſt als Knabe habe ich Dich im Sturme des Welt⸗ meeres aus der naßen Woge an Bord gehoben— eben⸗ ſo werde ich Dich, ſo war ein Gott da oben lebt, aus den Stürmen dieſer bewegten Zeit, in welcher wir leben, wie⸗ der an mein Herz holen, und Du ſollſt da ruhen, Du Engel meines Lebens, für immer.“— Ghiraldina blickte dem ſchönen Sprecher zweifelnd ims Angeſicht, auf welchem ſich die Glut der reinſten, begeiſterten erſten Liebe in edlen Zügen ausprägte— ihre weiße Hand zitterte leiſe in der ſeinen— der junge Mann drückte jetzt das ſchöne Mädchen mit ganzer In⸗ 124 brunſt an ſeine Bruſt.„O, Du meine zweite Seele, mein Ein und Alles,“ rief er,„o, glaube, o, vertraue mir, meine Ghiraldina— fühle wie mein Herz, das Dir, Dir allein gehört, pocht und es mich drängt, den ewigen Schwur der Liebe in die weite Sternenhalle hinauszu⸗ rufen: Du, Du und keine andere, meine Erwählte, für Zeit und Ewigkeit, meine heißgeliebte Ghiraldina!“ Die Dryaden der Bäume und die Nymphen der Waſſerfülle im Haine mußten dieſen hohen Schwur der erſten Liebe vernommen haben; denn ein leiſes Rauſchen zitterte durch das Myrthengebüſch und mit einem unter⸗ drückten Schrei ſank jetzt Ghiraldina in die Arme ihres Geliebten; denn aus dem Gebüſche trat eine lange in einen dunklen Mantel gehüllte Geſtalt,— ſchier ähn⸗ lich den ſchwarzen Rittern des Todtenkopfes, von denen die alte Gräfin Orſini ihrer Tochter ſchon ſo vieles er⸗ zählt hatte. Es war ein junger Mann im dunklen Pariſerko⸗ ſtüm, ſeine Augen hafteten ſtarr auf dem Antlitze des Herrn de la Pagerie. „Was beliebt?“ fragte dieſer ſeine Hand auf das vergoldete Gefäß ſeines kurzen Degens legend. „Verzeihung,“ ſagte der Ankömmling,„wenn ich hier eine Idylle ſtörend erſcheine— ich ſuche die Gräfin Bianca Orſini.“ 5 125 Der Herr de la Pagerie warf den Kopf empor. „Sie ſcheinen aus dem Lande der Hiſtrionen zu kommen, mein Herr,“ rief er aufflammend,„da Spott Ihre erſte Begrüßung iſt— dort iſt die Villa der Gräfin.“ Der junge Fremde warf jetzt wieder einen langen Blick auf die ſchlanke Geſtalt des Herrn de la Pagerie. „Er iſt es!“ liſpelte er vor ſich hin. Dann nahm ſein Geſicht wieder einen ruhigen Aus⸗ druck an S „Mein Herr,“ ſagte er zu Letzterem gewandt;„ich bitte Sie noch einmal mein plötzliches Erſcheinen um dieſe Stunde und auf dieſem Platze zu entſchuldigen; ich machte einen kleinen Umweg mit der Gondel um dem Felſen der Iſola madre auszuweichen, auf deſſen Terraſſe für einen gewöhnlichen Reiſenden heute kein Nachtlager zu haben iſt, weil eben der Kaiſer der Franzoſen mit ſeinem Generalſtabe hinaufſteigt.“ „Der Kaiſer der Franzoſen?!“ fragte der Herr de la Pagerie aufhorchend. „Es iſt Ihnen vielleicht bekannt,“ entgegnete der junge Fremde leichthin,„daß die Krönung Kaiſer Na⸗ poleons mit der eiſernen Krone im Dome von Mailand in nächſter Friſt bevorſteht.— Der Imperator hat ſeine Reiſe nach Italien beſchleunigt und will eben in dieſer Nacht, wie ich Ihnen ſagte, auf der großen Terraſſen Villa 5 126 der Iſola madre ausruhen um ſeine Reiſe nach Mailand fortzuſetzen.“ „Wie? ſchon ſo nahe!“ rief der Herr de la Pagerie. „So iſt es,“ entgegnete der junge Fremde. Eine kurze Pauſe trat ein. Es ſchien jetzt, als ob von der genannten Iſola madre in der That die Töne einer Trompete herüber⸗ ſchallten. Der Herr de la Pagerie wendete ſich jetzt raſch zu Ghiraldinen. „Auf baldiges Wiederſehen, Madonna!“ rief er. — Noch ein Blick, dann warf die Jungfrau ihren wei⸗ ßen Schleier über, und entſchwand hinter den Tamarin⸗ denbüſchen auf der Seite gegen die Villa hin; die Gon⸗ del aber, in welcher der Herr de la Pagerie, ohne weiter ein Wort zu verlieren, zurückſprang, ſchwamm mit einer Schnelligkeit den See hinab, als jagte das ganze Heer des wilden Jägers hinter ihr darein. Der junge Fremde warf noch einen langen Blick dem Entſchwundenen nach. „Er iſt es!“ wiederholte er dann mit lauter Stimme wickelte ſeinen Mantel feſter um ſich und ſchritt den Weg zur Villa Orſini hinauf. Mitternacht war vorüber und Gräfin Bianea Or⸗ 127 ſini ſaß in ihrem von mattem Lampenſcheine erleuchteten Kabinete, als der junge Fremde bei ihr eintrat. Kurz war ſeine Begrüßung und ſchon nach wenigen Minuten zog er ein vierfach verſiegeltes Schreiben her⸗ vor. „Von Madame Faure,“ ſagte er. Die Gräfin Orſini warf einen prüfenden Blick auf den jungen Mann. „Ich nenne mich Louis Graf Lenoir,“ ſagte dieſer ſich verbeugend.—„Mein Rang iſt der eines Oberſten in der italieniſchen Armee— meine Farbe die des Haßes gegen den franzöſiſchen Zwingherrn, den ich einſt, als ich noch in dem unterſten Grade des Militär⸗ dienſtes ſtand, hoch verehrte, ſeit er aber alles Völker⸗ recht mit Füßen tritt und überall als galliſcher Brennus, das Schwert auf die Wagſchale des Rechtes ſchleudert, rchte Die Gräfin Orſini blickte hier dem jungen Manne in das Auge— aber Graf Louis Lenoir fuhr ort. „Ich zähle mich zu jenem Bunde, dem Sie Sig⸗ nora das Leben geben und für welchen Madame Faure und unſere Unteragenten in allen Richtungen thätig ſind, bis es uns gelingen wird, einen Hauptſchlag ge⸗ gen den Ufurpator Frankreichs auszuführen. Unter der 128 Maske der Begeiſterung für den Kaiſer der Franzoſen und ſein eiſernes Regiment gelang es uns, mir und der muthvollen Madame Faure, Ihrer edelſten Freundin, uns ſelbſt in ſein geheimſtes Kabinet im Louvre einzu⸗ ſchleichen und— Sie werden ſtaunen, Signora— den allwiſſenden und allgewaltigen Fouché ſelbſt, als den treueſten Anhänger Buonapartes, den korſiſchen Lö⸗ wen ſo einzuſchläfern und ſicher zu machen, daß wir nun ſein Vertrauen beſitzen— und er uns ſogar zu ſeinen Sendungen in's Ausland benützte;— aber Vorſicht Signora, Vorſicht! Damit unſer Rieſenplan nicht vor der Zeit verrathen werde, und uns nicht das Schick⸗ ſal Ihrer treueſten Verbündeten der ſchönen Madame Encore und der ſchönen Pauline Riotti ereile.“ „Welches Schickſal?“ rief die Gräfin Orſini auf⸗ ſpringend,„weilt nicht meine edle Freundin Encore in unſerem Intereſſe noch eben in der Vendé?“ „Sie weilt im Haine der Helden, wo alle edlen Opfer für das Vaterland ihren unſterblichen Lohn fin⸗ den,“ entgegnete Herr von Lenoir. Die Gräfin Orſini ſog dem Erzähler das Wort von der Lippe, dieſer aber fuhr fort: „Unſere edle Madame Encore handelte zu früh und zu raſch— Sie wiſſen, daß Buonaparte kürzlich die Küſte Frankreichs bereiſ'te und über Abbeville kam— 129 Madame Encore— Nun Sie kennen Gräfin, die Ge⸗ ſchichte, wie im Sommer 1803, ein Mädchen in Ami⸗ ens fußfällig um das Glück bat, den Kaiſer für den ſie in Bewunderung und Patriotismus entbrannte, umar⸗ men zu dürfen, wie ihr Buonaparte das Glück geſtattete, wie ſie als ſie ihn küſſen durfte, ohnmächtig ward, und — für dieſe unnennbare Liebe und Begeiſterung einen Jahresgehalt von 3000 Livres erhielt.... Nun ſehen Sie, Gräfin, Madame Encore that dem Kaiſer in Abbe⸗ ville einen ähnlichen Fußfall, und rief: ſie würde vor Freuden ſterben, wenn ihr die Ehre vergönnt ſei, ihn zu umarmen... Nun, ſchön iſt unſere Madame Encore — und kurz: der Kaiſer wollte ihr dieſe Umarmung eben gewähren, als Düroc ſich zwiſchen ihn und Ma⸗ dame Encore warf, dieſe beim Arme erfaßte, und ſie nach dem anſtoßenden Zimmer zerrte, wohin ihm Buo⸗ naparte faſt ohnmächtig von der plötzlichen Ueberra⸗ ſchung folgte. Im rechten Aermel ihres Oberkleides hatte Madame Encore ein Stilet verdeckt, welches an der Spitze vergiftet war,“ „Die Raſende!“ rief die Gräfin Orſini;„ſie hat uns durch ihre Tollkühnheit vor der Zeit verrathen.“ „Das hat ſie nicht,“ entgegnete der Graf von Lenoir ruhig—„ſie ward in den Tempel nach Paris gebracht, ſtarb auf der Folter, nannte aber weder ihren Proſchlo. Der ſchwarze Mann. II. 9 130 wahren Namen, noch fanden ſich uns compromittirende Schriften bei ihr vor.“ „Unglaublich!“ rief die Gräfin todtenblaß vor Ueberraſchung. „Vor dem heimlichen Gerichte,“ fuhr der Graf von Lenvir fort,„erklärte Madame Encore, daß Buona⸗ parte einer der größten Miſſethäter wäre, die jemals in der Welt Athem geholt hätten, ſie habe ſich demnach dem Geſchäfte des freiwilligen Scharfrichters unterzogen, ſie habe, wie jeder andere gute und rechtliche Menſch das Recht, den zu ſtrafen, den die Geſetze nicht erreichen können oder dürfen 0).“ „Aber wie ward Madame Encore's Anſchlag ver⸗ rathen?“ fragte die Gräfin. „Man ſagt, ein anonymer Brief an Duroc habe dieſem ihr Vorhaben entdeckt,“ berichtete Louis Graf Lenoir;„andere behaupten, er habe mit ſeinem ſicheren Blick den Dolch wahrgenommen, den unſere Bundesge⸗ noſſin im Aermel verſteckt hatte;— ich denke aber Fou⸗ ché's geheime Polizei war auch hier unſerer Agentin auf der Ferſe.“ ¹) Hiſtoriſch: der Unterpräfekt zu Abbeville, der früher genannte Andreas Dumont, bekam Befehl einen Bericht auszuſtrenen, laut welchem Madame Encore von der Re⸗ gierung in's Tollhaus geſperrt worden ſei. 131 „Die Unglückliche,“ rief die Gräfin Bianca,„hatte ſie denn nicht unſern Franquonville an der Seite?“ „Auch deſſen Anſchläge zur Auffangung des Kai⸗ fers und deſſen Transportirung nach England ſind miß⸗ glückt,“ berichtete der Graf Lenoir. „Fürchterlich! wir ſind verloren!“ rief die Grä⸗ fin,„und unſere kluge Pauline Riotti?“ „Liegt als Leiche im Golf von Lyon begraben,“ entgegnete Graf Lenoir. Die Gräfin Orſini ſank todtenbleich in ihren Arm⸗ ſeſſel zurück und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Hän⸗ den.— „Signora,“ fuhr der Graf von Lenoir fort,„wer ſo ſchwache Nerven hat, wie Sie, der ſollte ſich an ein Rieſenwerk, wie unſer Bündniß iſt, nicht wagen.— Glauben Sie, daß dieß die letzten Opfer ſind, welche uns unſere Schachzüge gegen der Uſurpator Frankreich's koſten werden?“ „Sie haben Recht,“ ſagte die Gräfin Bianca ſich emporrichtend,„wer gewinnen will, muß wagen— ver⸗ zeihen Sie, aber, wenn das ſonſt muthige Herz einer Frau noch erzittert, ob der Trauernachricht, die ſie da bringen, erzühlen Sie weiter, alſo wie und warum ſtarb unſere edle Riotti?“ 9* 132 „Buonaparte,“ berichtete der Graf Lenoir,„be⸗ wohnte in voriger Woche, als er die Reiſe zur bevor⸗ ſtehenden Krönung nach Mailand antrat, den erzbi⸗ ſchöflichen Palaſt ſeines Oheims, des Kardinals Feſch in Lyon durch zweimal vierundzwanzig Stunden.— Unter dem Perſonale der Haushaltung des Kardinals hatte auch unſere edle und ſchöne Pauline Riotti ſich eingefunden und die Oberaufſicht des Küchenperſonals zu erhalten gewußt. Sie wiſſen, daß ſie eine Corſin iſt, und als ſolche behauptete ſie den Geſchmack der buona⸗ partiſchen Familie am Beſten zu kennen und drang dar⸗ auf, daß ihr die Bereitung der Chocolade des Kaiſers überlaſſen werden müſſe. Aber einer der Köche des Kar⸗ dinals hatte das Pulver bemerkt, welches die Riotti un⸗ vermerkt unter die Chocolade gemiſcht hatte— oder wenn Sie lieber wollen: Fouché's Polizei hatte die Be⸗ merkung gemacht.“ „Immer und überall dieſer Fouché!“ rief die Gräfin. „Er ſchleicht auf leiſen Sohlen durch ganz Eu⸗ ropa,“ fuhr der Graf fort,„und hat vielleicht ſelbſt in dieſem Gemache ſeine Agenten.“ Die Gräfin ſchauerte zuſammen und blickte angſt⸗ voll nach der Thüre als beſorgte ſie in dieſem Augen⸗ blicke den Eintritt franzöſiſcher Sbirren. 133 „Als man nun die Chocolade brachte,“ fuhr der Graf von Lenoir fort,„befahl der Kaiſer, wer dieſe Chocolade gemacht habe, möge kommen! Sobald unſere kluge Pauline Riotti dieſen Befehl vernommen hatte, ſchluckte ſie augenblick den Reſt des Getränkes, welches in dem Kochtopfe übrig geblieben war, ſelbſt hinab, ihre Convulſionen verriethen das Gift, das ſie dem Kaiſer hatte reichen wollen, und trotz aller Bemühungen des kaiſerlichen Leibarztes Corviſart ſtarb ſie nach einer Stunde, ihre Leiche verſchlang das Meer, der Koch, von dem Fouché das Attentat erfahren hatte, trägt aber ſeit acht Tagen den Orden der Ehrenlegion, der Kar⸗ dinal erhielt einen derben Verweis, daß er ſeine Dome⸗ ſtiken nicht beſſer gewählt habe.“ Die Gräfin Orſini ſaß ſtumm und mit gekreuzten Händen da;„alſo todt, arme Riotti!“ rief ſie,„und du hatteſt vor Allen Urſache dem Unterdrücker der Nationen den Giftrank zu reichen.“ „In der That!“ ſagte der Graf von Lenoir— „Sie betheuerte auch ohne im mindeſten an ihren Bun⸗ desgenoſſen Verrath zu üben, daß ihre That ein Werk der Rache gegen Napoleon geweſen ſei, weil er ſie, da ſie jung war, unter dem Verſprechen ſie zu heirathen, verführt und ſie und ihr Kind ſeither ohne Unter⸗ ſtützung gelaſſen habe.“ „So ſind denn wieder drei ſtarke Aeſte von unſe⸗ rem Baume gebrochen,“ ſagte die Gräfin Orſini auf⸗ ſtehend. „Deſto mehr drängt die Zeit zur entſcheidenden That,“ bemerkte der Graf Lenoir,„und ſo bringe ich Ihnen Signora die beſten Grüße von Ihrer Verbünde⸗ ten Madame Faure, die Sie zum entſcheidenden Schlage mahnt und in wenigen Tagen ſelbſt in Mailand ein⸗ treffen wird. Schon ſteht, wie ich Ihnen früher ſagte der Fuß des Kaiſers Napoleon auf einer der Inſeln die⸗ ſes See's, der auch Ihre Villa umſchließt.— Es iſt daher hohe Zeit zum Handeln, ehe Ihre noch übrigen Pläne von Fouché's Polizei verrathen werden.“ „Ich ſage Ihnen Signora,“ ſetzte der Oberſt hin⸗ zu,„eine der wichtigſten Erſcheinungen, umkreiſ't Ihre Inſel——“ „Nun?“ ſagte die Gräfin geſpannt.„Herr de la Pagerie,“ entgegnete der Graf Lenoir. „Sie kennen dieſen Mann?“ fragte die Gräfin aufflammend. „Beſſer als Sie, Signora,“ entgegnete Graf Lenoir. „Und wiſſen vielleicht auch,“ fuhr die Gräfin fort, „daß— daß Ghiraldina Ihre engelſchöne Tochter,“ * 135 bemerkte der Oberſt,„ſeine einzige Sehnſucht und Hoff⸗ nung iſt.“ „Ich glaubte dieſes Spiel geendet—“ rief die Gräfin, und hohe Röthe trat auf ihr Antlitz. „Es iſt erſt im Beginne,“ bemerkte der Graf Le⸗ noir;„doch,“ ſetzte er hinzu,„ſoll es bald geendet wer⸗ en „Allwiſſender!“ fuhr die Gräfin Orſini jetzt wie⸗ der empor und ihre Blicke drückten alle Zweifel aus, die nun plötzlich in ihrer Seele emporſtiegen—„bin ich nicht ein leichtgläubiges Weib, daß ich, ohne Sie ſicher zu prüfen auch Ihren Reden ſo unbedingt Glauben bei⸗ meſſe; was biethen Sie außer den Empfehlungen Ma⸗ dame Faure's für Garantien Ihrer Wahrhaftigkeit? und wer bürgt mir ſelbſt für die unbedingte Ehrlichkeit Madame Faure's?— kann ſie nicht das Geld des Dictators an der Seine für ihn umgeſtimmt haben?“ „Signora,“ ſagte Graf Lenvir mit ſchweren Ernſte. „Ich ſaß erſt vor Kurzem im Rathe der edlen Ungarn im Jagdſchloſſe am Karfunkelthurme in den Karpathen, wo ihr Verwandter, der edle Graf Arpad, ein ähnliches Bündniß wie das Ihre gegen den korſiſchen Machthaber verabredete— Genügt Ihnen dieß?.. „Ah!“ rief die Gräfin Bianca Orſini überraſcht, „was ſagen Sie da? Ja, wenn der edle Graf Arpad, 136 mein Vetter, Sie in ſeine Kreiſe zog, dann hat Bianca Gräfin Orſint keinen Zweifel mehr gegen Ihre Perſon. — Verzeihung, mein Graf!“ Und Bianca Gräfin Orſini reichte dem Manne ihres Vertrauens ihre Hand zum Kuße. „„ 7. Der Cüſar in Neu⸗Athen. Es gibt in der menſchlichen Geſellſchaft Perſonen, auf deren Stirn das; veni, vidi, vici geſchrieben ſteht, und welche ſchon bei ihrem erſten Auftreten in einem Familienkreiſe herrſchen, welche mit geheimer magneti⸗ ſcher Kraft alles anziehen, was ſich in ihrer nächſten Umgebung bewegt, und einen Zauber auf dieſen aus⸗ üben, als ob ſie ein gebornes Recht hätten in dieſem Kreiſe die Oberherrlichkeit zu üben; Alles lächelt ihnen zu, alles fügt ſich ihnen, jedes Wort von ihrem Munde iſt ein Orakel, weil Alles die wahre oder ſcheinbare Ueberlegenheit ihres Geiſtes fühlt, und achtet oder ſürchtet Andere Perſonen gibt es wieder, deren Geiſt Rie⸗ ſenpläne anszudenken im Stande, deren Hand aber zu 138 ſchwach iſt, dieſe Pläne allein auszuführen. Sie ſind die klugen aber vorſichtigen Menſchen, welche beſeelt von der Idee des Geiſtes, ſtets einen Vormund brauchen, der ihren Griffel leitet, um dieſe Ideen in das Buch der Thaten einzuzeichnen, der ſie am Gängelbande führt, um dieſe Rieſenideen zur Wahrheit zu machen und das Kühne zu verkörpern, was ſie zu denken wagten. Eine Erſcheinung der erſteren Art waren im grauen Hauſe auf Iſola bella Madame Faure und ihr Doppel⸗ gänger in der Protheus⸗Geſtalt, Graf Louis Lenoir, eine Erſcheinung der zweiten Art, die in ihrem Gedan⸗ kenfluge und ihrer Leichtgläubigkeit ſo große, in ihren Handlungen aber zuweilen ſo zaghafte Gräfin Bianca Orſini.— Es konnte daher auf der Villa der Gräſin Nieman⸗ den wundern, daß ſowohl Madame Faure als Protheus⸗ Lenoir kaum angekommen auch ſchon bei der Gräfin, de⸗ ren Auge nur den Hoffnungsſtrahl des aufſteigenden Sternes der„Italia una“ und keinen Schatten neben demſelben erblickte, wahrhaft blinder Glaube und wahr⸗ haft blindes Vertrauen fanden, und zwar ein Vertrauen, welches in der That an Unklugheit grenzte und um ſo thörichter erſchien, je mehr Vorſicht die bewegte Zeit zum Gebote machte, denn die Hand des europäiſchen Dictators, ſtreckte ſich jetzt in ihrer ganzen Länge über 139 Wälſchland aus und erfaßte eben mit aller Kraft die eiſerne Krone von Monza mit der Inſchrift ihres Rei⸗ fes:„Dio me la diede, quai à chi la tocca.“ Bianca Gräfin Orſini, im Banne jenes Zaubers, der zuletzt alle Sinne gefeſſelt hält, dachte und ſann nichts anderes mehr, als„geheimen Krieg gegen den Zwingherrn Italien's und ſo rückte denn die Stunde näher, in welcher von den Verbündeten des grauen Hau⸗ ſes auf der Iſola bella die letzte und gewaltigſte Orſi⸗ ni'ſche Bombe in das Lager des neuen Zeus im euro⸗ päiſchen Götterhauſe geſchleudert werden ſollte.. Inzwiſchen hatte ſich auch das finſtere Farbenſpiel im Familenbilde der Villa der Gräfin Orſini anders gemiſcht. Der vielgeſtaltige Graf, Louis Lenoir, war in ſei⸗ ner wahren Geſtalt in der That ein Apollo, jung, feurig wahrhaft männlich ſchön, von begeiſternder Beredſam⸗ keit und einnehmender Haltung, und übte ſchon in den erſten Tagen ſeines Auftretens auf derVilla einen Zau⸗ ber aus, der ihm bald alle Herzen im Familenkreiſe der Gräfin zuwandte. Es iſt die Schwachheit des menſchlichen Herzens, daß es ſich von dem am meiſten angezogen findet, was am ſernſten ſteht, daß kluges Zurückziehen, faſt mehr einnimmt, als begeiſtertes Entgegenkommen. 140 Der junge, ſchöne Graf Lenoir ſchien in den erſten Tagen ſeines Auftrittes auf der Orſiniſchen Villa Ghi⸗ raldina gar zu beachten, kaum hatte er für ſie die ge⸗ wöhnlichen Höflichkeitsformeln, kaum ſtreifte einmal im Vorübergehen ſein Blick auf ihr ſchönes Antlitz. Er ſchien nur die Geſellſchaft der alten Gräfin zu ſuchen und nur an den Augen dieſer ernſten Gebietherin auf der Villa ſchien ſein Blick zu hängen.— Faſt unzart ſchien dieſes Benehmen gegenüber der engelſchönen Ghi⸗ raldine— erſt war es kalte Gleichgültigkeit, welche die ſchöne, nur ihres fernen Freundes des Herrn de la Pa⸗ gerie denkende, cfran dem Benehmen des Grafen Le⸗ noir entgegenſetzte; d ann war es die weibliche Eitelkeit, welche ſich im Herzen des ſchönen Fräuleins regte und Ghiraldinen in dem Benehmen des jungen Grafen eine Nichtbeachtung ihrer Vorzüge eine Art Zurückſetzung erblicken ließ, die dem ſtolzen Fräulein, dem ſonſt Alles huldigte, was ſich auf der Villa bewegte, zuletzt peinlich zu werden anfing. Ghiraldina begann den ſchönen ſtolzen Grafen, den Mann, der für ihre Reize keinen Blick, für ihre Vorzüge kein Wort der Bewunderung zu haben ſchien, während ihn jede Marmorſtatue im Parke der Villa zur lauten Verwunderung begeiſterte, zuerſt mit Unmuth, dann mit Widerwillen und zuletzt mit förmlichem Haße 141 zu betrachten— und vom Haß zur Liebe— wie ſchmal iſt dieſer Weg!... Der Herr de la Pagerie, dieſer von der Gräfin Orſini nun in der That gefürchtete Mann, vor deſſen räthſelhafter Erſcheinung, Madame Faure, noch vor ih⸗ rer Abreiſe ernſtlich gewarnt hatte, ſchien fortan von der Inſel ganz verſchwunden zu ſein.— Die Gräfin Bianca dachte nicht mehr an ihn und hegte die Meinung, daß ſein Bild auch in der Seele Ghiraldinens allmälig er⸗ löſchen würde. Gab es doch in dieſen bewegten Tagen eben ganz andere Bilder, welche das Auge der echten Tochter Italiens feſſeln mußte. Dort auf dem geprieſenen Hügel von Brianza an der Straße von Bellagio nach Mailand, wimmelte es von Menſchen, Thieren und Fuhrwerken, welche der ſpähende Blick des Beobachters von jenem alten Glocken⸗ thurme, der einſt im alten Mittelalter die Bewohner der Gegend zu den Comitien rief, kaum mehr zu faſſen ver⸗ mochte, denn in langen, langen Reihen zog von den rückwärts glänzenden Alpen bis zu den Fluthen des Comerſee's herab in das Paradies der Lombardie bei den Parks und Schlöſſern Monza's vorüber, die zahl⸗ loſe Menſchenmenge, welche in jenem Lande, das ſchön iſt, wie ein Geſang der Georgica, ſchön, heiter und voll Harmonie in der Hauptſtadt eben ein Feſt ſehen ſollte, 142 voll Schmuck und Pracht, wie ſeit langem keines mehr hier geſehen worden war. Ein weiches, duftiges Licht lag über den Dörfern und kleinen Hügeln der Seen und prächtigen Villen, die ſich zwiſchen den zahlloſen Gärten allmälig entſchleier⸗ ten, wie dort oben auf den fernen Bergen die luftigen Klöſter, die wie Gedanken des Himmels an den Felſen hingen. Es iſt das Land der Heſperiden und unten, wo ein ewig grünender Kranz friſcher Blüthen ein Häuſer⸗ meer verhüllt, an der Grenzſäule mit der Inſchrift: „Milano“, da drängte es ſich, wie in einem Bienen⸗ ſchwarm zu den Thoren des mächtigen Hauptlagers der Römer, wo ein Trojan einſt ſeine Legionen campiren ließ, ein heiliger Ambroſius im Stuhle des Erzbiſchofes ſaß und einem Imperator Theodoſius der Eingang in die geheiligten Hallen der Kirche verwehren durfte, bis dieſer Buße gethan hatte, für den im Zorne an den Bewohnern Antiochien's verübten Mord, wo ein Attila ſeine Brandfackel, wo ein Beliſar ſein Schwert geſchwun⸗ gen, wo ein Karl der Große ſeine Krone getragen, wo die Häupter der Ghibellinen ihre Pläne entworfen hatten, zur Stadt, die einſt ein Barbaroſſa der Erde gleich ma⸗ chen, und auf deren Boden er Salz ſtreuen ließ. Alle Corſi der großen Hauptſtadt wimmelten von 143 Menſchen und Fuhrwerken; das Wunderwerk der Welt: der große Dom, dieſes Rieſengebäude, mit ſeinen acht⸗ undneunzig gothiſchen Thürmchen, ſeinen herrlichen Glasmalereien, Kanzeln und Chorſtühlen von kunſtvoll ciſelirtem Erze, ſeinen 4000 Bildſäulen und ſeiner acht⸗ eckigen Kuppel, dieſe reichſte Kirche Italien's mit der koloſſalen Statue des heiligen Ambroſius und Carl Bor⸗ romäus von maſſivem Silber, dieſer prachtvolle Tempel Gottes, deſſen Bau nicht weniger als 13 Millionen Dukaten koſtete, war innen und außen mit verſchwende⸗ riſcher Pracht geſchmückt für das bevorſtehende Feſt der Krönung des Kaiſers Napoleons mit der eiſernen Krone der lombardiſchen Könige. Die Stadt, in welcher ein Virgil ſtudierte, ein Va⸗ lerius Marimus, ein Statius, ein Virgilius Rufus, Laufranco Alciat, Cordone, Lechi, Porta, Beccaria, Va⸗ rini und andere Coryphäen der Wiſſenſchaft, lehrten, prangte in ihrem ganzen, feſtlichen Schmucke,— aber an ihren Thoren, da, wo einſt der deutſche Barbaroſſa ſeine Geharniſchten gegen die Mauern führte und der böhmiſche Igel ¹) ſein Roß halbiren ließ, und ſich das Wappen mit dem halben Schimmel abholte, ſtanden franzöſiſche Chauſſeur's als Wächter. ¹) Igel heißt im Lohtiſchen Jezek. — 144 Die letzten Tage des Maimondes waren herange⸗ zogen und der Tag des heiligen Filippus, das iſt der 26. Mai, war als das Feſt beſtimmt, an welchem der Kardinal Caprera die eiſerne Krone von Monza auf das lorberbekränzte Haupt des Mannes ſetzen ſollte, der, wie ſeine Lobredner ſagten, ſein Genie und ſeinen Ruhm aufbot, um der Halbinſel Italien eine große Zu⸗ kunft zu bereiten. Die Corsi, die giardini publichi, ganz beſonders aber der königliche Palaſt waren feſtlich geſchmückt und in Letzterem ſtand ſtolz und mächtig der gewaltige Die⸗ tator Europa's, Kaiſer Napoleon Buonaparte der Erſte. Hatte draußen auf den öffentlichen Plätzen und in den Gaſſen Mailands der gewaltige Mars ſein ganzes kriegeriſches Gepränge entfaltet, ſo breiteten im Innern des königlichen Palaſtes Minerva und Momus ihre Schätze aus, um den Helden des Tages würdig zu fei⸗ ern Unter Anderen war der große Talma nach Mai⸗ land berufen, damit auch ſeine dramatiſche Kunſt den „Ehrentag des Cäſars“ im Mailänder Theater verherr⸗ liche. Corneilles Nicodemus, der ſeinem Schickſale trotzende Held, ſollte am Abende des Krönungstages dem Kaiſer vorgeführt werden, aber nicht im öffentlichen Theater, welches er erſt in den nächſten Tagen beſuchen —————— 145 wollte, ſondern im Familienkreiſe, im großen, grauen Saale des königlichen Palaſtes, wo die kleine Schau⸗ bühne aufgeſtellt war, auf welcher dem neuen König von Italien die erſten Ovationen dargebracht werden ſollten. Da ſtand der ſtolze Cäſar unter den Auserwählen ſeines engſten Cirkels, in welchem er nach des Tages Mühen, den von der Laſt des goldenen Krönungsman⸗ tels ermüdeten Körper und das von der ſchweren Bürde der eiſernen Krone gedrückte Haupt auf den weichen, dunkelblauen Sammt, des mit einem großen goldenen N unter der Königskrone gezierten Lehnſeſſels auf ein paar Stunden ausruhen laſſen wollte. Die Treueſten der Treuen: die Generäle, Ber⸗ thier, Jourdan, Lannes, Mortier, Beſſiöres und St. Cyr waren die erſten mit dem Kaiſer in den Saal ge⸗ treten, draußen vor der Thüre lag ſein treuer Mameluk Ruſtan. Jetzt ertönte ein mäßiger Trompetentuſch, der Dic⸗ tator ließ ſich in ſeinen Lehnſeſſel nieder, der Saal füllte ſich allmälig mit den Gäſten, denen man zu die⸗ ſer Abendfeierlichkeit Zutritt gelaſſen hatte und die Ge⸗ nerale des Kaiſers nebſt vier jungen italieniſchen No⸗ bili's, welche im höchſten Nationalſchmucke mit den dunk⸗ len Sammtkleidern und mit Edelſteinen ausgezierten Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 10 146 breiten Bruſtbändern prangten, ſtanden in der Nühe des Kaiſers. Man hatte der Nationalität der Italiener ge⸗ ſchmeichelt, indem man dieſen jungen Adeligen und ei⸗ nigen italieniſchen Damen der vornehmſten Kreiſe Mai⸗ land's den Eintritt in den engen Zirkel dieſer großen Feſtlichkeit geſtattete. So füllte ſich allmälig der Saal und nach und nach waren auch ſämmtliche Staats⸗Großbeamte, welchen der Kaiſer den Zutritt geſtattete, im Saale verſammelt. Der Tag war noch nicht ſo weit vorgerückt, aber man hatte die Jalouſien ſümmtlicher Fenſter geſchloſſen, die ſilbernen Lampen an den Wänden angezündet und die großen Venetianerſpiegel an den letzteren ſtreuten ein magiſches Licht in die Räume des Saales von deſſen Plafond der Jupiter fulminans mit ſeinem feurigen Blitzbündel auf ſeinen verkörperten Doppelgänger im Kronſeſſel herabblickte und in deſſen Niſche die lebens⸗ großen Statuen, der Visconti's, Sforza's, Medicis und Doria's finſter und ernſt, wie die Geſichter einer ver⸗ gangenen Zeit, auf die fremden Gäſte ihrer vaterländi⸗ ſchen Paläſte herabblickten. Mit ſtrahlendem Geſicht ſtand der kleine Corſe, der Blick ſeines Feuerauges ſchweifte über die Zahl der Auserwählten, er mochte im Stillen denken: Vae vic- 147 tis! laut aber ging ſein Lob in dieſem Kreiſe von Mund zu Mund und ſollte ganz beſonders durch den Prolog, den der große Talma auf der kleinen Bühne zu ſprechen hatte, zuerſt in dieſem Saale ertönen, ſowie es die Schleppträger des Dictators dem Volke Mailands auf den Corſi's und Boulevards unten eben in tauſend Weiſen vorſangen. etzt ertönte der zweite Trompetentuſch, dann der gewaltige Pyramidenmarſch mit gedämpften Klängen, dann ließ ſich der galliſche Dictator in ſeinen Kronſeſſel nieder. In dieſem Augenblicke wehte die Saalthüre ent⸗ zwei und ein junger Mann, im betreſſten Kleide eines kaiſerlichen Kammerherrn, mit todtbleichem Geſichte trat in den Saal und ſchritt durch die Menge der Gäſte ge⸗ rade auf den Kaiſer zu. Es war Monſieur Talleyrand, ein Neffe des be⸗ rühmten Miniſters des Auswärtigen. Er verbeugte ſich vor dem Kaiſer und reichte ihm ein verſiegeltes Papier mit der Bitte dieſes ſogleich zu leſen.„Von dem Ceremonienmeiſter Salmatoris,“ li⸗ ſpelte er—„Euere Majeſtät geruhen augenblicklich zu leſen.“ Buonaparte nahm das Billet, ſtand auf und— erblaßte. 10* 148 Der gewaltige Sieger von Marengo und Arcole mußte ſich an der Lehne des Seſſels halten. Mit ſichtlicher Aengſtlichkeit erfaßte der Mann, der unerſchrocken auf der Brücke von Arcole einen Kar⸗ tätſchenhagel beſtanden und gewohnt war im Schlacht⸗ getümmel zu lächeln, jetzt den Arm des neben ihm ſitzen⸗ den Generals Berthier—„Freund!“ rief er mit un⸗ terdrückter Stimme,„ich bin verrathen— ha! ſind Sie auch mit unter den Verſchwornen!..“ Berthier ſprang auf.—„Sire!“ rief er,„was bedeutet das?— was haben Euere Majeſtät?“ Aber der Kaiſer wandte ſich jetzt mit gleich ängſt⸗ licher Haſt zur andern Seite: „Jourdan! Lannes, Mortier, Beſſieres, St. Cyr!“ rief er,„verlaſſen Sie auch Ihren Freund und Wohl⸗ thäter?“ Wie ein elektriſcher Schlag fielen dieſe Worte in den Kreis der Umgebung des Kaiſers, die Generäle ſprangen auf, griffen nach ihren Degengefäßen und reih⸗ ten ſich augenblicklich um den Gebiether, wie die Tra⸗ banten um den ſtrahlenden Jupiter auf dem dunklen Himmelsplane. „Majeſtät!“ rief Berthier,„faſſen Sie ſich, wir ſind alle da— wir ſind alle Ihre bis zum Tode ge⸗ treuen Generäle und Unterthanen!“ „ 149 Schon machte die Bewegung im Saale Aufſehen. Alles richtete die Köpfe nach der Gruppe, wo der Kaiſer ſtand, der jetzt das erhaltene Billet an Beſſisres über⸗ gab.— „Aber ſo leſen Sie doch,“ rief er,„dieß Billet von meinem Präfecten und Ceremonienmeiſter Salma⸗ toris; leſen Sie, leſen Sie:„wenn ich mich mit einem Schritte von der Stelle entferne, ſo ſei ich des Todes, die Mörder, ſchreibt er, ſtünden neben mir.“ Der Kaiſer blickte jetzt ſtarr über die Menge— Todtenſtille herrſchte im Saale eine furchtbare Minute der peinlichſten Erwartung ging vorüber— jetzt zit⸗ terte der Silberklang einer Glocke durch die Räume des Saales— der blauſeidene Vorhang der kleinen Bühne mit dem großen lorbeerumkränzten goldenen N unter der Kaiſerkrone rauſchte empor und auf dem treppenförmi⸗ gen Podium der kleinen Bühne ſtand— der Präfekt Salmatoris mit entblößtem Degen und hinter ihm eine doppelte Reihe von Gensdarmen mit vorgeſtreckten Gewehren, deren Läufe in den Saal gerichtet waren, die Hähne der Gewehre knackten, in dieſem Augenblicke ſprang auch die Saalthüre der entgegergeſetzten Seite auf; der Commandeur der kaiſerlichen Leibgarde trat herein, hinter ihm wohl fünfzig Grenadiere mit aufge⸗ pflanzten Bajonetten und ſein Finger wies ſogleich auf 150 die vier jungen Nobili in des Kaiſers Nähe, von denen zwei die italieniſche, zwei die Schweizer⸗Garde⸗Uniform trugen und welche augenblicklich von der Gensdarmerie umringt wurden, während der Kaiſer von ſeinen Ge⸗ neralen umgeben ſchon im Nebenkabinete in Sicherheit ſtand.—— Präfekt Salmatoris aber donnerte von der Bühne herab: „Im Namen des Kaiſers! Jeder laſſe augenblick⸗ lich ſeinen Dolch auf den Boden fallen, wiedrigens eine Musketenſalve den Saal von den Verräthern befreien wird!—“ Abermals trat eine Todtenſtille ein— Salmato⸗ ris verließ jetzt die Bühne und trat in den Saal herab, — auf ſeinem Befehl durfte ſich Niemand im Saale von ſeiner Stelle rühren.— In nächſter Minute ſtan⸗ den jene vier Nobili allein in der Mitte der bärtigen Gre⸗ nadiere, welche um ſie einen Kreis geſchloſſen hatten. Zu den Füſſen dreier dieſer jungen Männer lag ein— Dolch.. vergebens ſuchten ihn drei von ihnen mit den Fußſohlen zu bedecken, der vierte, ein baumlan⸗ ger junger Mann in der knappen Schweizer⸗Uniform, riß aber ein langes Stilet aus ſeiner Uniform und ſchleuderte es, ohne daß ihn Jemand daran hindern konnte gegen jene Saalthüre, durch welche Kaiſer Napo⸗ leon mit ſeinen Generälen abgegangen war. 151 „Zittere nnr!“ rief er mit mächtiger Stimme und ſeine Augen ſprühten Flammen,„zittere nur du feiger Tyrann über mein Vaterland, Tauſende von Wilhelm Tell's Nachkommen haben dir ſo gut wie ich den Unter⸗ gang geſchworen. Heute entgehſt du ihm noch, aber die gerechte Rache der gedrückten Menſchheit folgt dir wie der Schatten auf dem Fuße. Verlaß dich darauf: ein frühzeitiges Ende iſt dir unwiederruflich beſtimmt!—). Nach dieſen Worten ſtach er ſich mit ſeinem Meſ⸗ ſer durch das Herz und fiel dem Grenadiere, der auch ihn niederreißen wollte, todt in die Arme. Draußen aber riefen die metallenen Zungen aller Glocken des großen Mailand die Stunde aus, in wel⸗ cher ſich die feierliche Prozeſſion zur Metropolitankirche in Bewegung ſetzte, wo der Kardinal Caprera mit der eiſernen Krone auf den neuen König Italiens, Napo⸗ leon Buonaparte harrte. Während die große Ceremonie vor ſich ging, blie⸗ ben aber alle Thore des königlichen Palaſtes geſchloſſen und der kaiſerliche Befehl durchlief die Räume desſel⸗ ben, daß bei ſchwerer Strafe Niemand von dieſem Vor⸗ falle reden dürfe, bei welchem Vorfall Kaiſer Napoleon allerdings einen eben ſo großen Mangel an Geiſtesge⸗ ) Hiſtoriſche Worte. genwart bewieſen hatte, als am 9. November 1799, da Arena und audere Deputirte zu St. Cloud ihre Dolche wieder ihn gezückt hatten. Dennoch durchlief das Gerücht von dieſem Atten⸗ tate augenblicklich die Straßen von Mailand— raſch bildeten ſich Deputationen, welche dem Kaiſer ihre Glückwünſche bringen wollten.... aber keine einzige wurde vorgelaſſen, ſie erhielten alle die Weiſung:„für ihre anderweitigen Geſchäfte zu ſorgen.“ Gleich nach der erſten Durchſuchung der drei ver⸗ hafteten Verſchwornen und des vierten von ihnen, der ſich ſelbſt entleibt hatte, und Prüfung der in ihren Klei⸗ dern befindlichen Briefſchaften, diktirte der Präfekt von Mailand einen augenblicklich zu vollſtreckenden Ver⸗ haftsbefehl; er lautete auf die Fahndung einer Perſon, welche lebendig oder todt einzubringen ſei: der in Mai⸗ land's Vorſtädten verborgenen Italienerin Bianca Gräfin Orſini.. 8. Der Herr de la Pagerie. Noch war das Tedeum im Krönungsdome von Mailand nicht vollendet, und ſchon war die Unterſu⸗ chung gegen die Verſchworenen dieſes neuen Attentates im vollen Gange. Die vier genannten jungen Leute waren, wie die drei Verhafteten von ihnen neben der Leiche des vierten jetzt unverholen ausſagten, durch die Unruhen, welche Buonoparte in Italien und in der Schweiz geſtiftet hatte um ihre Eltern und ihr Vermögen gekommen— ſie hatten ihm Rache geſchworen, ſie waren darauf ge⸗ faßt, daß ſie, wenn Buonoparte von ihren Händen ge⸗ fallen ſein würde, ſie augenblicklich in Stücke gehauen würden; aber ſie waren bei all ihrer ſpartaniſchen Opfer⸗ 154 willigkeit unvorſichtig genug, Papiere bei ſich zu tragen, welche ihre Mitverſchworen verrathen konnten. Fouché's Agenten hatten nun vollauf zu thun... Während ganz Mailand ob dieſes Attentates auf den franzöſiſchen Kaiſer in Aufregung war und man ſich in allen Paläſten und Corſi's mit den ſeltſamſten Vermuthungen über die eigentlichen intellectuellen Ur⸗ heber dieſer That beſchäftigte, lag in einem Hauſe unfern der Kirche St. Lorenz mit den ſechzehn Säulen, eines zur Römerzeit dem Herkules geweiht geweſenen Tempels, der liebe Gottesfriede in Geſtalt einer herrlichen Jung⸗ frau vor dem Bilde der Madonna, wie das ſchuldloſe Kind an den Ufern des brauſenden Meeres mit bunten Steinchen ſpielt, unbekümmert um das Wüthen des Ele⸗ ments zu ſeinen Füßen und kaum berührt von einzelnen Tropfen der thurmhohen Woge, welche aus dem ſchäu⸗ menden Trichter des Strudels emporſteigen. Ghiraldine war's, die engelſchöne ſchuldloſe Jung⸗ frau, welche unbekannt mit den Plänen ihrer Mutter und uneingeweiht in dieſelben, mit letzterer und einem einzigen Diener nach Mailand gekommen war, um die Kaiſerpracht des Krönungsfeſtes anzuſehen, nicht ah⸗ nend, daß es ganz andere Fäden waren, welche die Grä⸗ fin Orſini zu dieſem Kaiſerfeſte zogen.. Jetzt lag Ghiraldina vor dem Bilde der heiligen 155 Jungfrau, ihr Abendgebet verrichtend und der Rück⸗ kehr ihrer Mutter harrend, welche ſich ſeit mehreren Stunden entfernt hatte, um angeblich ihren Notar in Mailand aufzuſuchen und verſprochen hatte, Ghiraldi⸗ nen nach eingetretener Dämmerung abzuholen und mit ihr, während der feſtlichen Beleuchtung des großen Corſo dieſen zu befahren. Jetzt rollte wirklich eine Caroſſe vor die Thüre des Hauſes— Ghiraldina ſprang auf ihre Mutter zu em⸗ pfangen, wegen deren langen Ausbleibens ſie bereits ein ängſtliches Gefühl zu beſchleichen begann— die Thüre ſprang jetzt auf und mit dem Rufe:„Mutter! meine Mutter!“ flog Ghiraldina in den Arm der ſtattlichen Madame Faure... Die Dame trat in einen dunklen Sommerüber⸗ rocke gehüllt mit ſehr erſtem Geſichte in das Zimmer— ſie hielt einen Brief in den Händen, welcher ihre eigene Adreſſe und die Handſchrift der Gräfin Orſini trug. „Nummer 89 unfern der Kirche San Lorenzo“— ſagte ſie halblaut,„ſo ſteht die Adreſſe der Gräfin von ihr ſelbſt angegeben in dieſem nach Paris an mich ge⸗ ſendeten Schreiben— und in der That hier ſteht ja wirklich ſchon unſere liebe Ghiraldina!— Ah! mein Kind, wo iſt Ihre Mutter?“ Ghiraldina, das unſchuldige in der Politik ihrer 156 Mutter bisher nicht unterrichtete Mädchen, hatte die unheimliche Erſcheinung der klugen und feinen Madame Faure ſtets mit einem widerlichen Gefühle betrachtet— in dieſem Augenblicke hatte das plötzliche Auftreten der⸗ ſelben für das Fräulein ſogar Schreckliches.— Ghiral⸗ dine wußte ſich das bange Gefühl, welches ſie in dieſem Augenblicke überkam, nicht zu erklären. „Meine Mutter iſt nach dem römiſchen Thore ge⸗ fahren,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme,„um ihren Notar aufzuſuchen, und in wenigen Minuten wird ſie zurück ſein.“ Ein freundliches Lächeln ſchwebte auf den Lippen der ſtaatlichen Madame Faure. Sie ließ ſich auf das Sopha neben Ghiraldinen nieder. „Nicht wahr, mein Kind,“ ſagte ſie zutraulich die Hand der Jungfrau erfaſſend—„dieſen Beſuch haben Sie hier nicht erwartet? Nun— wir haben uns mit ihrer Mutter brieflich an dieſem Tage in Mailand ein Rendezvous gegeben und ich freue mich, nach der Adreſſe ihres an mich gerichteten Briefes ihr Quartier in Mai⸗ land im Treiben dieſer Feſttage der Kaiſerkrönung ſo ſchnell aufgefunden zu haben. Ah! iſt das im Lenzmo⸗ nate bereits eine Hitze, reichen Sie mir doch ein Glas Limonade, meine Theure.“ 157 Ghiraldina ſtand ſchweigend auf und ging in's Nebencabinet um das Verlangte zu holen. Madame Faure empfing die Limonade dankend und nippte ein wenig. „Wie ſchön Sie doch geworden ſind, mein Kind,“ ſagte ſie das Fräulein lächelnd anblickend,„ſeit wir uns nicht geſehen haben, hat ſich die Roſe zu noch höherer Blüthe entfaltet—— ei, wie wird ſich der Herr de la Pagerie erfreuen an Ihrem Anblicke.“ Ghiraldina erröthete. „Madame!“ liſpelte ſie— aber die alte Dame fuhr fort. „Nun, nun meinem Blicke iſt Nichts entgangen, und ſo weiß ich ganz gewiß, daß Ghiraldina, die junge Gräfin Orſini die Fahrt nach Mailand doppelt gern mitmachte, weil ſie hier den Erwählten ihres Herzens den jungen ſchönen Herrn de la Pagerie zu finden hoffen darf; Fräulein! Fräulein!“ ſetzte ſie hinzu,„trauen Sie dem jungen Adler nicht zu viel, er könnte die Taube an ihrem Herzen verwunden und—“ In dieſem Augenblicke ſchallte verworrenes Getöſe vom Hofraume des Hauſes durch das offene Fenſter des Zimmers in welchem Ghiraldina und Madame Faure ſaßen— letztere trat raſch zum Fenſter und that einen Blick hinab. 158 „Mein Vetturino hat Händel angefangen,“ ſagte ſie unwillig;„ich muß den Burſchen zur Ruhe weiſen, erlauben Sie mein Fräulein...“ Nach dieſen Worten verſchwand Madame Faure aus dem Zimmer. Aber das Getöſe im Hofraume wurde bald ſtärker — Waffengeklirr und ſtarke Männertritte tönten dazwi⸗ ſchen; der Lärm kam näher— jetzt ſchallte es auf dem Corridor bunt durcheinander. Ghiraldina glaubte die Stimme ihrer Mutter zu vernehmen, ſie ſtürzte hinaus und prallte zurück. Ein Haufe franzöſiſcher Gensdarmen umgab ihre Mutter, die Gräfin Bianca Orfini, welche eben mit einem Vetturino angefahren war, und ſich in dem enor⸗ men Getöſe der Raufenden und Befehlenden vergebens mit ihrer Tochter zu verſtändigen ſuchte. Ghiraldine konnte nur noch wahrnehmen, wie der Sergeant der franzöſi⸗ ſchen Gensdarmerie jenem Vetturino, welcher die Grä⸗ fin Orſini hergeführt hatte, barſch den Befehl zuherrſchte, links abzufahren— dann den Schlag eines andern Wagens öffnete, in welchen Madame Faure einſtieg und auch die alte Gräfin Orſini von den muskulöſen Armen zweier Gensdarmen hineingedrängt wurde;— dann reihten ſich ſechs berittene Carabinieri um dieſen Wagen und fort ging es durch das geöffnete Thor des Hofrau⸗ 159 mes, als ob Pluto ſeine Proſerpina von Neuem in den Orcus hinabholen wollte. Ghiraldine ſtand zuerſt ſtarr vor Schrecken; dann ſtürzte ſie zur Thüre. „Mutter! Mutter!! was war das!!“— rief ſie und ein Thränenſtrom ſtürzte aus ihren Augen— jetzt ſprang die Chüre auf, und vier franzöſiſche Gensdarmen mit vorgeſtrecktem Bajonette ſtunden vor Ghiraldinen. „Sind Sie die Tochter der Gräfin Bianca Or⸗ ſini?“ fragte der Sergeant dieſer Gendarmen vortre⸗ tend. „Ich bin es!“— hauchte Ghiraldina—„großer Gott! was wollen Sie— o meine Mutter!“ „Gut,“ ſagte der Sergeant,„ſo folgen Sie uns.“ Ghiraldina hörte im Hofraume wieder einen Wa⸗ gen vorrollen— „Wohin?“ fragte ſie, einer Ohnmacht nahe.— In dieſem Augenblicke ſprang die Thüre auf, ein junger ſchöner Offizier in der franzöſiſchen Gardeuni⸗ form trat herein. Es war der Graf Louis Lenoir. Ghiraldina er⸗ kannte ihn ſogleich. „Schützen Sie uns mein Herr!“ rief ſie ihm ent⸗ gegen,„man mißhandelt uns hier— ohne Zweifel verkennt man uns!“ 160 „Zurück!“ donnerte der Graf Lenoir dem Ser⸗ geanten entgegen.—„Wer gibt Ihnen das Recht, ge⸗ gen dieſes Fräulein mit Verhaftung vorzugehen?“ „Dieſe Ordre, Oberſt!“ entgegnete der Sergeant, indem er ein Papier aus ſeiner Uniform zog. Der Graf Lenoir entfaltete es. „Dieſe Ordre lautet nur auf die Verhaftung der Gräfin Bianca Orſini,“ ſagte er,„und keines⸗ wegs auf die ihrer ſchuldloſen Tochter Ghiraldina—“ „Aber wir haben ſtrenge Ordre alles Ver⸗ dächtige im Hauſe zu verhaften,“ entgegnete der Ser⸗ geant,„und wenn die Mutter zu verhaften iſt, wer bürgt da für die Tochter?“ „Ich,“ ſagte der Graf Lenoir—„das Wort ei⸗ nes Oberſten der kaiſerlichen Garde iſt, ſollte ich mei⸗ nen, genügend.“ „Herr Oberſt,“ ſagte der Sergeant mit einiger Verlegenheit—„ich nehme die Verantwortung nicht auf mich.“ „Halb rechts!“ kommandirte der Graf Lenoir. In zwei Minuten ſtand der Graf Lenoir allein mit Ghiraldinen im Zimmer—— halb ohnmächtig ſank die Jungfrau auf das Sopha, er ließ ſie in ſeinen Armen ſanft niedergleiten. 161 Jetzt erwachte Ghiraldine aus ihrer augenblickli⸗ chen Betäubung. „Mutter! Mutter!“ rief ſie zur Thüre ſtürzend, —„was war das? wache ich denn oder iſt es ein ſchrecklicher Traum, der mich gepeinigt?“ Jetzt fiel ihr Auge auf den Grafen Lenoir. „O reden Sie, reden Sie,“ rief ſie,„was war das? was hat man mit uns vor? wohin führte man meine Mutter?“ „Faſſen Sie ſich mein Fräulein,“ bat der Oberſt „die Sache iſt nicht ſo arg, als ſie beim erſten Anblicke ſcheint, in Momenten, in denen ein ganzes Meer in Aufruhr geräth, kann es Niemanden befremden, wenn die aufſchäumende Woge auch den ruhigen Zuſchauer am Ufer beſpült...“ „Was ſollen dieſe räthſelhaften Reden Herr Graf?“ fragte Ghiraldine,„o haben Sie Mitleid mit meiner Angſt— wo iſt meine Mutter?“ Jetzt faßte der Graf wieder beide Hände des ſchö⸗ nen Mädchens und zog Ghiraldinen auf das Sopha neben ſich nieder. „Was würde es nützen, mein Fräulein,“ ſagte er ſanft,„Ihnen ein Geheimniß aus dem zu machen, was Ihnen doch früher oder ſpäter jedenfalls bekannt werden muß— ſo wiſſen Sie denn; Ihre Mutter wurde eben Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 12 162 in den Palazzo Tivulzio als eine Gefangene abge⸗ ſhr Ghiraldina erblaßte, ihre Lippen zitterten, ſie mußte ſich, um nicht umzuſinken an der Lehne eines Seſſels halten, der Graf Lenoir unterſtützte ſie und ließ ſie ſanft auf das nebenſtehende Sopha gleiten. „Beruhigen Sie ſich, theures Fräulein,“ ſagte er, „ich konnte Ihnen das Schreckliche nicht verhehlen; denn es iſt ja dreimal beſſer, daß Sie dieß durch Ihre Freunde erfahren, ehe die Sergeanten der kaiſerlichen Garde bei Ihnen eintreten und vielleicht...“ Der Oberſt hielt hier inne. „Gott! o mein Gott,“ rief das ſchöne Mädchen in Thränen ausbrechend und händeringend,„wie kam das? was hat meine arme Mutter verbrochen, daß man ſie verhaftet? hier kann nur ein entſetzliches Mißver⸗ ſtändniß zu Grunde liegen!!“ Der Oberſt blickte die Jammernde mitleidig an. „So hören Sie denn, was Sie endlich hören müſſen, mein Fräulein,“— ſagte er, und nun erfuhr Ghiraldine von ſeinem Munde zum erſten Male das, was man vor ihr auf der Iſola bella bisher ſorgfältig verhehlt hatte, daß ihre Mutter die Gräfin Bianca Or⸗ ſiui an der Spitze jener Agitation ſtand, deren Aufgabe, der ewige Haß gegen den„Soldatenkaiſer“ Napoleon 163 Buonaparte, und daß deren Streben war: den Diktator auf alle mögliche Weiſe zu verfolgen, und ihn wo mög⸗ lich, mit Gift, Dolch oder Blei für Europa ferner un⸗ ſchädlich zu machen. Sie erfuhr, daß ihre Mutter nur deshalb zur Krönungsſeier nach Mailand gekommen ſei, um im Momente der Ausführung des Attentates in der Nähe zu ſein, und wenn letzteres gelänge, ähnlich einer Jeanne d'Arc, daß Banner der libera und una Italia durch Mailands Corſi zu tragen und eine zweite ſicilianiſche Veſper gegen die Franzoſen in Mailand zu improviſi⸗ ren. Die tiefe Beſtürzung des nunmehr freilich etwas ſpät in die Geheimniſſe des grauen Hauſes auf der Iſola bella eingeweihten Fräuleins war über alle Be⸗ ſchreibung. Ghiraldine zitterte am ganzen Leibe, Tod⸗ tenbläſſe wechſelte mit Flammenröthe auf ihrem Antlitze, dann floß ein Thränenſtrom aus ihren ſchönen Augen, dann fiel ſie auf die Knie und beſchwor den im Bilde vor ihr hängenden Gekreuzigten und Madonna mit dem Kinde um Rettung ihrer Mutter. Der Oberſt ließ ihren erſten Schmerz austoben, als die Jungfrau nun müde und faſt ohnmächtig wieder auf das Sopha ſank, und ſtilles Weinen ihren Schmerz zu mildern ſchien, da faßte er wieder ihre Hand. 164 „Ghiraldine!“ ſagte er tröſtend,„in der That ihre Situation iſt eine höchſt traurige, aber Thränen und wären ſie ſo heiß wie die Lava des Verſups, können den ſchwarzen Stern, der über ihrem Haupte ſchwebt, nicht verſcheuchen, wir müßen jetzt vielmehr auf Mit⸗ tel denken Ihre Mutter zu retten.“ „Großer Gott!“ rief die Jungfrau den Arm des jungen Mannes erfaſſend.„Warum denken wir erſt jetzt daran?— o mein edler Freund und Helfer in der Noth! laſſen Sie uns eilen, laſſen Sie mich zu den Füßen des Kaiſers ſtürzen, und um das Leben meiner Mutter fleh'n!“ „Wo denken Sie hin, Fräulein,“ fiel der Oberſt ein;„der neu gekrönte Zeus im Götterhauſe Europa's, würde Sie jetzt, da er noch den Zorn über das freche und ruchloſe Attentat in ſeinem Innern zu verarbeiten hat, mit einem Tritte ſeines ehernen Fußes zermalmen, und überhaupt geht jetzt zu ihm kein Weg als durch ſeine Garde.“— „So iſt meine Mutter verloren!“— jammerte die Arme, dann ſtarrte ſie wild vor ſich hin, und ſann eine Weile nach— plötzlich trat es, wie eine lichte Wolke auf ihre Stirne.— „Gott in Deinen Höhen! wie konnte ich doch ihn vergeſſen!!“— rief ſie und ihr Auge glühte. — 165 „Wen meinen Sie?“ fragte der Oberſt. Jetzt erhob ſich Ghiraldina ſtolz und mit Würde. —„O, wie müſſen Sie, mein Herr,“ ſagte ſie,„das thörichte Mädchen verlachen, das nur Thränen in dem Augenblicke hatte, in welchem es Vertrauen zu dem ha⸗ ben ſollte, den ſie im Herzen trägt vor Allen;— auf! auf mein Herr und führen Sie mich auf die Präfektur! ich will die Wohnung des Gardeofficiers Herrn de la Pagerie erfragen.“— Der Graf Lenoir blickte dem ſchönen Mädchen ſtarr in's Auge—„des Herrn de la Pagerie?“ fragte er. „Nun ja,“ entgegnete Ghiraldina mit Haſt,„des ſchönen, muthigen edlen Herrn de la Pagerie, den ich hier offen vor Ihnen, mein Herr, als meinen Erwählten, meinen Bräutigam bekenne und der mir das heilige Ver⸗ ſprechen gab, in wenigen Wochen um meine Hand bei meiner Mutter anzuhalten—— oder habe ich kein Recht auf den Schutz dieſes Mannes?— O, er iſt es, der mich führen wird zu den Stufen des Thrones, wo der Zeus ſitzt, dem ich, ſanft wie ein Kind, die Blitze aus den Händen nehmen will, die er auf das Haupt meiner armen Mutter ſchlendert und die ich mit den Thränen meiner Augen auslöſchen will, weik ja Kindesthränen mächtiger ſind, als alle Ströme der Erde, mit ihren Ge⸗ wäſſern!“— 166 „Den Herrn de la Pagerie wollen Sie ſuchen?!!“ fragte der Oberſt wieder, und ein leiſes Lächeln ſpielte um ſeinen Mund—„den Herrn de la Pagerie?!!!“ „Ha! ich ahne,“ rief das arme Mädchen entſetzt, „Sie haben ihn auch verhaftet— er war mit im Bunde, dem meine Mutter anzugehören das Unglück hat!— Entſetzlich!!!“... Ghiraldina bedeckte bei dieſen Worten ihr Antlitz mit beiden Händen und brach in lautes Schluchzen aus. Der Oberſt lächelte wieder—„den Herrn de la Pagerie wollen Sie aufſuchen?!“— „Nun ja!“ entgegnete Ghiraldina gereizt;„ich werde ihn aufſuchen und er ſoll mich zu den Füßen Des⸗ jenigen führen, der über das Schickſal meiner Mutter entſcheiden kann... „Ghiraldina!“ rief der Oberſt—„was wollen Sie thun!? wohin wollen Sie „Zum Kaiſer Napoleon!“ ſagte das Mädchen ſich ſtolz emporrichtend.„Oder glauben Sie, eine Tochter könne für ihre Mutter nicht Alles wagen?“. Der Oberſt ſtand ſchweigend da und betrachtete die herrliche Jungfrau.—„In der That,“ riefer dann aus, „das grenzt an ſpartaniſchen Hochſinn! Ghiraldina! ken⸗ nen Sie den korſiſchen Adler?— Wollen Sie zur Sonne 167 fliegen, um ſich die Flügel zu verſengen, und wie Jcarus in das Meer zu ſinken?— „Jetzt in dieſem Momente der gräßlichſten Aufre⸗ gung, da die Woge des Sturmes um Sie herum in furcht⸗ barer Höhe ſchäumt, wollen Sie in die Höhle des Lö⸗ wen treten? „O!“ erwiederte Ghiraldina und ihr Auge glühte „im Momente der höchſten Aufregung ſind große Gei⸗ ſter am ruhigſten; wenn Kaiſer Napoleon wirklich den Namen des Großen verdient, den man ihm jetzt ſchon beilegt, ſo muß er ruhig bleiben und groß handeln, wenn ihm ein Opfer ſeines Zornes entgegenblickt— oder ha⸗ ben Sie vergeſſen, daß er, wie man ſich erzählt, auch gleich nach dem Attentate der berüchtigten Höllenmaſchine in das Opernhaus trat, und kalt und ruhig der Vorſtel⸗ lung beiwohnte, als ob ſtatt der Kartätſchen, die man gegen ihn ſchlenderte, nur Coriandoli auf ſeinen Wagen gefallen wärenſ?“ „Ja,“ fiel der Oberſt ein,„für den Moment wußte der kleine Corſe allerdings die ganze Faſſung zu behaup⸗ ten, die ihn in allen ſeinen Unternehmungen ſtets zum Meiſter der Situation macht, und fär einen Augenblick ſchien das si fractus illabatur orbis imparidum ferient ruinae auf ſeine Stirne geſchrieben; für einen Moment ſpielte er den Mann mit der eiſernen Maske; 168 aber er ſpielte ihn nur, damit der Löwe bewundert werde, der die auf ihn geſchlenderten Pfeile abſchüttelt, und ſtolz und ruhig den königlichen Weg weiter ſchreitet — in ſeiner Ader kochte dennoch corſiſches Blut und ge⸗ fährlich iſt es in der That, in die Höhle des Löwen zu treten, ſo lange ſein Blut noch ſiedet...“ Ghiraldina blickte den Deklamator mit ſeinen hoch⸗ tönenden Phraſen mitleidig an, als wollte ſie ſagen: „O! ihr Kleinmüthigen!“ und eilte jetzt in das Seiten⸗ kabinet, aus welchem ſie bald mit ihrer Robe bekleidet zurückkam. Der Oberſt ſtand ſchweigend und ſichtlich verle⸗ gen da.— „Ghiraldina,“ ſagte er endlich,„es iſt unmöglich, in dieſem Momente bis in das Kabinet des Kaiſers zu gelangen. Im königlichen Palaſte iſt Alles in Beſtürzung und Bewegung; durch wen wollten Sie Zutritt bei Na⸗ poleon erlangen?“— „Durch Sie freilich nicht,“ entgegnete die junge Gräfin mit feinem Spotte.—„Aber ich ſagte Ihnen ſchon,“ fuhr ſie fort,„daß es eine Hand in Mailand gibt, die mich ſicher geleiten wird zu dem Throne, wo das Wort der Gnade erſchallen wird für die unglücklichſte Tochter der unglücklichen Mutter!“ 169 „Ah! alſo doch— den Herrn de la Pagerie mei⸗ nen Sie?“ ſagte der Graf Lenoir,„o, mein Fräulein, Sie kennen dieſen Herrn de la Pagerie nicht—“ Ghiraldina lächelte.— „Ich verſtehe dieſes Lächeln,“ ſagte der Oberſt,— „es iſt das Lächeln der vertrauenden Liebe—— aber, mein Fräulein, wenn Sie wüßten, daß dieſer Herr de la Pagerie, der auf Iſola bella den ſchmachtenden Daphnis der liebeathmenden Chloe ſpielte, ein eifriger Anhänger der franzöſiſchen Sache, ſo zu ſagen ein Alterego des korſiſchen Machthabers, ein geheimer—“ „Halten Sie ein!“ rief Ghiraldina,„ſchmähen Sie nicht einen Mann, deſſen Herz Sie nicht kennen— der Herr de la Pagerie, ein Verräther? ein geheimer Send⸗ ling Buonapartes, wie Sie wohl ſagen wollen?— o! er haßt die ſoldatiſche Willkühr dieſes Uſurpators, ſein Herz ſchlägt für Milde und Recht, er wird dereinſt den Despoten verlaſſen, ſo bald es die Verhältniſſe erlauben, und nächſtens in die Dienſte des rechtlicher geſinnten, neuen Vicekönigs von Italien übertreten.“— „Des Vicekönigs? des Beauharnais?“ fragte der Oberſt, und ſein Geſicht deckte jetzt wieder eine andere Farbe. „Ja!“ entgegnete Ghiraldina,„und finde ich bei Kaiſer Napoleon keine Gnade für meine Mutter, ſo wird 170 mir der Herr de la Pagerie bei dem neuen Vicekönige Zutritt verſchaffen, bei dem er Alles vermag, wie er ſagte — darum mein Herr, wollen Sie mir gefällig ſein, wie ſie ſagen, ſo helfen Sie mir das Quartier des Herrn de la Pagerie aufzuſuchen.“— Der Oberſt ſtand jetzt eine Weile in tiefem Sinnen. „Ghiraldina!“ fagte er endlich,„verſprechen Sie mir eine Stunde lang zu warten— ich werde dann kom⸗ men, und Ihnen Nachricht bringen, wo Sie den Herrn de la Pagerie finden können.“. „Eine ganze lange Stunde?“ fragte das Fräulein, „o, meine Mutter! meine Mutter!— mein Gott, was kann in einer Stunde Alles geſchehen!!“— „Fürchten Sie nichts, mein Fräulein,“ ſagte der Oberſt,„Ihrer Mutter wird in dieſer Stunde kein Haar gekrümmt werden.“— Ohne weiter eine Antwort Ghiraldinens abzuwar⸗ ten, ſtürmte der Oberſt die Treppe hinab;— auf der unterſten Stufe aber liſpelte er vor ſich hin:„Es iſt die höchſte Zeit hier zu handeln,— die Minuten ſind Diamanten!— man muß ſie hier aufhalten, ſo lange als möglich.“ Aber auch für Ghiraldinen waren die Minuten Dia⸗ manten... 17¹ In weniger als einer halben Stunde fuhr am Pa⸗ lazzo delle Scienze e arti eine Caroſſe vorüber, in der⸗ ſelben ſaß Ghiraldina; ſie fuhr auf die Präfectur, um das Quartier des Herrn de la Pagerie zu erfragen. Am genannten Palazzo wogte aber bereits eine ſolche Menſchenmenge, doß weder Roß noch Wagen weiter paſ⸗ ſiren konnten; denn die Kunde von dem neuen Attentate auf den Kaiſer Napoleon hatte bereits die ganze große Stadt durchdrungen, und die größte Aufregung gab ſich auf allen Straßen, in allen Theatern, Gärten, Corſo's und an den öffentlichen Orten kund; laute Rufe:„evviva Napoleonel imperatore! re d. Italia! abasso i conjuratori!“ und ähnliche durchzitterten die Luft, Kränze, bunte Teppiche, und Büſten des Kaiſers ſchmück⸗ ten mehrere Fenſter. Vergebens hatte die franzöſiſche Polizei ſich alle Mühe gegeben über die That einſtweilen noch den Schleier des Geheimniſſes zu decken. Auch der Wagen, welcher Ghiraldina führte, mußte anhalten.— Der Vetturino fragte den Portier des Palaſtes, warum hier eine ſo ungewöhnliche Menſchenmenge zu⸗ ſammengeſtrömt ſei. „Der Kaiſer Napoleon wird hier erwartet,“ ant⸗ wortete der Portier kurz.— „daß Du mich gerade im rechten Momente an dieſe 172 Der Vetturino hatte bereits vorher beim Fahren über drn großen Corſo Einiges von dem Attentate auf den Kaiſer gehört.— „etzt?“ fragte er—„man ſpricht doch in allen Straßen von einem neuen Höllenattentate anf den Kai⸗ ſer— da wird er wohl was anderes zu thun haben, als ſich die Gallerien im Bilderſaale da oben zu beſchauen.“ „Corpo di bacco!“ rief der Thürhüter, ein ech⸗ ter Franzoſe mit ellenlangem Knebelbarte.„Wär's auch — was ſchadet das dem kleinen Corſen. Ich ſage Dir, das iſt ſo ſeine Art; daß er, wenn es am heftigſten auf ihn niederblitzt, nach einem Buche, einem Bilde oder ei⸗ ner Feder greift, und die Wolken erbleichen die über ſeinem Haupte ſchweben;...'s muß im buonoparti⸗ ſchen Blute liegen das;— der Vicekönig iſt auch ſchon in den Sälen des Palazzo und erwartet den Kaiſer.“ „Der Vicekönig?“ fragte Ghiraldina. „Nun ja, der Beauharnais,“ entgegnete der Por⸗ tier,„der Vicekönig, der nächſte am Kaiſer in dieſem Lande.“ „Der nächſte am Kaiſer in dieſem Lande!“ wieder⸗ holte Ghiraldina langſam,— dann warf ſie ihre ſchönen Augen gegen den Himmel. „Ich danke Dir, Du ewige Vorſehung,“ rief ſie, 173 Stätte führteſt.“ Und ſie verabſchiedete den Vetturino und trat in den Palaſt, und ſtieg die bunten mit blauen Teppichen belegten Stufen empor. Schönheit und Trauer beſtechen gar leicht die Her⸗ zen. So kam's, daß Ghiraldina, die herrlich auf⸗ blühende Jungfrau der Iſola bella gar bald durch alle die zahlreichen Wachen der Treppen und Säulengänge in den ſilberſchimmernden Vorſaal des Palaſtes gelangte und mit pochendem Herzen vor den rieſenhaften Venezia⸗ nerſpiegeln einſam ſtand, während der dienſtthuende Ca⸗ meriere ſie beim Prinzen Beauharnais dem deſignirten Vicekönig Italiens zu melden ging, von deſſen menſchen⸗ freundlicher Verwendung Ghiraldina das Leben ihrer Mutter erbitten wollte. Das kindliche Gefühl ihres Schmerzes war aber ſo groß, daß ſie in dieſem Augen⸗ blicke nicht mehr an ihre urſprüngliche Abſicht dachte, zuerſt den Herrn de la Pagerie in der großen Stadt auf⸗ zuſuchen und zu ihrem Anwalte beim Vicekönig zu ma⸗ Der dienſtthuende Cameriere, ihren Schmerz ah⸗ nend, hatte nicht nach dem Grunde desſelben gefragt; aber er hatte ihr zum Troſte in der Kürze viel des Schö⸗ nen und Guten von dem jungen Vicekönige geſagt, und ſie verſichert, daß ſie bei dieſem Hülfe finden würde, 174 1.. und wenn Kaiſer Napoleon zehnmal ſein eiſernes„Nein geſprochen hätte.... So pochte denn das Herz der ſchönen Ghiraldina mit jeder Minute in raſcheren Schlägen.. jetztt dröhnte die große Schlaguhr in dem mit den Marmorbüſten, der Taſſo's, Dante's, Petrarka's und anderer Meiſter des italieniſchen Geſanges gezierten Saale, die zwölfte Mit⸗ tagsſtunde, die Flügelthür des letzteren wehte entzwei, zwei in Blau und Gold gekleidete Pagen drückten ſich an die beiden Seiten der Thüre, der laute Ruf:„Seine Hoheit Prinz Eugen Beauharnais, der Vicekönig von Italien!“ſchallte aus ihrem Munde; Ghiraldinens Kniee zitterten, ſie blickte auf und— ein Schrei der Ueberra⸗ ſchung entfuhr ihrer Bruſt——— vor ihr ſtand ihr geliebter Freund der Herr de la Page Träumte ſie?— war es Wirklichkeit, was ſie ſah 22 Nein! nein! ſie träumte nicht.— Jetzt trat Prinz Eugen, der Vicekönig von Italien, deſſen jugendlich ſchö⸗ nes Antlitz gleichfalls die Farbe der Ueberraſchung trug — der jungen Dame näher, während ſein Wink die bei⸗ den Cameriere aus dem Zimmer entfernte. „Ghiraldina!“ rief er, der Lieblichen ſeine Arme entgegenſtreckend— Todtenblüſſe wechſelte jetzt mit glü⸗ hender Röthe auf dem Antlitze des Fräuleins. Ein unnennbarer Schmerz ſchien ihre Lebensader 175 plötzlich zu zerſchneiden,— vor ihren ſchönen Augen zog es dunkel vorüber, wie ein Thränenflor; und doch konnte ſie nicht weinen,— ſie fühlte ſich getäuſcht, verletzt, ver⸗ rathen— ſie hatte in einem Augenblicke Alles gefunden, was ſie ſuchte und Alles verloren, was ſie fand. „Hoheit!“ war der einzige Laut, den ſie ſtam⸗ melte; dann brach ein Thränenſtrom aus ihren ſchönen Augen, wie die Wolke niederweint, wenn das Donner⸗ wort geſprochen iſt, das die hoffnungsreiche Saat der Erde der Zerſtörung preis gibt.— Aber der Prinz faßte jetzt die ſchönen Hände der Jurgfrau und drückte einen ſanften Kuß aufihre Stirne. „Verzeihung, meine Ghiraldina!“ bat er, den Lieb⸗ ling ſeiner Seele an ſeine Bruſt ziehend.„Verzeihung, daß ich Dich, Du mein Ein und Alles, Du Erwählte meines Herzens, eine kurze Zeit täuſchen mußte... Ja, ich bin Eugen Beauharnais ſeit wenigen Tagen Vice⸗ könig von Italien... und wenn ich Dich, Du meine zweite Seele unter dem Namen eines Herrn de la Pa⸗ gerie eine kurze Zeit täuſchte, ſo war dieſer Name doch keine Lüge, denn Tacher de la Pagerie iſt ja der Familiennamen meiner herrlichen Mutter Joſefine Beau⸗ harnais, der Gemalin des Kaiſers der Franzoſen.“.. Bei dieſen Worten zog Prinz Eugen Ghiraldina an ſeine Bruſt, aber das Fräulein entwand ſich ſanft 176 ſeinen Armen; Ghiraldina ſchien jetzt ihre ganze Faſſung wieder zu gewinnen.„Hoheit,“ ſagte ſie mit Ruhe und Würde, aber mit zitternder Stimme, wie eine Sterbende, die mit allen Hoffnungen des Leben zu brechen beginnt, ———„Hoheit!— Sie ſpielten mit meinem Herzen, das nur Ihnen gehörte,— und Sie haben dieſes Herz gebrochen——— enden Sie nun dies Spiel!— die unglückliche Tochter der unglücklichen Mutter Bianca Orſini fühlt mit dieſem brechenden Herzen nur zu tief, welche endlos tiefe Kluft ſich zwiſchen dem Kinde der Hochverrätherin und dem Sohne des neugekrönten Kai⸗ ſers der Franzoſen, dem Vicekönige von Italien, plötzlich ausdehnt!!!— O, welch' unſeliges Schickſal!“— Das ſchöne Mädchen zitterte bei dieſen mit unend⸗ lichem Schmerze herausgepreßten Worten am ganzen Leibe— aber der junge Prinz blickte die Jungfrau jetzt mit ſeinen klaren leuchtenden Augen an; das Bild ſeiner großen edlen Seele prägte ſich jetzt in ſeiner ganzen Schöne auf ſeinem männlich ernſten Antlitze aus.— „Ghiraldina!“ rief er, und ſein Auge ſtrahlte,— „Du Seele meiner Seele! Du mein zweites Ich! Mein Ein und Alles!— wie ſehr verkennſt Du den Mann Deiner erſten und einzigen Liebe! Hältſt Du mich denn wirklich für fähig, daß ich mit Dir, Du meine herrliche Blume im Garten Gottes auf Erden, ein ſo treuloſes 177 Spiel triebe, und jemals ein Herz brechen könnte, das mir mit ſo hoher, reiner Liebe entgegenſchlägt?“— Ghiraldina blickte ſchweigend vor ſich hin, aber auf ihren Augenwimpern zitterte eine Perle nach der andern.— „Du fragteſt nicht nach meinem Stande, nicht nach meinem Namen,“ fuhr der Prinz fort,„und nahmſt mich hin, wie ich mich Dir hingab— und nun meinſt Du, Seele meines Lebens, ich könnte das Wort der Liebe, welches ich im Garten auf Iſola bella zu Dir ſprach, im Palaſte zu Mailand vergeſſen?.. nein! mein ſü⸗ ßes Kind! was der Herr de la Pagerie, der Dich, ſeine erſte und einzige Liebe, einſt als Knabe auf dem Welt⸗ meere aus den Wellen des Teifun rieß, der Dir, von ei⸗ ner liebenden Vorſehung geleitet, wieder unter den Frie⸗ denspalmen der herrlichen Iſola bella begegnete, der vor wenigen Wochen im Parke Deines heimathlichen Hauſes gelobte, das wird der Prinz Eugen Beauharnais Dir halten— Deine Mutter wird leben und frei, und Du wirſt, ſo wahr ein Gott in den Höhen lebt, die Gattin des Vicekönigs von Italien ſein.“.. In dieſem Momente flog die Saalthür auf und der dienſtthuende Kammerherr meldete:„Seine Maje⸗ ſtät der Kaiſer der Franzoſen!“ Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 12½ 178 Napoleon der Erſte trat in den Saal— der Prinz von Beauharnais trat ihm entgegen, und Ghiraldina, die Tochter der Hochverrätherin Bianca Gräfin Orſini ſtürzte durch die entgegengeſetzte Saalthüre hinaus, um den Palaſt zu fliehen, wo die Liebe den Anker der Hoff⸗ nung für immer verloren hatte.. g Im Lager von Boulogne.— Der Fahneneid. Die Feſtlichkeiten nach der Königskrönung in Mai⸗ land nahmen alle Sinne der heißblütigen Italiener in Anſpruch und das Intermezzo des Attentates gegen den Kaiſer der Franzoſen ſchien bereits vergeſſen zu ſein, aber nur der Troß des Volkes bei ſeinen Weinſchläuchen 6 und Maccaroni⸗Töpfen dachte nicht mehr daran, in den Kreiſen der feineren Geſellſchaft wußte man gar wohl, dß die Fäden der ganzen Verſchwörung durch Fouché's und Salmatori's Hände immer enger gezogen wurden, 6 man wußte daß die Gräfin Bianca Orſini plötzlich ver⸗ ſchwunden war, und zweifelte nicht, daß ihre Leiche be⸗ reits in irgend einem der tiefſten— finſteren unterirdi⸗ ſchen Gewölbe des Caſtell's verſcharrt liege,— man wußte, daß die Verſchwörung weniger durch Fouche 12 180 Agenten, als vielmehr durch die eigene Unvorſichtigkeit eines jener jungen Italiener, welcher das Attentat zu⸗ nächſt vollführen ſollte, verrathen worden war; dieſer hatte nemlich am Morgen der beabſichtigten That bei einem Prieſter, der als ein Feind Bounapartes einge⸗ ſprochen hatte, nach wälſcher Banditenmanier noch ge⸗ beichtet, und— die Abſolution bekommen. Aber der Prieſter hatte bald darauf, in der Hoffnung auſ guten Lohn, die ganze Verſchwörung dem Cermonien⸗ Miniſter Salmatori's verrathen;— man ſprach davon daß die drei überlebenden Verſchwornen mit Marter⸗ Inſtrumenten buchſtäblich in Stücke zerriſſen worden ſeien; man erzählte ſich, daß der erwähnte Prieſter, bei welchem einer der Verſchwornen gebeichtet, und die An⸗ zeige des Complotes eine Stunde lang verzögert hatte, weil er einem Mörder die Abſolution ertheilte, erſchoſſen worden ſei; ¹) ja man wußte, daß Salmatoris ſelbſt in Ungnade kam, und beinahe ſeinen Poſten verlor, weil er dem Kaiſer, ſtatt ihn perſönlich und insgeheim von dem Vorhaben der Verſchwornen in Kenntniß zu ſetzen, mittelſt des erwähnten Billets gewarnt, und ihm hie⸗ durch Veranlaſſung gegeben hatte, Befangenheit und Schwäche in jenem Kreiſe zu verrathen, in welchem der ¹) Geſchichtlich. 181 Kaiſer der Franzoſen nur als Heros erſter Größe glän⸗ zen durfte. Kaiſer Napoleon und ſein Polizei⸗Miniſter ſchie⸗ nen jetzt die ganze Verſchwörung deren verbreitende Fä⸗ den ſie längſt in Händen hatten, mehr verachtungs⸗ als ſtrafwürdig zu finden. „Nur die Muthvollen und einer großen That fähi⸗ gen unter den Verſchwornen dieſes Attentates müſſe man ſtrafen“ hieß es,„die Phantaſten ohne Thatkraft und eigenen Willen müſſe man laufen laſſen; insbeſon⸗ dere dürfe es keinen Krieg des Helden mit den Weibern geben.—“ „Die Zeit ſei ſo groß und fordere jetzt große Tha⸗ teu; mit Ruthenſchlägen kleinlicher Rache gegen Mücken, welche den Löwen ſtechen wollten, könne jetzt der Sieger von Arcole und Marengo ſeine Stunden nicht ausfüllen, die Nation erwarte„Größe“ von ihrem Kaiſer, und ſo⸗ mit ſeien die Acten über den beabſichtigten Dolchſtoß der Verſchwornen im Palaſte zu Mailand abge⸗ ſchloſſen....“ So hatte Kaiſer Napoleon nach ſeiner Rückkehr im geheimen Staatsrathe zu Paris geſprochen, ſo ſprach ſein Polizei⸗Miniſter, ſo ſprach zuletzt das die ganze Verſchwörungsgeſchichte bald wieder vergeſſende Volk, ſo ſprach jetzt auch der junge ſchöne Oberſt Louis, genannt 2 — Graf Lenoir, als er mit Giraldinen allein auf einer Gondel am lago maggiore der Isola bella entgegen⸗ ſchwamm, um die nun in der Welt allein ſtehende Jungſrau in das Beſitzthum ihrer Mutter zurückzuge⸗ leiten.„Die Gräfin Bianca Orſini“ ſagte er,„habe wegen des beabſichtigten Attentates auf den Kaiſer Na⸗ poleon welcher mit Weibern keinen Krieg führe, nichts zu büßen. Die ſchützende Hand des Vicekönigs ſei es ohne Zweifel, die es ihr ermöglichte, gleich nach der Feſtnehmung der übrigen Verſchwörer über die Bar⸗ rieren Mailands, über die Grenzen Italiens nach Tirol zu entfliehen.—“ „Ja ſie fand wie der Oberſt weiter berichtete bei dieſen angelangt, ſogar Päſſe in ihrem Gepäcke, die eine unſichtbare Hand hineingelegt hatte, und welche nach Ungarn lauteten, wo ſie bei ihrem Verwandten dem Grafen Arpad in den Karpathen, Aufnahme zu finden hoffen durfte, und wo ſie Ghiraldina erwarten werde, wenn dieſe an der Hand des Mannes, der ihr lange ſchon wie ein ſchützender Genins gefolgt ſei, Italien raſch verlaſſen, und in der Nähe ihrer Mutter einem neuen glücklichen Leben entgegengehen wolle....“ So redete der junge ſchöne Oberſt zu Ghiraldi⸗ nen; die Liebliche lächelte unter Thränen und ihr nach 183 Süden gewandter Blick ſchien zu ſagen:„ein glückliches Leben iſt für die Tochter der Gräfin Orſini vorüber...“ Der Herr von Lenoir verſtand dieſen Blick— er ſchwieg.— Aber ſchon am dritten Tage nach der Rückkehr auf die Villa der Gräfin, trat er in das Gemach Ghi⸗ raldinens und las— ein guter Rechner— auf dem bleichen Antlitze der jungen Dame die Zerriſſenheit ih⸗ res Gemüthes, den heißen Wunſch ihrer Mutter nach Ungarn zu folgen— und wieder ihre Unentſchloſſenheit das Land zu verlaſſen, in welchem der athmete, dem je⸗ der Pulsſchlag ihres Lebens gehörte—— Eugen Beauharnais, der Vicekönig Italiens.... Die Unglückliche fühlte zu gut, daß ihre Liebe eine hoffnungsloſe ſei, daß die Politik eine unüberſteig⸗ bare Scheidewand zwiſchen ihr und Eugen dem Vicekö⸗ nige aufbaue, daß ſie den ganzen Zorn des Kaiſer Na⸗ poleons gegen ſich wachrufen müſſe, wenn dieſer zur Kenntniß ihres Verhältniſſes zu ſeinem königlichen Stiefſohne gelange.... „Entſagen! Entſagen!!“ hieß für Sie daß einzige Wort, welches fortan in ihrem Herzen wiedertönte; ſie fühlte ſich troſtlos, krank, allein.— Sie zitterte vor dem Augenblicke, in welchem die Thüre ihres Cabinetes auffliegen, und Eugen Beauharnais hereintreten könnte; 184 und zitternde Erwartung dieſes Angenblickes malte ſich auf ihrem Antlitze, denn ihre ſchönen, fortwährend in Thränen ſchwimmenden Augen ſtarrten in jeder Minute nach der Thüre— jetzt— jetzt— jetzt ſchallte der Tritt des Erſehnten vor dieſer Thür, jetzt erſchloß ſich dieſelbe— und—— der Graf Lenoir trat wieder herein.— „Ich komme Gräfin,“ ſagte er,„um Abſchied zu nehmen.“ „Abſchied?“ fragte Ghiraldina und eine leichte Röthe trat auf ihr Antlitz. „Meine Pflicht ruft mich nach Mailand zurück,“ ſagte der Oberſt,„und hier iſt meine Aufgabe vollendet, nachdem ich das Glück genoß, Sie, mein Fräulein, in die Friedensſtätte Ihres Mutterhauſes zurückzuführen, wo Sie ohne Zweifel zu bleiben gedenken, da Sie mei⸗ nen Rath, Ihrer Mutter nach Undarn zu folgen, nicht befolgen wollen.“ Ghiraldine blickte ſchweigend zu Boden, der Oberſt aber fuhr fort. „O! ich weiß,“ ſagte er und ein Zug bitteren Gefühles trat auf ſeine Lippen, ich weiß, daß nur ein Gedanke, ein Bild in Ihrem Herzen lebt, daß nur Eine Hoffnung Sie an dieſes Eiland bindet, die Hoff⸗ nung— ihn wieder zu ſehen— ihn für den alle ihre 185 Pulſe ſchlagen!— aber wahre Liebe, mein Fräulein iſt nicht bloß heiß, ſie iſt auch groß;— opferwillig!—“ Ghiraldine blickte dem ſchönen jungen Mann fra⸗ gend in's Auge. „Ghiraldine!“ rief jetzt der Oberſt,„fühlen Sie nicht, daß Ihre Liebe zu dem Manne Ihrer Wahl vom Schickſale beſtimmt iſt, ſich ſelbſt zum Opfer zu brin⸗ gen? oder täuſchen Sie ſich ſo ſehr, zu glauben, daß Napoleon Buonaparte der Große ſich jemals bewo⸗ gen finden werde, die Tochter der Gräfin Orſini als ſeine Schwiegertochter anzuerkennen!!!——“ Der feine Spott der in dieſen Worten lag, rief eine hohe Röthe auf dem Antlitze Ghiraldinens hervor,— ſie begann in dieſem Augenblicke lebhaft zu fühlen, daß ihre Liebe zu Eugen Beauharnais dem Vice⸗Könige Ita⸗ liens, eine Thorheit, wo nicht ein Wahnſin ſei,—— ſie fühlte trotz des peinlichen Eindruckes, den dieſe Sprache Lenoirs auf ſie machte, daß eben dieſe Sprache die ehrlichen Worte eines ehrlichen Mannes ſeien, der in dieſem Augenblicke dem Arzte mit der Lanzette glich, welcher wit raſchem Griffe in den wunden Leib ein⸗ ſchneidet um zu heilen—— die Wirkung dieſer offe⸗ nen Sprache des Oberſten auf Ghiraldinen, war daher keine ungünſtige—— ihre großen dunklen Augen ruh⸗ ten in dieſem Momente zum Erſtenmale recht lange auf 186 den edlen Zügen des ſchönen Mannes, ſie fühlte, daß dieſer Mann auf ihr Gemüth eine Macht üben könne, wie Männer ſie auf jene Frauen üben, denen dieſe un⸗ willkürlich Achtung zollen müßen. Ghiraldine fühlte, daß ſie in dieſem Augenblicke nichts zu entgegnen habe; hinter dem Schilde ihrer namen⸗ loſen Liebe zu dem Prinzen Eugen konnte ſie ſich gegen die ehrliche Mannesſprache Lenoirs nicht vertheidigen.. Sie bat, das Geſpräch abbrechend, den jungen Oberſten nur um die Verzögerung ſeiner Abreiſe und ſetzte leiſe und mit zitternder Stimme hinzu:„daß ſeine Rathſchläge für ſie die Worte eines Freundes ſeien, der, wie ſie ſehe, es mit ihr aufrichtig meine.“ Der Oberſt blieb. Er blieb auf Iſola bella— wohin die Hand eines vertrauten Gondoliers nun ſchon dreimal Grüße der Liebe in Briefen trug, welche Eugen Beauharnais, der Vice⸗König Italiens ſeiner Ghiraldine ſandte und in denen er ihr ſein baldiges Erſcheinen ankündigte.—— So hoffte, harrte und kämpfte die Liebe Ghiraldinen's in ihrer Einſamkeit, außer zwei Dienern der Villa, hat⸗ ten ſich alle Bewohner derſelben nach der bekannt ge⸗ wordenen Verhaftung der Gräfin Bianca Orſini zer⸗ ſtreut, und auch Oberſt Lenoir hatte ſich verabſchiedet und war nach Mailand zurückgekehrt. 187 Einſam, eine Verlaſſene, Gemiedene, ſtand nun Ghiraldina in ihrer Villa, deren Beſitzthum nach ge⸗ nauer Durchſuchung der franzöſiſchen Polizei nicht wei⸗ ter berührt wurde. Niemand ſchien ſich um die ſchöne Tochter der Hochverrätherin Bianca Gräfin Orfini zu kümmern.—— Niemand ahnte aber auch, daß dieſe gänzliche Nichtbeachtung des Orſini'ſchen Beſitzthumes auf Iſola bella eine Anordnung des Prinzen Eugen war, der, nachdem Kaiſer Napoleon Italien wieder verlaſſen hatte, mit der Würde des Vicekönigs bekleidet, auf Iſola bella den Sitz ſeiner Liebe aufſchlagen wollte, und in allem Ernſte damit umging, Ghiraldinen ſeine Hand vor dem Altare zu reichen!—— Die erſte Liebe iſt ſtärker als jede Macht auf Er⸗ den, ſie meint, gleich einem Atlas die Welt auf ihren Schultern tragen zu können. Eugen von Beauharnis, der ritterliche, der edle, hochſinnige, von allen Partheien gleich geachtete Sohn der ſchönen Kaiſerin Joſefine barg in ſeinem großen Herzen den Plan, lieber die Würde des Erzſtaatskanz⸗ lers von Frankreich, des Vicekönigs von Italien und das Großkreuz der eiſernen Krone ſeinem Stiefvater zu Füßen zu legen, als der Liebe zu Ghiraldinen zu entſa⸗ gen. Sobald ſeine dringendſten Geſchäfte nach der Ab⸗ — ic 1 —— 188 reiſe des Kaiſers Napoleon von Mailand geordnet ſein würden, wollte er nach Iſola bella abgehen, und ſeiner Ghiraldina ſagen, daß er ihr, ihr gehöre für Zeit und Ewigkeit, und nur an ihrer Hand den königlichen Palaſt in Mailand wieder ſehen wolle.—— Inzwiſchen betrachtete ſein vertrauteſter Gondoliere den Umkreis der Inſel, die ſeine Liebe barg, auf daß der Jungfrau, die er einer königlichen Krone würdig hielt, in den Wirren jener bewegten Tage, kein Haar gekrümmt werde. Ghiraldinens Herz dagegen, nicht minder groß und ſtark, kämpfte den ſchwerſten Kampf der Liebe mit dem Verſtande. Während auf Iſola bella die Liebe ihre Seufzer zum Himmel hauchte, hatten ſich mittlerweile am poli⸗ tiſchen Himmel große Dinge vorbereitet. Das große Buch des neuen Jahrhundertes lag nun aufgeſchlagen, die vier erſten Blätter desſelben waren bereits mit goldenen Lettern— für Frankreich— mit dunklen für den übrigen Continent beſchrieben. Die Hand, welche dieſe Hyroglyphen der Zeit in das Rieſenbuch des Jahrhundertes einzeichnete, war die des kleinen Corſen, ſein eiſerner Griffel der Degen von Marengo.—— 189 Und alſo gährte im Gehirne des„kleinen Corſen“ Napoleon Buonaparte, welcher damals die Geſchicke Europa's in ſeinen Händen hielt, mit dem Beginne des neunzehnten Jahrhunderts„der eiſernen Waffe“ auch ein Rieſenplan, der nichts Geringeres bezweckte, als die gänzliche Vernichtung der brittiſchen Seemacht, die De⸗ müthigung und Unterjochung Brittaniens und die Em⸗ porhebung Frankreich's zur weltgebiethenden Macht Europa's. Um dieſen Plan zu verwirklichen, ſollte eine zweite meergebietende Armada in's Leben treten, und eine In⸗ vaſionsarmee nach Brittanien überſetzen, England in ſeinem Herzen angreifen und der furchtbare Rieſenkampf auf engliſchem Boden an den Ufern der Themſe ausge⸗ fochten werden. Der Canal la Manche war daher in richtiger Vor⸗ ausſetzung von der brittiſchen Admiralität bereits mit ei⸗ nem Wall von Geſchwadern beſetzt worden, und dieſe mußten zerſprengt werden, wenn Napoleon ſeine Anker in der Themſe werfen wollte. Seine Geſchwader waren in Toulon, Ferrol, Ro⸗ chefort und Breſt vertheilt und konnten vor den engli⸗ ſchen Beobachtungskreuzern nicht auslaufen. Sollte da⸗ her die von Napoleon projectirte Ueberfahrt nach Eng⸗ land mit fünfundvierzig Schiffer erzwungen werden, ſo 190 mußten jene blockirten Geſchwader auslaufen, um ſich im Kanal vereinigen zu können. Admiral Latouche Treville wäre der Mann gewe⸗ ſen, welcher bei ſeinem unerſchütterlichen Muthe und ſeiner ſeemänniſchen Taktik den großen Plan des Kaiſers der Franzoſen zur Ausführung gebracht hätte, allein ſein plötzliches Ableben, und der ſich allmälig kundgebende Eintritt der Aequinoktialſtürme nöthigten zum Auf⸗ ſchub. Der allgewaltige Machthaber Frankreichs aber hatte kaum den unerſetzlichen Verluſt Treville's erfah⸗ ren, als er in ſeinem nie ruhenden Gehirne, bereits ei⸗ nen andern nicht minder großartigen Plan ausdachte. Eine einzige Nacht war beſtimmt, in welcher die drei Admirale, Villeneuve, Miſſieſſy und Gantheaume gleichzeitig ihre Stationen zu Toulon, Rochefort und Breſt verlaſſen ſollten. Die engliſche Flotte, ſo rechnete Napoleon würde ihnen augenblicklich folgen, ſie ſollten ſelbe immer weiter in die hohe See hinauslocken, ſie trennen, in alle vier Winde verjagen, dann alle drei mit vollen Segeln nach Europa zurückſteuern, bei Ferrol den daſelbſt blockirten Admiral Gourdon frei machen, gegen Boulogne ſegeln, und, ein einziger Rieſenphalanx, die Landung in Brittanien erſtürmen!— er ſelbſt wollte mit einer Arme von faſt anderthalbhunderttauſend Mann 191 in der Grafſchaft Kent, und ein anderes Armee⸗Corps von 40— 50,000 Mann ſollte in Irland einbrechen. Schon der Lenz des Jahres 1806 war zur Aus⸗ führung dieſes Rieſenplanes beſtimmt, der noch im Jahre 1804 zwiſchen Spanien und England ausgebrochene Krieg, warf Spanien bekanntlich in die Arme Frank⸗ reichs und brachte dieſem eine Vermehrung ſeiner Streitmacht von 30 Linienſchiffen und 5000 Mann Landungstruppen, ſo daß die franzöſiſche Marine ſchon im Jänner 1805 achtzig hochbordige Schiffe aufſtellen konnte. Alſo ſtand der Kaiſer der Franzoſen gegen Britta⸗ nien gerüſtet, im zweiten Jahre ſeines Kaiferreiches. Admiral Miſſieſſy war der erſte, welchem es ge⸗ lang, ſchon am 11. Jänner 1805 die Aufmerkſamkeit der engliſchen Kreuzer bei Rochefort zu täuſchen und nach den Antillen abzuſegeln. Gantheaume hatte nicht den Muth, in ſeinem von dem engliſchen Admirale Cornwallis blockirten Hafen zu Breſt, durchzubrechen, der Liebling Napoleons, Admiral Villeneuve, erſetzte ihn daher im Commando der ge⸗ ſammten Expedition. Villeneuve, den ein glücklicher, die Schiffe Nelſons in die ſizilianiſchen Gewäſſer treibender Weſtwind von deſſen Blokade in Toulon befreit hatte, wollte am 15. Jänner 1805 die hohe See gewinnen, ein Sturm nöthigte ihn aber zur Rückkehr nach Toulon. Nelſon hatte ſein Auslaufen, nicht aber ſeine Rückkehr erfahren, er glaubte ihn in den italieniſchen Gewäſſern aufſuchen zu müſſen, und hielt dafür, daß Villeneuve's Cours über Tarent, wo Neapel ſcheinbar große Seerüſtungen vornehmen ließ,— nach Egypten gerichtet ſei, um England im Sande der Pyramiden zu bekriegen.— Villeneuve's neuerli⸗ chem Auslaufen aus Toulon ſtand daher nichts im Wege. Er ſegelte nach Cadix, wo ſich der ſpaniſche Admiral Gravina mit ſechs Schiffen an ihn ſchloß und das ganze Geſchwader von achzehn Linienſchiffen am 10. April nach den Antillen aufbrach; dort ſollte ſich Villeneuve mit Miſſieſſy vereinigen. Die Fregatte„Topaze“ und der Contre Admiral Mazon brachten nun dem Admiral Villeneuve die Final⸗ Inſtructionen Napoleons. „Sie haben,“ ſchrieb ihm der Kaiſer,„unverzüg⸗ lich nach Europa zu ſegeln, ſich nach Ferrol zu wenven, dort fünf Schiffe des ſpaniſchen Admirals Grandellana an ſich zu ziehen, dann unaufhaltſam nach Rochefort zu ſteuern, daſelbſt abermals fünf Schiffe des Contre⸗Ad⸗ mirals Lallemand, den ich an die Stelle des muthloſen, zögernden Miſſieſſy geſetzt habe, mitzunehmen, und nach Porient zu ſegeln, wo ſie ein ganz neues erſt vom Stapel gelaufenes Schiff finden, hierauf nach Breſt zu ſchiffen, wo Admiral Gantheaume an der Spitze einer ſchlagfer⸗ tigen Flotte Ihrer harren wird. Sie werden dann im Beſitze einer Macht von vierzig und Gantheaume wird im Beſitze von dreiundzwanzig ſchlagfertigen Schiffen ſein. Sie werden das wenigſtens um die Hälfte ſchwä⸗ chere Geſchwader des Lord Cornwallis vernichten, Ihre beiderſeitige Vereinigung bewirken, wie Blitze im Canal erſcheinen und durch das Erſcheinen Ihrer Flaggen das Signal zur allgemeinen Einſchiffung meiner Streitkräfte nach England geben.... „Ich werde Sie in Boulogne erwarten. Drei Tage nur brauchen wir, Herren der Meerenge zu ſein, um unſere Armeen nach Britannien zu überſetzen, und England hat aufgehört eine Seemacht zu ſein.“ So ſchrieb der Kaiſer der Franzoſen an ſeinen Ad⸗ miral. Aber der kritiſche Meeradler Nelſon hatte ſchon ſeinen Blick von Europa auf Amerika geworfen; er zö⸗ gerte keinen Augenblick die Franzoſen aufzuſuchen; in zweimal ſiebenzig Tagen durchſchiffte er den atlautiſchen Oeean, ſuchte ſeinen Gegner in Trinidad, in den Ge⸗ wäſſern von Granada und Antigua, ſandte dann, den großen Plan Napoleon's ahnend, ſogleich zwei Avis⸗ ſchiffe nach Europa, welche der Admiralität in London Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 3 194 die bereits eingetretene Rückkehr Villeneuve's nach Europa meldeten, begab ſich dann wieder nach Cadir, kam am 19. Juli vor Giberaltar an, und ſuchte, als er auch hier kein franzöſiſches Schiff antraf, die Flotten des Kaiſers an der iriſchen Küſte und in Porthsmouth. Hätte Nelſon jene zwei Avisſchiffe nicht nach Lon⸗ don vorausgeſandt, welche acht Tage vor ihm daſelbſt eintrafen, ſo wäre die engliſche Admiralität keineswegs vorbereitet geweſen, dem Angriffsplane Napoleon's recht⸗ zeitige und geeignete Maßregeln entgegen zu ſtellen, und das Ende der Binge wäre ein ganz anderes, für Eng⸗ land höchſttrauriges, geworden. Die Klugheit und Schnel⸗ ligkeit Nelſon's rettete Brittannien, welches ſonſt dem Schickſal Cartago's kaum entgangen wäre— Napoleon befand ſich damals in Mailand. ſchien ſich mit der Or⸗ ganiſirung Ober⸗Italiens zu beſchäftigen, und ſeine Auf⸗ merkſamkeit von England ganz abgewendet zu haben. Aber der große Schachſpieler Europa's wußte gar wohl, daß man den Thurm am Eckfelde ziehen müſſe, wenn man die Taktik des Springers am andern Ende des Schachbretes verſtecken wolle. Er ſetzte ſeine Abreiſe von Mailand genau auf den Zeitpunct feſt, wo Admiral Villeneuve ſeiner Berechnung zu Folge im Golf von Biskaya eingelaufen ſein mußte, dann wollte er Mailand in aller Stille verlaſſen, und gleich einem belebenden 195 Hauche, als die Seele des ungeheuren Armeekörpers in dem ſich bereits füllenden Lager von Boulogne auftau⸗ en.— Die engliſche Admiralität hatte aber über die Nachricht Nelſon's, daß Villeneuve im Golf von Biskaya einlaufen werde, ihre Maßregeln genommen. Admiral Calder wurde beauftragt, beide Geſchwader, welche die Häfen von Rochefort und Ferrol blokirten, zu vereinigen, der geſammten franzöſiſchen Flotte entgegen zu ſegeln, und ſie zu einer Schlacht zu zwingen. Villeneuve war ſeiner Ordre gemäß nach Ferrol geſegelt. Wie ein weites Leichentuch lag düſterer Nebel auf der Meeresfläche vor dem Hafen. Die Steuermänner des franzöſiſchen Geſchwaders merkten nicht früher die Nähe der engliſchen Flotte, bis Kanonenblitze der hinter den Hafenfelſen hervortauchenden und zu ſpielen beginnenden engliſchen Schiffsbatterien die Seeſchlacht eröffneten; nun begann ein mörderiſcher Kampf; ſchon waren zwei ſpaniſche Schiffe entmaſtet, als die Nacht hereinbrach und die Britten ihr Feuer ein⸗ ſtellten; der nächſte Morgen ſollte nach Villeneuve's und Gravina's Berechnungen den Kampf erneuern aber— die ſpäter von der engliſchen Admiralität wider Calder eingeleitete Unterſuchung hat das„Warum?“ nicht auf⸗ geklärt.— Admiral Calder verließ noch it an⸗ 1 196 brechenden Morgen den Schlachtrayon, ſteuerte nord⸗ wärts und ließ Villeneuve und Gravina ruhig die Hä⸗ fen von Rochefort und Ferrol beſetzen; in Letzterem machte Billeneuve Halt, zog am 3. Auguſt Gourdons und Gran⸗ dalla's Schiffe an ſich, und gebot nun über eine See⸗ macht von einunddreißig Linienſchiffen. Am ſelben Tage traf ein Courier des Kaiſer in Vil⸗ leneuve's Cajüte ein und brachte ihm noch ein geheimes Schreiben desſelben: „Ihre Streitkräfte,“ lautete der Brief Napoleons, „werden weit bedeutender ſein, als die, welche der Feind Ihnen entgegenſtellen kann, und Sie werden ſich nach Boulogne begeben, wo Wir uns ſelbſt befinden werden. Ich habe nichts dagegen, wenn ſie vom offenen Meere aus in den Canal ſegeln, um den abermaligen Zuſam⸗ menſtoß mit der Flotte Cornwallis zu vermeiden; gelingt Ihnen Letzteres, ſo bedarf es nicht weiter der Mitwirkung der Flotte von Breſt, und es iſt beſſer, wir laſſen dieſe noch länger von engliſchen Schiffen blockiren, welche da⸗ durch abgehalten werden, uns in dem Canal bei der Lan⸗ dung Abbruch zu thun.“ Admiral Villeneuve, wenn er die Gedankenhöhe Napoleon's zu faſſen vermocht, hatte alſo nichts Eiligeres zu thun, als über Breſt in den Canal zu ſegeln, und ſo ſchnell als möglich im Hafen von Boulogne anzulangen. 197 .. Und die Tage eines Philipp des Zweiten von Spanien ſollten ſich wiederholen.— Kaum wird die Geſchichte ſeit Lerxes Zeiten einen Moment aufwei⸗ ſen, wo eine beſſer disziplinirte, ſieggewohnte und darum muthbelebte, in harmoniſcher Ordnung gegliederte Armee zur Eroberung eines feindlichen Landes alſo bereit ſtand.— Der Operationsplan Napoleon's gegen England hatte auch in den Niederlanden einen Stützpunct; dort ſtand am Texel Marmont mit ſeinen Truppen, und dieſe einſchließlich, dann mit Hinzurechnungder Touloner Flotte, gebot der Kaiſer über ein Landungsheer von 167,000 Mann. Drei Namen: Davouſt, Ney und Soult, ſtrahlten als Sterne erſter Größe in dieſem großen Armeekörper; dem Erſten war das Commando des rechten, dem Zwei⸗ ten das des linken Flügels, dem Letzten das des Cen⸗ trum's der Armee übertragen. Brittanien dagegen hatte in ſeinen drei Königreichen im Ganzen kaum 92,000 Mann reguläre Truppen, wovon überdies der dritte Theil zur Beſetzung Irlands verwendet werden mußte und eine Anzahl von faſt dritthalbhunderttauſend Freiwilligen, die ſich zur Vertheidignung des Vaterlandes gefunden hatten, hemmten durch ihre Ungewohntheit im Waffenhandwerke eher die Operationen der regulären engliſchen Armee. — — — 198 Ein Rayon von kaum vier Stunden Weite umſchloß in den letzten Tagen alle dieſe vereinten Armeekorps. 1200 Transportsfahrzenge aller Art mit 3000 Feuer⸗ ſchlünden ſtanden bereit und die Armee wartete nur auf das Eintreffen Villeneuve's mit ſeiner Flotte, um die erſte Flut zu benützen und nach England überzu⸗ ſetzen. Kaiſer Napoleon baute ſo feſt auf die ſichere An⸗ kunft Villeneuve's, daß er noch am 9. Juni an ſeinen Marine⸗Miniſter ſchrieb:„Ich weiß wirklich nicht, welche Art von Vorſichtsmaßregeln England ergreifen kann, um ſich vor der ſchrecklichen Möglichkeit zu ſichern, der es ſich ausſetzte. Eine Nation iſt ſehr thöricht, wenn ſie keine Feſtungen und keine Landarmee hat, um im Stande zu ſein eine Armee von 100,000 Mann auserwählter und kriegsgewohnter Truppen ankommen zu ſehen. Das iſt das Meiſterſtück der Flottille; ſie koſtet Geld, aber wir brauchen nur ſechs Stunden Herren des Meeres zu ſein, und England hat aufgehört zu exiſtiren.“ In ähnlicher Weiſe hatte er, wie bereits erwähnt, an Villeneuve geſchrieben. Er erwartete alſo zuverſichtlich das Eintreffen Vil⸗ leneuve's in den nächſten Tagen. Der 21. Auguſt war herangezogen. Im Geſichts⸗ 199 kreiſe des großen Boulognerlagers war noch immer kein Segel Villeneuve's wahrgenommen worden.. Ein dumpfes Gerücht von Verrätherei durchzitterte das Lager. Die Officiere ſchüttelten die Häupter, die kampfluſtige Mannſchaft lag bei Karte und Brandwein⸗ flaſche unthätig in den Zelten, und ließ die Ebbe und Fluth in der Meerenge mit ſtillem Ingrimm auf⸗ und niederſteigen. Die Abendſonne war abermals in's Meer geſun⸗ ken. Kaiſer Napoleon ſtand in ſeinem prachtvollen Ka⸗ binete, im Hauſe des Maire's von Boulogne. Die gol⸗ denen Wonduhren mit den Büſten Cäſar's und Alexan⸗ der's auf ihrem Simſe, zeigten die eilfte Nachtſtunde, im Lager brannten die Wochtfeuer und im Kabinete des Kaiſers ein großer Kandelaber, neben welchem Herr Daru, General⸗Intendant der Armee in Boulogne, ein vertrauter Freund des Marine⸗Miniſters Decrés, ſtand, und dem Kaiſer, der umuhig auf⸗ und niederging und zeitweiſe einen Blick durch das hohe Fenſter auf die See hinauswarf, als wollte er damit die Schiffe Villeneuve's herbeizaubern,— eine wichtige Depeſche überreichte, welche eine Marine⸗Officier von Breſt gebracht und zur augenblicklichen Eröffnung als ſehr dringend anempfoh⸗ len hatte. „Mein Gott,“ ſagte Napoleon, indem er die De⸗ 200 peſche aus Daru's Händen empfing,„was kann es jetzt noch Wichtigeres geben, als die Ankunft dieſes ſäumigen Admirals in Boulogne. Wahrlich, wenn ihn nicht die Haye des atlantiſchen Ocean's mit Mann und Maus verſchlungen haben, ſo gibt es keinen andern Entſchul⸗ digungsgrund ſeines Ausbleibens, das meine ganze Ope⸗ ration ſcheitern machen wird, weil es den Britten Zeit gewährt, mit jeder Stunde ihre Streitkräfte zu vermeh⸗ ren; ich ließ es doch dem Fabius cunctator durch meinen Marine⸗Miniſter einſchärfen, daß dieſer ihn warne, wenn er ſich etwa in irgend einem ſpaniſchen Hafen aufhalten oder wohl gar blockiren laſſen wollte; aber das kann ja nicht ſein, die Matroſen ſind brav, die Capitäne vom beſten Geiſte beſeelt, und man darf ſie nicht durch Unthätigkeit und Muthloſigkeit ſelbſt in's Unglück bringen. ¹à)“ Während dieſen Worten hatte der Kaiſer die Depeſche, welche von Admiral Gantheaume aus Breſt eingetroffen war, geöffnet. Der Kaiſer las— las wieder, ward todtenbleich, und warf endlich das Papier mit ſolchem Ungeſtüm zu Boden, daß Daru erſchrocken zwei Schritte gegen die Treppenwand zurückprallte, von welcher wie höhnend ein eingewirkter Satyr aus dem Waldgebüſche herabgrinſte. ¹) Schreiben Napoleons an ſeinen Marine⸗Miniſter vom 13, Auguſt 1806. 201 Buonaparte ging jetzt mit weiten Schritten im Ge⸗ mache auf und nieder. In kurzen Ausrufungen machte ſich ſein fürchter⸗ licher Zorn Luft.„Welche Marine!“ rief er,„welcher Admiral! Welche verlorene Opfer!...“ „Villeneuve ſitzt eilf Tage in Ferrol ſtatt in den Canal zu fahren,) fährt dann nach Breſt, und wird im Zeitpuncte, wo er alle Segel aufhiſſen ſollte, um Boulogne zu erreichen, durch einen Sturm, und das vereinigte Geſchwader Calder's und Collingsmood's nach Cadix verſchlagen, wo er jetzt von dieſen mit ſeinen drei⸗ unddreißig Schiffen blockirt iſt.— Es iſt um ihn ge⸗ ſchehen!... Daru, ſetzen Sie ſich daher!... hören Sie und ſchreiben Sie!...“ .. Und nun in dem Augenblicke, wo der Mann des Jahrhunderts durch die Unachtſamkeit ſeines Ad⸗ mirals den Plan der Eroberung Englands, dieſe längſt ausgehegte Rieſen⸗Idee ſeines großen Geiſtes, aufzuge⸗ ben genöthigt war, wo er die ungeheuren Rüſtungsko⸗ ſten ſeines Heeres in dem Hafen von Cadix, in welchem Villeneuve blockirt ſaß, wie einen durch Unvorſichtigkeit verſchwindenden Schatz verſinken und Geld und Flotten ¹) Siehe Armand Lebfevre. Geſchichte der Cabinette Europa's. 202 Frankreichs für lange, lange Zeit verloren ſah; in die⸗ ſem Augenblicke, wo ein gewöhnlicher Menſch ſich der raſendſten Verzweiflung preis gegeben hätte, dictirte der Alexander des Jahrhunderts dem General⸗Intendanten Daru den in ſeinem Haupte, für den Fall des Mißlin⸗ gens der franzöſiſchen Invaſions⸗Expedition in Eng⸗ kand, längſt ausgebrüteten Plan— des ganzen Feldzuges von Auſterlitz.... Daß, und wann alle einzelnen Armee⸗Diviſionen von Holland und Hannover an bis an die pyrenäiſche Scheidewand Frankreich's in Weſten und an das Tou⸗ loner Meergeſtade im Süden aufbrechen, wie ſie ſich zum Marſche ordnen, wo ihre Colonnen ſich begegnen ſollten, wo angegriffen, wo ein Angriff erwartet, wo geſiegt, wo zum Rückzuge geblaſen werden mußte— war von ihm voraus bedacht, voraus beſtimmt, und ſein neuer rieſenhafter Feldzugsplan wurde ſpäter in der That ſo gut befolgt, daß, bei einer Aufbruchslinie von hundert Meilen, Operationslinien, in einer Länge von dreihun⸗ dert Stunden, nach der von ihm dictirten Marſchord⸗ nung nachher Tag für Tag, Stunde für Stunde bis zum Einmarſche der franzöſiſchen Armee in München be⸗ folgt wurde. Fünf volle Stunden hatte Daru an dem ihm vom Napoleon dictirten Feldzugsplane geſchrieben. Dann ent⸗ 203 ließ ihn der Kaiſer.„Reiſen Sie ſogleich nach Paris,“ ſagte er ihm,„und melden Sie: Sie reiſeten nach Oſtende; kommen Sie in der Nacht an, arbeiten Sie mit dem Miniſter Dejean, und bereiten Sie alle Ausfüh⸗ rungsbefehle iu Bezug auf die Märſche, die Fourage u. ſ. w. ſo vor, daß Alles zum Unterzeichnen fertig iſt. Machen Sie Alles ſelbſt, denn ich will nicht, daß irgend ein Subalterner die Hand daran lege! Adieu, General⸗ Intendant.“— Eine Handbewegung des Kaiſers entließ Daru. Dann ſetzte ſich der Kaiſer an ſein Schreibpult, und ſchrieb ein Handbillet an den Marine⸗Miniſter Decrés, worin er demſelben auftrug, den Admiral Villeneuve ſo⸗ bald er der Blokade in Cadix entkommen ſei, ſeines Dien⸗ ſtes zu entlaſſen, und ihn durch den kürzlich beförderten Admiral Roſily zu erſetzen.— Jetzt warf ſich der Dictator Europa's ſchier er⸗ ſchöpft auf den Divan des Kabinets; die prachtvollſte Sommernacht hatte ihren ſtrahlenden Mantel ausge⸗ breitet. Der Imperator ſchien in ihren Sternen ſein künftiges Schickſal leſen zu wollen. Lange ſchweifte ſein Blick in den Fernen des ſtern⸗ vollen Himmels, auf welchem die volle Mondſcheibe wie eine zitternde Rieſenperle emporſchwebte;— jetzt ſchien der große Träumer aus ſeinem Traume wieder zu erwa⸗ 204 chen; er ſchien ſich plötzlich zu erinnern, daß er in der Spanne Zeit, die ihm vor der Ausführung ſeines Rie⸗ ſenplanes noch gegönnt war, noch manches ernſte Ge⸗ ſchäft abmachen ſolle. Er faßte raſch eine ſilberne Glocke auf dem Marmortiſche vor ſeinem Lager und klingelte; der wachthabende Garde⸗Adjutant Savari trat hererein, „Die drei Deputationen!“ herrſchte Napoleon dem Ad⸗ jutanten zu; dieſer des kurzen Commandowortes gewohnt, verbeugte ſich und ging. Im nächſten Augenblicke wehten die Flügel der Saalthür auseinander und hereintrat ein bleicher hoch⸗ gewachſener Mann mit dunkeln Haaren und flammen⸗ dem Auge; es war General Cafarelli, einer der erſten Adjutanten des Kaiſers, neben ihm zwei ſtattliche Män⸗ ner im reichen Koſtüme der italieniſchen Nobili— es waren Abgeſandte des Mailänder Adels. Sie verbeug⸗ ten ſich und brachten dem franzöſiſchen Machthaber die Huldigung Ober⸗Italiens dar, welches in ihm ſeinen „lorbeerbekränzten Gebieter“ anerkannte. Buonoparte ging den Abgeſandten Mailands einige Schritte entgegen. „Ich danke Ihnen, meine Herren, für dieſe Mani⸗ feſtation der Geſinnungen Ihrer Nation,“ ſagte er;„ich wünſche, daß die ſolidariſche Gemeinſchaft zweier ſtamm⸗ verwandter Nationen, der Franzoſen und Italiener, fort⸗ 205 beſtehe, nur ſo kann ſich die Letztere aus der Umarmung der Fremden herausringen, ich habe Ihnen als ſicherſte Garantie dieſes Bandes zwiſchen Paris und Mailand, einen Herrſcher gegeben aus meinem Stamme, Meinen Stiefſohn Beauharnais, der nun als Vicekönig in Mai⸗ land reſidirt.“ Eine leiſe Bewegung markirte ſich auf den brau⸗ nen Geſichtern der Italiener, ſie wollten in wohlgeſetz⸗ ter Rede ihren Dank ausſprechen, aber der kleine Corſe ſtand ſchon wieder in der andern Ecke des Saales, vor drei ſch lanken Geſtalten mit bleichen trotzigen Geſich⸗ tern in grünen, mit lichtem Pelzwerk verbrämten, Uni⸗ formen, Polen waren es, abgeſandt vom Strande der Weichſel von den Gräbern ihrer Vaterlandskämpfer. Sie ſtanden ſchweigend. Auch der Dictator Frankreichs ſtand ſchweigend. Man hätte erwarten ſollen, daß der„neue Hei⸗ land“ der hoffenden und harrenden Nationen, ganz be⸗ ſonders dem„Wehrufe der getheilten Nation“ Polo⸗ niens ſein Ohr entgegenhalten würde. Statt deſſen nahm aber Napoleon gegenüber die⸗ ſer Geſandſchaft, deren Zweck er bereits kannte, eine ſtrenge Miene an: „Bevor Sie reden,“ ſagte er in kurzem, barſchem Tone,„hören Sie. Ihre Nation muß abwarten, ehe ſie 206 handelt, ich werde den Thron Sobiesky's aufrichten, ſo⸗ bald es an der Zeit ſein wird— zuerſt müſſen meine Kanonen auf den Heerſtraßen der Mark Brandenburg rollen und meine Pferde die Pußten Ungarns ſtampfen.“ Jetzt ſchwieg der Dictator.— Dann nickte er mit dem Kopfe und die polniſche Deputation war entlaſſen.— Jetzt wehten die Flügel der Saalthüre wieder von einander und im Zwielichte der hereinbrechenden Nacht⸗ ſtunde bewegte ſich faſt geſpenſtiſch ein hagerer Mann von mittlerer Größe in den Saal, ſeine dunklen Augen in dem ſpitzigen Geſichte flogen bei ſeinem Eintritte ſchnell nach allen Seiten, als wollten ſie im Augenblicke das Be⸗ reich prüfen, in welchem ſich ſein Fuß eben niederſenkte. Der Mann verbeugte ſich; er ſchien etwas er⸗ ſchöpft, er mochte eben von einer Reiſe angelangt ſein, denn ſein feiner Anzug ſchien etwas ungeordnet zu ſein, ſeine Taſche trug freilich eine ſchwere Laſt, das Porte⸗ feuille des franzöſiſchen Polizeiminiſteriums.— „Ah, Monſieur Fouché,“ rief der Kaiſer, ihm ei⸗ nige Schritte entgegentretend; Sie haben meinem Rufe raſch entſprochen; was bringen Sie von Paris?“ „Sire,“ antwortete der Miniſter;„tiefe Ruhe und laute Begeiſterung wie auf dem ſtillen Weltmeere, wenn die ſiegende Sonne die Sturmwolken in alle vier Him⸗ 207 melsgegenden zerſtäubt hat und die Schiffsbemannung ihres Lebens ſich wieder freuen darf.“ Das Compliment ſchien dem Dictator zu ſchmei⸗ eln. „Ich habe Sie rufen laſſen, mein Herr,“ fuhr Buonaparte fort,„um Sie unter vier Augen zu fragen, ob Sie Ihre Fühlhörner auch in letzter Zeit über den Rhein geſtreckt haben, ob Ihre Fäden auch über die Donau hinausreichen, um im Falle des Vordringens un⸗ ſerer Bajonette in das innere Deutſchland auf ſichere und nahe Anknüpfungspunkte in den Eichenwäldern Germaniens und,“ ſetzte er zögernd hinzu,—„und allenfalls auch in Pannonien rechnen zu können?“ „Sire,“ entgegnete der Miniſter lächelnd;„Ihre Polizei wäre ſchlecht beſtellt, wenn deren Fäden nicht ſchon vom Tajo und Guadalquivier bis zum Balkan, vom Belt bis nach Meſſina reichen würden— Vor Ih⸗ rer Saalthüre ſteht ein Sendling von den Ufern des Neuſiedler⸗See's———“ „Nur Einer?, fragte Napoleon. „Vor der Hand nur Einer,“ entgegnete der Mi⸗ niſter;„ein einzelner Partheigänger, Sire, die Nation der Ungarn wird in ihrem Kerne nie mit uns ſympati⸗ ſiren; jeder Einfluß, den Frankreich ſeit Jahrhunderten auf das Magyarenland nahm, ſcheiterte an der Wach⸗ 208 ſamkeit der Regierung dieſes Landes, an der Treue ſei⸗ nes Volkes für die angeſtammte Dynaſtie, und das kläg⸗ liche Ende der kaum vor einem Jahrzehend in ihrem erſten Auftauchen niedergeſchmetterten Jakobiner⸗Ver⸗ ſchwörung in dieſem Lande mag Ihnen eine Probe liefern.“ „Eine Jakobiner-Verſchwörung in Ungarn, in dem Lande des moriamur pro rege?“ fragte der Kaiſer lächelnd—„Unglaublich!!“. „So iſt es,“ entgegnete Fouché;„die Nachfor⸗ ſchungen, welche mir die Unterdrückung des Jakobinismus in Frankreich zur Pflicht machte, machten mich zugleich bekannt mit den Fäden und Netzen, welche derſelbe auch in andern Ländern insbeſondere anch in Ungarn an⸗ knüpfte und ſo gelangte ich zur Kenntniß von dem eben⸗ ſo intereſſanten als tragiſchen Ausgange des ungari⸗ ſchen Geſammtbundes, der ſogenannten„Reſurrection“ oder des ungariſchen Jakobinismus, welcher mit der Freimaurerloge„zur goldenen Weltkugel“ in der Wie⸗ ner Joſefſtadt im thätigſten Verkehre ſtand, und zu deſ⸗ ſen unentdeckt gebliebenen Anhängern ſich auch der Mann zählt, den ich aus Paris mitgebracht habe, und der eben vor Ihrer Thüre ſteht um Ihnen vorzuſchlagen: an jenen Punkten anzuknüpfen, wo der Jakobinismus im Jahre 1792 endete.“ 209 „Laſſen Sie den Ungar eintreten!“ befahl Buo⸗ naparte. Ein langer, hagerer Mann mit einem todtbleichen Geſichte und dunklem Vollbarte, einen ſchwarzen Rock mit einfach geſchlungenen Bruſtſchnüren am Leibe tra⸗ gend,— ſtand jetzt vor dem Kaiſer der Franzoſen. „Sie ſind ein Ungar?“ fragte dieſer kurz. „Ja Sire,“ entgegnete, ſich verbeugend der An⸗ kömmling. „Ihr Name?“ „Bacſäny.“ „Was führte Sie nach Paris?“ fuhr der Kaiſer fort. „Der Wunſch, den Helden des Jahrhundertes zu begrüßen,“ entgegnete der Ungar,„und Euer Majeſtät zu fragen, ob und was eine edle Nation von einer großen Nation erwarten dürfe.“ Der Kaiſer warf jetzt einen ſcharfen Blick auf den Sprecher— es lag in dieſem Blicke jenes Mißtrauen, welches die im ganzen Weſen dieſes Sendlings der „Reſurrection“ ſich ausprägende unſichere Haltung ein⸗ flößen mußte. Jetzt nahm der Dictator wieder das Wort. „Von Ihrer Nation,“ ſagte er mit klangvoller Stimme,„erwarte ich viel; der Ungar iſt fenrig, edel, Proſchko. Der ſchwarze Mann. K. 12 210 tapfer, entſchloſſen; ſeine Nationalität gilt ihm Alles, ſeine nationalen Erinnerungen ſind groß und ſind ihm unvergeßlich, dieſe großen Eigenſchaften theilt er mit den Franzoſen; beide Nationen ſind ſich geiſtesverwandt und fympatiſiren, ſobald ſie ſich kennen lernen, und daß dieß geſchehe, dafür will ich ſorgen Der kleine Corſe ſchlug bei dieſen Worten auf das vergoldete Gefüß ſeines Degens. „Sire!“ ſagte der Ungar jetzt und in ſeinen Augen flammte es wie das Wetterleuchten eines fernen Ge⸗ witters.— „Sire, wir erwarten Sie.. „Sie erwarten mich,“ entgegnete der Kaiſer mit Betonung,„das heißt Sie: die wenigen Reſte der„Re⸗ ſurrection von anno 92“ und der Männer von der gol⸗ denen Weltkugel in der Joſefſtadt? iſt's nicht ſo? aber wie viele rechnen Sie im Lande der Pußten zu den Der Ungar ſchwieg und ſein Blick ſuchte den Bo⸗ den Buonaparte lächelte.— „Die Stimme einiger Unzufriedenen eines Landes mein Herr,“ fuhr er fort,„iſt nicht immer die Stimme eines ganzen Volkes, wäre ſie es in Ihrem Karpathen⸗ lande geweſen, ſo hätte ſicher Ihre Jakobiner⸗Verſchwö⸗ 211 rung, deren Ausgangspunkt Sie, wie mir Fouché ſagt, zum Anknüpfungspunkt neuer Beziehungen zwiſchen Un⸗ garn und Frankreich machen wollen, keinen ſo kläglichen Ausgang genommen, ſie wäre vielmehr vom Schnee⸗ ballen bis zur Lawine erwachſen. aber treten Sie näher und berichten Sie, was war's eigentlich mit die⸗ ſer Jakobiner⸗Verſchwörung? wer war ihr Haupt?— ohne Zweifel ein tüchtiger Soldat und Kriegsmann oder ein ehrgeiziger Abkömmling der alten Ungarherzoge? wie mißglückte ſie?“ Der Dictator Frankreichs ließ ſich hier gemächlich auf dem blauſammtenen, mit einem ſilbernen Lapidar⸗N durchwirkten, Fauteuil nieder, um in kurzer gemächlicher Ruhe den Bericht des Ungarn zu hören. „Das Haupt der Jakobiner⸗Verſchwörung war kein Soldat und kein ehrgeiziger Abkömmling der ungariſchen Herzoge,“ entgegnete der Partheigänger Bacſäny,„er war ein— Prieſter!—“ „Wie?“ rief Buonaparte aufſpringend,„ein Prieſter?“ „So iſt es,“ entgegnete der Ungar,„Ignaz Mar⸗ tinovicz, der infulirte Abt von Szazvar, ein Raize von Geburt— war es. Er war in ſeiner Jugend Franzis⸗ kaner geweſen, hatte den Orden verlaſſen, und war Weltprieſter geworden. Ein Mann von Gelehr⸗ 212 ſamkeit, war er in allen europäiſchen Sprachen bewan⸗ dert, aber auch ein Mann voll Ehrgeizes.“ „Und voll Geldgeizes,“ ergänzte der Polizeimini⸗ ſter,„ein entſchiedener Atheiſt und politiſcher Fanatiker — ſo erſcheint er in jenen politiſchen Berichten geſchil⸗ dert, welche ſich in den Archiven meines Miniſteriums über die Beziehungen ſeiner Parthei zum Pariſer Ja⸗ kobinismus vorfinden— und wie dieſe Berichte weiter beſagen, war Martinovicz von Kaiſer Leopold II. im Jahre 1792 zu einer Sendung an König Ludwig XVI. nach Paris gebraucht worden, aber eben hier war er mit den Häuptern der damaligen Bergparthei in Verbindung getreten, nach Ungarn zurückgekehrt und hatte im Sinne dieſer Parthei in Ungarn zu wirken begonnen; wie? das wird der Herr da Euer Majeſtät am Beſten er⸗ zählen.“ Der Ungar nahm nun wieder das Wort. „Biſchof Martinovicz,“ erzählte er,„hatte Un⸗ garn in vier Diſtrikte getheilt und an die Spitze eines jeden einen Agenten geſtellt. So ſtand als Direktor des Peſter Diſtrictes, Joſef Hajnoczi, ein wiſſenſchaftlich gebildeter Schriftſteller, welcher mit den Jakobinern in Frankreich im ſteten Verkehre ſtand und ihnen über Con⸗ ſtantinopel Nachricht von der beabſichtigten Einſetzung Ludwig XVII. als König durch Waffengewalt, Kund — 2¹3 de gab. Im DebrezinerDiſtrikte war der feurige, dreißig⸗ jährige ehemalige Huſarenoffizier, Johann Laczkovicz, im Koaſchauer Bezirke der talentvolle Szent Mariay, ehemaliger Sekretär des Grafen Szäray, dießſeits der Donau aber der ſchwache Graf Jakob Sigray, als Lei⸗ ter des Aufſtandes beſtimmt. Die Anzahl der übrigen Verbündeten war ziemlich groß und meiſt von den Guts⸗ beſitzern und Literaten Ungarns gebildet ¹).“ „Und welche Maßregeln hatten Sie getroffen, um die Sache zur Ausführung zu bringen,“ fragte der Kai⸗ ſer, den die Erzählung des Ungarn zu intereſſiren ſchien. „Der Plan war dahin entworfen,“ fuhr dieſer fort, „daß die Verſchwörung Ende Anguſt des Jahres 1794 in Ofen zum Ausbruche kommen ſollte. Auf ein gege⸗ benes Zeichen aus den Kaſernen ſollten die Verſchwo⸗ renen gegen dieſe Gebände eilen, die Gefangenen be⸗ freien, die Einwohner von Buda⸗-Peſt niedermetzeln und die Stadt an vier Ecken anzünden.“ 3) Die nachmaligen Verhaftungen der mehr Schuldi⸗ gen belief ſich auf zweihundert, und die Bewohner der Schlöſſer Oberungarns harrten in jener Zeit angſtvoll Tag und Nacht, ob die gefürchteten Küraſſiere, welche die Com⸗ miſſäre begleiteten, nicht bei ihnen erſchienen. Indeß mag der Mehrzahl von ihnen der eigentliche Zweck ihrer Führer fremd geweſen ſein. 214 „Ah,“ fiel Buonaparte ein,„alſo ein Massacre en masse, eine großartige Füſilade!“ „Aber hatten Sie auch Arme genug, um dieſen Coup auszuführen?“ fragte der Kaiſer. „Zweimalhunderttauſend Mann und große Geld⸗ ſummen,“ berichtetete der Ungar,„ſagt man, ſtanden ih⸗ nen zu Gebote.“ „Und wie entwickelte ſich die Sache weiter?“fragte der Kaiſer.„Ohne Zweifel gab es einen Verräther un⸗ ter den Verſchworenen? nicht ſo?“ „Die Art der Entdeckung des Projektes war ſelt⸗ ſam,“ erzählte der Ungar weiter:„Biſchof Martino⸗ vicz hatte eines Tages kurz vor dem beabſichtigten Aus⸗ bruche der Verſchwörung ſein Haus verlaſſen. Sein Diener gerieth auf den Einfall das prächtige Ornat ſeines Herrn, das man für eine kirchliche Feier am näch⸗ ſten Tage bereit gelegt hatte, an ſeinem Leibe zu pro⸗ biren. Wohlgefällig beſchaute er ſich in dem Spiegel, da kehrt der Biſchof plötzlich zurück und mit ihm ein Ande⸗ rer der Verſchworenen; der Diener findet eben noch Zeit unter das Sofa zu kriechen und ſich den Blicken der Eintretenden zu entziehen. Der Biſchof und ſein Be⸗ gleiter, ſich unbelauſcht glaubend, beſprachen aber den nahen Ausbruch der Verſchwörung und ſo gelangte der 215 Diener zur Kenntniß des Ganzen. Seine Anzeige bei der Behörde erfolgte im nächſten Augenblicke.“ „Und das Loos der Verſchworenen?“— fiel der Kaiſer ein,„man hat ſie wohl füſilirt?“ „Die Magnatentafel richtete über ſie,“ berichtete der Ungar,„in meinem Vaterlande iſt für den Hochver⸗ rath, deſſen man ſie beſchuldigte, das Schwert beſtimmt. Der 20. Mai des Jahres 1795 ſah ſie auf dem Schaf⸗ fote verbluten. Ich ſtand dabei, als ſie zum Tode gingen. Sigrai, den das Loos zuerſt traf, konnte ſich kaum auf⸗ recht halten, Szent Mariay ging ernſt und ruhig zum Tode, Laczkovicz ungeduldig und ausgelaſſen luſtig, Hai⸗ noczi beſprach ſich auf ſeinem letzten Gange mit dem Prieſter, der ihn zum Tode vorbereitete, über philoſophi⸗ ſche und religiöſe Gegenſtände und ſtarb mit ſtoiſchem Gleichmuthe, Martinovicz nahte ſich mit ſtolzer Hal⸗ tung nach einem Kuße auf das Kruzifir dem Blocke. Von den andern Verſchworenen erlitten noch zwei ſpä⸗ ter die Todesſtrafe, die übrigen eilf wurden zu lebenslan⸗ ger Kerkerſtrafe begnadigt, jedoch ſpäter nach zwölfoder zehnjähriger Haft freigelaſſen, noch Andere erlitten nur eine kurze Kerkerſtrafe.“ Der Ungar ſchwieg jetzt. Kaiſer Napoleon ſaß nachdenkend da, ein feines Lä⸗ cheln ſpielte jetzt auf ſeinen Lippen. 216 „Da haben wir wieder das eiſerne Fatum,“ ſagte er,„das Fatum, das den Verräther im rechten Augen⸗ blicke in das Gemach des Biſchofes führte und den Plan desſelben zertrümmerte.“ „Mich dünkt,“ nahm jetzt der Polizeiminiſter das Wort,„die Sache war zu plump angelegt, und wer in einem Lande von großen Erinnerungen an edle Herr⸗ ſcher und Großthaten einer Nation, wie Ungarn iſt, von Republikanismus träumen kann, gehört in's Tollhaus.“ „Sie haben recht,“ fiel Napoleon ein;„die königliche Eiche Ungarns iſt kein Freiheitsbaum für tolle Septem⸗ briſeur's und verträgt keine phrygiſche Mütze als Haupt⸗ ſchmuck.“ Dann wandte er ſich zu dem Ungar. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich will Ihrer edlen Na⸗ tion allerdings Meinen Degen leihen, und ſie groß ma⸗ chen, wie ich es mit Polen beabſichtige, aber zuerſt muß ich das Schlachtfeld recognosciren, auf dem meine Ge— ſchütze ſpielen ſollen.“ „Sire,“ fiel der Polizeiminiſter ein,„in dieſem Sinne habe ich bereits gehandelt, meine Emiſſäre durch⸗ ſtreifen das Land von den Karpathen bis zum Eiſen⸗ thore, wie ich Ihnen ſchon einmal berichtet habe.“ „Und Ihrjetziger Bericht,“ fragte der Kaiſer. Der Miniſter zuckte die Achſeln. 217 „Ah, ich verſtehe,“ ſagte Napoleon,„Sie finden einen mageren Boden für ihre Saat— der Magyar iſt vorſichtig und will ſeinen Säbel nicht ſo raſch in unſere Scheide ſtecken.“ „So iſt es,“ entgegnete Fouché. Der Kaiſer ſprang jetzt auf; der Gedanke an die verlorene Sache im Canal, den er während der Unter⸗ redung mit dem Ungar auf kurze Zeit beſeitigt zu haben ſchien, ſchien ihn wieder in ſeiner ganzen Größe zu er⸗ füllen, eine breite Falte trat auf ſeiner Stirn hervor. „Der Erfolg unſerer Waffen in Deutſchland, wird unſeren Einfluß im Magyarenland beſtimmen,“ ſagte er kurz. „In Deutſchland?“ fragte der Polizeiminiſter verwundert,„haben Eure Majeſtät einen Feldzug in Deutſchland vor.“ „Genug!“ ſiel Buonaparte ſich mit einer raſchen Bewegung zu dem Ungar wendend ein;„reiſen Sie in ihr Vaterland zurück und berichten Sie Ihren Sendern: daß Kaiſer Napoleon der Erſte Ihre Nation achtet, und ihr früher oder ſpäter auf der Burg zu Buda einen Be⸗ ſuch zu machen gedenkt.“ Dann winkte der Kaiſer, und der ungariſche Send⸗ ling ward entlaſſen. Jetzt wandte ſich Napoleon zu Fouché. 218 „Senden Sie nach Talleyrand,“ ſagte er,„wir wollen das Projekt wegen meines Stiefſohnes Beauhar⸗ nais zur Reife bringen.“ Fouché blickte ſeinem Herrn und Meiſter verwun⸗ dert in's Auge. „Sire,“ ſagte er,„ich ſtaune über die Reichhaltig⸗ keit Ihrer Pläne.“ Ihm antwortete ein ſtolzes Lächeln des mächtigen Kaiſers der Franzoſen. In wenigen Minuten ſtand der ehemalige Biſchof von Perigord im Kabinete des Kaiſers. Buonaparte ging ihm ſogleich mit großen Schritten entgegen. „Wie lauten Ihre Nachrichten aus Deutſchland?“ fragte er haſtig. „Sie werden mit jedem Tage beunruhigender, Sire,“ entgegnete Talleyrand.„Seit Eure Majeſtät Mailand verlaſſen haben, ſcheint Oeſterreich ſeine Schachzüge nicht mehr zu verbergen. Es rüſtet.“ „Und die letzten Depeſchen?“ fragte der Kaiſer. „Sind hier,“ entgegnete der Miniſter, indem er mehrere Papiere vor dem Kaiſer ausbreitete,—„nach dieſen, aus allen Gegenden der Windroſe übereinſtim⸗ menden Meldungen,“ berichtete er,„hat der Kaiſer von Oeſterreich bereits Galizien, Mähren, Ungarn, Steier⸗ mark und ſelbſt Friaul von Truppen entblößt und alle 219 ſeine Streitkräfte am Inn und an der Piave zuſammen gezogen. „Und die neueſten Nachrichten aus Rußland,“ fragte der Cäſar. „Beſagen,“ fuhr der Miniſter fort,„was Eurer Majeſtät bereits von Ihrem Geſandten in Petersburg gemeldet worden iſt, daß Kaiſer Alexander an der Grenze Goliziens eine Arme von 50.000 Mann aufgeſtellt hat, welche ſobald der günſtige Augenblick eingetreten ſein wird, durch Mähren an die Donau rücken ſoll. Eine zweite Arme wird hinter der erſten aus dem Innern Rußlands nachgeſchoben, der General von Winzigerode iſt bereits in Wien eingetroffen und hat die letzten Ver⸗ abredungen über den nächſten Feldzug gegen Eure Ma⸗ jeſtät getroffen.“ Ein kaltes Lächeln trat hier auf das Antlitz des Kaiſers, deſſen ſtolze Haltung nicht im Mindeſten durch die Aufregung geſtört wurde, welche dieſe neuen Bot⸗ ſchaften ſeines Miniſters des Auswärtigen in ſeinem Innern hervorriefen. „Alle dieſe Vorkehrungen“ ſchloß der Miniſter ſeinen Bericht,„deuten auf ein baldiges feindliches Vor⸗ gehen der wahrſcheinlich bereits wider Eure Majeſtät verbündeten Mächte— Oeſterreich, Preußen und Ruß⸗ land.“ 220 „Rußland!— ja dieſes Rußland!“ fuhr jetzt der Kaiſer auf;„welcher Staatsmann kann unbeſorgt blei⸗ ben, wenn er die Erwerbungen betrachtet, welche Rußland ſeit einem halben Jahrhunderte machte? Bei der Thei⸗ lung Polens ſind ihm zwei Drittheile zugefallen, es be⸗ ſitzt die Krim und hat ſich an den Ufern des Bosporus feſtgeſetzt, es breitet ſich in Georgien aus, rückt gegen Perſien vor, hält die joniſchen Inſeln beſetzt, bewaffnet insgeheim Morea und beſchleunigt durch ſeinen Einfluß und ſeine Intriguen die Auflöſung des Osmaniſchen Reiches, von Rußland aus, droht Deutſchland eine grö⸗ ßere Gefahr als von uns!*)“— hier brach der Kai⸗ ſer ab. „Ah, Monſieur Fouché,“ fragte er, ſich zu dieſem wendend,„nun haben wir ein Familienthema zu bear⸗ beiten— was iſt's mit der kleinen Italienerin auf der Iſola bella? „Seine Hoheit, der Vice⸗König hat im erſten Mo⸗ mente nach dem Attentate auſ die geheiligte Perſon Eu⸗ rer Majeſtät entſchiedenen Proteſt gegen jede Berührung der jugendlichen Gräfin eingelegt,“ entgegnete der Po⸗ ¹) Schreiben des Miniſters Talleyrand an den Staats⸗ kanzler Grafen Ludwig von Cobenzl in Wien, vom 5. Au⸗ guſt 1805. ——— —— z—— ůůůů ů— 221 lizeiminiſter,„wir durften nicht wagen, Hand an die Auserwählte zu legen.“ Auf Buonaparten's Antlitz trat ein Zug des hefti⸗ gen Unwillens. „Alſo ſpielt mein galanter Stiefſohn noch immer die lächerliche Rolle des Seladons bei dieſer kleinen Italienerin?“ ſagte er,„Sie wiſſen ja ſchon, welche Pläne ich mit dieſem jungen Manne habe.“ „Sire,“ entgegnete der Polizeiminiſter,„das wird bei dem ſelbſtſtändigen Character des jungen Vice⸗Königs keine leichte Sache ſein, überdieß iſt er gegenwärtig, wie mir meine Agenten aus Mailand ſchreiben, gegen Euer Majeſtät ohnedieß etwas herbe geſtimmt, und meint, daß das eiſerne Commando, welches Euer Majeſtät in allen ihren bisherigen Maßnahmen entwickeln, früher oder ſpäter—“ „Genug!“ fiel Napoleon ein,„der König Italiens von des Kaiſers Gnaden, hat dem Kaiſer der Franzoſen keine Verhaltungsbefehle vorzuzeichnen. Ich will, daß der lächerlichen Idylle ein Ende gemacht, und die kecke Dame, welche ihr Auge bis zum Sohne des Kaiſers erhebt, in den nächſten acht Tagen aufge⸗ griffen und ihrer Mutter nachgeſendet werde, die ich ohnehin nur deshalb mit Verbannung pardonirte, um das Geſchrei der Italianiſſimi zu vermeiden: daß ich mit Weibern Krieg führe.— Laſſen Sie die betreffende Depeſche ſogleich ausfertigen.“ Nach dieſen Worten ging der Dietator Europa's mit großen Schritten in ſeinem Kabinette auf und nie⸗ der— man konnte es in ſeinem Geſichte leſen, die Sache war ihm mehr als eben gleichgültig, er kannte gleichfalls den Starrſinn ſeines Stiefſohnes und wußte, daß die⸗ ſer für eine gefaßte Idee Alles aufzuopfern bereit war. Dieſe Gedanken las der Polizeiminiſter allerdings jetzt auf der Stirne des Imperators— aber er ließ den Mann der Gewalt dieſe Gedanken eine Minute lang bearbeiten und zog ſich zu dem ſchweigend im Hinter⸗ grunde des Kabinetes ſtehenden Miniſter des Auswär⸗ tigen zurück, auf deſſen feinen Lippen ein ebenſo feines diplomatiſches Lächeln ſchwebte. Jetzt trat Herr Fouché wieder vor. „Sire!“ ſagte er mit halblauter Stimme: Gutta cavat lapidem, non vi, sed sacpe cadendo.“ Napoleon blickte den Sprecher fragend an, und der Polizeiminiſter fuhr fort: „Sire,“ ſagte er,“ die„lächerliche Idylle“ auf Iſola bella, wie Euer Majeſtät ſie zu nennen belie⸗ ben, iſt keineswegs ſo geringfügig, als ſie bei erſter Betrachtung erſcheint. Prinz Eugen Beauharnais iſt ein junger Mann voll Ehrgefühl und Selbſtſtändigkeit, feſt und entſchieden wie ein Cato und bereit, wie dieſer, in jedem Augenblicke ſein Herzblut ſeiner Ueberzeugung zu opfern, Sire! Ihr erlauchter Stiefſohn wird Ihnen das Großkreuz, mit dem ſie ihn erſt kürzlich geſchmückt ha⸗ ben, ſammt dem Scepter des Vice⸗Königs zu Füßen legen, wenn es gilt, ſein an die ſchöne Italienerin ver⸗ pfändetes Manneswort mit männlicher Thatkraft zu ſen Der Kaiſer hielt hier ſeinen Schritt an. „Alſo ein förmliches Eheverſprechen?“— fragte er, und eine Flammenröthe tauchte auf ſeinem Geſichte auf. „So iſt es,“ entgegnete der Miniſter;„meine Agenten berichten, daß Prinz Eugéne in allem Ernſte damit umgehe, die ſchöne Ghiraldina Orſini auch ohne die Zuſtimmung Eurer Majeſtät im königlichen Palaſte zu Mailand recht bald als ſeine Braut einzuführen— es kann eine erneute Auflage der Geſchichte des ritterli⸗ chen Dogen Ziani und ſeiner ſchönen Fiſcherstochter werden „Parbleu!“ rief der Kaiſer,„welcher Unſinn! und das Alles ſagen Sie ſo mit einer Ruhe, als ob es ein langweiliges diplomatiſches Actenſtück zu verhandeln gäbe— hier brennt ja der Boden unter unſeren Soh⸗ len, oder glauben Sie, daß ich das Project an der Iſar 224 mit meinem Stiefſohn fahren laſſen ſoll?— Wozu ſind Sie denn Polizeiminiſter, wenn Sie ſolche Abſurditäten zur Reife gelangen laſſen?“ So zürnte der Zeus in den Tuilerien mit ſeinem Miniſter; dieſer aber ſetzte dem Brüllen des Leuen nichts, als ein feines Lächeln entgegen:„Sire,“ ſagte er ruhig, „ich wäre nicht würdig der Polizeiminiſter Kaiſer Napo⸗ leons des Großen zu heißen, wenn ich nicht ſchon dort gehandelt hätte, wo Eure Majeſtät erſt überlegen—“ Kaiſer Napoleon blickte ſeinem Miniſter ob dieſer etwas unzarten Aeußerung feſt in's Auge— der Mini⸗ ſter aber fuhr fort:„Eure Majeſtät ſind der Sieger auf offenem Felde; Sie löſen, ein zweiter Alexander, den gordiſchen Knoten mit Ihrem guten Schwerte, ich knüpfe ihn mit Vorſicht auf— Eure Majeſtät! ich habe nur um die Ertheilung Ihres Vertrauens zu bitten.— Der ſchlaue Polizeiminiſter Frankreichs ſchien aber während dieſes vertrauten Geſpräches mit dem Dictator des be⸗ ginnenden Jahrhunderts zu vergeſſen, daß eine lieblich erblühende Roſe gewöhnlich nicht nur von einem Falter umſchwärmt wird, daß der Zufall oft plötzlich einen Bo⸗ ten ſendet, den man am wenigſten erwartet, und der die Verwicklung einer Sache oft in einer Weiſe löſt, wie man es am wenigſten vermuthet. ———— 225 Ein ſolcher Bote des Zufalls ſtand mit leuchtenden Augen in eben der Stunde der vertrauten Conferenz des Kaiſers Napoleon mit ſeinem genannten Miniſter, im Kabinette Ghiraldinens auf Iſola bella. Es war der junge, bildſchöne Oberſt Louis, genannt Graf Lenoir. Sein Verhältniß zu dem Fräulein war ſeither zar⸗ ter, inniger geworden, er hatte die Tage, die Wochen benützt, während deren Prinz Eugen durch den wahrhaft rieſenhaften Drang ſeiner viceköniglichen Geſchäfte in Mailand feſtgehalten wurde, und Ghiraldine nur in Briefen ſprechen konnte— er hatte zuerſt geſchwiegen, dann geſprochen, getröſtet und zuletzt überzeugt— er hatte, ein gewandter Diplomat auf dem Felde der Cour⸗ toiſie, im Herzen Ghiraldinens— Terrain gewonnen. So wandelte die ſchöne Blume der ſchönſten Inſel des größten See's, ſo wandelte Ghiraldine wieder durch den einſamen Park der Villa. Der reine Kriſtall des Himmels verdunkelte ſich allmälig, die fernen Gebirge zitterten in einem kaum ſichtbaren Lichtſchleier, über den See zog der letzte brechende Sonnenſtrahl, und der große Hausherr begann allmälig ſeine Myriaden⸗Lämpchen auf der Rieſenkuppel ſeines Hauſes aufzuſtecken, ſeine nim⸗ mermüde Hand hob jetzt die große volle Ampel hinter dem Rade der Erdkugel empor, den alten Trabanten der Mutter⸗Erde, der eben nach ſeiner alten Gewohn⸗ Proſchko. Der ſchwarze Mann. IM. 15 226 heit wieder einmal ein paar junge Häupter beſtrahlte, welche in ſeinem Glanze luſtwandelten. Ghiraldine ſchritt nämlich auf das Gartenhaus im Lorbeerwalde zu, wo auf einer Staffelei das von ihr entworfene Bruſtbild Eugen Beauharnais aufgerichtet ſtand. Die ſtille Muſik des Abends ertönte in tauſend Stimmen aus Blumenkelchen, Gräſern und von den Zweigen. Die Natur rüſtete ſich allmälig zur Ruhe, und das Menſchenherz fand dieſe in der ſtillen Rückkehr des Ge⸗ dankens zum Schöpfer... Auch Ghiraldine betete im Herzen, das ſo empfäng⸗ lich war für die Größe der Natur, für das Gefühl des Göttlichen, des Schönen. Sie bethete im Herzen, und ihr Auge hing dann an dem werdenden Bilde des ſchönen, männlich ſchönen Jünglings, deſſen Züge ihr fremder zu werden ſchienen, ſeit er im Glanze einer Königskrone vor ihr ſtand.. „Arme Ghiraldina!“ So liſpelte es hinter ihrem Rücken aus den Zweigen. Die träumende Jungfrau blickte um— Louis Le⸗ noir ſtand hinter ihr. — 227 „Sie betrachten das Meiſterwerk,“ begann er mit ſanfter Stimme,„das Ihre Hand geſchaffen hat— in der That, es wäre würdig, im Prachtſaale eines Königs zu prangen...“ Ghiraldine ſchlug Ihre ſchönen Augen empor, ſie fühlte die Bedeutung dieſer Worte und eine Purpur⸗ röthe trat auf ihre Wangen, der junge Oberſt ſchien ſie nicht zu bemerken. „Man würde,“ fuhr er fort,„in einer ſolchen Gal⸗ lerie bald ein ſchönes Seitenſtück dazu finden— man hat es vielleicht ſchon gefunden,“ ſetzte er mit Betonung hinzu. Er ſchwieg.— Auch Ghiraldinen's Lippen entfloh kein Laut; ſie blickte zur Erde, ein unmerkliches Zittern verrieth ihre innere Aufregung. Jetzt zog der Oberſt eine kleine Mappe aus der Bruſttaſche und das Bild einer ſchönen jungen Dame aus derſelben. „Glauben Sie wohl, mein Fräulein,“ ſagte er, „daß dieſes ſchönes Frauenbild ein würdiges Seitenſtück zu dem Bruſtbilde des Prinzen Eugen abgeben würde.“ Ghiraldina nahm das Bild entgegen. „Herr Graf,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme— „ich vermag den Sinn Ihrer Worte nicht zu deuten, 152 228 darf ich Sie bitten mir zu ſagen, wem dieſe Züge ange⸗ hören?“ Der Oberſt ſchwieg eine Weile, ein langer von tie⸗ fem Mitgefühle zeugender Blick aus ſeinen ſchönen Au⸗ gen ruhte auf dem ſchönen Antlitze Ghiraldina's. Dann hob er plötzlich, wie zum Bewußtſein des entſcheidenden Augenblickes kommender Sieger, ſein ſtolzes Haupt. „Wohlan, der Würfel liegt,“ rief er mit ſeltſa⸗ mer Betonung,„Ghiraldina! Sie müſſen es ja doch wiſſen, die Dame im Bilde hier iſt die beſtimmte Braut Eugen's des Prinzen von Beauharnais—“ Ein leiſer Ruf der ſchmerzvollſten Ueberraſchung entfuhr der Bruſt der jungen Gräfin Orſini— aber ſchon im nächſten Augenblicke faßte ſie ſich wieder. Ein ſchmerzliches ungläubiges Lächeln zitterte auf ihren ro⸗ ſigen Lippen. Sie ſchüttelte leiſe ihr ſchönes Lockenhaupt. „Sie werden vielleicht Herr Graf,“ ſagte ſie mit weicher Stimme,„auch den Namen der Dame aus dem Feenreiche wiſſen, welche, wie Anadyomene ſo plötzlich aus dem Meeresſchaume emporſteigt.“ „Amalie Auguſle iſt ihr Name,“ entgegnete der Oberſt mit Betonung—„Amalie Auguſte, Prinzeſſin von Baiern—“ Der Oberſt hielt inne. 3— 229 Leichenbläſſe bedeckte das Antlitz Ghiraldinen's.— Sie ſprach kein Wort, aber zwei große Perlen, welche allmälig aus ihren ſchönen Augen traten, kündeten die tiefe Wunde, welche die Worte des Oberſten in ihrem jungen, argloſen Herzen aufgeriſſen hatten. „Kaiſer Napoleon,“ fuhr jetzt der Oberſt mit ſelt⸗ ſamer kalter Ruhe fort,„Kaiſer Napoleon entwarf be⸗ reits vor einem Jahre das Projekt ſeinen Stiefſohn mit der Prinzeſſin eines alten Herrſchergeſchlechtes in Eu⸗ ropa zu verbinden, da die Königin von Neapel den großen Fehler beging, eine ſo ehrende Verbindung zwi⸗ ſchen einer ihrer Töchter, der Prinzeſſin Amalie und dem Stiefſohne des Kaiſers mit Ausflüchten zu refuſi⸗ ren, ſo warb der Kaiſer um die Hand einer deutſchen Prinzeſſin für den Prinzen und der Courier iſt bereits auf dem Wege, der von München nach Paris das Ja⸗ wort der königlichen Wittelsbacher zu dieſer Verbindung bringt.“ So berichtete der Oberſt. Ghiraldina's Augen aber flammten jetzt wie Sterne der Nacht; der ganze ſüdländiſche Stolz, der ſich ihrer Schönheit bewußten Jungfrau, ſchien zu erwachen, mühſam verbarg ſie ihre den innerſten Lebensnerv berührende Aufregung. „Prinz Eugen,“ ſagte ſie mit gepreßter Stimme, „wird ſich auch die Hand einer Dame aus königlichem 230 Stamme nicht aufdringen kſen er iſt mannhaft ſtolz und edel.“ „Wie Ghiraldina!“— fiel der Oberſt raſch ein, „hochſinnig, ſtolz und edel,“ fuhr er fort,„iſt auch Ghi⸗ raldina, die Tochter der Gräfin, der ſtolzen Kämpferin gegen die Gewaltherrſchaft des Imperators, die ihren Beſitz, ihre Heimat, ihre Freiheit, ihr Leben einer großen Idee zum Opfer brachte,— die Tochter Ghiraldina Orſini kann nicht minder groß und hochſinnig handeln als ihre Mutter— indem ſie—“ Hier hielt der Oberſt einen Augenblick inne. Sein feſter Blick ruhte auf dem todtbleichen Antlitze der, die ſchwerſte Stunde ihres Lebens durchkämpfenden Jung⸗ frau. Die großen mit mühſam zurückgedrängten Thrä⸗ nen gefüllten Augen des Mädchens lagen auf ſeinen Lippen, als ſollten ſie Leben oder Tod von dieſen ſau⸗ gen. „Indem ſie——— entſagt“——— ſchloß der Oberſt ſeine Rede. Eine tiefe Pauſe des Schweigens trat jetzt ein. Von den Zweigen der Trauerweide an der Seite des Gartenhauſes ſchwammen jetzt die ſchmelzenden Töne einer Nachtigall herüber, welche ſo weich durch die — — 231 Abendlüfte klangen, als wollten ſie ein hohes Lied der Treue ſingen vom gebrochenen Herzen. Aber ſie ſchienen auch wieder von ſchüchterner, trö⸗ ſtender Liebe zu reden, welche ſo ſüſſe Worte des Mit⸗ leids und der Sehnſucht hatte, daß der Stern der Liebe hier, von der Sonne des Verſtandes überſtrahlt, als Abendſtern zu verſinken ſchien, um dort als Morgen⸗ ſtern eines neuen Seelenlebens wieder emporzutauchen... Schön wie der freundliche Maientag, mannhaft und ſtark in Wort und That war der junge Oberſt Louis, genannt Graf Lenoir, und als er Ghiraldina wiederholt aufmerkſam machte, daß die längere Abwe⸗ ſenheit Eugens und deſſen wiederholte Bitte an Ghiral⸗ dinen, ſeine Abweſenheit mit ſeinen dringenden Staats⸗ geſchäften entſchuldigen zu wollen, nichts anderes ſei, als— der Zweifel, ob Ghiraldinen's Hand in der That ein Preis ſei, werth eines wahrſcheinlich dauernden Zerwürfniſſes des Prinzen mit dem Kaiſer Napoleon.. da begann, zuletzt betäubt von den ſüßſchmachtenden Worten des jungen Sprechers, die Liebe allmälig zu klagen, dann zu zweifeln, und vom Zweifel zum Treu⸗ bruche— wie kurz iſt da die Linie?.. Aber er, den der ſchlanke, bildſchöne Oberſt Ghiral⸗ dinen in ſo zweifelhaftes Licht zu ſtellen ſuchte, um die 232 Roſe für ſich zu pflücken, die für den königlichen Palaſt in Mailand beſtimmt ſchien— er, der edle, ſchöne, characterfeſte und wahrhaft ritterlich junge Herrſcher, Prinz von Beauharnais, der Vice⸗König Italiens ſtand in dieſem Augenblicke, in welchem Louis Lenoir zu den Füßen Ghiraldinen's lag, und ihr ſein Herz bot, an welchem ſie, die Verlaſſene, fortan Schutz und Liebe fin⸗ den ſollte, bis er ſie ihrer Mutter zugeführt haben würde, damit dieſe den Bund der Liebe zwiſchen Ghiral⸗ dina und Lenoir ſegne— ſtand in dieſem Augenblicke im Geleite ſeines treuen Adjutanten und Freundes, des Major Pino, auf der Gondel, die ihn nach Iſola bella hinüberführen ſollte, wo er mit liebeglühendem Herzen zu den Füßen Ghiraldinen's den Schwur erneuern wollte, daß es keine Krone auf Erden gebe, die ihm Er⸗ ſatz für ſeine erſte und heiligſte Liebe zu Ghiraldinen bieten könne,— er wollte der Erwählten ſeines großen, ſchönen Herzens ſagen, daß weder die ernſten Befehl⸗ briefe ſeines kaiſerlichen Vaters, noch die ſanften Mahn⸗ ſchreiben ſeiner ſchönen Mutter Joſefine im Stande ſeien, ihn auf der Fahrt zur Inſel ſeines Glückes auf⸗ zuhalten.— Ghiraldina— Ghiraldina war der einzige Gedanke ſeines Lebens, und dieſen Namen in ſeinem Herzen, ſtand er jetzt vor dem grauen Hauſe der Iſola bella, wo ihm hinter den Myrthengebüſchen ſchon ſo oft 233 der weiße Schleier ſeiner Erwählten entgegen geweht hatte. Dort— dort— wo das Gebüſch ſich theilte, und zwiſchen den Goldorangen die weiße Marmorſtatue des Harpokrates im Mondlichte ſo bedeutungsvoll hervor⸗ ſchimmerte,— dort lehnte ſie... doch nein! ſie war es nicht— die Schatten der Bäume täuſchten ſein Auge — ein Mann war es, ein kurzer, ſtämmiger, wildaus⸗ ſehender Menſch, mit einem ſeltſam verzerrten braunen Geſichte, auf welchem ſich alle Leidenſchaften malten, er trug eine Art Matroſenkittel von blauer Wolle mit ei⸗ nem breitem Gürtel am Leibe, worin ein langes Stilet ſtack, ſein ſtruppiges röthliches Haar deckte eine röthliche Fiſchermütze, ſeine kurzen Arme waren in einander ver⸗ ſchlungen, ein widriges Lächeln ſtrich über ſeine dicken Lippen, als Prinz Eugen die Terraſſe emporſtieg, und auf ihn zutrat. Der Prinz hielt, als er ſeine Täuſchung gewahrte, und ſtatt Ghiraldinen die Geſtalt des erwähnten Man⸗ nes vor ſich ſah, ſeinen Schritt an— er hatte denſelben früher auf Iſola bella nicht geſehen. Der erwähnte Mann im Matroſenkittel ließ ihm aber nicht lange Zeit zur Frage, ſondern trat ſelbſt ſo⸗ gleich auf ihn zu, indem er ihm ein kurzes„qui vive?“ entgegenſchnarrte. 234 Der Prinz, welcher einen gewöhnlichen Sammt⸗ rock in dunkler Farbe trug, und durch kein Abzeichen hier, im Reiche ſeiner Liebe, ſeine hohe Würde verrieth, maß jetzt die Geſtalt dieſes Menſchen vom Kopfe bis zum Fuße. „Zur Villa!“ herrſchte er ihm ebenfalls in fran⸗ zöſiſcher Sprache kurz entgegen, und wollte weiterſchrei⸗ ten— aber der Stämmige vertrat ihm jetzt den Weg. „Die Villa iſt geſchloſſen!“ ſagte er nun in ita⸗ lieniſcher Sprache,„es darf ſie Niemand betreten.“ „Warum?“ fragte der Prinz,„biſt Du vielleicht der Beſchließer?“ „Si signore,“ entgegnete der Andere grinſend, indem er mit dem Schlüſſelbunde klirrte, der an ſeinem Gürtel hing. „Wer hat Dich dazu beſtellt?“ fragte Prinz Eugen. „Die Gräfin Bianca Orſini,“ entgegnete der Stämmige barſch. „Wie?“ fragte der Prinz,„weilt ſie wieder auf Iſola bella?“ „Diavolo! nein!“ entgegnete der Andere lächelnd —„es müßte ihr nur nach der Bekanntſchaft mit der Guillotine gelüſten.“ 235 „Alſo die junge Gräfin Ghiraldine hat Dich in ihre Dienſte genommen,“ ſagte der Prinz,„führe mich zur Villa hinauf und weiſe mir ein Zimmer an, ich muß morgen mit dem Früheſten Deine Herrin ſprechen.“ „Iſt nicht mehr möglich,“ entgegnete der Stäm⸗ mige,„beim Blute des heiligen Januarius!— eben darum bin ich ja der Cerberus auf Iſola bella gewor⸗ den, weil die alte und junge Gräfin bereits davon ge⸗ ſchwommen ſind.“ „Ghiraldine abgereiſ't!?!“ fragte der Prinz und ſein Auge flammte. Eine Ahnung ſchien in ſeinem Innern emporzu⸗ tauchen. „Wohin?“ fragte er. „Dort auf dem See ſchwimmen ſie,“ ſagte der Stämmige, indem ſein Arm nach einer Gondel wies, die ſich auf den vom Mondſtrahle ſilberumſäumten Wellen des Lago maggiore ſchaukelte. „Wer,“ rief der Prinz, und tiefe Bläſſe wechſelte jetzt auf ſeinem Antlitze mit der höchſten Flammemröthe. „Nun, ich ſagr Euch's ja,“ entgegnete der ſtäm⸗ mige Mann,„wer denn ſonſt, als die junge Gräfin Ghiraldina Orſini und ihr junger Bräutigam Louis Graf Lenoir, Oberſt im Generalſtabe des Kaiſers Na⸗ polenn 236 Prinz Eugen ſtand ſtarr wie eine Marmorſäule. Sein Blick ſchweifte wieder über den See. „Und wohin? Wohin?— geht die Fahrt....“ fragte er tief aufathmend. „Weiß ich es?“ grollte der Andere,„ohne Zweifel werden die Glücklichen ihren Cours dahin nehmen, wo ſie der Arm eines Hochgeſtellten i in Mailand nicht er⸗ reichen kann, der wie ich ſagen hörte, gar gewaltige Sehnſucht trägt, die Roſe von Iſola bella in ſeine Gär⸗ ten zu verpflanzen.“ Der Prinz ſtand wortlos aber todenbleich vor dem Sprecher. Er ſchien mit ſich im Kampfe. Jetzt fuhr er empor. „Du lügſt Elender!“ rief er,„es kann nicht ſein! —— Ghiraldina ſollte mich verrathen!— verrathen in dem Augenblicke, in welchem ich Alles zu opfern für ſie bereit bin. „Nein!“ ſetzte er ruhiger hinzu,„das kann nicht ſein!—— Auf, und führe mich auf die Villa!“ „Aber, ich ſagte Euch ſchon,“ brummte der Stäm⸗ mige,„daß die Villa leer ſei und die junge Gräfin dort in's Weite ſchiffte.— Wollt Ihr's nicht glauben, ſo ſchwimmt Ihr nach,— aber ſeht— es iſt jetzt ſchon zu ſpät, die Gondel mit den Beiden iſt bereits am Hori⸗ 237 zonte dort wie ein ſchwacher Punct verſchwommen, und bis Ihr mit der Eurigen nachſchwimmt—“ Der Prinz griff jetzt in die Bruſttaſche ſeiner Uni⸗ form und ſchlenderte eine volle Börſe zu den Füßen des Stämmigen.— „Auf,“ rief er,„laß alle Gondeln der Inſel nach allen Richtungen des See's auslaufen— ich will, ich muß ſie einholen— rede, wenn Du ihr Reiſeziel kennſt das Dreifache von dem Golde, daß ich Dir eben zuwarf, und noch anderer Lohn ſoll Dir werden.“ Der Stämmige hoh die Börſe mit feinem Lächeln vom Boden auf. „Corpo di bacco!“ ſagte er,„wenn Ihr mit goldenem Munde redet, darf auch ich nicht lange ſchwei⸗ gen,— nun, wenn ich recht hörte, ſo geht die Reiſe von hier nach der Meeresküſte— nach Trieſt— nach Oeſter⸗ reich— Ungarn, bis in's Karpathenland, wo die alte Gräfin Bianca Orſini bereits auf dem Jagdſchloſſe ei⸗ nes Verwandten weilen ſoll.“ Der Prinz ſtürzte dem Ufer zu— auf halbem Wege hielt er jedoch an, und kehrte zurück. „Redeſt Du auch die Wahrheit?“ fragte er den Stämmigen, der ihm mit ſeltſamem Lächeln nachblickte. „So wahr ich Varlet heiße und meines Vaters Sohn bin,“ enigegnete der Stämmige. 238 Der Prinz blickte jetzt ſtarr dem Manne in's Auge. „Varlet?“ fragte er nach einer Pauſe,—„Du — Du nennſt Dich Varlet?“ „Wie mein Vater,“ entgegnete der Stämmige kurz—„oder habt Ihr meinen Taufſchein geleſen, daß Ihr meint ich ſei vielleicht ein Baſtard im Hauſe mei⸗ ner Mutter geweſen?“ Der Blick des jungen Prinzen heftete ſich noch fe⸗ ſter auf das wiederlich behaarte Geſicht des Mannes, der ſich Varlet nannte,— Eugen Beauharnais ſchien jetzt Ghiraldina und ihre Flucht und ſeine Liebe zu ver⸗ geſſen——— er ſtand ſchweigend in tiefes Nachden⸗ ken verſunken vor dieſem Varlet, und ſchien in deſſen Zügen leſen zu wollen, als ob in denſelben die Ge⸗ ſchichte einer großen Trauerſcene aufgeſchrieben ſtünde. „Menſch!“ rief er dann, wie aus einem Traume erwachend,„warſt Du es!— bis Du es? biſt Du es wirklich?2!!“— „Wer ſoll ich denn ſein?“ ſagte der Stinige— „und wer ſeid denn Ihr?“— „Biſt Du wirklich ein Italiener, der Du Deiner Tracht nach zu ſein ſcheinſt?“ fagte der Prinz—„und wem dienſt Du hier?“— „Oh, zwei Fragen auf einmal,“ ſagte der Andere, 4———— ——4——— 239 —„nun, für jetzt bin ich Italiener, und ich diene dem, der mich am Beſten bezahlt.“ „Und wer iſt dieſer?“ fragte der Prinz. „Herr,“ entgegnete der Stämmige,„ſeid Ihr etwa ein Abgeſandter aus Mailand, ein Kundſchafter, wie ſie jetzt zu Dutzenden im Lande herumreiſen? Kommt wohl vom königlichen Palaſte?“ „Kennſt Du den Vicekönig?“ fragte der Prinz. Der Stämmige ſchwieg eine Weile. „Den Beauharnais?“ fragte er dann, und ſein Geſicht entfärbte ſich ein wenig.— „Perſönlich nicht,“ entgegnete Varlet. „Und dennoch biſt Du ihm ſchon dreimal auf ern⸗ ſten Gängen ſeines Lebens begegnet,“ ſagte der Prinz —„ich weiß, Du haſſeſt ſein Geſchlecht.“— „Wie könnt Ihr das ſagen?“ fuhr der Andere em⸗ por—„und überhaupt, ich ſehe gar nicht ein, was die Inguiſationsfragen von Euch bezwecken follen—— ich bin Beſchließer dieſes Hauſes, und habe Niemandem zu antworten, als Der, die mich dazu beſtellt hat.“ Nach dieſen Worten wollte ſich der Mann umwen⸗ den. Prinz Eugen Beauharnais aber hielt ihn zurück. „Wie?“ ſagte er,—„wenn man Dir ſogleich tau⸗ ſend Zechinen böte,— den Beauharnais durch einen Dolchſtoß bei Seite zu ſchaffen, würdeſt Du zögern 7 6 240 Der Stämmige blickte dem Sprecher feſt in's Auge.— „Menſch!“ rief jetzt der Prinz;„ich ſagte Dir ſchon, daß Du bis jetzt dreimal dem Beauharnais begegnet biſt auf ernſten Gängen ſeines Lebens; des zweiten Falles ent⸗ ſinnſt Du Dich wohl noch gut— das erſte Mal war es, als Du ihn als Knabe von ſiebzehn Jahren auf dem Schiffe„LEspoir“ ſahſt, auf welchem Du mit ihm die Reiſe von den Antillen nach Europa machteſt, und, ein armer Arbeiter der Pflanzungen Amerika's, von Eugen Beauharnais' Vater auf der Reiſe frei gehalten wurdeſt; — der Knabe Eugen hatte Deine Züge nicht vergeſſen — und prägte ſie noch tiefer ein— als Du ihm einige Jahre ſpäter zu Seite ſtandeſt, als Anzeiger dieſes ſei⸗ nes Vaters, den das Revolutions⸗Tribunal zum Tode führen ließ, weil Du— der Dankbare— ſeinen An⸗ geber machteſt.— Das war zum zweiten Male, da Dir Eugen Beauharnais gegenüberſtand; und nun ſteht er, Dir in dieſer ernſten Stunde ſeines Lebens, in welcher das, was er auf Erden am hochſten liebt, ihn verrathend von dannen zieht, wieder vor Dir— Varlet!— Mör⸗ der meines Vaters!— denn ich bin Eugen, der Prinz von Beauharnais und Vicekönig von Italien...“ Der Prinz hielt hier inne, denn die beiden Gonde⸗ liers, welche ſein längerer Wortwechſel mit dem Manne * 241 am Ufer beſorgt machte, kamen die Teraſſe heraufge⸗ ſtiegen. Varlet, der einſtige elende Angeber des Vaters Beauharnais beim Revolutions⸗Tribunale in Paris, ſtand todtenbleich vor dem königlichen Prinzen; jetzt bra⸗ chen ſeine Kniee,— er ſtürzte nieder—„Gnade!“ rief er,—„ja, ich bin Varlet, bin der unglückliche Angeber Alexander's von Beauharnais beim Revolutions⸗Tribu⸗ nale— aber tödtet mich nicht; ich kann Euch noch große Dienſte leiſten, Miniſter Fouché kennt meine Fähigkei⸗ ten Prinz Eugen blickte den Mann mehr mitleidig als verächtlich an.—„Dich tödten?“ ſagte er—„Menſch! ein Beauharnais kennt keine Rache an einem Elenden, wie Du!— Hier nimm! und ich befehle Dir, daß Du binnen Tageslänge Italien für immer verlaſſeſt!— Den Entführer Ghiraldinens von Orſini, der Dein Be⸗ fehlshaber ohne Zweifel iſt, wird mein Arm auch ohne Dich zu erreichen wiſſen.“— Nach diefer ritterlichen Rede und That eilte der junge Vicekönig Italiens in feine Gondel und ließ ſich in den See hinausrudern, um in ſeinen Palaſt nach Mai⸗ land zurückzukehren. Dort ſtand er am nächſten Abend in ſeinem Ka⸗ binette; an ſeiner Seite drei ſeiner Sekretäre und Adju⸗ Proſchko. Der ſchwarze Mann. II. 16 242 tanten, denen er Befehle gab, in welchen Richtungen Ghi⸗ raldina und ihr Entführer zu verfolgen ſeien.— „Nach Trieſt! und dann weiter nach Ungarn!“ .. ſo lautete ja die Antwort, die Ausſage Vaorlet's — und als jetzt der zum Vicekönig beſchiedene Präfect Salmatoris in's Kabinet trat, da trat ihm Prinz Eugen bleich aber ruhig und mit einer Miene entgegen, welche den feſten Entſchluß ankündigte, den er in wenigen Worten ausſprach:„Ich erſuche Sie, mein Herr,“ ſagte er,„dieſes verſiegelte Schreiben ſogleich an den Kaiſer Napoleon abzuſenden, es enthält die Anzeige, daß ich auf kurze Zeit Mailand verlaſſen werde, und die Leitung der Staatsgeſchäfte einſtweilen Ihnen übertragen habe.“ Prinz Eugen von Beauharnais ſprach mit dieſen Worten ſeinen geheimen Entſchluß aus: Ghiraldina zu⸗ rückzuführen, und ſollte er ſie aus dem letzten Winkel der Erde holen müſſen.. Aber ihm antwortete ein ſeltames Lächeln des Prä⸗ fecten Salmatoris, welcher ihm mit einer tiefen Verbeu⸗ gung eine Depeſche überreichte, die ein Eilkourrier ſoeben aus Frankreich gebracht hatte.„Von Seiner Majeſtät dem Kaiſer Napoleon,“ ſagte er,„Eure Hoheit geruhen dies vor Allem zu leſen.“ Die Depeſche enthielt die vertrauliche Nachricht, daß die große Armee des Kaiſers, in ſieben Heeresſäulen ge⸗ 243 theilt, in Eilmärſchen nach dem Ober⸗Rheine aufbrechen werde, und daß ſich der Prinz⸗Vicekönig unverzüglich im Lager des Kaiſers einzufinden habe, um ein Com⸗ mando zu übernehmen.... Eugen Beauharnais ſtand überraſcht, beſtürzt von dieſem Befehle— Todtenſtille herrſchte im Kabinete... Dann fuhr der junge Prinz empor:„Soll ich den höchſten Preis meiner Wünſche und Hoffnungen verſchwin⸗ den ſehen, um im Waffengeklirre des Heeres meines Stief⸗ vaters nach ungewiſſen Lorbeeren zu jagen——“ „Nein! auch ein Kaiſer Napoleon kann meiner Liebe nicht gebieten,“ ſetzte er entſchloſſen hinzu,„ich muß ihr, die man mir entreißen will— folgen— erſt bin ich freier Mann, dann Vicekönig!— Ghiraldina ich folge Dir!— Wer kann mich daran hindern!“— „Der Fahneneid— Hoheit!“ entgegnete Ge⸗ neral Lannes, der in das Kabinet trat und im Namen des Kaiſers, dem Prinzen einen koſtbaren Degen über⸗ reichte, womit Napoleon Buonaparte ſeinem Stiefſohne ein Ehrengeſchenk machte, deſſen Bedeutung für den be⸗ vorſtehenden Feldzug der Prinz nicht verkennen konnte. Ende des zweiten Theiles. * Druck von Plachy& Spitzer. ſ 8 9 10 11 12 13 ſſ 14 15 16 17 1 ——— ————