5— * S— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . Cdnard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteyt zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 6 7 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:. —————— 5 auf 1 Monat: 1 Nr— f 1 W 50 P 2 W. „ 3„—.„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 5 6 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 4 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausléihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. , 3 * Novellen und— Erzaͤhlungen. Von R. G. Prätzel. Zweiter Band. Beyin. In der Schüppel'ſch uchbandlung. 1829. „ Die Nachtigall„ Der Glicswechſel ——— — nn — Die Nachtigall. Eryatte rein dein Herz und dein Gewiſſen! Es nagt die Schuld mit wilden Schlangenbiſſen Am Opfer, das ihr gift'ger Hauch befleckt. Im Abenddunkel und im Morgenglanze, Im Trauerſchleier und im Freudenkranze, In Lieb' und Haß hält ſich ihr Bild verſteckt. Du ſuchſt umſonſt den Schirm, der Reu' und Buße! Dir folgt die Rache drohend auf dem Fuße; Dein eigner Schatten iſt es, der dich ſchreckt. und Ruhe kannſt du nie und nirgends finden, Vis mit den Bildern auch die Schatten ſchwinden, und in der Nacht, aus der kein Morgen weckt, Die letzte Ruh dein ſchlummernd Auge deckt!— 8 Auf einer im Spätſommer 1815 unternommenen Fußwanderung gelangte ich eines Abends in ein anſehnliches durch ſeine reizende Lage wie durch [1] — die unverkennbaren Merkmale innerer Wohlhaben⸗ heit ſich auszeichnendes Dorf, in welchem ich zu übernachten beſchloß. Ich ließ mir im Wirths⸗ hauſe ein Zimmer anweiſen, legte hier meine Rei⸗ ſegeräthſchaften ab und begab mich in der Abſicht, noch ein Stündchen umherzuſchlendern und die umgebungen des Ortes in genauern Augenſchein zu nehmen, aus der dunſtigen Stubenluft wieder in's Freie hinaus. Nach Verlauf einiger Minu⸗ ten befand ich mich in der Nähe eines altehrwür⸗ digen Gebäudes, welches mir ein Vorübergehender auf geſchehene Nachfrage als das ehemalige, ſchon ſeit einer langen Reihe von Jahren gänzlich un⸗ bewohnte Herrenhaus bezeichnete. Still und fried⸗ lich beleuchtete die Abendſonne mit ihren letzten Strahlen die öden Fenſter, ſämmtliche nach dem Innern führende Zugänge waren verſchloſſen, zwi⸗ ſchen den Pflaſterſteinen des Hofplatzes wuchs ho⸗ hes Gras, überall herrſchte eine ticfe⸗ ſchauerliche Ruhe. Schon war ich, da ein ziemlich breiter Fluß, mir das weitere Vordringen zu verſperren ſchien, im Begriff wieder umzukehren, als mir in nur geringer Entfernung ſtromabwärts zwiſchen dem ufergeſträuch eine alte, baufällige Brücke in * 6 — — die Augen ßiel. Ich nahm meine Richtung dort⸗ hin und erreichte den Schloßpark, in deſſen düſtern und gänzlich verwilderten Gängen ich eine Zeit⸗ lang einſam umherſchweifte. Da bemerkte ich plötzlich an einer, mitten in der luſtloſen Einöde befindlichen freien Stelle einen wohlgekleideten Mann, welcher, die Arme über der Bruſt ver⸗ ſchränkt und in ein ernſtes Nachſinnen vertieft, mit unverwandten Blicken eine vor ihm empor⸗ ragende Schlehdornwand betrachtete. Freundliche Erinnerungen gingen bei dieſem Anblicke mir in der Seele auf, einen alten Univerſitätsfreund glaubte ich zu erkennen und:„Wallner!“ rief ich, bevor ich noch von der Richtigkeit meiner Muth⸗ maßung mich genauer überzeugt hatte, mit fröh⸗ lichem Ungeſtüm aus. Erſchrocken wandte der aus ſeinen ſtillen Träumereien aufgeſtörte Be⸗ ſchauer ſich um. Ich hatte mich nicht getäuſcht. Zur herzlichen Bewillkommung⸗ nachdem ſeit un⸗ ſerm letzten Zuſammenſein faſt acht Jahre ver⸗ floſſen waren, eilten wir mit ausgebreiteten Ar⸗ men einander entgegen. „Dich treffe ich hier?“ fragte ich lebhaft be⸗ fremdet.„Du hätteſt Deine frühere Anſtellung [1*1 gegen ein Unterkommen in hieſiger Gegend ver⸗ tauſcht?“ „Nein, keinesweges!“ erwiederte er.„Mein Wohnort liegt über funfzig Meilen von hier ent⸗ fernt. Eine wichtige Geſchäftsangelegenheit aber, die auch Deine Theilnahme erregen wird, hat dieſe weite Reiſe veranlaßt, hält ſchun ſeit einigen Ta⸗ gen mich hier feſtgebannt, und kann leicht meine Rückkehr nach der Heimath noch länger verzö⸗ gern.“ „Eine Geſchäftsangelegenheit? hier in dieſem Dorf?“ „Nicht anders!“ war die Antwort.„Aber laß uns jetzt davon abbrechen und das Ausführ⸗ lichere über dieſen Gegenſtand bis zu einem gele⸗ genern Zeitpunkt verſchieben. Es wird dunkel! Ich hin beim Prediger des Orts eingeladen und darf durchaus nicht länger auf mich warten laſ⸗ ſen. Du begleiteſt mich dorthin, ich ſiehe Dir für die freundlichſe Aufnahme.“ Bei dieſen Worten umſchlang er meinen Arm und zog, ohne meine Einwilligunz abzuwarten, mich durch das wildwuchernde Geſträuch und Buſchwerk raſch mit ſich fort. Er war ſichtbar — verſtimmt; ich mochte daher, wie gern ich auch über das Räthſelhafte in ſeinen Geberden und Außerungen mir nähern Aufſchluß zu verſchaffen geſucht hatte, für jetzt nicht weiter in ihn dringen, und unter ziemlich einſylbigem und nur gleich⸗ gültige Dinge berührendem Geſpräch langten wir in der Predigerwohnung an. Es befanden ſich außer dem Prediger und ſeiner Frau noch ein rei⸗ zendes Mädchen von etwa achtzehn Jahren und ein eben ſo wohlgebildeter, dem Anſcheine nach in engliſchen Kriegsdienſten ſtehender Offizier, der den linken Arm in der Binde trug, in dem Wohnzimmer verſammelt. Gleich auf den erſten überblick der anweſenden Perſonen, hatte ich, wäh⸗ rend Wallner mich ihnen der Reihe nach vor⸗ zuſtellen anfing, mir in Gedanken ſchon den Ro⸗ man zuſammengeſetzt, worin eine Predigertochter und zwei Nebenbuhler die Hauptrollen ſpielten. Ich war indeß mit meinen Vermuthungen dies⸗ mal zu voreilig geweſen, denn bald erfuhr ich, daß Alwine, ſo hieß die junge Schöne, nicht die Tochter je ja nicht einmal eine Verwandte des Predigers, der Offizier aber ihr leiblicher Bruder ſei. Ich ſah mich genöthigt, die Verwickelungen 5 meines Romans auf einer andern Grundlage beru⸗ hen zu laſſen. Eine unter Begünſtigung und Mitwirkung des Bruders bewerkſtelligte Entfüh⸗ rung aus der Machtgewalt eines eigenſinnigen, ſtörrigen, ſtolzen Vaters oder Oheims! dachte ich bei mir ſelbſt und weidete mich heimlich an der Vorſtellung, die Spur der obwaltenden Verhält⸗ niſſe doch wenigſtens in Betreff meines Freundes nicht ſo ganz verfehlt zu haben, indem die Wahr⸗ nehmung des zwiſchen ihm und Alwinen herr⸗ ſchenden vertraulichen Tons und Umgangs nur dazu dienen konnte, mich in der ſiillgefaßten Mei⸗ nung über die Lage der Dinge mehr und mehr zu beſtärken. Auch ermangelte ich nicht, ihm bei der erſten ſich darbietenden Gelegenheit mit einem verſtohlnen Seitenblick auf Alwinen in's Ohr zu raunen, daß ich jetzt über den Zweck der drin⸗ genden Geſchäfte, die ihn hierher geführt, nachge⸗ rade ſo ziemlich mit mir ſelbſt ins Klare gekom⸗ men ſei. Er aber ſchüttelte den Kopf, zuckte mit den Achſeln und ein wehmüthiges Lächeln zeigte ſich auf ſeinem Geſicht.„Du hegſi falſchen Ver⸗ dacht!“ flüſterte er mir zu.„Schon ſeit drei Jah⸗ ren bin ich verheirathet und lebe mit meiner — — Agnes in einer ſehr glücklichen Ehe. Beruhige Dich alſo und gieb zugleich jeden Gedanken an einen hier Statt findenden geheimen Liebeshandel auf.“— Wenn ich Letzteres ſollte, ſo wußte ich freilich nicht, was es dabei überhaupt für mich wei⸗ ter zu denken gab; nur ärgern konnte ich mich, daß ich auf dem Wege hierher die Beſcheidenheit zu weit getrieben und mich gegen die verdüſterte Ge⸗ müthsſtimmung meines Gefährten zu ſchonend be⸗ wieſen hatte, um in unbefriedigter Neugierde mir jetzt über Räthſelaufgaben den Kopf zu zerbrechen, die ich durch eignes Forſchen und Sinnen ſchlech⸗ terdings nicht zu löſen im Stande war. Die heiden Geſchwiſter begaben ſich jetzt, in Wallner's Begleitung nach einem anſtoßenden Gemach, in welchem ſie, während die dort geführte Unterredung ſich von Zeit zu Zeit bis zum lebhaf⸗ teſten Wortwechſel ſteigerte, faſt eine Stunde ver⸗ weilten. Nach ihrer Zurückkehr zog der Pfarrer, der mittlerweile mit nicht ſonderlich günſtigem Erfolg mich in ein Geſpräch über die neuſten Kriegsvorfälle und Welthändel zu verwickeln ge⸗ ſucht hatte, die an der Thür herabhängende Klin⸗ gelſchnur und das Abendeſſen ward aufgetragen. — Während der Mahlzeit blickte Alwine, den Aus⸗ druck ſchmerzlich aufgeregter Empfindungen auf ihrem bleichen ſchönen Geſicht, ſtill und ſchwer⸗ müthig vor ſich nieder, ihr Bruder, der in ſeinen Mienen und Geberden ruhigen Trotz und uner⸗ ſchütterliche Willensfeſtigkeit kund gab, kritzelte mit der Gabel gedankenvoll auf dem vor ihm be⸗ findlichen leeren Teller umher, Wallner ſuchte vergeblich ſeinen, durch die im Seitenzimmer ſtatt⸗ gehabten Verhandlungen nur noch heftiger auf⸗ geregten Verdruß und Unmuth zu bekämpfen und die Unterhaltung bei Tiſche war mithin, da der Hausherr in ſeiner gelaſſenen breiten Amtsweiſe faſt ganz allein das Wort führte, mehr zum Ein⸗ ſchläfern als zum Ermuntern geeignet. Ich ſelbſt befand mich, als ununterrichteter Zeuge der hier herrſchenden, mit freundſchaftlichem Vertrauen ſelt⸗ ſam gemiſchten, Mißhelligkeiten fortwährend in der unbehaglichſten, peinlichſten Spannung, ſaß wie auf Kohlen und dankte dem Himmel, als es end⸗ lich zum Aufbruche kam. Bald hatten wir das von der Pfarrwohnung nur ein paar hundert Schritte entfernt liegende Wirthshaus errcicht.„Ich bin Dir jetzt,“ ſagte — 9— Wallner mit gedämpfter Stimme,„den ver⸗ ſprochnen Aufſchluß über die Geſchäftsſache zu ertheilen ſchuldig, deren Betreibung meinem Auf⸗ enthalt in dieſer Gegend zum Grunde liegt. Ohne Zweifel brauchſt Du nur den Namen Fetſack zu hören, um Dir ſogleich mit voller Deutlichkeit das Bild eines unſrer gemeinſchaftlichen Freunde ins Gedüchtniß zurückzurufen!“ „O, wie ſollte ich nicht!“ war meine Ant⸗ wort.„Weder Zeit noch Entfernung haben mir die Erinnerung an ihn aus der Seele zu tilgen vermocht, und oft, gar oft, iſt er noch der Ge⸗ genſtand meines Nachdenkens geweſen, ſo wie da⸗ mals, als er ſtill in ſich ſelbſt zurückgezogen und fort und fort einem geheimen Kummer nachhän⸗ gend, unter uns lebte, bei aller Empfänglichkeit für die Freuden der Ingend, ſich ſtrengen Ernſtes den Genuß derſelben verſagte und wie deſſen un⸗ geachtet ſein Umgang für uns Alle ſo viel Anzie⸗ hendes hatte. Du ſcheinſt Nochricht von ihm zu haben. O, ſprich! was iſt ſeit unſrer Trennung weiter aus ihm geworden?“ „Sein Schickſal liegt jetzt entfaltet! Was in ſeinem Weſen und Benehmen uns dunkel war, hat ſich aufgeklärt!“ ſagte Wallner, indem er eine Brieftaſche aus dem Buſen hervorzog und ſie mir überreichte.„Hier wirſt Du alles, was die freundloſen Lebensverhältniſſe unſres Freundes hetrifft, von ſeiner eignen Hand aufgezeichnet fin⸗ den. Morgen früh machen wir einen Spaziergang zuſammen und ich gebe Dir ſodann mündlich über das Weitere noch ausführlichern Bericht!“ Er drückte mir zum Abſchiede die Hand und verfügte ſich nach ſeinem Schlafzimmer hinauf. Ich folgte ſeinem Beiſpiel, ſchickte, ſobald ich mich gllein befand, zur Durchſicht der Brieftaſche mich an, und fand nachſtehende, einen Zeitraum von fünf Monaten umfaſſende Briefe, die ich mit Zuſtimmung ihres Empfängers dem geneigten Le⸗ ſer hier der Reihe nach mittheile. M., im Februar 1815. Der liebevolle und treuherzige Ton, in welchem Du mir, beſter Wallner, Deine unveränderliche Theilnahme an meinem Schickſal zu erkennen giebſt, hat mich wie ein Droſtruf von oben, er⸗ * — 11— quickt und erheitert; dennoch muß ich hinzufügen, daß Deine Glückwünſche wegen der, mir plötz⸗ lich und auf unerwartete Weiſe zugefallenen, be⸗ deutenden Erbſchaft, wie Dolchſtiche mir durch die Bruſt gingen. Ach nicht leicht giebt es wohl einen Menſchen, bei welchem die Bedingungen ſeines Glückes weniger an Geld und Gut ge⸗ knüpft ſind, als eben bei mir. Dreißigtauſend Thaler! Ein Vermächtniß des vor ſechs Wochen in der Reſidenz verſtorbenen Grafen von W*! Jetzt haſt auch Du die geheime Triebfeder wohl ſchon errathen, die ſeiner mir von jeher bewieſe⸗ nen Gunſt und Gewogenheit zum Grunde lag. Ich ſelbſt ahnete bereits ſeit Jahren die eigentli⸗ che Beſchaffenheit des zwiſchen ihm und mir ob⸗ waltenden Verhältniſſes, obwohl ich in Betreff deſſelben auch ſogav gegen Dich fortwährend das tiefſte Stillſchweigen beobachtete. Damals frei⸗ lich, als er mich, ſo oft Schulferien eintraten, aus der Penſionsanſtalt, in welcher ich meine Knabeniahre verlebte, nach ſeinem Landgute abho⸗ len ließ, hatte ich von dieſer nähern Befreundung noch keinen Begriff, ſondern hielt die Außerun⸗ gen des Wohlwollens, deſſen ich mich von ihm zu — erfreuen hatte, nur für die Merkmale einer durch die Vermittelung des Zufalls auf mich geworfe⸗ nen Neigung, zog meinen Vortheil daraus und gab in der Unbefangenheit meines Gemüths mich arglos und fröhlich den Vergnügungen hin, die der Aufenthalt auf ſeinem Schloſſe mir gewährte. Ach, eben aus jenen Tagen ſchreibt das Unheil ſich her, das den Frieden meiner Seele für immer zerſtört hat! Wie ein quälendes Geſpenſt, das durch keine Beſchwörungsformel ſich verſcheuchen und bannen läßt, verfolgt auf allen meinen Schrit⸗ ten mich die Erinnerung an die Schreckensfolgen einer jugendlichen Unbeſonnenheit, deren ich mich dort ſchuldig gemacht. Was ich verſchuldet, iſt nicht ungeahndet geblieben! Ein mit ſich ſelbſt zerfallenes, zerrüttetes Leben, in ſeiner Verdüſterung trübe dahin ſchleichend, von keiner innern Glut erwärmt, von keinem ußern Freudenſchimmer be⸗ leuchtet, iſt ſeitdem mein Theil geweſen und mit ihm ſtelle ich fort und fort den ſprechenden Be⸗ weis, daß leichtſinnige Streiche, die nur der Rich⸗ terſtuhl des eigenen Gewiſſens zur Rechenſchaft zieht, oft ſchwerer abzubüßen ſind, als grobe Ver⸗ brechen. † —— DQlber wirſt auch Du Dich geneigt fühlen, je⸗ ner Handlung, die einen ſo ſcharfen und unver⸗ wüſtlichen Stachel mir im Herzen zurückgelaſſen, die mildere Benennung einer jugendlichen Un⸗ beſonnenheit zu ertheilen; Ich bin im Be⸗ griff, Dir den Vorgang mit allen ſeinen Umſtän⸗ den und ganz der Wahrheit getreu zu erzählen. Was jetzt auf einmal, nach ſo langer Geheimhal⸗ tung, mich zu dieſem Geſtändniſſe veranlaßt, fragſt Du? Nichts anders, als der ſchwache Hoffnungs⸗ ſtrahl, der ſeit der Empfangnahme des ererbten Vermögens mir in der Seele aufgegangen iſt, der Gedanke, daß durch die Wiederverwendung deſſel⸗ ben vielleicht ein Theil der großen Schuld ſich abtragen läßt, deren Bürde mich ſo tief darnieder drückt. Er hat zugleich den Entſchluß mir ein⸗ geflößt, den Freund, der ſo oft mit vergeblichen Bitten in mich gedrungen, endlich aus freiem An⸗ triebe zum Vertrauten meines geheimen Kummers und Grams zu machen. Lies und urtheile! An das zu G befindliche gräfliche Schloß, auf welchem ich mich während des Knabenalters zweimal im Jahr mehrere Wochen lang aufzuhalten gewohnt war, ſtieß ein großer, ſchön eingerichteter — 14— Garten, mir zum Behuf der Spiele und Belu⸗ ſtigungen, denen ich mich hier nach freier Will⸗ kühr überlaſſen durfte, den ausgeſuchteſten Tum⸗ melplatz darbietend. Nur an Geſellſchaft fehlte es mir, da der Graf mir den Umgang mit des Kunſtgärtners Sohne, Rudolph mit Namen, der ſich mit mir in gleichem Alter befand, zwar nicht ausdrücklich unterſagte, doch aber ſo häuſig vor der nahen Sitte und Ausgelaſſenheit des Kna⸗ ben mich warnte, daß ich mich allmählich daran gewöhnte, den Verkehr mit ihm als eine verbotene Frucht zu betrachten und nur verſtohlner Weiſe dann und wann in nähere Gemeinſchaft mit ihm zu treten. Er hatte durch täglich fortgeſetzte übung ſich als Bogenſchütz eine ungemeine und vielfältig von mir beneidete Fertigkeit zu eigen gemacht, ſchweifte zu ganzen Tagen in der Um⸗ gegend umher, und führte ununterbrochenen Krieg mit den Sperlingen, deren Köpfe er, gegen Em⸗ pfangnahme des dafür ausgeſetzten Preiſes an den Schloßvogt auslieferte. Eines Rachmittags finde ich, indem ich müßig im Garten umher ſchlendere, Rudolph's Arm⸗ bruſt gegen eine Raſenbank gelehnt. Ich bemäch⸗ —— tige mich ihrer, ziche aus dem dabei befindlichen Köcher einen Pfeil hervor, mache mich ſchußfertig und ſuche nun mit begierigen Blicken nach einem Zielpunkte tanglichen Gegenſtande umher Da raſchelt es in der mir gegenüber befindlichen Schleh⸗ dornhecke; Ein Vogel iſt es, der höher und höher an den ſchlanken Zweigen empor hüpft, zwiſchen welchen er ſein Reſt hat. Eine Nachtigall! So manchmal hatte ich hier in der Nähe geſtan⸗ den und mit dem innigſten Wohlbehagen an ih⸗ rem Geſange mich ergötzt; während es keinem Dorfbewohner erlaubt war, zur Brütezeit dieſes Vogels den Schloßgarten zu betreten. Ich wußte, daß ſie es war, ich erkannte ſie deutlich! O, Herr des Himmels! Noch am nehmlichen Morgen hatte ich den Dorfiungen mehrere an Fäden befeſtigte Käfer mit Geld abgekauft, um ſie aus der Gewalt ihrer Peiniger zu retten und wieder in Freiheit zu ſetzen. Nie hatte ich irgend ein Thier aus grauſamem fübermuthe verletzt oder gemißhandelt. Was war jetzt, indem ich die mör⸗ deriſche Waſfe in den Händen hielt, auf einmal mit mir vorgegangen? Wie ſoll ich das entſetz⸗ liche Gelüſt benennen, das in dieſem Augenblick mich überwältigte, meinen Sinn umnebelte, alle Regungen des menſchlichen Gefühls in mir er⸗ ſtickte: Ich weiß es nicht! Der Finger zuckte zurück, und das arme, von der Roheit ſelbſ ver⸗ ſchonte Geſchöpf, ſürzte, ſammt dem ſpitzigen Pfeil, der ihm tief in der Bruſt ſteckte, blutend und ſterbend zur Erde herab. Raſche Fußtritte näherten ſich; ich warf die Armbruſt von mir und ſuchte im angränzenden dichten Buſchwerk mir einen ſchirmenden Schlupf⸗ winkel. Es war der Graf ſelbſt, der, von einem Spaziergange zurückkehrend, zufällig an der Schleh⸗ dornhecke vorüber kam. Auf den erſten Blick war er über den hier verübten Frevel unterrichtet, die am Boden liegende Armbruſt ſchien ihm über den Urheber deſſelben nicht den mindeſten Zweifel übri zu laſſen und mit wilder, donnernder Stimms hörte ich den Entrüſteten nach dem Girtner ru⸗ fen. Dieſer fand ſich ein, wurde von dem Gra⸗ fen, der vor Wuth ſchäumte, mit den empörtht⸗ ſten Schmähungen und Scheltworten überhaͤuft und erhielt endlich unter Androhung des Schlimm⸗ ſten, was er zu fürchten habe, die Weiſung, den Buben augenblicklich zur Stelle zu ſchaffen, da⸗ mit ——— — —— —— — 17— mit er, zum Denkzeichen für ſein ganzes Leben, die ſeinem ruchloſen Unternehmen angemeſſene Züchtigung empfange. Das alles hörte ich mit an; dennoch, dennoch konnte ich es nicht über mich gewinnen, aus meinem Verſteck hervorzutreten und durch ein reumüthiges Bekenntniß meiner Schuld der ungerechten und kränkenden Behandlung ein Ende zu machen, die der Herbeiberufene von ſei⸗ nem jähzornigen Gebieter erfahren mußte. Scham und Abſcheu vor mir ſelbſt, verbunden mit der feigen Beſorgniß, durch einen Schritt dieſer Art der Gunſt des Grafen und mit ihr zugleich des Wohllebens auf ſeinem Schloſſe für immer verlu⸗ ſiig zu werden, flößten mir die hartnäckige Ver⸗ ſtocktheit ein, deren es bedurfte, um mich einem Vorhaben zu widerſetzen, deſſen Vollführung mir der Ruf des Gewiſſens auf ſo dringende Weiſe zur Pflicht machte. Von Todesangſt ergriffen, verließ ich meinen Zufluchtsort, irrte, bis der Abend hereinbrach, mein unüberlegtes, ſchnödes Beginnen bereuend und verwünſchend, im entle⸗ gendſten Theile des Gartens umher, und begab ſodann mich ſchen und furchtſam nach dem Schloſſe zurück. Gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, hatte F2P M— der Graf nach dem gehabten Arger und Verdruß, ſtatt an das Abendeſſen zu denken, ſich bereits in ſein Schlafgemach begeben, in welchem wan ihn heftigen Ganges auf und ab ſchreiten hörte Die Diener des Hauſes ſieckten mit Merkmalen des Mißmuths und der Unzufriedenheit geheimnißvoll die Köpfe zuſammen; wichtige Dinge ſchienen, während ich von Gewiſſensbiſſen gefoltert das Weite geſucht hatte, hier vorgefallen zu ſein; ich aber aus Furcht, wider Willen mein eigener Ver⸗ räther zu werden, wagte es nicht, irgend eine Fra⸗ ge laut werden zu laſſen, ſondern folgte, ſobald es ohne Verdacht zu erregen geſchehen konnte, dem Beiſpiel des Grafen und ſuchte geichfals die Ein⸗ ſamkeit. Durch ein wildverwirrtes Geſchrei und Ge⸗ tümmel, das in der Frühe des nächſtfolgenden Morgens ſich draußen erhob, ward ich ans Fen⸗ ſter gelockt. Die Knechte des Hofes, die im Be⸗ griff geweſen, ſich hinaus zur Feldarbeit zu bege⸗ ben, trugen einen von Waſſer triefenden Leichnam herbei, den ſie ſo eben bei der Schloßbrücke aus dem Strome gezogen hatten. Es war— o nie wird die Erinnerung an dieſen ſchandervollen Auf⸗ — tritt in meiner Seele erlöſchen!— der unglück⸗ liche, geſtern mit Schimpf und Schande von ſei⸗ nem Dienſt geiagte Gärtner, der in der ſinnver⸗ wirrenden Rein und Verlegenheit, in welche die⸗ ſer plötzliche Wechſel ſeines Geſchicks ihn geſtürzt und aus Verzweiflung über die auf ſo unverſchul⸗ dete Weiſe erlittene Schmach ſeinen Tod in den Wellen geſucht und gefunden hatte. Rudolph war ſchon ſeit geſtern ſpurlos verſchwunden und alle Boten, die man ausgeſandt hatte, um ihn aufzu⸗ ſuchen, waren unverrichteter Sache zurückgekehrt. Entweder hatte der Vater wirklich, wie es die Rachbegierde des erbitterten Grafen geargwohnt, ihm einen verſtohlnen Wink zur Flucht gegeben oder er war, um die Urſache des vernommenen heftigen Rufens zu erforſchen, gleichfalls leiſe her⸗ beigeſchlichen, ein verſteckter Zeuge, der vom Schloßherrn ausgeſtoßenen Drohungen geweſen, und in der lberzeugung, daß bei den vorhandenen ſtarken Verdachtsgründen und bei der ungünſtigen Meinung, die jener von ihm hegte, jede Betheue⸗ rung ſeiner Unſchuld vergeblich ſein werde, ſchnell zu dem Entſchluß gelangt, ſein Heil in der wei⸗ 3 ten Welt zu ſuchen; wie er auch ohnehin ſchon — oftmals über Wünſche und Entwürfe ſolcher Art ſich gegen mich geäußert hatte. Das alles war mein Ver?! war das Werk ei⸗ nes dreizehnjährigen Knaben, der, gegen die natürlichſten Pflichten abgeſtumpft und verhär⸗ tet, aus elender Berückſichtigung des eignen Vor⸗ theils, es dulden und ertragen konnte, daß der Verdacht der von ihm begangenen Unthat auf ſchuldloſe Perſonen gewälzt wurde, der mit ver⸗ ſtockter dumpfer Ruhe das vor ſeinen Augen be⸗ ginnende Trauerſpiel bis zu dieſer gräßlichen Ent⸗ wickelung kommen ließ, ja, dem ſelbſt der Hinblick auf die Leiche des Geopferten nur Schander und Entſetzen zu erregen, nur die unvertilgbaren Qua⸗ len eines befleckten Bewußtſeins zu bereiten, aber nicht die Lippen zu löſen vermochte. Wenige Tage nach dieſer Schreckensbegeben⸗ heit verabſchiedete ich mich, nach der Penſionsan⸗ ſtalt zurückkehrend, von jener Gegend, und habe ſie nicht wieder geſehen; denn auch der Graf, der dort nicht länger auszudauern vermochte, traf bald darauf Anſtalt, den ländlichen Wohnſitz für immer zu verlaſſen. Auf das eilfertigſte verpachtete er die Ländereien des Gutes, ſammt den dazu gehö⸗ — rigen Wirthſchaftsgebäuden, für einen Spottpreis, ließ das Schloß ausräumen und die Zugänge deſ⸗ ſelben ſodann auf das ſorgfältigſte verrammeln und verriegeln, ertheilte demjenigen Theile der Diener⸗ ſchaft, der aus dem Dorfe gebürtig war, den Ab⸗ ſchied, und zog mit Sack und Pack nach der weit entfernten Reſidenz, von welcher er ſich ſeitdem bis zu ſeinem Ende nicht wieder getrennt hat. Hier haſt Du, mein geliebter Freund, wenn ich anders nach Mittheilungen ſolchen Inhalts Dich noch mit dieſer Benennung anreden darf— den erklärenden Aufſchluß über den Kummer, der, dem lindernden Hauche der Zeit Trotz bietend und mit dem Lauf der Jahre tiefer und tiefer wurzelnd, erſt dann aufhören wird, mir das Herz zu heengen und zuſammen zu yreſſen, wenn mich die Ruhe des Grabes umgiebt. Verloren bin ich für das Schaffen und Wirken freier Geiſter! Wohl hat die in meinen äußern Verhältniſſen jetzt eingetre⸗ tene umgeſtaltung mich auf ungewöhnliche Weiſe aus dem ſtarren nächtlichen Trübſinn erweckt und aufgereizt; es iſt aber nicht das Gefühl der friſch ermuthigten Thatkraft, nein, es iſi das letzte, den ſiegreich kämpfenden Todesmächten abgerungen⸗ — Emporſtreben eines Sterbenden, der, wenn der Körper erliegt, die mit ihm dahinſchwindende Gei⸗ ſtesſtärke noch einmal zuſammen zu raffen ſucht, um ſinnklare und der Vernunft anſtändige Verfü⸗ gungen und Aufträge zu ertheilen. Ich denke, zu Bewerkſtelligung meines Vor⸗ habens ſchon in wenigen Tagen nach G* abzurei⸗ ſen. Von dortaus erhälſt Du wieder Kunde von mir. Der Verſtorbene hinterließ außer dem ent⸗ wichenen Sohne noch eine dreijährige Tochter, die, wahrſcheinlich auf Veranlaſſung des Grafen, gleich nach dem erfolgten Ableben ihres Vaters vom Prediger des Orts in Schutz und Obhut ge⸗ nommen wurde Es iſt mein ſehnlicher Wunſch, daß es mir gelingen möge, wenigſtens an ihr ei⸗ nigermaßen wieder gut zu machen, was ich einſt an ihrem Vater verſchuldet; wenn nicht etwa zu⸗ gleich ſich Gelegenheit darbieten ſollte, auch über den gegenwärtigen Aufentshaltsort ihres Bruders Rachricht einzuziehen. Daß bei Vollführung des Gedankens, der mir im Sinne liegt, ſehr zarte Vorſicht angewandt werden müſſe, fühle ich wohlz über die zu dieſem Behuf einzuſchlagende Hand⸗ lungsweiſe ſelbſt aber werde ich nicht eher, als bis 86 23 ich an Ort und Stelle die Beſchaffenheit der Ver⸗ hältniſſe näher geprüft habe, zu eihem feſten Ent⸗ wurfe gelangen können. Möge kein ſtörendes Hin⸗ derniß mir die Erreichung des vorgeſetzten Zweckes vereiteln! G*, im März. Da wirſt es mir, lieber Wallner, gewiß gern erlaſſen, Dir in erſchöpfender umſtändlichkeit die Empfindungen zu ſchildern, mit welchen ich vor⸗ geſtern hier anlangte. Es war ein trüber, regnig⸗ ter Nachmittag; in ihrem winterlichen Gewande trauerte noch die Natur, und nur einzelne Ge⸗ ſiräuche unter dem dürren, laubloſen Buſchwerk, an welchem der Weg vorüber führte, deuteten durch das Aufbrechen ihrer Blätter auf die be⸗ vorſtehende freundlichere Jahreszeit hin. Wie durch die rauhe, ungünſtige Witterung, die ſeit gerau⸗ mer Zeit zu herrſchen fortfährt, meine Reiſe über⸗ haupt bald hier bald dort gehemmt und verzögert worden war, ſo ging auch, als ich enblich dem „ —— Ziele derſelben mich näherte, des tiefen und ſchlüpfrigen Fahrgeleiſes wegen, mein Einzug in das Dorf ſo langſam von ſtatten, als ob ſtatt des leichten Fuhrwerks ein ſchwerbepackter Frachtwa⸗ gen mühſelig dahin ſchwanke. Ich bezog ein Zim⸗ mer im Wirthshauſe, ſuchte hier aber, ſtatt für dieſen Angenblick durch Nennung meines Namens die Neugierde und Aufmerkſamkeit der Leute auf mich zu lenken, mich zuvörderſt von der Erſchöpfung zu erholen, mit welcher die lange beſchwerliche Reiſe für mich verbunden geweſen war. Geſtern machte ich dem Prediger meinen Be⸗ ſuch und wurde, nachdem ich mich zu erkennen gegeben, mit ſo gütevoller Herzlichkeit von ihm em⸗ pfangen, daß es mir Mühe koſtete, das Gefühl der innern Beſchämung vor ihm zu verbergen. Al⸗ wine, ſo iſt der Name des Mädchens, das ich aufzuſuchen beſchloß, lebt noch immer bei ihm, wird als Kind des Hauſes geliebt und befindeß ſich gegenwärtig auf einem Dorf in der Nachba ſchaft, von wannen ſie erſt in einigen Tagen zu⸗ rück erwartet wird. Rudolph, denke Dir! iſt engliſcher Kapitain, hat in Spanien ſich zu dieſem Range empor geſchwungen, unterhält mit ſeiner 1 —— Schweſter und dem Prediger einen lebhaften Brief⸗ wechſel, und hofft noch vor Ablauf des Frühjah⸗ res in eigner Perſon hier einzutreffen, um einige Monate lang in der Heimath ſich aufzuhalten, die er vor ſechszehn Jahren als Flüchtling verlaſſen hatte. Ein ſolcher Zeitraum pflegt freilich in der Natur wie im Leben gar große Veränderungen hervorzubringen. Das Schloß, in welchem ſonſt ſo rege Geſchäftigkeit herrſchte, liegt verödet und gleicht einer oberhalb des Erdreiches errichteten Todtengruft, das Gartenvevier auf deſſen Erhal⸗ tung man einſt ſo bedeutende Summen verwandte, iſt zur Wildniß geworden, die Ruhebänke ſind verwittert und liegen, in Stücke zerfallen, morſch und modernd am Boden umher, wo früherhin ſich bequeme Gänge und Lauben befanden, bietet jetzt ein undurchdringliches Dickigt dem Auge ſich dar. Der zwiſchen hohem Schilfwuchs ſich dahindrän⸗ F Strom mit ſeiner den Einſturz drohenden Brücke— Nein, es giebt dennoch Dinge und Er⸗ ſcheinungen, über welche die umwandelnde Ge⸗ walt der Zeit nichts auszurichten vermag. Ich weiß nicht, vb ich vor Rudolph's be⸗ vorſtehender Ankunft zittern, oder mich ihrer freuen ſoll. Erwarten werde ich ſie, und eben des⸗ halb auch die Bewerkſtelligung meines Vorhabens bis dahin verſchieben. Unter den Einwohnern des Dorfes hat die Erinnerung an das ſchmäliche und gewaltſame Ende, welches der Gärtner genom⸗ men, längſt aufgehört, die Zungen in Bewegung zu ſetzen, niemand erwähnt jenes Ereigniſſes mehr und ſelbſt die noch im Schwange gehenden Be⸗ ſprechungen über das Ableben des Grafen ſind dem Anſcheine nach nicht vermögend geweſen, ein dieſem Todesfalle ſo nahe liegendes Andenken in den Gemüthern zu erneuern und außzufriſchen. In einer abgeſonderten Ecke des Kirchhofes befin⸗ det ſich ſein ſtilles Grab. Kein Kreuz oder ſon⸗ ſtiges Merkmal bezeichnet die Stelle, wo er ſchläft. Spät des Abends hat man ihn hierher getragen, ohne Sang und Klang ihn in die Erde hinabge⸗ ſenkt, und um ſein Gedächtniß bis auf die letzte Spur zu vertilgen, den Boden, nach vollbrachtet Beſtattung ſogleich wieder geebnet.„Wie kön⸗ nen Sie ſich darüber verwundern, liebſter Herr!“ ſagte der alte Kirchendiener, dem ich mein Be⸗ fremden über dieſes liebloſe Verfahren zu erken⸗ „ nen gegeben hatte.„Iſt es denn nicht aller Or⸗ ten, wy der chriſtliche Glaube gepredigt wird, die herrſchende und auf ſehr triftigen Gründen beru⸗ hende Meinung, daß einem Selbſtmörder weder ehrliches Begräbniß noch Grabhügel gebührt““ Schaudernd zog ich mich bei dieſer Erklärung vom Gottesacker zurück, ſchlug meinen Weg nach den umliegenden Feldern ein, wanderte noch einige 9 Stunden lang, während ein unbchaglich kalter Staubregen die Luft erfüllte, in der Gegend um⸗ her und kehrte erſt mit Einbruch der Nacht, durch⸗ näßt und von Froſt geſchüttelt, nach meiner Be⸗ hauſung zurück. G'*, im März. Jn es der klare wolkenloſe Himmel? ſind es die nach der langen unfreundlichen Witterung endlich zur Herrſchaft gelangten heitern Sonnenblicke, die dieſe wohlthätige Wirkung auf meine Gemüths⸗ ſtimmung hervorgebracht haben, oder iſt das Ge⸗ fühl der Erquickung, das mein innerſtes Weſen durchdringt und belebt, nur der neuangeknüpften Bekanntſchaft mit Alwinen zuzuſchreiben? Selt⸗ ſam genug mußte, als ich vor einigen Tagen in der Wohnſtube des Predigers ſaß und begierig die Annäherung der Heimgekehrten erwartete, der erſte Sonnenſtrahl gerade in dem nehmlichen Augen⸗ plick durch das zertheilte Gewölk dringen, da auf den Ruf des Predigers die Thür des Nebenge⸗ maches ſich öffnete und Alwine zu uns her⸗ rintrat.. 2 Welch ein reizendes Geſchöpf! Wie ſo ganz das Gegenbild des trotzigkecken, jagdluſtig umher⸗ ſchweifenden Bruders, wie ich ihn damals kaunte! Eine ſchlanke anmuthige Geſtalt, Unſchuld und fromme Milde in den ſchönen Geſichtszügen, ſee⸗ lewolle Innigkeit des Gefühls in den tiefblauen Augen, Sittſamkeit ohne ängſtlichen Zwang in den Worten und Geberden, Merkmale der feinſten Bildung in ihrem ganzen Weſen und Benehmen. Ich muß die Vermuthung hegen, daß der Prediger durch vorausgeſchickte, vortheilhafte Schilderungen meiner Perſon darauf hingearbei⸗ tet hat, mich bei ihr in ein günſtiges Licht zu ſez⸗ gtn. Sie begrüßte mich mit ſo einnehmender . . — —— Freundlichkeit und Güte, als habe ſie mein Er⸗ ſcheinen für eine glückliche Vorbedeutung zu hal⸗ ten, daß nun auch die ſehnlichſt erwünſchte An⸗ kunft ihres Bruders erfolgen und nicht gar fern mehr ſein werde. Nicht wie einen Fremdling ſon⸗ dern wie einen alten Freund und Bekannten, den nach langer Abweſenheit die Lebensverhältniſſe wie⸗ der in ihre Nähe zurückgeführt, behandelt ſie mich und der gegen mich angenommene Ton hat ſeit dem Augenblick, da ich ihres Umganges theilhaft geworden, bereits einen Grad wohlwollender Zu⸗ traulichkeit gewonnen, der mit ſinnbeſtrickender Gewalt mich um ſo mehr in Verwirrung ſetzt, je weniger ich ihn, im qualvollen Bewußtſein meiner Unwürdigkeit zu erwiedern vermögend bin! —— Ein Wunder muß ſich in's Mittel ſchlagen, wenn dieſer neue Zwieſpalt in der Bruſt, dieſes wilde Ringen mit mir ſelbſt, dieſes ungewiſſe Schwanken zwiſchen Schmerz und Wonne mich nicht völlig zu Grunde richten ſollen! Was neh⸗ me ich aber, ſiatt das einfache Wort auszuſpre⸗ — 30— chen, mit welchem Du bei Anſicht dieſer Zeilen meinen Zuſtand ſogleich genau und richtig bezeich⸗ nen wirſt, zu ängſtlichen und ausweichenden Um⸗ ſchreibungen meine Zuflucht. Ich ſuche vor den granenvollen Bildern, die in der Einſamkeit gleich rachedrohenden Geiſtern mich umſchweben, einen rettenden Ausweg, und eile zu ihr! Ich blicke, um den Sturm, der mir im Innern tobt, zu b⸗ ſchwichtigen, ihr in die ruhig klaren, mildlächeln⸗ den Angen; mit wohlthuendem Hauch beginnt der Friede des Himmels mich zu umwehen. Sie füngt von den vergangenen Tagen zu reden an, von den dunklen und faſt verwiſchten Erinnerungen ihrer früheſten Kindheit, von den Orangenbäumen un⸗ ter welchen ſie geſpielt, von den grünen Lauben und Hecken, von ihrem Bruder, dem Armbruſi⸗ ſchützen!— Ein entſetzliches Gefühl ergriff mich, Eiſeskälte durchrieſelt mir die Bruſt, ich ſiehle mich fort und flüchte zagend und erbangend wie⸗ der nach der abgeſchiedenſten Einöde, um das zit⸗ ternde Herz vor dem Verrathe des Gewiſſens in Sicherheit zu bringen! Bemitleiden wirſt Du mich und zugleich unwillkührlich lächeln, wenn ich Dir den Ort nenne, dem es bisher noch am — 31— beſten gelungen iſt, zwiſchen den mannichfachen widerſtreitenden Empfindungen, die mir die Seele zerriſſen, ein vermittelndes Gleichgewicht herzu⸗ ſtellen. Es iſt die hohe düſtre Glockenkammer des benachbarten Kirchenthurms. Zu meiner Lin⸗ ken hoch über die Dachgiebel hinweg, die Ausſicht nach dem Schloßgarten mit dem Strom und der Brücke; zu meiner Rechten ſchräg unten in der Liefe der abgeſonderte hügelloſe Winkel des Kirch⸗ hofes; vor mir die Predigerwohnung und das von Weinranken umgebene Fenſter, an welchem Al⸗ wine mit weiblicher Arbeit beſchäftigt, gewöhn⸗ lich zu ſitzen pflegt; rings um mich her eine dumpftodte Ruhe die der gleichförmig träge Schwung des Perpendikels mehr befördert als unterbricht. Der Frühling iſt im vollen Anzuge begriffen, die Sonne durchdringt mit ihren erwärmenden Strahlen das Erdreich und überall, wohin ſich das umſpähende Ange verliert, giebt ein neues, fröh⸗ liches Leben ſich kund. Auch die Gewächſe des Predigers im Garten, der von meinem hohen Standpunkte aus ſich ganz überſchauen läßt, ent⸗ knospen ſich mehr und mehr, und nicht ſelten er⸗ — ſcheint Alwine, dem lockenden Winke der Wit⸗ terung folgend, bei den friſchgrünenden Blumen⸗ beeten, wo ſie, vom hellheitern Lichte des Tages lieblich umglänzt, in ſinnender Betrachtung auf und ab wandelt, während ich im luſtlosöden Halb⸗ dunkel zwiſchen beſtaubten Spinneweben ſitze, mit ſtummer Aufmerkſamkeit jeden ihrer Tritte belau⸗ ſche und in buntgeſtaltete Träumereien verſinke, bis die dicht über meinem Haupte befindliche Stundenuhr plötzlich mit widrigem Geraſſel zum Schlagen aushebt, mich empor ſchreckt und zu mir felbſt zurück bringt. G*, im Aprit. Den ganzen Eifer, den die Freundſchaft edlen Seelen einzuflößen gewohnt iſt, bieteſt Du auf, Wallner, mich über mich ſelbſt zu tröſten und zu beruhigen; Du hegſt die überzeugung, daß die Fügung des Himmels mich unverkennbar eben zu dem Zweck in Alwinens Nähe geführt habe, um mein krankes Gemüth zu heilen und der mir er⸗ theilte — theilte Rath, mit Befolgung dieſes vermeintlichen höhern Winkes nicht länger zu ſäumen, klingt wie eine auf unwiderrufliches Wohl oder Wehe hin⸗ deutende feierliche Beſchwörung. Ich muß Dir dagegen geſtehen, daß ich des Aufwandes von Be⸗ redſamkeit, womit Du meine Zweifel zu bekäm⸗ pfen und mich zu Unternehmung eines ernſilichen Schrittes zu bewegen bemüht biſt, nur mit Errs⸗ then gedenken kann. Mein Verhältniß zur reizen⸗ den Pflegetochter des Predigers iſt— ich weiß ſelbſt nicht, ob ich die Lage der Dinge beklagen oder glücklich preiſen ſoll— allmählig ſo weit ge⸗ diehen, daß mit herzhafter Vorbringung des münd⸗ lichen Geſtändniſſes ohne Zweifel alles in Richtig⸗ keit ſein würde. Häufiger als nöthig wäre, be⸗ gegnen ernſtbedentſam ſich unſre Blicke; wir luſt⸗ wandeln Arm in Arm, bald in dem Garten, bald auf den benachbarten Feldern umher, wir drücken uns die Hand, wenn wir uns trennen und wenn wir uns wiederſehn! heißt das nicht während ei⸗ nes Zeitraums von etlichen Wochen in der Ver⸗ läugnung und Abhärtung eines Gefühls, das Jahre lang an unheilbaren Wunden zu kränkeln ſchien, ſchon recht anſehnliche Fortſchritte gemacht? Doch [31 — nicht ſo ganz! Denn das wonnige Behagen, das in ihrer Vähe mein lechzendes Herz erquickt, iſt und bleibt fortwährend mit einer Bangigkeit ver⸗ miſcht, die angenblicklich das fbergewicht gewinnt und mir gewaltſam die Kehle zuſchnürt, ſobald ich im zauberiſch verlockenden Taumel der Sinne zu kühnern Erklärungen zu ſchreiten im Begriff bin. Geſtern gegen Abend, als Alwine haͤusli cher Arbeiten wegen ſich aus dem Garten entfern⸗ te, in welchem wir uns den Nachmittag hindurch mit Sien und Pflanzen beſchäftigt hatten, kam der Prediger auf mich zu, umſchlang traulich mei⸗ nen Arm und führte nach dem entlegnern, ſeine Baumſchule enthaltenden Theile des Gartens mich mit ſich fort.„Sie haben ſich einen reichen Schatz nützlicher Kenntniſſe erworben und beſitzen ein ge⸗ fühlvolles Herz, lieber Felſeck!“ begann er mit der ihm eignen ruhigen Freundlichkeit mich anzu reden.„Ich halte Sie aber auch für einen Mann von Ehre, und darf daher um ſo weniger be⸗ fürchten, mißverſtanden zu werden, wenn ich nicht —— länger umhin kann, einen Gegenſtand zu berüh⸗ ren, den mir Picht und Gewiſſen zur Sprache zu bringen gebieten. Welche Abſichten ſind es, die ſie bei einer treulichern Befreundung mit mei⸗ ner Tochter im Sinn hegen? Alwine iſt in ein⸗ fach⸗ſchlichter Sitte erzogen und aufgewachſen. Un⸗ bekannt mit dem Thun und Treiben der großen Welt, iſt ein frommer, kindlicher Sinn der Grund⸗ zug ihres Weſens, klar und offen ſpiegelt die Lau⸗ terkeit ihres Herzens ſich in ihren Augen, und wie Argliſt und Falſchheit ihrer eignen Seele fremd ſind, ſo ſetzt ſie die nehmliche unverſtellte Arglo⸗ ſigkeit auch bei allen denjenigen voraus, die ihr Wohlwollen zu gewinnen verſtehen und an denen ſie nähern Antheil zu nehmen ſich geneigt fühlt. Nimmermehr könnte ich gerade von Ihnen ver⸗ muthen, daß Sie es darauf anlegen ſollten, mit der unſchuld und Unerfahrenheit des Mädchens ein ruchloſes Spiel zu treiben, den Frieden ihrer Serle zu zerſtören, und aus ihrer Gunſt und Zu⸗ neigung irgend einen Vortheil zu ziehen, der mit den Geſetzen der Ehre und Rechtlichkeit nicht auf das ſtrengſte ſich in übereinſimmung bringen ließe.“ [3* „Rein, beim allwiſſenden Gott! ehrwürdiger Freund!“ entgegnete ich mit glühender Lebhaftig⸗ keit.„Eines ſo ſchändlichen Betruges werde ich nie fühig ſein. „Ich glaube ihren Worten!“ fuhr er zu ſpre⸗ chen fort:„dennoch muß ich Ihnen offenherzig bekennen, daß dieſe Verſicherung mich noch nicht zu beruhigen vermag. Laſſen Sie uns alſo ganz ohne Rückhalt über eine Angelegenheit uns ver⸗ ſtändigen, die ein mir zu theures Weſen betrifft, als daß ich länger in gleichgültigem Stillſchwei⸗ gen darüber verharren könnte. Alwine iſt Ih⸗ nen, dem Anſcheine nach, mit hetzlicher Wohlge⸗ wogenheit zugethan! Ich aber bitte und beſchwö⸗ re Sie, ernſtlich zu bedenken, was zuletzt wohl aus ihr werden ſollte, wenn dieſe nach und nach in eine Leidenſchaft überginge, welche Sie, als der Urheber und Gegenſtand derſelben nicht zu er⸗ wiedern geſonnen wären! oder wenn, auf den Fall einer gegenſeitigen Zuneigung, Ihre äu⸗ ßern Verhältniſſe, deren Beſchaffenheit mir gänz⸗ lich unbekannt iſt, Sie außer Stand ſetzten, der Erwählten mit Ihrer Hand zugleich einen an⸗ ſtändigen Lebensunterhalt darbieten zu können!“ 5 „Es waltet ein furchtbares Geſchick über mei⸗ nem Haupt!“ verſetzte ich mit dem ganzen Aus⸗ druck des innern nagenden Schmerzes.„Was hilft es, Ihnen zu geſtehen, daß Alwine mir theurer iſt als mein Leben! was hilft es hinzuzu⸗ fügen, daß ich ihr, in erwähnter Hinſicht aller⸗ dings ein ſorgenfreies Lvos zu bieten vermöchte, da ich durch den Tod des Grafen zu einer an Reich⸗ thum grünzenden Wohlhabenheit gelangt bin.“ „So hätte ich wirklich mich in Ihnen ge⸗ iert?“ nahm der Prediger, nachdem er einige Au⸗ genblicke lang ſtillgeſchwiegen und mit ſcharfmu⸗ ſternden Blicken mich betrachtet hatte, bedenkli⸗ chen Ernſtes wieder das Wort.„Sie hätten alſo in dem ſo fleißig fortgeſetzten Umgange mit Al⸗ winen nichts als einen vorübergehenden Zeitver⸗ treib geſucht, während Sie die gegründetern Anſprü⸗ che und Vorrechte auf Ihr Herz bereits einem andern Gegenſtande zu eigen gegeben? Wohl mir, daß ich in der Beſorgniß meines Innern und hoſfentlich noch zur rechten Zeit den Entſchluß faßte, mir Aufklärung über dieſen Punkt zu ver⸗ ſchaffen!“ „O nein, Sie hegen falſchen Verdacht!“ rief „ — ich aus.„Nie bin ich mit irgend einem weibli⸗ chen Geſchöpf in Liebeshandel verwickelt geweſen; nie habe ich auf ſolche Weiſe Ehre und Gewiſſen verpfändet. Ganz andre Gefühle und Rückſichten ſind es, die im ſeltſamen Widerſpruche mit ſich ſelbſt hier eine zugleich anziehende und zurückſchrek⸗ kende Gewalt über mich ausüben. Düſter und freudenlos iſt mir die Zeit der Ingend vorüber⸗ gegangen, Kampf und Leiden ſind ſeit ſechzehn Jahren meine unzertrennlichen Gefährten geweſen und es ſcheint, daß erſt mit meinem Leben das Bußwerk ſich beendigen ſoll.“ „Das Bußwerk?“ fragte jener beſtürzt und betrofen, während ich ſeitwärts ſchwankend den Stamm eines Apfelbaumes umklammerte und das glühende Geſicht gegen die feuchte Rinde deſſelben zu preſſen anfing.“ Oftmals las ich Schwermuth und Trübſinn in Ihrem Weſen, aber weit entfernt war ich ſtets, dieſe für die Regungen eines ſchuldbeladenen Gewiſſens zu healten! Felſeck, wie nennt ſich der Fehltritt, deſſen Er⸗ innerung mit ſo laſtendem Gewicht Ihre Seele zu Boden drückt? Zandern Sie nicht länger, das Geheimniß des geängſtigten Herzens einem — väterlichen Freunde mitzutheilen, deſſen Beruf es iſt, Verſöhnung und Frieden zu verkünden, den niedergeſchlagenen Sinn aufzurichten und das lei⸗ dende Gemüth durch troſtreiche Botſchaft zu ſtär⸗ ken und zu erquicken. Mit der ganzen Macht und Fülle des Wohlwollens, welches ich gegen Sie empfinde, ſiräubt ſich mein Gefühl, Sie eines Verbrechens für fähig zu halten. Was es aber auch ſein möge! Der Gott, dem ich diene, iſt „ein Gott der Gnade!“ ein heißer Thränenſrom brach aus meinen Augen, mein ganzes Weſen ſchien in den wild durch einander wogenden Gefühlen der Qual und Reue ſich auflöſen zu wollen, ich warf mit dem ſtberdrange der innern Zerknirſchung mich an die Bruſt des Greiſes und bekannte ſtammelnd und ſchluchzend ihm alles, alles! Der alte Mann ſchien tief erſchüttert; es kam mir vor, als ob er mit ſich ſelbſt im Zwei⸗ fel befangen ſei, ob er bleiben oder mich ver⸗ laſſen ſolle, endlich ſammelte er ſich, führte, während der Vollmond mit ruhigem Glanze am Horizont emporſtieg, mich noch eine Strecke wei⸗ ter, ſtand dann wieder ſtill und ſagte mit ge⸗ — 5— dämpfter Stimme:„Darf ja doch der gröbſte Verbrecher, der bei gereiftem Verſtande und kla⸗ rer überlegung ſich zu Frevelthaten verleiten ließ, durch das vermittelnde Werk einer aufrichtigen Reue vor dem höhern Richter Vergebung ſeiner Schuld zu erlangen hoffen; wie ſollte der verzei⸗ hende Blick des ewigen Erbarmers dem dreizehn⸗ jährigen Knaben verſagt bleiben, der aus Leicht⸗ ſinn oder auch wohl vielleicht aus Hartherzigkeit eine Handlung beging, die mit der verdienten Züchtigung zugleich vollkommen abgebüßt geweſen wäre, deren Folgen aber ihm nicht zur Laſt fallen können, weil gerade er ſie am allerwenigſten zu berechnen verſtand. Sehr natürlich allerdings war die Wehmuth und Betrübniß, die Sie darüber empfanden, zu dem traurigen Ende des Gärtners die erſte Veranlaſſung gegeben zu haben; doch le⸗ diglich ein unglückliches Zuſammentreffen der um⸗ ſtände hat bewirkt, was Sie in der zu lebhaften unruhe ihres Gemüths nur ſich ſelbſt zuzuſchrei⸗ ben geneigt ſind. Darum faſſen Sie ſich und ge⸗ ben Sie endlich, ſtatt länger einem fruchtloſen und verzehrenden Kummer nachzuhängen, den wohlthätigen Gefühlen und Eindrücken des Lebens wieder Raum in Ihrem Herzen! Hier meine Hand und zugleich die feierliche Verſicherung, daß ich ſelbſt in den Vorwürfen, welche Sie ſich ma⸗ chen, die unverkennbaren Merkmale einer edlen Denkungsart finde, und daß Sie mir nach dem abgelegten Geſtändniſſe nicht unwerther geworden ſind!“ Der Dank, den ich ihm für dieſe liebreiche Nachſicht und Schonung abzuſtatten bemüht war, erſtarb mir auf den Lippen. „Weiß noch ſonſt jemand um das Gceheim⸗ niß, das Sie mir ſo eben anvertrauten?“ fuhr er nach einer Pauſe zu fragen fort. „Außer Ihnen iſt nur ein weit von hier ent⸗ fernter Jugendfreund, dem ich es vor zwei Mona⸗ ten ſchriftlich mittheilte, genauer davon unterrich⸗ tet“ antwortete ich in ſtumpfer Muthloſigkeit. „So bleibe denn auch fortan der Schleier ungelüftet, der es bedeckt!“ ſprach er mit ſanftem Nachdruck.„Das Andenken an jene Begebenheit, über deren eigentlichen Zuſammenhang man da⸗ mals die Mehrzahl ohnehin in ungewiſſem Zwei⸗ fel z laſſen ſuchte, iſt unter den Bewohnern der Umgegend völlig erloſchen. Auch Alwine ſelbſt — 42— hat nie eine andre Kunde davon erhalten, als daß ihr Vater, deſſen ſie ſich überhaupt nur dunkel zu erinnern vermag, ſpät in der Nacht, auf dem Heimwege nach ſeiner Wohnung den richtigen Weg verfehlt habe und im Waſſer verunglückt ſei. Paſſen Sie uns mithin über die nähern Umſtände jenes Ereigniſſes fortwährend ein tiefes und heil⸗ ſames Stillſchweigen beobachten; vor allen Din⸗ gen aber ſchenken Sie den Beruhigungsgründen, die ich in der vollſten überzeugung meines Her⸗ zens zur Sprache gebracht, ein williges Gehör, um ſich von den finſterherrſchenden Zweifeln und Vorſtellungen zu befreien und wieder zum Beſitz einer ungetrübten Geiſtesheiterkeit zu gelangen.“ Alwinen's Stimme, die von dem Wohnge⸗ pude her ſich durch die Stille des Abends ver⸗ nehmen ließ, machte dieſer Unterredung ein Ende. Ich lehnte die Einladung des Predigers, ihn dort⸗ hin zurückzubegleiten, auf die entſchiedenſte Weiſe von mir ab, entwiſchte durch eine zur Seite be⸗ findliche Pforte des Gartens und ſchlug, in der noch anhaltenden Gemüthserſchütterung, mit wel⸗ cher der eben ſtattgehabte Auftritt für mich ver⸗ ———,——— — 6— bunden geweſen, meine Richtung nach dem benach⸗ barten Gottesacker ein. Er meint es gut mit mir; ſeine Worte wa⸗ ren die beſchwichtigenden, zur Sühne und Ent⸗ ſchuldigung geneigten Troſtſprüche eines theilneh⸗ menden Freundes; aber mich zufrieden zu ſtellen, lag nicht in ihrer Gewalt! Dies waren die Vor⸗ ſtellungen, die ſich mir aufdrängten, indem ich nach einem kurzen Umherwandern zwiſchen den Ruheſtätten der Entſchlafenen auf einen Grabſtein mich niederſetzte, das Geſicht gegen jenen abge⸗ ſchiedenen Winkel des Kirchhofes gekehrt und den Kopf gedankenvoll in die Hand ſtützend. Ver⸗ ſchuldung und Zurechnung! Wer vermag den Punkt zu beſtimmen, wo beide mit einander in Wechſelwirkung zu treten anfangen, wenn es das eigne Gewiſſen nicht vermag! Und ſteht von dieſem ein gültiger Ausſpruch zu erwarten, ſo unterliegt es ja keinem Zweifel, welchen Antheil ich an jenem Vorfalle mir ſelbſt beizumeſſen habe; ſo bin ich ja ſchon gerichtet. Leichtſinn der Ju⸗ gend! Mangel an Einſicht und Verſtand! Wenn dieſe Einwürfe von ſo genügendem Gewicht ſind, warum nimmt der innere Richter, den man von ſeder gehüſigen Partheilichkeit frei glaubt, denn nicht auch eine ſchonende Rückſicht auf dieſelben und verſtattet, nach dem Schmerzensopfer des renigen Gefühls, endlich dem Balſam der Ver⸗ geſſenheit einen Zugang zur ſterblichen Bruſt? Wer jenen Mann, der dort ſein einſam entlegnes Ru⸗ Heplätzchen gefunden, damals mit raſchem Arm ge⸗ waltſam gepackt und in den Strom hinabgeſtürzt hätte, wire dem Geſetz verfallen geweſen, um ſein Verbrechen auf dem Blutgerüſt abzubüßen; wäh⸗ vend man den Ermordeten in Wehmuth und Trau⸗ rigkeit zur Erde beſtattet und ſein Grab mit Blu⸗ men geſchmückt hätte. Aber verſagt blieb ſeiner entſeelten Hülle dieſe letzte Ehre, weil der Schuß mit der Armbruſt nur mittelbar ihn getödtet und nicht gelangen kann ich zur Abbuße und Rei nigung meiner Schuld, weil es für Vergehungen polcher Art keinen ſichtbaren Richterſtuhl giebt. Vie wird die grauenvolle Erinnerung an die zu meinem Ohr dringenden Töne, mich verlaſſen, die plötzlich aus dieſen Betrachtungen mich em⸗ porſchreckten. Der melodiſche Zauber, der jedes fühlende Herz in ſüße Wonne verſenkt, der Liebes⸗ ruf in ſiller Frühlingsnacht, das Ergötzen der —— horchenden Natur— der mit gedehnten, ſchmel⸗ zenden Klängen anhebende Geſang einer im an⸗ gränzenden Gebüſch befindlichen Nachtigall war es, der mir die Seele mit Furcht und Entſetzen erfüllte. Mit der Haſt und Behendigkeit eines vom Knall des Mordgewehres aus ſeinem Lager aufgeſcheuchten Wildes ſtürzte ich von dannen, noch lange verfolgt von den Lauten, die aus der Nähe des ungehügelten Grabes mit belebender Machtgewalt ſich durch die Luft zu ergießen an⸗ fingen. G*., im April. Ein an und für ſich ſelbſt ziemlich gleichgültiger umſtand hat ſchnell und unvermuthet die Erklä⸗ rung herbeigeführt, deren es zur Feſtſtellung des Verhältniſſes zwiſchen mir und der Geliebten bis⸗ her noch bedurft hatte. Ich ſtand mit Alwinen vor der Garten⸗ pforte und half ihr nach der Gegend hinaus ſchauen, von wannen ſie die Ankunft einer zwei — 46— Stunden von G*. wohnhaften Freundin erwar⸗ tete, die zum Beſuch einzutreffen verſprochen hatte. Endlich kam der Wagen munter daher gerollt, kaum ein paar hundert Schritte war er noch von der Pfarrwohnung entfernt und ſchon winkten die Mädchen ſich mit den flatternden Schnupftüchern emſig und fröhlich ihren Gruß zu, als die Pferde plötzlich vor den im Schwunge befindlichen Flü⸗ geln einer Windmühle, an welcher die Straße vorbei führte, ſcheu wurden und ſtatt die gerade Richtung zu verfolgen, ſeitwärts einbiegend einen ſchmahlen Feldweg hinabzujagen anfingen, an deſ⸗ ſen Ende ſich tiefe Lehmgruben befanden. Natür⸗ lich ſtog ich ſogleich hinzu, gewann, über Furchen und Gräben hinwegſetzend, glücklich den beabſich⸗ tigten Vorſprung und bald gelang es mir, mich durch einen herzhaften Angriff der Zügel zu be⸗ mächtigen, zu deren Händhabung es dem Führer des Wagens, einem jungen unerfahrnen Bauer⸗ uurſchen an Kraft und Gewandtheit gebrach. Al⸗ winen's Angſtgeſchrei hatte mittlerweile mehrere dienſtwillige Gehülfen herbeigelockt, die angelangte Freundin ward im Zuſtande völliger Bewußtloſig⸗ keit nach dem Pfarrhauſe fortgeſchafft, ich ſelbſt, — der ich, bevor ich meinen Zweck erreichte, erſt eine kleine Strecke weit auf ziemlich unſanfte Weiſe geſchleift worden war, fühlte einen ſtechenden Schmerz am rechten Fuße und hinkte langſam dem„. Zuge hinterdrein. Eben hatte ich die Haſelnußhecke des Gartens erreicht, als Alwine, den Ausdruck ängſtlicher Beſorgniß und Unruhe in den Geſichtszügen, von der Seite des Hauſes her mit flüchtigen Schritten mir entgegen kam. Meiner anſichtig werden, die Arme ausbreiten, mir mit den Liebkoſungen der innigſten Zärtlichkeit um den Hals fallen— das alles war das Werk eines Augenblicks. Vergeſſen waren Seelenleiden und Körperſchmerz; ein ſüßer Wonnetaumel bemeiſterte in der Umarmung mit dem reizenden Mädchen ſich meiner Sinne, glü⸗ hende Küſſe verſchloſſen die Lippen, die ſtammelnd und bebend das gelungene Rettungsunternehmen, als ein mit edelmüthiger Selbſtaufopferung ver⸗ bundenes Wagniß, zu preiſen verſuchten, und be⸗ ſtätigt in zweifelloſer Klarheit war der Bund un⸗ ſerer Liebe. „Nun aber auch nicht mehr dieſe dunklen Falten des Tiefſinnes und der Unzufriedenheit!“ flüſterte, aus meinen umſchlingenden Armen end⸗ lich mit holdſeligem Lächeln ſich loswindend, die Anmuthsvolle, indem ſie mit ſchmeichelnder Hand mir über die Stirn fuhr.„Troſt meiner Seele! Wer könnte ſich von Dir geliebt wiſſen und noch irgend einer Unzufriedenheit Raum geben!“ ant⸗ wortete ich in ſeliger Vergeſſenheit meiner ſelbſi. Jetzt bemerkte ſie, daß meine rechte Hand plutete.„O ſchnell nach dem Hauſe!“ rief ſie bei dieſer Wahrnehmung erſchrocken aus.„Wahrhaf⸗ tig, Du haſt Schaden genommen! Komm, laß uns eilen, das Blut zu ſiillen und die Hand zu verbinden!“ MNein, nein, Alwine!“ entgegnete ich, als ſie in zu ſtürmiſcher Lebhaftigkeit mich mit ſich fortziehen wollte,„Nur alles mit gehörigem Be⸗ Sdacht. Noch geht es in dieſem Augenblick mit mir ſo raſch nicht; obgleich weder das Bluten an der Hand, noch das Hinken am Fuße ſonſt eben ſo ſehr viel zu bedeuten hat!“ Nit liebevoller Sorgfalt von Alwinen ge⸗ leitet, arbeitete ich mich vorwärts wir lang⸗ ten im Innern der Wohnung an. ie Freundin hatte mittlerweile von dem ausgefiandenen betiu⸗ benden 7* benden Schrecken ſich vollkommen erholt, Fragen und Erkundigungen über anderweitige Angelegen⸗ heiten fingen jetzt an, die Aufmerkſamkeit der bei⸗ den Mädchen zu beſchäftigen und bald wurde des unangenehmen Vorfalls bei der Windmühle mit keiner Sylbe weiter gedacht. Es verfloß mir im Gefühl unbewölkter Gemüthsheiterkeit ein Nach⸗ mittag, wie ich nie, ſo weit ich zurückzudenken vermochte, einen ähnlichen erlebt hatte. Alwi⸗ nen's Blicke, die, mit ſüßer Hindeutung auf den im Garten zwiſchen uns beiden erfolgten trauli⸗ chen Austauſch unſerer Empfindungen, jetzt häufi⸗ ger als jemals den meinigen begegneten, durch⸗ drangen, wie erwärmende Strahlen des Himmels mir das aufwallende Herz, und anhaltend kam es mir vor, daß theils durch die entſchiedene Gewiß⸗ heit ihrer Gunſt und Neigung, theils durch das fortwährende Stechen und Brennen in den Glie⸗ dern, das ich durch meine Hülfsbereitwilligkeit mir zugezogen, die martervolle Seelenbeklemmung nun wohl völlig beſiegt und aufgehoben worden ſei. Pflegt man nicht, wenn anders eine wirkliche Thatſache mir in der Erinnerung ſchwebt, bei an⸗ hebenden Geiſteskrankheiten dem Leidenden zuwei⸗ [41 — 0— len an mehrern Stellen des Leibes ſchmerzhafte Einſchnitte beizubringen, um durch Preisgabe des minder edlen Theils, dem übel gleichſam einen billigen Vertrag anzubieten, es in ſeinem Laufe ſtutzig zu machen und zu einer veränderten Rich⸗ tung zu bewegen? Wallner! ließe zur Ablei⸗ tung des innern Wehes ſich ein ſolches Mittel vewährt erfinden; mit dem angelegentlichſten Eifer wollte ich darauf bedacht ſein, vermittelſt ſcharfer Wertzeuge, das Gefühl körperlichen Schmerzes zu erwecken und es in ununterbrochener Regſamkeit lebenslang an mir zu erhalten! G*, im Mai. Mu dem erſten Tage des Blüthenmonats iſt endlich Alwinen's Bruder hier eingetroffen. Ein ſtattlicher, durch vielfache, zum Theil ſehr abentheuerliche Erfahrungen gekräftigter und in ſich ſelbſt abgeſchloſſener Mann, der mit dem feſi⸗ gewurzelten Ernſte in den ſtark hervortretenden Geſichtszügen, mit der ſtilllodernden Glut ſeines — 51— Blickes, mit der gefalteten, von ſchwarzbleichen ungeregelten Locken überſchatteten Stirn und mit den dunkeln, unter fremden Himmelsſtrichen ge⸗ bräunten Wangen, auf den erſten Anblick mehr zurückſchreckt, als anzieht, bei näherer Bekannt⸗ ſchaft jedoch, trotz ſeiner rauhen Außenſeite, un⸗ verkennbare Spuren eines tiefen und feinen Ge⸗ fühls kund giebt, und eben dadurch den ungünſti⸗ gen Eindruck vollkommen wieder verwiſcht, wel⸗ chen die ſeinem Weſen zugleich eigenthümliche an unbehülflichkeit grenzende Derbheit anfangs her⸗ vorbringt. Auch Alwine, die mit ſo ſehnſuchts⸗ voller Ungeduld von einem Tage zum andern ſei⸗ ner Ankunft entgegengeharrt, kann ſich, wie es den Anſchein hat, noch gar nicht entſchließen, in dieſer kernhaften barſchauftretenden Geſtalt ihren Bruder anzuerkennen, und ſich ihm mit der ver⸗ traulichen Anhänglichkeit einer Schweſter zu nä⸗ hern. Mit ſcheuer Ehrfurcht haftet ihr Auge auf den heimgekehrten, nie wagt ſie es in ſeiner Ge⸗ genwart, die ußerungen des Entzückens, die ſie früherhin bei der bloßen Erwähnung ſeines baldi⸗ gen Eintreffens ſogleich durch Hüpfen und Sprin⸗ gen an den Tag legte, zu wiederholen, und fort [4*1 und fort ſcheint die Frende über das Wiederſehen ihres einzigen Blutsverwandten mit einem Anflu⸗ ge einer Bangigkeit vor ſeiner Geſtalt verwiſcht zu ſein. Das aber wird ſich geben, wenn ſie nur erſt das ſanftere, der Wirklichkeit freilich nicht eben entſprechende Bild, das ſie vor ſeinem Er⸗ ſcheinen ſich von ihm entworfen, aus den Gedan⸗ ken verloren und ſich mehr an ſeinen Umgang ge⸗ wöhnt hat. Auch unterlaſſe ich nicht, wenn ich mit ihr allein bin und die zaghaft ängſtlichen Zwei⸗ fel, von welchen ihr Gemüth gegen den zurückſto⸗ ßenden Außenſchein des Brnuders erfüllt iſt, aus ihrem Munde vernehme, ihm das Wort zu re⸗ den, ihren mißvergnügten Sinn auf die an ihm bemerklichen edlern und vorzüglichern Eigenſchaf⸗ ten ſeines Geiſtes aufmerkſam zu machen und eben dadurch dem geheimen Widerwillen entgegen zu kämpfen, der mit fremdartiger Gewalt ſich in die wohlwollenderen Regungen des natürlichen Ge⸗ ſühls einzumiſchen im Begriff iſt. Ich ſelbſt habe mich bereits ohne alle Mühe und Schwierigkeit in das beſte Vernehmen mit ihm zu ſetzen gewußt. Seines von dem meinigen ganz verſchiedenartigen Lebensberufes ungeachtet⸗ — 53— ſcheint er Gefallen an meiner Geſellſchaft zu fin⸗ den und der zwiſchen uns herrſchende Ton dem⸗ nach mit jedem Tage freundſchaftlicher und herz⸗ licher werden zu wollen. Von dem anhaltend milden und heitern Frühlingswetter begünſtigt, ſitzen wir ganze Rachmittage hindurch in der gro⸗ ßen Fliederlaube des Gartens, wo er dann in un⸗ gekünſtelten aber höchſt anziehenden Schilderungen uns die nähern umſtände ſeiner ſeit dem Augen⸗ blicke der Flucht unternommenen Irrfahrten mit⸗ zutheilen, durch die klare Anſchaulichkeit, die er ſeinen Beſchreibungen einzuflößen weiß, uns auf das Lebhafteſte bald nach dieſem, bald nach jenem Erdſtriche zu verſetzen und ein an den wunderlich⸗ ſten Schickſalen und Begegniſſen reiches Leben vor uns zu entfalten pflegt. Auch der Prediger und Alwine nehmen faſt immer an dieſen Un⸗ terhaltungen Theil, und ob ſich dieſelben gleich zuweilen bis tief in den Abend hinein verlängern, hat der geſprächige und mit ſo reichhaltigem Stoff verſehene Wortführer bei ſeinen Zuhörern doch nie⸗ mals über Erſättigung und Mangel an Aufmerk⸗ ſamkeit ſich zu beſchweren. Auf das ſorgſamſte und geſtiſſentlichſte ſucht er dagegen jede nähere Berührung der ſeiner Ent⸗ weichung aus dem väterlichen Hauſe zum Grunde liegenden Vorgänge zu vermeiden, und nur flüch⸗ tig und oberflächlich iſt bisher zwiſchen uns beiden von unſter frühern Bekanntſchaft und den Ver⸗ pältniſſen jener Tage überhaupt die Rede geweſen, indem er ſtets, wenn ihm zufällig ein mit ſolchen Erinnerungen in Bezug ſtehender Ausdruck ent⸗ ſchlüpft, wie von einem geheimen Schauder er⸗ griffen, ſogleich davon abbricht und dem Geſpräch eine aüdere Wendung zu geben ſucht. Faſt will mich der Argwohn beſchleichen, daß er ſelbſt in ſeinem Innern ſich anklagt, durch ſein ſchnelles Verſchwinden und die für ſeinen Vater daraus entſpringende gramvolle Bekümmerniß, zum ge⸗ waltſamen Untergange deſſelben den erſten Anlaß gegeben zu haben. Kann und darf ich es ruhig geſchehen laſſen, daß ein ſchuldloſes Gemüth, in Irrthum befangen, durch ungegründete Vorwürfe dieſer Art ſich ſeinen Frieden vergiftet? Einer ver⸗ traulichen Mittheilung des Predigers zufolge, hat ſich mir die Vermuthung beſtätigt, daß Rudolph an jenem verhängnißvollen Nachmittage von dem an der Schlehdornhecke zwiſchen ſeinem Vater und dem Grafen ausbrechenden heftigen Wortwechſel verborgner Zeuge war, und, durch den Inhalt deſ⸗ ſelben in Schrecken geſetzt, ſich durch raſche Aus⸗ führung eines verwegenen Gedankens vor der Ra⸗ che des wuthſchnaubenden Machthabers in Sicher⸗ heit zu bringen beſchloß. Demgemäß rannte er⸗ während das Zornfeuer des Grafen noch in ſeinem vollſten Ausbruch begriffen war, ſpornſtreichs nach Hauſe, raffte hier in der Geſchwindigkeit einige für ſeinen Zweck durchaus erforderliche Habſelig⸗ keiten zuſammen, entſchlüpfte, mit dem Reiſebün⸗ del unter dem Arm, durch ein entlegenes Hinter⸗ pförtchen, nahm ſeine Richtung nach dem zunächſt vefindlichen Waldgehäge und ward ſeitdem nicht wieder geſehen. G*, im Maſ. Nech hahe ich dir nicht gemeldet, lieber Wall⸗ ner, daß ich jetzt eifrig bemüht bin, mir durch Hülfe zweckmäßiger Bücher, die ich vom Prediger geliehen, einige vorläufige Kenntniſſe in der Land⸗ wirthſchaft zu erwerben, weil ich dieſe für die Zukunft zu meiner Hauptbeſchäftigung zu machen beſchloſſen habe. In der That bin ich der Mei⸗ nung, daß ein Lebensberuf, der auf gleiche Weiſe zu fortgeſetzter körperlicher Thätigkeit auffordert, als er mit ſeinen einfachen, nur auf die Erzeug⸗ niſſe der Natur gerichteten Grundzwecken, dem Nachdenken niemals Anlaß darbietet, ſich in bo⸗ denloſe Träumereien und Spitzfindigkeiten zu ver⸗ lieren, meinem Gemüthszuſtande nach, noch am angemeſſenſten ſein wird; und ich verwende daher jeden Augenblick, den mir der tägliche Umgang mit Alwinen übrig läßt, auf die Erreichung des Wunſches, meinen ernſtlich gefaßten Entwurf nicht ganz unvorbereitet in Ausübung zu bringen. Wos ſagſt Du zum Ankauf eines Meierhofes, der von alt ehrwürdigen ulmen und Linden be⸗ ſchattet, und auf der einen Seite einen kryſtall⸗ klaren Forellenbach, auf der andern einen großen Obſt⸗ und Gemüſegarten enthaltend, mit der rei⸗ chen Ergiebigkeit der zu ihm gehörigen Ländereien zugleich eine angenehme und geſunde Lage verbin⸗ det? Ein ſolcher befindet ſich drei Meilen von hier, ſucht, da ſein jetziger Beſitzer ihn zu veräußern 57— und eine Pachtung von größerm Umfange anzutre⸗ ten geſonnen iſt, einen bemittelten Liebhaber, und längſt im Stillen geneigt, mir ein Eigenthum die⸗ ſer Art zu verſchaffen, iſt jetzt unabläſſig mein gan⸗ zes Sinnen und Trachten auf ihn gerichtet. Ja, wenn auf dieſer Erde mir noch das Glück wieder lächeln ſoll, ſo ſagt mir eine innre Stimme, daß ich nur dort, nur unter den neuerwählten Lebens⸗ verhältniſſen, es finden kann. Und ſo weidet denn mein Herz mit ſtillem Ergötzen ſich bereits an den lieblichen Traumbildern, zu deren Verwirklichung ihm Ausſicht und Hofnung geworden iſt! Wie ich den Fleiß der eignen Hände mir zur unerläß⸗ lichen Pflicht mache, und regelmäßig in der Frühe des Morgens hinauswandere nach den freien Ge⸗ hägen meines Grundgebietes, um im Schweiße des Angeſichts rüſtig und redlich mein Tagewerk zu beſchicken; wie ich am hohen Mittage mit dem zu⸗ friednen Bewußtſein treuerfüllten Berufes von der Arbeit heimkehre und die ermüdeten Schritte in eben dem Maaße zu beſchleunigen ſuche, als ich dem traulichen Wohndache näher komme, unter welchem ein liebendes Weib meiner Ankunft har⸗ ret, und munter in Fülle der Geſundheit blühende Kinder mir entgegen jauchzen, deren Mutter Al⸗ wine heißt! wie der Nachmittag den minder be⸗ ſchwerlichen Gartenbeſchäftigungen gewidmet wird und der Abend mit ſeinem zur Ruhe und Erho⸗ lung winkenden Lächeln den Kreis meiner Lieben um mich her verſammelt, vor der Thür des Wohn⸗ hauſes unter der alten Ulme, die mit ihren rieſen⸗ haften grünbelaubten Aſten den friedlichen Sitz ſchirmend überwölbt; in gerader Richtung des Blickes der geräumige Hofplatz, mit den Geräth⸗ ſchaften des Feldes, zu beiden Seiten die aus ro⸗ then Backſteinen aufgeführten Wirthſchaftsgebände, mit ihren reinlichen Wänden und Fenſtern, rechts die Pforte und der dem Auge ſichtbare Vorder⸗ grund des Gartens, links die Ausſicht auf einen Dheil des nahen Silberbaches, der plätſchernd über die glatten Kieſel dahin gleitet! Wie Arbeit aus eigner freudiger Wahl, häuslicher Sinn ohne liber⸗ druß, einfache Genügſamkeit ohne Nahrungsſorgen die Stifter eines Looſes ſind, das ſeinen Theilha⸗ bern den Himmel auf Erden bereitet! O Herr und Lenker der menſchlichen Schickſale! Ein ir⸗ diſches Paradies ſcheint ſich mir öffnen zu wollen; aber hat mein in Hoffnungswonue ſchwelgendes Herz auf den Genuß einer ſolchen Fülle vom Glück und Wohlergehen Anſpruch zu machen? Nicht zweifelhaft bin ich über die Antwort, die ich von Deinem redlichen Gemüth auf dieſe Frage erwarten darf! So wiſſe denn, daß auch Alwine meinen Plan bereits kennt, ihm freudig ihre Beiſtimmung geſchenkt hat, und dem Augen⸗ blick entgegen ſchauend, da der Segen ihres väter⸗ lichen Erziehers und Wohlthäters einen unzer⸗ trennlichen Bund zwiſchen uns knüpfen wird, alle Schickſale meines künftigen Lebens mit mir zu theilen entſchloſſen iſt. Sie iſt vor den Augen des Himmels meine erklärte Braut, und wenn ſich in meinem Innern noch etwas dagegen ſträubt, mich bei ihren Angehörigen förmlich und feierlich um die Hand der Geliebten zu bewerben, ſo hat die⸗ ſes bedenkliche Zögern und Zaudern aller Augenſchein⸗ lichkeit nach nur den Umſtand zum ganz natürlichen Grunde, daß ich mit dem Kaufvertrage wegen des Mei⸗ erhofes bis jetzt noch nicht völlig habe in Richtigkeit kommen können. Hoffentlich wird indeſſen ſchon nach Verlauf einiger Wochen die letzte Schwie⸗ rigkeit in Bezug auf erwähnten Gegenſtand aus dem Wege geräumt und Dein ſtillbedachtſamer —— Freund ſodann zugleich zur Unternchmung des noch wichtigern und verhängnißvollern Schrittes hinlänglich ermuthigt ſein. ——— G*, im Mai. Du haſt eine ungerechte und übertriebene Be⸗ ſorgniß, liebſter Wallner, indem du warnenden Eifers mir den Rath ertheilſt, mich hinſichtlich eines gewiſſen Punktes vor jeder zu vertraulichen Offenherzigkeit gegen Alwinen's Bruder in Acht zu nehmen. Ich habe vielleicht, dem erſten Ein⸗ druck folgend, Dir eine zu unvortheilhafte Schil⸗ derung von ſeiner Perſon entworfen, kann und darf aber jetzt, nachdem ich ihn näher kennen ge⸗ lernt und genauer beobachtet, mit der ungehen⸗ cheltſten Verſicherung das Urtheil über ihn aus⸗ ſprechen, daß er ein edler Menſch iſt, der mit der viederſinnigſten Denkungsart zugleich ein ſo war⸗ mes und reges Gefühl in ſich vereint, wie man es bei einem Kriegsgeſellen, der den größten Theil ſeines Lebens im Feldlager zugebracht, kaum er⸗ — warten und ſuchen ſollte. Er meint es gut mit mir; ich habe die ſicherſten Beweiſe, daß er mir von ganzem Herzen gewogen iſt; und eben die⸗ ſe überzeugung hat auch auf Alwinen's Ge⸗ müth bereits die Wirkung hervorgebracht, daß ſie, nach meinem Rath und Beiſpiel, gleichfalls jedes wider ihn gerichtete Vorurtheil aufgegeben und ſich trauter und inniger an ihn angeſchloſſen hat. Die⸗ ſer freundlichern Hinneigung zufolge, übt er ge⸗ genwärtig durch die entſchiedene Feſtigkeit und Be⸗ ſtimmtheit ſeines Weſens eine unbegränzte Gewalt über ſie aus, ohne daß jedoch nur die geringſte Spur heimlichen Widerwillens ſich länger dem Gefühl der unterwürfigen Ergebung beizugeſellen ſcheint, mit welcher ſie in ſiets wachender Sorgfalt und Aufmerkſamkeit ſeinen leiſeſten Wünſchen zu⸗ vorzukommen beeifert iſt. Noch hat Rudolph, ſo viel ich weiß, bis dieſen Augenblick keinen Verſuch gemacht, ſich über meine eigentlichen Lebensverhältniſſe und Ver⸗ mögensumſtände näher zu erkundigen; doch iſt ihm bekannt, daß ich mich in dieſer Gegend häuslich niederzulaſſen geſonnen bin; auch meine Neigung zu ſeiner Schweſter ſcheint er, obwohl ich mich nie gegen ihn darüber geäußert habe, zu errathen und wenn nicht alle Anzeichen trügen— zu billi⸗ gen! Ich bitte Dich, was könnte gerade von ihm, der weit entfernt von jedem leichtſinnigen Gleich⸗ muth, dennoch über Angelegenheiten, die ſeine per⸗ ſönliche Theilnahme nur zu nahe betreffen, fort⸗ während ein ſo beſcheidenes Stillſchweigen beob⸗ achtet, Schlimmes und Unheimliches zu befürchten ſein, wenn ich auch alle Geheimniſſe meines In⸗ nern mit der rückſichtsloſeſten unbefangenheit vor ihm zu entfalten geneigt wäre? —————————— So chen bin ich, in Geſellſchaft des Predi⸗ gers und der beiden Geſchwiſter, von einer Luſt⸗ fahrt oder vielmehr Beſichtigungsreiſe zurückge⸗ kehrt, welche dieſen Morgen nach dem Meierhofe hinaus unternommen wurde. In zitternder un⸗ geduldiger Begierde nach dem Urtheil, das meine Gefährten über die von mir getroffene Wahl aus⸗ ſprechen würden, klopfte mir das Herz in der Brnuſt, als wir den durch eine anmuthige, von den Strahlen der Frühlingsſonne mgleriſch beleuchtete — 63— Gegend dahin führenden Weg endlich zurückge⸗ legt und den freundlichen Landſitz erreicht hatten. Mehrere Stunden verſtrichen über dem Geſchäft, das dieſem gemeinſchaftlichen Ausfluge zum Zweck diente. Mit der prüfenden Miene eines Kenners ging der Prediger an der Seite des Eigenthümers aller Orten umher, durchkroch muſternd jeden Win⸗ kel, heftete bald auf dieſen, bald auf jenen Ge⸗ genſtand ſeine beſondere Aufmerkſamkeit, und be⸗ ſtürmte ſeinen Begleiter mit unerſchöpflichen Fra⸗ gen, um ſich von den geringfügigſten wie von den wichtigſten Dingen eine gleich genaue Kenntniß und Einſicht zu verſchaffen; während Rudolph, nach einem füchtigen überblicke des Ganzen ſeinen Beifall an den Tag legte, ſich ſodann von uns abſonderte, auf einem am üfer des Baches befind⸗ lichen Granitſteine Platz nahm und ernſt und ge⸗ dankenvoll das Spiel der Wellen zu verfolgen an⸗ ſing. Alwine ſchien tiefbewegt. Das Lächeln, mit welchem ſie, als ich in flüſternden Worten ſie um ihre Meinung befragte, ihr Geſicht zu mir wandte, war von hervorquellenden Thränen begleitet, ein leiſer Druck mit der Hand aber gab zugleich mir eine genügende Antwort. Wir trennten uns gleich⸗ falls von dem emſig umherforſchenden Beſchauer und gingen Arm in Arm, langſam und in Schwei⸗ gen verſunken, dem Garten zu. Blühendes Cyre⸗ nengebüſch nahm nach kurzer Wanderung uns in ſeinen verbergenden Schatten auf. „Theile jetzt mir Deine Gedanken recht auf⸗ richtig mit, meine Alwine!“ unterbrach ich das Stillſchweigen.„Gefüllt Dir dieſe Beſitzung und glaubſt Du hier Dich glücklich fühlen zu können?“ „Brauche ich Dir wohl, lieber Felſeck!“ erwiederte ſie, durch Worte dentlich zu machen, warum ich bei dem Anblick dieſer Gebäude ſo ernſt und ſtill geworden bin? Die Schönheit die⸗ ſes Ortes übertrifft bei weitem jede Erwartung, die ich von ihm gehegt habe; doch iſt er es ja auch zugleich, der als fortwährender Zeuge meines künf⸗ tigen Schickſals mich in ſeine Mitte aufnehmen ſoll. Kannſt Du mir es verargen, wenn ich bei ſeinem erſten Anblick, ſtatt mich einer ungebunde⸗ nen Fröhlichkeit zu überlaſſen, dem Nachdenken Raum gebe, und mit dem einzugehenden Tauſche und Wechſel“— Sie ſtockte und preßte, lebhaft bewegt und erſchüttert, ibr Geſicht gegen meine Bruſt.„Wie ſollte — 65— ſollte ich ein eben ſo ſchönes als natürliches Ge⸗ fühl verkennen und mißdeuten?“ rief ich aus. „Du ſtehſt im Begriß, einen Ort zu verlaſſen, an welchen Dich Wohlgefallen und Dankbarkeit ſeſ⸗ ſeln, wo Du eine heitere Ingend verlebteſt, Dich auf das innigſte geliebt ſaheſt und wo die Empſfin⸗ dung eines geſicherten und ungetrübten Glücks Dir zur lieblichen Gewohnheit wurde. Nein, Du ſüßes Mädchen, nur noch theurer wirſt Du mir⸗ iſt anders meine Neigung zu Dir noch eines Zu⸗ wachſes fähig, durch Deine Anhänglichkeit an das väterliche Haus! Aber wenn die zärtlichſte Liebe, verbunden mit dem raſtloſen Beſtreben für die Begründung Deiner Ruhe und Zufriedenheit, Dir einigen Erſatz zu leiſten im Stande ſind, ſo ſollſt Du nie Urſache haben, mit bittern Empſfindungen des mir gebrachten Opfers zu gedenken!“ „Das war nicht eben der richtige Ausdruck!“ ſagte ſie mit ſanft verweiſendem Ton.„Ich fühle mich keinesweges mit ſo unauflöslichen Banden an meinen bisherigen Wohnſitz gekettet, um über ihn die Beſtimmung des Weibes zu verkennen. Ich weiß, daß es dem Manne, den es liebt, fol⸗ gen ſoll, wohin das Verhängniß ihn zu führen be⸗ [51 —— ſchließt. Und ſo ſollſ auch Du, der meiner Seele werther iſt, als irgend ein anderes Weſen in die⸗ ſer Welt, in mir Deine trene und unzertrennliche Gefährtin finden. Jn, Felſeck!“ fuhr ſie fort, indem ſie den Arm um meinen Nacken ſchlang, und mit dem lächelnden Engelsgeſicht mir ſo nahe kam, daß der warme Hauch ihres Mundes mir die Wangen berührte;„ich will Dein Weib werden, mit der ganzen Innigkeit meines Herzens will ich Dich lieben und unaufhörlich ſoll meine Sorgfalt ihre ſüßeſte Beſchäftigung darin finden, Dich glück⸗ lich zu machen. Könnte es wohl einen noch höhern Punkt der Wonne und Seligkrit geben, den ein Sterblicher zu erreichen vermöchte? Das zauberiſche Wehen und Weben des Frühlings um mich her, von Blumen und Blüthen umringt, das reizendſte Geſchöpf in meinen Armen, die entzückenden Gefühle befrie⸗ digter Sehnſucht in der Bruſt, liebend und wieder geliebt! Nur mühſam gelang es mir, in dieſem Taumel der Luſt mich zu faſſen und für die Schil⸗ derung der hier neu zu beginnenden Lebensweiſe, von welcher ich in der Begeiſterung meines Her⸗ zens der freundlichen Hörerin einen ſchwachen Ab⸗ — 67— riß zu entwerfen verſuchte, wieder Ausdruck und Sprache zu gewinnen. „Nein, mein Geliebter!“ unterbrach ſie mit eifriger Lebhaftigkeit meine Worte, als ich zu er⸗ wähnen begann, daß es eine meiner erſten Bemü⸗ hungen ſeyn ſolle, ihr in den gebildeten Zirkeln der Gegend einen zweckmäßigen und ihren Wün⸗ ſchen entſprechenden Umgang auszumitteln;„nein, wenn Deine Grundſätze und Anſichten nur irgend mit den meinigen übereinſtimmen, ſo bringe die Freuden und Vergnügungen des geſelligen Ver⸗ kehrs bei unſter Tagesordnung nicht auf ſo ernſt⸗ liche Weiſe mit in Anſchlag, ſondern laß uns in möglichſt ſtiller Zurückgezogenheit nur uns ſelbſt leben. Der zufriedene Muth, den wir aus unſrer eigenen Bruſt ſchöpfen, wird in dieſer ſchönen, von der Natur ſo freundlich bedachten Beſitzung, zur Befeſtigung und Dauer unſers Glücks vollkommen hinreichend ſein, keine jener geräuſchvollern Ergötzlichkeiten werden wir ver⸗ miſſen, ſo lange wir durch feſtes Verharren bei unſern jetzigen Geſinnungen uns ſelbſt genügen⸗ und an keinem höhern und heilvollern Gute wer⸗ den wir Mangel leiden, ſo lange Liebe und Ver⸗ ES — zrauen unter uns zu herrſchen fortfahren! hörſt Du, Felſeck? Treue Liebe und inniges un⸗ begränztes Vertrauen!“ Bei dieſem letzten, mit ſo gewichtvollem Rachdruck wiederholten Ausruf, erbebte mein Gefühl, von blitzartigem Schrecken durchzuckt, in ſeinen geheimſten Tiefen. Ich fühlte mein Geſicht von einer, an fremdartiger Flamme ent⸗ zündeten Glut überflogen, und heſtete die ſtarren durchbohrenden Blicke gegen die dichte Laubwand, die uns vyr den Augen unſrer Begleiter verbarg. Da öffnete ſich knarrend die Gartenpforte und Rudolph erſchien.„Ihr verkriecht euch ja in das dickſte Gebüſch, als ob ihr kein gutes Ge⸗ wiſſen hättet oder verliebt wäret!“ rief er, ſeine Mienen zu einem flüchtigen Lächeln verziehend⸗ mit lauter Stimme uns zu.„Der Alte ſteigt und ſtöbert noch immer in allen Ecken umher⸗ um ſich die beifällige Zufriedenheit mühſam zu⸗ zubröckeln, die ein roher Naturmenſch, wie Unſereiner, gleich beim erſien Anblick dieſes Land⸗ ßitzes in Banſch und Bogen genießt und empfin⸗ det.„Wahrhaftig, Felſeck!“ fuhr er fort, indem wir uns an ihn anſchloſſen und unſre — gemeinſchaftliche Wanderung nach den entferntern Theilen des Gartens fortſetzten;„dieſer Ort hat ſo viel Hübſches und Einladendes, daß ich ſchier in Verſuchung gerathen könnte, das Kriegshand⸗ werk für immer an den Nagel zu hängen, mich bei Dir einzumiethen, und hier fortan ein ſo ge⸗ ruhiges und ſtilles Leben zu führen, als man nur immer zuſammen zu treiben im Stande wäre.“ „O wenn Du das wollteſt, Rudolph!“ erwiederte ich mit gar unverſtellter Herzensaufrich⸗ tigkeit.„Was in der Welt bliebe mir dann noch weiter zu wünſchen und zu begehren übrig!“ „Nun man kann nicht wiſſen, ob aus dem Scherz nicht über kurz oder lang Ernſt wird!“ ſagte er, einen Blick auf Alwinen werfend, nicht ohne Merkmale innern Erwägens.„Der Geſchmack an dem wüſten unſtäten Leben, an der wilden Wirthſchaft ohne Haus und Heerd, an dem ruheloſen Umhertreiben von einer Weltgegend zur anderen, kann, wie ich ſchon oft gefühlt und gemerkt habe, auf die Länge durchaus nicht Stich balten. Wer mag es einem ehrlichen Kerl, der die Strapazen des Lebens im Süden und Norden gekoſtet, wohl verdenken, wenn endlich die Sehn⸗ ſucht nach einem feſten und ſichern Plätzchen in ihm aufſteigt und allen Ernſies der Gedanke in ihm lebendig wird, ſich aus dem Trommelgetöſe und Waffengetümmel nach dem erſehenen ſtillen Winkel zurückzuziehen, das Schwerdt gegen die Pflugſchaar zu vertauſchen, Getreidefelder anzu⸗ hauen ſtatt verwüſten zu helfen, oder wohl gar einem romantiſchen Müßiggange ſich zu ergeben und noch auf ſeine alten Tage ein arkadiſcher Schäfer zu werden!“ „Verſuche das, Bruder!“ begann Alwine mit einer ſcherzenden Keckheit und Freimüthigkeit zu ſprechen, wie ſie zuvor noch niemals ſich gegen denſelben erlaubt hatte.„Wirf den blutigen Degen von Dir, um den friedlichen Schäferſtab zu ergreifen, und ſei gewiß, daß Dir der Himmel ſodann zur Vervollſtändigung Deiner neuen Be⸗ rufsgeräthſchaften auch wohl noch irgend eine Chloe oder Daphnis zuführen wird! O welch ein entzückendes Schauſpiel müßte es für mich ſein, meinen Bruder Rudolph als Schäfer gekleidet, mit zierlichen ſeidenen Schleifen geſchmückt und ein buntfarbiges flatterndes Band um den Hut, am Abhange eines Hügels ſitzen zu ſchen, ſeine —— Läimmer in wohlgeordneten Gruppen um ſich ber verſammelt, und bald auf der Panspfeife blaſend, vald mit ſchwermüthigen Seufzern die Luft er⸗ füllend, bald im zärtlichſten Gefühlsdrange auf die Tyrannei ſeiner ſpröden Herzensgebieterin ein melodiſches Klagelied anſtimmend! Wahrlich, ein Anblick, für deſſen Erkaufung mir kein Preis zu hoch erſcheinen ſollte!“ Mit einem Gemiſch von Verwunderung und Vergnügen blickte der Kriegsmann auf die ver⸗ wegene Schwätzerin, die durch den Ton und In⸗ halt dieſer Rede ſich ſo ganz von ihrer ſonſtigen Ausdrucksweiſe entfernte. Noch eine Zeitlang foppten und neckten ſich beide über den in Anre⸗ gung gebrachten Gegenſtand, bevor das Geſpräch wieder eine ernſtlichere Wendung zu nehmen be⸗ gann. Mein Gemüth aber war bedrückt und beklommen; allgewaltig war durch die letzten Worte, die Alwine vor Erſcheinung ihres Bruders an mich gerichtet, im aufwallenden Er⸗ guſſe meiner ſeligſten Empfindungen ein Mißklang zuwege gebracht worden, den ich vergebens durch den Gedanken an die wonnevollen Ergebniſſe jenes Auftritts niederzukümpfen bemüht war. Der — — Himmel, der noch kurz zuvor ſo mild und lauter auf mich hernieder gelächelt, ſchien jetzt vor meinen emporſpähenden Augen ſich mehr und mehr zu verdüſtern, eine dichtere gewitterſchwüle Luft, nebelhaft den Geſichtskreis beſchränkend und mit dumpfer Schwere auf den umher befind⸗ lichen Pflanzen und Geſträuchen ruhend, glaubte ich einzuathmen, und was ich von allen den Bil⸗ dern und Vorſtellungen, die in bunt verwirrtem Gewühl mein Gehirn durchkreuzten, einzig und allein mit klarer Deutlichkeit feſtzuhalten ver⸗ mochte, war die überzeugung, daß mir auf ein⸗ mal und für immer leichter werden würde, wenn ich mich entſchließen könnte, die Mitwiſſenſchaft jenes unglücklichen Geheimniſſes noch bis auf die Geſchwiſter auszudehnen, und auch ihnen einen ungehinderten Blick bis in die verborgenſten Fal⸗ ten meines Herzens zu verſtatten.„ Siehſt Du Wallner! ſo wird, ſelbſt im zwei⸗ felloſeſten Beſitze aller zur Feſiſtellung des höchſten irdiſchen Glücks erforderlichen Hülfsmittel, mir nie ein echter reiner Genuß zu Theil werden; ſo wird die Schlange ſtets unter den Blumen lau⸗ ſchen, mir die ſchönſten Lebensfreuden vergiften ————————.——— —————— —— — 13— und durch ihr höhniſches Geziſch mich unabläſſig daran erinnern, daß ich das Anrecht auf eine un⸗ geſtörte Zufriedenheit, die nur ein reines Be⸗ wußtſein zu verleihen vermag, ſchon früh und unwiederbringlich verſcherzt habe! Welche Mühe mußte ich anwenden, um wäh⸗ rend des Mittagsmahles, das wir in Schatten der großen ulme uns auftragen ließen, nicht durch Grillenfängerei und üble Laune ſtörend auf die harmloſe Munterkeit einzuwirken, von welcher mei⸗ ne Reiſegeſellſchaft bei dieſer ländlichen Feſtesluſt beſeelt waren! Wie ſchwer fiel es mir, auf dem Spaziergange, den wir des Nachmittags gemein⸗ ſchaftlich durch die anſtoßenden Felder und Wie⸗ ſen anſtellten, meine Gedanken zuſammen zu hal⸗ ten, um dem Prediger, der mir jetzt ſeine auf die unternommenen Beobachtungen geſtützten Anſich⸗ ten umſtändlich auseinander zu ſetzen anfing, auf die an mich gerichteten Fragen deutliche zuſam⸗ menhängende Antworten zu ertheilen! Der Ankauf des Meierhofes iſt übrigens ſchon ſo gut als entſchieden, und alles würde, da es mir ja auf eine Handvoll Goldſtücke mehr oder weni⸗ ger durchaus nicht ankömmt, bereits völlig in Ord⸗ nung gebracht ſein, hätte ich nicht die Abſchließung des ganzen Handels dem Prediger überlaſſen, der, wie er in keiner Sache ſich zu übereilen gewohnt iſt, auch bei Förderung dieſes Geſchäfts mit einer an Knickerei gränzenden Vorſicht und Genauigkeit zu Werke geht. Sehr möglich und wahrſcheinlich ſogar, daß den Zeichen und Wundern zufolge, mit welchen der politiſche Himmel ſich auf's neue zu erfüllen beginnt, Rudolph's Aufenthalt unter uns frü⸗ per zu Ende geht, als er bei ſeiner Ankunft es denken und ahnen mochte. Sicher wird ihn, da der baldige Wiederausbruch eines blutigen Krieges Leinem Zweifel zu unterliegen ſcheint, ſein Beruf ſchnell und wer weiß, ob nicht für immer? von hier hinwegfordern. Der Himmel iſt Zeuge, wie gern ich Hab' und Gut mit dem Bruder meiner Alwine getheilt hätte! Aber im Fluge iſt über der Aufzeichnung mei⸗ ner heutigen Begegniſſe die Zeit dahin geeilt! Schon iſt die Mitternachtsſtunde längſt vorüber) alles um mich her in tiefe lautloſe Ruhe verſun⸗ ken und der Verkehr mit der Auſſenwelt nur durch den Flügelſchlag der Nachtfalter noch einigermaßen Stitnraike. ———— —— im Gange, die, vom Schimmer des Lichtes gelockt, dann und wann ſchwirrend gegen das Fenſter flat⸗ tern. Auch Deine Augen, mein Wallner, deckt der Schlaf und in gaukelnden Träumen gehen vielleicht das Bild und die Schickſale des entfern⸗ ten Freundes Dir ſo eben an der Seele vorüber, indeß er einſam wachend noch mit Dir ſich unter⸗ hält, und ſeiner Zuſchrift keinen beſſern Schluß zu geben weiß, als den Wunſch, daß der Friede des Himmels mit wandelloſer Treue beim Schlummer der Nacht, wie bei den Geſchäften des Tages Dir nahe ſei! — im Mai. Di Geiſter des Schreckens haben aus dem Paradies mich aufgeſtört und von dannen ge⸗ ſcheucht! Du hat Recht gehabt, Wallner! Mit dem Entgegenhandeln gegen Deinen warnenden Wink, war alles für mich dahin! rettungslos, un⸗ widerruflich alles für mich dahin! Mehrere Mei⸗ len von Grentfernt, in der Kammer einer elen⸗ den Dorfſchenke, betäubt von Getöſe der benach⸗ parten Wirthsſtube, umlärmt vom Jubel der be⸗ trunkenen Bauern, mit zitternden Händen, mit zerriſſener Seele treffe ich Anſtalt zur Abfaſſung dieſer Zeilen— ich unglücklicher! Aber ich will mir ſelbſt Trotz bieten, will das blütende Gefühl einer eiſernen Willenshartnäckigkeit unterwerfen und wie ich Dir das Entzücken des liebeſeligen Gemüthes mit unverfälſchter Treue zu ſchildern verſucht habe, ſo ſoll auch der Jammer, der un⸗ nennbare Jammer des Verzweifelnden in gleich⸗ ruhigen Schriftzügen vor Deinen Angen erſchei⸗ nen. Höre, wie ſich alles begab! Ich ſaß mit Rudolph ſchwatzend in der Fliederlaube des Gartens. Es war gegen Abend und niemand ſonſt in unſerer Rähe zugegen. Al⸗ wine beſchäftigte ſich fern im Hauſe mit Beſor⸗ gung des Vesperbrodtes für das Geſinde, der Pre⸗ diger befand ſich auf ſeiner Studirſtube und grü⸗ belte über den ihm zugeſchickten Text eines Lei⸗ chenſermons. Rudolph war offner, mittheilen⸗ der, freundlicher, als er jemals geweſen. Er ſchil⸗ derte mir in Ausdrücken der tiefſten Empfindung das Liebesverhältniß zwiſchen ihm und einer ſchö⸗ ——— — 77— nen Spanierin, zog während ſeiner Rede eine ſorgfältig verwahrte dunkle Hagrlocke aus dem Buſen hervor, bedeckte dieſe mit Küſſen und ver⸗ ſank endlich, nachdem er mir noch angedeutet, daß die einſmalige Eigenthümerin derſelben längſt unter der Erde ſchlafe, in ein tiefes wehmuths⸗ volles Nachdenken. Die vertrauten Mittheilun⸗ gen, in welchen er mir ſein Innerſtes aufſchloß, öffneten auch mir das Herz. Ich ſing von den zwiſchen mir und ſeiner Schweſter beſtehenden Verhältniſſen zu ſprechen an und geſtand ihm, daß einzig und allein die bisherige Ermangelung eines feſten Beſitzthumes Urſache geweſen, warum ich nicht ſchon früher mich deutlicher über dieſe Angelegenheit gegen ihn erklärt habe. Er hörte mir, obwohl in ſeinen Mienen zu leſen ſtand⸗ daß ich ihm keine Neuigkeit berichte, mit vieler Aufmerkſamkeit zu, doch glaubte ich zugleich zu bemerken, daß eine leiſe Anfrage über die zum Ankauf jenes Grundſtückes, ſo wie zur Begrün⸗ dung des künftigen Lebensunterhaltes überhaupt, mir zu Gebot ſtchenden Mittel und Wege, auf ſeinen Lippen ſchwebe. Ich trug kein Bedenken, ihm ganz der Wabrheit gemäß zu vermelden, wie — ich theils durch den Nachlaß meiner, bereits vor zwölf Jahren verſtorbenen Mutter, theils und hauptſächlich aber durch das unlängſt mir zuge⸗ fallene anſehnliche Vermächtniß des Grafen, mich zu einer Unternehmung dieſer Art in Stand ge⸗ ſetzt finde; er reichte mit dem Ausdruck zufriedner Billigung mir die Hand und des widerwärtigen Gefühles ungeachtet, das bei Erwähnung des Grafen, die über ſein Geſicht verbreitete ruhige Milde einen Augenblick lang verdüſtert hatte, ſchien alles zwiſchen uns in der beſten Ordnung zu ſein. „Ich danke Dir herzlich fir das mir ge⸗ ſchenkte Vertrauen, lieber Felſeck!“ ſagte er⸗ „und ich weiß daſſelbe nicht beſſer zu erwiedern, als durch das freimüthige Bekenntniß, daß ich meiner Schweſter zur Verbindung mit einem ſo hraven Manne, ſchon längſt im Stillen Glück gewünſcht habe. Es erleidet keinen Zweifel, daß ihr heide in einer ſo zufriedenen Ehe leben werdet, als dies unter Perſonen der Fall zu ſein pflegt, deren Geſinnungen und Grundſätze, gleich den eurigen, in unverbrüchlicher Eintracht mit ein⸗ ander öbereinſtimmen. Glaube mir nur, auch ich bin für die einfachen Frenden der länblichen Ra⸗ tur keinesweges ſo unempfänglich, als es vielleicht den Anſchein haben mag, und ſehr lebhaft tritt mir in dieſem Augenblick das vorgeſtern im Gar⸗ ten des Meierhofes geführte Geſprach wieder vor die Secele. In der That würde ich es für den glücklichſten Tag meines Lebens halten, an wel⸗ chem ich bei Euch einziehen und ſagen könnte: hier bin ich! Iſt es noch Euer Entſchluß, einem ſeines Berufs müden Kriegsmanne für den Reſt ſeiner Tage, Herberge unter Eurem Wohndache und ein Plätzchen in Eurer Mitte zu gewähren? Er hatte dieſe Anrede noch nicht beendigt, als mit dem Ton ſeiner Worte plötzlich die Liebes⸗ klänge der Nachtigall ſich vermiſchten, die wieder in einiger Entfernung nach der Seite des Kirch⸗ hofes hin, zu ſchlagen anfing. Dieſer umſtand, der mir eine ernſtmahnende Aufforderung an mich zu enthalten ſchien, brachte in meinem ohnchin ſchon lebhaft aufgereizten Gemöth eine böſe, ob⸗ wohl diesmal nicht eben mit Schrecken und Angſt verbundene Bewegung hervor. „Rudolpb!“ ſagte ich, nachdem ich mich ſo viel als möglich zu ſammeln geſucht hatte.„Be⸗ —„ — 80— vor wir den von Dir geäußerten und mit meinen innigſten Wünſchen ſo ganz übereintreffenden Ge⸗ danken weiter verfolgen, laß uns erſt unſere bei⸗ derſeitigen Meinungen über einen andern Punkt, der auf das zwiſchen uns angeknüpfte freundſchaft⸗ liche Vertrauen noch einen verdunkelnden Schat⸗ ten wirft, gemeinſam ausgleichen und in Richtig⸗ keit bringen. Es laſtet ein Geheimniß auf meiner Seele, welches ich Dir, mit dem ich bald in eine noch engere Verbrüderung zu treten gedenke, zu meiner eizenen Beruhigung nicht länger vorent⸗ halten kann und darf!“ „Ein Geheimniß?“ fragte er, indem er for⸗ ſchend die Augen auf mein Geſicht heftete und mit geſpannter Erwartung mir näher zu rücken begann. „Was ich Dir mitzutheilen habe, iſt ſeit ſech⸗ zehn Jahren der unverſöhnlichſte Feind meiner Ru⸗ he, der unverſiegvare Quell meines tiefſen See⸗ lenkummers geweſen!“ fuhr ich erſchütterten Mu⸗ thes zu ſprechen fort.„Laß uns jetzt als Män⸗ ner, mit Ruhe und ohne Leidenſchaft über eine Handlung urtheilen, welche durch die unverwiſch⸗ vare Rückerinnerung an ihre Folgen noch immer ſo — — — ,— — 6½— ſo ernſt in mein Leben eingreift, obwohl ſie ſelbſt dem frühern Knabenalter angehört. Ich war es nehmlich, ich und kein andrer, der an jenem un⸗ glücklichen Nachmittage durch einen Schuß mit der aufgefundenen, Dir zugehörigen Armbruſt, die Nachtigall im Schloßgarten tödtete!“ „Wie?— Du?“ ſtotterte erblaſſend und erbebend der Beſtürzte.„Und mein Vater, mein armer Vater! Du alſo konnteſt—“ „Wohl hätte ich ihn retten können!“ unter⸗ brach ich ſeinen Ausruf.„Du mußt alles erfah⸗ ren, Rudolph! Ich hielt mich in der Nähe verſteckt, ſah und hörte wie der Graf den Un⸗ ſchuldigen mißhandelte und mit wüthenden Dro⸗ hungen überhäufte; es zitterte vor Schaam und Reue mir das Herz in der Bruſt, aber ſtatt mit dem pflichtgemäßen Bekenntniſſe meiner Schuld aus meinem Hinterhalte hervorzutreten und mich der verdienten Züchtigung zu unterwerfen, ſuchte ich das Weite, ließ in der feigen Furcht meines Herzens geſchehen, was da wollte, und kehrte erſt ſpät am Abend nach dem Schloſſe zurück. Des andern Morgens zog man das entſeelte Opfer [61 — meines Leichtſinnes aus der Stromtiefe aws Ta⸗ geslicht.“ „Ha Elender!“ ſchrie der Ergrimmende mit wuthſchnaubenden Geberden von der Bank auf⸗ ſpringend.„Leichtſinn nennſt Du die heim⸗ tückiſche ſchändliche Bosheit/ die Du verübt? Wie, und Du wagſt es ſogar, die Tochter des Mannes, den Du gemordet, zum Weibe zu be⸗ gehren? Fluch Dir, Du ſchamloſer, nichtswür⸗ diger Heuchler! In dieſem Augenblick erſchien Alwine, die das tobende Gebrüll vernommen, ein Bild der Angſt und des Schreckens, am Eingange der Laube. Aber mit dem wilden Ungeſtüm eines ge⸗ reizten Löwen ſtürzte jener auf die Erſtarrende los.„Zurück mit Dir, unglückliche! zurück! Hier iſt nichts weiter für Dich zu ſchaffen; denn beim wahrhaftigen Himmel! lieber will ich Dich mit meinem Schwerdte durchbohren, als daß Du mit ihm noch irgend eine Gemeinſchaft haben ſollſt, mit ihm, dem Mörder unſeres Vaters!“ Die Beſtätigung dieſer furchtbaren Anklage in meinen Mienen leſend, wandte die Jungfrau ihre mit Nacht ſich umwölkenden Blicke ſchau⸗ — —— dernd von mir hinweg, Todtenbläſſe überzog ihr Geſicht und ohnmächtig ſank ſie zwiſchen die Zweige des Fliederſtranches. Der entrüſtete Rä⸗ cher aber umſchlang mit behendem Eifer und ſtarken Armen den zarten Leib, raffte die Bewußt⸗ loſe, die, der geknickten Blume gleich, das Haupt ſinken ließ, zu ſich empor und ſchleppte quer über die Gartenbeete hinweg, nach der Gegend des Hauſes ſie mit ſich fort. Nach einer Weile verließ auch ich meinen Sitz. Meine Gedanken und Empfindungen ſchie⸗ nen in den dumpfen Starrſinn der Vernichtung ſich auflöſen zu wollen, und es war mir von dieſem ſchreckenvollen Auftritte für den gegenwär⸗ tigen Augenblick nur ſo viel Bewußtſein übrig geblieben, als dazu gehört, um mit einiger Zu⸗ verläſſigkeit ſich ſelbſt zu erkennen. Mit dem taumelnden Schwindel eines Fieberkranken, der durch den Feſſelzwang eines langwierigen Siech⸗ bettes erſchöpft und abgemattet, zum erſtenmal die unſichern Schritte wieder verſucht, ſchlich und ſchwankte ich zur Pforte des Gartens hinaus und dem Wirthshauſe zu. Einige Stunden ſpäter, als ich mehrere l6 — 51— Briefſchaften und Papiere von Bedeutung zuſam⸗ men zu packen beſchäftigt war, klopfte es an die Thür meines Zimmers und der Prediger trat herein. „Felſeck, wo war Ihr guter Engel, als Sie zu dieſem unüberlegten gefährlichen Geſtänd⸗ niſſe ſich verleiten ließen?“ rief er mir entgegen. „Unglücklicher; was haben Sie gethan?“ „Ich konnte nicht anders!“ war meine Ant⸗ wort.„Ich mußte auch gegen ihn meinem ge⸗ preßten Herzen Luft machen. Eine dunkle Ge⸗ walt, der ich nicht zu widerſtehen vermochte, trieb und zwang mich dazu. Ich vollbrachte, was ich zu unterlaſſen nicht fähig war. Der Erfolg meines vertranlichen Berichtes freilich ſiel anders aus, als ich gehofft hatte.“ „Und jede Ausſicht zur Wiederherſtellung des guten Vernehmens ſcheint für immer verloren zu ſein!“ fuhr er fort.„Alwine ringt und kämpft in leidenvoller Seelenbewegung mit ſich ſelbſt; ihr zornentflammter Bruder, der in ſeinem wilden Groll und Grimm keiner ſanfteren Vorſtellung Gehör geben will, geht umher und ſiößt Ver⸗ wünſchungen aus!“ „Was in Alwinen's Blicken bei Anhörung meines Verbrechens ſich kund gab,“ verſetzte ich, „bürgt mir dafür, daß die Zeit ihren Schmerz lindern und ſie über den erlittenen Verluſt nach und nach vollkommen beruhigen werde. Rudolph mag in ſeinem leidenſchaftlichen Ungeſtüm ſich mäßigen. Er hat nicht zu befürchten, daß es mir, nachdem er mich mit dem Stempel des Abſcheues und der Verachtung zu brandmarken geſucht, jemals in den Sinn kommen könne, ihm durch niedrige Zudringlichkeit läſtig zu werden. Ich werde vielmehr Sorge tragen, daß mein ver⸗ haßtes Angeſicht ihm nie wieder begegne!“ „Alles, was ich hier ſehe, ſcheint auf den Vor⸗ ſatz einer ſchleunigen Abreiſe hinzudenten!“ ſagte er mit kleinmüthigem Ton. „So iſt es! mein gütevoller, väterlicher Freund!“ entgegnete ich.„Es darf mich ja nichta mehr hier zurückhalten und ich denke daher noch vor dem völligen Einbruche der Nacht das Dorf zu verlaſſen.“ „O Gott im Himmel! welch eine ſchauder⸗ volle umwandlung der Dinge!“ rief der Greis, indem er an's Fenſter trat, die Hände über der Bruſt faltete, und muthlos das Silberhaupt ſchüt⸗ telnd, in ein ſchwermüthiges Nachſinnen ſich zu verlieren anfing. Nach Verlauf einiger Minuten verließ er ſeinen Platz, näherte ſich mir und ſchloß mich laut weinend in ſeine Arme.„Felſeck!“ ſprach er,„ich mag weder über die Art und Weiſe, wie Sie heut' der Erfüllung aller Ihrer Abſichten rückſichtslos entgegengewirkt haben, Ihnen Vor⸗ würfe machen, noch Sie von dem Entſchluſſe ab⸗ zuhalten verſuchen, welchen jenes übereilte Ver⸗ fahren als traurige Folge nach ſich gezogen hat. Nur verſprechen Sie mir, ſich nicht zu weit zu entfernen, und mich baldigſt durch ſchriftliche Mit⸗ theilung über Ihren neugewählten Aufenthaltsort in Kenntniß zu ſetzen!“ Hier hielt er inne, und ſchante, meine Ant⸗ wort erwartend, mir forſchend in die Augen. Ich ertheilte ihm ſtillſchweigend den Wink, ſeiner Auf⸗ forderung Genüge leiſten zu wollen. „Ich werde mittlerweile,“ nahm er auf's neue das Wort,„lles, was in meiner Macht ſteht, aufbieten, um für Ihr beſtes zu wirken und die Sache, wo möglich, wieder ins Geleis zu brin⸗ gen. Sobald mir dies gelungen iſt, erhalten Sie —— — — 87— unverzüglich näbere Nachricht von mir. Schauen Sie nicht mit ſo ungläubiger Miene gegen den Boden! Dem Sturme der Leidenſchaft, wird mit der Rückkehr einer ruhigern überlegung zugleich die Empfünglichkeit für den vermittelnden Zuſpruch eines wohlmeinenden Freundes nachfolgen. O⸗ welche Freude für mich, wenn ich Ihnen bald, recht vald, über den günſtigen Ausgang meiner Bemü⸗ pungen tröſtende Kunde zu geben vermächte. Er nahm hierauf mit Anzeichen der tiefſten Wehmuth und Rührung Abſchied von mir und entfernte ſich. Sobald er fort war, überließ ich dem Wirthe des Hauſes unter dem Vorgeben, daß eine Wanderung über Land mich auf unbe⸗ ſtimmte Zeit von hier hinwegrufe, meinen Reiſe⸗ wagen nebſt allem mitgebrachten Gepäck und Ge⸗ rith zur Verwahrung, ſteckte die oben erwähnten wichtigen Papiere zu mir und wanderte mit der anbrechenden Abenddämmerung raſchen Schrittes zum Dorfe hinaus. So lautet die Geſchichte meines Unglücks, die ich Dir nach Maaßgabe meiner Kräfte mit der ſtrengſten Treue und Genauigkeit darzuſtellen verſucht habe. Ich will mich nicht unterfangen⸗ die mir zugefügten Demüthigungen grundlos und ungerecht zu nennen, nicht ßtörriſch behaupten, daß mir zuviel geſchah; aber hart iſt mein Lvos und bluten muß das menſchliche Gefühl bei der Vorſtellung, wie das Verhängniß den Schuldbe⸗ ladenen ruhig im Becher der Luſt ſich berauſchen läßt, um ſeiner zurückkehrenden Nüchternheit die Schauder des Todes beizugeſellen; wie es mit Bildern des ſüßeſten Gewinnes ſeine Seele um⸗ gaukelt, um plötzlich den bitterſten Verluſt ihm fühlbarer zu machen; wie es ihn Schritt vor Schritt zur Sonnenhöhe des Glückes hinange⸗ leitet, um auf deſto ſchreckenvollere Weiſe ihn jählings in den Abgrund des Elends zurückzu⸗ ſchlendern! Oder könnteſt Du vielleicht glanben, daß die Verhütung des über meinem Haupt aus⸗ gebrochenen Unheils, von meiner eigenen Willkühr abgehangen hätte, und daß es unter fortgeſetzter Beobachtung eines vorſichtigen Stillſchweigens anders mit mir gekommen ſein würde? Nimmer⸗ mehr! Ich war mit meinen kühnen Hoffnungen und Entwürfen an den Gränzpunkt gelangt, wo der ſchmeichleriſche Sinnenwahn ſich gegen eine, ihm entgegenkämpfende rauhere Machtgewalt nicht länger zu behaupten vermochte! Hätte ich die Widerſetzlichkeit gegen die Anmahnungen des Ge⸗ wiſſens, auf's äußerſte treibend, Alwinen zum Traualtare geführt; der Klang der Orgel würde wie Donnerton, der Seegen des Prieſters wie ein Bannfluch mein Ohr erſchüttert, und das Entſetzen darüber mir gewaltſam ein Geſtändniß entriſſen haben, das ich freiwillig abzulegen mich weigerte. Denn das iſt es eben, daß die mit dem Verbrechen behaftete Bruſt, zugleich der Rache zum Gefäß dienen muß, um ein mit ver⸗ heerender Wirkung um ſich greifendes ätzendes Gift zu bereiten, das ſchäumend und brauſend über den Rand des Behälters hinaustritt, ſobald ſeine Stunde gekommen iſt! Wohin ich nun, nachdem des Lebens rei⸗ zendſte Hoffnung ſich von mir gewandt hat, mich ſelbſt zu wenden gedenke? Nach einem Orte, Freund, wo die beſſern und ſchöneren Hoffnungen winken, die das Leben nicht zu verleihen und der Tod nicht zu rauben vermag! Von jetzt an ſind die auf meine Vermögensumſtände ſich bezichenden ſchriftlichen Dokumente nicht mehr ſicher in mei⸗ ner Hand. Ich überſchicke ſie Dir in beifolgen⸗ —— den verſigelten unſchlage, und ertheile Dir hiermit zugleich die Befugniß, das Siegel zu er⸗ brechen, um vermittelſt des ihnen beigelegten Blattes, Dich näher über die von Dir ins Werk zu richtenden Verfügungen zu belehren, wofern Du, was jedoch hoſſentlich nicht der Fall ſein wird, binnen drei Monaten, vom heutigen Tage gerechnet, keine weitere Nachricht von mir erhal⸗ ten ſollteſt. Dem Wunſche des Predigers Genüge zu leiſten, bin ich nicht geſonnen; denn gelänge es ihm auch, ſeine auf Frieden und Verſöhnung hinzielenden Abſichten zu erreichen, ſo könnte doch ich nie wieder vor der Enttäuſchten mich blicken laſſen, ohne die ſchmachvolle und erniedrigende Benennung, mit welcher Rudolph bei unſerm letzten Zuſammenſein mich belegte, zu rechtferti⸗ gen. Alwine iſt für mich verloren! Die Bruſt will mir zerſpringen, das Blut erſtarrt mir in den Adern, mit dem Krampfe der Verzweiflung windet und ſträubt ſich die Seele gegen dieſen ſchrecklichen Gedanken. Aber feſt und unerſchüt⸗ tert im wogenden Gewühl der ſtreitführenden Gegenkrüfte ſteht die Kberzeugung, daß Alwine für mich verloren iſt!—— ———————— — —— Aus dem Feldlazareth, am 21. Juni. Frue Dich mit mir, mein Theuerſter! Die Son⸗ ne des Lebens beginnt mir aufzugehen. Ich habe gefunden, was ein widerwärtiges Geſchick mich vor zwei Jahren auf ähnlichem Wege vergeblich ſuchen ließ. Aber faſſe Dich, und laß in Erken⸗ nung des Freundes Dich nicht irre leiten, ob Du gleich aus fremder Feder gefloſſene Schriftzeilen erblickſt. Noch ehe ſie zu Deinen Augen gelan⸗ gen, deckt mit ihrem ſchirmenden Frieden mich die ſtille Gruft. Der Körper fängt bereits an, ſeinem innern Gebieter die gewohnten Dienſtleiſtungen zu verſagen; er will zur Ruhe gehen und eines ungeſtörten Schlummers genießen. O, Wall⸗ ner! gar ein ſchönes und ehrenvolles Ende wird mir zu Theil! In ſiegreicher Schlacht bin ich rühmlich gefallen! Schon war die Arbeit des Tages faſt vollbracht, da riß beim Nachſetzen des fliehenden Feindes mir eine Stückkugel den linken Schenkel hinweg und bewußtlos ward ich hierher getragen. An Rettung iſt nicht zu denken; aber huldvoll hat der Lenker meines Schickſals mir noch dieſe kurze Friſt und mit ihr zugleich den — 92— Genuß einer Geiſtesfreudigkeit verliehen, wie ſie ſelbſt in Alwinen's Armen mir niemals zu Theil wurde. Meine Schuld iſt getilgt! Das ſagt mir der ruhig zufriedene Sinn, mit welchem ich hin⸗ über zu gehen und vor den höchſten Richter zu treten im Begriff bin! Was weder die eigene klügelnde Vernunft, noch der fromme Troſtſpruch der Kirche mir zu gewähren im Stande war, hat, nach williger Verläugnung alles irdiſchen Gewin⸗ nes, nach Hinopferung des Leibes und Lebens, der Blick auf die für mich geöfnete Pforte des Gra⸗ bes mir gewährt. Traure nicht um mich! Gieb keiner unwür⸗ digen Klage Raum bei dem Andenken an den Freund, der ſeinen dornenvollen Pfad beendigt und die Palmen des ewigen Heils erreicht hat. Rur noch einen Schritt und ſie nehmen in ihren er⸗ quickenden Schatten mich auf. Schon gehöre ich einer neuen Welt an; ich ſehe die ſcharfe Gränze binter mir gezogen und ſchaue mit dem gelaſſenen Gieichmuth eines Vollendeten auf die Bilder des abgeſchloſſenen Lebens zurück. Sogar der hellſte Punkt, der meinen Augen begegnet, vermag keinen neidiſchen Wunſch, keine mißgünſtige Begierde „ mehr in mir aufzuregen. Wohl erblicke ich dort den ſchönen Meierhof, von grünem Laubwerk und goldenen Ahrenfeldern umringt. Die Abendſonne wirft ihr ſcheidendes Licht auf die rothen Dach⸗ giebel, der Weſtwind durchſäuſelt die alten Ulmen, der Bach murmelt und der Garten winkt mit ſei⸗ nen kühlen Gängen und Lauben. Wohl war es ein reizender Gedanke, dort mit der Geliebten mich anzuſiedeln, mit ihr den Beſitz des freundli⸗ chen Grundeigenthums zu theilen, mit ihr unzer⸗ trennlich verbunden zu ſein. Aber nur noch kla⸗ rer iſt es mir auch geworden, daß der Genuß ei⸗ ner lächelnden Gegenwart mir keinen Erſatz für die Kümmerniſſe der folternden Erinnerung würde geleiſtet haben und nicht vertauſchen möchte ich daher gegen jenes unter den obwaltenden Verhält⸗ niſſen ſo zweifelhafte Glück die jetzt mir bevorſte⸗ hende und ſchon mit allen ihren wohlthätigen Ge⸗ fühlen mich durchdringende Befreiung von dem trüben Lvoſe, das aus der verblutenden Bruſt ei⸗ ner Nachtigall für mich hervorging. Schon in einem meiner früheren Briefe, be⸗ vor noch der ſchönſte Erdentraum, deſſen der Menſch theilhaftig zu werden vermag, mir ſeine Zauberbilder entfaltete, nannte ich mich einen Sterbenden, der auf Hinterlaſſung eines wohl⸗ überlegten Vermächtniſſes bedacht iſt. Du findeſi es in dem verſiegelten Anſchluſſe enthalten, vvn welchem mein letztes Schreiben begleitet war. Ohne Zweifel wirſt Du ſchon von ſelbſt errathen, daß es Alwine iſt, die ich zur Erbin meines Ver⸗ mögens eingeſetzt habe. Die Bewerkſtelligung ei⸗ nes Entſchluſſes, den ich ja bereits vor Anknüpfung unſerer nähern Bekanntſchaft gefaßt hatte, wird mir zur doppelten Pflicht, ſeit ich nunmehr auch für die bittern Kränkungen ihres getäuſchten Her⸗ zens guf die Entſchädigung denken muß, die nach erfolgtem Wechſel der Dinge allein noch in meiner Macht ſteht. Ich weiß gar wohl, daß Deine Schultern von anhaltenden und dringenden Ge⸗ ſchäften belaſtet ſind; dennoch übertrage ich die Be⸗ ſeitigung dieſer Angelegenheit keinem andern als eben Dir. Nein, Du wirſt nicht zürnen! Es iſt ja unter den vielen Dienſtleiſtungen, für welche ich ſeit einer langen Reihe von Jahren Deine gefäl⸗ lige Freundſchaft in Anſpruch nahm, die letzte und wichtigſie! Dank Dir, mein Innigſigeliebter, für dieſe — — zahlreichen Proben der wohlwollenden Anhänglich⸗ keit, die auch ſelbſt dann noch ſich wandellos ge⸗ treu blieb, als ich Deinen Blick auf den Makel gelenkt hatte, mit welchem meine Bruſt befleckt war. Vieles, was die Welt mit begeiſtertem Ent⸗ zücken zu erheben und zu vergöttern gewohnt iſt, hat ſeinen täuſchenden Glanz für mich verloren, während das Andenken an unſern Freundſchafts⸗ bund mich mit dem verklärten Lächeln eines En⸗ gels in die tiefe dunkle Schlafkammer begleiten wird. O, wie könnte dieſes Wonnegefühl, das, vereinbart mit den ſeligſten Hoffnungen, ſich in meinem Innern ſo vorherrſchend ankündigt, mit den Bedingungen ſeiner Dauer an die Erſchei⸗ nungswelt des Irdiſchen geknüpft ſeyn! Wall⸗ ner, wir werden uns wiederſehen, um uns wie⸗ der zu lieben! Sorge, daß Alwine meinen Gruß empfängt. Friede und Freude mit Dir und den Deinen! Der Eindruck, welchen der Inhalt dieſer Briefe auf mein Gemüth gemacht hatte, war zu erſchütternd, als daß ich nach Durchſicht derſel⸗ ben mich ruhig dem Schlummer zu überlaſſen ver⸗ mocht hätte. Ich brachte daher auch den Reſt der Nacht außerhalb des Bettes zu, ſetzte mich an das geöffnete Fenſter und blickte ſtillen Ernſtes in das Dunkel hinaus, während das Schickſal des Freundes, über deſſen Vergehen wohl niemand unter den Leſern mit ähnlicher Strenge urtheilen dürfte, als er es ſelbſt gethan, mir reichlichen Stoff zum Rachdenken gewährte. Der Morgen brach endlich an und kaum begonnen die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne die Giebelwän⸗ de der benachbarten Häuſer zu erleuchten, als Wallner, ſeiner geßtrigen Zuſage gemäß, ſich ſchon bei mir einſtellte. „Er wäre alſo todt? wirklich todt?“ rief ich dem Eintretenden mit einer ungeduld entgegen, die es ihm klar an den Tag legte, wie eifrig ich den Gedanken an die Möglichkeit des Gegencheils feſtzuhalten geſucht hatte. „Leider ſetzen es die von den Behörden aus⸗ geſtellten, mit Siegel und Namensunterſchrift verſehenen Scheine, welche mir zugeſchickt wor⸗ den ſind, außer allen Zweifel!“ war ſeine Ant⸗ wort. wort.„Schon am andern Tage nach dem Abgan⸗ ge ſeines letzten Schreibens hat er ſein Ziel er⸗ reicht und iſt ſanft und ruhig verſchieden. Friede ſeiner Aſche! Er war ein edler Menſch und hatte ein beſſeres Lvos verdient. Wer ſollte glau⸗ ben, daß das widrige Geſchick, welches ihn im Leben verfolgte, ſogar bis auf die von ihm hinter⸗ laſſenen Teſtamentsverordnungen ſich erſtreckt!“ „Ich kann mir leicht denken,“ erwiederte ich, „daß Alwinen's Bruder in eben dem Maaße, wie er mit wildem Ungeſtüm den Bund der Lie⸗ benden geſtört hat, nun auch mit Stolz und Eigenſinn der letzten Willensmeinung des Ver⸗ ſtorbenen ſich widerſetzt haben wird.“ „Alles,“ fuhr Wallner fort,„habe ich aufgeboten, ihn zu mildern und nachgiebigern Geſinnungen zu bewegen, allein umſonſt! Er bleibt bei der Behauptung, daß unter den oh⸗ waltenden Umſtänden die ſbernahme einer ſolchen Erbſchaft, mit den Anforderungen der Ehre und Schicklichkeit durchaus unverträglich ſei. Wenn meine Schweſter, ſo lautet ſein Beſcheid, ſich überreden läßt, aus Felſeck's Nachlaſſe auch nur den Werth eines Hellers ſich anzueignen„ ſo F — 4 betrachte ich ſie als ein unwürdiges pflichtver⸗ geſſenes Geſchöpf und ſie hat mein Angeſicht zum letztenmal geſehen! Alwine, die ſeit der Tren⸗ nung von ihrem Geliebten gegen alles, was das Schickſal ihr noch fernerhin rauben oder gewähren mag, gleichgültig geworden zu ſein ſcheint, unter⸗ wirft ſich dem ehernen Willen des Brnuders mit jener ſtumpfen und düſtern Ergebenheit, aus welcher man weder auf ein beiſtimmendes noch abweiſendes Urtheil des eigenen innern Gemüthes zu ſchließen im Stande iſt. Der Prediger, der anfangs gemeinſchaftliche Sache mit mir machte, hat gegenwärtig, nachdem er des ewigen Hin⸗ und Herſtreitens müde geworden, ſich gänzlich von den Unterhandlungen zurückgezogen, und mir bleibt bei der ſo beſtellten Lage der Dinge leider nichts anderes übrig, als meine Reiſe noch bid nach M fortzuſetzen, um einige daſelbſt lebende weit⸗ läuftige und wohlhabende Verwandte unſers ver⸗ ewigten Freundes außzuſuchen, und ihnen den ganzen Betrag der Erbſchaft zur beliebigen Thei⸗ lung und Ausgleichung zu überliefern.“— Wir verließen hierauf das Wirthshaus und begannen, Arm in Arm, vom Schimmer des ei= a. — — heitern Morgens umleuchtet, in der Gegend um⸗ her zu wandern. Kein Plätzchen, deſſen in Fel⸗ ſeck's Briefen Erwähnung geſchieht, blieb unbe⸗ ſucht; lebhaft vergegenwärtigten wir uns alles, was der Vollendete während der hier verlebten drei Monate in Luſt und Leid erfahren; ſein Bild ſtand in ruhiger Klarheit vor unſern Blicken und manche Thräne ward ſeinem Ge⸗ dächtniß gewidmet. Gegen Mittag aber, als ich zur Fortſetzung meiner Wanderung mich an⸗ ſchickte, begleitete Wallner mich bis auf eine benachbarte Anhöhe, über welche mein Weg dahin führte. Bei Erreichung des Gipfels ſtellte das Dorf mit ſeinen Umgebungen noch einmal den zurückſchauenden Augen ſich dar. Links der ver⸗ wilderte Schloßpark, rechts der Gottesacker und in der Nähe deſſelben die Predigerwohnung mit dem daranſtoßenden Garten, in deſſen mittlerem Gange eine weibliche Geſtalt, langſamen Schrit⸗ tes und das Haupt tief zur Bruſt herabgeneigt, einſam auf und ab ſchwankte.„Es iſt Al wine!“ ſagte Wallner,„die willenloſe Sklavin des rauhtrotzigen Bruders, dem man zürnen muß, und doch zugleich ſeine Achtung nicht zu verwei⸗ E — 100— gern vermag.“ Wir betrachteten die Trauernde noch eine Zeitlang mit ſtummer Aufmerkſamkeit, dann öffneten wir die Lippen zum letzten Lebe⸗ wohl, drückten uns die Hand und ſchieden weh⸗ müthig von einander. Der Fibelhahn. We die hochgelahrten Herren Schriftſteller, die in Büchern und Tagblättern das Wort zu führen gewohnt ſind, wohl für Augen machen werden, wenn ſie bemerken, daß ein ſchlichter ehr⸗ ſamer Leinweber ſich unter ſie draͤngt, um mit ihnen auf gleichen Zweck hinzuwirken! Mögen ſie aber immerhin über das beabſichtigte Wagſtück die Naſe rümpfen, ſo viel ſie wollen; ich kehre mich nicht daran, ſondern beginne flink und wohlgemuth den Abriß meiner für mich ſelbſt ſehr merkwürdi⸗ — 102— gen, für die Leſewelt aber vielleicht mn inter⸗ eſſanten Lebensgeſchichte.— Vermuthlich werden die geehrten Leſer noch nicht wiſſen, daß mir die Pocken, die ich im ſie⸗ benten Jahre bekam, ſehr arg mitgeſpielt haben, daß ich während dieſer Periode ein wenig vernach⸗ läſſigt wurde, und dem zufolge ein Krankheitsſtoff in den Gliedern zurückblieb, deſſen völlige Vertil⸗ gung mir und andern ehrlichen Leuten noch lange nachher weidlich zu ſchaffen gemacht hat. Der Kopf war dermaßen geſchwächt und angegriffen, daß ich in der erſten Zeit vor Schwindel und Er⸗ mattung ſogleich in Schlummer verfiel, wenn man mich geiſtig anzuſtrengen und für Kunſt und Wiſ⸗ ſenſchaft zu erwärmen verſuchte. Gleich das Le⸗ ſenlernen wurde mir daher blutſauer, und ich kann, ohne die Beſcheidenheit zu weit zu treiben, wohl verſichern, daß ich es vor dem zwölften Jah⸗ re zu keiner ſonderlichen Geläufigkeit darin ge⸗ bracht habe. Von der Zeit, da meine eignen Schriftzüge leſerlich zu werden anfingen, ſchweige ich ganz, um durch unüberlegtes Geſchwätz nicht etwa in Betreff meines Schriftſtellerberu⸗ fes Zweifel und Verdacht zu erregen. übrigens ——— — 103— habe ich jetzt mein männliches Alter erreicht, bin geſund wie ein Fiſch, und genieße eines Glückes, das nicht erhöht zu werden, ſondern nur fortzu⸗ dauern braucht, um mich in ungetrübtem Frohſinn den Lebenspfad dahin wandeln zu laſſen. Auch haben die Leute mir bei vielfachen Gelegenheiten auf Ehre und Gewiſſen betheuert, daß die Pocken⸗ narben mich durchaus nicht entſtellen, ſondern im Gegentheil dazu dienen, mir, zumal in einiger Entfernung, ein deſto friſcheres Anſehen zu geben; ich halte dies aber für gutmüthige Schmeichelei, und bin überzeugt, daß ich mit glattem rothen Geſichte viel hübſcher ſein würde. Die letzte Seite meiner Leſeſibel enthielt ei⸗ nen rothen Hahn, den ich nie ohne die innigſte Ehrerbietung zu betrachten vermochte, obwohl er, in Betref ſeines künſtleriſchen Werthes, ganz zu den erſten rohen Verſuchen der edlen Holzſchnei⸗ dekunſt zu gehören ſchien. Hatte ich, dem aus der Schule mitgebrachten Zeugniſſe zufolge, daſelbſt den Tag über fein ſtill geſeſſen, ſo konnte ich dar⸗ auf rechnen, am folgenden Morgen eine kleine Geldmünze neben dem Bilde zu finden, von wel⸗ cher die Mutter verſicherte, daß der Hahn ſie mir — 104— beſcheert habe, um meine gute Aufführung zu be⸗ lohnen und mich zur fortgeſetzten Bceharrlichkeit in derſelben zu ermuntern. Ein Erweckungsmittel von ſo freundlicher Art konnte nicht fehlſchlagen; ich nahm mich aus Leibeskräften zuſammen, lei⸗ ſtete, wenn mich die böſen Buben zu locken ver⸗ ſuchten, den hartnäckigſten Widerſtand, buchſtabirte. während der Schulſtunden mit ſo eiſerner Aus⸗ dauer in meiner Fibel umher, daß mir die Adern 3 am Kopfe ſchwollen, und ſetzte mich dadurch im⸗ mer feſter in der Gunſt meines Lehrmeiſters, des p Schulhalters Ezechiel Quarz, Gott hab' ihn ſelig!— Daß einige Neidhämmel und Läſtermãu⸗ ler mir einen Schandflecken anzuhängen vermein⸗ ten, indem ſie mich ſchlechtweg den langen, ſteifen Abe ſchützen nannten, kümmerte mich wenig; hatte ich doch, zur Entſchädigung für Ungebührlichkeiten dieſer Art, mir bei allen Beſſergeſinnten den Ruf. zuwege gebracht, der jſleißigſte und geſittetſte Kna⸗ be des Fleckens zu ſein. Mit dem rühmlich erworbenen Ehrengeſchent rannte ich jedesmal ſchnurſtracks nach dem näch⸗ ſien Bäckerladen, um einen friſchen und oft noch warmen Mohnkuchen dafür einzukaufen, den ich — 105— jedoch nicht allein verſpeiſete, ſondern in gut⸗ müthiger Bereitwilligkeit mit Linchen theilte die daher auch niemals an der Gartenplanke ſich einzufinden vergaß, wenn ſie merkte, daß ich mit meinem Kreuzerſtück nach dem gewohnten Naſch⸗ werk ausgeflogen war. Sie war das einzige Kind unſrer Nachbarin, einer blutarmen Wittwe, die ſich ihr tägliches Brod kümmerlich mit Boten⸗ laufen verdiente, und mithin faſt immer auf flüchti⸗ gen Füßen ſich befand. Linchen aber ſaß, während die Mutter oft Tagelang von Dorf zu Dorf in der Gegend umhertrabte, daheim hinter dem Spinnrocken und ſuchte hier, in Betreff der Aemſigkeit, mit welcher ich meinen ernſtern Schulſtudien oblag, mit mir zu wetteifern. Schon damals war ſie die ſchmucke, freundliche Dirne, die ſie noch jetzt iſt. Alles an ihr mußte gefallen? die ſanften Mienen, die rothen Bäckchen, das Grübchen im Kinn! Auch verbreitete ſich bei meiner jedesmaligen Rückkehr aus dem Bäcker⸗ laden immer ein ſo ſüß einſchmeichelndes Lächeln über ihr ganzes Geſicht, daß ich die Augen zu⸗ weilen mit Gewalt von ihr wegwenden mußte, wenn ich der Verſuchung nicht unterliegen wollte, — — 106— ihr das Backwerk ungetheilt in die Hünde zu liefern.„Gotthelfchen!“ ſagte ſie oft, indem wir friedlich kauend neben einander ſaßen;„wenn wir erſt größer ſind, ſo heirathen wir uns; und dann ſoll es ein Leben werden, wie oben im dritten Himmel! dann eſſen wir nichts, als Sy⸗ rupsfladen und Mohnkuchen!“— Ich ließ das gut ſein, ſuchte mir den Fibelhahn zum Freunde zu erhalten, und dachte in meinem Sinn: kommt Zeit, kommt Rath! So erreichte ich allmählig mein dreizehntes Jahr, ward aus der Schule entlaſſen und kam zu einem Leineweber in die Lehre, der, als Freund und Verwandter unſers Hauſes, mit meiner, da⸗ mals noch immer nicht gehörig befeſtigten Geſund⸗ heit Geduld zu haben, und dieſen Umſtand bei den mir aufzuerlegenden Geſchäften möglichſt zu be⸗ rückſichtigen verſprach. Mein ganzes Sinnen und Trachten war jetzt, da ich mich von dem mütter⸗ lichen Hauſe verabſchieden ſollte, darauf gerich⸗ tet, dem trauten Linchen für die nunmehr zu entbehrenden Mohnkuchen eine genügende Ent⸗ ſchädigung zu verſchaffen; deshalb zeichnete ich den wohlthätigen Hahn, der uns ſo manchen ſüßen — 107— Genuß gewährt hatte, am Fenſter ab, malte die Umriſſe mit rother Farbe aus, und konnte mich, als das Werk zur Vollendung gediehen war, nicht genug über die täuſchende Ihnlichkeit verwundern, die meine gegen das Urbild gehaltene Zeichnung erlangt hatte. Gegen Abend näherte ich mich mit behagli⸗ chem Schmunzeln der Gartenplanke, warf, um Linchen über meine Anweſenheit zu benachrichti⸗ gen, eine Handvoll Sand gegen ihr Stubenfenſter, und weidete ſchon im Voraus mich an der freu⸗ digen ſberraſchung, in welche ich ſie durch das mit eignen Händen verfertigte Bildniß zu verſetzen hoffte. Sie erſchien, guckte mit geſpannter Er⸗ wartung mir nach den Händen, indem ich ver⸗ meldete, daß ich ihr zum Abſchied ein Geſchenk von nicht ganz unbedeutendem Werth überbringe, und nahm den Papierbogen, in welchem das Er⸗ zeugniß meines Kunſifleißes ſauber eingeſchlagen lag, haſtig in Empfang. Leider ſah' ich mich in meiner ſtolzen Erwartung auf das grauſamſie ge⸗ täuſcht! Statt des jauchzenden Beifalls, den ich einzuärndten geglaubt, und auf deſſen Erwiederung ich mich bereits vorbereitet hatte, erfolgte ein faſt — 108— verächtliches, von ſchnippiſchem Geberdenſpiel be⸗ gleitetes Kopfſchütteln; mit gerümpftem Stumpf⸗ näschen wickelte ſie das Papier, nachdem ſie den Inhalt deſſelben kaum eines flüchtigen Blickes ge⸗ würdigt hatte, kaltblütig wieder zuſammen, und mit abſchreckender Deutlichkeit ſtand in ihren Mie⸗ nen zu leſen, daß ein einziger genießbarer Mohn⸗ kuchen ihr lieber ſei, als alle gemalten Hähne in der Welt. Das verdroß mich! Ein ſill er⸗ bitterter unmuth über die Geringſchätzung meiner Talente begann ſich mir im Innern zu regen; mit zornfunkelnden Blicken maß ich die Undankbare vom Kopf bis zu den Füßen, und augenblicklich war mein Entſchluß gefaßt. Nichts wollte ich mehr von ihr wiſſen, mich auf immer von ihr los⸗ reißen, niemals wieder mit ihr etwas zu ſchaffen haben.„Ganz gehorſamer Diener!“ rief ich kurz und trotzig, ſchwenkte links um, und ſtiefelte, ohne mich an ihr Winken und Rufen zu kehren, behen⸗ den Schrittes meiner Behauſung zu. Die Wohnung des PVetters, deſſen Handge⸗ werbe ich zunftmäßig zu erlernen beſtimmt war, vefand ſich zwar ganz am andern Ende des Flek⸗ kens; dieſer Umſtand hätte mich iedoch am fortge⸗ — 109— ſetzten Verkehr und Umgange mit Linchen kei⸗ nesweges verhindert, wenn ich nicht aus eignem Antriebe entſchloſſen geweſen wäre, jede fernere Gemeinſchaft mit dem ſinnlichen Geſchöpf, das, unempfänglich für edlere Genüſſe, lieber den Gaum als die Augen ergötzte, abzubrechen und aufzuhe⸗ ben. Wohl merkte ich, wenn ich an Sonn⸗ und Feſttagen als willkommner Gaſt bei der Mutter ſaß und Kaffe trank, daß ſie mir draußen auflau⸗ erte und durch mancherlei kleine Künſte meiner habhaft zu werden verſuchte; ich kehrte mich aber nicht daran, ſondern verharrte mit ſteifer Hart⸗ näckigkeit auf dem unverſöhnlichen Sinn, den ſie durch die froſtigſchnöde Aufnahme der überreich⸗ ten Handzeichnung in mir erweckt hatte. Höch⸗ ſtens trat ich von Zeit zu Zeit an das Fenſter, nahm, während ihr die blanken Stahlknöpfe an meinem Sonntagsrock in die Angen blitzten, eine vornehme Miene an, und that, als ob ich ſie gar nicht bemerkte. So geſchah es denn, daß ſie nach allmählig erlangter Gewißheit, leeres Stroh zu dreſchen, ſich immer ſeltner auf ihrem Beob⸗ achtungspoſten einfand, und die Bemühungen, mit welchen ſie meiner Perſon nachſtellte, endlich ganz — 10— unterließ. Warte nur! dachte ich; es iſt noch nicht aller Tage Abend! Du ſollſt die verächtli⸗ che Begegnung, die Du mir und meinem Bilde widerfahren laſſen, wohl noch zu Deinem Schaden empfinden. Laß mich nur erſt Leinwebergeſelle ſein Die Lehrjahre verſtrichen und mit dem ſtill⸗ erſehnten Ablauf derſelben erſchie endlich der Tag, an welchem ich feierlich losgeſprochen, in die Geſellenzunft aufgenommen werden und die Befugniß erhalten ſollte, nach Luſt und Beliecben mit dem ſpaniſchen Rohr in der Hand einherzu⸗ ſchreiten und vor aller Welt Tabak zu rauchen. Schon am frühen Morgen, als ich eben in der Luſt meines Herzens mit der Mutter bei'm Früh⸗ ſtück ſaß, ſtellte, um wegen der bevorſtehenden Feierlichkeiten die nöthigen Verabredungen zu treffen, der Altgeſelle ſich ein, nahm traulich an meiner Seite Platz und half uns Kaffe trinken. Er, der mich früherhin kaum über die Achſeln an⸗ zuſehen gewürdigt, fing jetzt auf das herablaſſendſte und leutſeligſte ſich mit mir zu beſprechen an;— der geneigte Leſer mag ſich ſelbſt vorſtellen, wie das kitzelte! Er trieb es aber noch weiter; denn —— als die Mutter nach Verlauf einiger Minuten das Eckſchränkchen aufſchloß und eine Flaſche Halbauiſches Götterwaſſer zum Vorſchein brachte, klopfte er mir auf die Schultern und ſagte mit tiefer Baßſtimme:„Wie wärs, Freund Gott⸗ helf! Wir ſitzen hier ſo fröhlich beiſammen; wie wär's, wenn wir gleich vorläufig Brüderſchaft tränken?“ Die Worte durchzuckten mich wie elektriſche Funken; die Mutter aber ſtand und faltete andächtig die Hände, indem wir uns von unſerm Sitz erhoben und zur Beſtätigung des Bruderbundes, mit krummgebogenen Leibern und engverſchränkten Armen die Gläſer leerten. Nunmehr war ich der Mann, der der ganzen Welt ein Schnippchen ſchlug und alle ſeine Faſ⸗ ſung und Beſonnenheit aufbieten mußte, um das behagliche Gefühl anerkannten Werthes nicht in thörigte Aufgeblaſenheit übergehen zu laſſen. Der geehrte Leſer wird aber vermuthlich gern wiſſen wollen, wie ich an dieſem, für mich ſo wichtigen Tage gekleidet war. Ich trug einen, bis zu den Knöcheln hinabreichenden, dunkelblauen überrock mit hochrothem Unterfutter, ein Paar waſſerdichte rindslederne Stiefeln mit gelben Stülpen und — 12— eine Felbelweſie, auf welcher die ganz nach der Natur gezeichneten ſieben Hauptplaneten, nebſt mehreren andern himmliſchen Geſtirnen, abgebil⸗ det zu ſchauen waren. Um den Hals hatte mir die Mutter, auf mein ausdrückliches Verlangen, drei Tücher über einander gebunden, von denen das jußerſte mir faſt bis an die Unterlippe hin⸗ aufreichte. Der lange Zopf war mit einem na⸗ gelneuen, hellgleißenden Glaſurbande umwundenz den Vorderkopf hatte ich ſchon acht Tage zuvor mit unzählichen Haarwickeln beſpicken laſſen, die bis zur entſcheidenden Minute völlig unberührt plieben; man kann daher leicht denken, daß es⸗ als endlich zum Auskömmen und Anordnen ge⸗ ſchritten ward, unverwüſtliche Locken gab, welche ſich ſtets, wie vft ſie auch von den breiten Hut⸗ zrempen niedergedrückt wurden, von ſelbſt wieder aufrichteten. In der linken Hand hielt ich einen mächtigen Blumenſtrauß, in der rechten einen, vom ſeligen Großvater ererbten, ſtark mit Silber beſchlagenen Rohrſtock, und aus jeder der beiden Rocktaſchen hin mir zur Zierrath der Zipfel eines fein geblümten Schnupftuches heraus. In dieſem ſtattlichen Aufzuge fing ich, der Gewohn⸗ — 113— Gewohnheit gemäß, gegen Mittag in dem Städt⸗ chen umherzuſtolziren an, um die jungen Mädchen nochmals in eigner Perſon zur Tanzbeluſtigung einzuladen, die ich des Abends im Gaſthofe zum Wachtelkönig auf meine Koſten zu veranſtalten hatte. Nur an Linchen's Thür ging ich vorüber, ging, ohne mich in meinem Vorſatze irre machen zu laſſen, zu wiederholten Malen an ihr vorüber; und wenn die Verächterin meines Kunſifleißes nicht ganz mit Blindheit geſchlagen war, ſo mußte ſie aus allen Zeichen und Andentungen erkennen, daß ich mit dem Altgeſellen bereits Brüderſchaft getrunken und zugleich unwiderruflich beſchloſſen hatte, die Erinnerung an die Mohn⸗ kuchenjahre ganz aus meinem Herzen zu verbannen. Seltſam genug mußte ſich's jedoch fügen, daß es mir, indem ich Abends die Schönen des Ortes im Tanze daher ſchweben ſah, beſtändig vorkam, als fehle die wahre Krone darunter, als ſei gerade Linchen, das verſchmähte und zurückge⸗ ſetzte Linchen, diejenige, die mir, als dem König des Feſtes, würdig zur Seite geſtanden hätte! Vergebens ergriff ich in der unwirſchen Stim⸗ mung, die mehr und mehr in meinem Gemüth [8] — 114— überhand nahm, die feiſte Stellmacherstochter, um mir die Grillen aus dem Kopfe zu ländern; fortwährend ſchien Linchens Bild ſich mit Ge⸗ walt mir vor die Seele drängen und alle ander⸗ weitige Herrlichkeit verdunkeln zu wollen. Ströme von Schweiß und flüſſig gewordenem Puder ſtürz⸗ ten mir über die Backen und durchnäßten die dicken Halstücher, die dadurch ihr ganzes Geſchick verloren. chzend und keuchend ſank meine Tän⸗ zerin auf die nächſte Bank und ſchnappte nach Luft; auch ich ſelbſt vermochte in dem Qnalm und Dampf nicht länger auszudauern, ſondern drängte den Schenkwirth, der mir mit einem Kruge Doppelbier treuherzig entgegen trat, barſch an die Seite, ſtopfte mir den Meerſchaumkopf, und flüchtete vor die Thür hinaus, um mich ab⸗ zukühlen. Ein geheimer Zug, den ich mir ſelbſi nicht zu erklären vermochte, führte mich weiter und weiter. Die Rauchwolken in die dunkle Luft hinwegblaſend, ſchlenderte ich die Straße binab und eh' ich es mir verſab, befand ich mich unter Linchens Fenſiern. Einſam und ſtill in ſich ſelbſt gekehrt, ſaß ſie, während aus der Ferne die muntre Feſtmuſik, —— untermiſcht mit dem fröhlichen Jauchzen der Tän⸗ zer, deutlich zu vernehmen war, hier in dem klei⸗ nen, vom Schimmer der Ohllampe matt erleuch⸗ teten Stübchen hinter dem Spinnrocken, und zog und drehte gedankenvoll mit der niedlichen Hand die Fädchen, in deren Feinheit und Feſtigkeit es ihr Niemand in der Gegend gleichzuthun vermoch⸗ te. Eine trübe, ſchwermüthige Empfindung ſchien in ihren Mienen ſich auszudrücken; doch war ihr nicht eben anzumerken, daß ſie den aus dem Wach⸗ telkönig daherſchallenden Jubel- und Freudenklän⸗ gen ſonderliches Gehör geſchenkt, und ihren Ver⸗ druß und Unmuth, von dem Feſte ausgeſchloſſen zu ſein, auf irgend eine Weiſe an den Tag gelegt hätte. Sie hatte bereits ihr Schlafhäubchen auf⸗ geſetzt, und ich mußte, während ich in ſtiller Be⸗ obachtung draußen vor dem Fenſter verweilte, mir wider Willen geſtehen, daß keine der geputzten Blumen im Gaſthofe den Vergleich mit ihr aus⸗ hielt, daß ſie hübſch war, ganz verzweifelt hübſch! Zwar beſaß ich Charakterfeſtigkeit genug, um we⸗ der meine Anweſenheit ihr kund zu geben, noch die in mir aufſteigenden Empfindungen zu verlautba⸗ ren; doch kann ich wohl ſagen, daß mir bei ih⸗ 8*1 — 116— rem Anblick recht wunderlich zu Muthe geworden war, und daß der Gedanke, ſie wieder zu Gnaden aufzunehmen, mich zur Tanzgeſellſchaft zurückbe⸗ gleitete. Auch war, wie ſehr man auch mein tief⸗ ſinniges Dahinſtarren und Nachgrübeln fortwäh⸗ rend beſpöttelte, dieſer Vorſatz noch keinesweges verftogen, als ich endlich bei Tagesanbruch mit ſchwankenden Schritten und ſchwer benebeltem Haupt mich nach Hauſe verfügte, um nach ſo viel⸗ fältigen Anſtrengungen des Leibes und der Seele mich der ſanften Herrſchaft des Schlummers zu überliefern. Erſt gegen Mittag, als man in der angrän⸗ zenden Stube den Tiſch zu decken anfing, kehrte ich aus meiner Bewußtloſigkeit in's Leben zurück, freute mich, daß die Lobſprüche und Ehrenbezeu⸗ gungen, die ich im Laufe des letztverwichenen Ta⸗ ges eingeſrntet, kein bloßer Traum geweſen waren und erhob mich von meinem Lager. Die Mutter hatte nicht verſäumt, mir eines meiner Leibgerichte zu bereiten, und die dampfende Schüſſel ſtand be⸗ reits aufgetragen und begrüßte mich mit ihrem lockenden Duft, als ich erſchien. Nach eingenom⸗ mener Mahlzeit aber unterließ ich nicht, die Be⸗ — 117— treibung des geſtern gefaßten Planes zu meinem erſten und angelegentlichſten Geſchäft zu machen. Ich brachte den geſtopften Meerſchaumkopf in ge⸗ hörigen Brand, und begab mich in der Hoffnung⸗ daß Linchen, von meiner Anweſenheit unterrich⸗ tet, ſich zeitig genug in meiner Nähe etwas zu ſchaffen machen und mir zur Anknüpfung eines vermittelnden Geſprächs die Gelegenheit darbieten werde, hinaus in den Garten. Wer ſich in ſei⸗ ner Muthmaßung nicht getäuſcht zu haben ſchien, war meiner Mutter einziger Sohn! Linchen befand ſich bereits draußen auf ihrer Garn⸗ bleiche; ich hatte mithin weiter nichts zu thun, als ihr zur Einleitung meinen Gruß hinüber zu bieten, welchen ſie auch ſogleich, und zwar mit einer ſo unbefangenen Freundlichkeit erwiederte, als ob ſie ſich durch die erlittene Zurückſetzung nicht im Entfernteſten habe anfechten laſſen. Das bätte mich faſt verdroſſen; ich ſuchte jedoch die aufgeregte Empfindlichkeit männlich zu bekämpfen, trat dicht an die grüne, zur Scheidewand dienende Gartenhecke, und ſagte mit möglichſt gemäßig⸗ tem, zutraulichem Ton:„Ich wollte denn doch, liebes Linchen, daß Du geſiern mit dabei gewe⸗ — 118— ſen wäreſt! Wir haben geiauchzt und gejubelt, wie die Siegeshelden, und getanzt und geſprun⸗ gen, wie die jungen Rehkälber; es ging überhaupt“ recht munter und luſtig her, droben im Wachtel⸗ könig!“ 3 „Ich wüßte nicht, was ich gerade damit zu ſchaffen hätte!“ verſetzte ſie mit einem Geberden⸗ ſpiel, das mir, dem damit verbundenen Lächeln zum Trotz, ein wenig ſchnippiſch und kurzgebun⸗ den vorkam.„Ich frage heut' eben ſo wenig darnach, als ich es geſtern gethan habe!“ „Verſtelle Dich, wie Du willſt!“ rief ich ihr zu,„Du kannſt es doch nicht abläugnen, daß Dir meine bisherige Gleichgültigkeit gegen Dich keinesweges ſo ganz gleichgültig geweſen iſt! Du wärſt gern mit von der Partie geweſen! Run, es mag jetzt alles vergeben und vergeſſen ſein! Hier iſt meine Hand; wir wollen wieder gute Freunde werden!“ „Ei, das verlohnte ſich auch der Mühe!“ war ihre, mit hellem, gellendem Gelächter aus⸗ geſprochene Antwort.„Nein, mein Beſter! bei der Wahl ſeiner Freunde geht man nicht ſo raſch und leichtfertig zu Werke; das muß mit großer Vorſicht und Behutſamkeit geſchehen! Uum die aufgeblaſenen Narren aber bekümmert man ſich ganz und gar nicht; die läßt man in ihrem Dün⸗ kel laufen, ſo weit ſie wollen!“— Bei dieſen Worten ergriff ſie ihre Gießkanne, und bevor ich mich noch von meinem gerechten Erſtaunen über eine ſo unerhörte Dreiſtigkeit zu erholen vermochte, war ſie aus meinen Blicken verſchwunden. „Krautelement!“ rief ich ihr nach;„das war deutlich, ſehr deutlich gegeben!“ Ich ſtand wohl eine Viertelſtunde lang, wie vor den Kopf geſchlagen, knirſchte mit den Zähnen, ſtemmte die geballte Fauſt gegen die Seite, und überlegte hin und her, was zur Rettung meiner Ehre zu thun ſei. Einen Narren hatte ſie mich genannt; zwar nicht ganz beſtimmt und ausdrücklich, aber doch mit ſo ſpitzſindiger Anzüglichkeit, daß ſie damit ſchlechterdings keinen andern gemeint haben konnte, als eben mich. Ich muß bekennen, daß ich in immer tiefere Zweifel und Bedenklichkeiten gerieth, je ernſtlicher ich über die Sache nachzu⸗ grübeln anfing. Sollte ich auf der Stelle ein Werk der Rache an der ſchnöden Verläumderin ausüben, um dadurch den Läſterzungen des Städt⸗ — 120— chens Waſſer auf die Mühle zu ſchütten? oder ſollte ich in feiger Selbſterniedrigung einen Schimpf auf mir ſitzen laſſen, der mir ſelbſt von unſerm Bürgermeiſter nicht ungerügt wäre geboten wor⸗ den? Der Altgeſell ſiel mir ein. Er kann dir, ſprach ich zu mir ſelbſt, über die hierbei zu ergrei⸗ fenden Maßregeln am beſten Auskunft geben, da er Kraft ſeines Amtes, ſchon vielfältige Angelegen⸗ heiten dieſer Art zu ſchlichten und zu entſcheiden gehabt hat; ihn willſt du, nach vertraulicher Er⸗ öffnung des ganzen verdrießlichen Vorfalles, um ſeine unmaßgebliche Meinung befragen. Es war Sonnabend; unſte ganze Innung aber hatte, der geſtrigen Feierlichkeiten wegen, heut' eine Art von blauem Montag; ich wußte mithin, daß ich durchaus nicht fehlging, wenn ich meinen Rathgeber droben im Wachtelkönig aufſuchte, allwo er zu allen Stunden des Tages, die er nicht hinter dem Webeſtuhl zubrachte, zu verkehren und Spaß zu treiben gewohnt war. Heut' ſchien jedoch alle gute Laune von ihm ge⸗ wichen zu ſein; denn er ſaß ſtill und mürriſch in einer dunkeln Ecke der Schenkſtube; und erſt, als er mich gebieteriſche Winke zur Herbeiſchaffung — 121— einer Flaſche von dem Bewußten hatte ertheilen ſehen, begannen ſeine dicht zuſammengezogenen, buſchichten Augenbraunen ſich aufzuheitern. Ich bat um Vergunſt, neben ihm Platz nehmen zu dürfen, ſchenkte die Gläſer voll, und theilte ihm umſtändlich und unverholen mit, was mir ſo eben begegnet war. „Bruderherz!“ hob er endlich, nachdem er mich ruhig hatte ausreden laſſen, mit gedämpfter Stimme und viel gewichtigem Kopfnicken zu ſpre⸗ chen an;„aus der Geſchichte, die Du mir da vorträgſt, ergiebt ſich klar und deutlich, daß die Dirne, aller Deiner zeitherigen kalten Aufführung zum Trotz, noch immer ganz unmenſchlich in Dich verliebt und ſo zu ſagen verſchoſſen iſt!“ Ich bemerkte, daß er, während Ertheilung dieſes Troſtſpruches, ſeinen Blick unverwandt auf die Flaſche heftete, die bereits bis auf den Grund geleert war. Ein neuer, nach dem Schenktiſch gerichteter Wink erfolgte, und dem Mangel ward ſogleich abgeholfen. „Herzensbrüderchen, wie ich Dir ſage!“ fuhr er fort.„Die Dirne fühlt ſich, und zwar auf das empfindlichſte, gekränkt, daß Du bei der — 122— ginladung zum Tanze ſie übergangen haſt und es hieß auch in der That den Spaß ein wenig zu weit getrieben! Gekränkt aber kann man ſich nur dann fühlen, wenn man auf den Beleidiger Sberhaupt noch etwas hält. Was folgt hieraus? Antwort: daß ſie Dich ungern aufgiebt, daß Du ihr immer noch an's Herz gebacken biſt! Es iſt daher meine wohlweisliche Meinung dieſe: Du erträgſt, ſiatt zber die vermeintliche Beſchimpfung ein nutzloſes Zetergeſchrei zu erheben, einſtweilen mit Gelaſſenheit und Geduld, was nicht mehr zu ändern iſt, nimmſt den Dir angehängten Titel für einen vorwitzigen Mädchenſcherz, wie man ihn alle Tage hören und haben kann, drückſt dem loſen Schätzchen bei vor⸗ ſommender Gelegenheit zur Strafe ein Paar Duz⸗ zend Küſſe recht aus dem Salz auf das niedliche Lſermaul, und thuſt für die Folge, was⸗ nach eige⸗ nem Gutdünken, Deinem Verſtande zuſagt und Deinem Herzen gelüſtet. Der Narr aber, darüber gebe ich Dir Brief und Siegel, der Narr bleibt unter uns beiden, den behalten wir bei uns und nehmen ihn mit ins ſtumme Grab.“ Der Rath ſchien mir, nach reiflicherm Nach⸗ denken, nicht ſo ſchlecht und verwerflich, als er ——— — ——————————— — 123— mir im erſten Augenblicke vorgekommen war; ich drückte und ſchüttelte dem treuen, theilnehmenden Freunde die brüderliche Rechte, ließ mir noch⸗ mals Vedſchwiegenheit angeloben und verſprach ihm, mein zukünftiges Verhalten gegen Linchen ganz dem ertheilten Winke gemäß, einzurichten. Leider aber war dieſe Zuſage ſchneller gegeben als in Erfüllung gebracht; denn die vier Wochen, die ich bis zum Antritt meiner Wanderſchaft jetzt noch bei der Mutter zu verleben hatte, verſtrichen allmählig, ohne daß ich über mein nunmehriges häkliches Verhältniß zu Linchen recht eigentlich in's Klare zu gelangen vermochte. Bekam ſie mich vor der Hausthür oder im Garten dann und wann zu Geſicht, ſo betrug ſie ſich freilich ganz höflich und artig; von der unmenſchlichen Liebe aber, mit welcher ſie mir, nach dem Aus⸗ ſpruche des Altgeſellen, zugethan ſein ſollte, war nichts an ihr zu verſpüren; und ich hatte denn doch ein Paar recht geſunde Augen im Kopfe. Das machte mich äußerſt mißmuthig und tiefſin⸗ nig; zumal, da ich merkte, daß ich, unfähig, der lockenden Verſuchung Widerſtand leiſten zu kön⸗ nen, mit jedem Tage mich ſtärker in das Mäd⸗ chen zu verlieben und immer tefer in die Schlin⸗ gen ſo allgewaltig einnehmenden Liebreizes zu verſtricken, anfing. Da war guter Rath theuer und alle Weisheit des Altgeſellen keine taube Nuß werth! Das übel ward mittlerweile immer ärger; es ſchmeckte mir weder Eſſen noch Trinken, der Meerſchaumkopf blieb zu ganzen Tagen unberührt an der Wand hängen, und die Mutter, die in meinem ſtillen, trübſinnigen Umherſchleichen die Bekümmerniß über den bevorſtehenden Abſchied zu erkennen geneigt ſchien, ſchüttelte wehmüthig den Kopf, ſo oft ſie mich anſah. Linchen war die nächſte Nachbarin unſers Hauſes; mein Vorhaben, die weite Welt zu durchwandern, konnte ihr mit⸗ hin keinesweges unbekannt ſein; dennoch ließ, ob auch dieſer Zeitpunkt näher und näher heranrückte, an ihrer gewohnten harmloſen Heiterkeit nicht die mindeſte Abnahme ſich bemerken, vielmehr hörte ich ſie, wenn ſie draußen auf der Gartenbleiche zu ſchaffen hatte, fortwährend ſo luſtige Melodien trillern und dudeln, daß mir jeder Ton, wie ein zweiſchneidiger Dolch durchs Herz ging. Ihr munteres Weſen machte mich ſcheu und ſchüch⸗ — 125— . tern, jeder auch noch ſo herzhafte Entſchluß, mich ihr zu nähern, und ein vielleicht zur völligen Aus⸗ ſöhnung führendes Geſpräch mit ihr anzuknüpfen, ſcheiterte an dem fröhlichen Sinn, den ich fort und fort an ihr wahrnahm; ich verwünſchte das unkluge Benehmen, deſſen ich mich zu meinem eignen Nachtheil früherhin gegen ſie ſchuldig ge⸗ macht hatte, gerieth, ſo vft ich ſie von weitem er⸗ blickte, in ein fieherhaftes, peinliches Zittern, und hatte den Muth nicht, ihr zur Vorbringung mei⸗ nes geheimen Anliegens näher unter die Augen zu treten. Mit dem feſten Vorſatz, mir über ihre Ge⸗ ſinnungen endlich genügende Auskunft und Ge⸗ wißheit zu verſchaffen, verließ ich am Abend vor meiner Abreiſe den Zirkel der Freunde und Ver⸗ wandten, welche die Mutter zur Feier des Ab⸗ ſchiedfeſtes zuſammen gebeten hatte, verfügte mich an die benachbarte Hausthür, und fing entſchloſ⸗ ſenen Muthes zu klinken und zu pochen an. Ver⸗ gebliche Bemühung! Dumpf und hohl, wie aus einem Gruftgewölbe, hallte mein Klopfen aus dem Innern der Wohnung zurück; kein lebendiges We⸗ ſen ließ ſich vernehmen, und ausgeſtorben ſchien — 126— der Raum, in welchem ich Troſt und Frieden ſuchte. Peinlich beklommen heftete ſich mein Blick auf die Fenſter der Wohnſtube; kein Lampenſchim⸗ mer erleuchtete ſie, alles war in lautloſes Dunkel gehült und die Thür blieb verſchloſſen. Erſt ſpä⸗ terhin brachte ich in Erfahrung, daß Linchen, zu ihrer plötzlich erkrankten Mutter berufen, ſchon gegen Mittag über Land gegangen ſei, und viel⸗ leicht erſt in einigen Tagen nach Hauſe zurück⸗ xehren werde. Jetzt erloſch das letzte Hoffnungs⸗ fünkchen, daß ich hisher noch immer in meiner Seele genährt und unterhalten hatte; jetzt ſchien es mir entſchieden, daß ich ihr völlig gleichgültig geworden, und auf Wiedergewinnung ihrer muth⸗ willig verſcherzten Gunſt und Gewogenheit nicht mehr zu rechnen ſei. Hätte ich den Altgeſellen um ſein abermaliges Gutachten befragt; er würde mir gerathen haben, mich in mein Schickſal zu fügen, mir das Mädchen einſtweilen aus dem Sin⸗ ne zu ſchlagen, und bei der erſten günſtigen Ge⸗ legenheit die Angel nach einem neuen Schätzchen auszuwerfen. Er urtheilte aber immer nur nach ſich ſelbſt, vhne zu erwägen, daß er den Frühling vereits funfzigmal blühen geſehen, ich hingegen ſo „ —— eben mein achtzehntes Jahr zurückgelegt hatte. Was ließ ſich dabei thun? Die Abreiſe noch um einige Tage zu verſchieben, und auf ungewiſſes Glück Linchens Heimkehr abzuwarten, war durchaus nicht gerathen, wenn ich nicht als ein verhätſcheltes Mutterſöhnchen erſcheinen und mich böſem Hohn und Geſpött ausſetzen wollte, da ich bereits von aller Welt den feierlichſten Abſchied genommen hatte. Traurig und niedergeſchlagen vackte ich daher mein Felleiſen zuſammen, ſickelte die theils erſparten, theils neugeſpendeten Mutter⸗ pfennige in die Taſche, wälzte mich, als ein Gril⸗ lenfänger von der erſten Klaſſe, die Nacht hin⸗ durch ſchlaflos auf meinem Lager umher, und wanderte mit Anbruch des Morgens in der Mitte einiger Zunftgenoſſen, die mir bis zum nüchſten Dorf das Geleit zu geben verſprochen, mit wan⸗ kenden Schritten und in ſehr melancholiſcher Stim⸗ mung zum Städtchen hinaus.— Faſt ein halbes Jahr lang durchzog ich das heilige römiſche Reich in die Läng' und Quere, ohne daß ich nöthig gehabt hätte, zur Betreibung des erlernten Handgewerbes meine Zuflucht zu nehmen. Die mitgenommene Baarſchaft reichte hin, mir — 128— in chen dem Maße Koſt und unterhalt zu gewäh⸗ ren, wie ich durch den Gedanken an Linchen, der mich fortwährend begleitete, mich gegen alle Anfechtungen der Langenweile geſchützt ſah. Gern erwählte ich mir daher, beſonders um die Mit⸗ tagszeit, wenn die brennende Sonnenhitze mich zu raſten zwang, mein einſames Ruheplätzchen am nfer eines kühlen Baches oder unter ſchattigem Gebüſch, um ungeſtört mit den Erinnerungsbil⸗ dern aus früherer Zeit mich zu beſchäftigen. Zu ganzen Stunden waren dann in wehmüthig ernſter Betrachtung meine Blicke auf den Hahn geheftet, den ich noch nach Verlauf der Schul⸗ jahre immer wie ein Heiligthum aufbewahrt, vor der zerſtörenden Gewalt der Zeit zu hüten geſucht und beim Abſchied von der Heimath mit ſorgſa⸗ mer Hand in die mitzunehmende Brieftaſche ein⸗ geklebt hatte. Der Anblick des Mohnkuchenſpen⸗ ders vergegenwärtigte mir alle die Vergnügungen, vie ich ihm ſelbſt einſt zu verdanken gehabt, ſo wie alle dic Leiden und Bekümmerniſſe, welche ſein von mir verfertigtes Abbild mir zuwege ge⸗ bracht hatte. In lebendiger Klarheit begannen die Zeiten mir vor der Seele zu ſchweben, da Linchen — 129— Linchen ſchmauſend an meiner Seite ſaß, mich ihr Gotthelfchen nannte und mir Heiraths⸗ anträge that; ich verwünſchte den leidenſchaftlichen Eifer, mit welchem ich mich an jenem unſeligen Abend zuerſi von ihr losgeriſſen, den übermüthi⸗ gen Dünkel, wodurch ich ihr mehrere Jahre lang meine Verachtung zu erkennen zu geben geſucht, und die grobe Vernachläſſigung, mit welcher ich meinem zweckwidrigen Benehmen gegen das holde Geſchöpf endlich die Krone aufgeſetzt hatte. Von Scham und Reue ward, indem ich dies alles mir in das Gedächtniß zurückrief, mein Innerſtes durchdrungen, und nicht ſelten geſchah es, daß ich noch obendrein auch äußerlich mich mit eigenhän⸗ dig ertheilten Naſenſtübern abzuſtrafen anſing, wenn bei dem Gedanken, daß ich lediglich aus eigner Schuld mich um die Gunſt des Mädchens gebracht habe, mir das empörte Geblüt zu Kopf ſtieg; denn ein ſehr deſperater Menſch bin ich im⸗ mer geweſen! Dieſer ungebundene, geſchäftsloſe Lebenswan⸗ del mußte jedoch, indem der Herbſt heran nahete und mein Geldvorrath mehr und mehr dahin zu ſchmelzen anfing, nothwendiger Weiſe ein Ende L91 — 130— nehmen. Geſchreckt und geſpornt durch die Vor⸗ ſtellung, mich für den bevorſtehenden Winter ohne Schutz und Obdach zu ſehen, unſtät und flüchtig auf den Landſtraßen umher irren und mir mein tägliches Brod vor den Thüren erfechten zu müſ⸗ ſen, faßte ich den Entſchluß, die nach Freiheit ſtrebenden Begierden zu unterdrücken, und mich wieder zu einer ernſtlichern Beſchäftigung zu be⸗ quemen, um vermittelſt derſelben gegen die unbe⸗ haglichen Anfälle der Noth und des Mangels ge⸗ ſichert zu ſein. In dieſer Abſicht wanderte ich eines Nachmittags flink und wohlgemuth auf eine anſehnliche Stadt los, in welcher ich Arbeit und unterkommen zu ſuchen beſchloſſen hatte. Schon ließen die majeſtätiſchen Thürme derſelben von der Anhöhe, über welche der Weg führte, ſich klar und deutlich unterſcheiden, als ich zufällig einen Griff in den Rock that, und zu meinem großen Ent⸗ ſetzen die Brieftaſche vermißte, welche, wie es bei näherer Unterſuchung ſich ſogleich zeigte, durch ei⸗ nen in der Naht entſtandenen Riß allmählig hin⸗ durch gerutſcht und von dannen geglitten war. So gern ich auf den Beſitz der darin befindlichen Papiere für immer Verzicht geleiſtet hätte, ſo we⸗ — nig konnte ich mich entſchließen, auch den Hahn, durch deſſen wohlwollende Güte mir früherhin ſo mancher erfreuliche Genuß zu Theil geworden war, jetzt ohne Weiteres treulos im Stiche zu laſſen. unverzüglich begann ich daher den bereits durch⸗ laufenen Weg wieder zurückzuwandern, indem ich mit begierig forſchenden Augen nach allen Seiten umherſpähte, und jeden Augenblick des verlornen Schatzes wieder anſichtig zu werden hofte. Ver⸗ gebliche Bemühung! Eine Strecke Weges von mehr als zwei Meilen hatte ich ſchnaubend und keuchend zurückgelegt, ohne mich für dieſe Anſtren⸗ gung durch den gewünſchten glücklichen Erfolg belohnt zu ſehen: jetzt neigte ſich der Tag, meine Kräfte waren erſchöpft, und ich fand mich genö⸗ thigt, zur Aufſuchung der Nachtherberge Anſtalt zu treffen. Bald darauf gelangte ich zu einer einſam gelegenen Waſſermühle, vor welcher ich einige aus⸗ geſpannte Frachtwagen erblickte, die ſogleich die nicht ungegründete Vermuthung in mir erweckten, daß hier wohl auch für mich ein ſchirmendes Ob⸗ dach und bequemes Ruheplätzchen um Geld und gute Worte vorhanden ſein werde. Die Stube war mit Fuhrleuten angefüll, [9*1 — 132— die, von dicken Rauchwolken umgeben, den Tiſch beſetzt hielten, und durch allerlei Mord⸗ und Ge⸗ ſpenſtergeſchichten ſich gegenſeitig ins Bockshorn zu jagen bemüht waren. Ich nahm, nachdem mir das erbetene Nachtlager bewilligt worden war, in einer entfernten Ecke Platz, entledigte mich meines Felleiſens, ließ mir Zehrung reichen, und konnte nicht umhin, meine Verwunderung über die Leicht⸗ gläubigkeit des rohen, ungebildeten Haufens fort und fort durch ein mitleidiges Lächeln auszu⸗ drücken. Nach Verlauf einer halben Stunde öffnete ſich die Thür, und es trat ein langer, hagerer Mann von ältlichem Anſehen und ſchmutzig gel⸗ ber Geſichtsfarbe herein, den ich, in Folge meiner Menſchenkunde, ſogleich für einen reichen Vieh⸗ händler zu halten geneigt war, als er den brau⸗ nen Mantel zurückſchlug und mir die ihm zum Gurt dienende, dicke Geldkatze in die Augen fiel. „Raſch, etwas zu eſſen her; ich muß bald wieder aufbrechen!“ rief er in gebieteriſchem Tone dem Wirth entgegen; und kaum war der Befehl ergangen, als auch der Tiſch ſchon für ihn gedeckt ſtand, während zugleich ein aus der benachbarten Kam⸗ — 133— wer herbeigetragener, gepolſterter Lehnſiuhl auf die Auszeichnung hindentete, die man dieſem Ga⸗ ſte hier zu erweiſen gewohnt ſchien.„Ich habe da,“ fuhr er fort, indem er es ſich auf dem Pol⸗ ſterſitze bequem zu machen und die mir abhanden gekommene Brieftaſche hervorzuziehen anfing,„drau⸗ ßen auf der Landſtraße einen Fund gethan; ich muß doch einmal zuſchen, was de Bettel ent⸗ hält.“ „Liebſter Herr!“ rief ich aus, indem ich auf⸗ ſprang und mit flehenden Geberden mich ihm nä⸗ herte.„Die Brieftaſche, die Sie da in der Hand halten, gehört keinem Andern, als mir; ich habe ſie verloren, und will mich ſogleich durch nähere Bezeichnung ihres Inhalts als rechtmäßigen Ei⸗ genthümer derſelben kund geben. Ungefähr in der Mitte befindet ſich ein mit Buchbinderkleiſter ein⸗ geklebter rother Hahn; auf allen übrigen Blät⸗ tern iſt in verſchiedenartigen Schriftzügen der Ra⸗ me Linchen zu leſen; außerdem liegen noch ver⸗ ſchiedene Papiere von nicht ſo Wich⸗ tigkeit.“— „Schon recht, ſchon recht!“ unterbrach mich der Mann, nachdem er durch einen ſlüchtigen — 134— Blick von der Richtigkeit meiner Angabe ſich über⸗ führt hatte.„Hier iſt die Brieftaſche zurück. Be⸗ hüte mich der Himmel, mir fremdes Gut zueignen zu wollen!“ Wer war froher, als ich! Mit gerührtem Herzen ſtattete ich dem ehrlichen Finder, dem eben ein mächtiger Schweinsbraten aufgetiſcht wurde, meinen Dank ab, und verfügte mich ſogleich hin⸗ aus in den Garten, um hier deſto ungeſtörter mich dem Vergnügen über den Viederbeſitz meines ſo ſchmerzlich vermißten Kleinods überlaſſen zu kön⸗ nen. Es war ein kühler, doch heiterer Herbſt⸗ abend; die blutrothe Scheibe des Vollmonds ging ehen am Himmel auf, alles war ſtill um mich her, und nur das von den Bäumen und Geſträu⸗ chen herabrieſelnde Laub unterbrach mit leiſem Kniſtern die tiefe Ruhe, die über die weite Ge⸗ gend verbreitet lag. Kaum aber hatte ich mich, um die in mir aufſteigenden Gedanken und Grillen ihr gewohn⸗ tes Spiel treiben zu laſſen, in einer am unterſten Ende des Gartens befindlichen, dicht verwachſe⸗ nen Laube niedergeſetzt, als ich plötzlich außerhalb der Plankenwand annähernde Fußtritte, und bald — 135— parauf eine zwiſchen zwei Perſonen Statt habenbe Unterredung vernahm, von welcher mir, wie leiſe und behutſam ſie auch geführt wurde, keine Syl⸗ be entging. „Wie ich Dir ſage, Matthes!“ flüſterte ei⸗ ne Stimme.„Wir brauchen uns nicht zu über⸗ eilen; Steinacker ſitzt drin in der Mühle und thut ſich gütlich. Zu übernachten pflegt er hier übrigens niemals, davor braucht Dir nicht bange zu werden; auch habe ich ſichere Nachricht, daß er ſich vorgeſetzt hat, morgen mit dem Früheſten drin in der Stadt zu ſein. Der Geldgurt iſt reichlich geſpickt, und ein alter Rohrſtock, der beim erſten Schlage in tauſend Stücke zerſplittert, iſt die einzige Waffe, die er bei ſich trägt. Es wird alſo ein leichtes ſein, mit ihm fertig zu wer⸗ den und ihm nöthigen Falls den Garaus zu machen.“ „An Herzhaftigkeit fehlt's ihm nun freilich nicht!“ war die Antwort.„Wehren wird er ſich, wie der leibhafte Satan; darauf kannſt Du Dich verlaſſen! Wir müſſen ſchnell, eh' er zur Beſin⸗ nung kommt, ihm den Genickfang beizubringen ſuchen, ſonſt läuft am Ende der ganze Anſchlag — 136— ſchief ab, ſag' ich dir! Bei der hohlen Eiche am Querwege wird ſich unſer Plänchen, denk' ich, am ſicherſten ausführen laſſen. Wir halten uns dort im Gebüſch verborgen, fallen, wenn er ſorglos dahergeſchritten kommt, ſchnell wie der Blitz und mit vereinigten Kräften über ihn her, bringen ihm die gehörigen Püffe und Stöße bei, theilen uns brüberlich in die vorgefundene Baarſchaft, und damit Baſita!“ Bei dieſen Worten entfernten ſich die ſaubern Vögel wieder aus meiner Nähe; ich wagte mich behutſam aus dem eingenommenen Schlupfwinkel hervor, ſchlich nach einer in der Gartenwand be⸗ ſindlichen Spalte, und ward ſogleich zweier breit⸗ ſchultrigen, handfeſten Kerle gewahr, die zwiſchen dem draußen befindlichen Strauchwerk dahin ſchrit⸗ ten, den Mühlgraben durchwadeten, und jenſeits deſſelben, quer über ein Stoppelfeld hinweg, ihre Richtung nach einem entfernt liegenden Gehölz einſchlugen, allwo der beſchloſſene Raubverſuch höchſt wahrſcheinlich in Ausübung gebracht wer⸗ den ſollte. Innigſt erfreut, dem redlichen Wie⸗ derauslieferer der Brieftaſche einen ſo weſentlichen Gegendienſt leiſten zu können, verfügte ich mich ——— ———— —— ohne Zeitverluſt nach der Gaſiſtube zurück, um ihm die warnenden Winke zu ertheilen, deren er zur Vereitelung des auf ihn gemünzten heimtücki⸗ ſchen Anſchlages benöthigt war. Ungemein rüh⸗ rend kam es mir vor, ihn mit ſorglos heiterm Ge⸗ ſicht, während ihm draußen das Verderben berei⸗ tet war, hier am Tiſch ſitzen zu ſehen, indem er, ohne von der über ſeinem Haupt ſchwebenden Ge⸗ fahr das Mindeſte zu ahnen, den Wirthsleuten ſo eben erzählte, daß er nun ſein bisher geführtes be⸗ ſchwerliches Geſchäft baldmöglichſt ganz niederzu⸗ legen, mit dem erſparten Vermögen nach ſeiner vor zwanzig Jahren verlaſſenen Heimath zurück⸗ zukehren, ſich dort häuslich niederzulaſſen, und ſtatt des zeitherigen, unruhvollen Umhertreibens ſich fortan einem ſtillern und gemächlichern Le⸗ bensberuf hinzugeben gewilligt ſei. Als er nach geendigter Mittheilung ſich zum Aufbruche anſchicken zu wollen ſchien, trat ich ihm näher, klopfte ihm auf die Schulter, und flüſterte mit leiſer Stimme ihm in's Ohr:„Mit Verlaub, liebſter Freund; Ihr Nameiſt doch Steinackerz“ „Zu dienen!“ erwiederte er.„Mein Name iſt aber durchaus kein Geheimniß!“ fügte er ſo⸗ — 138— gleich hinzu, indem ihn die verſtohlene Art und Weiſe meiner Anrede zu befremden ſchien. „Nun, ſo kann ich Ihnen denn,“ fuhr ich fort,„eine Nachricht mittheilen, bei deren Anhö⸗ rung Ihnen vielleicht ein wenig wunderlich wird zu Muthe werden. Herr, ein Kind des Todes wären Sie geweſen, ohne den Fibelhahn!“ unter dieſer Andeutung zog ich ihn in die nächſte Ecke und wiederholte ihm Wort für Wort die Unter⸗ redung, die ich ſo eben draußen in der Garten⸗ laube erlauſcht hatte. „Alle Millivnen!“ rief der ſberraſchte mit Zeichen der heftigſten Gemüthserſchütterung aus; „da geht mir ein Licht auf! Schon ſeit geſtern iſt mir auf allen meinen Wegen und Stegen ein verdächtiger Kerl nachgeſchlichen, ohne daß ich in meiner Sorgloſigkeit weiter auf ihn geachtet und die mindeſten Vorſichtsmaßregeln ergriffen hätte. Ganz recht! bei einer hohlen Eiche muß ich vorbei, wenn ich nach der Stadt will!“ „Es hat ehemals ein Kloſter dort geſtanden;“ ſiel ihm der Müller, der ſich einſtweilen wieder genähert hatte, ins Wort;„und wir pflegen den Baum die Margaretheneiche zu nennen, weil bis — 139— auf den heutigen Tag eine Nonne dieſes Namens dort ihren nächtlichen Spuk treiben ſoll. Die Galgenvögel ſind ſo dumm nicht! Sie hätten ſich zur ungeſtörten Vollbringung ihres Vorhabens die Ortsgelegenheit gar nicht beſſer wählen kön⸗ nen; denn Niemand aus dieſer Gegend mag ſich mehr in der Rähe jenes Eichbaums etwas zu ſchaffen machen, ſobald der Abend hereingebrochen iſt.“ Es wurde jetzt ſogleich Anſtalt getroffen, den beiden Strauchdieben nicht allein bei Ausführung ihres Schelmſtückes einen Querſtrich durch die Rechnung zu machen, ſondern auch ihrer ſelbſt habhaft zu werden, um ſie den Stadtgerichten zur Empfangnahme des verdienten Lohnes über⸗ liefern zu können. Der Müller ſchleppte alles herbei, was nur irgend als Waffe zu gelten und zu Schutz und Trutz zu dienen verſprach. Stein⸗ acker trug darauf, nachdem der größte Theil der Anweſenden ihm willige Unterſtützung und Mit⸗ hülfe zugeſagt, den im Fluge von ihm entworfe⸗ nen Angriffsplan vor, der von der Verſammlung einſtimmig gebilligt und zu deſſen Vollführung nnverzüglich geſchritten ward. Ich ſelbſt ließ — 140— mich⸗ mit einer Heugabel bewaffnet, bei der Re⸗ ſerve anſiellen, um denn doch wenigſtens beim Rückzuge, nach eingetretener umgekehrter Ord⸗ 3 nung, das Anführeramt übernehmen zu können. Alles ging nach Wunſch von Statten. Das Gehölz wurde von allen Seiten umzingelt, und ſodann mit möglichſter Vorſicht und Geräuſchlo⸗ ſigkeit auf die ungefähr im Mittelpunkte deſſelben beſindliche hohle Eiche losgerückt. So geſchah es denn, daß die hier im Hinterhalt liegenden Gau⸗ ner der überliſtung nicht eher inne wurden, als bis ſie, von der eindringenden Ubermacht aufge⸗ ſwürt und ertappt, ſich jeder Möglichkeit zur Flucht beraubt ſahen. Beide wurden auf der Stelle geknebelt, der bei ihnen vorgefundenen Mordwerkzeuge entledigt und im Triumph nach der Mühle zurückgeſchleppt, allwo man ſie, bis zu ihrer Auslieferung an die Behörde, einſtweilen in ſo engen und unbequemen Verwahrſam brachte, daß ich, um keinen Preis in der Welt, an ihrer Stelle hätte ſein mögen. Nun aber kam es drin in der Gaßſube zu einem Lärm und Jubelgeſchrei, wie man wohl ſeit Menſchengedenten bier in der Mihle nicht —— erlebt haben mochte. Steinacker, der durch den Gedanken an das von ſeinem Haupt ſo wun⸗ derbar abgewandte Unheil, ſich zu dankbarer Frei⸗ gebigkeit geſtimmt fühlte, ließ auftiſchen und be⸗ wirthete die ganze Geſellſchaft mit geiſtigen Ge⸗ tränken, deren übermäßiger Genuß ſeine Wirkun⸗ gen nach und nach auf ſo betäubende Art zu äußern begann, daß es der größten Anſtrengung bedurfte, um ſein eigenes Wort zu verſtehen. Mich aber zog der Mann hei Seite, nannte mich einmal üher das andre ſeinen Schutzengel und drückte, herzte und küßte mich, daß mir alle Ge⸗ lenke knackten und mir der Athem unter ſeinen Liebkoſungen ſchier außen geblieben wäre. Ver⸗ gebens wiederholte ich ihm die Verſicherung, daß er einzig und allein dem Fibelhahn die Ret⸗ tung ſeines Lebens zu verdanken, und daß ich ſelbſt einen nur ſehr zufälligen Theil daran gehabt habe; er hörte nicht auf, mich in ungeſtümer Hartnäckigkeit mit Erkenntlichkeits⸗Bezeigungen zu überhäufen, und nur mit Mühe gelang es mir, ihn von dem Verſuche, mir die Hälfte ſeiner im Geldgurt befindlichen Baarſchaft aufzudringen, durch die feierliche Ausſage zurückzuhalten, daß — 142— ſein ganzes Vermögen nicht hinreiche, mich für den ihm geleiſieten Dienſt ſo weſentlich zu beloh⸗ nen, als dies bereits durch Zurückgabe der ver⸗ lornen Brieftaſche im Voraus geſchehen ſei. Das machte ihn ſtutzig, er ſchüttelte ungläubig den Kopf und wurde begierig, über den angeblichen Werth eines in ſeinen Augen ſo unanſehnlichen Büchleins den nähern Zuſammenhang zu erfahren. Das ganze Weſen und Benehmen des Mannes hatte mir gleich beim erſten Anblick Zutrauen ein⸗ geflößt; ich trug daher kein Bedenken, ſeinen Wunſch zu befriedigen und ihm die Geſchichte des Fibelhahns, in welcher natürlich auch die Schilderung meines Verhältniſſes zu Linchen verflochten werden mußte, ſo aufrichtig und um⸗ ſtändlich mitzutheilen, als es ſich von der Gele⸗ genheit, meinem vollen Herzen endlich einmal Luft machen zu können, nur immer erwarten ließ. Wer von den geneigten Leſern hätte aber wohl glauben ſollen, daß die Reihe des Verwun⸗ derns nunmehr an mich ſelbſt kam? Kaum hatte ich ihm nehmlich meinen Geburtsort genannt und die beiden Nachbarwohnungen, ſo wie Linchen's hüusliche Lage, näher beſchrieben, als er mit — 143— Merkmalen der lebhafteſten überraſchung von ſei⸗ nem Sitze ſich erhob, mit gewaltigen Schritten und in einander verſchränkten Armen ein Paar Mal in der Stube auf und nieder ging, dann wirder an meiner Seite Platz nahm und mit höchſt ſeltſamen Geberdenſpiel, mich zur Fort⸗ ſetzung des unterbrochenen Berichtes ermunterte. Ich gab ihm mein Erſtaunen über ſein räthſel⸗ haftes Verhalten durch Worte zu erkennen, und erlaubte mir zugleich die Anfrage, welcher Um⸗ ſtand in meiner Erzählung denn vermögend ge⸗ weſen ſei, dieſe gugenſcheinliche Gemüthsbewegung in ſeinem Innern hervorzubringen? Er ſchüttelte iedoch den Kopf und wollte ſchlechterdings nicht mit der Sprache heraus; dagegen fuhr er fort, mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit und dem ſichtbarſten Antheile mir zuzuhören„mich während meiner Mittheilungen ſcharf ins Auge zu faſſen, und dann und wann ſelbſt nach den geringfügig⸗ ſten Kleinigkeiten ſich auf ſo angelegentliche Wei⸗ ſe zu erkundigen, daß mir dabei ganz ängſtlich und wunderlich um's Herz zu werden anfing. Mittlerweile war rund um uns her ganz un⸗ chriſtlich auf Steinacker's Unkoſten getrunken — 144— worden; auch er ſelbſt hatte es in der Frende ſeines Herzens hieran nicht ermangeln laſſen, und ich darf wohl zu meiner Ehre bekennen, daß ich der Einzige in der Geſellſchaft zu ſein ſchien, der ſeine geſunden Sinne vollkommen zu gebrauchen und nüchterne Betrachtungen anzuſtellen im Stande war. Da ßel es plötzlich in der Frech⸗ heit und Zügelloſigkeit des überhand nehmenden Rauſches einem der Anweſenden ein, den Bolzen auf mich zu richten, meinen Muth verdächtig zu machen, und mir dreiſt und keck in's Geſicht zu ſagen, daß ich beim Angriff auf die Buſchklepper einen Abſtecher nach der entgegengeſetzten Seite des Gehölzes gemacht und mich dort zitternd und todtenbleich mit meiner Heugabel unter eine Brücke verkrochen habe! Alles brach bei der Witzelei des boshaften Verläumders, in ein ſo unbändiges Gelächter aus, daß die Fenſterſcheiben erklirrten; ſogar Steinacker ſelbſt ſimmte mit ein, indem ihm auf einmal die Gefahr, in wel⸗ cher er geſchwebt, und ſeine höchſt wunderſame Rettung aus dem Gedächtniß geſchwunden zu ſein ſchien. Das reizte mir die Galle; ich ſtellte mich als ob die Stichelrede mich durchaus nicht nicht weiter anfechte, und unterließ es, zur Be⸗ ſchwichtigung der rohen Gemüther, nur eine einzige, auf meine Rechtfertigung abzweckende Sylbe vorzu⸗ vringen. Als aber die Wirkung des Trinkens ſich endlich zu äußern angefangen und die Gewalt des Schlafes ſich ſämmtlicher Zechbrüder bemeiſtert hatte, griff ich ſtill und unvermerkt nach meinem Felleiſen, ſuchte mir vermittelſt eines geöffneten Fenſters den Ausweg in's Freie, und wanderte, bevor noch der Tas angebrochen und die Straße lehendig geworden war, durch den herbſtlichen Frühnebel in meiner gerechten Erbitterung auf und davon. Steinacker's Verſuche, mich wieder aus⸗ zukundſchaften, ſcheiterten an meinen, dagegen getroffenen Vorſichtsmaßregeln, ſo wie an dem umſtande, daß in der jetzt zunächſt von mir be⸗ tretenen Stadt keine Arbeit zu finden, und ich daher wider Vermuthen genöthigt war, ſchon des folgenden Tages meinen Stab weiter zu ſetzen. Späterhin glückte es mir jedoch beſſer damit, und wie unhehaglich es mir anfänglich auch vor⸗ kam, nach ſo langem, ungebundenen Umherſchwei⸗ fen in der weiten Gotteswelt, nun zur Erwer⸗ [101 —————— — ——— — 146— bung meines Unterhaltes wieder krumm hinter dem Weheſtuhle ſitzen zu müſſen, hatte ich mich doch bald von neuem an dieſe nothgedrungene einförmigere Lebensweiſe gewöhnt. Auch gelang es mir, mich durch Arbeitſamkeit und feine Sit⸗ ten überall bei den Leuten beliebt und angenehm zu machen; beſonders hatte ich vielfache Gelegen⸗ heit, mich zu überzeugen, daß man dem ſchö⸗ nen Geſchlecht gleich auf der Stelle intereſſant zu werden anfängt, ſobald man durch ſchwermü⸗ thige Mienen und Blicke halb und halb zu ver⸗ ſichen giebt, daß man ſich mit dem ſtiillheimlichen Schmerz einer unglücklichen Liebe umherträgt! Da der geneigte Leſer jedoch eben kein Ver⸗ langen hegen wird, mit allen den Meiſtern, bei denen ich in Arbeit geſtanden, ſo wie mit den, zum Theil freilich ſehr hübſchen Meiſterstöch⸗ tern, die in deutlichen, doch unerwiederten Winken, mich ihrer beſondern Huld und Wohl⸗ gewogenheit werth gehalten, nähere Bekanntſchaft zu machen; ſo trete ich hier beſcheiden in die Dunkelheit des ſtill betriebenen Gewerbes zurück, und komme nicht eher, als nach Verlauf eines Zeitraums von ungefähr drittehalb Jahren, wo 4 — 147— die plötzlich erhaltene Nachricht von dem lebens⸗ gefährlichen Erkranken meiner Mutter mich in die Heimath zurück rief, wieder zum Vorſchein. Es war an einem heitern Frühlingsabend, als ich nach einer ununterbrochenen Wanderung von faſt ſechzig Meilen, mich der Vaterſtadt näherte und die im Garten der Pfarrwohnung befindliche hohe, hundertiährige Fichte von fern zwiſchen den übrigen Bäumen und Gebüſchen ſtolz emporragen ſah. Vergeblich würde es ſein, den Gemüthszuſtand, in welchen ich mich verſetzt fühlte, durch Worte ſchildern zu wollen! Zweifel und Beſorgniß, Neugier und Verlangen, Furcht und Hoffnung regten ſich abwechſelnd in meinem Innern; laut klopfte mein Herz, in großen Tro⸗ pfen ſtand der Schweiß mir vor der Stirn, und mit der ſtumpfen Abſpannung und Unſicherheit eines wandelnden Träumers zog ich endlich bei anbrechender Dämmerung in die heimathliche Behauſung ein. Sehnſuchtsvoll ſtreckte die Mut⸗ ter, nachdem ſie auf meine Ankunft hinlänglich vorbereitet worden war, mir von ihrem Schmer⸗ zenslager die abgezehrten Arme entgegen; von Trauer und Wehmuth ergriffen, warf ich mich l10*1 — neben ihr auf die Knie, ſprachloſe Seufzer mach⸗ ten nach dreijähriger Trennung den Bewillkomm⸗ nungsgruß aus, und durch heiße Thränen ſuchten wir beide unſerm gepreßten Herzen Luft zu ver⸗ ſchaffen. Ein einziger Blick auf die höchſt armſeligen Hausgeräthſchaften überzeugte mich gar bald, daß hier während meiner Abweſenheit manche für mich nicht eben erfreuliche Veränderung Statt gefun⸗ den und der frühere Wohlſtand eine ſehr merkliche Abnahme erlitten habe. Wirklich brachte ich auch noch den nämlichen Abend auf das umſtändlichſte in Erfahrung, daß meine Mutter, zufolge eines bereits vor Jahresfriſt zur Nachtzeit verübten die⸗ viſchen Einbruches, ſo wie des nachher erfolgten langwierigen Krankenlagers, gänzlich verarmt und dem bitterſten Mangel Preis gegeben ſei. Wie tief ſank bei Anhörung dieſes Berichtes mein Muth! wie unabwendbar ſah ich im Geiſt durch die hier Statt gehabten traurigen Ereigniſſe plötz⸗ lich die ſtillen Hoffnungen und Entwürfe vereitelt, die ich bis zu dieſem Augenblick noch immer nicht ſo ganz aufzugeben vermocht hatte! Durch das ſtumme düſtre Dahinbrüten, dem „ — 119— ich mich anfänglich überließ, war jedoch nichts zu gewinnen; Faſſung und Seelenſtärke waren von⸗ nöthen; auf von mir getroffenen, zweckmäßigen Verfügungen beruhete fortan die Pflege und Un⸗ terſtützung einer kranken hülfloſen Mutter; es mußte Rath geſchafft und zu kräftiger Abwehr des mehr und mehr hereindrohenden Elends ſchleunigſt Anſtalt getroffen werden.— Auf Ausführung des im ſtillen gehegten Vorſatzes, mich bei der An⸗ kunft in der Heimath auf's neue um Linchen's Gunſt zu bewerben, that ich für immer Verticht; wie hätte ich unter gegenwärtigen Umſtänden es wagen mögen, ihr mit Liebeserklärungen unter die Augen zu treten! Dagegen war ich gleich in den erſten Tagen darauf bedacht, durch Verpfän⸗ dung unſers Wohnhauſes Geld aufzubringen und mir vermittelſt deſſelben die, zur ungehinderten Betreibung des erlernten Gewerbes erforderlichen Gerechtſame zu verſchaffen. Nur nothdürftig er⸗ reichte ich meinen Zweck. Das Haus war alt und baufällig; faſt überall fanden Wind und Regen freien Zugang nach dem Innern, und nicht gar langer Aufſchub ſchien für die Vorbeu⸗ gung des völligen Einſturzes mehr verſtattet zu — 150— ſein. Niemand wollte daher, auf die dargebotene Gewäöhrleiſtung, mir bei meinem Vorhaben beför⸗ derlich werden, und es koſtete viele Mühe, bevor ich es endlich ſo weit brachte, den Webeſtuhl auf⸗ richten und zum Beginn der eignen Hanthirung mich in Bereitſchaft ſetzen zu können. Hiermit war übrigens meiner Angſt und Sorge noch nicht ſonderlich abgeholfen; es fehlte nun an der gehö⸗ rigen Kundſchaft, mithin an der Gelegenheit, aus meiner Hände Arbeit Erwerb und Unterhalt zu ziehen; die Kaſſe war bis auf den Grund erſchöpft und mit bekümmertem Herzen ſah ich von Tag zu Tag irgend einer eingehenden Beſtellung ent⸗ gegen. um mir mein frendenloſes Geſchick nicht ſelbſt noch unertraͤglicher zu machen, hatte ich bisher auf das gefliſſentlichſte vermieden, mit Linchen in irgend eine nähere Berührung zu kommen; nur im Vorbeigehen hatte ich ſie ein Paar Mal ge⸗ grüßt, und dann immer ſo ſchnell als möglich die Augen wieder von ihr wegzuwenden geſucht. Deſ⸗ ſenungeachtet war es mir nicht entgangen, daß der Zauber jugendlicher Anmuth und Lieblichkeit noch in unverkümmertem Maße über ihr ganzes . — 151— Weſen verbreitet lag. Wand an Wand mit der holdeſten unter den DTöchtern des Landes, und durch unüberwindliche Schwierigkeiten doch auf ewig von ihr getrennt! Ach! ich ging wie ein armer Sünder umher, und wußte keines frohen Gedankens mehr habhaft zu werden!— Eines Abends, als ich eben, in ſchwermüthi⸗ ges Nachgrübeln verſunken, am Fenſter ſaß, ver⸗ nahm ich plötzlich das Rollen eines Wagens, der die Straße herauf kam und vor der benachbarten Hausthür ſtill hielt. Trotz der bereits überhand genommenen Dunkelheit, erkannte ich ſogleich Lin⸗ chen's Mutter, die in Geſellſchaft eines männ⸗ lichen Gefährten abſtieg und mit demſelben in das Haus hineinging; worauf der Wagen ſich wieder entfernte. Vielleicht wohl gar Linchen's Bräu⸗ tigam! war die erſte und einzige Vorſtellung, die mit niederdrückender Gewalt mir bei dieſem An⸗ blick die Seele durchdrang. Vergebens ſuchte ich die Pein und Unruhe des Gemüths durch die Waf⸗ fen der Vernunft zu bekämpfen; ich mußte hin⸗ aus, mußte durch den nähern Angenſchein mich zu überzengen und mir darüber Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen ſuchen! — 152— Die Stube, unter deren Fenſtern ich meine ſtillen Beobachtungen anzuſtellen begann, war hell erleuchtet und bildete in Betreff der darin herr⸗ ſchenden Ordnung und Wohlhabenheit einen ſehr auffallenden Abſtich gegen die unſrige. Die Möglich⸗ keit, wie der Ertrag des Spinnrades einen ſolchen Wechſel habe herbeiführen können, würde mir ein nnerforſchliches Räthſel geblieben ſein; hätten nicht, indem es dazu nur eines zweiten Blickes auf die darin am Tiſch ſitzenden Perſonen bedurf⸗ te, Aufgabe und Auflöſung ſo nahe gelegen. Die männliche Geſtalt, die ich kurz zuvor vom Wagen hatte abſteigen ſehen, war, wie ich mit Erſtaunen und Beftürzung mich ſogleich überzeugt hatte, Nie⸗ mand anders, als Steinacker. Hahn im Korbe ſchien er zu ſein; denn Linchen ſaß dicht an ſei⸗ ner Seite, hatte vertraulich die Hand ihm auf die Schulter gelegt, und gab durch die lebensfrohe Heiterkeit in ihren Mienen und Geberden das zwi⸗ ſchen ihnen beiden angeknüpfte befreundete Verhält⸗ niß ſo klar und deutlich zu erkennen, daß mir ar⸗ men Schlucker die Augen dabei übergingen. Schnell glaubte ich über den ganzen Zuſammenhang der hier obwaltenden Umſtände im Reinen zu ſein. . — 153— Ich hatte an jenem verhängnißvollen Abend, als Steinacker mich über den Fibelhahn auszufra⸗ gen anfing, der Redſeligkeit auf Koſten der Klug⸗ heit den Zügel ſchießen laſſen und ihm im Feuer der Begeiſterung von Linchen's äußern und in⸗ nern Vorzügen ein ſo reizendes Bild entworfen, daß er der Verſuchung, ſich durch den eignen Au⸗ genſchein von der Wahrheit meiner Ausſage zu überzengen, nicht widerſtehen konnte, um zu Gun⸗ ſten der bequemern Lebensverhältniſſe, in die er ſich, ſeinem Vorſatze gemäß, damals ge⸗ rade zu begeben gedachte, hiervon, nach Beſchaf⸗ fenheit der Umſtände, ſelbſteignen Gebrauch zu machen. Er kam an, verliebte ſich, wie es gar nicht anders ſein konnte, Knall und Fall in das Mädchen, warf die ſtrotzende Geldkatze auf den Tiſch, und die Sache ward richtig!— Das wa⸗ ren die Gedanken, mit welchen ich bitter gekränkt meinen Beobachtungspoſten verließ und mich nach Hauſe zurückverfügte. Wohl ein Paar Stunden mochten vergangen ſein, als die Stubenthür ſich öffnete und Stein⸗ acker hereintrat. Es mochte ihm auffallen, daß ich ihm aus dem dunkeln Winkel, in welchem ich —— ſtill und ſumm geſeſſen, mit ſo verſtörtem Geſicht entgegen kam; denn er blich einige Augenblicke lang in ſchweigender Betrachtung vor mir ſtehen, und ſchien für Abmachung des ihm am Herzen liegenden Geſchäftes ſich erſt wieder gehörig faſ⸗ ſen und ſammeln zu müſſen. Allmählig gelangte er jedoch zum Gebrauch ſeiner Zunge. Er fing in ſcherzhaftem Tone mir über mein heimliches Entweichen aus der Mühle Vorwürfe zu machen an, ſprach von einer weitläuftigen Verwandtſchaft, die zwiſchen ihm und meinen Nachbarsleuten Statt finde und zu ſeinem gegenwärtigen Aufenthalt in hieſiger Gegend zunächſt Veranlaſſung gegeben habe, berührte flüchtig den Dienſt, den ich ihm grleiſtet, und gab mir zu verſtehen, daß er noch immer den Wunſch hege, mir dieſe oder jene Ge⸗ gengefülligkeit erweiſen zu können. Ich ſuchte ihn mit dem kurzen Beſcheid abzufertigen, daß ich ſchon damals mich jedem Belohnungsantrage auf das unbedingteſte widerſetzt habe, jetzt noch eben ſo ge⸗ ſinnt ſei, und daher von einem Anerbieten dieſer Art durchaus keinen Gebrauch zu machen wiſſe. Er nannte mich hartnäckig und eigenſinnig, un⸗ terließ es iedoch, weiter in mich zu dringen, fing — „ — 155— in bunt durcheinander geworfenen, zum Theil ſehr ſeltſamen Ausdrücken von häuslichen Einrichtun⸗ gen zu ſprechen an, rückte dem eigentlichen Zweck ſeines Erſcheinens allmählig näher und näher, und beſchloß ſein langwieriges Geſchwätz endlich mit der Anfrage: ob ich etwa geneigt ſei, ihm den al⸗ ten Wohnkaſten, der mir früher oder ſpäter über dem Kopfe zuſammen zu brechen drohe, für ein gutes Stück Geld käuflich zu überlaſſen?— Das griff ich auf! Unter der Zuſage, mit der Mutter hierüber Rückſprache nehmen zu wollen, beſchied ich ihn für den nächſifolgenden Morgen wieder zu mir; worauf er ſich verabſchiedete und zu den Nachbarsleuten zurückkehrte, allwo er ſein Nacht⸗ quartier halten zu wollen ſchien. Die Mutter hatte, auf meine Vorſtellung, daß wir, außer Stande, die zur Wiederherſtellung des Hauſes erforderlichen Koſten aufzutreiben, durch Beibehaltung deſſelben in die peinlichſte Verlegen⸗ heit gerathen mußten, gegen den Verkauf nichts einzuwenden; die angeſponnenen Unterhandlungen wurden daher ohne weitere Schwierigkeiten glück⸗ lich beendigt. Was Steinacker bot und zahlte war freilich ein Spottgeld; doch ſah ich dadurch 15— den Wunſch erfüllt, je cher, je lieber, aus Lin⸗ chen's Nähe zu kommen, und nach Abtragung der erhobenen Anleihe noch einen Nothpfennig für die Verpflegung der Mutter übrig zu behalten. Wir mietheten ein am entgegengeſetzten Ende des Fleckens eben leer ſtehendes Häuschen, und zogen, gedrängt und beſtürmt von der Ungeduld des bau⸗ luſtigen Ankäufers, mit Sack und Pack von dan⸗ nen.— Schwer war ich von der Macht des Unglücks heimgeſucht worden; es hatte ſich aber in ſeinen Angriffen noch keinesweges erſchöpft— mein Muth ſollte noch tiefer gebeugt werden! Indem ich, nach erfolgtem Einzug in die neue Wohnung, mich noch mit Viederaufrichtung meines Webeſtuhles beſchäftigte, langte ein ſchwerer Packen mit Garn an, den mir Steinacker, unter Beifügung des ſchriftlichen Auftrages, überſandte, Leinwand dar⸗ aus zu weben, und mich hierbei der Sorgfalt und Eilfertigkeit in gleichem Grade zu befleißigen. Es war, ſeit ich zur zunftgemäßen Betreibung meines Gewerbes mich entſchloſſen und den Meiſterbrief erlangt hatte, die erſte mir übertragene Arbeit. An den feinen, zarten Fäden erkannte ich Lin⸗ — chen's Geſpinſt; mein zu lieferndes Meiſterſtück ſollte zu Linchen's Ausſteuer beſtimmt und zu Steinacker's neuen häuslichen Einrichtungen beförderlich ſein!— In ſehr trübſinniger Stim⸗ mung machte ich mich an's Werk, fing mit zit⸗ ternder Hand die Schifflein zu werfen an, und arbeitete am liebſten bei Nacht, wenn alles um mich her in Todtenſtille begraben lag. Mittlerweile brachte ich in Erfahrung, daß nicht allein unſer ehemaliges Wohnhaus, ſondern auch das benachbarte, bis auf den Grund niedergeriſſen worden ſei; daß an demſelben Platze ein ganz neues ſteinernes Gebäude aufgeführt werde und der Bau mit Rieſenſchritten ſeiner Vollendung ent⸗ gegen gehe. urſach genug, mich bei meiner Ge⸗ ſchäftsverrichtung gleichfalls zu ſputen! Ich kam mit dem Gewebe zu Stande, überlieferte es dem Beſteller und quälte mich jetzt nur noch mit Auf⸗ ſuchung eines Vorwands, unter welchem dem klin⸗ genden Arbeitslohn, deſſen Empfangnahme mir, Trotz meiner dürftigen Lage, ein unerträglicher Ge⸗ danke war, am füglichſten auszuweichen ſei. Dieſe Sorge war jedoch wenigſtens für den gegenwär⸗ tigen Angenblick ohne allen Grund, Steinacker 158— dachte an keine Bezahlung, es erfolgte vielmehr, unter Zuſicherung vollkommener Zufriedenheit mit der gelieferten Waare, eine neue Garnſendung, und von friſchem ward jetzt der Webeſtuhl in Be⸗ wegung geſetzt. So verſtrich allmählig der Som⸗ mer; kein Lächeln war unter der mir auferlegten ernſtbedeutſamen Verrichtung in meine Mienen gekommen, und das Einzige, was bei meiner düſtern Gemüthsſtimmung mir einigen Troſt ge⸗ währte, war der umſtand, daß die Krankheit meiner Mutter im Lauf der letztverwichenen Zeit merklich abgenommen hatte und ihr Leben außer aller Gefahr war. Bei der ſehr eingezogenen Lebensweiſe, die ich führte, konnte ich mit gutem Gewiſſen mir das Zeugniß geben, daß ich keinesweges durch prahleriſche Anpreiſungen des eigenen Werthes zur Verbreitung des Rufes, der allmählig von meiner Kunſt und Geſchicklichkeit ſich zu begrün⸗ den angefangen, irgend etwas gethan und beige⸗ tragen habe. Es mußte daher, indem jetzt plötz⸗ lich von allen Seiten ſo viele Aufträge und Be⸗ ſiellungen eingingen, daß zwei Hände ihnen ſchlechterdings nicht Genüge zu leiſten vermochten, — 159— 5 von günſtigen Freunden für mich geſprochen und gewirkt worden ſein; vielleicht von Steinacker ſelbſt, der mich für die ihm dargebrachten Opfer durch den Erfolg wohlfeiler Lobſprüche einiger⸗ maßen ſchadlos zu halten ſuchte. Schon war ich längſt mit anderweitigen Arbeiten beſchäftigt und noch immer hatte er von Berichtigung des Weber⸗ lohnes ſich nichts merken laſſen. Ich konnte nicht glauben, daß er meine Gedanken und An⸗ ſichten hierüber von ſelbſt errathen habe, und wußte mir dahetz, wie ſehr ich auch mit dieſem Verhalten zufrieden war, ein ſolches Zaudern und Stillſchweigen durchaus nicht zu erklären. Endlich, eines Sonntags, als ich eben mit der Mutter von einem Speziergange in's benach⸗ barte Feld zurückgekehrt war, ſchickte er zu mir und ließ mir genau die Stunde melden„zu wel⸗ cher ich mich des Abends bei ihm einfinden, den Betrag meiner Rechnung in Empfang nehmen und ſodann ein freundſchaftliches Abendbrod bei ihm verzehren ſolle. Mit dem feſten Vorſatz, ihm rundweg zu erklären, daß ich an ihn keine Forde⸗ rung zu thun habe, die Verſpeiſung des Abend⸗ brods jedoch ihm allein zu überlaſſen, machte ich — 160— mich zur beſtimmten Zeit auf den Weg und nä⸗ herte mich entſchloſſenen Muthes der neu errich⸗ teten ſtattlichen Wohnung, welcher ich bisher immer auf das ſorgfältigſte auszuweichen geſucht hatte. Der Eigenthümer derſelben empfing mich in einer dicht am Eingange befindlichen, heitern und geräumigen Stube, bot mir die Hand und führte mich zu einem in der Ritte ſtehenden run⸗ den und mit einer grünen Staubdecke belegten Tiſche, wo er mich niederſitzen und die Rechnun⸗ gen hervorholen hieß. Nun brah der Lirm und Wortwechſel los! Ich betheuerte ihm, daß ich bei dem, für mich ſo vortheilhaft geweſenen Ab⸗ ſchluſſe des Hausverkaufes mir ſogleich auf das beſtimmteſte vorgenommen gehabt, das überſchickte Garn unentgeldlich zu weben; er hingegen wollte von einer ſo unzeitigen Großmuth, wie er es nannte, nichts wiſſen, ſondern behanptete, ein Arbeiter ſei ſeines Lohnes werth, und gab zugleich zu erkennen, daß es ihm ein Leich⸗ tes ſei, mir für meine Starrköpfigkeit eine Züch⸗ tigung angedeihen zu laſſen, die mich ſogleich mürb' und geſchmeidig zu machen im Stande ſein werde. Unter dieſen Zuſprüchen und Drohungen regte — 161— regte ſich die Klingel an der Hausthür; Stein⸗ acker entfernte ſich, und ein gar ſeltſames Be⸗ fremden bemeiſterte ſich meiner, als ich, indem er die Thür auf einen Augenblick öffnete, beim hin⸗ ausfallenden Schimmer des in der Stube bren⸗ nenden Lichts, draußen auf dem Hausflur eine weibliche Geſtalt, und in derſelben meine Mutter zu erkennen glaubte! Die bei dieſem Anblick in mir auſſteigenden Zweifel und Muthmaßungen bewirkten denn auch, daß ich, als Steinacker zurückkehrte und der Streit von neuem begann, in Verfechtung meiner Willensmeinung mehr und mehr den Kürzern zu ziehen anfing, und in der Verwirrtheit des verblüfften Sinnes am Ende ſo⸗ gar mit der Bemerkung herausrückte, daß das überſandte Garn doch eigentlich Arbeit von Lin⸗ chen's Hand geweſen, mithin bei Berichtigung dieſer Angelegenheit die Einmiſchung eines Dritten ganz und kgar nicht vonnöthen ſei. Kaum aber waren dieſe Worte über meine Lippen, als ſich ein Auftritt ereignete, den ich noch in jener Ewig⸗ keit nicht wieder vergeſſen werde. Steinacker klatſchte laut lachend in die Hände, riß die Sei⸗ tenthür auf, und Linchen und die beiden Müt⸗ Un] „— ter traten aus dem Hinterhalte, woſelbſi ſie alles mit angehört hatten, zu uns in die Stube herein. Ich ſtand wie feſtgewurzelt, glaubte mich an al⸗ len Gliedern gelähmt, und ſtarrte verdutzt und ſprachlos die Eintretenden der Reihe nach an. Steinacker machte jedoch, indem er mir Lin⸗ chen zuführte, dieſer regungsloſen Betäubung bald durch den troſtreichen Bericht ein Ende, daß die Erkorne meines Herzens fort und fort in unwan⸗ delbarer Treue an mir gehangen, und daß jetzt⸗ nachdem er alle zur Abtragung einer alten, heili⸗ gen Schuld erforderlichen Anſtalten getroffen, un⸗ ſerm beiderſeitigen Glück nichts weiter im Wege ſtehe, wenn anders die Begründung deſſelben nicht auch wegen Einmiſchung eines Drit⸗ ten etwa für null und nichtig erklärt würde.— Ei, wie hätte mir ſo etwas einfallen können! Es ergab ſich nun, daß Steinacker, ein Stiefbruder von Linchen's Mutter, ſich ſchon ein Jahr lang in hieſiger Gegend aufgehalten hatte, und während dieſer Zeit unaufhörlich mit Vollführung eines, bereits am Abend unſers erſten abenthenerlichen Bekanntwerdens, entworfe⸗ nen Planes im Stillen beſchäftigt geweſen war. — 163— Es konnte keine Tänſchung obwalten; Linchen hing an meinem Arm, ich durfte in ſeliger Luſt ſie an das hoffende Herz drücken und der Stifter unſers Glückes lächelte mit dem behaglichen Ge⸗ fühl ſeines glücklich gelungenen Anſchlages uns Heil und Segen zu. „Wäre es möglich;“ rief ich, indem ich mit dem Ausdruck des innigſten Entzückens mich zu Linchen wandte;„Du hätteſt fortwährend un⸗ ſerer früheſten Verhältniſſe gedacht? hätteſt, Trotz der groben Beleidigung, die mein alberner Dün⸗ kel und Hochmuth Dir weiland zugefügt, mir Deine Gewogenheit— ſo ganz zu entzichen vermocht?“ „Niemals!“ erwiederte ſie mit einem Blick, der mehr noch als dieſe mündliche Verſicherung mich von der ununterbrochenen Fortdauer ihrer heimlichen Zuneigung überzeugte.„Auch habe ich,“ fügte ſie hinzu,„das, einſt von Deiner Hand erhaltene Andenken ſorgfältiger gehütet und aufbewahrt, als Du, dem Schein der umſtände nach, wohl magſt geglaubt haben.“— Bei dieſen Worten zog ſie den grünen überzug von dem Tiſche hinweg, und in freudiger Verwunderung Iu*1 — 161— ſielen meine Blicke auf den nehmlichen rothen Hahn, der einſt von meiner kunſtreichen Hand für Linchen verfertigt, und jetzt, im Mittel⸗ vunkte des Tiſches feſtgeklebt, dieſem Hausgeräth zur bleibenden Zierde beſtimmt worden war. Ein, mit dem großen Rathsſiegel unſrer Stadt verſe⸗ henes Papier lag neben dem Bilde.„Zeiten und Sitten verändern ſich!“ begann Steinacker zu ſprechen.„Vormals beſchenkte der Hahn mit Kupferkreuzern, um der jugendlichen Lüſtern⸗ heit Vorſchub zu thun; heut' beſcheert er ein ſtei⸗ nernes Haus, um es den groß gewordenen verliebten Räſchern zur Wohnung anzuweiſen und zugleich anzudeuten, daß auch dem alten Stein⸗ acker ſein geruhiges Plätzchen darin vergönnt werden möge!“— Hierzu wäre wohl die aus⸗ drückliche Vorſchrift des Hahnes nicht einmal. vonnöthen geweſen! Ich ſitze nun, beglückt durch Linchen's Liebe, ſchon ſeit geraumer Zeit in dem hellen, geräumigen Wohnhauſe, erfreue mich bei Betrei⸗ bung meines Berufes des gedeihlichſten Fortgangs, und beſchließe eben jetzt dieſe Erzählung mit einem ſo heitern Geſicht, als ob die geneigten — 165— Leſer mir bereits die Erlaubniß ertheilt hätten, bei der tagtäglich erwarteten Ankunft eines klei⸗ nen Gotthelf's, ſie ſämmtlich zu Gevattern bitten zu dürfen. Der Glückswechſel. den freundlichſten Ausdrücken pflegte mein Prinzipal, der wackere Kauf⸗ und Handelsherr Vollrath, wenn er ſpät des Abends aus dem So⸗ loklubb nach Hauſe zurückkehrte und mich in der einſamen Schreibſtube noch bei den Büchern be⸗ ſchüftigt fand, mir ſeine Zufriedenheit über den ausdauernden Eifer zu erkennen zu geben, womit ich mir es angelegen ſein ließ, mehr zu thun und zu leiſten, als die ſtrenge Pflicht von mir er⸗ heiſchte.„Nun, Sie wiſſen auch wohl, ſetzte er — — 167— zuweilen mit einem bezugreichen Lächeln hinzu: daß Sie nicht bloß für Brod und Lohn arbeiten! Sind wir erſt ein Paar Jahre weiter, dann ſoll es Sie hoffentlich nicht gerenen, mit ſolcher Sorgfalt und Gewiſſenhaftigkeit auf meinen Vor⸗ theil bedacht geweſen zu ſein. Sie verſtehen mich ſchon!“ Freilich verſtand ich recht gut, was er mit mir im Schilde führte, obgleich er über den heim⸗ lich gefaßten Plan ſich nizmals deutlicher erklärte, ſondern es nur bei räthſelhaften Andeutungen bewenden ließ. Der treue Dienſteifer, mit wel⸗ chem ich ihm ſechs Jahre hindurch ſeine Geſchäfte betreiben half, hatte mir nicht allein ſein volles Vertrauen erworben, ſondern nach und nach zu⸗ gleich den Gedanken in ihm rege gemacht, mich in der Folge förmlich zu ſeinem Handelsgeſellſchaf— ter zu erwählen und durch Stiftung eines Ehe⸗ bündniſſes zwiſchen mir und ſeiner Nichte, die, ſchon in der früheſten Kindheit der mütterlichen Fürſorge beraubt, ihm Erzichung und Unterhalt verdankte, die Begründung meines irdiſchen Glük⸗ kes zu vollenden. Von der Rechtlichkeit meiner Geſinnungen und Abſichten überzengt, trng er da⸗ — 168— ſich mehr und mehr entwickelnden Liebesverhält⸗ niſſe mit ſtillſchweigender Billigung zu begegnen. Arglos und gutmüthig verſtattete er mir den ver⸗ traulichern Ton, deſſen ich, in der Gewohnheit des täglichen Umganges, mich gegen Minchen bediente, und ein mehr ermunterndes als abſchrek⸗ kendes Drohen mit dem Zeigefinger war alles, was an ihm ſich bemerken ließ, wenn ich der Erwählten meines Herzens im Vorbeigehen ver⸗ ſtohlen die Hand drückte, oder ſie bei Tiſch durch Mienen und Geberden von der Beſchaffenheit meiner innerſten Empfindungen zu unterhalten anfing. Hundertmal war ich bereits im Begriff geweſen, ihm das heimliche Verlangen meines Gemüthes vertrauungsvoll zu eröffnen, um end⸗ lich über die gehoffte und ſeinem Gutachten an⸗ hei Beſtellte Erfüllung meines heißeſten Wunſches zu näherer Gewißheit zu gelangen; nie konnte ich es jedoch über mich gewinnen, das auf den Lit⸗ pen ſchwebende Geſtändniß gegen ihn laut werden zu laſſen. Der Entſchluß, lieber die Unannehm⸗ lichkeiten eines zweifelhaften Verhältniſſes ſtand⸗ haft zu erdulden, als den Verdacht zudringlicher her auch kein Bedenken, dem unter ſeinen Augen“ —, — 169— unbeſcheidenheit auf mich zu laden, gewann die Oberhand, und von einem Tage zum andern ſuchte ich durch die Vorſtellung mich zu tröſten, daß Herr Vollrath zu biederherzig geſinnt ſei, um Gefühle und Neigungen, die er ſo angen⸗ ſcheinlich begünſtigte, zuletzt grauſam zu täuſchen; und daß er mithin wohl von ſelbſt das launen⸗ hafte Stillſchweigen brechen werde, ſobald, ſei⸗ nem Plan und Gutbefinden gemäß, für Erörte⸗ rungen dieſer Art Zeit und Stunde gekommen ſei. Eines Morgens trat er in Begleitung eines Juden, der eine Anzahl von Lotterielvoſen in der Hand hielt, zu mir in die Schreibſtube.„Wir wollen doch einmal gemeinſchaftlich unſer Glück verſuchen, lieber Heidler,“ ſagte er.„Laſſen Sie uns einer für den andern ziehen, vielleicht daß der Kunſtgriff zu unſerm beiderſeitigen Vor⸗ theil ausſchlägt.“ Ich that, was er verlangte, und auch er händigte mir jetzt das Loos ein, das er mir gezogen und zum Geſchenk beſtimmt hatte. „Sonderbares Zuſammentreffen!“ fuhr er fort, nachdem der Inde die Einſatzgebühren in Em⸗ pfang genommen und ſich wieder entfernt hatte: „die Ziehung der letzten Klaſſe fällt gerade auf — 170— meinen Geburtstag. Alſo werde ich wohl, wo⸗ fern Ihr Loos etwa mit einer Riete herauskom⸗ men ſollte, darauf bedacht ſein müſſen, Ihnen die fehlgeſchlagene Erwartung ſogleich auf ander⸗ weitige Art zu vergüten!“ Er verſchloß, indem er die eben ausgeſprochenen Worte mit einem Blick begleitete, der mir über die nahe bevor⸗ ſtehende Gewährung meines angelegentlichſten Wunſches nicht den leiſeſten Zweifel mehr übrig ließ, ſein Lvos in den Eckſchrank, ſteckte hierauf, ohne die Ilußerungen, vermittelſt welcher ich ihm mein Dankgefühl an den Tag zu legen verſuchte, ſonderlich zu beachten, einige Briefſchaften, deren er zur Betreibung eines unlängſt unternommenen wichtigen Handelsgeſchäfts bedurfte, zu ſich und verließ das Haus. Ich aber ſchob, ſobald er den Rücken gewendet, das Rechnungsbuch an die Seite und eilte die Treppe hinauf, um Minchen ohne Zeitverluſt von dem Vorgefallenen zu unter⸗ richten und ſie an dem freudigen Entzücken Theil nehmen zu laſſen, von welchem ich ſelbſt, der ſo eben vernommenen Verheißung„ mich durchdrungen fühlte. Ach, nur von kurzer Dauer war der ſüße Traum, dem wir, geſtützt auf die Zuverläſſigkeit unſers nahen Glückes, im wechſelſeitigen Aus⸗ tauſch unſerer Empfindungen uns überließen! Mit todtbleichem, verſtörten Geſicht kehrte Herr Vollrath gegen Mittag von ſeinem Geſchäfts⸗ gange zurück, krampfhaft zuckten ſeine Lippen und mit der Geberde eines Verzweifelnden warf er auf den nächſten Seſſel ſich nieder.„Da leſen Sie ſelbſt!“ rief er mit bebender Stimme, in⸗ dem er mir ein, ſo eben an ihn eingegangenes Schreiben überreichte. Es enthielt die niederſchla⸗ gende Nachricht, daß ein auswärtiges Handlungs⸗ haus, mit welchem das unſrige ſeit einer langen Reihe von Jahren im genaueſten Verkehr geſtan⸗ den, plötzlich und unerwartet ſeine Zahlungen eingeſtellt habe, und daß zur Vermeidung ſeines völligen Bruches faſt gar keine Ausſicht vorhanden ſei. Vergebens ſuchte ich das Gefühl des Schrek⸗ kens und der Beſtürzung, das bei Durchſicht des verhängnißvollen Briefes auch meiner ſich bemäch⸗ tigte, vor ihm zu verbergen; und eben ſo wenig konnte ich, als er jetzt auf augenblickliche Unter⸗ ſuchung des in den Büchern enthaltenen, dorthin gehörigen Geſchäftsbeſtandes drang, ihm verheim⸗ — 172— 4 2 lichen, daß, bei voller Beſtätigung der angegebenen Thatſachen, wenigſtens die Hälfte ſeines Vermö⸗ gens unwiederbringlich verloren ſei. In großen Tropfen trat ihm, obgleich ich den mir ertheilten Auftrag mit möglichſter Schonung zu vollziehen bemüht war, der Schweiß vor die Stirn; ſtarr und unbeweglich waren ſeine Blicke an den Boden geheftet und faſt hörbar pochte ihm das gepreßte und geängſtigte Herz. Vergebens bot ich alle meine überredungskunſt auf, um ihn durch die Vorſtellung zu beruhigen, daß ja der völ⸗ lige Sturz jenes Hanſes, der brieflichen Mitthei⸗ lung zufolge, noch keinesweges ſo ganz unbedingt entſchieden ſei, und daß er der nähern Beſtätigung des widerwärtigen Ereigniſſes um ſo gefaßter ent⸗ gegen ſehen könne, da er, ſelbſt im ſchlimmſten Falle, noch immer ein wohlhabender Mann bleibe. Durch ununterbrochene Begünſtigungen des Glük⸗ kes verwöhnt, wußte er in einen ſo gehäſſigen Wechſel deſſelben ſich durchaus nicht zu finden; aller Muth war ihm plötzlich entſunken, in ihren ſchwärzeſten Farben erblickte er die Gefahr, die ihn bedrohte, und mehr und mehr ſchien der Ge⸗ danke, daß durch die rückwirkenden Folgen jenes — 173— Unfalls ſeine eigne Ehre auf dem Spiel ſtehe, in ſeinem Innern zur unumſtößlichen Gewißheit zu werden. Auch Minchen, die mittlerweile voll Angſt und Beſtürzung ſich eingefunden hatte, begann, während wir ihn gemeinſchaftlich nach dem Wohn⸗ zimmer hinaufgeleiteten, in Troſtſprüchen und Auf⸗ heiterungsverſuchen aller Art, ſich zu erſchöpfen; aber auch ihre Bemühungen blieben, gleich den meinigen, ohne den gehofften günſtigen Erfolg. Der Zuſtand des Leidenden ſchien mir ſo bedenk⸗ lich, daß er mich allmählig mit den bängſten Ah⸗ nungen und Beſorgniſſen zu erfüllen anfing. Und leider waren dieſe nur zu gegründet! denn bevor noch der heimlich herbeigerufene Arzt ſich einſtell⸗ te, hatte ein Schlagfluß ihn getroſfen, der mit lähmender Gewalt ihn plötzlich des Gebrauchs ſeiner Sinne beraubte und, allen angewandten Hülfsverſuchen zum Trotz, noch vor Einbruch des Abends ſeinem Leben ein Ende machte. Jetzt erſt, da ihm der Athem entfſohen war und der angſtvolle, aber vergebliche Wetteifer, mit welchem wir die drohende Gefahr abzuwehren ge⸗ ſucht, in Thränen und Wehklagen ſich guflöſte, — ietzt erſt gewannen wir Zeit, die Größe des Ver⸗ luſtes zu überſchanen, der, wie ein Blitzſtrahl aus heiterer Luft, im Fluge des Augenblickes unſere ſchönſten Hoffnungen und Entwürfe zertrümmert und zu Grunde gerichtet hatte. Bei aller, nicht ſelten zu weitgetriebenen Vorſicht und Ungßlichkeit, die er in Verwaltung ſeiner kaufmänniſchen Ge⸗ ſchäfte blicken ließ, war es ihm, dem vollkräfti⸗ gen, kerngeſunden Manne, niemals in den Sinn gekommen, ſich ein ſo ſchnelles, überraſchendes Her⸗ annahen ſeines letzten Stündleins als möglich zu denken, oder für einen Fall dieſer Art, in Betreff ſeines zurückbleibenden Eigenthums, die nöthigen Maßregeln und Verfügungen in überlegung zu nehmen. In tiefes, undurchdringliches Dunkel verhüllten daher bei ſeinem Abſcheiden ſich plötz⸗ lich alle die reizenden Bilder, an welchen wir noch vor wenigen Stunden, im ſüßen Vorgefühl des verheißenen Glückes uns geweidet und ergötzt hat⸗ ten. Was blieb uns jetzt von der Zukunft zu er⸗ warten, da die beſchloſſene Erfüllung unſerer ge⸗ heimen Wünſche bloß auf mündlichen Andeutun⸗ gen beruhte, und unter den Papieren des Ver⸗ ſtorbenen, wie ich mit Zuverläſſigkeit wußte, keine auf dieſen Punkt ſich beziehende ſchriftliche Ver⸗ ordnung verhanden war. Den beſtehenden Geſetzen gemäß, fiel, unter ſo bewandten Verhältniſſen, der geſammte Nach⸗ laß dem einzigen Bruder des Verſtorbenen an⸗ heim, der bereits vor mehreren Jahren, nach er⸗ folgter baarer Ausbezahlung des ihm zukommenden Antheils, ſich aus der Handlung zurückgezogen und, um ſeinem Hange zur Knickerei vollere Ge⸗ nüge leiſten zu können, ſich auf einem vom Vater ererbten Landſitze zu Hadersbach, einem acht Mei⸗ len von der Stadt entfernten, ärmlichen Haide⸗ dorfe, häuslich niedergelaſſen hatte.— Das Ver⸗ nehmen, das zwiſchen beiden Brüdern während ihrer Handelsverbindung Statt gehabt hatte, war von ſo unangenehmer Beſchaffenheit geweſen, daß Herr Vollrath ſich daſſelbe nur ungern und nie ohne den ſichtbarſten Ausdruck des innerlichen Grauens und Widerwillens in das Gedächtniß zurückrief. Mit Unterdrückung des natürlichen Gefühls und unter dem Vorwande, daß die be⸗ ſchloſſene neue Lebensweiſe ſich mit der Sorge für das hülfſoſe Geſchöpf nicht füglich vertragen werde, hatte der Abreiſende kalt und gleichgültig — ſein einziges Kind dem Zurückbleibenden zur Pflege und Erziehung überlaſſen, das Schickſal deſſelben ganz in ſeine Willkühr geſtellt, und ſeinen Geſin⸗ nungen und Grundſätzen getreu, ſeit dieſer Zeit denn auch niemals, weder über Bruder noch Toch⸗ ter, irgend eine Erkundigung einzuziehen geſucht. Wie ließ ſich im geringſten vermuthen, daß er ge⸗ neigt ſein werde, unſern Verſicherungen über die nur uns allein bekannten Abſichten des Verſtor⸗ benen Glauben beizumeſſen, einem Liebesbündniſſe, von welchem er bis zu dieſem Augenblick keine Ahnung gehabt hatte, ſeinen Beifall zu ſchenken und großmüthig zu vollenden, was durch den eben eingetretenen ſchmerzlichen Todesfall ſo grauſam zerſtört und unterbrochen worden war! Durch die trübſeligen Zweifel und Beküm⸗ merniſſe, mit welchen wir, während wir den Abend hindurch in dem verödeten Wohnzimmer traurig und niedergeſchlagen neben einander ſaßen, bald über den uns betroffenen harten Verluſt, bald über die dadurch herbeigeführte Ausſichtsloſigkeit unſerer Lage, wechſelsweiſe dem bedrängten Her⸗ zen Luft machten, war indeß nichts zu verbeſſern und zu gewinnen; es mußte zu Abwendung des unſerer — 177— unſerer Liebe drohenden Mißgeſchickes ſchnell ein Entſchluß gefaßt und derſelbe eben ſo ſchnell in's Werk gerichtet werden.— Sobald daher am Morgen des nächſtfolgenden Tages die beiden Bevollmächtigten, die von Seiten der Obrigkeit ſich einfanden, um den Nachlaß vorläufig zu ver⸗ zeichnen und unter Siegel zu nehmen, ſich des ihnen übertragenen Geſchäfts in meinem Beiſein entledigt hatten, verabſchiedete ich mich von Minchen, ſtieg zu Pferde und ſchug, die Stadt im Rücken laſſend, raſch und eilfertig meinen Weg nach Hadersbach ein, um dem dort anſäſſi⸗ gen Bruder des Verſtorbenen, die Nachricht von der ihm zugefallenen Erbſchaft in eigener Perſon zu überbringen, ſeine Gedanken und Geſinnungen zu erforſchen und bei günſtiger Gelegenheit ihm ohne Rückhalt über das zwiſchen mir und ſeiner Tochter beſtehende Verhältniß, den nöthigen Auf⸗ ſchluß zu Theil werden zu laſſen. Es war ſchon ſpät am Abend, als ich, vvm langen ungewohnten Ritt erſchöpft und ermüdet, das Ziel meiner Beſtimmung erreichte. Selbſt in der Dorfſchenke, zu welcher mich der alte Nacht⸗ wächter des Ortes, der mir glücklicherweiſe in [21 den Wurf gekommen war, dienſifertig geleitete, hatte ſich Alles bereits zur Ruhe begeben, erſt nach langem Klopfen und Rufen erſchien ein Knecht des Hauſes, der ſchlaftrunken und ver⸗ drießlich mir die Thür öffnete, ſich, auf mein Bitten, der Pflege und Verſorgung meines Reit⸗ pferdes unterziehen zu wollen, verſprach und nach Erfüllung ſeiner Zuſage, mir ſelbſt in der angrän⸗ zenden Kammer ein Streulager bereitete, auf welchem ich bald in einen tiefen und erquickenden Schlummer verſank. Beim Erwachen war es meine erſte Sorge, mich nach Vollrath's Wohnung und nebenbei nach der Stunde, zu welcher er Beſuch anzuneh⸗ men am geneigteſten ſei, zu erkundigen. Die Wirthsleute, an welche ich mich gewandt hatte, beantworteten den letzten Theil meiner Frage mit einem ſehr zweideutigen Lächeln, indem ſie mir zugleich den tröſtlichen Beſcheid gaben, daß es noch niemand gelungen ſei, dem alten Knauſer, von deſſen Eigenſchaften und Gewohnheiten ſie jetzt mit vereinigten Kräften ein eben ſo widriges als abſchreckendes Bild zu entwerfen anfingen, zur gelegnen Stunde zu kommen, und daß auch — 179— ich daher, beſonders, wenn meinem Zuſpruch etwa der Wunſch nach irgend einer Dienſtleiſtung zum Grunde liege, zuverläſſig keinen ſonderlich gün⸗ ſtigen Empfang zu erwarten habe. Ihrer Schil⸗ derung zufolge, hatten Argliſt und Tücke, Neid und Mißtrauen, Härte und Gefühlloſigkeit, kurz alle die Laſter, die der Geiz zum Gefolge zu haben pflegt, ſein ganzes Weſen dergeſtalt in Be⸗ ſitz genommen, daß ein jeder, der nicht unum⸗ gänglich durch die Verhältniſſe dann und wann zum Verkehr mit ihm ſich genöthigt fand, ihm gern und unaufgefordert den Gefallen erwies, ſich von ſeiner Perſon ſo entfernt als möglich zu halten. Sein Herz war des Gefühls, wie ſein Schornſtein des Rauches, entwöhnt. Rie hatte, ſeit ſeine Anſiedlung zu Hadersbach erfolgt war, irgend ein Geſchöpf in ſeinem Hauſe ſich ſatt gegeſſen, ihn ſelbſt nicht ausgenommen, der ſei⸗ nen Dienſtboten hierin als Muſter voranging, obgleich er ihr unzufriedenes Fluchen und Murren niemals mit der einfach richtigen Bemerkung: „Ich habe es eben ſo ſchlecht als ihr!“ ſondern lieber mit der wohlklingendern Floskel: „Ihr habt es eben ſo gut als ich!“ zu [12*1 — 180— beantworten gewohnt war. Dienſtgefälligkeit und Gaſtfreundſchaft waren in den Ohren des Man⸗ nes, der allem Lebensgenuß abhold, gegen den eignen Leib mit tyranniſcher Strenge zu wüthen fortfuhr, ſo ſchreiende Mißlaute, daß er bei dem bloßen Gedanken an ihre innere Bedeutung ſo⸗ gleich von einem geheimen Schauer befallen wurde. Der Mitbewohner des Dorfes, der im Drange der Noth und Verlegenheit dreiſt und thörig genug war, ſich an ihn zu wenden und ihn um Beiſtand und Unterſtützung anzuſprechen, wurde mit ſchnöden Mienen und Worten, der arme Handwerksburſch, der ſtill und arglos ſich in den Sinn kommen ließ, hier ein wirthliches Dach zu vermuthen, mit Hunden von dannen geſchencht. So lautete der Bericht, der mir, während ich ziemlich kleinlaut und betroffen das herbei beſchiedene Frühſtück verzehrte, über die Denkart des Mannes zu Theil ward, mit welchem ich in ſo wichtige und verhängnißvolle Unterhandlungen zu treten, im Begriff war. Was ich gehört und vernommen, war ganz geeignet, mein Gemüth auf's neue mit den ängſtlichſten Zweifeln und Ahnungen zu erföllen; obgleich ich mich dadurch — 181— freilich nicht durfte zurückhalten laſſen, den Plan meiner Reiſe ſo rüſtig zu verfolgen, als die Be⸗ ſchaffenheit der äußern Umſtände und die Anfor⸗ derungen des eignen Herzens mir dies zum Geſetz machten. In der Gegend angelangt, die man mir als ſeinen Wohnſitz bezeichnet hatte, fiel mir ſchon von fern ein altes, von ehrwürdigen ulmen und Buchen überſchattetes Gebäude in die Augen, deſſen Anblick mir keinen Zweifel übrig ließ, daß ich mit ihm das Ziel meiner Wanderung erreicht habe; ſo vollkommen ſtimmten das durchlöcherte Dach, die am Boden wuchernden Diſteln und Reſſeln, die verſchloſſenen Fenſterladen und der wildwüſte Zuſtand des zur Seite befindlichen Gartens, mit der mir entworfenen Schildernng überein. Noch war ich einige Schritte vom Ein⸗ gange entfernt und ſchon hatte ich urſache, den glücklichen Einfall zu ſegnen, daß ich, ſtatt be⸗ der geſtrigen Ankunft meine Richtung ſchnurſtracks hierher einzuſchlagen, es vorgezogen, in der Dorf⸗ ſchenke zu übernachten; denn mit wüthendem Ge⸗ heul fuhr ein großer abgemagerter Kettenhund aus mich los, zu welchem, ſobald ich die nach Innen — führende Pforte geöffnet hatte, noch zwei ähnliche ausgehungerte Gerippe ſich geſellten, die mit gieri⸗ gen Zähnen mich anzupacken und zu zerfleiſchen droh⸗ ten. Nur mit Mühe gelang es mir, mich ihrer Zudringlichkeit zu erwehren, und noch war ich, ohne den übrigen mich umgebenden Gegenſtänden meine Aufmerkſamkeit ſchencken zu können, mit mei⸗ ner Selbſtvertheidigung beſchäftigt, als eine alte, in ſchmutzige Lumpen gekleidete Magd vor mir ſtand, die mit finſterem, grämlichem Blick mich von oben bis unten zu meſſen und kurz und barſch ſich nach meinem Begehren zu erkundigen anfing. Höchſt erfreut, endlich eines menſchenähnlichen Weſens habhaft zu werden, berichtete ich ihr, daß ich den Herrn des Hauſes zu ſprechen wünſche, dem ich Nachrichten von der größten und drin⸗ gendſten Wichtigkeit zu überbringen habe. Die Alte ſchien einige Augenblicke lang mit ſich ſelbſt in Zweifel, ob ſie meiner Ausſage Glauben bei⸗ meſſen ſollte oder nicht; als ich aber einen noch beſtimmtern Ton annahm und ihr erklärte, daß ich ſie für die nachtheiligen Folgen dieſes Zeitver⸗ luſtes verantwortlich mache, entſchloß ſie ſich endlich, meinem Anliegen Gehör zu geben und — 5— mich nach einem Zimmer zu führen, in welchem ſie mich verweilen und Platz nehmen hieß, wor⸗ auf ſie ſelbſt ſich wieder entfernte um mich an⸗ zumelden. Mit ſchwerbeklommenem Herzen begann ich⸗ ſobald ich allein war, um mich her zu ſchauen. Ich ſah mich von vier düſtern, ruſſigen Wänden umringt, die nur durch eine Unzahl verjährter und beſtaubter Spinnengewebe, mit welchen ſie überall bedeckt waren, einigermaßen ein minder kahles Anſehn gewannen. Der mit Schmutz über⸗ zogene Fußboden erhielt durch den Umſtand, daß zwiſchen den Ritzen und Spalten deſſelben, ein reichlicher Vorrath von Pfifferlingen und Erd⸗ ſchwämmen zu finden war, nicht geringe Ahnlich⸗ keit mit einem Miſtbeet. Die urſprünglich grüne Farbe der Fenſtervorhänge hatte der Zeit und Witterung auf die Länge nicht zu widerſtehen ver⸗ mocht und in ein zweifelhaftes Gelb ſich verloren. Von dem draußen herrſchenden, ſchönen und hei⸗ tern Sommertage hatte man hier nicht die ge⸗ ringſte Ahnung, da die Sonne, wenn man ſie durch das unſaubere trübe Glas der Fenſterſchei⸗ ben betrachtete, all“ ihres erfreuenden Glanzes — 184— beraubt, in blutrothem Licht am Himmel zu ſtehen ſchien. Die feuchte Moderluft, die ich einathmete und die rings verbreitete, nur dann und wann durch das Knurren und Winſeln der Haushunde unterbrochene Todtenſtille trugen, während ich in Gedanken vertieft dem Ausgange des Abentheuers entgegen harrte, ſehr weſentlich dazu bei, die Täuſchung zu vollenden, daß ich, ſtatt unter ein von lebenden Weſen bewohntes Obdach, in ein Grabgewölbe oder Gefängniß gerathen ſei. Jetzt öffnete ſich knarrend die Thür. Ein langer, hagerer Mann von bleicher Geſichtsfarbe und ziemlich ärmlich gekleidet, trat herein, ſchüt⸗ telte bei dem fremdartigen Anblicke, den meine Er⸗ ſcheinung ihm darbot, zweifelhaft den Kopf und ſagte mit ängſtlich ſcheuer Geberde:„Guten Mor⸗ gen! Was bringen Sie mir?“— Der äußerſt auffallende Unterſchied in der äußern Geſtalt, der zwiſchen ihm und meinem verſtorbenen Prinzipal Statt fand, befremdete mich nicht wenig; doch ſuchte ich mich zu faſſen, und ſchon nach Verlauf weniger Minuten war er über die weſentlichſten Punkte des ihm abzuſtattenden Berichtes in Kennt⸗ ——— niß geſetzt. Ein ſeltſames Gemiſch von erkünſtel⸗ ter Traurigkeit und ſchlecht verhehltem Vergnü⸗ gen erhielt während meines Vortrags die ausge⸗ trockneten Muskeln ſeines Geſichts unabläſſig in zuckender Bewegung; je oberflächlicher und zwei⸗ deutiger indeſſen die Rührung zu ſein ſchien, die er bei der Nachricht von dem Ableben ſei⸗ nes Bruders blicken ließ, deſto inniger und auf⸗ richtiger war ſeine Betrübniß, als er die Veran⸗ laſſung erfuhr, welche dieſen Todesfall zunächſt bewirkt und herbeigeführt hatte.„Sollte denn wirklich,“ ſiel er mit einer halb weinerlichen, halb leidenſchaftlichen Miene mir in die Rede:„ſollte wirklich die ganze ausſtehende enorme Summe, von der Sie mir ſagen, glattweg verloren gehen, ohne daß zu ihrer Rettung irgend ein Mittel aus⸗ ſindig zu machen wäre? Ach, ſo hat es der Se⸗ lige von jeher getrieben, immer von ſeinen Mit⸗ menſchen das Beſte gedacht, immer mit unver⸗ nünftiger, unverzeihlicher Leichtgläubigkeit in den Tag hinein gewirthſchaftet! Sagen Sie doch, beſter Freund, läßt ſich zu wenigſtens theilweiſer Einziehung jener Schuldforderung denn ganz und gar keine Anſtalt treffen?“ — 186— Schwer fiel es mir, den Arger und unmuth über die eben vernommenen, gegen den verewig⸗ ten Biedermann gerichteten Ausfälle zu unterdrük⸗ ken und zu verbergen; ſo wie ich die an mich er⸗ gangene Frage nur mit einem leichten, bedenkli⸗ chen Achſelzucken zu beantworten im Stande war. übrigens ertheilte ich, von der Lage der Dinge hinlänglich unterrichtet, ihm die Verſicherung, daß die vorhandene Erbſchaft, allem Anſchein zu⸗ folge, noch beträchtlich genug ſei, um den Statt gehabten Verluſt verſchmerzen und vergeſſen zu laſſen; zugleich äußerte ich, daß zu Empfangnah⸗ me derſelben ſeine perſönliche Gegenwart wohl nicht füglich zu entbehren ſein werde. Kaum war dieſe Bemerkung über meine Lip⸗ ven, als auch das Stöhnen und Klagen von neuem loszubrechen begann.„Ich unglücklicher!“ rief er mit Merkmalen der heftigſten Gemüthsbewa⸗ gung aus:„wie ſoll ich das anfangen? Von lü⸗ derlichen Landſtreichern und Bettlern iſt die Ge⸗ gend angefüllt; von lauter Gaunern und Spitz⸗ buben bin ich umgeben, und ich ſoll mich auf meh⸗ rere Tage und Niächte von meinem ſauererworbe⸗ nen Eigenthum trennen? Sie vergiften mir die N „————— ——— — 187— Hunde, erdroſſeln Knecht und Magd, erbrechen Kiſten und Kaſten, ſchleppen Hab' und Gut auf und davon, und ich finde bei der Zurückkunft das leere Neſt!“ „So ertheilen Sie mir,“ verſetzte ich mit ge⸗ laſſener Miene:„wofern ich Ihnen des Vertrau⸗ ens werth ſcheine, daß Ihr verſtorbener Bruder in mich zu ſetzen gewohnt war, zu Ausgleichung dieſer Angelegenheit, nach üblicher Form, Auftrag und Vollmacht. Ich darf hinzuſetzen, daß ich, eben ſo thätig als gewiſſenhaft, mir bei Betreibung dieſes Geſchäfts Ihre volle Zufriedenheit zu er⸗ werben hoffe!“ „Vertrauen! Vollmacht!“ entgegnete er mit einem Schrei des Entſetzens, indem er mich wild bei den Schultern packte und einen durchbohren⸗ den Blick auf mich heftete, der meine geheimſten Gedanken und Regungen ergründen zu wollen ſchien. Ich machte beſtürzt und erſchrocken mich von ihm los, worauf er ſich mit beiden Händen den Kopf zu halten und, im peinlichſten Gemüths⸗ kampfe begriffen, mit ſtarken Schritten im Zimmer hin und her zu irren begann. Endlich, nach em⸗ ſig fortgeſetzten Sinnen und Erwägen, zeigte der — 188— eintretende Wechſel in ſeinen Geſichtszügen, daß es ihm gelungen ſei, einen Einfall zu erhaſchen, in deſſen Vollführung er aus aller Noth und Ver⸗ legenheit der vermittelnden Ausweg gefunden zu haben glaubte.„Mein Entſchluß iſt gefaßt!“ rief er mit Lebhaftigkeit aus.„Ich reiſe mit Ihnen; ich nehme in eigner Perſon, wie Sie es ſelbſt für zweckdienlich erachten, die Erbſchaft in Augenſchein und Empfang! Morgen mit dem früheſten, ehe noch irgend jemand im Dorfe auf den Beinen iſt, reiſen wir ab. Deshalb binde ich Ihnen die ſtrengſte Verſchwiegenheit auf die Seele und bitte Sie inſtändigſt, mein gefährliches Vorhaben nicht zu verrathen. Niemand darf erfahren, daß ich mich auf ſo lange Zeit von Haus und Hof zu ent⸗ fernen, daß ich Sie zu begleiten geſonnen bin!“ Ich erklärte ihm, daß er in Betreff dieſes Punktes ſich nicht die geringſte Unruhe zu machen brauche, und alsbald erging, nicht ſowohl, wie ich für den Augenblick zu glauben geneigt war, aus Erkenntlichkeit für die ihm geleiſtete Zuſage, als vielmehr aus anderweitigen Rückſichten, über welche ich erſt ſpäterhin nähern Aufſchluß gewann, die Einladung an mich, meine bisherige Herberge zu —————— — 189— verlaſſen und für die noch übrige Zeit melnes Hitr⸗ ſeins Quartier in ſeinem Hanſe zu nehmen, allwo auch für mein Reitpferd beſtens geſorgt werden ſollte.— Ich hatte meine triftigen Gründe, dem großmüthigen Anerbieten geneigtes Gehör zu ſchen⸗ ken und ſogleich wies er mir zu dieſem Behuf⸗ nachdem er unterweges der alten Hausmagd eini⸗ ge, wahrſcheinlich auf das zu veranſtaltende Mit⸗ tagsmahl ſich beziehellde Worte in's Ohr geraunt hatte, ein im obern Stock befindliches Zimmer an, das, minder dunkel und unfreundlich, als das eben verlaſſene, zugleich eine etwas geſundere Luft enthielt und die Ausſicht nach dem Garten darbot. Einzig und allein mit dem Gedanken an das in Beſchlag zu nehmende Erbgut beſchäftigt, hatte der gefühlloſe Halbmenſch bis zum gegenwärtigen Augenblick noch mit keiner Sylbe ſeiner Dochter erwähnt, obgleich er ſeit länger als zwölf Jahren von ihr getrennt geweſen und, als geſchworner Feind alles koſtſpieligen Briefwechſels, während dieſes Zeitraums über das Schickſal der Zurückge⸗ laſſenen in völliger ungewißheit geblieben war. Auch ſogar jetzt, als er ſich von mir trennte, um, ſeiner Angabe nach, mit den Anſtalten und Vor⸗ — 190— kehrungen zur beabſichtigten Reiſe den Anfang zu machen, kam es ihm, zu meinem überhand neh⸗ menden Befremden nicht in den Sinn, den ge⸗ dachten Gegenſtand zu berühren. Deſſenungeach⸗ tet blieb es mein feſter Vorſatz, bei der Mittags⸗ mahlzeit ſeinen eigennützigen Fragen und Nachfor⸗ ſchungen über die einzelnen Beſtandtheile des Nach⸗ laſſes nicht ferner Rede zu ſtehen, ſondern das Geſpräch unverzüglich auf Minchen zu lenken, ſie zum ausſchließlichen Inhalt der Unterredung zu machen und auf dieſe Weiſe zugleich mit Er⸗ örterung der zwiſchen uns Statt findenden Her⸗ zensangelegenheiten ihm näher und näher zu rücken. Leider ſah ich mich in der Erwartung, das die ganze Tiſchgeſellſchaft nur aus mir und dem Wirth beſtehen, mithin bei Verfolgung meiner ge⸗ heimen Entwürfe mir kein laſtiger Zeuge im We⸗ ge ſein werde, auf das grauſamſte getäuſcht; denn als ich auf erhaltenen Wink im Speiſezimmer mich einſtellte, fand ich zu meinem großen Ver⸗ druß den Tiſch für drei Perſonen gedeckt. Auch währte es nicht gar lange, als mit feierlich abge⸗ meſſenen Schritten ein fremder Mann, von höchſt auffallendem Weſen und Anſehen, herein trat, der — — 191— zur Begrüßung mir einen halb vornehmen, halh verächtlichen Seitenblick zuwarf und, während die Magd jetzt das Eſſen auftrug, ſtumm und in ſich ſelbſt vertieft mit uns am Tiſche Platz nahm. Er war von kurzer, gedrungener Leibesgeſtalt; ſein dunkelfarbiger, phantaſtiſcher Anzug erſchien als Mittelding von Reiſemantel und Schlafrock, ein breiter, lederner Riem umgürtete ſeine Hüften, und von einer ſchwarzen Sammetfappe war der Wir⸗ bel ſeines ungemein dicken, und faſt ganz aus Glatze beſtehenden Kopfes bedeckt. Vergebens machte ich, im Fortgange des Geſpräches, das freilich, den eingetretenen umſtänden zufolge, nur über ſehr gleichgültige Dinge ſich erſtreckte, eini⸗ gemal den Verſuch, ihm Rede abzugewinnen; er würdigte mich keiner Antwort, ſo wie auch zwi⸗ ſchen ihm und dem Wirth des Hauſes während der ganzen Zeit nicht eine einzige Sylbe gewech⸗ ſelt wurde. lüberdies begann letzterer, als ob es in ſeinem Plan liege, den aufgeſetzten gebratenen Truthahn nur als Schaugericht gelten zu laſſen, gar bald mit ſo ſichtbarer Unruhe und Ungeduld auf ſeinem Stuhl hin und her zu rutſchen, und über die Menge von Verfügungen, die er in Be⸗ —— treff der beabſichtigten Reiſe noch zu beſeitigen ha⸗ be, wieder auf ſo ängſtlich dringende Weiſe ſich auszulaſſen, daß ich, ohne unhöflich zu ſein, nicht füglich umhin konnte, den unabläſſig fortgeſetzten Winken und Anmahnungen Folge zu leiſten und, obwohl kaum halb geſüttigt, mir den Schein zu ge⸗ ben, als ſei ich unfähig noch einen Biſſen weiter zu mir zu nehmen, worauf die Mahlzeit unverzüglich für aufgehoben erklärt wurde, und durch den rück⸗ ſichtsloſen Gleichmuth, mit welchem meine beiden Tiſchgeſellſchafter, ohne ſich irgend um mich zu bekümmern, das Zimmer verließen, um ihren Ge⸗ ſchäften nachzugehen, die Wahl und Sorge für meinen Zeitvertreib während der Mittagsſtunden mir ſelbſt anheimgeſtellt und überlaſſen blieb. Ich hatte nicht ſonderliche Luſt, mich in das Zimmer einzukerkern; deshalb benutzte ich die mir ſtillſchweigend eingeräumte Befugniß und ſchlen⸗ derte nach dem Garten hinaus, der ſchon früher meine Neugierde rege gemacht und den Vorſatz, ihn gelegentlich näher zu beſichtigen, in mir er⸗ zeugt hatte. Die von ſeiner ehemaligen anmuthi⸗ gern Beſchaffenheit vorhandenen überreſte erfüllten das Herz zugleich mit Wehmuth, zugleich mit Unwil⸗ — 193— Unwillen gegen den jetzigen, alles Gefühls für die Reize der Natur und Kunſt ermangelnden Beſitzer, durch deſſen ſorgloſe Gleichgültigkeit das vernach⸗ läſſigte Grundgebiet allmählig in den Zuſtand ſo gänzlicher Verwilderung gerathen war. Gleich am Eingange ſtützte ein ſteinerner Herkules mit kräf⸗ tiger Schulter die den Einſturz drohende Seiten⸗ wand eines Luſthauſes, das, ſeiner frühern Beſtim⸗ mung verluſtig gegangen, gegenwärtig die Stelle einer Holzſchauer vertrat. Vom verſtümmelten Rumpf der Juno hing die eine Hälfte, zu Her⸗ vorbringung des beim Waſſerſchöpfen erforderlichen Gegendruckes, am Schwengelbalken des Brun⸗ nens, während die andere, zu Schärfung der ſtumpfgewordenen Sicheln und Senſen, als Schleifſtein benutzt wurde. Auf dem Buſen der Venus ruhte ein altes, vom Sturmwind abge⸗ brochenes Pfirſichgeländer, das beim umſinken, mit Zurücklaſſung ſehr deutlicher Spuren und Merkmale, am Geſicht der Göttin hinabgerutſcht und an den vorgefundenen Stützpunkten hängen geblieben war. Einem öhnlichen, aber in ſeinen Folgen noch verderblichern Mißgeſchick zum Opfer geworden, hatte der Götterbote auf ſeinem Fuß⸗ [61 —— geſtell das Gleichgewicht verloren und beim Hin⸗ abſturz ſchmählich den Hals gebrochen. Auch Apollo lag, gräulich verunſtaltet, im hohen Graſe und ſeine zertrümmerte Leyer, nebſt dem Arm, der ſie gehalten, in traurigen Bruchſtücken um ihn herum. Alle übrige, noch in aufrechter Stellung ſich befindende Gottheiten hatten ſämmtlich, theils durch die ſchnöde Fahrläſſigkeit des Garteneigen⸗ thümers, theils durch die rohen Kraftäußerungen des Muthwillens und der Schadenfrende, ſo be⸗ dentend gelitten und waren überdies von oben bis unten dergeſtalt mit Schimmel und Moos über⸗ wachſen, daß es ſchwer ſiel, ſie noch für dasjeni⸗ ge zu erkennen, was ſie, aus den Händen des Bildners hervorgegangen, chemals vorgeſtellt hatten. Ein gleicher Unſtern waltete über den ans früherer Zeit herrührenden Anlagen und Einrich⸗ tungen, auf deren ehemalige Beſtimmung ebenfalls nur noch aus einzelnen Spuren und Andeutungen zu ſchließen war. Die nus den grünen Seiten⸗ wänden der Luſigänge von Jahr zu Jahr hervor⸗ ſproſſenden jungen Reiſer und Ranken hatten zum Theil ihre Richtung quer über den Weg hinüber genommen und, nach erfolgter Begegnung, ſich — ———— — 195— ſo traulich und unzertrennlich in einander geſchlun⸗ gen, daß der Verſuch, hier Bahn brechen zu wol⸗ len, ſelbſt dem entſchloſſenſten Brombeerenleſer als thöriges und tollkühnes Unternehmen vorge⸗ kommen ſein würde. Die verwilderten, ſchon längſt keinem Sonnenſtrahl mehr zugänglichen Gartenlauben wurden von Spinnen und Fleder⸗ mäuſen bewohnt, und das mit Schilf bewachſene, von Schlamm und Moder erfüllte Becken des in Stockung gerathenen Springbrunnens war der Aus⸗ enthalt unzähliger Unken und Fröſche, die bei mei⸗ ner Annäherung, erſchrocken über den ungewohn⸗ ten Beſuch, die Stimmen erhoben und mit einem betäubenden Concert mich begrüßten. Nur mit Mühe und Anſtrengung glückte es mir, indem ich auf meiner Wanderung weiter und weiter vorzu⸗ dringen ſuchte, durch ein an den Garten ſtoßen⸗ des pfadloſes Gehölz den Durchweg zu gewinnen und endlich zur freien Ausſicht nach einer Wieſe zu gelangen, auf welcher die Ziegen und Rinder meines Wirthes weidend umhergingen. Bei Er⸗ blickung der letztern glaubte ich die magern Kühe des Pharao leibhaft vor mir zu ſehen; auch in dem Weſen und Aufzuge ihres Hüters, eines Bur⸗ [13*] — — 196— ſchen von etwa ſechzehn Jahren, der mit geſenk⸗ tem Haupt auf einem benachbarten Mooshügel ſaß, ſprachen die Merkzeichen des Elends und Hun⸗ gerleidens auf ſo rührende Weiſe ſich aus, daß ich, von Mitleid und Erbarmen ergriffen, unwill⸗ kührlich nach der Taſche fuhr, um ihm ſchnell ei⸗ nen Zehrpfennig in die Hand zu drücken. Der Dank, zu welchem die dargereichte Gabe ihn be⸗ geiſterte, beſtand in heftigen, gegen die Knauſerei eines Brodherrn gerichteten Anklagen und Ver⸗ wünſchungen, die ich jedoch in ihrer ganzen Breite und Ausführlichkeit anzuhören, nicht für gerathen hielt. Mit einigen chriſtlichen Troſtſprüchen und Ermahnungen, wie ſie mir zunächſt in den Sinn kamen, entfernte ich mich von ihm, irrte noch eine Zeitlang in der mich umgebenden Wildniß hin und her und kehrte, als endlich der Abend zu dimmern begann, verſtimmt und mißmuthig nach dem Innern des Hauſes zurück⸗ Ich fand mich, nachdem ich in das mir ange⸗ wieſene einſame Gemach getreten war, wieder von der Todtenſtille umringt, die ſchon in den erſten Angenblicken meiner Ankunft mich mit ſo bangem Unbehagen erfüllt hatte und jetzt, nach Maßgabe der mehr und mehr überhand nehmenden Dunkel⸗ heit nur noch ſchauerlicher zu werden anfing. Alles ſchien ſich bereits zur Ruhe begeben zu haben, niemand bekümmerte ſich um mich, und mit recht ſchmerzlichem Gefühl ſehnte ich mich nach der Dorfſchenke zurück, wo man mir für Geld und gute Worte wenigſtens ein Abendeſſen vewilligt haben würde, auf welches ich hier, wie ſich immer deutlicher ergab, gänzlich Verzicht zu leiſten hatte. Mit verdrußvoller Ergebung in mein Schickſal warf ich mich, nur halb entkleidet, auf das für mich bereitete Lager, ſuchte mir die widrigen Eindrücke, welche der Aufenthalt in die⸗ ſem Hauſe auf mich gemacht hatte, möglichſt aus dem Sinn zu ſchlagen und verſank endlich in eine Art von Halbſchlummer, der die Stürme des Unmuths, ſo wie die dringenden Anmahnungen des Hungers glücklich zum Schweigen brachte. Ein Paar Stunden mochten auf dieſe Weiſe verſtrichen und die Mitternacht herangenaht ſein, als ich durch ein verdächtiges, draußen auf dem vor meinem Zimmer befindlichen Gange, ent⸗ ſtehendes Geräuſch, erweckt wurde. Betroffen fuhr ich auf, horchty mit fiillgeſpannter Aufmerk⸗ — 198— ſamkeit nach der Gegend hin und klar und deut⸗ lich vernahm mein lauſchendes Ohr jetzt die An⸗ näherung ſchleichender Fußtritte und das verſtoh⸗ lene Umhertappen einer geſchäftigen Hand, deren Ziel und Beſtreben die Erreichung meines Schlaf⸗ gemaches zu ſein ſchien.— Die Verlegenheit und Beklemmung, in welche ich bei dieſem ſeltſamen Vorfalle zu gerathen anſfing, war indeß nicht von gar langer Dauer, denn bevor ich noch über die dabei zu ergreifenden Maßregeln mit mir ſelbſt einig geworden war, wurde leiſe und behutſam die Thür und faſt zu gleicher Zeit der Blech⸗ deckel einer, bis dahin verſchloſſen geweſenen Blendlaterne geöffnet, bei deren Schimmer ich ſogleich, zu meiner nicht geringen Verwunderung, den Wirth des Hauſes erkannte.„ Entſchuldigung, beſter Herr Heidler!“ ſagte er mit flüſterndem Ton und geheimnißvoller Geberde:„daß ich ſo frei bin, Sie in der Ruhe zu ſtören und noch in ſo ſpäter Racht um eine Gefälligkeit zu erſuchen, die Sie mir hoffentlich nicht verweigern und ab⸗ ſchlagen werden!“— Ich konnte nicht umhin, mein zweifelvolles Befremden über den unerwar⸗ teten Beſuch gegen ihn laut werden zu laſſen; — 199— gab ihm jedoch zugleich zu erkennen, daß ich in ehrbaren und ſchicklichen Dingen zu jeder Stunde zu ſeinen Dienſten bereit ſei.„So haben Sie die Güte mir zu folgen!“ fuhr er mit einem zufriedenen Kopfnicken zu flüſtern fort, indem er die Laterne ſorgfültig wieder verſchloß, mich bei der Hand ergriff und mit ſich fortzog. Die unter dem tiefſten Stillſchweigen voll⸗ führte nächtliche Wanderung ging nach ſeinem Schlafzimmer hinab, das, in einem entfernten Winkel des Hauſes gelegen, durch rieſenhafte Thürſchlöſſer und Gitterfenſter geſchützt und von einer Hllampe ſparſam erhellt wurde. Hier an⸗ gelangt, wandte mein ängſtlich zitternder Führer, indem er meine Hand los ließ, ſich mit der Bitte an mich, ihm eine unter dem Bett beßindliche eiſerne Kiſte, die er ohne fremden Beiſtand vom Platze zu bewegen nicht vermögend ſei, von hier fortzuſchaſfen und nach einem ſichern Orte beför⸗ dern zu helfen, den er zu dieſem Behuf bereits auserwählt und in erforderlichen Stand geſetzt habe.„Sie enthält,“ fügte er mit trübſeligem Geſicht hinzu:„nebſt einigen Sachen von minder bedeutendem Werth, meine mit ſauerm Schweiße — 200— erworbene Baarſchaft an klingender Münze, die ich, um während meiner Abweſenheit vor Betrug und Diebſtahl geſichert zu ſein, zuförderſt in aller Vorſicht und Stille auf die Seite räumen muß. Ohne dienſifertige Mithülfe iſt mir dies nicht möglich, und Sie ſind es, in deſſen verſchwiegene Bereitwilligkeit ich, in Ermangelung einer ander⸗ weitigen Seele, mein unumſchränktes Vertrauen zu ſetzen entſchloſſen bin. Faſſen Sie nur an, Beſter, und laſſen Sie uns mit gemeinſchaftlichen Kräften und ſo ſill und behutſam als mäöglich, das Werk vollführen!“ Ich zauderte nicht einen Augenblick, ihm zu Rechtfertigung des in mich geſetzten ehrenvollen Vertrauens, bei dem beabſichtigten Geſchäft hülf⸗ reiche Hand zu leiſten, und wohlbehalten und unbemerkt erreichten wir, obgleich es zu Hand⸗ habung der fortzuſchaffenden Wucht unſerer ganzen Anſtrengung bedurfte und die Arbeit daher nur langſam von ſtatten ging, die Tiefe des Keller⸗ gewölbes, das zur Aufnahme und Verwahrung des Schatzes beſtimmt war. Ganz der früheren Ausſage gemäß, fand ich hier alle zu dieſem Zweck erforderlichen Anſalten ſchon getroffen. Mit — 201— übermenſchlichem Fleiß hatte der betriebſame Hausherr, deſſen peinliche Unruhe bei der Mit⸗ tagstafel mir jetzt ſehr begreiflich zu werden an⸗ ſing, in einer Ecke des unterirdiſchen Bezirks den Bodengrund aufgebrochen und ein tiefes und ge⸗ räumiges Loch gegraben, in welchem ich, während wir gemeinſchaftlich die herbeigeſchleppte ſchwere Bürde hinabſenkten, hereits verſchiedene andere Kiſten und Kaſten von geringerem Umfange be⸗ merkte, zu deren Sicherung meine mitwirkende Unterſtützung, allem Anſcheine nach, nicht von⸗ nöthen geweſen war. Nach Vollendung des Werkes, als der Grund wieder geebnet und mit gllerhand im Keller umherliegendem alten Geräth und Gerüll überdeckt worden war, begleitete Herr Voll⸗ rath mich bis nach meinem Zimmer zurück, er⸗ theilte hier, mit der angelegantlichſten Beſorgniß für meine Geſundheit, mir den Wink, mich noch ein Paar Stunden der Ruhe zu überlaſſen, nach deren Verlauf er, zum Antritt der beſchloſſenen Reiſe, in eigner Perſon mich wecken wolle, und gab ſich, ungeachtet meiner wiederholten Ver⸗ ſicherung, daß ich, völlig ermuntert, keines — 262— Schlafs weiter bedürfe, nicht eher zufrieden, bis ich, um der läſtigen Beſtürmungen überhoben zu werden, ſcheinbar nachgebend, mich ſeinem Willen gefügt und in ſeiner Gegenwart das Lager wieder beſtiegen hatte. Jetzt entfernte er ſich, und als ich einige Minuten nachher durch ſein längeres befremdliches Verweilen auf dem Flurgange dazu veranlaßt, die Stubenthür unterſuchte, fand ich, daß er dieſelbe, um den Mitwiſſer ſeines Geheim⸗ niſſes einſtweilen in gelinder Gefangenſchaft zu halten, von außen mit einem Vorlegeſchloß ver⸗ ſehen und verwahrt hatte. Ein ſo ſchändlicher Argwohn empörte mein ganzes Gefühl und erfüllte mein Innerſtes mit unwillen und Verachtung gegen den hetzloſen Grizhals, dem nur durch Riegel und Schlöſſer das Vertrauen hinlänglich geſchützt und geborgen ſchien, deſſen er noch vor kurzem mit heuchleri⸗ ſcher Geberde mich zu verſichern geſucht hatte. Dem zufolge konnte ich, als er zur feſigeſetzten Zeit ſich einfand, um mich zum Frühſtück abzu⸗ rufen, nicht umhin, ihm meinen Urger und Ver⸗ druß über ſein beleidigendes Verfahren in den beſtimmteſien Ansdrücken zu rrkennen zu geben — 203— und ihm anzudeuten, daß ich cher jede andere unwürdige und zurückſetzende Behandlung meiner Perſon, als irgend einen mißtrauiſchen Zweifel in die Rechtlichkeit meiner Geſinnungen und in die Zuverläſſigkeit meines gegebenen Wortes zu ertragen im Stande ſei. Er machte große Augen, als er mich, unter den gegen ihn erhobenen Vor⸗ würfen, mit heftigen Schritten im Zimmer auf und abgehen ſah, verſicherte indeſſen, daß er ſelbſt ſo eben in nicht geringeres Erſtaunen gerathen ſei, die Thür meines Zimmers auf dieſe Art verſperrt zu finden, und daß ich dies mithin theils der Gewohn⸗ heit, nach welcher er des Abends ſämmtliche Ge⸗ mächer des Hauſes eigenhändig zu verſchließen pflegte, theils der ſinnverwirrenden Zerſtreuung, in der er ſich gegenwärtig beſinde, zuſchreiben müſſe. Ich wußte auf dieſen Entſchuldigungsgrund, wie kahl und gehaltlos er mir auch vorkam, nichts zu erwiedern, unterließ es daher, mit fer⸗ neren Ausbrüchen des Unmuths und der Erbitte⸗ rung ihn zu überhäufen, packte und ſchnürte in aller Eilfertigkeit meinen Mantelſack und ließ mich nach dem Speiſezimmer hinabführen, wo uns das aus einer warmen Bierſuppe beſtehende Frühſtück bereits entgegen dampſfte. In wenigen Augenblicken war es verzehrt und unverzüglich wurde jetzt zum Aufbruch geſchritten. Ich beſtieg mein Reitpferd, dem es, in Betreff der Leibes⸗ pflege, nicht beſſer ergangen zu ſein ſchien, als mir; Herr Vollrath einen leichten, mit Wachs⸗ tuch überſpannten Flechtwagen, der von dem jungen Kuhhirten, deſſen Bekanntſchaft ich geſtern gemacht hatte, gelenkt wurde, und raſch ging die Reiſe von dannen. Am ößlichen Himmel begann es eben zu tagen, in den Häuſern des Dorfes, durch welches der Weg zunächſt führte, war noch alles ruhig und ſtill, und der Wunſch meines Gefährten, aus der umgegend ſeines Wohngebietes ungeſehen und unbemerkt zu ent⸗ kommen, wurde glücklich erreicht. Eine unbezwingliche, aus den vorhergegan⸗ genen übermäßigen Anſtrengungen entſtandene Schlafſucht und Mübigkeit vorſchützend„kam er während der ganzen Reiſe nicht wieder zum Vor⸗ ſchein, ſondern ſaß, ſo oft ich auch dem Wagen mich näherte, um einige Worte mit ihm zu wech⸗ ſeln, ſtets mit feſigeſchloſſenen Augen unter ſei⸗ —— nem Schirmdach und ſchien fortwährend in den tiefſten Schlummer verſunken. Anch als wir gegen Mittag die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten und der Kuhhirt, auf einen von mir erhal⸗ tenen Wink, mit dem Fuhrwerk vor einem an⸗ ſehnlichen Wirthshauſe ſtill hielt, würdigte er mich auf die Anfrage, ob er nicht ausſteigen und mir bei dem Mittagsmahl, das ich hier zu halten gedenke, Geſellſchaft leiſten wolle, anfangs gar keiner Antwort; da er mir dieſe jedoch„auf mein fortgeſetztes Rufen und Rütteln, endlich durch⸗ aus nicht länger verweigern konnte, warf er mit halbgeöffneten Blicken ſich nach der andern Ecke des Wagens, ſtellte ſich ſchlaftrunken und beſchwor mich aufs ſſehendlichſte, ihm noch eine Zeitlang den Genuß dieſer erquickenden Ruhe zu gönnen, die ihm willkommener und heilſamer ſei, als alles Eſſen und Trinken.„Daß Du mir mur keine unnöthigen Koſten verurſachſt, Niklas! das rath ich Dir! für zwei Bündel Heu bezahl' ich; ſonſt für nichts einen rothen Heller!“ rief er dem Wagenlenker zu, den er bereits mit Ansſpannung der Pferde beſchäftigt ſah. Dieſer kehrte ſich, durch die von mir empfangene Vollmacht ermuthigt, 4 — 206— nicht im geringſten an die ausgeſtoßene Drohung, ſondern zog die ausgehungerten Thiere flink und wohlgemuth nach dem Stalle, ließ ihnen hier nach Herzensluſt aufſchütten und eröffnete mir ſpäter⸗ hin, beim behaglichen Genuß der Gottesgaben, für deren Herbeiſchaffung ich auch zu ſeinen Gun⸗ ſten mittlerweile Sorge getragen, ganz im Ver⸗ tranen, daß der alte Herr einen Sack mit Mund⸗ vorrath bei ſich führe, dem er ſchon ein paar Mal ganz heimlich und verſtohlen zugeſprochen, wes⸗ halb denn auch ſeine Gleichgültigkeit gegen die Anfechtungen des Hungers, ſo wie ſein hartnäckig ausdauerndes Verweilen im Wagen gar leicht zu vegreifen ſei. Der geſchwätzige Burſche ermangelte nicht, mir bei dieſer Gelegenheit eine Menge von ein⸗ zelnen Zügen und Thatſachen aufzutiſchen, welche ſämmtlich die Sinnesart und Handlungsweiſe des alten Knickers in ein ſo unvortheilhaftes Licht ſtellten, daß mir, in Betreff der eignen Angelegen⸗ heiten, von dem Ausgange des fernern nothge⸗ drungenen Verkehrs mit ihm mehr und mehr zu grauen anfing. über den ſtumm in ſich ſelbſt ver⸗ ſchloſſenen Glatzkopf aber, der beim geſtrigen Mit⸗ 2 9 — ₰ tagsmahl mrinr Verwunderung und Neugierde in ſo hohem Grade rege gemacht hatte, und über welchen ich jetzt nähere Erkundigung einzuziehen ſuchte, wußte er mir nichts weiter zu berichten, als daß derſelbe ſich ſeit ungefähr einem Viertel⸗ jahr zu Hadersbach aufhalte und einen abgeſon⸗ derten Theil des Gebäudes bewohne, den niemand von den Hausgenoſſen jemals betreten dürfe, Herrn Vollrath ſelbſt ausgenommen, mit welchem er⸗ wie es den Anſchein habe, in jenem ſtrengverwahr⸗ ten und unzugänglichen Revier von Zeit zu Zeit allerlei geheimnißvolle Verrichtungen zu treiben pflege. Das Walten und Schaſfen des wun⸗ derlichen Fremden, der außerhalb der Mauern des Hauſes ſich uiemals und nirgends erblicken laſſe, ſei demnach in ein undurchdringliches Dunkel ge⸗ hüllt; niemand wiſſe, von wannen er gekommen, wie er mit Namen heiße und was ſein Aufenthalt unter jenem, ſonſt ſo ungaſtlichen Wohndach zum eigentlichen Zweck habe. Wenig befriedigt durch den räthſelhaften In⸗ halt des vernommenen Berichtes und in mancher⸗ lei Zweifel und Muthmafſungen mich verlierend, erhob ich mich von meinem Sitze, bezahlte die Zeche — 208— und ließ an den Burſchen, der freilich noch reich⸗ lichen Stoff zu Mittheilungen ſolcher Art in Vor⸗ rath zu haben ſchien, den Auftrag ergehen, jetzt ohne weitern Zeitverluſt zur Fortſetzung der Reiſe ſich anzuſchicken. Die Mittagsſonne lag ſtechend und brennend auf der Glanzdecke des vor der Hausthüre ſtehenden Wagens, kein kühles Lüftchen erfriſchte dil drückend heiße Luft; Herr Voll⸗ rath aber, der gegen die Eindrücke der Hitze und Kälte gleich unempfindlich zu ſein ſchien, war nicht von der Stelle gewichen, ſondern befand ſich noch ganz in der nehmlichen Lage, in welcher ich ihn vor einer Stunde verlaſſen hatte. Die Reiſemütze tief in die Augen gedrückt und die Arme nachlaͤſ⸗ ſig über die Bruſt gekreuzt, ſchien er es gar nicht zu bemerken, daß der Wagen in erneute Bewe⸗ gung gerieth. Auch für den Reſt des Weges blicb er der Rolle getreu, die er zu ſpielen ſich vorge⸗ ſetzt, und erſt als wir mit dem ſinkenden Tage die Gebietsgränzen der Stadt erreichten, begann er ſich aus der bisher an ihm wahrgenommenen kunſtreichen Schlafſucht und Betänbung allmäh⸗ lig zu ermuntern, den Kopf dann und wann aus ſeinem Schlupfwinkel hervorzuſtecken und mit for⸗ ſchen⸗ — 209— ſchendem Blick bald rechts, bald links nach den Gegenſtänden der frühern Bekanntſchaft ſich um⸗ zuſchauen. Am Ziel eingetroffen, half ich ihm vom Wagen, ergriff ſeinen Arm und geleitete ihn die vor dem Eingange befindlichen Quaderſtufen hin⸗ auf. In dem nehmlichen Angenblick, da ich die Thür öffnete, kam Minchen, die ſrer Ankunft vereits inne geworden war, in Trauerkleider ge⸗ hüllt und mit einem Licht in der Hand, die Treppe herunter, um uns zu empfangeu.) „Was für ein junges Frauenzimmer?“ fragte, ihrer anſichtig werdend, der Zerſtreute, den von ſeinen habſüchtigen, auf einen einzigen Punkt gerichteten Gedanken und Vorſtellungen ſelbſt der langentbehrte Anblick des einzigen Kindes nicht abzubringen im Stande war. „Ihre Tochter und meine Braut!“ verſetzte ich, einer augenblicklichen Eingebung Folge lei⸗ ſtend, keck und entſchloſſen, indem ich ihm die in Schmerz und Wehmuth verſunkene Geliebte feier⸗ lich vorſtellte. Das kam ihm unerwartet! Erſtaunt und be⸗ troffen ſchaute er ein Paar Sekunden lang mit [141 — 210— ſcharf durchdringendem Blick mir in die Augen, erwiederte jedoch meine kühne jußerung mit kei⸗ ner Sylbe, ſondern ließ ruhig und geduldig von Minchen, der beim Wiederſehen des Vaters das volle Herz aufging, ſich zur Bewillkommnung um⸗ armen, und verfügte alsbald an ihrer Seite ſich nach dem Wohnzimmer hinauf, während ich, ei⸗ nem ſchon früher ertheilten Verſprechen zufolge, wieder von dannen eilte, um Wagen und Pferde in einem nahegelegenen Wirthshauſe unterzubringen. Bei meiner Rückkehr fand ich Minchen in Thränen und ihren Vater mit Wiederholung aller der läſternden Vorwürfe und Anſchuldigungen be⸗ ſchäftigt, die er mir bereits, erboßt über die Schmä⸗ lerung der von ihm zu erhaſchenden Beute, anzuhö⸗ ren gegeben. Gern hätte er, wie aus ſeinem Be⸗ nehmen deutlich hervorging, ſich noch heute über den eigentlichen Betrag und Brelauf der Erbſchaft genauer in Kenntniß geſetzt; zu ſeinem großen Leid⸗ weſen aber nöthigte ihn, während der Umſtand, daß der Leichnam ſeines Bruders, für deſſen Be⸗ erdigung man den nüchſtfolgenden Tag feſtgeſetzt hatte, noch im Hanſe befindlich war, ihn, dem Anſcheine nach, wenig bekümmerte, die hergebrachte — W— Form und Ordnung des Geſetzes, ſich mit ſeiner zügelloſen, jede zartere Rückſicht verſchlingenden Begierde bis übermorgen zu getröſten und zu ge⸗ dulden. Als der Begräbnißtag vorüber und der von ihm ſo heiß erſehnte Morgen, an welchem die mit Entſiegelung des Nachlaſſes beauftragten Gerichts⸗ Perſonen erwartet wurden, endlich erſchienen war, benutzte der alte Schlaukopf, der ſich bisher da⸗ mit begnügt hatte, meine Schritte mit Argusau⸗ gen zu bewachen und eben dadurch jede geheime unterredung mit Minchen zu hintertreiben, ei⸗ nen Augenblick, wo außer uns Beiden ſich nie⸗ mand weiter im Zimmer befand, um ſich über die eigentliche Beſchaffenheit des zwiſchen mir und meiner liebenswürdigen Hausgenoſſin obwaltenden Verhältniſſes näheren Aufſchluß zu erbitten.„Sie äußerten ſich,“ hub er mit gerunzelter Stirn zu ſprechen an:„am Abend unſerer Ankunft auf eine Weiſe, die mein ſehr lebhaftes Befremden erregen mußte. Die in ſo bündigen und beſtimmten Aus⸗ drücken abgefaßte Erklärung, die ich von Ihnen vernahm, nöthigt mich zu der eben ſo ernſten An⸗ frage, worin die Anſprüche und Befugniſſe beſte⸗ [14*] — 212— hen, durch welche Sie ſich zu Anknüpfung eines Einverſtindniſſes dieſer Art berechtigt glanben konnten.— Der Beruf, für welchen mein Bru⸗ der Sie beſoldete, beſchränkte ſich, meines Wiſſens und Erachtens auf die Verpflichtung, die Hand⸗ lungsgeſchäfte tren und gewiſſenhaft verwalten zu helfen. Daß Sie zugleich für gut fanden, ſich bei dieſer Gelegenheit in Minchen zu verlieben, mag dahin geſtellt ſein. Fragen muß ich jedoch aus welchen Gründen Sie die Erlangung ihres Beſitzes, ſelbſt ohne Zuzichung der väterlichen Ein⸗ willigung, für ſo entſchieden und ausgemacht hiel⸗ ten? Was haben Sie meiner Tochter zu bieten, um ihr jene Benennung, deren Anhörung mich in ein mehr gerechtes als angenehmes Erſtaunen verſetzte, mit Ehren beilegen zu dürfen?“ Ohne mich durch die hämiſche Ausdrucksweiſe, deren er ſich bediente, aus der Faſſung bringen zu laſſen, berief ich mit ruhig beſcheidener Miene mich anf die Hoffnungen und Erwartungen, zu welchen das Benehmen des Verewigten mir, in Betreff dieſes Punktes, fortwährend Anlaß gegeben; fügte iedoch hinzu, daß ich auch noch jetzt, nachdem der harte Schluß des Schickſals jene freundlichen Ans⸗ ſichten plötzlich vernichtet, die unerſchütterliche überzeugung hege, aus eigener Kraft, durch gedie⸗ gene Kenntniſſe und redlichen Fleiß nicht allein mir ſelbſt ein ſorgenfreies Auskommen, ſondern auch meiner erwählten Braut einen anſtändigen Lebensunterhalt verſchaffen zu können. „Herr, das ſind Seifenblaſen, mit denen man Kinder zufrieden ſtellt, aber keine Grundſtützen für die Befugniß zum Heirathen“ rief er mit über⸗ wallender Heftigkeit aus.„Durch ſolche abge⸗ droſchene Vertröſtungen und Vorſpiegelungen ver⸗ rücken Sie allenfalls einem leichtgläubigen Mäd⸗ chen den Kopf, aber wahrlich nicht mir! Ich verlange für das Glück meines Kindes eine ganz andere Gewährleiſtung! Gewicht und Klang muß ſie haben, mit Händen muß ich ſie greifen können! und wer mir mit Hirngeſpinnſten und Luftſchlöſ⸗ ſern angeſtiegen kommt, wird nun und nimmer mein Schwiegerſohn. Kurz und gut! Minchen begleitet mich, ſobald ich mit meinen hieſigen Angelegenheiten in Ordnung und Richtigkeit bin, nach Hadersbach hinaus, und mit dem lockern, hinter dem Rücken des Vaters angezettelten Lie⸗ beshandel hat es für immer ein Ende!“ — 214— „Das Einverſtändniß zwiſchen mir und Minchen,“ verſetzte ich:„konnte freilich nicht füglich anders, als hinter Ihrem Rücken ſich anknüpfen, da Sie ja mehr als zwölf Jahre ver⸗ ſtreichen ließen, ohne ſich nur im entfernteſten um Ihre Tochter zu bekümmern, oder wohl gar für die Begründung ihres Glückes irgend einen bemerkbaren Schritt zu thun! Ich befand mich ſchon geraume Zeit in dieſem Hauſe, als ich erſt erfuhr, daß Minchen nur die Pflegetochter meines Prinzipals und ihr leiblicher Vater noch am Leben ſei; ſo wenig iſt hier, in ſchuldiger Er⸗ wiederung des gegebenen Beiſpiels, auch Ihrer gedacht und erwähnt worden!“ „Deſto bemerklichere Proben denke ich jetzt, nachdem die Vormundſchaft wieder an mich ſelbſt zurückgefallen iſt, von meiner Gegenwart und Wachſamkeit zu Tage zu fördern!“ fuhr er mit dem grinſenden Lächeln des Hohns und der Er⸗ bitterung zu reden fort.„Bald wird es ſich ent⸗ ſcheiden, was Ihre kecke Willenslaune über mein wohlbegründetes Anſehn auszurichten im Stande iſt! und ſollten Sie vielleicht geneigt ſein, es aufs Außerſte kommen zu laſſen, ſo giebt es mit — 215— Hülfe der beſtehenden Landesgeſetze ja wohl noch Mittel und Wege, um Leute zu ihrer Pflicht zu verweiſen, die mit trotzigen Anſprüchen ſich zwi⸗ ſchen Vater und Kind zu drängen bemüht ſind!“ Die Ankunft der Bevollmächtigten, die nicht wenig erſtaunt ſchienen, uns in ſo lebhaftem Wortwechſel zu finden, unterbrach dieſe eben ſo troſtreiche als erbauliche Unterredung. Ungeſäumt ward jetzt die Entſiegelung vorgenommen, und Herr Vollrath, der ſein Mißbehagen über meine Anweſenheit bei dieſem Geſchäft anfangs unabläſſig durch ſcheelſüchtige böſe Mieneu an den Tag legte, beſaß Scharfblick genug, um ſich ſchnell zu überzeugen, daß zu Sichtung und Aus⸗ gleichung der ziemlich verwickelten Handelsange⸗ legenheiten, bei deren nothgedrungener Betreibung noch ſehr bedeutende Summen auf dem Spiel ſtanden, meine mitwirkende Hülfe ſchlechterdings nicht zu entbehren ſei. Deshalb begann er, im Fortgange der unternommenen Verrichtung, ſein Weſen und Beuehmen gegen mich mehr und mehr umzuſtimmen, meinen hin und wieder für nöthig erachteten Bemerkungen allmählig ein geneigteres Gehör zu ſchenken, mich mit immer leutſeligerem — 216— Ton, wenn zweifelhafte Punkte ihm aufſtießen, um Rath und Aufſchluß zu befragen, und nach erfolgter Durchſicht der, von mir geführten Bücher, endlich ſogar über die darin vorhandene Ordnung und Genauigkeit ſich bis zu Außerungen zu verſteigen, die faſt wie Lobſprüche klangen. Auch nach Beendigung des mit der peinvoll⸗ ſten Sorgfalt von ihm betriebenen Werkes, behielt er dieſe widerliche Freundlichkeit, die freilich mit ſeiner am frühen Morgen geübten plumpen Ver⸗ fahrungsweiſe ſich in ſehr grellem Abſtiche befand, gegen mich bei. Ich mußte des Mittags bei Tiſch, nachdem er mit eigner, zitternder Hand mir das Glas gefüllt, auf den glücklichen Schluß und Erfolg des noch im regen Schwunge befindlichen Ge⸗ ſchäftsganges, mit ihm anſtoßen, und kaum war dies geſchehen, als er auch ſchon mit dem inſtän⸗ digen Geſuch hervorzurücken begann, daß ich, gegen den unverkümmerten Genuß der mir bisher bewilligt geweſenen Vortheile, dem, ſeiner Auf⸗ löſung ſich nähernden Verkehr des Hauſes noch ferner, bis zum gänzlichen Abſchluſſe beſſelben, meine Obhut und Leitung mit ſo preiswürdigem Eifer möge zu Theil werden laſſen, wie dies bis —— zum gegenwärtigen Augenblicke der Fall geweſen ſei.— Freilich war mir, zufolge der unter uns Statt gehabten Auftritte, die längere Fortdaner einer abhängigen Verbindung dieſer Art höchſt ungelegen und unerwünſcht; doch erforderte es gewiſſermaßen ſchon meine Ehre, die unter den obwaltenden umſtänden ſo ſchwierige und folgen⸗ reiche Abſchließung des Geſchäfts in eigner Per⸗ ſon zu betreiben, ſtatt ſie fremden Händen zu überlaſſen. überdies begann Minchen, wenn auch nur durch verſtohlene Winke und Geberden, ihre Bitte mit dem Anſuchen des Vaters auf ſo angelegentliche Weiſe zu vereinigen, daß ich nicht lange zu widerſtehen vermochte. Mit gewaltſamer Unterdrückung des in mir aufgeregten unmuthigen Gefühls, erklärte ich ihm, daß ich bereit ſei, mich ſeinem Wunſch und Willen zu fügen, mir aber, in Betreff des zu beendigenden Ausgleichungs⸗ werkes, eine unbeſchränkte Vollmacht als uner⸗ laßliche Bedingung vorbehalten, und eben des⸗ wegen, bis es mir möglich geworden, ihm über das Ganze in gehöriger Form Rechnung ablegen zu können, mir jeden fremden Einſpruch in die Maßregeln, die ich zu ergreifen für gut finde, — 2¹5 ₰ ernſtlich verbitten müſſe. Zur dctzugun gelangt, daß er es vor der Hand und bis die gewünſchte Berichtigung ſämmtlicher Angelegenheiten erfolgt ſei, durchaus nicht mit mir verderben dürfe, be⸗ willigte er mit ſcheinbar zufriedener Nachgiebigkeit mir alles, was ich verlangte, verſprach, bei Be⸗ treibung der Sachen mir ſein unbedingtes Ver⸗ trauen zu ſchenken und ſchien ſogar, um mich deſto ſicherer für die Beachtung ſeines Vortheils zu gewinnen, durch gewiſſe zweideutige Winke und Außerungen den Glauben in mir erwecken zu wollen, daß er ſchon im Voraus auf eine würdige, mein kühnſtes Hoſfen überſteigende Ver⸗ geltung der von mir erheiſchten und übernomme⸗ nen Bemühungen bedacht ſei. Aus Furcht vor wiederholten unangenehmen Erörterungen und aus ſchonender Rückſicht gegen Minchen, die ohnehin in einer ſehr gepreßten und reizbaren Gemüthsſtimmung ſich befand, ver⸗ mied ich es, die am Morgen abgebrochene Ver⸗ handlung in ihrer Gegenwart auf's neue in An⸗ regung zu bringen. Unter der freilich nicht un⸗ gegründeten Angabe, daß jrtzt ſo manches nachzu⸗ holen ſei, was in den lrtztverwichenen Tagen —* — habe hintenangeſetzt und verſäumt werden müſſen, verließ ich den Tiſch und begab mich nach der einſamen Schreibſtube hinunter, um hier ruhig und ungeſtört über das fortan von mir zu beobach⸗ tende Verhalten mit mir ſelbſt zu Rathe zu gehen. So unerträglich mir der Gedanke war, mich von Minchen zu trennen und ſie mit ihrem Vater, deſſen feindſelige Geſinnung mir, allen ſo eben erheuchelten Gegenverſicherungen zum Trotz, nur zu offenkundig am Tage lag, nach Hadersbach ziehen zu laſſen; ſo klar und einleuchtend war es mir zugleich, daß, den neu eingetretenen Verhält⸗ niſſen zufolge, ihres Bleibens nicht länger ſein dürfe, daß ihr fortgeſetztes Verweilen in dieſem Hauſe mit den Forderungen des Anſtands und der Sitte durchaus nicht in übereinſtimmung zu bringen ſei. Vergebens zerbrach ich mir den Kopf, um aus dem hoffnungslos nächtlichen Dun⸗ kel, das mich umringte, irgend einen vermitteln⸗ den Richtweg zu finden; alle in dieſer Abſicht gefaßten Anſchläge und Entwürfe gingen an ihrer eignen Unhaltbarkeit zu Grunde, und mehr und mehr ſtellten ſich mir die Ergebung in ein unab⸗ wendbares Geſchick und die Verzichtleiſung auf den fernern täglichen Umgang mit der Geliebten, als unvermeidliche traurige Nothwendigkeit dar. Nach Verlauf einiger Stunden fand Herr Vollrath ſich bei mir ein. Es begleiteten ihn zwei Perſonen ſeiner frühern, bei Gelegenheit ſeines Hierſeins neu aufgefriſchten Bekanntſchaft, die er mir, als erwählte Gehülfen bei dem Ge⸗ ſchäft, nach deſſen möglich ſchneller Beendigung er das lebhafteſte Verlangen zu tragen betheuerte, mit der ausdrücklich hinzugefügten Andeutung vorſtellte, daß er ihnen, indem ſie mir die Arbeit erleichtern zu helfen, angewieſen wären, die ge⸗ naueſte Befolgung meiner hierher gehörigen Vor⸗ ſchriften und Aufträge zur Pflicht gemacht habe. Ich merkte gar wohl, daß es ihm mit dieſer Verfügung weniger darum zu thun war, mir Beiſtand und Unterſtützung zu verſchaffen, als mir bei meinem Thun und Treiben ein Paar Wiächter an die Seite zu ſetzen. Ich hielt es in⸗ deß nicht der Mühe werth, ihm über dieſe neue Maßregel der mißtrauiſchen Argliſt, meine Em⸗ pfindlichkeit zu erkennen zu geben, ſondern ſiellte vielmehr, durch willige Annahme ſeines Vorſchla ges, ihm ſogleich den Beweis, daß ich bei Voll⸗ — 221— führung der eingegangenen Verpflichtung keinen Zengen zu fürchten brauche. Auch ermangelte ich nicht, die angebliche Dienſtbereitwilligkeit der Neuangeworbenen, durch Auferlegung einiger Verſuchproben, ungeſäumt und mit ſo bitterm Ernſt in Beſchlag zu nehmen, daß ihnen ſchon an demſelben Abend die Köpfe zu ſchwindeln begannen. Noch einige Tage hindurch feſſelten mehrfache Angelegenheiten, zu deren Beſorgung es ſeiner perſönlichen Anweſenheit bedurfte, ihn an die Stadt. Auch während dieſer Zeit ſuchte er mit ſchlauer Vorſicht mir jede Möglichkeit zu einem vertraulichen Zuſammentreſſen mit ſeiner Tochter abzuſchneiden und zu vereiteln, alle unſere Schritte und Bewegungen mit unermüdlicher Wachſam⸗ keit zu verfolgen und eben dadurch zu bewerk⸗ ſtelligen, daß ich weder, mit Hindeutung auf das ihr bevorſtehende Loos, ihr über die zu Ha⸗ dersbach herrſchende Lebensweiſe, nähern Wink und Aufſchluß zu ertheilen, noch für die zukünftige Fortdauer des unter uns beſtehenden Verhältniſſes überhaupt, mit ihr irgend eine Verabredung zu treffen im Stande wgr. Mittlerweile brachte er, — 222— ſo viel es ſich thun ließ, alles in Ordnung und Richtigkeit, ſetzte, was von der Erbſchaft ihm au⸗ genblicklich zu Gebot ſtand, in klingende Münze um und rüſtete, nachdem er hier vor der Hand nichts weiter zu verſäumen hatte, ſich zur Ab⸗ reiſe. Am Abend zuvor, als meine Mitgehülfen ſich bereits entfernt hatten, während ich, mit Durch⸗ ſicht ihres Tagewerks beſchäftigt, noch einſam hin⸗ ter dem Schreibtiſche ſaß, näherte er ſich mir, um mit ſehr überflüſſigem Eifer mir die treue und ſorgſame Verwaltung ſeines Eigenthums nochmals anzuempfehlen und zur Gewiſſensſache zu machen, wobei er zugleich die Bitte an mich ergehen ließ, ienes zwiſchen uns Statt gefundenen, unangeneh⸗ men Auftrittes nicht weiter zu gedenken, indem er ſelbſt, nachdem er zu einer vortheilhaftern Mei⸗ nung von mir gelangt ſei, über ſein heftiges und jähzorniges Benehmen nicht allein die aufrichtigſte Reue und Betrübniß empfinde, ſondern auch ſich ernſtlich vorgeſetzt habe, für die in der Hitze und übereilung mir zugefügten Kränkungen, in der Folge nach ſeinen beſten Kräften mir die gebüh⸗ rende Schadloshaltung angedeihen zu laſſen. Ich — 223— konnte, da er ſelbß einen für mich ſo wichtigen umſtand noch einmal zur Sprache zu bringen für dienlich erachtete, jetzt deſto weniger umhin, ihn bei den eigenen Worten feſtzuhalten, ihm die Un⸗ erſchütterlichkeit meiner Geſinnungen und Ge⸗ fühle zu bethenern und mir deshalb von ihm eine nähere Auskunft über die Abſichten und Vorſätze zu erbitten, die er jetzt, nachdem er angeblich eine günſtigere Meinung von mir gefaßt, in Betreff des bewußten Punktes, an den Tag zu legen und in's Werk zu richten entſchloſſen ſei. Wie ſehr ich es mir aber auch angelegen ſein ließ, ihm eine be⸗ ſiimmtere Erklärung abzugewinnen, ich konnte durchaus den vorgeſetzten Zweck nicht erreichen. Alles was ich von ihm erlangte, war nur eine Wiederholung von in eben ſo ſchwankenden als ungenügenden Ausdrücken abgefaßten Vertröſtun⸗ gen, wie ich ſie ſchon einmal von ihm vernom⸗ men. Durch die Art und Weiſe, wie er ſeine Reden zu drehen und zu wenden wußte, verban⸗ den ſie ihn zu nichts. Eben ſo liſtig ſuchte er ſich, die Hauptſache bald umgehend, bald berüh⸗ rend, fort und fort hinter die hohle, nichtsſagende Floskel zu verſtecken, daß ich für ietzt nicht weiter — 224— in ihn dringen, übrigens aber ganz ruhig und un⸗ beſorgt von dem Dankgefühl, zu welchem ich ihn zu verpflichten im Begriff ſtehe, das Beſte erwar⸗ ten möge. Wie es um die Zuverläſſigkeit des Ge⸗ genſtandes, an welchen er meine Hoffnungen ver⸗ wies, beſchaffen ſei, war mir freilich kein Geheim⸗ niß; doch machte ich, ohne noch länger auf der verlangten Entſcheidung zu beharren, ſeiner Ver⸗ legenheit und Verwirrung alsbald ein Ende, wand⸗ te ihm kaltſinnig den Rücken zu und ſetzte mich wieder zu meiner Arbeit. Er ſelbſt bemächtigte ſich jetzt einiger wichtigen Papiere, die ich, einem früher ergangenen Auftrage gemäß, ihm zur Mit⸗ nahme in Bereitſchaft gelegt hatte, und unter wel⸗ chen auch das von mir gezogene, nun gleichfalls zur Erbſchaft gehörige Lotterie⸗Loos ſich befand, durchmuſterte ſie noch einmal der Reihe nach mit forſchendem Blick, nahm ſie unter den Arm und ſchlich leiſe und furchtſam aus meiner Nähe ſich fort.— Mit blutendem Herzen ging ich am nächſten Morgen, mich von Minchen zu verabſchieden, die, im Kampfe zwiſchen Pflicht und Neigung, von den ſchwärzeſten Ahnungen erfüllt, im Zim⸗ 6 mer — — 225— mer umher ſchwankte und, vor Gram und Kum⸗ mer über dieſen ſchrecklichen Wechſel der Dinge, ſich noch immer nicht zu faſſen vermochte, obwohl ſie, wie aus ihrer Nachgiebigkeit gegen den väter⸗ lichen Machtſpruch ſich ergab, die ſberzengung, daß gegen den Ruf und Drang der Verhältniſſe nichts auszurichten ſei, ganz mit mir getheilt hat⸗ te. Ihr Anblick verſcheuchte ſogleich alle zaghaft kleinmüthigen Rückſichten aus meiner Bruſt. Vom Gefühl des tiefſten Seelenſchmerzes überwältigt, ſchloß ich, ohne die Gegenwart des Vaters im mindeſten zu beachten, die Zitternde mit leiden⸗ ſchaftlichem Ungeſtüm in meine Arme, verſicherte ſie, indem ich ihr verſtörtes, bleiches Geſicht mit glühenden Küſſen bedeckte, meiner wandellos fort⸗ dauernden Treue, und beſchwor ſie, bis unſer Schickſal wieder eine günſtigere Wendung genom⸗ men habe, auf gleiche Weiſe auch mich in lieben⸗ dem Andenken zu behalten. Der erſchrockene Zeuge dieſes für ihn ſo unerwarteten Auftritts, ſuchte ſich, ſtatt zu Scheltworten und Drohungen„ ſeine Zuflucht zu nehmen, für diesmal, ſo viel in ſeinen Kräften ſtand, zu bezwingen und zu mäßi⸗ gen. In peinvoller Haſt und Emſigkeit aber warf [151 er den Reiſemantel ſich um die Schultern, brach über die neue, höchſt unnütze Zögerung, während der bepackte Wagen ſchon ſeit einer Stunde zur Abfahrt bereit ſtehe, in ein klägliches Winſeln und Stöhnen aus, legte, unter fortgeſetzten Bitten und Zureden, endlich Hand an und ruhete nicht eher, bis er mit ſanfter Gewalt uns aus einander ge⸗ drängt hatte. Raſch ergriff er, nachdem ihm der mühevolle Verſuch geglückt war, den Arm ſeiner Tochter, die jetzt, betäubt und bewußtlos, ſich ohne Widerſtund ſeiner Führung überließ, zog in aller Eilfertigkeit ſie mit ſich fort, und wenige Augenblicke darauf entſchwand mir der Wagen aus dem Geſicht. Mit angelegentlicherm Eifer, als zmt be⸗ gann ich, nachdem die wild aufgeregte Flamme des leidenſchaftlichen Gefühls wieder beſäuftigt und die ruhigere Beſonnenheit mir zurückgekehrt war, mich den übernommenen Geſchäften zu wid⸗ men. In der ungetheilten raſtloſen Sorge, die ich für ſie trug, fand ich die Zerſtreuung, deren ich mich bedürftig fühlte; während zugleich der über alles Erwarten glückliche Fortgang und Er⸗ folg derſelben mich allmählig auf's neue zu friſcher Lebensluſt und Gemüthsheiterkeit gelangen ließ. Faſt alle ſchriftliche Mittheilungen, die ich, in Be⸗ zug auf das mir obliegende Berufswerk, nach Ha⸗ dersbach abſandte, hatten günſtige und erfreuliche Nachrichten zum Inhalt; alte Rückſtände an be⸗ deutenden, aber faſt aufgegebenen Schuldforderun⸗ gen gingen durch vortheilhafte Umwandlung der Verhältniſſe ganz unvermuthet ein; und gleich als ob ſeit dem Ableben meines Prinzipals für die von ihm hinterlaſſenen Güter ein beſonderer Glücksſtern zu walten begonnen, gelang es mir ſogar, den größten Theil der Summe, die bei dem muthmaßlichen Fall jenes auswärtigen Handlungs⸗ hauſes, in der augenſcheinlichſten Gefahr geſchwebt hatte, zu retten und den baaren Betrag derſelben dem nunmehrigen Eigenthümer einliefern zu kön⸗ nen. So begannen die Arbeiten ſelbſt ſich mehr und mehr und in dem Maße zu verringern, daß ich die mir beigeordneten Gehülfen nicht weiter zu beſchäftigen wußte; und kaum war ein Vier⸗ teljahr verfloſſen, als es, dem Statt gehabten Ab⸗ ſchluß ſämmtlicher einzelnen Angelegenheiten zu⸗ folge, keinen Nachlaß mehr zu verwalten gab und [6*1 — 228— die von mir geführte Aufſicht über denſelben mit⸗ hin ihre gänzliche Endſchaft erreichte. um dieſe Zeit führte mich eines Mittags der Zufall in die Nähe des öffentlichen Gebäudes, in welchem, unter dem feierlichen Beiſitz der Stadt⸗ bevollmächtigten und mit ſtrenger Beobachtung aller zur Sache gehörigen Förmlichkeiten, die Lot⸗ terie gezogen zu werden pflegte. Ein in der Ge⸗ gend des Eiganges mit betäubendem Lärm ſich er⸗ hebendes Gewühl und Gedränge von Menſchen al⸗ ler Art erregte meine Aufmerkſamkeit; ich trat näher hinzu und erfuhr, daß kurz vor Beendigung der Ziehung, als nur noch die letzten drei Lvoſe, und unter dieſen der Hauptgewinn, im Glücksrade befindlich geweſen, eine der, bei Verrichtung dieſes Geſchäfts den Vorſitz führenden Magiſtratsperſo⸗ nen plötzlich zum Sterben erkrankt ſei, weshalb die völlige Entſcheidung des Ganzen ſogleich habe unterbrochen und verſchoben werden müſſen. Der umſtand, daß auch ich an der Anwartſchaft ſämmt⸗ licher Mitſpielenden gleichen Theil habe, war un⸗ ter der Beſchäftigung mit den wichtigern Rück⸗ ſichten, denen ich zeither meine ausſchließliche Sorgfalt gewidmet, faſt ganz in Vergeſſenheit ge⸗ — 229— rathen. Erſt jetzt kehrte er mir ins Gedächtniß zurück, und in dem nehmlichen Augenblick bemerk⸗ te ich auch den Juden, der uns vor einigen Mo⸗ naten die Lotterie⸗Looſe ins Haus gebracht hatte. Ich ſah, wie er mit ängſilichem Eifer ſich ange⸗ legen ſein ließ, mich im Geſicht zu behalten, und wie er, um zu meinem Standpunkte zu gelangen, ſich mit Handen und Füßen durch das wogende Getümmel Bahn zu brechen bemüht war. Als er endlich in williger Empfangnahme unzähliger Rippenſtöße mich glücklich erreicht hatte, ergriff er ſchnaubend und keuchend mich bei der Bruſt, zog mich nach einem abgelegenen Winkel und machte mit triumphirender Miene mir die Anzeige, daß der zweifelhafte Segen des Lotterieſpiels diesmal, aller Augenſcheinlichkeit nach, und zwar⸗ mit Schef⸗ feln gemeſſen, bei mir einzuzichen beſtimmt ſei, da durch eine höchſt ſeltſame Wirkung des Zufalls, das Glücksrad unter den drei noch vorhandenen Looſen, auch die wohlbewußten, deren ſberbringer er damals geweſen, beide, alle beide in ſich ent⸗ halte. Ich vernahm dieſe Rachricht mit nicht ge⸗ ringem Herzklopfen, und bald hatte ich, indem ich an Ort und Stelle ſelbſt genauere Erkundigung dar⸗ — 230— über einzuziehen ſuchte, mich von ihrer völligen Richtigkeit überzengt. Mein Entſchluß war ſogleich gefaßt. Der leicht auszumittelnde Inhaber des dritten Looſes war ein junger Kaufmann, Hilbert mit Namen, der erſt vor kurzem ſich in dieſer Stadt häuslich niedergelaſſen und eine eigene Handlung errichtet hatte. Ungeſiumt verfügte ich mich nach ſeiner Wohnung; er empfing mich aufs höflichſte und machte, als ich ihm die Lage der Dinge zu eröff⸗ nen und eine ebenmäßige Theilung des Hauptge⸗ winnes, auf welche der drei Nummern er auch immer fallen möge, zur Sprache zu bringen an⸗ fing, nicht die geringſte Schwierigkeit, den Vor⸗ ſchlag anzunehmen, indem er verſicherte, daß der⸗ ſelbe ganz mit ſeinem Wunſch und Willen über⸗ einſtimme. Jetzt fehlte nur noch die Einwilligung des dritten Theilhabers, an deren ſchneller Erlan⸗ gung ich indeſſen nicht zweifelte, da ich ſeine Rei⸗ gungen und Eigenthümlichkeiten kannte, und aus ihnen den Schluß zog, daß er, die noch immer ſehr räthſelhafte ungewißheit des Ansſchlages be⸗ greifend, ſich nicht lange bedenken werde, der ſchwankenden Erwartung auf Alles oder Nichts, — 231— einen freilich geringern, aber zuverläſſigen Gewinn und Beſitz vorzuzichen. Es war, da ohnehin nicht viel Zeit zu verlieren blieb, mein Vorſatz, mir noch heute völlige Gewißheit hierüher zu verſchaf⸗ fen; deshalb eilte ich, den flüchtig entworfenen, mit Hilbers Namensunterſchrift verſchenen Thei⸗ lungsvertrag in der Taſche, nach Hauſe, um hier die letzten Briefe und Rechnungen, in deren Be⸗ ſitz ich mich noch befand, zur eigenhändigen über⸗ gabe ſchnell in Ordnung zu bringen, und ſodann, noch vor Einbruch des Abends, zu einem aber⸗ maligen Ritt nach Hadersbach mich auf den Weg zu begeben. Dieſe Mühe ward mir jedoch erſpart, denn als ich, nach Beendigung meines Geſchäfts, das Haus eben zu verlaſſen im Begriff war, öffnete ſich die Thür, und vor mir ſtand Herr Vollrath, der, durch mein letztes Schreiben von der nunmehri⸗ gen Beſchaffenheit der Umſtände unterrichtet, ießt in der Abſicht, mit mir abzuſchließen, ſich wieder in der Stadt eingefunden und ſein Abſteigequar⸗ tier in dem benachbarten Gaſthofe genommen hat- te. Mit möglichſter unterdrückung des Mißmu⸗ thes über ſein Erſcheinen, das mich zwar in den — 232— Stand ſetzte, ſchneller, als ich vermuthet hatte, mit ihm in's Reine zu kommen, mich dafür aber auch der Gelegenheit zum längſt erſehnten Zuſam⸗ mentreffen mit Minchen beraubte, entdeckte ich ihm ſogleich bei der Begrüßung mein vor wenigen Stunden gefaßtes, durch dieſe unerwartete Zuvor⸗ kunft vereiteltes Vorhaben, indem ich den neu hinzugetretenen Bewegungsgrund ihm umſtändli⸗ cher zu erörtern mich anſchickte. Er hörte mir mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu; das Papier aber, das ich zur Mitunterzeichnung ihm vorlegte, ſchob er zurück und erklärte, daß über eine Ange⸗ legenheit dieſer Art füglich erſt nach Berichtigung der Hauptſachen weiter zu ſprechen und zu ver⸗ handeln ſei. Unverzüglich geſchah, was er ver⸗ langte. Die Richtigkeit ſämmtlicher, ihm zu ma⸗ chenden Angaben lag, obgleich die Rechenſchaft, die er mit zunehmend gebieteriſchem Tone mir ab⸗ forderte, ſich bis auf die geringfügigſten Kleinig⸗ keiten erſtreckte, zu klar am Tage, als daß er ir⸗ gend einen weſentlichen und gegründeten Einwurf gegen dieſelben zu erhebeh vermocht hätte, und nach Verlauf der wenigen Stunden, die wir unter die⸗ ſer Arbeit zubrachten, hatten wir, in Bezug auf — — — 233— den jetzt völlig abgeſchloſſenen und beendigten Han⸗ delsverkehr, nicht weiter mit einander zu ſchaffen. Jetzt zog der Mann, ohne nur mit einer einzigen Sylbe der redlichen Sorgfalt, mit welcher ich ſei⸗ nen Vortheil wahrgenommen, die freundliche An⸗ erkennung zu Theil werden zu laſſen, die ſie ver⸗ diente, einen ledernen Beutel hervor, den er mir mit der Andeutung überreichte, daß darin der an mich zu zahlende, genau bis zum heutigen Tage berechnete Gehalt, deſſen ungeſchmählerten Betrag er mir bewußtermaßen zur Belohnung meiner Dienſte zugeſtanden, befindlich ſei. Zugleich er⸗ klärte er mir rund heraus, daß er den ſonderba⸗ ren Vorſchlag, mit welchem ich ihm beim Eintritt in das Haus ſo haſtig entgegen gekommen, jetzt, nachdem er reiflicher darüber nachgedacht habe, durchaus verwerfen und von ſich ablehnen müſſe, da ſeines Erachtens aus jedem Anſchlage, den Lauf des Glückes an ſeiner Vollendung hindern zu wol⸗ len, ein gottloſer Eingriff in die Fügungen des Himmels hervorleuchte. Der ſchändliche Undank und Eigennutz des Nichtswürdigen empörte mein Innerſtes; vor Zorn und Ingrimm kochte mir das Blut in den Adern, und keine Rückſicht kannte —— ich in dieſem Augenblick mehr, die mich hätte ab⸗ halten können, laut und unverholen gegen ihn aus⸗ zuſprechen, was die Verachtung mir eingab, die er ſchon längſt mir beigebracht hatte. Seine Bruſt war jedoch von einem undurchdringlichen Panzer umgeben, in eiskalter Unempfindlichkeit vernahm er die Ausbrüche meiner Entrüſtung und ließ nicht im geringſten durch die Vorwürfe, die ich ihm machte, ſich aus der Faſſung bringen. Mit höhniſchem Lächeln verwies er mich auf die Ge⸗ ringfügigkeit meines Anſehns, das viel zu ohn⸗ mächtig ſei, um ihn zu einem Schritt veranlaſſen zu können, der gegen ſeine Grundſätze ſtreite, in⸗ dem er mir zugleich zu erkennen gab, daß er nun⸗ mehr keinen angelegentlichern Wunſch hege, als der zudringlichen Anmuthungen, mit welchen ich ihn ſeit entſtandener Bekanntſchaft bei mehrfachen Gelegenheiten beläſtigt habe, für immer überhoben zu ſein.„So darf ich hoffen,“ erwiederte ich: „daß wenigſtens meine letzte Probe von Zudringlich⸗ keit Ihren vollen Beifall finden wird!“ Bei die⸗ ſen Worten warf ich ihm den mir eingehändigten Beutel Geld vor die Füße, ergriff Hut und Stock, — — und ſchritt, ohne ihn weiter eines Blicks zu wür⸗ digen, zur Thür hinaus. Durch die freudige Zurücknahme der mir ein⸗ gelieferten Summe ſtellte der alte Knicker mir einen abermaligen Beweis, daß ihm für die Be⸗ friedigung ſeiner Habſucht kein Mittel zu ſchlecht und zu niederträchtig erſcheine. Am andern Mor⸗ gen hatte er bereits die Stadt wieder verlaſſen, und ein neuer Eigenthümer, mit welchem er heim⸗ lich und hinter meinem Rücken in Unterhandlung ſich eingelaſſen, war in den Beſitz des Hauſes und der ſämmtlichen, noch darin vorhandenen Geräthſchaften getreten. Der Tag, an welchem die verhngnißreſche Zichung der Lotterie beendigt werden ſollte, war endlich erſchienen. Ich verfügte zur feſigeſetzten Stunde mich an Ort und Stelle, wo auch Hil⸗ vert ſich bereits eingefunden hatte, der mit angſvoller Unruhe und Ungeduld dem Ausgange entgegen ſah, da durch die ſtörrige Widerſetzlich⸗ keit des dritten Betheiligten der getroffene Ver⸗ gleich nunmehr nur auf uns beide ſich noch be⸗ ſchränkte, mithin zwar die größere Wahrſcheinlich⸗ keit, nicht aber die völlige Gewißheit des glück⸗ — 236— lichen Erfolges auf unſter Seite war.— Noch Verlauf einiger Minuten waren die nöthigen Vorbereitungen getroffen; es entſtand jetzt eine allgemeine erwartungsvolle Stille unter den An⸗ weſenden und das Glücksrad wurde in Bewegung geſetzt. Die erſte Nummer, die mit einer Nite gezogen wurde, war die meinige; ihr ſolgte Hilberts mit einem unbedeutenden Nebengewinn. Jetzt geſchah der letzte Zug und Vollraths Lvos kam zum Vorſchein.—„Rummer vierhun⸗ dert und fünfundvierzig!“ erſcholl es von der einen,„ſechzigtauſend Thaler!“ von der andern Seite des Tiſches.„Unſern Glückwunſch und ein zur Milde geneigtes Herz dem unbekannten Inhaber des Lyoſes! Die Ziehung iſt auch für diesmal nach rechtsgültiger Form vollendet und abgeſchloſſen!“ rief der Vorſitzende, indem er mit feierlichen Geberden ſich von dem eingenommenen Platze erhob. Hilbert kam mit todtbleichem Geſicht auf mich zugeſtürzt, knirſchte mit den Zähnen, ſtampfte mit den Füßen und begann über die heimtückiſch gehäſſige Laune des Zufalls in die bitterſten Verwünſchungen auszubrechen.— Ich lachte laut auf, machte mich von ihm los und ſuchte aus der beklemmenden Stickluft, die den Saal erfüllte, unangefochten in's Freie zu ent⸗ kommen. Nach Vereitelung dieſer letzten Ausſicht ging ich einige Tage lang wie betäubt umher und über⸗ ließ mich ganz der finſtern Gemüthsſtimmung, welche das Zuſammentreffen ſo mannigfacher wi⸗ driger Begegniſſe in mir erzeugt hatte. Zeitig genug ſtellte jedoch in der unumgänglichen Noth⸗ wendigkeit, für Erwerbung meines künftigen Lebensunterhaltes Sorge tragen zu müſſen, ein wirkſames Ermunterungsmittel ſich ein. Ich kehrte aus dem träumeriſch⸗muthloſen Dahinbrü⸗ ten allmählig zu mir ſelbſt zurück, das Verlangen nach einer erneuerten, geregelten Thätigkeit er⸗ wachte und mit zunehmendem Eifer ſann ich darüber nach, wie ich demſelben auf die zweckmä⸗ ßigſte Weiſe Befriedigung zu verſchaffen im Stande ſei. Die Dienſtverhältniſſe, in denen ich bisher geſtanden, waren mir durch den Ausgang, den ſie genommen, in ſo hohem Grade verbittert und verleidet, daß ich ſelbſt die vortheilhafteſten Vorſchläge und Anerbietungen, die jetzt von meh⸗ reren Seiten in dieſer Hinſicht wieder an mich ergingen, unbedingt zurückwies, und nach reiflicher überlegung der Umſtände es vorzog, ein eigenes, meinen Fähigkeiten und Kenntniſſen entſprechen⸗ des Geſchäft zu begründen. Mit leerer Hand, aber beherztem Entſchluß, machte ich mich an die Ausführung des im Stillen entworfenen Planes, ſuchte zu dieſem Behuf, auf eignen Gewinn oder Verluſt, mehrere wichtige Verbindungen des eben erloſchenen Hauſes wieder anzuknüpfen und hatte das Glück, trotz des Mangels an klingender Ge⸗ währleiſtung, überall eines ſo chrenvollen und un⸗ beſchränkten Zutrauens theilhaft zu werden, daß ich in kurzer Zeit mich auf's neue in voller Be⸗ ſchäftigung befand. Sichtbar ruhte der Segen des Himmels, gleich als ſolle der glückliche Fort⸗ gang des gegenwärtigen Lebensberufes mich für die Täuſchungen der Vergangenheit ſchadlos halten, auf allen meinen Unternehmungen; mit der Ver⸗ breitung des von ihnen ausgehenden günſtigen Rufes hielt die Erhöhung meines inneren Wohl⸗ ſtandes gleichen Schritt, und in eben dem Maße, wie mein Wirkungskreis ſich ſchnell und fröhlich erweiterte, erwachte allmählig in meiner Bruſt auch die ſüß lächelnde Hoffnung wiehic⸗ die durch 4 — die Machtgewalt eines herben Geſchicks tief dar⸗ niedergebengt und in Todesſchlummer verſunken geweſen war. Mit nenbelebter Kraft dem ſchönen Traume des früheren Glückes zugewandt, war es der Gedanke an die entfernte Geliebte, der in einſamen und freien Angenblicken wieder meine einzige und ausſchließliche Beſchäftigung auszu⸗ machen anfing. Zu empfindlich hatte der tückiſche undank ihres Vaters mich gekränkt und beleidigt, zu tief verachtete ich ihn, als daß ich unter den damaligen Verhältniſſen mich der Gefahr hätte ausſetzen mögen, die Abſicht des heimlich ange⸗ ſtellten Nachforſchens zu verfehlen und noch ein⸗ mal mit ihm in unwillkommene Berührung zu gerathen— Ich ſchwebte daher über Minchen's Schickſal in gänzlicher ungewißheit; nicht die lei⸗ ſeſte Botſchaft von ihr war ſeit dem Augenblick, da unſere gewaltſame Trennung Statt gehabt hatte, zu meinen Ohren gedrungen und auch ich ſelbſt hatte, mit Aufbietung aller meiner Willens⸗ kraft, ihr Bild in die dunkelſte Tiefe des Herzens zurückzudrängen und mich einer Erinnerung zu entſchlagen geſucht, die mit der Ausſichtsloſigkeit meiner Lage durchaus nicht verträglich zu ſein — 240— ſchien. Jetzt, nachdem in den äußern Umſtänden ſich ein ſo günſtiger Wechſel eingeſtellt hatte, daß ich, einzig und allein von mir ſelbſt abhängig, der Erwählten das ſorgenfreiſte Loos zu bieten vermochte, trat ſie in ihrer ganzen Anmuth und Freundlichkeit mir wieder vor die Seele, und um ſo lebhafter und dringender ward von Tage zu Tage das Verlangen nach ihrem Beſitz, je deut⸗ licher ich mir bewußt war, daß die Erringung deſſelben zur Vollendung meines Glückes unent⸗ behrlich ſei. Näher, als ich es zu hoffen und zu erwarten gewagt hatte, war die Entſcheidung der Dinge! Als ich eines Abends von einem Geſchäftsgange nach meiner Wohnung zurückkehrte, überreichte man mir ein verſiegeltes Schreiben, unter der Bemerkung, daß ein Eilbote aus Hadersbach während meiner Abweſenheit es überbracht und derſelbe, zur Empfangnahme meiner Antwort, ſich morgen mit dem früheſten hier wieder einzuſtellen verſprochen habe. Ein freudiger Schreck durchflog mein Innerſtes; ich eilte nach meinem Zimmer und erbrach in haſtwoller ungeduld das Siegel. Minchen's Namensunterſchrift war das erſte, was — 241— was mir in die Augen ſiel; mit zitterndem Er⸗ ſtaunen las ich folgende Zeilen von ihrer Hand: „In der heftigen Gemüthserſchütterung, in welcher ich mich ſeit geſtern befinde, iſt es mein erſtes Geſchüft, Dir, mein Geliebter, zu melden, daß unſerer Wiedervereinigung jetzt kein Hinderniß mehr im Wege ſteht. Ein ſchreckenvolles Ereigniß führt uns zum Ziel unſrer Wünſche! Dir das Vor⸗ gefallene umſtändlicher zu ſchildern, halten mich Schander und Entſetzen zurück. Eile daher, ſobald Du Dich dort loszureißen vermagſt, zu mir her⸗ über; dann ſollſt Du aus meinem Munde er⸗ fahren, was ich den Winter hindurch erlitten und erduldet, und wodurch die plötzliche Wen⸗ dung melnes Schickſals herbeigeführt worden iſt. Mit Ungeduld zähle ich die Stunden, mit Sehn⸗ ſucht und Verlangen ſehe ich Deiner troſtbringen⸗ den Ankunft entgegen!“— Zu groß und unerſetzlich ſchien mir, nachdem ich dieſe Worte geleſen, der Verluſt jeder Minute, die ich, um den Aufenthaltsort des Boten aus⸗ zukundſchaften, vielleicht fruchtlos verwandt hätte; am allerwenigſten aber kam es mir in den Sinn, die zu ſeiner Wiederkunft anberaumte Friſt ruhig 1161 — abwarten zu wollen. Kaum war daher ſeit dem Empfange des Briefes eine halbe Stunde verfloſſen, als auch das Reitpferd, das mich nach Haders⸗ bach zu tragen beſtimmt war, ſchon geſattelt vor der Thür ſtand. Bald hatte ich die Stadt im Rücken, und flink und rüſtig trabte ich nun, die mir wohlbekannte Richtung einſchlagend, auf der Landſtraße dahin. Es war eine milde, ruhige Frühlingsnacht; kein Lüftchen regte ſich und freundlich beleuchtete der Mond mir anfangs die einſamen Pfade. Bald nach Mitternacht aber verlor ſich dieſer vom Horizont, Dunkelheit ſenkte ſich auf die Gegend hernieder, kaum die nächſten mich umgebenden Gegenſtände ließen ſich noth⸗ dürftig noch unterſcheiden und nur langſam und Schritt vor Schritt vermochte ich von jetzt an vor⸗ wärts zu dringen. Aller angewandten Vorſicht und Behutſamkeit zum Trotz, kam ich mehrmals von der Straße ab und befand mich plötzlich zwiſchen Saatfeldern oder pfadloſem Geſträuch, doch glückte es mir, immer wieder in das richtige Geleis zu gelangen; bis ich endlich, nachdem ich ungefähr drei Viertheile des Weges zurückgelegt hatte, mich in einer Waldung verirrte, wo ich allmählig in ein ſo undurchdringliches Dickigt gerieth, daß ich, obwohl der Morgen bereits zu daͤmmern begann, mich weder vor noch rückwärts mehr hindurch zu arbeiten im Stande war. Der vergeblichen Anſtrengungen müde, war ich ſo eben abgeſtiegen, um das Pferd an den nächſten Baum zu binden, den völligen Anbruch des Tages zu erwarten und ſodann zu Wiederge⸗ winnung der verlornen Bahn mein Heil aufs neue zu verſuchen, als ich plötzlich ein lebhaftes, der Stelle, an der ich mich befand, ſich nähern⸗ des Geräuſch vernahm, und bald darauf einen Mann aus dem Gebüſch hervortreten ſah, der, nicht wenig betroffen, in dieſer öden und unweg⸗ ſamen Gegend des Waldes Roß und Reiter vor⸗ zufinden, mich mit ſtummer Verwunderung be⸗ trachtete. Es war der Förſter eines benachbarten Dorfes, der, Holzdieben auf die Spur gerathen, ſich zur frühen Tageszeit hier auf die Lauer ge⸗ ſtellt hatte. Wenige Worte reichten hin, ihm über das Ziel meiner Reiſe, wie über das mich vetroffene Mißgeſchick Aufſchluß zu geben, und eben ſo ſchnell erfolgte ſein Anerbieten, mir in der Noth und Verlegenheit hülfreiche Hand zu [16*] —— leiſten. Mit dienſtfertigem Eifer ergrif er das Pferd beim Zügel und zog es, die gangbarſten Stellen auswählend, ſinnig und behutſam zwiſchen dem dichtverſchränkten Buſchwerk mit ſich fort. Zugleich ertheilte er mir den erfreulichen Beſcheid, daß ich nicht nöthig habe, mich nach der ziemlich weit entfernten Landſtraße zurückzuwenden, indem ich bei genauer Verfolgung eines andern Weges, bis zu welchem er mich zu geleiten gedenke, den Ort meiner Beſtimmung viel ſchneller erreichen werde.„Alſo nach Hadersbach wollen Sie hin?“ fragte er mit gedämpfter Stimme und bedeutungs⸗ vollem Geberdenſpiel, nachdem wir bereits eine gute Weile neben einander fortgeſchritten waren. „Scheint es mir doch,“ entgegnete ich:„als ob dieſe Abſicht etwas Auffallendes und Befrem⸗ dendes für Sie habe! Sind Sie in Hadersbach, ſind Sie in Vollraths Hauſe bekannt?“ „Im letzten freilich ſo ganz eigentlich nicht!“ war ſeine Antwort:„doch iſt mir die ſchreckliche Begebenheit, die ſich vorgeſtern daſelbſt zugetragen, keinesweges ein Geheimniß geblieben. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach werden auch Sie wohl ſchon von Allem unterrichtet ſein, wenn anders Ihre Reiſe darauf Bezug hat, wie ich faſt glaube.“ „Nur wenig oder nichts weiß ich davon!“ rief ich mit lebhafter Ungeduld aus.„Daß Vollrath das Opfer eines unglücklichen Zufalls geworden iſt, muß ich allerdings vermuthen, doch ſind es nur dunkle Andeutungen, die mir bis jetzt darüber zu Theil wurden. Können Sie mir vielleicht etwas Näheres darüber berichten?“ „Niemand kann das beſſer als ich!“ erwie⸗ derte er.„Ich befand mich zufällig eben in Ge⸗ ſchüften auf dem dortigen Pachthofe, als der Lärm losbrach, und die Nachricht, daß Voll⸗ rath jählings und auf gewaltſame Weiſe des Todes verblichen ſei, ſich durch das Dorf zu ver⸗ breiten begann. Der alte Herr, deſſen einziges Vergnügen von jeher in der Zuſammenſcharrung und Anhäufung edler Metalle beſtand, hatte die⸗ ſen Zweck nicht nur durch die ſchmutzigſte Knicke⸗ rei unabläſſig zu verfol gen geſucht, ſondern all⸗ mählig auch zu geheimen Künſten ſeine Zuflucht genommen und ſich ſeit Jahresfriſt auf die Gold⸗ macherei zu legen angefangen. Ein fremder Kerl, an dem er einen Meiſter in dieſer Kunſt — 246— gefunden zu haben glaubte, ging ihm mit allerlei luftigen Sprüchen und Rathſchlägen dabei an die Hand, und in einem abgelegenen, mit allen zu dieſem Behuf erforderlichen Geräthſchaften ver⸗ ſehenen Gewölbe, das niemand von den übrigen Hausgenoſſen jemals betreten durfte, trieben beide ihr Weſen.— Was geſchieht? Vor etwa ſechs Wochen ertappt der Alte ſeinen Gehülfen über einem Diebſtahl, macht kurzen Prozeß und wirft ihn aus dem Hauſe, zieht aber durch den heftigen Schrecken und Irger ſich ein Fieber zu, das ihn geraume Zeit an's Lager gefeſſelt hůlt. Nach er⸗ folgter Abnahme der Krankheit glaubt er zu bemerken, daß man mit dem Kräuterthee, der ihn wieder auf die Beine gebracht hat, nicht ſparſam genug umgegangen ſei, und giebt der bejahrten, blödſichtigen Hausmagd ſeine Unzu⸗ friedenheit über dieſe Verſchwendung dadurch zu erkennen, daß er ſich ſeinen Heiltrank fortan ſelbſt zu kochen beſchließt. Nach der von ihm gemachten bittern Erfahrung hätte man denken ſollen, er werde jetzt von der Alfanſerei des Gold⸗ machens gänzlich zurück und wieder zur Vernunft gekommen ſein, aber mit nichten! Kaum ſicht * — er ſich halb geneſen, als er auch ſchon auf Nach⸗ holung des Verſäumten bedacht iſt, die Thür des geheimen Gewölbes von allen Riegeln und Schlöſſern befreit und auf's neue zu laboriren an⸗ fängt. Vorgeſtern, des Nachmittags, als er eben im Begriff iſt, den Schmelztiegel vom Kohlfener abzunehmen und dem darin befindlichen flüſſigen Golde eine Zuthat von Zinnober beizufügen, fühlt er ſich plötzlich von Schwindel und Ohnmacht an⸗ gewandelt, verliert das Gleichgewicht und ſinkt erſchöpft auf den Seſſel zurück. Obgedachte Dienſt⸗ magd, die ſich zufällig in der Nähe des Gewölbes befindet, hört ihn ächzen und ſtöhnen, vermuthet, daß er von einem Rückfall des Fiebers heimge⸗ ſucht worden und ſtürzt, des ſtrengen Verbotes vergeſſend, zu ihm hinein, um ihm in ſeiner Noth und Bedrängniß den erforderlichen Beiſtand an⸗ gedeihen zu laſſen. Der Betäubte zeigt, als ſie vor ſeinen gebrochenen Blicken erſcheint, zuerſt auf ſeinen Mund, um ihr anzudeuten, daß er nur durch Winke h. kann, dann auf den Tiegel, den ſie von der Glut abrücken ſoll. Sie verſteht ihn falſch, glaubt, daß er von ſeinem Kräuter⸗ Dhee zu trinken wünſche, eilt nach dem Kamin, — 2— ergreift das Gefäß, deſſen Inhalt ſie, zufolge der Schwäche ihres Geſichts nicht zu erkennen ver⸗ mag, und ſchüttet in der Angſt und Verwirrung ihm einen guten Theil des geſchmolzenen Goldes ritſchweg in den oſſenen Schlund hinein. Der unglückliche ſtürzt zu Boden, verſucht nach Luft zu ſchnappen und iſt verſchieden! So geſchah es denn, daß der Mann endlich einmal an etwas genug hatte, und daß der Golddurſt, der ſein Le⸗ benlang ihn verzehrte, zugleich für immer geſtillt war! Er hinterläßt eine einzige und bildſchöne Tochter, der man es gleich auf den erſten Blick anſieht, daß ſie weder die harte, menſchenfeind⸗ liche Gemüthsart, noch den thörigen Eigennutz des Vaters beſitzt. Fürchterlich hat er gebüßt, aber ſein Herz war ein kalter Steinklumpen; nie⸗ mand im Dorfe erinnert ſich, nur jemals eine gu⸗ te Handlung von ihm gehört oder geſehen zu ha⸗ ben, und allgemein iſt man daher geneigt, ſeinen ſchmählichen Tod, obwohl man die Urheberin deſ⸗ ſelben einſtweilen in Verhaft zu nehmen genöthigt geweſen, für ein ſichtbares, warnendes Strafge⸗ richt des Himmels zu halten.“— Wir hatten das Ende des Waldes und mit — 249— ihm den erwähnten, der Angabe gemäß, in gera⸗ der Richtung nach Hadersbach führenden Weg er⸗ reicht.— Schweigend drückte ich meinem Beglei⸗ ter für die mir erwieſene Dienſtleiſtung die Hand, ſtieg wieder zu Pferde und ſchon wenige Stunden nachher befand ich mich in Minchen's Ar⸗ men.— Wohlthätig wirkte, wie ſie ſelbſt gehofft und geglaubt hatte, meine Gegenwart auf ihren Gemüthszuſtand; das dumpfe Grauen und Ent⸗ ſetzen der ſchwer beklommenen Bruſt begann in erleichternde Thränen ſich aufzulöſen und Faſſung und Ruhe kehrten in ihre Seele zurück.— Meine eifrigſte Sorge war es jetzt, ſie ſo bald als mög⸗ lich von einem Orte zu entfernen, der für ſie in vielfacher Bezichung ein Aufenthalt des Schrek⸗ kens geworden und mit traurigen Erinnerungen aller Art verbunden war. Auch trug man, auf meine Verwendung und Fürſeache, nicht lange Bedenken, die Unglückliche, die an ihrem Herrn ſo ganz wider Wiſſen und Willen zur Mörderin geworden war, wieder in Freiheit zu ſetzen, wäh⸗ rend ich es mir zugleich zur Pflicht machte, den Reſt ihrer Tage gegen Noth und Mangel ſicher zu ſiellen. Minchen begleitete mich bald nach — 250— erfolgter Beerdigung ihres Vaters zur Stadt zu⸗ rück, wo ſie für die Zwiſchenzeit bis zu unſerer Verbindung in einem mir befreundeten Familien⸗ kreiſe die bereitwilligſte Aufnahme fand. Die Woh⸗ nung ihres Vaters aber verwandelte ſie, um durch die Fortdauer eines milden Werkes ſein Andenken, zu verſöhnen, in ein Armenhaus, indem ſie von dem ererbten Vermögen, das zum Theil noch im Bodengrunde des Kellers verſcharrt gefunden wur⸗ de, ein anſehnliches Kapital feſtſetzte, um von dem Ertrage deſſelben, unter Aufſicht und Leitung des dortigen Geiſtlichen, zwölf Hülfsbedürftigen aus der Umgegend für immerwährende Zeiten daſelbſt Pflege und Unterhalt zu Theil werden zu laſſen. „— Schwedt, gedruckt bei Jantzen. n ſſſſſi 8 11 12 1 14 15 3 16 17 1