deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 Mr 50 bf. 2 Mr Pf 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des anſen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage eſgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ „ Mleine Bomune und — Ersuh bungen von R Prätsel. M Mnd chen. — Teipʒig 1323. WC Winrichsſeche Buchhandlung. Kleine Romane und Erzahtungen 4 von Drittes Baͤndchen. Schwert und Elle. Eiſenknapp und Waldborn, Die väterliche Gewalt. Schwert und Elle. ————— „Die wilden Luſtbarkeiten des dreitägigen Quartalgelages ſauſen und brauſen dir noch im Kopfe herum, theures Maͤnnchen!“ rief Dorchen mit hoͤhniſcher Miene und ſpoͤtteln⸗ dem Ton, ols ihr üͤber den ſpitzen Reden und Anzuͤglichkeiten, mit welchen Himpe, nach eben erfolgter Ruͤcktehr zum altgewohnten Tagewerk, ſeiner Galle Luft machte, die Ge⸗ duld endlich ausging.„Schicke nach dem Barbier und laß dir die Kollerader oͤffnen. Wahrhaftig! das dicke ſchwarze Blut, das dir Sinn und Gehirn umnebelt, muß abge⸗ zapft und fortgeſchafft werden, eher iſt zum nothdürftigen Wiedergebrauch der geſunden Vernunft und zur Unterdruͤckung der eifer⸗ ſuͤchtigen Grillen bei durchaus keine Aus⸗ ſicht vorhanden!“ 1* ſchwarzes Blur? eiferſuchtige Grillen? Und Hand gab?— Nein, ich zucke wehmuͤthig mungen der Natur ſich entgegen, das Et⸗ habne unterlag dem Gemeinen und es ward blieben. Indeß der Koͤrper näht und biegelt, „Alle Millionen! Noch Spott obendtein?“ kreiſchte der Schneider, indem er, wie von einer Wespe geſtochen, hoch von ſeinem Sitz emporfuhr.„Die Kollerader oͤffnen? dickes das Alles ſo keck und vermeſſen mir ins Ge⸗ ſicht geſagt? Soll ich ein Pudelhund ſein, der furchtſam zu Kreuze kriecht, ſtatt die Zähne zu weiſen? Soll ich mit Schaafsge⸗ duld Markt halten, weil der Zufall mir ſtatt des Schlachtſchwertes die Nähnadel in die die Achſeln uͤber das, was ich bin, und fuͤhle mit Stolz, was ich ſein köͤnnte! Zur Sonne wollte der Adler empor, ein moͤrderiſches Blei folgte ihm nach und flu⸗ gellahm ſank er zur Erde zuruͤck. Feindſelige Lebensverhältniſſe ſtellten den hoͤhern Beſtim⸗ ein Schneider aus mir! Aber auch in dieſem Beruf iſt mein edleres Selbſt mir treu ge⸗ arbeitet der geſchaͤftige Geiſt in kuͤhnen Bil⸗ dern und Gedanken umher. So veredle ich mich ſelbſt unter dem druͤckendſten Zwange des rohen Tagewerks zu einem Weſen hoͤherer Art, gedenke der mir urſpruͤnglich angewieſe⸗ nen Wuͤrde und tauſche wenigſtens mit kei⸗ nem— Schloſſergeſellen!“. „Aha! du ſtichelſt auf meine alte Lieb⸗ ſchaft, den Jüterbocker!“ verſetzte Dorchen mit vieler Ruhe.„Alſo weißt du auch ſchon, daß er, nach ſechsjähriger Abweſenheit, ſich vorgeſtern hier im Städtchen wieder einge⸗ ſtellt hat, um Freunde und Bekannte zu be⸗ ſuchen, daß er mit Huͤlfe eines erhobenen ſtattlichen Lotteriegewinnes ſich in der Reſidenz häͤuslich niederzulaſſen gedenkt, daß er—“ „Daß er dich aufs neue zu kirren und zu locken gewußt hat, falſche verrätheriſche Crea⸗ tur!“ ſchrie der Entruͤſtete, ſprang vom Arbeitstiſch und ſtreckte mit wuͤchender Ge⸗ berde der Fragenden die knöcherne Fauſt ent⸗ gegen.„Ja, Alles weiß ich! Und jetzt be⸗ reite dich zur Büßung deiner Suͤndenſchuld! —— Die Rachegötter verlangen ihren Tribut! Ein ſchreckliches Gericht ſpl uͤber er⸗ gehen!“ „Lächerlicher Menſch!“ erwiederte jene mit Merkmalen des innigſten Bedauerns. „Ereifere dich nicht ohne Roth und Rutzen! Solche Geſichter und Grimaſſen bin ich laͤngſt an dir gewohnt. Sie erſchrecken mich eben ſo wenig, als ich deine Drohworte fuͤrchte! Uebrigens bin ich mir keiner unebnen Hand⸗ lung bewußt!“ „Wie? was? Du glaubſt durch kahles ſchnippiſches Leugnen mir Sand in die Au⸗ gen zu ſtreuen?“ fuhr der Schneider fort. „Der Schloſſer hätte dich geſtern alſo nicht, während ich mich beim Innungsſchmauſe be⸗ fand, heimlich nach dem Schießgraben ge⸗ fuͤhrt? Er hätte dich dort nicht mit Preß⸗ wurſt und Doppelbier bewirthet? Ihr haͤttet nicht vertraulich nebeneinander am Tiſch ge⸗ ſeſſen und euch unter fortwährendem Schäkern und Lachen der alten luſtigen Zeiten erinnert? Weib, geſchehe, was da will; ich vergreife mich an dir! Ich komme wie ein Wuͤrgen⸗ gel, zur abſchreckenden Warnung deines Ge⸗ lichters und zur Satisfaktion aller betrognen Ehemänner, mit Wetterflammen uͤber dein ſuͤndiges Haupt, wenn du nicht augenblicklich Alles, was geſtern hinter meinem Ruͤcken ge⸗ trieben und gefrevelt worden, haarklein be⸗ kennſt!“ „Ich wiederhole es aber und bleibe da⸗ bei!“ war die Antwort.„Ich habe nichts zu bekennen, was mir im mindeſten zur Un⸗ ehre gereichen koͤnnte!“ Himpe drehte ſich vor Wuth und In⸗ grimm wie beſeſſen auf dem Abſatz herum. „Hansfriedel! wirf den Bruſtlatz bei Seite!“ rief er dem Lehrburſchen zu.„Lauf und hole mir flugs den Lohgerber heruͤber! Jetzt ſoll die Sache ſich bald aufklären; bis zur him⸗ melſchreiendſten Deutlichkeit ſoll ſie ſich auf⸗ klären!“ Der Beauftragte ſchoß, zur Vollziehung des ergangenen Geheißes, wie ein Pfeil von dannen; ſchon vor der Stubenthur aber be⸗ gegnete ihm der Lohgerber, der ſo eben aus freiem Antriebe hier ſeinen— abzuſtat⸗ ten geſonnen war. „Sieh ba, ganz wie geufen!“ ſchrie Himpe dem Eintretenden entgegen.„Und jetzt, Gevatter, heget nicht Furcht noch Be⸗ denken, ſondern gebt der Wahrheit die Ehre und wiederholt, in Gegenwart meiner Frau, mit klaren verſtänblichen Wolten noch ein⸗ mal Alles, waß Ihr mir dieſen Motgen uber ihren geſtrigen ſaubern Ausftug und Ver⸗ kehr mit dem Schloſſergefelen berſtohtner⸗ wiſe in die Hiren Keräunt bibtt“ Nz atze ei,„Nuchbat!“ jener ver⸗ blufft und betroffen.„Heißt das die Be⸗ dingungen eines freundſchaftlichen Vertrauens ehren und erfüllen, daß Ihr, von Eurer leiden⸗ ſchaftlichen Hitzt fortgeriſſen, alsbald Lärm ſchlagt, jede billige Rückſicht aus den Augen ſetzt und von meinen geheimen Mittheilun⸗ gen gleich auf der Stelle einen ſo unuͤber⸗ legten, ſchlimmen Gebrauch macht? Ich werde ———— in Zukunft meine Zunge uſu vor Euch zu huͤten wiſſen!“ „Wie? Ihr hättet virtich fragte Dor⸗ chen den Ankömmling, indem ſie mit ſchar⸗ fen ſtechenden Blicken ihm näher trat,„mich auf ſo ehrenruͤhrige Weiſe zu verleumden und anzuſchwärzen gewagt? Darim alſo be⸗ ſteht Eure oft geruͤhmte Anhänglichkeit an un⸗ ſer Haus, daß Ihr die erſte beſte Gelegenheit vom Zaune brecht, um Zank und Hader zu ſtiften! Wißt Ihr denn aber auch, welcher Lohn Klatſchern und Zwiſchenträgern Euter Art gebuͤhrt? Ihr duͤrft darauf rechnen, daß man Euch fuͤr den bewieſenen Dienſteifer uͤber kurz oder lang mit allen ſchuldigen Ge⸗ gengefälligkeiten aufwarten wird!“ „Tragt keine Sorge, Gevatter!“ redete Himpe dazwiſchen.„Der Stich von giftiger giftig Zunge geht in ſeiner eigenen Ohnmacht zu 8 Grunde, und gegen andeérweitige Ungebuͤhr wird dieſer Arm Euch zu ſchützen wiſſen. Kein Haar auf Eurem Haupt ſoll Euch ge⸗ kruͤmmt werden. Erneuert alſo dreiſt und — 10— ohne Rückhalt die Ausſage vom heutigen Morgen, damit die Heuchlerin entlarvt und zum Eingeſtändniß ihres pflichtvergeſſenen Frevels gebracht werde!“ Der Lohgerber, dem es deutlich anzumer⸗ ken war, daß er ſeine Schwatzhaftigkeit von ganzem Herzen bereue und wieder gut zu machen wuͤnſche, rieb in peinlicher Verwir⸗ rung ſich mit beiden Händen den Schmeer⸗ bauch, trippelte zoͤgernd und unſchluͤſſig in der Stube umher und ſchien uͤber die Art und Weiſe, wie die feindliche Stellung, welche das gereizte Ehepaar gegen einander ange⸗ nommen, wieber ruͤckgangig zu machen ſei, mit ſich ſelbſt nicht einig werden zu können. „So mag ich wol mich in der Perſon ge⸗ irrt haben!“ hub er endlich, waͤhrend in ſei⸗ nen Mienen jedoch eine dieſer Angabe ganz entgegengeſetzte Ueberzeugung ſich ausdruͤckte, zu ſtottern an.„Die Dämmerung hatte be⸗ reits ziemlich uͤberhand genommen, als ich am Wirthöhauſe des Schießgrabens voruber ſpazierte und, durch das offne Fenſter hinein⸗ — — — 14— ſchauend, das hinter dem Tiſche zechende Pär⸗ chen bemerkte. Man hat nun einmal keine Luchsaugen im Kopfe! Man kann fehlſehen und fehlſchießen; zumal im Dunkeln! Es mag wohl Zinngießers Värbchen geweſen ſein; die will der Schloſſer ja ehelich heim⸗ fuͤhren, wie man munkeln hoͤrt!“ „Alle Hagel! Bleibt bei der Stange und macht mir keinen blauen Dunſt vor!“ fuhr der Schneider ihn an.„Schämt Ihr Euch nicht, daß Ihr vor hohlem Weibergeklaff Euch fürchtet? Ihr ſeid ſtark und fett wie ein Rieſe, die Stadtmauern koͤnntet Ihr einren⸗ nen; und ſteht da, wie ein Träumer voll Angſt und Zaghaftigkeit, als wäret Ihr in der Schlafmütze geboren und aufgewachſen! Zinngießers Bärbchen! Ei ja doch! Wenn ich geſtern um die Dämmerung nicht gerade ſelbſt mit ihr am Gartenzaune—“ Er unterbrach ſich gewaltſam, indem er bemerkte, daß er im Eifer des Gemüths un⸗ nütze, nicht zur Sache gehoͤrige Reden aus⸗ zuſtoßen im Begriff war. „Nun? Nur vollends mit der Sprache heraus!“ nahm Dorchen, die bei dem ver⸗ legnen Huſten und Räuspern ihres Mannes friſchen Muth gewann, aufs neue das Wort. „Alſo nicht im Schießgraben befand ſie ſich⸗ ſondern am Gartenzaun? So laß doch das Weitere vernehmen! Ich wette drauf, daß wir ſodann, ſtatt des fruchtloſen Scheltens und Keifens, uns keinen Augenblick beſinnen, die Rechnung gegenſeitig und Sbbers „Nein, bei den Hörnern des 3 Fölenfür⸗ ſten! So wohlfeilen Kaufes ſollſt du mir die meinigen nicht zuwege gebracht haben!“ ſchwur der Erbitterte, nachdem er ſich wieder ein wenig gefaßt hatte.„Fuͤr heute will ich dein ſchnoͤdes, trugvolles Angeſicht flichen und meiden eitig genug aber ſoll meine Rache in ihrer ganzen Stärke dich treffen und zu Voden ſchmettern!“— Er ging heftigen Schrittes ein paarmal auf und ab; dann fuhr er fort:„Wetze die große Scheere Hanöfriedel, und halte mir gegen die Racht hin das Biegeleiſen in gehoriger Hitze! Ich mache fuͤr jetzt hlauen Montag und geh u Biere!“ Bei dieſen Worten druͤckte er ſich die ductii⸗ tief uͤber beide Ohren, ſtieß den breiten Lohgerber, der ihm den Weg ver⸗ engte, barſch und wild an die Seite und ſtuͤrmte zur Thuͤr hinaus. Als er gegen Abend wieder in ſeine Woh⸗ nung trat, fuhr Hansfriedel mit einem gro⸗ ßen, eigenmächtig aus der Speiſekammer her⸗ beigeholten Stuͤck Schinken haſtig und jäh⸗ lings nach der Tiefe des Lappenkaſtens; von Dorchen aber war nirgends im eine zu entdecken. Der Lehrburſche berichtete ihm, daß ihr⸗ Entfernung bereits vor einer Stunde erfolgt ſei, und tief im Innerſten empoͤrt und er⸗ grimmt, machte Himpe, dem uͤber den Auf⸗ enthaltsort der Treuloſen kein Zweifel ubrig blieb, ſich ohne Zeitverluſt auf den Weg nach dem Schießgraben hinaus. Vor dem Ein⸗ gange des Wirthöhauſes hielt ein leichter, mit zer gekoſtet! Aber ſo wollte es das feindſelige Glanztuch uͤberſpannter Leiterwagen; in dem Gaſtzimmer aber, wohin der Eilfertige ſeinen Lauf zunächſt richtete, befand ſich, mit Aus⸗ nahme eines kleinen verwachſenen Kerles, der hinter einem mächtigen Bierkruge ſtill und einſam im Winkel ſaß, weiter kein lebendes Weſen. Schon war Himpe im Begriff, ſich wieder von dannen zu wenden und zum Be⸗ huf ſeiner Abſichten das umliegende Garten⸗ revier zu durchforſchen, als ein hochſt verdüch⸗ tiges Kichern, das plötzlich im Nebenſtuͤbchen ſich erhob, ſeine Aufmerkſamkeit rege machte. WMit peinvoller Behutſamkeit ſchlich er näher, legte das Ohr an das Schluſſelloch und rich⸗ tig!— Dorchens Stimme war es, die, vom rauhen Bierbaß des Schloſſers begleitet, ſich deutlich und unverkennbar vernehmen ließ. „Du magſt es mir nur glauben, Chriſtian!“ lautete das tröſtliche Bruchſtuck, welches dem Horcher von der gefuͤhrten Unterredung zu Theil wurde,„daß jener Schritt mir bis auf dieſe Stunde gar manchen ſchmerzlichen Seuf⸗ Geſchick, das damals uͤber unſerm Haupte zu walten angefangen. Der Vater beſtand auf ſeiner widerſpenſtigen Willensmeinung. Du gingſt, als jede Ausſicht zur Erfüllung unſter beiderſeitigen Wuͤnſche ſich verlor, trotzig in die weite Welt. Mir aber, als ich dich mit dem Felleiſen auf dem Ruͤcken unter unſern Fenſtern vorbei und zum Städtchen hinaus⸗ wandern ſah, verſank jede irdiſche Hoffnung in den tiefſten bodenloſeſten Abgrund; Alles war unwiderbringlich fuͤr mich dahin, und rein aus Desperation ich den Schneider!“ Himmel und Hölle! war zu arg! Mit kräftigem Fauſtſchlag ſprengte Himpe die Thuͤr, drang ein in das ſpaͤrlich erlench⸗ tete Gemach und ſtuͤrzte ſchäumend vor Wuth auf den Tiſch los, hinter welchem, ganz der Schilderung des Gevatters gemäß, das ko⸗ ſende Paͤrchen wieder beiſammen ſaß. Todten⸗ bläſſe uͤberzog bei dieſer unerfreulichen Ueber⸗ raſchung Dorchens Geſicht. Der Schloſſer aber, den die drohende Gefahr mehr zu er⸗ muthigen als zu ſchrecken ſchien, ſprang in ſchnellgeſammelter Geiſtesgegenwart von ſei⸗ nem Sitz auf, packte den Störer ſeines ſtill⸗ traulichen Gluͤckes bei den Schultern und ſtauchte mit Rieſenmacht ihn auf die nächſte Bank nieder, daß ihm Hoͤren und Sehen ver⸗ ging. Nach vollführtem Gewaltſtreich, den augenblicklichen guͤnſtigen Erfolg deſſelben be⸗ nutzend, ergriff er Dorchen am Arm und zog raſch und eilfertig nach dem Ausgange des Gebäudes ſie nit ſich fort. Als Himpe ſich von ſeiner Vetäubung erholte und zur 3 Verfolgung der Entwichenen Anſtalt treffen wollte, vermeldete ihm der Kleine, der mit Merkmalen des gleichgultigſten Gemuͤthsfrie⸗ dens noch immer im Gaſtzimmer verweilte, daß er die beiden Fluͤchtlinge in den vor der Thür befindlichen Wagen habe ſteigen ſehen, welcher darauf, ſeine Richtung nach der Wald⸗ ſeite nehmend, uͤber Stock und Stein wie im Fluge davon gerollt ſei. 3 „So macht Euch um die in mir gemiß⸗ tandelte Menſchheit verdient!“ aͤchzte der Er⸗ ſchrockne,„und folgt mir nach der Stabt zu⸗ ruͤck, um dort vor der hohen Obrigkeit die Greuelthaten bezeugen zu helfen, die ſo eben in Eurem Beiſein ſich hier zugetragen!“ „Nur zu!“ rief jener mit greller quiken⸗ der Stimme, that noch einen kräftigen Zug aus dem Bierkruge, und folgte ſodann dem haſtvoll Dahineilenden mit ſeltſamen Kreuz⸗ und Querſprüngen von fern nach. Der Stadtrichter, deſſen Behauſung das Ziel der eifervollen Wanderung war, machte dem Ungeſtumen ein ſehr verdrießliches Ge⸗ ſicht, weil er eben bei der Abendmahlzeit ſaß und durch dieſen ſpäten Zuſpruch ſich in ſei⸗ ner Lieblingsbeſchäftigung grauſam geſtoͤrt ſah. „Haͤtte es denn mit der Anforderung um die naͤhere gerichtliche Unterſuchung dieſer Angelegenheit nicht fuglich bis morgen fruͤh ſein Bewenden haben koͤnnen, ohne daß durch ſolchen Aufſchub im mindeſten etwas ver⸗ ſaͤumt worden wäre?“ fragte er finſter und unmuthig, nachdem der Schneider in moͤg⸗ lichſter Kuͤrze ihm das erlittene Ungluͤck zu I. Bb. 2 ſchildern und die Rothwendigkeit ſchnell zu —— ergreifender wirkſamer Maaßregeln ans zu legen geſucht hatte. „Geſtrenger Herr Stadtrichter, ich weiß nicht, wie Sie mir vorkommen!“ rief der Ungeduldige, höchſt betroffen über die ver⸗ nommene wunderliche Frage.„Hat meine Frau nicht fuͤr gut befunden, die Bewerk⸗ ſtelligung des mit ihrem argliſtigen Verfuͤhrer verabredeten ſchänblichen Planes bis morgen fruͤh zu verſchieben, ſo ſollt⸗ ich meinen, daß auch der Verſuch zur Vereitelung deſſelben nicht bis dahin zu verzogern, ſondern ſchnell und auf friſcher That zu veranſtalten ſei. Herr, Sie ſind Verwalter und Handhaber der Gerechtigkeit; Sie können und duͤrfen mir den Beiſtand der Geſetze nicht verweigern!“ „Wenn Er zudringlich und naſeweis wird, Meiſter Himpe, ſo ſoll Er der erſte ſein, an „dem ich ein Beiſpiel von Gerechtigkeit aus⸗ ube!“ drohte jener, indem das Ungewitter auf ſeiner Stirn ſich mehr und mehr dem voͤlligen Ausbruche zu nähern ſchien.„An —— wem liegt die Schuld, daß Er ſein Weib nicht beſſer zu huͤten gelernt hat? Und wer ſteht mir uberhaupt dafür, daß bei der ganzen Sache nicht auch Seinerſeits mancherlei Finten und Kniffe mit im Spiele begriffen ſind?“ Er hatte dieſe Bemerkung eben beendigt, als die Thür ſich oͤffnete, und der Kleine, dem es unmoglich geweſen, mit ſeinem Vor⸗ gaͤnger gleichen Schritt zu halten, keuchend und athemlos hereintrat.„Mit Gunſt, Herr Stuptrichter!“ fuhr Himpe zu ſprechen fort. „Da erſcheint einer, der Ihnen uͤber die Rich⸗ tigkeit meiner Ausſage ſogleich jeden fernern Zweifel benehmen wird. Er war zugegen und hat mit eignen Augen geſehen, wie der Schloſ⸗ ſer, nachdem ich den Ort der verliebten Zu⸗ ſammenkunft ausgekundſchaftet, mich uͤber⸗ wältigte, meine Vetäubung zu ſeinem Vor⸗ theil benutzte und mir meine Frau gewaltſam Sentführte. Die Wahrheit dieſer Thatſachen, Es mir geleiſteten Verſprechen gemäß, durch ein unparteiiſches Zeugniß zu beſtätigen, der Sweck Erſcheinens. 9 20— Er ſchwieg, um den Ankömmling zum Worte gelangen zu laſſen. Wie grenzenlos aber war ſeine Beſtuͤrzung, als dieſer mit großen glotzenden Augen ihn anſtarrte, den tief zwiſchen den Schultern ſitzenden dicken Kopf zu ſchuͤtteln und endlich in den be⸗ ſtimmteſten Ausdrüͤcken zu erklaͤren begann, daß er durchaus von nichts wiſſe, weder von einem Schloſſer und Schneider, noch von ei⸗ ner verliebten Zuſammenkunft und gewaltſa⸗ men Entführung⸗ ſondern lediglich, dem an die junge Mannſchaft der Umgegend ergan⸗ genen Befehl zufolge, zum Städtchen gekom⸗ men ſei, um bei der Rekrutenwahl, die mor⸗ gen auf dem Rathhauſe ſtattfinden ſolle, ſich mit unter das Maaß zu ſtellen. „Elender! keine Sylbe weiter, oder ich dreh' Euch in Gegenwart der hohen Obrigkeit das Genick um!“ fuhr Himpe, aller dem Ort ſchuldigen Ehrerbietung vergeſſend, auf den Zwerg los.„Ihr ſeid ein Hallunke, der mit dem Schloſſer unter einer Decke ſpielt, und abſichtlich, um ihn mit ſeiner Beute den „ S— ————— — gehörigen Vorſprung gewinnen zu laſſen, auf dem Wege hierher zögernd und zaudernd hin⸗ ter meinen Schritten zuruckblieb. Aber nicht umſonſt ſollt Ihr dieſen Schelmſtreich an mir veruͤbt haben! Leicht wird es ſein, Euch un⸗ ter Tauſenden zu erkennen und herauszugrei⸗ fen, um Euch das Botenlohn zu entrichten!“ „Bleibt mir vom Leibe, und klappert mir mit den langen duͤrren Fingern nicht ſo un⸗ anſtändig vor der Naſe herum!“ keifte der Kleine, indem er ſich ſtolz in die Bruſt warf. „Nichts weiß ich von Euren Liebesangelegen⸗ heiten, und keinen Fuß hab' ich heut in den Schießgraben geſetzt. Leicht aber kann es mein Bruder geweſen ſein, der ſich mit Brand⸗ ſalbe und Ratzengift in der Gegend umher⸗ treibt. Wir gleichen uns aufs Haar; nur daß ich in tieferm Ton rede und etwas ſchlan⸗ ker gewachſen bin!“ 5 Es ſchien dem Stadtrichter, nachdem er einige Minuten lang ſich an dem Zungen⸗ kampf ergötzt und geweidet, endlich Zeit, dem Auftritt ein Ende zu machen. Ruhig ver⸗ fügte er ſich nach der vordern Wand des Zim⸗ mers, zog die Klingei, und alsbald ſtellten zwei Gerichtödiener ſich ein.„Bringt ſie beide in ſichern Verwahrſam!“ rief er den Eintre⸗ tenden zu.„Dort moͤgen ſie, aber abgeſon⸗ dert von einander, ſitzen und warten, bis ich morgen Zeit und Muße ſinde, nach gehoͤriger Form und Ordnung ein genaueres Verhör mit ihnen anzuſtellen. Macht fort und ver⸗ richtet Euer Amt!“ Himpe ſtampfte mit den Füßen, knirſchte mit den Zähnen, berief ſich auf die Lauterkeit ſeines Vortrages und Geſuches, flehte um Freilaſſung ſeiner Perſon, drohte mit dem Unwillen der geſammten Bürgerſchaft— Al⸗ les umſonſt! Er unterlag der Uebergewalt und ſah ſich nach Verlauf einiger Augenblicke durch Riegel und Eiſenſtäbe nicht weniger an der Flucht als an der Verfolgung gehindert. Rur durch eine dünne Wand war er von ſei⸗ nem Mitgefangenen getrennt, und fort und fort gab der letztere, bald durch wildes gel⸗ lendes Gelächter, bald durch unmäßiges Hüpfen —————— und Springen zu erkennen, daß kein Kerker⸗ dunkel ſeiner guten Laune Abbruch zu thun im Stande ſei. Erſt gegen Mitternacht hoͤrte der Lärm auf, und Himpe, durch die viel⸗ fachen ſtarken Gemüthsbewegungen, die er im Lauf des Tages erfahren, bis auf den Tod erſchoͤpft und abgemattet, verfiel in ei⸗ nen zweifelhaft zwiſchen Schlaf und Wachen ſchwankenden Zuſtand, der ununterbrochen an⸗ hielt, bis der aufdämmernde Morgen durch das truͤbe Glas der Fenſterſcheiben mit ſieg⸗ reichem Schimmer hereindrang. Jetzt ſah er mit begieriger Ungeduld von Stunde zu Stunde ſeiner Befreiung aus der ſchmählichen Haft entgegen, in die er ſo ganz ohne alles Verſchulden gerathen war. Es ver⸗ ſtrich jedoch allmählig die groͤßere Hälfte des Tages, bevor er abgeholt und zum weitern Verfolg der geſtern abgebrochenen Verhand⸗ lung wieder vor den Stadtrichter geführt wurde. Dieſer eroͤffnete, nachdem er den Grollerfüllten auf ziemlich leutſelige Weiſe empfangen, das Geſpräch mit der Bemerkung, daß die gleichmäßige Herbeibeſcheidung des Mitbetheiligten leider nicht in ſeiner Macht ſtehe, indem derſelbe, auf eine dem Gefäng⸗ nißwärter unerklärliche Art, ſich im Lauf der Racht durch die Gitterſtabe des Fenſters hin⸗ durchzuzwängen und in Freiheit zu ſetzen ge⸗ wußt habe.„Es dient mir dieſer Umſtand⸗“ fügte er mit vieler Seelenruhe hinzu,„zum untruͤglichen Veweiſe, daß der größere Theil der Schuld auf dem Entwichenen haftet, und ich werde mithin keinen Augenblick Bedenken tragen, Ihm, mein lieber Meiſter Himpe, zur gewuͤnſchten Forderung ſeiner Angelegenheit allen erſinnlichen Vorſchub zu leiſten. Will Er meinem wohlgemeinten Rathe Gehör ge⸗ ben, ſo bekuͤmmert Er ſich mit keinem Ge⸗ danken weiter um die verlaufene Landſtrei⸗ cherin, ſondern ſagt voͤllig und fuͤr immer ſich von ihr los. Beſteht Er indeſſen auf dem thorichten Verlangen, ihrer wieder habhaft zu werden, nun, ſo ſoll auch hierzu Anſtalt ge⸗ troffen werden, und die Stadtdiener ſollen ſogleich aufſitzen, um die ſaubern Voͤgel nach allen Richtungen hin zu verfolgen. Alles auf Seine Koſten, verſteht ſich von ſelbſt!“ Ja, daß ich ein Rarr wäre und bei all' dem Jammer und Herzeleid mir nöch oben⸗ drein den Beutel von Gerichtswegen ſtäupen und pluͤndern ließe!“ verſetzte Himpe, dem vor Zorn und Aerger das Blut in den Adern kochte.„Haben Sie mir geſtern im Drange der Roth Ihre Huͤlfe und Unterſtutzung ver⸗ ſagt, ſo will ich nunmehr, wo es ohnehin auf einiges Zoͤgern und Säumen nicht weiter ankommt, ſchon von ſelbſt wiſſen, was mir bei der Sache zu thun uͤbrig bleibt. Weder um Ihren Rath, noch um die Mithuͤlfe der Stadtdiener bin ich länger verlegen; ob Sie aber Grund und Befugniß hatten, einen erb⸗ geſeſſenen Buͤrger unſchuldiger Weiſe in den Kerker werfen zu laſſen, daruͤber mag das Obergericht entſcheiden, an welches ich mich, unter ausfuͤhrlicher Mittheilung des ſtattge⸗ habten Vorfalles zu wenden geſonnen bin!“ „Er dauert mich in der Seele!“ erwie⸗ derte jener mit hoöhniſchem Lächeln.„Mich beim Obergericht verklagen! Gegen mich ei⸗ nen Prozeß beginnen! Vermeſſenheit ohne Gleichen! In den erſten acht Tagen muß Er barfuß zum Thor hinauslaufen! Wie jäm⸗ merlich müßte es um meinen Einfluß, um mein Anſehen beſtellt ſein, ware nicht ein ein⸗ ziges Wort hinreichend, einen Schneider in Grund und Boden hinabzuarbeiten! Laß Er alſo nur die hochmuͤthigen Gedanken fahren, wenn Ihm ſeine irdiſche Wohlfahrt einiger⸗ maßen am Herzen liegt!“ Bei dieſen Worten zog— die Schnupftobackstoſe aus der Taſche, nahm eine Priſe und wandte dem Erbitterten mit ver⸗ ächtlicher Geberde den Ruͤcken zu. Auf dem Heimwege begegnete Himpe meh⸗ rern Einwohnern des Städtchens, die, laut murrend uͤber die vom Stadtrichter an ihm verubte ſchnoͤde Willkuͤhr, durch Scheltworte und Schmähungen aller Art ihn nur noch mehr aufturegen und anzureizen bemuͤht wa⸗ ren. Er aber verſchloß, ſtatt in die vernom⸗ menen Ausbruͤche des allgemeinen Unwillens mit einzuſtimmen, den eignen Haß und Grimm tief in ſein Innerſtes, verweigerte es, den an ihn ergehenden neugierigen Fragen und Erkundigungen Rede zu ſtehen, und langte mit zerriſſenem Gefuͤhl endlich in ſeiner ein⸗ ſamen Wohnung an.. Hanöfriedel hatte waͤhrend der Abweſen⸗ heit ſeines Herrn und Meiſters nicht zum Beſten gewirthſchaftet. Was in Kuͤche und Speiſekammer an Mundvorrath vorhanden geweſen, hatte er nach und nach mit beiſpiel⸗ loſer Ausdauer und Betriebſamkeit zu ver⸗ arbeiten gewußt; und ſicher wuͤrde die Wahr⸗ nehmung ſeines Schaffens und Treibens nicht ohne die fuͤhlbarſten Folgen fuͤr ihn geblieben ſein, wäre es anders dem Heimkehrenden, bei der Beſchaffenheit ſeines innern Gemuͤthszu⸗ ſtandes, nur im mindeſten um Eſſen und Trinken zu thun geweſen. Ach, mit verdop⸗ peltem Gewicht fiel ihm die Buͤrde ſeines Mißgeſchickes aufs Herz, als er in die Wohn⸗ ſtube trat, wo jeder dem Auge ſich darſtel⸗ lende Gegenſtand ihn in ſprechender Lebhaf⸗ ſie wieder haben! Ich muß dem ruchloſen — tigkeit an ſein Dorchen, an das ſüße faſt ſechs Jahre hindurch an ihrer Seite genoſſene eheliche Gluͤck, an die Groöße und Unerſetz⸗ lichteit des erlittenen Verluſtes erinnerte. Unmoͤglich fiel es ihm, ſich zufrieden zu ge⸗ ben, oder auch nur zu einiger Ruhe und Faſ⸗ ſung zu gelangen. Mit raſtloſer Pein und Beweglichkeit durchirrte er ſämmtliche Ge⸗ maͤcher des Hauſes, befand ſich bald im Kel⸗ ler, bald auf dem Oberboden, und ließ keinen Winkel undurchſucht, als ſchmeichle er ſich mit der Vermuthung, daß die Vermißte nur ein ſcherzhaftes Spiel mit ihm getrieben und aus leichtfertiger Reckerei, wie es in den Flitterwochen ihres Eheſtandes wohl je zu⸗ weileu der Fall geweſen, ſich irgendwo ver⸗ ſteckt habe. Als indeß unter dieſen eben ſo thorichten als fruchtloſen Bemuͤhungen der Abend endlich hereinzubrechen begann, ſteigerte ſich die Seelenqual des Geängſtigten allmäh⸗ lig bis zur hochſten Verzweiflung.„Rein, ich muß ihr nach!“ rief er aus.„Ich muß 6 Verfuͤhrer ſeine Beute entreißen, und ver⸗ moͤchte ich es auch nur durch einen Leben und Tod!“ Geſagt, gethan! Er machte ſich unge⸗ ſaͤumt auf den Weg, ergriff im blinden Eifer, ſtatt des Spazierſtockes, die im Winkel ſte⸗ hende Schneiderelle, verließ ſeine Wohnung und trabte mit Schritten zum Städt⸗ chen hinaus. Freundlichen Glanzes beleuchtete der Voll⸗ mond die Wieſen und Felder, durch welche der Eilfertige ſeinen Lauf nahm; aber auch in der dichten, ſich weithin verbreitenden Wal⸗ dung, nach welcher der Weg einbog, herrſchte ein mildes Daͤmmerlicht, zufolge deſſen der Blick alle umher befindliche Gegenſtände mit ziemlicher Genauigkeit zu erkennen und zu unterſcheiden im Stande war. Ungefähr eine Stunde machte ſeit dem Antritt der nächtlichen Wanderung verfloſſen ſein, als Himpe ſeitwärts zwiſchen dem Ge⸗ büſch einen offnen freien Platz erblickte, in r ite mit einem mäßigen Huͤgel verſehen, 5 auf welchem mit dem Anſcheine harmloſer Ruhe ein menſchenähnliches Weſen ſaß. Jener ſtutzte und unterbrach befremdet und neugie⸗ rig ſeinen Lauf. Kaum den eignen Angen wollte er trauen, als er, bei ſchärferer Unter⸗ ſuchung, in jener Geſtalt den nämlichen Zwerg erkannte, der geſtern mit ſo tuckiſcher Schaden⸗ freude ihn genärrt und gefoppt hatte. Bei der ſichern Ueberzeugung aber, daß hier kein Irrthum und Sinnenbetrug obwalte, war ihm auch die Galle ſchon uͤbergetreten, und nach Rache durſtete ſeine Seele. Mit der Wuth und Heftigkeit eines auf ſeine Beute losſtuͤrzenden Raubthieres durchdrang er das engverwachſene hemmende Geſträuch.„Ha, Schurke, treff' ich dich wieder?“ ſchrie er dem Ausrufenden zu.„Jetzt ſollſt du mir nicht, entwiſchen, bevor du fuͤr die Bubenſtreiche, die du mir geſtern geſpielt, erſt den gebuͤh⸗ renden Lohn empfangen, und zwar mit der Brabanter Elle gemeſſen!“ „Ei, ei!“ rief der Angefallene, indem er ſich langſam von feinem Sitz erhob.„Ihr alſo ſeid der Schneider, von dem mir meine beiden Brüder, die Erzſchelme, ſo viel när? riſches Zeug erzählt haben! Es freut mich unendlich, hier in der ſchoͤnen mondhellen Nacht ſo unvermuthet Eure perfönliche Be⸗ kanntſchaft zu machen!“ „Beſiehl deine ſchwarze Seele der Bune des Himmels!“ bruͤllte Himpe und begann furchtbar die Waffe zu ſchwingen.„Ich dreſche dich zu Brei! Dein Freveln hat ein Ende!“ Als der Kleine bemerkte, daß auf gutli⸗ chem Wege hier wenig auszurichten ſei, ruͤ⸗ ſtete er ſich zur Gegenwehr. Der erſte Griff, den er mit ſeinem unfoͤrmlich langen Arme nach dem Schneider that, entwand dieſem die ſchlagfertige Waffe; es erfolgte ein zweiter nach dem Kragen des Gegners, und im Ru ſturzte Himpe der Länge nach nieder, das Geſicht gegen den Boden gekehrt. Höchſt auf⸗ fallend war es jetzt, daß der kleine Unhold, obwohl er unbarmherzig und unermuͤdlich mit der eroberten Elle auf den Ruͤcken des Ueber⸗ wundenen tosſchlug, in der dabei gehaltenen „ Rede fortwährend die groͤßte Ruhe und Freund⸗ lichteit kund gab.„Glaubt mir, liebwerthe⸗ ſter Freund!“ waren ſeine Worte,„s iſt die reinſte innigſte Zuneigung, die mein Herz gegen Euch empfindet! Ihr aber ſcheint in unbegreiflicher Verblendung und Verſtocktheit mich zu verkennen, und das betrubt meine Seele bis in den Tod. Rehmt liebevollere Geſinnungen gegen mich an, und bald werdet Ihr die ſegensreichen Folgen meines wohlwol⸗ lenden Eifers erfahren! Wohl ſtellt Ihr den ruhmlichen Beweis, daß auch in dem Gehirn eines Schneiders große Gedanken und Ent⸗ würfe ſich zu entwickeln vermoͤgens wohl hat ein mißguͤnſtiges Geſchick uͤber Eurer Jugend gewaltet, und der Ausbildung Eurer geiſtigen Anlagen und Fähigkeiten eine verkehrte Rich⸗ tung gegeben; wohl ſeid ihr von der Natur zu höhern Dingen beſtimmt. Aber noch iſt nicht Alles verloren! Ermuthigt die in Eurem Vuſen ſchlummernde Thatkraft; erhebt Euer beſſeres Selbſt aus dem Staube des Gemei⸗ nen, verbindet mit dem Aufſchauen nach den glänzendern Gütern des Lebens ein ernſtliches Trachten nach ihrem Beſitz, und rechnet ſo⸗ dann mit unbedingtem Vertrauen auf die Mithuͤlfe Eures ſtets bereitwilligen treuen Freundes Ambroſius!— Und ſomit, Ver⸗ ehrteſter, haͤtt' ich Euch denn feierlich zum Ritter geſchlagen!“— Er ertheilte dem Gezichtigten hierauf, gleichſam zur Reſumption des gehaltenen Vor⸗ trages, noch einige merklich verſtärkte Kern⸗ hiebe, warf alsdann die Elle von ſich und verlor ſich langſamen und feierlichen Schrit⸗ tes nach der Tiefe des Waldes. Es währte geraume Zeit, bevor Himpe ſich von der ausgeſtandenen Mißhandlung zu erholen, vom Boden emporzukommen und wieder eine aufrechte Stellung anzunehmen vermögend war. Die Glieder waren ihm wie zerſchmettert, die Vruſt beengt und be⸗ klommen, und tief athmend ſchnappte er nach Luft. Trotz des martervollen Zuſtandes aber, in welchem er ſich während der an ihm ver⸗ uͤbten Gewaltthätigkeit befunden, war ihm von III. Bd. 2 3 — 4— dem Inhalte des mit ihr einen ſo grellen Widerſpruch bildenden Zurufes keine Sylbe vntgangenz ja es wollte ihn ſogar beduͤnken, daß er, während der mit ihm unternommenen Feierlichkeit, noch mehrere im Kteiſe herum⸗ ſtehende und ſeinem Peiniger an Form und Geſtalt ganz aͤhnliche Knirpſe bemerkt habe. Das erſte, was nach wiedererlangtem freien Gebrauch ſeiner Gliedmaaßen ihm inſtinktartig am Herzen lag, war die Aufſu⸗ chung ſeiner Elle, und ſiehe da! ſie lag, in ein kurzes blinkendes Schwert verwandelt, zu ſeinen Fußen! Das Erſtaunen, das bei dieſer Wahrnehmung ſich ſeiner bemächtigte, ſollte jedoch einen noch hoͤhern Grad erreichen; denn Faum hatte er ſchauend und bewundernd die glänzende Waffe in die Hand genommen, als er urplötzlich alle Triebe und Neigungen ſeines innerſten Weſens auf die ſeltſamſte Weiſe verändert und umgeſtaltet fühlte. Richt im entfernteſten erſchien ihm die Entfuͤhrung ſeines Weibes, wie es noch vor Kurzem der Fall geweſen, mehr als ein Ungluͤck, deſſen Ertragung uͤber ſeine Kraft hinausreiche; in der kalthluͤtigſten Gelaſſenheit gedachte er des von der Treuloſen ihm geſpielten Betruges, mit einer matten Farbe trat ihr Bild in den Hintergrund ſeines Herzens zuruͤck, und ſtatt ſich mit dem Entwurf zur trotzigen Wieder⸗ gewinnung ihres Veſitzes noch weiter zu be⸗ ſchäftigen, war es jetzt auf einmal ſein un⸗ wandelbarer ſtolzer Entſchluß, ihr bei der neugetroffenen Wahl nicht das geringſte Hin⸗ derniß in den Weg zu legen, ſondern ſie gänz⸗ lich dem Schickſal zu überlaſſen, dem ſie durch Vollziehung jenes unerwarteten Schrittes das Wohl und Wehe ihrer kuͤnftigen Tage an⸗ heim geſtellt habe. Richts von dieſer gleich⸗ guͤltigen Ruhe war dagegen dem Gefuͤhl zu Theil geworden, das beim Gedanken an das liebloſe Betragen des Stadtrichters ſein Inner⸗ ſtes ergriff. Nur noch wilder und heftiger vielmehr, indem er ſich die von ihm erlittenen Beleidigungen in das Gedächtniß zurückrief, entbrannte ſein Zorn und Unwille gegen den uebermüthigen, der ſich eine ſo 3 — allen menſchlichen und goͤttlichen Geſetzen hohnſprechende Behandlungsweiſe gegen ihn erlaubt hatte. Rache! blutige Rache! tönte es aus jedem Winkel ſeines Gemuͤthes, und zur Befriedigung dieſer in ihm vorherrſchenden, alle andere Regungen verſchlingenden Be⸗ gierde die naͤchſte ſich darbietende Gelegenheit zu ergreifen, war der Vorſatz, mit welchem er zur Ruͤcktehr nach dem Städtchen ſich auf den Weg machte. nt Unter den Verfuͤgungen, deren Bekannt⸗ machung wan wegen der in der Gegend herr⸗ ſchenden Kriegsunruhen fur nöthig erachtet hatte, nahm das Geheiß, daß Niemand, der nicht durch die Obliegenheiten ſeines Standes dazu befugt ſei, Wehr und Waffen irgend einer Art bei ſich tragen ſolle, den erſten Platz ein. An dieſen Umſtand aber dachte Himpe nicht eher, als bis er mit dem bereits grauen⸗ den Morgen ſich dem Thor des Städtchens näherte und die daſelbſt aufgepflanzten Stan⸗ darten und Hellebarden in das Geſicht bekam. Raſch knöpfte er bei dieſem Anblick das Schwert, — 3— das er bis jetzt in freier Fauſt gehalten, un⸗ ter den Rock, und meinte nun als harmloſer Jußgänger unbemerkt und unbeachtet das In⸗ nere des Städtchens zu erreichen. Kaum aber war er unter dem Schwibbogen des Thores angelangt, als ploͤtzlich ein von der Schild⸗ wache ausgeſtoßenes donnerndes: Halt da! ihm ſtill zu ſtehen gebot. Zufällig warf Himpe, als der gebieteriſche Zuruf an ihn erging, eben einen Blick durch das Fenſter der an⸗ grenzenden Wachtſtube, und Todesfroſt durch⸗ vieſelte ihm die Glieder, als er in einer drin⸗ nen hinter dem Tiſche ſitzenden Mißgeſtalt, wit welcher das umher verſammelte Kriegs⸗ volk ſeinen Spott und Scherz trieb, den Zwerg zu erkennen glaubte. Eine ſchreckliche Vermuthung ſtieg in ihm auf; ihr weiter nachzuhaͤngen ward ihm jedoch keine Zeit ge⸗ laſſen, denn ſchon ſtand mit finſtrer forſchen⸗ der Miene der wachthabende S vor da. „Kerl, Er ſchneidet verzweifelt ingſlliche gninſent⸗ lautete die Anrede.„Aus Sei⸗ nem ganzen Weſen und Anſehen geht hervor, daß Er kein gutes Gewiſſen hat. Richtig! Was traͤgt Er da unter dem Rock n „Gnade und Barmherzigkeit!“ ächzte der Ungluͤckliche, indem er auf die Knien ſturzte und mit angſtvoll gerungenen Händen um Schonung ſeines Lebens zu flehen begann. Aber im nämlichen Augenblick hatte jener bereits, während der entſtandene Lärm meh⸗ rere Reugierige aus der Wachtſtube herbei⸗ lockte, Hand an den Verzweifelnden gelegt und gewaltſam ſich des——— ſtandes bemeiſtert. „Hol mich! Richts als eine iljn⸗ Schnei⸗ derelle!“ rief er, in ſeinen Erwartungen auf das ſchmählichſte getaͤuſcht, mit Verwunde⸗ rung aus.„Alſo nichts weiter, als das? Und daruber erhebt Er ein Geheul und Gewin⸗ ſel, als ob Er, mit dem Strick um⸗ die Gur⸗ gel, ſchon auf den lichten hellen Galgen los⸗ ſteuerte!“ 3 m Es erhob ſich unter den Umſtehenden ein unbändiges Geläͤchter, in welches mit hohlem pfeifenden Ton ſich einzumiſchen, auch eine dem Schneider gar wohl bekannte Stimme nicht unterließ, obwohl der zwiſchen dem Hau⸗ fen verſteckte Inhaber derſelben ſeinen Augen verborgen hlieb. Er gewann aber dadurch zugleich Zeit, ſich einigermaßen zu ſammeln und die Faſſung zu gewinnen, deren er zur völligen Beſeitigung des auf ihn i Verdachtes eben beduͤrftig war. „Ich dachte— ich meinte,“ begann er mit dem angenommenen Scheine der fort⸗ dauernden Aengſtlichkeit zu ſtammeln,„von wegen der meſſingnen Stifte und Knoͤpfe, mit welchen die Elle hin und wieder beſpickt 404 „Dummtopf! was Er ſich vohyl einbil⸗ det!“ entgegnete jener.„Solche Waffen brechen weder Ihm noch andern Leuten den Hals, und Er mag meinetwegen ganze La⸗ dungen davon zum Thor hereinbringen. Uebri⸗ gens rathe ich Ihm, in Zukunft, wenn Er hier vorubergeht, nicht geheimnißvolle Geſich⸗ tet zu ſchneiden und ſich zu ſtellen, als ob — 40— wunder was bei Ihm zu ſinden ſei; ſonſt ſoll Ihm drin auf der Pritſche für Seine Dick⸗ thuerei der gebührende Dentzettel zu Theil werden!“ 2 Rit dieſem Beſcheid warf er die meinte Elle ins Geſicht und begab ſich von dannen. Wer war froher als Himpel! Rur die umſtehenden Soldaten hatten während der Verhandlung unter dem Thor eine Schneider⸗ elle, er dagegen fort und fort ein Schwert, ein ſcharfes blitzendes Schwert vor ſich ge⸗ ſehen.„Dank dir, edler Ambroſius!“ ſprach er begeiſtert, während er ämſigen Schrittes den ſichern Zufluchtsort zu erveichen ſtrebte. „Dank dir, und wenn du mich auch mit haſt auslachen helfen! Eine Zauberwaffe alſo, nur von mir geſchaut und gekannt, und aller Vermuthung nach auch nur in meinen Haͤnden dienſtbar und wirkſam!“ Unter die⸗ ſem Selbſtgeſpräch trat er in die Thuͤr ſeiner Wohnung, und es fielen die kleinen Probe⸗ verſuche, die er gleich auf dem Vorplatze mit dem Geſchenk des Zwerges anzuſtellen, ſich nicht verſagen konnte, fämmtlich zu ſeiner größten Zufriedenheit aus. Er fuhr mit der Spitze des Schwertes ſich leicht und leiſe am Zeigefinger herab— es floß Blut; er führte einen mäßigen Hieb gegen das Treppengelän⸗ der— Splitter und Späne flogen umherz er that einen fluͤchtig zuckenden Stoß nach dem Kleiderſchranke, und das getroffene Vrett war durchbohrt.„Nun noch einen andern Verſuch!“ fluͤſterte er und ſtuͤrmte nach der Wohnſtube hinein. 1425 Hansfriedel lag, in ſuͤßen gun ver⸗ ſunken, auf der Ofenbank; das Geräuſch, wo⸗ mit das Eintreffen des Schneiders verbunden war, vevſcheuchte jedoch ſogleich den Schlaf von ſeinen Augen, und ermuntert richtete er ſich von ſeiner Lagerſtätte empor.„Ei Potz⸗ blix! die hab⸗ ich ſchon an allen Ecken und Kanten geſucht!“ rief er, auf das über ſei⸗ nem Haupt geſchwungene Schwert hindeutend, mit vieler Lebhaftigkeit aus.„Die ganze Nacht hindurch hat mir die Zeterelle im Kopf gelegen und mich um alle Ruhe gebracht. — 42— 3 Eben deshalb habe ich pih das Verſäumte ein wenig nachzuholen verſucht. Ihr ſeid doch nicht ungehalten daruͤber?“ 2 „Rein, Zuckerjunge! laß dich umarmen!“ ſchrie Himpe, der vor Freuden, daß die ſo verhängnißvolle Täuſchung ſich ſogar bis auf ſeinen Lehrburſchen erſtrecke, ein paar Augen⸗ plicke lang aller ſeiner Wuͤrde vergaß und wie unſinnig in der Stube m anfing. „Armer Neiſer! ſp Euch das Un⸗ gluck und Herzeleid doch nur aus dem Ge⸗ daͤchtniß zu ſchlagen, eh' der letzte Reſt von Vernunft noch vollends bei Euch verſprudelt und uͤberſchnappt!“ wimmerte Hanöfriedel⸗ fuhr mit betruͤbter Seele in die Pantoffeln und ſchlich nach dem Arbeitstiſche. Jener aber wußte beſſer, wie es um den Zuſtand ſeines Innern beſchaffen war. Gräme dich nur! dachte er bei ſich ſelbſt. Zeitig ge⸗ nug ſoll dir ein andrer Glaube in den Sinn tommen; denn nun und nimmermehr wird blos zum Zeitvertreibe der hochherzige Am⸗ „ — 43— broſtus mich zum Ritter geſchlagen und eine ſo koſtbare Waffe mir verliehen haben! Vollen⸗ den wird er, was er angefangen, mir zur zweckmäßigen Anwendung ſeines Geſchenkes, wenn erſt die Stunde gekommen iſt, Anlaß und Gelegenheit verſchaffen, mir das Wie⸗ dervergeltungsrecht an dem Stadtrichter aus⸗ uͤben helfen, und endlich durch die Erhebung auf einen, meinen innern Anlagen und Wuͤn⸗ ſchen angemeßnern Standpunkt mir einen noch entſcheidendern Beweis ſeines Wohlwol⸗ lens und geheimnißvollen Einfluſſes zu Theil werden laſſen! In Folge des zweifelhaft p Keicqgtites, war die umliegende Gegend zu der Zeit, da Himpe dieſe abenteuerlichen Begegniſſe erfuhr, eben mit feindlichem Volk beſetzt. Schon nach Verlauf einiger Tage aber zog ſich daſſelbe, auf erhaltene Rachricht von einer heranruͤckenden Heeresmacht, an de⸗ ren Spitze der Landesfurſt ſelbſt ſich befinde, plotzlich um mehrere Meilen von dem Städt⸗ chen zuruͤck, und nur einzelne, auf Kundſchaft 5 —— umhetziehende Streifparteien ließen noch dann und wann im Vereich des aufgegebnen Stand⸗ quartiers ſich erblicken. Endlich traf der Vor⸗ trupp jenes Heeres in der Nähe des Städtchens ein, und von dieſem Augenblick an ſchien Alles auf eine———— e hinzudeuten. etns Reue Zweifel und Bedenklichkeiten. nn in dem Buſen des Schneiders Wurzel zu faſſen angefangen. Von dem Thatendrange getrieben, für deſſen Befriedi⸗ gung innerhalb der engen Vehauſung wenig zu hoffen ſtand, pflegte Himpe um die Abend⸗ zeit das Freie zu ſuchen unb ein paar Stun⸗ den lang einſam in den Gaſſen ſeines Wohn⸗ ortes umherzuirren; in der geheimen Abſicht nämlich, dem Zwerge zu begegnen und von ihm zu erfahren, auf welche Weiſe er aus dieſer trägen Ruhe, die ihm mehr und mehr zur Laſt werde, zu einem thätigern Lebens⸗ beruf gelangen und namentlich den Verpflich⸗ tungen Genüge leiſten konne, auf welche der Peſitz des ihm verliehenen Schwertes fort — und fort mit ſo ernſter Mahnung hinzuwei⸗ ſen ſcheine. Freilich war der Zweck der von ihm unternommenen Wanderungen nicht ganz verfehlt geblieben, denn mehrmals hatte er den Aufgeſuchten zu Geſicht bekommenz ſtets aber geſchah dies unter Verhältniſſen und Mmſtaͤnden, welche ihn alles, zu Bewerkſtelli⸗ gung ſeines Vorhabens erforderlichen Muthes beraubten. Gerade die Wohnung ſeines Tod⸗ feindes, des Stadtrichters, war es, aus wel⸗ cher, vom Hausherrn höflich an die Thuͤr begleitet, der Zwerg hervortrat, dexr ſodann mit Merkmalen ängſtlicher Vorſicht und Scheue an den Häuſern entlang ſich von dannenſchlich, ſeine Richtung jedesmal nach demjenigen Thore des Städtchens einſchlagend, durch welches fruͤherhin die verdrängte feindliche Veſatzung ihren Abzug genommen hatte. Vergebens zerbrach Himpe ſich den Kopf, um uͤber den Zuſammenhang ſo höchſt unbegreiflicher That⸗ ſachen Licht und Aufſchluß zu gewinnen! We⸗ der die Veranlaſſung zu dem traulichen Um⸗ Lange, deſſen Ambroſius, ſeines unanſehn⸗ lichen bettelhaften Aufzuges ungeachtet, allem Augenſcheine nach vom Stadtrichter gewürdigt wurde, noch den eigentlichen Gegenſtand des von beiden gemeinſchaftlich betriebenen Ge⸗ ſchäͤftes wurde er jemals durch eignes Nach⸗ denken ſich zu enträthſeln vermocht haben, wäre nicht endlich ihm durch fremde Mithuͤlfe die ſehnlich gewuͤnſchte Belehrung und Auf⸗ klärung uͤber dieſe— zu geworden. 1 Der Betrachtung ſeines Sciaſuts haͤngend, ſaß er einſt ſpaͤt am Abend, waͤhrend draußen ein heftiges Schneegeſtober herrſchte, einſam bei der Oellampe, als er dicht neben ſeinem Sitz an der Außenwand des Hauſes ein leiſes aber anhaltendes Klopfen vernahm. Reugierig oͤffnete er den Fenſterladen, und ein freudiges Erſtaunen überfiel ihn, indem er, beim Schimmer des nah am Fenſter bren⸗ nenden Lichtes, das Antlitz und die Geſtalt ſeines Gonners Ambroſius erkannte. „Ihr ſeid mir,“ flüſterte dieſer mit faſt ſchuchterner Miene dem Aufhorchenden zu,“ — als ein Mann von ſehr gefälliger Gemuͤths⸗ art geruͤhmt worden. Wäret Ihr wohl ge⸗ neigt, mir, gegen Zuſicherung aller billigen Erkenntlichkeit, einen Dienſt, einen höchſt wich⸗ tigen Dienſt zu erweiſen?“ „O welche Frage!“ zuͤrnte der Schneider. „Wie in Laller Welt könnt Ihr nur einen Augenblick daran zweifeln, daß ich fuͤr jede nur erſinnliche Dienſtleiſtung Euch unbedingt zu Gebot ſtehe, Euch, dem ich ſo S viel zu verdanken habe!“ So will ich denn im ſichern Snenin auf Eure Klugheit und Verſchwiegenheit Euch ohne alle Umſchweife ſogleich mit meinem An⸗ liegen bekannt machen!“ fuhr jener fort, ohne vie letzten Worte des Bereitwilligen ſonderlich zu beachten.„Der Herr Stadtrichter unter⸗ haͤlt geheime Verbindungen mit den Feinden des Lundes; meiner geringen Perſon hat er zu dieſem Behuf ſich ſoit einiger Zeit als eines vertrauten Boten und Zwiſchenhaͤndlers bebient, und getreu und redlich bin ich bis zu dieſem Augenblick beeifert geweſen, durch gewiſſenhafte Beſorgung aller Aufträge dieſer Art die in mich geſetzte gute Meinung zu recht⸗ fertigen. Heut aber iſt eine ſolche Wan⸗ derung für mich durchaus ein Ding der Un⸗ möglichkeit. Der Wind hat den Schnee zu Bergen angehäuft und aufgethuͤrmt. Gleich vor dem Thor wuͤrde ich ſtecken bleiben und jämmerlich umkommen⸗ Richts hätte ich dann davon, als höchſtens den leidigen Ruhm, in meinem Berufe geſtorben zu ſein. Deshalb finde ich mich in die Nothwendigkeit verſetzt⸗ mir, obwohl ohne Vorwiſſen meines Befehli⸗ gers, einen Stellvertreter zu ſuchen, der mit dem Gefühl menſchenfreundlichen Dienſteifers zugleich den Beſitz langer Beine verbindet. Wolltet Ihr alſo wohl zur geheimen Ueber⸗ bringung dieſer ſehr wichtigen Euch erbötig ſinden laſſen?“ Er zog nach Beendigung dieſes ein verſiegeltes Packet aus dem Buſen, und reichte es mit einem freundlichgrinſenden Lächeln dem Erſtaunten zum Fenſter hinein. „Wie? der Stabtrichter in hochverräthe⸗ — riſchem Einverſtändniß mit dem Feinde? Und Ihr tragt mir auf, hier dieſe—— doch nein! Jetzt verſteh' ich Euch ſchon! O tretet näher, edelmüthiger Freund! Verſchmäht es nicht, mein trauiiches warmes Stübchen durch Euren Beſuch zu verherrlichen, damit ich, Eures freundlichen Zuſpruches gewurdigt, mich zu⸗ gleich in den Stand geſetzt finde, Euch fur dieſes neue Merkmal wohlwollender Huld mei⸗ nen Dank, meinen gekührteſten Dank zu Füßen legen zu koͤnnen.“ „Was ſchwaßzt und faſelt Ihr da ein⸗ fältiges abgeſchmacktes Zeug?“ rief der Kleine wild und unwirſch.„Ich kenne Euch kaum von Anſehen, und nichts, gar nichts habt Iht mir zu verdankenz vielmehr ſteht Ihr im Begriff, Euch auf meine Dienſterkennt⸗ lichkeit Anſpruch zu erwerben. Wohl moglich aber, daß Ihr, durch die obwaltende außer⸗ ordentliche Aehnlichteit getäuſcht, mich mit einem meiner Bruͤder verwechſelt!“ „Ach, laßt es gut ſein, und glaubt nur nicht, mich durch ein ſolches Vorgeben länger III. Bd. 4 irre zu leiten!“ wandte der Schneider dage⸗ gen ein.„Die unbegränzte Ehrfurcht, die ich gegen Euch hege, hat einen zu ſcharfen Blick, um in Eurer Perſon ſich zu täuſchen. O Ambroſius! welche Empfindungen bewegen meine Bruſt, indem ich Euch, meinen groß⸗ muͤthigen Wohlthäter, bei dieſer gräßlichen Witterung ſo ärmlich in dem abgetragenen luftigen Röcklein muß einherſchteiten ſehen! O entſchlagt Euch Eurer eigenſinnigen Muk⸗ ken, ſchenkt meiner Bitte ein geneigtes Ge⸗ hoͤr und tretet herein; denn mein Herz blutet, und meine Seele ſchmachtet, Euch Maaß zu nehmen zu einem neuen Anzuge!“ „Ich aber mag und will nun einmal von Eurem Irrthum keinen ſo gewiſſenloſen Ge⸗ brauch machen!“ war die Antwort. Ihr wißt jetzt, was Ihr zu thun habt! Richtet die Sache nach Eurem Gutduͤnken aus und mich laßt mit Euern zaͤrtlichen Benennungen und Liebkoſungen nur ganz ungeſchoren!“— Bei dieſen Worten trat er vom Fenſter zuruͤck, ſchuͤttelte ſich den Schnee von den Schultern ———————— — 51— und trabte, dem Blick des Rachſpähenden entſchwindend, durch das Dunkel der Re auf und davon.. „Welch eine töſliche, unbezahlbare Ent⸗ deckung!“ jauchzte der Schneider, nachdem er das Fenſter wieder verſchloſſen und die Aufſchrift des ihm ubergebenen, an den feind⸗ lichen Befehlshaber gerichteten Papieres in etwas genauern Augenſchein genommen hatte. „Ha, jetzt hat dein Stuͤndlein geſchlagen, du hochmuͤthiger Frevler! Meiner Gewalt iſt dein Schickſal üͤberantwortet. Es koſtet mir einen einzigen Gang, einen einzigen Griff in die Laſche, und du biſt vernichtet!“ Wie angelegentlich er aber auch im erſten Augenblich ſich dem Gedanken dahingab, ſei⸗ ner Rachbegierde freien Lauf zu laſſen und ihr den vollſtändigſten Triumph uͤber den Stadtrichter zu verſchaffen; er konnte es, als er die Sache erſt ruhiger und kälter zu uber⸗ legen anfing, doch nicht uͤber das Herz brin⸗ gen, ihn ganz zu verderben. Deshalb faßte er den ſchonenden Entſchluß, erſt eine geheime — Warnung an ihn ergehen und eben dadurch ihm zur Flucht Zeit gewinnen zu laſſen, be⸗ vor er von der ihm gewordenen Mitwiſſe⸗ ſchaft einer ſo ſchelmiſchen Verbindung den Gebrauch mache, den, abgeſehen von jeder perſönlichen Ruͤckſicht, ſchon Pflicht und Ge⸗ wiſſen ihm vorſchrieben. Dieſem Vorhaben gemaͤß begab er ſich nicht eher zu Ausliefe⸗ rung der Briefſchaften auf den Weg, als bis er wußte, daß der verſtohlne Wink uͤber die gefaͤhrliche Lage der Dinge zur Kunde des Stadtrichters gelangt war. Himpe ward, als er gegen Mittag den Aufenthaltsort des befreundeten Feldherrn er⸗ reicht hatte, von dieſem mit ſo ehrenvoller Auszeichnung und Guͤte empfangen, wie es von der Wichtigkeit ſeiner Mittheilungen und ſeines dem Staate dadurch geleiſteten Dien⸗ ſtes nur immer zu erwarten ſtand. Nach Ex⸗ oͤffnung und Durchſicht des vom Stadtrichter eigenhaͤndig abgefaßten, mit den hinterliſtig⸗ ſten Nachrichten, Schilderungen und Rath⸗ ſchläͤgen angefullten Schreibens, das der Schnei⸗ ecedehe der von einem ihm unbekannten Manne, der des gefährlichen Botenamtes ſatt und muͤde geweſen, bei nächtlicher Weile erhalten zu haben vorgab, wurden ſogleich und in aller Stille Maaßregeln getroffen, des Verräthers habhaft zö werden. Als jedoch die zu ſeiner Verhaftnehmung und Abfüͤhrung nach dem Hauptquartier beauftragte Mannſchaft im Städtchen anlangte, fand es ſich, daß er, mit Zuruͤcklaſſung faſt aller ſeiner Habſeligkeiten, bereits auf Rettung ſeiner Perſon bedacht geweſen und ſpurlos aus ſeiner Wohnung verſchwunden war. Der Drang der Zeitverhältniſſe machte die ſchnelle Wiederbeſetzung des Amtes, wel⸗ ches er bekleidete, zur unumgaͤnglichen Noth⸗ wendigkeit; ſtutt der ſonſt bei Gelegenheiten dieſer Art üblichen langſamen und bedächti⸗ gen Wahl, entſchied fuͤr diesmal ein kurzer Machtſpruch, und noch des nämlichen Tages ward Meiſter Himpe, indem man weniger ſeine Fäbigkeiten zur Verwaltung eines ſol⸗ chen Berufes, als den ihm die abgelegte Probe ſeiner patriotiſchen Geſin⸗ nungen eine anſtändige Belohnung angedei⸗ hen zu laſſen, berückſichtigte, zum Rachfolger des Entwichenen feierlichſt ernannt. Welchen Eindruck dieſe plötzliche und hochſt unerwartete Standederhöhung des Schneiders auf die Ge⸗ müther ſeiner Mitbuͤrger hervorbrachte, kann man leicht denken; noch weit auffallender aber war es, daß Himpe nicht allein in die außerliche Behauptung ſeiner neuen Wuͤrde, ſondern auch in die mit derſelben verbunde⸗ nen Verpflichtungen und Geſchäfte ſich mit einer ſo ſpielenden Leichtigkeit zu finden ver⸗ ſtund, als ob er zum Stadtrichter geboren und erzogen ſei. Selbſt der Umſtand, daß man ihn in Stunden der Ruhe und Erho⸗ lung häufig die Schneiderelle in der Hand halten, und ſinnend und gruͤbelnd hin und her bewegen ſah, konnte nur dazu dienen, die Achtung der Ortsbewohner gegen ihn zu erhöhen und zu verſtärken, indem man in die⸗ ſer vermeintlichen Rückerinnerung an ſeinen vormaligen Stand eine abſichtliche Selbſter⸗ — munterung zur Demuth und Beſcheidenheit zu erkennen glaubte, zweier Tugenden, von welchen in dem Weſen und Benehmen ſeines Vorgaͤngers nicht die entfernteſte Sput an⸗ zutreffen geweſen war.— Es hatte ſich, nachdem der Feind an meh⸗ rern Punkten gluͤcklich aufs Haupt geſchlagen worden war, der Kriegsſchauplatz weiter und weiter aus der Gegend entfernt. Das Städt⸗ chen, von Feind und Freund auf nur unmerk⸗ lich verſchiedene Weiſe gepreßt und ausgeſo⸗ gen, begann allmaͤhlig von den erlittenen Drangſalen ſich einigermaßen zu erholen, und mit einem Gemiſch von Zweifel und Weh⸗ muth betrachtete Himpe das Schwert, das, ſeiner eigentlichen Beſtimmung ſo gaͤnzlich verluſtig, im Hintergrunde des Wohngemachs als unnützer Zierrath muͤßig an der Wand hing. Da ward er einſt ſpät in der Nacht durch ein wildes Getummel und Getoͤſe, das vor der Thur des Hauſes ſich erhob, aus dem Schlaf geweckt. Erſchrocken ſprang er auf und eilte hinaus. Mehrere Reuter, in lange weiße Mäntel gehuͤllt, fielen ihm in die Augen. „Ihr gehört, dem Anſcheine nach, zu den Unſrigen!“ rief der Betroffene⸗„Von wan⸗ nen des Weges, und was bringt Ihr?“ „Schlimine Botſchaft, Herr Stadtrichter!“ antwortete einer der Männer.„Wir haben eine große Schlacht verloren und auf allge⸗ meiner Flucht befindet ſich unſer Hrer. Viel⸗ leicht ſchon des nächſtfolgenden Tages wird ein Theil des zuruͤckweichenden Kriegsvolkes hier eintreffen. Tragt demnach Sorge, daß es ſogleich bei ſeiner Ankunft alle nöthige Lebensmittel und ſonſtige Bedürfniſſe vor⸗ finde. Uns aber vebſtattet eine kurze Raſt und Erquickung in Eurem Hauſe, damit wir zu Fortſetzug des weiten beſchwerlichen Rit⸗ tes wieder neue Kraft ſammeln!“ „Herr im Himmel! welch ein entſetzlicher Umtauſch der Dinge!“ begann Himpe zu ſtöhnen, während die Ankömmlinge, ohne feine ausdruͤckliche Zuſtimmung in ihr Begehr abzuwarten, ſich aus dem Sattel ſchwangen —— und mit ſchweren klirrenden Schritten dem Vorangehenden nach dem Innern des Wohn⸗ zimmers nachfolgten. Erſt hier bemerkte die⸗ ſer mitten unter den hohen kraͤftigen Geſtal⸗ ten das greulich abſtechende Widerſpiel der⸗ ſelben, den Zwerg Ambroſtus, und wußte bei ſeinem Anblick vor Beſtuͤrzung ſich kaum zu faſſen. Einer der Kriegsmaͤnner aber, der den freimuͤthigen Eintritt des kleinen Gefähr⸗ ten entſchuldigen zu müſſen glaubte, nahm das Wort und ſagtet„Vergönnet ihm im⸗ mer Theil zu nehmen an der Bewirthung, die Ihr uns zugedacht habt! Er bedarf, ſei⸗ nes elenden Körpers wegen, der Erholung noch weit mehr als wir, obwohl er bis jetzt gar kräftig und herzhaft mit uns ausgehalten hat. Der ehrliche Kerl, der mit allen Paͤſſen und Richtwegen bekannt iſt, wie der abge⸗ feimteſte Schleichhändler, hat ſich uns zum Führer angeboten, und noch haben wir keine Urſache gehabt, uns einen Tauglichern an ſeine Stelle zu wuͤnſchen!“ „Ja, das kann ich denken 6 glauben!“ entgegnete Himpe mit halblauter Stimme, und wuͤrde vielleicht noch ein Meh⸗ reres hinzugeſetzt haben, wenn nicht ein zor⸗ nigdrohender Blick, den der Zwerg ihm zu⸗ warf, ihn ſchnell wieder zum Schweigen ge⸗ bracht hätte. Es wurde jetzt durch die Dienſtboten des Hauſes zur Labung der unerwarteten ſpäten Gäſte herbeigetragen, was Kuͤche und Keller eben an Speiſe und Trank zu liefern ver⸗ mochten. Während die Kriegsleute aber am Tiſche Platz nahmen, um bei dem lockenden Mahl ſich guͤtlich zu thun, verfuͤgte Himpe, einem verſtohlnen Winke des Zwerges Folge leiſtend, ſich in Begleitung deſſelben nach dem Seitengemach. „Mit Gunſt, Herr Stadtrichter!“ begann der Kleine, ſobald ſich beide ohne Zeugen befanden.„Ich hielt es, als in der Ver⸗ wirrung des Kampfes Alles drunter und drü⸗ ber ging, fuͤr thöricht und ſundlich, die Haͤnde muͤßig in den Schooß zu legen. Greife zu und nimm, wo du was ſinden und kriegen kannſt! ſprach ich im tobenden Gewühl und Getummel zu mir ſelbſt, und ſo hab⸗ ich denn gluͤcklich mir auch ein Stuͤck von der Beute zu erhaſchen gewußt. Ich furchte jedoch, des gemachten Fundes, wenn ich ihn länger mit mir herumtrage, durch irgend einen tückiſchen Zufall wieder verluſtig zu werden, und es er⸗ geht demnach an Euch meine ganz gehorſame und vertrauensvolle Bitte, mir ſelbigen freund⸗ lichſt in Eure Verwahrung zu nehmen, bis mir die Ruͤckkehr zum ruhigern Lebensgenuß es verſtattet, ihn gelegentlich wieder abzu⸗ fordern. Es waͤre doch Schade, wenn er in unrechte Hände geriethe; denn ſeht nur ſelbſt!“ Bei dieſen Worten brachte er ein koſtba⸗ res Kleinod zum Vorſchein, beſtehend in dem Bruſtbilde eines alten ehrwürdigen Ritters, an einer ſtarken goldnen Kette hangend und rings um mit blitzenden Edelſteinen beſetzt. „Ach, Ihr bringt mich noch um, durch das Uebermaaß Eures Wohlwollens, wenn Ihr nicht bald die Decke luftet und mir die — 65— räthſelhafte Großmuth erklaͤrt, mit welcher Ihr mich Unwuͤrdigen überhäuft!“ rief der Verwirrte.„Ich mag Euer Ohr nicht mit neuen fruchtloſen Bitten und Beſtuͤrmungen beläſtigen, Ambroſius! Aber wäre mir nicht aus der Erfahrung bekannt, daß weder menſch⸗ liche Macht und Gewalt etwas uber Euch auszurichten, noch Schloſſer und Gitterſtäbe den Lauf Eurer Fuße zu hemmen vermögen, ſo wuͤßte ich ſchon, was ich zu thun hätte! Ich verrammelte augenblicklich die Thuͤr, und nicht eher kämet Ihr mir vom Fleck, bis Ihr, durch mein inſtändiges Flehen er⸗ weicht, dem Verlangen eines von Ehrfurcht und Dankbarkeit uberſtröͤmenden enblich gefugt haͤttet!“ „Ambroſius?“ vevſetzte jener mit dem An⸗ ſchein bittrer Empfindlichkeit.„Run, ſo heißt allerdings der eine von uns Bruͤdern, und es mag wohl ſein, daß er Euch fruͤher einmal in den Wurf gekommen und in irgend einer Angelegenheit gefaͤllig geweſen iſt. Uebrigens finde ich es ſehr vorwitzig und unſchicklich, — 60— daß Ihr ſogleich ohne alle Umſtände mich der widerrechtlichen Aneignung fremden Verdien⸗ ſtes fuͤr fähig haltet!“ O ihr Goͤtter!“ ſeufzte Himpe mit Merk⸗ malen der tiefſten Zerknirſchung und Weh⸗ muth.„Wie ſoll ich mich denn benehmen, um weder den Schein der Zudringlichkeit noch des Undanks auf mich zu laden? Was ſoll ich denn thun und was ſoll ich laſſen?“ „Eure Zunge in Zukunft beſſer im Zaum halten, damit ſie nicht voreilige und anzug⸗ liche Reden zu Markt bringe!“ herrſchte der Kleine ihm zu und ſchritt, indem er ſich in eine kriegeriſche Haltung verſetzte, trotzig wieder von dannen. Das Kleinod aber, das, ſchon der blos oberflächlichen Schätzung nach, den Werth einer ganzen Grafſchaft zu uͤber⸗ wiegen ſchien blieb in den Händen des er⸗ ſchrockenen und erſtaunten Hausherrn zuruͤck. Als er in zitternder Eilfertigkeit es an die Seite geſchafft hatte und ſich wieder zur Geſellſchaft begab, ſaß der Zwerg mit ſicht⸗ barem Wohlbehagen zwiſchen ſeinen bärtigen „ Genoſſen und ſchluckte die ihm uͤberlaſſenen Reſte der Mahlzeit gierig in ſich hinein; ſtellte ſich aber dabei, obwohl er den Necke⸗ reien, mit welchen er von allen Seiten uͤber⸗ haͤuft wurde, fortwährend mit der munter⸗ ſten Laune begegnete, ſo fremd gegen den Hauswirth, als ob er mit dieſem niemals irgend etwas Beſondres zu thun und zu ſchaffen gehabt hätte. Auch bei dem bald nachher erfolgenden Wiederaufbruch wuͤrdigte er den Stadtrichter, der verlegen umherſchlich, und ihm ſogern noch ein Fläſchchen edlen Firneweines zu ſeinem Privatgebrauch heim⸗ lich zugeſteckt hätte, keines weitern Blickes, ſondern warf ſich, ohne Abſchied zu nehmen, auf das Roß, und im Ru hatte Himpe das im geſtreckten Galopp davon eilende Reiter⸗ geſchwader aus dem Geſicht verloren. Schon mit der Frühe des nächſtfolgenden Morgens begann in Erfuͤllung zu gehen, was durch die Ausſage der naͤchtlichen Vorboten ihm angekuͤndigt worden war. Durch die er⸗ littene Niederlage betaubt und entmuthigt, S den Ausdruck des Schreckens und der Ver⸗ zweiflung auf den bleichen Geſichtern und zum Theil in dem bemitleidenswertheſten Auf⸗ zuge, langten buntdurcheinander gemiſchte Fluͤchtlinge von allen Waffengattungen in der Nähe des Städtchens an. Eine Heeresmaſſe drängte die andre, muhſam fortgeſchafftes Ge⸗ paͤck und Geſchutz beengten den Weg, und in den eifrigen, auf perſoͤnliche Sicherſtellung hinſtrebenden Bemuͤhungen des Einzelnen ging die Ordnung des Ganzen zu Grunde. Den ganzen Tag hindurch währte das raſtloſe Lär⸗ men und Toben in den Straßen, die wilde Zuͤgelloſigkeit der bewaffneten Schaaren, die ihrer Wuth und Erbitterung freien Lauf lie⸗ ßen, und das Geſchrei der Gemißhandelten, die den unaufhoͤrlich an ſie ergehenden For⸗ derungen und Beſtuͤrmungen, da die von allen Seiten zuſammengetriebenen Mundvorräthe ſchnell erſchoͤpft waren, nicht länger Genuͤge zu leiſten vermochten. Endlich gegen Abend hoͤr⸗ ten die Durchzuge nach und nach auf, und es erfolgte jetzt eine Stille, die den geängſtig⸗ — 61— ten Einwohnern des Städtchens zwar eine turze Erholung von den ausgeſtandenen Schreck⸗ niſſen vergoͤnnte, zu ihrer volligen Beruhi⸗ gung aber nicht eben geeignet war, da ſie mit der zuverläſſigſten Gewißheit den baldi⸗ gen Ausbruch eines neuen nur noch grauſen⸗ vollern Ungewitters erwarten und befuͤrchten ließ. Auch erfuhr man bald, daß der ſieg⸗ hafte Feind nur durch einzelne Reiterabthei⸗ lungen, welche, den Ruͤckmarſch der Ihrigen deckend, noch kuͤhn und entſchloſſen ihm die Spitze boten, verhindert werde, ſchnellere Fortſchritte zu machen und dem ſen Heer auf dem Fuße zu folgen. Kaum hatte die Racht ihr tieferes Dun⸗ kel zu verbreiten begonnen, als durch ein heftiges Schießen das unaufhaltbare Vorrut⸗ ken des FJeindes und die Annäherung der un⸗ ter Furcht und Zittern erwarteten Gefahr ſich kund gab. Bis zu dieſem Augenblick hatte Himpe, unter der Laſt der auf ſeinen Schul⸗ tern ruhenden Geſchafte, keine Zeit finden koͤnnen, das Bedenkliche ſeiner Lage genauer — 53— zu erwägen und der Stimme derjenigen Ge⸗ hoͤr zu leihen, die mit warnendem Wink ihn auf das Schickſal aufmerkſam zu machen ſuch⸗ ten, das, den obwaltenden Verhältniſſen zu⸗ folge, gerade ihm, bei der feindlichen Wie⸗ derbeſitznahme des Städtchens, vor allen An⸗ dern bevorſtand. Jetzt aber, da er, die ihm gemachten Vorſtellungen reiflicher uͤberlegend, in ſeinem längern Verweilen nur ſein un⸗ vermeidliches Verderben ſah, beſchloß er, dem ihm drohenden Looſe zuvorzukommen und auf ſeine Rettung bedacht zu ſein. In dieſer Abſicht entzog er ſich ſtill und unvermerkt dem Rreiſe der ihn umringenden, wohlmeinenden Rathgeber, nahm das Schwert von der Wand und das vom Zwerg ihm anvertraute Kleinod aus der Truhe, verließ ſeine Wohnung und wanderte mit hurtigen Schritten zum Thor hinaus. Um mit der werthvollen und glän⸗ zenden Koſtbarkeit, die er bei ſich fuͤhrte, nicht raubluſtigen Rachzüglern in die Hände zu fallen, verließ er, ſobald er ſich im Freien befand, die Heerſtraße und ſchlug, bevor er III. Bd. uͤber das eigentliche Ziel ſeiner Flucht noch mit ſich ſelbſt zu Rathe gegangen, den erſten abwaͤrts fuͤhrenden Nebenweg ein. Als er bereits eine ziemliche Strecke fortgewandert war, machte das Geknarr eines langſam vor ihm herfahrenden Wagens ſeine Aufmerkſam⸗ keit rege. Er vermuthete Fluͤchtlinge aus dem Städtchen auf demſelben, und beſchloß, in der Hoffnung eine bereitwillige Aufnahme zu finden, ſich dieſer Gelegenheit auch zu ſeinem eignen ſchnellen Weiterkommen zu bedienen, da er von den verdrußvollen Anſtrengungen des verwichenen Tages ungemein ermuͤdet, und überdies des Fußreiſens ſeit geraumer Zeit nicht mehr gewohnt war. Deshalb ver⸗ doppelte er ſeine Schritte, erreichte das Fuhr⸗ werk und gab mit lautem Zuruf, während, der ringsverbreiteten undurchdringlichen Fin⸗ ſterniß wegen, die Blicke nicht das Geringſte zu unterſcheiden vermochten, ſeinen Wunſch und ſein Anliegen zu erkennen. Der Kutſcher hielt ſogleich ſtill, ließ zur Gewährung des vernommenen Geſuches ſich willig finden und — . deutete dem Harrenden an, daß er nur ge⸗ troſt einſteigen und Platz nehmen möge. Es geſchah dies mit einer Stimme, welche den nächtlichen Wanderer nicht einen Augenblick lang im Sweifel ließ, daß er es abermals un⸗ erwarteter Weiſe mit Niemand anders, als mit dem Zwerge zu thun habe. Er war indeſſen mit abentheuerlichen Auftritten und Begegniſſen dieſer Art bereits zu vertraut geworden, um über die gemachte Entdeckung in ſonderliches Erſtaunen zu gerathen, gab ſich daher den Anſchein volliger Unbefangenheit und Argloſigkeit, arbeitete tappend nach der am Wagen befindlichen Oeffnung ſich hin, und ſtieg ein. Der innre durch eine dichte Bogendecke gegen den Andrang der kuͤhlen Nachtluft ſorgfältig geſchutzte Raum war leer, ein weicher bequemer Sitz, der mit freundli⸗ chem Vorbedacht ausſchließlich fuͤr ihn berei⸗ tet ſchien, nahm den Ermuͤdeten auf, und raſch wie im Fluge ging die e von dannen. Während nach Verluf einiger Zit eine 5* ſandige Anhoͤhe, uͤber welche der Weg fuͤhrte, dem Wagenlenker ein etwas gemäßigteres Be⸗ treiben ſeines Berufes auferlegte, nahm die⸗ ſer, das bisher ſtattgehabte tiefe Stillſchwei⸗ gen unterbrechend, von neuem das Wort und ſagte:„Wohl gar der Herr Stadtrichter, den ich hier ſo bei Nacht und Rebel fortzuſchaffen die Ehre habe?“ „Ihr fragt noch lange?“ wiſe Himpe, indem er aus ſeinen duͤſtern Gedanken und Träumereien ſich ermunterte.„Ja, wer bin ich anders, als der ungluͤckliche Stadtrichter, der, ſeiner Gewaltmacht beraubt, von ſeiner Höhe herabgeſtuͤrzt, von Haus und Hof ver⸗ trieben und auf ſchmaͤhlicher Flucht begriffen, hier in ſeiner Ohnmacht und Huͤlfsloſigkeit von dem Unbeſtand Alles irdiſchen Gluͤckes einen ſo ſprechenden Beweis abgiebt! Ließe die Dunkelheit es zu; Ihr wuͤrdet deutlich und zwar in großer Frakturſchrift auf meiner Stirn die Worte leſen: So vergeht die Herr⸗ lichkeit der Welt ſammt ihren Luͤſten und Begierden!“ hie — 69— „Freilich, freilich!“ erwiederte jener mit beißendem faſt ſchadenfrohem Nachdruck.„Aßer ſchaut nur ein wenig Euch nach der Gegend um, von wannen wir gekommen, geſtrenger Herr! und Ihr werdet Euch wundern, den eben angefuͤhrten Satz noch mit ganz andern Buchſtaben geſchrieben zu leſen!!„ In zweifelhafter Ungewißheit uͤber den Sinn dieſer befremdlichen Aufforderung, wandte Himpe ſich ruͤckwärts, luͤftete die hinter ſei⸗ nem Sitz herabhangende Schirmwand, und welch ein grauſenvoller herzzerreißender An⸗ blick ſtellte ſeinen uberraſchten Augen ſich dar! Vom Wiederſchein einer furchtbaren Glut, die gierig um ſich greifend ſeinen verlaſſenen Wohnſitz verzehrte, ſah er weit und breit den nächtlichen Himmel geröthet. Das Städt⸗ chen brannte an allen Ecken und der beträcht⸗ lichen Entfernung ungeachtet, glaubte der Er⸗ ſchrockne genau zu erkennen, daß mitten zwi⸗ ſchen den Flammen noch um die Behauptung des der Verheerung preisgegebenen Ortes ein hartnäckiger und wuthender Kampf ſtattfinde. . „O Ambroſius!“ rief er, außer ſich vor Angſt und Entſetzen;„macht, daß wir den Hugel hinabkommen und das Zuruͤckblicken nach dem gräßlichen weiter moͤglich iſt!“ „Entweder die Wahrnehmung der ſ unten im Thal vorfallenden Auftritte hat Euch plötzlich alle Beſinnungskraft geraubt, oder Ihr denkt, Eurer etwas anſehnlichern Koͤrperlänge wegen, durch Anheftulg eines falſchen RNamens, nach Belieben Euden Scherz mit mir treiben zu konnen!“ begann jener zu grollen.„Mit wem ſprecht ind wen meint Ihr? „O laßt uns, um aller ie willen, nicht wieder in Zank und Hader gerathen!“ entgegnete Himpe.„Ich weiß wohl, mit wem ich vede! Noch eh ich in den Wagen ſtieg, war ich ſchon vollkommen davon unter⸗ richtet, wie ich das edle huͤlfreiche Weſen zu benennen habe, das in dieſer neuen Gefahr und Bedraͤngniß mir ſeinen rettenden Vei ſtand anbot!“ „Blitz und Donner! Ich bin der Walk⸗ muͤller von Aſchersheim, und nicht umſonſt ſollt Ihr mich zum Stichblatt Eures hoͤhni⸗ ſchen Witzelns gebrauchen!“ ſchrie der Er⸗ grimmte, knallte mit der Peitſche und ſchlug wie raſend auf die Pferde los. In wilder ungeſtuͤmer Haſt ſprengten dieſe aufs neue mit dem leichten Fuhrwerk von dannen, der Boden erzitterte unter ihrem Hufſchlag; je behender ſie aber durch die pfadloſe, mit kurzem dornigen Geſtripp bewachſene Gegend in der Dunkelheit dahinſturmten, deſto hefti⸗ ger trieb der erhitzte Lenker ſie an, ihren Lauf bis zur Windesſchnelligkeit zu vevſtärken. Himpe, der beim raſtloſen Verfolg dieſer Schreckensfahrt auf das grauſamſte hin und her geworfen und zuſammengeſchuttelt, kaum Luft zu ſchoͤpfen vermochte, klammerte angſt⸗ voll ſich mit beiden Haͤnden an der Sitzlehne feſt, um ſich nothdurftig im Gleichgewicht zu behaupten und einigermaßen die Gewalt und Heftigkeit der Stöße von ſich abzuhalten, welche das pfeilgeſchwind uͤber Stock und Stein dahinraſſelnde Fuhrwerk ihm fort und fort verſetzte. Da ließ plötzlich ein lautes Gekrach ſich vernehmen, und mit ihm hatte die Reiſe ſogleich ein Ende; denn der Wagen ſchlug um und lag in einem breiten aber trockenen Feldgraben, der dem weitern Vor⸗ dringen zum unuͤberwindlichen Hinderniſſe ge⸗ dient hatte. Himpe fuhlte ſich unverletzts auch der boshafte Stifter dieſes Unheils war, obwohl die Gewalt des Sturzes ihn eine ziemliche Strecke feldeinwaͤrts geſchleudert, nicht allein ohne allen Schaden davongekom⸗ men, ſondern zugleich, vermittelſt des ſtattge⸗ habten Ereigniſſes, völlig wieder verſöhnt und beſänftigt. Mit vielem Dieuſteifer näherte er ſich ſeinem Schutzbefohlnen, der zu Auf⸗ findung eines Ausweges geſchäftig an den Innenwänden des Wagens umherkrabbelte, half ihm ins Freie, verneigte ſich hoͤftich und ſagte:„So! Jetzt ſeid Ihr völlig in Sicher⸗ heit, hochgeehrteſter Herr Stadtrichter! Bis hierher dringen die Feinde nicht vor; wenig⸗ ſtens fuͤr den erſten Augenblick nicht, darauf d. könnt Ihr mit aller Zuverſicht Euch verlaſſen. Dort an jenem Waldſaume, etwa dreihundert Schritte von hier entfernt, liegt ein Wirths⸗ haus, worin Ihr Alles finden werdet, was zu Eurer Ruhe und Pflege gereichen kann. Mein Wes fuͤhrt jetzt links ab. Ich wuͤnſche Euch bei den Maaßregeln, die Ihr in Betreff Eures kuͤnftigen Berufes zu nehmen, fur zweckdien⸗ lich erachtet, den erſprießlichſten Fortgang, indem ich zugleich nicht unterlaſſe, mich Eurer fernern Gunſt und Gewogenheit biermit⸗ be⸗ ſtens zu empfehlen!“ Himpe warf in der Verlegenheit und Ver⸗ lücung in welche dieſe Anrede ihn verſetzte, einen bedenklichen Blick auf den umgeſtürzten Wagen, unterſtand ſich jedoch nicht, zur Wie⸗ deraufrichtung deſſelben ſeine Mithuͤlfe anzu⸗ bieten, aus Furcht, den angeblichen Walk⸗ muͤller, deſſen kurzgedrungne gebrechliche Ge⸗ ſtalt, vom duͤſtern Flor des grauenden Mor⸗ gens umnebelt, nur noch mehr in ſich ſelbſt zuſammengeſchrumpft ſchien, durch den frei⸗ muͤthigen Ausdruck ſeiner Geſinnungen aufs neue zu reizen und in Harniſch zu jagen⸗ Dieſer aber, der die geheimen Gedanken und Wuͤnſche ſeines unſchluͤſſig zaudernden Reiſe⸗ gefährten zu errathen ſchien, maß mit einem verächtlichen Blick ihn fluͤchtig vom Kopf bis zu den Fuͤßen, ſprang ſodann mit einem raſchen Satze nach der Tiefe des Grabens hinab, ſtemmte die Schulter kraͤftig gegen das auf der Seite liegende Fuhrwerk, und augen⸗ blicklich war die Wiederherſtellung der alten Ordnung zu Stande gebracht. Jetzt traf Himpe ſogleich Anſtalt, die vom Zwerg ihm ertheilte Weiſung zu befolgen; nur durch ein ſtummes und kaum bemerkbares Kopfnicken ward der Abſchiedsruf erwiedert, den er an ihn ergehen ließ, und bald hatte er das Grund⸗ gebiet des ihm bezeichneten erreicht. Neue Grillen und Vedenklichteiten hatten mittlerweile von ihm Beſitz genommen; denn eine Bemerkung von ſehr verfänglicher Art war in der Morgendämmerung von ihm ge⸗ macht worden. Die gruͤne Glanzdecke nämlich, unter welcher er während der nächtlichen Eil⸗ fahrt geſeſſen, führte mit dem Gruß und Wink alter Bekanntſchaft ihm zugleich das Bild eines fruͤhern Ereigniſſes in die erin⸗ nernde Seele zuruͤck. Nein, es erlitt keinen Zweifel! Es war der namliche Wagen, den er an jenem Abend, wo die Entweichung ſei⸗ nes Weibes ihn zum Strohwittwer machte, im Schießgraben vorgefunden, der nämliche, auf welchem, unfehlbar alſo im Einverſtänd⸗ niſſe mit dem Zwerge, der Schloſſer das treu⸗ wloſe Dorchen in die weite Welt entfuhrt hatte!— Es iſt klar! dachte er bei ſich ſelbſt. Ambroſius trägt auf beiden Achſeln! Er hilft der leichtſinnigen Ehefrau, die nach Verände⸗ rung ihrer Lage ein Gelüſten verſpurt, ge⸗ ſchäftig ihr ſtrafbares Vorhaben ins Werk richten, und ſucht in demſelben Augenblick mit gleichem Dienſtfleiße den bekuͤmmerten Gatten uͤber ſein erlittenes Geſchick zu troͤſten und zufrieden zu ſtellen. Mich uͤberhauft er mit Gaben und Ehrengeſchenken aller Art, und wer weiß, welcher Gefälligkeiten und Gunſt⸗ 8 bezeugungen auch Dorchen ſich unterdeſſen von ihm zu erfreuen hat! Nun immerhin! Ich will ihr die Theilnahme an der wohl⸗ thätigen Huld des vielbeſchickenden Zwerges keinesweges beneiden. Andre Vorſtellungen und Wuͤnſche beſchäftigen mein Gemuͤth, das ſcharfe Schwert huͤpft mir zwiſchen den Fin⸗ gern, nach der Gelegenheit zu S Thaten trachtet mein Herz!“ Schon aus dieſem Selbſtgeſpräch ſich zur Genuͤge, daß ihm der Gedanke an die Volfführung ſeines geheimen Entwurfes nicht viele Ruhe laſſen und ſein Aufenthalt unter dem wirthlichen Obdach, welches der Zwerg ihm anempfohlen, mithin nicht von gar lan⸗ ger Dauer ſein konnte. Wirklich war er, be⸗ reits nach Ablauf einiger Tage, ſchon mehrere Reilen von demſelben entfernt, und ſtand als Freiwilliger bei dem vaterländiſchen Heere, wel⸗ ches, nach beendigtem Ruͤckzuge, wieder eine feſte Stellung gewonnen hatte, und durch Samm⸗ lung friſcher Streitkräfte zur Fortſetzung der Feindſeligkeiten ſich ämſig zu ruͤſten begann. — Nur an dem Fuͤrſten ſelbſt, der das Schloß⸗ gebäude eines mitten in dem neubezogenen verſchanzten Feldlager befindlichen Dorfes zur einſtweiligen Wohnung erwählt hatte, ließ fort und fort eine Riedergeſchlagenheit ſich bemerken, die mit dem friſcherwachenden Hoff⸗ nungsmuthe des geſammten Kriegsvolkes ſich im auffallendſten Abſtiche befand. Duſtern und ſchwermuͤthigen Blickes fand er des Mor⸗ gens in den Reihen der zu den täglich ſtatt⸗ findenden Kampfuͤbungen aufgeſtellten Mann⸗ ſchaft ſich ein. Aller Glaube an die Moͤg⸗ lichkeit einer zu Gunſten des hartbedrängten Landes fruh oder ſpät erfolgenden Umgeſtal⸗ rung der Dinge ſchien aus ſeinem Vuſen ent⸗ wichen; und weder der neubelebte kriegeriſche Geiſt, der, mit brennender Begierde nach bal⸗ diger Wiedererringung der entriſſenen Vor⸗ theile, uͤberall unter den Seinigen ſich aus⸗ ſprach, noch die gelungene Ausführung der bei den verſchiedenen Waffenverſuchen von ihm entworfenen und angegebenen Plane, ver⸗ mochte ſeine Stirn zu erheitern und ein zu⸗ friednes Lächeln ihm abzugewinnen. Es un⸗ terlag keinem Zweifel, daß, neben dem Kum⸗ mer uͤber den ungluͤcklichen Ausgang jener Schlacht, zugleich ein anderweitiger noch tie⸗ ferer Gram ihm am Herzen nage und der Urheber der finſtern Stimmung ſei, die unab⸗ läſſig in ſeinem Weſen und Benehmen ſich ausdruͤckte. Mancherlei im Lager umher⸗ gehende, widerſprechende Geruͤchte arbeiteten angelegentlich aber erfolglos darauf hin, das Räthſel zu loͤſen; bis endlich durch die Ver⸗ mittelung des Zufalles der eigentliche und wahre Grund davon an den Tag kam. Es war dies kein andrer, als der Verluſt des naͤmlichen koſtbaren Bildes, welches der Zwerg aufgefunden und ſeinem Guͤnſtling in Verwahrung gegeben hatte! Von jeher war der Jurſt, einer von ſeinen Vorfahren ererb⸗ ten Sitte gemäß, gewohnt geweſen, es bei wichtigen kriegeriſchen Unternehmungen als einen glüͤckbringenden Taliöman auf der Bruſt zu tragen; es ſtellte den Grunder und Stamm⸗ herrn ſeines Hauſes vor, und noch niemals — 79— hatte er in dem zuverſichtlichen, auf dem Kleinod haftenden Glauben ſich getäuſcht und betrogen gefunden. Auch an jenem verhäng⸗ nißvollen Tage hatte er es bei ſich gefuͤhrtz auf unerklaͤrliche Weiſe war es im Gewuͤhl und Gedraͤnge des Kampfes ihm abhanden gekommen, und von dem Augenblick an, da er des Verluſtes zu ſeinem Schrecken inne geworden, hatte auch ſchon der faſt errungene Sieg ſeine Richtung verändert und ſich zur Seite des Feindes hinuͤber geneigt. Rur mit Muͤhe war es, während der bald darauf eintretenden allgemeinen und regelloſen Flucht, dem Fuͤrſten gelungen, Freiheit und Leben zu retten, um fortan dem troſtloſen Gedanken an ein Mißgeſchick nachzuhängen, welches den Unmuth über die erlittene Riederlage ihm nur noch fühlbarer machte, indem es zugleich an jeder Ausſicht zu neuem Siegesgewinn ihn verzagen und verzweifeln ſieß. „Heil mir! o Heil mir!“ rief Himpe, nachdem dieſe wichtige Botſchaft auch zu ſei⸗ nen Ohren gedrungen war, mit frohlicher Vegeiſterung aus; und ohne den umſtehenden Kriegsgenoſſen uͤber ſein ploͤtzliches Empor⸗ jauchzen den erbetenen Aufſchluß zu Theil werden zu laſſen, machte er augenblicklich, da eben einige dienſtfreie Stunden es ihm er⸗ laubten und der Wohnſitz des Fuͤrſten nicht gar weit entfernt war, ſich dorthin auf den Weg. Am Eingange des Schloſſes ange⸗ langt, ward er, auf erfolgte Anzeige, daß er den Landesherrn perfoͤnlich zu ſprechen wuͤn⸗ ſche, indem er ihm geheime Rachrichten von der hochſten Wichtigkeit zu hinterbringen habe, ſogleich vorgelaſſen. Das Haupt gedanken⸗ woll in die Hand geſtuͤtzt und von Büchern und Papieren umringt, ſaß der Fuͤrſt an einem mitten im Zimmer befindlichen Tiſche. Schweigend und nur durch einen muͤvriſch forſchenden Blick forderte er den Eintreten⸗ den auf, ſich uͤber den Zweck ſeines Erſcheinens zu erklaͤren. Welch ein ſchneller frendenrei⸗ cher Wechſel aber ſtellte in ſeinen Mienen und Geberden ſich ein, als der Schuͤchterne ſich in ſtammelnden Worten der ihm am Herzen liegenden Berufspflicht zu entledigen anfing und zur Beglaubigung ſeineß in Form und Ausdruck ziemlich mangelhaften Verichtes zuletzt das Kleinod hervorzog, welches er ganz in dem Zuſtande, wie er es von dem Zwerge in Empfang genommen, dem Erſtaunten mit demüthiger Freundlichkeit uͤberreichte.„Iſt es moͤglich?“ rief der Fuͤrſt mit ſtarren vor Freude funkelnden Augen, erhob ſich raſch von ſeinem Seſſel und eilte nach einem Reben⸗ zimmer hinaus, um hier dem erſten Entzücken uͤber den Wiederbeſitz einer, in Betreff der mit ihr verbundenen innern Beziehung, wie ihres àußern Werthes, ſo unſchätzbaren Koſt⸗ barteit ſich ganz ohne Zeugen überlaſſen zu konnen. Nach Verlauf einiger Minuten kehrte er zurück, und Himpe vermeldete, auf die an ihn ergehende Frage, jetzt mit unumwundener Offenherzigkeit und ganz der Wahrheit getreu, auf welche Weiſe er zu dem Bilde gekommen; nur vermied er es, aus Beſorgniß vor der jähzornigen Gemuͤthsart ſeines Freundes Am⸗ broſius, ſich auf eine genaue und umſtänb⸗ IMII. Bd. 6 liche Schilderung der Perſon desjenigen einzulaſſen, der ihm daſſelbe zur Verwahrung anvertraut und uͤberantwortet hatte. Auf das huldreichſte und unter der Zu⸗ ſicherung, daß ihm fuͤr den Beweis der Red⸗ lichkeit und Treue, den er, jeder verfuͤhreri⸗ ſchen Lockung zum Trotz, durch die Ausliefe⸗ rung des Bildes an den rechtmaͤßigen Eigen⸗ thumer ſo ruͤhmlich an den Tag gegeben, zu ſeiner Zeit die verdiente Belohnung zu Theil werden ſolle, ward er nunmehr wieder ent⸗ laſſen; ſchon in der Fruͤhe des nächſtfolgenden Morgens aber erſchien ein Abgeordneter, der ihm den Befehl uͤberbrachte, ſich ſchnell und ungeſäumt nach dem Schloſſe zu verfüugen, allwo er mit Ungeduld erwartet werde. In weniger als einer halben Stunde hatte Himpe den dorthin führenden Fußſteig zuruͤckgelegt, und bald darauf ſtand er mit ehrfurchtsvoller Erwartung wieder vor dem Angeſichte des Fuͤrſten. 2 „Es liegt mir am Herzen,“ redete dieſer mit leutſeligen Blicken ihn an,„die Mit⸗ glieder meines Hauſes ſo ſchnell als möglich von der Unruhe und Betrübniß zu befreien, in welche ſie durch die nothgedrungene Nach⸗ richt von dem Verluſte des jetzt wieder zu meinem Beſitz gelangten Familienbildes verſetzt worden ſind. Ich ertheile dir, du brave ehrliche Seele, die erſte Probe meiner Er⸗ kenntlichteit und Gnade, indem ich dich hier⸗ mit beauftrage, in eigner Perſon der ueber⸗ bringer dieſer hochſterfreulichen Botſchaft zu ſein. Nach wiedererfolgter Ruckkehr aus der Reſidenz wirſt du Gelegenheit finden, dich auf noch ſprechendere Weiſe von der unver⸗ aͤnderlichen Fortdauer meiner e ee — zu uͤberzeugen!“ Er holte hierauf ein auf dem Tiſche lie⸗ gendes, mit dem großen fürſtlichen Wappen verſehenes Handſchreiben herbei, welches er, unter der wiederholten Bemerkung, daß die ſchleunige Befoͤrderung deſſelben ſein ange⸗ legentlichſter Wunſch ſei, dem Hartenden über⸗ reichte. Himpe, der bei Ertheilung eines ſo ehrenvollen Auftrages fuͤr das in ſeinem 6* Innern lodernde Gefühl keine Worte finden konnte, verneigte ſich ſtillſchweigend und ver⸗ ließ das Zimmer. Den ergangenen hoͤhern Verordnungen gemaß, war, als er auf den Schloßplatz hinaustrat, ſchon Alles zu ſeiner Abreiſe bereit, und ohne Zögern ſchickte er zu derſelben ſich an. Statt aber die fuͤr dieſen, Behuf beſtimmte leichte und bequeme Halb⸗ kutſche zu beſteigen, ließ er, auf die ihm zu⸗ gedachte Verguͤnſtigung freiwillig Verzicht leiſtend, ſich zur ſchnellen Förderung ſeines Vorhabens ein Pferd ſatteln, ſchwang ſch hinauf und ſprengte von dannen. 15 Nach einem mit nur kurzen l gen fortgeſetzten Ritte von zwanzig Stunden, langte er, ohne daß unterweges ihm irgend ein hinderndes Abentheuer zugeſtoßen würe, wohlbehalten in der Reſidenz an. Das Schrei⸗ ben war an des Furſten einzige Tochter, An⸗ gelika, gerichtet, und die erſte Sorge des Dienſteifrigen war es jetzt, ſich zur Ueber⸗ lieferung deſſelben bei der anmelden zu laſſen. O Himpe! wäreſt du nie mit dieſer hohen, in Reiz und Anmuth blühenden Goͤt⸗ rergeſtalt zuſammengetroffen! hätteſt du nie in dieſes ſeelenvolle Auge geblickt!— Die bezaubernde Freundlichkeit, mit wel⸗ cher ſie, nachdem ſie den Brief ihres Vaters Zeleſen, den Ueberbringer behandelte, die auf⸗ mrkſame Theilnahme, mit welcher ſie ſeinen kunſtloſen und unvollkommenen Schilderungen des jetzigen Kriegsſchauplatzes in himmliſcher Geduld ein faſt ſtundenlanges geneigtes Gehoͤr ſchenkte, der ſußmelodiſche Dank, der, wegen der treuen Zuruͤckgabe des verlorengegangenen Bruſtbildes, auch von ihren Roſenlippen ihm zu Theil wurde— Alles diente dazu, ihm die Sinne zu verwirren und den Sieg zu vol⸗ lenden, den die Schönheit der Prinzeſſin gleich jauf den erſten Augenblick uͤber die Empfin⸗ dungen ſeines, gegen Eindruͤcke dieſer Art nur zu ſchlecht verwahrten Herzens davon getra⸗ gen⸗ hatte. Mit einem Stachel in der Bruſt, won welchem keine Zeit noch Entfernung ihn jemals wieder befreien zu koͤnnen ſchien, ver⸗ ließ er, nach Bewerkſtelligung des ihn anbe⸗ fohlnen Geſchäftes, die Reſidenz; das Bild der Prinzeſſin, das hold und lieblich ſeiner erinnernden Seele vorſchwebte und fuͤr jeden andern, der Betrachtung ſich darbietenden Ge⸗ genſtand ihm die entſchiedenſte Gleichgultig⸗ keit einflößte, war auf dem Rückwege nach dem Feldlager ſein unzertrennlicher Gefährte, und von einer wildſturmiſchen„nie zuvor bis zu ſo hohem Grade geſteigerten Begierde nach heldenmuͤthigen Thaten durchdrungen, traf er endlich auf dem Si des 8 wie⸗ der ein. Die Feindſeligkeiten ſuten, nachdem das Heer durch friſche, aus dem Innern des Lan⸗ des herangezogene Streitkräfte zu ſeiner vori⸗ gen Stärke gediehen und durch fleißige Waffenuͤbungen zu neuem ernſtlichen Angriff in erforderlichen Stand geſetzt worden war, endlich wieder ihren Anfang nehmen. Alle Maaßregeln und Vorbereitungen zu einer großen Schlacht, die man dem jenſeits der wohlverſchanzten und uuginglichen Anhoͤhen — — — — verſammelten Feinde zu liefern beſchloſſen hatte, waren getroffen, und noch ſpät am Vorabend des zur blutigen Entſcheidung be⸗ ſtimmten Tages ritt der Fuͤrſt, von einem kleinen Gefolge begleitet, unter welchem auch der von ihm mit nicht geringer Gunſt und Auszeichnung begluͤckte Himpe ſich befand, zwiſchen den Wachtfeuern des Lagers umher, um von der genauen Befolgung der an die zerſtreuten Anführer und Befehlshaber ergan⸗ genen Verfuͤgungen ſich durch den eignen Augenſchein zu uͤberzeugen. Als die Unter⸗ ſuchung beendigt und zur Zufriedenheit des Furſten ausgefallen war, erfolgte die ſtille Ricktehr nach dem Schloſſe.— Theils der Gedanke an das eben ſo folgenreiche als un⸗ gewiſſe Schickſal des morgenden Tages, theils die ihn überall verfolgenden Wehmuthsgrillen und Liebesträume, waren Urſache, daß Himpe innerhalb der beengenden Mauern des Schloß⸗ gebäudes nirgends Ruhe noch Raſt finden konnte. Mit dem Entſchluß, draußen in der freien w Abhuͤlfe von der Beklemmung 3 — 88— zu ſuchen, die ihm die Bruſt zerdruͤcken zu wollen ſchien, ſtieg er die nach dem Hofraum fuhrenden breiten Quaderſtufen hinab, irrte erſt eine Zeitlang in den dunklen Gängen des angrenzenden Parkes umher, gelangte endlich unvermerkt wieder an die benachbarten, das Schloß von allen Seiten umringenden Lager⸗ zelte, und ſetzte ſich auf eines der Baumſtuͤcke nieder, die, dem Kriegsvolk zur freien Be⸗ nutzung preisgegeben, hier unordentlich am Boden umher lagen. Noch hatte er mit ſtill gegen die Erpe 3 gerichtetem Blick, und ſchwärmeriſch in ſeine geheimen Gedanken und Träumereien vertieft, nicht gar lange geſeſſen, als er durch das Ge⸗ räuſch annähernder Fußtritte in ſeinem Sin⸗ nen und Grübeln unterbrochen wutde. Er ſchlug die Augen auf und ein leichter Schrek⸗ ken zuckte ihm durch die Glieder; denn ſchauer⸗ lich vom Glanze der in der Ferne lodernden Wachtfeuer beleuchtet, ſtund Ambroſius vor ihm da. „Wenn mir recht iſt, ſo Ibre einer „ 6 * aus dei Gefolge des Füͤrſten, den ich noch vor einer Stunde hier im Lager umherreiten ſah!“ hub er zu ſprechen an.„Ich möchte wohl, da ich, obgleich nur ein ſchlichter Vieh⸗ händler aus dem Gebirge, an patriotiſchen Geſinnungen keinem Andern nachſtehe, Euch auf einen bedeutenden Umſtand aufmerkſam machen, der bei den Anordnungen fuͤr die bald zu liefernde Schlacht gänzlich uberſehen und übergangen zu ſein ſcheint. Es beſindet ſich nämlich jenſeits der Anhöhen eine gewiſſe Bruͤcke, deren Beſitz, wie mich bedunken will, von gar weſentlicher Wichtigkeit iſt; weil der Feind, wofern er geſchlagen werden ſollte, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ſeine Richtung nach gedachter Gegend zu nehmen gezwungen ſein wird. Noch hat auch er in unbegreif⸗ licher Verblendung und Sicherheit ſie unbe⸗ ſetzt gelaſſenz und falls man alſo unſrerſeits es fuͤr dienlich erachten ſollte, ſich ihrer zu bemächtigen, ſo bin ich, da mir die geheim⸗ ſten Schluchten und Engpäſſe des Waldgebir⸗ ges genau bekannt ſind, erbötig, der zu dieſem * Zweck abgeordneten Mannſchaft zum Führer zu dienen und ſie ſtill und unbemerkt an Ort und Stelle zu bringen. Nehmt es einem ehrlichen Manne, dem das Wohl des Vater⸗ landes am Herzen liegt, nicht uͤbel, hochgeehr⸗ teſter Herr, daß er ſich unterſteht, ſeine ein⸗ fältige Meinung ſo keck und dreiſt auszu⸗ ſprechen!“ nIm Geggeil Ich werde dem Firften ſogleich die Sache vortragen, und ich zweifle nicht, daß auch ihm die Wichtigkeit von der Beſitznahme des angegebenen Punktes ein⸗ leuchten wird!“ verſetzte Himpe, auf das leb⸗ hafteſte bewegt. „Nur duͤrfte die Bewerkſtelligung des Unternehmens, wenn man ſich einen gluckli⸗ chen Ausgang davon verſprechen will, noch vor Ablauf der Racht ſtattfinden muͤſſen!“ fuhr der kleine Rathgeber fort.„Kommt der Aufbruch zu Stande, und iſt Euch an meiner Leitung gelegen, ſo bin ich in der Rähe jener Fichten zu finden, allwo ich den fernern Beſcheid erwarten will.“— Er den⸗ tete bei dieſen Worten zugleich mit der Hand nach der angegebenen Stelle hin. „Ich bringe ihn Euch in eigner Perſon!“ ſagte Himpe.„Gluͤckſeliger Gedanke! Rein, nein! der Plan kann nicht fehlſchlagen, da Ihr es ſeid, der auch hier ſich wiederum—“ „Macht keine unnützen Worte, wo es auf raſchzuvollfuͤhrende Handlungen ankommt!“ unterbrach ihn der Zwerg mit argerlichem, unmuthigem Geberdenſpiel.„Indem ich zu thun entſchloſſen bin, was jeder treue Unter⸗ than, der ſich mit mir in gleichem Falle be⸗ ſindet, für ſeine Pflicht und Schuldigkeit hält, muß ich Euch verſichern, daß mir ſchon Euer bloßes Ausholen zu luftigen Lobſpruͤchen in der tiefſten Seele zuwider iſt, und damit Punktum!“ „Gut, gut! Ich habe ſchon Alles wieder niedergeſchluckt!“ entgegnete Himpe, ließ den ſeltſamen Kauz ſtehen und eilte ſpornſtreichs und auf dem kürzeſten Wege nach dem Schloſſe zurück. Der Fürſt, der, mit dringenden Arbeiten beſchäftigt, noch an ſeinem Schteibtiſche ſaß, hörte dem Ungeſtuͤmèn, indem dieſer, unter dem angenommenen Scheine, als ob er ledig⸗ lich durch eignes Nachdenken und Rachſpüren zu einer ſolchen Ueberzengung gelangt ſei, von der Beſetzung jener Bruͤcke und den un⸗ widerleglich daraus hervorgehenden Vortheilen zu ſprechen anſing, mit ruhiger Aufmerkſam⸗ keit zu, geſtand ihm, daß er ſchon längſt einen ähnlichen Gedanken gehegt, denſelben jedoch, der bei Bewerkſtellizung eines ſo höchſt miß⸗ lichen Wageſtücks obwaltenden Schwierigkeiten wegen, wieder aufgegeben habe, und ließ end⸗ lich an ihn die Frage ergehen, ob er ſich wohl getraue, mit einer fuͤr dieſen Behuf beſtimmten Anzahl von Bewaffneten heimlich und unbemerkt bis zu gedachtem Punkte vor⸗ zudringen und entweder die Beſitznahme deſ⸗ ſelben ins Werk zu richten, oder bei vorge⸗ fundenen unuͤberwindlichen Hinderniſſen we⸗ nigſtens ſich ohne bedeutenden Verluſt wieder nach dem Innern des Waldgebirges zuruck⸗ zuziehen? Himpe, der gar wohl wußte, daß er einen Gehuͤlfen im Hinterhalt habe, wel⸗ cher ihn auch bei dieſer Gelegenheit micht im Stich laſſen werde, bedachte ſich keinen Au⸗ genblick, ſondern erklärte ſogleich, daß er nicht allein zur Leirung dieſes Unternehwens den Muth beſitze, ſondern auch mit Leib und Leben für den glüqtlichen Eefolg ſtehe. 0 Wohl, ſo ſoll es denn einen Verſuch gelten!“ war die Antwort, und ohne Zeitver⸗ luſt erhielt ein Theil der in der Umgegend des Schloſſes gelagerten Kriegsleute den Be⸗ fehl, ſich zum ſchleunigen Abmarſch fertig zu halten. Als bald darauf der Heerhaufe ſich unter Himpe 5 Anführung in Bewegung geſetzt hatte und bei den bezeichneten Fichten⸗ bäumen angelangt war, erſchien der Zwerg, geſellte ſich zum Vefehlshaber, gab ſich das Anſehen, als ob er von ihm, einer fruͤher getroffenen Uebereinkunft zufolge, pierher be⸗ ſchieden worden ſei, und ſchritt friſch und munter dem Zuge voran. Der von ihm ein⸗ geſchlagene und von der bewaffneten Mann⸗ ſchoft mit ſtrenger Beobachtung v anbe⸗ 9 ⸗ fohlnen tiefen Stillſchweigens verfolgte Weg fuͤhrte durch die ödeſte und ſchauerlichſte Ge⸗ gend des Waldgebirges, in unzähligen Kruͤm⸗ mungen und Hakengaͤnzen, bald über ſchroff⸗ ſteile, nur mühſam zu erklimmende Felſener⸗ hoöhungen, bald durch wildverwachſenes pfad⸗ loſes Dickicht, bald an tiefen, in“grauenvol⸗ ler Rachbarſchaft zur Seite! liegenden Kluͤf⸗ ren und Abgründen vorbei. Es wurden je⸗ doch durch die unverdroſſene Ausdauer der braven Schaar alle, dem naͤchtlich geheimen Unternehmen ſich entgegenſtellende Schwierig⸗ keiten gluͤcklich beſiegt. Rach einer Wande⸗ rung von vier Stunden vernahm man all⸗ mählig immer deutlicher das Brauſen des Bergſtromes, deſſen Erreichung man beabſich⸗ tigte; friſcher Muth belebte die Gemuͤther⸗ und bevor noch, zur Ankuͤndigung des auf⸗ dämmernden Tages, der oͤſtliche Himmel ſich zu rothen begann, war die Bruͤcke von den wackern Kriegsgenoſſen erreicht und in Be⸗ ſchlag genommen. Der Zwerg aber hatte, ganz ſeiner gewohnten Weiſe gemäß, ſih „ nach Beendigung des Geſchäfts, zu welchem er ſich anheiſchig gemacht, unvermerkt wieder aus den Augen der Menge verloren und nir⸗ gends war mehr eine Spur von S zu ent⸗ decken und aufzufinden. Der Donner des Geſchüzes, der mit dem anbrechenden Morgen dumpf aus der Ferne zum Ohr des am Strome befindlichen Heerhaufens heruͤberdrang, diente zur Bot⸗ ſchaft, daß die Schlacht ihren Anfang genom⸗ men habe. Mit Merkmalen der lebhafteſten Unruhe und Ungeduld begann Himpe auf und abzuſchreiten; eine dunkle Glut verbrei⸗ tete ſich uͤber ſeine Wangen, es ſprach die innere heftige Gemüthsbewegung aus ſeinen funkelnden Blicken, es gab die entflammte Begierde nach einer nähern, thätigern Theil⸗ nahme an dem dort begonnenen Kampfe in ſeinem ganzen Weſen ſich kund. Rur mit Mühe und Noth gelang ihm die Hewaltſame Bezwingung ſeiner ſelbſt, deren es bedurfte, um, dem gluͤhenden Thatendrange zum Trotz, auf dem eingenommenen Standpunkte fort —— und fort ik. träger Unthätigkeit zu verharten⸗ So verſtrich eine Stunde nach der andern, ohne daß zur erſehnten kräͤftigern Mitwir⸗ kung fuͤr den Zweck des Ganzen ſich irgend eine Gelegenheit darbieten wollte, und ſchon fing Himpe gar bittern Ernſtes auf den Zwerg zu grollen an, daß er vermittelſt ſei⸗ ner Anerbietungen und Rathſchläge ihm einen Platz anzuweiſen geſucht habe, der ihn jeder Ausſicht beraube, die Siegeskränze des heuti⸗ gen Tages in eigner Perſon erringen und einärnten zu helfen. Da veränderte ſich endlich gegen Mittag die Lage der Dinge⸗ Das Schießen, das bis dahin immer nur in ebenmäßiger Entfernung zu vernehmen gewe⸗ ſen war, ſchien näher und näher zu kommen, und kurze Zeit darauf erhielt Himpe von ei⸗ ner der benachbarten Anhöhen, allwo er zur Beobachtung der Umgegend verſchiedene Wacht⸗ poſten ausgeſtellt hatte, die Meldung, daß man in der Ferne eine ungeheure Schaar von feindlichem Kriegsvolk bemerke, welches ſich fechtend zuruͤckziehe und ſeine Richtung — gegen die Bruͤcke hin einzuſchlagen ſcheine. Wie klopfte dem Kampfluſtigen bei Anhoͤ⸗ rung dieſes Berichtes das Herz in der Bruſt! Ungeſaumt ſtellte er die ihm untergebene Mannſchaft in Schlachtordnung, ermahnte in kurzen kräftigen Worten ſie zur treuen Erfuͤllung ihrer Pflicht und harrte begierig dem Augenblick entgegen, der ihn in den Stand ſetzen werde, die Ankömmlinge nach Gebühr zu begrüßen und zu empfangen. Seit Himpe, nach erfolgter Verjagung von ſeinem Stadtrichterpoſten, förmlich in Kriegsdienſte getreten war, hatte er, um ſei⸗ nen Mitgenoſſen keinen Anlaß zu unzeitigen Spoͤttereien und Verunglimpfungen zu geben, das vom Zwerg ihm uͤberlaſſene Schwert ſtets, auf das ſorgfaͤltigſte verſteckt und ver⸗ borgen, unter dem Kriegsrocke getragen und ſich zum Behuf aller ihm obliegenden Ver⸗ richtungen mit der gewöhnlichen, bei ſeiner Aufnahme und Ausruſtung ihm eingehandig⸗ ten Dienſtwaffe begnuͤgt. Dieſe letztere hielt er auch jetzt, im Augenblick der geſpannteſten Erwartung noch in der erhobenen Fauſt, und erſt als es mit dem Vortrupp des heran⸗ ruͤckenden Feindes, den der Umſtand, daß ihm der Uebergang uͤber die Bruͤcke ſtreitig ge⸗ macht werden ſolle, in nicht geringe Verle⸗ genheit und Beſtürzung verſetzte, zum wirk⸗ lichen Handgemenge kam, brachte er ſie ſchnell an die Seite, ſie gegen das heimlich ver⸗ wahrte Zauberſchwert vertauſchend, von deſſen Gebrauch er in ſo verhängnißreichem Berufs⸗ werke ſich eine gar andre gewichtvollere Wir⸗ kung verſprechen zu duͤrfen uͤberzeugt war. Es entſpann ſich ein mörderiſcher Kampf. Der Feind, der von dem ſieghaften Heer auf das peinlichſte gedrängt und verfolgt wurde und wider alles Erwarten noch obendrein die letzte Aubflucht verſperrt fand, ließ in ſeiner Wuth und Verzweiflung kein Mittel unver⸗ ſucht, um zum Beſitz der Bruͤcke zu gelangen, auf deren Wegnahme die einzige Möglichteit ſeiner Rettung begrundet war. Zweimal wurden die vordringenden kuͤhnen Vertheidi⸗ ger des wichtigen Punktes durch die mehr und mehr ſich anhäufende Uebermacht gegen das ufer des Stromes zuruͤckgeworfen; ein dritter, mit Anwendung aller, das beabſich⸗ tigte Vorhaben fördernden Huͤlfsmittel ver⸗ bundner Angriff erfolgte, und unausbleiblich ſchien es um bie längere Vehauptung des Platzes gethan zu ſein. Da ertheilte Himpe, in dieſer höchſten Roth und Bedrängniß, mit gebieteriſcher Stimme den Befehl, die Pech⸗ kranze anzuzünden, mit welchen die Bruͤcke an allen Seiten behangen war. Es geſchah, und mit Vollführung des Geheißes hatte er nicht allein dem in zahlloſer Menge herbei⸗ ſturmenden Gegner, ſondern auch ſich ſelbſt den Ruckzug abgeſchnitten. Ein toͤdtliches Entſetzen ergriff die feindlichen Schaaren bei Wahrnehmung der aus dem dicken Qualm emporlodernden Flammen..„Jetzt Sieg oder Tod!“ rief Himpe mit wilder Begeiſterung den Seinigen zu, empfahl ſich ſeinem Schuz⸗ patron Ambroſius, flüſterte tiefaufathmenden Rufes: Angelika! und ſtürzte ſodann an der Spitze der burch ſein Beiſpiel evmunterten „ Waffengenoſſen ſich heldenmuͤthig aufs neue in den dichteſten Haufen der Feinde. Wun⸗ der der Tapferkeit wurden durch ihn voll⸗ bracht, und es erreichte der an dieſem Tage errungene Sieg durch das kuͤhne Verbrennen der Bruͤcke eine ſo entſchiedene, jede Erwar⸗ tung uberſteigende Vollſtändigkeit, daß von dem geſammten feindlichen Heere nur einzelne Ausreißer entkamen, die das Waldgebirge zu erreichen und in den dort befindlichen Schlupf⸗ winkeln ſich zu bergen gewußt hatten. Zu Tauſenden ſtreckten die von allen Seiten um⸗ ringten fremden Kriegsvölker vor ihren ſieg⸗ reichen Ueberwindern die Waffen, und ehe noch der Abend herein zu dmmern begann, war nicht allein die Schlacht, ſondern, da es im Lande keinen Feind weiter zu beſiegen gab, mit ihr zugleich der ganze— be⸗ endigt. Eine ſchweigende, aber ſahei vi ſame Umarmung war der Lohn, der dem tapfern Bruͤckenvertheidiger von dem dant⸗ bargerührten Fuͤrſten in dem Augenblick zu — 101— Theil wurde, wo das Wiederzuſammentteffen der ihm untergeordneten, im ungleichen Kampfe gar arg zuſammengeſchmolzenen Mann⸗ ſchaft mit der e— ſtattfand. ni Wenige Tage waren gůnchen, die Frie⸗ densbedingungen zu entwerfen, welchen der Ausgang und Erfolg der eben gelieferten Schlacht einen ſo gewichtvollen Rachdruck verſchaffte, daß mit der unbedenklichen An⸗ nahme derſelben der in Anregung gebrachte Vergleich ungeſäumt zwiſchen den kriegfüh⸗ renden Mächten zu Stande kam. Vom Be⸗ geiſterungsrufe des dem ſiegreich heimkehren⸗ den Heere entgegenjauchzenden Volkes be⸗ grußt, unter klingendem Spiel und tauſend⸗ ſtimmigem Jubelgeſchrei, zog, ſeinem Fuͤrſten zur Seite, auch der uberſelige Himpe, auf einem ſtattlichen Apfelſchimmel ſitzend, feier⸗ lich in die Reſidenz ein. Aller Augen waren in frendiger Bewunderung auf ihn geheftet: denn uͤberall im Lande hatte der Ruf ſeiner Heldenthaten„die Kunde von ſeinem verwe⸗ — 102— genen den Sieg entſcheidenden unternehmen⸗ von ſeiner entſchloſſenen Selbſtaufopferung bei Vernichtung der Brucke, ſich ſchon ver⸗ breitet.— Gleich nach erfolgter Ankunft ward ihm ein prächtiger, in der Rähe des furſtlichen Reſidenzſchloſſes befindlicher Pallaſt, zu welchem ſich ſpäterhin noch ein anſehnli⸗ cher Landſitz geſellte, eingeräumt und als freies Eigenthum uberliefert. Auszeichnun⸗ gen und Ehrenbezeugungen aller Art, durch welche man ihm die Anerkennung ſeiner um die Wohlfahrt des Staates erworbenen Ver⸗ dienſte auszudruͤcken ſuchte, kamen an die Tagesordnung. Mit ämſiger Geſchäftigkeit drängte ſich der hohe und niedre Adel um den ehemaligen Schneider. So oft er in den Straßen oder auf den öffentlichen Spa⸗ zierplätzen der Stadt ſich zeigte, zog eine Schaar von Gaffern und Mußiggängern, ei⸗ nen langen Schweif bildend, hinter ihm her⸗ „Schaut, dort geht er, der dürre ſchmächtige Mann, der die Bruͤcke verbrannt hat!“ flü⸗ ſterte man an allen Ecken und Enden ſich zu, — 103— bis das mehr und mehr uͤberhand nehmendt Gemurmel endlich in ein brüllendes Vivatru⸗ fen überging. Wer vermöchte die Empfin⸗ dungen zu beſchreiben, von welchen Himpe ſich in ſolchen Augenblicken bewegt und durch⸗ drungen fühlte! Was aber ſein Gluck zu ei⸗ ner noch beneidenswerthern Hoͤhe gelangen ließ, war die im vollſten Maaß ihm gewährte Gunſt ſeines Fuͤrſten, verbunden mit der aus, ihr hervorgehenden Gelegenheit und Befug⸗ niß zur ungehinderten Befriedigung eines Wunſches, der mit geheimer Macht ihn fort und fort nach der Nahe der ſchöͤnen Angelika hinzog. Auch konnte das Verhalten, welches die Prinzeſſin gegen ihn beobachtete, nur dazu dienen, der in ſeinem Innern lodernden Flamme immer neuen Brennſtoff zuzufuhren. Mancher ſuͤße huldvolle Blick, dem der Er⸗ freute ſtets eine ſeinem gluͤhendſten Verlan⸗ gen ſchmeichelnde Auslegung zu geben ſuchte, ward von der Angebeteten ihm zu Theil; auf mancherlei Art gab die Achtung und Hochſchätzung, die ſein heldenmuͤthiges Weſen ihr eingefloßt, ſich klar und unverhehlt zu erkennen; ja manches trauliche Wort, deſſen er vorzugsweiſe von ihr gewürdigt wurde, ſchien auf das allmählige Erwachen noch zar⸗ terer Gefuͤhle und Regungen hindeuten zu wollen. Dem Reiz verwegener Hoffnungen ſich uberlaſſend, ſchwelgte der vom Gluͤck ge⸗ hätſchelte Emporköinmling in einem Meer von Wonne und Seligkeit; deſto mehr aber hatte er alle ihm noch zu Dienſt ſtehende Faſſung und Geiſtesſtärke aufzubieten, um die uber⸗ wallenden Begierden des Herzens dem Zügel der Vernunft zu unterwerfen, jede voreilige Kuͤndgabe ſeines innern Zuſtandes ſorgfältig zu vermeiden, und in Betreff der kuͤhnen Abſichten und Entwuͤrfe, von welchen die ge⸗ heimſte Tiefe ſeiner Seele erfüllt war, mit ſtets ſich gleichbleibender Vußſn und heit zu Werke zu gehen. Da geſchahl es, daß der Ahe des be⸗ nachbarten Landes, zur Befeſtigung des neu⸗ geſchloſſenen Friedensvertrages, eine noch in⸗ nigere Befreundung der beiden Höfe in Vor⸗ 5— ſchlag brachte, indem er für ſeinen Sohn und Erbfolger, vermittelſt einer glänzenden Geſandtſchaft, feierlich um die Hand der Prinzeſſin Angelika werben und anhalten ließ. Mit reger freudiger Theilnahme er⸗ fullte dieſes Ereigniß, ſobald es kund und ruchtbar zu werden anfing, ſämmtliche Be⸗ wohner der Reſidenzs jeder erkannte darin das heilbringende Unterpfand fuͤr die Dauer der fruͤherhin ſo oft geſtoͤrten oͤffentlichen Ruhe und Sicherheit, und einmüthig war es der Wunſch aller Redlichgeſinnten, daß die Abſchließung eines ſolchen Ehebuͤndniſſes bald und glücklich moͤge zu Stande gebracht wer⸗ den. Nur Himpe, dem beim ſtillangeſtreng⸗ ten Rachgruͤbeln uͤber den Verfolg ſeiner hochfahrenden vermeſſenen Plane dieſe ploͤtz⸗ liche Botſchaft wie ein vernichtender Don⸗ nerſchlag ins Ohr toͤnte, machte eine Aus⸗ nahme von der Regel, und der Gedanke an die Gefahr, in welcher alle ſeine Hoffnungen ſchwebten, fiel mit um ſo drückenderm Ge⸗ wicht ihm auf die Seele, je weniger er es wagen durfte, ſeine eigentliche Stimmung gegen irgend Jemand zu äußern und zu ver⸗ lautbaren. Von Seiten des furſtlichen Hau⸗ ſes aber ward ein Tag anberaumt, an wel⸗ chem, mit Zuziehung wohlmeinender und ver⸗ ſtaͤndiger Rathgeber, die Sache in reiflichere Erwägung genommen, und den fremden Ab⸗ geordneten die entſcheidende Antwort auf ihr Anſuchen in uͤblicher Form und Ordnung er⸗ theilt werden follte. Abends zuvor, als S0 von Gram noch ſpät in ſeinem Garten umherging, ließ ploͤtzlich außerhalb der Umzäunung ſich ein verdächtiges Raͤus⸗ pern und Huſten vernehmen, das ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog. Reugierig näherte er ſich der Stelle und bemerkte jetzt eine durch die Planken ſich hindurchzwöngende Hand, die ihm ein Papierblatt entgegen hielt. Er nahm es in Empfang und in dem näm⸗ lichen Augenblick hörte er, wie der Ueberbringer, den er, der ringsverbreiteten Dunkelheit wegen, nicht zu erſennen vermochte, verſtohl⸗ —— nen und fluchtigen Schrittes wieder von dan⸗ nen eilte. Mit ahnender Seele begab er ſich nach dem Innern ſeiner Wohnung zu⸗ geheimnißvolle Weiſe ihm überreichten Schrei⸗ bens näher bekannt zu machen. Es enthielt Wortes anist Wor nnnnltst „Wenn es Euch irgend möglich iſt, ſo be⸗ geßt Euch morgen fruͤh in aller Stille nach Eiten Lundgute hinaus, allwo ein alter F Fieuns und Vekannter Euch in ſehr wichtigen und dringeiden Angettgeneitetz ſprechen wänſcht. Er begt die Hoffüung, daß Ihr durch keine anberweitige Rückſicht Eich werdet abhalten laſſen, dieſer Einladung Genüge zu leiſten, ſieht demnach mit zübettüſſiget Beſtiinmtheit Eurer punktlichen Ankunft entgegen und er⸗ wartet Eich um tie ſehnte Stunde! 33 4 Pimmelle 6. er — Zeilen geleſen hatte, mit grauenvoller Beſtürzung aus.„Das iſt ja die nämliche Stunde, zu welcher droben auf dem Schloſſe — 108— die verhngnißreiche, über mein irdiſches Wohl und Wehe unwiderruflich entſcheidende Zuſam⸗ menkunft ſtattfinden ſoll! Ein alter Freund und Bekannter! Aller Vermuthung nach frei⸗ lich kein andrer, als Ambroſius! Aber gewiß hat er von den hier im Schwange gehenden Verhandlungen noch keine Kunde erhalten; ſonſt wurde er ſich nicht lange bedacht haben, mir zum Behuf der gewunſchten unterredung einen andern gelegnern Zeitpunkt zu beſtim⸗ men. Er weiß nicht, was ich hier zu verſüu⸗ men habe und kann daher nicht ahnen, daß einzig und allein meine perſönliche Gegen⸗ wart bei den anberaumten Berathſchlagungen dem muthmaßlichen Ausgange derſelben viel⸗ leicht noch eine andre Richtung zu geben ver⸗ mag, daß dagegen ohne dieſelbe, Alles, Alles unwiederbringlich für mich verloren ſein würde! Nein, er wird nicht zuͤrnen, wenn ich unter den obwaltenden Umſtaͤnden diesmal ſeine Anforde⸗ rungen weniger punktlich befolge, und erſt nach Beendigung meiner hieſigen, keinen Aufſchub duldenden Geſchaͤftsangelegenheit zu Anhörung — — 109— des von ihm vorzubringenden Anliegenß einfndel“ WVirklich blieb er, obwohl it nichſfo 6 ſchlafloſe Nacht ihm Zeit und Muße darbot, ſich eines andern zu beſinnen, dem gefaßten Vorſatze getreu; und ſtatt des Mor⸗ gens nach ſeinem, zwei Meilen von der Reſi⸗ denz entfernten Landgute hinauszufahren, verfuͤgte er ſich nach dem fuͤrſtlichen Schloſſe, um der Verſammlung beizuwohnen, zu wel⸗ cher auch er eingeladen worden war. Ganz wie er es erwarten und befuͤrchten mußte, fiel, nachdem der Zweck dieſer Zuſammenbe⸗ rufung zum Vortrage gekommen war, die einhellige Sinnesäußerung der Anweſenden us. Der Vortheil, der aus dem Abſchluß eines Ehebuͤndniſſes dieſer Art fuͤr den Staat zu erwachſen verſprach, lag zu nahe, um die Annahme und Aneignung deſſelben einer weit⸗ ſchichtigen ängſtlichen Ueberlegung zu unter⸗ werfen. Auf übereinſtimmende Weiſe traf mit der Volksmeinung die aus der klarern Einſicht hervorgegangent Ueberzeugung der in Anſpruch genommenen Rathgeber zuſam⸗ men; eben ſo raſch ging auch die Vereini⸗ gung über die in die ſchriftliche Urkunde auf⸗ zunehmenden Bedingungspunkte von ſtatten, und nur der Ausſpruch des Fürſten, der bis dahin ſchweigend aber mit ſichtbarer Zufrie⸗ denheit den Verhandlungen zugehört hatte, fehlte noch, um dem einmuͤthigen Gutihten beſtätigende Kraft zu verleihen. Da vermochte Himpe den Sturm der Leidenſchaft, der in ſeinem Innern tobte, nicht laͤnger zu bandigen und zu unterdruk⸗ en. Der Augenblick war gekommen, wo er das Anſehen, welches er erlangt hatte) auf kecke Weiſe geltend machen, oder für immer auf den Entwurf der eignen ſtolzen Gedan⸗ ken Verzicht leiſten mußte. Die Vorſtellung vön dem Verluſt, der ihn bedrohte, die wild⸗ ſodernde Glut der Eiferſucht, der nagende Groll und Ingrimm uͤber das furchtbare, den Beſtrebungen des Ehrgeizes ſich entgegen⸗ thürmende Hindekniß, der Anhang, den er untet dem Volk, der Einfluß, den er auf den — 1— Furſten ſelbſt zu haben vermeinte— Alles wirkte zuſammen, um ihn mit der Verwegen⸗ heit eines Verzweifelnden auszurüſten. Wie beſeſſen ſprang er von ſeinem Stuhl empor, ſchaute mit durchbohrenden Blicken unter den Verſammelten umher, und begann in tiefbeß tiger Bewegung alſo zu ſprechen: „Rein! und ſollte auch Alles ſich vereini⸗ gen, einer ſolchen Verbindung das Wort zu reden, ich meines Theils werde nie aufhoͤren, die beiſtimmende Billigung derſelben für einen Verrath zu halten, der aus Verblendung oder Kurzſichtigkeit an der Wohlfahrt des Landez begangen wird! Alſo darum hätten wir dem eroberungsſuͤchtigen Feinde unſte Kinder zur ſchonungsloſen Hinwuͤrgung entgegengeſchickt? darum hätten wir Blut und Leben freudig in die Schanze geſchlagen? darum hätten wir in jener mörderiſchen Schlacht einen ſo glän⸗ zenden, mit der volligen Vernichtung des Gegners verbundenen Sieg erkämpft, um, ſtatt dem Ueberwundenen demüthigende Geſetze votzuſchreiben, ihn uns gleich zu ſtellen, den 142— ſchwererrungenen Lorbeer mit ihm zu theilen, ja vor den Augen der Welt ſogar den Schein anzunehmen, als ob wir nur durch Anknuͤpfung zarterer Verhältniſſe die Furcht und Beſorg⸗ niß zu bannen wuͤßten, die er uns ſelbſt in ſeiner Ohnmacht und Schwäche noch einzuflo⸗ ßen vermoͤgend ſei? Mag der treuloſe Fremd⸗ ling ſich einer großmuthigen Verzeihung ſei⸗ nes widerrechtlichen Ueberfalles zu getroöſten haben, nimmermehr aber kann und darf ihm ein Beſitz zu Theil werden, der auf zu grelle Weiſe an die Wunden erinnern wurde, die ſein fruͤherer Uebermuth dieſem Lande geſchla⸗ gen hat! Eifrig genug hat er darauf hinge⸗ arbeitet, uns der Willensmacht zu berauben, deren es bedarf, um ein Anſinnen dieſer Art mit Ja oder Nein beantworten zu könnent Und daß ihm ſein Anſchlag vereitelt wurde, wem anders haben wir es zu verdanken, als dem einheimiſchen Verdienſt! Selbſt auf Gefahr, mich dem Verdacht des Hochmuths und der Prahlerei auszuſetzen, muß ich⸗ noth⸗ gedrungen auf die Thaten hinweiſen, die die⸗ — ſer tapfre Arm an der Bruͤcke vollbracht hat! Mit einem armſeligen, in Haſt und Geſchwin⸗ digkeit zuſammengerafften Häͤuflein ſtellte ich der daherwogenden feindlichen Heeresmacht einen Damm entgegen, den ſie vergebens zu durchbrechen bemuͤht war! Rur des gemein⸗ ſamen großen Zweckes gedenkend, verſperrte— ich, in williger Aufopferung meiner ſelbſt, mir die Möglichkeit des Entkommens, und gab kaltbluͤtig dem ſichtbaren Verderben mich preis! Durch unabſehbare Maſſen wuthſchäu⸗ mender Woͤlfe bahnte der einſame Löwe ſich ſeinen Weg, bis er glorreich das ihm vor⸗ ſchwebende Ziel erreicht hatte! Und dem voll⸗ brachten Rieſenwerke ſollte jetzt ein ſo ſchwa⸗ cher winziger Erfolg ſich Nim⸗ „Was Ihr gethan, iß meines grachten nach Gebuhr anerkannt und belohnt worden!“ ſprach der Füͤrſt mit finſterm Stolz und un⸗ muthsvoller Befremdung.„Ganz zur Unzeit pocht Ihr auf Eure Verdienſte! Was legt Ihr gerade bei den heutigen Verhandlungen III. Bd. 8 — 114— ein ſo beſondres Gewicht auf Eure Kriegs⸗ thaten? Was hat hier das Einmiſchen— Perfon zu thun? „Und Ihr koͤnntet wirklich glauben,“ fuhr Pimpe, den ihm ertheilten Verweis nicht beach⸗ tend, in blindwuͤthendem Eifer zu toben fort; „daß, um jene glänzenden Wirkungen hervor⸗ zubringen, die ſchlichte Tapferkeit eines helden⸗ muͤthigen Armes hinreichend geweſen ſei? O Ihr Kurzſichtigen, die Ihr es nicht ahnet, welch eine übernaturliche, geheimnißvolle Macht bei Bollbringung jener Wunderthaten im Spiele begriffen war! Da ſchauet ſelbſt und fragt Euch, ob Ihr mit einem Werkzeuge dieſer Art ähuliche Siegeslorbeeren zu erkämpfen Euch getraut! Eine Schneiderelle glaubt Ihr vor Euch zu ſehen; eine Waffe iſt es in meiner Hand, von ihm geſchenkt, der in den zerbrechlichen Strohhalm die Kraft eines blitzenden Schwertes zu legen vermag. Wohl Jedem, der mit mir ein freundliches Verneh⸗ men zu ſtiften und zu befeſtigen ſucht! denn aus Millionen erwählt und vorgezogen, ein — 115— begunſtigtes Weſen und zur Erreichung jedes irdiſchen Glanzes geſchickt, ſteh⸗ ich unter der Obhut eines hoͤhern mächtigwaltenden Schutz⸗ geiſtes. Er war es, der aus der Riedrigkeit mich erhob, der das verhängnißvolle Bruſtbild mir einhändigte, der im Dunkel der Racht durch die gefahrvollen Schluchten des Wald⸗ gebirges mich ſicher bis zur Bruͤcke geleitete. Meine kuͤhnſten Wuͤnſche weiß er zu befriedi⸗ gen, das Schwerſte ſteht in ſeiner Gewalt, und Ambroſius iſt ſein Rame!“ „Die Sitzung iſt geſchloſſen!“ rief der Fürſt mit zornigen Blicken und verließ eiligſt den Saal. Der größte Theil der Anweſenden folgte ſeinem Beiſpiel; ein hochbejahrter, ehrwurdiger Greis aber näherte ſich dem er⸗ hitzten Redner, ſchuͤttelte bedenklichen Ernſtes das Silberhaupt und ſagte:„Was auch der eigentliche Zweck dieſes leidenſchaftlichen Auf⸗ lehnens gegen die allgemeine Ueberzeugung ſein mochte; Ihr habt nicht wohlgethan, un⸗ ſern Herrn und Gebieter ſo ſchonungslos und mit ſo gefliſſentlichem Rachdruck an einen 8* — 115— tuͤckiſchen Kobold zu erinnern, der es von jeher bald auf dieſe bald auf jene Weiſe dar⸗ auf angelegt hat, dem Hauſe— den zuzufügen! 1 „Wie? Zriumt Ihr“ fragte der Er ſtaunte.„Von einem böſen Kobold hätte ich geſprochen, der gegen das fürſtliche Haus feindſelig geſinnt und ihm Schwen zuzufüͤgen bemüht vire⸗ „Um eine vor mn Zeiten ihm wider⸗ fahrne Beleidigung zu rächen!“ fuhr jener fort.„Nach Euern lautausgeſprochenen Ver⸗ ſicherungen zu urtheilen, werdet Ihr wohl am beſten wiſſen, in welchem Verhaͤltniß Ihr mit ihm ſteht; uns aber genuͤgt die Ueberzeu⸗ gung* daß die Reſidenz ſeinem Zutritt ver⸗ ſchloſſen und daß er uͤberhaupt mit ſeiner Argliſt und Boöheit ſchon längſt in zu enge Grenzen verwieſen worden iſt, um anders, als hoͤchſtens durch die dritte Hand noch mit einigem Erfolg Ränke— uns— zu können!“— —— Ohne ſich ausführlicher und beſtimmter über dieſe räthſelhafte Andeutung zu erklä⸗ ren, entfernte ſich der Greis von dem Be⸗ ſturzten, der bei Anhoͤrung des ihm mitge⸗ theilten warnenden Winkes ſich von einem ganz eignen ängſtlichen Unbehagen ergriffen fuhlte.„Nun; ſo will ich auf andre Weiſe mir Licht und Auskunft verſchaffen!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, begab ſich unverzuͤglich und ſchleunig nach Hauſe, ließ anſpannen und fuhr nach ſeinem Landgute hinaus. Es war ein angenehmer heitrer Fruͤh⸗ lingstag. Schon hatten die Umgebungen des freundlich gelegnen ländlichen Wohnſitzes mit jugendlichem Gruͤn ſich bekleidet, und Leben und Thätigkeit begruͤßten den Eintreffenden, da, auf Befehl des Fuͤrſten, ſowohl im In⸗ nern des Hauſes als bei den dazu gehörigen Gartenanlagen Arbeiter angeſtellt worden waren, um fuͤr die bevorſtehende mildere Jahreszeit Alles in erforderlichen Stand zu ſetzen. Himpe wuͤrdigte die zu ſeinen Som⸗ mervergnügungen gettoffenen Anffalten kaum — 118— eines fluͤchtigen Blickes; wichtiger⸗ Dinge waren es, die er im Sinne trug und nach erfolgter Ankunft ſogleich zu ſeinem erſten und angelegentlichſten Geſchäft machte. Zu ſeinem großen Befremden aber blieben alle Rachfragen, die er an die umherzerſtreuten Arbeiter ergehen ließ, ohne befriedigende Ant⸗ wort. Riemand wußte etwas von einem Fremden, der ſich hier blicken laſſen und den Eigenthuͤmer des Landſitzes zu ſprechen ver⸗ langt habe. Um das Eintreffen des Zwer⸗ ges abzuwarten, verfügte Himpe ſich nach einem Zimmer, das, im obern Stockwerk des Gebaudes gelegen, eine freie Ausſicht nach der Umgegend darbot. Es kam jedoch, ohne daß die unruhvolle Begierde, mit welcher er die ſpähenden Blicke nach allen Seiten hin verſandte, in Erfullung gegangen wäre, all⸗ mählig der Abend heran, und mißmuchigen Geiſtes warf er ſich endlich auf das Ruhela⸗ ger, welches er mit dem feſten Vorſatz, nicht eher von dannen zu weichen, bis er uͤber den hoͤchſtbedenklichen Ausgang der heute ſtatt⸗ — 119— gehabten Verhandlungen vollig ins Klare ge⸗ kommen ſei, ſich hatte bereiten laſſen. Als er um Mitternacht, durch ein in der Nähe ſich erhebendes Kniſtern aus ſeinem Schlummer geweckt, die Augen aufſchlug⸗ bemerkte er beim blaſſen Scheine, von wel⸗ chem das Zimmer erhellt war, eine große Anzahl vom Kopf bis zu den Füßen gehar⸗ niſchter und mit gläͤnzenden Spießen bewaff⸗ neter Zwerge, von ſehr zartem Körperbau, die, Mann für Mann geordnet, ſich in un⸗ unterbrochener Bewegung befanden, indem ſie ein genaues Schrittmaaß beobachtend, in wunderlich geſchlängelten Zuͤgen und Wen⸗ dungen von einer Ecke zur andern ſchweigend umherwanderten.„O Anbroſius!“ rief Himpe, der dieſen ſeltſamen Auftritt füͤr eine gluckliche Vorbedeutung zu halten geneigt war, unwillkuͤhrlich aus. In dieſem Augen⸗ blick öffnete ſich ein Fenſter und mit einem gewaltigen Satze ſprang Ambroſius in ſeiner zerlumpten Jacke mitten zwiſchen das ſtatt⸗ lich geputzte kleine Völkchen herein. Kirſch⸗ — 120— roth war ſein Geſicht, wilde Verderbensglut ſpruͤhte aus ſeinen Blicken, und mit zorner⸗ fullter wuͤthender Geberde nahm er dicht vor der Lagerſtätte des Erſchrockenen ſeinen Platz ein.„Elender Wicht!“ ſchrie er ihm ent⸗ gegen;„der du im ſchnoͤden Trotze des Duͤn⸗ kels und Uebermuthes es gewagt, meinen Namen zu nennen, mit kecker Zunge auf meinen Beiſtand zu pochen und durch prah⸗ leriſches Geſchwätz mein ſauer und muͤhſam gefördertes Werk ſchaͤndlich zu zerſtören. Er⸗ fahre denn, daß, kraft meines geheimen Wir⸗ kens, hätteſt du dem geſtrigen ſchriftlichen Geheiß gebuͤhrend Folge geleiſtet, die Hand der Prinzeſſin noch vor dem Aufbluͤhen des Feuermohns dir zu Theil geworden wäre, dir und keinem Andern; ſtatt daß du jetzt fuͤr dein frevleriſches, nach eigner Willkuhr geuͤbtes Verfahren dich zum Empfange der verdienten Zuchtigung bereit halten magſt! Euch, Ihr Diener und Knechte, uͤberliefre ich den Unwuͤrdigen, der durch plumpen Ver⸗ rath jeden Anſpruch auf meine fernere Gunſt und Fuͤrſorge thöricht und muthwillig ver⸗ ſcherzt hat. Thut, was Eure Pflicht iſt!“ Die kleinen Bewaffneten hatten während dieſer Strafrede ſich um ihren entruͤſteten Gebieter in einen dichten Halbkreis zuſam⸗ mengedrängt und unabläſſig durch ein ſcha⸗ denfroh geſchaͤftiges Trippeln und Blinzeln ihre Ungeduld nach einem Auftrage dieſer Art zu erkennen gegeben. Kaum war der⸗ ſelbe daher erfolgt, als ſie auch ſchon mit der Haſt und Behendigkeit eines erbitterten Horniſſenſchwarmes über den Ungluͤcklichen herfielen und durch Kratzen und Beißen, durch Kneifen und Zwicken ihre Wuth an ihm auszulaſſen anfingen. Bei dieſem ent⸗ ſetzlichen Auftritte blieb auch das Schwert, das Himpe jeden Abend neben ſein Bett zu ſtellen gewohnt war, nicht in Unthätigkeit; denn einer riß es dem andern aus den Hän⸗ den und ſchlug damit, bis es ihm wieder abgejagt wurde, ämſig und aus Leibeskraͤften auf das preisgegebene Schlachtopfer los. Wie lange die an ihm verubten Mißhand⸗ — 0 lungen gedauert, wußte Himpe, da ihm gar bald die Beſinnung entflohen war, nicht zu beſtimmen, und ſchon ſtand die Sonne hoch am Himmel, als er endlich aus ſeiner dum⸗ pfen Bewußtloſigkeit wieder zu ſich ſelbſt kam. Er fuͤhlte ſich ungemein entkräftet und es verſtrichen mehrere Tage, bevor er das Bett zu verlaſſen und ſich ohne fremden Beiſtand auf den Füßen zu erhalten im Stande war. Schon auf den erſten Anblick belehrte er ſich, daß das Schwert uͤber der zuletzt geſpielten Rolle ſeine Ratur veraͤndert habe und wieder zur gemeinen Elle geworden ſei. Was aber faſt mehr noch als dieſes Mißgeſchick ihm tief zu Herzen ging, war der Umſtand, daß man es waͤhrend der Zeit, da er ſiech und elend darniedergelegen, von Seiten des Hofes nicht der Muͤhe werth geachtet, nur die ge⸗ ringſte Nachfrage nach ſeinem Beſinden zu rhun. Von der ſchrecklichſten Ungewißheit ward er gequält, der Grund und BVoden ſei⸗ nes einſamen Landgutes brannte ihm unter den Fußſohlen; nicht laͤnger vermochte er 5 hier auszudauern, und bleich und duͤſter⸗ muthlos und niedergeſchlagen kehrte er nach der Reſidenz zuruͤck. Aber auch hier fand er gar bald Gelegen⸗ heit, ſich von einem hochſt auffallenden Wech⸗ ſel der Anſichten und Meinungen zu uͤberzeu⸗ gen, welcher mittlerweile in ſämmtlichen Ge⸗ muͤthern vorgegangen war. Tauſend giftige Zeugen ſchienen es während ſeiner Abweſen⸗ heit zu ihrem Geſchaͤft gemacht zu haben, die geheimen Grundurſachen ſeines Emporkom⸗ mens auszupredigen und unter die Leute zu bringen. Statt ihm den Zoll der Verehrung und Bewunderung, die fruͤherhin die unzer⸗ trennlichen Gefährten ſeiner Schritte geweſen⸗ tänger zu entrichten, zuckte man jetzt bei ſei⸗ nem Anblick mitleidig die Achſeln, beſpoͤttelte laut und ohne Ruͤckhalt ſeine mit der Holzelle vollbrachten Kriegsthaten, und nannte ihn einen eitlen gehaltloſen Gluͤckspilz, der, alles eignen Verdienſtes entbehrend, einzig und allein durch fremde Vermittelung zu dieſer Hoͤhe gelangt ſei. So lautete das aus dun⸗ — 124— keln Sagen und Gerüchten hervorgehende Urtheil der Menge; während diejenigen, die von ſeinen Verhältniſſen genauere Kunde beſaßen, ihn als das ſchnöde Wertzeug eines raͤnkevollen Dämons verabſcheuten, der aus der Hefe des Pöbels ihn blindlings heraus⸗ gegriffen, um hämiſch und boshaft ihn in die fuͤrſtliche Familie einzuſchwärzen, und ſodann, wenn ihm das Werk gelungen, ein holliſches Hohngelächter daruͤber aufzuſchlagen! und leider hatten die Vorfälle jener Schreckensnacht nicht allein das Schwert zu ſeiner urſpruͤnglichen Geſtalt und Beſchaffenheit zuruͤckverwieſen, ſondern zugleich auf das gei⸗ ſtige Weſen des Gunſtberaubten eine ſo ungluͤckliche Wirkung hervorgebracht, daß er ſchlechterdings nicht fahig war, ſich durch ſelbſtſtändige Kraft uͤber ſein Geſchick zu er⸗ heben, oder auch nur dem aͤußern Scheine nach die Wuͤrde zu behaupten, die mit Verglei⸗ chung des Zaubergeſchenkes ihm, als erfreuliche Beigabe, in Wort und Wandel zu eigen gewor⸗ den war. Seltſam verwirrten ſich in buntdurch⸗ — 2253— einander kreuzendem Gemiſch ſeine Vorſtellun⸗ gen und Gedanken, ohne Sinn und Zuſam⸗ menhang waren ſeine Reden, linkiſch und lächerlich ſeine Bewegungen. Verloren hatte ſich die edle Haltung, und troſtlosfade Schnei⸗ dermanieren waren an ihre Stelle getreten. Zu ganzen Stunden ſah man ihn den rechten Arm im Halbzirkel auf und abſchwingen, Papierbogen in lange ſchmale Streifen zer⸗ ſchneiden, oder in feierlichernſte Betrachtung der an ſeiner Kleidung beſindlichen Nathe und Knopfloͤcher verſinken; und ward er etwa durch ein annäherndes Geräuſch in ſeinem Rachgrubeln geſtoͤrt und unterbrochen, ſo ſchoß er mit ſchiefſchragen Buͤcklingen auf den Ein⸗ tretenden los und geberdete ſich, als ob er ihm Maaß nehmen wolle. In dem nämli⸗ chen Augenblick gab er ſich einen Fauſtſchlag vor die Stirn, ſtampfte wuͤthend gegen den Boden und ſtuͤrzte fort. Mit ſchreckenvoller Klarheit ward er ſeines traurigen Zuſtandes ſich bewußt; die Erinnerung an die ihm ent⸗ zogenen Gaben ſchwebte ihm deutlich vor der — 1 Seele, er fuͤhlte den Mangel, aber ihm abzuhelfen ſtand nicht in ſeiner Gewalt! Schon ein paarmal hatte er Zutritt zum Furſten zu erlangen geſucht, war aber ſtets, unter dem kurzen froſtigen Beſcheid, daß man ihn werde rufen laſſen, ſobald man ſeiner benothigt ſei, zuruckgewieſen und an Aus⸗ fuͤhrung ſeiner Abſichten verhindert worden. Da erhielt er einſt gegen Abend plötzlich und unerwartet einen von Seiten der Regierungs⸗ behörde an ihn gerichteten ſchriftlichen Befehl⸗ daß er vor Ablauf des nächſtfolgenden Tages die Reſi denz verlaſſen und ſich auf ſein Lund⸗ gut pinausbegeben ſolle, um daſelbſt ruhig zu erwarten, was man weiter uber ihn zu ver⸗ fugen fuͤr zweckdienlich erachten werde. Ein Raub der tödtlichſten Beſtuͤrzung, ſank der Empfaͤnger auf den nächſten Lehn⸗ ſeſſel, die krampfhaft geballten Hände gegen das Knie geſtuͤtzt, und die wilden ſtarren Blicke auf das am Boden liegende Papier geheftet, in welchem die an ihn ergangene ſtrenge und — 127— unheildrohende Weiſung enthalten war. Mit der mehr und mehr überhand nehmenden Dunkelheit aber ermannte er ſich und verließ ſeine Vehauſung, um zu der erſehnten Unter⸗ redung mit dem Fuͤrſten den letzten Verſuch zu wagen. Im Innern des Reſidenzſchloſſes herrſchte die tiefſte Ruhe; wohl aber verbrei⸗ tete das zwiſchen ihm und dem angrenzenden Gatten hin und her eilende Hofgeſinde ein geſchaͤftiges Leben, während zugleich ein in nur geringer Entfernung befindlicher hell er⸗ leuchteter Pavillon ſich dem Auge darbot. Schleichenden Schrittes nahm Himpe ſeine Richtung dorthin, arbeitete, einen Umweg einſchlagend, ſich durch das Geſträuch, und gelangte an ein Fenſier, durch welches er Alles, was drinnen im feſtlich geſchmückten Saale vorging, genau und deutlich zu uͤberſchauen vermochte.— Es war die Verlobung der ſchonen Angelika mit dem fremden Prinzen, die hier im engen Familienkreiſe des furſtli⸗ chen Hauſes gefeiert wurde. Von glühender ungeduld durchdrungen, hatte der Beguͤnſtigte, — 128— auf erhaltene Zuſtimmung in ſein Begehr, ſich heute eingefunden. Ausdruck der ſeligſten Ueberraſchung und jauchzender Freudentaumel in ſeinem Weſen!— Merkmale der erwach⸗ ten Zuneigung und ſüße Liebeswonne in ihren Blicken!— O ihr Mächte des Himmels! Eben wurden die Ringe gewechſelt. Roch einmal in ſeinem Entſetzen, in ſeiner Todes⸗ qual ſchaute der Gefolterte hin— in zärt⸗ licher Umarmung hing das liebende Paar!— Fort in wilder ungezügelter Haſt, fort ging es durch den Garten, durch die Straßen, fort nach der weiten freien Ferne hinaus! Eine felſige, mit ihrem Gipfel bis zur Mitte des unten fließenden Stromes ſchroff hinuͤber⸗ ragende Anhöhe ward erklettert. Finſter und ſtuͤrmiſch war die Racht, ſchäumend und brauſend begrußten, zur Empfangnahme be⸗ reit, die Wogen ihr Opfer.„Elendes Daſein, fahre hin!“ ſchrie der Vetzweifelnde, indem er; in die Flut ſich hinabzuſturzen, Richtung. und Zulauf nahm. Da fuͤhlte er plötzlich zwiſchen Nacken und Halsbinde ſich von ſcharf⸗ — 129— eingreifenden Fingern gepackt.„Hochmuͤthi⸗ ger Geck!“ ziſchte eine heiſere Stimme.„Kein ſo heroiſches Ende! das hätte mir noch ge⸗ fehlt! fort und zuruͤck mit dir an den Schnei⸗ dertiſch!“ Und jählings von einer unſichtbaren Ge⸗ walt in die Luft gehoben, ward er, wie auf den Flügeln des Sturmwindes, eine unermeß⸗ liche Strecke weit fortgeriſſen und endlich mit einem heftigen Stoße gegen den Boden ge⸗ ſchleudert. Dennoch verſpuͤrte er bald, daß, trotz dieſer gräßlichen und mit Blitzesſchnelle an ihm verubten Gewaltthätigkeiten, noch Leben und Gefuͤhl in ihm vorhanden ſei; denn deutlich vernahm er das laute Knacken der eignen Glieder und Gelenke, und eben ſo deutlich den von einer fremden Stimme her⸗ ruͤhrenden gellenden Ausruf:„Er iſt gerettet! Vivat mein Veſicatorium! vivat hoch!“— Aber nur mit der äußerſten Anſtrengung war er vermögend, die Augenlieder, die ſchwer wie Bleideckel ſeine Blicke verſchloſſen hielten, ein wenig zu öffnen. Staunend erkannte er ſeine M. Bd. 9 alte Schneiderwohnung. Mit bleichem, auf angſtvoll durchwachte Raäͤchte hindeutendem Geſicht und verweinten Augen ſaß Dorchen an ſeinem Bett und trocknete mit einem Tuche ihm ſorgſam die hervorquellenden Schweiß⸗ tropfen von der Stirn. Den an Fenſter befindlichen Großvaterſtuhl füllte theilnehmen⸗ den Ernſtes der dicke Lohgerber aus. Der Stadtbader und Hansftiedel ſtanden am Klapp⸗ tiſch in der Mitte der Stube, und ſchmierten beide mit gleichämſigem Eifer, der eine Bla⸗ ſenpflaſter, der andre Butterbrot. Ein heller Freudenſtral erheiterte Dorchens Mienen, als der ſchwergeängſtigte Dulder die Angen aufſchlug.„Armer Traugott! Was mußt du ausgeſtanden haben!“ ſagte ſie, ihm wehmuͤthig und zärtlich die Hand druͤckend. „Aber nimmermehr ſollſt du mir wiedet zum Quartalſchmauſe, wenn ich weiß, daß der hoch⸗ muͤthige Hofſchneider dabei iſt, der durch ſein prahleriſches und zänkiſches Weſen dir all das Aergerniß in den Leib gejagt hat!“ „Das aber wuͤnſchte ich vapt Gehutter! ließ ſich der Lohgerber vernehmen,„daß Euch wgiich wäre, all den vertrakten bunt⸗ ſchectigen Kram, der in den letztverwichenen Tagen und Nächten Euch durch das Gehirn gegangen ſein muß, im Gedächtniß zu behal⸗ ten, um ihn uns gelegentlich in ordentlichem Zuſammenhange zur Suns mit⸗ zutheilen!“ „Ihr ſeid ein gar großer Rarr!“ wollte Himpe, in der klaren und lebendigen Ruͤck⸗ erinnerung der erlebten Abentheuer, auf den vernommenen Zuruf erwiedern. Noch war es ihm jedoch nicht vergönnt, ſeine Gedanken in Worte kleiden zu koͤnnen, und nur auf ein ſchmerzliches Zucken mit den Lippen beſchränkte ſich daher der Verweis, der dem Lohgerber 9 — 132— ʒugedacht war. Langſam tehrte er das Ge⸗ ſicht gegen die Wandſeite, Dorchen ſchob ihm ſanft und behutſam das Kopfkiſſen zurecht, und der Entkräftete verſank, nach den erlit⸗ tenen uͤbermenſchlichen Truͤbſalen, endlich in einen ruhigen und erquickenden Schlummer. — Eiſenknapp und Waldborn. In einer der unwirthbarſten Gegenden des Thüringerwaldes lebte vor vielen Jahren ein Ritter, Guͤnther von Storneck mit Ramen, der bei Aufzählung ſeiner beweglichen und un⸗ beweglichen Guter niemals in Gefahr gerieth, einen Gedächtnißfehler zu begehen, weil er nichts beſaß, als eine Burg, die ſich mehr und mehr ihrem Einſturz näherte, eine Rüſtung, die mit leiſer Deutung auf die fruͤhern Tha⸗ ten ihres Beſitzers, vom Roſt zerfreſſen, in der Kammer hing, und einen Fiſchteich, aus welchem der Ritter, ſo oft die Jagd im um⸗ liegenden Forſte nicht von guͤnſtigem Erfolge war, fuͤr ſich und ſeinen Sohn des — Nothdurft gewann. Edgar, ſo hieß der Juͤngling, hatte un⸗ gefäͤhr ſein zwei und zwanzigſtes Jahr erreicht, als er eines Abends zum Kampfſpiel, das der Vater, um ihn in den Waffen zu uben, jeden Tag mit ihm anzuſtellen pflegte, um die be⸗ ſtimmte Stunde im Bofraum der Vurg ſich einfand, nachdem er ſeit der Frühe, um den Tiſch zu verſorgen, einſam die Wälder durch⸗ ſtreift hatte. Statt aber den Alten gewohn⸗ termaßen zum Lanzenbrechen bereit zu finden, ſah er ihn mit niedergeſenktem Haupte auf der ſteinernen Bank ſitzen, auf welcher er ſonſt immer erſt nach geendetem Fechtſpiel ſich nie⸗ derzulaſſen pflegte, um daſelbſt, von einer Ulme beſchattet, während des Nachtmahls den Juͤngling mit den Abentheuern der altverbluͤh⸗ ten Zeit zu unterhalten, denen er in der Kraft und Fuͤlle ſeines Lebens ſich unterzog. „Edgar!“ rief der Alte, als jener beſtuͤrzt ſich ihm naͤherte;„hole mir den Harniſch aus der Ruͤſtkammer, vergiß auch das Fähn⸗ lein nicht in der Ecke!“ Der Juͤngling ge⸗ horchte.„Hilf mir in die Ruſtung!“ fuhr er fort, als er vor ſich ſah, was er verlangt hatte.„Im eiſernen Panzer, wie es dem Ritter geziemt, begehre ich diesmal ſchlafen zu gehen. Faſſe dich, Edgar! mein Stuͤnd⸗ lein iſt gekommen; faſſe dich, und merke auf meine letzten Worte.— Der finſtere Unmuth, welcher, ſo lange du mich kennſt, alle meine Worte und Handlungen begleitete, iſt nicht von jeher mir eigen geweſen. Es gab Zeiten, wo ich hell und heiter, wie du, in das Leben hinausblickte; aber ein einziger Augenblick, wo ich der Ritterehre und Freundestreue ver⸗ gaß, iſt mir zur nieverſiegenden Quelle des Grames geworden. Seit länger als dreißig Jahren erfuhr ich alle die Schrecken, die ein mit Schuld belaſtetes Gewiſſen zum Gefolge hat, ohne daß ich den Muth hatte, mich ir⸗ gend einem menſchlichen Weſen zu entdecken und in Mittheilung meines Vergehens dem ſchweren Herzen Erleichterung zu ſuchen. Jetzt loͤſt der herannahende Tod mir die Zunge, und Barm⸗ Herzigkeit gewähre mir der Richter, vor dem ich erſcheinen ſoll!— Vernimm die Geſchichte mei⸗ ner Treuloſigkeit und meines Unglucks, die mit Eroberung dieſes Fähnleins beginnt.“ „Damals entbot ein wackerer Ritter, Walter von Hochfels, die Männer des Lan⸗ des, ihm Huͤlfe zu leiſten gegen Hugo den Rothkopf, der mit Schaaren von Reiſigen heranzog, um ſeinen Anſpruͤchen auf die ſchöne Gertrud, Walters Tochter, deren Hand ihm verweigert worden war, mit bewaffneter Fauſt Gultigkeit zu verſchaffen. Kaum war das Aufgebot erſchollen, als ich, voll Erbit⸗ terung gegen den Ehrvergeſſenen, mich auf⸗ machte und nach dreien Tagen, von meinem Schildknappen begleitet, vor den Thoren der Hochburg anlangte. Hier hieß der Herzens⸗ freund und Gefaͤhrte meiner Jugend, Ellrich von Waldenheim, der mit Sehnſucht meiner Ankunft entgegen geſehen hatte, mich will⸗ kommen, entdeckte mit gluͤhendem Geſicht mir ſeine heimliche Reigung zur reizenden Ger⸗ trud, beſchwor mich bei unſerer Freundſchaft, ihm ihren Beſitz erringem zu helfen, und hatte, bevor wir noch den Burghof erreich⸗ ten, daruͤber bereits Wort und Handſchlag erhalten. Droben aber empfing mit freund⸗ — 137— lichem Gruß mich der Vurgherr, ſtellte mich der bluͤhenden Gertrud vor und fuͤhrte mich ſodann nach dem Saale, wo die verbündeten Ritter unter froͤhlichem Zechen über die Fehde des nächſtfolgenden Tages ſich beſpra⸗ chen. Bald darauf kam ein auf Kundſchaft ausgeſandter Bote mit der Nachricht zuruͤck Hugo habe mit dem Vortrapp ſeines Heeres unweit der Burg an einem Huͤgel ſich gelagert und werde, wenn der Kampf beginne, mit eigner Hand den Seinigen das Banner vortragen.“ „Kaum hatte Walter das vernommen, als er vom Wein befeuert, mit dieſen Wor⸗ ten von ſeinem Sitze aufſprang: Wohlan denn, wackre Genoſſen! Wer mir den Tod⸗ feind erlegt und das Fähnlein in meine Hände liefert, empfange dagegen meine Ger⸗ trud zum Preiſe des Sieges!— Mit blitzen⸗ den Augen druͤckte mir Ellrich die Handz ich aber vermochte den Druck nicht zu erwiedern, denn ein zundender Funke war bei dem An⸗ vlick der bluͤhenden Ingfeau mir in das Herz gefallen!“ 6 „Kaum begann der Morgen zu dämmerh, als wir wohlgeruͤſtet hinabzogen in die Ebene, wo Hugo mit Aufſtellung ſeines Heeres be⸗ ſchäftigt war. Der Kampf begann, und Ell⸗ rich, auf meinen Schwur ſeine Hoffnungen gruͤndend, wich mir nicht von der Seite, bis wir endlich, als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, durch des Handgemenges ge⸗ waltigen Drang von einander getrennt wur⸗ den. Da gewahrte ich plotzlich, in geringer Entfernung von mir, Hugo's Fäͤhnlein, wie es bald in der Luft flatterte, bald hinter den ragenden Helmbüſchen der Kaͤmpfenden ſich zu verlieren ſchien. Sogleich öffnete ich mit dem Schwerte mir den Weg nach der Ge⸗ gend, wo die lockende Beute ſich befand und erkannte, im hartnäckigen Zweikampf mit Hugo begriffen, den Waldenheimer. Von Blut waren beider Harniſche geroͤthet. Ell⸗ rich ſchien erliegen zu wollen; ein Streich aber, den ich mit verdoppelter Kraft nach Hugo's Racken führte, endigte das Gefecht und brachte den Gegner ſammt ſeinem Fähn⸗ — 139— lein in meine Gewalt. Hugos Fall entſchied den Kampf fuͤr Walter von Hochfels, und ſchon am Mittage gab es in der weiten Ebene keinen Feind mehr zu beſiegen. Ell⸗ rich, der, auf den Tod verwundet, keines Ge⸗ dankens fähig war, ward in eine nahe Hutte getragen; und während er hier den Kampf mit Tod und Leben zu beſtehen anſing, feierte ich meine Vermählung mit der ſchoͤnen Ger⸗ trud und fuͤhrte ſie als mein Ehegemahl nach der heimiſchen Burg. Aber ein unheim⸗ licher Geiſt nahm ſeitdem von meiner Veſte Beſitz; der Segen wich von meinen Wieſen und Aeckern, die Natur verweigerte dem An⸗ bau meines Grundgebiets ihre huͤlfreiche Hand, ein hinfälliges Anſehen bekam meine Burg, ohne daß menſchliche Bemuͤhung der Zerſtoͤrung Einhalt zu thun vermochte. Ger⸗ trud ward, als du eben geboren wareſt, mir durch den Tod entriſſen, und die Hoffnung, meinen Wohnſitz in einer gluͤcklichern Ge⸗ gend zu erwählen, vernichtete ein Vlitzſtral⸗ der Walters Vurg an dem naämlichen Tage — in einen Steinhaufen verkehrte, an welchem man ihren w be⸗ ſtattete!“— 8 „Hegſt du nach Anhörung dieſes i niſſes noch einige Liebe zu mir, ſo nimm, wenn ich entſchlafen bin, dieſes Faͤhnlein⸗ zeuch damit nach Ellrichs Burg, die kaum eine Tagereiſe weit von der meinigen ent⸗ fernt liegt, und uͤberbringe es ihm mit der Botſchaft, daß ſeit Hugo's Falle mein Leben trübe geweſen ſei wie meine Seele. Edel⸗ muͤthig hat er bis jetzt uͤber eine That ge⸗ ſchwiegen, durch die er in ſeinen heiligſten Gefühlen gekränkt ward, und mit verzeihen⸗ dem Herzen wird er vielleicht die Kunde meines Todes vernehmen!“— Hier ſchwieg der Alte. Eeins ghpi fingen an zu beben und wurden bleich; in krampfhaftem Zittern hob unter der ſtählernen Bedeckung ſich ſeine Bruſt, und als der Voll⸗ mond uͤber den Fichtengipfeln des— war er verſchieden. Stilltrauernd beſtattete Edgar den ent⸗ 1 — 411— ſeelten Leichnam im Burggewölbe, hing drei Tage lang in ſeiner einſamen Behauſung dem Gedanken ſeines Verluſtes und gegenwärtigen Zuſtandes nach, und begab am vierten Mor⸗ gen in wehmuͤthiger Stimmung mit dem Fähnlein ſich aß den Veſte. Schon war er mehrere Stunden genau auf die Gegend merkend, die der ſter⸗ bende Guͤnther bei Erwähnung der Walden⸗ peimiſchen Burg ihm mit der Hand bezeich⸗ net hatte, in der Wildniß fuͤrbaß geſchritten, als ein brennender Durſt ſich bei ihm einzu⸗ ſtellen anfing. Mit lechzender Zunge ſpaͤhte er allenthalben umher, ob er vielleicht einige ſaftige Beeren oder eine kuͤhle Quelle entdek⸗ ken möchte; aber nur verſengte Mooöſpitzen ragten aus dem Boden hervor. Schon wollte die Hoffnung, den Ausgang des Waldes mit ſeiner erſchoͤpften Kraft zu erreichen, ihn ver⸗ laſſen; da vernahm er ploͤtzlich ſeitwärts im Dickicht die Schlage einer Art, die, von lau⸗ tem Wiederhall begleitet, gegen den harten Stamm eines Eichbaums gerichtet ſchienen. In der Erwartung, dort ein menſchliches Weſen und durch deſſen Hülfe die Erquickung zu finden, deren er bedurfte, brach er mit Aufbietung der noch übrigen Kräfte ſich Bahn durch dgs dickverwachſene Gehölz und gelangte endlich in ein, von Laubholz beſchattetes, an⸗ muthiges Thal, deſſen Anblick ihn, wegen ſeiner Verſchiedenheit von den bereits durch⸗ wanderten Waldſteppen, wunderbar uͤberraſchte. Sein Erſtaunen daruͤber ſtieg jedoch zu einem noch hoͤhern Grade, als er in Entfernung weniger Schritte einen Brunnen und auf deſſen ſteinernem Rande einen Mann ſitzen ſah, welcher, der äußern Geſtalt nach einem Schildknappen gleichend, ganz von Eiſen ge⸗ goſſen ſchien, bei Edgars Annäherung nher ſtillſchweigend von ſeinem Sitze aufſtand, und ohne weiter auf den Ritter zu achten, mit ſchwerfälligen 6 ent⸗ fernte. in Statt aber des erii ſten Wunſches, den er gegenwaͤrtig. hegte, ſich — — — 143— in fruchtloſes Rachdenken uͤber das ſeltſame Abentheuer zu verlieren, machte Edgar unge⸗ ſaͤumt von der freundlichen Entdeckung Ge⸗ brauch, und erfriſchte, ſchöpfend aus dem wohlthätigen Waldborn, Herz und Lippen. Ein geheimer Zauber ſchien in dem reizenden Thalgrunde ihn feſthalten zu wollen; aber eingedenk des ihm obliegenden Geſchaͤfts raffte er, nach kurzer Raſt, von dem weichen Gras⸗ wuchſe ſich auf Lund wanderte, indem er mit friſchgebrochenen Reiſern ſich den Ruͤckweg nach dem Brunnen bezeichnete, mit geſtärktem Muthe von dannen. Alliählig gewann er, das Ende des Waldes erreichend, freiere Aus⸗ ſicht, und die Anhoͤhen und Ebenen eines freundlichen Landſtrichs im Ruͤcken laſſend, erblickte er endlich die von der Abendſonne beleuchteten Zinnen der ſtattlichen Burgveſte⸗ die das Ziel teimuligen Wanderung war. 2 2 rat Wohl erweckte der Gente an die icn Ruͤckerinnerungen, die der Anblick des Fähn⸗ leins in dem Gemuͤthe des Waldenheimers — 144— aufregen werde, ihm ein heimliches Grauen; doch war ihm der Auftrag des ſterbenden Vaters zu heilig und unverletzlich, als daß er von Vollziehung deſſelben ſich durch die Furcht vor einem unfreundlichen Empfange vatte ſollen abſchrecken laſſen. So ſchritt er denn, der eigenen Schuldloſigkeit und dem geprieſenen Edelmuthe des Ritters vertrauend, mit feſten Schritten uber die herabgelaſſene Zugbruͤcke in den Burghof hinein, weidete ſich einige Augenblicke lang an den darin herrſchenden, auf Wohlſtand und ächtritter⸗ lichen Lebensgenuß deutenden Ordnung und ſpähte dann verlangend nach allen Seiten umher, um durch belehrende Auskunft und Zurechtweiſung alſobald zur gewuͤnſchten Unter⸗ redung mit dem Burgherrn zu gelangen. Es zeigte ſich jedoch Niemand, der ihm zu Errei⸗ chung des beabſichtigten Zweckes hätte förder⸗ lich ſein können; der Hofraum war und blieb wie ausgeſtorben, und Edgar ſah end⸗ lich, des vergeblichen Harrens muͤde, ſich ge⸗ nöthigt, auf der Wanderung nach dem In⸗ nern der Burg ſein eigner Wegweiſer zu werden. Mit ſcheuer Aemſigkeit ſtieg er die geräumige, aus Quaderſtuͤcken erbaute Wen⸗ deltreppe hinauf und gelangte endlich vor die halbgeoffnete Thuͤr eines Gemaches, aus welchem ihm folgende, von einer weiblichen Stimme zum Lautenſpiel geſungene Worte entgegen tönten: Mit erbleichtem Scheitethaare eitzt ber greiſe Rittersmann, Dem im Wirbelflug der Jahre Luſt und Schmerz zum Traum zerrann. Nicht ertont von Waffenſchalle Mehr die Halle; Schild und Speer S6 unberuͤhrt umher!“ ut, von z und— Weilt er ſtill im Burggemach, Schwingt den Becher, ſtatt der Lanze, Denkt verggngnen Tagen nach. Dumpfem Frieden hingegeben Flieht ſein Leben, Sinkt in Nacht Thatenruhm und Rufinpt⸗ A 115 Bd. 10 — 146— „Fragſt du nach des Unmuths Quelle, Der die Wimpern ihm umzieht: Ach! ihm ſchwebt zu klar und helle Manches Bild noch im Gemuͤth! um'den Morgentraum der Liebe Zog ſich truͤbe Dammerung; Nur ſein Herz blieb friſch und jung!“— Rit ſchuͤchternem Muthe trat Edgar, nach⸗ dem das Lied verklungen und eine todtenhafte Stille eingetreten war, zur halbgeoffneten Thuͤr in eine geräumige Halle hinein, durch deren blaßgruͤne Fenſter die untergehende Sonne einen ſeltſamen Schimmer verbrei⸗ tete. Helme und Bruſtharniſche, nebſt andern Waffenſtuͤcken von mannigfacher Geſtalt und Gattung, hingen als ernſt bedeutſame Zier⸗ rathen an den Pfeilern umher, die der dunkeln Deckenwölbung zur Stütze dienten. Was Ed⸗ gars Aufmerkſamkeit jedoch in weit hoͤherm Grade ſogleich beſchäftigte, war der Anblick eines greiſen Ritters, der an einem, in der Mitte des Saales befindlichen Tiſche vor einem ſilbernen Becher ſitzend, mit ernſter Miene N — 147— vor ſich hinblickte und in tiefes Nachdenken verſunken war. Ihm zur Seite zeigte ſich ein junges Frauenbild, voll Reiz und Anmuth⸗ die Hand traulich auf die Schulter des Grei⸗ ſes gelegt und mit ſanfter Freundlichkeit zu ihm herabblickend; während er felbſt in ſeinem duſtern Schweigen beharrte und des ihm zu⸗ gewandten liebkoſenden Lächelns nicht weiter zu achten ſchien. Edgar, dem es eben ſo ſehr an Muth gebrach, durch Gruß und Anrede den Greis in ſeinen Betrachtungen zu ſtören, als ihm die Begierde, ſich ſeines Auftrages zu entledigen, kein längeres Zaudern verſtatten wollte, näherte ſich, um durch dieſe Bewegung ſeine Gegenwart kund zu thun, dem Tiſche noch um einige Schritte; und jetzt wandte der Ritter das Haupt, fuhr bei Erblickung des in demuͤthiger Stellung ſich ihm nähern⸗ den Juͤnglings ſcheu zuſammen und rief, in⸗ dem er ſich raſch von ſdnem Seſſel erhob, mit blitzenden Augen ihm entgegen:„Laß ab mich zu verfolgen, tückiſcher Kobold! denn in welcher Geſtai du auch erſcheinen magſt, du 10* — 148— wirſt im Tode mir eben ſo verhaßt bleiben, als du mir es im Leben geweſen biſt!“— Faſt mehr noch vor dem Ton und der Ge⸗ berde, womit er dieſe Worte ausſprach, als vor dem Inhalt derſelben mußte Edgar ſich entſetzen; eine furchtbare Ahnung bemäͤchtigte ſich ſeiner zagenden Seele, und alle ſeine Gei⸗ ſtesgegenwart hatte er aufzubieten, um dem erzuͤrnten Greiſe gegenuͤber, den hier obwal⸗ tenden Irrthum zu widerlegen und uͤber den Zweck ſeiner Wanderung nach Sins Veſte ſich erklaͤren zu koͤnnen.. Seinen Blick mit durchbohrendem Ernſt auf den Juͤngling geheftet, vernahm der Alte den Bericht, den Edgar in ſchüchterner Verlegenheit ihm erſtattete. Kaum aber war er damit zu Stande gekommen, als ein alter Schildknappe Ellrichs mit der Botſchaft in den Saal trat, daß er ſo eben mit den uͤbri⸗ gen Reiſigen aus dem Forſte zuruͤckgekehrt, der Eber jedoch, zu deſſen Verfolgung man. ſich mit Tagesanbruch aufgemacht, trotz alles Forſchens und Umherſchweifens nicht ausfin⸗ — 149— dig zu machen geweſen ſei, obgleich es nirgends an Spuren neu angerichteter Verwuͤſtungen gefehlt habe. Zorn und Unmuth wechſelten bei Anhoͤrung dieſer Worte von neuem auf Ellrichs Geſicht; mit ſtarken Schritten ging er einigemal zwiſchen den Pfeilern auf und nieder, wandte ſich dann zu dem am Eingange harrenden Knappen und ſagte:„Curd, du bringſt mir ein ſehr furchtſames Geſicht mit nach Hauſe; die Anordnungen, die du draußen zu Erlegung des Ebers getroffen haſt, mogen wohl nicht gar viel getaugt haben. Setze mein Jagdgeräth in gehorigen Stand; wir wollen doch ſehen, ob der ungeladne Gaſt ſich auch vor mir zu verſtecken weiß! Mit der Morgendämmerung brechen wir auf.“— Der Knappe wandte mit verſtohlenem Blick ſich gegen die Jungfrau, als habe er ihr einen warnenden Wink zu geben und entfernte ſich.—„Beſter Oheim!“ ſagte dieſe darauf mit bangbeſorgter Miene,„habt Ihr auch bedacht, daß Ihr ſo gefahrvoller Anſtrengun⸗ gen ſchon ſeit Jahren nicht mehr gewohnt —— — 150— ſeid?— Wie leicht könnte ein Unfall Euch begegnen!“—„Deßhalb ſei ohne Sorgen, Bertha,“ verſetzte der Alte mit einem faſt bittern Lächeln;„nur Zaghaftigkeit und Unge⸗ ſchick konnen bei Beſchaͤftigungen dieſer Art von irgend einer Gefahr träumen.“ Ich habe es bereits mit gar manchem Unthier zu thun gehabt, und fürchte keinen Eber, der beim Angriff ehrlich zu Werke geht und ſich ordent⸗ lich ins Geſicht ſchauen läßt!— Bleibt Euch noch ſonſt ein Geſchäft in meiner Burg zu verrichten?“ fuhr er hart und feindſelig fort, indem er ſich zu verwundern ſchien, daß Edgar noch im Saale verweile.„Euern Auftrag meinte ich, hättet Ihr ausgerichtet.“—„Habt Ihr, edler Ritter,“ frug Edgar,„kein freund⸗ lich mildes Wort, habt Ihr gar nichts darauf zu erwiedern?“—„Nichts,“ verſetzte der Alte,„als daß in meiner Burg die Gaſtfreund⸗ ſchaft nach Gebuͤhr geuͤbt, Keinem jedoch darin zu verweilen geſtattet wird, der— die eines Verrathers troͤgt/n Mit angſtvoller Unruhe ergriff vute. — 161— als ſie dieſe Worte vernahm, die ausgeſtreckte Hand des erhitzten Greiſes, indem ſie durch einen flehenden, von der innigſten Wehmuth erfullten Blick ihn zu beſaͤnftigen und ihm mildere Geſinnungen gegen den Fremdling einzuflößen bemüht war. Edgar aber, durch die feindſelige Aeußerung des Ritters auf das empfindlichſte gekränkt und verletzt, ſtampfte im auflodernden Zorn und Unwillen den morſchen Schaft des Fähnleins gegen den Voden, daß er in Stuͤcken zerbrach.—„Hat mein Vater Euch beleidigt,“ rief er mit hochgluͤhenden Wangen und funkelnden Augen, „ſo unterließ er es doch wenigſtens nicht, mich uͤber die Pflichten zu belehren, die ich⸗ wenn auch auf das empörendſte gereizt und verunglimpft, gegen ein graues Haupt zu peobachten habe! Mein Geſchäft war von zu ernſter Art, als daß die Abſicht, auf Eurer Burg als Gaſt zu ſchwelgen, mir hätte in den Sinn kommen konnen. Euch das reuige Bekenntniß eines Sterbenden zu überbringen und Euch mit ſeinem Schatten zu verſöhnen, — 152— betrat ich arglos und hoffend dieſe Stelle. Die Kunſt, durch prunkende Rede veruͤbte Ungebuͤhr zu beſchönigen, ſteht nicht in mei⸗ ner Gewalt, bleibt aber auch Euer Gemüth meinen ſchlichten Worten verſchloſſen, ſo war doch mein Verlangen, einer heiligen Pflicht Genuͤge zu leiſten, wenigſtens eben ſo unver⸗ kennbar, als ich Euch ſogleich den Beweis zu geben gedenke, daß ich Euern unberſoͤhn⸗ lichen Sinn keinesweges durch kriechende Zu⸗ dringlichkeit zu meinem Vortheil zu ſtimmen mich geneigt fuͤhle!“— Ohne dem Ritter zu Erwiederung vieſer Worte Zeit zu laſſen und des theilnehmenden Blickes zu achten, mit welchem Bertha ihm ihren Kummer uͤber den ſtattgehabten Auf⸗ tritt zu erkennen gab, entfernte er mit ra⸗ ſchen Schritten ſich aus dem Saale, eilte die Wendeltreppe hinab und befand ſchon nach wenigen Minuten ſich auftthalb des Burg⸗ walles wieder auf ebenem Felde. Die Racht war bereits eingebrochen, und unſchluͤſſig, ob er erſt die Morgendämmerung hier im Freien — 153— erwarten, oder ſogleich durch die pfadloſe Waldgegend den Ruͤckzug nach der Heimath ausfindig zu machen verſuchen ſolle, warf er am Abhang eines Hugels ſich nieder, der, von hohem Graswuchs bekleidet, eine bequeme Ruheſtätte ihm darbot. Eben wollte, nach der langen und ermuͤdenden Wanderung, der Schlummer ihn beſchleichen, als er von der Burg her den Klang ſchwerfälliger Tritte vernahm, die, von unmuthig dumpfem Ge⸗ murmel begleitet, ſich mehr und mehr der Gegend näherten, wo Edgar die ermatteten Glieder ins weiche Gras geſtreckt hatte. Bald darauf ſtand eine hagere Geſtalt vor ihm, in welcher er, trotz der Dunkelheit, ſo⸗ gleich den alten Reiſigen wieder erkannte, der kurz vorher dem Burgherrn die Botſchaft von dem verungluckten Jagdunternehmen uber⸗ bracht hatte und jetzt im Begriff war, ſich nach ſeiner, außerhalb der Burg befindlichen Wohnung zu verfuͤgen. Lange ſtand Curd vor Erſtaunen und Beftemden, was den jun⸗ gen Rittersmann, nach vorangegangener Un⸗ — 154— terredung mit dem Burgherrn, wohl bewo⸗ gen haben könne, ſein Nachtlager unter freiem Himmel zu wählen, kopfſchüͤttelnd ihm gegen⸗ uber, bevor er es vermochte, ihm ſeine Ver⸗ wunderung über ein ſo ſeltſames Ereigniß durch Worte auszudrücken. Edgar verſpurte keine Luſt, die deßhalb an ihn gerichteten Fragen der Wahrheit gemäß zu beantworten; ließ aber endlich, durch die wiederholten Bit⸗ ten und Vorſtellungen des treuherzigen Alten ſich bewegen, ihn nach einer nahen, von blaſſem Lichtſchimmer erleuchteten Schilfhuͤtte zu begleiten, um daſelbſt den anbrechenden Morgen zu erwarten. Nachdem beide dort angelangt und durch die niedere Thur in ein trauliches Gemach getreten waren, deſſen hauptſächlichſter Prunk in Ordnung und Rein⸗ lichteit beſtand, fluͤſterte Curd ſeiner Ehefrau einige Worte ins Ohr, und mit gutmüthiger Geſchäftigkeit beeiferte ſich Dieſe ſogleich, ih⸗ ren Gaſt ſo ausgezeichnet zu bewirthen, als Kuͤche und Keller es nur immer verſtatten wollten.—„Ihr moͤgt es daheim freilich — 155— beſſer gewohnt ſein, lieber Herr,“ ſagte Curd⸗ indem er einen alten Lehnſtuhl, auf welchem Edgar Platz nehmen ſollte, an den Tiſch ſchob;„nehmt indeß zur Veränderung nur immer einmal mit ſchlichter Knappenkoſt und einem freundlichen Geſicht vorlieb! Es ge⸗ ſchieht nicht eben, um meiner ſchlechten Be⸗ wirthung das Wort zu reden; das aber glaubt mir nur, Ihr haͤttet heute an dem Nachteſſen auf der Burg ſicher kein ſonderli⸗ ches Behagen gefunden, denn der Alte hat wieder den Koller und iſt beſonders ſeit ei⸗ nigen Tagen— der Himmel mag wiſſen wie es zugeht!— ſo muͤrriſch und aufbrau⸗ ſend, daß ſogar kaum das Fräulein mit ihm auszukommen weiß!“— 6 Je eifriger die unermuͤdliche Redſeligkeit des Alten während des Eſſens darauf hinzu⸗ arbeiten ſchien, dem jungen Gaſte ſein Ge⸗ heimniß zu entlocken, deſto weiter entfernte ſie ſich von ihrem Ziele. Statt Gleiches mit Gleichem zu vergelten, ward Edgar immer einſylbiger und verſchloſſeners und kaum war die Mahlzeit eingenommen, als er nach dem Lager ſich ſehnte, auf welchem er, von Muͤ⸗ digkeit uͤberwältigt, denn auch ſogleich in tie⸗ fen Schlummer verſank. Sobald der Morgen dämmerte, ſuchte der Alte, mit ſtiller Geſchäftigkeit an den Wän⸗ den des Gemaches umhertappend, ſein Jagd⸗ geräth zuſammen und ruͤſtete ſich zum Auf⸗ bruch. Edgar, der ſeine Glieder durch den ihm zu Theil gewordenen mehrſtuͤndigen Schlaf hinlänglich erquickt und geſtärkt fuͤhlte, ver⸗ mochte die Begierde, welche die Zuruſtungen zu dem beabſichtigten, abentheuerlichen Unter⸗ nehmen in ſeinem Innern erweckten, nicht zu unterdruͤcken, und bat daher, indem er raſch von ſeinem Lager ſich erhob, den Alten, ihm zu geſtatten, daß auch er unter die ausziehen⸗ den Reiſigen ſich miſchen, und an der bevor⸗ ſtehenden Arbeit des Tages mitwirkend Theil nehmen durfe. Dieſer trug anfangs Beden⸗ ken, ihm, ohne ſich zuvor der Zuſtimmung des Burgherrn verſichert zu haben, das vorge⸗ brachte Geſuch zu gewähren; gab aber endlich den wiederholten Vitten und Vorſtellungen ſeines Gaſtes nach, und holte einen gewich⸗ tigten Jagdſpieß aus der Scke hervor, den er unter treuherzigen Warnungen und Ver⸗ haltungsregeln ſeinem kampfluſtigen Gefaͤhr⸗ ten einhändigte. Auch eine alte Bickelhaube, die den muſternden Blick des Burgherrn mog⸗ lichſt zu täuſchen verſprach, drückte er ihm auf das Haupt, und Beide begaben darauf⸗ mit allem Noͤthigen verſehen, ſich nach dem Innern des Burghofes, wo ſie bereits den groͤßten Theil der zur Verſtärkung des Zuges herbeſchiedenen Gefaͤhrten verſammelt fanden. Schon ſtand auch das Leibroß des Walden⸗ heimers geſattelt vor dem Eingange der Burg und wieherte, mit freudiger ungeduld den Boden ſtampfend, der Stunde des Auf⸗ bruchs entgegen. Endlich erſchien der greiſe Ellrich, warf, indem er den Mund zu einigen Anordnungen öffnete, einen fluͤchtigen Blick auf das harrende Gefolge, druͤckte ſeiner Richte, die in den Hofraum ihn begleitet hatte, zum Abſchiede die Hand und ſchwang mit der — 158— Kraft und Gewandtheit eines Jünglings ſich uuf das Roß, worauf der von ihm ange⸗ führte Zug ſich alſobald in Bewegung ſetzte. Zwar hatte Edgar ſein Geſicht vor dem Alten zu verbergen gewußt, nicht aber auch vor dem Scharfblick, mit welchem Bertha ihn, gleich als ob eine innere Stimme ihr ſeine Gegenwart verrathen hätte, unter der Menge ſogleich herausfand. Hohe Roͤthe überflog ihr Geſicht, als ſie ſeiner anſichtig ward, und Edgar, deſſen Verlegenheit nicht geringer war, als die Unruhe, die bei ſeinem Anblick in den Mienen und Geberden der Jungfrau ſich ausdruͤckte, hegte in dieſem Augenblick keinen ſehnlichern Wunſch, als dieſem peinlichen Verhältniſſe ſich gluͤcklich nur erſt entzogen und das freie Feld erreicht zu haben. Jaſſung und Beſonnenheit kehr⸗ ten ihm jedoch ſogleich wieder zuruͤck, als Bertha, nachdem der groͤßte Theil des Zuges das Burgthor bereits im Ruͤcken hatte, ſich ihm näherte, und mit ſanftfluͤſternder Stimme ihn anredete.„Herr Ritter,“ ſprach ſie, — 159— X 5 „es fällt mir nicht ſchwer, Eure Abſicht zu errathen. Edelmurhig gedenkt Ihr meinem Dheim im Augenblick der Gefahr mit Hülfe und Beiſtand nahe zu ſein, um ihm die Härte und Unfreundlichkeit, deren er gegen Euch ſich ſchuldig gemacht, durch Freundes⸗ that zu vergelten. Wohlan denn! Eurer Obhut und Sorge ſtelle ich die Wohlfahrt des Greiſes anheim, und mit ruhigem Ver⸗ trauen will ich nunmehr hier in der Burg den Abend erwarten“—„Beim wahrhafti⸗ gen Himmel!“ erwiederte Edgarz„wenn ir⸗ gend die Gefahr, welcher Euer Oheim ſich unterzieht, durch meinen reblichen Eifer ver⸗ mindert werden kann, ſo ſollt Ihr Euch, hol⸗ des Fräultin, in Euren Erwartungen nicht betrogen haben!“— Ein Blick voll freund⸗ licher Huld folgte durch das gewoͤlbte Burg⸗ thor ihm nach, und Edgar, welcher jetzt, nach⸗ dem er die Worte der Jungfrau vernommen, Löwenmuth im Herzen und Rieſenkraft in den Armen zu fuhlen glaubte, flehte, während er ſtill dem Zuge folgte, den Himmel fort und fort um Herbeiführung der guͤnſtigen Gelegenheit an, durch die er in den Stand geſetzt werde, ſeinem im— i — Genuͤge zu thun.“ 6 zun Weithin durch des Waldes e— — Gehege zerſtreuten ſich, den Anordnun⸗ gen des Alten gemäß, die Jagdgenoſſen, ohne jedoch, alles Suchens und Forſchens ungeach⸗ tet, dem Raubthier auf die Spur gerathen zu können. Unmuthig uͤber die fort und fort getäuſchte Erwartung und brennend vor Begierde, den Gegner zuerſt zu entdecken und mit eigner Hand zu erlegen, arbeitete Ellrich durch das verflochtene Gezweig ſo raſch und ungeſtüm ſich hindurch, daß nicht allein der Knappe, der ihm das Leibroß am Zugel nachfuͤhrte, weit hinter ihm zurückblieb, ſondern auch Curd ſogar, den er ſich zum nächſten Gefäͤhrten erwählt hatte, ihm nicht weiter zu folgen vermochte, undrihn, trotz der redlichſten Anſtrengung aler ſeiner Kräfte, zuletzt ganz aus dem Geſicht ver⸗ lor.. — 161— Schon ſtand die Sonne hoch am Himmel, als Edgar, welcher der vom Waldenheimer genommenen Richtung ſtets ſo amſig gefolgt war, als es die mannigfachen Schwierigkeiten des Ortes nur immer verſtatten wollten, plotz⸗ lich in nur geringer Entfernung ein Geräuſch vernahm, das von einem, mit ſtuͤrmiſcher Heftigkeit begonnenen und in erbitterter Ge⸗ genwehr fortgeſetzten Kampfe herzuruhren ſchien. Mit Blitzes ſchnelle durchbrach er das Dickicht, erkannte den Brunnen⸗ aus welchem er auf ſeiner geſtrigen Wanderung ſich er⸗ quickt hatte und in der Näͤhe deſſelben den Waldenheimer, wie er, mit dem Ruͤcken an den Stamm einer Eiche gelehnt, gegen die wiederholten Angriffe des grimmigen Ebers, der hier aus dem ſumpfigen Gebuͤſch ihm entgegen gekommen war, ſich mit nur ſchwa⸗ cher Kraft noch zu vertheidigen ſuchte. Die dringende Gefahr vor den Augen und Ber⸗ thas Bild in der Seele, eilte Edgar raſch und gewandt vorwärts, ſchwang den Jagd⸗ ſpieß, und ſogleich tieß der Eber von ſeinen, auf den ermatteten Greis gerichteten Angrif⸗ fen ab, um mit dem neuen kraͤftigern Geg⸗ ner ſich zu meſſen. Ellrich aber, deſſen ganze Aufmerkſamkeit nur auf die Vertheidigung des eigenen Lebens gerichtet war, benutzte, da et Edgars Annäherung nicht bemerkte und die Entfernung des Ebers daher irgend einer andern Veranlaſſung zuſchrieb, den ein⸗ getretenen guͤnſtigen Augenblick zur Flucht und zog, indem er ſeine, an der undurchdring⸗ lichen Panzerdecke des Unthiers zerſplitterte Waffe bei der Eiche liegen ließ, ſich mit mög⸗ lichſter Eilfertigkeit in das Gebuͤſch zuruͤck. Hart an des Brunnens ſteinerner Seiten⸗ wand, vermittelſt welcher ſich Edgar, ſo wie Ellrich fruͤherhin durch den Stamm der Eiche den Ruͤcken zu decken ſuchte, begann der Kampf, der im glaͤubigen Vertrauen zu dem Beiſtande des Himmels auf der einen, im trotzigſichern Gefuͤhl uͤberlegener Koͤrperkraft auf der andern Seite, mit furchtbarer, Tod und Leben in die Schanze ſchlagender Hart, näckigkeit gefuͤhrt ward. Lange blieb der — 163— Sieg unentſchieden, und Edgar, dem daß Blut bereits aus zwei empfangenen Wunden hervorquvll, während ſeinem, von Streitluſt entflammten und durch einige leichte Ver⸗ letzungen nur in deſto ungeſtuͤmern Grimm verſetzten Gegner nirgends auf eine todtliche Weiſe beizukommen war, ſing mehr und mehr an, ſich bei längerer Fortdauer eines ſo un⸗ gleichen Kampfes fuͤr verlorén zu achten⸗ Da endlich glůcktẽ es ihm zufolge der Ge⸗ wandtheit, die er bei ſeinen frühern, unter Anleitung des Vaters ſtattgehabten Waffen⸗ ubungen ſich zu eigen gemacht hatte, dem unthier, indem es eben den letzten entſchei⸗ denden Angriff auf ihn zu thun ſich anſchickte durch eine raſche Wendung auszuweichen und zu gleicher Zeit ihm den Jagdſpieß mit ſo nachdruͤcklicher Gewalt und ſo tief in den geoffneten Rachen hinabzuſtoßen, daß es äch⸗ zend zur Seite ſchwankte, vor Schmerz und Wuth den Voden zerwühlte und in ſchwarzen Blutſtroͤmen das Leben ausrochelte. 3i Aber auch Edgar ſelbſt, dem der ſcharfe 11. — 164— Hauer des Ebers ſo eben noch eine tiefe und gefährliche Wunde an der Huͤfte beigebracht hatte, fuͤhlte in dieſem verhängnißvollen Au⸗ genblick ſeine letzten Kräfte dahin ſchwinden. Dunkelheit umflorte ſeine Blicke und unfähig, den guͤnſtigen Ausgang des Kampfes wahrzu⸗ nehmen und des ihm zu Theil gewordenen Sieges ſich zu erfreuen, ſank er bewußtlos und einem Sterbenden ähnlich zu Boden. Nach dem Stande der Sönne zu ſchließen, deren Stralen faſt ſenkrecht auf den Brun⸗ nen herabfielen, mochte es um Mittag ſein⸗ als er die Augen wieder aufſchlug und, zu feiner nicht geringen Verwunderung, den be⸗ kämpften Eber„dem der Jagdſpieß noch aus dem Schlunde hervorragte, dicht neben ſich ausgeſtreckt liegen ſah. Was aber weit mehr noch, als dieſer Anblick, ihn in Erſtaunen ſetzte, war die abermalige Gegenwart des be⸗ reits geſtern hier angetroffenen eiſerhen Man⸗ nes, der ſo eben in ſtiller Geſchäftigkeit mit einem wunderlich geformten Kruge ſich uͤber den Rand des Brunnens tief hinab buͤckte — 1658— und mit dem geſchöpften Waſſer ihm die Wunde begoß, die der wilderbitterte Wider⸗ ſacher ihm geſchlagen hatte. An Farbe nur gewoͤhnlichem Quellwaſſer gleichend, ſchien eine wunderthätig wirkende Heilkraft in der Fluͤſ⸗ ſigkeit enthalten zu ſein, die der Unbekannte fort und fort aus der dunkeln Tiefe herauf⸗ holte; denn nicht allein das Blut, das noch kurz zuvor aus den klaffenden Wunden in reichlichem Maaße hervorgeſtroͤmt war, hatte zu fließen aufgehört⸗ auch die Wunde ſelbſt hatte ſich bereits wieder geſchloſſen und nur gering noch waren jetzt die Schmerzen, die bei Beendigung des furchtbaren Kampfes dem Erſchoͤpften mit überwältigender Macht, Le⸗ ben und Bewußtſein geraubt hatten. Wie durch Zauberwerk von neugeſtäͤrktem Muth und friſch lebendiger Jugendkraft durchdrun⸗ gen, richtete Edgar ſich in die Hoͤhe und hef⸗ tete dankbar bewegt ſeine Blicke auf das ge⸗ ſchloſſene Viſier des wohlthaͤtigen Schutzgei⸗ ſtes, deſſen dienſtgeſchäftiger Eifer ihm den erſterbenden Lebensfunken in der Vruſt aufs — 166— neue geweckt und mit erquickendem Balſam ſeine ermatteten Kräfte wieder geſtärkt hatte. Verraͤtheriſch fiel eben ein Sonnenſtral durch eine am Viſier ſich zeigende Spalte auf das unter demſelben befindliche Geſicht, und ſchau⸗ dernd vor Eutſetzen ſank Edgar, um dem herzzerreißenden Anblick ſich zu entziehen, mit deimm Haupte in das Gras zuruͤck. Der Schleier eines furchtbar waltenden Verhäng⸗ niſſes hatte ſich ihm geluftet. Es waren die Zuge ſeines ſterbenden Vaters, die unter der eiſernen Verkleidung ſchmerzlich verzerrt ſei⸗ nem forſchenden Auge ſich darſtellten! Als Edgar eine geraume Zeit nachher die verlorne Faſſung wieder erlangt hatte und mit dem Gedanken, daß jene grauenvolle Aehn⸗ lichkeit doch wohl vielleicht nur Blendwerk ſeiner eigenen, mit Schreckbildern erfullten Einbildungskraft geweſen ſein koönne, ſich vom Voden aufraffte, war pon dem räthſelhaften Waldbewohner nicht die mindeſte Spur meht zu erblicken und es ward die um den Brun⸗ nen herrſchende Stille nur von den einzelnen — 167— Tönen der Jagdhörner unterbrochen, die in größerer oder geringerer Entfernung von Zeit zu Zeit ſich vernehmen ließen und ſich gegen⸗ ſeitig von dem unguͤnſtigen Erfolge zu unter⸗ richten ſchienen, mit welchem man noch immer in der Rachſpürung des Wildes begriffen ſei. Gedankenvoll ſetzte ſich Edgar, indem ſeine bereits vollig verharrſchten Wunden ihm nichts weiter, als eine leichte, kaum bemerkliche Mattigkeit in den Gliedern zuruͤckgelaſſen hatten, auf den Brunnenrand, um hier die Annäherung einiger, zum Jagdgefolge geho⸗ renden Knappen abzuwarten, denen er die erlegte Beute zur Fortſchaffung nach Ellrichs Burg übergeben konne. Endlich vernahm er im benachbarten Gebüſch Tritte von Menſchen, die, mit Huͤlfe der Jagdmeſſer ſich den Durch⸗ gang bahnend, ihm näher und naͤher kamen⸗ Es war Curd ſelbſt, welcher, die verlorne Spur des Burgherrn ſuchend, bald darauf in Geſellſchaft zweier andern Knappen bei dem Brunnen ſich zeigten und über das Schau⸗ ſpiel, das hier ſeinen umherſpähenden Blicken — 168— plötzlich ſich darſtellte, in ein Erſtaunen gerieth, das er mehrere Minuten lang nur durch ſtummes Geberdenſpiel auszudruͤcken vermögend war. Als ob er uͤber die Wirklichkeit der hier wahrgenommenen Gegenſtände in Zweifel ſchwebe, heftete er in mißtrauiſchem Befrem⸗ den ſeine Augen bald auf den am Boden aus⸗ geſtreckt liegenden Eber, der, durch Spuren der Verheerung ſeine Bahn bezeichnend, weit und breit Alles in Angſt und Schrecken ge⸗ ſetzt hatte und ſelbſt im Tode noch einen Furcht erregenden Anblick gewährte; bald auf den ritterlichen Juͤngling, der unbefan⸗ gen und beſcheiden, als ob das ihm gelungene Siegeswerk eben ſo leicht von jedem Andern hätte vollbracht werden können, am Brunnen verweilte, ihm freundlich gruͤßend die Hand reichte und ihn erſuchte, das erlegte Thier nach der Burg ſeines Herrn befoördern in * „Nun, das muß wahr ſein!“ der Alte, indem er durch einen kräftigen Händedruck ihm ſeine Empfindungen zu er⸗ —— ee — . — 160— Lennen gab,„Gott hat mir den Augenblick, da ich Euch den Jagdſpieß uͤberreichte, in hoͤchſt unerwartetem Maaße geſegnet! Wie wird der Waldenheimer aufhorchen, wenn wir, mit dem Eber zugleich, ihm die Kunde von Eurer herzhaften That überbringen 1Da werde ich fuͤr heute wohl auf die Ehre, Euch abermals in meiner Huͤtte zur Nacht zu be⸗ herbergen, muͤſſen Verzicht leiſten!“—„We⸗ der bei Euch, lieber Curd,“ verſetzte Edgar, „noch bei Eurem Herrn auf der Burg werde ich fur dieſe Nacht meine Herberge ſuchen, da meine eigene Behauſung nur wenige Stunden Weges von hier entfernt iſt und ich ſie mit aller Gemächlichkeit noch vor Ein⸗ bruch des Abends erreichen kann.“— Der Alte ſtutzte und wollte Einwendungen machen; Edgar aber ließ ihn nicht zum Worte kommen, ſonbern gab, indem er unge⸗ ſaumt zum Aufbruche ſich anſchickte, ihm füͤr die bewieſene Gaſtfreundſchaft ſeinen Dank zu erkennen und machte, eine der Burg des Waldenheimers entgegengeſetzte Richtung ein⸗ — 10— ſchlagend, ſich auf den Weg nach der hei⸗ mathlichen Veſte. Gern hätte er, des hold⸗ ſeligen Bildes eingedenk, das während des Kampfes mit dem Waldungeheuer ihm fort und fort in ermuthigendem Lächeln vor der Seele geſchwebt hatte, beim Abſchiede dem Burgfräulein ſeinen Gruß entbieten laſſenz ein inneres, der Ausfuͤhrung ſeines Vorha⸗ bens dunkel widerſtrebendes Gefuͤhl hielt ihn jedoch davon zurückz er beſchleunigte daher ſeine Schritte und war, bevor Curd fuͤr ſein mißbilligendes Befremden noch Worte zu finden vermochte, bereits im Gebuͤſch ver⸗ ſchwunden.— Vom Brunnen aus wurden jetzt mit vem Jagdhorn zu wiederholtenmalen die, der voran⸗ gegangenen Verabredung gemäßen Merkzei⸗ chen, daß der Eber aufgefunden und erlegt ſei, nach allen Richtungen hin gegeben. Dem Rufe folgend, fanden nach und nuch ſämmt⸗ liche Jagdgenoſſen an Ort und Stelle ſich ein; ihre Aufmerkſamkeit theils zunächſt auf den Brunnen heftend, in welchem ſie, vor —, 171— Durſt faſt verſchmachtet, endlich füͤr ihre lech⸗ zenden Lippen zu der Erquickung zu gelangen hofften, nach welcher ſie längſt ſich geſehnt hatten. Vergebliche Hoffnung! Der fröhli⸗ chen Begierde, in welcher ſie mit ihren Schöpfgefäßen uber den ſteinernen Rand ſich hinabbuͤckten, folgte bald der bitterſte Unmuth⸗ Kein Tropfen Waſſer war in dem öden Be⸗ bälter zu finden; nur duͤrres, den hinabgehal⸗ tenen Krügen hohl entgegenkniſterndes Schilf⸗ rohr enthielt der ausgetrocknete Grund! Erſt die Annaͤherung des Burgherrn⸗ wel⸗ cher nach ſeinem Kampf mit dem Eber waffen⸗ los im Walde umhergeirrt und endlich, durch die übermäßige Anſtrengung bis auf den Tod erſchöpft und abgemattet, in einen mehrſtün⸗ digen tiefen Schlummer verſunken geweſen war, machte dem am Brunnen ſtattfinden⸗ den, von fehlgeſchlagner Erwartung erzeugten Toben und Schelten ein Ende. Rit leiſem Kopfſchutteln warf Ellrich, nachdem er von dem hier errungenen Siege durch den Augen⸗ ſchein ſich öberführt hatte, ſeine forſchenden ihnen den gluͤcklichen Bekämpfer des Unthiers folge Euch ein Geheimniß gemacht habe. — 172— Blicke der Reihe nach auf die Geſichter der Umſtehenden, als ob es ihm ſchwer falle, unter zu vermuthen. Da trat Curd hervor und berichtete ſonder Furcht und Scheu, wie der nämliche junge Rittersmann, den er am geſtri⸗ gen Abend im Waffenſaale der Burg ange⸗ troffen und nachher in der eignen Huͤtte zur Nacht bewirthet und beherbergt habe, heute morgen unter den Reiſigen mit in den Wald hinausgezogen und durch Fuͤgung des Glucks der Erleger des Ebers geweſen ſei.„Ver⸗ argt es mir nicht, edler Herr,“ ſetzte er hin⸗ zu,„daß ich ſeiner Bitte nachgegeben und aus ſeiner Anweſenheit unter dem Jagdge⸗ Ihr ſeht, er hat des Vertrauens, das er gleich beim Anblick mir einfloͤßte, ſich werth bewieſen; was es mit den nähern, zwiſchen Euch und ihm obwaltenden Umſtänden auch immer fuͤr eine Bewandtniß haben mag. Richt einmal Euern Dank hat er hier abwarten wollen, ſondern flugs nach voll⸗ — 173— brachter That wieder von dannen be⸗ geben.„— Finſtern Blicks ertheilte, h vernom⸗ menem Bericht, der Waldenheimer einem ihm zur Seite ſtehenden Reiſigen den Auftrag, das Leibroß vorzufuͤhren und ritt ſodann, ohne daß er, ganz gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit, mit irgend einem ſeiner Begleiter ein freundliches Wort gewechſelt hätte„in düſtres Schweigen vertieft, langſam uͤber die hemmenden Wurzeln und Ranken der Wal⸗ dung nach ſeiner Burg zuruͤck. Kaum ver⸗ mochte ſelbſt Bertha's Anblick, die, bei der Zugbrucke ſeiner Ankunft harrend, mit freu⸗ digem Gruß und Glückwunſch ihn empfing, die dunkeln Falten auf ſeiner Stirn zu zer⸗ ſtreuen und ihm ein wohlwollendes Lůcheln abzugewinnen.„Zerlegt das Wild draußen vor dem Burgthor und theilt es unter Euch!“ rief er mit ernſtgebietender Miene, indem man eben Anſtalt machte, den Eber, dem der Jagdſpieß noch immer aus dem Schlunde hervorragte, uͤber die Zugbrücke nach dem Juͤnern des Hofraumes zu ſchleppen.—„Der junge Ritter, den Ihr geſtern oben auf der Burg geſehen,“ flſterte Curd dem Fräulein zu,„hat ihn erlegt!“—„Und er iſt der Gefahr gluͤcklich entronnen?“ frug Bertha mit ſichtbaren Zeichen der Beſorgniß und unruhe.—„Gleich nach beendigtem Ge⸗ ſchäft,“ verſetzte Ellrich, der Alles vernommen hatte,„ging er davon, weil er meinen Dank nicht abwarten wollte, nachdem ich bei Be⸗ kämpfung des Ebers ihn ein wenig— im Stiche gelaſſen hatte!“— Bei dieſen Wor⸗ ten ergriff er Bertha's Hand und wankte, von ihr geleitet, matt und ermuͤdet, die Stie⸗ gen nach den Burggemächern hinauf. Während deſſen war auch Edgar bereits in ſeiner einſamen Behauſung wieder ange⸗ langt. Die verſchiedenartigen Begebenheiten⸗ von denen er in den juͤngſtverwichenen Stun⸗ den Zeuge geweſen war, hatten ſtinen Geiſt im eine ernſtnachdenkliche Stimmung ver⸗ ſetzt, und ohne eines beſtimmten Zweckes ſich bewußt zu ſein, trät er, in ſchweigendem —— Umherwandern aus einem Gemach in das andre, gleich als ob er unter den darin be⸗ findlichen Gegenſtänden, die bei ſeiner Zu⸗ ruͤckkehr ihm in veränderter und faſt fremd⸗ artiger Geſtalt erſchienen, erſt nach und nach wieder heimiſch zu werden ſich getraue. Un⸗ muthig warf er ſich, als endlich die Nacht hereinbrach, auf das Lager nieder, ohne je⸗ doch, ſo ermuͤdend auch die Anſtrengungen des verfloſſenen Tages geweſen waren, des ſehnlich erwuͤnſchten Schlummers theilhaftig werden zu koͤnnen. Eine Unruhe, von wel⸗ cher er ſelbſt nicht zu entſcheiden vermochte, ob ſie mehr dem fortwährenden Gedanken an Ellrichs unverſoͤhnlichen Sinn, oder der nicht minder peinlichen Ruͤckerinnerung an die Er⸗ ſcheinung beim Vrunnen zuzuſchreiben ſei, hatte mit unbezwinglicher Gewalt ſich ſeiner bemächtigt. Selbſt Bertha's hulderfulltes, in Reiz und Anmuth ihm vorſchwebendes Bild mußte den Frieden aus ſeinem Gemuͤth und den Schlummer von ſeinen Augenliedern ver⸗ bannen helfen, Stunde um Stunde verrann⸗ * — 176— und der Morgen dämmerte allmählig herauf, während Edgars reger Geiſt noch ununter⸗ brochen mit den Vorſtellungen des geſtrigen Abends ſich zu beſchäftigen fortfuhr. Fetzt aber ſprang er ungeſaumt von ſei⸗ nem Lager empor, ergriff einen im Winkel ſtehenden Jagdſpieß, und eilte, mehr um fuͤr den duͤſtern Trubſinn, der in ſeinem Innern Wurzel gefaßt hatte, aufheiternde Zerſtreuung zu ſuchen, als um der Spur des Wildes zu folgen, hinaus in die weite, vom Fruͤhnebel dampfende Waldung. Hier ward ihm denn auch ſogleich, indem der friſcherquickende, von den Zweigen herabträͤufelnde Thau ihm Bruſt und Wangen benetzte, behaglicher um den Sinn. Ruͤſtig durchſtrich er den Wald nach allen Richtungen. Die Nähe des Brunnens ſuchte et freilich⸗ zufolge eines innern wider⸗ ſtrebenden Gefuͤhls, zu vermeiden und zu um⸗ gehen„ deſto unwiderſtehlicher aber richtete, wenn auch nicht eben ein klarer Entſchluß zum Grunde lag, ſein Augenmert ſich auf die Gegend hin) in welcher ſich, ſeiner Muth⸗ . — — 177— maßung nach, die Burg des Waldenheimers befinden mußte. Auch hatte er in ſeinen Be⸗ rechnungen ſich keinesweges getäuſcht; denn plötzlich gewaͤhrte eine, mit jungem Gebüſch bewachſene Anhoͤhe, deren Gipfel er erklommen hatte, ihm die Ausſicht nach der altgothiſchen Veſte, die mit ihren hohen, vom Stral der Mittagsſonne verguldeten Zinnen hehr und ſtattlich zu ihm heruͤber glänzte. Durch ihren Anblick, wie durch Zaubergewalt, angelockt und gefeſſelt, blieben wohl eine Stunde lang n ſchweigender Betrachtung an ihr ſeine Blicke haften, bevor er den Huͤgel wieder verließ und zur Heimkehr ſich anſchickte. Mehrere Wochen hindurch erneuerte er⸗ weder die Weite des Weges, noch die je zu⸗ weilen eingetretene rauhe Witterung ſcheuend, gleich als ob er dadurch die unerläßliche Pflicht eines Gelubdes erfulle, die Wanderung nach dem Huͤgel, und immer lebendiger ward, je ofter er ſie wiederholte, in ihm das Verlan⸗ gen, den alten Reiſcgen, der mit ſo gutmü⸗ S Freundlichkeit i verpflegt — 476— und bewirthet hatte, einmal wieder, ſei es auch nur auf Stundenfriſt, in ſeiner Wohnung aufzuſuchen und ihm zur Seite im traulichen Wechſelgeſpräch ſich zu vergnügen. Zwar erregte der Gedanke, daß er, um ſein Vor⸗ haben auszufuhren, auch der Burg ſelbſt ſich naͤhern muͤſſe, ihm anfangs einige Furcht und Scheue; doch ſiegte endlich die in ihm er⸗ wachte und durch das Vertrauen auf die Arg⸗ loſigkeit ſeiner Abſichten mehr und mehr ge⸗ nährte Begierde uͤber alle weitere Bedenklich⸗ Feiten, und muthig ſtieg er einſt, indem die Sonne ſich zu neigen und der Abend allmäh⸗ lig die verſchwiegenen Schatten zu verbreiten anfing, in die Ebene hinab, die in üppig lockender Anmuth, mit duftendem Klee und bunten Feldblumen uͤberkleidet, bis gegen den Burgfelſen hin ſich erſtreckte. Den Kruͤmmungen eines nach dem Wat- graben ſich hinabſchlängelnden und mit Ge⸗ ſträuch bewachſenen Baches folgend, erreichte er endlich, als es ſchon ganz dunkel geworden war, Curds einſam gelegene Hütte, blieb — 179— auflauſchend einige Augenblicke lang vor der⸗ ſelben ſtehen und trat ſodann ſchuͤchternen Muthes hinein. Beim matten Schimmer einer von der Decke herabhaͤngenden Lampe ſaß Curd am Tiſche, den Kopf ſchwermuͤthig in die Hand geſtützt und in ſeinen Geberden die unverkennbaren Merkmale von Riederge⸗ ſchlagenheit und Betruͤbniß. Erſt als Edgar ihn anredete, erhob er ſich, indem er nicht fruͤher deſſen Anweſenheit bemerkt hatte, von ſeinem Platze, um nach gewohnter Freundes⸗ weiſe ihn zu bewillkommnen. Betroffen und vefremdet bat Edgar, ihm die Urſache ſeines Kummers zu entdecken und erfuhr jetzt, daß der Burgherr, wenige Tage nach der gehalte⸗ nen Eberjagd, in eine gefährliche Krankheit verfallen ſei und gegenwärtig, nachdem keins der angewandten Heilmittel die erwuͤnſchte Wirkung habe hervorbringen wollen, ſich mehr und mehr ſeiner gänzlichen Aufloͤſung zu nähern ſcheine.„Wäret Ihr,“ ſetzte der Alte hinzu,„um einige Tage ſpäter gekommen⸗ ſo häͤttet Ihr ihn, allem Anſcheine nach, ſchon 12* * im Gruftgewoͤlbe gefunden! Was hab' ich alter Graukopf denn wohl ſo Schweres ver⸗ ſchuldet, daß mir der Himmel die Buße auf⸗ legt, meinen guten Herrn uberleben zu muͤſſen!“— 54 Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als die Thuͤr ſich oͤffnete und ein hereintreten⸗ der Vote ihm meldete, daß das Burgfräulein ihn zu ſprechen verlange. Unverzuglich ſchickte Curd ſich an, dem Befehl Folge zu leiſten. „Ihr ſeht,“ ſagte er zu Edgar,„was mich fuͤr diesmal abhält, die Pflichten der Gaſt⸗ freundſchaft nach Wunſch und Gebuͤhr an Euch zu erfuͤllen. So verweilt denn bis zu meiner Rücktehr und ruht indeß von Eurer Wanderung aus. Vielleicht bin ich ſchon in wenigen Minuten wieder bei Euch.“ Kaum aber hatte der Alte ſich entfernt, als auch Edgar ſchon ſich wieder im Freien befand. Mit Blitzesſchnelligkeit hatte ſich, als er die Nachricht von Ellrichs hoffnungsloſem Zuſtande vernahm, der Gedanke an die wun⸗ derthätige Kraft des Waldbrunnens in ihm — 181— entzundet und ſein Gemuͤth in Bewegung geſetzt. Kräftig ankampfend gegen die Mat⸗ tigkeit, die er in den Gliedern verſpürte, eilte er mit ſtarken Schritten den Weg zu⸗ rück, den er ſo eben gekommen war und er⸗ reichte, während der aufgehende Vollmond hell und freundlich vom Himmel herabzu⸗ glänzen anfing, glucklich den Wald. Mehr und mehr näherte er ſich jetzt, indem er mit vorarbeitenden Armen durch die engverſchlun⸗ genen Zweige ſich Bahn brach, dem ihm vor⸗ ſchwebenden Ziele; und ohne durch die Ban⸗ gigkeit, die während der letztverwichenen Tage ſtets mit unbezwinglicher Gewalt in dieſer Gegend ihn zu überkommen pflegte, ſich von Aubführung ſeines Vorhabens zuruͤckhalten zu laſſen, trat er aus dem nächtlichen Ge⸗ buſch behend und entſchloſſen in den Thal⸗ grund hinaus, in deſſen Mitte der Brunnen befand. Sein erſter Blick fiel auf den eiſernen Mann/„der, von der Mondeshelle ſchauerlich beleuchtet, in welancholiſchem Frieden auf — 182— dem Rande des Brunnens ſaß, bei Edgars Annäherung aber, gleich als ob er uͤber deſſen Wunſch und Begehr nicht erſt durch Worte unterrichtet zu werden brauche, ſich alſobald in die Tiefe hinabbuͤckte und, während Edgar die Haͤnde uͤber der klopfenden Bruſt gefal⸗ tet, in beſcheidner Entfernung ſtehen blieb, mit einem gefullten Kruge wieder zum Vor⸗ ſchein kam, den er ſodann ernſt und ſchwei⸗ gend dem Harrenden uͤberreichte. In dieſem Augenblick bemerkte Edgar, daß die obere Haͤlfte des Viſiers gegen den Wirbelknopf hinauf zurückgeſchlagen war und daß die Zuge des bleichen Geſichts zwar leidenvol, aber doch minder krampfhaft verzogen ſchie⸗ nen, als früherhin; obgleich durch eben dieſen umſtand die grauenvolle Aehnlichkeit, die das Gefühl des Juͤnglings bis in ſeine in⸗ nerſten Tiefen erſchuͤtterte, nur um ſo ſpre⸗ chender und unleugbarer ihm vor die Augen trat. Nur mit Muͤhe vermochte er das ihm dargereichte Gefäß feſtzuhalten; ſo heftig zitterten ihm die Hände, ſo ungeſtum hatte — 183— der ſinnverwirrende Anblick ſein ganzes We⸗ ſen ergriffen und in Aufruhr gebracht. Als aber Faſſung und Beſonnenheit, deren er zur Vollfuͤhrung des begonnenen Werkes ſo ſehr bedurfte, ihm endlich zuruͤckkehrten, war von der huͤlfreichen Erſcheinung keine Spur mehr zu entderken; nur ein hohles Kniſtern, wie wenn der Wind die duͤrren Blätter bewegt⸗ ließ tief am Bodengrunde des Waſſerbehäl⸗ ters ſich vernehmen- ungeſäumt machte Edgar ſich jetzt auf den Ruͤckweg, um wo moglich noch vor Ta⸗ gesanbruch die Burg zu erreichen und dem Kranken durch den alten Reiſigen den Heil⸗ trank überbringen zu laſſen. Bevor er je⸗ doch bis zum Ausgange des Waldes gelan⸗ gen konnte, hatte der Himmel, der noch kurz vorher ein Spiegelbild ungetrübter Klarheit und Heiterkeit geweſen war, ſich allmählig mit Gewitterwolken umzogen, die nunmehr ſchwarz und druͤckend zur Erde hernieder hin⸗ gen und jeden Augenblick ſich zu ergießen drohten. Statt des Mondlichts, das, von — 146— dichtem Gewölt umhuͤllt, keinen Stral lächeln⸗ den Troſt mehr herabzuſenden vermochte, er⸗ leuchteten jetzt von Zeit zu Zeit wildziſchende Blitze den Luftkreis, während von dem Ge⸗ krach des Donners die alten Baumſtämme des Forſtes bis zu den Wurzeln hinab er⸗ dröhnten. Vergeblich bemühte ſich Edgar mit Anſtrengung ſeiner letzten Kräfte, die freie Ebene zu gewinnen. In der undurch⸗ dringlichen Finſterniß, die keinen Gegenſtand ihn erkennen und unterſcheiden ließ, nach welchem er zur Verfolgung ſeines Weges ſich hätte richten können, irrte er, ohne zu wiſſen, in welcher Gegend er ſich beſinde, planlos bald nach dieſer, bald nach jener Seite, bis er endlich, indem die Fuͤße ihm ihren Dienſt verſagten, lautkeuchend vor Entkräftung zu Boden ſank. Da fuͤhrte er faſt unwillkührlich den Krug, auf deſſen Er⸗ haltung bisher ganz ausſchließlich feine Auf⸗ merkſamkeit gerichtet geweſen war, gegen den Mund, und kaum hatte er einen Zug aus demſelben gethan, als er plötzlich die Er⸗ * — 183— ſchpfung⸗ und Mattigkeit aus ſeinen Glie⸗ dern entweichen und von neu geſtärkter Le⸗ benskraft ſich wieder durchdrungen fuhlte In dem nämlichen Augenblick erhellte ein Blitzſtral die Umgegend, und Edgar erkannte freudig uberraſcht dicht zu ſeiner Linken den Huͤgel, von wo aus er in der letzten Zeit faſt täglich an der dort ſich darbietenden et⸗ quicklichen Ausſicht ſich geweidet hatte. So⸗ gleich machte dieſer untruͤgliche Wegweiſer ihn mit der Richtung bekannt, die er von hier aus zu nehmen habe; flink und ruſtig ſetzte er ſeinen Lauf fort und langte endlich⸗ obwohl die Schrecken der wider ſich ſelbſt em⸗ porten Elemente mit fortwährendem Unge⸗ ſtum ihn umtobten, den Krug in der Hand, glucklich bei der— des alten — an. Innigſt erfreut, das Ziel ſeiner Wuͤnſche etreicht zu haben, beſchäftigte er in hoffnungs⸗ vollem Vertrauen ſich ſchon zum voraus mit dem Gedanken an die wohlthätige Wirkung, die der mitgebrachte Heiltrank auf den Zu⸗ — 16— ſtand des Kranken hervorbringen werde, als plotzlich ein neues Hinderniß der beſchleunig⸗ ten Anwendung deſſelben ſich in den Weg ſtellte. Die Thuͤr der Huͤtte war verſchloſſen, und alles Rufens und Pochens ungeachtet rührte und regte ſich Niemand in derſelben, um ſie zu öffnen. Mißmuthig wandte Edgar, als hier alle Verſuche, einem menſchlichen Weſen auf die Spur zu kommen, vergeblich blieben, ſeine Schritte gegen das Burgthor, während das über und neben ihm toſende Unwetter noch immer mit unverminderter Heftigkeit anhielt. Sicher hat der Zuſtand des Burgherrn ſich verſchlimmert! dachte Edgar; was koͤnnte den Alten ſonſt wohl be⸗ wegen, die Nacht außerhalb ſeiner Wohnung zuzubringen? Wenn ich nur vielleicht nicht gar mit meiner Huͤlfe ſchon zu ſpät komme!— Unter dieſen Gedanken und Vermuthungen war er faſt abſichtslos uͤber die herabgelaſſene Zugbruͤcke bis in das Innere des Burghofes gelangt; aber auch hier war Riemand zu er⸗ blicken, den er um Eurds Aufenthaltsort hätte — 187— befragen können. Schon befand er ſich, näher und näher ſchleichend, am Eingange des Burg⸗ gebäudes; ſcheu und behutſam, als ob er eine ſtrafbare Handlung im Schilde fuhre, beſtieg er auf der emporleitenden Wendeltreppe Stufe um Stufe und erreichte endlich den nämlichen Kreuzgang, auf welchem er, bei ſeinem fruͤhern Hierſein, Bertha's Geſang und Lautenſpiel auflauſchend vernommen hatte. Jetzt herrſchte eine dumpfe, nur dem regungöloſen Schwei⸗ gen in der Todtengruft vergleichbare Stille um ihn her, und ohne zu wiſſen, was er nun weiter beginnen ſolle, blieb er an der Seiten⸗ wand in düſtrer Gedankenloſigkeit ſtehen. Da oͤffnete endlich ſich eine, am untern Ende des * Ganges befindliche Thür, und Bertha ſelbſt war es, die mit einer brennenden Kerze in der Hand heraustrat. Verzehrender Seelen⸗ gram ſprach aus ihren Mienen und Geberden; ſelbſt ihr Errothen bei Edgars uberraſchendem Anblick war nur fluͤchtig vorübergehend, und ward ſogleich von der Todtenbläſſe wieder ver⸗ draͤngt, welche die Angſt und Beſorgniß fuͤr — 188— des Oheims Leben und die an ſeinem Kran⸗ kenlager durchwachten Leidensnächte uͤber ihre Wangen verbreitet hatten. Auch die Geſtalt, in welcher Edgar vor ihr erſchien, diente keinesweges zum Zeugniß, daß ſeinem Ein⸗ tritt in die Burg ein Geſchäftsberuf von erfreulicher Art vorangegangen ſei. Das Haar vom Sturmwind zerwuhlt und verwor⸗ ren emporgeſträubt, Wamms und Halökraufe zerriſſen von wildwucherndem Geſtripp, das ihm den Durchweg ſtreitig gemacht hatte, Geſicht und Hand von Dornen blutig geritzt und im ſcheuen Blick noch die Merkmale jenes unbeſiegbaren Grauens, das auf der furcht⸗ baren Wanderung ſein unzertrennlicher Ge⸗ fährte geweſen war, glich er mehr einem, vom Racheſtral verfolgten, unſtet umherſchweifen⸗ den Verbrecher, als einem Friedensboten, der das widerſtrebende Gefuͤhl der eigenen Bruſt und die Schrecken der Natur bekämpfte, um— ſeinem Feinde Troſt und Rettung zu bringen⸗ Deutet meine Abſicht nicht übel aus, edles Fräulein,“ ſagte Edgar mit zitternder — 189— Stimme,„weil ich ſo unberufen vor Euch hier erſcheine! Dieſer Krug hier enthält für Euren Oheim einen Labetrunk, aus wunder⸗ thaͤtiger Heilquelle geſchöpft. Nehmt ihn mit Vertrauen von mir an, und macht, der er⸗ wünſchten Wirkung gewiß, ohne Zeitverluſt von ihm Gebrauch. Mir aber verſtattet, auf jenem Armſeſſel dort in der Scke von der Wanderung ðhben und den Tag zu er⸗ warten.“ „Schon ſeit ön 5 mein Obein mit dem Tode!“ ſtammelte Bertha.„Euer edelmuthiges Geſchenk verlangt daher eine zu ſchleunige Anwendung, als daß ich Euch jetzt nach Gebuͤhr dafür zu danken vermöchte⸗ Harrt nur einen Augenblick und ſogleich ſoll Euch ein bequemes Rachtlager in der—. — werden.“ Edgar überreichte ihr den s und ki Schrittes trat ſie mit demſelben in das Krankengemach. Kalte Schweißtropfen auf der Stirn, lag der Greis röchelnd auf ſeinem Lager. Ihm zur Seite ſaß Curd, die Augen — 490— ſtarr und unbeweglich auf das todtbleiche Antlitz des Leidenden geheftet, die Hände ſtill im Gebet gefaltet, und mit klopfendem Herzen dem Augenblick eutgegen harrend, wo der fortwärts ſtrebende Geiſt ſeine Bande ſprengen und aus der morſch zuſammenbre⸗ chenden Behauſung entweichen werde. Voll Ungeduld, von der verſprochenen Wirkung des Heiltranks die erſte erfreuliche Probe zu ſehen, hielt Bertha dem Kranken das Gefäß an die von Fieberglut ausgetrockne⸗ ten, lechzenden Lippen und gierig ſchluͤrften dieſe ſogleich die darin enthaltene Fluͤſſigkeit bis auf den letzten Tropfen hinunter. Alſo⸗ bald ſchien die krampfhaft bewegte Bruſt ruhiger zu werden, das ängſtliche Stöhnen und Roͤcheln, das während der letztverwichenen Tage ununterbrochen zu hoͤren geweſen war, verlor ſich, wie durch einen Zauberſpruch hin⸗ weggebannt, und der Greis verſank in einen tiefen, aber dem Anſcheine nach, wohlthatig erquickenden Schlaf. Befremdet und über⸗ raſcht, wandte Curd, ohne die ihm auf den — 191— Lippen ſchwebende Frage in Worte kleiden zu können, ſeine Augen bald auf das wunderliche Trinkgefaß, bald auf den entſchlummerten Burgherrn, bald auf deſſen Richte, bis dieſe endlich mit leiſem Fluͤſtern ihm uͤber Alles, was ihr ſelbſt von dieſem räthſelhaften Vor⸗ gange bis jetzt bekannt geworden war, nahere Auskunft ertheilte. Beide begaben darauf ſch unverzuͤglich hinaus nach dem Vorſaal, um dem Harrenden, der mehr und mehr dem tiefbewegten Herzen der Jungfrau als ein Fremdling zu erſcheinen aufhoͤrte, ein anſtän⸗ diges Ruhelager in den Gemächern der Burg anzubieten. Sie fanden ihn jedoch auf ei⸗ nem der hier an der Wand befindlichen Arm⸗ ſeſſel, das muͤde Haupt auf die Schulter her⸗ abgeſenkt, bereits in feſtem Schlummer.— „Laßt ihn immerhin ruhen!“ ſagte Curd, als Bertha, unentſchloſſen, ob ſie ihn wecken ſolle oder nicht, mit der Kerze in der Hand vor ihm ſtehen blieb.„Er hat ſich die Stelle ſelbſt gewählt und mag, ſo wie er mir vor⸗ tommt, an Entbehrungen dieſer Art wohl — 192— hinlänglich gewöhnt ſein. Auch Ihr thätet wohl, Euch endlich einmal der Ruhe zu uͤber⸗ laſſen, edles Fräulein! Der Morgen fängt an zu dämmern. Ich begebe mich wieder an meinen Platz und will ſchon Sorge tragen, daß dem kranken Herrn Alles gereicht werde, was er beim Erwachen etwa verlangen moͤchte.“— Sein wohlgemeinter Rath war jedoch vergebens; Bertha begleitete ihn in das Krankengemach zuruͤck, ließ hier, fern von dem Lager des ſchlummernden Oheims, auf eine, unter der hohen Fenſterwölbung ſtehende Polſterbank ſich nieder und vernahm mit geſpannter Aufmerkſamkeit und inniger Theilnahme den Bericht, welchen Curd auf das umſtndlichſt uͤber Alles, was er von Edgar in Erfahrung hatte bringen ihr erſtatten mußte. 0 Als Edgar ſich ermunterte und die An⸗ gen aufſchlug, war der Tag angebrochen. Der neben ihm ſtehende, bis auf den Voden geleerte Krug, den Curd hier zuruͤckgelaſſen hatte, diente zum Beweiſe, daß der Leidende — 488— für den Genuß des uͤberbrachten Heiltrankes noch empfnglich geweſen ſei, und ohne den Augenblick abwarten zu wollen, wo man ihm die muͤndliche Beſtätigung des beginnenden glucklichen Erfolges uͤberbringen werde, erhob er unverzuglich ſich von ſeinem Sitze und machte zu einer abermaligen, in gleicher Ab⸗ ſicht angeſtellten Wanderung nach dem Wald⸗ prunnen ſich auf den Weg. Ruͤſtig ſchritt er den weiten, vom mächtlichen Regen ſchlüpf⸗ rig gewordenen Pfad⸗ entlang, hielt fort und fort den Augenblick im Gedächtniß, wo Bertha mit der brennenden Kerze in den Kreuzgang herausgetreten war, und ergötzte ſein ſtillglühen⸗ des Herz an dem Zauber ihrer Anmuth und Lieblichteit. Sie ſelbſt aber ſtand während deſſen, durch Edgars plotzliches Verſchwinden tief gekraͤnkt und beunruhigt⸗ wieder unter dem gewolbten Vogen des Fenſters, blickte mit unmuthig ergluͤhendem Geſicht in die weite Ebene hinaus und zürnte mit ſich⸗ ſelbſt, daß ſie Curds Anmahnungen Gehor gegeben und gegen den ehrenwerthen Gaſt einer ſo UI. Bd. 13 6 — 41— ungeziemenden Achtloſigkeit ſich S 6 macht habe. Der Schkummer, der— dem— ves wunderkräftigen Heilmitteſs mit ſanfter Gewalt ſich des Kranken bemächtigt hatte, währte ununterbrochen bis gegen Abend fort. Da ſiel der erſte Blick des Erwachenden auf Bertha, die, mit weiblicher Handarbeit be⸗ ſchäftigt, an ſeinem Lager ſaß und bei Wahr⸗ nehmung des freundlichen Lächelns, das gluck⸗ weiſſagend jetzt um des Greiſes Lippen ſchwebte, mit zärtlicher Theilnahme ſich ſo⸗ gleich nach ſeinem Befinden erkundigte. Es entſprach ganz ihren im Stillen gehegten Wunſchen und Erwartungen. Der Oheim verſicherte, daß er nach dieſem letzten Schlum⸗ mer ſich wunderbar erquickt und geſtärkt fuhle, daß die krampfhafte Beängſtigung in der Bruſt nachgelaſſen und auch der Schmerz in den Gliedern ſich faſt gänzlich gelegt habe. „Habt Ihr vielleicht,“ frug er ſie,„ein neues, kräftigeres Heilmittel ausfindig ge⸗ macht und augewandt?“—„Gott ſei ge⸗ 7 — 195— lobt!“ erwiederte Bertha.„Ein Fremdek erſchien heute mit dem fruͤhen Morgen auf der Burg und⸗ uberbrachte einen kuͤhlen Tranß deſſen wohlthätige Wirkung er banpries und welchen er ſeiner Angabe zuſolge, aus einer peilbringenden Waldquele für Euch geſchöpft hatte“—„Verweilt er noch auf der Burg?“ frug Sllrich weiter.—„Hoffentlich wird er,“ verſetzte Bertha, indem ſie erroͤthend dem for⸗ ſchenden Blick des Greiſes auszuweichen ſuchte „noch vor Einbruch der Racht mit einer neuen Gabe hierher zuruͤcktehren““— So führe ihn denn zu mir herein,“ beſchloß je⸗ ner ſeine Rede„damit ich ihm fuͤr ſeine Bemühung den gebuhrenden Dank abſtarten und mich uͤber den ſo ſeltſamen Erfolg der⸗ ſelben weiter mit ihm beſprechen kann!“— Still in ſich ſelbſt gekehrt, ſaß Edgar während deſſen draußen am Waldborn und labte ſich an den Breren und Wurzeln, die er zur Stillung des Hungers in der Umgegend ſich zuſammengeſucht hatte. Das Schickſal theilend, das nach gehaltener Eberjagd die — 49656— Wuͤnſche und Hoffnungen der nach Erquik⸗ kung ſchmachtenden Schildknappen vereitelte, hatte auch er bei ſeiner Ankunft den Brun⸗ men leer und den Boden deſſelben, ungeachtet noch kurz zuvor der Regen in Stroͤmen herab⸗ geſchoſſen wär, nur mit dürrem Geſtripp be⸗ wachſen gefunden. Statt aber durch dieſen Unmſtand ſich in ſeinem Vertrauen irre machen zu laſſen, harrte er getroſten Muthes, ob auch Stunde um Stunde darüber verlief und am Ende ſogar der Abend hereinbrach, dem Augen⸗ blick entgegen, wo der Erdenſchoß ſich öffnen und durch Darbietung jener heilathmenden Säfte ſein hoffendes Verlangen abermals be⸗ friedigen werde. Auch hatte er in ſeinem Glauben ſich nicht getäuſcht; denn genau um dieſelbe Zeit, wie geſtern, erſchien der dienſt⸗ fertige Waldbewohner, buͤckte ſchoͤpfend mit dem Gefäß ſich in die Biefe hinab, und uͤber⸗ reichte es, bis an den Rand gefuͤllt, mit ge⸗ wohntem Schweigen dem Harrenden, der ſo⸗ dann ungeſäumt mit dem koͤſtlichen Geſchenk den Rückweg nach der Vurg antrat. — 197— Von keinem Ungewitter auf ſeiner Wan⸗ derung uberfallen und aufgehalten, erreichte er heute wohl um eine Stunde fruher, als es das erſtemal der Fall geweſen war, den Kreuz⸗ gang in der Burg und nahm, durch die Dunkel⸗ heit nach dem Armſeſſel hintappend⸗ wiederum Platz auf demſelben, nachdem er den mitge⸗ Nchtei Krug auf einen in der Nähe beſind⸗ lichen Tiſch geſtellt harte. Bald ſchloß ihm der Schlaf, durch die rings verbreitete, ge⸗ räuſchloſe Stille herbeigelockt, die muͤden Augenlieder, und ein ſchmeichelnder Traum begann jetzt in lieblichem Bilderwechſel vor ſeinem Gemuͤthe ſich zu entfalten. Er befand ſich im Geiſte auf dem Woldhügel, blickte ſchweigend nach der Gegend der Burg hinüber und fuͤhlte von ſchmerzlicher Sehnſucht ſich⸗ ergriffen, daß der Nebel, welcher eben feind⸗ ſelig ſie vor ſeinen Algen verhüllte, ſich zer⸗ theilen und er dadurch zu einer freien und freundlichern Ausſicht gekangen moͤge. Da uͤberflog ein roſenhafter Schein ploͤtzlich den Himmelz die grauen Dünſte, die den Luft⸗ — 198— raum erfuͤllten, drängten in eine blaue Wolke ſich zuſammen, auf welcher Bertha in uber⸗ irdiſcher Schönheit ſich zeigte und, näher und näher ſchwebend, endlich dicht an ſeiner Seite ſich niederließ. Ueberwältigt vom Zauber, mit welchem das holdſelige Lächeln der Jung⸗ frau ihm das Herz beſtrickte, ſank er auf ſeine Knie, bedeckte ſie mit gluͤhenden Kuſ⸗ ſen— und erwachte!— Der ſchone Traum war zur ſchoͤnen Wirklichkeit geworden! Von den Stralen der Kerze beleuchtet, die Curd ihm entgegen hielt, ſtand Bertha dicht neben dem Erwachenden, das reizende Geſicht in ſanftlaͤchelnder Liebe zu ihm herniedergeneigt, während er ſelbſt vom Armſeſſel herab auf die Knie geſunken war und ſeine— auf ihre Hand gepreßt hielt. 6 m en „Verzeihung, edles Fräulein 1““ rief go⸗ gar, indem er mit klarwerdendem Bewußtſein, uͤberraſcht und erſchrocken vom Boden auf⸗ ſprang.„Ein zauberiſch verlockender Traum hat mich bethoͤrt! ihm allein iſt die Schuld einer ſo ſtrafbaren Uebereilung zuzuſchteiben 11 nid — 199— „Werdet Ihr,“ frug Bertha in lieblich erroͤthender Verwirrung,„auch heute die Burg wieder verlaſſen, Herr Ritter, ohne zuvor von dem ſegensvollen Erfolg Eures edlen Eifers Euch mit eignen Augen uͤber⸗ fuͤhrt zu haben? Mit Sehnſucht erwartet Euch mein Oheim. Noch weiß er nicht, daß Ihr es ſeid, dem er zum zweitenmal die Rettung ſeines Lebens— Die Ueber⸗ raſchung bei Euerm Anblick—“ „Wuͤrde ſicherlich,“ s Edgar ihre Rede,„nur dazu dienen können, die kaum weichende Gefahr aufs neue zu ſeiner Lager⸗ ſtätte zuruͤckzurufen! Vergebt, holdes Fräu⸗ lein, daß ich Eurer Meinung ſo freimuͤthig zu widerſprechen wage! Werthlos wuͤrde jede Dienſtwilligkeit mir erſcheinen, wenn ich ſie nicht mit beſcheidnem Sinn auszuuͤben ver⸗ möchte! Vergoͤnnt mir daher, auch heute auf dieſer Stelle den Morgen zu erwarten und⸗ bis Euer Oheim vollkommen vieder hetge⸗ ſtellt iſt, nach gewohnter Weiſe meine Wan⸗ derungen nach dem Waldborn fortzuſetzen ⸗ Dann vielleicht verſtattet irgend ein gunſtiger Augenblick mir hellere Einſicht in die wun⸗ derbaren Fuͤgungen, die uͤber meinem Haupte verhaͤngt ſind und mit warnender Stimme mich zu geräuſchlos zuruͤckgezogenem Wandel vermahnen!“ Curd, der mit aſe uhnetenet Edgars Worten zugehoͤrt hatte, nickte jetzt beifällig mit dem Kopfe; auch Bertha wagte es nicht, noch weiter in ihn zu dringen, ob⸗ wohl ſie mit ſich ſelbſt in hartnäckig fort⸗ dauevndem Kampfe begriffen zu ſein ſchien⸗ Nachdem ſie noch einige Minuten lang ver⸗ legen und unentſchloſſen verweilt hatte, ergriff ſie endlich den Krug und verfugte zoͤgernden Schrittes ſich damit nach dem Krankengemach. Curd begleitete ſie, indem er dem jungen Ritter in gutmuthiger Herzlichkeit die Hand druͤckte und ihn ermunterte, in ſeinem Ver⸗ trauen auf den fernern Beiſtand des Himmels, der auf ſo wundervolle Weiſe ihn zum Werk⸗ zeng ſeiner Huld und Gnade auserkoren habe, nimmer wankend zu werden. 4 — 204— Mehrere Tage nach einander ſetzte Edgar ſeine, füt die fortſchreitende Geneſung des Burgherrn ſo erſprießlichen Wanderungen fort, ohne weder dem Lager des letztern jemals in eigner Perſon ſich zu nähern, noch fuͤr ſich ſelbſt eine bequemere Ruheſtätte, als der Arm⸗ ſeſſel auf dem Kreusgange ihm darbot, anzu⸗ nehmen; ſo eifrig und angelegentlich auch Bertha fortwährend ihm vorſtellte, daß der Oheim dies durchaus nicht länger geſtatten wolle. Jedesmal fand ſie in Curds Beglei⸗ tung ſich bei ihm eins oft auch harrte ſie ſchon an der gewohnten Stelle ſehnſuchtövoll ſeiner Ankunft entgegen, wenn er gegen die Mor⸗ gendammerung mit dem friſchgeſchöpften Labe⸗ trunk auf der Burg anlangte. Der anbre⸗ chende Tag fand ihn wieder auf der Wall⸗ fahrt nach dem Brunnen, deſſen Raͤhe jetzt mit ſo unwiderſtehlicher Zaubergewalt ihn anzog und feſthielt, daß er gern bei ihm ver⸗ weilte und hier, von der tiefen Waldſtille umgeben, ſeinen Gedanken und Meinungen nachhing, bis die Mitternachtsſtunde heran⸗ — 202— nahte und der mit ihr ſich einfindende Wald⸗ geiſt ihm den neugefuͤllten Krug überreichte. Reunmal war jetzt ſeit jener Gewitternacht, wo er zum erſtenmal mit dem Heiltrank die Waldenheimiſche Burg betreten hatte, die Sonne auß⸗ und niedergegangen, als er an einem heitern Rachmittage wieder beim Brun⸗ nen auf dem weichen Graſe raſtete und von den wildwachſenden, in der Rähe des Thal⸗ grundes aufgefundenen Fruͤchten, nach ge⸗ wohnter Art, ſeine prunkloſe Mahlzeit hielt. Still und angelegentlich beſchäftigten eben ſeine Gedanken ſich mit dem Augenblick, wo des Burgherrn vollendete Geneſung alle fer⸗ nere Bemühungen unnöthig machen und Ver⸗ tha's liebefreundlicher Blick ihm vielleicht zum letztenmal begegnen werde. Schon ſah er im Geiſte, bald in den duͤſtern Gemächern der heimiſchen Burg mit luſtloſem Schweigen ſich wieder umherwandeln, bald die wilden Gehege des Forſtes durchſtreifen, um, mit zerſtreuendem Jagdwert beſchaͤftigt, das ſtür⸗ miſch aufgeregte Herz zu beſchwichtigen.— — 203— Da zog plätzlich ein im nahen Buſchrevier lautwerdendes Geräuſch ſeine Aufmerkſamkeit an ſich, das, von flüſternden Stimmen be⸗ gleitet, mehr und mehr der Stelle ſich naͤherte, die Edgar ſich zum Sitz erwählt hatte. Der geſpannten Erwartung aber, mit welcher er dem Ausgange dieſes ungewohnlichen Begeg⸗ niſſes entgegen ſah, folgte bald eine, niemals noch im gleichen Grade empfundene Ueber⸗ raſchung nach; denn mit geſchäftigen Armen die dicht verſchränkten Zweige auseinander theilend, trat der alte Vurgherr in der Kraft und Fuͤlle neuverliehener aus dem Dickicht hervor. „Laͤnger darf es Euch gelingen,“ redete er den Erſtaunten an,„meinem Gruß und Dank auszuweichen. Vermeidet Ihr⸗ mein Wohngemach in der Vurg zu betreten⸗ wohlan! ſo geziemt es mir, Euch aufzuſu⸗ chen.— Nicht eben dem eignen unverſoͤhnlichen Sinn mag einzig und allein die Schuld der Uebereilung zuzuſchreiben ſein⸗ zu welcher ich mich gegen Euch hinreißen ließs die Erſchei⸗ — 1— nung einer Geſtalt, welche der Eurigen glich und in drei aufeinander folgenden Nächten, indem ſie die Bilder einer truͤben Vergangen⸗ heit mir in die Seele zurückrief, an meinem Lager vorüberſchwebte, war Eurer Einkehr auf meiner Burg vorangegangen. Reicht mir Eure Hand, Edgar! Ihr ſelbſt ſeid es ja, der mich in den Stand geſetzt hat, das an Euch veruͤbte Unrecht wieder gut zu machen.— Der Retter meines Lebens ſeid Ihr geweſen,“ fuhr er fort, indem er ſich nach der Stelle wandte, an welcher er aus dem Gebuͤſch getreten warz„ſeht⸗ dort kommt Bertha, die Euch ſagen mag, was ich Euch zu werden geſonnen bin!“— Erröthend näherte ſie ſich und bot dem über⸗ glucklichen Geliebten ihre Hand, während Curd, der mit theilnehmender Freudigkeit ihr nachge⸗ folgt war, in ehrerbietiger Entfernung ſtehen blieb und an dem feſtlich ſchoͤnen Anblick die feuchten Augen weidete. Da begann es in der plötzlich ſich zu regen, und als die Anweſenden ſich befremdet dorthin wandten, zeigte ſich ihnen Hälfte des Leibes über den Brunnenrand porſtieg⸗ während ſeine Augen feſt und unbe⸗ weglich auf das Geſicht des Burgherrn geheftet waren. Befreit von der drückenden Laſt des Ei⸗ ſenhelms, war das entblößte Haupt jetzt nur von den eignen grauen Locken bedeckt; auch ſchien der Bruſtharniſch, deſſen ſtählerne Bänder ſich gelockert und geloͤſt hatten, ihm entſinken zu wollen. Kein Merkmal von Angſt und Unruhe war in ſeinen Mienen und Geberden mehr zu entdecken, ernſt und ruhig glich ſein bleiches Antlitz nur dem ſtill dahin welkenden Geſicht ei⸗ nes Sterbenden, der von des Lobens ſchweren Verirrungen durch ſtrenges Vußwerk ſi ſich gerei⸗ nigt hat und jetzt, mit ſeinem Gort verſöhnt, die Pforte des Friedens ſich öffnen ſieht. Weder Furcht noch Groll gab Ellrich beim Anblick dieſer Erſcheinung zu erkennen, ſon⸗ dern ſtill gefaßt und mit mildverzeihender Geberde wandte er ſich dem Brunnen zu.— „Zweimal,“ ſagte er, auf Edgar deutend⸗ „hat dieſer mir das Leben erhalten! Der feind⸗ i Gunther und ſuf i in See 6 5 Eein zufriedenes Licheln umfloß bei vieſe Worten die Geſichtszuge der Schattengeſtalt und in ein dunkles Rebelgebild zerrinnend, ſank ſie wieder in die Tiefe zuruck, aus der ſie emporgeſtiegen war. In ſich ſelbſt dahin⸗ ſchwindend, loſte zerbroͤckelnd ſich das Geſtein, welches die Hölung umgeben hatte, und nach Verlauf weniger Minuten war von dem Brunnen keine Spur mehr zu ſchauen. 1 Die Zeugen dirſer wundervollen Vegebenheit aber prieſen, indem ſie traulich und heiter nach der Waldenheimiſchen Vurg zurucktehrten, die ſtilwaltende Huld des Hochſten, der den freud⸗ 1oz umherirrenden Dulder nun zur Ruhe gefuͤhrt 5 und, nach verderblichem Groll, mit ſegenbrin⸗ gender Eintracht die Herzen erfullt hatte. deeua Senett Pot dem Hauſe des Zunftmeiſters Helbrich* ſtanden einſt an einem ſchwülen Rachmittage alle Vorübergehende ſtill und ſteckten neugie⸗ rig die Köpfe zufammen, um dem ſonderbaren Vorfall, durch welchen ſie ſich herbeigelockt und feſtgehalten ſahen, ein wenig näher auf den Grund zu Kommen. Aber vergebens! Riemand wußte das Raͤthſel zu loͤſenz ſelbſt unter denen keiner, welche die vor dem Hauſe befindlichen Planken erſtiegen und ſich eines unbeſchränkten Ueberblickes des Schauplatzes zu erfreuen hatten, der die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden in ſo hohem Grade beſchäf⸗ tigte. Denn daß der Zunftmeiſter drinnen in der Wohnſtube bei offenſtehenden Fenſtern ſeinen dreizehjährigen Sohn prügelte, fand — 208— man nicht eben außer allet Ordnung der Dinge, weit man dergleichen auch anderwaͤrts ſchon erlebt hatte; daß er aber, indem er den Kna⸗ ben bei den Haaren feſthielt, bei jedem Streiche mit gluͤhendem Geſicht und funkelnden Augen ausrief:„Willſt du gleich Mamſell Filterhof heirathen? du Höllenbrand! Willſt du den Augenblick Mamſell Filterhof heirathen?“ und dieſer fortwaͤhrend unter Schreien und Schluch⸗ zen erwiederte:„Nein, Vater, ich thue es nicht und wenn Ihr mich auch todtſchlagt!“— das war ein Zuſammentreffen, an deſſen Ergrändung auch ſelbſt der ſpitzſindigſte Ver⸗ ſtund nothwendig ſcheitern mußte. Erſt nach Ablegung der entſchiedenſten Beweiſe von Freigebigkeit und Ausdauer warf der ſich endlich erſchöpft und ermattet in einen Lehnſtuhl, der hartnäckige Franz kroch voll Scham und Erbitterung hinter den Ofen⸗ um den Augen der Zuſchauer ſich zu entziehen, in welchen ſammt und ſonders er uͤber den tichtigen Empfang eine in ſeinem Namen ausgeſtellte quittirende S zu leſen — 209— glaubte; und die Laurer und Gaffer zerſtreu⸗ ten ſich allmählig, als ſie von der Unmöglich⸗ teit, über die Veranlaſſung zu dieſem uͤber⸗ raſchenden Auftritte, belehrenden Aufſchluß zu gewinnen, ſich mehr und mehr uberzeugt hatten. Nicht im entfernteſten haͤtte der Knabe, ſo oft er auch ſchon Gelegenheit gehabt hatte, mit der Denkart ſeines Vaters auf ähnliche Weiſe bekannt zu werden, vermuthen koͤnnen, daß er einer harmlos hingeworfenen Aeuße⸗ rung wegen eine ſo beſchimpfende Niederlage erleiden und durch dicjenigen Theile ſeines Körpers, die während des Angriffes am mei⸗ ſten im Feuer geweſen waren, dem Stadtge⸗ ſpraͤch zu neuem Reiz und Schwung beförder⸗ ſich ſein ſolle.— „Habt Ihr es ſchon geirt S rief er aus, indem er zur Thuͤr hereintrat und ſeinen Schultorniſter auf den Tiſch warf, „daß Fritz Haßling die dicke Suſanne Quer⸗ mann heirathet? Wie die ſich wohl im Braut⸗ III. Bd. 14 — 240— putz ausnehmen wird! In vier u 6 die Hochzeit!“ „Nun, und was haſt du Raſeweis denn dagegen einzuwenden!“ erwiederte der Alte, indem er in ſeiner Mittagsruhe geſtört, ſich den Schlaf aus den Augen rieb.„Der alte Haßling iſt ein ſehr vernuͤnftiger Mann, der es wohl verſteht, ſeinem Sohn eine Braut auszuſuchen, wie ſie gerade fuͤr ihn paßt!“ „Ja, Vater,“ fuhr Franz fort,„ich habe immer gemeint, daß man, wenn man heira⸗ then will, ſich die Frau ſelbſt ausſuchen muͤſſe. Wie kann denn der eine wiſſen, was dem andern eben anſteht oder nicht?“ „Narrenspoſſen!“ rief der Zunftmeiſter, auf deſſen Stirn bereits eine Gewitterwolke ſich zu zeigen anfing.„Was der Vater für gut findet, muß der Sohn ohne Wider⸗ tede fuͤr gut halten, und damit Baſta!“ „Wenn nun aber,“ entgegnete der Un⸗ glaͤubige mit einigem Kopfſchuͤtteln,„wenn nun beide uͤber dieſen Punkt gerade ganz verſchiedener Meinung ſind? Wenn Ihr mir 31 5 —— 1 zum Beiſpiel zumuthen wolltet, die iti Mamſell Filterhof da brüben zu—“ „Das wird mir freilich nicht n 6elbſchnabel!“ ſiel ihm der Alte ins Wort. 1 „Geſetzt aber, ich geriethe auf den Gedanken⸗ was dächteſt du denn wohl zu thun? He?“ „Rehmt mir's nicht uͤbel, Vater! wuͤrde ich ſagen; ich leiſte Euch gern in allen Din⸗ gen den ſchuldigen Gehorſam, weil Ihr ver⸗ ſͤndiger ſeid, als ich; in dieſem einzigen aber kann ich ſchlechterdings—“ Wie? du wollteſt meinem dich widerſetzen, Junge?“* „Bedenkt doch nur, Vater! Euch darin zu gehorchen, wäre mit ja unmöglich, oder ich muͤßte—“ „Das wollen wir doch ſehen 1“ rief der alte Hitztopf, indem er vom Lehnſtuhl auf⸗ ſprang und einen in 63 EScke ſtehenden Ha⸗ ſelſtock ergriff.„Willſt du gleich ohne Wi⸗ derrede thun, was ich dir befehle? Wilſt du den Augenblick n hei⸗ rathen e Zu ſeinem größten Nachtheile beharrte der Starrſinnige auch dann noch auf ſeiner Wei⸗ gerung, als jener bereits mit Anſtrengung aller ſeiner Kräfte beeifert war, ihm den Um⸗ fang des väterlichen Anſehens a posteriori klar und deutlich zu machen, und ſo hinrei⸗ ßend vielleicht in andern Fällen die Gabe der Ueberredung ſein mag, die in einem Ha⸗ ſelſtocke verborgen liegt; diesmal konnte ſie nur dazu dienen, der Hartnäckigkeit und Er⸗ bitterung des ſtoͤrrigen Gemuͤthes den zur Ausdauer nöthigen Nahrungsſtoff zuzuführen. Die Nebenumſtaͤnde, von welchen die verun⸗ gluͤckte Beweisfuͤhrung des Zunftmeiſters be⸗ gleitet war, ſo wie der Ausgang, den ſie ge⸗ nommen, ſind bereits oben erzäͤhlt worden; nur iſt noch hinzuzufügen, daß unter den Zu⸗ ſchauern, die ſich vergebens die Koͤpfe daruber zerbrachen, ob das Narrenhaus zuerſt den Va⸗ ter oder den Sohn, oder beide zugleich auf⸗ zunehmen verpflichtet ſei, auch Jungfrau Barbaxa Filterhof ſich befand. Sehr erfreut uber die gluckliche Lage ihres Wohnzimmers, —— — 213— zufolge welcher ſie nicht nöthig hatte, die Gaſſe beengen zu helfen, um ihrer Neugierde die möglichſte Befriedigung zu verſchaffen, lauſchte ſie hinter den Vorhängen ihres gleich⸗ falls offenſtehenden Fenſters, wo ſie auf das genauſte ſchon im voraus berechnen konnte, wann der Alte wieder ausholen und der je⸗ desmalige Hieb am Orte ſeiner Beſtimmung anlangen werde. Auch von den beiden Rede⸗ ſätzen, die fortwährend aus des Gebers und Empfängers Munde einander bekämpften, entging ihr keine Sylbe, und die ſchneidende Diſſonanz, die ſie in Franzens hartnaͤckigem Widerſpruch zu vernehmen glaubte, ward ih⸗ rem lauſchenden Ohre durch des Zunftmeiſters Machtſpruch immer zur vollkommenſten Har⸗ monie wieder aufgeloͤſt. Zu angenehme Vor⸗ ſtellungen erweckte das Wort, mit welchem der Alte jedesmal ſeinen Spruch beendigte, in ihrem Innern, als daß ſie nicht in der froheſten Gemuͤthsbewegung ſich an ihnen hätte weiden ſollen; ſo ſehr auch die Ein⸗ wurfe des widerſpenſtigen Knaben ſich beeifer⸗ — 1— ten, ihr gegen Aufwallungen dieſer Art als niederſchlagende Pulver zu dienen. Ihr ſchalk⸗ haft lächelndes Auge druͤckte ganz die behag⸗ liche Stimmung aus, in welche ſie durch je⸗ nen Auftritt verſetzt worden war; in der geſpannteſten Erwartung verharrte ſie bis zu deſſen Beendigung auf ihrem Poſten, und mit ſehr gemeſſenem Ernſt verwies ſie der zwoͤlfjährigen Luiſe, ihrer Richte, die ſie als älternloſe Waiſe zu ſich genommen hatte, das mitleidige Bedauern, welches dieſe zu Gun⸗ ſten des armen Jungen laut werden ließ. Wichtiger, als man nur immer hätte glauben ſollen, waren die Folgen, welche dieſes, dem Volk gegebene Schauſpiel nach ſich zog Wohl ahnete der Zunftmeiſter, den man bis⸗ her im ganzen Stadtviertel als einen Mann von entſchiedener Rechtlichkeit, ſo wie von Ver⸗ ſtand und Einſicht betrachtet und geſchatzt hatte, daß der heutige Vorfall nicht ſonder⸗ lich dazu dienen konnte, die Leute in der von ihm gefaßten guten Meinung zu beſtärken — 215— ſtatt aber nach Recht und Billigkeit ſich ſelbſt die Schuld beizumeſſen, uͤberhäufte er den Knaben, der auf ſein gebieteriſches Wort in aller Demuth aus ſeinem Schlupfwinkel her⸗ vorkam, mit den empfindlichſten Vorwuͤrfen⸗ daß er durch ſeinen Trotz ihn in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt habe, vor den Augen der Welt in einem zweideutigen Lichte zu erſchei⸗ nen.„Ich habe dir bisher zu viel durch die Finger geſehen!“ beſchloß er ſeine Straf⸗ predigt;„das aber ſoll anders werden, ſo wahr ich mir heute durch dein unſinniges Be⸗ nehmen die Feindſchaft der Mamſell Filterhof zugezogen habe! Richt in der geringfugigſten Kleinigkeit ſollſt du jemals deinen Willen wieder behaupten und durchſetzen; und jetzt packe den Augenblick dich ins Reſt!“ Mit betruͤbtem Geſicht ſchlich Franz aus der Stube, und mit fröhlichem Herzen eilte er die beiden Treppen hinauf, die nach ſeinem Dachſtuͤbchen fuͤhrten. Mit der linken Hand verriegelte er die Thuͤr, mit der rechten fuhr er unter einen zur Seite ſtehenden Saſchrank⸗ — 216— N um die daſelbſt verborgen gehaltene Wunder⸗ geſchichte der Inſel Felſenburg hervorzuholen, die ſchon ſeit geraumer Zeit ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf eine viel angenehmere Weiſe beſchf⸗ tigte, als es der Inhalt der verwitterten Hauspoſtille vermochte, mit welchem er, her⸗ kömmlichermaßen den Vater jeden Abend in den Schlaf zu leſen gewohnt war. Lieblich vergoldete die Abendſonne den wurmſtichigen Rahm des kleinen truͤben Fenſters, welches er behutſam öffnete, um ſo lange als möglich die Dämmerung von ſich und ſeinem Buche abzuhalten. Er warf bei dieſer Gelegenheit einen ſcheuen Blick hinunter nach dem Wohn⸗ zimmer der Verſchmähten, welcher er, freilich auf Koſten ſeines Rückens, die ungeſtörte Muße des heutigen Abends zu verdanken hatte. Nur Luiſe befand ſich am Fenſter; aber als ob ſie dort recht eigentlich auf der Lauer geſtanden, begegnete ihr Auge ſogleich dem ſeinen, ohne daß es nur des geringſten Umweges bedurft haͤtte. Auch war Franz, der bei Erblickung der kleinen Lauſcherin den — 217— Kopf ſchnell zuruͤckgezogen hatte, kaum im Begriff, das erſte durchgeleſene Blatt umzu⸗ ſchlagen, als er ſchon ein leiſes Huſten ver⸗ nahm, wodurch er unwillkuͤhrlich ſich veran⸗ laßt ſah, ſeine Blicke nach dem ihm gegen⸗ über befindlichen Erkerſtubchen zu richten. Es war abermals Luiſe, die zum Mienenſpiel mit Franz nach bequemerer Ortsgelegenheit verlangend, eine Treppe höher geſtiegen war⸗ und nun von dem Erkerſtubchen aus mit ei⸗ nem Blick voll inniger Theilnahme ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen ſchien. Franz, der anfangs im Zweifel geſchwebt hatte, ob er der Begierde zum Leſen, oder dem Winke der Ruheſtoͤrerin gehorchen ſolle, gab endlich einer Abendunterhaltung mit der letztern den Vorzug, und ſuchte, ſo gut es ſich thun ließ, durch Zeichen und Geberden ihr klar zu ma⸗ chen, durch welchen Umſtand er ſich jenen verdrießlichen Handel zugezogen habe. Er mußte, da der geringſte Laut dem vertrauli⸗ chen Wechſelgeſpräch gefäͤhrlich zu werden drohte, ſich, um den dunkeln Gegenſtand ge⸗ horig in die Klarheit zu fuhren, fo vieler ſigurlichen Umſchreibungen bedienen, und die unerſchoͤpfliche Geſchwätzigkeit, mit welcher Luiſe ihm ihren Beifall wegen ſeiner Standhaftigkeit deutlich zu machen bemüht war, befand ſich mit dem Fluge der Minuten in ſo auffallendem Mißver⸗ hältniſſe, daß die Racht hereinbrach, bevor beide mit ihren gegenſeitigen Erklärungen nur um die Häaͤlfte zu Ende waren. Man trennte ſich zugleich mit Verdruß uͤber die ſich mehr und mehr verbreitende Dun⸗ kelheit, zugleich aber auch in der feſten Ueberzeugung, daß in Hinſicht der Lage, in welcher die beiden Dachſtubchen ſich gegen einander befanden, wohl bis morgen nicht eben eine merkliche Veraͤnderung vorgehen werde; und in weniger als einer Vier⸗ telſtunde triumphirte das vaterliche Anſehen des Zunftmeiſters; denn der widerſpenſtige Franz hatte jetzt ſtill und ſich in S 3 — 240= „Du machſt,“ rief am andern Morgen mit kaltgemeſſenem Ernſte der Zunftmeiſter ſeinem Sohne zu, als dieſer im Begriff ſtand, ſich nach der Schule zu verfügen,“ jetzt erſt der Mamſell Filterhof deinen Beſuch, um ge deiner geſtrigen Ungezogenheit wegen, ge⸗ ziemendermaßen um Verzeihung zu bitten!“ Gern hätte Franz, der zur Vollziehung eines ſo demuthigenden Auftrages nicht ſonderliche Luſt verſpurte, ſich Einwendungen dagegen erlaubt; es ſchien ihm jedoch unter den ob⸗ waltenden Umſtänden nicht gerathen, ſeine Gedanken laut werden zu laſſen. Noch ſtand mit warnendem Wink der gefürchtete Haſel⸗ ſtock in der Scke, und die Mirne des Alten, der unter dem erquickenden Fluͤgel der Racht die zur Handhabung deſſelben erforderlichen Kräfte vollkommen wieder geſammelt zu ha⸗ ben ſchien, gab nicht undeutlich zu verſtehen⸗ daß eß von Seiten des Beauftragten nur der mindeſten Weigerung bedurfe, um ihm das Fruhſtuͤck ſogleich auf die nämliche Weiſe zu wurzen, wie dies bereits bei dem Ves⸗ perbrot der Fall geweſen war. Franz ergab ſich daher ohne Weiteres in ſein Schickſal und wanderte, freilich nicht in geringer Ver⸗ legenheit wegen der zu haltenden Anrede, pinuͤber, indeß der ſtrenge Blick des Zunft⸗ meiſters ihn bis in die Hausthuͤr verfolgte. Es ſollte jedoch ſchon auf der Treppe ſeinem gepreßten Herzen einige Erleichterung zu Theil werden, indem er hier von Luiſen em⸗ pfangen ward, die anfangs zu gar keinem feſten Entſchluß gelangen konnte, ob ſie uͤber dieſen unvermutheten Beſuch ſich zuerſt freuen, oder verwundern ſolle.„Ja, denke dir nur, Luiſe!“ rief er mit wehmuͤthigem Geſicht. „Da komm' ich nun und ſoll deine Tante um Verzeihung bitten, daß ich ſie nicht habe heirathen wollen!“ Unter gellendem Gelaͤch⸗ ter hüpfte Luiſe dem Geängſtigten in das Zimmer voran, wo er mit ſchmeichelnder Zunge ein Verbrechen wieder gut machen ſollte, das er mit läſternder Zunge begangen hatte. i Der Empfang aber, deſſen er ſich droben zu erfreuen hatte, trug faſt noch mehr, als das Vorſpiel auf der Treppe dazu bei, ſeinen geſunkenen Muth wieder aufzurichten und ihn zu überzeugen, daß die Unverſohnlichkeit unter Barbara's geringfügigſte Untugenden ge⸗ hoͤre. Mit der freundlichſten Miene von der Welt unterbrach ſie die ſtotternden Worte, mit welchem er in bußfertiger Stellung ſich ihr näherte und entzog ihn dadurch einer Ver⸗ legenheit, die mit Zentnerſchwere noch vor wenigen Augenblicken auf ſeinem Herzen ge⸗ laſtet hatte.„Laß es nur gut ſein, liebes Fränzchen!“ rief ſie ihm entgegen.„Der ganze Vorfall beruht auf einem bloßen Spaß⸗ bei welchem ich nichts bedaure, als daß du ſo hart haſt bußen muͤſſen. Wenn wir erſt ein wenig näher mit einander bekannt ſind, wirſt du hoffentlich bald eine guͤnſtigere Meinung von mir faſſen. Ich denke, daß wir in Zu⸗ kunft gewiß noch recht gute Freunde wer⸗ den!“—„Ach, liebſte Mamſell, ich will ja gern Alles werden, was Sie nur wollen!“ ſtammelte Franz der, unfuhig, ſo vieler Güte zu widerſtehen, am Tiſche Platz nahm, und mit in⸗ niger Ruͤhrung ein großes Stuͤck Kuchen ver⸗ zehrte, welches ſeine großmuͤthige Nachbarin ihm vorſetzte. Auch ermangelte er beim Weggehen nicht, ihre an ihn ergangene Aufforderung, recht bald wieder zu komimen, durch die ungeheucheltſte Zuſicherung ſeines Gehorſams zu erwiedern. Voll Freude uͤber die gluͤckliche Beendi⸗ gung dieſer Angelegenheit, eilte er die Treppe hinunter, weshalb er aber, ſobald er zü ſei⸗ nem Vater in die Stube trat, ſich veranlaßt fand, ſeinem Geſicht einigen Zwang anzuthun, daruͤber konnte er ſelbſt ſich vielleicht keine Rechenſchaft ablegen.„Sie hat mir Alles verziehen;“ erwiederte er auf des Zunftmei⸗ ſters Befragen;„und ſie will ſogar,“ ſetzte er mit krauſet Stirn und gedämpfter Stimme hinzu,„daß ich ſie zuweilen beſuchen ſoll!“— „Wozu du dich denn auch ohne weitdre um⸗ ſtände bequemen wirſt!“ fiel ihm jener ins Wort, indem er ihn ſchapf ins Auge faßte. Franz aber, bei dem es eines ſolchen Macht⸗ ſpruchs ganz und gar nicht mehr bedutfte, ſeitdem er Barbara's ſüße Freundlichkeit und ihren noch ſüßern Kuchen hatte kennen lernen/ gab der zu ei⸗ nem Frag'⸗ und Ausrufungszeichen verſchmolze⸗ nen Miene des Alten, uͤber ſeine Willensmeinung fur jetzt nicht den mindeſten Aufſchluß, ſondern nahm ſchweigend ſein Schultorniſter auf den Ruͤcken und enfernte ſich, um gewohntermaßen unter einein, dem Haſelſtock in der Ecke ver⸗ wandten Zepter den Wiſſenſchaften obzuliegen⸗ „Der Junge macht mir noch immer ein trotziges Geſicht!“ rief der Zunftmeiſter, als Franz das Haus verlaſſen hatte.„Dieſer Starrſinn ſoll und muß gebeugt werden; ich merke, es iſt dazu die hochſte Zeit! In keiner Sache, wäre ſie lauch die unſchuldigſte und unbedeutendſte von der Welt, ſoll er ſeinen eignen Willen haben und durchſetzen; das will ich mir von heute an zur feſten Regel machen. Ordentlich bei den Hadren herbeiziehen will ich jede Gelegenheit, wodurch es mit nur irgend moglich wird, mein Anſehen und meine Gewalt uͤber ihn geltend zu machen.“3 Der Alte hielt Wort. Roch der nämliche Tag lieferte den unumſtoͤßlichſten Beweis, daß der Vorſatz den der Zunftmeiſter gefaßt hatte, unter den zerſtreuenden Geſchaften ſeines Be⸗ rufes keinesweges in Vergeſſenheit gerathen ſei. Kaum war nämlich das Abendeſſen ver⸗ zehrt, als Franz mit einer Eilfertigkeit, die man bei ähnlichen Gelegenheiten noch nie⸗ mals an ihm bemerkt hatte, die Hauspoſtille herbeiholte, und ſich, ohne den Wink des Vaters abzuwarten, unverzüglich zum Leſen anſchickte.„Haſt du dazu ſchon den Auftrag erhalten?“ fuhr ihn der Alte an;„oder glaubſt du vielleicht deſſen nicht zu beduͤrfen?“— „Ich habe jn,“ verſetzte Franz mit betroffener Miene,„immer des Abends um dieſe Zeit aus der Poſtille vorleſen muͤſſen, deswegen wollte ich—“„Richts ſollſt du wollen!“ unterbrach ihn jener in aufwallendem Zorn; „nicht das Mindeſte ſollſt du wolleñ, ſondern hinauf ins Erkerſtubchen ſollſt du dich ſ ren! Haſt du mich verſtanden?“ Franz nicht, ihm ſogleich n5 — 225— augenſcheinlichſten Beweis von der Leichtig⸗ keit ſeines Faſſungsvermögens zu geben, und höchſt erfreut, daß ihm ſein Anſchlag ſo gut gelungen war, befand er ſchon nach wenigen Minuten ſich an dem Orte ſeiner Veſtim⸗ mung. Auch Luiſe ließ, nachdem er das Fen⸗ ſter geoffnet hatte, nicht lange auf ſich war⸗ ten, und es kam zwiſchen beiden wieder zu einer um ſo lebhaftern Unterhaltung, je we⸗ niger man geſtern mit Beſeitigung aller in Anregung gebrachten Gegenſtande zum Ziele gekommen und je reichhaltiger der Stoff war, den der Vorfall am heutigen Morgen aber⸗ mals zur fernern Bearbeitung geliefert hatte. Auch diesmal konnte nur die einbrechende Fin⸗ ſterniß dem Geberdenſpiel des jungen Paͤrchens, dem ein ſolcher Austauſch der wechſelſeitigen Gedanken einen ganz eignen Reiz 6 geziemende Grenzen ſezen. Mehr und mehr gelangte Franz in der Fertigkeit, durch liſtige Vorausberechnung Befehle und Aufträge zu veranlaſſen, in de⸗ 1II. Bd. 15 ren Vollfuͤhrung ſtets ſeine eignen Zwecke befördert wurden, zur Meiſterſchaft; und Tag um Tag verſtrich, während er in den Machtſpruͤchen des Vaters plangemäß nur ſeine eignen Wuͤnſche und Abſichten befriedigte. Während deſſen ruͤckte allmählig die Zeit heran, wo Franz⸗ aus der Schule entlaſſen, ſeinen kuͤnftigen Lebensberuf antreten ſollte. „Es war fruͤherhin freilich meine Abſicht,“ hub der Zunftmeiſter eines Abends an,„dich bei dem Seifenſieder Quarz, meinem Freunde und Gevatter, in die Lehre zu geben; die umſtande, wie ſie gegenwärtig beſchaffen ſind+, 1 machen jedoch andre Masßregeln nothwendig. Wohl haſt du ſeit einiger Zeit mir einmal deutlich genug zu verſtehen gegeben, wie gern du je eher je lieber dir die grüne Seifen⸗ 1 ſiederſchuͤrze vorbinden moͤchteſt. Quarz iſt 3 1 aber ein viel zu ſanfter Mann, als daß er 3 deinen Trotz und Starrſinn gehörig zu baͤn⸗ digen im Stande wäre, und ich habe ihn viel zu lieb, um ihm von dir auf der Naſe herum⸗ ſpielen zu laſſen. Außerdem hat mein Garn⸗ — 227— handel ſich mit Gotteshülfe ſeit einiger Zeit ſo anſehnlich erweitert, daß ich nicht länger die damit verbundne Arbeit allein zu beſtrei⸗ ten im Stande bin. Du bleibſt alſo bei mir im Hauſe; denn um keinen Preis in der Welt möchte ich den Vorwurf auf mich laden, dich der Zuchtruthe zu entlaſſen zu haben!“ Franz fuͤhlte vei dieſer anrede ein ſo leb⸗ haftes Prickeln und Jucken in den Fußſohlen, daß er ſicher bis an die Decke wurde geſprun⸗ gen ſein, hätte nicht der bloße Gedanke an den Gevatter Quatz ihn bei Beſinnung er⸗ halten und ihn bewogen, einen ſo unzwei⸗ deutigen Ausdruck der Freude und des Vergnuͤ⸗ gens bis zu einer ſchicklichern Gelegenheit zu verſchieben. Sein Wunſch, ein Seifenſieder zu werden, ſtand mit der Reigung, ſeinem Erkerſtuͤbchen fuͤr immer den Rüucken zu keh⸗ ren, in ſo naher Verwandtſchaft, daß er ſchon längſt nicht gewußt hatte, ob er mehr vor dem einen oder vor dem andern ſich entſetzen ſolle. Jetzt war durch den Ausſpruch des 15* 1 . * Vaters plotzlich jedes Rebelgewoͤlk, das ihn verhinderte, mit heiterm Blick in die Zukunft ſchauen zu konnen, aus dem Wege geraumt, und wohlbehaglich begann er ſich einem Ge⸗ 3 ſchäfte zu widmen, das ihm im Stillen ſchon längſt, bei reiflicher Erwaͤgung aller damit in 6 Bezug ſtehenden Haupt- und Rebenumſtände, als das wuͤnſchenwuͤrdigſte von S voohet kommen war. i Mittlerweile hatte gnbitt den im Stil⸗ tn gefaßten Vorſatz, uͤber das ſproͤde Weſen ihres jungen Widerſachers einen zu ihrem Vortheil entſcheidenden Sieg davonzutragen, ſo wenig aufgegeben, daß ſie vielmehr von der 7 gluͤcklichen Wirkung der zu dieſem Behuf an⸗ gewandten Mittel bereits die ſicherſten Kenn⸗ zeichen wahrzunehmen Gelegenheit hatte. Ein freundlich zuvorkommendes Benehmen auf der einen, Zuckerwerk und ähnliche Räſchereien auf der andern Seite, liefen, ſich wechſelſeitig unterſtuͤtzend, fort und fort Sturm auf das † jugendliche Herzund jeden auch noch ſo lei⸗ 3 ſen Widerſtand zu vereiteln, diente die gure⸗ * volle Sorgfalt, deren Luiſe ſich von ihr zu erfteuen hatte; eine Waffengattung, deren Anwendung zu dieſem Zweck freilich nicht gerade in Barbara's Plan lag. Zu verſtän⸗ dig, um den Zunftmeiſter fuͤr ſein fruͤherhin ausgeſprochenes und mit dem Haſelſtock be⸗ träftigtes:„Willſt du gleich?“ in aller Strenge beim Wort nehmen und den wider⸗ ſpenſtigen Knaben zu genauer Befolgung jenes Ausſpruchs geſchmeidig machen zu wollen, war es vielmehr blos ihre Abſicht, ſich bei letzterm in ein vortheilhaftes Licht zu ſetzen, und ihn wo möglich zu uberzeugen, daß ein Ehevertrag mit Mamſell Filterhof noch ganz und gar nicht unter die ungluͤcklichſten Ver⸗ träge in der Welt zu rechnen ſei. Sie er⸗ reichte, wie ſchon erwähnt, ihre Abſicht auch ſo vollkommen, daß Franz in die Zuberläſſig⸗ keit dieſes Umſtands nicht allein keinen Zwei⸗ fel weiter ſetzte, ſondern ſich ſogar, indem ihre Freundlichkeit ihm fort und fort ſeine ver⸗ ſtorbene Mutter ins Gedächtniß zuruͤckrief, von gunzem Herzen liebgewonnen, und ihr auch dann noch mit kindlichem Vertrauen ergeben blieb, als er zum Juͤngling heran⸗ reifte, und das Zuckerwerk allmählig aufhörte, als Lockſpeiſe zu gelten und beſtechende Ge⸗ walt an ihm auszuuͤben. Auch zwiſchen dem Zunftmeiſter ſelbſt und der Gonnerin ſeines Sohnes hatte ſeit jenem Rachmittage, wo der Haſelſtock zur Bekräfti⸗ gung des väterlichen Anſehens ſich dienſtbar bewährte, ſich nach und nach ein befreundetes Verhältniß entſponnen. Häufig begaber, während eben jetzt der politiſche Himmel fort und fort mit Zeichen und Wundern erfuͤllt war, ſich des Abends zu ihr hinuber, um ihr die in den Zeitungen enthaltene Wahrheit und Dichtung mittheilend zu erklären und aus⸗ einander zu ſetzen, da ſie in ihrer Einſamkeit an Unterhaltungen dieſer Art großen Gefallen fand und er gerade hierin eine ſehr bedeutende Stärke zu beſitzen glaubte. Da er zugleich der Meinung war, daß Niemand, mithin auch kein angehender Garnhändler, einiger Einſich⸗ ten in die Politik fuglich entbehren könne, — 231— ſo mußte auch Franz an ſeinen abendlichen unterhaltungen und Lehrvorträgen als ſchwei⸗ gender Beiſitzer faſt immer Theil nehmen. Zwar fand dieſer weder an den verhandelten Gegenſtänden ſelbſt, noch an der Darſtellung und Entwickelung derſelben nur den mindeſten Geſchmack, doch war er wenigſtes politiſch genug, ſich von ſeiner Abneigung dagegen hoͤchſtens nur dann etwas merken zu laſſen, wenn er befuͤrchten mußte, der Vater moͤchte beim Hinuͤbergehen ihn zur Begleitung auf⸗ zufordern vergeſſen. Rur ein einziges Wort der Befremdung, wie man am Zeitungsleſen ein ſolches Behagen finden könne, leicht und harmlos hingeworfen und von gehoͤrigem Mienenſpiel begleitet, wenn die Zeit des Auf⸗ bruchs heranruͤckte; und er konnte mit Gewiß⸗ heit darauf rechnen, daß ihm ſogleich der Be⸗ fehl zu Theil ward, die Fenſterladen zu ſchlie⸗ ßen und ſich reiſefertig zu halten⸗ Auch während der Vorleſungen ſelbſt ſpielte Franz eine Rolle, die ihm, als einem Reuling in der Politik, die großte Ehre ge⸗ macht haben wuͤrde, wäre ſie nicht, mit Bezug auf die in ſeinem Gemuth ſich mehr und mehr entfaltende Liebe, ſchon in der Ratur der Sache ſelbſt begruͤndet geweſen. Stunden⸗ lang verhielt er ſich maͤuschenſtill auf dem ihm angewieſenen Platze, ohne ſich um Luiſen, die gleichfalls ſo viel als möglich ſeine Nähe vermied, auch nur im mindeſten zu bekuͤm⸗ mern. Immer mußte erſt ein durchbohrender Blick des Vaters ihn an ſeine Schuldigkeit erinnern, wenn ihr dann und wann der Zwirn⸗ knaul entrollte, oder ihr Auge nach einer verlornen Stricknadel am Boden umherſuchte; und auch Luiſe ſchien in ſolchen Fällen ſich dieſer erzwungnen Dienſtleiſtungen ſtets mit einer faſt an Widerwillen grenzenden, fremd⸗ artigen Scheue zu bedienen, und ihm nur darum recht oft wiederholte Gelegenheit zu denſelben zu geben, damit ſie fort und fort an den verweiſenden Winken, die-der Alte ihm ſeiner trägen Fahrläſſigkeit wegen er⸗ theilte, ſich zu weiden im Stande ſei.— Die beiden jungen Leute, dachte der politiſche Zunftmeiſter dann oft im Stillen, koͤnnen, wie der Augenſchein lehrt, einander durchaus nicht leiden! Nun deſto beſſer! ſo brauche ich wenigſtens in dieſer Hinſicht meinem lockern Burſchen keinen Huͤter zu ſetzen.— In der wohlerwoguen Meinung aber, daß Franz ſeine Abneigung wenigſtens den Geſetzen der An⸗ ſtändigkeit und Sitte zu unterwerfen habe, traf er endlich Anſtalten, zufolge deren es Franz ſchlechterdings nicht weiter vermeiden konnte, bei der jedesmaligen Zuſammenkunft ſeinen Platz dicht neben Luiſen zu nehmen; eine Maaßregel, bei deren Ergreifung er frei⸗ lich nicht im entfernteſten ſich träumen ließ, daß, waͤhrend er uͤber dem Liſche mit uͤber⸗ ſtroͤmender Beredſamkeit ſich verſtändlich zu machen ſuchte, ein paar Schuhſpitzen unter dem Tiſche das Nämliche thaten.—„Biſt und bleibſt du aber nicht ein rechter Bube?“ rief er beim Rachhauſegehen. eines Abends, als Franz durch einen unglücklichen Zufall in ſeinen, blos auf dem blinden Gefuͤhl be⸗ ruhenden Unterhaltungsverſuchen, mit dem — 234— Fuße zu weit rechts gerudert und mit dem Ahlten in einige Beruͤhrung gerathen war. „Nun ich dir mit dem Geſichterziehen in der Ferne das Handwerk ein wenig gelegt habe, fängſt du gar an, mit den Beinen zu ſtoßen? Da biſt du aber einmal an den unrechten Mann gerathen; denn daß es Luiſen gelten ſollte, weiß ich nur zu gut, du magſt dich verſtellen wie du willſt. Alberner Menſch! Den Mangel deiner Gunſt zu verſchmerzen, wird ihr wohl auch ohne meine Beihuͤlfe ſo gar ſchwer nicht werden; aber vor ähnlichen Ausbruͤchen deiner Unhöflichkeit werde ich ſie in der Folge zu ſchutzen wiſſen. Wehe dir, wenn ſie nur jemals mit einer einzigen Miene ſich daruͤber beklagt! Und wenn du mit dem Kopf bis oben an die Balken reich⸗ teſt, ſo wuͤrde doch nichts in der Welt mich der Macht berauben, meine Rechte, ſo oft es mir beliebt, geltend zu machen und dich durchzugerben!“* In der That währte es gar nicht und Franz ragte, ſchlank wie eine Tanne, — 235— uͤber den Alten empor; doch wußte er immer auf das beſte dafur zu ſorgen⸗ daß jene gegen ihn ausgeſtoßene Drohung niemals in ihrem ganzen Umfang an ihm in Erfullung ging⸗ So oft er auch ſeitdem die heimlichen An⸗ griffe unter dem Tiſche wiederholt haben mochte, niemals hatte der ſcharfſichtige Zei⸗ tungserklärer Gelegenheit, in ihren Blicken eine gegen ihren Nachbarn erhobne Anklage zu leſen. Huldvoll angelaͤchelt von der müt⸗ terlichen Natur, und ſuß umgaukelt vom zauberiſchen Traume der Jugendliebe, hatte ſie im Verlauf der Jahre zur bluͤhenden Jungfrau ſich entfaltet; und Franz, dem der verſtohlne, ſtillvertrauliche Umgang mit ihr visher vollkommene Genuge geleiſtet hatte, fing jetzt, von den Reizen ihrer Geſtalt und der Anmuth ihres Weſens mehr und mehr angezogen, allmählig an, kuͤhnern Wünſchen Raum zu geben und in dem ungeſtörten Beſitze des lieblichen Mädchens ſich das höchſte Gluck ſeines Lebens zu denken. Eeine ſinſtere Gewitterwolke aber ſchien ſeinen Hoffnungshimmel gerade in dem Au⸗ genblicke verdunkeln zu wollen, wo er der un⸗ getrübten Heiterkeit deſſelben am meiſten be⸗ dürftig war. Der Zunftmeiſter hatte näm⸗ lich, bei ſeiner Vertiefung in die mehr und mehr ſich verwickelnden Welthändel, ſich ei⸗ nige hoͤchſt unpolitiſche Schnitzer zu Schul⸗ den kommen laſſen, wodurch freilich nicht eben die Wohlfahrt des Staates, wohl aber ſein eigner Garnhandel mit dem Untergange bedroht wurde. Mehrere bedeutende Speku⸗ lationen, unüberlegt im Beginnen, und ver⸗ ungluͤckt durch den Erfolg, arbeiteten aus allen Kräften daran, ihren Unternehmer in Armuth und Schande zu ſtuͤrzen; und ſchon ſah der Zunftmeiſter im Geiſte den Haſel⸗ ſtock, den er vormals im ſtolzen Gefühl ſei⸗ ner Uebergewalt mit ſtarken Armen geſchwun⸗ gen hatte, zum demuͤthigenden Wanderſtabe werden, um beim Abſchiednehmen von Haus und Hof ſeine wankenden Schritte zu unter⸗ * ſtutzen. Mit beaͤngſtigter Bruſt und nikdeß⸗ gedruͤcktem Muthe ſchlich er eines Abends⸗ als eben die letzte, entſcheidende Nachricht von ſeinem unaufhaltbaren Sturze an ihn eingegangen war, nachdem er mechaniſch die auf dem Tiſche liegenden Zeitungen zu ſich geſteckt hatte, nach ſeiner betagten Schu⸗ Ierin hinuber, um auf das ihm bevor⸗ ſtehende Schickſal die Unterhaltung zu lenken, und über die zu Milderung deſſelben einzu⸗ ſchlagenden Mittel und Wege„nach Beſchaf⸗ fenheit der Umſtände ſich von ihr unter⸗ richten zu laſſen. Varbara wuͤrde, wenn auch die Kunde von der Zerruttung ſeiner Vermoͤgensumſtände noch nicht bis zu ihrem Ohre gedrungen geweſen wäre, gar nicht nöthig gehabt haben, erſt die Brille aufzu⸗ ſetzen, um bei ſeinem Anblick ſogleich zu er⸗ rathen, wie ſauer ihm dieſer Gang geworden ſei. Mit bleichem Geſicht, auf welchem un⸗ bezwinglicher Gram und ſcheue Verlegenheit ſich um die Oberherrſchaft ſtritten, trat er zur Thür herein, mit zitternden Haͤnden zog — 238— er ſtatt des Zeitungsblattes einen ihm zuge⸗ ſchickten Mahnbrief aus der Rocktaſche her⸗ vor, mit ſchwankenden Knien nahm er, ſtatt auf dem Polſterſtuhle, auf einem daneben befindlichen Waſchkorbe Platz, und mit ab⸗ wechſelndem Erröthen und Erbleichen ſchickte er zum Vorleſen ſich an. Barbara war gut⸗ muͤthig genug, dies nicht zuzulaſſen; ſie ſuchte vielmehr, nachdem Luiſe auf einen heimlich erhaltenen Wink ſich entfernt hatte, ihm bei der Verwirrung, die in allen ſeinen Geberden und Bewegungen ſich verrieth, beſt⸗ woöglichſt zu Huͤlfe zu kommen und durch Anknuͤpfung eines gleichguͤltigen Geſpraͤchs ihm nach und nach zur Eroͤffnung ſeines An⸗ liegens Muth einzuflößen. Sie verfehlte ihren Zweck nicht. Nach Vorausſchickung„ einiger allgemeinen Vemerkungen uͤber das Mißlingen menſchlicher Entwurfe uͤberhaupt, 3 kam er allmählig auf die Verungluͤckung der ſeinigen insbeſondere, vertraute ihr den Ver⸗ fall ſeiner Vermögensumſtände als ein Ge⸗ heimniß, das vor der Welt leider ſchon in — 239— wenigen Tagen aufhoͤren werde ein Geheim⸗ niß zu ſein, und ſuchte die Schrecken des Abgrunds, an welchem er ſich befand, ihr eben ſo klar und deutlich zu machen, als ſie ihm ſelbſt vor der Seele ſchwebten⸗ Mit dem theilnehmenden Blick der Freundſchaft, die es nicht gern an einem, blos durch hohle Worte ausgedruͤckten Mitleiden bewenden laſſen möchte, horte Barbara ſeiner von Seuf⸗ zern und Thränen begleiteten Rede zu, ergriff⸗ als er geendet hatte, ihn bei der Hand und gab ihm zu verſtehen, daß ſie gern Alles auf⸗ bieten wuͤrde, ihm zur Rettung aus ſeiner traurigen Lage hulfreichen Beiſtand zu leiſten, wenn ſie nicht durch die Beſchaffenheit der Umſtände ſich leider außer Stand geſetzt ſähe, dem Zuge ihres Herzens hierin ſo ganz nach Wunſche folgen zu können. Das war nun freilich keine Antwort, die den Erwartungen des Zunftmeiſters ſonderlich entſprach. Es war ihm ſehr wohl bekannt, daß ſie bei wei⸗ tem nicht den anſehnlichſten Theil ihres Ver⸗ mögens aufzupfern brauchte, um ſogleich — 240— aller ſeiner Noth ein Ende zu machen, und eben auf dieſe Ueberzeugung hatte er ver⸗ trauungsvoll ſeine letzte Hoffnung gegrundet. „Ein Vorſchuß von ein paar tauſend cThalern koͤnnte mich retten!“ rief er mit be⸗ bender Stimme, indem er die Blicke ſtarr und unbeweglich an den Boden heftete, und uͤber das bekannte Spruͤchlein, das von den Freunden in der Roth ein ſehr untroſtliches Fleiſchergewicht angiebt, in ein düſtres Nach⸗ denken zu verſinken ſchien. 4 „Ich will Vertrauen mit Vertrauen er⸗ wiedern, lieber Herr Rachbar, und Ihnen ſogleich uͤber die Verhältniſſe, die es mir unmoͤglich machen, Ihnen mit Anerbietung eines thaͤtigen Beiſtandes entgegen zu kom⸗ men, den noͤthigen Aufſchluß geben!“ rief Barbara, der es nicht ſchwer fallen konnte, die Gedankenfolge in ſeinem Innern zu er⸗ rathen.„Nur weniger Worte bedarf es, um Ihnen zu beweiſen, daß ich, bei dem redlich⸗ ſten Wunſche, Ihnen zu helfen, der Macht dazu mich durchaus beraubt ſehe. Das Ver⸗ — 241— moͤgen, in deſſen Beſitz Sie mich glauben, iſt nicht mehr mein Eigenthum. Schon vor zwei Jahren habe ich es meiner Richte Luiſe gerichtlich zuſchreiben laſſen, da es der gro⸗ ßern Hälfte nach, von ihrer verſtorbenen Mutter herruͤhrt, und ſie billigerweiſe auch auf meinen Antheil daran, die erſten An⸗ ſpruche zu machen hat. Aus guten Gruͤnden habe ich Luiſen bisher uͤber dieſen Punkt noch immer in Unkunde gelaſſen; dennoch wuͤrde nichts in der Welt mich bewegen, in Hinſicht derſelben einen Schritt zu thun, von dem ich nur im entfernteſten befuͤrchten müßte, daß er mir früher oder ſpaͤter zum Vorwurf gereichen koͤnne. Franz allein, mein lieber Herr, Nachbar konnte dieſer Sache vielleicht einen guͤnſtigen Ausſchlag geben; auch ſollte es ihm, da ich ſo viel auf ihn halte, an meiner Einwilligung nicht fehlen, wenn er anders Reigung zu Luiſen—“ „Ach, meine liebſte, beſte Mamſell!“ fiel der Zunftmeiſter ihr kleinmüthig ins Wort, „daran iſt durchaus gar nicht zu denken; die III. Bd. 16 — 242— beiden Perſonen haſſen ſich einander ja, wie die Erbſünde. Ich bitte Sie, haben Sie denn noch gar nicht bemerkt, mit welcher Vorſicht ſie bei jeder Gelegenheit ſich aus dem Wege gehen und wie eins dem andern ein rechter Dorn im Auge iſt? Rein, beſte Mamſell, ohne mir es gerade zum Verdienſt anrechnen zu wollen, beſitze ich doch zu viel Menſchenkenntniß, um einem ſolchen Gedan⸗ ken nur minutenlang Raum geben zu können. Gegen Franz könnte ich zwar, kraft meines väterlichen Anſehens, Zwangsmittel gebrau⸗ chen, die ſeinen Starrſinn unfehlbat brechen wuͤrden; aber ſind ſolche auch gegen Luiſen in Anwendung zu bringen? Rein, nein, daran iſt nun ein fuͤr allemal gar nicht zu denken!“ „Dann wird er freilich,“ fuhr Barbara mit ſchalkhaftem Lächeln fort,„ſich noch we⸗ niger geneigt fuͤhlen, eine gewiſſe Clauſel in dem Vermaͤchtniß zur Vollgultigkeis bringen zu helfen, die mich zum Theil mit dazu be⸗ ſiimmt hat, Luiſen bis jetzt aus dem Ver⸗ michtniſ ſelbſt ein Geheimniß zu machen!“ — 243— „Eine Clauſel, ſagen Sie? und wenn ich fragen darf, was wäre denn das fur eine Claufel?“ „Daß es mir ſogleich frei ſteht, uͤber mein Vermogen wieder nach eigner Willkuͤhr zu ſchalten, im Fall ich— ſehen Sie mir doch nicht ſo ſcharf ins Geſicht, lieber Herr Rachbar— im Fall ich fruͤher oder ſpäter etwa auf den Einfall kommen ſollte, mich — zu verheirathen!“ „Sie äußerten ſich,“ ſammelte der Zunft⸗ meiſter,„noch vor wenigen Augenblicken, ſehr guͤtig— ſehr wohlwollend uͤber meinen Franz—“ „In der That,“ lispelte Barbara,„giebt es, ſo weit meine Bekanntſchaft reicht, keinen jungen Mann, der mein Wohlwollen ſo ſehr zu verdienen ſcheint und es daher auch in ſo hohem Grade beſitzt, als eben er!“ „Darin kann ich Ihnen, die Wahrheit zu geſtehen, auch gar nicht Unrecht geben, liebſte Mamſell! Der Junge iſt, wenn man — ½— ihn nur erſt genauer kennt, wirklich ſo übel nicht. Mit dem Trotz und der Rechthaberei, hat es ſich, durch meine fortgeſetzte Wach⸗ ſamkeit, auch ſchon um ein merkliches ge⸗ beſſert. Bekaͤme er nun eine recht ſolide Frau— Sie verſtehen mich ſchon, liebſte Mamſell— ich meine, ſo eine Frau von et⸗ was geſetztem Alter, vor welcher er immer einige Furcht und Scheu behielte, ſo wuͤrde er ſich hoffentlich bald noch beſſer ſchicken und ſchmiegen lernen. Wie geſagt, er iſt ganz und gar ſo uͤbel nicht! Rur noch ein wenig zu feurig, zu lebhaft! übrigens aber von dem beſten Gemuͤth und ohne alle Liſt und Verſtellung. Wenn es alſo des Him⸗ mels unergruͤndlicher Rathſchluß wäre—“ „So wuͤrde ich mich demſelben nicht wi⸗ derſetzen, lieber Herr Rachbar!“ „Und noch weit weniger durfte es Franz! Dem Haſelſtock iſt er freilich nach gerade entwachſen, es giebt indeſſen, wofern er un⸗ verſtändig genug ſein ſollte, das ihm darge⸗ — 245— botene Gluͤck zu verkennen, noch andere Mit⸗ tel und Wege, um ihm fuͤr die beabſichtigten Zwecke den gehörigen Grad von Geſchmeidig⸗ keit beizubringen!“ „Ich habe Ihnen mein Herz geffnet⸗ lieber Herr Rachbar, und glaube mich daher nun auch zu der Bitte berechtigt, die Ver⸗ letzung meines jungfräulichen Zartgefuͤhls nicht noch weiter zu treiben! Kann Franz⸗ in Folge Ihrer Vorſtelkungen, nicht aber irgend eines zu dieſem Behuf angewandten Zwangsmittels, ſich entſchließen, in eigner Perſon ſich um meine Hand bewerben, nun wohl! ſo mag er ſelbſt durch die Erfahrung ſich uͤberzeugen, ob er Urſache haben wird, ſeinen Schritt zu bereuen. Morgen erwarte ich daruͤber Ihren nähern Beſcheid!“— Der Zunftmeiſter, dem bei dieſer Erklä⸗ rung wieder ein ſchwacher Stral von Hoff⸗ nung aufzudämmern angefangen hatte, ver⸗ ſprach ihr Alles, was ſie verlangte und ent⸗ fernte ſich, um die Sache noch heute ſo viel als moͤglich in Richtigkeit zu bringen. Kaum war er zu Hauſe angelangt, als er unverzuͤglich ſeinen Sohn herbei rief, und ihm nach einer nochmaligen Auseinanderſetzung des traurigen Zuſtands ſeiner Handelsange⸗ legenheiten, mit welchem Franz freilich ſchon längſt zur Genuͤge bekannt war, ſeine Abſichten und Wuͤnſche näher und wäbt an das Herz zu legen begann. „Aus Allem, was ich dir eben mitge⸗ theilt habe,“ rief er aus, indem er in Wor⸗ ten und Mienen die moͤglichſte Mäßigung ſich anzueignen bemuͤht war,„wirſt du leicht erſehen, lieber Sohn, daß ich nicht mehr aus eignen Kräften, ſondern nur durch fremde Dazwiſchenkunft und Vermittelung vom Ver⸗ derben zu retten bin. Von dir, mein Sohn, einzig und allein von dir wird es abhängen, ob ich meine alten Tage in Schimpf und Schande beſchließen, oder meinen ehrlichen Namen noch ferner hehaupten ſoll. Mamſell Filterhof iſt dir geneigt— aus den ſicherſten Quellen weiß ich es, daß ſie dir geneigt iſt. *„ — — Entſchließe dich, ſie zu heirathen, und meine Ehre iſt gerettet!“ 5 „Vater, was verlangt Ihr von mir!“ erwiederte Franz, dem bei dieſem Antrage das Blut in den Adern ſtockte.„Ihr wolltet wirklich jetzt im Ernſt wiederholen, was vor acht Jahren mir ſchon als S Scherz ſo theuer zu ſtehen kam?“ „Das klingt ja faſt wie ein Wietſpeucht t rief jener, indem ihm die Galle uͤberzutreten anfing.„Ich habe mir aber einmal vorge⸗ ſetzt, die Sache in aller Gelaſſenheit abzuma⸗ chen, und zu verſuchen, was durch gelinde Mittel uber dich auszurichten iſt. Auch ſollſt du keinesweges ohne vorhergegangene Ueber⸗ legung mich benachrichtigen, ob du dich uͤber⸗ winden kannſt, meinen grauen Haaren dieſes Opfer zu bringen. Gehe daher mit dir ſelbſt im Stillen daruͤber zu Rathe, und laß mich nicht eher als morgen fruh erfahren, was ich, nachdem die Entſcheidung meines Schickſals in deine Hand gegeben iſt, zu hoffen oder zu fuͤrchten habe. * „ X — 248— Franz wollte zu neuen Bitten und Vor⸗ ſtellungen ſeine Zuflucht nehmenz da der Alte ſich aber mit beiden Händen die Ohren zu⸗ hielt, ſtieg er endlich, nothgedrungen, ſich in die Umſtände zu fuͤgen, hinauf nach ſeinem Dachſtubchen, um in der Angſt ſeines Her⸗ zens daſelbſt an alle Heiligen ſein bruͤnſtiges Gebet um irgend ein Rettungsmittel aus dieſer Verlegenheit ergehen zu laſſen. Sein Wunſch ward ihm gewährt, bevor er noch zu gehoͤriger Einkleidung deſſelben Anſtalt getroffen hatte. Es fiel ihm näm⸗ lich, gleich bei ſeinem Eintritt, ein um einen Stein gewickelter Zettel in die Augen, der einer bereits verjaͤhrten Gewohnheit, auf die⸗ ſem Wege poſifteie Briefe zu wechſeln, ge⸗ maͤß, aus dem Erkerſtubchen gegenüber gluck⸗ lich in dem ſeinigen angelangt war. Franz bemächtigte ſich deſſelben mit aller der Eilfertig⸗ keit, welche Leuten von ſeiner Gemuͤthsbeſchaffen⸗ heit eigen zu ſein. und ſein Kummer hatte plotzlich ein eben ſo erſehntes als unerwartetes Ende genommen, als er die Worte las; 4 — — 249— Willige getroſten Muthes in Alles ein, was Dein Vater von Dir begehrt, lieber Franz, und halte Dich verſichert, daß wir von mor⸗ gen an nicht mehr nöthig haben werden⸗ uns laͤnger unſte Gedanken auf dieſem Wege mitzutheilen. Hoffe von der gütigen Geſin⸗ nung meiner Tante das Beſte und vertraue Deiner Luiſe!— Zwar trat Franz am andern Morgen mit ziemlich verwachtem Blick zu ſeinem Va⸗ ter in das Zimmer; doch war es keineswe⸗ ges, wie der Alte vermuthete, das Nachgruͤ⸗ veln uber die Größe des Opfers, zu welchem er ſich entſchließen ſollte, ſondern nur der Gedanke an die frohe nahe Erfuͤllung ſeiner innigſten Wünſche geweſen, der den Schlaf von ſeinen Augenliedern abgehalten hatte. Rit einer Kargheit von Worten, die mit den überſtrömenden Empfindungen ſeines Her⸗ zens im grellſten Widerſpruche ſtand, gab er ſeinen, in der Stille der Einſamkeit gefaßten⸗ willfährigen Entſchluß zu erkennen, und ſchon nach Verlauf einer Stunde traten beide, 1I. Bo. 17 ſtattlich ſtrotzend in ihren Sonntagskleidern zur gegenuͤber befindlichen Hausthur hinein. An der Treppe aber ſtand der Zunftmeiſter erſt ein wenig ſtill, druckte ſchweigend und mildernſten Blickes ſeinem Sohne die Hand, und trocknete dann ſchnell eine Thrane, die ihm uͤber die Wange herabrollte. Barbara, die ſich allein im Zimmer befand, empfing die Eintretenden mit gewohnter Freundlichkeit, und erſuchte ſie, am Theetiſche Platz zu nehmen. Der Zunftmeiſter aber, der zuerſt einem weſentlichen Punkte Gerechtig⸗ keit wiederfahren laſſen wollte, brachte, ohne dieſer Einladung Folge zu leiſten, ſich ſogleich in die erforderliche Stellung, und begann in den zierlichſten Ausdruͤcken die Bewerbungs⸗ rede, die er während der verwichenen Nacht zugleich ausgearbeitet und auswendig gelernt hatte. 3 „Das iſt wider unſte Abrede!“ unter⸗ brach ihn Barbara, indem ſie bald auf ihn, bald auf Franzen ihre Blicke heftete. Dieſer machte, durch einen Wink des Vaters uber ſeine 3 — 251— Schuldigkeit belehrt, nun gleichfalls einen Ver⸗ ſuch, ſeine Gedanken durch Worte auszudrücken; er konnte jedoch, ungeachtet Riemand Miene machte, ihm in die Rede zu fallen, vor Ver⸗ legenheit damit ſo wenig zu Stande kommen, daß Barbara endlich die Geduld verlor, ein Rebenzimmer oͤffnete, und aus demſelben ihm Luiſen mit den Worten entgegenfuͤhrte:„Ei, wenn es dir mit dem Heirathsantrage bei mir nicht gelingen will, ſo verſuche dein Heil doch einmal bei dieſer hier. Nun, Fraͤnz⸗ chen, jetzt wirſt du dich wohl nicht ſo lange mehr zu beſinnen brauchen!“— Sie irrte ſich! Franz konnte hier eben ſo wenig, als es ihm fruͤher damit hatte gluͤcken wollen, zu einer in verſtändlicher Sprache ausgedruͤckten Mittheilung ſeiner Gedanken die erforderliche „Nimm dich in Acht!“ fuhr Barb t, indem ſie ihm mit dem Finger drohte.„Alle zum Verlobungsfeſt getroffenen Anſtalten werden fuͤr null und nichtig erklärt, wenn du Luiſen nicht auf der Stelle einen Kuß giebſt!“— Das wirkte! — 252— Mit froͤhlichem Ungeſtuͤm ſchloß er das erro⸗ thende Mädchen in ſeine Arme, in gluͤhendem Kuſſe beruͤhrten ſich ihre Lippen, und der Zunftmeiſter ſtand wie eine Salzſäule. „Sie ſehen, lieber Herr Nachbar!“ rief ihm Barbara zu,„daß wir, wenn auch nicht ganz nach unſerm geſtern entworfenen Plane, dennoch beſtimmt ſind, in Zukunft nur eine einzige Familie auszumachen. Hoffentlich werden Sie, gleich mir, ſich in dieſe unab⸗ wendbare Fuͤgung des Himmels zu ſchicken wiſſen!“ Der Alte nickte mit dem Haupt und ſegnete mit nicht geringerer Verwunderung als Ruͤhrung einen Bund, der ihm er bereits die rothwangigen Zeugen deſſeibe auf den Knien ſchaukelte, ein A blieb. . ſ ſſſſſſſſſi 8 1 18 1 9 10 11 12 13 14 1 6 17