1. „ 3 Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Cduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe iterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: —— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M.— Pf. k „ 3 S„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer iti Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ —— S——S * ————— Bibliothek deutſcher Briginalromane der beliebteſten Schriftſteller. Herausgegeben von J. D. Koher. Zwölfter Jahrgang. Zehnter Band. Dr eit II. 1857. Prag 8 Leipzig, Verlag von J. L. Rober. Der Jeſuit. Hiſtoriſcher Roman aus dem Schwedenkriege in zwei Bänden. Von Franz Iſidor Proſchbo. Zweiter Band. 1857. Prag Leipzig, Verlag von J. L. Roher. Erſtes Rapitel. Johannes der Lieblingsjünger. Wo der Menſch ſeine Leidenſchaften hinträgt, kann die Friedenspalme der Religion nicht gedeihen. Dem äußerlichen Bekehrungseifer, den die chriſtlichen Spanier im ſechszehnten und ſiebzehnten Jahrhunderte im üppigen Landſtriche Südamerika's von vierzig⸗ tauſend Quadratmeilen, den der Paraquay durchſtrömt, zur Schan trugen, ſtand ihre Sittenloſigkeit entgegen. Gerne nahm daher die Regierung den Antrag der Jeſuiten an, die ſich zu dem ausſchließlichen Miſſionsgeſchäfte in jenen Gegenden anboten. Sie führten dort die ſpaniſche Sprache und jene ſtrenge Ordnung ein, welche ihnen bald das Vertrauen der Bevölkerung, und hiedurch die Macht über dieſelbe ſicherte. Bald hatten ſie ihre Miſſionsbezirke(doctrinae) gebildet, und neuer tauglicher Prieſter der Geſellſchaft Jeſu bedurfte es, um dort entſprechend zu wirken. In der königlichen Hauptſtadt Prag, auf dem Platze von der Moldaubrücke bis zur Altſtadt, wo gegenwärtig das herrliche felſenfeſte Klementinum, jenes großartige ehemalige Jeſuitenkollegium ſteht, und welcher Platz einſt, weil er ein für ſich abge⸗ ſchloſſenes Ganzes bildete, die Inſel(ostrov) genannt wurde, lagen früher drei Kirchen, zu Skt. Klemens, Skt. Bartholomäus, und Skt. Eligius, ein Dominikaner⸗ kloſter, zweiunddreißig größere und kleinere Häuſer, zwei Gärten, ſieben Plätze, und zwei Gaſſen.— Erſt im Jahre 1653 legten die Jeſuiten den Grundſtein zu dem Klementinum, wie es jetzt emporragt, und erhielten hiezu die Baukoſten vom Kaiſer Ferdinand II. zuerſt dargeliehen, dann aber geſchentt. In einem der größeren Häuſer auf dem ge⸗ nannten Platze ſtand eben auch im Mai des Jahres 1648 ein hoher, ernſter und bleicher Mann, P. An⸗ dreas Duboiſſon, Rektor des Jeſuitenkollegiums und der Akademie. Vor ihm ſtand ein noch hö⸗ herer Mann, zwar nicht im Range, aber der Geſtalt 7 nach, P. Georg Plachh, der Profeſſor der hebräi⸗ ſchen Sprache und der Schriftauslegung, dann ande⸗ rer theologiſchen Fächer an der Univerſität. „Und ſo gehe, mein Sohn,“ endete der Rektor mit ernſtfreundlicher Miene ſeine Anſprache an den Or⸗ densgenoſſen.„Concedo,“ ſetzte er, freundlich ſeine Hände auf die Schulter des zu ſeinen Füßen hinſinkenden Profeſſors legend, hinzu:„ſo gehe denn, mein Sohn, in ferne Lande, wie Du es wünſcheſt, zu wirken zur Ehre Gvottes, die Beſtätigung der Obern wird nicht ausbleiben.— Alſo ziehe hin in Frieden, und wirke ad majorem Dei gloriam!“ „Obedio!“ rief mit auf der Bruſt gekreuzten Händen und freudeſtrahlendem Antlitze der Profeſſor, beugte ſein Haupt, und empfing den Segen des Rektors.— Jetzt ſtürzte er fort in die nahe Domi⸗ nikanerkirche, und warf ſich betend vor den Altar der Gebenedeiten; aber ſchon trieb es ihn wieder hin⸗ aus, er mußte ſeine Freude über die nun erfüllte Hoffnung, über den zur Wirklichkeit gewordenen Traum ſeiner Jugend in die Lüfte hinausrufen, an ein mitfühlendes Herz mußte er ſie mittheilen, zu ſchwer war ihm allein die Laſt der Freude— ihm, der nur den Ernſt des Lebens bisher, und die Entſa⸗ gung kennen gelernt hatte. 8 Und der erſte, der dem Manne voll heiliger unverfälſchter Gottesliebe, der Georg Plachh, dem Ebenbilde des guten Hirten, entgegentrat, war Jo⸗ hannes, der Lieblingsjünger des Herrn.... Ein ſchöner hochgewachſener junger Mann von etwa dreißig Jahren war es, ſchwarzes Lockenhaar wallte um ſeinen Scheitel, auf ſeiner hohen Stirne ſtrahlte, ſowie aus dem ſchönen regelmäßigen Antlitze mit dem ſanftgerötheten Wangenpaare jene Reinheit der Seele, welche den Beobachter im erſten Augenblicke einnimmt. Ein feines ſchwarzes, mit Silber ausge⸗ ſchlagenes Wamms deckte den kräftigen Gliederbau des ſchönen Jünglings, deſſen Lippen jetzt auf der Hand ſeines geliebten Lehrers und Freundes ruhten, dem er freudeglühend und voll ſtiller Ehrfurcht ent⸗ gegeneilte. „Johannes!“ rief der Profeſſor,„mein innigſter Lebenswunſch iſt erfüllt— ich gehe nach Paraquai in die Miſſionen!“— Der junge Mann fuhr todtenbleich zurück. „Unſer hochwürdiger Rektor, Pater Dubviſſon,“ fuhr Plachh fort,„hat mir ſpeben eröffnet, daß die Geſellſchaft kraftvolle und gottbegeiſterte Männer des Ordens für die Miſſion am Paraquay begehrt— auf mich, deſſen ſehnlichſten Wunſch, zur Bekehrung 1 9 der Ungläubigen zu wirken, der Rektor kennt, iſt ſeine Wahl gefallen, nachdem er aufgefordert wurde, auch einige Glieder des hieſigenOrdenshauſes vorzuſchlagen.“ „Profeſſor Plachh will uns verlaſſen!“ jammerte der junge Mann. „Nimm es nicht ſo, Johannes,“ entgegnete der Profeſſor freundlich,„ſiehe, der Herr hat mir einen ſtarken, ſchier rieſenmäßigen Körperbau gegeben; er hat mir die Kraft des Lebens und die Gabe der Rede verliehen,— wie der Weltapoſtel ſoll ich wandern in ein fernes Land, und dort den Heiden von dem ihnen unbekannten Gotte predigen; er will, daß ich das Pfund, das er mir gegeben, nicht vergrabe, ſon⸗ dern ſeine Sache führe jenſeit des Weltmeeres, wie Paulus und Petrus für die Felſenkirche einſtanden, deren Säulen ſie bildeten.— O Johannes, das iſt ein herrlicher Beruf— alles von ſich zu werfen, und dem Kreuze zu folgen, um es zu ſchwingen an den Ufern der heimathlichen Ströme, wie an den meerumgürteten Felſen der fernen Atlantis. Traure nicht, Johannes, ich gehe ja dorthin, wo der Gehor⸗ ſam gegen den Orden mich ruft, der Gehorſam, der dießmal mit meinem innerſten Wunſche, meinem voll⸗ ſten Willen und Wollen zuſammentrifft; denn,“ ſetzte er ernſt hinzu,„der Jeſnit darfkeinen Willen haben; 10 eben der ſtrengſte Gehorſam gegen unſere Oberen iſt das Band, das alle Glieder unſerer Geſell⸗ ſchaft zum ſtarken Bunde, zur undurchdringlichen Pha⸗ lanr für die heilige katholiſche Kirche vereinigt!— Und Du, guter Johannes, glaubſt Du denn, daß ich Dich und alle Lieben, die ich in Prag kennen lernte, jenſeit des Meeres vergeſſen könnte—— glaubſt Du, daß Plachh nicht mehr unter Euch wan⸗ deln wird, weil ihn ein paar Bretter über den Ozean zu anderen Seelen trugen, die er gewinnen ſoll für den Herrn?... O, ich möchte Dir zurufen, wie Chriſtus ſeinen Jüngern;„über eine kleine Zeit werdet Ihr mich nicht mehr ſehen, und über eine kleine Zeit werdet Ihr mich wiederſehen, denn ich gehe zum Vater“— „O könnte ich mitziehen!“— rief Johannes, ſein Haupt ſenkend;— aber der letzte Laut war auf der Zunge halberſtickt zurückgeblieben.. Johannes ſenkte ſein Auge, vor ſein inneres Auge aber trat das Bild eines Weſens, dem er ent⸗ ſagen mußte, wenn er mit Vater Plachh das Welt⸗ meer durchſchiffen wollte— Johannes Proskowskh, der Lieblingsjünger Plachh's, Johannes Proskowskh, der ſchöne junge Mann, Johannes Proskowskh, das einſtige kaum einige Monate alte Polenkind, welches 11 Frau Polirena von Lobkowic auf der Straße von Budweis nach Prag mit dem Auge der Barmher⸗ zigkeit angeblickt, und welches Plachh damals mit dem Mantel des heiligen Martinus bedeckt, und Frau Polirena bisher in ihrem Hauſe genährt, gepflegt und großgezogen, Plachh aber auf die Wege der Tu⸗ gend und der Wiſſenſchaft geleitet hatte, Johannes Proskowsky, nunmehr ſchon Lizentiat der Rechtswiſ⸗ ſenſchaft*)— Johannes Proskowskh, deſſen reines Gefühl und keimende Liebe für Marien von Pern⸗ ſtein der edlen nun ſchon ſechsundſechzigjährigen Frau Polirena von Lobkowie lange kein Geheimniß mehr war, wohl aber von der edlen Frau nicht ohne Be⸗ denken beobachtet wurde, da ſie die Standesvor⸗ urtheile ihrer Muhme, Frau Salome's von Herber⸗ ſtorf, kannte, Johannes Proskowsky war in dieſem Augenblicke, als er vor Plachh ſtand, der Gegenſtand eines lebhaften Zwiegeſpräches, welches zwei Män⸗ ner im Bade der Libusa miteinander pflogen,— zwei Männer, in dunkle Mäntel gehüllt, wie Fauſt, der König der Wiſſenſchaft, und Mephiſto, ſein böſer Engel. *) Jam tum J. U. Licentia insignis nennt ihn der Geſchichts⸗ ſchreiber. „Unterhalb des Schloſſes Wysehrad bei Prag gegen das Waſſer,“ ſagt Theobald in ſeiner Ge⸗ ſchichte des Huſſitenkrieges,*)„iſt ein hoher, ſpitziger Felſen, alſo, daß einer wie von einer Mauer in das Waſſer ſieht, an welchem Orte ein rundes Gemäuer, das ſie balneum Libusae nennen, zu ſehen. Dann ſo einen Libusa am Leben ſtrafen wollen, hat ſie ihn in dieſes Stüblein gehen heißen, welches alſo zubereitet, daß er von dannen herab über die Felſen den Hals gebrochen, und ins Waſſer gefallen. Et⸗ liche fagen, es hab' es Wenzeslaus gethan. „Es ſind auch gegen das Waſſer unter der Erde ſchöne Gewölb' und iſt zu verwundern, wie ſie neben dem andern Gemäuer eine ſolche lange Zeit geſtanden. Sonſt iſt aus dieſem fürſtlichen und kaiſerlichen Hof ein Garten geworden, darinnen Rüben, Salat und andere dergleichen Sachen wachſen, daß einer wohl ſagen kann: En campus, ubi Troja fuit! Vorn bei dem Thore(das vermauert) iſt in den Waſen ein Irrgarten ausgehauen worden, der ſeltſame Gänge hat, und ob er wohl kaum vier Tiſch breit, will er doch Zeit haben, ihn auszugehen. Außerhalb des Schloſſes ſind drei Kirchen gar ſchlecht wiedergebaut worden, *) Rürnberg 1621. 13 und man weiſet in der Kirche St. Petri und Pauli das Grab des Longini, ſo in einen Stein iſt aus⸗ gehauen worden, zehenthalbe Spannen lang und vier breit. Auf dem Kirchhofe Johannis liegt eine große Säule, die ſoll der Teufel von Rom, wie man vorgibt, geholet haben. Aber was verſtändige Leute ſein, und wus von den Sachen wiſſen, die ſagen, es ſei noch eine Säule in der alten Kirche Petri und Pauli ſo zerſtört worden;*) man weiſet auf den Ort, von welchem Horymir über die Moldau geſprengt, ob es wohl Dubravius wegen der großen Entfernung in ſeinem andern Buch verlachet. Doch, weil man dergleichen Hiſtorien von den Appelen von Gäylen hat, mag der Leſer glauben, was er will.“ Weilen bei der Belagerung des wyöehrader Schloſſes große Steine zum Einwerfen mangelten, als haben die Prager die überaus ſchönen Säulen der Kirche bei Maria Schnee abgebrochen und ſie durch gewiſſe Maſchinen ins Schloß geworfen, davon noch heutzutag einige große Stücke übrig zu ſehen ſind, ob man zwar davon vorgeben will, als wären ſie vom Teufel von Rom aus dahin gebracht worden.(S. des Jeſuiten Tanners Geſchichte des Hauſes Sternberg. Prag 1732).— Dagegen heißt es in Redel's „Sehenswürdiges Prag“(Prag 1710 S. 364):„In der Kirche St. Petri und Pauli auf dem Wysehrad lieget eine vortreffliche ſchöne Säule, und kann man nicht ſehen 3 Dort auf jenen alten böhmiſchen Ruinen ſaßen, während Plachh und ſein Jünger wie die Weisheit mit der Liebe zum Hradſchin emporſtiegen, der Mann der Leidenſchaft, Ernſt Ottowaldsky, und ſein böſer Engel, der Pole, Alerander Wolsinskh— und wie dort der Schüler mit dem Meiſter, ſo redete auch hier der Schüler mit dem Meiſter.... Dort beſänftigte der edle Meiſter den Schmerz des jungen wie ſolche zubereitet oder aus was für Steinen dieſelbe ſei(es iſt nach Schottky Syenit.) Dieſe, wie die beſtändige Meinung, alte Tradition und Ruf in Prag iſt, ſoll der Teufel dahin geworfen haben, und zwar aus folgender Urſache: Es hatte ein Prieſter der Kirche St. Petri und Pauli auf dem Wysehrad durch Verführung des Teufels ein Bündniß mit demſelben gemacht, mit der Bedingung, wenn er in der Zeit, da er die Meſſe leſe, eine Säule aus der Marienkirche zu Rom über die Tiber bringen könnte, wolle er ſich ihm ergeben. Der Teufel hörte dieſen Antrag gern, machte ſich gleich in aller Eil nach Rom und brachte die Säule von dannen, kam aber zu ſpät, indem die Meſſe ſchon aus war, worüber er entrüſtet, die Säule durch das Dach und Gewölbe in die Kirche warf, daß ſolche in drei Stücke ſprang, welche drei Stücke noch heutzutage in denen Kapellen St. Francisci und St. Pauli Bekehrung zur linken Seite bei dem Eingange in die Kirche St. Petri und St. Pauli gezeigt werden.“ 15 Freundes, hier wühlte der Meiſter mit Gier in den Adern ſeines Opfers—„Fort mit den gleißenden Bil⸗ dern der Vergangenheit,“ rief er,„friſche Gegenwart will der Mann, und iſt die Roſe verblüht, ſo traure er um ſie, aber nichts weiter!— ſie an ſeinen Kriegshelm ſtecken und als Feldzeichen zu künftigen Siegen vortragen, hieße ſich ſelbſt Feſſeln anlegen, und den Fuß lähmen, der auf dem Schlachtenſande noch manche Trophäe erringen ſoll, bevor er aus⸗ ruhen darf auf weichem Pfühle!“ „Du meinſt alſo,“— fragte Ottowaldsky. „Daß Maria von Pernſtein fortan Deine Perle heiße,“ entgegnete der Pole,„ſowie blau und gelb und nicht ſchwarz und gelb fürder Deine Farbe ſein darf“— ſetzte er mit lauerndem Auge hinzu. „Verſucher!“ grollte Ottowaldsky,—„doppelten Treubruch mutheſt Du mir zu,— o wie ſie hinſank, leidend und bleich wie ein Engel des Todes— ſie, die mehr als ein Jahrzehend treu meiner geharrt hatte, wie ich es von ihr erwarten konnte— Roſa! Roſa! warum vermag Ottowaldskh dem Strahle des neuen Sternes nicht zu entweichen, der flammend ſein Herz berührt. Warum iſt Roſa zur bleichen Lea, und Maria zur Roſa geworden!“ „Wenn Roſa von Pernſtein hier gemeint iſt,“ 5 16 fiel eine kräftige Stimme dazwiſchen,„ſo bin ich ge⸗ rade recht gekommen, um ein Wörtlein mit d'ein⸗ zureden.“ Dieſe Stimme gehörte dem Hauptmann Pti⸗ chowskh, der von einer Spazierfahrt auf der Moldau emporſteigend, an die beiden Männer herantrat. Ottowaldskh rannte auf ihn zu und ſchloß ihn in ſeine Arme.„Freund— Waffenbruder,“ rief er,— „o, daß ich das vergeſſen konnte, Du, Du biſt es ja, der Roſa liebt— der ſie freien will, und an deſſen mannhafter Bruſt die bleiche Roſe bald wieder zur herrlichen Centifolie aufblühen wird“— „Ei,“ ſiel der Hauptmann gutmüthig lächelnd ein,„Euer heutiger Beifallstuf zu meiner Freierei im lobkowiciſchen Hauſe, die, nebenbei geſagt, ſehr zähe vorwärtsſchreitet, ſteht im ſeltſamen Widerſpruche zu dem ſüßſauren Geſichte, das ihr neulich zur Schau trugt, als ich Euch hievon an der Schwelle des Hauſes von meiner erſehnten Braut erzählte; damals hatte ich ſchier geglaubt, in Euch einen mißgünſtigen Neider oder wohl gar einen Nebenbuhler zu finden, der mir das angebliche Amulet für meine Braut nur gab, um ſie gegen meine Bewerbungen zu feien, denn hört, Freund Schiffmeiſter an der Havel, ſeit meine Braut Euer Amulet hat, iſt ſie * — 17 im Vötzimmer der Frau von Lobkowie mit dem B Be⸗ ſcheid abgewieſen, daß Fräulein Roſa im Delirium des wiederkehrenden Fiebers liege“ Ottowaldsk⸗ ſeufzte auf und ſtellte jetzt dem Hauptmann den Polen, ſeinen Freund und Waffen⸗ bruder und Retter aus den Waſſerfluten der Havel bei Schildhorn vor. „Nun,“ ſagte der Pole lachend,„habt Ihr unſern Freund Ottowaldskh aus dem Waſſer gerettet, ſo müßt Ihr ihm auch jetzt einen Dienſt erweiſen— erſtens— und das wollt Ihr ja ohnedieß thun, nehmt ihm die verblühte Roſe ab und pflanzt ſie in Euern Garten, und dann macht es ihm— ſo Ihr im lobkowieiſchen Hauſe wohlgelitten ſeid— mög⸗ lich, daß er ſich Marien von Pernſtein, nach der ſich ſein Herz ſehnt und ſein Verlangen brennt, nä⸗ hern dürfe; Waffenbrüder und Kriegskameraden dürfen einander weder auf dem Felde des Todes, noch der Liebe im Stiche laſſen.“ „Wohlgeſprochen,“ entgegnete der Hauptmann, „aber Ihr wißt nicht, Herr, daß mein Kennerange, weiblicher Blicke und Schwächen ſeit der kurzen Zeit, während welcher ich im lobkowiciſchen Hauſe aus⸗ für mich noch weniger ſichtbar, und heute wurde ich und einging, es bereits herausbekam, daß Maria, 1857. X. Der Jeſuit. II. 2 18 die liebliche Schweſter Roſa's, bereits einen Stern in ihrem Gefolge hat, den ſie ob der Hütte ſehen will, in der ſie ſich das Bethlehem ihres Erdenglückes er⸗ bauen will— oder weniger figürlich geſprochen, es waltet da im Hauſe der Frau von Lobkowie ein junger Rechtsgelehrter, mit Namen Johannes— und, wenn ich recht hörte, iſt Proskowskh ſein Fa⸗ milienname, den Maria von Pernſtein als den Stern ihres künftigen Lebens verehrt.“. Ottowaldskh's Antlitz glühte bei dieſem Berichte, unwillkürlich faßte er den Griff ſeines Degens, als ob er den Feind ſchon Auge im Auge gegenüber hätte. Aber ſinnend ſtand Wolsinsky der Pole.— „Proskowskh! Proskowskh!“ wiederholte er, den Finger an die Stirne legend, als ob er nachſänne. „Ein Pole von Geburt,“ ergänzte Ptichow⸗ sih;„ganz richtig, ein Pole von Geburt aus der Gegend von Tilſit— man ſagt, ſein Vater ſei ein armer Soldat geweſen, der im Spital der Altſtadt Prag verſtarb, wornach Frau von Lobkowic den Knaben um Gotteswillen zu ſich nahm, ihn mit Hilfe eines Jeſuiten erzog, und im Hauſe hielt wie ihr Kind, ſo daß er an Leib und Geiſt gedieh zum herrlichen jungen Manne; denn ſchön, wahrlich ſchön und markig iſt dieſer junge Pole, er macht ge⸗ ——— 19 wiß ſeinen Landsleuten keine Unehre, und ich finde es begreiflich, daß die ſchöne Maria von Pernſtein an dem jungen Manne Gefallen findet, der, neben⸗ bei auch geſagt, ein juris peritus ſein ſoll, daß er alle Sachwalter der Hauptſtadt in der Durchfech⸗ tung ſeiner Theſes beſchämt, und bald den Gradum eines Doktors erlangen wird.“ „Und wie alt iſt der ſeltene Jeſuitenzögling aus Polen,“ fragte Wolsinskh. „Im erſten Mannesalter, etwa dreißig mag er zählen,“ entgegnete der Hauptmann. Jetzt wandte ſich der Pole gegen Ottowaldskh, noch immer ſeine Fauſt am Degengefäße ruhen atte. „Freund Ernſt,“ ſagte er faſt feierlich, und ohne ſein gewöhnliches ſardoniſches Lächeln, aber mit einer ſonderbaren Beſtimmtheit des Ausdruckes:„Freund Ernſt, Dir ſoll geholfen werden!“— Zweites Kapitel. Maria und Martha. Auf ihrem Schmerzenslager lag die bleiche Roſe, Roſa von Pernſtein ihre Schwäche war wieder⸗ p 20 gekehrt, ihr Auge flammte in Fieberglut, aber ihr Gemüth war ruhiger, ſie hatte abgeſchloſſen mit der Welt, und aus der Martha war eine Maria geworden. Maria aber, die neuerblühte Roſe von Pernſtein, ſaß ſtill weinend zu den Füßen ihrer leidenden Schwe⸗ ſter und betete. Jetzt ſchlummerte die Arme ein wenig ein, und Maria trat in das Vorzimmer, um duf einen Au⸗ genblick in dem Hausgarten friſche Luft zu ſchöpfen. Jetzt erhob ſie ihr thränendes Auge, und vor ihr ſtand Johannes Proskowskh, der Pflegebruder im lobkowiciſchen Hauſe,— Johannes, der Liebling ihrer Seele, denn ihre gleichgeſtimmten Seelen fan⸗ den ſich bald, obgleich noch nie ein Wort des Ein⸗ verſtändniſſes und der Liebe zwiſchen beiden gewech⸗ ſelt worden war. Maria, das fromme, ſittenreine Kind, freute ſich, an Johannes, dem reinen Jüngling, jene Tugenden zu finden, die ſie beſaß. Dieſes Gefühl fand um⸗ ſomehr durch den Umſtand Nahrung, daß Johan⸗ nes im Hauſe der edlen Frau Polirena als Pflege⸗ ſohn und Kind des Hauſes betrachtet wurde und als Bruder Mariens galt, daher beide mit dem freundlichen„Du“ ſich zu benennen gewohnt waren. —— 21„ „Maria,“ ſagte er, auf die Jungfrau zugehend, und bleich wie der Tod;„Profeſſor Plachh geht in die Miſſionen nach Amerika“.. Wie vom Donner gerührt, ſtand das Fräulein; ihr über alles theurer Lehrer, den das ganze lob⸗ kowiciſche Haus gleich einem Heiligen verehrte, ſollte ſcheiden! „Und ich gehe mit,“ fuhr Johannes fort. Die Jungfrau ſchlug ihr großes Auge fragend empor, ein alles⸗ſagender Blick in Proskowskh's Auge antwortete ihm. Der junge Mann ſah das ſchwimmende Auge des Mädchens— es bedurfte keines Wortes mehr. Was beide lange ſchon mit den Augen geſpro⸗ chen hatten, fand in dieſem Augenblicke durch die Lippen Ausdruck.„Maria!“ rief Johannes, und vom Augenblicke übermannt, wollte er dem lang verbor⸗ genen Gefühle der innigſten Liebe Luft machen, und zu den Füßen des Mädchens hinſtürzen, aber in die⸗ ſem Augenblicke trat Hauptmann Prichowskh mit dem Polen Wolsinskh in den Garten. Piichowskh erkundigte ſich theilnehmend bei Ma⸗ rien um Roſa's Befinden, und erklärte dann, daß er gekommen ſei, um einen neuen Freund, den polni⸗ ſchen Edelherrn, Rittmeiſter Alexander Wolsinskh 22 im lobkowiciſchen Hauſe vorzuſtellen, der vor Begierde brenne, die edle Frau kennen zu lernen, welche vor dreißig Jahren den Muth hatte, einem Mathias Thurn entgegenzutreten, und auf dieſe Art dem edlen Sla⸗ wata das Leben rettete. Bald ſtand er mit demſelben vor der Frau des Hauſes, und die böhmiſche Gaſtfreundſchaft in der königlichen Hauptſtadt geſtattete nicht, ihn zurückzu⸗ weiſen. Acht Tage verſtrichen daher abermals nach die⸗ ſer Vorſtellung, und der neueingeführte Gaſt, ein gewandter Lebemann, geſchult im Lager, wie in den Sälen, hatte bereits zweimal im lobkowiciſchen Hauſe eingeſprochen. Sein geſchmeidiges einſchmeichelndes Benehmen, ſeine Rednergabe, ſeine vornehme Haltung und ins⸗ beſondere die Goldtreſſen ſeines Wammſes und die feinen brüßler Spitzen ſeines Halskragens, dann die goldenen Pfennige, welche er der Dienerſchaft des Hauſes für jede noch ſo kleine Dienſtleiſtung in die Hände drückte, dieß alles machte, daß Freund Pole bei der Anſtandsdame Frau Salome von Herber⸗ ſtorf ſchon nach wenigen Tagen in hohen Gnaden ſtand, während die gerechte, jeder Prunkſucht ſo fern ſtehende Frau Polirena dem tänzelnden Mephiſto 23 wenige Blicke ſchenkte, und in dieſen Tagen nur Angen für ihre leidende Roſa hatte. Die arme Jungfrau hatte allerdings in den letzten Wochen eine ſchwere Pockenkrankheit überſtan⸗ den. Ihr ohne Vorwiſſen, blos durch Beihilfe ihrer guten Schweſter und einer Dienerin, die ihr nur nach vielen Vorſtellungen und Thränen nachgegeben hatte, auf die Inſel Klein⸗Venedig unternommener Gang, um Ottowaldskh zu ſehen, hatte ihren Zu⸗ ſtand wieder verſchlimmert. Die beiden Tanten und der Arzt Tomaſon konnten ſich dieß plötzliche Um⸗ ſchlagen der Krankheit freilich nicht erklären,— hatte ſich doch Roſa am Vortage ihres heimlichen Aus⸗ ganges nach der Inſel gar beſonders wohlgefühlt— aber Maria ging jetzt mit ſchweren Thränen im Auge herum, denn ſie war es, die den flehent⸗ lichen Bitten ihrer Schweſter nachgegeben, und ſie nach der feuchten Inſel geleitet hatte, und dieſe Thränen Mariens, ſie galten auch noch einem an⸗ dern Gegenſtande; Johannes, der ja über den Ozean ſcheiden wollte!... Hochbekümmert blickte daher Frau Polixena von Lobkowie auf beide Mädchen, und gar ſtill ging es im lobkowieiſchen Hauſe her; es glich einer traurigen verſunkenen Stadt, wo die Freude unter dem Meeres⸗ 24 ſpiegel lag. Nur Mephiſto, der Pole, ließ ſeine Blicke, wie leuchtende Blitze, über die Fläche gleiten, um den rechten Moment für ſeine Pläne zu erſpähen; ſie kreuzten ſich mit den Feuerblicken des ſchönen Jv⸗ hannes, der ſeinen Mann bald erkannte, und ſeit zwei Tagen weniger an eine Begleitung ſeines ge⸗ liebten Lehrers nach Paraquay dachte, ſeit er nämlich die glühenden Blicke bemerkt hatte, welche Alexander Wolsinsky Marien, ſo oft ſie ihm nahte, zuwarf.. Und doch durchblickte der unbefangene, auf dem Felde der Lüge ungeübte Johannes nicht die Tiefe jener Pläne, mit welchen Wolsinskh umging; die Politik ſpielte hier die Hauptrolle, und das eine Ende der Fäden, welche dermalen im lobkowiciſchen Hauſe ihren Ausgang fanden, hing in Pilſen feſt, wo Graf Königsmark, der ſchwediſche Heerführer, jetzt mit ſeinen Truppen im Lager ſtand. Alexander Wolsinsky, der Pole, war ein Par⸗ teigänger Schwedens— königsmark'ſche Goldſtücke waren die Hebel, die ihn antrieben, allenthalben für Schweden thätig zu ſein; Werbung und Aufwieglung, Ausſpähung und Verrätherei hießen ſein Gewerbe, welches er nun auch in der königlichen Hauptſtadt Böhmens übte. Ernſt Ottowaldskh, der bewegliche, leidenſchaft⸗ 25 liche, aber tapfere Oberſtlieutenant, den er von Polen aus kannte, ſchien ihm eine gelenkige Marionette für ſein verwegenes Spiel, mit dem er nichts weniger beabſichtigte, als ſeinem Herrn und Meiſter in Pilſen einen Hauptſchlag auf Prag vorzubereiten. Um aber Ottowaldskh bei deſſen noch immer großem ſoldatiſchen Ehrgefühle für ſich und die ſchwe⸗ diſche Sache zu gewinnen, mußte er, ſcheinbar in ſeine Wünſche eingehend, alles vorbereiten, um ihm Prag und die kaiſerliche Partei recht gehäſſig zu machen. Nach allem, was ihm Ottowaldskh von ſeinen ver⸗ fehlten Bewerbungen um Roſa's Hand mitgetheilt hatte, ſchloß Wolsinskh ganz richtig, daß Otto⸗ waldskh jetzt, wo er mit verwundetem Arme und als verabſchiedeter kaiſerlicher Offizier aus Polen zurück⸗ kehrte, und wo er mit ſeinem beweglichen Gemüthe plötzlich von ſeinen frühern Bewerbungen um die ſeither verblühte Roſe zur lebensfriſchen Blume Maria übergehen wollte, noch weniger Gehör bei den Tanten der Fräulein finden würde. Aber eine entſchiedene und wo möglich beleidi⸗ gende Abweiſung mußte Ottowaldskh erfahren, und die gänzliche Hoffnungsloſigkeit ſeiner Pläne auf Ma⸗ riens Hand mußte klar vor ihm liegen, wenn er mit dem ganzen auflodernden Feuer ſeiner Leiden⸗ 26 ſchaft aus der Königsſtadt Prag fort- und ins ſchwe⸗ diſche Lager ſtürzen ſollte, um als Sieger wieder⸗ zukehren, und das mit bewaffneter Hand, und im Strahlenpanzer des Siegers zu fordern, was dem verabſchiedeten Offizier mit dem wunden Arme vor⸗ läufig verweigert wurde, falls ſich Ottowaldskh die junge friſche Roſe nicht mit Mannesmuth früher aus den Dornen herausholen wolle. Klug berechnend war nämlich Alerander Wol⸗ sinskh, der boſe Engel Ottowaldskh's, mit dieſem einig geworden, daß er ſich durch Prichowskh im lobkowiei⸗ ſchen Hauſe einführen laſſen wolle. Piichowskh's Dankbarkeit für ſeinen Retter an der Havel, und Wolsinskh's Klugheit würden dann das geeignete vorbereiten, um im rechten Augenblicke als Freunde Ottowaldsky's zu ſprechen und— eine Entführung Mariens aus dem Bereiche ihrer Tanten, ſei der Schlußpunkt einer Handlung der Nothwehr, die Ottowaldskh üben müſſe, wenn er den Kampf mit ſeinen Gegnern auf ein ſicheres Schlachtfeld über⸗ tragen wollte.— Sicherer ſei es für die bereits er⸗ runge ne Beute zu kämpfen, als die noch im feindli⸗ chen Lager befindliche zu erſtreiten.... So redete der Pole zu Ottowaldskh, aber in ſein em Gehirne rechnete er mit ſicherern Ziffern; daß 27. die Entführung Mariens durch Ottowaldskh nur geradenwegs ins ſchwediſche Lager ſtattfinden könnte, daß Ottowaldskh dann ganz Schwede werden, und als Vorpoſten zur Aktion gegen das kaiſerliche Lager in Böhmen ſtehen müſſe, und eine Ausſöhnung mit dem lobkowiciſchen Hauſe nur als Sieger der ſchwe⸗ diſchen Sache anbahnen und ausführen könne. Um aber dieß Netz an allen Fäden gehörig zu befeſtigen, und den Boden unter den Füßen Maria's von Pernſtein wankend zu machen, damit dieſe un⸗ geſchützt und unbewacht in Ottowaldskh's Hände ſenke, mußte vor allem eine Säule ſinken, an der ſich die Blätter der jungen aufblühenden Marienroſe emporgerankt hatten—— Johannes Proskowskh, der gute Engel Mariens. Und hiezu trug der böſe Engel Ottowaldskh's bereits die ſchreckliche Zanberkraft in ſeinem Gehirne.... Drittes Rapitel. Bruder Jonathan und Mephiſtv. Im Schmerhofe, auf dem großen altſtädter Ringe, da war ein luſtig Treiben!... 28 Dieſer Ort war für die edlen Muſenſöhne der Karoliniſchen wie der Ferdinandeiſchen Hochſchule ſeit lange der Mittelpunkt ihrer geſelligen Vergnügungen; hier war überhaupt eines der beſuchteſten Wirths⸗ häuſer, und Häjek, der Chroniſt erzählt von dieſem merkwürdigen Hofe folgendes: „Im Anfange der Faſten anno 1490 wurde lautbar, daß etliche aus der Ritter- und Bürgerſchaft, nicht ferne vom altſtädter Rathhauſe, im Hauſe, der Schmerhof genannt, heimliche Zuſammenkünfte und Rathſchläge hielten, und endlich beſchloſſen hatten, König Wladislauum ums Leben zu bringen. Dero⸗ wegen ließ der König zweene vom Adel gefänglich einziehen als, den Podwinskh und Alerandrum, der dritte aber, Friczek genannt, hat die Flucht gege⸗ ben, und dieſe drei waren alle des Herzogs Hynken Diener. Von Prag wurden ſie auf das Schloß Burgloß(Burglitz) geführt, allda ſie in Marter be⸗ kannt und ausgeſagt, daß ſie hierauf beſtellt geweſen, damit der König, wenn er auf dem altſtädter Rath⸗ hauſe den Rath zu verneuern, die Treppen hinauf⸗ ſteigen würde, allda durch einen Verräther(welchen ſie allbereit gemiethet) erſtochen werde, und er die Flucht geben ſollte, deme hätten ſie Raum zu machen, damit er deſto ehe entfliehen und von andern nicht 29 erhaſcht werden könnte, und dafür dreihundert Gülden zu geben, verſprochen. Sie beide aber hattens un⸗ tereinander ſelbſt alſo abgeredet, ſobald er den König umbringen würde, daß ſie ihn alsbald wieder auf der Stelle erſtechen wollten, damit der Handel, deſſen ſie Anfänger waren, nicht an Tag kommen ſollte. Nachmals ſind gemeldte Podwinskh und Alerander von Burgloß wieder gegen Prag geführt, und über den Hradſchin, auf des Königs Befehl, geviertheilt worden— Etliche aus der Burgerſchaft aber, als Sylveſter von St. Anna, Prokop Schneider im Schmerhofe, und ein Burger aus der neuen Stadt, mit dem Zunamen Peizeine haben auch Wiſſenſchaft hierum gehabt, und als ſie es bekannten, ſeynd ſie enthauptet worden.“— Im Schmerhofe alſo war es, wo auch im Juni des Jahres 1648 die Muſenſöhne der Univerſität bei Fidel und Pfeife ein luſtiges Treiben hatten— aber beileibe nicht in unbedingter Eintracht. Con⸗ cordia hieß noch nicht in allem und jedem ihre Parole.— Dort an dem großen Eichentiſche ſaßen die Söhne des Karolinums— ihre Lieder ſingend, ihre Kelch⸗ und Deckelgläſer ſchwenkend; dort an der runden Tafel im Hintergrunde und ringsum auf den Bänken die Studioſi der Ferdinandeiſchen Hochſchule, 30 Guelphen und Ghibellinen— da gab's, wie unter den Hitzköpfen am Zizkaberge, auch manchen Haken, der nicht recht ſaß, und waren es dort die Lan⸗ deseingebornen und Oeſterreicher, die mit den Frem⸗ den des Auslandes anbanden, ſo waren es hier die verjährten Mißverſtändniſſe zwiſchen den Studenten der Ferdinandeiſchen und Karoliniſchen Hochſchule, die beide Lager feindlich trennten, und die Pedelle beider Hochſchulen hatten nicht ſelten ein ſchweres Amt, wenn ſie gleichſam als Konſtabler ihrer Vorgeſetzten einſchreiten ſollten.— Schenkendiener flogen auf und nieder, böhmiſches Bier ſchäumte in den Krügen, und lateiniſche Lieder wechſelten mit böhmiſchen— denn beide Studentenlager hielten eine Art Nachfeier des großen Feſtes vom 7. April, als dem damals drei⸗ hundertjährigen Stiftungstage der prager Hochſchule. Mitten unter dieſem luſtigen Tieiben, von wel⸗ chem ſich kein Studioſus der beiden Hochſchulen aus⸗ ſchließen durfte, ohne es mit der geſammten Stu⸗ dentenſchaft ſeines Collegii zu verderben, ſaßen an einem Seitentiſche dicht neben dem Eingange:„Bru⸗ der Jonathan und ſein David... ſo nannten die luſtigen Muſenſöhne jenes traute Freundespaar, das Aug im Auge, Hand in Hand daſaß, und ſich mit andern Namen: Chriſtophorus Wunſch, und Johan⸗ 3 31 nes Proskowsky nannte.— War der eine Jonathan, ſo war der andere ſein David. Gleichentbrannte Herzen für Gott, Religivn, Tugend und Wiſſenſchaft, und nach dieſen für ihren großen, guten und heiß⸗ geliebten Lehrer und väterlichen Freund Georg Plachh, waren die Bande, welche dieſe zwei jugend⸗ kräftige Herzen einten— und Herz und Seele, und Leib und Leben hätte einer für den andern ge⸗ geben, wenn's gegolten hätte! aber beide hätten noch dreimal freudiger ihre Herzen und Seelen, ihre Lei⸗ ber und Leben für Vater Plachh gegeben! Ihm tranken ſie jetzt ein Lebehoch! und dann erklangen ihre Kelchgläſer leiſe, noch etwas ande⸗ rem— was ſie liebten.... Johannes dachte Ma⸗ riens von Pernſtein, und Chriſtvphorus Wunſch an Hermine von Sturmfeld, die ſiebzehnjährige ſchöne Tochter des Primators der Altſtadt. Die trüben Blicke des letzteren galten wohl dem Gedanken: daß er nur ein bürgerlicher Studioſus ſei, der noch nicht einmal einen akademiſchen Grad erworben hatte, der bisher nur von ferne dem adeligen Fräulein zu na⸗ hen gewagt hatte; während Johannes Proskowskh, von dem widerſtreitenden Wunſche, ſeinem geliebten Lehrer als deſſen Famulus nach Amerika zu folgen, und von ſeiner Neigung für Maria von Pernſtein 32 gequält, ebenſo trübe vor ſich hinblickte. Beide jun⸗ gen Männer hatten ſich bereits aus dem tobenden Gewirre des Feſtes entfernt, und ſchritten durch die Jeſuitengaſſe über die Moldaubrücke zum Hradſchin hinauf. Johannes legte ſeinen Arm in den ſeines Freun⸗ des, der ihm ſüße Troſtworte für ſeine Zukunft zu⸗ geflüſtert hatte. „Wäre ich ein Adeliger, oder trüge, ich bereits das Doktorhütlein,“ entgegnete Chriſtophorus traurig, „ſo würde ich es wagen, im Hauſe des Primators aufzutreten, und um Hermine zu werben; ſo aber habe ich noch nicht einmal den Gradum eines Baccalaureus erlangt, und Du weißt, reiche und angeſehene Freier umſchwärmen das Haus des Pri⸗ mators— bis ich kommen darf, iſt die Roſe ge⸗ pflückt, und prangt an der Bruſt eines andern.“ „Du ſiehſt zu trübe, Freund,“ entgegnete Johannes. „Ja, wäre ich an Deiner Stelle,“ fuhr Chri⸗ ſtophorus fort,„o nicht einen Augenblick würde ich den Kopf hängen—— Johannes!“ fuhr er fort, indem er ſtehen blieb, und die Hand des Freundes erfaßte,„offen und ehrlich mußt Du und kannſt Du hintreten zu Deiner zweiten Mutter, der hochedlen Frau Polirena von Lobkowice— ausſchütten kannſt — 33 Du und mußt Du dort Dein Herz— alles, alles mußt Du ihr ſagen; dann, Freund, wird Ruhe und Beſonnenheit in Dein Herz wiederkehren, und Du wirſt thun, was Dir Deine Ruhe, und die Ehre des lobkowiciſchen Hauſes, wo Du als Kind aufgenom⸗ men, und als Kind des Hauſes verpflegt wurdeſt bis an dieſen Tag, verlangen.“ Johannes' Auge glühte dem Freunde entgegen; „warum nicht lieber mich Plachh entdecken,“ ſagte er, „und ihn bitten, daß er mit Frau Polixena von“... „Selbſt muß der Mann in einem ſolchen Falle einſtehen,“ fiel Chriſtophorus Wunſch ein;„überdieß wird Plachh, ſo lieb er Dich hat, ſich nie mit Din⸗ gen befaſſen, die er nicht ſeines Amtes hält; er gleicht in dieſer Beziehung ganz einem reinen Geiſte, der, über alles Irdiſche erhaben, zwar ſegnend und ſchützend auf ſeine Lieben niederblickt, aber irdiſche Angelegenheiten, wenn ſie nicht das Gebiet ſeines Glaubens oder Wiſſens berühren, wird er nie in ſeine Hand ſchließen; hier, guter Johannes,“ ſetzte Chriſtophorus Wunſch hinzu,„mußt Du Dir ſchon ſelbſt helfen, und das bald thun, hörſt Du, ſonſt tödtet der Zwieſpalt Deine Kraft, Deinen Muth; denn furchtbarer iſt nichts auf der Welt als der Zweifel.“ 1857 X. Der Jeſuit 1I. 3 34 „Recht, recht, ſagſt Du,“ rief Johannes ſinnend, „bald— gleich— ja gleich will ich handeln!“ „So iſt es recht,“ mahnte Chriſtophorus— „ſo gefällſt Du mir— handeln mußt Du— ſieh,“ ſetzte er lächelnd über das Wortſpiel hinzu:„Es iſt ja Dein Wunſch, der Dich dazu treibt.“ Und ſchweigend drückte Johannes ſeinem Freunde die Hand, und fortſtürmte der kraftſprühende David mit ſeinem Freunde Jonathan in das lobkowieiſche Haus, um ſeiner Pflegemutter zu Füßen zu ſinken, und zu bekennen, was lange auf ſeinem Herzen lag. An der Schwelle des Familienſaales trat ihm Alerander Wolsinskh, der Pole, eneten Beider Augen blitzten, denn beide hatten lange die innerſte Kammer ihrer Herzen durchſchaut. So treffen ſich zwei Gladiatoren auf der Arena: jetzt gilt es, und die geballten Hände ſtrecken ſich gegeneinander. Johannes Proskowsky und Alexander Wolsin⸗ sky erkannten ſich, ſeit letzterer das lobkowieiſche Haus betrat, bereits als Gegner; denn Proskowskh hatte mit dem Auge der Eiferſucht nicht die aufmerkſamen Blicke überſehen, mit denen der Pole ſo oft Marien betrachtete“ Wolsinskh, ein geſchulter Menſchenkenner, und 35 feiner Beobachter aller Schachzüge ſeiner Gegner, er⸗ kannte auch in dieſem Augenblicke, daß in Proskow⸗ sky's Auge ein ungewöhnliches Feuer glühe, und daß dieſer eben im Begriffe ſtehe, einen entſcheidenden Schritt zu thun. „Wohin, Herr Lizentiat,“ fragte er, ihm in der Thüre des Geſellſchaftsſaales entgegentretend. „Kümmert's Euch?“ fragte Johannes Proskow⸗ sth entgegen, indem er ſtehen blieb, und mit glü⸗ henden Blicken den Polen von unten bis oben maß. „Allerdings,“ antwortete Wolsinskh kat; Ihr ſeid mir verpflichtet, Rede zu ſtehen über Eure Handlungen“— „Aus Euch ſpricht der Wahnſinn oder der Wein,“ entgegnete Proskowskh, an den Griff ſeines Stahl⸗ degens langend,„oder wollt Ihr einen Gang hinter die ſtrahower Schanze wagen?“ „Mit meinem Knechte ſchlage ich mich nicht,“ rief Wolsinskh. In dieſem Augenblicke traten Frau Polirena von Lobkowic und Maria von Pernſtein aus der Seitenthüre des Saales, und beide überlief eine Todtenbläſſe, als ſie Proskowskh mit halb entblößtem Degen auf den Polen losſtürzen ſahen. Alerander 36 Lizentiaten ſeine beiden Hände entgegen. „Einen Augenblick der Verſtändigung,“ rief er, „um der Damen willen“— Proskowskh trat einen Schritt zurück. Jetzt wandte ſich der Pole zu Frau Polixena von Lobkowic:„Man erzählt, edle Frau,“ ſprach er dieſe an,„man erzählt, daß Ihr vor ungefähr drei⸗ ßig Jahren an der Straße von Budweis nach Prag einen alten Polen, Namens Proskowsky, traft, den Ihr aus Barmherzigkeit ins Spittel nach Prag über⸗ führen ließt, während Ihr ſein damals kaum einige Monate altes Söhnlein nach des Alten Tode in Wolsinskh aber ſtreckte mit eiskalter Ruhe dem jungen Euer Haus aufnahmt.“ „So iſt es,“ antwortete die Edelfrau leiſe, mit einem durchdringenden Seitenblicke auf Johannes. „Man erzählt,“ fuhr der Pole fort,„dieſes Kind ſei der ehrenwerthe Lizentiat Johannes Pros⸗ kowskh, der hier in ſelbſteigener Perſon vor uns ſteht“— Frau Polirena nickte leiſe mit dem Kopfe; auf das Antlitz des Polen trat jetzt ein Lächeln des Sieges, wie etwa das Antlitz des Fürſten der Fin⸗ ſterniß es trägt, wenn ihn die Maler als Obſieger über eine verlorne Seele darſtellen. „Jener Pole,“ fuhr er mit eintöniger Stimme fort;„jener Pole, jener alte Proskowskh, der Vater dieſes Johannes Proskowsky, begleitete im Jahre 1617 meinen Vater Wladimir Wolsinskh zur Krö⸗ uung des Erzherzogs Ferdinand nach Prag— und blieb dort erkrankt zurück; das entband aber weder ihn, noch ſein Söhnlein von den Pflichten gegen meinen Vater und ſeinen Erben, der ich bin, und“ als welcher ich mich hierüber mit Dokumenten aus⸗ zuweiſen vermag“— „Endet! endet!“ rief Frau Polirena, den ſchrecklichen Zuſammenhang ahnend, während Jo⸗ hannes Proskowskh todtenbleich vor ſich hinſtarrte und Maria ſich ängſtlich an die Edelfrau anklam⸗ merte. „Nun,“ rief der Pole, ſeinen Fuß wie zum Kampfe vorſtreckend;„da der alte Proskowskh zu den Unterthanen meines Vaters in Polen zählte, deſſen alleiniger Erbe ich bin, ſo werdet Ihr wohl errathen, was ſein Sohn, der ehrenwerthe Herr Lizentiat, der junge Johannes Proskowsky iſt. Er iſt“ Frau Polirena von Lobkowic warf einen bangen Blick auf den Redner,„mein Leibeigener!“ ſchloß Alerander Wol⸗ Linskh, indem er ſeine Hand wie zur Bewährung ſeiner 38 Rechte auf die Perſon Proskowskh's auf deſſen Schul⸗ ter niederfallen ließ. Maria von Pernſtein ſank ohnmächtig zu Boden. Biertes Rapitel. Fauſt und Mephiſtv. Regenwolken jagten über die Hauptſtadt Böh⸗ mens, düſter war die Nacht, wie das Gemüth Ernſt Ottowaldskh's, der eben in ſeinen Mantel gehüllt durch das kleine Teingäßchen ſchritt. Vor dem Hauſe zum Elephanten*) prallte er mit einem kleinen Manne *) Häjek erzählt von dieſem Hauſe: Ritter Hynek von Waldſtein, ein Feind der Prager, überfiel die Stadt im Jahre 1427 mit 900 Mann und tödtete viele Menſchen. Aber ſchnell hatten ſich die wehrhaften Bürger geſammelt und drängten die Feinde wieder aus den Thoren hinaus; am Sonnabend vor Maria Geburt ſprang Hynek von Waldſtein von ſeinem Roſſe, lief in ein Haus, zum Ele⸗ phanten genannt, undverbarg ſich in einem Haufen Habern; aber er hatte allzulange Sporen, dieſelben ragten hin⸗ aus und verriethen ihn. Allda iſt er von einem böſen Buben mit Namen Makowec, welchen er kurz vorher bei den Pragern vom Galgen erbeten, todtgeſchlagen und bei dem hintern Thore zum Fenſter hinausgeworfen, wel⸗ chen er alſo bis unter den Pranger geſchleppt hat. 39 zuſammen, der in ein noch kleineres Mäntlein gehüllt, eine Laterne und ein Bündel trug, und eben in ei⸗ nige rauhe Worte des Unwillens ausbrechen wollte, als er bei dem Schimmer ſeines Lichtes das Antlit des Ottowaldskh erkannte. „Ach!“ rief er ausweichend,„unſer Pflegling!“ Ottowaldskh blieb ſtehen—„Ihr ſeid ja wohl,“ fragte er— „Magiſter Czibis,“ antwortete der Kleine,„Ma⸗ giſter Czibis, der Euch vor vierzehn Jahren pfle⸗ gen mußte, als der edle Profeſſor Plachh, mein ge⸗ lehrter Freund, Euch, der Ihr ſchon eine halbe Leiche wart, aus dem Stadtgraben vor der ſtrahower Schanze hervorzog, und Euch ſo das Leben rettete.“ „Wer!“ rief Ottowaldskh,—„Plachh? mein Todfeind, der Jeſuit?“— „Ja, der,“ entgegnete der Magiſter;„Ihr habt es freilich nicht verdient, daß ein ſo edler, wahrhaft gotterfüllter Mann für Euch nur eine Hand rührte; je nun, Vater Plachh ſah in Euch auch wie⸗ der nur den Menſchen, ohne Rückſicht auf einen Dank oder ein gutes Wort.“ „Der Jeſuit alſo war es,“ rief Ottowaldstt, und allmälig wurde eine tiefe Rührung in ſeinen Zügen ſichtbar. 40 „Er hat mich gepflegt,“ ſagte er langſam und leiſe,„er hat meine Wunde gepflegt, während ich ihm fluchte.“ „Thut denen gutes, welche Euch beleidigen, und betet für die, welche Euch verfolgen,“ rezitirte der Magiſter—„ja ſeht,“ ſetzte er hinzu, indem er auf das Bündel unter ſeinem Arm deutete,„da trage ich das letzte Hemd wieder nach Hauſe, das mein edler Freund, unſer herrlicher Plachh, voll der chriſtlichen Barmherzigkeit geſtern einer armen Tag⸗ löhner⸗Frau geſchenkt, weil er keinen Pfennig mehr in der Taſche hatte. Die arme Frau hat es, um ſich Brod zu verſchaffen, in der Judenſtadt verkauft; das erfuhr ich durch den Schacherer Moſes, der täglich in unſerer Gegend herumzieht, und ſo konnte ich das Hemd wieder einlöſen, um es für den Sonn⸗ tag meinem Meiſter wieder zurechtzulegen, ſeht, ſo macht es Plachh— er hungert und friert, damit die Armen warm und vollauf haben.“ Ottowaldskh ſtand ſinnend, mit halbem Ohre nur hatte er der Lobrede des redſeligen kleinen Ma⸗ giſters gehorcht—„Und er,— er war es,“ rief er wieder,„der mich pflegte, während ich ihm fluchte!“— „Er hat Euch mit eigener Hand aus dem Laufgraben der ſtrahower Schanze getragen,“ er⸗ 41 zählte Magiſter Czibis weiter,„als Ihr mit ſchwin⸗ denden Kräften dort in Eurem Blute lagt— er hat für Euch gebetet auf ſeinen Knieen vor dem Altare des Herrn, und vor dem kleinen Kruzifixe an der Wand vor Eurer Thürſchwelle im Häuschen, wo Ihr im Wundfieber lagt, er hat Euch“— der kleine Magiſter konnte vor Rührung kaum weiter reden, und ſchluchzte es mehr, als er es ſprach:„er hat Euch die paar Goldgulden, die er als einziges Erbtheil von ſeiner lang entſchlafenen Mutter noch bewahrte, ja, die hat er Euch, ſeinem Todfeinde, wie Ihr ihn nennt, als letztes, was er hatte, als Reiſegeld zugeſandt, als Ihr von Prag abginget,— ich bin Augenzeuge von dieſem allem, hab's geſehen, wie Profeſſor Plachh handelt, ſchön und groß, wie der Heiland, als er einſt unter Menſchen wandelte.— Aber ſeine Rechte darf nicht wiſſen, was die Linke thut, und ſo habt Ihr es bis jetzt nicht erfahren, daß Euer vermeintlicher Feind eben der Freund, der Engel war, den Gott in Euren ſchwerſten Stunden hinter Euren Ferſen ſandte!“... Der kleine Magiſter ſchwieg.— Tropfen auf Tropfen perlte über ſeine Wangen.., aber auch Ottowaldskh's Auge war feucht geworden. Scham, tiefe Scham über den Groll, den er 42 ſo lange und ſo ungerechterweiſe gegen Plachy ge⸗ nährt hatte, drückte ihn nieder. So blickt der Kranke zum Arzt auf, wenn dieſer ihm mit einem ſchmerzenden Stiche das blendende Fell vom Auge zieht, und ihm wieder die Sehkraft verſchafft. Die chriſtliche Großmuth hatte den ſchönſten Sieg erlangt— Von Ottowaldskh's Auge perlte ein Tropfen nieder— die erſte Thräne ſeines Le⸗ bens und die Thräne iſt eine heilige Gabe der Gottheit, wo ſie niederrollt, da iſt das Gefühl, die Menſchenwürde zurückgekehrt— denn nur des Menſchen iſt die Thräne.— In Ottowaldskh's beweglichem Gemüthe war augenblicklich ein völliger Umſchwung eingetreten. Nicht mehr den Feind fah er in dem edlen Plachh, nein, mit einem Heiligenſchein umgeben ſah er ihn glorreich daſtehen, wie den Mittler, den einſt ſeine Feinde und Peiniger geißelten und beſpieen, während er ſie ſegnete und für ſie berete.— Schweigend drückte Ottowaldskh dem Magiſter die Hand— ſchweigend, aber mit raſchem Schritte eilte er zurück durch das Teingäßchen in die uralte Teinkirche.*) *) Die Hauptpfarrkirche am Tein, genannt Maria Himmelfahrt. 43 In dieſem uralten Dome des Herrn, den die ewige Lampe nur ſchwach erhellte, warf ſich Ernſt Ottowaldskh jetzt auf ſeine Kniee; ſein feuchtes Auge richtete ſich zum Bilde des Gekreuzigten empor, ſeine Pulſe fieberten, tiefer Seelenſchmerz trat auf ſein Antlitz. Man erzählt: Bokiwoj, der erſte chriſtliche Herzog Böh⸗ mens, habe im Jahre 868 ein Gelübde gethan, der hei⸗ ligen Jungfrau in Prag eine Kirche zu bauen. Andere unverbürgte Gerüchte erzählen: Der heilige Methudius ſei ſelbſt nach Prag gekommen, um zu der am Kezo⸗ mysl's altem Palaſte(dem Teinhofe, laeta curia,— duia habuit laetum quaquaversum prospectum) den Grundſtein legen helfen. Chroniſt Häjek ſagt: Herzog Spitihnew ſei dort als der erſte Chriſt begraben worden. Drahomira habe die Teinkirche verbrannt. Boleslaw, der Fromme, habe ſie aber wieder herſtellen laſſen, und Bietislaw II. ſei dort gekrönt worden. Von ihren erſten Mauern iſt nicht mehr viel übrig, blos die runde Marien, oder Taufkapelle ſagt man, worin ein unterir⸗ diſcher Gang ſein ſoll, der in das benachbarte von der — Ludmila bewohnt geweſene Sirtenhaus geführt abe. Unter Karl IV. wurde dieſe Kirche weſentlich vergrö⸗ ßert und bereichert. Merkwürdig aber iſt die Geſchichte ihres Dachſtuhles. In dieſer katholiſchen Kirche ruht Tycho de Brahe, obwohl er Proteſtant war, denn zu jener Zeit hielten beide Religionsparteien dort ihren Gottes⸗ 44 Dieſer ſeltſame Mann, der vor einer halben Stunde noch den Jeſuiten, ſeinen vermeintlichen Feind im lobkowiciſchen Hauſe haßte wie die Nacht, lag jetzt, durch die ſchlichte Sprache des kleinen guten Magiſters völlig umgeſtimmt, auf ſeinen Knieen dienſt. Am Grabſteine iſt er an einem Seitenpfeiler in ganzer Reiterfigur eingegraben Jakob Typotius verfaßte die Grabſchrift in lateiniſcher Sprache; deutſch lautet ſie beiläufig: Im Jahre des Herrn 1601 den 29. Oktober ſtarb der edle und wohlgeborene Herr Tycho de Brahe, Herr zu Knudſtrupp und Vorſteher der Uranienburg ꝛe. Sr. kaiſerl. Majeſtät Rath, deſſen Gebeine hier ruhen. Lieber ſein als ſcheinen (Psse potius, quam haberi.) Der edle und wohlgeborene Herr Tycho de Brahe, ein Däne, Herr zu Knudſtrupp, Gründer des Schloſſes Ura⸗ nienburg auf der Inſel Hveen im Sunde, ein ſehr ſcharfſinniger und zugleich freigebiger Erfinder und Ver⸗ fertiger aſtronomiſcher Inſtrumente, dergleichen man unter der Sonne nie geſehen; berühmt durch ſeinen uralten Familien⸗, noch mehr durch eigenen Seelenadel, indem er mit ſeinem Geiſte alles, was der Himmel enthält, zu ſeinem unſterblichen Ruhme verfaßte; unter den Stern⸗ kundigen jedes Zeitalters unſtreitig der Vornehmſte und der Erſte, der zum Vortheile des ganzen Erdkreiſes wäh⸗ rend dreißig und mehr Jahren angeſtellte ſehr genaue und bis auf Minuten und Minutentheilchen berechnete aſtronomiſche Beobachtungen mit dem größten Aufwande und— betete: Gott wolle ihm Kraft und Macht geben, ſeinem edlen Feinde die Liebe zu vergelten, die dieſer ihm in dem Angenblicke erwieſen hatte, wo niemand anderer ſich mit Hilfe für ihn einge⸗ funden. Und die einfache erhabene Stille des majeſtä⸗ der gelehrten Welt vorlegte; den Stand der Firſterne bis auf eine und halbe Minute angab; die, auch für Götter anſtrengenden und nur um einen achten Theil des Grades das Wahre verfehlenden Bemſhungen des vom Anbeginn der Welt einzigen Hipparchus bei wei⸗ tem übertraf, den Lauf der Sonne und des Mondes aufs genaueſte erforſchte; für die übrigen Planeten die zuverläſſigſten Grundangaben zu den rudolfiniſchen Ta⸗ feln entwarf; die veraltete Lehre des Ariſtoteles und ſeiner Anhänger von den bis unter den Mond laufenden Kometen und neuentdeckten Geſtirnen den Kennern der ma⸗ thematiſchen Wiſſenſchaften durch unwiderlegliche Beweiſe beſtätigte, als Urheber neuer Hypotheſen in der Alchymie und in der ganzen Philoſophie Bewunderung verdiente, von dem unüberwindlichſten römiſchen Kaiſer Rudolph II. berufen, als ein achtungswürdiges Muſter der Gelehr⸗ ſamkeit und Sittenreinheit lebte. Damit es nicht ſchiene als hätte er umſonſt gelebt, ſo hinterließ er auch bei den Gegenfüßlern durch ſeine unſterblichen Schriften ein ewiges Angedenken, und wollte überhaupt lieber gelehrt ſein, als dafür gehalten werden. Nun aus dieſer Welt entrückt, lbt er ein ewiges Leben. Seine und ſeiner nach drei Jahren nach ihm verblichenen Gemahlin ir⸗ 46 tiſchen Gotteshauſes, das geiſterhafte Dunkel, der rothe Schimmer der ewigen Lampe, und das ferne Läuten der Abendglocke machten auf den Betenden einen ernſten großartigen Eindruck... ſein ganzes vergangenes Leben ging an ſeinem Geiſte vorüber, er ſah und erkannte in allen ſeinen Handlungen die Glut der Leidenſchaft, die ihn bisher geleitet und oft zu ſpäter bereuten Schritten verleitet hatte. Ernſt Ottowaldskh war in dieſem feierlichen Augenblicke der Gnade ein anderer Menſch ge⸗ worden. Er beſchloß— und feſt beſchloß er es, hinzutreten an die Schwelle ſeines Meiſters und Lehrers im Werke der Barmherzigkeit, hinzutreten vor Plachh, den edelſten der Edlen, und ihm abzu⸗ bitten den langjährigen Groll, und ihm mit thrä⸗ nendem Auge zu danken für die Feindesliebe, die ihm der herrliche Prieſter des Herrn erwieſen; und diſchen Hüllen ſetzten ſeine Kinder und Erben an dieſem heiligen Orte bei. Er ſtarb den 29. Oktober des 1601 chriſtlichen dyo⸗ niſiſchen Jahres im 55ten ſeines Alters. Nicht Ehrentitel, noch Reichthümer, Nur der Künſte Szepter dauern fort! (Non fasces, nec opes, Sola artis sceptra perennant.)“— 44 er beſchloß hinzutreten an die Schwelle des lobko⸗ wleiſchen Hauſes und um Einlaß zu betteln von zehn Sekunden und hinzuſinken zu den Füßen der armen treuen Jungfrau, zu den Füßen ſeiner Roſa und ihr abzubitten den Treubruch, den er an ihr be⸗ gehen wollte, indem er ſein Auge von ihr weg, zu Marien aufhob— und hinaus wollte er dann ziehen und nicht mehr dem ſchwediſchen Panier, nein, dem kaiſerlichen Adler wollte er folgen und ſich, ſobald es ſeine Armwunde nur erlaube, am Schlachtfelde herumtummeln, bis er eine feindliche Hauptfahne erobert und mit dieſer neugewappnet hintreten, und ſeine Anſprüche im neuen Siegesſchmucke geltend machen, und ein ſtrahlender Sieger um Roſa's Be⸗ ſitz ehrlich und offen werben könnte.— Nicht mehr ſo entehrend und unbillig erſchien Ottowaldskh nun im Lichte der Religion, und mit ruhiger Beſonnenheit betrachtete er das Zögern des Grafen Kolloredo mit der Vergütung der Beſchädi⸗ gung ſeines Gutes durch ſchwediſche Truppen bei Eger, und die Zögerung mit ſeiner Wiederanſtellung im kaiſerlichen Heere, denn daß Unrecht leiden beſſer ſei, als Unrecht thun, war ihm jetzt klar— jetzt ſprach die Stimme der Beſonnenheit in ſeinem Innern: „Und vergib uns unſere Schulden,“ flehte er leiſe 48 vor ſich hin, indem er aufſtand und den Tempel des Herrn verließ,„ſowie wir vergebenunſeren Schuldigern.“ Ach, hätte er doch auch gebetet:„führe uns nicht in Verſuchung, ſondern erlöſe uns von dem Uebel“— denn der Verſucher begrüßte ihn eben an der Pforte des alten Domes mit grinſendem Lächeln. Mephiſto, der Pole, ſtand vor ihm. „Nun, Freund Ottowaldskh,“ ſagte er, ihn mit ſcharfem Blicke firirend,„Dein Auge glüht ja in Andacht, wie das Auge weiland Königs Ladislaus, als ihm die Prager zu ſeiner Hochzeit den Tanzboden aufrichten wollten— aber ſiehe, am Ende wanderten die ſchönen Holzſtämme ſtatt unter die Füße der Tanzluſtigen auf ihre Häupter in den Dachſtuhl dieſer Kirche*); gib acht, Freund Ernſt, daß Dein * Das Schickſal des Dachſtuhles der Teinkirche iſt gar ſeltſam.„Im Jahre 1438, erzählt Häjek, war ein mäch⸗ tiger Haufen Stämme Holz auf den altſtädter Markt geführt, daraus man das große Dach auf die Kirchen zum Tein bauen ſollte. Dieſes Bauholz ließ der Kaiſer Sigismund alles hinausführen und daraus einen runden Galgen dreier hölzernen Geſchoß bauen, zu aller obriſt ließ er den Ritter Rohäs, als ſeinen Feind und Landes⸗ verderber anknüpfen, unter ihm wurden die Andern, ſo etwas Anſehnliches waren, und zu aller unterſt alle ſeine Räuber und Gehilfen, deren ſechszig waren, im Zirkel herum 49 Ange nicht thränt, ſtatt zu glänzen über das, was ich Dir ſoeben verkündigen will.“ Ottowaldskh blickte den Polen fragend an. „Freund,“ ſagte er mit weicher Stimme,„Freund Wolsinskh, ich habe in dieſem Augenblicke mit mei⸗ nem vergangenen Leben abgerechnet; ich habe ge⸗ rechnet und gefunden, daß mein Kalkül verfehlt iſt; angeſtrickt; ſein ketzeriſcher Geiſtlicher aber, mit Namen der Mittel⸗Merten war auch mitten unter dem Burſch(dem Holzſtoß) aufgehangen und hat ſeinen Geiſt mit den Geſellen aufgegeben.“ Ferner fährt Häjek fort:„Einige Zeit darauf traf Kö⸗ nig Ladislaus von Böhmen viele Anſtalten zu Prag ſeine Vermählung mit einer franzöſiſchen Prinzeſſin zu feiern. Die Prager ließen im Jahre 1457 auf die könig⸗ liche Hochzeit trefflich viel Bauholz auf den altſtädter Markt führen, dann ſie willens hatten, daraus ein Tanz⸗ haus zu bauen, alſo, daß über den ganzen Ring ein Boden auf Säulwerk gemacht und mit gehobelten Bret⸗ tern gedielt werden ſollte, damit man darunter wandeln, reiten und fahren, auch auf und nieder auf Treppen ſtei⸗ gen möchte, deßgleichen ſollten auch Gänge aus allen Häuſern darauf gemacht werden, damit die Könige, Für⸗ ſten, Grafen und Herren ihre Tänze und Freudenſpiel halten könnten. Aber umſonſt waren dieſe Vorkehrungen geweſen, denn König Ladislaus erkrankte plötzlich und ſtarb; das Holz für das Tanzhaus wurde nun zum Dache der Teinkirche verwendet.“ 1857. X. Der Jeſuit. II. 4 50 denn die blinde Leidenſchaft war der Faktor, nach dem ich bisher mein Zahlenhaus baute.— Menſchen, die mir gutes thaten, habe ich gehaßt, und die Liebe, die für mich litt, habe ich verrathen“... Alerander Wolöinskh ſtarrte den Sprecher an; dieſer aber fuhr fort:„Aber es ſoll anders werden, hintreten will ich vor den Edlen, den ich verkannte, aufrichtig meinen Irrthum geſtehend, will ich ihm die Hand bieten, und ihm danken, daß er den Sa⸗ mariter machte an dem Unwürdigen; hinſtürzen will ich zu den Füßen meiner Roſa, und“— „Sich von dem Beſchließer des lobkowiciſchen Hauſes die Thüre weiſen laſſen,“ fiel der Pole ein. „Ottowaldskh!“ rief er,„was ſicht Dich an, haſt Du vielleicht das Geſpenſt des alten Huß in der Teinkirche predigen gehört, oder die Todtenhand in der Jakobskirche*) berührt, daß Du am ganzen Leibe *) Angeblich die älteſte aller Pragerkirchen, welche durch Kö⸗ nig Wenzel I. geſtiftet worden ſei Vor der Zerſtörung durch Zizka rettete ſie die muthvolle Vertheidigung der prager Fleiſcher(wovon noch ein lateiniſches Chronografi⸗ kum erzählt). Bis zum Jahre 1784 hing dort an einer Kette eine ſchwarze eingetrocknete Menſchenhand, welche einem Diebe abgehauen wurde als er im Jahre 1400 während der Nacht ein Marienbild plündern wollte; eine unſichtbare Hand, erzählt die Sage, habe ihn feſtgehal⸗ 51 zitterſt wie Espenlaub, und verſtört vor mir ſtehſt, wie ein reuiger Sünder, der zum Hochgerichte geführt werden ſoll?“ „Laß mich, Alerander!“ rief Ottowaldsky, ſich vordrängend,„zu meiner Roſa führt der W „Unſinniger!“ ſchrie der Pole, ihn zurückſtoßend. „Willſt Du Dich und Deinen Stand entehren— mich mußt Du jetzt handeln laſſen, und ich habe be⸗ reits gehandelt,— niedergeſchmettert liegt Dein Gegner in den Sand, Johannes Proskowsth wird Dir nicht mehr im Wege ſtehen. Als ich zum erſtenmale ſeinen Namen nennen hörte, war ich ſeiner Meiſter; wiſſe, er iſt der leibeigene Sohn ſeines leibeigenen Vaters, der das Eigenthum meines Vaters war; dieſes große Geheimniß ſchmetterte ich ihm vor zwei Stunden in Gegenwart ſeiner Pflegemutter, der Frau von Lob⸗ kowic und des Fräuleins Maria von Pernſtein in die Ohren— „Dein Leibeigener!“ rief Ottowaldskh erſtaunt. „Mein Leibeigener, ſo gewiß, als dieſer Finger, ten, bis Menſchen herbeikamen, die ihn dem Richter übergaben. 4* 52 dieſer Kopf mein Eigen iſt;“ fuhr der Pole fort;„aber glaubſt Du wohl, Ottowaldskh, daß meine Bombe zündete— o weit gefehlt— Maria, die zarte Jung⸗ frau, knickte bei meinem Donnerworte wohl zuſammen, wie eine gebrochene Lilie, aber Frau Polixena von Lobkowic, die kluge und beſonnene Frau, welcher das Fräulein Marie von Pernſtein, wie mir der Beſchließer des Hauſes hinterher erzählte, Deine Zuſammenkunft mit Roſa auf der Inſel Klein⸗Venedig, aufrichtig geſtanden hatte, ſtützte mit einer Hand das ohn⸗ mächtig hinſinkende Fräulein, mit der andern wies ſie mir und Dir für immer die Thür, und rief mir mit ſchier männlicher Stimme, die zu ihrem ſonſti⸗ gen ſanften Weſen ſo gräßlich abſtach, nach:„Eher werden die Mauern ihres Hauſes und der geſammten Stadt Prag in Schutt ſinken, ehe Du, der gleißende Verführer und elende Abenteurer, und ich, der bös⸗ willige Friedenſtörer, die Schwelle des lobkowieiſchen Hauſes wiederbetreten werden Als ich, dem Eindrucke des Angenblickes weichend, unter den Thor⸗ weg des Hauſes kam, ſah ich, wie der Thorwart zwei Bullen im Hofe ankettet... ob zufällig, oder im Auftrage ſeiner Gebieterin, mag ich nicht unter⸗ ſuchen... Nun, Ottowaldsky, willſt Du, der elende Abenteurer und Verführer, Dich von Hunden“ „Genug,“ fiel Ottowaldskh dem ſchlauen Polen in die halberſonnene Rede ein;„genug des Giftes, das Du mir in mein Herz träufelſt— Wol⸗ sinskh iſt das, was Du hier ſagſt, auch die lau⸗ tere Wahrheit?“ „So wahr ich ein echter Pole bin!“ antwor⸗ tete Alerander Wolsinskh;„die Wahrheit iſt bitter, Ottowaldskh, aber nimm ſie nur hin, das ganze Haus Lobkowiec, mit ſammt ſeinen Tanten, NRichten, und Waiſenkindern, womit ich den vielbeſagten Johannes Proskowskh, meinen Leibeigenen, vermeine, und der Jeſuit obendrauf, ſind Deine erbittertſten Feinde. Freund Ernſt! nie darfſt Du, ſolange die Mauern dieſes Hauſes ſtehen, Eingang darin hoffen! Und Du— Männlein von Rohr und Binſenkraut! Du willſt, von der Rührung eines Augenblicks überraſcht, die Komödie von dem verlornen Sohn aufführen, und die Ruthe lecken, die Dir den Scheitel kämmen wird— O ziehe hin, fränkiſcher Ritter ohne Furcht und Tadel, und thue einen Fufßfall bei der geſtren⸗ gen Frau von Lobkowic, und laß Dir von dem Li⸗ zentiaten Proskowskh die Lizenz geben, den frommen Bußübungen beizuwohnen, welche der Jeſuit mit Dir pflegen wird!“— „Wolsinsky!“ rief Ottowaldskh mit dem Fuße 54 ſtampfend,„Du verſtehſt es wahrlich, das unterſte zu oberſt zu kehren, und aus einem Engel den Teufel zu machen!— Aber, Alerander, Du weißt nicht alles. Plachh, der Jeſuit, den Du eben ver⸗ läſterſt, hat, ohne ſich zu nennen, mich gepflegt, hat, nachdem ich blutend im Schanzgraben vor dem ſtra⸗ hower Thore niedergeſtürzt war, mir Pflege und Wartung verſchafft, daß ich wiedergenas, er hat mir ſeinen letzten Gulden, die Mutterpfennige ſeiner Jugend, als Reiſegeld auf die Flucht behändigen laſſen“— „Um Dich deſto ſicherer aus Prag fortzubrin⸗ gen,“ fiel der Pole laut auflachend ein.„O heilige Einfalt! was läßt ſich doch ein gedankenloſer Ge⸗ fühlsmenſch alles aufbürden! Merkſt Du denn nicht, Ottowaldskh, daß Dich eine Kette von Lug und Trug umgibt, daß man Deiner im lobkowieiſchen Hauſe ſchon heute ſpottet?“ „Spottet?!“ fuhr Ottowaldsky wüthend empor. „Ja,“ entgegnete der Pole kalt,„ich ſagte Dir ja ſchon, man nennt Dich den Hanns⸗Abenteurer, den man mit Kolben... nun, Du verſtehſt mich ſchon. Maria, die Flamme Deiner Leidenſchaft, welcher ich Deine Sehnſucht nach ihrem Blicke, Deine Be⸗ geiſterung für ihre Reize, kurz Deine aufflammende Liebe zu ihr mit lebhaften Zügen ausmalte, lachte Deiner, und meinte: ſie könne nimmer glauben, daß ein Augenblick flüchtigen Anſchauens hinreichen könne, eine ſolche Flamme der Leidenſchaft anzufachen, wie ſie nach meiner Schilderung in Deinem Herzen lodere; auch gehöre dieß Herz ja ihrer Schweſter, der lei⸗ denden Roſa, und niemand anderer dürfe darauf Anſpruch machen... nun, Du verſtehſt dieſen Spott wohl— und darum, Freund Ernſt, weil überall die Lüge und Hyhn Dich umgarnen, mußt Du von mir, Deinem einzigen Freunde und Waffenbruder, die Wahrheit hören! Veritas vincit!— Siehe, Otto⸗ waldskh, dieſer herrliche Spruch ſtand einſt auf dem Kelche, den der heilige Georg ob dem Portale der Kirche da trug— Sieh'! die Jeſuiten, der leibhaftige Onkel Deines Gegners Plachh, haben dieſen Kelch vor fünfundzwanzig Jahren gewaltſam weggenom⸗ men; Du, Ernſt Ottowaldskh, der Geſandte Gottes aus dem Frankenlande, mußt den Kelch, das heilige Symbol unſerer reinen Lehre, wieder auf das Portal dieſer uralten Kirche pflanzen, und das mit Hilfe SSee Alerander Wolsinskh hielt hier inne— er ſpielte mit ſeinen Worten auf jenen Kelch an, den der huſſitiſche Biſchof Johann Rokycana— einſt 56 Sprecher der böhmiſchen Abgeſandten am basler Konzil— dem heiligen Georg ob dem Portale der Teinkirche in die Hand gegeben hatte Peter Eſchenloer, der den Utraquiſten ſo ſehr abgeneigte breslauer Stadtſchreiber und Chroniſt erzählt nämlich:„Rokiczan ließ einen großen Kelch von Steinen hauen, und auf ſeine Kirche zu unſer lieben Frauen auf den Frohnhof zu Prag ſetzen, und dabei einen großen Mann, auch gehauen von Stein, gekrönet, und ein ausgezogen Schwert in der einen Hand, und in der andern den Kelch hal⸗ tend*). Die Bedeutung war: Georg ſollte den Kelch halten und verfechten, und am Kelche ſtand geſchrieben ausgehauen zu Latein: Veritas vincit d. i. zu Deutſch: die Wahrheit überwindet! Da die Störche hinein aufs andere Jahr begannen zu niſten, da kamen ſie, und niſteten auch in dieſem Kelche, der war ſo groß, daß wohl ein Viertel Bier darinen mochte behalten werden. Wider die Natur trugen *) Auch Dubravius erwähnt in ſeiner Hist. Boem lib. 30 fol. 248: Anno 1463 Pragae Regi Georgio sta- tua lapidea cum ense, et calice inaurato honoris gra- tia a Rokyczano Curato PTeynense et Pragensibus in editissimo templi foro imminentis, loca posita. 57 die Störche ſoviel Nattern, Schlangen, Kröten und andere giftige Würmer darein, daß ſie der Kelch nicht mochte behalten, ſondern daraus krochen und herab lebendig fielen auf die Gaſſe, und durch die Gaſſe überall krochen, und waren ſoviele, daß es den Böhmen zu Prag ein groß Erſchrecken war. Wie gerne hätten ſie den Kelch abgenommen, ſie durften vor Schanden nicht. Jedoch Rokiczan ließ dazu ſtei⸗ gen und den Kelch decken, und alſo anrichten, daß dort kein Storch mehr konnte ſitzen und niſten. Für⸗ wahr, es war eine Plage Gottes, daraus die Böh⸗ men billig ſollten erkannt haben, daß ihr Kelch Gift wäre, und davon ſollten haben abgelaſſen, und ſich andern Chriſten vergleicht haben; die Hoffahrt iſt aber alſo in ihnen gepflanzt, daß ſie ihre Herzen ganz verblendet hat.“— Dieſer Kelch wurde nun am 28. Jänner 1623 nach der Schlacht am weißen Berge durch den Czu Pilſen gebornen, 1637 zu Prag verſtorbenen und bei den Serviten begrabenen) prager Domherrn Jo⸗ hannes Ctibor Kotwa von Treufeld— genannt der böhmiſche Cicerv, und dem Onkel des Jeſuiten Plachh, dem bereits oben genannten P. Georg Ferus Guch Plachh genannt) herabgenommen; man wollte ein Standbild Kaiſer Ferdinand II. dort aufrichten, 58 fand dieß aber zu koſtſpielig, und ſtellte dann ein Marienbild hin.—— Ernſt Ottowaldskh's Auge glühte bei dieſer Rede des liſtigen Polen— die letzten Worte des Me⸗ phiſto hatten gezündet, der Gedanke, von ſeinen Geg⸗ nern verhöhnt zu werden, war Ottowaldskh uner⸗ träglich— der Gedanke, als Heiland ſeiner Glau⸗ bensgenoſſen aufzutreten, und ihren Kelch wieder vor dem alten Tein zu pflanzen, begeiſterte ihn au⸗ genblicklich, und in dem beweglichen Gemüthe des in der That ,aus Rohr und Binſenkraut“ geflochtenen Mannes war der Umſchwung im Augenblicke erfolgt. Der Pole hatte geſiegt... „Du haſt Recht, Freund Alexander!“ rief Otto⸗ waldskh,„nicht zu den Füßen meiner Feinde will ich winſeln; im ſchwediſchen Lager iſt mein Poſten; ſie wollen mir den Eintritt ins lobkowieiſche Haus nur dann geſtatten, wenn dieſes in Schutt finken würde; wohlan, ſo wollen wir es in Schutt ſchmettern!“ „Her zu mir!“ rief der Pole, die Hand Otto⸗ waldskh's erfaſſend. Mephiſto Wolsinskh verſchwand mit Fauſt Ottu⸗ waldskh im Abendnebel hinter der Kirche gegen die Straße nach Pilſen.... 59 Fünftes Rapitel. Graf Königsmark. Ueber die Felder und Wieſen vor der Stadt Pilſen im ſüdweſtlichen Böhmen ſchmetterten in der letzten Maiwoche des Jahres 1648 luſtige Trompe⸗ tenklänge, eine Reihe von Zelten waren dort aufge⸗ pflanzt, und auch im Städtchen ſelbſt ritten zahl⸗ reiche Dragoner⸗Abtheilungen durch die Straßen. Im Hauptquartiere dieſes Truppenkorps auf dem ſtädtiſchen Rathhauſe vor einem mit einer Spe⸗ zialkarte des Königreiches Böhmen bedeckten Tiſche, ſtand ein Mann von hohem kräftigen Wuchſe mit breiten Schultern im Alter zwiſchen vierzig und fünfzig Jahren. Ueber ſeiner nach rückwärts gebo⸗ genen Stirne ſträubten ſich röthlichblunde Haare, welche zu den beiden Seiten in dichten verſtörten Locken auf den Spitzenkragen niederfielen, den der Mann über ſeinen Koller von Elenshaut trug. Eine blaue Schärpe hing über ſeine Schulter, und daran ein gewaltiges Schwert, das Abzeichen ſeines mili⸗ täriſchen Berufes, ſeine große Adlernaſe, ſeine unter dem dichten Knebelbarte in beiden Winkeln niederge⸗ bogenen Lippen gaben ſeinem finſteren Antlitze das 60 Gepräge des Stolzes, und der ſoldatiſchen Herrſch⸗ ſucht, die er gegenüber ſeinen lautlos im Kreiſe ſte⸗ henden Offizieren geltend machte. Seine Linke ſtützte er auf die Karte am Tiſche, und bedeckte damit zur Gänze den markirten Punkt, der die Stadt Prag be⸗ zeichnete, als wollte er dieſes Bollwerk der kaiſerli⸗ chen Armada mit ſeiner Fauſt umſpannen... ſeine Rechte ruhte auf dem vergoldeten Gefäße ſei⸗ nes gewaltigen Schlachtſchwertes, als wollte er, ein anderer Brennus, das Eiſen hinwerfen, und ſeinen Gegnern in die Ohren brüllen:„Vae victis!“ Der Mann war Graf Königsmark, ſchwediſcher General und Unterfeldherr, der eben bereit ſtand, auf Befehl des ſchwediſchen Obergenerals Wrangel in Böhmen weiter vorzurücken, und nun einen fin⸗ ſteren und durchbohrenden Blick auf einen Krieger warf, der mit den Abzeichen eines kaiſerlichen Stabs⸗ offiziers angethan, drei Schritte von ihm entfernt in militäriſcher Haltung, ſogut es ſein verwundeter rech⸗ ter Arm zuließ, daſtand. Dieſer Offizier war Ernſt Ottowaldskh, der fränkiſche Ritter, der von ſeinem böſen Genius, dem Polen Wolsinskh, geleitet, an dieſem Morgen im ſchwediſchen Lager zu Pilſen angekommen war. „Alſo Ihr trägt Euch an,“ begann hier Graf 61 Königsmark,„uns die Hauptſtadt Böhmens binnen einigen Tagen zu überliefern? wie ſeid Ihr dieß zu thun im Stande?“ „Durch einen plötzlichen Ueberfall, General,“ ant⸗ wortete Ottowaldskh,—„geheim, raſch und mit gan⸗ zer Macht muß die Aktion vor ſich gehen.“. „Verſtünde ſich von ſelbſt,“ entgegnete Königs⸗ mark, den Ritter mißtrauiſch betrachtend. Eine lange Pauſe trat ein. „Was treibt Euch zu dem verzweifelten Schritte, ſich unſerer Sache anzuſchließen, und— den Ver⸗ räther an Eurem Vaterlande zu machen?“... fragte der General wieder, ſein Haupt ſtolz emporrichtend. Ottowaldsfh's Antlitz flammte. „Undank, Undank,“ rief er,„Verrätherei an mei⸗ ner Ehre und an meinem Herzen iſt's, was mich zum Verräther macht, wenn ja dieſer Schritt eine Ver⸗ rätherei genannt werden kann— ich bin kein Böhme, Exzellenz!“ „Aber in kaiſerlichen Dienſten,“ entgegnete raſch der General,„und Soldatenehre gebietet Soldaten⸗ treue, ſolang Ihr die kaiſerliche Feldbinde auf Eu⸗ ren Schultern trägt.“— Mit einem raſchen Griff ſeiner linken Hand riß 62 Ottowaldskh jetzt die ſchmale Feldbinde, die er ge⸗ wöhnlich über ſeinen Koller trug, von der Schulter. „Ich bin,“ rief er, mit ſeiner gewöhnlichen Leb⸗ haftigkeit losbrechend,„dem Herrn keinen Dank und keine Treue ſchuldig, der mir mein gutes Recht ver⸗ weigert; vom Vaterlande bin ich ein Franke,*) mei⸗ nem Bekenntniſſe nach Utraquiſt oder eigentlich Pro⸗ teſtant; weder Vaterland alſo, noch Religiovn binden mich an Böhmen, und was mich binden könnte, die Anſäſſigkeit hat man mir verleidet, indem man mir die Entſchädigung für die von Euren Truppen an meinem Gute in Eger verübte Verwüſtung vorenthielt.“ Graf Königsmark warf den Kopf zurück, als wollte er die Kühnheit des Sprechers, der die ſchwe⸗ diſchen Truppen der Plünderung beſchuldigte, zurück⸗ weiſen, aber Ottowaldsth fuhr fort. „Mein Arm, General, hängt, wie Ihr ihn da ſeht, von einer Falkonetkugel gelähmt, langſam hei⸗ lend in der Schlinge; ich erhielt dieſe Wunde für die katholiſche Sache, und dennoch denkt man nicht daran, mich, der ich wegen dieſer Wunde und andern *) Ernestus Franconicus Eques ab Ottowald, quem Poloni, dum apud eos aliquamdiu versaretur, Ottowaldsky dixere (Schmidl hist. soc. Jesu pag. 420) 63 Umſtänden den zeitlichen Abſchied nehmen mußte, wieder im kaiſerlichen Heere anzuſtellen, obgleich ich dringend darum gebeten habe. Nun, graben kann ich nicht, und zu betteln ſchäme ich mich, und da mich ſomit weder Glaubens⸗ noch Vaterlandsbande, noch die Dankbarkeit, noch die Ausſicht auf eine beſſere Zukunft an die kai⸗ ſerliche Sache binden, und da ich auch ſonſt in Prag keine Roſen mehr zu pflücken habe: ſo biete ich Euch, Erzellenz, jetzt meine Dienſte an, und bitte Euch, macht's kurz, und ſagt, ob Ihr mein ehrlich Anbot annehmen wollt, oder nicht; im letztern Falle laßt mich ziehen, wohin mein böſer Stern mich weiter führen wird: denn überall, wo ich anknüpfte, ver⸗ folgt mich das Unglück“ Ottowaldskh hatte dieſe Worte mit ſolcher Bit⸗ terkeit geſprochen, daß Graf Königsmark keinen Zwei⸗ fel mehr in die Ehrlichkeit ſeines Antrages ſetzte. Er ließ ſich jes auf den Feldſeſſel neben dem Tiſche nieder. „Wie gedenkt Ihr die Ueberrumplung Prags zu bewertſtelligen?“ fragte er. „An der Schanze des Kapuzinerberges am Hrad⸗ ſchin, an der ſogenannten Marienſchanze,“ erwiederte Ottowaldsth,„befinden ſich ſeit längerer Zeit infolge der fortgeſetzten Ausbeſſerungsarbeiten bedeutende 64 Breſchen— der Platz iſt, wie ich mich vielfach zu überzeugen Gelegenheit hatte, ſchlecht bewacht, dieſe Bewachung wird in den letzten Junitagen, für welche, wie ich vernommen habe, ein Hochzeits⸗Familienban⸗ ket bei dem Oberſtburggrafen, Grafen Martinic, an⸗ geſagt iſt, und der ganze Adel Prags ſich dort ver⸗ einigen wird, noch geringer ſein, da die meiſten Schloßwachen als Trabanten zur Parade des Feſtes werden verwendet ſein— dann iſt meines Erach⸗ tens der Augenblick, über den Loretto⸗Platz bei den Kapuzinern in die Stadt zu dringen, alles nieder⸗ zuſäbeln, was ſich zur Wehre ſetzt, und Prag iſt im Schlummer gefangen“.. „Ihr reitet ſchnell, Herr Ritter,“ ſagte Königs⸗ mark mit einem zweifelnden Lächeln—„Nun aber das weſentlichſte: der Lohn für Eure That“.... „Der ſteht bei Euch, Erzellenz,“ entgegnete Otto⸗ waldskh, ſich verbengend. „Eine wahrhaft königliche Penſion, und eine möglichſt ehrenvolle Stellung unter den Offizieren des ſchwediſchen Heeres ſoll Euch werden,“ ſagte Graf Königsmark aufſtehend,„das ich Euch mit meinem Ehrenworte!“*) *) Et mense Majo, ſchreibt der Chroniſt: ad Koenigsmar- — 65 Dann befahl Königsmark dem naheſtehenden Oberſt Kopy, ſich von Ottowaldsth die näheren Um⸗ ſtände und Vortheile des Ueberfalles der Hauptſtadt Prag entwickeln zu laſſen, und entfernte ſich mit einer gnädigen Handbewegung aus dem Rathsſaale in die für ihn beſtimmten Gemächer. Auch die Offiziere des Kriegsrathes traten ſchwei⸗ gend ab und Ottowaldsth ſaß jetzt bei Oberſt Kopy, den ganzen Plan des Ueberfalles näher entwickelnd. ²) Als Ottowaldskh nach einer Stunde aus dem Saale ins Vorzimmer trat, fand er dort die Offi⸗ ziere des Grafen um einen runden Eichentiſch ver⸗ ſammelt, auf welchem ſich große Zinnkrüge mit per⸗ lendem Melniker befanden, den ſich die luſtige Zech⸗ geſellſchaft zu Rehbraten und böhmiſchem Weißbrode trefflich munden ließ, während die beinernen Würfel aus einem großen kupfernen Becher auf den grünen Teppich des Tiſches kollerten. kium venit. Aui ei statim menstruam Pensionem con- tulit, honoriticam Praeterea Praefecturam pollicitus. )„Ergo Ottowaldus. qui nuper Pragae versatus, aditus omnes, munitionum conditionem ac Praesidii stationes cognitissima habebat, Koenigsmarkio invadendae Pragae consilio primus suggessit.“ 1857. X. Der Jeſuit II. 5 66 Die Offiziere, unter denen ſich auch der Pole Wolsinskh befand, luden den neuen Waffenbruder ſogleich ein, mit ihnen zu zechen und zu würfeln. Ottowaldskh, im Antlitze noch glühend von dem ernſten Geſpräche mit General Königsmark, wies den Becher von ſich, aber ein kleines Männlein mit klugem Spitzgeſichte, im violetten und ſilberverbrämten Gelehrtenmantel am obern Ende der Tafel kauernd, Magiſter Johannes Klee, der Hofpvet des Grafen Königsmark, rief ihm zu:„Nehmt nur immerhin, Herr Ritter, den rothen Melniker, und die„knöchernen Würfel zur Hand; jener iſt das Blut, und dieſe ſind die Gebeine der Böhmen, um welches wir eben würfeln“—— Und mehr grauenhaft als komiſch erklang es in die Ohren des Verräthers“, als er hörte, wie die ſchwediſchen Offiziere ſchon durch ihr Würfelſpiel die verſchiedenen Paläſte Prags unter ſich theilten, die ſie erſt erobern ſollten.*) Aber bald war Ottowaldskh in ihren lärmenden Kreis gezogen, und eroberte, ſeltſame Fügung!— durch ſeinen Würfelwurf das lobkowiciſche Haus am Hradſchin, während der kluge Hofpoet das herrliche *) Geſchichtlich. b waldſteiniſche Palais erwürfelte, über deſſen Herr⸗ lichkeit er nun den lauſchenden Stabsoffizieren der ſchwediſchen Armada das erzählte, was er durch Tho⸗ mas Carve, den Irländer, Feldkaplan des bekaunten Walter Deveroir über die Pracht des Gebäubes vernommen hatte.*) —— Carve erzählt:„Von der Magnifizenz, Reichthum und großen Pracht des Herzogen in Friedland. wie glückſelig wäre Albertus von Waldſtein ge⸗ weſen, wenn er ſolche ſeine Glückſeligkeit recht hätt' wollen oder können brauchen! Dann es hat ihn der Gott der Herr, die Natur ſelbſt und zugleich auch das ſtolze Glück mit ſo hohen und vortrefflichen Gnaden und Gaben geziert, daß ihm kein Mann in Europa zu vergleichen ſein mochte. Im Kriegsweſen hat er ſonder⸗ bare Geſchichlichkeit, dadurch er dem Kaiſer ſein Gemüth abgewonnen. An Reichthum mangelt' es ihm gar nicht, ſondern hatte Gelds und Guts ein Ueberfiuß, von welchem dann die ganze Welt bethöret und aller Fürſten emüther bewegt werden. Von ſeinen wunderſchönen Gebäuen will ich nichts ſagen, das einige Haus zu Prag redet hievon genugſam. Sechs große Pforten hat dieß Gebäu, dadurch man aus⸗ und eingeht, die Ge⸗ mach ſeynd königlich zugerichtet. Der äußere Saal iſt weit, hoch, und kunſtreich gemalt. Von dannen geht man in die Vorkammer, wie ſie es zu nennen pflegen, welche 5* 68 Sechstes Rapitel. Ave Maria. Ein ſchweres Gewitter war am Nachmittage des 25. Juli im oftgenannten Jahre 1648 über den Strahow herübergezogen— wieder lachte der Himmel im Abendgolde, und auf den Blüthen im ganz vergüldet, und folgend in Waldſtein's Gemach da⸗ von nicht genugſam kann geredt werden. Vor dieſem Gemach, ohne viel Paſchi, die alle in eine Liverei ge⸗ kleidet, warten auf fünfzig wohlbewappnete Soldaten oder Trabanten fürſtlich angethan; im innern Theil waren vier vornehme Männer, welche fragten, von wannen die Eingehenden waren und was ſie begehrten. Noch zehn andere Trabanten mußten hin und wieder auf den Gäſſen und Straßen umgehen, zu verhüten, daß kein Getümmel oder Zänkerei entſtunde: dann es iſt unglaub⸗ lich, wie ungern dieſer Menſch ein Tumult umb ſich ge⸗ litten, ja er konnte nicht hören, daß etwan ein Spatz zu laut geſchrien. Zu ſeinem Dienſt waren täglich umb ihn ſechs Freiherren, ſechs rittermäßige adelige Perſonen, ohne ſechszig edle Knaben, welche häufig von den Eltern dahingeſchickt wurden, umb das Hofleben und Zucht zu lernen. Ich geſchweige allhie des vielfältigen an⸗ ſehnlichen Frauenzimmers, welches der Fürſtin aufwar⸗ 69 Garten des lobkowiciſchen Hauſes, wo eine Gene⸗ ſende, das bleiche Fräulein Roſa von Pernſtein, am Arme ihrer Schweſter wandelte— zitterten die letzten Regenwolken des ſchweren Wetters gleich Perlen, mit denen der verſöhnte Himmel ſeine Braut, die Erde, wieder ſchmückte. tete Wenn er etwa aufziehen ſollte, ſahe man fünfzig Kutſchen, jede von ſechs Pferden, alle dem Waldſtein angehörig, ohn die ſo etwa von Fremden darzukamen. Fünfzig Wägen führeten das Küchengeſchirr, daran vier Pferd geſpannt, welche jeden Wagen geführet. Die Höflinge fuhren auf zehen unterſchiedlichen Kutſchen, welche mit Glasfenſtern bekleidet, deren jede ſechs Pferde zogen; auf ſonſten ſünfzig ſchönen Pferden ritten Diener, deren ein jeder ein tapferes Pferd mit köſtlichen Decken belegt an die Hand führete, dem Fürſten zu Dienſten. Seine Pferde ſtunden alle in einem Stall, welcher wun⸗ derlich war zugerichtet, die Krippen waren von Mar⸗ morſtein, und bei jeder Krippe entſprang ein Brunnen, klares Brunnenwaſſer die Pferd zu tränken.— Richt fern vom Palaſt ſahe man einen luſtigen Garten voller Bildſäulen und Waſſerröhren, zu Ende deſſen war ein Vogelhaus mit allerlei Art Vögeln beſetzt, darinnen Baum und Hecken gepflanzt waren, darauf die Vögel niſteten: das Haus aber war mit ſubtilen eiſernen Drähten umb⸗ faſſet, daß kein Vogel entfliehen konnte. Mitten im Garten war ein Fiſchteich, reich erfüllet mit allerlei Gat⸗ 70 Am hohen Himmelsdome gegen Norden, da wo ſich die grauen Wolkenmaſſen mit den vom Abend⸗ golde vergoldeten Kanten wie majeſtätiſche Löwen um den Himmelsthron der ewigen Allmacht lagerten, ſtieg der ſiebenfarbige Bogen des Friedens herauf, und das erſte Sternlein blitzte hinter dem Wolken⸗ ſaum wie ein freundlicher Blick der Gottheit empor. „Der Friede ſei mit Euch!“ ſchien die ewige tung Fiſch. Seine Zierlichkeit an der Tafel kann aus dem leichtlich abgenommen werden, daß kein Tiſchtuch oder Serviet zum andertenmal durfte aufgelegt werden, als waren dann zuvor ſauber gewaſchen. Dieſe Weis zu bauen und zu leben, hielte er allenthalben in ſeinem Gebieth. Zu Gidiſin(Gitfchin) hatt er eben einen ſolchen Palaſt und Pferdſtall, daſelbſt er eine halbe Meil Wegs un⸗ gefähr von der Stadt einen Platz zur Pferdzucht umb⸗ zäumen laſſen, in deſſen Mitten ſtund ein Thurm, und auf dem ein Wächter, welcher des Morgens und Abends mit einer Trompeten ein Zeichen gabe, dadurch die Stall⸗ knecht ermahnet wurden, die Pferd zu ſtriegeln, zu putzen und zu füttern. An dieſem Ort hielt er aufs wenigſt dreihundert koſtbare Pferd. Vom Schloß zu Sagan will ich nichts melden, weil es noch nicht gar ausgeführt; wo er aber das Leben ſollte gehabt haben, wäre es ein ſolches Werk worden, welches unter die ſieben alten Wunder der Welt hatte können gezält werden 71 Liebe aus dem rothvergoldeten Wolkenflor zu rufen, der jetzt ſeinen letzten Schimmer auf die majeſtätiſche Stirne eines Prieſters warf, vor dem in einem der Häuſer nächſt der Kirche zu Skt. Klemens in der Altſtadt vor der Moldanbrücke ein anderer Prieſter des Herrn ſein Haupt in Demuth beugte. Der eine dieſer Geiſtlichen war P. Andreas Du⸗ bviſſon, der Rektor des Jeſuitenkollegiums, der andere, Georg Plachh, der Profeſſor und hochgefeierte Leh⸗ rer der Studirenden der Ferdinandeiſchen Univerſität. „So iſt es alſo in dieſem Schreiben der aus⸗ geſprochene Wille der Obern,“ endete P. Dubviſſon, einen Brief entfaltend, ſeine Rede,„daß ein anderer Prieſter des hieſigen Ordenshauſes in die Miſſion nach Paraquay entſendet werde, und das P. Georgius Plachh, der Budweiſer, nach wie vor in dem Lehr⸗ amte der Ferdinandeiſchen Univerſität wirke, welchem er bis heute mit ſo großem Eifer und ſo bewährter Gelehrſamkeit vorgeſtanden iſt“. Der Rektor ſchwieg. Auf Profeſſors Plachh's Antlitz trat die Bläſſe der Ueberraſchung und ge⸗ täuſchten Hoffnung— ſein ſchönſter Traum war dahin es war ihm alſo nicht vergönnt, ſeine Kraft und ſein Predigertalent zur Ehre Gottes in den überſeeiſchen Miſſionen zu verwenden! 32 Aber unbedingter Gehorſam bindet das Ordens⸗ glied der Geſellſchaft Jeſu. Profeſſor Plachh beugte ſein ſchönes Haupt, legte die beiden Hände auf ſeine Bruſt, und ſprach: „Obedio!“ Der Rektor machte das Zeichen des heiligen Kreuzes über ihn, und ſchweigend verließ Plachh das Zimmer, um ſich in ſeine gegen die Waſſerſeite der Moldau vor dem altſtädter Brückenkopfe gelegene Wohnung zu begeben. Dort an ſeiner Thüre ſchritt dem Manne von ſo großer Seelenſtärke und Selbſtbeherrſchung, der gleich einem über Tod und Sünde obſiegenden Hei⸗ lande über die Erde ſchritt, Johannes entgegen. Johannes Proskowskh harrte mit ſeinem Freunde, Chriſtvphorus Wunſch, lange ſchon vor der Thüre des Meiſters.— Er verkündete jetzt mit ſchmerzvoller Aufregung ſeinem Lehrer und Meiſter Plachh, der ſeit längerer Zeit das lobkowieiſche Haus nicht mehr beſucht hatte, das Vorgegangene, jene ſchreckliche Szene mit dem Polen, der ſein Anrecht auf die Perſon Proskowskh's als des ſeines Leibeigenen gel⸗ tend machen wollte. „Alle, alle meine Hoffnungen ſind zertrümmert,“ klagte Johannes,„und nirgends, nirgends ſehe ich 73 Rettung aus den mich umſtrickenden Banden; nir⸗ gends“— „Als dort oben!“ fiel Plachh ein.—„Sieh', Johannes, dort oben, wo eben Millionen Sterne in ruhiger Bahn auf und nieder ziehen, blickt ein Ange auf uns herab, das alles mit Liebe über⸗ ſchaut; Du ſelbſt, Johannes, haſt oft auf unſerer Sternwarte mit mir die Pracht und Majeſtät des allmächtigen Herrn der Welt in ſeinen Werken be⸗ wundert; o wiſſe, er, der den Monden ihre Kreiſe zugewieſen, er, deſſen Hand von einem Ende der Welt zum andern reicht, er, der den demantſtrah⸗ lenden Gürtel der endloſen Welt, der Firſterne über unſeren Häuptern ausſpannte— er ſieht auch das Würmchen am Blatte, und ſo er will, wird er da ſein mit ſeiner Hilfe, wenn wir es am wenigſten vermuthen!“— „Meiſter! mein Herr und Meiſter!“ rief Jo⸗ hannes mit gepreßter Stimme ooll Begeiſterung und Ehrfurcht, zu den Füßen des edlen Lehrers nieder⸗ ſinkend,„o mein geliebter Meiſter, ich will mit mei⸗ nem Herrn und Meiſter ziehen nach dem fernen Ame⸗ rika, ich will ein Prediger des Lichtes werden, wie Plachh!— herrlich ſchön und kraftvoll einherſchrei⸗ ten mit dem Krenze, und alles, alles hinwerfen, und ihm nachfolgen, der einſt ein Heiland der Menſch⸗ heit ſegnend über die Erde ging.“ „Auch ich will mitziehen, Meiſter,“ rief Chriſto⸗ phorus Wunſch,—„auch mir blühen keine Roſen mehr im Vaterlande!“ „Gerne würde ich Euren Bitten willfahren, meine Freunde,“ entgegnete Plachh traurig,„aber wiſſet: auch meine Hoffnungen liegen im Grabe, Pater Du⸗ boiſſon, unſer hochwürdiger Rektor hat mir ſveben erklärt, daß ich nicht nach Amerika in die Miſſio⸗ nen zu gehen, ſondern im prager Collegko zu ver⸗ bleiben habe“.. „Nicht! nicht nach Amerika gehen— und warum nicht?“ fragte Chriſtophorus. „Weil der Gehorſam die erſte Pflicht unſeres Ordens iſt,“ entgegnete Plachh ruhig,„weiter kann ich Euch hierüber nichts ſagen.“ Die beiden jungen Männer blickten ſchweigend zur Erde. Georg Plachh aber erhob wieder ſein Haupt; „o meine theuren Söhne!“ ſagte er,„unſere Hoff⸗ nungen liegen nun zwar alle ein geknicktes Gras im Sande— aber wenn der Hauch Gottes darüber⸗ fährt, kann ſich auch das zertretene Gräslein wieder heben; wahrlich ich ſage Euch: wenn der Allmäch⸗ 35 tige will, ſo werden ſich die Berge und Felſen auf⸗ thun, um uns durchſchreiten zu laſſen; o blickt nur hinaus in die Geſtirne des Himmels, und ſeht dort ſeine Allmacht und Liebe mit Flammenzügen geſchrie⸗ ben. Wahrlich die Welt iſt, wie unſer Dichter ſagt,*) wie ein Buch, das von der Hand, von der Allmäch⸗ tigen, Allweiſen iſt geſchrieben! „Ein jegliches Geſchöpf Iſt wie ein Wort in dieſem Buche, Das Gottes Macht und Weisheit zeugen ſoll. Da kommt denn, wie es zu geſchehen pflegt, Der Eine, ſieht das Buch und blickt hinein; Doch was die Worte, ſo d'rin geſchrieben, Bedeuten, weiß er nicht; ein zweiter kommt Und lobt den Zierath dieſes Buchs, den präch⸗ t'gen Band Von Pergament; ein dritter preiſt Die ſauber ſchön gemalte Schrift: Der geiſt'ge Menſch allein Verſteht den Sinn, der aus den Worten redet!““ Der edle Meiſter erhob ſich hier. Der Strahl Der böhmiſche Schriftſteller Thomas von Stitné um 1380 des aufgehenden Mondes fiel auf ſein edelſchönes Antlitz, und überſchüttete es mit ſanftem Lichte. Wie ein Heiliger ſtand er da, zwiſchen ſeinen Lieblings⸗ jüngern, dem Troſt und jenem Muth zuſprechend, dann nahm er jeden bei der Hand—„Chriſtopho⸗ rus!“ ſagte er ſanft lächelnd, ſich zu Wunſch wen⸗ dend,„Dein Name heißt: Chriſtusträger— trage ihn alſo im Herzen, und tröſte mit ſeiner heiligen Lehre Deinen Freund.“ „Ich will der Petrus meines Herrn und Mei⸗ ſters ſein,“ entgegnete Chriſtophorus, die Hand des Profeſſors erfaſſend,„und Felſen ſoll er auf mich bauen.“ „Und ich ſein Johannes, der Lieblingsjünger,“ ſagte Proskowskh, vor ſeinem Meiſter voll Ehrfurcht niederſinkend und ſeine Hand mit einem dankbaren Kuſſe berührend. „Nun,“ entgegnete mit ſanftem Lächeln der Pro⸗ feſſor,„da wollen wir das Abendmahl miteinander feiern, wer weiß, vb es nicht vielleicht das letzte iſt, welches wir in Ruhe und Frieden miteinander ver⸗ zehren, denn die Zeit iſt trübe und düſter, und fremdes Kriegsvolk ſteht drohend im Lande.“ „O daß ich dieſen Fremden entgegenſtürzen könnte,“ rief Proskowskh aufſpringend,„und dieſen 77 Polen, deſſen Uebermuth mich in den Staub drückte, deſſen Antlitz die Züge des Ewigverworfenen trägt, daß ich dieſem Elenden vergelten, und ihn zu mei⸗ nen Füßen niederſchmettern könnte, damit“— „Das darfſt Du nicht, Johannes,“ fiel Plachh mit hohem Ernſte ein;„thut denen gutes, die Euch haſſen, und betet für die, welche Euch beleidigen!“ ſo lautet das Wort deſſen, dem wir nachfolgen; und willſt Du ihm, dem Heiligſten, der auf Erden wan⸗ delte, nachfolgen, Johannes, ſo mußt Du gleich und vor allem das erſte lernen, was Dir noththut: Dich ſelbſt beſiegen.“ „Mich ſelbſt beſiegen!“ rief Johannes Pros⸗ kowskh,„ja, mein Herr und Meiſter, ſchön iſt das geſprochen, und hört ſich prächtig an, aber ſoll der Mann, der ſeiner Kraft bewußt iſt, der Mann, deſſen Leitſtern die Ehre ſein ſoll, ſoll er ſich von denen, um deren Achtung er jahrelang buhlte, von einem Elenden in den Staub treten laſſen, von einem Elen⸗ den, von dem man nicht weiß, von wannen er ge⸗ kommen, und was ſeines Geſchäftes iſt“— „Das grenzt an Feigheit!“ rief Chriſtophorus Wunſch dazwiſchen. „Ueberlaſſe Du das Richteramt dem dort oben,“ ſagte Plachh feierlich, indem er ſich mit flammendem 78 Auge in ſeiner ganzen Manneslänge emporrichtete, und mit der ſtarken Hand gegen Himmel deutete. „Gott der Allgegenwärtige und Allweiſe wird zur rechten Zeit kommen, und aus dem Sandkorn einen Berg hervortreten laſſen, ſo er will. Glaube mir, Johannes, und Du, mein Petrus, der Du mich zweifelnd anſiehſt, und meinſt, ich hätte die Begriffe der irdiſchen Ehre nicht inne; glaube mir, Johannes, auch ich kenne genau die Grenze, welche die Ehre dem Dulder als die letzte vorſchreibt, wenn der Au⸗ genblick gekommen iſt, ſeinem Unterdrücker entgegen⸗ zutreten. Wiſſe, mein Freund, dieſes verſöhnliche Herz in meiner Bruſt ſchlägt nicht minder glühend für Ehre und Vaterland; dem irrenden Feinde meine Verzeihung, wie es mein Erlöſer will; aber ſollte es gelten, ihm in offenem Felde entgegenzutreten, und die Sache der Ehre und des Vaterlandes ihm gegenüber zu vertheibigen, dann, wahrlich, dann wird Georg Plachh allen voran die Partiſane ergreifen, und den Eiſenhelm auf ſeinen Scheitel drücken, und der erſte in Euren Reihen kämpfen für die Sache ſeiner Religion und ſeines Kaiſers vor dem Panner der Ehre und des Vaterlandes bis zum letzten Tröpf⸗ lein Blut!!“— Wie ein Held auf dem Felde des blutigen 79 Streites ſtand der Profeſſor da, jetzt wich ſeine ernſte begeiſterte Miene einem ſanften Lächeln ſeines freund⸗ lichen Mundes; er ließ ſich wieder nieder neben dem Tiſche, läutete mit einer kleinen Glocke auf ſeinem Schreibtiſche, und ſogleich kam der kleine runde Magiſter Czibis— „Cihi, Magister Czibis,“ ſagte Plachh ſcherzend, und der Kleine eilte nach freundlichem Gruße an die beiden jungen Männer, ein einfaches Abendmahl für den Profeſſor und ſeine jungen Freunde zu beſtellen. Hier ſaßen die drei— der edelſte Meiſter mit ſeinen beiden Schülern am Tiſche, und Plachh be⸗ mühte ſich, die innere Aufregung und den Schmerz ſeines Freundes Johannes über die dieſem durch den Polen widerfahrene Schmach mit dem Balſam des Troſtes niederzukämpfen. Der vorüberziehende Mond beſtrahlte die Guten. Das kleine Zimmer Plachh's, ein einfaches Viereck mit weißen Wänden, trug ebenſo einfachen Schmuck; ein Schreibtiſch, ein Bett, einige Stühle, ein Bet⸗ ſchemel, darüber das Bild des dornengekrönten Menſchenſohnes auf Golgotha— darunter das alte kleine Bild einer ſanft lächelnden bleichen Frau— es war das dem größeren Gemälde ſeines Vaters gegenüber angebrachte Bildniß der ſchon 80 lange heimgegangenen Mutter Plachh's, geſchmückt noch immer mit einer längſtverdorrten aber noch unzerſtört erhaltenen fünfblättrigen Roſe Rosa pentaphylla!. das Sinnbild ſeines Lebens, und übergoſſen vom Licht ſtrahle einer weißen Lampe; dem Eingange gegenüber das wunderſchöne Bildniß der unbefleckten Gottesmutter.— Ein kleiner Bü⸗ cherkaſten, und ein Vogelbauer mit einer luſtigen Wieſenlerche, eine einfache hölzerne Wanduhr, bil⸗ deten den übrigen Hausrath des Zimmers, das ein⸗ fach, wie der Mann, der es bewohnte, eben nur das nothdürftigſte enthielt, was einem Manne ſeines Ordens zukam.— Jetzt ſaß er da beim letzten Abendmahle, wie der Mittler im Kreiſe ſeiner Jünger— die heim⸗ liche Stille des Gemaches, fern von dem Rauſchen des Marktes, das ſanfte allmälig verſchwindende Licht der Mondſcheibe, und die ferne von den zahl⸗ loſen Thürmen Prags*) im harmoniſchen Klange *) Schon der berühmte Balbinus rühmt, wie Schottky erzählt, den Eindruck, den harmoniſchen Klang der zahlloſen Kir⸗ chenglocken Prags. Einſt kam er von dem ſogenannten heiligen Berge über Ptibram in die Hauptſtadt zurück, und mußte, da ihn die Nacht überfallen hatte, auf einem 81 herübertönende Ave⸗Glocke, ſtimmten die Herzen der drei Freunde unendlich wehmüthig. Der große Schmerz des armen Johannes, ſeine furchtbaren Beſorgniſſe vor den weiteren Schritten des Polen, der das Recht auf Proskowskh's Perſon nach Landesgeſetzen geltend zu machen gedroht hatte, durchzitterten ſein ganzes Inneres, und ſtimmten auch ſeinen Freund Chriſtophorus traurig, während die ſanften Troſtworte Plachh's, deſſen felſenfeſtes Ver⸗ trauen auf die Allmacht und Weisheit des ewigen Gottes nach und nach auch die Gemüther der beiden jungen Männer beruhigte, und die ſtürmenden Wo⸗ gen ihrer Beſorgniſſe beſänftigte. Jetzt ſank die Mondesſcheibe vollends herab; in der Nähe Prags gelegenen jeſuitiſchen Landgute, Zlhow genannt, verweilen, als eben dieſe Nacht das Begräbniß eines böhmiſchen Magnaten, unter Läutung aller Glocken der Hauptſtadt ſtattfand. Er gerieth über die harmoniſche Zuſammenſtimmung in Entzücken, das er in folgenden Worten ausſprach:„Quam gratum erat om- nium campanarum Pragensium(es waren ihrer mehr als dreihundert an der Zahl) voces sono sere per superfi- ciem fluminis Moldavae propagante percipere! nihil in vita ejusmodi audieram, nec satis explicare hodiequs Possum illam aurium voluptatem.“(Balbini Miscell) L. III. c. X.§. 5 pag. 140). 1857. X. Der Jeſuit. II. 6 dunkel ward es ringsumher, und breite Wolkenſchatten ſtiegen wie verhüllende Bahrtücher über den hohen Hradſchin empor, und lagerten ſich über dem ſchwar⸗ zen Thurme;*) denn die edlen frommen Freunde hatten dießmal in ihrem traulichen Troſtgeſpräche ganz überſehen, daß die kleine Wanduhr in Plachy's Gemache ſchon beinahe die Mitternachtsſtunde wies. *) In ihm ſowohl, berichtet ein böhmiſcher Gelehrter, (S. Schottky's Prag) als dem weißen Thurm, dieſer auch Daliborka genannt, beſtrafte man die Majeſtätsverbre⸗ chen, Aufruhr, Verletzung des Landfriedens, Straßenraub oc; es kamen gewöhnlich nur Perſonen vom Stande hinein, die man mit Uebergehung aller Gerichtsformen dann ſchnell hinrichtete, nachdem ſie früher die Folter ausgeſtanden hatten. Dieſe beſtand hier, wie Schiffner verſichert, in der eiſernen Jungfrau, einer aus eiſer⸗ nen Platten zuſammengeſetzten Maſchine nach der Figur eines erwachſenen Menſchen, in deren Höhlung der zu Folternde gepreßt wurde. Bei der Anwendung der Tor⸗ tur mußten die beiden äußeren Seiten gegeneinander geſchraubt werden, die den Eingeſchloſſenen natürlich umſo heftiger quälten, je mehr ſie ſich einander näher⸗ ten. Eiſerne Jungfrau ward die Maſchine deßhalb ge⸗ nannt, weil ſie unter der Geſtalt einer Frau dem Ver⸗ brecher ihre Hände entgegenſtreckte, um ihn in den quä⸗ lenden Armen zu empfangen. Wie die Gefängniſſe des Mittelalters beſchaffen waren, Jetzt ertönte von St. Loretto auf dem Hrad⸗ ſchin das nächtliche Ave⸗Glöcklein, welches die Ka⸗ puziner zum Chorgebete rief, und Georg Plachh, der fromme edle Meiſter ſank, die Verſpätung im Ge⸗ ſpräche wahrnehmend, mit ſeinen jungen Freunden zur Erde, und betete vor dem Bilde der unbefleck⸗ ten Gottesmutter das:„Sei gegrüßet, Königin“— und flehte mit erhobenem Auge für alle, Freunde und Feinde. lehrt die heutige innere Beſchaffenheit des ſchwarzen Thurmes ſo ziemlich. Die neben dem ſchwarzen Thurme angebrachte Thür führte zu jener traurigen Wohnung, worin die Gefangenen ehemals eingekerkert wurden. Die noch gegenwärtig hier vorhandenen Thierbänder, An⸗ geln und Riegeln beweiſen, daß man ſonſt durch eine doppelte Thür eingehen mußte. Gleich beim Eintritt ſteht man in einem gewölbten Gemach, in welches kein Sonnenſtrahl fällt. Links in ihm iſt ein rundes mit Eiſen beſchlagenes Loch, anderthalb Ellen im Durchmeſſer breit. Ueber der Oeffnung aber findet ſich ein am oberſten Theile des Kerkers befeſtigtes, und durch den häufigen Gebrauch bereits ziemlich abgenutztes Rad, wie es an den Ziehbrunnen zu ſein pflegt. Ein um dasſelbe ge⸗ wundenes Seil, woran noch die Ueberreſte eines Korbes bemerkbar, hängt über einer Vertiefung, in welche der Verbrecher fünfzehn Klafter hinabgeſenkt, und dann ſeinem Schickſale, d. h. dem Hungertod überlaſſen blieb. 6* 84 Und die Feinde, für die er eben flehte, ſchlichen hoch oben, am fernen Hradſchin bei St. Loretto, wo die Kapuziner, wie erwähnt, ihr mitternächtliches Ave⸗ Glöcklein erſchallen ließen, durch eine Mauerbreſche in die ſorgloſe Stadt Ernſt Ottowaldskh, der Verräther, führte ein Korps von tauſend Mann, welches ihm der in Eilmärſchen vor Prag gelangte und bei dem Kloſter St. Marga⸗ rethen gelagerte Graf Königsmark zu dieſem Zwecke anvertraut hatte, gegen die Stadtmauer. Bis dicht vor die Feſtungsmauer waren die Schweden gekom⸗ men. Ottowaldskh und Obriſt Kopy führten Zim⸗ merleute mit Aerxten bei ſich, um das oberſte Stadtthor zu erbrechen, dann wollten ſie links über den Hrad⸗ ſchin marſchiren, wo an einem ſchlechtverwahrten Platze eine bereits gewonnene Wache ſtand. Vor dem ſtrahower Thore ſtand Königsmark mit ſeinen Reitern. „Gott mit uns!“ hieß die Loſung. Ottowaldskh und Kopy drangen mit ihren Leuten langſam vor; da erſchallte nochmals das nächtliche Glöcklein— Kopy ſtutzte, und ſein flammendes Auge ruhte auf Ottowaldsth)—— dieſer errieth ſeinen Gedanken:„es iſt das Chorgeläute der Kapuziner dort drüben, Herr Oberſt,“ ſagte er;„Ihr braucht 85 keine Verrätherei zu beſorgen, habt mich ja in Eu⸗ ren Händen,“ ſetzte er bitter lächelid hinzu— Kopy ſchwieg beſchämt, und beide näherten ſich nun dem ſtrahower Thore, um es raſch zu beſetzen.— Aber dort ſtanden treue Wachen.—„Parvle!“ donnerte es ihnen entgegen— und da ſie die rechte nicht geben konnten, ziſchte eine Kugel am Haupte Otto⸗ waldskh's vorüber. Aber ſchon lag auch die treue Schildwache, von Kopy's Reitern niedergehauen, im Sande. Jetzt entſpann ſich ein kurzes Gefecht. Die Wache am ſtrahower Thore ſank faſt gänzlich unter den Streichen der weit überlegenen Schweden— einige Soldaten ausgenommen, die der Poſtenkommandant noch vor dem Beginn des Gefechtes raſch in die Stadt beor⸗ dert hatte, um den Einbruch der Schweden zu ver⸗ künden. Dann ſtand der tapfere Offizier muthig auf ſeinem Poſten, und verließ ihn nicht, bis endlich das gewaltige Thor unter den Stößen und Arthieben der Schweden niederſchmetterte, und hiedurch der von außen harrenden Reiterei die Breſche zum Einmarſche in die Stadt gehauen war. Alles vor ſich niederreitend und niederhauend ſprengte die ſchwediſche Kavallerie jetzt herein, und 86 jagte, den Grafen Königsmark an ihter Spitze, den Hradſchin hinab, um dem Widerſtande von der Alt⸗ ſtadt aus ſogleich mit der Schärfe des Schwertes zu begegnen. Ottowaldsky erhielt vom Königsmark Ordre, ſo⸗ gleich durch die Stadt zur Brücke zu eilen, um den Uebergang in die Altſtadt zu ſichern.— Aber ſein flammendes Auge flog vor allem jenem Platze zu, wo das lobkowieiſche Haus ſeine Giebel in den Nacht⸗ himmel emporſtreckte. Dort wollte er mit dem frü⸗ heſten Morgen als Rächer ſeiner erlittenen Schmach im ganzen Glanze des Siegers auftreten, und das jetzt fordern, um was er früher kaum leiſe zu werben wagte; Maria, die neue Roſe von Pernſtein Raſch wendete er ſich daher zu einem Rotten⸗ meiſter der hinter ihm reitenden Küraſſiere, bezeichnete ihm aus der Ferne das lobkowiciſche Haus, und wies ihn an, es mit einigen Reitern zu umſtellen, damit die Bewohner vor der Roheit der plündernden Schweden geſichert ſeien, anderſeits aber auch nie⸗ mand dieß Haus verlaſſen könne, ehe Ottowaldskh, der Sieger, in ſeinem Glanze einzog!.. Das Gefecht nächſt dem ſtrahower Thore, das Knattern des Kleingewehrfeuers, das Schreien und Heulen der Stürmenden und Vertheidiger, hatten die 87 Bewohner der naheliegenden Stadttheile aufgeſcheucht. Hie und da ſank bereits einer in ſeinem Blute hin, denn Königsmark hatte befohlen, jeden nieder⸗ zuſchießen, der ſich auf der Straße oder bei einem Fenſter ſehen ließ. Raſch waren die Schweden zum königlichen Schloſſe vorgedrungen, wo Graf Martinic, der oberſte Burggraf Böhmens, ehrenhaft mit dem Schwerte in der Hand ſeinen Poſten be⸗ hauptete; aber ein Säbelhieb über ſein Haupt ſtreckte ihn beſinnungslos zu Boden— er wurde gefangen. „Die Schweden ſind in der Stadt!“ erſcholl es nun ringsum; Geheul und Waffengeklirr ertönten von allen Seiten, und kleine Haufen von waffenfä⸗ higen Bürgern der Kleinſeite Prags rannten zuſam⸗ men, die Trommeln ertönten, und das in der Klein⸗ ſeite ſtationirte, nunmehr von dem Stand der Dinge unterrichtete kaiſerliche Militär marſchirte, von einem Offizier geleitet, mit Eilſchritten zum Hradſchin hin⸗ auf den Schweden entgegen. Am kleinſeitner Ringe erfolgte der ſtärkſte Zuſammenſtoß. Aus allen Häuſern ſchlichen dunkle Geſtalten, und flohen der Moldau zu, um ſich auf den Kähnen daſelbſt nach der Altſtadt zu retten. Aber die Schweden hatten bald auch das linke Ufer der Moldau beſetzt und niemand konnte mehr ohne Lebensgefahr in die Altſtadt entfliehen. Ottowaldskh nun ganz in der Macht ſeines böſen Sternes, war an der Seite ſeines böſen Ge⸗ nius, des Polen Alerander Wolsinskh, das entblößte Schwert in ſeiner Fauſt, Stolz, Rache und Sieges⸗ Trunkenheit im Innern auf den Hradſchin vorge⸗ drungen, und ſtand jetzt vor dem lobkowiciſchen Hauſe. „Finis coronat opus!“ rief er, und den gewal⸗ tigen Stahlknopf ſeines Schwertes an das geſchloſſene Thor des Hauſes ſchmetternd, konnte er zitternd vor Luſt und Erwartung der Siegesfrende, die er genießen würde, wenn alle die ſtolzen Angehörigen des ade⸗ ligen Hauſes vor ihm niederfinken und den Sieger um Gnade anflehen würden, gar nicht mehr den Sturz des eiſernen Thores erwarten. Dieſes ging indeß ohne Gewalt aus den An⸗ geln, denn der Beſchließer des Hauſes ließ gar bald den großen Schlüſſel klirren. Ottowaldskh und der Pole traten ein, hinter ihnen ein Haufe ſchwediſcher Dragoner mit vorgeſtreckten Karabinern.... „In den Familienſaal!“ donnerte Ottowaldskh dem Beſchließer entgegen—„Frau Polirena mit ihrer ganzen Sippſchaft ſogleich herab!— ſo Du eine Minute zögerſt, Graukopf,“ ſetzte er, das klir⸗ rende Schwert auf das Steinpflaſter ſtoßend, hinzu: „ſo ſpaltet Dir mein Sarras den alten Schädel!“ Aber der Beſchließer verneigte ſich demüthig, und blickte verwundert dem von ihm nunmehr als alten Gaſt des Hauſes erkannten Ottowaldskh ins Antlitz. „O ſeid Ihr es, edler Herr von Ottowald,“ ſagte er aufathmend;„Ihr kommt uns gewiß zu Hilfe gegen die verdammten Schweden, die, wie ſie allent⸗ halben rufen, den Hradſchin überrumpelt haben;— Gott ſei Dant— aber unſere gnädigen Herrſchaften bedürfen Eures Schutzes nicht mehr, die ſchwimmen ſpeben auf ſicherem Nachen der Altſtadt entgegen“.. Ottowaldskh und ſein Genoſſe Wolsinskh ſtan⸗ den wie angedonnert.— Was der Beſchließer des lobkowieiſchen Hauſes berichtet hatte, war buchſtäblich wahr.— Johannes Proskowskh, mit ſeinem Freunde Chriſtophorus Wunſch von dem Beſuche bei Plachh zurückkehrend, waren eben recht gekommen, um den erſten Tumult der eindringenden Schweden zu ver⸗ nehmen. Ihr erſter Gedanke, nachdem ſie den Wider⸗ ſtand auf dem von den Schweden bereits in Beſitz genommenen Hradſchin als vergeblich erkannt hatten, war die ſchleunige Rettung des Oberſtburggrafen Martinic und der ſämmtlichen Familienglieder des lobkowiciſchen Hauſes. Zur Rettung des erſten kamen ſie zu ſpät, denn er befand ſich bereits in der Gefangenſchaft der Schweden; aber das Rettungswerk der lobkowieiſchen Familie vollbrachten ſie in ſeiner Gänze, indem ſie die beiden freilich heftig erſchrockenen Frauen, dann Roſa und Maria durch ein verſtecktes Hinterpförtchen des Hauſes auf die Kleinſeite und an eine Stelle brachten, wo ein ziemlich breiter Kahn ſtand, auf welchem ſie nun ihre koſtbare Beute dem altſtädter Moldauufer entgegenführten— ſo daß Ottowaldsky und Wolsinskh von der Mauerbrüſtung des Hrad⸗ ſchins in ohnmächtiger Wuth nachblickend, nur noch durch den Moldaunebel die Umriſſe des Kahnes wahrnahmen, in welchem Frau Polirena und Salome mit ihren Nichten nach der Altſtadt gerettet wurden, und im gräflich dohalieſchen Hauſe unfern der Tein⸗ kirche vorläufig Aufnahme fanden. 6 Während dieſer Vorgänge war es auch in der Altſtadt Prag nicht ruhig geblieben. Profeſſor Georg Plachh wollte ſich nach dem In den überaus ſchönen Kellern dieſes Hauſes, ſagt Schaller, trifft man einen ſchmalen gewölbten Gang, der jetzt nur bis an die nächſtliegende Teinkirche geht, vor Zeiten aber bis in die herzogliche Burg am Tein, oder noch weiter geführt haben ſoll. 3 94 Abſchiede ſeiner beiden Freunde Johannes und Chri⸗ ſtophorus mit ſeinem Zimmergenoſſen, dem Magiſter Czibis, zur Ruhe begeben. Aber er hatte noch eine ſüße Pflicht zu erfüllen; für ſeine jungen Freunde, namentlich für den bis in den Tod betrübten armen „Leibeigenen Johannes wollte er beten, auf daß der Allmächtige und Allgütige deſſen Schickſal wende, und die Feinde nichts vermögen wider ihn. Und der fromme Profeſſor ſank hin vor das Bild der unbefleckten Gottesmutter, und flehte ſie um ihre Fürbitte in dieſen Drangſalen an, und ge⸗ lobte ihr Bildniß über dem Portale des alten Tein aufzurichten, wenn gnädig die Gefahr abgewendet ſein würde, welche das Haupt ſeines theuren Johannes bedrohte. Dann ſtützte der gottbegeiſterte Prieſter ſein ſorgenſchweres Haupt auf die Hand, und ſann nach, welche Schritte er bei dem Oberſtburggrafen Böhmens thun wollte und mußte, um Johannes von dem Banne zu löſen, mit welchem ihn der Pole nun um⸗ ſtrickt hielt. Plachh durchblickte mit ſeinem klaren Verſtande vollkommen das ganze Gewebe und ſah wohl ein, daß es dem Polen nur zu thun ſeie, Pros⸗ kowskh aus dem lobkowiciſchen Hauſe zu entfernen, um ſelbſt dort Einfluß zu erlangen. Aber das Geſetz der Leibeigenſchaft, ſo traurig und lähmend auch ſeine Folgen ſind, beſtand in Polen wie in Böhmen, und wenn Gott der Herr nicht ein Wunder wirkte, ſo war keine Löſung Proskowskh's aus den Banden des Polen zu erwarten. Dieſer entſchloſſen, ſein Opfer bis in den Tod zu verfolgen, würde auch nie in Proskowsty's Loskaufung aus der Leibeigenſchaft gewilligt haben, und ſo ſtand einer der edelſten jungen Männer Böhmens, Johannes Proskowskh, nun be⸗ reits die akademiſche Würde eines Lizentiaten der Rechte an ſich tragend— auf einmal in der trau⸗ rigſten Abhängigkeit von der Willkür eines rohen Polen, deſſen Anſprüche leider durch das eiſerne Ge⸗ ſetz des leibeigenen Unterthansverbandes geſchützt wurden.. Im tiefen Schmerz verſunken kniete der Pro⸗ feſſor auf ſeinen Betſchemel, während Magiſter Czibis ſich eben entkleiden und ſein Lager beſteigen wollte. „Großer, Allbarmherziger, Allmächtiger Gott!“ betete der fromme Profeſſor jetzt leiſe,„Du, deſſen Liebe das All umſpannt, deſſen Hand vom Stern zum Sterne reicht, Du, der aus unendlicher Liebe zu uns in eine ärmliche Hütte niederſank, um der Welt das Heil zu bringen, ſende einen Strahl Deiner Gnade in die Traurigkeit unſerer Herzen, o gib ein Zeichen, 93 daß Du helfen willſt, wo Menſchenklugheit zu Ende geht, laß Deine Stimme im Donner erſchallen, und“— Horch! da krachte es vom jenſeitigen Ufer herüber, wie Kugelknall— Der Profeſſor ſprang auf, und eilte zum Fenſter, der Magiſter rannte herbei— beide blickten in die Nacht hinaus; wieder knatterten Gewehrſalven, fernes Geheul ſchien über die Moldau herüberzutönen... Es war das Signal vom Ueberfalle der Schwe⸗ den auf der Kleinſeite Prags. Plachh horchte hoch auf; er und Magiſter Czibis erkannten ſogleich, daß etwas ungewöhnliches am jenſeitigen Ufer der Moldau vor ſich gegangen ſei. Plachh riß das Fenſter gegen die Moldauſeite auf, und nahm jetzt, ſoweit es das Dunkel der Nacht zuließ, einen einzelnen Mann wahr, der über die ſteinerne Moldaubrücke im geſtreckten Laufe dem alt⸗ ſtädter Brückenkopfe zurannte. Es war kein Zweifel, der Mann ward verfolgt, denn hinter ihm blitzten Schüſſe auf, und Rauch folgte ſeinen Ferſen.. Plachh warf ſogleich ſeinen Mantel um, und er und Magiſter Czibis eilten auf die Straße und ſtanden bald auf der Treppe des Brückenthurmes, deſſen Fallgitter aufgezogen war, um die nächtliche Paſſage über die Brücke nicht zu hemmen, und deſſen fünf 94 Wächter den bekannten Prieſter und ſeinen Famulus ohne Anſtand in die obern Theile aufſteigen ließen. Jetzt erkannte Plachh den heranſtürmenden, Flüchtling auf der Brücke; es war der Unterhaupt⸗ mann*) Karl Ptiichowskh, dem es gelungen war, von der Kleinſeite nach der Altſtadt zu entfliehen. Athemlos erklomm er mit der letzten Kraft die erſten Stufen der Wendeltreppe des Thurmes, und hinter ihm brauſten ein paar ſchwediſche Reiter, die faſt ſchon die Hälfte der Brücke gewonnen hatten. „Die Schweden find eingebrochen,“ rief Pii⸗ chowskh an der Treppe des Thurmes hinſinkend; „die Kleinſeite iſt genommen, Plünderung überall!“ Mehr konnte er nicht ſprechen, halb ohnmächtig lag er auf den Stufen. Aber Georg Plachh, der heldenmüthige Prieſter, ſtürzte jetzt die Treppe hinauf, und den wichtigſten Augenblick der höchſten Gefahr erfaſſend, riß er mit ſtarker Hand den Sperrhaken des eiſernen Fallgitters am Thurme aus ſeinen Hältern, und das bomben⸗ feſte Gitter raſſelte dicht vor den ſiegesglühenden Geſichtern der heranſtürmenden Schweden zur Erde.— Prag— die Altſtadt, Neuſtadt, Judenſtadt und *) Andere bezeichnen ihn als Fähnrich. 95 der Wyöehrad waren gerettet, und mit Prag das Königreich Böhmen!— Dieſe in ihren Folgen hochwichtige That hatte Georg Plachh, der Jeſuit, vollbracht. Jetzt ſtand er da, wie der auferſtandene Hei⸗ land auf den Trümmern ſeines Grabes.— „Mit Gott!“ donnerte er in den Thurm hinab—„und im Namen der allerheiligſten Drei⸗ einigkeit, eilt, was Ihr laufen mögt, durch die Je⸗ ſuitengaſſe auf den Ring und macht die kaiſerliche Soldateska flügge, laßt Sturm ſchlagen, und die Glocken am Tein erklingen— gebt dem Primator Turek von Sturmfeld Kunde von dem Ueberfalle;— Suk⸗ kurs müſſen wir haben, ſonſt ſind die Schweden in wenigen Minuten Meiſter der Stadt!“ Pichowsky, der ſich inzwiſchen erholt hatte, und zwei der den Thurm bewachenden Soldaten rannten in die Stadt, erſterer zum Stadtkommandanten Graf Kolloredo, zum Primator Turek von Sturmſeld, und zum kaiſerlichen Stadtrichter Kawka in der Neuſtadt, die andern auf die Wache am altſtädter Ringe, wo der Kommandirende Böhmens, General Buchheim und der altſtädter Hauptmann, Graf von Michna, verweilten. Dieſer und der neuſtädter Hauptmann, Ales Wratislaw Freiherr von Mitrowic, rückten ſogleich 96 mit Mannſchaft dem Brückenthurme zu— im Nu war die Nacht zum Tage gelichtet. Alles ſtürzte aus den Häuſern und rannte durcheinander, Fackeln kniſterten, Trommeln wirbelten, Trompeten ſchmetterten, Schreckensrufe und Laute der Aufmunterung zum tapfern Widerſtande durch⸗ Zitterten die Lüfte... Inzwiſchen hatte Georg Plachh, der muthige Prieſter des Herrn, eine in der Thurmecke lehnende rrieſenhafte Partiſane ergriffen, und einen daneben⸗ liegenden Eiſenhelm mit wallendem Federbuſch auf ſein ſchönes, ebenmäßiges Haupt gedrückt. „Vorwärts mit Gott und der heiligen Jung⸗ frau!“ rief er, und er voran, und hinter ihm der kleine aber baumfeſte Magiſter Czibis, deſſen Lanze das kleine Männlein dreimal übetragte, und deſſen gleichfalls von der Erde raſch aufgeraffter Eiſenhelm dem guten Männlein wie eine wackelnde Glocke auf der Schulter ſaß, und hinter ihm die drei im Thurme zurückgebliebenen Soldaten mit ihren Musketen— raſſelte dieſe kleine aber todesmuthige Beſatzung zum Fallgitter hinab, und Georgius Plachh donnerte den draußen lärmenden und Einlaß gebietenden Schweden ein gewaltiges„Zurück!“ entgegen. Seine lange Partiſane und zwei wohlgezielte Kugeln der ihn be⸗ 97 gleitenden Soldaten, gaben ſeinen Worten Nach⸗ druck, und ſein treues Echo, der kleine runde Ma⸗ giſter Czibis mit dem pfiffigen Geſichte, kommandirte die Musketiers zum wiederholten Schuſſe— und ſo luden, ſchoſſen und ſtachen und hieben die wackeren fünf Vertheidiger des alten Brückenthurmes auf die jetzt heranſtürzenden, jetzt wieder zurückweichenden Schweden ſo wacker hinaus, daß kein einziger Schwede durch das Thor drang, welches die tapferen fünf unter Plachh's Kommando jetzt mit dem eichenen Querbalken verrammelten, worauf ſie wieder die Treppen des Thurmes erklommen, und von oben her⸗ ab durch die Schießſcharten das Anlegen der Sturm⸗ leitern verhinderten, bis nun der Sukkurs aus der Stadt kam, und die beiden Hauptmänner der Alt⸗ und Neuſtadt mit ihren von Minute zu Minute verſtärkten Truppen die Schweden mit blutigen Köpfen über die mit Falkonetkugeln rein gebürſtete Brücke in ihre feſte Poſition auf die Kleinſeite zurückwieſen. „Zu den Waffen! zu den Waffen!“ lautete nun das Feldgeſchrei in den Gäſſen der Alten und Neuen Stadt Prags. Hauptmann Karl Ptichowskh, begeiſtert zum Kampfe für das Vaterland, hatte, als er vom Hradſchin mit der Kunde des ſchwediſchen Ueberfalles auf die Moldaubrücke athemlos herabſtürzte. 1857. X. Der Jeſuit. II. 98 nicht mehr Zeit gehabt— wollte er die Altſtadt noch warnen und retten— auch im lobkowieiſchen Hauſe als Streiter für Roſa einzuſtehen, er wußte auch nicht, daß Proskowskh und Wunſch bereits dieß Rettungswerk vollbracht hatten, und daß Roſa und Maria mit ihren Tanten ſchon in der Altſtadt weilten. Dringend bat er daher den altſtädter Haupt⸗ mann, ihn mit einem Truppenkorps gegen die Klein⸗ ſeite ſtürmen zu laſſen, um wenigſtens durch die Wegnahme des kleinſeitner Brückenthurmes die Zu⸗ rückwerfung der Schweden aus Prag anzubahnen. Sein brennender Wunſch ward gewährt, er er⸗ hielt hundert Mann waldſteiniſches Fußvolt. „Vorwärts!“ rief die Trommel und Pfeife— aber ſchon die erſte ſchwediſche Kugel vom kleinſeit⸗ ner Thurme herüber grub ſich in Ptichowskh's treues Herz, und eines der erſten Opfer treuer Vaterlands⸗ liebe ſank er auf der Moldaubrücke zu Boden. Sein brechender Blick war nach dem Hradſchin gerichtet, wo er Roſa in der Gefangenſchaft der Schweden vermuthete. Seine Soldaten zogen ſich nach dem Falle des Führers raſch in die Altſtadt zurück.“)— *) Sed malo suo retroredere coasti amisso duetore Procenturi- one Carolo egente Pfichovsk) opum. 99 Eilboten riefen den Kommandirenden Böhmens, General Buchheim, in die Stadt, welcher ſich mit unglaublicher Schnelligkeit mit einem Regimente be⸗ rittener Schützen*) in die Stadt warf, und die Tapferkeit des edlen Plachy ehrend, ſogleich im Je⸗ ſuiten⸗Kollegium als geehrter Gaſt ſein Hauptquartier aufſchlug.**) Alſo endete dieſer furchtbare Ueberfall, und ein⸗ ſtimmig rühmen die Geſchichtsſchreiber Böhmens die herrliche Rettungsthat des Jeſuiten auf dem pra⸗ ger Brückenthurme.***) *) Gum legione. **) Hospes longe optatissimus. ***)„Es hat dieſer Thurm, ſagt der im Jahr 1716 zu Prag erſchienene eigentliche Entwurf der vortrefflichen Prager Brucken, von allen Seiten kleine Thürmlein, und auf deſſen vorderer Seiten gegen der Jeſuitergaſſen fünf Statuen, davon am höchſten zwei ſtehen, als der heilige prageriſche Biſchof Adalbertus im biſchöflichen Habit mir ſeiner Infel auf dem Haupt; neben ihm iſt der heilige Wenzeslaus mit der Kron' und ſeinem langen und kö⸗ niglichen Rock angethan, unter dieſer beiden Füßen iſt der böhmiſche Löw gähnend ausgehauen. Weiter darun⸗ ter iſt das Wappen des böhmiſchen Königreiches, als ein einfacher Adler, unter welchen der heilige Sigismundus einen Palmzweig in der Rechten, und in der Linken einen Reichsapfel haltend, ſtehet. Alsdann ſieht man tiefer rechts 7* 100 Fiebentes Rapitel. Im Karolinum. Kaiſer Carolus IV. glorreichen Andenkens grün⸗ dete im Jahre 1348 die erſte aller deutſchen Uni⸗ verſitäten, die prager Hochſchule, damit, wie es in ein Schild ſammt Helm mit dem Adler, als des römiſchen Königreiches Wappen, neben dieſem iſt links das könig⸗ liche beheimbiſche Wappen mit dem Löwen und ſeinem gewöhnlichen Helm. Etwas wenig weiter abwärts iſt rechts die Statue Kaiſers Caroli IV. ſitzend, und hält dieſer Monarch in der Rechten einen Szepter, ſo jedoch zum Theil durch das Alterthum abgebrochen; in ſeiner Linken aber den Reichsapfel Ueber ſeinem gekrönten Haupt ſeynd zwei Schildlein, als der römiſche Adler und der böheimbſche Löw. Auf der linken Seite des Thurmes, ſitzt auf gleiche Weiſe der König Wenzeslaus der Faule, hält auch einen Szepter und Reichsapfel in den Händen; auf dem Haupt hat er ſeine Kron', und über derſelben ſeynd gleichfalls die zwei Schildlein, das römiſche und das böheimbſche, wie bei ſeinem Herrn Vater Carolo IV. zu ſehen. Alsdann ſtehen tiefer hinab, und zwar gleich über dem großen Gewölb, wodurch man auf die Brücken fahret, und welches dieſes Thurms Thor iſt, nachfolgender Länder Caroli IV. Wappenſchilde, ſo ihre Ordnung mitten im Thurme anfangen, und ſeynd ſolche rechter Hand dieſer nemblich: der Erſte, ein Adler, das 101 dem Stiftungsbriefe heißt: ſeine treuen Unterthanen nicht mehr genöthiget ſeien, ihren unabläſſigen Heiß⸗ hunger nach den Früchten der Wiſſenſchaften bei den Ausländern zu ſtillen. Benes von Weitmile, Karls Geſchichtsſchreiber, erzählt:„Der König wollte eine Univerſität nach Art und Sitte der pariſer hohen Schule gründen, auf welcher er in ſeiner Ingend römiſche Königreich bedeutend; der Anderte, ein Adler, ſo das Wappen der Mark Brandenburg, welche Carolus der IV. von ſeinem Eidam erkaufet hatte. Dritte, mehr⸗ mals ein Adler des Herzogthum Schleſiens. Fünfte, ein Schild mit fünf Lilien, ſo vielleicht die luxemburgſche Markgrafſchaft Arlon, oder das Herzogthum an der MWoſel bedeutet. Ueber dieſen Schilden iſt noch einer mit der königlichen alten Stadt Prag Wappen. Nun ſehnd auf der linken Hand des Thurms in einer Situa⸗ tion mit denen anjetzo beſchriebenen fünfen, wiederumb fünf Schild, als Erſte, der böheimbſche Löw. Anderte der Löw des Herzogthums Luxemburg. Dritte, der Löw der Grafſchaft Glatz. Vierte, die Mauer des Markgrafthumbs Ober⸗Lauſitz. Fünfte, der Ochs, als das Wappen des Markgrafthumbs Nieder⸗Lauſitz. Iſt alsdann über dieſer noch ein Schild mit dem geſchach⸗ teten Adler, das Markgrafthumb Mähren bedeutend. Es ſeyn auch auf beiden Seiten dieſes Thurms fünf kleine Entlein in Kränzen zu ſehen, welches ſonder Zwei⸗ fel das Zeichen des Künſtlers, fo dieſen Thurm gebaut, und daher der reiſenden Handwerksleuten Wahrzeichen 102 den Unterricht genoſſen hatte. Karl ſelbſt, dann der Erzbiſchof Arneſt, das prager Domkapitel, nicht min⸗ der die Prälaten und Kollegien der übrigen Kirchen, ſowie die Klöſter Böhmens trugen bedeutende Sum⸗ men, behufs dieſer Stiftung, zuſammen. Und ſo wurde eine Unterrichtsanſtalt zu Prag geſchaffen, wie ſie in keinem Theile Deutſchlands bisher vor⸗ iſt, von welchem das gemeine Volk ein Räthſel gibt: „Wer nicht ehrlich geboren, kann nicht alle fünfe ſehen.“ Auf der andern Seiten dieſes Thurmes, nämblich an der Brücken und der kleinen Stadt Prag zu, ſeyn ip alten Zeiten auch ſchöne Statuen geweſen; als aber die Schwe⸗ den anno 1648 die kleine Stadt eingenommen, und von dannen auch in die alte Stadt wollten, ſeyn alle Zierathen des Thurmes auf dieſer Seiten zu Grund ge⸗ gangen. Denn der Feind vermeinte den Thurm über den Haufen zu ſchießen, oder doch ſo zu durchlöchern und zu eröffnen, daß mit ihm die größere Stadt nicht mehr beſchützt werden könnte, dahero er innerhalb vier⸗ zehn ganzen Wochen, das iſt, ſo lange, als dieſe Bela- Lerung gewährt hat, nämblich vom 26. Julij als umb St. Anna Tag, bis auf den 31. Oktober auf Vigilia aller Heiligen bis über die zwölftauſend fünfhunderk ſie⸗ benundachtzig Stück Schüſſe, hundertſechsundachtzig Gra⸗ naten, und ſechs Stürmen auf die zwei Städte und dieſe Seiten an den Thurm wiewohl umbſonſt gethan; hat alſo damals dieſer Thurm allein die Alt⸗ und Neuſtadt Prag erhalten.— Dei Thurm iſt aber damals anfangs 103 handen war, und es ſtrömten nun aus allen Gegen⸗ den, d. h. aus England, Frankreich, der Lombardei, aus Ungarn und Polen und aus benachbarten Län⸗ dern Studirende herbei. Söhne von Edlen und der prageriſchen Belagerung nur von einem Patre So- cietatis Jesu Georgio Plachy, nebſt einem Magiſter, Czi⸗ bis genannt, und von drei Soldaten ſo lang defendiret und geſchützet worden, bis die Bürger und Studenten darzu gekommen und die Schweden zurückzuweichen ge⸗ zwungen haben. Zu deſſen Gedächtniß ſtehet anjetzo das altſtädter Wappen(welches ſie vom Kaiſer Fri⸗ derico anno 1477 bekommen) mit goldenen Buchſtaben.“— Und Redel ſchreibt in ſeiner Stadtbeſchreibung vom Jahre 1729:„zu ſonderbarem Nachruhm des Jeſuiten⸗ Collegii und deren Geiſtlichen iſt zu melden, daß als anno 1648 die ſchwediſchen Truppen die kleine Seite der Stadt Prag jenſeits der Moldau durch Liſt einnah⸗ men, und darauf in die alte Stadt Prag über die Brücke auch dringen wollten— durch der damaligen Geiſtli⸗ chen dieſes Collegii Wachſamkeit und Sorgſamkeit für die Erhaltung der Stadt vor der bevorſtehenden Ein⸗ nehmung, Beraubung, Plünderung und Elend(inſon⸗ derheit Anfangs, ehe die Bürgerſchaft zuſammengekom⸗ men) durch Gegenwehr von dem Brückenthurm der alten Stadt,— nur mit drei Mann, die Büchſen hatten, nach⸗ gehends aber durch Aufmunterung und Anmahnung der Studenten und Bürger zu fleißiger Wacht, Hut und Wehre, viel zur Erhaltung der Alten und Reuſtadt bei⸗ getragen.“ 104 Fürſten, ſelbſt viele Kirchenprälaten aus den verſchie⸗ denſten Weltgegenden. Und durch dieſes Lehrinſtitut wurde Prag weithin berühmt und geachtet; der große Zuſammenfluß dieſer Lernbegierigen machte jedoch den Aufenthalt in der Stadt etwas koſtſpielig.“ Bald theilten ſich die Lehrer und Lernenden in Landsmannſchaften: die böhmiſche, wozu auch die Mährer, Ungarn, und Slaven überhaupt gehörten, die polniſche, bayriſche und ſächſiſche. Zur erſten gehörten die Schleſier, Lithauer und Ruſſen, zur zwei⸗ ten die Oeſterreicher, Franken, Schwaben und Rhein⸗ länder, zur letzten die Meißner, Thüringer, im engern Sinne Dänen und Schweden. Die Lehrer: Hermann von Winswick, ein Sachſe, M. Fridmann von Prag; Wigtold von Osnabrück, Heinrich de Sicca(Schüttenhofer), Jenko von Prag, Nikolaus von Jewieka aus Mähren, Diether von Wizdern, Heinrich Volisre de Novo Ponte, ein Fran⸗ zoſe, ſämmtlich Weltprieſter, und andere Nebenlehrer laſen über das geiſtliche und weltliche Recht, über die Arzneikunde, Philoſophie und die freien Künſte. Bald wurden die Kollegien, oder ſogenannten Kommu⸗ nitäten, deren letzter Zweck wohl die Wiſſenſchaft war, deren Weſen jedoch eine Vereinigung ihrer Mit⸗ 105 glieder im Zuſammenleben mittelſt eines zu ihrem Aufenthalte geſtifteten Einkommens beſtand.*) Sie waren im ſiebzehnten Jahrhunderte ſchon acht an der Zahl: das große Karoliniſche, das Wen⸗ zels⸗Kollegium für arme Studenten von König Wen⸗ zel 1399 geſtiftet; das Hedwigs⸗Kollegium durch Königin Hedwig von Polen 1397 für zwölf arme Zoͤglinge der Theologie gegründet; das Kollegium der böhmiſchen Nation, im Jahre 1407 durch den Prieſter Wenzel von Chotstow geſtiftet; das Apv⸗ ſtel⸗Kollegium oder Laudiſche von 1451 von Mathias Lauda von Chlumkan, einem ehemaligen Zögling der Univerſität geſtiftet; das Nazarener⸗Kollegium von dem prager Bürger und Krämer Ktiz; das Re⸗ ckiſche, geſtiftet von Johann Reck von Ledet im Jahre 1438 für zwölf arme Kleriker; das Engels⸗Kollegium zu Allerheiligen, im Jahre 1378 durch Anlegung einer Erbſchaft gegründet; das Kollegium der Medizin er, im Anfange des ſiebzehnten Jahrhunderts entſtanden. Bei dem großen Brande Prags im Jahre 1541 wurden auch manche wiſſenſchaftliche Schätze dieſer Kollegien verzehrt; im Jahre 1555 aber kamen die Jeſuiten nach Prag, durch ſie wurden die Wiſſen⸗ Schnabel Zeitſchrift des böhmiſchen Muſeums 1829 im Mai. 106 ſchaften wieder gehoben, indem ſie die einzelnen Fächer mehr ſchieden und einen trefflichen Lehrplan ent⸗ warfen.*) Dieſe Kollegien befanden ſich in verſchie⸗ denen Häuſern. Das ſogenannte Karolinum aber, das eigentliche großartige Gebäude der heutigen Karl-Ferdinands Univerſität wurde im Jahre 1363 durch Johann Rotlew von Kolodej, einen reichen Bürger Prags errichtet. Von ihm kaufte es König Wenzel IV., und ließ es zum Gebrauche der Univer⸗ ſitäts⸗Studien einrichten. Während der Huſſitenunruhen bot auch dieſes Gebäude manch blutige Szene dar, ſo erzählt Häjek: „Im Jahre 1422 ward eines Tages am Abend das große Collegium ſammt allen andern Collegiis ge⸗ ſtürmt und geplündert; die Magiſtros nahmen ſie gefangen, und ſetzten ſie auf das Rathhaus in Ver⸗ wahrung, ſagende; daß dieſelbigen Verräther, welche die Studenten aus Prag vertrieben und uns um un⸗ ſere Nahrung gebracht. Etliche Magiſtri aber flohen *) Ihr Lieblingsſpruch war: Non bonus est coctor, patina qui miscet in una, Omnia, aves, pisces, ova, legumen, oves, Sic malus est doctos, teneros si quis simul annos Gramaticen, logicen, rethoricenque docet. (Weiß Chlor: Unv. Carol. Ferd.) 107 von Prag hinweg, damit ſie ihr Leben erretteten. Auf'n Morgen brachen ſie noch etliche eiſerne Thü⸗ ren in den Collegien auf, und zerriſſen und verbrann⸗ ten die herrlichen Bibliotheken ſchändlich.“ Die ſtattlichen Wände dieſes alten Gebäudes ſchließen einen viereckigen Hofraum ein; in dieſem erblickt man ein Marmordenkmal, auf welchem das Bild des gelehrten Mathäus Kolin von Chotekina inſkulpirt iſt, der einſt unter Ferdinand I. Profeſſor der griechiſchen Sprache an der Univerſität war, und das der damals in Prag weilende vom byzantiniſchen Kaiſerhaus abſtammende Jakob Paläologus, Schwie⸗ gerſohn des gelehrten altſtädter Stadtſchreibers und Chroniſten Martin Kuthen von Spriesberg, und ſpä⸗ ter wegen Ketzerei in Rom verbrannt— errichten ließ. Die griechiſche Inſchrift dieſes Denkmals lautet: „Dem Mathäus Kolin von Chotekina aus Kaukim, einem gaſtfreien Manne, einem Gönner der Griechen und Lehrer der griechiſchen Sprache, ſei⸗ nem Freunde ſetzte dieſes Denkmal zum Zeichen ſei⸗ ner Freundſchaft Jacobus Olympidarius Paläologus, ein Flüchtling, der auf Chio geboren, ungerechterweiſe vor Gericht gefordert, überall vertrieben und in Böh⸗ men als ein Fremdling ſbennnen wurde, wo er noch unter vielen Widerwärtigkeiten lebte im Jahre 1566.“— In dem genannten Hofe des großen Karoli⸗ num ſtand an einem der erſten Morgen nach dem ſchwediſchen Ueberfalle der Kleinſeite Prags Georg Plachh, der Heldenprieſter und Jeſuit, mit einem kur⸗ zen bis an das Knie reichenden ſchwarzen Ordens⸗ kleide angethan, den Eiſenhelm mit dem wallenden Federbuſche auf dem Haupte, eine Feldbinde mit den kaiſerlichen Farben um den Leib gewunden, die lange Partiſane in der Rechten.— Alſo ſtand er da, ein prieſterlicher Held ohne Furcht und Tadel, be⸗ geiſtert von dem innigſten Gottvertrauen, entflammt von der Liebe zum Vaterlande und zu ſeinem Kai⸗ ſer— ein Diener der Religion Jeſu Chriſti, gerufen vom Geiſte Gottes im Augenblicke der Gefahr! Rings um ihn ſtanden viele Hunderte) von Stu⸗ denten der beiden Hochſchulen in einfachen und gold⸗ geſtickten Wämmſern und Mänteln, wie es eben ihre Familienverhältniſſe mit ſich brachten— ihre De⸗ gen an den Lenden, und die kräftige Fauſt daran; *) ita, ut brevi conflaretur 300 ex omni Academicorum classe capitum,(postea plurium) catervae, cui liberae cohortis vocabulum indere placuit, ſagt Schmidl. 109 bereit, die Waffe zu ziehen, wenn Plachh, der ange⸗ betete Vater der Studentenſchaft, ſein gewichtiges Mahnwort erſchallen laſſen werde. Plachh war am vorhergehenden Tage zu Pater Dubviſſon, dem Rektor ſeines Kollegiums getreten, hatte ſein Haupt abermals in Demuth geneigt und ihm Bericht erſtattet über die Vorgänge am altſtäd⸗ ter Brückenthurme; dann hatte er in Demuth und Unterwürfigkeit um die Erlaubniß gebeten, an der Vertheidigung der Stadt theilnehmen zu dürfen. „Bisher,“ ſprach er,„lehrte ich meine Zuhörer, un⸗ ſere Religionsgegner mit Beweiſen zu bekämpfen; jetzt erfordert es die Nothwendigkeit, ihnen mit dem Degen in der Fauſt entgegenzutreten: habe ich meine Schüler auf der Bahn der Wiſſenſchaft geführt, ſo will ich ſie auch auf der Bahn zum Siege fürs Va⸗ terland führen!“ Rektor Dubviſſon nickte beifällig mit dem Haupte, und ſegnete den muthigen Profeſſor. Jetzt ſank Plachh in ſeinem Zimmer vor dem Bilde der Gottesmutter auf die Kniee; ein feier⸗ liches Gelübde, die himmliſche Roſe im begeiſterten Liede zu verherrlichen, wenn ſie durch ihre mächtige Fürbitte die drohende Feindesgefahr abwenden würde, entſtrömte ſeinen Lippen, dann trat er in den Hofraum des Kollegiums unter die hier bereits hin und wieder ziehenden Studenten der philoſophiſchen und theologiſchen Fakultät, die beide zur Ferdinan⸗ deiſchen Univerſität gehörten, und begeiſterte ſie für ſeine Vorſchläge. Wie ein Lauffener gelangte dieſe Kunde auch zu den Studenten der Karoliniſchen Hoch⸗ ſchule— der alte Zwiſt zwiſchen beiden Hochſchulen ruhte im Augenblicke der gemeinſamen Gefahr,— wie Brüder umſchlangen ſich über Plachh's begeiſterndes Wort die Akademiker beider Hochſchulen, und der einſtimmige Schwur erſchallte zum Himmel:„Nicht ſollten die Waffen ruhen, ehe Prag, die alte Königs⸗ ſtadt, aus den Händen der Schweden gerettet ſei!“— Und die Hunderte der im Karolinhofe ſoeben ver⸗ ſammelten Studenten wuchſen mit der Schnelligkeit einer Lawine— und Sechstauſend junge Streiter, wie ſie ſich allmälig aus den verſchiedenen Theilen Prags in und vor dem Karolinum zuſammengefunden hatten, ſtanden nun nebeneinander, und:„Plachh! es lebe Plachy!“ erſchallte es rings im Kreiſe.*) *) Schiffner gibt die Zahl der im Karolinum damals ver⸗ ſammelten Studenten auf ſechstauſend an; indeß mögen ſie nicht alle der Hochſchule angehört und wohl auch andere junge Leute an dieſer Verſammlung theilge⸗ nommen haben. 1 Der mannhafte, für Gott und das Vaterland begeiſterte Jeſuit wurde vom donnernden Jubelruf der ſechstauſend Studenten dieſes Freikorps“*) begrüßt. „Die Göttin der Wiſſenſchaften,“ rief er, ſeine Hand begeiſternd emporſtreckend,„die Göttin der Wiſſenſchaften führt den Schild und die Lanze. Waffen ſind die Zierde ihrer Söhne, wenn der Sitz der Muſen bedroht wird.— Laßt uns Beweiſe ablegen, daß wir zu beiden gebildet werden, dem Vaterlande im Frieden durch Verwaltung der geiſtlichen und weltlichen Aemter zu dienen, und bei feindlichen Anfüllen dasſelbe zu retten. Die nämliche Triebfeder der Ehre zur Erwerbung literariſcher Kenntniſſe iſt es auch, die uns auffordert, Proben des Heldenmuthes abzulegen. Es iſt der allgemeine Ruf des Vaterlan⸗ des, der jeden guten Bürger wider die eindringenden Feinde bewaffnet! Zum ewigen Ruhme wird es der Univerſität Prags gereichen,“ fuhr Plachh begeiſtert fort, „wenn man ſagen wird: die Studenten haben zur Be⸗ freiung Prags von den Feinden beigetragen! Der glück⸗ liche Erfolg kann nicht fehlen, und groß wird das Verdienſt der Studentenſchaft ſein um das Vaterland, *) Cui liberae cohortis vocabulum indere placuit. 112 dem ſie als kräftiges Bollwerk dienten gegen ſeine nordiſchen Feinde!“ Alſo redete Georg Plachh zu den Studirenden beider Hochſchulen. Mit freudigem Hochrufe ſtreckten nun die tau⸗ ſende im Hof und vor dem Karolinum verſammelten jungen Männer ihre Hände gegen den Himmel, und ein feierlicher einſtimmiger Schwur ertönte gegen den ſeine Azurdecke über das ſtrahlende herrliche Bild der begeiſterten Vaterlandsliebe breitenden Himmel, von dem der Herr der Heerſchaaren ſegnend auf die treuen Söhne des Vaterlandes und ihren helden⸗ müthigen Führer niederblickte. Die große Schaar„der Freiwilligen“ ſchritt jetzt zur Wahl ihres Oberanführers. Als kriegskundiger oberſter Leiter der militäriſchen Bewegung dieſer jugendfriſchen Armada wurde unter dem Titel eines„Obriſtwachtmeiſters der hochedle Herr Johann von Areyaraga, ein Mann von vor⸗ gerücktem Alter und erprobter Erfahrung*) gewählt. Ihm wurde, als unmittelbarem Anführer der Studenten unter dem beſcheidenen Titel ihres Pro⸗ viantmeiſters***) Georg Plachh, der Jeſuit, beigegeben, *) Maturiore aetate ac prudentia vir. **) Nominatus Praefectus annonae. der fortan die Seele dieſer jungen Kriegerſchaar verblieb; überall, wo es noththat, rathend, helfend, ermahnend, aufmunternd, belehrend, erheiternd mit Rath und That, mit Lehre, leuchtendem Beiſpiele und Kraft bei Tag und Nacht, ohne Ruhe und Raſt einſchritt, und wie die belebende Seele des Körpers alle Bewegungen leitete, welche von den Studenten gegen die Feinde unternommen wurden.*) Nun wurden die übrigen Chargen der jungen ſtudirenden Krieger vertheilt.**) Johannes Kauffer, der Prager, voll Jugendkraft und ſchon bei einer früheren Belagerung erprobten Muthes, wurde zum Oberhauptmann des Korps er⸗ wählt; als Unterhauptleute wurden Julius Röttel, der Schleſier, ein junger Mann von gleich tüchtigen *)„Ergo is, duidquid erat solerter providebat, dies noc- tesque constanter pro communi salute excubabat, fide, magnanimitate, industria juvabat omnes percursando urbem, explorando insidias hostis, urgendo ad opus Academicos, stimulando alacritatem, incitando ad pug- nam; consilio denique, auxilio, ingenio, fortitudine, Providentia omnibus omnia factus“... ſo ſchildert der Geſchichtsſchreiber Plachh's Wirkfamkeit während dieſer Belagerung. *) Durchgängig hiſtoriſch. 1857. X. Der Jeſuit. II. 8 114 Kenntniſſen,*) als Fahnenträger Nikolaus Faber, der Luremburger, ausgerufen, der nun die flatternde Univerſitätsfahne ergriff, um ſie feſt in ſeiner Hand zu halten und mit ihr zu ſiegen oder zu ſterben. Hierauf folgten die Wahlen der übrigen Chargen; Wachtmeiſter wurde Nikolaus Merz, der Olmützer, als Kriegsrichter oder Auditor trat Chriſtophorus Kyblin, der Münchner, damals ſchon beider Rechte Doktor und Profeſſor; als Lieutenant einer Kohorte Daniel Waldhauſer, der Iglauer, auf. Rottenmeiſter wurde Johannes Duchze, der Schleſier, Fahnenjunker Chriſtophorus Knaut, ein Böhme, Quartiermeiſter Karl Schebel, der Prager, als Feldſchreiber Ephraim Naſo, der Schleſier, als Geſchützmeiſter Chriſtophorus Schwertfer, Georg Pruſina und Kaspar Spenatzer. Auch eine Feldmuſik und die kleineren Chargen des Korps wurden ſogleich erwählt und beſtellt. Dann erfolgte die Eintheilung des Korps in Kompagnien und Rotten, deren kleinſte mehr als zwanzig, die größeren aber über vierzig Köpfe in ſich begriffen. Zu Führern dieſer Abtheilungen wurden unter andern erwählt: als Oberleitmann Frombolt, der *) Pari peritia spectabilis. 115 Schleſier, aus Löwenthal, Johannes Proskowskh, Chriſtophorus Wunſch,*) Ladislaw Pruſſek, der Prager, Salomon Urſing, ein Böhme, und ſein Lands⸗ mann Thomas Luba;(ihm folgte ſpäter Daniel Ottovecius) dann Jakob Rvoſenblatt, der Böhme, und Erneſt Keller, der Schleſier.*6) Jetzt eilten die begeiſterten jugendmuthigen Streiter in alle Stadtgegenden, um ſich Waffen zu verſchaffen. Ein nürnberger Kaufmann in der Altſtadt gab fünfhundert Flinten, hundertfünfzig Musketen fan⸗ den ſich am Tandelmarkte, und hundert andere in verſchiedenen Häuſern. Zwei Zentner Lunten zum Abbrennen des Pulvers wurden raſch herbeigebracht. Aber dieſe Waffenvorräthe genügten noch immer nicht, denn die Schaar des Freikorps war bis auf ſechstauſend Mann angewachſen. Partiſanen, Mor⸗ genſterne, Picken und Kolben wurden daher herbei⸗ geſchafft, und einige Doppelhaken darunter ſtatt des groben Geſchützes. Inzwiſchen waren auch die Bür⸗ ger der Altſtadt und Reuſtadt unter die Waffen ge⸗ N*) Egregius una Corycaens. ** Alle dieſe Namen und Wahlen ſind ſtreng wahrheits⸗ getreu und hiſtoriſch. 8* 146 treten; die erſtern theilten ſich in zwölf Fähnlein unter dem Kommando des Primators Turek von Sturm⸗ feld und Roſenthal; die Bürger der Neuſtadt führte der Hauptmann der kaiſerlichen Leibwache, Wenzes⸗ laus Kafka. Die Ritterſchaft und die Beamten bil⸗ deten vier Kompagnien, die erſte führte Graf von Michna, die zweite Ales Wratislaw Freiherr von Mitrowic, der neuſtädter Hauptmann, die dritte der kaiſerliche Kammerrath Johann Lozy von Lozinthal, die vierte der Münzmeiſter Jakob Waller. Auch die Ordenskonventualen der Dominikaner, Benediktiner, Jeſuiten, Prämonſtratenſer, Karmeliten, Serviten und die Alumnen bildeten Kompagnien unter den Anführern: Cernic, Probſt von Zdaraz, und Rudolph, Probſt von Altbunzlau. Das Freikorps der Studenten aber wählte ſich den Tummelplatz nächſt dem rechtſeitigen Moldauufer in der Altſtadt als vorzüglichſten Sammelplatz. Dort ſtiegen bald Bruſtwehren und Wälle empor, und Chriſtophorus Schwertfer, Georg Pruſina und Kas⸗ par Spenatzer ſendeten bald manch treffende Kugel zu den Schweden hinüber. —— 117 Achtes Rapitel. Die Belagerung. Schon am nächſten Tage warf ſich der Reſt der herbeigezogenen kaiſerlichen Truppen glücklich in die Stadt.— Nun wurden die Vertheidigungsanſtalten mit aller Kraft betrieben. Vor allen wurden die Standplätze der verſchiedenen Korps der bewaffneten Vertheidiger Prags beſtimmt. Die Studenten beſetzten zuerſt den Tummel⸗ platz und das ganze Ufer der Altſtadt, ſoweit der Moldauſtrom die Altſtadt beſpülte, eine ziemlich lange Strecke, zu deren entſprechender Vertheidigung ihnen kaiſerliche Truppen unter der Anführung des Oberſten Sigmund des jüngeren Grafen von Görz beigegeben wurden. Marſchall Buchheim beauftragte mit Leitung der dortigen Befeſtigungsarbeiten den ehemaligen Kroatenkommandanten und Oberſten Johann Karl Prichowskh.*)— Binnen drei Tagen waren dieſe Ar⸗ beiten beendet, welche die Schweden vergebens mit *) quondam Croatarum Puctori, nunc Clarum charumque nobilitati Bobmiae nomen adeptus. 118 ihrem Feuer zu verhindern ſuchten. Nun begann die eigentliche Belagerung. Die Eskadronen der ſchwe⸗ diſchen Reiter durchritten die Stadtthore der Klein⸗ ſeite, verſcheuchten das Landvolk, welches den Bela⸗ gerten zu Hilfe eilen wollte, und holten ſich Lebens⸗ mittel vom Lande. Alſo brach der 28. Juli an. Jetzt begann das ſchwediſche Geſchütz in ſeiner ganzen Furchtbarkeit zu ſpielen. Georg Plachh ſtand, ſeine Partiſane in der Hand und den Eiſenhelm auf dem Haupte, nächſt dem Ordensſeminär, da wo das Gebäude desſelben die Ecke zur Plattnergaſſe bildete. Proskowskh und Wunſch, dann Ephraim Naſo ſtanden an ſeiner Seite. Drüben am Hradſchin bemerkte man eine ungewöhn⸗ liche Thätigkeit. Wägen und Geſchütze rollten hin und wieder, und Feldſchlangen und Mörſer tauchten auf den jenſeitigen Schanzen empor. „Der Schwede wird lebendig!“ rief Plachh,— „meine Freunde, jetzt gilt es, muthig zu ſtehen für Gott, Kaiſer und Vaterland, bald wird der erſte Gruß aus feindlichen Eiſenröhren herüberſchallen.“ Da ſtreckte Chriſtophorus Wunſch ſeine Hand gegen den Himmel. „Auf, Schwede!“ rief er„und gib das Zeichen zum Kampfe auf Leben und Tod!“ 119 In dieſem Augenblicke blitzte am jenſeitigen ufer ein Feuerſtrahl empor, und durch die Lüfte ziſchte eine Feuerkugel— die erſte Bombe, welche die Belagerer in die Stadt ſendeten. Sie machte einen gewaltigen Bogen, und ſiel an der Ecke der Plattnergaſſe neben dem Gebände des Jeſuitenſemi⸗ närs nieder. „Ah!“ rief Proskowskh,„eine donnernde Ant⸗ wort der ſchwediſchen Geſchütze!“— und raſch riß er ſein Baret vom Haupte, und ſchleuderte es der Kugel nach; aber ſchon waren die Juden herbeigeeilt, deren Aufgabe die Löſchung der Feuerkugeln und Brände während der Belagerung war, raſch beſchüt⸗ teten ſie die Bombe mit Sand, ſo daß dieſe augen⸗ blicklich krepirte. Jetzt wurde die Kugel auf das altſtädter Rath⸗ haus getragen und eingeweiht, dann beſtattete man ſie mit großem Gepränge auf dem Kirchhofe zu Skt. Michael, ein damaliger Gebrauch, wodurch man fer⸗ nere Gefahren vor ähnlichen Feuerkugeln für die Stadt abzuwenden vermeinte. Von dieſem Augenblicke an ſpielte aber das ſchwediſche Geſchütz mit ſeiner ganzen Macht. Feuer⸗ kugeln flogen heran, Brände lohten auf, und das Jeſuitenkollegium, gleichſam als Vormauer der Stadt 120 gegen die Kleinſeite, empfing manche Kugel in ſeine Fläche.— Aber, als ob ein unſichtbarer Engel über dieſen Mauern ſchwebte, ſtets waren die Bewohner jener Zimmer abweſend, in denen die Feuerkugeln der Schweden zündeten— dieſe Brände wurden ſtets ſchnell gelöſcht; die Schweden wütheten, die Prager beteten. Da die Hauptkirche der Jeſuiten, die Salvatorkirche genannt, dem Feuer am meiſten ausgeſetzt war, ſo übertrugen ſie ihren Gottesdienſt in die Kirche des heiligen Klemens. Stündlich aber lag eine zum Himmel flehende Menge vor dem ausgeſetzten Venerabile, und täglich um acht Uhr früh wurden von nun an Litaneien, und abends Hymnen abgeſungen. Da inzwiſchen das Feſt des Ordensſtifters der Jeſuiten einfiel, veran⸗ ſtaltete der Oberkommandant Buchheim ſelbſt eine beſondere Feier desſelben, und gab ein Feſtmahl, dem er und Graf Kolloredo mit dem Generalſtabe der Beſatzung beiwohnte; auch bewirthete er zuweilen die Anführer der freiwilligen Stadtvertheidiger bei ſich. Das Studentenkorps feierte den Feſttag des heiligen Ignaz insbeſondere durch eine dreimalige Geſchützſalve am Morgen, und Ausſteckung von Fahnen auf der Höhe ihrer Schanzen, wo ſie die ſchwediſchen Geſchützmeiſter vergebens wegzufegen ſuchten. 121 Am Morgen dieſes Feſttages ertönten freudige Trompetenklänge. Oberſt Innozenz Graf von Contt führte beiläufig fünfhundert Hilfstruppen mit vier Geſchützen von Budweis in die Stadt. Der Jubelr hierüber war um ſo größer, als die Stadt Mangel an grobem Geſchütze hatte, denn die Schweden hatten im Zeughauſe auf der Kleinſeite alle vierzig vorhan⸗ denen Kanonen mit vielen Gewehren erbeutet. Graf Conti erhielt nun von Buchheim die Neu⸗ ſtadt zur Vertheidigung zugewieſen, welche die Altſtadt gleich einem Panzer umgibt. Conti ließ vom Spittelthore bis zum Wysehrad Verſchanzungen anlegen, zwiſchen dem genannten Thore und dem jetzigen Neuthore aber einen Wall aufwerfen, Minen und Laufgräben anlegen, Palli⸗ ſaden ausſtecken, Halbmonde errichten, noch mehr Picken, eiſenbeſchlagene Dreſchflegel und Morgenſterne verfertigen. Unter dieſen Gefahren und Vertheidigunsan⸗ ſtalten waren mehrere Tage verfloſſen. Jetzt gab ſich wieder eine beſondere Bewegung im Feindeslager kund. Der ſchwediſche Felbmarſchall, Herzog von Würtemberg, war, von Königsmark aus Schleſien zu Hilfe gerufen, mit einem Truppenkorps vor Prag angelangt. Er kam über Podsbrad, und⸗ 122 marſchirte zunächſt gegen den Wysehrad, um Prag von dieſer Seite einzuſchließen. Auf dem juden⸗ dorffer Hügel ſchlug er ſein Lager, von wo er am 2. Auguſt die entgegenliegende Stadtſeite mit drei⸗ hundert Schüſſen beſtrich, jedoch ohne Erfolg; nur der Vorſteher der Kreuzherren mit dem rothen Sterne und ſein Diener ſanken von einer Geſchützkugel ge⸗ troffen. Auch ein anderer Angriff in der Moldaugegend mißlang; dagegen machten fünfzig Studenten in glücklichen Scharmützeln viele Gefangene. Der Herzog von Würtemberg erkannte balp, daß er die Alt⸗ und Neuſtadt Prags bei ſolchen Vertheidigungsanſtalten nur ſchwer bezwingen würde, er verlegte daher ſein Lager in die Entfernung einer Meile von Prag, jedoch ſo, daß er der Stadt die Zufuhr von Lebensmitteln abſchneiden, und ſich mit Königsmark leicht wieder in Verbindung ſetzen konnte. Am 4. Anguſt logen abermals aus ſechs großen Geſchützen, welche die Schweden am ſogenannten Galgenberg aufgepflanzt hatten, beinahe dreihundert Kugeln gegen den altſtädter Brückenthurm, und ſie⸗ benzig auf die Studentenſchanzen; viele brachen in die Salvatorkirche ein, und zerſchmetterten die Orgel, den Hochaltar und andere Theile des Kirchenſchiffes. 123 Am folgenden Tage krachten hundertundneunzig Schüſſe vom ſchwediſchen Lager in die Stadt herüber. Dann ſpielte das feindliche Geſchütz mit etwas min⸗ derer Heftigkeit, es verging aber fortan dennoch kein Tag, ohne daß ſchwediſcherſeits auf die Stadt ge⸗ feuert wurde.*) In dieſen Tagen verſtärkte Wenzel Graf von Michna die Beſatzung durch Werbung einer anſehn⸗ lichen Mannſchaft aus dem Stande der Diener, und um dreihundert Mann Landleute aus der Moldau⸗ gegend, die unter den Befehl des Schwadronskom⸗ mandanten Unger geſtellt wurde. Oberkommandant Buchheim hatte inzwiſchen noch immer dasſelbe Hauptquartier inne, und brachte dort mitten im Kriegsgetümmel der Wiſſenſchaft ſeine Huldigung, indem er nebſt einigen Stabsoffizieren am 3. Auguſt im Jeſuitenkollegium der durch den Kanz⸗ ler der Ferdinandeiſchen Univerſität erfolgten Ernennung von neunundzwanzig Magiſter der Philoſophie bei⸗ wohnte. Auch wurden— wie im tiefſten Frieden— die gewöhnlichen Schulprüfungen dort vorgenommen. Mittlerweile vperirte der Herzog von Würtemberg auch außerhalb Prags, nahm Tabor, machte dort reiche MRulla dies sine fulminibus, ſagt der Chroniſt. 124 Beute, und beorderte den nunmehrigen General Kopy, ſich einer an der Elbe gelegenen Stadt zu bemächtigen. Die Aktion gelang, und Graf Königs⸗ mark beherrſchte nun den Strom, wodurch die Ueber⸗ führung der erbeuteten böhmiſchen Schätze nach Schweden(worunter die ſchöne roſenbergiſche Bibliv⸗ thek) weſentlich erleichtert wurde. Traurig ſahen die Belagerten in Prag darein, wie die Schweden große Rinderheerden von den Weiden zwiſchen Bubna und Holesowie davon⸗ trieben,— aber da waren es einige muntere junge Männer, die Rath ſchafften; ſie überſchifften, von den Belagerern unbeachtet nach Bubna, und haſchten ein Kalb von der Weide; dem blöckenden Töchterlein liefen Mutter⸗Kuh und der Kuh einige Stiere nach, endlich liefen bei zweihundert Rinder mit, und die Prager erhielten wieder tüchtigen Rindsbraten, hiezu kam eine neue Hilfstruppe, die Oberſt Kaspar Kap⸗ ljt in die Stadt führte. So nahte allmälig der Monat September heran. In Budweis zog der Kriegsraths⸗Präſident, Heinrich Graf von Schlik, Truppen zuſammen, um Prag durch einen Hauptſchlag zu entſetzen, oder deſſen Vertheidi⸗ gung wenigſtens zu unterſtützen. Graf Schlik beor⸗ derte daher den Oberkommandanten Buchheim zu ihm zu ſtoßen, wenn dieß ohne Gefahr ausführbar ſei. Buchheim nahm vierhundert Reiter und mehrere Stabs⸗ offiziere mit ſich, viele Vornehme der Stadt beglei⸗ teten ihn, und nahmen ihre Koſtbarkeiten mit.— Aber der Herzog von Würtemberg, der kurz vor⸗ her wieder vor Prag angelangt war, erfuhr durch ſeine Spione den Abmarſch Buchheim's— raſch verfolgte er ihn, und ſchlug ihn am 23. September abends*) eine Meile von Budweis dergeſtalt aufs Haupt, daß dieſer, dann der in ſeinem Gefolge befindliche Jeſuit Andreas Callocerus nebſt vielen Soldaten in die ſchwediſche Gefangenſchaft geriethen, wo ſie bis zur Beendigung der Belagerung verblieben. Als der Herzog von Würtemberg wieder nach Prag zurückkam, fand er die Befeſtigungsarbeiten der Belagerten weſentlich fortgeſchritten. Conti hatte neue Gräben angelegt, ſie mit eiſernen Rechen und Eggen gefüllt, dieſe mit Stroh gedeckt, Minen ge⸗ graben, und Bruſtwehren aufgeworfen, neue Streit⸗ ärte, Kolben, Picken und Morgenſterne anfertigen, und Granaten mit gehacktem Blei, Nägeln und Eiſen in ihrer Höhlung gießen laſſen. Gegen Ende des Monates September verlegte Schiffner führt den 19. Auguſt an. 126 der Herzog von Würtemberg ſein Hauptquartier ge⸗ gen den Wysehrad: Königsmark aber lagerte ſich nächſt dem ſogenannten Sandthore bei der Stern⸗ warte des Tycho Brahe, von dort aus bombardirte er die Stadt mit ſeinen ſchweren Geſchützen, vorzüg⸗ lich aber den Brückenthurm und die Schanzen der Studenten, ohne daß dieſe jedoch nur einen Mann verloren; wohl aber wurde in die Kirche und das Kollegium der Jeſuiten manche Breſche geſchoſſen. Da die Studenten inzwiſchen bemerkten, daß die Schweden am jenſeitigen Ufer drei Fahnen ausge⸗ ſteckt hatten, ſo ſteckten auch ſie auf ihren Schanzen ihre Fahne aus. Da ſtand eine Schaar der tapferen und uner⸗ ſchrockenen Muſenſöhne, und forſchte mit den feuer⸗ ſprühenden Augen im jenſeitigen Lager der Schwe⸗ den. Hoch flatterten ihre blauen Fahnen, wie zum Hohne der Prager am linken Ufer der Moldau. Jetzt ſprang Nikolaus Faber, der Luremburger und Fahnen⸗ träger der Studenten heran.„Die Söhne des Nor⸗ dens,“ rief er,„pflanzen ihre Fahnen ſo nahe als möglich vor unſern Naſen; ſie wollen uns damit ſagen, daß ſie auch nach dem dießſeitigen Ufer lüſtern ſind — auf! laßt uns mit gleicher Münze zahlen!“— Und Nikolaus Faber rannte in das Kollegium 127 zurück, und trug unter dem lauten jubelnden Zurufe der Studenten die große Univerſitätsfahne mit dem Bildniſſe der Gottesmutter, und dem böhmiſchen Löwen heraus. Hoch flatterte die Fahne durch die blauen Lüfte; Nikolaus Faber ſchwang ſie mit Macht, und dreimal ſchritt er mit ihr, ſie gegen das jenſei⸗ tige Ufer zum Hohne der Schweden hoch empor im Kreiſe herumſchwingend, umſauſt von den Kugeln, welche die Schweden alſogleich auf ihn herüberſendeten; und ein donnerndes„Vivat Ferdinandus!“ ſchallte bei jedem Schuſſe, den die ſchwediſchen Geſchütze ſendeten, aus dem Korps der Studenten als Gegen⸗ gruß in das feindliche Lager hinüber, und unverletzt trug Faber die herrliche Fahne ans Ufer, wo ſie von den Studenten als Zeichen ihres Lagers aufgepflanzt wurde.*²) Jetzt trat Chriſtophorus Kyblin, der Doktor der Rechte und Profeſſor, aus München, herzu;„Wahr⸗ lich,“ rief er,„das erhabene Herz Kaiſer Ferdinand's müßte freudig ergriffen ſein, hörte er dieſen Jubel⸗ „Micolaus Faber, etsi continuis tormentorum telis ut maxime expositus in ludicrum gyrum circumdabat, omnino illaesus,“ lauten die Worte des böhmiſchen Ge⸗ ſchichtsſchreibers. * 128 ruf ſeiner begeiſterten Streiter mitten im dichteſten ugelregen, und hohes Lob müßte er der Jugend ſpenden, welche ihr Leben für das Vaterland mit ſol⸗ chem Muthe einſetzt.“ „Das thut er auch!“ rief eine klangvolle Stimme dazwiſchen, und Profeſſor Plachh trat unter die Schaar; hoch empor in ſeiner Rechten hielt er ein Pergament mit dem kaiſerlichen Sigill, und„Vivat Ferdinandus!“ rief er begeiſtert,„ein Hoch! ein drei⸗ maliges Hoch dem edlen glaubensfrommen und wei⸗ ſen Kaiſer und Könige Ferdinandus— und höre nun männiglich, was Ihre Majeſtät in zwei huldrei⸗ chen Schreiben den Dekanen der Univerſitäts⸗Fakul⸗ täten und den Studirenden zugleich, dann der ta⸗ pfern Studentenſchaft unſerer Hochſchule allein, in Gnaden entbieten; und Plachh las mit klangvoller Stimme zunächſt das erſte Schreiben, es lautete im weſentlichen: „Anſehnliche! Edle, Erhabne! Gelehrte, Muthvolle, Treue und Uns Liebwerthe! Nachdem Uns durch das Gerücht und viel⸗ ſeitige Nachrichten euer bisher bewährter mannhafter Muth und eure freiwillige Anſtrengung, die ihr im Dienſte des Kaiſers und Reiches und im Intereſſe des öffentlichen Wohles in Bekämpfung des ſchwe⸗ 129 diſchen Feindes, anderen mit hochherzigem Beiſpiele ovranleuchtend, unerſchüttert beweiſet, und womit ihr unſere prager Städte, den Sitz eurer Studien und Fakultäten, und theilweiſe eure oder eurer Mitſtreiter Vaterſtadt, begeiſtert von künftigem Ruhme, und gewiß nicht unbelohnt mit Gottes Gnade tapfer vertheidigen helft, auf glaubwürdige Weiſe zur Kennt⸗ niß gelangt iſt, und ſowie dieſe eure Hingebung für das öffentliche Wohl in eurer begeiſterten Tapfer⸗ keit ihren Grund hat; ſo wollen auch Wir Unſerer⸗ ſeits euch nicht verhehlen, daß dieſes euer hoch⸗ herziges Benehmen nicht nur allein Gott und ſeinem chriſtlichen Reiche überaus angenehm erſcheine, ſondern daß dasſelbe auch euch zum würdigen Lohne euer aller außer dem hieraus hervorgehenden ewigen Glanz und Nachruhm für unſere kaiſerliche Univerſität in Prag, auch bei Uns zur immerwährenden Empfehlung gereichen wird. „Indem wir euch daher Unſerer kaiſerlichen und königlichen Huld und Gnade verſichern, zweifeln Wir nicht, daß ihr das erwähnte Vertheidigungs⸗ werk mit gleicher Tapferkeit fortführen, eure anders geſinnten oder im Eifer erlahmenden Mitſtreiter aber neu zu begeiſtern nicht unterlaſſen werdet. Wir aber werden euch inzwiſchen zur Ermuthigung und Unter⸗ 1857. X. Der Jeſuit. II. 9 130 ſtützung eurer Bemühungen waffenfähige Mannſchaft unſerer Soldateska ſenden, und euch beſonders vä⸗ terlich und ſorgſam unterſtützen,*) auch bleiben Wir euch in kaiſerlicher und königlicher Huld und Gnade gewogen.“ Gegeben in unſerem Schloſſe zu Linz am 6. September. Das andere Schreiben an die Studentenſchaft unmittelbar, hatte im weſentlichen folgenden Inhalt: „Anſehnliche! Edle und Beherzte! Treue und Lieb⸗ werthe! Eure bis heute in Vertheidigung der alten und neuen Stadt Prag bewährte Tapferkeit und euer im Ver⸗ theidigungswerke ſowie im Angriffe auf den Feind allenthalben bewieſener Muth und Eifer iſt uns be⸗ richtet worden. Sowie uns dieſe Kunde höchſt an⸗ genehm und erwünſcht gekommen iſt, ebenſo gereicht dieß Benehmen euch allen und jedem einzelnen von euch zum ewigen Nachruhme; denn nicht minder ehrenvoll iſt es zur Zeit des Friedens den Geſetzen *) Dieſe kaiſerliche Mannſchaft wurde auch wirklich außer den Mauern Prags von den Belagerten wahrgenommen; die ſtrenge Einſchließung der Stadt durch die Schweden verhinderte jedoch ihren Einmarſch. 131 huldigen, wie zur Zeit des Krieges den Schmuck der Waffen zu tragen. „So anerkennen Wir daher bei dieſer Gelegen⸗ heit mit kaiſerlicher und königlicher Huld und Gnade eure Treue und eure vorzügliche Tapferkeit, womit ihr nach euren Kräften das Vaterland und das öffentliche Gut zu vertheidigen bemüht ſeid, und Wir zweifeln nicht, daß ihr auch ferner in der Vertheidigung der genannten Stadt mit Muth und Frendigkeit ebenſo beherzt als lobenswürdig an der Seite unſerer militäriſchen Beſatzung, unſerer getreuen Stände und unſerer Bürger fortfahren werdet, da⸗ mit nicht nur dem Feinde jedes weitere Vordringen unmöglich gemacht, ſondern auch die Kleinſeite Prags ſeinen Händen entriſſen und wieder genommen werde. „Im Uebrigen verſichern Wir euch alle, und jeden einzelnen unſerer kaiſerlichen und königlichen Huld und Gnade. „Gegeben in unſerm Schloſſe zu Linz am 6. September.“— Alſo las Georg Plachh mit kräftiger Stimme und nicht endender Jubel donnerte weithin durch die Lüfte ins Schwedenlager hinüber, deren Kanonen⸗ grüße die Salven zu dieſem Jubelſturme abgaben. „Blut und Leben für den Kaiſer!“ fort⸗ 9 132 an die Parole der prager Studenten, und die Be⸗ geiſterung für den Zgütigſten der Monarchen“ er⸗ reichte den höchſten Grad, als um dieſe Zeit ein drittes gleich huldvolles Schreiben des Kaiſers ein⸗ traf, worin er den Studenten ſeinen Dank ausſprach, und neue Hilfstruppen verhieß; außerdem befahl er in einem beſondern Schreiben den Stabsoffizieren der Beſatzung, dem akademiſchen Korps in allem und jedem freundlich und gefällig entgegenzukommen. So nahte der Monat Oktober. Am 1. Oktober hob der Herzog von Würtem⸗ berg ſein Lager vor dem Wysehrad plötzlich auf, und ſetzte ſich gegen Melnik in Bewegung, denn er mar⸗ ſchirte dem Pfalzgrafen am Rhein Karl Guſtav, welchem die Königin von Schweden das Oberkom⸗ mando der Armee in Böhmen übertragen hatte, ent⸗ gegen. Sein Empfang von Seite der Schweden in Prag war ein feierlicher, Kanonenſalven donner⸗ ten vom prager Schloſſe und vom Sommerberge; Bälle und Beleuchtungen folgten, und manche ſchwe⸗ diſche Pfundkugel ſauſte in die Stadt herüber; die meiſten Schüſſe trafen das Brückenthor und die Waſſerthürme Bald theilte ſich nun das ſchwediſche Lager in drei Hauptpartien; nächſt dem ſogenann⸗ ten Galgenthore kampirten die Oberſten Löwenhaupt 133 und Paykul, vor dem Roßthore und Wysehrad der Herzog von Würtemberg, und zwiſchen beiden Kö⸗ nigsmark. Bald ſpielten die ſchwediſchen Geſchütze von beiden Seiten, zuerſt war es das Galgenthor, deſſen Zinne zerſchmettert, und in deſſen Mauern gewaltige Breſchen geſchoſſen wurden. Alles ſchien ſich im ſchwediſchen Lager zum Sturme zu bereiten. Alles eilte daher im Lager der Vertheidiger Prags zu den Waffen. Da der Kampf zugleich den proteſtantiſchen Glaubensgegnern galt, ſo war es na⸗ türlich oder ſehr begreiflich, daß, wie bereits erwähnt, auch die Vorſtände der geiſtlichen Klöſter und Orden, wie der Probſt von Zdaraz und der Probſt von Altbunzlau, an die Spitze der Ordensleute traten, die gleichfalls das ihrige zur Vaterlandsvertheidi⸗ gung beitragen wollten. Das Jeſuitenkollegium allein ſtellte ſiebenzig Ordensleute, die in Züge zu zehn Mann eingetheilt wurden. An ihrer Spitze befand ſich auch P. An⸗ dreas Dubviſſon, der Rektor des Kollegiums und der Akademie. Auch der Adel der Alt⸗ und Neuſtadt trat, ſo⸗ weit er nicht ſchon dem Kriegerſtande angehörte, unter 134 die Waffen und bildete ein herrliches Reiterkorps. Heinrich Burggraf und Graf von Dohna übernahm das Kommandv dieſer Schwadron, an ſeiner Seite kommandirte Oberſtlientenant Briemont. Dieſes Korps beſtand aus mehreren Eskadronen, jede zu fünfunddreißig Mann.— Selbſt die Inden, deren damals bereits eine große Zahl in Prag lebte, reihten ſich unter die Vertheidiger, und bewaffneten ſich mit langen Spießen; beſonders wurden ſie aber zur Zerſtörung der feindlichen Minen verwendet, de⸗ ren ſie viele vernichteten. Endlich wurde noch vom gemeinen Volke zur Stadtvertheidigung verwendet, was ſich fand.— Jeder Poſten der Soldaten, Bür⸗ ger und Studenten erhielt zwei Prieſter beigegeben, die durch Wort und Beiſpiel jeden an ſeine Pflicht erinnerten, und dem Kämpfenden wie dem Sterben⸗ den beizuſtehen beſtimmt waren. Da fehlte es denn nicht an Heldenthaten aller Art, und allen ein leuchtendes Vorbild der Tapfer⸗ keit, Ausdauer, des Muthes, und der begeiſterten Vaterlandsliebe, kraftvoll und heiter, durchflog Plachy, der Jeſuit, die Reihen ſeiner Studenten.— Ein heiliger Michael mit dem Flammenſchwerte ſtritt er gegen den Feind ſeiner Kirche und ſeines Vaterlan⸗ des, und wo das Geſchoß ſeiner Studenten nicht 135 ausreichte, da war es ſeine Klugheit, die dem Feinde Vortheile abrang.— Der Abend des ſechsten Oktobers ſank auf die belagerten Städte— ſchwache Herbſtnebel zogen über die Moldau, jenſeits und dießſeits ſchwiegen die Geſchütze; die beiden einander feindlich gegenüber liegenden Lager ſchienen ſich einen kurzen Waffen⸗ ſtillſtand zu gönnen. Im Lager der Studenten auf dem Tummel⸗ platze ſaßen wohl mehr als zwanzig jugendkräftige Streiter um die Zelttiſche. Mehrere trugen bereits Ehrenwunden an Haupt und Armen, und Binden und Tragbänder deuteten an, daß ſie bereits wacker am Platze geweſen waren, wo es galt, für ihren Kaiſer und ihren Glauben zu kämpfen.— Aber trotz dieſen Wunden herrſchte Heiterkeit und Luſt in dieſen Kreiſen, kein Wort des Unmuthes tönte an den mit großen Steinkrügen bepflanzten Tiſchen, ke⸗ chiſche Lieder und kraftvolle Kernſprüche erſchallten, und jubelnd ſprangen die luſtigen Zecher empor, als jetzt Chriſtophorus Wunſch mit ſeiner Partiſane in das Zelt trat, und zehn Kannen blinkten ihm im Nu mit dem ſchäumenden Gerſtenſafte zum Gruße entgegen. Aber Chriſtophorus Wunſch wies den Zutrunk — 136 ſeiner jungen Studiengenoſſen zurück;—„fort mit dem Bierduft,“ rief er,„wo wir Pulver riechen müſſen. Pulver, Pulver bedürfen wir, und Kanonen— die Schweden haben uns zwei Drehbaſſen in den Sand geſchoſſen, und der Mörſer, den wir am Strande unten mit ſo vielem Vortheile bedienten, iſt eben von einer ſchwediſchen Steinkugel getroffen in ſechs Stücke zerſprungen. Donner und Wetter! Burſche, ſchafft Geſchütz, ſonſt liegen wir machtlos den Schwe⸗ den gegenüber.“ Da ſtand Julius Röttel, der Schleſier, auf: „Chriſtophore,“ rief er, die Zinnkanne hoch in der Luft ſchwenkend, mit heiterem Scherze,„ſei Du der Kolum⸗ bus und zeig' uns den Weg nach dem Eiſenlande, wo die Mörſer für uns aufgeſtellt ſind; weißt Du denn nicht, daß die Schweden das Zeughaus auf der Kleinſeite genommen haben,— woher alſo Geſchütz nehmen, und es nicht ſtehlen?“ „Ja, das weiß ich ſelber nicht,“ entgegnete Wunſch;„aber Geſchütz müſſen wir haben!“ „So holt es,“ tönte eine klangvolle Stimme inzwiſchen; und Plach, der Jeſuit, ſtand iwiſet den Studenten. Im Augenblicke war das Bedenken gelöst; denn bald ſchwamm ein breiter Kahn längs dem 137 Moldauufer hinauf, auf welchem Georg Plachh neben Chriſtophorus Wunſch und Johannes Proskowskh in Mitte von andern achtzehn Studenten dem jenſeiti⸗ gen Ufer zu, dem Jeſuitengarten entgegenſchwam⸗ men, um dort eine ſchwediſche Schanze zu überrum⸗ peln, und einiges Geſchütz für die Studenten zu er⸗ beuten. Leiſe glitt das Boot über die Moldau, jetzt ſchwamm es nahe dem jenſeitigen Ufer, die finſtere Nacht lag mit ihrem ſchwarzen Wolkenſchleier über der ſchiffenden Schaar; ſie nahten nun dem jenſeiti⸗ gen Ufer, und Plachh trat an die Spitze des Bootes, um der erſte ans Land zu ſpringen. Da knallte ein Schuß hinter ihm— das Gewehr eines Studenten war aus Unvorſichtigkeit losgegangen— und im. Nu ſtürzten aus dem Gebüſche ſchwediſche Vorpoſten mit großen Laternen hervor. Sechs ſchwediſche Musketiere hielten ihre Ge⸗ wehre vorgeſtreckt, und an ihrer Spitze ſtand, in ſei⸗ nem langen Reitermantel gehüllt, mit dem langen todtbleichen Antlitze, in der geballten Fauſt den ent⸗ blößten Degen haltend— Ernſt Ottowaldskh.— Nur einen Blick hatte er mit Plachh gewechſelt, er glich dem ſengenden Strahle der Tropenſonne, welche auf den ruhigen Spiegel der Waſſerfläche in der Wüſtenoaſe niederbrennt, aber die ruhige Fläche 138 mit dem Strahle weder durchzudringen noch zu be⸗ wegen vermag... Plachh entglitt mit dem Boote ans jenſeitige Ufer.„Wir treffen uns!“ rief ihm Ottowaldskh, dem Bovote eine Kugel nachſendend, zu; aber ſeine Worte verhallten im Herbſtſturme, der von der Inſel Klein⸗ Venedig herabwehte.— 3 Meuntes Rapitel. Horatius Cocles. Die Nacht vor dem eilften Oktober zog herauf. An einem Uferſtein vor dem äußerſten Wachtpoſten des Studentenkorps gelehnt, ſtand Chriſtophorus Wunſch und blickte gedankenvoll zum hohen Hradſchin hinüber, auf deſſen Wällen eine größere Beweglichkeit als gewöhnlich wahrzunehmen war. Es ſchien, daß dort Geſchütze ab⸗ und zugeführt würden, und die Belage⸗ rer mochten etwas großes im Schilde führen. Jetzt ſenkte ſich eine warme Hand auf die Schul⸗ ter des jungen Mannes. Chriſtophorus Wunſch blickte um, und Proskowskh ſtand vor ihm.—„Du piſt es, Freund Johannes?“ rief ihm Wunſch ent⸗ 139 gegen...„Glaubte ich Dich doch auf dem Feld⸗ bette in Deinem Zelte ſchlafend— haſt in den letzten Tagen Deine Pflicht redlich gethan, biſt ver⸗ wundet und drei Nächte auf kein Lager gekommen, und dennoch ſtehſt Du ſchon wieder gerüſtet da, wie Theſeus, als er den Minotaur bekämpfen wollte.“— Chriſtvphorus Wunſch drückte einen leiſen Kuß auf die Stirne ſeines Freundes;„gehe zu Ruhe, Johannes,“ ſagte er ſanft,„Du bedarfſt ihrer wahr⸗ lich im höchſten Grade, denn Du ſiehſt bleich und verſtört aus, wie ein Sterbender.“ „Sage lieber wie ein Unglücklicher, dem das unerbittliche Schickſal jeden Stab zerbrach, mit dem er ſich durch das Leben winden zu können glaubte,“ erwiederte Proskowskh traurig, indem er ſich neben dem Freunde auf einen Steinpfeiler niederließ. „Armer Freund!“ rief Chriſtophorus theilnehmend. „Ja wahrlich arm und leer an Hoffnungen,“ entgegnete Proskowskh,„ein Leibeigener!— O Gott! dieß Wort umfaßt alles, alles, was ich aus dem Innerſten meines tief verwundeten Herzens preſſen kann“— „Du biſt es nur dem Namen nach,“ tröſtete Chriſtophorus Wunſch,„im lobkowiciſchen Familien⸗ kreiſe glaubt gewiß kein Menſch an die Fabel, die, 140 wie Du uns erzählteſt, der Pole dort von Deiner ſogenannten Leibeigenſchaft und Abhängigkeit von ihm ausbreitete.“ „Seit dem Beginne der Belagerung, als wir Marien und ihre Angehörigen über die Moldau ret⸗ teten, habe ich ihre Schwelle nicht mehr betreten,“ entgegnete Proskowskhy.—„Tiefe Scham über die Demüthigung, die mir durch den Polen dort gewor⸗ den, hielt mich zurück, und— kurz, Bruder Chri⸗ ſtophorus, in dieſem Kleide der Entehrung mit dem Namen eines Leibeigenen kann ich vor Marien nicht mehr hintreten“... Chriſtophorus Wunſch antwortete nichts, ſin⸗ nend und lang blickte er auf den Freund.—„Du haſt Recht, Freund Johannes,“ begann er endlich;„wir beide, ich als bürgerlicher Studioſus, und Du mit dem Schimpfe des Polen beſudelt, können in den Häuſern des Adels nur eine traurige Rolle ſpielen. Soll Hermine Turek von Sturmfeld mein, und Ma⸗ ria von Pernſtein Dein Eigen werden, ſo bedarf es eines Strahles des Himmels, der unſere Helme und Lanzen vergüldet, auf daß ſie nicht abſtechen gegen die Wappenſchilder der Hohen.... Horch! horch, Johannes!“ fuhr er mit Nachdruck fort,—„der Schwede trommelt zum Appell.... mir iſt, als 141 ſtünde ich wie Cäſar am Rubikon, wo der Würfel fallen muß, mit dem ich den großen Wurf meines Lebens zu thun habe!“— „Du ſprichſt wahr, Freund Chriſtophorus,“ ent⸗ gegnete Johannes,„auch mir iſt, als ſtünde ich vor einem Felſen, deſſen Mauern ich ſprengen müſſe durch eine kühne That“— „Durch Kampf zum Siege! ſpricht Plachh, un⸗ ſer Meiſter,“ ſagte Chriſtophorus,„und in dieſem Worte, Freund Johannes, liegt die Löſung unſerer Lebensfrage— kämpfen müſſen wir, um als Sieger würdig zu ſein, nach den Schätzen zu langen, für die man uns jetzt noch zu geringe hält— ſiehſt Du dort, Johannes, ſie ſprengen herab gegen das klein⸗ ſeitner Brückenthor— auf, Freund David! folge Deinem Jonathan!“ „Ich folge!“ rief Proskowskh;„wahr ſprichſt Du, mein Freund! Großes müſſen wir vollbringen, wenn großes uns werden ſoll!“ Die Nacht war vollends hereingebrochen, und breite Nebel lagerten ſich auf der Moldaubricke. Aber durch ihn ſchimmerten die Eiſenhelme der Schweden, welche mit den für ihr Vaterland und ihren Fürſten hochbegeiſterten Studenten wieder ein⸗ mal Mann gegen Mann zuſammentraten... Da 142 prallte die Streitart, und der ſtachlichte Morgenſtern, die eiſenbeſchlagene Picke und die Lanze im bunten Geklirre ineinander. Manch' baumlanger Schwede ſank mit zerſchmetterter Hirnſchale auf das Steinge⸗ länder der Brücke zurück, und das kleine Blei der böhmiſchen Musketen legte manch' andern auf die Seite, daß er nimmer wieder aufſtand. Hoch oben, auf einem Haufen von ſieben ſchwediſchen Leichen, ſtand Chriſtophorus Wunſch an Proskowskh's Seite. In ſeinen beiden Händen eine gewaltige Lanze ſchwin⸗ gend, mähte er unter den ſchwediſchen Lanzenträ⸗ gern und Musketieren mit Macht. Jetzt theilte ſich der Flußnebel über der Brücke, und aus der grauen Lufthülle brachen zwei furchtbare Geſtalten hervor. Proskowsky gegenüber ſtand, mit einem gewaltigen Flammberge bewaffnet, Ernſt Ottowaldskh, der Ver⸗ räther, und an ſeiner Seite Alerander Wolsinskh, ſein böſer Genius. Es ſchien, als ob hier mitten auf der großen Brücke über der Moldau, in dieſer furchtbaren Mitter⸗ nachtsſtunde der letzte Kampf ausgekämpft werden ſollte, den Ernſt Ottowaldsth und ſein Dämon gegen ſeinen Feind Proskowskh und deſſen guten Engel auskämpfen wollten... Kein Laut der Verwünſchung und des Haſſes 143 entſtrömte dem Munde des fränkiſchen Ritters und ſeines Begleiters, aber die glühende Leidenſchaft ſpiegelte ſich in ihrem Feuerauge— wahrhaft mör⸗ deriſch entbrannte der Kampf. Mann gegen Mann, jede Kugel aus den ſchwediſchen Röhren fand ihren Mann, hier und dort ſank ein verwundeter Student an das Brückengeländer; ſchon lichteten ſich ihre Reihen, jetzt drückte Ottowaldsky ſich mit einer Schaar ſchwe⸗ diſcher Musketiere wie ein Keil in die letzte Reihe der Studenten— und Proskowskh, von einer Flin⸗ tenkugel am Haupte verwundet, ſank zu ſeinen Füßen nieder. „Dich wollte ich allein!“ rief Ottowaldskh, ſei⸗ nen ſchweren beſpornten Fuß auf die über die blu⸗ tende Stirnwunde herabquellende Lockenfülle des Hauptes Proskowskh's drückend—„bringt den Ge⸗ fangenen aus dem Gefechte!“ keuchte er ſeinen Mus⸗ ketieren zu. Aber ehe dieſe an den verwundeten. Johannes Hand anlegen, und ihn hinter den Kam⸗ pfesknäuel ſchleppen konnten, ſprang Chriſtophorus Wunſch dazwiſchen; aus ſeinem Gürtel eine Sattel⸗ piſtole reißend, riß er ebenſo ſchnell einem ſchwe⸗ diſchen Musketier die brennende Lunte aus der Fauſt, und brannte damit ſein Piſtol auf Ottowaldskh ab.— Der Schuß ging zwar fehl, allein Ottowaldskh und * 144 ſeine Musketiere wichen einige Schritte zurück— in dieſem Augenblicke ſtellte ſich Chriſtophorus Wunſch vor ſeinen gefallenen Freund, und ſeine Lanze weit vorſtreckend, nahm er nun, während ſeine Kampfge⸗ uoſſen ſich verwundet, um neue Kraft zu ſammeln, gegen den altſtädter Brückenthurm zurückzogen, den Kampf mit achtzehn Schweden allein auf—— ein zweiter Horatius Cocles ſtand er da, den verwunde⸗ ten Freund und Waffenbruder zu ſeinen Füßen, das erhabene Bild eines Helden darſtellend, der ſein Blut hingibt, um den zu retten, dem er Treue bis in den Tod geſchworen.— Und für ſeinen Freund David ſchwang jetzt Freund Jonathan die Lanze, die jenen verwundete, dieſen in den Fluß ſtürzte, jenen zur Flucht trieb.* Aber jetzt pfiff wieder eine Kugel durch den ) Noete sequente, lautet das Wort des böhmiſchen Hiſtori⸗ kers, studiosi cum Suecis concurrere in ponte, qui Chri- stophoro Wunsch, Decurioni, ceu novo Horatio campus fuit et plus duam adulti tyrocinii palaestra. Ipi unicus ipse omnino contra octodecim aemulos manu cominus conserta, tanta vi dimicavit, ut framea alios vulneraret, trucidaret alios, alios in perfluentum, ce- terum demum in fugam ageret: etquamvis ipse ad ex- tremum globo Secundum tibiam graviter Sauciatus fuis- set, tamen se brevi Martiae restituit arenae. 145 Nebel, und Chriſtophorus, in den Fuß getroffen, ſank zu Boden.— Mit letzter Kraft ſich emporrichtend, erfaßte er mit der Linken den verwundeten Freund, während ſeine Rechte die Lanze neuerdings zum Kampfe vorſtreckte. So zog er ſich kämpfend gegen den Brückenthurm zurück, dort aber übermannte ihn der Schmerz, er ſank zu Boden, und vor ſeinem erbleichenden Antlitze klirrte das eiſerne Fallgitter zu Boden. Chriſtophorus Wunſch war geborgen, wäre aber dennoch durch die ſcharfen Lanzenſpitzen der Schweden und ihre Kugeln gefallen, hätten nicht Ottowaldskh und Wolsinskh mit ihrer koſtbaren Beute beladen, bereits den Rückzug nach der Kleinſeite an⸗ getreten. Dorthin ſchleppten ſie den ſchwerver⸗ wundeten Proskowsky, um ihn vor der Hand dem ſchwarzen Thurme zuzuführen, deſſen Beſchließer auf Ottowaldsky's ſtrengen Befehl mit ſeinem Kopfe für dieſe koſtbarſte Beute haften mußte, deren Ottv⸗ waldskh und Wolsinskh in dieſem Belagerungskampfe theilhaft werden konnten.—— In dieſer Weiſe nahm die Belagerung ihren Fortgang, der wüthendſte Anprall der Feinde erfolgte gegen das Roßthor, und der Herzog von Würtem⸗ 1857. X. Der Jeſuit. II. 10 146 berg war dort bereits am 13. Oktober mit ſeinen Belagerungsarbeiten ſoweit vorgerückt, daß nicht viel mehr zur Gewinnung jener Stadtſeite durch Ueber⸗ ſteigung des Walles fehlte. Dort ſtanden unſtreitig am gefährlichſten Platze die Ordensleute mit ihren Fähnlein, und arbeiteten vielfach an der Herſtellung der inneren Schanzen und Laufgräben. Der Herzog von Würtemberg wollte daher jetzt einen unvermutheten Ueberfall verſuchen, und raſch wandte er ſich plötzlich gegen das Galgen⸗ thor, wo auch Löwenhaupt ſtand. Mittlerweile ſtand Plachh, der Jeſuit, an allen gefahrvollen Plätzen, und ſchonte weder ſeinen Arm, noch ſeine Lunge, um zu mahnen, zu rathen, zu be⸗ geiſtern, und zu helfen, wo es noththat. In ſeiner Verehrung für das Haus Lobkowie hatte Plachh gleich im Beginne der Belagerung Vorſorge getroffen, daß die Frauen Polirena von Lobkowic und Salome von Herberſtorf mit der lang⸗ ſam geneſenden Roſa, und mit Maria aus dem Be⸗ reiche der ſchwediſchen Kugeln gänzlich entfernt, ge⸗ leitet von einer Sicherheitswache nach dem ſüdlichen Böhmen nach Budweis abgingen. Litmir Obiteck), früher ein tapferer Kriegsmann, nunmehr Sekretär ——— 147 der königlichen Landtafel*), führte dieſe Sicherheits⸗ wache, und geleitete die Frauen mit ihren Nichten nach Budweis, wo ſie das Ende der Belagerung abwarten wollten. Nun ſtand Litmir Obiteckh in jener Stunde des oben erzählten Ausfalles der Studenten auf der Pragerbrücke und Proskowskh's Gefangennehmung wieder am Wysehrad, an deſſen Mauern er ſich im Dunkel der Nacht durch die ſchwediſchen Poſten mit⸗ telſt eines Kahnes ſammt der ganzen Sicherheits⸗ wache, mit welcher er die Frauen nach Budweis geleitet hatte, auf der Moldau wieder eingeſchlichen hatte, vor Plachh, der in dieſem Stadtbereiche ſo⸗ eben mehrere verwundete Studenten ſeines Korps be⸗ ſucht hatte, und durch das Gewehrfeuer auf der fernen Moldaubrücke, wo Chriſtophorus Wunſch als zweiter Horatius Coeles kämpfte, aufmerkſam gemacht, eilig wieder dahin zurückkehren wollte. Obiteckh berichtete den glücklichen Ausgang ſeiner Sendung nach Budweis, und die vielen Segens⸗ wünſche der Frauen von Lobkowic und Herberſtorf und ihrer Nichten. Er ſchilderte Roſa's ſtille Ergebung und Mariens Sehnſucht nach Johannes, und ihre Sorge nach dem Liebling ihrer Seele. *) Olim militiae probe meritus. 10* 148 Plachh hörte ihm theilnehmend zu. Jetzt aber wurde das Schießen auf der Moldaubrücke deutlicher. Plachh ſäumte keinen Augenblick mehr— fort ſtürmte er die weite Straße entlang durch die Neu⸗ und Altſtadt dem Tummelplatze und Studentenlager zu. Dort wogte ihm ſogleich ein Haufe ſeiner Treuen entgegen; die Studenten brachten mehrere gefangene Schweden, die ſie, ehe ſie Plachh noch das Ergeb⸗ niß des Kampfes mittheilten, vorführten. Es war ein ſchwediſcher Rottenmeiſter vom Regimente Winkel, der, ohne ſein Lvos eben viel zu beklagen, ſich in mili⸗ täriſcher Haltung vor Plachh hinpflanzte, und ihn aus ſeinem großen blauen Ange von oben bis unten an⸗ glotzte, nach langer Pauſe aber in die Worte aus⸗ brach:„Das alſo iſt der Hexenmeiſter Plachh!“— Der Profeſſor blickte den baumlangen Schweden verwundert an.—„Was meint der Mann mit ſeinem Herenmeiſter?“ fragte er die umſtehenden Studenten. Der Schwede, der deutſchen Sprache ziemlich mächtig, ließ ſich aber jetzt vor Plachh auf ein Knie nieder.—„Hochgelahrter und kugelfeſter Herr General,“ bat er,„gebt mir doch um Himmelswillen auch einige von Euren Zettelchen, dann ſoll mich meine Gefangenſchaft nicht gereuen, und ich will 149 gerne in Eurem Lager bleiben, bis ich ausgewech⸗ ſelt werde, oder entwiſchen kann.“ „Was für Zettelchen?“ fragte Plachh verwundert. „Nun, ſolche Zettelchen,“ antwortete der Schwede, „wie ſie Eure Studenten verſchlucken müſſen, damit ſie kugelfeſt werden.“ Plachh ſchüttelte den Kopf, er begriff die Rede des Schweden nicht; dieſer erzählte aber, daß im ſchwediſchen Lager die Kunde gehe: Plachh gebe ſeinen Studenten gewiſſe geweihte Lukaszetteln zu verſchlucken, damit ſie unverwundbar würden.*)— Plachh, der ernſte ruhige Mann der Wiſſen⸗ ſchaft, und Held dieſer Belagerung, begann zum er⸗ ſtenmale in ſeinem Leben herzlich zu lachen. „O sancta simplicitas!“ rief er,„welch' ſonder⸗ bare Dinge erſinnt doch der Aberglaube!“ Dann wandte er ſich an Nikolaus Mertz, den Olmützer an ſeiner Seite,„geh doch, Niklas,“ ſagte er,„und bringe ſchnell dem Herrn Rottenmeiſter da einige Zettelchen, wie wir ſie einnehmen, um Stand zu halten gegen die ſchwediſchen Kugeln!“ Nikolaus Mert ging, und brachte ſchon im nächſten Augenblicke zwei große Laibe trefflichen Rog⸗ Hiſtoriſch. 150 genbrodes, die er dem verwundert daſtehenden Schwe⸗ den in die Hände legte „Das ſind die Zettelchen,“ ſagte Plachy lä⸗ chelnd,„die ich meinen Studenten zum Verſchlucken gebe, und nun rechts um, Herr Rottenmeiſter, und marſchirt mit dieſen Zetteln über die Brücke in Euer Lager zurück, und zeigt ſie Euren Landsleuten, damit ſie wiſſen, was ſie zu eſſen haben, wenn ſie ſchußfrei werden wollen.... aber vorerſt,“ ſetzte er, zu ſeinen Studenten gewendet, hinzu,„bewirthet mir den Mann recht gut mit unſern Vorräthen, damit ihm die Lu⸗ kaszetteln von Roggen nicht zu trocken erſcheinen.“*) Der Schwede ließ ſich dieß nicht zweimal ſagen, und lachend führten ihn die Studenten in den Brük⸗ kenthurm hinauf, um ihn trefflich zu bewirthen, dann aber unter dem Fallgitter in ſein Lager durchſchlü⸗ pfen zu laſſen. Jetzt aber wendete ſich Plachh wieder zu ſeinen Studenten.„Wo iſt Chriſtophyrus,“ fragte er,„und wo bleibt mein guter Johannes— was iſt's, daß ſie mich nicht begrüßen nach dieſem Strauße auf der Moldaubrücke?“— Geſenkten Hauptes berichtete Kauffer nun dem *) Streng hiſtoriſch. 151 Meiſter die Verwundung, aber auch die Heldenthat des tapferen Chriſtophorus, der im unteren Hörſaale des Kollegiums nun bei andern Verwundeten lag— dann berichtete Julius Röttel Proskowskh's Gefan⸗ gennehmung, und Abführung durch die Schweden. Wie ein Donnerſchlag hallte dieſe Kunde in Plachh's Ohr.— Sein treuer Chriſtophorus verwun⸗ det, ſein geliebter Johannes in den Händen ſeiner erbitterten Feinde!— In wenigen Augenblicken ſtand er am Lager des erſteren.— Die Wunde des jungen Mannes war nicht bedeutend, aber groß war ſein Seelenſchmerz, als er Proskowskh's Schickſal erfuhr. Von dieſem Augenblicke an kannten Plachh und Wunſch, ſowie alle Studenten ſeiner nächſten Um⸗ gebung kein anderes Verlangen, als einen entſchei⸗ denden Schlag gegen das ſchwediſche Lager zu un⸗ ternehmen, um Proskowskh's Befreiung in irgend⸗ einer Weiſe zu ermöglichen. Alſo ſtanden ſie auch am Abende des dreizehnten Oktobers in Rotten bei⸗ einander, und beriethen über ihre weiteren Anſchläge gegen die Schweden; da ſchwamm eine breite Plette über den Fluß herüber. Ein ſchwediſcher Trompeter ſtand darauf.— 152 Dreimal ſtieß er in ſeine Trompete, dann erhob er ſeine Stimme: „Der Pfalzgraf,“ rief er,„entbiete der prager Studenten⸗ und Prieſterſchaft ſeinen Gruß im geneig⸗ ten Willen bevor, und laſſe ihnen allen Ernſtes be⸗ deuten: ſie ſollten ſich ſammt und ſonders zu ihren Büchern und Poſtillen begeben, wasmaßen ihr Be⸗ ruf nicht ſei, die Waffen zu tragen. Würden ſie ſich dieſer Aufforderung fügen, ſo wollte der ſchwediſche Kommandant alle Bedingungen der Belagerten ge⸗ nehmhalten und treulich erfüllen*)... Sollten ſie aber dieſe billige und ernſtliche Mahnung un⸗ beachtet laſſen, und würde die Stadt, wie männiglich vorausſehen könne, mit Sturm genommen, ſo würden ſie die erſten übet die Klinge ſpringen!“.. Alſo lautete die Rede des Trompeters— jetzt ſchwieg er, und ſtand in ſeinem Kahne dicht am altſtädter Ufer der Antwort der Studentenſchaft ge⸗ wärtig. *) Spondens omnes seconditiones, quas defensores prae- scripsissent, ratas habiturum et sancte observaturum.— Man ſieht hieraus, daß die Studentenſchaft und Geiſt⸗ lichkeit Prags eine der thätigſten Kräfte bei der Ver⸗ theidigung Prags geweſen ſein mußten, weil Graf Kö⸗ nigsmark einen ſo bedeutenden Werth auf die Streckung ihrer Waffen legte. 153 Da trat Georg Plachh, der Jeſuit, vor. „Nichts iſt im Stande,“ rief er dem Send⸗ linge des Grafen Königsmark mit gewaltiger Stimme zu,„nichts iſt im Stande, die Vertheidiger der bö h⸗ miſchen Vaterſtadt von der Erfüllung ihrer Bürg er⸗ pflichten abzuſchrecken! Dem Kaiſer allein ſind die Studenten der Univerſität durch ihren Eid verpflichtet, und keinem andern Herrn gehöre ihre Treue.*) Haben die Schweden Luſt, Prag zu beſtürmen, ſo mögen ſie kommen, die Studenten⸗ und Prieſterſchaft Prags ſei bereit, ſie an den Wällen zu empfangen, und mit blutigen Köpfen zurückzuweiſen.“**) Ein donnerndes Vivat von Seite der Studenten auf den Kaiſer und ihren geliebten Lehrer und Meiſter Plachh ausgebracht, antwortete dieſer Rede, und ge⸗ leitete den Trompeter, der ſeinen Kahn raſch wenden ließ, und über die Wellen der Moldau zur Klein⸗ ſeite entglitt, um ſeinem Herrn, dem Pfalzgrafen, die Kunde dieſer Zurückweiſung ſeiner Aufforderung an die Studenten⸗ und Prieſterſchaft Prags zu hinter⸗ bringen. *) Mon esse sibi integrum repudiato Caesare, cui sacra- mento suam obligassent fidem, alium admittere do- minum. **) Schiffner's Gallerie V Bd. S. 185. e 154 Die Folgen dieſer Zurückweiſung der ſchwediſchen Kapitulationsvorſchläge zeigten ſich bald. Mit ver⸗ doppelter Streitkraft ſtürmten die Schweden heran. Mächtig ſchallende Klänge der Rieſenglocke des alten Tein riefen die ganze Beſatzung der Alt⸗ und Neuſtadt raſch unter die Waffen. Der Pfalzgraf hatte ſogleich Befehl gegeben, die ganze Stadt aus allen ringsum aufgeführten Batterien zugleich zu beſchießen. Furchtbar, wie noch an keinem Tage der Belagerung, krachten die ſchwe⸗ diſchen Geſchütze gegen die Mauern der Alt⸗ und Neuſtadt.— Aber die Belagerten hielten Stanp, und auch eine zweite Aufforderung des Pfalzgrafen ward zurückgewieſen. Jetzt marſchirten die Schweden in Kollonen vor den Stadtmauern. Die Sturmleitern wurden angeſetzt..... Am Galgenthore, wo der heftigſte Kampf ent⸗ brannte, dem die Belagerten wegen Mangel an grobem Geſchütz nicht gewachſen waren, verſuchten die Schweden jetzt das äußerſte. Sanken auch die ſchwediſchen Musketiere und Pickenträger ſchaarenweis in die Laufgräben herab, ſo wurden ſie ſogleich wieder durch neue Hilfstruppen ergänzt; auf den Rumpf des Vordermannes ſprang, 6 * 155 wie der Dichter ſagt, der Hintermann; es war, ſchreibt der böhmiſche Berichterſtatter, ein mörderiſches Ge⸗ metzel, deren man wenige geſehen hat. Die Schweden fochten, um den kriegeriſchen Ruhm zu erringen, wo⸗ durch ſie ſich in dem dreißigjährigen Kriege ſo ſehr ausgezeichnet hatten. Dagegen ſtritten die Prager um die Behauptung der Stadt, und um zu beweiſen, daß ſie Böhmen wären, gewohnt ſich mit dem Feinde tapfer zu ſchlagen, und den Nachkommenden das Beiſpiel der Treue für ihren Herrſcher darzuſtellen. Schon ſtanden die Schweden auf der Höhe des Gal⸗ genthores, als⸗Meiſter desſelben, aber dort ſtand P. Dubviſſon, der Rektor des Jeſuitenkollegiums, und Georg Plachh mit den Studenten. „Hört Ihr,“ rief Plachh den Tapfern zu,„hört Ihr die mahnenden Glockentöne des alten Tein, horcht, wie er mit metallener Zunge Euch zuruft: für den Glauben, den Kaiſer und das Vaterland!“ „Dort winkt der böhmiſche Löwe im Abendgolde vom Hradſchin,“ rief P. Dubviſſon;„auf, Böhmen, und befreit ihn aus ſchwediſcher Gefangenſchaft!“ „Und befreit meinen Johannes, Euern wackern Schul⸗ und Kampfgenoſſen!“ rief Plachh, und ſeine Partiſane ſchwingend, ſprang er auf die Breſche, wo ſein wallender Helmbuſch mitten im dichteſten 156 Kugelregen eingeengt war, und ſchwang ſein blitzendes Schwert; ſo glich er im flatternden, dunklen Ordens⸗ gewande dem Racheengel Michael mit dem flammen⸗ den Schwerte. Rektor Duboiſſon folgte ihm, und ein Haufe Studenten ſtürmte nach. „Zurück!“ donnerte es ihnen entgegen— der Pole Wolsinskh raſte mit glühendem Auge heran,— ein Schuß ſeiner Piſtole, der Plachh galt, trug eine Kugel auf des Rektors Duboiſſon linke Hand. Das Blei drang bis zum Ellbogen empor, und die Partiſane entſank ſeiner Hand;*) Plachy empfing ihn in ſeinen Armen, und übergab ihn der Sorge Chriſtoph Kyblin's, der ihn aus dem Kampf⸗ getümmel geleitete. Jetzt wandte Plachh ſein Feuerauge dem an⸗ ſtürmenden Feinde entgegen. „Zu mir, Niklas!“ rief er, indem er Nikolaus Faber, den Haupt⸗Fahnenträger des Studentenkorps, der die geweihte Univerſitätsfahne trug, am Arme *) Als der Kaiſer die Verwundung dieſes tapfern Prieſters erfuhr, ſoll er geſagt haben: non putabamus in täam modesto corporé tantum latere generositatis! ——— 157 ergriff— Hoch in den Lüften flatterte das Bildniß der heiligen Jungfrau. „Vorwärts mit Gott und Maria der Himmels⸗ königin!“ rief Plachh, und die geſchloſſene Maſſe der Studenten ſchob ſich mit vorgehaltenen Partiſanen wie ein ſpitziger Keil gegen den Wall hinauf, von welchem die ſtürmenden Schweden ihre Kugeln her⸗ abſendeten. Dort— im Pulvernebel— ſtand ein todten⸗ bleicher Mann mit der bekannten ſchwarzen Binde am Arme— Ernſt Ottowaldskh..... Er hatte den Jeſuiten Plachh im Auge, und der Lauf ſeiner Sattelpiſtole zielte ſchnurgerade auf die edle Stirne des Heldenprieſters, während ein höhnendes Sieges⸗ lächeln über ſeine bleichen Lippen zog, als wollte er ſagen:„Plachh! Deine Stunde iſt gekommen!“— Litmir Obitockh, der nächſt dem von ſeiner er⸗ haltenen Wunde wieder hergeſtellten Chriſtophorus Wunſch an Plachh's Seite kämpfte, deutete auf Otto⸗ waldskh—„Seht Euch vor, Herr Profeſſor,“— wollte er rufen;— aber ſchon ſank er mit durch⸗ ſchoſſenem Haupte vor Plachh's Füßen nieder. „Zurück,“ donnerte jetzt Chriſtvphorus Wunſch, indem er Plachh aus dem Schußbereiche Ottowaldskh's zog— aber zu ſpät, Ottowaldskh hatte den Jeſuiten 158 zu ſcharf aufs Korn gefaßt— von ſeiner Kugel ge⸗ troffen, ſtürzte Plachh zur Erde.*) Jetzt kannte die Wuth der Studenten keine Grenzen mehr. In geſchloſſenen Maſſen, und einzeln ſtießen ſie in den Feind. Hieb auf Hieb, Stich auf Stich, klirrten Schwert und Hellebarde, Morgenſtern und Streitart im eiſernen Spiele gegeneinander, wie das Eiſen auf der Eſſe unter dem Feuer der Eſſe glüht, und wie der Windhauch der Blaſebälge die glühenden Funken aufjagt, ſo regneten die Kugeln der Mus⸗ keten in den Kampfesknäuel— mit der Waffe, mit der Kugel, mit der Fauſt und mit den Zähnen wurde gekämpft, die Feldtrompete ſchmetterte ihre Töne, die Sturmglocke heulte ihren Wehruf von den Thürmen der Stadt darein— das war ein Hexen⸗ ſabbath, wie ihn Belzebub jährlich nur einmal am Brocken feiert, der Teufel ſchien das Eingeweide ſeiner Hölle ausgegoſſen zu haben,— denn jetzt krachte die Erde in ihren Fugen, ein Blitz, ein Schlag— wie wenn die Wolken des Himmels riſſen, wie wenn der Blitz auf Sodom und Gomorha nie⸗ derfällt— drei Minen waren geſprungen, die Conti *) Tum quoque Plach gloriosum vulnus retulit, ſchreibt Böhmens Hiſtoriker. 159 gegen die Schweden bereitet hatte—. das Heulen der Verwundeten und Sterbenden— das Brüllen der Sieger und Beſiegten, das ganze furcht⸗ bare Blutſpiel des Sturmes verbreiteten jetzt den größten Schrecken in der Stadt.— Und vorwärts! vorwärts! immer vorwärts! ging es im Sturme, die Belagerten machten nach dem Springen dieſer Minen vom Pulverdampf umhüllt einen Ausfall, und zurückgeworfen von ihnen wurden die Schweden mit Macht, und als der Pulverdampf ſich verzog, da lagen vierhundert Schweden auf dem Wahlplatze, während die Belagerten nur die unglaublich kleine Anzahl von ſechsundzwanzig Todten zählten, ſo treff⸗ lich waren die contiſchen Minen gelegt, und die Vertheidigungsanſtalten getroffen. Ein ſchwediſcher Major mit ſeinem ganzen Truppenkorps, wurde durch den Ausfall gefangen eingebracht. So endete dieſer Sturm. Ein am ſelben Abende noch gemachter Verſuch der Schweden, in vier Booten über die Moldau zu ſetzen, mißlang gleichfalls durch die Wachſamkeit und Tapferkeit der Belagerten, unter denen ſo manche Gelübde für die Rettung der Stadt machten. ²) 5) So hielten die Jeſuiten in ihrem Collegio häufig Bet⸗ 160 Zehntes Rapitel. Ein ſchwediſcher Scharfſchütz ⸗ In ſeinem Zelte vor dem Spittelthore ſaß Ernſt Ottowaldskh, der bleiche Verräther. Sein gedankenſchweres Haupt in die flache Hand geſtützt, blickte er finſter vor ſich nieder, wäh⸗ rend Freund Mephiſto, der Pole, der Weinkanne wak⸗ ker zuſprach, die auf dem Feldtiſche des Zeltes ſtand. „Und Judas Ischariot nahm die dreißig Sil⸗ berlinge,“ redete Ottowaldskh leiſe vor ſich hin,„und ging, und erhängte ſich— Was meinſt Du, Ale⸗ rander, iſt es ſchon an der Zeit für Ernſt Ottowaldsky, in die Grube zu fahren, die er andern zu graben vergebens bemüht iſt?“— „Oho!“ rief der Pole—„laß den Leichenſer⸗ mon, Freund Ernſt, in die Spieße der Kaiſerlichen magſt Du Dich ſtürzen.“ „Wenn mich Graf Königsmark noch tiefer ge⸗ Hemüthiget haben wird, als bisher,“ fiel Ottowaldskh übungen zu ihrem Ordensheiligen Franz Kaverius ab, und machten das Gelübde eines jährlichen freiwilligen Faſttages vor dem Feſte dieſes Heiligen⸗ 161 emporſpringend ein;„o ich ſehe es kommen,“ rief er,„ich ſehe es kommen— erſt zögert man mir das Patent eines Oberſten der ſchwediſchen Ar⸗ mee zu erfolgen, mir, der ich als Belohnung meiner That auf den Generalshut rechnen zu können meinte, und dann wird meine verheißene Penſion ins Stocken gerathen, weil— nun ja, weil die ſchwediſchen Kaſſen durch die Kriegskontributionen erſchöpft ſind, und endlich wird man mich fürbas ſenden an die Grenze zweier Herren⸗Länder, und ich werde halb Schwede und halb Kaiſerlicher hängen zwiſchen Himmel und Erde, und wie der Menſchen⸗ ſohn nicht wiſſen, wohin ich mein Haupt legen ſolle: das iſt der Lohn des Verrathes!“ „O Mann des Schwankens der Du biſt!“ rief Wolsinsth.—„Kann denn Graf Königsmark in dieſen Tagen der glühendſten Belagerung Zeit ge⸗ winnen, an Deine gebührende Belohnung zu denken? Verſpare Deine abermalige Reue über Dein Be⸗ ginnen auf eine andere Zeit, jetzt würde ſie Deine Thatkraft lähmen, und Dir doch nichts nützen“— „Sowie meine That des Verrathes mir bis⸗ her nicht das mindeſte nützte,“ brauſte Ottowaldsk) empor.„Das lobkowieiſche Haus, worin ich Marien, den Stern meines Lebens, in meine Arme zu ſchließen 1857. X. Der Jeſuit II. 11 162 hoffte,“ fuhr er mit grimmigem Lachen fort,„fand ich nach der Einnahme von Hradſchin leer und die Vögel, die ich ſuchte— gute und böſe— ſammt und ſonders ausgeflogen“ Wolbinskh lachte auf, und goß in gierigen Zügen den edlen Melniker in ſeinen Schlund. Ottowaldskh aber fuhr fort:„Meinen Todfeind, den ich haſſe wie die Nacht— Du kennſt ihn, den Jeſuiten.. den ſah ich von meiner Kugel getroffen, zu meinen Füßen niederſinken, und nun ſagt man mir im Lager, daß er ſchon wieder die Univerſitätsfahne ſchwingend, am Tummelplatze im Studentenlaget geſehen worden ſei. Und ſo iſt nicht einmal meine Rache geſättiget, und die Geſtalten meiner Gegner find wahrlich un⸗ bezwinglich“— S „Bis auf einen,“ fiel der Pole ein,„ſitzt nicht Proskowskh, mein Leibeigener, oben im ſchwarzen Thurme bei Brod und Waſſer, gewärtig des Beiles, oder der hanfenen Feſſel, die Du ihm in jedem An⸗ genblicke zuſenden kannſt, ſo es Dir gefällt?“ „So es mir gefällt!“ brauſte Ottowaldskh auf.—„Weißt Du nicht, Freund Alerander, daß Graf Königsmark erſt geſtern den Befehl im Lager wiederholen ließ, daß keinem der Gefangenen ein ——, 163 Leid zugefügt werden darf— zur Auswechslung der beim letzten Sturm am Galgenthore gefangenen Schweden ſollen alle Gefangenen vorbehalten wer⸗ den.— So bringt mich dieſer Befehl des Grafen auch um das ſüße Gefühl der perſönlichen Rache an meinem Gegner bei Maria von Pernſtein, dem ich ſo mit ganzer Herzensfreude ſelbſt das hänferne Halsband um den Nacken gelegt hätte“— „Johannes Proskowskh iſt mein Leibeigener,“ ſagte der Pole, ſeine Hände auf den Tiſch ſtemmend,„und noch in dieſer Stunde werde ich vor Königsmark hintreten, und ihm die Schlüſſel zum ſchwarzen Thurme abfordern, um mir den jungen Rechtsgelehrten ab⸗ zuholen.“ „Das wollte ich vor Dir thun,“ entgegnete Otto⸗ waldskh;„ich meldete mich heute morgens bei dem Grafen, und begehrte die Schlüſſel zu Proskowkh's Gefängniß, und machte meine Rechte auf den Ge⸗ fangenen geltend; ein kurzes:„Es geht nicht!“ war mein Beſcheid.— Der Graf verwies mich auf das Ende der Belagerung, das jetzt, wo ein General⸗ ſturm im Anzuge ſei, nicht mehr ferne liegen könne; dann, meinte er, würden Deine Anſprüche auf dieſen Gefangenen, und die meinen, auf„eine an⸗ gemeſſene Belohnung meiner Dienſte— 164 Heere zur geeigneten Sprache kommen; für jetzt müßten alle Gefangenen auf ausdrücklichen Befehl des Pfalzgrafen unangetaſtet im ſtrengen Gewahr⸗ ſam gehalten werden, und da Proskowskh blos kriegs⸗ gefangen, und kein Verbrecher ſei, ſo würde er ohne⸗ dieß bereits in einen beſſeren Gewahrſam zu den andern Gefangenen nach Eger abgeführt worden ſein, wäre er nicht einer vom Studentenkorps, denen der Pfalzgraf verheißen habe, ſie alle über die Klinge ſpringen laſſen, wenn Prag genommen ſein werde; dann würde die Reihe, erſchoſſen zu werden, auch an Proskowskh kommen; bis dahin könne niemand über deſſen Perſon verfügen, noch in ſein Gefängniß ge⸗ laſſen werden— nun, Du verſtehſt mich, Alexander; man hat die Zitrone ausgepreft, und macht bereits kein Hehl daraus, daß man ſie in den Kehricht werfen wird, ſobald ſie keinen Saft mehr von ſich gibt“.. „Donner und Tod!“ grollte der Pole. „Das Benehmen des Grafen Königsmark ge⸗ gen mich,“ fuhr Ottowaldskh fort,„war übrigens heute ziemlich kalt; er ſcheint ſich durch meine drin⸗ genden aber gerechten Forderungen einer Beför⸗ derung verletzt zu fühlen. Seine eiſerne Miene, der kurze Beſcheid, mit dem er mich ablohnt, und die ſtechenden mißtrauiſchen Blicke dieſer ſchwe⸗ 165 diſchen Offiziere ſprechen nur zu deutlich!— O, ſie trauen dem Fremdlinge, dem Verräther nicht einen Augenblick—— das, Wolsinskh, iſt jetzt meine Lage, und ich würde ſie erträglicher finden, könnte ich nur meinem Haſſe gegen meine Feinde Luft machen; aber der eine ſitzt, von ſchwediſchen Hellebarden ſelbſt bewacht, mir unzugänglich im ſchwarzen Thurm, und den andern, den meine Kugel vor meinen Augen zu Boden ſtreckte, ſahen meine Leute, wie von Todten auferſtanden, ſtrahlender als je erſt vor einer Stunde am rechten Moldauufer in Mitte ſeiner Studenten ſtehen.“ „Nun, den will ich Dir wohl aus dem Wege ſchaffen,“ rief der Pole„und gälte es mein Leben!“— Am Abende desſelben Tages beſetzten die Schwe⸗ den durch einen heimlichen Ueberfall den Thurm am Galgenthore, aber die Feuerbrände der Belagerten ver⸗ trieben ſie wieder, und ſieben Schweden verbrannten. Zwei Tage ſpäter machten ſie einen ähnlichen Ver⸗ ſuch auf dieſen Thurm, aber auch dießmal mißlang er, indem die Prager Feuer in den Thurm ſchleu⸗ derten, und dreißig Schweden ſammt dem Anführer der Schaar verbrannten. Am Tage vorher wurden jene Studenten, welche bisher an der Moldaubrücke tapfer ausgehalten hatten, 106 von Bürgern abgelöſt, und in die Breſchen vertheilt. Während die Bürger wieder heftige Angriffe der Schwe⸗ den auszuhalten hatten, ſprang ober der Salvator⸗ kirche ein mit Salpeter und Pulver gefüllter Mörſer, wodurch ſich ein unleidlicher Geſtank über den Vor⸗ platz dieſer Kirche ausgoß. Am folgenden Tage wurde die Beſchießung der Stadt fortgeſetzt.— Noch zur Zeit Karl IV. hatte man auf der herr⸗ lichen Pragerbrücke ein Kreuz mit dem Bildniſſe des ſterbenden Heilandes aufgerichtet; die Huſſiten hatten es herabgeſtürzt, und die Brücke ſtand dann beinahe durch zweihundert Jahre ohne jeglicher Statue, bis die prager altſtädter Bürger ein ähnliches Kreuz mit dem ſterbenden Heilande, der nebenſtehenden Gottesmutter und dem Jünger Johannes aufrichten ließen.*) Am 13. Oktober machten die Schweden einen Angriff auf den Halbmond am Galgenthore, den — *) Erzbiſchof Johann Ferdinand Graf von Waldſtein ließ ums Jahr 1681 an dem Orte, wo dieſes bezeichnete hölzerne Kreuz ſtand, ein metallenes herſtellen. Die Sage, daß dieſes metallene Kreuz mit dem Namen Gottes im Jahre 1696 auf Befehl des Appellations⸗Tribunales aus dem Strafgeld eines das heilige Kreuz läſternden Ju⸗ den aufgerichtet worden ſei, iſt nicht ganz begründet. 167 ſie auch beſetzten. Unter dem Thore ſelbſt aber ver⸗ theidigten ſich die Prager wacker; ſie hatten nicht lange vorher aus Worlik vier kleine Geſchütze er⸗ halten, mit denen ſie unter den Schweden großen Schaden anrichteten, bis das grobe Geſchütz der letz⸗ teren darein donnerte, und die vier Stücke demon⸗ tirte. Die Breſchen, welche die Schweden ſchoſſen, waren ſo bedeutend, daß ſie truppenweiſe durchdrin⸗ gen konnten, aber die Tapferkeit der Prager war ſo groß, daß die Schweden auch bei dieſem Anfalle am 13. Oktober ſich zurückziehen mußten; mancher Pra⸗ ger ſtieß mit eigener Hand drei bis vier Feinde nie⸗ der, bis er ſelbſt auf ihren Leichen niederſank. Ein hundert Prager deckten an dieſem Tage die Wahlſtatt, hierunter befand ſich ein Benediktiner, mehrere Ade⸗ lige und Offiziere der Beſatzung, dann zweihundert Verwundete; vierhundert Mann verloren die Schwe⸗ den und noch einmal ſoviel Verwundete zählten ſie. Als nun die Brücke in dieſen Tagen der ſchwe⸗ diſchen Belagerung heftig beſchoſſen wurde, war es ein ſchwediſcher Scharfſchütz, der das erwähnte Chri⸗ ſtusbild aus Glaubenshaß zum Zielpunkte ſeiner Kugel machte, bis es von ſeinem Standorte herab⸗ ſtürzte. Die Bildſäule des Jünger Johannes ſchwemmte die Moldau fort; die lebensgroße Statue Chriſti wurde 168 bedeutend beſchädigt, jedoch nebſt dem Bildniſſe der heiligen Jungfrau wieder aufgehoben, und in das Jeſuitenkollegium übertragen. Der genannte Scharfſchütze, der ſein Geſchoß mit ſolcher Wuth auf das Bildniß des Heilandes und des ſeines„Lieblingsjüngers Johannes“ gerichtet hatte war kein anderer, als der Pole Alerander Wolsinsky, der vor der Hand Johannes Proskow⸗ skhe, den Lieblingsjünger Plachh's, im Bilde tref⸗ fen, dann aber auch wo möglich den edlen Prieſter und Meiſter ſelbſt mit einem wohlgezielten Schuſſe niederzuſtrecken beabſichtigte. Als daher die erwähn⸗ ten Bildniſſe und Holzſtatuen auf der Brücke geſun⸗ ken waren, nahm Wolsinskh ſeinen Poſten nach dem Spittelthor.— Dort richtete er ſich einen Schirm nach beſonderer Erfindung vor. Der Schirm beſtand in einem ſtarken Brette von länglicht viereckiger Form. Er hatte in der Mitte ein rundes Loch mit einer beweglichen eiſer⸗ nen Kugel; die ganze Vorrichtung hing an beiden Seiten an eiſernen Stangen, und konnte leicht in Bewegung geſetzt werden. Bei jedem Schuſſe trat Wolsinskh hinter den Schirm und ſchaute durch das runde Loch auf den Platz, wohin er zielte, dann richtete er ſein Gewehr durch den Raum nächſt der 169 am Brette angehefteten Kugel, und feuerte den Schuß ab. Selten fehlte er, und da der Schirm als be⸗ weglich leicht nachgab, glitſchten faſt alle Kugeln ab, die gegen ihn geflogen kamen.*) Wolsinskh hatte ſich mit ſeinem ſo vorgerich⸗ teten Schirme gegenüber jener Breſche feſtgeſetzt, wo Plachh ſich in Mitte ſeiner Studenten häufig ſehen ließ.— Er wollte Ottowaldskh Wort halten, und ihm ſeinen vermeintlichen Gegner aus dem Wege räumen. Bereits waren dieſer mörderiſchen Maſchine viele wackere Vertheidiger der Altſtadt zum Opfer gefallen; niemand wollte mehr jene Wälle betreten, die von Wolsinskh's Kugeln beſtrichen wurden. Jetzt ließ es Graf Kolloredo, der Stadtkomman⸗ dant, durch Trommelſchlag verkünden: daß eine Be⸗ lohnung von zehn Dukaten den erwarte, der den fürchterlichen Schützen aus dem Wege räumen würde. Da war es an einem der nächſten Abende, daß ein junger Mann mit dem Studentenhute und Mänt⸗ lein bedeckt und bewaffnet mit Lunte und Doppel⸗ büchſe neben einem Jäger der kolloredo'ſchen Abthei⸗ Die Beſchreibung dieſes Schirmes liefert Schiffner in ſei⸗ nem bereits oben genannten Werke. 170 lung ſeinen Schritt gegen jene Breſche hinlenkte, die der Scharſſchütze, der Pole Wolöinskh, mit ſeinen Freikugeln beſtrich. Chriſtophorus Wunſch war es, der von ſeiner an der Brücke empfangenen Wunde kaum geneſen, dem furchtbaren Scharfſchützen entge⸗ gentrat. Er, der kluge junge Mann, hatte mit ſeinem ſcharfen Auge dem Schützen Wolbinskh bereits abgemerkt, daß dieſer, ſobald er hinter ſeinem künſt⸗ lichen Schirme einen Schuß gethan, ſtets über dieſen hinauszublicken pflegte, um zu ſehen, wen er ge⸗ troffen habe.— Chriſtophorus Wunſch hatte auf dieſen Umſtand ſeinen Plan zum Verderben Wolsin⸗ sth's berechnet.— Ueber ſeinen Auftrag mußte der ihn begleitende Jäger mit glühender Lunte zum Ab⸗ feuern ſeiner Muskete bereit ſtehen, er ſelbſt ſteckte ſeinen breiten Hut mit den wallenden Federn auf eine Stange, und bewegte dieſen hin und her. Wolsinskh blickte hinter ſeinem Schirm durch die runde Oeffnung.„Nun, Freund Ottowaldskh,“ ſagte er zu dem dicht hinter ihm ſtehenden Freunde aufjubelnd,„blicke her, und ſieh'— jetzt ſteht der Rechte vor der Mündung meiner Muskete. Erkennſt Du den Helmbuſch Plachh's, Deines Feindes?“— Ottowaldskh blickte durch die Oeffnung.„Er iſt's,“ rief er.„Ich erkenne die ſchwarzen und gelben 171 Federn— ziel gut, Alexander— das gilt dem Feinde, den ich am meiſten haße auf Gottes weiter Erde“— 3 „Die Stunde ſchlägt— bald erliſcht ſein Licht— gleich liegt er Dir zu Füßen!“ rief Wolsinskh mit grauenhaftem Lachen.— Sein Schuß knallte aus ſicherem Verſtecke jetzt hob er nach ſeiner Gewohnheit den Kopf über das Brett der Maſchine, und— ſtürzte mit zerſchmetterter Hirnſchale zu den Füßen Ottowaldskh's auf die Erde.. Chriſtophorus Wunſch hatte mit kluger Berech⸗ nung den Augenblick erſehen, in welchem der Pole, ſeine Neugierde befriedigend, nach dem Opfer ſeines Schuſſes forſchend, über das ſchützende Brett im Mondſcheine hinausblickte, er gab dem Jäger das Zeichen— in dieſem Augenblicke flog ſeine Kugel in Wolöinskh's Gehirn. ptn Freund Mephiſto lag zu den Füßen des vor Schrecken bis an die Stirne erblaßten Ottowaldskh — Gott im Himmel hatte gerichtet!... Alſo ſank durch den Arm des Allgerechten ge⸗ troffen der ſchlaue Rathgeber und Freund Ottowald⸗ skh's mitten im blutigen Werke ſeines Mordplanes wider den vermeintlichen Gegner des letzteren zu den Füßen des fränkiſchen Ritters nieder. Stumm 172 und todtenbleich ſtarrte Ottowaldskh auf den noch zuckenden Leichnam nieder.— Ueber dem Veitsdome ſtieg die volle Mondſcheibe empor, und beleuchtete die blauen Lippen des Sterbenden.— Die Stunde ſchlug am Rathhausthurm, die Apoſtel traten an der Uhr hervor, einer nach dem andern, zuletzt Johannes, der Lieblingsjünger, und Petrus, der Vertheidiger ſeines Herrn und Meiſters; dann kam der Tod mit Stundenglas und Hippe. Die Stunde ſchlug,— es erloſch ſein Licht— jetzt lag er da zu ſeinen Füßen....... doch nicht Plachh, der Jeſuit; der Pole ſtand vor dem Richterſtuhle des Allgerechten!— Chriſtophorus Wunſch erhielt am nächſten Tage den Dank der ganzen Beſatzung Prags, daß er einen Mann niederſchoß, durch den bereits ſo mancher brave Stadtvertheidiger das Leben eingebüßt hatte. Dem kolloredo'ſchen Jäger, der ihn bei dieſem Ret⸗ tungswerke begleitete, wurden vom Grafen Kolloredo zehn blanke goldene Holländer ausbezahlt.*) *) Die erzählte Ueberliſtung des ſchwediſchen Scharfſchützen iſt geſchichtlich. 173 Eilftes Rapitel. Generalſturm! Thaten der Tapferkeit wurden von den Stu⸗ denten und Bürgern Prags während dieſer Belage⸗ rung vollbracht, Thaten der Tapferkeit und Aufopfe⸗ rung; leuchtende Beiſpiele der Bürgertreue von ſolcher Größe und Schöne wurden gegeben, daß die Vater⸗ landsgeſchichte täglich neue goldene Blätter für die Nachwelt zu ſammeln hatte. Der Pfalzgraf erkannte zuletzt, daß die Gewalt der Waffen allein gegen die Stadt nichts vermöge. Abermals erſchien daher ein Trompeter vor den Wällen der Altſtädter— Unterhandlungen begehrte jetzt der Pfalzgraf. Feſt entſchloſſen, die Stadt um keinen Preis in ſchwediſche Hände zu übergeben, beſtellte Graf Kol⸗ loredo dennoch einige Abgeordnete, die am 18. Ok⸗ tober mit ſchwediſchen Sendlingen zuſammentreten ſollten. Graf Kolloredo forderte vor allem: daß die Schweden ſogleich die Verbindung der Altſtadt und. Kleinſeite wieder herſtellen, und ihre Beſatzung in die Kleinſeite zurückziehen ſollten, um dort den Ab⸗ ſchluß eines Vergleiches zu erwarten— deſſen erſte 174 Bedingung der Abmarſch des übrigen Belagerungs⸗ korps und die Einſtellung aller Feindſeligkeiten ſein Alſo verkündeten die Abgeordneten Prags dem Pfalzgrafen den Willen des prager Kommandanten. Der Pfalzgraf aber meinte: nur die unbedingte Uebergabe der Stadt an die Schweden, könne die erſte und eigentliche Grundlage dieſer Unterhandlung bilden.— Dann wolle er den Bürgern der Alt⸗ und Neuſtadt Schutz ihrer Perſon und des Eigen⸗ thums, und gute Mannszucht ſeiner ſchwediſchen Soldateska in ihren Manern zuſichern.— Dieſe Be⸗ dingungen verwarf Graf Kolloredo unbedingt. Da ſprach der Pfalzgraf das Wort„General⸗ ſturm!“ aus„Nicht eher ſollte die Beſtürmung auf⸗ hören, bis nicht die Stadt eingenommen ſein würde.“— Der fünfundzwanzigſte Oktober brach an. Die ſiebente Morgenſtunde ſchallte vom Veitsdome des Hradſchins. Im feindlichen Lager ertönten Horn⸗ und Trompetenſignale; die grauen Maſſen kamen in Bewegung.— Man konnte von den altſtädter Thürmen deutlich wahrnehmen, wie die Feinde ſich in Schlachtordnung reihten. Sogleich brauſte die große Kunde eines bevor⸗ ſtehenden Sturmes durch die Stadt; denn unbe⸗ ſtimmte Gerüchte hierüber waren durch ſchwediſche Gefangene bereits in die Altſtadt gelangt, und täg⸗ lich hatten die Belagerten einem ſolchen entgegenge⸗ ſehen, da nicht anzunehmen war, daß der Schwede ruhelos in ſeinem Lager verharren würde.— Mit mächtigen Klängen verkündeten die metalle⸗ nen Rieſenzungen im uralten Tein, daß die Stunde des furchtbaren feindlichen Anfalles abermals ge⸗ ſchlagen habe, ihr antworteten die noch ernſteren Klänge aller Glocken der übrigen Thürme— So rief das allgemeine Sturmgeläute die Be⸗ ſatzung abermals zu den Waffen Jenſeits im ſchwe⸗ diſchen Lager hörte man zuerſt den wüthenden Kam⸗ pfesruf der ſchwediſchen Streiter;— als ihm jedoch der furchtbar ſchöne Choral des Sturmgeläutes ant⸗ wortete, da wurden die kampfluſtigen Belagerer klein⸗ laut, und die brauſende Woge ihres ſtürmiſchen Muthes brach ſich alsbald an der ebenſo hochge⸗ henden Woge des Muthes der Vertheidiger Prags. Wie ſpäter ſchwediſche Gefangene ausſagten, machte dieſes rieſenhafte Geheul aller Sturmglocken die Herzen manches kampfluſtigen Schweden erbeben.*) *) Ergo per totam urbem graviora aera campana ferali murmure resonabant: qui sonitus Succorum animos conterritos fecit elanquescere. 176 Nur Einer unter Tauſend ſtand unerſchüttert und glühenden Auges am hohen Hradſchin— heute war der Feſttag ſeines Lebens, den er lange, lange erſehnt hatte Ernſt Ottowalds!h war es, der an einem Pfeiler gelehnt, auf die Thürme der Altſtadt herab⸗ ſchaute; ſein Auge ſchweifte über die Häuſerreihe der Altſtadt.. Dort mußte nach ſeiner Berechnung Maria von Pernſtein mit ihren Tanten in einem ihnen befreundeten Hauſe weilen; denn von ihrer Abreiſe nach Budweis hatte Ottowaldskh keine Kennt⸗ niß, wohl aber hatte ihm ein gefangener prager Studioſus mitgetheilt, daß Frau Polirena von Lob⸗ kowic und Salome von Herberſtorf mit ihren Nichten gleich nach ihrer Ueberſchiffung in die Altſtadt das Zräflich dohalie'ſche Haus unfern der Teinkirche bezogen hatten;— dort vermuthete Ottowaldskh Marien von Pernſtein noch immer. Seit Alerander Wolsinskh, der Pole, an ſeiner Seite zum Tode getroffen, hingeſtürzt war, hatte Ottowaldsky keinen Rathgeber mehr; aber mit Wol⸗ Linskh war auch ſein böſer Genius von ihm ge⸗ ſchieden. Das plötzliche Ende des Polen hatte auf ihn einen erſchütternden Eindruck gemacht, und da ihn niemand mehr gegen ſeine vermeintlichen Feinde 107 aufſtachelte, ſo kamen häufige Augenblicke, in denen er ruhiger über ſein Schickſal nachdachte, und ſowie er ſich ſeit Alexanders Tode mehr vereinzelt im ſchwediſchen Lager erblickte und die Zurückhaltung bemerkte, mit welcher ſich die ſchwediſchen Offiziere unter allerhand Vorwänden von dem Manne abſon⸗ derten, deſſen Verrätherei“ ihnen die Kleinſeite und den Hradſchin Prags überliefert hatte, ebenſo häufig trat jetzt die Erinnerung an die früher durchlebten Tage hervor, wo er als ehrlicher Reiteroffizier zwar keine Gunſt, aber auch keine ſo ſichtliche Zurückſetzung erfahren hatte. Uebrigens fühlte er recht ſchmerz⸗ lich, daß er nur die Rolle des Schlüſſels übernom⸗ men habe, mit welchem ſich der undankbare Schwede die äußeren Thore Prags geöffnet hatte, den man aber nach gemachtem Gebrauche, ſtatt ſeine Handhabe zu vergolden, in die Rüſtkammer zum verroſteten Eiſen werfen wird... Nicht einmal den noch immer im ſchwarzen Thurme eingeſchloſſenen Proskowskh, den ihm ſo ſehr verhaßten Gegner bei Marien von Pernſtein, wollte ihm Graf Königsmark ausliefern, obgleich Ottowaldskh und Wolsinsky dieſem auf Ehrenwort verſichert hatten, daß ſie dem Bürſchlein nichts an⸗ haben, und einzig und allein nur als Leibeigenen⸗ 1857 X. Der Jeſuit. II. 12 178 Wolsinsky's in die polniſchen Wälder überführen laſſen wollten, wo er am väterlichen Erbgute Wol⸗ zinskh's die Acker⸗ und Gartendienſte eines Leibei⸗ genen, wie es ihm gebühre, verſehen ſollte.— Dieſe Art Rache an ſeinem Feinde dünkte Ottowaldskh ſo ſüß— aber Graf Königsmark ſchützte den gemeſſe⸗ nen Befehl des Pfalzgrafen vor, keinen der Gefan⸗ genen, und am allerwenigſten einen vom Studenten⸗ korps eher zu entlaſſen oder nach Schweden abzu⸗ führen, als bis Prag entweder übergeben, oder ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen ſei, da bei den zahlrei⸗ chen Ausfällen und Kämpfen auch viele Schweden gefangen worden wären, für deren Auswechslung man die gefangenen Prager verwenden wollte.— Die ſcharfen Blicke und das Mißtrauen endlich, mit welchem Ottowaldskh vonſeite mehrerer ſchwe⸗ diſcher Offiziere, deren Begriffe von Ehre ſtrenger als die ſeinen waren, verfolgt wurde, verleideten ihm den Aufenthalt im ſchwediſchen Lager gänzlich. Den Generalſturm, der in dieſen letzten Tagen in Aus⸗ ſicht ſtand, wollte er noch abwarten, und wenn, wie bei den rieſenhaften Anſtalten der Belagerer zu er⸗ warten war, Prag genommen werden würde— dann wollte er nochmals vor den Grafen Königsmark hin⸗ treten, und mit freier Stirne eine ganz andere und 179 größere Belohnung fordern, als die ihm bisher zu⸗ theil geworden war— ſein Weg ſollte dann aus dem Lager des Pfalzgrafen geradenwegs nach Schwe⸗ den zu den Stufen des Thrones Chriſtinens gehen, und den geziemenden Lohn einer That begehren, die ihn auf ewig mit ſeinem neuen Vaterlande Oeſter⸗ reich entzweite. Der Generalshut war dann wohl das geringſte, was er begehren durfte. Vorher aber ſollte wohl noch ein anderer Lohn für ihn erglänzen, und die lange erwartete Stunde ſchlagen, wo er im Gewühl des Sturmes, geleitet von dem Schalle der ſämmt⸗ lichen Sturmglocken Prags, die ihm den Hochzeits⸗ reigen fingen ſollten, das adelige Haus aufſuchen würde, wo Maria und die vergeſfene Roſa verweilten. Dort würde er dem jugendfriſchen Fräulein Marta von Pernſtein mit der ſtarken Hand des Siegers den Brautkranz in die blonden Locken drücken— dort, oder vielleicht im offenen Straßenkampfe würde er die unauslöſchbare Glut ſeines Haſſes gegen Plachh kühlen— dort würde er dem Zeſuiten ent⸗ gegentreten, und jetzt krachten die fürchterlichen Salven der Kanonen des ſchwediſchen Lagers, welche das Vorſpiel des Generalſturmes andeuteten.... ſechs oder ſieben Minen waren die 180 Feldmuſik rief zum Sturme, und in geſchloſſenen Gliedern mit Sturmleitern und anderem Belage⸗ rungsgeräthe rückten die Schweden den Mauern der Altſtadt nächſt dem Spittelthore entgegen.— Sechstauſend Schweden marſchirten heran, zwei⸗ tauſend blieben in der Reſerve, viertauſend drangen in die Breſchen vor. Jetzt dröhnte die zehnte Stunde vom alten Tein; drei Kanonenſalven erſchütterten die Luft— alle Glocken der Stadt heulten das furchtbare Lied des Sturmes, Trompeten ſchmetterten dazwiſchen, Trommeln wirbelten, Staub⸗ und Rauchwolken wir⸗ belten auf— dort auf dem Hügel vor dem Gal⸗ genthore, wo ſich der Pulverqualm zertheilte, lag der Pfalzgraf auf den Knieen, und flehte mit zum Himmel emporgerichteten Augen um den Sieg ſeiner Sache.. jetzt krachten abermals die Karthaunen und Mörſer im ſchwediſchen Lager— und vorwärts, vorwärts ging es von drei Seiten: am Galgen⸗, am Roßthor, und mitten durch die bereits vorhandenen Mauer⸗ breſchen— zum Sturme!.. Wie der Hochwald erzittert im mächtigen Wetter und der Hagel in weißen Streifen auf die rauſchen⸗ den Wipfel niederſtrömt, während das Feuer des Blitzes über die hohen Wipfel der Bäume gleich einer 181 ziſchenden Schlange hinſchießt, und die ſtärkſten Eichen zerſpaltet, und der rollende Donner d'reinorgelt, ſo erzitterten jetzt die Grundfeſten der Hauptſtadt Prags vom Donner des Sturmes, der an dieſem furchtbar⸗ ſten Belagerungstage gegen die Mauern der Neuſtadt heranbrauſte. Hier wälzte ſich eine eiſerne Maſſe ſcharfge⸗ ſchliffener Hellebarden und Partiſanen gegen die Breſche des Walles, wo eine Schaar kraftvoller und muthiger Muſenſöhne mit blitzenden Augen und ge⸗ ſenkten Lanzen ihrer harrte; dort raſſelten ſchwedi⸗ ſche Reiter in eine Staubwolke gehüllt, mit gehobenen Sattelpiſtolen den Hügel herabl.— Hier trugen baumlange ſchwediſche Schützen ihre Sturmleitern zum Schanzgraben; dort rollten Drehbaſſen und Karthaunen gegen den Wall; es war ein großer Tag des Schlachtens und Würgens, an welchem der Fürſt der Unterwelt ein lachendes Höllenfeſt feiern mochte ob der Raſerei, mit welcher die Tauſende von Menſchen auf den Wällen von Prag ſich ge⸗ genſeitig zerfleiſchten, verbrannten, und in den Lauf⸗ gräben begruben— die einen, um ihren Glauben und väterlichen Herd zu vertheidigen, die anderen, um zu erobern, oder mit blutigen Schädeln daheim 182 zu erzählen von böhmiſcher Tapferkeit.. denn wahrlich, dieſe war keine geringe! Wacker ſchlugen die Prager mit ihren Morgen⸗ ſternen und den mit ſpitzigen Nägeln beſetzten Dreſch⸗ flegeln darein. Wie eine Mauer ſtanden die Stu⸗ denten unter ihrem Anführer Plachh. Von ſeiner Wunde kaum hergeſtellt, ſchwang der heldenmüthige Prieſter am Kronwerke des Hauptwalles ſeine Par⸗ tiſane. Weiter abwärts, wo ein Schwalbenſchwanz*) dem Belagerer entgegenſtarrte, ſtand eine Studenten⸗ ſchaar. Noch weiter unten hinter dem größten Horn⸗ werke am Galgenthore ſtand Chriſtophorus Kyblin, der Doktor der Rechte.— Während oben bereits das luſtige Klingenſpiel begann, die Partiſanen und Streitärte aneinander klirrten, und die Kanonen ihren Baß zum beginnen⸗ den Todtentanze brummten, ließen die muthigen Muſenſöhne hinter dem ſchützenden Hornwerke, ehe ſie in geſchloſſenen Maſſen den Wall erſtiegen, und ihre Bruſt dem feindlichen Geſchoſſe darboten, noch⸗ mals das Vaterland hoch leben, und den böhmiſchen Rothwein aus Melnik zum Andenken Kaiſer Karls, *) Bonnet a Pretre, eine ſchwalbenſchweifartige in drei Spitzen auslaufende Verſchanzung. 183 der dieſe Rebe vom Rhein dahin gepflanzt hatte, in ihre Kehlen gleiten. Da war es dann Gott Bacchus, der dem Kriegsgotte Mars, ehe der Gehar⸗ niſchte vollends am Walle erſchien, ein Stücklein ſpielen wollte; die kampf⸗ und weinbegeiſterten Muſenſöhne im Hornwerke geriethen nämlich gar gewaltig an⸗ einander, denn Johannes Kauffer, der Prager und Hauptmann der Studenten, ſtand dem Fahnenträger Nikolaus Faber, dem Luremburger, gegenüber.„Die Cechen müſſen die Fahne im Generalſturme vor⸗ austragen!“— rief Kauffer, das Palladium mit ſtarker Hand an ſich ziehend— „Und dem Luremburger wurde im Karolinum die Univerſitätsfahne anvertraut!— und nur mit ſeinem Leben läßt er ſie!!“— ſchrie Nikolaus Faber dagegen—— und die Cechen entblößten ihre De⸗ gen, und der Luremburger und die andern Ausländer in der Schanze thaten deßgleichen. Und oben rollte der Kanonendonner, ſchmetterten die Trompeten und wirbelten die Trommeln, aber die eifernden Studenten hörten nicht den losbrechenden Sturm— in ihren eigenen Eingeweiden wollten ſie jetzt wüthen.„Nieder mit den Fremdlingen!“ donnerten die Böhmen— „Pereant die Cechen!“ widerhallte es von der 184 andern Seite— beide Glieder holten zum Stoße aus— da im letzten Augenblicke des Zuſammengrol⸗ lens ſtürzte Dr. Chriſtophorus Kyblin, der Münchner, mitten unter die Raſenden;„Alſo wollt Ihr Euch,“ ſchrie er, mit ſeinen beiden Armen die Streithähne links und rechts auseinander drängend—„alſo wollt Ihr Euch, das Vaterland und den Kaiſer durch Eure gegenſeitige Niederlage ſelbſt in Nachtheil brin⸗ gen, alſo wollt Ihr den mit Eurem Blute erkämpften Ruhm nicht durch den Feind, ſondern durch Eure elende Zwietracht heute vernichten?— Wie? vermag das, was Euch untereinander entzweit, kein anderer Richter als der Degen, den Bruderhaß aus Eurer Scheide reißt, zu entſcheiden?!— Auf! reicht Euch die Hände, und ſchwingt Eure Schwerter dem Feinde entgegen, der da ſchon auf Euren Mauern ſteht) Und wie ein Blitzſtrahl zündete dieſe Rede, und die Maſſen ſchaarten ſich wieder, und was früher getrennt ſtand, floß in Eins zuſammen, und Johann Kauffer reichte Nikolaus Faber die Hand, und dieſer ſchwang die flatternde Univerſitätsfahne, und die Feldmuſik der Studenten ſpielte einen Marſch, und aufwärts ging es drauf und d'ran, dem erha⸗ *) hiſtoriſche Worte. 185 benen Sandhügel zu, wo Vater Plachh, in deſſen Auf⸗ trage Kyblin die Studenten im Hornwerke eben be⸗ ſänftiget hatte, mit gezogenem Degen und wallendem Helmbuſche daſtand, gleich einem Seraph mit dem flammenden Schwerte, um die Feinde ſeines Vater⸗ landes und Glaubens zu empfangen— Jetzt prallte die ſchwediſche Macht an die Mauer— „Feuer!“ ſchallte es— Zur erſten Begrüßung ſprang eine unterirdiſche Mine— fünfhundert Schwe⸗ den flogen in die Luft— Gebrüll der Stürmenden, Geheul der Verwundeten, Staubwirbel, auffliegende Erdmaſſen, blitzende Waffen, donnernde Geſchütze, furchtbares Nachtſtück des Sturmes! Jetzt ergriff Georg Plachh die Fahne der Uni⸗ verſität, und an ſeiner Seite Johannes Kauffer und Chriſtophorus Wunſch, und hinter ihm die geſchloſſe⸗ nen Maſſen der Studenten ging es den Wall hin⸗ auf bei Trompetenklang der größten der von den ſchwediſchen Kugeln gebohrten Breſchen entgegen; ihnen gegenüber ſtürmten die ehernen Maſſen der ſchwediſchen Musketiere mit gehobenen Lunten, und hinterd'rein die auserleſene Kette der Scharſſchützen— jetzt krachte eine Salve— eilf der Vertheidiger ſan⸗ ken getroffen in den Sand. Plachh ſtand jetzt in Rauch gehüllt auf der höchſten Fläche des Walles; 186 etwa zwanzig Schritte ſeitwärts kämpfte der Haupt⸗ mann der akademiſchen Schaar Johannes Kauffer; ſchon hatte er mit ſeiner Partiſane zehn Schweden nie⸗ dergeſtochen:*) da entſtanden unter den akademiſchen Streitern an dieſer Stelle, infolge mehrerer Ver⸗ wundungen einen Augenblick lang Unordnungen. Dieß benützend, ſtürmte ein Haufe ſchwediſcher Musketiere mit ganzer Front durch die Breſche— ein hoher ſtattlicher Offizier mit bleichem Geſichte an ihrer Spitze. Er hatte durch einen Musketenſchuß bereits den Federhut verloren, wild flatterte ſein dunkles Haar im Winde, ſeine linke Fauſt hielt eine blitzende Streit⸗ art, die er ſtatt ſeinem im Streite bereits gebroche⸗ nen Degen aufgerafft hatte, und wie ein Raſender mit rollendem Auge, über ſeinem Haupte ſchwang— ein polniſcher ſilberverbrämter Mantel flatterte blut⸗ beſpritzt von ſeinen Schultern, in ſeinem Gürtel trug er vier blitzende Piſtolen. Der Mann ſchien mit dem Teufel im Bunde, denn jetzt ſtand er dem Stu⸗ denten⸗Hauptmann Kauffer gegenüber. Kauffer ſtreckte ihm ſeine Partiſane entgegen, und warf ſich mit ſeinen akademiſchen Brüdern wie ein lebender Wall in die Breſche— aber der ſchwe⸗ *) Geſchichtlich. 187 diſche Offizier grüßte ihn mit der Streitart ſo gewal⸗ tig, daß Kauffer blutend in den Sand ſtürzte Raſch ſchoben ihn ſeine Mitſtreiter hinter die Maſſe, und Chriſtophorus Wunſch brachte ihn aus dem Gefechte; aber dieſe Bewegung bot den Schweden eine Lücke, die ganze Maſſe, den erwähnten Offizier an der Spitze, drängte ſich wie ein Keil in die Breſche der zweiten Schanze, die Studenten wichen, und die Schweden drangen bis auf dreißig Schritte in die Stadt. In dieſem Augenblicke eilte Plachh vom ober⸗ ſten Walle zu Hilfe; raſch wurden, während die vorderſte Reihe der Studenten die Schweden im Vor⸗ dringen aufhielt, ein zweiter Graben in den Stand geſetzt, und die eherne Schaar der jungen Akademi⸗ ker ſtand unter Plachh's Kommando wieder gleich einem Felſenwalle den Stürmenden gegenüber... Fünf Stunden dauerte jetzt der Sturm— acht⸗ hundert Todte aus den ſchwediſchen Reihen lagen bereits auf den Kampſplätzen— ungleich mehr als die Prager verloren hatten— da ſchmetterten die ſchwediſchen Trompeten zum— Rückzuge. im gleichen Maße ſchwiegen die heulenden Sturmglocken auf den Stadtthürmen.. Gott der Herr gebot dem Engel der Verwüſtung für dieſe Stunde zurück⸗ 188 zutreten, und die Nacht breitete ihren Trauerflor auf die rauchende Stätte der Verwüſtung... Die Schweden zogen ſich in ihre Stellungen zurück. Die Prager verſorgten ihre Schanzen mit doppelten Wachen, und begannen ihre Todten zu be⸗ graben, und die wehklagenden und in ihrem Schmerze ſich windenden Verwundeten vom Wahlplatze in die Häuſer zu ſchleppen.— Dort bei der niedergeſchoſſenen Mauer des Spit⸗ telthores ſtreckte ſich ein langer ſtattlicher Offizier mit der golddurchwirkten kaiſerlichen Feldbinde im letzten Todeskampfe. Sein zerſchmettertes Haupt lag un⸗ ter dieſer mit ſeinem Blute beſpritzten Binde, die er mit Ehren getragen hatte; zu ſeinen Füßen lag eine kaiſerliche Fahne mit dem Bildniſſe der heiligen Jung⸗ frau, und dem böhmiſchen Löwen,— ein anderer Held hatte ſie eben aus ſeiner kräftigen Hand zu den Füßen des Sterbenden hingeſenkt, als wollte er damit andeuten:„Ehre dem ſterbenden treuen Ver⸗ theidiger ſeines Vaterlandes!“ Dieſer andere Held war Georg Plachh, der Stu⸗ dentenanführer, der jetzt vor dem Sterbenden, dem kaiſerlichen Oberſten Cabeliekh kniete, und die letzten Augenblicke des tapfern Stabsoffiziers mit den Trö⸗ ſtungen der Religion erleichterte.— Ruhig blickte 189 ihm der Sterbende ins Auge, und leiſe drückte er ihm die Hand, als wollte er ihm danken für dieſe Worte des letzten Troſtes, als wollte er ſagen: „Ich ſterbe auf dem Felde der Ehre— für meine Pflicht Ein ſanftes Lächeln ſchwebte auf den erblei⸗ chenden Lippen des Sterbenden, jetzt blickte er dem edlen Prieſter ſtarr ins Auge und— war nicht mehr Es war ein ſchöner Reitertod, den er ſtarb!— Drüben am alten Tein weinten die Abendglocken die letzten Töne, als Grabgeſang für einen am Felde der Ehre gefallenen Edlen, und der Silberſtrahl des heraufziehenden Abendſternes blickte ſo freundlich auf die Gruppe der mannhaften Streiter herüber, welche ſich um den Sterbenden ge⸗ drängt hatte, als wollte er ihnen zum Troſte ſagen: der Abendſtern der Erde iſt zugleich der Morgenſtern eines andern Tages.... Und dort am Hornwerke, unterhalb der Haupt⸗ Baſtion, hinter den Mauertrümmern, wo zerbrochene Partiſanen und geplatzte Bomben im Sande lagen, dort ſchickte ſich auch ein müder Kämpfer dieſes Stur⸗ mes an, ſeinen Reitertod zu ſterben... „Plachh! Plachh!“ erſchallte es von der zwei⸗ ten Seite, und drei Studenten kamen heran, und 190 baten den Heldenprieſter auch dort, im untern Horn⸗ werke einem ſterbenden Stabsoffizier, der nur noch ſei⸗ nen Namen Streitberg mit erbleichenden Lippen ge⸗ ſtammelt habe, mit tröſtenden Worten beizuſpringen. Uund Plachh verließ den ſchön wie ein Sieger nach der Schlacht daliegenden Oberſten Cabelickh und eilte zu dem zweiten ihm bezeichneten ſterben⸗ den Stabsoffizier. Schon tönte ihm das ſchmerzvolle Stöhnen des Sterbenden entgegen, jetzt bog er in das Hornwerk ein, da lag der ſchwediſche Oberſtlieutenant Streit⸗ berg, früher genannt: Ernſt Ottowaldskh*)— bleich und ſterbend mit zerſchmetterter Bruſt, das ſin⸗ kende Haupt auf einen Stein geſtützt; das Blut ſeiner Herzwunde malte auf den Sand fünf lange Streifen, gleich einer fünfblättrigen Roſe am gebro⸗ chenen Stiele.... Das brechende Auge des Sterbenden hatte die Glut der Leidenſchaft ſeines Lebens verloren, er ſuchte nach einem milden Engel, der mit tröſtendem *) Die Königin von Schweden beehrte ihn mit dieſem Na⸗ men, er ſelbſt nannte ſich auch Oswald—(post vero Regina Sueciae vocabulo Streitberg honoravit, ipse au- tem Oswaldi nomen sibi praefixit. Balbin Miscell. Deca. J. L. 3 pag. 269.) 191 Munde an das ſandige Sterbelager herantrete, und den ſchweren Kampf erleichtere, den dieſer Scheidende kämpfte, denn an ſeiner Seite ſtand das Geſpenſt des Verrathes, das ihn auf dieſes Schlachtfeld ge⸗ trieben, und in den Tod gebracht hatte. Es war kein ſchöner Reitertod, den er ſtarb. Aber ſtand auch zur Linken des Sterbenden der Dämon des Vorwurfes und der Verzweiflung, ſo ſtand auch an ſeiner Rechten der Engel der Erbar⸗ mung und der heiligen Feindesliebe... Georg Plachh, der Heldenprieſter, ſank an dem harten Sterbelager ſeines Feindes nieder— Otto⸗ waldskh ſtarrte ihn an— ſein brechendes Auge flammte noch einmal auf.—„Der Jeſuit!“ ſtam⸗ melte er—„er kommt, ſich zu rächen, und mich ſterben zu ſehen!“— Ein neuer Blutſtrom entquoll bei dieſen mit Anſtrengung herausgepreßten Worten der Wunde Ottowaldskh's. Aber Plachh ſchleuderte ſeinen Helm vom Haupte, und ſenkte ſeine Knie an die Seite des Sterbenden; mit einem leiſen Kuſſe berührte er deſſen Stirne. „Sowie ich den Todesſchweiß dieſes Unglück⸗ lichen von ſeiner Stirne küſſe, und ihm jegliches Leid, das er mir zufügte, vom Herzen verzeihe,“ 192 rief er, ſein Auge begeiſtert zum Nachthimmel empor⸗ richtend,„ſo möge der Allbarmherzige ihm vergeben, und ſeine Seele aufnehmen in die Wohnungen des ewigen Friedens!“— Eine tiefe Pauſe folgte dieſer Szene; vom fernen Tein weinten noch die letzten Töne der Abend⸗ glocke, gleich der Todtenglocke des großen Sterbe⸗ tages ſo vieler Hunderte... Plachy kniete vor ſeinem ſterbenden Feind, er hielt die kalte Hand desſelben zwiſchen ſeinen Händen.— Sein großes Herz ſchlug hörbar. Eine Engelsthräne perlte von ſeinem Ange. Gottes Seraphim ſchrieb ſie als Perle in das Buch des Lebens.. Ottowaldskh's vom Tode umflortes Auge ſah ch Jetzt dämmerte es in ſeinem brechenden Herzen— Er erkannte im letzten Augenblicke das namen⸗ loſe Unrecht, das er dem edlen Prieſter angethan, indem er ihn mit ſeinem blinden Haſſe verfolgte.— Er verſuchte, ſeine erſtarrende Hand auszu⸗ ſtrecken, und die Hand des Jeſuiten an ſein bre⸗ chendes Herz zu drücken. Dieſe Hand Plachh's trug noch die Wunde, welche ihm Ottowaldskh's Waffe kurz vorher ge⸗ 193 ſchlagen hatte— dieſe Hand bot der Jeſuit ſeinem ſterbenden Feinde dar,— dann beugte er ſich zu ſeinem Munde. „Roſa“— lispelte Ottowaldskh. „Sie hat vergeben“— tröſtete Plachh. Jetzt trat ein ſchmerzliches Lächeln auf den Mund des Sterbenden— er hatte noch die Kraft, ſeinen hochherzigen Tröſter bei der Hand zu faſſen. Der Prieſter verſtand ihn,— er warf ſich nochmals zu den Füßen des Sterbenden hin, und ſprach den letzten Segen der Kirche über den Reuigen. „Und Roſa“— lispelte Ottowaldskh noch ein⸗ mal— dann haftete ſein Blick auf dem ſchimmern⸗ den Abendſtern ob ſeinem Haupte— dem Morgen⸗ ſterne des kommenden Tages..... Am Rathhausthurme der Altſtadt Prags dröhnte die Glocke— der Apoſtelchor trat hervor und zu⸗ letzt mit ſeinem verrinnenden Stundenglaſe der Tod Ernſt Ottowaldskh, genannt Streitberg— hatte ausgeſtritten... Und die Uhr ſchlug die eilfte Stunde der Nacht.. * 1857. X. Der Jeſuit. II. 13 194 Zwölftes Rapitel. Morgenröthe. In den folgenden vier Tagen ſtürmte der Schwede abermals von allen Seiten gegen die Mauern der Alt⸗ und Neuſtadt, und verſuchte, wie der böh⸗ miſche Geſchichtsſchreiber erzählt, alles, um mit Feuer und Schwert, mit Steinmaſſen und Minen die Stadt zu bezwingen.— Aber die Tapferkeit der Belagerten warf alle Angriffe zurück. Wohl war die Kraft der letzteren ſchon bedeutend erſchöpft, und Bote um Bote ſchlich ſich aus der Stadt, um den in Budweis verweilenden Grafen Schlik als Kriegsrath⸗Präſidenten um ſchleunige Zuſendung der vom Kaiſer verſprochenen Hilfstruppen zu bitten. Schon die Hoffnung auf das Erſcheinen dieſer letzteren hielt den Muth der Belagerten aufrecht, aber ge⸗ waltig fehlte es bereits an Sold für die Beſatzung, denn die königliche Staatskaſſa an der Kleinſeite hatten die Schweden als gute Beute übernommen. Es wurden daher zuerſt die königlichen Salznieder⸗ lagen geöffnet, und das Salz an wohlhabende Stadt⸗ bewohner verkauft, dann nahm man zu dem geprägten und ungeprägten Kirchenſilber die Zuflucht; überall 195 zeigte ſich große Willfährigkeit im Geben; die Jeſuiten allein lieferten zwei große goldene Kelche im Werthe von ſiebenhundertzwanzig rheiniſchen Gulden, vier ſilberne Armleuchter, und vieles andere Kirchengeräthe. Dieſe Gegenſtände wurden bei den Leitern dieſes Sammel⸗ geſchäftes, dem Domherrn Johannes Kotwa, dem Abte der Benediktiner zum heiligen Nikolaus, dem Grafen und altſtädter Hauptmann Wenzel Michna, und dem neuſtädter Hauptmann Alerius Freiherrn Wratislaw von Mitrowic zur weitern Verpfändung gegen entſprechende Summen hinterlegt. Am 30. Oktober flogen abermals ein hundert und dreißig Kugeln gegen die Belagerten. Um zehn Uhr Vormittags verſuchten die Schweden durch die geſchoſſenen Breſchen in die Stadt zu dringen; aber die Belagerten zündeten das Holzgerüſt, auf wel⸗ chem die Schweden ihre Geſchütze aufgepflanzt hatten, an, und nicht ohne bedeutenden Verluſt mußten ſich dieſe wieder zurückziehen; jetzt verſuchten ſie unterhalb der Stadt eine zweite Brücke zu ſchlagen. Aber nicht die ſchwindende Flamme des Sturm⸗ blitzes, deſſen Wolke im Sinken war, ſondern das aus der grauen Wolke dämmernde Licht des ſieben⸗ farbigen Bogens beleuchtete dieſe neuen Arbeiten des Feindes... 15 196 Das große Feſt Allerheiligen war heraufgezogen, und nie hatten die Prager in ihren heiligen Gottes⸗ tempeln alle Heiligen“ mit ſolcher Innbrunſt ange⸗ rufen, als an dieſem Tage; denn bis aufs äu⸗ ßerſte erſchöpft, waren die tapferen Schaaren der Belagerten, und vergebens hatten ſie die verheißenen Hilfstruppen erwartet. Schon bereiteten ſie ſich, unfähig einen neuen Sturm auszuhalten, zur Ka⸗ pitulation. Jenſeits der Moldau, am hohen Hradſchin aber wogte es gar ſeltſam untereinander.— Dort in der Gegend des ſchwarzen Thurmes ſtand eine Schaar bleicher Männer mit finſteren ſtieren Blicken, umreiht von ſchwediſchen Scharfſchützen, vor deren Fronte ein ſtattlicher Reiter mit blauem Helmbuſche und golddurchwirkter Feldbinde hinſprengte. Es war Karl Guſtav, der Pfalzgraf am Rhein. „Noch einmal,“ donnerte er der bleichen Schaar der gefangenen Prager, die man auf ſeinen Wink aus dem ſchwarzen Thurme, wo ſie ſeit Wochen ge⸗ fangen ſaßen, ans Tageslicht geführt hatte,„noch einmal habe ich meinen Feldadjutanten mit dem Stabstrompeter auf die Brücke entſendet;— ſo er in einer Viertelſtunde nicht mit der weißen Fahne der Stadt zurücktehrt, und Prag ſich mir nicht heute 197 noch ergibt, ſpringt Ihr Auserleſenen,“ die ich in der Daliborka zu dieſem letzten Verſuche aufbewahrte, alle ohne Gnade über die Klinge. Ich will der ſtörriſchen Stadt Gegenrechnung halten für das ſchwe⸗ diſche Blut, das an ihren Mauern klebt. Scharf⸗ ſchützen, macht Eure Lunten glimmen, in fünßzehn Minuten gibt es Gnade oder Feuer!“ Der Pfalzgraf pflegte Wort zu halten. Er hatte aus den zahlreichen bei den Ausfällen der Belagerten und Stürmen auf die Stadt ge⸗ machten Gefangenen, etwa fünfzig Edelleute und Studenten vorbehalten, die, damit ſie ja nicht ent⸗ weichen konnten, im feſten ſchwarzen Thurme wohl⸗ verwahrt als Geißel dienen ſollten, mit denen der Schwede, wenn alle Stürme mißlängen, die Ueber⸗ gabe der Stadt erzwingen wollte. Außerdem hatte er ja für den Fall der Erſtür⸗ mung der Stadt, den Streitern im Studenten⸗ Korps insbeſondere ‚die Kugel' verheißen, wenn ſie ſich länger zum Vertheidigungswerke der Stadt ge⸗ brauchen ließen.“ Unter dieſen ſtand auch ein todtenbleicher junger Mann, deſſen Wunde am Haupte ſchmerzlich brannte, deſſen Gemüth aber noch ſchmerzlicher litt, wenn er dachte, wie er fern von ſeinen Waffenbrüdern, und 198 denen, die er liebte, ein Gefangener ſeiner Feinde, ohnmächtig und hilflos, und eines noch traurigeren Looſes gewärtig, daſtand. Dieſer junge Mann war Johannes Proskowskh. Er ſtand jetzt an der Spitze der Gefangenen, deren Loos der Pfalzgraf von der Uebergabe der Stadt binnen einer Viertelſtunde abhängig machte... Proskowskh, der von dem Falle Wolsinskh's und Ottowaldskh's keine Kenntniß hatte, forſchte mit ſeinem matten Auge unter den Offizieren, welche den Pfalzgrafen begleiteten. In jedem Augenblicke glaubte er den Polen hervortreten, und auf ihn, ſeinen Leibeigenen, losſtürzen zu ſehen; in dieſem Falle wollte auch er,— ſo hatte er es bei ſich be⸗ ſchloſſen— mit letzter Kraft auf dieſen Feind ſeines Daſeins losſtürzen, und mit Hand und Fauſt, ſo lange er es vermochte, den Mann bekämpfen, deſſen Leibeigener er niemals werden, oder vielmehr bleiben konnte. Der erſte Augenblick des Wiederzuſammen⸗ treffens mit Wolsinsth, mußte der Augenblick des Kampfes auf Leben und Tod zwiſchen ihnen beiden ſein. Jetzt ſprengten der Stabs⸗Adjutant und Trom⸗ peter, welche der Pfalzgraf auf die Moldaubrücke entſendet hatte, den Hradſchin herauf; keine weiße Fahne flatterte ihnen von den Zinnen der Altſtadt 199 nach.. kein Trompetenklang ſchmetterte dem Pfalz⸗ grafen die Kapitulation Prags entgegen. Schweigend ſtieg der Adjutant von ſeinem Rappen, ſalutirte ehrerbietig, und meldete mit we⸗ nigen Worten: daß die Prager auch dieſe letzte Auf⸗ forderung mit dem Zurufe zurückgewieſen hatten: daß ſie bis auf den letzten Mann aushalten, und ſich unter den Trümmern der Stadt begraben wollten! „So will ich mein Wort löſen, und mit den blutigen Köpfen der Söhne dieſer hartnäckigen Stadt ihre Mauern bombardiren!“ „Vorwärts, Schützen!“ donnerte der Pfalzgraf, ſeinen blitzenden Degen aus der Scheide reißend, mit glühendem Antlitze; und auf hochbäumendem Roſſe gab er das Zeichen, daß die erſten drei der zum Sühnopfer der verweigerten Kapitulation aus⸗ erleſenen Gefangenen vor die kurzgeſtreckten Läufe der Schützen geführt würden, die mit glimmenden Lunten kugelfertig am Platze des Hradſchins ſtanden. Johannes Proskowskh war der erſte, dem der Stabsprofoß zurief: das Knie zu beugen, ſeine Bruſt zu entblößen, und ſich für den Gang in die Ewig⸗ keit fertig zu machen..... Aber Johannes Proskowskh erhob ſein edel⸗ ſchönes Antlitz gegen den Himmel:„Stehend ſtirbt 200 der Mann!“ ſagte er, ſeine Bruſt entblößend.— Jetzt ſchallte das Ave⸗Glöcklein von St. Loretto her⸗ ab.—„So gönnt mir noch ein kurzes Gebet,“ rief Proskowskh, indem er auf ſeine Kniee ſank. Der Pfalzgraf, ſo hoch ſeine Zornesader auf⸗ geſchwollen war, ſenkte ſeinen Degen— Proskowskh verrichtete ſein Gebet—„auch mein theurer Meiſter betet jetzt für mich,“ lispelte er, an Plachh denkend — dann warf er einen Blick über die Ringmauer des Hradſchins nach der Altſtadt hinüber, wo die Fenſter des Klementinum im Morgengolde wieder⸗ ſtrahlten. „Bete für den armen Johannes, Meiſter Plachh!“ lispelte er vor ſich hin Dann blickte er nach jener Gegend der Altſtadt, wo er Marien von Pernſtein und die Ihrigen vermuthete.„Maria!“ lispelte er mit unendlichem Schmerze. Drüben am fernen Horizonte begann das ſchwache Bild des ſiebenfarbigen Himmelsbogens aufzutauchen. Mit feuchtem Blicke ſchaute Johannes das werdende Bild.—„Ins Land des Friedens!“ lispelte er. „Zielt gut,“ rief der Rottenmeiſter den Scharf⸗ ſchützen zu.„Hebt die Lunten!“— und. in dieſem Augenblicke ſprengte ein ſchwediſcher Küraſſier⸗ offizier im vollen Galoppe vom ſtrahower Thore 201 herab auf den Pfalzgrafen zu,—„Friede!“ rief er von weitem. Karl Guſtav richtete ſich in ſeinen Steigbügeln empor; die zum Schuſſe bereit geſtandenen Scharf⸗ ſchützen ſenkten ihre Lunten. Der Küraſſieroffizier ſprang ſchweißtriefend vom Rappen; er überreichte dem Pfalzgrafen ein zuſam⸗ mengelegtes Pergament—„Zu Osnabrück iſt der Frieden geſchloſſen,“ berichtete er ſtöhnend,„alle Feind⸗ ſeligkeiten ſollen augenblicklich eingeſtellt werden!“— Raſch drängten ſich die Offiziere des General⸗ ſtabes um den Pfalzgrafen. Graf Königsmark war herangeſprengt, und wie ein Lauffeuer durchdrang die Nachricht das ſchwediſche Lager, daß der furcht⸗ bare Krieg, der im Jahre 1618 in der königlichen Stadt Prag mit dem Fenſterſturze der Statthalter begonnen hatte, auch mit dieſer Belagerung Prags nach dreißig traurigen Jahren zu enden habe.— Und drüben über der Altſtadt Prags wölbte ſich jetzt das vollendete ſtrahlende Bild des heiligen Re⸗ genbogens— des Bogens des Friedens, den der Herr über die Erde geſpannt, als er ihr wieder lächelte nach den Stürmen der Nacht in der Mor⸗ genröthe des Friedens! ——— 202 Dreizehntes Kapitel. Palmſonntag. Nach einer Belagerung von drei Monaten be⸗ gann der Schwede ſein Geſchütz auf den Höhen von Prag zu wenden; dann folgte der allmälige Abmarſch der Reiterei.— Noch einmal machten die Belagerten einen Ausfall, aber die Schweden wandten ſich, und einige Studenten, unter ihnen Thomas Luba, dem bereits bei dem Univerſitätsfeſte am Zizkaberge eine traurige Ahnung ſeinen Tod vorausgeſagt hatte, blieben auf dem Platze. Am dritten November zündete der Schwede ſein Lager an, und der Herzog von Würtemberg wandte ſich gegen Brandeis; Königsmark blieb auf der Klein⸗ ſeite ſtehen.— Schon ſtreute der Spätherbſt ſeine falben Blätter auf die Erde; der anhaltende Regen und Mangel an Futter für die Pferde der Kavallerie, und Ge⸗ neral Wrangel in Bayern hatte die Vereinigung mit dem Pfalzgrafen begehrt; ein Theil des ſchwediſchen Armeekorps war daher bereits nach Bayern abmarſchirt. Die Belagerten hielten dieſe Bewegung des Feindes anfänglich für Kriegsliſt. Aber bald traf 203 ein Kurier mit der Nachricht ein, daß Feldzeug⸗ meiſter von der Golz auf der Linzerſtraße mit Ent⸗ ſatz anrücke; ihr folgte eine Eſtafette des Kriegsraths⸗ Präſidenten Grafen von Schlik mit der ſichern Nach⸗ richt von dem zu Münſter und Osnabrück geſchloſ⸗ ſenen Frieden. Sogleich wurde Graf Königsmark von den Be⸗ lagerten hievon benachrichtiget, und gebeten, auch den Pfalzgrafen hievon in Kenntniß zu ſetzen. Am 4. November kamen die lang verheißenen Hilfstruppen, unter der Anführung des genannten Freiherrn von der Golz und den Oberſten Mislik, Spork und Souches an, und ſchon am folgenden Tage traten die Freiwilligen des Adels, die Geiſtli⸗ chen, Ordensleute und Bürger aus den Waffen; nur die Studenten verblieben im Wachdienſte. Jetzt zogen ſich die ſchwediſchen Wachen von der Brücke zurück, und die Verbindung der Altſtadt und Kleinſeite lag offen. Wie die Kinder Noe's des Gerechten nach dem Schrecken der Sündflut aus der Arche zogen, und die verwüſtete Erde mit Thränen beſchauten, ſo er⸗ goſſen ſich jetzt die Prager aus ihrer befreiten Stadt, und beſchauten ſich die Verwüſtungen, welche der Schwede allenthalben angerichtet hatte.— Welch 204 traurigen Anblick bot das zerſtörte Troja!*)— Rings um die Stadt klafften Gräben, und ragten Erdhaufen empor; in der Neuſtadt allein lagen zwei⸗ hundert und fünfzig Häuſer im Schutte... Nach aktenmäßigen Nachweiſen waren mehr als ſechszehn⸗ tauſend Kugeln in die Stadt geflogen, hierunter nicht weniger, als fünfhundert zwei und neunzig Feuerku⸗ geln—„Wir ſahen,“ ſchreibt Balbinus der Jeſuit,**) der damals in Prag ſeinen Studien oblag, als Au⸗ genzeuge:„wir ſahen bei der Belagerung der Klein⸗ ſeite, und bei den äußerſt häufigen Anfällen auf die beiden andern Städte Prags, nämlich den Boden und die Mauern Prags, im Blute ſeiner Bürger wie der Feinde ſchwimmen.— Jene, welche nur wenig zählen, berichten, daß viertauſend Prager fielen, die Verwundeten nicht mitgerechnet; andere behaupten aber, die Zahl der Gefallenen betrage noch einmal ſoviel; ich erinnere mich nicht, jemals genau geleſen zu haben, wie viele von den in Waffen geſtandenen *) luctuosum occurrebät spectaculum, ſchreibt der Chroniſt, „et vetustae Trojae facies!“ **) Bohuslaus Balbinus, der gelehrte Geſchichtsſchreiber, gebo⸗ ren zu Königgrätz im Jahre 1621, ums Jahr 1636 als Jeſuit aufgenommen zeichnete ſich durch ſeine zahlreichen Schriften aus, er ſtarb 1688 am 29. November zu Prag. 205 Bürgern, Studenten und Ordensleuten gefallen ſeien, glaube aber, daß, wenn man die ganze Zahl der in der Kleinſeite, in der Alt⸗ und Neuſtadt Gefallenen beſtimmen wollte, leicht achthundert oder tauſend Men⸗ ſchen aller Standesklaſſen angegeben werden können.“*) In der That war es aber wunderbar, daß eine Stadt, die ohne feſten Wällen und Gräben jedem Anpralle ſo offen ſtand, ſo lange und hartnäckig ge⸗ halten werden konnte; ihre militäriſche Beſatzung war ſo unbedeutend, kaum ſechs bis ſieben Geſchütze ſtanden dieſer zugebote, wührend die Schweden zwei⸗ undſechszig zählten. Obgleich der Schwede ſoviel Feuer auf die belagerte Stadt warf, daß er beide Städte, die alte und die neue damit in Aſche legen konnte, ſo ver⸗ brannte doch kein einziges Haus bis auf den Grund, obwohl die Kugeln manches Haus in Schutt warfen, noch entſtand irgend ein größerer Brand; dieſe merk⸗ *) Später erſchien ein Koder zum Lobe der prager Univerſität, der von ihr dem Kaiſer Leopold gewidmet war: hierin wurden blos 14 Studenten als getödtet und 28 als verwundet bezeichnet. Von allen Geiſtlichen, die bei der Stadtvertheidigung mitwirkten, ſollen kaum zwei oder drei gefallen ſein, was man einem beſonderen Schutze Gottes zuſchrieb. 206 würdige Erſcheinung ſchrieben die Schweden den Zauberkünſten der Prager zu. Wahrhaft wunderbar war aber während der ganzen Belagerung die Ein⸗ tracht der Gemüther, ihre Feſtigkeit und Ausdauer, die weder durch die Schrecken und Beſchwerlichkeiten der Belagerung, noch durch die Verſprechungen und ehrenvollen Kapitulationsanträge der Feinde ge⸗ brochen werden konnten, obgleich damals bei gänzlich geſperrter Zufuhr, auch nicht ein Körnlein Getreide in die Stadt gelangen konnte. Wie bereits erwähnt, waren jedem Hauptpoſten der Stadtvertheidiger zwei Prieſter beigegeben, um den Verwundeten und Sterbenden die Tröſtungen der Religion zu ſpenden; ja man errichtete ſogar auf den niedergeſchoſſenen Mauertrümmern einen Altar, wo täglich das Meßopfer dargebracht wurde. Dort, als auf einer der gefahrvollſten Stellen, wurde merkwürdigerweiſe niemand weder getödtet, noch verwundet, außer einem Bürger, der ſeiner Neugierde zum Opfer ſiel. Alsbald folgten dieſem Beiſpiele auch andere Poſten, und hielten Andachtsübungen auf ihren Standorten, namentlich die Studenten, welche die Hälfte der Moldaubrücke beſetzt hielten, während die Schweden die andere Hälfte inne hatten. Alſo brach der ſechste November heran. Maje⸗ 207 ſtätiſch ſtieg das Tagesgeſtirn mit ſeinem goldenen Strahlenglanze hinter den Wällen der geretteten Kö⸗ nigsſtadt herauf, und küßte den Nebelſchleier von der Felſenſtirn des Hradſchins. Seltſames Zuſammentreffen! Es war der To⸗ destag Guſtav Adolphs— es war der ſechszehnte Jahrestag der Schlacht bei Lützen, der ſechste No⸗ vember des Jahres 1648, an welchem abermals die Glocken auf allen Thürmen Prags zum Sturme riefen; doch nicht zum Krieges⸗, nein, zum Jubelſturme! Ihre Töne riefen ſich ein prachtvolles„Herr Gott Dich loben wir!“ zu, denn in der Kirche des heiligen Heinrich auf der Neuſtadt, auf deren Mauern die Spuren der Belagerung in gewaltigen Lettern zu leſen waren,*) lagen Tauſende auf den Knieen vor *) Ubi vestigia furoris affatim impressa legebantur, ſchreibt der böhmiſche Berichterſtatter. Die Heinrichskirche be⸗ gann Kaiſer Karl IV. im Jahre 1351 zu bauen. Mathias Meißner, der gelehrte Schulmann, erzählt von ihr: „1562 den 7. September wurde der Einzug Ihro Ma⸗ jeſtät Marimilians des II. nach Prag zu der bevorſte⸗ henden Krönung gehalten. Einige hundert Huſaren rit⸗ ten dem Könige vor, ſechs Kameele, auf denen Mohren ſaßen, wurden geführt. Als der König an die St. Hein⸗ richsſchule reitend kam, blieb Ihro Majeſtät ein wenig 208 dem Altare des Allmächtigen.— Auch der uralte Tein, der, ein grauer rieſenhafter Wächter der Vor⸗ zeit, die Kinder ſeiner Stadt auf die Wälle gerufen hatte, als es galt, das böhmiſche Wappenſchild gegen die Schweden zu vertheidigen, rief jetzt mit nicht minder ſtarker Stimme die Stadtbewohner Prags zu ſeinem Portale, auf daß ſie eintreten, und alle, Groß und Klein, Hoch und Niedrig, der Wehr⸗, Nähr⸗ und Lehrſtand ihre Kniee im Staube beugen ſollten vor dem, der das blutige Geſpenſt des Krieges ſtehen, hörte die Oda, die die Crato der Muſen eine, herſagte, an; und dann wurde der Zug weiter fortge⸗ ſetzt. Wir ſind alle da mit langen ſcharlachenen Reveren⸗ den, wie auch die Muſa mit Lorbeer gekrönt, dageſtan⸗ den.— Den 22. September hielt man nach der Krönung des Königs Marimilian hinter der Burg zu Prag beim alten Thiergarten im Grunde ein Turnier. Sie enthält merkwürdige Gemälde, und unter andern das Grabmal des böhmiſchen Malers Felir Centor Sche⸗ feler, der ſich ſelbſt folgende Grabſchrift machte: „Ich, der ich ſo oft Chriſtum gemalet hab, Lieg' hier, daß jetzo ich mich in Chriſto lab'.“ Der Thurm dieſer Kirche hat eine breite weit über dreihundert Jahre alte Glocke, mit der Inſchrift: En ego campana, nunquam pronuntio vana, Ignem, vel festum, bellum vel funus honestum. 209 in ſeiner Erbarmung endlich von Deutſchlands Flu⸗ ren bannte, und den ſiebenfarbigen Bogen aufſteigen ließ zum heiligen Zeichen des wiederkehrenden Frie⸗ dens.. Dort in der Kirche des heiligen Heinrich beſtieg ein Franziskaner der ſtrengen Regel die Kanzel, und hielt in deutſcher Sprache eine herrliche Dankes⸗ predigt über die ſchönen Worte der heiligen Schrift: „Wenn Du erzürnt biſt, o Herr, wirſt Du die Barm⸗ herzigkeit nicht vergeſſen!“ Im Tein erſchallten vor dem ausgeſtellten Al⸗ tars⸗Sakramente die mächtigen Klänge des ambro⸗ ſianiſchen Lobgeſanges; Prieſter Florius feierte das Hochamt, und der Jeſuit Oppelins hielt eine böhmi⸗ ſche Predigt, dann fand das kirchliche Todtenopfer für die in dieſer Belagerung Gefallenen ſtatt. Dort lag auch Plachh zwiſchen ſeinen jungen Mitſtreitern auf den Knieen. Am 11. November, als dem Feſte des heiligen Martins, zog eine große Schaar Andächtiger in einer Prozeſſion von der Teinkirche, wo ſie das Abend⸗ mahl empfangen hatten, nach dem Benediktinerkloſter St. Emaus in der Neuſtadt. So war es nach damaligem ſchönen Gebrauche zuerſt das Haus Gottes, in welchem man ſeine 1857. X. Der Jeſuit. II. 14 210 Freudengeſänge über das große Friedenswerk an⸗ ſtimmte, deſſen Ausführung wohl fünf Jahre langer Unterhandlungen bedurfte, bis der große Friedens⸗ ſchluß am 24. Oktober dieſes merkwürdigen Jahres 1648 durch die Unterſchriften der Bevollmächtigten erfolgte. Bereits waren Boten an die Heerführer aller Lager dieſes großen Völkerſtreites geflogen, um die große Kunde zu überbringen, und Waffenruhe zu gebieten.— Die Schweden blieben noch einige Zeit auf der Kleinſeite ſtehen, aber ein ganz anderes Bild bot ſich jetzt dar. Schwede und Prager ſchienen jetzt Brüder geworden, und heitere Muſiktöne erſchallten auf der Moldau, indem ſich beide beſuchten und ge⸗ genſeitig bewirtheten. Raſch hatte man auch die von den feindlichen Geſchützen hart mitgenommene Sankt Salvatorkirche wieder gereinigt und hergeſtellt, und ſelbſt die Lehrſäle des Jeſuitenkollegiums füllten ſich bald, indem bereits die Studenten der untern Klaſſen bis zur Syntaris wieder zu ihren Pulten eilten.— Aber noch ſtanden die ſämmtlichen Stu⸗ denten der höheren Schulen unter den Waffen. Schon am Vortage des obgenannten Martins⸗ feſtes erſchien Conti in den Reihen der Studenten, und erklärte nach einer lebhaften Beifallsäußerung 211 über ihre tapfere Haltung, im Namen des Kaiſers, „daß, da alle Gefahr für die Stadt nunmehr vor⸗ über ſei, das Freikorps der Studenten, ſowie die übrigen Bürgerkompagnien, nunmehr auseinanderzu⸗ treten hätten.— Doch ſollte die Niederlegung ihrer Waffen eine feierliche werden.“ Der Donner der Kanonen war ſomit verhallt, die Sturmglocken ſchwiegen, der Bürger dachte wieder an ſein Geſchäft, der Soldat hatte fortan allein das Wächteramt zu übernehmen. Nähr⸗, Wehr⸗ und Lehr⸗ ſtand traten in ihre natürlichen Geleiſe zurück; der Friede trocknete mit ſeinem Palmzweige allmälig das Blut und die Thränen, welche der Krieg vergießen gemacht hatte. Nach gethaner Arbeit iſt gut ruhen. Mit Lorbeern auf dem Haupte, zogen die jungen Muſenſöhne jetzt auf geſchmückten Kähnen mit Muſik⸗ ſchall ins ſchwediſche Lager, und die Schweden kamen wieder herübergeſchwommen, und zollten, waren ſie gleich als Feinde gegenüber geſtanden, der Tapferkeit der Prager alle Anerkennung. Ungebundene Freude durchſchallte jetzt die drei Städte Prags, und jeder eilte nach ſeiner Weiſe im wiederkehrenden Strahle des Friedens ſich zu ſonnen. Wahrhaft rührend und freudenreich n aher 14 242 jene Stunden, in denen jetzt wiederholt jene Gefan⸗ genen über die prager Brücke in die Altſtadt zurück⸗ kehrten, welche gegen die von den Belagerten bei verſchiedenen Ausfällen gefangenen Schweden aus⸗ gewechſelt, oder infolge des geſchloſſenen Friedens ohne Löſegeld entlaſſen wurden. Da gab es ſüße Thränen der Freude und des Wiederſehens, da perlte der böhmiſche Rebenſaft in den Gläſern, und mancher Todtgeglaubte erſchien aus der ſchwediſchen Gefangenſchaft unerwartet im Kreiſe ſeiner Lieben. Die Gaſthöfe der Stadt waren jetzt ſtündlich gefüllt von luſtigen Zechern, denn man wollte ja nachholen im luſtigen Gelage, was ſeit Monden verſäumt war. Aber edlere Seelen lagen mit feuch⸗ ten Augen vor den Stufen der Altäre, und weinten dem Allbarmherzigen ihren Dank für die Rettung aus der Kriegsgefahr, und daß er die Häupter ihrer Lieben erhielt im drohenden Kampfe um Leben und Tod. Dort— im Kollegium der Jeſuiten neben der Salvatorkirche, lag auch ein Edler auf den Knicen— einer der edelſten, den die böhmiſche Erde trug: Georg Plachh, der Vater und Anführer der Studenten. Er weinte dem Allbarmherzigen ſeinen Dank für die gnädige Führung in dieſer „ 213 Zeit der Gefahr, und vor allem ſeines Gelübdes zu gedenken, das Bildniß der Mutter des Heilan⸗ des auf öffentlichem Platze aufzurichten*)— das er dem Herrn für dieſe glückliche Rettung ge⸗ macht hatte— aber jetzt lauſchte er mit zurückge⸗ haltenem Athem den Tritten, die auf ſeiner Treppe vernehmbar waren. Die Thüre flog auf, und herein⸗ ſtürzte Johannes Proskowskh, der von ſeinem Waf⸗ fenbruder Chriſtophorus Wunſch aufgeſucht, ſveben die ſchwediſche Gefangenſchaft verlaſſen hatte, durch ihn von der Abreiſe der Frau Polixena von Lobko⸗ wic und ihrer Nichten nach Budweis unterrichtet worden war, und nun kaum den Boden der Altſtadt betretend, zu den Füßen Plachh's eilte, der ſich nun von ihm berichten ließ, wie ihn Graf Königsmark in⸗ folge des geſchloſſenen Friedens, nebſt andern ge⸗ fangenen Pragern freigegeben hatte. Es war ein herrlicher Angenblick des Wiederſehens, ein Augen⸗ blick voll Licht und Klarheit, voll Freude und Him⸗ melsluſt. Der freundliche Sonnenſtrahl beleuchtete die ſchöne Gruppe. Plachh, der edle kraftvolle Mann der Tugend und Wiſſenſchaft, ſtand, ſein großes Auge be⸗ 8 Schifner i daß dieß die auf altſtädter Ringe ſtehende Marienſäule ſei. 214 geiſtert zum Himmel hebend, zwiſchen ſeinem Johannes und ſeinem Petrus, wie er Chriſtophorus nannte, und aus ſeinem Auge perlte eine große Thräne der Freude, der reinſten Freude des Wiederſehens, eine Thräne des heißen Dankes, den er nun mit ſeinen jungen Freunden zugleich dem Herrn der Heerſcharen dar⸗ brachte. So mochte der Weltheiland auf dem Berge Tabor in der Mitte ſeiner Jünger geſtanden ſein, als er vor ihnen mit himmliſchem Glanze verklärt wurde, und ſein Jünger rief:„O Herr, hier iſt es gut ſein, hier wollen wir drei Hütten bauen.“ Aber jetzt ſenkte der Profeſſor ſein Auge, und wehmuthsvoll blickte er auf Proskowskh. „O wie bleich und leidend iſt Dein Antlitz ge⸗ worden, mein junger Freund,“ ſagte er traurig,— „was mußt Du doch in Deiner Gefangenſchaft gelit⸗ ten haben, armer Johannes!“ „Die Leiden des Körpers,“ erwiederte Proskowskh, „waren nichts gegen die Leiden meiner Seele, die mich auch jetzt noch zu Boden drücken. Fern von allen, die ich liebe, fortwährend von dem Gedanken gequält, daß ich nicht blos ein Gefangener im ſchwe⸗ diſchen Lager, ſondern ein Leibeigener ſei, der in jedem Augenblick auf die polniſchen Felder abgeführt 5 215 werden konnte, und auf dem der Fluch der Geburt haftet— litt ich unbeſchreiblich, ich geſtehe es, der mir ſo nahe geſtandene Tod erſchien mir minder furchtbar, wenn ich bedachte, daß mein ferneres Leben doch kein freies ſein würde, und darum kann ich mich auch jetzt noch meines Lebens nicht recht freuen.... denn nie ſoll ich ihr— Marien von Pernſtein ent⸗ gegentreten als ein von Geburt Geächteter, ihr, der Täter des hochadeligen Hauſes!“— „Der Allbarmherzige, der uns bis zu dieſem Augenblicke führte,“ tröſtete Plachh,„wird uns auch ferner führen, und ſchon iſt die Gnadenpforte offen, aus welcher nach Stürmen die Gaben ſeiner Liebe kommen werden. O Johannes, vertraue ihm; wenn er will, werden die Töne ſeiner heiligen Glocken noch heute den Engel herabrufen, der Dir auch dieſe letzte Thräne des Kummers und ſtillen Herzleides vom Ange küßt“ In dieſem Augenblicke ertönten die Glocken der Stt. Salvatorkirche; freudige Rufe ſchallten zu Plachy's Wohnung hinauf, die Thüre flog wieder auf, und Johannes Kauffer, Karolus Schöbl, und Nikolaus Faber, der Fahnenträger der Univerſität, traten herein. Faber trug die von Kugeln durch⸗ 216 löcherte Fahne, und ſenkte ſie zum Ehrengruße vor Plachh, dem tapfern Führer der Studentenſchaar. „Am Tummelplatze,“ berichtete er,„ſei die ſämmt⸗ liche Studentenſchaft verſammelt, um, dem Befehle des Kaiſers gemäß, im feierlichen Marſche das Karoli⸗ num zu beziehen, und feierlich, wie ſie ihre Waffen empfangen hatten, dieſelben in die Hände des kai⸗ ſerlichen Bevollmächtigten zurückzulegen“. Und Plachh erhob ſich begeiſtert, und drückte zum letztenmale ſeinen Helm mit dem wallenden Federbuſche auf das ſchöne Haupt, umgürtete noch einmal ſeinen Degen, und ſtieg mit den Studenten hinab, um ſich noch zum letztenmale an die Spitze der ihn mit freudigem Zurufe begrüßenden Schaar zu ſtellen, und ſie zuerſt zum Tempel des Herrn vor die Salvatorkirche, dann weiter in die Altſtadt, dem Karolinum entgegenzuführen. Vor der Salvatorkirche ließen ſie ihre Waffen aneinanderklingen, in der Altſtadt fenerten ſie mehrere Freuden⸗ und Feſtſchüſſe ab, und marſchirten endlich in geſchloſſenen Gliedern mit ihrer hochflatternden Univerfitätsfahne, welcher ſie in dieſem Kampfe die Ehrentaufe gegeben hatten, dem Karolinum entgegen.*) Durchgängig hiſtoriſch. 247 Dort traten ihnen als kaiſerliche Bevollmäch⸗ tigte die Herren: Conti, Wilhelm Albert Graf von Kolowrat, und Blumenthal entgegen. Die Univerſitätsfahne ſenkte ſich, und Plachh, der Meiſter in der Tapferkeit und Wiſſenſchaft, trat vom Glanze der Ehre umſtrahlt, ſeinen Studenten voran in den großen Univerſitätsſaal. Dort erhob ſich Conti im Namen des Kaiſers. Kraftvoll und erhebend war jetzt ſeine Anſprache an die Studenten. Er rühmte ihren während der Bela⸗ gerung bewieſenen Muth, ihre Beharrlichkeit, und die Dienſte, welche ſie dem Vaterlande geleiſtet hatten; er dankte ihnen in den wärmſten Ausdrücken im Na⸗ men des Monarchen, und verſicherte, daß Seine Ma⸗ jeſtät der Kaiſer, ihre Treue und Anhänglichkeit an den Thron, und ihre Thaten für das Vaterland in ausgezeichneter Weiſe belohnen würden!— Auch Kolowrat und Blumenthal dankten den Studenten im Namen des Kaiſers. Jetzt ſenkte Nikolaus Faber, der Fahnenträger der Studenten, noch einmal das herrliche Palladium; dieſe Hauptfahne der Univerſität, und die übrigen Fahnen des Studentenkorps wurden zum ewigen ehrenvollen Andenken in der Univerſitätshalle nie⸗ dergelegt.. 218 Vorher aber wurde ein Schreiben des Kaiſers verleſen, deſſen Inhalt alle Herzen mit Freude und Stolz erfüllte: „Anſehnliche, Edle, Ehrwürdige, Gelehrte und inſonderheit Getreue, und Uns Werthe!“ lautete die⸗ ſes an alle Vertheidiger Prags gerichtete Schreiben. „Nachdem mit Gottes Hilfe, und durch die tapfere Handhabung eurer Waffen Unſere Alt⸗ und Neuſtadt Prag, die bis gegenwärtig fortgeſetzte harte und ſchwere Belagerung ohne weiterer Gefahr glücklich überſtanden haben, und der Feind, die tapfere Gegen⸗ wehr der Vertheidiger erkennend, mit Schaden und bekanntem Verluſte entweichen mußte; ſo erachten Wir es der Sachlage angemeſſen, euch von der Be⸗ ruhigung, welche Wir hieraus ſchöpfen, in Kenntniß zu ſetzen, und deren theilhaft zu machen, und euch zu verſichern, daß Wir euren hiebei erworbenen Kriegs⸗ ruhm und eure für das öffentliche Wohl ſo erſprieß⸗ lichen Dienſte Uns anempfohlen ſein laſſen, und zur gelegenen Zeit auch mit Unſerer kaiſerlichen und kö⸗ niglichen Gnade würdig belohnen wollen; ſowie Wir euch' inzwiſchen in Gnaden gewogen verbleiben!“ Faſt nicht endender Jubel folgte der Ableſung dieſes kaiſerlichen Schreibens. Aber auch andere kaiſerliche Gnadenſchreiben 249 waren inzwiſchen eingetroffen. Rektor Duboiſſon hatte ein ehrenvolles kaiſerliches Schreiben folgenden In⸗ haltes empfangen: „Ehrwürdiger Andächtiger! Treuer! Uns inſon⸗ derheit Werther! „Nachdem Uns die gottlob durch den beſten und glücklichſten Erfolg bewährte ausgezeichnete Hingebung für das Vaterland, und der glühende Eifer für das gemeinſame Gut der Religion, welche die Geſell⸗ ſchaft Jeſu in Prag für die äußerſte Vertheidigung der prager Städte nachahmungswürdig und folge⸗ reich an den Tag legte, nunmehr täglich mehr ange⸗ rühmtwerden, und da unter den übrigen Vertheidigern der Stadt P. Georg Plachh bei Aufmunterung und Bewaffnung der prager Studenten eine ausgezeich⸗ nete Geiſtesſtärke an den Tag gelegt, und ſehr er⸗ folgreiche Dienſte geleiſtet hat, ſo haben Wir auch ſein Verdienſt anerkennungswürdig befunden, und thun euch hiemit kund und zu wiſſen, daß dieſe be⸗ währte Thätigkeit der Geſellſchaft Jeſu zur Förderung der öffentlichen Wohlfahrt, und die ſtrenge Pflichter⸗ füllung des b. Plachh Uns nicht nur allein zum wah⸗ ren Troſte gereichten, ſondern ſo angenehm und will⸗ kommen waren, daß Wir dieſelben bei nächſter Gele⸗ genheit zu Nutz und Frommen des ganzen Ordens, 220 mit Unſerer vollen kaiſerlichen und königlichen Frei⸗ gebigkeit zu belohnen eingedenk und in Gnaden ge⸗ neigt ſein werden; im Uebrigen verſichern Wir euch Unſerer kaiſerlichen und königlichen Gnade.“ Ein faſt gleichlautendes eigenhändiges vom 16. Dezember datirtes Schreiben des Kaiſers empfing ſpäter der Jeſuiten⸗General Carafa, worin der Mon⸗ arch noch umſtändlicher ſein Wohlgefallen über die tapfere Vertheidigung ausſprach, durch welche, wie er ſich ausdrückte, die durch achtzehn Wochen eng und hart umlagerte Alt⸗ und Neuſtadt Prags endlich der Gefahr entgangen ſeien, durch welche heldenmüthige Vertheidigung ſich bei Ihm ſowohl die Geſellſchaft Jeſu, als vorzüglich P. Plachh, ſein„Getreuer und Lieber Sohn, der Dr. der heiligen Theologie, der als Führer und Leiter der bewaffneten akademiſchen Jugend unerſchrocken voranging,*) empfohlen habe. Mit dieſer Empfehlung vermeinte der Kaiſer eine Schrift, welche Graf Kolloredo, ſeine Oberſten und Stabsoffiziere, zweiunddreißig an der Zahl, un⸗ ter Beidrückung ihrer Siegel dem Monarchen über⸗ reicht hatten, und worin ſie der akademiſchen Schaar, *) P. Plach) fidelis et dilectus sibi, qui Dux et Comes armatae juventuti studiosae intrepidus praefuerit 221 namentlich aber ihrem Führer alles Lob zuerkann⸗ ten, indem er der erſte geweſen ſei, der beim Ein⸗ bruche der Schweden der Bürgerſchaft das Zeichen zum Kampfe gab, und durch ſein, und ſeiner Stu⸗ denten Beiſpiel alle andern zu ſo großer Tapferkeit begeiſterte. In allen andern kaiſerlichen Schreiben, die der Monarch an die verſchiedenen Vorſtände der öffentlichen Stellen nach dieſer Belagerung erließ, und in denen er der Tapferkeit der Studenten gedachte, erwähnte er ſtets ehrenvoll und mit beſonderer Be⸗ friedigung der Verdienſte Plachh's. Alſo trat an dieſem Tage die tapfere Schaar der Studenten vom Waffen⸗ zum Muſendienſte zurück. Für die Gefallenen dieſes Korps fand ein be⸗ ſonderer Trauergottesdienſt ſtatt. Aber ertönten am Morgen die Trauerklänge des Gottesdienſtes für die geſchiedenen Kämpfer, ſo erſchallten am Nachmittage im Baumgarten bei Prag, einem großen damals noch als Thiergarten benützten Parke*) die freundlichen Klänge der Muſik, und der *) Begrenzt von den Dörfern Bubenk und Holesowic; in der Kirche des erſteren ſoll Ptemysl Ottokar mit ſeiner zweiten Gemahlin Kunigunde durch den Biſchof Werner von Mainz gekrönt worden ſein. freudige Sang der tauſend Frohen, welche dort das erſte große Feſt des Friedens feierten. Mitten unter ihren jungen Freunden ſaßen Rek⸗ tor Duboiſſon und Plachh an der großen Feſttafel, welche auch Graf Kolowrat und die hohen Offiziere und Stadthauptleute Prags mit vielen vornehmen Gäſten zierten. Ihnen gegenüber leerte der Graf Königsmark mit ſeinen ſchwediſchen Offizieren die Becher. Die Becher klirrten, die Fidel und Pfeifen er⸗ klangen, und eine freudige Stimmung beſeelte die Verſammlung; die Böhmen brachten zu wiederholten Malen die Geſundheit ihres Monarchen, und die Schweden die ihrer Königin aus. Aber Plachh's Auge ſuchte ſeinen jungen Freund Proskowskh, den er im heitern Kreiſe vermißte„Wo iſt Johannes,“ fragte er bekümmert den an ſeiner Seite ſitzenden Chriſtophorus. „Ich ſah ihn ſeit unſerer letzten Zuſammenkunft im Klementinum nicht wieder,“ entgegnete Chriſtopho⸗ rus,„und ich glaube, daß er wahrſcheinlich nach Bud⸗ weis abgegangen ſein wird, wohin ihn die Sehnſucht nach Marien von Pernſtein zog“— „Mit nichten,“ fiel hier Julius Röttel, der Schle⸗ ſier, ein.„Johannes weilt in Prag, ich ſah ihn 223 heute noch in der Kirche am Zdaraz; als ich ihn fragte, ob er bei unſerm Friedensfeſte nicht erſcheinen würde, entgegnete mir der Arme: eein Leibeigener tauge nicht in die Reihen freigeborner Krieger!“... „Armer, armer Johannes!“ klagte Plachh— ,wer doch dieß Leid von ihm nehmen könnte, von ihm, der ſo tapfer und herrlich geſtritten im Studenten⸗ korps— armer Johannes!“— Der Profeſſor ſaß jetzt ſinnend und nachdenkend und ſtützte ſein edles Haupt auf die Hand. Da trat Kopy, der Liebling des ſchwediſchen Grafen Königsmark, an ihn heran.—„Ei, ſagt mir doch, Herr Profeſſor,“ bat er,„hattet Ihr auch einen Jo⸗ hannes in dem Korps Eurer Studenten?“ „Ei freilich,“ entgegnete Plachh, ſein Haupt erhebend,„Johannes Proskowskh, einen der Ta⸗ pferſten der Tapfern, unſeren jungen muthigen Lizenti⸗ aten der Rechte“— Drüben am andern Tiſche begannen jetzt die luſtigen Zecher verſchiedene Geſundheiten auszubringen, und ließen ſich wechſelſeitig leben. „Auch den Todten eine Erinnerung,“ rief jetzt Plachh hinüber. „Den Manen unſeres Thomas!“ riefen die Studenten, ihre Gläſer ſchwenkend. In dieſem Augenblicke trat ein anderer ſchwe⸗ 224 diſcher Reiteroffizier mit ſeinem Becher zu Chriſtv⸗ phorus Wunſch heran.„S gilt Eurem Wohle, Thomas!“ rief er, und leerte den Becher auf einen Zug „Ich heiße nicht Thomas,“ entgegnete Wunſch, „ſondern Chriſtophorus; indeß will ich Euch ſchon Beſcheid thun.“ Und er trank gleichfalls ſeinen Becher bis auf die Neige. Aber ſchon nahte ein anderer, vom böhmi⸗ ſchen Bier ſchon ziemlich begeiſterter Schwede dem Platze, wo Salomon Urſing, der Böhme, ſaß.— „Thut mir Beſcheid, Freund Thomas!“ rief er, ſeinen Becher ſchwingend. „Mein Name iſt Salomon Urſing,“ entgegnete der Böhme;„indeß erwiedere ich gerne den Zutrunk;“ und er ſetzte ſeinen Becher an den Mund, und that dem Schweden Beſcheid. Aber jetzt wurde auch Ernſt Keller, dem Schleſier, von einem baumlangen ſchwediſchen Mus⸗ ketier das Glas mit den Worten geboten:„Dein Wohl, Bruder Thomas!“ Und dort erklang ein„Bruder Thomas, und hier klang ein Bruder Thomas, und die Brüder „Thomaſſe“ wurden mit wiederholten Toaſten von den wein⸗ und bierbegeiſterten Schweden begrüßt.. 225 Die Studenten ſahen einander lachend an— und „ich heiße nicht Thomas“ ſchallte es hier und dort, und meinten zuletzt, die Schweden hänſelten ſie, oder ſeien ſammt und ſonders überſchnappt vom kopfſteigen⸗ den Geiſte des böhmiſchen Gerſtenſaftes. Und Daniel Otowec, der Böhme, nahm jetzt das Wort.„Wir hatten nur einen tüchtigen und kriegserfahrnen Thomas unter uns,“ ſagte er,„den wackern Thomas Luba, den Eure Kugeln, Ihr Herren aus Schweden, nach dem letzten Ausfalle am dreißig⸗ ſten Oktober in den Sand knallten, und deſſen Ma⸗ nen wir vor einer Weile die Libation darbrachten. Der liegt aber nun tief verſcharrt, und harrt ſeiner glorreichen Auferſtehung entgegen— was ſicht Euch alſo an, Ihr nordiſchen Schneehähne, uns alle mit dem Namen„Thomas“ zu begrüßen?— oder wollt Ihr uns hänſeln nach nordiſchem Brauche Eurer Heimath?— Blitz und Donner! da kann es auch nach dem Friedensfeſte noch ein Klingenſpiel in unſeren kechiſchen Gärten geben!“... Aber Kopy, der Schwede, blickte ganz ernſt dar⸗ ein.„Laßt Euer Eiſen ſtecken,“ ſagte er ruhig,„keiner von uns denkt daran, Euch zu hänſeln; wir Schwe⸗ den wiſſen uns das ſelbſt nicht zu erklären, warum Ihr alle auf den Namen Thomas⸗ getauft ſeid, aber 1857. X. Der Jeſuit. II. 15 226 es muß doch ſo ſein, denn in allen Handgemengen, wo wir Euch begegneten, hörten wir Euch gegenſeitig nicht anders benennen und rufen als„Thomas!“ ſo⸗ bald einer von Euch einen der unſrigen zu Boden ſchlug.“ Da brachen die Studenten in ein wahrhaft brüllendes Gelächter aus, und ſelbſt auf Plachs's und Graf Kolloredo's Munde trat ein leiſes Lächeln. „Beim Barte Piemysl's!“ rief Nikolaus Faber, der Fahnenträger der Studentenſchaft.„Das iſt doch ein wahrhaft köſtliches Wortſpiel,— ei freilich, hörtet Ihr ſo etwas, Ihr Herren aus Norden, das beiläufig wie„Thomas“ klang, wenn einer der unſrigen einem der Eurigen den Schädel bläute; dieſer Ruf hieß aber dann nicht„Thomas“, ſondern JTu mäs!“ was im böhmiſchen ſoviel heißt, als:„da haſt Du! da haſt Du Deinen Reſt“ Das war ein Loſungswort, deſſen wir uns bedienten, wenn wir einen Schweden niederſchlugen.— Alſo war es verſtanden, Ihr Herren, und nicht anders!“*) Jetzt ſtimmten die Schweden in das Gelächter der Studenten mit ein, und allgemeine Heiterkeit lagerte ſich auf allen Geſichtern. Das Feſt begann *) hiſtoriſch. 227 den höchſten Grad der Luſt und Freude zu erreichen, und wie in einem Bienenſchwarm ſauſte und brauſte es um Plachh herum; nur er allein ſaß ſtill und in ſich gekehrt, und in ſeinem großen Auge zitterte eine Perle.— Der Edle dachte ſelbſt mitten im Freudenklange ſeiner Umgebung an das Leid, welches die Bruſt ſeines von dieſer Feſtlichkeit ferngebliebenen Johannes, des Leibeigenen“, erfüllte... Aber jetzt hatte man die Feſttafeln zur eigentlichen Friedenstafel im Land⸗ hauſe des Baumgartens ſelbſt zurechtgerichtet— lange, hufeiſenförmige Tiſche, auf denen große Blu⸗ menſträuße, wie ſie eben die vorgerückte Jahreszeit noch bot, und das aus den rauchigen Verſatzhallen ver⸗ ſchiedener Hebräer aus der Judenſtadt entlehnte Sil⸗ ber prangten, mit dem die Böhmen den Schweden die Augen auswiſchen wollten, daß Prag, obgleich die nordiſchen Schnapphähne manch' gute Beute be⸗ reits auf der Elbe nach Hamburg und weiter nach Stockholm verfrachtet hatten, noch immer anderes Silber in ſich berge, und daß die alte Bohemia nur in die Gold⸗ und Silbergruben zu Pribram, Kutten⸗ berg und Jvachimsthal zu greifen brauche, um vom rührigen Bergmännlein ein Schock blanker Silberthaler, und ein paar dutzend Goldkäfer zu entlehnen.— 15 228 Auch die böhmiſchen Köchinnen, ſchon damals von großer Berühmtheit, wollten den Schweden zei⸗ gen, wasmaßen die böhmiſche Kochkunſt der ſchwe⸗ diſchen ebenſowenig nachgebe, als die alt⸗ und neuſtädter Stadtvertheidiger dem ſchwediſchen Bela⸗ gerungsgeſchütze nicht gewichen waren. Sie hatten den Kopf eines rieſigen Wildſchweines auf großer Silberſchüſſel auf den Tiſch gepflanzt, und ihn als Sinnbild des Friedensfeſtes und der Tapferkeit Prags mit Lorbeerblättern bekränzt; da⸗ neben ſtand eine verdeckte Schüſſel mit einem ab⸗ ſonderlich ſchmackhaften Gerichte, einem wahrhaft fet⸗ ten Biſſen, den die böhmiſchen Kochkünſtlerinnen insbeſondere für den ſchwediſchen Marſchall Königs⸗ mark bereitet hatten. Es war ein Gericht aus dem Marke eines Ebers der Hochforſte des Rieſengebirges bereitet, und da der Eber der König jener Wälder war, ſo meinten die ſinnreichen Köchinnen Cechiens, daß ſein Mark ein wahres Königsmark ſei, daher auch dem ſchwediſchen Marſchall Königsmark als Leib⸗ gericht trefflich munden müſſe. Und der ſchwediſche Marſchall lachte herzlich ob dem ſinnreichen Küchenwitze, als er nun mit Kolloredo, dem Primator Turek von Sturmfeld, Herrn von Lozinthal, den Stadthauptleuten Prags 29 und andern hohen Würdenträgern der prager Städte zu Tiſche trat, wo nach feierlichem Trompetentuſche die Tafel eröffnet, und gleich im erſten Gange der feurige Melniker das Hauptgeſchäft übernahm, die Herzen und Nieren noch mehr zu erweitern. Böhmiſche Goldfaſanen, und das ſchmackhafte Repp⸗ huhn, ſo wie das Nationalgericht Böhmens, die zierlich gefalteten Kolatſchen“, eine Art Mehlſpeiſe, mundeten den ſchwediſchen Gäſten gar trefflich, die jetzt ſtatt mit der Waffe auf die Prager, mit Gabel und Meſſer in die Leibgerichte der Böhmen einſtachen und einhauten, und manche Flaſchen⸗-Batterie atta⸗ quirten, bis der Geiſt des Weines ſeine Macht übte, und allgemeine Begeiſterung die Tafel belebte. Die überſtandene Belagerung und die Großthaten der⸗ ſelben, und andere Großthaten der Schweden und Böhmen in dieſem Kriege, waren nun der Gegen⸗ ſtand der Tiſchunterhaltung; und brachten da die Söhne des Nordens manche Mähre ihrer wahren und erlogenen Heldenthaten und Kraftäußerungen zu Markte, ſo waren auch die anweſenden Studenten nicht müßig, ihnen ſo manche abgelegte Probe ihrer Kraft, Stärke und Tapferkeit zum Beſten zu geben. Dieſe markigen Söhne des alten Böhmens, ſtark, wie die Stämme der böhmiſchen Linden auf den 230 Geſilden Cechiens, ſtreckten jetzt ihre ſehnigen Arme vor ſich hin:„Mit dieſem Arm,“ rief Nikolaus Faber, der baumlange Fahnenträger der Studenten, „mit dieſem Arme habe ich einen ſchwediſchen Reiter ſammt ſeinem Roſſe bei dem letzten Ausfalle von der Brücke in die Moldau geſtürzt, und mir fünf andere vom Leibe gehalten.“ „Bei Waſa's Manen!“ ſchrie Graf Königsmark; „Ihr Cechen verſteht aufzuſchneiden;— einen ſchwe⸗ diſchen Reiter ſammt Roß mit einem Arme über das hohe ſteinerne Brückengeländer reißen, wißt Ihr, was das ſagen will!“ „Zweifelt Ihr daran?“ rief Kauffer, der Haupt⸗ mann des Studentenkorps.„Ei, da hättet Ihr ſehen ſollen, wie die achtzehn Helden Eures Nordens einer um den andern niederknickten, die unſer baumlanger, und baumſtarker Chriſtophorus da, wie männiglich bekannt, als ein zweiter Horatius Cocles auf der Moldaubrücke hinſtreckte.“ „Da muß er das feurige Schwert Skt. Michaels geführt haben,“ rief Königsmark lachend. „Das nicht,“ entgegnete Kauffer,„aber das alte Schwert Bruncwik's, das lange im Sande unſerer vaterländiſchen Moldan auf dieſen Schweden⸗ ſtrauß wartete, nicht wühr, Chriſtophorus?“ 231 Chriſtophorus Wunſch nickte lächelnd mit dem Kopfe, und gab jetzt die Mähre vom Schwerte Bruncwik's kund, welches er einſt in die Moldau ge⸗ ſchleudert haben ſoll.*) „Den tapfern Chriſtophorum, der ſeinem gewalti⸗ gen Namenspatron alle Ehre macht, muß ich be⸗ *) Ueber dieſe merkwürdige Sage erzählt Redel:„Es be⸗ findet ſich eine ſehr alte Statue an der prager Brücke, auf einem Pfeiler und Schwibbogen derſelben, und raget alſo gleichſam aus der Mulda herauf an die Brücke, nämlich zur rechten Seiten, wenn man von der rechten Seiten zur alten Stadt gehet, unfern des Ufers der kleinen Seiten.— Dieſe Säule iſt ſteinern, viereckigt und ſehr alt; an derſelben ſtehet in jedem Quartier ein Ritter mit ſeinem Schilde, auf derſelben aber eine Sta⸗ tua, deren Leibesobertheil die Schweden, als ſie anno 1648 die alte Stadt belagerten, abgeſchoſſen; doch ſtehet der Untertheil des Leibes noch, und hält das Wap⸗ pen der alten Stadt Prag, welches im Schilde einen Stadtthurm mit drei Spitzen und einem Thor in ſolchem; auf dem Helme aber, welchen zwei gekrönte Leuen halten, die böhmiſche Krone führet, über dem Helme iſt wieder eine Krone. Hinter der Statue ſitzet ein Leue, welcher ſeinen Raub verzehrt.— Ich habe viel gefraget, was dieſe für eine Statua ſei. Alle melden, es ſei die Sta⸗ tua Bruncwiks und legen Einige ſolche aus dieſer Brunewik ſei ein böhmiſcher Herr, und ſehr kriegeriſch geweſen, habe aber Böhmen eine Zeitlang meiden, und 232 ſingen,“ rief jetzt auflachend Johannes Klee, der Hofpoet des Grafen Königsmark, indem er ſeinen Becher ergriff, und mit krummgebogenem Rücken auf Chriſtophorus Wunſch zurannte, und ihm unter die Naſe ſah,„wahrlich, ſo wahr ich ein ſeltener vierblättriger Klee bin, das heißt, vier Buchſtaben in meinem Namen habe, ſo wahr iſt mir ein ſolcher Simſon, der achtzehn Philiſter mit einem Eſelskinn⸗ backen erſchlug, weder in Schweden noch in Deutſch⸗ land zu Geſichte gekommen!— Er ſoll leben!“ Und der kleine Magiſter leerte den Becher auf einen Zug und ein ſchallendes Gelächter der Tafel⸗ runde folgte ſeinem Witze. Aber jetzt nahm Georg Plachh, der bisher gleichſam in der Irre außer Landes herumſtreifen müſſen, und einen Leuen ſtets um ſich wie einen Hund in ſeinem Herumziehen gehabt, auch ein ſonderliches Schwert, welches, wenn er geſagt: haue drein! und ſolches nur ausgeſtreckt, ſich ſelbſt gereget, und die Feinde alle vor ihm zerhauen und zerſchlagen habe; dieſes habe er allhier in die Mulda geworfen, und laſſe ſich zu Zeiten ſehen, könne aber nicht gefunden noch ergriffen werden, auch ſei eine Prophezeiung von demjenigen, der es bekommen wird.“— Schottky aber meint, dieſe Statue bedeute U anderes, als eine ehemalige Stromgerechtigkeit der Stadt. 233 ruhig und ſchweigend, in Gedanken mit dem Schick⸗ ſale ſeines geliebten Johannes beſchäftiget, dage⸗ ſeſſen war, das Wort:„Mit Gunſt, Ihr Herren,“ ſagte er,„meine Studenten ſind ein⸗ und aus⸗ wendig echt und durchſichtig; das heißt, ſie lügen nicht, und prahlen nicht wie die Franzmänner und Gascognier, wenn ſie nach Deutſchland kommen. Sind ihre Arme ſtark, ſo ſind ihre Zungen wahr, denn Ernſt und Wahrheit iſt es, was ſie von uns in den Schulen lernen; darum und weil ich, ſſo⸗ wie ſie mit Kraft und Muth als treue und wahre Söhne des Vaterlandes unſere herrliche Königsſtadt vertheidiget haben, und meinem Rufe unerſchrocken auf die Wälle der Stadt gefolgt, und den feind⸗ lichen Partiſanen entgegengerückt ſind: ſo ziemt es mir auch jetzt, ihre Ehre zu vertheidigen, da ſie als Lügner und Prahlhanſe geſcholten werden; und ſo ſage ich Euch denn, und verſichere Euch, Ihr Herren: die reine ungeſchminkte Wahrheit iſt es, was Ihr von den Thaten des Muthes und der Kraft meiner wackern Studenten da ſpeben vernahmt. Auf, Chri⸗ ſtophore!“ ſetzte er dann hinzu,„auf, und beweiſe dem Herrn Marſchall da, mit ſeiner Permiſſion, was ungeſchwächte nervige Ingendkraft vermag!“.. Und Chriſtophorus Wunſch ſprang von ſeinem 234 Sitze auf, und trat auf Königsmark zu, ergriff mit ſeiner rechten Hand den Seſſel mit dem darauf ſiz⸗ zenden Marſchall, und ſetzte dieſen ohne aller An⸗ ſtrengung auf den Tiſch. Lautloſes Staunen der Tafelrunde folgte dieſem Akte ſeltener Kraft. Plachh winkte jetzt, und Chriſtophorus Wunſch ergriff jetzt den Seſſel mit der andern Hand, und ſetzte ihn ſammt dem Marſchall wieder auf die Erde.*) Jetzt brach ein wahrer Sturm des Beifalles und der Verwunderung los, der die Decke des Saa⸗ les erſchütterte, als ob eine ſeiſprüſtgtue Granate darin geplatzt wäre.— „Ja, mit ſolchen Kraftmännern,“ rief Graf Königsmark begeiſtert,„mit ſolchen rieſenhaften Fech⸗ tern aus der Zeit der römiſchen Arena konntet Ihr freilich die Stadt gegen eine ſchwediſche Armee halten, und Eure Thürme vertheidigen, die überdieß mit Pulver und Munition bis an den Rand verſehen waren.“ „Mit Pulver und Munition?!“ rief Plachh. „Ei, Herr Graf, ba habt Ihr den größten Fehlſchuß *) Dieſe Thatſache erzählt Schiffner in ſeiner Gallerie der merkwürdigſten Perſonen Böhmens. 235 gethan, der jemals in Eurem Leben aus Eurem Jagdrohre geflogen ſein mag.“ „Nun,“ rief Graf Königsmark,„habt Ihr uns denn nicht täglich einige Schock Bleipillen aus Euren Mörſern und Drehbaſſen und Musketen zu ver⸗ ſchlucken gegeben, und hat nicht ſelbſt einer Eurer Leute, Herr Pater, dem Trompeter, durch den Euch der Pfalzgraf zum letztenmale zur Uebergabe auffor⸗ dern ließ, den Trumpf auf den Weg mitgegeben: daß Ihr, ehe Ihr Euch ergibt, noch die achtzig Tonnen Pulver verſchießen müßtet, die noch in den Kellern des Klementinum feuerſicher als Schwedenſpeiſe vor⸗ bereitet lägen?“— „Achtzig Tonnen Pulver in den Kellern des Klementinum?“—— fragte Plachh lachend;„mit Gunſt, Herr Marſchall, der Studioſus, der Eurem Trompeter dieſe Pille auf den Weg mitgab, muß gleichfalls ein Gascognier geweſen ſein, denn ſonſt hätte er felbſt im Scherze nicht ſo arg zu multipliziren verſtanden!“— „Wie,“ rief Graf Königsmark,„alſo nicht achtzig“.. „Sondern nur eine— eine einzige Tonne Pulver hatten wir mehr in ganz Prag,“ entgegnete Plachh lächelnd;„ich ſage Euch, Herr Graf, Ihr 236 könnt mir glauben; die einzige, allerletzte Pulvertonne war's, die wir noch hatten, und mit der wir eben noch bis zu der Stunde ausreichten, als Ihr infolge der eintreffenden Friedensnachrichten Eure Soldateska von der Brücke und unſern Laufgräben zurückzoget.“— Da ſprang der ſchwediſche Marſchall wüthend em⸗ por, drückte mit einer ungeſtümen Handbewegung ſeinen Federhut ins Geſicht, und rannte zum Fenſter des Saales, das er mit ſeinem Kopfe einſtieß, daß die Scheiben auf die Erde hinabklirrten.„Hölle und Donner!“ rief er, vor Ueberraſchung ſchier ſtam⸗ melnd;„Ihr hattet nur eine Tonne Pulver mehr, und wir, denen dieſe Belagerung wenigſtens fünf tauſend gute Schweden koſtete, ſtrichen am Thore der Uebergabe die Segel, wie feige Schulknaben, die da entlaufen, weil ſie hinter der Wand ein Geſpenſt rauſchen hören, das gar nicht exiſtirte— Oh— hätte ich das ahnen können; eine einzige Tonne Pulver hatten dieſe Prager nur mehr in beiden Städten, und Graf Königsmark zog ſeine Mörſer zurück, und demontirte ſelbſt ſeine Batterien!“ Und wüthend rannte er hinaus, und die ſchwe⸗ diſchen Offiziere ihm nach, und hätte nicht der edle Plachh ſeinen Studenten einen Wink der beſcheide⸗ nen Zurückhaltung und Ehrung des Gaſtrechtes ge⸗ 237 geben, ihr ſchallendes Gelächter würde den Mar⸗ ſchall bis zum Saume des Parkes begleitet haben, wo er ſich jetzt, ſeiner Galle Lauf laſſend, auf ſeinen Holſteiner ſchwang, und von den Gäſten der Feſt⸗ tafel mit ſeinen Offizieren der Kleinſeite zujagte, um ſeinen Aerger und ſeine Weinbegeiſterung auf dem Feldbette ſeiner Kommandantenwohnung auszu⸗ ſchlafen.*) Plachh aber ſtand jetzt von der Tafel auf, ihn hielt es nicht mehr, ſein edles Herz pochte vor Sehnſucht, ſeinem armen Johannes entgegenzutreten, der ſo ſchweres Leid trug, während Plachh's Ohr die Freude umſauſte. Mit Plachh erhoben ſich auch die andern vor⸗ nehmen Gäſte der Tafel. Als der Profeſſor jetzt in den Park herabtrat, um den Heimweg einzuſchlagen, ſiehe, da war es in⸗ zwiſchen Abend geworden, und ein Lichtmeer umgab die Gäſte des großen Friedensfeſtes. Tauſend und tauſend Lampen und Fockeln glübten ihnen entgegen, und war der„Schweden⸗ teufel' erſt mit Saus und Braus abgefahren, ſo * Nuch dieſe Szene iſt geſchichtlich, und wird von Schiff⸗ ner in ſeinem erwahnten Werke mitgetheilt. 238 glich jetzt der Park einem himmliſchen Eden, voll Glanz, Licht und Klarheit; denn die Studenten Prags hatten dem geliebten Meiſter, ihrem Führer in der Gefahr, Georg Plachh, eine zarte und freudige Huldigung dargebracht, indem ſie den Park in der Umgebung des Parkhauſes beleuchteten, und mit brennenden Fackeln nun vor dem Gefeierten ſtanden, dem ſie ein donnerndes„Lebehoch!“ entgegenriefen. Hoch oben auf einer ſlaviſchen Rieſenlinde vor dem Parkhauſe prangte ein großes F unter einer leuchtenden Krone, das Namenszeichen des Kaiſers; in der Mitte des Baumes aber in einem Palmen⸗ kranze der Name Plachh, deſſen Buchſtaben die leuch⸗ tenden Farben des Regenbogens trugen. Jetzt ertönte ein ſanftes Lied von jugendkräfti⸗ gen Männerſtimmen geſungen, und ſprach die Liebe und den Dank der edlen Muſenſöhne für ihren Meiſter aus Plachy dankte mit Thränen im Auge den Studenten für ihre Liebe und Begeiſterung, dann trat er, tief gerührt von dieſem Beweiſe der Liebe ſeiner Studentenſchaar, auf jenen bleichen jungen Mann zu, der auch gekommen war, nicht um an den Freuden des Feſtes, wohl aber an den Huldi⸗ gungen der Liebe und des Dankes theilzunehmen, 239 die jetzt von dem Studentenkorps Plachh dargebracht wurden. „Armer Johannes!“ rief Plachh, auf den blei⸗ chen Sänger zuſchreitend.„An Dich dachte ich un⸗ abläſſig; nun laß uns mit Chriſtophorus in die trau⸗ liche Stube meiner Wohnung eilen, und dort beten, mein treuer guter Johannes, zu Gott dem Allbarm⸗ herzigen, der ſicher ein Wunder thun muß, wenn mein heißes Gebet für Dich, Du ſchuldlos Leiden⸗ der, in ſeinem himmliſchen Rathe etwas zählt!“ „Profeſſor Plachh feiert heute ſeinen Palmſonn⸗ tag,“ ſagte Johannes ſchmerzlich lächelnd,„darum wollte auch Johannes dem geliebten Meiſter einige Palmen ſtreuen, da dieſer in die Stadt, die ihn. feiert, einziehen wird.“ „Meinen Palmſonntag nennſt Du dieſen Feſttag,“ entgegnete Plachh ſanft lächelnd—„O Johannes! — weißt Du denn nicht, daß auf den Palmſonntag gar bald der Charfreitag kommt— wo ſie den, dem ſie kurz vorher Hoſianna riefen, ans Kreuz geſchlagen, und mit Wunden bedeckt haben!“— „Gott wahre dieſes edle Haupt meines Herrn und Meiſters vor jeder Wunde,“ rief Johannes be⸗ geiſtert,„o, wo ſollte Johannes ſein Haupt hinlegen, 240 wenn dieſes Herz ſeines Meiſters mit der Lanze der Welt durchſtochen würde!“ Aber Plachh blickte trübe vor ſich hin, und hörte nicht die ſchallenden Vivat⸗Rufe der ihn zur Stadt begleitenden Studenten, denn ſein Auge ruhte mit dem Ausdrucke des tiefſten Mitleides auf den bleichen Zügen ſeines armen Johannes. Dann warf er einen Blick auf ſeine freudenflötende Umgebung. „Auf den Palmſonntag,“ lispelte er,„folgt der Charfreitag!“ Pierzehntes Rapitel. Charfreitag. Die Jubelklänge des großen Friedensfeſtes wa⸗ ren verhallt— Prag kehrte in das Geleiſe der alten Ordnung allmälig zurück. Auch die akademi⸗ ſche Jugend füllte wieder die Hörſäle und vertauſchte die Partiſane mit dem Kiele und Buche. Auch Chriſtophorus Wunſch ſchickte ſich wieder zum Eintritt in den Tempel der Muſen an, und freute ſich, an ſeinem Freunde Proskowskh wieder einen Geleitsmann auf der Bahn der Wiſſenſchaft zu finden. Beide hatten, um ihre juriſtiſche Bildung 241 zu vollenden, noch manchen gelehrten Kampf in den Hallen der Alma mater zu beſtehen. Aber Proskowskh's Muth war gebrochen.— Seine Zuſtändigkeit in die Kreiſe der Leibeige⸗ nen Polens, war im ſchwediſchen Heere nicht un⸗ bekannt geblieben, da Wolsinskh es ſich zum Ge⸗ ſchäfte gemacht hatte, die Kunde hievon im ſchwe⸗ diſchen Lager möglichſt auszubreiten; ja er hatte, vielleicht in dunkler Ahnung ſeines Schickſales, für den Fall, daß ihn eine böhmiſche Kugel zum Tode träfe, ſein Recht auf die Perſon Proskowskh's einigen andern polniſchen Landsleuten im ſchwediſchen Heere mit der ausdrücklichen Bedingung übertragen, daß dieſe möglichen Erben der Perſon Proskowskh's nie⸗ mals in deſſen Loskaufung aus der Leibeigenſchaft willigen dürften, dieß aber mit boshafter Freude durch ein eigenes Schreiben dem im ſchwarzen Thurme gefangenen Proskowskh mittheilen laſſen. Zwar war dieſe Sache im letzten Taumel der Friedensfeierlichkeiten verhallt, und bei Proskowskh's Entlaſſung aus der ſchwediſchen Gefangenſchaft nicht die mindeſte Erwähnung mehr hievon geſchehen; aber Johannes Proskowskh hatte ſeine Schmach nicht vergeſſen, und ſeine glühende Phantaſie malte ihm das Schreckbild einer Aufforderung aus Polen 1857. X. Der Jeſuit. II. 16 242 zum Rücktritte in das Verhältniß der Leibeigenſchaft, welche ſeinem Vater angeklebt hatte, ſtündlich vor. „Prag, die königliche Hauptſtadt,“ ſo ſagte erſich nun täglich,„ſei nicht mehr der Boden, auf dem er ungefährdet und mit Ehren für ſeine Zukunft wirken könne— und Maria, das hochgeborene Fräulein von Pernſtein, konnte einem Leibeigenen niemals ihre Hand reichen, und könnte ſie es auch, ſo war er doch vor ihrem Antlitze durch Wolsinskh zu tief erniedrigt worden, um ſich ihr noch einmal nahen zu können.“ Seine Pflicht gegen das Vaterland Böhmen, welches ihn ſeit ſeinen Jugendjahren gaſtlich genährt und gepflegt hatte, hatte er erfüllt, indem er in den Reihen der Landesvertheidiger ſein Blut für die Sache des Kaiſers verſpritzte; nun wollte und mußte er ein Land für immer verlaſſen, wo er auch fürder nur Schmach und Verfolgung vonſeite ſeiner polniſchen Herren zu gewärtigen hatte. Johannes Proskowskh beſchloß daher, Prag und Böhmen, ja ſelbſt die Bahn der Wiſſenſchaft zu ver⸗ laſſen, die er bisher mit ſo vielem Erfolge gegan⸗ gen war. Er beſchloß, ſich ſeinem edlen Freunde, dem Pro⸗ feſſor Plachh zu Füßen zu werfen, und ihn zu beſchwören, 243 ihm die Aufnahme in die Miſſionen nach Paraquay zu vermitteln. Dort wollte er, fern von Eurvpa, ſeine Kraft dem Dienſte der Religion widmen, und unter den wilden Bewohnern Südamerika's vergeſſen lernen, was die gebildeten Bewohner Europa's ihm Leides zugefügt hatten.. Jetzt kam er in Gedanken verloren, ohne ſeinen Weg zu berechnen, hinter die Indenſtadt, und lächelte traurig ſeinem Freunde Chriſtophorus zu, welcher ihm entgegenſchritt, und ihn freundlich begrüßend ins Auge ſah.— „Armer Johannes! wie bleich und leidend Du ausſiehſt,“ begann Freund Jonathan,„wahrlich eine Trauer überſchattet Dein Antlitz, als ob Du noch heute die Reiſe in die andere Welt antreten ſollteſt.“ „Du ſagſt recht,“ entgegnete Proskowsky— „in eine andere, in eine neue Welt muß es mit mir gehen, ſoll ich endlich Ruhe finden vor dieſen quä⸗ lenden Gedanken, vor dieſen furchtbaren Geſpenſtern, die täglich meine Phantaſie umlagern;— aber es muß anders werden, und Du ſiehſt mich hier auf dem Wege zu Plachß, ihn zu bitten, daß er mir die Aufnahme in die Miſſionen Amerika's erwirke.“ „In die Miſſionen Amerika's?“ rief Chriſto⸗ phorus. 244 „Profeſſor Plachh wird jetzt, wo er, umſtrahlt vom Glanze des Sieges und der Dankbarkeit aller, die ſein Schwert ſo herrlich vertheidigte, alles vermag, auch mir dieſen letzten Dienſt zu erweiſen, leicht im Stande und des Willens ſein“— bemerkte Johannes. Unter dieſen Geſprächen waren die beiden Freunde gegen das Jandabad herangekommen, aus deſſen Garten ihnen das wüſte Geſchrei vieler Zecher ent⸗ gegenſchallte, welche nach den Tagen und Mühen der Belagerung nun bei Meiſter Gambrinus das einholen wollten, was ſie während der letzteren an Luſt und Freude verſäumt hatten. Sie trieben es nicht weniger toll, als es wei⸗ land König Georg von Podöbrad einſt in dieſem Bade mit ſeinem Barbier getrieben hatte. „Im Jahre 1461— erzählt nämlich Häjek, der Chroniſt, den Tag nach St. Margaretha iſt König Georg Podöbrad mit etlichen ſeinen Hofleuten, aus dem königlichen Hof zu Prag, nach ſeinem Brauch, in das gemeine Bad, welches in der Judengaſſe iſt, und zu der Zeit des Janden Badſtube geheißen (wie es denn auch bis auf den heutigen Tag alſo genannt wird) gegangen, und dieſer Janda war da⸗ zumal unter den Badern der vornehmſte. Alſo trieb der König im Bade mit ſeinen Hofleuten allerlei 245 Kurzweil; ſo ließ es der Bader Janda, welcher mit dem Könige Schimpf(Scherz) zu üben gewohnet, an ſeiner Zumiſchung auch nicht erwinden(fehlen). Nun begab ſich, als er dem Könige den Bart barbirte, da ſprach er zu ihme:„Gnädigſter König, ich will Euer Majeſtät ein Räthslein aufgeben, ob Ihr's errathen könnet, und es iſt dieſes: Sagen mir, Euer Majeſtät, weſſen iſt auf dießmal das Königreich Böhmen?“ Der König ſprach:„Lieber Freund Janda, weßandern ſollte es ſein, denn Dein, ſintemal der König, ſammt dem Königreiche in Deinen Händen ſtehet.“ Er ſprach:„Es iſt recht, gnädigſter König!“ Als er mit dem Barte fertig worden, und ſein Scheer⸗ meſſer aufgehoben, ſprach der König zu ihme:„Janda, wer iſt denn jetzo König in Böhmen?“ Janda ant⸗ wortete und ſprach:„Es ſind Euer königliche Ma⸗ jeſtät.“ Der König ſchlug ihn mit der Fauſt ins Angeſicht, daß er zur Erde fiel, und ſtieß ihn mit dem Fuß in die Seiten; indeme ſprangen die Hof⸗ leute auf, und baten den König, daß er nachlaſſen wollte. Alſo ging der König aus dem Bade mit zornigem Gemüthe, und Janda iſt des achten Tages hernach geſtorben!“ So lautet die Sage des freilich nicht immer glaubwürdigen Chroniſten— aber Chriſtophorus 246 Wunſch und Johannes Proskowskh dachten jetzt nicht im mindeſten an den großen König und ſeinen Bar⸗ bier, ſondern ihre Wangen glühten, und ihre Ohren lauſchten der lauttönenden Rede eines halbtrunkenen baumlangen Studenten der Karoliniſchen Hochſchule, deſſen aus ſeiner Wammstaſche hervorragendes Ader⸗ laß⸗ und Schröpfzeug den Befliſſenen der Chirurgie bezeichneten, und der jetzt wieder ſeinen Zinnkrug mit dem duftenden böhmiſchen Biere emporhob, und ein „Pereat!“ auf den Profeſſor Plachh ausbrachte, wel⸗ ches jedoch von der obſchon gleichfalls halbtrunkenen übrigen Zecherſchaft nur theilweiſe mit ſchwachem Gelächter erwiedert wurde. Proskowskh und Wunſch ſtanden wie angedonnert.— Der trunkene Chirurg aber fuhr nun mit ſtei⸗ gender Aufregung fort gegen Plachh zu raſen, in⸗ dem er ſeinen Zechgenoſſen erzählte, wie er aus ſiche⸗ rer Quelle wiſſe, daß Plachh infolge eines zum Beſten der Studentenſchaft an den Kaiſer überreich⸗ ten Gnadengeſuches von dieſem ein vom 15. Novem⸗ ber datirtes eigenhändiges Schreiben mit ſechshun⸗ dert ſchweren Reichsthalern erhalten habe, die er für die Studenten zu verwenden hatte.— Aber ſiehe da, kein Pfennig hievon ſei den Chirurgen, die doch gleichfalls bei der Belagerung weidlich mitgeholfen 247 hatten, in die Taſche gefallen...„Ein nochmali⸗ ges Pereat!«“ rief daher der trunkene Chirurgus,„ein Pereat! dem ungetreuen Haushälter, der den Wil⸗ len des Kaiſers ſo ſchlecht befolgte, und wer weiß, wie ſchalkhaft mit der ihm überſandten Summe ver⸗ fügt habe!“— „Ein Pereat dem elenden Schurken und nie⸗ derträchtigen Verläumder, der den edlen Vater Plachh an ſeiner Ehre anzutaſten wagt!“ donnerte hier eine gewaltige Stimme dazwiſchen, und Chriſtophorus Wunſch ſtand mit entblößtem Degen und flammen⸗ ſprühenden Augen vor dem elenden trunkenen Chir⸗ urgen, der erſchrocken zurücktaumelte, und am ganzen Leibe zu zittern begann, ſo daß der Zinnkrug ſeiner Hand entfiel, und der Gerſtenſaft auf den Sand des Bodens hinabrann. Die halbtrunkene Zecherſchaft ſprang ſogleich von ihren Sitzen auf und ſchloß— an ihre Stoß⸗ degen greifend, eines Klingenſpieles gewärtig— einen Kreis um Chriſtophorus Wunſch und Johan⸗ nes Proskowskh, die mit ihren blitzenden Degen, Rechenſchaft von dem Verläumder fordernd, daſtanden. „Niederſtoßen mit meinem guten Degen,“ don⸗ nerte Chriſtophorus,„ſollte ich auf der Stelle die gif⸗ tige Schlange, und ihr die Zunge zertreten, mit der ſie es wagt, das fleckenloſe reine Schild meines Herrn und Meiſters zu begeifern!— Aber Plachh's Namen prangt in einer zu ſchönen Glorie, um vom Gifte der Verläumdung erreicht zu werden!“ Der Kreis der berauſchten Zecher ſchloß ſich jetzt enger, denn der elende Chirurg hatte ſich gefaßt, und raffte ſein auf der Erde liegendes Stechmeſſer auf.„Zurück!“ donnerte Chriſtophorus.„Zurück! und ich will, ehe ich dieſer Schlange den Giftzahn für immer ausbreche, Euch ſtatt des Eure Sinne benebelnden Gerſtenſaftes, reinen Wein einſchenken, damit Ihr nicht irre werdet, und die Ehre meines Herrn und Meiſters nicht durch Eure Zungen für⸗ derhin befleckt werde. Wißt, Burſche, wahr iſt es, daß Vater Plachh über ſein Gnadengeſuch von Sei⸗ ner Majeſtät dem Kaiſer ein Geſchenk von ſechshun⸗ dert Reichsthalern erhielt; wahr iſt es, daß dieſes Geſchenk für die Studentenſchaft beſtimmt war; aber wahr iſt es auch, daß es für ihre Proviſion und Ausrüſtung beſtimmt, und daß die Vertheilung dem Profeſſor Plachh allein, und nach ſeinem Gutdünken überlaſſen war.“*) *) In nonnullum pro egentioribus adhuc militantibus Aca- demicis victus et amictus subsidium— lautete das kai⸗ 249 „Für die Verwundeten war das Geld beſtimmt,“ ſchrie der taumelnde Chirurg dazwiſchen. „Ja, für die Verwundeten am Kopfe!“ entgegnete Wunſch, ihn zurückdrängend. Aber ſchon ſchwang der elende Verläumder ſein Meſſer über dem Haupte des edlen Chriſtophorus, Proskowskh ſchleuderte aber mit ſeinem Degen das Meſſer weit über den Tiſch hinaus, daß es an der Mauer des Gartens niederklirrte. Das war das Signal zum Handgemenge. Die trunkenen Zecher, meiſt Leute aus den un⸗ teren Volksſchichten, welche lange ſchon mit glühen⸗ den Augen dageſtanden, und eines täglichen Rauf⸗ handels in ihren Kneipen gewohnt waren, ſtreckten jetzt ihre Arme, um auf die beiden Verfechter der Ehre Plachh's loszufahren. „Nieder mit den Studenten! macht ſie kalt!“ ſchrieen ſie. „Nieder mit Euch, Ihr giftigen Läſterer!“ ſerliche Schreiben— Tibi énim commitentes, fährt es fort, ut cum eorumdem huc usque curam strenue gesseris, nec non exigentiam unius pure altero bene notam ha- bere possis, eam summam tibi tradicures, et eam pro discretione uti optime judicaveris, inter eos distribuas. 250 ſchrie Chriſtophorus entgegen. Sein Degen ziſchte durch die Luft—„Auf,“ rief er,„für Vater Plachh!“ „Hier ſteht er!“ rief eine volltönende Stimme. Und Georg Plachh, der Jeſuit, ſtand mitten unter den Streitern. Vor ſeiner ehrfurchtgebietenden Geſtalt wichen die kampfgierigen Streithähne augenblicklich auseinander. So ſcheiden ſich die zum Sturme aneinander⸗ prallenden Wolkenmaſſen, wenn der Tagſtern mit ſeinem ewig reinen Strahlenkranze dazwiſchentritt... „Stecke Dein Schwert in die Scheide, mein Petrus!“ ſagte der Profeſſor, ſeinem geliebten Chriſtv⸗ phorus die Hand auf die Schulter legend. „Meiſter,“ entgegnete dieſer hochaufathmend. „Sie haben Dich verhöhnt, geläſtert, und Deinen ſternenreinen Namen in den Staub getreten.“— „Und ſonſt nichts?“ fragte Plachh ruhig. „Wie, ſonſt nichts?!“ rief Chriſtophorus faſt erſchrocken dagegen.„Wie? iſt das nichts, daß man einen Mann, dem ſie eben an allen Thoren der Stadt Palmen ſtreuten, weil eben dieſer Stadt Heil durch ihn widerfahren iſt, nun ſchmäht, läſtert und mit einem Undank belohnt, der ſchwärzer iſt als die Nacht an den Geſtaden des Nordpols?!“— „Ei, Chriſtophorus,“ entgegnete der Profeſſor 25¹ lächelnd—„haben ſie mir denn wohl mehr gethan, als ſeine Feinde einſt dem Heiligſten der Heiligen anthaten, dem ſie Palmen auf die Wege ſtreuten, den ſie dann aber verhöhnten, läſterten, geißelten, und zuletzt am Marterholze ſterben ließen?— O was bin ich, und wer war Er!“— Tiefe Stille folgte den Worten des Profeſſors; die Blicke, die früher gegen ſeinen Namen aufge⸗ leuchtet hatten, ſanken zur Erde; hie und dort wandte einer das Haupt, um ſeitwärts zu gehen. Die Himmelsreinheit des Edelſten bedurfte keiner Worte, um ſich gegen die Rotte ſeiner Widerſacher zu vertheidigen. „Du haſt mich vertheidiget, Chriſtophorus, und auch Du, mein Johannes, biſt für mich eingeſtanden,“ ſagte der Profeſſor ruhig zu beiden gewendet.— „Kommt, meine Freunde, und laſſet uns zum Altar des Herrn in die Salvatorkirche gehen, um dort für die zu beten, welche uns eben beleidiget haben.“— Und er ſchritt wie ein Heiliger mitten durch die Schaar ſeiner Gegner, und ging zum Garten hinaus. Als er mit Johannes und Chriſtophorus vor dem Klementinum ankam, blieb er ſtehen. „Wiſſe, Chriſtophorus,“ ſagte er,„nicht dieſe 252 Schmähungen allein waren es, mit denen der Un⸗ dank, der mir erſt Palmen ſtreute, mich nun ver⸗ folgt... Auch eines vorwitzigen Tadels des durch Gottes Barmherzigkeit eben zum Abſchluſſe gediehenen großen Friedenswerkes beſchuldigt mich der blaſſe Neid meiner Gegner; man legt mir in den Mund, daß ich dieß herrliche Werk des langerſehnten weſt⸗ phäliſchen Friedens als ein weder gottgefälliges noch für Seine Majeſtät den Kaiſer bindendes Werk er⸗ klärt habe: ja man behauptet den entſetzlichen Un⸗ ſinn, daß ich bereit wäre, mit viertauſend Studenten die Schweden von der Kleinſeite, ehe ſie vollends abrücken, gewaltſam zu verjagen!“ Chriſtophorus Wunſch und Johannes Proskowskh ſtanden ſtumm vor Ueberraſchung. „Wer, wer,“ rief der erſte,„wagt es, derlei boshafte Beſchuldigungen zu verbreiten?“ „Ich habe ihre Namen vergeſſen,“ entgegnete Plachh lächelnd,„und ihnen vergeben, ehe ich ihre Namen erfuhr, und da ich ihnen durch meinen täg⸗ lichen Anblick keinen Anlaß zum ferneren Aerger⸗ niſſe geben will, ſo will ich es machen, wie mein Herr und Heiland, der, als ſeine Stunde noch nicht gekommen war, ſich den Augen ſeiner Feinde entzog, und hinausging aus dem Hauſe ſeines Vaters“.. 253 „Wie?“ riefen die jungen Freunde,„Vater Plachh will Prag verlaſſen?“ „Ich gehe mit Genehmigung meiner Obern nächſtens nach Jiein ab, und P. Theodor Morettus wird meine Kanzel in Prag einnehmen.“ „O Undant über Undank!“ klagte Proskowskh, die Hand ſeines Meiſters erfaſſend. „Sagt' ich Dir, mein Johannes öſtete Plachh den Geliebten,„ſagt' ich Dir nicht, auf den Palmſonntag müſſe bald folgen der Charfreitag?“ „Ja, wahrhaftig! der Charfreitag,“ rief Chriſto⸗ phorus.„O Undank der Welt! Auf was ſoll man da noch hoffen auf dieſer Erde voll der Täuſchung, Trauer und Vergänglichkeit“— „Auf einen glücklichen heiligen Abend am Ende unſerer Tage,“ entgegnete Plachh ſanft. Und er faßte die Hände ſeiner Getreuen, und trat mit ihnen in den Tempel des Herrn und Er⸗ löſers der Menſchheit, um vor deſſen Altare für die zu beten, welche ihn beleidiget hatten, und Segen zu erflehen für die, ſo ihn mit Undank belohnten!. ———— 254 Fünfzehntes Rapitel. Ein heiliger Abend. Hinübergeſchlummert war lange ſchon der Tag und nächtliche Schatten zogen über die Flur, auf welcher die grüne Decke des Frühlings lag. Lilienweiße Sternchen von tauſend und tauſend Blüthen der wiedergrünenden Bäume ſchwammen in den lauen Lüften auf die erwachende Erde nieder. Der Heiland war erſtanden, und die junge Erde ſchmückte ſich mit friſchen Blüthen, ſeine Auferſtehung zu feiern. Es war das Feſt der heiligen Crescentia, an welchem alles wieder wuchs, und zum neuen Leben gedieh, was kurz vorher unter der Leichendecke des Winters geruht hatte. Es war der 19. April, das Feſt der heiligen Crescentia im Jahre 1664 nach Chriſti Geburt, als der ſcheidende Tagesſtern ſeine letzten Küſſe durch die Fenſter des Jeſuitenkollegiums zu Kuttenberg, der berühmten Bergſtadt Böhmens, warf.*) Kuttenberg, die uralte königliche Bergſtadt Böh⸗ mens im éaslauer Kteiſe zwiſchen Kolin und Caslau, 255 „Das benannte Kollegium, ſpäter als Kaſſerne benützt, in Geſtalt eines umgekehrten F, dem Kaiſer Ferdinand zu Ehren gebaut, enthält zwei Stock⸗ werke, und in der Front drei große Thürme und Kuttenberg, böhmiſch Kutnä Hora, lateiniſch Kuttna, Cuthena Guttenberga, iſt eine in der böhmiſchen Geſchichte höchſt merkwürdige Stadt. Ueber ihre Entſtehung erzählt Kokinek:„Im Jahre nach der Geburt des Sohnes Gottes 1237 ging der Mönch und Prieſter des ſedlecer Kloſters Anton ſpa⸗ zieren, und hatte ſein Brevier nebſt einem Pſalmbuche bei ſich. Nachdem er in eine waldige Gegend gekommen war, ſuchte er ſich einen Platz aus, um von der Son⸗ nenhitze auszuruhen. Er ließ ſich nieder, las in den Pſalmen, und verfiel in einen Schlummer. Als er er⸗ wachte und in das Kloſter zurückkehren wollte, erblickte er zu ſeinem Erſtaunen drei aus dem Mooſe eines Felſens hervorgewachſene Silberruthen. Er fiel ſogleich auf die Kniee, dankte Gott, und nachdem er ſein Gebet ver⸗ richtet hatte, nahm er ſeine Kutte, oder vielmehr ſeine Kapuze herab, ließ ſie zur Bezeichnung des Ortes liegen, kehrte in das Kloſter zurück, und meldete dem Abte, was er entdeckt hatte.“ Dagegen bemerkte Megerle von Mühlfeld über den Urſprung dieſer Stadt und ihre Schickſale unter andern folgendes: „Paul Stranskh u a. m. ließen den Namen Kutten⸗ berg oder Kutns Hora von dem böhmiſchen Worte kutiti 256 einen kleineren am Ende des Mittelflügels. Von einem dieſer Thürme nächſt der Kirche weinte an dem erwähnten Maiabend die große zu Ehren des den Kuttenbergern beſonders geneigten Prinzen und abſtammen, welches ihrer Angabe nach vor Alters ſo⸗ viel als graben, ſcharren, nachſpüren, bedeutet haben ſoll. Lazius und nach ihm Peithner, Edler von Lichtenfels, leiten den Namen von dem deutſchen ebenfalls graben bezeichnenden Worte Kutten her. Für dieſe Ableitung ſpricht ſich auch Schaller insbeſondere aus dem Grunde aus, weil nicht nur die meiſten Worte und Ausdrücke der böhmiſchen Bergſprache, ſondern ſelbſt die nahe an Kuttenberg liegenden Berge Kank(Gang), der Turkang (Durchgang oder Tauergang) aus der deutſchen Sprache erborgt, und nur einigermaßen nach der böhmiſchen Mundart eingerichtet ſind. Daß der Name deutſchen Urſprungs ſei behaupten die Meiſten; einige leiten ihn von dem Worte Gut“ (Vermögen), andere von Kutten“ ab, welches mit Quitte oder Quittenapfel gleichbedeutend geweſen ſein ſoll. Es iſt übrigens kein Zweifel, daß die Stadt Kutten⸗ berg ihren Urſprung den daſelbſt entdeckten Silbergruben zunächſt zu verdanken habe, von welchen ſchon Libusa vieles vorhergeſagt haben ſoll. Als den Zeitpunkt der Entdeckung bezeichnet Kotinek das Jahr 1237, Peithner das Jahr 1227. Andere ſetzen dagegen denſelben um ungefähr fünfzig Jahre ſpäter, nämlich in die Regierungs- periode König Wenzeslaus II. hinaus. 257 nachmaligen Königs benannte Ludwigsglocke ein Trauerlied in die Lüfte, denn in einem Zimmer des genannten Kollegiums lag ein großer Mann auf ſein Ruhebett geſtreckt, und ſeine bleichen Züge, ſeine 7 Der Reichthum Kuttenbergs war groß; in der erſten Hälfte des ſechszehnten Jahrhunderts ſoll ſich die Zahl der blos zum Bergbau gehörigen Einwohner auf zehn⸗ tauſend belaufen haben, und Hieronymus Balbus, Pro⸗ feſſor an der prager Univerſität ſchildert dieſen Reich⸗ thum mit nachfolgenden Worten: Dives inexhaustis resonat mons Kuttna metallis, Argentoque fluens, tota liquescit humus Daniel von Weleslawin, der böhmiſche Geſchichtsſchrei⸗ ber, beſchreibt Kuttenberg in ſeinem Nomenclator quadri- linguis, wie folgt:„Kuttenberg, dieſe hochanſehnliche Stadt, einſt ſehr mächtig an Reichthum und an Men⸗ ſchen, hat den Rang und die erſte Stelle nach Prag, wie im Kriege, ſo im Frieden, wie im Lande ſelbſt, ſo auch auswärts behauptet, und wurde gleichſam für eine kleinere Hauptſtadt und für die Schatzkammer dieſes Königreiches gehalten“ Höchſt merkwürdig ſind die Schickſale Kuktenbergs zur Zeit Zizka's, und Megerle erzählt unter anderm hierüber: „Im Spätherbſte drang Sigmund mit einem Heere, das aus ſechszigtauſend Mann beſtand, aus Mähren in Böhmen ein. Caslau und Kuttenberg waren von den Pragern beſetzt. Dieſe baten den Zizka, ihnen mit ſeinen Taboriten von Saaz zu Hilfe zu kommen. Er kam nach Prag, und ſetzte einige Tage darauf ſeinen 1857. X. Der Jeſnit. II. 1 258 eingefallenen Wangen, ſein gebrochenes Auge deuteten an, daß der Mann am Schmerzenslager liege, und die Kraft ſeines Lebens gebrochen ſei von der Ge⸗ walt eines mächtigen Leidens... Zug nach Kuttenberg fort. Die Bürgerſchaft ging ihm weit entgegen, und zitterte vor den Taboriten, die nun in die Stadt einzogen. Sobald dieſe in Kuttenberg eingezogen waren, ſchritten ſie zu ihrem Gottesdienſte. Die Prieſter traten zum Altar in thren ſchmutzigen beſtaubten, mitunter auch zerlump⸗ ten Kleidern, mit Stiefel und Sporn, ſowie ſie vom Pferde abgeſtiegen waren. Man brachte gemeines Brot, eine Menge Kelche von Eiſen, Zinn oder Holz, und füllte ſie mit Wein. Der Prieſter ſprach ein kurzes Gebet, und die gewöhnliche Konſekration darüber, dann reichte er einem jeden das heilige Abendmahl. Viele griffen ſelbſt zu, und ſpeiſten ſich. Die Kuttenberger waren haufen⸗ weiſe herbeigelaufen, um dem Gottesdienſte der Tabo⸗ riten zuzuſehen, allein er gefiel ihnen nicht. Daher traten ſie auch bald nach dem Abzuge des Zizka auf die Seite des Königs Sigismund. Zizka zog nun mit ſeinen Taboriten und den Pragern nach Caslau, mußte aber bald wieder gegen Kuttenberg vorrücken, weil der König ſeinen Zug über Humpolec und Ledeé dahin richtete. Beide Heere kamen näher aneinander, und die Vorpoſten ſcharmützelten den ganzen Tag, ohne daß es zu einer Schlacht kam. Allein in Kuttenberg ging es deſto blutiger zu. Die Bergleute und die meiſten Bürger, welche königlich geſinnt waren, — 259 Zu ſeinen Füßen kniete ein kleiner Mann im Ordenskleide der Geſellſchaft Jeſu; er hatte die Hände über dem Bette des Leidenden gefaltet, und von ſeiner bleichen Wange perlte Tropfen auf Tropfen auf fielen die in der Stadt wohnenden Huſſiten an, ermor⸗ derten ſie alle, und lieferten dann die Stadt dem Kö⸗ nige Sigmund aus. Dieſer nahm hierauf eine andere Stellung, ſo, daß er Kuttenberg im Rücken hatte; Zizka aber lagerte ſich auf dem Gangberge, und ſperrte ſich in ſeine Wagenburg ein. Sigmund, der ein ſehr zahlreiches Heer hatte, ſchloß die Taboriten von allen Seiten dergeſtalt ein, daß ſie in der Gefahr waren, alle gefangen zu werden. Allein Zizka zeigte hier ſeine Kriegskunſt, und führte bei der Nacht ſein ganzes Volk mitten durch das königliche Heer, ohne einen Mann oder das geringſte von ſeinem Gepäcke zu verlieren. Er zog ſich gegen Kolin; und nachdem er von Jiein und Turnau einige Verſtärkungen bekommen hatte, rückte er wieder vor, lagerte ſich bei Newowid, beunruhigte das Heer des Königs, und trug ihm eine Schlacht an. Aber Sigmund hatke nicht Luſt dazu, ſondern zog ſich zurück, nachdem er zuvor die Stadt Kuttenberg am 6. Jänner 1422 abgebrannt hatte. Bei dieſer Gelegenheit ſchonten die unter ſeinem Heere befindlichen Huſaren auch nicht die Kinder in der Wiege. Am 9. Mai 1823 erlitt die Stadt einen furchtbaren Brand, wodurch viele verunglückten. 2 17 260 die leichte Decke nieder, welche die todtmüden Glieder des Leidenden verhüllte. Dieſer aber lag ruhig und ſchweigend auf ſeinem Schmerzenslager, ſeine Hand hielt ein einfaches Holz⸗ bild des Erlöſers am Kreuze, und ſein Blick haftete auf dem vergilbten Bilde an der Wand, welches eine ältliche Frau darſtellte, als wollte er in den freund⸗ lichen Zügen derſelben eine Antwort auf die Frage leſen, die er in ſeinem Herzen eben an ſie ſtellte.. Ein einfacher Tiſch, ein Betſchemel, ein kleiner Bücher⸗ und Kleiderſchrank, ein hölzernes Kreuz, und ein Bildniß der heiligen Jungfrau mit dem Kinde, waren die Einrichtungsſtücke ſeiner Zelle. Der Mann auf dem Schmerzenslager war Georg Plachh, der einſtige muthoolle und kräftige An⸗ führer der Studenten, der nunmehr durch Gottes Schickung von einer ſchweren Krankheit erfaßt, am Rande des Grabes ſtand.. Der kleine in Thränen ſchwimmende Mann zu ſeinen Füßen war Magiſter Czibis, ſein Freund und Stubengenoſſe in Leiden und Freuden. Jetzt erſchallten von neuem die Klänge der gro⸗ ßen Ludwigsglocke vom Thurme des Jeſuitenkollegiums herüber. Da erhob der Kranke ſein müdes Haupt, er 261 warf ſeinen matten Blick durch das Fenſter auf die ſcheidende Sonne;„Herr, bleibe bei mir,“ betete er, „denn es will Abend werden.“ „Was kündet dieß Geläute?“ fragte er dann leiſe den weinenden Magiſter. „Meiſter!“ erwiederte dieſer, und ſeine Stimme brach unter dem Schmerze, der ſeine Bruſt durchzit⸗ terte;„Eure Brüder und Eure Schüler liegen vor dem Altar des Herrn, und flehen den Allbarmherzigen um Euer Leben an“... „Ich habe ſie geliebt und gelehrt— ſo war es meine Pflicht“... lispelte der Leidende.— Und die Glocken im Tempel des Herrn weinten, und weinten ihr Klagelied lauter und lauter her⸗ über— Und der treue Freund des Leidenden weinte mit, und beide ſchwiegen— bittern Schmerz im Herzen... Und auch draußen auf den Gängen vor der Zelle des Leidenden ertönte leiſes Schluchzen.. Der Kranke erhob ſich wieder, und lauſchte.— „Freund,“ fragte er leiſe,„mich dünkt, ich höre Klage⸗ laute vor meiner Thüre?“... Der kleine Magiſter erhob ſich, und ging hinaus. Bald kehrte er wieder.„Es ſind die Armen der Stadt,“ berichtete er,„ſie weinen um ihren Vater!“... 262 Das matte Auge des Kranken flammte auf. „Ich habe getheilt mit den Armen das wenige, was mein war,“ lispelte er,„geh' zu ihnen, und ſage ihnen, daß ſie die Erben meines Segens ſind— ſonſt hinterlaſſe ich nichts.“— Und das Schluchzen der Armen und Waiſen der Stadt ertönte lauter und lauter vor der Thüre, und miſchte ſich mit dem Klange der weinenden Glocke im Tempel des Herrn.. Der kleine treue Magiſter weinte wieder, ſein leidender Herr und Meiſter ſchwieg und betete. Jetzt traten die hektiſchen Roſen auf ſeinen bleichen Wangen deutlich hervor. 6 „O daß ſie kämen, die Lieben, nach denen mein brechendes Herz ſich ſehnt!“ lispelte er; dann richtete er ſein Auge ſtarr gegen die Thür„Freund,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme—„mich dünkt, ich höre Waffengeklirr auf der Treppe. Thu' auf den Ta⸗ pfern! Die Fahne fliegt, der Sieg iſt mein!“— Der kleine Magiſter ſtand troſtlos ob dem ein⸗ tretenden Delirium des Sterbenden.— Aber auch er hatte das Waffengeräuſch auf der Treppe vernommen. Er trat zur Thüre und der Diener des Hauſes meldete ihm den dringenden Beſuch eines königlichen 263 Appellationsrathes, und Obriſten eines kaiſerlichen Regimentes aus Prag.. Und die Thüre flog auf, und zwei kraftvolle Geſtalten, Männer von ſechs⸗ bis ſiebenundvierzig Jah⸗ ren ſtürzten in das Zimmer, und knieten zu beiden Seiten des Sterbenden; der eine trug den Mantel eines Rathes des kaiſerlichen Obergerichtes— er hieß Johannes Proskowsth von Hohenthurm, der andere trug die Uniform eines kaiſerlichen Feldobriſten — er hieß Chriſtophorus Wunſch von Sturmfeld und Roſenthal.— Und der Sterbende blickte beide mit brechendem Auge an, und lächelte ihnen zu, während heiße Thränen des Schmerzes über die Wangen beider herabperlten.— Jetzt war auch das Delirium von der Stirne des Sterbenden gewichen.—„Mein Johannes! Mein Chriſtophorus!“ lispelte er, und beide Männer be⸗ deckten ſeine erſtarrende Hand mit flammenden Küſſen. „O mein edler Lehrer,“ rief Johannes,„welch ſchreckliche Kunde iſt uns genorden— Voater Plachh ſtirbt!“— „Ruhig, mein Johannes,“ entgegnete mit ſchwa⸗ cher Stimme der Scheidende,„über eine kleine Zeit 264 werdet Ihr mich wiederſehen— ich gehe zum Vater.— Grüßet mir meine Lieben!“ „Roſa und Maria beten vor dem Altare des Herrn um Geneſung für den ſcheidenden Lehrer,“ unterbrach Proskowskh den Sterbenden. Plachz aber ſchüttelte ſanft lächelnd das müde Haupt, und auf ſeine bleichen Wangen traten wie⸗ der die hektiſchen Roſen hervor. „Ich habe ausgekämpft,“ ſagte er,„und bis an das Ende verharrt;“ ſetzte er mit volltönender faſt kräftiger Stimme hinzu, dann ſank er wieder er⸗ ſchöpft auf das Lager zurück. „O mein Herr und mein Meiſter!“ rief Chriſto⸗ phorus. „Bringe auch Deiner Erwählten meinen Segen,“ bat Plachh. „Auch ſie fleht für die Geneſung des edlen Meiſters zum Himmel“— entgegnete Wunſch. Jetzt warf der Sterbende einen bittenden Blick auf den kleinen Magiſter zu ſeinen Füßen. Dieſer verſtand ihn.— Er öffnete das Buch der Bücher, welches dem Sterbenden zur Seite lag, und nahm aus demſelben eine verdorrte Roſe mit fünf Blättern heraus, die er dem Sterbenden in die Hand legte. Mit ernſtem, ruhigem, leuchtendem Blicke ſtarrte 265 der Leidende die vergilbten Blätter der Roſe an— „den Glauben, die Reinheit, die Thätigkeit, die Ge⸗ duld und heilige Liebe zu Gott und den Menſchen mußt Du im Herzen tragen,“ lispelte er in kurzen von der Schwäche ſeiner ſchwerathmenden Bruſt gebotenen Pauſen—„und wie der Stamm dieſe Blätter, ſo ſoll die einzige ſtarke Tugend der Beharr⸗ lichkeit die andern alle zuſammenhalten, auf daß keine derſelben ſich entblättere, und die ganze ſchöne fünfblättrige Roſe als herrliches Siegeszeichen auf dem Sarge ruhe, worin ein Gerechter ſchläft!“ Er hielt erſchöpft inne.— Dann richtete er ſein brechendes Auge auf das Bildniß der ältlichen Frau an der Wand. „Mutter,“ lispelte er mit erbleichenden Lippen, „biſt Du zufrieden mit Deinem Sohne?“ Und der Strahl der aufgehenden Mondſcheibe lief über das Antlitz des Bildniſſes, und die Züge der längſtgeſchiedenen Gebärerin des Sterbenden blick⸗ ten ihm ſo freundlich entgegen, als wollte ſie ſagen: „Komm in meine Arme, mein Sohn!“ Und der Ster⸗ bende richtete ſich, von Chriſtophorus unterſtützt, mit verklärter Stirne empor—„So gib mir die Roſe, mein Johannes!“ lispelte er, und Johannes reichte ihm die fünfblättrige Roſe— Und Georg Plachh 266 küßte ſie.— Dann warf er noch einen ſtrahlenden Blick auf das Bild der Mutter an der Wand. „Ich habe einen guten Kampf gekämpft,“ ſagte er jetzt mit volltönender Stimme—„ich habe Dein Wort bewahrt, Mutter!— jetzt nimm Deinen Sohn an Deine Bruſt— denn es will Abend werden, und der müde Kämpfer für die Sache des Herrn ſehnt ſich nach Ruhe.“— Dann wandte er ſich zu dem kleinen Magiſter:„O ſprich mir mein Lieblings⸗ gebet, mein Freund,“ bat er mit brechender Stimme, und der Magiſter betete: „Licht der Erde! Schöpfer, Deine Gaben Spende reichlich Du wie Meeres Sand! Laß ſie alle an dem großen Born ſich laben, Eins nur ſchenk' mir Deine Vaterhand: Sieh', als einſt am ſüßen Mutterherzen Ich empfand des Daſeins erſte Schmerzen, Sah ich lächeln um mich all' die Meinen, Ich allein begrüßte ſie mit Weinen— Und ſo fleh' ich, Vater: laß beim Scheiden Aus dem Thal der kurzen Erdenleiden Alle weinen, die mich dann umreih'n, Und mich lächeln nur allein!“.. Sh— 267 „Undmich lächelnnur allein!“ wie⸗ derholte der Sterbende mit einem unendlich freudi⸗ gen Blicke der Hoffnung auf ſeine in Thränen ſchwim⸗ menden Freunde. „Es iſt vollbracht!“ hauchte er dann leiſe, in⸗ dem er die Roſe ſammt dem Bilde des Erlöſers an ſeine Bruſt drückte.— Er ſank auf das Kiſſen zurück. Das große Herz hatte ausgeſchlagen.. Die fünfblättrige Roſe lag, entblättert auf ſeiner Bruſt Zu ſeinen Füßen lagen in Schmerz aufgelöst ſeine Freunde. Vom Tempel des Herrn nahten ſeine Ordensbrüder und Schüler. Sie beteten bei der Hülle des Geſchiedenen bis zum Abende. Der weite, weite Himmel zündete dann zur gro⸗ ßen Todtenfeier alle ſeine Myriaden Lichter an, die Erde duftete in tauſend und abermals tauſend Blü⸗ then, die ganze Natur ſchien den Edlen zu betrauern.— Wie ein Heiligenſchein lagerten ſich dann die ſanften Strahlen der aufgehenden Mondſcheibe um das Haupt des großen Todten, deſſen ſanfte Miene von ſeinem Leichenbette zu lächeln ſchien:„Seht! der König der Schöpfung hat mir den Friedenskuß 268 gegeben, und mich an die Stufen ſeines Sternen⸗ thrones berufen!“— Kaiſer Ferdinand hatte nach dem gänzlichen Abzuge der Schweden aus Böhmen auf die Beloh⸗ nung der tapfern Vertheidiger Prags gegen die Schweden nicht vergeſſen. Alle freigebornen Studen⸗ ten, welche ſich an dieſem Kampfe betheiligt hatten, erhob der Monarch in den Adelsſtand, die andern erhielten die Befreiung von dem Bande der Unter⸗ thänigkeit und Leibeigenſchaft.— Die Univerſität wurde zur einzigen Karl-Ferdinandeiſchen Hochſchule vereinigt, und erhielt noch manche Rechte und Pri— vilegien; die Senioren aller Fakultäten erhielten den Titel und die Würde kaiſerlicher Majeſtätsräthe; die Glieder des Rathes der alten und neuen Stadt Prag wurden in den Adelſtand erhoben; die prager Gemeinde erhielt dreimalhunderttauſend Gulden, von welchem Gelde der altſtädter Rath das Gut Lieben, der neuſtädter Ktetowic kaufte. Selbſt die untere Volksſchichte, welche ſich bei der Vertheidigung Prags verdient gemacht hatte, wurde belohnt, und ihr die Ertheilung des Bürgerrechtes zur Führung von Ge⸗ werben zugeſichert, und die Geſellen der verſchiedenen Innungen genoſſen fortan vor allen andern beſon⸗ 269 dere Vortheile bei der Bewerbung um das Meiſter⸗ recht. Plachh erhielt von dem Kaiſer ein beſonderes Schreiben, und mußte dem Monarchen die Namen und die vorzüglichſten Thaten der Tapferkeit ſeiner Streiter bezeichnen, um ſie mit größeren Gnaden zu überhäufen*) Alſo hatte Plachh, der Edelſte der Edlen, der nie etwas für ſich, und alles ſtets nur für andere erbat, ſeine Freunde Johannes Proskowskh und Chriſtvphorus Wunſch der Gnade des Monarchen beſonders empfohlen, und war Proskowskh ſchon durch das allgemeine Wort des Kaiſers ſeiner Leib⸗ eigenſchaft entbunden, ſo wurde ihm nun durch die Gnade des Monarchen ebenſo wie ſeinem Freunde Chriſtophorus Wunſch der Adel des heiligen römi⸗ ſchen Reiches verlichen. Johannes Proskowskh erhielt zum Andenken an ſeine Gefangenſchaft im ſchwarzen Thurme Daliborka das Prädikat von Hohenthurm; Chriſtophorus Wunſch aber erbat ſich das Prädikat„von Sturmfeld,“ denn 6) Voluit praeterea singulorum, qui militaverant, nomina et peculiaria generositatis specimina, tempore oppugnatio- nis excercita per P. Plach consignari, et sibi sisti; quo qui virtutem suam luculentius approbassent, eo et gratiis amplioribus esornaret. 270 im Sturme hatte er das Feld gegen die Lanzenmaſſen der Schweden behauptet, und mit ſeinem bewährten Ehrennamen Chriſtophorus Wunſch von Sturmfeld ſtand er bald ein willkommener Gaſt an der Schwelle des Vaterhauſes ſeiner Hermine.— So konnten beide jungen Männer, nach den heißen Ergießungen des Dankes, den ſie ihrem edlen Meiſter Plachh darbrachten, mit neuem Lebensmuthe in die adeligen Häuſer der Frau von Lobkowie und des Primators Turek von Sturmfeld eintreten— und den tapfern Streitern für das Vaterland wurde mit begeiſterter Liebe begegnet. Bald führten Jo⸗ hannes Proskowskh von Hohenthurm ſeine Marie von Pernſtein, und Chriſtophorus Wunſch Hermine von Sturmfeld als ihre Gattinen heim, während Roſa von Pernſtein, die unglückliche Schweſter Ma⸗ riens, im Kloſter der Klariſſinen zu Krumau, als Mit⸗ glied dieſes Stiftes fortan ihre Ruhe fand, und manche ſtille Thräne dem Andenken des zwar lei⸗ denſchaftlichen, aber auch von ihr leidenſchaftlich ge— liebten Ottowaldskh nachweinte.— Auf dem Felde der Rechtswiſſenſchaft errang ſich der erſte, in den Reihen der Krieger ſeines Monarchen der andere, neue Verdienſte. So ſtanden ſie. Proskowskh als königlich böh⸗ — — 271 miſcher Rath des oberſten Gerichtshofes in Prag,* und Chriſtophorus Wunſch als kaiſerlicher Feldobriſt, am Sterbelager ihres geliebten Meiſters Plachh, der ſchon kurze Zeit nach ſeiner Entfernung aus Prag wieder mit erneuertem Glanze dahin zurückgekehrt war, und die Stelle eines Predigers der Bethlehem⸗ kirche, und Profeſſors der heiligen Schrift, dann ei⸗ nes Vorſtandes der akademiſchen Druckerei bekleidet hatte, und von allen Wohlgeſinnten mit höchſter Freude aufgenommen worden war;**) und deſſen ſterbliche Hülle ſie nun auch zu Grabe begleiteten; deſſen Andenken in der infolge ſeines Gelübdes auf dem altſtädter Ringe errichteten Marienſäule, wie auch in ſeinem herrlichen auf die fünf Marienfeſte verfaßten Lobgedicht Rosa pentaphylla“ erhalten, und deſſen Helm und Handſchuhe noch bei dem nächſten hundertjährigen Jubelfeſte zur Erinnerung an die Belagerung Prags durch die Schweden auf einem Ehrengerüſte herumgetragen wurden.**) *) Regiarum Appellationis Consiliarius. *) a bonis omnibus summo gaudio receptus est. ***) Das erwähnte Gedicht Rosa pentaphylla erſchien im Jahre 1655 zum zweitenmale im Drucke zu Cöln, und ſpäter ſogar in dritter Auflage. 272 Alſo erzählt die Vaterlandsgeſchichte Böhmens von dem Manne voll Tugend, Edelmuth und Ta⸗ pferkeit*) und Clio zeichnete mit leuchtenden Lettern in ihr Buch, was durch Lehre und Beiſpiel zur Ret⸗ tung und Vertheidigung der böhmiſchen Landeshaupt⸗ ſtadt vollbrachte, ein gelehrter, tapferer, und von ſei⸗ nen Zeitgenoſſen hochgefeierter Jeſuit!— Ende. *) Caeterum multa sunt Plachii acta, laude, commendatione, encomiis dignissima publicis curiae tabulis aeterno illius nominis famae, gloriae consignata, lautet der Bericht des Geſchichtsſchreibers. Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. —— — ſſſſſſſſiſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18