* . 6 7 Leihbibliotheł᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Feſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— f 1 5 Pf. 2 W. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſtu Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7, 2 * 1 ₰ 413UM Bibliothek deutſcher Yriginalromane der beliebteſten Fchriftſteller. Herausgegeben von J. h. Kohev. 1 Zwölfter Jahrgang. Neunter Band. er Jeſnit Prag Leipzig, Verlag von 9. L. Noher. Der Zeſuit. Hiſtoriſcher Roman ans dem Schwedenkriege in zwei Bänden. Von Franz Iſdor Proſchko. Erſter Band. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Noher. Porwort. Jvachim Haspinger, der noch lebende tiroler Heldenprieſter war bereits vielfach Gegenſtand ge⸗ ſchichtlicher oder romantiſcher Schilderungen.— Eine ähnliche Heldengeſtalt der böhmiſchen Vaterlandsgeſchichte iſt Georg Plachh, der ge⸗ lehrte und tapfere Jeſuit und Profeſſor an der prager Hochſchule. Der Verfaſſer des nachſtehenden Zeitbildes lie⸗ fert daher mit demſelben mehrere großartige Ab⸗ ſchnitte aus der Lebensgeſchichte dieſes Heldenprie⸗ ſters im geſchichtlich⸗romantiſchen Kleide. Er wollte damit das Lebensbilh eines vom II erſten Knabenalter bis zum letzten Athemzuge edlen, geſinnungstüchtigen und tapferen Mannes zeichnen, ohne Parteiausdruck für oder wider eine religiöſe oder politiſche Anſicht. Möglichſt geſchichttren“ iſt daher die nach⸗ ſtehende Erzählung; denn der Verfaſſer wollte den Helden ſeines Bildes nicht durch eine bloße Reihe romantiſcher Erfindungen verunſtalten. Die Dich⸗ tung ſollte der Geſchichte nur da nachhelfen, wo dem Verfaſſer geſchichtliche Quellen mangelten und es zur charaktergetreuen Schilderung des Helden dieſer Erzählung nothwendig erſchien. Daß Georg Plachy, der glorreiche Vaterlands⸗ Vertheidiger Prags dem Stande der Gelehrten, und dem Prieſterſtande angehörte, muß die Ruhmwür⸗ digkeit ſeiner Thaten nur erhöhen, indem er im Prieſter⸗ kleide nie zum Waffendienſte verpflichtet geweſen wäre. Warum der Verfaſſer nicht lieber eine bloße Biographie ſeines Helden ſchrieb? II Weil dieſe von manchem aus modernem Vor⸗ urtheil gegen den Stand, dem der Held dieſer Ge⸗ ſchichte angehörte, nicht geleſen werden würde.— Der Verfaſſer wollte aber zur Ehre ſeines Vater⸗ landes Böhmen und der königlichen Landeshaupt⸗ ſtadt Prag, das Andenken eines im Auslande bisher wenig gekannten Helden mit neuen Farben auffriſchen, eines Helden, deſſen Name nicht bloß der böhmiſchen, ſondern auch der gemeinſamen deutſchen Ge⸗ ſchichte angehört, weil er in den vorderſten Reihen zum Gelingen der großen That— der Rettung Prags von den Schweden— mitwirkte, welche als ſtrahlender Schlußpunkt am äußerſten Ende des furchtbaren dreißigjährigen Krieges in den Jahr⸗ büchern Germaniens deh Der Verfaſſer. Erſtes Rapitel. Ein heiliger Abend. Hinübergeſchlummert war lange ſchon der Tag, und nächtliche Schatten zogen über die Flur, auf welcher die weiße Decke des Winters lag. Kry⸗ ſtallene Sternchen ſilberweiß hingen an den runden. Fenſterſcheiben eines niedrigen Lehmhäuschens in der Altſtadt Budweis, jenem freundlichen Städtchen, das jetzt als eine wohlgebaute, mit einem herrlichen, vollkommen ebenmäßigen Ringplatze verſehene Kreis⸗ ſtadt, beſonders ſeit von dort die erſte Eiſenbahn Heſterteichs ausläuft, den Verbindungspunkt des ſüdlichen und nördlichen Königreiches Böhmen und der Nachbarländer bildet. Es war die hochherrliche Chriſtnacht des Jahres 10 1617, als in dem erwähnten Häuschen zu Budweis zwei ſtille Beter mit tiefer Rührung und thränen⸗ dem Auge den ſanften Klängen der Orgel und Schalmeien lauſchten, die aus der Kirche des nahen Dominikanerkloſters um dieſe Mitternachtsſtunde herüberſchallten, verkündend die große Feier jener Stunde, in welcher vor ſechszehnhundert und ſieb⸗ zehn Jahren der Heiland der Menſchheit auf die arme Erde kam, um ihre Wunden zu heilen, und ſeine Ankunft zuerſt armen Hirten des Feldes ver⸗ künden ließ. Die beiden Betenden waren eine Mutter und ihr Sohn. Arm an Habe, aber reich an Glauben und Vertrauen ſaßen ſie bei ihrem Holztiſchchen, auf dem ein Holzteller mit Brod und einigem Ziegen⸗ käſe lag; und Georg, der zwölfjährige ſchöne Knabe mit dem rothen Wangenpaar und Feuerauge, las ſeiner Mutter aus dem Buche der Bücher das Leben des Weltheilandes vor, und hielr zuweilen inne, um den freundlichen Tönen aus der nahen Kirche nachzulauſchen. Aber die Orgel verſtummte all⸗ mälig, die Nacht rückte vor, und Myriaden flimmern⸗ der Sterne zogen am Himmelsdome empor, und der Mond ſtrahlte ſein fanftes Licht in die kleine Stube. 14 „Mutter!“ nahm jetzt der ſchöne Knabe das Wort.„Mutter, wie doch der freundliche Mond auf einmal die Blätter meiner Bibel beleuchtet, als wüßte er, daß es uns armen Leuten an Oel ge⸗ bricht, um uns die Nacht zu erhellen.“ „Mein Sohn!“ entgegnete die Mutter lächelnd. „Der Mondſtrahl, der Dein Buch beleuchtet, ſoll Dir ſagen, daß dieſe Blätter die Quelle alles Lich⸗ tes ſind, deſſen wir auf Erden bedürfen, und daß auch die Thaten Deines Lebens, mein Sohn, mit Sonnen⸗ und Sternſtrahlen geſchrieben ſein müſſen, wenn ſie einſt der große Richter des Lohnes würdig finden ſoll. Mein Sohn, mein einzig liebes Kleinod, o bleibe Du gut und wandle wie der Heiland unter den Menſchen, tröſtend, duldend, verſöhnend, be⸗ lehrend,— ein Engel Deiner Brüder, dann wirſt Du Dein Haupt ſanft zur Ruhe legen, wie Dein biederer Vater, der in dieſer Stunde am Throne Gottes für uns betet“ In des Jünglings ſchönem Auge zitterte eine große Thräne. „Ja, Mutter!“ rief er,„wie der Heiland will ich unter den Menſchen wandeln, will lehren, trö⸗ ſten, dulden und lieben, und mein Haupt einſt ſanft zur Ruhe legen, wie mein guter Vater!“ 12 Mutter und Sohn ſchwiegen jetzt, denn ſtiller Schmerz zitterte in ihrem Auge, das beide unver⸗ wandt nach dem alten Oelgemälde an der Wand richteten, welches den heimgegangenen Vater mit ſei⸗ nem ſanften Antlitze darſtellte. Jetzt nahm die Mutter wieder das Wort.„Mor⸗ gen alſo, mein Sohn,“ ſagte ſie,„morgen müſſen wir uns trennen. Von nun an wird der Onkel Vater⸗ ſtelle an Dir vertreten.“ „Und ich ſoll Dich verlaſſen, Mutter?“ ſagte der Knabe, ſich ſanft an den Arm der Fran ſchmie⸗ gend;„v Mutter, laß mich bei Dir bleiben, wie bisher.“ „Wie gerne, mein Georg,“ entgegnete die Frau; „aber Du zählſt nun zwölf Jahre, und wenn Du wie an Alter, alſo auch an Weisheit zunehmen ſollſt, ſo mußt Du den Herd der Mutter verlaſſen, wo Dir ohnedieß faſt nur trockene Brodkrumen zutheil werden. Alſo füge Dich darein, mein Sohn, und trage mor⸗ gen Dein Bündel nach Krumau, wo Deines Vaters Bruder Deiner wartet, und Dich weiter führen wird ins Leben, das vft gar ſchwer zu ertragen iſt, mein Sohn!“ Im Auge der guten Frau zitterte wieder eine Thräne; ſie mochte ſich wohl erinnern, daß ſie nur 13 wenige frohe Tage in ihrem Leben zählte;— und nun ſollten auch die letzten derſelben enden, denn der einzige Sohn ſollte ſie verlaſſen, und ſchon am nächſten Tage nach dem Städtchen Krumau abge⸗ hen, wo ihn ſein Onkel erwartete. Jetzt kniete der kleine Georg zum Kripplein hin, welches ihm die Mutter aus Tannenreiſig ver⸗ fertigt, und mit einigem Flittergolde ausgeſchmückt hatte. Jetzt trat die gute Mutter dem Kleinen näher. „Sieh' mein Sohn,“ ſagte ſie,„dort ruht das hei⸗ lige Kind, welches das Licht in die Welt brachte, in ſeiner Krippe— ſieh', wie ſelig alle lächeln, die es da umreih'n— das arme Kind allein begrüßt ſie mit Weinen, denn es tritt in eine Welt des Kampfes und der Entſagung, und der Schmerz der Erde erwartet es.“ Der kleine Georg betrachtete mit leuchtenden Augen das Chriſtkindlein in der Krippe und eine ſtille Thräne der Rührung träufelte auf ſeine Wange. „Und dort, mein Sohn,“ fuhr die Mutter, auf ein Bild des Gekreuzigten an der Wand deutend fort;„ſiehe dort das Bildniß des ſcheidenden Hei⸗ landes, ſiehe, wie ſein letzter Blick ein ſanftes Lä⸗ cheln der Liebe iſt, womit er dieſe Erde verläßt. . 14 Siehe, wie ſie alle weinen, die ihn jetzt umreih'n, und er allein ſanft und milde lächelt ob dem herrlich vollbrachten Lebenswerke!— So, mein Sohn, ſei auch Dein Eintritt in die Welt, und Dein Aus⸗ tritt aus derſelben. Als Du geboren wurdeſt, da lächelten alle, die Dich umſtanden, Du allein weinteſt—— lebe ſo, daß, wenn Du ſcheiden wirſt von dieſer Erde, alle weinen, die Dich dann umſtehen, und Du allein lächeln kannſt!“... Die edle Mutter ſchwieg— Georg faßte mit glühendem Antlitze ihre Hand:„Mutter! Mutter!“ rief er, ſich innig an das Herz der Theueren ſchmie⸗ gend:„Wahrlich, ich gelobe es Dir! Alle ſollen ſie weinen, wenn ich einſt von dieſer Erde ſcheiden werde, nur ich allein will lächeln können!“.. Noch einmal zog jetzt die treue Mutter die Hand ihres Lieblings an ihr Herz:„Georg! mein Georg!— Du mein Einzig und mein Alles!“ rief ſie—„o ſcheide nicht vom Mutterherzen, ohne ein⸗ gedenk zu bleiben dieſer hochheiligen ſchönen wunder⸗ vollen Nacht! Sieh', wie die Lichter des Himmels ſo freundlich herabblinken, als wollten ſie lauſchen dem heiligen Schwure, den Du in die Hände Deiner Mutter thun ſollſt, um nie von dem Pfade der Tugend abzuweichen. Siehe!“ fuhr ſie 15 fort, indem ſie aufſtand, und von dem einfachen Bilde der Gottesmutter, welches nebſt dem erwähnten Bilde des gekreuzigten Chriſtus und dem Bilde des ver⸗ ewigten Vaters, den einzigen Wandſchmuck der ärm⸗ lichen Stube bildete, eine getrocknete füͤnfblättrige Roſe herabnahm.„Siehe, mein Sohn! wie dieſe Roſe fünfblättrig vor dem Bilde der Reinſten hing, alſo ſoll Dein Leben die fünf Haupttugenden: den Glauben, die Reinheit, die Thätigkeit, die Geduld und die heilige Liebe zu Gott und den Menſchen an ſich tragen; und wie der Stamm dieſe Blätter, ſo ſoll die einzige ſtarke Tugend der Beharrlichkeit die an⸗ dern alle zuſammenhalten, auf daß keine derſelben ſich entblättere, und die ganze ſchöne fünfblättrige Roſe einſt als ſchönes Siegeszeichen auf dem Sarge ruhe, worin ein Gerechter ſchläft.— Und nun beuge Dein Knie, mein Sohn,“ ſchloß die edle Mutter ihre Rede,„beuge Dein Knie, auf daß ich Dir in dießer großen herrlichen Nacht das ſchönſte Chriſtge⸗ ſchenk gebe, das einzige, was die arme Mutter dem armen Sohne bieten kann— meinen Segen!“ Georg, der reine, engelgleiche Knabe ſank auf das Knie, und Engeln lauſchten an den Fenſtern der armen Stube, worin eben der reichſte Schatz 16 Zeſpendet wurde, den die weite Erde in ſich ſchließt— der Segen einer Mutter! Und vom nahen Kirchlein klangen die letzten Töne des freudigen Gloria, womit die geſammte Chriſtenheit auf der ganzen Erde die Geburt ihres Beilandes feierte. Am nächſten Morgen fielen breite Schneeflocken auf die weite Ebene vor dem Städtchen Budweis mieder, als der junge Georg, ſein Bündel am Rücken tragend, die Waldſtraße nach dem Schloſſe Kruman entlang ſchritt. Schloß Krumau, wie die gleichnamige Stadt am Fuße des Blanskowaldes, eines Ausläufers des Böhmerwaldes im ſüdlichen Theile dieſes Königrei⸗ ches, und nicht minder die Stadt Budweis, bilden in der Geſchichte Böhmens wichtige Orte. Erſteres war bis zum Ausſterben der Roſenberge, deren letzter Sproſſe Peter Wok am 6. November 1614 von dieſer Erde ſchied, der Sitz dieſes mächtigen Geſchlech⸗ res; Budweis ſoll ſeinen Urſprung dem gewaltigen Premysl Ottokar verdanken. Ein am obern Theile der ehemaligen Marga⸗ retha⸗Kapelle dieſer Stadt befinbliche in Stein —— 17 gehauenes Kind dient als altes Wahrzeichen, daß die Gemahlin Premysl's an dieſer Stelle entbunden wurde; auch eine chronographiſche Inſchrift ob dem Thore der Stadt zeugte lange Zeit hindurch für die Begründung derſelben durch Ottokar. Sowie viele Städte und Flecken Böhmens ihre Namen ihrer Entſtehungsurſache verdanken, eben⸗ ſo leitet die Geſchichte nicht minder als die Sage DOeſterreichs den Namen Budweis von dem Gründer oder der Gründungsurſache dieſer Stadt ab. Wenn einige Geſchichtsforſcher einen der gewaltigen Roſen⸗ berge als Gründer von Budweis bezeichnen, und an⸗ führen, daß dieſem ein Sohn geboren wurde, der Budiwoj hieß, und zu deſſen Ehre die Stadt Bud⸗ weis genannt wurde, ſo ſchreibt der gelehrte Balbi⸗ nus ihre Gründung einem Budiwoj von Roſenberg zu, und bewährte Geſchichtsforſcher meinen, Budiwoj der I. von Hlubokä, ein Bruderſohn Wok l. von Roſenberg, ſei der Gründer dieſer Stadt. Später ſoll ſie an einen anderen böhmiſchen Herrn übergangen ſein, dem ſie Ottokar wieder abnahm, weil er ihm im königlichen Forſte einen Haſen erlegte. Die Volksſage aber, welche ſich gar ſo gerne im ungewöhnlichen und wunderbaren ergeht, lautet über die Entſtehung Luit Stadt anders Nach ihr 1857. IX. Der Jeſuit. I. 2 18. ſoll Piemysl Ottokar, der Böhmenfürſt, gelobt haben, dort, wo er Nachricht von der Geburt eines Thron⸗ erben erlangen würde, ein Kloſter zu bauen; da er dieſe Nachricht in der Nähe der jetzigen Stadt Bud⸗ weis erhielt, ſo erbaute er— ſo erzählt die Sage weiter— dieſe Stadt, und rief während ihres Baues im prophetiſchen Geiſte zu wiederholten Malen:„Bude jich vice!«(Es werden der Häuſer bald mehr ſein.) Zweites Rapitel. Die nächtlichen Reiter. Zwiſchen Budweis und Krumau ſeitwärts liegt eine kleine Ortſchaft, Forbes(Borowany) ge⸗ nannt, und nicht weit davon Troenow. Nur wenige Spuren nächſt dieſem Orte zeugen noch von dem Vorhandenſein einer großen Eiche. Unter ihrem einſtigen Laubdache ſoll Zizka, der Ritter von Tror⸗ now, geboren worden ſein. In jener Gegend beſaß er auch ſein Erbgut. Wohl nur wenige Urkunden haben uns ſicheres aus dem thatenreichen Leben dieſes gewalti⸗ gen Heerführers überliefert; jene aber, die ſich in böhmi⸗ ſchen Archiven, namentlich zu Wittingau, bon ihm finden, ———— 19 bezeugen ſeine Herkunft aus der genannten Gegend, wo er mehrere erbliche Grundſtücke beſeſſen haben mag. Troenow ſelbſt findet ſich in den Urkunden des genannten Archives mehrfach verzeichnet, und es ergibt ſich nebenbei aus denſelben, daß der be⸗ kannte Beiname Zizka's„vom Kelche“(de Calice), nicht vom kirchlichen Kelche, das iſt von der Kom⸗ munion unter beiden Geſtalten, mindeſtens nicht allein davon, ſondern von der bekannten, von Zizka bei Leitmeritz auf dem ſogenannten Kelchberge er⸗ bauten Burg dieſes Namens herrühre. Daß aber die genannte Gegend ſeiner Geburt ſehr bald der Schauplatz großer Verheerungen wurde, iſt gewiß, und lange noch erhielt ſich im Munde des Landvolkes jener Gegend die Sage: daß Zizka's Geiſt mit den Geiſtern ſeiner einſtigen Streitgenoſſen alljährlich an ſeinem Sterbetage, und wohl auch mit jedem neuen Jahreswechſel, an der erwähnten Eiche auf dunklen Roſſen im Sturme vorüberbrauſe und den nächtlichen Wanderer erſchrecke.*) Zizkas Todestag wird verſchieden angegeben; Balbinus bezeichnet den 11. Oktober 1424; andere Chroniſten den Mittwoch vor Galli; die Inſchriften mehrerer Abbildun⸗ gen Zizka's aber bezeichnen den 8. September; noch 2+ 20 War es daher ein Wunder, daß auch dem Holze der erwähnten Eiche verſchiedene Wunder⸗ kräfte beigemeſſen wurden. Wer in die Gegend von Trocnow kam und die Zizka⸗Eiche nennen hörte, wollte von ihrem Holze haben; ihr Stamm, ihr Laubdach trugen nach der Meinung der Bewohner jener Gegend die Wunderkraft, ſeltene prophetiſche Träume zu erwecken, in ſich für den, der dort ruhte: allein niemand wagte dieß während der Nacht zu thun, denn der Böſe trieb dort nachts ſein Spiel.— Alſo lauteten die Volksſagen von der Zihka⸗ Eiche, die damals unſchwer zu erkennen war; denn ſie trug, von ſtarker Hand eingegraben, das Fami⸗ lienwappen des gewaltigen blinden Huſſitenführers: einen Helm, darüber einen Krebſen unter einem ſchiefgeſtellten dreieckigen Schild mit einem zweiten Krebſen.*) andere Geſchichtsforſcher gar den 26. Juni 1424 als dieſen Tag. *) Das Kriegswappen Zizka's beſtand aus einem Kelche; an jeder Seite desſelben drei Sternchen oder Lilien, ringsum die Worte: Johannes— capit.— ſo hängt dieß Sigill an folgender Hriginal⸗Waffenſtillſtandsur⸗ kunde, die im wittingauer Archiv aufbewahrt iſt:„Wir, Johann, genannt Zizka von Troenow, Chwal von Ma⸗ chowic, Zbynek von Buchau, Paul von Nusie und die 21 Wild raſte der Sturm am Skt. Stephanstage des obgenannten Jahres 1617 um jene Eiche, und heimkehrende Landleute flüchteten ſchen vorüber, denn es war dieſe Nacht eine ſogenannte Losnacht, in welcher Kobolde und Elfen ihr nächtliches Spiel trieben. Gemeinde Piſek als Bürgen: bekennen durch dieſen Brief allgemein und vor allen, die ihn ſehen oder hören ſoll⸗ ten, daß wir kraft desſelben einen wahren chriſtlichen Woffenſtillſtand eingingen bis zu den Faſchingstagen und auch noch den ganzen Dienſtag: mit dem wohlge⸗ bornen Herrn Udalrich von Roſenberg und den Seini⸗ gen. Dieſen Vertrag zu halten, geloben wir bei unſe⸗ rer guten chriſtlichen Treue, mit allen unſeren Gemein⸗ den und unter Bürgſchaft von zehntauſend Schocken guter ſilberner prager Groſchen. Und wir obengenannten Bürgen, Hauptleute, dann Richter, Bürgermeiſter, Ge⸗ ſchworne und die geſammte Gemeinde von Piſek, ver⸗ ſprechen gemeinſchaftlich und unzertrennlich, den obigen Vertrag unter zehntauſend Schock zu halten und beob⸗ achten. Doch ſoll der wohlgeborne Herr von Roſen⸗ berg folgende vier Stücke auf allen ſeinen Beſitzungen erfüllen: das Wort Gottes ſoll ſeine Freiheit haben. Zweitens: der Leib und das heilige Blut Gottes ſoll allen Gläubigen ohne Unterſchied der Perſon gereicht werden. Driftens: die prieſterlichen Stiftungen ſollen eingezogen werden. Viertens: Todſünden ſoll er auf ſeiner ganzen Herrſchaft nach Kräften verhindern. Und * 22 Graue Winternebel ſanken auf den gefrorenen Schnee nieder und eiſige Kälte ſcheuchte ſelbſt die Thiere des Waldes in ihre Verſtecke; nur leiſe ſchlich dort über die Haide ein Füchslein, das der Hunger aus dem Waldneſte unter dem verholzten Wurzel⸗ werke der Rieſeneiche herausgetrieben hatte.— Dort tauchten aber auch andere Geſtalten hervor; drei Nachtgeſpenſter in große weite Mäntel gehüllt; auf hohen Roſſen ſitzend, kamen ſie einzeln, einer nach dem andern, in kurzen Zwiſchenräumen am Schnee geritten und hielten unter dem beſchneiten auch dieß ſoll unter der obigen Bürgſchaft geſchehen. Sollten wir aber dieſen Vertrag nicht beobachten, was Gott verhüten wolle; dann verſprechen und ſollen wir die gelobte Bürgſchaft vom Tage der Ermahnung an in einem Monate entweder in Krumau oder in Gratzen, wo unſere Gläubiger es fordern werden, erlegen. Und geſchehe dieß nicht, ſo ertheilen wir ihnen die Vollmacht, nämlich dem Herrn Udalrich von Roſenberg oder ſeinen Burggrafen, zuerſt unſere Gefälle, dann auch jene aller unſerer Gemeinden anzuſprechen, einzuſtellen, zu nehmen und zu ſchätzen ſo lange, bis die obige Bürgſchaft erlegt ſein wird. Zur Bekräftigung deſſen hingen wir unſere Sigille an dieſe Beſchreibung, die gegeben iſt im Jahre von der Geburt Gottes 1420, am Montag der Oktav des hl. Martin.“ 23 Geäſte der verrufenen Zizta⸗Eiche an.— Ein Landmann von dem nahen Flecken Komakic, der die dunklen Geſtalten ziehen ſah, rannte, ſich bekreuzend, landeinwärts und betete ſchweißtriefend den Abend⸗ ſegen, auf daß ihn die geſpenſtigen Reiter nicht verfolgen könnten...... Dieſe aber reichten einander unter der Eiche die Hände. „Alſo, Wort gehalten!“ ſagte einer der Reiter, ſeinen Mantel lüftend. „Wir Männer, welche Sturm und Wind nicht ſcheuen, wenn es ihre Sache gilt“— antwortete der andere, die Rechte darbietend. „Letwin von Rikan thut keinen Ritt,“ ſagte der dritte,„wo er ſein Wort für die gute Sache verpfändet hat; ich komme fürbas aus Budweis, ihr Herren!“ ſagte er,„und bringe Euch die Kunde, daß unſere Sache wahrlich zu Boden ſinkt, ſo ſie ein raſcher Windſtoß nicht etwa wieder auf die Oberfläche treibt! Hört, und rennt dann Euere böhmiſchen Schädel an die Zißka⸗Eiche, wenn Euch der Poſſen zu viele werden? der Kaiſer iſt zum Landtag nach Preßburg abgereiſt und hat uns derweil zehn Statthalter beſtellt, von denen nicht weniger als ſieben den Katholiſchen an⸗ gehören.“ 24 „Und der Thurn? was ſagt der dazu?“ fragte der zweite der Reiter, ſeine eiſenbeſchiente Hand ballend. „Laßt Euch und alle die anderen Führer unſerer Partei auf den Dreikönigtag zur geheimen Bera⸗ thung entbieten,— nun, ihr verſteht mich ſchon wo;— dort will er wieder mal das Wort führen und uns vorſagen, was wir den Herren auf dem prager Schloſſe bald in die Feder diktiren werden,— Pereat, die kaiſerliche Statthalterſchaft!“ „So wahr ich von Roupow heiße,“ rief jetzt der zweite der Reiter,„ehe der Mai ſein grünes Röck⸗ lein anzieht, gibt's Feuer im prager Schloſſe; wir Utraquiſten zaudern nicht mehr mit den Katholiſchen: nicht wahr, Fels?“ Der angeredete dritte der Reiter aber blickte ſcheu um ſich, riß plötzlich ſein Schwert aus der Scheide und that einen gewaltigen Hieb durch die Lüfte:„Wir ſind belauſcht! Ihr Herren,“ rief er, „ſeht Euch vor!“ Letwin von Rikan zog jetzt eine kleine Handlaterne unter ſeinem Mantel hervor und ließ den Strahl derſelben auf die andere Seite der Eiche fallen, wo eben ein armer Wanderer, zitternd vor Froſt, den Hügel hinanſtieg. 25 Es war ein Knabe, der in ein kurzes Woll⸗ mäntlein gehüllt, ſein Ränzel trug und unter dem breiten Geäſte der Eiche Schutz vor dem immer heftiger hereinbrechenden Unwetter ſuchte. „Haut den Burſchen zu Boden!“ ſchrie Herr von Raupow, indem er mit gezogenem Schwerte auf den Knaben zurannte;— dieſer aber war an der Eiche erſchöpft zu Boden geſunken und ſtreckte ſeine beiden Hände, ſich vertheidigend vor ſich. Jetzt aber ranſchte es auf der Nordſeite der Eiche im hohen Schnee vernehmlich herüber;— der Schritt nahender Roſſe wurde vernehmbar und eine brennende Fakel tauchte hinter dem Hügel empor. Mehrere Reiter, etwa ſechs an der Zahl, arbeiteten ſich mit ihren Roſſen durch den Schnee herauf. Aber ſie zeigten ſich kaum und die drei Utra⸗ quiſten flogen, ihren Roſſen die Sporen in die Weichen drückend, nach der Südſeite der Eiche ins Weite. Die ſechs ankommenden Reiter waren kaiſer⸗ liche Dragoner, an deren Spitze ein ſtattlicher Mann von etwa ſechsundvierzig Jahren auf einem Schecken ritt. Sein ſchwarzer Sammtmantel, die Goldborden an ſeinem Wammſe und die goldene Kette, welche an ſeiner Bruſt prangte, bezeichneten ihn als einen vor⸗ —— nehmen Standesherrn oder hohen Offizier der kai⸗ ſerlichen Armada. Er hielt ſeinen Schecken an, als er an der Eiche vorüberkam und den Knaben gewahrte. „Sieh' da!“ rief er, ſich im Sattel emporrich⸗ tend;„ein junger Windjäger! Was ſuchſt Du hier, Knabe, und wer ſind die Leute, die eben über die Haide jagten?“. „Ich kenne ſie nicht, lieber Herr!“ antwortete der Angeredete;„aber guter Hantirung ſcheinen ſie nicht nachzugehen; denn als ich, den Weg verfehlend, zur Eiche watete, um ein wenig Schutz vor dem Schnee⸗ ſturm zu finden, wollten ſie mich niederſtechen, weil ſie ſich von mir belauſcht wähnten.“ „Räubergeſindel!“ eiferte der ſtattliche Offizier; „werden wahrſcheinlich unter dieſer Eiche über einen Handſtreich einig geworden ſein; v, derlei Strolche ſchwirren jetzt wie Nachtfalter im Sommer auf den ſturmdurchwehten Feldern unſeres Vaterlandes herum. Aber was ſuchſt Du hier, mein Sohn, und wie heißt Du?“ „Bin der Georg vom Fiſcherhäuschen in Bud⸗ weis,“ antwortete der Knabe;„habe geſtern von mei⸗ nem Mütterlein Abſchied genommen und wollte heute abends bei dem Ohm in Krumau eintreffen. Aber 3 27 der Schneeſturm hat den Pfad verweht, und ſo bin ich abſeits gekommen und kann mich hier nicht mehr zurechtfinden; aber da mich der Mutterſegen begleitet, ſo hat mich Gott nicht umkommen laſſen und die heilige Jungfrau ſendete mir in Euch ſchon Hilfe zu.“ Der ſtattliche Reiter betrachtete jetzt beim Scheine der Laternen, die ſeine Dragoner auf ihren Sätteln hängen hatten, den ſchönen Knaben mit ſichtlichem Wohlbehagen.„Alſo Deinen Ohm gehſt Du zu be⸗ ſuchen, armer Junge?“ ſagte er, dem frierenden Kna⸗ ben mitleidig die von der Kälte doppelt geröthete Wange klopfend.„Wie heißt Dein Ohm, lieber Georg?“ „Georg Ferus,“ antwortete der Knabe;„er iſt einer der Studirten aus dem Jeſuitenkollegium in Krumau, und die Mutter meint, daß er mich nun zu ſich nehmen und auch ſtudiren laſſen ſolle; denn ich bin des Leſens und Schreibens ſchon gar wohl kundig.“ „Georg Ferus?“ fiel der vornehme Reiter ein, „ach, das iſt wohl der Jeſuit aus Prag, der in Kru⸗ mau ſo ſchöne Kanzelvorträge hält? Ei, Junge! da haſt Du einen wackeren Ohm!“*) * Georg Ferus oder Plachh wurde zu Biſchofteinitz in Böh⸗ 28 Der ſtattliche Reiter ließ nun den jungen Ge⸗ org zu einem ſeiner Dragoner auf das Pferd ſteigen und in wenigen Stunden ritt er mit demſelben in Schloß Krumau ein, wo er den Knaben über Nacht bei ſich behielt, am nächſten Morgen aber zu ſeinem Oheim, dem Jeſuiten Georg Ferus entlaſſen wollte. Drittes Rapitel. Das Geſpenſt der weißen Frau. Wie faſt bei allen Völkern des Alterthums, war auch bei unſeren deutſchen Voreltern der Glaube an men im Jahre 1585 geboren und in Pilſen erzogen; im Jahre 1602 wurde er Jeſuit; im Jahre 1616 trug er zu Prag die Beredtſamkeit, dann Philoſophie und Moral vor. Auf ſeine Veranſtaltung wurde der große vergoldete Kelch nebſt dem Bildniſſe des Königs Georg von Podöbrad von der Teinkirche durch Studenten bei der Nacht abge⸗ nommen. Später ſtand er dem Kollegium zu Iglau vor; im Jahre 1627 ward er böhmiſcher Prediger bei St. Salvator in der Altſtadt Prag und lag dieſem Amte dreißig Jahre lang ob. Zugleich verſah er die Stelle eines Bibliothekars im Clementino und Vorſtehers der Druckerei. Er ſtarb zu Bieznic im Jahre 1659 am 21. Januar. 29 Geiſter und Dämonen— gut- und bösartige— glück⸗ oder unglückbringende— ſehr verbreitet. Selbſt nachdem bereits das Licht des Chriſtenthums über den deutſchen Gauen ſtrahlte, lebte noch lange der Volksglaube an Zwerge und Kobolde oder ſogenannte Wichte oder Wichtel, alſo benannt von ihrer kleinen Geſtalt. Man nannte weiße und ſchwarze, gute und böſe, männliche und weibliche; meiſt waren ſie ſchlau, verſchmitzt und trügeriſch; ſie erreichten ein hohes Alter, lebten in Höhlen, Bergen, Wäldern, wo ſie oft ein geordnetes Volk mit einem Könige bildeten. Waren es doch ſo manche unheimliche oder naturſeltene Orte, welche mit ihren Erſcheinungen dieſen Glauben nähren mußten. Gleicht doch die Tropfſteinhöhle in Adelsberg in Krain mit ihren Naturgebilden von Bäumen, Blumen, Säulen und ſonſtigen Tropfgebilden wahrlich einem unterirdiſchen Zauberreiche, worin das ſtille, unun⸗ terbrochene Herabfallen der Tropfen einer geiſter⸗ haften Muſik ähnlich iſt, die den Beſchauer dieſes erhabenen Meiſterſtückes der Natur mit heimlichem Schauer erfüllt.— Auch die Zwerge ſpielten im Volksgeſpenſterglauben eine große Rolle.„Der daum⸗ lange Hans“ jebt als winziger Geiſt noch jetzt in den deutſchen Volksmärchen und ,der Hanſel⸗Sonn⸗ 30 tag, ein Volksfeſt, an welchem nach heidniſcher Sitte „Meth' getrunken und Tänze abgehalten wurden, wird noch an mehreren Orten Deutſchlands gefeiert. Richt minder waren es die Rieſen, die unſeren deutſchen Voreltern als Geſpenſter galten; die Niren, Waſſer⸗ männchen und Waſſerjungfern mit Menſchenleibern und Fiſchſchweifen,— das Donauweibchen— leben noch in unſeren Volksſagen; die Irrwiſche oder ſo⸗ genannten Fuchtelmänner, von ihren Bewegungen ſo genannt, wurden von unſeren Voreltern für Seelen der Abgeſtorbenen gehalten; die Feldgeiſter(auf den Römerſteinen als dii campestres), die Waldmän⸗ ner und Waldfräuleins, auf Bäumen wohnend, wurden gefürchtet Der wilde Jäger mit ſeinem Heere, der ſogenannte Hackelberg oder Burggeiſt von Rodenſtein im Odenwalde war eigentlich der alte Gott der Deutſchen: Wodan; das große Himmels⸗ gewölbe war ſein ungeheuerer dunkler Mantel oder ſeine Rüſtung, weßhalb er auch Hackelberend(Man⸗ telträger) hieß. Ihm ſchrieben die alten Deutſchen die Lockung der Lufterſcheinungen, des Blitzes, Don⸗ ners und des Sturmes zu; im Brauſen des Orkans jagte er auf ſeinem achtfüßigen Pferde über die Berge und Meere. Noch näher lag einſt der Glaube an die Haus⸗ 31 geiſter und Kobolde, die in Küche und Keller, in Stuben und Ställen herumkrochen und Gepolter verſchiedener Art verurſachten und im Mittelalter Poltergeiſter(olleti daemones) genannt wurden. Von dieſen Hausgeiſtern niedriger Gattung, waren aber jene ernſten, hochtragiſchen Familiengeſpenſter verſchieden, die als geſchiedene Seelen einzelner Fa⸗ milien, beſonders des Adels und der Burgbeſitzer, auch nach ihrem Tode noch an den Erlebniſſen der Familie theilnahmen, und ſich bei traurigen oder freudigen Familienereigniſſen als warnende oder prophezeiende Nachtgeſtalten ſehen ließen. Wer denkt hier nicht an die„Ahnfrau“ Grillparzers?— Und dieſe Volksſage von der Ahnfrau oder dem Geſpenſte der ſogenannten weißen Frau“ iſt eine der am wei⸗ teſten verbreiteten Sagen, ſo weit die deutſche Zunge reichet Selbſt auf den Schlöſſern des Elſaßes ſpukte die weiße Frau. In Böhmen aber iſt die Sage von der„wei⸗ ßen Frau in Neuhaus⸗ zur Epiſode in der Fami⸗ liengeſchichte des einſtigen roſenbergiſchen Herren⸗ hauſes geworden. Nach altböhmiſchen Traditionen zeigte ſich die weiße Frau von Neuhaus“ jederzeit auf den Burgen der Herren von Roſenberg, ſobald ein Familienglied des 32 Herrenhauſes vom Leben ſcheiden ſollte. Dann ſchritt die alte Ahnfrau im langen weißen Kleide, mit einem großen Schlüſſelbunde an der Lende durch die langen, finſteren Gänge der alten Schlöſſer Neu⸗ haus, Roſenberg, Wittingau, Krumau; beſonders häufig ſah man ſie in Neuhaus, daher ſie auch vor⸗ zugsweiſe die„weiße Frau von Neuhaus“ genannt wurde. In Wittingau beſteht im fürſtlich ſchwarzen⸗ bergiſchen Schloſſe noch jetzt ein langer Gang, deſſen dunkle Tiefe nach der Sage häufig von der weißen Frau beſucht wird. Kummervoll, aber unbeſchreiblich ſchön und rührend ſeien ihre Züge, hoch und ehr⸗ furchtgebietend ihre Statur und drohend ihre Miene, wenn ein Unberufener es wagt, im Zweifel an ihre geſpenſtige Weſenheit ihr entgegenzutreten und Scherz gegen ſie auszuüben; man fand, ſo erzählt die Sage weiter, mehrere muthige Männer, welche ihr entge⸗ gengetreten waren und ſie in ihrem ernſten Gange aufhalten wollten, bewußt- oder wohl gar leblos auf dem Boden hingeſtreckt; andere ſoll ſie für ihren Vorwitz mit Maulſchellen traktirt haben; es ſcheint alſo der guten alten Frau auch in ihrem Geiſterleben noch etwas Kantipenartiges anzukleben. Eine der älteſten Sagen über das Erſcheinen dieſes Familiengeſpenſtes datirt ſich aus dem drei⸗ 33 zehnten Jahrhundert. Bekanntlich gründete einer der Roſenberge, Peter Wof von Roſenberg, im Jahre 1259 das Ziſterzienſerſtift Hohenfurt, wozu ſeine, von der gefeierten Dichterin Karoline Pichler in einer ſchönen Ballade beſungene, wunderbare Rettung aus der hohen Furt« der Moldau Veranlaſſung gab. Auf ihn folgte Wok II.,(geſtorben 1262), und der letzte der Roſenberge, Peter Wok, ſtarb als Utraquiſt im Jahre 1611 am 16. November in Wittingau. Dieſen ſoll nun, wie die alte Sage erzählt, die weiße Frau von Neuhaus häufig, als er noch Kind war, aus ſeiner Wiege herausgenommen, auf den Armen ge⸗ tragen und geliebkoſt haben; auch ſei ſie an ſeinem Sterbebette in Wittingau trauernd geſehen worden. Das ſind die weſentlichſten Sagen, welche im Munde des Volkes über das Familiengeſpenſt der weißen Frau kreiſen; der Geſchichtsforſcher beachtet ſie gerne, weil ſie ihm mit ihrem glitzernden Schim⸗ mer den Weg durch das Zwielicht der Geſchichte weiſen, bis ihn genauere Forſchungen hiſtoriſchen Boden gewinnen laſſen. Letzteres iſt auch mit dieſer Sage von der wei⸗ ßen Frau der Fall, und das reiche, von der Ge⸗ ſchichtsforſchung noch viel zu wenig ausgebeutete 1857 IX. Der Jeſuit. I. 3 . 34 Archiv in Wittingau bietet hierüber bedeutende hiſtv⸗ riſche Anhaltspunkte. Nach dieſen ergibt ſich folgendes: Die weiße Frau Böhmens nannte ſich Plichta oder Prichta von Roſenberg. Sie war Gemahlin des Herrn Hans von Liechtenſtein und eine Schweſter des bekannten Wilhelm Grafen von Roſenberg, wel⸗ cher in der erſten Hälfte des ſechszehnten Jahrhunderts auf dem Schloſſe Krumau Hof hielt, und deſſen zweite Gemahlin Katharina(geſtorben 1559) ſogar eine Prinzeſſin des braunſchweigiſchen Herzogs Ehrich war, was für die damalige Macht und das Anſehen des Hauſes Roſenberg zeugen dürfte. Plichta von Roſenberg ſcheint jedoch in keinem günſtigen Rufe geſtanden zu ſein, daher der richtende Volksglaube ſie nach ihrem Tode als Geſpenſt in den roſenbergiſchen Schlöſſern herumwandeln ließ. Als ein äußerſt merkwürdiges Original-Doku⸗ ment findet ſich aber ein von ihrer Hand geſchrie⸗ bener Brief an ihren vorerwähnten Bruder, den Herrn von Roſenberg, im wittingauer Archiv. Sie mag denſelben während der Faſchingszeit aus Nikolsburg an ihren Bruder, nebſt einem ſoge⸗ nannten Faſchingsnarren,— einer kleinen gebackenen Figur, etwa wie unſer Hanswurſt' eingeſendet haben. 35 Der Wortlaut dieſes Schreibens iſt folgender: „Mein willig Dienſt beuor, lieber Bruder. Ich ſchickh euch Hir zu mein Vaſchung narren, ond mir in ſein narren wais viel ſüß geſſen hat ond lapp ew wiſſen das er ew nachredt vor mein ond vor anderen gueten lewten, Wie das ir Im ver⸗ ſprochen habt zween Wind Pnd ich In ew nicht pös hab mügen in die Hannd geben Wen ich ant⸗ wurt ew In mit dem Brief ond bitt ew das ir in ſtrafft vnd aus den Henden nicht laſſt vnd im die Händt hinder den Rücken pind ond mit ew gen Crumenau Furret vnd in dan in das Honik was leget ond daraus nicht laſſt petz er ſich daraus lekcht ond ich nach Im wieder ſchickh vnd getraw ew lie⸗ ber Bruder ir werdet das tun, wenn er ſein wol werdt iſt, vnd was er auf ew geredt hat, das wil ich ew nicht als verſchribn, Vnd war ir In vmb das ſtrafft ſo wil ich em mer von Im ſagen, wen Ir obgotwillen zu mir kommen werd. Wan ir In das Honik was leget, So ertren⸗ ket in darjn nicht. Wen er ain ander Jar zu der narren wais wol ſugen mag Darum bitte ew die ſchirmerjn, das ir ſein ſchonet von ſeines Alter wegen ond ſeines Glatz, den er hat welich geleich zu weiſt umb iſt ond jr damit nertet als Die ſchirmerjn In 36 damit genert hat, und er wol wais was das ge⸗ weſen iſt, ond ſein wolluſt gehabt hat, und Im ain guete pratne maws gebt, das er der Gend nicht auspeiſs ond bitt ew Lieb' Bruder ir wollet Im den Brief geben das er In ſelbs über les. Geben zu Nicolſpurg am Fritag Pericht von Roſenberg. Hr: Hanſen von Lichtenſtain Gemachl.“ Peter Wok von Roſenberg, der letzte ſeines Stammes, lag, wie erwähnt, ſeit dem Jahre 1611 in der Gruft zu Hohenfurt. Nach ihm überkam Johann Graf von Zriny als nächſtberufener Ver⸗ wandter die Güter der Roſenberge; aber ſchon im ſelben Jahre ſtarb auch er; erſt im Jahre 1622 wurde Graf Johann Ulrich von Eggenberg, den Kaiſer Ferdinand ſo hochſchätzte, mittelſt Majeſtäts⸗ briefes mit der Herrſchaft Krumau belehnt. Inzwiſchen waltete auf Schloß Krumau ein alter Kaſtellan und in den Hallen der ſtattlichen Burg, die ſich mit ihren rieſenmäßigen Gebänden über dem Moldaufluſſe erhebt, ward es ſtiller und einförmiger; kein luſtiges Zechgelage fand daſelbſt ſtatt, ſelten tönte das zum Waidwerke einladende Jagdhorn und noch ſeltener erfolgte der Beſuch freund⸗ 37 licher Gäſte Die Tage wurden ſtets trauriger, der Himmel verdüſterte ſich ſtündlich mehr,— der drei⸗ ßigjährige Krieg, der Deutſchland von einem Ende zum andern verwüſtete, ſtand vor der Thüre. Sehr erklärlich war es daher, daß der an trübe Bilder gewohnte Stadtbewohner und Landmann des Nachts die Geſpenſter witterte, die ſeinen Herd am Tage beunruhigten. Durch das Städtlein Krumau ſowie durch die Umgegend ſchlich ſich daher im Beginne des Jahres 1618 die Kunde, daß ſich in den dunklen Gängen und Erkern des Schloſſes Krumau das traurige Geſpenſt der weißen Frau, der obgenannten Ahne des Hauſes Roſenberg mit dem weißen Schleppkleide und dem großen Schlüſſelbunde wiederſehen laſſe. Großes, großes Unglück bedeute ihr Erſcheinen!.. Auch der alte Kaſtellan Gandolph bekreuzte ſich, als er jenen ſtattlichen Ritter mit dem Sammtkoller und der goldenen Kette, welcher den jungen Georg an der Zizka⸗Eiche getroffen und mit nach Krumau geführt hatte, bei ſeiner Seligkeit verſicherte; daß er das Geſpenſt der weißen Frau mit ſeinen eigenen leiblichen Augen geſehen habe, wie es am äußerſten Ende des zur Zeit unbewohnten Schloſſes ſtand und traurig über die Moldau in die Stadt hinabblickte. Der ſtattliche Reiter mit der goldenen Kette aber trat feſten Fußes in die Schloßhalle.„Wil⸗ helm Slawata,“ ſagte er lächelnd,„nimmt es auch mit Geſpenſtern auf; und es ſollte mich freuen, während der kurzen Zeit meines Aufenthaltes auf Schloß Krumau die Bekanntſchaft der Ahnfrau meines verſtorbenen Freundes zu machen.“ Slawata war ein inniger Vertrauter Peter Wok's von Roſenberg. Als einer der vom Kaiſer Mathias in Böhmen eingeſetzten Statthalter, unterhielt er Verbindungen mit weltlichen und geiſtlichen Wür⸗ denträgern des Landes und wollte in dieſen Tagen eben den Abten Paul Fareſchon III. im Ziſterzienſer⸗ ſtifte Hohenfurt an der öſterreichiſch⸗böhmiſchen Grenze beſuchen, um dort das Weihnachtsfeſt zu feiern.— Auf dieſe Weiſe war er an der Zizka⸗Eiche mit dem jungen Georg von Budweis zuſammengetroffen, hatte dieſen, wie erwähnt, nach Schloß Krumau mitgenommen und ſtand nun im getäfelten Saale des letzteren, wo er mit lächelndem Munde die aber⸗ malige Kunde von dem nächtlichen Unweſen der weißen Frau' empfing. Dann entließ er ſeine Dienerſchaft und ſtreckte ſich müde auf das Himmelbett, während abermals die Nacht mit ihren Sternen heraufzog. 39 Auf einem Ruhebette des Vorzimmers lag Georg, der ſchöne Knabe, den Slawata am nächſten Morgen ſeinem Onkel übergeben wollte. Der Knabe hatte die Rede des alten Gandolph über das Geſpenſt der weißen Frau mitangehört; ſeine lebhafte Phantaſie beſchäftigte ſich von dieſer Minute an mit dem Gedanken an dieſe Wundermähr; die Thurmuhr auf Schloß Krumau hatte eilf ausgeſchlagen;— jetzt glaubte er das Kniſtern der Fußtritte der weißen Frau auf dem Gang vor der Thüre wahrzunehmen;— jetzt klirrte ihr Schlüſſelbund;— Georg, von einer Art un⸗ widerſtehlicher Neugierde erfaßt, ſprang auf und öffnete die Thüre, welche auf den langen, beide Schloß⸗ flügel in Verbindung ſetzenden Gang hinausführte. Dort erhob ſich in einiger Entfernung, von dem durch die runden Gangfenſter hereinbrechenden Mondlichte mattbeleuchtet, die baumlange Geſtalt der geſpenſtigen Ahnfrau des Hauſes Roſenberg; traurig ſtierte ihr fahles Todtengeſicht auf Georg; am aſchfarbenen Gürtel des langen weißen und fal⸗ tenreichen Kleides hing der Schlüſſelbund zu den Thüren des Schloſſes, deſſen einſtige Hausfrau ſie geweſen. Aber Georg, der muthige Knabe, kannte keine Furcht;— raſch ſchritt er auf die Geſtalt los: da 40 krachte es plötzlich wie der Knall einer Falkonet⸗ kugel durch den Gang; halbbetäubt ſank der Knabe zur Erde, und als er ſich wieder aufraffte, war die geſpenſtige Ahnfrau der Roſenberge aus dem Gange verſchwunden. Der Schuß hatte die Bewohner des Schloſſes aufgeſchreckt. Slawata ſelbſt ſtürzte aus ſeinem Ge⸗ mache; ſchwefelartiger Geruch erfüllte den Gang, deſſen entgegengeſetzte Thüre, wie an jedem Abende, mit ſtarken Riegeln verſchloſſen war. Sich bekreuzend ſtand das Schloßgeſinde, ernſt und ſinnend Slawata da. Georg aber ſaß mit fun⸗ kelnden Augen auf einem Stuhle und berichtete in abgebrochenen Tönen das Geſehene. Slawata ſchwieg eine geraume Weile, und ver⸗ ſank wieder in ſein voriges Nachdenken, dann wandte er ſich zu dem alten Kaſtellan:„Reicht doch dem muthigen Jungen einen Schluck Wein, daß er ſeinen Schreck hinunterjage,“ befahl er,„und laßt ſogleich und fortan allnächtlich doppelte Wache in den Gang ſtellen; will doch ſehen, ob die Poltergeiſter auf Schloß Krumau nicht zu bannen find!“ Dann klopfte er dem jungen Georg auf die Schulter.„Biſt ein muthiger Junge!“ ſagte er; „wollen auch ſpäter Bekanntſchaft miteinander halten.“ * 41 Kein Wort verlor der Statthalter weiter; aber auf ſeinem Lager warf er ſich in dieſer Nacht noch oft hin und her, denn er glaubte auch jetzt noch in ſeinen Ohren ein ſeltſames Dröhnen, Rollen und Grollen zu vernehmen, welches unterirdiſch durch die Grundfeſten des alten Schloſſes zug...... Und er hatte recht gehört. Tief unten in einem der ſchauerlichſten Gewölbe des alten Schloſſes, wohin, zwölf Klafter unter der Erde, kein Menſchenlaut mehr drang und außer dem kalten Tropfen, der vom Geſtein niedertröpfelte, kein Laut mehr die ſchaurige Stille unterbrach, lag ſeit zwei Jahrhunderten eine große bemvoste Steinplatte mit einem ſchwarzen, halbverlöſchten Kreuze bezeich⸗ net; das war der Rieſendeckel eines ungeheueren Grabmales, welches die einſtigen Gründer der Veſte ſich ſelbſt hier errichtet hatten, nicht für ihre Lei⸗ ber, ſondern für ihre Schätze; dieſe verbargen ſie dort. Im Gewölbe befand ſich eine kleine Stein⸗ treppe, auf welcher man von außen zu einer Stein⸗ platte gelangte; ſchob man dieſe mit Mühe bei⸗ ſeite, ſo zeigte ſich durch das vorſtehende Geſtrippe und Steingerölle die Ausſicht auf die vorüberfließende Moldau, und das war der letzte verſteckte Zufluchts⸗ ort, wohin ſomit die Schloßbewohner im Falle einer 42 Belagerung der Veſte durch das Gewölbe leicht ent— weichen konnten. Die erwähnte Steinplatte trug aber in der ebengeſchilderten Nacht keineswegs das Gepräge eines Leichenſteines, ſondern vielmehr einer freund⸗ lichen, wohlbeſetzten Tafel.— Hohe verſilberte Becher mit echtem Melniker⸗ wein ſtanden auf der Platte neben verſchiedenen, auf breiten Holztellern liegenden Wildpretgerichten.— Dunkle Geſtalten ſaßen um die Tafel herum; vier ernſte, bärtige Männer vom Cechenlande, ein großer ſtarker Bruderbund, deſſen Wappen, ein ungeheuerer Streitkolben und darüber ein vergoldeter Kelch, auf einem Wandſchilde im Gewölbe pranßte Ihr Sprecher, ein ſtarker Reitersmann mit einem breiten Mantel auf der Schulter, ſtemmte— ein Fürſt der nächtlichen Tafelrunde— ſeine Fauſt auf die Steinplatte„Und wie Ihr wißt,“ fuhr er mit gedämpfter Stimme fort,„hat der Kaiſer unſere in Braunau errichtete Kirche durch einen Kom⸗ miſſär ſperren, die Schlüſſel dem Abte übergeben! und acht der unſtigen, die dort das Wort führten, in den ſchwarzen Thurm bringen laſſen.“ Dumpfes Grollen der Umſitzenden antwortete auf dieſe Rede. „ „Unſere Kirche in Braunau iſt alſo geſperrt, die zu Kloſtergrab aber abgebrochen,“ fuhr der Spre⸗ cher fort,„und es gilt nun unſere Sache gemein⸗ ſchaftlich zu vertheidigen. Utraquiſt oder Proteſtant, Pikardit oder mähriſcher Bruder, das gilt jetzt gleich, alle für einen und einer für alle, und— pereant! die uns übelwollenden königlichen Räthe, ibſtrihe Martinic und Slawata!“ „Recht, Graf Thurn!“ riefen die übrigen Tafel⸗ genoſſen,„unter die Füße müſſen wir ſie kriegen“ „Vor der Hand ſind ſie aber über Eueren Köpfen!“ tönte es an der Thüre des Gewölbes, und ſich mühſam durch den kleinen Eingang drängend, ſtand das baumlange Geſpenſt der weißen Frau im Gewölbe. Aber die Herren von der S zitterten keineswegs, wie vor einigen Minuten die Schloß⸗ bewohner, vor dem Anblicke der weißen Ahnfrau,— ſondern ſprangen blos auf und umſtellten das Ge⸗ ſpenſt, das jetzt mit einer Handbewegung ſeine Tod⸗ tenlarve abriß und das Leichenkleid ſammt dem Schlüſſelbunde von ſich warf und als nerviger Kriegs⸗ mann im kurzen geringelten Panzerhemde daſtand. „Der oberſte Landesrichter des Königreiches, Wilbelm Slawata, ſchläft ober n Häuptern,“ 44 ſagte er faſt leiſe;„mein heutiger Geiſterſpuk hat ihn und das ganze Schloßgeſinde aufgeſchreckt; ich meine, unſere Zeit iſt hier um; man wird, wie ich den Slawata kenne, der ſich durch Geſpenſter⸗ poſſen nicht irreführen läßt, die Luftlöcher des Schloſſes ſammt und ſonders durchſtöbern, und wir müſſen unſere Berathungen anderswo pflegen, ſo wir nicht den Hellebardieren der Schloßwache in die Hände fallen wollen.“ Die Herren an det Tafelrunde: Graf Mathias Thurn, von Rikan, von Raupow und von Fels ſprau⸗ gen jetzt auf. „Ihr Herren!“ rief Graf Thurn,„ſeit dem Tode des letzten Herrn von Roſenberg, konnten wir in dieſem Gewölbe ungehindert unſere Pläne zu Nutz und Frommen unſeres Glaubens berathen und der von unſerem Herrn von Raupow ſo täuſchend geſpielte Spuk der weißen Ahnfrau ſcheuchte uns unberufene Be⸗ obachter unſerer geheimen Verſammlungen vom Halſe. Nun aber gilt es loszuſchlagen; die Parteien ſchaaren ſich im Königreiche in allen Farben zueinander, die Klagen unſerer Glaubensgenoſſen haben nicht geſchwiegen, und eine gemeinſame Verſammlung, zu welcher auch die katholiſchen Stände geladen werden ſollen, iſt für den Frühling feſtgeſetzt. Unſere gemeinſamen Schritte — 45 zu verbergen haben wir nicht noth; hier aber haben wir andere geheime Zwecke berathen, die noch nicht offenbar werden dürfen. Ihr wißt, zwei Steine ſind es, die wir aus dem Wege räumen müſſen, wenn unſere Pfade eben werden ſollen; und wollen ſie nicht weichen, ſo müſſen ſie geſprengt werden;... Ihr kennt dieſe Steine, ſie heißen: Slawata und Martinie!“ Die Herren von der Tafelrunde wollten eben ihren genannten Todfeinden ein Pereat bringen; aber lautes Rufen und Sporengeklirre aus den oberen Schloßgängen deuteten an, daß man die Räume der Burg ohne Zweifel mit Fackeln durchſuche, denn ſchon ſtrich ein leiſer Schimmer am oberſten Rund⸗ fenſter des Gewölbes oorüber. Raſch ſprang Herr von Rikan aufden Steinvor⸗ ſprung am Fenſter, ſchob die runde Steinplatte zurück— und in weniger als ſechs Minuten ſtanden die vier Herren von der Tafelrunde in einem kleinen Nachen, der ſie, nachdem die Steinplatte wieder vor das Eingangsloch des Gewölbes geſchoben war, unter dem Schutze der dunklen Winternacht auf den Wellen der Moldau zwiſchen Eisſchollen abwärts bis auf eine breite Erdzunge führte, wo die Söldner des dtchens gewöhnlich ihre Roſſe zu ſchwemmen S — 46 pflegten und welche daher noch jetzt der„Roßzipf⸗ genannt wird. Dort harrten die Troßbuben der vier Herren mit ihren Roſſen, auf welchen Graf Mathias Thurn und ſeine Verbündeten bald die Straße nach Budweis und Prag gewannen. Zwiſchen Budweis und Krumau, unweit des großen Blanskowaldes, eines ſüdlichen Ausläufers des Böhmerwaldes, liegen die noch ziemlich feſten Ueberreſte des einſtigen Mönchskloſters Goldenkron, deſſen geiſtliche Bewohner einſt gleichfalls dem Schwerte des grauſamen Huſſitenführers Zizka an⸗ heimftelen. Weiter, waldeinwärts liegen die Trümmer einer alten Veſte, Meidſtein genannt; eine alte Sage nennt den mit ſeinem Vater Ulrich von Ro⸗ ſenberg entzweit geweſenen Günther von Roſenberg als ihren Gründer, der dieſe Veſte baute, um ſeinen Vater zu meiden und fern von demſelben als ſelbſt⸗ ſtändiger Burgherr zu hauſen. Bei den Trümmern dieſer Veſte hielten Graf Thurn und ſeine Freunde an; dort trennten ſie ſich nach allen Richtungen der Windroſe und verſprachen ſich zur Ausführung ihrer Pläne nächſtens in Prag wieder zuſammenzufinden. Ehe ſie ſchieden, erhob Graf Mathias Thurn noch einmal ſein Haupt:„Im ſchwarzen Kreuze,“ riefer,„ſehen wir uns wieder!“ Piertes Rapitel. Frau Polixena von Lobkowic. Die Schwalbe ſchwamm noch immer durch lau⸗ ere Lüfte wieder ihrem Vaterlande entgegen, aber der Nordwind ſtreute noch manche Flocken auf die Straße, auf welcher im April des Jahres 1618 zwei Wan⸗ derer der königlichen Stadt Prag entgegenzogen; ein Mann mit aufgeſchürztem Ordenskleide und brei⸗ tem Hut und ein ſchlanker Knabe, der in der Hand einen Dornſtock trug. Ihr kleines Fuhrwerk hatten ſie vorausgeſendet, um ſich bei der ſchneidenden Kälte Bewegung zu machen. Die beiden Wanderer waren Georg Ferus, ge⸗ lehrter Jeſuit, Profeſſor der Beredtſamkeit zu Prag und ſein Neffe Georg Plachh, jener ſchlanke Knabe, den Slawata von der Zizka⸗Eiche nach Krumau mitgenommen und ſeinem genannten Onkel über⸗ geben hatte. Dieſer führte nun ſeinen Reffen nach dem könig⸗ lichen Prag, um ihn dort unter, ſeiner eigenen Lei⸗ tung die erſten Stufen des Parnaſſes betreten zu laſſen. Freundlich weilte ſein Auge auf dem roſigen Antlitze des ſchönen, kräftigen Knaben, der ſeinem 48 lieben Ohm mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhorchte, wie ihm dieſer eben die ſchöne Legende vom heiligen Martin erzählte, der, als er einen nackten Armen an der Straße frieren ſah, raſch mit der Schneide ſeines Schwertes ſeinen Mantel in zwei Stücke riß, und die Hälfte davon dem Armen erfolgte, dafür aber von dem Heilande ſelbſt in einem ſchönen Traume mit den Worten begrüßt wurde:„Was Du dem Ar⸗ men gethan, das haſt Du mir gethan;“—„und ſo, mein lieber Georg,“ fuhr der Oheim fort,„ſei Dein ganzes Leben nur ein einziger Gang auf dem Wege, den der große Erlöſer der Menſchheit gegangen. Segen ſtreuen und ſich ſelbſt verläugnen, iſt das ſchönſte Werk, das der Menſch üben kann in der Spanne Zeit, die ihm gegeben iſt.“ „O, wie ſchön war Deine Legende, Oheim!“ rief der Knabe;„dünkt mich doch, als ſähe ich ſelbſt den Bettler an dem Wege ſitzen und hörte ſeine Stimme rufen: Erbarmt euch meiner!“ und.... „Erbarmt Euch meiner!“ erſchallte es ganz ver⸗ nehmlich in der Nähe der beiden Wanderer. Der Profeſſor blickte forſchend um ſich, und ſiehe da! hinter einem leichtbeſchneiten Dorngebüſch ſaß wirk⸗ lich ein Greis mit einem alten Reitermantel, deſſen Fetzen er über ein weinendes erſt einige Monate 49 altes Knäblein zu breiten verſuchte, während eiſige Thrä⸗ nen von ſeinem bleichen Antlitze rannen und der Nordhauch in ſeinen grauen Haaren ſpielte „Erbarmen, Erbarmen!“ rief er nochmal mit herzbrechender Stimme. Der Profeſſor trat ſogleich näher.„Armer Mann!“ rief er,„den hat das Elend auf der Straße niedergeworfen; hier iſt Hilfe dringend nöthig, wenn der Mann und das arme Knäblein nicht zugrunde gehen ſollen.“ Der gute Profeſſor forſchte in ſeiner Mantel⸗ taſche; aber was galt in dieſer Einöde, wo augen⸗ blickliche Hilfe nöthig war, das hohle Erz des Gel⸗ des?— Nahrung und Arznei waren vor der Hand das nöthigſte. Bekümmert blickte der gute Prieſter nach allen Seiten; aber nur die auffliegenden Krähen der fla⸗ chen Haide antworteten auf ſeine Ausrufungen. Jetzt wandte er ſein Haupt und eine ſanfte Thräne der Rüh⸗ rung trat in ſeine Wimpern, als er ſeinen jugendlichen Neffen im Begriffe ſah, das kleine Mäntelchen, das er trug, auf das Knäblein des Alten zu decken, wäh⸗ rend dasſelbe doch kaum hinreichte, den eigenen, vor Froſt zitternden Leib des jungen Eigenthümers zu bedecken. 1857. IX. Der Jeſuit. I. 4 50 „Skt. Martin im Jugendkleide!“ ſagte ſanft lächelnd der Profeſſor;„mein Kind, Du übſt zeit⸗ lich das Gebot des Herrn; aber wenn er uns jetzt nicht den Raben der Wüſte ſendet, ſo iſt uns nicht geholfen, und der Alte, deſſen Schwäche, wie ich ſehe, jeden Angenblick zunimmt, vergeht uns ſammt dem Knäblein auf der Stelle.“ „Oheim!“ rief der Knabe begeiſtert aufſprin⸗ gend;„Du ſelbſt haſt mir noch geſtern die ſchöne bibliſche Erzählung gedeutet: wie Moſes Waſſer aus dem Felſen ſchlug im Namen des Herrn, und wie der Fels der Wüſte das reinſte Quellwaſſer von ſich gab. Oheim! wenn Gott will, ſo kann er uns auch in dieſer Einöde ſeine Engel ſenden.“ „Der iſt ſchon da,“ liſpelte der Prieſter, mit naſſen Augen und unendlicher Liebe ſeinen Neffen anblickend. „Ja, er iſt da!“ jubelte der Knabe, und ſein weißer Finger deutete auf eine goldberänderte Kutſche, die rückwärts eben vom Hügel herabkam, und aus welcher eine ſchlanke Frau in ſchwarzem Sammt⸗ kleide mit hohem Spitzenkragen und einer goldenen Kette um den Nacken herausſtieg. Ihr ſchöngeformtes Antlitz hatte den Ausdruck hoher Würde und Entſchloſſen⸗ heit, in ihrem freundlichen, dunklen Auge, wie in 5⁴ allen ihren Zügen lagen Mitleid und Menſchenliebe und augenblicklich ſchwammen die ſchönen blauen Augenſterne in Thränen, als ſie den armen Alten mit dem Kinde gewahrte und von dem Profeſſor mit leiſem Gruße aufmerkſam gemacht wurde, daß hier Hilfe ſo dringend nöthig ſei. Auf den Wink der edlen Frau brachte der Die⸗ ner, der neben dem Kutſcher ihres Wagens geſeſſen hatte, aus der Seitentaſche des letzteren alten Wein und etwas Brod, um den Armen zu laben. Jetzt aber zeigte ſich erſt das ganze Elend des Unglückli⸗ chen; ſein todtbleiches Kind war halberblindet, und keinen Schritt konnte der Arme weiter gehen, ohne vor Schwäche zuſammenzuſinken. Er nannte ſich Proskowskh, und bezeichnete ſich in gebrochener deutſcher Sprache als einen Polen aus der kra⸗ kauer Gegend, der mit ſeinem Gebieter, einem pol⸗ niſchen Edelherrn und Hauptmann eines kaiſerlichen Fähnleins Namens Wladimir Wolsinskh im vorigen Jahre zur Krönung des Erzherzogs Ferdinand I. als König von Böhmen nach Prag gekommen und von ſeinem Herrn daſelbſt krank zurückgelaſſen wor⸗ den war, ſeither aber ſein armes Weib begraben hatte und mit ſeinem kranken und halbblinden Söhn⸗ lein Johannes im Königreiche bettelnd herum⸗ wanderte, um ſich den Zehrpfennig der Rückreiſe zu ſammeln. Die mitleidige Edelfrau ließ den armen Polen ſogleich in ihren Wagen bringen und lud auch den Profeſſor und ſeinen Neffen ein, darin platzzu⸗ nehmen. Sie ſtellte ſich ihnen als die Edelfrau Polirena von Lobkowic, aus dem Geſchlechte der Pernſtein*), Gemahlin des oberſten Hofkanzlers Zdenko von Lobkowic vor, den ſie eben in Wien verlaſſen hatte, um ihre Rückreiſe nach Prag anzu⸗ treten, und freute ſich in dem Profeſſor einen Ge⸗ lehrten zu begrüßen, deſſen Ruf auch zu ihr gedrun⸗ gen war, den ſie von Angeſicht aber noch nicht ge⸗ ſchaut hatte. Frau Polirena von Lobkowie verehrte den Statt⸗ halter Slawata hoch; ſie vernahm daher mit hohem Jutereſſe die Kunde der Begebniſſe im Schloſſe Krumau und hatte mit ihrem klaren Verſtande den Knoten der ganzen Geſpenſterhiſtorie gefunden, deren letzter Zweck die Verheimlichung jener Berathun⸗ gen war, welche die Feinde der böhmiſchen Statt⸗ halterſchaft zum Sturze derſelben an verſchiedenen Punkten Böhmens außerhalb der Landeshauptſtadt *) Ein bereits ausgeſtorbenes Geſchlecht in Oberöſterreich 53 pflogen, um dann mit einemmale loszuſchlagen und die Fahne des Aufruhrs neben der Wetterfahne des böhmiſchen Löwen auf dem Hradſchin aufzupflanzen. Freundlich nahm jetzt Frau Polirena von Lob⸗ kowic den jungen Georg bei der Hand und eine Thräne wahrer Rührung zitterte in ihrem ſchönen Ange, als ſie aus dem Munde des armen Polen ſelbſt erfuhr, daß Georg ſein eigenes Mäntlein auf den kleinen Johannes gelegt hatte, um dieſen vor Froſt zu ſchützen. „Das Bäumchen, das ſo jung ſchon ſo edle Früchte trägt,“ ſagte die edle Frau auf Georg deu⸗ tend,„verheißt gar herrliches für die Zukunft!“ Sie lud hierauf den Profeſſor ein, ſie in Prag recht bald mit Georg zu beſuchen und in ihrem Hauſe jene Stunden zuzubringen, welche ihm ſeine Berufs⸗ geſchäfte übrig ließen. Auch verſprach ſie, den jungen Georg insbeſondere dem Statthalter Slawata und ſeinem Freunde, dem Domherrn an der Veitskirche, Johann Ctibor Kotwa anzuempfehlen; denn in die⸗ ſen böſen Tagen, meinte die edle Frau, könne man der Freunde nicht zu viele zählen; ſtehe doch das aufſteigende Gewitter bereits ſo furchtbar am Hori⸗ zonte, daß die gewaltigen Donnerſchläge vielleicht in nächſter Zukunft ſchon erfolgen dürften. 54 Frau Polirena von Lobkowie, die geiſtreiche und fürſichtige Frau, ſprach da keine unwahre Prophe⸗ zeiung, denn furchtbar wölbten ſich um jene Zeit jene dunklen Rieſenwolken auf dem Himmel Ce⸗ chiens, deren Erguß ein Kriegsunglück von drei Jahrzehnden über Deutſchland brachte..... Wenige Wochen nach dieſer Begebenheit auf der Landſtraße, als der Mai ſeine erſten Blüthen bereits in die Gärten der königlichen Hauptſtadt Prag ſtreute, hatte ſich die Erbitterung der proteſtantiſchen Stände aufs äußerſte geſteigert, als der prager alt⸗ ſtädter Rath den Gemeindeälteſten auf dem Rath⸗ hauſe verbot, an den utraquiſtiſchen Zuſammenkünften cheilzunehmen, und an den Eingängen des Schloſſes und der Stadtplätze Wachen agut und das Volk warnte, ſich zu keinen Ausſchweifungen verleiten zu laſſen. Das goß Oel ins Feuer. Die utragquiſtiſche Partei kryſtallifirte ſich alsbald zur feſten Maſſe, die gleich einem hochgeſchwungenen Sturmbocke gegen das königliche Schloß und die Satthalterſchaft los⸗ zufahren bereit ſtand. Auf Thurn's Veranlaſſung traten die Herren Adam Sezima von Ouſtj, Johann Andreas von Schlik, Friedrich von Stampach und Johann Kapljt, dann ein 55 Bürger von Schlan und einer von Jungbunzlau vor den königlichen Statthalter und fragten um die Be⸗ deutung der erwähnten Sicherheitsanſtalten. Die Antwort hierauf fiel nicht zu ihrer Befriedigung aus, denn die Angabe: daß die Wachen blos der Ordnung wegen bei den bevorſtehenden öffentlichen Bittgängen ausgeſtellt worden ſeien, erſchien den Utraquiſten nicht glaubwürdig. Slawata und Martinie wurden als Feinde der Utraquiſten verſchrieen und ihnen Rache geſchworen. Der dreiundzwanzigſte Mai des Jahres 1618 kam heran. Auf dem Schloſſe zu Prag waren be⸗ reits der Oberſtburggraf Adam von Sternberg, der Großprior von Strakonic, Mathias Dipolt von Lobkowic, Jaroslaw Botita von Martinict, Wil⸗ helm Slawata und der Geheimſchreiber Philipp Fab⸗ rizius verſammelt. Eine dunkle That war vorbe⸗ reitet, eine That, die der beſonnene Theil der Utra⸗ guiſten ſelbſt verabſcheute; keiner von dieſen Ruhig⸗ denkenden erſchien in der Verſammlung; vielmehr rührten die geheimen Warnungen, die den Statt⸗ haltern zukamen, ſich heute im Rathe nicht einzufin⸗ den, von dieſen Beſonnenen her. Aber Slawata, im Bewußtſein ſeiner Redlichkeit, 56 befahl mehr Stühle und Tiſche für die zu erwarten⸗ den Stimmführer der Utraquiſten zu bringen. Schon tobte von außen ein ungewöhnliches Getöſe; jetzt ſprang die Saalthüre auf und Letwin von Rikan, der finſtere Stimmführer ſeiner Partei, forderte den Statthaltern ſogleich Rechenſchaft ab über die nach— theiligen Berichte, die ſie über den Stand der Dinge in Böhmen an Seine Majeſtät den Kaiſer erſtattet hätten. Da ſtand der Oberſtburggraf von Sternberg auf und rügte vorerſt das Benehmen der utragui⸗ ſtiſchen Stände, welche ohne Bewilligung der Statt⸗ halter, die ſonſt ſtets erforderlich war, nun ſogar mit Bewaffnung und Ungeſtüm in die Regierungs⸗ kanzlei getreten waren. Die„Statthalter,“ bemerkte er,„hätten bisher ihre Pflicht gethan und Seiner Majeſtät dem Kaiſer, der ohnehin ſeine eigenen Staats⸗ räthe habe, gewiß nichts nachtheiliges über die Utra⸗ quiſten berichtet.“ Aber dieſe ernſtgemeſſene Rede fruchtete wenig. Schon deuteten die Finger mehrerer Parteiführer der Utraquiſten auf Martinic und Slawata, als die bezeichneten Opfer einer bereits verabredeten Gewalt⸗ that; vergebens verhießen die Statthalter eine ge⸗ nauere Berathung für den nächſten Tag. Wie ein 55 nahender Wolkenbruch brauſte es abermals durch die Verſammlung. Jetzt geboten Graf Thurn und ſeine Genoſſen ſelbſt Stille. Es war die Stille des Meeres vor dem letzten furchtbarſten Losbrechen des Sturmes. „Der Oberſtburggraf,“ erſchallte es aus dem Munde der utraquiſtiſchen Stimmführer durch den Saal,„der Oberſtburggraf habe den Majeſtätsbrief zugunſten der Proteſtanten allerdings mitgefertigt; der Großprior ſei ein Greis, ſein Einfluß auf dieſe Angelegenheit ſei ſo gut wie keiner, nur Slawata und Martinic ſeien die Urheber aller Wirrniſſe in Böhmen, aller Verfolgungen der Proteſtanten.“ „Biſt Du nicht derjenige,“ rief jetzt Mathias Thurn auf Martinic zutretend,„biſt Du nicht derjenige, der mich von dem karlſteiner Burggrafenamte ver⸗ drängt hat?“ „Weg mit dieſen perſönlichen Vorwürfen!“ ſchrie Herr von Raupow dazwiſchen,„ein wichtigeres Geſchäft führte uns hieher: es gilt, unſere Religion zu wahren und ihre Hauptfeinde zu vernichten! Du biſt es,“ ſchrie er, auf Martinic zutretend und die Fauſt ballend, „Du biſt es, der den Majeſtätsbrief nicht unter⸗ 58 ſchreiben wollte;*) Du biſt es, der den Kaiſer, um uns zu ſtürzen, übel berathen hat; Du biſt es, der bis hente nicht aufhört, die Proteſtanten auf alle mög⸗ liche Weiſe zu kränken! Oder kannſt Du läugnen, daß die Unterthanen auf Deinen Herrſchaften zur Annahme der katholiſchen Religion gezwungen wur— den, und daß die, welche nicht katholiſch werden woll⸗ ten, ihr Hab und Gut verlaſſen mußten?“ Beſcheiden, aber mit Ernſt und Feſtigkeit ver⸗ theidigte ſich Martinie gegen dieſe Beſchuldigungen, die er im allgemeinen als unwahr bezeichnete.„Den Majeſtätsbrief habe ich nicht unterſchrieben,“ rief er, „weil es wider mein Gewiſſen war!“ Seiner männlichen Vertheidigungsrede antwor⸗ teten Schmähungen und dumpfes Grollen; Herr von Rican aber zog eine Piſtole hervor... Jetzt begann die große geſchichtliche Trauer⸗ ßene. Die Häupter der ltraquiſtenpartei drangen 0 Dieſer wurde dem Kaiſer Rudolph II. von den Prote⸗ ſtanten im Jahre 1609 abgenöthiget; durch denſelben wurde den utraquiſtiſchen Herren, Rittern und königli⸗ chen Städten erlaubt, nicht nur ihre Kirchen und Schu⸗ len nebſt der prager Univerſität zu behalten, ſondern auch neue zu erbauen, ein eigenes Kollegium zu errich⸗ ten und Glaubensdefenſoren zu erwählen. 59 darauf, Martinie und Slawata aus dem Wege zu räumen. Der Oberſtburggraf und Großprior wurden, um ſie zu ſchonen, am Arm aus dem Saal geführt. Slawata und Martinic erſahen daraus die Gefahr, die ihren Hänptern drohte. Mahnungen zur Mäßi⸗ gung fruchteten nichts mehr; ſie riefen daher ihre anweſenden Blutsfreunde um Schutz; aber die Füh⸗ rer der Gegenpartei überſchrieen alles.— Auf Mar⸗ tinic fuhren die Fäuſte der Verſchworenen los und riſſen ihn zum Fenſter; vergebens bat er um Scho⸗ nung oder wenigſtens um einen Beichtvater; raſch ward er ins Fenſter geſchoben und in den achtund⸗ zwanzig Ellen hohen Schloßgraben geſchleudert... Aber die Vorſehung ſandte ihren Engel, der ihn bewachte; im Falle breitete er ſeinen ſchwarzen Atlasmantel aus und ſank durch die Luft getragen in ſitzender Lage auf den Boden nieder; eine un⸗ bedeutende Verwundung von ſeinem Rapier war alles, was er bei dieſem Sturze erlitt, denn auch die ihm nachknatternden Piſtolenſchüſſe trafen ihn nicht. In gleicher Weiſe wurde Slawata mißhan⸗ delt; er empfahl dem Allbarmherzigen ſeine Seele und ſuchte ſich an der Einfaſſung des Fenſters feſt⸗ zuhalten; aber ein Schlag mit dem Hefte eines Dolches quetſchte ihm die Finger, er ſtürzte in den 60 Graben, vorher aber während des Falles an einen Pfeiler des Gebäudes, wo er ſich eine tiefe Wunde in die Hirnſchale ſchlug. Ohnmächtig blieb er auf dem Boden liegen, während Martinie ſich im Strauch⸗ werke verſteckte. Auch Fabrizius, der Geheimſchreiber, wurde aus dem Fenſter geſchlendert, ſiel aber ſo glücklich, daß er ſich augenblicklich durch die Flucht retten konnte. Martinic nahm im Geſträuche bald den röcheln⸗ den, von Blut überſtrömten Slawata wahr; er hatte ein Balſambüchslein bei ſich und benützte dieß, um ſeinen armen Freund zu laben. Aber vom Schloſſe aus hatte man bald bemerkt, daß die beiden Herabgeſtürzten noch am Leben ſeien. Flinten⸗ und Piſtolenſchüſſe flogen daher auf ſie herab; der Mantel des Statthalters Martinic wurde durch⸗ löchert, ſein Arm durch einen Streifſchuß verwundet und die Jäger der im Schloſſe verſammelten Utra⸗ quiſten erhielten den Befehl, in den Graben hinab⸗ zuſteigen und die beiden Unglücklichen vollends nie⸗ derzuſchießen. Aber ſchon war die Kunde von dem ſchrecklichen Vorgange in die Stadt herabgedrungen; zufällig kam die öffentliche Bittprozeſſivn der Katholiken, welche jährlich an dem Feſte der Himmelfahrt Chriſtt ge⸗ 61 feiert wurde, vorbei und lautes Weheklagen erfüllte die Luft. Das hierdurch verurſachte Gedränge bot Mar⸗ tinie Zeit, nach einem troſtloſen Abſchiede von ſei⸗ nem ſchwerverwundeten Freunde Slawata, den Stadtwall zu erklimmen, um Hilfe zu ſuchen. Die Vorſehung hatte bereits einen Helfer in der Noth näher geführt. Der bereits genannte Domherr von der Veitskirche, Johann Ctibor Kotwa, früher Beicht⸗ vater des Martinic, kam vorüber. Wenige Augenblicke und die Diener des Hau⸗ ſes Martinie und Slawata waren gerufen und hal— fen bei dem Rettungswerke. Domherr Kotwa aber führte den Martinic von rückwärts in das an den Schloßgraben anſtoßende Haus des Gemahls der Frau Polirena von Lobkowic. Raſch wurde aus einem der unteren Fenſter des Hauſes eine Leiter geſteckt und auch Slawata mit Vorſicht aus Graben dahingetragen. Kaum aber beſtieg er mit Martinic die Leiter, ſo knallten die Schüſſe der utraquiſtiſchen Jäger aus dem Schloſſe nach, und nur dem dreimaligen Ver⸗ ſagen des Gewehres eines der beſten Schützen ver⸗ dankten die Statthalter ihr Leben. Martinic wurde ſogleich in eine Kammer des lobkowie'ſchen Hauſes zu ebener Erde, auch das 62 pernſtein'ſche genannt, Slawata in der Dienerſtube daneben untergebracht. So lagen nun beide Statthalter verwundet, jedoch gepflegt durch den Wundarzt Peter Tomaſon und die edle Aufopferung der Frau Polixena von Lobkowic im Hauſe derſelben. Martinic genas bald. Im dunklen, mit dichten Fenſtertapeten ver⸗ hangenen Zimmer lag Slawata auf einer auf dem Boden ausgebreiteten Matratze im Delirinm. Fie⸗ berträume durchzuckten ſein Gehirn; die lange, bleiche Geſtalt der geiſterhaften weißen Frau ſtand vor ſei⸗ ner Seele. Sein Auge glühte; die blutende Wunde an der Stirne brannte und in ſeinem Delirium ſtieß der Kranke wiederholt Rufe des Schreckens aus, denn er ſah ſich im Fiebertraume verfolgt von dem Ge⸗ ſpenſte der weißen Frau, welche den Reigen ſeiner Todfeinde anführte, die wie ein wüthendes Heer hin⸗ ter ihm herjagten. Thränenden Auges ſtand die edle Frau Polirena an ſeinem Lager und träufelte mit kunſtgeübter Hand lindernden Balſam auf die Stirne des armen Leidenden, indeß ihm der Wund⸗ arzt aus einer Phivole kühlende Tropfen auf die Lip⸗ pen ſchüttelte. Jetzt hatte der arme Kranke einen lichten Au⸗ genblick, in welchem ihn das Delirium verließ. Dank⸗ 63 bar richtete er ſein müdes Auge auf die edle Pfle⸗ gerin:„Beten“— ſtammelte er, und verſank wie⸗ der in Schwäche und Ohnmacht. Als er erwachte, zog die Mondſcheibe vor dem Fenſter des Zimmerchens oorüber; an ſeinem Lager brannte eine hinter einem bunten Schirme ſorgfältig verſteckte Wachskerze— denn noch galt es, den Auf⸗ enthalt der beiden Statthalter im peruſteiniſchen Hauſe mindeſt unauffällig zu machen— und auf einem Lehnſtuhle daneben ſaß ein Mann im Prie⸗ ſterkleide, der das Chorhemd eines katholiſchen Geiſt⸗ lichen trug, und eine rothſammtene Faſel vor ſich auf dem Marmortiſchchen liegen hatte, während ſein Diener, ein Knabe im lichten Chorgewande, zu ſeinen Füßen kniete und aus einem Büchlein betete. Der Geiſtliche war Profeſſor Georg Ferus, der Knabe zu ſeinen Füßen Georg Plachh, ſein Neffe. Sanft beugte ſich der erſtere über den erwa⸗ chenden Kranken.„Gottes Fürſehung ſei geprieſen, 2 ſagte er,„daß ſie Euch wieder ins Leben rief und die Anſchläge Eurer Feinde zunichte machte.“ Slawata athmete tief auf und drückte dem Geiſtlichen ſanft die Hand. Sein matter Blick dankte ihm für den tröſtenden Zuſpruch, den er nun von ihm empfing. Der Profeſſor ertheilte ihm nach 64 chriſtkatholiſchem Gebrauche die Generalabſolution und das Abendmahl, und bat ihn, da der Arzt die größte Ruhe gebot, ſich weder um das ver⸗ gangene noch um das künftige zu kümmern und alles der Vorſehung zu überlaſſen, die ihn ſpeben wunderbar errettet hatte. Der Profeſſor ſchied, und Frau Polirena von Lobkowic traf neuerlich Anſtalten, ihre Schützlinge ihren Verfolgern zu entziehen; die ſämmtliche Die⸗ nerſchaft wurde für den Nothfall, ſogut es anging, bewaffnet, und im rückwärtigen Hofe ein Wagen bereit gemacht, um die beiden Statthalter, ſobald es ihr Zuſtand nur erlaubte, aus der Stadt zu bringen und ihre Flucht nach Wien zu ermöglichen— Aber die Ausführung dieſer Flucht grenzte beinahe an Unmöglichkeit; denn ſchon hatte Graf Thurn mit ſeinen Genoſſen Befehl ertheilt, alle Zugänge des Hanſes genau zu bewachen, und weder Mann noch Maus einzulaſſen, denn beide Statthalter galten ihm jetzt als Gefangene der Utraquiſten, über deren Schickſal erſt entſchieden werden mußte. Die Morgenſonne ſtand an einem der nächſten Tage noch nicht ganz über dem Horizonte; Sla⸗ wata's Wundfieber hatte ihm eine unruhige Nacht bereitet, noch ſah er ſich in Fieberträumen von ſeinen 65 Feinden gejagt; Schweißperlen rannen von ſeiner heißen Stirne; jetzt erwachte er aus ſeinem unru⸗ higen Schlummer, ſein mattes Ange ſiel auf eine dunkle Geſtalt nächſt ſeinem Bette. „Zurück, Raupow!“ kreiſchte er, ſich mit aller Anſtrengung im Bette erhebend;„zurück! o Gott, rette mich vor dem Schrecklichen!“.. „Beruhigt Euch, hochedler Herr,“ antwortete ihm eine ſanfte Stimme, und zwei weiche Hände faßten ihn ſanft am Arme, und drückten ihn ebenſo ſanft auf das Lager zurück.— Der Kranke riß ſeine Augen weit auf— er erkannte einen Knaben, der ſtill weinend an ſeinem Lager niedergeſunken war, und wie eine leiſe Erinnerung zog es über ſeine Stirne! „Georg— Du hier,“ lispelte er mit gebro⸗ chener Stimme. „Ja Herr,“ rief Georg, der liebliche Neffe des Profeſſors,„mein Oheim ließ mich zu Euerem Troſte hier zurück, ich ſoll Euch vorbeten oder vor⸗ leſen, ſo ihr zu hören vermögt, bis der Arzt wieder⸗ kommt, der Euch vor wenigen Minuten verlaſſen hat.“ Slawata blickte den ſchönen Knaben mit tiefer Rührung an, und zwei Thränen perlten auf ſeine bleiche Wange nieder. 1857. IX. Der Jeſuit I.. 5 „Alſo auch Du ein Getreuer,“ ſagte er weh⸗ müthig,„auch Du ein Getreuer, der mich im Un⸗ glücke aufſuchte, und bei mir zaushalten will;— nun ich will Dir's gedenken, wenn Gottes Barm⸗ herzigkeit mich aus den Händen meiner Feinde er⸗ rettet— aber dazu iſt keine Ausſicht.“ „O,“ tröſtete der Knabe,„wenn Gott will, ſo wird Euch kein Haar mehr auf dem Haupte ge⸗ krümmt, ſagte mein Mütterlein, denkt nur an den alten Ritter, den einſt die Prager in ihrer Haft hielten, und der auch glaubte, der Tod habe ihn ſchon in ſeinem Rachen, und dennoch kam er geſund und frei heraus, wie der Sperling aus der Uhr“— „Der Sperling aus der Uhr?“— fragte der Kranke. „Ei, wißt Ihr die ſchöne Mähre vom Sperling nicht, der im Todesrachen lag,“ rief der Knabe; „aber die müßt Ihr ja doch wiſſen, da Ihr einer der Statthalter im Königreiche ſeid,“ dabei ſchüttelte der Knabe ungläubig den Kopf.„Oh!“ ſetzte er hinzu,„alle Schüler der Jeſuitenſchule zu Krumau wiſſen dieſe ſchöne Mähr' auswendig und Ihr— Ihr wißt ſie nicht, und habt die alte Schlaguhr täg⸗ lich vor Eurer Naſe!“ Der Kranke mußte in ſeinem Schmerze lächeln.. 67 „Nun, ſo erzähle mir, Du guter Junge,“ bat er,„erzähle mir Deine Mähre vom Sperling und der Schlaguhr; vielleicht vergeſſe ich dabei kurze Zeit meine Schmerzen.“ Der Knabe drückte ſich näher an das Lager des Leidenden und trug ihm nun mit klangvoller Stimme die altböhmiſche Mähre vom Sperlinge und der Schlaguhr vor, die in neudeutſche Verſe gebracht, etwa lautete: Der Sperling. Einſt ſaß ein alter Ritter Im Rathhausthurm zu Prag; Ihm kündigten die Schläge Der Uhr den letzten Tag. Weil er die Stadt befehdet, Liegt er in ihrem Bann; Da wird's ihm eng im Herzen Er denkt: nun iſt's gethan! Da ſchnarrt das alte Uhrwerk, Am Thurme tritt hervor Der Tod mit ſeiner Hippe, Und der Apoſtel Chor. 5*½ 68 Ei, ruft der Ritter, mahneſt Du mich ſchon— Knochenmann? Und der, als wollt' er ſprechen, Hat auf den Mund gethan. Und eh' er wieder ſchließet Das fleiſchloſe Gebiß, Da huſcht ein kleiner Sperling Ins knöcherne Verließ; Den hält der Tod im Rachen Wohl eine ganze Stund'; Bis mit der nächſten Glocke Er aufthut ſeinen Mund; Und als nun frei der Vogel Entſchwebt ins heit're Blau, Da weint der Ritter leiſe: Du armes Herz: vertrau! Sieh', in des Todes Rachen Lag ja der Sperling ſchon; Doch hat die Stund' geſchlagen, Wo frei er flog davon: 69 So kann, iſt auch verfallen Mein Haupt ſchier jetzt dem Beil, Die Allmacht mich befreien, Iſt es mir nur zum Heil.— Und ſo iſt es gekommen: Zum Troſt der Ritterſchaft Entließen frei die Prager Den Ritter ſeiner Haft. 3 ½ 3 Wenn Gott Dich will erretten, So binden keine Ketten; Liegſt Du im Todesrachen, Er kann Dich frei machen.*) ———— *) Im böhmiſchen Terte lautet dieſe Sage nach einer neuen Ueberſetzung Johann Kocian's: Vrabec. Rytit v Praze u vézeni Na radnici böduje; Jemu hodin odbijeni Konec ziti zvéstuje. 70 Slawata hörte dem Knaben aufmerkſam zu; „Ich danke Dir, mein Sohn,“ ſagte er, als Georg ge⸗ endet hatte;„Deine Mähr' hat mich ſeltſam ergötzt, und es liegt viel wahres darin.— Möge es der Sedi, zajat w krutém boji, Vozovou tu pod bãni; V smuiném tichu tesknost kojt Hodin nad nim lupäni. Zahrkne to v starém stroji, Rachoceni temné zni;— Na vézi smrt s kosou svoji S apostoly vystoupi. Po rytiti hrüza chvéla: „Upominäs, kostlivde?— Jakoby smrt mluvit chtéla, Pootevfe huby sv6. A nes zase uzayfela Tlamu öernou, hrozivou, Vbrkne do ni jako stfela Vrabse, ach, na zkäzu svou. Ubohé ted musi dliti, Strachem mfiti v pasti t6— Hodiny zas poönou bfti: Ai, smrt hubu oteyfe! 71 Barmherzigkeit Gottes gefallen, auch mich aus dem drohenden Todesrachen gänzlich zu befreien, denn noch bin ich in der Gewalt meiner Feinde.“ In n Augenblicke erhob ſich im Hauſe Jak tu vyprosténo z pasti Ptäbe vyletèlo ven, Vadechne rytif, zbaven strasti: Srdce, duvéfuj se jen! Hle, to ptäbe s tbepelänim V tlamès smrti vözelo; Phece zase BoZim dänim Na svobodu letélo. Buͤh i mne, as kata moci Hlava mä je obdäna, Mühe ze kalätni noci Vyprostiti do räna.— PTak se také v skutku stalo: Mésto välku skonẽilo, A by pokoj zachovalo, Vözné 7 vazby pustilo. ** * Chce-li Büh ié zachovati, Nepoutaji okovy; Ani té smrt neuchvãti, Tiebas vözel w tlamé ji. 52 ſtarkes Getöſe— die Dienerſchaft lief zuſammen.„ Graf Mathias Thurn war mit ſeinen Söldnern herein⸗ gedrungen— ſchon ſtand er im Zimmer der Haus⸗ frau und Gebieterin, und forderte mit Ungeſtüm die augenblickliche Auslieferung der beiden Statthalter. Das alte Kunſtwerk dieſer Uhr ſoll übrigens um das Jahr 1490 durch Magiſter Hanus verfertiget und im Jahre 1570 durch Taborskh von Ahornberg wieder her⸗ geſtellt worden ſein. Letzterer verfaßte davon eine ge⸗* naue Schilderung, die in der Urſchrift noch aufbewahrt iſt; die Uhr ſchlug nach italieniſcher Weiſe 24 Stunden; im Jahre 1787 wäre ihr Werk beinahe als altes ver⸗ roſtetes Eiſen verkauft worden, patriotiſche Männer er⸗ wirkten jedoch bei der Landesſtelle bald die Bewilli⸗ gung ihrer Erhaltung und Herſtellung. Martin Zeiller in ſeinem Reiſehandbuch durch Hoch⸗ und Nieder⸗Deutſchland(1632), Marian in ſeiner böh⸗ miſchen Biographie(1650) und am umſtändlichſten Balbi⸗ nus in ſeinen Miscellaneen erwähnen dieſer Uhr. Letzte⸗ rer ſagt nämlich von ihr: Unter die öffentlichen koſt⸗ baren und ſeltenern Werke, welche verſchiedene Schrift⸗ ſteller von Prag anrühmen, gehört vorzüglich die Uhr auf dem altſtädter Rathhauſe, und dient der Stadt zur beſondern Zierde. Diefes künſtliche Werk kann von mir, wenigſtens nicht ſo, wie es deſſen Werth und Sel⸗ S tenheit erfordert, beſchrieben werden, Dreſcher(in urbi- 7 bus), Gerard Mercator(im Atlaut.) Tipocius(in . Frau Polirena von Lobkowic kniete auf ihrem Betſchemel. Würdevoll erhob ſie ſich, und trat dem hereinbrauſenden Grafen entgegen. Descript. Pragae), Chyträus(in itinerario Europae), Blaü(in Atlaut. in Bohem.) und alle, die nur immer von Prag ſchreiben, erwähnen dieſe Uhr. Typocius ſagt mit wenigem vieles: In Prag iſt ein Autom, ein eben⸗ ſo altes ſinnreiches Werk, zu ſehen, welches die Bewe gung des Mondes und der Himmelszeichen im Thier⸗ . kreiſe vorſtellt, und in ſeiner Art nicht leicht einem an⸗ . deren nachſteht. Und Furnier(in notitia urbis L. 4 C. 6) . behauptet: Die Uhr in Prag findet kaum ihresgleichen in der Welt. Viel geſagt, doch wenn es zur Unterſu⸗ chung kommt, ſo wette ich, daß alle, die daran zweifeln, ſich überzeugt finden werden. Man ſieht da keine ge⸗ 8 künſtelten Tändeleien und Kinderſpiele; hier tanzt nicht der Tod und alte Weiber; hier treten' nicht kleine Ge⸗ nien mit Geigelchen, Trompetchen und Trommeln auf, noch kommen hier auf vorgeſchobenen Täfelchen Püpp⸗ chen und andere Figürchen hergehupft, die nur Kinder bewundern, und die Bauern, wenn ſie Holz und Heu zu Markte führen, anſtaunen. Hier findet der Philoſoph und der Mathematiker reichlichen Stoff für ſeinen for⸗ ſchenden Geiſt und nicht etwa nur die Tages und Nacht⸗ ſtunden, ſondern den Tag, den Monat, das Jahr, den * Aufgang der Sonne und des Mondes und den Lauf 5 des Geſtirnes, den Thierkreis, die Ab⸗ und Zunahme 1 des Mondes, die goldene Zahl, die Sonn⸗ und Mond⸗ „Die Menſchlichkeit,“ rief ſie,„verlangt es, Un⸗ glücklichen Beiſtand zu leiſten, und ſie in der Noth nicht zu verlaſſen; meine Schützlinge, Herr Graf, liegen ſo elend darnieder, daß nur die ſtärkſte Grau⸗ ſamkeit ſie aus ihrer Zufluchtsſtätte ſtoßen kann.“ „Und dennoch muß ich ſie haben,“ donnerte ihr Graf Thurn entgegen,„das Gericht wartet auf die zirkel, und was noch mehr iſt, die vornehmſten Feſttage durchs ganze Jahr angezeigt. Was Wunder, wenn die größten Künſtler, ſowie ich ſelbſt einmal gehört, und der oben angeführte Jacob Typocius anmerkend aus⸗ drücklich behaupten: daß in der ganzen Monarchie des Kaiſers, oder wohl gar nach dem angeführten Zeugniſſe des Furnier, in der ganzen Welt kein ſo künſtliches Uhr⸗ werk zu finden ſei. Die dem obigen Gedichte zugrunde liegende Anek⸗ dote wird nach Rieger auch anders erzählt: Da der Tod nach jedem Stundenſchlage die Kinnlade öffnet und wieder zuſchließt, flog vor einigen Jahren ein Sper⸗ ling beim Oeffnen hinein, der in dieſem Kerker eine ganze Stunde aushalten mußte, bis der Tod, wie ge⸗ wöhnlich, die Kinnlade wieder geöffnet, und dem Ge⸗ fangenen wieder die Freiheit gegeben hatte. Die Um⸗ ſtehenden, die ſolches bemerkten, mußten herzlich lachen, und äußerten den Wunſch, daß auch ihnen eine ſolche Probezeit des Todes gegeben werde, um ebenfalls auf ähnliche Art dem Todesrachen wieder zu entkommen. 5 Verräther des Vaterlandes, und ſo ich ſie nicht gut⸗ willig ausgeliefert erhalte, ſo ſoll Gewalt der Mauer⸗ brecher ſein, der mir beide aus ihren Verſtecken herausholt.“ Da ſtellte ſich die edle Frau vor die Eingangs⸗ thüre, die zu Slawata's Zimmer führte.—„Graf Thurn,“ ſagte ſie,„wird das Hausrecht und die Würde einer altadeligen Dame Böhmens ehren und ſie nicht durch Gewalt in ihren eigenen Gemächern beleidigen!“— „Wenn ſie keine Landesverräther bei ſich be⸗ herbergt,“ ſchrie Graf Thurn, und ſeine Rechte ſtreckte ſich aus, die edle Frau zur Seite zu ſchieben —— in dieſem Augenblicke aber ſprang die Thüre der Vorhalle auf, und ſein Lieutenant ſtürzte herein. Er faßte den Grafen raſch am Arme und zog ihn näher:„die altſtädter Bürger,“ berichtete er leiſe und mit gepreßter Stimme,„die altſtädter Bürger ſind erbittert über die Gefangenſchaft der beiden Statthalter, ſie haben die unſrigen ſoeben angegriffen“.... Wie ein Blitz verſchwand der Graf aus der Stube, Frau Polirena von Lobkowic aber ſank er⸗ ſchöpft auf dem Teppiche ihres Zimmers nieder: „Herr Gott, Dich loben wir!“ rief ſie in Thränen ausbrechend;„aber nun ſchnell noch retten, was 76 zu retten iſt.“ Nicht lange darauf trat ein Bar⸗ bier mit Schale, Scheermeſſer und Aderlaßzeug in Slawata's Gemach, bei welchem der Wundarzt To⸗ maſon verweilte; der Kranke wollte ſich aufrichten. „Ach Herr,“ ſagte er zum Arzte mit bewegter Stimme, „mir däucht, ich bedürfe des Barbiers zu einem Aderlaſſe nicht mehr, denn der Blutverluſt durch meine Wunde hat mich ohnedieß bereits nur zu ſehr erſchöpft.“— Aber der Arzt lächelte. Der Barbier trat auf Slawata zu, und umarmte ihn ſchier ſchluchzend; jetzt erkannte Slawata ſeinen Leidensgenoſſen Mar⸗ tinic, der von ihm Abſchied zu nehmen kam.... Ein trauriger Abſchied erfolgte; dann ging Mar⸗ tinic mit geſchäftiger Eile als Famulus des Arztes verkleidet an den Wachen, die Graf Thurn vor das Haus geſtellt hatte, unbemerkt vorüber; der Abend dämmerte, und ſo gelang es ihm, ſein Haus am Hradſchin zu erreichen, wo er von ſeiner Gattin ebenſo traurigen Abſchied nahm, dann aber durch Beihilfe des Domherrn Kotwa mit ſeinem Diener Wejda Prag verließ, und nach Baiern entfloh. Ueber Slawata aber, deſſen ſchwere Verletzungen eine ähnliche Flucht nicht geſtatteten, blieb die dro⸗ hende Wolke der Gefahr noch ſchweben; ihn wollte 4 27 der Haß ſeiner Feinde zum Tode verurtheilen und nur der Verwendung eines warmen Freundes in der Verſammlung der Utraquiſten gelang es, ſein Leben zu erhalten; aber ein Jahr verſtrich, ehe ihm geſtattet wurde, zur Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit nach Teplie abzugehen. Die Schlacht am weißen Berge erfolgte; dem Winterkönige ſank die geraubte Krone Böhmens vom Haupte, und Slawata wurde von Paſſau nach Wien in die Kaiſerburg berufen, um den Lohn ſeiner Treue und Anhänglichkeit an das Kaiſerhaus zu erhalten. Da hatte der großherzige Edelmann nichts ange⸗ legentlicheres zu thun und zu erbitten, als Verzei⸗ hung für ſeine irregeführten Landsleute, und viele erhielten durch ihn Begnadigung. Fünftes Rapitel. Rabbi Bezalel Loew. Der achte November des Jahres 1620 hatte, wie erwähnt, dem Winterkönige die geraubte Krone Böhmens vom Haupte geſchüttelt; die Schlacht am weißen Berge hatte den kaiſerlichen Truppen die Thore der königlichen Hauptſtadt Prag geöffnet; die böhmiſchen und mähriſch⸗ſchleſiſchen Stände hul⸗ digten zum zweitenmale ihrem rechtmäßigen Herrn; Fürſt Karl Liechtenſtein ward Statthalter in Böhmen, der Kardinal Erzbiſchof Fürſt Franz von Dietrichſtein aber Statthalter in Mähren. Sachſen, die Lauſitz und Schleſien waren dem Kaiſer wieder unterworfen, und der ſogenannte ſächſiſche Akkord unterzeichnet, wodurch den ſchleſiſchen Ständen Amneſtie, Religions⸗ freiheit und Erhaltung ihrer Privilegien bewilliget wurde; nur den Markgraf Johann von Jagern⸗ dorf traf als Anhänger des Winterkönigs die Reichs⸗ acht, und ſeine Fürſtenthümer erhielt der böhmiſche Statthalter Karl von Liechtenſtein als Lehen, der nun ſtatt den Dezemviren der vorhergehenden Periode in Böhmen ſtatt des Kaiſers haushalten ſollte.— So war die Ruhe hergeſtellt. Noch im Jahre 1621 rückten daher die kaiſer⸗ lichen Truppen in Prag ein, und laut verkündeten es die Tagsbefehle ihres Generaliſſimus,„daß dieſe die ſtrengſte Mannszucht zu beobachten hätten.“ Jetzt ſtand der ſtrenge Marſchall in dem großen Audienz⸗ ſaale ſeines Palaſtes auf der Kleinſeite, umſtrahlt von dem Glanze der mit Gold überzogenen Wände, Hand⸗, Wandleuchter und vergoldeten Spiegel, in welch' letzteren das Bild des nebenliegenden Gartens mit ſeinen marmornen Kunſtwerken, Grotten und Springbrunnen, und dem berühmten rieſigen Vogel⸗ hauſe wiederſtrahlte. Von ſeinen ſechszig in blau⸗ roth⸗ und goldgeſtickten Uniformen prangenden Pagen ſtanden ſechs im Vorzimmer des Saales, und zwölf Diener mit goldgeſtickten Livreen liefen auf und nie⸗ der, während ſechs Kammerherren mit goldenen Schlüſ⸗ ſeln, gleich den kaiſerlichen geziert, dem Winke ihres Gebieters harrten. Dieſer, ein hoher ſtattlicher Mann mit gelblich⸗ tem Geſichte, röthlichem Haare und ſcharfem ſtechen⸗ dem Blicke ging mit großen Schritten im Saale auf und nieder. Ganz Prag, ganz Böhmen, ganz Deutſchland zitterte vor ſeinem Fußtritte, denn er nannte ſich Albrecht von Waldſtein, Herzog von Friedland. Fünf Schritte von ihm entfernt ſtand ein hoher Greis mit ſchneeweißen Haupthaaren, und langem weißem Barte, ſein Atler mochte ein hohes ſein und nahe an die ſiebzig Jahre reichen, aber ſein Auge flammte noch wie das eines Jünglings, und ſeine feine Wange deckte hohes Roth, das ſchöne Zeichen eines in Mäßigkeit und Thätigkeit verbrachten Lebens; ſeinen ſtarken Gliederbau deckte ein langer dunkler und faltiger Talar von ſchwarzer Seide, aufmerkſam folgte er mit ſeinem Auge dem Gange des Herzogs, und eine ſtille Würde ſtrahlte auf ſeinem ſchönen Antlitze; über ſeinen Nacken hing an einem langen Lederriemen der Talmud; denn der Mann war — ein Jude, und hochverehrt in ſeiner Gemeinde: ein Vater der Armen, ein Tröſter und Lehrer, ein Weiſer ſeines Volkes; ſein Name war Rabbi Bezalel Loew(der hohe Rabbi Loew)*), den ſchon Kaiſer Rudolph I. auszeichnete, und der jetzt als Fürſprecher und Bittender ſeiner Gemeinde, einfach und ſchlicht, ruhig und feſt vor dem allmächtigen Gebieter vieler Tauſende, dem Herzoge von Friedland, daſtand. Dieſer aber ſchritt noch immer finſter und ſchwei⸗ gend auf und nieder. Jetzt blieb er vor dem jüdiſchen Rabbi ſtehen. „Bei meinem Einmarſche in Prag,“ donnerte er ihm entgegen,„bei meinem Einmarſche in Prag ließ ich es durch Trompetenſchall und Trommeſſchlag ver⸗ künden: daß meine geſammte Soldateska die ſtrengſte Mannszucht zu beobachten, und insbeſondere, daß jeder den Galgen zu gewärtigen habe, der einem meiner Soldaten etwas abkaufen werde; und nun kampire ich 0) Hiſtoriſche Perſon(Schottky's Prag 1 Bd. S. 361). 81 kaum acht Tage in der Hauptſtadt, und ſiehe da, man bringt mir Euren reichen Schulhoff, der meinem Ver⸗ bote zuwider von einem meiner Arkebuſire einen mit Gold und Silber durchwirkten Teppich erkaufte. Nun wohlan, ich will Dir den Schacher ver⸗ treiben, feiles Volk; ich will Dich lehren, was es heiße, die Befehle des Herzogs von Friedland nicht zu beachten!—— Laßt die Beſtie hängen!“ don⸗ nerte er gegen die Thür, wo ein Kämmerling in gebückter Stellung ſtand. Dieſer kannte den gemeſ⸗ ſenen Befehl ſeines Herrn, und wollte ſich entfernen. Aber der Rabbi vertrat ihm den Weg; dann, ſich tief verneigend, ſprach er gegen den Herzog ge⸗ wandt:„Die Morgenſonne beſtrahlt auch das Un⸗ kraut, und verdirbt es nicht, bis nicht der Gärtner am Abend kommt und es ausreißt: alſo laſſe der Mächtige leben den Schwachen, wenn er ſich auch verfehlte, und Jehova der Gerechte wird dieſen rich⸗ ten, wenn die Zeit um iſt.“— Er ſchwieg; das Auge des Herzogs leuchtete milder, er hatte dem hohen Rabbi ins Geſicht ge⸗ ſchaut, und die Würde und Anmuth des ſchönen Greiſes hatte ihn gewonnen. „Ich bin vor zwei Tagen ſiebenzig Jahre alt geworden, gnädigſter Hert,“ fuhr dieſer fort,„ſiebenzig 1857. IX. Der Jeſuit. I. 6 82 Jahre bin ich alt geworden, und habe geſehen Wunderdinge viele auf Erden, aber eines davon hat übertroffen alle, ſo wahr ich lebe“— Er hielt hier eine Weile inne, und der fragende Blick des Herzogs hing an ſeinen Lippen; dann begann der Rabbi wieder:„Saß einſt, wie Ihr mich da ſeht, gnädigſter Herr, an den Ufern der Moldau, da, wo ſie am alten Wysehrad vorbeifließt, ſah da einen Fiſcher, der hatte zufällig das Unglück, von einer ſcharfen Muſchel an ſeiner Zehe geritzt zu werden; hat da der Mann geriſſen die Muſchel an ſich, hat ſie getreten mit dem Fuße und hat ge⸗ ſprochen; fort mit dir, ſchneidige Muſchel, in den tief⸗ ſten Abgrund des Felſens! Hat ihn da gemacht auf⸗ merkſam ſein Freund, ein anderer Fiſcher, daß die Muſchel eine gute Perle in ſich trage, wie von au⸗ ßen zu erkennen ſei an der Schale, und hat da ge⸗ rathen dem Verwundeten, zu löſen die Perle aus der Muſchel, und darum nicht zu werfen dieſe in den tiefſten Abgrund;— konnt'er doch nehmen die Perle und gutes thun davon ſich und den Armen— aber Gottsleben— mögt Ihr's glauben, gnädigſter Herr, der unkluge Fiſcher hat geworfen dennoch die ſchnei⸗ dige Muſchel ſammt der koſtbaren Perle in den Ab⸗ grund— und war die Perle verloren, und die Zehe des Fiſchers hat doch geblutet, und iſt geblieben ver⸗ wundet nach wie vor“ Der Rabbi ſchwieg— der Herzog auch; wohl fünf Minuten verſtrichen, dann zog ein feines Lä⸗ cheln über das Antlitz des Generaliſſimus. „Ihr bietet alſo zehntauſend Gulden für die Loskaufung des Schuldigen,“ ſagte er. „Es iſt, wie Ihr ſagt, gnädigſter Herr,“ entgeg⸗ nete ſich verneigend der Inde. „Nun denn,“ fuhr der Perzog nach kurzer Pauſe fort;„der Rath eines ſiebzigjährigen Mannes iſt das Gold der Erfahrung! Rabbi Loew, wir wollen die ſchneidende Muſchel nicht ſammt der Perle in den Abgrund werfen“ Mit raſchen Schritten ging jetzt der Feldmar⸗ ſchall in das Nebengemach, wo ſeine Kriegsräthe ar⸗ beiteten; ein leiſer Wink ſeines Auges hatte den Kämmerling an der Thüre beſchieden, dem alten Rabbi einen Lehnſtuhl zu bieten, eine Auszeichnung, welche ſelten jemanden im Andienzſaale des Herzogs zutheil wurde. Nach kurzer Friſt kehrte Waldſtein von einem Feldadjutanten begleitet zurück. „Der Schurke Schulhoff hat den Tod verdient,“ ſagte er;„aber Ihr habt Recht, Rabbi; zehntauſend 6* 84 Gulden können uns mehr nützen, als wenn er am Holze baumelt; laßt die Summe bringen, wir wollen ſie in Empfang nehmen und zu einem Stiftungs⸗ fonde verwenden.“*) Der hohe Rabbi verneigte ſich tief:„So ſegne der Gott Abraham's,“ ſprach er,„den Mund, der dieß geſprochen hat, auf daß das Leben ihm Honig träufle fortan, wie bisher!“ „Mein guter Rabbi,“ ſagte der Generaliſſimus *) So geſchah es auch: auch die Verwendung einiger vor⸗ nehmen Stadträthe war eingetreten, am 7. Januar 1622 mußten zehn der reichſten und anſehnlichſten Iſrae⸗ liten auf der Kleinſeite im ſmikickiſchen Hauſe erſchei⸗ nen, jeder brachte einen Sack mit tauſend Gulden; ſie mußten ſich in einem öffentlichen Zuge über die Moldau⸗ brücke unter großem Zulaufe von Zuſehenden auf das altſtädter Rathhaus begeben und dort das Geld nie⸗ derlegen. Waldſtein gründete damit einen Stiftungs⸗ fond für drei jüdiſche Jünglinge, die ſich zum Chriſten⸗ thume bekehren würden. Ihnen ſollte während der Hu⸗ manitäts- und philoſophiſchen Studien der Unterhalt im Konvikte St. Bartholomäus angewieſen werden. Soll⸗ ten keine getauften Judenknaben vorhanden ſein, ſo ſoll⸗ ten drei chriſtliche, ſich dem geiſtlichen Stande widmende Jünglinge hiezu berufen ſein. Der Stiftungsfond mußte jedoch ſpäter auf 6400 fl. herabgeſetzt werden, weil die von den Juden gelieferte Münze geringhältig war. 85 mit einem traurigen Lächeln;„Ihr irrt da gewaltig, wenn Ihr meint, daß mein Mund Honig ſchlürfe, und daß nur goldene Früchte für mich am Lebens⸗ baume hängen“— „Und doch,“ fiel der Rabbi ein,„müht Ihr Euch, gnädigſter Herr, ſo hoch hinaufzuklettern auf dieſem Baume— gebt doch acht, gnädigſter Herr, daß Euch nicht der Schwindel erfaſſe“... Der Generaliſſimus ſtarrte den Sprecher eine Weile an, als wollte er in deſſen Auge leſen... Vielleicht mochten ſich die geheimſten Gedanken bei⸗ der begegnet haben.. Aber Rabbi Bezalel Lvew war ein weiſer, ein kluger Mann„Wollt noch einmal erlauben, gnädigſter Herr,“ ſagte er, ſein greiſes Haupt aber⸗ mals beugend,„wollt noch einmal erlauben, daß ich Euch den heißeſten Dank meiner Gemeinde für die Barmherzigkeit darlege, mit der ihr nunmehro einen der unſern begnadiget habet, den wir ſchon für ver⸗ loren hielten; und ſo erlaubt jetzt, daß ich mich ent⸗ ſerie „Sagt mir doch, Meiſter,“ ſfiel der Herzog ein,„was iſt es mit dem ſchönen Rundgemälde von Venedig, das Ihr, wie ich hörte, in Eurer Woh⸗ nung aufgeſtellt habt!“ 86 „Es iſt die Frucht einer mehrjährigen Arbeit,“ antwortete der Rabbi,„und ſo Ihr, gnädigſter Herr, das Kunſtwerk wolltet beſchauen, würde Heil wider⸗ fahren meinem armen Hauſe.“ „Und dann,“ führ der Herzog fort,„man ſagt, daß Ihr im Stande ſeid, die fernſten Städte und Gegenden, wie ſie in natura obſervirt werden, in Eure Kammer zu zanbern, und daß Ihr dem Kai⸗ ſer Rudolphus II hochſeligen Angedenkens, als er Euch mit einem Beſuche beehrte, die prager Burg in die Indenſtadt herabgezaubert hättet“. Der greiſe Rabbi lächelte;„Es iſt, wie Ihr redet, gnädigſter Herr,“ ſagte er,„aber das Volk hält für Zauberei, was der Freund der Natur der großen Mutter ablauſchte durch jahrelanges Studium; wollt Ihr, gnädigſter Herzog, wie weiland Kaiſer Rudol⸗ phus, die arme Hütte des Rabbi Loew betreten, ſo will ich Euch auch den böhmiſchen Löwen am Hrad⸗ ſchin herabzaubern zu Euren Füßen“.. „Zu meinen Füßen“. wiederholte nachdenkend der Herzog;„gut, Rabbi Lvew, wir wollen einmal in Eurem Hauſe einſprechen, und um auch andere des ſeltenen Kunſtgenuſſes theilhaft zu machen, wollen wir einige Herren und Frauen der Adelſchaft mitbringen, 87 die mit uns die Werke Eurer Kunſt bewundern ſol⸗ len. Sobald es unſere Geſchäfte erlauben werden, ſollt Ihr uns in Eurer geheimen Werkſtätte ſehen.“ Der Rabbi verneigte ſich, und ſchied.— Aber Monden vergingen, und die Kriegsfurie tobte ſo gewaltig in Deutſchland, daß Albrecht von Waldſtein nicht Zeit gewann, an die Kunſtwerk⸗ ſtätte des hohen Rabbi zu denken, der inzwiſchen im Stillen ſchaffte, und manches Erzeugniß ſeiner Kunſt⸗ fertigkeit zutage förderte, indeß Friedland ſich ſeine Lorbeern am Schlachtfelde ſammelte. Bechstes Kapitel. Groß⸗Venedig. Der Gott der Zeit hatte ſeine Urne wohl zwölf⸗ mal umgewendet, und ebenſo viele blutige Jahre waren derſelben entrollt. Ferdinand Il. ſaß auf dem deutſchen Kaiſerthrone. Der Herzog von Friedland hatte Mecklenburg erobert, und war als Reichsfürſt mit dieſem Lande belebnt worden.— Er und ſein Aſtrolog ergingen ſich in herrlichen Träumen über Glück und Größe; aber der 88 Engel der Zeit ſchüttelte lächelnd wieder ſeine Loſe durcheinander.— Das Reſtitutionsedikt, vermöge deſſen alle ſeit dem paſſauer Religionsvertrage(von 1532 bis 1629) der katholiſchen Kirche entzoge⸗ nen Kirchengüter wieder zurückgegeben werden ſollten, war erſchienen; Magdeburg, die unglückliche Stadt, war gefallen, und Guſtav Adolph, der nordiſche Löwe, ſtand mit ſeiner gewaltigen Armada im Deutſchlands Herzen. Hätte Guſtav Adolph bei Lützen geſiegt, ſo wäre vor allem das Land ob der Enns ſeine ſichere Beute 3 geworden, auf die er ſein Augenmerk beſonders gerichtet hatte. In dieſem Lande war ein zweiter Bauernauf⸗ ſtand ausgebrochen, an deſſen Spitze der proteſtan⸗ tiſche Prediger Greimbl ſtand. Die Bauern hatten Abgeordnete an den König von Schweden, der bei Nürnberg ſtand, abgeſendet, und Guſtav ihnen ver⸗ 1 ſprochen, zehntauſend Mann Hilfstruppen zu ſenden. Dieſer Bauernaufſtand erreichte jedoch bei weitem nicht jene Ausdehnung, wie der erſte im Jahre 1626. Zwar überrumpelten die Bauern Aſchach, nahmen Lambach ein, verbrannten die Vorſtadt Efferding, und beſetzten Schwannenſtadt und Vöcklabruck; aber Graf Khevenhüller verhinderte mit treugebliebenen Landleuten ihr weiteres Vordringen. Zwar ſchlugen 89 die Bauern am 25. September 1632 den Grafen Tilly(einen Neffen des berühmten Marſchall Tilly) bei Efferding und ſperrten die Donau dort mit einer großen Eiſenkette, aber ehe der Oktober zu Ende ging, wurden ſie vom Oberſt Johann von Traun, der ſich mit Tilly und Khevenhüller vereinigte, ge⸗ ſchlagen und zerſprengt; ſie unterwarfen ſich, und ihre Anführer Nimervoll und Luegmair flüchteten ins ſchwediſche Lager: Greimbl wurde im Markte Höritz in Böhmen gefangen, und mit andern Rä⸗ delsführern in Linz hingerichtet; die Wohnſtätten mehrerer derſelben wurden zerſtört, und an der Stelle, wo ſie ſtanden, Galgen aufgebaut—— ihr hoher Verbündeter Guſtav Adolph aber hauchte bei Lützen ſeinen Geiſt aus, deſſen kühnen Plänen eine feind⸗ liche Kugel das Ziel ſetzte.— Es war aber in den letzten Septembertagen des genannten Jahres 1632, als auf der oberen Donau gegen Aſchach und Efferding herab ein kell⸗ heimer Schiff, vom ungewöhnlichen Winde getrieben, der Gegend entgegenſchwamm, wo eine gewaltige Eiſenkette die beiden Donauufer miteinander vereinigte und dem heranſchwimmenden Schiffe den Durchgang ſperrte. Auf dieſem befanden ſich unter andern ge⸗ wöhnlichen Schiffsleuten und ſogenannten Nauführern 90 (erfahrenen Schiffsleitern) ein greiſer Mann im dunk⸗ len mit Silber verbrämten Gelehrtenmantel, den verſilberten Stahldegen an ſeiner Seite, dann eine ältliche Dame, deren feiner ſchneeweißer Halskragen und dunkles Sammtkleid den hohen Stand andeu⸗ teten, dem ſie angehörte. Ihr ernſtes breites Geſicht trug Züge der Ent⸗ ſchloſſenheit und des Stolzes; ihre weiße fleiſchige Hand zierten mehrere Ringe, ihr feuriger Blick glitt über die Waſſerfläche, dann ruhte er wieder mit einem Ausdrucke unendlicher Sanftmuth und Liebe auf den beiden jungen Mädchen, die an ihrer Seite im In⸗ nern des Schiffsraumes ſaßen. Das ältere dieſer Mädchen war eine liebliche Blondine von kaum ſechszehn Jahren mit feinen Geſichtszügen und ſanften blauen Augen, in denen ſich die reinſte Unſchuld ihrer Seele ausſprach; ſie trug ein enganſchließendes dunkles Sammtkleid, wor⸗ über eine kleine goldene Kette hing, und las in einem Büchlein, indeß ihre jüngere Schweſter, ein liebliches Kind von fünf bis ſechs Jahren, ihr ſchönes Köpfchen im Schvoße der alten Dame barg, und ihre Blicke zuweilen auf den Mann im Ge⸗ lehrtenmantel gleiten ließ, der eine ſchwarze Tafel in Händen haltend, emſig rechnete, und nur zu⸗ 91 weilen einen beſorglichen Blick auf das jenſeitige Ufer warf, wo eben ein einzelner junger Reiter an⸗ hielt, und auf das nahende Schiff zu warten ſchien, um in dasſelbe einzuſteigen und die Fahrt nach Linz hinab mitzumachen. Der Nauführer verſtund auch ſeinen Wink, und ließ ihn alsbald einſteigen, indem er ſeinen Braunen am Schnabel des Schiffes feſtband. Das Schiff glitt ſomit ruhig die Donau hinab. Der junge Reitersmann begrüßte bie Dame und die beiden Mädchen, und nahm im Schiffe platz. Er war ein ſchöner ſchlankgewachſener Krieger, kaum vier⸗ bis ſechsundzwanzig Jahre alt; ſein blei⸗ ches Geſicht trug den Ausdruck der Leidenſchaft; die Glut ſeiner dunklen Augen verrieth das innere Feuer und den Thatendrang ſeiner Seele, er trug die Abzeichen eines kaiſerlichen Offiziers; ſchweigend ließ er ſeinen Blick über die Schiffsgeſellſchaft gleiten; jetzt haftete derſelbe auf dem ſchönen freundlichen Antlitze der ſechszehnjährigen Blondine; das Mädchen ſchlug ihr Auge empor, und ſenkte es wieder, indem eine glühende Röthe über ihre Wange zog.. Der junge Krieger ſtand auf und wollte näher treten, um, wie es unter Reiſenden auf einem Schiffe gewöhnlich iſt, ein Geſpräch anzuknüpfen, aber die 82 alte Dame hatte ſeine Abſicht kaum errathen, als ſie aufſtand, und auf die junge Blondine zutrat. „Haſt Du den Abendſegen zu Ende gebetet, Roſa?“ begann ſie, indem ſie auf das Buch deutete, welches die Jungfrau in der Hand hatte. „Ja, liebe Tante,“ erwiederte das Mädchen. Dem jungen Reiteroffizier war die ausweichende Bewegung der alten Dame nicht entgangen.„Auf Reiſen, edle Frau,“ ſagte er näher tretend,„dürfen wohl Schiffsgenoſſen einander in geſelliger Eintracht nahen, ſtünden ſie ſich auch ſonſt im Leben noch ſo ferne!“ Die Dame warf ihr Haupt ſtolz empor,„Gräfin Salome von Herberſtorf,“ ſagte ſie,„bedarf keiner Belehrung über ihr Verhalten gegen Unbekannte“— Der junge Reiteroffizier wollte antworten, aber in dieſem Augenblicke donnerte ein gewaltiges „Haltl' ins Schiff herein, und dieſes erhielt einen ſo gewaltigen Stoß, daß es ſchier aus den Fugen zu gehen ſchien. Zugleich erſchallten Fluchworte von außen; der bleiche Gelehrte und der Reiteroffizier ſprangen aus der kleinen Schiffskajüte heraus, um zu ſchauen, was es gäbe. Das kehlheimer Schiff war an eine große ei⸗ ſerne Kette angefahren— jene Kette, welche die 93 Bauernaufſtändler bei Efferding über die Donau ge⸗ zogen hatten, und welche an dem Uferende, wo eben das Schiff anlief, in einen eiſernen Ring eingehängt war, bei welchem drei Bauern, ſtarke Oberländler, Wache hielten. Dieſe hatten den Naufahrern des Kehlheimer ihr donnerndes„Halt!“ entgegengerufen. Aber der junge Reiteroffizier ſtand bereits auf dem Schiffsſchnabel, und ſich in ſeiner ganzen Man⸗ neslänge emporrichtend, donnerte er den Bauern entgegen: „Warum ſperrt Ihr den Strom für ein ehrliches kehlheimer Kaufſchiff?“ „Kehlheimer hin, Kehlheimer her!“ ſchrieen die Bauern entgegen,„hier paſſirt niemand“— „Als Oberſt Johann von der Traun, der mit ſeiner Soldateska hinter uns auf fünfzig Pletten herabſchwimmt,“ donnerte der Reiteroffizier entgegen. „Teufel und Granaten!“ rief einer der Bauern, „da heißt's umſatteln; wir ſind zu wenig an der Lände, um es mit den Reichstruppen aufzunehmen.“ „Den Rücken haben wir uns geſichert durch die Waldpoſten,“ rief ein anderer,„aber hier ſind wir zu wenig, um die Ketten zu halten!“ Schnell dieſe kurze Friſt der Ueberraſchung be⸗ 94 nützend, ergriff jetzt der junge Reitersmann mit ge⸗ waltiger Fauſt die maſſive Kette und ſchleuderte ſie aus ihrem Eiſengehänge, daß ſie klirrend in das Waſſer hinabglitt;— im ſelben Augenblicke gab der gewandte Nauführer mit ſeiner Eiſenzacke dem Schiffe einen Stoß, und dieſes wurde vom Schwalle fortgeriſſen, während die Bauern den ihnen geſpielten Streich zu ſpät errathend, in die Waidzillen ſprangen, und das Schiff einzuholen ſuchten. Dieſes ſchwamm jedoch, durch die Ruderſchläge der Nauführer beflügelt, dem Donauſtrande bei Linz entgegen, wo die Reiſenden an das Ufer ſtiegen, und die alte ſtolze Dame es nicht verſchmähte, von dem jungen Reitersmann ans Ufer geleitet zu werden, dem ſie nun geſtand, daß ſie als Witwe des gewe⸗ ſenen bairiſchen Statthalters im Lande ob der Enns, des der Bauernſchaft Oberöſterreichs einſt verhaßten Grafen Adam von Herberſtorf, von den Bauern an der efferdinger Donauſperre ohne Zweifel arg mißhandelt oder wohl gar getödtet worden wäre, wenn ſie nicht der kluge Gedanke des jungen Rei⸗ teroffiziers, und ſein entſchloſſenes Benehmen ge⸗ rettet hätten. Sie ſtellte ſich ihm ſonach als die Witwe Salome von Herberſtorf und ihre beiden elternloſen Richten, Roſa und Maria von Pernſtein 95 vor, die ſie in Regensburg abgeholt habe, um ſie zu ihrer andern Muhme, der Frau Polirena von Lobkowic geborne Pernſtein, nach Prag zu führen, wo auch ſie einige Zeit zuzubringen gedenke, nach⸗ dem ſie ihre Herrſchaft Pernſtein im Lande ob der Enns bereits im Jahre 1630, ſomit vor zwei Jahren, an das Benediktinerſtift Kremsmünſter verkauft hatte.*) Der junge Reiteroffizier aber nannte ſich Ernſt Ottowald, und erzählte, daß er gleichfalls auf der Reiſe von Tilly's Feldlager nach Böhmen begriffen ſei, ſpäter nach Polen zu gehen gedenke, und ſich Wernſteins Veſte beſteht noch auf einem hohen Felſen im Traunkreiſe Oberöſterreichs, und gehört ſeit dem Jahre 1630, wo ſie durch das Stift Kremsmünſter von der Frau Salome von Herberſtorf angekauft wurde, dieſer Abtei. Das alte Schloßgebäude mit ſeinen Wart- und Streitthürmen, mit ſeinen engen kaum zum Sitzen genug räumlichen Gefängniſſen und ſeinem Hungerthuͤrme ſteht auf einem hohen Feiſen, und iſt das Stammhaus der ausgeſtorbenen Familie von Pernſtein. Unter Kaiſer Heinrich IV. kommt Pilgrim, Edler von Pernſtein als Schutzherr von Kremsmünſter vor. 1147 erſcheint ein Pillimger von Pernſtein als Zeuge einer Urkunde des Stiftes Steiergarſten; 1217 ein Pernſtein als Vogtherr von Kremsmünſter; 1374 beſaß Georg von Wallſee Pern⸗ ſtein als Lehen. 96 freue, die Bekanntſchaft einer ſo achtbaren Dame gemacht zu haben, deren Name wohl einen ge⸗ ſchichtlichen Klang habe, indem der Name Herber⸗ ſtorf als des tapfern Vertheidigers der kaiſerlichen und churfürſtlichen Gerechtſame im oberöſterreichi⸗ ſchen Bauernkriege im tillyſchen Feldlager in hohen Ehren ſtehe. „Nun, wenn Ihr in die Königsſtadt Prag kommt, ſo vergeßt auch nicht das Quartier Sepi's auf der Kleinſeite aufzuſuchen;“ ſagte hier, näher tretend, der greiſe Gelehrte im ſchwarzen Sammtmantel, indem er dem jungen Offizier dankend die Hand drückte und ſich als einen ſternkundigen Mathematiker vor⸗ ſtellte, der von einem kurzen Beſuche von Regens⸗ burg rückkehrend, eben auch nach Prag weiter zu reiſen gedenke. Dort aber ging es inzwiſchen ſehr traurig her, Generaliſſimus Albrecht von Waldſtein hatte Prag wiederbeſetzt; eine Plünderung fand ſtatt, durch welche der Ueberlieferung zufolge, viele Einwohner ſogar ihrer Kleider entbiößt und nackt wie das Vieh in der Stadt herumgejagt wurden.*) ¹) Ueber dieſen Gegenſtand bemerkt auch Carve in ſeinem Kriegs⸗Reißbüchlein:„Im Jahre 1632 ward über die 97 Nicht minder große Trauerſpiele erlebte die Bewohnerſchaft Prags nach der Schlacht bei Lützen. In dieſer Schlacht waren mehrere kaiſerliche Offi⸗ ziere feldflüchtig geworden. Waldſtein ſchrieb deßhalb an den Grafen Gallas:„Ich zweifle nit, daß der Herr gute Wiſſenſchaft wird haben, wie übel ſich der Obriſt Hagen bei jüngſtoergangener Schlacht bei Lützen gehalten, indem er und alle ſeine Truppen ſchändlicherweiſe ausgeriſſen. Nun iſt leicht kaiſerlichen Armeen zum Generaliſſimus geſetzt. Ihr Durchlaucht Maximilianus, Herzog von Baiern, welcher mit einem anſehnlichen Haufen zu Feld gezogen und die Stadt Prag drei Tag vor Pfingſten erobert, den Feind gänzlich aus Böheim verjagt, und zum Fürſten von Friedland in der Oberpfalz geſtoßen. Damalen hatte Friedland zwo Kutſchen, welche beide von ſo gleichar⸗ tigen Pferden gezogen wurden, daß man im geringſten keinen Unterſchied finden oder ſpüren konnte. Die Pferde waren meiſtentheils weiß, hin und wieder mit ſchwarzen Flecklein aufs allerzierlichſte beſprengt. In einer ſolchen Kutſche fuhr Waldſtein Ihrer fürſtlichen Durchlaucht entgegen, begleitet von einem Geſchwader Küraſſiere, hundert auserleſenen Reitern und etlichen Dragonern beneben ſeiner Leibquardi; beredete ſich allda mit Ihrer Durchlaucht, wie dem Feind zu begeg⸗ nen, oder derſelbe gar zu dämpfen wäre u ſ. w.“ 1857. IX. Der Jeſuit. I. 7 98 zu erachten, daß dieß Unheil von den Offizieren mehr als von den Soldaten herrührt, denn wären die Offiziere geſtanden, ſo hätten die Reiter auch ihre Schuldigkeit in Acht genommen. Dieweil nun das Gute belohnt, alſo auch das Böſe muß geſtraft werden, wird alſo der Herr den Obriſten, Obriſt⸗ lieutenant ſammt allen Kapitänen laſſen gefänglich einziehen, dieſelbige wohl verwahren, und mir die⸗ ſelbige mit einer ſtarken Konvoi herſchicken.“ „Wie nun,“ erzählt Forſter hierüber,„wie nun die verhafteten Offiziere in Prag eingetroffen waren, wurde über ſie den 21. Januar in dem fürſtlich liechtenſteiniſchen Palaſt auf der Kleinſeite Stand⸗ recht gehalten. Es waren faſt ſämmtliche Offiziere aus den vornehmſten und angeſehenſten Familien; von den der Feldflucht Ueberwieſenen, die ein eigenes Kommando gehabt, wurden eilf zur Hinrichtung mit dem Schwert verurtheilt, andere zum Strang, noch andere zur Ehrloserklärung; von den Gemeinen wurden vier zur Enthauptung, einer zum Galgen verurtheilt. Die Hinrichtung ward am 4. Februar 1633 vollzogen. Auf einer vor dem altſtädter Rath⸗ hauſe aufgerichteten mit ſchwarzem Tuche behangenen Bühne wurden durch den Scharfrichter enthauptet: 1. Johann Nikolaus von Hagen, des deutſchen 99 Ordens Ritter und Commandeur auf Sauwenbein, kaiſerlicher Obriſtlieutenant, und Commandeur eines Regiments zu Pferde. 2. Albrecht Freiherr von Hof⸗ kirchen, kaiſerlicher Obriſtlieutenant in dem Regiment des Oberſt Sparr. 3. Graf von Gandendom, Ca⸗ pitain⸗Lieutenant in des Oberſten Winkhauſen's Re⸗ giment. 4. Johann Heinrich Fabian, des Ritt⸗ meiſters Bodenſtein Lieutenant. 5. Andreas Tortel, Lieutenant in Sparr's Regiment. 6. Andreas von Waldenburg, Lieutenant unter dem Oberſten Hagenau. 7. Jakob Jutſche, Kornet unter dem Regimente des Oberſten Langhanſen. 8. Johann von Kaſchernig, Kornet in Hagen's Regiment. 9. u. 10. Die beiden Hauptleute über die Geſchütze, Johann Burg und Mathias Kleeblatt. 11. Von Warnſtein, Rittmeiſter im Regiment des Oberſten Winkhanſen. Sieben andere wurden unter einen neuen Galgen geführt; hier ward dem Lieutenant Winkler der Degen von dem Scharfrichter zerbrochen, und er für einen Schelm erklärt; vier gemeine Reiter wurden enthauptet; Hanns Hörmann, Lieutenant von Benningshauſen's Regiment, und Jakob Herman, gemeiner Reiter, wurden aufgehenkt. Die Namen von einigen vierzig Offizieren, die ſich nicht vor das Kriegsgericht geſtellt hatten, wurden an den Galgen geſchlagen.“ 7 100 Dagegen belohnte Waldſtein wieder andere tapfere Offiziere; Piccolomini erhielt zehntauſend Tha⸗ ler; andere Offiziere bekamen goldene Ketten mit dem Bilde des Herzogs, Ringe mit Diamanten, Pferde und Koſtbarkeiten. Der Stern des Friedländers ſtand auf ſeinem Höhenpunkte— im Frühjahre des Jahres 1633 wollte er den Feldzug in Schleſien eröffnen, und in Brandenburg und Sachſen eindringen— dann auch mit Schweden Unterhandlungen anknüpfen Während dieſer Winterquartiere gönnte ſich der mächtige Kriegsfürſt wohl einige ruhige Augenblicke. Ein ſolcher war es, inwelchem er mit ſeinem Aſtro⸗ logen, dem gelehrten Sepi oder Sepler in höhern Regionen wandelte und den Gang ſeines Glücks⸗ ſternes verfolgte..... plötzlich aber von einer freundlichen Erinnerung beſchlichen, dem gelehrten Meiſter aus Wälſchland die Frage hinwarf: ob der alte weiſe Rabbi, Bezalel Lvew, in der Judenſtadt, der ihn vor eilf Jahren zu ſich geladen, noch am Leben ſei?.. „Wohl lebt der weiſe Rabbi noch,“ antwortete Sepi;„aber ſein Haupt iſt weißer geworden als der weiße Schnee, denn über achtzig Jahre laſten auf ſeinem Scheitel: doch iſt ſeine Stirne noch 101 heiter, und ſein Geiſt rege, und manchen richtigen Kalkül der Zukunft zaubert er mittelſt ſeiner Kab⸗ bala auf die Tafel“... „So laß uns den Alten jetzt heimſuchen,“ rief Waldſtein lebhaft aus,„er ſoll mir mit ſeinem wun⸗ derſamen Griffel die Konſtellation meiner Lebens⸗ ſterne bezeichnen, und ſoll nicht ſagen, daß Friedland ſeine Wiſſenſchaft zu gering achte, um ihn in ſeiner Klauſe aufzuſuchen, wo er mich vor eilf Jahren zu empfangen verhieß. Geh, Sepi,“ ſetzte er freundlich hinzu,„lade zwei von meinen Generalen, und ein paar Damen des Adels der Hauptſtadt ein, uns zu begleiten, wir wollen uns ein Faſtnachtsſpiel berei⸗ ten, um den kleinen Tropfen des Friedens zu ge⸗ nießen, den wir uns in dieſen Tagen gönnen dürfen.“ Eine halbe Stunde ſpäter rollten drei Wägen der Judenſtadt entgegen, wo der Herzog von Fried⸗ land den weiſen Rabbi in ſeiner geheimen Werkſtatt mit einem Beſuche beehren wollte. In der breiten Gaſſe der Judenſtadt Prags lag ein Haus, über deſſen Thüre ſich ein ſteinerner Löwe befand.*) Das war die Wohnung Rabbi Be⸗ *) Hiſtoriſch. 102 zalel Lvew's, in deſſen rückwärtiger Kammer am fol⸗ genden Tage ein kleiner aber gewählter Kreis des böhmiſchen Adels, und hierunter der Herzog von Friedland ſaß, um das herrliche Rundgemälde der großen Seeſtadt zu beſchauen, über welcher die Auf⸗ ſchrift„Groß-Venedig“ in flammenden Zügen zu leſen war. Man ſah den Markusplatz der Seeſtadt, und den Löwen des heiligen Markus. Jetzt zog das herr⸗ liche Bild vorüber, die Schatten eines neuen Rund⸗ gemäldes begannen ſich zu bilden, die Umriſſe der Markuskirche änderten ſich, und die Skt. Veitskirche am Hradſchin trat hervor, der Löwe des heiligen Markus war durch den böhmiſchen Löwen erſetzt, über welchem ein leuchtender Stern ſchwebte, in deſſen Mitte das Wappen des Herzogs von Friedland deut— lich auszunehmen war. Der jeuchtende Stern ward immer glänzender, nach allen Richtungen ſchoß er ſeine Strahlen; jetzt hatte er den höchſten Glanz erreicht— plötzlich ſank er nieder, um einem andern Bilde, dem gewaltigen furchtbar ſchönen Könige der Lüfte, einem ſchwarzen Königsadler, platzumachen, der ſein doppeltes Flügelpaar auseinanderbreitete und gleich einer friedenbringenden Taube über den Skt. Veitsdom des prager Königsſchloſſes ſchwebte.— 103 Des Herzogs von Friedland flammender Blick haf⸗ tete auf dem optiſchen Schattenſpiele der Camera ob- scura— ſeinen bleichen Lippen entfloh keine Silbe, ſchweigend ſtand er auf, ſchweigend entfernte er ſich aus dem Zimmer, ohne Dank und Abſchied von dem weiſen Rabbi, der ſeine Gunſt für immer verſcherzt hatte, indem er mit ſeiner Menſchenkenntniß und Greiſenerfahrung längſt im Herzen des mächtigen Feldherrn deſſen keimende Machtpläne geleſen haben mochte, und ihn nun im wohlgemeinten warnenden Bilde aufmerkſam machte, daß auch der ſchönſte Stern aus ſeinem Himmel fallen könne, wenn der Hauch Gottes ihn herabweht... Dem Herzoge folgten ſeine zwei Kämmerlinge und mehrere Herren des hohen Adels, die ihn be⸗ gleitet hatten, nur einige Damen zögerten noch be⸗ geiſtert im Anſchauen des prachtvollen Adlers, deſſen weitausgeſpannte Fittige jetzt die Farben des Re⸗ genbogens ſpielten— ein ſchönes Sinnbild ſeiner friedenbringenden Sendung nach den Stürmen des Krieges. Ferne rollten ſchon die Wägen des Herzogs und ſeiner Begleiter, man vernahm deutlich das Ge⸗ räuſch der Räder— doch nein, das waren andere Laute; ſie ſchallten und grollten wie ſtreitende Menſchen⸗ 104 ſtimmen, und lauter wurde es und immer lauter, und zerſchmettert klirrte jetzt eine runde Glasſcheibe des Fenſters nieder auf den Boden; die fünfzurück⸗ gebliebenen Frauen und Fräulein ſchrieen laut auf, und hatten alle Urſachen zum Erſchrecken; denn unten tobte ein Haufe des prager Gaſſenpöbels, der zuerſt gekommen war, um die Zu⸗ und Abfahrt des ſtolzen Herzogs von Friedland, und ſeine goldverbrämten Kämmerlinge und Pagen zu ſehen; alsbald aber aus der finſtern Miene des e liſſimus deutlich entnommen hatte, daß dieſem die ſchwarze Kunſt' des weiſen Rabbi höchlich mißfallen habe— was war daher dem rauf⸗und benteluſtigen, aber feigen Straßengeſindel mehr willkommen, als ſogleich ſeiner altgewohnten Gehäſſigkeit gegen die Juden freien Lauf zu laſſen.— Steine und Stra⸗ ßenkoth flogen daher, ſobald das Rollen der wald⸗ ſteiniſchen Wägen verhallte, auf den ſteinernen Löwen vor dem Portale des Hauſes Bezalel Loew's. „Steinigt den Schwarzkünſtler! den jüdiſchen Zauberer! den Sohn Belzebubs! in die Moldau mit dem Hexenmeiſter!“ ſchallte es aus hundert Kehlen; denn die muthwillige Gaſſenrotte war ſchon im nächſten Augenblicke auf das ſechsfache ange⸗ wachſen, und die erſchrockenen Frauen und Fräulein, * 105 welche von der waldſteiniſchen Begleitung noch zu⸗ rückgeblieben waren, wurden von der Hausthüre, wo ſie ſich vergebens bemühten ihren Wagen zu erreichen, zurückgedrängt. Zwei Frauen waren es und ein Fräulein, eine Blondine von etwa ſechszehn Jahren, welche vor Schreck beinahe in Ohnmacht ſiel. Jetzt ſtürmte der Maſſapöbel auch auf dieſe los, geballte Fäuſte ſtreckten ſich ihnen entgegen.„Das ſind die Schülerinnen des jüdiſchen Zauberers!“ ſchallte es;„ſtoßt ſie nieder! Holt den Inden her⸗ aus, wir wollen ihn ſchächten!“— Derlei Rufe be⸗ ängſtigten die Damen, die ſich vergebens zu ihren Wägen durchzudrängen verſuchten. Jetzt hatte man ſie zur Seite geſchoben, und ein muskulöſer Fleiſcher wollte ſeine Genoſſen durch die Thüre des Hauſes führen— da, im Augenblicke der höchſten Noth, ſprengte ein Reiter in die Gaſſe; ſein Ohr hatte von Ferne den Tumult vernommen, und ſein blitzendes Auge die drohende Gefahr ſchnell überſehen—„Zurück“ donnerte er gegen den Hau⸗ fen, indem er ſeinen noriſchen Stahl aus der Scheide riß und ihn mächtig gegen die Ruheſtörer ſchwang; „zurück, wer ſeinen Kopf unblutig von dannen brin⸗ gen will!“— Gleichzeitig hatte er mit der Linken 106 ein Piſtol aus der Halfter ſeines Sattels geriſſen und ſtreckte dieß weit vor ſich, und machte Front vor den geängſtigten Damen, die dicht an der Haus⸗ thüre jetzt unter ſeinem Schutze ſtanden. Der feige Haufe der Ruheſtörer prallte zurück, zwar ſchrieen die Gaſſenhelden in allen Tönen durch⸗ einander, aber mit den Hufen des Roſſes, und mit der Mündung der Piſtole des Reiters, wie mit ſei⸗ ner guten Klinge, wollte es keiner der muthwilligen Ruheſtörer aufnehmen. Kaum erhob daher der kühne Martisſohn zum drittenmale ſein gutes Schwert, ſo ſtob der Haufe ſchreiend und polternd in die nahen Gäſſen, denn der erſte, der die Flucht nahm, riß, wie bei allen Straßenſzenen dieſer Art, bald die übrigen mit, die nach der alten Regel:„ein Narr macht andere“ mitgekommen waren, und ebenſo wie⸗ der davonliefen. Raſch benützte jetzt der Reiter den Augenblick, auf ſeinen Wink fuhren die Kutſcher mit den Wägen der Damen heran, dieſe ſtiegen ein, die Thüre des jüdiſchen Wunderhauſes zum ſteinernen Löwen raſſelte in ihr Schloß, die Wägen rollten durch die geſän⸗ berte Gaſſe, und der junge Reiter trabte auf ſeinem Braunen hinterdrein. Raſch ging der Zug der Mol⸗ daubrücke entgegen, und durch die Kleinſeite zum „ 107 Hradſchin hinauf, wo er vor dem Lobkowichauſe hielt, und die von Kriegers Hand ſo kräftig beſchützten Damen ſich beim Ausſteigen einer alten Bekannt⸗ ſchaft erfreuten; denn Frau Salome von Herberſtorf und ihre Nichte erkannten in ihm ihren Schützer, den jungen Reiteroffizier Ernſt Ottowald, und ſtell⸗ ten ihn der andern Dame, ihrer Verwandten, der Frau Polirena von Lobkowic vor, die ihn nach ei⸗ nigen Worten warmen Dankes einlud, am nächſten Morgen ihr Haus mit ſeinem Beſuche zu erfreuen. * Siebentes Kapitel. Martha und Maria. Wenn die Glut des Samums den Erdboden verſengt, die friſchen Quellen austrocknet, und die grasreichen blumenduftenden Fluren zu loſen Sand⸗ ſteppen umändert, dann weilt das Auge des Wande⸗ rers freudetrunken auf jenem abgegrenzten grünen Raume, den er eine Haſe in der Wüſte“ nennt, und auf welchem er Lebensfriſche und Labung findet für ſeine lechzende Zunge und ſeine müden Glieder. Eine ſolche Oaſe im Sturme der damaligen 108 Zeit war das Haus der edlen Frau Polirena von Lobkowic: der Adel ihrer Geſinnung, die Rein⸗ heit ihrer Abſichten, die Thatkraft und Entſchloſſen⸗ heit ihrer Seele ſprachen ſich in allen ihren Handlun⸗ gen aus, und wirkten äußerſt wohlthätig auf ihre Umgebung.— Während in der Hauptſtadt Prag die Unruhe des kriegeriſchen Lebens tobte, während die bewegte Zeit täglich neue Beſorgniſſe mit ſich brachte, glich das Haus der Frau von Lobkowie der Arche der Sündfluth, der Arche, die unerſchüttert auf dem Felſen ſtand, ob auch die ganze Erde um ſie herum im Sturme ächzte, und der Herr im Gerichte über den ſündigen Erdball fuhr. Es war damals jenes andauernde zweite Jahrzehend des religiöſen Zwieſpaltes, wo der Proteſtantismus mit dem Ka⸗ tholizismus, vorzüglich im Königreiche Böhmen, im Streite lag. Jede Partei ſtellte ihre Vorkämpfer auf, und Kaiſer Ferdinand II. war bemüht, eine gänz⸗ liche katholiſche Reformation Böhmens durchzuführen Obwohl die Jeſuiten hiebei, laut geſchichtlichen Nach⸗ weiſen, nur wenig betheiligt waren, ſo wußte man doch, daß der Beichtvater des Kaiſers P. Wilhelm Lamormain und Heinrich Philippi, Rektor des Kolle⸗ giums zu Wien, vom Kaiſer um ihre Meinung be⸗ fragt worden waren, weil dieſer die ganze Sache 109 als kirchliche Angelegenheit betrachtete. Das war alſo eine ſogenannte Gewiſſensberathung, den Ka⸗ tholiken ſehr begreiflich, den Proteſtanten im andern Geſichtspunkte erſcheinend. Daher verbreitete ſich auch unter den Gegnern der katholiſchen Sache als⸗ bald die Meinung, der Kaiſer thue auch in politi⸗ ſchen Dingen nichts ohne dem Rathe ſeiner Beicht⸗ väter; eine ganz irrige Anſicht, indem ſich nach den Bemerkungen eines bewährten Geſchichtskundigen aus dem erſten Jahrzehend der Regierung Ferdinand's nur zwei von den Jeſuiten herrührende Gutachten fan⸗ den. Nicht die Jeſuiten, ſondern Kardinal Harrach, der damalige Erzbiſchof in Prag, machte im Jahre 1626 die Vorſchläge zur Fortſetzung des Reforma⸗ tionswerkes, ſohin auch zur Errichtung von fünf neuen Bisthümern; über ſeine Anträge wurde eine eigene Kommiſſion ernannt: ſie wurde gebildet aus dem Grafen Slawata, Reichskanzler von Strahlen⸗ dorf, dem Grafen von Werdenberg, den deutſchen Vizekanzler Böhmens Gräen von Roſtiz, und den Kardinal Dietrichſtein an der Spitze. Das Gut⸗ achten dieſer Kommiſſion erhielten erſt die erwähnten Beichtväter des Kaiſers zur Aeußerung ihrer Meinung, die ſie in lateiniſcher Sprache auf fünfzehn Boͤgen abgaben, dann gelangte dieſe nochmals an die ge⸗ 110 heimen Räthe des Kaiſers, die ſich in einer Eingabe vom 14. Jänner 1627 beifällig äußerten; in dieſem geheimen Rathe aber ſaßen: Ferdinand, König von Ungarn(nachher als Kaiſer Ferdinand II.), Kardinal Dietrichſtein, Fürſt von Eggenberg, Graf Meggau, Trautmannsdorf, Breuner, Werdenberg, der Abt von Kremsmünſter, und Freiherr Otto von Roſtiz. Das fragliche Gutachten athmete Milde für die Gegner der katholiſchen Religion, und Freimüthigkeit gegen den Landesherrn; die jeſuitiſchen Beichtväter des Kaiſers aber, riethen demſelben ſchonende Nachſicht, legten den größten Werth auf das Wirken der katho⸗ liſchen Seelforger im Reformationswerke, und warnten vor jeder ſcheinbaren Bedrückung der akatholiſchen Gegner. So widerriethen ſie den Antrag des Erz⸗ biſchofes:„Von jeder Kufe Salzes im Lande durch dreißig Jahre zehn Kreuzer zu erheben, um mit die⸗ ſem Gelde die neuen Bisthümer zu gründen,“ indem ſie richtig bemerkten, daß die Errichtung dieſer Bis⸗ thümer Gegenſtand des Haſſes werden würde.*) *) Das erwähnte Gutachten der jeſuitiſchen Beichtväter findet ſich wörtlich abgedruckt und mit Noten verſehen, in den hiſtoriſch politiſchen Blättern von Joſ. Eduard Görres, 38 Band, 9 Heſt. 1856 Seite 888. Wohl war es aber nach den erwähnten in Böh⸗ men verbreiteten irrigen Gerüchten über den Einfluß der jeſuitiſchen Beichtväter auf den Kaiſer erklärlich, daß dieſer Orden in jenen Tagen großen Anfein⸗ dungen von Seite der Proteſtanten ausgeſetzt war. Aber im Hauſe der Frau Polirena von Lobkowie wurden dieſe Ordensmänner hochverehrt. Still und ruhig rannen die Stunden, die Tage, die Wochen, die Monden des Jahres 1633 in die⸗ ſem Hauſe vorüber; wie eine Heilige ſchaltete die edle Frau in ihrem Hausweſen, und nur der Beſuch der Frau Salome von Herberſtorf mit ihren Nichten *„ den beiden Fränlein von Pernſtein, brachte eine grö⸗ ßere Lebendigkeit in ihr Hausweſen.— Wenn die erſten Sonnenſtrahlen wie goldene Streifen auf den Spiegel der Moldau herabfielen, ſo begann ſich's im lobkowiciſchen Hauſe ſchon zu regen. Maria, das liebliche Kind, kam freudig herangehüpft, und Roſa, die liebliche ſechszehnjährige Jungfrau richtete ihre Spindel zurecht, dann traten beide der ſtolzen Frau Salome entgegen, die mit Frau Polirena die Halle betrat; der Tag ward reger Thätigkeit gewidmet, und wenige Abende gab es in der Woche, wo nicht Nikolaus, der vertraute Diener Polire⸗ na's, Körbe mit Lebensmitteln und Kleidungsſtücken 112 aus der Hinterthüre des Hauſes trug, um ſie wie der heilige Nikolaus“ den Hilfsbedürftigen im Weich⸗ bilde der Stadt einzulegen. Da kannte Frau Poli⸗ rena keinen Unterſchied der Religion und des Stan⸗ des, und der arme Paria in den finſtern Winkeln der Judenſtadt empfing von ihrer Hand ebenſo ſei⸗ nen Antheil, als der Arme der chriſtlichen Stadt⸗ viertel. Frau Polirena von Lobkowie waltete als ein Engel des Friedens und der Barmherzigkeit in ihrem Bereiche. Nicht minder glaubenseifrig und mildthätig war ihre Verwandte Frau Salome von Herberſtorf; doch ſtolzer flammte das Ange dieſer Dame, wenn ſie es auf ihren Wappenſchild fallen ließ, und ihren Angehörigen von den Großthaten erzählte, die ihr nunmehr verewigter Gemahl, der gewaltige Graf Adam von Herberſtorf, im Dienſte des Kaiſers und ſeines eigenen Churfürſten während des oberöſterrei⸗ chiſchen Bauernkrieges im Lande ob der Enns übte.. Ihr dunkles Auge haftete dann zuweilen auf ihren Richten, und ihr Mund ſprach den Wunſch aus, daß beide einſt ein glänzendes Loos an der Hand eines ebenbürtigen Gemahles finden möchten, der ihnen als Stütze zur Seite ſtehe in den großen Stürmen der Zeit. Als einen ſolchen bezeichnete ſie einen Mann, der wenigſtens dem Ritterſtande angehören müſſe, und der ſtolze Unmuth, mit welchem ſie den jungen Reiteroffizier bei ſeinem Eintritte auf das kehlheimer Schiff unfern Efferding empfangen hatte, war längſt verſchwunden, als ſie von ihm erfahren hatte, daß er ein fränkiſcher Ritter ſei, ſomit dem Adelſtande an⸗ gehöre.— Ernſt von Ottowald hatte ſomit Gnade gefunden vor den Augen der ſtolzen Gräfin, die es als eine ſeltſame Fügung der Vorſehung anſah, daß der Ritter zum zweitenmale ihr und ihrer Nichte Beſchützer geworden war!— Anders dachte Frau Polirena von Lobkowic, die kluge, ſchweigſame, ernſte und feinberechnende Frau!— Sie hatte den jungen Ritter zum erſtenmale geſehen, als er in der Judenſtadt dem aufgeregten Volkshau⸗ fen entgegentrat, aber ihr Verſtand und Mutterwitz hatten es ganz richtig berechnet, daß dieſes plötzliche Erſcheinen des jungen Mannes, deſſen Begegnung auf dem kehlheimer Schiffe ihr von der Gräfin Salome bereits mitgetheilt worden war, keine ſeltſame Fügung der Vorſehung war, wie Frau Salome meinte, ſon⸗ dern daß der Ritter ſeit jener Begebenheit bei der Donaukette in Aſchach ſich auch an die Gräfin Sa⸗ lome und ihre NRichten kettete, dieſen unbemerkt auf 1857 IxX. Der Jeſuit. I. 8 114 ihren Spazierfahrten in Prag, wohin er gleichfalls abgegangen war, gefolgt, und auf dieſe Weiſe gleich⸗ falls in ihrer Nähe war, als ſie das Haus des Rabbi Bezalel Lvew beſuchten, folglich ſehr leicht als plötzlicher Rettungsengel im Augenblicke der Ge⸗ fahr auftauchen konnte... Der wahre Engel des Hauſes der edlen Frau Polirena von Lobkowie ſaß aber im Saale vor ihrer kleinen Hauskapelle. „Ein Mann ſei in Indäa erſtanden,“ ſchrieb einſt Statthalter Lentulus an den römiſchen Kaiſer—„Ein Mann ſei in Judäa erſtanden von göttergleicher Schönheit.“ Als ernſt und würdevoll bezeichnete er ihn, als einen Herrlichen voll hoher Gaben, der wunder⸗ wirkend einherſchreite.—„Hoch ſei ſeine Geſtalt, voll Feuer und Milde ſein Blick, alles, was er ſpreche, ſei edel und wahr, niemals habe man ihn lachen, wohl aber oft weinen geſehen“... Dieſem Heiligen, der einſt auf Erden wandelte, dem Menſch gewordenen Gotte, konnte kein Menſch, und wäre er der edelſte, jemals gleichen; allein nach ſeinem Bilde wandeln unter den Lebenden, gutes ſtreuen, edles vollbringen, belehrend, rathend, trö⸗ ſtend, heilend und. den Undank der Welt verach⸗ tend, den ihn Verfolgenden verzeihend— ein milder 115 Heiland der menſchlichen Wunden ging jener Edle durchs Leben, deſſen mannshohe kräftige Geſtalt, mit dem einfachen dunklen Mantel bekleidet, eben jetzt zwiſchen zwei jungen Blüthen ſtand, die er als Gärtner Gottes pflegen und warten ſollte, während ſein großes dunkles Auge ſanft auf der dritten Blüthe ruhte, die zu ſeinen Füßen lag. Alſo ſaß der Heiland der Welten einſt zwiſchen Maria und Martha; alſo lag einſt zu ſeinen Füßen der Lieblingsjünger Johannes. Martha und Maria waren Roſa und Maria, die lieblichen Nichten Frau Salome's von Herberſtorf, und Johannes, ein ſchöner fünfzehnjähriger Jüng⸗ ling zu den Füßen des ſtattlichen Mannes im dunk⸗ len Mantel, der etwa ſiebenundzwanzig Jahre zählen mochte, und freundlich über die Gruppe der ihm anvertrauten Lieben blickte, die er als Nachahmer des Gott⸗Menſchen lehren, berathen. vielleicht auch tröſten und heilen ſollte.... Der ſtattliche ernſte Mann im Prieſterrocke war der Lehrer im lobkowieiſchen Hauſe. Reine und Edle ſehen, erkennen gar leicht ihren geggnſeitigen Werth; denn es iſt ein Geſetz der Natur, daß Gleich⸗ artiges ſich anzieht!— Alſo hatte Frau Polirena ſchon lange den Edelſtein herausgefunden der nun 8 in ihrem Hauſe prangte. Es war der oberwähnte edle Lehrer und Meiſter, der den beiden Fräulein von Pernſtein ſoeben die ſchöne Begebenheit des Eyan⸗ liums vorlas, und erklärte, wie der Herr in der Wüſte ſtand, und der Verſucher zu ihm trat, und ihm die Steine darbot, aus denen er Brod machen ſollte; und Maria, die liebliche Kleine, hörte dem Lehrer und Meiſter aufmerkſam zu, und ſaugte jedes ſeiner Worte von ſeinem Munde, denn jedes derſel⸗ ben drang zu ihrem tiefgerührten kindlichen Herzen, wie der Himmelsthau in die Blume dringt und ſie befeuchtet, auf daß ſie blühe zur Ehre des Schö⸗ pfers; und das Ange der Kleinen lächelte freundlich und hing, wie das des kleinen Johannes, am Munde des Lehrers, und das Kind Maria hatte in ſeiner kindlichen Einfalt bereits unbewußt den beſten Theil gewählt.. Aber nicht ſo Martha—— denn Martha⸗ Roſa von Pernſtein ſaß auch an der Seite ihres Lehrers, den ſie ſeit der kurzen Zeit ihrer Anweſen⸗ heit in Prag lieben und verehren gelernt hatte; Roſa ſaß auch an der Seite ihres geliebten Lehrers, aber manche Perle ſeiner ſchönen Rede fiel unaufgeleſen an ihrer Seite nieder— denn ihre feine Hand mußte ja das gedankenſchwere Haupt ſtützen, in 117 welchem die Bilder einer erſt vor kurzem durchlebten Zeit wieder heraufſtiegen— und wieder und wieder das Bild eines jungen Mannes emportauchte, der da mit Muth und Kraft die hemmende Eiſenkette des gewaltigen Strombettes wie einen leichten Korallen⸗ ſchmuck zu ſeinen Füßen ſchleuderte, und den ſie ſchon dreimal in den letzten drei Tagen im Traume ge⸗ ſehen hatte, wie er als zürnender Skt. Michael mit dem Flammenſchwerte vor der tobenden Rotte der böſen Geiſter ſtand und den ſteinernen Löwen vor dem Thore zur Stadt Gottes mit ſeinem Leibe be⸗ deckte.... Und verwundert blickte daher der prie⸗ ſterliche Lehrer auf, als ihm Martha⸗Roſa, das Weltkind“ auf ſeine Frage: wer ſich dem Herrn in der Wüſte genaht habe— plötzlich aus ihren Träumen auffahrend, zur Antwort gab:„Sankt Mi⸗ chael, mit dem Flammenſchwerte.“— Der edle Lehrer blickte verwundert auf ob der ſeltſamen Antwort der ſonſt ſo gelehrigen Schülerin. „Ei, Fräulein Roſa,“ ſagte er, ſanft zurechtweiſend, „der Verſucher war es ja, der an den Herrn und Heiland in der Wüſte herantrat und ihn aufforderte, aus den Steinen Brod zu machen, und ſpäter ſo⸗ gar; ihn anzubeten;— und ſo iſt es auch der Ver⸗ 118 ſucher, der da gar oft an die Thüren der Menſchen klopft, und Einlaß verlangt in ihre Herzen“— In dieſem Augenblicke klopfte es ih an die Saalthüre. „Der Verſucher!“ rief die kleine Maric, von der Erzählung des Geiſtlichen noch aufgeregt. Die Thüre ſprang auf, und hereintrat Ernſt Ottowald, der junge Reiteroffizier, der Schützer der beiden Fräulein von Pernſtein. Sein Flammenauge begegnete zuerſt dem Blicke Roſa's, und hohe Purpurröthe überlief das Antlitz des Fräuleins. Mit einer Verbeugung ſtellte ſich Ottowald als einen Gaſt des Hauſes vor, welcher der Einladung Frau Salome's von Herberſtorf Folge leiſtend, ſich glücklich fühle, nun ſeit dem langen Zeitpunkte; ſeines erſten Zuſammentreffens mit den Damen in einem ſo hochachtbaren Hauſe zum erſtenmale Eingang zu finden. Der Lehrer erwiederte wenige Worte der Höf⸗ lichkeit, aber düſter ruhte ſein Blick auf dem Antlitze des Sffiziers, deſſen Auge unſicher herumſuchte, und deſſen ganzes Benehmen ſogleich eine große Unbe⸗ ₰ haglichkeit ausdrückte.— Seelen⸗Verwandtſchaft war 149 es wahrlich nicht, was ſich bei der erſten Begegnung dieſer beiden jungen Männer ausſprach. Johannes, der Liebling ſeines Lehrers und Mei⸗ ſters, zitterte leiſe, ſeine Hand ruhte in der ſeines Lehrers, und ſein Auge haftete ſtarr auf dem Ant⸗ litze Ottowald's, als ſähe er in dieſem den Verkün⸗ der einer großen Trauerbotſchaft, den Propheten einer düſtern Zukunft vor ſich ſtehen.— Roſa, die herrliche Jungfrau, ſtand zwiſchen ihrem treuen Lehrer und dem neuen Ankömmlinge mit hörbar ſchlagendem Herzen, wie Alcid am Scheide⸗ wege ſeines Jugendlebens geſtanden ſein mochte. Ottowald bat jetzt Roſa, ihn bei den Frauen zu melden, und bald ſtand er im Empfangsſaale der Frau Polixena von Lobkowic vor dieſer und Frau Salome von Herberſtorf.— Dort ward ihm jener ausgezeichnete Empfang zutheil, welcher dem zweifachen Schützer dieſer Familie gebührte. Aber die Geiſter des edlen Lehrers und Mei⸗ ſters im dunklen Mantel und Ottowald's hatten ſich in der kurzen Begegnung bereits erkannt; der erſte wußte ſich in ſeinem Innern keine Rechenſchaft zu geben, warum Ottowald's Erſcheinung nur ein ban⸗ ges widriges Gefühl in ſeinem Herzen hervorrief; es war jenes geheimnißvolle Gefühl, unerklärbare 120 Apathie, die reine von allen Erdenſchlacken geläuterte Seelen beſchleicht, wenn ſie Geſtalten begegnen, deren Lebenskreiſe keine reinen und himmelsklaren ſind. Das Auge iſt, ſagt man, der Sitz der Seele; in Ottowald's Auge glühte die Leidenſchaft, ſein gan⸗ zes Weſen verrieth Unruhe, Unzufriedenheit, Stolz und Streben nach vorwärts, man konnte es auf ſeiner Stirne leſen, daß ſein Ich'“ die erſten Hebel aller ſeiner Handlungen bilde, und daß er auch über Leichen jene Stufe erſteigen wolle, die ſich ſein Ehrgeiz als letztes Ziel ſeines Wirkens vorſetzte. Dieſes Herz, ſtark und gewaltig in ſeinen Schlä⸗ gen, aber nur von einer Pulsader: der Selbſtſucht bewegt, ſchlug wieder heftiger bei dem Anblicke des jugendſchönen Fräuleins Roſa von Pernſtein, und Ernſt Ottowald brauchte nicht eitel zu ſein, um in Roſa's Auge vom erſten Augenblicke als beide ſich begegnet hatten, ſogleich Erwiederung ſeiner Leiden⸗ ſchaft zu leſen. Eingezogene Nachrichten hatten Ottowald von der hohen Geburt und jenen Anſprüchen belehrt, welche Roſa von Pernſtein einſt auf das Erbe ihrer Tante machen dürfe.— Schön und gut, wie das Fräulein war, wäre ſie für jeden Bewerber ein herr⸗ licher Preis jahrelangen Bemühens geweſen; aber —————————— 121 doppelt wünſchenswerth war ihr Beſitz für Ottowald, denn Reichthum und vortheilhafte Verbindungen lagen in ſeinem Lebensplane, und ſo erſchien ihm die Auf⸗ nahme im lobkowieiſchen Hauſe als ein Ziel, das er mit allen ihm zugebote ſtehenden Mitteln an⸗ ſtrebte, und wozu ihn ſomit nicht blos ſeine bereits zur hellen Flamme auflodernde Leidenſchaft für Roſa von Pernſtein, ſondern auch wohlberechnete Neben⸗ rückſichten und Hoffnungen auf Reichthum und hö⸗ here Anſtellung in kaiſerlichen Kriegsdienſten an⸗ ſpornten. Aber auch Roſa's empfängliches Gemüth durch⸗ tobte bereits die Glut der Leidenſchaft. Das kräftige und männliche Auftreten Ottowald's an der Donau⸗ kette bei Efferding und vor Rabbi Loew's Hauſe hatten im Herzen der Jungfrau ſtille Bewunderung des mannhaften Charakters Ottowald's erweckt; ſeine ſchöne kräftige Geſtalt, ſein feuriges Auge, und die zarte Aufmerkſamkeit, mit welcher er ihr vom erſten Augenblicke an begegnet war, bildeten den Zündſtoff der erſten Liebe, welche ſtets die heftigſte, aber auch faſt immer die reinſte, und mächtig genng iſt, um zu allem zu begeiſtern. Ernſt Ottowald war aber nicht blos ein ſchöner und thatkräftiger, er war auch ein kluger Mann, 122 und kannte das altdeutſche Wahrwort genau: daß der Weg zum Herzen der Tochter am ſicherſten durch das Herz der Mutter führe.— In der Gunſt der Frauen Polirena von Lobkowic und Salome von Herberſtorf mußte er ſich feſtſetzen, wollte er die Hand der ſechszehnjährigen Roſa erringen. Stürmiſch waren damals die Zeiten, und im Fluge mußte der Soldat, der keine ſichere Liegerſtatt für ſein Haupt hatte, die Roſen pflücken, welche ihm das flüchtige Glück des Augenblickes bot.— Bald konnte die Trompete ertönen, welche Ernſt Ottowald wieder auf das Schlachtfeld rief.— Wie ein kluger Feldherr hatte er daher bereits in den erſten Wochen ſeiner Beſuche im lobkowieiſchen Hauſe, die Stel⸗ lungen ſeines Kampfplatzes geprüft, und ſeinen Plan entworfen. Hier— im Mittelpunkte der Schlachtordnung Roſa, die herrliche Roſa, das einzige Ziel ſeines Strebens. Roſa, die liebliche Jungfrau, deren feuch⸗ tes Auge Liebe thaute, wenn ſie ihn anblickte, ob⸗ gleich noch keine Erklärung zwiſchen beiden ſtattge⸗ funden hatte,— ihrer war er gewiß..... dort, am linken Flügel der Schlachtordnung Frau Salome von Herberſtorf, die ſtarre, ahnenſtolze aber eitle Dame, bereits gewonnen durch die ſchmeichelnde Höf⸗ 123 lichkeit und Unterwürfigkeit Ottowald's, ſchien keines⸗ wegs ungehalten, wenn ſie ihn mit Roſa allein im Vorzimmer oder Saale tändeln ſah,— die ſtolze Dame muthete einem fränkiſchen Ritter nichts un⸗ edles zu... ihrer glaubte er gewiß zu ſein:— aber dort, am rechten Flügel: Frau Polirena von Lobkowic, die glaubenseifrige, fromme, wohlthätige Edelfrau. Katholikin— wohl klebte kein Härchen Stolzes an dem ſchneeweißen Tugendkleide, welches dieſe Dame der Barmherzigkeit und Milde, dieſe echte Jüngerin des Heilandes auf ihrem Leibe trug, auch würde ſie für das Glück ihrer beiden Muhmen, Roſa und Maria von Pernſtein, ihr Blut und Leben gegeben haben; aber eben darum, eben darum mußte Ottowald dieſe Frau als erſte und ſchwer zu bewäl⸗ tigende Gegnerin betrachten, dennj jenen Anforderungen, die ſie in einem wohl abſich lich mit Ottowald hier⸗ über angeknüpften Geſpräche an den künftigen Eidam ihrer Muhme bezüglich ſeiner geiſtigen Eigenſchaften ſtellte, konnte er nicht allen genügen— er, der Sohn des Krieges hatte ſein Glaubensbekenntniß bisher auf der Schwertſpitze getragen, und berechnete, indem er freite: ſie, die glaubensfromme Edeldame wollte nur gleich⸗ geſtunmte Seelen, und reine von keiner Nebenabſicht bewegte Gemüther in ihrer Nähe dulden;— nicht 124 feil für Gold, ſondern ſelbſt wie Gold mußte das Herz ſein, das ſie ihrer Roſa gönnen wollte— und ein ſolches Herz beſaß Ernſt Ottowald nicht.— Und endlich, an der Spitze dieſer Schlachtordnung jener ernſte, ſchweigende Mann im dunklen Gelehrten⸗ mantel, den Ottowald beim erſten Eintritte im lob⸗ kowiciſchen Hauſe bei Roſa und Maria getroffen hatte.— Wie er daſtand, ernſt und ehrfurchtge⸗ bietend mit dem Evangelienbuche in der Hand, welche ſtille Würde auf ſeiner hohen reinen Stirne, welche heilige Ruhe in ſeinen ſchönen Zügen ſtrahlte! Wie ſein großes dunkles Auge mit dem ernſten Blicke bis tief in das Herz Ottowald's drang, und die Abſicht ſogleich herauslas, mit welcher dieſer das Haus des Friedens und der Reinheit betrat! Alſo ſtand der Heiland vor den Zinnen des Tem⸗ pels, und ſprach:„Nichts unreines darf eingehen in das Haus meines Vaters“ Ja, dieſen hohen, wunderſeltenen Mann hatte Ernſt Ottowald wohl am meiſten zu fürchten, denn dieſer Mann, ſtand er gleich erſt in der Blüthe der Mannesjahre, wurde, wie Ottowald gar bald heraushatte, im lob⸗ kowieiſchen Hauſe wie ein Heiliger geehrt und ge⸗ liebt, und Frau Polirena von Lobkowic vernahm 125 häufig ſeinen wohlmeinenden Rath in ihren häus⸗ lichen Angelegenheiten. Alſo fand Ernſt Ottowald den Stand jener Schlachtordnung, in welcher er den Kampf wagen mußte um den Beſitz des lieblichen Fräuleins Roſa von Pernſtein, und ſowie Nacht und Tag einander zwar berühren, aber ewig fliehen, wie Winter und Frühling miteinander im Streite liegen, ſo erfaßte alsbald Ottowald's Seele eine neue Leidenſchaft, die des ſteigenden Haſſes gegen jenen Mann, der als Wächter der Burg Zion daſtand, und mit dem ſorgſamen Auge des Lehrers und Mahners die Roſe vor dem gleißenden Schimmer des Falters hüten ſollte, auf daß ſie rein bleibe von dem Mehlthaue, der auf den Flügeln des letzteren glänzte. Ernſt Ottowald, kühn im Schlachtgewühle und in ſeinen Entſchlüſſen, beſchloß, raſch auf ſein Ziel loszugehen, und zu ſiegen, ehe ſeine Gegner über ihre Pläne vollkommen im reinen wären. Achtes Rapitel. Rosa pentaphylla. Der Herzog von Friedland hatte am 9. Februar des Jahres 1634 im Staabsquartier zu Pilſen aber⸗ 126 mals die Generale und Oberſten ſeines Heeres ver⸗ ſammelt, um ihre Gemüther zu erproben, und die ferneren Pläne ſeiner Militärherrſchaft darauf zu bauen. Aber ſchon ſchwebte ein ſchwarzer Stern ober ſeinem Haupte. Gallas warb im Stillen wider ihn. Die Städte Budweis, Tabor und andere wurden in ſeinem Namen beſetzt, und Gallas als Obergeneral ausgerufen. Prag war von kaiſerlichen Truppen beſetzt, und Waldſtein beſchloß, ſich gegen Eger, wo das Regiment ſeines Schwagers Treka als Beſatzung lag, und der Schottländer Gordon als Feſtungskommandant befindlich war, zu ziehen. Es war an einem dieſer kalten Wintertage.— Im getäfelten Familienſaale der Frau Polirena von Lob⸗ kowic brannte ein luſtiges Kaminfeuer, die große ver⸗ goldete Lampe an der Decke warf ihr Strahlenlicht auf die eisbelegten Fenſter und zauberte Myriaden Diamanten auf die kleinen Scheiben. Die beiden Frauen Polirena von Lobkowice und Salome von Herberſtorf ſaßen am Schachbrette; Roſa, mit weiblicher Arbeit beſchäftigt, an dem gro⸗ ßen Eichentiſche; das kleine Bologneſerhündchen Frau Polixena's lag in behaglicher Ruhe auf dem beblüm⸗ ten Fußteppiche. „Der Springer ſetzt Eurer Königin wacker zu“ 1 7 ſagte lächelnd Frau von Herberſtorf, indem ſie wie⸗ der einen Zug machte. „O,“ erwiederte Frau Polirena,„ich ſtelle dem Loſen meine Thürme entgegen, und jage ihn vom Felde.“ „Erſcheint mir doch in der That,“ bemerkte Frau von Herberſtorf,„erſcheint mir doch in der That dieſes Brett als ein kleines Bild der Welt, wo Springer und Laufer, Hoffart und Weltluſt dem Könige, der da heißt das Menſchenherz, wacker zu Leibe gehen, und ſeine Züge zu verwirren ſuchen— aber da gilt es die Thürme der Religion und der Wahrheit entgegenzuſtellen, und die Läufer müſ⸗ ſen weichen, und der König ſteht zuletzt als Sieger da, wenn der große Meiſter das Matt herabruft, dem alles Irdiſche weichen muß.“— Bei dieſer Rede war der Edelfrau unverſehens eine Figur auf die Erde gefallen.„Geh, liebe Roſa,“ rief ſie„bücke Dich für mich, und hole mir den entfallenen Lau⸗ fer herauf.“ „Sogleich, liebe Tante,“ antwortete die Jung⸗ frau, und herbeieilend, bückte ſie ſich, und legte die Figur wieder auf das Brett. 5 Bei dieſer Bewegung löste ſich der Gürtel des Hauskleides der Jungfrau, und— eine halbwelke 128 Spätroſe fiel zu ihren Füßen nieder... Purpur⸗ röthe flammte auf dem Antlitze des Mädchens.— Frau Salome von Herberſtorf hob die Roſe auf, und betrachtete ſie.„Eine Treibhausblume,“ ſaßte ſie. „Kind, woher kommt dieſe Blume?“— Roſa ſchwieg, und ſchlug das Auge zu Bodenz der Lüge war die edle Jungfrau ungewohnt, und die Wahrheit ſagen durfte ſie nicht.. „Roſa, woher kam dieſe Blume?“ wiederholte Frau Salome von Herberſtorf, und in finſtere Fal⸗ ten zog ſich die Stirne der ſtolzen aber weltklugen Dame, welche auf der Purpurwange ihrer Nichte ſo⸗ gleich die Antwort auf ihre Frage las. Aber hervortretende Thränen im Auge Roſa's waren die Antwort; die Jungfrau ſchlug den Blick ihres ſeelenvollen Auges empor—„Ottowald“ hauchte ſie Frau Salome von Herberſtorf trat einen Schritt zurück—„Ernſt Ottowald, der fränkiſche Edelmann?“ rief ſie— In dieſem Augenblicke ſprang das bolo⸗ gneſer Hündchen am Teppiche bellend auf, die Thüre drehte ſich in ihren Angeln, und Ernſt Ottowald, der fränkiſche Ritter, ſtand im Zimmer. „Wollt mein ſpätes Erſcheinen entſchuldigen, edle Damen,“ ſagte der Ritter, ſich verneigend;„meine —— 129 Dienſtpflicht ruft mich mit dem morgigen Tage von Prag ab, ich gehe nach Polen, darum wünſchte ich vor meinem Abgange noch Abſchied zu nehmen in einem Hauſe, wo ich, obwohl nur kurze Zeit, freund⸗ liche Aufnahme fand“ Eine ſchwache Wolke des Unmuthes zog bei dieſen Worten über die Stirne Ottowald's, er hatte, getäuſcht durch die irrige Nachricht des Hausbeſchlie⸗ ßers, Roſa und ihre Schweſter allein im Zimmer zu finden vermeint; Frau Polirena und Salome hatten den Berichten des Beſchließers entgegen eine für dieſen Abend vorgehabte Fahrt in die Altſtadt auf⸗ gegeben. Die beiden alten Damen verneigten ſich ſchwei⸗ gend; ihnen galt der ſpäte Beſuch des Ritters als eine Verletzung des Anſtandes, den ſie ſelbſt von dem zweimaligen Beſchützer ihrer Familie beobachtet wiſſen wollten. Ottowald bemerkte ſogleich die Falten des Un⸗ muthes auf der Stirne der beiden Edelfrauen— hohe Röthe trat jetzt auf ſein Antlitz, ſein heißes Blut, das nie und unter keinen Verhältniſſen Wider⸗ ſtand ertrug, begann ſogleich wieder zu ſieden, ſein Auge glühte, denn es fiel auf die verwelkte Roſe, welche er vor einigen Tagen im Vorüberreiten in das 1857. IX. Der Jeſuit. I. 9 130 Fenſter geworfen hatte, an welchem Roſa geſtanden war, und die jetzt in der Hand Frau Salome's lag. Die Edeldame bemerkte den Blick Ottowald's.— „Dieſe Roſe,“ ſagte ſie, ſich ſtolz emporrichtend,„und Euer unvermuthetes Auftreten, Herr von Ottowald, deutet auf ein Minneſpiel hin, das meine aller ver⸗ borgenen Handlungen bisher ungewohnte Roſa hin⸗ ter dem Rücken ihrer Tante wagt“— „Haltet ein, edle Frau,“ fiel Ottowald hier ein, und wieder glühte ſein Auge—„haltet ein mit Eurer ſtachlichten Rede, Ihr irrt, wenn Ihr vermeint, daß Ernſt Ottowald heimliches Minneſpiel hinter dem Rücken der Angehörigen beabſichtige“— raſch wie der Adler im Fluge, kühn wie der Leu ſtürzte jetzt Ottowald ſeinem Ziele zu—„unſere Zeit, edle Frau,“ rief er,„rollt wie ein gewaltiges, alles zerſchmettern⸗ des Rad über und mit uns hin, da gibt es kein langes Beſinnen und Marken; der Soldat insbeſon⸗ dere muß im Fluge genießen und Roſen brechen, ehe der eiſerne Kriegsgott ſie ihm aus der Hand reißt, ſein Haus iſt die Welt, er hat keine bleibende Stätte, und darum, edle Frau, habe ich, der ich von dem mächtigen Zeitrade, oder wie Ihr ſagt, durch die Hand der Vorſehung ſo ſonderbar in Eure Bahnen geſchleudert worden bin, Eurer Roſa die Roſe zuge⸗ worfen, die dort liegt, und läugne es nicht, und ſage es offen und ehrlich in Eurer Antlitz, ich möchte dieſe Roſe an meinen Schild knüpfen, und mein ehr⸗ lich Wappen verdoppeln durch ein zweites, das da führt die Symbole der Edlen von Pernſtein“... Ernſt Ottowald ſchwieg— er hatte nach ſeiner Art raſch geredet, raſch gehandelt— den ſchäumen⸗ den Becher des Lebens erfaſſen, ihn leeren auf einen Zug, oder verſchütten ſammt ſeinem ganzen In⸗ halte— däs war der Charakter Ottowald's: jetzt ſtützte er ſeine Rechte auf den Lehnſeſſel an ſeiner Seite, und erwartete wie ein verwundeter Fechter der Arena den Todesſtoß ſeines Gegners, oder das Zeichen der Gnade, während Roſa, bleich wie eine Lilie, zitternd auf Frau Polirena zuwankte, und vor dieſer hinſinkend, ihr ſchönes Lockenhanpt im Schvoße der Edelfrau barg, die milde und ſanft auf die Jungfrau niederblickte, und ihre Hand wie ſchützend auf das Haupt derſelben legte. Aber Frau Salpme von Herberſtorf, ſtolz und ſtark im Gemüthe— eine Dame, die vor noch nicht gar langer Zeit an der Seite ihres Gatten, des gewaltigen Bändigers der Bauernrevolutivn im Lande ob der Enns, Muth, Entſchloſſenheit und Unbeug⸗ ſamkeit des Charakters gelernt hatte, ſah aufrecht 9 132 dem Ritter gegenüber— ihr dunkles Auge ruhte jetzt wohlgefälliger auf dem ſchönen Manne. „So will ich es, von meinem künftigen Eidam,“ ſagte ſie freundlich;„männliches, entſchloſſenes Auftreten, Offenheit und Selbſtbewußtſein ſeiner Kraft— Herr von Ottowald,“ fuhr ſie fort,„wenn Euer Stammbaum ſo edel iſt wie Eure Sprache, ſo ſoll es mich freuen, wenn meine Roſa an Eurer Perſon Gefallen findet.“— „Mein Stammbaum fußt in Franken,“ erwie⸗ derte Ernſt Ottowald—„aber ich will ihn nach Deutſch⸗ land verpflanzen, und mit meinem guten Schwerte zur Blüthe emportreiben, die Euerem Hauſe zur Ehre gereichen ſoll!“ „Uebereilt Euch nicht, Frau Muhme,“ fiel hier Frau Polirena von Lobkowie ein, indem ſie ſich er⸗ hob und das thränende Geſicht Roſa's ſanft em⸗ porrichtete.„Vor allem, meine ich, geziemt uns eines zu wiſſen, ehe auch nur von einem Verlöbniſſe zwiſchen Herrn von Ottowald und unſerer Roſa die Rede ſein kann, geſchweige des Umſtandes, daß der Vollzug des Ehebündniſſes vor dem achtzehnten Lebensjahre unſeres Mädchens überhaupt nicht ſtatt⸗ finden könnte“— „Und dieſes Eine iſt?“ fragte Ottowald. . 133 „Euer Glaubensbekenntniß“— antwortete Frau Polixrena von Lobkowic ruhig. Ernſt von Ottowald ſchwieg... „Ungleiche Ruder auf einem Schiffe taugen nicht,“ fuhr Frau Polirena fort,„und die Ehe iſt ein Schiff, das oft gar argen Stürmen preisgege⸗ ben iſt, Herr von Ottowald; man ſagt, daß Ihr mit denen geht, die unter beiden Geſtalten kommu⸗ niziren“— Ernſt Ottowald ſchwieg wieder eine Weile; dann hob er ſtolz ſein Haupt—„Alſo bat man das ſchon herausgegrübelt,“ rief er, und eine hohe Röthe flammte auf ſeiner Wange;„hat man den Kelch herausgefunden, als jenen ehernen Schlüſſel, mit dem man mir die Thüre dieſes Hauſes verſper⸗ ren will!— aber ich will ſie herausheben und zerſchmettern dieſe Kette,“ fuhr er mit Heftigkeit fort,„wie ich jene heraushob, die bei Efferding uns entgegenſtarrte, als ich das erſtemal mit Euch, edle Frau von Herberſtorf, zuſammentraf.“ Ernſt Ottowäld würde in ſeiner Leidenſchaft noch lange alſo fortgefahren ſein, unbekümmert in ſeiner derben Soldatenmanier um den Anſtand, den er durch dieß Benehmen im Frauengemache verletzte; aber Frau Polixena von Lobkowie erhob ſich jetzt 134 würdevoll; ein langer Blick ihres dunklen Auges fiel auf den Ritter—„Herr von Ottowald,“ ſagte ſie,„vergeßt nicht, daß Ihr im Kreiſe von adeligen Damen ſeid, die nicht die mindeſte Verletzung des Anſtandes gewohnt ſind. Nicht verkennen wir die Dienſte, welche Ihr durch Eure Beſonnenheit und Euer mannhaftes Auftreten meiner Muhme und mir geleiſtet habt; aber indem Ihr mit unſerer Roſa hinter unſerm Rücken Einverſtändniſſe nährt, habt Ihr die gute Meinung, die wir von Eurer Geſin⸗ nung und Eurem mannhaften Charakter hatten, ſelbſt zerſtört.— Euer Haus iſt die Welt, wie Ihr ſelbſt ſagt, und keine bleibende Stätte habt Ihr— geht hin, und erſtreitet Euch eine ſolche, dann mögt Ihr bei meiner Muhme da wieder anfragen, ob ſie Euch ihre Roſa zum ehelichen Gemahl verwillige,— meine Beiſtimmung wird ſie nie, nie erhalten, ſolange Ihr aus dem Kelche der Utraquiſten trinkt und nicht in den Schvoß der Kirche zurückkehrt, welcher Roſa von Pernſtein angehört.“ Frau Polirena warf noch einen ſcharfen Blick des höchſten Tadels auf Roſa, dann ergriff ſie eine große Metallglocke auf dem Tiſche und läutete den beiden Dienern, denen ſie mit den Leuchtern vorzu⸗ ————— — ſchaftlichkeit Roſa ſeine Liebe geſchildert, und in der 135 treten befahl. So verließ ſie, ſich verneigend, das Zimmer. Frau Salome von Herberſtorf warf dem Ritter einen Blick zu, der mehr Mitleiden als Unwillen ausdrückte, dann ließ ſie ſich von Roſa, welche tod⸗ tenbleich an ihrer Seite hinwankte, aus dem Zimmer geleiten, während Maria folgte.— Ernſt Ottowald ſtand vernichtet— eine glü⸗ hende Röthe des Zornes und der Scham deckte ſeine Wangen; er ſtürzte hinaus in die Nacht, welche mit ihrem von dunklen Schneewolken überzogenen Mantel über der alten Königsſtadt emporzog.— Aber ſchon am nächſten Morgen ſtand ſein Entſchluß feſt. Weichen, ſich zurückziehen, ſeinen Gegnern das Feld räumen, war bei Ernſt Ottowald's leidenſchaftlichem Charakter deſſen Sache nicht. Er mußte klar ſehen. Raſch hatte er gewagt, raſch hatte er geſiegt— nur eine kleine Viertelſtunde, welche er vor zwei Wochen mit Roſa allein im Geſellſchaftszimmer ihrer Tante zugebracht hatte, hatte zur Verſtändigung zweier Herzen hingereicht, die ſich ſchnell gefunden hatten. Ernſt Ottowald hatte mit gewohnter Leiden⸗ 136 Thräne ihres Auges die Erwiederung derſelben ge⸗ leſen— dann war Tante Polirena eingetreten, aber ſchon war der Bund zweier Herzen geſchloſſen, von denen das eine, im Buſen der reinen Jungfrau, glühend und beharrlich für den geliebten Gegen⸗ ſtand ſchlug, das andere, im Buſen Ottowald's, von dem Feuer der Leidenſchaft entzündet war, das zwar mächtig entbrennt, aber eben, weil es zu mächtig entbrennt, von jedem Windſtoße hin und her ge⸗ trieben wird. Durch den mittelſt ein paar Goldſtücke ge⸗ wonnenen Beſchließer im lobkowieiſchen Hauſe war es Ottowald gelungen, an Roſa ſchon am frühen Morgen ein Briefchen zu ſenden, worin er ihr noch⸗ mals die ganze Glut ſeiner Leidenſchaft malte, und ſeinen Entſchluß bekannt gab, vor ſeiner Abreiſe ein Wort der Verſtändigung zur Frau von Herberſtorf und Polixenen von Lobkowic zu reden, um— raſch, wie es die Zeit erfordere— Roſa als ſeine Ver⸗ lobte begrüßen zu dürfen; dann wollte er nach Po⸗ len oder ins Reich hinausziehen, ſich zur höheren Ehrenſtufe des Kriegers emporſchwingen, und wieder⸗ kehren, um ſie heimzuführen.. Allen dieſen Hoffnungen ſtand nun ein Um⸗ ſtand entgegen— die Glaubensverſchiedenheit. — — 137 Aber Ottowald wollte ſich überzeugen, ob auch bei Roſa dieſer Umſtand von Entſcheidung ſei. Gewohnt, ſich auf offenem Schlachtfelde mitten in das dichte Gedränge der Kämpfenden zu ſtürzen, und ſich die feindliche Standarte herauszuholen, glaubte er auch auf dem Felde der Liebe und Hoff⸗ nung die Mitte des Kampfplatzes betreten zu müſſen, um zu ſiegen, oder ſeinen Hoffnungen für immer zu entſagen. Aus Roſa's Munde ſelbſt wollte er das Geſtändniß der Liebe, oder den kurzen Beſcheid ſei⸗ ner Hoffnungsloſigkeit vernehmen; ſie, ſie allein, mußte es ihm ſagen, wenn er daran glauben ſollte, daß die Glaubensverſchiedenheit eine Scheidewand zwiſchen ihnen bilde;— nur ihr wollte er glauben, nicht den kalten, ſchonungsloſen Worten ihrer Tanten. So ſtand er daher ſchon wieder am nächſten Morgen, ſeine Abreiſe von Prag verzögernd, in der Frühſtunde, zu einer Zeit, in welcher er glauben, konnte, daß Frau Polirena und ihre Muhme die Frau von Herberſtorf jedenfalls noch in ihren Ka⸗ binetten verweilten, im Geſellſchaftszimmer Frau Po⸗ lirenens; ſein Verbündeter, der Beſchließer Anſelm, hatte ihm mitgetheilt, daß Roſa und Maria jeden Morgen in der Hauskapelle der Meſſe beizuwohnen 138 pflegten, wohin Frau Salome und Polixena oft erſt ſpäter nachkamen. Mit ziemlicher Sicherheit glaubte der Beſchließer dieß auch heute erwarten zu können, da ſich die bei⸗ den Frauen infolge der geſtrigen Aufregung nicht wohl befanden. Ernſt von Ottowald ſtand alſo im Zimmer, wo er am vorhergehenden Abende mit Frau Polirenen und Salome die ernſte Unterredung gehabt hatte; jeden Augenblick rechnete er darauf, daß ſich die Thüre öffnen, und Roſa, die liebliche Jungfrau, her⸗ eintreten werde.— Aber die große Wanduhr ver⸗ kündete bereits die achte Morgenſtunde, und Roſa erſchien nicht. In Ottowald's ſtolzem Gemüthe tauchte der Unmuth auf; ſollte ſeine Eitelkeit getäuſcht, und Roſa, den Mahnungen der Tante folgend, ihn auf⸗ gegeben haben?— So ſeinen Gedanken nachhängend, richtete er jetzt ſeine Blicke auf das Marmortiſchchen, an wel⸗ chem geſtern abends Roſa bleich wie eine Lilie, hin⸗ geſunken war, als er ſeine ernſten Worte an Frau Polirena und Salome richtete. Siehe, da lag auf der Erde die entblütterte Roſe, welche er der Jungfrau in die Hand gelegt — 139 hatte, als er ihr das Geſtändniß ſeiner Liebe machte. Ottowald hob die entblätterte Blume auf, und betrachtete ſie ſchweigend.„Sie hat die Blume auf den Boden geworfen,“ ſagte er empfindlich, indem er die entblätterte Roſe aufhob,—„oder verloren“..... ſetzte er leiſe wie zu ſeiner Selbſtentſchuldigung hinzu; aber eine Flammenröthe tauchte jetzt auf ſeinen Wan⸗ gen auf, fein Blick war ſeitwärts geflogen auf das Marmortiſchchen, wo Roſa geſeſſen war, dort lag ein Pergamentblatt, es trug mit rothen Initialen die Aufſchrift: Rosa pentaphylla— die fünfblättrige Roſe Ottowald riß es an ſich; er, des Degens beſſer als der Feder gewohnt, vermochte die folgenden Zei⸗ len nicht zu entziffern, aber ſoviel erkannte er, daß es lateiniſche Verſe wären— Verſe, in denen eine holde Roſe, ſchön und lieblich wie der Maimor⸗ gen beſungen, in welchen eine Blume der Anmuth und Reinheit beſungen wurde, eine Perle, werth, den größten Thron zu zieren, ein Juwel, würdig des un⸗ ſterblichen Lobes— eine Roſe voll der Pracht, Klarheit und Schöne! Ottowald ſtand verſtimmt; das Pergament brannte in ſeiner Hand, ſein Auge haftete düſter auf demſelben.—„Getäuſcht! ſchändlich getäuſcht!“ rief 140 er;„wer würde in dieſem Madonnenantlitze ſolche Verſtellung ſuchen!— O, wie ſie bleich und leidend hinauswankte am Arme ihrer Tante, als die geſtrige Szene eine offene Sprache über unſer kurzes Ver⸗ hältniß herbeiführte— wie ich da in ihrem ſchwim⸗ menden Blicke die ganze Größe duldender Liebe zu leſen glaubte, und nun, dieſes Preisgedicht der herr— lichen, himmelreinen, prachtvollen Roſe!... Es iſt kein Zweifel, ihr eitles Ohr horcht den Schmeiche⸗ leien irgend eines Mannes, dem es gelungen iſt, ſich bis in dieſe Gemächer Zutritt zu verſchaffen— und darum wurde ich aufgegeben, und alles andere iſt leerer Vorwand“.. Alſo raſte der leidenſchaftliche Mann fort, in deſſen Gehirne ſich ſogleich eine Reihe phantaſtiſcher Bilder ſeines unbekannten Gegners erzeugten, den er lieber ſchon vor ſeiner Schwertſpitze geſehen hätte, um mit ihm zu kämpfen um den Preis der liebli⸗ chen Roſe. Jetzt erfaßte er wieder das Pergament, und zog es an ſein Auge, indem er etwas ruhiger ge⸗ worden, die ihm nur theilweiſe verſtändlichen latei⸗ niſchen Zeilen desſelben einer näheren Prüfung unterziehend. Ruhige und beſonnene Ueberlegung würden „— 141 ihn bald auf den Gedanken geführt haben, daß Roſa von Pernſtein, wenn ſie auch als Edelfräulein nach damaliger Sitte einigen Unterricht in der lateini⸗ ſchen Sprache genoß, doch an ſüßen Minnegedichten in dieſer Sprache kaum Gefallen finden dürfte; und daß die ganze Arbeit dieſes Gedichtes nur eher jeder andern Hand als der eines liebegirrenden Rit⸗ ters angehören konnte;— aber Ottowald's Phan⸗ taſie war einmal erhitzt, ſein Gehirn ſpielte bereits mit Bildern aller Farben, und blind, blind iſt die Leidenſchaft, ſelbſt mit offenem Auge ſieht ſie nicht. Noch einmal ſchleuderte er daher das Pergament auf den Marmortiſch. „Wer,“ donnerte er gegen die Thüre, als ge⸗ wärtige er von dort den Eintritt ſeines Gegners, „wer iſt der Verfertiger dieſes Gedichtes, dieſer Rosa pentaphylla“... „Ich bin es,“ antwortete ihm eine kräftige Män⸗ nerſtimme, und aus der auffliegenden Thüre trat ihm ein junger Mann im dunklen Mantel eines Gelehrten damaliger Zeit entgegen.— Sein ſchö⸗ nes ovales Haupt deckte ein großer runder Hut, unter welchem ſein langes ſeidenartiges Haupthaar in zwei Theile getheilt herablief, wie es an den erhaben 142 ſchönen Chriſtusköpfen der römiſchen Schule ge⸗ zeichnet erſcheint. Auf ſeiner hohen Stirne thronte ſtille Würde, ſein Auge blitzte Entſchloſſenheit, auf ſeinem feinge⸗ ſpaltenen Mund, von einem ſchwachen dunklen Barte umſchattet, ſaß ein freundliches Lächeln, das eben ſagen wollte: der Friede ſei mit Euch.— Sechs Schuh und vier Zoll maß ſeine hohe Geſtalt, doch bot ſie das ſchönſte Ebenmaß von Größe, Kraft und Fülle.— Ernſt und ruhig in ſeinen dunklen Mantel gehüllt, ſtand dieſer Mann. Alſo mochte der Weltheiland im Garten Geth⸗ ſemane geſtanden haben, da er der Rotte des Judas entgegentrat, und das ruhige Wort ausſprach:„Ich bin es!“ „Ich bin es, Georg Plachh, Ordensglied der Geſellſchaft Jeſu am Collegio Clementino,“ wieder⸗ holte der Hohe im dunklen Mantel, und ſeine Hand nahm ſanft dem Ritter das Pergamentblatt mit dem Gedichte aus der Hand.„Das iſt ein Carmen, ein gutgemeintes Loblied auf die Herrliche,“ ſetzte er hinzu,„auf die herrliche große Königin, der ich mein ganzes Leben gewidmet habe, denn ſie iſt ſchön wie der Frühlingsmorgen, der da über die Fluren zieht, lieblich, wie die Roſe des Mai, prachtvoll wie das 143 Bild der aufgehenden Sonne— unerreicht in jedem Bilde!— ſie iſt ganz ſchön!!“ Eine Thräne freudiger Rührung zitterte im Auge des Sprechers, ſein Blick fiel auf das Pergament, er zog dieſes an ſeinen Mund, und küßte einen um⸗ ſchlungenen Namenszug darauf, der in den drei Buchſtaben MR bezeichnet war. Aber zitternd vor Wuth ſtand Ottowald vor ihm, kein Wort entfuhr jetzt ſeinem bleichen Munde; „die Waffen,“ ſagte er endlich mit gepreßter Stimme, „die Waffen ſollen zwiſchen uns entſcheiden, und ich hoffe, daß Ihr mir ſtehen werdet, wenn ich Euch morgen mit Sonnenaufgang vor das Strahowerthor zu einem Klingenſpiele auf Leben und Tod entbiete: das ſei die erſte und letzte Sprache zwiſchen uns, obgleich wir uns ſonſt nie im Leben entgegentraten; aber wo iſt ſie, ſie,“ fuhr er mit wachſender und bitterer Ironie fort,„wo iſt ſie, die göttlich ſchöne herrliche Roſa, die mir gelogen, und die Ihr beſungen habt; o könnte ich ihr jetzt entgegentreten, ich wollte“.. „Dort iſt ſie— wenigſtens im Bilde!“ fiel der Hohe“ ein; und ſeine Hand riß die Flügel einer ſchmalen Thüre auf, welche in ein Nebengemach führte. Dort flimmerte es im Hintergrunde wie der Glanz von tauſend Diamanten, und ein ſanftes 144 Roſenlicht ergoß ſich über den Vordergrund der klei⸗ nen Hauskapelle, in deren Grunde das ſtrahlende Bild der Gottes⸗Mutter Maria, nach einem berühm⸗ ten Gemälde prangte, an deſſen Seite mehrere Lichter für den Morgengottesdienſt vorgerichtet waren. Das ſchöne Altarbild ſtellte die göttliche Jung⸗ frau dar, wie ſolches von der heiligen Dreifaltigkeit gekrönt wird, und wie ſie den Halbmond zu ihren Füßen im Sternenkleide auf die Erde herabſah; es befand ſich in einem goldenen mit vielen Rubinen gezierten Dreiangel; das ganze war im Profil darge⸗ ſtellt;*) ein Silberband ſchlang ſich um ihre Füße, auf welchem mit goldenen Lapidaren die Worte ſtan⸗ den:„Du biſt ganz ſchön!“ Ernſt Ottowald trat überraſcht einen Schritt zurück,— der Hohe aber ſchlug jetzt ſeinen Mantel auseinander, und ſtand im dunklen Kleide ſeines geiſtlichen Ordens vor Ottowald;— ſeine Rechte ausſtreckend, deutete er auf das Marienbild der Ka⸗ pelle.„Ich bin Georg Plachh, Prieſter der Geſellſchaft *) Dieſes im lobkowiciſchen Hauſe einſtweilen aufgeſtellte Bildniß ſchenkten Slawata, Martinie und Fahrizius für ihre wunderbare Rettung dem Schatze zu St. Lo⸗ retto am Hradſchin. 145 Jeſu,“ ſagte er mit klangvoller aber ſanfter Stimme, „und dort iſt die Erwählte, welcher ich mein ganzes künftiges Sein und Leben zu weihen gedenke; — ihr, die ganz ſchön und fleckenrein iſt, wie der neugefallene Schnee, ihr habe ich gewidmet die Ergüſſe meines Herzens, die jenes Pergament auf ſich trägt— Rosa pentaphylla: die fünfblättrige Roſe.“— Ernſt Ottowald athmete tief auf, und ſenkte ſeinen ſchenen Blick auf das Pergament, aber Georg Plachh, der Jeſuit, fuhr fort:„Rosa pentaphylla; mein Carmen ſoll verherrlichen die große Jungfrau, welche das Heil der Welt geboren, in ihren fünf Marienfeſten— in ihren fünf Haupttugenden, die auch meinem Leben zur Richtſchnur dienen ſollen: die Reinheit, die Geduld, die Arbeitſamkeit, die Mäßigkeit, die heilige Liebe zu Gott und den Menſchen, dieſen fünf Tugenden, deren kräftigen Stamm die chriſtliche Beharrlichkeit bildet.“— Er nahm jetzt das Pergament, trat vor den kleinen Altar, und legte das Gedicht, gleichſam als Opfer⸗ gabe, zu den Füßen der Heiligen nieder. Dann kehrte er ſich wieder gegen Ottowald, und faßte dieſen bei der Hand.. 1857. IX. Der Jeſuit I. 10 ſagte er freundlich,„und Ihr werdet nun klar ſehen, licher Herr, nicht wahr?“ „Ja, bei Gott, ich ſehe klar,“ rief Ottowald, der die Bewegungen des Jeſuiten nicht beachtend, im tieſen Nachdenken dageſtanden war Ja bei Gott“— wiederholte er auflachend;„klar ſteht es vor meinen Augen wie der reinſte Kieſelſand eines friſchen Wieſenbächleins, und ich ſehe ſogar auf dem Grunde die Molchslarve, die unter der ſcheinbar reinen Welle verborgen liegt“.... „Ich verſte he Euch nicht,“ ſagte Plachh befremdet. „Nun, ſo will ich mich verſtändlich machen,“ ent⸗ gegnete Ottowald heftig,„und will es Euch heraus⸗ ſagen, daß ich ganz deutlich merke, wie der Pfaffe es iſt, der mir hier in den Weg tritt; denn habe ich mich mit dem Gedichte da auch geirrt, und es für einen Liebesſang gehalten, da ich der la⸗ teiniſchen Sprache nur wenig mächtig bin, ſo irre ich doch nimmer und nimmer, wenn ich mir das plötz⸗ liche Umſchlagen jener Gunſt, die mir in dieſem Haufe urſprünglich zutheil wurde, einfach dahin erkläre: daß Seine Ehrwürden der Hauskaplan von mei⸗ ner Bewerbung früher noch nicht unterrichtet war, und als er es wurde, ſich offen als meinen Gegner erklärte, den er, der geſchworene Feind jedes Anders⸗ —*— 147 gläubigen, er, der ſtarre Vorkämpfer der katholiſchen Sache, kann wohl einem Ketzer und Utraquiſten den Eintritt in dieſes erzkatholiſche Haus nimmer ge⸗ ſtatten, und— Roſa, die oe Nichte, darf ihren Gefühlen da nicht folgen, wo die vom Haus⸗ kaplan gegängelte Tante ſich zurückzieht, denn ſagt es nur gerade heraus, Herr Schwarzrock und Ton⸗ angeber in dieſem Hauſe, darin ſitzt des Räthſels Kern meiner früher zuvorkommenden und nunmeh⸗ rigen abſtoßenden Behandlung!“ Ernſt Ottowald ſchwieg glühenden Antlitzes.— Der Jeſuit aber blickte ihn ruhig an; auf ſeinen Lippen ſchwebte ein Wort ernſter Zurechtweiſung ſei⸗ nes Beleidigers; aber jetzt ſiel ſein Blick wieder auf den Altar und die Pergamentrolle ſeines Gedichtes— „Geduld,“ lispelte er vor ſich hin, dann erhob er ſein ſchönes Auge—„Herr, vergib ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“ ſagte er ruhig, und die kleine Thüre der Kapelle hinter ſich aufſchließend, wollte er ſich in dieſe zurückziehen. „Das iſt ja die Art aller Frommen Eures Schla⸗ ges,“ rief Ottowald,„daß ſie mit Worten prunken, wenn es aber zur That eh ſich zurückziehen und die Duldſamen ſpielen.“ Plachh wendete ſich noch einmal um, denige ſagte er ruhig,„iſt der Stärkſte, der ſich ſelbſt be⸗ herrſchen kann, er vermag alles!“ „Prachtvolle Sentenz,“ erwiederte auflachend Ottowald;„o, ich möchte Euch, Herr Pater, einmal mit der Hellebarde in der Hand ſehen, und dem Eiſen⸗ helm auf dem Haupte ſo mitten im Schlachtgetümmel, wo die Sentenzen nichts gelten, und nur Kugeln reden— meiner Seel', Ihr müßtet Euch da prächtig ausnehmen!“... „Wenn Gott mich einmal berufen ſollte, ihm auch mit der Waffe in der Hand zu dienen,“ entgeg⸗ nete Plachh mit hohem Ernſte,„ſo würde ich mei⸗ nen Arm ebenſogut zu gebrauchen wiſſen, wie meine Zunge im Lehramte, bis dahin aber erfordert es mein prieſterliches Amt, dem Herrn auf dem Al⸗ tare und der Kanzel zu dienen, und damit ich in dieſer Pflicht nicht ſäumig ſei, verzeiht, wenn ich Euch jetzt allein laſſe.“ Damit wendete er dem aufgeregten Ottowald den Rücken, und trat in die Hauskapelle, deren Thür hinter ihm zufiel. Ernſt Ottowald aber rief ihm nach:„Räumt nur immerhin das Schlachtfeld, Herr Hauskaplan; Euer ſchneller Rückzug iſt das ſicherſte Zeichen Eurer Schuld; aber merkt Euch, wenn zehntauſend Schwarzröcke wie 149 Ihr an dieſem Hauſe Wache hielten, ich werde mir Roſa von Pernſtein dennoch herausholen; denn es gibt in unſeren Tagen noch andere Mauerbrecher, um Baſtionen zu erſtürmen, die unüberwindlich ſcheinen.“— In der nächſten Minute ſtand Ernſt Ottowald auf der Straße, wo er wie ein wüthender Leue ge⸗ gen die Kleinſeite hinabſchoß, und erſt auf der gro⸗ ßen ſteinernen Moldaubrücke ein wenig innehielt, dann aber durch die Jeſuitengaſſe auf den Ring, und durch die Eiſengaſſe der Gegend der Reuſtadt zuſtürmte, von wo er auf den Wyöehrad gelangen, und ſein daſelbſt befindliches kleines Quartier errei⸗ chen konnte. Aber unweit des Karolinum ſtreckten ſich zwei lange dürre Hände vor ſeinen Weg—„Siste viator!“ ſchallte es in ſein Ohr. Ottowald blickte auf; ein Greis im dunklen Gelehrtenmantel ſtand vor ihm, und blickte ihm lächelnd ins Geſicht:„Siste viator!“ wiederholte er. „Finde ich denn heute auf allen meinen Wegen dieſe traurigen Schwarzmäntel!“ grollte Ottowald —„aus dem Wege, Alter, oder, bei Gott, ich renne Euch meinen Stahl durch den dürren Leib.“ „Ei, laßt das Eiſen in ſeiner Scheide ſtecken,“ 150 entgegnete der Greis lächelnd,„und ſchaut mir vor⸗ erſt ins Geſicht, habt einen Schuldner aus mir ge⸗ macht vor noch nicht langer Zeit, und darum bin ich Euch in den Weg getreten, und laſſe Euch nicht ziehen, und wenn Ihr mich auch noch einmal ſo grimmig anſtieren würdet, als Ihr es ſchon thut; kennt Ihr mich denn gar nicht mehr?“ Ottowald blickte jetzt, etwas ruhiger geworden, dem Alten ins Antlitz. „Ihr ſeid der Graukopf,“ ſagte er nach einigem Nachdenken,„der mit uns auf dem Schiffe war, als ich bei Efferding die große Kette, welche die Bauern über die Donau gezogen hatten, aus dem Gehänge id „Richtig,“ fiel der Alte ein;„dann trennten wir uns ſo ſchnell, daß ich nicht einmal Euch recht danken konnte für den ritterlichen Muth, den Ihr bewieſen habt, indem Ihr uns alle gerettet— o das hat mich lang gedrückt, denn wißt nur, ich führte damals mehrere äußerſt koſtbare aſtronomiſche Inſtrumente, und ein Käſtchen mit puren Goldmünzen für das Kabinett meines Gebieters mit mir; das alles wäre unrettbar die Beute der Bauern geworden, ſo Ihr nicht dazwiſchen kamt— darum erlaubt, daß der alte Sepi Euch jetzt herzlich umarme, und Euch frage: 2 151 „womit iſt Euch in dieſem Augenblicke gedient, ſagt's mir gerade heraus, denn ich bin ein Schwarzkünſtler,“ ſetzte er lächelnd hinzn—„und ſehe es Euch im Ge⸗ ſichte an, daß Euch der Teufel reitet.“ „Ja ja, der iſt mir auf den Ferſen!“ ſagte laut auflachend Ottowald—„man will den Bruder vom Kelche aus den Kreiſen der Frommen im Lande hinausſpediren; Ernſt Ottowald glaubte im Hauſe der Frau von Lobkowie einen Frühlingsgarten zu fin⸗ den, wo er ſich eine Roſe pflanzen wollte für ſeine Lebensfreude, aber der Zugwind, den die ſchwarzen Mäntel dort machen, lätzt ſie nicht erblühen. Roſa von Pernſtein darf für den Utraquiſten Ottowald keine Gefühle hegen“— „Ah, ich verſtehe,“ ſagte lauſchend der Graue. „Ich kenne die Verhältniſſe im lobkowiciſchen Hauſe genau, Ihr ſeid da auf den frommen Hauslehrer, auf den Plachh geſtoßen— nun freilich dieſer glau⸗ benseifrige Jeſuit wird es nie dulden, daß das ka⸗ tholiſche Fräulein von Pernſtein ihre Hand in die des Ketzers lege. Abet darum noch nicht verzagt, edler Herr; auch im andern Lager gibt es Geſchoſſe, und Sepi, der Aſtronom des Herzogs von Friedland, hat vor wenigen Tagen in den Sternen geleſen: daß für ſeinen Schützer an der Donaukette bei 152 Efferding im Hauſe mit dem ſchwarzen Kreuze Kraft und Heil zu finden ſei“... „Im Hauſe mit dem ſchwarzen Kreuze?“ fragte Ernſt Ottowald,„wo finde ich dieſes?“ „Folgt mir,“ ſagte der Aſtrolog— und beide ſchlugen über den Judentrödelmarkt nach rechts ihren Weg ein. Neuntes Rapitel. Das Haus mit dem ſchwarzen Kreuze⸗ Als König Wenzeslaus der Faule ſein Szepter über das Königreich Böhmen ſchwang, lebte in jener Stadtgegend Prags, zwiſchen der Alt⸗ und Neu⸗ ſtadt, wo die kleine Martinsgaſſe durchläuft, Herr Georg Schwerhamer als Beſitzer eines Hauſes, auf welchem ſich noch jetzt ein ſchwarzes Kreuz befindet. Dieſes dunkle Wahrzeichen ſoll männiglich ver⸗ künden, daß das gedachte Haus einſt ein gar großes Leid mit angeſchaut habe. Herr Georg Schwerhamer war ein gar hoch⸗ angeſehener Mann in der Bürgerſchaft der königli⸗ chen Stadt Prag; er ſaß unter den älteſten des 153 Stadtrathes, eine Ehre, die ihn beſonders auszeich⸗ nete, ihm aber auch zugleich die ernſte Pflicht aufer⸗ legte, das Wohl der Bürgerſchaft zu wahren, und ihre Gerechtſame vor Anfeindung, Schimpf und Schande“ zu bewahren.— Herr Georg Schwer⸗ hamer war ein Fganzer Mann;“ mit andern Wor⸗ ten: er galt im Rathe der Bürgerſchaft wie in ſei⸗ ner nächſten Umgebung als Ehrenmann, und män⸗ niglich hatte zu ihm Vertrauen; inſonderheit war er ein Vater der Armen, und ein zärtlicher Vater ſeiner Familie. Die Verehrung für ſeine Perſon ſtieg ſo hoch, daß er zuletzt zum regierenden Bürgermeiſter erwählt und ihm das gewaltige Stadtſiegel anver⸗ traut wurde.— Aber ſo groß die Achtung der Bürgerſchaft für Herrn Georg Schwerhamer, und ſo groß ſein Fa⸗ milienglück war, ſo lauerte doch hinter dem Roſen⸗ buſche die Schlange; denn Glück iſt die Mutter des Neides, und wo die Sonne glänzt, ſchleicht der Schatten mit. Jakob Wolflin hieß dieſer Schatten. Er, der damalige Stadtrichter Prags, war ein ſtren⸗ ger Mann und ſein glühendes Auge ruhte gar voft auf dem Antlitze des ſchönen und kräftigen Bürger⸗ meiſters.— Die Geſchichte der Stadt Prag überliefert uns 154 nicht den eigentlichen Grund dieſer Gehäſſigkeit, aber der Chroniſt Häjek und Paprockh überlieferten uns die traurige Mähr': wie die Herren vom Pra⸗ gerrathe mit ihrem edlen Bürgermeiſter verfuhren. Sie hatten in einer der ſtürmiſchen Sitzungen jener Tage manch ernſtes Wort gewechſelt, manch bö⸗ ſer Blick war gefallen, und Herr Georg Schwer⸗ hamer, froh, das Ende der Sitzung zu finden, ſteckte das große Stadtſiegel in ſeine Rocktaſche, und wan⸗ derte ſeinem Hauſe zu, wo ihn der Himmel erwar⸗ tete, der ihm aus dem Auge ſeiner treuen Gattin, und ſeines erſt vor kurzem gebornen Knäbleins ent⸗ gegenlächelte. Freundlich reichte ihm die erſte ihre ſchöne Hand, um die der Stadtrichter Wolflin vergebens gefreit hatte.— Herr Georg lächelte ihr entgegen, und küßte ſein liebliches Knäblein auf die Stirne und frente ſich an dem jungen Erdenbürger, den die ſorg⸗ ſame Mutter eben mit eigener Hand in die kleine Badewanne ſenkte, um ſein weißes Häutlein mit der klaren Flut zu beſpülen. Herr Georg Schwer⸗ hamer zog ſein großes Siegel aus der Rocktaſche, ſtellte es auf den Tiſch neben der Badewanne hin, und entfernte ſich dann, ſeinen Rock ablegend, in die Nebenſtube, um ſich bei Wildpret und Wein 155 gütlich zu thun, und die Mühen des Tages in einem Stündlein traulicher Ruhe zu vergeſſen.— Aber der kleine Schreihals im Bade hatte den Vater geſehen, und weinte und ruhte nicht, und die gute Mutter, welche den Vater in ſeiner Ruhe nicht ſtören wollte, gab ihm ſüßen Meth und gute Worte. Aber der Kleine erblickte jetzt das auf dem Tiſche liegende vergoldete Stadtſiegel,— und Müt⸗ terlein, um ihn zu beruhigen, reichte es ihm als Spielzeng dar.— Und es kam der Abend herangezogen, und die Nacht, und Herr Georg Schwerhamer und ſeine theure Gattin ſchliefen neben ihrem Knäblein in Frieden. Am nächſten Morgen ging Herr Georg Schwer⸗ hamer neugeſtärkt und guten Muthes in die Ver⸗ ſammlung ſeiner Rathsverwandten.— Er merkte nicht die giftigen Blicke und den Hohn in den Zügen des Stadtrichters, und mehrerer ihm feindlichgeſinn⸗ ten Rathsverwandten. Jetzt begannen die Verhandlungen. Herr Georg Schwerhamer wollte ſeinen Sitz am oberſten Platze der Tafel einnehmen, aber raſch trat Jakob Wolflin ihm in den Weg, und ſchob den vergoldeten Lehn⸗ ſeſſel dem Bürgermeiſter unter den Füßen weg, ſo daß dieſer ſchier ſeiner vollen Mannslänge nach auf 8 156 die Erde gefallen wäre.„Ehe denn Ihr Euch auf den Ehrenplatz Eures Amtes niederläßt, Herr Bürger⸗ meiſter,“ ſagte er mit ernſtem und gebietendem Tone;„ehedem Ihr uns den Rathsgruß darbringet, weiſet uns das Zeichen Eures Amtes, das Stadt⸗ ſigillum mit dem goldenen Rande, das Euren ſorg⸗ ſamen Händen anvertraut worden iſt von der Bür⸗ gerſchaft Prags, auf daß Ihr es wahren möget vor Schimpf und Schande in jeglicher Art!“ Herr Georg Schwerhamer blickte befremdet auf den Sprecher, und griff in ſeine Taſche, um das Siegel herauszunehmen. Aber er ſuchte— ſuchte wieder— vergebens... das Stadtſiegel war ver⸗ ſchwunden..... und der Amtsrock wie ſein Mantel in keiner Weiſe durchriſſen, ſo daß er es auf dem Wege zum Wohnhauſe verloren haben könnte.— Aber jetzt legte Herr Georg die Hand an die Stirn. War's nicht eben geſtern, als er das Sigill zuhauſe aus der Taſche zog, und auf dem Tiſch nächſt dem Bettlein und der Badewanne ſeines Knäbleins hin⸗ legte?— „Geduld, Geduld, Ihr Herren,“rief er;„es iſt wohl das erſtemal, ſeit ich Bürgermeiſter dieſer Kö⸗ nigsſtadt bin, daß unſer vergüldetes Stadtſigill aus meinen Händen kam;— ich babe nur in 157 meinem Hauſe vergeſſen, und bald ſoll es wieder in meiner Hand prangen, um unſern Beſchlüſſen Kraft und Geſetzlichkeit zu ertheilen; ich ſelbſt will es ho⸗ len, ſeid ſo gut, Herr Stadtrichter, und nehmt einſt⸗ weilen meinen Sitz im Rathe ein, bis ich wieder⸗ kehre mit dem Symbol meines Amtes verſehen.“— Bei dieſen Worten ſtand Herr Schwerhamer auf, langte ſeinen Mantel und ſein Baret von der Wand, und verließ die Verſammlung, deren dumpfes Murmeln ihm nachfolgte. Er merkte nicht, wie mehrere ſeiner Rathsver⸗ wandten in einiger Entfernung hinter ihm drein ſchlichen, und wie hinter demſelben eine baumlange dürre Geſtalt mit überhängendem rothen Mantel nachtrabte... Herr Georg Schwerhamer trat eilig in ſein Haus, und befahl einem ihm auf der Treppe be⸗ gegnenden Diener, ihm raſch das Siegel aus ſeiner Wohnſtube herabzubringen, indem er ſich den Schweiß abtrocknete, der vom ſchnellen Gehen und infolge einer ſeltſamen Ahnung auf ſeiner Stirne hervorge⸗ treten war. Er blieb eine Weile an der Treppe ſtehen, und wartete auf den Diener. Dieſer kehrte alsbald zurück und meldete ſeinem Herrn, daß ſich das große Stadt⸗ ſigill nirgends finde... „Und doch habe ich es geſtern, als ich von der Rathsverſammlung nach Hauſe kehrte, auf den Tiſch geſtellt,“ ſagte der Bürgermeiſter mit der Hand über die Stirne fahrend;—„ich muß nur ſelbſt ſehen, wo es geblieben iſt,“ ſetzte er hinzu, und hob ärger⸗ lich ob der vermeintlichen Nachläſſigkeit ſeines Die⸗ ners im Nachſuchen, ſeinen Fuß, um die Haustreppe hinaufzuſteigen. Aber,„halt, Herr Bürgermeiſter!“ tönte eine rauhe Stimme hinter ihm, ſie gehörte einem der Rathsverwandten an, die ihm von ferne gefolgt waren. „Bemüht Euch nicht, geſtrenger Herr Bürger⸗ meiſter, in den oberen Stock Eures Hauſes zu ſtei⸗ gen,“ fuhr der Schöppe ſort,„das Euch von geſamm⸗ ter Bürgerſchaft anvertraute Sigill liegt nicht ſo hoch als Ihr denkt; ein Bürger der Altſtadt, der heute am frühen Morgen bei Eurem Hauſe vorüberging, hat es im Rinnſteine desſelben gefunden, und ſeiner Schuldigkeit nach dem geſtrengen Herrn Stadtrich⸗ ter überbracht; da, wo ſonſt nur das Spülicht und die Abfälle Eurer Küche zu liegen kommen, iſt das hochpreisliche Sigillum der königliche Hanptſtadt 159 Prag im Unrathe gelegen— alſo hielt es der ge⸗ ſtrenge Herr Bürgermeiſter unſerer Landeshauptſtadt in Ehren Herr Georg Schwerhamer erblaßte bis zum Schcitel—„So wahr mir Gott helfe,“ rief er, ſeine Hand an die Bruſt legend,„ſo wahr mir Gott helfe, ich kann mir nimmer und nimmer erklären, wienach dieſes Sigillum, das ich anſonſt wie meinen Aug⸗ apfel zu hüten pflegte, in den Rinnſtein gekommen iſt.“ „Wohin das Blut desjenigen gehört,“ donnerte jetzt eine gewaltige Stimme darein,„wohin das Blut desjenigen gehört, der ſein Ehrenamt ſo nach⸗ läſſig verſieht, und das höchſte Kleinod der Reichs⸗ ſtadt Prag, womit Urkund und Handfeſt beglaubiget werden ſoll, für die Gaſſenjungen und Bettelknaben im Kehrichte hinterlegt— zum Blocke mit einem ſolchen Bürgermeiſter!“ Die Stimme gehörte dem Stadtrichter Jakob Wolflin an. Ueber ſeinen Wink trat ſogleich der Mann im rothen Mantel, welcher früher den Schöp⸗ pen gefolgt, und kein anderer als der Freimann der Landeshauptſtadt Prag war, näher, und entblößte ſein blitzendes Schwert, Herr Georg Schwerhamer wurde zu Boden geriſſen, und ſein Hals entblößt, vergebens bat er Aufſchub, um ſich rechtfertigen zu 160 können— das Schwert des Nachrichters ziſchte durch die Luft, und das blutige Haupt des armen Bür⸗ germeiſters kollerte im nächſten Augenblicke auf den Sand des Bodens vor ſeinem Hauſe. In dieſem Augenblicke klirrte das Fenſter des oberen Stockes, ein furchtbarer Hilferuf ertönte, des Bürgermeiſters arme Gattin, von dem Vorgange durch ihren Die⸗ ner mittlerweile unterrichtet, ſtreckte ihre Hände hilfe⸗ ſuchend aus dem Fenſter, und flehte um Gottes Barmherzigkeit willen“ um Einhalt dieſer Frevelthat, die aber ſchon geſchehen war. Wahnſinnig vor Schmerz ſtürzte ſie die Treppe herab, und am Fuße derſelben, wo ſie mitleidige Diener zurückhielten, auf daß ſie nicht ſchaue die vom Blut umſtrömte Leiche ihres gemordeten Gatten, gab ſie jetzt, den Zuſammenhang der Dinge ahnend, dem herantretenden Stadtrichter Wolflin die Aufklä⸗ rung, daß ihr Gatte allerdings nach ſeiner geſtrigen Heimkehr von der Rathsverſammlung das große Stadtſigill auf den Tiſch gelegt, daß ſie dieſes ihrem in der Wanne badenden Knäblein als Spielwerk auf einen Augenblick verabreicht, dann aber deſſen nicht mehr gedacht habe; daß das Siegel auf dieſe Weiſe in die Wanne gefallen, und als das unreine Waſſer derſelben von der Dienerin in den Rinnſtein 161 geſchüttet wurde, unbewußt dahin geworfen wor⸗ den war.— Nicht alſo Fahrläſſigkeit des Bürgermeiſters, ſondern ein unglückliches Verhängniß oder ſcheinbar unbedeutender Zufall war Urſache von dem traurigen Ende Schwerhamer's. Stadtrichter Wolflin aber zuckte mit den Ach⸗ ſeln, und meinte, ſich kalt abwendend:„Es ſei im⸗ merhin einige Nachläſſigkeit des nunmehro fürgewe⸗ ſten Herrn Bürgermeiſters anbei zu rügen, ſinte⸗ malen es wenigſtens vor dem Schlafengehen ihm hätte in den Sinn kommen ſollen, daß er ſein an⸗ vertrautes Kleinod, als welches er dieſes Sigillum hätte betrachten ſollen, wohl verwahre und hinter⸗ lege. Uebrigens,“ ſetzte er hinzu,„werde die ehrſame Stadt⸗Gemain ein übriges thun, und für ihren nunmehro entſchlafenen Bürgermeiſter, ſeinen Fehl in chriſtlicher Weiſ' nachſehend, ihm im Frohnhofe ein ehrlich Epitaphium errichten, ſonderlich auch einige Meſſen für ihn leſen laſſen.“*) *) Das älteſte prager Stadtbuch enthält mehrmals den Frohnhof(heiligen Hof), wahrſcheinlich der Teynhof, der dicht an der Kirche an einem geweihten Orte lag; ſo findet ſich im Stadtbuche No. I. Seite 209 ein Kapitel 1857. IX. Der Jeſuit I. 162 Die unglückliche Gattin Schwerhamer's hörte ihn nicht mehr, eine tiefe Ohnmacht ſchloß ihr Auge, und als ſie wieder erwachte, hatten mitleidige Ver⸗ wandte ſich ihrer erbarmt, und ſie von der blutigen Stätte des Unglücks und der Rachſucht fortgebracht, in ſorgſamer Pflege, unter der ſie allmälig zu einem unglücklichen Daſein wiedergenas;— fortan aber betrat ſie nie mehr das Weichbild einer Stadt, de⸗ ren Thurmſpitzen allein ihr das entſetzlichſte Unglück ihres Lebens ins Gedächtniß rufen müßten. Herr Georg Schwerhamer aber wurde, wie es der geſtrenge Herr Stadtrichter verheißen hatte, im Frohnhofe ehrlich zur Erde beſtattet, und durfte der Scharfrichter ſeinen Leib nicht berühren, den Bürger der Stadt zu Grabe trugen. An der Stelle ſeines Hauſes, wo ſein blutiges Haupt in den Sand gerollt war, ließ die Bürger⸗ ſchaft Prags als ewiges Wahrzeichen ein großes ſchwarzes Kreuz malen, welches— wohl unzählige⸗ mit der Ueberſchrift:„Das ſeyn die Recht(Geſetze) die zu der Schmelzhütten gehören, die in dem Frohnhof ſteht.“ Das öſtliche Thor dieſes Hofes trug vor eini⸗ gen Jahrzehenden noch die Worte:„Marnost nad Mar- nostf n wbecko Marnost(Eitelkeit der Eitelkeit; und alles iſt Eitelkeit!) 163 mal ſchon erneuert— noch immer an jenem Hauſe in der Martinsgaſſe, unfern des ſogenannten Plat⸗ teis*) zu ſehen iſt.— *) Das Platteis, ein drei Stock hohes Gebäude mit beinahe hundert Zimmern, Kellern und unterirdiſchen Stallun⸗ gen für fünfundfünfzig Pferde trägt ſeinen Namen von Johann Ernſt Platteis von Plattenſtein, kaiſ. Rath und Ritter; es wurde durch Herzog Friedrich von Bur⸗ gund, der häufig Kaiſer Karl IV. beſuchte, im Jahre 1350 dicht an der damaligen Stadtmauer erbaut. Chroniſt Häjek erzählt von demſelben: „Friderich, der Herzog aus Burgundien, welcher an Reichthum ein vortrefflicher Herr war, hat ihm mit Nachlaſſung(Bewilligung) des Königs Karl zum erſten aus dem Kapellchen Skt. Nikola, welches kurz zuvor ein Doktor der heiligen Schrift an der Stadtmauer bauen laſſen, eine ziemlich große Kapelle zu bauen ange⸗ ordnet, und neben derſelben kaufte er drei Häuſer an dem Ort, welchen man vor den höchſten Ort in der alten Stadt Prag achtet; allda ließ er ihm ein großes Haus auf den Stadtmauern gegen Mittag, daneben einen hohen Thurnt, und von dannen einen Gang in die Kapelle St. Martini bauen. In welchem Hauſe bei unſerer Zeit(vermeine im Jahre 1541) einer mit Namen Holecz, nachmals Melchior von Borowa, und endlich Sigmund von Drzeſchinre gewohnt. Dieſen Bau hatte gemeldeter Herzog von Burgundien einem ſeiner getreuen Diener mit Ramen Jan Wbrit von 13 164 Alſo lautet die Sage von dem Hauſe mit dem ſchwarzen Kreuze, und dieſes Haus war es, in wel⸗ ches Sepi, der Aſtrolog, den Ritter Ernſt Ottowald nunmehr führte, als er ihm unfern dem Karolinum begegnet war.— Schon das Aeußere dieſes Hau⸗ ſes bot ein düſteres trauriges Ausſehen— nicht Chauſtnik aufgetragen, und ihm hierum eine Beſoldung gegeben. Und wann der Herzog gegen Prag zum Kai⸗ ſer gelommen, hat ihn gemeldeter Jan von Chauſtnik je und allzeit mit Futter und anderen Nothdurften ſammt der ganzen Hofhaltung verſehen. Auf eine Zeit begehrte es der Herzog am Herrn von Chauſtnik, daß er ihm ſeinen Sohn mit Namen Tiburtium zu Dienſt geben ſollte, welches er gern gethan. Dieſer Jüngling iſt einer herrlichen Geſtalt und eines ſchönen Angeſichts gewe⸗ ſen, derowegen machet ihn der Herzog um ſeiner Jugend willen zu ſeinem Vorſchneider, und war nicht allein den Herzogen, ſondern allem ſeinem Hofgeſinde angenehm und wohlgefällig. Dieſer Tiburtius hat in der Stadt, mit Namen Burgium, darinen der Herzog Hof hielte, eine ſchöne Bürgerin mit Namen Appolonia, trefflich liebgewonnen; entgegen von ihr nicht weniger geliebt worden, welche durch ihn auch in Böhmen kommen, und von ihm auf einem vornehmen Schloſſe auf der böhmiſchen und mähriſchen Grenze Wizkow genannt, als ſein liebſter Buhle enthalten worden. Wie dann von ihnen beiden eine beſondere Chronika gemacht, und in Druck ausgegangen, weiter beſagt“— — — 165 einladender war ſein Inneres, enge Treppen führten beide, den Aſtrologen und Ottowald, in den Hinter⸗ theil, wo ſie eine kleinere Treppe hinabſtiegen, und ſich nach einigem leiſen Klopfen des Aſtrologen eine niedere eiſenbeſchlagene Thüre aufthat. Sie bot den Eingang zu einem dunklen Gewölbe, in deſſen Hin⸗ tergrunde das matte Licht einer Lampe einigen Schim⸗ mer verbreitete, und mehrere Geſtalten wahrnehmen ließ, die um einen Tiſch ſaßen, und in denen Otto⸗ wald ſogleich Reiteroffiziere der kaiſerlichen Armada erkannte. „Ihr ſeht hier,“ begann der Aſtrolog, indem er Ottowald den Offizieren vorſtellte,—„Ihr ſeht hier einen Kreis wackerer Männer, deren Hab und Gut der Degen, und deren Parole Friedland“ heißt.“ Der Aſtrolog hielt hier eine Weile inne, und beobachtete den Geſichtsausdruck Ottowald's. Dieſer aber trat ſogleich unbefangen auf die bärtigen Kriegsgenoſſen zu.„Vivat Albrecht von Waldſtein, der Kriegsgott der Deutſchen und Böhmen!“ rief er;„Ihr Herren, wo es friedländiſch klingt, iſt Ernſt Ottowald nicht der letzte, der ſich rufen läßt.“ „Das dachte ich,“ ſagte der Aſtrolog,„und darum brachte ich, bevor ich nach Eger zum Herzoge abreiſe, Euch hieher, wo beim Klange eines Bechers 166 guten Weines die Geſundheit des Herzogs ausge⸗ bracht und ſo manches berathen werden ſoll, was die Sicherheit des Herzogs erfordert“— „Die Sicherheit des Herzogs?“ fragte Otto⸗ wald erſtaunt—„wie meint Ihr das; geht man vielleicht abermals damit um, den Generaliſſimus ſeiner Armee zu entreißen?“ „Nicht unmöglich,“ erwiederte einer der Offiziere mit Bitterkeit;„jedenfalls iſt die Beſetzung Prags und der umliegenden Orte durch kaiſerliche Truppen, mit denen man den Waldſtein ferne halten will, ſo bezeichnend, daß man kein großer Rechenmeiſter zu ſein braucht, um herauszukalkuliren, daß es wieder Hiebe auf den Schild des friedländiſchen Kriegs⸗ meiſters gibt,— und da gilt es nun, daß ſeine Treuen ſich ſchaaren, und die Netze zerhauen, mit denen man den Leu umgürten will.“ Ottowald's Auge glühte—„So hörte ich wohl recht,“ rief er,„als man geſtern im Platteis und am altſtädter Ringe die Kunde herumtrug, daß in Budweis und Tabor, und auch in andern Städten Gallas als Obergeneral ausgerufen ſei, ich konnte und wollte die Mähr' nicht glauben; bin ich doch ſeit den letzten Wochen meines Verkehres im ſtillen 167 lobkowiciſchen Hauſe unſern Welthändeln faſt fremd geworden!“ „Aber nicht uns,“ erwiederte ein anderer der Offiziere.„Wir kennen Eure Minnenoth, Herr Ritter von Ottowald; es geht Euch eben, wie unſerm Ge⸗ neraliſſimus; den wollen ſie vom Sattel, und Euch von der Liebſten reißen: aber haltet Ihr feſt an den Friedländer, ſo wird er Euch gleichfalls halten, und wenn er will, das wißt Ihr— ſo ſetzt er alles durch, und das Fräulein von Pernſtein wird Euer.“ „Nun,“ fiel einer der andern Offiziere ein, „Ihr habt doch genug von der waldſteiniſchen Mu⸗ nifizenz gehört, es iſt noch nicht lange her, daß ich ſelbſt ein Pröbchen davon erfuhr; hört nur: ich hatte auf dem Schlachtfelde einen dürren Klepper erbeutet, der aber trefflich lief, der Herzog ſah ihn und ſchien an der Mähre Gefallen zu finden, ich nahm mir eins heraus, und bot ihm das Pferd zum Ge⸗ ſchenke. Tags darauf hielt ein Zug prächtiger Hol⸗ ſteiner vor meinem Zelte, es war ein Gegengeſchenk des herrlichen Generaliſſimus!“ „Ja ſo iſt es,“ ergänzte ein anderer Kamerad des Sprechers;„und mein Oberſt, dem die Sache etwas in die Naſe roch, weil der ſtille Neid ihn beſchlich, ſandte drei Tage ſpäter dem Friedland 168 ſechs ſtarke pommerſche Pferde; die ließ der Gene⸗ raliſſimus in ſeinen Stall führen, und meinem pfif⸗ figen Herrn Obriſten ein ſchwaches und gar kleines Rößlein, ohn' Zweifel das kleinſte aus den herzog⸗ lichen Marſtällen als Gegengeſchenk zuführen;„die⸗ weilen,“ ließ er ihm ſagen,„ſich bei ihm, dem Obriſten nämlich, die Rößleins ſo trefflich befänden, übergebe er ihm ein ſchwaches Thierlein zur Aufſicht, auf daß er es auffüttere und rund mache“*) Die Offiziere brachen in ſchallendes Gelächter aus; Ottowald aber, der ſinnend, und die Er⸗ zählung des Offiziers nur mit halbem Ohr anhörend, dageſtanden war, trat jetzt näher.„Es braucht wahrlich nicht ſoviel der Worte,“ ſagte er,„um mir die herrliche Geſtalt des Friedländers zu ſchildern, den jeder Musketenträger im deutſchen Kriegsheere mit Begeiſterung nennt, mein Degen gehört ſein! Und er iſt der Mann, der auch mir den Weg ebnen kann, auf dem ich aufwärts ſteigen will bis zu der Stufe, die mir eine Stimme im Familien⸗ rathe der Frau Polirena von Lobkowie verleihen wird; denn im Lager des Friedland bei Trommel⸗ ) thatſächlich. 169 klang und Trompetenruf fragt niemand um die Glaubensartikel, dort iſt mein Platz!“. „Recht ſo,“ riefen die Offiziere, und im nächſten Augenblicke ſaß Ernſt Ottowald in ihrem Kreiſe 3 und das volle Glas erhitzte ſein Blut noch mehr. Die in dieſer hintern Stube verſammelten Offi⸗ ziere waren durchgängig Geſchöpfe und Anhänger Albrecht von Waldſtein's, des Herzogs von Fried⸗ land; ſie ſaßen hier verſammelt in kleinen Häuflein wie die Dohlen auf der Thurmkante vor dem na⸗ henden Gewitter, denn ſie ahnten, daß es zwiſchen dem Herzoge und dem wiener Hofe zum entſchiedenen Bruche komme. Waldſtein hatte ſich nach der bekannten Ver⸗ ſammlung ſeiner Getreuen in Pilſen nach Prag begeben wollen, und ſeinen Schwager Treka mit einer Abtheilung Kavallerie, zu welcher einer der hier verſammelten Offiziere gehörte, abgeſandt, damit dieſer ſich in Prag feſtſetze. Treka hatte aber auf dem Wege die Beſetzung Prags durch die kaiſerlichen Truppen vernommen, und ſeinen Herrn und Meiſter in Pilſen ſogleich davon in Kenntniß geſetzt.— Waldſtein wurde durch dieſe Nachricht wahrhaft be⸗ ſtürzt, und beſchloß ſogleich nach Eger zu gehen, 170 wohin ihn auch Buttler mit fünfhundert Reitern und zweihundert Mann Fußvolk begleitete. Es war daher auch nicht zu wundern, daß Wald⸗ ſtein's Anhänger in Prag über dieſen Stand der Dinge durch den einen Offizier der trekiſchen Ka⸗ vallerie⸗Abtheilung aufgeklärt, in Sorge geriethen, und alles beriethen, was zur Sicherheit des Her⸗ zogs und Förderung ſeiner Sache dienen konnte. Freunde und ſchlagfertige Arme für ihn zu gewinnen, war ihr beſonderes Augenmerk, das ſie nunmehr auch auf den kühnen und leidenſchaftlichen Ottowald ge⸗ worfen hatten, den ſie durch die Ausſicht zu gewinnen hofften, daß ſich im Lager des Herzogs für ihn eine mächtige Leiter zu Krieges⸗Ehrenſtellen biete, und daß der Herzog, wenn Ottowald dieſem in den Ta⸗ gen der Gefahr treu anhänge, auch ihn bald ſo ſtel⸗ len würde, daß er zu hohen militäriſchen Würden erhoben, im Hauſe der Frau von Lobkowic mit un⸗ gleich anderm Glanze als bisher auftreten könne.. Ottowald's lebhafte Phantaſie malte ihm ſo⸗ gleich die ſchönſten Träume. Er ſah ſich im Waffen⸗ ſchmucke eines friedländiſchen Generals oder minde⸗ ſtens Obriſten im Hauſe der Frau Polirena von Lobkowie eintreten, wo Roſa dem von Waldſtein ſelbſt ausgezeichneten jungen Stabsoffizier freudig ent⸗ —,— —— 174 gegenfliegen, ihre Umgebung aber, von ſeinem Glanze geblendet, nichts mehr gegen ſeine Verbindung mit Roſa einwenden würde— Rache wollte er dann nehmen an jenem Manne im dunklen Ordenskleide, den er als ſeinen Gegner im lobkowiciſchen Hauſe anſah— dieſen Mann wollte er als Gemahl Roſa's für immer aus ihrem Kreiſe bannen.— So träumte Ernſt Ottowald, und ſchlug mit Begeiſterung ein, als ihn die Offiziere einluden, dem Herzog in ſein letztes Standquartier nach Eger zu folgen; freilich verhehlten ſie dem feurigen Ottowald den eigentlichen Kern der Sache, und jene düſteren Gerüchte, welche über das bis zur Schwertſchneide ge⸗ diehene Verhältniß des Herzogs zum Kaiſer im Heere herumliefen. Ernſt Ottowald, bisher ein gewöhnlicher Offi⸗ zier in der kaiſerlichen Armada, ſah in der Bewer bung um ſeine Perſon für Waldſtein's Hauptfahne eine große Auszeichnung, und in der Annahme dieſer Werbung den nächſten Griff zum Generalshute.— Bis ſpät in die Nacht machte der mit echtem Melniker gefüllte Tummler die Runde an dieſer gehei⸗ men Tafel im Hauſe zum ſchwarzen Kreuze, und Ernſt Ottowald verließ dieſes erſt, als der böhmiſche Löwe am Skt. Veitsdome ſchon im Morgenſchimmer erglänzte 172 Zehntes Rapitel. Ein Sternfall. Eine uralte böhmiſche Sage erzählt von dem Nachtlager der Geiſter bei Saaz in Böhmen; eine ſeltſame Sage, die ungefähr ſo lautet: Der ſchwarze Geiſt Cernobog brauſte mit Stur⸗ mesgewalt über die beſchneiten Fluren von Sagz hin. Es ſchien, als kämpften die Geiſter der Luft⸗ region mit jenen der Sümpfe und Gewäſſer um die Herrſchaft über die zitternde Hertha. Tiefe Nacht umhüllte die Stadt Saaz; nur in einer kleinen Hütte, am äußerſten Ende der Stadt, flimmerte ein Oellämpchen auf, und um ein aus Baumrinde ge⸗ modeltes Kruzifir kniete ein armer Taglöhner, und betete den Abendſegen. Paul war in jener Zeit, wo die erſten ſegnen⸗ den Strahlen des Chriſtenthums die düſtere Finſter⸗ niß des Heidenglaubens erſt allmälig zu zertheilen begannen, einer von den wenigen Fiſten. die Stadt Saaz bewohnten. Paul war arm, und kaum im Stande, die ⸗ lichen nothwendigſten Bedürfniſſe ſeiner Familie zu verſchaffen. Seine Hütte war die ärmlichſte im 173 ganzen Gebiete der Stadt. Auch an dieſem Winter⸗ abende war er im Begriffe, hungrig zu Bette zu ge⸗ hen. Da klopfte es leiſe an der kleinen Thür, und hereintrat Zdaslaw, der Bürgertrabant, Pauls Ge⸗ vater, mit bleichem Angeſichte und verſtörten Zügen, und ſchlug ein Kreuz vor ſich, während der Schein einer Laterne auf der Straße vorüberzog.„Da tra⸗ gen ſie ihn hin,“ ſprach Zdaslaw,„den letzten, der den Gang gewagt hat mit den Hölliſchen um die Wette— und nach ihm keinen mehr.“ Fragend ſah ihn Paul an, und Zdaslaw fuhr fort:„Der alte Spuk läßt ſich wieder ſehen, und umbrauſt die Mauern unſerer Stadt. Cernobog hauſt auf unſern Feldern, und wenn Du die Eulenſchanze erſteigen willſt, von de eben komme, und wo ich unſern en ſie jetzt todt vorüberſchleppen, ide ausrufen hörte, ſo kannſt Du es ſehen— weithin wie ein Leichenfeld ausgedehnt, das furchtbare Nachtlager der Geiſter!“ Er ſchwieg— aber auch Paul und ſein Weib waren erbleicht, und vermochten kein Wort zu reden; denn ſie kannten die Sage von dem fürchterlichen Nachtlager der Geiſter, das ſich jährlich, in den End⸗ tagen des Jahres, vor Sasz ſehen ließ.— Im letz⸗ ten Jahre waren fünf Nachtwächter, welche die 174 Eulenſchanze betraten, und von dort aus das weite ge⸗ ſpenſtige Nachtlager erblickt hatten, nicht mehr zurück⸗ gekehrt, und eben jetzt hatte es ſich, in dieſem Jahre zum erſtenmale, gezeigt, und bereits ein Todtenopfer gefordert. Feſter ſchloß Paul ſeine Thür— lauter heulte der Sturmwind über die beſchneiten Stoppel⸗ felder, und ſelbſt der furchtloſe Zdaslaw verließ dieſe Nacht nicht wieder Pauls ärmliche Hütte. Der Sylveſtermorgen graute— auf dem Markt⸗ platze der Stadt Saaz wurde es lebendig— um einen Ausrufer verſammelten ſich die Bürger von Saaz. Er verkündete, daß die Aelteſten der Stadt demjenigen freien Unterhalt und zehn Joch Ackerland verheißen, welcher das Nachtwächteramt auf der ver⸗ rufenen Eulenſchanze übernehmen, unde brin⸗ gen würde von dem, was er in d rade unter⸗ halb derſelben ausgebreiteten Nachtlager der Geiſter ſehen und vernehmen würde. Dreimal ertönte des Herolds Stimme, kein Laut erwiederte ſie; niemand wagte, dem ſchwarzen Geiſte Trotz zu bieten. Das traurige Ende der letzten Nacht⸗ wächter jener Schanze drohte jedem noch ſo Ge⸗ winnſüchtigen den gewiſſen Tod. Auch Paul ging über den Marktplatz, und hörte die Stimme des Ausrufers. Er blickte vor ſich hin „——— 175 und dann auf ſeinen durchlöcherten Kittel— ſein jüngſter Sohn, der ihm leiſe gefolgt war, zerrte an ſeinem Kleide, weinte und bat um Brod. Da ergriff es ihn mächtig, raſchen Schrittes trat er in das Rathsthor und ſtieg die ſteinerne Wendeltreppe hin⸗ auf, trat in die Halle, wo die Väter der Stadt ver⸗ ſammelt waren, neigte ſich dreimal ehrerbietig und ſprach:„Gemeinſames Unglück bedroht die Stadt. Die furchtbare Erſcheinung der Geiſter verkündet der Stadt große Gefahr und Noth.— Wohlan denn, ſo möge die Noth durch Noth gebrochen werden!— Seht Euch um, Ihr Väter der Stadt, keiner von allen den tapferen Geſellen iſt bereit, ſich den furcht⸗ baren Geiſtern entgegenzuſtellen, und doch macht Ihr alle gleichen Anſpruch auf den Schutz der Ge⸗ ſetze. Wohlan, laßt mich hin, ich bin der ärmſte unter Euch, und habe, ſo Ihr mir gelobet, getreulich für Weib und Kinder zu ſorgen, wenn mich dasſelbe Schickſal wie meine Vorgänger treffen ſollte, den Tod nicht zu ſcheuen,“ Da ſahen die Väter einander verwundert an, und ſprachen:„Die Götter mögen Dich geleiten, und ſo Du von Deinem Gange glücklich zurück⸗ kehrſt, wollen wir Dir Dein Wageſtück lohnen; wo 176 nicht, ſo ſeien Deine Kinder die unſern, und auch für Dein Weib wollen wir Sorge tragen.“ Der Abend graute, düſtere Nebel zogen über die Fluren, und der Luftgeiſt ſchüttelte leiſe Flocken über die Wäſſer. Umgürtet mit ſeiner Taſche von Elenfell und dem Stabe in der Hand, richtete Paul, nach einem traurigen Abſchiede von ſeinem Weibe und Kindern, ſeine Schritte nach der Eulenſchanze. Stiller und ſtiller wurde es in der Stadt. Die Bürger zogen ſich in ihre Häuſer zurück, und Paul ſtand allein auf der Schanze, die eine weite Fernſicht auf die Berge und Thäler von Saaz bot. Unten über die Haiden zogen verlängerte Schatten, und der Wind heulte rauh durch die Wipfel der Urwälder Böhmens. Da rauſchte es in dem Thale wie ein ſturm⸗ bewegtes Meer, und wie Welle um Welle hoben ſich Steine und Hügel, und Zelte und Männer— furcht⸗ bare Rieſengeſtalten in weiter Ferne und ſchienen ſich gegen die Schanze, wo Paul ſtand, heranzuwälzen. Er aber dachte mit frommem Chriſtenſinn ſei⸗ ner Lieben und des Heilandes, der in der Verſuchung ſo erhaben, und wandte ſein Antlitz der Aufgangs⸗ 177 gegend zu, und dachte der heiligen Länder, wo er als Kriegstnecht gedient. Siehe, da wand ſich ein grauer Ballen über die Mauer und ehe ſich's Paul verſah, grüßte ihn ein kleines Männchen, und kauerte ſich vor ihm nieder. Paul ſtarrte verwundert den Kleinen an, und trat einige Schritte vor dem Kobold zurück. Das Männchen aber rief:„Fürchte Dich nicht vor mir, Dein Leben iſt ohne Makel, und an dem feſten Chriſtenſinn verweht der giftige Hauch des ſchwarzen Geiſtes. So Du daher mir folgen willſt, will ich Dich glücklich machen.— Höre, Paul! alle jene, welche es vor Dir wagten, die Nachtwache auf der Schanze zu halten, fielen dem ſchwarzen Geiſte anheim, denn ſie waren Heiden und Gottesläugner, ſie gingen dem eitlen Gewinne nach, und verloren dabei ihre Seele.— Dich zwang die Noth, und darumwill ich Dir helfen. Gehe getroſt auf das Lager der Geiſter zu, und ſo Du kommſt in die Weite eines Pfeilſchußes, rufe, ſo laut Du vermagſt:„weſele ho, ho!“ Kaum hatte das Männchen dieſe Worte geſpro⸗ chen, ſo war es verſchwunden. Paul aber ſchwang ſich auf die Bruſtwehre, und ſtand im Nu auf der Haide, wo weithin die blauen Nachtlichter des ge⸗ ſpenſtigen Nachtlagers herſchimmerten. 1857. IX. Der Jeſuit. I. 12 178 Getroſt ging Paul auf das Lager zu, nicht ach⸗ tend des ſchneidenden Windes und des herabſtrömenden Schnees. Immer näher kam Paul dem Geiſterheere, im⸗ mer deutlicher traten die furchtbaren Rieſengeſtalten aus dem Dunkel der Nacht hervor. Raſcher eilte Paul vorwärts. An einer großen Eiche ſaß eine unge⸗ heuere Nachteule, ihr Klagelied tönte durch die Lüfte.— Zehn Schritte noch, und Paul ſtand vor den bei⸗ den ellenhohen mit Elenfell behangenen, geſpenſti⸗ gen Lanzenwächtern des Lagers, und konnte deutlich das hohe Gezelt des Anführers wahrnehmen. Da ſchien es, als ob ſeine Ankunft im Lager bemerkt wurde. Dumpfe Horntöne erklangen, Roſſe wieherten ſchauerlich durch die Nacht, und wie Grab⸗ geläute klang es durch die öde Haide. Paul wurde von Angſt erfaßt, und rief, ſo laut er konnte, in das Lager hinüber:„Weſele, ho, ho!“ Ein gewaltiger Donner war die Antwort— durch die Wipfel der alten Steineichen brauſte es wie ein wüthendes Heer, mit Sturmeswehen brauſte es vorüber, und Paul ſank betäubt zu Boden. Als er wieder erwachte, ſchien die Sonne hell über die Stadt. Um Paul herum ſtanden ſeine Angehörigen und eine Menge von Bürgern der Stadt. * 179 Auf ſeiner Bruſt aber ruhte das kleine Kreuz, welches er ſonſt verborgen unter ſeinem Bauernkittel getragen hatte. Wie im Triumphe wurde Paul auf den Markt⸗ platz getragen, und über die Ereigniſſe der letzten Nacht befragt— und als er ſie erzählt hatte, zog in vielen Herzen der Glaube ein, und das Chriſten⸗ thum gewann viele der irrenden Seelen in der Stadt Sagz. Von jenem Tage aber, ſo erzählt die Sage, war das furchtbare Nachtlager der Geiſter verſchwun⸗ den, und die Stadt Saaz blühte empor, wie eine junge Sonnenblume im Garten des Herrn ſich zum Leben entfaltet. Paul aber und ſeine Familie wurden auf Koſten der Stadt verpflegt, und genährt bis an ihr ſeliges Ende. Dieſe ſonderbare Sage war der Gegenſtand der Unterhaltung zweier Reiter, welche am 23. Hor⸗ nung des Jahres 1634 von einem Waldabhange gegen die im Abendnebel vor ihnen liegende Stadt Saaz hinabritten; der eine von ihnen, ein finſterer Kämpe, trug den Waffenrock und das Wehrgehänge eines waldſteiniſchen Rittmeiſters;— ſein Antlitz drückte Entſchloſſenheit aus, ſeine Fauſt ballte ſich kräftig um den metallenen Knopf ſeines Deßrüs— 12 180 der andere, deſſen markige Züge das Feuer innerer Leidenſchaften durchblicken ließen, war Ernſt Ottowald, der ſeinem dunklen Sterne folgend, mit ſeinem er⸗ wähnten Begleiter über Saaz nach Eger hinüberritt, wo Albrecht von Waldſtein, der Herzog von Friedland, im letzten Standquartiere lag. Dieſer Begleiter Ottowald's war einer jener Offiziere, die er im Hauſe mit dem ſchwarzen Kreuze getroffen hatte; zutraulich hatte er ſich an ihn ge⸗ drängt, viel von ſeiner Begeiſterung und Dankbar⸗ keit für den Herzog Friedland geſprochen, zu dem er nunmehr Ottowald das Geleite gab, und dieſem ſo⸗ eben auf dem Wege noch erzählt, wie er ſelbſt den warmen Waffenrock, den er am Leibe trage, erſt vor kurzem dem Herzoge verdanke— aber nichtsdeſto⸗ weniger, obgleich er kein Oeſterreicher, ſondern ſeines Stammes ein Irländer ſei, ein treuer Offizier des Kaiſers verbleiben, und dem Herzoge nur ſolange dienen wolle, als dieſer es mit dem Kaiſer halten we Scharf hatte er bei dieſer Rede Ottowald an⸗ geblickt— dann war ihre Unterhaltung auf die er⸗ zählte Sage von dem Nachtlager der Geiſter über⸗ gegangen, und nun fragte der Irländer Ottowald, ob er an derlei Erſcheinungen glaube? ——————— ——— — 181 Ottowald brach in helles Gelächter aus, aber der Irländer meinte ganz ernſt:„Es ſind noch nicht acht Tage, daß ich Eger verließ, um im Auftrage des Feſtungskommandanten Gordon, der als Schott⸗ länder gleichſam mein Landsmann iſt, nach Prag zu gehen; vor meinem Abgange aus Eger wollte man ähnliche Lufterſcheinungen, wie einſt das ge⸗ ſpenſtige Nachtlager in Saaz, auch in der Gegend von Eger bemerkt haben. Reiter mit Todtenſchädeln, fallende Sterne, und— kurzum, mein werther Kriegs⸗ genoſſe,“ ſetzte er hinzu,„glaubt Ihr wohl, daß auf den Faſching der Aſchermittwoch folgt?“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte Ottowald lachend „und da wir übermorgen ſchon den Faſchings⸗ ſonntag anni currentis haben, ſo wird der Aſcher⸗ mittwoch mit ſeinem grauen Haupte nicht mehr lange auf ſich warten laſſen.“ „Nein, er wird nicht lange mehr auf ſich warten laſſen,“ ſagte der Irländer mit tonloſer Stimme, und ein bitteres Lächeln zog über ſeine Lippen. Fortan ſchwieg er und beantwortete die weiteren Anreden Ottowald's nur einſilbig. Mittlerweile war die Nacht heraufgezogen, und die beiden Reiter ſuchten ermüdet eine Herberge in Saaz. Am nächſten Morgen vor Tagesanbruch brach 182 der Irländer nach Eger auf. Ottowald, ſich un⸗ wohl fühlend, folgte ihm am nächſten Nachmittage. Als er auf halbem Wege nach Eger war, begegnete ihm auf falbem Rößlein ein Mann im dunklen Mantel;— das fallende Schneegeſtöber trübte Otto⸗ wald's Auge nicht, er erkannte in dem Reiter den Aſtrologen Sepi, der ſeinen Famulus auf einem zweiten Rößlein hinter ſich, von Eger dahergeritten kam— wohin er ſich ſchon am nächſten Tage nach Otto⸗ wald's Einführung in das Haus mit dem ſchwarzen Kreuze begeben hatte. Der kluge Aſtrolog hatte in Eger Abſchied von Waldſtein genommen—„Und warum?“ fragte Ottowald den Mann der Wiſſenſchaft verwundert. „Weil die Sterne gar ſeltſame Konſtellation bieten, und mir bedeuten,“ antwortete der Aſtrolog, „daß es nicht rathſam iſt, nahe an dem Thurme zu ſtehen, den jetzt Blitze umzucken, und da ich ſelbſt es geweſen,“ ſetzte er hinzu,„der Euch, Herr Ritter, erſt vor wenig Wochen noch im Hauſe mit dem ſchwarzen Kreuze in die Kreiſe der herzoglichen Freunde einführte, ſo geziemt es mir auch, Euch jetzt zu warnen, und es iſt ſichtlich eine Fügung des Him⸗ mels, die mich noch auf halbem Wege Euch entgegen⸗ führt, um Euch zurufen zu können:„Kehrt um, 183 und wahret Euer Haupt vor den ſengenden Strahlen des böſen Geſtirnes, das über dem Schloſſe zu Eger ſchwebt!“ Ottowald blickte den Sprecher faſt verächtlich an. „Erſt lockt Ihr, dann warnt Ihr,“ ſagte er.„Wär' ich der Herzog von Friedland, ich ließe den Diener, der in der Gefahr— wenn die Sterne wirklich eine ſolche verkünden— wie ein feiger Schulknabe entläuft, ſein Haupt vor die Füße legen—— Ernſt Ottowald geht nach Eger, und wenn, um mit Luther zu reden, neunundneunzig Teufel auf den Dächern ſäßen— damit Gott befohlen, Herr Aſtrolog!“ Mit dieſen Worten wandte Ottowald ſein Roß, der Aſtrolog aber ſah ihm lange nach:„Procul a Jove, procul a fulmine,“ ſagte er dann, und ſeinem Rößlein die Sporen gebend, trabte er weiter, der königlichen Hauptſtadt entgegen. Der fünfundzwanzigſte Februar— Faſchings⸗ ſonntag des Jahres 1634 war beinahe vorüber, Gordon, der Feſtungskommandant der Stadt Eger, hatte ſich die hohe Ehre ausgebeten, für dieſen Abend den Herzog von Friedland und ſeine vertrauten Generale Treka, Illo, Kinskh und Neumann bei ſich bewirthen zu dürfen; denn es galt nach ſeiner 184 Aeußerung mit dieſem Freundesmahle einen Bund zu beſiegeln, durch den ſich dieſe eifrigen und ver⸗ ſtellten Anhänger des Herzogs für ihn neuerdings ausgeſprochen hatten.— Waldſtein wies die Ein⸗ ladung zurück— aber Treka, Kinskh, Illo und Neumann fanden ſich bei Gordon auf dem Schloſſe zum Mahle ein— hinter ihnen raſſelte die Zugbrücke des Schloſſes empor..... Die wahren und falſchen Freunde Waldſtein's waren nun unter ſich— der Rebenſaft perlte in die Gläſer, die Köpfe brannten, Worte flogen für und wider den Feldherrn hin und wieder;— jetzt erhob ſich Gordon, der Schotte, und ein Lebehoch auf den Churfürſten von Sachſen brachte er mit volltönender Stimme aus.. „Donner und Karthaunen!“ rief Leslie—„auf das Wohl eines Feindes des Kaiſers ſollen wir trinken? nein! auf die beglückte Regierung des Kaiſers wollen wir den Becher heben!“ „Nieder mit dem Becher“ donnerte es aus dem Munde der Freunde des Herzogs; die Stimmen verwirrten ſich, lautes Toben erfüllte den Saal, und Oberſt Buttler winkte..... Auf ſprangen die Flügel der Saalthüre; jener Jrländer, der mit Ottowald nach Eger gekommen 185 war, Rittmeiſter Deveroir trat mit gezogenem Degen, fünfzehn Soldaten hinter ſeinem Rücken, in den Saal — von der andern Seite ſtürzte Giraldini, ein an⸗ derer Offizier, ſeine Partiſane ſchwingend, herein. Hochrufe auf den Kaiſer ſchallten aus ihrem Munde, Gordon, Leslie und Buttler rafften die Lichter vom Tiſche, und die Tafel lag mit allem Geſchirre am Boden. Bald war das große Trauer⸗ ſpiel beendet— Kinskh, der über einen Stuhl ge⸗ fallen war, lag durch einen Piſtolenſchuß niederge⸗ ſtreckt; Iſo hatte ſeinen Degen von der Wand ge⸗ riſſen, und ein tödtlicher Partiſanenſtoß machte ſeinem Leben ein Ende; Treka, hinter Stühlen verſchanzt, fiel gleichfalls unter den Schwertſtreichen der Sol⸗ daten, und Deveroir, der Irländer, dem ſein Degen zerbrochen worden war, riß Siſen Soldaten die Parti⸗ ſane aus der Hand und flog mit dem Sturmwinde, der ihm die vorgetragenen Fackeln auslöſchte, n der Wohnung des Herzogs. Dort ertönte das Wehklagen der Gemahlinnen Treka's und Ilo's— Waldſtein hiedurch aufge⸗ ſchreckt, warf ſeinen Schlafrock über— ein losge⸗ hender Karabinerſchuß erregte noch mehr ſeine Auf⸗ merkſamkeit, er rief nach der Wache— vergebens! Der Irländer Devervir ſchrie dem ihn zur 186 Ruhe mahnenden Hausbeſchließer entgegen:„Jetzt ſei es Zeit zum Lärmen!“ und ein ihm entgegen⸗ tretender, und ihn wegen des ungeſtümen Auftretens ſcheltender Page, wälzte ſich ſogleich im Blute... Jetzt ſtieß Deveroir an Waldſtein's Zimmerthüre — mit der Fauſt ſtieß er ſie auf—„Biſt Du der Em⸗ pörer,“ rief er,„biſt Du der Treuloſe, der den Kaiſer ſtürzen wollte?— Du mufßt ſterben, bereite Dich zum Tode, nur wenige Augenblicke ſind Dir zur Be⸗ reuung Deiner Sünden geſtattet!“— Albrecht von Waldſtein, der Herzog von Fried⸗ land, ſchwieg und entblößte nach kurzer Pauſe ſeine Bruſt— Devervir ſchwang die Lanze, und der Ge⸗ neraliſſimus ſank, ohne einen Laut auszuſtoßen, zu Boden.— Draußen orgelte der Sturm ſein mächtiges Sterbelied zu dem großen Trauerſpiele, und vom Sternbilde des Löven ſiel eine Sternſchuppe durch die Himmelsräume auf den Boben Cechiens nieder. Eilftes Rapitel. Feurige Kohlen. Ueber die Wälder des nordweſtlichen Böhmens zog der Nordwind mit ſeinem Schneegeſtöber; er 187 peitſchte die Wipfel der höchſten Tannen durcheinan⸗ der, und knickte hin und wieder einen Stamm, der dann auf den Schnee niederſtürzte, um daſelbſt all⸗ mälig zu verfaulen; denn in jenen Hochforſt kamen ſelten andere Menſchen als Kohlenbrenner.— Ein ſolcher kniete am Aſchermittwoche des Jahres 1634 im erwähnten Hochwalde vor einer rieſenhaften Eiche, deren altes mit Schnee bedecktes Gezweige ein ſchüz⸗ zendes Dach ober ſeinem Haupte bildete, ſo daß er, geſchützt von Wetter und Sturm, unbeirrt ſein ein⸗ faches Abendlied ſingen konnte, das er mit volltö⸗ nender Stimme der heiligen Jungfrau darbrachte, deren einfaches Holzbildniß an der Eiche hing. Er bemerkte nicht, wie das mit Schnee ver⸗ mengte dürre Geäſte knatterte, und bereits eine ge⸗ raume Weile hindurch eine dunkle Geſtalt hinter ſeinem Rücken ſtand— ein bewaffneter Mann, der ihn mit verſchlungenen Armen betrachtete und ſeinem Liede horchte. Es war ein Krieger oder Waidmann mit Schwert und Piſtolen verſehen, aber ſein theilweiſe zerfetzter Mantel deutete deutlich darauf hin, daß ſich der Mann nur mühſam durch Dorn und Geſtripp bis an dieſe Stelle des Waldes busgeunbet haben mochte. 188 Jetzt brach er ſein Stillſchweigen. „Glücklicher Köhlerglaube,“ rief er,„deſſen Feuer mitten unter den Eishöhlen dieſes traurigen Gewäldes noch fortbrennt!“ Der Köhler blickte um, und brach ſein Lied ab. „Sieh' da,— ein Verirtter,“ ſagte er. „Der bin ich, Freund,“ entgegnete der Krieger, „und nur der Ton Deiner Stimme wies mir den Weg zu dieſer Eiche. Mann des Waldes, ich bewundere Deine Glanbenstunfe, die Dich beten und ſingen heißt, wo ich friere, daß ich ſchier zu Eis werden möchte.— O wer ſo glauben könnte, wie Du,“ ſetzte er hinzu,„ſo arm, ſo blut⸗ arm, und doch ſo gläubig“... „Herr,“ antwortete der Köhler;„wir armen Waldleute nennen das halt„den Köhlerglauben“, den man nicht kennen lernt in Euren goldgeſtickten Wämm⸗ ſern und prächtigen Gemächern; die Noth, lieber Herr, muß uns an Gott ketten, und fühlen muß man, was der Glaube iſt..... jetzt aber, lieber Herr, laßt uns zu meiner Hütte eilen, wo Euch, wer Ihr auch immer ſein mögt, eine Schütte Stroh und etwas Milch erquicken mag, denn die Nacht bricht gewaltig herein, und die Waldungen hier dunkel und voll Klüfte.“ 189 „O,“ rief der Krieger entgegen,„das fühlte nie⸗ mand beſſer als ich— von Kluft zu Kluft mich windend, verirrte ich mich, nachdem ich volle vier⸗ undzwanzig Stunden aus dieſem Walde den Aus⸗ gang geſucht hatte, immer nur noch mehr; darum reich' mir jetzt Deine Hand oder Deinen Stab, guter Freund, ſonſt ſtürze ich hundertmal über Stock und Stamm, ehe wir aus dem Walde gelangen.“ „Da, faßt meinen Stab,“ ſagte der Köhler, und der Krieger erfaßte mit ſeiner nervigen Fauſt den Dornenſtock, den ihm der Köhler hinhielt. Vorwärts ging es jetzt im Hochwalde über Stock und Stein tiefer, immer tiefer, und der Schnee ſchwamm in großen Flocken nieder, und der Sturm heulte, und die Nacht lag pechſchwarz auf dem Walde; nur dem des Waldweges vollkommen kun⸗ digen Köhler gelang es, ſeinen wohl zwanzigmal hinfallenden Gefährten die rechte Bahn zu führen, bis nach einer kleinen halben Stunde ein fernes Licht entgegenſchimmerte, und der Köhler mit ſeinem todtmüden Gefährten vor dem Köhlerhäuschen Halt machte, deſſen kleine Thüre beide gaſtlich aufnahm. Hochaufathmend ſtand jetzt der Krieger vor dem Köhler.„Wahrlich,“ rief er,„der Gang, mein guter Kohlenmann, war trotz der grimmigen Kälte der 190 heißeſte meines Lebens; nicht einen Aſt konnte ich mehr ausnehmen, und hätte ich mich nicht feſt an Deinen Stab geklammert, bei Gott, ich läge jetzt in irgendeiner Kluft mit zerſchmetterten Gliedern.“ „Traun,“ ſprach der Köhler,„war es Euch denn möglich, meinen Stab zu ſehen, den ich Euch entgegenſtreckte?“ „Was ſehen!“ rief der Krieger,„da ſieh', wie jämmerlich ſeine Dornen mir die Hand zerfetzten, und dennoch konnt' ich ihn nicht laſſen; nicht ſehen, nur faſſen konnt' ich ihn, und das mußt' ich auch, ſonſt wär' irgendeine Kluft mein Grab, denn Dei⸗ ner Stimme folgen war unmöglich, der Wind tobte zu heftig.“ „Ei,“ entgegnete der Köhler lächelnd;„Ihr habt den Stab da gefühlt, und nicht mehr losgelaſſen, ob Ihr ihn auch gar nicht ſaht— ei, lieber Herr, ſo bleibt doch heute bei mir über Nacht, auf daß Ihr mich morgen zu dem Chriſtusbilde bei der Eiche begleiten, dort niederknieen, und mit mir beten mögt; denn wißt, das iſt eben der Köhlerglaube, der uns in der Noth an Gott kettet, wo man, wenn man auch nicht ſehen kann, fühlen muß, was der Glaube iſt.“— Der Krieger ſchlug ſein Auge nachdenkend zu 191 Boden und nahm ſchweigend die Schale mit fetter Milch entgegen, welche ihm der Köhler bot. Dann machte ihm dieſer eine Schütte Laub zurecht, und ein tiefer Schlummer ſchloß das Auge des Krie⸗ gers, der erſt wieder erwachte, als die Winterſonne hinter dem Köhlerhäuschen heraufzog.— Von dem guten Kohlenmann geleitet, ſchlug er dann den Weg nach jener Seite ein, wo er die Gegend der königlichen Hauptſtadt Prag zu gewinnen hoffte, und wanderte in ſeinen Mantel gehüllt, den ganzen Tag über, mit geringem Aufenthalte der Königsſtadt zu, als ob der Feind hinter ſeinen Ferſen wäre... In der alten Königsſtadt Böhmens aber ſtand auf dem hohen Hradſchin, unweit dem Kloſter der Kapuziner, eine kunſtvolle Sternwarte, welche Kaiſer Rudolph ll. dem großen Aſtronomen Tycho de Brahe erbaut hatte.*) *) Ueber Tycho de Brahe's Aufenthalt in Prag und ſein Ableben, äußert ſich die allgemeine Encyklopädie der Künſte und Wifſenſchaften Leipzig 1823: „Er nahm endlich das großmüthige Anerbieten Kaiſer Rudolph II. an und ging(über Wittenberg und Dres⸗ den) nach Prag, wo ihm der Kaiſer einen Jahresge⸗ halt von 3000 Dukaten ausſetzte, ein anſehnliches Leben 192 Dort ſtand am Abende nach dem Aſchermitt⸗ woche genannten Jahres 1634 ein emſiger Rach⸗ folger des großen Aſtronomen mit ſeinem gelehrten Gehilfen.— Der erſte, ein hoher ſtattlicher Mann im dunklen Ordenskleide, ſpähte durch ſein Fernrohr verſprach, und das Schloß Benach(Benatek) ſchenkte. Hier wurde auf des Kaiſers Koſten eine Sternwarte errichtet, und ein Laboratorium zu den chemiſchen Ar⸗ beiten angelegt, und alles ſo eingerichtet, daß Tycho de Brahe, nachdem er ſeine Familie, die er in Witten⸗ berg zurückgelaſſen, und ſeine Inſtrumente aus Däne⸗ mark nach und nach dahin hatte bringen laſſen, in die— ſem Benach(Benatek) ſein zweites Uranienburg(auf der in Oereſund zwiſchen Seeland und Schonen liegen⸗ den ſchönen und fruchtbaren Inſel Hveen)erkannte. Nach zwei Jahren fand er aber dieſes Schloß zu ſeinem Zwecke nicht ganz dienlich, und er zog es vor, erſt in einem Garten des Kaiſers in Prag, und kurz nachher in einem vom Kaiſer für 22.000 Thaler ihm gekauften, und zu ſeinen Geſchäften beſonders eingerichteten Hauſe daſelbſt ſeine Wohnung aufzuſchlagen. Kaum war er aber darin eingerichtet, ſo ward ſchon allen ſeinen Un⸗ ternehmungen ein Ziel geſetzt. Bei einem Gaſtmahle des Herrn von Roſenberg, ließ ſich Tycho de Brahe verleiten, der Natur ſeines Körpers Gewalt anzuthun, dadurch zog er ſich eine hochſt ſchmerzvolle Krankheit zu, welche im eilften Tage nachher ſein Leben endigte Der Kaiſer 193 nach dem Stande der Geſtirne, der andere, ein klei⸗ ner aber kräftiger Jüngling von einigen zwanzig Jah⸗ ren, mit klugen hellblitzenden Aeuglein im kurzen Wollwammſe, und ein kleines Mäntlein auf dem Rücken tragend, zeichnete eben ſeinen Namen„Magiſter Gibis“ unter ein langes mathematiſches Rechnungs⸗ Elaborat, das er ſeinem Freunde und Meiſter vor dem Fernrohre geliefert hatte. Dieſer wendete ſich jetzt zu dem Magiſter:„Haſt Du den Korb zurecht⸗ geſtellt, Freund Czibis,“ ſagte er,„unſere Armen wer⸗ den ſchon hungrig ſein, und die Nacht zieht herauf.“ „Alles bereitet,“ antwortete der Magiſter,„vier Laib Brod und zwei Weinflaſchen Euer ganzes wö⸗ chentliches Speiſeerſparniß— ſeid Ihr doch wahr⸗ lich,“ ſetzte er mit feuchtem Blicke hinzu,„ein Vater ließ ſeine Leiche auf die prachtvollſte Weiſe begraben, und verſorgte ſeine zahlreiche Familie mit echt kai⸗ ſerlicher Huld. Den Kapuzinern auf dem Hradſchin war Tycho de Brahe gleich bei ſeiner Ankunft in Prag entgegen, indem er ſich bei dem Kaiſer beklagte, daß ihn ihr öfteres Läuten in ſeinen Studien ſtöre. Der Kaiſer hätte ſie auch faſt ſchon aus Prag verwieſen, wenn nicht der oberſte Kanzler mit dem Vollzug des Befehls gezögert hätte; mittler⸗ weile ſtarb Tycho de Brahe. 1857. IX. Der Jeſuit. I. 13 S 194 der Armen und Nothleidenden, und wenn die Steine reden könnten, die wir alle Sonntage miteinander betreten, ſo würden ſie gar viel zu erzählen haben von den Werken der Barmherzigkeit, die Profeſſor Plachh in den Hütten der Armuth in Prags Um⸗ gebung übt; in Prags Umgebung ſage ich, um un⸗ genannt zu bleiben und derentwegen er ſich Speiſe und Trank während der Woche abdarbt, um“.. „Tace amice, tace,“ mahnte der Profeſſor mit ſanftem Lächeln,„wenn die Rechte gibt, ſoll die Linte nichts wiſſen davon, wir thun eben nur unſere Schuldigkeit, wenn wir dem Herrn geben, was er uns geliehen hat; und das iſt aller Ueberfluß irdi⸗ ſcher Güter, zudem biſt ja Du es, der ſich ſeinen Schlaf abbricht, um mich auf meinen abendlichen Gängen in die Häuſer der Armuth zu begleiten. Dein iſt wahrlich das größte Verdienſt hievon, denn derlei Gänge allein zu thun, iſt mir, wie Du weißt, ſelbſt nach den Regeln unſers Hauſes nicht geſtattet“ „Ja, ſo ſeid Ihr immer,“ fiel der Magiſter ein; „immer andere rühmend, fremdes Verdienſt hervor⸗ hebend, und das Eurige in den Staub drückend, v wie verehre ich Euch!“ „Guter Magiſter!“ ſagte der Profeſſor gerührt, ſeinem Freunde die Hand drückend.„So, nimm 195 nun den Korb und laß uns zum Strahow zum kleinen Strohhäuschen hinaufſteigen, wo unſer alter blinder Konradin, der ehemalige Wachtmeiſter, wohnt, denn er iſt erſt ſeit einer Woche von ſeinem Fieber wiedergeneſen.— Vorerſt will ich aber mein Fern⸗ rohr ſchließen.“ Der Profeſſor drehte jetzt ſein Fernrohr noch einmal nach der Richtung des leuchtenden Vollmon⸗ des, der über den Horizont eben heraufzog. Aber, indem er dem Fernrohre die Richtung nach oben gab, und mit dem Auge der letzteren all⸗ mälig folgte, rief er, plötzlich vom Fernrohr zu⸗ rücktretend:„Eece carissime— was wälzt ſich dort von dem Strahowerhügel vor der Feſtungsmauer herab— das iſt eine gar ſeltſamliche Viſion“. Der kleine Magiſter trat ans Fernrohr.— „So mich mein Auge nicht täuſcht,“ ſagte er,„iſt das eine Menſchengeſtalt, ſie wälzt ſich hin und her — sit dominus benignus misero, ich glaube, das iſt etwa gar ein Verwundeter, der im Schanzgraben ferne von Menſchenhilfe und Labung liegt.— Wir müſſen ihm ſogleich beiſpringen— sic jubet Peus,“ — ſagte der Aſtronom;„ſo hat es Gott gewollt, der mein Fernrohr dorthin richtete— ſchnell, ſchnell, carissime, mein Balſamkäſtchen.“. 13* 196 In zehn Minuten ſchritten Profeſſor Plachh und ſein Gehilfe und Freund, Magiſter Czibis, durch das kleine Pförtchen unfern dem Strahow') zur Stadt hinaus. Den Mond verhüllte jetzt eine dun kle Wolke, und Schneegeſtöber verdunkelte noch mehr den Weg. *) Das Prämonſtratenſerſtift auf dem Berge Strahow(von Sträz, Wache, indem ſich einſt eine königliche Wache dort befand). Biſchof Heinrich Zdik von Olmütz, der in Jeruſalem den Prämonſtratenſer Orden kennen gelernt hatte, veranlaßte im Jahre 1140 die Berufung von Moͤnchen dieſes Ordens aus dem Kloſter Steinfeld nach Prag.— Die Schickſale dieſes Stiftes waren fortan ſehr abwechſelnd; im Jahre 1258 bereits brannte es ab, unter Georg von Podöbrad erholte es ſich wieder, ſpä. ter wurde es wieder geplündert, unter Rudolph lI. aber im Jahre 1579 vollends wiederhergeſtellt. Johann Lohelius und Kaspar von Gueſtenburg, Aebte dieſes Stiftes, gaben demſelben neuen Glanz. Schwer beſchä digt wurde das Stift bei der Belagerung von Prag 1742. Albrecht von Waldſtein ſtellte dem Stifte am 2. Mai 1622 einen Freiheitsbrief aus. Es enthält beſon⸗ ders merkwürdige Grabmäler: das des heiligen Königs Wladislaus I.; auch treffliche Gemälde enthält es, worunter von dem kaiſ. Hofmaler Georg Hering(1650), bei deſſen Ableben ein ſonderbares Leichenkarmen erſchien, das mit den Worten endete: 197 Jetzt gingen beide längs des Walles hin einem Lichte entgegen, das aus einer ärmlichen Hütte über den Schnee herüberſchimmerte. „Wir müſſen nicht mehr ferne von jener Stelle ſein,“ ſagte der Profeſſor,„wo ich durch mein Fern⸗ rohr eine menſchliche Geſtalt wahrzunehmen glaubte.“ „Jeſus Maria!“ ſchrie jetzt der Magiſter— und ſeine Handlaterne hoch emporhebend, beleuchtete er das todtenbleiche mit Blut überſtrömte Antlitz eines Men⸗ ſchen, der ausgeſtreckt im Schnee lag, und leiſe röchelte. Plachy trat näher und betrachtete die Züge des Unglücklichen.„Gottes Gnade!“ rief er,„das iſt jener Mann, der mir vor noch nicht langer Zeit im lobkowiciſchen Hauſe ſchmähend und drohend entge⸗ gentrat, und mich als die Urſache ſeiner mißglückten Pläne in dieſem Hauſe erklärte und unſern Orden „Lacheſis, ach! kann es ſein! Laß Dich einmal nur erbitten, Was die Schweſtern abgeſchnitten, Flick im Spinnen wieder ein! Kannſt Du dieſes Härings Leben, Tauſchweis irgend wiedergeben, Nun, ſo gib ihn aus dem Grab, Und hol' hundert Stockfiſch ab. 198 beſchimpfte;— raſch, Freund Czibis, dem Manne müſſen wir beiſpringen.“ „So? ei?“ ſagte der Magiſter—„der hat Euch geſchmäht, hat Euch bedroht— nun, dann iſt er gewiß ein Ketzer in optima forma— und den ſoll ich etwa auf meinen Rücken laden, und in Sicher⸗ heit bringen— minime ſag' ich“ „Taceto! und ſchäme Dich, kleinherziger Menſch,“ eiferte der Jeſuit,„wer wird in dieſem Augenblicke an Rache denken; wenn ich ſeiner Beleidigungen erwähnte, that ich dieß nur unbedachtſam, und weil ich den Na⸗ men dieſes Mannes nicht kenne, ich hatte ihm in dem Augenblicke vergeben, als er mich beleidigt hatte. Weißt Du nicht, was es heißt: thut gutes denen, die Euch haſſen, und betet für die, die Euch beleidi⸗ gen! Mein Mütterlein hat mich dieß Wort ſchon ge⸗ ſehrt— „Ihr habt immer Recht, Poclissime,“ ſagte der Magiſter grollend;„aber wer hat auch ſo ein Taubenblut und Lammesherz im Leibe wie Ihr— ich könnte“. ſetzte er mit einem Seitenblicke auf den Blutenden unwillig hinzu,„den ketzeriſchen Strolch lieber noch eine Weile liegen ſehen— ſtreichen uns doch ſeine Glaubensgenoſſen auch eben keinen Honig auf das Brod.“— Aber der edle Plachh hatte nicht 199 mehr die Beendigung dieſer Rede abgewartet.— Schon kehrte er mit einem ſtarkgebauten Manne, dem ihm bekannten Inwohner eines naheſtehenden Häuschens und deſſen Weibe zurück; der Verwundete wurde aufgehoben, und mit Vorſicht in die nahe Hütte getragen. Drei Tage lag er hier, und fand die treulichſte Pflege; am vierten Tage erhielt er wieder ſeine volle Beſinnung. Als er ſein Auge aufſchlug, ſtand der kleine Magiſter, Plachh's gelehrter Gehilfe, vor ihm. Der gute Magiſter hatte, ſo trefflich ſonſt ſein Herz war, den Erbfehler ſeiner Mutter, die Neugierde, und da ihm Plachh mitgetheilt hatte, daß ihm der Verwundete früher im lobkowieiſchen Hauſe entgegen⸗ getreten ſei, ſo hatte es der kleine Magiſter durch ſeine Bekanntſchaft mit dem Beſchließer des genann⸗ ten Hauſes bald herausgebracht, daß der nunmehr im Häuschen vor der Strahowerſchanze liegende Schwer⸗ verwundete kein anderer als Ernſt Ottowald, der Bewerber um Roſa von Pernſtein ſei. Er redete ihn daher auch jetzt gerade bei ſeinem rechten Namen an, und verkündete ihm, daß er, der Magiſter, und ſein Freund, der gelehrte Profeſſor, deſſen Namen er jedoch nicht nennen dürfe, jene 200 Rettungsengel geweſen ſeien, die Ottowald verwun⸗ det im Graben fanden, und hieher brachten. Ernſt Ottowald ſtarrte den Magiſter an, als er ihn bei ſeinem Namen nannte, und faſt ängſtlich bat er nur, doch niemanden ſeinen Aufenthalt zu verrathen, indem er ſonſt Verfolgungen beſorgen müſſe.— Näheres hierüber wollte er nur dem Pro⸗ feſſor mittheilen. Der Magiſter meldete alles getreulich ſeinem Herrn. Es lag aber in Plachh's Grundſätzen, ſei⸗ nem Feinde in dem Augenblicke nicht entgegenzutre⸗ ten, wo er ihn verpflichtet, und auf deſſen Haupt glühende Kohlen geſammelt hatte.— Dieſes Haupt war aber jetzt mit einer breiten Binde umwunden, die über die Augen herabging, ſo daß Ottowald völ⸗ lig im Dunkeln lag, und keinen Gegenſtand ſeiner Krankenſtube ausnehmen konnte. Statt Plachh erſchien daher am nächſten Mor⸗ gen ein anderer Mann vor Ottowald's Lager, auch ſeinen Körper deckte ein dunkler Mantel, auch auf ſeinem ſchönen ovalen Haupte ſaß ein großer breit⸗ krämpiger Hut, den er jedoch in der Vorderkammer des Häuschens abgelegt hatte;— es war der Pro⸗ feſſor Georg Ferus, der Onkel Plachh's, damals 201 bereits böhmiſcher Prediger bei Skt. Salvator in der Altſtadt Prags. Dieſer erkundigte ſich freundlich um den Zu⸗ ſtand des Verwundeten, und fragte beſcheiden um die Veranlaſſung des Unglücksfalles.— Ihm ent⸗ deckte Ottowald, daß ihn eine Ehrenſache— ein Duell mit einem kaiſerlichen Offizier der Garniſon, den er nicht nennen könne, vor den Schanzgraben geführt habe; er ſei hiebei verwundet worden, und gefallen— aber auch ſein Gegner ſei ſchwerver⸗ wundet von Dienern weggetragen worden; ihm ſei nunmehr nur die ſchleunigſte Flucht aus Prag gera⸗ then, denn die Verwandten ſeines hochadeligen Gegners würden alles aufbieten, ihn zu verfolgen; er müſſe daher ſeine edlen Pfleger bitten, ihm zur baldigſten Flucht über die Grenze behilflich zu ſein, ſonſt ſei er des traurigſten Loſes gewärtig, da er unter ſei⸗ nen Gegnern beſonders einen zähle, den er ebenſo fürchte als haſſe, und von dem er alles beſorgen zu müſſen glaube— den Jeſuiten Plachh“.. Georg Ferus lächelte.—„Ei, lieber Herr,“ ſagte er,„hat Euch denn dieſer Plachh jemals be⸗ leidiget?“ „Mit Worten nicht,“ antwortete Ottowald leiſe;„aber er, er iſt es, der mir an einem Platze 202 in den Weg getreten iſt, wo ich niemanden neben mir dulden kann,— und kurz, ich haſſe, haſſe dieſen Prieſter wie „Er Euch ſegnet,“ ergänzte Georg Ferus.„Aber Blinden redet man vergebens von der Farbe, und Gott dem Herrn, der über uns allen ſteht, gebührt das Richteramt allein.— Eure Wunden,“ ſetzte er abbrechend hinzu,„ſind nicht gefährlich, und in eini⸗ gen Tagen könnt Ihr reiſen— Lebt wohl!“ Der Jeſuit entfernte ſich. „O mein frommer, edler Georg,“ rief er, als er vor der Thüre ſtand,„warum mußte ich ſchweigen!... warum willſt Du nicht ſelbſt vor Deinen ſtarrſinni⸗ gen Feind hintreten, und ihm ſagen: Saulus, warum verfolgſt Du mich?— ich, der von Dir gehaßt wird, bis in den Tod, bin Dein Retter geweſen!“— Acht Tage lang lag Ottowald im Häuschen der ſtrahower Schanze; er kannte nicht ſeinen Retter, ſeinen Pfleger— in jenen Tagen der raſenden Kriegsfurie waren derlei Vorkommniſſe nichts unge⸗ wöhnliches, Georg Ferus glaubte daher blind den Angaben Ottowald's über das ſtattgefundene Duell. Am achten Tage erklärte ihn der Chirurg, den ihm ſeine Pfleger geſandt hatten, außer Gefahr, und Ottowald dachte darauf, ſich von Prag zu entfernen. 203 Georg Ferus war nicht mehr erſchienen, und auf alle Fragen an den Chirurg und ſeine Wärter im Häuschen, erhielt Ottowald blos die Antwort: daß er um Gottes Lohn verpflegt worden ſei, und ſeiner Abreiſe durchaus nichts im Wege ſtehe. Er beruhigte ſich endlich mit dem ziemlich nahe⸗ liegenden Gedanken, daß er ſeine Rettung irgend⸗ einem religiöſen Orden der Kleinſeite Prags zu verdanken habe, von denen ſich ſo manche um die Ver⸗ wundeten und Hilfloſen, welche in jenen düſtern Tagen bei den Durchmärſchen der Regimenter an den Straßen zurückblieben, zu bekümmern, und ſie in ihren Heilanſtalten unterzubringen pflegten. Der düſtere Februartag ſank zu Ende, im Skt. Veitsdome*) auf dem Hradſchin erklangen die letzten MWahrſcheinlich bereits im Jahre 950 von dem heiligen Wenzeslaus begründet. Kaiſer Karl IV. that viel für das mit dieſer Kirche vereinigte große Bisthum; ſie ent⸗ hält zahlreiche Grabmäler böhmiſcher Regenten, wie 3. B. Piemysl Ottpkar I. u. II., Jutha's, Kaiſer Rudolph I. Tochter, u. a. m. Kaiſer Rudolph ließ ein herrliches noch im Vordertheile der Kirche befindliches Mauſoleum erbauen. Auch Karl IV. ſchläft dort den Todtenſchlum⸗ mer; im Jahre 1590 wurde ſein Sarg geöfflet, und ſeine mit einer Krone gezierte Leiche in einem ſehr veränderten Zuſtande gefunden. Dieſe Eröff fand 204 Töne der Vesperglocke, die verſchiedenen Kirchgänger entfernten ſich, und die Thüren wurden allmälig ge⸗ ſchloſſen. Zwiſchen den Mauern des großen Portales ſtand in einer Ecke gedrückt die hohe Geſtalt eines Mannes, der die einzelnen Kirchgeher an ſich vor⸗ überſchreiten ließ, und zuweilen einen forſchenden Blick in das Innere der Kirche warf. Vor der Kir⸗ chenthüre hatten mehrere Bettler ihren Standort gewählt, und ihr heiſeres Geſchrei um Almoſen be⸗ läſtigte die Kirchengänger in arger Weiſe ſo, daß viele derſelben mit derben Erwiederungen, die mit ihren ebengepflogenen Andachtsübungen im Ge⸗ genſatze ſtanden, vorübereilten. Nach und nach hatten ſich jedoch die Bettler, in dem Grade als ihnen ein Almoſen gewährt worden war, entfernt, nur einer ſtand noch auf ſeiner Krücke geſtützt an der vorderſten Säule; ihm war, da er ſichtlich der ſchwächſte ſeiner Gewerbsgenoſſen war, und ſich nicht vordrängen konnte, noch kein Almoſen zutheil geworden. Jetzt trat aus der Kirchenthüre eine ſchlanke Frauengeſtalt pelzverbrämten im Jahre 1743 zum drittenmale ſtatt; die Reliquien des heil. Veit und Johann von Nepomut in dieſem Dome ſind bekannt. 205 Winterkleide, ihre Hände hielten ein ſchweres in koſtbaren Sammt und Silber gebundenes Gebet⸗ buch, hinter ihr ſchritt eine Dienerin. Der noch ohne Almoſen verbliebene Bettler hinkte ſogleich auf die Dame zu. „Ein Almoſen für einen Vergeſſenen!“ bat er, indem er der Dame ſeinen Hut entgegenhielt. Dieſe zog ihren Handſchuh von der feinen Hand, griff in den Sammtbeutel, den ſie unter ihrem Kleide am Gürtel hangen hatte, und reichte dem Bettler eine Münze dar. Mit tauſend Vergelt's Gott! zog ſich der Arme in ſeinen Winkel zurück.— Aber ſchon ſtand ein anderer Bettler, nicht minder keck, aber weder lahm noch krumm, vor der mildthätigen Dame.— Der Mann war es, der in der Ecke des Portales gelauſcht hatte. „Ein Almoſen für einen Vergeſſenen!“ bat er, ſeine Hand wie zum Empfange einer Gabe hin⸗ ſtreckend. „Ottowald!“ rief erſchrocken die junge Dame. „Ein Almoſen für einen Vergeſſenen!“ wieder⸗ holte Ottowald—„hat Fräulein Roſa von Pernſtein nicht einmal das Almoſen eines Blickes für den armen Ernſt Ottowald?“ fragte er näher tretend. 206 Er hatte bei dieſen Worten die Hand der Jung⸗ frau erfaßt, welche in der ſeinen heftig zitterte. „Scheint es doch,“ ſagte er mit einem vor⸗ wurfsvollen Blicke auf Roſa;„ſcheint es doch, daß der Bannfluch, der den armen Ottowald aus dem Hauſe der Frau von Lobkowie ſcheuchte, auch auf Eure Nerven gewirkt hat, Fräulein, denn da, wo ich,— der ich nun durch ſo lange Zeit Euren Kreiſen ferne geblieben bin, Liebe und Freude über das plötzliche Wie⸗ derſehen zu finden hoffte, finde ich... Zittern! und ſo mich der Schimmer jener Kirchenlampe am Portale des Skt. Veitsdomes nicht täuſcht— auch Todten⸗ bläſſe auf dem Antlitze, auf dem ich nur ein ſüßes und freundliches Lächeln des Willkommens erwartete.“— Die Dienerin des Fräuleins hatte ſich eine Strecke weit zurückgezogen, leer und ſtille war bereits der Platz umher, und kein Ohr vernahm die Laute, welche die Liebe jetzt zur Liebe ſprach. Roſa von Pernſtein wollte dem leidenſchaftli⸗ chen Manne freundlich erwiedern, wie Unrecht er ihr thue, indem er die Abneigung, welche ſich im Hauſe der Frau von Lobkowic gegen ihn kundgebe, auch ihr vorwerfe, deren Herz jedoch für den ungeſtümen Mann vom Augenblicke an, als ſie ihn zum erſten⸗ male ſah, in der erſten reinſten Liebe erglüht war, 207 gegen welche alle Bedenken ihrer Tanten nichts mehr vermochten;— die Glut, in welche der Sturm haucht, loht bald zum gewaltigen Feuer empor— das Zittern der jungfräulichen Roſa galt ſomit nicht ihrer Furcht vor Ottowald, ſondern ihrer innigen Liebe, und der Ueberraſchung durch ſein plötzliches Entgegentreten. Das wollte ſie ihm ſagen; aber der feurige Kriegsmann, in deſſen Gehirne jede Minute ein neues Luftſchloß, ein neues Bild ſeiner brennenden Phan⸗ taſie emportrieb, ließ das arme Fräulein nicht mehr zu Worte kommen; in einem Athem klagte er über Treuloſigkeit und harte Behandlung, die ihm im Hauſe der Frau Polirena widerfahren ſei. Jetzt aber zog er das Mädchen näher an ſich. „Roſa,“ ſagte er mit gepreßter Stimme;„theures geliebtes Mädchen! Zwiſchen uns muß es klar wer⸗ den, und klar bleiben— keine verborgene Falte darf in unſern Herzen ſein— darum, und weil die⸗ ſer Augenblick, in welchem ich meine Roſa allein, und ohne Zeugen ſprechen kann, nicht ſobald wieder⸗ kehren wird, ſo will ich Dir ſagen, Erwählte mei⸗ nes Herzens, daß ich alles, alles für Dich wage, daß ich den größten Wurf that, um mich raſch auf den Gipfel jener Höhe hinaufzuſchwingen, von 208 welchem ich mit Recht und Erfolg um Deinen Be⸗ ſitz werben durfte; daß aber der große Wurf miß⸗ glückte, weil der eiſerne Becher zerſprang, in dem ich meine Würfel gelegt hatte.... daß ich jetzt als Flüchtling vor Dir ſtehe, und nur komme, Dich noch einmal zu ſehen, um dann für lange Zeit in der Ferne zu wandern, um im Norden jene Stellung zu erringen, damit Frau Polixena mich ihrer Nichte ebenbürtig finde!“ Und nun erzählte Ottowald mit glühenden Far⸗ ben ſeine in letzter Zeit erlebten Schickſale, offen geſtand er: daß er ſich der Partei des Herzogs von Friedland habe anſchließen wollen, um, wie ihm Waldſtein's Freunde, insbeſondere aber der Aſtrolog Sepi, vorgemalt hatten, bald als Obriſt eines wald⸗ ſteiniſchen Regimentes nach Prag zurückzukehren und im lobkowiciſchen Hauſe als angeſehener und reicher Freiwerber um Roſa's Hand auftreten zu können, wie er aber eben an jenem verhängnißvollen Abend in Eger, als Waldſtein und ſeine Freunde fielen, ſchleu⸗ nig flüchten mußte, von Devervir jedoch als Anhän⸗ ger Waldſtein's verrathen, durch buttleriſche Drago⸗ ner verfolgt, mit genauer Noth entfloh, und nun nach Prag zurückeilte, um hier ſeine Habſeligkeiten zuſam⸗ menzuraffen, von Roſa Abſchied zu nehmen, und 209 nach Polen abzugehen, wo er als geſchulter Kriegs⸗ mann wieder Dienſte zu nehmen hoffe, bis er ohne Gefahr zurückkehren könne; wie er jedoch bei Prag wieder auf Küraſſiere des Obergenerals Gal⸗ las geſtoßen ſei, und da er die neue Parole nicht wußte, von ihnen mit einigen Schüßen zu Boden geſtreckt, ſich bis unter die Laufgräben der ſtraho⸗ wer Schanze geſchleppt habe, wo ihn— wie erzählt, — mitleidige Hände in Sicherheit und Pflege ge⸗ bracht hatten; und wie er ſeinen Pflegern, um nicht von ihnen an die in Prag befindlichen Truppen des Obergenerals Gallas ausgeliefert zu werden, die Fabel von einem angeblichen Duelle mit dem Sohne eines reichen und hochadeligen Hauſes vorgeſpiegelt hatte. „Nun aber,“ ſetzte er hinzu,„ſei er von ſeinen Wunden theilweiſe geneſen, und ſeine Sicherheit er⸗ fordere ſeine ſchnelle Abreiſe aus Böhmen, und nur die heiße Sehnſucht, Roſa noch einmal zu ſehen, und einen Blick ibres Auges mit in die Verbannung'zu nehmen, habe ihn heute noch vor dieſe Kirchthüre geführt, wo er nun Leben oder Tod aus dem Munde des Fräuleins empfangen wolle“— Er hielt hier inne.— Roſa hatte ſich ſanft an ſeinen Arm geſchmiegt, 1857. M. Der Jeſuit. I. 14 210 und mit pochendem Herzen ſeinen mit geſteigerter Leidenſchaftlichkeit geſprochenen Worten gelauſcht; jetzt perlte Thräne um Thräne aus ihrem ſchönen Auge nieder.— Der Gedanke, daß der Mann ihrer Seele ihretwegen in ſo großen Gefahren geſchwebt habe, machte ſie von neuem zittern. Keines Wortes mäch⸗ tig, brach ſie in lautes Schluchzen aus. Ottowald aber küßte ſie leiſe auf die Stirne:„Dieſe Thränen,“ lispelte er, ruhiger geworden,„dieſe Thränen, herrli⸗ ches Mädchen, ſagen mir alles— ja,“ rief er freu⸗ dig,„Ernſt Ottowald wird geliebt!“— „Konnteſt Du einen Augenblick zweifeln,“ fragte die Jungfrau, ihr thränenvolles Auge emporhebend— Aber jetzt konnte der Mann der Leidenſchaften ſein Gefühl nicht mehr bemeiſtern— die Pläne, welche ſein Gehirn ausgebrütet hatte, nicht mehr verbergen. „Und liebſt Du mich wirklich, herrliches Mäd⸗ chen,“ rief er,„ſo laß mich noch einmal vor meinem Abgange aus dieſem Lande in Dein Ange ſchauen. Trotzen will ich der Gefahr, indem ich noch einen Tag in Prag verweile, aber morgen abends um dieſe Stunde, welche jetzt vom Veitsdome erdröhnte, ſollſt Dumich nächſt dem kleinen Pförtchen bei St. Loretto am Hradſchin erwarten; dort wollen wir Abſchied nehmen für lange Zeit.“— — 211 Roſa ſenkte traurig das Haupt, und machte eine verneinende Bewegung; der edlen Sittſamkeit der Jungfran widerſtrebte es, ſich zu einer nächtli⸗ chen Zuſammenkunft mit einem Manne einzufinden, dünkte es ihr doch ſchon dem Anſtande zuwider, ſo lange im Vorhofe der Veitskirche mit ihm zu ver⸗ weilen. Aengſtlich blickte ſie jetzt nach ihrer Die⸗ nerin um.— Ottowald aber faßte das Fräulein an der Hand:„Roſa,“ ſagte er mit gepreßter Stimme, und faſt ängſtlich,„Du wirſt, Du mußt Dich morgen abends zum Abſchiede bei St. Loretto ein⸗ finden, ſonſt würde ich glauben, daß alles, alles, was Dein Mund von Liebe und Treue mir vorſagte, eitel Trug und Unwahrheit ſei“— „Ottowald,“ lispelte das Fräulein,..„Gott iſt mein Zeuge, ich liebe Dich mehr als mein Leben, und nie wird das Band zerreißen, das unſere Herzen bindet, aber fordere nicht, daß ich“ „Du kommſt!“ fiel Ottowald faſt gebieteriſch ein,„oder willſt Du, daß ich geradenwegs hingehe, mich meinen Feinden zu überliefern; ſo wahr ein Gott über uns waltet, ſo wahr bin ich entſchloſſen dieß zu thun, wenn Du mir den letzten Abſchied morgen verweigerſt— Du kommſt, Roſa, nicht wahr?“ ſetzte er ſanfter hinzu. 14* 212 „Ich.... werde kommen!“ lispelte ſ das arme Mädchen. In dieſem Augenblicke nahte 3 ihre Dienerin, und bedeutete der Herrin, daß 3 bereits ein Diener des lobkowiciſchen Hauſes mit 3 einer Handlaterne nahe, den Frau Polixena und Herberſtorf, beſorgt über das lange Ausbleiben Roſa's, dieſer entgegengeſchickt hatten. Ernſt Ottowald verſchwand hinter einer Säule, und Roſa von Pernſtein, vor innerer Aufregung ihrer Sinne kaum mächtig, wankte hinter dem Diener ins lobkowiciſche Haus hinüber, an deſſen Thüre ſie von Frau Polirena und Herberſtorf bereits mit ſanften Vorwürfen über ihr langes Ausbleiben be⸗ grüßt wurde, das ſie— das erſtemal in ihrem Leben zu einer Nothlüge Zuflucht nehmend,— mit einer längeren Andacht im Skt. Veitsdome ent⸗ ſchuldigte.— Am folgenden Tage um dieſelbe Stunde, ſaßen Frau Polirena von Lobkowic, und ihre Muhme, die edle Frau von Herberſtorf, wie gewöhnlich im Fa⸗ milienſaale, zu den Füßen der erſteren Maria, das liebliche Mädchen, unfern die beiden Dienerinnen der Edelfrauen; im Kamine lohte eine freundliche Flamme, und Kätzchen Murner und das kleine Bo⸗ 6 logneſerhündchen am Polſter lagen in behaglicher 213 Ruhe, während draußen der Schneeſturm an dem beeisten Fenſter klopfte. Die kleine weibliche Familie des Hauſes war nach gethaner Arbeit zur geſelligen Abendfreude ver⸗ ſammelt, und das Buch der Bücher, die heilige Schrift, war wie gewöhnlich aufgeſchlagen, nur Roſa, die liebliche Leſerin des Hauſes, fehlte noch, um den beiden Tanten wie ſonſt eine der ſchönen Erzäh⸗ lungen der Bibel, wie es gerade die Faſtenzeit mit ſich brachte, vorzuleſen.— Und die alte ſchwer⸗ vergoldete Wanduhr brummte in ihrem wurmſtichigen Kaſten bereits die ſiebente Abendſtunde und Roſa erſchien noch nicht.— Frau Polirena von Lobkowic blickte wiederholt gegen die Thüre— aber dort war Roſa von Pern⸗ ſtein, ſonſt in ihrem Lektoramte ſo pünktlich, heute nicht zu ſehen.... ſie, die ſonſt ſo pünktliche Jungfrau, hatte dießmal den Uhrſchlag verhört, und träumend und mit klopfendem Herzen ſtand ſie in ihren Pelzmantel gehüllt vor der rückwärtigen Thür der ſchwacherhellten Vorhalle des Hauſes da, wo in eine Mauerniſche das ſternbeſäete Bildniß der Gottesmutter aufgerichtet ſtand.— Es ſchien, als ob Roſa den Schritt an dieſem Bildniſſe vorüber nicht wagen könnte..... Seltſam! dieß Bildniß 214 hatte der Maler— wie dieß an manchen ähnlichen Meiſterſtücken öfters vorkommt,— mit ein paar hellen Augen begabt, die den Beſchauer, von welcher Seite er auch ſeine Stellung nahm, unabläſſig ver⸗ folgten und ſtarr anblickten..... Und Roſa ſchlug ihren Blick zu Boden, ſo oft ſie der Himmelskönigin ins Auge ſah, denn dieſes ſchien ihr zu folgen, wo⸗ hin ſie ſich wandte, und die Rückkehr zu gebieten... Und dennoch— ſie kannte Ottowald's ſtürmiſche Leidenſchaft— ließ ſie ihn henute vergebens harren, ſo war ſie überzeugt, daß er im wilden Sturme ſeiner erſten Gemüthsaufwallung ſeinen Feinden ent⸗ gegenſtürzen, und ſich ihnen unwiderruflich in die Hände liefern würde.— Aber ſie, die reine, ſchuld⸗ loſe, unbefleckte Roſe, die gehorſame Nichte ihrer edlen tugendhaften Wohlthäterinnen, durfte ſie den Schritt wagen, der, wenn er bekannt würde, Thränen des Unwillens in die treuen Augen ihrer Tanten locken, und wohl auch Unehre dem Hauſe bringen mußte?— Trauriger Zwieſpalt! Das Gefühl der erſten heißeſten Liebe zu dem Manne ihres Herzens, kämpfte mit dem Gefühle der Pflicht und dem Gebote der Ehrbarkeit und Sittſamkeit, welche gerade in jener glaubenseifrigen 215 Zeit einer Jungfrau des Adels größere Vorſicht vor⸗ ſchrieben, als einem Mädchen der niederen Stände.— Und abermals wankte die heißliebende Jungfrau dem Bilde der Sternenkönigin entgegen, und aber⸗ mals ſchrak ſie vor dem drohenden majeſtätiſchen Blicke der Sternenkoͤnigin zurück,— nein, zurück, zurück mußte ſie, zu den Füßen ihrer Tanten, und alles, alles bekennen, was ſie eben wagen wollte. Da, horch! da klang es von St. Loretto herüber, das Ave⸗Glöcklein, der ſüße, ſüße, unendlich ſüße Mahnruf ihres Ernſt, des einzigerwählten Lieblings ihres Herzens—„nur eine Minute ſchenke mir, meine Roſa, nur eine Sekunde des Abſchiedes einem vergeſſenen Bettler!“ tönte es mit Geiſterſtimme in ihrem Herzen wieder!..... Das Glöcklein hielt aus... hoch pochte das Herz der Geängſtigten; „Ottowald,“ lispelte ſie vor ſich hin,„ich kann. kann, ich darf nicht kommen!“—.... Und wieder tönte das ſanfte Glöcklein, und die Jungfrau ſank ſchluchzend vor dem Bilde der Sternengekrönten nieder:„O nur dieſen Schritt vergib Deinem Kinde, Du Himmelsreine,“ flehte ſie;„es iſt ja der erſte und gewiß der letzte Schritt meines Lebens, er gilt ja dem Einen, den ich nicht enden laſſen kann in „ 216 den Händen ſeiner Feinde zum Lohne, daß er mich liebt.“ Und das Glöcklein klang zum drittenmale, und die Jungfrau verhüllte jetzt im höchſten Liebesſchmerze mit beiden Händen ihre Augen, blind wollte ſie an dem Bildniſſe der Reinſten vor⸗ überfliehen— dem in die Arme, dem ſie nicht mehr opfern konnte, ihrer Pflicht und der heiligen Sitte ihres Hauſes.... Roſa ſtürzte zur Thüre der Halle, allein— im tiefſten Geheimniß wollte ſie der Stätte bei St. Loretto nahen, wo Ottowald ihrer zum letzten Ab⸗ ſchiede harrte, und mit bebender Hand ſchloß ſie die Thüre auf, und—— ein Lichtſtrahl fiel auf ihr bleiches Antlitz, und goß im Augenblicke den hellſten Glanz auf das ſchöne Wunderbild der Himmelskö⸗ nigin, deren flammende Augen jetzt von der andern Seite Roſa verfolgten. Und vor der Fliehenden ſtand ihr edler Lehrer, Georg Plachh, der Jeſuit. In ſeiner Hand trug er ein Buch, und die hellſtrahlende Laterne, welche ihm zur abendlichen Bet⸗ und Erbauungsſtunde in das lobkowiciſche Haus vorgeleuchtet hatte. „Wohin, Fräulein, in ſo ſtürmiſchem Wetter, fragte er. 247 Roſa ſenkte ihren Blick zu Boden. Der Profeſſor ſchwieg eine Weile, und betrach⸗ tete das Fräulein mit durchdringendem Blicke— dann deutete er auf das Buch, welches er unter dem Arme trug:„Wir haben heute,“ ſagte er mit ſanftem Tone,„das für dieſen Abend beſtimmte Evangelium zu leſen— wie der Verſucher den Herrn auf die Zinne des Tempels führte, und ihn auffor⸗ derte, ſich hinabzuſtürzen—— und wie der Heiland ihm antwortete:„Du ſollſt Gott Deinen Herrn nicht verſuchen!.... Fräulein Roſa, wollt Ihr nicht mit mir in den Familienſaal umkehren, und das ſchöne Evangelium vorleſen“.. Roſa von Pernſtein zitterte am ganzen Leibe, ſie hielt ſich ſchwankend an der Platte des kleinen Altares vor dem Bilde der Himmelskönigin. Der Profeſſor aber ergriff ſanft ihre Hand, und geleitete ſie hinauf gegen den Familienſaal; willenlos folgte Roſa, und die Saalthüre ſprang auf, der Profeſſor trat mit Roſa hinein. Beſorgt über ihr langes Ausbleiben traten ihr die Tanten mit Schwe⸗ ſterchen Maria entgegen; der Profeſſor aber lispelte mit einem wohlverſtandenen Blicke:„und der Ver⸗ ſucher wich von ihm, und die Engel kamen und dien⸗ e 218 Aber der Verſucher ſtand in ſeinen Soldaten⸗ mantel gehüllt, an eine Säule gelehnt bei dem Lo⸗ rettokirchlein am obern Hradſchin.— Dort lehnte Ernſt Ottowald in ſeinen weißen Reitermantel ge⸗ hüllt, und harrte der Geliebten.— Unter den Armen trug er ein Käſtchen mit ſeiner geringen Barſchaft, die aus einigen Goldgulden, und böhmiſchen Steinen von nicht unbedeutendem Werthe, die langbewahrte Beute ſeiner Feldzüge in den thurn'ſchen Reihen, beſtand. Er hatte dieß Käſtchen nicht ohne Gefahr ſeinen Feinden in die Hände zu fallen, aus ſeiner letzten Wohnung in der Altſtadt herausgeholt. Dort hatte er auch ſeinen treuen Reitknecht Roderich auf⸗ gefunden, den er bei dem Ritte nach Eger in Prag zurückgelaſſen hatte, und der nun von ſeinen letzten Schickſalen unterrichtet, mit zwei Handpferden weiter oben harrte hinter einer Mauer, bis ſein Herr ihm das Zeichen geben würde. Dann wollte Ottowald Prag noch in dieſer Nacht verlaſſen für immer, und nach Polen abgehen, wo er Kriegsdienſte nehmen, und das Glück, das mit dem Falle Waldſtein's für ihn in Böhmen verſchwunden ſchien, auf andern Schlachtfeldern ſuchen.— Und Roſa?... von ihr wollte er Abſchied nehmen auf lange Zeit— doch zuerſt wie eine Flocke, dann größer und größer 219 allmälig wie eine Lawine kam der Gedanke in ſei⸗ nem Haupte emporgeſtiegen: wenn er jetzt von der ſchoͤnen Jungfrau Abſchied nahm, ſo würde ihre Ver⸗ wandtſchaft ſeine Entfernung benützen, und bald Schritte unternehmen, welche ihn von Roſa für immer trennen ſollten.... Darum,— die Nothwehr gebot es ja— die Liebe flüſterte es ihm zu:„darum ſollte Roſa dem Sterne Ottowald's folgen, wohin auch dieſer ſeine Bahnen lenke“. Und er glaubte, daß es ſeiner Ueberredungsgabe am Ende nicht ſchwer fallen würde, das heißliebende Mädchen zu bewegen, alles zu verlaſſen, und ihm zu folgen... Zwar ſchwebte ihm dieſer Gedanke erſt noch dunkel vor, allein die Phantaſie malt ſchnell, und oft mit gar glühenden Farben;— er ſah ſich bald auf hohem Roſſe, die liebliche Braut im Arme, der böh⸗ miſchen Grenze zueilen, dort durch Prieſters Hand mit Roſa vereinigt, und begeiſtert von der Liebe zu ſeinem angetrauten Weibe auf fremder Erde jene Lorbeern erſtreiten, deren er bedurfte, um ſpäter Ver⸗ ſöhnung und Aufnahme bei Roſa's Tanten zu er⸗ wirken....... Hier hielt die glühende Phantaſie des kühnen, ſein Wageſtück und die weite Hand des den Entführer gewiß verfolgenden altadeligen lob⸗ kowiciſchen Hauſes nicht berechnenden Mannes inne; 220 er lauſchte, er lauſchte mit zurückgezogenem Athem, denn auf dem weichen Schnee kniſterten leiſe Schritte — ſie nahte, die Erſehnte— er lüftete ſeinen Mantel, und ſtürzte auf ſie zu, denn ſchon bog ſie um die Ecke der Mauer, und in ſeine Arme ſchloß er— die kleine Geſtalt ſeines fleißigen Beſuchers am Schmerzenslager vor der ſtrahower Schanze, des kleinen Magiſter Czibis... Der Kleine bot ihm treuherzig einen guten Abend, und pries ſeinen Glückſtern, daß er den Ritter ganz zufällig hier gefunden habe; er habe ihn, ſetzte er hinzu, auf Befehl ſeines Freundes Plachy im Schmerzenſtüblein hinter der ſtrahower Schanze geſucht, um ihm die Sparpfennige desſelben zur vorhabenden Abreiſe zu behändigen; der Profeſſor habe ihm zwar verboten, zu verrathen, woher dieß Geſchenk komme, denn nur ungenannt ſpende er ſeine Wohlthaten— aber es ſei unmöglich, da zu ſchweigen, wo ein Mann, der ſelbſt keinen Ueberfluß beſitze, ſo wohlthätig handle. Ottowald's Antlitz glühte— die Scham, daß man ihn für einen gänzlich verarmten Flüchtling hielt, und die Ueberraſchung über die gutgemeinte Gabe, welche ihm da geboten wurde, machten ihn einen Augenblick unſchlüſſig—„Wer iſt Euer Freund und Meiſter,“ fragte er den Kleinen,„und wo weilt er?“ „Im Hauſe der Frau Polirena von Lobkowic,“ antwortete freundlich der Magiſter,„dorthin habe ich ihn ſoeben vor einer halben Stunde begleitet, und er pflegt eben mit der Edelfrau und den beiden Fräulein von Pernſtein Andachtsübungen,— o dieſe frommen Damen halten den Profeſſor hoch in Ehren,“ ſetzte er hinzu. „Georg Plachh? der Jeſuit?“ rief Ottowald. „Derſelbe,“ entgegnete der kleine Magiſter leiſe,„aber verrathet mich nicht, daß ich Euch ſeinen Namen nannte— er übt nur im Stillen ſeine Wohlthaten, und will nirgends genannt ſein.“— Der geſchwätzige Magiſter fuhr hier einige Schritte zurück, denn wüthend war Ernſt Ottowald emporge⸗ fahren, und weithin ſchlenderte er den Lederbeutel, den ihm der gutmüthige Magiſter als ein Reiſe⸗ geſchenk ſeines Freundes und Meiſters Plachh hin⸗ gehalten hatte. „Darum alſo,“ rief Ottowald,„darum durfte Roſa heute nicht erſcheinen;— o, ich ahne den Zu⸗ ſammenhang! Dort,“ ſchrie er dem Magiſter entge⸗ gen,„dort liegt das Gnadengeſchenk Deines Freundes und Meiſters, ſage ihm, daß Ernſt Ottowald ſeinem 222 Feinde keinen Deut verdanken mag, aber ihn gewiß noch treffen werde, ſo gewiß auf die Nacht der Tag folgt, ſo gewiß den Tag die Racht wiederereilt— das ſage ihm!“ Dann wandte ſich Ernſt Ottowald nach der Seite, wo ſein Diener mit den Pferden harrte. Raſch ſchwang er ſich auf eines derſelben, und trabte mit ſeinem Reitknechte einer Breſche der Schanze zu, durch die er ins Feld entwich. „Auf nach Polen!“ rief er dieſem zu—„und Ottowald's Feldgeſchrei ſei fortan der Schreckruf: Ein Jeſuit!“ Zwölftes Rapitel. Am Zizkaberge. Durch drei Jahrzehende hatte der Herr der Heerſcharen ſeine Geißel über Deutſchland geſchwun⸗ gen. Guſtav Adolph, der ſchwediſche Löwe, war ge⸗ fallen, Waldſtein, Tilly und Pappenheim ſchliefen den langen Schlummer des Todes, aber noch klirrten ſchwediſche Sporen auf deutſcher Erde, und das Kriegs⸗ theater zog ſich allmälig nach Böhmen herab. Der ſchwediſche General Torſtenſon war ver⸗ heerend durch Böhmen gezogen, hatte die Kaiſerli⸗ 223 chen unter General Hatzfeld bei Jankau geſchlagen, Mähren beſetzt, und war bis Wien vorgedrungen. In der Brigittenau wichen die ſchwediſchen Truppen den kaiſerlichen Kugeln; Erzherzog Leopold Wilhelm verfolgte den Feind und jagte ihn aus Böhmen hin⸗ aus. Torſtenſon überließ nun das Kommando des ſchwediſchen Heeres dem General Wrangel, der den Plan ausführte, ſich mit dem franzöſiſchen Bundes⸗ heere am Rhein zu verbinden, und dann durch Bay⸗ ern nach Oeſterreich einzudringen. Am 17. Mai des Jahres 1648 fand der Kampf bei Angsburg ſtatt, und die Schweden, mit Turenne verbunden, ſchlugen den kaiſerlichen General Holz⸗ apfel— insgemein Melander genannt; er fiel mit zwei Ehrenwunden, und hauchte ſeinen Geiſt am ſelben Tage zu Augsburg aus. Sein Korps zog ſich in das Innere Bayerns zurück, und den Schwe⸗ den ſtand der Einmarſch nach Oeſterreich wieder offen. Wrangel, der die Kaiſerlichen in Schwaben zurückdrängte, richtete nun ſein Auge vorzugsweiſe nach Böhmen. Oktavio Piecolomini, vom Kaiſer ſtatt Melander mit dem Kommandoſtab betraut, marſchirte mit böhmiſchen Hilfstruppen, den wackern Degen Johann von Werth an ſeiner Seite, nach Bayern und hielt den Feind im Schach. 224 Aber Graf Königsmark, der ſchwediſche Unter⸗ feldherr Wrangel's, rückte in die obere Pfalz ein, nahm verſchiedene Plätze und feſte Schlöſſer ohne allen Widerſtand, und ſetzte ſich dann gegen Böhmen in Be⸗ wegung Hier verbrannte er Klattau, Biſchofteinitz und Falkenau— andere Orte wurden belagert. In Eger— an der nordweſtlichen Grenze Böhmens, ſchlug er ſein Hauptquartier auf; dort ſammelte er Truppen aus den beſetzten Ländern.—„ Nahe den Stadtmauern Prags liegt der Zizkaberg, ſonſt Witkowberg genannt, ein herrlicher Punkt, wo ſich Zizka verſchanzte, als am 30. Juni des Jahres 1421 Kaiſer Sigismund mit ſeinem Heere— einmal⸗ hundertfünfzigtauſend ſtreitbare Männer in ſich be⸗ Si—ſich auf der Fläche zwiſchen Bruska und Owenec gelagert hatte, um die prager Huſſiten an⸗ zugreifen. Erzbiſchöfe und Biſchöfe, Doktoren, Prä⸗ laten, Fürſten, ſelbſt der Patriarch von Venedig, faſt vierzig Markgrafen und Grafen— erzählt der Chro⸗ niſt— befanden ſich im Gefolge des Kaiſers; Zelte in Form dreier großer Städte wurden aufgeſchla⸗ gen, und Krieger aus allen Nationen fanden ſich hier zuſammen. Sie nahten ſich der Stadt, und riefen zum Hohne: Ha, Ha, Huß, Huß, Katzer! Katzer! wobei ſie wie Hunde heulten; fingen ſie einen Böhmen, ſo verbrannten ſie ihn. Aber Zizka hatte ganz hölzerne Bollwerke auf dem Berge errichten laſ⸗ ſen— und am 14. Juli wagten die meißniſchen Truppen einen Angriff auf ihn, er eilte mit fünfzig Bogenſchützen herbei, Bauern mit den Dreſchflegeln und ein Prieſter hinter ihm. Kaum erſcholl ſeine Miniſtrantenglocke, ſo liefen die Angreifer, keine Stunde verging, und dreihundert von ihnen waren getödtet.— Die Prager aber ſtimmten ein Te Deum an. Der Berg erhielt nun den Namen Zizkaberg, obgleich ihn andere Kelchberg, andere wieder bojistẽ(Schlacht⸗ feld) nennen wollten. So ernſt und traurig es in jenen finſtern Ta⸗ gen auf dem Berge Witkow herging, als nur die Geſänge der Huſſiten, und die Glocken ihrer Prie⸗ ſter dort ertönten, ſo laut tönten an einem Frühlings⸗ nachmittage des Jahres 1648 dort die Stimmen der Freude. Wohl an zweihundert heitere Zecher ſaßen an verſchiedenen Holztiſchen, und der echte Gerſtenſaft aus den königſaaler Kellern blinkte in den Gläſern und hohen Steinkrügen. S waren junge Herzen, die hier von der Schönheit der aus ihrem Winterſchlafe wiedererwachenden Natur, und dem edlen Reben⸗ und Gerſtenſafte begeiſtert, im Ge⸗ fühle ihrer Jugendkraft ſchwelgten, und bei dem 1857. IX. Der Jeſuit.. 15 226 Klange der Fidel manches Lebehoch auf das„was ſie liebten“ ausbrachten. Es waren die Muſenſöhne der Ferdinandeiſchen Hochſchule, welche heute an dieſem erſten ſchönen Früh⸗ lingstage das dreihundertjährige Stiftungsfeſt der Grün⸗ dung der altehrwürdigen prager Univerſität feierten.*) Dort, bei jenen runden Schenktiſchen mit den gefüllten Steinkrügen, aus welchen friſches böhmiſches Bier duftete, hatten ſich die„Eingebornen“, die Pra⸗ ger' zuſammengefunden; lauter körnige Burſche vom alten Cechenſchlage, finſter dareinblickend, wie wei⸗ land Krok, ihr Stammälteſter Man ſah es den halbbärtigen Muſenſöhnen an, daß die ernſte Wiſ⸗ ſenſchaft den Gegenſtand ihrer Unterhaltung bildete; eben erhob ſich ein alter Brandfuchs, aber wackerer Geſelle unter ihnen, Johannes Kauffer, ein Prager, gleich munter und fröhlich, als erfahren im Waffen⸗ handwerke.**) Weiter abwärts am Zizkaberge ſaßen die Mährer und Schleſier an einem Tiſche— Niko⸗ laus Mertzrss), der olmützer Studio sus philosophiae *) Der Stiftungsbrief Kaiſer Karl IV. lautetvom 7. April 1348. *) Macer armorum pariter ac jurium peritus wird er von! den Geſchichtſchre ibern ſeiner Zeit genannt. Dieſe und alle ſpäter noch angeführten Namen der Stu⸗ denten Prags ſind ſtreng hiſtoriſch, und geſchichtlichen 227 et artium liberalium machte dort mit geſchwunge⸗ nem Deckelglaſe den Vorredner. Ihm zur Seite ſaßen Julius Röttel der Schle⸗ ſier, ein tüchtiger Kopf,*) und Daniel Waldhauſer der Iglauer, dann Johannes Duchze der Schleſier nebſt dem ſchwarzlockigen Inden Ephraim Naſo, auch einem Schleſier und noch andern. Die Fremdländer hielten ſich abſeits am Stein⸗ tiſche, wo ſie, den Luremburger Nikolaus Faber, einen Juriſten, an ihrer Spitze, ſich in politiſche Prophezeiungen über die nächſte Zukunft Dentſch⸗ lands ergingen. Unfern an einem Seitentiſche vor ihnen, ſaß Michael Frombolt, ein Schleſier aus Löwenthal mit mehrern Landsleuten, ſie ſangen im ſchönen Chorale Studentenlieder, in welchen Geſang ihre zahlreich anweſenden Kollegen freudig einſtimmten. Weiter ſeitwärts hatten andere Bewohner der könig⸗ lichen Stadt Prag— mitunter auch aus den höhe⸗ ren Ständen— platzgenommen. Insbeſondere blickte ein ältlicher Herr mit ſeiner ſilbergeſtickten Krauſe und vergoldetem Stahldegen recht freundlich in die Quellen entlehnt, auch ihre Charaktere ſind, ſoweit die Vaterlandsgeſchichte ſie überliefert hat, treulich beibehalten. Pari peritia Spectabilis nennt ihn der Chroniſt. 156 228 untere Studentengeſellſchaft. Es war der altſtädter Whenntr, Herr Nikolaus Franz Turek von Sturmfeld und Roſenthal, ein geſchulter Staatsmann und Krie⸗ ger wie keiner.*) Ihm zur Seite leerte Herr Jv⸗ hannes Lozy von Lozinthal, kaiſerlicher Kammerrath, ſein Glas und beide Herren ergötzten ſich an dem tollen Treiben der friſchen Jugend, die da unbeküm⸗ mert um ihre Umgebung das gaudeamus igitur, juvenes dum sumus zur heutigen Tagesparole ge⸗ macht hatte. Nur einer, ein bleicher hohlwangiger Junge von achtzehn Jahren, ſchlank wie eine junge Tanne, ſaß bei ſeinem Tiſche nächſt einer böhmiſchen Linde trau⸗ rig und ſchweigend und beobachtete mit einem me⸗ lancholiſchen Lächeln den aufſchimmernden Abendſtern. Es war Thomas Luba, ein Befliſſener der Stern⸗ kunde, dem die Wiſſenſchaft alles, das Leben nichts war; er konnte an dem Freudentaumel ſeiner Uni⸗ verſitätsgenoſſen keinen Geſchmack finden, und war von dieſen wider ſeinen Willen zum lärmenden Ge⸗ lage mitgezogen worden. Auch einige Krieger der prager Soldateska ſaßen im trauten Kränzchen, und *) Vir inter Consulares primas et militari arte pridem eruditus.“ 229 horchten dem Freudenklange der Geſänge des mun n teren Studentenchores. Jetzt erhob ſich Johannes Kauffer, der prager Studioſus, und brachte der alten Alma mater der kö⸗ niglichen Stadt Prag ein lautes weithin hallendes „Lebehoch!“ und die geſammte Burſchenſchaft ſtimmte ein; nur Niklas Mertz, der Olmützer, meinte, daß auch er eine Geſundheit auf den beliebteſten der Univerſitätslehrer, ſeinen geweſenen Profeſſor der Phi⸗ loſophie in Olmütz, ausbringen müſſe, auf den Mann, den die Ferdinandeiſche Univerſität nun zu ihren gefeierteſten Lehrern zähle. Ein einſtimmiges:„Vivat Georgius!“ donnerte durch die Lüfte.— Jetzt keuchte Ladislaus Pruſek, ein prager Student, die Anhöhe herauf.„Aufge⸗ ſchaut, Burſche!“ rief er,„ſchmettert die Gläſer in den Sand, und werft die Mäntel um— hört Ihr die Trommel in der Stadt rühren? Der Schwede d Das Wort hatte augenblicklich wie ein Zauber⸗ bann gewirkt. Die Lieder verſtummten, die Fidel ſchwiegen, die Gläſer klirrten auf die Schenktiſche nieder. „Du lügſt, alter Knabe!“ rief Jakob Roſenblatt, ein Böhme, mit ſeiner Kanne auf den Berichterſtat⸗ ter losgehend—„die Schweden ſtehen in Schwaben, und denken nicht daran, nach Böhmen herüberzu⸗ kommen.“ „Und dennoch hat General Königsmark bereits in Eger Poſto gefaßt,“ referirte Ladislaus Pruſek; „und ſomit,“ ſetzte er hinzu,„ſtreckt der ſchwediſche Löwe dem böhmiſchen ſeine Zunge ſchon gewaltig entgegen.“ „Wird es aber kaum wagen, ihm die Tatze zu zeigen,“ fiel Salomon Urſing, ein Böhme, ein—„denn noch hat Böhmen ſtreitbare Männer.“— „Und eine tüchtige Beſatzung,“ fügte Ephraim Naſo bei. „Oho,“ rief lachend Chriſtophorus Schwertfer, ein baumſtarker Studioſus mit hellblitzenden Angen, ſeinen Krug auf die Tiſchplatte ſtoßend;„die Juden fürchten bereits für ihr Fell— ſei ruhig, Ephraim Naſo— wenn der Schwede anrückt, machſt Du wie Dein Urvater Ovidius Naso Metamorphoſen, das heißt, Du verwandelſt Dich in einen Haſen, und läufſt über die Stadtmauer in Sicherheit.“ „Den Juden geſchieht kein Leid,“ ſekundirte Kaſpar Spenatzer, gleichfalls ein tüchtiger Junge mit weißer Halskrauſe und langem Stahldegen,„hat ja ſogar der Waldſtein einen pardonirt, der gegen ſein 231 Mandat mit einem kaiſerlichen Reiter um einen Tep⸗ prich geſchachert hatte.“ Aber glühend roth erhob ſich der kleine Ephraim, „den Schimpf auf Dich, Großmaul!“ rief er erboſt, „wir würden ſchon ſehen, wenn der Schwede anrücken würde, wer eher das Ferſengeld nähme: der Naſo oder der Schwertfer, wenn der auch das Schwert in ſeinem Namen führt.“ „Der Inde wird kirſchbraun,“ rief lachend Pruſek der Prager, indem er mit ſeinem Neben⸗ mann Carolus Schebel, auch einem Prager, den Krug anſtieß. „Laßt uns in Ruhe,“ rief Salomon Urſing, die Partei ſeines Glaubensgenoſſen nehmend,„und wählt Euch andere Zielſcheiben Eurer Sarkasmen!“ „Ja, Burſche,“ donnerte vom Nebentiſche die ſonore Stimme des Luremburgers Nikolaus Faber herüber;„ſtoßt Eure Naſen, Ihr Prager, auf die lex academica, dort ſteht es mit breiten Lettern ge⸗ ſchrieben, daß jeder Nationalitätsſtreit und jede Ver⸗ unglimpfung der religiöſen Konfeſſionen ſtrenge geahn⸗ det werde, und der carcer, und das consilium abeundi— „Schweig, Niederländer,“ donnerte ihm Chriſto⸗ phorus Schwertfer, vom böhmiſchen Bier erhitzt, ent⸗ gegen,„miſche Dich nicht in die Händel der Stadt⸗ kinder— Ehre genug, wenn wir Euch an unſerer Alma mater die Pandekten memoriren laſſen.“ „Hoho,“ rief Chriſtophorus Kyblin, der Münch⸗ ner, entgegen;„Ihr böhmiſchen Hopfenreiter meint, daß es außer Eurer Hochſchule keine Halle mehr in Deutſchland gebe— erinnert Euch doch nur an die große Auswanderung des akademiſchen Volkes vor zweihundert Jahren, als der, den ihr Euch in Kon⸗ ſtanz verbrennen ließet, ſo gut in Eurer Alma mater gewirthſchaftet hatte, daß viele tauſend Studenten Prag mit ihren Lehrern und Meiſtern verließen.“ „Ja,“ rief der Luremburger wieder,„in Konſtanz haben ſie's dem Meiſter Huß dann eingetränkt“ aber er redete nicht aus, auf das Wort:„Huß“ ſchien ein Blitzſtrahl unter die böhmiſchen Studen⸗ ten gefahren zu ſein.— Im Nu flogen zehn, zwan⸗ zig, vierzig Klingen aus den Scheiden. „Pereant die fremden Burſche!“ erſchallte es im Kreiſe. „Pereant die böhmiſchen Huſſiten!“ donnerten die Ausländer, ihre Klingen entblößend, entgegen.— Im Nu war die heitere Abendgeſellſchaft gelöst, die Stätte der Freude und Luſt zu einem Fechtboden umgewandelt. 233 — „Bruder Studio! hieher!— dorthin!— da!“ ſchallte es im Kreiſe.— Die Prager und die Mährer ſchaarten ſich zueinander, die Bayern und die Luremburger, die Würtemberger und Süddeut⸗ ſchen ſtanden zuſammen. Die Norddeutſchen und die Polen ſtanden zueinander, und rückten ſogleich meh⸗ rere lange Tiſche als Rückenwehren hinter ſich. „Sie wollen ſich ſchlagen,“ flötete hier ein zar⸗ tes Mutterſöhnlein, Jakobus Roſenblatt, auch ein Böhme, indem er auf den Tiſch zurannte, wo der altſtädter Primator Herr Turek von Sturmfeld und Roſenthal mit dem kaiſerlichen Kammerrathe Lozy von Lozinthal ſaß. Dieſe beiden Herren erhoben ſich ſofort von ihren Sitzen, um begütigend einzuſchreiten. „Ihr Herren,“ rief der erſte,„ſtört nicht die Ruhe dieſes öffentlichen Ortes, denn“— aber kein Ohr war ſeiner Mahnſtimme geöffnet. Mit funkenſprühendem Auge und rothglühenden Wangen hatten die Studenten nach ihren geſonder⸗ ten Landsmannſchaften bereits Poſtv gefaßt. Johannes Kauffer, der baumlange prager Junge, ſtand als Stimmführer der einen Partei, und Riklas Faber, der Luremburger, auf der andern Seite mit geſchwungenen Degen—„Vorwärts, Burſche! Setzt 234 an!“ ſchallte es von beiden Seiten, und die geſchaar⸗ ten Maſſen ſprangen über die ungeſtürzten Tiſche und— „Der Friede ſei mit Euch!“ ſchallte eine volltö⸗ nende Stimme in dieſem ugenbllce dazwiſchen, und ein beinahe ſieben Schuh hoher Mann im herab⸗ wallenden prieſterlichen Ordenskleide der Geſellſchaft Jeſu ſtand mit hochemporgeſtreckter Rechte ernſt und ruhig in dem kleinen Raume, welcher noch zwiſchen den aneinander fahrenden Burſchenſchaften offenblieb. „Der Friede ſei mit Euch!“ wiederholte er mit klangreicher Stimme, und ſein offenes Antlitz be⸗ ſtrahlte die aufgehende Mondſcheibe mit einem ma⸗ giſchen Lichte, heiliger Ernſt, aber auch hohe Milde malten ſich auf ſeinen Zügen— ſeine ausgeſtreckte Rechte deutete an:„bis hieher und nicht weiter!“ So ſtand er da, wie der Welterlöſer einſt im Kreiſe ſeiner Jünger geſtanden ſein mochte, als er ihnen mit heiligem Ernſte und ſegnender Milde das große Mahnwort zurief:„der Friede ſei mit Euch!“ Seine Erſcheinung brachte augenblicklich Kryſtal⸗ liſation in die Maſſen.— Die Stoßdegen der brau⸗ ſenden akademiſchen Jugend ſenkten, die finſtern Stirnen glatteten ſich, die Beſönnenheit kehrte in die Gemüther zurück.— „ Eine kurze Pauſe...... dann aber don⸗ nerte, wie der Knall einer wohlgeordneten General de Charge aus hundert Kehlen der einſtimmige weithallende Ruf durch die Lüfte:„Vivat Georgius 61114 „Wlach1 Georg Plachh, der von der geſammten akade⸗ miſchen Jugend hochgefeierte Jeſuit und Profeſſor am Clementino in Prag, war es, der mit dem ein⸗ zigen Zauberworte die trotzigen Gemüther zur Ruhe geführt hatte.— Jetzt hafteten ſeine Blicke vorwurfsvoll auf den Stimmführern der Burſchenſchaften. „Die Wiſſenſchaft,“ rief er mit klangreicher Stimme,„die Wiſſenſchaft hat mit der rohen Gewalt nichts gemein; wer ihr dienen will, muß nüchtern, be⸗ ſonnen, und friedfertig ſein, denn nur im Frieden gedeiht das Wiſſen Vielleicht,“ ſetzte er mit erhobener Stimme hinzu,„wird bald eine Zeit erſcheinen, wo die Fahne der alten Univerſität dem Feinde des Vaterlandes entgegenflattern werde! Hic Rhodus, hic salta! wird es dann heißen!.. Für jetzt aber gelte das Wort, welches Chriſtus der Weltheiland dem großen Apoſtel⸗ fürſten zurief, als er ihn auch in einem Garten, und auch am. Vorabende einer großen Leidensperiode ermahnte: „Simon Petrus, ſtecke Dein Schwert in die Scheide, 236 denn wer mit dem Schwerte tödtet, wird durch das Schwert umkommen!““— Tieſe Stille folgte den Worten des Profeſſors. Die jungen Brauſeköpfe umſtanden ihn ſchweigend, und allmälig ſenkte ſich dort und da ein Degen in die Scheide, und dem Sturme folgte die Ruhe, wie nach dem Donnerſchlage des Gewitters der Sonnen— ſtrahl allmälig wieder durch die Wolke dringt. Das Wort des geliebten Freundes und Lehrers war der Zauberſtab, der dieſe wilden Geiſter plötzlich gebannt hatte.. Streithähne— Johannes Kauffer, den Prager, und Nikolaus Faber, den Luxemburger, jeden bei einer Hand. „Johannes,“ ſagte er feierlich zu Kauffer— „Mäßigung geziemt dem Starken“— und zu Faber gewendet:„Niklas, Beſonnenheit iſt eine Zierde des Weiſen.— In concordia salus!“ ſagte er dann, ihre Hände vereinigend und zwiſchen beide tretend. „In medio virtus!“— antwortete eine ſynore Stimme, ſie gehörte dem Primator Turek von Sturm⸗ feld und Roſenthal, der zu Plachh herangetreten war, und ihm freundlich ſeine Rechte auf die Schulter legte.„Wahrlich, Herr Profeſſor,“ wiederholte er, Jetzt faßte der Profeſſor die beiden feindlichen „hier gilt wie nirgends, das klare Wort: in medio virlus!— in der Mitte die Tugend, die Ihr eben vorſtellt, indem Ihr in der Mitte zwiſchen den jun⸗ gen Brausköpfen wie ein Heiland des Friedens da⸗ ſteht, daß man gleich den Maler rufen möchte, um Euch alſo herzuſtellen im herrlichen Bilde für die Nachwelt; o, Ihr edler, gelehrter, herrlicher Lehrer und Freund unſerer Jugend, den Gott der Herr ſegnen wolle in alle Zeit!“ „Amen!“ rief Herr Johannes Lozy von Lozin⸗ thal dazu, indem er dem edlen Plachh die Hand ſchüttelte, und ihn einlud, nunmehr an ſeinem Tiſche platzunehmen, und den ſchönen Abend in Frieden zu genießen, der nun unter den anweſenden Muſen⸗ ſöhnen hergeſtellt war. Aber Plachh entſchuldigte ſich, nach ſeiner Ordensregel nicht länger außer dem Or⸗ denshauſe verweilen zu können, und bemerkte, daß er nur zufällig durch das ungewöhnliche Getöſe her⸗ beigelockt, Zeuge der eben erzählten Szene geweſen ſei, und ſeiner Pflicht gemäß als Lehrer und Freund der akademiſchen Jugend habe einſchreiten müſſen. Jetzt ſtieg er mit den beiden Herren den Berg hinab, um der Stadt zuzugehen. 238 Dreizehntes Rapitel. Schildhorn. Einſt, zur Zeit als noch das alte Volk der Wenden die jetzige Mark Brandenburg durchſtreifte, hauſte in der Gegend der jetzigen Hauptſtadt Berlin in Köpnick der gewaltige Jaczo, der Wendenfünſt. Kräftig von Geſtalt und voll des Muthes kämpfte er manchen ehrlichen Strauß gegen jene, welche ſein Erbe antaſten wollten. Alſo war es Albrecht der Bär, den der letzte Wendenfürſt im Havellande, der alte Piibislaw, zum Erben des Landes ernannt hatte, und der gegen Jaczo, den Wenden, auszog.— Heiß entbrannte der Kampf in der Gegend zwiſchen Span⸗ dau und Glienroke.— Gewaltig fielen die Streiche auf beiden Seiten, aber der Gott der Schlachten war mit Albrecht's Schaaren, den Wenden fehlte die Ausdauer, ſchon beim erſten Angriffe riſſen ſie aus.— Jaczo, der Wendenfürſt allein kämpfte noch, aber auch er mußte weichen und ſein Heil in der Flucht ſuchen. Er wandte ſein Roß, aber nun ergab ſich jene merkwürdige Szene, welche ungefähr im nach⸗ folgenden Bilde ausgedrückt iſt: 239 Auf hohem Roſſe fleugt Albrecht der Bär, Ihm entgegen Jaczo, der Wende; Und abends— ſo kündet's die alte Mähr', Fand erſt das Schlachten ein Ende. Da floh geſchlagen, verfolgt vom Feld Der Wendenfürſt in das Weite, Bis ſeine Fluten ein Strom vor ihm ſchwellt, Von ſchreckender Tiefe und Breite. Und Jaczo hält zagend die Zügel an, Und mißt mit den Augen die Fluten;— „Auf, Rappe, auf! in die wogende Bahn, Sonſt gilt es am Ufer verbluten.“ „Herr,“ mahnet ſein Diener,„zurückvon der Flut! Ihr wagt hier vergebens das Leben“— Doch Jaczo ruft:„Soll ich mein fürſtliches Blut Der Wuth der Verfolgenden geben?“— Dann fleht er:„Du mächtiger Chriſtengott, Willſt heut' Du mich gnädig erretten, So will ich in Frende, ſo will ich in Noth An Dich fortan treulich mich ketten! 240 „Ein Chriſt will ich werden!“— und ſpricht's und ſprengt Hinab in die rauſchenden Wogen, Und rings die tobende Flut ſich drängt, Schon hat es hinab ihn gezogen. Der treue Rappe kämpft mit der Flut, Jetzt taucht er wieder nach oben— Jetzt wölbt ſich ob ihm ein rieſiger Hut Vom Wellenſchaum gewoben.— Jetzt ſinkt er— der Feind am Ufer ſenkt Die erſt erhob'nen Geſchoſſe, Bei ſich ein jeder der Schauenden denkt: Gott Gnade dem Reiter und Roſſe; Die ſind verloren, die ſinken zu Grund, Was braucht es noch Bolzen zu ſenden? Die Havel begräbt ſie beide zur Stund', Das Roß ſammt dem Fürſten der Wenden— Doch, der rauſcht auf noch einmal und theilt Die Wogen mit kräftigen Streichen— „Halt aus, mein Däne,“ ruft er, und keilt Dem Rappen den Fuß in die Weichen. 241 „Halt aus, und trage den Herrn ans Land, Trag', daß er nicht werde zum Spotte, Aus nicht erbarmender Chriſtenhand Ihn zu ihrem erbarmenden Gotte!“ Und feſter ergreift er die Zügel; er faßt, Aufſteigend am todtmatten Pferde, Der nahen Eiche kräftigen Aſt, Und ſinkt— gerettet zur Erde. „Dank Dir, allmächtiger Chriſtengott,“ Ruft er,„Dir gehört nun mein Leben! Du haſt mich gerettet vom zweifachen Tod, So nimm nun, was Du mir gegeben! „Von allen Waffen, die jemals ich ſchwang, Für todte Götzen dort drüben, Die mich verließen im Wogendrang, Iſt mir der Schild nur geblieben. „Den leg' ich hier nieder, wo Rettung ich fand. Mein Horn ruf' es laut in die Lüfte, Auf daß die Kunde werde dem Land: Daß ich ein Denkmal hier ſtifte.— 1857. IX. Der Jeſuit J. 16 242 „Das nenne ſich Schildhorn— und künde der Welt, Daß durch des Erbarmenden Hände Zum Chriſten geworden der furchtloſe Held, Fürſt Jaczo von Köpnick, der Wende!“ So lautet die geſchichtliche Sage von Jaczo, dem Wenden, und noch jetzt ragt am rechten Ufer der Havel an dem obgenannten Orte auf einer Land⸗ zunge Schildhorn— eine Steinſäule mit einem Schild und Horn geziert empor, ihre Spitze trägt ein Kreuz, und König Friedrich Wilhelm der IV. war es, der dieſes ſchöne chriſtliche Denkmal errichtete. Es war aber auch im Monate Mai des merk⸗ würdigen Jahres 1648, als ſich an jener Stelle der Havel, wo das bezeichnete Monument ſich befindet, eine faſt ähnliche Begebenheit wiederholt hatte. Ein Reiter, bedeckt mit dem braunen Mantel eines kaiſerlichen Kroaten, war mit einem ihn beglei⸗ tenden Diener in die Fluten geſprengt, deren Tiefe an jener Stelle er weder kannte noch berechnete. Auch ihn zog der Wellen Macht, wie einſt Jaczo, den Wenden, abwärts, und obgleich er ſeinem Roſſe die Sporen in die Weichen drückte, und mit aller An⸗ ſtrengung das Ufer zu erreichen ſuchte— abſeits 243 zog es ihn, und die Flußnire ſtreckte ihre Arme aus, ein Opfer zu empfangen. Wohl war er nahe ſchon dem Ufer, aber den⸗ noch ſchien er verloren— da erfaßt er einen Aſt eines Baumes am Ufer; dieſer bricht, und— tiefer reißt es ihn abwärts; da ſinkt das Roß unter den Fluten, und während ſich ſein Diener rettet, treibt der Reiter der Wehre des Stromes zu, unter deren gewaltigem Drucke er ohneweiters erſticken muß, wenn nicht— doch halt! ſchon iſt dieſes„wenn“ erfüllt: quer über den Strom rudert ein Mann mit einem Kahne; ſeltſam! er hat nur einen Arm, der andere liegt in einer Binde; aber er hat dem Strom ſchon ſeine Beute abgerungen; der Reiter hatte den Kahn erfaßt, und in weniger als zehn Minuten ſteht er, wohl triefend von der Welle, aber gerettet vor ſeinem Retter. „Laßt mich Eure Rechte drücken,“ ruft er, „mein edler Retter, dießmal ging's an den Hals, und ſo Ihr nicht im letzten günſtigen Augenblicke über die Quere kamt, ſo zählte jetzt die kaiſerliche Armada einen Hauptmann weniger unter ihren Fähnlein; d'rum her mit der Hand, daß ich ſie dankbar drücke.“ „Geht nicht an,“ entgegnete der andere finſter; „Ihr ſeht, daß mir nur mehr ein Arm zu, Dienſten 16˙ 244 ſteht; den anderen hat eine feindliche Kugel getroffen — und ohne den zufällig am Ufer da gefundenen Kahn hätte ich Euch, ob ich gleich ein guter Schwimmer bin, den Wellen überlaſſen müſſen, ſo leid es mir um einen Waffenbruder gethan hätte, denn der ſeid Ihr, wie ich an Eurem Wehrgehänge und Mantel entnehme.“ „Bin's,“ antwortete der Gerettete, ſeinen durch⸗ näßten Mantel abwerfend;„bin's, ſo Ihr nämlich gleichfalls zu uns Kaiſerlichen zählt— aber jetzt thut was übriges, und laßt uns eine Herberge ſuchen, denn ich friere ob dem kalten Bade wie eine Landmaus, die unliebſam ins Waſſer gerathen iſt.“ „Dort läuft Euer Diener,“ ſagte der Retter lachend,„der ſucht bereits nach einer Herberge; laßt den Kerl bürſten mit der polniſchen Fuchtel— wenn Ihr auf ſeine Hilfe angeſtanden wärt, leget Ihr ſchon im Schilfe unten als Leiche.“ „S iſt ein Miethling,“ entgegnete der Reiter, „den ich aus Poſen mitnahm, woher ich eben komme, in Prag will ich mir ſchon einen andern ſuchen.“ „So geht Ihr nach der böhmiſchen Hauptſtadt?“ fragte der andere. „Geradenwegs,“ entgegnete der Reiter⸗Haupt⸗ mann;„dort iſt der Boden, auf dem ich mich ferner 245 zu bewegen denke; und wenn ich Euch heute mein Leben danke, ſo thue ich es inſonderheit deßhalb, weil ich vor dem Hochzeitsreigen nicht gerne dem kalten Tode in die Hände gefallen wäre“... Der gerettete Reiter⸗Hauptmann erzählte jetzt ſeinem Retter, während beide der Herberge des näch⸗ ſten Fleckens zuwanderten, mit zutraulicher Offenheit: daß er Karl Prichowskh heiße*), als kaiſerlicher Unterhauptmann nach Polen und in die Mark auf Wer⸗ bung entſendet worden, nunmehr aber auf der Rück⸗ reiſe begriffen ſei, während der Transport der von ihm geworbenen Mannſchaft in einiger Entfernung folge;— daß er nach ſeiner Ankunft in Prag ernſte Schritte zu machen gedenke, um in den Eheſtands⸗ hafen einzulaufen. 8 Düſter und traurig hörte der andere dieſen Bericht. „Auch ich,“ ſagte er,„gehe nach Prag.— Vier⸗ zehn Jahre habe ich in Polen zugebracht— will Nicht zu verwechſeln mit Johann Karl Ptichowskh, dem Oberſten— quondam Croatarum ductor, nunc Glarus charusque nobilitati Boemiae nomen adeptus, dieß Lob ertheilt ihm P. Baſenheimb(in chartis). 246 aber nun ſehen, ob die Steine noch feſthalten, auf denen ich vor dieſer Zeit in der alten Königsſtadt der Cechen gegangen bin— ſah auch dort einſt manche Roſe erblühen, will ſehen, ob ſie noch Blätter und Duft hat für mich, oder ob die Zeit darüber hinge⸗ fahren iſt, zermalmend mit ihrem Rade, wie über vieles andere“* „So habt Ihr ſeit langer Zeit die Erwählte Eures Herzens nicht geſehen?“ fragte der andere. „Wie ich Euch ſagte,“ erwiederte ſein Retter, „ſeit vollen vierzehn Jahren nicht mehr; es geht mir, wie dem ſterbenden Arzte, er hat tauſenden geholfen, und ſich ſelbſt vermag er nicht zu helfen; auch mich wirft das Schickſal häufig auf die Wege der Un⸗ glücklichen, und macht mich zum Retter in Gefahren, zum Schirmer und Schützer in den Nöthen anderer, aber wenn es gilt, mir ſelbſt einen Brocken zuzu⸗ werfen aus der Schale des Glückes, da zieht ſich die Hand des griesgrämigen Saturn zurück, und ſo gehe ich ſtets leer aus, und eine bunte Reihe von Verhältniſſen, Begebenheiten und Hinderniſſen, die ich Euch jetzt nicht alle herzählen kann, haben mich durch faſt anderthalb Jahrzehende in Polen zurück⸗ gehalten, bis ich eben jert mein langgenährtes Vor⸗ 247 haben ausführen, und nach dem Lande zurückkehren konnte, wo ich die Blüthe meines Lebens zurückließ.“ „Macht Euch auch darob keine Grillen,“ antwor⸗ tete gutmüthig der Hauptmann,„auch ich trage eine tüchtige Portivn Wunden und Schmarren auf mei⸗ nem kampfgewohnten Leibe; dennoch hab' ich's in fünfzehn Jahren nur zum Qua⸗Hauptmann eines armſeligen Fähnleins gebracht.“ Unter dieſen Geſprächen waren die beiden Krie⸗ ger in der Herberge angekommen. Piichowskh ver⸗ ſchaffte ſich hier trockene Kleider, und nachdem er ſeinem feigen in der Gefahr entwichenen Diener eine derbe Strafpredigt gehalten hatte, ſaßen die neuen Freunde bald bei einer Flaſche Wein beiſammen. Hauptmann Karl Piichowskh, ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit einem freundlichen Antlitze, aus welchem Herzensgüte und Zufriedenheit mit ſei⸗ nem Schickſale hervorleuchteten, war eben kein ſchöner Mann zu nennen, aber in ſeinem ganzen Weſen lag eine gewiſſe Anmuth und Hetzlichkeit, wie ſie bei guten mit ihrem beſcheidenen Schickſale zufriedenen Menſchen wahrgenommen werden, und auf ihre Um⸗ gebung wohlthuend zurückwirken; daher kam es, daß ſich auch die urſprünglich finſtere und melancholiſche Stimmung, das düſtere Weſen ſeines Retters und Waffenbruders allmälig in dem Grade verloren, als der echte Mosler, den der Diener des Hauptmanns aus ſeinem trockengebliebenen Mantelſacke, mit dem er vor ſeinem Herrn am jenſeitigen Ufer der Havel angelangt war, hervorſuchen mußte, die Zungen ge⸗ ſchmeidiger machte, und beide die Gläſer wacker anſtießen. „Aber“— rief hier plötzlich der Hauptmann— „da trinke ich ſeit einer halben Stunde Eure Ge⸗ ſundheit, und, hol' mich der Geyer, weiß nicht ein⸗ mal Euren Namen!“ „Hm“— ſagte der andere nach einer Pauſe, „nennt mich.. Bruder Kain— irr' ich doch, wie dieſer erſte Unglückliche auf Gottes weiter Erde gleichfalls in der Fremde herum, und muß erſt er⸗ warten, ob ich ſelbſt als kaiſerlicher Stabsoffizier un⸗ beſchadet in der böhmiſchen Königsſtadt werde ein⸗ ziehen können.“— „Stabsvffizier“ rief Piichowskh aufſpringend und ſalutirend—„Donner und Karthaunen! Stabs⸗ offizier, und Ihr getraut Euch nicht geradenwegs nach Prag zu marſchiren!— Was könnt Ihr in der Charge eines kaiſerlichen Stabsoffiziers, die ich in fünfzehn Jahren nicht erreichen konnte, zu fürchten 249 haben— he!— Oder habt Ihr altes am Kerb⸗ holze?— wie?“ „Ich bin kaiſerlicher Oberſtlieutenant,“ antwor⸗ tete der andere,„und beſitze ſeit kurzem ſogar ein klei⸗ nes Gut in der Gegend von Eger— dieß und die unnennbare Sehnſucht, jene Roſe wiederzuſehen, die ich vor vierzehn Jahren mitten unter Dornen verlaſſen mußte, treiben mich in ein Land zurück, aus dem ich damals wegen—— wegen gewiſſer Verhältniſſe flüchten mußte.“— Bei dieſen Worten faßte der Sprecher die Hand ſeines neuen Freundes.„Kriegs⸗ famerad,“ ſagte er,„Ihr werdet mir zugeben, daß ich gut thue, wenn ich, der ich vor einigen Jah⸗ ren mit einem ganzen ſtarken Leibe und geraden Gliedern in die Fremde zog, nun aber mit einem von Blei einer Schlachtkugel getroffenen Arme als Krüppel zurückkehre, nicht ſo geradenwegs der Erwählten mei⸗ nes Herzens, vorausgeſetzt, daß ſie mein Andenken auch noch nach anderthalb Jahrzehenden bewahrte — entgegentreten kann...„Bruderherz, Ihr müßt dem Bruder Kain zuerſt Quartier machen in der böhmiſchen Hauptſtadt; denn mein wunder Arm,“ ſetzte er hinzu,„geſtattet mir auch keine ſo ſchnelle Reiſe, als Ihr ſie vielleicht machen müßt, um in 250 Euren Standquartier einzutreffen. Nun, wo habt Ihr in Prag Eure Wohnung?“ „Fragt nur nach dem Teubelhauſe, die Volks⸗ ſprache hat es in Teufelhaus umgewandelt, in der Altſtadt,“ antwortete der Hauptmann,„unten iſt eine enge Spelunke, im oberen Stocke dieſes geräumigen Hauſes wohne ich.“ „Gut,“ ſagte der Oberſtlieutenant lachend,„Bru⸗ der Kain, der vor vierzehn Jahren zum Teufel ging, wird auch jetzt wieder mit dem Teufel in ſeinem Hauſe anbinden;— das iſt in der That ein gutes Omen, Freund Hauptmann! Nun, wir wollen ſehen! Vielleicht gilt es mit dem Schwarzen da wieder an⸗ zubinden, wo vor vierzehn Jahren der Faden riß. Aber, Freund,“ ſetzte er hinzu,„ſeine Braut wird mir Bräutigam Plichowskh in Prag doch vorſtellen?“ „Bräutigam?“ antwortete der Hauptmann,„ach Gott, ſoweit ſind wir noch nicht, Freiwerber müßt Ihr mich nennen, denn habe ich auch die Verwandt⸗ ſchaft meiner Erwählten ſammt und ſonders für mich, ſo ziert ſich doch das ſchöne Kind noch immer ein wenig, und faſt möchte ich glauben, daß meiner Lieb⸗ lichen meine etliche vierzig Jahre zu viel ſind, ob⸗ gleich ſie auch ſchon das dritte Kreuz in ihrem Le⸗ benskalender zu ſetzen, und eine erſt kürzlich über⸗ 251 ſtandene Krankheit zur Erhöhung ihrer Schönheit eben auch nicht beigetragen hat. Aber gut, ſeelen⸗ gut, ein Engel an Herz und Gemüth, ein Juwel an Häuslichkeit, eine Maria an Frömmigkeit und Tugend iſt meine Erwählte,“ ſuhr er begeiſtert fort, „und darum hol' der Gukuk die Vorrückung zum Stabsoffizier, wenn ich nur den Engel heimführe, den ſich mein Herz erwählte für das kurze Leben, das ohnedieß voll Mühe und Beſchwerden für einen Kriegsmann iſt, liebt er ſeinen Ehrenſtand auch noch ſo ſehr!“ „Ein Hoch der Herrlichen!“ rief der Oberſtlieu⸗ tenant lachend, indem er ſein gefülltes Glas bis zur niedern Decke der Stube emporhob— aber ſeltſam!— indem er begeiſtert ſein Glas mit ſeinem einzigen linken Arm emporſtreckte, ſtieß er an ein einfaches Holz⸗ kreuz, welches nach ländlicher Sitte an einer Schnur mitten von der Zimmerdecke herabhing, und das Glas zerſchellte in hundert Scherben, daß der rothe Wein wie Blut zu den Füßen des Geſundheitsbrin⸗ gers in fünf breiten Ovalſtreifen hinſchwamm. „Was ſeid Ihr doch für ein geſchickter Natur⸗ maler,“ ſagte lachend der Hauptmann. „Eine fünfblättrige Roſe in optima forma!“ Bleich und ſchweigend ſtand„Bruder Kain“ und auf ſeinem Antlitze zitterte es wie ein trüber Schat⸗ ten vorüber... Pierzehntes Rapitrel. Im Teubelhauſe. Unfern der ſogenannten eiſernen Thür in der Altſtadt Prag liegt das ſogenannte Tenbelhaus. Es iſt dieß ein großes altes Gebäude und Durchhaus. In einer am 21. Juni 1692 dem Prior bei Skt. Michael übergebenen Schrift unter dem Titel: „Motiva oder Urſachen, warum die Herren Geiſtli⸗ chen bei Skt. Michael in der Alten Stadt Prag vor das begehrte Teubelhaus ſich um das Platteißiſche bewerben, und qus facilitate ſie es auch behaupten ſollten,“ lieſt man von dieſem Teubelhauſe:„Es iſt kundig, weiſet es auch der Augenſchein, wie ſchön und köſtlich gelegen und zur Handelſchaft eingerich⸗ tet das Teubelhaus ſei, dahero es auch in Einquar⸗ tirung der königlichen Hofbedienten und Soldateska allezeit das höchſte getragen. Maßen dasſelbe weit über ſechsunddreißig tauſend Gulden gekoſtet, und nach 253 der ſchwediſchen Belagerung dafür von weiland Herrn Grafen von Losinthal zwanzigtauſend Gulden angetra⸗ gen worden. Mit kurzem zu ſagen, dieſem Haus iſt unter denen bürgerlichen an Schönheit, Koſtbarkeit und Gelegenheit zur Handlung kein einziges in allen dreien prager Städten gleich.“ In den hinteren ebenerdigen Räumen dieſes Hauſes führte die abſchüſſige Vertiefung desſelben einſt in eine Art kleinen Keller, deſſen Fenſter auf die Straße herausgehend, in gleicher Fläche mit der⸗ ſelben lagen, ſo daß ein Herausſchauender Mühe hatte, die Vorübergehenden nach ihrer ganzen Größe zu betrachten. In dieſem Keller waltete Erasmus Steinbichl, von ſeinen Gäſten der Teubel⸗ oder vielmehr„der Teu⸗ felwirth' genannt, der zwar auf dieſe Art alſo einen teu⸗ felmäßigen Namen, aber auch ein teufelmäßiges Glück hatte; denn ſeine dunkle Stube war ſtets von Gäſten vollgeſtopft, die ſich in dieſer Stadtkloake alles Unrathes ooreinander nicht zu ſcheuen brauchten, denn ſie ſahen ſich nie ſo recht von Angeſicht zu Angeſicht, weil der Qualm der geſottenen Speiſen und der rau⸗ chenden Oefen und Fleiſchkeſſel ſtets eine dicke Atmo⸗ ſphäre um die Schreienden und Tobenden bildete. Dieſe Stube war aber bei dem gemeinen Volke 254 und der niederen Soldateska hochbeliebt, weil ſie, faſt die einzige in Prag, noch immer ganz das Ge⸗ präge einer Gaſtſtube des verfloſſenen Jahrhundertes trug, obgleich man damals bereits den Monat Mai des Jahres 1648 zählte. Nach beliebter alter Art grüßte niemand, und wurde auch nicht gegrüßt, wenn er in dieſe Stube trat, damit es nicht ſchiene, als wenn der Inhaber viel nach Gäſten früge.— In dem ſtinkenden, mit grauem Qualm und verſchiedenen Fleiſchgerüchen ge⸗ ſchwängerten Raume, ſaßen wohl an die dreißig Gäſte beiſammen, Musketiere, Reiter, Kaufleute, Schiffer, Fuhrleute, Bauern aus der Umgebung Prags, Kna⸗ ben, Weiber, ächzende und ſtöhnende Bettler und anderes Lumpenvolk. In der linken Ecke vom Ein⸗ gange kämmte eine dicke Dirne ihr Haupthaar, in der rechten bürſtete ein Soldat ſeine Reiterſtiefel. Jetzt trat ein Fremder in die Stube; er mußte ſich bücken, und ſeinen breiten Hut abziehen, um durch die enge Thüre zu gelangen; es war ein kaiſerlicher Rei⸗ ter, der, wahrſcheinlich zu mittellos, um in einer beſ⸗ ſern Herberge platzzufinden, dieſe Spelunke auf⸗ ſuchte; ſein todtenbleiches Antlitz trug Züge der Trauer, ſein rechter Arm hing in einer breiten Binde, eine Kugel mochte ihn zerſchmettert haben— ein 255 breiter weißer Mantel deckte ſeinen hohen Leib. Er hielt an der Thürſchwelle inne, denn der ihm ent— gegenſtrömende Qualm machte ihm ſchier den Athem ſtocken. „Zugemacht!“ ſchrie ihm Meiſter Erasmus, der kleine runde Wirth zu. „So müßt Ihr erſticken!“ rief der Eintretende entgegen,„in dieſer Nebelhöhle kann kein ehrliches Menſchenkind athmen.“ „So ſuch' Dir ein anderes Gaſthaus!“ ſchrie der erboſte Wirth, die Thüre zuſchlagend. Aber der Soldat kehrte ſich nicht daran. Er trat jetzt ein, und ſetzte ſich ohneweiters an den breiten Holztiſch. Ein bärtiger Ganymed kam, und legte Tiſchtücher auf, grob wie Segeltuch, dann zählte er in Gedan⸗ ken die Gäſte, und ſetzte für jeden Einzelnen einen hölzernen Teller, einen Holzlöffel, und ein Trinkglas auf. Später brachte er Brod und ſauren Wein, dann böhmiſches Bier in zinnernen Deckelgläſern. Brodſtückchen mit Fleiſchbrühe, aufgewärmtes Pöckel⸗ fleiſch und eingeſalzener Fiſch waren die übrigen Gerichte. Jetzt kam der kleine Gaſtwirth ſelbſt, und mit ibm etwas beſſerer Wein, und in dem Grade, als dieſer den Gäſten mundete, und die Köpfe warm 256 wurden, begann nun ein neues Lärmen und Schreien, keiner verſtand mehr den andern, und im Hinter⸗ grunde der Stube ſang und ſchrie ein ſogenannter Schalksnarr dazwiſchen, deſſen Späſſe von ſeiner Umgebung mit Geheul uud wahrhaft hölliſchem La⸗ chen erwiedert wurden, ſo daß die Stube jetzt völlig dem Einſturze drohte und nahe war. Jetzt aber wurde die Aufmerkſamkeit der Zecher durch einen andern Gegenſtand in Anſpruch genom⸗ men.— Ein lauter Sang erſcholl vor dem Hauſe, einige fröhliche Studenten, vom ländlichen Schmauſe heimkehrend, zogen auf der Gaſſe vorüber, und brach⸗ ten noch einmal ein donnerndes Hoch ihrer Ama mater. Mehrere von ihnen blieben jetzt ſtehen; denn aus der Spelunke des Teubelhauſes, wo die Leb⸗ haftigkeit den höchſten Grad erreicht hatte, ſchallte jetzt ein altes böhmiſches Lied, welches der Prieſter Capek den Huſſiten verfertiget hatte und welches ſich auf den oben erzählten Sieg des Zizka auf dem Berge Witkow bezog. Die Studenten— ſtets auf⸗ gelegt zum Handgemenge, wo es eine Verhöhnung ihrer Nation, oder ihres Glaubens galt, blieben ſtehen, und im Nu drangen zehn bis zwölf junge Brauſe⸗ köpfe in die Spelunke.— Sie hatten mit gewohnter Fechtkunſt die ſtählernen Griffe ihrer Studenten⸗ Waffen in den Händen, und forderten Beſcheid: wer es gewagt habe, ein Spottlied aus den Fen⸗ ſtern zu ſenden. Sogleich herrſchte in der Stube tiefe Stille— den Geiſt, der die jugendfriſche Burſchenſchaft beſeelte, kannte man zu gut; man wußte in allen Volksſchich⸗ ten, daß da einer für alle, und alle für einen ein⸗ ſtünden, und daß ein Ruf— ein Pfiff, eine Be⸗ wegung hinlänglich waren, alle vorausgeſchrittenen Stu⸗ denten zurückzurufen, die dann in dem ohnedieß übel berufenen„Teufelkeller“ ſicher alles obere nach unten gekehrt haben würden. Erasmus, der Wirth, ſtand daher, ſein Käpplein in der Hand leichenblaß da— keiner der Gäſte ſprach ein Wort; nur die Soldaten griffen an ihre Degen⸗ gefäße— aber einer unter ihnen, jener Hochgewach⸗ ſene mit dem verwundeten Arme, der zuletzt in die Spelunke getreten war, trat jetzt der erſte vor, und ſchrie, indem ſein Auge aufblitzte, den Studenten ent⸗ gegen:„Sing und Sang hinter einer Mauer ſtehe jedem frei“— rief er,„und wer ſich damit getrof⸗ fen erachtet, möge die Pillen hinnehmen, wie ſie eben angeflogen kommen; in einer Zeit der Parteiung, wie die gegenwärtige, könne man die Sache nicht ſo 1857. IX. Der Jeſuit. I. 7 258 genau nehmen— auch der Utraquiſt und Bruder Kelchner haben Antheil am böhmiſchen Vaterlande, und ein Recht zu ſingen, wie es eben aus ihrer Kehle fließe“ Er konnte nicht ausreden, zehn Degen blitzten ihm jetzt drohend entgegen; alſogleich nahmen die Soldaten, Schiffer und Bauern in der Spelunke Partei für den Reiter, die Tiſche wurden nun um⸗ geſtürzt, daß die irdenen Krüge in Scherben nieder⸗ ſchmetterten und der Wein und das Bier auf den ſchmutzigen Boden ſtrömten: und mit wildem Halloh riſſen die Musketiere und Arkebuſiere ihre Waffe von den Lenden—„Blut muß es geben!“ ſchallte es von der einen Seite.„Hatz, Burſche! Hatz!“ rie⸗ fen die Studenten, und drangen mitunter auf die Gegner ein; der Schalksnarr aber kletterte über die entbraunten Köpfe weg, und kauerte ſich in die Fen⸗ ſterniſche, indem er rief:„Narren thun ſich mit Kol⸗ ben lauſen, laß' ſie baß wie Narren hauſen!“ „Halt! zurück und Platz da, im Namen der Ordnung und des Geſetzes!“ Ein kaiſerlicher Reiteroffizier mit goldgewirkter Feldbinde und wallendem Federbuſch auf dem Helme theilte die einander entgegenfahrenden Haufen au⸗ genblicklich in zwei Feldlager— wie ein kräftiger 250 Keil ſchob er ſich mit ſeinen zwanzig Reitern, wor⸗ unter einige Krvaten, zwiſchen die Getrennten, die wuthathmend nur langſam auseinander wichen. Jetzt war die Ordnung hergeſtellt— die Gäſte der Spelunke begaben ſich theils brummend, theils ſchweigend wieder auf ihre Plätze, und der Haupt⸗ mann überſah mit einem gebietenden Blicke noch einmal die Verſammlung. „Donner und Karthaunen!“ rief er, durch den allmälig zerfließenden Qualm der Stube ſeinen Blick auf den Hochgewachſenen mit dem verwunde⸗ ten Arme werfend,„das iſt ja mein Kriegskamerad, der mich an der Havel,— der mich dort ans Tro⸗ ckene zog— Million Schwerenoth! Bruder Kain! wie kommt Ihr in das verdammte Rattenneſt“— „Sieh' da, Hauptmann Pichowskh,“ rief der Angerufene, indem er ſich ſogleich an dieſen anſchloß, und mit ihm die Spelunke verließ.„Nun, Ihr habt mich ins Teubelhaus beſtellt, und vor lauter Suchen und Fragen nach Eurem Quartier in den obern Räumen bin ich in dieſe Dunſthöhle gerathen, wo ich Intereſſe fand, dieſes Volksleben in ſeiner ur⸗ wüchſigen Natur zu belauſchen, und ein wenig zu hor⸗ chen, was man über die Dinge der Zeit, über die Sache der Katholiſchen und Lutheraner denkt, und 178 260 wie es mit Böhmen ſtehe, ſeit ich das Land verlaſ⸗ ſen habe.“ „O,“ entgegnete der Hauptmann—„ſeit wir uns an der Havel fanden, und Ihr meine Haut ins Trockene brachtet, ſind nun wieder drei Wochen ver— ſtrichen, und ich bin ſeitdem förmlich zur Wache auf den Hradſchin überſiedelt, um meiner Braut näher zu ſein.“ „Am Hradſchin?“ fragte der nunmehr von Piichowskh in der Spelunke wiedergefundene Oberſt⸗ lieutenant. „Ja, unfern dem loblowieiſchen Hauſe am Hrad⸗ ſchin— kommt nur, ich entlaſſe hier meine Traban⸗ ten, und wir gehen durch den neuen hohlen Weg an der Bruska⸗Schanze*), den der Herzog von Fried⸗ *) Ihn ließ Albrecht von Waldſtein im Anfange des drei⸗ ßigjährigen Krieges durch einen gewaltigen Felſen ſpren⸗ gen. In demſelben befindet ſich das berühmte prager Luftwaſſer oder Bruska⸗Salz. Die Zeitſchrift des böh⸗ miſchen Muſeums, Jahrgang 27 Seite 66 ſagt hierüber: „In die Reihe der Panaceen(Univerſalmedizinen), die als Irrlichter nicht lange erſt erloſchen, gehört auch das nächſt Prag aus Bruska's Felſenwänden reichlich auswitternde Salz, vormals unter dem Namen Luftſalz(oder Luft⸗ waſſer, wenn es in einem Waſſer aufgelöſt worden) im 261 dem Bilde des Geſpießten*). Schweigend folgte der Oberſtlientenant ſeinem neuen Kriegskameraden über die große Moldaubrücke auf den Hradſchin— vor dem lobkowiciſchen Hauſe blieb dieſer ſtehen—„Hier,“ ſagte er leiſe, als ob land ausgraben ließ, an der kleinen Kapelle mit In- und Auslande allgemein bekannt— von Tauſenden als Himmelsgabe geprieſen— von Vielen verachtet— von den Wenigſten billig— nur von Einzelnen richtiger beurtheilt. Ueber dieſes Salzes Weſenheit ſtimmen äl⸗ tere wie neuere Meinungen mehr oder weniger mit Seg⸗ nitzens(S. deſſen Arzeneimittellehre vom Jahre 1812, berichtigt und vervollkommnet von Burdach II. Thl. Seite 558) Ausſpruche überein:„Das Luftſalz oder Luftwaſſer, womit vor einigen Jahren ſo großer Unfug getrieben ward, iſt ungeachtet ſeines übermäßigen Preiſes, eine ſchlechte und ekelhafte Bereitung. Nach angeſtellten Prü⸗ fungen großer Scheidekünſtler waren Bitterſalz nebſt etwas Glauberſalz, die Hauptbeſtandtheile dieſes herme⸗ tiſchen Präparates.“ Ueber dieſe merkwürdige Kapelle erzählt Chroniſt Häjek: Um das Jahr 1512 mühten ſich die böhmiſchen Herren mit allem Fleiße, daß ſie die Straßen im Lande voll⸗ ends reinigten, dann ſich noch etliche vom Adel aus den Stegreifen nähreten, deren man dann, am Tage Gregorii, zweene aufm Pohotelec bei Prag auf Pfähle ſiecken und ſpießen laſſen. Nun war dem einen, mit Namen 262 er nun das wichtigſte Geheimniß ſeines Lebens ver⸗ rathen wollte,„hier blüht meine Roſe, nur hat ſich gegenwärtig ein Gifthauch auf ihren Schmelz gelagert, denn meine Huldin von Pernſtein liegt ſeit einigen Tagen krank darnieder.“ Krankhaft faßte der Oberſtlieutenant ſeine Hand. „Nun, ſo nennt mir doch einmal den Namen der Herrlichen,“ drängte er,„dann kann ich ſie hoch leben Chlawec, der Pfahl neben der Achſel hinausgegangen, und der Kopf unverletzt geblieben; dieſer betete mit gro⸗ ßer Andacht bis an den Abend, und des Rachts brach ihm der Pfahl entzwei, zunächſt am hintern; ſo ging er mit dem andern Theil, ſo in ihm ſteckte, bis auf den Hradſchin und legete ſich auf einen Miſthaufen. Des Mor⸗ gens ſtand er auf, und ging in das Haus neben der Kirchen St. Benedikti, ließ ihme einen Prieſter aus der Prieſterſchaft der prager Schloßkirchen holen, und beichtete unſerm Herrn Goit in ſeiner Gegenwart ſeine Sünde mit gro⸗ ßer Andacht, und meldete daneben, daß er ohne Beicht und Empfangnuß des hochwürdigen Sakraments, wie es von der chriſtlichen Kirchen unter einerlei Geſtalt ge⸗ ordnet, keinesweges ſterben könnte, darum, dann(weil) er aus dem Glauben dieſen Gebrauch gehalten, daß er alle Tage Gott dem Allmächtigen zu Ehren ein Ave Maria, und der heiligen Jungfrau zu Ehren hatte er ein kurz Gebetlein täglich geſprochen, und ſei alſo bis auf die Zeit des Vertrauens geweſen, daß er durch 263 laſſen, wenn wir in Eurer Wohnung ein Glas Mel⸗ niker ausſtechen.“ „Donner und Karthaunen,“ rief der Haupt⸗ mann;„da hab' ich Euch ihren Namen noch nicht einmal genannt?— und wir haben doch ſchon ſo⸗ viel über die holdeſte der Huldinnen geſprochen— womit ich,“ ſetzte er betonend hinzu,„jedoch nicht ihre körperlichen Reize, ſondern ihren Seelenadel und ihr herrliches Gemüth meine.“ „Nun, ihr Name,“ drängte der Oberſtlieutenant. dieß Gebetlein, und der heiligen Jungfrau Vorbitt, ohne Empfahung des hochwürdigen Abendmales nicht ſterben werde. Der Prieſter ſprach: lieber Sohn, ſage mir das⸗ ſelbe Gebet, er fing an, und ſprach: Allmächtiger Herr Gott, ich bitte, Du wolleſt mich der heiligen St. Barbara, Deiner Martyrin Vorbitt genießen laſſen, auf daß ich dem ſchnellen Tode entgehen, und vor meinem Ende mit dem hochwürdigen Sakrament verſehen, auch vor allen meinen Feinden, ſichtbaren und auch unſichtba⸗ ren, beſchützt, vor den böſen Geiſtern bewahret, und end⸗ lich zu dem ewigen Leben gebracht werden möchte, durch Chriſtumunſern Heiland und Seligmacher Amen. Nach die⸗ ſem ward ihm vom Prieſter das hochwürdige Sakrament ge⸗ reicht, und iſt desſelben Tages geſtorben, und bei der Kirchen St. Benedikti mit viel Volks Beweinen be⸗ graben worden.“ 264 „Roſa von Pernſtein,“— antwortete der Haupt⸗ mann. Todtenbleich und keines Wortes mächtig, ſtand der Oberſtlieutenant jetzt da—— Eine lange Pauſe trat ein.— „Freund,“ ſagte der Hauptmann,„Euch ſcheint ein plötzliches Unwohlſein zu beſchleichen— dacht' ich mir's doch gleich, daß der ungewohnte ekelhafte Dunſt in der Spelunke des Teubelhauſes auf Eure Nerven übel einwirken würde, ſeht, dort iſt das Häuschen, das meine beſcheidene Wohnung birgt, wir wollen eintreten, daß Ihr Euch erholen mögt.“ „Danke Euch,“ erwiederte der Oberſtlieutenant, „ich muß auf die Berge, ins Hohe,— Ihr habt Recht, mein altes Nervenübel, das mich ſeit dem Kugelſchuß, der meinen Arm zerfleiſchte, häufig be⸗ ſchleicht, fordert Bewegung.“ Er wollte fortſtürmen. Jetzt wendete er ſich wieder, und zog eine rothe Kapſel aus dem Wammſe. „Wenn Ihr zu Eurer Braut geht,“ ſagte er,„müßt Ihr doch der Seltenheit wegen irgendein Andenken aus dem Lande mitnehmen, von dem Ihr wieder⸗ kehrtet. Seht, da iſt eine Kapſel, die ich an den Ufern der Weichſel von einem alten Mönche erkaufte; ſie enthält eine Reliquie; für mich, den Nichtkatho⸗ 265 liken, hat ſie keinen beſondern Werth, aber für Eure Braut, die wahrſcheinlich zu den Katholiſchen zählt, mag ſie Intereſſe haben, bringt ihr das Ding, vielleicht macht es ihr Freude,— und wie ich mir von dem Mönche, dem ich dieſe heilige Reliquie ab⸗ kaufte, ſagen ließ, hat die bloße Berührung derſelben ſchon manche Krankheit geheilt— vielleicht geſun⸗ det auch Roſa von Pernſtein, wenn ſie dieſe Reli⸗ quie empfängt.“ Mit dieſen Worten verſchwand der bleiche Oberſtlieutenant gegen die ſtrahower Seite— der Hauptmann blickte ihm verwundert nach, und hielt die rothe Reliquienkapſel zwiſchen ſeinen Fingern. Fünfzehntes Rapitel. Klein⸗Venedig. Vierzehn Jahre waren ſeit Ottowald's Ver⸗ ſchwinden aus Prag verſtrichen.— Im Hauſe der Frau Polirena von Lobkowic war er von allen, nur nicht von einer vergeſſen worden— Roſa von Pernſtein hielt treu an dem Erwählten ihres Her⸗ zens, und wie ein Heiligthum bewahrte ſie das 266 einzige Schreiben, das ihr ein polniſcher Fahnenjunker, der auf dem Marſche nach Prag kam, geheimnißovoll an der Thüre des Hauſes, wohin er ſie durch einen Diener des Hauſes beſcheiden ließ, überreicht hatte, und welches von Seite Ottowald's neue Verſiche⸗ rungen ſeiner unwandelbaren Treue, und die feſte Zuſage enthielt, daß er, der jetzt an den Ufern der Weichſel verweile, durch die Macht ſeines Degens ſich einen Weg bahnen wolle, der ihn zu hohen Ehren führen, und ihm ermöglichen werde, im Hauſe der Frau Polirena von Lobkowic als ebenbürtiger Freier um Roſa's Hand aufzutreten.— Darum wies Roſa jede anderweitige Bewerbung zurück, und Frau Salome von Herberſtorf grollte mit der Spröden, deren Alter nun ſchon gewaltig gegen die Dreißig vorrückte, daß ſie den Zeitpunkt einer anſtändigen Verſorgung verſäumen würde— während die bei all' ihrer männlichen Feſtigkeit ſanfte und leidenſchaftsloſe Frau Polixena von Lobkowie dieſen Worten die einfache Bemerkung entgegenſetzte: „daß Roſa von Pernſtein vielleicht berufen ſei, eine viel glücklichere Braut des Himmels zu werden!“— Ach, die gute Muhme las in dem Herzen der lieblichen Roſa und ahnte den Grund ihrer Weige⸗ rung gegen jede Verbindung—— das naſſe Auge —— des Mädchens dankte ihr mit einem wehmüthigen Blicke.— Seit den letzten zehn Jahren aber hatte Otto⸗ wald Roſen kein Lebenszeichen mehr gegeben; wohl mochten die Kriegsereigniſſe hieran ſchuld ſein, denn mancher Brief, manche Botſchaft gingen da verloren, wo die Unſicherheit der Boten und Kriegspoſten eine ſo häufige war. Aber andere Geſtirne tauchten mittlerweile auf dem friedlichen Himmel des lobkowiciſchen Hauſes auf. Die wechſelnden Kriegsereigniſſe hatten unter andern Offizieren auch Johann Karl Ptichowskh, den obgenannten Oberſten und Kommandanten eines Kroatenkorps und ſeinen jüngeren Bruder Karl, den erwähnten Qua⸗Hauptmann eines kaiſerlichen Fähnleins, in dieſes Haus geführt. Edel und geſinnungstüchtig, wie beide Brüder waren, fanden ſie im lobkowiciſchen Hauſe bei gleich⸗ geſtimmten Seelen freundliche Aufnahme, und der jugendlich ſchöne Hauptmann Pichowskh der jün⸗ gere, war bald ein Günſtling der beiden Frauen Salome von Herberſtorf und Polirena von Lobkowic, und wäre, wie er es anſtrebte, auch ein Günſtling Roſa's von Pernſtein geworden, wäre nicht das Bild 268 Ottowald's noch immer vor ihrer Seele geſtanden, das keinem andern Gegenſtande Einlaß geſtattete. Innig und wahr war die Liebe, welche Karl von Piichowskh Roſa zollte, ſie fußte auf hoher Achtung ihrer weiblichen Tugend und Frömmigkeit, denn auch die Brüder Pichowskh trugen in ihren Herzen das Feuer des Glaubens, und Sitte und Tugend glänz⸗ ten auf ihrem Wappenſchilde. Willkommen wäre daher Karl von Ptichowskh den beiden Frauen als Bewerber um Roſa's Hand geweſen, aber dieſe, ſo freundlich und ſanft ihr Be⸗ nehmen gegen ihn war, gab ihm auch nicht die ge⸗ ringſte Hoffnung, und wenn Karl von Ptichowskh ſeinem Retter und Waffengefährten in der Herberge an der Havel Roſa als ſeine Braut bezeichnete, ſo ſprach er wohl damit ſeinen eigenen Wunſch, nicht aber den Willen des Fräuleins aus, das ihm noch immer ſo ferne ſtand, als am erſten Tage ſeines Auftretens im lobkowiciſchen Hauſe. Jetzt ſtand Piichowskh vor Frau Polirena, und theilte ihr ſein Zuſammentreffen mit dem Oberſtlieutenant in der Spelunke des Teubelhauſes mit. Aber Frau Poli⸗ rena von Lobkowic ſtand bekümmert und bleich dem Hauptmann gegenüber, und hörte ihn nur mit hal⸗ bem Ohre, denn kummervoll theilte ſie ihm mit, wie 269 Roſa's Uebelbefinden ſeit den letzten Tagen bedenk⸗ licherweiſe zugenommen habe, und— „O,“ fiel ihr der Hauptmann ein,„dafür gibt's Rath, hochedle Frau, da nehmt dieſe Reliquie, die mir mein Kriegskamerad eben gab, und bringt ſie dem Fräulein, die bloße Berührung derſelben kann Geneſung bringen.“ Frau Polirena dankte dem Hauptmanne, und brachte die Kapſel ſogleich ihrer erkrankten Roſa, wor⸗ nach ſie ſich wieder in das Vorzimmer entfernte. Während dem bog die Kranke mit ſchwacher Hand die kleine Kapſel auseinander, ein leiſer Schrei entfuhr ihren Lippen, denn ein kleiner weißer Zettel fiel heraus. „Ein vergeſſener Bettler, las ſie, bittet um ein Almoſen.. „Ottowald!“ hauchte Roſa und ſank auf ihr Lager zurück. Dann erfaßte ſie den Zettel, um ihn zu verbergen, aber ſchon ſiel ihr die Aufſchrift der Kehrſeite in die Augen: In Klein⸗Venedig, ſtand darauf geſchrieben, harrt der Arme mit jeder ſchei⸗ denden Sonne um ſein Almoſen“ Jetzt trat Frau Polirena ins Gemach— Roſa, die kindliche, argloſe, aufrichtige Seele, verbarg zum 270 erſtenmale in ihrem Leben ein Geheimniß, und eine hohe Röthe fuhr in ihrem Antlitze empor. „O, wie Du fieberſt, mein armes, armes Kind,“ klagte Frau Polirena—„geh, Maria, und ſende einen Diener nach dem Magiſter Tomaſon.“ Mit einem unendlich liebevollen Blicke des Einverſtändniſſes entfernte ſich die junge Schweſter aus dem Zimmer. Roſa von Pernſtein aber ſank mit Augen voll Thränen und einem in Fieberhitze glühenden Antlitze auf ihr Kiſſen zurück— und die herzensgute Tante Polirena jammerte wie um Hilfe zu dem ſich all⸗ mälig verdunkelnden Nachthimmel hinaus die Hände ringend:„Mein armes, armes Kind!— O Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden!“— Vier Wochen nach dieſem Begebniſſe ließ ſich ein finſter blickender Mann, der ſeinen rechten Arm in der Binde trug, in einem Kahne vom linken Moldauufer nach einer Inſel hinüberrudern.— Er kam aus der Gegend von Eger, wo er ſein kleines, erſt vor kurzem angekauftes Beſitzthum, von ſchwe⸗ diſchen Roſſeshufen zertreten, verlaſſen hatte. Der Mann war jener verabſchiedete kaiſerliche Oberſtlientenant, der den Hauptmann Ptichowskh aus den Fluten der Havel geriſſen hatte, und hin⸗ „ ———— 271 wieder von ihm in der Spelunke des Teubelhauſes den Händen ſeiner erbosten Gegner entriſſen worden war— es war Ernſt Ottowald, der fränkiſche Ritter, der ſich ſeit vier Wochen täglich nach Klein⸗Venedig hinüberrudern ließ. Dieß Klein⸗Venedig, oder die ſogenannte Schützen⸗ inſel oberhalb der Moldaubrücke, enthielt eine Reihe Lindenbäume, zwiſchen welchen Ottowald, in ſeinen Mantel gehüllt, auf und nieder ging. Jetzt blickte er wieder ſehnfuchtsvoll über den Fluß und ging unruhig auf und ab— aber das, was er ſehen wollte, ließ ſich nicht ſehe Finſter vor ſich hinblickend, ſtand er hinter einer der größten der bereits mit ihrem Frühlingsſchmucke bedeckten böhmiſchen Linden am Eingange eines kleinen Fußpfades, der zur Herberge der Inſel führt. „Sieh' da,“ ſagte er, indem er die in den Baum eingegrabenen Zeichen betrachtete;„ein Kelch und ein Schwert— hatten hier auch die Brüder Kelchner ihr Lager aufgeſchlagen. Grüßt doch dieß Bundeszei⸗ chen heutzutage ſchier von jeder Stelle!“ „Ei freilich, Bruder Ottowaldsky,“ tönte es hinter ihm, und eine derbe Palme ſank auf ſeine Schulter. 22 Der Oberſtlieutenant blickte um,—„Wolsin⸗ skh!“ rief er. „Ja, Dein polniſcher Waffenbruder, Stanislaus Wolsinskh,“ rief der andere, ein hochaufgeſchoſſener junger Mann von etwa dreißig Jahren, mit blitzen⸗ dem Auge, braunem Geſichte und dichtem Barte, der ihm, ſowie ſein enganſchließender, mit braunem Bärenfell verbrämter Reiterrock das Ausſehen eines mannhaften Bärenjägers der nordiſchen Wälder gab. Aus ſeinem braunen Antlitze aber ragte eine hartgebogene lange Naſe hervor, und ſein kleiner zahnvoller Mund hing etwas zu Seite.— So trugen ſeine Züge etwas unheimliches, tückiſches an ſich, er glich mit ſeinem ſardoniſchen Lächeln den ſchiefen Geſtalten, welche die Fauſtſage dem Geiſte der Unterwelt, dem Verſucher des Doktors aller Fakultäten zuſchreibt. „Nun, Bruderherz,“ ſagte er, noch einmal ſeine Rechte ausſtreckend, in welche Ottowald einſchlug, „willkommen in Prag! Wie kommſt Du her?“ „Um das wollt' ich Dich fragen,“ entgegnete Ottowald finſter. „Ha, ha,“ lachte der Pole;„wie ich herkomme? Nun wie der Wind die Flocken, wie das Waſſer die Wellen in alle Winde treibt— kennſt ja Deinen —————— —— ——————— Alexrander; der zählt die Steine vor ſeinen Füßen nicht und lebt juſt eben von heute auf morgen— habe, wie Du weißt, das Erbe meines Vaters Wla⸗ dimir verkauft und verbraucht, und nun geht's fürbaß aus dem kaiſerlichen in das ſchwediſche Lager— ubi bene, ibi patria!“ „Menſch,“ ſagte Ottowald,„Du machſt ja einen Parteigänger?“ Wolsinsth erwiederte trocken:„Wer mehr gibt, der hat mich; laß Dir drob nicht bange werden, mein Jüngelchen, Du kennſt ja die Zeit, ſie iſt eben eine ſolche, wo jeder für ſich ſorgt, und ein Narr iſt, wenn er, ehe er ſeinen Säbel hebt, erſt umſchaut, wem der Herrgott das Rechte an den Sattel ge⸗ knüpft hat— oder haſt Du vielleicht gar ſo horren⸗ des Glück davongetragen, daß Du nur immer einem und demſelben Herrn gedient haſt— haben ſie Dir für den krummen Arm, den Du Dir im kai⸗ ſerlichen Dienſte geholt haſt, vielleicht ein Landgut verſchrieben 2“ „Teufel! Da kommſt Du gerade auf den rechten Punkt,“ rief aufglühend Ottowald.„Sieh', als wir in Polen im letzten Lager auseinanderſchieden, weil mir mein zerſchmetterter Arm vorläufig nicht mehr zu dienen erlaubte, da nahm ich mein blutig 1857 IX. Der Zeſuit. I. 18 274 erworbenes Beute⸗ und ſonſtiges Geld, und kieß mir in der Gegend von Eger, wo ich einſt auf dem Durchmarſche eine reizende Gegend getroffen hatte, durch zweite Hand ein Landgut einhandeln; dort hoffte ich unter meinem jetzigen, in Polen nach Lan⸗ desſitte umgewandelten Namen Ottowaldskh ein ru⸗ higes ſorgenfreies Leben, fern von aller Kriegsnoth und den Wachtfeuern des Lagers zu verleben; wollte mir eine Roſe holen aus den Gärten der Hauptſtadt, eine Roſe ſag' ich Dir, die für mich lange in Prag erblüht war—— aber, Freund Alerander, höre nur— das Landgut, das ich mit meinem letzten Pfennige erkauft hatte, haben mir die Hufe der Roſſe des ſchwediſchen Generals Königsmark zertreten, der eben dort ſein Lager bezog, und die Roſe— nun, die umſchwärmt ein Falter, dem ich die Flügel trocknete, als er ins Waſſer ſiel— kurz, bei dem Mädchen iſt mir in der Zeit von vierzehn langen Jahren, ſeit ich es nicht ſah, ein Nebenbuhler erwachſen, den ich“— „Dem Nebenbuhler eine Kugel in den Leib, und für das von den Schweden verwüſtete Landgut baare Entſchädigung aus der kaiſerlichen Kammerkaſſa — punktum,“ ſagte Alerander Wolsinskh trocken. „Das erſtere muß noch geſchehen,“ erwiederte Ottowaldskh;„das letztere iſt ſchon geſchehen.— — * Vergebens erſchien ich viermal in dem Vorzimmer des Grafen Kolloredo, um nur einige Vergütung meines ohne Verſchulden erlittenen Schadens zu er⸗ betteln, oder, da mein Arm zu heilen beginnt, und ich noch weiter dienen kann, bei der Armee wieder eingereiht zu werden.— Der Adjutant des Grafen, denn ihn ſelbſt bekam ich gar nicht zu Geſicht,— verwies mich auf„ſpäter,“ endlich kam ich vor, und erhielt den erbärmlichen Troſt: daß der Abſchluß des Friedens in Deutſchland nahe ſei, und daß dann alle meine Forderungen ausgeglichen werden würden, ein Troſt, der wahrlich wohlfeil iſt! Man ſcheint meine eigenmächtige Rückkehr aus Polen, obwohl ich vorläufig verabſchiedet bin, als ein Vergehen wider die militäriſche Disziplin zu rechnen, und ſo ich noch länger in den Gemächern des Generals läſtig falle, ſo muß ich beſorgen, daß man meine einſtige An⸗ näherung an die Schweden⸗Sache, als ich ins wald⸗ ſteiniſche Standquartier nach Eger zog, dann aber von kaiſerlichen Reitern verfolgt, raſch nach Polen entfliehen mußte, auswitterte,— wenn man ſie nicht vielleicht ohnedieß ſchon kennt— und mir auch post festum noch den Prozeß macht vor einem kom⸗ pleten Kriegsgerichte.“ „Und bei dieſen herrlichen Erfolgen und Aus⸗ 18˙ ſichten im kaiſerlichen Lager, zögerſt Du noch?“ rief Wolsinsky. „Zu was?“ fragte Ottowaldskh geſpannt. „Narren muß man mit Kolben lauſen,“ ſagte der Pole lachend—„Ottowaldskh, Du biſt ein Narr, wenn Du es noch einen Tag lang mit denen hältſt, die Dich mit Steinen bewerfen, und recht haben ſie, wenn ſie dann mit ihren Kolben über Dich herfahren und Dich über die Klinge ſpringen laſſen.“ „Du meinſt alſo“— fragte Ottowaldskh, raſch die Hand des Polen erfaſſend. „Daß Du ein Schwede werden mußt,“ ent⸗ gegnete Wolsinskh,„ein Schwede ſage ich, wenn ſie Dich als kaiſerlichen Reiter nicht mehr brauchen wollen; glaube mir, auch im ſchwediſchen Lager gibt es gute Sättel, auf denen ſich ein Obriſten⸗ oder Generalspatent erjagen läßt, und kurz, Freund Otto⸗ waldskh, ich werbe Dich hiemit im Namen des Ge⸗ nerals Königsmark.“ „Du— Du biſt alſo“— fragte Ottowaldskh.— „Ein Werber des Generals Königsmark“— fiel der Pole ein. „Oder wohl gar Kundſchafter“— ſagte Otto⸗ waldskh. „Wie Du willſt,“ antwortete der Pole—„jetzt aber ſchlag' ein, Bruderherz, und morgen gehſt Du mit mir ins ſchwediſche Lager, wo Dir jene Ent⸗ ſchädigung im reichlichen Maße werden wird, welche Dir in Prag verweigert wurde.“ „Still, Freund!“ rief Ottowaldskh jetzt plötzlich, „dort naht ſie.“ „Wer?“ fragte der Pole. „Meine Braut, mein einziges Leben, meine Roſa,“ rief Ottowaldskh begeiſtert, indem er forteilen wollte. Wolsinsky aber ergriff ihn bei der Hand.„Das kommt zur ungelegenen Zeit,“ ſagte er;„nun ich will Deine Schäferſtunde nicht ſtören; aber höre, Burſche, morgen mit Tagesanbruch beſuchſt Du mich— ich wohne in dem kleinen Häuschen am Wyösehrad nächſt dem Bade der Libusa.“ Der Pole verſchwand im Geſträuche, und ſchwamm bald der Altſtadt zu, und Ottowaldskh flog auf jene verſchleierte Geſtalt im weißen Kleide zu, welche, von einer ähnlichen begleitet, eben ans Land geſtiegen war, und ihm entgegenſchritt. Zwei Jungfrauen waren es— es war kein Zweifel:„der arme vergeſſene Bettler“ war erhört! Die eie dieſer Mädchengeſtalten ſchritt leiſe auf Ottowaldskh zu— jetzt hob ſie ihren Schleier, 278 und das anmuthſtrahlende Bild Roſa's von Pern⸗ ſtein, ganz ſo, wie er ſie vor vierzehn Jahren in Prag an der Veitskirche zum letztenmale geſehen hatte, ſtand vor ihm— die Jungfrau war nicht gealtert, im Gegentheile ſchöner, lieblicher, friſcher ſchien ihr Auge als damals, wo ſie von dem Liebling ihrer Seele thränend Abſchied genommen hatte. Jetzt flog er voll heißer Liebe und unnennbarer Sehnſucht auf die Braut ſeines Lebens zu—„Roſa! meine angebetete herrliche Roſa, Engel meines Lebens, Du mein Ein und mein Alles,“ rief er, zu ihren Füßen hin⸗ ſinkend—„nicht mehr ein vergeſſener Bettler liege ich vor Dir, nein, der Glücklichſte der Glücklichen!“— Aber das Mädchen zog ihre weiche Hand aus der ſeinen zurück.—„Nicht Roſa,“ lispelte ſie— „dort harret die kranke Schweſter des Mannes, dem ſie alles zum Opfer bringt, indem ſie in dieſer Stunde an dieſem Orte erſcheint.“ Ottowaldsky ſprang zitternd vor dieſer Ueberra⸗ ſchung empor,— ſchon ſtand er vor der andern Mädchengeſtalt, welche faſt ohnmächtig an der Linde lehnte, und nun mit dem durch Thränen erſtickten Ausrufe:„Mein Ernſt!“ in Ottowaldsky's Arme ſtürzte. Der Mond trat in ſeiner vollen Schönheit durch 279 die nahende Wolke, und hinter dem zurückgedrängten Schleier erblickte nun Ottowaldskh das Bild— das wahre treue Angeſicht ſeiner Roſa von Pernſtein— bleich, krank, abgehärmt, gealtert, wie es der Gang der Zeit nach vierzehn in unterdrückter Sorge um den Liebling ihrer Seele verlebten Jahren mit ſich brachte, und dunkle braune Flecken— die Merk⸗ male einer ſchwer überſtandenen Pockenkrankheit— waren nicht geeignet, die ſchwindende, ja leider ſchon geſchwundene Schönheit des armen Fräuleins wieder⸗ zubringen... Strahlend, wie eine aufgeblühte Knospe ein zweites jugendfriſches Doppelbild der einſtigen Schön⸗ heit ihrer Schweſter, ſtand Maria von Pernſtein, die kaum zweiundzwanzigjährige Jungfrau an der Seite Roſa's. Ottowaldsky's Blicke brannten auf ihrem Antlitze, während ein flüchtiger Kuß und trauriges Schweigen nach der erſten feurigen Begrüßung Roſa's ſcharfem Blicke ſogleich die Geſchichte von einem verlorenen Herzen erzählten... In der That war in dem beweglichen Gemüthe Ottowaldskh's in dieſem Augenblicke ein bedeutender Wechſel vorübergegangen.— Er, der Mann des Angenblickes, der Sohn des Zufalles, und der Schick⸗ ſalslaunen, nicht ohne edle Seiten ſeines Herzens, tapfer auf dem Felde der Schlacht, wie kühn auf dem Felde der Liebe, aber reizbar und beweglich, wie kaum ein zweiter ſeines Standes, hatte vierzehn Jahre das Bild ſeiner Roſa im Herzen getragen; je ferner der Beſitz Roſa's ihm lag, deſto ſchöner hatte ihm die Phantaſie ihr Bild ausgemalt— nun ſah er ſie... ſah die Wirklichkeit, ſtatt der friſchen Roſe der Vergangenheit, eine bleiche Todtenblume der Gegenwart— wie ein kalter Tropfen ziſchte es auf das heiße Eiſen ſeiner Leidenſchaft—— Maria, Maria allein ſchwebte im ganzen ſtrahlenden Glanze ihrer Jungftäulichteit und erſten Jugendſchöne vor ſeinen Augen, und Roſa, um die er wie Jakob ſieben und abermals ſieben Jahre in der Ferne gedient, gekämpft, gelitten hatte, war zur bleichen Lea gewor⸗ den, ſie ſenkte thränend ihr ſanftes Auge,„Ernſt,“ lispelte ſie,„v mein einzig geliebter Freund, welch' lange Zeit liegt zwiſchen unſerer Trennung, und un⸗ ſerem Wiederſehen— und keine Nachricht, keinen Laut hatte Ernſt Ottowald für ſeine Roſa während dieſer langen, langen Zeit!“ Die bleiche Jungfrau blickte hier ihrem wiedergefundenen Freunde ins Auge. Ottowald faßte ihre kalte Hand, auf die er ————————— 281 ſeine Lippen drückte, während ſein Auge unwillkür⸗ lich von der traurigen krankhaften Geſtalt ſeiner Roſa auf das lebensfriſche Antlitz der holden Maria hin⸗ überglitt. Ein ſchmerzlicher Zug trat auf ſein Antlitz; Roſa hatte ihn bemerkt; ihr Auge war dem ſei⸗ nen gefolgt; ſie ſchauerte zuſammen, der Gedanke, den Einziggeliebten ihres Herzens in dem Augen⸗ blicke verloren zu haben, in welchem ſie ihn wieder⸗ gefunden hatte, trat mächtiger vor ihre Seele. „Roſa, Du zitterſt, armes krankes Kind,“ ſagte Ottowaldsky, Roſa's eiskalte Hand in der ſeinen haltend. Die bleiche Jungfrau lächelte unter Thränen, und ſchüttelte das Haupt. Jetzt trat Maria näher;„Schweſterchen hat erſt geſtern das Krankenlager verlaſſen,“ ſagte ſie zu Ottowaldskh—„ich widerrieth ihr ernſtlich dieſen Ausgang, allein die Sehnſucht, Euch, Herr von Otto⸗ wald, zu ſehen, ließ ihr keine Ruhe mehr— und nun, arme Roſa, wirſt Du das Wagniß mit dem wiederkehrenden Schmerzenslager büßen.— O meine arme, arme, Schweſten!“ Das ſchöne Mädchen brach in Thränen aus. Ottowaldsky's Ange lag flammend auf dem in ſei⸗ nen Thränen noch einmal ſo ſchönen Mädchen— lautlos ſtarrte er vor ſich hin. 282 Jetzt wandte ſich die bleiche, zur leidenden Mag⸗ dalena gewordene Roſa zu Marien,„laß uns um⸗ kehren, Schweſter,“ lispelte ſie mit jener Seelenſtärke, welche die ganze Ergebung in das Schickſal ihrer in dieſem Augenblicke zertrümmerten Lebenshoffnung ver⸗ rieth,„Du ſiehſt es ja, aus Groß⸗Venedig, deſſen Bild uns einſt bei dem hohen Rabbi zuſammenführte, iſt Klein⸗Venedig geworden“... Krankhaft preßte die bleiche Roſa ihre zitternde Hand auf das gebrochene Herz— ihre Faſſung war vorüber— brennender Schmerz der getäuſchten Liebe, und krankhafte Körperſchwäche riſſen die Leidende nieder, ohnmächtig ſank ſie ihrer Schweſter in die Aie „Herr! Gott! im Himmel! ſie ſtirbt— Roſa, meine Roſa!“ rief Ottowaldskh. Aber ſchon eilte auf Mariens Wink jene Die⸗ nerin herbei, welche die beiden Mädchen auf die Inſel begleitet, und im Nachen am Inſelſtrande gewartet hatte. In wenig Minuten ſchwamm dieſer der Klein⸗ ſeite zu, während Maria und ihre Dienerin bemüht waren, Roſa mit den der Vorſicht wegen mitge⸗ nommenen Stärkungsmitteln wieder ins Leben zu erwecken; Ottowaldskh aber, lautlos am Inſelſtrande * „ * 283 ſtehend, dem entgleitenden Kahne nachſchaute— dann aber wie Bruder Kain, in das Dickicht der Inſel zurückſtürmte, um mit dem ſein bewegliches Heiz zerreißenden Gefühle der Reue, und der neuen brennenden Liebe einen mehrſtündigen nächtlichen Rieſenkampf auszukämpfen, den er in ſeinem vielfach bewegten Leben bisher noch nicht gekämpft hatte. Am Felſendome des alten Hradſchin klirrte der böhmiſche Löwe, und kehrte ſein vergoldetes Rieſen⸗ bild, vom beginnenden Wetterſturme erfaßt, nach einer andern Seite. Ende des erſten Bandes. Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. ſien 4 15 16 17 18 10 11 n 8 u 9 12 13 1