— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Ednard Oktmann in Gießen, hloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Teſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe C hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ß für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: t auf1 Monat: 1 W— Pf 1 Nr Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Tötelh und Telely— Der ſchwarze Mann, die ſchöne Helena, die Feneſe Kapelle Achtes Capitel. Der Wappenſaale des Magnaten Neuntes Der ſchwarze Mann 146 194 210 Der ſchwarze Mann. Dem hochgeehrten Herrn D Wopold Schweitzer, kaiſerlichem Rathe und Redakteur en chet der Wiener Zei⸗ tung, Commandeur und Ritter vieler hohen Orden, Mit⸗ glied gelehrter Geſellſchaften. Hochachtungsvollſt gewidmet vom Perfaſſer. * 1. Im Teifun. Auf dem Weltmeere, welches Europa von Amerika ſcheidet flog im Frühlinge des letzten achtziger Jahres des vorigen Jahrhundertes ein ſtolzes Segelſchiff den Küſten der alten Welt entgegen. Das prachtvoll emporſteigende Tagesgeſtirn beleuch⸗ tete mit ſeinem Golde die Wogen des Ocean's, und die tauſend und tauſend Bewohner des weiten Meeres be⸗ wegten ſich im bunten Gemiſche auf und unter dem grü⸗ nen Spiegel der See. Ein heißer Wind ſtrich hinter dem Dreimaſter her und dieſer ſchoß gleich einem rieſenhaften Meeradler über die breite Fläche dahin. LEſpoir war der Name des Schiffes, der mit gro⸗ ßen Lapidarlettern unter dem Kielborde desſelben einge graben ſtand, und in der That ſchien die Bemann — 4 desſelben die„Hoffnung“ als ihr ſtärkſtes Steuerruder, als ihre größte Flagge auf dem Schiffe aufgepflanzt zu haben, denn auf allen Geſichtern der zahlreichen Beman⸗ nung desſelben ſtrahlte Muth, Hoffnung und Erwartung einer glücklichen Fahrt und einer glücklichen Zukunft im Mutterlande Europa. Das Schiff, obwohl es ein ehrlicher Kauffahrer war, glich in der That einem Auswanderer⸗Schiffe be⸗ ſter Sorte, denn eine bunte Bemannung von Leuten aller Nationalitäten lag, ging oder lief am Verdecke hin und her. Wie langfüßige Inſekten kletterten die Matroſen auf den Strickleitern der Maſten hinauf und herab;— 1 dort lag ein brauner Mulatte, hier ein weißer Europäer, im Schatten eines Maſtes; dort zwiſchen dem Tauwerke ſtand ein kleiner Mohrenknabe, hier neben dem Compaß⸗ 3 kaſten ging der ſtolze Britte in ſeiner rothen Seelieute⸗ 3 nants⸗Uniform auf und nieder— wieder in jener tief⸗ ſten Ecke des Kieldeckes kauerte ein bleicher Franzis⸗ kaner⸗Mönch, deſſen pechſchwarze Augen über ſein Bre⸗ vier hinliefen, aus welchem er die hora bethete; auf der entgegengeſetzten Schiffsſeite benützte ein kleiner etwa eunjähriger Knabe, deſſen gebräuntes Antlitz mit den rigen Augenſternen ſeine ſüdländiſche Abſtammung deſſen feine Züge und nicht minder ſeine Sammt⸗ jacke ſeine Abſtammung aus gutem Hauſe verriethen, eben den breiten, in's Meer hinausragenden Metall⸗Lauf einer vier und zwanzigpfündigen Kanone als Reitpferd und jauchzte aus der kleinen Bruſt ſo freudig in die Luft*„ hinaus, als ob er allein der Kutſcher des großen Holz⸗ roſſes wäre, welches ſo viele Paſſagiere über das Welt⸗ meer nach Europa tragen ſollte. Unter dieſem Knaben und dem ſcharfgeladenen Vier und zwanzigpfünder ſpielte— ein lieblich kleines Mädchens von etwa fünf bis ſechs Jahren und wand mit ſeinen kleinen Händchen einen Kranz von friſchen Blumen um das Pulverloch der Kanone, in der That vergleichbar dem kleinen Lie⸗ besgotte, welcher ſeine Roſenkette um die Mähne des gewaltigen Löwen ſchlingt, der ſeinen ſtarken Nacken willig unter dem Händchen des unſchuldigen Kindes beugt. Widerlich erſchien das Gegenbild unter dem nahe⸗ liegenden Tauwerke, wo einige zerlumpte Kerle in ge⸗ ſtreiften Matroſenjacken mit Karten ſpielten, häufig der Rhumflaſche zuſprachen und dabei um die Wette zank⸗ ten und fluchten. Dort am hohen Kielborde ſtand aber ein kräftiger junger Mann mit dem Zuge der Entſchloſſenheit auf dem gebräunten Antlitz und der Gluth des Südens in dem feurigen Auge, deſſen Blicke weit hinaus über dat 6 Weltmeer ſchweiften und zu ſagen ſchienen, daß der WMann ſo gern den für ſeine Sehnſucht viel zu trägen Lauf des Schiffes beſchleunigen und in nächſter Stunde ſchon auf europäiſcher Erde an's Land ſteigen möchte.. Er trug die einfache Kleidung eines amerikaniſchen Pflanzers und ein paar kurze Piſtolen in ſeinem Gür⸗ 3 Neben ihm ſtand eine junge Frau, ſchön wie der Morgen, von ſchlankem Wuchſe mit feinen Geſichts⸗ zügen, in denen ſich nicht minder, wie in jenen des er⸗ wähnten Mannes eine gewiſſe Entſchloſſenheit und Gei⸗ ſtes ſtärke ausſprach. Am hohen Maſte lehnte mit überſchlagenen Armen 3 ein baumlanger Seemann mit dunklem Vollbarte und einem von der Tropenſonne ſo ſehr gebräunten Geſichte, daß man laum die zwanzig und mehr Narben erkennen konnte, welche die Säbel der Korſaren in ſeine Wange und Stirne gegraben hatten. . Es war Van Hobvoken, der Capitän des Schiffes, ein Creole von Geburt, der die Seeſtraße der alten At⸗ lantis nach dem Süden Europa's wohl fünfzig Mal in ſeinem Seeleben ſchon durchgemeſſen hatte— jetzt aber ruhig neben den bezeichneten zwei Paſſagieren ſeines ⸗ ſtand und ihnen ein Langes und Breites von en Dingen erzählte, die er vor einigen Monden, als er 7. das letzte Mal im Canal La Manche Anker geworfen hatte, von den im Aufſteigen begriffenen Stürmen in Frankreich erfahren hatte, deſſen Staatsſchiff auf dem Punkte ſtand die rothe Fahne aufzuhiſſen. Jetzt ſandte er ſeine Blicke hinaus über den weiten Spiegel des Meeres. „Die See geht hoch,“ ſagte er in engliſcher Sprache, auf die junge Frau und den ſchlanken Amerikaner zu⸗ tretend;„der Südwind kräuſelt die Wogen;'s gibt Sturm.“ „Dem wollen wir entgegen ſteuern,“ entgegnete lächelnd der Amerikaner, indem er ſein ſchönes Haupt wie herausfordernd emporwarf. „Ah Sir, Ihr meint dem drüben in Europa?“ bemerkte der Capitän;—„nun da gleicht Ihr ja dem Sturmvogel, der ſich auf den Maſt ſetzen will, den die gährende See bald überſpülen wird—“ „Ihr ſagt recht,“ entgegnete der Amerikaner;„ich ziehe mit meiner treuen Begleiterin, meiner Gattin und meinem Söhnlein, welches Ihr dort auf dem Geſchütz⸗ laufe ſitzen ſeht, einer neuen Zeit, einem neuen Vater⸗ lande im ſchönen Frankreich, und ſo Gott will auch ei⸗ nem neuen Glücke entgegen— ich gedenke in Frankreich Kriegsdienſte zu nehmen.“— Der Capitön lächelte. 8 „Nun,“ ſagte er,„ſeht zu, ob Ihr in Europa das ſchöne Frankreich, welches Euch euere Phantaſie vormalt, finden werdet.— Ja, ich ſage Euch, die Dinge geſtalten ſich dort mit jedem Tage ſeltſamer und wüſter; und wenn ich Euch ſage, daß man mir, als ich vor drei Mo⸗ naten von Breſt nach den Antillen zurückfuhr, als neueſte Nachricht die Proclamation der Kriegserklärung zeigte, welche König Ludwig XVI. gegen das ihm befreundete Haus Oeſterreich wider ſeinen Willen hatte unterzeich⸗ nen müſſen, ſo mögt Ihr die Machtloſigkeit dieſes von ¹ den Partheiungen ſeines Landes getriebenen Königs be⸗ 3 urtheilen und ſchließen, welcher Zukunft das ſchöne Frankreich entgegen geht— Nacht wird es dort, ſage ich Euch— ſchwere Gewitternacht und—“ „Deſto heller,“ fiel der Amerikaner ein,„wird der Stern des Muthigen ſtrahlen, der ſich mit ganzer freier Bruſt dem Sturme entgegenwirft—“ „Und darin vielleicht untergeht—“ ſchallte eine tieftönende Stimme von der linken Seite des Kieldeckes. Die beiden Männer blickten auf— die Stimme gehörte dem bleichen Franziskaner⸗Mönche, welcher aus der hin⸗ terſten Ecke des Kieldeckes hervorgetreten war, und jetzt auf das Meer hinausſtarrte, auf deſſen ruhigem Spiegel ſich eine ſonderbare Erſcheinung darbot. Die ganze See rings um das Schiff ſchien mit funkelnden Sternen überſät zu ſein, welche ſich dann in eine einzige Feuermaſſe auflöſ'ten, in welcher die Fiſche, wie aus Feuer gebildet herumſchwammen; das Schiff zog, einem Cometen ähnlich, bei jeder Bewegung einen in Myriaden Funken wiederſtrahlenden Feuerſchweif hinter ſich;— was Füſſe hatte rannte auf das Verdeck und auf dieſem dem Borde zu oder kletterte auf den Tauen oder Strickleitern empor, um das„Feuermeer“ zu betrachten. „Das Leuchten des Meeres!“ ſagte der Capitän Van Hobooken, indem er die ſchöne Gattin des erwähn⸗ ten Amerikaners auf die höchſte Kielbordſeite führte und ihr das Meerwunder erklärte— „O wie ſchön— wie herrlich, welche Feuerpracht!“ ertönte es von allen Seiten. „Und dennoch iſt es nur ein kleines Würmchen, die Molluske,“ ſagte der Capitän,„welches dieſen Wun⸗ derglanz hervorbringt; eine phosphoriſche Materie, welche dem Körper dieſer Thierchen innewohnt, bringt, wenn ſie in zahlloſer Maſſe auf den Wogen um das Schiff ſchwimmen, dieſen Feuerglanz hervor— das Schiff ſcheint zu glühen—“ „Aber es iſt kein wahres Feuer, nur ein rrlicht, das dem Sturme vorausgeht, der bald unſere Segel 10 blähen wird,“ tönte wieder jene hohle Stimme des Fran⸗ ziskaner Mönches. „Meiſter Gabriel,“ ſagte der Capitän, ſich zu dem Sprecher wendend,„laßt mich jetzt ungeſchoren mit eurem immer widerlicheren Geheule, wenn der Sturm kömmt, ſo iſt er da— jetzt, aber wollen wir uns freuen an dem Bilde der großen Natur, die uns einmal wieder im Feuerkleide entgegentritt.“ Der Mönch ſchwieg und der Capitän wendete ſich wieder zu den Amerikanern:„'s iſt ein Miſſionär,“ ſagte er,„ein Mönch aus Ungarn, der hinter dem Miſ⸗ ſouri dem Bekehrungswerke nachging und jetzt in ſein Vaterland zurückkehrt und dem ich, da mein Schiffspater auf der letzten Fahrt mit Tod abging, unentgeltliche Ueberfuhr nach Europa geſtattete, wofür er mir den Dienſt des Schiffsgeiſtlichen verſehen muß, bis ich in Cadir einen andern ausfindig gemacht haben werde, ſeine Paſſion iſt das Prophezeien und der Himmel hängt vor ſeinen Augen ſtets im ſchwärzeſten Trauerflor; da⸗ bei hat er eine Beredſamkeit, wie kein Zweiter und wir nennen ihn auf dem Schiffe deshalb den„feurigen Ga⸗ briel.“ „Der Mann iſt intereſſant,“ fiel die junge Gattin des Amerikaners ein, indem ſie auf den Mönch zutrat, welcher jetzt ruhig auf einem Taubündel ſaß und deſſen 14 ganzer Körper vom Strahle des im höchſten Glanze funkelnden Meeres wie übergoſſen war, ſo daß er in der That einem feurigen Manne glich;„wie ſteht es um unſere Zukunft, würdiger Herr, zwiſchen welchen Ster⸗ nen ſtehen ich und mein Gemahl?—“ Der Angeredete ſtand auf und deutete mit ſeinem langen Arme auf den Zug zweier fliehenden Wolken, die durch eine aufſpringende Briſe gejagt über den Häup⸗ tern der Schiffenden hinzogen und ſeltſame Geſtalten bildeten.— „Krone und Schaffot,“ ſagte der Mönch eintönig indem er zegen dieſe zwei dunklen Wolken wies in de⸗ ren Umriſſen eine lebhafte Phantaſie in der That die Aehnlichkeit mit einer mächtigen Krone und einer Blut⸗ Bühne erkennen konnte.— Der Capitän trat in dieſem Augenblicke lauſchend an das Steuerruder und ſah unverwandten Blickes nach der Windſeite; unten verſchwand allmälig das Gold des Meeres in das frühere Grau und Grün, dagegen zitterte weißer Schaum auf den ſich kräuſelnden Wellen und ein plötzlicher Windſtoß fegte jetzt den letzten Schim⸗ mer der leuchtenden See von den Wogen. „Die Ober⸗Bramſegel gehoben! und das Deck ge⸗ räumt!“— donnerte jetzt der Capitän durch ſein Sprachrohr und im nächſten Augenblick war das Ver⸗ 12 deck von den Paſſagieren geleert, die Matroſen flogen auf die Strickleitern, Steuermann und Hochbootsmann ſtanden auf ihrem Poſten.— Jetzt ſpülten einige Wogen über das Verdeck, das Schiff begann hin und her zu ſchwanken und die Schiff⸗ batterien Waſſer zu ſchöpfen— am Horizonte ſtieg es raſch wie ein ſchwarzes Gebirge empor.— Ein Sturm war im Anzuge. Der alte Meergott ſchien wach geworden zu ſein und in dem früheren Leuchten des Meeres einen Ein⸗ griff des Feuergottes in das Reich der Gewäſſer bemerkt zu haben— er rüttelte jetzt gewaltig an den Rippen des Fahrzeuges, ſo daß ſeine naſſen Rieſenarme augen⸗ blicklich alles von dem Verdecke wegſpülten, was nicht ſeefeſt geſtaut oder niet und nagelfeſt war. Bald kollerte Alles bunt durcheinander und heulend zog es jetzt in den Wolken hoch über den Häuptern der Schiffenden hin, als käme die wilde Jagd mit dem ganzen Heere ihrer Ungeheuer angebrauſt. Gleich rieſigen Raubthieren jagten ſich die ſchwarzen Wolken am Himmel und Blitze durchzuckten gleich goldenen Bändern ihre dunklen Maſſen. Hoch oben am Steuerborde ſtand jetzt der Capitän Van Hobooken, ſein Fernrohr in der Hand, mit ruhigem Ernſte blickte er auf das tobende Meer hinaus, in wel⸗ 13 chem bereits die Fluthen wie in einem Rieſen⸗Crater zu kochen begannen. Wieder ertönte die gewaltige Stimme des Capi⸗ tain's:„Alle Mann auf's Oberdeck!“ donnerte er; dann wandte er ſich zum erſten Steuermann;„ich täuſche mich nicht,“ ſagte er,„wir jagen bereits mit unſerem Schiff vor einem Teifun!—“ Der Amerikaner, welcher gleichfalls auf das Ver⸗ deck geſtiegen war, blickte den Capitän fragend an.— Dieſer nickte.„Ja,“ ſagte er,„ein Teifun iſt's— einer jener furchtbaren Stürme, die vorzugsweiſe im chineſi⸗ ſchen Meere, ſeltener aber im atlantiſchen Ocean, zur Zeit des Monſunwechſels im Auguſt, September und Oktober loszubrechen pflegen, wenn der Nordoſt⸗Paſſat plötzlich gegen den Südweſt⸗Monſun vordringt; im at⸗ lantiſchen Ocean kommt er in ähnlicher Weiſe unter dem Namen der weſtindiſchen Tornados und des Mau⸗ ritius⸗Wirbel⸗Oceans im großen Maßſtabe vor.“ „O,“ fuhr Capitän Van Hobvoken fort,„ich habe dabei grauenvolle Stürme bereits in den aſiatiſchen und amerikaniſchen Meeren vielfach erlebt; während dieſer ſchrecklichen Stürme dreht ſich die Luft um einen Punkt, der jedoch nicht ſtille ſteht, ſondern in kreiſender Bewe⸗ gung fortſchreitet, während in ihm ſelbſt vollkommene Windſtille herrſcht. Man nennt daher ſolche Stürme, bei 14 welcher der Wind nicht blos von einer Seite kreisförmig weht, Kreisſtürme oder Cyclonen.“ „Und treten ſie alle ſo plötzlich ein, wie der heutige?“ fragte der Amerikaner. „Man kann ihr Entſtehen und ihren Gang lange vorher berechnen,“ ſagte der Capitän,„es iſt nämlich eine ſtets erprobte Lehre der Seewiſſenſchaft, daß bei der Cyelone der nördlichen Halbkugel die Luftmeſſer eine Kreisbewegung umgekehrt, wie die Zeiger einer Uhr ha⸗ ben, bei der Cyelone der füdlichen Halbkugel aber ſich in derſelben Weiſe, wie die Zeiger einer Uhr drehen. In ähnlicher Weiſe bewegt ſich nämlich der Mittelpunct der Cyelone, und ſo vermag ein gewandter Schiffer, wenn er die Cyelone herannahen ſieht, ihrem Wirbelſturme, welcher zuweilen eine Ausdehnung von 300 bis 1000 Seemeilen hat, bei kluger Berechnung ihrer Bewegung, leicht zu entgehen, ja, ſogar den Sturmwind am Rande der Cyelone zu einer ſchnelleren Fahrt zu benützen, und dieß muß auch in nächſter Stunde unſer Beſtreben, un⸗ ſere Vorſicht ſein, ſonſt ſind wir mit Mann und Maus verloren!“— Der Capitän ſtieg nach dieſen Worten in den Korb des großen Mittelmaſtes empor, um mit dem geübten Kennerblicke des Seemannes noch vor dem vollen Aus⸗ bruche des Sturmes, wie ein Feldherr vor der Schlacht, 15 das ganze Terrain ſeines Schiffes zu überſchauen und ſeinem Sprachrohre die nöthigen Befehle zu erthei⸗ en.— Der Abend hatte ſeinen Schleier vollends herab⸗ geſenkt; dunkel war die Grenze des Geſichtskreiſes, dunkle und dichtgeſtaltete Wolkenmaſſen hingen gegen Südoſt und Oſt am Himmel; ſie glichen grauen Nebelmaſſen, waren nach oben zu gelblich und endeten ganz oben als Haufenwolken in einem hellen Rande.— Weſtwärts iugt der Sturm andere tiefer gehende Nebelmaſſen vor⸗ über.— Bald lag finſtere Nacht auf dem weiten Meere, in welchem es wie in einem ungeheuren Keſſel kochte und ſchäumte, und Woge und Wolke und Nebel ſich zu einer undurchdringlichen Maſſe vereinigten, als wollten die Luft⸗ und Waſſergeiſter wetteifern, wem es zuerſt gelin⸗ gen würde, die Nußſchale, genannt Schiff, zerdrückt in den Abgrund zu ſenden. Näher und näher brauſte das furchtbare Ungeheuer der Meeres⸗Cyclone. Ein heftiger Nord⸗Oſtwind belehrte den Capitän Van Hobooken und ſeine Steuermänner und Offiziere, daß ſie ſich im nordweſtlichen Quadrate der Cyclone befanden, deren meiſt nordöſtlich gehenden Mit⸗ telpunct ſie alſo leicht erreichen konnte. Das Schiffsbarometer fiel unaufhörlich und der 16 Sturm tobte mit jeder Minute heftiger, der Wind blies nun der Cyelone entgegen— kurz die Lage des Schiffes wurde mit jeder Secunde eine verzweifeltere. Aber das iſt eben der Triumph der Vernunft und der Sieg der Wiſſenſchaft, daß der Menſch, das Meiſter⸗ ſtück der Schöpfung, geleitet von der erſten, mit dem Lichte der andern mitten durch die Nacht der zahlloſen Gefahren dieſes Erdenlebens geht, ein Sieger über die blinde Wuth der Elemente.... Ruhig und beſonnen im höchſten Augenblicke der Gefahr ſtand der Capitän, ſtanden ſeine Steuermänner, ſtanden ſeine Offiziere neben einander und berechneten, daß es nur eine Möglichkeit gebe, ſich von dem breiten, mächtig gähnenden Rieſenſchlunde des entfeſſelten Meer⸗ Ungeheuers zu retten. Die wahrſcheinliche Bahn, welche das heranſtür⸗ mende Wolkenungethüm nehmen würde, mußten ſie mit einem ſüdöſtlichen Laufe des Schiffes ſchneiden, bevor der Kern der Cyelone ſo weit vorgerückt wäre, um das Schiff mit Mann und Maus zu verſchlingen. Nur ſo konnten ſie vor der, allem Anſcheine nach nordweſtlich, fortraſenden Cyclone vorbeigelangen, deren füdliche Seite erreichen und ihr allmählig entrinnen. Segel auf Segel, ſoviel der Sturm aufzuziehen geſtattete, flogen nun auf, und wenn der Wind bei dieſem 17 Laufe des Schiffes allmählig aus Nordoſt, in Nord endlich in Weſt überſprang, ſo gewann dann das Schiff die ſüdöſtliche und allmählig die ſüdliche Seite der Cyelone und war gerettet. Jetzt flog die LEspoir mit vollen Segeln vorwärts; wie rieſige Waſſerkegel rollten die thurmhohen Wogen untereinander und verſanken aus einer Höhe von zwan⸗ zig bis ſechs und zwanzig Fuß raſch wieder in die Tiefe. Nun begann ein wahrhafter Kampf der berechnen⸗ den Klugheit des Menſchen mit den Wogen,— hoch oben auf dem Mittelkorbe des Maſtes ſtand der Capi⸗ tän Van Hobooken mit der Uhr in der Hand, lauſchend auf jede Aenderung des Windes, der, um die knarrenden Maſten, weitgeſchwellte Segel und auf⸗ und niederflat⸗ tende Wimpel erfaßte und an den Rippen des Schiffes rüttelte, als ob er dasſelbe mit jeder Minute auseinan⸗ derreißen wollte. Die See glich einem ungeheurem Keſſel voll weißen Schaumes, welcher ſich bald in trichterför⸗ migen Schlünden abwärts, bald in mächtigen Waſſer⸗ bergen empor wälzte— oben rollte der Donner mit dem heulenden Winde um die Wette; wie graue Sturmvögel hingen die dienſtthuenden Matroſen an den Schiffslei⸗ tern und Tauen und dort und da flog einer mit einem reißenden Taue in die Sturmesnacht hinaus und wieder Proſchle. Der ſchwarze Mann. I. 6 18 zurück, eine Strickleiter oder eine Maſtſtange erfaſſend, und ſich zur Rettung daranklammernd. Ein neuer Sturmſtoß rüttelte das Schiff; Sturm und Regen erfüllten das dunkle Bild dieſer Scene, auf welches ſogleich wieder ein neues Bild der augenblickli⸗ chen Verwirrung und Unordnung folgte, da von allen Seiten berghohe Wogen auf das Schiffſtürzten.— Aber auch nur augenblicklich war dieſe Unordnung; denn wie der leitende Faden im ſchwarzen Labyrinthe, beherrſchte der Geiſt und das gewaltige Commando⸗Wort des ſee⸗ und ſturmgewohnten Capitäns auch in dieſem gefahrvol⸗ len Momente das Schiff in all ſeinen Theilen, und all' ſeine Bemannung.— Je wüthender der Sturmwind die kochende See peitſchte, je düſterer die rieſenhaften Trauer⸗ flöre der Wolken auf das ſchwankende und in allen Fu⸗ gen knarrende Schiff herabhingen, deſto lauter und kraft⸗ voller erſchallte das Commando⸗Wort des gewaltigen Beherrſchers dieſer paar Bretter, von deren Zuſammen⸗ halten das Leben ſo vieler Menſchen abhing.— Jetzt blickte der Capitän wieder nach Nordoſt hin⸗ aus, wo die Wolkenflöre in dichte, blaugraue Wolken⸗ ſchichten übergingen— ſie deuteten die Stelle an, wo eigentlich der gefahrvolle Mittelpunet der Cyelone vor⸗ überzog— vorüberzog, oder vielleicht vorüberzuziehen ſchien; denn noch immer ſteigerte ſich die Gewalt des 19 Sturmes, als ob ein tückiſcher Seegott mit den kühnen Schiffern ſein Spiel treibe; jetzt ſchoß vom Winde vor⸗ und ſeitwärts gejagt das Bretterhaus des Schiffers, mit Wogen bedeckt, dahin; bald tanzte das Schiff auf der höchſten Spitze eines thurmhohen Wellenberges, bald umſchlangen die naſſen Arme des Neptun das ganze Schiff, als wollte er es mit einem kräftigen Ruck in den Abgrund ziehen und ſelbſt der mehr als zwanzig Fuß über der Waſſerlinie gelegene höhere Hintertheil des Schiffes, ja, ſogar die Seitenborde füllten ſich nun mit Waſſer. Jetzt war es Nacht geworden, die Noth ſchien am höchſten geſtiegen— der Capitän ließ die Groß⸗ und die Vorausſegel einfach und die Fockſegel doppelt einreffen, und mit der Schnelligkeit von einigen Seemeilen in der Stunde flog nun die LEspoir vor dem Winde dahin, die Wogenberge zerſchneidend, welche übereinanderſtürzten und vom Winde in Mhriaden⸗Tropfen zerſtäubt wurden; man konnte zuletzt nur noch eine Maſſe weißen Schau⸗ mes wahrnehmen und der nach allen Seiten herumflie⸗ gende Waſſerſtaub hüllte das Schiff in eine wahre Re⸗ genwolke, ſo daß zuletzt der Steuermann am Hintertheil des Schiffes den Vordertheil ungeachtet der aufgeſtellten Laternen nicht mehr ſehen konnte. Seltſam und grauenhaft, gleich dem Geheule des 2* 20 ſchwarzen von Klagen wiedertönenden Cochtus waren die tiefen, faſt metalliſch klingenden Töne, welche der Ocean hervorrief, indem er über die ſchäumende See fuhr; dazu ſchrillte und pfiff es in den Tauen und in dem Segelwerke, als wollten alle Halbgötter des Mee⸗ res heute in das entſetzliche Höllenconcert, welches der Seegott in dieſer Nacht abhielt, aus allen Kräften ein⸗ ſtimmen. Nun trat für das Schiff in der That die höchſte Gefahr ein; der Capitän konnte bei der Heftigkeit des Sturmes an eine Verminderung der Segel nicht denken, ohne das Höchſte für die ermattete Schiffsmannſchaft be⸗ ſorgen zu müſſen; aber er mußte befürchten, daß die Se⸗ gel bei dieſer raſenden Wuth des Ocean's kaum aushal⸗ ten würden; rießen ſie,— ſo fiel das zerbrechliche Fahr⸗ zeug ganz und gar der Gewalt des Sturmes anheim. Jetzt ſchoß wieder ein minutenlanger Kreuzblitz aus der ſchwarzen Wolke— ein Schrei auf dem vorderſten Steuerborde ertönte; der Sturm hatte den erſten Steu⸗ ermann über Bord geworfen, er war unrettbar ver⸗ n Gleiches Geſchrei war deutlich aus der Seitenka⸗ jüte des Mitteldeckes zu vernehmen; dort hatte die furcht⸗ bar anprallende Sturmesfluth eine ſchwächere Schiffs⸗ rippe eingedrückt; der erſte Schiffslieutenant hatte das 21 Leck augenblicklich bemerkt, und auf ſeinen Wink ſtürzten ſogleich mehrere Matroſen mit einem Schiffszimmermann an der Spitze in die erwähnte Cajüte— man riß einen ältlichen Mann in italieniſcher Kleidung und eine ohn⸗ mächtige Frau heraus, welche letztere kaum zum Bewußt⸗ ſein gelangt, nach ihrem Kinde ſchrie, und die Hände ringend den Namen Ghiraldina in die Luft hinaus rief. In der That! Der Sturm und die auf dem Schiffe herrſchende Bewegung, bei welcher Niemand mehr Ord⸗ nung halten konnte, hatte jenes kleine etwa ſechsjährige Mädchen, welches, wie oben erzählt, vor dem Sturme neben dem neunjährigen ſchönen Knaben bei der Schiffs⸗ kanone am Steuerborde geſpielt und dieſe mit einem Kranze friſcher Blumen geziert hatte, über Bord geriſſen und nur noch ein kleiner Enterhaken an der Außenſeite hielt das Kind an ſeinem Kleidchen— in jedem Augen⸗ blicke konnte es eine Welle bedecken und— da flog aber auch ſchon an einem raſch erfaßten Schiffstaue.. der erwähnte ſchöne Knabe über Bord, im nächſten Augen⸗ blicke faßte ſeine kleine Hand das ſinkende Mädchen und hielt es ſo lange im kleinen Arme, bis der zweite Hoch⸗ bootsmann, ein von dem erwähnten Manne und einem Matroſen mit aller Kraft feſtgehaltenes ſtarkes Tau er⸗ greifend, ſich hinabgelaſſen hatte, und das Mädchen nebſt dem Knaben mit ſtarkem Arme umfaſſend, beide auf das 22 Oberdeck brachte, wo die jammernde Mutter aus ihrer wiederholten Ohnmacht erwachend ihr gerettetes Kind in die Arme ſchloß und es mit Thränen übergoß. Mit dieſer muthigen That des neunjährigen Kna⸗ ben ſchien ein rettender Segensſtrahl auf das Schiff ge⸗ fallen zu ſein— denn ein neuer Windſtoß riß die ſchwarze meilenbreite Wolke, welche hinter dem Schiffe lag in zwei Hälften, eine ungeheure Waſſerhöhe bildete ſich in der Mitte beider Wolkentheile und das furchtbare Un⸗ gethüm der Cyelone ſchien gleichſam vom Pfeile des ro⸗ then Blitzes im Herzen getroffen, in ſich ſelbſt zuſam⸗ menzufinken und im tiefen Meeresgrunde ihr natürliches Grab zu finden, wührend das Schiff vom Winde gejagt, unerreicht von dem plötzlich gelähmten Meeresrieſen auf den Spitzen der ſchäumenden Wogen vorwärts flog, der fernen Gegend zu, wo ein friſcher Südweſt⸗Monſun den Himmel von den grauen Wolkenfetzen ſäuberte, die wie die letzen Fähnlein einer zerſprengten Armee am Him⸗ mel dahinjagten, während der wiedererwachende Tag⸗ ſtern am äußerſten Meereshorizonte emportauchte und wie ein zitternder Rieſen⸗Rubin ob dem Meere ſchwebte, in und auf welchem ſich raſch ein tauſendfältiges Leben entrbte Stiller und ſtiller ward die See, das reine blaue Auge des Himmels blickte wieder freundlich auf den hel⸗ 23 len Meeresſpiegel, die rieſenhafte, düſtere Wolkenbank der Meeres⸗Cyclone lag nun weit hinter dem Schiffe, welches durch volle acht und zwanzig Stunden im Be⸗ reiche des Teifuns und um Mitternacht ſeinem Mittel⸗ puncte am nächſten, immerhin aber noch einhundert See⸗ meilen von demſelben entfernt geweſen war. Jetzt glich die LEspoir in der That der Arche nach der Sündfluth. Während die warmen Sonnenſtrahlen das ſchaumübergoſſene Verdeck trockneten und der Ma⸗ troſe, ſein fröhliches Morgenlied anſtimmend, mit der Ruhmflaſche auf das Tauwerk der Maſten hinaufkletterte, um dem braven Capitän, durch deſſen kluge Führung und Geiſtesgegenwart die Wolken⸗Cyelone glücklich durch⸗ ſchnitten und theilweiſe umſchifft worden war, ein drei⸗ faches Hoch! zu bringen, krochen die Paſſagiere aus ih⸗ ren Verſtecken und freuten ſich nach überſtandener Sünd⸗ fluth ihres wiedergeſchenkten Lebens.... Van Hobooken, der treffliche Capitän, im Sturm beſonnen und ruhig, ſtand jetzt freudig erregt auf dem Mittelkorbe des großen Maſtes nach Oſten hinaus⸗ blickend, wo der Himmel ſich lichtete und das goldene Sonnenauge zwiſchen den von tauſend und tauſend Strah⸗ len, gleichwie von goldenen Lanzen zerriſſenen Wolken⸗ maſſen hervortauchte. Nochmals that der Capitän aus ſeinem Fernrohre 24 einen Blick nach Oſten.—„Die Gefahr iſt vorüber,“ rief er dem unten ſtehenden erſten Schiffslieutenant zu, „das Schiff iſt dem Bereiche der Meeres⸗Cyelone ent⸗ ronnen.“— Schwarzgraue Wolkenfetzen zogen jetzt, als die letz⸗ ten Reſte der vorüberfliegenden Cyclone ganz nieder über die Maſten des Schiffes hin; ſchon blickte zwiſchen ihnen der freundliche Himmel durch und die unheimliche Wol⸗ kenbank lag ſchon jetzt weit hinter dem Schiffe. Die Vespoir war ſomit gerettet, aber ſiehe die ſtar⸗ ken Maſten waren über Nacht grau geworden, ganz grau von der Salzkruſte, welche ſich aus dem Meereswaſſer angeſetzt hatte, in der That ähnlich dem plötzlich ergrau⸗ ten Haupthaare eines Menſchen, der eine Nacht der furchtbarſten Todesangſt überſtanden hat.— Auf dem Verdecke wimmelte es jetzt, wie auf der Arche nach den Tagen der Sündfluth, Groß und Klein, Alt und Jung drängte ſich im bunten Gewirre durch⸗ einander und freudig begrüßte ſich Alles nach überſtan⸗ dener Gefahr; denn von den Häuptern der Schiffsbe⸗ wohner fehlte außer dem verunglückten Steuermann auch nicht eines.— Wahrhaft rührend und erhaben war es, als der mannhafte Capitän noch im durchnäßten Seemannsrocke auf das Verdeck trat, den Hut in der Rechten emporſchwang, 25 und mit weitſchallender Stimme in die Luft hinausrief: „Ein Seemanns Hoch dem Herrn über Leben und Tod dort oben, der uns durch den Teifun geführt hat!“— Die Mannſchaft ſtimmte laut darein, und das war ein kurzes Schiffsgebet, welches die geſunden Herzen der rauhen Seemänner in ihrer Weiſe dem Himmel darbrach⸗ ten, unbekümmert, ob dieſer oder jener aus dem Schiffs⸗ volke mit einſtimmte, oder ſchweigend zuſehen wolle.— In der Ecke des Kielbordes fand aber jetzt unter den vielen Scenen der Freude über das wiedergeſchenkte Leben eine von beſonderer Herzlichkeit ſtatt. Dort ſtand nämlich der oben erwähnte ſtattliche Amerikaner mit ſei⸗ ner ſchönen Gattin; in ihren Armen lag der neunjährige Knabe mit dem dunklen Lockenkopfe und ſein kleiner Arm hielt mit beiden Händchen das zwiſchen ihren Aeltern ſtehende ſechsjährige Mädchen, die kleine Ghiraldina, um⸗ faßt, welches der kleine Eugen, wie oben erzählt, durch minutenlanges Feſthalten vor dem Sturze in das Meer bewahrt hatte. In denkleinen ſchwarzen Augen der Kleinen glänz⸗ ten ein paar große Perlen; das kleine Kindesherz ſchien die ganze Größe der aufopfernden That ihres jugendli⸗ chen Retters zu faſſen.—— Ghiraldina warf ihrer Mutter einen bittenden Blick zu, und als dieſe beifällig nickte, zog das Kind einen kleinen Diamant⸗Ring von 26 ſeinem niedlichen Finger und ſteckte ihn dem Knaben Eu⸗ gen an dem Finger; dann überlief eine hohe Röthe das Antlitz der Kleinen, welches dieſe im Schoße ihrer Mut⸗ ter barg, als fühlte ſie, daß ſie vielleicht den Zartſinn des Knaben beleidigt habe, welchem ſie mit kindlicher Dankbarkeit ein Andenken dieſer Stunde geſpendet hatte. Auch das liebliche Antlitz des ſchönen Knaben bedeckte jetzt eine flammende Röthe; er ſchwieg und ließ das Kind ruhig gewähren. Tiefe Rührung malte ſich auf den Ge⸗ ſichtern der Umſtehenden; es ſchien, als ob hier zwei Fa⸗ milien, die des Amerikaners und Ghiraldinens Aeltern einen ſchönen Bund für das ganze künftige Leben ſchlie⸗ ſten wollten, ſie, die das Schickſal auf dieſem Schiffe in der Stunde der höchſten Gefahr in ſo ſeltſamer Weiſe zuſammen geführt hatte.— 2. Jean Faure. Geſcheiterte Verſchwörungen gleichen verlornen Schlachten und ſtählen, wie ein franzöſiſcher Geſchichts⸗ ſchreiber ſagt, die Gewalt, deren Verderben ſie begrün⸗ deten. So glich das Haupt des kleinen Corſen, nach dem Mißlingen des großen Attentates mit der Höllenmaſchine, welche Carbon Rejant und Limoölan in der Straße St. Nicaiſe zu Paris aufgeſtellt hatten, in der That dem ſtrahlenden Scheitel des Alpenberges, deſſen Kronen erſt im rechten Glanze hervorblicken, wenn Donner und Blitze das Wolkenmeer um den Fels herum zerriſſen haben und dieſer nach dem Sturme in neuer Schönheit und Maje⸗ ſtät ungebrochen daſteht.... 28 Die Siege von Marengo und Hohenlinden hatten die Schweiz, Holland und Spanien der Dictatur des erſten Conſuls von Frankreich überliefert und die Ver⸗ ſchwörung zur Zeit des Conſulats machte ihn zum Kai⸗ ſer.— Der Sohn der Revolution hatte ſich durch das Haupt der Chriſtenheit die Kaiſerkrone reichen laſſen, die er ſich am 15. Nov. 1804 in der Kirche Notre⸗Dame zu Paris mit ungewöhnlichem Glanze ſelbſt auf das Haupt geſetzt, dann aber auch ſeiner ſchönen Gemalin Joſefine auf den Scheitel gedrückt hatte; und blieb auch dieſe Krone, obgleich von der Hand des oberſten Kirchenfür⸗ ſten geweiht, in den Augen aller Anhänger der früheren Dynaſtie nur eine urſurpirte, die Nation Frankreichs hielt dennoch ihren Kaiſer für rechtmäßig nach dem Rechte des Ruhmes und des Genie's, und war dem Manne dank⸗ bar, welcher den Crater der Revolution mit ſeinem Sie⸗ germantel geſchloſſen hatte.— Drei Tage nach der Kaiſerkrönung war's; im gro⸗ ßen Prachtſaale der Tuilerien ſtanden die neuen Wür⸗ denträger reich bedacht mit den Geſchenken der Huld und Dankbarkeit des neuen Kaiſers für die Bereitwilligkeit, mit welcher ſo viele von ihnen die Stufen geebnet hatten, auf welchen der Dictator zum neuen Kaiſerthrone empor⸗ geſtiegen war.— Reiche Senatorien waren den Sena⸗ toren, Vermehrung der Gehalte den Tribunen, Marſchall⸗ ſtäbe den Höheren der Armee, Kammerherrenſchlüſſel den Höflingen, das Amt des Erzkanzlers dem Conſul Cam⸗ bacéres, das Amt des Erzſchatzmeiſters dem Conſul Le⸗ brun, die Prinzentitel und eventuelle Thronrechte den Brüdern des neuen Kaiſers Joſef und Louis zu Theil geworden. Jetzt war die große Cour vorüber; auf dem hell⸗ blauen Teppiche mit den goldenen N, im Kaiſerſaale ſtand der neue Zeus des europäiſchen Götterhauſes; zu ſeiner Rechten der Mann mit dem klugen Antlitze, welcher un⸗ ter den Trümmern ſeiner Reſte„Grand seigneur“ und im Dienſte einer Revolution, die das Königthum abgeſchafft hatte, monarchiſch geblieben war, und deſſen allbekannter Ausſpruch ihn am beſten kennzeichnete: „Gott habe dem Menſchen die Sprache nur deshalb ge⸗ geben, damit dieſer ſeine Gedanken verhelen könne.“ Monſieur Talleyrand war's, der einflußreichſte der neuen Miniſter und neben ihm verließ ſoeben Monſieur Portalis, der Cultusminiſter, den Saal, welchem der Kaiſer den Auftrag ertheilt hatte, die Denkſchrift ableh⸗ nend zu beantworten, die der Papſt überreicht hatte, um von dem Edelmuthe und der Großherzigkeit Seiner kai⸗ ſerlichen und franzöſiſchen Majeſtät, als dem Nachfolger Kaiſer Karl des Großen, Erſatz für die vom Kirchen⸗ 30 ſtaate während der Revolution erlittenen Verluſte zu er⸗ halten. Nun ſtand der neue Monarch mit ſeinem vertrau⸗ teſten Miniſter allein; auch dieſer hatte ſeinem neuen Herrn und Meiſter nach dem großen Feſtacte an der Spitze der Bureaux des Departements des Aeußern ſeine Huldigung dargebracht. Jetzt drehte ſich aber das Ge⸗ ſpräch der Beiden um den Stand der verſchiedenen Fi⸗ guren des großen Schachbrettes, auf welchem ſie nun⸗ mehr als die erſten Mitſpieler ihre Züge machen ſollten. Der neue Diectator Frankreichs hatte alle Zierden ſeines heute zum erſten Male getragenen Kaiſerornates abgelegt und ſtand jetzt in ſeiner gewohnten grauen Uni⸗ form mit dem weltberühmten Hütchen in der Hand, um in nächſter Stunde mit ſeinem glänzenden Generalſtabe auf das Marsfeld hinauszureiten und der Vertheilung der Adlerfahnen unter ſeine Truppen beizuwohnen, einer Nachfeier des großen und in Frankreichs neuer Geſchichte Epoche machenden Feſtes der Kaiſerkrönung.... Jetzt ſchnallte der Imperator, während vor den Fenſtern ſeines Palaſtes die prächtigen Klänge desPy⸗ ramiden⸗Marſches ſeiner alten Garde zu ihm herauf⸗ grüßten, ſeinen ſieggewohnten Degen um. „So wäre denn das Vorſpiel meines Lebens ge⸗ ſchloſſen,“ ſagte er mit einem feinen Lächeln auf den in 31 einiger Entfernung ſtehenden Miniſter zutretend,„und wir gehen dem Hauptacte entgegen. Der Crater iſt ge⸗ ſchloſſen, die Hyder der Revolution liegt am Boden, Frankreich erhebt ſich von ſeinem Schmerzenslager und unſere Adler werden den Thron ſtützen, den uns der Wille des geſammten Volkes erbaut hat.“ Herr von Talleyrand lächelte; der neue Kaiſer hatte es bemerkt. „Wie!“ rief er,„ſind Sie der einzige, mein Herr, der den Ruhm und die Größe Frankreichs in dieſem Au⸗ genblicke nicht mitempfindet?“ „Sire,“ entgegnete der Miniſter,„ich theile Ihre freudige Bewegung aus ganzem Herzen.— Sie haben in kurzer Zeit Größeres vollbracht, als ein Cäſar und Carl der Große in einer Reihe von Jahren— dennoch gibt es eine Macht im Innern des Kaiſerreiches und eine Macht außerhalb ſeiner Grenzen, die Sie zu be⸗ fürchten, zu bekämpfen, zu beſiegen haben werden, wenn Ihr neugebauter Thron für die Dauer feſtſtehen ſoll.“ Buonoparte warf einen verächtlichen Blick auf die große Charte Europa's, welche vor ihm auf dem Marmortiſche lag. „Ich will erwarten,“ ſagte er ſtolz,„welche Macht dieſes kleinen Erdtheiles den Siegeslauf meiner Adler zu hemmen berufen iſt, wenn ich dieſe, ein zweiter Alexander, über unſere Grenzen tragen will; etwa unſer Nachbarland, dieſes bunt gewürfelte, ewig in ſich ſelbſt zerſpaltete Deutſchland?— gleicht es doch einem lockeren Ruthenbündel, das in keiner Hand brauch⸗ bar iſt, weil es ſtets in ſeine Theile zerfällt..... oder dieſes Erbreich des großen Friedrich mit ſeinem unzu⸗ ſammenhängenden Gebiethe, ſeinen religiöſen Gegen⸗ ſätzen, ſeiner numeriſchen Schwäche und ſeinem ewig ungeſtillten Hunger nach deutſchem Ländergebiethe?. oder dieſes Spanien, Belgien, Holland, dieſe Schweitz, die eher unſern Schutz bedürfen, aber ſelbſt keinen geben können?. oder dieſes in der Geſchichte ſo große und ſo kleine Italien?— wer wagt es in dieſer Stunde et⸗ was von ihm vorauszuſagen?... oder dieſer unculti⸗ virte Coloß, Rußland, welcher erſt die Segnungen euro⸗ päiſcher Cultur erſtreben muß, bis es das Coriolanus⸗ ſchwert in die Wagſchale des europäiſchen Gleichgewichtes werfen darf.“ „Sire,“ ſiel der Miniſter des Auswärtigen ein, „Sie ſcheinen abſichtlich den Staat zu überſehen, der vorzugsweiſe im Stande iſt, den Flug Ihrer Adler zu hemmen, wenn dieſer über ſein Gebieth herausfliegen ſollte.— Oeſterreich, Sire, Oeſterreich allein, das Sie wohl zuletzt nennen wollten, iſt das erſte und eigentliche Bollwerk der continentalen Ordnung, der Schlußſtein 33 des Staatenbaues im großen Völkerhauſe Europa; Oeſterreich allein unter den Großmächten des Continen⸗ tes hat dauernd einerlei Interreſſe mit Ihrem natürlichen Feinde, mit England; es hat das Interreſſe des geſi⸗ cherten Friedens; Oeſterreich iſt durch ſeine geografiſche Lage, durch die Natur ſeines Gebiethes, den Character ſeiner Bevölkerung und viele andere Eigenſchaften, die einzige Macht, welche dauernd im Stande iſt, der fran⸗ zöſiſchen Herrſchaft auf dem Continente die Spitze zu biethen.—“ „Die man brechen muß“— fiel der Imperator Frankreichs haſtig ein. „Das iſt die traditionelle Politik Frankreichs,“ ſagte der Miniſter;„aber vergeſſen Sie nicht Sire, daß ein Heinrich IV., ein Ludwig XIV. die gleich⸗ Marime an die Spitze ihrer Hauspolitik ſtellten, daß aber der Weinſtock, den ſie beſchneiden wollten, i neue friſche Blätter und Reben getragen hat.“ Der neue Imperator tent hier die Hand auf die Schulter ſeines vertrauten Miniſters;„Wir werden,“ ſagte er mit bedeutungsvollem Blicke,„dieſe Hauspolitik nicht ändern, aber eine andere Maxime an ihre Spitze ſtellen; nicht die Belagerungspläne eines Heinrichs IV., nicht die Mordbrennereien und Reunionen eines Lud⸗ wig XIV. ſollen unſerer künftigen Cabinetspolitik, ge⸗ Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 3 34 genüber den deutſchen Continentalmächten, zum Vorbilde dienen,— als höchſte und erſte Maxime derſelben ſoll der Grundſatz gelten; divide et impera.“ „Ich erkenne in Ihnen meinen Meiſter, Sire,“ verſetzte der Miniſter mit einer tiefen Verbeugung; „auch ich ſchreibe dieſen Hauptgrundſatz unſerer künfti⸗ gen Hauspolitik auf die erſte Seite meines Portefeuille's; gelingt es uns den Erisapfel zwiſchen die nachbarlichen Throne der mächtigen Kronenträger Europa's zu wer⸗ fen, ſo iſt unſer Spiel“— „Halb gewonnen,“ fiel Buonaparte ein;„ganz gewonnen aber iſt es dann, wenn wir dieſen Apfel auch unter die Elemente der verſchiedenen Bevölke⸗ rung der einzelnen Staaten zu ſchleudern im Stande ſind; ſie werden mich verſtehen Herr von Talleyrand; ich meine: die Begeiſterung der Nationalitäten— richtiger: die Aufſtachelung derſelben....“ „Sire!“ entgegnete der Miniſter;„Sie leſen in mei⸗ nem Innern; in keiner Zeit war mehr, als in der unſern das Gleichniß vom Ruthenbündel anwendbar; gelingt es die einzelnen Stäbe zu brechen, ſo iſt das ganze Bün⸗ del leicht gebrochen, und der Sieg nach Außen iſt nicht ſchwer; aber auch. eine innere Macht zu bekämpfen Sire, wenn der von Ihnen beſtiegene Thron ſicher ſtehen ſoll— es iſt die öffentliche Meinung.“ „Ah,“ rief der Kaiſer;„ich glaube die fünfthalb Millionen Stimmen, welche ſich über die Frage der Erb⸗ lichkeit meiner Krone in Frankreich ausgeſprochen, ſind ein redender Beweis, daß mein Thron auch von den Pfeilern der öffentlichen Meinung getragen ſein wird.—“ „Dennoch,“ fiel der Miniſter ein,„dennoch gibt es in Paris, Sire, eine Parthei, welche, wie Fouché in ſei⸗ nen Berichten erzählen kann, dem beginnenden Regime Euer Majeſtät einen eigenthümlichen ſehr bezeichnenden Namen gibt.—“ „Nun?“ fragte der Kaiſer.— „Jener Theil der Bevölkerung der Hauptſtadt und wohl auch des Kaiſerthumes überhaupt,“ fuhr Herr von Tallerand fort,„jener Theil welcher in ihrem Conſul, lieber einen Waſhington als einen Cäſar ſehen möchte, weiß für Ihre beginnende Regierung keinen andern Titel als den des bewaffneten Cäſars— und jene alte Par⸗ thei, welche die Traditionen des alten Königthums nicht vergeſſen kann, nennt ſie„die gekrönte Revolution....“ Der Miniſter ſchwieg— der Kaiſer auch; draußen ertönten die Signale der Trommel und Trompeten, welche zum Aufbruche nach dem Marsfelde mahnten.— „Hören Sie“ rief Buonaparte jetzt aufflammend, „hören Sie mein Herr, die Antwort für beide: wir wer⸗ den die Anhänger der Revolution wie die der ſtarren 3 36 Royaliſten mit derſelben Waffe bekämpfen und dem Sieger gehört dieöffentliche Meinung.—— Der Dictator Frankreichs ſchnallte bei dieſen Wor⸗ ten den Degen von Marengo um ſeine Lenden und trat mit feſtem Schritte in den Vorſaal, wo ihn ſeine Gene⸗ räle erwarteten, um der erwähnten Feier auf dem Mars⸗ felde beizuwohnen. Dort ſtanden in langen Reihen die alten und neuen Garden, die leichten und ſchweren Reiter, die eiſernen Geſchütze und all das Waffengeräthe, welches der kleine Corſe aufhäufen ließ, um es in nächſter Zeit den innern und äußern Feinden ſeines Thrones entgegen zu ſtel⸗ len.— Tauſend Fahnen flatterten in den blauen Lüften, tauſend und tauſend„vive'empereur!“ ſchallten dem neuen Kaiſer entgegen und eine unabſehbare Volks⸗ menge trieb ſich in bunten Haufen, um theils huldigend, theils grollend, theils beobachtend der großen Feier die⸗ ſes Tages beizuwohnen. Während der Dictator dieſes Zweigeſpräch mit ſeinem Miniſter hielt, ſtrömte die Pariſer Welt bereits dem großeu Marsfelde zu, wo der Soldatenkaiſer zum großen Schaugepräge des Volks die Stützen ſeiner neuen Krone— ſeine Krieger zuſammentrommeln ließ.— Ganz Paris ſchien an dieſem Tage ein Feſtgewand zu tragen.— Ganz beſonders wogte aber die vier Stun⸗ 37. den von Paris entfernte freundliche Landſchaft, der un⸗ ermeßliche Park, wo das Schloß ſtand, an welchem ſich Frankreich arm gebaut hatte, ganz beſonders wogten die Gärten von Verſailles, dieſer verzogenen Tochter des Königthums, von einer zahlloſen Menſchenmenge, die fich hier einſtweilen herumtrieb, bis der erſte Kanonen⸗ donner von dem Söller des Palaſtes der„Perückenzeit Ludwig XIV,“ ankündigen ſollte: daß der Kaiſer und ſein Generalſtab die Barrieren von Paris eben verlaſſe und nach dem Marsfelde hinausreite. Die feierliche Grabesſtille, welche an gewöhnlichen Tagen in dem menſchenleeren Park herrſcht, war an dieſem Feſttage der Weltſtadt einem ganz anderen Bilde gewichen. Sonſt ruhten hier wie die entſeelten Wächter einer fremden Welt an den grauen ſteinernen waſſerlee⸗ ren Baſſin's die Tauſende von Marmorſtatuen zwiſchen den himmelanragenden Alleen der hundertjährigen Lin⸗ den und Buchen, der Taxushecken und ſteifen Blumen⸗ portés; ſonſt ſitzen hier marmorne und granitene Waſ⸗ ſergötter und Meeresungeheuer im Trockenen und grell kontraſtiren ihre todten Geſtalten mit dem friſchen Bilde der Natur rings umher, welche obgleich der Windmonath bereits zur Hälfte verſtrichen war, dießmal noch im Kleide einer ungewöhnlichen Blüthe prangte. An dem großen Feſttage der beginnenden neuen 38 Kaiſerära erſchien dieſer Rieſenpark in einer ganz auf⸗ fallenden Geſtalt. Man hatte auch den unſichtbaren Athem der ſteinernen Götter und Halbgötter der gäh⸗ nenden und grinſenden Seeungeheuer entfeſſelt und un⸗ ter der Erde brauſte und quoll es— und als der Sig⸗ nalſchuß einer Kanone auf den Zinnen des größten der Paläſte erſchallte, da belebten ſich die Gruppen wie durch einen Zauberſchlag; die Waſſer fingen an zu ſtrah⸗ len, zu rauſchen und zu plätſchern, mit jedem Augenblicke wurde die Szene lebendiger und die tauſend und tauſend Geſtalten im großen Parke erhielten Bedeutung. Wie vom Feuer des Prometheus durchweht belebte ſich jetzt die Geſtalt jener Najade, dieſes Triton, jener Diana im Bade über welche die in Miriaden Silberſtrahlen auf⸗ ſpritzende Waſſerfluth eine Rieſenwölbung von Criſtall bildete; dort erſchien Aſop's ganze Schöpfung in dem Ungeheuer des Waldes und den Thieren des Feldes in den Vögeln und Fröſchen und Mäuſen, alles in ſinnig⸗ ſter QOrdnung vertheilt und zu einem großen ſilberſtrah⸗ lenden Criſtallbilde vereinigt. Dort ſchoßen wie breite Silberſpangen die Waſſerſtrahlen aus dem Felſen oder von den Gipfeln der Bäume herab und das tauſendfache Zauberſpiel des Sonnenlichtes malte auf die weißen und ſchäumenden Fluthen der in allen Richtungen toſen⸗ den Waſſerfälle Mhriaden Diamanten und Rubinen, 39 als wollte der alte Sonnengott von ſeinen Wogen die Millionen Diamanten und Rubinen wieder herabzaubern, welche dieſer Prachtbau von Verſailles unter dem Kö⸗ nigthum des großen Despoten von Frankreich, deſſen Wahlſpruch„! 6tat c'est moi!“ war, gekoſtet hat.— In der That! das Volk von Frankreich wußte es gar wohl, daß die Milliarde Francs nicht hingereicht hatte dieſes Prachtwerk zu bauen und zu erhalten; es hatte ſchon längſt berechnet, daß auf Verſailles, wel⸗ ches 800 Millionen Francs zu bauen gekoſtet hat; und jährlich 10 bis 20 Millionen für ſeine Verſchönerung fraß, eine weit größere Summe aufgewendet werden mußte, welche den Staat ſpäter in den Abgrund ſtürzte. Die Blüthezeit dieſes prächtigen Feengartens mit ſeinen Waſſerkünſten, Grotten und Taruswänden— ach es war die Zeit, in welcher ein Ludwig XIV ſeine 1000 Pferde in dem Marſtall zu Verſailles, ſeine 200 Hofwägen, ſeine 1200 Diener, ſeine 40 Kammerherrn, ſeine 80 Pagen, ſeine 5000 Schützen hielt, in welcher ihm ein Pferd jährlich auf 8000 Livres, ſeine Tafel täglich auf 4000, ſeine Keller jährlich auf eine Million Livres, ſeine beſoldeten Tagediebe auf 2 ½ Millionen, ſeine Wachslichter auf% Million, ſeine Parfumerien auf 20000 Livres, ſeine Arzte auf 90000 Livres, ſein Pul⸗ ver und ſeine Jagden auf 280000 Livres zu ſtehen ka⸗ —— 6 40 nen Konnte der Staat bei dieſer Hofwirthſchaft vom Untergange zurückgehalten werden?1]... Es war aber nun wie geſagt eine andere Zeit ge⸗ kommen; die Zeit wo die Hiſtoriografen Frankreichs nicht mehr Hof⸗ ſondern Weltgeſchichte ſchrieben, die Zeit, wo das Volk ſelbſt ſeine Dränger gerichtet hatte, weil dieſe ſelbſt kein Recht mehr ſprechen wollten— und wieder war eine Zeit gekommen, wo die Pöbelherrſchaft der Revolution gewüthet hatte und Religion, Recht und Ordnung verſchwunden waren von den blutgedüngten Flu⸗ ren Frankreichs; war eben wieder die Zeit, in welcher der neue Cäſar der gefüllten Hydra den bepanzerten Fuß auf den zertretenen Kopf ſetzte und Kaiſer Napoleon wie erwähnt im Glanze ſeines Generalſtabes auf dem Marsfelde ſtand, um die neuen Adler zu vertheilen. In dieſer Stunde ſaßen in einer dunklen Ta⸗ verne des erwähnten Gartens zu Verſailles zwei junge Männer; ein junger Sergeant der leichten Reiterei war's, kaum vier und zwanzig Jahre alt, aber hoch aufgeſchoſ⸗ ſen wie eine friſche Tanne, ſtark und ebenmäßig gebaut; ſeine reine und hohe Stirne, ein paar funkelnde Augen⸗ ſterne, eine fein gebogene Adlernaſe und das ſ anfte Roth ſeiner von einem dunklen Barte beſchatteten Wangen, die ganze ſtolze Haltung ſeines ebenmäßigen Körpers ließen in dieſem jungen Krieger ein Bild vollendeter 41 männlicher Schönheit wahrnehmen; auf ſeinem fein ge⸗ ſpalteten Munde lag ebenſo der Ausdruck männlicher Entſchloſſenheit als jener einer gewiſſen Schlauheit und Vorſicht, die ſich in allen ſeinen Bewegungen markirte. Er trug ſeinen linken Arm in einer ſchwarzſeide⸗ nen Binde; er hatte ohne Zweifel frühzeitig das Schlachtfeld geſehen und davon bereits einen Denkzettel in ſein ferneres Soldatenleben mitgenommen. Grell ſtachen gegen das männlich ſchöne Bild die⸗ ſes jungen Kriegers die finſtern Züge ſeines Tiſchge⸗ noſſen ab, eines bleichen, jungen Mannes von etwa zwei und zwanzig Jahren; ſeine Wäſche und ſein ſchwar⸗ zer Tuchrock kennzeichneten denſelben als einen jungen Mann von beſſerer Herkunft.— Seine dunklen Augen glänzten, ſein ganzes Weſen verrieth eine Bewegung, bei jedem Vivatrufe, welcher draußen auſ dem weiten Marsfelde dem neuen Imperator entgegenſchallte, zuckte der junge Mann auf und ſchien ſeine tiefe Bewegung nur mit Mühe zu unterdrücken. Beide jungen Männer waren Jugendfreunde; ſie hatten ihre erſten Jugenderinnerungen gemeinſchaftlich. Louis Piqueur, der junge ſchöne Sergeant war zwar in Paris geboren, dann aber mit ſeinen Eltern nach Hautefort im Dordogne⸗Departement überſiedelt, wo die⸗ ſelben einen kleinen Handel betrieben und mit der Fa⸗ 42 milie des eben genannten bleichen jungen Mannes in freundliche Beziehung traten. Dieſer nannte ſich Jean Niclas Faure, ward ſeinen Eltern eben zu Hautefort im Jahre 1782 geboren und hatte ſich bereits zu Montpellier den ärztlichen Studien mit großer Vorliebe gewidmet. Beide jungen Freunde, welche ſich bei der eben ſtattfindenden Feſtlichkeit zufüllig in dieſer Taverne ge⸗ funden hatten, liebten einander, denn ſie waren mit ein⸗ ander aufgewachſen. Wie aber der Ernſt des Lebens gar oft eine kalte Scheidewand zwiſchen die Herzen legt, die ſich in der erſten Jugend zuſammengefunden, und wie die ſpäteren Lebenswege des jungen Mannes von denen ſeines Ju⸗ gendfreundes verſchieden ſind, ſo war es auch bei den genannten jungen Männern der Fall. Während der junge Sergeant Louis bei jedem Vi⸗ vatrufe, welcher draußen auf dem Marsfelde erſchallte, freudig aufzuckte, und auf ſeinem Geſichte zu leſen war, daß er gar zu gerne in den Reihen der defilirenden Krieger geſtanden wäre, um dem neuen Imperator ſeine Waffe zu präſentiren, wenn ihn nicht ſein verwundeter Arm gehindert hätte, blickte Jean Faure ſchweigend und düſter vor ſich auf ein Blatt Papier, welches ſeine leiſe zitternde Hand auf den Tiſch gelegt hatte. „Freund,“ rief jetzt Louis der Sergeant,„Du biſt 43 nach Paris gekommen, die herrliche Feier zu ſehen, welche das Werk des größten Helden unſeres beginnenden Jahrhundertes krönt; doch auf Deinem ſtarren Antlitz iſt nicht die mindeſte Theilnahme, geſchweige denn Be⸗ geiſterung für den großen Mann zu leſen, welchem Alles in Paris heute huldigt, was Augen im Kopfe oder ein Herz im Leibe hat.“— Jean Faure lächelte bitter;„Du biſt Soldat mit Herz und Seele, Louis,“ ſagte er,„die Hoffnung Dei⸗ ner Zukunft iſt auf den neuen Soldatenkaiſer gebaut; Du kannſt freilich nicht begreifen, wie die Söhne der Freiheit, deren Hoffnungen dieſe Trommelſchläge da draußen, dieſe Vivatrufe und Ovationen an den neuen Zeus im europäiſchen Götterhauſe vernichten, ſtumm und ſchweigend dem Spiele zuhören, welches früher oder ſpäter Frankreichs Untergang werden wird.“ „O! wie weit ſchießeſt Du vom Ziele Freund!“ rief Louis der Sergeant,—„jetzt, jetzt erſt, mit dem heutigen, ſage ich Dir, Freund, beginnt die neue Aera des Glanzes, des Glückes, der Größe Frankreichs, das gehoben, getragen, ruhmgekrönt werden wird durch den Degen und Scepter ſeines großen Buonaparte!— Das mein Freund iſt die Stimme des Volkes und der Armen, die ich wiederhallen hörte an den Barriéren von Paris und an den Wänden der Pyramiden; denn ich 44 habe ihn geſehen den Helden, wie er, ein zweiter Cäfar, in die Reihen des ſchwindſüchtigen Directoriums trat und die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel der Themis trieb und ihnen entgegen donnerte;„Ich will keine Factionen mehr!“—„Ich habe ihn geſehen, wie er vor ſeinen vom gfrikaniſchen Sonnenſtrahle ge⸗ bräunten Kriegern an den tauſendjährigen Pyramiden ſtand und ihnen zurief:„Soldaten! vierzehn Jahrhun⸗ derte ſchauen von dieſen Denkmählern auf euch herab!“ — da jauchzten ſie ihm zu wie aus einer Bruſt— ja Freund! das war die Stimme des Volkes, die Stimme des Jahrhundertes!!—....“ „Und hier,“ fiel Jean Faure ein, indem er das Blatt Papier, welches er vor ſich auf den Tiſch gelegt hatte, aufhob:„Hier mein Freund magſt Du die an⸗ dere Stimme des Volkes leſen, welches die Worte Dei⸗ nes Helden am nämlichen 19. Brumaire im Rathe der Alten nicht vergeſſen hat:„Sobald die Gefahren vor⸗ über ſein werden, wegen deren man mir außerordentliche Macht anvertraut hat, werde ich ſie wieder niederlegen!“ ſieh' Freund hier den Ausdruck der wahren Volks⸗ ſtimmung.“ Der junge Arzt wies mit dieſen Worten ſeinem Freunde das Blatt Papier, welches er vor ſich gelegt hatte und welches ein zur Zeit des Conſulates Buona⸗ 45 parte's erſchienenes und an dieſen gerichtetes Gedicht Lehne's) folgenden Inhaltes enthielt: „Wohlan! ſo ſchreite fort zum hohen Ziele, Bis mit dem Oelzweig Dich der Friede kränzt, In der Vollendung göttlichem Gefühle, Dir die Unſterblichkeit entgegen klänzt Dann trete hin, wie Syrakuſa's Retter, Zu des befreiten Vaterlandes Altar Und ruf' wie er:„Habt Dank erhab'ne Götter, „Daß ich das Werkzeug ſeiner Rettung war!“ Wär' nicht Dein Loos das glücklichſte der Erde? Befreier eines edlen Volkes zu ſein,— Sein froher Dank Dein täglicher Gefährte— Der Demant Du im Bundesring der Frei'n... Welch ſchöner'n Preis kann Dir die Herrſchſuchtbieten? Der Krone Schimmer iſt vom Fluch getrübt; Einſt kränzen ihren Dolch Ariſtogiten— Und der Hipparchen Macht und Glanz zerſtiebt. Nur unvergänglich iſt die Heldengröße, Wenn ſie der Menſchheit ihre Lobeern weiht; Doch zeigt ſie ſich in nied'rer Selbſtſucht Blöße Dann iſt's die Selbſtſucht die ihr Blumen ſtreut, 0 Lebensgeſchichte Napoleons, von Georg E. Kolb. Speyer 1828. 46 Ihr Ruhm verhalltdann wie des Schmeichlers Stimme, Der Schmeichler ſelbſt verlachet ſeinen Gott, Und rächet einſt die Furcht vor ſeinem Grimme, Und eig'ne Niedrigkeit durch bitter'n Spott. D'rum vollbringe, was Du kühn begonnen, Verſöhne ſie, die tobenden Parthei'n! Zerreiß das Netz, das der Verrath geſponnen; Zerbrich das Joch von allen Tyranneien!.. Wenn endlich nun des Friedens kühle Palmen Der Menſchheit ſchirmendes Aſyl umweh'n, Beſcheiden Sieger, unter gold'nen Halmen, Auf dem erkämpften, freien Boden ſteh'n; Dann winkt auch Dir des Dankes reichſte Ernte, Dann nennet Frankreich Dich Timoleon, Den Retter, der es Eintracht lieben lerute, Und jedes Herz iſt dann Dein Pantheon⸗ Doch ſind nicht Volksheil, Menſchenrecht die Götter Vor denen ſich Dein Muth in Ehrfurcht beugt, Und hat das Glück— nicht einen Freiheitsretter, Den Schöpfer von Neronen nur gezengt; Kannſt Du ſo ſehr im eig'nen Glanz erblinden, Dann ruft der Geiſt der Zeit Dir warnend zu: Dein Brutus wär' dann größer noch als Du.“— Louis durchlief das Gedicht mit raſchem Blicke; „Freund,“ ſagte er die Hand Jean's erfaſſend,„wenn Du mit dieſem Blatte auf dem Marsfelde erſcheinſt, ſo 47 iſt Dein Loos eine eiſerne Zelle in Mont St. Michel oder noch etwas Aergeres; wie magſt Du in dieſen Ta⸗ gen des imperatoriſchen Triumphes, wo Alles für den lorbeergekrönten Helden von Arcole und Marengo be⸗ geiſtert iſt mit einem ſolchen Pamphlet gegen den neuen Cäſar hervortreten?“ Auf dem bleichen Antlitze des junges Arztes aber ſpielte ein Zug des bitterſten Gefühles, das ſein Herz bewegte. „Ich weiß,“ ſagte er,„daß Du mein Freund, dem Obergeneral Buonaparte zur Seite ſtandeſt als ſein Leibadjutant Obriſt Meuron bei Arcole ſein Leben auf⸗ opferte, um das Napoleons zu retten und daß Du mit Freuden ſein Schickſal getheilt hätteſt; Du ſchwärmſt für den neuen Cäfar; ich— verachte ihn: Du ſiehſt in ihm nur den Feldherrn, ich den Zwingherrn Frankreich's, Du vergötterſt ihn, ich verwünſche ihn, und—“ der junge Arzt unterbrach ſich hier ſelbſt, als ob er auch gegen ſeinen Freund zu offen würde.... „nun ſetzte er ruhig hinzu, wenn Du einſt den ſoge⸗ nannten„großen Mann“ näher ſehen wirſt, ſo wirſt Du das ſelbſtſüchtige Herz dieſes Mannes kennen ler⸗ nen, deſſen Thron nur mit Menſchenſchädeln geſtützt werden wird—“„Und deſſen Größe und Rieſen⸗ pläne Du nicht faſſen kannſt!“ fiel Louis der Sergeant 48 ein;—„mein Freund mit Deinem glühenden Vorurtheil gegen dieſen Mann des Jahrhundertes gehſt Du Dei⸗ nem eigenen Untergange entgegen und ich kann nichts anderes thun, als Dir mein Freundeswort verpfänden, daß ich Dir dieſe meine Hand zur Hilfe reichen werde, wenn ſie einſt ſo mächtig werden ſollte, Dir aus den Gefahren zu helfen, denen Du bei dieſen ſtarren repu⸗ blikaniſchen Grundſätzen offenbar entgegen gehſt.“ Jean Faure blickte finſter vor ſich hin;„dazu kann vielleicht bald Rath werden, mein Louis!“ ſagte er, in⸗ dem er düſter vor ſich hinblickte.— Eine Kanonenſalve von Außen erweckte ihn aus ſeinem augenblicklichen Träumen, ſie kündigte an, daß der neue Kaiſer eben zur Feier der Adlervertheilung mit ſeinem Generalſtabe auf das Marsfeld hinaus⸗ ritt. Mit einer ſeltſamen Aufregung ſprang jetzt Jean Faure empor; mit glühender Haſt faßte er die Rechte ſeines Freundes und drückte ſie in ſeiner Fauſt. „Leb' wohl, mein einziger Freund!“ rief er;— der Ton kam aus dem Innerſten eines hochklopfenden Herzens; dann ſtürmte der junge Arzt aus der Taverne hinaus— langſam folgte ihm Louis ſich in die wogende Maſſe miſchend, welche ſich den Feſtzug begleitend auf allen Wegen dem Marsfelde entgegenwälzte. 49 Eine Stunde fpäter ſaß Napoleon der Erſte in ſtolzer Haltung auf dem improviſirten Throne, auf dem Marsfelde, umringt von ſeinen Garden und ließ die Truppen mit ihren neuen Adlern vor ſeinem Herrſcherſitze vorüberdefiliren. Fern ſchallte von der Kirche Notredame die zweite Mittagsſtunde— Salve auf Salve krachte von allen Seiten dem Gotte des Tages und der großen Armee zu Ehren und hoch oben am wolkenloſen Himmel warf der Tagſtern ſein goldenes Licht auf die unbedeck⸗ ten Häupter der neuen Marſchälle des neuen Kaiſer⸗ thrones nieder, welche, wie die Sterne um die Sonne, den Soldaten⸗Kaiſer umſtanden. Jetzt donnerten die Geſchütze wieder, ein gewaltiger Paukenwirbel erſcholl, der prächtige Pyramidenmarſch er⸗ tönte wieder, der Kaiſer ſtand auf; eine andere Gruppe bildete ſich um ihn, man führte ihm ſein Pferd, den wei⸗ ßen Schimmel, vor, auf deſſen Rücken ſich der ſtolze Corſe ſchwingen will,— da erfaßte eine ſeltſame Be⸗ wegung die Gruppe nächſt dem Thronſitze des neuen Imperators; ein Wüthender bricht ſich mit Gewalt Bahn zum Kaiſer der Franzoſen.— Jean Faure iſt's, der ſich, ehe ihn Jemand hindert, mit hochgeſchwunge⸗ nem Dolche auf den Imperator ſtürzt und mit dem ge⸗ waltigen Ruf,„nieder mit dem Tyrannen! Freiheit oder Proſchke. Der ſchwarze Mann. I. 4 50 Tod!!“ ſein Eiſen auf die Bruſt des Kaiſers ſchleu⸗ dert.——— Aber in dieſem Augenblicke liegt er auch ſchon auf dem Boden.——— Nicht die rettende Hand der Marſchälle, nicht die Gewehre der alten Garde, nein die noch ungelähmte rechte Hand ſeines nacheilenden Freun⸗ des Louis, der ihm, aus ſeiner Rede in der Taverne nicht Gutes ahnend, bis hieher gefolgt war, hat ihn zu Boden geriſſen——— und über den Beiden hoch oben auf der oberſten Thronſtufe, ſteht der kleine Corſe ſtolz und ruhig, als ob er die Scene vorher gewußt und erwartet hätte;— ein leichtes faſt ſpöttiſches Lächeln ſchwebte auf ſeinem eiſernen Antlitz und kaum ſchien es ihm der Mühe werth, die ihn umſtellenden Marſchälle und Garden zu fragen:„Was ſoll dies Spiel?“ Aber ſchon hatte der Connetable Frankreichs, Prinz Louis, den Dolch aufgehoben, welcher beſtimmt war, den Lebensfaden des Kaiſers der Franzoſen ſchon jetzt zu zerſchneiden.—„Ein Attentat auf die Perſon Sr. Majeſtät des Kaiſers!“ rief er,„wer iſt der Elende, der es wagte— nieder mit ihm!“ „Nieder mit ihm!!“ donnerte es aus tauſend Keh⸗ len und hundert Hände erhoben ſich und hundert Bajo⸗ nette blitzten um den Thron des Kaiſers und jedes Eiſen 51 der bewaffneten Maſſe dieſes Feſtes klirrte in ſeiner cheide. Aber auf dem Leibe des mit den Fauſtſchlägen zweier Grenadiere zu Boden geſtreckten Republikaners Jean Faure lag jetzt Louis Piqueur ſein Freund. „Armer, armer Freund!“ rief er,„wohin hat dich deine Raſerei geführt; ſo iſt es alſo zu ſpät dich zu ret⸗ ten, und gewarnt wollteſt du nicht ſein, mein Jean.“ Augenblickliche Stille folgte dieſen Worten; denn der Imperator war jetzt ſelbſt von ſeinem Throne ge⸗ ſtiegen, er ſtand vor dem Unglücklichen, der ihn zu mor⸗ den gekommen war, ſein Wink drängte die Marſchälle und Garden zurück. Der ſtolze Sieger von Arcole hatte einen Augen⸗ blick ſeine Fauſt an das Degengefäß gelegt; jetzt ſtack ſein Eiſen wieder ruhig in der Scheide;— ruhig ſtand er vor dem Manne der ihn morden wollte. „„Wer iſt der Mann!“ ſagte er ruhig.„Man laſſe ihn ſprechen!“ Frei und ungefeſſelt erhob ſich Jean Faure— von ſeinem bleichen Geſichte rann ein breiter Blutſtreifen von der Wunde, die ihm der Fauſtſchlag eines Grena⸗ diers am Haupte verurſacht hatte; ſeine Hand ballte ſich, ſeine Augen glühten, als ſuchten ſie noch immer ihr pfer,— aber er blickte jetzt dem Manne, den er zu 4* 52 morden gekommen war, in das klare ruhige Auge— und ſein Blick ſank zur Erde..... „Wer iſt der Mann?“ fragte Buonaparte noch einmal.— „Jean Faure, Student der Medizin aus Mont⸗ pellier,“ entgegnete mit ſchwankender Stimme der Republicaner. ..„Und wollte ſeine Lanzette verſuchen?“ ſagte Buonaparte mit ſpötiſchem Lächeln—„gut, wir wollen ihn nach Paris in die Schule ſchicken;“— dann fiel ſein Blick auf Louis den Sergeanten„und dieſer?“ fragte er— „Louis Piqueur, Sergeant im Dienſte Euerer Ma⸗ jeſtät bei der dritten Brigade der Chevauxlegers“ ent⸗ gegnete der Angeſprochene.— „Und bleſſirt?“ fragte der Kaiſer.„Bei Gelegen⸗ heit des Höllenattentates in der Straße Sainte Nicaiſe als ich hinter dem Wagen Eurer Majeſtät ritt,“ entgeg⸗ nete der junge Sergeant.— „Alſo zweimal für mich eingeſtanden“— ſagte Napoleon,„wie werde ich das lohnen?“ „Durch die möglichſte Gnade, für meinen wahn⸗ ſinnigen Freund hier,“ entgegnete der junge Sergeant raſch;„er hörte nicht meine warnende Stimme, aber er 53 wird die Größe Eurer Majeſtät achten lernen, wenn er ſicht, wie Sie groß handeln, Sire!—“ Ein langer Blick des Kaiſers auf das edelſchöne Antlitz des jungen Sergeanten war die Antwort.— „Sie ſcheinen nicht minder groß zu handeln, Ser⸗ geant,“ ſagte er,„indem Sie Ihren Freund in dem Au⸗ genblicke nicht verläugnen in welchem er mit jedem Blutstropfen dem peinlichen Geſetze verfallen iſt.“ Nach dieſen Worten wandte ſich der Kaiſer raſch zu einem nebenſtehenden Manne in reicher Staatsuni⸗ form; es war Monſieur Fexier Olivier Präfect des Creus⸗Departements. „Sie werden dieſen Wahnſinnigen da mit ſich neh⸗ men,“ ſagte er lächelnd auf den ſchweigend daſtehenden Jean Faure deutend,„in einem Hoſpitale Ihres Depar⸗ tements mag er ſeine Studien im Lanzettenſtiche fort⸗ ſetzen.“— Dann wandte ſich Napoleon zu Louis den Ser⸗ geanten;—„Sie folgen uns in die Tuilerien, Herr Hauptmann, ſagte er.“ Jetzt blitzte der Degen des kleinen Corſen durch die Luft und die ſtolzen Adler ſchwebten dem neuen Cäſar voran, der ſeine Colonnen vom Marsfelde in den Vorhof des Tuilerien⸗Palaſtes zurückführte. 2 Am Hanſag. Felix Hungaria Cui dona data sunt varia. Im ſchönen Lande der Magyaren zwiſchen dem Odenburger und Wieſelburger Comitate liegt der große Neuſiedlerſee; ſeine weſtlichen Ufer bilden einen mit Weingärten, Ackerland und Waldung beſetzten Kalk⸗ rücken, welcher ungeführ bei dem Dorfe Gois beginnt und ſich in halbmondförmiger Geſtalt bei Széplak fort⸗ zieht. Breite Wieſen mit Schilf und Rohr, dann Acker⸗ land, Weingärten und Waldungen auf dem höchſten Scheitel des kalkigen Erdrückens umgeben ihn, ſeine öſt⸗ lichen Ufer ſind Ebenen mit Moor bedeckt und mit Schilf bewachſen. Wohl mehr als zehn Meilen beträgt ſein Umfang ohne den ſogenannten Hanſag, einem Striche ſumpfigen Landes; zahlreiche Untiefen und gegen Südoſt viele Inſeln und Sandbänke füllen ihn und an dieſer Stelle kann er mit Schiffen nicht befahren werden. Einſt konnte man an mancher Stelle, wie die alte Sage lautet den See in ſeiner ganzen Breite durchwaten. Einer der Fürſten Eſterhazy ließ in den Jahren 1777 bis 1780 einen Damm bauen, welcher die ſüd⸗ öſtliche Grenze des Sees bildete. Beſonders merkwür⸗ dig iſt aber an dieſem See der erwähnte Hanſag oder ſumpfige Strich Landes deſſen Boden mit Gras bewach⸗ ſen iſt, aber unter den Füßen der ihn Ueberſchreitenden wackelt. Das Wort Hanſag bedeutet eigentlich moraſtiges Waſſerland. Sein Ausſehen iſt manniffaltig; hier deckt ihn ein grüner Erlenwald, dort ſehen trockene Weide⸗ plätze, hier wieder moriges Uferland, dort wieder ſum⸗ pfige Teiche und der größte unter ihnen der ſogenannte Königsſee in ſtiller finſterer Größe entgegen; ein dicker Moosſitz von 4 bis 15 Fuß Tiefe bedeckt ihn; er ruht auf einer Schichte moorartiger Torferde und dieſe auf einem mit Erde und Steinen bedeckten Lehmboden. So⸗ bald die Strahlen der Frühlingsſonne die Schneedecke des Hanſags geſchmolzen hat, ſteht derſelbe ganz unter Waſſer, ſo daß ſich zwiſchen ihm und dem Neuſiedler See keine Grenze mehr unterſcheiden läßt; ſein Weſen, vom Gewäßer ganz durchſickert, gleicht dann ſtellenweiſe einer ſchwimmenden Haut, die wohl dick genug iſt um Buſch und Rohr zu tragen. Stellenweiſe ſchwimmt der emporgehobene Moosſitz auf dem Waſſer des Hanſags herum und das Mährlein des ungariſchen Landmannes erzählt wie oft die Elfen und Nymphen auf dieſen ſchwimmenden Inſelchen nächtlicher Weile tanzen und ſich von den Wundergeſchichten der einſtigen Magyaren⸗ ſchlachten erzählen, die ſie an den Ufern der Donau mit angeſehen haben. Einen kleinen Theil des Hanſags deckt auch Wald, und Schilfernte und das Weiden der Her⸗ den bringt den Bewohnern desſelben einigen Nutzen. Ein⸗ zelne Streifen ſeines dicken Moosjilzes ſind geeignet Wagen und Pferde zu tragen und auf dünnen unter die Füſſe gebundenen Brettern ſchreitet der Ungar während der Schilfjagd an jener Stelle, wo ihn ſonſt der Moor⸗ grund nicht mehr tragen würde; ſein Haupt iſt mit ver⸗ ſchiedenen Schilfkränzen umgeben, damit er ſich der Mil⸗ lionen Gelſen erwehre, welche hier herumſchwirren, ſeinen Hut hat er der Abkühlung wegen mit friſchem Graſe ausgeſtopft. Der grüne Zeiſig, der geſcheckte Stieglitz, der mun⸗ tere Finke und die ſchwarzgelbe Amſel, begleiten mit ihrem Sange den tackmäßigen Schwung ſeiner Lieder 57 und das Blöcken der weidenden Rinder oder die Rohr⸗ pfeife des Hirten in der nahen Schilfhütte, wo dieſer, in einem kleinen viereckigen Bretterraum auf einem mit Fellen belegten Holzboden ruht, bilden den Choral zu ſeinem eigenen frohen Sang. Dort, bei ſeiner kleinen Filzhütte hat ſich ein Hirte auch einen arteſiſchen Brunnen angelegt, indem er ein langes Schilfrohr bis tief hinab in den Grund ſteckte, es mit einem Stöpſel ſchloß, ſich auf den Bauch legte, und vorſichtig das tiefere Waſſer als ſeinen Morgen⸗ trank aufſog; weiter unten hat er am Oſtufer des Moo⸗ res einige lockere Soda geſammelt und mit einem Beſen zuſammengekehrt, um ſie ſpäter in die Magazine der Stadt zu verkaufen.— Es war Anfangs März des Jahres 1805, der Moorgrund des erwähnten großen Hanſags am Neu⸗ ſiedler⸗See war mit leichtem Eiſe überzogen, dennoch ſtrichen die letzten Nordwinde über denſelben und auf den Spitzen der zahlreichen Gräſer des Moorbodens zit⸗ terten kleine Eisperlen. Die Nacht lag ruhig auf dem Lande, aber hoch oben am Himmelsdome hing wie eine ſilberne Lampe, die Mondſcheibe und ſenkte lange Strahlen in die Zweige der einzeln ſtehenden Bäume und ſäumte die Wäſſer des großen See's mit ſtummen Blitzen; fernhin 58 ſchallten wie die Hornſignale des Nachtwächters die ſchrillenden Töne der Sumpfvögel, und die Kalkrücken der weſtlichen Ufer des Sees ſtarrten wie die geſpenſti⸗ gen Leichenwächter eeines großen Todtenfeſtes auf das Moor hipüber auf welchem jetzt zwei Menſchengeſtalten wie die Schatten einer vergangenen Zeit vorüberſchritten, von welcher das Rauſchen der Blätter und das Leuchten der Uferwände dieſes gewaltigen Sees ſoviel erzählen könnten, würde ihre Sprache von Menſchen der lebenden Generation verſtanden. Eine dieſer beiden Geſtalten war ein alter ſtattli⸗ cher Mann von ungewöhnlicher Größe, ſein ſchwarzes und ſtammweiſe graues Haar hing Streifen über ſein bleiches Antlitz herab, ſeinen breiten Rücken deckte eine Art Mönchskutte, ſeine Fauſt hielt einen gewaltigen Knotenſtock mit einer Eiſenſpitze um⸗ faßt. Sein gluthenvolles Augenpaar forſchte im Moor, um den rechten Pfad zu finden, auf daß er nicht ſammt ſeinem Begleiter in der weichen Erde einſinke, ehe beide im Kapuvarer Schloße, wohin ſeine Richtung ging, anlangten. Der andere der beiden nächtlichen Wanderer war ein Mann von etwa 24 bis 25 Jahren,— ein leichter dunkler Mantel umhüllte ſeine Glieder; unter demſelben trug er die gewöhnliche Kleidung eines Reiſenden; ſeine 59 feinen Züge und die goldenen Ringe an ſeinen Fingern, verriethen den Mann vom Stande, ſeine Ausſprache aber den Fremdländer, denn nur mit Mühe machte er ſich in ſchlechtem Deutſch ſeinem Begleiter verſtändlich, welcher dieſer Sprache eben ſo ſchlecht kundig, zu ſein ſchien, ſich aber ſo gut als möglich ausdrückte und dem Andern, deſſen Führer er zu ſein ſchien, jetzt wiederholt mit großem Selbſtgefühle erzählte, daß er ein Ungar, und ſtolz darauf ſei ſich einen ſolchen nennen zu können. „Es iſt ein Glück,“ ſagte er jetzt zu ſeinem jungen Begleiter gewendet,„daß Ihr mir hier begegnet ſeid, Ihr wäret ſonſt, da Ihr in dieſem Sumpfe ſchon verirrt waret, unfehlbar im Moore verſunken, wie König La⸗ dislaus in der Schlacht bei Varna.“ „Ich bin Euch zum hohem Danke verpflichtet,“ entgegnete der Andere:„Ihr ſcheint aber auch der Ge⸗ gend in allen Richtungen kundig und verſteht zu laviren, wie der Steuermann eines Seegelſchiffes.“ „Auch auf einem ſolchen bin ich ſchon geſtanden,“ ſagte der Mann im Mönchskleide;„vor Jahren war's, da ſegelte ich als Miſſionsprieſter nach den Antillen und noch weiter und wieder zurück, und den Frattziskaner⸗ Mönch Gabriel nennen ſie im Comitate nicht umſonſt den feurigen Gabriel, denn wie der Blitz d chzieht alle Himmelsgegenden und verſteht zu laviren un 60 ſteuern, gilt es dem Wohle ſeines großen ſchönen Ungar⸗ landes!“ Das Wort ſchien aus dem Herzen des Sprechers zu kommen, denn ſein Antlitz leuchtete jetzt im Strahle des Mondes, wie das eines Cherubs; jetzt deutete ſeine lange Hand nach der Seite.„Seht,“ ſagte er,„das iſt der eigentliche Hanſag, jene wilde Moorgegend wo kein Fuß mehr ſicher ſchreitet, und dort iſt die Schlafſtätte des Waldmenſchen, die müſſen wir umgehen, dann kom⸗ men wir zum Binder beim goldenen Schlägl und weiter oben zum Hauſe des Horn des Lelu. „Was iſt es mit dieſem Waldmenſchen?“ fragte der Andere weiterſchreitend. „Im Jahre 1749 am 15. März,“ erzählte der Mönch,„haben die Capuvarer⸗Fiſcher, der Ferenz Nagy und Misco Molnar in Hanſag da einen Knahen gefan⸗ gen, der einem wilden Thiere ähnlich war, und auf allen Vieren kroch. Er mochte zehn Jahre alt ſein, konnte nicht reden, war ganz nakt, hatte einen runden Kopf, kleine Augen, einen breiten Mund und am ganzen Körper, ſo⸗ gar am Kopfe keine gewöhnlichen Menſchenhaare, ſon⸗ dern eine ſchuppenartige, knorpliche Rinde, lang geſtreckte Gliedmaſſen, und beſonders an den Händen und Füßen ppelt lange Zehen, er fraß blos Gras, Heu und Stroh litt keine Kleidung an ſich. Man brachte ihn auf 61 das Kapuvarer Schloß, wo er getauft wurde, ein Jahr verblieb, wenn er aber unbeachtet war, in das Waſſer des Schloßgrabens ſprang, und wie ein Fiſch darin her⸗ umſchwamm. Zuleßt aß er aber bereits gekochte Spei⸗ ſen, ließ ſich auch ankleiden, verſchwand aber einmal plötzlich aus dem Schloße und iſt wahrſcheinlich wieder in den Hanſag geſchwommen.“ So erzählte der Mönch.„O,“ ſetzte er hinzu; „mein Vaterland hat noch des Merkwürdigen gar Vie⸗ les und ich könnte Euch ſtundenlang davon erzählen; ſeht, dort drüben liegen zum Beiſpiel die berühmten OHedenburger Sandgruben, und dort in der Nebelferne der Bergrücken mit dem ſchönen Oedenburg; man hat dort viele Elephantenzähne von ungeheurer Größe ge⸗ funden; zur Rechten aber liegt uns hier der Binder⸗ ſchlägel.“ Der junge Mann blickte dem Mönch wieder fragend in's Auge; dieſer fuhr aber fort: „Es iſt ein alt⸗ungariſches Märlein. Es war einmal ein Bindergeſelle; der hat von ſeiner Rückreiſevon Deutſch⸗ land nach Ungarn auf dem Donauſtrudel bei Grein in Niederöſterreich, da wo das große Kreuz auf dem Felſen ſteht und das Geſpenſt des ſchwarzen Mönches ſich zu⸗ weilen ſehen läßt, Schiffbruch gelitten; er iſt aber, weil er ein guter Schwimmer war, dennoch glücklich davon 62 gekommen, und er hat's Schwimmen eben in ſeiner Ju⸗ gend im Neuſiedler⸗See da, an deſſen Ufer er zu Hauſe war, gelernt; und ſo ſchwamm er auch am Strudel glückich heraus, verlor aber ſein Felleiſen ſammt dem Binderſchlägel, in deſſen künſtlicher Handhabe er ſich ſein ganzes Erſparniß, zehn Dukaten, verſteckt hatte.—— Da war's aber nach langen Jahren, daß der gute Bin⸗ dergeſelle nun als Herr Bindermeiſter mit ſeiner Ehe⸗ geſponſin, es war an einem ſchwülen Sommertage, am Ufer des See's ſpazieren ging und auf einmal eines ſchwimmenden Hundes, wie er glaubte, am See anſich⸗ tig wurde; als aber der vermeintliche Hund näher ſchwamm, ſiehe, da war es ſein Binderſchlägel, der auf der Waſſerfläche daher rann und deſſen Stiel wirklich noch die zehn Dukaten enthielt, und ſeht, ſo war der Schlägel unter der Erde, vom Strudel bis zum Neu⸗ ſiedler⸗See gelangt.“— „Wunderbar!“ rief der junge Mann,„ſo muß wohl eine unterirdiſche Verbindung des Strudels der Donau mit dem Neuſiedler⸗See da vorhanden ſein.“ „Herr!“ entgegnete der Mönch und ſein Auge leuch⸗ tete,„wir echten Ungarn meinen, es ſei dies ein rechtes Zeichen, wie es auch eine natürliche Verbindung gibt ſeit Jahrhunderten zwiſchen den Herzen des deutſchen Nachbarlandes mit dem Lande Ungarn, die beſtehen ſoll 63 für alle Zeit, den beiden Nationen zu Nutz, ihren Fein⸗ den aber zum Trutz!“.. Der junge Mann ſchaute bei dieſen Worten nach⸗ denkend vor ſich hin; der Mönch blickte ihm aber jetzt aufmerkſam in's Auge.„Sagt mir aber,“ fuhr er fort, „was ſeid Ihr denn eigentlich für ein Landsmann?“ Der junge Mann zögerte ein wenig mit der Antwort. „Ein Rheinländer,“ ſagte er endlich,—„ich komme zu⸗ nächſt aus.. dem Elſaß—“ „Wo der franzöſiſche Zwingherr waltet,“ fiel der Mönch ein—„nun werden ſeine Adler wieder bald Sg⸗ werden, um nach Deutſchland herüber zu flat⸗ ern?“— Der junge Mann warf jetzt ſein Haupt empor. „Es ſcheint,“ ſagte er,„daß Ihr, wie ich aus eini⸗ gen Worten unſeres Zweigeſpräches ſchließen kann, zu den Feinden des Kaiſers der Franzoſen zählt—“ „Wie jeder echte Ungar,“ fiel der Mönch ein; „wir wiſſen, daß ſeit aller Zeit der Franke es war, der wie der Feind auf den Acker ging, um Unkraut zwi⸗ ſchen unſeren Weitzen zu ſäen,— der das zweiſchneidige Schwert handhabte, um mit demſelben das Band zu trennen, welches den Deutſchen mit dem Ungar natur⸗ gemäß verbindet.“ „Ihrurtheilt zu raſch,“ entgegnete der junge Mann, 64 —„Frankreichs Adler ſind ſtark genug, um Euch, Eurem Volke auf der Bahn zur Höhe der Aufklärung und des Nationalglückes vorzuſchweben!“— Jetzt blieb der Mönch ſtehen.„Herr,“ ſagte er lächelnd,„Ungarn will weder eine Lehen Frankreichs, noch ein Vorland Italiens ſein;— laßt uns unſere Steppe, unſere Eichen, unſer altes Wappen; der Franke mag ſeine Adler und ſeine Sonne behalten— der Un⸗ gar kann mit dem Deutſchen, nie aber mit dem Franken gehen, und ſollte es dem Soldatenkaiſer an der Seine geküſten, ſeine Roſſe aus unſern Bächen zu tränken, ſo werden ihm Männer entgegentreten, ſtark wie der An⸗ draſch und kraftvoll bis in's hundertſte Jahr, wie der Peter Czartan aus Köverösz.“ „Wer ſind dieſe Leute?“ wollte der junge Mann fragen; aber ein gewaltiger Windſtoß machte ſeine Worte verhallen, der Wind hatte ſich gewendet und blies mit ſolcher Heftigkeit gegen Oſten, daß das weſt⸗ liche Ufer des Sees zwei⸗ bis dreihundert Schritte vom Waſſer entblößt war. Der See kräuſelte ſich und die Wellen ſtürzten in entgegengeſetzter Richtung gegen das Ufer. Eine Menge Sumpfvögel flatterten in wilden Hau⸗ fen empor, und die ganze Natur ſchien plötzlich in Auf⸗ ruhr zu kommen, ſo mengten ſich das Heulen des Stur⸗ mes, das Rauſchen der Wellen, das Brauſen der vom 65 Winde gepeitſchten Baumwipfel, das verſchiedenartige Geſchrei der befiederten Seebewohner in einander;— dort aber, wo die Wogen des aufgewühlten See's am höchſten gingen, ſchwankte jetzt wie eine Nußſchale im ſie⸗ denden Waſſer eines Topfes ein kleiner Nachen. Es war ein Fiſcherkahn, welchen ein einzelner Mann mit ſeinem Ruder bewegte. Der Mönch winkte ihm näher und bald ſaßen die beiden Wanderer in dem Kahn. Der Fährmann war ein alter Vollblut⸗Ungar, der ſeine ſechzig Jahre auf dem Rücken haben mochte, aber in ſeinem Auge leuchtete noch immer die Gluth der Ju⸗ gend und ſein ſchöngeformtes Antlitz trug das Bild der Kraft und Entſchloſſenheit. Der Mönch ſchien ihn zu erkennen.„Du kömmſt eben recht, Zoltan,“ ſagte er,„um den alten Gabriel zum goldenen Horn zu rudern, daß ihn der Seeſturm nicht verſchlinge.“ „Baszom teremtete!“ grollte der Alte;„Meiſter Gabriel Ihr ſeid es? und woher des Weges?“ fragte er in ungariſcher Sprache. „Geradewegs aus Deutſchland,“ entgegnete drr Mönch,„aus Deutſchland, wo ich das Wetter ſtu⸗ dirte, das in ſchweren Wolken über unſeren Häuptern hängt— was treibt Graf Arpad?“ Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 5 66 „Graf Arpad,“ entgegnete der Alte,„geht in we⸗ nigen Tagen mit dem Fräulein Helena auf ſein Jagd⸗ ſchloß in die Karpathen ab und im Landhauſe am See wird bereits zur Reiſe gerüſtet.“ „So muß ich eilen, ihn noch zu treffen,“ entgegnete der Mönch. „Der Graf wird ſich freuen, Euch wieder zu ſehen, Meiſter Gabriel,“ bemerkte der Schiffer; dann warf er einen langen, mißtrauiſchen Blick auf den Begleiter des Mönches;„wen bringt Ihr da in's Land?“ fragte er. „Einen jungen Maler aus dem Rheinlande,“ ent⸗ gegnete der Mönch;„er traf mit mir an der Mündung des Hanſags zuſammen, er reiſt, wie er mir ſagte, zum Vergnügen und gedenkt Ober⸗Ungarn zu durchſtreifen.“ Der alte Schiffer ſchwieg. Der junge Maler aber ſchien die Rede der Beiden aufgefaßt zu haben.— „Wer iſt der Graf Arpad?“ fragte er⸗ „Ein Magnat,“ entgegnete der Mönch,„ſtolz und ſtark, hochſinnig, tapfer, vaterlandsliebend, großmüthig, gaſtfrei und wohlthätig, kurz ein Edelmann von echtem ungariſchem Blute—“ „Alſo eine ſeltene Größe in Eurem Vaterlande,“ fiel der Maler ein,„wenn Ihr anders Ungarn Euer Va⸗ terland nennt?“ 67 Da leuchtete das Auge des Mönches, ſeine etwas gebückte Geſtalt ſtreckte ſich empor, ſeine großen dunklen Augen leuchteten, wie ein paar Feuerflammen.„Ja, mein Vaterland!“ rief er mit Begeiſterung, indem er ſeinen Arm ausſtreckte und daſtand wie ein ſegnender Prophet. „Mein großes, theures, herrliches Vaterland!“ rief er,„groß und herrlich in ſeinen Naturſchönheiten, groß in ſeinen Geſchichts⸗Erinnerungen, groß in den Namen und Thaten ſeiner Söhne! Und ſo iſt auch Graf Arpad keine ſeltene Größe Ungarns, wie Ihr meint, mein jun⸗ ger Freund, ſondern wie er ſtehen noch Hunderte und Tauſende der edelſten Männer Ungarns da, welche für ihren König und ihr Vaterland Gut und Blut bringen werden, wenn der König ſie ruft und das Vaterland ih⸗ rer begehrt!— glaubt mir's, mein junger Freund, die Zrinyi's, Palfy's und Szapari's ſind noch nicht ausge⸗ ſtorben! und ſo ſteht auch unſer edler Graf Arpad da, als ein Magnat im edelſten Sinne des Wortes— ſeht Ihr dort drüben hinter'm See ſein Landhaus durch die Weidenbüſche ſchimmern?“ „Er zählt wohl zu den reichen Magnaten im Lande?“ fragte der junge Rheinländer. „Das will ich meinen,“ entgegnete der Mönch,„er zählte ſogar Beſitzungen in Wälſchland, wo er auf der 5* ſchönen Iſola bella am Lago maggiore ein auf ſeiner Reiſe erkauftes Landhaus ſein nannte, das kürzlich von ſeiner Verwandten der Gräfin Bianca Orſini, Witwe eines mailändiſchen Conte von ihm angekauft wurde; aber ſein größter Reichthum iſt ſeine ſchöne Tochter He⸗ lena, eine Jungfrau von achzehn Jahren, gut und edel, wie ihre Mutter war, welche der Graf vor drei Jahren in die Gruft ſeiner Ahnen ſenken ließ. Dieſe Tochter, ſein König und ſein Vaterland ſind drei Pulsadern, welche der Graf im Herzen trägt und wehe Dem, der eine davon ihm verletzen wollte; nun Ihr werdet ihn morgen näher kennen, wenn Ihr ſeine Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen wollt, denn der Graf iſt ein Freund der Künſte und Wiſſenſchaften und wird einem deutſchen Künſtler wie Ihr, gerne die Hallen öffnen, wo Ihr manch' ſchönes Original⸗Bild aus der Geſchichte Ungarns für Euren Pinſel finden werdet; hütet Euch aber, Frank⸗ reichs Lobredner zu werden, und ſeine Adler zu preiſen, wie Ihr eben erſt mir gegenüber thatet; denn in dieſem Puncte verſteht Graf Arpad keinen Scherz und würde Euch, ſo weit es das ungariſche Gaſtrecht geſtattet, ohne⸗ weiters in echt ungariſcher Weiſe mit ſeiner guten Klinge die Antwort geben.“ Eine leichte Bläſſe zog über das Antlitz des jungen Malers.„Ich ſehe,“ ſagte er mit einiger Befangenheit, 69 „daß in dieſem Lande ein hartnäckiges Vorurtheil gegen alles Ausländiſche beſteht.“ „Nein!“ entgegnete der Mönch mit kräftiger, weit⸗ hallender Stimme;„der ehrliche Ausländer findet noch immer im Lande der Magyaren die alte, ſchöne Gaſtfreund⸗ ſchaft, wie ſie einſt unter den Zelten eines Hunyad und im Schloſſe eines Corvinus waltete; aber dem fremdländi⸗ ſchen Gifthändler und Wettermacher weiſen wir die Zähne und er findet im Lande keine Herberge, außer im„Nie⸗ mands Freundhauſe zu Kaſchau!“ Der Mönch wollte noch anders ſagen, aber er konnte ſeine Rede nicht mehr bendigen, denn der immer ſtärker brauſende Sturm verwehte jedes ſeiner Worte; der See war in ſeiner Tiefe aufgewühlt und die Kreuzblitze durch⸗ zuckten die ſchweren Wolken, welche über den Häuptern der Schiffenden emporſtiegen.— Der Fährmann ſtrengte alle ſeine Kraft an, um die Steintreppe eines Fiſcher⸗ hüuschens zu erreichen, welches am Geſtade des See's ie ein kleiner Leuchtthurm den Schiffenden entgegen⸗ ickte. Dort legte der alte Zoltan ſeinen Kahn an das Ufer und führte die beiden Männer in dus Innere des Häuschens, welches das Eigenthum eines alten Strand⸗ fiſchers war und gleichſam eine Warte am See bildete, um ſturmbedrängte Fahrzeuge, deren Lotſe dann der 70 alte Beſitzer des Häuschens wurde, an den Untiefen vor⸗ bei, an's Ufer zu führen. Die Ankömmlinge machten es ſich auf dem Eſtrich der Unterſtube bequem, wo ſie ihre müden Glieder auf die Schilfmatten in den Ecken der Stube ſtreckten, wäh⸗ rend das Weib des Fiſchers ein paar grobe Leinkittel und zwei Wollendecken für die Durchnäßten herbeiſchaffte und der Fiſcher alsbald mit einer Flaſche rothen Ruſter⸗ weines kam, den er mit ungariſcher Gaſtlichkeit den Männern darbot. Draußen orgelte jetzt der Sturm ſein Conzert; in breiten Streifen ſchlug das vom Himmel ſtrömende Waſſer an die Fenſter des kleinen Häuschens, in deſſen Unterſtube der Franziskanermönch und der junge Maler neben ihrem freundlichen Wirthe ſaßen. Es war ein alter Vollblut⸗Ungar, aber in ſeinen Augen leuchtete noch immer die Gluth der Jugend. Ein alter grüner Dollmann bedeckte ſeinen mus⸗ kulöſen Oberkörper, enganſchließende blaue Beinkleider ſeine Füße. Jetzt ſaßen der Mönch, der junge Rheinländer, der alte Zoltan und ihr Wirth, der Beſitzer des Häus⸗ chens, vor dem Kamine, in welchem ſie den zu kleinen, viereckigen Stückchen geſchnittenen weißen Speck, den ſie an kleine Holzſtäbchen geſteckt hatten, an der Gluth röſteten, worauf ſie ihn in eine mit Pfeffer und Paprika 71 gefüllte Schaale tauchten und auf ein Stück vortreffli⸗ chen Roggenbrodes legten, um ihn dann bei einem Schluck guten Ruſterweines in die vom Sturme vertrockneten Kehlen hinabgleiten zu machen. Nachdem ſie ſich auf dieſe ächt ungariſche Weiſe gelabt hatten verrichtete der Mönch ein kurzes Gebet, dann ſtreckten ſich die müden Gäſte auf die Schilfmat⸗ ten und ein ſtärkender Schlaf ſchloß ihre Augen.— Die Nacht ging vorüber und ein freundlicher Morgen zog mit allem ſeinem Glanze über die Gegend. Wie dichte Rauchwolken lag es noch auf dem See.— Der aus der Nebelhülle hervorbrechende Tagesſtern löste Wolke um Wolke von dem Gewäſſer, welches jetzt ſo ruhig da lag, als ob es ein leichter Spiegel wäre um⸗ ſchloſſen von dem grünen Rahmen der bewaldeten Berge und Hügel. Auf einem dieſer Ufervorſprünge ſtanden der Mönch und der Rheinländer im Begriffe von dem noch in dem Häuschen befindlichen Beſitzer dankend Abſchied zu neh⸗ men. Jetzt trat dieſer heraus. Er hatte ein langes Horn von Meſſing an einem breiten Bande um ſeinen Hals hängen, dasſelbe glich aber mehr dem Horne eines Hir⸗ ten, als einem Jagdhorn und ſchien ſchon ziemlich ab⸗ gegriffen und benutzt worden zu ſein. Der Alte ſetzte 72 es an ſeinen Mund und blies dreimal in dasſelbe, daß die tiefen Töne von den Wellen der reinen Luft weit hinaus getragen wurden und ein fünffaches Echo in im⸗ mer weiteren und ſchwächeren Klängen antwortete und die Waſſervögel des Sees in breiten Schaaren aus dem Schilfe emporflatterten. Wunderſam und beinahe gei⸗ ſterhaft klangen die Töne dieſes Hornes und lange noch, nachdem ſie der Alte ausgeſtoßen hatte, ſchienen ſie in der reinen Luft nachzuzittern und hallten im fernſten Echo leiſer und leiſer, bis ſie endlich in der nebelgrauen Fläche des Sees völlig erſtarben. Lautlos ſtand der junge Rheinländer; das reizende Bild des erwachenden Morgens über dem See und die melancholiſchen Klänge des Hornes, denen das Rau⸗ ſchen des Sees, das Zwitſchern der Vögel, das Pfeifen des Windes aus den Klüften der Seeufer zu antworten ſchien, machten einen ſeltſamen Eindruck auf ſein Herz. Jetzt hob der Mönch ſein Haupt empor.„Ein Hoch dem Heldengeiſte der Ungarn!“ rief er, ſich zu dem jungen Rheinländer wendend,„und wiſſen Sie mein Freund, was der Klang dieſes Hornes zu bedeuten habe?. es iſt das Horn des Lelu, welches in's Land hinausſchallt, wie es hinausſchallen wird, wenn die Zeit wieder kommen ſollte, wo das moriamur pro regé nostro! die Parole der Magyaren werden wird. 73 „Ja!“ rief er, indem er ſeine langen Arme in die Luft hinausſtreckte.„Dieſe Klänge erinnern an das Horn des Lelu und dieſe Felſenzunge, auf welcher wir ſtehen, iſt ebenſo benannt, und ich will Ihnen, wenn Sie zuhö⸗ ren wollen, das alte Volksmährlein von dieſem Horne er⸗ zählen.“ Der junge Maler nickte beiſtimmend und der Mönch begann mit klangvoller Stimme. 4 4. Das goldene Horn des Lelu. s hol ä nép, melly pälyät inadni S izuadäs könt hösi birt aratni 082 atyaknak nyomdokin tamult. F. Kolesey. ¹) Es war die Zeit der Sonnenwende im Jahre des Heils 955. Einſt zündeten die alten Deutſchen um dieſe Zeit auf den Gipfeln der Berge große Feuer an, welche an⸗ deuten ſollten, daß der ſchöne Gott Balder in deſſen Wohnung Breidablik, nichts Unreines eingehen darf, daß er, der Träger des reinen Sonnenlichtes, über die ¹) Wo iſt jenes Volk, das konnte ringen Und am Schlachtfeld Lorbeer ſich erzwingen Wie es von den Ahnen oft geſeh'n. 75 Erde ziehe, daß die große Natur ihre herrlichſte Kraft⸗ fülle entfaltet, ihren ſchönſten Schmuck angezogen habe, ſie, die eben ſo ſchön, wenn ſie ihr in tauſend Farben ſtrahlendes Blüthenkleid entfaltet, als wenn ſie im dunk⸗ len Wolkenſchmucke prangt und Thors blitzender Don⸗ nerhammer die grünen„Segler der Lüfte“ am Himmel zerſtreut und die ſchöne Götterbrücke Biffweſt genannt, der ſiebenfache Regenbogen, hinter dem majeſtätiſchem Gebirge emporſteigt.— Es war die Zeit der Sonnen⸗ wende des Jahres 955. Aber nicht mehr das Entzün⸗ den des Nodfyr— Nothfeuer— welches einſt der alte Deutſche durch das Reiben zweier Hölzer gewann, und in ſeine Hütte trug, um es als Schutz und Heilmittel gegen Krankheiten und mancherlei Gefahren zu gebrau⸗ chen, ſondern chriſtliche Feſte waren es, welche die Bür⸗ ger der deutſchen Städte und die Landleute auf den Hügeln vor ihren Städten und Weilern um dieſe Zeit verſammelten. So war es das Feſt der heiligen Afra, der Schutz⸗ patronin der alten Reichsſtadt Augsburg, welches am 7. Auguſt eines jeden Jahres von den Bürgern dieſer Stadt mit beſonderem Glanze gefeiert wurde. In dem großen Waffenſaale ſeines Hauſes ſtand an einem ſchönen Julitage des genannten Jahres 955 Meiſter Roderich Stolzhirſch, der Waffenſchmied, und 76 ließ ſeine Augen über den reichen Vorrath von Schwer⸗ tern, Partiſanen, Schildern und andern Waffengeräthen ſchweifen, welcher hier in ſchöner Ordnung aufgeſtellt war, denn auch er halte in dieſem Reiche ſeines Haus⸗ eigenthums wiederholt Muſterung gehalten um mit den Erzeugniſſen ſeiner weit bekannten Werkſtätte, Zierden zur Verherrlichung des bevorſtehenden Feſtes der Schutz⸗ patronin der Stadt zu liefern, deſſen Feier am Vor⸗ abende des ſiebenten Tages im Erntemonat, Alles ver⸗ ſammeln ſollte, was in der Stadt lebte und webte und den deutſchen Namen führte.— Eine Art Roſenfeſt war's gewöhnlich, welches an dieſem Tage die Stadtbewohner vereinigte; eine der ſchönſten und edelſten Jungfrauen der Stadt ward zur Königin des Feſtes erkoren, und was ſich im Verlaufe des Jahres liebend zuſammengefunden hatte, glaubte einen beſonderen Segen darin zu finden, wenn der Bund der Herzen an dieſem Feſttage die Weihe durch den Se⸗ gen der Kirche erhielt. So dachte man alſo auch in dem genannten Jahre 955 zu Augsburg an die ſchöne Feſtfeier des St. Afra⸗ tages und an die Wahl der Roſenkönigin für dieſes Feſt;— und Niemand ſprach von dieſem Feſte ohne dabei auf die ſchönſte der Roſen hinzudeuten. Dieſe herrlichſte und ſchönſte der Roſen war He⸗ 77 lena die Tochter des Waffenſchmiedes Roderich Stolz⸗ hirſch; eine Jungfrau von achtzehn Jahren, ſchön wie der Mai in ſeiner ſchönſten Blüthe, ſchön an Leib und Seele, kraftvoll und hochaufgeſchoſſen, wie eine junge Eiche, voll Feuer und Leben, mehr geſchaffen für die Führung des Schwertes, als die der Spindel. Ihre großen dunkeln Augen glühten mit ſeltſamem Feuer, wenn ſie den Waffenſaal ihres Vaters betrat und ein kurzes Schwert erfaſſend ihren Arm prüfte. Meiſter Roderich Holzhirſch verſchloß in ſeinem Hauſe reiche Schätze, die ihm ſein Hammer und Ambos gewonnen hatten. Es konnte ſomit an Freiern für die ſchöne Helene nicht fehlen, und dieſe drängten ſich aus beſten Kreiſen der Bevölkerung von Augsburg eran. Herr Roderich Stolzhirſch ſchien ſich dadurch geehrt zu fühlen, vermied aber faſt ängſtlich jede bindende Er⸗ klärung gegenüber denſelben, und Helene ſchien noch weniger Luſt zu haben, ihr heiteres ſorgenfreies Jugend⸗ leben ſobald mit den Feſſeln der Ehe zu vertauſchen. Da trat eine andere Erſcheinung in ihre Kreiſe, welche in dem heitern Jugendleben der Jungfrau eine ſichtliche Veränderung hervorrief. Meiſter Roderichs Neffe war's, der junge Waffenſchmied Herrmann Stolz⸗ hirſch, welcher nach jahrelanger Abweſenheit von ſeiner 78 Wanderung durch fremde Länder zurückkehrend, ſeine Ju⸗ gendgeſpielin Helena, die er als Kind von kaum eilf Jahren verlaſſen hatte, nun als herrlich aufgeblühte Jungfrau wieder fand. Da ſtand jetzt der ſchöne und kräftige Jüngling im Garten ſeines Onkels vor der herrlich aufgeblühten Jungfrau, deren Hand in der ſeinen lag, und deren Au⸗ gen das Feuer wiederſtrahlten, das in ſeinen hellen Au⸗ genſternen leuchtete. Die jungen Herzen Beider hatten ſich gar bald gefunden und das Reis der erſten Liebe begann raſch emporzukeimen. Aber das herrliche Bild der reizenden Jungfrau hatte auch andere Augen auf ſich gezogen. Im Waoffenſaale Meiſter Roderichs ſtand zur ſel⸗ ben Stunde auch ein baumlanger Krieger, deſſen ſehnige Glieder der blanke mit Gold verzierte Stahlharniſch deckte, ein breites Schlachtſchwert hing an ſeiner ſtarken Lende, ein Eiſenhelm mit drei ſchwarzen Federn bedeckte ſein Haupt, ein todtbleiches Antlitz ſtarrte unter dem aufgeſchlagenen Viſir, düſter blickte er vor ſich hin, und ſeine bleichen Lippen umſpielte ein Zug, der von innerer Bitterkeit des Gemüthes dieſes Mannes zu zeugen ſchien. Dieſer unheimliche Gaſt war gar hohen Stammes — Graf Berthold nannte er ſich, er war aus dem 79 Stamme der Schyren; Graf Berthold war der Sohn des von Regensburg geſalbten Pfalzgrafen Arnulf, Kö⸗ nig Arthurs Enkel, des Ungarhelden Luitpold Urenkel, vom Herzogthume der Schyren, verſtoſſen aus dem Lande ſeiner Väter, denn er war ein eifriger Anhänger Luidolf's des Sohnes Kaiſers Otto I. geweſen, welcher ſich gegen ſeinen Vater empört und die Ungarn in's Land gerufen, ſich aber mit ſeinem kaiſerlichen Vater ſpäter wieder ausgeſöhnt hatte. Jetzt ſtand Graf Berthold im Waffenſaale Meiſter Roderich's nicht gebietend, vielmehr ſeiner Grafenkrone baar, und bittend: um die Roſe, die der Meiſter in ſei⸗ nem Hauſe barg. Graf Berthold hatte Helene die Tochter des Waf⸗ fenſchmiedes bei dem letzten Turnſpiele geſehen, ihre Schönheit hatte ihn entzückt, er hatte ihre Schritte ver⸗ folgt und dem landloſen Grafen ſchien eine Verbindung mit der reichen Erbin des Waffenſchmiedes wünſchens⸗ werth; doch nicht die Schönheit der Jungfrau allein war es, was den ſtolzen Grafen anzog, es gingen in Augsburg dunkle Gerüchte, die auch zu ſeinem Ohre gedrungen waren; daß mit der Hand der ſchönen Jung⸗ ſrau zugleich große Schätze verbunden ſein würden, und daß ein beſonderes Geheimniß über ihrer Geburt ſchwebe, 80 welches nur ihr Vater und der Biſchof Ulrich von Augs⸗ burg wiſſe. Aber der finſtere Graf Berthold ſchien dieſes Ge⸗ heimniß auch zu kennen und ſo ſtand er jetzt vor dem alten Waffenſchmiede und begehrte mit kurzen Worten die Hand der ſchönen Helena, indem er hinzuſetzte, ein fränkiſcher Streiter, welcher die Grafenkrone auf ſeinem Haupte trage, könne im Hauſe des deutſchen Waffen⸗ ſchmiedes nur ein willkommener Freier ſein. Aber der deutſche Waffenſchmied ſprach ein offenes deutſches Wort und erklärte dem Grafen kurz und bün⸗ dig,„daß er, der freie Bürger und Waffenſchmied der freien Reichsſtadt Augsburg, ſeine Tochter bereits einem edlen Genoſſen ſeiner Zunft, ſeinem wackeren Neffen Herrmann Sibetho, genannt der Stolzhirſch, zugeſagt habe und dieſem Wort halten müſſe, zumal als er im Halten dieſes Wortes und der Treue viel geübter ſei, als der fränkiſche Graf und Freiwerber, welcher ſich auf die Gegenparthei ſeines Herrn und Kaiſers geſtellt habe. Da ſtürzte der Graf Berthold, ohne weiters ein Wort zu verlieren, hinaus und keine Blicke warf er er mehr auf das Haus des Waoffenſchmiedes, ſondern ſeine Augen leuchteten allein der Gegend zu, wo ſich zwiſchen Alemannien und Baiern, zwiſchen Werlach und — — — 81 Lech ohne Waldung, faſt ohne Geſträuch, eine eintönige Ebene hinzieht, die wohl einſt ein großer See geweſen ſein mag.— Zu dem Waffenſchmiede trat aber jetzt die hohe Geſtalt eines Greiſes im Prieſterrocke, Biſchof Udalrich von Augsburg war es, ein Freund des alten Waffen⸗ ſchmiedes. Mit ſorgenvoller Miene verkündete er dieſem die traurige Kunde, 100,000 Ungarn unter Arpads Nef⸗ fen Bulzu ſeien in Schwaben eingebrochen und bereits bis an den Schwegwald vorgerückt; tapfer und wohlge⸗ rüſtet zögen ſie heran und nichts könne ihnen wieder⸗ ſtehen, nur ein Erdbruch oder des Himmels Einſturz könne ihnen, wie ſie ſagen, etwas anhaben; ihre Roſſe würden die neuen Städte der Deutſchen mit ihren Hu⸗ fen zerſtampfen und die Flüße und Seen ausſaufen, da⸗ mit ſie trockenen Fußes hinüber könnten.— Schon ſtänden ſie am obern Inn und bald würden ſie am Lech ſtehen. Der alte Waffenſchmied hörte dieſe Kunde, ſchwei⸗ gend an, dann blickte er dem Biſchof ruhig ins Auge. „Nun,“ ſagte er,„ſo iſt es hoch an der Zeit den Har⸗ niſch umzuſchnallen und auch im Hauſe, da Rechnung zu machen; gut daß Ihr mich mit Eurem Beſuche erfreutet, Proſchlo. Der ſchwarze Mann. I. 6 Herr Biſchof, ich will heute die Verlobung meiner Toch⸗ ter feiern und Euch um Euren Segen dazu bitten.“ „Verlobung?!“ fragte der Biſchof verwundert. „Wie? jetzt? in dieſen Tagen der Gefahr Verlobung?“ Der alte Waoffenſchmied forderte aber den Biſchof auf, ihm in den Garten zu folgen— dort faßte er die Hand desſelben, und ſprach mit großer Bewegung: „Würdigſter Freund meines Hauſes! das Geheimniß welches ich Jahre lang auf meinem Herzen getragen muß endlich an dem Herzen eines Freundes ausgeſchüt⸗ tet werden, denn die Zeit drängt und der Todesengel ſchwebt über den Häuptern aller, die wir jetzt einer ern⸗ ſten Stunde entgegen gehen, in welcher der kriegesmu⸗ thige Ungar bald vor unſern Thoren ſtehen wird.“ „Ja,“ ſagte der Biſchof;„jeder ſehe zu, daß er jetzt ſein Haus beſtelle, damit der Herr ihn nicht über⸗ raſche, unvorbereitet im Sturme....“ „So wißt,“ fuhr Roderich fort,„Helene meine ſchöne liebliche Roſe, die Zierde meines Hauſes iſt nicht mein leiblich Kind....“ Der Biſchof trat einen Schritt zurück; dieſe Kunde hatte er nicht erwartet, denn er wußte, daß Meiſter Ro⸗ derich ſeine Helene liebte, wie ein Kleinod und ſie auch hielt wie ſeinen Augapfel und ſo ging auch die Kunde in —————————— ———————— — 83 der Stadt und Niemand hätte geglaubt, daß die ſchöne Jungfrau nicht des Waffenſchmieds Töchterlein ſei. Aber dieſer fuhr fort:„achtzehn Jahre ſind es, als ich, ein ſtarker muthiger Geſelle, nach Sachſen mitzog mit dem deutſchen Heere, da war es nach der Schlacht bei Merſeburg, daß ein Heer der Magyaren in Sachſen eindrang und von den Deutſchen vernichtet wurde; ich war dabei als es blutig herging und das Heer der Un⸗ garn in allen Richtungen zerſtob. Der tapfere Zoltan ihr Anführer, der vielen Niederlagen müde, legte aber darnach die Regierung freiwillig in ſeines Sohnes Tak⸗ ſony's Hände, deſſelben Takſony's welcher die Niederlage ſeines Vaters rächend jetzt heranzieht.—“ „Man nennt,“ fiel hier der Biſchof ein,„ auch den Namen des ſtarken Lelu, Torun, Sera, Schaba, Bolond und Verbults, des Bluthundes, unter ihren Anführern und ſchwer wird es ſein dieſen zu wiederſtehen.“ „Bei jenem blutigen Treffen in Sachſen,“ fuhr der Meiſter Roderich fort,„hatte ich mit einigen Waf⸗ fenbrüdern die letzte Schaar der fliehenden Un⸗ garn verfolgt, welche das Zelt des Herzogs Zoltan fortſchleppten, und auf den kleinen Ungarrößlein über die Gegend fuhr, als ſtürme die wilde Jagd dahin. Nun, daß ich's kurz ſage ein kaum einjähriges Kindlein fiel dem fliehenden Leibdiener des Zoltan bſt ich hob es im Fluge auf mein Roß; es war in gold⸗ ſchimmernde Windel gekleidet und der treue Diener des Herzogs vertheidigte es mit ſeinem Leben; er fiel ſchwer verwundet zu unſeren Füſſen und wurde von uns ge⸗ fangen.“ „Seine Kunde lautete, daß dieſes Kind Gyula heiße und eine Enkelin des Ungarfürſten Verbults ſei und von dem Vater ſchwer vermißt werden würde. Wir nahmen aber das kleine Mädchen zu uns; ich ward Waffen⸗ ſchmied in meiner Vaterſtadt Augsburg, vertrat fortan Vaterſtelle an Gyula und ließ dem ſchönen Ungarkinde in der Taufe den Namen Helena beilegen. Und als die ſchönſte der chriſtlichen Jungfrauen ſteht nun Helena bereit morgen als Königin unſeres Roſenfeſtes zu glänzen.“ „Helene iſt alſo ein Ungarkind?!“ rief der Biſchof erſtaunt—„und das verſchwiegt Ihr ſo lange?“ „Würdiger Herr und Freund,“ entgegnete der Waoffenſchmied;„ich hatte alle Urſache dazu; ſeht jener Leibdiener Verbults', dem wir das Kind abnahmen und den wir in Angsburg ſpäter gefangen hielten, wußte zu entfliehen und verbreitete gar bald im Ungarlande die Kunde, daß wir die ungariſche Herzogstochter in unſe⸗ ren Mauern als Gefangene zurückhielten und zur Chri⸗ ſtin gemacht hätten, und ſo ward mir durch Gefangene 85 aus den Horden der Magyaren zuletzt die Kunde; daß Verbults bei ſeinen Göttern geſchworen habe, nicht eher zu ruhen, bis er nicht unter dem Schutte des zerſtörten Augsburg ſeine Tochter hervorgeſucht und ob lebendig oder todt in ſein Zelt zurückgebracht haben würde....“ „Verbults pflegt,“ fiel hier der Biſchof ein,„wie man erzählt, ſeine Schwüre zu halten und ſein Wort mit Blut zu beſiegeln.—“ „Darum“ ſagte der Waffenſchmied,„will ich zuvor⸗ kommen; nicht ſollen drei Tage verſtreichen und Helene ſoll die Verlobte meines Neffen Hermann ſein; er ſoll ſie nach Aachen hinüberführen und ſchützen und ſorgſam hüthen bis Gott der Herr die Gefahr wieder von uns gewendet haben und die Horde der Ungarn aus unſerem Lande abgegangen ſein wird, auf daß Verbults und ſeine Horde ſie nimmer treffe in Augsburg, ſo Gott etwa in ſeiner unendlichen Weisheit beſchloſſen haben ſollte un⸗ ſere Stadt in die Hände der Feinde zu geben.“ So erzählte Meiſter Roderich, der Waffenſchmied, ſeinem Freunde dem Biſchof Udalrich— er ahnte aber nicht, daß ein Lauſcher an ſeiner Seite ſtand, Graf Ber⸗ thold, der oben erwähnte Sohn Arnulphs von der Riſi⸗ geh(Regensburg), der Bewerber um Helenens and.— Kein Wort der Rede des Waoffenſchmiedes war dem racheglühenden Grafen entgangen.— Schon am Abende des folgenden Tages ſtand er in dem geweſenen Kloſter Thierhaupten— ach vor dem geweſenen! denn auch auf dieſem Zuge hatten die Magharen das reiche Thierhaupten berührt, es zerſtört und die Mönche in die Flammen geſchlendert. Dort im Dunkel des Waldes zwiſchen himmelho⸗ hen Tannen, war eine einfache Zeltdecke aus Wolfs⸗ fellen ausgeſpannt; unter derſelben ſtand ein gewalti⸗ ger Rieſe, aus deſſen braunem, behaartem Antlitz, der Ausdruck der Wildheit und Grauſamkeit aber auch jener der Tapferkeit und des Kriegermuthes leuchtete. Ein leichter Mantel von Fuchsfell hing über ſeinen Unterleib, über ſeinen muskulöſen Rücken lief ein breiter ſchwarz⸗ brauner Streifen. Dieſer Rieſe war des alten Ungar⸗ helden Arpad's Neffe, Bulzu von ſeinem Blutdurſte auch Verbults(von Vér, Blut) genannt. Er brachte eben dem höchſten Weſen der Magyaren Isten ein Opfer dar ¹) indem er eine Schale mit Blut gemiſchten Weines auf eine Art Opferherd in ſeinem Zelte ausgoß und dabei wiederholt das Wort Urdung und Armanyos vor ſich murmelte. ²) ) Herr; Gott.— ²) Urdung heißt in der alten un⸗ gariſchen Sprache der Dämon, aus welchen der jetzige Or⸗ döng oder Ordög geworden iſt. —— — 87 Außerhalb des Zeltes zwiſchen den himmelhohen Fichten und Tannen lagen und ſaßen die wilden Streit⸗ genoſſen des magyariſchen Heerführers neben ihren Röß⸗ lein, theils unter kleinen Zelten, theils unter offenem Himmel. Da, wo eine tauſendjährige Eiche ihr breites Blätterdach in die Lüfte ſtreckte, ſtand aufgeſchürzt bis an die braunen Hüften der Taltos oder Prieſter, der Dämo⸗ nenbezwinger und zwei Pithonen oder Pithonißen, das iſt Wahrſager und Wahrſagerinnen, dann mehrere Pallos oder Sänger, welche am Ende Hymnen ſangen. Es war ein Dankfeſt für den letzten großen Sieg, welchen Verbults mit dieſen religiöſen Ceremonien Imadäs oder Aldomäs) genannt, feierte. Er hatte ſein feſteſtes Roß, einen mackelfreien Schimmel geſchlachtet; denn die weißen Pferde wurden von den Magyaren gar hoch geehrt und das Fleiſch die⸗ ſes ſeines Lieblingroſſes ſollte für das Opfermal Ver⸗ bults und der Prieſter ſeiner Schaar bereitet werden. Drüben auf der Mitternachtſeite des großen Wal⸗ des, in welchem das Heer gelagert war, lag gleich einer ) Der Adomäs hat ſich bis auf unſere Tage erhalten, noch jetzt ladet der Magyar bei wichtigen Ereigniſſen, be⸗ ſonders, wenn ein gutes Geſchäft abgeſchloſſen worden iſt, den Theilnehmer hieran auf einen Trunk Wein mit den Worten:„Trinken wir den Aldomäs.“ Heuſchreckenwolke ein Haufe von braunen Reitern mit ihren Rößlein im hohen Graſe, zwiſchen welchen luſtige Feuer brannten. Sie feierten das Todtenmal für einen ihrer Führer, der im Treffen gefallen war und die PTal- tos ergoßen ſich mit lautem heiſerem Geſchrei über die Freuden des Himmels, welche der gefallene Held nun jenſeits genieße: immerwährende Jagd, immer glückli⸗ cher Fiſchfang, unverwüſtliche Roſſe, unzählbares Horn⸗ vieh, Ueberfluß an geiſtigen Getränken, die Erinnerung und Feier errungener Siege, Theilname an den Käm⸗ pfen der Enkel— das waren die Bilder des himmliſchen Edens, welches der im Todtenamt Gefeierte, nach der wiederholten Verſicherung des Prieſters genoß. Pferde⸗ und Wolfsfleiſch, Pferdemilch und Pfer⸗ deblut machte in großen Hörnern die Runde, und wüſtes Beifallgeſchrei und Geklirr der wiederholt aneinander ſchlagenden Waffen der Zechenden und Tafelnden ant⸗ wortete dem Paltos auf ſeine begeiſternde Rede; dort und da ſchallte als beſondere Antwort ein feuriger Schwur zum Himmel empor: dem gefallenen Helden nacheifern zu wollen, und mehrere der Umherliegenden ſprangen plötzlich auf, rißen ſich mit ihrem Eiſen eine Ader auf, ließen ihr rothes Blut in das Geſchirr rollen aus dem ſie das Blut ihrer geſchlachteten Roſſe ge⸗ ſchlürft hatten, indem ſie den Namen ihres Heerführers * 89 in die Lüfte riefen; und der Schwur war den Magyaren von jeher heilig. Der todte Held aber, deſſen Andenken die Horde hier feierte lag bereits weit unten am Fluße begraben. Es war das eine alte Sitte der Magyaren ihre Todten bei Gewäſſern zu begraben. Jetzt hatte Verbults ſein Opfer beendet und zu ihm trat Lelu oder Lehel der zweite Fürſt der hier lagernden Horde; er trug eine ungehenere Keule und bedeutete dem Erſteren daß es Zeit zum Aufbruche ſei, um die Vor⸗ rathskammer aller Schätze in Franken, Schwaben und Bayern, das reiche Augsburg, zu erſtürmen.— Zugleich meldete man ihm, daß draußen vor den Zelten ein Ueberläufer von den Franken ſei,welcher bereit wäre, das Heer der Ungarn auf dem kürzeſten Wege zur Ueberrumpelung der Deutſchen zu führen. Verbults ſtreckte ſeine Glieder, umfaßte ſein Schlachtſchwert und trat vor das Zelt. Dort ſtand Graf Berthold, der Sohn des Pfalz⸗ grafen Arnulf; Lelu hatte ihn, wie er ſelbſt wollte, im Hochwalde aufgegriffen und jetzt erklärte der Rachedür⸗ ſtige vor den beiden Ungarfürſten: daß er ſich ihrem Heere anſchließen wolle, ſo ſie geneigt ſeien ihn in dem⸗ ſelben aufzunehmen;— weislich verſchwieg er ſeine mißglückte Werbung im Hauſe des Waffenſchmiedes um 90 die Hand der ſchönen Helena; aber ſtaunend erfuhr von ihm Verbults, daß Helena die Tochter des Ungarherzogs ſei, und von dem deutſchen Waffenſchmiede in Augsburg mit Verbergung ihrer Herkunft daſelbſt zurückgehalten werde.— Jetzt kannte die Wuth und Schlachtluſt der Ungar⸗ fürſten keine Grenzen, ſie wollten nicht länger abwarten bis ſämmtliche Ungarfürſten im großen Heereslager zu⸗ ſammentreffen würden, ſie ſchwangen ſich auf ihre Roſſe und jagten der Ebene zu, in welcher die Heeresfürſten mit ihren Horden heranzogen. Dieſe hatten, um vorerſt zu erkunden, ob eine Macht der Deutſchen im Anzuge ſei, bereits die Rich⸗ tung gegen Augsburg genommen und eine Schaar ihres äußerſten Flügels hatte das Kirchlein St. Afra's ver⸗ brannt, war dann über die Illar bis an den Schwarz⸗ wald geſtreift, aber raſch wieder nach Angsburg znrück⸗ gekehrt, deſſen Mauern niedrig, deſſen Gräben ſeicht, deſſen Wälle faſt ohne Thürme waren. Aber in der Stadt ſelbſt lagen tapfere Männer, Herzog Burghard der Schwabe, Biſchof Ulrichs Bruder Diepold, ſein Sohn Richwin und Neffe Reginhold. Am rechten! auf den Trümmerz er des heutigen Kiſſingen, da wo 8 römiſchen Prätoriums ſich eine 91 deutſche Bnrg erhob, ſchlug Bulzu oder Verbults ſein Lager auf. In Augsburg aber war es jetzt lebendig; alles ſchaarte ſich unter die Waffen. Die Färber, die Bäcker und namentlich die Weber hatten ſich in Fähnlein ge⸗ reiht.— Schon hatte ſich der erſte Kampf entſponnen. Ein Fürſt der Ungarn war an einem der Thore Augsburgs gefallen, ſeine Krieger wehklagten, ſchnitten ſich in Kinn und Wange und der Sturm hatte für dieſen Tag ein Ende; aber ſchon am nächſten Morgen begann es wieder.— Da ſchallte es wie ein Poſaunenton durch die Lüfte es war Lelu's oder Lehel's weltberühmtes goldenes Horn und ihm antworteten alle Hörner und Trommeln der ungariſchen Heeresmächte zum Rückzuge, denn Graf Berthold hatte dem Verbults auch mitgetheilt: daß die deutſchen Mächte mit ihrem Kaiſer heranzögen und daß die Ungarn daher von der Stadt ſchnell ablaſſen und ſich ſammeln möchten zur Feldſchlacht, die gar bald be⸗ vorſtände. Der Sanet Lorenzi Tag brach heran, dort ſtanden die Baiern geführt von Eberhard; von der Sempt und von Ebersberg her, zogen die Franken unter Herzog Konrad, dort im Centrum die Sachſen mit den hohen Speeren und den langen Meſſern an den Hüften, inmitten der junge Kaiſer Otto mit der Hauptfahne, weiter auf⸗ wärts die Schwaben unter Herzog Burghard, auch die Biſchöfe von Eichſtätt, und Regensburg, Starkhand und Michael waren zugegen; endlich die Böhmen unter dem Brudermörder Boleslaw. Jetzt ertönte abermals das Horn Lelu's, die Schaa⸗ ren der Ungarn ſtürzten ſich in den Lech und in dichten Rotten ſchwammen ſie zum Streite heran. Als der Kaiſer das brauſende Heer heranſtürmend erblickte, ſchien er zu erſchrecken, aber der Sieg ward dennoch den Deutſchen.— Tauſende der Ungarn fanden in dem vom Gewitterregen angeſchwollenen Strome ih⸗ ren Tod, tauſende ließ der ſtrenge Eberhard von der Sempt in ungeheuere Gruben ſtürzen und lebendig be⸗ graben;— noch jetzt findet man Meſſertheile und Huf⸗ eiſen ungariſcher Pferde in den Grabhügeln dieſer Ge⸗ fallenen; nur ſieben Ungarn entkamen aus der Angs⸗ burger Schlacht; man hatte ſie mit abgeſchnittenen Ohren in ihre Heimath geſchickt; aber die ungariſche Na⸗ tion verurtheilte ſie zur ewigen Selaverei und wandernde Bettler zu ſein. Dort aber, wo der Kampf am ſtärkſten gewüthet hatte, ſtand Sibetho der Stolzhirſch, mit dem Stadtban⸗ ner und Herrman der junge Waffenſchmied kämpfte da 93 wie ein Löwe.— Gegen ihn heran brauſte Lelu mit ſei⸗ nem goldenen Horn, von dem die Sage ging, daß, wenn er darein ſtoße, den Feind Entſetzen ergreife, und daß es die fernſten Hülfsvölker aus Ungarn herbeizurufen ver⸗ möge.— Dort aber neben Herrman dem jungen Waffen⸗ ſchmied, an der Stelle wo zwei junge kaum noch auf⸗ blühende Eichenbäumchen aus dem Boden keimten, wel⸗ che die beiden Liebenden als Wahrzeichen ihrer Liebe ge⸗ pflanzt hatten, dort ſtand im blendenden Panzer mit dem vergoldeten Helme auch die Jungfrau— denn He⸗ lene die Ungartochter, war dem Geliebten in die Schlacht gefolgt, nicht ahnend, daß ſie hier gegen ihre eigenen Landsleute kämpfe. Neben dem heranſtürmenden Lelu aber ritt Graf Berthold, der racheglühende, in ſchwarzer Rüſtung; ſein ausgeſtreckter Arm wies den Ungarfürſten die junge un⸗ gariſche Herzogstochter, an der Seite des deutſchen Bannerträgers. Wüthend ſtürmte Lelu durch die Reihen; gewaltig ſchallte ſein Horn über das Schlachtfeld, wo der Strom der Flucht Alles mit ſich fortriß und ſein breites Schwert mähte unter den Feinden; aber zwiſchen ſein Roß und dem Bannerträger der Stadt, warfen ſich Theobald der Graf von Kyburg und Tillingen, Regin⸗ — 94 wald der Neffe des Biſchofs Udalrich und Biſchof Star⸗ hans von Eichſtädt mit ihren Mannen; ſie ſanken vom Schwerte des Ungarfürſten und ſeiner Begleiter getrof⸗ fen, und lag es auch jetzt wie ein Keil zwiſchen ihm und der Jungfrau, die er bereits mit ſeinem Blicke durch⸗ bohrte, ſo fand er doch jetzt ſo viel Luft, um ihr ſeinen Wurfſpeer entgegen zu ſchlendern; denn todt wenn nicht lebendig mußte er ſie haben, damit nicht die Kunde nach Ungarn dringe: eine ungariſche Herzogstochter werde im Angeſichte des ungariſchen Heeres in der deutſchen Reichsſtadt gefangen gehalten. In dieſem Augenblicke aber ſtürzte Herrman der Stolzhirſch mit gezücktem Schwerte gegen den heran⸗ ſtürmenden Lelu vor; ihre Klingen kreuzten ſich, und während vom Wurfſpieße des Ungarfürſten in die Bruſt getroffen, Helena zu Boden ſank, ſtürzte vom Schwerte Herrmans verwundet auch Lelu, der trotzige und tapfere Ungarfürſt von ſeinem Roſſe und lag als Gefangener der Deutſchen unter den Leichen. Eine Stunde ſpäter ſtand der gefangene Ungar⸗ fürſt vor Kaiſer Otto.— „Warum,“ fragte dieſer,„wüthet ihr ſo grauſam gegen uns Deutſche?“ „Weil wir die Geißel Gottes ſind, euch zu ſtrafen“ antwortete Lelu.„Sobald wir dieſem Rufe untreu werden euch zu verfolgen, fallen wir in eure Hand und in den Tod.“— Darauf ſprach der Kaiſer:„Ihr ſeid jetzt in un⸗ ſerer Hand, wählt Euch eine Todesart.“ Da rief Lelu:„gebt mir mein Horn, damit ich vor meinem Ende noch einmal luſtig darauf blaſe.“ Der Kaiſer winkte, man brachte das goldene Horn, Lelu aber ergriff es und blies darauf und als nur die brauſenden Töne des Schlachtgetümmels der Verfolger und Verfolgten antworteten, und das Horn ſeine Wir⸗ kung verloren zu haben ſchien, da erfaßte er es mit ſei⸗ nem ſtarken Arme und ſchlug es dem Kaiſer an die Stirn, daß dieſer niederfiel, und rief:„Du mußt mir vor⸗ angehen und ſollſt mein Sclave ſein in der anderen Welt.“ Der Kaiſer wurde verwundet von dannen getragen und Lelu von den wüthenden Kriegern aus des Kaifers Umgebung zum Tode fortgeriſſen, denn auch für ihn war, wie für die andern der vornehmſten Heerführer un⸗ ter den Ungarn ein Pfahl vor dem Oſterthore Augs⸗ burgs beſtimmt. Aber auf dieſem Todesgange wandte er ſich um und ſchleuderte ſein weltberühmtes Horn in die vorüber⸗ brauſenden Fluthen des hochangeſchwollenen Lechflußes. „Tragt es hin das Wunderhorn Lelu's, ihr Fluthen des Lech in die Donau,“ rief er mit gewaltiger Stimme, * 96 „und ihr Fluthen der Donau tragt es weiter in das Magyarenland, auf daß, wenn es dort gefunden wird von einem echten Sohne Ungarns, er dareinſtoße und ſeine Landsleute zum Sturme aufwecke gegen den Feind Ungarns!“— Dann wandte er ſich gegen jene Seite, wo Graf Berthold der Partheigänger in ſchwarzer Rü⸗ ſtung mit einem ungariſchen Roſſe dahin flog, nicht wiſ⸗ ſend, ſolle er ſich bei ſeinen verrathenen Landsleuten oder unter den fliehenden Ungarn retten. „Dort raſt er hin der ſchwarze Mann!“ rief der Ungarfürſt Lelu,„er der uns auf dieſes Schlachtfeld lockte, wird raſen durch die Jahrhunderte bis der Speer und der Schild, bis endlich das Horn Lelu's wieder er⸗ tönen wird, den ungariſchen Namen zu rächen an ſeinem Feinde! dann wird ſein Schall den wahren Feind Un⸗ garns treiben über die Flüſſe und Berge, äber die Mar⸗ ken der Gaue und Länder bis an das Meergeſtade, auf daß, der im Oſten den Sturm geſäet, im Weſten unter⸗ gehe zwiſchen Fels und Klippe und dem Urdung zum Opfer falle in der Tiefe des Meeres.“. Der Ungarfürſt Lelu ward nach dieſen Worten zum Tode geſchleppt.... Neun Jahrhunderte ſind ſeither verrollt.... Die jungen Eichenzweige, welche Herrman der deut⸗ ſche Waffenſchmied und Helena die ungariſche Herzogs⸗ — 97 tochter nahe am Lechfelde pflanzten ſind zu rieſigen Stämmen herangewachſen. „Am Neuſiedlerſee geht aber die Sage, das Horn Lelu's ſei auf der Donau herabgeſchwommen und durch die geheimnißvollen und dem Menſchenauge unzugäng⸗ lichen Abgründe des Struden in den Neuſiedlerſee ge⸗ führt worden, wo es eines Tages, bis der wahre Feind Ungarns geführt von dem ſchwarzen Manne, ſeine Roſſe in dieſem See tränken wird, von einem Fiſcher gefunden und bei dem Kronſchatze des heiligen Stefan auf der Ofnerburg niedergelegt werden wird, damit es die Hand des edelſten der Magnaten erfaſſe und er damit die Treuen zuſammenrufe, welche ſtreiten ſollen gegen den gewaltigſten Feind des Vaterlandes und erkämpfen den glänzendſten der Siege, von dem die Jahrbücher Un⸗ garns erzählen werden. „Das,“ ſchloß der Erzähler,„iſt die Sage vom goldenen Horn des Lelu oder Lehel, und oft ſchon, wenn die Fiſcher des Neuſiedlerſeees in ſtiller Mondnacht auf den Fluthen ſegelten, glaubten ſie am Felſenvorſprunge das goldene Horn emportauchen zu ſehen, aber es iſt wohl nur der zauberhafte Widerſtrahl des aufgehenden Mondes der dieſe Täuſchung bewirkt, und das goldene Horn des Lelu iſt noch immer nicht gefunden worden.“ Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 7 * 5. Iſola bella. Ueber die Eisfelder des Monte⸗Roſa und Simp⸗ lon zogen an einem April⸗Abende des Jahres 1805, düſtere Wolken vom Nordwinde gejagt. Dort auf jenen Bergen, der großartigen Hinterdecoration der herrlichen Gegend des Comer⸗See's lag eine ſchlummernde Löwin. Nicht dem heißen Sande der Wüſte entſtammte dieſe Löwin, ſondern eben nur den Eisregionen der genann⸗ ten Berge, auf deren Firnen alles Leben aufhört, wo der letzte Pulsſchlag des menſchlichen Herzens erſtarrt. Dieſe Löwin war eine werdende Lawine. Aber irrthümlich iſt das Bild, welches gewöhnlich von einer ſolchen gemacht wird. Nicht ein kugelnder Ballon, der einem Kohlkopfe gleich im Herabfallen ſich vergrößert und unten wie eine Bombe zerplatzend ſeine 99 Schneeladung zerſtreut,— nein, der Sturz der Lawine gleicht in der Regel dem Bilde eines in Schaum völlig aufgelösten Waſſerfalles.— Man hört ſeinen Sturz früher als man ihn ſieht. Droben im tiefblauen Aether lagerte Licht und Ruhe— kein Wölkchen ſchwamm im Luftmeere, kein Blitz durchzuckte die reine Bläue des Himmels. Aber der plötzliche Donner rollte nachhallend durch die Felſen und Schluchten und erneuerte jetzt wieder ſtärker erſchallend die erſchütternden Tonwellen. Am Silbermantel des gegenüberliegenden Felſens hob ſich rauchendes, von den Lüften verwehtes, ſtäuben⸗ des Gewölk, und unmittelbar darunter erſchien lang⸗ ſam eine gleitende, niederwallende Bewegung an den kaum zuvor noch in ſtarrer Todesruhe daliegenden Firn⸗ abhängen; in ſtolzem, getragenem Zeitmaße ſchwebte jetzt die Schneekaskade wie breite Atlasbänder über die Wände des Alpengebirges herab, ſtauchte jetzt tiefer auf, ſank jetzt wieder in ſich zuſammen, und zerſtob jetzt in wollig runde Schaumbogen und zerflatternde Wolkenwimpel, jetzt verſchwand ſie einen Augenblick in jener gähnen⸗ den Felſenſchlucht— jetzt ſtürzte ſie wieder hervor von ihrer eigenen Schwere getragen, jetzt ſchmettert ſie nie⸗ der und deckt mit ihrem eiſigen Rieſenleibe, was ihr von 7 100 den Lebendigen der Erde auf ihrem Wege entgegen zu treten wagte. Dort drüben aber ging jetzt von einem neuen Windſtoße gerüttelt, ein„Damoklesſchwert“ nieder,— ſo nennt nämlich der Alpenbewohner jene Schneekbppen und ſenkrecht aufgethürmten Schneeleiſten, welche entſte⸗ hen, wenn bei verhältnißmäßig milder Temperatur und ſtarkem Schneefalle der Sturm von einer Seite große, fette Flocken an die Felſen wirft. Wenn dann das Schneien aufhört, ſo verdichtet ſich dieſe lockere Maſſe immer mehr, beugt ſich dann nach vorn über, und nimmt zuletzt durch die Einwirkung der Sonnenſtrahlen und des Wandgeſteines eine völlig hängende Geſtalt an; es löst ſich eine Art koloſſalen Schneedaches ab, welches nur mehr auf einer ſchmalen Baſis ruht und zuletzt in jedem Augenblicke niederzu⸗ ſtürzen droht, bis es endlich unter ſeiner Laſt zuſam⸗ menbricht oder durch das laue Thauwetter oder eine veränderte Richtung des Windes losgeriſſen wird.— Mit ängſtlichem Blicke betrachtet dieſes„Damokles⸗ ſchwert“ auch„Windſchirm“,„Schneeſchild“ oder „Schneebret“ genannt, der Aelpler, und ein geringfü⸗ giger Schall reicht hin, es zum Sturze zu bringen. Plötzlich brauſte nach dem Niedergange dieſer La⸗ winen aus den Schlünden des Simplon der Sturm 101 und lagerte ſich über den Lago maggiore, deſſen fünf kleine aus den ſpiegelnden Fluthen emportauchende Eilande nun ein graues Leichentuch zu überdecken ſchien. Dieſes verhüllte auch eine kleine Barke, welche drei Männer enthielt, deren einer das Steuer handhabte, während die andern Beiden mitten im Fahrzeuge ſaßen. Es war ein junger Mann von etwa vier bis fünf⸗ undzwanzig Jahren, deſſen ſchlanke, ebenmäßige Glieder ein blauer Mantel und kurzer Rock von feinſtem ſchwar⸗ zem Sammt deckte, und in deſſen Ovalkopfe ein paar Feuerſterne ſtrahlten; Muth und Entſchloſſenheit leuch⸗ teten von ſeiner Stirn und er lächelte und blickte ruhig in den Wirbelſturm über den See hinaus, während ſein Begleiter in franzöſiſcher Sprache die Beſorgniß äußerte, daß die ſchwache Barke dem Sturme nicht Stand halten dürfte, und daß ihre Lage eine ſehr bedenkliche ſei. Aber der vorerwähnte junge Mann ſtand mit ver⸗ ſchränkten Armen lächelnd in der Barke, und blickte ru⸗ hig auf das prächtige Waſſerbild und gegen die fernen Ufer des See's hinaus, wo der bald heranbrauſende, bald wieder in wildem Wirbel zurückweichende Orcan ſein Spiel trieb, ſo, daß vor dem Horizonte bald ein dichtes Nebelgewebe lag, bald das tiefe Indigoblau des See's hervortrat. Jetzt ſchien der von den Klüften der Gebirge her⸗ 102 ablugende Sturmgott ſeinen höchſten Odem ausge⸗ ſtrömt zu haben; ein warmer Südoſtwind wehte von der andern Seite entgegen, ſeine leiſeflöthenden Luftwellen trugen auf ihren Schwingen Limonien⸗ und Orangen⸗ düfte, den Hauch von Roſenknoſpen und den Duft indi⸗ ſcher Nelken von den Inſeln herüber. Die Waldberge der Ufer traten allmälig aus der zerfließenden Nebelhülle hervor, üppige Bilder der Häuſer und Villen auf den Inſeln tauchten auf, von den Kanten der Thürme blitzten leuchtende Sonnenfunken, auf der rechten Seite des Ho⸗ rizontes aber ſtreckte ein gigantiſcher Granitberg ſein graugelbes Haupt, mit dem ſuntliden Schneediadem geſchmückt, empor. Die Ruhe nach der Sturnfluth kehrte wieder. Auf dem ſpiegelglatten See traten jetzt die para⸗ diſiſchen Eilande hervor. Die ſchirmförmigen Wipfeln der majeſtätiſchen Pinien ſchwebten wie Luftinſeln im dunklen Blau des italieniſchen Himmels und die hoch⸗ ſtämmigen Kirſchlorbeeren ſpiegelten ihr glänzendes Laub in den Kriſtallfluthen. Dort, wo der klare Himmel ſchon ganz wolkenfrei über den Gewäſſern lag, tauchte der 120 Fuß hohe Hauptfelſen der herrlichen Iſola bella mit den pyrami⸗ daliſch übereinander gereihten Terraſſen mit ihren Gär⸗ ten, Statuen und Springbrunnen empor; dort auf der — Weſtſeite des Eilands ragte der prächtige uralte Palaſt der Borromäen, ein Denkmal des alten Italiens, mit ſeiner Umgebung von Grotten, Tempeln, Bädern, hier glänzten wieder die Myrthengebüſche der Inſeln St. Giovanni und St. Michaele, drüben ſtieg der Lobeer⸗ wald der Iſola Madre aus den immer wunderbarer, und geheimnißvoller glänzenden blauen Fluthen in die Höhe, und zwiſchen ihnen erſchienen die weißen Häuſer der Iſola dei Pescatori wie eine im Lichtglanze ſchimmernde Meeresſtadt. Jetzt rollte ſich neben den ſchneebedeckten Granitmaſſen des fernen St. Gotthard auch das Silber⸗ bild der weißen Schneefelder des mit ſeinen hervorragenden Eishörnern auf. Sie ſtanden hinter ei⸗ nem wunderbaren Dufte, der wie ein zarter Schleier von durchſichtiger, blauer Gaze vor ihnen S war. Tiefe Ruhe lag über die Gegend ausgegoſſen, kein Lüftchen ſtörte die feierliche Stille der Natur. Die allmälig zwiſchen dem blauen Schleier hervorſtechenden Sonnenſtrahlen rötheten die fernen weißen Eishörner der Berge und der geiſterhaft ſchimmernden Schneefel⸗ der; die blauen Gaze⸗Schleier ſanken langſam herab und überflutheten die Rieſengiebel der Kaſtanien⸗ und Feigenbäume der Inſeln. Jetzt durchſchnitt die Barke den Seeſpiegel in ſei⸗ ner Breite; ein Glimmerfelſen ragte hier in der Höhe einiger Ellen in das Waſſer hervor; ſeinen Vorſprung ſchmückten rieſige Cactus⸗Pflanzen mit ihren breiten, ſtachlichten Blättern— er war das Piedeſtal der Iſola⸗ Mabre An der Nordſeite dieſes Felſens führte eine na⸗ türliche Steintreppe zu dem Thore einer kleinen wunder⸗ lieben Villa. Die Barke mit den drei Männern legte hier an. Der Gondoliere ſtieg zuerſt an's Land und verſuchte die Thür zu öffnen. Aber ſie war feſt verſchloſſen. Kein Laut regte ſich rings um die Villa, nur das bunte Zwit⸗ ſchern von Vögeln und Rauſchen der ſchwachen Wellen⸗ an dem Felſen unterbrach die tranice Stille. Es ſchien eine einſame Warte im See zu ſein, eine Stätte der Ruhe für den müden Erdenpilger der ſich in dieſe reizende Einſamkeit vom Getümmel der Welt zu⸗ rückgezogen haben mochte um ig bloß im Genuße der Naturreize zu ſce Nach langem Pochen hallten endlich hinter der Marmorpforte der Villa, e Gebäude ſich terraſſen⸗ förmig zwiſchen grünenden Gärten hinter der Ringmauer am Ufer emporhob, ſchwere Schritte, ein Schlüſſelbund klirrte und ein rothhaariges Haupt ſtreckte ſich zwiſchen der wenig geöffneten Thüre hervor, es gehörte einem zwergartigen Menſchen, welcher ein kurzes:„Che vuol' il Signore?—“ mit heiſerer Stimme herausgurgelte. 105 Der Gondoliere verlangte Einlaß für die beiden jungen Männer in der Barke. Aber der Rothkopf ſchlug die Thüre zu indem er ein rauhes:„Ci sta Signora Or- sini!“ entgegenſchnaubte. Der Begleiter des jungen Mannes ließ ihm aber nicht Zeit die Thüre völlig zu ſchließen. „Wir wollen unſere vom See⸗Sturme durchnäß⸗ ten Mäntel trocknen,“— rief er, ſich zwiſchen die Thür drängend, mit gebietheriſchem Tone in italieniſcher Sprache,— und im nächſten Momente ſtanden die bei⸗ den jungen Männer hinter der Thüre, während der Gon⸗ doliere ſeine Barke am Ufer anband um ihnen zu folgen. Der Rothe ließ jetzt einige derbe italieniſche Flüche erſchallen und rannte ſogleich landeinwärts zur nächſten Terraſſe, auf welcher er raſch emporſtieg, ohne Zweifel, um dem Eigenthümer der Villa das gewaltſame Eindrin⸗ gen der beiden jungen Männer zu melden. Ihm folgte der Begleiter des jungen Mannes mit dem dunklen Sammtrocke auf dem Fuße, während dieſer zurückblieb, um, wie es ſchien, abzuwarten, welche Gaſtfreundſchaft Beide auf dieſer Stätte finden würden. Er ging jetzt einige Schritte vorwärts. Todtenſtille herrſchte ringsherum, kein lebendes Weſen war zu ſe⸗ hen, dieſe Stätte glich dem Paradieſe vor der Erſchaf⸗ fung des Menſchen; zahme Rehe, und eine einheimiſche 106 Gazelle jagten an dem jungen Manne pfeilſchnell vor⸗ über; grüne und ſilbergraue Papageien ſchwatzten ihm auf vergoldeten Kletterſtangen einen komiſchen Gruß entgegen, die Natur ſchien hier in der ungewöhnlich war⸗ men erſten Frühlingszeit des genannten Jahres 1805, alle ihre Reize ausgegoſſen zu haben. Zu ſeiner Linken winkte ihm ein kleines Wäldchen, aus welchem ihm der Duft der Pomeranzen⸗, Citronen- und Olivenbäume entgegenſtrömte. Er ſchritt weiter vor. Sein ſchönes Auge ergötzte ſich an dem wahrhaft maleriſchen Natur⸗ ſchmucke dieſes Wundergartens. Dort blickte ihm die amerikaniſche Agave, hier die indiſche Stachelfeige, auf jener Seite wieder der ſchwarze Helleborus mit ſeinen ſilbernen Prachtblumen, entgegen. Wieder bog ſein Fuß um die Ecke eines Gebüſches und die glänzende Flockenblume, das ſchönſte Kind der heſperidiſchen Flora, lachte ihm neben einem kleinen Gartentempel mit mythologiſchen Figuren entgegen. Jetzt ſchritt er zwiſchen einer kleinen Cypreſſen⸗ Allee an einer Reihe ſich gegenüberſtehender Myrthen⸗ bäume an einer Marmorkaskade vorüber, deren Waſſer⸗ tropfen ſo regulirt waren, daß ſie beſtimmte zierliche Sprünge machen mußten. Zetzt bog er wieder um ein Gebüſch— eine hohe künſtliche Grotte trat ihm entgegen; ſie enthielt das 107 plaſtiſche Bild einer Gletſchergegend der Alpenwelt. Die Hand des Künſtlers hatte hier die Natur übertroffen; kleine Gebirgsſtücke aus feinſtem Kriſtalle verfertiget, ragten dem Auge entgegen; es ward gleichſam Morgen auf den Bergen, wie wallende Nebel ſenkten ſich die grauen Schneewolken in die Tiefen; das gewohnte Mut⸗ terantlitz der ſchönen Erde, noch lieblicher erröthend unter dem Strahle des hervortretenden Tageſternes tauchte wieder auf, wie wimmelnde Wogen hoben ſich dort und da die Spitzen der tiefer liegenden Felſen, an der Oſtſeite wurde es heller und heller; auf den Rieſengeſtal⸗ ten der Gletſcher lag jetzt ein Purpurmeer. Die Gipfel der umliegenden Firnen glühten, goldumſäumte Wolken vermählten wieder den Himmel und die Erde, und die Silberſchäfchen des Himmels zogen im Aufgange empor, und glänzten in der ſchönen blauen Glocke des Himmels, während im Weſten die letzten Sturmwolken gleich wie die Geiſter des Lichtes entflohen. Heller und heller ſchien der ganze Horizont zu werden. In feierlich ſtiller Pracht tauchte die mächtige Feuerkugel der Sonne empor, zerſprengend alle Bande der Finſterniß, und er⸗ öffnend ein neues, ſchönes, ſchöpferiſches Werden, voll unbeſchreiblicher Schönheit. Es ward Licht;— der Scheitel des höchſten Firnes, an welchem eine Alpen⸗ hütte wie ein angeklebtes Schneckenhäuschen unter dem 108 ſchützenden Stamme der Rieſeneiche hing, ſtreckte jetzt ſeine ſilberſchimmernde Krone in das blaue Gewölke des Himmels empor, und die ihn umſpielenden Sonnen⸗ ſtrahlen überſtreuten dieſe Silberkrone mit röthlichem Lichte— ſie glich in der That dem zum heimathlichen Himmel gerichteten Haupte ihres Spenders des ewigen Lichtes, deſſen Dornenkrone die weiße Stirne mit Wund⸗ tropfen des reinſten Blutes überſäete. Höher und höher ſtieg der belebende Sonnenball, das ſchlummernde Leben erwachte im weiten Kreiſe, und wie die Taube aus der Arche des Erzvaters, ſchwamm der gewaltige Lämmergeier hoch über den blaugrauen Wolken zum Firne herauf, und unten brauſten die tau⸗ ſend und tauſend Wipfel der dunklen Wälder das hohe Lied von der Allmacht des Schöpfers empor. Jetzt ſchien das künſtliche Uhrwerk dieſes plaſti⸗ ſchen Gemäldes zu ruhen, und der Blick des jungen Mannes wandte ſich einem anderen Kunſtwerke zu, wel⸗ ches ihm hinter einem braunen Felſenvorſprunge ent⸗ gegenwinkte. Ein wahrhaft maleriſches Bild der Gletſcherwelt bot ſich hier ſeinem Blicke dar. Es ſtellte einen gewaltigen Gebirgsſtock in kühn geſchlungenen Umriſſen dar; mit majeſtätiſcher Ruhe ſchauten die blendend weißen Häupter des Rieſenkam⸗ 2 109 mes auf die blühende Landſchaft herab, wie die im Kampfe des Lebens müde gewordenen Häupter der Greiſe, zur ewigen Heimat emporſtrebend, auf die Kin⸗ derwelt herabblicken. Im Oſten lagen ſilberblinkende Eisſchichten, ein todtes im Sturme erſtarrtes Meer. Die umher flat⸗ ternden Eiskoloſſe thürmten ſich wie ſtarke Warten einer unbezwingbaren Felſenburg in der verwegenſten Grup⸗ pirung hervor, wo der Blick erdrückt wird von den ſenk⸗ rechten bald überhängenden Felſenmaſſen von ſchwin⸗ delnder Höhe, wo das Ohr erſchreckt wird, vom unter⸗ irdiſchen Donner zuſammenbrechender Eisklötze von dem in tauſendfültigem, unheimlichem Echo wiederhallenden Krachen der ſich ſpaltenden Eisdecken, von dem Getöſe der Gletſcherbäche, wenn der kühne Bergwanderer in Wirklichkeit dieſe Stätten betritt. Jetzt nahm den jungen Mann aber ein Lorbeer⸗ hain auf; hier breitete die herrliche Magnolia ihr wun⸗ dervolles Blüthendach über Sonnenblumen, Goldblu⸗ men und indiſche Nelken aus, neben blinkenden Silber⸗ pappeln ragten dunkle Cypreſſen, das Flüſtern der Palm⸗ bäume und Cedern, der Lorbeerwipfeln und Myrthen⸗ bäume ſchien hier von den Großthaten des einſtigen Italien erzühlen zu wollen— blühende Camelien und liebliche Roſenbäume mit rothen und weißen Knoſpen, 110 rieſige Schlangencactus reihten ſich hier aneinander, und die lange Blätterkaſtanie und neuholländiſche Contyline rankten ſich hier auf dem ſilberſchimmernden Blechdache eines chineſiſchen Luſthauſes empor, welches zwiſchen Myrthen und Roſenhecken ſtand und zu deſſen runden Fenſtern von kriſtallhellem Venezianerglaſe ſich zwiſchen hellgrünen Blättern die goldgelbe Orange und ſaftige Citrone einladend herabſenkte. Aus dem Innern dieſes Kiosk ſchwammen aber ſanfte Töne heraus, welche das ſanfte Glöcklein einer Menſchenkehle hervorzauberte. Der junge Mann trat durch die ſelbſtgeöffnete Thür ein, und blieb entzückt auf dem bunten Moſaik⸗ boden des vom hunderfältigen Blumen⸗ und Blüthen⸗ dufte durchwehten Gartenhauſes ſtehen. Zwiſchen den goldſchimmernden mit prachtvollen Gemälden und ſilbernen Kronleuchtern gezierten Wän⸗ den des kleinen Kiosk lehnte auf einem blauſammtenen Seſſel, gleich einer dem Meere entſtiegenen Anadyomene eine liebliche Jungfrau in aufblühender Weiblichkeit. Goldbraunes Haar ringelte ſich, über ihren perlenweißen Nacken; der Ausdruck ihres fein geformten Geſichtes hatte etwas Geiſtreiches, ſie ſchien nachdenklich. Sie mochte ein bis zwei und zwanzig Jahre zählen, ihren herrlichen Glie⸗ derbau verhüllte ein dunkles Seidenkleid, ihr feuriges Auge 111 ruhte auf dem Oelgemälde eines Waſſerfalles, welches ſie ſoeben in den erſten Umriſſen entwarf. Rings an den Wänden des kleinen Gartenhauſes hingen herrliche Gemälde, meiſt geſchichtliche Scenen des alten Italiens vorſtellend, neben Landſchaften und Seebildern. Wie feſtgebannt blieb der junge Mann an der Schwelle dieſes Luſthauſes ſtehen, ſein Auge ruhte auf den ſchönen Zügen der Jungfrau— jetzt flog es im Kreiſe herum.— „Iſt es erlaubt hier einzutreten?“ fragte er. Die junge Künſtlerin blickte auf, eine hohe Röthe überflog ihr Antlitz, ein leiſer Ruf des Schreckens ent⸗ fuhr ihrer Bruſt, dann ſchien ſie unſchlüſſig, ob ſie blei⸗ ben oder vor dem ungebetenen Gaſte aus dem Kiosk entfliehen ſollte.— Faſt leiſe zitternd ſtand die lieb⸗ liche Jungfrau vor dem Bilde, an welchem ſie ſoeben gearbeitet hatte. „Welch' ein herrliches Bild, dieſer Waſſerfall! Der junge Rieſe mit dem Silberharniſche,“ rief der junge Mann,„ſo möchte ich dieſen prachtvollen Waſſerfall be⸗ nennen, ſtürzt ſich muthig und kühn den trotzig aufge⸗ ſtemmten Zacken und Wänden der Felſenwelt entgegen; es wird ihm hier zu enge, er brüllt vor Wuth, er ſchlägt um ſich und ſchnappt nach Luft, daß der Schaum aus⸗ ſpritzt an den Wänden ſeines Kerkers, aber er durchbricht 112 ſie, und im gewaltigen Bogen wagt er den Sprung in die Tiefe hinab; über Felſenſtufen bahnt er ſich ſeinen Weg in den Abgrund, ſeine Genoſſen, die Bergwaſſer der Gletſcherwelt, ſtrömen ihm zu, er zieht ſie an ſich, immer herrlicher, immer kraftvoller fortſchreitend.“— Die junge Dame ſtarrte dem Sprecher in das glühende Auge; dieſer aber fuhr mit gleicher Begeiſterung fort: „Sieh', dort unten jagt er jetzt auf glattem Geſteine, der gewaltige Waſſerfall im ſmaragdenen Gewande, verziert mit blüthenweißen Spitzen; dort rafft er ſich wieder zum Sprunge auf, und ſtürzt blinckend im ſtählernen Panzer, und ſchaumbedeckt von Fels zu Fels;— dort ruht er jetzt unten im paradiſchen Grunde der reichen Flur und in ſeinen Augen ſpiegeln ſich die ihm freundlich zunicken⸗ den Tannen, die feuchtſchweren Hügel, die ſtrahlenden Häupter der Berge.“.. Jetzt ſchwieg der junge Mann— die ſchöne Jung⸗ frau aber erhob ihr Auge.„Mein Herr,“ liſpelte ſie— „ich bin überraſcht—“ „Einen Unbekannten plötzlich vor ſich zu ſehen,“ fiel der junge Mann lächelnd ein,„einen Unbekannten, der ſich in die geheime Werkſtatt Ihrer herrlichen Kunſt eindrängt, Ihnen ohne Gruß und Entſchuldigung ſeines unberufenen Eintrittes ſogleich ſeine Begeiſterung über Ihr künſtleriſches Schaffen zuruft und ſie nur zu bitten ——— 113 hat, daß Sie dem feurigen und kunſtbegeiſterten jungen Manne verzeihen, was er eben gegen den Anſtand und die feine Sitte geſündigt hat.“ „Mein Herr,“ entgegnete die Jungfrau wieder er⸗ röthend,„ich muß in der That geſtehen, daß Ihr Ein⸗ tritt in unſer ſtilles Beſitzthum—“ „Kühn und überraſchend iſt,“ fiel der junge Mann ein;—„es iſt jedoch das Vertrauen auf die italieniſche Gaftfreundſchaft, welches mich den Eintritt wagen ließ; vom Sturme auf dem Lago Maggiore überraſcht, und ſo trat ich hier ein, und wenn mich das ſchöne Bild dieſes Waſſerfalles ſogleich hoch begeiſterte, ſo war es das Vild meines Lebens, welches ich in demſelben er⸗ blickte.“ Das ſchöne Auge der Jungfrau ruhte mit ſichtli⸗ cher Ueberraſchung— mit Theilnahme— auf dem Ant⸗ litze des jungen Mannes— dieſer aber fuhr fort: „Sehen Sie, das Bild meines Lebens in dieſem prachtvollen Naturbilde; auch ich ward in der erſten Ju⸗ gend dem Sturme entgegengeſchleudert und über Fels und Zacken ging mein Lauf— jetzt aber will ich im ſchim⸗ mernden Harniſche der Jugendkraft fortſtürzen, nicht ach⸗ tend was ſich mir in den Weg wirft, einem großen ſchö⸗ nen Ziele entgegen: der M enſchenbeglückung“ — und wenn ich dann unten anlange und mein Auge Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 114 ſich ſpiegeln wird im herrlichen Bilde der errungenen Größe und Klarheit, dann ſollen ſie mir zunicken die Blu⸗ men und Blüthen, die Bäume und Fluren, die ich mit meinem Geiſte belebt und beglückt habe!“— „Sie haben alſo, mein Herr,“ fiel die junge Dame, welcher die ſonderbare Erſcheinung des jungen Mannes nun mehr Intereſſe einzuflößen ſchien,„Sie haben,“ fiel ſie ein,„mein Herr, ſchon frühzeitig größe Stürme be⸗ ſtanden?“ „Thatſächlich und bildlich,“ entgegnete der junge Mann.— Wie von einer traurigen Erinnerung beſchli⸗ chen fuhr er fort: „Zeitlich warf mich das Schickſal in den Wirbel⸗ ſturm des Lebens, und ehe ich noch die Jünglingsjahre erreicht hatte, ſank der Stamm, um den ich mich feſt⸗ klammern ſollte für das Jugendleben,— mein armer — armer Vater...“ Jetzt ſtockte ſeine Rede— mit wahrer Glut im Auge ſtarrte er aber nun auf ein gro⸗ ßes Gemälde, welches im Hintergrunde des Kiosk's hing, und ein vom Sturm gepeitſchtes Schiff mit vollen Se⸗ geln darſtellte.— Das Auge des jungen Mannes ſchien durch dieſes Bild auf's ſtärkſte gefe ſelt— hohe Röthe trat auf ſein Antlitz— jetzt trat er dem Bilder näher—„Welch' ein Meiſterwerk!“ rief er—„jede Welle, jedes Wölk⸗ 11⁵ chen iſt hier Leben— das iſt kein Werk der Phantaſie, das iſt Wahrheit— das iſt Wirklichkeit!“— „Es iſt eine Epiſode aus dem Jugendleben eines jungen Mädchens,“ bemerkte die junge Dame. Der junge Mann blickte ihr fragend in's ſchöne Auge und die junge Dame fuhr fort: „Das erwähnte junge Mädchen zählte damals kaum ſechs Jahre, als es um die Zeit des Ausbruches der franzöſiſchen Revolution nach einem längeren Aufent⸗ halte in Amerika mit ſeinen Eltern dem Grafen und der Gräfin Orſini, welche aus Amerika in ihr italieniſches Vaterland zurückkehrten, auf dem hier abgebildeten Schiffe das Weltmeer durchſchwamm— und einen entſetzlichen Sturm beſtand, welcher hier mit treuen Farben wieder⸗ gegeben iſt.“ „Mit treuen Farben! in der That! mit treuen Farben,“ wiederholte der junge Mann;„ſelbſt der kleine muthige Junge, der ſich hier über die Stange des Be⸗ ſanmaſtes ſchwingt und das kleine Mädchen aus den ſchäumenden Wellen reißt, ſcheint zu leben.“. „Auch dieſe Scene iſt Wahrheit,“ berichtete das Fräulein,„der kleine, muthige Junge, obgleich kaum neun Jahre zählend, hatte mit dem Muthe eines Jüng⸗ lings die Rettung des kleinen Mädchens vollbracht—“ „Und von dieſem, für den erſten von ihm vollbrach⸗ 8 X 116 ten Ritterdienſt einen kleinen Diamant⸗Ring erhalten,“ ergänzte der junge Mann.— „Mein Herr!“ rief die Jungfrau und ihr ſchönes Auge brannte auf den Zügen des jungen Mannes. „Der kleine Eugen hat den Ring des kleinen Mäd⸗ chens in das Leben mitgenommen,“ fiel der junge Mann ein.— „Mein Herr!“ rief die junge Dame wieder; und tiefe Bläſſe wechſelte mit hoher Röthe auf ihrem Ant⸗ litze.— „Sehen Sie!“ rief der junge Mann, ſich wieder zum Bilde wendend,„wie die liebliche Kleine ihr Ant⸗ litz im Schoße der Mutter birgt, als fühlte ſie, daß ſie den Zartſinn des Knaben beleidigt habe, welchem ſie mit kindlicher Dankbarkeit ein Andenken an dieſe Stunde ge⸗ ſpendet hatte.— Auch das Antlitz des Knaben bedeckt eine flammende Röthe— er hat ſie noch nicht vergeſſen und hat ihren Ring in ſein Leben mitgenommen.“ Der Blick des jungen Mannes ſiel jetzt auf ſeine rechte Hand, an deren kleinem Finger ein goldener Schlan⸗ genring mit einem feuerſtrahlenden Diamant blitzte. Das Auge der jungen Dame war ſeinem Blicke ge⸗ folgt; ſie begann jetzt leiſe zu zittern—„die kleine Ge⸗ rettete,“ hauchte ſie mit faſt erſterbender Stimme„hieß Ghiraldina.“— 117 Sie waren es! Sie ſind es!“ rief der junge Mann, die Hand des ſchönen Mädchens erfaſſend und an ſeine glühende Stirn drückend;„ja, Sie ſind es— ſind die kleine, liebliche Ghiraldina, welche der Knabe Eugen im Teifun aus den Wellen des ſturmerregten Merres rieß.“ Auf die Augenwimpern der lieblichen Jungfrau traten jetzt ein paar große Perlen. „Ja, ich bin Ghiraldina Orſini, die Tochter der Gräfin Bianca Orſini,“ ſagte ſie leiſe. „Und meine Eltern“— ſagte der junge Mann, in⸗ dem ſich ſein Blick zur Erde ſenkte.—„O, mein Fräu⸗ lein! der kleine Eugen hat ſeit der Zeit, als Sie ihm den Diamant an den Finger ſteckten, eine Leidensſchule durchgemacht—“ „Mein Vater,“ ſetzte er mit zitternder Stimme hin⸗ zu,„mein Vater, jener ſchöne junge Mann, der damals neben dem muthigen Capitän van Hobooken ſtand, als der wüthende Teifun heranjagte und unſere Maſten wie Strohhalme knickte. Mein Vater ſtarb unter dem Meſ⸗ ſer der Guillotine, ein ſchuldloſes Opfer der Schreckens⸗ herrſchaft Frankreichs.“ Der junge Mann ſchwieg einige Augenblicke. Das Fräulein betrachtete ihn mit tiefer Bewegung. „Sie haben aber gewiß noch Ihre Mutter?“ fragte ſie leiſe. 118 In dieſem Augenblicke wehte der grünſeidene Vor⸗ hang vor dem Eingange des Gartenhauſes auseinander und eine ſtattliche Dame von einigen vierzig Jahren, mit einem reichen, von einem goldgewirkten Gürtel zuſam⸗ mengehaltenen Kleide von violettem Sammt mit einem von weißen Perlen blitzenden Golddiadem in den reichen dunklen Haaren, ſtolz und ſchön wie eine Juno, ſtand vor dem jungen Manne.— Ihr Auge ruhte auf ſeinem Antlitze; auf ihrem bleichen Geſichte drückten ſich Stau⸗ nen und Mißtrauen aus.— Sie ſtand einige Augenblicke ſchweigend. „Mein Herr,“ ſagte ſie dann im Tone ſichtlicher Gereiztheit,„was führt Sie in mein Gartenhaus?“ „Der Seeſturm, Signora, den ich vor wenigen Stunden auf dem Lago maggiore beſtand,“ entgegnete der junge Mann mit einer leichen Verbeugung.„Ver⸗ zeihen Sie, wenn ich und mein Begleiter, vom Sturme ermüdet, es wagten, auf einige Augenblicke dieſe ſtille Stätte Ihres Beſitzthums zu betreten— die edle Grä⸗ fin Bianca Orſini wird ebenſo gaſtfrei ſein, als ſie ſchön iſt.“ Das Compliment ſchien der Dame zu ſchmeicheln. „Sie nennen meinen Namen?“ fragte ſie. „Den ich eben von dem Fräulein hier erfuhr,“ fiel der junge Mann ein;„erlauben Sie, Signoro, daß ich b 1¹9 Ihnen in meiner Perſon den franzöſiſchen Garde⸗Ca⸗ pitän Eugen de la Pagerie vorſtelle, der auf der Reiſe nach Mailand begriffen, Sie nur um eine kurzdauernde Gaſtfreundſchaft bittet, und mit der nächſten Morgen⸗ ſonne ſeine Fahrt auf dem See fortſetzen wird.“ Die Dame ſtand eine Weile ſchweigend und un⸗ ſchlüſſig; das einnehmende Weſen des jungen Garde⸗ Capitäns ſchien ſie im erſten Augenblicke angenehm be⸗ rührt zu haben.“ „Mein Herr,“ ſagte ſie nach einer minutenlangen Pauſe,„dort hinten im Orangenwäldchen liegt mein öſtliches Landhaus; Sie werden in demſelben alle Be⸗ quemlichkeit finden, um Ihrer Nachtruhe zu pflegen.“— Eine kurze Verbeugung folgte dieſen Worten, dann verſchwand die ſtolze Herrin der Villa mit ihrer reizen⸗ den Tochter hinter dem Gebüſche. Der junge Garde⸗Capi⸗ tän ſtand ſchweigend da und befühlte mit der weißen Hand ſeine Stirne, um ſich zu überzeugen, ob er wache oder ein ſonderbarer Sheiateb vor ſeinem Geiſte vorübergezogen ſei. 6. In den Karpathen.— Der Karfunkelthurm. O ſeh't euch um in allen Reichen, Die Gott erſchuf, und nimmer ſeh't Ihr wo ein Land, ſo weit ihr ſpäht, Das ſich mit Ungarn läßt vergleichen.— Wenn Gottes Hut, die Erde, dann Iſt Ungarland der Strauß daran. Es blitzt und glänzt, wohin ihr blickt, Daß Ang' und Seele ſich erquickt, Wie iſt es reich!— Gleich goldnem Meere Wiegt ſich der weiten Flächen Aehre; Es ruht in ſeiner Berge Herzen Ein reicher Schatz von edlen Erzen Ein ſo gewaltiger Schatz wie kaum Er dir erſchienen iſt im Traum. Petöfi. Das letzte Silberlämpchen am großen dunklen Ge⸗ wölbe des Nachthimmels iſt im Morgengrau erloſchen. 12¹ Der Flammenball des majeſtätiſchen Taggeſtirnes ſ chwebt wie eine zitternde Rieſenperle über ungeheure aufge⸗ thürmte Maſſen, deren zackige Spitzen in Feuer getaucht. in Flammen aufzulodern ſcheinen.— Dort miſcht die Morgenröthe ihr Farbenſpiel zwiſchen Klippen und Schluchten, und am Saume der gewaltigen Felſenbur⸗ gen, welche die Hand des Allmächtigen einſt in den Ta⸗ gen der Weltfluth auf dieſen Fleck der Erde hinſtreute, wallt das leichte Gewand milchfarbener Nebel, während die Spitzen dieſer Berge eine flammende Lichtkrone tra⸗ gen; jetzt werden dieſe Nebel vom goldenen Lichte durch⸗ brochen und mit einer Purpurfarbe durchwebt, gleich dem ſanfterröthenden Antlitze der Jungfrau, wenn ihr das Sonnenauge des Erwählten entgegenſtrahlt. Die Umiſſe des Gebirges treten jetzt mehr und mehr hervor; die Furchen der Stromwoge, die Vertiefungen der Thäler, die ſcharfen Bergrücken, die Schattirung und Gruppi⸗ rung, die ungeheure Höhe dieſer Gebirgsmaſſen,— ſie geben ein Prachtbild voll Majeſtät und Klarheit, bei deſſen Anblicke das Herz des Menſchen ſich öffnet, und aus ſeinem Munde der begeiſterte Ruf erſchallt:„Groß und ſchön iſt die Welt des Schöpfers!“ Dieſe gegen dreihundert Meilen im Umkreiſe fort⸗ laufende Gebirgskette, ſind die Karpathen. Die Natur erſcheint in dieſem Gebirge groß und ſtark. Hier gränzt das wunderbar Schöne an das furcht⸗ bar Erhabene.— Noch leuchtet hier der helle Sonnentag; aber im nächſten Augenblicke raſen aufbrauſende Gewitterſtürme über die raſch ihre Nebelkappen überziehenden Felſen⸗ ſpitzen und ſchwemmen das Lebende von den Fluren, ſpal⸗ ten die Felſen, entwurzeln die ſtärkſten Rothbäume und Fichten und reißen die Todten aus ihren Gräbern und verwandeln die Gegend in eine weite See, und die ſtärk⸗ ſten Bäume beugen ſich unter dem Drucke des Windes, wie elaſtiſche Federn. Schneegeſtöber verdunkelt dann die Luft, im Wirbel drehen ſich dann dieſe rieſigen Ma⸗ ſten gegen die Waldungen des tiefen Landes herab, rei⸗ ßen ganze Strecken von dieſen nieder und die Natur ſcheint in dieſen Augenblicken von ihrer Ordnung abzu⸗ weichen, denn der gewaltige Donner orgelt in dieſem „Schneeſturm“— und rothe Blitze zucken zwiſchen den niederrieſelnden Schneeſtreifen, wie der feurige Jubel⸗ ruf eines Kindes, wenn es erſt in Thränen gebadet, plötz⸗ lich in der Hand des Vaters ein leuchtendes Spielzeug erblickt. Die höchſte Erhebung der Bergkette der Karpathen iſt die Lomnitzer Spitze. In einer etwa ſtundenweiten Entfernung von dem Fuße der Karpathen liegt Altwaltdorf an dem Kohlbache, 123 im ſogenannten Kohlbacherthale, welches eigentlich einen Riß in der aufgethürmten Maſſe von Granit und Harz bildet, und das Ergebniß einer gewaltſamen Erderſchüt⸗ terung ſein mag. Etwa eine Viertelmeile ober Altwaltdorf, liegt ein Hügel, welcher ein Berg zu nennen wäre, läge er nicht ſchon am Fuße der gewaltigen Karpathen; aber der Rieſe neben dem dreifachen Rieſen bleibt immer noch ein Zwerg. Hier hört das Geleiſe der Wagen auf, denn bis hierher und nicht weiter vermag die Axe zu rollen; wei⸗ ter aufwärts führt der Pfad in das eigentliche Gebirge und ſteil hinauf geht es über losgeriſſene Felsblöcke, auf denen anfänglich nur Bauernpferde zu klimmen, höher hinauf aber nur Menſchenfüße und Hände ſich einen Weg zu bahnen vermögen. Dort auf der Höhe, welche die Saumpferde der Bauern nur mühſam erklettern, gähnt zu den Füſſen des Wanderers ein tiefes Baſſin, welches in der Mitte von dem ſogenannten Rohrbache durchſchnitten wird, und von einem hohen Rande eingefaßt iſt, der gleich⸗ ſam wie die Mündung eines ungeheueren Felſenkraters die Sonnenſtrahlen conzentrirt; in dieſen Felſenkeſſel ergießen ſich bei Hochgewittern die Gewäſſer des Gebir⸗ ges und die durch die zurückbleibende Feuchtigkeit fau⸗ 124 lenden Pflanzen bilden die fruchtbarſte Thulerde. Der Schweitzer würde hier eine Meierei anlegen, der Ungar verſteht dieſen Boden nicht auszubeuten. Weiter hinauf erſtreckt ſich der Kamm eines gro⸗ ßen Bergrückens, eine kahle Felſenwand ſcheidet hier das Kohlbacher Thal; abgezackte ſtuffenartige Berg⸗ ſpitzen, ſchräg geſpaltet, ſelbſt für das„Luftſchiff der Alpe“ die flinke Gemſe unerreichbar, treten dem Wan⸗ derer entgegen. Auf der andern Seite lacht ihm die reitzende Fern⸗ ſicht in die Popradergegend, die wie eine lebendige Land⸗ karte mit Städten und Dörfern mit Gebirgsäſten und Thälern vor ſeinem Blicke liegt, während zu ſeinen Füßen das Bild verwüſteter Waldungen ſtarrt, in denen vor einem Menſchenalter noch der gewaltige Waldbär, der rothe Lur und der ſtolze Edelhirſch vorüberſtrichen, während jetzt kaum das Rephuhn hier ein ſicheres Ver⸗ ſteck findet. Den Eingang dieſes kleinen Keſſelthales bildet das ſogenannte Treppchen und ober demſelben ſtrahlt der Kriſtallſpiegel des ſchönſten Waſſerfalles entgegen. Dort drängt ſich der Kohlbach, wie der junge Kämpfer zwiſchen den Schildern der rieſenhaften Schlacht⸗Gegner zwiſchen zwei Felſenmaſſen durch, ſchießt über die von ſeinem Waſſer bereits überſchliffene „ Felſenwand zwanzig Klafter hinab, und ſtürzt ſich mit der Kraft des erſten Jugendfeuers auf den, wie das Rieſenhaupt eines Athleten ihm entgegenragenden, ab⸗ gerundeten Felsblock, und ſein gewaltiger Waſſerſtrahl prallt in Dunſt zerſtäubt zurück und perlt in langen Streifen nach allen Seiten nieder. Schauerlich ſchön iſt dieſe Parthie; dort oben auf der Höhe des Waldes öffnet ſich eine einfach erhabene Ausſicht; tief unten im Thale erquickt das üppige Hoch⸗ gras und das Blattgeflechte des Krummholzes(pinus pumilio) mit hohem Nadelholze und Weidenbüſchen abwechſelnd das Auge, oben ſtarren colloßale nackte Felſenwände; dort weht eine ätheriſche Luft und tiefe Stille herrſcht in dieſen dem Menſchengewühle ſo ferne liegenden Räumen; in welchen außer den Wanderern einer ſogenannten„Karpathen Wallfahrt,“ kein menſch⸗ licher Fußtritt erſchallet, außer wenn der kühne Berg⸗ jäger einſam und allein der Gemſe nachjagt, das Mur⸗ melthier aufſtöbert, oder der arme Karpathenbewohner, nach Enzian, Nießwurz, Lungenkraut oder Bitterklee für den Apotheker der Bergſtädte ſucht. Ungeheuer zerriſſene und kahle Felſenmaſſen in kegelförmiger Geſtalt, thürmen ſich dem Blicke entgegen und weite Abgründe klaffen vor dem, nach dem Ruhe⸗ puncte ſuchenden Auge des kühnen Bergwanderers in die „ 126 Tiefe. Ein ſolcher Abgrund iſt der ſogenannte„grüne See“ gegen Nord⸗Weſt, Weſt von Käsmark; ſeine kri⸗ ſtallene Welle biethet dem Bergſteiger einen labenden Trunk, die reine Luft an den ſteilen Ufern dieſes See's umſchließt ſeine Glieder, ein meergrünes ſanftes Licht ſtrahlt ihm von dem grünen See entgegen, deſſen Ufer ſchwere Granitblöcke bedecken. Hoch über dem Haupte des Bergwanderers aber glänzt der weite blaue Himmel, an den höchſten Spitzen der zackigen Felſen hängen zer⸗ riſſene Nebelwolken, wie die Stücke eines ungeheueren Scheines, den der Berggeiſt dieſer Klüfte verlor, indem er im Wetterſturme über die Berge raſte. Feierliche Stille herrſcht auf dieſem Naturgebilde der ehrwürdigen Urwelt, nur das Geplätſcher der von einer Höhe mehrere hundert Klafter unter einer Brücke von ewigem Schnee herabfallenden Wäſſer, das Gezwitſcher der Alpenvögel, das Pfeifen des Murmelthieres und Steinbockes unter⸗ brechen dieſe Stille. Noch weiter, ſechs bis acht Stunden aufwärts, ragt die höchſte Spitze der Karpathen, der heilige unver⸗ letzbare Ruheplatz der Natur, einſam großartig, von der ſchützenden Wolke unfloßen; unter ihm aufſteigende Berge, ſinkende Hügel, offene Thäler, Städte, Dörfer, Wälder und Fluren weithin zerſtreut bis in die Ebenen Pohlens und in das ſüdliche Magyarenland; dort ſtarrt 127 der ewige Granit der beiden Ratzenberge, hier die Käs⸗ marke und dort die Lomnitzerſpitze. Die Felſenmaſſen ſteigen von dem mit Gerölle verſchütteten Ufern des grü⸗ nen See's ſenkrecht empor; dort blüht keine Blume mehr, kein Geſträuch wuchert; unter den Felſenzacken ſind es aber beſonders die fünf Thürme, welche durch ihre ſeltſame Geſtalt das Auge des Wanderers auf ſich ziehen; etwa 400 Klafter über dem grünen See liegt die ſogenannte Kupferbank, ein breiter Kupfergang in Granit., Unten aber an dem Urſprunge einer Felſenvertie⸗ fung liegt heutzutage noch in dem Granitfelſen ein Sie⸗ nit⸗Porphyrgang, deſſen Gangart etwas Gold und Silber enthält und von den Goldſuchern der Lazurgang genannt ic Von dieſem aufwärts gelangt der Bergſteiger zu der ſiherrnen Schneebrücke, einer Felſenvertiefung, die mit ewigem Schnee ausgefüllt, von einem nahe hun⸗ dert Klafter herabſtürzenden Bergſtrome ausgehöhlt, dieſen gleichſam als einen Canal bedeckt. Zur Linken iſt der Aufgang zu der erwähnten Kupferbank und zur Rechten, wird das ſchwarze Seethal von dem ſogenan⸗ ten Karfunkelthurm begrenzt. Dieſer Karfunkelthurm beſteht aus einem eylinde⸗ riſchen Felſen. Die altungariſche Sage erzählt: der ge⸗ 128 waltige Felskegel habe an ſeiner dem grünen See zuge⸗ kehrten Außenſeite einen ungeheueren Karfunkel enthalten. welcher des Nachts das Mond und Sternenlicht zurück⸗ ſtrahlte und dadurch den ganzen Felskeſſel des grünen Sees beleuchtete; endlich ſei aber der Rieſenkarfunkel mit einem Stück des Felſens. in welchem er ſtack, in den grünen See hinabgeſtürzt, worin er bis jetzt begraben liege.— Dort in der Nähe dieſes Karfunkelthurmes ſtand das Jagdhaus des edlen Magnaten Grafen Arpad und geſchäftiges Treiben herrſchte in demſelben; denn der edle Graf wollte den beginnenden Frühling des Jah⸗ res 1805 zu einer Hochjagd in dieſem Gebirge benützen, war mit ſeiner ſchönen Tochter Helena und einem gro⸗ ßen Gefolge von ſeinem Landſitze am Neuſiedler⸗See hier angelangt und ließ nun in dem kleinen Jagdhanſe alles einrichten, um jene auserwählten Gäſte zu em⸗ pfangen, die er zur Hochjagd und aus anderen Gründen in dieſe Gegend geladen hatte. An der Südſeite dieſes wunderbaren Karfunkel⸗ thurmes, unter einem ſchützendem Felſenvorſprunge ſtand das aus Eichenholz gezimmerte Jagdſchloß des Grafen. Große Hirſchgeweihe, Steinbock und Gemſen⸗ hörner an den Thüren und Dachgiebeln kennzeichneten es als ſolches. Prachtvolle mit bunten Teppichen ausge⸗ 129 legte Gemächer, Gewehrkammern, Ställe und Geſinde⸗ ſtuben im Innern, bothen jede Bequemlichkeit, welche die Rauhheit der Gegend geſtattete und der Reichthum des ungariſchen Magnaten biethen konnte. Bewegtes Leben herrſchte jetzt in dieſem Jagdhauſe, Diener liefen ab und zu, Hunde wurden gekoppelt, Fäſſerchen mit echtem ungariſchem Rebenſaft und reiche Vorräthe von Lebensmitteln und Schußbedarf wurden abgeladen; aus den Schornſteinen des Jagdhauſes wir⸗ belte der Rauch in die Lüfte und die einſame Bergge⸗ gend, war belebt von Jägern, Landleuten und Alpen⸗ bewohnern, welche auf den Wink des Gebiethers in die⸗ ſem Hauſe aus allen Richtungen herbeigeſtrömt waren, um den Herrendienſt auch auf dieſem Felskeſſel zu leiſten. Graf Arpad war ein echter ungariſcher Magnat, er ſtammte aus alt ungariſchem Geſchlechte, er war wahrhaft ritterlicher Magnat vom Scheitel bis zur Zehe, hochgewachſen und ſtark wie ein Kinizsi,) edel wie ein 0) Kinizſi war ein Müllersſohn aus dem ungariſchen Dorfe Kinizs zur Zeit des Königs Mathias, er hatte eine ungewöhnliche Größe und Stärke, hob als Jüngling ein Faß Wein, welches die ganze Laſt eines Wagens betrug, allein auf dieſen. Er trat als Krieger unter die Fahne des Blaſius Magyar, zeichnete ſich aus, und wurde zu den höch⸗ ſten Ehren befördert. Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 9 130 Hunyad von ſtattlichem ſchier rieſenhaftem Körperbau, noch kräftig und aufrecht in ſeinem ſiebenzigſten Lebens⸗ jahre, glich er der markigen Eiche, welche kein Sturm zu beugen im Stande iſt. Nun ſtand Er da, mit ſeinem edelgeformten Ant⸗ litze, den weißen geſcheitelten Haaren, dem großen, feu⸗ rigen Augenpaare, wie ein Patriarch der bibliſchen Vor⸗ zeit, verehrt von ſeinen Untergebenen bis zur Vergötte⸗ rung, und im Leibe ein Herz tragend welches nur für das Recht, die Ehre und für ſeinen König ſchlug. Graf Arpad leitete ſein altes Geſchlecht aus der Zeit her, wo noch das alte Viſegrad die Reſidenz der ungariſchen Könige war, und Karl Robert, der Erbe von Neapel, Ungarns Krone trug. ¹) Sein Großvater hatte der Krönung Karl des VI. beigewohnt, ſein Vater hatte im Ständeſal zu Preßburg das begeiſterte„moriamur pro rege nostro“ mitge⸗ rufen und vom Vater hatte ſich die Anhänglichkeit an die alte Königsdynaſtie auf den Sohn vererbt. Glü⸗ hende Liebe für ſein ſchönes ungariſches Vaterland war aber der Hauptzug ſeines ritterlichen Characters und ſo ſprach ſich in ſeiner Handlungsweiſe im Allgemeinen ¹) Des Königs Reſidenz war zu Viſegrad; die Stadt dehnte ſich damals unter dem Berge längs der Donau aus, das Schloß und die Paläſte liegen nun in Ruinen. e —— 131 wie in den geringſten Kleinigkeiten dieſe heiße Vater⸗ landsliebe aus. Seine Umgebung wußte bis zum letzten Troßknechte hinab, daß Er bei ſeinem altungariſchen Vornamen„Arpad“ am liebſten genannt, daß ſein alt⸗ ungariſches Jagdſchloß in den Karpathen ſein Lieblings⸗ aufenthalt war. Aber nicht blos eine Alpenjagd in den Karpathen war der Zweck dieſer Einladung. Das Benehmen des neuen Kaiſers der Franzoſen ſtellte einen baldigen Krieg in Ausſicht, die ungariſche Inſurrection mußte dann aufgebothen werden, die Eröffnung des Reichstages konnte nicht lange auf ſich warten laſſen. Auf den Bur⸗ gen Ungarns verſammelte ſich daher der hohe Adel die⸗ ſes Landes, um Vorberathungen über jene Gegenſtände zu halten, welche, wie man glaubte auf dem Reichstage zur Sprache kommen würden. Da war es das berühmte Feld Rakos ¹), da war es das alte Schloß Trentschin ²2), da war es die aite Erdöd da waren es die Hochjagden in dem Karpathen⸗ 0 Campus Rakös, ſogenannt von den Krebſen, die in dem Rakoſer Bache gefangen wurden(Räk, Krebs), iſt ein in der magyariſchen Geſchichte hochberühmter Ort, er grenzt an das Gebiet der Stadt Peſt, von welcher er ungefähr eine viertel Stunde entfernt iſt.— ²) Im Szathmarer Co⸗ mitate, einſt bewohnt von dem gewaltigen Adelsgeſchlechte der Dragyfy. 9* 132 gebirge, auf welchen ſich die edelſten der Magnaten ver⸗ ſammelten, um ſich gegen einander auszuſprechen, und über die Lage des Vaterlandes und ſeine Bedürfniſſe ihre Meinungen auszutauſchen, ihre Hoffnungen und Befürchtungen auszuſprechen. Zahlreiche Gäſte wurden daher auch auf dem Jagdſchloſſe des Grafen Arpad in den Karpathen er⸗ wartet. In den Sälen und Zimmern des Schloſſes flogen die Diener herum, zu ſcheuern, zu glätten, zu ſchmücken, ganz beſonders ließ der Graf Arpad ſeinen großen Wappenſaal im oberſten Geſchoße des Jagdhau⸗ ſes herrichten. Dort hatte er ſich eine Gallerie der herrlichſten Gemälde, eine Reihe prachtvoller Bilder aus allen Pe⸗ rioden der ungariſchen Geſchichte aufgeſtellt, welche die mit weiß, roth und grüner Farbe, dann ſilberblitzenden, tapetengezierten Wände ſchmückten.— Eine lange Ei⸗ chentafel ſtreckte ſich durch den Saal, umgeben von zwanzig hohen Lehnſeſſeln mit zierlichem Schnitzwerke. Sie war beſtimmt ein großes glänzendes Feſtmal zu tragen, welches der Magnat, wenn ſeine Gäſte vollzäh⸗ lig eingetroffen ſein würden, dem Könige zu Ehren ver⸗ anſtalten wollte. Zu dieſem Zwecke ſtreiften auch eben in den Klüf⸗ ten des Hochgebirges, Jäger und Diener des Grafen — 133 um eine flüchtige Gemſe, oder ein fettes Berghuhn vom Felſen zum Feſtbraten für die Tafel zu holen. Hoch oben auf einer der gewaltigen Felſenkanten, wo ſich chaotiſch übereinander geworfene und hochge⸗ thürmte Granitmaſſen feſtungsartig aufſchlichteten und einer ſchauerlichen Felſenſpalte blaugrüne Kalkſteine eine mooſige Felſenwand auf der einen Seite bildeten, auf der andern aber die phantaſtiſche Rieſenge⸗ ſtalt einer adlerähnlichen Figur an einem burgruinähn⸗ lichen Felſen emporſtieg, lag an einem Spätabende in w erſten Wochen der Ankunft des Grafen Arpad auf dem ſchmalen Verbindungsſtege, unter welchem die un⸗ abſehbare Tiefe einer purpurnen Finſterniß heraufſtarrte, eine angeſchoßene Gemſe; neben ihr ſtand ein hochge⸗ wachſener junger Mann, der einige zwanzig Jahre zäh⸗ len mochte; ſeinen ſchlanten Leib deckte, ein weiter Rei⸗ ſemantel hinter welchem ein paar Piſtolen hervorblitzten; ſein Hut kollerte eben vom Nordwinde fortgeriſſen in die Tiefe hinab, ſein langes ſchwarzes Haar flatterte um das ſchöngeformte Haupt. Sein dunkles Auge prüfte die ſteile Bahn auf welcher er behutſam vorwärts ſchritt. Seine Lage war in der That gefahrvoll. Zu ſeinen Füſſen wölbte ſich— eine der über⸗ raſchendſten Scenen des karpathiſchen Hochgebirges— elne graue Wolkenmaſſe und iß Waſſerkugeln 134 rollten dort übereinander, durchzuckt von den goldenen Bändern der leuchtenden Blitze, als wollte der alte At⸗ las ſich hier ein ſchwimmendes Wolkenkiſſen für ſein vom Tragen dieſer Felſenmaſſen ermüdetes Haupt weben. Hoch oben auf dem ſchmalen Gangſteige der Fel⸗ ſenplatte, wo der erwähnte junge Mann ſtand, leuchtete aber noch der Tag in ſeinem vollen Glanze. Dort ſtrahlte der reine blaue Himmel hoch über der ſchauer⸗ lichen ſchwarzgrauen Tiefe, der ehrwürdigen Urwelt un⸗ ter den Felſen; nur von den höchſten Spitzen derſelben hingen einzelne Wolkenfetzen.— Tiefe Stille der Natur herrſchte hier, welche nur durch das eintönige Geplätſcher, der aus einer Höhe von mehreren hundert Klaftern über Klippen undunter hohen Schneebrücken abfallenden Wäſſer, unterbrochen wurde. Plötzlich flog jetzt ein heftiger Streichwind über die Felſenzacken; Finſterniß begann ſich nm den einſa⸗ men Bergwanderer zu lagern, ein eiſiger Hauch berührte ſeinen Körper und machte ihn erſtarren, Wind und kalter Regen umhüllten ihn. Dieſe plötzliche Abwechslung der Sommerwärme mit dem eiſigen Sturmeswehen auf den Kanten der Karpatenfelſen vermag der abgehärteſte Leib des kühnen Gebirgsjägers nicht zu ertragen. Die Wolkenmaſſen „ 135 ſtiegen immer höher, Blitze umzuckten den Bergabhang; Nacht ward es rings umher... Der junge Bergwanderer warf jetzt ſeine hellen Augen ringsumher, um eine Fährte zu erſpähen, auf welcher er aus dieſem Nebelmeere in's Thal hinab ge⸗ langen und eine menſchliche Wohnung erreichen konnte. „Gyere ide!“ h ſchallte es jetzt von der andern Seite des Felſens; der junge Wanderer blickte hinüber; drüben ſtand eine lange Menſchengeſtalt in einen zotti⸗ gen Wolfsmantel gehüllt; ein Bergjäger war's der eine kurze Kugelbüchſe in den Händen hielt. „Gyere“! wiederholte er mit ſtarker Stimme, in⸗ dem ſeine Hand auf den ſchmalen Steg wies, welcher 1 die furchtbare Felſenſpalte überſpannte und die beiden Alpenkanten mit einander verband. Der junge Bergwanderer verſtand den Wink des Bergſchützen; mit ſicherem Fuße überſchritt er die Bret⸗ terbohle. Jetzt ſtanden ſich die beiden Männer gegen⸗ über.— *„Isten mentsen!“²) rief der Bergjäger dem jun⸗ gen Wanderer entgegen;„noch eine Secunde und der aufſteigende Sturm ſchmetterte Euch da drüben in die Tiefe; nur hier unter dieſem Felſenvorſprunge mögen ¹) Komm her.— ²) Gott beſchütz. 136 wir uns mit einiger Sicherheit dem vorüberbrauſenden Alpenſturme entgegenſtemmen. Die Worte des Jägers verhallten aber im wüthend emporſteigenden Sturme; ſeine Fauſt erfaßte jetzt den Mantel des jungen Wanderers, den er in die nächſte klaffende Felſenſpalte riß und wo Beide ſich feſtklammer⸗ ten, bis die ſturmſchwangere Wetterwolke mit ihrem Chaos von Waſſer, Hagel und Blitzen vorübergezogen war. Wenige Minuten verrannen. Jetzt ſchien ſich der Himmel wieder zu öffnen, ein blendender Sonnenſtrahl ſchoß auf die beiden Männer nieder. Der Blick des jungen Bergſteigers fiel auf den Jäger.. „Isten bizzon!“ ¹) rief er freudig;„das iſt ja mein alter treuer, treuer Zoltan! oder biſt Du es nicht, Aler?“ „Baszom a teremtete!“ ſchrie der Alte entge⸗ gen, indem er ſeine Jagdflinte zu Boden warf und näher trat.„Das iſt ja Herrmann, mein junger, gnädiger Herr. — Bezeg! ²) auf dieſer Felſenſpitze hätte ich nicht ge⸗ dacht einen ſolchen Fund zu thun.—“ „Ich auch nicht,“ entgegnete der junge Mann.— „Komme direct von Hedenburg meinen Onkel den Gra⸗ Bei Gott!— 2) Für wahr! — 137 fen Arpad auf ſeinem Jagdſitze in den Karpathen auf⸗ zuſuchen, hab' mich in dem Geklüfte ein wenig verſtie⸗ gen, meinen Diener, den Ferenz, verloren und bin froh Dich gefunden zu haben, damit Du mir die Fährte zum Jogdſchloße hinab weiſeſt, wo mein Onkel wohl ſchon eingetroffen ſein wird.“ „Hiszen!“ ¹) entgegnete der alte Zoltan—„aber jetzt nehmt, junger gnädiger Herr, vor Allem meinen Wolfs⸗ mantel da, ſonſt verglaſt Euch der eiſige Wind die Haut, ehe wir beim Karfunkelthurm anlangen, und ich bringe Euch als erſtarrten Leichnam in das Thal.“ „Dehogy“! rief der junge Mann,„in meinen Adern fließt Jugendfeuer, und den Wolfsmantel brauchſt Du für Dich ſelbſt, Alter.“ „Csitt!“ ³) kommandirte dieſer;—„mein Fell iſt aus altem Ungarleder und hält ſchon ein paar Wetter⸗ ſtreiche aus— aber Ihr, junger Herr, ſeid in Preßburg drüben viel im Sonnenſchein ſpaziert und unſere Berg⸗ ſtürme nicht mehr gewohnt.“ „Meinſt Du?“entgegnete der junge Mann lachend, indem er ſich den Wolfsmantel des Alten um die Schul⸗ tern werfen ließ und mit dieſem den Felsabhang vorſich⸗ tig hinabſtieg.„Aber jetzt ſag' mir, Zoltan, wie ſteht es 0) Ja!— ²) Warum nicht gar.— ³) Still! 138 im Hauſe meines Onkels, was treibt der alte Herr, wie ſteht es mit Helena, meiner niedlichen Couſine?“ Der Alte blickte finſter vor ſich hin.—„No,“¹) ſagte er,„unſer gnädiger Graf iſt wohl und trägt ſeine verſilberte Jagdflinte noch rüſtig in die Berge, und auf dem Jagdſchloße am Karfunkelthurm ſieht es jetzt aus, wie auf dem alten Rakos, wenn unſere Magnaten dort bunt durcheinander reiten.— Der Graf hat eine Menge Gäſte aus allen Comitaten dahin entboten und wird ohne Zweifel allerhand abhandeln mit ihnen, was gerade nicht in den Bereich der Hofjagd gehört;— wir haben Euch, junger gnädiger Herr, auch ſchon ſeit einigen Tagen er⸗ wartet.—“ 2 „Und Helene, meine junge Couſine?“ fragte der Graf. Der Alte blickte finſter zur Erde und ſchwieg. „No's?“ fragte der junge Mann. „Das Fräulein,“ berichtete der Alte im grollenden Tone,—„das Fränlein ſcheint ſeit einigen Wochen zu vergeſſen, daß echtes, altes Magyarenblut in ihren Adern rollt, ein réka ²) iſt im Taubenſchlage eingeſchlichen?“ „Wie meinſt Du das?“ fragte der junge Mann. „Der alte Graf, unſer gnädigſter Herr,“ berichtete der Alte,„hat vom Neuſiedlerſee einen Fremden— ei⸗ 0) Nun!—*) Fuchs. —— 139 nen dicsckedni) mitgenommen.— Hm,'s iſt ein festö ²), welcher ihm die Gallerie im Jagdhauſe reſtau⸗ riren und kopiren ſoll— dieſer fremdländiſche Künſtler kommt ſeit einigen Wochen nicht mehr von der Seite des Fräuleins und die ſchöne junge Gräfin vergißt, daß ſie eine Ungartochter und daß ſie eben auch ein Weib iſt, denn ſeit der junge Rheinländer, der angebliche Graf, um ſie kreiſt, ſcheint ſie ſeine Geſellſchaft ganz verkehrt zu haben; bezeg, ³) früher war ſie das ſittſame, ſtille Edelfräulein, mit ſechs Ungar⸗Roſſen nicht aus dem vä⸗ terlichen Schloße zu führen, jetzt ſchweift ſie als Ama⸗ zone mit dem Farbenklekſer auf den Kanten der Hochge⸗ birge herum—“ „Und Graf Arpad?“ fragte der junge Mann. „Iſt erſtaunt darüber,“ erzählte der alte Haiduk weiter,„igozan! ¹) er grollte von jeher mit dem ſtillen Weſen des Fräuleins und wollte in Helena lieber eine Sarolta*) ſehen und freut ſich, daß endlich das todte ) Prahlhans.— ²) Maler— ²) Fürwahr.— ¹0) In der That.— ³) Sarolta, die Gemalin Geyſa's, erne Toch⸗ ter des in Biſanz bekehrten Gyula, die Gründerin des Chri⸗ ſtenthumes in Ungarn, genannt„die ſchöne Frau“, bekannt durch ihre Charakterfeſtigkeit; ſie hilt das Reich„mit Man⸗ neshand“, ſoll aber dem Trunke ergebru geweſen ſein, ſaß zu Roß nach Männerart und ſoll in der Aufwallung ſelbſt * 140 Weſen der Jungfrau aufgethaut und die ungariſche Leb⸗ haftigkeit daraus hervorgewachſen iſt.“ Der junge Mann blickte nachdenklich vor ſich nie⸗ der.„Nun,“ ſagte er,„da hat ſich im ſtillen Hauſe mei⸗ nes Oheims ſeit ich auf Reiſen war, vieles geändert.“ „Baszom a teremtete!“ fluchte der Alte,„Ihr werdet es nicht wieder erkennen, beſonders jetzt, wo ſie alle bei uns zuſammen kommen, um den Wildbraten zu verzehren, den wir eben zu erjagen im Bergforſte herum⸗ klimmen; ſag' Euch, junger Herr, auf dem Jagdſchloße am Karfunkelthurm geht es jetzt bunt durcheinander, wie am Hofe des großen Corvinus und die Alpengeier ſchauen von der Felſenkante herab und wundern ſich über das bunte Gewühl, welches in unſerer Bergrevier herrſcht.“ Der alte Zoltan hatte nicht Unrecht, denn in das Jagdhaus des Grafen zog ein Gaſt um den andern und ein großes Jagdfeſt war da vorbereitet, an welchem ſich gar viele Edelherren des ſchönen und reichen Ungarns betheiligen wollten.— Da ſaß unter andern im Em⸗ pfangsſaale des Jagdhauſes bereits ein ſtattlicher Mann — es war der königliche Tavernikus Graf Joſef Bruns⸗ zwik, neben ihm ein Mann mit ſchönem dunklem Voll⸗ barte, Graf Franz Szechenyi, ein Hauptredner der könig⸗ einen Menſchen mit dem Schwerte getödtet haben, was durch die Rohheit der damaligen Zeit erklärlich iſt. v— ———— — 141 lichen Partei im Reichsrathe an der Magnaten tafel; ne⸗ ben dieſem der Biharer Deputirte Rhédey, Vorkämpfer der königlichen Partei an der Ständetafel; dann der künftige ungariſche Perſonal Stefan Atzél, ein geiſtrei⸗ cher, lebhafter aber etwas hitziger Mann. Noch manch' anderer edle Ungar hatte ſich eingefun⸗ den, denn es galt weniger dem Jagdvergnügen, aks der Beſprechung der Zeitverhältniſſe und der Lage des Va⸗ terlandes; man fühlte, daß man am Vorabende wichti⸗ ger Ereigniſſe ſtand. Während ſich's die Herren in allen Räumen des ſchönen Jagdhauſes bequem machten, und ihre Diener und Haiduken in den Kammern und Ställen des letzte⸗ ren herumwirthſchafteten, ſtiegen noch immer neue Saum⸗ roſſe den ſchmalen Berggang herauf, dort aber an der Nordſeite des Jagdhauſes, wo ein hölzerner, bemooſter Windſchirm gegen eine nebelbedeckte Bergkluft hinab⸗ ſtarrte, ſprengte jetzt eine flinke Schecke hervor; ſie trug auf der feinen Decke von rothem Safian eine hochgewach⸗ ſene Frauengeſtalt, deren ſchlanken Leib ein blauſamm⸗ tenes, von einem Perlengürtel zuſammengehaltenes, Jagd⸗ kleid mit reichen Goldſchnüren umſchloß. Von ihrem ſchönen Ovalkopfe rollten reiche, dunkle Locken auf den blendend weißen Nacken nieder; ihre dunklen Augen ſtrahl⸗ ten vom Feuer der Jugend, ihre feingeformte Hand führte eine mit Silberſchnüren umwundene Reitgerte, ihr nied⸗ licher Fuß trug ein paar kurze ungariſche Corduan⸗Stie⸗ felchen mit hellklingenden goldenen Sporen. Jetzt hielt die junge Amazone vor dem Hauptthore des Jagdſchloſſes, von deſſen Bogenfenſtern Gäſte des Grafen herabſchauten um der ſchönen Reiterin grüßend zuzuwinken.— Dieſe ließ ihre Schecke bäumen, und ſprang jetzt mit einem Satze von dem ſchlanken Thiere, deſſen Zügel ſogleich ein junger Reiter im einfachen grünen Jagdkleide erfaßte;— es war Louis, der Rheinländer, welcher das Fräulein begleitet hatte, als Beide auf ihren Saumpferden einen Ritt an das Ufer des grünen Sees hinab gemacht hatten. Mit einer leichten Verbeugung bot er Helenen ſeine Hand, drückte einen leichten Kuß auf ihre Fingerſpitzen und wendete ſich, um das Fräulein zur Eingangstreppe des Hauſes zu begleiten. Aber in dieſem Augenblicke bogen zwei andere Ge⸗ ſtalten um den Felſen,— Hermann, der Neffe des Gra⸗ fen Arpad und der alte Zoltan ſtiegen den Berg herauf. Das feurige Auge des Fräuleins flog ihnen ent⸗ gegen; Helena hatte den erſt vor wenigen Jahren aus ihren Kreiſen geſchiedenen Jugendgeſpielen augenblick⸗ lich erkannt. „Hermann!“— rief ſie und die ganze tiefſinnige „— „— 143 Freude des Wiederſehens eines theuren Gegenſtandes ſtrahlte auf dem ſchönen Antlitze der Jungfrau. Aber ſtarr wie ein) Bild aus todtem Erze ſtand Hermann, der zum jungen Mann gereifte Jugendgeſpiele vor dem Fräulein ſein dunkles Ange; ruhte einen Mo⸗ ment auf den lieblichen Zügen der ſchönen Jungfrau, dann ſtreifte es ſeitwärts über die ſchlanke Geſtalt des jungen Rheinländers; jetzt wandte er ſich zu dem alten Die⸗ ner.„Zoltan,“ ſagte er,„im Seethale unten ſtehen meine Pferde, ſieh zu, daß Du ſie heraufbringſt; und jetzt führe mich zu dem Grafen Arpad.“ „Hermann!“ rief die ſchöne Jungfran noch einmal, indem ſie dem jungen Manne näher trat. Dieſer ſchien erſt jetzt das Fräulein recht in's Auge zu faſſen.„Ihol! welch' reizende Dame in dieſen Ber⸗ gen! man muß geſtehen, mein Onkel hat Geſchmack!“ Das Fräulein warf das Haupt zurück— wie ein kalter Windeshauch ſchien es die Stirn der ſtolzen Schö⸗ nen zu überfliegen, Todtenbläſſe trat auf ihr Geſicht, ihre feine Hand mit der Reitgerte ſank herab;—„Hermann,“ liſpelte ſie, indem ſie dem jungen Manne näher trat, „kennſt Du Helenen, die Tochter des Grafen Arpad nicht mehr?“ Aber ein faſt ſpöttiſches Lächeln flog über den Mund des jungen Mannes; in ſeinem Hirne ſchien es jetzt zu 144 dämmern.„Isten mentsen!“ rief er,„jetzt hätte ich Sie faſt nicht mehr erkannt! Verzeihung, mein Fräulein, das ungariſche Edelfräulein Helena iſt ja zur ſtattlichen Amazone emporgewachſen; und hat auch bereits einen Stallmeiſter an der Seite,“ ſetzte er mit einem ſpöttiſchen Seitenblick auf den Rheinländer hinzu. Helene ſtand wie eine vom Blitze berührte junge Tanne, ihr klarer Verſtand ließ ſie augenblicklich den Sinn der Worte Hermann's erfaſſen. Eine hohe Röthe wechſelte jetzt mit der Todtenbläſſe ihres Antlitzes— es ſchien als ob ſie die zu Boden geſenkten Augen nichtmehr emporzuſchlagen wagte. Aber jetzt erwachte wieder der Stolz der Jungfrau; ſie fühlte im Augenblicke, daß dieſe erſte Begrüßung von Seite ihres Blutsverwandten, in dem Augenblicke, da dieſer von einer mehrjährigen Reiſe zum heimatlichen Herde zurückkehrte, etwas Verletzendes an ſich trage.— Ein finſterer Zug trat auf ihre ſchöne Stirne— ſchweigend reichte ſie jetzt Hermann den Arm. Aber eine ablehnende Bewegung war die Antwort. „Dort, Gräfin, ſteht ihr Stallmeiſter,“ ſagte Her⸗ mann, indem er auf den jungen Maler wies;—„da er Sie auf die Bergjagd begleitete, ſo werden Sie ihm wohl auch das Recht zugeſtehen, Sie nach Jägerſitte bis zu der Thür Ihres Kabinetes zu begleiten— das Ungar⸗ 145 fräulein darf auch dem Ausländer gegenüber nicht die Geſetze der Gaſtfreundſchaft und edlen Sitte verletzen!“ Dann wendete er ſich zu Zoltan. „Führe mich zu Onkel Arpad,“ befahl er,„ich habe dem alten Herrn viel Neues zu erzählen.“— Helena aber ſtand glühend, wie eine vom heißeſten Sonnenſtrahle verſengte Roſe— zwei große Perlen traten unter ihren Augenwimpern hervor, dann ſtürzte ſie, den in ehrerbie⸗ tiger Entfernung ſtehenden Rheinländer nicht beachtend, durch das Portal des Hauſes.— Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 10 7 Der Tökely und Teleky. Der ſchwarze Mann, die ſchöne Helena und die Rauchfungkehrer- Kapelle. Der junge Graf Herrmann von Pazman war ein Sohn eines verſtorbenen geliebten Bruders des alten Grafen Arpad. Der Vater Herrmanns, war als Offi⸗ zier im kaiſerlichen Dienſte im erſten franzöſiſchen Kriege nach der Revolution auf dem Schlachtfelde bei Marengo geblieben; er war ein Ungar hatte aber eine Italienerin geheirathet, welche bald nach ihm verſtarb. Graf Herrmann war aber zu Wien auf deutſchem Boden geboren, da ſeine Eltern längere Zeit in dieſer Hauptſtadt gelebt hatten, er war ſomit von Geburt ein Deutſcher— von Abſtammung ein Ungar. Nach dem Tode ſeiner Eltern hatte er ſeine erſte 147 Erziehung bei der Schweſter ſeiner Mutter, der Gräfin Bianca Orſini in Mailand, genoſſen, war aber bald von ſeinem Onkel, dem alten Grafen Arpad, welcher in⸗ zwiſchen Witwer geworden war, nach Peſt berufen wor⸗ den, wo er in dieſem ſeinem alten Onkel ſeinen Vater wieder fand. Graf Arpad liebte ſeinen jungen Neffen von ganzer Seele, er ließ ihm mit ſeiner eigenen Toch⸗ ter Helena eine ſtandesmäßige Erziehung angedeihen. Herrmann's Vater hatte kein Vermögen hinterlaſſen. Graf Arpad dachte aber längſt daran, die künftige Le⸗ bensſtellung ſeines geliebten Neffen zu ſichern und ihm einen Theil ſeines reichen Vermögens zuzuwenden.— Inzwiſchen war der Knabe Herrmann zum jungen kräf⸗ tigen Manne emporgeblüht, und der Graf ließ ihn reiſen. Vier Jahre hatte Herrmann Europa von einem Ende zum andern durchzogen. Jetzt war er, an Geiſt und Kraft bereichert, wiedergekehrt. Als liebliches Kind hatte er ſeine Jugendgeſpielin Helena verlaſſen, als herrlich aufgeblühte Jungfrau fand er ſie wieder; aber er fand auch die kaum aufgeblühte Roſe von einem Fal⸗ ter umſchwärmt. Helena, die herrliche Ungartochter, von ihrem Va⸗ ter wie deſſen Augapfel bewacht, hatte auf deſſen Be⸗ ſitzungen keinen anderen Umgang, als den S Be⸗ 148 dienung; kraftvoll und herrlich heranblühend, war das ſchöne und kindliche Mädchen bald zu einer jungen Ama⸗ zone geworden, welche mit dem Leibdiener, dem alten Zoltan, die Forſte ihres Vaters durchzog, und weit mehr Gefallen an dem Blitze des Jagdgewehres als an den der Jungfrau zukommenden Beſchäftigungen des Hauſes fand. Der alte Graf ließ die ſtolze, ſchöne Jungfrau gewähren; es freute ihn, das ſein altunga⸗ riſches Blut in ihren Adern rollte, daß Muth, Entſchloſ⸗ ſenheit und Kraft die Hauptzüge ihres Characters bil⸗ deten. Aber im Stillen hegte er den Gedanken Helenen einſt an der Seite Herrmann's zu ſehen, und ſo das Erbe ſeiner Väter ungetheilt auf Beide zu übertragen; und nichts freute ihn ſo ſehr, als daß ſein wackerer Neffe, obgleich von Geburt ein Deutſcher, in allem den Sitten Ungarns huldigte, und ſo ein echter, würdiger Nachfol⸗ ger im Erbe des alten Grafen zu werden verſprach. Dem Grafen treu zur Seite ſtand ſein Hauskaplan, der Franziskaner Gabriel, ein Mann, der wie oben er⸗ wähnt, einſt den Bruder des Grafen Arpad und deſſen Schwägerin die Gräfin Bianca Orſini auf ihrer Reiſe nach den Antillen und zurück begleitet hatte, der als Miſſionär einſt Peru und Paraguay beſucht hatte und nun ein treuer Ungar zu den Laren ſeines Vaterheerdes 149 zurückgekehrt war, wo ihn der alte Graf als den Erzie⸗ her ſeiner Tochter verwendete. Begeiſtert für alles Große und Schöne, daher ganz beſonders für ſein großes, ſchönes Vaterland Ungarn, deſſen Geſchichte der alte Miſſtonär, bis in's kleinſte Detail kannte, galt er im Hauſe des Grafen, als ein Vermittler, als Freund des Rechtes und Ritter der Wahrheit vom reinſten, durchſichtigen Herzen, in wel⸗ chem kein Hauch von Falſchheit wohnte; aber auch als ein Vollblut⸗Ungar vom reinſten Waſſer, der nichts ſo ſehr haßte, als den Verrath, der ſeit Jahrhunderten un⸗ ter verſchiedenen Geſtalten die Grenzen Ungarns um⸗ kreiſtte und meiſt von daher ſeine Geſchoße richtete, wo die Sonne im Weſten niedergeht. Von den Hausgenoſſen des alten Grafen wurde Meiſter Gabriel daher nur der feurige Gabriel ge⸗ nannt; denn man konnte gewiß ſein ſeines Feuereifers, wo es galt mit altungariſcher Sitte, das Rechte zu ver⸗ treten und das Schlechte zu bekämpfen. Nächſt ihm ſtand der alte, wohl ſechs Fuß hohe Leibheiduk Zoltan bei dem Grafen in ſehr hoher Gunſt, der alte Huſar mit ſeinem weißen Kopfe dem ellenlan⸗ gen, weißen Schnurbarte und den baumſtarken Armen, ein lebhaftes Abbild des alten Zoltan, der einſt ſeine Ungarn über die Pußten Pannonien's führte. 150 Anch die übrigen Hausgenoſſen des alten Grafen hingen an dieſem mit Leib und Seele und wie ein Pa⸗ triarch der bibliſchen Vorzeit herrſchte der edle Magnat in ſeinem Familienreiche, wo einheimiſche, altungariſche Sitte, das heißt: Biederkeit, Rechtlichkeit, Geradheit, wenngleich auch nebenbei Derbheit, aber auch Offenheit und Gaſtfreundſchaft die Haus⸗Regel bildeten. Der alte Graf hielt ſich abwechſelnd am Neuſied⸗ lerſee und auf ſeinen Beſitzungen in den Karpathen auf, nur zweimal während eines Jahrzehnd hatte er ſeine Schwägerin in Mailand beſucht. Sa ſtand es in dem Familienhaushalte des altun⸗ gariſchen Patriarchen, als die Erſcheinung des jungen, rheinländiſchen Malers Fremdartiges in die Kreiſe die⸗ ſes Familienlebens brachte; das feine, einnehmende Be⸗ nehmen Louis Lenvir's, ſeine angebliche Abſtammung von einem Rheinländer alten Grafen⸗Geſchlechte, ſeine mehrſeitigen Kenntniſſe und die wiederholt und laut aus⸗ geſprochene Begeiſterung des jungen Mannes für die edle Nation der Ungarn, nahmen den alten Grafen gar bald für den jungen Reiſenden ein. Graf Arpad ein großer Kenner der Kunſt und eifriger Sammler hiſtoriſcher Merkwürdigkeiten ſeines ſchönen Vaterlandes hatte ſich auf ſeinem Jagdſchloſſe in den Karpathen eine reiche Gallerie hiſtoriſcher Ge⸗ 151 mälde aus der Geſchichte Ungarns angelegt. Dieſe zu beſchauen, zu prüfen und theilweiſe zu reſtauriren, hatte ſich Graf Lenvir erbeten, und der alte Graf Arpad hatte dieſes Anerbieten freudig angenommen, noch freudiger ſchien Helene dieß Anerbieten des jungen Malers zu be⸗ grüßen; die ſchöne Ungartochter ſtand in den erſten Blüthen der Jungfräulichkeit. Seit ſie als Kind von ihrem Couſin Herrmann Abſchied genommen hatte, be⸗ wegte ſie ſich nur unter den Hausgenoſſen und Dienern ihres Vaters; das junge Herz mit ſeinen feurigen Pul⸗ ſen öffnete ſich daher gar bald, als der wahrhaft männ⸗ lich ſchöne Rheinländer Louis Graf Lenoir, wie ein plötzlich aus dem Himmel gefallener Cherub, mit dem Flammenſchwerte der liebebegeiſterten Beredſamkeit in die Kreiſe ihres jungen Lebens trat und der ſchönen Jungfrau ſo viel des Schönen und Schmeichelhaften über ihre körperlichen und geiſtigen Vorzüge ſagte, daß ſich das Ohr der Holden gar bald an dieſe Syrenen⸗ klänge gewöhnte, das vollendet ſchöne Bild, des jugend⸗ kräftigen Rheinländers alle Träume der Jungfrau be⸗ lebte und das ihres in der Ferne weilenden Couſins und Jugendgeſpielen Herrmanns aus ihrer Erinnerung verdrängte. Nun war dieſer nach mehrjähriger Abweſenheit in das Haus ſeines Onkels zurückgekehrt. 152 Herrmanns einfaches, offenes Weſen und ruhiger Ernſt ſtachen mächtig gegen die Gluth ab, welche ſich in jeder Bewegung, in jedem Worte des feurigen Rhein⸗ länders kund gab, und ſo kam es, daß die beiden Herzen der Jugendſpielen, Herrmann und Helenens ſich nicht wieder zu finden ſchienen, als Erſterer nach langer Ent⸗ fernung nunmehr den Familienkreis ſeines Onkels wie⸗ der betrat. in freundliches Entgegenkommen aber fand die⸗ ſer bei ſeinem Onkel, welcher in dem jungen Mann das Abbild ſeiner eigenen Jugend wieder fand und jetzt den an Leib und Seele kräftigen Bruderſohn im Wap⸗ penſaale des Jagdſchloſſes am Karfunkelthurm wohl zum zehnten Male ſeit ſeiner Ankunft in die Arme ſchloß. Der alte Graf hatte für dieſen Morgen ſeinen Gäſten das Vergnügen einer Hochjagd im Gebirge be⸗ reitet, nach deren Beendigung eine Feſttafel im Jagd⸗ ſchloſſe abgehalten werden ſollte, um damit den eigent⸗ lichen Anfang der Jagdfeſte zu machen, die der Graf ſeinen Gäſten geben wollte. Auf dem Söller des Jagdſchloſſes des alten Gra⸗ fen Arpad nächſt dem Karfunkelthurme in den Karpa⸗ then ſchallten daher luſtige Trompetenklänge. Alles ſchien in und außer dem Hauſe in Bewegung zu ſein. 153 Alle vornehmen und ſonſtigen Gäſte, welche ſich bei dem Grafen eingefunden hatten, rüſteten ſich zum Aufbruche in das Gebirge; das laute éljen! und rajta! ¹) durchzitterte die Luft und miſchte ſich mit den Klängen der Trompeten und dem Gebelle der Hunde; Saumthiere ſtanden bereit einzelne Reiter aufzunehmen und der alte Zoltan als wohlbeſtallter Jagdmeiſter hatte vollauf zu ſchaffen, um Ordnung in die bunt durchein⸗ ander wogende Maſſe zu bringen. Beim Aufgange in die Felsſchlucht, wo der Jagd⸗ zug ſich in verſchiedene Richtungen trennen ſollte, ſtan⸗ den ein paar braune Zigeuner mit ihren Fideln, welche als ächt nationale Muſiker mit ihren Tönen dem Zuge das Geleit geben ſollten ſo lange das Echo der letzteren aushielt. Jetzt trat der alte Graf ſelbſt aus dem Hauſe, mit ihm die ſtattlichen Magnaten, welche er in ſeinem Jagd⸗ ſchloſſe bewirthete. Ein braunes Saumthier trug ſein Jagdgeräthe; hinter ihm führte ein Heiduke eine herrliche Schecke, de⸗ ren Rücken ein weiches Wolfsfell trug, und welche be⸗ ſtimmt war, die ſchönſte Laſt dieſes Jagdzuges, Helena, die Tochter des Grafen Arpad bis zu jener Stelle des ¹) Darauf los. 154 Hochgebirges zu tragen, welche nur mehr für den Fuß des Menſchen gangbar erſchien. Imenganſchließenden, prachtvollen mit Goldſchnü⸗ ren überſäten grünen Jagdkleide, den kleinen Jagdhut mit dunklen Adlerfedern auf dem ſchönen Haupte, ſtand die Bergamazone, friſch und aufgeblüht wie eine junge Centifolie, im Kreiſe der Männer. Ihr großes, feuriges Auge blickte im Kreiſe herum, jetzt ſchien ſie den Gegen⸗ ſtand, den ſie ſuchte, gefunden zu haben, und ein heiterer Zug trat auf ihr ſchönes Antlitz. Aus dem Portale des Jagdhauſes trat nämlich groß und ſchön, wie ein junger Athlet, der eben auf die Arena tritt, Herrmann, der Neffe des Grafen, er über⸗ reichte dem alten Herrn ein blauläufiges Jagdgewehr. Er grüßte unter den Gäſten nach allen Seiten, ſchien aber ſeine ſchöne Couſine nicht zu bemerken. Die Augen der Jungfrau waren ihm gefolgt, jetzt trat ſie ihm näher; ein faſt bitterer Zug ſchwebte auf ihrer Lippe. S „Die brennende Jagdluſt der Männer ſcheint auf die Anſprüche der Dame, welche dieſen Zug zu begleiten die Ehre hat, ganz zu vergeſſen,“ liſpelte ſie;„mein Va⸗ ter wird mir daher erlauben, daß ich mir den Beſchützer auf dem immerhin nicht gefahrloſen Ritte in das Hoch⸗ 155 gebirge ſelbſt erwähle. Couſin Hermann wird wohl die Güte haben, den Cavalier ſeiner Couſine vorzuſtellen.“ Die ſchöne junge Dame legte bei dieſen Worten mit einer anmuthigen Bewegung ihre, am Schafte mit Elfenbein gezierte, feine Jagdflinte in die Hand des jun⸗ gen Mannes. Graf Herrmann trat aber einen Schritt zurück. „Meine ſchöne Couſine wird verzeihen,“ ſagte er, ſich gegen die ſchöne Dame artig verbeugend,„daß ich die Auszeichnung dieſes Ritterdienſtes nicht gehörig zu würdigen verſtehe; der Genuß der Hochjagd iſt für den Mann nur dann ein vollkommener, wenn er ſich ohne der beengenden Sorge um eine, für dieſe rauhe Beſchäf⸗ tigung nicht geſchaffene, Dame frei in den Lüften nach allen Richtungen bewegen kann. Dann wandte ſich der junge Graf zur Seite, wo Lonis, der Rheinländer mit ſeiner Jagdflinte ſtand. „Herr Graf Lenoir,“ ſagte er,„wird wohl die Güte haben, das Fräulein mit gewohnter Aufmerkſam⸗ keit zu begleiten, um mit ſeinem Jagdhorn das Signal zu geben, wenn irgend eine Gefahr für ſeine Herrin dro⸗ hen ſollte.“ Ein leichtes Lächeln umſpielte die Mundwinkel des jungen Grafen bei dieſer Rede; Helenens Antlitz überzog Todtenbläſſe; wie ein Marmorbild ſaß ſie auf 156 ihrem Saumthiere, ein langer, ſtolzer Blick ruhte auf den ſchönen Zügen Herrmanns; ihm flammte das Ange des Rheinländers entgegen, welcher feſten Schrittes nahe trat; wie durch Zufall lag jetzt der Handſchuh des Ma⸗ lers zu den Füßen des jungen Grafen;— der Rhein⸗ länder wollte ſprechen, aber er hatte nicht mehr Zeit; die ſchmetternden Klänge der Trompeten mahnten zum Auf⸗ bruche. Der ganze Zug ſetzte ſich in Bewegung und der Jagdzug ging dem Gebirge zu. Immer weiter aufwärts ging es, die etwa zweihun⸗ dert Klafter betragende Anhöhe vom grünen bis zum rothen See hinauf, wo das Aufſteigen minder beſchwer⸗ lich war. Schon in den Felſenfurchen, in welchen die Bergwäſſer des rothen See's herabfallen, mußten die Saumpferde zurückgelaſſen werden. Hier trennte ſich die Jagdgeſellſchaft in einzelne Parthien, die auf den klei⸗ neren und größeren herumliegenden Granitblöcken in verſchiedenen Richtungen emporſtiegen; da wo die zahl⸗ reichen Waſſerfälle das Weiterſteigen hinderten, mußten dieſe Felſen auf dem Krummholze umſtiegen werden, denn der Fuß des Bergwanderers ſteigt dort im wahren Sinne auf einem Walde empor; höchſtens drei Fuß hoch wuchert hier das Krummholz, aus deſſen horizon⸗ talen Aeſten wieder andere vertical hervorwachſen, ſo daß jedes Krummholz für ſich ein Geſträuch bildet. In 157 dieſem Krummholzwalde berühren die Füße des Berg⸗ ſteigers den Boden nicht, ſondern vorſichtig muß er ſich von einem Aſte zum andern ſchwingen und bei einem Fehltritte kann er leicht unter das ſcharfkantige Gerölle ſtürzen und ſich beſchädigen. Neben einem ſolchen Krummholzwalde, gegen wel⸗ chen ſich der Jagdzug des Grafen Arpad richtete, erho⸗ ben ſich furchtbare, kahle Granitkoloſſe in abenteuerlichen Geſtalten, über deren ſchroffe Seiten als glatte Felswände in die Hochthäler hinab die reinen Bäche in Cascaden über die herabgerollten Steinblöcke rauſchten. Keine Pflanze, kein Geſträuch ſchlug dort eine Wurzel; in wild unter einander gewürfelten Geſtalten lagen Klippen, Vorſprünge und Tiefen hier unter ein⸗ ander, dort und da überſchäumt vom Staubregen her⸗ abſtürzender Waſſerfälle; kleine Nothbrücken überragten die ſchauerlichen Thalſpalten und die majeſtätiſche Na⸗ tur ſchien ſich hier in den ſeltſamſten Geſtalten erſchöpfen zu wollen. Dort formte der graue Bergrücken die Geſtalt einer alten Burgruine, hier eines betenden Mönches, dort bildete die gewaltige Granitmaſſe einen eiſenbeſchirmten Nitter, hier wieder einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen. Die Maſſenhaftigkeit dieſer ſtellenweiſe ganz un⸗ zugänglichen Bergwelt hatte eine abſchreckende Majeſtät. Aber auch in dieſer ſtarren Urwelt ſchallt der Ruf des Verſolgers und der Wehſchrei der Verfolgten. Hoch ſteigt dort der Adler empor und ſchwimmt langſam und majeſtätiſch durch die blauen Lüfte über Felſen und Wälder; jetzt erblickt er aber die friedlich weidende Gemſe auf der Berghöhe; pfeilſchnell ſchießt er auf ſie herab, er packt ſie mit ſeinen ſcharfen Krallen am Genicke und reißt ihr mit ſeinem ſpitzen Schnabel die Pulsader auf; in Todesangſt bäumt ſich das arme Thier, thut einige vergebliche Sätze, und rollt ſterbend in die Bergſchlucht hinab, wo der hungernde Wolf die Beute dem über die Schlucht hinfahrenden Adler ab⸗ jagt.— Dort oben auf einer ſolchen Bergſpitze ohnweit dem Felskeſſel des grünen See's ſchwang ſich jetzt eine kühne Jägerin auf die äußerſte Kante des Felſens em⸗ por, während tief unten zu ihren Füßen der gewaltige Bergadler, den ihre Kugel eben aus den Lüften herab⸗ geholt hatte, in die purpurne Tiefe des Felsſchlundes niederſtürzte. Stolz und ſchön, wie eine olympgeborene Diana ſtand die kühne Jägerin, auf ihr vom Schuße noch rau⸗ chendes Rohr geſtützt, jetzt auf einem der höchſten Fel⸗ 159 ſenzacken des Gebirges und blickte lächelnd in die Kluft hinab, in welcher ſich mühſam ein junger Schütze empor wand, um gleich ihr die Spitze des Felſens zu erreichen. Graf Louis Lenoir war es, welcher jetzt an der Ba⸗ ſis der Spitze des kleinen Felskegels ſtand, auf welchem Helene in die Tiefe niederblickte. „In der That, mein Fräulein,“ rief er,„man muß ein Titane ſein, um Ihnen hinanſtürmend auf dieſe zackigen Felshöhen zu folgen.“ „Das iſt Ungarſitte!“ rief die ſchöne Bergjägerin ihm zu;„je höher und gefahrvoller die Bahn, deſto lockender. Wer nach Sonnenlicht ſtrebt muß wagen den Fels zu erſteigen, der Adler ſucht ſich am höchſten Gip⸗ fel den Horſt! ch dachte wahrlich nicht“, ſetzte ſie lächelnd hinzu,„daß Sie mir bis in dieſe Höhe folgen würden.“ „Wohin würde ich Ihnen nicht folgen Helena!“ rief der junge Mann;„oder ſoll ich Sie den Gefahren dieſer Bergwelt allein entgegen ſtürmen laſſen?—“ Die ſchöne Jägerin ſtieg jetzt vom Felſen nieder und ſtand nun auf dem mit ſchwachen Bergmooſe bedeck⸗ ten Platze neben dem jungen Maler. Louis erfaßte jetzt ihre Hand.„Helena,“ ſagte er „auf dieſer einſamen Felſenhöhe belauſchen uns keine Zeugen, hier in dieſer reinen Bergluft muß es rein und klar werden zwiſchen uns.— Helena! ſeit den wenigen 160 Wochen als ich, der Fremdling, am gaſtlichen Heerde Ihres Vaters, weile, ſchien mir aus Ihren ſchönen Au⸗ gen ein Himmel entgegen zu lächeln, den ich, ſo ſchnell ich ihn fand, nun eben ſo ſchnell wieder zu verlieren fürchte, denn ſeit einigen Tagen hat ſich Ihr Benehmen gegen mich geändert; früher ſuchten Sie— jetzt fliehen Sie mich, früher ließen Sie mich hoffen, jetzt laſſen Sie mich verzweifeln.“ Das ſchöne Haupt zur Erde geſenkt, horchte die Jungfrau den Worten des jungen Mannes.— Zetzt ſchweifte ihr Blick über die zu ihren Füßen liegenden Zinken der zahlloſen Berge. Ihr Herz pochte hörbar, auf ihr ſchönes Antlitz trat ein Zug der Trauer.— „Mein Vaterland, o mein großes ſchönes Vaterland,“ rief ſie. „O ich verſtehe Sie Helena,“ fiel der junge Mann ein,„Sie fanden den Fremdling des Blickes aus Ih⸗ ren ſchönen Augen würdig; aber jetzt da er im Strahle des Sonnenblickes wandelt, tritt ein Nebelſchleier zwi⸗ ſchen ihn und ſeine Sonne, bie edle Ungartochter er⸗ innert ſich ihrer Abſtammung und erkennt in mir den Fremdländer. Helena! iſt denn die Welt nicht groß und ſchön und können denn die engen Grenzen eines Landes unſere Liebe trennen? ſchweift ſie nicht vielmehr über Berge und Meere über Ströme und Fluren, weit, weit 161 hinaus bis an die letzten Marken der Schöpfung?— Helena! das Weib wird Vater und Mutter verlaſſen und dem Manne ihrer Wahl folgen!“— Louis Lenoir hielt hier inne, ſein lauernder ſcharfer Blick haftete an dem Auge der Jungfrau, welche ſchweigend vor ihm ſtand. „Sie ſchweigen?“ fuhr der junge Mann fort, „wie? kennt das Herz der Jungfrau etwas Höheres als den Gegenſtand ihrer erſten Liebe?2“ „Das Vaterland!“ ſchallte hier eine tiefe Stim⸗ me hinter dem Rücken des Sprechers, und aus dem Ge⸗ klüfte der Felſen tauchte, wie der ewige Wanderer Ahas⸗ verus aus den Grüften des Carmels, die hohe ehrwürdige Geſtalt eines Greiſes mit eisgrauen langen Haupthaa⸗ ren und ein paar dunklen feurigen Augen; ſeinen langen hageren Leib deckte das braune Pilgergewand eines Monches, ſeine Rechte hielt einen Stab, ſeine Linke das Buch der Bücher, die Bibel. Der„feurige Gabriel“ war's, der Hauscaplan des Grafen Arpad und Lehrer Helenens, welcher jetzt mit erhobenem Arme, wie ein warnender Prophet auf den Trümmern der heiligen Stadt, vor Louis Lenoir und Helenen ſtand, die ihn mit verſchiedenen Gefühlen an⸗ blickten. „Es droht ein Hochgewitter auf dieſen Höhen,“ ſagte der Greis mit einem bedeutungsvollem Blicke auf Proſchko. Der ſchw arze Mann. I. 11 162 den jungen Mann—„die Atmosphäre verdunkelt ſich und es iſt nicht rathſam länger auf dieſer Stelle zu ver⸗ bleiben.. Schweigend und wie von einem zauberhaften Blicke des alten Mönches gebannt folgten ihm Louis und He⸗ lena. Jetzt ſtanden ſie tiefer unter dem ſchützenden Vor⸗ ſprunge eines Felſens; zu ihren Füßen wälzten ſich graugelbe, rieſige Wolkenkugeln, aus denen feiner Regen auf die untern Regionen des Berglandes niederfiel, wäh⸗ rend hoch oben über ihren Häuptern der reinſte Azur des Himmels mit dem goldenen Sonnenauge glänzte, deſſen Strahlen die wunderbare ſiebenfarbige Brücke des Regenbogens auf das Wolkenmeer zu den Füßen der drei Bergwanderer bauten. „Ol ſchönes erhabenes Bild meines Vaterlandes!“ rief der Greis begeiſtert, indem er ſeine Arme weit aus⸗ ſtreckte,„dieſer Sonnenglanz hoch oben über dem Erden⸗ gewühle,— gleicht er doch ganz dem Sonnenbilde der reinen Voterlandsliebe. Auch ſie hebt das Herz hoch empor über das wolkenſchwere und ſturmbewegte Trei⸗ ben der Erdenwelt, ſie baut den ſiebenfarbigen Bogen des Friedens und ſtrahlt in ewiger Klarheit und Rein⸗ heit, ob auch der Sturm der Erde unter den Füßen des von ihr beſeelten Mannes dahin rauſcht.— So du mein großes, ſchönes, ſtolzes Ungarn! im Strome der Zeit iſt 163 mancher Sturm an deinen Marken vorübergerauſcht, aber immer ſchwebte eine ſtrahlende Sonne über dieſen Fluren, hoch über den zeitweilig auftauchenden Wetter⸗ wolken, die unter ihr verſchwammen und zerrannen, ob ſie auch in ihrem dunklen Schoße noch ſo viele Blitze bargen— war die Sonne der Vaterlandsliebe und der Ehre!“ Das Auge des Malers war dem begeiſterten Blicke des Mönches gefolgt. Jetzt ſtarrte er nach der Oſtſeite des Felſens:„welch' ein herrliches Naturſpiel,“ rief er,„die beiden leuchtenden Bergſpitzen! wie die Sonnen⸗ ſtrahlen ihre Gipfel verſilbern, und zwiſchen ihnen der dunkle Rieſenfels mit ſeiner ſchwarzen Schlucht!“ „Das iſt der Tököly und der Teleky und der Rieſenberg in ihrer Mitte iſt der ſchwarze Mann—“ bemerkte der Mönch;„dort drüben aber der ſchlanke Bergkegel, deſſen Kante beinahe die Umriſſe eines Men⸗ ſchenantlitzes zeigt, heißt die ſchöne Helena, jener kleine dunkle Felskegel, der die Form eines kleinen Thurmes mit einer Glocke hat, die nennen wir die Rauchfangkeh⸗ rerkapelle.“— „Dieſe Namen ſind wohl bezeichnend,“ fragte der aler. „Wir Alt⸗Ungarn,“ verſetzte der Greis,„knüpfen gern die großen Errinnerungen unſerer Geſchichte an L 164 die großen Wunderwerke der Natur unſeres herrli⸗ chen Vaterlandes, und ſo nennen die Leute im Jagd⸗ ſchloße des Grafen jene beiden Berge, welche dort drü⸗ ben ſich einander entgegenneigen den Tököly und Teleky und den ſchwarzen Felskegel der ſie trennen will, den ſchwarzen Mann.—“ „Und welche Geſchichtserinnerung Ihres Vater⸗ landes knüpft ſich an dieſen Berg?“— fragte der Maler. „Sie ſollen ſie vernehmen,“ entgegnete der Mönch ſich neben Helena auf den Moosſitz des Felſens ſetzend, welchen eine Menſchenhand unter das Felſendach ge⸗ pflanzt hatte.„Bezeg! wir müſſen ohnehin das Vorüber⸗ rauſchen des Streifregens und das Zerfließen der Wolke zu unſeren Füßen abwarten, ehe wir ohne Gefahr den Berg hinab ſteigen können. Der Maler lehnte ſich an die Felſenwand und lauſchte den Worten des feurigen Gabriel, welcher alſo begann: „Da, wo jetzt die ſchöne Chriſtinen⸗Stadt an die Feſtung Ofen angebaut iſt, ſtund vor zweihundert Jah⸗ ren eine hohe blätterreiche Eiche, deren ausgehöhlter Stamm wohl mehr als fünfhundert Jahre in der unga⸗ riſchen Erde feſtgewurzelt haben mochte, und deren dicht⸗ belaubtes Geäſte, ſich im weiten Umkreiſe ausſtreckend, 165 gleichſam ein rieſenhaftes grünes Dach bildete, unter deſſen weitem Schatten wohl eine tüchtige Reiterſchaar campiren konnte. „So war's auch, die erwähnte hohe Eiche ſtand nämlich an einem Platze unter dem Feſtungsberge, wel⸗ cher weder von den Kanonen der Feſte, noch von dem Auge der Wächter auf den Zinnen gut beſtrichen wer⸗ den konnte; ſie war daher beſonders bei einbrechender Dämmerung der Herbſt⸗ und Winterabende ein vorzugs⸗ weiſe geeigneter Punet für die Zuſammenkünfte jener Perſonen, welche bei ihren Geſchäften das Licht ſcheuten. Das waren nun zuweilen Diebe und niedriges Geſindel weit mehr aber jene Partheigänger, welche in den argen Tagen der Türkenherrſchaft in Ungarn und des zeitwei⸗ ligen Magnaten⸗Uebermuthes, für oder wider dieſe oder jene Fahne warben, ſprachen, ſpähten oder handelten. „Da war's auch im tiefen Spätherbſte des Jahres 1674 in den Trauertagen Ungarns, als der Osmane die Wälle Ofens beſetzt hielt und der dreifache Roß⸗ ſchweif auf den Zinnen der alten Buda flatterte, daß ein Mann in einen grauen Mantel gehüllt unter dieſer Eiche ſchlief. Er trug einen breiten Hut nach Art der Pilger und ſeine Hände ſchienen unter den Falten des Mantels einen Gegenſtand zu verbergen, während ſeine Augen umherflogen um einen andern zu erſpähen.“ 166 „Vigyaz!)6 erſcholl es jetzt in ſeiner Nähe. „Der Mann hob ſeine Augen empor und lauſchte. „Gabriel,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme. Da tauchte aus der Höhlung der Eiche ein dunkles Haupt empor.„Francia!“ ſchallte es und der Graue trat näher. „Gabriel!“ rief er nochmal mit gleich gedämpſfter Stimme. „Jetzt ſprang ein gleichfalls in einen weiten nach Art eines türkiſchen Kaftans geſtalteten Mantel verhüll⸗ ter Mann aus der Höhlung der Eiche. „So biſt du es!“ rief er auf den erſten zueilend, und ihn in die Arme ſchließend—„und mit dem Schatze?“ „Bin's— und mit dem Schatze;“ entgegnete die⸗ ſer—„wie ich zu kommen, dir in meinem Briefe ver⸗ ſprach,— und wie ſteht es hier?“ „Troſtlos,“ entgegnete der Andere;„vor ſechs Jah⸗ ren, als du in dein Vaterland„Wälſchland“ zurückkehr⸗ teſt, hatte des Kaiſers eiſerner Fuß die Schlange zertre⸗ ten, welche ſich in Geſtalt der Empörung des Grafen Peter Zriny, Tattenbach und Frangepan gegen die recht⸗ mäßige Regierung erhoben hatte; jetzt ziſcht die Schlange von Neuem empor, denn viele der Flüchtigen aus dieſer Empörung ſuchten bei dem Großtürken ihre Zuflucht; ¹) Acht. 167 neue vergiftete Pfeile liegen zum Abfluge gegen die Krone Leopolds auf dem Bogen bereit; der Franke und der Pole ſchüren von Außen und der Osmane ſitzt auf den Wällen unſerer Buda.—“ „Und im Lande?“ fragte der Erſtere. „Im Lande iſt der Ruf:„der Deutſche kommt!“ zum wahren Schreckensrufe geworden,“ fuhr der andere traurig das Haupt ſenkend, fort„die deutſchen Soldaten benehmen ſich gegen den Willen des Kaiſers übermüthig, was ihnen gefällt nehmen ſie; die Pferde des Landman⸗ nes werden von ihnen aus den Ställen geriſſen, der Fuhrmann muß unentgelblich tagelang fahren; dieſelbe Steuer wird drei, bis viermal eingehoben, der Ueber⸗ fluß des Landes wird von ihnen vergeudet, Mißhand⸗ lung und Tod werden Jedem, der ſich wiederſetzt; die Feldoberſten ſelbſt ſitzen zu Gericht, und ſind Angeklagte, Kläger und Richter in einer Perſon.“ „Und der Kaiſer?— fragte der Erſtere. „Mahnt vergebens,“ entgegnete der Andere;„ſein Wort wird nicht gehört, und ſolange er nicht einen Feld⸗ oberſten ſendet, der mit kraftvollem Machtſpruche und eiſerner Hand die Soldateska zur ſtrengen Disziplin zurückführt, werden die Feinde der Krone leichtes Spiel haben und der innere und äußere Feind des Landes 168 nicht ſobald zu Boden liegen, wenn Gott der Allmäch⸗ tige nicht ein beſonderes Wunder wirkt.“ „Und das wird er!“ rief der Erſtere,„er wird es auf die Fürbitte derer, deren Bild ich von den Küſten des fremden Meeres bis unter das Blätterdach dieſer Eiche getragen habe.“— Bei dieſen Worten zog der Sprecher ein mäßig großes Bild der heiligen Jungfrau mit dem Kinde unter ſeinem Mantel hervor. „Es iſt das Bild der heiligen Jungfrau,“ ſagte er leiſe,„welches ich endlich unter großen Gefahren auf meiner Pilgerfahrt aus Wälſchland bis an dieſe Stelle gebracht habe, auf daß es in dieſem Verſtecke aufbe⸗ wahrt werde, bis die Sage erfüllt iſt: daß es auf den Zinnen der Burg Buda leuchten und mit ſeinen Strah⸗ len die Osmanen aus dem Lande ſcheuchen werde.“ „Ja, ſo lautet die Sage,“ entgegnete der Andere; „das Bild der heiligen Jungfrau von Siena, welches König Stefan der Heilige dem Papſt Sylveſter nach Rom geſandt hatte, wird wiederkehren, wenn die Stunde kommen wird, da die Osmanen aus dem Lande weichen werden;— nun die im Kloſter zu Ravenna weilenden Magyaren, haben mich mit ihren Beiträgen in den Stand geſetzt, den Schatz vollends zu erwerben.“ ¹) Auf der Straße nach Rom ſtand zu Ravenna ein Kloſter durch des heiligen Königs Stefan Freigebigkeit. 169 „Die beiden Männer,“ fuhr der Erzähler fort „welche dieſes Zweigeſpräch führten, waren aber Meiſter Gabriel ein Franziskanermönch der damaligen Zeit, und Johannes Francia oder Franzia ein Pilger aus Siena gebürtig; ¹) beide hatten den geiſtigen und leiblichen Kampf gegen die ungläubigen Türken als den Haupt⸗ zweck ihres Lebens feſtgeſetzt.— Da ging die alte Sage: daß der Türke an jenem Tage aus Buda⸗Peſth weichen werde, an welchem das uralte Muttergottesbild, welches König Stefan dem obenerwähnten Kloſter zu Ravenna geſchenkt, welches Papſt Sylveſter geweiht hatte und welches ſpäter nach Siena übertragen worden war, wie⸗ der nach Ofen gebracht und auf den höchſten Zinnen des alten Schloßes Buda⸗Peſth aufgeſteckt werden würde. „Und ſiehe, die frommen Männer hatten gethan, was in ihren Kräften ſtand; Franzia, der Pilger, hatte mit Hilfe der Magyaren in Ravenna das Bild zurück⸗ gekauft und hielt es jetzt, dasſelbe unter ſeinem Mantel hervorziehend, dem Meiſter Gabriel entgegen. „Die beiden Männer beſchloſſen das wundervolle Bild vorläufig in der erwähnten hohlen Eiche zu verber⸗ gen, bis ſie es ohne Gefahr abholen und in die Feſte Buda heimlich einbringen konnten, denn ſie nahmen ſich ) Hiſtoriſche Perſonen; ſiehe Geſchichte der Magyaren von Graf Mailath 5. Band, S. 44 und 6. Band, S. 21. 170 vor, die ungeheuer gefahrvolle That zu vollbringen und das Wunderbild auf irgend eine Weiſe auf die freilich von den türkiſchen Janitſcharen ſtreng bewachte Warte des höchſten Thurmes der Feſte Buda zu tragen, indem ſie den feſten Glauben hatten, daß, ſobald das Wunder⸗ bild dort oben aufgerichtet ſein würde, ein paniſcher Schrecken die ſämmtlichen Türken in Buda Peſth erfaſ⸗ ſen und alle zur wilden Flucht treiben würde. „Aber jetzt, in dem Augenblicke, als Franzia dem Meiſter Gabriel das ſchöne Marienbild vorwies, rauſchte es hinter der hohen Eiche, leiſes Sporngeklirr war ver⸗ nehmbar und die beiden Männer hatten eben nur noch Zeit, ſammt ihrem Bilde in die weite für drei Perſonen genug geräumige Oeffnung der rieſigen Eiche zu ſchlü⸗ pfen. „Drei dunkle Geſtalten nahten ſich jetzt dem Schat⸗ ten der hohen Eiche. Drei baumlange Muhamedaner waren es, in ihren Kaftans mit den breiten mit Dia⸗ manten beſetzten Turbans und den ſchwervergoldeten ge⸗ ſchweiften Säbeln an ihrer Seite. Der Mönch Gabriel erkannte ſie durch die Spalte in der Rinde des Baumes gar wohl, es war Csonkabey, ein Janitſcharen⸗Aga der Türken, Hanſa Beg, ein zweiter Anführer der Osmanen, welcher auf der rechtſeitigen Baſtion der Feſte komman⸗ dirte, und Abdorahman felbſt, der Paſcha von Ofen, ein 171 Renegat, der einſt in Badiſchen Dienſten geſtanden war. „Ihnen entgegen kam von der Landſeite her ein ſchöner junger Ungar, mit einer breiten offenen Stirn, ausdrucksvollen Geſichtszügen, feurigem Auge, und in allen ſeinen Bewegungen Kraft und Entſchloſſenheit zei⸗ gend. Er trug einen dunklen Reitermantel, hinter wel⸗ chem der Dollmann mit der ſchwer vergoldeten Schnur und der geſchweifte Ungarſäbel hervorblitzte; ſein Geſicht trug aber die Bläſſe des Todes und war von einem dich⸗ ten ungariſchen Vollbarte beſchattet. „Dieſer junge Mann war Emerich Tököly, ein Vollblut⸗Ungar, hochverehrt von ſeinen Zeitgenoſſen, in allen Waffengattungen erprobt, gelaſſen und kühn und wie der Geſchichtsſchreiber ſich ausdrückt, je nachdem es die Umſtände geboten, groß und ſchön, voll Geiſt, Ge⸗ wandtheit und Kenntniſſe; er ſprach griechiſch, latein, deutſch und türkiſch mit gleicher Geläufigkeit. Er war von Jugend auf am kaiſerlichen Hofe erzogen, als fünf⸗ zehnjähriger Jüngling mit ſeinem Vater Stefan Tököly nach der Zrinyi⸗Rakocziſchen Verſchwörung im Schloße Likava belagert worden und nach dem Tode ſeines Va⸗ ters mitten durch die Belagerer in Weiberkleidern ent⸗ flohen. „Jetzt aber ſtand er— als Haupt einer Empörung 172 gegen den Kaiſer— mit ſeinem Adjutanten Petnehazy unter der erwähnten Eiche mit dem Feinde des Reiches gemeinſchaftliche Sache machend. „Ihm zur Seite ſtand ein anderer der Verſchwor⸗ nen. Michael Teleky, ein vornehmer Siebenbürger, in deſſen Land ſich viele der Betheiligten an der Zrinyi⸗Ra⸗ kocziſchen Empörung geflüchtet hatten. „Die Strenge, welche der Kaiſer im Lande übte und die ſich namentlich gegen die Evangeliſchen äußerte, hatte viele Große Ungarns erbittert, aber der rothe Faden, der ſich durch dieſe beginnenden Wirren zog, war aber⸗ mals im fremden Lande angeknüpft, ihn hielt die Hand des alten ſich heuchleriſch den Freund der ungariſchen Na⸗ tion nennenden Erb⸗Feindes Ungarns: des ſchwarzen Mannes.“. Der Erzähler machte hier eine lange Pauſe, dann fuhr er fort: „Der„ſchwarze Mann,“ der in die Geſchichte Ungarns ſeit alten Zeiten ſtörend eingriff und ſeit der Schlacht am Lechfelde, in jeder großen Epoche der un⸗ gariſchen Geſchichte wie das Nachtgeſpenſt des nimmer⸗ ſterbenden Ahasverus, wie ein böſer Genius der Nation auftauchte, ſtund diesmal in der Perſon eines„S chorn⸗ ſteinfegers“ bei den fünf Männern vor der Eiche; es war ein in die Maske eines Schornſteinfegers verkapp⸗ 173 ter Sendling Frankreich's: Bethune, der franzö⸗ ſiſche Geſandte am polniſchen Hofe, der eben auf der Rückreiſe dahin begriffen war und dieſe Maske gewählt hatte, um von Niemandem, als den vertrauteſten der Freunde Frankreichs in Ungarn, erkannt zu werden.“ Der Erzähler machte hier abermals eine große Pauſe und blickte Helena und dem jungen Rheinländer feſt in's Auge, als wollte er in ihren Geſichtszügen den Eindruck ſeiner Rede leſen.——— „Der Franke,“ fuhr er dann fort,„der König von Frankreich“ ſchürte abermals die Glut im Lande der Ungarn— ſein Geſandter Bethune war die Seele der Verbindungen der Mißvergnügten Ungarns.— Zwar trat die polniſche Regierung nicht ſelbſt feindſelig auf, aber ſie duldete es, daß die Polen ſpäter in zahl⸗ reichen Schaaren ſich den magyariſchen Unzufriedenen anſchloſſen, welche auf dieſe und auf die drohende Macht der Türken ihre Hoffnung ſetzten.— Die Sache war ſo weit gekommen, daß Tököly bereits Münzen zu Ehren ſeines Beſchützers des Königs von Frankreich hatte ſchla⸗ gen laſſen.— „. Und als,“ fuhr der Erzähler fort,„nun die Männer vor der Eiche ihre Pläne verabredeten und beſprachen, wie dem Könige Ungarns von allen Seiten —— 174 Schach geboten werden ſollte, und als ſie die Hände zum Schwur„für den Sultan“ erhoben, und das Vaterkand mit dem Rufe„eljen Lajos! ¹)“ entehrten, da ſtürzte der Mönch, ſeiner nicht mehr mächtig, aus der Eiche her⸗ vor und ſchmetterte, wie Moſes, als er vom Berge Sinai herabſtieg und ſein Volk um das goldene Kalb tanzen ſah, das Marienbild Franzia's auf die Erde nieder, daß es in zwei Stücke zerſprang, und warf, wahrhaft ein feuriger Gabriel, dem Teleky und Tököly ihre Treu⸗ loſigkeit vor. „Da trat ihm Tököly wüthend entgegen und riß ſeinen Säbel aus der Scheide.—„Was erfrechſt Du, Mönchlein,“ rief er,„ was erfrechſt Du Dich, gegen ei⸗ nen Mann aufzutreten, deſſen Nacken bald der fürſtliche Hermelin des unumſchränken Herrſchers von Sieben⸗ bürgen zieren wird?!“ „Und die Kette!“ fiel der Mönch ruhig ein. „Die Kette, Lügenprophet!“ ſchrie der Renegat Ab⸗ dorahman. „Und die Kugel!“ fiel der Mönch ebenſo ruhig ein.— „Und das duldet Ihr von derziſchenden Schlange?“ rief Hanſa Beg, der Aga, gleichfalls ſein Eiſen ſchwin⸗ gend.— ) Es lebe Lndwig!(König von Frankreich). 175 „Du wirſt ſelbſt die Schlange ſein, welche ihr eige⸗ nes Gift genießen wird,“ entgegnete der Mönch ruhig. „Jetzt ſchwebte das Eiſen Csonka Bey's über dem Haupte des Propheten.„Nieder mit dem Mönche!“ rief er,„und ſchlendert ſein Haupt gegen Weſten, zum Hohne des Kreuzes und des chriſtlichen Königs Leopoldus!“ „Der Mönch erhob ſich aber jetzt in ſeiner ganzen Manneslänge und fing ruhig das Eiſen mit der Hand auf, zerbrach es wie eine dünne Nadel und ſprach:„Sohn Muhamed's! Ehe der Mond dreimal neu wird, wirſt Du das Kreuz, das Du eben höhnſt, ſelbſt tragen und den Namen Leopolds, meines Königs, den Du ſoeben höhneſt, wirſt Du ſelbſt zu Ehren bringen, wie Du ihn jetzt geſchmäht haſt.“ „Bei dieſen Worten war der Mönch, wie ein hei⸗ liger Prophet der Vorwelt im Dunkel der Nacht ver⸗ ſchwunden; ſein Freund der Pilgrim Franzia war ihm gefolgt und wie von einer unſichtbaren Hand gelähmt, ſtanden die Verſchwornen im Bereiche der himmelhohen Eiche, der Blätter gar unheimlich in deren Lüften liſpel⸗ ten, als wollten ſie dem Himmel oben die That erzählen, mit welcher eben das Vaterland an die Fremdlinge ver⸗ rathen wurde.“. Der Erzähler blickte jetzt über die im Abendſtrahle gerötheten Felſen hinaus. 176 „Der Tagesſtern ſenkt ſich bereits bedeutend gegen Weſten hinab,“ ſagte er,„ich muß mit meiner Erzählung eilen. „Dem kaiſerlichen Feldherrn,“ fuhr er mit einem bedeutungsvollen Blicke auf Helena, fort,„war es ge⸗ lungen, einen Woffenſtillſtand zu ſchließen; da war es wie einſt zur Zeit der Augsburger-Magyarenſchlacht, am Lechfelde wieder eine Helena, welche der Herr ſich auserſehen zu haben ſchien, um dem Wettermacher an der Seine zum Trotze den Frieden im Lande der Ungarn herzuſtellen——“ „Jener Tököly, der gefeierte Held, hatte Hel ena die wunderherrliche Tochter aus dem Hauſe der Zrinyi und Schwiegertochter des Fürſten Rakoczy von Sieben⸗ bürgen geſehen— und geliebt, mit magyariſcher Glut geliebt. Die Fürſtin meldete dem Könige nach Wien die Verbindung Tököly's mit Helenen ſei das einzige Mittel, den Erſteren von der Empörung abzuziehen— Helena werde die„weiße Frau“ ſein, welche den„ſchwarzen Mann“ Ungarns bannen werde.“ „Zuerſt wollte der Kaiſer⸗König dieſe Verbindung nicht zugeben, dann aber ordnete er den Biſchof von Siebenbürgen und Probſt von Lelesz, Andreas Sebes⸗ teny nach Kapuvar bei Eperies ab, wo Tököly wie ein König prachtvoll und mächtig im Kreiſe ſeiner ſelbſt ge⸗ 177 ſchaffenen Macht thronte, und wo ſogar der Geſandte des Großkürken ihm den Hof machte.. „Tököly war damals bereits an die ſchöne, junge Witwe Niklas Apafy's, einer Tochter des mächtigen Sie⸗ benbürger Teleky's verſprochen und ſandte nun dieſer ſeinen Ring zurück;— das gab nun bittere Feindſchaft zwiſchen Tököly und Teleky; aber ſie ſöhnten ſich aus, und der kluüge und geiſtreich gebildete und freundliche Saponara, den der König zuletzt an Tököly ſandte, ſchien endlich den Frieden zwiſchen den Empörern und dem Kö⸗ nige zu bewerkſtelligen, indem er zu Tököly alſo ſprach: „Der Kaiſer, unſer König, verlobt Dir Helene, wenn Du Dein Heer entlaſſeſt, dem Landtage gehorchſt und die Türken dahin bringſt, den Woffenſtillſtand wieder zu erneuern; Du ſiehſt alſo, welchen Werth der Kaiſer auf Dich legt; in dieſer wichtigen Angelegenheit will er vorzugsweiſe Dich verwenden.“ „Da ward Tököly tief gerührt, bekannte, daß er ſchwer gefehlt habe und verſprach Alles. „Und die ſchöne Helena ward ſein Weib.“— Der Erzähler blickte jetzt lächelnd auf das Fräu⸗ lein an ſeiner Seite.„Sie ſehen,“ ſagte er,„daß die Liebe die beſte Friedensſtifterin iſt,— aber,“ fuhr er mit ernſter Miene fort,„hatte auch die weiße Frau den Dehlzweig über die Fluren Ungarns getragen, der ſchwarze Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 2 178 Mann jagte ihr ihn wieder ab.— Tököly meinte es auf⸗ richtig. Der Franke, in deſſen Pläne dieſe Verſöhnung keineswegs paßte, hetzte aber, und die aufgeſtachelten Kriegskapitäne Tököly's lagen dieſem in den Ohren: er möge die Waffen nicht niederlegen, bis nicht das ganze Land ſein Eigenthum ſei; der Deutſche halte nicht Wort und würde Tököly die Waffen niederlegen ſo würde man ihn und ſeine Krieger, wie Schafe zur Schlachtbank führen.“— „Und der deutſche Kaiſer wurde verkürzt. „So kam's, daß Tököly ſich wieder mit den Tür⸗ ken verbündete, welch ihm goldene Berge verſprachen. „Aber wie hielten ſie ihm Wort?! „Der Groß⸗Vezir Cara Muſtafa erſchien mit ei⸗ nem ungeheuren Heere in Ungarn und vor Wien. Wie er dort geſchlagen wurde, iſt bekannt; bekannt ſind die weiteren Niederlagen der Türken in Ungarn. Tököly von den Kaiſerlichen ſchwer bedrängt, flüchtete nach Großwar⸗ dein— aber ſiehe, dort ließ der Paſcha die Thore hin⸗ ter ihm ſchließen, nahm ihn gefangen, ließ ihn mit Ketten beladen, und von hundert Janitſcharen nach Konſtantinopel führen... „Und ſo ward erfüllt, was der Mönch Gabriel ihm vor der Eiche bei Ofen prophezeit hatte.“.. 179 Der Erzähler ſchwieg wieder eine Weile und blickte düſter vor ſich nieder.„Derlei Warnungsbilder für Lan⸗ desverräther enthält unſere große Geſchichte gar man⸗ che,“ ſagte er, dann erhob er ſein leuchtendes Auge ge⸗ gen Himmel.„Aber Gott ſei Dank 1“ rief er begeiſtert, „auch herrliche Bilder der edelſten Treue und Vaterlands⸗ liebe enthält ſie!“ So fanden die kaiſerlichen Truppen zu Ungvar, welches ſich nach Tököly's Fall, wie viele andere Feſtungen Ungarns ergeben hatte, den edlen Com⸗ mandanten von Fülek Stefan Kohary im Kerker, an ihm hatten die Empörer nach Fülek's Eroberung alles ver⸗ ſucht, um ihn an ſeiner dem Kaiſer gelobten Treue wan⸗ kend zu machen, aber weder Verſprechungen noch Qua⸗ len beugten dieſen Felſenmann und echten Magyaren, er blieb ſeinem Könige treu, und dieſer lohnte ihm ſeinen Muth mit königlicher Huld, durch Verleihung bedeuten⸗ der Beſitzungen.“ ¹) „Zwar ſahen die Türken,“ fuhr der Erzähler fort, „ihre Fehler ein, und derſelbe Paſcha, der den Tököly mit Ketten beladen hatte, empfing ihn in Großwardein wieder fürſtlich; aber Tököly's Kraft hatte der Undank gebrochen,— er fühlte, daß er als Verräther an ſeinem Vaterlande mit Verr ath von den Feinden des⸗ 0) Der männliche Zweig dieſes hochadeligen Geſchlechtes erloſch im Jahre 1826 mit dem Fürſten Stefan S 180 ſelben gelohnt worden ſei und war, wie der ungariſche Geſchichtsſchreiber ſagt, nie mehr im Stande, etwas Großes zu thun.... „Jetzt aber,“ erzählte Gabriel, der Mönch, mit be⸗ geiſterter Miene weiter,„jetzt will ich in Kürze das ſtrahlende Bild unſerer Geſchichte entrollen, wie das herrliche, alte Buda⸗Peſt, berannt von dem wüthenden Heere der Feinde feſtſtand im Sturme und treu hielt an dem Könige und wie zuletzt die Krone des heiligen Stefan mit neuem Glanze umgeben hinüberſtrahlte in das neue Jahrhundert! „Es war der letzte Kreuzzug, den die chriſtlichen Reichstruppen nun gegen die Osmanen in Ungarn un⸗ ternahmen, und rührend, wahrhaft erhebend iſt, was die Vaterlandsgeſchichte mit ehernem Griffel in ihre Tafel zeichnete, daß beinahe aus ganz Europa Freiwil⸗ lige zum kaiſerlichen Heere in Ungarn ſtießen, Spa⸗ nier, Engländer, Italiener, Deutſche, ja ſo⸗ gar, wer hätte es glauben ſollen, Franzoſen ſtröm⸗ ten unter die Fahnen des Königs von Ungarn zuſam⸗ men, um ſeinem Erbfeind entgegen zu gehen und rührend war es, wie z. B. unter andern 60 Bataillone meiſt Handwerker, welche ſich zu Barcellona das Wort gegeben hatten, den Kreuzzug gegen den Feind ihres Glaubens mitzumachen, zu Waſſer oder zu Lande nach vielen Be⸗ 181 ſchwerden mit ihrem Führer Franz Aſtorga in Wien eintrafen und dem Starhemberg'ſchen Regimente einge⸗ reiht, den großen Kampf für die Sache der Chriſtenheit mitkämpften. „Dieſer aber ward vor den Mauern des alten Buda⸗Peſt ausgekämpft. „Dort ſtand Abdorahman, der Renegat, auf den Zinnen der neu hergeſtellten, ja ſogar friſch geweißten Mauern mitten unter ſeinen fanatiſchen Streitern und den aufgehäuften Vorräthen von Lebensmitteln, Waſſer, Pulver und Kugeln. Angeſichts des Chriſtenheeres ver⸗ ſammelte er ſeine Streiter und eiferte ſie an, durch die Hinweiſung auf den irdiſchen Lohn ihrer Tapferkeit von Seite des Sultans, und die Freuden des Paradieſes Muhameds für die im Kampfe Fallenden, den Schatz⸗ meiſter bedrohte er öffentlich mit dem Pfahle, wenn er ſein Amt im Austheilen des Soldes nicht treu verwal⸗ ten würde. Selbſt die Weiber der Türken vertheilten Pfeile um mitzuhelfen bei der Vertheidigung der Stadt.— „So rückten die heißen Tage der Belagerung Bu⸗ da's durch die Chriſtenſchaaren heran. „In dichten Colonnen marſchirten die kaiſerlichen Regimenter, Gondola, Dünewald, Merch, Neuburg und Truchſeß mit 2000 Hanoveranern herbei; bis zum Adlerberge dehnten ſich die Heeresſäulen der chriſtlichen Streiter. „Am Wienerberge begann der Herzog von Loth⸗ ringen die Belagerung; am Gerhards⸗ oder Blocksberge ſtand der Churfürſt von Bayern mit ſeinen Geſchützen, am Johannesberge das chriſtliche Beobachtungs⸗Corps; auf der Margarethen⸗Inſel war das Feldſpital errich⸗ tet, dort ſtand ein Theil der leichten Reiterei, eine an⸗ dere auf der Inſel Cſepel, der größere unter Palffy an der Sarviz. „Am Feſte des heiligen Johann des Täufers, nach fünftägiger Belagerung fand der erſte Sturm ſtatt; bald war auf der Wienerſeite die untere Stadtmauer gewonnen; jetzt rückten in geſchloſſenen Maſſen die Brandenburger und die Schwaben ein und beſetzten den jetzt noch ſogenannten Schwabenberg und die Verbin⸗ dung aller Heerestheile der Belagerer, war geſichert. Jetzt ſpielten die Geſchütze, eine furchtbare Kanonade begann, hier war es, wo des berühmten brandenburgi⸗ ſchen Feldherrn, Drefflingen, Sohn Carl durch eine Kanonenkugel getödtet wurde. „Eine Mine der Türken erſchütterte ihre eigenen Mauern, jetzt ordnete Karl von Lothringen einen Sturm an; ein Guido von Starhemberg, ein Auerſperg, ein Biberſtein, ein Baron Ambach kämpften nuter ihm. 183 „Drei Kanonenſalven eröffneten den Sturm.— Der Renegat Abdorahman ſtand ſtolz und ſtark auf den Wällen— ſein Scharfblick hatte den gewaltigen Sturm vorausgeſehen— er hatte daher die Straße der Stür⸗ menden weich gemacht, das heißt mit Pulver gefüttert; als ſie mit hellem Trompetenklange und unter Sieges⸗ rufe aufwärts drängten, da flog die Mine auf; gleich⸗ zeitig ſchleuderten die Belagerten Pulverſäcke in die Flammen, mit wüthendem Geheule ſtürzten die Türken von der Breſche herab und die Metzelei begann.. „Jetzt ſchmetterten die Trompeten der Kaiſerlichen, — der Herzog von Lothringen rief die Freiwilligen zum Sturme— die erſten unter ihnen waren die Spanier, unter dieſen Herzog Vecha, der erſte auf der Mauer, von einer Kugel getroffen ſtürzte er nieder und endete ſpäter im Lager der Stürmenden ſein Heldenleben. „Nun ſtemmte ſich Maſſe gegen Maſſe— der Paſcha trieb Janitſcharen auf Janitſcharen in den Sturm; die Geſchütze der Belagerten ſtrichen von zwei Thür⸗ men die Flanken der Belagerer und der Sturm war ab⸗ geſchlagen. 1400 Leichen der Belagerer deckten den Bo⸗ den mit Trümmern und Blut... „So endete dieſer Sturm.— Dann aber ward die Feſtung durch fünfzehn Tage beſchoſſen...“ 184 Hier blickte der Erzähler mit leuchtendem Auge gegen Himmel. „Da war es mein Ahn, ein Bruder meines Ur⸗ großvaters, der bereits erwähnte Franziskaner, auch Gabriel genannt, wie ich, welcher, wie ich erzählte, mit dem Pilger Francia an der Eiche bei Buda⸗Peſt zuſam⸗ mengetroffen war und die prophetiſchen Worte zu Tö⸗ köly und deſſen Genoſſen geſprochen hatte.— Er ver⸗ ſtand damals, als das Geſchützweſen noch in der Kind⸗ heit lag die deutſchen und ungariſchen Mörſer ſo gut zu bedienen, daß ihn ſeine Landsleute nur den„feurigen Gabriel“ ¹) nannten; und nach ihm nenne auch ich mich ſo, weil das Feuer der Vaterlandsliebe und des heiligen Muthes für die gute Sache in meinen Adern brennt!... „Seine Kugeln entzündeten das Pulvermagazin der Osmanen, daß es aufflog und eine Stunde im Um⸗ kreiſe die Erde erbebte, die Donau aus ihren Ufern trat, die Strandhut ſich flüchten mußte, Steine aus den Lüften regneten, alles in eine einzige Rauchwolke ver⸗ hüllt war und die Feſtungsmauern in der Breite von ſechzig Schritten einſtürzten. „Da ließen die Belagerer den Paſcha zur Ueber⸗ gabe auffordern; aber er antwortete:„Der Knall eines ¹) Tüzes Gäbor. 185 auffliegenden Pulverthurmes ſchrecke ihn nicht, und ließ die Häupter der erſchlagenen Chriſten auf die Zweige eines hohen Baumes am Stambulthore knüpfen, den Be⸗ lagerern zur Schau. „Wieder ward geſtürmt; der Palatin Eſterhazy führte die Ungarn; die Baiern thaten ſich da hervor, der Markgraf von Baden und der edle Prinz Eugen von Savoyen waren dabei und nahmen die Vor⸗ werke; die Brandenburger und Kaiſerlichen kämpften am Wienerthore wie Löwen. Die erſte Fahne pflanzte ein Heiduke der Raaber⸗Beſatzung auf die Mauer. Einzelne Streiter der Belagerer drangen bis in das In⸗ nere von Buda und wurden dort niedergehauen, Zwei⸗ hundert Offiziere deckten mit ihren Leichen den Boden. „Wieder ward unterhandelt; aber der Paſcha wußte, daß ein türkiſches Entſetzungsheer nahe und ergab ſich nicht. Mit 80,000 Mann zog der Vezir des Sultans von Eſſeg herauf. Bald ſtanden ſich die Trupenmaſſen und jene der Belagerer im Angeſichte; aber es kam zu keiner eigentlichen großen Schlacht. Der Vezir ſandte zehntauſend Mann in den Rücken der Fronte der Bela⸗ gerer und ließ ſie dort durchbrechen; zweitauſend Janit⸗ ſcharen hatten geſchworen in die Feſtung zu dringen und fünfhundert drangen hinein. „Die Lage der Belagerten war aber traurig. Der 186 Paſcha ſchilderte ſie in einem Briefe an den Vezir, den ein türkiſcher Taucher überbringen ſollte, aber dieſer ward aufgefangen.— Noch einmal wollte Abdorahman zum Entſatzungsheer des Vezirs durchbrechen, aber auch dieſer Verſuch mißlang. Die ausfallenden Türken wur⸗ den bis auf einen Mann niedergemetzelt. „Nun ſollte das alte Buda im Angeſichte des Ve⸗ zirs mit Sturm genommen werden). „Noch einmal erging an den Paſcha die Auffor⸗ derung zur Uebergabe. Sie überbrachte der Offizier Olivier— in badiſchen Dienſten.— Abdorahman wollte ſich aber lieber unter den Trümmern Buda's begraben. Da begehrte Olivier eine geheime Unterredung und hier entdecte er dem Paſcha, daß er einſt deſſen Jugendfreund war 2). „Aber die Worte des Jugendfreundes und deſſen Verheißungen von Gütern und Ehrenſtellen konnten den Paſcha nicht wankend machen— er erwartete den neuen Sturm. „Am St. Zachariastage um 6 Uhr Abends ver⸗ ¹) Bei dieſem Sturme mußten ſich die Belagerungs⸗ ſoldaten auf deutlichen Befehl des Herzogs von Lothringen zum erſten Male des Bajonets bedienen.— ²) Auf dieſe ge⸗ ſchichtliche Thatſache gründet ſich Zſchokkes ſchöne Erzählung: „Der Paſcha von Buda.“ 187 kündeten ſechs Kanonenſchüße vom Schwabenberg den Angriff. Blinder Fanatismus jagte die Türken, Gottes⸗ vertrauen führte die Chriſten in das Feuer; der erſte auf den Mauern Ofens war, Petnehazy, früher Adju⸗ tant Tököly's, nun kaiſerlich geſinnt, die ihn ſtreiten ſa⸗ hen, riefen:„das iſt kein Menſch, das iſt ein Teufel.“ Die Türken übermannten ihn, riſſen ihn zu Boden und knüpften ihn an den Wällen auf, aber die Seinen ſtürm⸗ ten ihm nach, fanden ihn athmend und retteten ihn. „Auf dem Schloſſe, in den Gaſſen, in den Straßen vertheidigten ſich die Türken. Paſcha Abdorahman ſtritt, aus mehreren Wunden blutend; ſein Freund Olivier ſchlug ſich zu ihm durch, um ihn zu retten; aber er fand nur noch eine Leiche— eine Kugel traf auch ihn, beide Freunde lagen im Tode vereinigt neben einander. „Die Nacht ſank jetzt herab, und bedeckte mit ihrem Schleier die Gräuel der Plünderung, des Mordes, des Entſetzens! Am Morgen floh der Vezir ſchon weit, weit von Buda⸗Peſt, mit verhängten Zügeln; ihm nach ſan⸗ gen die Glocken der Hauptkirche Ofens den Choral zum herrlichen Te Peum, welches dem Herrn der Heer⸗ ſchaaren geſungen wurde von der von dem Türkenfeinde für immer befreiten Stadt. „So ward Buda befreit,“ fuhr der Erzähler fort, „und was dann geſchah, zeigt in gar Vielem von dem 188 leiſen Finger der Vorſehung, der aus dem unfruchtbaren Felſen Waſſer ſchlägt, und die Menſchenſchickſale auf den Punkt leitet, den oft kein Menſchenauge vor⸗ ausſieht. „Cſonkabey, der Janitſcharen Aga, nach Abdorah⸗ man der Erſte im türkiſchen Heere, ward gefangen und ließ ſich taufen, er nahm nach ſeinem Taufpathen, dem Kaiſer, den Namen Leopold an, ward in den Adel⸗ ſtand erhoben und befehligte ſpäter ein ungariſches Re⸗ giment am Rhein; und ſo ward an ihm erfüllt, was der Mönch ihm prophezeit hatte: er werde den Namen desjenigen tragen, den er ſchmähte und zu vernichten ſuchte. „Hanſa Beg, der einſt den edlen Ungar Peter Szapary gefangen vor einen Pflug geſpannt hatte, der durch Adam Bathyany's kühnen Streifzug wieder befreit worden war, ward nun als Gefangener der Chriſten von dem Herzoge Karl von Lothringen eben demſelben Sza⸗ pary zum Geſchenke gemacht— er fürchtete deſſen Rache, aber der edle Szapary ſprach zu ihm: Du haſt an mir viel Grauſamkeit geübt, nun biſt Du in meiner Gewalt, damit Du aber ſiehſt, daß der Chriſt beſſer iſt als ein Türke, ſchenke ich Dir die Freiheit; allein der Gefangene, Hanſa Beg hatte bereits Gift genommen— ihn er⸗ drückte die Größe des edlen Magyaren; er wand ſich —,—— ———————————— ————————— 189 weinend zu deſſen Füßen und ſtarb, nachdem er die Taufe empfangen hatte, er fand und erwarb alſo, wie ihm der Mönch Gabriel prophezeit hatte, das Kreuz, indem er es bekämpfen wollte! „Darauf ſandte der Kaiſer den ſtrengen Caraffa in's Land, das berüchtigte Blutgericht, genannt Fleiſchbank von Eperies, mit ſeinen dreißig grau gekl deten ſpaniſchen Dienern, züchtigte die Verräthe 6 Krone; der Kaiſer ſah aber zuletzt ein, daß Milde viel ſicherer ſiege als die Strenge— er hob es wieder auf. „Die Osmanen hielten noch eine Belagerung in Erlau aus, flohen aber dann für immer aus Ungarn. „Unendlich war die Freude darüber im ganzen Lande und als die Stände auf dem Landtage zu Preß⸗ burg tagten, da wählten ſie den erſtgebornen Sohn Joſef des Kaiſers nicht mehr zum Könige, fondern ſie erklärten voll Dankbarkeit und Liebe die Thronfolge Un⸗ garns unter den männlichen Nachkommendes Kaiſers für erblich, ſie vollzogen hierauf die Krönung des jungen Prinzen mit großer Feierlichkeit und änderten den alten Krönungseid dahin, daß zwar die goldene Bulle Andreas II. von dem Könige beſchworen werden müſſe, aber mit Ausſcheidung der Klauſel:„daß jeder Edelmann ſich dem Könige mit bewaffneter Hand 190 widerſetzen könne, wenn dieſer den Krönungseid nicht halte.“ „So endete,“ fuhr der Erzähler fort,„die Nacht der Gefahr und des Entſetzens, welche über dem Lande Ungarn hing mit dem Segenslichte des Friedens und Vertrauens; der ewige, geheime und offene Feind Oeſter⸗ reichs, der ſchwarze Mann ſah ſtatt des Unkrautes, er geſüet hatte, den herrlichſten Weizen des rtrauens für die angeſtammten Herrſcher auf⸗ ihen, und da, wo einſtmal der„ſchwarze Mann“ in der Perſon des fränkiſchen Geſandten am polniſchen Hofe, in der Verkleidung eines Rauchfangkehrers unter der Eiche bei Ofen erſchienen war, und der Mönch Ga⸗ briel die prophetiſchen Worte geſprochen hatte, ließ ſich Francia von Siena nieder, betrieb ſonderbarer Weiſe das Geſchäft eiues Rauchfangkehrers, und hier erhob ſich ſpäter die ſogenannte hiſtoriſch⸗merkwürdige„Rauchfang⸗ kehrerkapelle“ und erhebt ſich jetzt die herrliche Chriſti⸗ nenſtadt mit ihren Häuſern und Gärten. „Ofen war damals 145 Jahre unter der türki⸗ ſchen Herrſchaft. Der Ungar hatte erkannt, wie drückend die Fremdherrſchaft ſei—— nur deni angeſtammten Königshauſe Oeſterreich gehörte jetzt ſeine Treue; aber an den Schädeln der fremden Söldner, welche der „ſchwarze Mann“ vor die Wälle Buda's gelockt hatte, 191 zehrten noch lange die Raben, die Geier, die ſtolzen Adler. ¹) „Ungarn aber erhob ſich,“ ſchloß der feurige Gab⸗ riel ſeine Erzählung,„zur neuen Blüthe und wie der edle Magyar in ſeinem herrlichen Lande ſo gerne die Er— innerungen ſeiner großen Vaterlands⸗Geſchichte verſinn⸗ licht ſieht, ſo bezeichnen wir auch manchen Felskegel, manche Bergſpalte, manchen See und Hochforſt, mit dem Namen unſerer alten Helden oder ihrer Gegner und ſo kam es, daß wie die beiden ſcharfkantigen Felſen da drüben, welche mit ihren Gipfeln den Himmel zu er⸗ reichen ſcheinen und beide ſich, wie verſöhnend entgegen neigen, den Tököly und Teleky, zum Andenken an die beiden Streiter von denen ich eben erzählte;— den lan⸗ gen, kohlengrauen Felskegel aber, der ſich zwiſchen beide wie ein Rieſenkeil hineinzwängt und fremdartig im aſch⸗ grauen Granitgewande mit der Thurm⸗Formation oben, in rothblauen Lichte der untergehenden Sonne ſchim⸗ 0) In Ofen, fagte Graf Mailath, geht die Sage, daß jährlich um die Zeit der Wiedereroberung, im Auguſt und Sep⸗ tember, Adler und Geierſchaaren erſcheinen, in der Rückerin⸗ nerung an das Mahl, das ſie damals gehalten. Ich habe dieſe Sage von einem Weingartenhüther als Kind gehört, es war gerade Ende Anguſt und die Adlerſchaar ſah ich.— Ob und was an der Sache Wahres iſt, kann ich nicht beſtimmen. 192 mernd, ihre ſteilen Wände trennt: das iſt der ſchw arze Mann, der ſeit undenklichen Zeiten den Magyaren ge⸗ gen den Deutſchen hetzte und ihre natürliche Vereinigung zu hindern ſuchte; aber der ſchlanke Fels dort unten, die „ſchöne Helena“ benannt, ſchimmert in reinem hellem Lichte herüber und die alten Berge Hungariens und ihre ſchönen Thäler und breiten Puſten liegen noch wie zur Zeit eines Arpad und Zoltan, wie zur Zeit eines Tököly und Teleky und rufen es dem ſchwarzen Manne jenſeits der Alpen zu: mögen auch unter zahlloſen Pro⸗ theusgeſtalten ſeine Sendlinge in dieſen ernſten und ge⸗ witterſchwülen Tagen unſerer Gegenwart an unſern Grenzen und in unſern Marken auftauchen, er wird zu allen Zeiten im Lande der alten Treue und Ehrenhaftig⸗ keit den„feurigen Gabriel“ finden, der ihm, wie einſt der Mönch auf den Wällen Buda's aus wohlgeſtähltem Feuerrohre das alte„moriamur pro rege nostro!“ entgegen donnern wird....“ Der Mönch ſchloß hier ſeine Erzählung— ſchwei⸗ gend ſtand er da, wie ein heiliger gottbegeiſterter Pro⸗ phet, ſein feuriges Auge zum Himmel erhebend, nicht ſe⸗ hend die Todtenbläße auf dem zur Erde gerichteten Ant⸗ litze des jungen Rheinländers, aber ſchauend die Gluth im Auge der Ungartochter Helena, welches an ſeinen Lippen hing und betrachtend das Bild der untergehenden 193 Sonne des Hochgebirges, deſſen weißes Haupt ſich jetzt mit einem Strahlenkranze ſäumte, als wollte der ſchei⸗ dende Tagesſtern den begeiſterten Propheten mit ſeinem Himmels⸗Golde lohnen und das begeiſterte Wort des⸗ ſelben mit dem ſtrahlenden Siegel des Himmels be⸗ kräftigen.— Langſam und ſchweigend ſtiegen die Drei nun den Felſen hinab, begrüßt von den ſüßen Tönen der Abend⸗ glocke, welche ihnen vom fernen Jagdſchloße entgegen⸗ ſchallte, über deſſen Zinnen der gewaltige Felſenadler des Hochgebirges in majeſtätiſchem Fluge dahin rauſchte. Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 13 8. Der Wappenſaal des Magnaten. A' pércz alatt völgy terjed el Kicsiny had zajlik ott Melly ä kirälyi kegy miatt Vedõ fegyvert fogot. ¹) Andr. Pap. Graue Wolken des Hochgewitters umzogen die Gipfel der Karpathenfelſen und der Sturm orgelte wie⸗ der ſein großes Conzert in den Schluchten der gewaltigen Gebirgskette. Nacht begann zu werden draußen; aber im Innern des prächtigen kleinen Jagdſchloßes des Grafen ¹) Ein Thal liegt unter'm Berg, darin Ein kleines Lager— dort Sind Streiter, die verſammelt hat Des Königs rufend Wort. 195 Arpad am Karfunkelthurme herrſchte Licht und Leben, Freude und Begeiſterung. Dort ſtand die große Eichentafel für ſämmtliche Gäſte des Grafen zum Feſtmale bereit, welches Graf Arpad an dieſem Tage veranſtalten wollte, um nach be⸗ endigter Hochjagd die Geſundheit ſeines Königs auszu⸗ bringen. So unſcheinbar von Außen das kleine Jagdſchloß ſchien, ſo prachtvoll war es im Innern ausgeſtattet. Ein langer, mit weißem Marmor gepflaſteter Saal, der Wappenſaal des Grafen war an dieſem Tage der Speiſeſaal für die nun vollzählig verſammelten Gäſte. Seine Wände mit vergoldetem Hintergrunde enthielten eine lange Reihe von prachtvollen Gemälden, welche ſämmtlich Perſonen und Scenen aus der ungariſchen Vaterlands⸗ und der Familiengeſchichte des Grafen dar⸗ ſtellten und in ſchwer vergoldeten Rahmen neben einan⸗ der hingen. Die Ecke des Saales enthielt reich vergoldete Schnitzwerke, insbeſondere die großartige Seculptur ei⸗ nes Wappenſchildes, des ungariſchen Wappens mit dem Patriarchenkreuze, bedeckt von der ſtrahlenden Krone des heiligen Stefan. Die breiten Wände des Wappen⸗ und Speiſeſaales waren mit dem feinſten dunkelſten Serpentin bekleidet, zwölf hohe Oval⸗Bogenfenſter gewährten die Ausſicht 196 auf die Felſenwelt draußen; ſie waren oben mit hellgrü⸗ ner Seide bedeckt, auf welchen ſich der hundertfältig zit⸗ ternde Lichtſtrahl der Silberampeln brach, welche in den Fenſterniſchen hingen; ſchwere eichene Fenſterläden ver⸗ hüllten das Nachtbild, welches draußen über den Bergen lag; denn im Saale ſollte Freude und Leben herrſchen und Licht und Glanz an dieſem Abende. Ernſt und ſtumm blickten die lebensvollen Geſtal⸗ ten der altungariſchen Herzoge und Könige, von dem ei⸗ ſernen Arpad und Zoltan angefangen. Da funkelte im Wiederſcheine der großen Criſtallampe des Saales, de⸗ ren zierliches Arabeskengebäude die ungariſche Krone mit dem Patriarchenkreuz vorſtellte, das eiſenblaue Rüſtzeug des Takſony, der Streithelm Verbults', das goldene Horn Lelu's, der Streithammer des edlen Cor⸗ vinus und alles war in den lebhafteſten Farben ſo kräf⸗ tig und maſſenhaft wiedergegeben, als wollten die ehernen Krieger des alten Ungarn aus ihren Rahmen mit jedem Augenblicke hervorſteigen und an dem Feſte theilnehmen, das ihre Ur⸗ Urenkel an dieſer gewaltigen Eichentafel feierten; zwiſchen ihren Bildern hingen die Gemälde der ſchönſten Frauen mit den weichen Goldhaaren, den gro⸗ ßen feurigen Augen, den ſchwellenden Lippen, die ſich in jeder Secunde zu öffnen ſchienen, auf ihren reizenden Geſichtern lag dieſelbe Nationalähnlichkeit; da blickte 197 die kraftvolle Beatrix, Gem ahlin des großen Corvinus, da blickte die ſchöne Helena Rakoezy, da blickte die unheimliche Geſtalt der grauſamen Eliſabeth Bathori, welche auf ihrem Schloße Cſejthe ſo viele Leichen häufte, herab. Alles ſtrahlte und funkelte von der furchtbaren Körnigkeit der alten Ungarhelden des Lechfeldes ange⸗ fangen, bis zur Weichheit der Formen der tiefer hängen⸗ den Geſtalten des letzten Jahrhunderts. Den Schluß machte das lebensgroße Bild des eben regierenden Ungar⸗ königs Franz des Erſten, dem zu Ehren eigentlich das Feſt dieſes Abends gefeiert wurde und deſſen mit einem acht Zoll breiten Rahmen eingefaßtes Bild ein hellgrü⸗ ner Kranz des friſcheſten Eichenlaubes umrankte. An den Wänden des Salons zwiſchen den großen Bogenfenſtern von venetianiſchem Glaſe ſtanden kleine Marmortiſche mit fein ziſelirtem Silbergeſchirr und ſpiegelhellen Kriſtallgläſern, durch deren dünne Wände der Purpur der echt ungariſchen Traube von den Wein⸗ bergen bei Erlau hervorſchimmerte, nebſt großen Silber⸗ ſchüſſeln, mit den feinſten Früchten ungariſcher Garten⸗ cultur. Die Tafel ſelbſt einer langen ſpiegelhellen Schneefläche gleichend, enthielt zwiſchen reich vergolde⸗ ten Silbergeſchirren und feinen Glaspocalen Alles, was der Glanz und Reichthum eines Magnaten biethen konnte; denn echt ungariſche Sitte herrſchte im Großen 198 wie im Kleinſten im ganzen Haushalte des Grafen; im Kirchgange wie bei den Mahlzeiten, auf dem Ritte auf der Jagd ahmte er ſeine Vorfahren nach; ſo ſtanden außer den ſonſtigen Nationalgerichten auf der Feſttafel ünd den Nebentiſchen zum Deſſert bereit: eingeſottene Nüſſe, der griechiſche Malicatico, Wein, Vögel, Gebackenes, eingelegte Früchte und inländiſche Weine als die ſtehen⸗ den Beſtandtheile ſeiner Tafel, weil ſie einſt auch König Ladislaus der V. auf ſeiner Tafel zu ſehen gewohnt war.— Die Feſttafel glich einem kleinen Lager, in welchem ſich die echten Streiter des Königs gütlich thun wollten, ehe es zum Kampfe ging. Man ahnte in Ungarn eben das, was der Mann an der Seine im Sinne hatte— das baldige Wieder⸗ aufflammen der Kriegesfackel. Man erwartete, daß der König deshalb bald einen Reichstag nach Preßburg ausſchreiben würde, und ſo ſollte denn das Jagdſchloß beim Karfunkelthurme den Jagdgenoſſen des Grafen vorzugsweiſe als Verſamm⸗ lungsplatz dienen, um hier die Lage des Vaterlandes zu beſprechen, gegenſeitige Anſichten auszutauſchen und die „Propoſitionen“ für den nächſten Reichstag zu beſpre⸗ chen.— Auch die Männer der Opoſition Joſef Vay von Borſod, der Führer der letzteren und Majthényi von —— — 199 Hont, dann der Erzbiſchof von Kolocza, Leopold Kolo⸗ nits und der Statthalterei⸗Rath Graf Anton Cziraky, zwei der Regierung ſehr ergebene Männer, waren von dem Grafen zu dieſer Verſammlung geladen und ſollten in nächſter Stunde dieſen Saal betreten. Hinter den hohen Lehnſeſſeln der Gäſte bewegten ſich reich gekleidete Diener hin und her und vom Vor⸗ ſaale ſchallten die Klänge des Czardas herein, welche in der Unterſtube des Hauſes ein paar braune Zigeuner der Steppe auf ihren Fideln zum großen Ergötzen des die⸗ nenden Perſonals aufſpielten. So erwartete die reich beladene Tafel nun ihre Gäſte, welche von allen Seiten von der Jagd am Hochgebirge heimkehrten und ſich zur Tafel umkleideten. Im Wappenſaale aber lehnte Louis Lenoir, der Rheinländer, im Anſchauen der Gemälde an den Wän⸗ den des Saales verſunken. Zetzt blickte er vor ſich hin und auf ſein bleiches Antlitz trat eine flüchtige Röthe; denn vor ihm ſtand Hermann, der Neffe des Grafen Arpad. Es war das erſte Mal, daß die beiden jungen Män⸗ ner ſich im Jagdſchloſſe allein begegneten. Ein langer Blick, mit welchem Hermann den jun⸗ gen Rheinländer maß, wurde von ditſem mit einem glei⸗ chen, glühenden Blicke erwiedert. 200 So ſtehen ſich zwei Kämpfer der Arena entgegen, welche ſich lange mieden, nun aber zufällig auf dem rech⸗ ten Fechtboden zuſammentreffen. „Sie ſcheinen ſich den Schlauplatz Ihrer künftigen, künſtleriſchen Thätigkeit zu beſehen, Herr von Lenoir,“ begann Hermann von Pazman;„wie man mir ſagte, hat Sie mein Onkel auf ſein Jagdſchloß geladen, um ſeine Gemäldegallerie durch Sie beurtheilen zu laſſen.“— „So iſt es,“entgegnete der Rheinländer kalt;„ich gedenke, an dieſen herrlichen Gemälden Studien zu ma⸗ chen und ſo weitmeine eigene Kunſtfertigkeit reicht, Schad⸗ haftes derſelben zu reſtauriren, und dadurch meinem ed⸗ len Wirth die Gaſtfreundſchaft zu vergelten, die ich in ſeinem Familienkceiſe ſeit einigen Wochen fand.“ „Da iſt es wohl billig,“ fiel Graf Hermann ein, „daß ſie der Fremdling in unſerem ſchönen Ungarn, ei⸗ nen Cicerone ſinden, der Ihnen manches an dieſen Ge⸗ mälden erklärt, was Ihnen zu wiſſen nöthig iſt, um Ihr Reſtaurationsgeſchäft mit Erfolg durchzuführen.“ Der Rheinländer ſchwieg, eine leichte Röthe flog wieder über ſein feines Geſicht, und Graf Hermann von Pazman fuhr fort: „Sehen Sie, mein Herr, dort am Ende der ſchönen Gemäldeſammlung jener ſtattlliche Mann mit einer ſtrah⸗ lenden Krone iſt Stefan, genannt der Heilige, unter wel⸗ 201 chem das Chriſtenthum in Ungarn herrlich aufblüthe. Jener eiſenbeſchiente Mann mit der Streitaxt iſt der kluge Kolomann, der den Aberglauben aus dem Bande jagte und der Ordnung in Ungarn frühzeitig ſeine Thore öffnete. Jener rieſenhafte Streiter mit den fünf purpur⸗ rothen Kopfwunden und dem gewaltigen Beedenhänder ¹) iſt Meiſter Georg, der gewaltige Ungarheld, welcher für Leſchko den Schwarzen, Herzog von Krakau und Sando⸗ mir gegen Konrad, Herzog von Maſovien, der Erſteren vertreiben wollte, ſeine Streitaxt ſchwang. „Dort jene bleiche Dame mit dem dunklen Trauer⸗ kleide und dem glühenden Auge iſt die ſtolze, hochmüthige ihren Gatten, den unglücklichen König Andreas verach⸗ tende Johanna von Neapel, abermals eine Fremde, welche Treuloſigkeit an einem ungariſchen Königsſohne verübte. „Neben ihr ſtrahlt das Bild des großen Ludwig I., welcher den ſtolzen Degen Veneziens zwang, aus ſeinem Schatze die Meeresperle„Dalmatien“ herauszugeben, deſſen Scepter in Ungarn, wie in Polen gleich mächtig herrſchte, ſeinen Städten, wie die Chronik ſagt, ein Va⸗ ter war, und unter deſſen Regierung die Morgenröthe der Wiſſenſchaft für Ungarn heraufzog. ²)“ Ein Schwert mitzwei Händen zu faſſen.—) Ergründete zu Großwardein eine Schule und zu Fünfkirchen eine Akademie. „Jenes Weib im ſtählernen Gewande iſt die edle Ungar⸗Amazone Cäzilia Rozgon, welche bei Galambocz im Jahre 1391 gegen die Streifhorden der Osmanen tapfer mitkämpfte. „Jene Reihe herrlicher Bilder erzählt von der Re⸗ gierungsperiode unſeres großen Helden Mathias Corvi⸗ nus, den das Jahr 1458 auf den Thron Ungarns rief. „Sehen Sie, wie er dort zuerſt den kriegeriſchen Reiter, den wackeren„Huszar“, nach Ungarn einführt. ¹) „Dort auf jenem Gemälde ſteht ſein Gegner, der Böhme Johann Giskra, welcher im karpathiſchen Ge⸗ birge den König durch fünf Jahre bekämpfte, zuletzt aber ſich mit ihm ausſöhnte und ihm Treue ſchwur für's ganze Leben. „Hier ſehen Sie die Krönung des Königs und der zweiten Gemahlin des Königs Mathias, der ſchönen Beatrix, Tochter Ferdinands von Neapel auf der Ebene von Stuhlweißenburg. „Auf jenem Bilde ſteht Mathias Corvinus mit dem Blicke des Löwen, der breiten Schulter und dem rothen Wangenpaar als Beſchützer der Künſte und Wiſſen⸗ )) Corvinus erließ die Verodnung, daß je von 20 Jo⸗ bayn ein Streiter geſtellt werden ſoll; der geſtellte zwanzigſte Mann erhielt von dem Worte„Huß“ zwanzig und„ar“ Preis den Namen Huszar. „ 203 ſchaften— ſeht neben ihm jene vier Männer in den Ge⸗ lehrten⸗Mänteln, das ſind Peter Ranzan aus Palermo, der eine ungariſche Geſchichte ſchrieb, jener iſt der Ita⸗ liener Bonfia aus Askulin, gleichfalls ein magyariſcher Geſchichtsſchreiber, dieſer dicke Mann iſt der Chroniſt Tarotz, jener wilde Galeottus Martius, jener Janus Panonniens, einer der erſten Dichter des Mittelalters, als ſechsundzwanzigjähriger Biſchof von Fünfkirchen hochverehrt, ſpäter aber in eine Verſchwörung verwickelt und von Mathias geächtet; dort aber ſteht unter dem ſil⸗ bernen Dache zu Wiſſegrad der deutſche Andreas Heſſen, der kunſtgewandte Vorſtand der königlichen Druckerei zu Ofen. „Dort ſitzt der große König am Schreibtiſche und entwirft ſeine lakoniſchen Briefe. Hier ſitzt er als Bauer verkleidet im türkiſchen Lager, dort ſitzt er unter den Tuch⸗ lauben in Wien mitten unter ſeinen Feinden wie ein ech⸗ ter Ungar, und hier ſitzt er wieder hoch zu Roß im Streite mit dem gewaltigen Holubar. Jenes Bild mit der Reiterſchaar in dunkler Rü⸗ ſtung, ſtellt die berüchtigte ſchwarze Schaar und den Rie⸗ ſen Kinißi dar, der ſie ein echter Ungarheld mit ſeiner Keule zerſprengt. „Dort auf jenem goldumrahmten Bilde ſteht Niko⸗ laus Zriny, der edle Vertheidiger von Sziget, dort ſteht 204 die große Königin Maria Thereſia in der Mitte ihrer getreuen Stände, welche ihr den Eid der Dreue ſchwören, hier überbringen die edlen Grafen Joſef Keglevich und Mathias Nadasdy die Krone des heiligen Stefan von Wien nach Ofen; jener ſchöne Mann im ungariſchen National Coſtüm iſt der geniale und großherzige Juden Curiae Graf Joſef Nitzky, des großen Kaiſer Joſef's Rathgeber in ungariſchen Angelegenheiten, dort aber jener jugendliche Mann im Palatinal Ornate, welcher ſein Knie vor der Majeſtät ſeines Kaiſers beugt, iſt Erzherzog Alexander Leopold, der durch eine Deputation von Magnaten und Mitgliedern der Ständetafel, an de⸗ ren Spitze der Fürſt Primas Bathyany als Sprecher ſteht, vom Monarchen als Palatin poſtulirt wird. „So,“ fuhr Hermann von Pazman fort,„finden Sie in dieſem Saale noch eine Reihe großer Helden, ed⸗ ler Männer und wahrer Freunde ihres großen ungari⸗ ſchen Vaterlandes abgebildet und ſo wie hier die tapfer⸗ ſten und edelſten der edlen Nation gleichſam aus der Ferne einer vergangenen Zeit auf uns herüberſchauen, ſo könnt Ihr dort in jenen Bildern wieder Denkmale der Naturkraft des an Muth und Kraft ſo reichen Landes ſehen, denn jener greiſe Mann im Bilde dort drüben, iſt der einhundert, fünf und achtzig jährige Peter Czartan aus Köverez, der in ſeinem langen Leben zehn Kaiſer 205 und ſechs Päpſte vorübergehen ſah, und jener Mann mit dem rieſenhaften Körper und dem Wappenſchilde eines geharniſchten Mannes zwiſchen zwei Löwen iſt Andoras, der einſt einem geharniſchten Fechter mit einem Hiebe Kopf und Hand vom Leibe trennte. „Sehen Sie alſo mein Herr,“ ſchloß Hermann von Pazman ſeine Rede,„daß mein großes ſchönes Vater⸗ land Ungarn, dem ich zwar nicht von Geburt, wohl aber meiner Erziehung nach angehöre, große edle und tapfere Männer zählt, daß Stärke und Kraft in ſeinen Marken keimt und ſeinem Feinde die Spitze biethen kann, möge dieſer unter was immer für einer Geſtalt auftreten und ſehen Sie mein Herr, den Helden unſerer Geſchichte ge⸗ genüber, von denen ich Ihnen eben ſo manchen ſchönen Zug erzählt habe, hängt dort unten in des Saales Ecke auch die alte Schlange, der alte Erbfeind unſeres unga⸗ riſchen Vaterlandes: ſehen Sie Ihn dort unten mit ſei⸗ nen hohlen Augen, mit dem pechſchwarzen Haare, dem todtenblaßen Antlitze, dem krummgebogenen Nacken mit den langen ſchwarzbraunen Stiefeln, dem zottigen wei⸗ ßen Wolfsmantel auf ſeinem braunen Leibe wie er grinſ't und uns mit dem Feuerblicke mißt! ſehen ſie die gewal⸗ tige Keule in ſeiner Hand, mit welcher er ſeit Jahrhun⸗ derten unſern Schild zu zerſchmettern, unſere Reihen zu trennen bemüht iſt: das mein Herr iſt der böſe Genins 206 Ungarns, der traurige Ahasver Pannoniens, welcher ſeit der Schlacht am Lechfelde, von Zeit zu Zeit das herr⸗ liche Magyarenland von den Karpathen bis zum Eiſen⸗ thore, von der Grenze des Marchfeldes bis zur Moldau hinab auf ewig glühenden Sohlen durchſtreift und ſelbſt ein ewiger Fremdling im Lande, die Saat des fremden Giftes auf unſere Puſten ſtreut, damit der, der ihn ſen⸗ det, ernten möge, wo ſein Vorläufer geſät hat, ſein Vor⸗* läufer: der ſchwarze Mann!“ Der junge Mann hatte dieſe Worte in großer Aufre⸗ gung hervorgeſtoßen, ſeine Pulſe fieberten, ſein Antlitz glühte, ſein Auge funkelte wie die Sonne, welche ſich auf der blaugrauen Fläche des todten Meeres abſpiegelt und leblos todtenbleich ſtarrte ihm auch das Geſicht des Rheinländers entgegen, der den Sinn der Rede des jun⸗ gen Grafen zu ahnen ſchien.... Dieſer aber fuhr fort: „Seltſam!“ rief er, und ein faſt ſpöttiſcher Zug trat auf ſeine Lippen;„finden Sie nicht mein Herr eine Familienähnlichkeit des ſchwarzen Mannes dort oben mit dem Bruſtbilde welches Ihnen dort drüben entgegen ſieht? ich möchte darauf ſchwören, daß Beide verwandte Züge biethen....“ Der Rheinländer blickte um— ein großer venetia⸗ niſcher Spiegel warf ihm ſein eigenes Bild entgegen.— 207 „Mein Herr,“ ſagte er,„was ſoll dieſer beleidi⸗ gende Scherz?“ „Scherz?“ entgegnete Hermann von Pazman, „mein Herr ich ſcherze nie; und ſage Ihnen als Sohn Ungarns offen und frei, daß ich erſtaunlich viel Aehn⸗ lichkeit ihres Bildes mit jenem des ſchwarzen Mannes dort oben finde.“ „Sie legen es darauf an, mich zu beleidigen, mein Herr!“ rief der Rheinländer—„jetzt kann ich mir auch die Blicke deuten, mit denen Sie mich maßen, als Sie hier eintraten und die auffallende Wärme mit welcher Sie hier meinen Cicerone zu machen belieben.“ „Sie ſcheinen mich zu verſtehen,“ fuhr der junge Graf mit ſteigender Leidenſchaft fort;„als Neffe meines Onkels will ich die Ehre ſeines Hauſes wahren und ihm treu zur Seite ſtehen, wenn es gilt den Wolf aus ſeiner Heerde zu verſcheuchen.“ Der junge Rheinländer griff unwillkührlich an ſeine linke Seite, als ſuche er dort eine Waffe. Hermanns Blick war ihm gefolgt; „Mein Herr,“ ſagte dieſer,„Sie ſcheinen Ihre ge⸗ wohnte Waffe zu vermiſſen; ich will Ihnen auf ein paar Stunden eine gute Klinge oder ein paar Piſtolen aus unſerer Rüſtkammer herabholen.“ „Die ich mit Vergnügen in Empfang nehmen 208 werde,“ entgegnete Graf Louis Lenoir—„beſtimmen Sie mir den Ort, wo ich hoffen darf, über Ihr, das Gaſtrecht in ſo ſchnöder Weiſe verletzendes, mir uner⸗ klärliches Benehmen Rechenſchaft zu erhalten? „Am rothen See— beim Felſen des hundertfa⸗ chen Echo,“ entgegnete Hermann von Pazman. In dieſem Augenblicke trat Graf Arpad mit dem Mönche Gabriel und rinigen Gäſten in den Saal. Er ward ſogleich die Aufregung an beiden jungen Männern gewahr. „Was fiel hier vor?“ fragte er ſeinen Neffen.— „Ihr Gaſt Herr von Lenoir,“ entgegnete dieſer, „bedurfte eines Cicerones, der ihm die Deutung der ver⸗ ſchiedenen Gemälde dieſes Wappenſaales gebe und der Anblick des geſpenſtigen Gemäldes des„ſchwarzen Man⸗ nes“ dort oben verſetzte ihn in einige Aufregung, er wünſcht Näheres über die Geſchichte desſelben zu er⸗ * fahren.—“ „Nun, da hat Meiſter Gabriel, unſer Erzähler, ſo⸗ gleich einen Stoff zur Unterhalung unſerer Tafel,“ ent⸗ gegnete der Graf. Gabriel, der Mönch, nickte zuſtimmend, draußen aber ward es jetzt laut und durch die Thür traten hin⸗ tereinander die Jagdgäſte des Grafen und bald regte ſich an der Tafel umher ein geſchäftiges Leben des dienenden 209 Perſonals; bald herrſchte im Saale frohe Bewegung und die Herren ſprachen dem edlen Tokayer und rothen Ungarweine zu, und als die erſten Gänge der Tafel vorü⸗ ber waren und eine kleine Pauſe eintrat, da winkte der Graf dem Caplan Gabriel und dieſer begann mit erho⸗ bener Stimme wie folgt zu erzählen. Proſchko. Der ſchwarze Mann. J. 14 1 Der ſchwarze Mann. „Der ſchwarze Mann,“ begann Gabriel, der Mönch, „tritt zu verſchiedenen Zeiten in verſchiedener Geſtalt in unſerer Geſchichte auf und wird noch in mancher Geſtalt und mancher Periode auftreten, ehe die alte Sage ſich erfüllen und das goldene Horn des Lelu im Neuſiedler⸗ ſee gefunden und mit ſeinen Klängen den wahren ſchwarzen Mann, den Erbfeind Ungarns, hinaus⸗ bai wird.. „Einſt erblickte der Ungar den ſchwarzen Mann nur in der Perſon des Osmanen, welcher die geſegneten Flu⸗ ren Ungarns unter den Hufen ſeiner Roſſe zerſtampfte; man wußte damals nicht, daß der ſchwarze Mann, wel⸗ cher, ein ewiger Ahasver, in Ungarn von Zeit zu Zeit auftaucht und ſeit Jahrhunderten die Fluren Europa's 211 durchzieht, der ebenſo die Fluren Wälſchlands, als jene Deutſchlands und Panonniens mit ſeinen glühenden Soh⸗ len berührt, bis die große Stunde angebrochen ſein wird, in welcher die weiße Frau, die ſchöne Helena, welche in ſeiner Geſchichte ſtets eine Rolle ſpielt, ſeinen Wande⸗ rungen ein Ziel ſetzen und ihn bannen wird, auf daß der Friede des Erdtheils, auf welchem er unabläſſig wandelt, nicht mehr geſtört werde.“ Der Erzähler hielt inne und warf einen langen Blick auf das Bildniß des ſchwarzen Mannes, welches ihm gegenüber an der Wand hing.— „Jener ſchwarze Mann, welcher dort geſpenſtig aus dem vergoldeten Rahmen ſtarrt,“ fuhr er dann fort,„iſt aber eine ſtreng geſchichtliche Perſon. Und was die Geſchichte und Sagen Ungarns über ihn berichten, iſt verſchieden. Im kurzen Wege will ich von ihm er⸗ zählen: „Es war im Spätherbſte des Jahres 1568. „Vor dem Stadthauſe zu Debrezin ſpaltete der baumlange Georg Karatſon die Eichenklötze, welche be⸗ ſtimmt waren, den großen Verſammlungsſaal der Stadt⸗ geſchwornen, ihre Herzen und ihre Finger zu erwärmen, damit ſie nach Recht und Billigkeit ihr Urtheil in die ge⸗ wichtigen Pergamentrollen einzeichneten. „Steinſtarrer Klotz!“ rief der 14 212 er einen knorrigen Strunk auf den Hauſtein pflanzte, „ſteinſtarrer Klotz, willſt Du eben auch nicht dem blitzen⸗ den Beile in die Schneide ſtehen, wie der Türke, den wir gern unter der Klinge hätten, der aber unterwegs durch⸗ wiſcht, wie die Blindſchleiche, und dem Packer zuletzt nach dem Griffe ſchnappt; aber warum ſitzt auch ein hochedles Stadtgericht da oben am wärmenden Kamin⸗ feuer und läßt unſer einen lieber das Holz zum Rauch⸗ ofen, als den Raufdegen zum Türkenfraß wetzen. Da berathen ſie ſich,“ fuhr er fort, und ſuchte Hieb auf Hieb ſeinen Aerger an dem Klotze zu kühlen, daß die Splitter flogen,„da berathen ſie, die Wohlweiſen, und ſchreien den ganzen lieben Tag, wie der Türke, wenn er am Pfahle hängt, und wir da unten wiſſen, ohne Tinte und Per⸗ gament, wo der Nagel ſteckt, der getroffen werden ſoll. — Führt uns dem kaiſerlichen Heere zu, daß wir ſtatt auf Holz, auf Türkenſchädel ſchlagen, mit den Huſſaren um die Wette jagen,“ und„Teremtete!“ erſcholl es hinter dem Sprecher,„das iſt auch meine Meinung!“ „Der Holzknecht blickte nach dem Sprecher um.„Ja, Ladislaus,“ ſagte er düſter,„das Handwerk da hat hat mich ſchon lange angeeckelt, immer und immer nur der Frau Stadtrichterin die Klötze in die Küche zu tragen.“ „Thor, der Du biſt,“ ſagte der andere,„wer ein paar geſunde Fäuſte und geſunde Beine hat, brauchte 213 eben nicht Klötze zu ſpalten, läuft lieber mit den Doll⸗ manns und Rothjacken an der Theiß herum in offener Feldſchlacht gegen die Osmanli und wenn er auch zu nichts anderem taugte, als den Troßbuben die Zäume und Sattelknöpfe zu ſchnallen.“ „Wäre wohl zu was Beſſerem aufgelegt, Meiſter Rothbart,“ brummte der Holzknecht vor ſich hin, indem er dem rothhaarigen Kürſchner in die kleinen Kalmucken⸗ augen blickte, welche dieſer vor den rollenden Augäpfeln des Holzknechtes ſcheu zu Boden ſenkte.„Wäre wohl zu was Beſſerem geſchickt und hätte auch längſt ſchon die Hacke mit der Lanze vertauſcht, wäre nicht ſie—“ „Laß Dir die Grille vergehen,“ lachte der Roth⸗ bart, indem er den Holzknecht auf die Schulter klopfte, „Helena denkt wohl eher an ihren Tod, als daß ihr je⸗ mals einfallen könnte, ihr zartes Händchen in Deine ner⸗ vigte Fauſt zu legen.“ „Kraft und Muth haben ſchon manches Frauen⸗ herz gebrochen,“ entgegnete Georg kalt,„auch Helena hat mich bewundert, als ich vor zwei Tagen das ſtürzende Geſpann des Stadtgeſchwornen allein aus der Feldſchlucht hervorzog, und die wüthenden Roſſe zum Stehen brachte, aber einer— wäre nur der rothverbrämte Burſche nicht!“ „Du meinſt den ſchlanken Joſſu,“ verſetzte der Kürſchner,„nun, Du wirſt doch, als armer Holzknecht, 214 dem ſteinreichen Edelmanne nicht in's Gehege treten wol⸗ len? über's Frühjahr freit er die Dirne und Du magſt Dir Dein getigertes Fell vom Leibe reißen, daß ich es ihm zur Pferdedecke gerbe, auf welcher er mit der lieblichen Helena zur Hochzeit reite.“ „Georg bog jetzt ſeinen Rücken gleich einer lauern⸗ den Tiegerkatze, vor Ingrimm und nicht ohne ein leichtes Grauen blickte der Kürſchner auf den ſchwarzgrauen Streifen, welcher auf der dicken Rückenhaut des Holz⸗ knechtes emportrat. „Beide prallten jedoch einen Schritt auseinander, als von der Rückſeite ein ſchlanker Dollmann mit klir⸗ rendem Magyarenſäbel und faſt jugendlich roſigem Ant⸗ litze auf das Stadthaus zukam, und unverwandt auf ein Fenſter des oberen Stockwerkes emporblickte. „Dein Nebenbuhler Joſſu, der Schöne genannt,“ höhnte der Kürſchner leiſe zu Georg. „Vergiß nicht, daß ich Georg der Starke heiße,“ entgegnete dieſer, indem er das Schurzfell emporſtreifte und eine trotzige Stellung annahm, als ob er den her⸗ annahendtn Joſſu zum Zweikampfe herausfordern wollte. „In der Schenke zum ſchwarzen Mann,“ warf der Kürſchner ſchleunig entgegen und eilte gleich einem gehetzten Wilde vom Platze. „Der ſchöne Joſſu ſtieg die Steintreppe hinauf, 215 ſeine Braut, die ſchöne und reiche Tochter des Bürger⸗ meiſters und Stadtrichters Kardos, Helena, zu einem Jagdritte abzuholen. Im Vorſaale erfuhr der Junker, daß Helena und ihr Vater bereits vorausgeritten ſeien, und ſeiner auf der Haide harren würden. Joſſu verließ das Haus. Am Thore begegnete er jetzt dem ſchwarzen Karatſon, welcher eben die Hacke auf den Hauſtein lehnte, ſeinen Schnurbart ſtrich und ſich in die Schenke entfer⸗ nen wollte.„Zäume meinen Rappen,“ herrſchte der Ma⸗ gyar dem Knechte zu,„und nimm Deinen Bolzen, magſt mich zur Herrin begleiten, vielleicht, daß ich unterwegs Deiner Fäuſte bedürfte.“ „Der ſchwarze Georg glotzte den Sprecher an, als ob er ſein gut Ungariſch nicht verſtünde. „Hat ſich Deine Rußfarbe auf's Trommelfell ge⸗ ſchlagen, Burſche?“ fuhr jener fort.„Gehorche, oder—“ „Dabei machte der Junker eine Bewegung mit der Reitgerte. Die Rußfarbe des Holzknechtes wechſelte in's Rothbraune, er biß die Lippen übereinander und— ſchwieg. Auf ſeinem violetten Antlitze aber ſtand die Ge⸗ ſchichte einer blutigen Periode geſchrieben.— „Er ſchwieg und holte ſchier demüthig des künftigen Gebieters Kernrappen, welcher oft tagelang in den lee⸗ ren Ställen eingeſtellt blieb, nebſt ſeiner klafterlangen Armbruſt von dickem Eichenholze hervor. 216 „Drüben in der Schenke aber ſtand der Kürſchner La⸗ dislaus von Nagybanya und redete zu den verſammel⸗ ten Bauern:„Magyaren! Kennt Ihr die Sage vom heulenden Balaton? Wißt Ihr das Mährlein vom Kü⸗ ferjungen, der bei der Charybde am Strudel ſeinen Schlägel verlor und im Balaton wieder fand? Das Mährlein hat einen tiefen Sinn; hört' auch wir haben den Streithammer des alten Ungarhelden in mancher Schlacht gegen die Osmanen verloren, im fremden Lande wollen wir ihn ſuchen und finden! Wer folgt mir über das Eifenthor!“ „Ueber das Eiſenthor in die Türkei laßt uns den Brander tragen, der unſern Acker verwüſtet!“ brüllten hier die vom Weine erhitzten Bauern, denen der Kürſch⸗ ner predigte, und ſchwenkten die Pokale. „Ihr alle kalkulirt da in's Weite,“ rief jetzt ein ſtämmiger Bauer in der Verſammlung,„ſorgt eher für einen tüchtigen Kopf, ehe Ihr die Glieder in Bewegung ſetzt, auf daß es Euch nicht gehe, wie denen auf dem Brodfelde, die freilich den Sieg ihrer Tollkühnheit ver⸗ dankten, aber bald mit blutigen Köpfen und unverrich⸗ ter Sache zurückgekomen wären, hätten ſie nicht einen Caſtaldo an ihrer Spitze gehabt.“ „Der Stärkſte ſoll Führer der Starken ſein!“ rief der Kürſchner begeiſtert, indem er wie prüfend ſeinen Arm 217 über dem ſtruppigem Haupte ſchwenkte;— aber er ließ ihn allmälig ſinken, als ihm das Kohlenauge des ſchwar⸗ zen Georg entgegenblitzte, welcher unbemerkt in den Kreis getreten war, und jetzt mit einem gewaltigen Schwunge den langen Pflug, auf welchem der Sprecher geſeſſen, unter demſelben hervorriß und auf die Eichentafel warf, daß Kanne und Pokale zuſammenkollerten und jener weit in die Stube hinaustaumelte. „Der Stärkſte ſoll Führer der Starken ſein!“ don⸗ nerte jetzt Karatſon unter die Menge. „Wohlan, wer mir mit dieſem Eiſenpfeile die Pflug⸗ ſcharr da durchbohrt, dem will ich folgen als ſein Waffen⸗ träger und Troßbube in das Reich der Osmanli;— er ſoll unſer Führer ſein!“ „Georg blickte ſtolz im Kreiſe herum, aber alle ſtarr⸗ ten halb ungläubig und ſchweigend auf ſeinen nervigen Arm, mit dem er den geſchwungenen Pfeil ſtoßgerecht emporhielt. „Ich ſage Euch, es werden Zeichen und Wunder geſchehen,“ fuhr der Holzknecht mit rauher Stimme fort, „und der Herr will prüfen den Arm, den er ausgewählt hat, zum Führer für Euch in die Steppen der Ungläu⸗ bigen!“ „Und ſchon war der Pfeil klirrend auf die Eiſen⸗ 218 maſſe geſunken und Georg ſchleuderte den durchlöcherten Pflug der beſtürzten Menge vor die Füße. „Da brach gleich einem Orkan unbändiger Jubel im Gewölbe los und Georg Karatſon befand ſich plötzlich, ſeinem längſt genährten Wunſche gemäß an der Spitze von mehrdenn fünfzig Landbauern, deren Zahl ſich ſtünd⸗ lich vergrößern ſollte.—— „Georg Karatſon, ein gebürtiger Siebenbürger und ſein Genoſſe der Kürſchner Ladislaus aus Nagybanya waren bald aus Debrezin entſchwunden und Niemand dachte mehr des ſchwarzen Holzknechtes, als das Jahr 1569 im Zeitocean emportauchte. Seit erſter Wiederſchein aber war Blut, und die im Munde des Volkes herum⸗ getragenen verſchiedenartigen Weiſſagungen, zum Theile neu zum Theile aufgeräumt lauteten alle dahin, das lau⸗ fende Jahrſei beſtimmt, demtürkiſchen Reiche in Ungarn ein Ende zu machen. Fiſcher wollten die Grundtiefen des boden⸗ loſen Balatons in der Sylveſternacht des Jahres 1568 ſich theilen, und einen geſpalteten Türkenkopf daraus her⸗ vortauchen, andere an ſeinem Geſtade den großen Hel⸗ den von Szigeth auf ſeinem Rappen dahin brauſen ge⸗ ſehen haben. Zu Cſakathurn, wo ſein edles Haupt ne⸗ ben Katharina Frangipani, ſeiner erſten Gemalin, be⸗ ſtattet worden war, wollte man Blutſpuren auf ſeinem 219 Grabſteine bemerkt haben und dergleichen prodigia und monstra gingen im Munde des Volkes herum. „Der Bürgermeiſter und Stadtrichter von Debreczin ſah die drohenden Erxeigniſſe vorher; er wollte je eher, je ſicherer ſein Haus beſtellen und war darauf bedacht, ſeiner einigen Tochter Helena eine Stütze zu geben, be⸗ vor ſie— die ihre Mutter ſchon längſt zu den Bewoh⸗ nern des ſtillen Friedhofes zählte— vielleicht gänzlich zur Waiſe geworden wäre, und den Stürmen der Zeit Preis gegeben, allein daſtünde. Er erwartete daher nur die Rückkehr ſeines künftigen Eidams, des edlen Joſſu Kiraly, welcher in Geſchäften für längere Zeit nach Mäh⸗ ren gereiſt war, und in einigen Wochen zurückkommen ſollte. „Da erſcholl plötzlich das Gerücht von dem heiligen Lager in Nieder⸗Ungarn.— Zahllos, wie die Kinder Israels, als ſie das rothe Meer durchzogen— lautete die Kunde— zahllos und vom Herrn erwählt ſei die Schaar, welche plötzlich und in wenigen Tagen an den Niederungen der Theiß durch Gottes Finger zuſammen⸗ geführt worden ſei. Ein auserwählter und Gott gefälli⸗ ger Mann— ein zweiter Joſua und Makabbäer, ein Rieſe von Geſtalt, Kraft und Geiſt, kenntlich vor allen durch die Farbe der Nacht, der Rache, die er auf ſeinem Antlitze trage, ſei Führer der Schaaren und man werde 220 nicht ſchreiben mehr das runde Jahr 1570 als das Reich des türkiſchen Würgers in Ungarn vernichtet ſein werde. — Der Mann war Georg Karatſon, der Holz⸗ knecht von Debreczin, und die auserwählte Schaar, jener täglich ſich mehrende Haufe der gläubigen Landleute, welche, in ihm einen Wundermenſchen ſehend und den prahleriſchen Worten des angeblich Gottgeſandten Glau⸗ ben beimeſſend, an der Theiß und Donau in ſein ſoge⸗ nanntes„heiliges Lager“ zuſammenſtrömten. Georgs angebliche Abſicht, womit er den gemeinen Haufen zu täu⸗ ſchen ſuchte, nämlich die türkiſche Herrſchaft in Ungarn zu vernichten, verhüllte einen ganz beſonderen, tief ver⸗ ſteckten Plan, nämlich den der Rache, der ſicheren Rache an dem Stadtricher von Debrezin und ſeinem küuftigen Eidame, den ſich Helenens Beſitz, ſei es auch auf bluti⸗ gen Wegen und über die Leichen ihres Vaters und Ver⸗ lobten ſich zu erringen. „Sein Ruf hatte bereits dergeſtalt zugenommen, daß bereits ein Heer von mehr als 2000 Mann zu ſeiner Verfügung ſtand, mit welchem er jetzt nach Ober⸗Un⸗ garn gegen Erlau aufbrach. „Die Beſatzung der Stadt, in verſchiedene Parteien geſpaltet und hingeriſſen von den Erfolgen des heiligen Lagers wollte nun bereits unaufgefordert die Stadt an Karatſon überliefern; nur die Strenge des Oberbefehls⸗ 221 habers, Kaſpar Magotſi's, welcher drei der vornehmſten Aufwiegler über die Stadtmauern auf die feindlichen Speere ſtürzen ließ— verhinderte die Uebergabe. „So kam der Herbſt des Jahres 1559 heran und das„heilige Lager“ hatte nicht den geringſten Kampf wider die Osmanli beſtanden. Karatſon entließ ſeine Leute mit dem Befehle im nächſten Frühlinge wie⸗ der zu kommen, in welchem das bisher vorbereitete große Werk ſeiner Vollendung zugeführt werden würde. „Der Bürgermeiſter von Debrezin aber erwartete ſtündlich die Rückkehr ſeines Eidam's aus Mähren, wel⸗ cher noch immer abweſend war. „Mit dem erſten Lerchentriller ſtand auch an der Ge⸗ gend der Theiß, da, wo ſie ſich in die Donau ergießt, un⸗ ter ſchattigen Bäumen, auf wohlbewäſſerten Wieſen, das Lager des ſchwarzen Mannes wieder aufgerichtet; über 4000 Mann zählte Georg in ſeinen Reihen und ſein Auge blitzte ſiegestrunken über die braunen Männer und ſcharfen Lanzen, als er den Haufen an den Ufern der Theiß defiliren ließ. „Gideon,“ begann ermit Stentorſtimme.„Gideon wählte aus der Schaar der Seinen ein Häuflein Gläu⸗ big⸗Starker gab ihnen Fackel und Krug und führte ſie zuletzt gegen Jerichos Mauern— und ſiehe, Jehova gab den Sieg in ſeine Hände; die Manern von Zericho ſanken 222 vor ſeinem Poſaunenklange, und die Sonne ſelbſt mußte ſtill ſtehen auf des Helden Gebot, um ihn zum Siege zu führen. Magyaren! der Bey von Szolnok hauſt auf der alten Ungarburg zu Török St. Miklos— morgen Nachts folgt Ihr mir dahin; Mauer und Wälle werden berſten, und Flammen vom Himmel fallen, den heiligen Strei⸗ tern den Weg zum Siege zu beleuchten— Keiner darf ſich mit Brod oder andern Lebensmittel beſchweren, Gott wird für Alles ſorgen!“ „So entflammte Karatſon das Vertrauen ſeiner Schaar. „Der Morgen brach heran, und in Karatſon's Lager herrſchte reges Treiben; Partiſanen und Morgenſterne wurden ſcharf gefeilt, Lunten und Pfeile zurecht gerich⸗ tet, Zaum und Sattel geglättet. Dieſe rege Thätigkeit dauerte bis ſpät Abends. „Da trat— als die erſte Nachtwolke heraufzog— der ſchwarze Mann aus ſeinem Zelte unter der himmel⸗ hohen Eiche und verkündete mit einem kräftigen Stoße ſeines Hornes die Zeit des Aufbruches. „Wie ein Windſtoß flog Mann auf Mann anein⸗ ander, und raſch ging es nun— jedoch in tiefer Stille — vorwärts dem kleinen Schloße Török St. Miklos zu, welches Karatſon jedoch, um die herumſchwärmenden türkiſchen Plänkler zu täuſchen, auf Umwegen zu errei⸗ 223 chen ſuchte. So kam der Mittag des folgenden Tages bereits heran und noch hatte der Haufe eine ziemliche Strecke zum Walde, der das Schloß begrenzte, zurückzu⸗ legen. „Der Frühlingstag war ungewöhnlich heiß und die Sonne ſtach auf die unbedeckten Häupter. Der Durſt be⸗ gann ſich zu regen und der Hunger kam in ſeinem Ge⸗ leite. Viele der bärtigen Magyaren begannen zu mur⸗ ren, und meinten Karatſon habe ſehr übel gethan, ihre Brodſäcke und Weinſchläuche im Lager zurückzulaſſen. „Der ſchwarze Mann warf einen ſtrafenden Blick über die Rotten, und ohne ein Wort zu verlieren ſchritt er in gewaltigen Sätzen einem vor der Schaar liegen⸗ den Hügel zu und ſtieß dort ſeine Lanze in die Erde. Als⸗ bald ſtrömte der Haufe nach und fand, vielleicht auf Ka⸗ ratſon's heimliche Veranſtaltung, vielleicht als Reſte eines verlaſſenen Türken⸗Bivouaks— eilf hölzerne Fäßer mit geröſtetem Brote und Reis, welche an einer ſanft murmeln⸗ den Bergquelle aufgeſchlichtet ſtanden, während ohnfern davon eine kleine Heerde gekoppelter Lämmer weidete. „Während ſich die jubelndeln Bauern über den un⸗ verhofften Vorrath ſtürzten, wandte ſich der ſchwarze Mann ſtolz und ohne ſich weiter um die Schaar zu küm⸗ mern auf die andere Hügelſeite und ſtreckte ſeine Tita⸗ nenglieder gemüthlich auf den weichen Raſen. 224 „Als die Schaar ihren erſten Hunger geſtillt hatte, wurde erſt das Wunder der plötzlichen Sättigung beſpro⸗ chen, und Karatſon gleich dem großen Columbus auf Guanahani, von ſeiner murrenden Schaar, ihrer Zag⸗ haftigkeit wegen, auf den Knieen um Vergebung ge⸗ beten. „So war die erſte Propheihung Karatſon's„Gott werde für Alles ſorgen,“ buchſtäblich erfüllt. „Der ſchwarze Mann ließ hierauſ die Rotte aufbre⸗ chen und zog längs des großen Waldes dem Schloße entgegen. Aber der ſchöne Frühlingstag war zu einem neblichen Abend geworden, und kaum war die Dämme⸗ rung noch angebrochen, ſo konnte man kaum fünf Schritte weit in der dichten Nebeldecke vorausſehen. „Da trat Ladislaus der Kürſchner auf Georg zu. „Hätten wir nur Fackeln mitgenommen,“ ſagte er, „ſo würden wir das verdammte Türkenneſt doch finden, ſo können wir umzingelt werden und in die Schloßgrä⸗ ben kollern, wie die Waſſerratten, ehe wir noch wiſſen, daß wir davor ſind.“ „Läſtere nicht, Ladislaus,“ tröſtete der ſchwarze Mann, indem er ihn auf die Schulter klopfte,„ſagte ich denn nicht, der Himmel werde uns ſeine Flammen ſen⸗ den, wie einſt die Feuerſäule des Moſes, auf daß wir den Hort der Unglänbigen aufſtöbern und die Midiani⸗ 225 ten aus unſern Weinbergen treiben mit der Geißel des Zornes Gottes.“ Er wies nun mit ſeiner langgeſtreckten Hand auf die Vorhut, welche plötzlich ein Freudengeſchrei an⸗ ſtimmte, den auf verſchiedenen Puncten des Horizonts ſtiegen kurze Feuerſäulen in dem Nebel empor. „Dort iſt St. Miklos das türkiſche Raubneſt!“ ſchmetterte Karatſon's Stimme unter die Reihen;„auf Brüder, der Herr gibt uns bereits ein Zeichen, daß er uns zum Siege führen wolle.“ „Und hoch die Portiſane in der Luft ſchwingend, ſtürmte Georg voran, den lohenden Strohhaufen ent⸗ gegen, welche die Türken bei ihren Wachpoſten angezün⸗ det hatten; hinter ihm die fanatiſche Schaar, durch dieß neue vermeintliche Wunderzeichen zum undurchdringli⸗ chen Rieſenkeile geſtählt, und nichts anderes wähnend, als daß auf ihren erſten Anlauf und ihr Trompeterge⸗ ſchmetter die Wälle von St. Miklos ineinander ſtürzen müßten. Aber der jeder Taktik unkundige und nur auf den Fanatismus ſeiner Genoſſen vertrauende Karatſon hatte ſich verrechnet. „Die Beſatzung von Török, durch das Gebrüll der Heranſtürmenden und einige Gewehrſchüße aufgeſchreckt, fiel aus, ein Aga an der Spitze, und bot mit kräftigen Allahrufen den Stürmern die Spitze. Der Bei von Proſchko. Der ſchwarze Mann. I. 15 226 Szolnok, welcher eben in dieſer letzteren Feſtung, und nicht, wie Karatſon gerechnet hatte, in St. Miklos, übernachtete, hatte durch einen Ueberläufer mehrere Tage früher Kenntniß von Karatſon“ s Abſicht erhalten, und nahm denſelben mit einer Schaar tartariſcher Spahis in die Flanke. „Jetzt begann ein fürchterlicher Kampf.— Nicht mehr der Morgenſtern, die Partiſane oder das Schwert ſauſte nieder,— das kurze Meſſer ſpielte hier eine blutige Rolle. Der im Kopfabſchneiden gewandte Türke kannte eben ſo wenig Schonung, als der wallachiſche Bauer ſie begehrte. Endlich ſank der Nebel, gleich einem großen Bahrtuche, ſo tief auf die blutige Metzelei, daß Freund und Feind nur mehr am Allahrufe erkannt wurden. „Karatſon ſelbſt hieb mit ſeiner Partiſane in ſeinem Kreiſe herum. Endlich ward der Allahruf der Osman⸗ lis lauter und ſchrecklicher. Der ſchwarze Mann merkte, daß die Schaar ſeiner Kämpfer ſich lichte; mit einem gewaltigen Sprunge, ſeine Eichenkeule hoch durch die Lüfte ſchwingend, ſetzte er über den ihn umſchließenden Kreis, und lief ſo weit ihn ſeine Füße trugen der entge⸗ gengeſetzten Seite zu, das heilige Lager ſo ſchnell als möglich zu erreichen. „Indeſſen hatten die Türken, um nicht gegen ihre 227 eigenen Streiter zu fechten, dem bereits entſchiedenen Kampfe ein Ende gemacht. Der Bei von Szolnok ließ Fackeln bringen und beleuchtete die Scene; da lagen über tauſend Türken unter mehr denn dreitauſend er⸗ ſchlagenen Bauern. Wenige der Letzteren waren ent⸗ kommen. Nur eilf waren zu Gefangenen gemacht wor⸗ den; dieſe ließ der Bei unverzüglich entkleiden, und einige auf der Zinne von Szolnok, andere zu Török lebendig ſpießen, daß ihr Schmerzgebrüll in der weiten Ebene wiederhallte. „Als ſich Karatſon mit ſeiner Partiſane durch Wald und Geſtrüppe auf einem kürzeren Wege bis zu ſeinem Lager durchgearbeitet hatte, fand er noch ein Häuflein von etwa dreihundert Mann, deren größerer Theil, ver⸗ wundet und mißmuthig den vergötterten Führer nicht mehr mit dem gewohnten Freudenrufe empfing. „Die Lage der Uebergebliebenen war nunmehr um ſo bedenklicher, als ſich die heilige Schaar bereits im verfloſſenen Herbſte unzählige Gewaltthätigkeiten gegen das Landaolk erlaubt und hie und da Edelhöfe geplün⸗ dert hatte, deren Beſitzer nicht Zufuhr leiſten wollten. „Georg, ohne ſich um den ſchlechten Empfang der Seinen zu kümmern, trat mitten in ihren Kreis und hob ſeine Lanze gegen den Himmel. 5 1 228 „Der Herr der Heerſchaaren da oben,“ donnerte er mit furchtbarer Stimme—„hat Euch den Sieg in ſeinem Zorne entriſſen, weil ein Zweifler ſeiner Macht ſich unter Euch befand!“ „Ja Vater!— ſo iſt's,“ rief von der andern Seite einer der Rottenführer, indem er auf einen jungen Mann wies, der blutend im Graſe lag, und die Rechte auf ſein verendendes Ungarrößlein ſtützte. Er hatte edel⸗ geformte Züge, ein pechſchwarzes Auge und ein feiner grüner Dollmann deckte zur Hälfte den Gürtel, worin die gebogene Säbelſcheide ſtack,— denn die Waffe mit dem diamantenen Griffe war längſt von den räuberi⸗ ſchen Bauern ſeiner Hand entwunden worden. Das be⸗ wies die klaffende Wunde an der gewölbten Stirne. „Georg Karatſon warf einen Blick auf den Ohn⸗ mächtigen und ſtarrte regungslos in das Antlitz des⸗ ſelben. „Den ergriffen wir,“ berichtete Ladislaus der Kürſchner,„als wir den Türkenhunden bei St. Miklos weichen mußten; er behauptete zwar ein ungariſcher Edelmann zu ſein, welcher vom Tatragebirge herab in ſeine Heimath nach Debrezin ziehen wollte, und nur durch die türkiſchen Streifzüge veranlaßt worden ſei, den Umweg zu machen, allein wir alle meinen, es müſſe ein Kundſchafter von Szolnok ſein, der den Türken un⸗ 229 ſern Handſtreich verrathen hatte und uns an's Meſſer liefern wollte.“ „Da ſchlug der Bewußtloſe das Auge empor,— er traf Karatſon's Flammenblick. „Georg!“ rief der junge Mann entſetzt, indem er ſich vergebens vor dem Umſinken zu wahren verſuchte. „Ei nun? ſchöner Joſſu!“ entgegnete dieſer höh⸗ niſch, indem er in tiefſter Schadenfreude den Morgen⸗ ſtern in den Boden ſtampfte, daß die Erdſchollen aufflo⸗ gen,„ei nun, edler Magyar! ſagte ich nicht: die Letzten werden die Erſten und die Erſten die Letzten ſein. Laßt Junkerchen, das Bräutlein in Debrezin nur harren, der ſchwarze Georg, ihr rechtmäßiger Sponſe kömmt zei⸗ tig genug, es abzuholen.“ „Darauf wandte ſich Karatſon zu den fragend her⸗ umſtehenden Bauern. „Ei, Ladislaus,“ ſagte er,„wo haſt Du denn Dein Falkenauge eingebüßt im heiligen Kriege, daß Du den ſittigen Joſſu, des Stadtrichters Eidamchen nicht unter dieſer Schalkslarve da herausfandeſt?“— und mit Donnerſtimme ſetzte er hinzu:„Werft den Balg in die ſiebente Zeltgrube, deckt ſie wohl mit Klötzen, aber laßt ihm Luft und bewacht ihn gut. Es iſt ein türkiſcher Kundſchafter, den der Herr in unſere Hand gegeben, auf daß es ihm ergehe wie Koran, Datan und Abiram 230 oder dem gottloſen Abimelech, der davertilgen wollte die Kinder des Heils und der Gnade. „Morgen mit dem Früheſten mag ſich der Ungläu⸗ bige, um deſſentwillen uns Gott der Herr den Sieg ge⸗ gen die Ungläubigen entriſſen, auf dem dreiſchneidigen Pfahle zu Tod winden, auf daß ihm werde nach ſeinen Werken!“ „Joſſu hatte ſich ermannt und warf einen Blick der tiefſten Verachtung auf Georg, ohne denſelben nur eines Blickes zu würdigen. „Bald lag Joſſu zwiſchen zwei großen Steinen ein⸗ geklemmt in der feuchten Zeltgrube, überſchüttet mit Holz und Gerölle, die Kopfwunde brannte und Fieber⸗ bilder durchzuckten ſein Gehirn. Er däuchte ſich leben⸗ dig begraben und ergab ſich mit aller Seelen⸗Größe eines wahren Chriſten in ſein Schickſal. „Er hatte in der That, aus Mähren, den Rückweg nach Debrezin über das Tatragebirge angetreten, und um den in Ober⸗Ungarn ſtreifenden Janitſcharen nicht in die Hände zu fallen, einen großen Umweg gewählt, auf welchem er nunmehr der Schaar Karatſon's, wel⸗ che er dem Gerüchte nach, noch eine Tagreiſe von Szolnok entfernt glaubte, in die Hände gefallen war, während es ſeinem Diener und Begleiter, Zoltan, ge⸗ lang zu entfliehen und die Kunde feiner Gefangenneh⸗ ——— 231 mung durch Karatſon dem Stadtrichter in Debrezin zu überbringen. „Sein Tod war bei Karatſon unerſchütterlich be⸗ ſchloſſen, dann wollte dieſer nach Debrezin ziehen, und ſich Helenen's Hand mit Gewalt bemächtigen. „Dem ungeachtet dachte Karatſon den folgenden Tag nicht an die Hinrichtung Joſſu's, denn der Bei von Szolnok hatte, erbittert durch den gewagten Angriff Karatſon's, das heilige Lager mit einem Truppenkörper von beinahe vierthalbtauſend Mann aufgeſucht, und Ka⸗ ratſon, welcher nur zu wohl einſah, daß er mit ſeiner Handvoll dieſem Angriff nicht gewachſen ſei, ließ eilig das Lager abbrechen, und zog ſich in die Gegend der obern Donau gegen Debrezin. „Joſſu wurde, mit Ketten beladen, von der Rotte mitgeſchleppt. „Der kühle Morgenwind begann über die Debre⸗ ziner⸗Haide zu ſtreichen, und fegte den Boden mit ſei⸗ nem eiſigen Hauche, als ſich aus einem kleinen Gebü⸗ ſche, welches gleich einer Haſe den Fußweg bezeichnete, ein alter Zigeuner mit ſeiner Fiedel hervorarbeitete und mit den dunklen, unter den tiefliegenden ſchwarzen Haupthaaren hervorfunkelnden, Augen die weite Ebene überſchaute. „Ein tiefer Seufzer rang ſich aus der Bruſt des 232 Alten, er ſchnürte ſeinen Ledergürtel feſter und wanderte, zum Frühimbiß die reinen Morgenlüfte trinkend, in die weite Ebene hinaus. Die Gegend war ihm nicht unbe⸗ kannt, denn mit ſicherem Auge hatte er jene kürzere Strecke gefunden, welche ihn über die Haide hinaus ſei⸗ nem Ziele zuführen ſollte. Als er endlich aus der lee⸗ ren Haide auf grünendem Boden anlangte, und ihn ein kleines Wäldchen aufnahm, warf er ſich auf den Raſen. „Leite Du mich und laſſe mein Werk gelingen, heilige Himmelskönigin!“ betete er leiſe vor ſich hin, indem er ſein Auge emporrichtete zur blauen Wölbung, welche freundlich durch die grüne Decke des Eichenlau⸗ bes hereinblickte, auf welchen ſich unzählige Sänger der Lüfte im Gefühle ihrer kurzen Lebensfreuden ſchaukelten. „Dann trat der Alte tiefer in die Waldesnacht und ſpähte mit ſorgenvollem Blicke herum. „So war er bereits eine Stunde weit fortgeſchritten, als er an die Grenze des Waldes gelangte und an einem graſigen Abhange— die, gleich hohen Schneehügeln ei⸗ ner Eskimo⸗Niederlaſſung auf Labrador, aufgeſpannten Schaffellzelte des heiligen Lagers wahrnahm. „Einen Augenblick erbleichte der alte Wanderer— dann des Zweckes ſeiner Sendung ſich bewußt, ſchritt er, mit einem Blicke nach oben auf die Zelte zu, welche immer deutlicher vor ſeinen Blicken hervortraten. 233 „Wie die alten Chroniſten Bohemien's jene dunklen Luftzelte ſchildern, welche das ofterwähnte Rachtlager der Geiſter bei Saatz in Böhmen bildeten, ſo mochte ungefähr dem alten Wanderer der erſte Anblick des hei⸗ ligen Lagers erſchienen ſein. Nicht lautes Rufen, To⸗ ben, Trommelſchlag und Partiſanklang, nicht freche Lieder oder Würfelgerolle ſchallte ihm jetzt entgegen. Lautlos lag heute das Lager ganz nahe vor ſeinen Blicken— eine Stadt der Todten, worin außer einem dumpfen Gemurmel und eintönigem Rufe der Wachen kein Laut vernehmbar war; denn es war die Betſtunde, welche Karatſon ſtreng einzuhalten pflegte. „An zwei himmelhohen Eichen, deren eine vom Blitze geſpalten ſchien, hielten zwei baumlange walla⸗ chiſche Bauern mit noch einmal ſo langen Hellebarden die Tageswache. „Die Sicherheit des ganzen Lagers ſchien nur den beiden Rieſenwächtern an dem Haupteingange an der Waldſeite anvertraut zu ſein, denn im ganzen übrigen Lager gingen nur wenige Wächter auf und nieder und trotz den Späherblicken aller, war es dem alten Zigeu⸗ ner gelungen, ſich an einer Zeltwand unbemerkt vorbei zu drücken, und im nächſtem Augenblicke ſtand er auf einem weiten grünen Raſenplatze vor einem viereckigen Zelte, auf welchem ein großes, ſchwarzes Kreuz aufge⸗ 234 ſteckt war, und vor welchem zwei ſiebenbürgiſche Szekler Wache hielten. „Vigyäsz!“ donnerte einer derſelben dem Alten entgegen, indem er ihm die Lanze vorhielt!„was ſuchſt Du im heiligen Lager?“ „Der Zigeuner athmete tief auf; er ſchien ſich den Zweck ſeines gewagten Hierſeins noch einmal in die Seele zu rufen. „Ich ſuche Karatſon, den großen Führer der heili⸗ gen Schaar,“ entgegnete er dem baumlangen Wächter. „Der Vater hält Betſtunde,“ brummte dieſer,„du kannſt ihn jetzt nicht ſprechen— dergleichen Landſtrei⸗ cher taugen auch wenig für ſein Auge, das nur Män⸗ nern entgegen blitzt.“ „David hat zehntauſend erſchlagen, Saul aber nur tauſend,“ erwiederte der Alte mit bibliſcher Spruchfer⸗ tigkeit, und der lange Trabant, in dem Sprüchlein die Lager⸗Parole und in dem Sprecher einen der Angehö⸗ rigen der heiligen Schaar erkennend, änderte nun plötz⸗ lich den Ton und ſtieß ſeinen ſchlummernden Neben⸗ mann in die Rippen. „Rühre Dich Lucas, und ſieh' zu,“ mahnte er den Aufwachenden,„ob der Vater ſeine Stunde vorüber hat; ein Sohn des heiligen Lagers begehrt ihn zu ſprechen.“ 235 „Der andere Trabant muſterte mit ſeinen Kal⸗ muckenaugen den Zigeuner, rieb ſich die Stirne und blickte mißtrauiſch vor ſich hin. „Dünkt mich's doch,“ ſagte er halblaut,„als ob ich den Alten ſchon irgendwo geſehen hätte,— und den Vater will er ſprechen?— eil warum denn alter Hei⸗ duke?“ „Er hat die Parole gegeben,“ grollte der Andere, „darum frage nicht und thue, wie ich Dir befohlen.“ „Auf Deine Verantwortung, wenn er Böſes gegen den Vater im Schilde führt,“ meinte der Andere und verſchwand hinter dem Vorzelte, während der Zigeuner ſich ermüdet auf den Raſen niederließ und auf die zahl⸗ reichen Fragen des neugierigen Trabanten lakoniſche Antworten gab. „Bald kehrte der andere Trabant zurück und der Zigeuner ſchlüpfte auf ſeinen Wink durch die Zelte in's Innere derſelben, das mit einer weiten Erdhöhlung in Verbindung ſtand, welche die Leute Karatſon's mit Hauwerken zu einem bequemen und kühlen Wohnplatze ihres Führers erweitert hatten. „Auf einem breiten Hügel von übereinander geleg⸗ ten Fellen lag ein rothhaariger Ungar der Länge nach hingeſtreckt, und ſchien Sieſta zu halten. 236 „Was ſucheſt Du,“ herrſchte er dem Zigeuner zu, indem er aufſprang und auf ihn zuſchritt. „Georg Karatſon, den Führer der heiligen Schaar,“ entgegnete dieſer, mühſam die Beklommenheit verbergend, welche ihn jetzt bei dem Gedanken, ſich in die Höhle des Tiegers gewagt zu haben, überfiel. „Der Rothe wies, ohne ein Wort zu ſagen auf die dunkle Rückſeite der Zeltvertiefung und der Zigeuner bemerkte erſt jetzt, nachdem ſich ſeine Augen an die hier herrſchende Dunkelheit gewöhnt hatten, einen rieſenhaf⸗ ten Mann, welcher in der Vertiefung kniete und nun ſich erhebend, auf ihn zuſchritt. „Es war Georg Karatſon, der eben ſeine angeb⸗ lichen Unterredungen mit den Abgeſandten des Himmels vollendet hatte und mit funkelndem Auge hervortrat. „Einen langen, langen Blick warf er auf den Zi⸗ geuner, deſſen Antlitz leicht die glühende Röthe der Angſt und des Schreckens verrathen haben würde, hätte nicht die Dunkelheit ihren Schatten auf das Haupt des Alten geſtreut. „David hat zehntauſend erſchlagen,“ liſpelte er kaum hörbar. „Das Loſungswort!“ ſagte der ſchwarze Mann vor ſich hin,„wer ſendet Dich?“ „Ladislaus der Kürſchner, welcher in den Gebü⸗ 237 ſchen von Szolnok mit wenigen der Auserwählten Dei⸗ nes Winkes harrt,“ entgegnete der Zigeuner. „Der Kürſchner,“ donnerte Karatſon, indem er mit einem gewoltigen Riſſe den groben Wollmantel von ſeine Schultern langte, auf den Boden warf, und ſich der Länge nach darauf hinſtreckte.—„Tritt näher, al⸗ ter Burſche!“ Zagend gehorchte der Zigeuner. „Und Ladislaus der Kürſchner ſendet Dich?“ fragte der ſchwarze Mann weiter, indem er die rieſigen Glieder ausſtreckte. „Zu ihm gelangte ich im Eichenwalde bei Szol⸗ nok,“ entgegnete der Zigeuner mit faſt zitternder Stimme, „er gab mir die Weiſung euer Lager aufzuſuchen und euch zu bitten, ſo ſchnell ihr nur immer könnt, mit Sue⸗ curs hervorzueilen und ihn aus dem Walde zu befreien, woraus er ohne Gefahr, mit ſeiner kleinen Schaar von den ſtreifenden Tartaren gefangen zu werden, nicht zu euch ſtoßen kann.“ „Du kamſt alſo an der Haide vorüber, durch die waſſerleere Gegend—“ fragte Karatſon. „Einen Hinterhalt habt Ihr nicht zu beſorgen,“ fiel der Zigeuner ein,„denn Debrezin verkriecht ſich hin⸗ ter ſeinen Mauern.“ „Meinſt Du?“ ſagte Karatſon. 238 „Ihr ſeid überdies ein Liebling des Himmels,“ entgegnete der Zigeuner,„und es kann euch nicht fehlen, daß Ihr in weniger denn einer Woche, Meiſter von Debrezin und der Haide ſein müßt.“ „Der Himmel ſchützt ſeine Freunde,“ meinte Ka⸗ ratſon,„und die Stille und Ordnung in meinem Lager, während der Stunde des Gebetes, wie jene in der heili⸗ gen Stadt Gottes, bezeigt ſchon dem Wanderer, daß keines der Gebote des Himmels jemals hier übertre⸗ ten werden. Raub, Diebſtahl und Betrug,“ ſetzte er hier ſalbungsreich hinzu,„ſind meinen Soldaten eben ſo fremd, als—“ „Da erſcholl plötzlich ein unbändiger Lärm vor dem Zelte. Es ſchien, als ob das Lager in Aufruhr gerathen wäre, der ſchwarze Mann trat aus ſeinem Zelte. Ei⸗ nige Rottenführer der heiligen Schaar hatten aus dem benachbarten Meierhofe eine Heerde Schafe und einiges Hornvieh in's Lager getrieben und der Meierhofsbeſitzer, von ſeinen Knechten begleitet, hatte, ſo lange er es ver⸗ mochte, dem Raube zu wehren geſucht. Jetzt warf er ſich vor dem ſchwarzen Mann zu Boden, und flehte, ihn ſeines Eigenthums nicht zu berauben. „Dein Lager,“ ſagte er,„iſt wie Du angibſt, auf der Haide aufgeſtellt, uns von der Türkenherrſchaft zu befreien, Du kannſt daher nicht zugeben, daß uns Deine 139 Streiter das nehmen, was ſie uns ſchützen ſollen! Gerne wollen wir alle unſern Theil abgeben, damit Dein Lager mit dem Nöthigen verſorgt werde, aber nimm nicht Einem alles, was er beſitz.“ „Wie? Du wagſt es Frecher mit Karatſon zu rechten?“ entgegnete dieſer grimmig;„nun Du Dich auflehnen willſt gegen den Geſandten des Himmels, iſt Dein Gut und Blut der gerechten Sache verfallen.“ „Die Rotte, welche ohnehin nichts anderes erwartet hatte, verſtand Karatſon's Wink, und im nächſten Au⸗ genblicke baumelten der Meier und ſeine Knechte an den Zeltſtangen, während das geraubte Vieh auf dem gro⸗ ßen Raſenplatze zuſammen getrieben und ein Theil ſo⸗ gleich abgeſchlachtet wurde, um der Rotte zu einem fro⸗ hen Mahle zu dienen.— Das war die Juſtitz Vater Karatſon's. „Dem Zigeuner erſtarrte das Blut in den Adern, als Karatſon ſich nach dieſer Scene fragend an den Rothen wandte. „Iſt der Apfel reif, Vetter?“ rief er dieſem zu. „Der Rothe deutete auf die innere Zeltwand. „Karatſon wandte ſich jetzt zu dem Zigeuner. „Blick auf, alter Burſche!“ ſagte er ihn feſt in's Auge faſſend. „Der alte Zigeuner ſah an die Stelle, wohin Ka⸗ — 240 ratſon deutete. Die innere Zeltwand flog auseinander und mit einem gräßlichen Schrei ſank der Zigeuner zurück. „An einen abgehauenen Baumſtamm gebunden, hing der Rumpf eines enthaupteten Mannes, deſſen Blut den Boden überſtrömte. „Nun Alter,“ fragte Georg,„wie gefällt Euch das? Dieſe Juſtiz haſt Du Dir wohl nicht träumen laſ⸗ ſen, als Dich gelüſtete, mein ſtilles Lager zu ſehen! Hm, — hänge nicht den Kopf,“ fuhr er höhnend fort—„der Enthauptete da, war ja nur ein Verräther, der mein La⸗ ger auskundſchaften wollte, darum ließ ich ihm das Haupt vor die Füße legen, damit er nicht alles höre, was hier geſprochen und geſungen wird, Du aber alter Freund biſt ja kein Verräther; biſt ſo gewiß ein Abge⸗ ſandter des Kürſchners Ladislaus, meines Freundes, und mir ſo treu und feſt ergeben, als feſt das Eiſen iſt, in der Fauſt eines Mannes.“ „Dabei hob Georg ein großes Hufeiſen, das zufül⸗ lig am Boden lag, empor, es krachte in ſeiner ehernen Fauſt zuſammen, und in zwei Theile zerſprengt, ſchleu⸗ derte er es dem Zigeuner vor die Füße. „Alſo der Kürſchner ſandte Dich?“ ſchmetterte er mit einer Donnerſtimme, welche den Jubel der um den 241 Feſtbraten am Raſenplatze verſammelten Rotte augen⸗ blicklich verſtummen machte. „Der Kürſchner,“ hauchte der Alte. „Steht vor Dir,“ brüllte der Rothe, und trat hin⸗ ter der zweiten Zeltwand hervor, dem erbleichenden Zigeuner unter's Antlitz.„Ich war vom Anbeginne Deiner Ankunft in dem Zelte,“ fuhr Ladislaus der Kürſchner fort,„Du elender Lügner und verſteckter Wolf.“ „Dabei wollte er dem Zigeuner in's Geſicht ſchla⸗ gen. „Karatſon aber wehrte ihn zurück, trat ſomit aber lächelnd auf den Alten zu, und führte ihn auf die lichte Seite des Zeltes. „Dieſer hatte ſich gefaßt. „Ihr könnt nicht der Kürſchner ſein,“ rief er mit feſter Stimme;„den Kürſchner Ladislaus verließ ich im Walde bei Szolnok.“ „Er iſt ſo gewiß der Kürſchner Ladislaus,“ fiel hier mit furchtbarer Kälte Karatſon ein,„ſo gewiß, als Du Helena, die Tochter des Stadtrichters von De⸗ brezin biſt!“ „Dabei rieß er dem Zigeuner mit roher Hand die falſchen Haare vom Scheitel und eine Fülle goldener Locken rollte auf den entblößten Nacken nieder. Proſchto. Der ſchwarze Mann. I. 242 „Helena aber ſank ohnmächtig zu Boden. Sie hatte, kaum von der Gefangennehmung ihres Bräutigams un⸗ terrichtet, mit magyariſcher Gluth den Entſchluß gefaßt, dieſen zu retten,— denn die Liebe iſt kühn und wagt ja für den geliebten Gegenſtand Alles,— Karatſon den ſchwarzen Mann wollte Helena, die muthige Ungartoch⸗ ter, in ſeinem eigenen Lager aufſuchen, und— tödten; durch dieſe heroiſche That glaubte ſie dem Lande die Ruhe wieder zu geben und gleich einer Judith mitten durch die Rotten des heiligen Lagers mit Joſſu zu ent⸗ fliehen oder mit ihm zu ſterben. „Aber die Liebe der tollkühnen Jungfrau hatte zu feſt auf ihr gutes Glück gebaut. Karatſon hatte ſie in ihrer Vermummung ſogleich erkannt, und nun lag ſie ſelbſt ein Opfer ihrer Vebe in der Gewalt des ſchwar⸗ zen Mannes; der Dolch, den ſie in ihren Kleidern ge⸗ borgen hatte, aber— in Karatſon's Hand.— Aber Gottes Hand wachte über ſie.— „Als Helene ihre ſchönen Augen zum neuen Leben aufſchlug, lag ſie auf kühlen Raſen hingeſtreckt; ob ih⸗ rem Antlitze blickte die Friedensbläue des freundlichen Himmels durch das grüne Blätterdach einer himmel⸗ hohen Eiche herab, auf welcher die Sänger der Lüfte, unbekümmert um der Menſchen blutiges Treiben, ihrem Schöpfer einen tauſendſtimmigen Choral jubelten, und — 243 neben ihr auf den Knieen lag— Joſſu und bot in ſe⸗ liger Freude weinend, der einzig Geliebten auf einem Blatte die im Frühlingstaue funkelnden Früchte des Waldes dar... „So mag dem Erdenpilger der Ausgang aus dem Leben erſcheinen; hier die elende Strohmatte in dunkler Kammer, auf welcher der Sterbende die letzten Schmer⸗ zenstöne weint, dann ein ſanftes Hinüberſchlummern— ein kurzer Todesſchlaf— und ein freundlicher Gruß in den ſonnenhellen Räumen des Zenſeits!— Nur der Gedanke des Todes iſt ſchrecklich— lieblich iſt das „Geſtorbenſein!“ „Helena hing noch immer am Halſe des Geliebten, ehe ſie ſich des Vergangenen bewußt ward; endlich, endlich tauchte das Bild der verſtrichenen grauenvollen Stunde in ihrer Erinnerung wieder auf.— Sie ſchrack zuſammen, und blickte furchtſam in ihrer Nähe herum, ob denn auch wirklich jene grauenhaften Schreckbilder alle verſchwunden ſeien, und nur der Arm der Liebe ſie umfaßt halte. „Joſſu verſtand ſie. „Helene!“ rief er,„Aeonen ſind zu kurz und der Zeitraum hat keinen Namen, der im Stande iſt, die Liebe zu lohnen, die Du mir weihteſt.“ „Ich wollte Dich retten,“ ſtammelte Helene am 16½ * 244 Halſe ihres Geliebten,„nachdem wir durch Deinen Die⸗ ner erfahren hatten, daß Du auf Deiner Rückreiſe bei Szolnok von den ſtreifenden Schaaren des ſchwarzen Mannes aufgegriffen und in ſein Lager gebracht worden ſeieſt; bald aber—“ „Wäreſt Du mit mir geſtorben?“ fiel Joſſu ein, „und wahrlich, mein Tod wäre mir zehnfach ſchrecklicher geworden, als ihn Karatſon's ausgeſuchte Grauſamkeit zu machen im Stande geweſen wäre— hätte Dein küh⸗ nes Wagniß auf dieſe Weiſe geendet! Aber ſo Dank der ewigen Vorſehung, iſt es mir gelungen, Dich, meinen Engel, und mich zu retten.“ „Und während Helene ihr ſchönes Lockenhaupt in inniger Liebe erglühend, an Joſſu⸗ s Bruſt lehnte, fuhr fort: „Jedes Deiner Worte, welches Du im Zelte Ka⸗ ratſon's ſprachſt, hörte ich mit— denn ich ſtand im Ne⸗ benzelte ohnfern von jenem Platze, wo die ſchauder⸗ hafte Hinrichtung eines Ungarn, der von Karatſon's Leuten mit mir ergriffen worden war, ſtattfand, ich ſtand an jenem Platze, gewärtig des Stoßes, der mich zum Blutblock führen ſollte.— Ich hörte Dich, allein ich wollte Dich weder Zeuge meines ſchrecklichen Endes ſein laſſen, noch war ich vollkommen ſicher, daß jene — 145 Stimme, die ich vernahm, wirklich die meiner geliebten Helene ſei— da nannte Dich der ſchreckliche Karatſon beim Namen; jetzt kannte ich mich nicht mehr vor Angſt und Wuth. Ich riß mit Rieſenkraft die Stricke, welche meine Hände banden, entzwei, ſprang in das Zelt, und die Hand des Ewigen, welche im einzigen, rechten Au⸗ genblicke einzugreifen weiß, ſchwebte über mir.— Auf der andern Seite des Lagers erſcholl ein fürchterliches Gebrülle; der Türke hatte ſich unbemerkt genähert und der Bey von Szolnok mähte mit ſeinem krummen Säbel bereits im Lager ſo gewaltig herum, daß Karatſon Dich, mich und ſein Zelt vergaß und gleich einem angeſchoſſe⸗ nem Wildbären den Osmanen entgegenſtürzte. Du lagſt betäubt und ohnmächtig in meinen Armen. Ein Gott beflügelte meine Schritte, und ſtärkte meinen Arm und ſieh'!— ich habe Dich gerettet.“ „Noch hatte Joſſu ſeinen Bericht nicht vollendet, da ſchallte lautes Eljen in den Eichenwald herauf.— He⸗ lenen's Auge unflorte ſich, denn an der Spitze eines Schwarmes von mehr denn fünfzig Bauern ſtürmte der ſchwarze Mann, deſſen Lager im ſelben Augenblicke von den beutegierigen Türken geplündert wurde, über den Hügel, noch fünfzig Schritte und die Liebenden waren verloren. 246 „Schon deutete die baumlange Lanze des ſchwarzen Georg's auf Helena, Joſſu aber, welcher ahnte, daß Georg ſie bemerkt habe, umfaßte die ſinkende Helena und bot noch einmal alle ſeine Kräfte auf, die flache Haide zu gewinnen, welche an dieſer Seite kaum mehr eine Viertelſtunde Weges nach Debrezin übrig ließ. Ende des erſten TDheiles. Druck von Plachy& Spitzer. * Neue Erfindung. Metachromatypie oder die Kunst, ohne alle Vorkenntnisse im Zeichnen und Malen pinnen einigen Minuten die schönsten Bilder auf alle Gegenstände und Stoffe dauernd anfertigen zu können, z. B. Blumen, Bouquets, Fruchtstücke, Landschaften, Thier und Genrestiicke, Portraits, Figuren, Ornamente, Arabesken, Bor- duren, Gold- und Silberverzierungen, Schriften, Zahlen etc. auf Papier, Seide, Wachstuch, Leder, Holz, gebrannten Thon, Steingut, Porzellan, Glas, Stein, Metalle, Wachs, Stea- rin, Seifen, etc. und zwar 80, dass dieselben wie das reinste Oelgemälde, eingelegte Arbeit ete. ausschen, lackirt, polirt und mit heissem Wasser gewaschen werden können, ohne der Farbe zu schaden. Es bietet diese Erfindung das schönste, iberraschendste Vergnügen für Herrn und Damen. Ausserdem ist dieselbe höchst vortheilhaft für alle Geschäfte, welche Malerei oder überhaupt Verzierungen aut ihre Faprikate brauchen. Vollständige Apparate mit genauer Geprauchsanwei- sung zur Ausführung à 1—5 Thlr.= 2—10 fl. 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