Lechbi deutſcher, engliſcher und franzöſfiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit A. Nr. 256. eih und Teſebedingungen. Eduard Ottmann in Girfen, 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ jedem Tag 5 Pf bezahl den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betri S für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7 auf 1 Monat: T W— W 1 W 60 Pf 2 W 5 Auswürtige Lonhenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſ defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit i v.) muß der lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, ſhnhe ver⸗ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 Ansleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 feſtgeſetzt und wird das Weiterverleihen ** * 7 1 7 1 leine Romane und . ũ— Crsäh ungen W Wind chen. Teipsig 1323. WC Winvichsſche Buchhundlung. Kleine Romane und Erzahlungen Viertes Bändchen. Das Haͤuschen am Walde⸗ Das Philippinchen. Die Pudelmütze.„ ** Das Hauschen am Walde. Mit duͤſtern Gedanken und Ahnungen, welche⸗ durch den unglücklichen Ausgang der Schlacht von Jena aufgeregt, ſeine Seele beſchäftigten, warf ſch Martin, der Pachter eines an⸗ ſchnlichen Meierhofes, auf dem nächtlichen Ruheliger hin und her, ohne des erquickenden Schlafes theilhaft werden zu koͤnnen. Da vernahm er, als die Wanduhr eben die zwölft⸗ Stunde verkündet hatte, ein leiſes aber ämſig fortgeſetztes Klöpfen an der Hausthür. Be⸗ fremdet und betroffen erhob er ſich von der Seite ſeiner feſtſchlummernden Ehegenoſſin, verfugte ſich nach der Huusdiele hinaus und oͤffnete, nachdem er Licht angezuͤndet, ein nahe bei der Thuͤr beſindliches Fenſter, um uͤber den Zweck des ihm zugedachten ſpäten Beſü⸗ ches genauere Erkundigung einzuziehen 1* — 4— „Ihr ſeid mir als ein Mann von ächter deutſcher Geſinnung geſchildert worden!“ ließ draußen eine tiefdumpfe Stimme ſich verneh⸗ men.„Wenn Euch die Noth und Verzweif⸗ lung eines ungluͤcklichen Landsmannes zu ruͤh⸗ ren vermag, ſo zaudert nicht lange, ſondern oͤffnet die Thür und gewährt mir eine S ſtatt in Eurem Hauſe!“ 16 Martin ſchaute näher hinzu und erblickte beim ſchwachen Schimmer, den daßs mitge⸗ brachte Licht nach außen g eine lange hagre Geſtalt, die, in einen Leinenkit⸗ tel gehuͤllt, ihm mit flehender Arm⸗ entgegenſtreckte. 3 „Woher des Weges in ſo ſpät nachtt Wer ſeid Ihr?“ fragte der Haushetr, indem er Bedenkten trug, der an ihn ergangenen Aufforderung Genüge zu leiſten. „Ein Preußiſcher Hauptmann!“ war die Antwort;„der bei Auerſtädt in die Gewalt der Feinde gerieth, aus der Gefangenſchaft entwiſchte und nun ſeit vier Tagen bereits „ — ohne Schutz und Obdach verkleidet in der Gegend umherirrt!“ „Beſter Herr!“ entgegnete Martin mit engſtvoller Beſtuͤrzung.„Unter ſolchen Um⸗ ſtänden geht die Erfuͤllung der vorgebrachten Bitte durchaus uͤber mein Vermoͤgen! faſt täglich finden druͤben im Dorfe feindliche Durchmärſche ſtatt, bei welcher Gelegenheit auch dieſer Meierhof, ſeiner einſamen Lage ungeachtet, niemals von unerwuͤnſchtem Zu⸗ ſpruche ſo ganz verſchont bleibt. Noch ge⸗ ſtern waren Haus und Stallraum von frem⸗ dom Kriegsvolk angefuͤllt, und mit jedem Au⸗ genblick muß ich neuer Einquartirung gewär⸗ tig ſein. Welches Unheil könnte fur Sie und mich daraus entſtehen, wenn Sie hier entdeckt und erkannt wuͤrden!“ „Schaudervolles Verhängniß!“ ſeufzte der unglückliche.„So gänzlich erſchöpft und ab⸗ gemattet, fremd in dieſer Gegend, von Fein⸗ den umringt und nirgends, nirgends ein ſchir⸗ mender Zufluchtsort!“ Es war eine kalte regentruͤbe Rachtz mit einen Hülfsbedurftigen vom ſichern Verder⸗ verknuͤpft ſah.„Wohlan denn!“ rief er aus, indem er den Riegel zuruckſchob und die men Sie naͤher!“ — 6— undurchdringlichem Gewölk hatte ſich der Luftkreis erfuͤllt, und ſcharf und ſchneidend pehte der Nordwind durch das blätterloſe Geſtraͤuch. Martin konnte dem Zuge des Herzens, den Regungen des tiefſten, innig⸗ ſten Mitleids nicht widerſtehen. Die Vor⸗ ſtellung, durch liebreiche Aufnahme und Pftege ben zu retten, war mächtiger, als der Gedanke an die Gefahr, mit welcher er die Vollfuͤh⸗ rung ſeines menſchenfreundlichen Entſchluſſes Thuͤr öffnete.„Wir wollen auf den Schutz und Beiſtand des Hochſten s S Zu ſeiner Verwunderung trat uge dem Hauptmann noch ein Burſche von etwa ſech⸗ zehn Jahren in das Haus, welcher, nachdem er während des Ugebabren Swiegeſprůchs ſich ganz ſill und vu ſo angelegentlich durch Mienen un den Wunſch ausdrückte an der ten wohlthätigen Verguͤnſtigung Theil neh⸗ men zu duͤrfen. „Er war mein Führer! On⸗ ſeine geſ⸗ tung wuͤrde ich, trotz aller Vorſicht, verloren geweſen ſein!“ ſagte der Hauptmann.„Ver⸗ ſtattet mir daher, nachdem ich für meine eigne Perſon die freundliche Zuſicherung Eu⸗ res Schutzes empfangen, in gleicher Hinſicht auch zu Gunſten dieſes wackern Menſchen ein herzliches Fuͤrwort einlegen zu duͤrfen!“ Martin, der wohl einſah, daß beide ſich in einem gleich bedauernswerthen Zuſtande befanden, machte in ſeiner Gutmůthigteit keine weitern Einwendungen gegen dieſes Ge⸗ ſuch, ſondern wies dem Burſchen, der vor Miüdigkeit ſich kaum auf den Fußen zu er⸗ halten vermochte, unverzuͤglich in einem auf der Hausfl r befindlichen Behältniſſe ſeine Lagerſtätte an. Dann ergri mann beim Arm und fuͤhr durch ſeine eigne Schlafka nach einem daran ſtoßenden und nur mit dieſem einzigen Zugange verſehenen kleinen Gemach, in wel⸗ 8 —— chem ein Vett ſtand.„Hier hoöͤffe ich Sie einſtweilen verborgen halten zu können!“ fluͤ⸗ ſterte er ihm zu.„Sie werden ſich aber im ſtrengſten Sinne des Wortes als einen Ge⸗ fangenen betrachten muͤſſen; denn wollen wir vor Verrath und Unheil geſichert ſein, ſo muß Ihr Aufenthalt unter meinem Wohn⸗ dache ſogar den Dienſtboten des Hauſes ein Geheimniß bleiben, und Riemand darf mer⸗ einen fremden Gaſt beherberge!“— Jener ken, daß ich in dieſem wollte ſeinem dankbargeruͤhrten Herzen durch Worte Luft machen; Martin bat ihn jedoch, ſich ſtill zur Ruhe zu begeben, drückte ihm unter der Zuſicherung, morgen fuͤr ſeine kräften beſ innig die afkammer ſtattgehabte ritt verbunden Begeßn war, hatte die Vuuftun aus ihrem Schlummer „ —— * aufgeſtort. Peinlich befremdet heftete ſie ihre forſchenden Augen auf Martin, als dieſer mit gelaſſener Miene wieder in ihrer Nähe ſich einfand. Er theilte ihr ohne Ruͤckhalt mit, was ſich ereignet hatte, gab ihr zu bedenken, daß kein edles Herz ſich von einem verdienſt⸗ lichen und guten Werke darum abhalten laſſe, weil die Vollbringung deſſelben vielleicht ei⸗ nige Gefahr mit ſich fuͤhre, und bald gelang es ihm, ſie zufrieden zu ſtellen und von ihr zu vernehmen, daß ſie zur gemeinſchaftlichen Forderung ſeines mildthätigen Vorhabens ſich geneigt fuͤhle. 2 Das Fenſter des Gemaches, in welchem der aufgenommene Fluͤchtling ſich aufhielt, ging nach einem abgelegenen, faſt niemals von einem menſchlichen Fuße beruͤhrten Win⸗ kel des Hofplatzes hinaus, befand ſich in be⸗ trächtlicher Hoͤhe uͤber dem Boden, und ward noch uͤberdies nach derjenigen Seite hin, an welcher der lebhafteſte Verkehr ſtatt zu fin⸗ den pflegte, durch die dicht in einander ver⸗ —— wachſenen Zweige eines Fliederbuſches ge⸗ ſchirmt und verſteckt, ſo daß mithin von au⸗ ßen her nicht eben eine unerwuͤnſchte und nachtheilige Entdeckung zu befuͤrchten war. Auch im Innern des Hauſes wurde dafür geſorgt, einer ſolchen Gefahr moͤglichſt vor⸗ zubeugen, und es ließ ſich dies um ſo leichter bewerkſtelligen, da, einer altherkömmlichen Einrichtung zufolge, außer der Hreizehnjäh⸗ rigen Tochter der beiden Eheleute, ſonſt Rie⸗ mand das Schlafzimmer der letztern jemals betreten durfte. Bedenklicher ſchien dagegen der Umſtand, daß der Hauptmann verwundet und zu ſeiner volligen Wiederherſtellung uber kurz oder lang die nothgedrungene Herbeibe⸗ rufung ärztlichen Beiſtandes zu be⸗ ſorgen war; er ſelbſt verſicherte indeſſen, daß er jeder kunſtverſtändigern Behandlung ent⸗ behren zu können glaube, da er von Anwen⸗ dung einiger Hausmittel, deren Kenntniß ihm zu Gebot ſiehe, ſich einen nicht minder gluͤcklichen Erfolg verſpreche. Vom innigſten Mirleid durchdrungen, waren Mutter und — —— ————— — Tochter jetzt in der Frühe des Morgens wett⸗ eifernd bemuͤht, ſein kleines Wohngemach in Ordnung zu bringen, und ihn mit Allem zu verſehen, was zu ſeiner Erquickung und Pflege erforderlich war, während Martin hinausging, um den Begleiter ſeines Schutzlings aus dem Schlufe zu ermuntern und, nachdem er ihn mit einem Fruhſtuͤck bewirthet, in aller Stille wieder nach der Heimath zuruͤckzuſenden. Zu ſeiner großen Verwunderung war die Lager⸗ ſtelle bereits verlaſſen und weder im Innern der Wohnung⸗ noch draußen auf dem Hof⸗ raum irgend eine Spur von dem Burſchen zu bemerken. Erſt nach langem vergeblichen Umherſuchen fand er ihn endlich in einem entfernten, den untern Theil des Gartens begrenzenden Lindengange, wo er, mit einem Rechen in der Hand, ämſig und eifrig be⸗ ſchäftigt war, das von den Bäumen abgefal⸗ lene duͤrre Laub zuſammenzufegen und in Haufen zu ordnen. Der Augenſchein bewies, daß er ſchon vor Tagesanbruch ſ ch ans Wert begeben und, der rauhen unfreundlichen Witz terung zum Trotz, in M ſamkeit gearbeitet hatte. e „Was haſt du hier im Garten S 5 fen?“ redete Martin ziemlich barſch und— tig ihn an.„Wer hat dir dieſe Arbeir über⸗ tragen und anbefohlen?“ „Ei nun, ich ſelbſt!“ antwortete vr Ge⸗ ſchäftige, indem ihm der Schweiß uber die Stirn herabfloß, mit unerſchrockner Freimü⸗ thigkeit.„Ich kann doch wohl nicht verlau⸗ gen, daß Ihr einen Muͤßiggänger— und ernaͤhren ſollt!“ 13⁸ „O damit hat es ſeine ganz guten Wege 1 verſetzte jener.„Ich ſuche dich eben in der Abſicht auf, um dir zu vermelden, daß die Ge⸗ ſchäfte, denen du dich in den letztverwichenen Tagen unterzogen gehabt, nunmehr beendigt ſind, und daß du ohne weiteres Zaudern und 1 Säumen dich noch heut zur Rucktehr nach deinem Wohnorte anſchicken magſt.“ 36 a „Nein, Herr, das geht nicht an, wahrhaß⸗ tig nicht!“ war die Antwort.„Alles in der Welt mögt Ihr mir zumuthen; aber nur das 45 nicht. Potzblir! Ich wuͤrde mich eines Willa kommens zu getroͤſten haben, daß mir Hören und Sehen daruͤber verginge; denn ich will Euch nur offenherzig bekennen, daß ich Gänſe⸗ huͤter war, bis mir vor etwa acht Tagen eine ganze Schaar von hungrigen Franzmännern unverſehens unter meine Heerde gerieth. Herr, einen ſolchen Spektakel erlebt kein Chriſten⸗ menſch wieder! Im Hui waren ſämmtliche vallaſche gezogen⸗ ritſchratſch flogen die Köpfe umher, und ehe eine Minute verſtrich, hatte ſich jeder ſeinen Braten auf den Torniſter ge⸗ ſchnallt. Auf und davon ging's wieder mit Windeshaſt, und ich ſtand verbluͤfft und ver⸗ dutzt unter den abgeſäͤbelten Gänſeköpfen, mit welchen der Anger uͤberſäet war. Ihr merkt nun wohl, weöhalb ich nicht fuglich zu meinem vormaligen Brotherrn zuruͤcktehren kann!“ So magſt du dir, wo du willſt, einen neuen aufſuchen; mich ſoll es wenig kum⸗ mern!“ erwiederte Martin, der weder an den Mienen und Geberden, noch an dem Weſen und Benehmen des Burſchen ſonderliches Be⸗ —— hagen fand.„Ich bin füͤt dieſen Augenblick ſo reichlich mit Dienſtboten verſorgt, daß ich dich ſchlechterdings nicht brauchen kann. Der Winter iſt vor der Thuͤr, die Arbeiten ver⸗ mindern ſich, ich weiß dich nicht zu beſchaͤfti⸗ gen. Alſo mache mir den Kopf nicht warm⸗ ſondern trage flugs den Rechen wieder an ſeinen Ort und gehe, wenn du Sibſeit buſt. ruhig deiner Wege!“ „Ei Ihr ſcherzt nur! Wie lu e auf einem ſo anſehnlichen Gehöfte nicht ſtets bald hier bald dort etwas zu thun gehen!“ rief der Hinweggewieſene, vhne ſich aus der Faͤſſung prigen zu laſſen.„Es kommt auf die Probe an. Verſucht es einmal mit mir, und beim erſtenmal, wo Ihr mich muͤßig und träge fin⸗ det, ſoll es Euch erlaubt ſein, mich ohne Wei⸗ teres über die Grenzen Eures Grundgebietes pinauszupeitſchen. Ein halber Wink von Euch ſol mir hinreichen, um mich über meine Schul⸗ digkeit zu unterrichten. Ich will Euch Alles an den Augen abſehen, will mit dem ſchlechte⸗ ſten Futter mich begnugen und auf dem Heu⸗ boden ſchlafen. Darum ſperrt und ſpreizt Euch nicht laͤnger gegen mein Geſuch; es kann Euch doch nichts helfen. Herr, Euer Geſicht gefäͤllt mir! Macht, was Iht wollt; Ihr werdet mich nicht wieder los!“ „Das möchte wohl nicht eben ſo ſchwierig ſein, als du dir vielleicht einbildeſt!“ verſetzte der unmuthige„Ich duͤrfte, wenn üͤber deine Keckheit und Zudringlichkeit durch gelinde Vorſtellungen nichts auszurichten wäre, nur den Kettenhund loslaſſen, der würde balb reins Vahn machen und dir die behendeſten Beine verleihen, mit welchen jemals ein in Schrek⸗ ken geſetzter Ausreißer das Weite geſucht hat. Haſt du verſtanden, was dieſer halbe Wink ſagen will?“ „So vollkommen, daß mir dabei das Lachen näher iſt; als das Weinen!“ entgegnete der Befragte.„Geht doch nur und macht mir teinen blauen Dunſt vor! Man müßte nicht wiſſen und gehört haben, daß Ihr ein viel zu herzensguter Mann ſeid, als daß es Euch im Eruſt einfallen könnte, irgend ein menſchliches — ¹6— Geſchoͤpf mit Hunden von Eurem Hofe hinweg⸗ zuhetzen. Es iſt mir nicht erſt ſeit geſtern bekannt, daß der Name des Pachters Martin in der Gegend umher einen gar ſchönen und wohllautenden Klang hat. Wenn nur ſe ine Behauſung erſt glucklich erreicht iſt, dachte ich bei mir ſelbſt, ſo biſt auch du geborgen! Nein⸗ nein! Ihr werdet mir nicht mit Gewalt eine ſchlimme Meinung von Euch beibringen wollens Ihr werdet den armen Georg, der wider ſein Verſchulden ohne Dach und Fach umherirrt⸗ nicht hartherzig verſtoßen und von Euch wei⸗ ſen! Und nun bekümmert Euch nur gar nicht weiter um mich! Ihr könnt Euch darauf ver⸗ laſſen, daß ich weder Euch noch Euren Haus⸗ genoſſen jemals im Wege ſtehen oder im min⸗ deſten läſtig fallen werde. Fort bringt Ihr mich aber nicht wiederz darauf könnt Ihr: Euch gleichfalls verlaſſen!“ Sowohl der entſchiedene und beſtimmte Ton⸗ mit welchem der Burſche ſprach, als die ſchmeichleriſchen Lobſpruͤche, die er geſchickt in ſeine Rede zu verwehen wußte, hatten zur dich auf Folge, daß Martin vor Verlegenheit und Ver⸗ wirrung kaum mit ſich ſelbſt daruͤber einig zu werden vermochte, was er noch weiter beginnen und erwiedern ſollte.„Wenn du unverſchämt genug biſt, dich mir aufzudringen,“ ſagte er endlich,„nun wohl! ſo magſt du noch einige Tage verweilen, um dich zu belehren, wie man mit unberufenen und uͤberfluͤſſigen Gäſten deines Schlages auf einem Pachthofe zu ver⸗ fahren gewohnt iſt. Zeitig genug ſoll es dir hoffentlich leid werden, dich auf ſolche Weiſe hier eingedrängt zu haben! Du biſt alſo, wenn d Jemand in unzeitiger Reugierde ahn fuͤhlen ſollte, in der letzt⸗ acht als herrenloſer Landſtrei⸗ angekommen, giebſt die man an dich richtet, nur keine Antworten und nimmſt ältigſte in Acht, weder durch den zu verrathen, daß du einen Fremde ber begleitet haſt! Begreifſt du, was ich dir hiermit andeute?“ Die unbefangene Keckheit, die biöher in IV. Bd. 2 cher, allein auf die Fr kurze oder g Worte noch — 18— ˙ Georgs Geſichtözugen vorherrſchend geweſe 3 verzog ſich bei Anhörung dieſet letzten Worte zu einem Gemiſch von Zorn und Betruͤbn iß. „Seh ich denn wirklich,“ begann er mit nieder⸗ geſenkten Blicken zu fragen,„ſo dumm un albern aus, daß Ihr es fuͤr nöthig haltet, mir eine ſolche Weiſung und Warnung zu erthei⸗ len? Wahrhaftig! dann wurde ich große Ur⸗ ſache haben, mich vor mir ſelbſt zu Aber Euer Mißtrauen at unſtreitig darin ſeinen Grund, daß ich Euch noch ga frend bin. Habt Ihr mich erſt näher kennen ge⸗ lernt, ſo werdet Ihr ſicher kein Wort mehr uber Dinge verlieren, die ſich ſe o von ſelbſt verſtehen!“ ich es mit einem dutchtriebenen Schalk zu chun habe, will aber hoffen uhd lauben⸗ daß du, deines eignen Vortheil e treff des gedachten Punktes ner Hut ſein wirſt!“ Mit dieſem Beſcheid wan er ihm den Ruͤcken, brummte mit halbl 3 6— noch einige Worte des Verdruſſes und Miß⸗ muthes vor ſich hin und kehrte, ſeiner eig⸗ nen Gutmuthigkeit grollend, nach der Gegend des Hauſes zuruͤck.„Roͤschen!“ rief er beim Eintritt in die Wohnſtube mit mürriſchem Geſicht ſeiner Tochter entgegen.„Mache dem fremden Burſchen, der durchaus nicht wieder von hier fort will, druͤben in der Häckſelkam⸗ mer ein ſchickliches Lager zurecht, weiſe ihm mt. Uebri⸗ ir uns, wie er es in ſeinem n Trotz und Vorwitz ſelbſt gewuͤnſcht hat, gar weiter um ihn bekümmern, und er mag, ſo e wir ihn auf dem Halſe be⸗ * uſen was ihm beliebt. 0 Die lichung des kranken Haupt⸗ manns ging, obwohl die feindlichen Durch⸗ maͤrſche noch immer dauerten und der Pachthof ſol elegenheiten nicht ſel ten von Einguartirhen überfüllt war, aufs beſte von ſtatten. Martin verdoppelte ſeine wachſame Sorgfalt und ſuche jedem uner⸗ wuͤnſchten Eindringen in das verborgene Käm⸗ merlein, vor deſſen Thuͤr im Angblich der Gefahr ein in der Nähe befindlicher Schrank geruͤckt wurde, dadurch zuvorzukommen, daß er nicht allein fuͤr die ihm zur Bewirthung 1 anheimfallenden Kriegöleute ſtets teichlichen Mundvorrath in Be itſ hielt, ſondern uch mit williger Gelaſſe nen das ganze Haus preis eignen unge⸗ 6 vorbepielt; eine teit ſelbſt von den Roheſten und Unbe cheiden⸗ ſten unter den wechſelnden ögäſten ge⸗ and ahnete, buͤhrend anerkannt wurde⸗ welch ein eeeleh ſo pöflichen als 5.. weiſe zum Grunde lag; und au dem Ge⸗ ſinde des Hauſes, von welchem, zwar nicht aus boͤſem Willen aber aus Ueberei⸗ lung und Unbeda ei rath zu beſorgen geweſen waͤr lieb durch die mit 1. —— kluger Umſicht getroffenen Gegenanſtalten die Anweſenheit des Fluͤchtlinges fort ein Geheimniß. K deſſen war S darauf be⸗ nen er nfn fordert und m ger ſer Stille ſich unter⸗ ten ſchb deshalb in einem werth⸗ vollern Lichte erſcheinen, weil der uͤbrige Theil der Dirnſboten die Nothwendigkeit der⸗ esbich erſt dann einſah und er⸗ i vocht waren. Beſon aber zeigt inen ganz eignen und weit uͤber ſeine Jahre hinausgehenden * 8 wenn ſich frendes Kriegsvolk auf dem Pa hofe befand. Schlau und tiſtig ſich umſtände ſchickend, verſtand er Keck Beſcheidenheit, Scherz und Ernſt, t ges Rachgeben und ſtorrigen Eigenſi zur rechten Zeit und wie es der Vorth Wie Martin im In ſchüft tigt war, den ben vor ung gleichgun das Fenſter hin Annäherung ungewei licke ſicher zu ſtel⸗ len. In zwangloſer V ttaulichtei b er im Feldlager geboren und erzogen ſei, wußte er mit den fremden umzugehen, ſich, vi ſeiner kunde. Aufmerkſamkeit derjenigen, die dann und wann müßig auf dem Hofplatze ſich umher⸗ ieben, ſtets auf Gegenſtände zu lenken, de⸗ nauere Beachtung ohne alle Gefahr nden konnte. Obwohl zwiſchen Martin erg ee Art und Weiſe des bei⸗ tigen Verhaltens niemals irgend eine heime Verabredung getroffen worden war, kte erſterer gar wohl, welch ein verſchmitz⸗ mit ihm auf den beabſichtigten 3 veck geneinſchafelich hinarbeite. Auch konnte er nicht umhin, ſich an der raſtloſen und klug⸗ berechneten Zpirtigteit deſſelben innerlich zu 5 ergoͤtzen; doch hielt er ihn, trotz aller Aner⸗ iennung jener ſo weſentlichen Dienſte„ſtets in gemeſſener Entfernung von ſe iner Perſon, da der erſte widrige Eindruck, den Georgs dreiſtes und vorwitziges Benehmen auf ihn gemacht hatte, m noch in zu friſchem An⸗ denken war, als da äber ſich zu ge⸗ winnen vermocht hätte, de kopfe ſeine Gunſt zu Theil Wuut von acht war der Hauptmann durch die unermüdliche Wattung und Pflege, deren er unter dieſem gaſtlichen Dach ſich zu erfreuen gehabt hatte, nen Wunden volltommen hergeſtelt; und in eben dem Maaße, wie ſeine Geneſung ihrer Vollendung näherte, fing ihm die Haft, welcher er ſich ſeiner Sicherheit unterwerfen mußte, zur immer drückender Laſt zu werden an. Sein ganzes Sinnen und Trachten beſtand jetzt in em Wunf ſich je eher, je lieber dem vaterländiſche Heere wieder anſchließen und zur Bekämpfung des ſieghaft vorgedrungenen Feindes das Sei⸗ nige beitragen zu können. Er theilte dieſe Gedanken und Abſichten ſeinem Hauswirthe mit und te die wiederholte Verſicherung hinzu, daß es ihm jetzt einzig und allein noch darum thun ſei, die vier Meilen vom buennl erreichen, woſelbſt und Einfluß kc deren Vermittelung er ungefäl weiter zu kommen und wohl⸗ behalten da 5 entfernte Stadt glücklich zu iel zu gewinnen hoffe, nach 5 welchem er ein ſo lebhaftes Verlangen trage. Es ward zur Bewerkſtelligung dieſes Vor⸗ habens eine der nächſtfolgenden mondhellen Winternächte beſtimmt. Gern hätte Martin in eigner Perſon ſeinen Schuͤtzling nach der Stadt befoördert; die unruhvollen Zeitverhält⸗ niſſe erlaubten ihm jedoch durchaus nicht, ſich von ſeinem Grundeigenthum zu trennen, deshalb wurde, auf das ausdrückliche Begeh⸗ ren des Reiſefertigen, der flinke und rüſtige Georg beauftragt, dieſes Geſchaͤft zu uͤber⸗ nehmen. Mit Thränen der Ruͤhrung und Dankbarkeit trennte der Hauptmann ſich von ſeinen edelmuͤthigen Verpflegern, beſtieg, nachdem das Hausgeſinde zur Ruhe gegangen war, einen vor der Thür befinblichen leichten Flechtwagen, und raſch fuhr Georg, der ei⸗ nige Tage zuvor, vermittelſt einer ausſchließ⸗ lich fuͤr dieſen Behuf Wan⸗ derung nach der Gegend der Stadt, ſich uber die einzuſchl zender Richtwege die genaueſte Kenntniß u erſchaffen geſucht hatte, durch die Stille der Nacht mit ihm auf und dabon. ik3⸗1 Gegen Abend des andern Tages langte — aus der Stadt zurückkehrend, munter und wohlgemuth wieder auf dem Meierhofe an, begab ſich, nachdem er abgeſpannt und abgeſchirrt hatte, unverzuglich zu Martin, der mit ernſt nachdenkenden Geberden einſam in der Wohnſtube hin und her ging, ſtattete ihm in kurzen Worten uber den glücklichen Erfolg und Ausgang der ihm itetttgenen Geſchaͤftsſache Bericht ab, und überreichte ihm einen verſiegelten Brief, während er zugleich einen mit Geldmuͤnzen angefuͤllten Beutel unter dem Rock hervorzog und ihn ſchwei⸗ gend vor den Erſtaunten auf den Tiſch hin⸗ ſtellte. Das Schreiben/ welches Martin mit neugierigem Befremden erbr— fol⸗ gende, mit der Namensunterſchrift des Haupt⸗ manns 2 Zeilen: „Wenn ich auch die Feſt Eurer Grundſatze weniger en gelennt hatte, als es der Fall i irde mir es doch nun und nimmermehr en Sinn — tomnen„Euch, ſieber Vater Martin, fuͤr erwieſene Dienſtgefälligkeiten von ſolchem Belange irgend eine ſichtbare und klingende Belohnung anbieten zu wollen. Was Ihr im liebreichen und aufopfernden Eifer des menſchlichen Gefühles zur Zeit der höchſten Roth an mir gethan habt, kann eben ſo we⸗ nig durch Geld aufgewogen als durch Dank⸗ ſagungen abgefunden werden. Ja gelänge es mir auch Euch zur Annahme alles deſſen zu bewegen, was ich an Hab und Gut beſitze; den⸗ noch wuͤrde ich ewig Euer Schuldner bleiben! Alſo kein Wort mehr davon! Die Umſtände gebieten mir dagegen, Euch nochmals um ei⸗ nen Dienſt zu erſuchen, und ich thue dies mit um ſo ruhigerm Herzen, da die Gewahrung deſſelben fuͤr Euch mit keiner weitern Gefahr ten Planen und. nicht rönnt, für den gegenwärtigen Augenblick ſo ganz und gar nichts anzufangen weiß, daß ſie mir mehr zur Laſt als zur Huͤlfe gereicht⸗ Ich muß mich daher, indem ich ſie Euch zur Aufbewahrung uͤbergebe, ſchlechterdings von dieſer beſchwerlichen Buͤrde befreien. Sie be⸗ ſteht in fünfhundert Goldſtuͤcken und befindet ſich in dem ledernen Veutel, welchen Georg Euch nebſt dieſem Schreiben auslief rn wird Runzelt nicht die Stirn, Vater Martin! Es iſt ja kein Geſchenk, was ich Euch machen will; nur aufbewahren ſolt Ihr mir das Geld; obwohl ich allerdings nicht umhin kann zu geſtehen, daß es mich herzlich freuen würde, wenn Ihr bei vorkommenden Gelegenheiten es zum Behuf Eures perſonlichen Vortheils einſt⸗⸗ eilen verwenden könntet und wolltet! Wofern elegen iſ⸗ unbenutzt ten Gutes in ſich erhalten. Führt das Schick⸗ ſal mich früher oder ſpäter nach der Gegend Eures Wohnſitzes zurück, ſo werden wir uns dann hoffentlich uber die Zurückbezahlung ohne die mindeſte Schwierigkeit mit einander ver⸗ gleichen und abfinden.— Fährt Mutter Sa⸗ bine noch die wirkungsreiche Kraft ihrer Heil⸗ kräuter mit den verdienten Lobſpruͤchen zu ruͤhmen fort? und verirrt ſich das gute liebe Rööche noch in Gedanken zuweilen nach dem ſilen Seitentämmerlein, um ihrem Pflege⸗ befohlnen Speiſe und Trank zu reichen, ſich an ſein Lager zu ſetzen und ihm die Grillen des Unmuths aus dem Sinne hinwegzuſchwatzen? O Ihr edlen gefuhlvollen Seelen! Der Segen des ewigen Vergelters uͤber S und Euer uflichs Haus!“— Martins Augen hefteten ſ, er mit finſterer Aufmertfamkeit das Schreiben keſen⸗ auf den Ueber⸗ inger deſſelben„Wußteſt du,“ begann e i Hand auf den Tiſch zu was in dieſem Buutel enthalten war, 6 ten, ſtatt ſie, g der Vorſchrift des Su manns, mir zu übeiiſn — Sd—. wurde?“ 4 „Ei, wie ſollte ich nicht!“ verſetzte Georg mit einem pfiffigen Lächeln.„Ich ſtand ja dabei, als der Hauptmann ihn anfuͤllte und zuband. Lauter Goldfuͤchſe ſind drin, ſo blank und glanzend, daß einem das Herz im Leibe lachte, als ſie ſo in Reih und Glied den Tiſch hingezahlt lagen!“ „Sie wurden dir anvertraut,“ fuh M fort,— haͤtte vor der Hand ſatt nit dieſem Schatze deinen Veg ieder hierher zu nehmen, zum entgegengeſetzten der Stadt hinauszufahren. Gerietheſt du denn Georgs Antwort beſch nkte ſ auf einen ſtarren duncehrenten gt er zugleich, wie von einem als er dir zur Beſorgung eingehändigt ergriffen, einen Schritt ruͤckwärts that.„Ich bin arm, aber kein Schurke!“ rief er endlich mit ungewöhnlich ſtarker, kräftiger Stimme, und ein krampfhaftes Zucken überflog ſein Geſicht. Martin naͤherte mit einem Gemiſch von Verlegenheit und Beſchämung ſich dem Ge⸗ kränkten, legte ihm ſanft die Hand auf die Schulter und ſagte:„Nun, es war ſo ſchlimm nicht gemeint! Indeſſen freue ich mich doch, daß deine Ehrlichkeit dieſe gefährliche Probe, die manchen Andern deines Gleichen zu gar — verlockt haben wuͤrde, ſo tapfer beſtanden hat; obſchon der Auftrag, den mir der Hauptmann, hinſichtlich des uber⸗ brachten Geldes, in ſeinem Briefe ertheilt, mir keinesweges erwuͤnſcht und angenehm iſt. unſtreitig wird er ſelbſt den Sweck dieſer Ueber⸗ 3 anvertraut habe ich brauche — wacker ausgerichtet, nun auch s pflege und bewirthe!“ Georg that, wie ihm befohlen war. Mar⸗ tin aber verſiegelte, nachdem er die Goloſtücke uͤberzählt und richtig befunden, den ihm zu⸗ geſchickten Beutel und trug ihn mit unmuthi⸗ gem, bedenklichen Kopfſchutteln nach der Schlaf⸗ kammer hinaus, um ihn daſelbſt an einem ſichern Orte zu verwahren; feſt entſchlo en, weder gegen ſeine Frau, die eben einen Kranken⸗ beſuch druben im Dorf abſtattete, bei ihrer Ruͤcktehr etwas von der Sendung des Hupt⸗ manns zu erwähnen, noch jemals Gunſten ſeiner eignen Verhältniſſe von dieſer Baar⸗ ſchaft den ihm zugeſtandenen Nebengebrauch zu machen, obgleich er mit bekummertem Her⸗ zen ahnete, daß, den unheilvollen Zeitumſtänden zufolge, ſi ſich die Verſuchung zu einem Schritte i nug bei ihm einfinden werde. und Beſorgniſſe und mehr in Abnahme gerieth und mit ſtar⸗ ken Schritten dem gänzlichen Verfall ent⸗ gegeneilte, ohne daß zu Verhütung des letztern irgend eine Ausſicht vorhanden geweſen waͤre. Der Blick in die Zukunft erfallte ſeinen Geiſt mit Unruhe und ſeine Stirn mit Falten; düſtern Ernſtes hing er, während jeder neu⸗ aufgehende Tag neue Opfer erheiſchte, ſei⸗ nem geheimen Kummer nach, und mit Schau⸗ dern dachte er an den Maimonat, wo er den Pachtzins nach der Stadt bringen ſollte, welcher, dem abgeſchloſſenen Vertrage gemäß, fuͤr das naͤchſifolgende Jahr immer im vor⸗ aus entrichtet werden mußte. Zum erſten⸗ mal, nachdem er bis dahin niemals erman⸗ gelt gehabt, bei dem Eigenthuͤmer des Meier⸗ hofes⸗ dem Baron von L., ſich mit dem be⸗ ſtimmten Tage zur Bezahlung einzufinden⸗ ſah er ſich außer Stand geſetzt, der ihm ob⸗ liegenden Verbindlichkeit Genuͤge leiſten, und je näher der Termin. heranruͤckte, deſto weiter entfernte die Möglichteit, die mit demſelben verbundenen Anforderungen zu er⸗ IV. Bd. 3 — —— fullen, ſich aus den Augen des Bedraͤngten. Das leere fruchtloſe Rachgrübeln uber dieſen Gegenſtand endlich aufgebend und zu einem feſten Entſchluſſe gelangt, ſette ſich Martin gegen Faſtnacht einſt in der Fruͤhe des Mor⸗ gens zu Pferde und ritt nach der Stadt, um dem Baron von der Lage der Dinge Nach⸗ richt zu ertheilen und in Betreff der ihm zu ma⸗ chenden nothgedrungenen Aufſchubsvorſchläge die Willensmeinung deſſelben zu vernehmen. Es war um die Mittagsſtunde, als er in das Zimmer des lockern Wuͤſtlinges trat, der ſo eben das Bett verlaſſen hatte, während ſeine Gemahlin, von den erſchoͤpfenden Luſt⸗ barteiten der letztverwichenen Nacht ausruhend⸗ noch im angrenzenden Gemach in ſußen Schlummer verſunken lag. Wohin Martin ſeine Augen wandte, begegneten ihm in bun⸗ rer Vetwirtung und Unordnung die Bilder des glänzenden Elends, in welchem der Ba⸗ ron ſich umherzutummeln gewohnt war. Dem erborgten Prunt und Schimmer war die auf⸗ richtige Duͤrftigkeit als Grenznachbarin bei⸗ geſellt. Mit dem an der Stuhllehne nachläſ⸗ ſig herabhangenden prachtvollen Domino trieb ein daruͤber hingeworfenes grobes und ſchmutzi⸗ ges Hemd ſeinen grauſamen Spott. Auf dem durchgeſcheuerten, zerfetzten Sopha, in deſſen Mitte ein alter grämlicher Mops Platz genommen hatte, bildeten das zerriſſene Unterroͤckchen und die nicht geflickten Struͤmpfe der Barpnin den himmelſchreiendſten Abſtich gegen den hellatlasnen romantiſchen Schäfer⸗ anzug, worin ſie auf dem geſtrigen Masken⸗ balle die Herzen zu Dutzenden erobert. Re⸗ ben der vergoldeten Schminkdoſe und dem kunſtreich gearbeiteten Flakon mit wohlrie⸗ chendem Waſſer zeigte ſich, mit einem Reſt von ehrlichem Halbbier, eine Flaſche, die bei der ſpäten Nachhauſekunft und Entkleidung zum Leuchter gedient hatte. Dem auf dem Liſche befindlichen, mit blinkender Agraffe verzierten Federhute ſtand das zerbrochene Kaffeegeſchirr mit dem Ausdruck der tiefſten Demuth zur Seite. Unterhalb des Liſches 3* — 5— grinzten zwei hohläugige Larven gegen die Decke empor; ihr Schickſal theilend, lagen geſtickte Halskrauſen und durchlöcherte Pan⸗ toffeln, funkelnde Bruſtguͤrtel und haͤnfne Strumpfbänder, kuͤnſtliche Putzblumen und verbrauchte Haarwickel, Bonbonhuͤlſen und Spielkarten in der abentheuerlichſten Ver⸗ traulichkeit am Boden umher.. Als Martin ſi ch zeigte, befand der Baron, der, wie geſagt, eben aufgeſtanden war, ſich noch in einem Aufzuge, in welchem er, Beſuch zu empfangen, ein ſehr gegruͤndetes und ge⸗ rechtes Bedenken trug. Dieſer augenblicklichen Verlegeneit ward jedoch dadurch abgeholfen, daß er ſchnell in den Domind fuhr, worauf er, mit beiben Händen ſich den Schlaf aus den Augen wiſchend und den Einttetenden erkennend, dieſen ſogleich mit der freudigſten Miene von der 6 hieß. „NRein, nein! es bedarf gar keiner weitern Entſchuldigung!“ rief er haſtig aus, bevor jener noch ein Wort geſprochen hatte.„Ihr * S S kommt mir ſehr zur gelegnen Zeit! Martin, Ihr ſeid ein ganz ercellenter Kerl! Run das iſt brav, ganz außerordentlich brav von Euch gedacht, daß Ihr Euch mit dem Pachtgelde diesmal ſo zeitig einfindet! Ich muß Euch auf⸗ richtig bekennen, daß ich, diverſer nothgedrunge⸗ ner Ausgaben wegen, gerade wieder rattenkahl bin, und daher uͤber Euer Erſcheinen ein ganz unmenſchliches Vergnuͤgen empfinde! Rur hierher, Vortrefflichſter, hierher an den Tiſch! Herunter mit dem Lumpenkram! Kommt, theuerſter Freund, zählt auf; hernach fruͤh⸗ ſtuͤcken wir und brechen einer Flaſche Cham⸗ pagner den Hals!“ „Uebereilen Sie ſich nicht, Herr Baron!“ ſagte Martin mit kleinmuͤthiger Geberde, während jener eifrig und ungeſtum Alles von der Tiſchplatte herabwiſchte, was ſeinen Platz eben ſo gut am Boden einnehmen konnte. „Meine Taſchen ſind eben ſo leer, wie die Ihrigen! Ich bringe nicht nur kein Geld, ſondern muß Ihnen leider ſogar erklären, daß ich diesmal ungewoͤhnlicher Weiſe auch ſelbſt zum feſtgeſetzten Termin durchaus nicht im Stande bin, Zahlung zu leiſten.“ „Wie? was? höre ich recht?“ rief der Baron mit Merkmalen der lebhafteſten Be⸗ ſtürzung.„Freund, ich bitte Euch, treibt kei⸗ nen ſo unzeitigen Scherz mit mir! Ihr könnt keine Zahlung leiſten? weder jetzt, noch zum Maimonat? Alter, wo denkt Ihr hin! Ihr ſeht, daß ich mich bei dieſer entſetzlichen Bot⸗ ſchaft nur mit der n er⸗ wehren kann!“ „Sie wiſſen, daß c ein Mann von Wort bin und haben ſich nie uͤber Mangel an Ord⸗ nung bei mir zu beklagen gehabt!“ fuhr Martin fort.„Wer aber kann auf die Un⸗ fehlbarkeit ſeines gegebnen Wortes pochen, wenn unerwartet ſo ſchlimme und traurige Zeitverhältniſſe eintreten, als es gegenwärtig der Fall iſt! Die Folgen des ungluͤcklichen Krieges haben ſeit den letztverwichenen vier Monaten auch auf mir ſo ſchwer gelaſtet, daß ich zur Erfuͤllung der Obliegenheiten gegen Sie, Herr Baron, ſelbſt mit dem be⸗ — 39— ſten Willen keine Anſtalt zu treffen weiß⸗ Iſt Ihnen daran gelegen, daß unſte gegen⸗ ſeitige Verbindung noch laͤnger fortdaure, ſo muͤſſen Sie, mit Beruͤckſichtigung der er⸗ waͤhnten Umſtaͤnde, mir diesmal eine billige Friſt verſtatten und ſich mit der Ausbezah⸗ lung des Pachtgeldes bis zum Ablaufe des Jahres gedulden!“ „Nicht capable! liebſter beſter Freund! Wie koͤnnt Ihr als vernuͤnftiger Mann auf einen ſolchen Gedanken gerathen?“ eiferte der Ungeduldige.„Mit der größten Zuver⸗ läſſigkeit iſt bereits auf den Eingang dieſes Geldes gerechnet; nach jedem Heller deſſelben halten meine heißhungrigen Gläubiger be⸗ reits ihre Krallen ausgeſtreckt! Ihr habt freilich die Folgen jener Unglucksſchlacht gleich aus der erſten Hand zu genießen gehabt, und ich will wohl glauben, daß Ihr nicht wenig gekniffen und gezwickt worden ſeid; aber meint Ihr denn etwa, daß ich auf Roſen gebettet bin? O ihr Maͤchte des Himmels! wer dieſe Vermuthung hegt, thut mir Un⸗ recht! Mehrere Stunden brauche ich täglich, um die eingehenden Mahnbriefe zu leſens wer mich anſieht, will Geld von mir haben; von Chriſten und Juden werde ich gedruͤckt und gepeinigt, daß es eine wahre Schande iſt; nicht aus noch ein weiß ich mehr zu fin⸗ den! Ihr ſeht, mit welcher Offenhetzigkeit ich Euch meine Lage kund mache. Unter uns geſagt, Martin! Ich glaube nicht, daß es in der ganzen weiten Stadt einen ärmern Teufel giebt, als ich bin!“ „Ich weiß es wohl, Herr Baron, daß Sie eigentlich noch ärmer, als arm ſind!“ verſetzte Martin mit ruhiger Gelaſſenheit⸗ „Sie waren von jeher ein Verſchwender und lebten locker und leichtſinnig darauf los, als ob Sie vom Unterricht Ihres Rechenmeiſters nichts weiter behalten hätten, als wie man Thaler zu Hellern macht. Daher kommt es denn auch, daß Sie mit jedem Jahr tiefer ins Elend gerathen und vermuthlich gar nicht ohne Angſt und Schrecken daran denken mögen, wo es zuletzt noch mit Ihnen hinaus —— ſoll. Ich will nicht leugnen, daß ich Sie, obwohl Ihre zetruͤtteten Vermoͤgensumſtände nur Sache des eignen Verſchuldens ſind, auf⸗ richtig bemitleide; denn ein ſchlechtes Herz beſitzen Sie eben nicht. Sie wuͤrden gern mir den verlangten Aufſchub bewilligen; aber Sie konnen es nicht, ohne ſich auch um das letzte Reſichen von Treu und Glauben zu bringen, das, auf dem Beſitze des Meier⸗ hofs haftend, Ihnen noch einigermaßen gegen den völligen Untergang zu Huͤlfe kommt!“ „Nun, ſeht Ihr wohl?“ rief der Baron, die ihm dargebotenen Pillen gutmuͤthig ver⸗ ſchluckend.„Ihr urtheilt ſo vernuͤnftig uber die Sache, daß ich nicht das geringſte dagegen einzuwenden vermag! Um ſo weniger werdet Ihr mir es daher aber auch verargen und verdenken, wenn ich, auf den Fall, daß Ihr zu Beibringung des Geldes durchaus nicht Rath zu ſchaffen wißt, den zwiſchen uns be⸗ ſtehenden Vertrag förderſamſt für null und nichtig erklären, und den anderweitigen Vor⸗ ſchlägen Gehör ſchenken muß, welche mir in —— Betreff der Pachtung bereits von verſchiedenen Seiten gemacht worden ſind. Ungern thue ich dieſen Schritt, da Ihr ſeit einer ſo lan⸗ gen Reihe von Jahren ſtets auf das gewiſſen⸗ pafteſte Eure Schuldigkeit gegen mich beobach⸗ tet und puͤnktlich gezahlt habt. Es thut mir in der Seele weh; aber ich kann nicht anders! nein, wahrlich, ich kann nicht anders! Armuth und Edelſinn, heißt es bei mir. Wollte der Himmel, ich hätte Euern Kredit; ich wuͤrde ihn beſſer zu benutzen verſtehen!“ Bis er endlich dem Ihrigen gleich wuͤrde!“ unterbrach ihn Martin. „Aber Ihr braucht ja nicht es wie ich es doch täglich thun muß, zu fremden Leuten Eure Zuflucht zu nehmen!“ fuhr der Ba⸗ ron mit faſt unwilliger Geberde zu ſprechen fort. „Euer leiblicher Bruder, der hier ſchräg gegen⸗ uͤber wohnende Gewuͤrzkrämer iſt reich, glaubt mir, ſteinreich! Der Kerl hat weder Kind noch Kegel, läßt für unaufhörliches Faſten und Kaſteien ſich den eignen Leib zum Sün⸗ denbock dienen und ſcharrt und knauſert vom — 43— Morgen bis in die Nacht zeitliches Gut zu⸗ ſammen. Was macht Ihr noch lange Um⸗ ſtunde mit einem Knicker, den Ihr ja doch⸗ ſobald er erſt auf ſeinen Geldſäcken vollends verhungert iſt, früher oder ſpäter beerbt! Geht zu ihm hin, ſtellt ihm Eure Noth und Ver⸗ legenheit vor, beruft Euch auf die natuͤrliche Befugniß, kraft welcher Ihr ſeine Unter⸗ ſtuͤtzung in Anſpruch zu nehmen geſonnen ſeid, und macht ihm mit dem Pflichtgebot der bruͤder⸗ lichen Liebe die Hölle heiß, bis er des Predi⸗ gens müde witd und herausruͤckt! Verſucht Euer Heil, Martin, und thut, was Euch moͤg⸗ lich iſt, um das Geld herbeizuſchaffen; dann iſt uns beiden geholfen, und es bleibt zwi⸗ ſchen uns ganz beim Alten!“ Die Antwort, welche Martin, nach Anhoͤrung dieſes Rathes, dem Baron zu ertheilen im Be⸗ griff war, erſtarb ihm auf den Lippen, indem er zu gleicher Zeit ein im Nebenzimmer lautwerden⸗ des Huſten vernahm, wodurch ſich das Erwachen der Baronin ankundigte, deren Erſcheinung abzuwarten er ſich keinesweges geneigt fuͤhlte. — 44— „Wenn ich mich nicht,“ ſagte er,„bin⸗ nen drei Stunden bei Ihnen einfinde, Herr Baron, um Ihnen eine andre Botſchaft zu überbringen, ſo bleibt es bei meinem bereits ausgeſprochenen Beſcheide, und es mag Ih⸗ nen ſodann frei ſtehen, in Betreff der bewuß⸗ ten Angelegenheit ganz nach eignem Gut⸗ duͤnken zu verfahren!“— Ohne den fernern Aufmunterungen, die jener noch in Bereit⸗ ſchaft zu haben ſchien, länger Gehoͤr zu ge⸗ ben, nahm er mit geziemender Höflichkeit Abſchied und war ſehr froh, als er den uk⸗ ſaubern Wohnſitz vornehmer Bettelhaftigkeit erſt völlig im Ruͤcken und die freie Straße glucklich wieder erreicht hatte. Auf einer ſteinernen Bank, dicht neben der Hausthuͤr ſeines Bruders, bei welchem er, nicht um ihn mit einem Geldgeſuch zu beläſti⸗ gen, ſondern nur, um ihm ſeine Aufmerkſam⸗ keit zu beweiſen, auf ein paar Augenblicke vorzuſprechen beſchloß, ſaß eine alte Frau von dem duͤrftigſten Anſehen, welche die Hände ——————— — 456— vor ſich hingefaltet hielt und bitterlich weinte. 1343 „Was iſt Euch Schlimmes widerfahren?“ redete Martin ſie an;„daß Ihr hier ſo vor aller Welt Augen Eure Betrubniß zur Schau gebt?“ Die Alte wandte ihr troſtloſes Geſicht zu ihm empor und berichtete mit ſchluchzender Stimme, daß der nebenan wohnende Krämer, dem ſie ſeit mehrern Jahren zur Hauſirung mit Gewuͤrzen als Botenläuferin uͤber Land gedient, ihr dieſen Morgen, unter Anſchuldi⸗ gung eines begangenen Unterſchleifes mit Kaffeebohnen, den Abſchied ertheilt, ſie mit Fußtritten zur Thuͤr hinausgejagt, und eben dadurch in ſeiner Hartherzigkeit ſie des kuͤm⸗ merlichen Erwerbes beraubt habe, der noch die einzige und letzte Stütze ihres vom tiefſten Mangel darniedergedruͤckten Alters geweſen ſei. „So gebt Euch nur zufrieden!“ ſagte Martin, nachdem er das Klagelied vernommen⸗ mit theilnehmender Miene.„Ich kenne den Mann, und will ſogleich mich zu ihm verfuͤ⸗ gen, um ein gutes Wort fuͤr Euch einzulegen. Vielleicht daß er auf meine Fürſprache ſich eines andern bedenkt und Euch, wofern Ihr es nur nicht gar zu arg gemacht wieder zu Gnaden annimmt.“ „Gott lohne Euern guten Willen, aber ausrichten werdet Ihr nicht vielz ob ich gleich ſo unſchuldig bin, wie ein Kind in der Wiege!“ entgegnete unter neuhervorbrechen⸗ den Thränenſtrömen die Verſtoßene⸗ Martin war indeß im Innern des Hauſes angelangt. Der Bruder ſaß Geld zählend am kleinen Guckfenſter eines dem Eingange zur Seite befindlichen Stuͤbchens und nöthigte den Ankoͤmmling, nachdem er ihn erkannt hatte, mit ſauerſuͤßem Geſicht, ein wenig näher zu treten. „Aber daß du nur ganz und gar keine Umſtände machſt, Samuel!“ waren Martins erſte Worte.„Ich habe ſo eben druͤben im weißen Schwan eine tuͤchtige Mittagsmahlzeit gehalten, und bin daher durchaus nicht ver⸗ mögend, noch etwas zu genießen!“ Auf das merklichſte erheiterten ſich Sa⸗ See — 47— muels Mienen bei Anhörung dieſer erfreuli⸗ chen Rachricht.„Sei nur ruhig, Bruder⸗ chen!“ rief er mit einem zufriedenen Lächeln aus.„Ich kenne ja deinen Eigenſinn ſchon von Alters her und wuͤrde dir alſo auch ohne⸗ hin nichts weiter angeboten haben, als hoͤch⸗ ſtens einen Stuhl zum Sitzen. Aber dein Beſuch kommt mir ganz unerwartet; da du dich ja um dieſe Jahreszeit ſonſt niemals in der Stadt pflegteſt blicken zu laſſen! Welche ertraordinäre und dringende Geſchäfte fuͤhren dich denn heute hierher?“ „Nicht die erfreulichſten!“ etwiederte der Befragte.„Ich habe dem Baron die Anzeige gemacht, daß ich die Pachtung des Meierhofes aufgeben muß, weil, den widerwaͤrtigen Zeit⸗ ereigniſſen zufolge, die gänzliche Erſchöpfung meiner Kaſſe mir nicht verſtattet, mit dem bevorſtehenden Maimonat die Kpnie Voraus⸗ Khlüts zu entrichten.“ Jener kniff und preßte bei dieſer Mitthei⸗ geheiſin die Lippen gegen einander, als ob er es fuͤr nöthig erachte, ſich ſelbſt ————— Zaum und Gebiß anzulegen, um nicht etwa aus Uebereilung und Mangel an reiflichem Nachdenken eine unbeſonnene Antwort zu Tage zu bringen.„Ei, was du mir ſagſt!“ begann er nach einer Pauſe.„Alſo bin ich doch nicht der einzige, der, durch die heilloſen Kriegskalamitäten zu Grunde gerichtet, ſich wie ein zertretener Wurm kruͤmmt und ein unaufhörliches Zetergeſchrei erhebt! Ach Bruder⸗ herz! könnteſt du dir einen Begriff davon machen, mit welchen Leiden und Truͤbſalen ich Tag fuͤr Tag zu kämpfen habe, du wuͤrdeſt deine blutigen Thränen daruber weinen! Rir⸗ gens contante Zahlung, uͤberall verſteckt, von den Glaͤubigern mit dem Schuldthurm bedroht, von den Schuldnern angeſchnauzt und zur Treppe hinuntergeworfen, von der Nahrungs⸗ loſigkeit der Zeiten entmuthigt und nun noch vollends durch unerſchwingliche Steuern und Abgaben ganz totaliter zu Boden gedrückt! Fannſt du dir wohl vorſtellen, daß ich geſtern den ganzen Rachmittag von einem Ende der Stadt zum andern wie ein Windhund her⸗ . umgerannt bin, um funfzig Thälerchen aufzu⸗ leihen, deren ich zur Bezahlung eines falligen Wechſels bedurfte, und daß ich auf die bloße Gewährleiſtung meines ehrlichen Geſichts nicht funfzig Kupferpfennige zuſammenzutreiben im Stande war? Kannſt du wohl glauben, Bruͤ⸗ derchen, daß mir am Ende nichts uͤbrig blieb, als ein paar Kiſten mit Gewuͤrzwaaren bei einem der hieſigen Schutziuden zu verſetzen, um nicht ganz zu Schanden zu werden?“ Maptin mußte unwillkuhrlich lächeln, in⸗ dem ſein Blick auf ein paar halbgeoͤffnete eiſerne Geldkiſten ſiel, deren Inhalt den Knauſer bei Vorbringung ſeines herzbrechen⸗ den Verichtes auf die enrſchiedenſte Weiſe Lugen zu ſtrafen ſchien. Samuel, der die Gebanken des Ungläubigen errieth, fuhr ſich nicht ohne Anzeichen innerer Verlegenheit mit den Fingern ein paarmal uͤber die ha⸗ gern Backen, legte dann ſein Jammergeſicht wieder in die gehorigen Falten und ſagte: „Wer ſich, ohne genauere Kunde von mei⸗ nen Vermoͤgensumſtuͤnden zu beſitzen, hier im IW. Bd. 4 3 Stüßchen umſteht, ſollte denken, ich über⸗ triebe die Sache, und ſtellte mich durftiger⸗ als ich bin; aber ſo weit iſt es heut zu Tage getommen, daß man die Geldkiſten lieber mit Cichorienſäcken anfuͤllt, um ſie nur nicht ganz leer ſtehen zu laſſen. Starre mich nicht ſo an, Bruder Gotthold! Ich muß bir offen⸗ hetzig bekennen, daß ich, bevor ich deine eigne mißliche Lage in Erfahrung brachte, ſchier in Verſuchung gerieth, dich um ein kleines Darlehn anzuſprechen; ſo groß iſt meine Roth und Bedrängniß. Auch wirſt du es ſicherlich gemerkt haben, welch ein Hoff⸗ nungsſtral mir in der Seele aufging, als ich dich ſo ganz unvermuthet. kommen ſah!“ „So will ich denn mit. zigkeit gegen dich verfahren!“ rief Martin aus.„Bevor ich noch uͤber deine Schwelle getreten war, fand ich bereits Urſache, dir mein innigſtes Bedauern zu ſchenken. Mein Bruder Samuel, dachte ich bei mir ſelbſt muß plötzlich in ſehr kuigliche umſtinde ge rathen ſein, da er ſich gezwungen ſieht, alle Regungen des menſchlichen Gefühles zu ver⸗ leugnen und zu verhöhnen, ſein Herz zum Steinklumpen zu machen und mit grauſamer Unempfinblichkeit einer armen Frau den letzten Blſſen vor dem Munde hinwegzuſchnappen, mit welcheim ſie iht elendes Daſein bisher zu friſten ſüchte! Bruder, du haſt entweder kein bezahltes Brot mehr im Schranke, oder du biſttiefer geſunken, als irgend ein Menſch, vor welchem ich jemals— mit—— ——— nomnn 5ol0 achiet „Du ſprichſt von der Men⸗ venh der ich vor einer Stunde, zum Lohn ihret Betruge⸗ reien, den Laufpaß ertheilt!“ entgognett Samuel.„Aller Wahrſcheinlichkeit nach har ſie dir nur iht Ach und Weh vorgelikaneit vnd zum Beſten gegeben, ohne der hintebli⸗ Kigen Schliche und Kniffe zu gedenken, wo⸗ vurch ſie ſich ſelbſt ins Detriment gebtacht. Iſt es dir denm ſchon eingefallen, einmal mit rechtem Ernſt zu erwägen, was es zur jetzi⸗ gen Continenralſperre mit einer handvoll 4— Kaffeebohnen recht eigentlich auf ſich hat? Da ſchau meine Cichorienſäͤcke an! In Zeit und Ewigkeit will ich als der ärgſte Hunds⸗ fott behandelt werden, wenn ich mir nicht ſeit Anno— wie lange iſt es doch gleich her? meinen Fruͤhtrunk ſtets in Demuth und Beſcheidenheit aus vaterländiſchen Pro⸗ dukten zuſammengekocht habe! Und ich ſollte es gelaſſen erdulden, daß meine ſauern Er⸗ ſparniſſe frech und uͤbermuͤthig von einer fremden Gurgel hinabgeſchluckt wuͤrden? Aber nicht blos dem Gaumengeluͤſt ſucht ſie auf meine Unkoſten Befriedigung zu verſchaffen; auch die Raſe ſucht ſie ſich zu fuͤllen, und wie ich den Ruͤcken wende, gleich hat ſie ihre ruchloſen Finger in meinem Rapeetopfe. Doch der Krug geht zu Waſſer, bis er zerbricht! Heut gelang es mir, ſie uͤber einem ſolchen Diebes⸗ griff zu erwiſchen. Sie hätte es nur gethan, meinte ſie, weil ihr vom langen Stehen im Kramladen etwas flau und curios zu Muthe geworden; es gab ihr aber den Reſt und wir waren auf der Stelle geſchiedene Leute!“ . — Schäme dich, Samuel!“ rief der Pach⸗ ter mit Zorn und Unwillen.„Ich weiß nicht, ob die Frau ganz ſchuldlos iſt; wohl aber bin ich feſt uͤberzeugt, daß deine wachſame und mißtrauiſche Vorſicht es ihr durchaus unmöglich macht, dir einen Betrug zu ſpie⸗ len, der nur im entfernteſten von Belang und Erheblichkeit wäre. Sie ſitzt heulend und wehklagend draußen vor deiner Thuͤr, und jedem Voruͤbergehenden, der Luſt hat, ihr das Ohr zu leihen, thut ſie deine Hart⸗ herzigkeit kund. Gieb das nicht zu, ſondern dufe ſie herein und verſprich ihr, daß du ihr jenen kummerlichen Erwerbzweig noch ferner vergönnen willſt bis an ihr Ende!“ „Brüderchen, du biſt und bleibſt doch ei⸗ ner der ſeltſamſten Menſchen, die ich tenne!“ brwiederte Samuel.„Um fremdes Lumpen⸗ geſindel in Schutz zu nehmen, machſt du dich gegen den eignen leiblichen Blutsverwandten der größten Unbilligkeit ſchuldig! Was gehen mich die Voruͤbergehenden an! Mögen ſie den Stoßſeufzern der alten Schachtel zuhö⸗ ren /pſo lange ſie wollenz und cvon mir v kenn was ihnen gefältziwenn nur meine Kunden fortwährend die Ueberzeugung hegen⸗. daß in meihem Kramladen beritable unn aufrichtige Waare zuſhaben iſt!4 6 Das war,“ fuhr Martinbfort, freilich nicht ebenadie Meinung unſtes Vaters, als er uns am ſein Sterbebett berief und mit fleheuder Stimme uns die Aufrechthaltung unſtes guten Namens ans Herz zu legen ſuchte! Ert ahnete nicht, daß jemals einer ſeiner Sohne fähig ſein könnte, gegen auf der Straße abgeſungene Loblieder ſolcher Art ſich gleichgultig zu zeigen 6 n „Unſer ſeliger Vater ktitn 3 Mann,“ verſetzte jener mit ruhigem Gleich⸗ muths„aber er kannte die Welt nicht! E lebte ſtill und ruhig in ſeinem Hauschen am Walde, beſchickte die Woche hindurch in gleichförmigem Fleiße Feld und Garten, 146 des Sonntags mit mechauiſcher Andacht in Arndts Paradiesgärtlein, und hatte keinen Begriff davon, von welch einer Maſſe von Gaunern und Spitzbuben man bei einer et⸗ was ausgebreitetern Wirklmtꝛit fortwaͤhrend untint iſt! ½%. c „Laß uns davon— und ei⸗ nen Vorſchlag thun, den du vielleicht nicht ganz verwerflich finden wirſt!“ ſagte Martin⸗ „Wenn du meiner billigen Fuͤrbitte Gehor giebſt, ſo bin ich bereit, dir dagegen feierlich zu geloben, daß ich, ſollte meine Roth und Bedrängniß auch den hoͤchſten Gipfel erreie chen, lieber den Bettelſtab ergreifen, als je⸗ mals den Mund öffnen will, um Geld oder Geldeswerth von dir zu borgen⸗ Sir meine Hand darguft“ „Leider verbote ſich das—— von ſelbſt!“ antwortete Samuel, indem er mit unwillkührlicher Lebhaftigkeit in die ihm dar⸗ gebotene Rechte einſchlug.„Ich will dip indeſſen einen Beweis von brüderlicher Nach⸗ giebigtrit zu Theil werden laſſen. Die Alte ſoll, wenn ſie Beſſerung verſpricht, wieder in ihre porigen Funktionen und zugleich in den vollen Genuß aller dgmit verbundenen Emoluentt eintteten, und baiit du ſiehſ, daß ich in der Liberalität meiner Geſennun⸗ gen ſogar Opfer zu bringen im Stande bin, ſo ſoll es mir dann und wann auch auf einige Korner Schnüpftaback nicht eben an⸗ kommen. Ich will ihr ſogleich die ausgewirkte Verzeihung ankundigen und wieder eine neue Quantität Waaren zur Ausbringung auf die umliegenden Dörfer fuͤr ſe ö5— muchen““ un Die Untertedung ward durch das Erghei⸗ nen der Hausmagd unterbrochen, welche mit der Betſchaft hekeintrat, däß das Mittag⸗ eſſen auf dem Liſche ſtehe. Samuel erhob ſich von ſeinein Seſſel und heftete einen ängſtlichforſchenden Blick auf den Bruderz dieſer aber machte der Unruhe, bie jener im Spiel ſeiner Geſichtsmuskeln kund gab, da⸗ durch ein Ende, daß er ſchnell nach Hut und Reitpeitſche griff und unter der Verſicherung⸗ daß er, anderweitiger dringender Geſchäfte wegen, durchaus nicht länger verweilen duͤrfe kurz und buͤndig ſich verabſchiedete. Vov der Thur angelangt, ertheilte er der ſchmetz⸗ lich harrenden Zwiſchenhändlerin einen Wink ſich zur Empfangnahme neuer Aufträge und BVeſtellungen ins Haus zu verfuͤgen, nickte ſodann dem Baron, der neugierigen Blickes im Fenſter lag, mit einem fluͤchtigen aber vielſagenden Kopfſchuͤtteln ſeinen Gruß hin⸗ auf, ſtieg wieder zu Pferde und trabt⸗. munter der Heimath zu⸗ — wenige Tags darauf ward die Wirkung ſichtbar, welche die Unterredung 5 mit dem Baron zur unmittelbaren Folge gehabt hatte; denn es erſchien in Martins Wohnung ein fremder Mann, welcher ſich als der neue Pachter des Meierhofes an⸗ kuͤndigte, zu ſeiner Beglaubigung eine vom Baron ihm eigenhändig ausgeſtellte Voll⸗ macht vorzeigte und unter der Andeutung, daß er den Pachtvertrag abzuſchließen im Begriff ſtehe, den Wunſch zu erkennen gab⸗ den Zuſtand des Ganzen zuförderſt noch et⸗ was genauer in Augenſchein zu nehmen⸗ Weit entfernt, ihm bei dieſem Vorhahen das geringſte Hinderniß entgegen zu ſetzen, führte Martin ſeibſt ihn gller Orten umher, unter⸗ richtete ihn, nach Maaßgabe der eignen viel⸗ jührigen Erfahrung auf das ausführlichſte uber jeden Umſtand, deſſen Kenntniß ihm zum Vortheil gereichen konnte, und erthrilte ipm auf alle vorgebrachte Fragen ſo ge⸗ wiſſenhaften und zuverläſſigen Beſcheid⸗ als ob dieſe auf ſeine Verdrängung hinauslau⸗ fende Maaßregel des Barons ſich mit ſeinen innern Wuͤnſchen und Erwartungen im voll⸗ — Einklange befinde.) 6 So kaltblutig und gelaſſen er ſelbſt gber „6 dem Machtgebote des Verhängniſſeße zn fügen verſtand, ſo wenig war ſeine wackre, Hausfrau vermögend, ſich ſtill in ihr Lvos zu ergeben und der bevorſtehenden gewalt⸗ ſamen Veränderung der Dinge Luhigen Mu⸗ thes entgegen zu ſehen. Vergebens ſuchte ſie⸗ nnchdem die Erſcheinung des Fremden ibe uͤber die Gewißheit des befürchteten mrüben Schickſals keinen weitern Zweifel übrig 8 ——— — „— — 659 haſen den Kummer ihres Herzens zn) ver⸗ bergen; traurig und niedergeſchlagen ging ſie umher, und fort und fort waren ihre Augen mit Thränen angefüllt⸗ 3 ſul „Ich will nicht durch Kaen deine Bekuͤmmerniß vermehren⸗ lieber Martin!“ ſagte ſie zu ihrem Manne, als beide mit dem hereinbrechenden Abend ſich vor das im Wohnzimmer brennende Ka⸗ minfzuern geſetzt hatten.„Aber hart, ſehr hart bleibt es doch immer, ſo ſchnell und plötzlich auß ſeinen gewohnten Verhältniſſen geriſſen zu werden und einen Ort verlaſſen zu ſollen, wo man eine lange Reihe von Jah⸗ ren bindurch ſich zufrieden und wihit fühlte K„. Glaubſt du wirklich, liebe Szeine,“ entgegnete Mattin,„unſer Gluͤck ſei auf ſo unbedingte Wziſe an einen beſtimmten Ort gebunden⸗ daß es uns nicht auch anderse wohin begleiten werde? Ich hege vielmehr die Ueberzeugung, daß es uns, welchen Wint iel wir auch zu unſerm künftigen Aufenthalt etwählen, treu bleiben wird; wofern wir nur ſelbſt uns— auke es S— halten!“ 1 „Unſer ſichtes Auskommen uh verſetzte jene mit kleinmüthiger Geberde; wenn ich auch von dem ſorgenfreien Wohl⸗ ſtande nicht einmal ſprechen will, deſſen wir uns bis zum Ausbruch der Kriegzuntuhen hier zu erfreuen gehabt!“ „Richtig!“ ſagte Martin.„Wir paben reblich grarbeitet und der Himmel hat unſern Fleiß geſegnet. Wir werden auch in unſern neuen Verhältniſſen die Hände nicht mußig in den Schooß legen; und ſo wird auch in Zukunft der Beiſtand des Himmels uns nicht verlaſſen!“ „Du haſt ſo viele Freunde und Bekannte, die dir mit herzlichet Liebe zugeneigt ſn1“ fuhr Sabine fort.„Wäre denn gak kein Ausweg vorhanden geweſen, uns hier zu be⸗ haupten und die 4. neue zu nehmen?“ „O allerdings!“ war die ante zunb — 61—* ich kann dir ſogar beweiſen, daß mir, bei einiger Gleichgültigkeit uber die Wahl der Mittel, die Erreichung des gebachten Zweckes nur wenige Schritte koſten wuͤrde!“— Er entfernte ſich bei dieſen Worten nach der an⸗ grenzenden Schlafſtube und holte die vom Hauptmann ihm zugeſandte Baarſchaft herbei. „Sieh da, liebes Weib! In dieſem Beutel befinden ſich funfhundert Goldſtuͤcke, mit wel⸗ chen ich nicht allein das Pachtgeld zur feſtge⸗ ſetzten Stunde ausbezahlen, ſondern auch allen anderweitigen, außergewöhnlichen Forderungen noch eine Zeitlang volle Genuge zu leiſten im Stande wäre!“ Sabine ſchaute bei dieſer hoͤchſtunerwarte⸗ ten Rachricht erſtaunt und betroffen an ihm empor, hatte jedoch, von einer geheimen Scheue durchdrungen, nicht den Muth, nur eine Sylbe darauf zu erwiedern. „Das Geld,“ fuhr er fort,„wurde mir vom Hauptmann zur Verwahrung anvertraut und zwar auf eine Weiſe, welche mir die Ab⸗ lehnung eines ſo bedenklichen Auftrages, dem ich untet anbern Vethältniſſen mich mit mi⸗ ner ganzen Willenskraft widerſetzt haben würde, durchaus unmoglich mächte. Georg brachte es damals mit aus der Stadt zuruͤck. Hier iſt das Schreiben, von——— — begleitet wat!“ nb Meugierig entfaltete Sabine den vni Aber mein Hinmel!“tief ſie, nachdem ſie den Inhalt doſſelben kenten gelernt, in der pefrisſten Gemuthsbewegunig zus.„Wie kannſt du bei ſo bewandten“ Umſtänden nur eineh Angenblick Bebenken tragen/ dich dieſet Hülfe in der Roth zu bedienen! Der Hauptmann ſpricht es ja Sanz klar und deutlich aus) däß die Benutzung dieſes Geldes dir nicht allein ftei ſteht, ſondern ſogat ſein angelegentlichſter Wunſch iſt! Was willſt du denn mehr ver⸗ langen? Du haſt ja keinesweges nöthig, es als eine Vergeltung der ihm erwieſenen Bienſte, als ein Stſchenk zu bettachten; du inachſt blos Gebrauch davon, um bich aus der aügenblicklichen Verlegenheit zu retten, uitd zahlſt es ihm ſpätérhin; damit deinet —— uneigennützigkeit ihr volles Recht widerfahte, mit Hinzufuͤgung der ublichen Zinſen zurück. Es bleibt freilich ein unangenehmes Geficht, das zuverſichtliche Vertrauen auf die eigne Kräft aufgeben und zu fremder Hülfe ſeine Zuflucht nehnien zu muſſen; aber hört man darum auf, ein ehrlicher Mann zu Jein? und iſt es uͤberhaupt eine Schande, Geld zů Pihen, ſobatd man den Willen und die Aus⸗ ſicht hat, es zu ſeiner S6 wieder * 13 Dü ſteckt eben der Rnin⸗ erwiederti zu mik nachdrucksvollem Ernſt.„Wet vürgt wir dafür;, ob ich jemals mich in dei Stand geſetzt ſinde, den Bekrag des erhsbel nen! Darlehns zurückerſtatten zu könnem? Glaube mir, Sabine, wir gehen einer ſchlim' meii Zukunft entgegen! Der Nieſenſchritt den der eroberungsſüchtige Feind mit. jenem entſcheibeuben Siege zur Unterjochung unſtös utien Baterlandes gethan hat, wird fud 82 Ganze wie für das Einzelne von den ver? derblichſten Folgen v ſein. Eine nei — 64— Ordnung der Dinge wird eintreten, Geſetz“ und Recht werden der zügellos waltenden Wihtuhr zur Beute werden, unter tauſend verſchiedenen Geſtalten wird die Habgier der fremden Unterdruͤcker am Marke des Landes ſaugen und die Sicherheit der Perſon und des Eigenthums wird nur als hohle nichts⸗ ſagende Floskel fortdauern. Handel und Ge⸗ werbe werden an einem unheilbaren Uebel muthlos dahinkraͤnkeln, und in gleichem Maaße wie der Unſegen ſich von einem Geſchaͤft auf das andre fortpflanzen und nach und nach uͤber alle Zweige der buͤrgerlichen Betrieb⸗ ſamkeit verbreiten wird, werden auch die Erzeugniſſe des Feldes nicht davon ver⸗ ſchont bleiben. Die Zerruttung des öffent⸗ lichen Wohlſtandes wird als der Vorbote ſeines voͤlligen Unterganges betrachtet wer⸗ den. Jeder wipd in einem Gebaͤude, deſſen Grundſtuͤtzen untergraben ſind, mit ängſtlicher Vorſicht und Scheue nur ſeine perſönliche Sicherung zum Augenmerk nehmenj das gegen⸗ ſeitige Vertrauen wird ſchwinden, und weder — auf die unverbruͤchliche Erfuͤllung des eignen Wortes noch des fremden Verſprechens wird man mehr mit Zuverläſſigkeit zu rechnen im Stande ſein!— Das iſt die Ausſicht, welche die nächſtkuͤnftigen Jahre uns darbieten. Und ich ſollte zu einer Zeit, wo der Himmel voller Gewitterwolken haͤngt, die jeden Augenblick ihre zerſchmetternden Blitze zu verſenden drohen, leichtſinnig genug ſein, fremdes Eigenthum anzutaſten und, unbekuͤmmert um die Unwahr⸗ ſcheinlichkeit des beabſichtigten Erfolges, leicht⸗ ſinnig damit in den Tag hinein zu wirthſchaf⸗ ten, bis es an eitlen Bemuͤhungen fruchtlos verſplittert und verbröckelt wäre? Könnteſt du das wirklich von mir begehren und erwarten?“ Nein, Martin!“ antwortete die Befragte mit vieler Faſſung und Entſchloſſenheit.„Ich verlange nichts weiter von dir, als daß du in dieſer Sache ganz nach deiner Einſicht und Ueberzeugung verfährſt. Höchſt ungluͤcklich wüdde ich mich fühlen, wenn ich dich jemals in einer Verlegenheit erblickte, die von der Befolgung meines unübevlegten Rathes ſich vr. Bd. 5 — 66— herſchrieb! Wie wir uns ſelbſt im beſten Wohl⸗ ſtande niemals zu unnutzer Thorheit und Ver⸗ ſchwendung haben verleiten laſſen, ſo werden wir leichten Muthes uns auch mit Wenigem zu begnuͤgen verſtehen!“ „Wohl Jedem, der bei den jetzigen Zeit⸗ verhältniſſen ſich aus dem Gewühl weitſchich⸗ tiger Geſchäftsangelegenheiten in eine mog⸗ lichſt unbemerkte Stille zuruͤckzuziehen ver⸗ mag!“ fuhr Martin fort.„Ich muß dir offenherzig bekennen, daß mit dieſer neuen Verfuͤgung des Barons mir nicht nur kein Poſſen geſpielt worden, ſondern ſogar eine recht druͤckende Laſt vom Herzen gefallen iſt! Wie freut es mich in dieſem Augen⸗ blick, daß ich mich nie entſchließen konnte, das kleine Grundeigenthum meines ver⸗ ſtorbnen Vaters zu veräußern und in fremde Haͤnde kommen zu laſſen! Das Häuschen am Walde bietet uns einen ganz meinen Wuͤnſchen entſprechenden Zufluchtsort dar; dorthin ziehen wir und fuͤhren, fern vom Gerauſch und Getuͤmmel der Welt, an jenem — 67— abgeſonderten Wohnſitze fortan ein ruhiges und zufriednes Leben. Mit dem innigſten Vergnuͤgen werde ich dort den Herrn und Knecht in eigner Perſon vereinigen; ſtatt blos zu befehlen und anzuordnen, ſelbſt wieder flink und ruͤſtig die Hand an die Arbeit le⸗ gen, und auf treufleißige Erwerbung alles deſſen bedacht ſein, was wir zu unſerm Unter⸗ halt beduͤrfen. Das iſt mein Plan, Sabine; und wenn deine Gedanken mit den meinigen übereinſtimmen, ſo reiche mir jetzt getroſten Muthes die Hand zum Ja und Amen!“ Am Morgen des nächſtfolgenden Tages berief Martin alle ſeine Dienſtboten zuſam⸗ men, um ihnen ſeinen von der Nothwendig⸗ keit erzeugten Entſchluß kund zu thun.„Ich habe mich,“ redete er ſie an,„in Ruckſicht auf die mißlichen Zeitumſtände bewogen ge⸗ funden, meinen dem Abſchluſſe nahen Pacht⸗ kontrakt nicht wieder zu erneuern. Ihr ſeid demnach mit dem erſten Tage des Maimonats ſämmtlich aus meinem Dienſt entlaſſen. 5 X 65 Ihr habt ſtets mit redlicher Treue und Ge⸗ wiſſenhaftigkeit Eure Pflichten gegen mich erfuͤllt und ich habe daher auch nicht erman⸗ gelt, Euch wegen Eurer guten Eigenſchaften dem neuen Pachter des Meiethofes, der mir ein recht wackrer Mann zu ſein ſcheint, ſo angelegentlich zu empfehlen, daß er Euch Alle in ſeinem Dienſt zu behalten geſonnen iſt. Er wird ſich in dieſen Tagen wieder hier einfinden, um mit jedem von Euch ſich näͤher daruͤber zu beſprechen. Außer dem wohlver⸗ dienten Lohn ſoll Euch uͤbrigens fuͤr das un⸗ vermuthet ſchnelle Aufkuͤndigen noch eine ange⸗ meſſene Entſchaͤdigung von mir zu Theil wer⸗ den. Ihr habt jetzt gehört, wie die Sachen ſtehen, und nun geht wieder an Eure Arbeit““ Still und traurig ſchlich eins nach dem andern davon; nur Georg ſchien nicht ſo ſchnell in die erhaltene Weiſung ſich fuͤgen zu wollen, ſondern unbeweglich, den Ruͤcken gegen die Thuͤrpfoſte gelehnt, blieb er mit zweifelhafter Miene im Zimmer zuruͤck. „Iſt meine Willensmeinung vielleicht nicht — 69— deutlich genug ausgedrückt geweſen, oder haſt du ſonſt noch etwas vorzubringen?“ fragte ihn Martin. „Ich wollte mich nur erkundigen,“ ant⸗ wortete er,„ob dieſe Verabſchiedung aus Eurem Dienſte, wovon Ihr die Andern ſo eben benachrichtigt habt, auch mir gelten ſoll, oder ob ich noch länger—“ „Sonderbare Frage!“ unterbrach ihn Mar⸗ rin mit gerunzelter Stirn.„Was giebt dir ein Recht, zu glauben, daß ich gerade mit dir eine Ausnahme machen ſollte? Richt ei⸗ nen einzigen von Euch kann ich hinfuͤhro in meinem Brot und Lohn behalten; ſonſt hätte Thomas, der mir bereits acht Jahre lang treu gedient, auf einen Vorzug dieſer Art doch wohl gegründetern Anſpruch, als du, der du ohnehin ganz gegen meinen Wunſch und Willen dich hier eingeniſtet haſt!“ „Ich weiß wohl, daß Ihr mir, von we⸗ gen des erſten Geſpraͤchs, das ich mit Euch geführt, noch immer nicht ſo ganz gewogen ſeid!“ ſagte Georg mit ruhiger treuherziger Miene.„Aber das thut nichts! Ich werde dennoch mit nicht geringerm Eifer mir Eure Zufriedenheit zu erwerben ſuchen. Alſo be⸗ haltet mich nur, hört Ihr? Wer weiß, ob ich Euch in Zukunft, wenn wenigere fremde Hände Euch zu Gebot ſtehen, nicht merklichere Huͤlfe leiſten und beſſern Rutzen ſtiften kann, als es bisher der Fall war. Ich habe mich nun einmal an Euch und Euer Haus ge⸗ woͤhnt; ich kann mich wahrhaftig nicht mit ſo träumeriſcher Gelaſſenheit wieder von Euch trennen, wie die Andern, die, ohne ein Ster⸗ benswort zu verlieren, ſich gleich in ihr Schickſal zu finden wußten!“ „Bringe mich nicht auf!“ erwiederte der Gereizte, der in der That, aller an ihm be⸗ merkten guten Seiten ungeachtet, noch immer die geheime Abneigung gegen ihn verſpuͤrte, welche gleich anfangs ſich ſeiner bemächtigt hatte.„Die Beſchaffenheit meiner kuͤnftigen häuslichen Verhältniſſe macht mit, wie ich ſchon geſagt habe, jeden Dienſtboten uͤber⸗ fluͤſſig, und gerade dich kann ich am aller⸗ eecehi—,—— —— wenigſten brauchen! Du wirſt doch nicht zum zweitenmal dich dreiſt und ſchamlos mir aufzudringen verſuchen, nachdem ich dir auf ſo verſtändliche Art begreiflich gemacht, daß ich dich nicht will, nicht mag! Oder kann man ſich vielleicht nur durch einen fuͤhlbarern Gebrauch des Hausrechts von dir befreien?“ „Bitte, beſter Vater!“ nahm Roschen, die als Zeugin dieſes Auftrittes ſich vom innigſten Mitleid durchdrungen fühlte, mit ſlehender Geberde das Wort.„Fuͤhre nicht ſo harte Reden gegen den armen Georg! Ex hat es ja immer ſo gut mit uns gemeint und Alles gethan, was er uns nur an den Augen hat abſehen können! Wie willſt du uͤberhaupt mit den ſauern Arbeiten im Felde allein fertig werden? Wenn du ihn alſo noch ferner—“ Die zur Fuͤrbitte geoͤffneten Lippen der gutmuͤthigen Vermittlerin verſtummten plötz⸗ lich vor dem ſtrengen finſtern Blicke, mit welchem der Vater ſich umwandte und ihr Stillſchweigen auferlegte. „Es geſchieht zu deinem eignen Beſten, — Georg, daß ich feſt und unerſchuͤtterlich auf meiner Ausſage beſtehe!“ fuhr Martin mit etwas gemäßigterm Tone zu ſprechen fort. „Es iſt nicht genug, daß du in niedriger und allgewoͤhnlicher Beſchäͤftigung die Hände ruͤhrſt, um den Magen zu befriedigen! Du biſt noch jung, du mußt etwas lernen, um dich dadurch zu irgend einem beſtimmten Lebensberufe geſchickt zu machen. Das kannſt du in Zukunft, zufolge des engen Wirkungs⸗ kreiſes, in welchen ich mich einzuſchränken geſonnen bin, nicht mehr bei mir. Darum wirſt du wohl thun, wenn du dir, ſtatt durch ſtarrkoͤpfigen Eigenſinn mich zu ſtrengen Maaß⸗ regeln zu zwingen, das Beiſpiel meines ubri⸗ gen Geſindes zum Muſter nimmſt!“ „Ich darf alſo ſchlechterdings nicht darauf rechnen, daß Ihr auf guͤtliche Weiſe mich in Euerm Dienſt behaltet?“ fragte Georg. „Es iſt mein unwiderruflicher Entſchluß, der Hartnäckigkeit eines unſchicklichen und lä⸗ ſtigen Anſinnens ganz nach Gebuͤhr und Wür⸗ digkeit zu begegnen!“ war die Antwort. S 73— „So gehabt Euch wohl!“ rief jener mit verbiſſenem Unmuth aus.„Wählt ſich der Herr ſeinen Knecht, ſo ſteht es ja wohl auch dem Knechte frei, ſich ſeinen Herrn zu wäh⸗ len! Dem neuen Pachter diene ich nicht!“ „Thoͤrichter Bube! du wirſt es zeitig ge⸗ nug bereuen!“ fuhr ihn der Entruͤſtete mit Heftigkeit an.„Beim Himmel! ich wuͤrde dich ihm mit ſo herzlicher Wärme empfohlen paben, als ob du mein leiblicher Sohn wäreſt; denn du biſt fleißig und ehrlich und erhebſt dich durch deine Denkungsart uber Tanſende deines Alters und Standes. Aber dieſer Trotz. dieſer freche uͤbermuͤthige Trotz verdunkelt deine beſſern§. und macht dich unerträͤglich!“ „Gehabt Euch wohl!“ wiederholte Sni und ging von dannen. Einige Minuten ſpiter ſah man ihn, mit Strohbuͤndeln unter dem Arm; am Dach eines Nebengebäudes emporſteigen, um eine in der Gegend des Giebels entſtandene Oeffnung gegen den ein⸗ dringenden Regen zu verſtopfen. Als abey „ der Mittag herankam und das Hausgeſinde ſich zum Eſſen verſammelte, blieb, alles Su⸗ chens und Rufens ungeachtet, ſeine Stelle bei Tiſch unbeſetzt und er war— vom Meierhofe verſchwunden. Das Häuschen am Walde, welches Mar⸗ tin nach Ablauf der Pachtzeit mit den Sei⸗ nigen zu beziehen entſchloſſen war, lag jenſeit des Dorfes und etwa eine Stunde Weges vom Meierhofe entfernt. Es gehorten zu ihm einige Morgen Landes und ein ziemlich ge⸗ raͤumiger Garten, welcher letztere jedoch, da man ihn ſeit dem erfolgten Ableben ſeines ur⸗ ſpruͤnglichen Eigenthuͤmers niemals wieder be⸗ baut hatte, nach und nach in einen voͤllig wuͤſten Zuſtand gerathen war. Die ihn um⸗ ringende Hecke von Schlehdorn und Haſelge⸗ buſch hatte mit ihren Ranken und Reiſern ſich in ungehinderter Richtung nach allen Seiten hin verbreitet; wilde pflanzen aller Art wucherten uͤppig am preisgegebenen Bo⸗ den umher, und ein junger, vom benachbarten Forſt abſtammender Anwuchs von Kiefern und Fichten hatte die hier befindlichen Fruchtbäume theils verdraͤngt, theils ihnen mit ſo gierigem Eifer den noöthigen Rahrungsſtoff entzogen, daß ſie ihr kraͤnkelndes Daſein nur kuͤmmer⸗ lich noch dahin zu friſten vermochten. Beete und Fußſteige waren auf gleiche Weiſe von Gras und Moos uͤberwachſen; das Ganze glich einer von ſelbſt entſtandenen und ſich ſelbſt uͤberlaſſenen Wildniß, und kaum mit der angeſtrengteſten Aufmerkſamkeit war man im Stande, noch hier und da die Merkzei⸗ chen einer einſtmaligen geregeltern Wartung und Pflege zu erkennen und zu unterſchei⸗ den. Nur die einſame Behauſung ſelbſt, in welcher Martin zur Zeit des Sommers dann und wann mit Frau und Tochter einen hei⸗ tern Rachmittag zuzubringen gewohnt ge⸗ weſen, hatte man ſtets in ſo baulichem“ Stande zu erhalten geſucht, daß ſie zu ihrer Brauchbarkeit fuͤr den jetzt beabſichtigten BZweck einer nur geringen Nachhuͤlfe bedurfte. Theils dieſer Umſtand, theils die nothge⸗ drungene Beſeitigung mehrfacher ůberhauftet Geſchaͤfte waren Urſache, daß Martin erſt kurz vor ſeinem Abzuge vom Meierhofe auf die zweckmäßige Einrichtung ſeines neuen Wohnſitzes ein genaueres Augenmerk zu richten anfing. Schon war die eingetretene mildere Jahreszeit ziemlich vorgeruͤckt, als er eines Morgens einige Arbeiter mit dem Auftrage hinausſandte, das Gebäude zu lüf⸗ ten und zur Empfangnahme der dorthin zu fuͤhrenden Hausgeräthſchaften in erforder⸗ lichen Stand zu ſetzen, den Platz vor der Thuͤr zu ebnen und zu reinigen und das wildemporgewachſene Geſträuch und Geſtripp im Garten vorlaͤufig auszuroden und an die Seite zu werfen, bis er, nach ſeinem mit Sack und Pack erfolgten Einzuge daſelbſt, jede be⸗ ſtimmtere Eintheilung und Anordnung des neuanzubauenden Grundgebietes zu ſeinem per⸗ foͤnlichen Geſchäft mache. Richt gering aber war ſein Befremden, als die Abgefertigten ſchon wenige Stunden darauf mit der Nach⸗ richt zu ihm zuruͤcktehrten, daß es dort we⸗ nig mehr fuͤr ſie zu thun gegeben, indem der größte Theil der ihnen uͤbertragenen Ar⸗ beiten bereits vor ihrer Ankunft von andern Händen verrichtet und in Ordnung gebracht worden ſei. Martin glaubte ein Märchen zu hören; da jene aber einmuͤthig auf ih⸗ rer Ausſage beſtanden, ließ er ſich unver⸗ zuglich ein Pferd ſaͤtteln, um an Ort und Stelle ſich durch den eignen Augenſchein uͤber die wahre Beſchaffenheit der Umſtände zu belehren. Wie groß war das Erſtaunen, welches ſich ſeiner Seele bemeiſterte, als er am Ziel anlangte und die Umwandlung be⸗ merkte, welche während der letztverwichenen zwei Monate hier vorgegangen war!— Von dem dichten Waldwuchs und Unkraut gerei⸗ nigt und geſäubert, bot der Gartenbezirk mit ſeiner unter der Baumſcheere geordneten friſchgruͤnenden Umzäumung jetzt den freund⸗ lichſten Anblick dar. Dem mit der Wurzet ausgerotteten Buſchwerk war ein abgeſonder⸗ ter Winkel angewieſen worden, wo man es ſorgfaͤltig in einen Haufen zuſammengetragen ————— hatte. Das Erdreich war friſch umgegraben und von einem breiten Kreuzgange durch⸗ ſchnitten, an deſſen beiden Seiten ſich eine neue Anpflanzung von jungen Obſtbaͤumen befand. Aber nicht der Garten allein hatte, wie durch ein Wunderwerk, dieſe ſeiner na⸗ turlichen Beſtimmung ſo guͤnſtige Umgeſtal⸗ tung erfahren, auch auf die nächſten Umge⸗ bungen des angrenzenden Wohnhauſes hatte der ſtillwaltende Fleiß des unbekannten Ver⸗ ſchonerers ſich erſtreckt. Rund umher war der Boden von Gras und Reſſeln befreit, feſtgetreten und mit der Harke geebnet. Die den vordern Theil des Gebaudes umſchließende niedre Plankenwand war ſorgſam ausgebeſſert, mit friſcher Firnißfarbe uberſtrichen und mit einer Reihe ſchlanker Pappeln bepflanzt worden. Zwei neugezimmerte Ruhebaͤnke zeigten ſich dem Ein⸗ gange zur Seite, und ihn ſelbſt uͤberwolbte ein aus duͤnnen Fichtenſtangen zufammenge⸗ fuͤgtes Geſtell, an welchem ſich die zarten Schößlinge des Geißblattſenkers bereits empor⸗ zuranken und zur Laube zu verdichten anfingen. Martins erſter Gedanke, indem er die hier ſtattgehabten Veränderungen zu Geſicht bekam, war die Vermuthung, daß Niemand anders als Mutter Sabine die geheime Urhe⸗ berin aller dieſer auf ſeine Ueberraſchung abzweckenden Anſtalten geweſen ſei. Als dieſe jedoch, nach ſeiner erfolgten Heimkehr, ihm ihre ganzliche Unkunde von der Sache mit ſo unverſtellter Miene und in ſo uͤber⸗ zeugenden Ausdrucken betheuerte, daß er nicht länger umhin konnte, den auf ſie geworfenen Verdacht fahren zu laſſen, war er, allem peinlichen Nachgruͤbeln zum Trotz, ſchlechter⸗ dings nicht vermögend, ſich ein ſo höchſt be⸗ fremdliches Räthſel zu erklären und auszu⸗ deuten. Sabine ſuchte ſeinem raſtlos fortge⸗ ſetzten Hin⸗ und Herſinnen zu Huͤlfe zu kommen und aͤußerte die Meinung, daß viel⸗ leicht einige der Dorfbewohner, denen er ſich bei ſo manchen Gelegenheiten gefällig und dienſtfertig erwieſen, ſich insgeheim zu Vollführung dieſes Werkes vereinigt hätten, um ihm einon Beweis ihrer freundſchaft⸗ lichen Zuneigung zu geben. Martin ſchuͤt⸗ telte jedoch den Kopf und wußte ſeine Ein⸗ wendungen gegen die vorgebrachte Muth⸗ maßung mit ſo triftigen Gründen zu un⸗ terſtuͤtzen, daß auch ihr gar bald uͤber die unwahrſcheinlichkeit einer ſolchen Vereinba⸗ rung kein weiterer Zweifel uͤbrig blieb⸗ Während beide in fruchtloſer Anſtrengung ſich uber dieſen Gegenſtand zu beſprechen fortfuhren, ging Rööchen mit einer liſtig lächelnden Miene umher, welche anzudeuten ſchien, daß ſi ſie, mit beſſerm Erfolge nachſin⸗ nend, den eigentlichen Stifter und Vollzieher jener erfreulichen Umgeſtaltungen auf das zuverläſſigſte zu errathen glaube. Da ſie je⸗ doch nicht aufgefordert wurde, ihre Anſicht beizuſteuern, ſo begnuͤgte ſie ſich, ihre innere Ueberzeugung nur durch Blicke kund zu ge⸗ ben, und wagte es nicht, Gedanken laut wer⸗ den zu laſſen, an welchen ſie mit vinüchen Ergoͤtzen ſich weidete. Ein Spaziergang, den man des Suchnib a gemeinſchaftlich und une wo moͤglich, — 6— naͤhere Erkundigungen einzuziehen, nach dem Häuschen am Walde unternahm, verfehlte zwar nicht gänzlich ſeinen Zweck, war aber keinesweges geeignet, vollen Aufſchluß uͤber dieſe ſchwer zu ergruͤndende Angelegenheit zu gewähren. Die nächſten Feldnachbarn, bei welchen man in dieſer Abſicht vorſprach, wa⸗ ren, ihrer Verſicherung zufolge, während der juͤngſtverfloſſenen Zeit durch hausliche Arbei⸗ ten vom Beſuch ihrer Laͤndereien abgehalten worden, und konnten mithin keine Auskunft ertheilen; fuͤr die entferntern Grundeigen⸗ thuͤmer aber lag das Häuschen nebſt ſeinen Umgebungen zu verſteckt, als daß ſie von dem daſelbſt ſtattgehabten geſchaͤftigen Leben etwas wahrzunehmen vermocht haͤtten. Rur einen einzigen unter den Einwohnern des Dorfes hatte der Zufall in eine etwas nähere Beruͤh⸗ rung mit dem Gegenſtande der angeſtellten Nachforſchungen gebracht; denn er berichtete, daß er vor etlichen Wochen, als ein Berufs⸗ weg ihn nach der Stadt gefuͤhrt, einen mit Latten, Stangen und jungen Bäumen belade⸗ IV. Bd. 6 —— nen Wagen angetroffen habe, welcher eben von der Landſtraße abzubiegen und dem An⸗ ſcheine nach ſeine Richtung nach der gedachten Gegend zu nehmen im Begriff geweſen ſei. Genaueres wußte er jedoch nicht anzugeben, da er den Fuͤhrer des Fuhrwerks, einen ihMm durchaus unbekannten ältlichen Mann nicht angeredet, ſondern, ohne ſich im geringſten auf⸗ zuhalten, ruhig und hete— fuͤrbaß gelenkt hatte. Als man nach dieſen vngebichen Be⸗ muͤhungen endlich an dem einſam abgeſonder⸗ ten Haͤuschen ſelbſt anlangte, fand es ſich, daß ein Fenſterladen gegen den Hofplatz hinaus, nach vorangegangener gewaltſamer Erbrechung, nur angelehnt war, und daß innerhalb deſſel⸗ ben eine Glasſcheibe fehlte. Es erlitt keinen Zweifel, daß dieſe Oeffnung während der hier unternommenen Beſchaftigungen zum Aus⸗ und Eingange benutzt worden war. Auch be⸗ ſtätigte ſich dieſe Vermuthung gar bald noch mehr; denn indem man, die angefangene Unter⸗ ſuchung begierig fortſetzend, den Boden des 0 ———— Gebäudes erſtieg, erblickte man in einer dunk⸗ len Ecke unter den Dachſparren ein aus Stroh zuſammengeſchichtetes Lager, welches, aller Augenſcheinlichkeit nach, dem ruͤſtigen Arbei⸗ ter, nach jedesmaliger Vollbringung ſeines muͤhvollen Tagewevks, zum nächtlichen Ruhe⸗ bett gedient hatte. 3 Bei Wahrnehmung dieſes Umſtandes trat Martin plotzlich, wie von einer innern hefti⸗ gen Bewegung ergriffen, einige Schritte zurück, heftete, indein er das Kinn gegen die flache Hand ſtützte, die Augen ſtarr vor ſich hin und ſchien unwillkuͤhrlich in einen neuen Argwohn ſich zu verlieren.„Wäre es möglich!“ begann er leiſe zwiſchen den Zähnen zu murmeln; „ſollte Georg?— aber nein, nein! Das iſt ja gar nicht denkbar!“ Röschen lachte laut auf.„Kommſt du endlich auf die richtige Spur, Väterchen?“ rief ſie ihm zu.„Es wäre nicht denkbar? Ei, wie konnteſt du nur einen Augenblick daran zweifeln, daß Niemand anders ſo ganz im Stillen hier thätig geweſen iſt, als eben der 6* 3. — 84— gute Georg, der ſich, trotz deiner Strenge gegen ihn, nun einmal nicht von uns trennen will!“ „Was veranlaßt denn gerade dich, eine ſolche Ueberzeugung zu hegen?“ fragte jener mit finſtrer mißtrauiſcher Geberde.„Mädchen, ich will nicht hoffen, daß du ſchon fruͤher davon unterrichtet wareſt, was hier vorging!“ „Rein, wahrhaftig nicht, Vater!“ ant⸗ wortete Roͤschen.„Ich habe nicht eher etwas davon gewußt, als bis du die Nachricht dieſen Morgen mit nach Hauſe brachteſt. Aber gleich bei Anhörung derſelben war ich mit mir ſelbſt darüber einig, und die höchſte Wette möchte ich darauf eingehen, daß es Georg iſt. kein Andrer, als er!“ „Nein, nein! Je reiflicher ich über zie Sache nachdenke, deſto weniger kann ich dieſer Meinung beipflichten!“ fuhr Martin fort. „Sämmtliche hier ins Werk gerichtete Arbei⸗ ten haben nicht nur einen ungewöhnlichen Grad von Fleiß und Anſtrengung erfordert, ſondern ſind auch mit nicht geringen Koſten. verknuͤpft geweſenz und auf welche Weiſe hätte —————— Georg zu Beſtreitung derſelben Anſtalt machen können, da er plotzlich und unvermuthet unſer Haus verließ, ohne jemals nur einen Heller an baarem Gelde von mir erhalten zu haben!“ „Du ſcheinſt nicht daran zu denken, lieber Martin!“ ſagte Sabine,„welche wichtige Dienſte er dem Hauptmann als Führer ge⸗ leiſtet, und daß er ihn ſpäterhin nach der Stadt befordert hat! Sollte dieſer ihn ohne Veweiſe der Erkenntlichkeit von ſich entlaſſen haben? Ich glaube nicht! Um ſo weniger moͤchte ich, wenn ich jetzt ſein ſchnelles Ver⸗ ſchwinden, ſeine Anhänglichkeit gegen uns und die letzten Worte, die er zu dir ſprach, recht ernſtlich gegen einander halte, auf der Ve⸗ hauptung beſtehen, daß Röschens Vermuthung durchaus ungegruͤndet ſei Rein, es kommt mir vielmehr, nachdem ich nur ſeinen Ramen nennen gehoͤrt, in dieſem Augenblick wirklich vor, als ob das Mädchen nicht ſo ganz Un⸗ recht hätte!“ Martin, der wirklich an dieſen Umſtand nicht gedacht hatte und daher auch gegen die pernommenen Außerungen nichts weiter vorzu⸗ bringen vermochte, ſtieg langſam und in ein duſtres Schweigen verloren, wieder die Treppe hinunter, worauf er eine Thur nach der andern öffnete, forſchend und muſternd in den Ge⸗ mächern der Wohnung umherſchritt und fuͤr den wichtigern Theil ſeiner fahrenden Habe den tauglichſten Platz auszumitteln ſuchte, während Mutter und Tochter ſich nach dem Garten hinaus verfuͤgten, um die hier auf ſo geheimnißvolle Weiſe getroffenen Verſchoͤne⸗ rungsanſtalten in nähern Augenſchein zu neh⸗ men. Beide konnten nicht aufhören, ſich über die, den umſchauenden Blicken ſo wohlthuende Ordnung und Rettigkeit, welche ſie uͤberall gewahrten, in Lobſpruͤche und Beifallsbezeu⸗ gungen zu ergießen; das neugierige Verlan⸗ gen aber, mit welchem ſie an der Zaunhecke umherſchlichen und nach außen ſpähten, um den geſchftigen Fürſorger, den ſie in der Nähe verſteckt glaubten, auszukundſchaften, blieb ohne den gewuͤnſchten Erfolg. Rur durch das Zwitſchern der Vögel in den angrenzen⸗ — 87— den Geſtraͤuchen ward die ringsverbreitete Stille unterbrochen; nirgends kam, ſo weit⸗ die Augen der amſigen Lauſcherinnen zu drin⸗ gen vermochten, ein menſchliches Weſen zum Vorſchein, und unbefriedigten Wunſches kehr⸗ ten ſie, als der Abend hereinzudämmern be⸗ gann, auf einem, durch friſchgrünende Wie⸗ ſen und Felder ſich dahinſchlängelnden Fuß⸗ ſteige, an der Seite ihres nachdenkenden und einſylbigen Gefährten nach dem Meierhofe zurück. Die rege Thätigkeit, mit welcher Martin ſeine Tagesordnung in der neuen Behauſung ungeſaumt zu beginnen entſchloſſen war, ſollte leider an einem Hinderniß ſcheitern, welches er eben ſo wenig vorherzuſehen vermocht hatte⸗ als deſſen Hinwegräumung in ſeiner Gewalt ſtand. Er fah ſich nämlich, da die regnichte und ſtuͤrmiſche Witterung, welche während der Umziehungstage geherrſcht hatte, nicht ohne den nachtheiligſten Einfluß auf ſeine Geſund⸗ heit geblicben war, gezwungen, daß Bett iu huͤten, indem er ſchwer an Gichtſchmerzen dar⸗ nieder lag, welche ihn nicht nur auf das em⸗ pfindlichſte peinigten, ſondern auch ſich ſehr in die Länge zu ziehen drohten. Aergerlich und mißmuthig uber die Vereitelung ſeiner Entwürfe, ſah er einen Tag nach dem andern verſtreichen, ohne daß zur ſehnlich erwuͤnſchten Wiedergeneſung ſich die mindeſte Ausſicht hätte zeigen wollen, und wider Willen war er, da die Bewerkſtelligung verſchiedener auf dem Felde vorzunehmender Geſchäfte durchaus kei⸗ nen fernern Aufſchub duldete, zuletzt genöthigt, ſeiner Frau den Auftrag zu ertheilen, daß ſie, zu Beſeitigung dieſer Angelegenheiten, fuͤr Herbeiſchaffung eines des Ackerbaues kundigen Arbeiters Sorge tragen möge. Dieſes Geheiß war jedoch leichter ausgeſprochen, als ausge⸗ fuührt, da die Einwohner des Dorfes eben um dieſe Zeit theils mit Kriegs⸗ und Frohnfuh⸗ ren, theils mit Beſorgung ihrer eignen Feld⸗ wirthſchaft zu anhaltend beſchaͤftigt waren, als daß Jemand unter ihnen ſich zur Uebernahme von Dienſtleiſtungen ſolcher Art hätte willig 6— finden laſſen. Endlich, nachdem Martin über den außer dieſer Verſäumniß ihm erwachſen⸗ den Schaden ſich einige Tage hindurch frucht⸗ los geqguaͤlt und beunruhigt hatte, trat Sa⸗ bine eines Morgens mit der erfrenlichen Bot⸗ ſchaft an ſein Lager, daß er nunmehr ſich ruhigen Muthes zufrieden geben duͤrfe, indem ſie eines tuͤchtigen und verſtändigen Menſchen habhaft geworden, welcher ſich den im Felde zu beſchickenden Arbeiten zu unterziehen ge⸗ neigt ſei. Martin verlangte ſogleich, ihn zu ſehen und zu ſprechen, um ihm über die zuerſt vorzunehmenden Verrichtungen perſön⸗ lich Auskunft und Anleitung geben zu konnen. Die Erfuͤllung dieſes Begehrens ſchien jedoch nicht mit Sabinens Abſichten uͤbereinzuſtim⸗ menz denn ſie machte Einwendungen dagegen und meinte, daß dies uͤberfluͤſſig ſei, da ſie, von Allem genau unterrichtet, ſich ſelbſt be⸗ reits ausfuͤhrlich mit ihm daruͤber beſprochen und ihm die nothige Weiſung ertheilt habe. Dieſe Gegenvorſtellungen waren von einer ſo ſichtbaren Verlegenheit und Verwirrung 90 begleitet, daß ein einziger Blick, den Martin guf ſeine Frau heftete, hinreichend war, ihn ſtutzig zu machen und mit Argwohn zu er⸗ fuͤllen. Dem Drange der Umſtände nachge⸗ bend unterließ er es jedoch, mit ſchärfern Nachforſchungen in ſie zu dringen und hart⸗ naͤckig auf der geäußerten Willensmeinung zu beſtehen.„So thut, was Ihr wollt!“ rief er müͤrriſch aus, indem er ſich die Nachtmütze tiefer über die Stirn hinabſchob und ſein ver⸗ düſtertes Geſicht gegen die Wandſeite kehrte. Es wurde von jetzt an uͤber dieſen Punkt ein ſo tiefes und fortgeſetztes Stillſchweigen beobachtet, daß Martin ſogar, als er nach Verlauf mehrerer Tage zum erſtenmal wie⸗ der das Bett verlaſſen und mit Huͤlfe des Kruͤckſtockes im Wohngemach umherzuſchleichen verſuchte, ſelbſt in dem Augenblick noch keine Frage uͤber den eigentlichen Zuſammenhang der Dinge laut werden ließ, da er mit eig⸗ nen Augen bemerkte, wie Georg, vom Felde heimkehrend, ruhig und unbefangen mit der Pflugſchar unter dem Fenſter vorbeizog und 5 2 2 „ 2„ innerhalb der Pforte des Hofes verſchwand⸗ Obwohl er nicht umhin konnte, eiher ſo treuen und uneigennützigen Ergebenheit ihr verdientes Recht widerfahren zu laſſen, ver⸗ droß es ihn dennoch, daß der Vurſche, allen Gegenvorkehrungen Trotz bietend, ſeine Ab⸗ ſichten ſo gänz nach eigner Willkuhr durchzu⸗ ſetzen gewußt hatte; und eben die Schmäh⸗ lerung, welche Martin, dieſem neuen Ge⸗ waltſtreich zufolge, an ſeinem häuslichen An⸗ ſehen erlitten zu haben glaubte, war auch der Grund, warum er den kecken Ankoͤmm⸗ ling zwar zu dulden, ihm aber ſtets auf eine Weiſe zu begegnen beſchloß, wodurch ihm fort und fort ſein, dem Wunſche des Haus⸗ herrn zuwiderlaufendes eigenmächtiges Auf⸗ dringen fuͤhlbar gemacht werde. Dieſem vor⸗ gefaßten Plane gemäß, gab es, nachdem Martin von ſeiner Krankheit geneſen und wieder zum freien Gebrauch ſeiner Gliedmu⸗ ßen gelangt war, zwiſchen ihm und Georg ein ziemlich geſpanntes und unbehagliches Verhältniß. Die kalte, finſtre Behandlungs⸗ . ——— art des erſtern, und die utenfrß⸗ unermud⸗ liche Regſamkeit des letztern bildeten fort⸗ während den auffallendſten Abſtich gegen ein⸗ ander. Beide ſchienen ſich unaufhörlich zu fliehen und zu meiden, während ſie auf das geſchaͤftigſte ſich gegenſeitig in die Haͤnde arbeiteten. Betriebſamen Eifers, obwohl kaum durch Zeichen und Winke ihre Abſichten ver⸗ ſtäͤndlich machend, wirkten ſie auf einen ge⸗ meinſchaftlichen Zweck hin; aber jeder ver⸗ folgte ſeinen ſelbſtgewäͤhlten Weg, und nie⸗ mals fand zwiſchen beiden eine vertrauliche Annäherung ſtatt. Selbſt dann noch, als Martin, uberwunden durch Georgs treffliche Gemuthsart und beharrliche Thätigkeitsliebe, mit dem Lauf der Jahre jedes unguͤnſtige Vorurtheil gegen ihn aufgegeben hatte und ihm von ganzer Seele gewogen war, behielt er, theils aus Grundſatz, theils aus Gewohn⸗ heit, jenen kalten, ſtrengen Außenſchein bei, und ſtatt den wackern Hausgenoſſen durch Merkmale der Gunſt und Zuneigung auf die höhere Stufe zu erheben, die er ihm in ſei⸗ 8. nem Innern bereits eingeräumt hatte, ſuchte er ſtets das Gefuͤhl der Unterwuͤrfigkeit, wie es der Knecht gegen ſeinen Herrn empfindet, bei ihm zu nähren und zu unterhalten⸗ 44. Bei der einfachen und genugſamen Lebens⸗ weiſe, welche die Bewohner des Häuschens am Walde in ihrer ſtillen Zuruͤckgezogenheit fuͤhr⸗ ten, waren ihnen allmählig ſechs Jahre dahin⸗ geſchwunden. Rur mangelhafte und einſeitige Nachrichten uber die im Schwange befindlichen Welthändel, auf deren vollſtaͤndige Kunde ſie übrigens gern Verzicht leiſteten, hatten wäh⸗ rend dieſes Zeitraums ihr Ohr erreicht, und eben ſo wenig aufgeſucht und unterhalten war der Umgang und Verkehr geweſen, der zwiſchen ihnen und den Einwohnern des benachbarten Dorfes ſtattgehabt hatte. Rööchen war mitt⸗ lerweile zur Jungfrau aufgebluͤht und es hatten Reiz und Anmuth ſich auf ſo hervorſchim⸗ mernde Weiſe an ihr entfaltet, daß ſie fuͤr die ſchoͤnſte Dirne in der Gegend galt, und ale Augen mit Luſt und Wohlgefallen auf — 4— ihr verweilten, wenn ſie des Sonntags in der Kirche erſchien. So mancher von ihrer Schoͤn⸗ heit bezauberte Blick war heimlich beeifert, ihr ein wohlwollendes Lächeln abzugewinnenz aber theils uͤbte der froſtige Gleichmuth, mit welchem ſie alle Bewerbungen dieſer Art unbe⸗ uchtet ließ, eine zuruͤckſchreckende Kraft aus, cheils hielt der Umſtand, daß Röschen bei ihren körperlichen Vorzugen zugleich die Toch⸗ ter eines verarmten Pächters wat, die zahlreichen, auf das Schöne und Rützliche gleichmäßig bedachten Liebhaber ab, in ernſtliche Freier zu verwundeln. 110 Der Zeitpunkt näherte ſich, wo das be⸗ drängte Land endlich zur Erlöſung von den ausgeſtandenen Trubfalen die tröſtende Aus⸗ ſicht gesffnet ſah und im Gefühl ſeiner, zur Abwälzung des verhaßten Joches geruͤſteten Kraft neu aufzuathmen begann. Die Haupt⸗ macht des Feindes war vernichtet; ſchon waren die aus dem Innern ſeines Reiches herbei⸗ berufenen Verſtärkungen im vollen Anzuge begriffen, immer unruhiger ward es umher, und verſchiedene Anzeichen deuteten darauf hin, daß eine abermalige Verwandlung der umliegenden Gegend in einen Kriegsſchauplatz keinesweges ſo ganz unwahrſcheinlich ſei. Es war gegen Ablauf des Winters;, als. Georg eines Rachmittags, wo Sabine und Röochen nach dem Dorfe gegangen waren und Martin ſich einſam in der Wohnſtube befand, mit der Anzeige hereintrat, daß er, um dem Winke dieſer verhängnißvollen Zeit zu gehor⸗ chen, den Wunſch und Vorſatz hege, ſeinen. friedlichern Berufspflichten einſtweilen zu ent⸗ ſagen und ſich an die Vaterlandöbefreier zu ſchließen, welche man von allen zu den Waffen herbeirufe. n Martin maß den Kampfluſtigen einige Augenblicke lang mit funkelnden Blicken.„Das iſt brav!“ ſprach erz„das iſt ein Gedankez den ich ſelbſt hegen und ausfuͤhren wuͤrde, konnte ich mich um zwanzig Jahre verjun⸗ gen. Du biſt mir freilich, wie ich aufrichtig bekennen muß, faſt unentbehrlich geworden; doch ſoll mich der Himmel bewahren, dich — zu einem andern Entſchluſſe zu überreden! Nein, ſtatt dir bei deinem Vorhaben nur das geringſte Hinderniß in den Weg zu le⸗ gen, ſollen vielmehr meine beſten und herz⸗ lichſten Gluͤckwuͤnſche dich begleiten!“ „Es waͤre möglich,“ bemerkte jener,„daß ich die Vollfuhrung meines Entſchluſſes mit Blut und Leben bezahlen mußte, und dann haͤtten wir beide freilich nichts weiter mit einander zu ſchaffen! Sollte ich indeſſen mit heiler Haut aus dem Felde zuruͤckkehren—“ „So wirſt du weder meine Thuͤr ver⸗ ſchloſſen, noch mich zur frohen Bewillkomm⸗ nung ungeneigt finden!“ unterbrach ihn Mar⸗ tin.„Ich trage in dieſem Augenblick nicht länger Bedenken, es offenherzig zu geſtehen, daß du dich durch deinen ſtets bereitwilligen und unverdroſſenen Fleiß um mich und die Meinigen ſehr verdient gemacht haſt!— Richt wahr? Georg!“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe mit freundlichforſchender Miene zu ſprechen fort,„auch die erſte heimliche Wie⸗ derherſtellung des Gartens und Hofplatzes, welche damals einen ſo hochſt uͤberraſchenden Eindruck auf uns hervorbrachte, war keines Andern Werk, als das deinige?“ Gebrg ſenkte mit einem leiſen und faſt verſchamten Lächeln den Blick zu Boden⸗ Dein Stillſchweigen giebt mir eine ſo vollkommene Auskunft uͤber die Sache, daß es keiner weitern Nachfrage bedarf!“ ſagte Martin.„Aber wiſſen moͤchte ich wohl, was dich denn eigentlich zuerſt beſtimmt hat, eine ſo unbrenzte Zuneigung gegen mich zu faſſen, und dein Schickſal ſo an meinige zu binden?“ i „Herr, ich brauche kein geheimni daraus zu machen,“ antwortete Georg,„daß es die liebreiche und menſchenfreundliche Behandlung war; die Ihr, aller perſoͤnlichen Gefahr zum Trotz, gegen den Hauptmann ausuͤbtet! Wir hatten in gleicher Abſicht bereits an mehrern andern Orten vorgeſpvochen, doch überall waren wir kaltſinnig und mitleidsvoll abge⸗ wieſen worden, bis wir endlich Eure Behau⸗ ſung erreichten. Damals gelobte ich mir, IV. Bd. 7 Euch nie wieder zu verlaſſen, ſondern ſelbſt wider Euren Willen Euch dienſtbar zu bleiben. Auch jetzt wuͤrde ich keinesweges Euch von der Seite weichen; wüßte ich nicht, daß ich durch Ausfuͤhrung meines Vorhabens Eurer Liebe zum Paistn den Wt erweiſe!“ „Sehr wünſchenswerth würde es fuͤr 66 ſein,“ ſprach Martin,„wenn du bei dieſer Gelegenheit den Hauptmann ausfindig machen und ihm in meinem Namen die angelegent⸗ liche Bitte vortragen konnteſt, daß er, nach ſo langem Zaudern, doch endlich Anſtalt tref⸗ fen möge, mich von einer gewiſſen Laſt zu befreien, die er mir aufgebuͤrdet! S ver⸗ ſtehſt mich ſchon!“ 3 3 „Ich werde, wenn es nur irgend„ iſt, Alles anwenden, ihn aufzuſuchen und ihm Euer Verlangen kund zu thun!“ erwiederte Georg.„Aber erlaubt mir noch eine Frage, die mir am Herzen liegt! Ihr zeigtet während der vergangenen Jahre in Betreff Eures Ei⸗ genthums immer gar große Ruhe und Sicher⸗ — 99— heit. Werdet Ihr denn nicht wenigſtens zur bevorſtehenden mißlichen Zeit auf eine ſorg⸗ fältigere Verwahrung Eurer beſſern Habſelig⸗ keiten bedacht ſein? Es ſchweift bereits aller⸗ lei loſes und lockres Geſindel in der Gegend umher, welches leicht auf den Gedanken ge⸗ rathen koͤnnte, Euch uͤber kurz oder lang ein⸗ mal einen nächtlichen Beſuch abzuſtatten!“ „Sei ganz unbeſorgt!“ verſetzte Martin und ſchuͤttelte laͤchelnd den Kopf.„Ich gelte uͤbernll fuͤr einen armen Teufel, der nicht einmal zur Aufbringung des neuen fälligen Pachtzinſes Rath zu ſchaffen gewußt und auch in den letzten ſechs Jahren, wie Jeder⸗ mann weiß, eben keine Seide geſponnen hat! Ich koͤnnte getroſten Muthes mich jeden Abend bei offnen Fenſtern und Thüren zu Bektt legen, ohne jemals einen Zuſpruch ſol⸗ cher Att befuͤrchten zu duͤrfen. Der Ruf meiner Dürftigkeit iſt mein Schutz. Es fällt keinem Diebe nur im entfernteſten ein, bei mir Geld oder Kleinodien zu ſuchen!“ „Es giebt aber auch Spitzbuben, die um 7* — 100— Geringeres auf den Galgen oöfreveln!“ wandte jener dagegen ein.„Ich moͤchte Euch daher denn doch rathen—“ „Ich ſage dir aber,“ fiel Martin, entruͤ⸗ ſtet uͤber den vernommenen Widerſpruch, ihm heftig in die Rede,„daß ich hierin weder deiner Warnung noch deines Rathes bedarf, und damit Punktum Georg ſchwieg, blieb aber ſäumend und zoͤgernd ſtehen, als ob er ſich ins Gedächt⸗ niß zuruͤckzurufen ſuche, was er noch ſonſt zur Sprache zu bringen gewilligt geweſen. „Jetzt faͤllt es mir ein!“ fuhr er nach einer Weile zu ſprechen fort.„Wolltet Ihr nicht, wo möglich, noch vor Abend einen Gang nach der Ellernwieſe hinausthun, um zuzu⸗ ſehen, ob der Abzugsgraben, den ich geſtern zu ſtechen angefangen, breit und tief genug iſt? Morgen hoffe ich voͤllig damit zu Stande zu kommen und ſodann denke ich unverzuͤglich meine beſchloſſene Wanderung anzutreten.“ Es geſchah zum erſtenmal, daß er eine unternommene Arbeit mit ſo ausdruͤcklichen 1 ——— — 101— Worten der fremden Beurtheilung unterwarf⸗ Martin ſelbſt ſchien uͤber die ungewohnte Aufforderung ein wenig befremdet, machte ſich aber ſogleich auf den Weg und Georg blieb allein zu Hauſe. Als jener nach Ver⸗ lauf einer Stunde von ſeinem Beſichtigungs⸗ werk heimkehrte, fand er den zuruͤckgebliebenen Haushuͤter an der Häckerlingsbank und zwar mit einer gluͤhenden Hitze im Geſicht, welche auf die ubermäßigſte Anſtrengung hindeutete, obwohl er, wie der Augenſchein bewies, bei ſeiner jetzigen Geſchäftsbemuhung nur ſehr wenig vor ſich gebracht hatte. Faſt in dem nämlichen Augenblick ſtellten auch Sabine und Roͤschen ſich wieder ein; Martins Auf⸗ merkſamkeit ward auf anderweitige Gegen⸗ ſtände geleitet, und Georg ſetzte unbefragt und unbeachtet ſeine angefangene Verrich⸗ tung fort.— Am Abend des andern Ange ſunden Georg und Röschen, von verſchwiegener Dun⸗ kelheit umringt, fluͤſternd und koſend an der Pforte des Hofes. Um ſich verſtohlner Weiſe 8 das letzte ſchmerzliche Lebewohl zu ſagen, hat⸗ ten ſie an dieſer Stelle ſich zuſammengefun⸗ den; die Stunde der Trennung ruͤckte naͤher und näher heran, der Wanderſtecken lag be⸗ reit, morgen in der Fruͤhe wollte Georg, ſeines neuen Berufes eingedenk, von hier aufbrechen.—„Die Augenblicke ſind uns knapp zugemeſſen!“ ſagte er.„Ich muß daher eilen, dich vor allen Dingen mit einer Bitte, einer hoͤchſt dringenden Bitte bekannt zu machen, die ich an dich zu thun habe.“ Er zog bei dieſen Worten einen verſiegelten Zettel aus der Taſche hervor.„Willſt du mir jetzt mit Hand und Mund verſprechen, dieſes Papier in deinen Verwahrſam zu neh⸗ men, es unerbrochen zu laſſen, und es wie ein Heiligthum zu huͤten und zu verbergen? Kame es dir abhanden, ſo könnte dies leicht ein unerſetzlicher Verluſt ſein; denn es iſt ein wichtiges Geheimniß darin enthalten!“ „Und du willſt mir dies Geheimniß nicht anvertrauen?“ fragte ſie beſtuͤrzt und be⸗ troffen. 4 — 103— „Rein, beſtes Rööchen!“ erwiederte Georg. „Es wuͤrde nur dazu dienen, dich fortwährend zu beunruhigen; obwohl ich dir verſichern kann, daß es mit meiner Perſon ganz und gar nichts zu ſchaffen hat!“ „Iſt das auch ganz gewiß der Fal?“ fuhr jene mit ängſtlicher Beſorgniß zu fra⸗ gen fort. „So gewiß der blaue Himmel ſich 6e uns woͤlbt und der Zeuge meines Schwurs iſt!“ rief Georg aus.„Höre alſo und merke genau, was ich dit ſage! Dieſes verſiegelte Blatt, das ich dir zur Bewahrung anver⸗ traue, iſt fuͤr deinen Vater beſtimmt. Du uͤbergiebſt es ihm aber, falls ich bis dahin noch nicht wieder zu Euch zuruͤckgekehrt ware, unter keiner Bedingung und auf keinen Fall eher, als bis der Kriegstumult in dieſer Ge⸗ gend völlig voruͤber und Alles wieder ſtill und ruhig geworden iſt. Willſt du mir dies jetzt feierlich angeloben?“ „Verlaß dich darauf!“ ſagte Röschen, in⸗ dem ſie ihm ihre Hand reichte.„Auch kannſt 4 — 104— du, da ich es als ein Andenken von dir be⸗ trachten werde, mit aller Zuverläſſigkeit dar⸗ auf rechnen, daß es mir nicht verloren gehen wird!“ Das Geknarr einer Thür im Sm des Hauſes ſcheuchte bald darauf die Liebenden von einander. Mit Anbruch des nächſtfol⸗ genden Morgens ſetzte der Reiſefertige ſich in Vewegung, verließ, von Martins Lehr⸗ ſpruͤchen, von Sabinens Segenswuͤnſchen und von Roͤöchens bangen Seufzern begleitet, die friedliche Wohnung, winkte, nachdem er einige Schritte gegangen, den Nachſchauenden noch einmal ſeinen Gruß zu, und verlor ſich zwi⸗ ſchen den Bäumen des benachbarten Waldes. 12¹ Vier Monate waren ſeit Georgs Entfer⸗ nung allmaͤhlig verſtrichen, als Martin eines Abends, bei der Heimkehr vom Felde, nicht weit von ſeiner Wohnung einen fremden, ziemlich wohlgekleideten Mann erblickte, wel⸗ cher mitten auf dem Fußſteige mit klaͤglichem Geberdenſpiel am Voden ſaß, und auf ergan⸗ .„ — — 105— gene Nachfrage vermeldete, daß er, in der angeſtrengten Bemuͤhung, noch vor dem völ⸗ ligen Einbruche der Racht das nächſte Dorf zu erreichen, uͤber einen ſchlupfrigen Stein ausgleitend, einen hochſt ungluͤcklichen Fall gethun und ſich den Fuß dergeſtult verrenkt und verſtaucht habe, daß er aus eigner Kraft ſich durchaus nicht vom Fleck zu bewegen im Stande ſei. Martin, dem der troſtloſe Zuſtand des Verunglückten zu Herzen ging, bedachte ſich keinen Augenblick, ihm ein Rachtquartier in ſeinem Hauſe anzubieten und mit geſchäͤftiger Dienſigefäͤlligkeit ihm zur Aufhülfe und Unterſtützung die Hand zu reichen. Nur muͤhſam vermochte jener ſich in aufrechter Stellung zu erhalten; bei jedem Schritt, den er vorwärts zu thun ver⸗ ſuchte, ſchrie er laut auf, und unabläſſig jammerte er uͤber einen unerträglichen ſtechen⸗ den Schmerz in den Gliedern, ſo daß Mar⸗ tin dem Himmel dankte, als er den Verzag⸗ ten endlich gluͤcklich unter Dach und Fach — 106— ner Kammer des Hauſes ein weiches und be⸗ quemes Lager und war ſodann darauf be⸗ dacht, ihn mit den erforderlichen Linderungs⸗ mitteln zu verſehen. Dieſe ſchienen jedoch ihre Wirkung an ihm ſo wenig zu beſchleu⸗ nigen, daß er erſt, nachdem er noch ein paar Stunden lang ein unaufhoͤrliches Wimmern und Wehklagen hatte vernehmen laſſen, all⸗ mählig ruhiger zu werden anfing. Als Martin mitten in der Racht, von einem in der Nähe ſich erhebenden Geräuſch aus dem Schlummer erweckt, die Augen auf⸗ ſchlug, ſtand der Schurke, deſſen er ſich ſo mitleidig angenommen, friſch und geſund in Geſellſchaft zweier andern Spießgeſellen, de⸗ nen er heimlich das Haus von innen geoff⸗ net, vor ſeinem Lager, hielt ihm, während ein mitgebrachtes Licht auf dem Tiſche brannte, einen blinkenden Hirſchfänger entgegen und verlangte zu wiſſen, wo er ſein Geld verbor⸗ gen halte. Sabine, die das gezuckte Mord⸗ gewehr im Geiſte bereits von dem Blute ih⸗ res Mannes gefärbt ſah, war vor Angſt und 3 — — 107— Schrecken faſt des Todes; Marlin aber ſuchte ſich ſo viel als moͤglich zu faſſen, indem er den nächtlichen Raubvögeln mit einem ge⸗ waltſam erzwungenen Lächeln zu erkennen gab, daß er ein armer Mann ſei, der nichts weiter von Werth beſitze, als was jene in der Ecke ſtehende Truhe enthalte, welche man denn, zum Dank fur ſeine bewieſene Men⸗ ſchenfreundlichkeit nach Gefallen ausplundern möge. Dieſe Hinweiſung blieb nicht unbe⸗ nutzt. Im Nu war der Deckel des Kaſtens geoffnet und der aus Wäſche und Kleidungs⸗ ſtͤcken beſtehende Inhalt deſſelben zur be⸗ quemern Mitnahme in mehrere Bündel ver⸗ packt. Der hier gemachte Fund ſchien jedoch den Raͤubern noch nicht zu genuͤgen und aufs neue begannen ſie mit wilder Begierde das Gemach zu durchſpähen. Da entdeckte der an den Wänden umherſuchende geuͤbte Fal⸗ kenblick des einen unter ihnen, dem Bett zur Seite, ein kleines kaum bemerkbares Schluͤſ⸗ ſelloch; behend und geſchickt ſetzte man das Brecheiſen ein und geſprengt war die Thuͤr des verborgenen Wandſchranks.„Allmächtiger Gott!“ ſchrie Martin, außer ſich vor Entſetzen. „Nehmt Alles, was ich habe; nur dieſen Schrank laßt unangefochten! Was Ihr dort ſindet, gehoͤrt mir nicht zuz es iſt anvertrau⸗ tes Gut! Hegt Erbarmen und macht mich nicht ganz unglucklich!“— Aber der Aus⸗ ruf des Jammernden konnte bei dieſem Ge⸗ lichter natürlich nur dazu dienen, das raub⸗ luſtige Verlangen heftiger anzureizen; und er war mit ſeiner flehenden Bitte noch nicht zu Ende gekommen, als bereits eine verruchte Hand ſich nach dem jahrelang aufbewahrten verſiegelten Beutel ausgeſtreckt und ihn aus dem geheimen Winkel hervorgeholt hatte. In dieſem Augenblick ſchien ein guͤnſtiger Zufall dem Geängſtigten plötzlich zu Hülfe kommen zu wollen; denn es ſiel in der be⸗ nachbarten Waldung unerwartet ein Schuß, Racht ſich vernehmen ließ und den diebiſchen Rachforſchungen alsbald ihr Ziel ſetzte. Die aufgeſchreckten Räuber rafften in der Ge⸗ der drohnenden Klanges durch die Stille der ſchwindigkeit von den bereits in Beſchlag ge⸗ nommenen Sachen noch zuſammen, ſo viel ſie vermochten, warfen mit drohendgeſchwun⸗ gener Mordwaffe dem Beſtohlnen einen war⸗ nenden Blick zu und ſtuͤrzten ſodann haſtig zur Thuͤr hinaus, welche ſie, um den beab⸗ ſichtigten Vorſprung zu gewinnen, von au⸗ ßen verſchloſſen. Martin ſtieß, chteich er in ien aber vergeblicher Bemuhung die Thur aus den Angeln zu heben geſucht hatte, ein Fen⸗ ſter auf und ſtieg hinaus, um die Richtung der von dannen geſcheuchten Räuber zu ver⸗ folgen. Auf ſein fortgeſetztes Schreien und Rufen, während er, mit einer abgebrochenen Zaunplanke bewaffnet, die Flüchtlinge, die er beim blaſſen Schimmer des letzten Mondvier⸗ tels dem Innern des Waldes entgegen eilen ſah, zu erreichen bemüht war, arbeiteten ſich annähernde Fußtritte durch das zur Seite be⸗ findliche dichte Geſtrauch, und bald ſtand der Foͤrſter vor ihm da, welcher, von der war⸗ men Somwernacht ins Freie gelockt, ſich nur wenige hundert Schritte von der Woh⸗ nung, in welcher die ſchnoͤden Gewaltthätig⸗ keiten vorfielen, auf dem Anſtande befunden hatte. Martin berichtete mit kurzen Wor⸗ ten ihm ſein Mißgeſchick, der erbetene Bei⸗ ſtand war ihm zugeſichert, und beide begannen ſofort, der Spur des entwichenen Geſindels weiter und weiter nachzuſetzen. Allein um⸗ ſonſt! Rirgends war mehr etwas Verdächti⸗ ges zu bemerken; aller Orten, wohin ſie bei Durchſuchung des Waldes ihren Lauf richte⸗ ten, herrſchte eine tiefe regungsloſe Ruhe, und muthlos und niedergeſchlagen kehrte Mar⸗ tin, als er mit der anbrechenden Morgen⸗ dämmerung nicht mehr zweifeln durfte, daß der davongeführte Raub nunmehr laͤngſt in Sicherheit gebracht worden ſei, nuc Behauſung zuruͤck. Röschen hatte, nach den editeh Are beiten des Tages, in ihrem, vom Schauplatz der nächtlichen Vorfaͤlle ohnehin ziemlich ent⸗ fernten Erkerſtubchen ſo feſt geſchlummert, daß ſie erſt durch die außerhalb der Wohnung — 114— ſich erhebende Stimme des Vaters erweckt und ermuntert worden war. Jetzt ſaß ſie mit angſtvoller Geberde am Bett der kran⸗ ken Mutter, bei welcher, als Nachwirkung des gehabten Schreckens, eine dumpfe Be⸗ wußtloſigkeit ſich eingeſtellt hatte. Mit Schau⸗ dern dachte Martin bei ihrem Anblick an die Moͤglichteit eines Verluſtes, der, alle Beraubung an zeitlichen Guͤtern überwiegend, ihn in den grenzenloſeſten Jammer verſenkt haben wuͤrde. Es war jedoch nicht der Schluß des Himmels, daß er, nach dem erlittenen harten Schickſal, auch noch um ſeinen theuer⸗ ſten Beſitz gebracht werden ſollte. Sabinens Geſundheitszuſtand beſſerte ſich, die ihr in⸗ wohnende kräftige Natur trug uͤber die ver⸗ derblichen Folgen des Grauſens und Entſetzens den Sieg davon, und ſchon nach Verlauf einiger Tage fuͤhlte ſie ſich ſtark genug, um die Verrichtung ihrer haͤuslichen Geſchäfte wieder uͤbernehmen zu koͤnnen. Gern ver⸗ ſchmerzte Martin jetzt, was von ſeiner eig⸗ nen Habe ihm gewaltſam entriſſen worden — 412— war; nur die auf ſo ganz unerwartete Weiſe pinzugekommene Entwendung des Beutels aus dem Wanbſchranke regte ſeinen bittebſten. Kummer auf, und ging ihm um ſo tiefer zu Herzen, je weniger er den leiſen Vorwurf, den er, in Bezug auf ſeinen fruͤhern ſtrengen Eigenſinn und die jetzt zu Tage liegende Rutzloſigkeit deſſelben, fort und fort in den Mienen ſeiner Frau zu erkennen glaubte, von ſich——— und zu— Stünde war! 4 tfu mn Die uihhigt die—— nze großer und begluckender Folgen für die Verhältniſſe des befreiten Vaterlandes, hatte ſtattgehabt⸗ Die Zwangsgewalt war vernich⸗ tet, die Feſſel abgeſtreift und jauchzendet Freudenruf verbreitete ſich vom lärmvoll be⸗ lebten Pallaſt bis zur ſtillen einſamen Huͤtte. Auch in Martins verdüſtertes Gemüth wa⸗ ren erheiternde Lichtſtralen gedrungenz er vergaß ſeiner Bekummerniß und ſchaute fröhlichen⸗ Geiſtes nach der Hoffnungöſonne, ——————————————— — 113— die auch fuͤr ihn mit he Wärme am Himmel emporſtieg. Da geſchah es, daß die Rachricht von dem plötzlichen und lebensgefährlichen Er⸗ tranken ſeines Bruders ihn nach der Stadt rief. Er zauderte, da fuͤr die Sicherheit ſei⸗ nes Hauſes und Eigenthums durch einen ruͤ⸗ ſtigen Knecht, den er gleich nach jenem nächt⸗ lichen Ueberfall in ſeinen Dienſt genommen⸗ moglichſt geſorgt war, nicht lange, der erhal⸗ tenen Aufforderung Genuͤge zu leiſten, ſon⸗ dern machte ſich alöbald auf den Weg. Als er die Stadt erreicht hatte und in die Woh⸗ nung ſeines Bruders trat, kam ihm die alte Hausmagd mit der Meldung entgegen, daß jener bereits geſtern gegen Mittag, wenige Stunden nach der Abfertigung des Boten⸗ das Zeitliche geſegnet habe, worauf ſofort der Rachlaß deſſelben von Seiten der Orts⸗ obrigkeit vorläufig unter Siegel genommen worden ſei. Aus dem naͤmlichen Munde er⸗ fuhr er zugleich, daß der Verſtorbene nur wenige Tage krankt darniedergelegen habe⸗ IV. Bd⸗ 8 — 114— Durch eine unüberlegte Spekulation mit Run⸗ kelruben, meinte ſie, in welchen er kurz zu⸗ vor, mit der Hoffnüng auf erklecklichen Ge⸗ winn; bedeutende Ankäufe gemacht, ſei aller Wahrſcheinlichteit nach ſein Ende beſchleunigt worden; wenigſtens habe er bis zum letzten Athemzuge nicht aufgehört, den unglücklichen Ausgang der Schlacht von Leipzig, der ihm die herrlichſten Erwartungen vereitelt, auf das kläglichſte zu beſeufzen und zu bejam⸗ mern.— Sie fuͤhrte den in ſtummen Ernſt verſunkenen Anköͤmmling hierauf aller Orten umher, um ihm die Gerichtsſiegel zu zeigen, mit welchen faſt ſämmtliche Gemächer des Hauſes verſehen waren, berief ſich auf ihre, zwanzig Jahre hindurch unter den härteſten Drangſalen und Beſchwerden treugeleiſteten Dienſte und nahm, da ſie an einer vorhan⸗ denen ſchriftlichen Teſtamentsverordnung zwei⸗ felte, das Billigkeitsgefühl des Erben in An⸗ ſpruch, der ihr denn auch ſogleich die troſt⸗ volle Verſicherung ertheilte, daß ſie in dieſer Hinſicht ganz außer Sorgen ſein duͤrfe.— Bereits vor geraumer Zeit hatte Murtin, ohne jedoch dieſer Rachricht ſonderliche Theil⸗ nahme zu ſchenken, in Erfahrung gebracht, daß der Beſitzer des Meierhofes ſich nachge⸗ rade auf dem Punkte beſinde, gedachtes Grund⸗ ſtuck denjenigen, deren Eigenthum es ohne⸗ hin ſchon längſt geweſen, nun bald in aller Form Rechtens abtreten zu müſſen. Die voöllige Beſtätigung dieſes Geruͤchts gelangte noch heute zu ſeiner Kunde; denn es befand ſich unter den verſchiedenen Bekanhtmachun⸗ gen an der Thuͤr des Rathhauſes, bei wel⸗ chem ihn ein Geſchäftsgang vorbeiführte, auch die Angabe des nahen Termins⸗ an wel⸗ chem der Meierhof offentlich zum Verkauf ausgeboten und dem e ſen werden ſollte. Aber noch eine andre Uebertaſchung war ihm durch die Fuͤgung der Umſtände fuͤr die⸗ ſen Tag vorbehalten. Indem er nämlich vor dem mit Anzeigen aller Art verſehenen Git⸗ terkaſten verweilte und ſich ſtill ſeinen Be⸗ trachtungen uͤberließ, erregte plotzlich ein dem 8* — 116— Rathhauſe entgegenwogender Volksauflauf ſeine Aufmerkſamkeit. Martin trat naäher hinzu, und wie groß war ſein Erſtaunen, als er, mitten zwiſchen dem Haufen, drei mit Ketten belaſtete Gefangene gewahrte und in ihnen ſogleich auf den erſten Anblick das nämliche ſaubre Kleeblatt wieder erkannte, von welchem er im verwichenen Sommer bei nächtlicher Weile in ſeinem Schlafgemach uͤberfallen und beraubt worden war. Zu tief hatte beſonders das Bild desjenigen unter ihnen, von welchem er auf ſo abgefeimte Weiſe uͤberliſtet worden war, ſich ſeinem Ge⸗ dächtniß eingepraͤgt, als daß er uber die Zu⸗ verläſſigkeit ſeiner gemachten Entdeckung nur im geringſten hätte zweifelhaft ſein können! „Was haben ſie veruͤbt?“ S er einen der Umſtehenden. „So ſchlimme Dinge, daß ſie dem Gal⸗ gen diesmal gewiß nicht entlaufen!“ war die Antwort.„Ein Haus draußen in der Vor⸗ ſtadt haben ſie vor acht Tagen erbrochen und den Bewohnern, die ſich zur Wehr geſetzt, ſo — gräßlich mitgeſpielt, daß der Knecht bereits an den Folgen der erlittenen Mißhandlun⸗ gen geſtorben iſt⸗ Schon jahrelang haben ſie ihr Handwerk zuſammengetrieben. Alle Tage werden ſie ins Verhör genommen und jedesmal kommen neue Schurkenſtreiche zum Vorſchein. Eben werden ſie wieder vor den Polizeimeiſter gebracht!“ Martin bahnte ſich, um dieſen unverzüg⸗ lich zu ſprechen, einen Weg durch das Ge⸗ drange. Er ward auf die Anzeige, daß er in Bezug auf die Gefangenen Dinge von Wichtigkeit beizuſteuern habe, ohne Verzug bei demſelben vorgelaſſen; worauf er ihm alsbald uber jenen naͤchtlichen Vorfall in ſei⸗ nem Hauſe, ſo wie über die Wahrnehmung, die er vor wenigen Augenblicken zufällig ge⸗ macht, kurzen und buͤndigen Bericht abſtat⸗ tete. Der Polizeimeiſter hörte ihm mit ruhi⸗ ger Aufmerkſamkeit zu und öffnete ſodann die Thün eines Seitengemaches, worin er ihn, bis man der Wiederholung ſeiner Ausſage bedürfe, ſtill verweilen hieß. Die Verbrecher wurden jetzt vorgefuͤhrt, und es verſtrich uͤber dem mit ihnen angeſtellten Verhoͤr faſt eine Stunde, bevor Martins Angelegenheit zur Sprache gebracht wurde und er einen Wink erhielt, in der Gerichtöſtube zu erſcheinen. „Kennt Ihr dieſen Mann?“ ließ bei ſeinem Eintritt ſich eine— ue 9 vernehmen.. „Ja, geſtrenger Hetr!“ anwortete einer der Verhafteten mit kalter Gelaſſenheit. „Martin heißt er mit Ramen und ſeins Wohnung liegt etwa vier Meilen von hier entfernt. Wir wollen nicht leugnen, daß wir im vergangenen Sommer auch bei ihm einen Verſuch machten; aber was wir er⸗ wiſchten und mit uns forttrugen, lohnte ſich wenig der Muͤhe, denn der ganze Bettel war vielleicht keine zehn Thaler werth!“ „Bis auf den ledernen Beutel, der mit Gold angefuͤllt war!“ ſagte Martin. „Ja, es hat ſich was!“ fuhr jener fort⸗ indem ſich ſeine Miene zu einem verächtli⸗ chen Grinſen verzog.„Mit Scherben von —— „ — 119— Glas und alten Toͤpfen! wollt Ihr ſagens denn etwas anders. wir nicht darin gefunden!“ iswina Der Beamte—— einen— Blick auf Martin. „Es wird Ihnen— en g vorkommen,“ ſprach dieſer,„daß ich einen Beutel ſolchen Inhalts mit ſo ängſtlicher Vorſicht in einem geheimen Wandſchranke ſolte verſteckt gehalten haben! Er war, wie ich ſchon fruͤher gegen Sie erwähnte, verſie⸗ gelt, und funfhundert Goldſtucke, von mei⸗ ner eignen Hand gezählt, befanden ſich in demſelben“ „Verdammt will ich ſein, wenn es S iſt“ nahm der Räuber wieder das Wort. „Hätten wir einen ſolchen Schlag gemacht, ſo würden wir ja, wie ſich dies ſchon von ſelbſt verſteht, nicht einen Augenblick länger in hieſiger Gegend geblieben ſein! Was ſoll⸗ ten wir uns, nachdem unſer letztes Beginnen einen ſo ungluͤcklichen und geführlichen Aus⸗ gang genommen hat, bei einer Sache, die — 10— wohl nicht eben den Hals koſten wuͤrde, hart⸗ näckig aufs Leugnen legen! Es verhält ſich aber nicht ſo, wie dieſer Mann ausſagt, ſon⸗ dern wie ich es jetzt, ganz der Wahrheit ge⸗ mäß berichten will. Allerdings befand ſich der Beutel in einem verborgenen Wand⸗ ſchranke; ich ſelbſt war es, der die Thuͤr er⸗ brach und ihn herausholte. In dem näm⸗ lichen Augenblick hörten wir den Knall einet abgeſchoſſenen Büchſe und ergriffen die Flucht. Sobald wir das diesſeitige Ende des Waldes faſt erreicht hatten, verſteckten wir, weil wir uns verfolgt glaubten, den Beutel ſammt den übrigen Sachen in der Höhlung eines Eichbaums, um ſchneller und unverdächtigern Anſehens vorwärts zu kommen. Ein paar Tage darauf begaben wir uns ganz in der Fruͤhe wieder nach jener Stelle, um das auf⸗ bewahrte Gut hervorzuſuchen und weiter zu ſchaffen. Als wir aber den Beutel, von dem wir uns bei dieſer magern Unternehmung noch das beſte verſprochen hatten, in die Haͤnde bekamen und neugierig das Siegel losriſſen, ——,— — 121— ⸗ fanden wir, was ich ſchon geſagt habe! Toll und ärgerlich uͤber den uns geſpielten Be⸗ trug, ſchleuderten wir ihn in die Hoͤhlung zuruͤck, wo er noch zu finden ſein muß!“ Es wurden jetzt, hinſichtlich dieſes Raub⸗ verſuches uͤberhaupt, noch eine Menge von Fragen an die Verhafteten gerichtet und ſie beantworteten dieſelben ſämmtlich auf eine Weiſe, welche das unverkennbare Gepräge der Aufrichtigkeit an ſich trug; wäͤhrend ſie zugleich in Betreff des Punktes, um deſſen Auftlärung es dem Beraubten am meiſten zu thun war, einmuͤthig und mit der ent⸗ ſchiedenſten Beſtimmtheit auf der ten Ausſage verharrten. n39 Gegen Abend des andern 2ages eielt mih Einladung, ſich ungeſäumt in der Wohnung des Polizeimeiſters einzufinden. Mit großer Verwunderung ſah er bei ſeinem Eintritt in das Zimmer, nach welchem er gefuͤhrt wurde, einen geoͤffneten Beutel auf dem Tiſche ſtehen, den er ſogleich erkannte Seht da das gorpus delicti!“ redete — 122— der thätige Amtsfuͤhrer ihn an;„ganz in dem Zuſtande, wie es, in Gegenwart beglau⸗ bigter Zeugen, heute in der Baumhöhle auf⸗ gefunden worden. Ihr moͤgt jetzt durch die eigne Anſicht Euch belehren⸗ wie genau die einſtimmige Behauptung der Delinquenten mit der Wahrheit uͤbereinzutreffen ſcheint; denn was könnte ſie, wofern ſie wirklich ſich der von Euch angegebenen Geldſumme be⸗ mächtigt, wohl bewogen haben, eine Wiederer⸗ gänzung ſolcher Art fuͤr nöthig zu erachten?“ Er ſchuͤttelte bei dieſen Worten den noch zur Hälfte gefüllten Beutel aus und lauter alte Scherben rollten klappernd auf den Tiſch hin. Martin ſtand beſtürzt und— uichn was er ſagen ſollte. 3 i m Euer guter Ruf buͤrgt mir fuhr jener fort,„duß Ihr bei Vorbringung Eurer geſtrigen Anklage ganz Eurer innerſten Ueber⸗ zeugung gefolgt ſeid! Aber koͤnnte nicht die⸗ ſer Diebſtahl ſchon viel fruͤher und ohne daß Ihr etwas davon gemerkt, veruͤbt worden ſein? Eurem Berichte gemäß, habt Ihr das — Geld gleich nach dem Empfange verſiegelt und in den Schrank verſchloſſen, ohne es nachher jemals wieder genauer zu unterſu⸗ chen. Bedenkt, daß ſeitdem faſt ſieben Jahre verfloſſen ſind! Könnte nicht waͤhrend dieſes langen Zeitraums ein andrer Raubvogel ſich vielleicht die gunſtige Gelegenheit auserſehen und es ſich zugeeignet haben? Ein iſiger . etwa?“ „MRein, das kann mir ſciechtetvingz nicht vorſtellen, wenn ich nicht zugleich in dem Vertrauen auf meine eigne Ehrlichkeit irre werden will!“ erwiederte Martin⸗ indem er ſich die heiße Stirn rieb. So weiß ich Euch, wenigſtens für die⸗ ſen Augenblick, in der That nicht weiter zu helfen!“ ſagte der Polizeimeiſter mit einem bedenklichen Achſelzucken, worauf er, von an⸗ derweitigen Amtsgeſchäften gedrängt, den Vor⸗ geladenen bald wieder von ſich entließ. Als Martin ſeine Wohnung erreicht hatte, ſing er ſogleich an, den mitgenommenen lee⸗ ren Geldbeuttl etwas genauer zu unterſuchen⸗ und bemerkte jetzt, daß am untern Ende deſ⸗ ſelben ein Stuͤck von der Raht aufgetrennt geweſen und auf ziemlich abſtechende Weiſe friſch wieder zugeheftet war. Dieſer Um⸗ ſtand erfuͤllte ihn mit der lebhafteſten und peinvollſten Unruhe. Es drängte ſich ihm unwillkuͤhrlich der Gedanke an jenen Nach⸗ mittag auf, wo er, auf Georgs ungewoͤhnlich dringendes Zureden, das Haus verlaſſen und dieſen bei der Zuruͤckkunft in einer ſo ſeltſam peftigen Bewegung wieder worgefunden hatte. Je mehr er ſich alle einzelne Umſtände ins Gedächtniß zuruckrief, deſto verdächtiger ward ihm die Sache. In eben dem Maaße jedoch, wie er dieſer ängſilichen Erinnerung ſich nicht zu erwehren vermochte, ſträubte ſich zugleich ſein ganzes Weſen gegen die ſchreckliche Ver⸗ n reubiiſche FPabt von Dez Gericht von. Gthſcheft,— Wartin in der Stut erhoben, war ſchnell in der Umgegend ſeines Wohnſitzes verbrei⸗ tet. Sie belief ſich zwar nicht bis zu der Summe, welche man, in Ermangelung einer genauern Kunde, mit eigenmaͤchtig vergrö⸗ ßernder Schwatzhaftigkeit ausſprach; doch war ſe anſehnlich genug, um die beſcheidene Er⸗ wattung des Eipfäͤngers bei weitem zu über⸗ treffen. Er fand ſich durch dieſelbe in eine Wohlhabenheit verſetzt, die ihm die ſorgen⸗ freieſte Ausſicht in die Zukunft eroffnete und keinen merklichen Abbruch erlitt, wenn auch der Hauptmann ſich einſtellte, um uͤber die Befriedigung der mit willigem Herzen ihm zuerkannten nt ne— frage zu thun. Kein Wunder, daß unter den neu Sne tretenen Verhältniſſen auch Roͤschens Anbeter plotzlich friſchen Muth faßten, und jetzt vor allen Dingen wieder einen befreundetern Um⸗ gang mit Martin anzuknupfen bemuͤht wa⸗ ren, um auf dieſem Wege die guͤnſtige Ge⸗ legenheit zu erſpuͤren und ihren geheimen Abſichten näher und näher zu kommen. Der Erfolg blieb jedoch weis hinter der Hoffnung — 126— zuruͤck! Martin unterließ nicht, bei der ihm ſtets eigen geweſenen Biederherzigkeit, nun auch den Regungen ſeines gaſtlichen Sinnes aufs neue Genuge zu leiſten, Sabine galt wieder für die ſorgſamſte und freundlichſte Wirthin, Roͤschen aber, auf deren Verhalten die verlangenden Blicke hauptſächlich gerich⸗ tet waren, zeigte ſich ſpröder als jemals, und war und blieb, wie auch die ſie umringende Atmoſphaͤre ſich von Seufzern und Liebes⸗ klagen erhitzte, kalt wie ein Eis!— Mit ungemein vergnügter und fröhlichet Miene kehrte Martin an einem heitern Win⸗ tertage aus der Stadt zurück, wohin wichtige und keinen Aufſchub erleidende Geſchaͤfte ihn gefuͤhrt hatten. Dieſe waren, wie in ſeinem ganzen Weſen ſich kund gab, zu ſeiner völli⸗ gen Zufriedenheit abgemacht, und rüſtigen Eifers trieb und ſpornte er jetzt ſeinen Gaul an, um noch vor Einbruch des Abends die Heimath zu erreichen und daſelbſt im Zirkel einiger Freunde und Bekannten den Geburts⸗ tag ſeiner Tochter zu feiern, die heute in ihr —————— zwanzigſtes Jahr getreten war. Als er am giel anlangte, hatten die zur Theilnahme an der häuslichen Feſtlichteit Eingeladenen ſich ſämmtlich bereits zuſammengefunden, und ein ſtattlich gedeckter Tiſch ſtand lockenden Win⸗ tes in der geräumigen Wohnſtube. Kaum aber hatte man, nach gegenſeitiger Begrußung und Vewillkommnung, mit zufriedenem Beha⸗ gen der Reihe nach Platz genommen, als der RKnecht hereintrat, ſich dem Hausherrn näherte und ihm einige leiſe Worte ins Ohr fluͤſterte Martin erhob ſich ſtill von ſeinem Sitze, um zuzuſehen, wer der Fremde ſei, der ihn zu ſprechen begehre. Dieſer ſtand draußen vor der Thur, gegen den Plankenzaun gelehnt, und war in einen weiten Mantel gehuͤllt; aber rrotz dieſes ungewohnten Aufzuges ward er, obgleich die Dunkelheit bereits mächtig uber⸗ hand genommen hatte, augenblicklich von Mat⸗ tin erkannt.„Georg, lieber Georg! biſt du es wirklich?“ rief der Ueberraſchte, indem er dem Ankoͤmmling freudig entgegentrat. „Ja Herr!“ erwiederte Georg.„Meins — 128— Kriegsarbeit iſt beendigt und ich wollte nun, unſrer Verabredung gemäß, hiermit anfragen⸗ ob Ihr mich bei Euren friedlichern Verrich⸗ tungen wieder gebrauchen koͤnnt? ſobald näm⸗ lich dieſer Uebelſtand hier erſt vollig gehoben iſt!“ Er ſchlug bei dieſen Worten den Man⸗ tel zurück und deutete auf ſeinen rechten Arm der in einer Binde ruhte. „Ei, du könnteſt mir gar nicht ewinſc⸗ ter kommen!“ ſprach der Erfreute„ 30 habe eben einige gute Freunde zu einem froh⸗ lichen Mahl bei mir verſammelt; da koͤnnen wir gleich auf deine gluͤckliche rri trinken!“ Kn34 „Ich weiß wohl! Es iſt it&icheis Geburtstag!“ verſetzte Georg.„Eben des⸗ wegen habe ich mich auch ſo beeilt, um noch vor Ablauf dieſes Tages hier einzutreffen. Der laute und fröhliche Laͤrm im Hauſe abet machte mich ſtutzig und ich trug Bedenken, ſo ganz unangemeldet hineinzutreten.“ n „Ach du weißt nicht, Georg,“ fuhr jener fort,„welcher Stein mir vom Herzen fällt⸗ indem ich dich wieder vor meinen Augen er⸗ blicke1 Aber davon zu einer andern Zeit! Jetzt wollen wir nicht länger hier draußen in der Kälte verweilen, ſondern uns ein wärmeres Plätzchen aufſuchen!“ „Mein Reiſekittel iſt nur gar nicht dar⸗ auf eingerichtet, ſi ſich den Augen einer geputz⸗ ten Geſelſchaft zu zeigei!“ ſagte Georg, in⸗ den er dem Voragehenden zuubernven S ¹ nachfolgte. 5„Dafür ſon bald geſorgt werden!“ war die Antwort, während beide im Innern des Hauſes anlangten.„Aber warte! Ich will dir die Weiber heraus ſchicken! Die werden beſſer wiſſen, als ich, was jett zuförderſt mit dir anzufangen iſ1“— Er verließ ihn und lehrte, nachdem er ſchnell ſich die Augen ge⸗ trocknet, zur Geſellſchaft zuruͤck. „Sabine!“ ſagte er, ſeine innere Gemüths⸗ bewegung gewaltſam bezwingend, mit gelaſſe⸗ nem Tone zu ſeiner Frau.„Es ſteht ein armer bleſſirter Soldat draußen auf dem — 430— ſpricht. Sieh doch zu, was ihm etwa an Speis und Trank verabreicht werden kann!“= Die Bereitwillige ſtand ſogleich auf, um ſein Geheiß in Ausführung zu bringen. Oder willſt du auch vielleicht,“ wandte er ſich zu Rööchen,„bei der heutigen Ge legenheit gern deine milde Hand aufthun, ſo kannſt du die Mutter begleiten!“— Eine glühende Röthe übetflog Röschens Geſicht; von freudiger A⸗ nung durchdrungen, begann heftiger ihr das Herz zu Klupfen und in zitternder Eilfertig⸗ keit folgte ſie der Mutter nach der et Hausdiele hinaus. 0 Rur wenige unter den vneue but⸗ ten auf bieſen Vorfall geachtet, und es er⸗ regte derſelbe nicht eher eine allgemeinere Aufmerkſamkeit, als bis nach Verlauf einer halben Stunde ſich die Thür öffnete und der neu angekommene Gaſt, die Anweſenden hoͤf⸗ lich begrußend, an der Seite ſeiner beiden Begleiterinnen hereintrat!) n „Das iſt recht, Georg!“ rief Martin mit Votplatz, der um Koſt und Nachtlager an⸗ zu thun verſucht hatte, erhob einer der Tiſch⸗ Stimmung ſich aus. znr doch ruhig ernſter Geberde ihm zu.„Dort iſt noch ein Platz frei. Setze dich und laß dir nh Bewirthung en!“ Der muntre Laärm, den Georgs unber⸗ nuthetes Erſcheinen auf einige Augenblicke unterbrochen gehabt, nahm, nachdem er von ſeinen hier gegenwärtigen Bekannten freund⸗ lich bewillkommnet worden war, wieder ſeinen ungeſtörten Fortgang. Endlich, als man im Genuß der Gaben Gottes ſein Moͤglichſtes gäſte ſich von ſeinem Stuhl, ergriff das vor ihm befindliche volle Glas und leerte es feier⸗ lich auf Röschens Geſundheit. Alle uͤbrigen folgten dieſem Beiſpiel und in gerauſchvollen vad bunt durcheinandergemengten Gluͤckwuͤn⸗ ſchen ſprach die ringsverbreitete FWire „So fullt nur die Gläſer gleich noch ein⸗ mal an!“ rief Martin, als es wieder etwas ſtiller geworden war.„Wofern Ihr etwa die Meinung hegt, daß es allein Roͤschens Geburtstag iſt, den wir heute z6 ſeid Ihr im Irrthum. Es iſt vielmehr zu⸗ gleich eine Art von Abſchiedsſchmaus, zu dem ich Euch eingeladen!“ Aller Augen waren, bei Anhörung dieſer befrerndlichen Botſchaft, mit geſpannter Reu⸗ gierde auf ihn gerichtet. „Ja, ja, ſo iſt es! Vir werden hier an dieſer Stelle heute wohl zum letztenmal ſo traulich beiſammen geſeſſen haben; denn ich muß Euch nur vermelden, daß ich mit dem nächſttommenden Maimonat dieſe Wohnung verlaſſen und wieder nach dem Meierhofe ziehen werde, den ich am heutigen Morgen in aller Form und Otdnung 1 an S gebracht!“ Reues Glaſergeklirr! Neues en und Gluͤckwuͤnſchen! „Mancher wird es mir vielleicht verdenken, daß ich, bei meinem ſchon ziemlich vorgeruͤck⸗ ten Alter, dieſer ſtillen und friedlichen Zurück⸗ gezogenheit entſage, um noch einmal in einen ugebreitetren Geſchüftskreis einzutreten⸗ er ich konnte, bei meiner Luſt zu einem regen thaͤtigen Leben, der lockenden Verſuchung durchaus nicht widerſtehen. Auch hoffe ich mir die freiwillig ubernommene Büͤrde dadurch um ein merkliches zu erleichtern, daß ich be⸗ reits auf einen tuͤchtigen Schwiegerſohn bedacht geriſ bin!“ Scham und Vetwirrung in Röschens niedergeſchlagenen Blicken, lauerndes Hoffen in dem Lächeln der Mutter, angſtvolle Erwartung auf den meiſten übrigen Geſichtern! „Es hat, ſeit ich durch die Fügung des Schic⸗ ſals wieder in eine guͤnſtigere Lage verſetzt worden bin, an mehrfachen, theils entferntern, theils näͤhern Bewerbungen um die Hand mei⸗ ner Tochter nicht eben gefehlt; auch ruͤhrten ſie ſummtlich von gar wackern und rechtlichen Männern her. Sie kamen jedoch zu ſpät, weit ich in dieſer Ruckſicht Verbindlichkeiten zu beobachten habe, die aus einer viel frühern Zeit ſich herſchreiben; Verbindlichkeiten gegen einen Fremdling nämlich, der in jenen Tagen des Unglücks das fortgeſetzte Verweilen in meinem Dienſt jeder beſſern Ausſicht vorzog und gerade damals, als ich mich verarmt und verlaſſen ſah, mir die ſtärkſten Proben ſeiner unerſchütterlichen Ergebenheit zu Theil werden ließ. Rach einer verhaͤngnißvollen Trennung hat ihn der Himmel mir wieder zugeführt; und ich weiß meinem treuen Georg die Freude über ſeine glůcktiche Heimkehr nicht beſſer aus⸗ zudrücken, als durch die Botſchaft, daß eben er es iſt, dem ich Roͤschens Hand beſtimmt yabe. Still, Kinder, ſtill! Ich wußte ſchon längſt, daß mein ſchnell ausgeſprochener Ent⸗ ſchluß Euch zwar uͤberraſchen, doch keineswe⸗ ges Euren beiderſeitigen Wuͤnſchen zuwider⸗ laufen wuͤrde! So gebt Euch denn, in Gegen⸗ wart dieſer hier verſammelten Zeugen, die Hand und betrachtet Euch von dieſem Augen⸗ blick an als ein verlobtes Paar!“ Von einem freudigen Schrecken S drungen, eilten die Liebenden auf den guͤte⸗ vollen Vater zu, um ihm, im Taumel des — 135— Entzuckens, fur dieſe unvermuthete Gewährung des innigſten und ſehnlichſten Verlangens ihren Dank zu ertennen zu geben. Das hef⸗ tige Ungeſtüm, mit welchem ſie ihre Abſicht vollführten, hatte den allgemeinen Aufbruch vom Tiſch zur Folge⸗ Alles gerieth in Be⸗ wegung, und geſchaͤftigen Eifers drängte ſich jetzt ein Theil der Anweſenden zu den Gluͤck⸗ lichen hin, während ein andrer, der durch Martins Willenserklärung auf die unange⸗ nehmſte Weiſe uberraſcht worden war, nun auch zum längern Aufenthalt keine Luſt wei⸗ ter verſpuͤrte, ſondern⸗ das entſtandene Ge⸗ wuͤhl und Getuͤmmel zur Flucht benutzend⸗ ſich ſtill und leiſe davon ſchlich. „Aber wie ging es denn zu,“ ſagte Mar⸗ tin ſpäterhin zu Georg⸗ als endlich ſämmk⸗ liche Gäſte ſich verabſchiedet und die Zuruͤck⸗ gebliebenen ſich in traulicher Unterredung vor das Kaminfeuer geſetzt hatten,„daß wir während dieſer ganzen Zeit gar keine Nachricht von dir erhielten? Von Tage zu * geblich!“ ſo gefährlich darnieder, daß es mir zu Be⸗ ſchäftigungen ſolcher Art gänzlich an Kraft gebrach. Denn Ihr duͤrft nicht denken, daß es mit der Schußwunde im Arm ſein Be⸗ wenden hatte; weit mehr als dieſe hat mir ein Lanzenſtich, den ich von einem Pohlaken durch die Huͤfte erhielt, zu ſchaffen gemacht ſo daß ich daruber, obwohl der Hauptmann alle Sorge fuͤr mich trug, am Ende— hätte ins Grab beißen müſſen!“ „Der Hauptmann?“ fragte Martin.„o e nicht etwa unſer alter Freund?“ „Kein Andrer, als er! Unter ihm gen habe ich gedient!“ verſetzte Georg.„Es ſiel — Tage hofften wir—„aber immmer ver⸗ „Anfangs, als der Feind noch dieſe Ge genden rings umher beſetzt hielt,“ antwortete Georg,„verbot es ſich ſchon von ſelbſt, Euch ſchriftliche Meldung von meinem Thun und Treiben zukommen zu laſſen. Nachher aber lag ich in einem Dorfe bei Leipzig, wo man die Kirche zum Lazareth eingerichtet hatte, — 137— mir, als ich erſt das Ziel meiner Beſtim⸗ mung gluͤcklich erreicht hatte, ganz und gar nicht ſchwer, ihn auszukundſchaften. Er nahm mich mit der groͤßten Freundlichkeit auf und ſchon des nächſtfolgenden Tages ſtand ich als Solhat in Reih und Glied. Wir haben uns ſeit jenem Augenblick nicht eher wieder von einander getrennt, als bis ich durch die em⸗ pfangenen Wunden verhindert wurde, ihm weiter zu folgen. Aber auch Euer hat er teinesweges vergeſſen; davon kann ich Euch ſogleich einen ſichtbaren Beweis geben. Hier it ein Brief, den er mir, als mein Zuſtand noch nicht ſo bedenklich geworden war, bei ſeinem Aufbruch von dort„ S5 —— Das Schreiben, welches Martin eieig — und auf Georgs Verſicherung, daß er den Inhalt nicht tenne, laut vorlas, begann in fluͤchtigen Worten mit wiederholten Dank⸗ ſpruͤchen und Erkenntlichteitöverſicherungen, ging ſodann auf die ehrenvolle Erwähnung des muſterhaften und wackern Verhaltens —————— — 138— uͤber, welches Georg bei allen vorkommenden Gelegenheiten bewährt, und ſchloß endlich, nach Voranſchickung einiger freundſchaftlicher Vor⸗ würfe mit dem Auftrage, daß Martin jene bewußte Geldſumme, von welcher er naus ubertriebner Gewiſſenhaftigkeit für ſich ſelbſt keinen Gebrauch habe machen wollen, zum Beſten des braven Georg verwenden möge⸗ *— ſelbige hiermit t.— „Si, wie ſich— aues ieein und Fit⸗ ken muß!“ rief Martin mit einem bedeut⸗ ſamen Lächeln aus, während Georg in ſtum⸗ mes Erſtaunen verſank.„Wäre mir es doch wahrlich nicht in den Sinn gekommen, daß ich mir blindlings einen ſo reichen Schwieger⸗ ſohn ausgeſucht hätte! Nun, das Geld liegt uͤbrigens zu deiner Verfügung bereit. Mor⸗ gen fruͤh ſollſt du den Beutel mit den baaren blanken Goldſtücken in Empfang nehmen.“ n „Du haſt alſo dem Vater das von mir erhaltene Papierblatt ſchon uͤberliefert?“ wandte Georg ſich zu Roͤschen. — „Rein, keinesweges habe ich das bis jetzt zu ſ⸗ gewagt!“ erwiederte dieſe⸗ indem ſie den ſorgfältig aufbewahrten Zettel zuin Vor⸗ ſchein brachte, an welchem das Siegel noch ganz unverletzt war. tn ſ „Was iſt das?“ rief Georg— 6ei. der Verwunderung aus.„Dieſes Papier iſt unerbrochen und Ihr behauptet ſo zuverläſſig⸗ daß jene fünfhundert Goldſtuͤcke ſich noch in Eurem Beſitz befinden? Wollt Ihr jetzt ein⸗ mal zuſehen, Vater, was hier geſchrieben ſteht, um Euch ſogleich eine andern zu be⸗ — 8 Er uͤberreichte pie vuu Martin las: „Wenn Ihr nunmeht, da in der Ge⸗ gend umher wieder ſichrer geworden iſt, einen Schatz erheben wollt, ſo grabt unter der al⸗ ten Eſche im Garten nach! Dort werdet Ihr finden, was waͤhrend der Kriegszeit drei Fuß tief unter der Erde beſſer aufgehoben war⸗ als in dem leicht zu We Wand⸗ ſchraniel“ rentint en önd— zum Werke ſchreiten!“ drängte der ungedul⸗ dige Georg.„Raſch, liebes Röschen! Die Laterne und das Grabſcheid herbei Ich habe jetzt keinen Augenblick länger Ruhe!“ Mit dieſem Zuruf ſtreckte er ſeine linke Hand aus und zog den verbluͤfften Alten gewaltſam nach dem Garten mit ſich fort. Martin mußte an der bezeichneten Stelle die hartge⸗ frorne Rinde des Erdreichs mit dem ſcharfen Grabſcheid durchſtechen, bis der Voden lock⸗ rer wurde und man endlich aus ſeinem Schooße, der das Anvertraute treulich bewahtt hatte, ein Käſtchen hervorzog, deſſen Schwere auf die Beſchaffenheit ſeines Inhalts ſchließen kieß. Eilfertigen Schrittes kehrten die Schatꝝ⸗ graͤber darauf mit ihrer Beute nach dem Innern der Wohnung zutück. 27 „Nun, ſo ſei dir der Hinmet gnädig!“ ſprach Martin, der kaum den eignen Augen trauen wollte.„Das bekommſt du mit der Polizei zu verfechten! Alſo du warſt der Spitzbube, der das Gold heimlich aus dein „So laßt uns jetzt aber auch ungeſiumt ——— — 141— Beutel nahm und— mit Scherben anfuͤllte?“ 6i „An jenem wo ich Euch nach der Ellernwieſe hinausbugſirte, unternahm ich die Frevelthat!“ antwortete Georg.„Es war tein leichtes Stuͤck Arbeit, darauf koͤnnt Ihr Euch verlaſſen. Dem Schloſſer, dem Schnei⸗ der und dem Todtengräber mußte ich ins Handwerk pfuſchen, um mein Vorhaben waͤh⸗ rend Eurer kurzen Abweſenheit zu Stande zu bringen! Aber ich dachte nicht, daß es Euch jemals einfallen wuͤrde, eine genauere unter⸗ ſuchung anzuſtellen, ſo lange Ihr, bei zufäl⸗ liger Oeffnung des Schrankes, den Beutel ruhig in der Ecke ſtehen und das Siegel daran unverletzt ſaͤhet. Es geſchah in guter Abſicht. War meine Beſorgniß ungegruͤn⸗ det, nun, um ſo beſſer fuͤr Euch und fuͤr uns Alle!“ „Nein, nur zu gegruͤndet war dieſe Be⸗ ſorgniß, und von großer Wichtigkeit iſt die Vollfuͤhrung des Entſchluſſes geweſen, zu welchem ſie dich bewogen!“ rief Martin aus, — 1— und ſing nün an, ihm Alles zu erzählen, was im vergangenen Sommer ſich hier ereignet hatte.„Aber nur gemach!“ endigte er ſei⸗ nen Bericht.„Vor dem Polizeimeiſter ſollſt und mußt du noch erſcheinen, damit auch er Aufſchluß über das Räthſel erhält und den ſchlauen Dieb von Angeſicht kennen lernt, der mit der nämlichen Geſchicklichteit dem Va⸗ ter das Gold aus“ dem Schranke und der Tochter das Herz aus dem Leibe zu ſtehlen beßehete i lnßn „. 7 f 1 1 6 156 77* 1 1 16„. . b N Bit 1 ——— Das Philippinchen. N 5. „Mun, lieber Vetter Fälbel, ſo ſprechen Sie doch wenigſtens uber den Pudding ein etwas günſtigeres Urtheil aus! Gegen den haben Sie doch wohl nichts einzuwenden gehabt?“— rief die freundliche Hausfrau, indem ſie zu⸗ gleich den mit der Bratenſchuͤſſel hereintreten⸗ den Bedienten mit ſtillſchweigendem Wink an den Buchhalter Engelbert verwies, der unver⸗ zuͤglich ein blankgewetztes Meſſer ergriff und mit Zerlegung des ſtaktlichen Truthahnes ſich ſtillberechnenden Ernſtes zu beſchäftigen anfing⸗ „Wie kaunſt du daran zweifeln, Mütter⸗ chen?“ erwiederte das leichtfertige Lottchen; „der Vetter hat von dem Pudding ja zwei ganz unbändig große Stücken—“ „Wie oft habe ich es dir nicht ſn ver⸗ boten V unterbrach ſie der Vater)„mit dem* — lieben Brote ein ſo kindiſches Spiel zu trei⸗ ben! Was muͤſſen die Leute von dir denken!“ Das Brotkugelchen war jedoch, die Leute mochten denken, was ſie wollten, bereits abge⸗ ſchnellt, als die Warnung ſich vernehmen ließ; war aber zufällig, ſtatt Paulinen zu treffen, ihrem eben gähnenden Nachbar in den m öffneten Mund geflogen. 3 Vetter Fälbel warf, in Bezug 5 die wegen des Puddings an ihn ergangene Frage, einen halb lächelnden, halb mitleidigen Plick gegen die Decke, brachte dann die Halöbinde, deren Stand bei der nach oben gehenden Be⸗ wegung des Kinnes ſich ein wenig umgeſchla⸗ gen hatte, behutſam wieder in Ordnung und ſagte: meines in S don— 0 „Uum Himmels Willen! liebſer, 3 Fälbel;“ unterbrach ihn Lottchen mit abweh⸗ rendem Eifer;„heute nichts mehr von London⸗ oder Sie jagen uns noch Alle zum Sinß S „Das iſt gar ſn* die Seget⸗ ut„ linens Rachbur, der nämliche, der kurz zuvor die Brotkugel in Empfang genommen hatte. „Ich meines Theils bin zwar nie in London geweſen, mag abet doch getn erzählen hören, wie es dort zugeht; nein, ich wenigſiens laſſe mich dadurch nicht aus dem Zimmer hinaus⸗ zugen!“ Er wauf bei dieſer Erklärung einen ſo beſtimmten Blick auf den Truthahn, daß es Niemand einſiel, an der Aufrichtigkeit ſei⸗ mer nur im zu mweiſein. P Fetzt endlich grwann ieni Zeit und Muhe ſich die mit Puder und Pomade unter⸗ mengten Schweißtropfen abzutrocknen, die ihm während des herkuliſchen Kampfes mit den zühen Flechſen und Knorpeln ſeines hart⸗ näckigen Widerſachers unter der Peruͤcke her⸗ vorgequollen waren; die Bratenteller wander⸗ ten links und rechts um den Liſch herum, und bald war vor dem Geklirr der Meſſer und Gabeln an die Fortſetzung der geiſtrei⸗ chen* eiſte weiter zu denken. 3% IV. Bb. 10 Wie ſchnell übrigens ein Kebrutener Trut⸗ hahn ſeine irdiſche Beſtimmung erfüllt hat, zumal wenn vierzehn dienſtwillige Befoͤrderer derſelben, gegenſeitig ſo redlich auf den beab⸗ ſichtigten Zweck hinarbeiten, als es heute im Lindenbergſchen Hauſe der Fall war, iſt zu weltbekannt, als daß nicht jede weitere, die⸗ ſen Punkt betreffende Schilderung höchſt übet⸗ flüͤſſig ſein ſollte. Auch Fälbel bewies als Ritarbeiter wieder einen ſo ausdaurenden Eifer, daß man leicht auf die Vermuthung hätte gerathen können, die zehrende Seeluft übe noch immer einige Gewalt über ihn aus. Es waren uͤbrigens bereits drei Wochen verfloſſen, ſeit er, durch einen gunſtigen Rord⸗ weſtwind der Vaterſtadt zuruckgegeben/ ſich wieder auf feſtem Grund und Boden befand. Ein unwiderſtehlicher Drang, untet fremdem Himmelſtriche die Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, die er, aller Muͤhe ungeachtet, vor dem hei⸗ mathlichen Spiegel nicht im erwünſchten Grade gewinnen konnte, zur Vollendung zu bringen, bewog ihn vor anderthalb Jahrem 63 71 ——— — 141— ſich nach London einzuſchiffen. Mehrere Mo⸗ nate vergingen, ohne daß er etwas von ſich hoͤren ließ, und ſchon ſchwebte man in Angſt, daß er vielleicht wohl gar das Opfer irgend eines desperaten Unternehmens geworden ſei⸗ Da erſchien endlich, zum Troſt ſeiner tiefge⸗ beugten Mutter kurz vor der Schlacht von Waterloo, ein von ihm abgefaßtes Sendſchrei⸗ ben, worin er alle Freunde und Verwandte. aufs rührendſte bat, ſeinetwegen doch nur ja ganz unbeſorgt zu ſein. Es ergehe ihm, fuͤgte er in einer Nachſchrift hinzu, Alles nach Wunſch; ſelbſt uͤber die fruͤherhin gehegte Beſorgniß, daß er ſich an den Porter vielleicht nicht werde gewoͤhnen koͤnnen, muͤſſe er jetzt zu⸗ weilen im Stillen lächeln; auch habe er, trotz der ihm angebornen heftigen Gemuͤthsart, bisher nur mit ſeinem Schneider einigemal einen et⸗ was lebhaften Wortwechſel gefuͤhrt; uͤbrigens moge man die in ſeinem Briefe vorkommenden Sprache und Schreibefehler gefälligſt entſchul⸗ digen, da er ſich in der deutſchen Sprache leider nicht mehr nach Wunſch auszudruͤcken wiſſe. 16 — 148— Von dem Uebermaaße des Entzückens, in welches die bekuͤmmerte Mutter durch dieſe Ruchrichten plotzlich gerieth⸗ dürfte wohl nur derjenige ſich nicht die gehörige Vorſtelung machen koͤnnen, deſſ en erhaͤrteter, fuͤr jedes mildere Gefühl unempfänglich gewordener Sinn es nicht zu faſſen vermag, mit welchem Zauber einlaufende Beruhigungsſchreiben ähn⸗ ticher hoffnungsvoller Söhne auf ihnliche Mutterherzen zu wirken fähig ſi nd. Noch für den nämlichen Abend ward ein Jubel⸗ ſchmaus veranſtaltet, zu weſchem alle Freunde und Verwandte eingeladen wurden, von de⸗ nen man nur irgend vermuthen konnte, daß ſie an der erfreulichen Botſchaft ben geie⸗ menden Antheil zu nehmen wüßten. n Schon hatte man mehrere Flaſchen port⸗ wein auf das Wohl des theuern Abweſenden ausgeleert, als das Sendſchreiben deſſelben endlich beim Rachtiſch von einem vielährigen Hausfreunde, und zwar mit einer Gelaͤufig⸗ keit verleſen wurde, die um ſo mehr zu be⸗ wundern war, da die Mutter ihm zur Vor⸗ — 41— bereitung auf dieſes Geſchäft nur eine Friſt von wenigen Stunden hatte verſtatten können. Gleich einem elektriſchen Schlage traf jedes Wort die von edlem Wonnegefuhl und noch edlerm Portwein erhitzten Gemuͤther der Schmauſenden, und ehe der Vorleſer noch bis zur Hälfte des Briefes ſich hindurchge⸗ arbeitet hatte, ſprang bereits einer der Tiſch⸗ giſte wie beſeſſen von ſeinem Platze auf, brachte mit klopfender Fauſt der Schulter ſei⸗ nes Nachbars eine ſo heftige Erſchütterung vei, daß ihm der Inhalt des eben an die Lippen geſetzten Glaſes ſogleich an der Hals⸗ krauſe hinablief, und rief mit begeiſtert fun⸗ kelnden Blicken;„Rein, läͤnger kann ich mich unmöglich gedulden! Ich gehe jett in eige⸗ ner Perſon und frage nach, ob friſche Au⸗ ſtern angekommen ſi ſind!“— Wer hätte damals glauben ſollen, daß ſchon nach Jahresfriſt der Gefeierte ſelbſt, friſch wie eine neu angekommene Auſter, wieder in den Schroß der lieben Seinigen zuruckgekehrt ſein werde! dies aber ließ ſich gegenwärtig — 150— durchaus nicht ableugnen; obgleich es ihn ſelbſt faſt verdroſſen hätte, daß man bei ſeiner uner⸗ warteten Zurucktunft in ihm den einſt unter Segel gegangenen Fälbel, ſogleich auf den erſten Augenblick wieder erkannte. In der feſten Ueberzeügung nämlich, daß durch Mit⸗ huͤlfe mehrerer an ſeiner Ausbildung arbei⸗ tenden Scheeren und Biegeleiſen ein nagel⸗ neuer Menſch aus ihm geworden ſei, hatte er während der Seereiſe ſich fortwährend an der Vorſtellung geweidet, wie er nun bald mit der Verlegenheit ſeiner ehemaligen Freunde und Bekannten den köſtlichſten Spaß treiben und nicht eher als bis ſie Miene machten, die ihnen zugefügten Reckereien durch Thätlich⸗ teiten zu erwiedern, ſich ihnen zu erkennen geben wolle. Dieſer Plan war erwähnter⸗ maßen nun freikich nicht nach Wunſch ge⸗ gluckt; doch wägté wenigſtens Riemand, es ihm abzuſtreiten) daß mit ſeiner Außenſeite, mithin der bedeutendern Hälfte ſeines Weſens, manche hochſt wichtige vorgegangen ſei. ſe . Schon vor Antritt. ſeiner Bildungsreiſe hatte Fälbel in der Kunſt, die Zipfel der Halsbinde in ſchulgerechte und dabei doch, dem Schein nach, nur nachläſſig hingeworfne Schlei⸗ fen auslaufen zullaſſen, ſich eine ſo bewunderns⸗ wuͤrdige Gewandtheit erworben, daß man beim Anblick derſelben unwillkuhrlich an aufgegan⸗ genen Bartſeifen ſchaum erinnert wurde,⸗ und ſich immer erſt hinterdrein darüber ver⸗ wunderte, wie man gerade bei ihm auf einen ſo kuhnen Vergleich habe gergthen können⸗ Schon damals hegte er einen faſt unuber⸗ windlichen Abſcheu gegen Alles, was, von vater⸗ ländiſcher Ratur und Kunſt hervorgebracht, ſich keines fremdartigen Anſtrichs zu erfreuen hatte; und aus gleicher Urſache, warum er einſt, als er einen neumodiſchen ächt Engli⸗ ſchen Stockſchirm zum Geſchenk erhielt, in ein faſt an Tollheit grenzendes Entzucken ge⸗ rierh, bekam er bei einer andern Gelegenheit auf mehrere Toge den Spleen, weil er An⸗ ſtands halber nicht umhin gekonnt hatte, von einem Rinderbraten zu eſſen, der beim Auf⸗ — 152— . nicht von— wab. Dieſe niee„mit deren Entwickelung Fälbel bereits in ſeinem vier⸗ zehnten Jahre auf das ausſchließlichſte ſich beſchaͤftigre, waren jetzt, nachdem ſeit ſeiner Geburt deren vierundzwanzig verfloſſen was ren, auf das glücklichſte ausgebildet. Selbſt in der deutſchen Sprache wußte er ſich, beſon⸗ ders wenn es nicht auf dem Papier zu ge⸗ ſchehen brauchte, noch immer um vieles ver⸗ ſtändlicher auszudräͤcken, als man billigerweiſe von ihm hätte glauben und erwarten ſolleus nur war es London und nichts als London, womit er faſt alle ſeine Redeſätze zu beginnen und zu beendigen pflegte. Schon vor ſeiner Abreiſe bewies ſein, mit der größten Geläu⸗ ſigkeit vorgetragenes und häufig wiederholtes God dam! daß er keinesweges ſo ganz als Reuling und ohne alle Vorkenntniſſe die Elbe hinab und die Themſe hinauf zu ſchif⸗ fen gedenke; jetzt nach ſeiner Heimkehr wußte er die Ramen der Mitglieder des Engliſchen Königshauſes in der Urſprache nanzugebens von God save the King wußte er die Me⸗ lodie und von Rule Britannia ſogav den Text auswendig, bis auf wenige Strophen, die ihm, während er ſeekrank in ſeiner Hange⸗ matte lag, abhanden gekommen waren. 1 Daß tein ſo talentvoller jungen Mann nichts fuͤr leichter hält, als die Eroberung weiblicher Herzen, verſteht ſich von ſelbſtz und nur einer unbegreiflichen VBerkennung des eignen Vortheils war es daher zuzuſchrei⸗ ben, daß Lindbergs Lottchen, guf die er vor allen Andern die Augen geworfen hatte zu Erwiederung ſeines zärtlichen Venehmens noch immer nicht die geziemenden Anſtalten treffen wollte. Fälbel ſelbſt konnte ſich dar⸗ uͤber nicht genug verwundernzauch würde er dieſe kindiſche Sproͤdigkeit vielleicht ſchon längſt nach Gebuͤhr geahndet und gleiches mit glei⸗ chem vergolten haben, hätte nicht die feſte VUeberzeugung, daß der Allgewalt ſeiner Vor⸗ zůge auf die Länge durchaus nicht zu wider⸗ ſiehen ſei, verbunden mit einer anderweitigen, beſonders auf den älten Lindberg ſich b6 ziehenden Ruͤckſicht— Vankgeld genannt— ihm den Gedanken eingegebem, ſeine ſinnbe⸗ ſtrickenden Beſuche im Lindbergſchen Hauſe mit aller Gelaſſenheir ſortzuſetzen, in den neckenden Spöttereien adie Lottchen fortwäh⸗ rend ſich gegen ihn erlaubte, nur die Beſtä⸗ tigung eines allbeliebten Spraͤchworts zu ſuchen, und die Erfuͤllung ſeiner zartlichen Wuünſche ruhig von der wmtſ Zeit zu erwarten.— An dem heutigen Mittagẽmahl im txſen Hauſe hatten plangemäß eigentlich nur zwölf Perſonen Theil nehmen ſollen; ein dunkel waltendes Verhängniß fuͤgte es jedoch⸗ daß Vetter Fälbel kurz vor dem Eſſen als der dreizehnte ſich einfinden mußte. Todten⸗ bläſſe uberzog das Geſicht der Hausmutter, als ſie den ungebetenen Gaſt zur Thür her⸗ eintreten ſah; zwar nicht aus natuͤrlicher Abneigung gegen ihn ſelbſt, wohl aber aus unbeſtegbarer Scheue vor der Un gluͤcks⸗ zahl, die ſein unerwartetes Erſcheinen zu⸗ — 156— wege brachte. Von der Unmöglichkeit, ihm einen Platz an dem Tiſche verweigern zu koͤnnen, wie von einem Dolchſtich durchdrun⸗ gen, rannte ſie in ihrer Herzenönoth die Treppe hinunter, um den erſten beſten Be⸗ kannten, deſſen ſie unten auf der Straße an⸗ ſichtig werden wuͤrde, mit Gewalt aufzugrei⸗ fen und dem Speiſeſaale zuzufuhren. Glück⸗ licherweiſe ſchlenderte eben der junge Hol⸗ mers, einer ſeit ungefähr drei Monaten oft wiederholten Gewohnheit gemäß, an der Hausthuͤr voruber. Dieſer wuͤrde jedoch, da irgend ein Gegenſtand an den Fenſtern des obern Stockwerks ſeine Aufmerkſamkeit ſehr angelegentlich zu beſchäftigen ſchien, die angſt⸗ lich umherſpähende Hausfrau vielleicht gar nicht einmal bemerkt haben, haͤtte dieſe nicht ſogleich ein ſo vernehmliches:„Pſt! Pſt!“ ertönen laſſen, daß es unmäglich ward, in ſeinen, nach der Höhe gekehrten Betrachtun⸗ gen zu verharren.—„Schon längſt, lieber Berv Holmers,“ rief ſie, als er, dem gege⸗ benen Wink zufolge, auf den Flügeln des — 156— Dienſteifers ſich ihr genähert hatte;„ſchon längſt haben wir uns einmal die Ehre von Ihnen ausbitten wollen; noch heute habe ich wieder daran gedacht. Wollten Sie denn nicht die Güte haben und dieſen Mittag mit einer Suppe bei uns vorlieb nehmen?“ Holmers hatte ſo eben nicht allein recht gute Suppe, ſondern noch obendrein ein tuͤch⸗ tiges Stuͤck Fleiſch zu ſich genommen; er mußte aber zu Verſchweigung dieſes. um⸗ ſtands wohl ſeine ganz beſondern Gründe haben. Unter Abfaſſung mehrerer verbind⸗ licher Bucklinge nahm er die Einladung an, und folgte der beruhigten Alten ſo⸗ gleich mit einer Ungeduld die Treppe hinauf, als ob er vom grimmigſten Heißhunger ge⸗ qublt und getrieben werde. Lottchen ward bei ſeinem Einttitt feuerroth und gerieth in eine Unruhe, die ſie vergebens zu verbetgen bemuͤht war. Die Mutter ſuchte ſie jrdoch zu beſchwichtigen, indem ſie ihr troͤſtend ins Ohr fluͤſterte, ſie ſolle nur ganz unbeſorgt ſein, es ſei in Hinſicht des vorraͤthigen . — 157— Eſſe ns reichlich für vietzehn Perſonen ger ſorgt; daß ſie übrigens, zufolge ihrer Grund⸗ ſätze, ſchnell noch einen Gaſt habe einladen muſſen, davon ſei die Schuld einzig und allein dem Vetter Fälbel zuzuſchreiben.— Höchſt raͤthſelhaft und vielleicht nur aus der Uner⸗ grundlichkeit des in ſtetem Widerſpruch mit ſich ſelbſt befangenen weihlichen Herzens zu erklären war der Umſtand, daß Lottchen, an⸗ ſtatt dem Vetter zu zuͤrnen, ihm vielmehr, noch während die Mutter mit ihr ſprach, ſo freundlich zulächelte, als ob er ihr jetzt zum erſtenmal in einem erträglichern Lichte er⸗ ſcheine. Auch Holmers, dem ſein Platz Lort⸗ chen ſchraͤg gegenuͤber angewieſen worden war, ging nicht leer aus; mancher Blick, der ihn bis in den dritten Himmel zu verſetzen — ſchien, ward während des Eſſens ihm zu Theilz und wenn dies nicht mit aller der freien Offen⸗ heit in Mienen und Geberden, mit welcher Lottchen dem Vetter ins Geſicht ſchaute, ſondern auf eine faſt verſtohlene Weiſe geſchah, ſo lag der Grund davon wohl vielleicht haupt⸗ ſächlich darin, daß ſie mit ihm ja h— — nicht verwandt war. Die ſchwerfüllige Bratenſchuſſel utte jett dem leichten Geſchuͤtz des Rachtiſches, worun⸗ ter auch zwei Teller mit Roſinen und Knack⸗ mandeln ſich befanden, platz gemacht.„Seht da!“ rief die freundliche Hausmutter;„nun giebt es Gelegenheit zu Philippinchen!“ „Was Gelegenheit? was Philippinchen?“ fragte der Vetter;„was wollen Sie damit ——. a „JI! das wiſſen Sie alſo noch ihi er⸗ wiederte Engelbert;„das iſt Ihnen alſo noch unbekannt? Mit den Philippinchen,“ fuhr er in feierlichem Geberdenſpiel fort,„hat es, muß die Ehre haben, Ihnen zu ſagen, eine ganz curioſe Bewandtniß. Geſetzt den Fall, Sie faͤnden, zum Exempel, in einer Mandel⸗ huͤlſe, wie ſich das bisweilen zu ereignen pflegt, zwei Kernez äßen den einen davon ſelbſt auf und gäben den andern, zum Bei⸗ ſpiel, Fräulein Lottchen zum Aufeſſen, ſo haätten Sie beide mit einander ein ſogenann⸗ tes Philippinchen gegeſſen· Sie verſtehen mich doch,— ab b 87 66 6 Das nocht nun nohl. npch nicht— ganz der Fall ſein; denn. Fübet war be Anhörung dieſer ſinnreichen Erklärusg füglich einem Nürnbergiſchen Rußtnacker zu vergleichen, der eine ihm in den geöffneten Mund ge⸗ ſteckte welſche Ruß wir ungünſigem Sſt brarbritet R i iſt aber noch jtche⸗ ſiche aut ſing der Buchhalter aufs neue zu predigen an. „Das Philippinchen muß, wie ich das Bei⸗ ſpiel bereits angofüchrt habe, immer nur von einem Maͤnnlein und einem Fräulein gegeſ⸗ ſen werden, wenn Alles ordentlich zugehen und von grehoͤriger Kraft ſein ſoll. Wer nun von beiden an einem der nächſtfolgenden Tage dem andern auf die Schulter klopft⸗ und zu ihm ſagt: Guten Morgen, Philip⸗ pinchen! der muß von ihm beſchenkt wer⸗ denz etwa, zum Exempel, mit einer huͤbſchen porzellainenen Mundtaſſe, einem artigen Ser⸗ — 460— utnihi⸗ von niſſiven nwun pe len und desgleichen weiter mehrt“ 5„Wabin dummen Schnack! e dam!“ kief Sitt.„Pie ſän vogt ſo ifitiges Se iben kann! ſhorſch ich birt mit ein Sl Waſſer a51. Slhin Si wohl, Zeſtrenger Per Veit⸗ 3 Giichei, habr ich eben ein it⸗ pinchen zefünden, ſo ſiehr e3* aus. „Ei, mit Fräulein Lottchen,“ vitgegiel dieſet mit ſchalthaftem Lächeln,„könte ich mich wohl noch allenfalls dazu bequemen, die Poſſe mitzumachen.“— Pauline erhob ſich bei Anhörung dieſes Auðſpruchs von ihrem Stuhl und verneigte ſich ehrerbietis gegen Herrn Fölbel.—„Haben Sie es fuhr er, nach dein Bedienten ſich umkehrend, mit ſtei⸗ gendem Affekt fort;„haben Sie es denn nicht gehört, Aſporſcht* mir rin Su Viſe ausbitti?“ 0) nc 6 Er erhielt, was er i vprauf er ſich wieder zu Lotechen wandte und den ver⸗ hängnißvollon Mandeſtern in Empfang nahm. — 161— Während heſſen war auch die Fran des Hau⸗ ſes ſo gluͤcklich geweſen, ein Ppilippinchen zu ſinden, zu deſſen Theilung ihr von der Straße aufgegriffener Luͤckenbußer, der bisher mit Herrn Lindberg uͤber kaufmänniſche Angelegen⸗ heiten verhandelt und ſich bei ihm in das vortheilhafteſte Licht zu ſetzen gewußt hatte, mit einer ſo eifrigen Bereitwilligkeit die Hand bot, als ob er, ſtatt der Mutter die leibhafte Tochter vor ſich gehabt hätte. unter ämſigem Geſcharr ſowohl der ſelbſt⸗ eigenen als der Stuhlbeine ward die Tafel jetzt aufgehoben; rechts und links, mit der großen und kleinen Achte, ſiel man ab, um ſich gegenſeitig eine geſegnete Mahlzeit zu wünſchen, und ſämmtliche Tiſchgäſte trafen datauf Anſtalt, ſich nach dem Garten hinun⸗ ter zu verfügen, allwo, dem Vernehmen nach, der Kaffe ſie bereits mit der größten Unge⸗ duld erwartete. Nur Fälbel, der durch ein feindſeliges Ungefaͤhr ſich plötzlich in den Abgrund der Verzweiflung hinabgeſtuͤrzt ſah, wankte, waͤhrend die Andern ſcheriten und 1V. Bd. IT lachten, todtenbleich und den Tag ſeiner Ge⸗ burt verwunſchend, nach dem offnen Fenſter, unter welchem ſo eben ein muſtkaliſches Kler⸗ blatt, nebſt Drehorgel und Tambourin Stand gefaßt hatte, um Leſſings Ausſpruch, daß die Kunſt nach Brot gehe, zu widerlegen und Schillinge einzuſammeln.„Wir ſind die Koͤnige der Welt!“ klang die Verſicherung der obligaten Choriſten, indeß der eine von ihnen mit der Hand unter dem Hute von der ihm zuſtehenden Jagdgerechtigkeit Ge⸗ brauch machte; der andre durch Zuruͤckſchnal⸗ lung des Leibgurts ſeinen, gegen alle Va⸗ ſallenpflicht rebelliſch knurrenden Ma⸗ gen in engere Grenzen einſchloß, und der dritte einen donnernden Machtbefehl an die liebe Jugend ergehen ließ, deren un⸗ gebührliches Toben die gehoffte Wirkung des vorgetragenen Geſanges auf das empfindlichſte vereiteln zu wollen ſchien. Alle drei blieben, ſobald Fälbel oben am Fenſter ſich zeigte, wie durch Zaubermacht gefeſſelt, mit ſehn⸗ ſuchtsvollen Blicken an ihm hangen und be⸗ eiferten ſich durch Aufbietung ihres ganzen Kunſttalents, ihm irgend ein untrügliches Merkmal der Wohlgewogenheit und des Bei⸗ falls abzugewinnen. Er aber ſah und hörte nicht; die krampfhaft geballte Fauſt gegen die Seite gepreßt, ſtand er, zum blauen Him⸗ mel emporſtarrend, unbeweglich wie eine Salz⸗ ſäule, und alle ſeine Gedanken und Empfin⸗ dungen wurden durch die Vorſtellung ver⸗ ſchlungen, daß er die ungluͤcklichſte Kreatur auf Gottes weitem Erdboden ſei. In der That war es ein hochſt grauſa⸗ mer Zufull, der in dieſen, eben ſo gerechten als herzzerreißenden Jammer ihn verſenkt hatte. Wie durch heimtüuckiſche Verabredung waren, indem er etwas raſch von ſeinem Stuhle aufſtand, hart am rechten Knie die drei obern Perlmuttetknöpfe der zei⸗ ſiggruͤnen Kamaſche ihm abgeſprungen, und klaffend, wie ein naſſer Kourierſtiefel, ſenkte ſich dieſe nun mehr und mehr ſchler bis zu der Gegend hinab, wo bei altmodiſchen Leuten die ſogenannten Waden zu ſitzen pflegen. II — 164— Riedergedruͤckt von der Schwere des Un⸗ glurks, verweilte et wohl eine Viertelſtunde lang in dumpfer Muthloſigkeit an dem ge⸗ oͤffneten Fenſter, und wahrſcheinlich nur dem hier herrſchenden, wohlthätigen Luftzuge hatte er es zu verdanken, daß er nicht, vom Schwin⸗ del ergriffen, hinausſtuͤrzte, um unten auf der Straße aus einer Ohnmacht in die andre zu fallen. Die ſämmtlichen Gäſte hatten ſich mittlerweile, ohne weder die Perlmutterknöpfe an ſeiner Kamaſche, noch ihn ſelbſt in ihrer Geſellſchaft zu vermiſſen, nach dem Garten verfugt; die Koͤnige der Welt zogen, von einem zahlreichen Gefolge umgeben, ſchim⸗ pfend die benachbarte Twite hinunter, und erſt jetzt, als es ſtill um ihmher geworden war, kehrten dem hedauernswuͤrdigen Mär⸗ syrer almählig Beſinnung und Sprache zu⸗ ruͤck.—„Unſeliges Verhängniß!“ rief er aus;„was wird Lottchen denken! in welchem entſetzlichen Lichte muß ich ihr jetzt erſcheinen! Ach, am beſten waͤre es wohl, ich ginge wie⸗ der zu Schiffe, naͤhme einige Kiſten Zigarren mit und ſuchte mir in der Nähe von London irgend einen entlegenen Winkel des Erdbodens auf, um dort mich ſelbſt, mein Ungluͤck und meine Schande fuͤr immer vor den Augen der Welt zu verbergen!“. 4 Wie es jedoch zu den hervorſtehenden Ei⸗ genthuͤmlichkeiten großer Geiſter gehört, ſich durch die Donnerſchläge des Ungluͤcks, ſo be⸗ täubend auch immer ihre Gewalt ſein mag, höchſtens nur auf Augenblicke lang zu Bo⸗ den ſchmettern zu laſſen, ſo fuhr auch un⸗ ſerm Helden, nachdem die erſten Schauder des Entſetzens voruͤber waren, wieder ein Hoff⸗ nungsſtral durch die Seele, daß es ihm mit Hülfe kaltbluͤtiger Ueberlegung und ange⸗ ſtrengten Scharfſinnes wohl vielleicht am Ende noch gelingen werde, ſich aus dem grauenvollen Labyrinth herauszuwinden uns auf dieſe Weiſe den dunkeln Schickſalsmäch⸗ ten wenigſtens einigermaßen die Stirn bie⸗ ten zu können. Und ſiehe da! kaum hatte er ſeine, vor dem Keulenſchlage des Ungluͤcks, verwitrertem Mörtel gleich, zerbröckelnden Verſtandeskräfte wieder ein wenig geſammelt und geordnet, ſo erſchien ihm auch ſchon der rettende Engel in Geſtalt einer Stecknadel, die er haſtvoll aus dem Fenſtervorhange zog und ſogleich mit den Verpflichtungen ihrer neuen, ehrenvollen Beſtimmung vertraut zu machen ſuchte. Freilich ſchien ſie derſelben keinesweges im gehörigen Grade gewachſen zu ſein, und Fälbel mußte ſich daher einſtwei⸗ len nur mit dem bewieſenen guten Willen begnuͤgen; er that dies jedoch um ſo lieber, da hier oben, ſeiner Meinung nach, für ihn durchaus nicht länger zu verweilen und ſeine Gegenwart im Garten heute mehr als jemals von weſentlicher Wichtigkeit war. Es hat⸗ ten nämlich waͤhrend des Eſſens die ſchon fruͤher erwähnten, mit verſtohlner Behutſam⸗ keit ſchraͤg über den Tiſch hingewechſelten Blicke auch ihm Stoff zu mancherlei Betrach⸗ tungen geboten, und wenn er auch weit ent⸗ fernt war, zu glauben, daß ein von Lottchen zwiſchen ihm und dem ſchlichten Holmers an⸗ geſtellter Vergleich, dem Letztern nur im ge⸗ — 167— ringſten zu einigem Vortheil gereichen könne, ſo vermochte er es doch nicht, eines Schleich⸗ handels dieſer Art ſo ganz ohne allen Ver⸗ druß zu gedenken. Ohne die Vorſtellung zu beruckſichtigen, welche Treuloſigkeit ſich in Amt und Pflicht genommene Stecknadeln bisweilen zu Schulden kommen laſſen, und wie leicht auch er noch einmal das Opfer einer ähnlichen Pflichtvergeſſenheit werden könne, eilte der Wagehals daher, freilich nicht ohne Zittern und Zagen, daß es den Augen ſeiner Geliebten heute zum erſtenmal gelingen ſolle, eine ſchwache Seite an ihm——— dem Garten hinab. 2 Mit enn allenblicen eitte er bei ſeinem Eintritt ſogleich die reſpektiven Häupter der, zwiſchen den Blumenbeeten und Obſtbäumen umherſchreitenden Gäſte, fand aber bei dieſem Geſchäft durchaus keine Ge⸗ legenheit, durch die That zu beweiſen, wie weit ſeine Geſchicklichteit im Numeriren ſich über die Zahl Elf hinaus erſtrecke, weil — 168— dieſe ſo eben den ganzen Beſtand der ſicht⸗ baren Anweſenden ausmachte. Gerade von zwei Perſonen, die Fälbels muſternden Ueber⸗ blick zunächſt veranlaßt hatten, war nicht die mindeſte Spur zu entdecken; es beruhte je⸗ doch, wie es ſich nach näherer Unterſuchung ſogleich ergab, der wahegenommene Mangel nur auf einem optiſchen Vetruge; denn Hol⸗ mers und Lottchen waren gleich den ubrigen im Garten zugegen, nur daß ſie vor den ſte⸗ chenden Sonnenſtralen im nahen Laubgebuͤſch Schutz gefucht hatten, allwo ſie, in traulichem Geſpräch begriffen, auf und abwandelten und durch die dicht verſchränkten Zweige nicht völlig ſo leicht wie die andern bemerkt wer⸗ vou tanntem 1 6 6 iis he Fälbel wuͤrde bei zwiee mlie⸗ dem Drange, durch eine Seitenwen⸗ dung in das Gebüſch einzufallen und derglei⸗ chen Spaziergänge ſich allen Ernſtes zu ver⸗ bitten, vielleicht nicht haben widerſtehen kön⸗ nen, hätte nicht der höchſtbedenkliche Zuſtand ſeines rechten Kniees dem Streben des muth⸗ — 769— befluͤgelten Geiſtes ein bleiernes Gewicht an⸗ gehangen und ihm den Gedanken eingeflößt, daß ein etwas leiſeres Auftreten wohl in jeder Hinſicht die von ihm zunächſt zu ergreifende Maaßregel ausmache. Finſtern Blickes mit der ſchadhaften Seite an einen ulten Kirſchbaum ſich lehnend, ſtrich er den Hahnkamm ſteilrecht in die Höhe, donnerte, an Ingrimm dem unnahbaren Achilles zu vergleichen, dem aufwartenden Bedienten ein? God dam! entgegen, daß das geſchäftige, mit einem tiefen Bückling herbeigeflogene Wind⸗ ſpiel ſchier vor Schreck mit der Naſe vol⸗ lends in die vorgehaltene Kaffeetaſſe gefallen wäre, und konnte mit ſich ſelbſt gar nicht darüber einig werden, ob er zuerſt über die Dreiſtigkeit des einen, oder uͤber den ruck⸗ ſichtsloſen Leichtſinn des andern Theiles in ein gerechtes Erſtaunen gerathen ſolle. Auch war er in Betreff dieſes ſtreitigen Punktes noch immer nicht zu volliger Klarheit gelangt, als das luſtwandolnde Pärchen endlich wie⸗ der aus dem Gebuͤſch hervortrat, ſtatt aber⸗ —— bei Erblickung des finſtergrollenden Beobach⸗ 4 ters am Kirſchbaum, vor Furcht und Scheue in den Boden zu verſinken, mit der harmlo⸗ ſeſten Miene von der Welt ſich an die Ge⸗ — anſchloß. e8 „Gunz ſicher hat ſie ſchon ee im mer mein dort erlittnes Ungluͤck bemerkt!“ murmelte Fälbel mit dumpfer Stimme vor ſich hinz„wo nähme ſie ſonſt den Muth her, ſich Freiheiten dieſer Art zu erlauben, wenn ich in der Nähe bin! Ein Gluͤck fur ſie, daß ich den, nun einmal nicht zu ändernden Lauf der Welt auch anderswo, als hier zu Lande, kennen gelernt habe; fürwahr, ich wäre ſonſt im Stande, dem leichtfertigen Mädchen guf immer den Rucken zu kehren!“— Ein Blumenſträußchen, das Holmers in der Hand trug, und wie ſeinen Augapfel zu huten ſchien, konnte freilich auch nicht eben dazu didnen, die Wolke des Unmuths zu zerſtreuen, die zwiſchen Fälbels Augenbraunen und in der Umgegend Platz genommen hatte. Mürriſch und einſilbig blieb er daher, das rechte Knie, — 171— ſammt der proviſoriſchen Ehrenretterin deſ⸗ ſelben, durch den Theekeſſel gedeckt, wie feſt⸗ genagelt auf der Bank am Grosplatze ſitzen, pis es zu dämmern begann und die Geſell⸗ ſchaft unter feurigen Dankſagungen für den vergnügten Nachmittag, bei welcher Gelegen⸗ heit beſonders Holmers vielen Brennſtoff ent⸗ wickelte, ſich von dannen verfügte.— Am andern Morgen zwiſchen zehn und elf Uhr ging Fälbel, in einen weißflanellnen Schlafrock gehullt, mit ſtarken Schritten auf und niederz ſeine Seele brutete uͤber feindlich ſinſtern Entwuͤrfen, und unberuhrt noch ſtan⸗ den die hartgeſottenen Eier, die er, ſeit ſeiner Ruͤcktehr aus London, einer dort erlernten Sitte gemäß, zum Fruͤhſtuͤck zu ſich zu nehmen gewohnt war. Seitwärts auf einer Stuhl⸗ lehne hing die ungluͤckſelige Kawaſche, die geſtern in einen ſo beklagenswürdigen Zuſtand ihn verſetzt hatte, zur Schau ausgeſtellt; und gleich, als ſolle ihr Anblick dazu dienen, ſei⸗ nen im Innern kochenden Groll vor Abtüh⸗ lung zu behuten und fortwährend auf dem „ — 172— gehoͤrigen Siedpunkte zu erhalten, blieb er bisweilen, in düſtre Betrachtungen verſinkend, wohl Minutenlang ihr gegenüber ſtehen, wor⸗ auf er dann immer mit verdoppelter Haſt und furchtbarerem———— — fortſetzte. Jetzt, jetzt war der— uua gekommen! Ein leiſes Klopfen ließ ſich vernehmen, es öffnete ſich die Thur, und ſicht⸗ bar ward das vorgeſtreckte Kinn eines Man⸗ nes, der— beiläufig geſagt— von Zeit zu Zeit immer neue berichtigende Aufſchlüſſe in Betreff des uͤber ſeine ehemalige Taufe ver⸗ hreiteten Duntels erhalten zu haben ſchienz weil er bis zum November 1806 nur Meiſter Anton, von da bis zu Ende des Maimonats 18r4 aber Monsieur Antoine und ſeitdem bis auf den gegenwärtigen Angenblick Master Anthony zu heißen verſicherte.„Sie haben mich herbeordert, hochgeehrteſter Herr Fälbel;“ lispelte er mit heiſerer Altſtimme;„hochſtwahr⸗ ſcheinlich iſt es Ihre Tendenz, mich mit neuen ehrenvollen Auftraͤgen zu begluͤcken“ Er ethat bei dieſen Worten einige eraltirte Schritte vorwaͤrts und fuhr zugleich wit Blitzesſchnelle in die linke vn die er unverzuglich auszuweiden anfing.— qntn Laſſen Sie die Maße wenn ich Ihnen rathen ſol!“ rief Fälbel mit ſo furcht⸗ bar rollenden Augen, daß der Schneider vor Schrecken bis gegen die Thür zuruͤckprallte⸗ indem er mit dem papiernen Schweife, der ihm aus der Taſche heraushing, ein Rad in der Luft ſchlug.„Wir haben heut,“ fuhr jener fort,„uͤber verzweifelt ernſthafte Dinge mit einander zu verhandeln! da ſehen Sie⸗ in welch eine ſchauderhafte Lage Ihr Unge⸗ ſchick mich geſtern geſtuͤrzt hat! Ueberſetzen Sie Ihren Namen meinethalben ins Chine⸗ ſiſche; Sie werden doch bis in alle Ewigkeit ein deutſcher Tölpel bleiben! God dam! kämen Sie nach London, an Ihren eignen Maaßen wuͤrden Sie aufgehangen. Auf das ſchaͤnd⸗ lichſte haben Sie mich in meinem Vertrauen⸗ betrogen! meine Ehre haben Sie gemordetz“ meine Reputation obendrein! Blitz und Dolch! 17 ½— Ich darf mich vor keiner Seele mehr ſehen laſſen; in allen Straßen wird man mit Fin⸗ gern auf mich weiſen; an der Börſe wird man die Koͤpfe zuſammen ſtecken, wenn man meiner anſichtig wird; zum Stadtgeſpräch wird man mich machen! Und das Alles iſt einzig und allein Ihr—„ Siet 5 Vergebens wand und trünmt⸗ ſich der ertnirſche, als ob er in jedem wider ihn aus⸗ geſtoßenen Drohworte einen Engliſchen Hecht⸗ haken niedergeſchluckt hätte; vergebens ſuchte er ſeine Unſchuld durch den Umſtand zu be⸗ weiſen, daß die meſſingnen Knopföhre, als woruber allein die Amtsverwaltung eines honetten Schneiders ſich erſtrecken könne, fämmtlich noch an der Kamaſche feſt ſaßen; Jälbel war nicht der Mann, der durch Ent⸗ ſchuldigungsgrunde dieſer Art ſich Sand in die Augen ſtreuen, oder wohl gar durch die⸗ angſtliche unterwuͤrfige Demuth ſeines Geg⸗ ners auf einen ähnlichen Ton ſich herabſtim⸗ men ließ. Je mehr der Schneider bei dem Vortrage ſeiner Vertheidigungsrede ſich in Acht nahm, von irgend einem Ausdrucke Ge⸗ brauch zu machen, der der ſchuldigen Ve⸗ ſcheidenheit nur im mindeſten zuwider gewe⸗ ſen wäre, deſto überzeugender füͤhrte Fälbel den Beweis, wie wenig er ſeinerſeits auf ähn⸗ liche Ruͤckſichten zu achten, und dem aufbrau⸗ ſenden Gemuͤthsgrolle Zaum und Gebiß M sen ſich verbunden fuͤhle.. 4 „Herr, Sie wollen noch 3. ſchrie er dem Geängſtigten, dem alle Roſen von den Wangen entwichen waren, ins kalk⸗ weiße Geſicht;„wart! gleich ſoll mein Ameri⸗ kaniſcher Bambus Ihnen das Laͤſtermaul ſtopfen!“— In der That machte er bei die⸗ ſen Worten zugleich nach der Ecke des Zim⸗ mers, in welcher der, zum ſtellvertretenden Wortfuͤhrer erkorne, vielknotige Auslander ſich befand, eine ſo unzweideutige Bewegung, daß der Schneider ſchon im voraus zur Ueberzeugung gelangen mußte, er werde nach vollſtreckter Drohung ſich nie in ſeinem Leben wieder uber Zahnſchmerzen zu betlagen — 176— haben. Dieſe Ausſicht mußte jedoch, trotz aller von ihr ausgehender Beruhigungsgruͤnde, nicht völlig nach Verdienſt von ihm gewür⸗ digt werden konnen; denn er geberdete ſich dabei, indem er mit der Behendigkeit eines Kreiſels ſich auf dem Abſatz herumzudrehen anfing, ganz wie ein Menſch, dem nach längſt⸗ moͤglicher Bekämpfung ſeiner ſelbſt, S * Geduldsfaden geriſſen iſt. Wie was? hochgeehrteſter Herr Fitbet!⸗ rief er aus, und zwar in einer Tonhöhe, die man ſonſt gewoͤhnlich nur vom Sopran zu erwarten, ſich berechtigt glaubt;„es wäre ſogar ihre Tendenz, ſich thärlich an mir zu vergreifen? Rein, ſo wahr ich mit meinen geſunden Gliedmaßen auch noch fernerhin zum Dienſt der menſchlichen Geſellſchaft mein Scherflein beizutragen gedenke! nicht unge⸗ rochen laß ich eine ſo ſchnöde Behand⸗ lung über mich ergehen! Jedem Geſchoͤpf des Erdbodens gab die Natur ſeine Waffe zu Schutz und Trutz; dem Panterthier wie dem Baſilisken, dem Vogel Greif wie dem Ein⸗ — 177— horn. Der Eber haut mit dem geſichelten Zahn, und die Fetzen fliegen umhers der Sä⸗ gefiſch thut einen Zug mit der gezackten Säge, und halbirt liegt der Wallſiſchz das Stachelſchwein rollt ſich in einen Klumpen zuſammen, und ſieht ſich ſogleich von Millio⸗ nen Lanzen vertheidigts ſelbſt der Blackfiſch ſchlägt ſeinem Verfolger ein Schnippchen⸗ und entwiſcht mit Huͤlfe des ſchwarzen Saf⸗ tes, den er in der Angſt von ſich gieht. Das Letztere freilich ſteht nicht in meiner Macht; aber geruſtet bin ich gleichwohl, wie jede andre Kreatur, zum Vertheidigungskampfe⸗ und beweiſen will ich Ihnen den Augenblick, daß ich nicht vergebens zwanzig Jahre hin⸗ durch mit Stahl und Eiſen umgegangen bin!“— Er zog bei dieſen Worten eine große Stopfnadel aus dem Aufſchlage des linken Rockärmels, brachte ſie in lothrechte Stellung, und ſegelte, den aus der Taſche hängenden Maaßzipfel als Ankertau hinter ſich herſchleppend, mit volen Wn w Feind los. sne 1V. Bd. 12 Fälbel haßte nichts in der Welt mehr, als die Feigherzigkeit; davon gab er in dieſem Augenblick einen eben ſo ruͤhmlichen, als unwiderleglichen Beweis. So lange der Schneider durch kriechende Unterwurfigkeit ſich wieder zu dem Beſitz der verſcherzten Gunſt zu verhelfen ſuchte, loderte das darob nur noch heftiger empörte Gemüth des Erzuͤrnten in immer neue und verzehrendere Flammen aufz kaum aber ſchickte jener ſich an, den Helden des ſiebenjährigen Krieges zum Muſter zu nehmen und durch ſelbſtbeſchloßnen, uner⸗ warteten Angriff den Entwürfen des Feindes zuvorzukommen, als Fälbel auch ſchon von dem Muthe des Anruͤckenden eine guͤnſtigere Meinung zu faſſen und, mit williger Aner⸗ kennung des gehegten fälſchlichen Verdachtes, ſich unverzuglich zur heen mit ihm geneigt fuͤhlte. „Ich laſſe Ihnen volle gerecheigtei wi⸗ derfahren, Master Anthony!“ rief er aus, indem er von einer Tapferkeit, die mit der ſeinigen ſo wunderbar ſympathiſirte, lebhaft — 179— uberraſcht, ſich auf die Fenſterpfoſte geſetzt hatte.„Schaffen Sie das morderiſche In⸗ ſtrument nur wieder bei Seite; wir werden, hoff ich, wohl ohne alles Blutvergießen mit einander ins Reine kommen. Der begangne Fehler ſoll Ihnen fuͤr diesmal verziehen ſein. Lernen Sie uͤbrigens aus dem ſo eben erleb⸗ ten Vorfalle, welche gefaͤhrliche Folgen dat⸗ aus entſtehen können, wenn ich gereizt und in Harniſch gebracht werde. Dort hängt die Kamaſche; ſetzen Sie mir neue Knoͤpfe daran, und danken Sie Gott, duß Sie ſtatt eines blauen Buckels, nur mit einem blauen Auge davon gekommen ſind.“ Der Schneider ſteckte die rechte Hand in die Taſche, um ſich mit dem Rockſchooß eine dicke Thräne abzuwiſchen, die während dieſer Rede ſeinen Augen entquollen war. Sein ganzes Weſen ſchien in Ruͤhrung und Dank⸗ barkeit zerſchmelzen zu wollen und in uͤber⸗ wallender Begeiſterung verſicherte er beim Abſchiednehmen, daß noch ſeine ſpäteſten Nach⸗ tommen ſich an langen Winterabenden von der Großmuth erzählen ſollten, die ihrem Ahnherrn heute widerfahren ſei. Während Fäͤlbel, der von dieſem erſchuͤt⸗ ternden Auftritte ſich jetzt völlig wieder er⸗ holt hatte, noch mit Ankleiden beſchäftigt war, verkuͤndete das Glockenſpiel auf dem Thurme, daß es nun zum Fruͤhſtuͤcken zu ſpät, zum Mittageſſen aber noch zu fruh ſei. Er beſchloß daher dieſe Zwiſchenzeit zu Ab⸗ machung eines Geſchäfts zu benutzen, das er in einem entlegenen Theile der Stadt zu verrichten und biöher von anderweitigen An⸗ gelegenheiten gepreßt und gedrängt, immer von einem Tage zum andern verſchoben hatte. Sein Weg fuͤhrte ihn nach derjenigen Ge⸗ gend, in welcher unter andern zur Nahrung und Rothdurft des Leibes gehörigen Ratur⸗ produkten auch die Bewohner der Meerflut ſich ins Trockne gebracht ſehen, und zum Theil bereits zu ihren Vätern uͤbergegangen, zum Theil aber, ihre letzten irdiſchen Seufzer zu verhauchen, erſt im Begriff ſind. Das vielbetretene Straßenpflaſter war hier, zu⸗ — 181— folge des in der letztverwichenen Racht gefal⸗ lenen Gewitterguſſes, nicht ſo wohl ſchlüpfrig⸗ als vielmehr gar kein Pflaſter zu nennen⸗ weil es Spannen hoch mit einem Kitt überzo⸗ gen war, deſſen Beſtandtheile zu ſondern und zu beſtimmen, auch dem geſchickteſten Alchimi⸗ ſten ein nicht geringes Kopfzerbrechen geko⸗ ſtet haben wuͤrde. Ein ſchlimmer Umſtand fuͤr unſern Wonderer, dem, weil ihm der Ueberrock bis an die Knoͤchel hinabreichte, in dieſer peinlichen Lage nichts als die ge⸗ wiſſe Ausſicht blieb, den Ort ſeiner Beſtim⸗ mung mit einem Saume zu erreichen, von welchem er wenigſtens nicht fuglich behaup⸗ ten konnte, daß er ihn mit aus England herüber gebracht habe. Er würde jedoch ſich darüber vielleicht noch zu faſſen gewußt ha⸗ ben, wäre nicht, zu Vermehrung ſeines Leid⸗ weſens/ eben an einer Stelle, wo er ſich ſelbſt nicht Vorſicht und Behutſamkeit genug an⸗ empfehlen konnte, ihm plötzlich eine Kutſche entgegen gerollt, die ein ruhiges Fortſchreiten auf gerader Bahn durchaus unmöglich machte. —— Faͤlbel that daher einen raſchen Schritt nach der Seite, fand hier aber kein anderes Ret⸗ tungsplätzchen, als die ſchmale Kante eines Bänkchens für den einen, und den Schooß einer darauf ſeßhaften Huldgöttin, in wel⸗ cher, dem Umfange nach zu urtheilen, alle drei Grazien zuſammengeſchmolzen ſchienen, fuͤr den andern Fuß. Die Angſt, gerädert zu werden, verbunden mit der Unerfahrenheit in der Kunſt, auf einem Bein zu ſtehen, machte, daß er unverzuglich die zwiefach ſich ihm darbietende Gelegenheit benutzte; und ſiehe da! in dem nämlichen Augenblicke, da ein wildemporgeſchleuderter und dadurch ſei⸗ ner Ladenhüterſchaft entledigter Schellfiſch ihm ins Geſicht flog, ließ aus dem hart voruͤberrollenden Wagen ein lautes Gelächter und mit ihm zugleich der Zuruf ſich verneh⸗ men:„Ei, guten Morgen, Philippinchen!“ Fälbel, dem zwar auf einige Zeit das Sehen, nicht aber auch das Hoͤren vergan⸗ gen war, beſaß Witz und Einſicht genug, um ſogleich zu begreifen, daß das Fluchen und Schimpfen, welches die Luft durchpeit⸗ ſchend zu ſeinen Ohren drang⸗ nicht von dem Schellſiſch herruͤhre, mit welchem er ſo eben in Beruͤhrung gerathen war; denn die ſicherſten Merkzeichen ſprachen dafür, daß der ſchon langſt das Schimpfen verlernt habe! Mit der lebendigſten Klarheit trat ihm da⸗ gegen die Ueberzeugung vor die Seele, daß es Lottchens Lippen geweſen waren⸗ die den ſüßen Gruß aus dem Wagen ihm zugefluſtert hatten. Unverzuglich ſuchte er das großge⸗ blumte Oſtindiſche Taſchentuch hervor, um mit Huͤlfe deſſelben wieder zu freier Ausſicht zu gelangen, und gewahrte jett, hart neben ſich, eine koloſſaliſche, feuerſpeiende Frauen⸗ geſtalt, die ihn in der Geſchwindigkeit, wäh⸗ rend ihre gegen den Rumpf geſtemmten Arme ein rechtwinklichtes Dreieck bildeten, um meh⸗ rere Dutzend neuer Taufnamen bereicherte. Fälbel beſorgte, durch Abwartung des Augen⸗ blicks, wo ſie, wegen Erſchoͤpfung des Vor⸗ raths, endlich ihrer Freigebigkeit Grenzen zu ſetzen gezwungen ſei, um ein Mittageſſen zu — 164— kurz zu kommen; auch war ihm die Behaup⸗ tung der Siegeölorbeern, die er vor einigen Stunden in der Fehde mit dem Schneider davon getragen hatte, von zu großer Wich⸗ tigkeit, um ſich aufs neue einer Gefahr blos⸗ zuſtellen, die in Hinſicht ihres Ausganges ihn nicht eben zu ſonderlichen Hoffnungen berechtigen konnte. Er war daher, ohne nur die mindeſten Anſtalten zum Gegenkampfe zu treffen, ſogleich auf einen ehrenvollen Ruͤck⸗ zug bedacht, und nahm ihn, Entwurf und Ausfuͤhrung in einander verſchmelzend, mit Marderſchnelligkeit über einige, ihm im Rük⸗ ken befindliche Tonnen hinweg, worauf er, links nach einem nahen Gäßchen herumſchwen⸗ kend, denn auch alſobald, trotz des ihm nach⸗ geſandten moͤrderiſchen Gewehrfeuers, ſich au⸗ ßer Schußweite befand. mpi Wohl war es Lottchen geweſen, die mit eetotten ſich im Wagen befunden und, nach Abſtattung eines Morgenbeſuchs, auf der Ruͤckkehr nach Hauſe begriffen, unſerm Helden den überraſchenden Gruß zugerufen — 48— hatte. Rur ahnete dieſer nichts von den Vorfällen, die ungefähr um die Zeit, da er ſeinen Rückzug eben mit gefaßterm Gemüth und tacktgemäßern Schritten fortzuſetzen an⸗ ſing, vor dem Lindbergſchen Hauſe ſich ereig⸗ neten. Hier hatte nämlich auch Holmers, den ſeine Geſchäfte zufällig gerade in dem Augenblick wieder vorbeiführten, als der Wagen ſtill hielt, Gelegenheit gefunden, durch den geöffneten Kutſchenſchlag einen ähnlichen Gruß zu entbieten, der jedoch einer ſo unbe⸗ greiflich ſchnellen Erwiederung ſich zu er⸗ freuen hatte, daß es ſchlechterdings nicht aus⸗ zumitteln war, wer zuerſt dem Drange der Höflichkeit durch Worte Luft gemacht habe. Es konnte daher den Forderungen der Ge⸗ rechtigkeit auch auf keine andre Weiſe Genüge geleiſtet werden, als wenn beide Theile mit gleicher Bereitwilligkeit, wie ſie die Rolle des Gläubigers uͤbernahmen, auch den Verpflichtungen des Schuldners ſich un⸗ terzogen, und gegenſeitig, dem Vorſchlage des Kalkutenvorlegers gemäß, ſich mit porzellai⸗ nenen Mundtaſſen beſchenkten. Am allerwe⸗ nigſten ſchien der Platz vor der Thür dazu geeignet, den ſtreitigen Punkt vollends ins Klare zu bringen; auch folgte Holmers der Einladung ins Haus um ſo williger, da er mit gutem Gewiſſen behaupten konnte, heute weder zu Mittag gegeſſen, noch geſtern den Stoff zur Unterhaltung mit Lottchen bis die Neige verarbeitet zu haben. Gegen Abend des nämlichen Tages begab ſich Fälbel, nachdem er Mittagsruhe gehalten und ſich umgekleidet hatte, in den Laden ei⸗ nes Galanteriehändlers, um, eingedenk der wichtigen Folgen, die das Philippincheneſſen fuͤr ihn gehabt hatte, das Licht ſeines freige⸗ bigen und Puͤnktlichkeit liebenden Gemuͤths vor den Leuten leuchten zu laſſen. In zu ſuͤßen Träumen hatte ſo eben Lottchens Vild ihn wieder umſchwebt, als daß er nicht beim Erwachen ſogleich den kräftigſten Schwur, der ihm zu Gebote ſtand, darauf hätte ſetzen ſollen, die ſich ihm darbietende ſchöne Gelr⸗ genheit nicht allein zu Ueberreichung eines — — 187 feinen Geſchenks, ſondern auch zu einem der⸗ ben und entſcheidenden Angriff auf ihr Herz und ihre Hand zu benutzen. Mancherlei, fuͤr den beabſichtigten Zweck nicht untaugliche Gegenſtände, die ihm mit anpreiſender Geſchaftigkeit hier vorgewieſen wurden, brachten ihn, indem er vor peinlich⸗ ſchwankendem Hin- und Herwählen nicht zur Wahl kommen konnte, faſt zur Verzweiflung, bis endlich ein überaus geſchmackvoll gearbei⸗ teter Nähtiſch ſeine Aufmerkſamkeit ſo aus⸗ ſchließlich zu beſchäftigen anfing, daß er alſo⸗ bald den Entſchluß faßte, dieſes koſtbare Meiſterſtuͤck, fuͤt welches kein Preis in der Welt ihm zu hoch erſcheinen ſolle, kaͤuflich an ſich zu bringen. Auf ſein, in Betreff dieſes Punktes nachläſſig hingeworfnes Be⸗ fragen erfuhr er, daß der Tiſch, obgleich er unter Bruͤdern ſeine hundert Thaler werth ſei, nur zweihundert Mark Banco koſten ſolle.—„Contante Zahlung?“ fragte Faͤlbel in ſehr geſpannter Erwartung.—„Contante Zahlungz ſonſt kommt er nicht aus dem „„ Hauſe!“ war die kaltblutige Antwort.— „Ich werde gelegentlich wieder bei Ihnen vorſprechen,“ rief der Kaufluſtige, ſtampfte das Bambusrohr mit einiger Heftigkeit ge⸗ gen den Boden und entfernte ſich. Kaum war er fort, als Holmers herein⸗ trat, den Nähtiſch in Augenſchein nahm und ſich nach dem Preiſe erkundigte.„Schicken Sie mir ihn morgen mit dem fruͤheſten,“ fuhr er fort, als er die Antwort vernommen hatte,„nach meiner Wohnung„wo Ihnen das Geld dafüͤr unverzüglich zugeſtellt wer⸗ den ſoll.“—„Ei, mit dem letztern hat es ja ganz und gar keine Sile!“ rief unbegreif⸗ licher Weiſe der Galanteriehändler, deſſen Abſichten und Meinungen plötzlich eine gänz⸗ liche Umwandlung erlitten zu haben ſchienen, und auch Holmers entfernte ſich. Zu glänzend war indeſſen die Wirkung, eſche Fälbel, indem er reiflicher uber die Säche nachdachte, ſich von Ueberreichung des Rähtiſches, verſprechen zu koͤnnen glaubte, als daß er die Luſt zu deſſen Einkauf ſo — 189— leicht ſich aus dem Sinn zu ſchlagen, vermö⸗ gend geweſen wäre. Den ganzen Abend hin⸗ durch befehdeten ſich daher zwei widerſtreitende Kräfte in ſeinem Innern, von denen die eine durch die Begierde, das koſtbare Kunſt⸗ werk als erfolgreiches Mittel fuͤr hohere Zwecke zu benutzen, die andre hingegen durch den Abſcheu vor der contanten Zahlung auf⸗ geregt worden war. Lange neigte ſich in un⸗ gewiſſem Hin⸗ und Herſchwanken der Sieg bald zu der einen, bald zu der andern Par⸗ tei hinuͤber, bis endlich diejenige, welche den aufgeopferten Bankpoſten durch eine hubſche und reiche Braut zu verguͤten verſprach⸗ kurz vor dem Schlafengehen die Oberhand gewann. Bei einer Charakterfeſtigkeit, wie Fälbel ſie beſaß, war es denn auch gar nicht zu verwundern, daß die Stimmung, in welcher er jetzt dem erquickenden Genuß ei⸗ nes zehnſtundigen Schlummers ſich uberließ, unwandelbar beim Erwachen am andern Mor⸗ gen noch immer ihn beſeelte. Schon gegen Mittag verfuͤgte er ſich daher, mit einer — 190— wohlgeſpickten Börſe verſehen, wieder nach dem Galanterieladen und fragte ganz in dem kurzen und barſchen Tone eines Mannes, den das Bewußtſein der ihm beiwohnenden Talente*) begleitet, nach dem Rähtiſch, von welchem geſtern die Rede geweſen ſei. Ein toͤdtliches Entſetzen uͤberkam ihn aber, als er erfuhr, das verlangte Prunkſtuͤck ſei jetzt aus dem ganz einfachen Grunde nicht mehr vor⸗ handen, weil es verkauft und bereits am fruͤhen Morgen dem jungen Herrn Holmers uͤberliefert worden ſei. „Herr, das ſoll Ihnen theuer zu ſehen kommen!“ rief Fälbel in knirſchender Wuth dem Galanteriehändler zu, indem er mit dem Bambusrohre einen wilden Hieb nach oben in die Luft fuͤhrte. Durch dieſen, in blin⸗ bein Grimme——— nihm ſwn *) Ein Talent— nach— Seue zngefähr 1000 Rheiniſche Gulden. Bis zu dieſer Summe mußte ſich alſo vor Alters das Vermogen eines Jeden belaufen, der nicht ein Menſch ohne Talent, oder, was eben ſo viel ſagen ein armer Teu⸗ fel ſein wollte. k— — 191—— der Herr des Ladens in eigner Perſon keinen Schaden, wohl aber ein von der Decke herab⸗ hängender kryſtallner Kronleuchter, von wel⸗ chem alſobald ein paar zierlich vergoldete Arme, zerſplittert durch Fälbels gewaltigen Arm, mit helldurchdringendem Geklirr zu Boden ſturzten. Ohne jedoch weder durch die ſtuͤrmiſchen Kraftäußerungen ſeines erbitter⸗ ten Gegners, noch durch das ſo eben daraus hervorgegangene Reſultat ſich nur einen Au⸗ genblick lang aus der Faſſung bringen zu laſſen, ergriff der Galanteriehändler eine an der Thür hängende gruͤnwollene Quaſte, zog ſie ein paarmal auf und nieder, und herein traten ſogleich zwei rieſenhafte Geſtalten, de⸗ nen nichts als das feurige Schwert fehlte, um ihnen mit dem gerechteſten Vertrauen die Obhut des Patadieſes uͤbertragen zu kön⸗ nen.—„Wollen Sie jetzt,“ ließ eine mit kaltblütiger Ruhe aufgeworfene Frage ſich vernehmen,„wollen Sie jetzt fuͤr den angerich⸗ teten Schaden augenblicklich Erſatz leiſten, oder ſoll ich die nächſte Wache zu Huͤlfe rufen?“ Fälbel ſtutzte und warf mit einem Be⸗ fremden, als ob er ſo eben aus wunderlich verworrenen Träumen zu erwachen anfange, einen muſternden Blick auf die nächſten Um⸗ gebungen; doch weder der kaltgemeſſene Ernſt des Galanteriehändlers, noch das, von aller Anmuth entblößte Muskelſpiel in den Ge⸗ ſichtern der beiden Athleten ſchien ihm ſon⸗ derlich behagen zu wollen. Am allerwenig⸗ ſten aber fuhlte er ſich berufen und geneigt auf die zweite Haͤlfte der an ihn ergangenen Frage eine bejahende Antwort zu ertheilen⸗ ob er gleich den Vorderſatz derſelben gern mit der bereitwilligſten Miene von der Welh verneint hätte. Er entſchloß ſich daher, wie er in Fällen, wo ein weiteres Aufheben nicht ohne Verdruß und Aerger fuͤr ihn bleiben konnte, von jeher zu handeln gewohnt war⸗ auch diesmal zu einem Werke der Großmutb⸗ wunderte ſi ich aber nicht wenig, als ethauf die gegebne Erlaubniß, ihm uͤber den Be⸗ trag des Plunders fünftiges Neujahr die Rechnung zuzuſchicken, den Beſcheid erhielt⸗ — 193— daß man ihm nicht verſtatten werde, eher in Gottes freier Luft wieder einen Athemzug zu thun, bis er ſeinen Verpflichtungen bei Hel⸗ ler und Pfennig Genuͤge geleiſtet habe. Fäl⸗ bel bemerkte mit geheimen Grauen, daß waͤh⸗ rend dieſer Erklärung das convulſiviſche Zuk⸗ ken nicht allein in den Geſichtern der beiden Thuͤrhuͤter an Ausdruck und Lebhaftig⸗ keit zunahm, ſondern daß es ſich auch bereits den Fingerſpitzen mitgetheilt hatte, die, krampfhaft nach innen arbeitend, mehr und mehr eine Form zu gewinnen ſtrebten, wie man ſie an geballten Faͤuſten wahrzunehmen gewohnt iſt. Er zog daher die Boͤrſe und machte ſich ſelbſt einen blauen Dunſt vor, indem er alle nur moͤgliche Muͤhe anwandte, ſich einzubilden, daß er den erhandelten Näͤhtiſch bezahle; eine Selbſttäuſchung, die ihm denn auch, in Erwägung des Um⸗ ſtandes, daß die ihm zuruckgebliebene Baar⸗ ſchaft kaum noch zum Einkauf eines gelade⸗ nen Terzerols hinreichte, von Herzen zu goͤn⸗ nen war.— IW. Bd. 13 — 194— Im mittlern Gange des an das Lind⸗ 3 bergſche Haus ſtoßenden Gartens hatten un⸗ terdeſſen gar wunderliche Dinge ſich ereignet. Zwei alte Herren, von denen der Eigenthuͤ⸗ mer des Hauſes und Gartens ſelbſt, an der veilchenblauen Comtoirmuͤtze ſogleich zu erken⸗ nen war, klopften dort ſo eben, nachdem ſie, in einem ſehr angelegentlichen Geſpraͤch be⸗ griffen, wohl eine Stunde lang mit einan⸗ der auf und abgegangen waren, ihre Gips⸗ pfeifen aus, worauf ſie zum Abſchiede ſich treuherzig die Hand ſchuͤttelten. „Ja dat mut ick em averſt nochmal ſeggen, myn lehve Holmers,“ rief der Mann in der Comtoirmütze,„dat uth dem ganzen Handel niks waren kann, wenn myn Dochter ſyn Soͤhn woll nich lyden much. Ehr begrieplich maken, dat ſe in ſyn Franz'nen ſchmucken wollertrockenen jungen Minſchen tom Broͤ⸗ zjam krigt, dat will ick; averſt ſe to dwingen, em to heiraden, ne, wiß und wahrhaftig! 3 dat kann he my nich verdenken, dat do ick nich! de Muſchi Fälbel, de is vok achter'r an; dat hett averſt man nich eben veel to betieden, will ick em ſeggen.“ „Ne, myn allerlehvte Lindberg,“ erwie⸗ derte der andere,„ne by Lyve un by Halſe nich ſchall he dat dohn un ſyn Dochter ſo wat forſnacken, wenn ſe nich ſulvſt ut eegnem Harten em lyden much. Ut gooden Grunn hebb ick em ſeggt, aß he my hut Morgen allwedder wat förlamenteerte, dat he et nich länger utholen kunn, ohne de Deern; myn ſöte Jung, hebb ick em ſeggt, dat geit nich ſo gau, wy möt dat noch eenige Tiet aftoͤvenz de ſacht geit, kummt vok fort. In veertein Dagen will ick mal von feerns tohören. Ra ſüht he woll, myn lehve Frind, myn Sohn weet ganz nicks dervon, dat ick alleven by hem weſt buͤn. Ru kann he dat man ganz na ſyn Gooddünken inrichten. up alle Fäle bliv wy tohoop gpode Fruͤnn.“ 3eizeß mit myn Opiſche⸗ G. Herr Lindberg fort,„will ick glyk dußen Ogenblick von de Saat ſpreken!“ „Na Adjuͤß, myn ohle Frind!“ beſchloß der Brautwerber, indem er jenem die Hand drückte, ihm einen Gruß an die Seinigen auftrug und mit feierlich bedächtigen Schrit⸗ ten ſich von dannen begab. Herr Lindberg dachte, ſobald er ſich allein ſah, unverzüuglich an die Erfuͤllung ſeiner zuletzt ertheilten Zu⸗ ſage. Auf ſein Begehren fand die geſchäͤftige Hausfrau mit vorgebundner Kuͤchenſchurze ſich bei ihm ein, die er gleichfalls zu einem Spaziergange durch den Garten einlud, wor⸗ auf er alſobald uͤber den in Anregung ge⸗ brachten Gegenſtand ſich mit ihr zu unterhal⸗ ten anfing. Die Gedanken und Anſichten, die er ſelbſt daruͤber hegte, mußten mit den ihrigen nicht eben in ſonderlichem Widerſpruche ſtehen; denn es währte nicht lange, ſo bega⸗ ben beide ſich nach dem Hauſe zuruͤck, um, wie aus einer am Schluß der Unterredung lautgewordnen Aeußerung hervorging, droben mit Lottchen zu ſprechen und wegen der Sache wo 3 in zu kommen. n2 Kaum waren ſie auf der Hausflur ange⸗ langt, als ein Bote mit einem ſorgſam ver⸗ huͤllten Gegenſtande unter den Armen, zur Thuͤr hereintrat und der Hausftau ein, von dem jungen Holmers an ſie gerichtetes Hand⸗ billet uͤberreichte, worin in den zierlichſten Ausdruͤcken zu leſen ſtand, was ein Philippin⸗ chenpflichtiger dei Abtragung ſeiner Schuld nur immer Schoͤnes und Erbauliches zu ſagen vermögend iſt. Zwar ſchttelte die Ueber⸗ raſchle, während ihr Eheherr das koſtbare Prunkgeräth neugierig von ſeiner Huͤlle zu befreien ſuchte, ſehr bedenklich den Kopf, indem ſie mit einem faſt ſatyriſchen Lächeln ihre Augen bald auf das ihr zugeſandte glänzende Geſchenk, bald auf ihre Kuͤchenſchurze heftete⸗ als ob ſie daruber nachſinne, auf welche Weiſe wohl zwiſchen beiden Gegenſtänden irgend ein harmoniſches Verhältniß herzuſtellen ſei; doch konnte ſie gar nicht leugnen, daß die Artigkeit des jungen Herrn Holmers ihm in ihren Augen ein Anrecht auf die ausgezeich⸗ netſten Proben dankbarer Zuneigung gegeben — 198— habe. Der Ueberbringer des Geſchenks erhielt von Herrn Lindberg ein anſehnliches Trink⸗ geld, von der Frau des Hauſes aber den Auf⸗ trag, ſeinem Herrn zu vermelden, daß es ihr zur großen Freude gereichen wuͤrde, ihn dieſen Nachmittag beim Thee bewillkommnen und ihm ihren Dank fuͤr das uͤberſandte Geſchenk ab⸗ ſtarten zu koͤnnen. Auf welche Weiſe ſich Holmers bei En⸗ ladung dieſer Art zu verhalten pflegte, davon gab er bereits vorgeſtern eine ſo ſprechende Probe, daß Riemand zweifeln wird, er werde auch heute der an ihn ergangenen Aufforde⸗ rung Genüge zu leiſten ſich ſogleich haben be⸗ reitwillig finden laſſen. Und wirklich wäre es offenbare Verleumdung geweſen, wenn man nur im entfernteſten ihm irgend eines Man⸗ gels an Punktlichkeit hätte beſchuldigen wollen, da er wohl eine gute halbe Stunde fruͤher im Gartenhauſe ſich einfand, als der Thee ſelbſt, zu welchem er eingeladen worden war. Mit erglühendem Geſicht buͤckte Lottchen, als er zur Glasthuͤr hereintrat, auf ihr Strickzeug — 199— ſich nieder, doch alle Muhe, die ſie zu Auffin⸗ dung der verlornen Maſche anwandte, ſchien vergeblich zu ſein, weil ein heftiges Zittern an den Händen mit der Glut auf den Wan⸗ gen gemeinſchaftliche Sache gemacht hatte. In einer weit behaglichern Stimmung ſaß dagegen der alte Herr Lindberg, mit treuflei⸗ ßiger Durchſicht der Sundſchen Liſte beſchaͤf⸗ tigt und vermittelſt der Gipspfeife eine ge⸗ lehrte Dampfwolke um ſich her verbreitend, an dem Tiſche; auch die Hausfrau ließ nicht die mindeſte Verlegenheit an ſich verſpuren⸗ ſondern gab vielmehr durch die ſorglos freund⸗ lichſte Miene von der Welt zu erkennen, daß ſie die ſieberhafte Unruhe und Verwirtung, welche Lottchens Weſen verrieth, gar nicht eben als Merkmale eines zerrutteten Geſund⸗ heitszuſtandes betrachte. Lange ſaß Holmers, während der Thee herumgegeben und von dem Alten ein Geſpräch über die ſo eben geleſenen Zeitungsnachrichten eingeleitet ward, wie auf Kohlen, und gern hätte er uͤber den Unfall, der Lottchen, ſeiner Meinung und Beſorgniß — 200— nach, begegnet ſein mußte, nähere Erkundigung eingezogen; er konnte aber des dazu benöthig⸗ ten Muthes diesmal durchaus nicht habhaft werden, ſo wenig ihm dieſer auch bei andern Gelegenheiten eben zu mangeln pflegte. End⸗ lich, nachdem er ſo manche, von Seiten des redſeligen Alten an ihn ergangne Frage auf eine Weiſe beantwortet hatte, die den zwei⸗ felhaften Gegenſtand nur in ein noch dich⸗ teres Dunkel einhüͤllte, erbarmte die Haus⸗ mutter, obwohl nicht ohne alle Merkzeichen ſchelmiſcher Schadenfreude, ſich ſeiner Ver⸗ legenheit. „Ich dächte,“ hub ſie an,„wir ſpraͤchen nun auch einmal ein Wort von andern Din⸗ gen. Sagen Sie mir doch, lieber Herr Hol⸗ mers, haben Sie dieſen Mittag, bei Gelegen⸗ heit einer gewiſſen Zuſendung, wirklich nicht daran gedacht, daß auch ich Ihre Schuld⸗ nerin bin, und in welche Herzensangſt ich bei dem Gedanken an ein ſchickliches Gegen⸗ geſchenk nothwendigetweiſe gerathen muß? Vergebens habe ich mir ſchon den Kopf dar⸗ — 201— uͤber zerbrochen; ich weiß mir aber eben ſo wenig ſelbſt in der Sache zu helfen, als mir Lottchen, die ich auch deshalb ſchon zu Rathe gezogen habe, irgend einen vernuͤnftigen Vor⸗ ſchlag zu machen weiß, obgleich ich ihr gleich eine ganze Stunde Bedenkzeit dazu gegeben habe.“ ueber Holmers Lippen ſtahl ſich, bei Anhörung dieſes Redeſatzes, eine Art von Hauch, dem es nur an mehrerer Rundung und Deutlichkeit gebrach, um fuͤr einen wahren Ausbund von Seufzer gehalten zu 5 „Da will ich dir gleich in aller Kürze den beſten Rath geben, mein Schatz;“ rief der Alte.„Wenn die Dirne nicht ſo viel Verſtand beſitzt, dir ein Geſchenk auswäh⸗ ſelbſt1“— In feurigem Ungeſtum ſprang Holmers von ſeinem Sitze auf, um mit Löͤwenmuth und Rieſenſtärke Lottchen feſizuhalten, die werden. 8 len zu helfen; ei nun, ſo verſchenke ſie * — 202— durch die geoffnete Thur des Gartenhauſes zu entwiſchen verſuchte. Zwar wußte er vor Ueberraſchung ſeine Empfindungen und Wuͤn⸗ ſche nicht ſogleich in Worte zu kleiden; deſto deutlicher ſtand aber dafüuͤr in den heißverlan⸗ genden Blicken, mit welchen er den beſtätigen⸗ den Ausſpruch der Mutter zu erwarten ſchien, der ganze Zuſtand ſeines Innerſten ausge⸗ druͤckt. „Je nun, Herr Holmers,“ rief dieſe, „wenn Sie mit einer Ausgleichung ſolcher Art zufrieden ſind— mir ſoll es recht ſein; nehmen Sie das Mädchen hin!“ „Und unſern beſten Segen dazu!“ be⸗ ſchloß Herr Lindberg.— Erſt nach einer ge⸗ raumen Weile, während welcher es dem Ent⸗ zucken gaͤnzlich an Geduld zu gebrechen ſchien, irgend eine erläuternde Mittheilung anzuhö⸗ ren, erfuhr Holmers, welche Einleitung heute Vormittag die Vorläuferin der gegenwärti⸗ gen Scene geweſen ſei, und ſchon begann es zu dämmern, als er im erwachenden Pflicht⸗ — 203— gefuhl kindlicher Dankbarkeit ſich losriß, um ſeinen Vater von dem Gluck zu benachrichti⸗ gen, deſſen er durch ſeine heimliche Fuͤrſprache ſich jetzt zu erfreuen habe. Unter der Zuſage einer baldigen Rüuͤckkehr verließ er den Gar⸗ ten und eilte mit freudiger Ungeduld der vaterlichen Wohnung zu.— Früher, als eigentlich zu erwarten ſtand, war Fälbel, vermittelſt des zarten Dienſteifers, mit welchem die Köchin im Lindbergſchen⸗ Hauſe ihm alle dort ſtattfindende wichtige Vorfälle, für Geld und gute Worte, mitzu⸗ theilen gewohnt war, den geheimen Verhand⸗ lungen im Gartenhauſe auf die Spur gera⸗ then; und wenn er auch, aus Mangel an vollſtundigen Rachrichten, den ihm geſpielten Betrug noch nicht in ſeiner ganzen furcht⸗ baren Groͤße zu uberſchauen vermochte, ſo ging doch wenigſtens aus den erhaltenen An⸗ deutungen klar genug hervor, daß er einen weit gefährlichern Nebenbuhler zu bekämpfen habe, als er bisher, im behaglichen Vertrauen auf ſich ſelbſt, hatte glauben und vermuthen — 204— können.— An Wuth und Ingrimm einem gereizten Tieger zu vergleichen, rannte er aus ſeinem Zimmer auf die Straße hinaus, und richtete durch die ſtockfinſtre Dunkelheit der hellen Nächte ſeinen Lauf ſchnurſtraks nach der Gegend des Lindbergſchen Hauſes, um den verwegnen Frevler dort aufzuſuchen, und in racheſchnaubendein Blutdurſt ihm nach Befin⸗ den der Umſtände gleich auf der Stelle den Garaus zu machen. In den Gaſſen der Stadt, in dieſe merkwuͤrdige Begebenheit ſich ereignete, zeigt ſich von Zeit zu Zeit ein Mann, der, unbekümmert um das Treiben und Toben um ihn her, in ſtillmelancholiſcher Zuruckgezogen⸗ heit ſeinen Pfad dahinwandelt und ſchon laͤngſt mit den Freuden und Leiden des wech⸗ ſelvollen Lebens die Rechnung abgeſchloſſen zu haben ſcheint. Eine ehemals rothe, jetzt aber mit verſchoſſenem Schein ins Erdfarbne ſpie⸗ lende Sammetmuͤtze predigt, ſeine Scheitel bedeckend, von der Flucht und Hinfälligkeit alles irdiſchen Glanzesz und willig wurde man, — 205— bei Wahrnehmung des aus ſeinem Weſen ſprechenden geiſterhaften Friedens, der Ver⸗ muthung Raum geben, daß man den Bewoh⸗ ner eines andern Sterns dahin wandeln ſehe, ginge nicht aus einem, ihm am Arme hängenden Korbe mit Schwefelhoͤlzern deut⸗ lich hervor, daß er an die diesſeitige Welt ſich noch durch Handelsverbindungen gekettet ſieht. Gern mag er dann und wann vor Hausthuͤren, die mit ſteinernen Sitzen ver⸗ ſehen ſind, Halt machen, um daſelbſt von der ermuͤdenden Wanderung auszurühen oder eine frugale Mahlzeit zu halten; und es ge⸗ waͤhrt einen eben ſo behaglichen als ruhren⸗ den Anblick, mit welcher Gemuͤthlichkeit er dann immer, bevor er aufs neue ſich in Be⸗ wegung ſetzt, die Schnupftabacksdoſe hervor⸗ zuholen und den darin befindlichen parfuͤmir⸗ ten Sägeſpaͤhnen ihre herzerquickende Beſtim⸗ mung anzuweiſen pflegt. Sein Unſtern wollte, daß er tu heute die Stufen, die zu Lindbergs Hausthuͤr hin⸗ aufführten, zu ſeinem Ruheſit erwählen und laͤnger als jemals auf freier Straße verwei⸗ len mußte. Eben war er aufgeſtanden, um ſich von dannen zu verfügen, als Fälbel in blindwuthendem Eifer daher ſchnaubte, und waͤhnend, daß es ſein Rebenbuhler ſei, der ſich hier auf der Lauer befinde, ihn unter dem donnernden Zuruf:„Herr, Sie muͤſſen ſich mit mir ſchlagen!“ bei der Bruſt packte. Das arme Schlachtopfer fiel, von Todesangſt ergriffen, auf die Knie, faltete die Haͤnde und fragte mit zitternder Stimme:„Beſter, gnädigſten Herr, was habe ich Ihnen denn gethan, daß Sie mich ſchlagen wollen?“— In dem nämlichen Augenblick aber trat Hol⸗ mers, der, auf ſeiner Ruͤckkehr nach Lindbergs Hauſe begriffen, Alles vernommen hatte, her⸗ bei und belehrte den Ergrimmten, wie er ſich in der Perſon geirrt habe.„Ich nehme,“ fuͤgte er hinzu,„die mir zugedachte Ausfor⸗ derung an; nur geſtatten es meine Geſchäfte nicht, Ihnen fruͤher, als morgen gegen Abend, die verlangte Genugthuung zu geben. Uebri⸗ gens erbiete ich mich, fuͤr gute Piſtolen zu — 207— ſorgen und Ihnen morgen mit dem fruͤheſten Ort und Stunde genauer zu beſtimmen. Fuͤr jetzt erſuche ich in Betreff dieſes Punk⸗ tes um Entſchuldigung, da meine Braut mich oben erwartet.“— Er warf bei dieſen Wor⸗ ten dem armen Ueberfallenen einige Silber⸗ muͤnzen in den Korb und begab ſich, ohne Fälbels Antwort abzuwarten, nach dem— hinauf. Dieſer ie ſich, als er wieder— war, einigemal mit der Fauſt gegen die Stirn, verſank dann in ein, mehrere Minu⸗ ten lang anhaltendes, finſtres Nachdenken und kehrte darauf mit trotzigfeſten Schritten nach ſeiner Wohnung zuruck, um daſelbſt die zu Vollfuhrung ſeines gefaßten Entſchluſſes er⸗ forderlichen Anſtalten zu treffen. Mit duͤſter⸗ waltendem Ernſt öffnete er ſeinen Schreib⸗ tiſch, durchlief muſternden Blickes den Inhalt einiger wichtigen Papiere, verſah den Rand derſelben hin und wieder mit ſchriftlichen Verfugungen, ſchrieb und verſiegelte zwei Briefe, und verließ, nachdem er einige Au⸗ — 2068— genblicke lang mit zweifelhaftem Geberden⸗ ſpiel vor einer Ecke, in welcher ſein Stock⸗ degen ſich befand, verweilt hatte, abernus — Haus. Schwarze Gewitterwolken, tin jeden au⸗ 3 genblic ſich zu entladen drohten, hatten den Himmel umzogen, Staub und verwelkte Blät⸗ ter wurden vom Wirbelwinde luftwärts ge⸗ trieben und ſchäumend und brauſend, als wolle das alte Bett ihr zu eng werden, ſuchte die empoͤrte Alſter das Ufer zu uͤberſteigen, an welchem Fälbel mit dumpfbruͤtender Unluſt am Leben und krampfhaft verſchränkten Ar⸗ men auf und ab zu wandeln begann. Kein gluckliches Weſen war zu erblicken; Alles hatte in das Innere der Häuſer ſich zuruͤck⸗ gezogen und dort vor dem herannahenden Unwetter Schutz und Sicherheit geſucht; nur zwei dienſtthuende Rachtwächter ſchliefen in bruͤderlicher Eintracht auf einer benachbarten Bank, und ein lieblicher Traum hauchte ihnen Vergeſſenheit ihres harten Berufes in die tiefathmende Bruſt. 3 — 26 Immer heftiger erhob ſich der Sturm⸗ immer ſchauerlicher pfiffen und kreiſchten dle Wetterhähne, immer toſender ſchͤumten die Wellen empor. Die Ordnung der Ratur ſchien aufgeloͤſt und in dem zugelloſen Kampfe der Elemente nur die Loſung zu Verwuͤſtung und Verderben enthalten zu ſein. Eben hatte Fälbel in einer Stimmung, die mit den Schrecken der Natur auf das innigſte harmonirte, ſich ſo nah an die Kante des ufers geſtellt, als es die daſelbſt befindlichen, zur Schutzwehr dienenden Eiſenſtäbe nur im⸗ mer erlaubten; wild in die Nacht hinaus ſtarrte ſein Auge, und von einer furchtbaren Rutzanwendung begleitet, ſchien Hamlets Mo⸗ nolog ihm auf den Lippen zu ſchweben. Siehe! da zerriß ploͤtzlich der dichte Schleier des Ge⸗ wölks, und es begann ein ſo heftiger Platz⸗ regen herabzuſturzen, daß der uberraſchte Dulder kaum ſchnell genug die ſchirmende Zeltdecke des ihm zur Seite beſindlichen Pa⸗ villons zu erreichen vermochte. In qualvol⸗ lem Unmuth warf er ſich hier auf die nächſte — 2— Bank, ſtuͤtzte das Haupt auf den linken Arm und fing mit dem rechten Abſatz im Sande zu bohren an.„Ein Glas Grock!“ rief er aus, als er des Aufwaͤrters anſichtig ward; „aber von Conjak!“ ſetzte er mit gebrochener Stimme hinzu. Ungefaͤhr eine Stunde darauf fühlten die bereits oben erwaͤhnten beiden Nachtwächter ſich von ungeſtuͤmer Hand aus dem Schlafe geruͤttelt. Sie ermunterten ſich und er⸗ blickten einen jungen Menſchen mit gruͤner Schuͤrze vor ſich, der, unter Hinzufuͤgung der Bitte, ihm nach dem Pavillon zu fol⸗ gen, ihnen andeutete, daß Jemand, der ſich in warmen Getränken ein wenig uͤbernommen habe, nach Hauſe zu ſchaffen und vielleicht ein anſehnliches Trinkgeld zu verdienen ſei. Die guten Seelen ließen ſich ſogleich willig finden, und gluͤcklich langte Fälbel, ohne zu merken, daß er halb ge⸗ ſchleift, halb getragen werde, von ſeiner Ehrenwache begleitet, gegen Wraſch wie⸗ der in ſeiner Wohnung an. — 211— Schon um zehn Uhr des andern Mor⸗ gens ſtanden zwei ſchwer gepackte Kof⸗ fer, auf nahe Abreiſe deutend, in ſeinem Zimmer; jammernd und ſchluchzend half die Mutter ihrem Liebling in die Reiſe⸗ kleider und fort und fort beſchwor ſie ihn auf das ſlehentlichſte, doch wenigſtens den Brief, den Holmers ihm ſo eben zuge⸗ ſchickt hatte, zu erbrechen, weil man ja nicht wiſſen koͤnne, ob der Inhalt deſſel⸗ ben denn durchaus ſo harte Maaßregeln noͤthig mache.„Rein, Mutter,“ rief der ſtandhafte Sohn,„auch in der leidenſchaft⸗ lichſten Aufwallung des Gemuͤthes muß man Herr ſeiner ſelbſt bleiben und ſich zu be⸗ zaͤhmen wiſſen! Den Brief werde ich nicht eher erbrechen, als bis ich die offne See er⸗ reicht und mich ſelbſt der Gelegenheit beraubt habe, einen verderbenbringenden Gebrauch da⸗ von zu machen!“ Fälbel hielt Wort. Mit unerſchuͤtter⸗ lichem Sinne ſeinen Vorſatz volffuͤhrend, beſtieg er ein Schiff, das zur Abfahrt nach London ſo eben die Anker zu lichten im Begriff war; ein guͤnſtiger Wind blies in die Segel und ſchon nach wenigen Stunden hatte der kuͤhne Seefahrer die Thürme der Vaterſtadt aus dem Geſicht verloren.— Die Pudelmüse Mit eifervoller Betriebſamkeit draͤngte ſich auf dem Jahrmarkte zu Fährlingen ein alter Schacherjude, keuchend und ſchwitzend, durch die wogende Volksmenge und bot, unter meh⸗ reren Handelswaaren von geringerm Belange, eine ſtattliche Pudelmuͤtze feil, für deren hoͤchſt ſeltſame Vorzuͤge und Tugend er, in Anprei⸗ ſung derſelben, nicht Worte genug zu finden wußte. Es geſchah hier zu Lande, wo man zu allen Zeiten des Jahres ſich mit dem ſchlichten Filzhut und dem beſcheidenen Leder⸗ kappchen zu begnuͤgen gewohnt war, zum erſten⸗ 3 mal, daß man eine Kopfbedeckung dieſer Art zu Geſicht bekam; ein Gegenſtand der Reu⸗ gierde und Bewunderung ging ſie daher von — 2— Hand zu Hand, obgleich Riemand ſich zum Ankauf derſelben entſchließen konnte. Schon begann der Tag ſich zu neigen, und noch immer hatte Aaron Levi, trotz aller aufgebotenen Be⸗ redſamkeit, den Verdruß, tauben Ohren zu predigen. Da riß ihm endlich die Geduld; mit ſchlau behutſamen Schritten naͤherte er ſich einer, von zahlreichen Kaufluſtigen beſetzten Bude, faßte hier eine Rolle ſeidenes Band in's Auge, und ſuchte, ſeinen Vortheil wahr⸗ nehmend, durch heimliche Entwendung derſel⸗ ben fuͤr ſeine fruchtlos angewandten Be⸗ muhungen ſich ſchadlos zu halten. Das Wage⸗ ſtuͤck lief jedoch ungluͤcklicher ab, als er bei ſeiner Gewandtheit in ähnlichen Unterneh⸗ mungen hatte vermuthen koͤnnen; er ward uber dem Verſuch ertappt, und mit ämſiget Hinarbeitung auf einen gemeinſchaftlichen Zweck, fiel Alles, was eine Fauſt zu regen ver⸗ mochte, uͤber ihn her. Im Fluge des Augen⸗ blicks zerſtreuten und verzettelten ſich ſeine zu Markte gebrachten Troͤdelwaaren nach allen vier Winden; er ſelber lag, unzählbare Rip⸗ — 215— penſtöße und Fußtritte einärntend, aͤchzend am Boden, verwunſchte den Tag ſeiner Ge⸗ burt und verfluchte die unchriſtliche Behand⸗ lung, die man ihm, eines unſchuldigen Scher⸗ zes wegen, in ſo grauſamer Hartherzigkeit zu Theil werden laſſe. Sein Jammergeſchrei drang, zugleich mit der Kunde ſeines Verbrechens, bis zu den Vätern der Stadt, die noch auf dem benachbarten Rathauſe, mit Zoll- und Acciſe Angelegenheiten beſchäftigt, ſich ver⸗ ſammelt befanden. Das traurige Schickſal des Juden erweichte ihr Herz zur Erbarmung und Milde; ungeſäumt erhielten einige Ge⸗ richtsdiener den Vefehl, den Gemißhandelten, kraft ihrer Amtsgewalt, der Wuth des rohen Haufens zu entreißen, ihn krumm zu ſchließen und bis zu weiterer Entſcheidung der Sache einſtweilen bei Waſſer und Brot in den Un: kenkeller zu werfen. Das Geheiß ward mit aller; von der Fährlinger Gerichtspflege zu erwartenden Ordnung und Punktlichkeit an ihm vollzogen, und inbrünſtig dankte Aaron Levi dem Gott ſeiner Väter, als er endlich, ſtatt von blutdurſtigen Pöbelſchaaren, ſich nur von unterirdiſchem Ungeziefer umringt ſahs auch glaubte er, in Betreff der ihm entriſſenen Habſeligkeiten und ihrer Wiedererlangung, von den vermittelnden Maaßregeln der weiſen Ortsobrigkeit das Beſte hoffen zu duͤrfen. Es hatten ſich jedoch, bevor Aaron Levi noch durch die Gerichtsdiener von dannen ge⸗ fuhrt wurde, bereits ſo viele Haͤnde in den Raub getheilt, daß es auch dem geuͤbteſten, durchdringendſten Falkenblicke ſchwerlich hätte gelingen mögen, die verſchiedenen Inhaber aller einzelnen Stuͤcke ausfindig und für Zu⸗ ruͤcklieferung derſelben verantwortlich zu ma⸗ chen. Das große Loos aber war einem ar⸗ men Dorfweber zugefallen, der in der Abſicht, einiges Handwerksgeräth einzukaufen, den Jahrmarkt beſucht und ſich zufolge ſeiner beſcheidenen Gemuͤthsart, der plötzlichen Hab⸗ haftwerdung eines ſo glänzenden Gewinnes wohl gerade am allerwenigſten mochte ver⸗ ſehen haben.— Durch den Lärm und Tu⸗ mult herbeigelockt, ſchlich er näher und nähet, — ſuchte uͤber den ſeltſamen Vorfall genauere Erkundigung einzuziehen, und wußte vor ſuͤ⸗ ßem Herzklopfen nicht, wie ihm geſchah, als plötzlich ſein umherſpähender Blick auf die Pudelmutze fiel, die gleich anfangs, in der erſten Wuth und Erbitterung, weit durch die Luͤfte fortgeſchleudert worden war und jetzt, von Niemand bemerkt, in einem ſtill⸗ verborgenen Winkel des Marktplatzes lag.— Haͤnſel, faß dir ein Herz! ſprach er nach kurzem peinvollen Zaudern zu ſich ſelbſt; alle Welt greift zu, um ſich im Getummel dies oder das zu erſchnappen; Stockprügel verdienteſt du ja, wenn du hier aus unzeitiger Sewiſ⸗ ſenhaftigkeit allein ſo ganz leer ausgingeſt!— Geſagt, gethan! Mit einem behenden Sei⸗ tenſprunge ſtuͤrzte er auf die lockende Beute los, verbarg ſie unter dem Zwillichrock und eilte, indem er den ſchlanken Leib durch die, hinter den aufgeſchlagenen Krämerbuden be⸗ ſindlichen engen Zwiſchenräume geſchickt hin⸗ durch zwängte, mit dem gemachten Funde auf und davon. Unangefochten blieb ſeine Flucht und, gluͤcklich das Freie gewinnend, trabte er auf wohlbekanntem, aber wenig betretnen Fußſteige mit muntern Schritten ſeinem, zwei Stunden Weges entfernten Wohnorte zu. Mehr und mehr nahm die Dämmerung uͤberhand; kraͤch⸗ zend erhoben ſich die Dohlen und Krähen von den umliegenden Feldern, um auf den altehr⸗ wuͤrdigen Stadtthuͤrmen ihr gewohntes Racht⸗ quartier zu beziehen, und ſcharf und ſchnei⸗ dend blies der Herbſtwind, verwelkte Blätter vor ſich hintreibend, uͤber die Stoppeln.— Wer thut mir was?— dachte der Weber, indem er keck und wohlgemuth ſein ſpitziges Geſicht nach der Gegend der Stadt herum⸗ drehte und das armſelige Lederkäppchen, mit welchem ſein Haupt bisher bedeckt geweſen war, gegen die warme Pudelmätze vertauſchte, die er mit ſchmunzelndem Behagen tief uͤber beide Ohren herabzog. So erreichte er endlich, unter den freudigſten Empfindungen ein dich⸗ tes, dunkles Gebüſch, mit ihm zugleich aber auch das Ziel der begeiſterten Stimmung, die * der Gedanke an den unverhofft erworbenen Gluͤcksgewinn in ſeinem Innern erzeugt hatte; denn umringt von der ſchaurigen Wildniß⸗ hatte er nur wenige Schritte zu thun, um ſich zu uͤberzeugen, daß ihm hier in unver⸗ meidlicher Gewißheit das Verderben bereitet ſei. Ein verdächtiges Geraͤuſch ließ plotzlich ſich vernehmen.„Geld oder Kleider!“ rief eine donnernde Stimme, und dem gebie⸗ teriſchen Zuruf Anſehen und Gewicht zu ver⸗ ſchaffen, trat zu gleicher Zeit eine vermummte Rieſengeſtalt mit ſcharfgeſpannter Piſtole hin⸗ ter dem ſeitwarts befindlichen Strauchwerk hervor. Ein toͤdtliches Entſetzen uͤberkam dem nächtlichen Wanderer; doch raffte er die grauen⸗ voll erſchuͤtterten Lebensgeiſter nach Moͤglich⸗ keit zuſammen, verließ ſich auf die, bei früͤhern Gelegenheiten vielfach bewährte Behendigkeit ſeiner Beine und ſuchte, von Angſt und Schrecken getrieben, ſein Heil in der Flucht. Vergebliche Bemuͤhung!— Ein Schuß, den die unwirthbare Einoͤde vetzehnfacht zuruͤck 4½ gab, knallte hinter ihm drein, und lautlos ſtuͤrzte der Weber zu Boden. Jetzt trat der Gaudieb näher, unterſuchte mit kaltbluͤtiger Gemächlichkeit Hänſel s Laſchen, ſchleuderte die darin vorgefundene, aus einigen Kupfermuͤn⸗ zen beſtehende Baarſchaft verächtlich von ſich, zog ihm endlich, unter dem Ausruf, daß der ganze Kerl keinen Schuß Pulver werth ge⸗ weſen, die warme Mutze vom Kopf und nahm mit ſchwerfällig abgemeſſenen Schrit⸗ ten quer durch das Dickicht ſeinen Ruͤckzug.— „Vermaledeiter Streich!“ rief Hänſel, indem er wohlbehalten und unverſehrt vom Boden aufſprang, mit pruͤfender Hand ſich uberall betaſtete und nach erlangter Gewißheit, daß ihm durch den Schuß kein Haar gekruͤmmt worden, ſeinen Weg auf's neue zu verfolgen anfing.„Faſt will es mich bedünken, daß der Schurke blind geladen gehabt und einzig und allein der Schrecken mich in dieſen todten⸗ haften Zuſtand verſetzt hat.“— Dahinſchrei⸗ tend durch das Dunkel der Racht, verlor er ſich immer tiefer in die ſchmerzliche Betrach⸗ tung, wie durch die Launen des Schickſals Gewinn und Verluſt ſo nah an einander grenzen; und ſehr mißmuthig d verſtimmt, obgleich kein Unfall ähnlichet Att ihm weiter zuſtieß, langte er endlich in ſeiner Behau⸗ ſung an. „ L. Dem veruͤbten Gewaltſtreich zufolge war die Pudelmutze jetzt das Eigenthum eines Mannes geworden, dem ſie in jedem Betracht weit wyſentlichere Dienſte zu leiſten verſprach, als dem Weber, da dieſer allen ſeinen Be⸗ rufspflichten gar fuͤglich hinter dem geheizten Ofen Genüge zu thun vermochte, während jener in rauhen, ſtuͤrmiſchen Winternächten bei Regenwetter und Schneegeſtöber ſich ſeinen Lebensunterhalt auf eben ſo muͤhſame als gefahrvolle Weiſe zu verſchaffen gewohnt war. Die Zeit des Sommers verlebte Grie⸗ pel in aller Zucht und Ehrbarkeit unter den Bauern eines viele Meilen von hier entfern⸗ ten Dorfes, wo er des tadelloſeſten Rufes genoß und wegen ſeiner muntern Laune und Dienſtbereitwilligkeit bei Alt und Jung in — 322 hohem Grade beliebt war. Sobald aber die Vorboten i ſich einſtellten, begann er nach Art eingekerkerter Zugvoͤgel unruhig zu werden, fing mit ſcheinbarem Mißmuth von unwiderſtehlich dringenden Einladun⸗ gen ſeiner in der Reſidenz wohnenden Ver⸗ wandten zu reden an, verſchwand darauß plötz⸗ lich bei Nacht und Nebel, und ward nicht eher, als mit Anbruch des Fruͤhlings wieder geſehen, wo er aber auch unter ſo glänzenden Umſtänden in den Kreis ſeiner Freunde zu⸗ ruͤckkehrte, daß dieſe niemals umhin konnten, ihn um den Beſitz ſo wohlhabender und frei⸗ gebiger Vettern und Muhmen ut das hi⸗ innigſte zu beneiden! 5 Schon ſeit einigen Jahren 5 der e beruhmte Fährlinger Herbſtmarkt, der zu den 3 mannigfachen Geſchäftsverrichtungen guͤnſtige Gelegenheit darbot, ihn bewogen, ſich bei ſei⸗ nem Ausfluge immer zuerſt nach dieſer Ges gend zu wenden. Auch diesmal war er ſei⸗ ner Gewohnheit treu geblieben, hatte, obgleich ermuͤdet von der weiten Fußreiſe, hier im Gebuͤſch mit unverdroſſener Geduld mehrere Stunden lang auf der Lauer geſtanden und endlich als erſte Ausbeute ſeiner kuhnen Be⸗ triebſamkeit ſich auf vorbeſchriebene Weiſe die Pudelmuͤtze zu eigen gemacht. Die Vortheile, welche ſie ihm bei der jetzt eintretenden unfreundlichen Witterung ge⸗ währte, verſchafften ihr ſehr bald ſeine ganze Gunſt und Gewogenheit. Bei allen geheimen Unternehmungen, die Griepel nach und nach in Ausfüͤhrung brachte, war ſie ſeine unzer⸗ trennliche Begleiterin, die ſeltſamſten Gerüchte kamen durch ſie in Umlauf, und kaum waren einige Wochen verſtrichen, als man höhern Orts bereits einen ſehr nahmhaften Preis auf die Einlieferung eines Unchiers ſetzte, das in der Gegend ſich aufhalte und der Sage nach mit Värenkopf und Geierklauen bei nůchtli⸗ Weile ſein Weſen treibe⸗ Griepel, der uber alle öffentliche Vorfille und Verhandlungen Kundſchaft einzuziehen verſtand, merkte zeitig genug, auf wen die im Schwange gehenden Stichelteden gemuͤnzt — 224— waten, und würde den Tummelplatz ſeines Thuns und Treibens unverzüglich nach einem andern Landesbezirk verlegt haben, haͤtte er es nicht gewiſſermaſſen fuͤr Ehrenſache gehal⸗ ten, ſich nicht anders, als mit einem kecken Streiche, von welcher augenſcheinlichen Gefahr er auch bei Ausfuͤhrung deſſelben ſich bedroht ſah, aus hieſiger Gegend zu verabſchieden. Es war dies ein heimlicher Anſchlag auf das Silbergeräth in dem nämlichen Amthauſe, an deſſen Thuͤr die auf Habhaftwerdung ſeiner Perſon abzielende und in ſo verleumderiſchen Ausdrücken abgefaßte Bekanntmachung klar und deutlich zu leſen ſtand. Durch die Gunſt des Zufalls veteinigte ſich das koſtbarſte Unwetter mit der ſtockfin⸗ ſtern Nacht, die zur Vollfuͤhrung des ſtill ent⸗ worfenen Plans beſtimmt war. Wuͤthend heulte der Sturm durch die Wipfel der alten Ulmen und Linden, unter welchen Griepel der Annäherung des ſchicklichen Zeitpunktes entgegen harrte; ein Regenguß folgte dem andern, laut kreiſchte der Wetterhahn auf der — 223— Dachſpitze der Amtswohnung, und tief in die ſchirmende Strohhuͤtte hatte, mit Zurüceſetzung ſeines Berufes, der Hofhund ſich geflüchtet. Von ſo guͤnſtigem Zuſummentreffen der Um⸗ ſtnde den wunſchenswertheſten Erfolg ſich ver⸗ ſprechend, kam der kühne Laurer gegen Mit⸗ tetnacht, als im Innern des Gebaudes Alles ſtil und ruhig geworden war, aus ſeinem Schlupfwinkel hervor, erklimmte ein nach dem Wohnzimmer fuhrendes Fenſter und hatte, mit Hülfe der zu dieſem Behuf erforderlichen Geräthſchuften, ſich binnen wenigen Minuten den Eingang geoffnet. Schon aus frühern Zeiten her mit der Ortsgelegenheit hinläng⸗ lich vertraut, kappte er mit ſchener Vorſicht und Behutſamkeit nach einem Eckſchranke hin, fand den Inhalt deſſelben ganz ſeiner gehei⸗ men Erwartung entſprechend, packte mit fröh⸗ licher Geſchäftigkeit ein, ſo viel die Taſchen zu faſſen vermochten, und ſchickte nach wohl⸗ verrichteter Sache wieder zum Abzuge ſich an⸗ Schon hatte er durch die ihn umringende Fin⸗ ſterniß, welcher zufolge er ſich hier einzig uns IV. Bd. 15 allein auf das feine Gefuͤhl ſeiner Finger⸗ ſpitzen beſchränkt ſah, den Weg nach dem Fenſter glucklich zurüͤckgelegt, ſchon titzelte er ſein ſchadenfrohes Gemüth heimlich mit dem Gedanken an daß eben ſo wohlgelungene, als wohlverdiente Strafgericht, das er über den ſchmähſuchtigen Amtmann gehalten⸗ als der Hofhund, den nächtlichen Beſuch in der Wohn⸗ ſtube witternd, ploͤtzlich aus der Huͤtte hervor⸗ ſchoß und mit wüthendem Gebell gegen ſeine Kette zu toben anfing. Jetzt erkannte Griepel die Nothwendigkeit, ſeinen Ruͤckzug ſo viel wie möglich zu beſchleunigen. Indem er aber mit einem raſchen Schwunge ſich auf die Fen⸗ ſterpfoſten hinaufzuerheben verſuchte, fiel ihm die Pudelmütze, mit welcher er an einem Haken haͤngen geblieben, vom Kopfe und in das ſo eben geräumte Zimmer zurück. Sie im Stich zu laſſen, konnte Griepel, trotz aller peinlichen Bedrängniß, nicht uͤber das Herz bringen. Hoffend, daß der Ausgang ſeines Unternehmens keinesweges von dem Gewinn oder Verluſt einiger armſeligen Sekunden * abhaͤngig ſein werde, ſtieg er in kuͤhner Ent⸗ ſchloſſenheit abermals durch das Fenſter hinein, war jedoch noch mit Suchen beſchäftigt, als er bereits von den wachgewordenen Knechten des Hauſes, die theils das geoͤffnete Fenſter von außen beſetzten, theils durch die Stuben⸗ thuͤr auf ihn eindrangen, in Empfang genom⸗ men wurde. Vergebens zog er mit grimmi⸗ gem Geberdenſpiel Hirſchfäͤnger und Piſtolen hervor, um die ſtuͤrmiſchen Gegner zu ver⸗ bluͤffen und von dem Angriffzuruͤckzuſchrecken; vergebens bot er, als dieſer dennoch erfolgte, in verzweifelnder Gegenwehr, alle ihm zu Ge⸗ bot ſtehende Koͤrperkraft aufz er merkte bald, daß er es diesmal mit keinem haaſenherzigen Weber zu thun habe und daß nunmehr, aller muthmaßlichen Wahrſcheinlichteit nach, ſein Stuͤndlein gekommen ſei. Durch Uebermacht entwaffnet und zu Voden geriſſen, ward er, nachdem man ſeine Taſchen von dem erbeute⸗ ten Gut gereinigt, vermittelſt zuſammen ge⸗ tragener Stricke in einen unförmlichen Klum⸗ pen zuſammengeſchnürt, mit Tagesanbruch —— auf einen Leiterwagen geworfen und den Stadtgerichten uͤberliefert. Die Pudelmütze aber ward, nachdem ſie einige Tage lang auf der Flur des Amthauſes zur Schau gehangen und fortwährend ganze Schaaren von Reu⸗ gierigen herbeigelockt hatte, öffentlich ver⸗ ſteigert und einem alten Torfhändler, der ſſch auf ſeinen Winterfahrten nach der Stadt hoͤchſt erſprießlichen Gewinn von ihr verſprach, als dem Meiſtbietenden, feierlich zugeſchlagen. Ganz Fährlingen gerieth in Bewegung, als es ruchtbar wurde, daß das Schrecken der umgegend, der gefurchtete Bärenkopf, endlich erwiſcht und zur gefaͤnglichen Haft gezogen worden ſei. Unaufhörlich war die Pforte des Stockhauſes, worin man ihm einſtweilen, bis zur weitern Verfügung, ſein Quartier angewieſen, von Schauluſtigen belagert; Alles drängte ſich hinzu, Alles wollte durch den eig⸗ nen Augenſchein von dem Grund oder Un⸗ 3 grund der uͤber ſeine Perſon ausgeſtreuten wunderlichen Gerüchte ſich üͤberzeugen; und „ — nicht eher, als bis er zu ſeinem erſten Ver⸗ hör auf das Rathhaus geführt wurde, und ſtatt der unnaturlichen Greuelgeſtalt, ein ganz gewoͤhnlicher vierſchrötiger Kerl mit ſtruppi⸗ gem Haupthanr und trotzig verſchloſſener Miene, ohne irgend ein auffallendes äußeres Abzeichen zum Vorſchein kam, begann der⸗ Andrang allmäͤhlig nachzulaſſen. Auch ohne in den Landesgeſetzen ubermä⸗ ßig bewandert zu ſein, konnte Griepel gar leicht vermuthen, daß der Ausgang des uͤber ſeinem Haupte ſchwebenden Prozeſſes nicht eben von den erfreulichſten Zeichen und Um⸗ ſtänden fuͤr ihn begleitet ſein werde; ja er ermangelte nicht, ſich in Folge einer gehei⸗ men Ahnung ſogar auf das Schlimmſte, den Galgen ſelbſt, im voraus gefaßt zu machenz und wirklich deutete Alles, was er ſah und hoͤrte, darauf hin, ihn in der vorgefaßten Muthmaßung mehr und mehr zu beſtätigen⸗ Deshalb ſäumte er nicht, gewiſſe Anſtalten und Verfuͤgungen zu treffen, vermittelſt wel⸗ cher er, ſelbſt nach foͤrmlich erfolg« — 250— ter Aufknüpfung, die kalm verlaſſene Thatenbahn, aller Welt zum Trotz, mit ge⸗ witzigterm Müth wieder zu betteten hoffte. Du kennſt nun einmal die Unerſchütter⸗ lichteit meiner Grundſätze!“ ſagte er eines Abends zu dem Frohnknecht, der ſich dant und wann in aller Milde und Freunblichkeit mit ihm zu unterhalten pflegte.„Was ich einmal zu verſchweigen und zu Lerheimlichen bei mir ſelbſt beſchloſſen habe, das bringt man weder durch Stockprügel, noch durch Peitſchenhiebe aus mir heraus, und wenn ich daruber zu Grunde gehen müßte!“ „Ja, das muß wahr ſein,“ erwiederte jener:„ein ſo ſtarrkopfiger Kerl, wie du, iſt mir noch niemals unter die Hände gekom⸗ men, und ich habe denn doch bei unterſchied⸗ lichen Gelegenheiten aus allen Leibeskraͤften darauf hingearbeitet, dich murbe zu machen und zum Geſtändniß zu bringen, wo du recht eigentlich mit all' den zuſammengeſtoh⸗ lenen Sachen und Gerächſcuften— . Du thateſt nicht mehr, noch weniger, als was deines Amts war!“ fuhr Griepel fort:„Ob ich dich aber, aller erlittenen Mißhandlungen ungeachtet, nicht von ganzer Seele ſchätze und liebe, kannſt du daraus abnehmen, daß ich ſchier in Verſuchung ge⸗ vathe, dir durch ein erkleckliches Stuͤck Geld zu einer Lage zu verhelfen, die dich der Nothwendigkeit, das ehrloſe Buttelamt zu verwalten, füͤr immer uberhoͤbe. Du allein biſt der Mann, mit dem ich offenherzig zu Werke zu gehen vermochte; dir, liebſter Jobſt, koͤnnte ich meine Geheimniſſe anver⸗ trauen— und glaube mir nur, keine dieſer Entdeckungen wuͤrde dir eben zum Schaden gereichen!“ 11 öi 6„Ei, ſo laß doch hoͤren!“ rief der Reu⸗ gierige, indem er mit geſpannter Erwartung ih niher trat. Ja, ſo geſchnind geht das freilich nicht an!“ ſagte Griepel.„Eine Hand waͤſcht die andere! Es verſteht ſich von ſelbſt, daß 22— Mittheilungen dieſer Art nur unter i Bedingungen und Gegendienſten—“ 15 „Da kommt es ſchon her!“ unterbrach ihn Jobſt.„Dos habe ich mir wohl gedacht, daß es am Ende darauf hinaus laufen wuͤrde! Zur heimlichen Entwiſchung aus dei⸗ nem Käſig ſoll ich dir beförderlich ſein und dadurch zum Schuft werden, wie du es ſelbſt biſt! Nein, Patron! wenn du mir keinen beſſern Vorſchlag zu machen weißt, ſo er⸗ ſpare dir die Muͤhe. Alle Anſtalten ſind bereits getroffen, und wenn nicht ein Wun⸗ der dazwiſchen tritt, ſo bammelſt du ſchon in naͤchſtfolgender S zwiſchen Himmel und Erde!“ „Narrenspoſſen! vetſete jener mit 6 barem Unwillen.„Als pb es mir nur im entfernteſten einfallen koͤnnte, den Leuten den Spaß verderben zu wollen! Nein, beſter Jobſt! dem Urthelſpruch ſoll völlige Genüge geſchehen; die Hinrichtung ſoll in gebuͤhren⸗ der Ordnung und Formlichkeit vollzogen wer⸗ den, und alle Welt ſoll den Richtplatz in „ — 23— der feſten Ueberzeugung verlaſſen, däß der Bärenkopf ſeine Rolle nunmehr für immer geendigt hat. Merkſt du jetzt, worauf 6 8 meinen Gedanken hinziele?“ „Rädern und viertheilen will ich mich laſſen,“ ſagte Jobſt,„wenn ich nur im ge⸗ ringſten errathe, was du mit all' dieſen Arinrhennhe eigentlich im Sinn haſt!“ So will ich dir klarern und bundigern Beſcheid daruͤber ertheilen,“ fuhr Griepel fort.„Wenn wir uns Beide auf der Leiter befinden und du mir den Strick um den Hals legſt, ſchlingſt du in der Geſchwindig⸗ keit ſtatt des einfachen, einen doppelten Knoten, und die Sache iſt abgemacht. Das Zappeln und Geſichterſchneiden⸗ womit ich gleich darauf, zu Entfernung alles Argwohns, den Todeskampf darzuſtellen gedenke, ſoll ganz zur Zufriedenheit des geehrten Publikums ausfallen. Du aber findeſt dich, ſobald ſich Alles verlaufen, mit Einbruch der Nacht wieder bei mir ein, befreieſt mich von mei⸗ nem Halshande und begleiteſt mich ſodann N nach einer gewiſſen Stelle, wo wir zu brü⸗ derlicher Theilung einen Schatz erheben, wel⸗ cher dir, wovon du dich bald überzeugen ſollſt, den mir erwieſenen Freundſchaftsdienſt reichlich vergilt. Alles geräth auf den Ge⸗ danken, daß ich, wie es ja häuſig zu geſchehen „flegt, von theilnehmenden Spießgeſellen heim⸗ lich hinweggeholt und bei Seite geſchafft worden bin; neue Gegenſtände bieten ſich dem Stadt⸗ geſpräch zur Verarbeitung dar, und binnen wenigen Wochen iſt der ganze abentheuerliche Vorfall reinweg vergeſſen. Denn daß ich noch in der namlichen Nacht mich ſo weit von dannen begebe, als mich die Fuͤße tra⸗ gen, und daß mich zur Ruͤckkehr nach hieſiger Gegend niemals geluͤſten wird, verſteht ſich ja wohl am Rande! Jetzt nimm das Aner⸗ bieten in Ueberlegung und laß mich gelegent⸗ lich deine vzrinl Ktfal 1.— 32 5 Von pflichtgefüht und Geldbegier in i Enge getrieben, kratzte ſich Jobſt, dem die Ausfübrbarkeit des in Anregung geltachten — 235— Gaukelſpiels deutlich genug einleuchtete, einige Minuten lang in zweifelhafter Unentſchloſſen⸗ yeit hinter den Ohren; Griepols Beredſam⸗ keit wußte jedoch alle Einwürfe und Bedenk⸗ lichkeiten, die er nach und nach laut werden tieß, mit ſo glänzendem Eyfolge zu widerle⸗ gen, daß jener ſich endlich, unter den zuge⸗ ſtandenen Bedingungen, fuͤr die Annahme des Vorſchlages erklärte, und der verabredete Han⸗ del noch den nämlichen Abend vollig in Rich⸗ tigkeit kam. Wenige Tage darauf wurde dem eingekorkerten Verbrecher, ganz ſeiner Erwar⸗ tung gemäß, der Strick zuerkannt; und wäh⸗ tend der Rathszimmermeiſter, dem man die Einrichtung eines neuen Galgens aufgekragen⸗ nicht ohne innerlichen Schauder dem trauri⸗ gen Geheiß Genüge zu leiſten vermochte, blickte Griepel, ohne durch ſo feierlich ernſte Vor⸗ tehrungen ſich in ſeinem Glauben nur im mindeſten itre machen zu laſſen, mit ſtill zufriedenem Muthe der Vollziehung des uͤber ihn ausgeſprochenen Urtheils ent⸗ — ſchrzte mit kunſtvoller Behendigkeit den dop⸗ Esn war an einem ſ peiern Heſ elinte⸗ als der Zug, in Begleitung einer unzählbaren Menge von Zuſchauern, ſi ſich nach einer ziemlich entlegenen Haidegegend hinaus mit ihm in Bewegung ſetzte, allwo das Kunſt⸗ werk des Rathözimmermeiſters, ganz dem be⸗ abſichtigten Zweck entſprechend, zu ſeiner Auf⸗ nahme bereit ſtand. Auf dem Richtplatz ange⸗ langt, bat ſich Griepel die Erlaubniß aus, ſeinem gepreßten Herzen durch Vortragung einiger in ihm aufſteigenden frommen Gedan⸗ ken Luft machen zu duͤrfen, und hielt, nach⸗ dem ihm dies verſtattet worden war, eine ſo wohl geordnete und erbauliche Armeſunderrede, daß alle Umſtehende uͤber die öffentlich ange⸗ ſtellten Todesbetrachtungen des bußfertigen Miſſethäters bis zu Thränen geruͤhrt wurden. RNach Beendigung derſelben führte Jobſt ihn Arm in Arm die Leiter hinauf, gedachte, bei Verrichtung ſeines Amtes, auf das getraulichſte der unter ihnen ſtattgehabten Verabredung, — 237— pelten Knoten, und Griepel ſchwebte mit allen Kraͤmpfen und Zuckungen eines gewaltſam Verſcheidenden in freier Luft. Riemand merkte nur das Geringſte von dem geſpielten Betruge die Anweſenden, nachdem ſie in ſchauerlicher Luſt ihre Augen an dem warnenden Beiſpiel ſattſam geweidet, entfernten ſich einer nach dem andern, und als es zu dàmmern begann, wat außer dem Gehenkten kein lebendes Weſen weiter in der Umgegend zu erblicken. Das nämliche Meſſer, mit welchem Jobſt dem Hingerichteten, durch Löſung der Hals⸗ ſchlinge, wieder auf die Beine zu verhelfen gedachte, war auch dazu beſtimmt, ſeinen eig⸗ nen Anſprüchen auf die Halbſchied des ver⸗ borgenen Schatzes Guͤltigkeit zu verſchaffen⸗ wofern Griepel, nach erlangter Freiheit, et⸗ wa einen Verſuch wagen ſollte, ſich durch ſeine gewohnten Kniffe und Ränke von Er⸗ füͤllung des geleiſteten Verſprechens los zu machen. Es mag kommen, wie es will, dachte er bei ſich ſelbſt; ſeinem Schickſal entgeht der Galgenvohel doch nicht! durch urthel und Recht iſt ihm der Tod zuerkannt worden. Sucht er mir bei der guten Abſicht, die ver⸗ grabenen Koſtbarkeiten nicht ſundiger Weiſe in der Erde vermodern zu laſſen, ein für ein U zu machen, ſo kann es, nachdem der Spruch mit allgemeinem Beifall an ihm vollzogen worden, dem hochweiſen Rath und der Buͤrgerſchaft vollig gleich ſein, ob ihm durch Hanf oder Eiſen der Garaus gemacht wird; gelangt er aber, nach gehaltener Zu⸗ ſage, mit heiler Haut aus meinen Händen, ſo ſtiehlt er guf neue, wird abermals ge⸗ hangen und gewährt dadurch andern ehrlichen Leuten, die ſeiner heutigen Hinrichtung nicht beiwohnen konnten, ein Vergnügen, das ih⸗ nen gleichfalls zu gönnen iſt!— Mit dieſen Gedanken und Entſchließungen beſorgte er die ihm obliegenden häuslichen Geſchäfte, um nach Veſeitigung derſelben unverzuglich zu Vollfuͤhrung ſeines gainnaden— zu ſchreiten. Zu ſeiner nhen veſtürzung trat n Augenblick, da er zum Aufbruch ſich anſchickte, — 239— der Gerichtsbote in's Stockhaus, der ihm den Beſcheid brachte, daß er ſich ungeſäumt auf das Rathhaus verfügen und daſelbſt, wegen ſo eben ſtattgehabter Ereigniſſe, Auskunft und Rechen⸗ ſchaft ertheilen ſolle. Es hatte nämlich ein Buͤrger der Stadt, den ſein Berufsweg in ſpäter Dämmerung an der Richtſtätte vorbei⸗ gefuͤhrt, unterſchiedliche, hoͤchſt auffallende Be⸗ wegungen, welche ſich mit der ordnunggemä⸗ ßen Lage der Dinge nicht füglich zuſammen reimen ließen, an dem Gehenkten bemerkt und bei der Heimkehr ſogleich nach Pflicht und Gewiſſen Anzeige hieruber gemacht. Das Ver⸗ por, in welchem Jobſt, zu glücklicher Behaup⸗ tung eines unbefangenen Weſens, alle ſeine Geiſtesgegenwart aufbieten mußte, dauerte faſt eine Stunde. Man warf ihm vor, daß er ſein Amt ſtuͤmperhaft verrichtet und dem Unglücklichen dadurch eine längere Todesqual bereitet habe, als demſelben durch die Milde des richterlichen Ausſpruches zuerkannt worden ſei, daß er deshalb zur gebuhrenden Strafe gezogen und die eigentliche Beſchaffenheit der — u40— Umſtände noch heutigen Abend an Ort und Stelle ſelbſt auf das genaueſte unterſucht wer⸗ den ſolle.— Alsbald erhielt der Stadt⸗Com⸗ mandant, ein alter, invalider Fähnrich, Na⸗ mens Kraushardt, insgeheim die Weiſung! ſich dem Beſichtigungsgeſchäft in aller Stille und Geräuſchloſigkeit zu unterziehen, den zu dieſem Behuf mitzunehmenden Gehulfen die ſtrengſte Verſchwiegenheit anzuempfehlen und nach be⸗ endigter Unterſuchung einen genauen und un⸗ partheiiſchen Bericht uͤber Alles abzuſtatten. Kraushardt, ein abgeſagter Feind der Finſter⸗ niß, hatte während ſeiner langen Dienſtjahre zu viel von den halsgefährlichen Folgen er⸗ zählen gehört, mit welchen verwegene Unter⸗ nehmungen dieſer Art mitunter verknüpft ſind⸗ als duß ihn der Gedante an das von ihm geforderte Wagſtück nicht mit einem inner⸗ lichen Grauen und Entſetzen härte erfüllen ſollen. Sein Ehrgefühl, als Kriegsmann und Befehlöhaber einer bewaffneten Schaar von Stadtſoldaten, verſtattete ihm jedoch nicht, den Auftrag ganz von ſich abzulehnenz deshalb 4 — 241— ſuchte er Zeit zu gewinnen, bis der Aufgang des Vollmonds am Himmel erfolgt war, wor⸗ auf er ſeine geſammte Mannſchaft unters Gewehr treten ließ, ſich die Muthigſten und Entſchloſſenſten darunter zur Begleitung aus⸗ wählte und von ihnen umringt, nach dem ihm wien— S. Vl nn in der Stebt⸗ ſo höchſt benh zu Minute der. Anfunft ſeines Befteienß, ent⸗ gegenz es verſtrich jedoch eine Stunde nach der andern, ohne daß die ringsumher verbrei⸗ tete Todtenſtille durch das Geräuſch annaͤhern⸗ der Fußtritte unterbrochen und ihm dadurch der Erloͤſungsaugenblick angekuͤndigt worden waͤre. Mehr und mehr ward es ihm ein⸗ leuchtend, daß Jobſt durch unuͤberſteigliche Hinderniſſe von Erfuͤllung ſeines Verſpre⸗ chens zuruͤckgehalten werde; ſchon verließ IV. Bd. 16 — 242— ihn der letzte Reſt ſeiner im Stillen gehegten Hoffnung, ſchoh machte er ſich darauf gefaßt, hier auf die märtervollſte Weiſe langſam berſchmachten und umkommen zu muſſen— da ſtieg die Mondſcheibe über den benachbar⸗ ten Fichtengipfeln empor und es ließ das Knarren eines Wagens ſich vernehmen, der von der Stadtſeite auf der, nahe an dem Richtplatze vorbeiführenden Landſtraße daher gerollt kum Auf ihm befand ſich, durch eine wundervolle Fügung der Umſtände, der näm⸗ tiche Torfbauer, der vor einigen Wochen die pudelmutze als Meiſtbietender käuflich an ſich gebracht, heute der Hinrichtung ihres vorma⸗ ligen Veſitzers, tiefgerührt von der truͤbſeli⸗ gen Standtede deſſelben, beigewohnt hatte, und jetzt in Begleitung ſeines Dienſtknechtes auf der Heimkehr nach ſeinem Wohnorte be⸗ griffen wir! Beide hatten, um ſich der weh⸗ müthigen Einbtücke wieder zu entſchlagen⸗ nach beendigter Feierlichkeit tüchtig gezecht⸗ und befanden ſich demzufolge in einer ſo mildfröhlichen Gemüthsſtimmung, daß ſie * — 243— ſelbſt ihrem ärgſten Todfeinde nichts als Gu⸗ tes zu wuͤnſchen und b goͤnnen vnct hätten.. wni Halt an, Een und laß die pſirne ein wenig verſchnaufen!“ ſagte der Vauer, als der Wagen ſich dem Richtplatz in nur geringer Entfernung gerade gegenüber be⸗ fand.„Da ſieh nur, Thoms, wie das liebe himmliſche Mondlicht ſo mitleidig auf den armen Teufel herabſcheint! Iſt es nicht ein Jammer, daß ſich der Menſch durch Verfuh⸗ rung und böſes Beiſpiel zu einem ſo ſchlim⸗ men Gewerbe hat hinreißen laſſen? Wie weit haätte der es, bei Ergreifung eines ehrbaren. Berufes, in der Welt bringen können! Hat er nicht eine Rede gehalten„wie ein gebor⸗ ner Magiſter? Ganz wunderlich wird mir ums Herz, wenn ich daran denke, wie es ihm ſo mir nichts, dir nichts vom Munde weg⸗ floß, daß ſelbſt der alte Kraushardt mit dem blanken Degen in der Hand, aufs bitterlichſte zu heulen und zu ſchluchzen anfing! Soll ich dir was ſagen, Thoms? War es nicht das 16 — 244— Haus des geſtrengen Herrn Amtmanns, worin er uͤber dem Diebſtahl erwiſcht wurde; nun und nimmermehr hätt' es ihm den Hals ge⸗ koſtet! Aber ſo geht es in der Welt! Unſer einen können die Diebe nach Herzensluſt bin⸗ den und knebeln; man ſetzt ſie auf ein paar Jahre in's Zuchthaus, und der Beſtohlne hat, außer dem Schreck, noch Koſten und Unge⸗ legenheiten obendrein. Der arme Kerl! Rach ſeinem Betragen zu urtheilen, hatte es ganz das Anſehen, daß eine gelindere Behand⸗ lung noch einen reputirlichen Menſchen aus ihm hätte machen koͤnnen! Aber nein! Er hat den nächtlichen Einbruch bei dem geſtren⸗ gen Herrn Amntmann verübt; wie konnte da Gnade fuͤr Recht ergehen! Da muß ein recht abſchreckendes Exempel an⸗s Licht geſtellt und ihm ohne Varmherzigkeit die— zuſammen geſchnuͤrt werden!“ Wie hätte Griepel, dem keine Sytbe ent⸗ ging, nicht auf der Stelle aus ſo angenehm uͤberraſchenden Herzensergießungen ſeinen Vor⸗ theil zu ziehen verſuchen ſollen!—„Erbarmt Euch eines armen ungiciche⸗ der ſein Ver⸗ brechen abgebüßt hat und nun weder leben noch ſterben kann!“ winſelte er mit ſo herz⸗ zerſchneidendem Ton vom Galgen herunter, daß die Voruberfahrenden erſchrocken von ihren Sitzen emporflogen und vor Angſt und Entſetzen faſt des Todes waren.„Hegt keine Furcht vor mir!“ fuhr er fort.„Ihr habt einen bejammernswürdigen Menſchen vor Euch, an dem das Strafurtheil mit ſo gottloſer Rachläſſigkeit vollzogen worden, daß noch Tage darüber vergehen koͤnnen, bevor der Tod dieſer ſchnöden Marter ein Ende macht. Erbarmt Euch meines ſchrecklichen Zuſtandes! ſchneidet mich los, oder koͤnnt Ihr Euch dazu nicht entſchließen, ſo ſchleudert mir wenigſtens in ehriſtlicher Barmherzigkeit ein paar Feldſteine gegen den Kopf, damit ich endlich von mei⸗ ner Qual befreiet werde!“ „Bei ſo demüthiger Fortſetzung der ver⸗ nommenen Anrede, begannen die Beſtürzten ſich allmählig von ihrem Schrecken zu erho⸗ len und zur Ueberzeugung zu gelangen, daß der abentheuerliche Vorfall, den ſie anfangs fuͤr ein Gaukelſpiel des boͤſ en Feindes gehal⸗ ten, ſich mit den natürlichſten Urſachen von der Welt im Zuſammenhange befinde.— „Was meinſt du dazu, Thoms?“ ſagte der Bauer, bei welchem das Mirleid in eben dem Grade wieder überhand nahm, als die Furcht nachließ—„kommt es dir nicht auch ſo vor, als ob ein höhetes Verhängniß uns gerade darum in dieſem Augenblick hier vorbei führte, um uns zu Ausubung einer milden Handlung die Gelegenheit an die Hand zu geben? Nie⸗ mand bemerkt, was wir unternehmen! Wenn es nun gelänge, eine Seele vom Verderben zu retten, indem wir den armen Kerl befreien und in den Stand ſetzen, durch einen buß⸗ fertigen Lebenswandel die menſchliche Geſell⸗ ſchaft wieder ganz mit ſich auszuſoͤhnen, nachdem er die Strafe ſeiner Miſſethaten ja bereits in pollen Maaße erlitten hat! Thoms) wa iſt deine von der Sache b⸗ nhc ni ne ee Meine erwiederte—— „beſteht darin, daß ich den Kerl eben ſo gern abſchneiden, und eben ſo gern mit Steinen zu Tode werfen helfe, je nachdem Ihr daß eine, oder das andere für gut findet“ Verſprichſt du aber guch,“ wandte der Bauer mit gewichtvoll erhobenem Zeigefinger ſich an den Gehenktens„werſprichſt du dein ſuͤndiges Leben forthin zu beſſern und eines tugendhaften Wandels dich zu befleißigen? Verſprichſt du das eidlich und feierlich?“ „Ach, wie Ihr daran nur im geringſten zu zweifeln vermögtl“ verſetzte dieſer.„Nach Allem⸗ was ich erlitten und erfahren, kann kein weltlicher Gedanke mehr in meiner Seelt. Raum finden! Nach dem Gnadenſchooß der Kirche iſt mein Sinn gerichtet! Ein from⸗ mer Kloſterbruder will ich werden; in einſa⸗ mer Zelle will ich Buße thunr mich geißeln und kaſteien, und fur meine großmuͤthigen Wobhlthaͤter peten!“ Er hatte kaum ausgeredet,— die 5 in der Rähe befindliche Leiter bereits aufge⸗ richtet und in eifriger Bemuͤhung ernſtliche Anſtalt zu ſeiner Befreiung getroffen wurde. Wenige Minuten naͤchher ſaß er, in unauf⸗ hörliche Dankſprüche ſich ergießend, zwiſchen ſeinen Rettetn auf dem Wagen, und fuhr in Geſellſchaft derſelben der Freiſtatt zu, all⸗ wo er, dem Plane gemäß, bis zum Einbruch der nãchſtfolgenden Racht verpflegt und als⸗ dann über die Landgrenze hinaus, auf einſa⸗ men und— weiter Sioß werden ſölltes e ungefähr— Seve⸗ mochte dem Abzuge des Kleeblatts verſtrichen ſein, als die zur Unterſuchung abgeordnere Mann⸗ ſchaft, unter Kraushardts Leitung, mit feier⸗ lich abgemeſſenen Schritten daher gezogen kam und ein tiefes Stillſchweigen beobachtend, näher und näher gegen den Platz vorruͤckte. Wer aber vermöchte die Beſturzung zu ſchil⸗ dern, die ſich aller Gemüther bemächtigte, indem ſie jetzt den Standpunkt erteichten, von wannen ein freier, ungehinderter Ueber⸗ blick der Richtſtaͤtte ihren Augen ſich darbot. Sprachlos und von den bangſten Gefühlen und Ahnungen ergriffen, ſtarrten ſie einige Miuuten lang nach der Stolle hinauf, wo ſtatt des Miſſethaͤters nur ein Theil des zu ſeiner Hinrichtung gebrauchten Stranges noch vom obern Querbalken herabhing. Kein Sinnenbetrug konnte hier obwalten, der Mond ſchien ſo hell, daß jeder auch noch ſo geringfuͤgige Gegenſtand ſich klar und deutlich erkennen ließ. Iweben ſo unleugbarer als entmuthigen⸗ der Augenſcheinlichkeit ergab es ſich, daß der Gehenkte von ſeinem Poſten verſchwunden, daß er vielleicht wohl gar—— ach! eben das zweifelhafte Nachgruͤbeln uͤber die Art und Weiſe, wie dies unerklärliche Ereigniß ſich habe zutragen können, vermehrte das ge⸗ heime Grauen, von welchem ſelbſt der ver⸗ wegenſte Eiſenfreſſer in der verſammelten Schanr ſich unwiderſtehlich ergriffen fuͤhlte.— „Da ſeht Ihr nun mit den eignen Augen,“ unterbrach Kraushardt endlich mit gedämpfter Stimme das Stillſchweigen der Bewaffneten, „daß es hier nichts zu unterſuchen und zu bes ſichtigen giebt! Kinder, zieht blank! empfehlt „ — 250— die zitternden Seelen der Obhut des Himmels, ſucht den erſchuͤtterten Soldatenmuth wöglichſt auftecht zu erhalten und vor allen Dingen— Lerlaßt Euern Anführer nicht!“— Bei die⸗ ſen Worten machte er eine, auf den Rückzus hindeutende Schwenkung, worauf ein Ge⸗ ſchwindmarſch erfolgte, der die ausgezogenen Helden unangefochten nach der Stadt zurück⸗ fuhrte. Innerhalb der Ringmauern ange⸗ langt, überzählte Kraushardt die Häupter ſei⸗ ner Lieben, und ſiehe! es fehlte der alte Feld⸗ webel Seiffert, der unterwegs Milzſtechen be⸗ kommen hatte, und ſich erſt geraume Zeit nach⸗ her keuchend und athemlos bei ſeinen Waffen⸗ ——— noppatet hdnn Wihend—. uͤber% 8 hn. Erfolg der geheimen Sendung, die jedoch ſeitdem zum allgemeinen Stadtgeſpräch gewor⸗ den war, hoͤhern Orts ſeinen amtlichen Be⸗ richt abſtattete und demſelben ſo volle Beglau⸗ bigung zu verſchaffen wußte, daß⸗ trotz des wunderlichen Inhaltes ſeiner Ausſage„Rie⸗ * — 251— mand an der Wahrheit derſelben zu zweifeln ſich unterfing, ſaß Griepel in der Wohnſtube ſeines Erretters behaglich hinter dem Ofen und verzehrte eine warme Suppe, deren wohl⸗ thätig erquickender Genuß ſeine, von der aus⸗ geſtandenen Todesangſt erſchoͤpften und er⸗ matteten Glieder bald wieder mit der ge⸗ wohnten Kraft und Gelenkigkeit auszuruͤſten aufing. Rach vollendeter Mahlzeit warf der Bauer in milver Fuͤrſorge und Gutmüthig⸗ keit ſeinem Gaſt eine alte wollene Decke zu, ihm andeutend, daß er jetzt in dem Winkel hinter dem Ofen ſich ſeine nächtliche Lager⸗ ſtaͤtte bereiten moͤge; worauf er ſelbſt ſich in die anſtoßende Kammer und x— — 9 Die Mirternachtſtunde w pel und freundlich blickte der Mond durch die Fenſterſcheiben in das wirthliche Gemach, und ſchlummerlos wälzte ſich Griepel, waͤhrend der Hauseigenthuͤmet nebenan ſeinen Suſtand dunch ein vernehmliches Schnarchen kund gab, auf dem Lager hin undeher. Tauſend unruhige — 232— Gedanken und Entwürfe gingen ihm durch den Kopf, ſein Blut gerieth in Wallung und allmählig ward es ihm ſo bang und beklom⸗ men ums Herz, daß er auf der ihm angewie⸗ ſenen Stelle ſchlechterdings nicht länger aus⸗ zudauern vermochte. Mit ſchleichenden Schrit⸗ ten kam er aus ſeinem Winkel hervor, ſchaute einige Angenblicke lang mit verdutzten Mie⸗ nen in der Stube umher, fuhr ſodann mit den Beinen in ein Paar nagelneue, an der Wand ſtehende Stiefeln“ ſetzte ſich die Pudel⸗ muͤtze, die der Bauer beim Schlafengehen an einen Nagel gehangen, nach altgewohnter Weiſe, indem er die rauchen Klappen derſelben unterhalb des Kinnes befeſtigte, auf den Kopf⸗ und ſtieg durch ein, mit leiſer Hand geoffne⸗ tes Fenſter in den Hofraum hinaus. Die Ge⸗ fahr und Unbequemlichteit einer naͤchtlichen Fußwanderung in Erwägung ziehend 3 und auf möglichſt raſche Entfernung aus dem umkreiſe des Fährlinger Gebietes bedacht, holte er aus dem ſeitwärts befindlichen Stall eins der Wagenpferde hetvor, deren flintes Wrſen bereits auf der Herfahrt ſeinen Bei⸗ fall erworben hatte, und war eben im Be⸗ griff, ſich hinaufzuſchwingen, als plötzlich ein höchſt unwillkommenes Geräuſch, zur Störung ſeines Vorhabens, ſich vernehmen ließ⸗ Seine Verlegenheit ſtieg jedoch noch höher, als er im nämlichen Augenblicke den Knecht des Hauſes gewahrte, der, durch das Pferdegetram⸗ pel aus dem Schlaf ermuntert, in wuͤthender Erbitterung und mit einer Heugabel bewaff⸗ net, daher geſtuͤrmt kam. Dem ungelegenen Angriffe ſich zu entziehen, ſtieß Griepel dem Gaul die ſcharfen Abſätze gegen die Rippen, daß dieſer ſchaumend und brauſend einen Sei⸗ renſprung that, der den kecken Reiter aus dem Sleichgewicht brachte. Ein mit Kraft und Ruchdruck gefuͤhrter Heugabelſtoß vollendete ſeinen Untergang und ſtillte fuͤr immer den Thatendurſt, der, mächtiger als alle Regun⸗ gen der Dankbarkeit, von neuem in ihm er⸗ wacht war. Lautlos ſtuͤrzte der Verlorne zu Boden, preßte krampfhaft die Fauſt gegen die empfangene Todeswunde, und hauchte, . nachdem er wenige Augenblicke lang röchelnd am Boden ſich hin und—— — und Leben aus. zwi in Mittlerweile hatte der lärmvolle aufrit in Hofe auch den Eigenthuͤmer des Hauſes aus der Ruhe geweckt und auf die Beine gebracht. Erſchrocken kam er herbei und be lehrte ſich durch einen einzigen fluͤchtigen Blick über den Anſchlag, den ſein ſauberer Pflegling gegen ihn im Schilde geführt hatte) ſchlug aber vor Entſetzen die Hände uber dem —— als er ihn todt, mauſetodt m Graſen daliegen ſah.„Thoms,— — Lhoms! was haſt du gemacht!“riefer welche entſetzlichen— — du dich hinreißen laſſen! Was ſolle wir ſagen, womit ſollen wir unſern Eingrif in die Verfuͤgung des Geſetzes entſchuldigen wenn man den Leichnam hier bei uns fin? det und die Spuren der neuen gewaltſamen Todesart an ihm bemerkt! Ach, hätteſt dn ihn doch lieber auf und davon reiten laſſen⸗ ſtutt eint ſo greuliche Rache an ihm zu neh⸗ men und uſis Beide in's Vwoe zu ſturʒin 1wn-und ns noe an ng Pem Knecht ſelbſt wurde bei der. nicht woht zu Muthe, als er die moͤglichen Folgen ſeines Zorneifers zu berechnen anfing und die niederſchlagende Anrede ſeines Brot⸗ herrn vetnahm; doch brachte ihn letzterer zu⸗“ gleich auf einen Gedanken⸗ durch deſſen raſchs“ Ausfuͤhrung er jede Gefahr und Verlegenheit“ zu entfernen und zu beſeitigen hoffte.„Laßt mich nur machen! ſagte er, vor Furcht und — len——— 6 ich ſyuf— n pie wehin er gehoͤrt und Riemand ſoll merken, was über Racht mit ihm vorgegangen iſt.—„Bei dieſen Worten warf er den Erſtochenen wie einen Sack auf den Ruͤcken des Pferdes, und bevor noch der Alte ſich naͤhere Auskunft über die Willensmeinung des Eilfertigen zu ver⸗ ſchaffen vermochte, war dieſer, indem er mit ſtarken Schritten neben dem Gaut herzutra⸗ ben anſing, ihm bereits aus dem Geſicht ver⸗ — 256— ſchwunden. Die Richtſtätte, nach welcher der Lauf ging, war von dem Hauſe nur eine halbe Stunde entfernt. Hier angelangt, ſchleppte Thoms in grauſenvoller Bemuhung den Ent⸗ ſeelten die Leiter hinauf, ließ ihm, in der blinden Bedrängniß und Verwirrung, Stiefeln und Muͤtze, eilte, nachdem er mit der unge⸗ wohnt ſauern Arbeit endlich zu Stande ge⸗ kommen war, in geſtrecktem Galop von dan⸗ nen, und jener hing wieder am Galgen.— Griepels Ruͤcktehr an den Ort ſeiner Beſtimmung konnte in Fährlingen nur wenige Stunden lang ein Geheimniß bleiben, da ſchon mit Anbruch des Tages mehrere Landleute, die mit Gemuͤſewaaren hier vorbeizogen, der neuen, fremdartigen Erſcheinung inne wurden und bei ihrer Ankunft in der Stadt ſogleich mit geſchwätziger Zunge die Rachricht daruber zu verbreiten anſingen. Hatte ſchon das plötz⸗ liche Verſchwinden des hingerichteten Miſſe⸗ thäters am letztverwichenen Abend ein allge⸗ meines Aufſehen und Befremden erregt⸗ ſo war der heut' einlaufende Bericht von deſſen Wiedererſcheinung noch weit weniger geeignet, den betroffenen Gemüthern zur Ent⸗ raͤthſelung eines ſo unerhörten Vorfalles die nöthige Faſſung und Beſonnenheit n verleihen. Es kam zu einer aufrühreriſchen⸗ der bürger⸗ lichen Ordnung und Ruhe Gefahr⸗drohenden Bewegung. Alle Künſte und Gewerbe gerie⸗ then in Stocken; Drehbank zud Webeſtuhl, Hammer und Hobel, Pfrieme und Biegel⸗ eiſen murden Herlaſſen, und in wogendem Ge tümmtt Uberſüete ſich der gerzumige Markt⸗ platz mit einer Schaar von Mätziggängern, die abwechſelnd bald die gräßlichſten Gedanken und Vermuthungen ſich einander in die Ohren raunten⸗ bald mit erwartungßvoller Neugier das Rathhaus augafften, auf welchem hereits die in aller Eile zuſammenbetufenen Väter der Stadt ſich bei verſchſoſſenen Thüren über die Maaßregeln berathſchlagten⸗ die man für Beilegung des unheilvollen Ereisniſſes und der daraus entſprungenen tumultuariſchen Voltsbewegung zu ergreifen habe. Der ein⸗ ſtimmig gekaßte Beſchluß lief auf eine aber⸗ w. Bb. 17 — 258— malige Beſichtigung und Unterſuchung hin⸗ uus, die diesmal jedoch von zweien aus der Mitte des Raths gewählten Abgeordneten plangemäß unternommen und in's Werk ge⸗ richtet werden ſollte. Kraushardt, dem es, ſo lange das Sonnenlicht am Himmel ſtand, an Muth und Tapferkeit Riemand gleich rhat, erhielt den Auftrag, eine Abtheilung der ihm untergebenen Mannſchaft, zur Dek⸗ kung des Buges, mit Ober⸗ und Untergewehr aufmarſchiten zu laſſen, während er die an⸗ dete fuͤr Aufrechthaltung der innerlichen Ruhe init ihren Köpfen verantwortlich mache, und öhne Zeitverluſt ging die Wanderung, den varſch umherſchauenden Stadt Kommandan ten an der S zut Thore hinaus. Die unegend des Ni qitjneſt⸗ bereits von einer Menge Schauluſtiger, die von allen Ecken und Enden herbeiſtroͤmten, um uber die Zuverläſſigkeit der im Schwange gehenden Sagen und Geruͤchte ſich durch den eignen Augenſchein zu belehren. Alles ſich der entworfenen Schilderung gemäß. Die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, hing Grie⸗ pel mit geſchloſſenen Augen und ohne irgend ein Lebenszeichen von ſich zu geben, wieder an der alten Stelle; und hatte man gleich den wiederholten Eidſchwuͤren des Stadt⸗ Kommandanten, daß geſtern Abend nichts als der leere Galgen hier vorhanden geweſen ſei, keinen Glauben beimeſſen wollen, ſo ſprach in der Ueberzeugung aller Anweſenden ſchon der Umſtand, daß der Miſſethäter ſich die warme Pudelmuͤtze und ein Paar neue Stiefeln zuge⸗ legt hatte, ſattſam für das geheimnißvolle Walten einer hier im Spiele begriffenen, uͤbernatürlichen Kraft, in Folge welcher der Hingerichtete ſich im Lauf der verfloſſenen Racht auf den Fuͤßen befunden und eines ungehinderten Gebrauchs ſeiner Glieder ſich zu erfreuen gehabt haben mußte. Kein Wun⸗ der, daß bei ſo bewandten Umſtänden die Furcht, die der Lebende den Gemuͤthern einzufloͤßen verſtanden, ſich in ſehr verſtärk⸗ tem Maaße auf die fortwirkende Gewalt des 17* — 260— Todten zu erſtrecken begann, und daß jeder Einzelne bereits vor der Möglichkeit zitterte, in einer folgenden Racht plötzlich durch den unvermutheten Beſuch des Bärenkopfes in Angſt und Schrecken geſetzt zu werden. Auf's angelegentlichſte wurden daher die anweſenden Magiſtratsperſonen von allen Seiten beſtürmt, die ſo gegründeten Beſorgniſſe einer ehrſamen Burgerſchaft geneigter Weiſe zu Herzen zu nehmen, fuͤr die Hinwegräumung eines eben ſo widerwärtigen als unbehaglichen Anblicks Sorge zu tragen und dem gemäß, kraft ver⸗ liehener Vollmacht, den Körper des Gerichte⸗ ten unverzuglich abnehmen und unter die Erde ſchaffen zu laſſen. Gern willigten die hohen Abgeordneten in einen Vorſchlag, deſſen Vollziehung ohnehin auf dem Rathauſe bereits zur Sprache gekommen und einhellig beſchloſſen worden war. Da jedoch aus ſehr begreiflichen urſachen Riemand unter den Anweſenden ſonderlichen Beruf in ſich verſpuͤrte, bei einet Arbeit dieſer Art huͤlfreiche Hand zu leiſten ſo wurde Jobſt herbeigeholt, um in Bewerf ſtelligung dieſes Geſchaͤftes ſeiner Beruföpflicht Genüge zu thun. Dieſer hatte die Leiter kaum erſtiegen, als ihn ſein ſcharfer, geubter Blick auch ſchon auf Entdeckungen fuͤhrte, die ihm keinen weitern Zweifel uͤber den ei⸗ gentlichen Zuſammenhang der Dinge mehr uͤbrig ließen. Wohlweislich hutete er ſich je⸗ doch, ſeine heimlichen Bemerkungen und Ge⸗ danken laut werden zu laſſen; vielmehr ent⸗ ledigte er ſich des ihm obliegenden Dienſtes mit ſo täuſchend nachgeahmter Unruhe und Aengſtlichkeit, als ob auch er von dem un⸗ heimlichen Wunderglauben der Menge auf das vollſtaͤndigſte ergriffen und angeſteckt ſei. Griepel erhielt ſeinen Ruheplatz unmittelbar unter dem Querbalken, an welchem er zuvor in aufrechter Stellung geſchwebt hatte; Pu⸗ velmütze und Stiefeln aber wurden, auf aus⸗ drückliches hoͤheres Geheiß, ihm abgezogen und in gebuͤhrender Entfernung von ihrem unrechtmaßigen Beſitzer am Abhange einer waldigen Anhoͤhe ſorgſamlichſt verſcharrt. Kraushardt kommandirte, nachdem das Werk —— unter den Augen des Volts voͤllig beendigt worden war, zum Abmarſch, und die Ver⸗ ſammelten kehrten, wenn auch noch nicht ſo ganz aller innern Beſorgniſſe uͤberhoben, doch fur den Augenblick beſchwichtigt und wus zur Stadt zuruͤck. Die Muthmaßung, daß Riemand Vet⸗ langen tragen werde, die eingeſcharrten Raub⸗ guͤter frevelhafter Weiſe ſich zuzueignen, ſchien jedoch nicht auf durchaus triftigem Grunde zu beruhen; denn als Jobſt, mit dem ernſtlichen Vorſatz, daß der raͤnkevolle Gaudieb ihm denn doch nicht ganz um⸗ ſonſt ſo viele Noth und Mühe veturſacht haben ſolle, ſich des Abends nach der Wald⸗ höhe auf den Weg machte, und im Dahin⸗ ſchreiten ſchon heimlich mit der ſtolzen Vor⸗ ſtellung ſich bruͤſtete, daß er, ſeines niedrigen Berufes ungeachtet, der einzige aufgeklärte und vorurtheilsloſe Kopf in ganz Fährlingen ſeifiel ihm, indem er ſeinem Zielpunkt ſich naͤherte, ein menſchliches Weſen in die Au⸗ gen, welches, herbeigelockt von den hier ver⸗ 1 — 263— grabenen Kleidungsſtuͤcken, mit ſtiller Aemſig⸗ keit in dem BVoden umher grub und bereits einen guten Theil der Arbeit zu Stande ge⸗ bracht hatte. Ein Gluͤck fur den unberufe⸗ nen Schatzgräber, daß Jobſt beim Hinzutre⸗ ten ſeinen alten Freund und Vetter, den Stadtſoldaten Wappler, in ihm erkannte, welcher Umſtand den gerechten Unwillen des Frohns bald ſo vollkommen entwaffnete, daß er kein Bedenken trug, die Abſicht ſeines eignen Wiedereinfindens offenherzig zu ge⸗ ſtehen und zur Mitbeendigung des Werkes thätige Hand anzulegen. Seine gegruͤndeten Anſpruͤche auf den Nachlaß eines zum Tode Verurtheilten geltend machend, bemächtigte Jobſt, als zur Theilung geſchritten ward, ſich des Stiefelpaares und Wappler mußte, ſo wenig er auch bei der Arbeit um einen Ge⸗ palfen verlegen geweſen war, mit der Pudel⸗ mütze ſich begnügen, worauf beide, um die Spuren befriedigter Habſucht zu vertilgen, den durchwühlten Bodengrund wieder ebneten, ſich mit feierlichem Handſchlag Verſchwiegen⸗ hpeit angelobten und in verſchiebenen nn 3 tungen nach Hauſe zurüͤckkehrten.— Der entſchloſſene Muth des beherzten Wapplers ging hauptſüchlich aus der Pan⸗ toffelherrſchaft einer Frau hervor, welche durch jahrelanges Keifen und Poltern ihn all⸗ mählig dermaßen an die Empfindungen des Schreckens gewöhnt hatte, daß er ſchon längſt keine Geſpenſterfurcht mehr kannte, mithin auch, bei der Begierde nach dem Be⸗ ſitz der eingeſcharrten Habſeligkeiten, ſich durch † keine Anwandelung der Scheue und Bangig⸗ keit von dem beſchloſſenen nächtlichen Spa⸗ ziergange nach dem Galgenfelde hatte zuruͤck halten laſſen. Seine Wöhnung befand ſich in dem dicht an der Stadtmauer gelegenen Hauſe einer Tiſchlerwittwe, die, unterſtützt von ihrem Sohne Andreas, das Brotgewerbe des verſtorbenen Mannes fortſetzte und ihr gutes Auskommen hatte, obgleich die Nah⸗ rungsloſigkeit der Zeiten ſchon ſeit langen Jahren ihr tagtägliches Klagelied war. Hier ſaß Wappler zur Miethe und hatte den obern, — 265— aus einem Dachſtübchen und zwei Kammern beſtehenden Theil des Gebäudes inne, worin er, nebſt Frau und Tochter ſich kummerlich behalf. Die letztere, die er wie ſeinen Aug⸗ apfel liebte, betrachtete er gewiſſermaßen als eine, vom Schickföl ihm aus Mitleid bewil⸗ ligte Entſchädigung fuͤr die vielfachen Leiden und Truͤbſale, die der Eheſtand uͤber ſein ſchuldloſes Haupt zuſammengehouft hatte; auch war ſie in der That eine ſo ſchmucke und ſleißige Dirne, daß man ſich durchaus nicht wundern durfte, wenn gußer ihrem al⸗ ten Vater, auch noch andere ehrliche Leute, worunter namentlich der junge Tiſchlermeiſter Andreas ſich befand, die Augen mit behagli⸗ chem Wohlgefallen an Sabinchens Anblick S weiden nicht muͤde wudden. Wapplers verſtohlnes Unternehmen hatte eigentlich den Stiefeln gegolten, und wuͤrde zu ausſchließlichen Gunſten der Pudelmütze ihm wohl ſchwerlich jemals in den Sinn ge⸗ tommen ſein, da er nicht einmal wagen durfte, ſie zur öffentlichen Schau zu kragen; — 266—. doch verſprach er ſich in ſeiner Genuͤgſamkeit von ihr wenigſtens den wichtigen Vo r* theil, daß er ſie zu Schutz und Trutz tief uͤber die Ohren herabziehen koönne, wenn er des Abends von der Wache heimkehre und nun in dem baufällig luftigen Erkerſtubchen bald der Zugwind, bald das Gekläff des Wei⸗ bes, in abwechſelnder Befehdung, ihm um die Ohren zu— anfange. ſ 8.* 4te lnn Wirtlich der Nutzen, e ſi e ihm gewährte, ganz mit ſeinen vorgefaßten Er⸗+ wartungen uͤberein, und er bedien te ſich ihrer ein paar Wochen lang mit dem erſprießlich⸗ ₰ ſten Einfluſſe auf ſeine häusliche Zuftieden⸗ heit. Sobald aber die Frau bemerkte, daßn die ſtille Unterwuͤrfigkeit, mit welcher er die 1 ehelichen Ungewitter uͤber ſeinem Haupte austoben zu laſſen gewohnt war, ſeit dem Gebrauch der dicken pelzmuͤtze, in immer ſtumpfern Gleichmuth uberzugehen anſing, hatte die Freude ſogleich ein Ende.„Nein, bei allen Engeln und Erzvätern! das wäre 25— mir denn doch zu arg, daß mein Wort eine Stimme in der Wuͤſten ſein ſollte!“ ſchrie ſie eines Mittags auf, als Wappler ſich vor dem Geißelſchlag ihrer Zunge auf den Sitz am Fenſter gefluͤchtet hatte und hier, während die ihm gehaltene Zornpredigt eben im voll⸗ ſten Gange war, in hochſt auffallendem Ge⸗ muͤthöfrieden zu gähnen und einzunicken anfing.„Rede ich mit einem Klotz oder mit vinein Menſchen? Soll ich dir etwa die Ohren offnen?“— Sie ſelbſt beantwortete ſich die letztere Frage auf bejahende Weiſe, indem ſie 3 ihm die Pudelmuͤtze vom Kopfe riß und die⸗ ſelbe durch ein, mit erbittertem Ingrimm geöffnetes Fenſter, uͤber die Stadtmauer hin⸗ wegſchleuderte. Gleich dem Gefangenen, der aus einem ſußanmuthigen Freiheitstraume durch ſchnell entſtandenes Kettengeklirr ploͤtz⸗ lich wieder zum Gefuͤhl der grauenvollen Wirklichkeit erwacht, fuhr Wappler erſchrok⸗ ken empor, gelangte in ſtillgeſammelter Be⸗ ſinnung zur Kunde des ſo eben ſtattgehabten, ſchmerzvollen Auftrittes, und demüthigte mit — 2568— . reuevollem Geberdenſpiel und in ſtummer Er⸗ gebung ſich unter die Gewalt, deren ſchweres, 4 druͤckendes Joch der Himmel auf— tern gelegt hatte. In Folge eines, mehrere Rag ung an⸗ ½ qnih Schneegeſtöbers, hatte die Erde ihr Winterkleid angezogen; erſt heut' gegen Mit⸗ tag war der Himmel heiter geworden, zugleich aber auch ein ſo heftiges Froſtwetter einge⸗ treten, als man es zu Fährlingen mit der ſonſtigen Art und Gewohnheit des November⸗ monats gar nicht zuſammenzureimen vermochte. Dieſer Umſtand machte, daß die ſchwarze Pudel⸗ mütze, die jetzt im Stadtzwinger, zwiſchen niedrigem, plätterloſen Geſtripp auf dem Schnee lag, jedem Vorubergehenden ſogleich um ſo deutlicher in die Augen fallen mußte. Auch dauerte es nicht gar lange, als ſie ſchon vom alten Feldwebel Seiffert, der eben die Wache unter dem benachbarten Thore hatte⸗ und muͤßig im Bereich deſſelben umherſchlen⸗ dernd, zufällig in den Zwinger gerathen war, bemerkt und erkannt wurde. Wäre ſchon ihr — 269— bloßer Anblick hinreichend geweſen, ihn außer Faſſung zu bringen, ſo ward die Veſtuͤrzung, die mit lähmender Gewalt ihm in die Beine fuhr, noch durch den Umſtand vermehrt, daß kurz zuvor ein Paar hungrige Ratzen ſich eingefunden hatten, welche nagend und zerrend im inneyn Raum der Mutze ihr Weſen trie⸗ ben und ſie dadubch fortwährend in einer unge⸗ wiß ſchwankenden Bewegung erhielten, ohne daß man von den verſteckten Urhebern irgend etwas zu Geſicht bekam. In kreböartigem Gange und mit angſtvoll behutſamen Schrit⸗ ten zog Seiffert, nachdem er von dem erſten ſinnverwirrenden Eindrucke einigermaßen wie⸗ der zu ſich ſelbſt gekommen war, ſich gegen den Schwibbogen des Thores zuruͤck, üͤberlegte hier ſtillſchweigend ein paar Augenblicke lang, was bei der Sache zu thun ſei, und verfuͤgte ſich ſodann nach der Wohnung des Stadtkom⸗ mandanten, um ihm, als ſeinem Vorgeſetzten, die erſte 58 zu 5b Wrausharbt war nte von einem — ſchmauſe heimgekehrt und der reichliche Senuß des ihm zu Kopfe geſtiegenen, ſauern Franz⸗ weins hatte einen ſo guten Humor bei ihm erzeugt, daß er uͤber die Botſchaft faſt gat nicht erſchrak, ſondern ſogleich in kaltbluͤtiger Entſchloſſenheit ſeinen Säbel umſchnallte, dem Feldwebel einige Dutzend ſcharfe Patronen verabreichte und darauf, in Begleitung deſſel⸗ 6 ben, ſich nach dem Thor verfugte, um dem dort in der Räͤhe ſtattfindenden Gräuel jäh⸗ lings ein Ende zu machen. Mehrere in der Rachbarſchaft wohnende Stadtſoldaten, unter welchen auch Wappler ſich befand, wurden, da die hier anweſende Mannſchaft zu Bewerkſtel⸗ ligung des beſchloſſenen kriegeriſchen Angriffes nicht hinreichend ſchien, in aller Stille nach der Wachtſtube beordert, wo Kraushardt, un⸗ ter Mittheilung des entworfenen Planes, Freiwillige austreten und——— laden ließ. vttaent Zwar dämmerte es bereits, als die Be⸗ waffneten ſich auf dem beſchneiten Voden⸗ grunde des Zwingers in Reih' und Glied . — 271— aufzuſtellen anfingen; doch zeigte es ſich beim Vorruͤcken gar bald, daß Seiffert keineswe⸗ ges ein nichtiges Hirngeſpinnſt im Kopfe ge⸗ habt, ſondern mit ſehr klaren, geſunden Au⸗ gen geſehen hatte. Nicht allein die Mütze, die nämliche greuliche Pudelmuͤtze, die man vor einigen Wochen weit von der Stadt meh⸗ rere Fuß tief in den Erdboden hatte einſchar⸗ ren laſſen, ſah man hier frei und offen auf dem Schnee liegen, ſondern auch das von ſo unerklaͤrbaren Urſachen veranlaßte, gräßliche Hin⸗ und Herſchwanken derſelben, dauerte in ununterbrochener Geſchäftigkeit fort. 1 Faſt horbar klopfte bei Allen, obgleich ſie bereits in ſchußrechter Stellung ſich befanden, das zagende Herz; ſelbſt Kraushardt, in wel⸗ chem alle mutherweckende Weinduͤnſte plotz⸗ lich zu verfliegen begannen, vermochte vor Zittern und Beben den gezogenen Degen kaum laͤnger zwiſchen den Fingern zu halten, und nur mit der groͤßten Anſtrengung gelang es ihm, ſeiner Sprachwerkzeuge zu Ertheilung der erforderlichen Befehle nothdurftig Herr — 212— und Meiſter zu werden.—„Kinderchen, macht Euch fertig!“ rief er mit zaghaft lei⸗ ſer Stimme den Seinigen zu:„ſchlagt an!— gebt Feuer!“— Ein furchtbarer Knall er⸗ folgte und von vier Kugeln durchbohrt floag die Muͤtze quatſchend gegen die Stadtmauer. Die Bewaffneten aber eilten, ohne daß ſie nur mit einem einzigen Blick ſich uͤber die feindliche Riederlage näher zu belehren ver⸗ 4 ſucht hätten, gleich nach gegebener Salve uͤber Hald über Kopf davonz einer ſuchte dem andern, als ob es auf ein vecht eigent⸗ liches Wettrennen abgeſehen geweſen wäre, den Vorſprung abzugewinnen, nnd nicht eher nahm die haſtpolle Preisbewerbung ein Ende, als bis die ſieghaften Flüchtlinge ſämmtlich mit heiler Haut die von Tabacksqualm erfüllte,— trauliche Wachtſtube wieder erreicht hatten. Daß der durchdringende Knall der abge⸗ brannten Feuergewehre ſeht bald eine Menge erſchrockener Stadtbewohner herbeilocken werde, 4 ſah Kraushardt wohl ein; deshalb war es 3 ſeine erſte Sorge, vie nach dem zuinger 23 hinausfuͤhrende Pforte, die zum Unglück we⸗ der verſchloſſen, noch verriegelt werden konnte, fuͤr den erſten Anlauf mit einer doppelten Schildwache von innen zu beſetzen, die abge⸗ feuerten Flinten, obgleich mehrere derſelben noch mit ihrer Ladung verſehen und bloß von der Pfanne gebrannt waren, ſämmtlich von neuem laden zu laſſen, und den Waffen⸗ haltern unter dem Thor, gegen die Beſtuͤr⸗ mungen neugieriger Frager, bei ſchwerer Strafe reinen Mund zu empfehlen, bis er über den neuerlebten Vorfall erſt dem Buͤr⸗ germeiſter gebuͤhrendermaßen Bericht abge⸗ ſtattet, zu welchem er, nach Ertheilung der vorläuſig zu beobachtenden Verhaltungsregeln, ſich dann auch ſo fort begab.— Die Vorſpiegelung, daß das Schießen im Zwinger nur den Beſchluß einer Kriegs⸗ ubung gemacht habe, die der Oberbefehls⸗ haber dieſen Nachmittag, ſeiner Gewohnheit gemäß, mit einem Theil der juͤngern Mann⸗ ſchaft daſelbſt veranſtaltet, fand bei dem be⸗ troffen herzueilenden Volkshaufen zwar wenig V. Bd. 18 1 — Glauben, da man zum Theil von Kraushardts Anweſenheit bei dem heutigen Wurſtſchmauſe unterrichtet, zum Theil von der Angſt und Verwirrung der zuletzt nach der Wachtſtube hineinſtuͤrzenden Fluchtlinge noch Augenzeuge geweſen war; doch mußte man ſich, in Folge der unerſchutterlichen Hartnackigkeit, mit wel⸗ cher die Befragten der ihnen auferlegten Pflicht getreu blieben, einſtweilen mit der ertheilten Auskunft begnuͤgen, und einen grund⸗ lichern Aufſchluß des Räthſels von dem nächſt⸗ kommenden Morgen erwarten, wo das unter ſo viele Mitwiſſer getheilte Geheimniß, ſchon der Natur der Sache nach, auch allen übrigen Bewohnern der Stadt kund und offenbar wer⸗ den mußte, wenn nicht die kriegeriſchen Be⸗ ſchirmer des Thors, durch ein plötzliches Ver⸗ hängniß ereilt, uͤber Nacht ſaͤmmtlich des Todes verblichen. Unter den Wuffengenoſen, in der Wachtſtube um den Tiſch herum ſaßen und zum Austauſch ihrer gegenſeitigen Gedanken —— und Anſichten mit zweifelhaftem Mienenſpiel die Koͤpfe zuſammenſteckten, befand ſich auch Wappler, undzwar in einer Gemuͤthsvebfaſſung, gegen welche der innere, unruhige Zuſtand aller uͤbrigen die Unbefangenheit ſelbſt war.— „Wenn man morgen zur naͤhern Unterſu⸗ chung zu ſchreiten anfängt,“ dachte er bei ſich ſelbſt:„und man die Muͤtze findet, und du dich in deiner Unſchuld etwa verfärbſt, und man der Sache weiter nachforſcht, dich in's Verhoͤr nimmt, dir mit Kreuz⸗ und Quer⸗ fragen den Kopf verwirrt, und dich endlich auf dem fahlen Pferde ertappt— Punktum! ſo iſt es rein aus mit dir; ſie halten Kriegs⸗ gericht uͤber dich und du wirſt arquebuſirt! Wappler! du weißt es aus alltäglicher Er⸗ fahrung, wie der Teufel mitunter ſein Spiel hat! Laß es nicht ſo weit kommen; ſuche die Luft rein zu machen, ſuche die Mütze bei der Seite zu ſchaffen, oder meiner Sechſen! du wirſt arquebuſirt!“ In der Luſt und Liebe zum Leben, wel⸗ ches er, im Einverſtaͤndniß mit allen ſeinen Waffenbruͤdern, als das hochſte, koſtbarſte Gut zu betrachten gewohnt war, beſchloß der Gewarnte, dem Warnenden geneigtes Gehör zu ſchenken und ein Wagſtuͤck zu unterneh⸗ men, durch deſſen gelingenden Erfolg er ein⸗ zig und allein ſich aus der Noth und Ver⸗ legenheit retten zu können glaubte, in welche der ſchnoͤde Gewaltſtreich ſeines ehelichen Wuͤrgengels ihn verſetzt hatte. In dieſer Abſicht ſchlich er um die Mitternachtſtunde, nachdem die beiden pfortenwichter ſchon längſt ihren Poſten verlaſſen und ein behaglicheres Unterkommen geſucht hatten, ſich heimlicher Weiſe nach dem Zwinger hinaus und eilte mit zitterndem Herzen der Stelle zu, an wel⸗ cher er, in der gerechten Erwartung, dies⸗ mal durch keinen Helfershelfer in ſeinem Vorhaben geſtoͤrt zu werden, ſich der Mütze zum zweitenmal auf verſtohlne Art zu be⸗ waͤchtigen geſonnen war. Sie lag ruhig noch an dem nämlichen Flecke, den ſie gleich nach Empfang der Schußwunden eingenom⸗ men gehabt; eine der geſchwänzten Koſtgän⸗ 1 gerinnen, die in ihrer harmloſen Gefräßigkeie der Muͤtze das Anſehen willkuͤhrlicher Bewe⸗ gung verliehen, lag todt auf dem Platze; ein andere, die nur einen Streifſchuß erhalten haben mochte, glaubte Wappler, beim unge⸗ wiſſen Schimmer des Schnees, muthlos und lendenlahm zwiſchen dem winterlichen Ge⸗ ſträuch umher kriechen zu ſehen. Ohne jedoch uͤber Nebendinge dieſer Art ſich in weitläuftige Betrachtungen einzulaſ⸗ ſen, ſchritt der Eilfertige, nachdem er den neugemachten Fund ſorgſam auf der bloßen Bruſt verwahrt und verborgen, ungeſäumt von dannen, und erreichte gluͤcklich und un⸗ bemerkt wieder die Wachtſtube, wo er nun⸗ mehr mit erleichtertem Herzen den Morgen erwartete. Zwar kam es ihm nicht in den Sinn, von ſeiner Hausfrau in Vetreff dieſer Angelegenheit eine boshaft verrätheriſche An⸗ gabe zu befuͤrchten; doch fuͤhlte er, vertraut mit ihrer Gemuͤthsart, durchaus keine Rei⸗ gung, ſich durch Zuruͤckbringung der durchs Fenſter geſchleuderten Pudelmuͤtze uͤber kurz oder lang wieder einer ähnlichen Angſt und Gefahr auszuſetzen; deshalb trug er dieſelbe nicht nach dem Dachſtübchen, ſondern nach dem Hoftaume des von ihm bewohnten Hau⸗ ſes, und warf ſie dort hinter einen hochauf⸗ geſchichteten Haufen von Brettern und Breun⸗ holz, völlig uberzeugt, daß es keinen ſichrern und verſtecktern Aufenthaltsort für ſie geben könne, als dieſen Winkel. Für immer glaubte er ſie nunmehr vor den Augen der Menſchen geborgen; und hatte er ſich hierin gleich ge⸗ irrt, ſo war es doch vom Schickſal beſchloſeen, daß bei ihrer kuͤnftigen Ruͤckkehr an's Licht des Tages, ihr Anblick nicht weiter FJurcht und Schrecken verbreſten, ſondern ſtatt deſſen, auf frohuberraſchende Weiſe, von dem behag⸗ lichen Gefühl eines befriedigten Wunſches begleitet ſein ſollte. Schon war der Entwurf, den Wappler zu Sicherſtellung ſeines Leibes und. Lebens 1 gefaßt hatte, glucklich in's Werk gerichtet, als man drüben im Zwinger ſich mit näherer Unter⸗ ſuchung der Wahlſtaͤtte zu beſchäͤftigen anſigg deren Behauptung, trotz der vollſtändigen Rie⸗ derlage des Feindes, von den Siegern unbedacht⸗ ſamer Weiſe verabſäumt worden war. Hatten die von Kraushardt ergriffenen h alben Maa ß⸗ regeln ſogleich nach Bekanntmachung derſel⸗ ben einen allgemeinen Unwillen erregt, ſo ſchie⸗ nen die Vorwuͤrfe, die ihm, ſeines uͤbereilten Rückzuges wegen, jetzt von allen Seiten zu Theil wurden, noch mehr durch den Umſtand gerecht⸗ fertigt zu werden, daß man weit und breit nichts von der Mütze, dagegen aber an der Stelle, wo ſie gelegen, einige Blutflecke wahrnahm, an welchen freilich jeder Verſuch einer natürlichen Erklärung zu Schanden wer⸗ den mußte, da auch die beiden Ratten im Laufe der Nacht von dem Platze verſchwun⸗ den waren. Wer haͤtte uͤbrigens, beim An⸗ — 280— blick ſo grauenvoller Zeichen und Merkmale, wohl leugnen mögen, daß auch dieſe Begeben⸗ it, ſo wie die fruͤhern Vorgänger derſelben, mit dem gewöhnlichen Lauf der Dinge im ſichtbarſten Widerſpruch ſich befinde; daß eine dunkle Gewalt, gegen welche weder das Grab⸗ ſcheit noch die Kugelflinte etwas ausrichte, ihr angefangenes Spiel fortſebe; daß, mit einem Wort, der gefuͤrchtete Bärenkopf noch immer ſein Weſen treibe! Unvermogend, bei ſo labyrinthiſcher Ver⸗ wickelung der Ereigniſſe, zu Abwendung der Gefahr, von welcher jeder Einzelne ſich be⸗ droht ſah, irgend einen heilſamen Entſchluß faſſen zu können, ergriff eine duͤſtere Weh⸗ muth und Riedergeſchlagenheit alle Gemuͤther; Jedermann trug Bedenken, ſich, wenn es dun⸗ kel geworden war, ohne Begleitung in die Vorſtädte hinaus zu wagen; ſelbſt den Racht⸗ wächtern mußte, zur Ausdauer in ihrem ge⸗ — 28— fährlichen Beruf, eine Gehaltzerhöhung be⸗ willigt werden, und nicht allein in den Spinn⸗ ſtuben und Bierhäuſern, ſondern ſogar iu Gerichtsſaal und Rathszimmer ſtanden Pro⸗ pheten auf, welche, in Bezug auf die erlebten, verhaͤngnißvollen Ereigniſſe, mit langgedehn⸗ ten Geſichtern, der guten Stadt Fährlingen eine Reihe zukuͤnftiger Ungluͤcksfälle weiſſag⸗ ten, wie ſie nur immer in einer von Schreck⸗ bildern erfuͤllten Einbildungskraft ſich zu er⸗ zeugen im Stande ſind. 10. Unter denjenigen, auf welche der im Stußtwinger ſtattgehabte Geſpenſterſut den tiefſten und erſchuͤtterndſten Eindruck gemacht hatte, befand ſich auch die bereits erwaͤhnte Tiſchlerwittwe, in deren Hauſe Wappler zut Miethe ſaß; auch hatte ſie, zufolge der Ort⸗ verhältniſſe, wohl die allergerechteſte Urſache, eine Bangigkeit zu theilen, von welcher man 282— ſelbſt im entlegenſten Stadtviertel nicht frei geblieben war. Ihr Grundeigenthum beruhrte unmittelbar denjenigen Theil der Ringmauer, an deſſen entgegengeſetzter Seite der unheil⸗ volle Auftritt ſich zugetragen hatte. War es dem Geſpenſt ſo leicht geworden, uber den breiten und tiefen Stabtgraben hinwegzukom⸗ men, ſo konnte man darauf rechnen, daß ihm auch die Höhe der Mauer kein Hinderniß in den Weg legen werde, ſobald es ihm etwa einfalle, im Innern der Stadt ſelbſt einen Beſuch abzuſtatten. Und wenn es nun, aller menſchlichen Gegenwehr Trotz visends gerade an der nämlichen Stelle, wo der mörderiſche Kugelregen wirkungslos erfolgt war, ein ſol⸗ ches Vorhaben in's Werk richtete; wer hatte dann den Schreck aus der erſten Hand? an wem wurde zuerſt das Vergeltungsrecht de⸗ uͤbt? wer mußte vor allen andern für Kraus⸗ hardts tollkuͤhne Dreiſtigkeit buͤßen?— Rie⸗ — — 283— mand anders, als die ſchuldloſen Bewohner des zunächſt an die Stadtmauer grenzenden Hauſes! 1 Mit ſolchen Gedanken und Vorſielungen quälte ſich, in unaufhörlicher Beſorgniß ſchwe⸗ bend, die muthloſe Wittwe. Vergebens bot ihr Sohn Andreas alle ſeine Beredſamkeit auf, ſie zu beruhigen; vergebens ſchleppte er des Abends, zu welcher Zeit das ängſtliche Weſen der Mutter ſichtbar uͤberhand zu neh⸗ men pflegte, eine Menge dicker Buͤcher her⸗ bei, welche zum Theil uͤber Einbildungen die⸗ ſer Art ſich ſchlechtweg luſtig machten, zum Theil zu beweiſen ſuchten, daß ein kräftiges Gebet, verbunden mit einem guten Gewiſſen, gegen die Anfechtungen boͤſer Geiſter zur un⸗ truͤglichen Schutzwehr diene; vergebens ſtellte er ihr ſeine eigene Perſon zum Mu⸗ ſter auf, indem er auf den unerſchrockenen Muth ſich berief, womit er das zitternde Sa⸗ — 284— binchen zuweilen, wenn der Vater den Wacht⸗ dienſt habe und nach dem Abendeſſen ver⸗ i3* in rabenſchwarzer Dunkelheit unver⸗ nt nach dem Stadtthor begleite;— alle ſeine Ermunterungsgruͤnde vermochten nun einmal nichts gegen den Glauben an eine Moöglichkeit auszurichten, von welcher ſelbſt der eben ſo aufgeklärte, als herzhafte Stadt⸗ Kommandant, wie er bei vielfachen Veran⸗ laſſungen laut geäußert, innigſte über⸗ zeugt war. Da geſchah es, die gute Frau, die beſonders des Rachts in ihrem einſamen Schlafgemach, ſobald nur das geringſte Ge⸗ rauſch ſich vernehmen ließ, vor Seelenangſt kaum zu bleiben wußte, auf den Einfall ge⸗ rieth, ſich eine Kammergenoſſin zuzulegen, um denn doch ein menſchliches Weſen in der Nähe zu haben und im Fall der Noth nicht ſo ganz von aller hulfreichen Theilnahme ver⸗ laſſen und abgeſchnitten zu ſein. unge ſchweif⸗ ten die auf dieſen Zweck gerichteten Gedan⸗ ken, ſtillſinnend und muſternd, in der Bluts⸗ verwandtſchaft umher, ohne zu einer beſtimm⸗ ten Entſcheidung gelangen zu können, s nach einigen Zweifeln und Bedenklichkeiten, die Andreas in ſiegreicher Ueberredungskunſt ſämmtlich zu zerſtreuen und zu beſeitigen wußte, die Wahl endlich auf Sabinchen verfiel. Andreas triumphirte heimlich in ſei⸗ nem Herzen und tanzte bei der Ruͤckkehr nach ſeiner Werkſtätte vor Freuden auf einem Beine uinher, nachdem es ihm gelungen war, die Abneigung zu uͤberwältigen, mit welcher die Mutter bis dieſen Augenblick von ihren Miethsleuten, der unter ihnen zur Tagesord⸗ nung gewordenen ehelichen Zänkereien wegen, ſich ſtets in gemeſſener Entfernung zu hal⸗ ren und jeden nähern Umgang mit ihnen gefliſſentlichſt zu verweiden geſucht hatte.— Wapplers Ehefrau durchſchauete, indem ſie von dem Plan unterrichtet ward, mit einem einzigen Blicke die unverkennbaren Vortheile deſſelben; ſie hatte daher gegen den Antrag wenig oder nichts einzuwenden; Wappler ſelbſt wurde ohnehin bei Angelegenheiten die⸗ und Sabinchen folgte, als zur beſchloſſenen Verlegung ihrer Schlafſtelle thätige Anſtalt getroffen wurde, in freudigem Gehorſam und mit vorahnend ſüßem Herzklopfen dem Winke des Schickſals. Vermoͤge der Sopu und bneehnci⸗ durch deren. Beachtung ſich Sabinchen des in ſie geſetzten Vertrauens werth zu machen wußte, kam es ſehr bald dahin, daß das Veiſammenſein mit ihrer neuen Verſorgerin ſich nicht bloß auf die Nachtzeit erſtreckte, ſondern ununterbrochen auch bei Tage fortgeſetzt ward. In abwechſelndet Fur⸗ —— — 287— ſorge wußte ſie ſich, auf eine gleich liebreiche Weiſe, bald um die Wuͤnſche und Meinungen ihrer Gebieterin ſelbſt, bald um die Beduͤrf⸗ niſſe einer alten Gluckhenne verdient zu machen, die jene von einer, vor Jahresfriſt verſtorbenen, geliebte Schweſter ererbt und ſeitdem faſt immer in ihrer Rähe gehabt hatte. So konnte es nicht fehlen, daß die Wittwe von der fruͤher gehegten Meinung, der Apfel pflege nicht weit vom Stamme zu fa en⸗ auf's merklichſte zuruͤck kam, indem ſie in der beſcheidenen, ſittſamen Jungfrau mehr und mehr das voͤllige Gegenbild der zankſuͤchtigen Mutter zu erkennen und an ihrem Umgange ein immer herzlicheres Behagen zu finden an⸗ ſing. Mit ſtillem Vergnuͤgen bemerkte An⸗ dreas die gluͤcklichen Fortſchritte, mit welchen die Geliebte ſeines Herzens in der Gunſt der Alten ſich feſiſetzte, und innigſt uberzeugt, es werde aus dem neugeknuͤpften, befreundeten längſt erſehnten Gluckes froͤhlich empor bluͤhen, konnte er nicht umhin, mit gerührter Seele die Teufelserſcheinung im Zwinger zu ſegnen, da ja ſie es war, die zu Herbeifuͤhrung jenes traulichern Vernehmens den erſten Anlaß ge⸗ 6 hatte. Was bald darauf—— nungen noch⸗ weſentlichern Vorſchub 5. g vetſprach, war der wichtige Umſtand, daß Sabinchens Mutter am Sylbeſterabend, indem ſie eben mit der ganzen Fulle jähzor⸗ niger Erbitterung auf ihren Cheknecht einzu⸗ dringen im Begriff war, vom Schlagfluß ge⸗ troffen, plotzlich des Todes verblich. Wappler, der ſich ſcheu und furchtſam in eine dunkle Ecke gedrückt hatte, war anfäſlich, indem er die Ergrimmte zu Boden ſtuͤrzen ſah, der Meinung, daß nur das Uebermaaß von Wuth ihr für den geraubt * Verhäͤltniß auch für ihn die Blume eines 3 —— ——— *— — — 289— und ſie in einen todtenähnlichen Zuſtand ver⸗ ſetzt habe; er verhielt ſich daher einige Mi⸗ nuten lang ſtill und ruhig auf dem einge⸗ nommenen Poſten; ſobald er aber den wah⸗ ren Zuſammenhang der Sache zu bemerken anfing, kam er mit vorſichtigen Schritten aus ſeinem Schlupfwinkel hervor, nahm die verſtummte Zäͤnkerin in genauern Augenſchein und feierte, nachdem ihm über das ſchnell er⸗ folgte Abſterben derſelben kein Zweifel ubrig vlieb, mit einem tief aus der Bruſt hervor⸗ geholten Seufzer, das Feſt ſeiner Befreiung.— Die Entſeelte ward einige Tage darauf, und zwar auf Koſten der Hauswirthin, die ſich großmuͤthiger Weiſe und unaufgefordert zu Entrichtung derſelben erboten, anſtändig be⸗ erdigt. Mit Thränen aufrichtiger Wehmuth und Betruͤbniß folgte Sabinchen ihrem Sarge; auch auf Wapplers Geſicht glaubte man Spuren von Ruͤhrung zu leſen, ob⸗ IV. Bod. — 290— gleich ſich dieſelbe mit der allgemein gemach⸗ ten Bemerkung in einigem Widerſpruche be⸗ fand, daß er ſeit dem Sylveſterabend ur⸗ — um einen halben—— Die gutmuͤthige iſchlerwittwe fand jetzt, nachdem die Zunge, die durch Austheilung giftiger Stiche Alles von ſich zuruckgeſchreckt hätte, glůͤcklich zum Schweigen gebracht war, kein Bedenken mehr, die Wohlthaten, die ſie der Tochter zu Theil werden ließ, auch auf den Vater auszudehnen, da ſie wohl wußte, daß gerade er an den ſo häuſig ſtattgehabten, lärmvollen Auftvitten im Dachſtubchen ſelten vder niemals ſchüld geweſen, daß er vielmehr ſtets zu Kreuze gekrochen und überhaupt, trotz ſeinem Palluſch, die friebfertigſte Haut von der Welk war. Deshalb ward ihm von dem nt an, da durch das nn 3 Ableben der Ehefrau die Flamme des eigenen Heerdes erloſch: Speiſe und Aezung aus der gemeinſamen Hauskuͤche gereicht, wogegen er, in ſtiller Beruͤckſichtigung des auffallenden Abſtiches mit den fruͤher ihm zugeworfenen Vrocken, gern und freudig zur Verrichtung gewiſſer häuslicher Dienſtgeſchäfte ſich ver⸗ ſtand, deren Uebernahme man ihm zur Be⸗ dingung gemacht hatte. Auch ein Plätzchen am traulich lodernden Kaminfeuer ward ihm vergönnt, wenn er des Abends mit rother Naſenſpitze und ſteifgefrornen Fingern von der Wache nach Hauſe kam, ſich den Schnee von den Fuͤßen trampelte und luͤſtern nach der warmen Bierſuppe umherzuwittern an⸗ fing, mit welcher Sabinchens fromme Fuͤr⸗ ſorge ſein ſchmachtendes Herz zu erquicken ge⸗ wohnt war. Oft, wenn er ſo, im ſtillen, be⸗ haglichen Genuß der ihm gewaͤhrten Gottes⸗ gaben dem Kreiſe der Hausbewohner ſich an⸗ 6 ſchließend, ſi inen innern und äußern Men⸗ ſchen aufzuthauen begann, und er die ſchwer⸗ muͤthige Stimmung bemerkte, die, ſeit jenem ungluͤcklichen Vorfall im Zwinger, ſeiner ed⸗ len Wohlthäterin ſich bemeiſtert hatte und noch immer nicht wieder von ihr weichen wollte; oft fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, in reuevollein Bekenntniß der von ihm weruͤbten Schalksthat ihr uͤber den eigentli⸗ chen, natuͤrlichen Zuſammenhang der Umſtände einen gruͤndlich belehrenden Aufſchluß zu er⸗ theilen, und dadurch zur Wiederherſtellung ihrer Gemuͤthsruhe ſeine pflichtgemäße Bei⸗ ſteuer zu entrichten. Die Ungewißheit aber, ob ſie ihm, nachdem er gegen ſich ſelbſt als Anklaͤger aufgetreten ſei, die ihr verurſach⸗ ten ſchreckenvollen Angenblicke jemals werde verzeihen koͤnnen, verbunden mit der Vor⸗ ſtellung, daß es durch Abwenbung ihret Gunſt im Handumdrehen wieder um ſeine ganze — 293— zeitliche Gluckſeligkeit gethan ſei, ſchreckte ihn ſtets von Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens zuruͤck und hing mit feſſelnder Gewalt ihm ein bleiernes Gewicht an die Zunges zumal da auch Sabinchen, die denn doch, ſeiner Mei⸗ nung nach, bei einigem Rachdenken, recht gut von der wahren Beſchaffenheit der Sache un⸗ terrichtet ſein konnte, in ihrem atgloſen Thun und Treiben ſich niemals von der Rothwendigkeit eines lchen Geſtändniſſes etwas gegen ihn merken ließ. So rückte der Fruͤhling allmählig Feran, der die geſellſchaftlichen Abendunterhaltungen am Kaminlicht mehr und mehr abzukuͤrzen anfing, dem liebenden Pärchen aber die Ge⸗ währung der ſuͤßeſten Wuͤnſche zur reichlichen Entſchädigung darbieten zu wollen verſprach. Muthfaſſend und den Wink eines guͤnſtigen Augenblickes benutzend, hatte nämlich Andreas eines Abends der Mutter frei und unverholen — 294— ſeine, auf innigern Beſitz hinzielende Herzens⸗ neigung zu Sabinchen geſtanden, und in freu⸗ diger Ueberraſchung aus ihrem Munde ver⸗ nommen, daß ſeine Abſicht auf des Mädchens Hand ganz mit ihren eigenen, ſchon längſt im Stillen gehegten Gedanken und Geſin⸗ nungen übereinſtimme und ſie daher mit be⸗ reitwilliger Seele zu einer Verbindung dieſer Art ihren můtterlichen Segen zu ertheilen geſonnen ſei; daß ſie jedoch die ausdruͤckliche Erilirung ihres Entſchluſſes noch auf einige Zeit hinaus zu verſchieben wünſche, um nicht in den Augen der Welt ſich eines Verſtoßes gegen die hergebrachte Sitte ſchuldig zu machen, zufolge welcher Sabinchen noch mit Betraurung ihrer verſtorbenen Mutter be⸗ ſchäftigt ſei. Gern fuͤgte ſich Andreas, nach⸗ dem er die troſtreiche Beſtätigung ſeines Gluͤckes vernommen, in den ihm zur Bedin⸗ zung gemachten Aufſchub, gegen deſſen billi⸗ — — 295— gen Grund er nichts einzuwenden vermochte. Was war ihm viel um die Mitkunde frem⸗ der Menſchen zu thun, wenn er vorläufig nur ſein Sabinchen im Stillen von der Zu⸗ verläſſigkeit eines Glucks unterrichten konnte, das freundlich wie das Lächeln der Morgen⸗ roͤthe, ihren beiderſeitigen Wünſchen und Hoffnungen bevorſtand. Da ſtieg, indem ſie dem ielpuntt ihres ſtillverſchwiegenen Harrens mehr und mehr ſich näherten, vor den Augen der Liebenden ein Gewoͤlt am Himmel auf, welches ihre heitere Ausſicht in die Zukunft zwar nicht ganz zu verdunkeln im Stande war, doch aber ſchmälernd und ſtoͤrend auf das gute Verneh⸗ men einzuwirken drohte, das unter ſämmtli⸗ chen Bewohnern des Hauſes ſeit dem Syl⸗ veſterabend ununterbrochen ſtattgefunden hatte. Es begab ſich nämlich, daß die Lieblingshenne der Wittwe, zeither gewohnt, faſt täglich ein — 286— Ei in die Kuͤche zu liefern, in ihrem Eifer auf einmal zu ermuͤden und inne zu halten anfing, ohne daß man ein ſo plötzliches Un⸗ terlaſſen dieſer loͤblichen Gewohnheit ſich aus natürlichen Gruͤnden zu erklären vermocht hätte. War aber auch die Vermuthung eines hier im Spiele befindlichen Raubfrevels der erſte ſich aufdrängende Gedanke, ſo konnte doch der Verdacht wenigſtens auf keinen vier⸗ füßigen Eierdieb verfallen, da das Neſt gegen Anfälle dieſer Art auf's beſte beſchirmt und verwahrt, ſich im Innern der Hausflur befand; er verſiel daher auf einen zwei⸗ fuͤßigen, nämlich auf Wapplern, zumal da dieſer bei frühern Gelegenheiten ein paar⸗ mal geäußert, hatte, daß er friſch gelegte Hühnereier, roh ausgeſchlurft, unter die Lecker⸗ biſſen dieſes Lebens zu rechnen pflege. Ent⸗ ruͤſtet und empört uͤber ein Benehmen, das, ſchamlos fortgeſetzt, gerade ihre ſchwache Seite — 297— beruͤhrte, ward die Frau in dem gefaßten Argwohne noch mehr beſtarkt, als ſie eines Tages ihrem innern Aerger und Unmuth gegen den muthmaßlichen Entwender Luft machte, und dieſer, durch die ſpitzfuͤndige Weiſe, wo⸗ mit es geſchah, in Harniſch gebracht, ihr mit trotzig kurzgebundenem Ton erklärte, daß er ſein Lebenlang ſchon viele Huͤhner gekannt, die es noch ſchlimmer gemacht und gar keine Eier gelegt hatten. So ſingen die Gemuther allmäͤhlig gegen einander in eine Spannung zu gerathen an, die fuͤr Alle von den verdrieß⸗ lichſten Folgen zu ſein drohte; jede Gelegen⸗ heit, ſich eines auf der Zunge ſchwebenden Stichelwortes zu entledigen, wurde benutzt, und ſelbſt Sabinchen hatte manche Anzüglich⸗ keit zu erdulden, deren Anhoͤrung ihr Gefühl auf die nblihe Art und krän⸗ ken t n X — 295— Dais Uebel ward aber noch ärger, als eines vnhn auch ſogar die Henne ſelbſt ver⸗ ſchwunden, und, aller angeivandten Müuͤhe um Trotz, nirgends wiedet aufzufinden und zu er⸗ rufen wat. Zum Unglück befand ſich Wapp⸗ ler;, der bereits am Abend zuvor das Haus verlaſſen hatte, eben auf der Wache, von wannen er erſt des Rachmittags zuruͤck erwar⸗ tet wurde. Der mißtrauiſche Verdacht, der ſchon längſt auf ihm tuhte, gewann daher auch einen um ſo freiern Spielraum, Schluß auf Schluß zu ziehen, und hinter ſeinem Rücken ſich in Gedonken und Muthmaßungen zu etſchöpfen, die dem Abweſenden weder zur Ehre noch zum Vottheil geteichten. Trug er kein Bedenken, ſich in ſeiner Lüſternheit der friſchgelegten Eier Ju bemächtigen/ ſo war er auch fähig, die Henne ſelbſt zu greifen und heimlicher Weiſe zu verhandeln, um von dem daraus gelöſtten Blutgelde ſich und ſei⸗ * nen Saufbrudern auf der Wache gütlich zu thun! Dies waren die Anſichten, welche die von Schmerz und Unmuth erfuͤllte Hauswir⸗ thin nicht allein in ihrem Innern hegte, ſon⸗ dern mit ruͤckſichtloſer Freimuͤthigkeit auch laut und öffentlich ausſprach. Man kann daher leicht denken, daß der Empfang, der ihm bei ſeiner Nachhauſekunft zu Theil wurde, nicht eben geeignet war, der heitern Stim⸗ mung, in welche das Gefuͤhl einer abermals überſtandenen ſauern Dienſtnacht ihn verſetzt gehabt, ſonderliche Rahrung zu gewähren. Statt jedoch bei den Anklagen und Vorwuͤr⸗ fen, von welchen er überhauft wurde, nur eine einzige Sylbe zu ſeiner Vertheidigung vorzubringen, zog er, mit der Miene eines Menſchen, der mit toͤdtlich gekraͤnktem Ehr⸗ gefühl uͤber einen verzweifelten Entſchluß nachzugrubeln anfängt, die dickbuſchigen Au⸗ 3 [4 genbraunen zuſammen, und verfuͤgte ſtill⸗ ſchweigend ſich nach dem Hofplatze hinaus, wo man ihn bald darauf die Axt wetzen und Holz ſpalten hörte m Sein Verſtummen galt in den Augen det Wittwe für das unttüglichſte Zeichen ei⸗ nes ſchulbbefleckten Gewiſſens, auch ſogar Sa⸗ binchen, die ihn zeither noch immer in Schutz zu nehmen geſucht hatte, fing an, in ihrer guten Meinung irre zu werden und der Vor⸗ ſtellung Raum zu geben, daß er, in Betreff des ihm angeſchuldigten Vergehens, möglicher 3 Weiſe denn doch wohl nicht ſo ganz rein be⸗ funden werden dürfte. Gewaltſam drängte ſie daher Alles, was noch zu Gunſten des Vaters ihr auf den Lippen ſchwebte, in die bekummerte Bruſt zuruͤck und blickte ſtillwgi⸗ gend und tiefbetruͤbt auf ihre Näharbeit nie⸗ der, während die zürnende Alte, ſchmählend auf den Undank gegen empfangene Wohltha⸗. — 301— ten, mit heftigen Schritten in ber Stube hin und her ging, und Andreas, in fortgeſetz⸗ ter aber vergeblicher Anſtrengung, ſie zu be⸗ ſänftigen bemüht war. Deſto größer war die Verwunderung der Anweſenden, als Wappler, nach Verlauf einer halben Stunde, herein⸗ trut, eine ſchulgerechte Stellung annahm, ſich mit der flachen Hand ein paarmal über das Geſicht fuhr, und mit tiefer Vaßſtimme alſo zu reden anhub:„Hochwertheſte und guͤtigſte Frau Wirthin! Der alte Wappler hat weder die Eier ausgeſchluͤrft noch die Henne gegriffen und abgeſchlachtet! Alles hat ſich gluͤcklichſt wiedergefunden. Belieben Sie mir nur hinaus zu folgen, um ſich mit eigenen Augen von der Wahrheit meiner—— zu 8 n Man that ſogleich, was er verlangte. Wapp⸗ er fuͤhrte die Erſtaunten wie im Triumph nach dem im Hofe befindlichen Holzhaufen, — 302— raumte mit reger Geſchäftigkeit mehrere Klötze und Bretter an die Seite, und ſiehe da!— brütend ſaß die Gluckhenne auf ihren Eiern⸗ die ſie waͤhrend der letztverwichenen Zeit hier in die weiche, warme Pudelmütze gelegt hatte! Ein allgemeines Freudengeſchrei war die Loſung, mit welcher die wiedergefun⸗ dene,— jauchzend r driii in Ich habe gar e und zu verguͤten!“ ſagte die Wittwe, nachdem ſie von ihrer freudigen Beſtürzung zum Ge⸗ fuhl eines ruhigern Vergnuͤgens gelangt war. „An Eurer Tochter will ich, mit Beihuͤlfe meines Andreas, wieder gut machen, was ich an Euch, ehrlicher Wappler, verſchuldet habe⸗ Auf welche Weiſe ich dies zu bewerkſtelligen gedenke, ſollt Ihr ſchon heut, ſchon bieſen Augenblick drinnen beim Kaffee erfahren, der zu vieſer Feierlichkeit diesmal ganz klar und — 3603— lauter, ohne Zichorienzuſatz Euch werden ſoll!“ jnsnrd n nt Unverzuͤglich ward von Scbincens zmſi i⸗ ger Hand zur Bereitung des verheißenen Ge⸗ nuſſes Anſtalt getroffen. Mit begierigen Zügen ſtuͤrzte Wappler den Göttertrank in ſich hinein, und ſein Herz ſchwamm in einem Meer von doppelter Wonne, indem er zu gleicher Zeit von dem Gluͤck unterrichtet ward, das ſeiner Tochter durch die bewilligte eheliche Verbindung mit dem wackern, jungen Tiſch⸗ lermeiſter Andreas bevorſtehe. Mit den Au⸗ gen ging ihm auch der Mund uͤber. Freu⸗ dig eilte er jetzt, des bisher unterdruͤckten Ge⸗ ſtaͤndniſſes in umſtändlicher Schilderung ſeines fruͤher begangenen, von ſo wichtigen Folgen begleiteten Fehltrittes ſich zu entledigen, und nicht allein das Verſprechen fortwährender Verſchwiegenheit, ſondern auch voͤllige Ver⸗ zeihung ward ihm zu Theil. Gluͤckbringend — 304— ſtellte der auf einige Zeit geſtört und untet⸗ brochen geweſene, vertrauliche Ton und Um⸗ gang ſich wieder her, und noch lange diente, bei der kuͤnftigen Wiederkehr aͤhnlicher Ge⸗ legenheiten die weichwollige Pudelmuͤtze zu dem ehrenwerthen Zwecke, fuͤr welchen die brütende Gluckhenne in muͤtterlich zärtlicher Suſ ſe, ſiſſſ 3 14 15 1 9 10 11 12 1 6 17 18