ek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. S 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 5 Mt.— Pf. 1 Wet. 50 Pf. 2 Vek.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre Se Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſigelet und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Fabian und Sebaſtian. Zuͤge und Schilderungen aus dem Leben K. G. 4 Leipzig, bei Gerhard Fleiſcher. 8 4 — Fabian und Sebaſtian. Die weißen Maͤuſe. Shn dem fruͤheſten Morgen hatte Se⸗ baſtian Sendler in ſeinem kleinen aͤrmli⸗ chen Wohnſtuͤbchen am Schreibtiſche geſeſ⸗ ſen und mit unablaͤſſigem Eifer darauf hingearbeitet, die Abſchriften zu Stande zu bringen, die ihm vom Prokurator Heis⸗ feld zur Ausfertigung waren uͤbertragen worden. Zetzt, mit Einbruch der Daͤm⸗ merung, legte er die Feder nieder, trat ans Fenſter und ſchaute mit dem behag⸗ lichen Gefuͤhl der vollbrachten Berufs⸗ pflicht ſchweigend nach dem engen duͤſtern Hofwinkel hinaus, der, rings von al⸗ tem Gemaͤuer eingeſchloſſen, ſeinen Blik⸗ ten ſich darſtellte.„Wie freundlich hat 1* 4 der Hoͤchſte fuͤr mich geſorgt!“ dachte er bei ſich ſelbſt.„Wie glͤcklich bin ich vor ſo vielen Tauſenden, daß mein Ge⸗ burtstag gerade auf den Chriſtabend faͤllt! Mag er auch, wie es heute wieder der Fall geweſen, im leidigen Drange des Broterwerbes mir noch ſo ſchaal und freudenleer verſtreichen; ſteht mir dann des Abends, zu feſtlicher Erhebung des Gemuͤthes, doch immer die Chriſtmette bevor! O wie ſchoͤn und herrlich iſt es, im hellheitern Glanze der Wachslichter zu ſitzen, den Klang des Cymbelſternes zu vernehmen, in frohliche Hoſiannah der verſammelten Gemeinde mit einzu⸗ ſtimmen, und mit der feierlichen Erin⸗ nerung an die Geburt des Erloͤſers zu⸗ gleich den Gedanken zu verbinden, daß der naͤmliche Tag auch mich und mei⸗ nen Zwillingsbruder Fabian ans Licht der Welt gerufen!“ —, 5 Waͤhrend er mit ſtillem Ergötzen die⸗ ſer Vorſtellung ſich uͤberließ, knarrte von Zeit zu Zeit der obere Fluͤgel der ſeit⸗ waͤrts befindlichen Hofthuͤr, und es zeig⸗ ten ſich mehrere blondlockige Kinderkoͤpfe, welche mit verſtohlner Begierde nach Se⸗ baſtians Fenſter guckten, jedes Mal, ſo oft ſie ſeiner anſichtig wurden, erſchrok⸗ ken zuruͤckprallten und doch ſchon im naͤchſten Augenblick, vom ungeduldigen Verlangen getrieben, wieder zum Vor⸗ ſchein kamen. Ohne die kleinen Laurer zu bemerken, erinnerte ſich Sebaſtian, wie es dunkſ und dunkler zu werden anfing, von ſelbſt des Verſprechens, das er ihnen geleiſtet. Allmaͤlig von weh⸗ muͤthigern Regungen ergriffen, verließ er ſeinen Standpunkt, wiſchte ſich die Augen und ging nach der Kammer hin⸗ aus⸗ wo die Mutter lag, die, nach „ langwierigen ſchweren Leiden, vorgeſtern 6 in ſeinen Armen ſanft verſchieden war. Mit einem ſchmerzlichen Laͤcheln faßte er die erſtarrte Hand der Entſeelten, druͤckte ſie an ſein Herz und ſagte: Du haſt ausgekaͤmpft, Muͤtterchen, und dir iſt wohl geworden auf immerdar! Ei, wie warſt du ſonſt an dieſem Abend ſtets ge⸗ ſchäftig, mir eine Freude zu machen! Wie darbteſt und ſparteſt du im Stillen ſchon lange vorher, um deinen Sebaſtian zum Chriſtfeſt mit irgend einer unerwar⸗ teten Gabe zu uͤberraſchen! Wirſt du mir zuͤrnen, wenn ich in deine Fußta— pfen trete, und in dem Pergnuͤgen, das ich Andern bereite, meine eigne Luſt fin⸗ de? Nein, nein! Du laͤchelſt noch ſo mild und liebevoll, wie du es im Leben gethan. Dein ſeliger Geiſt wird verzei⸗ hend hernieder blicken auf das hier verun⸗ ſtaltete Beſcherungsfeſt, und weder durch die Mitfreude des Gebers, noch durch ——— — 6 das Wohlbehagen der Empfaͤnger ſich ge⸗ kraͤnkt fuͤhlen; wenn letzteres auch mit einigem froͤhlichen Laͤrm verbunden ſeyn ſollte!“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen und das Geſicht der Entſchlafenen ſorg⸗ faltig mit dem Leichentuch wieder ver⸗ huͤllt hatte, holte er einen, fuͤr den be⸗ abſichtigten Zweck herbei geſchafften jungen Tannenbaum aus dem Winkel hervor, verſah ihn mit den Endchen eines zer⸗ ſchnittenen Wachsſtockes und ſtellte ihn mitten auf den Tiſch hin. Hierauf brachte und regelte er die Geſchenke und Spielſachen, die er theils in muͤßigen Stunden mit eigner Hand verfertigt, theils vom ſauern und kaͤrglichen Ge⸗ winn ſeines Fleißes nach und nach ange⸗ kauft und den Kindern ſeiner Hauswir⸗ thin, einer armen Witwe, von welcher er bei der Pflege ſeiner Mutter immer 8 auf das bereitwilligſte unterſtutzt worden war, zur Weihnachtsgabe beſtimmt hatte. Als er mit Fill geſchaͤftigem Eifer Alles in Ordnung gebracht, verſchloß er den Fen⸗ ſterladen und begann die Wachslichter anzuzuͤnden. In eben dem Maße, wie das oͤde, ſonſt nur vom matten Schein der Hellampe ſpaͤrlich erleuchtete Gemach, ſich mit immer blendenderem Schimmer zu erfuͤllen anfing, erheiterte ſich ſein verduͤſtertes Herz, und bald waren Kum⸗ mer und Truͤbſinn, die beim erneuerten Anblick der Verblichenen von ihm Beſitz genommen, wieder bis auf die letzte Spur aus ſeinem Innern verſchwunden. Bevor er aber die mit zitternder Erwar⸗ tung im Hinterhalt lauernden Kleinen zum Anſchauen des hier verbreiteten zau⸗ beriſchen Feſtglanzes und zur Empfang⸗ nahme der ihnen zugedachten Gaben her⸗ bei berief, blieb er mit verſchraͤnkten Ar⸗ N 2 9 men noch einige Augenblicke lang an der Thür ſtehen, heftete die feuchten Blicke auf den ſtralenden Chriſtbaum und dachte ſich in die Zeiten zuruͤck, wo auch er mit ſeinem Bruder Fabian in der dun⸗ kelſten Ecke der Hausflur geſtanden, und mit klopfendem Herzen und brennend vor Ungeduld, dem Ruf der Mutter entge⸗ gen gehorcht, bis dieſer endlich erſchollen, die Wohnſtube gesffnet worden und der nach außen ſtroͤmende geheimnißvolle Schimmer, wie ein Lichtſtral aus himm⸗ liſcher Herrlichkeit, den entzuͤckten Augen erſchienen ſei.„Wehe dem Menſchen, der an dieſem hellſten Punkt der Kindes⸗ freude nicht noch im ſpaͤteſten Greiſesal⸗ ter ſich zu ergoͤtzen vermag!“ ſagte Se⸗ baſtian und ging hinaus, um dem har⸗ renden Voͤlkchen das verabredete Zeichen zu geben. Alsbald ward es im Vorder⸗. grunde des Hauſes laut und lebendig; 10 eilfertige Schritte naͤherten ſich, und taub fuͤr das Gebot der zur Mäßigung und Beſcheidenheit ermahnenden Mutter, ſtuͤrmten und ſtolperten mit kreiſchendem 3 Zubel die fuͤnf Glucklichen herbei, um die bunten Schaͤtze, die der freundliche Weihnachtsmann ihnen zugedacht, zu durchmuſtern und ſich anzueignen. Vom vollen Glanze des Chriſtbaums uͤberſtralt, ſtand Sebaſtian in ſeinem abgetragenen Tuͤffelrock wie von einer Glorie umge⸗ ben. Mit heiterm gutmuͤthigen Laͤcheln nickte er den eintretenden Kindern ſeinen Gruß entgegen, und nachdem er ein paar Minuten lang mit ruhigem Behagen an der ſtummen Verwunderung ſich gewei⸗ det, in welche, beim erſten Anblick des hier herrſchenden ungewohnten Prunkes, ihr wildes Jubelgeſchrei ſich ploͤtzlich ver⸗ lor, hieß er ſie naͤher treten, um die lockenden Feſtgeſchenke, deren jedes mit 11 dem Namen ſeines neuen Eigenthümers bezeichnet war, in Beſchlag und Beſitz zu nehmen. „O mein beſter Herr Sendler!“ ſagte die geruͤhrte Mutter, indem ſie, nach Verſendung eines fluͤchtig forſchenden Blickes, dem mildthaͤtigen Gabenverthei⸗ ler dankbar die Hand druͤckte.„Wie mancher Schweißtropfen mag Ihnen uͤber der Zuruͤſtung fuͤr den heutigen Abend von der Stirn gefloſſen ſeyn! Wie manche bittre Entbehrung mag Ihnen der Ueberfluß gekoſtet haben, mit wel⸗ chem Sie meine armen Kinder erfreuen! Ich weiß gar wohl, wie ſchwer es Ih⸗ nen wird, den noͤthigen Lebensunterhalt zu gewinnen; wie Sie auf jedes Ver⸗ gnuͤgen, in welchem Andre Ihres Alters Zerſtreuung und Aufheiterung ſuchen, Verzicht leiſten; wie Sie ganze Naͤchte hindurch mit der Feder in der Hand hin⸗ 12 ter der Hellampe zubringen, und ſich ſogar des Sonntags keine Ausnahme von der gewohnten Regel vergoͤnnen! Es kommt zwar niemals eine Klage uͤber Ihre Lip⸗ pen, Ihre Mienen und Geberden blei⸗ ben immer dieſelben, und wer aus Ih⸗ rem ſtets heitern und zufriednen Geſicht auf Ihre häuslichen Umſtaͤnde ſchlöſſe, ſollte glauben, daß es in Betreff der ir⸗ diſchen Gluͤcksguͤter aufs Beſte mit Ih⸗ nen beſtellt ſei. Aber keinesweges iſt dieß der Fall, ſondern, aus der Hand in den Mund! heißt es bei Ihnen, wie bei mir! Drum muß ich, in der Ue⸗ berzeugung, daß Sie den zum Beſten meiner Kleinen gemachten Aufwand ſich ſelbſt muͤhevoll entzogen und abgedarbt, mir es faſt zur Suͤnde anrechnen, mich Ihrer gutmuͤthigen Abſicht nicht ſo⸗ gleich auf das ernſtlichſte widerſetzt zu haben!“ 13 „Liebſte Frau Wallmuth!“ rief Se⸗ baſtian mit Eifer und Unwillen.„So ſtimmen Sie doch zum heiligen Chriſt⸗ abend, der nur durch Jauchzen und Frohlocken gefeiert ſeyn will, keine ſo klaͤgliche Litanei an! Sie irren, wenn Sie der Meinung ſind, daß mir die Beſorgung dieſer Gegenſtaͤnde, die ja meiſtentheils aus luftigem Spiel⸗ und Flitterkram beſtehen, nur im geringſten Opfer und Ueberwindung gekoſtet! Er⸗ ſcheint aber Alles praͤchtiger und koſtbarer, als es iſt, ſo ruͤhrt dieß nur vom Fun⸗ keln des Chriſtbaumes her! Uebrigens kann ich mich gar nicht erinnern, daß Sie jemals auf aͤhnliche Weiſe ſich be⸗ denklich und ſchwierig zeigten, wenn ich der kranken Mutter wegen gerannt kam, um bald zu dieſer, bald zu jener Dienſt⸗ verrichtung Ihre gefaͤllige Beihuͤlfe in Anſpruch zu nehmen!“ 14 „Gott verleihe ihr den ewigen Frie⸗ den!“ fuhr jene mit tief bewegtem Ge— fuͤhl zu ſprechen fort.„Und auch an Ihnen moͤge, zum immer ſchoͤnern Lohn Ihrer mildherzigen Geſinnung, ſeine Huld und Fuͤrſorge ſich bewaͤhren!“ Die Kinder waren mittlerweile, un⸗ bekuͤmmert um das in ihrer Naͤhe Statt findende Geſpraͤch, nur mit Beſichtigung und Belobung der ihnen zugefallenen Spenden beſchaͤftigt geweſen, und die Freude, welche ſie beim Eintritt in die Stube nur durch ein lautloſes Erſtaunen auszudruͤcken vermocht, fing allmaͤlig an, auf lebhaftere und geraͤuſchvollere Weiſe ſich kund zu geben. Dem aͤmſig wiederholten Winken und Rufen Gehoͤr ſchenkend, naäherte ſich die Mutter end⸗ lich dem Tiſche, um die Preis gegebenen Herrlichkeiten, in deren Vorzeigung Ei⸗ nes dem Andern zuvor zu kommen ſuchte, —— 15 der Reihe nach in genauern Augenſchein zu nehmen und an dem Wonnetaumel der froͤhlichen Empfänger Sinn und Gefuͤhl zu ergoͤtzen. Auch Sebaſtian ermannte ſich bald wieder aus der Verſtimmung, in die er durch die ſo ganz zur Unzeit ange⸗ brachten leidigen Bemerkungen der Witwe gerathen war. Mit kindlichem Wohlgefal⸗ len miſchte er ſich unter die Kleinen, ſuchte ſich in ihren Gemuͤthszuſtand zu verſetzen, und machte ſo ganz ihr harm⸗ los unbefangenes Weſen und Benehmen ſich zu eigen, daß es faſt den Anſchein gewann, als ob auch er in ihrer Ge⸗ fellſchaft dem Beſcherungsfeſt begierig entgegen gelauert, an ihrer Seite den Schauplatz erſtuͤrmt, und freudig uͤber⸗ raſcht ſich mit ihnen in die vorhandne lockende Beute getheilt habe. Die liebliche Taͤuſchung, welcher er ſich dahin**n ward jedoch nur zu 16 bald und auf die peinlichſte Weiſe wieder zerſtöͤrt. Denn als er eben dem juͤngſten unter den Knaben ſich ſpielend beigeſellt und gemeinſchaftlich mit ihm ein anſehn⸗ liches Heer von Bleiſoldaten in Schlacht⸗ ordnung zu bringen begonnen hatte, ſprang plotzlich die Thuͤr auf und ſchauerlich beleuchtete der hinaus fallende Lichtſchimmer den fertiggewordenen Sarg, der fuͤr die Verſtorbene herbei geſchafft wurde. Alsbald erloſch, von Sebaſtians zitternder Hand ertodtet, der Glanz des Chriſtbaumes; duͤſter ward es umher und in freudloſe Stille verſank der rege Jubel, der noch wenige Augenblicke vor⸗ her das Gemach erfuͤllt hatte. Beſturzt und betreten packten die Kinder, auf das leiſe Gebot der Mutter, die ihnen zu Theil gewordnen Geſchenke zuſammen, reichten dem, zu ernſterm Geſchaͤft er⸗ mahnten Verleiher derſelben mit mißlin⸗ 17 genden Dankesverſuchen die Hand und ſchlichen ſcheuen und aͤngſtlichen Blickes eines nach dem andern davon. Jetzt ruͤckte Sebaſtian, um fuͤr die Aufnahme des Sarges den noͤthigen Raum zu ge⸗ winnen, den Tiſch wieder nach der ent⸗ ferntern Wandecke, baute aus den vor⸗ handenen hoͤlzernen Seſſeln in ſchweigen⸗ der Geſchaͤftigkeit ein Fußgeſtell zuſam⸗ men, und winkte den vor der Thuͤr har⸗ renden Traͤgern, naͤher zu treten. Ver⸗ geblich blieben die Gegenvorſtellungen, welche die Witwe beim Anblick dieſer Zu⸗ ruͤſtungen zu erheben begann, indem ſie ihm zu dieſem Behuf einen Platz im ge⸗ raͤumigern Vorderhauſe vorſchlug; Seba⸗ ſtian wies ihr Anerbieten hartnäckig zu⸗ ruͤck und erklaͤrte, daß es ſein feſter Ent⸗ ſchluß ſei, ſich nicht von der Entſeelten zu trennen, ſo lange ſie noch ſich uber der Erde befinde. Bald war das duͤſtere 2 18 Werk, zu deſſen Volffuͤhrung die Anwe⸗ ſenden ſich vereinigten, zu Stande ge⸗ bracht. Das Wohngemach hatte ſich in ein Todtengewoͤlbe verwandelt, und an der Stelle, wo noch kurz zuvor mit hell⸗ freudigem Schimmer der Chriſtbaum ge⸗ prangt, ſtand der dunkle Sarg, welcher, in ernſter Hindeutung auf den Wechſel der Erdenbilder, die ſterblichen Ueberre⸗ ſte der Verblichenen umſchloß. Nicht ohne die merklichſten Spuren von innrer Verlegenheit und Verwirrung warf Sebaſtian jetzt einen Blick auf die Tiſchlerrechnung, die ihm, unter Hinzu⸗ fuͤgung des kurzen und gemeſſenen Be⸗ ſcheides uͤberreicht wurde, daß ſie, der herkoͤmmlichen Ordnung gemaͤß, ſogleich berichtigt werden muͤſſe. Wie waͤre es ihm moͤglich geweſen, dieſem Verlangen Folge zu leiſten, da ſeine Baarſchaft durch den Ankauf der ſo eben ehrj 19 Weihnachtsgeſchenke ſich leider bis auf den letzten Heller verſplittert hatte! Ein unter den hier obwaltenden Verhaͤltniſſen hoͤchſt widerwaͤrtiger Umſtand! Denn alle ſeine Beredſamkeit mußte er aufbie⸗ ten und nur mit Muͤhe gelang es ihm, die trotzig rohen Anforderer durch die wiederholte feierliche Verſicherung, daß er unfehlbar in der Fruͤhe des naͤchſten Morgens bei dem Meiſter ſelbſt mit der Bezahlung ſich einfinden wolle, endlich zu beſchwichtigen und zum Weichen zu bringen. Dieſer ſo ganz in der Naͤhe der Verſtorbenen ſich ereignende Auftritt verletzte und kränkte ſein Gefuͤhl um ſo tiefer, da auch die Witwe noch zugegen war, welche durch den Inhalt des ent⸗ ſtehenden Wortwechſels ihre„fruͤherhin geaͤußerten Zweifel und Bedenklichkeiten nur zu unverkennbar gerechtfertigt finden mußte. um ſich ihren erneuerten Vor⸗ 2* 6 20 wuͤrfen zu entziehen, raffte er ſchnell die Papiere zuſammen, durch deren Abliefe⸗ rung er alsbald zur Erfuͤllung ſeiner Zu⸗ ſage zu gelangen hoffte, ſchob zugleich, zum Beſuch der Chriſtmette ſich ruͤſtend, das Geſangbuch in die Taſche, eilte von dannen und ſchlug muntern Schrittes durch das ihn umringende naͤchtliche Schneegeſtoͤber dahin trabend, nach der Behauſung des Prokurators ſeinen Weg ein. Sämmtliche Bewohner derſelben be⸗ fanden ſich bereits in der Kirche; nur Dorothea, eine arme Waiſe und ent⸗ fernte Verwandte des Prokurators, war als Huͤterin des Hauſes zugegen. Aus chriſtlicher Milde und Barmherzigkeit hatte jener, nach dem Tode ihrer Ael⸗ tern, ſie zu ſich genommen, und dadurch * 2 nicht allein vor den Augen der Welt dem Rufe des Gewiſſens Genuͤge ge⸗ than, ſondern zugleich an ihr eine tuͤch⸗ tige Dienſtmagd gewonnen, welcher er keinen Lohn zu entrichten brauchte. Ein⸗ ſam ſaß ſie vor dem Kaminfeuer in der Wohnſtube, hatte die Stirn in die Hand geſtuͤtzt und weinte ſtill vor ſich nieder. Sebaſtians eilfertiges Erſcheinen unter⸗ brach ihr truͤbes Gedankenſpiel. Sicht⸗ bar uͤberraſcht ſprang ſie auf, trocknete ſchnell ihre Thraͤne und ging, die Spu⸗ ren ihres heimlichen Grames unter ei⸗ nem erzwungenen Laͤcheln verbergend, dem Eintretenden entgegen. Aber erſchrocken wich ſie zuruͤck, nachdem ſie ihn etwas ſchaͤrfer ins Auge gefaßt hatte. „Mein Gott im Himmel!“ rief ſie ihm zu.„Kaum haͤtte ich Sie wieder erkannt. Wie ſehen Sie aus, Sendler! Ganz todtenbleich und abgezehrt iſt ja 22 Ihr Geſicht, als ob Sie eben aus dem Grabe herauf kaͤmen. Was iſt mit Ih⸗ nen vorgegangen?“ „Ich faͤhle mich doch ganz munter und wohl!“ verſetzte er mit ruhig freundlicher Miene.„Es mag die an mir bemerkte Geſichtsblaͤſſe wohl nur von den vielen und anhaltenden Nacht⸗ wachen herruͤhren, die es in der letzt verwichenen Zeit fuͤr mich gegeben. Sie wiſſen vielleicht noch nicht, werthes Dor⸗ chen, daß die Mutter, nachdem ſie Jahr und Tag elend darnieder gelegen, nun endlich ausgerungen und ihr ſchmerz⸗ volles Daſeyn geendigt hat!“ „Wohl ihr, daß die Leiden voruͤber ſind!“ ſagte Dorchen.„Ich habe oft im Stillen fuͤr ſie gebetet, da es mir nun ein Mal nicht vergönnt war, ihr meine Theilnahme thaͤtiger an den Tag zu le⸗ gen. Ach, ich uͤberzeuge mich mehr und 23 mehr, daß die Todten nur zu beneiden und gluͤcklich zu preiſen ſind.“ „Ei nun, das Leben hat ſchon auch ſein Angenehmes!“ entgegnete Sebaſtian, indem er einen zweifelhaft forſchenden Blick auf ſie heftete.„Wie der Geiſt mitunter von Kummer und Truͤbſal um⸗ woͤlkt wird, ſo kommen, wenn man den Wechſel nur geduldig abwartet, end⸗ lich auch hellere Augenblicke an die Rei⸗ he, die fuͤr das erlittene Ungemach ent⸗ ſchaͤdigen und Alles wieder gut machen! Ich will mich uͤber den Mißmuth, der aus Ihren Geberden und Worten ſpricht, aller unbeſcheidenen Fragen enthalten; aber er ſcheint nicht bloß von voruͤber gehenden Urſachen herzuruͤhren, ſondern zur herrſchenden Seelenſtimmüng bei Ih⸗ nen geworden zu ſeyn, und um ſo mehr muß dieſe gaͤnzliche Umgeſtaltung Ihres Weſens mir auffallen, indem ich mir 4 unſre Schuljahre ins Gedaͤchtniß zuruͤck rufe. Damals haͤtte man nicht vermu— thet, daß Ihre froͤhliche Gemuͤthslaune jemals einer ſolchen Veraͤnderung faͤhig waͤre!“ „Ach ich habe keinen Freund, keinen Vertrauten, dem ich recht umſtaͤndlich eroͤffnen koͤnnte, welcher traurige Wech⸗ ſel ſeitdem in meiner Lage vorgegangen iſt, und wie ſich dieſe von Tag zu Tag verſchlimmert!“ erwiederte die Bedraͤngte. „Nicht uͤber die muͤhſeligen und harten Arbeiten, die man mir aufbuͤrdet, will ich mich beſchweren; aber die veraͤchtliche Begegnung und die kraͤnkenden Vorwuͤr⸗ fe, die ich fruͤh und ſpaͤt erdulden muß, dieſe ſind es, die mir das Leben verbit⸗ tern und verleiden! Auch darf ich nicht darauf rechnen, jemals einer gelinderen und glimpfücheren Behandlung theilhaft zu werden! Meine Peiniger wiſſen nur 25 zu wohl, daß ich in meiner huͤlfloſen Verlaſſenheit keinen Anhalt weiter in der Welt habe, und daß ſie daher ohne Scheu und Schonung mir Alles bieten koͤnnen, was ihren Sinn geluͤſtet!“ „Iſt es moglich!“ rief Sebaſtian mit lebhaftem Erſtaunen.„Eine Fami⸗ lie, die den groͤßten Theil ihrer Zeit auf Andachtsuͤbungen verwendet, bei jeder Gelegenheit einen bibliſchen Spruch im Munde fuͤhrt und nur in geiſtlichen Ge⸗ ſaͤngen zu leben und zu athmen ſcheint, kann gegen eine arme Verwandte ſich ſolcher ſchnoͤden Gewiſſenloſigkeit ſchuldig machen? Meine Bekanntſchaft in die⸗ ſem Haufe iſt zwar noch in ihrem Ent⸗ ſtehen begriffen, und nur flͤchtige Be⸗ obachtungen haben mir bis jetzt zu Ge⸗ bot geſtanden; aber nimmermehr haͤtte ich das geglaubt!“ „Sie werden ſich fruͤh genug von 26 der Wahrheit meiner Ausſage uͤberzeu⸗ gen!“ fuhr jene fort.„Und ich will nur wuͤnſchen, daß dieß niemals zu Ih⸗ rem eignen Nachtheil geſchehen möge! Gewiß wird es Ihnen nicht einen Au⸗ genblick zweifelhaft bleiben, wie bemit⸗ leidenswerth mein Schickſal iſt, wenn Sie erſt den ſchmutzigen Geitz des Pro⸗ kurators, die gleisneriſche Scheinheilig⸗ keit ſeiner Frau und den Hochmuthsduͤn⸗ kel ſeiner beiden Toͤchter etwas naͤher kennen gelernt haben. Der Himmel weiß, daß ich nicht aus verleumderiſcher. Abſicht ſolche Anſchuldigungen laut wer⸗ den laſſe! Immer ward beim tiefſten Seelenkummer das unverbruͤchlichſte Still⸗ ſchweigen von mir beobachtet, und noch hat Niemand oine aͤhnliche Beſchwerde von meinen Lippen vernommen. Sie ſind der Erſte, gegen den ich dieſe Sprache fuͤhre; denn ich hege das Vertrauen zu 27 Ihnen, daß Sie meine offenherzige Mit⸗ theilung weder falſch auslegen, noch von ihr einen fuͤr mich nachtheiligen Gebrauch machen werden!“ „Beides ſei fern von mir!“ ſagte Send⸗ ler mit den Ausdruck der aufrichtigſten Theilnahme.„Aber ſind Sie denn mit ſo unaufloͤslichen Banden an dieſes Haus gefeſſelt, daß Sie durchaus keine Moͤg⸗ lichkeit vor Augen ſehen, dieſen un⸗ angenehmen Verhaͤltniſſen, die ſo ſtͤrend auf Ihre Gemuͤthsruhe einwirken, auf irgend eine ſchickliche Art ſich wieder zu entziehen? Bei Ihrer Luſt und Liebe zur Arbeit wuͤrde ſich leicht eine ander⸗ weitige beſſere Verſorgung ausmitteln laſ⸗ ſen!“. „Der boͤſe Schein, der bei Unter⸗ nehmung eines ſolchen Schrittes auf mich fallen wuͤrde, iſt die einzige Schwierig⸗ keit, die mich davon zuruck haͤlt!“ ant⸗ 28 wortete die Befragte.„Ich war zwölf Jahr alt, als ich hier Aufnahme und Unterkommen fand. Allgemein pries und belobte man damals die Bereitwilligkeit, mit welcher der Vetter mir ſeine Thuͤr öffnete, als einen thätigen Beweis ſei⸗ ner ächt chriſtlichen Geſinnung; während Niemand es beachtete, daß ſchon im naͤch⸗ ſten Sommer die Hausmagd abgeſchafft, ich an ihre Stelle verſetzt und zu Dienſt verrichtungen gezwungen wurde, welche weit uͤber meine Kraͤfte hinaus reichten. Wie unguͤnſtig und bitter wuͤrde man uͤber mich urtheilen, wenn ich jetzt das Haus eigenmaͤchtig wieder verlaſſen woll⸗ te, das vor zehn Jahren meinen einzi⸗ gen Zufluchtsort ausmachte! Nein, lie⸗ ber will ich unter dem Druck des mir zugefallenen herben Geſchickes rettungs⸗ los zu Grunde gehen, als den Verdacht des Undanks auf mich laden!“ 20 „Das iſt brav und loblich gedacht!“ rief Sendler aus;„und ſicherlich wird es Ihnen bei dieſen Entſchließungen und Grundſaͤtzen auch nimmer an der Kraft gebrechen, deren Sie zur ſtandhaften Ertragung Ihres Schickſals benoͤthigt ſind. Und glauben Sie mir! Wie der erhoͤhete oder verminderte Genuß eines verliehenen Gluͤckes nur von uns ſelbſt abhaͤngt, ſo beruht auch die leichtere und muͤhvollere Bekaͤmpfung eines uns betreffenden Ungemaches lediglich auf der Vorſtellung, die wir uns von ihm ent⸗ werfen! Auch iſt kein Lebensverhaͤltniß von ſo troſtlos finſtrer Art, daß ihm nicht irgend eine helle Seite abzugewin⸗ nen waͤre, wenn man nur einiger Ma⸗ ben ſich uͤber die Anwandlungen des Truͤbſinnes und der Kleinmuͤthigkeit zu erheben verſteht. Alſo nur den Muth nicht verloren, ſondern fleißig den Ge⸗ 30 danken feſtgehalten, daß die Beſtimmung unſers irdiſchen Berufes ja das Werk deſſen iſt, der am beſten zu beurtheilen weiß, was zu unſerm Heil und Frieden dient. Ich meine den alten Prokurator uͤber den Wolken!“ Noch eine Zeit lang ſetzten beide auf ähnliche Weiſe die angeknuͤpfte Unterre⸗ dung fort; dann reichte Sebaſtian dem Maͤdchen treuherzig die Hand und ſchickte mit dem Bedeuten, daß er in ſeiner gegenwaͤrtigen Gemuͤthsſtimmung dem Herrn des Hauſes unter die Augen zu treten, ſich durchaus nicht geneigt fuhle, ſondern die Abmachung ſeines Geſchaͤftes bis auf den nächſtfolgenden Morgen zu ver⸗ ſchieben geſonnen ſei, zum Wiederaufbruch ſich an. Die Thraͤnen, die er aus Dor⸗ chens Augen hervorbrechen ſah, der an⸗ ziehende Reitz ihrer Geſtalt und das arg⸗ loſe Vertrauen, mit welchem ſie ihm ih⸗ 31 ren Kummer mittheilte, hatten einen ſo tiefen und unvertilgbaren Eindruck auf ihn gemacht, daß er die dadurch herbei gefuͤhrte Verſäumniß der Chriſtmette leicht verſchmerzte, und nur den neu in ſeiner Bruſt erweckten Gefuͤhlen und Re⸗ gungen ſich mit ganzer Seele dahingab. Aber von einer ganz eignen, nie zuvor empfundenen Unruhe getrieben, rannte er, der rauhen, unfreundlichen Wit⸗ terung Trotz bietend, noch eine ziemliche Weile in den Straßen der Stadt um⸗ her; und erſt, als er bis auf die Haut ſich durchnaͤßt fuͤhlte, und bei dieſer Wahrnehmung zugleich mit Schrecken daran dachte, daß er in ſeiner Zer⸗ ſtreuung nicht allein die eigne Perſon, ſondern auch das von der Mutter er— erbte Geſangbuch und die vom Prokura⸗ tor ihm anvertrauten wichtigen Papiere dem Unwetter Preis gegeben, beendigte 32 er ſein zweckloſes Umherſchweifen und kehrte auf dem kuͤrzeſten Wege und mit verdoppelter Eilfertigkeit nach ſeiner Woh⸗ nung zuruͤck. Hier angelangt, erhielt er von der Hauswirthin einen verſiegelten Brief zu⸗ geſtellt, der mittlerweile fuͤr ihn einge⸗ troffen war.„Unſtreitig von Ihrem Bruder, dem Stadtpfeifer in Zeilbach!“ fuͤgte ſie hinzu;„deſſen perſoͤnlicher An⸗ kunft Sie mit ſo zuverſichtlicher Erwar⸗ tung entgegen geſehen. Die Leute moͤgen wohl Recht haben, wenn ſie behaupten, daß es bei ihm im Kopfe nicht ſo ganz richtig und geheuer ſei; denn ſonſt wuͤrde er doch, auf die von Ihnen empfangene traurige Nachricht, gebuͤhrender Weiſe nicht ermangelt haben, ſich einzuſtellen, 33 um dem Begräbniß der Mutter beizu⸗ wohnen!“ „Wir wollen uͤber ſein Ausbleiben nicht eher urtheilen, liebe Frau Wall— muth, bis wir erſt in Erfahrung ge⸗ bracht haben, durch welche Schwierigkei⸗ ten er an Unternehmung dieſer Reiſe verhindert worden iſt!“ entgegnete Send— ler mit kleinlautem Ton, ſteckte die Lam⸗ pe an und begab ſich nach ſeinem abge⸗ legenen Hinterſtuͤbchen, um hier in un⸗ geſtoͤrter Aufmerkſamkeit ſich näher mit dem Inhalt des Briefes bekannt zu ma⸗ chen. Ruhigen Ernſtes nahm er neben dem Sarge Platz, entfaltete das Schrei⸗ ben und las mit lauter und deutlicher Stimme, als ob er an der Verſtorbenen noch ſo wie ſonſt eine theilnehmend auf⸗ merkende Zuhoͤrerin ver ſich habe, fol⸗ gende von dem Bruder in der ihm ei⸗ 34 genthuͤmlichen, ſeltſamen Ausdrucksweiſe abgefaßte Zeilen: Fabian an Sebaſtian! Das heißt zu deutſch: Es ſchuͤttet ein armer Teufel vor dem andern ſchrift⸗ lich das Herz aus, weil er ſich der Moͤg⸗ lichkeit beraubt ſieht, dieß muͤndlich zu thun! Welche Bewandniß es damit hat, und wie ich uͤberhaupt ſeit geraumer Zeit gar nicht einig mit mir werden kann, ob ich unter allen meinen Freunden und Bekannten der einzige Narr oder der ein⸗ ige Vernuͤnftige bin, davon weiter unten 8 8 oder eigentlich: weiter oben ein Meh⸗ reres! Die Nachricht von dem Abſterben der Mutter erfuͤllte, beim Gedaͤchtniß ihrer treuen Liebe, meine Augen mit Thraͤnen, waͤhrend ich zugleich recht getroͤſteten Gei⸗ ſtes mir ein Glas Waſſer einſchenkte, um in — 35 Gedanken ein Noͤſel Wein auf die Ge⸗ ſundheit der Todten zu trinken. Auch angenommen, daß man ſelbſt unter den unertraͤglichſten Leiden, aus Furcht vor dem Tode, die Luſt am Leben nicht ver⸗ liert; ſo mag es doch wahrhaftig ſo uͤbel nicht ſeyn, ſich ploͤtzlich wider Willen von allem Uebel beſreit zu ſehen, von der Unruhe des Siechbettes auszuruhen, und leicht und gemaͤchlich, wie der Fiſch im Waſſer, in der Wonne des Himmels umher zu ſchwimmen! Es darf ſich daher der Wunſch, daß wir die Mutter gern noch laͤnger behalten haͤtten, wohl nur ganz im Stillen verlautbaren, weil es mit ihr ohnehin zu lange gedauert. Denn das wollen wir nur nicht laͤugnen, daß ſie ſich ſo manche ſchmerzenvolle Stunden erſpart haͤtte, wenn ſie ſchon uͤbermor en vor acht und zwanzig Jah⸗ ren geſtorben wäre; indem ſie ja, wie 36 wir uns dieß, obgleich ohne Verſchul⸗ den, zur Schuld anrechnen muͤſſen, ſeit dem Aungenblick unſrer beiderſeitigen Ge⸗ burt faſt keinen geſunden Augenblick mehr gehabt hat. Wenn ich aber Deiner Einladung aus⸗ zuweichen und die Begraͤbnißfeier unſ⸗ rer Mutter hier zu begehen genothigt bin, ſo ruͤhrt dieß von dem doppelten umſtande her, daß ich theils nicht ge⸗ hen, theils mich nicht entfernen kann, meines verſtauchten Beines und des Tan⸗ zes wegen, welcher waͤhrend des bevor— ſtehenden Feſtes uͤberall meine Beihuͤlfe und Unterſtuͤtzung erheiſcht. Denn, mein beſter Bruder und Mitzwilling! Du kannſt Dir in der zufriednen Genuͤgſam⸗ keit Deines Charakters wohl keinen Be⸗ griff davon machen, wie unbefriedigt die Ohren des Kenners bleiben, wenn es bei Auffuͤhrung einer feſtlichen Tanzmu⸗ 37 ſik an der geziemenden Mitwirkung der erſten Geige gebricht!— und hier bin ich leider gluͤcklich und unvermerkt auf den Gegenſtand gekommen, uͤber welchen ich Dir ſchon vor einigen Ta⸗ gen etwas Ausfuͤhrlicheres mitzutheilen gedachte, weil derſelbe zu tief in mein Leben eingreift, um nicht fruͤher oder ſpaͤter mir ploͤtzlich die Pforte zur Ewig⸗ keit, oder, was mir vorlaͤufig allerdings lieber waͤre, den freien und ungehinder⸗ ten Verkehr mit dem traulichen Dach⸗ ſtuͤbchen des hieſigen Thurmwaͤchters Wickling aufzuſchließen! Da wir Zwillingsbruͤder ſind und uns mithin ſchon ſehr klein geſehen und gekannt haben, ſo wirſt Du mir das Zeugniß nicht verſagen koͤnnen, daß ich von je her ein abgeſagter Feind aller kraͤnkenden Zuruͤckſetzungen geweſen, wo⸗ durch ſich viele bald aus Unachtſamkeit, 38 pald mit wirklichem Vorbedacht an ihren Nebenmenſchen verſuͤndigen. So ſah ich im hieſigen Schießgraben, wo ſich alle vierzehn Tage eine muntre Tanzgeſell⸗ ſchaft verſammelt, bei welcher demnach auch unſers Vaters erſtgeborner Sohn mit ſeinen beiden Gehuͤlfen natuͤrlich nicht fehlen darf, mehrere Wochen lang in der entfernteſten Ecke des Saales ein armes geputztes Maäͤdchen ſitzen, das, zu muͤßigem Zuſchauen verurtheilt, ſtets unbeachtet blieb, und um welches ſich Niemand bekuͤmmerte, waͤhrend die uͤb⸗ rigen Dirnen eine nach der andern an die Reihe kamen, ja manche darunter ſogar vom fruͤhen Abend bis zum ſpäten Morgen ſich unablaͤſſig auf den Beinen und in der Luft befanden. Dieſe Wahrneh⸗ mung verdroß mich dergeſtalt, daß ich nicht umhin konnte, der armen Ver⸗ ſchmaͤhten mein inniges Bedauern uͤber 39 ihr Mißgeſchick zu erkennen zu geben, und zu einiger Entſchaͤdigung ihr von Zeit zu Zeit in meiner Galle einen freundlichen Blick zuzuwerfen, der von ihr ſo wenig unbemerkt und unerwiedert blieb, daß daraus allmaͤlig, und in der muthmaßlichen Unſchuld unſrer beiden Herzen, eine Art von verliebter Augen⸗ dienerei entſtand. Auch wechſelte ſie nunmehr ihren gewohnten Platz und ruͤckte, um uns das Zublinzeln bequemer zu machen, mit jedem Tanzabend dem Muſikantentiſch naͤher und naͤher, bis ſie endlich ganz in den Schatten der großen Baßgeige vorgedrungen war. Einige Stunden lang ließ ich es ruhig geſchehen, daß ſie, nach ublicher Weiſe, die Blicke bald auf mich, bald auf die Taͤnzer wandte, deren Spruͤnge und Bewegun⸗ gen ſie mit ſchmachtender Sehnſucht ver— folgte. Zwiſchen Morgen und Mitter⸗ 40 nacht aber, als eben bei einem wild be⸗ gonnenen Steyerſchen Alles dermaßen drunter und druͤber ging, daß man vom eignen Ton kaum den Schall mehr zu hoͤren vermochte, konnte ich das luͤſterne Verlangen der Zuruckgeſetzten und ihr ungeduldiges Trippeln mit den Schuh⸗ ſpitzen nicht laͤnger aushalten; ich muß⸗ te, zu Erfuͤllung des ſo deutlich bemerk⸗ ten Wunſches, ihr huͤlfreich unter die Arme greifen, und haͤtte man mich auch mitten im Tanz vom Dienſte gejagt! „Nur friſch drauf losgeſägt, im richtigen Tempo geblieben und ſo viel als moͤglich doppelt und dreifach gegriffen!“ ſchrie ich meinen Kunſtgenoſſen ins Ohr, warf Bogen und Geige von mir, ſchritt auf die Verſchuͤchterte los und gab kurz und buͤn⸗ dig ihr mein Vorhaben kund. Sie ward kirſchroth im Geſicht und ſtammelte ei⸗ nige Worte, welche, indem ich ſie des 41 herrſchenden Larms wegen nicht verſtand, ſchier wie eine Entſchuldigung ausſahen. Doch kehrte ich mich an nichts, ſondern ergriff ſie beim Arm, und riß halb mit Guͤte, halb mit Gewalt, ins dickſte Ge⸗ wuͤhl und Getuͤmmel ſie mit mir fort. Waͤre dieß heut vorgefallen, ſo haͤtte ich mir damals leichter erklaͤren koͤnnen, wie es zuging, daß die Muͤhe, die ich mir gab, um mit meiner Taͤnzerin in den Tact des Geſchwin dwalzers einzulen⸗ ken, vergeblich blieb, indem aus dem mißlin⸗ genden Verſuch eine Art von verungluͤcktem Zweitritt entſtand, wobei mein linker Fuß, der— wie Du weißt, nicht ſonderlichen Anſpruch auf meine Gunſt hat, jedesmal um etliche Augen⸗ blicke zu fruͤh oder zu ſpät einkkaf. An⸗ fangs bemerkte Niemand, daß die Har⸗ monie, welche meine beiden Untergebe⸗ nen mit löblicher Anſtrengung hervorzu— 42 bringen ſich beeiferten, von aller Me⸗ lodie gaͤnzlich entbloͤßt war; allmaͤlig mochten jedoch mein leerer Platz und die muͤßig auf dem Tiſch liegende Geige im Gemuͤth einiger Kunſtverſtaͤndigen ie Ueberzeugung des eingetretenen Mangels erweckt haben; denn es erhob ſich ploͤtz⸗ lich ein laut ſchallendes Gelaͤchter, wie es dem Schießgraben vielleicht noch nie⸗ mals zu Ohren gekommen iſt, unter den Anweſenden und mehrere Stimmen rie⸗ fen durch einander: Platz da und auf⸗ geſchaut! Der tolle Sendler faͤllt uns ins Handwerk und walzt mit der lah⸗ men Thurmroſe!— Beſſer von Tho⸗ ren, die ſich klug duͤnken, unter die Narren, als unter ihres Gleichen ge⸗ rechnet zu werden! dachte ich bei mir ſelbſt und nahm den laͤngſt gewohnten Ehrentitel mit laͤngſt gewohnter Gelaſ⸗ ſenheit hin; aber recht im Innerſten 5 — —— 43 jammerte es mich, daß auch Roͤschen, ob ſie gleich allerdings von Natur mit dem rechten Fuß ein wenig zu kurz trat, mit mir zugleich verſpottet wurde; und ſanft geleitete ich ſie, weil ſie der An⸗ wandlung einer Ohnmacht nicht laͤnger zu widerſtehen geneigt ſchien, wieder nach ihrem eingenommenen Sitz neben der Baßgeige. Nun ſchickte ich mich an, der Geſellſchaft, was mir, wie ich ſpaͤ⸗ terhin mich uͤberzeugte, wahrſcheinlich ſehr ſchlecht bekommen ſeyn wuͤrde, fuͤr dieß unverſtaͤndige Benehmen in meiner ſtillen Erbitterung mit kraͤftig erhobner Stimme tuͤchtig den Text zu leſen. Zum Gluͤck aber hatte ich das Ungluͤck, durch das von mir veranlaßte unbaͤndige Ge⸗ lächter auch die im Nebenzimher ſitzen⸗ den Standesperſonen herbei gelockt zu haben. Eben zur beſchloſſenen Straf⸗ predigt ausholend, erhielt ich plotzlich 44 einen unſichtbaren Schlag auf die Schul⸗ ter, und as ich mich umdrehte, ſtand der Stadtrichter mit der langen Gips⸗ pfeife hinter mir.„Mein liebſter, be⸗ er Sendler!“ fuhr er mich an. Wenn ſich unſer Ohr ohne die erſte Geige öe* helfen und ſolch Zetergekreiſch fuͤr Tanz⸗ muſik halten ſoll, ſo brauchen wir kei⸗ nen aparten Stadtpfeifer zu beſolden! Wer hat Ihnen erlaubt, Ihrer Berufs⸗ pflicht zu vergeſſen und ſich mit ſolcher Dreiſtigkeit unter die Taͤnzer zu miſchen? Das ſind Neuerungen und Umtriebe, die aller herkoͤmmlichen Zucht und Sitte zuwider laufen. Keine Vertheidigung! Sie ſind ein Stoͤrenfried, ein Re⸗ bell!“ „Geſtrenger Herr Stadtrichter!“ war meine Antwort.„Ich bin ein guter Buͤrger und ruhiger Muſikus! Fuͤrs erſte hab' ich uͤber die von mir ver⸗ 8 ———————————— 45 langten ſchweren Steuern und Abgaben noch niemals öffentlich gemurrt, ſondern ſtets meine Gedanken fuͤr mich behalten; furs zweite laͤßt ſich die entſtandne Un⸗ ordnung durch einige kroͤftige Bogenſtri⸗ ₰ von eigner Hand ſchnell wieder in Ordnt ung bringen. Es wird alſo weder der Himmel uͤberhaupt noch der Schieß⸗ graben daß ich mit dem Thurmroͤschen zu wal⸗ zen verſucht!“ „Unerhoͤrte Frechheit!“ fuhr der Gedemuͤthigte fort.„Ich diktire Ih⸗ nen, nach beendigtem Tanz, vier und zwanzig Stunden Stubenarreſt, damit Sie in Zukunft ſich gegen Ihre Obrig⸗ keit beſcheidner ausdruͤcken lernen! Und nun ſcheren Sie ſich zum Henker, das heißt, an den Platz, wohin Sie gehoͤ⸗ eſondere daruͤber einfallen, renl Meine Prophezeihung traf ein! Kaum ℳ 46 hatte ich die Geige in die Hand genom⸗ men und dem aus der Geſellſchaft ver⸗ ſchwundenen Stadtrichter hinter ſeinem Ruͤcken noch einen mehr mitleidigen als veraͤchtlichen Blick zugeworfen, als auch „ ſchon ſich Alles wieder im gewohnten Gleiſe befand. Nur Roͤschen lag mir wie ein Stein auf dem Herzen; denn ſie ſaß und hielt ſich das chnupftuch 6 vor das Geſicht, um den Thraͤnen freien Lauf zu laſſen, die, von der erlittenen Beleidigung erpreßt, nn aus ih⸗ ren Augen hervor quollen.„Sendler, du biſt es, der dem Maͤdchen aus Zart⸗ gefuͤhl und Herzensguͤte den Schimpf zuwege gebracht!“ redete ich mich an. „Was du verſchuldet, mußt du wieder gut machen, und zwar ganz aus dem Grunde, oder wir koͤnnen unmoͤglich gute Freunde bleiben!“— Geſagt, gethan! Wenn bei ihr der Fehler am 47 rechten Fuß in Anſchlag gebracht wurde, und ich meinen linken dagegen in die Wagſchale legte, ſo hatten wir uns beide gleich wenig, naͤmlich faſt eben ſo viel vorzuwerfen; und war ſie auch ſonſt nicht uͤbertrieben huͤbſch zu nennen, ſo durfte ich dem n Geſicht nur den Spiegel vorhalten, um alsbald zu fin⸗ den, daß ich ebenfalls nicht meiner auf⸗ fallenden Schoͤnheit wegen zum Stadt⸗ pfeifer in Zeilbach erwaͤhlt worden ſei. Ich uͤberrechnete waͤhrend des Geigens in aller Geſchwindigkeit noch die Sum— me, die ich ſeit meiner halbjaͤhrigen An⸗ ſtellung ausgegeben, den Betrag meiner jaͤhrlichen Einnahme, brachte, wenn ich verſchiedne, nicht nur wahr ſcheinliche, ſon— dern auch moͤgliche Faͤlle mit in Erwaͤ⸗ gung zog, ein recht leidliches Facit her⸗ aus, rief mir noch ein Mal die Genug⸗ thuung, die ich der Verhoͤhnten fuͤr die 48 ihr widerfahrne Ungebuͤhr zu leiſten ſchuldig war, in die Gedanken zuruck, und eh ich es mir verſah, war mein Entſchluß gefaßt. Mit Benutzung der erſten eintretenden Pauſe, naͤherte ich mich der Betruͤbten, ſchuͤttelte freundlich murrend den Kopf und p mit hoͤflicher Kuͤhnheit und gewaltthaͤtiger Sanftmuth ihr das vollgeweinte Schnupftuch von den Augen hinweg.“„Troͤſten Sie ſich, wertheſter Engel!“ fͤſterte ich ihr zu. „Die Welt hat nun ein Mal fuͤr un⸗ verſchuldete Maͤngel ſolcher Art nur ein ſchales Geſpott in Bereitſchaft, und ſie verſteht ſich auch aus ſolchen Thraͤnen nichts zu machen! Aber wenn Sie den⸗ ken, wie ich, ſo wird um Faſtnacht ein 4„ Paͤrchen aus uns! Seit ich Ihre Be— kanntſchaft gemacht, bin ich der Jung⸗ geſellenſchaft muͤde geworden, und morgen, nämlich uͤbermorgen, beſuche ich Ihren 5 ——— 49 Vater und halte feierlich bei ihm um Ihr Herz und Ihre Hand an!“ „Wie Gott will!“ ſeufzte ſie, in⸗ dem ſie es gutmuͤthig zuließ, daß ich ihr die Hand druͤckte.„Auch ich muß mit gleicher Aufrichtigkeit bekennen, daß ich Ihnen ſchon laͤngſt gut geweſen bin!“ O Baſtian! Ich haͤtte bei Anhoͤrung eines ſolchen mir anvertrauten Geſtaͤnd⸗ niſſes gleich vor Entzuͤcken und Scha⸗ denfreude dem Stadtrichter und der gan⸗ zen vorraͤthigen Geſellſchaft um den Hals fallen, vor Begeiſterung gleich nach dem Roſtral greifen moͤgen, um mir die ver⸗ nommenen Worte vollends in Noten zu ſetzen; ſo lieblich und melodiſch toͤnte dieſe Muſik mir ins Ohr! Zu meinem großen Aerger ſah ich mitten in dieſer Seligkeit mich wieder an meine Amts⸗ verrichtung zuruͤck berufen und zu Auf⸗ 4 50 ſpielung einer Quadrille verdammt, uͤber deren ewige Dauer ich in der unruhigen Luſt meines Herzens ſchier in Verzweif⸗ lung gerieth. Als aber mit dem dritten Stundenſchlage der Ball wie gewoͤhnlich zu Ende ging, nahm ich den Violin⸗ ranzen unter den linken und die Geliebte an den rechten Arm, um letztere, von dem mir eingeraͤumten Vorrecht den er— ſten Gebrauch machend, durch die Fin— ſterniß des Morgens bis vor den vaͤter⸗ lichen Thurm zu begleiten. Ließen ſchon jemals zwei liebende Seelen ſich durch Regen und Schneege⸗ ſtoͤber am Spazierengehen verhindern? Nein, theuerſter Bruder!— Auch wir achteten weder jenes noch dieſes, hatten nur Gefuͤhl fuͤr unſre innre Empfindung und luſtwandelten äußerlich in der haͤß⸗ lichſten Witterung langſam und zaͤrtlich um die Stadt herum, bis das Licht in ——— ————————— 51 der Laterne zum unanſehnlichen Stumpf herab gebrannt war. Auf Roͤschens ängſt⸗ liches Erinnern, daß ſie bei Erklimmung der dunkeln Thurmſtiegen durchaus noch einiges Lichtfchimmers beduͤrfe, verſtark⸗ ten wir jetzt unſre Schritte, nahmen ſchon von weitem die naͤchſte Richtung und langte, den Zweck der Wanderung gewaltſam unterbrechend, wohlbehalten am Ziel an. Vor der offnen, nach oben fuͤhrenden Pforte, die Roͤschen mit un⸗ angenehmer aber nothwendiger Eilfertig⸗ keit von innen verriegelte, trennten wir uns, um uns vielleicht niemals wieder— Doch das wirſt du ja fruͤher in Er⸗ fahrung bringen, als ich, der ich bis zum Nachmittag dieſes Morgens darauf warten mußte, und leider herzlich gern noch viel laͤnger darauf gewartet hätte! Kaum ſah ich mich in der undurch— dringlichen Dunkelheit wieder allein, da 4* 52 fuͤgte es der Himmel, daß ich, zu Aeu⸗ ßerung meines innern Wohlbehagens, einen Satz durch die Luft that, der ſo uͤbel ausfiel, daß ich ihn noch bis die— ſen Augenblick nicht habe vergeſſen und verwinden koͤnnen. Denn thoͤrichter Weiſe gerieth ich, als ich wieder am Erdboden anlangte, mit dem rechten Fuß in die Vertiefung zweier zu hoch liegender Pflaſterſteine und verſtauchte mir, ganz gegen meine Abſicht, das Bein dergeſtalt, daß ich ſammt dem Dachsranzen faſt liegen blieb, während ich nur mit Muͤhe nach Hauſe zu hum⸗ peln vermochte. Da es ſich mit meiner fruhzeitigen Unbehuͤfflichkeit im linken Fuß faſt eben ſo verhaͤlt, wie mit Dei⸗ ner angebornen Schwaͤche im rechten Arm, und nunmehr zu dem natuͤrlichen Erbtheil auf der einen Seite noch die kuͤnſtliche Verrenkung auf der andern — 53 hinzukam, ſo wirſt Du leicht auf den richtigen Gedanken gerathen, daß ich, nach dem muͤhſeligen Schneckenzug durch die Straßen zu urtheilen, auch zwiſchen meinen vier Pfaͤhlen keine ſonderlich muntre Rolle zu ſpielen anfing. Die Schmerzen nahmen uͤberhand, und mit grauſenvollem Entſetzen erfuͤllte mich die Vorſtellung von der Moͤglichkeit, noch vor wenigen Stunden den Geſchwindwal⸗ zer getanzt haben; dennoch gab ich mit ganzer Seele mich dieſer Erinnrung Preis; denn der dabei unvermeidliche Gedanke an Roͤschen milderte die Koͤr⸗ perpein durch Geiſteswonne, und erquickte mit himmliſchem Labſal mich in meinem irdiſchen Jammer und Elend. So ſaß ich, in anmuthige Grillen verſunken, des Nachmittags auf dem So⸗ pha, den ich, der noͤthigen Bequemlich⸗ keit wegen, aus drei zuſammen geruck⸗ 54 ten Stuͤhlen verfertigt, ſuchte mir, in Betreff meiner neu zu begruͤndenden haͤus⸗ lichen Einrichtung, uͤber dieſen und jenen ſchwierigen Punkt die gewuͤnſchte Auskunft zu geben, machte mich zum Zeitvertreib noch einmal an die ſchon vor dem fruͤhe⸗ ſten Morgen unternommene Berechnung meines auf guͤnſtigen und widerwaͤrtigen Zufaͤllen beruhenden Erwerbes, und ſchmauchte ruhig mein Pfeifchen zu dem freiwilligen Stubenarreſt, zu welchem der Ausſpruch des Stadtrichters mich vergeblich zu verurtheilen gedacht hatte. Da öͤffnete ſich ploͤtzlich die unangeklopfte Stubenthuͤr, und ein kleiner unterſetzter Mann mit keck aufgeſtuͤlpter Naſe und dicken Wurſtlippen trat herein und auf mich los.„Ich komme gegangen,“ be⸗ gann er mit ſehr gelaͤufiger Zunge mich zu benachrichtigen,„um Ihnen kurz und buͤndig zu vermelden, daß aus dem ge⸗ —— 55 ſtrigen Handel nichts werden, partout nichts daraus werden kann. Sie moͤgen ſich alſo, wenn wir nicht unbekannter Weiſe in Streit und Unfrieden gerathen ſollen, inskuͤnftige aller weitern hochmuͤ⸗ thigen Vertraulichkeit mit meiner Tochter guͤtigſt enthalten; denn ich bin der Thuͤr⸗ mer Wickling und mein Sinn ſteht hö⸗ her hinaus! Sie ſind nun einmal, ſo lang ich die eigne geſunde Vernunft auch auf die Verwandten und Angehoͤrigen vererbt wuͤnſche, kein Mann fuͤr meine Roſe, und noch weit weniger ein Schwie⸗ gerſohn fuͤr mich! und werden mich al⸗ ſo mit dem Beſuch, den Sie mir zuge⸗ dacht, verſchonen. Sollten Sie aber, dieſer freimuͤthigen Erklaͤrung zum Trotz, es dennoch wagen, mich in der eignen Behauſung heimzuſuchen und mit Liebes⸗ bemerkungen zu belaͤſtigen, ſo haben Sie die daraus entſpringenden unangenehmen 56 Folgen nur ſich ſelbſt zuzuſchreiben. Denn ſo wahr der Himmel uͤber uns blau iſt! ich werfe Sie mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit zum Schallloche hinaus, und dann wollen wir ſehen, ob Sie auf Ihrer eigenſinni⸗ gen Willensmeinung verharren und zum zweiten Mal wieder kommen!“ Nachdem er dieſe Standrede, deren er⸗ baulicher Inhalt ihm ſo flink vom Munde floß, als ob er ihn auswendig gelernt haͤtte, gluͤcklich zu Stande gebracht, nickte er grim⸗ mig gruͤßend mit dem Kopfe und ſchritt, ohne mein uͤberraſchtes Nachgruͤbeln über die ſchicklichſte Antwort abzuwarten, ſchnell und trotzig wieder zur Thuͤr hinaus. Alles dieß ereignete ſich vor acht Tagen, und noch immer kommt es mir wie ein Traum vor, daß ich in der Wirklichkeit Din⸗ ge erfahren, die ich mir, ungefaähr ſechs Wo⸗ chen zuvor, ſelbſt im hitzigen Fieber kaum haͤtte träumen laſſen; denn damals war „ 57 Roͤschen in ihrer annähernden Zärtlichkeit noch nicht bis hinter die Baßgeige vor— geruͤckt.— Was in aller Welt mag den kann bewegen, mir ſein Kind vorzuenthal⸗ ten, mir das Hinabſteigen vom Thurm ver⸗ wehren zu wollen, und mit ſo biedrer Offenherzigkeit mich von feinen meuchel⸗ moͤrderiſchen Geſinnungen ſchon im Vor— aus zu unterrichten! Was kann er an mir zu tadeln und auszuſetzen finden! Ich beſitze den Charakter und die Wuͤr⸗ de eines durch Brief und Siegel feier⸗ lich beſtaͤtigten Stadtpfeifers. Mein nicht ſonderliches Auskommen iſt fuͤr zwei zufriedne Eheleute zur gnuͤgſamen Einſchränkung vollkommen hinreichend. Als Muſikus kommt mir an der gehoͤri⸗ gen Kunſtgeſchicklichkeit Niemand im Ort und auch ſogar der Stadtrichter nicht gleich. Die geringe Annehmlichkeit mei⸗ ner Perſon aber hat ſchon bewieſen, daß 58 ſie, Roͤschens Naturgaben gegenuͤber, weder furchtſam noch ſchamroth zu wer⸗ den braucht. Meine Wohnung iſt zum Ueberfluß hell und geraͤumig; es fehlt ihr weder an friſcher Luft noch an Dach— fenſtern zur freien Ausſicht, und die Morgenſonne liegt den ganzen Tag auf dem Hauſe. Aber ſie muß meine Frau werden, und wenn ich auch Zeitlebens in der amſig fortgeſetzten Bewerbung um ihren Beſitz mich vergeblich abmartern und abaͤngſtigen ſollte! Zu feſt hab' ich mir nun einmal, ſeit ich ihr die aufge⸗ ſammelten Schmerzensthraͤnen vom Auge hinweg zog, dieſen Gedanken in den Kopf geſetzt, um ihn, aus Furcht vor dem angedrohten Schallloch und aus ſchuldiger Ruͤckſicht gegen die viereckige Hoͤflichkeit des Thuͤrmers, wieder als ein nichtiges Hirngeſpinnſt zu betrachten. Auch koͤnnte ich dieſe Schande vor mei⸗ —— 59 nem Ehrgefuͤhl nicht verantworten; denn ſchon iſt es hier im Orte der ganzen Welt kund und ruchtbar geworden, daß ich mit Roͤschen bei der ſpaͤten Laterne ſpazieren gegangen bin, ihr unter Sturm und Regen eine unverwuͤſtliche Treue zugeſchworen und nur aus uͤberſpannter Zuneigung zu ihr den verhaͤngnißvollen Fehlſprung gethan habe. Man ſpoͤttelt daruͤber, macht allerhand vorwitzige und hinterliſtige Bemerkungen, traͤgt ſich mit hinkenden Gleichniſſen herum und iſt ein⸗ faͤltig genug, mein geiſtiges Verhaͤltniß mit Roͤschen, ohne weitere Namensbe⸗ zeichnung, nur die Liebſchaft auf drei Beinen zu nennen! Aber wie ich meines Willens immer gewiß bin, ſo habe ich noch niemals in Dinge mich eingelaſſen, die ich nicht zur hartnacki⸗ gen Vollfuͤhrung zu bringen geſucht haͤtte. Und daß ich daher die Auserwaͤhlte eben 60 ſo wenig zu bloß unaͤcht voruͤbergehender Liebelei mir erkoren, ſondern mit ihr einen Bund fuͤr die Ewigkeit geknuͤpft habe, wird die Zeit lehren. „Hier, mein beſter Bruder, haſt Du den treuen und umſtändlichen Abriß mei⸗ ner Leidensgeſchichte; Deine ſchriftlichen Gedanken magſt Du mir aber einſtwei⸗ len noch vorbehalten, denn wofern ich ungluͤcklicher Weiſe Zeit und Muße ge⸗ nug haben ſollte, ſo finde ich mich nach Verlauf eines Monats, oder ge⸗ nauer ausgedruͤckt, vorgeſtern uͤber vier Wochen zum Beſuch bei Dir ein, indem es ſchon laͤngſt mit Ungeduld meine Ab⸗ ſicht geweſen, Dir wieder ein Mal per⸗ ſoͤnlich zu unſerm Namenstage meinen bruderlichen Gluͤckwunſch zu uͤberbringen, und uns gegenſeitig ans liebende Herz zu druͤcken; wie uns dieß die Natur ja ſchon ſo fruhzeitig anbefohlen und vor⸗ 61 geſchrieben. Bis dahin ſchließe mich und mein Roͤschen in Dein fleißiges Ge⸗ bet ein, lege durch vermindertes Nacht⸗ arbeiten eine vermehrte Sorge fuͤr Deine Geſundheit an den Tag, und lebe mit Deiner zufriednen Seele, bis ihr der letzte Athem entflohen, ſo vergnuͤgt und heiter, als theilteſt Du gleichſam hier auf Erden das Gluͤck, deſſen die Mut⸗ ter im Himmel genießt! Sebaſtian hatte waͤhrend der Vorle⸗ ſung dieſes Schreibens bald gutmuͤthig gelaͤchelt, bald in mitleidiger Theilnah⸗ me ſich die Augen getrocknet; auch mit ſchonendem Stillſchweigen; manches darin uͤbergangen, was zur lauten Kundgabe am Sarge einer geliebten Mutter ihm nicht geeignet ſchien. Jetzt aber, nachdem er 62 damit zu Ende gekommen war, nahm er den Brief mit nach ſeiner Schlafkam⸗ mer, und durchlas ihn hier in aller Stille noch ein Mal und mit erneuerter Aufmerkſamkeit.„Armer Bruder!“ fluͤ⸗ ſterte er vor ſich hin.„Du ſcheinſt Dich in einen eben ſo ſchwierigen, als fuͤr Deine Gemuͤthsruhe bedrohlichen Handel verſtrickt zu haben; denn wie willſt Du jemals das unguͤnſtige Vorur⸗ theil, das man gegen Dich hegt, beſei⸗ tigen und beſiegen, ſo lange Du nicht dieſen ſonderbaren und auffallenden Ei⸗ genthuͤmlichkeiten Deines Weſens Dich gaͤnzlich zu entſchlagen, und in Ausdruck und Benehmen nach der gewohnten Weiſe der Andern zu richten im Stande biſt! O'könnte ich doch die eigne innige Ueberzeugung, welch' eine edle und ge⸗ fuͤhlvolle Sinnesart unter dieſem ſchein⸗ baren Wahnwitz verborgen liegt, auch 63 jedem Andern mittheilen! und wuͤßte ich doch nur, wie ich es anzufangen haͤtte, um durch thaͤtige Verwendung und Fuͤr⸗ ſprache die Erfuͤllung Deines Wunſches befordern zu helfen; ich wuͤrde zu Er⸗ reichung dieſes Zweckes weder Zeit noch Muͤhe ſparen und es ſollte Dir bald ge⸗ holfen ſeyn!“ Unter dieſen Gedanken entkleidete er ſich, loͤſchte die Lampe aus und ſuchte, nach der erſchoͤpfenden Anſtrengung des verfloſſenen Tages, verlangend, das Lager. Aber zu lebhaft war, theils durch die Unterredung, die er mit Dor⸗ chen gefuͤhrt, theils durch den In⸗ halt des empfangenen Schreibens, ſein Gemuͤth aufgeregt worden, als daß er der gewuͤnſchten Erquickung theilhaft zu werden vermocht haͤtte. Unruhig warf er ſich von einer Seite zur andern, und ſchon war Mitternacht laͤngſt voruͤber, 64 als erſt die ſeine Seele vorſchwebenden Bilder ſich allmälig in die dunklere Nebel⸗ ferne verloren und mit freundlicher Gewalt ihm der Schlaf die Augenlieder zudruͤckte. Der aufdaͤmmernde Morgen verſtat⸗ tete dem Erwachten nicht, ſich der ſchwer⸗ muͤthigen Gedanken und Grillen, die ihm einen Theil der naͤchtlichen Ruhe geraubt, aufs neue zu uͤberlaſſen, ſon⸗ dern rief mit mahnendem Wink ihm ſo⸗ gleich die naͤhern und dringendern Sor⸗ gen ins Gedäͤchtniß zuruͤck.„Wenn der Mann auch, wie Dorchen behauptet, ein Knicker und Knauſer iſt, ſo wird er mir doch den Vorſchuß nicht verwei⸗ gern, da ich ihn ja binnen wenigen Wochen wieder abzuverdienen im Stande bin!“ dachte er bei ſich ſelbſt und machte mit neu geſtaͤrkter Hoffnung ſich auf den Weg. Der Prokurator verweilte bereits in der dicht neben dem Eingange des 6⁵ Wohngebaͤudes befindlichen Schreibſtube undkreiſchte mit widerlich gellender Stimme ſein Morgenlied. Sebaſtian wagte es nicht, ihn in dieſer Andachtsuͤbung mit ſeiner welt⸗ lichen Angelegenheit ſtörend zuunterbrechen, ſondern verharrte beſcheiden auf der Haus⸗ flur, wo er, vor Froſtzitternd, leiſe hin und her trippelte und mit gedaͤmpftem Ton die bekannte Melodie des zu ſeinem Ohr dringen⸗ den geiſtlichen Geſanges begleitete. Nach⸗ dem derſelbe endlich voͤllig zu Stande ge⸗ bracht war, oͤffnete der Prokurator die Thuͤr und ließ den Harrenden, den er ſchon laͤngſt durch ein nach dem Vorplatze fuͤhrendes Guk⸗ fenſter bemerkt hatte, zu ſich herein treten. Tief verbeugte ſich Sebaſtian vor dem Man⸗ ne, den er um eine ſo wichtige Huͤlfsleiſtung anzuſprechen im Begriff war, ſtammelte zu⸗ voͤrderſt mit demuͤthiger Geberde ihm zu den 4 erlebten Chriſtfeſt ſeinen Gluͤckwunſch or und uͤberreichte ſodann, unter Hinzufuͤ⸗ 5 3 66 gung des Verlangens, ſich aͤhnlicher Auftra⸗ ge auch in Zukunft recht oft gewuͤrdigt zu ſe⸗ hen, ihm die ausgefertigten Abſchriften. Ein huldreiches Laͤcheln verbreitete ſich auf dem hagern Geſicht des Empfaͤngers; mit ſchwei⸗ gender Bedachtſamkeit ſteckte er ſich die Brille auf die Naſe und muſternd und pruͤfend begann er in den ihm eingehän⸗ digten Papieren umher zu blaͤttern. „Ei das Alles,„fing er nach einer Weile mit ſichtbarem Wohlgefallen zu ſprechen an,“ uͤbertrifft die Erwartun⸗ gen, zu welchen ich mich nach der von Ihnen eingereichten Probeſchrift berech⸗ tigt glaubte, noch bei weitem! Solche Geſchicklichkeit im Schoͤnſchreiben iſt doch auch eine recht herrliche Gottesgabe! Nein, ich werde gewiß nicht ermangeln, des von nehien Wunſches ein⸗ gedenk zu bleiben, Ihnen nach und nach* in meinem ziemlich ausgedehnten Geſchaͤfts ——— 67 kreiſe vorkommenden Arbeiten dieſer Art zuzuwenden und fuͤr die Folge auch in wichtigern Angelegenheiten mich fleißig Ihres Beiſtandes zu bedienen!“ „Sie werden mich dadurch ſehr gluck⸗ lich machen, und mein ganzer Eifer ſoll darauf gerichtet ſeyn, das mir geſchenkte Zutrauen zu verdienen!“ erwiederte Se⸗ baſtian, dem bei dieſer Zuſicherung das Herz im Leibe lachte. „Wie geſagt!“ fuhr jener fort.„Al⸗ les mit ſo meiſterhaft ſichrer Hand ent⸗ worfen und vom erſten bis zum letzten Buchſtaben mit ſo ebenmaͤßiger Zierlich⸗ keit durchgefuͤhrt, daß ich in gleichem Maße, wie die Schoͤnheit dieſer Schrift⸗ zuͤge mir die Augen gefeſſelt haͤlt, mich wirklich ſchaͤmen muͤßte, Sie fuͤr den außerordentüchen Fleiß durch welchen ſich bei der vorliegenden Erſtlings⸗ ebeit, mir zu empfehlen geſucht, mit * 5 * 68 der ſonſt uͤblichen klingenden Gegenge⸗ buͤhr abfertigen zu wollen. Es muß mir vielmehr darum zu thun ſeyn, Ihnen auf angemeßnere Weiſe meine Erkennt⸗ lichkeit zu bezeigen!“ Sebaſtian fuͤhlte den frohen Hoff⸗ nungsmuth, den er, bei Anhoͤrung des ihm gezollten Beifalles, Raum zu ge⸗ ben begonnen, durch aufſteigende Zweifel erſchuͤttert und mit aͤngſtlich geſpannter Erwartung ſah er der naͤhern S des Prokurators entgegen. „So ſei es denn!“ rief dieſer aus, nachdem er einige Augenblicke lang in anſcheinender Lebhaſtigkeit mit ſich ſelbſt gekämpft hatte.„Sie verweilten, als Sie neulich bei mir waren, mit ſo. haltender und wohlgefaͤlliger Betrachtu auf dem drolligen Spiel meiner dort im Glaſe befindlichen weißen v daß es mir nicht ſchwer fallen konnte, 4 69 Ihnen den Wunſch, der ſich bei dieſem Anblick in Ihrem Innern regte, aus den Augen zu leſen. Dieſer Wunſch ſei Ihnen gewaͤhrt! Nehmen Sie die klei⸗ nen niedlichen Thiere als Ihr rechtmaͤßi⸗ ges Eigenthum mit nach Hauſe und er⸗ ſparen Sie mir, durch ſchweigend be⸗ reitwillige Annahme dieſes Geſchenkes, die wiederholte Verſicherung, daß ich, in der Ueberzeugung, Ihre Gedanken errathen zu haben, lieber ein bisher ge⸗ wohntes Vergnuͤgen opfern, als mich ge⸗ gen Dienſtleiſtungen ſolcher Art unem⸗ pfindlich beweiſen will!“ Bei dieſen Worten holte er das Glas von der Fen⸗ ſterpfoſte herbei und ſchob es mit freund⸗ lich geſchaͤftiger Zudringlichkeit dem Be⸗ ſtuͤrzten unter den Arm. „Verehrteſter Herr Prokurator!“ ſtotterte der erbleichende Sendler.„Sie wollten— auf einen ſo 70 hoͤchſt ergotzlichen Beſitz Verzicht leiſten? Wie darf ich dieß zugeben! Wie kann ich dieß vor dem eignen Gewiſſen“ „Falſche Maͤuler ſind dem Herrn ein Graͤuel! drum enthalten Sie ſich alles fernern unaͤchten und mutzloſen Straͤu⸗ bens!“ fiel ihm der ungeduldige Eiferer in die Rede.„Ich weiß gar wohl, wel⸗ ches Vergnuͤgen ich durch die nachgiebige Erfuͤllung Ihres heimlichen Wunſches mir ſelbſt entziehe; aber es ſteht auch ge⸗ ſchrieben: Die Frucht des Geiſtes iſt allerlet Guͤtigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit! drum dienet einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er emp n⸗ gen hat! Und ſomit wollen wir Sache als abgethan betrachten, und beide kein Wort weiter daruͤber verlie⸗ ren!“* * Sebaſtian war von Jugend auf ge⸗ ——— 71 wohnt, auch die geringfuͤgigſte Gabe mit Dank anzuerkennen; um ſo mehr mußte dieß der Fall bei einem Geſchenk ſeyn, dem er bei ſeiner beſchraͤnkten und ſtets vom erſten Eindruck geleiteten Vor⸗ ſtellungskraft, wirklich einen weit hoͤhern Werth beilegte, als demſelben gebuͤhrte. Aber wie ſollte er nun, da dieſer fuͤr ihn ſo uͤberraſchende Auftritt erfolgt war, den Muth gewinnen, deſſen er zur Vor⸗ bringung ſeines eigentlichen Wunſches be⸗ durfte? Der Gedanke, ſich dem Pro⸗ kurator bereits verpflichtet zu ſehen, und deſſen ungeachtet ſeine Dienſthuͤlfe noch ferner in Anſpruch nehmen zu ſollen, verſetzte ihn in die peinlichſte Lage. Ein fieberhaftes Froͤſteln durchrieſelte ſeine Glieder, faſt hoͤrbar klopfte ihm das Herz in der Bruſt, und Glut und Blaͤſſe wechſelten, waͤhrend er in ban⸗ ger unſchluſſigkeit die ſchuͤchternen Blicke 72 an den Boden geheftet hielt, auf ſeinem Geſicht. „Nun, ſo will ich denn, um die Beſeitigung Ihrer Gewiſſensſkrupel noch thaͤtiger befoͤrdern zu helfen,“ ſagte der Prokurator, der mittlerweile unter den umher liegenden Papieren nachgeſucht und ausgewählt hatte,„Ihnen zur voͤlligen Ausgleichung noch einige andere Akten⸗ ſtuͤcke zum Abſchreiben mitgeben. Sie brauchen ſich uͤbrigens bei dieſer Arbeit we⸗ der zu beeilen, noch ſo außerordentliche Muhe darauf zu verwenden, wie es bei der zuletzt uͤberlieferten der Fall geweſen. Da nehmen Sie, mein lieber Sendler, und gehen Sie mit Gott! Aber was fehlt Ihnen? Sie ſcheinen von heftiger Gemuͤthsbewegung ergriffen! Haben Sie vielleicht noch ſonſt mir Etwas anzuver⸗ trauen und mitzutheilen?“ „Da ich, Ihrer freundlichen Aeuße⸗ — 73 rung zu Folge, auf die gewuͤnſchte Fort— dauer Ihrer Wohlgewogenheit hoffen darf;“ antwortete Sendler mit Aufbie⸗ tung aller ſeiner Faſſung und Geiſtesge⸗ genwart;„ſo moͤchte ich gern in einer, freilich nur meine haͤuslichen Verhaͤltniſſe betreffenden Angelegenheit, mir noch Ih⸗ ren guͤtigen Rath erbitten! Es hat, wie Sie vielleicht ſchon wiſſen werden, dem Herrn uͤber Leben und Tod gefallen, mei⸗ ne Mutter zu ſich zu rufen. Sie hin⸗ terließ, da durch ihr vieljahriges Krän⸗ keln unſre geringe Habe gaͤnzlich zuſam⸗ men geſchmolzen, nichts, als den unbe⸗ ſcholtenen Ruf einer guten Chriſtin; und obgleich es mir daher nicht in den Sinn kommen kann, ihr ein koſtſpieliges Lei⸗ chenbegaͤngniß ausrichten zu wollen, glau⸗ be ich doch kein unbilliges Verlangen zu hegen, indem ich ihr wenigſtens einen Ruheplatz auf dem naͤmlichen Gottes⸗ 74 acker zu verſchaffen, wo der Vater be⸗ graben liegt. Der jetzige Kirchenvorſte⸗ her aber, an den ich mich in dieſer Ver⸗ legenheit gewandt habe, iſt ein harter Mann, und bleibt bei der Behauptung, daß ſie unwiderruflich nach dem Hospi⸗ talkirchhof vor das Thor hinaus muͤſſe, wenn ich nicht die zur Beerdigung inner⸗ halb der Stadt erforderlichen Gebuͤhren bei Heller und Pfennig zu entrichten im Stande ſei. Das eben iſt es, was mich be⸗ kuͤmmert und mir noch in Zukunft manchen bittern Augenblick zu bereiten droht, wo⸗ fern ich nicht einen Menſchenſreund fin⸗ de, der, im Vertrauen auf meine Ehr⸗ lichkeit, großmuͤthig genug iſt, mich mit einem zu Beſtreitung der Begraͤbniß⸗ koſten hinreichenden Darlehn zu unter⸗ ſtuͤtzen. Es mag ſich freilich auf jenem Winkelkirchhof eben ſo ſanft ſchlummern laſſen, als anderswo; aber ein zuruͤck —— ——— 75 Gedanke bleibt es doch im⸗ mer fuͤr mich, daß dort hinaus auch die Selbſtmoͤrder getragen werden!“ Die geſchmeidige Freundlichkeit des Prokurators hatte ſich waͤhrend der un⸗ erwarteten Herzensergießung auf merk⸗ liche Weiſe vermindert und einem miß⸗ muthig graͤmlichen Ernſte die Herrſchaft eingeraͤumt. Mit immer heftigern Schrit⸗ ten ging er im Zimmer auf und ab, blieb endlich vor dem Bedraͤngten ſtehen und ſagte:„Das ſind thoͤrichte Grillen und Vorurtheile, mein lieber Sendler, welche Sie weder vor Gott noch vor ſich ſelbſt verantworten koͤnnen! Die 34 iſt uͤberall des Herrn! ſteht mit ſo ausdruͤcklichen Worten in der Bibel ge⸗ ſchrieben, daß es wohl keiner weitern Erklarung bedarf, wie gleichgůltig der Ort iſt, an welchem ein Todter der allgemeinen Wiedererweckung entgegen⸗ 76 ſchlummert. Sie wuͤrden alſo, da der Himmel Ihnen die zur anſtaͤndigern Be⸗ erdigung Ihrer Mutter erforderlichen Mittel verſagt hat, ſich ſchwer verſuͤndi⸗ gen, wenn Sie, gleichſam ihm zum Trotz, eine beſondre Geldanleihe erheben wollten, um einen— ich weiß es nicht anders zu benennen— einen Duͤnkel zu befriedigen, mit welchem der Verſtor⸗ benen nicht der geringſte Dienſt geſchieht, Sie ſelbſt dagegen ſich eine Verbindlichkeit aufbuͤrden, zu deren Beſeitigung viel⸗ leicht in Jahr und Tag keine Ausſicht und Moͤglichkeit fuͤr Sie vorhanden iſt. Ich wenigſtens moͤchte, wenn auch Ihr haͤusliches Wohl mir minder am Herzen lage, ſchon aus rein chriſtlichen Grund⸗ ſätzen hierzu meine Hand nicht bieten; und ernſtlich rathe ich Ihnen daher, ſich flei⸗ ßig des oben angefuͤhrten bibliſchen Spru⸗ ches zu erinnern und nicht einer ſo ganz 77 gehaltloſen Meinung und Bedenklichkeit wegen ſich leichtſinnig in unnoͤthige Ko⸗ ſten zu ſtecken!— Uebrigens muß ich recht ſehr um Entſchuldigung bitten,“ ſetzte er, neuen Athem ſchoͤpfend, nach einer Pauſe hinzu,„daß dringende Ge⸗ ſchaͤfte es mir durchaus unmoͤglich ma— chen, mich fuͤr jetzt laͤnger mit Ihnen unterhalten zu koͤnnen!“ „O dann verzeihen Sie doch ja mei⸗ ne kuͤhne Zudringlichkeit!“ ſagte Sendler mit leiſer, bebender Stimme, machte dem ſalbungsreichen Eiferer ſeine Verbeugung und begab ſich verbluͤfft und betroffen von dannen. „Die Erde iſt uͤberall des Herrn!“ flͤſterte er wehmuͤthig vor ſich hin, als er ſich wieder auf der Straße befand. 78 „Ach, ich wollte ja nichts von ihm ge⸗ ſchenkt haben; nur leihen ſollte er mir, was ich bedarf, um den Forderungen der kindlichen Pflicht Gnuͤge zu thun. Es — haͤtte ihm einen einzigen Griff in den Geldbeutel gekoſtet, den ich neben dem auf⸗ geſchlagnen Geſangbuch ſtehen ſah, und mir waͤre aus aller Noth und Verlegen⸗ heit geholfen geweſen! Statt deſſen ließ er es bei dem einfachen Troſtſpruch be⸗ wenden, und bei etlichen Vorwuͤrfen, die. ich gewiß nicht verdiente! Fern ſei es von mir, dieſer unwillkommenen Abfer⸗ tigung wegen, ein liebloſes Urtheil uͤber ihn faͤllen zu wollen; aber ſo ganz Un⸗ recht mag Dorchen denn doch nicht ha⸗ ben!“ Mit zoͤgernden Schritten und ſchwe⸗ rem Herzen bog er jetzt nach einem Ne⸗ bengaͤßchen ein, wo der Tiſchler wohn⸗ te, den er dem Betrag ſeiner Forderung 79 fuͤr den verfertigten Sarg zu uͤberbringen verſprochen hatte. Er fand den Aufge⸗ ſuchten in ſeiner Werkſtatt, wo derſelbe gegen den Lehrburſchen, der ihm die Feſtkleider zu ſaͤubern unterlaſſen, mit wildem Grimm ſich ereiferte und in Fluͤ⸗ chen und Scheltworten ſich erſchoͤpfte. Gott ſteh' mir bei! dachte Sebaſtian, in⸗ dem er bei ſeinem Eintritt den Erbitter— ten eben mit geballter Fauſt auf den Tiſch ſchlagen ſah, daß die Fenſterſchei⸗ ben davon erklirrten. Das Geknarr der aufgehenden Thuͤr unterbrach den heftigen Wortwechſel, und mit glutrothem Ge⸗ ſicht und funkelndem Blick trat der Ur⸗ heber deſſelben dem erſchrockenen Ankomm⸗ ling entgegen. „Ich ſtoͤre doch nicht? Meiſter Hel⸗ bert!“ ſagte Sebaſtian, indem er mit erzwungener Unbefangenheit ſich den An⸗ ſchein gab, als habe er von dem Ste 80 habten ſtuͤrmiſchen Auftritt nicht das ge⸗ ringſte bemerkt.„Was werden Sie von mir denken, daß ich erſt ſo ſpaͤt mich einfinde, und leider noch obendrein mit leerer Hand komme! Aber eine Hoff⸗ nung, auf deren guten Erfolg ich mit aller Zuverſicht gerechnet hatte, iſt mir fehlgeſchlagen; und es bleibt mir daher nichts uͤbrig, als unter der Zuſage, daß die Berichtigung der Ihnen auszubezah⸗ lenden Geldſumme meine erſte und eif⸗ rigſte Sorge ſeyn ſoll, Sie noch um einige Geduld und Nachſicht zu bitten!“ „Das iſt mir gar nicht lieb zu ver⸗ nehmen!“ war die Antwort.„Ich bin ein junger Anfaͤnger, der das Seinige zu Rathe halten und ſich des Creditge⸗ bens ſo viel als moͤglich erwehren muß; abſonderlich um die jetzige Weihnachts⸗ zeit, wo ſich der unvermeidlichen Aus⸗ gaben ſo viele zuſammen haͤufen. Wenn 8¹ Sie indeſſen, wie ich wohl glauben will, fuͤr jetzt durchaus keine Anſtalt zur Bezahlung zu treffen wiſſen, ſo muß ich mich freilich in mein Schickſal fuͤgen; denn einen armen Schlucker, dem es nur an Vermoͤgen und nicht an gu⸗ tem Willen gebricht, hartherzig zu peini⸗ gen und zu druͤcken, iſt eben nicht meine Sache, am aller wenigſten bei einer Ge⸗ legenheit, die ſchon an und fuͤr ſich ſchmerzlich und betruͤbend genug iſt. Aber freuen ſoll es mich denn doch, wenn Sie recht bald mir etwas auf Abſchlag uͤberbringen, da ich wirklich das Geld auf die Länge nicht entbehren kann, oh⸗ ne ſelbſt in Verlegenheit zu gerathen!“ „O gewiß ſollen Sie nicht lange darauf warten dürfen, und lebenslang werde ich Ihnen fuͤr den mir gewaͤhrten Aufſchub dankbar verpflichtet bleiben!“ erwiederte Sebaſtian raſch und freudig.— 6 8² Die ſchlichte Treuherzigkeit, mit welcher der Mann, obwohl noch vor Forn glü⸗ hend, ſeine wackern und menſchenfreund⸗ lichen Geſinnungen an den Tag legte, erquickte, wie das wohlthuende Lächeln eines unvermuthet durch Nacht und Ne⸗ bel hervor brechenden Sonnenſtrales, ihm Geiſt und Gemuͤth. Mit dem Gefühl der innigſten Hochachtung erwachte zu⸗ gleich das Vertrauen und bald hatte er, dem Zuge des Herzens folgend, ſich im Fortgange der Unterredung auch uͤber die vom Prokurator ſo finſter beurtheilte Be⸗ draͤngniß ausgeſprochen, in die er, des veranſtalteten Begraͤbniſſes wegen, ſich verſetzt fand.— „Ich kann mir leicht vorſtellen, wel⸗ chen Kummer Sie daruͤber empfinden muͤſſen!“ rief jener mitleidig aus. Auch wuͤrde ich an Ihrer Stelle eben ſo den⸗ ken und mir die Sache eben ſo zu Her⸗ 8³ zen nehmen, wie Sie es thun. Aber ſt fuͤr die Erreichung Ihres Wunſches noch nicht alle Hoffnung ver⸗ loren! Der Kirchenvorſteher, der Ihr Geſuch ſo kaltſinnig zuruͤck gewieſen, ge⸗ hoͤrt gluͤcklicher Weiſe unter meine Kun⸗ den, und ich will verſuchen, ob ich ihn nicht zu einem gelindern und gefaͤlligern Ausſpruche bewegen kann. Gleich nach der Predigt, wenn ſein Gemuͤth noch durch Gottes Wort erwaͤrmt und er⸗ weicht iſt, will ich zu ihm gehen, frei von der Leber hinweg ſprechen und mich fuͤr Ihre Angelegenheit nach beſten Kraͤf⸗ ten bei ihm verwenden. Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich mir alle Müuͤhe ge⸗ ben werde, von ihm die Einwilligung in Ihr Begehren zu erlangen! Auch ſollen Sie alsdann unverzuͤglich naͤhern Beſcheid uͤber den Ausgang dieſes Un⸗ ternehmens erhalten!“ 6* 84 „O beſter Mann!“ rieſ Sendler mit tief geruͤhrter Seele.„Wie— Aerm⸗ ſter es machen, um Ihnen meine Er⸗ kenntlichkeit fuͤr den theilnehmenden Freundſchaftsdienſt, dem Sie ſich zu un⸗ terziehen geneigt ſind, auf wuͤrdige Weiſe an den Tag zu legen!“ „Ei, was bedarf es dabei noch eines Weitern!“ verſetzte der Tiſchler.„Wenn ich Bedenken tragen ſollte, meinem Ne⸗ benchriſten eine Gefaͤlligkeit zu erzeigen, die in meiner Macht ſteht; wodurch koͤnnte ich denn ſonſt wohl darthun und beweiſen, daß ich kein Heide bin! Aber was haben Sie denn in der Glasbuͤchſe dort, mit der Sie ſich zum erſten Weih⸗ nachtstage ſo ämſig herum ſchleppen?“ „Ach, ein paar allerliebſte weiße Maͤuſe ſitzen unter den Saͤgeſpaͤnen ver⸗ ſteckt!“ erwiederte der Befragte. Ein Goͤnner, fuͤr den ich ſchreibe, hat ſie 85⁵ mir ſo eben zum Geſchenk verehrt. Aber augenblicklich gehoͤren ſie Ihnen, wenn Sie mir ſagen, daß Sie nur im min⸗ deſten Gefallen an dergleichen finden. Mein Anerbieten kommt aus ehrlichem Herzen; o ſchlagen Sie es nicht aus, ſondern gewaͤhren Sie mir das Vergnuͤ⸗ gen, Ihnen dieſe kleinen Thiere abtre⸗ ten zu duͤrfen, deren poſſierliches Weſen Ihnen ſicherlich in muͤßigen Augenblicken recht zur Beluſtigung dienen wird!“. „Nein, alle Wetter! bleiben Sie mir mit ſolchem Ungeziefer vom Leibe!“ fiel Helbert mit eifriger Abwehr ihm ins Wort.„Ich wuͤßte nicht, was meinem Ohr mehr zuwider waͤre, als das geſchaͤftige Knispern und Knaspern der Maͤuſe, mag ihr Fell weiß oder grau ſeyn! Und waͤre es dem Goͤnner, deſſen Sie er— wähnen, aufrichtig darum zu thun ge⸗ weſen, Sie auf ſichtbare Weiſe ſeiner 86 Gunſt zu verſichern: ſo wuͤrde es, mei⸗ ner Meinung nach, wohl keine ſo große Schwierigkeit gehabt haben, ein taugli⸗ cheres und zweckmäͤßigeres Geſchenk fuͤr Sie auszuſinnen!“ Das Gelaͤut der Glocken, welches, den anhebenden Gottesdienſt verkuͤndi⸗ gend, durch die Luft zu ertoͤnen begann, machte dem Geſpraͤch ein Ende. Seba⸗ ſtian druͤckte und ſchuͤttelte, unter dem Verſprechen, ſich gegen Mittag einzu⸗ ſtellen, um den fuͤr ihn ſo verhaͤngniß⸗ vollen Beſcheid abzuholen, dem Bieder⸗ manne mit inniger Herzlichkeit die Hand und entfernte ſich wieder. Noch war er, aͤmſig nachgruͤbelnd, wie er es anfangen ſolle, um ohne Ver⸗ zug ſich ſeiner Verpflichtung gegen dieſen 87 braven Mann wenigſtens theilweiſe zu entledigen, nicht gar weit gegangen, da ſiel ihm uͤber der Thuͤr eines anſehnli⸗ chen Gebaͤndes ein rothes Schild in die Augen, das in großen goldenen Buchſta⸗ ben die Inſchrift enthielt: Hier wird auf Pfaͤnder geliehen.— Schnell durch⸗ fuhr ihn, indem er dieſe Worte las, ein Gedanke, deſſen Vollfuͤhrung er unge⸗ ſaͤumt ins Werk zu richten, beſchloß. Wie er das von der Mutter ererbte Geſangbuch als ein ehrwuͤrdiges und unſchaͤtzbares Andenken betrachtete, ſo be⸗ ſaß er von ſeinem ſchon vor zwoͤlf Jah⸗ ren verſtorbenen Vater ein aͤhnliches ihm theures Vermaͤchtniß. Dieß war eine alte ſilberne Taſchenuhr, die jedoch einer ſehr gruͤndlichen Reparatur bedurft haͤtte, um wieder in gehoͤrigen Gang zu gera⸗ then. Sebaſtian hielt ſie wie ein Hei⸗ ligthum in ſeinem Wandſchranke ver⸗ 88 wahrt und verſchloſſen, und niemals, mit wie druͤckenden Nahrungsſorgen er auch zu kaͤmpfen gehabt hatte, war es ihm nur im entfernteſten eingefallen, ſich ihrer zum eignen Vortheil als einer au⸗ genblicklichen Huͤlfsquelle zu bedienen. Jetzt, da ſeine ganze Seele mit der an ihn ergangenen Aufforderung des redli⸗ chen Meiſters beſchaͤftigt war, auf eignen Gelderwerb aber ſich vorlaͤufig nicht mit Sicherheit rechnen ließ, und die Ver⸗ pfaͤndung des gedachten Erbſtuͤckes mit⸗ hin als das einzige Mittel erſchien, jenen mit ſo gutmuͤthiger Schonung geaͤußer⸗ ten Wunſch zu erfuͤllen, jetzt verſchwand ſogleich jede Bedenklichkeit.„Ja, ich muß, ich will mich auf einige Zeit von ihr trennen!“ ſprach er bei ſich ſelbſt. „Die Zuſage des Prokurators, daß er auch in der Folge fleißig von meiner Fe⸗ der Gebrauch zu machen gedenkt, laͤßt — — 89 mich ja die Möglichkeit einer baldigen Wiedereinloſung hoffen; denn immer kann und wird ja doch der Lohn fuͤr die ihm uͤberlieferten Arbeiten nicht in wei⸗ ßen Maͤuſen beſtehen!— Durch dieſen Beruhigungsgrund getroͤſtet, holte er, als er in ſeinem Wohnſtubchen angelangt war, die Uhr aus ihrem friedlichen Ru⸗ hewinkel hervor, ſteckte ſie zu ſich, und richtete behenden Schrittes den Lauf wie⸗ der nach der Gegend des Hauſes, das mit ſo dienſtfertigem Erbieten, gegen hin⸗ reichende Sicherſtellung, dem Geldman⸗ gel der Voruͤbergehenden abzuhelfen ver⸗ ſprach. Der hochgewolbte Eingang ſtand of⸗ fen und innerhalb deſſelben ging ein aͤlt⸗ licher, ziemlich aͤrmlich gekleideter Mann mit verſchraͤnkten Armen und ſinnender Geberde bedachtſam auf und ab. „Um Vergebung! Sind Sie der 90 Eigenthuͤmer des Hauſes? der Pfand⸗ verleiher?“ ſragte Sendler in aͤngſtlicher Haſt und Eilfertigkeit. „Zu dienen, mein Herr!“ war die eben ſo raſch erfolgende Antwort.„Was ſteht in Ihrem Belieben?“ Mit zitternder Hand brachte Seba⸗ ſtian die Uhr zum Vorſchein und ver⸗ meldete, daß es ſeine, durch den Drang der Verhältniſſe herbei gefuͤhrte Abſicht ſei, ſie auf etliche Wochen zu ver⸗ pfaͤnden. Jener nahm und betrachtete ſie eini⸗ ge Augenblicke lang forſchend von innen und außen, warf einen bedenklichen Blick auf den Ueberbringer und ſagte: „Groß iſt der darin ſteckende Werth frei⸗ lich keinesweges; doch ſoll es darauf ſo genau nicht ankommen. Sie befinden ſich wohl in ſehr duͤrftigen Umſtaͤn⸗ den?“ — 91¹ „Das muß allerdings der Fall ſeyn, weil ich mich ſonſt nimmermehr zu einem ſolchen Schritt wuͤrde entſchließen koͤn⸗ nen!“ antwortete der Befragte.„Ich bin aber mit jeder Summe zufrieden, die Sie mir gegen dieß Unterpfand zu verabreichen, gewilligt ſind; und wenn es auch nur ein einziger Thaler waͤre!“ Der Mann ſchien mit ſich ſelbſt in Zweifel zu ſchweben; bald aber deutete der Wechſel in ſeinen Mienen auf den Entſchluß hin, zu dem er gelangt war. „Sie ſollen zwei Thaler erhalten!“ ſagte er.„Verweilen Sie hier nur ein wenig, und laſſen Sie ſich die Zeit nicht lang werden; ich hole das Geld und bin ſogleich wieder bei Ihnen!“— Mit dieſen Worten ging er hinweg und verlor ſich im Hintergrunde des Hauſes. Sebaſtian ſtand und wartete mit wachſender Ungeduld von einer Minute 92 zur andern auf die Ruͤckkehr des Ver⸗ ſchwundenen; aber Alles blieb ſtill und Niemand erſchien. Endlich vernahm er Fußtritte uͤber ſeinem Haupt. Eine Magd kam die Treppe herunter und rief: „Der ganze Bettel iſt ja nicht einen Heller werth; es kann alſo nichts dar⸗ auf“— Sie unterbrach ſich ſelbſt, indem ſie den Harrenden ſchaͤrfer ins Auge faßte, und ſtatt in ihm den naͤmlichen wieder zu finden, dem ihre Anrede gegolten, ein ganz fremdes Geſicht bemerkte. „Aber wo ſteckt er denn?“ fuhr ſie mit eifrig umher ſpaͤhenden Blicken zu rufen fort.„Wo iſt er auf einmal geblie⸗ „Wer? fragte Sebaſtian mit angſt⸗ voller Ahnung.„O ihr Maͤchte des Himmels! Wer denn?“ „Ei nun, der fremde Menſch, dem 93 dieſe Schachtel gehoͤrt, die er hier als Pfand unter zu bringen gedacht! Aber nur lauter nichtsnutziger Kram befindet ſich drin. Alte verſchoſſene Baͤnder, ver⸗ brauchte Schleier, altmodiſche Spitzen, und was des elend erbaͤrmlichen Zeuges mehr iſt!“ Sebaſtian war wie vom Blitz ge⸗ troffen. Zu ſeinem tödtlichen Entſetzen klaͤrte ſich's auf, daß er durch ein feind⸗ ſeliges Ungefähr an einen Betruͤger ge⸗ rathen, der, nach ſchnell gefaßtem Plan, den argloſen Sinn des Unerfahrnen und die guͤnſtige Ortsgelegenheit benutzend, ſich der Uhr bemäͤchtigt, und den er⸗ haſchten Raub ſchleunigſt in Sicherheit zu bringen geſucht hatte, welches letztere ihm um ſo weniger mißgluͤcken konnte, da das Haus einen Durchgang enthielt, der nach einer andern Straße der Stadt hinaus fuͤhrte.„So muß zu meinem 94 Leid und Ungemach auch noch dieſer Jammer hinzu kommen!“ ſeufzte der arme Ueberliſtete gegen den Himmel em⸗ por, ſchauderte vor der Groͤße und Un⸗ erſetzlichkeit des erlittenen Verluſtes in ſich ſelbſt zuſammen und ſchwankte, von ſinnverwirrendem Schwindel ergriffen, wie ein Traͤumender nach ſeiner Behau⸗ ſung zuruͤck.— Gegen Mittag oͤffnete ſich die Thuͤr und Meiſter Helbert erſchien.„Ich kom⸗ me,“ ſagte er achſelzuckend,„um Ihnen die traurige Nachricht zu bringen, daß meine Bemuͤhungen in der bewußten An⸗ gelegenheit leider vergeblich geblieben ſind! Der Mann hat kein Herz, ſondern einen Eisklumpen im Leibe! Was ich auch anwandte, um ſeine widerſpenſtige Sin⸗ nesart zu beſiegen und ihn zur Nachgie⸗ bigkeit zu bewegen; es vermochten weder Bitten noch Vorſtellungen etwas uͤber 95 ihn auszurichten, keine Spur von Em⸗ pfindung zeigte ſich in ſeinem Geſicht und mit dem gefuͤhlloſeſten Gleichmuth gab er mir zu erkennen, daß es unab⸗ aͤnderlich und unwiderruflich bei der von ihm bereits ausgeſprochenen Entſcheidung ſein Bewenden haben muͤſſe!“ „Die Botſchaft kommt mir nicht ſo unerwartet, als Sie vielleicht glauben!“ erwiederte Sebaſtian mit der dumpf duͤ⸗ ſtern Ruhe, in welche das ſtillere Nach⸗ denken uͤber den an ihm veruͤbten Gau⸗ nerſtreich ſein Innerſtes nach und nach verſetzt hatte.„Es ſoll mir nun einmal Alles mißlingen und fehlſchlagen; ich mag es ſelbſt unternehmen oder einen edeln Freund finden, der fuͤr mich zu wirken geneigt iſt. Das iſt mehr oder minder von je her mein Loos geweſen; und fehlte mir die Ueberzengung, daß es ei⸗ nen hoͤhern Lenker der menſchlichen 96 Schickſale giebt, der auch mit den Wi⸗ derwaͤrtigkeiten und Truͤbſalen, die er uns zuſendet, ſeine weiſen Abſichten ver⸗ bindet: ſo hätte ich keine Stuͤtze in die⸗ ſer Welt!“ „Aus dieſer Ueberzeugung läͤßt ſich freilich, bei eintretenden Hinderniſſen und Schwierigkeiten, gegen welche wir ſelbſt mit dem beſten Willen nichts auszu⸗ richten im Stande ſind, auch immer der kraͤftigſte und zuverlaͤſſigſte Troſt ſchoͤp⸗ fen!“ fuhr jener fort.„Sie haben jetzt das Ihrige in der Sache gethan und können daher, wenn auch das Herz ſich daruͤber bekuͤmmert, doch wenigſtens mit vorwurfsfreiem Bewußtſeyn erwarten, welchen Ausgang ſie nimmt. Am Ende beruht der Unterſchied zwiſchen den bei⸗ den Kirchhoͤfen doch nur auf einer menſchlichen Meinung, und wir ſtehen, es mag ſich unſer letztes Schlafkaͤmmer⸗ — lein hier oder dort befinden, ganz auf die naͤmliche Weiſe in Gottes Hand!“ „Sie haben Recht!“ verſetzte Seba⸗ ſtian.„Und ſtatt des mir verweigerten Geſuches noch laͤnger in fruchtloſem Gram zu gedenken, will ich von nun an nur jene Vorſtellung im Gemuͤth feſt halten und mit ruhiger Ergebung in dieß unab⸗ aͤnderliche Schickſal mich fuͤgen!“ Dieſem Vorſatze gemaͤß, machte er ſich, nachdem er ſein kaͤrgliches Mittags⸗ mahl verzehrt hatte, wieder an die ge⸗ wohnte Arbeit und blieb mit angeſtreng⸗ tem Geſchaͤftseifer bis gegen Mitternacht am Schreibtiſche ſitzen, worauf er er— ſchopft und ermuͤdet die Feder ſieder⸗ legte und ſich zur Ruhe begab. Aber kaum hatte er, jeden unmuthigen Ge⸗ 98 danken aus ſeinem Innern verbannend, die Augen geſchloſſen, als er durch ein in ſeiner Naͤhe Statt findendes Geraͤuſch wieder geweckt und ermuntert wurde. Es ruͤhrte daſſelbe, wie er ſich augen⸗ blicklich uͤberzeugte, von den beiden Maͤu⸗ ſen her, welche, nach der dieſen Thie⸗ ren eigenthuͤmlichen laͤſtigen Untugend, jetzt bei eingetretner Finſterniß lebendig zu werden und ihr Weſen zu treiben an⸗ fingen, indem ſie bald am Deckel des Glaſes geſchaͤftig umher nagten, bald auf und ab an der hernieder haͤngenden Drahtkette ſich quiekend verfolgten. Ver⸗ drießlich uͤber dieſe Stoͤrung, kroch Se⸗ baſtian mit beiden Ohren tief unter die Betidecke und verſuchte wieder einzu⸗ ſchlummern. Allein vergebens! Das an— gewandte Mittel verſchlug nichts gegen den unablaͤſſig fortdauernden heilloſen Lärm, und er mußte entweder ihn ge⸗ 99 duldig mit anhoͤren oder zu ernſtlichen Maßregeln ſchreiten, wenn er ſich die gewuͤnſchte Ruhe verſchaffen wollte. Dieß letztere zu thun, ſtieg er endlich vom Lager empor und tappte nach dem Fenſter ſich hin, um die kleinen Unhol⸗ de aus ſeiner Naͤhe zu entfernen und ih⸗ nen in der benachbarten Wohnſtube ih⸗ ren Platz anzuweiſen. Da kam es ihm vor, als ob die Kammer von einem ver⸗ dächtigen Qualm und Dunſt erfuͤllt ſei, und kaum hatte er mit banger Betroffen⸗ heit dieſer Wahrnehmung weiter nachzu⸗ ſpuͤren begonnen, als von der Wand dicht uͤber ſeiner Schlafſtelle der muͤrbe, bis zum Gluhen erhitzte Lehm eines Fach⸗ werks praſſelnd auſ das Bett herabſchoß, welches ſogleich an allen Ecken zu glim⸗ men anfing. Durch die entſtandne Heff⸗ nung aber ſchlug jetzt aus einem angren⸗ zenden Torfſchauer, der durch Verwahr⸗ 5 X 100 loſung allmälig und unvermerkt in Brand gerathen, wildwuͤthenden Grimmes und mit verzehrender Wirkung um ſich grei⸗ fend, die helle Flamme in Sebaſtians Schlafkammer herein. Voll Angſt und Entſetzen raffte der Erſchrockene zuſammen, was er in dieſem, mit der furchtbarſten Schnelligkeit wachſenden Drange der Noth zu erfaſſen vermochte: einige Klei⸗ dungsſtuͤcke, das Glas mit den Maͤuſen und die ihm anvertrauten Papiere des Prokurators. Es blieb ihm, der ſich gie⸗ rig verbreitenden Glut und des uͤberhand nehmenden erſtickenden Dampfes wegen, kein Augenblick zu verlieren, und laut ſchreiend ſtuͤrzte er nach dem vordern Theile des Gebaͤudes, um die Witwe und ihre Kinder von der drohenden graͤß⸗ lichen Gefahr zu unterrichten. Dieſe wa⸗ ren bereits durch das wilde Getoͤſe, mit welchem man in haſtvollem Ungeſtuͤm die 101 Thuͤr der Wohnung von außen zu erbre⸗ chen ſich beeiferte, aus ihrem naͤchtlichen Schlummer aufgeſchreckt worden. Meh⸗ rere fremde Maͤnner drangen jetzt, auf Rettung und Mithuͤlfe bedacht, in das Innere des Hauſes ein, waͤhrend in den naͤchſten Straßen ſchon lauter und lauter der Feuerlaͤrm ſich erhob und bald darauf auch die Sturmglocken zu ertoͤnen began— nen. Ein guͤnſtiger Zufall bewirkte, daß, den an verſchiedenen Orten veranſtalteten Feſtluſtbarkeiten zu Folge, ein großer Theil der Stadtbewohner noch bei Spiel und Tanz ſich auf den Fuͤßen befand. Kaum war die Flamme daher zum Aus⸗ bruch gekommen, als auch von allen Seiten ſchon dienſtfertige Haͤnde herbei eilten, um in gemeinſchaftlicher Anſtren⸗ gung ihr wieder Einhalt zu thun“ Ver⸗ mittelſt der eben ſo zweckmäßigen als ſchnell getroffenen Gegenanſtalten wurde . 102 dieſe Abſicht glücklich erreicht. Das zum Verderben aufgereizte Element mußte mit dem ihm Preis gegebenen geringern Rau⸗ be ſich begnuͤgen, und nur auf deren armſelige Hintergebaͤnde, die, binnen Minutenfriſt von ihm ergriffen, bis auf den Grund nieder brannten, erſtreckte ſich ſeine Verwuͤſtung. Mit ſeinem duͤnnen Tuͤffelrock beklei⸗ det und die uͤbrigen geretteten Habſelig⸗ keiten unter dem Arme haltend, ſtand Sebaſtian, betaͤubten Sinnes und gaͤnz⸗ lich unfähig, einen Entſchluß zu faſſen, barfuß auf den ſteinernen Eingangsſtu⸗ ſen eines der Brandſtelle ſchraͤg gegen— uͤber befindlichen Gebaͤudes. Die Glut, welche den Leichnam ſeiner Mutter ver⸗ zehrte, ſchien ihm ins blaſſe Geſicht. Um ihn her vermiſchten ſich in bunter Verwirrung mit dem nM der *„ 103 Räder, auf welchei bie Spritzen und Waſſerkuͤbel gefuͤhrt wurden, das ſtuͤrmiſche Schelten und Rufen der mit Loöſchung des Brandes beſchaͤftigten Ar⸗ beiter, das Praſſeln und Krachen des zuſammen ſtuͤrzenden brennenden Gebaͤl⸗ kes, und das Aechzen und Wehklagen, womit die hinaus geſcheuchten Bewohner der von der Wuth des Feuers zunaͤchſt bedrohten Haͤuſer, in der bangen Be⸗ ſorgniß fuͤr Hab' und Gut, ihrem ge⸗ ängſtigten Herzen Luft machten. Von der Glut geſchmolzen, traufte der auf dem Dach liegende Schnee in immer ſtaͤrkern Tropfen ihm auf Haupt und Schultern herab, aber er merkte es nicht; es erbebten ſeine Glieder vom Schauer des Winterfroſtes, aber das klare Be⸗ wußtſeyn verdunkelnd, hatte der Schreck ihm Kraft und Willen gelahmt. In dumpfer Gefuͤhlloſigkeit blickte er ſtarr 104 vor ſich hin, und verharrte unbeweglich auf dem eingenommenen Standpunkt. Da draͤngte, in einen alten zerlump⸗ ten Mantel gehuͤllt und den Kopf mit der Schlafmuͤtze bedeckt, ſich eine bekannte Geſtalt durch das wilde Gewuͤhl und Getuͤmmel nach der Stelle hin, wo Se⸗ baſtian ſich aufhielt. Es war Meiſter Helbert.„Nun Gott Lob!“ rief er aus, „daß ich Sie noch unter den Lebendigen finde! Aber hier iſt nichts mehr fuͤr Sie weder zu gewinnen noch zu verlieren; alſo nur weg und vorwaͤrts!“— uUund mit haſtvoller Gewalt packte er den Er⸗ ſtarrten beim Arm, fuͤhrte ihn die Stie⸗ gen hinunter und zog eilfertig ihn mit ſich fort nach ſeiner Behauſung. „O Herr des Himmels!“ rief Se⸗ baſtian aus, als er am andern Morgen mit neu zuruͤck gekehrter klarer Beſin— nung ſeiner ſelbſt und durch einen ſanf⸗ 105 ten Schlaf erquickt, die Augen auf⸗ ſchlug.„Wie unbegreiflich ſind deine Rathſchluͤſſe, wie unerforſchlich deine We⸗ ge; aber du ordneſt ſie nach deiner unend⸗ lichen Liebe und fuͤhreſt ſie alle herrlich hinaus! Fuͤr tagelanges, muͤhevolles Befleißen muß mir, gegen Wunſch und Erwartung, ein eben ſo ſonderbares als geringfuͤgiges Geſchenk zu Theil werden, um im Augenblick der ſchrecklichſten Ge⸗ fahr mir Leib und Leben zu retten. In der Noth und Bedraͤngniß muß ich zum ſchonenden Mitgefuͤhl eines edlen Man⸗ nes meine Zuflucht nehmen und ihm das Innerſte meines Herzens aufſchließen, um beim Eintritt einer noch mißlichern und hülfloſern Loge an ihm den Beſchuͤt⸗ zer z finden, der mit zuvorkommender freundlicher Gutmuthigkeit ſich meiner annimmt, aus eigner Bewegung an dem Orte des Schreckens mich aufſucht und 106 dienſtwillig mir eine Freiſtatt in ſei⸗ nem Hauſe gewaͤhrt. In Schutt und Aſche liegt der Leichnam der Mutter be⸗ graben! Es geſchah nach deiner hoͤhern Fuͤgung und zufrieden geſtellt iſt mein Gemuͤth. Nein, nie und nimmer, du Allerbarmer, will ich von nun an in die heilſamen und wohlthaͤtigen Zwecke der mir zugeſchickten Pruͤfungen, wie dunkel und raͤthſelhaft ſie mir auch erſcheinen moͤgen, nur den geringſten Zweifel mehr ſetzen! Kein Leid noch Mißgeſchick ſoll mir die Seele mit Kleinmuth erfuͤllen und in meiner freudigen Zuverſicht mich irre machen! Mit unerſchuͤtterlichem Ver⸗ trauen will ich in Luſt und Schmerz zu dir mich halten, und dein e Erdenkind ſoll Sebaſtian Sendler ſehn!“ 107 Die Brieftaſche. Mu ſanfter Gewalt hatte der Fruhling dem rauhen Vorgaͤnger die Zuͤgel ente wunden und ſeine gelindere Herrſchaft begonnen. Klar und rein laͤchelte der blaue Himmel herab, waͤrmern Hauches wehten die Luͤfte und mit liebevollem Wink rief und lockte die Natur ihre Kin⸗ der aus der dumpf todten Erſtarrung ins jugendliche Leben zuruͤck. Still ſeinen Gedanken nachhaͤngend und am erquickenden Stral der Morgen⸗ ſonne ſich labend, ſtand Sebaſtian vor dem geoͤffneten Fenſter des Dachſtuͤbchens, um bie gaſtliche Aufnahme, die er zur Zeit der Noth bei dem wackern Helbert ge⸗ funden, nicht zu mißbrauchen, vor eini⸗ gen Wochen in der Nachbarſchaft deſſel⸗ 108 ben gemiethet und bezogen hatte. Der Schade, den die naͤchtliche Feuersbrunſt ihm zuwege gebracht, war verſchmerzt und vergeſſen. Er fuͤhlte ſich, wenn er auch in ſeinem neuen Wohngemach etli⸗ che Geraͤthſchaften vermißte, die durch verjaͤhrten Anblick ihm lieb und theuer geworden waren, nicht eben aͤrmer, als er zuvor ſchon geweſen; vielmehr wollte es ihm, wenn er ſeine fruͤhere Lage mit der gegenwaͤrtigen verglich, ſogar vor— kommen, als ob er dem durch jenes Er⸗ eigniß darin erfolgten Wechſel nur als guͤnſtig und vortheilhaft zu betrachten ha⸗ be. Aus dem fortgeſetzten Verkehr und Umgange mit dem Tiſchler war allmaͤ⸗ lig, da ihre beiderſeitigen Gefuͤhle und Grundſätze genau mit einander uͤberein ſtimmten, und Sebaſtian mir begierigem Eifer jede Gelegenheit ergriff, dem Wohlmeinenden durch Gegendienſte aller 109 Art ſeine dankbare Anhaͤnglichkeit zu be⸗ weiſen, das innigſte Freundſchaftsbuͤnd— niß erwachſen. An die Stelle der Mut⸗ ter, die ehedem ſein unbeſchraͤnktes Ver⸗ trauen beſeſſen, war durch die troſtvolle Fuͤgung des Himmels der Freund getre⸗ ten, und nie unterließ Sebaſtian, bei der wehmuͤthigen Erinnerung an die Verewigte, ſich glucklich zu preiſen, daß er, zur Entſchaͤdigung fuͤr den erlittenen herben Verluſt, ein treues Herz gefun⸗ den, dem er auf aͤhnlich offene Weiſe, wie er es fruͤher gewohnt geweſen, ſich anſchließen und mittheilen konnte. Auch an Arbeit ſehlte es ihm weniger, als je⸗ mals; da ſchon der Prokurator allein ihn, der ertheilten Zuſage gemaͤß, durch immer neue Aufträge und Beſtellungen fortwaͤhrend zur Thatigkeit ſpornte und in Athem erhielt. Das Mißgeſchick, von welchem Sebaſtian im letzt verwichnen 110 Weihnachtsfeſt heimgeſucht worden war, ſchien uͤbrigens auf den bibelfeſten Goͤn⸗ ner nur in ſo fern einigen Eindruck ge⸗ macht zu haben, als er ſich, wie er in haͤufig wiederholter Hindeutung zu er⸗ kennen gab, fuͤr das vom Himmel er⸗ waͤhlte und auserkorne Werkzeug zur Rettung aus der ſichtbaren Lebensgefahr, in welcher Sebaſtian damals geſchwebt, zu halten geneigt fuͤhlte. Sich um das nackte Leben des Geretteten noch ferner⸗ hin zu bekuͤmmern und ihm in ſeiner gaͤnzlichen Entbloͤßung von den dringend⸗ ſten Beduͤrfniſſen Huͤlfe und Unterſtut⸗ zung zufließen zu laſſen, hatte ihm, bei der Alles uͤberwiegenden Wichtigkeit des ihm bereits geleiſteten Dienſtes frei⸗ lich nicht in den Sinn kommen konnen. Dagegen hatte er durch Anſpielungen aller Art ſeinem die Pflicht der Dankbarkeit einzuſchaͤrfen, und bald 111 unter dieſem bald unter jenem Vorwand ihm den wohl erworbenen Lohn fuͤr die uͤberlieferten Arbeiten zu kuͤrzen und zu ſchmaͤlern geſucht. Deſſen ungeachtet war Sendler fort und fort auf das ſorg⸗ ſamſte bemuͤht geweſen, ſich durch Fleiß und Puͤnktlichkeit in ſeiner Gunſt zu er⸗ halten. Ja er wuͤrde ſogar ganz unent⸗ geldlich und fuͤr den freien Zutritt allein, den das Haus des Prokurators ihm ge⸗ währte, mit dem naͤmlichen Dienſteifer 5 die ihm uͤbertragenen Geſchäfte vollfuͤhrt 8 haben; indem er durch einen einzigen freundlichen Blick, den Dorchen dann und wann im Vorbeigehen ihm zuwarf, ſich fuͤr tagelange Anſtrengungen hinlaͤng⸗ lich belohnt fand. Und dieß war die „ einzige dunkle Falte in ſeinem Herzen, die er, aus Beſorgniß, einer mit ſei⸗ nen aͤußern Verhaͤltniſſen unvertraͤglichen Lhorheitsgrille bezüchtigt zu werden, vor 3 zaͤhlte er auch, wenn Scbaſtian neu ver⸗ 112 dem Blick des an allen ſeinen ſonſtigen Geheimniſſen theilnehmenden Freundes ſchamhaft und ſchuͤchtern verſchloſſen hielt⸗— Bei der Habſucht und Knickerei, die in dem Weſen des Prokurators ſich aus⸗ ſprachen, mußte es ihm, obwohl er, uͤber gedachte Eigenſchaften gutmuͤthiger urtheilend, ſie nur mit der Benennung einer zu ängſtlichen Sparſamkeit belegte, um ſo mehr auffallen, daß jener ſeit ein paar Wochen ſein fruheres, nur auf den eignen Vortheil gerichtetes Be nehmen auf einmal gaͤnzlich geaͤndert hatte. Es war nicht allein ſein Ton 1 ploͤtzlich noch um Vieles herzlicher und zutraulicher geworden, ſondern mit ſelt⸗ ſamer und freigebiger Bereitwilligkeit fertigte Abſchriften uͤberbrachte, ihm die Gegengebuͤhr augenblicklich heiter und zu⸗ 113 frieden auf den Tiſch hin, als er dieß ehemals immer nur ſtoͤhnend und ſeuf⸗ zend gethan. Der Bewillkommnungsgruß, deſſen ſich der Eintretende von ſeinem Goͤnner gewuͤrdigt ſah, erfolgte mit ſo weicher und ſanfter Stimme, und der Haͤndedruck, den er beim Abſchiede mit auf den Weg erhielt, zeugte von einer ſo tiefen Innigkeit des Gefuͤhls, daß dem Empfaͤnger ſtets recht wunderlich da⸗ bei ums Herz wurde. Eine eben ſo un⸗ verkennbare als unerklaͤrliche R uͤhrung ſchien zählings mit unwiderſtehlicher Machtgewalt ſich des Prokurators zu be⸗ meiſtern, wenn Sebaſtian zu ihm in die Schreibſtube trat; von ſchnell auf⸗ wallenden Gemuͤthsbewegungen ward er, wie aus den deutlichſten Zeichen und Merkmalen ſich kund gab, haͤufig ekgrif⸗ fen, und Thränen ließen ſogar mit unter in ſeinen Augen ſich bemerken. 8 8 114 Daß in ſolchen Augenblicken ihm irgend eine geheime Mittheilung auf den Lippen ſchwebe, die er nur mit Muͤhe zuruͤck zu halten vermochte, konnte ſelbſt Sebaſtians unbefangener Argloſigkeit nicht entgehen; doch hegte dieſer gegen alles unberufene Eindrängen in fremde Geheimniſſe zu großen Abſcheu, als daß er durch neu— gieriges unbeſcheidenes Fragen und Aus⸗ forſchen dem Raͤthſel naͤher auf den Grund zu kommen geſucht haͤtte. Deſto fleißiger pflegte er im Stillen, obwohl ſeine Muͤhe vergeblich bueb, uͤber die muthmaßliche Urſache dieſe ſonder⸗ baren Erſcheinung nachzugruͤbeln; und auch jetzt war dieß eben wieder der Fall, doch ward er bald durch ein leiſes furcht— ſames Klopfen an die Thuͤr in ſeinen Betrachtungen geſtoͤrt und unterbrochen. Wie erſtaunte er, als er, dem ihm zu⸗ gedachten Morgenbeſuch entgegen eilend, 1¹5 eine weibliche Geſtalt mit unſchluͤſſigem Zaudern auf dem dunkeln Vorplatz ver⸗ weilen ſah und in ihr ſein heimlich ge⸗ liebtes Dorchen erkannte! „O guͤtiger Himmel!“ rief er be⸗ ſtuͤrzt und betroffen.„Sie ſind es? Sie ſelbſt? Welche Ehre widerfaͤhrt mir! O ſeien Sie tauſend Mat willkom⸗ men und belieben Sie, etwas naͤher zu treten!“ „Der Prokurator ſchickt mich her!“ ſagte ſie.„Er ſcheint ein ſehr dringen⸗ de Angelegenheit auf dem Herzen zu ha⸗ ben; denn er laͤßt Sie erſuchen, doch ſo bald als möglich bei ihm zu erſchei⸗ nen!“ „Auf ein paar Minuten fruͤher oder ſpaͤter wird es wohl eben nicht ankom⸗ men!“ verſetzte der Ueberraſchte, indem er froh geſchaͤftigen Eifers ſeinen Arbeits⸗ ſtuhl mit dem Schnupftuch nin 8* — * 116 und ihn der anmuthigen Beſtellerin zum Niederſetzen darbot.„Jetzt, beſtes Dor⸗ chen, erzeigen Sie mir die einzige Freundſchaft, und ſagen Sie: womit kann ich Sie bewirthen? Sehen Sie nur, wie freundlich die liebe Sonne zum Fenſter herein ſcheint! Es geht doch nichts uͤber den Genuß, den ein ſolcher Fruͤhlingsmorgen gewaͤhrt! Man fuͤhlt ſich frei und leicht, wie die Lerche, die zum Himmel empor wirbelt, und iſt, ſo wie ſie, n n Preiſe des Schoͤpfers geſtimmt!. will gleich zur Wir⸗ thin hinunter laufen und Kuffe kochen laſſen. Dann ſetzen wir uns ans offne Fenſter, weiden uns an der lieblichen Ausſicht uͤber die rothen Ziegeldaͤcher hinweg und verſchwatzen wieder einmal ein Viertelſtuͤndchen recht traulich mit „Um aller Welt willen nicht!“ erwie⸗ 117 derte ſie, den Eilfertigen mit aͤngſtlicher Miene am Arm zuruͤck haltend.„Habe ich Ihnen denn nicht geſagt, daß der Prokurator Dinge von Wichtigkeit mit Ihnen zu verhandeln hat, daß Sie mit Ungeduld von ihm erwartet werden? Wie würde es mir ergehen, wenn man erfuͤhre, daß ich Ihnen Gelegenheit ge⸗ geben, die koſtbare Zeit muͤßig zu ver⸗ plaudern!“ Ach wuͤßten Sie doch nur, wie ei⸗ ne ſolche Gelegenheit mir uͤber alles Andere werth und theuer iſt!“ verſetzte Sebaſtian, und, erſchrocken uͤber ſich ſelbſt, fuhr er zuſammen, und eine glů⸗ hende Schamroͤthe uͤberſlog ſein Geſicht, nachdem das kuͤhne Geſtändniß ſeinen Lippen entſchluͤpft war.„Aber das ver⸗ urſacht der ſchoͤne Morgen!“ fuͤgte er, nach einer Pauſe, ſich verbeſſernd! inzu, „von welchem die dumpfe Sh 6 6„₰ ube 118 des Prokurators wenig oder nichts er— faͤhrt, indeß er hier in meinem Erker⸗ ſtubchen drei Treppen hoch mir ſeine Herrlichkeit in ſo vollem Maße zuſtroͤmt, daß ich daruͤber ſchier zum Praſſer und Schwelger werde! Alſo zuͤrnen Sie nicht uͤber die ungeſtuͤme Frende, in die ich bei Ihrem unvermutheten Erſcheinen nothwendig gerathen mußte, und verge⸗ ben Sie mir mein zudringliches Aner⸗ bieten!“ „Ich habe Ihnen nichts zu verge— ben!“ entgecte ſie lächelnd,„und nie⸗ mals war der Zorn weiter von mir ent⸗ fernt, als eben jetzt! Im Gegentheil wuͤrde ich gern— wenn es Zeit und Um e erlaubten—“ Sie ſtockte, und beide ſchauten ver⸗ legen vor ſich nieder. Aber ich muß wahrhaftig eilen, wenn ich mir nicht Verdruß zuziehen . 1¹9 will!“ fuhr Dorchen fort, indem ſie nach der Thuͤrklinke griff.„Meine Furcht und Scheu vor den Vorwuͤrfen des Pro⸗ kuratos—“ „Ei, der hat ſich ja ſeit langer Zeit gar merklich zu ſeinem Vortheil gean⸗ dert!“ unterbrach Sebaſtian ihre Worte. „Und ich will doch hoffen, daß auch Sie von dieſer Gemuͤthsverwandlung be⸗ reits die guͤnſtigen Folgen verſpuͤren; denn angſt und bange muͤßte mir ja wer⸗ den, wenn ich glauben ſollte, daß er einzig und allein gegen mich ſo ploͤtzlich ein billigeres Verfahren anzunehmen fuͤr dienlich erachtete! Er behandelt mich mit ſo zuvorkommender Huld und Guͤte, daß ich zuweilen aufs peinlichſte mich mit der eigenen Hoͤflichkeit in die Enge getrieben finde. Er bedient ſich in den Unterredungen, die er mit mir fuhrt, ei⸗ ner ſo liebreichen und ſchmeichleriſchen 120 Sprache, als ob er nicht einen armen abhaͤngigen Untergebenen, ſondern ſeinen vertrauteſten Buſenfreund vor ſich haͤtte. Er hat an meinen Arbeiten, wenn ſie auch noch ſo fluͤchtig abgefaßt ſind, nie etwas auszuſetzen und bezahlt ſie, ganz gegen ſeine ſonſtige Swhn faſt uͤber die Bebuͤhr!“ „Wenn das Letztere der Fall iſt,. erwiederte Dorchen mit bedenklich war⸗ nender Geberde;“ ſo muß ich Ihnen wohlmeinend rathen, doch ja recht ſorg— fältig auf Ihrer Hut zu ſeyn! Weh mir, daß ich von dem eignen Blutsver⸗ wandten keine beſſere Meinung zu hegen im Stande bin! Aber ich bleibe dabei! Wenn er ſeinem Eigennutz Gewalt an⸗ thut, und ſich auf ein Mal freigebiger gegen Sie erzeigt, als er ſonſt gethan; ſo iſt es mir klar wie der Tag, daß er geheime Anſchlaͤge und Entwuͤrfe im 12¹ Schilde fuͤhrt, die nicht recht ſind. Nim⸗ mermehr wuͤrde er ſonſt zu Mitteln ſeine Zuflucht nehmen, die er, bei ſei⸗ ner Denkungsart, nur ergreifen kann, wenn fuͤr die Erreichung ſeiner Abſichten ſchlechterdings kein anderer Ausweg vor⸗ handen iſt!“ „Urtheilen Sie auch vielleicht zu ſtreng uͤber ihn?“ ſprach jener beguͤti⸗ gend.„Es gibt doch ſo viele Beiſpiele, daß Leute, die ihr halbes Leben hindurch mit dieſer oder jener Untugend behaftet waren, wie durch Wunderwirkung ſchnell in ſich gegangen, von ihren vorherigen ſchlimmen Gewohnheiten vollig abgewi⸗ chen und eines ganz entgegen geſetzten Sinnes geworden ſind. Daß der Mann ein fleißiger Bibelleſer iſt, wiſſen wir Beide. Scheint es, bei der gewältigen Eindringlichkeit dieſes Buches, denn ſo ganz unmoͤglich, daß vielleicht irgend ein 122 darin enthaltener kraͤftiger Mahnſpruch auf unwiderſtehliche Weiſe ſein Gemuͤth getroffen, ihm das Tadelhafte ſeines bis⸗ herigen Wandels mißbilligend vor Augen geſtellt und eben dadurch dieſen plotzlichen Gemuͤthswechſel bei ihm hervorgebracht hat?“ Dorchen ſchuͤttelte unglaͤubig den Kopf.„Ich muß dennoch meine War⸗ nung wiederholen!“ ſagte ſie.„Um ſo mehr aber ſoll es mich freuen, wenn die Beſorgniſſe, deren ich mich nun einmal nicht zu erwehren vermag, bloß auf ei⸗ ner nichtigen Einbildung beruhen. Denn recht von Herzen achte und ſchaͤtze ich Sie, lieber Sendler; und gewiß wird Ihr Gluͤck und Wohlergehen ſtets mein aufrichtigſter Wunſch ſeyn!“ Sie entfernte ſich, und unter der Zuſage, binnen wenigen Minuten an Ort und Stelle ſich einzufinden, folgte 123 Sendler ihr nach und geleitete mit ent⸗ zuͤckter Seele ſie die dunkeln Stiegen hinunter. Raſchen und froͤhlichen Sprunges kam er in ſein Dachſtuͤbchen zuruͤck ge⸗ ſtörzt„Jä ja, ſie war es, wie ſie leibt und lebt!“ jauchzte er auf.„Dort auf dem Fenſter, auf dem Ofen, auf dem Schreibtiſch, auf dem alten Victua⸗ lienſchrank in der Scke haben ihre Au⸗ gen geruht; und hier, hier auf dieſer Stelle hat ſie geſtanden, mich ſanft beim Aermel gefaßt, als ich hinaus wollte, meinen Worten freundlich ihr Ohr gelie⸗ hen, und mit unverſtelltem herzlichen Ausdruck mir ihre wohlwollenden Geſin— nungen zugeſichert. Armer Lungerer! werde nicht uͤbermuͤthig! Blick⸗ auf die kahlen Faſern deines Flausrockes, ſpalte dir zur loͤblichen Sparniß das Holz mit dem Brotmeſſer, koche zum Fruͤhſtuͤck 124 deinen Cichorientank, und bleibe beſchei⸗ den! Aber zur Luſt des Himmels wuͤrde der Traum denn doch, wenn er zur Wirklichkeit wuͤrde! O Baſtian, rechne doch nach, was du in deiner Armuth aufzuweiſen haſt, um es ihr darbieten zu können! Dieß friedliche Dachſtuͤb⸗ chen, mit ſeiner allerdings gar herrli⸗ chen Lage; die Erwerbshoffnung, die auf dieſem Schreibtiſche beruht; das treue liebende Herz in der Bruſt!— Nein, nein, thoͤrichter Traͤumer! Ent⸗ ſchlage dich ſolcher hoch fahrender, eiteln Gedanken, druͤcke dir den abgegriffenen Hut auf den gluͤhenden Wirbel, und mache dich pflichtſchuldigſt auf den Weg zum Prokurator!—“ Dieſer empfing ihn, wie gewoͤhnlich, in ſeiner Schreibſtube, und war vom N 125 Kopf bis zu den Fuͤßen in Trauerkleider gehuͤllt; denn ein Verwandter von ihm, der Commerzienrath Heisfeld, ein alter und reicher Hageſtolz, hatte in der letzt⸗ verwichenen Nacht das Zeitliche geſegnet. „Sie finden mich, mein guter Send⸗ ler,“ redete er den Eintretenden an, „im Zuſtande tiefer Traurigkeit und Be⸗ truͤbniß; und um mich endlich von einem damit in Verbindung ſtehenden, mein Gemuͤth auf noch ſchmerzlichere Weiſe beruͤhrenden Leidweſen zu befreien, fuͤhle ich mich veranlaßt, zu Ihrer Geſchick⸗ lichkeit meine Zuflucht zu nehmen. Es wird, um Ihrer bereitwilligen Mithuͤlfe gewiß zu werden, vollkommen hinreichend ſeyn, wenn ich Ihnen ſage, daß meine Gedanken dieß Mal nur auf die Vollfuͤh⸗ rung eines loͤblichen und gottgefälligen Werkes gerichtet ſind: auf die laͤngſt ge⸗ wuͤnſchte Ausſoͤhnung naͤmlich mit mei— 126 nem einzigen Bruder, dem Prediger Heisfeld, mit welchem ich, wie auch Sie vielleicht ſchon wiſſen, ſeit einer Reihe von Jahren in Zwiſt und Un⸗ frieden lebte. Ich werde mit jedem Tage älter; es erfolgt in meiner Fami⸗ lie ein Todesfall auf den andern; wer weiß, wie bald auch mir das letzte Stuͤndlein ſchlaͤgt! Deßhalb und in der mehr und mehr wachſenden Ueberzeugung, wie fein und tieblich es iſt, wenn Bruͤ⸗ der eins ſind, iſt es jetzt mein ernſtli⸗ cher Vorſatz, zur Beſeitigung dieſes ſo unnatuͤrlichen Zwieſpaltes und zur Wie⸗ derherſtellung eines befreundeten Verhaͤlt⸗ niſſes das Aeußerſte aufzubieten. Der Schritt, den ich in dieſer Abſicht zu thun geſonnen bin, gehoͤrt vielleicht un⸗ ter die abenteuerlichſten und ſeltſamſten; aber um ſo ſicherer wird er zum Ziele fuͤhren! Und Sie, mein Beſter, ſollen 127 mir, indem ich eben ſo zuverlaͤſſig auf Ihren Dienſteifer als auf Ihre Ver⸗ ſchwiegenheit rechne, zur Ausfuͤhrung deſſelben befoͤrderlich ſeyn!“ „Wenn es auf die Erreichung eines ſo ehrenwerthen Zweckes abgeſehen iſt, ſo haben Sie unbedingt uͤber mich zu gebie⸗ ten!“ verſetzte Sebaſtian, dem die ge⸗ äußerte Muthmaßung in Betreff der am Prokurator wahrgenommenen Sinnes⸗ änderung mehr und mehr zur Gewißheit zu werden anfing.„Nur kann ich frei— lich noch nicht ſo recht begreifen, auf welche Weiſe meine geringe Perſon hier⸗ zu etwas beizutragen im Stande waͤre!“ „Sie ſollen es ſogleich erfahren!“ er⸗ wiederte jener.„Und um ſiegreich allen Zweifeln und Bedenklichkeiten zu begeg⸗ nen, die etwa in Ihnen aufſteigen moͤch⸗ ten, will ich, zum Beweiſe meines Zu⸗ 128 trauens, Sie ganz in das Geheimniß einweihen!“ Bei dieſen Worten ergriff er den Neugierigen bei der Hand und führd ihn nach einer entfernten Ecke des Ge⸗ maches, wo er mild und leutſelig ihn neben ſich Platz nehmen hieß. „Sie erinnern ſich,“ fuhr er mit ge⸗ dämpfter Stimme zu ſprechen fort,„daß ich Sie vor einigen Tagen hier in meinem Beiſeyn die Probe anſtellen ließ, ob Ihre Geſchicklichkeit in Fuͤhrung der Feder noͤthigen Falls auch wohl bis auf die genaue Nachahmung fremder Schriftzuͤge ſich erſtrecke. Der Ver⸗ ſuch fiel ſo ganz uͤber alle Maßen gluͤck⸗ lich aus, und faͤmmtliche Buchſtaben wa⸗ ren, bis auf die kteinſten eigenthuͤmli⸗ chen Verhaͤltniſſe und Verſchlingungen, mit einer ſo taͤuſchenden Aehnlichkeit wie⸗ der gegeben, daß es auch dem geuͤbteſten Auge unmoͤglich geweſen ſeyn wuͤrde, Copie und Original von einander zu un⸗ terſcheiden. Eben dieſes an Ihnen be⸗ merkte Talent aber iſt es, vermittelſt deſſen ich zur Befriedigung eines eben ſo ſehn⸗ lichen als gerechten Wunſches zu gelan— gen hoffe. Hoͤren Sie weiter! Mein in der verfloſſenen Nacht verſtorbener Vetter, der Commerzienrath Heisfeld, war, Gott hab' ihn ſelig! eines der lockerſten Weltkinder, die jemals, ohne den mindeſten Sinn fuͤr Tugend und Froͤmmigkeit, und gedankenlos nur ih⸗ ren fleiſchlichen Luͤſten und Begierden fol⸗ gend, in den Tag hinein gelebt ha⸗ ben. Alle Lehrſpruͤche und Ermahnun⸗ gen, die ich in fruͤhern Zeiten anwand⸗ te, um das Licht der beſſern Erkennt— niß bei ihm zu erwecken und ihn zur Buße und Bekehrung von ſeinen Suͤn⸗ den zu bewegen, blieben ohne den 9 130 gewuͤnſchten Erfolg. Ja, er fing ſogar allmaͤlig an, mein redliches, nur auf das Heil ſeiner Seele abzweckendes Er⸗ eifern gegen die Eitelkeiten dieſer Welt in ſeinem Irrwahn als die Wirkung ei⸗ ner graͤmlichen Ungunſt zu betrachten, ſich von dem Umgange mit mir ſo viel als moͤglich zuruͤck zu ziehen und mich als einen laͤſtigen Sittenprediger zu fuͤrchten und zu meiden; wie denn die Verkuͤndiger der Wahrheit uͤberhaupt bei den Soͤhnen und Anhaͤngern der Fin⸗ ſterniß ſich niemals eines beſſern Schick⸗ ſals zu erfreuen gehabt haben. Unter dieſen Umſtänden war es freilich zu ver⸗ muthen, daß er es ſich auch, bei Ab⸗ faſſung ſeines letzten Willens, nicht zur Suͤnde anrechnen wuͤrde, mich leichtſin⸗ nig darin zu uͤbergehen und von der na— hern Theilnahme an der Erbſchaft auszu— ſchließen. Ich habe dieß, wie geſagt, 131 ſchon im Voraus gewußt; mich aber drſ— ſen ungeachtet niemals bewogen gefunden, durch Verleugnung meiner Grundſatze und durch gefaͤlligere Nachgiebigkeit ge⸗ gen die ſeinigen, ihn wieder guͤnſtiger fuͤr mich zu ſtimmen. Wohl aber glaube ich es vor Gott und meinem Gewiſſen ver⸗ antworten zu koͤnnen, daß ich mir erlaubt, das Teſtament ſelbſt, welches ſich in meinem Verwahrſam befindet, heimlich zu oͤffnen, um durch den naͤhern Augenſchein mich von der Richtigkeit meiner geheimen Ah⸗ nung zu uͤberzeugen. Ich will Ihnen jetzt die hierauf Bezug habenden beiden Stellen zur eignen Anſicht vorlegen und Ihnen ſodann vermelden, welche Abaͤn⸗ derung ich darin getroffen zu ſehen wuͤn⸗ ſche, und welchen Gebrauch ich von die⸗ ſer Umgeſtaltung zu machen gedenke.“ Er holte aus dem benachbarten Eck⸗ ſchranke ein Papier hervor, welches er 9 X 132. mit ſorgfältiger Hand entfaltete und dem Betroffenen vor das Geſicht hielt.„Se⸗ hen Sie hier zuerſt den fuͤnften Punkt einmal recht genau an: „Item legire und vermache ich meinem geliebten Vetter, dem Prediger an der hieſigen St. Annenkirche, Ernſt Samuel Heisfeld, die Summe von zwoͤlf tauſend Reichsthalern, welche ihm, nach meinem erfolgten Able— ben und nach Eroͤffnung dieſes mei— nes letzten Willens, aus dem vor— befundenen Nachlaſſe ſofort baar und richtig ausbezahlt werden ſol⸗ lens Und jetzt den neunten: „Meinem zweiten in dieſer Stadt le⸗ benden Vetter, dem Gerichtsproku⸗ rator Gotthold Lebrecht Heisfeld, ſtatte ich fuͤr die haͤufigen Bußpre⸗ digten, mit welchen er mich ſuͤnd⸗ 133 haft Irrenden ſtets in die Bahn des eignen Woandels hinein zu leiten bemuͤht geweſen, recht ver⸗ bindlichen Dank ab; vermache ihm aber nichts, indem ich ihn erſt fuͤr den aͤrgſten und ſchamloſeſten Heuch⸗ ler halten muͤßte, bevor ich auf den verwegenen Einfall geriethe, daß durch den Zuwachs zeitlicher Guͤter ihm nur der entfernteſte Dienſt ge⸗ ſchehen koͤnnte.“ „Da haben Sie die Beſtätigung al⸗ les deſſen, was ich uͤber die leichtfertige Denkungsart des Verſtorbenen bereits in Anregung brachte!“ fuhr der Prokurator fort.„Die Aufrichtigkeit, mit welcher ich ſeiner Seele den ewigen Frieden goͤn⸗ ne, wird indeß durch den Umſtand, daß er mir den Mitgenuß des von ihm nach⸗ gelaſſenen Vermoͤgens zu entziehen be⸗ ſchloſſen, keinesweges geſchwaͤcht und ver⸗ 134 mindert. Der Himmel hat den Fleiß meiner Haͤnde geſegnet; ich bin ein wohl⸗ habender Mann, und kann daher einer Erbſchaft, auf die ich niemals gerechnet, gar fuͤglich entbehren. Aber auch wider Wiſſen und Willen, ſoll dieſer gegen mich ſo unguͤnſtig geſinnte Teſtirer den⸗ noch ein ſchoͤnes und verdienſtvolles Werk an mir veruͤben! Ein Vermaͤcht⸗ niß ſoll mir aus der von ihm getroffe⸗ nen Verfuͤgung erwachſen, welches koͤſt⸗ licher iſt, als der vergaͤngliche Schatz, den er ſeinen lauernden Erben zur Thei⸗ lung darbietet!— Und nun, mein lie⸗ ber Sendler, richte ich zu dieſem Behuf eine Frage an Sie, deren Bejahung mir ſchnell aus aller Verlegenheit helfen wird. Getrauen Sie ſich wohl, mir von die⸗ ſem Teſtament, und zwar mit der ſorg⸗ ſamſten und genaueſten Nachbildung der darin enthaltenen Schriftzeichen, eine Co⸗ 135 pie zu liefern, die ich mit gehoͤriger Sicher⸗ heit der eigentlichen Urkunde unterzuſchie⸗ ben im Stande bin? Es bleibt alles dabei in der naͤmlichen unveraͤnderten Ordnung, wie Sie es vorſinden; bis auf die im fuͤnften und neunten Paragraph vorkom⸗ menden beiden Namen, welche ge⸗ gen einander vertauſcht werden. Das Uebrige iſt meine Sache! Koͤnnen und wollen Sie ſich in aller Stille dieſer Ar— beit unterziehen, ſo hoffe ich dadurch einen mir ſehr theuern Zweck zu errei⸗ chen, und Sie erweiſen mir alſo in die⸗ ſer Ruͤckſicht einen Dienſt, der Ihnen auf das reichlichſte vergolten werden ſoll!“ „Gott im Himmel!“ rief Sebaſtian außer ſich vor Beſtuͤrzung.„Was mu⸗ then Sie mir zu, Herr Prokurator! Das waͤre ja eine offenbare Verfaͤlſchung und ſchaͤndliche Betrugerei! Nein, nim⸗ 136 mermehr kann ich zu Dingen mich brau⸗ chen laſſen, die vor Gott und Menſchen ein Gräͤuel ſind!“ „Sie haben mich nicht ausreden laſ⸗ ſen!“ nahm jener mit einem leichten Anfluge von Verdruß und Unwillen wie⸗ der das Wort.„Will ich denn die zwoͤlf tauſend Thaler fuͤr mich behalten? Will ich ſie denn zum eignen Vortheil anwenden?“ Nein, mit nichten! Nur ſcheinbar ſollen ſie durch die Verord⸗ nung des ſeligen Commerzienrathes mir zugefallen ſeyn. Denn noch in der naͤm⸗ lichen Stunde, wo das Teſtament zur Offenkundigkeit gelangt iſt, verfuͤge ich mich hin zu meinem Bruder und ſpreche zu ihm: Sieh da, Bruder Ernſt! dem Vetter hat es zwar nicht beliebt, dich mit einem Vermaͤchtniß zu bedenken; mir aber geziemt es, feurige Kohlen auf dein Haupt zu ſammeln, damit du zur 137 Erkenntniß gelangſt, wie wehe du mei⸗ nem Herzen gethan haſt! Hier nimm fuͤr dich und deine ſechs unverſorgten Kinder das Erbtheil dahin, das ich leich— ter entbehren kann, als du; verliere kein unnuͤtzes Wort daruͤber, ſondern reiche mir bruͤderlich die Hand, und ſomit ſei fortan alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geſchrei und Läſterung ferne von uns, ſammt aller Bosheit!— Se⸗ hen Sie, Beſter, das iſt meine Abſicht! Werden Sie auch nunmehr das Unterneh⸗ men, fuͤr deſſen Bewerkſtelligung ich Sie um Ihre Mithuͤlfe angeſprochen, noch eine Verfaͤlſchung und Betruͤgerei zu nen⸗ nen wagen? Junger Menſch, wenn ich, als ein funfzigjähriger Gottesverehrer und Kirchengaͤnger, dergleichen vor mei— nem Gewiſſen verantworten kann, ſo duͤrften Sie es, denk' ich, wohl auch koͤnnen! Ich fuͤge daher nur noch die 138 Bemerkung hinzu, daß die gluͤckliche Ue⸗ be windung der mit dieſem Geſchaͤft ver⸗ bundenen aͤußern Schwierigkeiten Ihr Schade nicht ſeyn ſoll; denn in dem Augenblick, da Sie mir die in al⸗ len ihren Theilen gelungene Abſchrift uͤberbringen, zahle ich Ihnen baare zwei hundert Thaler, ein Suͤmmchen, daß bei Ihrer Lage wohl nicht eben zu ver⸗ werfen ſeyn wird!“ „Dennoch, beſter Herr!“ entgegnete Sendler in der Beklemmung ſeines Her⸗ zens;„dennoch muß ich Sie bitten, mich mit einem ſolchen Auftrage guͤtigſt verſchonen zu wollen! Er verwirrt mir den Geiſt und mein Gefuͤhl ſträubt ſich dagegen. Klar zu denken und offen zu handeln, war von je her die Richtſchnur meines Beſtrebens. Hier kann ich bei⸗ des nicht, weil die gehoͤrige Wuͤrdigung des damit beabſichtigten Zweckes meine 139 Einſichten uͤberſteigt, und weil die zu ſeiner Verfolgung einzuſchlagenden Mit— tel ſo ganz unumgaͤnglich der Geheim⸗ haltung beduͤrfen. Ach, es beſteht der einzige Reichthum, den ich bei meiner ſonſtigen Duͤrftigkeit beſitze, freilich nur im Vertrauen auf Gott und in meinem ungetruͤbten Bewußtſeyn! Wohl bin ich arm, und jeder Ausſicht zu glänzendern Gluͤcksumſtaͤnden zu gelangen, ſo voͤllig beraubt, daß eine Summe Geldes, wie Sie mir zuzuwenden geneigt ſind, wohl mein Lebelang mir niemals wieder zu Dienſten ſeyn wird! Trotz deſſen kann ich zu einer ſolchen Arbeit mich nicht entſchließen. O verehrteſter Herr Pro⸗ kurator! ſchonen Sie meiner! Gern will ich in andern Dingen, die ich leichter faſſen und begreifen kann, Ihnen mit Aufbietung aller meiner geringen Fähig⸗ keiten auf das eifervollſte zu Willen ſeyn!“ 140 „Wohl denn!“ ſagte jener mit ver⸗ biſſenem Ingrimm.„So muß ich mei⸗ nen Zweck auf andere Weiſe zu erreichen ſuchen, und mir bleibt nichts weiter mit Ihnen zu ſchaffen! Ich erſuche Sie, mir ſaͤmmtliche Papiere, die ſich noch in Ihrer Wohnung befinden, binnen ei⸗ ner Stunde zuruͤck zu liefern. Das Mißtrauen, welches Sie in die Recht⸗ lichkeit meiner Abſichten ſetzen, verbietet mir, von dieſem Augenblick an noch ir⸗ gend eine Geſchaͤftsverbindung mit Ih— nen zu unterhalten. Gehen Sie mit Gott! Der ſchnoͤde Widerwille, mit dem Sie meinen Antrag von ſich zuruͤck weiſen, kann mich nur kraͤnken, nicht aber beleidigen; und der Gedanke, mich eines Undankbaren angenommen zu ha⸗ ben, ſoll mich daher nicht hindern, Ih— nen zur baldigen Entdeckung einer neuen 141 Erwerbsquelle dieſer Art von Herzen Gluͤck zu wuͤnſchen!“ Sebaſtian war wie vernichtet. Zog der Prokurator die Hand von ihm ab, ſo war es um ſeinen Lebensunterhalt ge— than, und er ſank rettungslos wieder in den Zuſtand ſeiner fruͤhern beklagens⸗ wuͤrdigen Huͤlfloſigkeit zuruͤck. Ward ihm der fernere Verkehr mit dieſem Hauſe unterſagt, ſo mußte er zugleich darauf verzichten, Dorchens Angeſicht jemals wieder zu ſehen! Wenn nun aber die Angabe des Mannes wirklich aus einer redlichen Willensmeinung her⸗ vorging; wenn er wirklich, von allen eigennuͤtzigen Nebenzwecken entfernt, den ernſtlichen Vorſatz hegte, die zu veran⸗ ſtaltende Namensveraͤnderung im Teſta⸗ ment nur zur Ausſoͤhnung mit ſeinem Bruder zu benutzen;— erſchien in ſol— chem Falle der ihm gewaͤhrte Beiſtand 142 denn als ein ſo durchaus unverzeihliches Verbrechen?— Dieß waren die Ge⸗ danken und Vorſtellungen, die mit ſinn⸗ betäͤubendem Ungeſtuͤm ſich in ſeinem Gehirn zu durchkreuzen anfingen⸗ bis, nach langem peinlichen Kampfe, der Ent⸗ ſchluß, bedingungsweiſe in das vorge⸗ brachte Begehren einzuwilligen, endlich die Oberhand behielt. Alſo gewiß und wahrhaftig wollten Sie das gedachte Capital, ohne irgend einen Abzug und Vorbehalt, Ihrem Herrn Bruder, als dem rechtmaͤßigen Eigenthuͤmer abtreten?“ fragte er mit ängſtlich geſpannter Erwartung.„Ich koͤnnte mich feſt darauf verlaſſen?“ „Sie ſelbſt ſollen mich auf dieſem Wege begleiten! In eigner Perſon ſol⸗ len Sie von der Ausfuͤhrung meines Planes Zeuge ſeyn!“ antwortete der 143 Prokurator, friſchen Muth ſchoͤpfend. „Iſt Ihnen dieſe Zuſicherung genuͤgend?“ „Nun, ſo mag es denn geſchehen!“ rief Sendler aus.„Der innern war⸗ nenden Stimme zum Trotz, will ich, an die Aufrichtigkeit Ihrer Geſinnungen glaubend, meine Hand dazu bieten. Aber von den zwei hundert Thalern, mit wel⸗ chen Sie mir meine Muͤhe zu verguͤten gedenken, mag ich nichts wiſſen! Nein, keinen Heller kann und mag ich fuͤr eine Arbeit ſolcher Art annehmen. Dieß muß ich im Voraus bemerken und feſt ſetzen!“ „Sonderbarer Kautz!“ verſetzte der Wiederbeguͤtigte mit freundlichem Schmun⸗ zeln.„Nun, ſo wird es mir wohl nicht an Gelegenheit fehlen, mich fuͤr dieſe Gefaͤlligkeit auf andere Weiſe erkenntlich zu zeigen! Gern ließe ich Sie ſogleich und unter meinen Augen zum Werk 144 ſchreiten; das geht aber, der hier Statt findenden häufigen Stoͤrungen wegen, leider nicht an. Ich muß Ihnen daher, im Vertrauen auf Ihre Klugheit und Verſchwiegenheit, dieſe hoͤchſt wichtige Urkunde mit nach Hauſe geben. Hier in dieſes Aktenheft lege ich das Teſta⸗ ment, nebſt dem Papierbogen von glei⸗ chem Format und Waſſerzeichen, auf den ich es copirt wuͤnſche. Es wird zweck⸗ maͤßig ſeyn, daß Sie nur bei verſchloſ⸗ ſener Thuͤr ſich mit dieſer Arbeit beſchaͤf⸗ tigen; auch muͤſſen Sie, wenn ſelbige nicht vergeblich unternommen ſeyn ſoll, fpaͤteſtens binnen drei Tagen damit zu Stande kommen!“ Er ertheilte ihm hierauf noch mit wenigen Worten uͤber die Art des einzu⸗ ſchlagenden Verfahrens ſeinen wiederhol⸗ ten belehrenden Unterricht, und mit dem 145 Aktenheft unter dem Arm trat Sendler den Ruͤckzug an. Still und mit niedergeſchlagnen Blik⸗ ken ſchlich er die Straße dahin. Da er⸗ toͤnte ploͤtzlich ein anmuthiger Geſang zu ſeinem Ohr. Sich umwendend erblickte er die Chorſchuͤler, welche ſo eben, in nur geringer Entfernung hinter ihm, ſich im Holbzirkel aufgeſtellt hatten und ein Loblied auf die Freundſchaft anſtimmten. Horchend blieb er ſtehen und vernahm folgende Strophe: Der Freund iſt mein und ich bin ſein! Soll, beim verliehnen Gluͤck auf Erden, Die Herzensluſt vollkommen werden, Muß es mit ihm genoſſen ſeyn. Und wenn mich druͤckt der Kummer hier, und Zweifelsnächte mich umgrauen,* So ſchließt an ihn ſich mein Vertrauen, Und Troſt und Rath gewährt er mir! 10 146 „Richtig!“ fluͤſterte Sendler vor ſich hin.„Das iſt ein Wink von oben und nicht umſonſt ſoll er an mich ergangen ſeyn!“ Ein neuer Hoffnungsſtral durch⸗ blitzte ſein verduͤſtertes Gemuͤth, und entſchloſſenen Schrittes nahm er, ſtatt nach der eignen Behauſung ſich zu ver⸗ fuͤgen, ſeinen Weg erſt nach Helberts Wohnung, um dieſen, unter dem Sie⸗ gel der Verſchwiegenheit, von dem ſo eben an ihn ergangenen, geheimen Auf⸗ trage umſtändlich zu unterrichten und ſein Gutachten daruͤber zu vernehmen. Mit ſtillem Erſtaunen hoͤrte der ehr⸗ liche Meiſter, der auf Sebaſtians Wunſch nach einer vertrauten Unterredung ſo⸗ gleich die Werkſtatt verließ und mit ihm nach der Wohnſtube hinuͤber ging, den von Bangigkeit und Unruhe erfuͤllten Berichterſtatter bei ſeiner Mittheilung zu; immer finſterer begann er vor ſich hin zu „ ——————— — 147 ſchauen und immer merklicher ergluͤhte vor Zorn und Unwillen ihm das Geſicht. „Du verlangſt meine Meinung von der Sache zu wiſſen!“ rief er aus, als je⸗ ner geendigt hatte;„und dieſe beſteht kuͤrzlich darin, daß Du im Begriff biſt, Dich in einen Schurkenſtreich verwickeln zu laſſen, der den Helfershelfer wie den Urheber mit gleicher Schande brand⸗ markt! Kannſt Du denn vor lauter Ein⸗ falt und Leichtglaͤubigkeit nicht begreifen, daß dieſer Nichtswürdige, bei der be⸗ abſichtigten heilloſen Namensverfaͤlſchung, durchaus keinen andern Zweck, als ein⸗ zig und allein die Befriedigung der eig⸗ nen Habſucht, vor Augen hat? und geht es denn ſo gaͤnzlich uͤber Deinen Ho⸗ rizont, Dich im Voraus zu uͤberzeugen, welches Mittel ihm zu Gebote ſteht, um Dir auf immer den Mund zu verſchlie⸗ ßen, ſo bald er nur erſt das verlangte 10 148 Proͤbchen Deiner Geſchicklichkeit ſchwarz auf weiß in den Haͤnden hat? Ja, beim wahrhaftigen Himmel! Ich ſeh' ihn ſchon im Geiſt, wie er bei Deinem Begehren, die verabredete Bedingung zu erfuͤllen, ſein argliſtiges Geſicht zu einem ſpoͤttiſchen Laͤcheln verzieht; wie er in gemuͤthlicher Seelenruhe Dir auf die 3 Schulter klopft und Dich mit dem trock⸗ nen Beſcheid abfertigt: Ei nicht doch, mein guter Sendler! Ich habe mich an⸗ ders beſonnen und Sie ſind in gewalti⸗ gem Irrthum befangen, wenn Sie glau— ben, daß ich nur im geringſten mich um Ihre Drohungen bekuͤmmern ſoll! Hat mein Benehmen nicht Ihren Bei— fall, ſo bleibt es Ihnen freilich unbe⸗ nommen, die Sache vor Gericht anhaͤn⸗ gig zu machen; doch wem von uns Bei⸗ den der Spaß dann am theuerſten zu ſtehen kommt, iſt eine zweite Frage! 149 Ich wandre, wenn alle Straͤnge reißen, auf ein paar Jährchen ins Gefaͤngniß, und Ihnen, mein Vortrefflichſter, wird die Hand vom Scharfrichter abgehauen und das von Rechts wegen! Jetzt be⸗ darf es keiner weitern Verſicherung, daß ich auf Alles gefaßt bin; und nun thun Sie nur, was Ihnen beliebt!“ „Heiliger Gott!“ wimmerte Seba⸗ ſtian.„An welchen Abgrund bin ich ge⸗ rathen! Frei von verdammlicher Suͤn⸗ denſchuld war bis jetzt meine Hand, rein und unbefleckt mein Gewiſſen! Wie ſoll ich es anfangen, um dem Verderben zu entgehen, das im Hintergrunde lauert? Wie ſoll ich aus dem Labprinth mich retten, das mich von allen Seiten um⸗ giebt?“ „Auf die einfachſte und naturlichſte Art von der Welt!“ entgegnete Helbert mit ruhiger Feſtigkeit.„Durch den 150 Schritt, welchen die Pflicht befiehlt! Durch die Entlarvung des heuchleriſchen Betruͤgers! Und zwar um ſo mehr, da ſich bei ſeinem viel umfaſſenden Ge⸗ ſchaͤftskreiſe mit Grund vermuthen laͤßt, daß dann zugleich, zum Beſten der oͤf⸗ fentlichen Wohlfahrt, noch ſo manches Andre von ihm im Stillen veruͤbte Bu⸗ benſtuͤck ans Tageslicht kommen wird!“ „Er hat ſich mir anvertraut!“ er⸗ wiederte der Bedraͤngte.„Auch bei ei⸗ ner noch hellern Einſicht in die Tuͤcke und Verworfenheit ſeines Anſchlages, koͤnnte ich es nicht uͤber mich gewinnen, auf ſo hinterliſtige Weiſe zum Verraͤ⸗ ther an ihm zu werden!“ Jener ging einige Augenblicke lang ſchweigend und nachſinnend auf und nie⸗ der.„Dann wird es freilich ſchwer hal⸗ ten,“ ſagte er,„hier einen Mittelweg ausfindig zu machen. Aber es rufen 151 dringende Geſchaͤfte, die meine Beihuͤlfe verlangen, mich fuͤr jetzt wieder nach der Werkſtatt hinuͤber, und auch beim beſten Willen kann und darf ich mich hier nicht laͤnger aufhalten. Laß daher einſtweilen die Sache ganz auf ſich beruhen. Zum Feierabend ſpazieren wir mit einander ins Freie hinaus, und uͤberlegen dann in aller Gemaͤchlichkeit weiter, wie ſich die⸗ ſer ſchlimme Handel am zweckmaͤßigſten abthun und beſeitigen läßt.“ Dieſem Vorſchlage beiſtimmend, be⸗ gab ſich Sendler nach ſeiner Wohnung zuruͤck, wo er, der Aufforderung des Freundes Folge leiſtend, das vom Pro⸗ kurator ihm eingehaͤndigte Aktenheft tief unter die uͤbrigen Papiere vergrub, und nachdem er zu ſeiner Gemuͤthszerſtreuung einen vor etlichen Tagen von ſeinem Bruder Fabian erhaltenen Brirf noch einmal durch geleſen, ſich an ſeinem 132 Schreibtiſche mit anderweitigen Arbeiten zu beſchaͤftigen anfing. Fabian an Sebaſtian. Wundre Dich nicht, mein liebſter Bruder, daß Du in ſo geraumer Zeit, obwohl ich ein paarmal an Dich geſchrie— ben, keine Zeile von mir zu Geſicht be⸗ kommen haſt! Zwei Briefe waren noch vor dem letztverwichenen Wiedereintritt der Tag⸗ und Nachtgleiche ſchon bis zum Zuſiegeln fertig; aber der eine war we⸗ nig werth und der andere taugte nicht viel; ſo daß ich ſelbſt, bei der erſten wie⸗ derholten Durchleſung, mich vor den Reden entſetzte, die ich in der Feder gefuͤhrt und eben deßhalb es nicht uͤber das Herz bringen konnte, ſie der Poſt anzuvertrauen. Und wer weiß, ob auch 153 mein heutiger Brief, wenn ich ihn erſt zu Ende gebracht und mit erneuerter Durchſicht den Anfang gemacht habe, ſich in vernuͤnftigerm und durch beſſern Zuſammenhang geziertem Zuſtande befin⸗ den wird! Denn ſeit jenem verhaͤngniß⸗ reichen Tage, wo ich gelernt habe, daß die Naſe laͤnger iſt, als der Arm, bin ich faſt zum tiefſinnigen Philoſophen gewor⸗ den, und kann vor den kauderwelſchen Gedanken, die mir im Gehirn herum ge⸗ hen, ſowohl ſchriftlich als muͤndlich, gar nicht genug auf meiner Hut ſeyn! Doch ich will der Geſchichte nicht vorgreifen, ſondern mich ruͤckwaͤrts wenden und auf möglichſt verſtaͤndliche Weiſe den Faden an dem naͤmlichen Ende wieder anknuͤp⸗ fen, wo ich Dich uͤber den Fortgang meiner Liebesangelegenheit in Ungewiß⸗ heit ließ und zwar aus dem Grunde, weil dieſer Fortgang damals noch nicht 154 Statt gehabt hatte, und eben deßhalb weit mehr zu einer zuverlaͤſſigen Prophezei⸗ hung als zu einer beſtimmten Vorherſa⸗ gung geeignet ſchien. Theils wegen eingeriſſenen Mangels an Schuhwerk uͤberhaupt, theils wegen der Wanderung insbeſondere, mit wel⸗ cher ich Dich, wie ich in meinem letzten Schreiben Dir anmeldete, zum zwanzig⸗ ſten Januar unvermuthet zu uͤberraſchen gedachte, hatte ich, kurz vor dem verei⸗ telten Antritte derſelben, mir ein paar tuͤchtige Reiſeſtiefeln beſtellt. Sie lang⸗ ten am Abend des fuͤr den naͤchſten Mor⸗ gen beſtimmten Abmarſches fix und fer⸗ tig in meiner Behauſung an; auch ſchie⸗ nen ſie beim erſten oberflächlichen An⸗ blick allen billigen Forderungen moͤglichſt zu entſprechen. Aber denke Dir mein ſehr gerechtes Entſetzen, als ich ihnen etwas naͤher auf den Zahn zu fuͤhlen ——— 155 und mich jetzt ſogleich zu uͤberzeugen an⸗ fing, wie ſehr ich in dieſem argloſen Zutrauen mich geirrt habe! Statt naͤm⸗ lich die mißmuthig anzuͤglichen Bemer⸗ kungen, mit welchen ich mich waͤhrend des Anmeſſens uͤber meinen linken Fuß auszulaſſen fuͤr noͤthig erachtete, ſich zu Herzen zu nehmen, und mir den einen Stiefel größer als den andern zu ma⸗ chen, hat der Schuſter mich falſch ver⸗ ſtanden und mir den einen kleiner ge— macht als den andern! Mit geruͤhrtem Herzen ſegne ich mei⸗ nen verſtorbenen Lehrmeiſter noch im Grabe, daß er ein Unmenſch war, und durch die kannibaliſche Behandlung, die er mir angedeihen ließ, mich ſchon fruh⸗ zeitig gewoͤhnte, mir weder aus den Beleidigungen und Poſſenſpielereien der Welt, noch aus den Taͤuſchungen und Widerwaͤrtigkeiten des Lebens ſonderlich 156 viel zu machen! Ein ſolches, alle mei⸗ ne ſchoͤnſten bruͤderlichen Hoffnungen un⸗ tergrabendes Mißgeſchick aber, mochte es von abſichtlicher Verwahrloſung oder unwillkuͤrlichem Ungeſchick herruͤhren, ging mir denn doch zu weit, als daß ich die ſchafsmaͤßige Erduldung deſſelben vor mir ſelbſt zu verantworten gewußt haͤtte. Aus dieſer Urſache machte ich mich auf und eilte oder ſchwankte vielmehr, indem die veritable Ferſe des linken Fußes nur wenig unterhalb der eingebildeten Wade des Stiefels ſaß, muͤhſam uͤber die Straße dahin, um dem Stuͤmper bei Vorzeigung des mitgebrachten ſichtbaren Beweisgrundes, mit der Lauge des ver⸗ dienten Zornes derb den Kopf zu wa⸗ ſchen und hernach in aller Guͤte auf ſchleunige Verbeſſerung des Unheils zu dringen. Das Gebaͤude, worin der Schuſter 157 im oberſten Stockwerk zur Miethe ſitzt, hat fuͤr jeden, der es an einem dunkeln Winterabend zu beſuchen genoͤthigt iſt, eine hoͤchſt verdaͤchtige und gefaͤhrliche Bauart. Die Dachrinne laͤuft mitten uͤber den Bo⸗ dengrund der Hausdiele hinweg, welche letztere zugleich dem draußen befindlichen ſchlechten Straßenpflaſter durch ihre Be⸗ ſchaffenheit mit ſehr entſchiedenem Gluͤck den Vorrang ſtreitig zu machen ſucht. Der Haupteingang geht nach dem Huͤh⸗ nerhofe hinaus, und die an der Gaſſe befindliche Hinterthuͤr wird durch einen vermorſchten Strebepfeiler geſtuͤtzt, der drei Viertel des Zutritts verſperrt und nur durch die eiſernen Klammern, ver⸗ mittelſt welcher er an beiden Enden be⸗ feſtigt iſt, vor dem Einſturz ſich rettet. Der untere Theil des Hauſes iſt weder mit Stuben verſehen noch von vernuͤnf⸗ tigen Geſchoͤpfen bewohnt, ſondern bil— 158 det einen mit alten Brettern und Ton⸗ nen angefuͤllten leeren Raum, in wel⸗ chem die vor der Thuͤr herrſchende Dunkelheit plotzlich zu einer ſo unerwar⸗ teten und maſſiven Finſterniß verdickt, daß ſie ſich ſchier mit den Haͤnden grei⸗ fen läßt. Das Ganze iſt aus Ecken und Kanten zuſammen geſetzt. Wäͤhrend man nur auf aͤngſtliche Vermeidung moͤglicher Fehltritte bedacht iſt, reißt niederban⸗ gendes Gebaͤlk einem den Hut vom Kopfe, und wo man Stufen nach oben vermut thet, faͤllt man in den Keller hinab. In dieſem aͤgyptiſchen Labyrinth krebſte und graͤtſchelte ich mit dem angeſtrengte⸗ ſten Eifer hin und her, um, wo moͤg⸗ lich, noch vor der voͤlligen Abkuͤhlung meines Ingrimmes, die Treppe zu fin⸗ den, die nothwendig zum Sitz des Schu⸗ ſters hinauf fuͤhren mußte. Aengſtlich bemuͤht, auf die edlern Theile meines — 159 Koͤrpers ein wachſames Auge zu haben, und jeden bedrohlichen Unfall vor der That ungeſchehen zu machen, hielt ich beide Arme, ſo weit es ihre Dir ja be⸗ kannte Laͤnge nur immer verſtatten woll— te, ſtarr vor mich hin geſtreckt; dennoch — kannſt Du die Moͤglichkeit eines ſol⸗ chen Unſinnes mit den Geſetzen der ge— ſunden Vernunft zuſammen reimen?— dennoch ſtieß ich mich, ohne daß die auf Kundſchaft ausgeſandten Fingerſpitzen ſich im mindeſten zu irgend einer vorlaͤu⸗ figen Warnung veranlaßt gefunden hät— ten, an die Naſe, und zwar dergeſtalt, daß mir augenblicklich Hoͤren und Sehen wuͤrde vergangen ſeyn, wenn hier an beides uͤberhaupt zu denken geweſen waä⸗ re. Ein lautes graͤßliches Wehgeſchrei, das mich, ſeines vielfäͤltigen und ſchauer— lichen Wiederhalles wegen, ſelbſt mit Furcht und Grauſen erfuͤllte, war, wie 160 ich vor Schmerz nicht anders umhin konnte, die unvermeidliche Folge davon. Dieſe Folge hatte jedoch zur Wirkung⸗ daß es alsbald uͤber meinem Haupt von ſcharrenden Pantoffeln laut und lebendig zu werden anfing. Man brachte Licht herbei und jetzt klärte ſich's auf, daß es eben das Treppengelaͤnder ſelbſt war, an welchem ich mich ins Ungluͤck geſtuͤrzt hatte. Wie groß aber war mein mit Schmerz und Freude untermiſchtes Er⸗ ſtaunen, als mir, nachdem ich die Treppe hinauf geſtiegen, beim Eintritt in die Wohnſtube, mitten im Kreiſe der um den Kaffeetiſch verſammelten Schuſterfa⸗ milie ein weibliches Weſen in die Augen fiel, in welchem ich, gleich auf den er⸗ ſten fluͤchtigen Blick, mein holdſeliges, durch die lange Trennungspein mir faſt fremd gewordenes Thurmroͤschen erkann⸗ te! Vergeſſen war bei dieſer hochſt uber⸗ 161 raſchenden Erſcheinung auf ein Mal jedes heftige Stechen und Brennen in der zer— ſtoßenen Naſenwurzel! vergeſſen augen⸗ blicklich aller Vorwurf und Tadel, mit welchem ich uͤber den Schuſter herzufal⸗ len gedacht! Gleich dem Schnee, bei ploͤtzlich eintretendem Thauwetter, zer⸗ ſchmolz mein Ingrimm in freundliche Wehmuth; mit ſanfter, faſt zaͤrtlicher Leutſeligkeit druͤckte ich dem neugierig auflauernden Meiſter die Hand, und in den glimpflichſten Ausdruͤcken erklaͤrte ich mich gegen ihn, ganz der urſpruͤnglichen Abſicht zuwider, uͤber den Zweck meines ſpaͤten Zuſpruches. Er warf einen for⸗ ſchenden Kennerblick auf den Gegenſtand der erhobnen Beſchwerde und erſuchte mich eben ſo treuherzig, ihm ſchnell nach der Werkſtatt hinuͤber zu folgen, wo dem Uebel durch zweckdienliche Erweite⸗ rung ſogleich abgeholfen werden ſolle; 11 162 griff aber erſt nach der ihm zugehoͤrigen Caffeetaſſe, und ſchluͤrfte ſie ernſt und bedachtſam in ſich hinein⸗ Dieſen guͤnſtigen Augenblick durfte ich nicht verſtreichen laſſen, wenn ich ihn zu der mir auf den Lippen ſchweben⸗ den Anfrage an Roͤschen benutzen wollte. „Wie geht es zu, wertheſte Jungfer Vickling, daß Sie ſich ſeit undenklichen Zeiten uͤberall ſo rar machen?“ rief ich mit ſcheinbar unbekannten und gleichguͤl⸗ tigem Weſen ihr zu.„Weder im Schieß⸗ graben noch anderswo bekommt man ſeit ſechs Wochen Ihre werthe Perſon mehr zu Geſicht! Wie kommen Sie auf ein Mal zu ſolchen einſiedleriſchen Launen und Grundſaͤtzen7“ „Es hat Alles in der Welt ſeine be⸗ ſondern Urſachen!“ verſetzte ſie mit ei⸗ nem ſichtbar unterdruͤckten, vielſagenden Seufzer.„Haͤtte mein Vater, den ich 163 jeden Augenblick erwarte, nicht mit ſol— cher Beſtimmtheit darauf beſtanden, mich abholen zu wollen, ſo wuͤrden Sie mich auch hier wohl ſchwerlich ſo ſpaͤt Abend noch getroffen haben. Ich weiß nicht, wo er bleibt! Wahrſcheinlich hat er im Staͤdtchen noch allerlei zu beſchicken, da er morgen Nachmittag uͤber Land zu gehen geſonnen iſt!“ Himmel! wie hinreichend war mir dieſer Wink, theils, um in die liebe⸗ volle und treu bewahrte Anhaͤnglichkeit dieſer Engelsſeele nicht den geringſten Zweifel mehr zu ſetzen, theils, um ihn zu einem kuͤhnen Wagſtuͤck anzuwenden, nach deſſen Vollfuͤhrung ich ſchon lange gelechzt und geduͤrſtet hatte.„Er geht uͤber Land!“ hallte es in jeder Ecke mei⸗ nes Herzens nach, während ich jetzt an der Seite des Meiſters mich nach der Werkſtatt verfuͤgte, und im Gefuͤhle des 164 ſeligſten Entzuͤckens mir den verpfuſchten Stiefel uͤber den Leiſten ſchlagen ließ. Bald war dieß Geſchaͤft zur voͤlligen Zu⸗ friedenheit und Beruhigung meines lin⸗ ken Fußes zu Stande gebracht. Getreu dem Vorſatz, niemals wieder im Fin⸗ ſtern zu gehen, ohne ein brennendes Licht in der Hand zu halten, ließ ich mir vom Lehrburſchen huͤlfreich bis zur Thuͤr hinab leuchten, vermied es geſchickt und gluͤcklich, dem Thuͤrmer zu begegnen und freute mich herzlich, als ich beim Eintritt in die eigne Behauſung von ei⸗ ner ſolchen Gefahr fuͤr heut nichts weiter zu befuͤrchten hatte. Aber aͤußerſt ſchwer fiel es mir, als ich am andern Morgen, nach einer ſchmerzenvollen und ſchlafloſen Nacht, zu⸗ faͤllig vor den Spiegel trat, mich ſelbſt wieder zu erkennen. Alles war geſchwol⸗ len und verquollen; die Augen hatten 165 ſich tiefer in den Kopf zuruͤck gezogen, das ganze Geſicht war zur Naſe gewor⸗ den! An die beſchloſſene Wanderung ließ ſich nicht weiter denken, und zwar um ſo weniger, da der Trieb meines Herzens fuͤr den heutigen Nachmittag nunmehr ohnehin auf einen ganz' andern Spaziergang gerichtet war. Auf die muthvolle Erklimmung des Thurmes naͤmlich, der mich durch ein trauliches Wiederzuſammentreffen mit Roͤschen, wenn Alles nach Wunſch ablief, fuͤr mein lan— ges bittres Schmachten und Entbehren ſo reichlich zu entſchaͤdigen verſprach. Wie langſam und langweilig gingen mir, um von den Stunden gar nicht ein— mal zu reden, die Augenblicke voruͤber! Wie ungeduldig verfolgte ich von meinem Fenſter aus den phlegmatiſchen Minuten⸗ zeiger an der Rathsuhr! Wie unbeſtandig griff ich nach den vielfachſten zerſtreuenden 166 Beſchaͤftigungen, indem ich vor ſehnſuͤch⸗ tigem Verlangen kaum den Anbruch des Nachmittags zu erwarten vermochte! Bald ſchritt ich in der Stube auf und ab und ſuchte dem vollen Herzen muͤndlich Luft zu machen; bald ſetzte ich mich an den Tiſch und brachte die im Innern lodern⸗ den Liebesflammen zu Papier, bis Verſe daraus wurden, die mir wie Waſſer aus der Feder floſſen und ſich hinten und vorne reimten. Neun und zwanzig Mal riß ich die Quinte von der Geige, und zog ſie wieder auf; achtzehn Mal durch⸗ las ich mit lauter Stimme das dem Hauskalender vorgedruckte Privilegium, und zehn tauſend Mal vergegenwartigte ich mir im Stillen, wie gluͤcklich ich be⸗ reits ſeyn wuͤrde, haͤtte der Nachmit⸗ tag gleich mit dem fruͤhen Morgen be⸗ gonnen! Endlich, als es zwiſchen vier und 167 fuͤnf Uhr im Staͤdtchen zu dammern und die Ueberzeugung, daß ich jetzt mit mei⸗ nem uͤber die natuͤrlichen Graͤnzen hin⸗ aus getretenen Geſicht mich ohne ſonder⸗ liche Gefahr auf die Straße hinaus wa⸗ gen duͤrfe, mir mehr und mehr zur Ge⸗ wißheit zu werden begann, fuhr ich in Mantel und Rock, preßte mir den Hut als beſchattendes Schirmdach tief uͤber die Stirn hinab und wallfahrtete kecken Schrittes dem Ziel meiner gefaͤhrlichen Beſtimmung entgegen. Die Thurmpforte war nur angelehnt, ſo daß ich, dieſem guͤnſtigen Merkzeichen zu Folge, mich ſchneller als der Blitz im Innern derſel⸗ ben befand. Bald knatterten und droͤhn⸗ ten die nach der Hoͤhe fuͤhrenden ſchma⸗ len Holzſtiegen unter meinen behutſamen Fuͤßen, und obgleich die hier herrſchende, hoͤchſt unbetraͤchtliche Helligkeit mich die un⸗ aufhoͤrliche Schlangenwindung des Pfades 168 nur muͤhſam erkennen ließ, gelangte ich doch, meinem geſtrigen Schickſal voͤllig entſchluͤpfend, wohlbehalten bis zu dem vom Sturm umtobten traulichen Stuͤb⸗ chen hinauf, in welchem auch wirklich die liebreizende Tochter des uͤber Land gegangenen Vaters einſam hinter dem Ofen ſaß.„Iſt es erlaubt, etwas naͤ⸗ her zu kommen? theuerſtes Röschen!“ rief ich, die Thuͤr oͤffnend, in ſchein— barer Ungewißheit aus und mit einem uͤberraſchten und freudigen Angſtgeſchrei warf ſie ſogleich das Strickzeug bei Seite und ſprang von ihrem Sitz empor und mir entgegen. „Was wagen Sie, Sendler!“ war ihr erſtes Wort.„Wir ſind beide verlo⸗ ren, wenn wir hier uͤberraſcht werden, was jeden Augenblick geſchehen kann! Wären Sie doch wenigſtens ein paar Stunden fruͤher gekommen, wie ich es 169 mir halb und halb faſt gedacht hatte. Aber Herr des Himmels! Was haben Sie mit ſich ſelbſt angerichtet? Das iſt ja gar nicht Ihr altes bekanntes Ge⸗ ſicht mehr! Ze laͤnger ich Sie an⸗ ſehe, deſto mehr entſetze ich mich vor Ihnen!“ Ich erlaͤuterte ihr in der Kuͤrze, was ich hier nicht wiederholen will, da ich es Dir bereits eben ſo ausfuͤhrlich mit— getheilt habe; verſicherte aufs feierlichſte, daß zwiſchen den geſunden Empfindungen des Herzens und der gequetſchten Naſe nicht der geringſte Einfluß und Zuſammen⸗ hang Statt finde, und wollte durch Aufhe⸗ bung fernern liebkoſenden Geſchwatzes ihre zärtliche Aufmerkſamkeit von dem zur Sprache gebrachten, ſo vorzuͤglicher Theil⸗ nahme unwuͤrdigen Gegenſtande gaͤnzlich ablenken. Aber alle angewandte Nuͤhe blieb vergeblich! 170 „Nein, nein!“ rief ſie mit ſo lei⸗ denſchaftlicher Unruhe und Beſorgniß, als ob es ihre Abſicht ſei, mich auf mein eignes Geſicht eiferſuͤchtig zu ma⸗ chen.„Hier wird durch eitles Plaudern nichts ausgerichtet, ſondern die ſchleu⸗ nigſte Huͤlfe thut noth, oder es tritt am Ende noch gar die Roſe hinzu!“ Was blieb mir Anderes uͤbrig, als willig, wenn auch ungern, Alles uͤber mich ergehen zu laſſen, was ſie, meiner aͤußerlichen Verunſtaltung wegen, zu ver— anſtalten fuͤr dienlich erachtete! Geſchäf⸗ tigen Eifers und ohne mich nur eines einzigen freundlichen Blickes zu wuͤrdigen, kramte ſie umher, und eh ich es mir verſah, hatte ich ein zuſammen geſchla⸗ genes und ſattſam in Eſſig getraͤnktes leinenes Tuch auf dem Geſicht liegen, wodurch der eigentliche Zweck meines Er⸗ ſcheinens mir aufs grauſamſte vereitelt 171 ward, indem ſich der gewaltthaͤtig ange⸗ legte Verband bis uͤber den Mund hinab erſtreckte und mich jeder Moͤglichkeit be— raubte, deren ich zu Mittheilung meiner Gedanken bedurfte. Kaum aber hatte ich angefangen, mich in der bitterſten Empfindlichkeit daruͤber zu beſchweren, als ploͤtzlich tief unter uns ein heranna⸗ hendes Poltern ſich vernehmen ließ. „Gott im Himmel! da kommt er richtig ſchon zuruͤck!“ aͤchzte Roͤschen, indem ſie ſchnell meine Hand ergriff und eben ſo eilfertig mich aus dem Gemach mit ſich fortzog, bis wir draußen an eine abermalige Treppe gelangt waren.„Nur immer hoͤher hinauf, ſo hoch wie moͤg⸗ lich!“ flͤſterte ſie, waͤhrend die Tiefe des entſtandenen unheilvollen Geraͤuſches ſich mit jedem neuen Fußtritt mehr und mehr verminderte. Ich that, was von mir verlangt wurde, und machte mich 172 beim verdrußvollen Emporſteigen ſchon darauf gefaßt, der leiblichen Sicherheit wegen, mein heutiges Nachtquartier dro⸗ ben im Thurmknopfe nehmen zu muͤſſen. Doch entdeckte ich gluͤcklicher Weiſe un⸗ terweges einen andern Ruhepunkt, der mir gegen die moͤgliche Verfolgung mei⸗ nes Widerſachers zum Schlupfwinkel zu dienen verſprach. Alle diejenigen, welche jemals am neunzehnten Januar, bei ſcharf ſchnei⸗ dendem Nordoſtwinde, mit einem naſſen Verbande um das Geſicht, unter der großen Thurmglocke geſeſſen und die doppelte Zugluft von vier einander gegen⸗ uͤber befindlichen offenen Mauerluken ge⸗ noſſen haben, werden mich verſtehen und mir beiſtimmen, wenn ich behaupte, daß das menſchliche Leben weit angenehmere Augenblicke zu gewaͤhren im Stande iſt! Die bevorſtehende Nacht wuͤrde mir ge⸗ 173 wiß ziemlich lang geworden ſeyn, haͤtte ich, ohne wahrſcheinlicher Weiſe zu er⸗ frieren, den anbrechenden Morgen hier ruhig abwarten muͤſſen. Doch nur vier Stunden, richtig gezaͤhlt, dauerte mein von aller menſchlichen Huͤlfe abgeſchnitte⸗ nes Truͤbſal; dann war es mir ploͤtzlich, als ob mitten in der rings verbreiteten Dunkelheit, der ſchwache Schimmer einer Laterne ſich zeige. Ich verhielt mich maͤuschenſtill und ruͤhrte mich nicht eher vom Flecke, bis ich durch Roͤschens wohlbekannte Stimme mich endlich zu meinem unausſprechlichen Vergnugen in Leben und Bewegung verſetzt fuͤhlte. „Wo ſtecken Sie, Sendler? Kommen Sie ſchnell herab!“ wisperte ſie gegen die Thurmſpitze hinauf, und im Nu be— fand ich mich wieder an ihrer Seite. „Todtkrank habe ich mich geſtelt!“ fuhr ſie, meiner habhaft werdend, zu 174 ſprechen fort.„Eben hat mein Vater ſich auf den Weg gemacht, um den Doktor zu holen. Um Gottes willen! jetzt nur keinen Augenblick verloren, ſondern ei⸗ ligſt hinunter und nach Hauſe!“ So riß ſie mit Gemſengewandtheit und im Fluge von einem Treppenabſatz zum an⸗ dern denjenigen mit ſich fort, dem es noch bis dieſen Augenblick ein unaufloͤs⸗ liches Raͤthſel iſt, wie er, ohne zwan⸗ zig Mal den Hals zu brechen, mit ge⸗ ſunden Gliedern hinab auf die freie Straße gekommen! Schon fuͤnf Minu⸗ ten nach Beendigung dieſer abenteuerli⸗ chen Begebenheit ſaß derſelbe verbluͤfft und verdutzt wieder daheim in ſeiner Wohnſtube. Thue, was Deinen Augen gefaͤllt und Deinem Herzen geluͤſtet, theuerſter Bru⸗ der, nur laß Dir mein Beiſpiel zur Warnung dienen und verliebe Dich nicht; 175 denn wofern Du, nach mitgetheilten Un⸗ faͤllen ſolcher Art noch nicht zur Einſicht gelangt biſt, daß bei unſter Geburt die Venus im Zeichen des Krebſes geſtan⸗ den, ſo wirſt Du uͤberhaupt niemals zu irgend einer Einſicht gelangen! Seitdem iſt Roͤschen wieder voͤllig unſichtbar und unerreichlich fuͤr mich ge⸗ weſen! Ich ſitze und zerquale mir den Kopf, deſſen Vorderſeite allmaͤlig zu ih⸗ rer urſpruͤnglichen bequemern Form zu⸗ ruͤck gekehrt iſt, in nichtsnuͤtzigen Ent⸗ wuͤrfen, verzehre mich im Gram, der mir in der liebenden Seele herum wuͤhlt, freue mich herzlich, den zwei Mal an— gefangenen Brief zum dritten Mal end— lich bis zum Schluß gebracht zu haben, werde mit jeder Minute magrer, ver⸗ ſpreche mir aber manches von der anhe⸗ benden gelindern Jahreszeit, wo doch auch Roͤschen ſich von dieſem oder jenem 176 Spaziergange nicht gaͤnzlich ausſchließen wird, und hoffe Dich, wenn nicht etwa wieder ein dem Gluͤck ähnelndes Ungluck dazwiſchen kommt, ſo bald zu beſuchen, als es die Umſtände nur immer er⸗ lauben. N. S. Ueber den Prokurator, der mir, Deinem belobenden Urtheil zu Trotz, denn doch nicht ſo ganz gefallen will, ſo wie uͤber die Dir zugeſtoßene Feuersbrunſt, worin der Leichnam unſe⸗ rer Mutter unerwarteter Weiſe ſein Grab gefunden, muͤndlich ein Mehreres. Fuͤr die weißen Mäuſe, die Dir das Le⸗ ben gerettet, denke ich Leckerbiſſen mit⸗ zubringen, wie ſie noch niemals einer Maus auf ehrlichem und erlaubtem Wege zu Theil geworden ſind. Auf den Tiſch⸗ ler Helbert aber, der mir in der Ferne ganz in dem naͤmlichen Licht vor die Au⸗ gen tritt, wie Dir in der Naͤhe, koͤnnte 177 ich neidiſch werden, wenn ich deſſen ge⸗ gen irgend eine Creatur faͤhig waͤre, die es gut mit meinem Sebaſtian meint! Als Sebaſtian am Abend, zur ver⸗ abredeten Wanderung geruͤſtet, das Haus kaum verlaſſen hatte, ſtieß er auf Hel⸗ berts Lehrburſchen, der ihm, dem erhal⸗ tenen Auftrage gemaͤß, vermeldete, daß der Meiſter, den ſo eben einer ſeiner Kunden in Geſchaͤftsangelegenheiten zu ſich berufen laſſen, von Erfuͤllung ſeines Verſprechens abgehalten werde. Seba⸗ ſtian, dem es zwiſchen ſeinen vier Waͤn⸗ den nie ſo beengt und beklommen ums Herz geweſen, als waͤhrend des heutigen Tages, hatte ſich auf dieſen Spazier⸗ gang zu herzlich gefreut, als daß er ihn, obwohl bei ſo bewandten Umſtaͤnden der 12 178 Hauptzweck deſſelben verloren ging, gaͤnz⸗ lich haͤtte unterlaſſen und aufgeben ſollen. Auch jetzt, wie immer, vom Eindruck des Augenblickes beherrſcht, wonderte er, durch die eben vernommene Botſchaft verſtimmt und verduͤſtert, zum Thor hin⸗ aus, bog, als er die letzten Haͤuſer der Vorſtadt im Ruͤcken hatte, von der Landſtraße ab, und ſchlug einen ſchmalen und wenig betretenen Fußweg ein, der in anmuthiger Abwechſelung zwiſchen uͤp⸗ pig gruͤnenden Wieſen und Saatfeldern ſich einſam dahin ſchlaͤngelte. Der herr⸗ liche Fruͤhlingsabend, der ſeinen lachen⸗ den Zauber uͤber die Gegend verbreitete, die milde reine Luft, die er mit begieri⸗ gen Zuͤgen einathmete, die tiefblaue Himmeldecke uͤber ſeinem Haupt, an wel⸗ che nur hin und wieder ein lichtgeflock⸗ tes, von der untergehenden Sonne ver⸗ goldetes Woͤlkchen ſich zeigte, die freund⸗ 179 liche Ausſicht, wohin ſeine Blicke ſich wandten, das luſtige Zwitſchern der Voͤ— gel, das, dem Gemaͤlde ein regeres Le⸗ ben verleihend, vielſtimmig zu ſeinen Ohren drang, ſtellten bald den geſtoͤrten und unterbrochenen Frieden in ſeinem Innern wieder her, erwaͤrmten ſeine Bruſt mit friſchem Hoffnungsmuth und fuͤhrten ihm Frohſinn und Heiterkeit in die von Zweifeln getruͤbte Seele zuruͤck. „Rein, nein, es darf nicht geſche⸗ hen!“ rief er, ſeine Schritte verſtaͤrkend, mit neuer Geiſteserhebung aus.„Die⸗ ſen ſchuldlos ſrohen Blick, mit welchem ich am Reiz der Schoͤpfung mich weide, dieſes, von keinem innern Zwiſt und Zwieſpalt geſchmaͤlerte Vergnuͤgen, das ich beim Genuſſe der Natur im Herzen empfinde, dieſes von kindlicher Freudig⸗ keit begleitete Aufſchauen zu ihrem Ur⸗ heber muß und will ich mir in der ge⸗ 42* 180 wohnten Reinheit und Lauterkeit erhal⸗ ten mein Leben lang!“ Mag auch der Schritt, den ich zu thun im Begriff bin, mich mit neuer Noth und Sorge bedrohen; mein Schickſal ſteht in eines Hohern Hand. Wie er die Lilien auf dem Felde kleidet, wird er auch mich nicht verlaſſen. Wie er in den vergan⸗ genen Tagen mein Beſchirmer war, im Mangel mich unterſtuͤtzte, und wunder⸗ voll aus der ſchaurigen Gefahr mich er⸗ rettete, wird er auch in der Folge ſei⸗ nen huͤlfreichen Schutz nicht von mir abwenden. Es iſt und bleibt beſchloſſen! Morgen mit dem Fruͤheſten erhaͤlt der Prokurator die Urkunde mit dem Be⸗ ſcheide zuruͤck, daß ich ſein Begehren nicht erfuͤllen kann. Aber um vor der verfuͤhreriſchen Gewalt ſeiner Ueberre⸗ dungskunſt mich ſicher zu ſtellen, ſoll dieß nicht muͤndlich Rnden ſchriftlich n—.— ——, 181 geſchehen. Mag er dann aus Zorn und Rachſucht gegen mich verfahren, wie ihm gut duͤnkt, mag es auch ſelbſt um Dor⸗ chens herzerheiternden Anblick fuͤr immer gethan ſeyn! Vor dem Rufe der Pflicht ſoll die Stimme des Gefuͤhls verſtum⸗ men, und der unverkuͤmmerte Beſitz ei⸗ nes zufriednen Gewiſſens mir theurer ſeyn, als der Gluͤcksgenuß, welcher die berauſchten Sinne mit Luſt und Wohl⸗ behagen erfuͤllt!“ Die Daͤmmerung nahm, waͤhrend Sebaſtian nach der Stadt zuruͤck kehrte, mehr und mehr uͤberhand. Nirgends war ihm auf dem zwei Mal durchmeſſe⸗ nen Fußſteige ein menſchliches Weſen zu Geſicht gekommen. Erſt als er die Heer⸗ ſtraße wieder erreicht hatte, hegegnete ihm zufaͤllig ein Bekannter, der uͤber Land zu gehen im Begriff war, und mit welchem er einige Augenblicke lang 182 uͤber gleichguͤltige Gegenſtaͤnde ſich unter⸗ hielt. Bald darauf ſchimmerte ihm, bei Verfolgung des Weges, aus dem ſeit⸗ waͤrts befindlichen trocknen Graben, et⸗ was Glaͤnzendes entgegen, das ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Es war das blanke Stahlſchloß einer Brieftaſche, die er aufhob und zu ſich ſteckte, um ſie dem rechtmaͤßigen Eigenthuͤmer, falls er ſich ausmitteln laſſe, gelegentlich wieder zu⸗ zuſtellen. Ohne den gemachten Fund in genauern Augenſchein zu nehmen und nur mit ſeinem Vorhaben beſchaͤftigt, holte er, als er ſich wieder in ſeinem Dachſtuͤbchen befand, ſogleich die Lampe herbei, und begann die in ihm zur Herrſchaft gelangte Willensmeinung dem Prokurator in folgenden Zeilen zu ver— melden: „Anliegend erhalten Sie, wertheſter Goͤnner, das mir zur Abſchrift uͤberge⸗ —.—— 183 bene Teſtament Ihres in Gott ruhenden Herrn Vetters zuruͤck. Wenn ich auch Gefahr laufen ſollte, mir Ihren Unwil⸗ len zuzuziehen und die traurigen Folgen, mit welchen Sie mich auf den Fall der Weigerung bedrohten, in ihrer ganzen Bitterkeit zu erfahren, ſo kann ich doch, nach reiflicher Erwaͤgung der Sache, zu einer Gefaͤlligkeit ſolcher Art mich ſchlech⸗ terdings nicht entſchließen. Ihnen ge⸗ genuͤber vermochte ich freilich vor der Ueberlegenheit Ihrer Darſtellungsgabe, weder zu Auffaſſung eines richtigen Ur⸗ theils uͤber den mir mitgetheilten Ent⸗ wurf, noch zur muͤndlichen Auseinander⸗ ſetzung meiner Gedanken und Anſichten zu gelangen; je mehr ich aber allein und im Stillen daruͤber nachſinne, deſto einleuchtender wird es mir, daß der von mir begehrte Verſuch, die Schriftzuge des Teſtaments nachzubilden und auf ei⸗ v3 184 genmaͤchtige Weiſe Ihren und Ihres Herrn Bruders Namen gegen einander zu vertau⸗ ſchen, auch ſelbſt dann noch nichts Anderes, als eine ruchloſe und ſtrafwuͤrdige Verfaͤl⸗ ſchung bliebe, wenn der Zweck die Mit⸗ tel zu heiligen im Stande waͤre! Ver⸗ zeihen Sie daher die Freimuͤthigkeit, mit welcher ich Ihnen ſchriftlich wiederhole, daß die Zuſicherung Ihrer kuͤnftigen Wohlgewogenheit, wie erfreulich dieſelbe fuͤr mich ſeyn muß, mir doch fuͤr die getruͤbte Gewiſſensruhe eben ſo wenig Erſatz leiſten kann, als dieß die zwei hundert Thaler vermoͤgen, mit welchen Sie meine Bemuͤhung in der gedachten Angelegenheit mir zu vergelten geneigt waren. Gern werde ich, wofern Sie, nach dieſer Erklaͤrung, mich fernerer Auftraͤge und Beſtellungen noch fuͤr wuͤr— dig halten ſollten, Ihnen in Dingen, bei deren Beſchickung ich weder das 185 Licht zu ſcheuen, noch die Thuͤr zu ver⸗ ſchließen brauche, mit dem gewohnten Fleiß und Eifer zu Dienſte ſeyn!“ Dieſes, mit ſeiner Namensunter⸗ ſchrift verſehene Schreiben legte er zu der hervorgeſuchten Urkunde, und war eben im Begriff, beides zu verſiegeln, als ein draußen auf der Treppe anheben⸗ des dumpfes Gepolter und Gemurmel ihn bei ſeiner Beſchaͤftigung ſtoͤrend un⸗ terbrach. Bevor er aber die verfaͤngli⸗ chen Papiere wieder an die Seite zu raͤumen und nach der Lampe zu greifen vermochte, um ſich uͤber das entſtandne Geraͤuſch naͤhere Auskunft zu verſchaffen, oͤffnete ſich ſchon die Thuͤr und ein un⸗ bekannter junger Mann, in einen Rei⸗ ſemantel gehuͤllt, trat haſtig herein. „Um Vergebung, daß ich auf ſo unge⸗ ſtuͤne Weiſe daher geſtuͤrmt kommel“ redete er den Betroffenen an.„Sie 186 waren noch vor einer halben Stunde, wie mir geſagt worden iſt, draußen vor dem Wachſchuͤtzer Thor., Haben Sie dort Etwas gefunden?“ „Allerdings! dieſe Brieftaſche!“ ver⸗ ſetzte Sebaſtian, indem er mit gutmuͤ⸗ thigem Laͤcheln ſie aus dem Rock her⸗ vor holte und dem Anfragenden entgegen hielt. „Gott ſegne den ehrlichen Finder!“ jauchzte dieſer, ſie mit begierigem Eiſer in Empfang nehmend. Als er aber zu ihrer naͤhern Unterſuchung das Schloß mit raſchem Finger aufgedruͤckt und ei⸗ nen forſchenden Blick in das Innere der⸗ ſelben geworfen hatte, verwandelte ſich ſeine Freude in Schrecken, und Leichen⸗ bläſſe uͤberflog ſeine Wangen.„Treiben Sie keinen ſo graufamen Scherz mit mir!“ ſprach er, ein Angſt und Unruhe gerathend. Geben Sie mir nicht die 187 werthloſe Huͤlle allein, ſondern mit glei⸗ cher Bereitwilligkeit auch die Caſſen⸗ ſcheine wieder, die Sie darin gefun⸗ den haben! Sie gehoͤren mir eben ſo wenig als Ihnen! Nur anvertraut wur— den ſie mir, um Handelsgeſchaͤfte auf hieſigem Platz damit zu betreiben. Ich bin verloren, wenn ich ſie nicht zuruͤck erhalte!“ „Das ſollte mir herzlich leid thun!“ erwiederte Sendler.„Aber Sie empfan⸗ gen die Brieftaſche ganz in dem naͤmli⸗ chen Zuſtande von mir, wie ich ſie drau— ßen an der Landſtraße gefunden. Ich kann Ihnen ſogar die feierliche Verſiche⸗ rung ertheilen, daß es mir bis jetzt nicht einmal eingefallen iſt, ſie zu oͤff⸗ nen und mich mit ihrem Inhalt naͤher bekannt zu machen!“ „Das mag ein Andrer glauben!“ ſagte jener mit unheildrohender Geberde. 188 „Herr, Sie nehmen zu ſchalen Aus⸗ fuͤchten und Winkelzuͤgen Ihre Zuflucht, mit denen ich mich jedoch, bei der Wich⸗ tigkeit des Gegenſtandes, wahrlich nicht abfertigen laſſe! Noch ein Mal bitte und beſchwoͤre ich Sie! Machen Sie dieſem unnuͤtzen Sperren und Straͤuben ein Ende, und halten Sie ſich uͤberzeugt, daß ich erkenntlich ſeyn werde!“ „Sie haben ja bereits von mir er⸗ fahren, wie ſich die Sache verhaͤlt!“ antwortete Sebaſtian in aufwallendem Unmuth.„Und ich will eben ſo wenig von Ihrer Erkenntlichkeit wiſſen, als ich von Ihren Caſſenſcheinen weiß!“ „Nun wohl denn!“ fuhr der Ent⸗ ruͤſtete fort.„Da Sie nicht geneigt ſind, ſich gutwillig zu Ihrer Schuldigkeit zu bequemen, ſo ſollen Sie mit Gewalt dazu gezwungen werden! Wohlweislich habe ich mich auf dieſen Fall geruͤſtet 189 und vorgeſehen!“— Bei dieſer Andeu⸗ tung that er, ohne den Beſtuͤrzten jedoch aus dem Auge zu laſſen, wieder einige Schritte ruͤckwaͤrts, bis er die Thuͤr er⸗ reicht und erfaßt hatte.„Mein guͤtli⸗ ches Zureden iſt vergebens! Treten Sie naͤher und gebrauchen Sie Ihr Anſe⸗ hen!“ rief er nach dem dunkeln Vor⸗ platze hinaus, und alsbald traten zwei Polizeidiener in das Gemach. „Wir haben Alles mit angehoͤrt!“ wandte der Eine von ihnen mit ernſt war⸗ nendem Blick ſich an Sebaſtian;„und wir rathen Ihnen wohlmeinend, ſich weiter keine Ungelegenheit zn machen! Es iſt nicht unſers Amtes, lange zu fackeln und uns mit bodenloſen und ab⸗ gedroſchenen Redensarten herum zu ſtrei⸗ ten, woruͤber Zeit und Weile verloren geht. Wenn Sie nicht augenblicküch dieſem Herrn all das Seinige wieder zu⸗ 190 ſtellen, ſo muͤſſen Sie mit uns, um dem Polizeimeiſter ſelbſt uͤber den gan⸗ zen Handel die noͤthige Auskunft und Rechenſchaft zu geben!“ „Das muß ich mir freilich gejal laſſen!“ entgegnete der Bedraͤngte. „Aber es wird nichts helfen; denn auch dort kann ich nur wiederholen, was ich hier bereits geſagt und betheuert habe: daß bei Auffindung der Brieftaſche we⸗ der mehr noch weniger darin enthalten geweſen, als bei ihrer ſo eben erfolgten Wiederauslieferung. Eine andre Ausſage zu leiſten, ſteht nicht in meiner Gewalt; und wenn es auch mein Leben, ſollte!“ „So thun wir nur, was unſers Am⸗ tes iſt, indem wir Sie auffordern, uns unverzuͤglich zu folgen!“ war die Erwie⸗ derung. Der Eine von den beiden Ab⸗ geordneten ſtreckte die Hand nach der 191 Lampe aus, um die finſtern Treppen hin⸗ ab dem Zuge voran zu leuchten, der An⸗ dre verſchloß ſorgfaͤltig die Thuͤr und ſteckte den Schluͤſſel in die Taſche. Schweigend ward Sebaſtian von ihnen, ſobald er ſich auf der freien Straße be⸗ fand, in die Mitte genommen, und fort ging die verhaͤngnißvolle Wanderung nach der ziemlich entfernt gelegenen Be⸗ hauſung des Polizeimeiſters. Dieſer, von dem Vorgange bis jetzt nur oberflaͤchlich unterrichtet, wandte ſich zuerſt an den fremden Reiſenden und that an ihn, in Bezug auf die naͤhern Umſtaͤnde, mehrere Fragen, aus deren Beantwortung ſich ergab, daß er keines⸗ wegs der Meinung war, die Brieftaſche an der Stelle verloren zu haben, wo Sebaſtian ſie gefunden, ſondern wohl eine Viertelmeile weiter jenſeits der Stadt. Dort war ſein Pferd vor dem 192 aus der Daͤmmerung hervor leuchtenden weißen Merkſteine ſcheu geworden und jählings mit ſo ungeſtuͤm wildem Sprun⸗ ge an die Seite gewichen, daß er nur mit der aͤußerſten Muͤhe und Anſtren⸗ gung ſich im Sattel zu erhalten vermocht hatte. Einzig und allein in dieſem Au⸗ genblick konnte ihm, wie er feſt behaup⸗ tete, das erlittene Mißgeſchick begegnet ſeyn. Erſt nach Erreichung der Nacht⸗ herberge war er des Verluſtes inne ge⸗ worden, hierauf ungeſaͤumt den Weg zuruͤck geritten und unfern des gedachten Meilenſteines auf einen einſamen Wan⸗ derer geſtoßen, der beim Nachſuchen ihm huͤlfreich beigeſtanden, nach fruchtlos ge⸗ bliebner Bemuͤhung aber, ihm Namen und Wohnung des muthmaßlichen Fin⸗ ders naͤher bezeichnet hatte. Jetzt ward Sebaſtian mit aller der Umſtaͤndlichkeit und Schaͤrfe, welche der 193 auf ihm haftende ſchlimme Verdacht er⸗ heiſchte, zur Rede geſtellt und ins Ver⸗ hoͤr genommen. Er erklaͤrte ſich uͤber die vorhandne Thatſache ganz auf die naͤmliche Weiſe, wie er es bereits frůͤ⸗ her gethan, und beſaß, von reinem Be⸗ wußtſeyn unterſtuͤtzt, Faſſung und Be⸗ ſonnenheit genug, um weder durch die rauhe und heftige Bewegung des Aus⸗ forſchenden, noch durch die an ihn ge⸗ richteten, verfaͤnglichen Kreuz⸗ und Quer⸗ fragen ſich in ſeiner einfachen Be⸗ richterſtattung irre machen zu laſſen. Aber eben ſo wenig mit der Ausſage, daß er bis in die von dem Anklaͤger er— waͤhnte Gegend gar nicht gekommen, als mit der Behauptung, daß die aufgefun⸗ dene Brieftaſche von ihm uneroͤffnet ge⸗ blieben ſei, fand er Eingang und Glauben. „Der Schein zeugt auf ſo beſtimmte Weiſe gegen Sie, daß ich zu ernſtli⸗ 13 194 chern Maßregeln ſchreiten muß!“ rief der Polizeimeiſter mit Merkmalen des Unmuthes und Verdruſſes endlich aus. „Mir bleibt, da Sie hartnaͤckig beim Leugnen verharren, nichts uͤbrig, als eine ſorgfaͤltige und genaue Unterſuchung Ihres Wohnſitzes. Dieſe ſoll morgen fruͤh in aller Foͤrmlichkeit vor ſich gehen. Es wird Ihnen mithin, dieſer Veran⸗ ſtaltung zu Folge, fuͤr die bevorſtehende Nacht einſtweilen ein andres Quartier angewieſen werden!“ Bei Anhoͤrung dieſer Aeußerung war es plotzlich um alle Geiſtesgegenwart ge⸗ than, welche Sebaſtian bisher an den Tag gelegt hatte. Mit Zentnerſchwere druͤckte und preßte ihm der Gedanke an die Urkunde das Herz, welche daheim frei und offen auf dem Tiſche lag, und ſammt ſeiner mit ihr in Bezug ſtehen⸗ den Zuſchrift, den umſchauenden Unter⸗ 195 ſuchern ſogleich in die Augen fallen mußte. Angſt und Entſetzen bemaͤchtigten ſich ſei⸗ ner; es verfaͤrbte ſich ſein Geſicht und wie von Todesſchauern durchbebt, erzitter⸗ ten ihm die Glieder. Dieſer ſchnell eintre— tende und den mißtrauiſch auf ihn gehefte⸗ ten Blicken keinesweges entgehende Wech⸗ ſel in ſeinem Weſen und Benehmen war freilich nicht geeignet, die gegen ſeine Unſchuld erhobnen Bedenklichkeiten zu zerſtreuen und zu beſeitigen; vielmehr wuchs eben dadurch der Argwohn, den man gegen ihn hegte, und mit duͤrren Worten deutete der Polizeimeiſter ihm an, wie es jetzt kaum einem Zweifel mehr unterliege, daß er die abhanden gekomme— nen Caſſenſcheine in irgend einem Winkel ſeines Wohngemaches verborgen halte. „Bei Gott dem Allwiſſenden! Es iſt dort nicht dergleichen verſteckt!“ er⸗ wiederte der Geaͤngſtigte mit ſtotternder 13* 196 Zunge und die zitternde Hand, wie zum feierlichen Eidſchwur, empor hebend. „Wohl aber muß ich Sie inſtändig bitten, geſtrenger Herr, keine ſolche Unterſu⸗ chung vorzunehmen! Denn es befinden ſich verſchiedene Papiere von Wichtigkeit in meinem Verwahrſam, welche mir vom Herrn Prokurator Heisfeld zum Copiren anvertraut und wirklich nicht fuͤr jedes Auge zum willkuͤrlichen Durchmuſtern beſtimmt ſind!“ „Alſo mit dem ſteht man in ſo ge⸗ nauer Verbindung!“ ſagte jener mit kalter, faſt veraͤchtlicher Miene.„Es bleibt bei meinem Ausſpruch! Findet ſich nichts, was den Verdacht rechtfertigt; dann de⸗ ſto beſſer fuͤr den, auf dem er laſtet! An den genannten Herrn Prokurator will ich uͤbrigens die Einladung ergehen laſſen, ſich morgen fruͤh um acht Uhr hierher zu verfuͤgen, wo es ihm ſodann 197 anheim geſtellt bleiben ſoll, bei dieſer Hausſuchung in Perſon gegenwaͤrtig zu ſeyn, falls er es fuͤr noͤthig erachtet.“— Mit dieſem Beſcheid wandte er ſich von dem Angeſchuldigten hinweg, fluͤſterte den an der Thuͤr harrenden Untergebe⸗ nen ſeine geheimen Auftraͤge zu und ver⸗ ließ das Zimmer. Auch Sebaſtian wurde jetzt wieder von dannen gebracht, und befand ſich wenige Minuten darauf in einem engen und wohl verwahrten Ge⸗ mach, wo er Zeit und Muße gewann, uͤber das ihm zugeſtoßene Abenteuer weiter nachzudenken, die wunderbare Fuͤ⸗ gung einer hoͤhern Willensmacht in ge⸗ wohnter Demuth anzuerkennen, und ſich auf den Ausgang und Erfolg der Ent⸗ deckungen vorzubereiten, welche der naͤchſt⸗ folgende Morgen nothwendig herbei fuh⸗ ren mußte. 6 198 Wie ſtill und geraͤuſchlos Sebaſtians Verhaftung auch vollfuͤhrt worden war, veranlaßte doch ein Zufall, daß noch in der nämlichen Stunde, da ſie ſich zuge⸗ tragen, die Nachricht davon zu den Oh⸗ ren des Prokurators„gelangen mußte. Unheil ahnend griff er in der Bangigkeit und Beſtuͤrzung, welche ſich ſeiner be⸗ maͤchtigten, ſogleich nach Hut und Stock und machte ſich auf den Weg, um uͤber die eigentlichen Umſtaͤnde, von welchen dieß Ereigniß begleitet geweſen, ſich wo moͤglich etwas naähere Auskunft zu ver⸗ ſchaffen. Vor dem Eingange des Gebaͤu⸗ des, in welchem Sebaſtian zur Miethe wohnte, ſtand Helbert mit dem Haus⸗ eigenthuͤmer in leiſem und eifervollem Geſpraͤch begriffen. Ein Polizeibeamter, von welchem, erhaltener Weiſung zu Fol⸗ ge, die Thuͤr des Dachſtuͤbchens unter Siegel gelegt worden war, hatte, nach —— . 199 ſchnell beendigtem Geſchaͤſt, ſich ſo eben wieder entfernt. Mit ſcheuer Vorſicht näherte ſich der Prokurator den beiden Geſpraͤchsfreun⸗ den.„Sieh da, Meiſter Helbert!“ rief er aus, den Tiſchler erkennend, der auf HSebaſtians Empfehlung ein paar Mal fuͤr ihn gearbeitet hatte.„Mein Gott! was iſt hier vorgegangen? Ich verneh⸗ me ſo eben, daß Sendler nach der Po⸗ lizei abgeholt worden iſt. Welchen Grund und Anlaß hat man denn wohl dazu ge⸗ habt?“ „Das mag der Himmel wiſſen!“ antwortete der Hauswirth.„Die Sache wird ſo geheim gehalten, daß ſich bis jetzt durchaus nichts Genaueres daruͤber in Erfahrung bringen laͤßt. Morgen aber wird es ſich wohl ausweiſen!“ „Ein ganz verwuͤnſchter Streich!“ fuhr jener fort, indem er ſeine innre 200 Angſt und Unruhe unter dem angenom⸗ menen Schein des Aergers und Verdruſ— ſes zu verbergen bemuͤht war.„Es iſt nur gut, daß ich mich, bei der vernom⸗ menen Botſchaft, ſogleich ſelbſt auf die Beine gemacht habe! Der Menſch hat noch verſchiedene Papiere zum Abſchrei⸗ ben von mir in den Haͤnden, und es befinden ſich einige Aktenſtuͤcke darunter, die ich morgen in aller Fruͤhe nothwen⸗ dig gebrauche. Dieſe muß ich mir denn doch oben in ſeiner Wohnſtube geſchwind noch erſt heraus ſuchen!“ „Dazu iſt es leider zu ſpaͤt!“ war die Antwort.„Es befinden ſich bereits zwei große Siegel an der Thuͤr, mit welchen mun ſie von Gerichts wegen ver⸗ wahrt hat und fuͤr deren Unverletzlichkeit ich mit Hab und Gut verantwortlich ge⸗ macht worden bin. Sie muͤſſen ſich alſo mit der Zurücforderung Ihres Eigen⸗ 201 thums bis nach der Unterſuchung gedul⸗ den, welche morgen fruͤh, wie ich hoͤre, droben Statt finden ſoll!“ „Gerechter Himmel! Was mag das Alles denn wohl zu bedeuten haben?“ wiederholte ſtoͤhnend der beklommene Suͤn⸗ der, dem der Gedanke an die ihm be⸗ vorſtehende grauſenvolle Gefahr immer ſchwerer auf der Seele zu laſten begann. „Auch mir verurſacht die naͤmliche Frage kein geringeres Kopfzerbrechen!“ verſetzte der Hauswirth.„Denn es will mir durchaus nicht in den Sinn, dieſen Sendler irgend eines Verbrechens faͤhig zu halten! Aus allen ſeinen Reden und Handlungen blickte ſtets eine ſo rechtliche Geſinnung hervor; er ſchien einen ſo guten und unbeſcholtenen Lebenswandel zu fuͤhren, war immer ſo fleißig und ordentlich, ſo gutmuͤthig und beſchei⸗ den!“— 202 „Das war er, und iſt es, denk' ich, auch noch!“ fiel Helbert mit bitterm und bezugvollem Ernſt ihm ins Wort.„Aber es gibt ſchlechte Menſchen, vor deren abgefeimten Entwuͤrfen und Anſchlaͤgen ein argloſes Gemuͤth, wie das ſeinige, zuweilen nicht ſorgſam genug auf der Hut iſt! Wenn Sendler ſich eines Ver⸗ gehens ſchuldig gemacht hat, ſo kann es nur auf fremden Anreiz geſchehen ſeyn. Doch wird er ſich hoffentlich zu reinigen wiſſen, damit die gerechte Strafe nur den Verfuͤhrer allein treffe, der ihn zum Werkzeug ſeiner heimtuckiſchen Zwecke auserſah und benutzte!“— An dieſem Wink hatte der Prokura⸗ tor genug. Ohne eine Sylbe darauf zu erwiedern, kehrte er dem entruͤſteten Ei⸗ ferer den Ruͤcken zu, und ſchlich unter dem Schirm der Dunkelheit wieder den Weg zuruͤck, den er gekommen war. 4— —— —— —— ———— 203 Bei ſeiner Heimkehr befand ſich Alles im Hauſe bereits in der tiefſten Ruhe, bis auf Dorchen, welche, ſeiner Zuruͤckkunft harrend, noch wach und munter war. Dienſtgeſchaͤftig kam ſie, waͤhrend er nach dem Schluͤſſel zur Schreibſtubenthuͤr in der Taſche umher zu ſuchen begann, mit dem Licht aus der Kuͤche, und uͤber— reichte ihm zugleich einen, waͤhrend ſei⸗ ner Abweſenheit angelangten offenen Zet⸗ tel, welcher die Worte enthielt: Es er⸗ geht an den Prokurator Heisfeld hier⸗ durch die Aufforderung, morgen fruͤh um acht Uhr, und zwar in ſelbſt eigner Angelegenheit auf dem hieſigen Polizei⸗ hauſe zu erſcheinen! Er ſchauderte bei Leſung dieſer Zeilen vor Entſetzen zuruͤck; das Papierblatt entſank ſeinen Fingern, ein kalter Schweiß trat ihm vor die Stirn, es klapperten ihm die Zaͤhne im Munde. Mit angſtvoller 204 Heftigkeit riß er der beſtuͤrzten Diene⸗ rin den Leuchter aus den Haͤnden, winkte ihr, ſich ſchnell zu entfernen und ver⸗ ſchloß ſich in ſeine Schreibſtube.„Hei⸗ liger Gott! Wo ſoll ich Rettung fin⸗ ben!“ aͤchzte er gegen die duͤſtre Decke empor.„Nicht die beabſichtigte Teſta⸗ mentsverfaͤlſchung allein; auch alles Uebrige kommt jetzt an den Tag! Eine peinliche Anklage folgt auf die andre, und bei keiner einzigen weiß ich mich zu recht⸗ fertigen! Graͤßliches Schickſal, das mich er⸗ wartet! Giebt es denn keinen Ausweg mehr, keine Zuflucht weder im Himmel noch auf Erden? Bibel, hilf mir aus dieſer Bedraͤngniß! Steht in meiner Seelenqual mir bei, ihr Gebetbuͤcher! Verrichtet ein Wunderwerk, Ihr Poſtil⸗ len, und rettet mich vom Halseiſen und Galgen! Umſonſt! Der Suͤnde Frucht iſt die Schande, und das Ende derſel⸗ —————— —.—————— 205 ben iſt der Tod! Auf das Fleiſch hab' ich geſaͤett und werde vom Fleiſch das Verderben ernten! Der Lohn meiner Thaten iſt im Anzuge begriffen! Ich bin verloren, rettunglos verloren!“ Wild und krampfhaft ſchlug er die gerungenen Haͤnde uͤber dem Kopfe zu⸗ ſammen. Mehr und mehr, indem er die auf vielfache Weiſe begangenen, jetzt ih⸗ rer Ruchtbarwerdung ſich naͤhernden Buͤ⸗ bereien in das Gedaͤchtniß zuruͤck rief, erbangte und verzagte ſein Herz; mehr und mehr verwirrten Grauen und Verzweif⸗ lung ihm die Sinne. Wie von Rache⸗ geiſtern verfolgt, rannte er von einer Ecke zur andern; und war er erſchoͤpft und kraftlos auf den Lehnſeſſel nieder ge⸗ ſunken, ſo ſcheuchten ſchon im naͤchſten Augenblick, mit friſchem Angriff auf ihre Beute, die Schlangenſtiche des boͤſen Gewiſſens ihn wieder empor, und aufs 206 neue begann er umher zu irren, um den Frieden vor ſich ſelbſt zu ſuchen, der nirgends zu finden war!— Noch ſaß Sebaſtian, als endlich der anbrechende Tag ſeinen erſten Lichtſchim⸗ mer durch das kleine und ſtark vergit⸗ terte Fenſter des Gefängniſſes herein zu werfen begann, wachend auf der ihm angewieſenen harten Lagerſtaͤtte. Kein Schlaf war in ſeine Augen gekommen; dennoch fuͤhlte er ſich ſo munter und wohlgemuth, als ob er in den feſteſten Schlummer verſunken geweſen und ganz nach ſonſtiger Weiſe durch den Genuß der naͤchtlichen Ruhe geſtaͤrkt und er⸗ quickt worden ſei. Es war der Frie⸗ de des unbefleckten Bewußt⸗ ſeyns, welcher, aus dem bunten Spiel der Gedanken ſich allmaͤlig entwickelnd * —— 0 und, in der zunehmenden Klarheit ſeiner ſelbſt, zur dauernden Oberherrſchaft gelan⸗ gend, ihn mit dieſer Kraft und Heiterkeit ausgeruͤſtet hatte. Ohneßurcht und Beſorg⸗ niß ſah er der Entſcheidung ſeines Schickſals entgegen, und eben ſo wenig konnte die Vorſtellung von der Gefahr und Verle⸗ genheit, welche den Prokurator bedroh⸗ ten, ſein Innerſtes mit Angſt und Un⸗ muth erfuͤllen; da die Enthuͤllung jenes verderblichen Geheimniſſes weder durch abſichtlichen Verrath noch durch unbe⸗ dachtſame Vernachlaͤſſigung bewirkt wur⸗ de, ſondern, wie aus der ſeltſamen Ver⸗ kettu er Umſtaͤnde ſich unverkennbar ergab, nur durch das ernſt eingreifende Walten eines hoͤhern Rathſchluſ⸗ ſes erfolgte.— Die in Sebaſtians Behauſung zu veranſtaltende Unterſuchung nahm, ob⸗ wohl der Prokurator ſich einzuſtellen er⸗ * 208 mangelt hatte, zur feſtgeſetzten Stunde ohne Verzug ihren Anfang, und zeitig genug gab es unter den hierzu Beauf⸗ tragten nicht einen einzigen, der, den vorhandenen Umſtänden zu Folge, das Ausbleiben des Vorbeſchiedenen nicht ſehr begreiflich gefunden haͤtte! Aber auch in ſeiner Wohnung, wohin bald darauf ei⸗ nige Gerichtsdiener geſchickt wurden, um ſich ſeiner Perſon zu bemaͤchtigen, war keine Spur von ihm zu entdecken. Seine Angehörigen zeigten die groͤßte Angſt und Beſtuͤrzung, indem ſie zugleich ein⸗ ſtimmig verſicherten, daß er, ſeit dem fruͤheſten Morgen von ihnen das Haus, aller Augenſcheinlichke nach, ſchon waͤhrend der letzt verfloſſenen Nacht verlaſſen habe, da das Ruhelager in ſei⸗ nem Schlafzimmer voͤllig unberuͤhrt ge⸗ blieben ſei. Mit dieſer Angabe ließen jene ſich aber nicht abfertigen, ſondern 209 feſt vermeinend, daß der Verſchwundene ſich in irgend einem geheimen Schlupf⸗ winkel verſteckt halte, ſtellten ſie fogleich die fuͤr zweckdienlich erachtete genauere Nachforſchung an. Lange blieb ihre Muͤhe vergeblich! Endlich aber entdeck— ten ſie, bis zum hoͤchſten Bodenraume des Hauſes gelangt, mit ſchaudervollem Er— ſtaunen den Aufgeſuchten, der, im geiſt⸗ zerruͤttenden Kampfe der Verzweiflung, dem Arm der Gerechtigkeit vorgegriffen und an einem Balken des Sparrwerkes ſich erhenkt hatte. Als Sebaſtian, von einer ſo graͤuli⸗ chen Entwickelung der Dinge nicht das entfernteſte ahnend, gegen Mittag aus ſeinem Kerker abgeholt und wieder vor den Polizeimeiſter gefuͤhrt wurde, ging 14 * 21¹0 dieſer Arm in Arm mit einem Manne von ernſtbedaͤchtigem Anſehen auf und ab, mit dem er auf das geheimnißvollſte und angelegentlichſte ſich unterhielt. Es war der Stadtſyndikus, der, von der gemachten wichtigen Entdeckung in Kennt⸗ niß geſetzt, ſich eingeſtellt hatte, um den vorgefundenen Gegenſtand in Augenſchein zu nehmen und uͤber die dabei zu ergrei⸗ fenden Maßregeln zu verſuͤgen. Auf ei⸗ nem in der Mitte des Zimmers befind⸗ lichen gruͤnen Tiſche lagen ſämmtliche Papiere, welche, als dem Prokurator zugehoͤrig, in Sebaſtians Wohnung vor⸗ handen geweſen waren. Es 3 jetzt mit dem Eintretenden, nachdem die Be⸗ gleiter deſſelben, auf erhaltenen Wink, ſich wieder vor die Thuͤr hinaus verfuͤgt, ein abermaliges ſtrenges und langwieri⸗ ges Verhoͤr, welches, bei gänzlicher Ue⸗ bergehung des Vorfalles, der zu ſeiner 211 Verhaftung den erſten Anlaß gegeben, lediglich die naͤhere Beſchaffenheit ſeiner Verbindung mit dem Prokurator zum Zweck hatte, und bis auf die geringfuͤ⸗ gigſten Einzelnheiten ſich erſtreckte. Gluͤck⸗ lich uͤberwand Sebaſtian auch dieß Mal die ſeinem Weſen eigenthuͤmliche Schuͤch⸗ ternheit, beantwortete alle an ihn gerich⸗ tete Fragen auf jene ruhige und einfache Weiſe, in welcher das Gepraͤge der Wahrheit eben am unverkennbarſten ſich darthut, bewies durch Angabe mehrerer Thatſachen, wie untergeordnet das Ver— haͤltniß, in welchem er mit dem Proku⸗ rator ſenden, bis zu dem Augenblick geweſen, wo derſelbe ihm ſeinen Plan in Abſicht auf das Teſtament anvertraut habe, und vereinigte damit eine mog⸗ lichſt getreue und woͤrtliche Wiederho⸗ lung des Geſpraͤches, welches er geſtern in Betreff dieſer Angelegenheit mit 14* 242 ihm gefuͤhrt; indem er der Meinung war, daß ein offnes Geſtaͤndniß dieſer Art nicht allein zu ſeinem eignen Beſten gereichen, ſondern vielleicht auch zu Mil⸗ derung des auf dem Prokurator haften⸗ den boͤſen Scheines etwas beitragen werde. „Die Aufrichtigkeit, deren Sie ſich befleißigen, verdient alles Lob!“ rief der Syndikus endlich aus, nachdem er mit vieler Aufmerkſamkeit ihm zugehoͤrt hatte. „Uebrigens haben Sie ſehr gegruͤndete Urſache, dem Himmel zu danken, daß er Sie noch eben zur rechten Zeit auf den gluͤcklichen Einfall gerathen ließ, das Schreiben abzufaſſen, aus welchem ſich wenigſtens ergiebt, daß Sie nicht gewil⸗ ligt waren, den verbrecheriſchen Plan des Prokurators zu theilen; wenn Sie gleich, um Ihrer Pflicht noch naͤher zu kommen, der hoͤhern Behoͤrde unverzuͤg⸗ lich eine Anzeige davon haͤtten machen 213 ſollen, wie Ihnen dieß ja auch, kurz nach der Mittheilung jenes ſaubern Ent⸗ wurfes, wohlmeinend angerathen wor⸗ den iſt!“ Er öoͤffnete bei dieſen Worten die Thuͤr eines Seitengemaches, winkte mit dem Kopfe und Helbert trat herein. „Es iſt mir lieb,“ fuhr er zu ſpre⸗ chen fort,„daß der Bericht dieſes Man⸗ nes, der aus eignem Antriebe gekom⸗ men, um ſein Zeugniß fuͤr Sie abzule⸗ gen, ſo vollkommen mit den Ausſagen uͤbereinſtimmt, welche Sie ſelbſt eben ge⸗ than haben! Und ſomit erklaͤre ich Sie, was dieſe Angelegenheit betrifft, von je⸗ dem beſchwerenden Verdacht zur Genuͤge gereinigt; doch werden Sie, falls man beim Fortgange der gerichtlichen Unter⸗ ſuchungen noch fernerweitig Ihres per⸗ ſoͤnlichen Zeugniſſes benoͤthigt ſeyn ſollte, jeder an Sie ergehenden Vorladung ſo⸗ 214 gleich die puͤnktlichſte Folge leiſten⸗ Laſ⸗ ſen Sie ſich die Gefahr, in die Sie ge⸗ rathen waren, zur heilſamen Warnung dienen! Ueberzeugen Sie ſich aus dem erlebten Vorfalle, wie wichtig es ſei, nicht nur das Boͤſe ſelbſt, ſondern auch den Schein deſſelben zu vermeiden, und halten Sie, bei kuͤnftigen aͤhnlichen Ver⸗ ſuchungen, mit unerſchuͤtterlicher Willens⸗ kraft ſtets an dem Grundſatze feſt, Gott mehr zu gehorchen, als den Menſchen!“ Kaum war dieſe Ermahnung uͤber ſeine Lippen, als einer der Dienſtbeam⸗ ten die Meldung uͤberbrachte, daß der Fremde, welcher die Brieftaſche verlo⸗ ren, draußen ſtehe und dringend um ge⸗ neigtes Gehoͤr erſuche, indem er, in Bezug auf das ihm zugeſtoßene Begeg⸗ niß, Sachen von Wichtigkeit mitzuthei⸗ len habe. Er ward alsbald vorgelaſſen und uͤberreichte dem Polizeimeiſter ein ſo 215 eben mit der Botenpoſt empfangenes Schreiben von folgendem Inhalt: „Ein Unſchuldiger iſt wegen ver⸗ meintlicher boͤslicher Verheimlichung und Zuruͤckhaltung Ihres Eigenthumes in Verhaft genommen worden. Derjenige, welcher die Brieftaſche zuerſt gefunden, ſelbige ausgeweidet und, nachdem er den Kern ſich zugeeignet, die Schale als un⸗ nuͤtze Zugabe wieder von ſich geworfen, iſt ein ganz Anderer, und vergebens werden Sie ſich bemuͤhen, ihm jemals naͤher auf die Spur zu gerathen. Da⸗ mit Sie aber ſehen, daß er nicht zu denen gehoͤrt, welche ſich kein Gewiſſen daraus machen, ihre Gluͤcksverhaͤltniſſe auf frem— de Unkoſten zu verbeſſern, ſendet er Ih⸗ nen hiermit freiwillig den groͤßten Theil der verlornen Caſſenſcheine zuruͤck, bis auf ein Fuͤnftel derſelben, welches er als Rabatt fur ſich zu behalten geſonnen iſt. 216 Er wuͤrde die Ehrlichkeit vielleicht noch weiter getrieben haben, wenn ihm nicht die zwei hundert Thaler eben ſo ganz außerordentlich zu Statten kaͤmen, daß er ſie nur als ein vom Himmel ſelbſt ihm zuerkanntes Geſchenk betrachten und ſich daher auch zu ihrer Wiederherausgabe ſchlechterdings nicht verſtehen kann. Sollten Sie in dieſem Verfahren etwas Unbilliges finden, ſo fragen Sie nur jeden Unparteiiſchen, was wohl tauſend Andre in aͤhnlichem Falle muthmaßlich wuͤrden gethan haben, und gewiß wer⸗ den Sie alsdann uͤber die kleine Einbuße ſich nicht nur voͤllig beruhigen, ſondern ſogar mit dem geruͤhrteſten Herzen das Ihnen widerfahrne Gluͤck im Ungluͤck preiſen und ſegnen. Gruͤßen Sie den Herrn Polizeimeiſter und tragen Sie Sorge, daß der arme Schlucker, den man unverdienter Weiſe beim Kragen 27 genommen, wieder in Freiheit geſetzt werde. Mit hoͤflicher Bitte um fernere Gewogenheit 6 Ihr unbekannter und falſch benannter Freund, Hilarius Scharfblick. Die in dieſem Briefe enthaltne Er⸗ laͤuterung hatte zur natuͤrlichen und un— mittelbaren Folge, daß Sebaſtian unge⸗ ſäumt auf freien Fuß geſtellt wurde. Eh er das Zimmer verließ, zog der Fremde mit reumuͤthig bedauernder Miene ein Goldſtuͤck aus der Taſche, um es ihm zu einiger Entſchaͤdigung fuͤr das ihm zugefuͤgte Unrecht zu uͤberreichen. Aber auf das hartnackigſte ſtraͤubte ſich dieſer gegen die Annahme des ihm zugedachten Ehrengeſchenkes.„Erſparen Sie nr dieſe Verlegenheit!“ ſprach er.„Sie 218 ſind durch den eigenmaͤchtigen Abzug, den der unredliche Finder Ihrer Brieftaſche ſich erlaubt hat, ſchon geſtraft und ge⸗ pluͤndert genug; ich aber muͤßte wirklich aller Achtung gegen mich ſelbſt entſagen, wenn ich es uͤber mich gewinnen koͤnnte, mir eine Unannehmlichkeit ſolcher Art durch Gold vergüten zu laſſen! Seien Sie verſichert, daß ich die Anerkennung meiner Schuldloſigkeit fuͤr die beſte Ge⸗ nugthuung halte und zugleich den auf⸗ richtigen Wunſch damit verbinde, daß Sie den erlittenen empfindlichen Verluſt eben ſo leicht und ſchnell verſchmerzen moͤgen, als ich uͤber den auf mich ge⸗ worfenen ungegruͤndeten Argwohn bereits vollkommen zufrieden geſtellt bin!“ Von Helbert begleitet, trat er jetzt den Ruͤckzug nach ſeiner Behauſung an, und erſt hier erfuhr er zu ſeinem Ent⸗ ſetzen, welches Ende der Prokurator ge⸗ 219 nommen. In ſeiner ganzen abſchrecken⸗ den Furchtbarkeit ward der Gedanke an die Schlingen des Verderbens, in die er ſich zu verſtricken im Begriff geweſen, ihm klar und lebendig; mit Grauſen und Bangigkeit erfullte ihn die Vorſtel— lung, an welchem duͤnnen Faden die Rettung ſeiner Ehre, die Erhaltung ſeines guten Namens gehangen, und es wäͤhrte, obwohl Helberts theilnehmende Freundſchaft alle ihm zu Gebot ſtehende Beruhigungsgruͤnde zur Sprache brachte, geraume Zeit, bevor er ſich einiger Maßen zu ſammeln und von der heftigen Ge⸗ muͤthserſchuͤtterung, in welche die Bot⸗ ſchaft von dem graͤßlichen Ausgange des Handels ihn verſetzt hatte, wieder zu erholen im Stande war. Weit weniger hatte er Urſache, in Betreff des Erwerbzweiges ſelbſt, deſſen er ſich durch das gewaltſame Dahinſchei⸗ 220 den des Gewäͤhrers plotzlich und fuͤr im⸗ M mer beraubt ſah, in Kummer und Be⸗ truͤbniß zu gerathen. Denn ſchon am naͤm⸗ lichen Nachmittag ward er ganz unvermu⸗ theter Weiſe nach der Stadtkanzlei beru⸗ fen, wo man ihm die Ausfertigung ei⸗ niger Abſchriften uͤbertrug und zugleich das fuͤr ihn ſehr erfreuliche Verſprechen hinzufuͤgte, mit ähnlichen Beſtellungen auch in Zukunft bei vorkommender Ge⸗ legenheit auf ihn Ruͤckſicht nehmen zu wollen. Wahrſcheinlich geſchah dieß, wie auch Sebaſtian mit dankbarer Empfin⸗ dung ſich davon uͤberzeugt hielt, in Folge eines vermittelnden Fuͤrwortes, mit wel⸗ chem einer der beiden Gerichtsherren, von der Bedraͤngniß und Hülfsbeduͤrftigkeit ſeiner Lage geruͤhrt, insgeheim zu ſeinem Beſten zu wirken geſucht hatte. —— 221 Aus Schonung gegen die Verwand— ten und Angehoͤrigen des Prokurators, war man bemuͤht, die eigentliche Veran⸗ laſſung, die ſeinem letzten verzweifelten Entſchluß zum Grunde gelegen, ſo viel als moͤglich zu unterdruͤcken. Die von Sei⸗ ten der Ortsobrigkeit mit ſeinem Nach⸗ laß vorzunehmenden Unterſuchungen wur⸗ den demnach nur ganz im Stillen betrie— ben, und eben ſo geheim auch die Er⸗ gebniſſe gehalten, welche daraus hervor gingen. Vergebens zerbrach Sebaſtian ſich den Kopf, um ein Mittel ausfindig zu machen, wodurch er zu einer Unter⸗ redung mit Dorchen gelangen koͤnne, die ihm ſeit dem Tage, an welchem das Schreckensereigniß Statt gefunden, nicht mehr zu Geſicht gekommen war und uͤber deren jetziges Thun und Treiben er ſo gern ſich naͤhere Auskunft haͤtte. Vergebens ſchlich er, zu Erreichung die⸗ 222 ſer Abſicht, waͤhrend der Abendſtunden in der Umgegend des Hauſes, worin ſie ſich aufhielt, ſpäͤhend und lanſchend um⸗ her! Die Thur war und blieb verſchloſ— ſen; nirgends zeigte ſich an den nach der Straße hinaus gehenden Fenſtern je⸗ mals der Schimmer eines Lichtes, und nie ward die im Innern des Gebäudes herrſchende Todtenſtille durch irgend ein Geraͤuſch unterbrochen.—„Wenn ſie nur die entfernteſte Ahnung davon härte, wie tief mir ihr Schickſal zu Her— zen geht,“ ſeufzte er oft vor ſich hin; „gewiß wuͤrde ſie dann den erſten guͤn⸗ ſtigen Augenblick benutzen, um entweder meine Beſorgniſſe zu zerſtreuen, oder ſich Rathes bei mir zu erholen; wie ſie dieß Letztere ja ſchon einige Mal und zwar bei Faͤllen von weit geringerer Wichtigkeit Oper ſolte ſe wohl ihre plotzlich ver 2²3 dert, mich als den abſichtlichen Urheber jenes Unheils betrachtet und eine unvor— theilhaftere Meinung von mir gefaßt ha⸗ ben? AIch, ich will und darf gar keine ernſtlichern Anſpruͤche auf ihre Gunſt und Gewogenheit machen; aber ein ſo ſchneller Uebergang vom Freundſchaftsge⸗ fuͤhl, welches ſie gegen mich gehegt, zur veraͤchtlichen Gleichguͤltigkeit, wuͤrde doch zu kraͤnkend fuͤr mich ſeyn, um ihn mit Standhaftigkeit zu ertragen und mich jemals daruͤber beruhigen zu koͤnnen!“ Dieß waren die truͤben Vorſtellungen, welche ſich ſeiner bemeiſterten und ihn allmaͤlig mit ſo hartnaͤckiger Ausdauer zu verfolgen anfingen, daß er auf ſeinem naͤchtlichen Lager oftmals bis zum anbre⸗ chenden Morgen unablaͤſſig mit ihnen herum kaͤmpfte und ſogar bei den zer⸗ ſtreuenden Geſchaͤften des Tages ſich ih⸗ rer nur muͤhſam zu erwehren vermochte. zum luſtigen Spielwerk wurden Hobel W4 Eine deſto frohlichere Stimmung da— gegen ließ Helbert, ſo oft Sebaſtian mit ihm zuſammen traf, ſeit einiger Zeit an ſich wahrnehmen. Der bedacht⸗ ſame Ernſt, der fruͤherhin ſeine Worte und Handlungen zu bezeichnen pflegte, war gaͤnzlich von ihm gewichen und eine ſorgenlos heitre Laune an deſſen Stelle getreten. Pfeifend und traͤllernd verrich— tete er ſeine Arbeiten in der Werkſtatt, und Säͤge in ſeiner Hand, und goldne Tage bluͤhten dem Lehrburſchen auf, in⸗ dem die groͤbſten Fehler, die er in ſei⸗ ner Traͤgheit und Nachlaͤſſigkeit ſich zu Schulden kommen ließ, entweder ganz ungeahndet blieben, oder hoͤchſtens durch einen leichten Wurf mit der Lederkappe geruͤgt wurden. Bei der innigen Liebe, mit welcher Sebaſtian dem wackern Freunde zugethan war, mußte das auf⸗ 225 geweckte, muntre Weſen, welches er an ihm bemerkte, in eben dem Maße ſein Herz mit der aufrichtigſten Theilnahme erful⸗ len, als daſſelbe mit dem gluͤcklichſten Erfolg zu ſeiner eignen Ermuthigung und Aufheiterung beitrug. Auch blieb er uͤber die hier wirkende Triebfeder nicht gar lange mit ſich ſelbſt in Zweifel; denn obgleich Helbert es auf das gefliß— ſentlichſte vermied, ſich naͤher und be— ſtimmter zu erklaͤren, leuchtete doch aus verſchiedenen, von ihm hingeworfenen Winken und Aeußerungen deutlich her⸗ vor, daß er mit Heirathsgedanken be⸗ ſchaͤftigt und bei Betreibung ſeiner gehei⸗ men Herzensangelegenheiten im beſten Fortgange begriffen ſei. Eben dieß war die Urſache, warum Sebaſtian ſich jeder ver— trauten Mittheilung von Sorge und Be⸗ kuͤmmerniſſen enthielt, welche nur dazu dier nen konnten, auf Helberts Gemuͤthshei⸗ 15 226 terkeit eine ſtörende Wirkung hervorzu⸗ bringen. Auf noch entſchiedenere Weiſe mußte bei ſeiner Geſinnung ihm ein ſchonendes Stillſchweigen dieſer Art als ernſtliche Pflicht erſcheinen, indem er eines Ta⸗ ges aus dem Munde ſeines Miethsherrn erfuhr, daß die Witwe des Prokurators ſich mit ihren beiden Toͤchtern fuͤr die Zukunft in einem benachbarten Landflecken haͤuslich niederzulaſſen, Dorchen aber ſich von ihnen zu trennen und hier in der Stadt, wo ſie bei einer dem Tiſch⸗ ler Helbert anverwandten Familie ein einſtweiliges Unterkommen gefunden, zu verbleiben entſchloſſen ſei. Der Bericht⸗ erſtatter wollte dieſer Meldung noch ein Mehreres hinzufoͤgen; Sebaſtian aber machte, um ſeine innre Bewegung nicht zu verrathen, ſich ſchnell wieder von ihm los und eilte, ſein einſames Dachſtub⸗ chen zu erreichen. Vom wechſelnden Ge⸗ fuͤhl des Schmerzes und der Freude durchdrungen, warf er ſich auf ſeinen Arbeitsſtuhl, ſtuͤtzte das gluͤhende Ge⸗ ſicht gegen die Hand und verſank in ein ſtummes und regungsloſes Nachdenken. Bald aber trug ſeine dankbare und un⸗ begraͤnzte Zuneigung gegen den Freund uͤber jede unedlere Aufwallung den ſchoͤn⸗ ſten Sieg davon.—„Er macht mir ein Geheimniß daraus; aber gewiß hat er ſeine wohl uͤberlegten und triftigen Gruͤnde dazu!“ ſprach er mit mehr und mehr ſich erheiternder Miene leiſe vor ſich hin.„Wohl mir, daß auch ich niemals mit einer Sylbe von meinen eignen ge⸗ heimern Empfindungen Erwaͤhnung gegen ihn gethan; um ſo freier und unbefan⸗ gener kann ich ihm jetzt unter die Augen treten! Ach, nur weſenloſe Traͤume, deren Verwirklichung ſich niemals hoffen 15 228 ließ, nur tauſchende Gaukelbilder waren es ja, die mich beſeligten! Und gerade ihm ſollte ich mißgoͤnnen, was mir ſelbſt nimmer zu Theil werden kann? Nein, er iſt ihrer werth, wie ſie ſeiner werth iſt! Aber auch mir ſoll ſeine Wohlfahrt zum Segen gereichen! Ver⸗ doppeln will ich die treue Anhaͤnglichkeit, die mein Herz gegen ihn empfindet, ganz ſoll von nun an mein Vertrauen ihm zu⸗ gehoren, uud nur in ſeinem Gluͤck will ich die eigne Zufriedenheit finden!“ 229 Die Wanderung. Wehrend Sebaſtian in ſtiller Zuruͤckge⸗ zogenheit ſich ſeinen gewohnten Beſchaͤf⸗ tigungen zu widmen, fortfuhr, waren abermals einige Wochen verſtrichen. Die Witwe des Prokurators hatte, nach eil⸗ fertiger Berichtigung der dringendſten haͤuslichen Angelegenheiten, ihr Vorhaben ins Werk gefuͤhrt und ſich, in Geſell⸗ ſchaft ihrer beiden Toͤchter nach dem neu erwaͤhlten Wohnorte begeben. Dorchen befand ſich im Hauſe des Drechlers Ehe⸗ mann, welches auch von Helbert jetzt fleißiger beſucht wurde, als dieß fruͤher⸗ hin jemals der Fall geweſen war. Deſ⸗ ſen ungeachtet vermied es Sebaſtian noch immer auf das gefliſſentlichſte, in Bezug auf das geheimnißvolle Benehmen des Freundes, irgend eine Frage gegen ihn laut werden, oder durch plangemaͤße Winke und Anſpielungen ihm auch nur die leiſeſte Spur von Empfindlichkeit uͤber dieſen anſcheinenden Mangel an Vertrauen blicken zu laſſen. Auf den Spaziergaͤngen, welche ſie des Sonntags gemeinſchaftlich durch die Umgebungen der Stadt anzu⸗ ſtellen pflegten, ſuchte er mit bedachtſa⸗ mer Sorgfalt das Geſpraͤch ſtets bei all⸗ gemeinen Gegenſtaͤnden feſtzuhalten, und demſelben ſeinerſeit; den Anſtrich der harmloſeſten Laune zu verleihen. Nie kam Dorchens Name und eben ſo wenig die Erwaͤhnung des in ihren Lebensver⸗ haͤltniſſen eingetretenen Wechſels uͤber ſeine Lippen, ſondern ruhig harrte er dem Angenblick entgegen, wo Helbert aus eigenem Antriebe ſein raͤthſelhaftes Stillſchweigen brechen und ihm uͤber ſei⸗ ne geheimen Abſichten und Entwuͤrfe naͤ⸗ here Auskunft ertheilen werde. 231 „Du weißt, wie ich gegen Dich ge⸗ ſinnt bin, lieber Sendler, und wirſt mir daher ein freimuͤthiges Wort nicht verargen, das mir ſchon laͤngſt auf den Lippen ſchwebte!“ ſagte Helbert zu ſei⸗ nem Begleiter, als Beide am Abend des dritten Pfingſtfeiertages zwiſchen bluͤhen⸗ den Kornfeldern nach der Stadt zuruͤck kehrten.„Vom fruͤhen Morgen bis in die ſpäte Nacht ſitzeſt Du, wenn eben neue Beſtellungen eingegangen, hinter dem Arbeitstiſche, ſchreibſt Dir die Au⸗ gen blind und bringſt es dennoch zu nichts. Der muͤhſelig karge Gewinn Deines Fleißes faͤllt Dir entweder in un⸗ nuͤtzen und zweckloſen Ausgaben tändelnd durch die Finger, oder er wird dem erſten beſten Bettler und Landſtreicher zu Theil, der Dir eben in den Wurf kommt. Du ſelbſt haſt, was bei beſſe⸗ rer Ordnung ſo leicht zu vermeiden wäte, 32 fort und fort mit dem Mangel zu kaͤm⸗ pfen; er ſteht mit Dir auf und legt ſich mit Dir zu Bett, und ſo ſorgſam Du dieſen Umſtand auch zu verheimlichen bemuͤht biſt, weiß ich doch nur zu gut, wie haͤufig es Dir an den erſten und weſentlichſten Lebensbeduͤrfniſſen gebricht! Es iſt daher nur auf Deine eigene Wohl⸗ fahrt abgeſehen, wenn ich behaupte, daß Du, um zu einer wuͤnſchenswerthen Verbeſſerung Deiner haͤuslichen Umſtaͤnde zu gelangen, nothwendig unter Auf⸗ ſicht geſtellt werden mußt!“ „Ich haͤtte doch gedacht, daß ich ſchon ſeit einigen Jahren muͤndig gewe⸗ ſen waͤre!“ erwiederte Sebaſtian mit gutmuͤthiger Freundlichkeit.„Uebrigens will ich Dir gern bekennen, daß ich in der richtigen Schaͤtzung des Geldes, ſo wie in der Haushaltungskunſt uͤberhaupt, allerdings noch ein ziemlicher Stuͤmper 233 bin, es auch darin wahrſcheinlich wohl niemals bis zur Meiſterſchaft bringen werde!“ „Dieſer Meinung bin ich auch, und eben darauf gruͤndet ſich meine Behaup⸗ tung!“ fuhr Helbert fort.„Eine Le⸗ bensweiſe, bei welcher Du lediglich nur von Dir ſelbſt abhaͤngig, nur Dir ſelbſt uͤberlaſſen biſt, taugt nicht fuͤr Dich! Du bedarfſt des vertrauten und ununterbrochenen Umganges mit einem Weſen, welches Deine, nicht ſelten al⸗ les Maß uͤberſchreitende Arbeitsluſt in die Grenzen einer geregelten Thaͤtigkeit zu verweiſen und das Erworbene zu Ra⸗ the zu halten verſteht, welches Deinen Vortheil zu dem ſeinigen macht, und Dir, der Du Dich weder in guͤnſtige noch widerwaͤrtige Verhaͤltniſſe gehoͤrig zu finden und zu ſchicken weißt, unab⸗ laͤſſig zum Anhalt, zur Stutze dient. 234 Mit Einem Wort: Du mußt— heira⸗ then!“ „Warum nicht gar!“ rief der Ueber⸗ raſchte mit verwirrtem Blick und hoch ergluͤhenden Wangen.„Ich bitte Dich, Freund! Wie magſt Du an ſolchem Spott Gefallen finden! Wie duͤrfte ich wohl, bei meinen eben ſo geringfaͤgigen als unſichern Einkuͤnften mir einen ſo vermeſſenen Gedanken in den Sinn kom⸗ men laſſen!“ „Es iſt dieß mein ſo aufrichtiger Ernſt,“ verſetzte jener;„daß Du nur je eher je lieber Dich zu einem freiwilli⸗ gen Schritte dieſer Art bequemen magſt, wenn Du nicht willſt, daß ich Dir ei⸗ nen unerwarteten Streich ſpielen, und eigenmͤch i r Hals uͤber Kopf in den Eheſfä ördern ſoll, bevor Du noch zy de nnung kommſt! Ich hege nun einnal die Ueberzengung, daß 235 Deine irdiſche Wohlfahrt auf keine an⸗ dere Weiſe zu begruͤnden und feſtzuſtellen iſt, und kann alſo in der folgſamen An⸗ nahme meines Vorſchlages nur die un⸗ umgaͤnglichſte Nothwendigkeit erkennen!“ „Laß uns davon abbrechen!“ ſagte Sebaſtian, der ſeine innere Verlegenheit kaum laͤnger zu verbergen wußte.„Der Rath, den Du mir giebſt, kommt frei⸗ lich aus dem beſten Herzen; doch wenn Du von der Zweckwidrigkeit und den Nachtheilen des einſamen Junggeſellen⸗ lebens mit ſolcher Lebhaftigkeit uͤberzeugt biſt, ſo ſehe ich wahrlich keinen Grund, warum Du, ſtatt es bei dem bloßen Mahnſpruch bewenden zu laſſen, mir nicht lieber mit gutem Beiſpiel voran⸗ gehſt, da Dir ja Deine aͤußern Ver— haͤltniſſe hierin weit geringere Schwierig⸗ keiten in den Weg legen, als mir die meinigen!“ 236 „und koͤnnte das denn nicht vielleicht wirklich meine Abſicht ſeyn?“ erwiederte Helbert, indem er einen ſcharfen for⸗ ſchenden Blick auf das Geſicht ſeines Gefaͤhrten warf.„Ach, Freund!“ fuhr er nach einer Pauſe, waͤhrend welcher beide, in ſchweigendes Nachgruͤbeln ver⸗ tieft, eine ziemliche Strecke dahin gewan⸗ dert waren, mit anſcheinender Gemuͤths⸗ bewegung zu ſprechen fort.„Man ſtoͤßt nicht ſelten gerade da, wo man der Er⸗ reichung ſeines Zweckes am gewiſſeſten zu ſeyn glaubt, unvermuthet auf Hin⸗ derniſſe, die eben ſo ſchwer zu beſeitigen, als zu erklären ſind!“ „Durch den Ton dieſer Worte,“ ver⸗ ſetzte Sebaſtian,„ſollte man faſt auf den Argwohn gerathen, als ob Du ſelbſt Dich in einem ſolchen Falle befaͤndeſt. Aber nein, das kann und will ich nicht glauben!“ 237 „Die Aufrichtigkeit des Freundes ge⸗ gen den Freund pflegt mit unter, ſtatt ſich bis auf jeden einzelnen Punkt zu er⸗ ſtrecken, freilich noch dieß und jenes im eignen Ruͤckhalt zu bewahren und mit Stillſchweigen zu uͤbergehen!“ ſagte Hel⸗ bert mit einer Miene, in welcher Un⸗ muth und Tadel ſich ausdruͤckten.„Dieß mag aber wohl nur in den ſchonenden Ruͤckſichten, welche man gegen ein theilnehmendes Gemuͤth beobachten zu muͤſſen glaubt, ſeinen Grund haben! Wie tief wuͤrde es Dich, lieber Sendler, zum Beiſpiel bekuͤmmern, wenn ich Dir vermelden wollte, meine Wahl ſei aller⸗ dings ſchon getroffen, ungluͤcklicher Weiſe jedoch auf ein Maͤdchen gefallen, deſſen Herz, dem Anſcheine nach, ſich bereits einem Andern in heimlicher Neigung zu⸗ gewandt habe, ohne daß der Beguͤnſtigte uͤbrigens Muth genug beſitze, aus dem 238 Dunkel hervor zu treten, um durch ent⸗ ſcheidende Erklaͤrung ſeines Willens dem ihm eingeraͤumten Anrecht Kraft und Guͤltigkeit zu verſchaffen!“— Sebaſtian wußte vor Beſtuͤrzung und Unruhe nichts darauf zu erwiedern. Von der tiefſten Wehmuth fuͤhlte er ſein In⸗ nerſtes ploͤtzlich ergriffen, dunkel ward es ihm um die Sinne, und in der mehr und mehr uͤberhand nehmenden Beklom⸗ menheit ſeines Herzens aus Helberts Näͤhe ſich hinweg ſehnend, begann er mit ſo aͤngſtlicher Haſt ſeine Schritte zu verſtaͤrken, daß jener ihm kaum zu fol⸗ gen vermochte. So erreichten Beide, von der Abenddaͤmmerung umgraut, faſt im Trabe das Innre der Stadt und den Platz, an welchem ſie ſich gewohnter Weiſe zu trennen pflegten. „Was ich zuletzt gegen Dich er⸗ waͤhnte,“ nahm Helbert, indem er ſei⸗ 239 nem Begleiter die Hand zum Abſchiede bot, jetzt noch einmal das Wort;„fuͤhrte ich, wie geſagt, nur als zufaͤlliges Beiſpiel an. Du brauchſt Dir daher keinesweges die Grille in den Kopf zu ſetzen, als ob es wirklich meine Abſicht geweſen ſei, Dir damit meine eigne Lage ſchildern zu wollen!“ Sebaſtian, der mittlerweile wieder zu einiger Faſſung gelangt war, blickte dem Freunde bei dem unternommenen Beſchwichtigungsverſuche pruͤfend in die Augen, ſchuͤttelte unglaͤubig lächelnd den Kopf, und mit ſehr verſchiedenartigen Empfindungen und Vorſaͤtzen entfernten ſich Beide von einander. „Alſo ein Anderer waͤre Dir in Er⸗ langung ihrer Gunſt bereits zuvorgekom⸗ men!“ rief Sebaſtian, ſein Wohnge— mach betretend, mit ſchmerzlicher Lebhaß⸗ tigkeit aus.„Ich alſo, ich ſelbſt waͤre 240 das Hinderniß, das dem Wunſche Deines Herzens ſich hemmend und ſtoͤrend in den Weg ſtellte! O jetzt wird es mir erklaͤr⸗ lich, warum Du uͤber die wichtigſte An⸗ gelegenheit Deines Lebens bisher ein ſo tiefes Stillſchweigen gegen mich beobach⸗ tet haſt. Aber nein, geliebter Freund, an dieſer Klippe ſoll Deine Hoffnung nicht ſcheitern! Zu groß ſind die Ver⸗ pflichtungen, durch die ich Dein Schuld⸗ ner geworden bin, zu unverkennbar haſt du in Leid und Luſt mir Deine treue Liebe bewaͤhrt, zu innig haͤngt meine Seele an Dir, als daß es mir an Kraft gebre⸗ chen ſollte, Dir auch das Theuerſte zum Opfer zu bringen! Mein Entſchluß iſt gefaßt! Ich ſelbſt will Dein Freiwerber werden!“ 241 Dieſes Vorhaben zu bewerkſtelligen, verließ er mit heitrer Willensfeſtigkeit am naͤchſtfolgenden Morgen ſein Dach⸗ ſtuͤbchen und begab ſich nach Ehrmanns Behauſung. Auf die Anzeige, daß er mit Dorchen zu ſprechen wuͤnſche, ward er nach dem angränzenden Garten gewie⸗ ſen, wo die Aufgeſuchte, mit weiblicher Arbeit beſchaͤftigt, in der Hollunderlaube ſaß. Eine Schaar von Kindern, uͤber welche ſie, da die ſonſt mit dieſem Ge⸗ ſchaͤft beauftragte aͤltere Schweſter derſel⸗ ben eben anderweitige haͤusliche Angele⸗ genheiten zu beſorgen hatte, die Auf⸗ ſicht fuͤhrte, laͤrmte und tobte mit froͤh⸗ licher Ausgelaſſenheit in der Naͤhe um⸗ her. Schuͤchternen Muthes oͤffnete Seba⸗ ſtian, dem bei Wiedererkennung der Jungfrau das Herz faſt hoͤrbar in der Bruſt zu klopfen anfing, die Pforte, nahm, von dem kleinen Voͤlkchen unbe⸗ 16 242 achtet, mit leichten Schritten ſeine Rich⸗ tung nach der Gegend der Laube, und befand ſich bereits dicht vor dem Ein⸗ gange derſelben, als Dorchen erſt von ihrer Arbeit aufſchaute und ihn be⸗ merkte. „Was erblicken meine Augen! Send⸗ ler, ſind Sie es wirklich?“ rief ſie mit Merkmalen der freudigſten Ueberra⸗ ſchung ihm entgegen.„O wie oft habe ich mich, der Sie fruͤherhin ſtets ſo freundlichen Antheil an meinem Schick⸗ ſal nahmen, nach Ihnen geſehnt, um mich uͤber dieß und jenes mit Ihnen zu beſprechen! Was in aller Welt war die Urſache, daß Sie in ſo langer Zeit nichts von ſich ſehen und hoͤren ließen?“ „Zuvoͤrderſt, wertheſte Freundin,“ ant⸗ wortete der Befragte mit gewichtvollem Geberdenſpiel, indem er, zu ſeinem ſchwierigen Vorhaben ſich ruͤſtend, ihr 243 gegenuͤber auf der Bank Platz nahm; „zuvoͤrderſt muß ich Sie erſuchen, mir die Zudringlichkeit zu verzeihen, mit welcher ich Sie ſo ganz unerwartet und unangemeldet uͤberfalle! Sodann iſt es meine unmaßgebliche Bitte, daß ijede Beruͤhrung von gewiſſen Ereigniſſen und Gegenſtänden, welche ſich eben ſo wenig mehr abaͤndern laſſen, als ſie angenehme Empfindungen zu erregen im Stande ſind, aus unſrer Unterredung verbannt bleiben moͤge!“ „Ich verſtehe und gebe gern meine Zuſtimmung hierzu,“ war Dorchens Antwort.„Aber zu welchem Zweck ſoll denn dieſe ſchwerfaͤllige Einleitung eigent⸗ lich fuͤhren? Sie machen ein ſo bedaͤch⸗ tiges Geſicht und ſprechen, ganz gegen Ihre ſonſtige Gewohnheit, in einem ſo feierlich abgemeſſenen Ton, daß mir wahrhaftig faſt bange dabei werden 16* 244 koͤnnte! Sie ſehen meine Unruhe! Wenn Sie mit Ihrem Erſcheinen nicht bloß einen freundſchaftlichen Beſuch zur Abſicht haben, ſo laſſen Sie mich doch ſchnell erfahren, was Ihnen denn ſonſt noch am Herzen liegt!“ „Sie werden das Unbehuͤlfliche und Linkiſche in meinem Weſen vielleicht be⸗ greiflich finden,“ entgegnete Sebaſtian mit bedenklichem Zaudern;„wenn ich Ih⸗ nen ſage, daß die Veranlaſſung meines Zuſpruches eine Geſchaͤftsangelegenheit betrifft, in welcher ich zu ſehr Neu⸗ ling bin, um ſie mit der gehoͤrigen Gewandtheit betreiben zu koͤnnen. Den⸗ noch haͤngt von dem guͤnſtigen Ausgange derſelben das Gluͤck, das ganze Lebens⸗ gluͤck eines Mannes ab, der Ihnen ſchon laͤngſt mit der aufrichtihſten Herzensnei⸗ gung zugethan war!— Es iſt ein Freund von mir!“ ſetzte er mit auffal⸗ 245 lend aͤngſtlicher Eilfertigkeit raſch hinzu; „ein ſehr genauer und vertrauter Freund, von welchem ich rede!“ In lieblicher Verwirrung hatte Dor⸗ chen, von dem unvermutheten Geſtaͤnd⸗ niß uͤberraſcht, den Blick zu Boden ge⸗ ſenkt. Ein zweifelhaft lauernder Zug aber zeigte ſich, bei Sebaſtians hinzuge⸗ fuͤgter Aeußerung, daß er nur als Mit⸗ telsmann ſich eingefunden, auf ih⸗ rem ſchoͤnen Geſicht, mit hoͤherer Pur⸗ purglut faͤrbten ſich ihre Wangen und ſchweigend ſchien ſie einer naͤhern Erklä⸗ rung entgegen zu harren. „Ein glaͤnzendes Loos hat er Ihnen freilich nicht zu bieten!“ fuhr jener fort; „doch duͤrfen Sie, bei ſeinem unermuͤd⸗ lichen Thaͤtigkeitseifer, ſich wenigſtens einer ſorgenfreien Zukunft verſichert hal⸗ ten. Was bedarf es aber, bei Ihrer mir bekannten Denkungsweiſe, erſt einer 246 ausfuͤhrlichen Eroͤrterung, welchen vollguͤl⸗ tigen Erſatz fuͤr den Mangel an äußern und zufaͤlligen Gluͤcksguͤtern ein unbeſcholtner Charakter, eine rechtliche Geſinnung, ein gefuͤhlvolles Herz zu gewähren im Stan⸗ de ſind! O wie unausſprechlich glucklich muͤßte er durch die Erwiederung ſeiner innigen Liebe, durch den beneidenswer⸗ then Beſitz eines weiblichen Weſens wer⸗ den, welches die nämlichen Vorzuge in ſich vereinigt, auf die ſeine eigne Zu⸗ friedenheit ſich gruͤndet!“ „So will ich denn kein Bedenken tra⸗ gen, Ihrem Vertrauen mit gleicher Of⸗ fenherzigkeit zu begegnen!“ ſagte Dor⸗ chen mit ruhig gefaßtem Ernſt.“ Sie wiſſen ſelbſt, lieber Sendler, in wel⸗ chem traurigen Zwange ich gelebt habe, wie truͤbe und freudlos, unter dem fort⸗ waͤhrenden Druck der unguͤnſtigſten Ver⸗ haͤltniſſe, meine Jugendjahre verfloſſen 247 ſind! Der Gedanke an mein zukuͤnfti⸗ ges Schickſal hat eben ſo wenig mit un⸗ beſcheidnen Wuͤnſchen und Erwartungen verbunden ſeyn koͤnnen, als ich, in Be⸗ treff der zum Leben erforderlichen Be⸗ duͤrfniſſe, Anſpruͤche zu machen gelernt habe, die nicht mit leichter Muͤhe ſich befriedigen ließen. Auch mir erſcheint ein Gluͤck, das aus redlichem Fleiß und ſtiller Genuͤgſamkeit entſpringt, als das zuverläſſigſte und wuͤnſchenswertheſte. Nie hat der Ueberfluß mich gereizt; ja mit leichtem Herzen getraue ich mir Din⸗ ge zu entbehren, die tauſend Andre mei⸗ nes Standes und Geſchlechtes zu ihrer Zufriedenheit fuͤr unumgaͤnglich nothwen⸗ dig erachten. Nur eine unveraͤnderliche, treue Liebe begehre ich von dem Manne, den ich mir zum Lebensgefaͤhrten erwaͤh⸗ len ſoll! Noth und Ungemach will ich gern mit ihm theilen; die Verminderung 24⁴⁸ ſeiner Anhaͤnglichkeit aber und eine gleich⸗ guͤltige Begegnung wuͤrde ich niemals er⸗ tragen lernen!“ „Mit meinem Leben glaube ich es verbuͤrgen zu koͤnnen, daß Sie dieß letz⸗ tere nun und nimmermehr bei ihm zu befuͤrchten haben!“ erwiederte Sebaſtian mit gluͤhendem Eifer.„Zu tief iſt er von dem Werth Ihrer Tugenden durch⸗ drungen, und ein zu treues Herz ſchlaͤgt in ſeiner Bruſt, als daß Sie nicht le— benslang der Gegenſtand ſeiner unwan⸗ delbaren Liebe ſeyn und bleiben ſollten!“ „Nun, ſo will ich es denn getroſten Muthes mit ihm wagen, mit dieſem Freunde!“ rief Dorchen aus, indem ſich ihre Miene zu einem ſchelmiſchen Laͤcheln verzog.„Er muß es wohl red⸗ lich meinen; wenigſtens haͤtte er ſich ge⸗ wiß keinen beſſern Fuͤrſprecher ausſuchen koͤnnen!“ 249 „Ich darf ihm alſo Ihren Entſchluß ankuͤndigen? Ich darf?“ fragte Sendler mit peinlich geſpannter Erwartung. „Was brauchen wir uns ſo ganz oh⸗ ne allen Zweck noch laͤnger gegen einan⸗ der zu verſtellen!“ erwiederte ſie, dem Betroffenen mit dem Ausdruck der innig⸗ ſten Liebe ihre Hand darreichend.„Ja, Sendler! Gern will ich bekennen, daß ich Ihnen ſchon längſt von ganzer Seele gewogen war. Ihr Wunſch iſt auch der meinige, und ich trage daher kein Be⸗ denken, in eine Verbindung zu willigen, die mir nur zum Gluͤck und Segen ge⸗ reichen kann. Ich kenne Ihre Lage und weiß, daß manche Sorge mich erwartet. Dennoch will ich die Ihrige werden! Bei Fleiß und Sparſamkeit ſoll es nicht ſchwer fallen, uns den noͤthigen Lebens⸗ unterhalt zu ſichern; und was beduͤrfen wir mehr zu unſerer Zufriedenheit!“ 250 „Zu unſrer Zufriedenheit? O mein Gott! Was habe ich angerichtet!“ ſchrie der Erſchrockne, indem er, außer ſich vor Angſt und Beſtuͤrzung, von ſeinem Sitz empor ſprang.„Welch gräßliches Mißverſtäͤndniß waltet zwiſchen uns Bei⸗ den! Bin ich denn gekommen, um fuͤr mich ſelbſt um Ihre Hand anzuſpre⸗ chen? Ewiger Himmel! Wie koͤnnte ich einem ſolchen Gluͤck nachzuhaſchen wagen! Wie koͤnnte mir eine ſolche Ver⸗ wegenheit in den Sinn kommen! Rein, nicht fuͤr mich, fuͤr meinen Freund Hel⸗ bert habe ich mich bei Ihnen verwandt! Er iſt es, der Sie liebt, der in ſchmerz⸗ licher Sehnſucht ſich verzehrt, der in Ihrem Beſitz das hoͤchſte Gluͤck ſeines Lebens zu finden hofft!“ „Helbert? Ich bitte Sie, ſind Sie von Sinnen?“ fiel die Erſtaunte ihm in die Rede.„Wie koͤnnen Sie es ———— —————— 251 vor ſich ſelbſt verantworten, einen ſo un⸗ zeitigen Scherz mit mir zu treiben!“ „Bei meiner armen Seele! Niemals war die Luſt zu ſcherzen weiter von mir entfernt, als eben jetzt!“ aͤchzte Seba⸗ ſtian in ſeiner Verzweiflungsqual.„Zwi⸗ ſchen uns Beiden kann nie eine naͤhere Vereinigung Statt finden! Weh mir, ich weiß nicht mehr, was ich rede! O wuͤßten Sie doch nur, welch ein edler Menſch dieſer Helbert iſt, von dem Sie eine ſo geringſchaͤtzige Meinung zu hegen ſcheinen! Wuͤßten Sie doch nur— doch was bedarf es noch einer weitern Ent⸗ ſchuldigung, da ich nicht mehr Herr mei⸗ ner Wahl, da ich vielmehr im Begriff bin, mich naͤchſter Tage mit— mit der Toch⸗ ter meines Hauswirths zu verloben!“— Ohne Dorchens Erwiederung auf die⸗ ſes ſeltſame Vorgeben abzuwarten, riß er mit wilder Heftigkeit ſich von ihr los, 252 druͤckte ſich den Hut tief in die Augen und rannte, quer uͤber ein friſch be⸗ pflanztes Blumenbeet hinweg, auf und davon. In ſeiner Wohnung angelangt, packte und ſchnuͤrte er behend ein Reiſebuͤndel zuſammen, warf ſich ſodann uͤber den Tiſch hin und ſchrieb mit fluchtiger Hand folgende an Helbert gerichtete Zeilen: „Eine plotzlich in mir erwachte, un⸗ widerſtehliche Sehnſucht, die ich weder auszudeuten noch zu bekaͤmpfen vermag, treibt mich an, meinen Bruder Fabian zu beſuchen. Nicht Raſt noch Ruhe kann ich finden, bis ich mit eignen Augen mich uberzeugt habe, daß ihm nichts Wi⸗ derwärtiges zugeſtoßen iſt. Auch darf ich einen Ausflug dieſer Art eben jetzt um ſo eher unternehmen, da ich erſt in kuͤnftiger Woche wieder auf Arbeiten fur 253 die Kanzlei zu hoffen habe. Vielleicht, daß meine Heimkehr ſchon in einigen Tagen erfolgt. Sollte ſie ſich laͤnger verzoͤgern, ſo werde ich nicht ermangeln, Dir von Zeilbach aus weitere Nachricht uͤber Alles zu ertheilen. Ich weiß, daß Du Dich des Morgens nicht gern bei Deinen Geſchaͤften geſtort ſiehſt; deßhalb unterlaſſe ich es, mich muͤndlich von Dir zu verabſchieden. Aber auch in der Ent⸗ fernung wird fleißig und mit herzlicher Liebe Deiner gedenken Dein Sebaſtian Sendler.“ Dieſe Zuſchrift ließ er ſeinem Haus⸗ wirth zur gelegentlichen Beſtellung zu⸗ ruͤck, uͤberreichte ihm zugleich, indem er ſich gegen ihn auf aͤhnliche Weiſe uͤber den Zweck ſeiner Wanderung erklaͤrte, den Schluͤſſel zum Dachſtuͤbchen, und 254 eilte raſchen Schrittes uͤber die Straßen dahin und zum Thor hinaus. Erſt als er die Stadt voͤllig im Ruͤk⸗ ken hatte, ward ihm wieder leichter und freier ums Herz. Noch fehlte es dem Plane, der ihm, unmittelbar nach dem verungluͤckten Ausgange ſeines Unterneh⸗ mens, mit Blitzesſchnelle durch den Sinn gefahren war, freilich an der gehoͤrigen Klarheit und Beſtimmtheit; doch hegte er, in der Meinung, daß ſeine ploͤtzli⸗ che Flucht eine den Beſtrebungen des Freundes vortheilhafte Wirkung auf Dor⸗ chens Gemuͤth hervor bringen werde, wenigſtens den Vorſatz, nicht eher nach dieſer Gegend wieder zuruͤck zu kehren, bis ihm Kunde geworden, daß Helbert das Ziel ſeiner Wuͤnſche gluͤcklich erreicht habe. ——— —————— 255 Unter den friſch gruͤnenden Birken und Pappeln, mit welchen die Heerſtra⸗ ße zu beiden Seiten bepflanzt war, ruͤ⸗ ſtig dahin ſchreitend, begann er jetzt, um das duͤſtre Spiel der Gedanken allmaͤlig auſ gleichguͤltigere Gegenſtaͤnde zu lenken, mit geſchaͤftigem Eifer den Betrag ſeiner Baarſchaft zu uͤberrechnen.„Sechs Gro⸗ ſchen und vier Pfennige waren am ver⸗ wichenen Sonnabend noch in Kaſſa!“ murmelte er vor ſich hin.„Vierzehn Groſchen empfing ich an gedachtem Tage von meinem Nachbar, dem Speze⸗ reihaͤndler fuͤr die doppelte Abſchrift eines Miethcontraktes; zwei und zwanzig Gro⸗ ſchen und ſechs Pfennige wurden mir geſtern in der Kanzlei ausbezahlt. Da⸗ von im Lauf dieſer Woche ausgegeben fuͤr Brot und Gemuͤſe neun Groſchen, fuͤr Hel und Milch drei dito; bleibt mir Summa Summarum: ein Thaler, ſechs 256 Groſchen, zehn Pfennige.— So reich bin ich ſelten geweſen!— Es iſt recht, als ob der Himmel ſelbſt, indem er mir in den letzten Tagen zwei ſo bedeutende Einnahmen zuwandte, darauf bedacht ge⸗ weſen waͤre, mich mit Reiſegeld zu ver⸗ ſorgen! Gewiß wird es auf geraume Zeit zu meinem Lebensunterhalt hinrei⸗ chend ſeyn, ohne daß ich dem Bruder ſonderlich zur Laſt zu fallen brauche. Wie wird er erſtaunen, wenn er mich ſo ganz unerwartet mit Sack und Pack zur Thuͤr herein treten ſieht! In welche Freude wird er gerathen, wenn ich ihm ankuͤndige, daß mein Beſuch ſich viel⸗ leicht auf Wochen, auf Monate— o Himmel! Welche Verſtellung, welche Verlaͤugnung meiner ſelbſt wird es aber⸗ mals erfordern, um den Schein zu ge⸗ winnen, daß ich dieſes freudige Gefuͤhl mit ihm theile!“ 257 So verfolgte er mit nur geringen Unter⸗ brechungen ſeinen Weg auf das aͤmſigſte, bis er gegen Abend erſchoͤpft und ermuͤ⸗ det zu einem unfern der Straße gelege⸗ nen einſamen Wirthshauſe gelangte, in welchem er zu uͤbernachten beſchloß. Er fand den Hofraum mit Frachtwagen und die Schenkſtube mit Fuhrleuten angefuͤllt, welche zechend und ſpielend ſaͤmmtliche Tiſche beſetzt hielten und bis tief in die Nacht hinein den heilloſeſten Laͤrm erho⸗ ben. Deſſen ungeachtet ſchlummerte Se⸗ baſtian auf dem ihm angewieſenen allge⸗ meinen Streulager ſanft bis zum anbre⸗ chenden Morgen, wo er den Kreis der rechts und links umher ſchnarchenden Schlafgenoſſen verließ und geſtaͤrkten Muthes ſeine Wanderung fortſetzte. Er hatte jetzt noch drei Meilen zuruͤck zu le⸗ gen und befand ſich, nach Verlauf eini⸗ ger Stunden, am Ziel ſeiner Beſtim⸗ 17 258 mung. Vom Geraͤuſch und Getuͤmmel des hier ſo eben Statt findenden Jahrmark⸗ tes empfangen, hielt er, mit dem Rei⸗ ſebuͤndel unter dem Arm, ſeinen Einzug in Zeilbach, und ſtand wenige Minuten darauf mit erwartungsvoller Ungeduld vor der Wohnung ſeines Bruders. Sie war verſchloſſen und kein lebendiges We⸗ ſen regte und eiz ſich im Innern der⸗ ſelben. Auf ſein wiederholtes Kl lopfen und Rufen oͤffnete ſich endlich die Thuͤr des angraͤnzenden Gebaͤndes und ein klei⸗ nes freundliches Männchen kam zum Vorſchein, welches dem Harrenden ver⸗ meldete, daß er ſich ganz vergeblich be⸗ muͤhe, indem der Stadtpfeifer geſtern verreiſt und ſeine Ruͤckkehr muthmaßlich erſt nach einigen Tagen zu erwarten ſei. Vor Beſtuͤrzung ſank-dem Erſchrocke⸗ nen, bei Anhoͤrung dieſer troſtloſen Bot⸗ ſchaft, der Dornſtecken aus der Hand. 259 „Ungluͤckſeliger Einfall!“ rief er mit be⸗ bender Lippe.„Verreiſt, ſagen Sie?“ „Nicht anders, mein Beſter!“ war die Antwort.„Bereits geſtern gegen Mittag zog er von dannen, um, wie er mir im Vorbeigehen ſagte, ſeinen in B. wohnenden Bruder zu beſuchen, den er ſeit Jahr und Tag nicht ge⸗ ſehen!“ „O ſo haben wir,“ ſtotterte Seba⸗ ſtian,„auf die unbegreiflichſte Weiſe uns verfehlt, und er findet meine Thuͤr ver⸗ ſchloſſen, wie ich die ſeinige! Welch ein verzweifelter Streich, den das Schick⸗ ſal uns ſpielt! Eben ich ſelbſt bin der Bruder, von welchem Sie reden!“ „Ei, wenn das der Fall iſt, ſo freut es mich ja unendlich, Ihre perſoͤn⸗ liche werthe Bekanntſchaft zu machen!“ rief der Berichtserſtatter, dem Kleinmuͤ⸗ thigen mit erhohter Freundlichkeit die 17* 260 Hand zu Bewillkommnung entgegen ſtrek⸗ kend.„Sie heißen alſo Sebaſtian mit Vornamen, naͤhren ſich vom Ab⸗ ſchreiben, ſind am letzt verwichenen Weih⸗ nachtsfeſt abgebrannt; haben wunderlich genug Ihre eigne Lebensrettung lediglich ein paar Spitzmaͤuſen zu verdanken ge— habt, die Ihnen Tages zuvor zum Ge⸗ ſchenk verehrt worden! Sehen Sie wohl, daß ich alles weiß, was in der Welt vorgeht! Nun, ſo ſeien Sie Ihres einſtweiligen Unterkommens wegen nur ganz ohne Sorge! Nachbar Sendler iſt mein ſehr intimer Freund. Wir un⸗ terhalten den vertrauteſten Umgang und verplaudern manch liebes Stuͤndchen mit einander, wenn wir auch niemals recht aus einander klug werden koͤnnen. Sie mogen nur glauben, daß auch Sie gar oftmals der Gegenſtand unfrer Unterre⸗ dung geweſen ſind! Um ſo mehr freut 261 es mich, Sie endlich von Angeſicht zu ſchauen und kennen zu lernen. Aber hier auf der Straße vermag man ja, bei dem heutigen uͤbermenſchlichen Tu⸗ mult kaum das eigne Wort zu verſtehen! Drum kommen Sie, Freundchen, und erlauben Sie mir, daß ich Ihnen, wie geſagt, ein vorlaͤufiges Quartier in mei⸗ nem Hauſe anbiete. Auch ein tuͤchtiges Fruͤhſtuͤck ſoll ſogleich bei der Hand ſeyn, und dann ſetzen wir uns traulich zuſam⸗ men, und ſchwatzen in aller Ruhe und Gemaͤchlichkeit ein Weiteres mit ein⸗ ander!“ Bei dieſen Worten ergriff er den Ankoͤmmling, deſſen Vermuthung uͤber das Gewerbe des Mannes jetzt durch ei⸗ nen zufaͤlligen Blick auf die uͤber der Thuͤr haͤngenden Barbierbecken zur vol⸗ len Gewißheit wurde, mit aͤmſiger Dienſt⸗ befliſſenheit beim Arm und zog raſch nach 262 dem Innern des Hauſes ihn mit ſich fort. Die gaſtfreundſchaftliche Aufnah⸗ me, deren Sebaſtian ſich zu erfreuen hatte, blieb nicht ohne den wohlthätig⸗ ſten Einfluß auf ſeine verduͤſterte Ge⸗ muͤthslaune; mehr und mehr erheiterte ſich ſein Geſicht, und bald begann er das ſchadenfrohe Spiel, welches die Tuͤcke des Zufalls an ihm und ſeinem Bruder veruͤbt, mit dem Barbier um die Wette zu belachen. In unermuͤdlicher Anſtrengung fuhr der Redſelige waͤhrend deſſen fort, ſei⸗ nen Gaſt mit erneuerten Proben der ihm beiwohnenden Zungengelaͤufigkeit zu bewirthen, wurde jedoch, zu ſeinem gro⸗ ßen Leidweſen, als er eben uͤber die ſelt⸗ ſamen, von der herrſchenden Sitte ſo gaͤnzlich abweichenden Eigenthuͤmlichkeiten in dem Weſen und Benehmen des Nach⸗ bars, wie uͤber den von ihm angeknuͤpf⸗ Si 263 ten, ſtadtkundig gewordenen Liebeshan⸗ del, und die daruͤber im Schwange ge⸗ henden Urtheile und Meinungen, ſich im beſten Zuge befand, durch Amtsgeſchaͤfte unterbrochen und hinweg gerufen. Se⸗ baſtian unterließ nicht, dieſen guͤnſtigen Augenblick zu der beſcheidenen Erklaͤrung zu benutzen, daß er den Wunſch hege, mitt⸗ lerweile den Flecken in etwas genauern Augenſchein zu nehmen; worauf er, mit Zuruͤcklaſſung ſeines Reiſebuͤndels und un⸗ ter der ihm abgedrungenen Zuſage, ſich baldigſt wieder einzufinden, von dem gutmuͤthigen Schwaͤtzer ſich trennte und ſchauluſtigen Sinnes durch die Straßen dahin zu ſchlendern anfing. 3„ Eh er es ſich verſah, befand er ſich durch die Wirkung des Zufalls in der Naͤhe des Thurmes, der bei dem ver⸗ 264 liebten Trachten und Treiben ſeines Bru⸗ ders eine ſo wichtige Rolle ſpielte. Als⸗ bald begann die Begierde, Fabians Aus⸗ erwaͤhlte naͤher kennen zu lernen, mit der Furcht vor der unholden Geſinnung und derben Ausdrucksweiſe des Thuͤrmers in ſeinem Innern zu kaͤmpfen. Unſchluͤſ⸗ ſig blieb er ſtehen, ſchaute mit bedenkli⸗ chen Blicken bald nach der ihm gegen⸗ uͤber befindlichen Eingangspforte, bald an der verwitterten grauen Steinwand des hoch in die Luft ſich erhebenden Rieſengebaͤudes empor, rieb ſich das Kinn und uͤberlegte, was bei der Sache zu thun ſei. Es waͤre doch gar ſchoͤn und wuͤnſchenswerth, dachte er bei ſich ſelbſt, wenn es gelaͤnge, dem widerſpen⸗ ſtigen Trotzkopf eine vortheilhaftere Mei⸗ nung von dem Zuruͤckgewieſenen einzuflo⸗ ßen und ihn zu wilffaͤhrigern Entſchlie⸗ bungen zu bewegen! Iſt es doch kein 265 Fremdling, fuͤr den ich mich verwende! Wenn durch den redlichen Eifer der in⸗ nern Ueberzeugung, durch Waͤrme des Gefuͤhls, durch anſchauliche Hinweiſung auf unwiderlegliche und uͤber Fabians Seelenzuſtand nur ein guͤnſtiges Licht verbreitende Beweisgruͤnde irgend etwas auszurichten iſt; wer in dieſer Welt koͤnnte beſſer und eindringlicher fuͤr ihn ſprechen, als der eigne Bruder! Und was bleibt mir denn auch, wofern ich des beabſichtigten Zweckes verfehlen ſoll— te, fuͤr die eigne Perſon weiter dabei zu beſorgen! Im ſchlimmſten Fall wieder⸗ holt er die Aeußerungen, die er bereits gegen den Bruder ſelbſt hat laut werden laſſen, zeigt mir die Thuͤr und verbittet ſich aͤhnliche Beſuche fuͤr die Zukunft. Ich habe dann das Meinige gethan, und Fabian muß zuſehen, wie er durch an— derweitige Mittel und Wege zum Ziel 266 gelangt. Aber ein gutes Wort findet ja, wie das Sprichwort behauptet, eine gute Statt, und ſo ſei es denn getroſten Muthes gewagt!“ Unter dieſen Gedanken, und feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich mit Vermeidung aller aͤngſtlichen Umſchweife ſogleich kurz und buͤndig uͤber die Abſicht ſeines Erſchei⸗ nens zu erklaͤren, naͤherte er ſich dem Eingange und ſtieg herzhaft nach dem Wohnſitze des Thuͤrmers hinauf. Die⸗ ſer, der, mit Schnitzarbeiten beſchaͤftigt, ſtill und einſam am Tiſche ſaß, erwie⸗ derte den Gruß des Eintretenden auf ſchlicht geziemende Weiſe, noͤthigte ihn Platz zu nehmen, und erkundigte mit ruhigem Ernſt ſich nach ſeinem Anliegen. Weder die äußere Geſtalt, noch das Be⸗ nehmen des Mannes entſprach dem un⸗ freundlichen Bilde, welches er ſich, Fa⸗ bians ſchriftlichen Andeutungen zu Folge, 267 von ihm entworfen gehabt; es verlor ſich ſeine bange Beſorgniß, und wohl— gemuth begann er alsbald zu dem beab— ſichtigten Vermittlungswerke zu ſchreiten. Wie groß aber war ſein Erſtaunen, als Wickling, nachdem Sebaſtian kaum ſei⸗ nen Namen genannt und ſeines Zweckes zu erwähnen begonnen hatte, ihm ſchon mit der Anzeige ins Wort fiel, daß es hier keiner weitern Fuͤrſprache mehr be⸗ duͤrfe, indem die Sache bereits in Ord⸗ nung und Roͤschen ſeit dem geſtrigen Morgen des Stadtpfeifers erklaͤrte Braut ſei! Iſt es moͤglich!“ rief mit freudiger Miene der Ueberraſchte.„So gelang es ihm endlich doch, Sie von der Recht⸗ lichkeit ſeiner Abſichten zu uͤberzeugen und Ihre väterliche Einwilligung zu er⸗ halten?“ „Schwerlich wuͤrde ſie ihm jemals 268 geworden ſeyn, war die Antwort,„haͤtte nicht ein Umſtand ſich zugetragen, der mich faſt wider Willen zur Nachgiebig⸗ keit ſtimmte, obſchon ich nicht eben be— haupten kann, daß er mir ſonderlich zur Ehre gereicht! Niemals fiel es mir ein, in die rechtliche Denkungsweiſe Ihres Bruders nur den geringſten Zweifel zu ſetzen; wohl aber hatte ich gegen die hoͤchſt anſtoͤßigen, nicht ſelten an voͤllige Verruͤcktheit graͤnzenden Sonderbarkeiten, durch die er ſich laͤcherlich macht, gar mancherlei einzuwenden, und werde wahr⸗ ſcheinlich auch in Zukunft mich nie mit ihm vertragen lernen. Deßhalb ſtraͤubte ich mich aus allen Kraͤften gegen dieſe Verbindung, ließ, nachdem der Handel zum Stadtgeſpraͤch geworden, die Leute nach Luſt und Gefallen ihr Geſpött da⸗ mit treiben, und beſtand hartnaͤckig auf meiner einmal ausgeſprochenen Willens⸗ 269 erklaͤrung. Doch der Menſch denkt und Gott lenkt! Vorgeſtern findet unſer all⸗ jaͤhrliches großes Vogelſchießen Statt und ſeltſam genug muß es ſich fuͤgen, daß ich den Koͤnigsſchuß thue. Die Lobſpruͤ⸗ che und Ehrenbezeigungen, die mir dar⸗ uͤber von allen Seiten zu Theil werden, ſo wie die bei ſolcher Gelegenheit reich⸗ lich vorhandnen Anreitzungen uͤberhaupt, bewirken, daß ich ein Glaͤschen uͤber den Durſt trinke und nach und nach in die munterſte Laune gerathe. Der Ehren⸗ tag, mit welchem ich des Abends den im Schießgraben veranſtalteten Ball pflichtſchuldigſt eroͤffne, bringt mein Ge⸗ bluͤt noch mehr in Wallung. Es ſtellt ſich der alte Geſchmack an dieſem Ver⸗ gngen, von dem ich ſeit länger als zwanzig Jahren mich losgeſagt, unver⸗ merkt wieder ein;— daß meine Toch⸗ ter nicht zugegen, ſondern den Morgen 270 vorher zu einer kranken Muhme nach Schliemau gerufen worden iſt, traͤgt vielleicht auch das Seinige dazu bei;— kurz und gut! ich ſchwenke mich in un⸗ erſaͤttlicher Begierde mit den Uebrigen um die Wette im Kreiſe herum, ſpreche dazwiſchen dem Glaſe fleißig zu und wei⸗ che und wanke nicht vom Platze, bis daruͤber allmaͤlig die Mitternachtsſtunde heran kommt. Jetzt beginnt es mehr und mehr vor den Augen zu flirren und zu flimmern; ich verſpuͤre, daß es die hoͤchſte Zeit iſt, dem Spaß ein Ende zu machen, dennoch verlockt mich irgend ein boͤſer Geiſt, die innre Warnung leicht⸗ fertig in den Wind zu ſchlagen⸗ Noch dieſen Steierſchen und dann Schicht ge⸗ macht fuͤr immerdar! denke ich bei mir ſelbſt und ſetze mich aufs neue in Bewe⸗ gung. Aber bald wird es klar, daß ich mir zu viel zugetraut habe! Die Glieder 271 ſind der uͤbermaͤßigen Behendigkeit eines ſolchen Tanzes nicht mehr gewachſen; noch eh ich mich zwei Mal im Saale herum gedreht habe, gerathe ich ſchwin⸗ delnd aus dem Takt und aus dem Gleiſe, ſtolpre ſeitwaͤrts und pralle, durch ein ungluͤckliches Ungefahr, mit der ganzen Wucht und Schwere meines Koͤrpers ge⸗ gen den am Tiſche ſtehenden Stadtpfei⸗ fer, daß auch er angenblicklich das Gleichgewicht verliert und elendiglich zu Boden ſtuͤrzt. Ich, unfaͤhig mich auf den Beinen zu erhalten, falle taumelnd uͤber ihn hinweg, zerbreche ihm ſeine beſte Geige in tauſend Granatſtuͤcken, und verſetze ihm mit dem Ellbogen einen Stoß ins Geſicht, daß ihm das Blut ſogleich ſtromweiſe aus Mund und Naſe zu ſtuͤrzen anfaͤngt.“— „Jetzt kann ich den Verfolg und Aus⸗ gang faſt errathen!“ ſagte Sebaſtian mit W2 dem Ausdruck der lebhafteſten Theilnah⸗ me.„Armer Bruder, wie theuer mußt du Dir jede Annaͤherung Deines Gluͤckes erkaufen!“ „Bei Erblickung des Unheils, wel⸗ ches ich angerichtet,“ fuhr Wickling zu erzaͤhlen fort,„gelangte ich alsbald wieder zur klaren Beſinnung meiner ſelbſt. Der Vorfall erfuͤllte mich mit Scham und Mitleid, und mußte mir um ſo tiefer zu Herzen gehen, da man es, während Sendler mit truͤbſeliger Miene die Truͤmmern ſeines Inſtrumentes am Boden zuſammen las, nicht bloß bei ei⸗ nem ſchadenfrohen Geſpoͤtt und Gekicher bewenden, ſondern hin und wieder ſogar ſich ziemlich deutlich vermerken ließ, daß man den Verdacht hege, als ob ich im Eifer des trunknen Mukhes den Stadt⸗ muſikus, wegen ſeines mir unwillkomme⸗ nen Einverſtändniſſes mit meiner Tochter, 273 ab ſichtlich uͤber den Haufen zu tan⸗ zen und ihm Schaden zuzufuͤgen geſucht habe! Voll innerlichen Grimmes uͤber einen ſo ſchaͤndlichen Argwohn, naͤherte ich mich, bevor ich den Schießgraben verließ, dem Verungluͤckten, bat ihn meines unmanierlichen Betragens wegen um Verzeihung und fuͤgte zugleich be⸗ theuernd hinzu, daß er nicht allein von der Abſichtsloſigkeit deſſelben uͤberzeugt ſeyn, ſondern auch auf einen ihm voͤllig genuͤgenden Schadenerſatz mit Si⸗ cherheit rechnen duͤrfe. Er erwiederte ei⸗ nige Worte, deren eigentlichen Sinn und Verſtand ich weder zu faſſen noch zu deuten vermochte. Mir aber ging die aͤrgerliche Geſchichte, die der Stadt⸗ klätſcherei neuen Stoff darbot, die ganze Nacht im Kopfe herum, und gern haͤtte ich auf die draußen erlangte koͤnigliche Wuͤrde Verzicht geleiſtet, waͤre dadurch 18 274 das Ereigniß ungeſchehen zu machen ge⸗ weſen. Was blieb mir, um die ſchnoͤde Beſchuldigung, die man ſich gegen meine Perſon erlaubt hatte, Luͤgen zu ſtrafen, zuletzt anders uͤbrig, als meine geheime Abneigung zu bekaͤmpfen, mich nach der Behauſung des Stadtpfeifers zu begeben, und ihm, zur Genugthuung fuͤr das ihm zugefuͤgte Unrecht und Leidweſen, Roͤs⸗ chens Hand zu bewilligen! Dieß geſchah denn auch geſtern Morgen um zehn uhr!“ „In welches Entzuͤcken muß eine ſo hoͤchſt unerwartete Botſchaft ihn verſetzt haben!“ rief Sebaſtian aus.„Um ſo mehr wird mir jetzt ſeine ſchleunige Ent⸗ fernung von dem Ort zum unaufloͤs⸗ baren Raͤthſel!“ „Mir keinesweges!“ entgegnete je⸗ ner.„Denn eine Verfahrungsweiſe, wie ſie mit der geſunden Vernunft uͤberein ———— 275 ſtimmt, hat man von ihm nun einmal nicht zu erwarten. Er kniete, als ich zu ihm in die Stube trat, mitten auf dem Tiſche, fuͤgte und leimte mit ge⸗ ſchaͤftigen Fingern an der zerbrochenen Geige, und bemerkte mich, in ſeine Ar⸗ beit vertieft, nicht eher, bis ich dicht vor ihm ſtand. Kaum aber hatte ich ihm die Urſache meines Zuſpruchs eroͤff⸗ net, als er augenblicklich Leimtopf und Geige an die Seite warf, mir wild und wuͤthend, wie zum Erdroſſeln, um den Hals fiel und unter dem wiederholten Geſchrei: das muß vor allen Andern mein Sebaſtian wiſſen! fort nach Schliemau, und fort noch weiter zu meinem Bruder Sebaſtian!— im Kreiſe herum zu rennen und ſich wie beſeſſen die Alltagskleider vom Leibe zu reißen anfing. Ich fand es zwar nicht rath⸗ ſam, ihn gaͤnzlich an ſeinem Vorhaben 18* 276 zu verhindern, bat und beſchwor ihn aber aufs inſtaͤndigſte, ſich wenigſtens im Hauſe der kranken Muhme nicht ſo toll und unſinnig wie hier zu gebehrden, loͤſchte mit eigner Hand aus einem in der Naͤhe des Kamins befindlichen Waſ⸗ ſereimer die noch lodernde Flamme, bei welcher er, aller obrigkeitlichen Verord⸗ nung zuwider, ſich den Leim gekocht, und machte, daß ich wieder das Freie gewann. Schon eine halbe Stunde nach⸗ her iſt ſeine Hausthuͤr verſchloſſen und er ſelbſt uͤber alle Berge geweſen.“ „O gewiß wird, in Betreff ſeines aͤußern wunderlichen Benehmens, durch dieſe Verbindung ein ganz anderer Menſch aus ihm werden!“ verſicherte Sebaſtian.„Bei aller anſcheinenden Schroffheit und Rauhigkeit ſeines We⸗ ſens, vereinigt er mit einem edeln Her⸗ zen eine weiche und nachgiebige Gemuͤths⸗ —————— 277 art, pflegt den Winken und Anmah⸗ nungen von Perſonen, die ſein Ver⸗ trauen zu gewinnen verſtehen, ſtets ein williges Gehoͤr zu ſchenken, und liebt, wie ich aus ſeinen Briefen mit aller Zu⸗ verlaͤſſigkeit weiß, Ihre Tochter auf das zartlichſte. Leicht wird es ihr werden, ihm das Beduͤrfniß einer ſtrengen Auf⸗ merkſamkeit auf ſich ſelbſt begreiflich und fuͤhlbar zu machen, dem Spiel ſeiner phantaſtiſchen Launen Einhalt zu thun, und ihn nach und nach an eine den her⸗ gebrachten Sitten angemeßnere Hand⸗ lungs⸗ und Ausdrucksweiſe zu gewoͤh⸗ nen!“ „Wir wollen das Beſte hoffen!“ er⸗ wiederte Wickling mit gerunzelter Stirn. „Lange genug hat ſie den Kopf gehan⸗ gen und immer bald dieß bald jenes ein⸗ zuwenden gehabt, ſo oft ich ihr den Stadtpfeifer aus dem Sinn zu reden 278 den und ihr den Gedanken an ein ſol⸗ ches Ehebuͤndniß zu verleiden bemuͤht war. Jetzt hat ſie ihren Willen, und ſie mag nun ſehen, wie ſie mit ihm fer⸗ tig wird. Mich ſoll es hier oben in meiner einſamen Klauſe fortan wenig kuͤmmern, was drunten vorgeht!“ Bruder zu verfechten, wandte alle ſeine Beredſamkeit an, um durch Aufzaͤhlung mehrerer ehrenvollen Thatſachen aus dem fruͤhern Leben deſſelben in dem Gemuͤth des unzufriednen Widerſachers eine ge⸗ wognere Meinung fuͤr ihn zu erwecken. Dieß hatte jedoch nur zur Folge, daß er ſelbſt ſich dadurch mehr und mehr bei dem Alten in Gunſt zu ſetzen anfing. Mit zunehmender Freundlichkeit ermahnte ihn dieſer am Schluß der Unterredung, ſich mit dem geſchwaͤtzigen Bartputzer nicht weiter einzulaſſen, ſondern das Rei⸗ Sebaſtian, voll Begierde, ſeinen 279 ſegeraͤth von ihm abzuholen und fuͤr die Dauer ſeines Aufenthalts in Zeilbach ſein Quartier hier oben aufzuſchlagen, da Roͤschen vielleicht noch Wochen lang in Schliemau werde verweilen muͤſſen, ihre Schlafſtelle mithin zu ſeiner Benutzung bereit ſtehe. Das ihm gemachte Anero bieten hatte, ſchon bei der bloßen Vor⸗ ſtellung, welchen Genuß das Schauſpiel der aufgehenden Sonne, von der freien Thurmeshoͤhe betrachtet, gewaͤhren muͤſſe, ſo viel Lockendes und Anziehendes fuͤr ihn, daß er ſogleich zur Annahme deſ⸗ ſelben ſich willig finden ließ. Innig er⸗ freut, daß ſein Beſuch einen ſo ganz uͤber alle Erwartung guͤnſtigen Ausgang genommen, griff er jetzt nach dem Hut und trennte mit dem Verſprechen, ſpaͤte⸗ ſtens gegen Abend wieder zur Stelle zu ſeyn, ſich von dem Thuͤrmer. 280 Wohl eine Stunde lang hatte er, oh— ne einen beſtimmten Zweck zu verfolgen und abwechſelnd bald dieſem bald jenem Gegenſtande ſeine Aufmerkſamkeit zuwen⸗ dend, zwiſchen den am Markt aufgeſtell⸗ ten Buden, die, von wogenden Volks⸗ maſſen umringt, ihre Schätze feil boten, ſich umher gedraͤngt, als endlich ein ern⸗ ſterer Gedanke in ihm rege zu werden anfing.„Es wäre doch wohl,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„der Ordnung und Schicklichkeit gemaͤß, liebſter Sebaſtian, auf irgend eine nette Jahrmarktsgabe fuͤr deine zukuͤnftige Schwaͤgerin zu den⸗ ken; zumal da ihr Vater dir eine ſo liebreiche Aufnahme hat zu Theil werden laſſen! Mit Geld biſt du ja Gottlob! reichlich genug verſehen, um des eignen Bedarfes wegen fuͤrs erſte nicht in Ver⸗ legenheit zu gerathen!“ Er ſtand, indem er dieſem Selbſt— ————— 281 geſpraͤch ſich uͤberließ, eben unfern einer Bude, an deren Seitenwaͤnden er eine Menge ſeidner Baͤnder von allen Farben flatternd herabhaͤngen ſah, und vermer⸗ kend, daß er bereits gefunden, was er ſuche, trat er kaufluſtig naͤher an dieſelbe heran. Die Verkaͤuferin, eine junge freundliche Dirne von etwa vierzehn Jah⸗ ren, ermangelte nicht, ihm auf ſein Be⸗ gehren mehrere Bandrollen zur beliebigen Auswahl vorzulegen und bald war der Handel geſchloſſen. Waͤhrend Sebaſtian aber den Geldbeutel hervor zog und zur Bezahlung ſich anſchickte, erſchien der Eigenthuͤmer der Bude, ein langer hagerer Mann, welcher, nachdem er den Kaͤufer ſchaͤrfer ins Auge gefaßt hatte, plotzlich er⸗ ſchrocken zuſammen fuhr, ſchon im näch— ſten Angenblick jedoch haſtigen Schrittes auf ihn zu eilte, ihm die Hand auf die Schulter legte und mit der leiſen Fra⸗ 282 ge:„Kennen Sie mich?“ erwartungs⸗ voll vor ihm ſtehen blieb. Sebaſtian ſah ihn mit unbefangener Aufmerkſamkeit an, ſchuͤttelte den Kopf und ſagte:„Es iſt mir freilich, als ob ich Ihr Geſicht ſchon einmal irgendwo geſehen; doch der naͤhern Umſtaͤnde kann ich mich durch⸗ aus nicht erinnern!“ „O ſo erzeigen Sie mir doch die Gefaͤl— ligkeit und kommen Sie mit mir! Ich muß nothwendig ein Wort im Vertrauen mit Ihnen ſprechen. Es betrifft eine Sache von der aller dringendſten Wichtigkeit!“ Sebaſtian willigte, obwohl er ſich den Grund zu einer ſolchen Aufforderung noch immer nicht zu erklären vermochte, ohne Bedenken in dieſes Verlangen, und ward von dem Bandhaͤndler nach einem benachbarten Gaſthofe gefährt, wo der⸗ ſelbe ihn in ein kleines, nach der Hof⸗ ſeite gehendes Zimmer treten ließ, wel⸗ 253 ches er ſogleich wieder mit vorſichtiger Hand hinter ſich verſchloß. „Koͤnnen Sie ſich,“ hub er jetzt aufs neue zu fragen an,„noch immer nicht beſinnen, an welchem Ort Sie zuerſt meine Bekanntſchaft machten?“ Sebaſtian zuckte die Achſeln und ver⸗ harrte bei ſeiner fruͤhern Ausſage. „Nun ſo muß und will ich Ihnen auf die Spur heifen!“ nahm er, nach einer kur⸗ zen Pauſe, mit einem tiefen Seufzer wie⸗ der das Wort.„Es war am letzt verfloſſe⸗ nen Weihnachtsfeſt, wo dieſes Zuſammen⸗ treffen und zwar in einem Leihhauſe—“ „Ganz richtig! Jetzt faͤllt mir Alles ein!“ unterbrach Sebaſtian die angefan⸗ gene Rede des Mannes.„Jetzt erinnre ich mich auch Ihrer Geſichtszuͤge wieder! Ei, ei, das war aber nicht fein und loblich damals von Ihnen gehandelt!“ „Nein, das war es allerdings nicht!“ 284 antwortete jener mit nachdrucksvollem Ton.„Aber wuͤßten Sie doch nur, welcher Seelenkampf dieſem ſchrecklichen Schritte voran ging!— Ich will Ihr Ohr nicht mit Herrechnung aller der Uu⸗ gluͤcksfaͤlle ermuͤden, durch die ich nach und nach an den Bettelſtab gebracht wurde; nur ſo viel muß ich anfuͤhren, daß um die Mitte des vorigen Winters mein Elend eben den hoͤchſten Gipfel er⸗ reicht hatte! Noth und Mangel hatten in ihrer furchtbarſten Geſtalt ihren Ein⸗ zug bei mir gehalten, und jede Moͤglich⸗ keit zu Herbeiſchaffung der nothoduͤrftig⸗ ſten Lebensbeduͤrfniſſe war verſchwunden. Ich ſah Weib und Kinder dem Hunger, der Kaͤlte Preis gegeben; ihr Anblick zerriß mir das Herz, ihre Wehklagen brachten mich zur Verzweiflung, und nirgends war eine Ausſicht auf rechtlichen Erwerb, nirgends ein Mittel zu Beendigung die⸗ 285 ſes Jammers vorhanden. Herr, es war aufs Aeußerſte mit mir gekommen! In dieſer graͤßlichen Verlegenheit trug ich an jenem Morgen die letzten armſeligen Flitter, die noch aus der fruͤhern beſſern Zeit mir uͤbrig geblieben, auf das Leih⸗ haus, ſchon im Voraus uͤberzeugt, daß man mich damit abweiſen werde, aber auch zugleich feſt entſchloſſen, nicht ohne Huͤlſe zu den Meinigen zuruͤck zu kehren! Sie waren es, den der Zufall mir in den Weg fuͤhrte, und Sie ſind auch der er⸗ ſte und letzte geblieben, an dem ich eine Ungerechtigkeit dieſer Art begangen; denn wenige Tage darauf eroͤffnete ſich mir endlich eine Erwerbsquelle, welche mich in den Stand ſetzte, mir und meinen Angehoͤrigen auf zwar kuͤmmerliche, doch ehrlichere Weiſe das Leben zu friſten!“ „Unter ſo bewandten Umſtaͤnden ha⸗ be ich Ihnen ſchon verziehen!“ ſagte 286 Sebaſtian;„und Sie konnen ganz ruhig ſeyn und ſich uͤberzeugt halten, daß kein Menſch jemals nur eine Sylbe von die⸗ ſem Vorfall erfahren ſoll!“ „Wohl mir, daß ich wieder gut zu machen vermag, was ich damals an Ih⸗ nen verbrochen!“ fuhr der Reumuͤthige zu ſprechen fort.„Eine Erbſchaft, die ich vor einigen Monaten erhoben, hat mir die Mittel verliehen, mein fruͤher betriebenes Handelsgeſchaͤft wieder zu be⸗ ginnen, und ich hoffe, daß der Himmel mich in Zukunft vor aͤhnlichen traurigen Schickſalen gnädig bewahren wird! Schon längſt wuͤrde die Erfuͤllung dieſer Obliegenheit gegen Sie mein erſtes und angelegentlichſtes Beſtreben geweſen ſeyn, haͤtte ich Sie auſzufinden gewußt; um ſo mehr beeile ich mich jetzt, da Sie durch ein gluͤckliches Ungefaͤhr mir auf ſo unvermuthete Weiſe wieder zu Geſicht 287 kommen, durch Abtragung jener heiligen Schuld meiner Pflicht zu genuͤgen und mein Herz zu erleichtern!“ Er holte bei dieſen Worten aus einer an der Wand ſtehenden Waarenkiſte eine Rolle mit Geld hervor, zog ſodann ei⸗ nen zuſammen gelegten Zettel aus der Brieftaſche, und hielt mit geſchaͤftig drängenden Geberden dem Betroffenen beides zur Empfangnahme entgegen. „Ihre Uhr,“ ſprach er,„befindet ſich noch auf dem Leihhauſe zu B., nach wel⸗ cher Gegend ich ſeit jenen Ungluͤckstagen nicht wieder gekommen bin. Gegen Er⸗ legung der auf dieſem Pfandſcheine be⸗ merkten Summe wird man ſie Ihnen ohne weitere Umſtaͤnde ſogleich wieder zuſtellen. O ich bitte! Nehmen Sie dieß und ſeien Sie verſichert, daß ich mich lebenslang als Ihren dankbaren Schuldner betrachten werde!“ 288 „um Vergebung!“ rief Sebaſtian, nachdem er einen fluͤchtigen Blick auf das Papier geworfen.„Sie wollen mir mehr aufdringen, als ich von Ihnen zu fordern berechtigt bin; das kann ich aber durchaus nicht zugeben! Es ſind, wie ich ſehe, nur drei Thaler, auf welche der Pfandſchein lautet, und ſie anzuneh⸗ men, trage ich kein Bedenken. In die⸗ ſer Rolle iſt aber gewiß noch einmal ſo viel befindlich. Nein, mit ſo unchriſtli⸗ chen Zinſen waͤre wohl noch niemals eine Geldforderung einkaſſirt worden! Ich muß Sie daher recht ſehr erſuchen, den Ueberſchuß fuͤr ſich ſelbſt zuruͤck zu be⸗ halten!“ „O guaͤlen Sie mich nicht mit ſol⸗ chen Einwuͤrfen und Gegenreden!“ bat und beſchwor ihn der- Bandhaͤndler. „Durch jene drei Thaler wurde meine Familie vom Verderben gerettet, wurde 289 unſrer bitterſten Noth abgeholfen; und Sie wollten jetzt, da ich mich wieder in einer gluͤcklichern Lage befinde, dieſen ſchwachen Beweis meiner Dankbarkeit kaltſinnig verſchmahen? Das wuͤrde tief mich kraͤnken, ja es wuͤrde mir ſogar die Moͤglichkeit rauben, mich jemals uͤber den einſt an Ihnen veruͤbten Betrug gaͤnzlich beruhigen zu koͤnnen!“ Alles noch fernere Weigern und Straͤuben blieb umſonſt! Sebaſtian mußte nachgeben und in die Willensbe⸗ ſtimmung ſeines Draͤngers ſich fuͤgen, ward von dieſem bis vor die Thuͤr be⸗ gleitet und befand ſich bald darauf, ver⸗ blaͤfften Sinnes und um volle zehn Tha⸗ ler bereichert, wieder mitten zwiſchen dem Marktgewuͤhl. um den Kampf der aufgeregten Em⸗ pfindungen zu beſchwichtigen und zu ei⸗ nem ungeſtoͤrten Nachdenken uͤber den ſo 19 290 eben erfolgten abenteuerlichen Vorfall die erwuͤnſchte Muße zu gewinnen, verließ er das Staͤdtchen und eilte eine Strecke ins freie Feld hinaus.„Alſo zum Be⸗ ſitz dieſer Uhr, deren Entwendung mir ſo manchen heimlichen Seufzer gekoſtet, ſoll ich wieder gelangen!“ rief er, noch gluͤhend vor freudiger Verwunderung, laut vor ſich hin.„O ewige Fuͤgung des Himmels, wer mag dich faſſen und begreifen! Sie waͤre ohne Rettung mit verbrannt, und muß mir auf ſolche Weiſe in Verwahrung und Sicherheit gebracht werden. Ach, je mehr ich an ſie denke, je inniger ſehne ich mich nach ihrer Wiedererlangung! Aber wie laͤßt ſich dieſe am beſten und ſicherſten bewerk⸗ ſtelligen? Der Plan, dorthin zuruͤck zu kehren, ſie heimlich vom Leihhauſe ab⸗ zuholen, und in aller Stille wieder von dannen zu ziehen, duͤrfte doch wohl mit 291 mancherlei Schwierigkeiten verknuͤpft ſeyn! Eben ſo wenig ſcheint es thunlich, die Sache ſchriftlich abzumachen, da ich nie⸗ mand weiß, an den ich mich deßhalb mit Sicherheit wenden koͤnnte.— Bleibt denn zur Befriedigung meines Wunſches, meines ſehnlichſten Wunſches gar kein andrer Ausweg vorhanden? Ach, dieſe Uhr iſt ja noch das einzige, was mir noch aus jener Zeit, naͤchſt den weißen Maͤuſen—— O Himmel! was faͤllt mir ein! Die armen Thiere wurden in der Haſt und Eile des Aufbruches gaͤnz⸗ lich von mir aus der Acht gelaſſen; ihr vorräthiges Futter kann hoͤchſtens auf einige Tage ausreichen, und ſie muͤſſen jämmerlich verhungern, wenn nicht der Zufall den Hauswirth hinauf fuͤhrt und ihn den eintretenden Mangel wahrneh⸗ men laͤßt! Aber ſie ſtanden draußen in der Schlafkammer; ſchwerlich werden ſie 19* 292 dort von ihm bemerkt, und ohne Ret⸗ tung muͤſſen ſie verſchmachten und um⸗ kommen!—“ Dieſe letzte Vorſtellung trug uͤber alle in ſeinem Innern kaͤmpfenden Zweifel und Bedenklichkeiten den Sieg davon. Ra⸗ ſchen Schrittes wandte er ſich wieder nach dem Staͤdtchen, vermeldete dem Thuͤrmer in aller Kuͤrze, daß eine drin⸗ gende Angelegenheit, die er vor ſeiner Abreiſe leider zu berichtigen vergeſſen, ihn auf das ſchleunigſte nach der Hei— mat zuruͤck rufe, bemaͤchtigte ſich in der Wohnung des Barbiers, der zum Gluͤck nicht zugegen war, ſeines daſelbſt zur Aufbewahrung niedergelegten Reiſebuͤn⸗ dels, wanderte, von Angſt und Unruhe getrieben, die Straße zuruͤck, die er des Morgens gekommen, nahm, als die ein⸗ brechende Finſterniß ihn fuͤr heute am weitern Vordringen verhinderte, in einer 293 aͤrmlichen Dorfſchenke ſein Nachtlager, war bei Tagesanbruch mit erneuerter Un⸗ geduld auf die Verfolgung ſeines Ziel⸗ punktes bedacht und traf gegen Abend gluͤcklich und wohlbehalten in ſeinem Wohnorte wieder ein. Es gelang ihm, da nirgends ein be⸗ kanntes Geſicht in den Straßen ihm auf⸗ ſtieß, die er zuruͤck zu legen hatte, ſeine Behanſung unbemerkt zu erreichen; doch ſah er in der Hoffnung, ſeinen Bruder noch vorzufinden, um, nach Beſchaffen⸗ heit der Umſtaͤnde, die wiederholte Aus⸗ wanderung nach Zeilbach mit ihm ge⸗ meinſchaftlich zu unternehmen, ſich ge⸗ täͤuſcht und betrogen. Fabian war be⸗ reits am fruͤhen Morgen wieder aufge⸗ brochen, und beide Bruͤder hatten, in⸗ dem der eine ſich ſtreng an die Heerſtra⸗ ße hielt, der andre jedoch, mit beßrer Ortskenntniß ausgeruͤſtet, die kuͤrzern 204 und bequemern Richtwege benutzte, ſich abermals verfehlt. Die weißen Maͤuſe, deren Befinden Sebaſtian, nachdem er ſich vom Hauswirth uͤber ſein ploͤtzliches Wiedereintreffen das unverbruͤchlichſte Stillſchweigen hatte angeloben laſſen, zu⸗ naͤchſt zum Gegenſtand ſeiner Unterſu⸗ chung machte, waren mit Mundvorrath reichlich verſehen und tummelten ſich flink und froͤhlich in ihrem glaͤſernen Ge⸗ faͤngniſſe herum. Ein von Fabian hin⸗ terlaſſenes Schreiben lag auf dem Tiſche. Saͤmmtliche im Stuͤbchen vorhandne Ge⸗ raͤthſchaften befanden ſich noch ganz in der naͤmlichen Ordnung, welche vorgeſtern, bei Sebaſtians Abzuge, unter ihnen geherrſcht hatte. Fabian an Sebaſtian.. Gruß' dich Gott, geliebte Vaterſtadt, Wo die Mutter mich geboren hat! 295 Deiner Giebel traute Reih'n und Glieder, Deine Thuͤrm' und Kirchen ſeh' ich wieder; Als bekannter Fremdling nah' ich dir, Alter Sitz, wie neu erſcheinſt du mir! Kommt im Lenz der Stagr mit Sehnſuchtsdrang, Loͤſt ſein Gruß ſich auf in Liedesklang; Trifft der Storch ſein Neſt noch aufgeſchlagen, Klappert er vor Luſt und Wohlbehagen; Zieht der Menſch zur Heimat pilgernd ein, Wechſelt ſein Gemuͤth in Wonn' und Pein! Denn der harmlos unbefangne Sinn Schwand im Weltgedräng' ihm dumpf dahin! Still gezeitigt in der fremden Weite Dienen Furcht und Ahnung zum Geleite; Im Gedankenſpiel umgaukelt ihn Bald die Myrte, bald der Rosmarin! Blauer Nebeldunſt, der fern ſich zeigt! Rauch der Eſſen', der zum Himmel ſteigt! Stolze Zinnen, die mit gleichem Streben Nachbarlich ſich in die Luft erheben! 206 Steingeſimſe, kuͤnſtlich ansgehau'n!— Soll ich euch mein Innerſtes vertrau'n? Vor⸗ und ruͤckwaͤrts ſchaut der Blick mit Luſt, Hier⸗ und dorthin ſehnet ſich die Bruſt! Ob ich fuͤrbaß ſchreit', ob ich mich wende; Jeder Lauf nimmt ein begluͤcktes Ende! Schoͤn iſt dort und hier das Ziel der Bahn; Dort winkt Roͤschen, hier Sebaſtian! Dieß, mein geliebter unſichtbarer Bruder, waren die poetiſchen Gedanken und Einfaͤlle, die in meinem Innern ſich zu verfolgen begannen, als ich die⸗ ſen Nachmittag, aus dem Schwablinger Tannengeholz in die freiere Natur her⸗ austretend, die vaterſtaͤdtiſchen Thurm⸗ ſpitzen, und wenige Schritte nachher auch die Vaterſtadt ſelbſt von weitem er— blickte. Ich benutzte die Anhoͤhe, auf welcher ich mich eben befand, und nahm auf einem, mit ehrwuͤrdigem Moos uͤberwachſenen großen Feldſteine Plat, 207 theils um mich deſto gemächlicher aus der Gegenwart in die Vergangenheit zuruͤck zu verſetzen, theils um die unwillkuͤrlich bei mir entſtandenen Reime vermittelſt des Bleiſtifts zu Papier zu bringen und fuͤr die Zukunft aufzubewahren. Es war zwiſchen zwei und drei Uhr, wo ich den einge⸗ nommenen Sitz laͤnger als eine Stunde in der unbeweglichſten Stellung behaup⸗ tete, bald auf dieſen, bald auf jenen Punkt von alter Bekanntſchaft die Au⸗ gen heftete und alle gemeinſchaftlich er— lebten Freuden und Leiden unſrer fruͤhern Jugendjahre mir in die vergeßliche Seele zuruͤck rief. Ach, recht wonnige Gefuͤhle und Traͤumereien waren es, in welchen der Geiſt mit unermuͤdlichem Fluͤgel umher ſchwaͤrmte; bald aber konnte ich es auf dem einſamen Feldſteine nicht laͤnger aus⸗ halten! Die Sehnſucht nach Deinem per⸗ ſoͤnlichen Anblick trieb ſtuͤrmiſchen Eifers 208 mich wieder von dannen; mit der Be⸗ hendigkeit eines gehetzten Hirſches vollen⸗ dete ich meinen Spaziergang, und keu⸗ chend und athemlos ſtieg ich, nach gluͤck⸗ licher Erreichung meines Zieles, die vier⸗ tehalb Treppen zu Deinem Dachſtuͤbchen empor. Daß ich Dich hier nicht antraf, brauchſt du um ſo weniger erſt von mir zu erfahren, da es Dir, waͤhrend ich dieſe Zeilen nieder ſchreibe, bereits in Zeilbach nicht im Geringſten beſſer ergan⸗ gen ſeyn wird. Kann das Schickſal wohl ein aͤrgerlicheres und ernſthafteres Poſſenſpiel erſinnen, um zwei Leute zu hohnnecken, daß ſie, in der Abſicht, ein⸗ ander zu beſuchen, gerade deßhalb das Gegentheil thun und einander ausweichen muͤſſen? Aber wer von uns Beiden wird ſich nun ruhig hinſetzen und warten, bis der andre wieder nach Hauſe kommt? . 299 Von mir kannſt Du dieß billiger Weiſe wohl nicht verlangen, wenn Du in Er⸗ wägung ziehſt, wie wenig das rauhe Machtgebot der Stadtpfeiferpflichten ſich an den Wink der Bruderliebe zu kehren gewohnt iſt! Auch gibt es, wie Du aus der letzten Zeile der obigen Verſe gar leicht erſehen kannſt, noch anderweitige Ruͤckſichten, welche mein laͤngeres Ver⸗ weilen in hieſiger Stadt— denn ich kam eigentlich nur als ein, von mir ſelbſt abgeſandter fluͤchtiger Jubelbote— mit ſich ſelbſt unvertraͤglich finden und mich daher, ſeit ich meines verfehlten Zweckes gewiß geworden bin, unaufhoͤr⸗ lich an eine beſchleunigte Heimkehr zu mahnen anfangen. Morgen mit dem Fruͤheſten ſetze ich meinen Wanderſtab und mich ſelbſt wieder in Bewegung, ruͤſte mich während des Marſches mit ſtill hoffendem Gemuͤth auf die laͤrmende 300 Herzensfrende, mit welcher ich Dich in Zeilbach zu bewillkommnen gedenke, und laſſe nur fuͤr den unerwuͤnſchten aber moͤglichen Fall, daß es etwa einem gegen unſre bruͤderliche Umarmung neidiſch ge⸗ ſinnten Dämon gelaͤnge, uns hierin abermals ein£ fuͤr ein U zu machen, dieſe Zuſchrift fuͤr Dich zuruͤck. Ich kenne Dich, Baſtian! Gewiß wirſt Du waͤhrend Deines dortigen Aufenthaltes nicht unterlaſſen, oder auch wohl gar ſchon in der erſten Stunde Deiner Ankunft daſelbſt nicht unterlaſſen haben, den Thuͤrmer Wickling aufzu⸗ ſuchen, um ein gutes Wort fuͤr mich ein⸗ zulegen. O im Geiſt ſeh' ich Dich, wie Du mit dem Hut in der Hand die ſchmalen knarrenden Stiegen hinauf klet⸗ terſt, den unter dem Glockenſtuhl befind⸗ lichen Wohnſitz erreichſt, mit ſchuͤchter⸗ ner Hoͤflichkeit Dich zur Thuͤr hinein 30¹ windeſt und in zierlichen, auf die Ver⸗ theidigung und Belobung des verkannten Bruders abzweckenden Redensarten Dein Herz auszuſchuͤtten und Suͤßholz zu ras⸗ peln anfaͤngſt! Das Alles ſchau' ich im Geiſt, aber was gäb ich nicht darum, koͤnnt' ich mit leiblichen Augen Zeuge ſeyn von der froͤhlich beſtuͤrzten Ueberra⸗ ſchung, in welche Du nothwendig gera⸗ then mußt, ſobald Du erfährſt, daß Du mit Deiner Fuͤrbitte gluͤckſeliger Weiſe um ein paar Tage zu ſpaͤt kommſt und demnach getroſter aufzutreten befugt biſt! Ja, mein Geliebteſter! Vater Wicklings zerſchmetternder Fall, den ich durch eine geſchickte Wendung kluͤglich beſoͤrdern half, hat mich auf die Beine gebracht; alle Hinderniſſe und Vorur⸗ theile, die ſich meinem Vorhaben entge⸗ gen thuͤrmten, ſind aus dem Wege ge⸗ raͤumt, aus Roͤschen und mir iſt das 302 gluͤcklichſte Brautpaar unter der Sonne geworden! Aber davon biſt Du ja, in⸗ dem ich es Dir vermelde, ſchon hinlaäng⸗ lich unterrichtet, und ich brauche deßhalb dieſer Botſchaft kaum hinzu zu fuͤgen, daß es ein vergebliches Unternehmen ſeyn wuͤrde, Dir ſchriftlich das freudige Er⸗ ſtaunen ſchildern zu wollen, mit welchem Roͤschen wie aus den Wolken herab und mir um den Hals fiel, als ich geſtern, gleich im erſten Wonnetaumel meines ge⸗ rechten Entzuͤckens, uͤber Stock und Stein nach Schliemau hinaus ſturzte, um ihr die Nachricht von dem erfolg⸗ ten Wechſel der Umſtaͤnde zu uͤberbrin⸗ gen!— Nein, ich kann es hier, wie ich ſchon aus den ſicherſten Anzeichen ver⸗ merke, ſchlechterdings nicht viel laͤnger mehr aushalten! Es ſticht und prikelt mir in den Fußſohlen, alles Geblut ſteigt 303 mir zu Kopfe und in jedem Winkel er⸗ ſcheint mir Roͤschens Bild, den Blick auf mich, den Zeigefinger nach der Thuͤr gerichtet. Morgen fruͤh, mit dem eroͤff⸗ neten Stadtthor, zieh' ich von dannen und nach meinem Roͤschen zuruͤck. O Baſtian! moͤchteſt Du doch, unbekuͤm⸗ mert um mein eigenes Verfahren, die⸗ ſem gegebnen Beiſpiel ſo gaͤnzlich entge⸗ gen handeln, daß ich Dich, wie Du leibſt und lebſt, noch in Zeilbach antreffe! Mit Freuden wollte ich dann die verun⸗ gluͤckte Abſicht meines Ausfluges als voͤl⸗ lig erreicht und die nutzlos zuruͤck geleg⸗ ten ſechszehn Meilen als nur im Traum durchwandert betrachten! Deine weißen Maͤuſe, die ich bereits mit einigem auserleſenen Kuchenwerk aufs beſte zu hewirthen geſucht, ſind vergnuͤgt und munter, geben, der ihnen gewordenen freundlichen Behandlung zu 304 Folge, nicht das geringſte Mißtrauen mehr gegen mich zu erkennen, laufen ſorglos an der Drahtkette auf und nie⸗ der und ſcheinen Dich gruͤßen zu laſſen. Verleihe der Himmel, daß ich mich der muͤndlichen Beſtellung dieſes Grußes zu getroͤſten und die Erfuͤllung des hier ge⸗ taͤuſchten Hoffens bei meiner Wiederan⸗ kunft in Zeilbach mit beßrer Sicherheit zu gewaͤrtigen habe!— Nachſchrift. So eben komme ich von einem kurzen Beſuche zuruͤck, den ich Deinem Freunde Helbert unbekannter Weiſe abzuſtatten, fuͤr ſchicklich und an⸗ ſtaͤndig hielt. Ich kann jedoch nicht be⸗ haupten, daß mir der Mann, obwohl er es an den herkoͤmmlichen Hoͤflichkeits⸗ bezeigungen nicht eben fehlen ließ, ſon⸗ derlich haͤtte behagen wolken. Er nannte Deine ſchnell beſchloſſene und raſch aus⸗ gefuͤhrte Fußwanderung nach Zeilbach 305 glattweg einen dummen Streich von der erſten Sorte, aͤußerte, daß er bereits mit der heutigen Poſt, um Deine bal⸗ dige Wiederheimkehr zu bewirken, dort⸗ hin an Dich geſchrieben und trug mir ſogar auf, Dir bei unſerm Zuſammen— treffen alsbald zu vermelden, daß Du durch ein laͤngeres Ausbleiben Dir Scha⸗ den zuzufuͤgen und Dinge von der groͤß⸗ ten Wichtigkeit zu verſaͤumen in Gefahr ſchwebteſt. Ich bat ihn, ſich wo moͤg⸗ lich etwas deutlicher zu erklaͤren; er aber wollte ſchlechterdings nicht mit der Spra⸗ che heraus, ſondern gab mir nur unver⸗ ſtaͤndlich abgeriſſene Brocken zum Beſten, murmelte Einiges von thoͤrichter Voreilig⸗ keit, von aberwitziger Irrung in der Perſon, von naͤrriſchen Grillen und Ein⸗ faͤllen zwiſchen den Zaͤhnen und wieder⸗ holte ſeine ſo ganz gegen meine eignen Wuͤnſche ſtreitende Aufforderung. Faſt 20 306 muß ich daher bezweifeln, daß ich es uͤber mich werde gewinnen koͤnnen, ihr muͤndlich Folge zu leiſten; ſie Dir ſchriftlich mitzutheilen, trage ich indeß kein Bedenken, da Du dieſe Zeilen nicht eher zu Geſicht bekommſt, als bis wir ſelbſt einander ohnehin wieder aus dem Geſicht gekommen ſind. Zweite Nachſchrift. Vor unge⸗ fähr fuͤnf Minuten, als ich, bei zuneh⸗ mender Dunkelheit mich zu entkleiden und des beſchloſſenen fruͤhen Wiederauf⸗ bruches gedenkend, zur Ruhe zu verfuͤ⸗ gen im Begriff war, ſtellte Helbert, der wahrſcheinlich ſein vorheriges kurzgebun⸗ denes Benehmen wieder gut machen zu muͤſſen glaubte, in dem Dachſtuͤbchen ſich ein und fragte an, ob ich nicht Luſt habe, ihn auf ein Virrtelſtuͤndchen zu begleiten und ſeine Braut kennen zu ler⸗ nen? Der Himmel mag wiſſen, was 307 mir eigentlich an dem Manne mißfaͤllt: ob es ſeine undeutſche und undeutliche Ausdrucksweiſe uͤberhaupt, oder der ab⸗ gemeſſene gebieteriſche Ton iſt, welchen er annimmt, ſobald er von Dir zu ſpre⸗ chen anhebt. Kurz und gut! Ich nahm, und zwar nicht ganz ohne Grund, zum Vorwande großer Muͤdigkeit meine Zu⸗ flucht und gab ihm zu verſtehen, daß die Anknuͤpfung weiblicher Bekanntſchaften, mit Ausnahme einer einzigen, nie⸗ mals unter meine Lieblingsneigungen ge⸗ hoͤrt habe; worauf er, ohne weiter in mich zu dringen, eine gute Nacht wuͤnſchte und ſich alsbald wieder ent⸗ fernte. Dritte und letzte Nachſchrift⸗ Der Morgen daͤmmert zum Fenſter her⸗ ein, und mit nen geſtaͤrkter Kraft ſteh' ich zum Abzuge geruͤſtet. Ein recht ſanfter Schlaf hat auf Deinem Ruhelager, ob⸗ W 308 wohl es nicht eben zu den weichſten ge⸗ zählt werden kann, mich erquickt, und vielleicht aus unwillkuͤrlicher Dankbarkeit iſt es geſchehen, daß ich die Nacht hin⸗ durch faſt mehr noch von Dir, als von Röschen getraͤumt habe. Und ſo eile ich jetzt, Dir den Abſchiedsgruß zu ſagen, um Dich deſto fruͤher willkommen zu heißen; hoffend, Du werdeſt, wenn Du dieſe Zeilen erblickſt, Dich dabei ei⸗ nes zwiſchen uns erfolgten, kroͤhlichen Wiederſehens zu Zeilbach zu erinnern im Stande ſeyn!— Der in ihm herrſchend gewordenen ernſten Stimmung nachhaͤngend, ſetzte ſich Sebaſtian, nachdem er den Brief geleſen, an das geoͤffnete Fenſter und blickte gedankenvoll zum Abendhimmel empor. Theils kraͤnkte und beunruhigte 309 ihn das unguͤnſtige Urtheil, welches Fa⸗ bian mit ſo ruͤckſichtsloſer Freimuͤthigkeit uͤber Helbert gefaͤllt, theils fuͤhlte er ſich durch die in dem Schreiben angefuͤhrten Aeußerungen, deren der Letztere ſich be⸗ dient hatte, zu neuen Zweifeln und Grillenfaͤngereien veranlaßt.„Thoͤrichte Voreiligkeit! Jrrthum in der Perſon!“ wiederholte er bei ſich ſelbſt.„Was kann er eigentlich damit gemeint haben? Welche andre, als Dorchen, kann es denn ſeyn, nach deren Beſitz er trachtet? Ueber dieſen Punkt iſt mir ja doch durch den Ausgang der Unterredung, die ich an jenem Abend mit ihm gefuͤhrt, hin⸗ lnglicher Aufſchluß geworden! Aber wie ſoll ich es mir erklären, daß er, trotz des geaͤußerten Unwillens, ſich kurz darauf bei Fabian einfindet und auf ſo beſtimmte Weiſe von einem Beſuch bei ſeiner Braut ſpricht? Sollte er wirk⸗ lich während meiner kurzen Abweſenheit ſchon von ihr—— nein! das ſtreitet gegen alle Wahrſcheinlichkeit! Das iſt bei der ſchreckhaften Beſtuͤrzung, in welche ſie gerieth, als ich, ſtatt meines eignen, ihr Helberts Namen genannt hatte, nicht glaublich, ſchlechterdings nicht glaublich!“ Vergebens zerbrach und zerqualte er ſich den Kopf, um der muthmaßlichen Beſchaffenheit der Umſtände naͤher auf die Spur zu gelangen. Je aͤmſiger er daruͤber nachgruͤbelte, deſto tiefer verwik⸗ kelte er ſich in Räthſel und Widerſpruͤ⸗ che, die eben ſo ſchwer zu loͤſen als zu beſeitigen waren. Mit dem unmuthigen, aber feſten Entſchluß, ſich jedes fernern erfolgloſen Nachſinnens uͤber dieſen Ge⸗ genſtand gänzlich zu entſchlagen, verließ er endlich den eingenommenen Sitz, zog —— 311 den Fenſterfluͤgel zuruͤck und begab ſich nach ſeiner Schlafkammer hinaus. Als er am naͤchſtfolgenden Morgen, ſehr erfreut uͤber den ihm gewordenen Wiederbeſitz der Uhr, deren Auslieferung ohne alle Schwierigkeiten erfolgt war, vom Leihhauſe nach ſeiner Wohnung zu⸗ ruͤckkehrte, traf er hier auf einen aus der Kanzlei an ihn abgeſchickten Bo⸗ ten, der, mit Ungeduld ſeiner harrend, ihm wieder einen ziemlich anſehnlichen Stoß von Aktenſtuͤcken zum Abſchreiben entgegen hielt. Mehr bedurfte es nicht, um Sebaſtians unſchluͤſſigem Schwanken, ob er den fruͤher gefaßten Vorſatz einer abermaligen Auswanderung nach Zeilbach vollfuͤhren oder aufgeben ſolle, ſogleich ein Ende zu machen. Schon durch den erſten fluͤchtigen Blick belehrte er ſich, daß die Uebernahme dieſer Arbeit ihn bei ſeiner gewohnten Sorgfalt und Ge⸗ 312 nauigkeit eine anhaltende Beſchaͤftigung auf drei bis vier Tage darbiete. Bin⸗ nen dieſer Zeit, dachte er bei ſich ſelbſt, muß mir nothwendig, wenn ich auch ganz ſtill und ruhig mein Dachſtuͤbchen huͤte, uͤber Helberts raͤthſelhaſtes Be⸗ nehmen der gewuͤnſchte Aufſchluß zu Theil werden! Und weiß ich erſt mit Zuverlaͤſſigkeit, woran ich eigentlich mit ihm bin, ſo bleibt es mir dann ja noch immer unbenommen, zu thun, was ich fur zweckdienlich erachte!— Dieſer Anſicht folgend, ſchob er mit betriebſamer Ge⸗ ſchaͤftigkeit Tiſch und Arbeitsſtuhl an das Fenſter, brachte ſein Schreibgeraͤth ſo wie die ihm zugeſandten Hefte in gehoͤ⸗ rige Ordnung und ſchritt raſch und un⸗ geſäͤumt zum Werk. Doch ſchon einige Stunden darauf mußte er, von eintretendem Mangel ge⸗ trieben, wieder aus dem Dachſtuͤbchen 313 fort, um Papier einzukaufen; und kaum hatte er um die naͤchſte Straßenecke her⸗ um gebogen, als er hoͤchſt unerwarteter Weiſe auf Helbert ſtieß, den ein zufaͤlli— ger Geſchaͤftsgang ſo eben des nämlichen Weges daher fuͤhrte. Betroffenen Sin⸗ nes, und vor Scham und Verlegenheit erroͤthend, ſtutzte Sebaſtian beim Anblick des Freundes; mit deſto unbefangnerm Geſicht aber ſchritt dieſer auf ihn los, um ihn zu begruͤßen.„Alſo wirklich ſchon wieder zuruͤck?“ rief er aus. „Nun, das iſt doch recht vernuͤnftig von Dir gehandelt!“ „Was haͤtt' ich wohl, da ich den Bruder dort nicht antraf, laͤnger in Zeil⸗ bach zu ſchaffen gehabt?“ erwiederte Se⸗ baſtian mit vorlaͤufiger Verſchweigung der eigentlichen Beweggruͤnde, die ſeine ſchnelle Heimkehr bewirkt hatten.„Lei⸗ der war er, wie denn uͤberhaupt ein 314 ganz beſonderer Unſtern gewaltet, um jedes gegenſeitige Begegnen zu verhin⸗ dern, auch hier ſchon wieder fort, als ich geſtern Abend anlangte. Nichts iſt mir von ihm zu Geſicht gekommen, als einige hinterlaſſene Zeilen, worin er mir meldet, daß er, wie es laͤngſt ſein Wunſch geweſen, Deine naͤhere Bekannt⸗ ſchaft gemacht hat.“ „Von welcher er wohl keinesweges ſehr erbaut geweſen ſeyn mag!“ fiel Helbert ihm ins Wort.„Denn ſo wie ich mit ihm, ſeines unruhig unſteten Weſens und mit unter ganz ſinnloſen Geſchwaͤtzes wegen, nicht eben einen be⸗ ſtaͤndigen Verkehr und Umgang unterhal⸗ ten moͤchte, ſo ſchien er gleichfalls we⸗ der an meiner Perſon, noch an der frei⸗ muͤthigen, vielleicht auch etwas zu bar⸗ ſchen Art und Weiſe, womit ich gegen Dein unuͤberlegtes ploͤtzliches Auf⸗ und —— — — 315 Davonwandern zu Felde zog, ſonderli⸗ ches Behagen zu finden!“ „Du aͤußerteſt gegen ihn,“ ſagte Se⸗ baſtian, den Blick furchtſam zu Boden ſenkend,„daß ich uͤber dieſer Reiſe wich⸗ tigere Gegenſtände zu verſäumen Gefahr laufe. Ich weiß nicht, was Du damit gemeint haben kannſt!“ „Ei nun, nichts anders, als Deine Arbeiten fuͤr die Kanzlei!“ verſetzte Hel⸗ bert mit angenommener Ruhe und Gleichguͤltigkeit.„Du kannſt ja doch niemals vorher beſtimmen, zu welcher Stunde man dort Deiner Dienſte bendoͤ— thigt iſt. um Dir daher Verdruß und Unannehmlichkeiten zu erſparen, haͤtteſt Du wenigſtens genauern Beſcheid uͤber den Tag Deiner Wiederheimkehr zuruͤck laſſen ſollen!“, „Nein, Helbert! das war es nicht! das gewiß nicht, was Du im Sinne 316 hatteſt!“ rief jener, der die Regung des ſchmerzlich uͤberwallenden Gefuͤhles nicht laͤnger zu unterdruͤcken vermochte.„Es iſt hier zu umſtandlichern Erlaͤuterungen uͤber Gegenſtaͤnde ſolches Art freilich kei⸗ nesweges der Ort! Aber Du biſt ſeit geraumer Zeit nicht mehr ſo offen gegen mich; wie ich dieß fruͤherhin an Dir gewohnt geweſen! Du haſt mir Dein Zutrauen entzogen und verſchweigſt mit ängſtlicher Vorſicht mir ein Geheimniß, als ob Du beſorgteſt, ich koͤnne von der Mittheilung deſſelben vielleicht irgend ei⸗ nen Dir nachtheiligen Gebrauch machen!“ „Und wenn es der Fall waͤre,“ ent⸗ gegnete Helbert mit bitterm Laͤcheln;„ſo haͤtteſt Du wohl am allerwenigſten mir einen Vorwurf daruͤber zu machen, weil ich nur nach Deinem eignen Bei⸗ ſpiel mich richten, nur das Wiederver⸗ geltungsrecht an Dir uͤben wuͤrde! 317 Oder koͤnnteſt Du wirklich mit gutem Gewiſſen behaupten, daß Du, und zwar namentlich in Betreff eines gewiſſen Punktes, den ich nicht erſt durch Worte zu bezeichnen brauche, jemals aufrichti⸗ ger gegen mich geweſen wäreſt?“ Sebaſtian kniff die Lippen zuſammen, zog die Augenbraunen in die Hoͤhe, und uͤberließ es dem Freunde, ſich die ſo eben erhobne Frage ſelbſt zu beant⸗ worten. „Aber ſei nur ruhig!“ fuhr Hel⸗ bert mildern Tones zu ſprechen fort. „Die Ungewißheit, uͤber welche Du Dich beklagſt, ſoll, ehe Du es vermutheſt, zu Ende gehen und auch durch die Ra⸗ che, die ich an Dir genommen, ſoll unſrer Freundſchaft nicht der geringſte Abbruch gethan werden! Morgen iſt Sonntag. Ich rechne mit aller Be⸗ ſtimmtheit darauf, Dich des Rachmit⸗ 318 tags zu Hauſe zu treffen, wenn ich auch vielleicht etwas ſpaͤter als gewoͤhnlich mich einfinden ſollte. Auf Wiederſehen alfo! — O mein beſter Sendler!“ fuͤgte er, wie von einer ploͤtzlichen Ruͤhrung ergrif— fen, mit tiefbewegter Stimme hinzu. „Welchen Freund beſitze ich an Dir!“— Und lebhafter und inniger als jemals druͤckte er dem Erſtaunten die Hand und eilte, verfolgt von Sebaſtians nach⸗ ſchauenden Blicken, raſchen Ganges die Straße dahin. Erſt gegen Abend des andern Tages, nachdem Sebaſtian mit ſteigender Unge⸗ duld von einer Stunde zur andern des Freundes geharrt häite, erfolgte endlich die Ankunft deſſelben; doch ſchien dieſe nicht eben durch Geſchaͤftsangelegenheiten unerfreulicher Art verzoͤgert worden zu 7 319 ſeyn; denn heitrer als gewoͤhnlich war ſein Geſicht, ein behaglich zufriedner Muth ſpiegelte ſich in ſeinen Blicken, Vergnuͤgen und Frohſinn gaben in ſeinem ganzen Weſen ſich kund. „Nun wahrhaftig! Lange genug haſt Du dießmal auf Dich warten laſſen!“ rief Sebaſtian ihm entgegen.„Zetzt lohnt es ſich ja kaum der Muͤhe, noch vor das Thor hinaus zu ſpazieren. Ich daͤchte, wir unterließen es, und ver⸗ plauderten gleich hier an Ort und Stelle den Reſt des Abends.“ „Nicht doch!“ verſetzte Helbert.„Die ganze Woche hindurch habe ich Stuben⸗ luft geſchluckt; jetzt iſt mir zede, auch noch ſo kurze Erholung im Freien er⸗ wuͤnſcht und willkommen!“ „Wohl! ſo laß uns!“ ſagte Seba⸗ ſtian, raͤumte ſogleich die Schreibereien, mit welchen er bis zu dieſem Augenblick be⸗ 320 ſchaͤftigt geweſen, an die Seite, griff nach dem Hut und Beide verließen das Dachſtuͤbchen. „Du haſt denn doch ſo ganz Unrecht nicht gehabt, Sendler!“ nahm Helbert das Wort, als ſie ſich unten auf der Straße befanden.„Es faͤngt bereits an zu daͤmmern. Zu einer Wanderung vor das Thor hinaus ſcheint es wirklich zu ſpaͤt! Aber mir faͤllt ſchon etwas Beſſe⸗ res ein. Laß uns nach Ehrmanns Gar⸗ ten hinauf gehen! Dort ſetzen wir uns in die Hollunderlaube, genießen in aller Gemaͤchlichkeit der erfriſchenden Abend⸗ kuͤhle und werden von Niemand ge⸗ ſtoͤrt!“ „Nach Ehrmanns Garten? nach der Hollunderlaube?“ fragte Sebaſtian mit angſtlich beſorgter Miene. 3Hoͤre, beſter Freund! Ich will gern in allen andern Dingen nach Deinem Wunſche mich fuͤ⸗ 321 gen; aber dieſer Vorſchlag gefaͤllt mir ganz und gar nicht!“ „Sei kein Thor!“ erwiederte jener, indem gx ſich ſeines Armes bemaͤchtigte. „Ich gehe dort taͤglich aus und ein und muß am beſten wiſſen, wie weit meine Befugniſſe ſich erſtrecken! Uebrigens brauchen wir, da es eine Nebenpforte giebt, das Haus ſelbſt gar nicht einmal zu beruͤhren. Alſo mache nur keine wei⸗ tern Umſtaͤnde! Ich ſage Dir, wir † werden von keiner Seele bemerkt! Jung und Alt ſitzt in der Wohnſtube beim Abendeſſen und Niemand kommt um dieſe Zeit mehr nach dem Garten hinaus!“ Alles, was Sebaſtian in der bangen Bedrängniß ſeines Herzens aufs neue da⸗ gegen einzuwenden verſuchte, blieb unbe⸗ achtet. Helbert zog mit ſiegreicher Ge⸗ walt ihn mit ſich fort, fuͤhrte ihn auf dem von ihm bezeichneten Nebenwege 2 32 nach dem Innern des Gartens, und ließ ſeinen Arm nicht eher los, bis ſich Bei⸗ de, von tieferer Daͤmmerung umringt, in der traulich ſtillen Hollunderaube ben fanden. „Was Du zuweilen fuͤr wunderliche Einfaͤlle haben kannſt!“ ſagte Sebaſtian, dem die an dieſen Ort ſich knuͤpfenden Erinnerungen immer lebendiger vor die Seele zu treten anfingen.„Nun wirſt Du aber doch auch, zum Lohne meiner Folgſamkeit, endlich Dein bisheriges ge⸗ heimnißvolles Stillſchweigen brechen, und mir Auskunft daruͤber ertheilen, was Du denn eigentlich mit mir, ſo wie mit Dir ſelbſt, im Schilde fuͤhrſt!“ „Ja, Freund, das ſoll geſchehen!“ antwortete Helbert mit ernſtem Nachdruck. „Was ich Dir mitzuthetlen habe, dul⸗ det ohnehin keinen längern Verzug. Und ſo will ich nur gleich mit der Er⸗ 323 klärung beginnen, daß ich Dich haupt⸗ ſaͤchlich in der Abſicht hierher gefuͤhrt habe, um Dich als Mitzeugen zu gebrauchen, indem ich noch heute, noch in dieſer Stunde meine Verlobung zu feiern im Begriff bin!“ „Herr des Himmels! Welche Zumu⸗ thung!“ ſtammelte Sebaſtian und wollte ſich durch die Flucht retten; doch raſch und entſchloſſen vertrat Helbert ihm den Weg. „Halt! Keinen Schritt von der Stelle, bis Du erſt den rechten Zuſam⸗ menhang der Sache erfahren!“ rief er, den Beſtuͤrzten mit kraͤftiger Hand nach dem Innern der Laube zuruͤck draͤngend. „Hege keine ſo alberne Furcht, ſondern ſetze Dich wieder auf Deinen Platz und hoͤre mit Gelaſſenheit an, was ich Dir zu berichten habe.— Aber wahrhaftig! es iſt zu ſpaͤt dazu! Dort kommen die 324 Maͤdchen und nun iſt an ein vernuͤnfti⸗ ges Wort nicht weiter zu denken!“ Wirklich oͤffnete ſich in dieſem Augen⸗ blick die Hinterthuͤr des Hauſes, und zwei weibliche Geſtalten wurden ſichtbar, welche, unter muthwilligem Gelaͤchter, die nach dem Hofraum fuͤhrenden Stu⸗ fen hinabſtiegen, und Arm in Arm dem Garten ſich naͤherten. „O in welche heilloſe Verlegenheit bringſt Du mich!“ ſtoͤhnte der Geaͤng⸗ ſtigte. Ich bitte, ich beſchwoͤre Dich, Helbert! treibe dieſe grauſame Neckerei nicht noch weiter! Ich kann und darf mich vor Dorchen nicht ſehen laſſen! Sollteſt Du noch nicht wiſſen, was hier zwiſchen uns vorgefallen, ſo will ich Dir nachher gern Alles erzaͤhlen. Nur jetzt erzeige mir die einzige Freundſchaft und mache, daß ich hier unentdeckt bleibe!“ „Nun, meinetwegen, Du naͤrriſcher 325 Kautz!“ fluͤſterte jener ihm zu.„So verhalte Dich nur ganz ruhig! Ich will thun, was mir moͤglich iſt, damit man Deiner nicht gewahr werde!“, Unter dieſer Zuſicherung ſchob er ſchnell eine ihm zur Seite befindliche Bank in die Hoͤhe, trug ſie, waͤhrend Sebaſtian ſich tief in die dunkelſte Ecke druͤckte, vor die Laube hinaus und ſetzte ſie, dicht neben dem Eingange derſelben, an den Boden nieder. „Biſt Du es, Helbert?“ ließ jetzt eine ſanfte wohlklingende Stimme ſich vernehmen.„Wo haſt Du denn ſo lan⸗ ge geſteckt? Bald fragt der Eine nach Dir, bald der Andre! Denkſt Du denn gar nicht daran, daß es Zeit wird, uns zu Tiſche zu ſetzen?“ „Du weißt ja, liebes Suschen, wie unertraͤglich mir ein ſo uͤbermaͤßiger Ta⸗ baksqualm iſt!“ erwiederte Helbert.„Den 326 ganzen Nachmittag haben mir die Vet⸗ tern vor der Naſe herum gedampft. Ich konnte es zuletzt nicht mehr aushalten, und fluͤchtete mich in den Garten, um nur erſt wieder ein wenig zu mir ſelbſt zu kommen. Aber auch in der Laube herrſcht eine ſehr ſchwuͤle und beklomme⸗ ne Luft; deßhalb habe ich mir die Bank ins Freie heraus geholt, und ſeid ihr meines Sinnes: ſo bleiben wir hier und gehen nicht eher nach dem Hauſe zuruͤck, als bis wir gerufen werden!“ „Das kann wohl ich wenigſtens nicht, da es in der Kuͤche noch ſo mancherlei zu beſorgen giebt!“ wandte eine zweite, dem zitternden Lauſcher deſto bekanntere Stimme dagegen ein.„Aber ſtill! War es mir doch, als ob ſich ſo eben etwas in der Laube geregt haͤtte⸗“ „Nichts weiter als ein Nachtſchmet⸗ terling, der in den Blättern umher — ,— — —— 327 ſchwirrte!“ entgegnete Helbert.„Oder hegen Sie etwa wieder mißtrauiſche Ge⸗ danken gegen mich? Glauben Sie viel⸗ leicht, daß ich einen armen Suͤnder in der Nähe verborgen halte, der, vom boͤ⸗ ſen Gewiſſen gepeinigt, unruhige Be⸗ wegungen macht? Freilich! Wenn es zum Beiſpiel mein Freund Sebaſtian Sendler waͤre, ſo häͤtte er allerdings gleich die ſchoͤnſte Gelegenheit, Ihnen Abbitte zu thun! Auch wuͤrden Sie ſich wohl, wenn er ſeine Worte gehoͤrig zu ſetzen wuͤßte, nicht eben unverſoͤhnlich finden laſſen!“ „Ach, ſchweigen Sie mir!“ ſagte Dorchen.„Daß der auf den Einfall gerathen ſollte, ſich hier im Garten zu verſtecken, kann mir wohl nicht fuͤglich in den Sinn kommen. Dafuͤr wird ſei⸗ ne Braut zu ſorgen wiſſen!“ 328 „Was ſagen Sie? Seine Braut?“ fragte Helbert. „Nun ja! die Tochter des Wirthes, bei dem er zur Miethe wohnt!“ war die Antwort. 5 „Es ſind dort mehrere Toͤchter im Hauſe!“ bemerkte jener.„Ich weiß nicht, welche Sie meinen! Bei der aͤl⸗ teſten habe ich, kurz vor dem Antritt meiner Wanderſchaft, Gevatter geſtanden. Sie wird im naͤchſten Herbſt ſieben Jahr alt!— Aber Scherz bei Seite! Sie wiſſen, Dorchen, daß ich fruͤherhin Ge⸗ legenheit hatte, ihm einige Dienſte zu leiſten, die in ſeiner damaligen bedraͤngten Lage fuͤr ihn wohl allerdings von ziemli⸗ cher Wichtigkeit ſeyn mußten. Eben ſo bekannt iſt es Ihnen, welch' ein dank⸗ bares Herz er beſitzt! Kein Opfer er⸗ ſchien ihm zu hoch, um es nicht mit be⸗ reitwilliger Seele dem Freunde darzu⸗ 329 bringen. Aus einem leidigen Irrthum, in den er verfallen war, entſprang der raſche Schritt, den er gethan. Was ich dabei empfinden muß, und welche Pflicht mir dadurch auferlegt wird, mag Ihnen das eigne Gefuͤhl ſagen! Aber gewiß wuͤrden auch Sie, wenn er vor Ihnen zu erſcheinen, den Muth haͤtte—“ „Ach, hier iſt er ja ſchon! Hier ſteht er und erwartet ſein Urtheil!“ be⸗ gann Sebaſtian ploͤtzlich, indem er de⸗ muͤthig gebuͤckten Hauptes und mit furcht⸗ erfuͤlltem, faſt weinerlichem Geberdenſpiel aus ſeinem Schlupfwinkel hervor geſchli⸗ chen kam. „Bravo! Selbſt iſt der Mann!“ rief der erfreute Helbert ihm zu.„Doch jetzt erlaube, daß ich Dich, um neuen moͤg⸗ lichen Mißverſtaͤndniſſen vorzubeugen, vor allen Dingen mit meiner wirklichen Braut bekannt mache! Hier, die aͤlteſte Tochter 330 des Drechslers Ehrmann, dieſe hier iſt es und Suſanne heißt ſie mit Na⸗ men. Da, ſchaue ſie Dir recht genau an!— Und nun ſieh zu, wie Du Dich mit der andern wieder verträgſt! Gelingt es Dir, ſo feiern wir gemein⸗ ſchaftlich heute die Verlobung und in vier Wochen, ſo Gott will, die Hochzeit!“ Bang und ſchuͤchtern hob Sebaſtian den flehenden Blick zur Geliebten empor; aber weder Groll noch Unwillen hatte jener Auftritt in ihr zu erregen vermocht. Von unverminderter Zuneigung war noch ihr Herz erfuͤllt, liebevoll begegnete ihr Auge dem ſeinigen, und mit dem ſuͤßen Laͤcheln der Gewaͤhrung reichte ſie dem Ueberſeligen die Hand zum unaufloͤslichen Bunde. — — ———— — 331 Die Chriſtbeſcherung. — Wi durch Zaubergewalt hatte Seba⸗ ſtians Weſen ſich ploͤtzlich verwandelt, nachdem er ſeines Gluͤckes gewiß gewor⸗ den, und durch die Veranſtaltung des Freundes ſo ſchnell und unverhofft zum Beſitz der Auserwaͤhlten gelangt war. Keine Spur jenes aͤngſtlichen Kleinmu⸗ thes, dem er fruͤherhin, beim Eintritt mißlicher Lagen uud Verhaͤltniſſe, ſich zaghaft dahin zu geben pflegte, ließ mehr an ihm ſich bemerken. Leicht und freu⸗ dig erhob ſich ſein Geiſt uͤber die Sor⸗ gen des Lebens, und weder Kummer noch Ungemach waren vermoͤgend, uͤber die unverwuͤſtlich heitre Stimmung, die ihm eigen geworden war, einen dauern⸗ den Sieg zu gewinnen. Weniger dage⸗ 332 gen vermochte Dorchen, obwohl ſie mit redlichem Willen dem gegebnen Beiſpiel nachzueifern bemuͤht war, ihr beiderſei⸗ tiges Loos mit ſtets zufriednem Sinn zu betrachten und in die Beſchwerniſſe des Mangels ſich zu finden, der nur zu bald bei dem jungen Ehepaar ſich einſtellte und in eben dem Maße, als mit dem Anbruch des Winters die Lebensbeduͤrf— niſſe ſich vermehrten, immer fuͤhlbarer und druͤckender zu werden begann. Der karge und kuͤmmerliche Gewinn des Flei⸗ ßes war ſelbſt zu Beſtreitung der noth⸗ wendigſten Ausgaben nicht hinreichend; bei allen Einſchraͤnkungen, zu welchen man ſeine Zuflucht nahm, gebrach es nicht ſelten an den erſten und weſent⸗ lichſten Erforderniſſen; truͤbe war die Gegenwart, noch truͤber die Ausſicht in die Zukunft, und nur vor Sebaſtians muntrer Laune zertheilte ſich von Zeit zu 333 Zeit, wie vor einem erfreulichen Licht⸗ ſchimmer, das duſtre Nebelgewoͤlk.— „Gewiß mag drunten auf der Gaſſe wieder eine recht grimmige Kaͤlte herr⸗ ſchen, liebes Dorchen!“ ſagte er eines Morgens zu ſeiner Frau.„Sieh nur, wie die Fenſter von Eisblumen ſtarren, und wie die weißen Maͤuſe ſich tief, tief unter die Sägeſpaͤne verkriechen! Gott⸗ lob! daß unſer Dachſtuͤbchen, gegen den ſchneidenden Nordoſtwind geſchuͤtzt, eine ſo koͤſtliche Lage hat!“ „Wohl gut, beſtes Maͤnnchen!“ er⸗ wiederte ſie.„Aber was hilft es am En⸗ de, gegen das Erfrieren geſichert zu ſeyn, wenn man dafuͤr tagtaͤglich dem Verhungern ausgeſetzt iſt! Entbeh⸗ ren will ich gern; daß wir aber, trotz unſrer Luſt und Liebe zur Arbeit, fort und fort mit ſo druͤckenden Nahrungs⸗ 334 ſorgen zu kaͤmpfen haben, das iſt hart, ſehr hart!“ „Läſtre nicht, Weibchen!“ unterbrach Sebaſtian ihre Rede.„Erſtrecken ſich dießmal unſre Ausſichten nicht bis uͤber den dritten Weihnachtsfeiertag hinaus? Und ſoll ich ſie Dir an den Fingern herzahlen? Heute Mittag eine herrliche Bierſuppe, wozu wir alles Erforderliche, den Syrup ausgenommen, bereits im Hauſe haben! Morgen, zu meinem Ge⸗ burtstage, Milchreis mit Zimmt und Zucker, und uͤbermorgen, am erſten Weihnachtsfeiertage, den Kalbskopf, in Sauer gekocht, den mir Meiſter Hau— ſchild fuͤr ein Billiges zu uͤberantworten verſprochen hat! Viktoria! Zetzt lauf' ich nach der Kanzlei, uͤberreiche das Ab⸗ geſchriebene und ſtreiche dafuͤrz netto acht⸗ zehn Groſchen in den Sack. Das hilft und erweckt neuen Muth! Du arbeiteſt — 335 indeſſen an dem Kleide fuͤr die Steuer⸗ einnehmerin, morgen wird es ihr fir und fertig uͤberbracht;— thut zehn Groſchen. Summa Summarum einen Thaler, vier Groſchen!— Kind, Du ſprichſt vom Verhungern und mir huͤpft und jubilirt das Herz unter der Weſte, wenn ich an die bevorſtehende glaͤnzende Einnahme denke! Gieb Acht! Wir er⸗ reichen mit dem Gelde das liebe Neu⸗ jahr, und wer weiß, welcher neue Hoff⸗ nungsſtern uns mittlerweile wieder auf⸗ geht. Mit dem alten Thorſchreiber ver⸗ ſchlimmert es ſich ohnehin von Tag zu Tage. Eh' man ſich's verſieht, liegt er draußen bei ſeinen Vaͤtern und ſtatt ſei⸗ ner ſitzt Sebaſtian Sendler am Schieb⸗ fenſterchen unter dem Thor. Verleiht ihm der liebe Gott uͤber kurz oder lang die ewige Ruhe, ſo kann mirs nicht feh⸗ len! faͤhrt er morgen ab, ſo ſitz' ich 336 uͤbermorgen an ſeinem Platz. Fleiß und Geſchicklichkeit, Goͤnner und Freunde—“ „Ja troͤſte Dich nur mit der Hoff⸗ nung!“ verſetzte die Zweiflerin.„Wenn es zum Klappen kommt, gehſt Du doch wieder leer aus! Eh' Du Dich recht beſinnſt, hat Dir ein Andrer den Poſten vor der Naſe weggeſchnappt und es iſt wieder das alte Lied; denn Du biſt nun einmal zum Ungluͤck geboren!“ „Thoͤrichtes, unuͤberlegtes Geſchwätz! eiferte Sebaſtian.„Ich, dem ein ſol⸗ ches Weib, dem ein ſolcher Freund zu Theil geworden, ich zum Ungluͤck ge⸗ boren!“ „Wahr iſt es freilich;“ fuhr jene fort. „Der liebe Gott hat Dir vielfaͤltige herr⸗ liche Gaben und Eigenſchaften verliehen. Du ſchreibſt eine wunderſchoͤne Hand, das muß Dir der Neid laſſen— ſo ſchoͤn, wie in Kupfer geſtochen; doch —— —— 337 verſtehſt du dich nicht gehoͤrig in die Leute zu ſchicken! Du weißt deine Ge⸗ danken ſo zierlich zu Papier zu brin⸗ gen, daß man nachher am Vorleſen ſeine wahre Luſt hat; geraͤthſt aber au⸗ genblicklich ins Zittern und Stocken, ſobald du vor einer Standesperſon er⸗ ſcheinſt, um ihr muͤndlich dieß oder je⸗ nes vorzutragen! Du ziehſt in deiner Gutmuͤthigkeit den Sonntagsrock vom Leibe, um einem zerlumpten Handwerks⸗ burſchen die Bloͤße damit zu decken; denkſt aber nicht daran, daß du ſelbſt nachher dich Wochen lang vor keinem ehrbaren Menſchen kannſt ſehen laſſen! — Das Alles empfiehlt nicht! Das Alles bringt heut' oder morgen an den Bettelſtab, aber nun und in Ewigkeit nicht in den Thorſchreiberpoſten! Wenn du dir noch wenigſtens die Untugend mit der linken Hand vollends—“ 22 338 „Koche nur unterdeſſen die Bier⸗ ſuppe, liebes Dorchen!“ rief der Eil⸗ fertige.„Ich ſaͤume jetzt keinen Au⸗ genblick laͤnger, ſondern ſchieße mit Win⸗ desſchnelle nach der Kanzlei!“ Er holte bei dieſen Worten ſeinen alten abgetragenen Tuͤffelrock vom Nagel herab, fuhr in die nicht viel beſſer be⸗ ſchaffenen Fauſthandſchuhe, nahm die zu uͤberliefernden Abſchriften ſauber zuſam⸗ mengerollt unter den Arm, und eilte, halb trippelnd halb trabend, uͤber die glatt gefrornen Pflaſterſteine fort nach der Kanzlei, wo man, nach Beſichti⸗ gung der Arbeit, die ihn zwei Tage und eine Nacht hindurch an den Schreib⸗ tiſch gefeſſelt gehalten, einiger leer gelaſ⸗ ſenen Spalten wegen, von dem ſauer erworbenen Lohne zwei Groſchen abzog, und ihn ſodann mit dem Beſcheide, daß er vielleicht erſt in einigen Wochen auf 339 neuen Verdienſt zu rechnen habe, wieder entließ. Der Ruͤckweg fuͤhrte ihn am Hauſe des Lotterieeinnehmers vorbei. Morgen war Ziehungstag; und fortwaͤhrend gin⸗ gen daher Leute aus und ein, um dem Gluͤck, wofern es ihnen vielleicht ein reiches Chriſtgeſchenk zuzuwenden ge⸗ neigt ſei, die ſchicklichſte Gelegenheit dazu an die Hand zu geben. Sebaſtian ſtand einen Augenblick ſtill; denn auch in ſeinem Gemuͤthe fing, beim Anblick der voruͤberziehenden, gewinnluſtigen Menge, ſich ein kecker Gedanke unwi⸗ derſtehlich zu regen an.„Benutze den Wink!“ flͤſterte eine Stimme in ſei⸗ nem Innern.„Die naͤchſte Ziehung fällt gerade an deinem neun und zwan⸗ zigſten Geburtstage, und die drei Num⸗ 340 mern, aus welchen dein Gluͤck erbluͤhen will, ſpringen mithin von ſelbſt dir klar und deutlich in die Augen. Ein Thor biſt du, wenn dnu nicht ſogleich zu Er⸗ hebung des glänzenden Gewinnes die noͤ⸗ thigen Vorkehrungen triffſt!“ In peinlicher Unruhe drehte Seba⸗ ſtian, während ſein Gebluͤt bei dem un⸗ entſchloſſenen Zaudern, mehr und mehr in Wallung gerieth, ſich auf dem Ab⸗ ſatze herum. Da ſah er einen weitlaͤuf⸗ tigen Verwandten ſeiner Frau, den Sei⸗ fenſieder Friebel die Straße heraufkom⸗ men.„Gut, daß ich Euch treffe, theu⸗ erſter Vetter!“ redete dieſer ihn an. „Ich befinde mich in einer Geldverle⸗ genheit, die alle menſchlichen Begriffe uͤberſteigt! Steht es in Eurer Macht, ſo uͤbt ein chriſtliches Werk, und leiht mir bis morgen, nur bis morgen ein halbes Thaͤlerchen!“ 341 „Ihr ſeid ein lockrer Zeiſig, Vet⸗ ter!“ antwortete Sebaſtian.„Gewiß wollt ihr wieder in der Lotterie ſpielen, und es fehlt euch am Einſatze! All Euer Hab und Gut iſt auf dieſem ver⸗ maledeieten Wege bereits in die Bruͤche gegangen, und doch koͤnnt Ihr es noch immer nicht laſſen! Ein ſauberer Le⸗ benswandel, den Ihr fuͤhrt! Mit Werg und Pech moͤchte man ſich die Ohren verſtopfen, ſobald jemand von Euch zu ſprechen anfaͤngt! Daheim ſchreien die Kinder nach Brot, wie die jungen hun⸗ grigen Raben; während der ehrvergeſ⸗ ſene Vater ſich auf den Bierbaͤnken und in den Spielhaͤuſern herum treibt! Geht in Euch, Vetter! fangt eine neue Le⸗ bensweiſe an! die alte bringt Euch an den Bettelſtab, ins Zuchthaus, an den Galgen!“ „Wie koͤnnt Ihr doch nur eine ſo 34⁴2 ſchlimme Eeſinnung gegen mich hegen!“ verſetzte Friebel mit ſcheinheiligem Ge⸗ berdenſpiel.„Ach, eben meine armen verhungerten Wuͤrmerchen ſind es, die mich heute auf die Straße hinaus getrie⸗ ben haben! Rath muß geſchafft wer⸗ den, oder das Herz bricht mir noch vor Leid und Jammer! Ich habe mich mit ſo hoffnungsvollem Vertrauen an Euch gewandt! Ach, ich bin die ungluckſe⸗ ligſte Kreatur auf Gottes Erdboden, wenn Ihr mir meine Bitte nicht ge⸗ waͤhrt!“ „Die ungluͤckſeligſte Kreatur auf Got⸗ tes Erdboden!“ wiederholte Sebaſtian mit geruͤhrter Stimme, indem er ſeinen Blick zum Himmel emporſchlug, und an die warme Bierſuppe dachte, die er bei der Nachhauſekunft mit Dorchen zu verzehren geſonnen war. „Hier, Vetter, iſt der halbe Tha⸗ —————— 343 ler!“ fuhr er fort.„Merkt aber auf meine Warnung, und laßt Euch vom Satan nicht blenden! Nur mit genauer Noth bin ich ſelbſt ſo eben ſeiner Lok⸗ kung entgangen!— Er theilte hier⸗ auf, in der Meinung, daß das gege⸗ bene Beiſpiel vielleicht von erſprießlicher Wirkung ſeyn werde, dem Seifenfieder auf das umſtandlichſte die Gedanken mit, die kurz vor deſſen Ankunft mit verfuͤhreriſchem Reiz ihm in der Seele aufgeſtiegen waren, und erkundigte ſich zuletzt beim Abſchiede noch fluͤchtig nach dem heutigen Befinden des Thorſchrei⸗ bers, in deſſen Nachbarſchaft ſich Frie⸗ bels Wohnung befand⸗ „Ei mit dem wird es wohl noch vor dem Neujahr Matthaͤ am letzten ſeyn!“ verſetzte der Befragte, der Send⸗ lers geheime Hoffnungen und Abſichten kannte, und ihm fuͤr das geliehene Geld 344 gern etwas Erfreuliches ſagen wollte. „Wie ich aus hoͤherer Hand weiß, hat er in letztverwichener Nacht ſich bei zu⸗ nehmender Bruſtbeklemmung drei Stun⸗ den lang aus der Poſtille vorleſen laſ— ſen; ein untruͤgliches Merkmal, daß es mit ihm im Sturmſchritt zu Ende geht!“ Sebaſtian druͤckte bei dieſer Bot⸗ ſchaft dem Seifenſieder mit ziemlich leb⸗ hafter Innigkeit die Hand, und ſchied von dannen. Friebel aber ſchlich, ſo— bald jener den Ruͤcken gewandt hatte, in das Haus des Einnehmers, beſetzte die ihm angegebenen drei Nummern und verfuͤgte ſodann, die bloͤdſichtige Gut⸗ muͤthigkeit des Vetters mitleidig belä⸗ chelnd, ſich in das naͤchſte Bierhaus, um daſelbſt dem Reſte des Darlehns die gewohnte Beſtimmung anzuweiſen. „Nun laͤßt er ſich ſchon aus der Poſtille vorleſen! Nun ſitz' ich, ehe man die Hand umdreht, am Schiebfen⸗ ſterchen unter dem Thor!“ rief Seba⸗ ſtian, indem er, nach dem Dachſtuͤbchen zuruͤckgekehrt, haſtig auf und ab zu ſchreiten begann. Dorchen hatte ſich ſo eben vom Nähtiſch erhoben, um die Glut zu ſchuͤren und anzufachen, die mit behaglichem Schimmer im Kamin empor loderte. Das froͤhliche Ungeſtuͤm, mit welchem Sebaſtian ſeinen Einzug hielt, erfuͤllte ſie mit furchtſamen Zwei⸗ feln und Beſorgniſſen. Mißtrauiſch fragte ſie ihn, ob er auf dem Ruͤckwege wohl gar irgendwo eingeſprochen, und gegen Gewohnheit ſich beim Glaͤschen guͤtlich gethan habe? „Ach nein, Herzenskind!“ entgeg⸗ nete er.„Ich bin nuͤchtern, wie unſer Stieglitz! Eine edlere Begeiſterung iſt 346 es, die mich uͤber den Erdenſtaub er⸗ hebt! Die noch bevorſtehende Erledi⸗ gung des Thorſchreiberpoſtens iſt es, die mir in den Fußſohlen prickelt! Aber ſprich! wie ſteht's um die Bierſuppe?“ „Komm, kaͤnnchen!“ ſagte die wieder beruhigte Frau.„Komm, nimm dieſen Topf von dem Feuer, und ſchuͤtte behutſam in den dabeiſtehenden, wäh⸗ rend ich ruͤhre!“ Dienſtfertig zog der Hungrige die Fauſthandſchuhe aus, und wollte zugrei⸗ fen.„Wieder mit der linken Hand?“ rief jene mit verweiſendem Unwillen. Schnell beſann er ſich, ſtreckte die rechte Hand aus, und ſchon im naͤchſten Au⸗ genblick ſtroͤmte das kochende Bier der Ungluͤcklichen uͤber beide Hände herab. Dorchens Zetergeſchrei, verbunden mit dem Schamgefuͤhl der eigenen Unbehuͤlf⸗ lichkeit, beſtuͤrmten mit abwechſelnder ——— 3 347 Gewalt den Betäubten. Vor Schreck und Entſetzen ſeiner Sinne kaum maͤch⸗ tig, ließ er den Topf aus der Hand fallen, umfaßte die Jammernde, und ſuchte mit den Zipfeln des Tuͤffelrockes ihr die Haͤnde in moͤglichſter Geſchwin⸗ digkeit zu reinigen, um der zerſtoͤrenden Wirkung der ſiedend heißen Fluͤſſigkeit Einhalt zu thun⸗ „Daß ſich der Himmel erbarme!“ war Dorchens erſter Ausruf, als ſie endlich Beſinnung und Sprache wieder⸗ fand.„Nun kann ich nicht fortarbei⸗ ten! Nun kann ich der Steuereinneh⸗ merin morgen um die feſtgeſetzte Stunde das Kleid nicht liefern!“ Wirklich war es gerade die rechte Hand, die am meiſten gelitten hatte, und nunmehr, von Brandblaſen bedroht, einen fuͤr den zaͤrtlich beſorgten Ehegat⸗ ten ſehr niederſchlagenden Anblick ge⸗ 348 waͤhrte. Unverzuͤglich rannte er nach der Kammer hinaus, um Leinwand zu einem einſtweiligen Verbande zu holen, den er ihr ſodann, unter fortwaͤhrender Vertroͤſtung auf die ſchnellwirkende Heil⸗ kraft der Brandſalbe, die er aus der naͤchſten Apotheke herbeizuſchaffen ge⸗ denke, mit aͤmſiger Geſchaͤftigkeit an⸗ legte. Nach vollbrachtem Werk geleitete er ſie, unter Ergießungen liebkoſender Theilnohme, bis zu dem Lehnſtuhl am Ofen, kehrte darauf zu dem Kamine zuruͤck, betrachtete in ſeiner Zerknir— ſchung und Betruͤbniß das am Boden ſchwimmende Bier, und ſeufzte:„ Wie wunderbar, o Herr, ſind deine Ge⸗ richte!— Das ſoll mich doch verlan— gen,“ ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu,„ob du auch dieß, wie die Schrift ſagt, herrlich hinausfuͤhrſt!“— Ohne fuͤr jetzt ans Aufraumen und Aus⸗ 349 fegen zu denken, warf er noch einen mitleidsvollen Blick auf ſein ſtill wim⸗ merndes Weibchen, verſprach, mit dem erprobten Heilmittel, baldigſt zuruͤck zu kehren, und machte ſich auf den Weg nach der Apotheke. Schon war er die Straße eine gute Strecke entlang gelaufen, als ein ihm unbekannter Mann ihn anredete. „Koͤnnen Sie mir vielleicht Auskunft geben, lieber Freund, wo der Herr Se⸗ baſtian Sendler wohnt, nach welchem ich ſchon ſeit einer Stunde vergeblich herumſuche?“ „Gerade der bin ich ſubſt Was ſteht dem Herrn zu Dienſten?“ erwie⸗ derte der Befragte. „Ei der Tauſend!“ rief der Fremde. „Wie es ſich doch in der Welt mitun⸗ ter ſo wunderbar treffen muß! Eben war ich, aus Unmuth uͤber das frucht⸗ 350 loſe Suchen und Nachfragen, ſchon im Be⸗ griff, es mit dem Geburtstagswunſch bei der alten Gewohnheit bewenden zu laſ⸗ ſen. Erlauben Sie jetzt, daß ich Ih⸗ nen, der ſchneidenden Kaͤlte wegen, meine ergebenſte Bitte nur ganz in der Kuͤrze vortrage! Ich bin der Zetteltraͤger des hieſigen Theaters, beſitze an dem Herrn Amtshauptmann, der morgen ſeinen Ge— burtstag feiert, einen hohen Goͤnner und Wohlthaͤter, und bin ſchon ſeit langen Jahren gewohnt geweſen, ihm zu beſagtem Feſte meinen Gluͤckwunſch in ſchriftlicher Abfaſſung an den Tag zu legen. Von jeher habe ich mir mit dem eigenen Geſchreibſel zu helfen ge⸗ ſucht, und der Gnaͤdige hat den guten Willen fuͤr die That nehmen muͤſſen; ſeitdem aber Meiſter Helbert mir geſtern Ihre außerordentliche Geſchicklichkeit in der edlen Schönſchreibekunſt geruͤhmt 351 hat, bin ich luͤſtern geworden, meinen hochpreislichen Goͤnner einmal mit etwas Extraordinärem zu uͤberraſchen. Wenn Sie alſo meinen inſtaͤndigen Wunſch in Erfuͤllung—“ „Ja, liebſter Mann!“ unterbrach ihn Sebaſtian, der, zitternd vor Froſt und Hunger, bei Anhoͤrung dieſes Be⸗ richtes ſich fortwaͤhrend gereckt und ge⸗ ſchuͤttelt hatte.„Wenn ich Ihnen da⸗ durch nuͤtzlich werden kann, ſo ſoll es noch heute geſchehen!“ „Ich habe hier,“ fuhr er fort, in⸗ dem er ihm ein zuſammengeſchlagenes Papier uͤberreichte,„die ſchriftlich aus⸗ zudruͤckenden Grundgedanken des Gluͤckwunſches zur weitern Verarbeitung niedergeſchrieben. Wenn Sie auch die⸗ ſem letztern Geſchäft ſich unterziehen, und das Ganze zugleich in die gehoͤrige Form bringen, und einkleiden wollten, 352 wuͤrden Sie mich doppelt verbinden⸗ Lieb waͤre es mir uͤbrigens, wenn Sie mir ſchon im Voraus ſagen wollten, was ich Ihnen etwa fuͤr Ihre Muͤhe—“ 5 Ei, daruͤber machen Sie ſich nur keine Sorge!“ rief der Dienſtfertige. „Sie moͤgen mir, wenn ich Sie recht betrachte, wohl auch eben keine Gold⸗ berge beſitzen; das thut aber nichts! Der begehrte Aufſatz ſoll doch ſchon die⸗ ſen Nachmittag um vier Uhr fertig ſeyn. Sie ſind von meinem Freund Helbert an mich gewieſen, und Ihr Ge⸗ ſicht gefaͤllt mir— ich verlange gar keine Bezahlung!“— Er beſchrieb hierauf dem erfreuten Alten ſeine Woh⸗ nung, entſchuldigte ſich mit wichtigen, keinen laͤngern Verzug duldenden, Ge⸗ ſchaͤften, und eilte fort.— 353 „Fuͤnf bis acht Minuten koͤnnen wohl uͤber der Zubereitung des Mittel⸗ chens hingehen!“ ſagte der kleine dicke Proviſor in der Apotheke, nachdem Se⸗ vaſtian ſein Geſuch vorgebracht, und um ſchnelle Abfertigung gebeten hatte. „Bleiben Sie aber nicht in der kalten Zugluft ſtehen, Freundchen, ſondern wenn ich Ihnen rathen ſoll, ſo treten Sie unterdeß hier in das anſtoßende, warme Cabinettchen! Es befindet ſich ein geheitztes Kanonenoͤfchen darin!“ Jener folgte der Einladung ſogleich, ſtellte ſich behaglich mit dem Ruͤcken ge⸗ gen den Ofen, zog das ihm uͤberreichte Papier, mit den darauf befindlichen Grundgedanken, hervor, und fing auf das ämſigſte ſich in die Ausarbeitung derſelben zu vertiefen an. „Ei potz Kräuterchen! wie riecht's denn hier im Cabinettchen!“ ſchrie der 23 354 eintretende Proviſor, indem er ſchnuͤf⸗ felnd, und mit der Behendigkeit eines Kreiſels, ſich um die eigne Achſe zu drehen begann.„Männchen, was ha⸗ ben Sie angerichtet!“ fuhr er, dem Unheil auf die Spur gerathend, mit erhoͤhtem Tonwechſel fort.„Ihre ganze Kehrſeite glimmt ja wie Loͤſchpapier! Eh eine Minute ins Land kommt, bren⸗ nen Sie lichterloh an allen Ecken und Kanten!“ „Der gluͤhende Oſen hat's angerich⸗ tet!“ rief Sebaſtian, indem er ſich um⸗ wandte, und mit Grauen und Entſetzen die Verwuͤſtung bemerkte, die waͤhrend ſeines ſtillſinnigen Nachgruͤbelns beide Rockſchoͤße von hinten ergriffen, und in Zunder verwandelt hatte. „Nein, das Spaͤschen iſt Geld werth! Eine Silhouette in getuſchter Manier!“ rief der Proviſor, ſeiner ſa⸗ 355 tyriſchen Laune freien Lauf laſſend, waͤh⸗ rend jener todtenbleich mit der beſchaͤ⸗ digten Seite ſich gegen die naͤchſte Wand preßte, um durch fortgeſetztes Reiben die immer weiter greifenden Funken zu erſticken und auszuloͤſchen.„Nein, Maͤnnchen! dafuͤr giebt's keine Brand⸗ ſalbe in unfrer Offizin! Aber laſſen Sie ſich rathen! Wenn ſie den Rock in gleicher Richtung rund herum ab⸗ ſchneiden, ſo wird ein Spencerchen draus!“ Der kleine runde Mann ſchlug, vor Freuden uͤber den witzigen Einfall, ein hell gellendes Gelaͤchter auf. „Sie haben Recht!“ ſagte Seba⸗ ſtian mit kummervoller Geberde.„Wenn ich in dieſem Aufzuge mich auf der Straße blicken ließe; ich fuͤrchte, die Gaſſenbuben wuͤrden es noch viel weiter 23* 356 treiben, als Sie, und es nicht bei dem bloßen Auslachen bewenden laſſen!“ Auf ſein Verlangen reichte ihm je⸗ ner eine Papierſchere; Sendler breitete den ausgezogenen Rock uͤber den Tiſch hin, fing herzhaft nach dem Augen⸗ maße zu ſchneiden an, und ſchnell war die in Vorſchlag gebrachte Umgeſtaltung vollzogen. Mit ſchwerem Herzen langte er wie⸗ der in ſeinem Dachſtuͤbchen an. Dor⸗ chen ſchlug die Haͤnde uͤber dem Kopf zuſammen, als ſie ihn erkannte, und aus ſeinem Munde den Unfall vernahm, der ihn ſo eben in der Apotheke getrof⸗ fen, und ſeiner aͤußeren Geſtalt dieß fremdartige Anſehen verliehen hatte. „Aber beſtes Kind!“ rief er troͤſtend und beſchwichtigend, bevor ſie noch zum Wort zu kommen vermochte.„Im 357 naͤchſten November wird es fuͤnf Jahr, daß ich den Rock bei Regen und Son⸗ nenſchein am Leibe trage. Willſt du denn gerade gegen ihn alle Billigkeit rein weg aus den Augen ſetzen? Soll er denn ewig halten? Iſt nicht Alles in dieſer unvollkommenen Welt der Ver⸗ gaͤnglichkeit unterworfen? nutzen nicht ſogar Stein und Eiſen ſich ab? und kann man es alſo einem fuͤnfjaͤhrigen Tuͤffelrocke verargen, wenn auch er dem allgemeinen Beiſpiele folgt?“ Gegen ſo uͤberzeugende Beweisgruͤnde wußte die Frau nichts weiter einzuwen⸗ den! Geduldig reichte ſie ihm jetzt, zu Anwendung des mitgebrachten Heilmit⸗ tels, die kranke Hand hin, und Seba⸗ ſtian hatte, während er noch mit der⸗ ſelben beſchaͤftigt war, bereits das Ver⸗ gnuͤgen zu hoͤren, daß die Salbe von —— 358 ungemein wohlthuender Wirkung zu ſeyn ſcheine. „Das Sprichwort will uͤbrigens behaupten,“ fuhr er nach einer Pauſe zu ſprechen fort,„daß ein Ungluͤck ſel⸗ ten allein komme; es iſt aber nicht wahr, liebes Dorchen, es iſt eine Erz⸗ luͤge! Erſt ſo eben bin ich auf die augenſcheinlichſte Weiſe vom Gegentheil uͤberfuͤhrt worden. Denke dir nur! Der Proviſor in der Apotheke, ein lieber, freundlicher Mann, ſaß eben beim Fruͤh⸗ ſtuͤck, als ich ins Haus trat. Er ruhte nicht, und es half kein Sträuben und Abwehren; ich mußte mit zulangen, mußte bis auf den letzten Biſſen mit aushalten! Nimm deine Einbildungs⸗ kraft zu Huͤlfe. Dorchen! Denke dir koͤſtlichen weſtphaͤliſchen Schinken, wie 359 gemalt! ächten hollaͤndiſchen Rahmkaͤſe auf Weißbrod, und ein reichliches hal⸗ bes Stutzglas aufrichtigen Danziger hin⸗ terdrein! Denke dir dieß, und du haſt einen ſchwachen Begriff von dem Goͤt⸗ termahl, welches deinem Sebaſtian zu Theil ward! Du kannſt leicht errathen, daß ich, in ſolchem Ueberfluſſe ſchwel⸗ gend, auch deiner nicht vergaß! Ein⸗ ſtecken freilich konnte ich nichts, ob ich mich gleich damals noch im Beſitz meiner Rocktaſchen befand; das ging nun einmal nicht an. Aber Sorge hab' ich dennoch getragen, daß du nicht ſo ganz leer dabei ausgehſt. Laß uns nur die Bierſuppe verſchmerzen! Die Magd unten im Hauſe holt dir ein Mittags⸗ eſſen aus dem ſilbernen Haifiſch; ich hoͤre ſie bereits die Treppe herauf⸗ kommen.“ Innig geruͤhrt uͤber dieſe Fuͤrſorge, 360 ſtreichelte Dorchen mit ihrer verbundenen Hand ihm die Wange.„Du mußt aber durchaus mit eſſen, wenn es mir ſchmek— ken ſoll!“ ſagte ſie, als der dampfende Napf vor ihr auf dem Tiſche ſtand. „Um keinen Preis in der Welt waͤr⸗ ich es im Stande!“ verſetzte Sebaſtian. „Koͤſtlich aber riecht es, das muß wahr ſeyn!“ Er ließ hierauf ſich einige Brotkru⸗ men reichen, trat, vor dem verfuͤhreriſch aufſteigenden Brodem ſich rettend, ans Fenſter und fuͤtterte die weißen Maͤuſe, die mit ungeduldiger Eilfertigkeit ſogleich an der Drahtkette des Glaſes empor kletterten, und heißhungrig ſich den Vor⸗ rang ſtreitig zu machen ſuchten, als ſie die Annaͤherung ihres Verſorgers zu wit⸗ tern anfingen. Ernſt und in ſich ſelbſt gekehrt, beobachtete er den gehaͤſſigen Wetteifer, mit welchem die kleinen Ge⸗ 361 ſchoͤpfe waͤhrend des Genuſſes unaufhoͤr⸗ lich ſich anfeindeten.„Maͤnnchen und Weibchen;“ dachte Sebaſtian,„und doch ſo mißguͤnſtig! Nein, unter den Menſchen herrſcht doch eine viel ſanftere Geſinnung, als unter den Maͤuſen!“ „So komm doch, lieber Mann, und iß mit!“ rief Dorchen.„Wir haben lange ſo etwas Wohlſchmeckendes nicht in unſern vier Pfählen gehabt!“ „Soll ich denn mit Gewalt platzen?“ ſchrie Sebaſtian, indem er unmuthig zur Häͤlfte ſich nach ihr umkehrte.„Und platzen muß ich bei dem erſten Biſſen, den ich jetzt zu mir nehme!“ „Sei nicht eigenſinnig!“ fuhr jene nach einer Weile zu bitten fort.„Ver⸗ ſuche wenigſtens einen einzigen Loͤffel da⸗ von!“ „Nun ſo ſtuͤrme denn auf meine Ge⸗ ſundheit los!“ rief er aus, indem er kopf aus dem Sinn; droben uͤber den 362 mit wilder Geberde auf den Tiſch zu⸗ rannte und die dargereichte Probe gierig hinunter ſchluckte.„Ihr Weiber muͤßt nun einmal euern Willen behaupten und durchſetzen!“ „Wollen wir nicht,“ ſagte Dorchen, nachdem die Mahlzeit geendigt war, „wieder einmal zuſammen rechnen, wie hoch ſich gegenwaͤrtig unſre Baarſchaft belaͤuft? Achtzehn Groſchen haſt Du in der Kanzlei ausbezahlt erhalten; da⸗ von haſt Du fuͤr Brandſalbe und Mit⸗ tagseſſen—“ „Laß es gut ſeyn, Schatz!“ ſiel Sebaſtian ihr ins Wort.„Fange nicht an zu rechnen; noch weniger aber hadre mit den Fuͤgungen des Himmels! Denke nicht weiter an den Milchreis; ein dun⸗ kel waltendes Verhaͤngniß ſpottet Deiner Hoffnungen! Schlage Dir den Kalbs⸗ 363 Wolken iſt es anders beſchloſſen! Zwei Gro⸗ ſchen zog man mir an der Schreiberei ab, zwei Groſchen verſchlang die Mohrenapo⸗ theke, eben ſo viel der Haifiſch; einen halben Thaler lieh ich dem Vetter zu Le⸗ bensmittel fuͤr die hungrigen Kreaturen, die der Leichtſinnige in die Welt geſetzt hat. Summa, Summarum: die Taſche iſt wieder ſo leer, wie der Brotſchrank!“ „Ach du mein Herrgott!“ wehklagte Dorchen.„Dem Trunkenbold, dem Kar⸗ tenſpieler, der Dich ſo oft ſchon betro⸗ gen hat, giebſt Du abermals Dein ſo ſauer erworbnes Geld zum Verpraſſen hin! Nein, Sebaſtian! Haͤtteſt Du es in den Gotteskaſten geſteckt; ich wuͤrde mich daruͤber zufrieden gegeben haben, wenn auch die ganze Stadt Dich einen hoffärtigen Phariſaͤer geſcholten haͤtte! Daß Du es aber dieſem Tagediebe, die⸗ ſem ausgemachten Taugenichts—“ — 364 „Nicht ihm, ſondern ſeinen hung⸗ rigen Kindern!“ ſagte der Gereitzte. „Wenn der ſuͤndhafte Vater ſie im Elend darben und ſchmachten läßt, iſt es dann nicht unſre Schuldigkeit, uns nach Kraͤften ihrer anzunehmen? Es erfolgte jetzt eine tiefe feierliche Stille. Sebaſtian ſetzte ſich, des zu liefernden Aufſatzes gedenkend, an ſeinen Schreibtiſch und ſchnitt Federn. Dor⸗ chen zupfte, gedankenvoll vor ſich hin ſtarrend, mit der linken Hand an ihrem Schuͤrzenbande. Beide warfen einander von Zeit zu Zeit verſtohlne Blicke zu. „Ei, daß ich ein Narr waͤre und mit Dir zu grollen anfinge!“ rief Se⸗ baſtian endlich, indem er aufſprang und die Schweigende mit liebevoller Innig⸗ keit an ſeine Bruſt ſchloß. So lang' ich mit Dir ein geruhiges und friedli⸗ ches Leben fuͤhre, bin ich reicher als un⸗ ——,— ——,— 365 ſer Nachbar, der Spezereihaͤndler, der taglich dreimal den Rathsweinkeller be⸗ ſucht und vor- und nachher ſich jedes Mal mit ſeiner Frau zankt. Summa Sum⸗ marum: ſechs Mal!“ „Du meinſt es mit allen Menſchen gut; nur mit Dir ſelbſt nicht!“ ſagte Dorchen, waͤhrend ihr, bei Erwiederung ſeiner Liebkoſungen, die Thraͤnen in die Augen traten. Er erzaͤhlte ihr nunmehr in aller Ruhe und Gelaſſenheit den Verlauf der Sache und gab ihr zu bedenken, ob ſie, nuch reiflicher Ueberlegung der Umſtaͤnde, den Vetter wohl fuͤr ſo ruchlos halten und von ihm glauben könne, daß er das Geld, ſtatt es zum Beſten ſeiner huͤlf⸗ los jammernden Kinder zu verwenden, auf ſchnoͤde Weiſe durch die eigne Kehle jagen werde? „O nicht doch!“ erwiederte ſie. 366 „Nur in die Lotterie hat er es ge⸗ ſetzt! Ich aber ſage kein Wort mehrs und wenn er Millionen damit gewinnt — ich ſage kein Wort mehr!“ „Die Zeit iſt edel, das Leben iſt kurz! So eben trompeten ſie das Tiſch⸗ lied vom Thurme herunter!“ fuhr Se⸗ baſtian fort, und begann jetzt in gedraͤng⸗ ter Kuͤrze noch uͤber das Geſuch des Zet⸗ teltraͤgers und die demſelben ertheilte Zu⸗ ſicherung unentgeldlicher Wilffaͤhrigkeit ihr Bericht abzuſtatten. „Ich ſage kein Wort mehr!„ſprach Dorchen, griff nach der Thuͤrklinke und begab ſich nach der Kammer hinaus. „Huͤte die kranke Hand vor der kal⸗ ten Zugluft!“ rief ihr Sebaſtian warnend nach, worauf er ungeſaͤumt wieder am Schreibtiſche Platz nahm und in ſtiller 367 Aemſigkeit ſich mit ſeiner Arbeit zu be⸗ ſchaͤftigen anfing. Als der Zetteltraͤger um vier Uhr ſich einſtellte, um den Gluͤckwunſch abzuho⸗ len, lag von Sebaſtians kunſtbegabter Hand, ohne daß er ſelbſt die ganz be⸗ ſondre Luſt und Liebe, mit welcher er, auf keinen Lohn rechnend, an dem Werke gearbeitet hatte, ſich zu erklären wußte, ein wahres Meiſterſtuͤck zu Tage gefoͤrdert. Mit freudigem Erſtaunen be⸗ trachtete jener die vom rieſenmaͤßigen Anfangsbuchſtaben ausgehenden, in an⸗ muthiger Kuͤhnheit ſich fortſchlaͤngelnden Schnörkel und Verzierungen, und die wunderlich durchbrochne Arbeit der zu⸗ naͤchſt darunter befindlichen Frakturſchrift, deren Groͤße in eben ſo genauem, als fuͤr das Auge wohlgefälligem Verhaͤltniß, 368 von Zeile zu Zeile ſich verminderte, bis ſie zuletzt, Geſtalt und Weſen allmaͤlig vertauſchend, in die Form der uͤblichen Schriftzeichen ſich verlor. Jeder Buchſta⸗ be wie gedrechſelt, jede Zeile in ſchnur⸗ gerader Richtung dahin laufend, und das Ganze wie durch einen einzigen kraͤf⸗ tigen Guß hervorgebracht und auf das Papier gezaubert. Faſt eben ſo hoch aber ſtieg die Bewunderung des uͤberraſchten Alten uͤber die unerwartet gluͤckliche Be⸗ arbeitung und Ausfuͤhrung der angegeb⸗ nen Grundgedanken, waͤhrend ihn Seba⸗ ſtian mit dem Inhalt des in einfach herzlichen Ausdruͤcken abgefaßten Gluck⸗ wunſches naͤher bekannt zu machen an⸗ fing. Mit ſichtbaren Merkmalen dank⸗ barer Ruͤhrung zog er endlich, nachdem er den Aufſatz ſich hatte vorleſen laſſen, ein zuſammen gewickeltes Papier aus der Taſche, um es, als geringen Beweis 369 ſeiner Erkenntlichkeit, dem Dienſtgefaͤlli⸗ gen zu uͤberreichen. Sebaſtian weigerte ſich auf das hartnaͤckigſte, ſich die gehabte Muͤhe vergelten zu laſſen, und war nicht eher zur Annahme des Geſchenkes zu be⸗ wegen, als bis jener ihm verſicherte, daß er durch die Vorſtellung, die dargebotne Gabe werde nur ihrer Geringfuͤgigkeit wegen verſchmaͤht, ſich im Innerſten verwundet und gekraͤnkt fuͤhle. Beide erſchoͤpf⸗ ten ſich jetzt in Zuſicherungen, daß keine Gelegenheit zu kuͤnftigen neuen Dienſt⸗ leiſtungen unbenutzt bleiben ſolle; Seba⸗ ſtian begleitete den Scheidenden bis an die Treppe hinaus, und kehrte ſodann mit freudiger Eilfertigkeit in die Stube zuruͤck, um gemeinſchaftlich mit Dor⸗ chen, deren neugierig forſchender Miene er mit ſtill triumphirendem Blick begeg⸗ nete, das Papier zu eroͤffnen. Es ent⸗ hielt ein blankes Achtgroſchenſtuͤck, neöſt 370 einem in den Anſchlagszettel gewickelten Freibillet fuͤr die heutige Vorſtellung im Schauſpielhauſe. „Der wackre Mann!“ rief Sebaſtian aus.„Wer haͤtte ſich das gedacht, als er dieſen Morgen mich draußen in der Kaͤlte auf die Schulter klopſte und mit ſo demuͤthiger Geberde ſein Geſuch vor⸗ trug! Fuͤr dieſen Preis haͤtte er ja gar nicht zu bitten, ſondern nur, zu be⸗ fehlen gebraucht! Aber ſieh nur Dor⸗ chen! Nicht mehr als ſechs Schuͤſ⸗ ſeln! Das muß doch ein ganz beſond⸗ res Stuͤck ſeyn, worin Schluckhaͤlſe auf— treten, welche die Unverſchaͤmtheit haben, mehr als ſechs Schuͤſſeln zu verlangen! das mochte ich wirklich mit anſehen!“ „Auch giebt es ja keinen Menſchen in der Welt, der nur das Mindeſte da⸗ gen einzuwenden haͤtte!“ ſagte Dorchen. „Schon im Voraus freue ich mich dar— 371 auf, wenn Du nach Hauſe zuruͤck kommſt, und mir alles, was Du dort gehört und geſehen, Wort fuͤr Wort wieder er⸗ zählſt!“ „Ich denke nur,“ verſetzte Sebaſtian; wenn ich, ſtatt mir ein ſo koſtbares Ver⸗ gnuͤgen zu machen, das Billet lieber an den Mann zu bringen und einiges Geld daraus zu loͤſen ſuchte, das waͤre beſſer; weil dann auch Du den Nutzen davon haͤtteſt. Wir beſaͤßen dann wieder Sum⸗ ma Summarum—“ Nein, lieber Mann!“ fiel Dorchen ihm ins Wort.“ Das kann ich durch⸗ aus nicht geſtatten! Mehrere Tage nach einander haſt Du, ohne an irgend eine Erholung zu denken, im Schweiß Dei⸗ nes Angeſichts gearbeitet. Es iſt billig, daß Du Dir endlich einmal ein Vergnuͤ⸗ gen goͤnnſt, zumal, da Dir die Gele⸗ genheit dazu auf ſo unverhoffte Weiſe * 372 von ſelbſt in die Haͤnde kommt. Soll ich Dir einen guten Rath ertheilen? Bilde Dir ein, daß nicht morgen, ſon⸗ dern eben heute Dein Geburtstag ſei; das naͤmliche will auch ich thun!“— Sie eilte bei dieſen Worten nach der Kammer hinaus, kehrte aber ſogleich wieder zu ihm zuruͤck.„Sieh, lie⸗ bes Maͤnnchen!“ fuhr ſie mit freund⸗ lich laͤchelnder Miene fort.“ Da hab' ich Dir zu Deinem heutigen Geburtstage eine neue Halskrauſe genaͤht. Trage ſie in ſteter Geſundheit und behalte mich lieb!“ „Alſo das war die Urſache, rief der Ueberraſchte, indem er die Ueberbrin⸗ gerin des Geſchenkes mit vieler Ruͤhrung an ſeine Bruſt druͤckte;“ warum Du in den letzt verwichenen Tagen, waͤhrend ich hier am Schreibtiſche ſaß, oft zu ganzen Stunden Dich draußen in der 373 kalten Kammer aufhielteſt? Und nun noch heut' obendrein!“ „Nur an der obern Hand ſchmerzt es!“ erwiederte Dorchen.„Die Finger⸗ ſpitzen haben gluͤcklicher Weiſe wenig oder nichts gelitten!“ „Wahr iſt es freilich;“ ſprach Se⸗ baſtian nach einer Pauſe mit ernſter, faſt feierlicher Geberde;„bereits von fruͤher Kindheit an hab' ich unaufhoͤrlich mit ſo genannten widerwaͤrtigen Verhaͤlt⸗ niſſen aller Art zu kaͤmpfen gehabt und groß iſt die Zahl meiner vereitelten Hoff⸗ nungen! Schon als kleiner Knabe konnte ich, wenn mir das Butterbrot aus der Hand fiel, immer hundert gegen eins wetten, daß es gerade mit der But⸗ terſeite im Sande liege! Und ſo iſt mir denn auch ſpaͤterhin ſo mancher gute Biſſen, wenn ich ihn eben recht feſt zu halten glaubte, in den Sand gefallen, 374 ohne daß ich durch herzhafte Mitver⸗ ſpeiſung des letztern, ſo wie es in jenen Zeiten geſchah, die Butter zu ret⸗ ten und mir zu eigen zu machen ver⸗ mocht haͤtte! Du ſelbſt, liebes Dorchen, theilſt die Meinung der Leute, daß ich nur zum Ungluͤck geſchaffen ſei; ich aber kann derſelben, ſeitdem ich Dich beſitze, nicht laͤnger beiſtimmen, denn ein zu freudiges Gefuͤhl jauchzt bei Deinem An⸗ blick aus der Tiefe des Herzens zu mei⸗ nem Schoͤpfer empor! Glaub' es mir, Dorchen! Wir ſind ein paar ſehr gluck⸗ liche Menſchen!“ Sebaſtian vesperte jetzt, ermuthigt durch die neue Ausſicht fuͤr den folgen— den Tag, einige noch vom Fruͤhſtuͤck vor⸗ handene Brocken, ließ darauf, beim truͤ⸗ ben Schimmer der Lampe, ſich durch Dorchens huͤlfreiche Hand die ſtattliche Halskrauſe anlegen, zog, einem raſchen 375 glͤcklichen Einfalle ſeiner Fran Gehoͤr gebend, ſein luftiges, verſchoſſenes Som⸗ merroͤckchen uͤber den Tuͤffelſpencer hin⸗ weg, und verfuͤgte mit ungeduldig ge⸗ ſpannter Erwartung ſich nach dem Schau⸗ ſpielhauſe. Sobald er fort war, ſchob Dorchen den hindernden Verband an den Fingern zuruͤck, ſetzte ſich wieder an ihre Naͤhar⸗ beit und freute ſich ſchon im Voraus, den Heimkehrenden vielleicht mit der Nachricht uͤberraſchen zu koͤnnen, daß das Kleid fuͤr die Steuereinnehmerin nicht allein fertig, ſondern auch ſchon be⸗ zahlt ſei. Eben war ſie nach Verlauf zweier Stunden im Begriff, daſſelbe in ein Tuch einzuſchlagen und es der Eigen⸗ thuͤmerin zu uͤberbringen, als die Haus⸗ wirthin zur Thuͤr herein ſtuͤrzte und un⸗ ter Heulen und Schreien ihr vermeldete, daß Sebaſtian während des Schauſpiels 376 ein Schnupftuch zu ſtehlen verſucht ha⸗ be und gegenwaͤrtig auf der Hauptwache ſitze!„Barmherziger Gott!“ kreiſchte Dorchen, warf Kleid und Tuch an den Boden und eilte, von Schreck und Ent⸗ ſetzen getrieben, die Treppe hinab und zum Hauſe hinaus. Schon ſeit Jahr und Tag hatte Se⸗ 3 baſtian, ſeiner geringen Einkuͤnfte wegen, kein Schauſpiel mehr beſucht. Er ſah ſich mithin, gleich bei ſeinem Eintritt, in eine ganz fremde Welt verſetzt, und das peinliche Gefuͤhl, das, bei Erblik⸗ kung der vielen unbekannten Geſichter, von denen er allmaͤlig umdraͤngt und ein⸗ geſchloſſen ward, ſich ſeines Innern be⸗ maͤchtigte, ließ nicht eher nach; bis end⸗ lich der Vorhang ſich aufthat und das — — — 377 Spiel auf der Buͤhne ſeinen Anfang nahm. Jetzt aber ward ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auch deſto ungetheilter auf die Handlung hingezogen, die dort vor ſei⸗ nen Augen ſich zu entwickeln begann. In regungsloſes Schauen und Staunen ver⸗ loren, ſtand er wie feſt gewurzelt auf ſei⸗ nem Platze; gewaltig fing die aufge⸗ regte Einbildungskraft ſich zu zerarbeiten an, und in immer behenderm Lauf ſchoß, einem Glutſtrome gleich, ihm das erhitzte Blut darch die Adern. Ein Raub der eignen Selbſtvergeſſenheit, bemerkte er nicht eher, als eben bei Beendigung des erſten Aktes, daß ihm der Schweiß in dicken Tropfen uͤber das Geſicht und in die Halekrauſe hinab lief. Mecha⸗ niſch, waͤhrend der Vorhang hernieder rollte, ſtreckte er, ſeiner tief gewurzelten leidigen Gewohnheit gemaͤß, die linke Hand aus, fuhr aber nicht in die eig⸗ 378 ne, ſondern in die Taſche ſeines Nach⸗ bars, der dicht an ihn gedraͤngt ſtand und zu Vollendung des Irrthums un⸗ gluͤcklicher Weiſe einen Tuͤffelrock tragen mußte. Kaum begann Sebaſtian daher mit dem hervorgezogenen ſeidnen Schnupf— tuche ſich harmlos und unbefangen die Stirn zu trocknen, als er auch ſchon, unter dem donnernden Zuruf:„Spitzbu⸗ be!“ von einer kräftigen Fauſt ſich bei der Halskrauſe gepackt fuͤhlte.„Hinaus mit dem Diebe!“ erſcholl es ſogleich von mehrern Stimmen; und bevor der Be⸗ taͤubte ſich dieſen wunderlichen Auftritt noch zu erklaͤren oder wohl gar ein Wort zu ſeiner Vertheidigung hervorzubringen vermochte, ſaß er bereits auf der be⸗ nachbarten Hauptwache. „Der Mann hatte doch ein ſo grund⸗ ehrliches Geſicht!“ dachte Sebaſtian bei ſich ſelbſt.„Nein, wie wäre es moͤglich — — ——— ——— 379 geweſen, ihm einen ſolchen Betrug zu⸗ zutrauen!“— Er war naͤmlich der fe⸗ ſten Meinung, daß die ihn betroffene Unannehmlichkeit einzig und allein der Schuld des Zetteltraͤgers beizumeſſen ſei, der das Freibillet auf unrechtmaͤßige Weiſe an ſich gebracht und leichtſinnig genug einen Andern fuͤr den Riß habe ſtehen laſſen. Von der eigentlichen Urſache ſeiner Verhaftung hatte er durch⸗ aus nicht die entfernteſte Ahnung, und er bedauerte daher bei dem ganzen Vor⸗ falle auch weiter nichts, als die zerknit⸗ terte Bruſtkrauſe und den Verluſt des Schnupftuches, das man ihm, beim Hinauswerfen aus dem Schauſpielſaale, mit ſo ſtuͤrmiſcher Gewalt und auf ſo unhoͤfliche Art aus der Hand geriſſen habe! Ungefaͤhr eine Viertelſtunde lang hatte er hier, in einem zwar einſamen 380 aber gut geheizten Gemach geſeſſen, als der wachthabende Offizier in Geſellſchaft eines Mannes, in welchem Sebaſtian ſogleich den Steuereinnehmer erkannte, zu ihm herein trat.„Sie ſind frei, Herr Sendler!“ ſagte jener,„und koͤn⸗ nen jetzt in Gottes Namen nach Hauſe gehen. Hier der Herr Steuereinnehmer, der den ganzen Auftritt in der Naͤhe mit angeſehen und auch bereits an Ort und Stelle Ihre Ehre zu retten geſucht hat, verbuͤrgt ſich fuͤr Ihre Unſchuld. Es war offenbar nur ein Fehlgriff; denn auch mir leuchtet es vollkommen ein, daß man mit einem ſo eben geſtohl⸗ nen Schnupftuch wohl nicht gleich auf friſcher That ſich den Schweiß von der Stirn trocknen werde!“. Sebaſtian verſtand von dieſer Anrede wenig oder nichts; erſt durch deutlichere Erklaͤrung und Auseinanderſetzung des er⸗ 381 lebten Abenteuers und durch den Um⸗ ſtand, daß ſich das Taſchentuch, deſſen Entwendung er ſo eben beklagt hatte, wirklich noch in ſeiner Taſche befand, ward ihm das Räthſel allmaͤlig geloͤſt. Eben ſo erſtaunt und befremdet, wie man auf ihn einen ſo ſchmaͤhlichen Verdacht habe werfen koͤnnen, als von Herzen er⸗ ſreut, daß er bei ſo bewandten Verhält⸗ niſſen auch die Rechtlichkeit des Zettel⸗ traͤgers nicht laͤnger in Zweifel zu ziehen brauche, ging er ſeines Weges von dan⸗ nen. Wohl kam er, indem er aus dem Verwahrſam ins Freie heraus trat, fruͤh genug, um ſein jammerndes Dorchen zu troͤſten und zu beruhigen; leider aber ge— rade um einige Augenblicke zu ſpaͤt, um das Achtgroſchenſtuͤck zu retten, mit wel— chem dieſe ſo eben, um ſich Zutritt zu dem Gefangenen zu verſchaffen, die vor der Thuͤr befindliche Schildwache beſto⸗ 382 chen hatte. Das Geſchehene war indeß nicht zu ändern; beide waren daher nur froh, einander wieder zu haben, und kehrten jetzt, zitternd vor Kaͤlte und die umſtaͤndlichere Mittheilung ihrer beider⸗ ſeitigen Leiden und Schickſale auf einen guͤnſtigern Zeitpunkt verſchiebend, Arm in Arm nach ihrer Wohnung zuruͤck. Es war des andern Morgens um. ſechs Uhr, als Sebaſtian, nach einem ſuͤßen erquickenden Schlaf zu ſeiner Ge— burtsfeier erwachend, die Augen aufſchlug. 4 „Ehre ſei Gott in der Hoͤhe!“ erſcholl die Ankuͤndigung des heute zu beginnen⸗ den chriſtlichen Freudenfeſtes, unter Po⸗ ſaunen- und Paukenklang, vom benach⸗ barten Thurm, und ein ſtil froͤhliches Ergoͤtzen ergoß ſich durch die Bruſt des Neuerweckten bei dem Gedanken, daß er 383 mit dem Herrn Chriſtus und dem Herrn Amtshauptmann zugleich ſeinen Geburts⸗ tag begehe.—„Du haſt mir viel Gu⸗ tes gethan, lieber Gott! Haſt beſon⸗ ders im letzt verwichenen Jahre mir die ſichtbarſten Beweiſe Deiner Huld und Fuͤrſorge gegeben!“ betete er mit gefalte⸗ ten Händen leiſe vor ſich hin.„War des Leibes Nahrung und Nothdurft, die Du mir bisher immer verliehen haſt, mitunter ein wenig knapp zugemeſſen; ſo magſt Du wohl deine gar zu guten Gruͤnde und Abſichten dabei gehabt ha— ben! Auch haſt Du mir ja, zum reich⸗ lichen Erſatz fuͤr alle andern irdiſchen Guͤter, einen treuen, bewaͤhrten Freund, und ein liebes braves Weib geſchenkt, das des Lebens Ungemach, wenn auch bisweilen mit etwas krauſer Stirn, doch gern und freudig mit mir theilt und traͤgt. Erhalte mir ferner den frohen 384 Muth, das zufriedne Gewiſſen und das kindliche Vertrauen zu deiner allwalten⸗ den Fuͤrſorge! Deinen Sohn haſt Du Dir zur Rechten geſetzt und erhoͤht; dem heit und fortdauernde Luſt an Ausuͤbung der Gerechtigkeit; und mir, Du lieber himmliſcher Vater! wofern Du auch an meiner geringen Perſon Dich zu verherr— lichen gedenkſt— mir gieb recht viel ab⸗ zuſchreiben!“ Geſtäͤrkt und erheitert hob er jetzt 3 das Haupt in die Hoͤhe; da verrieth 3 ihm der blaſſe Schimmer des ſcheidenden Mondes, daß Dorchen aufgerichtet in ihrem Bette ſaß, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt hielt und bitterlich weinte. Er⸗ ſchrocken fragte er ſie um die Urſache ih— rer Betruͤbniß. „Ach, liebſter Sebaſtian!“ erwie⸗ derte ſie.„Heut' iſt Dein Geburtstag, Herrn Amtshauptmann verleihe Geſund⸗ —— 385 und alles, wodurch ich Dich an dieſem Morgen zu erfreuen gedachte, iſt mir durch das Mißgeſchick, das fortwaͤhrend uͤber uns waltet, wieder vereitelt! Die neue Halskrauſe iſt zerriſſen, das Acht⸗ groſchenſtuͤck nutzlos verſchleudert, und an Ueberbringung des fertigen Kleides fuͤr die Steuereinnehmerin ward geſtern Abend, nach dem gehabten Schrecken, auch nicht weiter gedacht. Kann ich Dir nun das Geheimniß, deſſen Mittheilung ich abſichtlich fuͤr den heutigen Tag ver⸗ ſparte, wohl mit ſo freudigem Herzen offenbaren, ails ich bisher immer ge⸗ wuͤnſcht und gehofft hatte?“ Was denn fuͤr ein Geheimniß? lie⸗ bes Dorchen!“ fragte der Neugierige mit erwartungsvoller Ungeduld.„So rede doch nur! ich bitte Dich!“ „Ach, ich wage kaum, es auszuſpre⸗ chen!“ fuhr ſie unter heftigerm Schluch⸗ 25 386 zen fort.„Unſre Ausſichten und Hoff⸗ nungen vermindern ſich in eben dem Maße, als unſre Sorgen ſich zu ver— mehren drohen! Mit keiner Sylbe wuͤr⸗ de ich gerade heute mich daruͤber beklagen; denn wir Beide haben ja laͤngſt gelernt, uns mit Wenigem zu begnuͤgen. Was aber ſoll aus uns werden, wenn fruͤher oder ſpaͤter— ich darf es Dir nicht laͤnger verſchweigen— ein Drittes ſich einſtellt, vielleicht ein kleiner Se⸗ baſtian!“ „O himmliſche Guͤte!“ rief der Große, indem er augenblicklich aus dem Bett ſprang und freudig jauchzend mit gewaltigen Schritten in der Kammer auf und abzuwandern begann.„Laß ihn kommen, Herzensweib, laß den kleinen Sebaſtian kommen, ſobald er will! Hoͤrſt Du vom Thurm den Jubelgeſang erſchallen? Es gilt dem alten Herrn —— 387 droben uͤber den Wolken, der ſich des Sperlings auf dem Dache erbarmt, der alle ſeine Kreaturen am Vaterherzen trägt! Wird er denn gerade uns ver⸗ laſſen und verſaͤumen? O wie gluͤht mir die Bruſt vor Dank und Freude! Ich will viel beten, aber noch weit mehr ar⸗ beiten; will von Haus zu Haus ge⸗ hen und den Leuten meine Dienſte an⸗ bieten. Keinen Augenblick ſollſt Du mich muͤßig finden. Nicht ruhen noch raſten will ich, bis ich ausrufen und ſagen kann: Lieber, kleiner Ankoͤmmling! Du biſt uns jetzt, ſo bald es Dir zu erſchei⸗ nen beliebt, recht herzlich willkommen! Alles ſteht fuͤr Dich bereit, ein weiches Bett und eine warme Suppe! Komm nur, Du ſollſt es recht gut haben! O lieber himmliſcher Vater! gieb mir doch recht viel abzuſchreiben! Ich will es ja gern, ſollt' es nicht anders ſeyn koͤnnen, 388 fuͤr das halbe Geld thun!—— Zetzt aber, liebes Dorchen!“ fuhr er nach ei⸗ nem kurzen Stillſchweigen fort;„jetzt will ich vor allen Dingen dafuͤr ſorgen, daß Du ein warmes Stuͤbchen findeſt, wenn Du aufſtehſt. Der Nordwind pfeift um die Kammerfenſter; es ſcheint draußen wieder barbariſch kalt zu ſeyn!“ Vor zehn Uhr war die Steuereinneh⸗ merin nicht zu ſprechen; das gluͤckliche Ehepaar mußte mithin, da die Wirth⸗ ſchaftskaſſe bis auf den letzten Heller ge⸗ ſchmolzen war, ſich mit dem Fruͤhſtuͤck bis dahin gedulden. Sebaſtian, der waͤhrend des letzt verfloſſenen Tages die Aufrechthaltung ſeiner Lebensgeiſter mehr dem Einwirken der verſchiedenen Ge⸗ muͤthsbewegungen, in die er Schlag auf Schlag verſetzt worden war, als dem Genuß erquickender Nahrungsmittel zu 389 verdanken gehabt hatte, fuͤhlte heut' in der That eine gewiſſe Abſpannung und Mattigkeit in den Gliedern und Gelen⸗ ken, die er nur mit Muͤhe vor ſeiner Frau zu verheimlichen vermochte⸗ Er troͤſtete ſie jedoch mit der Ausſicht auf baldige Huͤlfe, ſuchte nebenbei den ſuͤßen Gedanken an die ihm bevorſtehenden Vaterfreuden ſo feſt als moͤglich zu halten, und freute ſich, daß die druͤk⸗ kende Gegenwart ihm wenigſtens nicht verwehre, ſich ein reizendes Bild von der Zukunft zu entwerſen. Auch Dor⸗ chen nahm, um ihrem guten Manne weder durch Worte noch Geberden heut' Anlaß zu irgend einer Kraͤnkung zu geben, eine heitre Miene an, belaͤchelte und billigte gutmuͤthig den Erziehungsentwurf, mit welchem jener bereits beim Einheitzen ſich zu beſchaͤftigen angefangen, brachte, auf ſeine Bitte, ihm die zerriſſene Halskrau⸗ 390 ſe, ſo viel es ſich thun ließ, wieder in Ordnung und hatte, den Hang zum Widerſpruche kraͤftig unterdruͤckend, ge⸗ gen nichts, was Sebaſtian zu ſeinem Geburtstage in Vorſchlag zu bringen, fuͤr gut fand, auch nur die mindeſte Ein— wendung zu machen. Endlich ließ der längſt erſehnte Stundenſchlag ſich vernehmen. Dorchen begab ſich mit ihrer Naͤharbeit auf den Weg nach der Steuereinnehmerin; Se— baſtian aber trat, ſobald ſie fort war, ans Fenſter und berechnete, jeden ihrer Schritte in Gedanken verfolgend, die Minute, da ihre Ruͤckkehr mit den Le⸗ bensmitteln Statt finden konnte, welche ſie von der Haͤlfte des geloͤſten Geldes ſo⸗ gleich einzukaufen und mit nach Hauſe zu bringen verſprochen hatte. Sein ſtill freudiges Hoffen ging jedoch in die todt⸗ lichſte Beſtuͤrzung uͤber, als Dorchen, 391 nach Verlauf einer halben Stunde, blaß wie eine Leiche zur Thuͤr herein kam, ächzend und wehklagend ein paar Mal in der Stube auf und ab ſchwankte und endlich erſchoͤpft und athemlos auf den naͤchſten Seſſel dahin ſank.„O des Un⸗ gluͤcks wird kein Ende!“ ſtammelte ſie. „Der Vetter, der heilloſe, nichtswurdige Vetter!— Dein Geld hat er Dir ab⸗ geſchwatzt— meine Ahnung hat mich nicht betrogen— Deine Nummern hat er mit dem Gelde beſetzt— eine Kerne hat er damit in der Lotterie gewonnen— eine Terne von vier hundert Thalern!“— „Nun, dem Himmel ſei Dank, wenn es weiter nichts iſt!“ rief Sebaſtian mit erleichtertem Herzen.„Gieb Dich zufrieden, liebes Weib, und grolle nicht mit dem Schickſal, ſondern freue Dich vielmehr, daß es endlich einmal gerecht gegen ihn geweſen iſt! Haus und Hof hat er allmälig verſpielt; ſoll ihm denn nicht endlich einiger Erſatz dafuͤr zu Theil werden? Beruhige Dich, und bedenke die großen Forderungen, die er an das Glucksrad zu machen hat, nach— dem er durch daſſelbe zum Bettler geworden iſt! Oder glaubſt Du etwa, daß meine Anſpruͤche an dieſen Ge⸗ winn gegruͤndeter geweſen waͤren, der ich nie einen Heller in die Lotterie ge⸗ ſetzt habe? Wie Du doch zuweilen ſo wunderlich ſeyn kannſt! Weder vor mei⸗ nem Landesherrn noch vor mir ſelbſt vermoͤchte ich es je zu verantworten, und erroͤthen äßte ich vor Scham, indem ich hin ginge, und fuͤr zwoͤlf Groſchen mir eine Summe von vier hundert Tha⸗ lern auszahlen ließe!“ „Du biſt nun einmal durchaus von Deinen thoͤrichten Meinungen und Grund⸗ ſaͤtzen nicht abzubringen!“ verſetzte die 393 Frau.„Immer weißt Du Dich zu troͤ⸗ ſten, und deine eiskalte Gelaſſenheit zu behaupten, waͤhrend mir vor Gram und Aerger das Herz zerſpringen moͤchte! Mit allem, wie es auch immer ſich ſchicken und fuͤgen mag, biſt Du zufrie⸗ den; drum werden wir auch niemals auf einen gruͤnen Zweig kommen!“ „Wenn es nicht auf vorwurfs⸗ freiere Weiſe,“ ſagte er;„nicht durch redlichen Fleiß und hoͤhern Beiſtand, geſchehen kann, dann aller⸗ dings nicht!“ „Und wenn ich dir jetzt ſage,“ ſetzte ſie mit duͤſterm Unwillen hinzu; „daß die Steuereinnehmerin das Kleid zwar behalten, es aber nicht bezahlt, ſondern mich in dieſer Abſicht auf mor⸗ gen wieder beſtellt hat; ſo weißt du, trotz unſers gaͤnzlichen Mangels an den 394 nothigſten Lebensbedurfniſſen, auch dar⸗ uͤber dich zu beruhigen!“ „Das nun wohl nicht ſo ganz, lie⸗ bes Dorchen!“ verſetzte Sebaſtian ein wenig betreten.„Das iſt wirklich ein etwas verdrießlicher Umſtand! Indeſ⸗ ſen ſoll er mich doch nicht hindern, ſo⸗ gleich, wie es der Schuldigkeit gemaͤß iſt, hinzugehen, dem Vetter zu dieſem ſo hoͤchſt erfreulichen Ereigniß, meinen recht herzlichen Gluͤckwunſch abzuſtatten, und ihn zugleich zu einer wuͤrdigen An⸗ wendung dieſes Geldes freundſchaftlich zu ermahnen.“ Wirklich ſaͤumte er keinen Augenblick laͤnger, dieß Vorhaben ins Werk zu richten. Mit heitrer froher Miene, als ob der unerwartete Gluͤcksfall ihm ſelbſt zugeſtoßen ſei, verfolgte er ſeinen Weg, und kein Gedanke des Neides und der 395 Mißgunſt befleckte ſeine reine Seele, als er endlich zu dem Vetter in die Stube trat, und die vielen Geldrollen erblickte, die dieſer ſo eben in Empfang genommen, und, in Ueberrechnung des Gewinnſtes begriffen, vor ſich auf dem Tiſche liegen hatte. Das Geſicht, mit welchem Friebel die theilnehmenden wohlgemeinten Worte und Ermahnungen des Eintretenden an⸗ hoͤrte und erwiederte, war ein deutlicher Abdruck der niedrigen Denkungsart, die ihm von jeher eigen geweſen, jetzt aber, von plumpem Duͤnkel und Uebermuth begleitet, in einem nur deſto veraͤchtli⸗ chern Licht erſchien. „Die Wiedererſtattung Eurer paar Groſchen ſcheint Euch gewaltig am Her⸗ zen zu liegen, Vetter!“ redete der Nichtswuͤrdige ihn an;„daß Ihr ſo⸗ gleich, haſtig wie ein verhungerter Buͤr⸗ 396 ſtenbinder, daher gelaufen kommt! Oder glaubt Ihr etwa auch an das ausge⸗ ſprengte dumme Geruͤcht? Ja, daß doch erſt die lumpigen paar Thaler, die ich gewonnen, eines ſolchen Aufhebens werth waͤren! Ich hatte den Einſatz in Kupfergelde gemacht; Kupfergeld iſt mir daher auch ausgezahlt worden. Was Ihr hier eingewickelt um mich her lie⸗ gen ſeht, iſt lauter Kupfergeld! Hier habt Ihr Euern geſtrigen Vorſchuß baar und richtig zuruͤck! Ich habe gar kei⸗ nen Gebrauch von dem Gelde gemacht, weil ich ſchon im Voraus die neuen Lectionen fuͤrchtete, die Ihr mir halten wuͤrdet, wofern ich es Euch nicht um die beſtimmte Stunde wieder bezahlen konnte! Hoͤrt Ihr es, Vetter? Der Hofmeiſterton, den Ihr mitunter gegen mich zu fuͤhren pflegt, ſteht mir nicht länger an! Nehmt mir dieſe freimuͤ⸗ 397 thige Aeußerung nicht uͤbel, ſondern richtet Euch in der Folge huͤbſch dar⸗ nach! Fuͤr jetzt fehlt es mir an Zeit, mich laͤnger mit Euch unterhalten zu koͤnnen. Ihr ſeht, daß ich mit wich⸗ tigern Dingen beſchaͤftigt bin: Gott beſohlen!“—— Der Vetter war ſehr empfindlich, dachte Sebaſtian, als er ſich wieder auf der Straße befand. Und im Grunde hat er auch, wenn ich die Sache aus dem rechten Geſichtspunkte betrachte, wohl nicht ſo ganz Unrecht. Ich haͤtte behutſamer ſeyn, und nicht ſo eilfertig ihm mit der Thuͤr ins Haus fallen ſol⸗ len; denn natuͤrlich mußte mein ploͤtz⸗ liches Erſcheinen, zumal nach den har⸗ ten Worten, die ich ihm geſtern geſagt habe, ſogleich den Verdacht in ihm er⸗ wecken, daß ich hauptſaͤchlich nur in der Abſicht komme, um ihn der gelie⸗ 398 1 henen zwoͤlf Groſchen wegen zu mah⸗ nen. Nun, der Himmel weiß, daß ich 11 mir, daran zu denken, keine Zeit ließ; ob mir gleich in dieſem Augenblick der Wiederbeſitz meines Geldes ganz ausneh⸗ mend erwuͤnſcht kommt! Er verfuͤgte unter dieſen Gedanken ſich in einen benachbarten Baͤckerlaben, 4 und kaufte ein; konnte aber, nach aus⸗ 1 gerichtetem Geſchaͤft, da er eben nur in geringer Entfernung von dem Orte ſich„ befand, auf welchem, ſeit der Krankheit des Thorſchreibers, alle ſeine Wuͤnſche und Hoffnungen gerichtet waren, der 1 Neugierde, ein wenig naͤher zu treten, nicht widerſtehen, um wo moͤglich uͤber 1 das heutige Befinden des Kranken ganz in der Stille ſich einige Kundſchaft ein⸗ zuholen. Mit ſcheuer Behutſamkeit nä⸗ herte er ſich dem dunkeln melancholi⸗ ſchen Schwibbogen, und traute den eig⸗ 399 nen Augen kaum, als er jetzt den alten Thorſchreiber erblickte, der, in ſeinem Handbuche blaͤtternd, und dem Anſcheine nach friſch und geſund, wieder am Schiebfenſterchen ſaß, von welchem ein hartnaͤckiges Bruſtfieber ihn mehrere Wo⸗ chen hindurch entfernt gehalten hatte. „Ei guten Morgen, lieber Herr Frinke!“ rief Sebaſtian, der nicht mehr zuruͤck weichen konnte, da er von dem Alten bereits bemerkt worden war.„ Seh' ich recht oder ſeh' ich unrecht? Ei, wer haͤtte das gedacht, daß Sie von einer ſo gefaͤhrlichen Krankheit ſich wieder er— holen ſollten! Alle Welt hatte Sie be⸗ reits aufgegeben!“ „Freilich, freilich!“ verfetzte jener. „Noch vor wenigen Tagen war mir ſelbſt aller Muth und Glaube totaliter ausgegangen! Die Aerzte zuckten die Achſeln, und zerkaͤuten die Naͤgel, ohne 400 dem Uebel ſteuern zu koͤnnen. Dafuͤr aber verſprachen ſie, nachdem die Natur ſich durch einen tuͤchtigen Schweiß ge⸗ holfen hat, mir nunmehr ins geſammt, daß ich wenigſtens noch zehn Jahre lang den Laͤrm und Spektakel unter dem Thor mit anſehen ſoll; und mir ſelbſt iſt zu Muthe, als ob ſie recht haben muͤßten. Was ſagen Sie, wertheſter Freund? Selbſt meine vieljaͤhrige Taub⸗ heit am linken Ohr war mit einem Mal wie weggeblaſen!““ „Ei der Tauſend!“ rief Sendler. „In Ihrem hohen Alter noch eine ſolche Staupe zu uͤberſtehen! Dazu ge⸗ hoͤrt Lebenskraft! Herr, Sie haben eine wahre Pferdenatur!“ Die Ankunft eines Landmannes, der mit einem Karren voll Marktwaaren ſich dem Schiebfenſterchen naͤherte, machte dem Geſpraͤch ein Ende. Sebaſtian ver⸗ 401 abſchiedete ſich, und hoͤrte noch in der Ferne, wie der Thorſchreiber dem Bauer mit einer ſo kraͤftigen, kerngeſunden Lunge, beabſichtigten Unterſchleifes we⸗ gen, den Text zu leſen anfing, daß ihm die thorichte Voreiligkeit ſeiner gehegten Hoffnungen dabei immer klarer und ein⸗ leuchtender werden mußte.„Abermals die Rechnung ohne den Wirth gemacht!“ murmelte er leiſe vor ſich hin.„Es geſchieht mir aber ſchon recht; denn han⸗ delt man wohl der Chriſtenpflicht ge⸗ mäß, wenn man, um eignen Gewinnes und Vortheiles willen, ſeinem Neben⸗ menſchen den Tod wuͤnſcht?“— Mit einem ſo eben angelangten Schrei⸗ ben aus Zeilbach, welches ihm beim Ein⸗ tritt in das Haus von dem Briefboten uͤberliefert wurde, kehrte er zu ſeiner einſam harrenden Ehefrau zuruͤck. 26 402 Fabian an Sebaſtian. „Nimmermehr kann und darf ich es unterlaſſen, Dir, dem geliebteſten Weſen, das ich neben meinem Roͤschen auf die⸗ ſer Welt beſitze, zu unſerm abermals eintretenden neun und zwanzigſten Ge⸗ burtstage, in ſchriftlicher Abſtattung mei⸗ nes Gluͤckwunſches, gleichſam ein zwar klangloſes, doch wohlgemeintes Staͤnd⸗ chen zu bringen. Dein Ohr wird es vernehmen, wie Dein Mund den Kuß ſchmecken wird, den Roͤschen Dir zugleich uͤberſchickt. Roſe nenn' ich ſie, wenn ich entweder recht wild und unwirſch, oder auch recht zaͤrtlich gegen ſie werde. Du kannſt daraus auf die innere Ge⸗ muͤthsruhe ſchließen, die mich beſeelt, indem ich dieſen ſo verfaͤnglichen Auf⸗ trag an Dich ausrichte! Aber auch in der That und Wahrheit moͤchteſt Du die Dir zugedachte Spende von ihr em⸗ —— — 403 pfangen; ich wuͤrde mit gleicher Gelaſ⸗ ſenheit es ruhig mit anſehen, ſelbſt wenn es hinter meinem Ruͤcken geſchaͤhe! O Bruder! Was iſt das einſame Junggeſellenleben gegen die koſtliche Wirth⸗ ſchaft, in welcher ein vergnuͤgter Ehe⸗ mann ſich befindet! Wie matt und traͤge ſchlichen, eh mir die Zukunft zur Ver⸗ gangenheit wurde, die Stunden des Daſeyns ihren einförmigen Gang; wie raſch und froͤhlich ſchwinden mir jetzt die gegenwaͤrtigen Tage dahin! Schon in die zwoͤlfte Woche hinein bin ich ver⸗ heirathet, und noch imwer iſt es mir, als haͤtt' ich erſt geſtern mein junges Weibchen dem einſegnenden Prieſter ent⸗ gegen gefuͤhrt! Aber noch hab' ich frei⸗ lich, trotz dieſer geraumen Zeit, es Dir nicht vergeſſen koͤnnen, daß Du Deine, damals nicht viel aͤltere Frau zu meiner Hochzeitfeier nach Zeilbach mitzubringen 26* 40⁴ verſaͤumteſt! Auch Roͤschen wird von ganzem Herzen in dieſen Vorwurf ein⸗ ſtimmen, ſobald ich ihr das beendigte Gluͤckwuͤnſchungsſchreiben zur Durchſicht uͤberreiche; wie ſie ſolche Mittheilung noch vor Abfaſſung der erſten Zeile ſich ausdruͤcklich erbeten und ausbedungen. Gern moͤcht' ich Dir nunmehr von meiner haͤuslichen Gluͤckſeligkeit, die ganz im eigentlichen Sinne des Wortes eine ro ſenfarbne zu nennen iſt, ein recht lebendiges und getreues Bild entwerfen. Aber wie waͤre hierzu die gewuͤnſchte Moͤglichkeit vorhanden! Wo waͤre naͤm⸗ lich, wenn ich Dir alle in Roͤschen ver⸗ einigten Tugenden und Vorzuͤge mit aͤngſtlicher Genauigkeit ſchildern wollte, hier in Zeilbach Papier und Tinte ge⸗ nug vorhanden! Wie koͤnnt' ich den ſchon im Voraus mißlingenden Verſuch unternehmen, Dir ſorgfaͤltig zu berich⸗ 405 ten, welche Geſchicklichkeit ſie bei Fuͤh⸗ rung der Kaſſe und des Hausweſens, beim Waſchen und Plaͤtten, beim Boh⸗ nern und Stricken, an den Tag legt! mit welcher Strenge und Puͤnktlichkeit ſie Alles in der von ihr ſelbſt eingefuͤhr⸗ ten Ordnung zu erhalten verſteht! was ſie in der Kuͤche zwiſchen den Tiegeln und Töpfen, was ſie ſogar bei Tiſch als Vorſchneiderin leiſtet! Gern vergeſſe ich uͤber dieſen großartigen Eigenſchaften die geringfuͤgigern, bisweilen an Eigen⸗ ſinn ſtreifenden Eigenthuͤmlichkeiten, mit welchen ſie dann und wann mich in die Enge treibt; gleich, als ob ſie einen ge⸗ wiſſen, bei der Trauung ihr eingeſchaͤrf⸗ ten, bibliſchen Spruch zu verdrehen, und Luͤgen zu ſtrafen, Luſt haͤtte! Mit gut⸗ muͤthiger Nachgiebigkeit fuͤge ich mich unſchädlicher Weiſe in die von ihr be⸗ ſtimmte Tagesordnung, die ſogar bis auf die einzelnen Stunden ſich erſtreckt! Mit liebevoller Schonung geh' ich ihr aus dem Wege, wenn ich auf ihrer Stirn, die ich als den Thermometer der haͤuslichen Witterung betrachte, ir⸗ gend ein krauſes Woͤlkchen erblicke! Ja zum Spaß laſſe ich ſogar den Unterricht mir gefallen, den ſie mir des Abends in der deutſchen Grammatik uͤberhaupt, ſo wie im Zeilbacher Sprachſtyl ins be⸗ ſondre, zu ertheilen wagt, weil ſie eben dann ſich immer in der freundlichſten und munterſten Laune befindet. Ich weiß nicht, ob Du in dieſem Send⸗ ſchreiben vielleicht ſchon die unverdaͤch⸗ tigen Spuren gemachter Fortſchritte er⸗ kennen wirſt! So viel iſt gewiß, daß das Blitzweib mir Stunden lang die ſchalſten und gehaltloſeſten Floskeln vor⸗ ſagt, die ich ihr ſodaün langſam und Wort fuͤr Wort nachſprechen muß; 407 daß ſie mich auf das lieblichſte hätſchelt und mit Liebkoſungen uͤberhaͤuft, wenn ich bei dieſem Poſſenſpiel mich von An⸗ fang bis zu Ende recht ernſthaft benom⸗ men habe; und daß ſie ſogleich, wenn ich etwa mit ausreißender Geduld und langweiligen Gefuͤhls von der Schul⸗ bank empor zu ſpringen verſuche, ſich auf Dich beruft! Ja, geliebteſter Bru⸗ der, auf Dich! weil ſie weiß, daß ſie durch die pfiffige Nennung Deines Na⸗ mens und durch die Vorſpiegelung, als ruͤhrten dieſe naͤrriſchen Einfaͤlle angera⸗ thener Maßen von Dir her, das ſicherſte Mittel ergreift, mich zahm und geſchmeidig zu machen; ſo daß ich denn auch wirklich geruhig aushalte und ſanft mein Unbehagen unterdruͤcke, gleich ei— nem Schaf, dem man die Wolle abzu⸗ ſcheren im Begriff iſt. Aber ſage ſelbſt, ob wir die Zeit nicht beſſer anwenden 408 koͤnnten?— Roͤschens Anblick, und ſolch' lederne Beſchaͤftigung!— To⸗ kayer getrunken, und Galgenknel⸗ ler dazu geraucht!— Auch Vater Wickling ſcheint mehr und mehr zu begreifen, daß er nicht eben zum Ungluͤck ſeiner Tochter mich in Grunb und Boden getanzt, und dieſe vermeintliche Beleidigung mir auf be⸗ wußte Weiſe zu verguͤten geſucht hat. Denn mit vergnuͤgtem Herzen iſt Roͤs⸗ chen von der Höhe des Thurmes zur friedlichen Behauſung des Stadtpfeifers hernieder geſtiegen, in ihrem ganzen Weſen aͤußert ſich die fortwaͤhrendſte Zu⸗ friedenheit mit ihrem erwaͤhlten Looſe, und nimmer wird es ihr daher in den Sinn kommen, wieder Jungfer Wick⸗ ling heißen zu wollen! Das merkt der Alte; drum nennt er mit itmer lieb⸗ reicherm Benehmen mich ſeinen Sohn, —— ——————— 409 und kann ſich nur muͤhſam wieder von uns hinweg finden, ſo oft er kommt, und mit eignen Augen zuſieht, wie es ſei⸗ nem Roͤschen ergeht. Was er auf Dich haͤlt, und welche Anzahl von Gruͤßen ich Dir von ihm zu beſtellen habe, magſt Du ſelbſt berechnen, indem ich Dir vermelde, daß ſein faſt tägliches Erſcheinen in unſerm Hauſe ſtets mehr oder weniger von dieſem erneuerten, gleichlautenden Auftrage begleitet iſt, der gleichſam das A und O unſrer Familien⸗ unterhaltung auszumachen pflegt. Daß Du, wie Du mir kuͤrzlich ge⸗ ſchrieben, Dein fortgeſetztes gutes Aus⸗ kommen haſt und zufrieden biſt, freut mich um ſo mehr, da ich das letztere gleichfalls bin, wenn auch das erſtere viel beſſer ſeyn koͤnnte. Ach, warum mußte unſre verſtörbene Mutter nicht noch ein Jahr länger leben, um das 410 Gluͤck ihrer Zwillingsſoͤhne zu ſchauen, und in den Stifterinnen deſſelben ihre beiden Schwiegertoͤchter kennen zu lernen! Mit inbruͤnſtigem Gemuͤth erfleh' ich vom hoͤchſten Segensverleiher ein dau⸗ erndes Wohlergehen auf Dich und Dein gutes Dorchen, ſo wie auf den edel⸗ muͤthigen Helbert herab, eingeſtehend, daß ich des einſt uͤber ihn ausgeſpro⸗ chenen, voreiligen und hoͤchſt unguͤlti⸗ gen Urtheils noch immer nur mit inn⸗ rer Scham und aͤußerm Erroͤthen zu gedenken vermag!“ Wie viele Muͤhe Dorchen, nach er⸗ folgter Vorleſung dieſer Zuſchrift, auch anwandte, in der Kunſt der Selbſtbe⸗ herrſchung ſich nach dem Beiſpiel ihres Mannes zu richten, und die neu erleb⸗ ten Uunfaͤlle allmaͤlig zu verſchmerzen und zu vergeſſen; die duͤſtre Kummer⸗ ———————— ————— — 8 411 wolke, die auf ihrer Stirn ſich gelagert hatte, wollte weder beim Anblick der Faſſung und Ruhe, die Sebaſtian an den Tag legte, noch bei der Vorſtel⸗ lung, daß vor der Hand wenigſtens wieder fuͤr die allerdringendſten Lebens⸗ beduͤrfniſſe geſorgt ſei, ſo ganz ver— ſchwinden. Deutlich merkte man ihr den Kampf an, in welchem ſie fortwaͤh⸗ rend mit ſich ſelbſt begriffen war. Die gegenſeitige Unterhaltung ward daher auf ziemlich abgebrochene, mitunter ſo⸗ gar froſtige Weiſe gefuͤhrt, und kaum hatte Sebaſtian den Muth, ſein ſtill ſchmollendes Weibchen fuͤr den heutigen Abend zum gemeinſchaftlichen Beſuch der Chriſtmette einzuladen. Es ſchlug vier Uhr, und die Daͤm⸗ merung brach allmaͤlig herein. Da ließen plotzlich ſich ſchwerfaͤllige Tritte draußen auf der Treppe vernehmen; bald 412 darauf öffnete ſich die Thuͤr, und der Amtsbote, mit dem glänzenden Schilde vor der Bruſt, trat in die Stube. „Unverzuͤglich ſoll der Herr Sebaſtian Sendler,“ ſagte er mit barſcher, trotzi⸗ ger Stimme,„ſich auf das Schloß ver⸗ fuͤgen, allwo der Herr Amtshauptmann in eigner Perſon ihn zu ſprechen, und ins Verhoͤr zu nehmen verlangt!“ „Ach du gerechter Gott! Ins Ver⸗ hoͤr will er Dich nehmen!“ rief Dor⸗ chen, als der Mann ſogleich, nach aus⸗ geſprochener Vorladung, ſich wieder ent⸗ fernt hatte.„Nun kommt die Schnupf⸗ tuchsgeſchichte von geſtern zur Sprache! Nun machen ſie Dir den Prozeß als Taſchendieb! Nun ſchmieden ſie Dich in Eiſen, legen Dir Handſchellen und Fußkloͤtzer an, und ſetzen Dich ins eis⸗ kalte finſtre Loch unter dem Schloßthurm! Oich Ungluͤckſelige!“ 413 „Sei nicht närriſch, Dorchen!“ ſagte Sebaſtian, dem, zu Folge des rauhen, gebieteriſchen Tones, in welchem jener ſich ſeines Auftrages entledigt hatte, freilich auch nicht ſo ganz wohl dabei zu Muthe war.„Was hat denn der Amtshauptmann mit Dingen, die im Schauſpielhauſe vorfallen, zu thun und zu ſchaffen? Und waͤre Deine Furcht auch gegruͤndet; ich leiſte, was mir auch immer bevorſtehen mag, den ſchul⸗ digen Gehorſam, und begebe mich ſo⸗ gleich an Ort und Stelle. Mag der Schein gegen mich zeugen; ich ſelbſt bin mir keines Verbrechens bewußt, und ſtehe in Gottes Hand!“ Dorchen nahm einen Abſchied von ihm, als ob eine Trennung auf Lebens⸗ zeit ihnen bevorſtaͤnde. Sebaſtian aber ſuchte nach ſeinen beſten Kraften ihr Muth einzuſprechen, ließ von ihren zit⸗ 414 ternden Haͤnden ſich die neu ausgebeſ⸗ ſerte Halskrauſe wieder vorbinden, und eilte, ſeinem Vorſatze getreu, dem Schloſſe zu. Am Ziel der Wanderung angelangt, blieb er maͤuschenſtill, und mit bangem Herzklopfen, in dem Vor⸗ ſaale ſtehen, nach welchem er, unter dem Beſcheide, daß er ſogleich ange⸗ meldet werden ſolle, gefuͤhrt worden war. Bald darauf offnete ſich eine Fluͤ⸗ gelthuͤr. „Kommen Sie naͤher!“ rief der Amtshauptmann, der ganz allein in dem hochgewoͤlbten, geraͤumigen Zimmer ſich befand, in welches Sebaſtian, auf er⸗ haltenen Wink, mit aͤngſtlich ſchuͤchter⸗ ner Geberde jetzt eintrat.„Haben Sie dieß mit eigner Hand geſchrieben?“ fragte er, indem er ihm ein Papier ent⸗ gegen hielt. Sebaſtian erkannte ſogleich den in Auftrag des Zetteltraͤgers verfertigten Gluͤckwunſch, und bejahete die Frage durch eine tiefe und ſtumme Verbeu⸗ gung. ——— — 415 „Auch den Inhalt ſelbſt abgefaßt?“ fuhr jener ſich zu erkundigen fort. Eine zweite, ganz der vorigen aͤhn⸗ liche Verbeugung war die Antwort. „Ich mochte gern durch eine neue Probe mich von Ihrer Geſchicklichkeit uͤberzeugen!“ ſagte der Amtshauptmann. „Setzen Sie ſich dort an jenen Tiſch, und machen Sie den General von Wal⸗ len ſchriftlich mit den Bedingungen be⸗ kannt, unter welchen der von ihm in Vorſchlag gebrachte Vergleich, in Hin— ſicht einer kleinen Streitſache, welche Sie, ſo wie auch die Bedingungen ſelbſt, auf dem beiliegenden Papier fluͤch⸗ tig angegeben finden, zu Stande kom⸗ men kann!“ Sebaſtian zauderte, und blickte ſcheu und verlegen zu Boden. Dieß geſchah jedoch nicht ſowohl aus Furcht vor Lo⸗ ſung der ihm gemachten Aufgabe, als vielmehr, weil er in Gegenwart des Herrn Amtshauptmannes, der jetzt mit langſamen Schritten, und die Haͤnde uͤber den Ruͤcken gekreuzt, im Zimmer 27 416 auf und ab zu gehen anfing, ſich ſet⸗ zen ſollte. Auch konnte er nicht eher, als bis eine zweite Aufmunterung er⸗ folgt war, es uͤber ſich gewinnen, eine, ſeiner Meinung nach, ſo reſpektswidrige Stellung anzunehmen. Sobald er aber die Feder erſt in der Hand hielt, war alle ſeine Zaghaftigkeit verſchwunden⸗ Im Nu hatte er mit dem Erundſtoffe der zu liefernden Arbeit ſich in Bekannt⸗ ſchaft geſetzt: die Gedanken ſtroͤmten in gewohnter Fuͤlle ihm zu, eben ſo leicht ward es ihm, ſie darzuſtellen, und durch geſchickte Redewendungen folgerecht mit einander zu verbinden, und ſchon nach Verlauf einer Viertelſtunde war der verlangte Aufſatz gluͤcklich zu Stande gebracht. In unverkennbaren Merkmalen druͤck⸗ ten Verwunderung und Beifall auf dem Geſicht des Amtshauptmannes ſich aus, waͤhrend er das Geſchriebene mit Auf⸗ merkſamkeit uͤberlas.„Sie haben,“ ſagte er endlich,„die Erwartung, die ich von Ihren Talenten hegte, vollkom⸗ — 417 men gerechtfertigt, mein lieber Send⸗ ler! und ich trage daher auch keinen Augenblick laͤnger Bedenken, Ihnen ein Anerbieten zu thun, welches Ihnen, wie ich hoffe, nicht ganz unerwuͤnſcht kommen wird. Mein bisheriger Sekre⸗ taͤr iſt in dieſen Tagen durch meine Verwendung anderweitig angeſtellt und verſorgt worden. Sie treten von heut' an in die Stelle deſſelben, und ich be⸗ ſtimme Ihnen einſtweilen ein jaͤhrliches Gehalt von drei hundert Thalern, deſ⸗ ſen Erhoͤhung von Ihnen ſelbſt abhaͤn⸗ gen wird. In aller Stille habe ich be⸗ reits uͤber Ihren Lebenswandel Erkun⸗ digung einzuziehen geſucht, und allge⸗ mein ſind Sie mir als ein wackrer, rechtlicher Mann geſchildert worden, der aber, aus zu geringem Vertrauen gegen ſich ſelbſt, ſeine Talente nicht geltend zu machen verſteht, und deßhalb in un— verdienter Duͤrftigkeit ſchmachtet. Wie freut es mich, dieſem Uebel durch den Ihnen ſo eben gemachten Antrag fuͤr immer abhelfen zu koͤnnen! Fuͤr eine —* 418 anſtändige Wohnung in der Nähe des Schloſſes, ſo wie fuͤr alles, deſſen Sie zu Ihrer neuen Einrichtung etna be⸗ duͤrftig ſind, werde ich Sorge tragen. Gleich nach den Feiertagen treten Sie Ihren Poſten an; ich hoffe, wir wer⸗ den gegenſeitig mit einander zufrieden ſeyn!“ Sebaſtian war wie vernichtet, in⸗ dem er dieſe Anrede vernahm. Krampf⸗ haft ſuchte er mit den Fingerſpiten die Stuhllehne zu gewinnen, um einen Stuͤtzpunkt zu finden, weil die Kniee unter ihm zu brechen drohten; und un⸗ aufhoͤrlich ſtuͤrzten, ohne daß er eine Sylbe hervor zu bringen vermochte, ihm die Thraͤnen aus den Augen. „Nehmen Sie einſtweilen,“ fuhr der Amtshauptmann fort, indem er, den Schreibtiſch aufſchließend, eine Geld⸗ rolle heraus holte, und ſie dem Be⸗ taͤubten uͤberreichte;„hier dieſe dreißig Thaler als ein kleines Weihnachtsge⸗ ſchenk von mir in Empfang, und erzei⸗ gen Sie mir den Gefallen, ſich am drit⸗ 41¹9 ten Feiertage, des Morgens um zehn uhr, wieder bei mir einzufinden, wo ich, zur Beſeitigung einiger ſchriftlichen Angelegenheiten, mich Ihres Beiſtandes zu erfreuen wuͤnſche!“ Der Beſchenkte machte einen miß⸗ lingenden Veyſuch, ſeinem tief bewegten Gefuͤhl Sprache zu verleihen; er ſtam⸗ melte einige Worte ohne ſonderlichen Sinn und Zuſfammenhang, und ward ſodann, unter nochmaliger Wiederho⸗ lung des ſo eben geaͤußerten Wunſches, auf das freundlichſte und leutſeligſte von dem Amtshauptmann entlaſſen. Erſt unten vor dem Schloſſe, als die ſchneidende Dezemberluft ihm wie⸗ der ins gluͤhende Geſicht wehte, kam er allmaͤlig zur Beſinnung ſeiner ſelbſt. „Es läßt ſich wahrhaftig nicht weg⸗ laͤugnen!“ ſagte er, indem er ſtill ſte⸗ hend ſich mit pruͤfender Hand zu be⸗ taſten anfing.„Das iſt mein Pluͤſch⸗ rock, das hier die neu genaͤhte Hals⸗ krauſe, das die Geldrolle! Ich bin es ſelbſt, ich Sebaſtian Sendler, und kein 4²0 Andrer! O du lieber himmliſcher Va⸗ ter! Wie funkein deine Weihnachtsker⸗ zen da droben! Was haſt du mit mir vor gehabt!“ Ein neuer Thraͤnenſtrom ſchoß ihm uͤber das Geſicht.„Recht ſo, Send⸗ ler!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„ Weine dich aus, oder es geht nimmer gut mit dir! Ach Dorchen, Dorchen! du gluͤck⸗ ſeliges Weib! Ach, Helbert, du treue, theilnehmende Seele!— O ihr laͤ⸗ chelnden Engel des Himmels! Blickt hernieder und betrachtet mein Chriſt⸗ Es war ihm unmoͤglich, in dieſem Zuſtande ſogleich nach Hauſe zuruͤck zu tehren! Er mußte die Gaſſe erſt einige Mal auf und nieder laufen, um vor der draͤngenden, wogenden Gewalt der Empfindungen, die ihm das Herz zu uͤberſtroͤmen, die Adern zu zerſprengen, drohte, Luft zu gewinnen. In haſtvoller Ungeduld und Erwar⸗ tung flog Dorchen, als er endlich mit verweinten Augen in das Dachſtuͤbchen —— „* — 421 trat, ihm entgegen; er aber ertheilte abwehrend ihr einen Wink, ſich ſtill zu verhalten, ſah ihr einige Angenblicke lang ſtarr ins Geſicht, und ſagte ſo⸗ dann mit bebender Stimme:„Mache mich nicht weich, Herzensweib! Was ich Dir zu vermelden habe, erheiſcht einen ganz beſondern Grad von Feſtig— keit und Geiſtesſtaͤrke! Eine neue Welt liegt vor uns aufgeſchloſſen; denn der Herr hat Großes an mir gethan! Suche Dich zu faſſen, Dorchen! der Sekre⸗ tarius Sendler iſt es, der vor Dir ſeht Stumm vor Erſtaunen, hob ſie die gefalteten Haͤnde gegen die Decke em— por, als er jetzt in kurzen, abgebroche⸗ nen Redeſaͤtzen, ihr Bericht uͤber einen Gluͤckswechſel abzuſtatten verſuchte, von deſſen Moͤglichkeit er noch vor wenigen Stunden nicht die leiſeſte Ahnung ge⸗ habt hatte. Er zog waͤhrend deſſen, als ob er ſelbſt ſich fuͤr uͤberzeugt halte, daß es bei ſeiner Ausſage einer ſichtba⸗ ren Beglaubigung beduͤrfe, zugleich die 422 mitgebrachte Geldrolle aus der Taſche hervor, und ſchuͤttete ſie auf den Tiſch aus. „Siehſt Du, liebes Weib!“ fuhr er fort.„Schon dieſen Morgen ſagte ich: Mag der kleine Sebaſtian nur im⸗ mer kommen, er ſoll es gut bei mir haben! Gott allein weiß, mit welchen Empfindungen ich dieſen Ausruf jetzt wiederhole!“— Schluchzend umſchlang ihn Dorchen, und verbarg ihr, von heißen Wonnethraͤnen uͤberſtroͤmtes, Ge⸗ ſicht an ſeiner Bruſt. In dieſem Augenblick fingen die Glocken, zur Chriſtmette rufend, durch die Stille der Nacht zu ertoͤnen an. „Laͤutet nur!“ ſprach Sebaſtian.„Ich komme nicht! Was mir das Herz heute zu Dank und Freunde bewegt, will nur in geraͤuſchloſer Einſamkeit gefeiert ſeyn! Ich muß erſt ruhiger werden, um wie⸗ der unter Menſchen mich zeigen zu koͤn⸗ nen! Noch zu laut und zu ſtuͤrmiſch jauchzen die Pulsſchläge zu ihm empor, der es gefuͤgt hat, daß gerade mit dem Tage der himmliſchen Sendung mir der Stern des irdiſchen Gluckes aufgehen muß! Ehre ſei Gott in der Hoͤhe!“— ——— vfſ 3 1 8 9 10 11 12 1 6 17 3 3— ———4