Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Heſebedingungen.. 1. oflensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Khroffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 3 Mr.— Pf. 1 M. 50 Pf 2— Pf: 3 „„ „ 4—„ Auswärtige Abonnenten haben für Sin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Wetkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. e Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ „— Mlein P Bomane und Ersählungen K. G Prätsel. UWnd chen. Teixs ig 23 C Winrichsſche Guchbandlung —————— —————— ——,,—Ü Kleine Romane und Erzahlungen K. G. Prätzel. 3weites Bändchen⸗ ———————— De R che. Spuften er ie vom Nhnben ſurm um⸗ tobt, das morſche Gebälk der baufälligen Stroh⸗ huͤtte, in welcher Marie, die Ehewirthin eines armen Fröhners, traurig und niedergeſchlagen hinter dem Spinnrocken ſaß. Dem Gedanken an die ihrer häuslichen, kaum die Befriedigung der dringendſten Lebensbe⸗ duͤrfniſſe verſtattenden Lage, i in ſchmerzlicher Be⸗ trubniß nachhaͤngend, erfuͤllte ſie die ihr bevor⸗ ſtehende Ausſicht, Mutter zu werden, mit nicht geringerer Furcht und Bangistit, als ihr der Zuſtand ihres Mannes, der ſeit einigen Tagen krankelte und deſſenungeachtet ſeinem gefuhl⸗ loſen Zwangsherrn die ſchuldigen Dienſtpftichten in gewohnter Ordnung und půnttlichteit ien mußte, tief zu Herzen ging. 3 7 Ein Geräuſch an der Hausthuͤr unterbrach die ſchwermuͤthigen Betrachtungen, denen ſie in der Stille der Einſamkeit ſich uͤberlaſſen ge⸗ habt. Raſch wiſchte ſie ſich)diez Thränen aus dem Geſicht, um ihren geheimen Kummer vor dem Bruder zu verbergen, der zu dieſer Tages⸗ zeit dann und wann in der Hütte vorzuſtt⸗ chen pfiezte wat ſ 6 det vereintiut. 8154 a 300 „So frich kommſt du ſun von der Arbeit nach Haüſe, ultich?“ rief Marie lebhaft bö fremdet ihm entgegen. Wes in Welt hat das zu bebeuten?“ 15 Richts weiter,“ entgegnete jenet,„als viß die vornehmen Herren der Umgegend wiedet einmal zu einem Zechgelag auf den Schloſſe verſammelt und ſimmtliche Spuͤthunbe des Barous nit Bebienung der luſtigen Gtſellſchft veſchäftigt ſind. Im dork herrſcheden Saus und Braus wird niemanb bemerken, daß ich die gunſtige Gelegenheit benutzt und ein Stuͤnd! chen fruͤher als gewöhnlich Feierabend gemacht habe.“— Er ſtelſte bei dieſen Worten bie ——— Holzart in den Winkel, ſchlich nach dem Ofen und ſank mit Merkmalen gänzlicher Er⸗ ſchöpfung auf den hier befindlichen Lehnſeſſel. Hätteſt“ du mir,“ ſagte Marie, einen Wink davon gegebem als ich dir das Mittags⸗ brot brachte, ſo wäre ich auf ein wärmeres Stuͤbchen bedacht geweſen. Aber S. Anſtalt dazu gemacht werden!“ 6 Du haſt wieder geweint!“ t utrich fort, indem ſie die unter der Ofenaſche glim⸗ menden Kohlen zur Flamme anzufachen bemücht war und der Wiederſchein der Glut ihr ins Geſicht fiel.„Das iſt es eben, was mir daß Hers beflemmt und belaſtet, daß der Fluch meines Schickſals auch auf dir ruht, daß ich auch dich in Mangel und Eſend muß darben ſehen! Hert im Himmel, ich weiß nicht mehr⸗ was ich verlangen und! wuͤnſchen ſoll, da der Troſt, den ich in deinem Beſitz ſinde, mir zu⸗ gleich zum ewigen Porwurf gereicht! Hätteſt du den Jäger geheirathets es Ründe beſſer mit dir! Du würdeſt wenigſtens vor dem vrlukendften Gofühl des Lebens, por Rahrungs⸗ ſorgen geſchuͤtzt geblieben ſein; ſtatt daß der Heimtuͤckiſche nunmehr jede Gelegenheit ergreift, um uns ſeine Rachſucht empfinden zu laſſen 1“ „Kränke mich nicht durch Aeußerungen ſolcher Art!“ verſetzte Marie.„Aus herzlicher Zuneigung habe ich dir vor jedem andern Freier den Vorzug gegeben, und noch niemals hat meine Wahl mich gereut. Lieber mit dem braven Ulrich in Duͤrftigkeit geſchmachtet, als mit dem nichtswuͤrdigen Reibold im Ueber⸗ fluſſe geſchwelgt! ſo dachte ich damals, als ich dein Weib wurde, und ſo denke ich noch jetzt⸗ Fort mit den unmuthigen Gedanken und Gril⸗ len. So lange wir unſre Pflicht thun und ein reines Gewiſſen haben, wird, allen bos⸗ haften Anſchlägen unſres erbitterten Wider⸗ ſachers zum Trotz, der Schutz des Höchſten uns nahe ſein!“— Freunblich näherte ſie ſich nach Bewerkſtelligung des unternommenen Geſchäfts dem Verſtimmten, ſchlang mit dem Ausdruck unverſtellter Zärtlichteit den Arm um ſeinen Racken und ſchmiegte vertraulich ihre Wange an die ſeinige.„Himmel, was iſt dir begegner?“ rief ſie aus und fuhr erſchrocken empor.„Dü athmeſt ſo ſchnell und ängſtlich und dein Ge⸗ ſicht brennt wie Feuersglut!“ „Ein boͤſes Fieber ſcheint im Anzuge be⸗ griffen!“ war die Antwort.„Als ich die Ar⸗ beit aufgab und nach Hauſe ging, lief es mir wie Todesfroſt durch die Glieder. Run findet das Gegentheil ſtatt und vor Hitze klebt mir die Zunge ſchier am Gaum feſt. Der gnädige Gott bewahre mich vor einem ernſtlichen Krankenlager!“ „Aber fuͤr jetzt mußt du augenblicklich zu Bett!“ rief Marie voll zitternder Beſorgniß und Unruhe.„Komm und ſei nicht eigenſinnig! Ich bereite dir unterdeſſen einen Kraͤutertrank, der als bewährtes Hausmittel gewiß auch bei dir von der heilſamſten Wirkung ſein und der Ueberhandnahme des glucklich vor⸗ beugen wird.“ Utrich wollte Shieinotigen dagegen ma⸗ chen; die Bekuͤmmerte gab ſich jedoch nicht eher zufrieden, bis er, unfähig, ihren Bitten und Vorſtellungen tängern Widerſtand zu kei⸗ ſten, den Lehnſeſſel verließ und das in der Ecke des Stůbchens aufgeſchichtete armſelige Ruhelager beſtieg. Alsbald uberwältigte, wäh⸗ rend Marie in geräuſchloſer Fuͤrſorge mit Zubereitung des Heiltrankes beſchäftigt war, ein tiefer und anhaltendet Schlummer den Entkräfteten und in duͤſtre Stille verſank das vom Simne der r⸗ pirlich 8h tete— Zu Innern des Schloſſes ging es deſto fröhlicher her. Aus Kuche und Keller ſchleppten dienſtgeſchäftige Häͤnde den zu Gegenſtänden des Genuſſes umgeſtalteten Schweiß der armen Frohnbauren die breiten Quaderſtufen hinauf, und es erſcholl der geräumige, mit Stamm⸗ bäumen, Ahnenbildern und Hirſchgeweihen ver⸗ zierte Speiſeſaal von Jubel und Wohlbehagen⸗ Seinen Geburtstag feiernd, ſaß hier der Baron im Kreiſe der tapfern Zechgenoſſen, die bereits am frühen Morgen zu Roß und Wagen ſich eingefunden und einem zur wuͤrdigen Feier des Feſtes veranſtalteten großen Lreibjagen beigewohnt hatten; jetzt aber, nach Beendigung des rühmlichen Tagewerks, der hergebrachten Ordnung und Sitte gemäß, ſich gegenſeitig unter den Tiſch zu trinken, ämſig beeifert waren. Noch behauptete ſich jeder auf dem eingenommenen Platze; vom edlen Rheinwein aber, den der hochherzige Wirth fuͤr die Ver⸗ herrlichung des heutigen Tages⸗ aus dem Mut⸗ terfaſſe zu zapfen befohlen, waren die Koͤpfe bereits erhitzt. Ein allgemeines freudiges Ge⸗ brull verſchlang die ausgebrachten Geſundheiten und Gluͤckwuͤnſche, unaufhörlich klirrten die Gläſer dazwiſchen, und niemand war mehr im Stande, dem Tiſchnachbar ſeine Gedanken und Meinungen durch Worte begreiflich zu machen. Dem mehr und mehr uberhandnehmenden Lärm und Getummel zufolge, hatte der groͤßte Theil der Anweſenden den heftigen Wortwechſel, den zwei am untern Ende der Tafel ſitzende Gäſte ſchon eine halbe Stunde lang mit ein⸗ qnder führten, gar nicht bemerkt. Ein Fuchs, auf welchen beide, indem er as dem Dickicht h zu Reicher Zeit Feuer gegeben war die unſchuldige Urſache des Zwiſtes, der aus der ſelbſtgefälligen Prahlerei, womit einer dem andern die Erlegung der Beute ſtreitig zu 3 machen ſuchte, ſich allmählig entſponnen hatte. Keiner wollte auf die angemaßte Ehre Verzicht leiſten, oder auch nur die Möglichkeit einräu⸗ men, daß der Nebenbuhler gleichen Antheil an derſelben haben könne. Es kam von leicht hingeworfenen Scherzen und Spättereien nach und nach zu derben Ausfällen und Anzuͤglichkei⸗ ten; haſtvoller wurden die Gläſer geleert, mehr und meht ergrimmten die Mienen und Blicke, immer nachdruͤcklicher wurden die Fluͤche und Schimpfreden, die man ſich in den Bart warf, und mit verdoppeltem Eifer machten es ſich die zunächſtſitzenden Zeugen des Zungenkampfes zum erfreulichen Geſchaft, die entruͤſteten Wider⸗ ſacher durch ſchadenfrohe Einfälle und Bemer⸗ rungen bis zur höchſten Wuth gegen einander aufzureizen und zu erbittern. Die angeſtellten Bemuͤhungen blieben nicht ohne den gehofften Erfolg; denn bevor man es ſich verſah, hatten die Streitluſtigen ſich bei der Gurgel gefaßt, — LT— um ſich deutlicher zu erklaͤren und die Zuver⸗ laͤſſigkeit der aufgeſtellten Behauptung einan⸗ der durch die Fauſt verſtändlich zu machen. Nur mit Muͤhe waren ſie, nachdem die ge⸗ ſammte Tiſchgeſellſchaft ſich einige Minuten lang an dem ergötzlichen Zwiſchenſpiel gewei⸗ det, aus einander zu bringen und zur ruhigen Wiedereinnahme ihrer Pl⸗ zu bewegen. 3 Jetzt erhob der. alte gelpmupmſ von Storchwitz ſich von ſeinem Stuhl, hielt ein friſchgefulltes Glas gegen die Decke empor und rief mit ſtammelnder Zunge:„Tod und Verderben allen Fuͤchſen; Friede und Einig⸗ keit aber allen Fuchsjägern! Wer meines Sin⸗ nes iſt, folge meinem Beiſpiel!“ Vei dieſem Ausruf ſtürzte er den Gehalt des Glaſes ſo raſch und gierig durch die Kehle hinunter, daß ſich ſein Geſicht darüber braun und blau zu verfaͤrben anfing. alt! keine Uebereilung!“ ſchrie mit don⸗ nernder Stimme der Forſtmeiſter von Ruden⸗ ſtein, der bei Zuſammenkünften dieſer Art ſtets — 12— den Vorſitz zu fuͤhren pflegte.„Das hieße jeder herkömmlichen Orbnung Hohn ſprechan und unſer heiliges Anrecht auf ein neurs Feſtgelag muthwillig mit Fuͤßen tretan? Rein, gebt dem Zweck dieſeß Gaſtmahls die Ehre, die ihm gebuͤhrt, und laßt uns, ſo lange wir unſter Sinne noch mächtig ſind, nicht eins mit dem andern vermengen! So lange der heutige Tag währt, trinken wir auf das Wohlſein unſres Barons. Erſt die Mitter⸗ nachtſtunde hebt ſeine wohlbegrundeten An⸗ ſpruche auf. Dann feiern wir auf eben ſo geziemende Weiſe das Verſohnungöfeſt; und in Rurgunderwein muß das geſchehen!“— Ein wildes Freudengeſchrei unterbrach ſein: Worte und mit einſtimmigem rauſchenden Bei⸗ fall wurde der in Anregung gebrachte gluͤck⸗ liche Vorſchlag auf und angenommen. Der Baron wandte ſich ſeitwärts und heftete einen forſchenden Blick auf ſeinen Vertrauten, den Leibjäger Reibold. Dieſer zuckte bedenklich die Achſeln, naherte ſich ſeinem Gebietet und fluͤſterte ihm ins Ohr, daß der im Keller beſiwliche Vorrath an gedachter Weinſorte ſich auf etwa ſechs Flaſchen be⸗ ſchräͤnke, mithin fuͤr den beabſichtigten Zwock wohl ſchwerlich hinteichend ſein dürfe. Sd muß ohne Zeitverluſt Anſtalt getroffen wodden, den Mangel zu ergänzen!“ rief der Buron mit unwilliger Miene.„Augenblicklich muß ein Vote nach dein Städtchen fort. Du hufteſt mir dafür, daß vich zur beſtimmten Stunde auf den erſten Wint die Tafel mir Burgundetflaſchen bebeikt ſehe!“ 4 5 Eine Meile hin, Line Meile zutuͤck!“ ver⸗ ſetzte nachſinnend der Beauftragte. Es iſt noch ſo ſpät nicht. Gegen Mitternacht kunn der— igtic N S vorhandnen Richtwege gepirig zu— kinhuſchlagen verſteht!“ „Wen aber jagen wir bei dem Mordwetter hinaus?“ fragle jenet. Vom Schloßgeſind⸗ kann niemand eutbehrt werden und unten im Dorfe wird e— zu— ſein!“ 6 Fröhner Ulrich kann berrits nusgeſchlafen haben!“ erwiederte Reibpld mit boshaftem Lächeln.„Wie ich ſo vben vernehme, hat er heut um vplle zwei Stunden zu früh ſich von der Arbeitcheimgeſtohlen, um daheim, nach gewohn⸗ ter Art und Weiſe, der Fuulheit zu pflegen.“ „Deſto beſſer!“ ſagte der Baron.„So mag der Schelm das Verſäumte unvetzuglich nachholen und den verlangten Botendienſt zu⸗ gleich als heilſame Zuͤchtigung betrachten! Ich gebe dir Vollmacht und Befugniß, ihm die Hölle ſo heiß als moglich zu machen. Der Kerl muß mit ſeiner Ladung zur feſtgeſetzten Zeit puͤnktlich hier eintreffen, oder werde vor Wuth!“ Von dem Leibjäger begleiter, i er au taumelnden Ganges nach dem anſtoßenden Gemach und ſuchte hier einige Zeilen zu Pa⸗ pier zu bringen, worin er dem im Stäbtchen wohnenden Kaufmann Stäubler, der mit ſei⸗ nem Weinlager die Taſeln der benachbarten Landedelleute zu verſorgen pflegte, das ihm ſo unvermutheter Weiſe uͤber den Hals gekommene ———————— dringende Beduͤrfniß kund that. Reibold nahm das Schreiben zur weitern Beſorgung in Em⸗ pfang, verſiegelte es und eilte mit triumphi⸗ render Geberde die Treppe und zum Schloßthor hinaus. Roch 8 ulrich in feſten Schlaf verſunken. Marie hatte ſich, nachdem ſie mit Zubereitung des Kräutertrankes zu Stande gekommen, vor das Lager des Kranken geſetzt und las mit ſtiller Aufmerkſamkeit in einem vom Vater ererbten Pſalmbuche, um für die neuen Trüb⸗ ſale, von welchen ſie ſich bedroht ſah, zu einem gefaßten G Sinn zu gelangen; wie es ſchon oft⸗ mals ihrem bekümmerten Gemuͤth zur Quelle des Troſtes und der Erquickung gedient hatte. Aber gewaltſam wurden Schlummer und Er⸗ bauung unterbrochen denn mit wilder ſtur⸗ miſcher Heftigkeit ward plötzlich die Thuͤr auf⸗ geriſſen und Reibold trat in die Stube. „Wenn ihr euch nicht das ärgſte Unheil bereiten wollt, ſo ermuntert den träger Sinn und macht ench ſchnell auf die Beine!“ rief ſeint 1 16— * er mit herkiſchem Ton dem Kranken zu⸗ „Dieſer Brief muß auf das ſchleunigſte nach dem Städtchen befoͤrdert werden; er betrifft Dinge von der hoͤchſten Wichtigkeit! Die Ant⸗ wort wird in einer etwas ſchweren Kiſte be⸗ ſtehen; vergeßt alſo nicht, einen Schiebkarren mitzunehmen. Run, beſinnt euch nicht lange! Ihr habt eben feine Zeit zu verlieren; denn um elf Uhr wüteſtens iW 8 wieber S 5 ulrich verzoh ohne eine en zu erwie⸗ dern, den Munð zu einem ſchmerzlichen Laͤcheln und drehte dus Geſicht nach der Wanbſeite, um ſich eines Aublicks zu entſchlaheß der ſein Interſtes mit unmuth und Wibetwilleit otfüͤllte! „Wenn ihr nur ein Fünkchen Menſchen gefühl beſitzt, ſo gehet in euch und verſchont uns mit eurem grauſamen Scherze 1 naht Mrie das Wott. ehl 4 63 ſn acht Lagen unwohl beſindet; obgleich er jeden Morgen ſich zu Verrichtung des ſauren Hofedienſtes hat einſtellen müſſen. Runmeht iſt es aber durch die uͤbermäßige Anſtrengung ſo weit mit ihm gekommen, daß er am Fieber krank liegt. Unmöglich kann es euch alſo mit der eben ausgeſprochenen graͤßlichen Zu⸗ muthung ein völliger Ernſt ſein!“ „Ihr ſollt euch augenblicklich näher davon uͤberzeugen!“ entgegnete Reibold, indem er das Schreiben auf das Bett warf und wieder zur Thur hinauswollte.„Thut jetzt, was euch be⸗ liebt! Der Auftrag des Barons iſt ausgerich, tet, und ihr ſeid hiermit fuͤr alles Weitere verantwortlich gemacht!“ Mit raſcher Entſchloſſenheit vertrat ihm Marie den Weg.„Ihr dürft nicht von der Stelle, bis ihr euch eines Beſſern beſonnen und den Brief wieder zu euch geſteckt habt!“ rief ſie aus.„Verharrt nicht mit ſo un⸗ menſchlichem Trotz auf eurem Anſinnen, ſon⸗ dern gebt der Wahrheit die Ehre und berich⸗ tet eurem Herrn, in welchem traurigen Zu⸗ ſtande ihr meinen Mann gefunden. Er kann und wird auf eure Vorſtellung nicht ſo ge⸗ fuͤhllos ſein, das Unmögliche von uns zu ver⸗ II. Bd⸗. 2 langen. Seid barmherzig und ſturzt uns nicht muthwillig ins Verderben!“ „Laß es gut ſein, Marie, und erſpare dir die vergeblichen Bitten!“ ſagte Ulrich.„Ich denke, wir laſſen es ruhig darauf ankommen, was der gnädige Herr des unbefolgten Be⸗ fehls wegen uͤber mich zu beſchließen gedenkt!“ „Ganz nach Gefallen!“ fuhr Reibold fort. „Solchergeſtlt werden vierzehn Tage bei Waſſer 3 und Brot im Hundeloch euch hoffentlich andre Grundſätze einfloͤßen und euren widerſpenſtigen Sinn fuͤr ähnliche Anforderungen geſchmeidi⸗ ger machen; der eigentlichen Zuͤchtigung fuͤr die unterbliebne Beſtellung nicht zu gedenken!“ „Gott im Himmel!“ rief Marie, in heiße Thraͤnen ausbrechend.„Sind Pflicht und Ge⸗ wiſſen euch ganz zum Geſpött geworden? Habt ihr den Chriſtenglauben abgeſchworen, daß ihr zu keiner mitleidigen Schonung euch mehr verſtehen wollt? Iſt mein Mann denn der einzige Leibeigne hier im Dorfe, daß ihr zu Beſorgung dieſes Auftrages gerade auf ihn —— verfallen müßt? könnt ihr dafür nicht einen andern, der geſund und ruͤſtig—“ „Das könnte ich freilich!“ fiel jener mit einem hoͤhniſchen Grinſen ihr in die Rede. „Weil ich aber—icht will, ſo bleibt es dabei, daß euer Mann ſich anbefohlnermaßen nach dem Stäaͤdtchen auf den Weg macht! Schon zu lange habe ich eurem abgeſchmackten Aechzen und Winſeln die Ohren geliehen! Jetzt wieder⸗ hole ich euch kurz und buͤndig, daß ihr den Befehl eures Herrn vernominen und fuͤr deſſen punttliche Volſſtreckung zu haften habt. Ihr kennt den Baron! Wehe euch, wenn die vom Weinhändler Sträubler erwartete Antwort durch eure Schuld nicht zur beſtimmten Minute auf dem Schloſſe eintrifft!“— Dieſe Drohung mit einem ihr angemeſſenen hämiſchen Blick begleitend, verließ er raſchen Schrittes die Stube, hegte im Innerſten ſich an dem Unheil, zu deſſen Begruͤndung ihm der Sufall eine ſo gunſtige Gelegenheit an die Hand gegeben, und kehrte in der völligen Ueberzeugung, daß Ulrich ſelbſt bei dem beſten Willen nicht im Stande ſei. 2* — 20 binnen der anberaumten Zeitfriſt der gemachten Forderung Genuͤge zu leiſten, nach der verſam⸗ melten hochadligen Trinkgeſellſchaft zuruck. „Ich weiß gar wohl, worauf es abgezielt iſt!“ ſagte der Kranke, nachdem Reibold ſich entfernt hatte.„Schon längſt hat die giftige Schlange mir den Todesſtich zu verſetzen ge⸗ ſucht; endlich ſcheint es ihr damit gelingen zu wollen! Keine Entſchuldigung wird gelten, wie gegrundet ſie auch immer ſein mag; denn der Baron iſt ein Unmenſch, der im Nothfall ſich kein Gewiſſen daraus machen wuͤrde, die Jagd⸗ hunde mit dem Fleiſch ſeiner Frohnbauren zu füttern. Die Geſchichte wird mir theuer zu ſtehen kommen!— Schmerz und Erbitterung bekämpften ſich in ſeinem Gemuͤth; er kniff und preßte die Lippen zuſammen und blickte, in Ahnungen des ihm bevorſtehenden Schickſals verſinkend, ſtumm und finſter vor ſich hin. „Wir ſind verloren, wenn der Brief unbe⸗ ſtellt liegen bleibt!“ ſagte Marie, die, von gleichen Empfindungen gepeinigt, mit angſtvoll — 21— gerungnen Händen in der Stube umherging. „Ich will nach dem Bruder hin! Er iſt ge⸗ fällig und gutmüthig; er wird, wenn es nur irgend in ſeiner Macht ſteht, keinen Augen⸗ blick zaudern, uns aus dieſer ſchrecklichen Ver⸗ legenheit zu reißen!“ „Ich fuͤrchte, du wirſt einen vergeblichen Gang thun!“ verſetzte Ulrich mit zweifelnder Beſorgniß.„Thomas iſt zur heutigen Fuchsjagd als Treiber aufgeboten geweſen. Das macht muͤrbe. Er wird, wenn er auch noch ſo gern uns den verlangten Dienſt erweiſen wollte, vor Ermuͤdung kein Glied zu regen im Stande ſein.“ „Ich will es wenigſtens verſuchen!“ fuhr jene fort.„Mich befällt ein Schaudern und Entſetzen, ſo oft ich die Augen auf den Vrief werfe. Er muß mir aus dem Geſicht; eher werde ich nicht ruhig. Laß mich nur machen, ich bin bald wieder bei dir!“ Mit dieſen Wor⸗ ten bemächtigte ſie ſich des Schreibens, verließ die Hutte und eilte klopfenden Herzens der am andern Ende des Dorfes befindlichen Woh⸗ nung des Bruders zu. Dieſer war wenige Minuten zuvor aufs neue nach dem Schloſſe beordert worden, wo Reibold ihn in Empfang genommen und nach der Ruſtkammer geſchickt hatte, um daſelbſt die Reinigung der heut im Gebrauch geweſenen Jagdgewehre beſchicken zu helfen.— „Nun, was haſt du ausgerichtet?“ rief Ulrich der athemlos zuruͤcktehrenden Hausfrau entgegen.„Meine Vermuthung wird wohl richtig geweſen ſein!“ „Richt ſo ganz!“ war die Antwort.„Den Bruder freilich traf ich gar nicht anz dagegen aber iſt Claus Walter, dem ich im Vorbeigehen meine Noth klagte, gewilligt, ſich dem Boten⸗ geſchäft zu unterziehen; nur verlangt er, daß ich ihm unterdeſſen das Haus und die Kinder huͤten ſoll, die ſonſt ganz ohne. ſind. Was ſagſt du dazu?“ „Gott lohne ihm ſeine dienſtwillige greund⸗ ſchaft!“ rief der Kranke mit erleichtertem Herzen.„So geht hoffentlich alles noch gut, und der boshafte Reibold verfehlt ſeinen Zweck!“ „Die Augenblicke ſind koſtbar!“ ſprach die Eilfertige.„Ich ſetze dir den Kräuterthee vor das Vett; verſaume nur nicht, recht fleißig davon zu trinken. Wie ſchwer wird es mir, dich ſo ganz allein zu laſſen! Aber was bleibt uns anders ubrig? Wenn doch nur der Bruder ſich bald einfände, um dir Geſellſchaft zu leiſten! Ich muß fort. Halte dich techt brav, lieber Ulrich, hoͤrſt du?“ Mit ſchmerzlicher Innigkeit druͤckte ſie ihm zum Abſchiede die Hand und entfernte ſich, um ihr geheimes, von Furcht und Verzweiflung erzeugtes Vorhaben ungeſäumt ins Werk zu richten. Vor der Thuͤr angelangt, wandte ſie ſich nach einem zur Hütte gehörigen Holzſchup⸗ pen, holte in vorſichtiger Stille die Schieb⸗ karre hervor und ſchlug ſo raſch und aͤmſig, als es der Drang der Umſtände erheiſchte, ihre Richtung nach der Gegend des Städtchens ein. Schaurig heulte der Sturm in den alten Ulmen und Puchen, von dickem finſterm Ge⸗ wölt war der Himmel umzogen, und nur mit Mäüpe ließ ſich die Spur des Weges, der uͤber Waldhöhen und Prachfelder ſich einſam dahin⸗ zog, erkennen und unterſcheiden.„Welch ein ſchreckenvoller Beruf!“ ächzte die Bedrängte, indem ſie, zitternd vor Angſt und Grauen durch das Dunkel der Nacht dahin ſchritt. „Allmächtiger, erbarme dich meiner! Schutzt mich, ihr heiligen Engel, daß ich nicht um⸗ komme in dieſer Roth und Gefahr!“— 3* Mitternacht war nicht mehr fern, als Ul⸗ rrich, der bis dahin abwechſelnd gewacht und geſchlummert, das Geräuſch annähernder Fuß⸗ tritte vernahm. Bald darauf öffnete ſich die Thür und Thomas trat in die Stube.„Ich höre ſo eben, daß du kränker geworden biſt!“ begann er zu ſprechen.„Leider haben die ver⸗ dammten Plackereien des Hofdienſtes mich ab⸗ gehalten, dich früher zu beſuchen! Meine Hausleute ſagen mir, daß Marie vor einigen Stunden ſehr eifrig und angelegentlich nach mir gefragt hat. Was iſt ihr geweſen?“ „Einen Liebesdienſt von ſehr großer Wich⸗ tigkeit ſollteſt du uns antwortete ——————— — 25— utrich.„Der Leibjiger brachte bei ſchon übet⸗ handnehmender Dunkelheit ein vom Varon ausgefertigtes Schreiben, welches er mir unter der ſchärfſten Drohung augenblicklich nach dem Städtchen zu tragen anbefahl. Es war an den Weinhändler Stäubler gerichtet. Spätſtens Schlag elf Uhr ſollte ich mit einer dort zu empfangenden Kiſte wieder auf dem Schloſſe eintreffen. Das war bei meinem Befinden freilich ein Ding der Unmöglichkeit! Der tuͤckiſche Bube aber kehrte ſich nicht daran, ſondern erneuerte ſeine Drohung und ließ uns richtig den Brief auf dem Halſe. In der Angſt des Herzens lief Marie nach deiner Wohnung, um dir unſte Verlegenheit kund zu thun und deine Dienſtfertigkeit in Beſchlag zu nehmen. Du warſt nicht zu Hauſe. Gluͤck⸗ licherweiſe hat Claus Walter ſich bereitwillig ſinden laſſen, nach dem Städtchen zu wandern und den erhaltenen Auftrag zu beſtellen. Marie ſitzt mittlerweile bei ſeinen Kindern⸗ damit dieſe während ſeiner Abweſenheit nicht etwa zu Schaden kommen.“ 2 „Richt doch! da irrſt du dich, Schwager!“ rief Thomas lebhaft befremdet.„Kaum eine Stunde mag es her ſein, daß Claus Walter bei uns in der Gewehrkammer war. Dort habe ich ihn ſelbſt geſehen und geſprochen, und er hat nicht das mindeſte von einem Ge⸗ ſchäft dieſer Art erwähnt. Auch in ſeiner Wohnſtube, an der ich ſo eben vorbeigekommen bin, iſt alles ſtill und dunkel. Rein, dort haält ſich Marie nicht auf; das du mir Wort glauben!“ Wie ein Donnerſchlag drang dieſe Bot. ſchf zu Ulrichs Ohren.„Gerechter Gott! ſo hat ſie ſelbſt den Gang unternommen!“ ſchrie er in wilder Heftigkeit auf, indem er die Bettdecke von ſich warf und mit angeſtreng⸗ ter Kraft ſich vom Lager emporzuarbeiten ver⸗ ſuchte.„Bei allem, was heilig iſt, beſchwöre ich dich, Schwager! Mache dich augenblicklich auf den Weg, um ihr entgegen zu eilen! Sie hat in der ſtockfinſtern Nacht ſich vielleicht verirrt, weiß weder aus noch ein, kann vor Ermattung nicht mehr von der Stelle! Halte dich nicht genau an die Landſtraße, ſondern lauf in die Kreuz und Quer, rufe mit lauter Stimme ſie unabläſſig beim Namen, ruhe nicht eher, bis ſie dir antwortet! Fort, fort⸗ verſuche dein Möglichſtes!“ Thomas that ſogleich, was der Swnagt verlangte, und kaum war letzterer mit ſeiner Anforderung zu Ende, als der Beauftragte ſich bereits im Freien befand und flink und ruͤſtig auf der Landſtraße dahin trabte. Aber auch Ulrich hatte nicht Ruhe noch Raſt. Vor banger Erwartung bebte ihm das Herz in der Bruſt, und mit den grauenvollſten Schreckbil⸗ dern erfullte ſich ſeine Seele bei dem Gedan⸗ ken an die Widerwärtigkeiten und Unfälle, welche der Huͤlfloſen in der öden waldigen Gebirgsgegend, durch die der Weg fuhrte, möglicher Weiſe zugeſtoßen ſein konnten. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit lauſchte er nach der Seite hin, von wannen die Heimkehrenden der Huͤtte ſich nähern mußten. Aber umſonſt! Kein freudiger Lebenslaut gab in ihtem Um⸗ krsiſe ſich kund, trägen Ganges verſtrich eine Minute nach der andern, und mehr und mehr ſchien die längſtgefurchtete Moͤglichkeit eines ſtattgehabten widrigen Begegniſſes zur ſchauder⸗ erregenden Gewißheit werden zu wollen. Jetzt vermochte der Geaͤngſtigte, dem die dumpfe Stubenluft mit erſtickendem Hauche den Athem d verſetzte, nicht länger hier auszudauern. Sein innerſtes Weſen aufreizend und das Gefühl des eignen Ungemachs gewaltſam zu Boden kämpfend, ruͤſtete die qualvolle Unruhe uber das zweifelhafte Schickſal ſeines Weibes, ver⸗ bunden mit der wohlthätigen Wirkung des genoſſenen Schlummers, ihn mit aller der Kraft und Stärke aus, deren er bedurfte, um ſich auf die Fuͤße und in die Kleider zu helfen. Zum Abzuge geruͤſtet, blies er die Lampe aus; ein aus der Ecke hervorgeholter Knotenſtock diente ihm zur Stuͤtze, und feſt entſchloſſen, nicht ohne Marien zuruckzukehren, verließ er die Hutte. Schon ein paar Stunden zuvor hatte der Sturm ſich gelegt; dafur war un⸗ mittelbar darauf ein heftiges Schneegeſtöber eingetreten, das noch immer anhielt und, indem es der Gegend umher ein ganz neues fremd⸗ artiges Anſehen verlieh, ein richtiges Beobach⸗ ten der Heerſtraße, ſelbſt bei der genaueſten Ortskunde, durchaus unmoͤglich machte. Die Greuel der Nacht enthuͤllend, beleuch⸗ tete der aufgehende Morgen ein Schauſpiel, das beim erſten fluchtigen Anblick mit grauen⸗ vollem Befremden erfullte, und nur mit Weh⸗ muth nnd Jammer ſich näher ins Auge faſſen ließ. Die beiden Schwäger, die ſeit Mitter⸗ nacht auf den benachbarten Anhöhen umher⸗ geirrt, hielten jetzt, nachdem ſie beim aufdaͤm⸗ mernden Fruͤhlicht gefunden, was ſie geſucht, ihren Einzug im Dorfe. Thomas mit ent⸗ blößtem Haupt, emporgeſträubtem Haar und einer, vom Sturz über ſcharfes Geſtein her⸗ ruͤhrenden blutigen Stirnwunde, ſchob den Karren, der ſchwerbeladen eine fußtiefe Spur im Schnee zuruͤckließ. Er enthielt, zugleich mit der treulich geretteten Weinkuͤſte, die hin⸗ geopferte Beförderin derſelben, die gegen zehn Uhr des Abends im Städtchen angelangt, da⸗ ſelbſt ſogleich abgefertigt und heut mit Tages⸗ anbruch, unfern der Landſtraße, erſtarrt, ohne Leben und Empfindung und halb in Schnee begraben, in einer lehmigen Vertiefung auf⸗ gefunden worden war. Dem Fuhrwerk zur Seite ſchritt Ulrich mit todtbleichem aber ruhigem Geſicht, die Arme uͤber die Bruſt ge⸗ kreuzt, und eine ſtille duſtre Glut in den Blik⸗ ken, die er, ohne den in ſeiner Nähe entſtehen⸗ den Lärm und Zulauf zu beachten, ſtarr und unbeweglich gegen den Boden geheftet hielt⸗ Der ausgeſtandenen nächtlichen Schrecken und Muͤhſeligkeiten ungeachtet, war nicht die ge⸗ ringſte Spur von koͤrperlicher 8 ihm zu bemerken. Während der xrauerzug am Ziel ſeiner Beſtimmung anlangte, war einer der Anweſen⸗ den, in der Meinung, daß vielleicht noch Hülfe möglich ſei, unaufgefordert nach dem Dorfba⸗ der gelaufen, der auch ſogleich ſich einfand. Es blieben jedoch alle von ihm angeſtellten Verſuche und Bemühungen, die Entſeelte ins Leben zuruͤckzurufen, ohne Erfolg. Furcht und Schrecken, Angſt und Verzweiflung hatten, von der tobenden Wuth des nächtlichen Un⸗ wetters unterſtuͤtzt, dem Tod eine Beute zu⸗ gefuͤhrt, die er ſich nicht wieder entreißen ließ. Auf die nach Verlauf einiger Zeit mit ent⸗ muthigtem Herzen ausgeſprochne Erklärung, daß menſchliche Kunſt und Einſicht hier nichts zu bewirken vermoͤge, brachen die Freunde und Verwandten, mit welchen die Stube ſich nach und nach angefüllt hatte, theils uber die bar⸗ bariſche Härte und Fühlloſigkeit des Schloß⸗ herrn in Fluͤche und Verwuͤnſchungen, theils uͤber das ſchmähliche Ende des unglucklichen jungen Weibes in Thränen und Wehklagen aus. Nur Ulrich verharrte in ſeiner ſtumpf⸗ duͤſtern lautloſen Verſchloſſenheit. Stumm und ſtill ſaß er, während die Rettungsverſuche ſtattfanden, in einer entfernten Ecke, den Hut tief ins Geſicht gedruͤckt, die Haͤnde gegen das Kniee geſtuͤtzt und mit unverwandten Augen das vor ihm befindliche Spinnrad anſtarrend, an welchem Marie den größten Theil des Tages zuzubringen gewohnt geweſen. Von mitlei⸗ diger Theilnahme und Beſorgniß durchdrungen, trat, nachdem fuͤr Mariens Wiederbelebung die letzte ſchwache Hoffnung erloſchen war, 3 Nachbar Uppermann, ein ehrwuͤrdiger Greis, zu dem Betaͤubten, legte ſanft und vertrau⸗ lich ihm die zitternde Hand auf die Schulter und ſagte!„Ich will und kann dir deinen tiefen toͤdtlichen Schmerz nicht verargen, lieber Ul⸗ rich; denn gar großes Truͤbſal und Herzeleid mußt du erfahren. Aber laß dich von der Schwere des Ungluͤcks nicht ganz zu Boden pruͤcken; noch weniger gieb unebnen Gedanken und Anſchlägen Raum in deinem Innernz ſondern wende den troſtbedurftigen Geiſt nach oben und ſuche dich in der harten Prufung, von welcher du heimgeſucht worden, männlich und chriſtlich zu faſſen. Ich will vergelten! — ſpricht der Herr, der mit wachſamen Au⸗ gen die Bedruͤckungen und Gewaltthätigkeiten zählt, die wir erleiden. Dem uͤbermüthigen Frevel wird die ſchwere Rechenſchaft nach⸗ folgen! Weder der vornehme Henker wird ihr entgehen, noch der gemeine Blutſauger — 33 weder der wildwuͤſte Baron, noch der ruchloſe Reibold!“ t Bei Nennung dieſes Namens erhob ſich Ulrich, wie aus einem peinvollen Traum em⸗ porfahrend, raſch von ſeinem Sitze, warf einen grimmigen Blick auf die Anweſenden und er⸗ theilte mit gebieteriſch erhobener, nach der Thuͤr gerichteter Hand ihnen den Wink, ſich ungeſaͤumt hinwegzubegeben. Nur den Schwa⸗ ger, der erſchoͤpft und kraftlos ſich auf das Bett geworfen hatte, duldete er in ſeiner Nähes alle übrigen ohne Unterſchied mußten aus der Huͤtte fort, welche ſodann von innen verrie⸗ gelt und nicht eher als ſpaͤt des Abends, wo Thomas ſich nach ſeiner Behauſung verfügte, wieder aufgethan wurde. 3 Aus ſehr natürlichen Urſachen, aber zu Reibolds großem Aerger und Verdruß, wat um die Stunde, da die Verſohnungsfeier dem Geburtsfeſt ſich anſchließen ſollte, niemand unter den Gäſten, den Baron ſelbſt nicht aus⸗ genommen, im Stande geweſen, das Außen⸗ II. Bb. 3 4— Sleiben des Burgunders zu bemerken und zu verwuͤnſchen; da ſammtliche Herreh ſich um vieſe geit, wie es die altübliche Otbnung mit ſich brachte, beteirs dermaßen um den Gebrauch ihrer Sinne gezecht hatten, daß keiner unter ihnen ſich zur eigenſinnigen Hinweiſung auf ven gemeinſchaftlich gefaßten, in vorläufige Werseſſeuheit geruthenen Beſchluß) wehr füig und aufgelegt fuhlte. Mehrere hatten, im Gefuhl ihtes Unvermögens, den Anſprüchen und Verpflichtungen des Feſtes länger Gnüge zu leiſten, ſchon fricher ſich heimlich von dan⸗ nen und zu Bett Zeſchlichen; andre waren, um zu einem beguemern Ruheplaͤtzchen zu ge⸗ angen, als dor hatte Vodengrund des Speiſe⸗ ſaales zu bieten vermochte, durch vie aufwat⸗ tende Dienerſchaft fortgeſchleppt worden; nur einige wenige ſaßen, bei gefuͤllten Hümpen und herabgebkannten Lichtern noch hintet dem wiſch, ſchnarchten sinander ins Geſicht, und nuumten von demn dchtbeurſchen, nuch Aruid Weiſe der tapfern Vörfahren gehaltenen Sech gelag und vom vorangegangenen uſtigtuhnen 8 — — Jagdwerk. Dieſe behaupteten benn auch in kernfeſter Ausdauer ſich auf ihren Stuͤhlen, bis der Nebel des Weindunſtes verflog, und das dämmernde Morgenlicht durch die Fenſter hereibracht ongmun 3 o is Der Eindruck, den die Nachricht von dem traurigen, im Lauf der verwichenen Racht ſtatt⸗ gehabten Ereigniß auf den Baron hervorbrachte, dauerte nicht länger, als die witzige Bemer⸗ kung, zu welcher daſſelbe ihm Gelegenheit gab. Er verglich das Schickſal des Hingemordeten mit dem ganz ähnlichen Looſe des Jagokleppers⸗ der geſtern, in Folge einer durch den Drang der Umſtände ihm abgenöthigten übermäßigen An⸗ ſtrengung, das Opfer des allgemeinen Vergnu⸗ gens geworden, und rodt auf dem Pplatze lie⸗ gen geblieben war. Ein gleiches Verhängniß hatte die Dienſtpflichtigen eveilt! Beide waren in ihrem Berufe geſtorben!— ni 2 In der Fruͤhe des nãchſtfolgenden Teges befanden Ulrich und Thomas als yerrſche zwiſchen der Anſicht des Barons und ihrer eignen Meinung daß voutommenſte Einver⸗ ſtaͤndniß, ſich wieder bei ihrer gewohnten Ar⸗ beit. Weder der eine noch der andre ſchien den Vorwurf auf ſich laden zu wollen, daß er uͤber der Beſchäftigung mit häuslichen Ange⸗ legenheiten gegen den mahnenden Ruf der höhern Pflichten taub und gleichgultig gewor⸗ den ſei. Hoͤchſt auffallend aber hatten ſich ulrichs Geſichtszuge ſeit jener Schreckensnacht verändert und umgeſtaltet. Der gutmuͤthig offne Sinn, der ſonſt in ſeinen Blicken ſich ſpiegelte, war verſchwunden und ein duͤſtres geheimnißvolles Grubeln und Nachbrüten an deſſen Stelle getreten. Finſtern Ernſtes in ſich ſelbſt zuruͤckgekehrt, vermied er es auf das ſorgfäͤltigſte, ſeinem beklemmten Herzen durch Worte und Thränen Erleichterung zu verſchaf⸗ fen; niemand vernahm eine Klage aus ſeinem Munde, und wer es wußte, wie heiß und innig er ſein Weib geliebt hatte, konnte nur mit Entſetzen die toͤdtliche Ruhe betrachten, di in ſeinem Weſen und Benehmen ſich kund gab⸗ 1. Vier Tage nach Mariens erfolgtem Dahin⸗ † ſch eiden fand, unter Anſchließung eines zahl⸗ reichen Trauergefolges, ihre Beerdigung ſtatt. Der Sitte gemaß, wurde der Sarg, bevor man ihn in das Grab ſenkte, noch einmal geoffnet. Jetzt trat Ulrich, während bei dem bargebotenen Anblick ſich unter den Verſam⸗ melten ein lautes Seufzen und Schluchzen vernehmen ließ, trockenen Auges hervor, neigte ſich zur Verblichnen herab, legte ihr beide Haͤnde auf die Bruſt und begann ſchnell und eifrig die Lippen zu bewegen; keiner der Um⸗ ſtehenden aber vermochte zu unterſcheiden, ob es ein Gebet oder ein Gelübde ſei, was er verrichtete. Schweigend bot er, nachdem die Grabhöhle ihr Opfer in Empfang genommen, ſeinem Schwager die Hand; worauf beide ſich trennten und in entgegengeſetzter Richtung den Rirchhof verließen. Ulrich wanderte gelaſſenen Ernſtes ins freie Feld hinaus, während Tho⸗ mas eben ſo ſtill und ruhig ſich nach — verfuͤgte.— Spit am Abend ward Reibold vom Baron dem Dorfe geſandt, um einem halsſtarri⸗ gen Hufnet, der unter dem Vorwand erlittenen 6 3 Wiloſchabens die Entrichtung der eben fälligen Steuern von ſich abzulehnen geſucht, die Pfän⸗ dung anzukuͤndigen; ein Geſchäft, zu deſſen Vollziehung der Beauftragte von jeher die ausgezeichnetſte Geſchicklichteit beſeſſen, von welchem er diesmal jedoch nicht wieder zuruͤck⸗ kehrte! Er ward bei Anbruch des nächſten Morgens mit zerſchmettertem Hirnſchädel auf der Schloßbruͤcke gefunden. Das blutige Beil, mit welchem ihm der Todesſtreich verſetzt wor⸗ den war, lag dem Ermordeten zur Seite.— Der Baron ſchäumte vor Wuth. Wer anders konnte die Gräuelthät veruͤbt haben, als Ulrich in Verbindung mit ſeinem Schwa⸗ ger Thomas! Ungeſuͤumt wurde Befehl ertheilt,. ſich ihrer zu bemächtigen und ſie todt oder lebendig dem Amt zu überliefern. Nach Ver⸗ lauf weniger Minuten ward der erſtere, der eben ſeinn Wohnung zu verlaſſen im Begriff geweſen, herbeigefuͤhrt. Thomas wur zeitig genug gewurnt worden und hatte ſich verſteckt. Keiner von Beiden aber hatte, obwohl eine ähnliche, an dem Leibjäger zu nehmende Rache allerdings in ihrem Plan gelegen, Theil an dem verübten Blutwerk⸗ Durch die Fügung der war ihnen ein Dritter en gekommen. Dies war der Sn ei Sen Namet Ollhach, ein heftiger leidenſchaftlicher Menſch, der mit der Tochter des Hegereiters ein geheimes Liebesverſtändnijß angeknſpft, vor einigen Tagen aber zu ſeiner großen Beſtuͤr⸗ zung die Entdeckung gemacht hatte, daß Rei⸗ bold auf den Einfall gerathen ſei, ſich gleich⸗ falls um die Gunſt und Zuneigung der huͤb⸗ ſchen Dirne zu bewerben, nachdem er ihren Vater durch allerhand lockende Verſprechungen bereits halb und halb auf ſeine Seite zu bringen gewußt. Ein kurzer Abſtecher, den Reibold, nach ueberlieferung jenes verhängnißvollen Prie⸗ fes, auf dem Ruͤckwege von Ulrichs Wohnung nach dem Hegereiter unternommen gehabt, war die Grundlage zu ſeinem Verderben. Ollbach, der ſich eben in der Nähe befand, ſah ihn inß Haus hinein ſchleichen, begab, pon Liferſuchti⸗ gem Argwohn erfüllt, ſich unter dos Fenſter, und dem ſchwachkoͤpfigen Alten gefuͤhrtes Ge⸗ ſpräch, deſſen Inhalt ſein tiefſtes Weſen em⸗ 3 pörte und ihm auf der Stelle den Gedanken einflößte, den gefährlichen Nebenbuhler je eher je lieber aus dem Wege zu räumen. Die Vorſtellung, daß er nebenbei zugleich dem gan⸗ zen Dorfe durch die Vertilgung des Böſewichts den wichtigſten und weſentlichſten Dienſt leiſte, milderte in ſeinen Augen die Strafwürdigkeit des beabſichtigten Verbrechens und befeſtigte ihn in ſeinem Entſchluſſe. Daß die Voufüh⸗ rung deſſelben nicht noch in der nämlichen Stunde ins Werk gerichtet wurde, war nur dem Mangel an einem dazu erforderlichen, zuverläſſigen Werkzeuge beizumeſſen. Mit dieſem verſehen und durch die unfreundliche Witterung in ſeinem Vorhaben beguͤnſtigt, Rellte er ſich, ſobald das Hofgeſinde des Abends zur Ruhe gekommen war, hinter dem Schloß⸗ thor auf die Lauer und harrte geduldig, bis endlich die ſichre Gelegenheit zur Rache ſich darbot. Gleich auf den erſten Schlag ſtürzte und behorchte hier ein zwiſchen dem Leibjäger Rieibold lautlos zu Boden. Der Moͤrder ver⸗ ſetzte ihm dann noch einige auf den Kopf, warf das Beil von ſich und begab durch das Dunkel der Nacht ſich eilenden Laufes nach ſei⸗ ner Wohnung zuruͤck; feſt uͤberzeugt, daß der allgemeine Haß, den Alt und Jung ohne Aus⸗ nahme auf den Leibjäger geworfen, einen eben ſo allgemeinen Verdacht zur Folge haben, mit⸗ hin jede Bemühung, den eigentlichen Thäter zu erforſchen und auszumitteln, vergeblich ſein werde.— ——— Der ruhige Trotz, mit welchem Ulrich in der Gerichtsſtube erſchien, brachte den Baron um alle die Faſſung und Mäßigung, welche er ſich, bis jener des ihm angeſchuldigten Ver⸗ brechens erſt überwieſen ſei, einſtweilen vorge⸗ nommen und zum Geſetz gemacht hatte. Wie ein reißendes Thier fuhr er auf den Eintreten⸗ den los, packte ihn bei der Gurgel und wuͤrde ihm auf der Stelle das Garaus gemacht haben, waͤre nicht der Gerichtsverwalter mit der Be⸗ . merkung dazwiſchen geſprungen, daß der S dige Hert in ſeinem zwar gerechten aber zu frühteitig ausgebrochenen Grimme ganz gegen den eignen Vortheil handlez indem der Boͤſe⸗ wicht auf dieſe Weiſe viel zu leichten Kaufes davon komme! Die Richtigkeit der geäußerten Meinung einſehend und anerkennend, ließ der jahzornige Wuͤrger ſeine Beute fahren, ging nach dem Hintergrunde des Zimmers zurück, und warf ſich keuchend und ſchnaubend auf den für ihn zurechtgeſetzten Polſterſtuhl. Eben ſollte nunmehr in gehöriger Form und Ordnung das peinliche Verhör ſeinen Anfang nehmen, als die Thuͤr ſich öffnete, und mehrere von Ulrichs Freunden und Nachbarn, an deren Spitze der alte Uppermann ſich befand, herein⸗ traten, um zu Gunſten des Verhafteten ein redliches Zeugniß abzulegen und einſtimmig zu betheuren, daß er, in Betreff der verübten Mordthat, durchaus unſchuldig ſei. Man habe⸗ nahm der Greis das Wort, in der Beſorgniß, daß Ulrich, der durch den ſchleunigen und un⸗ erwarteten Tod ſeines Weibes ganz außer ſich gerathen, in der Verwirrung ſeines Gemüths — — — einen verzweifelnden Schritt thun und ſih wohl gar ein Leids zufugen möge, bereits vor einigen Tagen in aller Stille den Beſchluß gefaßt, eine ununterbrochne Aufſicht uͤber ihn zu fuͤhren und ihn nicht aus den Augen zu laſſen, bevor man der Wiederzuruͤckkehr ſeiner innern Ruhe und Beſonnenheit erſt vollig ſicher und gewiß geworden. Mit Einbruch der Dämmerung habe er geſtern in ſeiner Huͤtte ſich eingefunden, hier den ganzen Abend hindurch, wie man durch die Spalten der Fenſterladen wahrgenommen, ſtill bei der Oel⸗ lampe geſeſſen und ſpät gegen Mitternacht, nachdem er die Hausthuͤr, ſeiner Gewohnheit gemäß, von innen verriegelt, ſich entkleidet und zur Ruhe gelegt. Mit gleichem Rechte, wie Ulrich, könne der erſte der beſte aus ihrer Mitte blindlings herausgegriffen, des Mordes beſchuldigt und zur Wm gezogen werden. 3„Jedem wite n gebührt! und Schelme ſeid ihr alle!“ rief der Baron mit einem Blick, der den eifrigen Vuttfůprer ſo⸗ —— gleich belehrte, wie wenig das ausgeſprochne Zeugniß Eingang und Glauben fand. „Du haſt,“ redete der Gerichtsverwalter mit barſcher Stimme den Vorgeforderten an, „mit deinem Schwager ſtets auf einem ſo ver⸗ traulichen Fuß geſtanden, daß man nicht an⸗ nehmen kann, ihr hättet irgend ein Geheim⸗ niß vor einander gehabt. Gieb Rede und Auskunft! Warum iſt Schwager uhr geworden?“ „Das wundert mich ſelbſt; aber etrin davon iſt mir nicht bekannt!“ erwiederte ulrich „Ich habe ihn ſeit dem geſtrigen— weder geſehen noch geſprochen.“ 60 „Es fehlt uns,“ fuhr jener fort,„nicht an Mitteln, dir die Zunge zu löſen; wofern du etwa der Meinung biſt, dich durch hartnäckiges Läugnen aus der Schlinge ziehen zu könnenk Schon manchen deines Gelichters haben wir an dieſer Stelle bearbeitet, daß er geſchmeidig wurde, wie Wachs, und mehr eingeftund⸗ als wir zu wiſſen begehrten!⸗ 6 ½ „Ich glaube es gern!“ war die— ——————— „Und auch ich werde freilich zu kurz kommen, wenn meine Ausſage als Luͤge betrachtet wer⸗ den und Gewalt fuͤr Recht gelten ſoll“ „Unerhoͤrte Dreiſtigkeit und Verſtocktheit!“ ſchrie der Freiherr.„Kurzer zur Sache! Werft den Hund uͤber die naͤchſte Bank und gebt ihm b bis er bekennt!“ „Herr Baron!“ rief mit empoörter Seele der Greis.„Sie ſind der Machthaber und wir die Untergebenen. Aber es lebt ein Gott im Him⸗ mel, vor deſſen Richterſtuhl der Herr wie der Knecht erſcheinen und Rechenſchaft ablegen muß! Ich wiederhole, was ich ausgeſagt, und wir alle ſind bereit, es durch den feierlichſten Eibſchwur zu bekräftigen, daß Ulrich keinen Theil hat an dem begangenen Frevel!“ „Schafft mir das unverſchämte Seſindel aus dem Geſicht, und thut, wie ich euch ge⸗ ſagt habe!“ rief der Wutherich den lauren⸗ den Gerichtstnechten zu. Augenblicklich waren ſammtliche Zeugen zur Thuͤr hinausgedrängt und die Anſtalten zur gewaltſamen Erpreſſung des verlangten Geſtändniſſes nahmen ihren —„ Anfang. Standhaft und ohne einen Laut des Schmerzes von ſich zu geben, erduldete Ulrich einige Minuten hindurch die grauſamen Miß⸗ handlungen, mit welchen man ihn uberhaufte; endlich entwichen Fa. und ſte länger zu ertragen. 1i6 n en n „Haltet ein! n wil ge was ich meißl⸗ rief er ſeinen Peinigern zu. Ja, ich bekenne,“ fuhr er fort, nachdem er ſich ein wenig erhols harte,„daß ich den Leibjäger als meinen ärg⸗ ſten Feind in tiefſter Seele gehaßt, daß ich ihn als den Mörder meines Weibes betrachteh daß ich ihm den Tod zugeſchworen gkhabt habe! Aber nein! ſo glimpflich wäre er von meiner Hand nicht gefallen, daß er ein ehrli⸗ ches Begräbniß zu finden vermocht hätte! Mir lag ein andrer Plan im Sinn. Nicht auf der Schloßbrücke, ſondern draußen im Förſt ſollte ſein Stuͤndlein ihm ſchlagen. Dortwuͤrde ich ihm gemächlich das Haupt vom Rumpfe getrennt, dieſen verſcharrt und jenes mitge⸗ nommen haben, um es neben dem Wolfökopf am Schloßthor feſtzunageln. Denn auch noch — im Tode gehört eine Beſtie zu der andern! Da habt ihr mein und nun ge ſchehe, was da will!“ d e 0 n Wirs feierlich abgemeſſene xulſenn Mbe e entſchloßne Verwegenheit ſeiner Miene und der furchtbare Inhalt ſeines Geſtändniſſes erfüllte zie Gemuͤther der Anweſenden mit Grauen und Entſetzen. Die geballte Fauſt zegen den Tiſch geſtützt, ſah der Baron den LTollkühnen ſchweigend und ſtuunend ins Ge⸗ ſicht. Das Vefremden übet den raſenden Ent⸗ ſchluß in der Seele eines Leibeigenen ver⸗ ſchlang jede andre Regung in ſeinem Innern, und eineln finſtebn Rachdenken ſich überlaſſendj ſchien ut unſchlüſſig, was er fur vieſen Augen⸗ blick in Vetroff des Angeſchuldigten weitet verordnen und verfuͤgen ſolle. Da näherte ſich der Gerichtsvetwalter und flüſterte einige Worte ihm heimlich ins Ohrt. Sein Beifall zu finden. „Bringt den Frechen its Erdloch unter dem Thürm, und ſetzt alles darun, den Ge⸗ uͤchteren aufzuſpuͤren und zu ergreifen!“ rief * der Baron mit dumpfer gebietender Stimme ſeinen Handlangern zu, erhob ſich von ſeinem Sitze und verließ raſchen Schrittes die Ge⸗ richtsſtube. Ulrich ward abgefuhrt und befand ſich wenige Minuten darauf, ohne daß irgend jemand von ſeinen Freunden und Bekannten erfuhr, wo er geblieben, in einem finſtern feuchten Kellergewoͤlbe, welches in fruͤhern Zei⸗ ten einen Theil des Burgverließes ausgemacht hatte, und wohin der Tag noch niemals mit ſeinem etfreulichen Schimmer gedrungen war. ittlerweile war der gertzheraln ent bedacht geweſen, ſämmtliche Mitbewoh⸗ ner des Hauſes, in welchem Thomas ein Dach⸗ ſtubchen innegehabt hatte, nach dem Amt zu beordern, um hier ein ſcharfes und umſtänd⸗ liches Verhoͤr mit ihnen anzuſtellen. Sie kamen in ihren Ausſagen, obwohl ſie einzeln vorgerufen und befragt wurden, auf das ge⸗ naueſte mit einander überein Mit dem Aus⸗ druck des unverkennbar ehrlichen Bewußtſeins betheuerten ſie, daß Thomas am geſtrige ———————— —— Abend das Haus nichteine Minute lang ver⸗ laſſen gehabt, ſondern ſchon um acht Uhr ſchla⸗ fen gegangen unblebſt dieſen Morgen, während des in der Gegend des Schloſſes entſtehenden Auflaufes und Getümmels) plötzlich durch die Hinterthür det Wohnung verſchwunden ſei. Aber warum hatts et die Flucht ergriffen, wenn ſein eignes Gewiſſen ihn jn eben dem Grade von der Blütſchuld freiſprach, als dies duch die zu ſeinem Vobtheil abgefaßten Zeug⸗ uiſſe geſchah, deren Gtäubwuͤrdigkeit ſi ſich durch⸗ aus nicht bezweifeli⸗ ließ, wenn matuch im vollen Ernſte der Meinung goweſen, daß daß Zanze Dötf gehangen zun ſerden vesdione! Ein höchſt väthſelhaftes/ den Verdacht und Argwohn zugleich beträftigendes BZuſammentteffen“ der Umſtände! Vergeblich war und blieb jede Be muhung, den Knoten zu löſen nmüd fuͤr die fernerhin“ einzuſchlagende Venfahrungsweiſe einen ſichern Stuͤtzpunkt zu gewinnen. Auch die dem Flüchrlinge nachgeſchickten Votelt behr⸗ ten, nachdem ſi ſie die umliehenden Wuldhöhen i in allen burchkreuzt und dunchſucht hatten, gegen Abend unperrichteter Sache nach dem Schloſſe zurück. Rirgends war von dem Vermißten nur die eringſen Spur zu ent⸗ decken geweſen.— 6nap 96 kuilrich hatte ſi bereits darauf gt— — vaß es der Plan des tyranniſchen S. walthabers ſei, ihn in dieſer unterirdiſchen Kluft langſam verſchmachten zu laſſen; ſpät in der Nacht aber vernahm er hoch oben an einer Seitenwand ſeines Kerkers ein Geräuſch das ein gewaltſames Durchbrechen der Mauer zur Abſicht zu haben ſchien und in unabläſſig fortgeſetztem Eifer wohl eine Stunde lang an⸗ pielt. Endlich entſtand eine Oeffnung, die Sterne ſchimmern ſah. Jetzt hoͤrte das ge⸗ ſich mehr und mehr erweiterte und durch welche der emporgewandte Blick des Horchenden die ſchaͤftige Bemuͤhen auf und es ward von un⸗ bekannter Hand etwas zu ihm hinunter ge worfen. Den Zweck des verſtohlnen nächtli⸗ chen Unternehmens errathend, begann Urich mit ſchweigender Vorſicht in der Finſterniß umherzutappen und bekam ein Seil zu faſſen⸗ 5. das von außen durch die Heffnung herein und bis zum Boden herabhing. Der Verſuch, ver⸗ mittelſt deſſelben an der Wañd emporzuklim⸗ men, ging nach Wunſch von ſtatten und Ul⸗ rich hefand ſich im Freien. Nicht gering aber war ſeine Verwunderung, als er das obere Ende des Seiles, ſtatt es in den Händen ſei⸗ nes dienſthefliſſenen Befreiers anzutreffen, um einen in der Nähe ſtehenden Baumſtamm ge⸗ ſchlungen fand, und nirgends ein lebendes We⸗ ſen erblickte, dem er ſeinen Dank fuͤr die ihm zu Kheit gewordne Rettung nabzuſtatten ver⸗ mocht hätte. Keinesweges ging dieſelbe, wie er gnfangs zu vermuthen geneigt geweſen, auß einemgeheimen kühnen Anſchlage ſeiner Freunde herporz ſie fam gus fremder Hand, und war das Werk des Haſſes und der Erbitte⸗ rung die den Leibjäger noch im Tode verfolg⸗ ſen. Es war der glte Schloßvogt ſelbſt, der ber die ungerhofte Erlöſung von einem, ihm ſtets guf den Dienſt lauernden, grfurchteten und verabſcheuten Widerſaher im Innern frohlockend und zugleich wom leßhafteſten Mit⸗ 4* ———————————————————— leid gegen den muthmaßlichen Möͤrder deſſel⸗ ben durchdrungen, das zefihrüche Wagſch unternommen, dem Eingekerkerten die Mittel zut Entweichung aus ſeinem Gefüngniß an die Hand gegeben ünd nach Bewetkſtehlgung ſeines muthigen Vorhabens ſich ſchleußigſt und unbenertt wieber an die Seite gemacht hütte⸗ Urich, dem unter den obwaltenden um⸗ ſtänben ſeine Befteiung uls ein utierklärliches Wunderwert erſchien, eilte, nachden er 3 jenſeirige Ufer des feſigefrornen Schloßgta bens gluͤcklich erreicht hatte, auf einem Um⸗ wege dem Dorfe unt der Wohnung Linés ſeiner Verwandten zu) den er aus dem Schluf pochte und bei welcheln er ſogleich Einlaß und Auf⸗ nuyme fand.„Dü darfſt nicht beſorgen, An⸗ vteas“ redets er denſelben un,„däß ich bich in Roth und Vrlehenheit bringen witl! Roch 3 in virſer Racht behebe ich mich wieder von dannen. Aber einen Grfülen ſolſt du iir r⸗ zeigem Du haſt ein gelabues echitetehi in der Schiaftaimer häͤngen. Das leiße mit uuf einige Laht. Jch brüuche eb nöthweſbi —— und werde es dir, Ftan es ſeinen Dienſt ge⸗ than hat, ehrlich wieder zuſtellen!“ „Nein, daraus kann nichts werden, Petter verſetzte mit ernſtem Kopfſchütteln der Aufgef . forderte.„Ich merke wohl, du haſt den Winf des Himmels, daß du deine Hände nicht mif Blut heflecken ſollſ, noch nicht vollig begriffen! Nun dir der Leibjäger aus dem Gehege ge⸗ gangen, trägſt du dich mit dem Gedanken herum, höher hinaufzuſteigen und dem Baron ſelbſt das Lebenölicht auszuhlaſen. Aber nein, 66 kann nichts werden!“ „Du magſt mir das Gewehr geben nicht,“ rief Ulrich mit verbiſſener Wuthz „meine Abſicht erreiche ich doch! Der Unmenſch muß vom Erdboden wertil werden; eher ruhe ich nicht!“ en „Und ein der es noch ärger treibt, nimmt ſeinen Platz wieder ein!“ fuhr jener zu reden fort.„Du bofriedigſt deinen Rach⸗ durſt, und wir uͤbrigen alle müſſen dafuͤr büßem! Nein, das iſt nicht unſre Meinung; ganz andre Auſchlige haben wir. nach der gemtin⸗ . —————— — 6— den angeſehenſten Hausvätern des Dorfes Grund und Anlaß gegeben. Der Baron ſoll deinet Rache an ſinet⸗ 1 gen! Aber ſtatt unheil iuflihei zu tiufch ſoll vielmehr, was wir ihm zugedacht haben, uns Allen zum daurenden Vortheil geteichen. Thomas hält ſich in Claus Walters Wohnung verborgen; dir mag die meinige vorläufig den eben ſo ſichern Zufluchtsort gewähren, bis unfer geheimes Vorhaben zur Ausführung teif ge⸗ worden iſt. Komi nut mir nachſdein Hinter⸗ Rübchen, dort ſollſt du das Rähere darüber erfahren, und Szugleich die Erquickung und Pflege finden, deren du nach den ausgeſtandenen 6 und Dragfalet ſo ſehr bedurftig biſt!“ ulrich, auf deſſen finſtre grollerfüllte Ge⸗ zuhſe das freunbliche Anerbieten des Vetters nicht ſonderlichen Eindtuck hervörzu⸗ bringen vermochte, wollte wieder zur Thür yinaus; jener aber ließ ihm hierzu keine Zeit, ſchaftlichen ſtillen Uebereinkunft geſchmiebet, zu welcher die Vörfälle der letztverwichenen Tage ſondern bemächtigte ſich ſeines Armes und zog ihn von der Hausflur, wo die Unterredung ſtutt gehabt“ hutte, Halb mit Guͤte halb mit Gewält nach dem bezeichneten, ſtill abgelegenen Schlupfwinkel mit ſich fort. Dit heimliche und vor geſchehener That für unmöglich etachtete Entweichung des Ge⸗ fangenen gab dem Gerichtsverwalter zwar aufs neue alle Häͤnde voll zu thun; es hatten jedoch die mit angeſtrengtem Eifer daruͤber ange⸗ ſtellten Unterſuchungen und Zeugenverhöre kei⸗ nen weitern Erfolg, als daß der Baron ſich ſelbſt mehr und mehr uͤberführen mußte, es finde der Unterdruͤckte, ſobald er aus ſeiner dumpfen Muthloſigkeit erſt einmal aufgereizt worden ſei, kein Opfer zu ſchwer, keine Ge⸗ fahr zu groß, kein Wägſtück zu kühn! Ganz in der Stille und auf einem Seitenwege war Ulrich nach dem für ihn beſtimmten Kerker abgefuͤhrt worden, und nur wenige Perſonen hatten um das Geheimniß ſeines Aufenthales⸗ ortes gewußt. Zur Rede geſtellt, ermängelten ——— — — ſie nicht/ ſich auf ſo Weiſe von jedem Verdacht zu reinigen, daß man⸗ ihnen ſchlechterdings nichts anzuhaben veemochte. Auf dem Schloßvogt ſelbſt haftete am wenig⸗ ſten unter allen ein mißtrauiſcher Gedanke dieſer Art. Er war der erſte geweſen, der, mit dem unverkennbaren Ausdruck des Ab⸗ ſcheues und Unwillens im Geſicht, ſeinem Herrn und Gebieter die Rachricht von utrichs un⸗ begreiflicher Flucht überbracht hatte.— Einige Tage ſpäter, als der 5. eben zu Pferde zu ſteigen und in Begleitung eines Jagdburßhen nach dem Forſt hinaus zu reiten im Begriff war⸗ erſchien Uppermann in ſeinem Sonntagsrock auf dem Schloßbofe, trat ehr⸗ erbietig näher und ſagte;„Halten zu Gnaden, Herr Freiherr, wenn ich vielleicht zu unge⸗ legener Zeit komme! Ich habe Ihnen eine Mittheilung zu machen. Darf ich min geneigtes Gehoör erbitten?“ n „Sprich⸗ aber faſſe dich muͤrriſche Beſcheid, den er erhielt. no8 „Wenn es ohne Zeugen Be iu 3 —— michte ich wohl in aller Ehrfurcht darum ge⸗ beten haben!“ fuhr jener fort.„Es betrifft eine Sache von Wichtigkeit“ Der geheimnißvolle Ernſt in ſeinen Mie⸗ nen erregte die Aufmerkſamkeit und Neugierde des Jagdfertigen. Er zog den Fuß aus dem Steigbüͤgel zuruck, winkte mit den Augenbrau⸗ nen, und begab ſich nach einem in der Nähe befinblichen Simner des Erdgeſchoſſes, Si der Alte ihm nachfolgte. „Jetzt ſind wir allein und niemand be⸗ vorcht uns!“ rief mit geſpannter Erwattunz der Baron, nachdem er die Thür werſchloſſen. „Worin beſteht dein Anliegen? Was haſt. du mir zu entdecken und mitzutheilen?“ s iſt eine Warnung, gnädiger Herr,“ erwiederte der Befragte,„zu welcher ich mich durch Pflicht und Gewiſſen verbunden glaube, wenn ich mir durch meine Freimüthigfeit auch Ihren Unwillen zuziehen ſollte. Wir chaben ſichte Nachricht im Dorfe, daß die beiden Schwäger ſich moch in der Umgegend aufhul⸗ ten. Sie ſind mit Flinten bewaffuet, ſchlei⸗ —— chen hörchend“ u laurend an den ig lichſten Stellen des Walbgebirges umhet, ſcheet ken jeden, der ſich ihnen nähern will, dirch vrohende Geberden von ſich zurück, und ſchei⸗ nen einen verwegnen 6 6 im * zu führen“ 1 60 Der Beron ſust, mnif die apen z ſunnen und heftete einen durchbohrenden Blic auf den Berichterſtatter der ſich jedoch nicht aus. der Faſſung bringen ließ, ſondern mir ruiger unbefangenheit ihm in die Augen ſah⸗ Was ſteht von Leibeigenen zu befůtchten werden Sie mir vielleicht einwenden,“ führ er zu ſprechen fort.„Aber ich bitte Sie zu bedenkei) daß dieſe Menſchen durch die erlitte⸗ nen Schickſale und durch die Ausſichtsloſigkeit ihrer gegenwärtigen Lage aufs Aeußerſte ge⸗ bracht ſind! Sie haben nichts mehr zu fürch⸗ ten noͤch zu hoffen. Das Leben hat allen Werih für ſis verloren. Was liegt ihnen darau⸗ bb ſie üur mit ihrem eihnen Verberben die MRache erkaufen können, nach welcher ihr von 5 Ingrimm und Verzweiflung erfülltes Gemüth dürſtet! Trotz der mißtrauiſchen Erbirterung⸗ mit welcher das Zeugniß aufgenommen ward, das ich vot einigen Tagen, in Vereinigung iehrerer meiner Rachbarsleüte oͤffentlich fuͤr ulrich ablegte, kann ich doch nicht umhin, noch bis dieſen Augenblick zu behaupten, daß die volbrachte Mordthat nicht ſein Wert geweſen iſt. Ich ſtehe mit einem Fuß im Grabe; ſtutt einer falſchen Ausſuge für fähig gehalten zu werden, hätte ich wohl vebdient, Gehoͤr und Glauben zu finden! Seſchieht es ſo ganz gegen Erfahrung uns Beiſpiel weni det Freigewordne ſeinen Groll uͤber die erlittene harte Behand⸗ lung bis zur Vermeſſenheit treibt und mit Vorſätzen und Entſchlüſſen umgeht, an deren Vofayrung ein redliches Hetz nicht ohne Entſetzen zu denken wermag? Entſchulvigen Sie bie kühne Sprche, gnäbiger Herr⸗ die ein beſorgter“ treuer Unterthan ſich im Drange des ichezefiht⸗ Feßen Sie zu fühten erlaubt!“ Der Baton ſtülüpfte mit den Füßen gegen den Voden, knſchte mil den Zähien, wild unte Nitie ſinen Seſ „Ich wil eine große Hetzjagd anſtelen“ ſchrie er auf.„Die Strauchiebe ſollen aus ihren Schlupfwinkeln hefpor! Wie wilde Thiere will ich ſie niederſchießen und von den Hunden zer⸗ fleiſchen laſſen! Himmel und Höle! Vor elen⸗ den Knechten ſollte ich zittern und auf der Vut ſein? Alter, du unterfängſt dich, einen polchen Gedanken nicht nur zu hegen, ſondern auch laut werden zu laſſen? Viſt du von Sinnen?“ 2 1 wen i Unatiggne wt und blickte gin vor Veh iſt es, daß 5„ ſiß mit Zuverläſſigkeit rechnen darf!“ nahm der Entrüſtete, nachdem et ein paar Minuten lang mit heftigen Schritten das Zimmer durchmeſſen und ſich in ſeinem Zorn ausgefoht hatte, von neuem das Wort,„Die Art und Weiſe, wie der Gefangene aus der Haft entwiſcht iſt, giebt mir deutlich zu erkennen„daß ich ſogar in meinem Schlſſen von Schurten umtingt — 61— bin Wir ſt mit bafit) daß die Anſchlige der frechti vheit nicht bis in weine Schluß⸗ kammer ſich etfttecken? Ich verſeſhe dir, wät und wie du eſprochen! Bu haſt zwat mit der geliemenben Demuth ünd Beſcheienheit nicht ſönderlich viel zu thun; ſcheinſt es abet och jietlſtß hrlich mit wit zu mine!“ icht iß alein, guſbiger Herr!“ riaf jhet mir lebhaften Geberden.„Wir alle in Dotfe beten hierin einer wli det andte Et iſt allerbings unſet innigſter Wüiſch, daß es Ihten gefalen inige, uns üuf eine gelinörz id lübteſchere Weiſt zu begeten, weil ju uch det üfediicſtt Ihret Unterthaten doch iuntt ein Menſch bleibt; aber ſelbſt burch bie Kfteutlichſte Stteng nrben wir nit⸗ wüls uts von der rechrtichen Goſinnüng unz treien Ergtbtnheit abwenbſß Kchen liſet⸗ bie wit unſerin Berin ſchülbig fud. Als geſtetn Abens ji det Schente das Geſprich uf vi beiden Schwägtt ſel und auf ihr fortgefetztes kihnes Velwtilen in der hieſigen Gegend: vur an füſt einſtinmih det Meinung, deß es vermuthlich ihre Abſi cht ſei, ſich in Zu⸗ kunft von der Vilbvieberei. zu nähren. Mir wollte das nicht zu Kopf! Es ſtiegen vielmehr, indem ich die Sache recht überlegte, allerlei unheimliche Gedanken und Muthmaßungen in mir auf, obgleich ich ſie gegen niemand laut werden ließ. Dieſen Morgen kommt Michel Braun mit einem Fuder Reißbolz am Werl⸗ peimer Ausſchlage vorbei, wo er die Flücht⸗ linge in nur geringer Entftrnung vom Wege auf der Anhöhe neben einander ſitzen ſieht. Er grüßt; ſie aber thun, als ob ſie es nicht bemerten. S wil, weil früherhin. ihr guter Freund und Bekannter geweſen, auf ſie zugehen; d da ſpringen ſie e bride wie rgſend auf und zielen mit der Flinte auf ihn ſo daß er ſchnel untehn und dem Himmel dankt, wie er den ſchr ecklichen Menſchen erſt mit. heiler Haut wieder aus dem Geſich iſt. Der Schrec lag ihm noch in den Gliedern, als ep den Vor⸗ fall erzühlte!. Zetzt. zaubre gicht länget, ſ ich zu mir ſelbſt⸗ ſondern faſſe dir ein, und binterbringe den Herrn Laron die zentliche Botſchaft; p haſt du risbenz das Deinige gethan!“ „Ich werde dich rufen laſen, ſohud i6 nach fernern Proben deiner Geſchwätzigkeit ein Gelüſten trage!“ rief der Gewarnte, indem er nach der Thuͤr zeigte und dem redfeligen Alten verdrießlich den Rucken zukehrte. Rach Verlauf einiger Minuten trat er auf den Schloßplatz heraus, gab Befehl, die Pferde wieder nach dem Stall zu fuͤhren, und zog ſich, ſtatt ſeinem anfänglichen Vorhaben ge⸗ treu zu bleiben, ſtill erbittert in in W gemächer zuruͤck.— un Die überbrachte Mehdung, die den treuherzigen Ton ihres Vortrages einen ſo hohen Grad pon Slaubwürdigkeit gewann, war nichts als ein Mährchen, das man erſon⸗ nen hatte, um den Baron zu verſchuͤchtern und mit der heilſamen Erkenntniß, daß jede Machtgewalt ihre Grenzen habe, äugleich die Keberzeugung in ihm zu erwecken, daß es auch dem Niedrigſten und Geringſten, der das v der ungerechten Bedruͤckung vom Nacken gretheilte Geheimniß nut durch Zeichen unb zu ſhirt iid bie erlittenen Rißßanbluigen zu vergelten entſchloſſen genug iſt, nicht an Mitteln zur Rache gebricht. Die Entwiche⸗ nen, die mil ſo unerpörter Kühnheit in ve umgegend ihr Weſen krieben und, um den urhebet ihres Elends in Gefahr und Ver⸗ derben zu beingen, jeder Gefuhr Trotz bieten ſolten, befanden ſich beide noch im Dorfe, vo ſü fortmähtend mit uerüvlichet Bo 4 ſicht und Wachſamkeit vor den Cteaturen des Schloßhetti vetborgen gehulten wurder. Iht 4 Siche wut durch die innige Theilnahme, die ſie erregte, und durch die Vorſtellung/ baß 3 te ber üngehinbettel Fortbauet dieſer thran⸗ niſchen Willkühr niemand vor einem ähnli⸗ chen Schickſl geſichert ſei, ſur allgemelien Angelegenheit geworden. Man ſprach über bus gefihrliche uid utet ſo vile Miwiſſt Winke, vermied alle vetdächtigen Zufammel⸗ kunfte und ging ruhig und unbefangen den gewohnten Geſchäften nach. Die Wirkung des gemiüſchaftlichen Mißgeſchickes, das di Gemuͤther vereinigt und die Zungen bindet⸗ die Herzen in dem nämlichen Gefuhl entbten⸗ nen und gleichen Wuͤnſchen ein gleiches Ziel vorſchweben läßt, bewährte ſich auch an den Einwohnern des Dorfes. Sie unterſchieden ſich durch Alter, Geſchlecht und Sinnesart von einanderz aber es gab keinen Verräther unter ihnen. 6 pt Während aus ſehr natuͤrlichen Urſachen alle auf Ausforſchung und Vertilgung der beiden Schwäger abzweckenden Anſtalten und Manßregeln fruchtlos blieben und ſich das zu den Dhren des Freiherrn gedrungene Gerucht bald zu widerlegen bald neu zu beſtätigen ſchien, hielt er ſelbſt ſich im Innstn des Schloſſes, verfolgte pie ihn umgebende Die⸗ netſchuft mit mißtrauiſchen Blicken und hãtte vor innerlichem Groll und Aerger berſten moͤgen, indem er weder ſich des Gedankens an eine im Verborgnen ſchleichende Meuteret zu erwehren, noch der eigentlichen Beſchaffen⸗ heit der Umſtände näher auf die Spur zu 5 II. Bd, ————— —————————— ————————— gelangen vermochte. Einer alten tiefgewur⸗ zelten Gewohnheit zufolge, pflegte er den gröͤßten Theil des Tages im Forſt zuzubrin⸗ gen; denn von Jugend auf war die Jagd ſeine Hauptleidenſchaft geweſen. Fort und fort nannte er die ihn anwandelnde geheime Scheue vor den draußen lauernden Unholden eine gehaltloſe weibiſche Grille dennoch konnte er es in ſeiner zweifelvollen Pein und Unge⸗ wißheit nicht über ſich gewinnen, der Gefahr, vor welcher man ihn gewarnt hatte, muthig entgegen zu gehen, um von dem Grund oder Ungrund derſelben ſich durch die eigne Wahr⸗ nehmung genauer zu uͤberzeugen. War auf der Schloßbrucke die Verubung eines Meu⸗ chelmordes ſo ganz ungeſtört und unbemerkt vor ſich gegangen; wie hätte man leugnen können, daß die zahlreich vorhandenen Wald⸗ ſchluchten und Hohlwege hierzu eine noch weit guͤnſtigere Gelegenheit darboten, wenn die Verwegenen in der Wuth ihres wilden Wahn⸗ ſinnes wirklich einen gemeinſchaftlichen Plan dieſer Art gefaßt hatten! Die drohende Miene, womit er daheim, im Bereich ſeiner Behau⸗ ſung Alles in Furcht und Schrecken verſetzte, verlor ihre Kraft, ſobald er, von einem er⸗ bitterten, jeder Rückſicht Hohn ſprechenden Widerſacher aufs Korn genommen, die ein⸗ ſamen Pfade der Waldung betrat. Jedes Geſträuch, an welchem er vorüber mußte, war zum Hinterhalt geeignet; jeden Augenblick konn⸗ te ein Schuß fallen, an dem er fuͤr immer ge⸗ nug hatte! Das erwog der Varon; drum fand er es der Klugheit gemäß, ſeinen innern Begier⸗ den und Reigungen lieber den martervollſten Zwang anzuthun, als die fernere Befriedigung derſelben mit Lebensgefahr zu erkaufen. Wer dieſe, in ſeiner Gemuthölaune ſo⸗ wohl, als in ſeinen Sitten und Gewohnheiten plötzlich eingetretene Veränderung am aller⸗ wenigſten zu begreifen vermochte, waren ſeine alten Freunde und Zechgenoſſen, die dann und wann ſich zum Beſuch bei ihm einfanden. Der finſtere Unmuth, mit welchem er ſie em⸗ pfing, und der enrſchiedene Ton, mit welchem er alle an ihn ergehende, auf Schmauſereien 5* —f —————— und Luſtbarkeiten abzweckende Einladungen von ſich zuruckwies, verſetzte ſie in ein um ſo leb⸗ hafteres Erſtaunen, je weniger er ſonſt ſich von irgend einer Zuſammenkunft ſolcher Art auszuſchließen gewohnt geweſen.„Was zum Henker! Baron!“ hieß es von allen. Seiten; „was iſt dir ſo jählings durch den Kopf ge⸗ fahren, daß du des edlen Weidwerks dich ent⸗ ſchlägſt, und an unſern Feſten und Gelagen teinen Geſchmack mehr findeſt? Haſt du Ge⸗ ſpenſter geſehen und Bußgelubde gethan? Willſt du von nun an mit den alten Wei⸗ bern ſingen und beten? willſt du fromm und ehrbar unter deinen Bauern verſchimmeln? willſt du gar ein Mönch und Einſiedler wer⸗ den? Schäme dich! Gieb den thörichten Grillen und Einfällen den Laufpaß und ſei wieder, wer du ſonſt geweſen! Was ſoll die Welt da⸗ von denken, wenn ein Lebemann, wie du, auf einmal in ſeinem ganzen Dichten und Trachten umſatteln, zum Kalmäuſer un Kopfhänger werden und nicht mehr non noch ſaufen will!“ nn — 69— Zu ſtolz, die eigentliche Verankaſſung, die ſeiner veränderten Lebensweiſe zum Grunde lag, einzugeſtehen, oder wohl gar den Rath und Beiſtand der Freunde fuͤr die Entfer⸗ nung der ihn bedrohenden, vielleicht nur ein⸗ gebildeten Gefahr, in Anſpruch zu nehmen, ſtellte er ihren eifervollen Ermunterungen und Mahnſpruͤchen fortwährend einen ſo eigenſin⸗ nig verſchloſſenen Trotz entgegen, daß ſie end⸗ lich an ihm verzweifelten und ihre muhvollen Verſuche, ihn wieder in ſein voriges Gieis zu bringen, von ſelbſt aufgaben. Hundertmal hatte er in fruͤhern Zeiten, wenn er von widri⸗ gen Ereigniſſen erzählen hoͤrte, die dieſem oder jenem begegnet, mit der Fauſt auf den Tiſch geſchlagen, und eidlich verſichert, daß er in einem ähnlichen Falle ſich ohne Bedenken ſogleich todtſchießen wurde. Nie haͤtte er da⸗ mals geglaubt, daß er ſogar die Vergnuͤgun⸗ gen der Jagd, ſein höchſtes irdiſches Glück, der Liebe zum Leben aufzuopfern im Stande ſei! Er ſchämte ſich ſeiner unmännlichen Ver⸗ zagtheit; aber ſie zu bezwingen und zu über⸗ vinden ſtand nicht in ſeiner Gewalt. Aus den Fenſtern des Schloſſes, in welchem die Furcht vor zwei armſeligen Sklaven ihn ge⸗ bannt hielt, überſchauten ſeine Augen einen Theil des umliegenden Forſtes; aber ihn zu betreten wagte er nicht! Das druͤckende Ge⸗ füͤhl der Langenweile war und blieb ſein un⸗ blaſſiger Gefährte; aber es verſtrich ihm der Winter allmählig daruber, ohne daß er zu Aufſuchung des altublichen Sritvettteibes zu Inin Allen zarten 5 abhold und den ſchwärmenden Taumel eines freien ungebund⸗ nen Lebens den ſtillen Freuden des häuslichen Gluckes vorziehend, hatte der Baron erſt in ſeinem fuͤnf und vierzigſten Jahre ſich ver⸗ 3 heirathet. Aber keinesweges das plötzlich er⸗ wachende Gefuͤhl einer zärtlichern Reigung, ſondern einzig und allein das als nothwendig anerkannte Beſtreben, der Welt einen recht⸗ mäßigen Erben ſeines Ramens und Stamm⸗ gutes zu hinterlaſſen, hatte ihn endlich zu „ dieſem, ſeinen Anſichten und Grundſätzen ſo ganz zuwiderlaufenden Entſchluſſe beſtimmt. Die damit verbundne Anſicht war nicht uner⸗ reicht geblieben. Die Frucht des ſpät ge⸗ ſchloſſenen und nur kurze Zeit dauernden Ehebuͤndniſſes war ein Knabe, deſſen Geburt der Mutter das Leben gekoſtet hatte. Er war an dem Tage, da der Leibjäger, den man zu ſeinem kuͤnftigen Lehrmeiſter auserſehen hatte, ermordet auf der Schloßbruͤcke gefun⸗ den ward, gerade drei Jahr alt geworden. Egidius hatte man ihn genannt, voll freu⸗ diger Hoffnung, daß er nicht aus der Art ſchlagen, ſondern in die Fußſtapfen des Va⸗ ters treten und in der Folge, ſo wie dieſer, die Vereicherung des Speiſeſaales an Sieges⸗ zeichen der Jagd, an Eberzähnen und Hirſch⸗ geweihen zu ſeinem wichtigſten und angelegent⸗ lichſten Geſchäft machen werde. Es war an einem hellen heitern Maitage, als er, unter Aufſicht ſeiner Wärterin, ſich im Schloßgarten befand, hier zwiſchen den hohen friſchgrünenden Heckenwaͤnden, waͤhrend — jene, mit einer weiblichen Rebenarbeit be⸗ ſchäftigt, ihm langſam nachfolgte, ſich luſtig herumtummelte und endlich bei Verfolgung eines Schmetterlings bis in die Gegend des Parks gerieth, der den Garten begrenzte und an der entgegengeſetzten Seite mit der writen freien Waldung zuſammenhing. Plotzlich kamen zwei vermummte Geſtalten aus dem Gebüſch hervorgeſprungen, fielen uͤber die Wärterin her, banden und knebelten ſie, bemächtigten ſich des Knaben und waren im Fluge des Augenblicks mit ihrem Raube verſchwunden. Rein lebendes Weſen; das zur Abwehr dieſes gewaltſamen Ueberfalles ſich ins Mittel zu ſchlagen vermocht hätte, war in der Nähe⸗ Die Räuber hatten den rechten Zeitpunkt zu wählen und zu treffen verſtanden. Aber nicht minder gluͤckte es ihnen auch, den Vorſprung zu gewinnen, deſſen ſie zur vollſtändigen Aus⸗ führung ihres vermeſſenen Unternehmens be⸗ durften; denn des Nachmittags gegen drei Uhr hatte die Entführung des Kindes ſtatt ge⸗ funden und nicht eher als mit dem herein⸗ . brechenden Abend wurden die Außenbleiben⸗ den auf dem Schloſſe vermißt. Deſto groͤßer war der angſtvolle Lärm und Aufruhr, der jetzt entſtand. Alles ſtürzte hinaus nach dem Garten. Man durchflog und durchſuchte ſämmt⸗ liche Gänge und Lauben deſſelben; aber nie⸗ mand war zu erblicken. Man rief mit lau⸗ ter durchdringender Stimme bald den Knaben, bald die Wärterin beim Ramen; niemand gab Antwort. Endlich, nach langer vergeb⸗ licher Anſtrengung, fand man die Ungluͤckliche im bemitleidenswuͤrdigſten Zuſtande hinter dem dichtverwachſenen Geſträuch, wohin die aus der Tiefe des Gehölzes hervorbrechenden Un⸗ heilſtifter ſie geſchleppt hatten. Man befreite ſie von ihren Banden und fing an, ſie mit Fragen zu beſtͤrmen; allein es währte ge⸗ raume Zeit/ bevor ſie von der Erſchöpfung und Ohnmacht, in welche der Schrecken und der ſtundenlang anhaltende qualvolle Zwang ſie verſetzt hatten, wieder zu ſich ſelbſt kam und über das ſtattgehabte grauſenvolle Eteig⸗ niß nähere Auskunft zu geben im Stande war. Trotz ber tödtlichen Angſt und Beſtür⸗ zung, die gleich beim erſten Anblick der furcht⸗ baren Buſchräuber ihr mit betäubender Ge⸗ walt die Sinne umnebelt hatten, glaubte ſie in ihnen die beiden aus dem Dorf entwiche⸗ nen Schwäger erkannt zu haben. Leichenbläſſe im erſtarrten Geſicht, vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet und mit dem Muth der Verzweiflung ausgeruͤſtet, ſetzte der Baron ſich zu Pferde, ertheilte der Dienerſchaft des Schloſſes, die gleichfalls zum Aufbruch ſich anſchickte, mit einer ſchrecklichen Miene den Befehl, nicht von der Stelle zu weichen, und ritt dem Dorfe zu, wo er in eigner Perſon die Bauern aufbot und mit dem drängenden Eifer des innern wilden Schmerzes ſie beſchwor, ihm zur Wiederer⸗ langung ſeines Kindes behuͤfflich zu ſein. Er bezeichnete dem um ihn her verſammelten Haufen, der bald darauf in bereitwilligem Gehorſam ſich nach allen Gegenden hin ver⸗ theilte, die Richtung, welche die Räuber mit dem Kinde zunächſt eingeſchlagen hatten, gab — dem Gaul die Sporen und ſprengte, um von dort aus in den Forſt einzudringen und ſei⸗ nen Weg weiter und weiter zu verfolgen, quer uͤber die in der Abenddämmerung ruhen⸗ den Saatfelder der Stelle zu, wo beim An⸗ wuchs junger Fichten und Tannen der Schloß⸗ park zu Ende ging.— Der aufgehende Morgen traf den Abge⸗ matteten auf einer tief im Innern der Wal⸗ dung befindlichen Anhöhe, wo er ſich auf den feuchten Moosgrund niedergeworfen hatte und, das Haupt in die Hand ſtutzend, mit ſtummer hoffnungsloſer Wehmuth vor ſich hinſchaute. Weiter abwärts ſtand ſein Reitpferd an einen Baum gebunden. Die mit ihm ausgezogenen Gefährten hatten auf ſein Geheiß zum Theil ſich aufgemacht, um die Spur der Entwiche⸗ nen uͤber den Forſt hinaus aufzuſuchen zu verfolgen; zum Theil krochen ſie forſchend und ſpähend noch einzeln in den umliegenden Schluchten und Kluͤften umher. In grauen⸗ voller Erwartung ſah er fortwährend dem Augenblic entgegen, wo man ihm den auf⸗ gefundenen Leichnam des Kindes überbringen werde; denn was konnte er anders vermuthen, als daß die blutige Rache, welche die er⸗ grimmten Böſewichter an ihm ſelbſt zu neh⸗ men entſchloſſen geweſen, jetzt, nach liſtig er⸗ lauerter Gelegenheit, an dem huͤlfloſen Ge⸗ ſchöpf in Erfüllung gebracht worden ſei. Alle jedoch, die der Zufall von Zeit zu Zeit auf ihren mühſamen Streifzügen bei ihm vorüber führte, ſtimmten in ihren Ausſagen darin uberein, daß weder von den Aufgeſuchten ſelbſt, noch von einer verübten Gewaltthätig⸗ keit ſich irgendwo ein verdächtiges Merkzeichen wahrnehmen laſſe, wie ämſig und ſorgfältig man auch jeden Winkel des Waldes durch⸗ ſucht und durchmuſtert habe. Dienſifleiß und Berufstteue ſtanden zu unverkennbar in ihrem Weſen ausgedruͤckt, als daß nur der entfern⸗ teſte Argwohn ſaumſeliger Nachläſſigkeit ſi zu treffen vermocht hätte; und es gewann da⸗ her die Vermuthung, daß die Raͤuber, in un⸗ geſuumter Flucht, ſich mit ihrer Beute gänz⸗ — lich aus dieſer Gegend entfernt⸗ einen immer ——— höhern Grad von Wahrſcheinlichkeit. Gegen Mittag ließ der Baron ſeinen umherzerſtreu⸗ ten Gefahrten die Anzeige thun, daß er ſie ihrer Pflicht entbinde und eine noch längere Durchfuchung des Forſtes ihrem eignen freien Gutachten anheimſtelle. Auch er ſelbſt hielt ſein ferneres Verweilen im Waldgehege fuͤr vergeblich und zwecklos, ſtieg wieder zu Pferde und ritt ſtill und niedergeſchlagen nach. Sloſſ— 5 1 Es yutten die in ſeinem Sold ſtehenden Diener und Knechte, denen er fruherhin die Aufſuchung und Vertilgung der beiden ge⸗ fährlichen Menſchen mit ſo nachdrucksvollem Ernſt anempfohlen gehabt, ihm faſt ein hal⸗ bes Jahr hindurch fort und fort verſichert, daß von ihnen, wie angelegentlich man auch bei Tag und Racht ſie zu ertappen verſucht habe, nirgends nur die geringſte Spur zu entdecken und das von ihrem Aufenthalt in der Umgegend ausgeſprengte Geruͤcht mithin, aler Augenſcheinlichteit nach, nichts weiter, —— ——— ——— als eine bloße Erdichtung ſei. Der Baron ſelbſt hatte, der noch fortgeſetzten Fürſorge fuͤr ſeine perſoͤnliche Sicherheit ungeachtet, bereits angefangen, dieſer Ausſage Glauben zu ſchenken; und jetzt war plötzlich am hellen Tage und in der Nähe des Schloſſes eine That veruͤbt worden, die ſelbſt in den Augen des gelindeſten Richters nur bei der gänzlichen Zurückſezung der eingeſchärften wachſamen Sorgfalt hatte möglich und ausführbar ſein können. So glimpflich aber urtheilte der Baron keinesweges. Er entdeckte in ihr viel⸗ mehr nur die beſtätigende Gewißheit deſſen, was er in ſeinem Innern geahnt und vermuthet hatte. Reibolds Ermordung, Ulrichs Flucht aus dem unterirdiſchen Kerker, der verwegne gewa ltſame Kindesraub— alles befand ſich, wie er nicht länger bezweifeln konnte, in gegenſeitigem Zuſammenhange, und war das Werk einet geheimen Verſchwörung, die in ſeiner Nähe ſich angeſponnen hatte. Die tuͤckiſchen Frevler, durch deren gräßliches Beginnen ſeinem Herzen dieſe tiefe und un⸗ heilbare Wunde geſchlagen worden war, hatten ihren Anhang im Schloſſe. Sie wußten⸗ daß von dieſer Seite weder fur ihr lauerndes Umherſchleichen im Forſt, noch fuͤr die Be⸗ werkſtelligung des von ihnen beabſichtigten Bubenſtuckes irgend ein Hinderniß zu befuͤrch⸗ ten ſei. Sie wurden nicht allein geſchont und begunſtigt, ſondern zugleich verſtohlner Weiſe von allem, was ihrem hinterliſtigen Anſchlage zum Vortheil zu dienen verſpräch, in Kenntniß geſetzt. Wie waͤren ſie ſonſt im Stande geweſen, Zeit, Ort und Gelegen⸗ heit ſo richtig zu treffen und zu benutzen? Die Kuͤhnheit des ganzen Unternehmens über⸗ haupt hatte nicht das Anſehen, daß ſie ſich in der Seele dieſer Menſchen, die als Leib⸗ eigne geboren und aufgewachſen waren, ſo gans von ſelbſt erzeugt habe. Es unterlag keinem Zweifel! Fremder Einfluß hatte ihr Entſtehen zuwege gebracht; ſie war von Leu⸗ ten aufgeregt und angeflammt worden, die hoͤher ſtanden, die Beiſpiel und Unterricht an boshaften Stteichen erfinderiſcher gemacht —— hatte, die ſich fuͤr Freie hielten, weil ſie nicht Sklaven hießen) ſondern nur waren! Auf ſolche Weiſe ſteigerte ſich, nachdem der Baron von ſeinem fruchtlos unternomme⸗ nen Zuge zuruͤckgekehrt war, ſein ſtillgrubeln⸗ der Argwohn bis zur wuthvollen Ueberzeugung. Der Gerichtsverwalter, der, hekbei berufen, die ſeiner ſträflichen Berufsverſäumniß und trägen Unachtſamkeit gemachten Vorwürfe durch ein halb mitleidiges halb verächtliches Achſelzucken beantwortete, war der erſte, uber deſſen Haupt das hereinbrechende, mit Schreck und Verderben drohende Ungewitter ſich zu entladen anfing, indem er ohne Umſtände ſeines Dienſtes entſetzt ward, und ſchon des nächſtfolgenden Tages, freilich zur innigſten Zufriedenheit ſämnmtlicher Dorfbewohner, deren Schreckniß und Geißel er Jahre hindurch ge⸗ weſen, das Schloß mit Sack und Pack ver⸗ laſſen mußte. Ein gleiches Schickſal traf die Forſtbedienten. Alle wurden abgelohnt und von dannen gejagt; nur der Hegereiter Wölf ner, der während der letztberwichenen Monate krank darniedergelegen und dieſem Zufall es zu verdanken hatte, daß er minder ſtrafwür⸗ dig erſchien, blieb auf ſeinem Poſten. Auch dem uͤbrigen Schloßgeſinde, von welchem gleichfalls nur der geringſte Theil aus dem Dorfe ſelbſt gebuͤrtig war, ſchien mit jeder Minute eine ähnliche ſchnelle Abfertigung be⸗ vorzuſtehen. Alles zitterte vor den Verhoͤren und Befragungen, welche der Baron jetzt ſtatt des Gerichtsverwalters in eigner Perſon und nach eigner Weiſe anzuſtellen fortfuhr. Das gluhende Verlangen nach Aufſpuͤrung der be⸗ theiligten Frevler begleitete jeden ſeiner Schritte; Blitzſtralen waren ſeine Plicke, Donnertöne ſeine Worte und ingrimmige Maaßregeln und Verfügungen aller Art die Mittel, durch die er ſeine Abſicht zu erreichen bemüht war. Es kam, obgleich mancher aus Furcht und Angſt vor dem wilden Ungeſtuͤm, mit welchem die Unterſuchung betrieben wurde, ſchuldiger erſchien, als er in der That war, nichts an den Lag, was den gefaßten ſchlim⸗ men Argwohn völlig zu rechtfertigen und uͤber das ſtattgehabte räuberiſche unternehmen ſelbſt nähern Aufſchluß zu ae ti e Wochen waren ſeit e Ereig⸗ im Schloßgarten bereits verſtrichen, als der Baron einem ſeiner Diener; Namens Wilbert, uber einer Rachläſſigkeit, die ſich derſelbe in Betreibung der ihm obliegenden Geſchäfte hatte zu Schulden kommen laſſen, nach der ihm uͤblichen barſchen und heftigen Weiſe den Tert las. Statt die ausgeſtoßenen Drohungen und Schimpfworte ſtillſchweigend uber ſich ergehen zu laſſen, wagte es der Ge⸗ ſcholtene, ſich zu vertheidigen, und zwar in einer beſtimmtern und keckern Sprache, als jener bei ſeinen Untergebenen zu dulden ge⸗ wohnt war. Seine Verwegenheit goß Oel ins Feuer und hatte zur Folge, daß er den tobenden Zorn des Gereizten ſogleich zur poͤchſten Wuth werden und ſich ſelbſt wenige Minuten darauf mit Fußtritten zum Schloß hinausgeworfen ſah. Statt aber zu ſeinem vorigen Herrn, von welchem er dem Baron empfohlen und uberlaſſen worden war, zurück⸗ zukehren, und bei ihm Aufnahme und Wie⸗ deranſtellung zu ſuchen, zog Wilbert es vor, noch eine Zeitlang in der Nähe des Schloſſes zu verweilen, wo er, in Ermangelung ander⸗ weitigen Unterkommens, eine tief im Innern des Parks beſindliche, zur Bequemlichkeit der Spaziergänger errichtete Mooöhuͤtte, die je⸗ doch unter den gegenwärtig obwaltenden Ver⸗ hältniſſen von niemand mehr beſucht wurde, zum nächtlichen Obdach erwählte. Den ſichern Hinterhalt im Ruͤcken, ſtreifte er des Tages, um ſich den nöthigen Lebensunterhalt zu ver⸗ ſchaffen, in der Gegend umher, wagte es ſo⸗ gar, in der feſten Ueberzeugung, daß von den Bewohnern des Dorfes kein Verrath zu beſorgen ſei, jeden Abend das Wirthshaus zu beſuchen, machte hier gegen die despotiſche Willkuhr und Härte des Schloßherrn ſeiner Galle Luft, warf zu wiederholtenmalen die Bemerkung hin, daß ihm das gerade jetzt im Sunehmen begriffne Mondlicht die tödtlichſte 6* Langeweile verurſache, und gab zugleich mit geheimnißvoller Wichtigkeit zu verſtehen, daß er ſich nicht ungeſtraft beleidigen laſſe, ſon⸗ dern, des loblichen Beiſpiels der beiden Schwä⸗ ger gedenkend, etwas Aehnliches im Sinn 3 trage. Anfaͤnglich wurden ſeine Reden als gehaltloſe Prahlereien ohnmächtiger Erbitte⸗ rung mitleidig beläͤchelt; als er jedoch mit fortgeſetztem thoͤrichten Eifer bei ſeinen Aeu⸗ ßerungen verharrte, und einſt im halbel Rauſche ſogar ſich verlauten ließ, daß zu Ausfuͤhrung gewiſſer Plane das Dunkel einer ſtuͤrmiſchen Racht zehnmal geſchickter ſei, als der helle lichte Tag, fing man allmählig an, aufmerkſamer auf ihn zu werden. In der That trug der ſchwachköpfige Schwätzer ſich mit dem Gedanken herum, durch Verübung eines hinterliſtigen Streiches ſich für die er⸗ littene Ungebuͤhr Genugthuung zu verſchaffen, und den Baron, da ihm kein Kind mehr zu rauben war, auf andre Weiſe in Schreck Angſt zu verſetzen. am Abend, als der Varon ſ„ 3 eben nach ſeinem Schlafgemach zu verfuͤgen im Begriff ſtand, ward er in dieſem Vor⸗ haben durch einen Lärm geſtört, der plötzlich unten im Schloßzwinger ſich erhob. Er zog die Glocke, um das bereits im Schlaf liegende Hausgeſinde auf die Beine zu bringen, griff⸗ da ihm die im Innern fortdauernde Stille verdächtig zu werden anfing, nach einer an der Wand hängenden Doppelflinte, und ſtutzte nicht wenig, als, an der Seite des endlich erſcheinenden Dieners, zugleich Claus Walter ins Zimmer trat. „Entſchuldigen Sie die Unruhe, gnädiger Herr, die wir Ihnen ſo ſpät in der Nacht verurſachen!“ ſagte dieſer.„Wir bringen Wnen einen gefungenen Zeiſig, deſſen Anblick Sie vielleicht jn einige Verwunderung ſetzen wird. Der ſaubre Wilbert iſt es, den wir beim Kragen gepackt haben„weil er, aller Wahrſcheinlichteit nach, mit nichts geringerm umging, als Ihnen das Schloß uͤber dem Kopfe anzuſtecken!“ „Wilbert?“ rief der Varon mit dem hoͤchſten Befremden.„Du träumſt! Den hab⸗ ich ja langſt zu allen Teufeln gejagt!“ „Er iſt aber ſo weit nicht gegangen!“ fuhr jener fortz„ſondern hat ſich bis dieſen Augenblick hier in der Rachbarſchaft herum⸗ getrieben, um gelegentlich wegen ſeiner plotz⸗ lichen und unſanften Dienſtentlaſſung Rache zu nehmen. Faſt jeden Abend ſprach er druben in der Schenke vor, gab ſich eine wichtige Miene und fuͤhrte mitunter ſo ver⸗ fängliche Reden, daß wir es nicht länger ruhig mit anſehen konnten, fondern in aller Stille den einmuͤthigen Entſchluß faßten, ihn ſchärfer aufs Korn zu nehmen und in Erfahrung zu bringen, ob er wirklich ein Schelm oder nur ein Narr ſei. Sobald es dunkel geworden war, ſtellten ſich einige von uns hier in der Nähe des Schloſſes heimlich auf die Lauer, um ihn, wofern er im Ernſt etwas Arges im Schilde fuͤhre, gleich auf friſcher That zu ertappen. Sechs Naͤchte hindurch war die Muͤhe vergeblich. Heut endlich haben wir ihn mit der glimmenden 4 Labactpfeife im Munde und einem guten Vorrath von Zündſchwamm in der Taſche draußen im Zwinger erwiſcht. Er legte ſich aufs Leugnen, gab vor, daß er nichts Boͤſes, ſondern nur eine alte Liebſchaft im Sinne gehabt und wollte Reißaus nehmen. Wir aber hielten den Patron feſt und ſetzten uns, ohne auf ſeine Ausreden und Unſchuldsver⸗ ſicherungen zu achten, mit ihm in Marſch nach dem Schloßhofe, wo er die Beſtimmung ſeines weitern Schickſals nunmehr von Sönen erwarten mag!“ Voll Begierde, ſich von der Wahrhelt der vernommenen Ausſage durch den eignen Anblick zu uͤberzeugen, ſturmte der Baron mit dem geladnen Gewehr in der Hand zur Thür hinaus und zur Treppe hinunter. Ganz der Anzeige gemäß, erblickte er beim Schein der Lichter, von welchen der Schloßhof be⸗ reits erhellt worden war, mehrere Bauern des Dorfes und in ihrer Mitte das kalkweiße aber wohlbekannte Geſi cht des eingefangenen Schleichfrevlers, der, zitternd wie Espenlaub, ſich vor Furcht und Entſetzen kaum Fußen zu halten vermochte. „Weicht an die Seite zuruck, damit ich dem nichtswuͤrdigen Buben gleich auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf jage!“ rief der Entruͤſtete ſchnell und gebieteriſch den Bauern zu, indem er mit zornfunkelndem Blick zur ungeſaͤumten Vollſtreckung der aus⸗ geſtoßenen Drohung ſich anſchickte. Wilbert ſtürzte auf die Kniee, krümmte ſich wie ein Wurm, badete ſich in den eignen Thränen und brach in ein lautes herzdurch⸗ ſchneidendes Aechzen und Wimmern aus „Halten zu Gnaden, Hert Baron!“ nahm einer von den Dorfbewohnern das Wort. „ „s lohnt ſich gur der Mühe nicht, daß Sie in ſolchem Grade ſich ereiferns denn der Kerl iſt ja bereits halbtodt. Sollen wir ihn nicht lieber über die Grenze hinausſchaffen und ihm andeuten daß ihn bei der Rückkehr aufs hieſige Grundgebiet nicht die Kugel, ſondern der Strick erwartet? Er wird, denk⸗ ich⸗ tein Geluſten ttagen, uns zum zweitenmal in die Hände zu fallen! Wie er ſo daliegt in ſeiner Herzensangſt und Jämmerlichkeit, iſt er wirklich keinen Schuß Pulver werth!“ Jener, der den Schimpf nicht auf ſich laden mochte, ſich an großmuͤthiger Geſin⸗ nung von ſeinen Bauern uͤbertroffen zu ſehen, brachte das Feuergewehr aus der ſchußgerech⸗ ten Lage, bekämpfte ſeinen Ingrimm und ſchien den gemachten Vorſchlag in Ueberlegung zu nehmen.„Ihr habt Recht!“ ſagte er nach einet kurzen Pauſe.„Bindet den Schuft und ſorgt dafur, daß er mit Anbruch des Tages unter gehöriger Bedeckung von hier hinweg und nach dem Feldhauptmann von Storchwitz, ſeinem vormaligen Brotherrn, zuruͤckgebracht werde; der wird nicht ermangeln, ihm fur ſein buͤbiſches Unterfangen den ge⸗ buͤhrenden Lohn angedeihen zu laſſen, wär's auch nur aus Scham, daß er mir ihn ſo zu⸗ verſichtlich als ein Muſter von Baii — und empfohlen hat!“ Der ausgeſprochene Befehl ward auf das intnichße vollzogen. An Ort und Stelle angelangt und über ſein heimtückiſches Vor⸗ haben zur Rechenſchaft gezogen, kam Wilbert am Ende zwar mit einer gelindern Zuͤchtigung davon, als er ſelbſt hatte vermuthen können; indeſſen verſpuͤrte er, obgleich er bald wieder auf freien Fuß geſtellt wurde, nicht die ge⸗ ringſte Reigung, auf ſeinem rachſüͤchtigen An⸗ ſchlage gegen den Baron mit Hartnäckigkeit zu beharren und ſich zum zweitenmal in eine Gefahr zu ſtuͤrzen, bei welcher er uur mit Mühe und Noth ſeinem völligen Verderben entgangen war. Er hörte nicht auf, dem Himmel fuͤr die ihm erwieſene unverdiente Wohlthat zu danken, machte ſein Lehelang keinen Plan mehr und vermied es eben ſo ſorg⸗ fältig, ſich jemals innerhalb des ihm verbote⸗ nen Landesbezirks wieder betreten und erblicken 2 laſſen.— Mehr und mehr ſich während veſſen die guͤnſtigen Wirkungen und Folgen zu äußern, die, aus Wilberts nächtlicher Ge⸗ fangennahme hervorgehend, nicht allein den eigentlichen Vollfuͤhrern derſelben, ſondern dem ganzen Dorfe zum Beſten gereichten. Der Baron mußte dieſen, ſeiner Ruhe und Sicherheit geleiſteten wichtigen Dienſt um ſo höher aufnehmen, je weniger er es ſich, zu⸗ folge der rauhen und liebloſen Behandlungs⸗ weiſe, die er ſeinen Unterthanen widerfahren zu laſſen gewohnt war, verhehlen konnte, daß er auf einen ſolchen Grad von Treue und Anhänglichkeit nicht eben die gegruͤndetſten Anſpruͤche zu machen habe. Als willenloſe Werkzeuge ſeines gebieteriſchen Winkes hatte er die Bewohner des Dorfes biöher betrachtet, ihnen ſtolz und verächtlich begegnet, mit kal⸗ tem Gleichmuth die unbilligſten Forderungen und Machtſpruche ſich erlaubt und ohne nach ihrer Gunſt oder Ungunſt zu fragen, nur blinden knechtiſchen Gehorſam von ihnen ver⸗ langt. Die freiwillige, uͤber die Grenzen des ſtrengen Pflichtgebotes hinausgehende Sorgfalt, welche ſie angewandt, um der Be⸗ werkſtelligung eines auf ſeinen Schaden ab⸗ zielenden tuͤckiſchen Entwurfes zuvorzukom⸗ men, brachte ihn zum Nachdenken und zur ueberlzgung, daß er dieſe Menſchen zu tief herabgewuͤrdigt, ihre Sinnesart verkannt und ſein ſtrenges Verfahren gegen ſie nicht ſelten bis zur ſchreienden Ungerechtigkeit getrieben habe. Ein geheimes Gefuͤhl von Scham⸗ deſſen er ſich nicht zu erwehren vermochte, durchdrang ſein innerſtes Weſen, ſo oft er den nächtlichen Auftritt im Schloßzwinger und die daſelbſt aus freiem Antriebe und mit Aufopferung der eignen Bequemlichkeit ge⸗ troffenen Sicherheitsanſtalten ſich in das Ge⸗ dächtniß zuruͤckrief. Unwillkuhrlich begann er der beſſern Meinung, die im Kampf gegen verjährte Vorurtheile ſich ihm aufdrängte, Raum und Zugang zu verſtatten, und Re⸗ gungen der mildern—— in ſeiner Bruſt. Schweigende Nachſicht um Scungt tra⸗ ten jetzt unvermerkt an die Stelle der ſin⸗ ſtern unerbittlichen Strenge, mit welcher ſonſt ohne Unterſchied gegen alle diejenigem welche ſich nur des geringſten Verſtoßes gegen die ihnen obliegenden Dienſtverpflichtungen ſchuldig machten, verfahren worden war. Die ungezugelte Willkuͤhr, die ſtatt des Rechts gegolten, hörte auf, und ein auf⸗ geregeltern und zugleich billigern Grunbſätzen beruhendes Schulten und Walten nahm ſeinen Anfang. Riemand hatte mehr urſache, ſich uber Be⸗ drückungen und Gewaltthätigkeiten zu bekla⸗ gen; für Verſäumniſſe und Rachlaſſigkeiten von geringfuͤgigerm Inhalt ſchien es weder einen Kläͤger noch Richter mehr zu geben, und ſelbſt die erheblichern, hin und wieder: an den Tag kommenden Fehler und Vergehungen wurden auf eine Art gerugt und geahndet, die mit idem unberkennbaren Stempel der und Milde bezeichnet war.— zehe mein von dem Wohnſitze des een entfernt, lebte deſſen einzige Schwe⸗ ſter Sophie in einem adligen Stift, wohin ſie ſich, voll inniger Betruͤbniß uͤber die Ge⸗ muͤthsart und Lebensweiſe ihres VBruders, vem ſ ſie an Geſinnungen und Grundſätzen durchaus unähnlich war, bereits vor mehrern Jahren zuruͤckgezogen hatte. Segenswünſche und Wehklagen waren damals, als ſie den Anblick der mehr und mehr uberhandnehmen⸗ den Roheit und Unſitte im Schloß nicht länger zu ertragen vermochte, von Seiten der Dorfbewohner ihr nachgefolgt und fort und fort hatten dieſe ſeitdem ihre Gegenwart auf das ſchmerzlichſte vermißt; denn mit dem ſtillen Eifer eines edlen gefuhlvollen Herzens war ſie ſtets darauf bedacht geweſen, zwiſchen den hartgeſinnten eigenmächtigen Oberherrn und die ſchonungslos. gemißhandelten Unter⸗ thanen als liebreiche Vermittlerin ſich zu ſtellen, mit geheimer Fürſorge Thränen zu trocknen und Leiden zu mildern, erlittene Un⸗ gebuhr zu verguten, dem Verfolgten Zuflucht und Sicherheit, dem Hälfsbeduͤrftigen Troſt und Unterſtutzung zu Theil werden zu laſſen⸗ Weder die Hinderniſſe und Schwierigkeiten, die ihren menſchenfreundlichen Beſtrebungen überall in den Weg traten, noch die harten und verdrußvollen Kämpfe, in welche ſi d äber nicht ſelten mit ihrem Bruder ger hatten ſie abhalten koͤnnen, dem unvertilg⸗ baren Hange des beſſer gearteten Gemuͤthes zu folgen; bis ſie endlich durch die lauernde Wachſamkeit der ihren Schritten und Hand⸗ lungen geſetzten Huͤter ſich jedes Mittels zur Fortſetzung ihres wohlthätigen Wirkens be⸗ raubt ſah und, gegen den feindlichen Drang der Verhältniſſe nur mit dem Unwillen des empoͤrten Gefühls bewaffnet, der rohen Ueber⸗ gewalt weichen mußte. 1. Kalt und gelaſſen hatte der Baron, 6 Sophie mit Thränen des Schmerzes und der Wehmuth von der väterlichen Flur ſich ver⸗ abſchiedete, der Trauernden angedeutet, daß ſie, wenn ſie in der Folge ſich etwa geneigt fühlen ſollte, von Zeit zu Zeit einen Beſuch bei ihm abzuſtatten, ſters die Aufnahme ſin⸗ den werde, welche ſie von dem in ſeinem Schloß herrſchenden Gaſtrecht vor allen An⸗ dern zu verlangen befugt ſeiz niemals aber war es ihr in den Sinn gekommen, von der ihr ertheilten Vergunſtigung Gebrauch zu — Dem innern unwandelbaren Vor⸗ — 95— ſatze getreu⸗ patte ſie ſogar Vebenken getta⸗ gen, der Vermählungsfeier ihres Bruders beizuwohnen; obgleich bei dieſer Gelegenheit, wie es Sitte und Anſtand erheiſchten, eine ausdruckliche ſchriftliche Einladung an ſie er⸗ gengen wat. Der Varon hatte den von ihr geführten Entſchuldigungsgrund, daß ſie ſich bereits zu ſehr entwöhnt und entfremdet habe, um bei ihrer ſchwächlichen Geſundheit ſich die Theilnahme an dieſem Feſt verſtatten zu durfen, weder getadelt noch gebilligt. Es war ihm gleichgultig, ob ſie den Inhalt des ihr zugeſchickten Beiberufungsbriefes als Sprache des perſoͤnlichen Wunſches oder der herkömmlichen Gewohnheit betrachte, und nach wie vor lebten, in Vermeidung alles ſchriftlichen Verkehrs, beide Geſchwiſter von einander getrennt und unbekuͤmmert um ihr gegenſeitiges Schickſal. Jetzt, da der Baron, in Folge der hefti⸗ gen aber wohlthätigen Erſchütterungen, mit welchen der Verluſt des einzigen Kindes und * den geräuſchvollern Vergnuͤgungen der Welt die denſelben begleitenden Umſtände, ſo wie die Begegniſſe und Erfahrungen der letztver⸗ wichenen Tage uͤberhaupt fuͤr ihn verbunden geweſen waren, zu beßrer Erkenntniß und Einſicht zu gelangen und, nachdem der Sturm des erſten leidenſchaftlichen Schmerzes ausge⸗ tobt hatte, ſich allmählig einer mildern Denkungsart zuzuneigen anfing: jetzt fuͤhr⸗ ten die mancherlei Gedanken und Betrach⸗ tungen, denen er in einſamen Stunden ſich uberließ, ihm auch das Bild der mit ſo hartherzigem Sinn aus dem heimathlichen Wohnſitz verdraͤngten und verſcheuchten Schwe⸗ ſter nach und nach in die Seele zuruͤck. Auf eine ihm ſelbſt unerklärliche Weiſe verſpuͤrte er gegen den Saus und Braus, der, ſein früheres Tagwerk ausmachend, ihn nie zur Ruhe und Beſinnung hatte kommen laſſen, einen ſo merklichen Ekel und Widerwillen, daß er auf die Erneuerung eines geſellſchaft⸗ lichen Umganges dieſer Art fuͤr immer Ver⸗ zicht zu leiſten beſchloß. Es war ſein feſter Vorſatz, ſich auch fur die Zukunft von einem Freundeszirkel entfernt zu halten, der in der eben verfloſſenen Zeit ihm deutlich genug ge⸗ zeigt hatte, aus welchen Bewegungsgruͤnden und Ruckſichten ſeine gegenſeitige Anhänglich⸗ keit hervorgehe. Dagegen wurde, während der Tod ſeines Kindes ihm als traurige Ge⸗ wißheit vorſchwebte, das Verlangen nach Wiederanknupfung eines befreundetern Ver⸗ haltniſſes mit der entfernten Schweſter im⸗ mer lebhafter in ſeinem Innern; bis er end⸗ lich den oft beſchloſſenen ernſtlichern Verſuch, das Zutrauen der Gekränkten neu zu gewin⸗ nen und ſie zur Ruͤckkehr nach dem Schloſſe zu bewegen, nicht—— ver⸗ mochte. er in gedachter Abſicht an ſie erließ und ver⸗ mittelſt welcher er ihr, unter Schilderung des Unfalles, den er erlitten, ſeine Wuͤnſche ans Herz zu legen ſuchte, daß ſie, auch bei dem beſten Willen, ihre Ruhe und Zufriedenheit einem vielleicht nur launenhaft vorubergehen⸗ den Einfalle aufzuopfern, ihren gegenwärti Sophie erwiederte uf die zuſchrift, die — — 99— gen Aufenthaltsort, an welchen ſie durch zu heilige Pflichten ſich gefeſſelt finde, fuͤr jetzt mit keinem andern in der Welt zu vertauſchen im Stande ſei. Schwankende und in räth⸗ ſelhaften Ausdrücken abgefaßte Vertroſtungen auf die Zukunft waren dieſem, mit der ent⸗ ſchiedenſten Beſtimmtheit und Feſtigkeit aus⸗ geſprochenen Beſcheid hinzugefuͤgt. Den Baron verdroß die einlaufende ab⸗ ſchlägige Antwort um ſo mehr, je zuverſicht⸗ licher er, im Vertrauen auf Sophiens ſanfte nachgiebige Semuͤthsart, bereits ihrer per⸗ ſoͤnlichen Ankunft auf dem Schloſſe entgegen⸗ geſehen und zur Anordnung der von ihr in Beſitz zu nehmenden Zimmer die erforderlichen Anſtalten getroffen hatte. Er verbiß jedoch ſeinen Aerger und Unmuth, und fuͤhlte ſich weder geneigt, mit Erneuerung ſeines An⸗ liegens weiter in ſie zu dringen, noch ihr ſeine Empfindlichkeit uͤber den kaltſinnigen Gleichmuth, mit welchem ſie ſein freunliches Anerbieten aufgenommen, zu erkennen zu geben. Mit keiner Sylbe wurde dieſer An⸗ „* — 100— gelegenheit mehr gedacht und es krat zwiſchen beiden Geſchwiſtern wieder das gewohnte nbe ein. Richt im Gefühl nein Grolles wegen fruherer Beleidigungen, noch aus Trotz und Eigenſinn war indeſſen von Sophien die Einladung zur Wiederheimkehr abgelehnt und zuruͤckgewieſen worden. Daß ſie durch wichtigere, jeden anderweitigen Wink und Ruf uͤberwiegende Ruckſichten an den Ort ihres Aufenthaltes gebunden zu ſein verſi ſcherte, waren keine bloß leeren und gehaltloſen Aus⸗ fluͤchte. Sie hatte in der That Verpflich⸗ tungen und Obliegenheiten uͤbernommen, die, eine ausſchließliche Sorgfalt und Aufmerk⸗ ſamkeit erheiſchend, eben ihre ganze Seele beſchaftigten; welchen ſie aber in der Nähe des Bruders gerade am allerwenigſten Gnuͤge zu leiſten vermocht hätte. Sie war es näm⸗ lich, welcher man, einer ſtillheimlichen Ueber⸗ 3 einkunft gemäß, den im Schloßgarten geraub⸗ ten Knaben uberbracht hatte. Zu ihr, deren — — — 107— Huld und Herzensgute im dankbaren An⸗ denken ihrer ehemaligen Schuͤtzlinge fortlebte, hegte man das Vertrauen, daß ſie die kuhn⸗ unternommene, von der hoffnungsloſen Ver⸗ zweiflung eingegebne und auf das kuͤnftige Heil der armen Unterdruͤckten abzielende Ge⸗ waltthat mit ſchonenden Augen betrachten, die Erreichung des beubſichtigten Zweckes durch verſchwiegenen und thaͤtigen Beiſtand befoͤrdern helfen, den zarten noch unverdorb⸗ nen Sinn des Kindes zum Guten und Edlen lenken und dem jugendlichen Gemuͤth ihre eignen liebreichen Geſinnungen und Gefuͤhle einfloßen werde; damit man unter dem Drucke des laſtenden Joches ſich wenigſtens an der Ausſicht erquicken duͤrfe, daß der jetzt waltende liebloſe Gebieter ſeinen Platz fruͤher oder ſpäter einem Rachfolger einräume, der durch Erziehung und Beiſpiel mit beſſern Lehren bekannt geworden und menſchlich geſinnt ſei. Der zuverſichtliche Glaube an Sophiens verſchwiegne Billigung und theilnehmende Hülfe fand ſich nicht getäuſcht. Mit der Zärtlich⸗ keit einer liebenden Mutter drückte ſie das ihr anvertraute, ſchon durch die Bande des Blutes und der Natur ihrem Herzen ſo nah geſtellte Kind an die klopfende Bruſt, benetzte ſein arglos lächelndes Geſicht mit Freuden⸗ thränen und erhob die gerührten, redliche Er⸗ füllung des ihr ubertragenen ſchoͤnen Berufes angelobenden Blicke zum Himmel empor, der mit huldreicher Fuͤgung das Schickſal des Knaben in ihre Hand gelegt hatte, bevor in der jungen Seele der Keim des Verderbniſſes und der Verwahrloſung noch Wurzel zu faſſen vermochte. Mit ungetheiltem wachſamen Eifer widmete ſie ſich von dieſem Augenblick an der Erzichung und Ausbildung des kleinen Lieblings, deſſen kindliche Zuneigung ſie durch die Guͤte und Freundlichkeit ihres Venehmens gar bald im vollſten Maaße gewonnen hatte. Auch Ulrich und Thomas, deren trauriges Schickſal die innigſte Theilnahme der Ge⸗ fuͤhlvollen erregte„ wurden, nachdem ſie ſich ihres Geſchäfts entledigt, nicht ohne Troſt und Hülfe von ihr entlaſſen. In edelmüthi⸗ — 103— ger Furſorge ſuchte ſie den beiden unglück⸗ lichen Fluͤchtlingen, zur Entſchädigung fuͤr die erlittenen Leiden und Drangſale, ein neues beſſres Unterkommen zu verſchaffen⸗ vermittelſt deſſen ſie gegen den Mangel und das Ungemach der vergangenen Tage ſich voll⸗ kommen geſichert fanden.— Ein Zeittaum von zwoͤlf Jahren war nach dieſen Auftritten und Ereigniſſen all⸗ mählig verfloſſen. Zeichen und Merkmale des in fruͤhern Zeiten gefuhrten wuͤſten und un⸗ regelmäßigen Lebenswandels, Anfälle von Gicht und Podagra, hatten mittlerweile bei dem Baron ſich eingefunden und wußten mit läſtiger aber unabwendbarer Zudringlichkeit ihre Anſpruͤche in ſolchem Grade geltend zu machen, daß er oft mehrere Wochen nach einander das Lager zu huͤten ſich genöthigt fand. Der duͤſter in ſich ſelbſt gekehrte wort⸗ karge Ernſt, der auch in geſunden Tagen ſein unzertrennlicher Begleiter war, pflegte dann in ein ſo muͤrriſches und verdrießliches Weſen uͤberzugehen, daß niemand ihm zu Dank han⸗ deln und mit ihm auszukommen vermochte. Im Dorfe ſelbſt herrſchten, ſeitdem durch die gemilderte Verfahrungsweiſe des Schloßherrn der auf den Einwohnern haftende Dienſt⸗ zwang erträglicher geworden war, ruhige Ord⸗ nung und zufriedner Sinn. Mit redlichem Fleiß war jeder auf Erfüllung ſeiner Schul⸗ digkeit bedacht, und willig und ohne Murren ertrug man die druͤckende Laſt der unverhält⸗ nißmäßig vielen Frohntage, zu deren Ver⸗ minderung ſich der Baron noch immer nicht hatte entſchließen koͤnnen; obgleich er auch hierin auf gemäßigtere Weiſe verfuhr, den Dienſtpflichtigen zuweilen aus freiwilligem Antriebe und nach Beſchaffenheit ſeiner Laune dieſen oder jenen unverhofften Vortheil ge⸗ waͤhrte und einzelne Verſäumniſſe und Ver⸗ nachläſſigungen ungerugt und unbeachtet ließ, die in fruͤhern Zeiten in unerbittlicher Strenge vor Gericht gezogen und mit den Se Strafen belegt worden waren. Dlbach⸗ Reibolds„auf vn ——— ——— — 108— ſich ein Theil der Gunſt vererbt hatte, in welcher ſeine nun längſt verſtorbne Mutter in den Jahren ihrer Bluͤthe bei dem Baron geſtanden, verwaltete gegenwärtig die Stelle ſeines Vaters, welcher wegen Alterſchwäch⸗ in Ruheſtand verſetzt worden war. Sein auf blutigem Wege verfolgter Zweck war nicht unerreicht geblieben. Er hatte, nachdem der Nebenbuhler meuchlings an die Seite ge⸗ räumt und ſeine eigne häusliche Lage feſter begruͤndet worden war, kein Hinderniß ge⸗ funden, der brennenden Begierde ſeines In⸗ nern Gnüge zu thun und die Geliebte als Braut heimzufuͤhren; auf den Taumel der bis zum Frevelmuth verblendeten Leidenſchaft war jedoch eine hochſt ungluͤckliche Ehe erfolgt. Olibach lebte mit ſeiner Frau, deren Beſitz er um einen ſo furchtbaren Preis erkauft hatte, in unabläſſigem Zank und Streit. Nur die Furcht vor dem Baron hielt ihn von einer eigenmächtigen gewaltſamen Wie⸗ derauflöſung des verhaßten Bandes zuruckz dagegen war er mit geſchäftigem Eifer dar⸗ — 106— auf bedacht, den Groll und Unmuth uber die Beſchaffenheit ſeiner häuslichen Verhältniſſe, ſo wie die von Zeit zu Zeit erwachenden quä⸗ lenden Vorwuͤrfe ſeines Gewiſſens, durch den Genuß geiſtiger Getränke zu bekämpfen und zum Schweigen zu bringen.— Die Schloßbruͤcke war ſchadhaft geworden und drohte den Einſturz. Um den fuͤr noͤthig erachteten bedeutenden Bau beginnen zu kon⸗ nen, mußte zuvoͤrderſt das am untern Ende der Bruͤcke befindliche große und ſchwere Fluͤ⸗ gelthor aus ſeinen Angeln gehoben und zur Seite geſchafft werden. Ollbach, unter deſſen Aufſicht und Leitung die Bewerkſtelligung des Ganzen ſtattfinden ſolete, ſtand anordnenden Winkes dabei, als die Arbeiter ſich mit den zum Bau erforderlichen Vorkehrungen zu be⸗ faſſen anfingen. Das zaudernd bedächtige Weſen, womit man das unternommene Ge⸗ ſchäft betrieb, und die lautwerdende Bemer⸗ kung, daß man, um glucklich damit zu Stande zu kommen, noch mehrerer Gehuͤlfen beduͤrfe, machten ihn ungeduldig; ſich heftig ereifernd — 107— uͤber ſolcher Trägheit und Ungeſchicklichkeit, legte er ſelbſt Hand an, und in dem näm⸗ lichen Augenblick begann das Thor dröhnend aus ſeinen Fugen zu wanken. Unvermoͤgend, der abwaͤrts drängenden Wucht und Schwere Widerſtand zu leiſten, wich mit angſtvoller Behendigkeit alles aus dem Bereiche deſſelben zuruͤck; nur der halbberauſchte Ollbach verlor das Gleichgewicht, ſtuͤrzte zu Boden, und der rieſenförmige, aus altem Kernholz gezimmerte und durch eiſerne Klammern verbundne Thor⸗ flugel, hinter welchem er einſt in moͤrderiſcher Abſicht auf den Leibjäger gelauert, mit zer⸗ malmender Gewalt uͤber ihn hin. In eifervoll vereinter Kraft und Wirk⸗ ſainkeit ſuchte man den Verungluͤckten von der auf ihm ruhenden Schreckenslaſt zu be⸗ freien. Sein Anblick erregte Schaudern und Entſetzen! Die Beine waren ihm zerſchmettert, die Bruſt todtlich gequetſcht und zuſammen⸗ gepreßt, ſein erbleichtes Geſicht vom Ausdruck des wilden gräßlichen Schmerzes verzerrt und entſtellt; doch athmete er noch mit vollem — 108— Bewußtſein.„Gottes Strafgericht!“ begann er mit leiſer ächzender Stimme.„Mir ge⸗ ſchieht, wie ich verdient habe! Laßt euer Be⸗ dauern und ſchafft mich nach Hauſe!“— Sorgſam und vorſichtig hob man ihn in die Hoͤhe, und waͤhrend einer der Anweſenden nach dem Dorfbader rannte, ein andrer aber ſich aufs Pferd warf und davon ſprengte, um einen bewährten Wundarzt aus dem Städt⸗ chen herbeizuholen, ward er von dem Unglůcks⸗ orte hinweg nach ſeiner nahgelegenen Woh⸗ nung getragen.„Bleibe mir aus den Augen!“ rief er mit Zuſammenraffung der dahin ſchwin⸗ denden Kraͤfte ſeiner Frau zu, die erſchrocken dem Trauerzuge entgegen gelaufen kam.„Vom zeitlichen und ewigen Verderben wär⸗ ich ver⸗ ſchont geblieben, hätt⸗ ich dich nie gekannt und geſehen!“— Keiner der Hulfsbefliſſenen vermochte den eigentlichen Sinn dieſer Worte ſich zu erklären und auszudeuten; doch er⸗ fuͤllte ſchon der bloße Ton, in welchem ſie vorgebracht wurden, die mit Grauen und Vangigkeit. Elinige Stunden ſpäter fand der aus dem Städtchen herbeigerufene Wundarzt ſich ein. Mit theilnehmender Miene ſaß der Baron am Lager des Leidenden und ſuchte in freiern und ruhigern Augenblicken ihm Muth und Troſt zuzuſprechen. Der alte greiſe Schloß⸗ vogt ſchlich und wankte ſtiljammernd in der Stube umher; die beſturzte Hausfrau aber, deren Anblick den Kranken in ſo ſichtbare und heftige Gemuͤthserſchuͤtterung verſetzte, hatte, dem Drange der Nothwendigkeit ge⸗ horchend, ſich nach einem entfernten Fenſter zurückgezogen, wo ſie, das Kinn auf die ge⸗ falteten Hände ſtuͤtzend, lautlos und mit dem Anſchein gaͤnzlicher Vetäubung vor ſich hin⸗ ſtarrte. „Iſt noch Huͤlfe zu hoffen?“ unterbrach der Baron mit geſpannter Erwartung das duͤſter muthloſe Stillſchweigen, in welches der Wundarzt verſank, nachdem er den Zuſtand des Unglucklichen genauer gepruͤft und unter⸗ ſucht hatte. „Nein!“ verſetzte dieſer, indem er vom Bett zuruͤcktrat und ſi h von der Stirn trocknete. Ollbach, der den Ausſyruch dirtomiti heftete einen forſchenden Blick auf den Wund⸗ arzt.„Wie lange kann es noch mit mir Sm begann er zu fragen. „Wohl ſchwerlich— war die Antwort. „So ergieb dich„ſagte der wir mit männlicher Standhaftigkeit in dein Schickſal! Suche mit dir ſelbſt ins Reine zu kommen, um in Frieden den Weg zu wandeln, auf welchem wir alle fruͤher dder ſpäter dir nach⸗ folgen muͤſſen! Haſt du noch ſonſt einen Wunſch, ein Anliegen auf dem Perienſ erkläre dich!“ Ein trampfhaftes Zucken erſug das Geſicht des Kranken, mit Angſt und Ver⸗ zweiflung erfullten ſich ſeine Mienen, Todes⸗ froſt durchrieſelte ſein Innerſtes und die Zähne klapperten ihm im Munde.„Ja, es iſt nicht anders!“ ſchrie er auf.„Ein Fel⸗. ſenklumpen liegt auf meiner Seele, der drängt und preßt und druͤckt ſie hinunter in den Ppfuhl der ewigen Verdammniß! Reibold! Seht, dort ſteht er mit grinſendem Lächeln und nickt und winkt mir zu und zeigt fort und fort mit der Hand auf die Stelle, wo er den Streich erhielt, der ihn zu Boden ſtreckte! Gieb dich zufrieden, du Nachtge⸗ ſpenſt mit dem blutigen Hirnſchädel! mir iſt ja ſchon vergolten worden, ganz nach Ge⸗ buͤhr!“ „um aller Heiligen willen!“ rief der Ba⸗ ron mit dem Ausdruck des toͤdtlichſten Ent⸗ ſetzens.„Ungluͤcklicher, deine Minuten ſind gezählt! Suche dich zu faſſen! Wahnſinn und Fieberhitze ſprechen aus dir. Werde wieber Herr deiner ſelbſt und wende die unſtät um⸗ herſchweifenden irren Gedanken auf den ern⸗ ſten Augenblick, der dir bevorſteht! Ueberlege, was du ſo eben geſprochen haſt, bedenke, was du auch noch im Tode dir ſelbſt ſchuldig biſt und nimm die ſchreckliche Ausſage zuruͤck!“ „Nein, Herr Baron!“ fuhr der Geäng⸗ ſtigte fort, nachdem er wieder zu Athem ge⸗ kommen war.„Der Geiſt iſt mir nicht ver⸗ wirrt und verdunkelt; ich habe nicht im Fie⸗ berwahn geredet. Eine gräßliche aber un⸗ widerrufliche Wahrheit kam von meinen Lip⸗ pen! Ich, und kein andrer war es, der den Leibjäger erſchlug. Von Eiferſucht gereizt und verblendet, beging ich die Mordthat; aber keinen Mitwiſſer noch Gehulfen habe ich dabei zur Seite gehabt. Ulrich hat die Mißhandlungen, die ein falſcher Argwohn ihm zuzog, unſchuldig erlitten! Weder er, noch ſein Schwager hatten nur den minde⸗ ſten Theil an dem begangenen Verbrechen. Auf mir allein haftet die Blutſchuld! mich allein trifft die Verantwortung! mir gnädig!“ Von Koͤrperſchmerz und Seetunul in gleichem Grade gepeinigt, vergrub er ſein todtbleiches Geſicht in das Kopfkiſſen und ein dumpfes wimmerndes Aechzen war das einzige Lebenszeichen, das noch an ihm ſich vermerken ließ. Der Baron ſtand von ſei⸗ nem Seſſel auf und entfernte mit tiefem — — 113— Stillſchweigen ſich aus dem Gemach. Wenige Augenblicke nachher ſtellte der Prediger des Dorfes ſich ein. Ihm wiederholte per Kranke, mit genauer Erörterung aller nähern Um⸗ ſtände, das Bekenntniß ſeines Verbrechens. Mit hereinbrechender Abenddämmerung ver⸗ ließen ihn Sprache und Bewußtſein. Gegen Mitternacht that er einen lauten Schrei und war verſchieden. 3. In der Fruͤhe des andern Morgens ſaß der Baron an ſeinem Pult und beſchäftigte ſich mit der Durchſicht verſchiedner Papiere, die ihm der Gerichtöſchreiber uberbracht und vorgelegt hatte. In einiger Entfernung hinter ihm ſtand mit ruhig harrender Ge⸗ berde Claus Walter, der ſo eben von der Feldarbeit hinweg nach dem Schloſſe beſchie⸗ den worden war. Nach einer Weile wandte der Baron ſich nach ihm um, winkte ihm, näher zu treten und ſagte:„Ollbach iſt, wie du bereits wiſſen wirſt, in letztverwichener Nacht an den Folgen ſeines geſtern erlittenen II. Vd. 8 — 114—— Unfalles verſtorben. Ich wuͤnſche die Stelle, die er verwaltet hat, durch einen nicht bloß thätigen, ſondern auch rechtlichen Mann zu beſetzen und habe daher beſchloſſen, dich zu ſeinem Nachfolger zu ernennen. Du trittſt von heut an in ſeine Geſchäfte und zugleich in den ungeſchmählerten Genuß aller damit verbundnen Einkuͤnfte und Vortheile!“ „Gnädiger Herr! ich weiß vor Erſtaunen nicht, was ich ſagen ſoll!“ rief der Beſturzte. „Wodurch habe ich einen ſolchen Vorzug ver⸗ dient? Schon ſo viele Jahre hindurch haben Sie mich und die Meinigen mit Wohlthaten uberhäuft, und jetzt wollen Sie gar—“ „Schweig und bekrittle nicht, was ich an⸗ zuordnen für gut finde!“ unterbrach ihn jener mit ſtrenggebietendem Ernſt.„Rechtfertige fernerhin das Vertrauen, das ich dir zeither geſchenkt habe; dann wirſt du eben dadurch mir deinen Dank beſſer beweiſen, als es durch Worte geſchehen kann, und damit Punktum!“ Ein Diener trat herein und vermeldete, daß der alte Schloßvogt ſich draußen in der Vorhalle befinde und um Verleihung eines kurzen Gehörs flehentlich erſuche.„Laß ihn hereintreten!“ ſagte der Baron, indem er auf bemerkliche Weiſe ſich Zwang anthat, ein widriges Gefühl zu bekämpfen, daß bei die⸗ ſer Anzeige in ſeinem Innern ſich regte. Vom Alter entkräftet und tiefer noch vom Gram und Kummer darniedergebeugt, erſchien der Greis, erhob, ſobald er ſich im Zimmer befand, das zur Bruſt herabhängende zitternde Haupt und äußerte, daß er gleichfalls zur Be⸗ friedigung ſeines Gewiſſens erſt noch ein Be⸗ kenntniß abzulegen habe, bevor er aus dem Leidenskampf zur ewigen Ruhe eingehen Der Baron fuhr erſchrocken zuſammen. „Auch eine Mordthat?“ rief er in der pein⸗ vollſten Erwartung. Nein!“ verſetzte jener mit feſtem Ton. „Nur hier, nicht ienſeits kann vie von mir veruͤbte Handlung als Verbrechen angeſehen und beſtraft werden! Wenn Sie mir ver⸗ zeihen, was ich gethan; der Rechenſchaft vor 8 — 1I16— dem hoͤhern Richter darf ich getroſten Muthes entgegen gehen. Und jetzt begann er um⸗ ſtandlich zu berichten⸗ wie er es geweſen, der, von Mitleid ergriffen, einem ſtillgefaßten Vorſatze gemäß und ohne alle Beihülfe, die äußere Mauer des unter dem Schloßthurmt beſindlichen Gefüngniſſes an einer ihm be⸗ tannten zugänglichen Stelle bei nächtlicher Weile gewaltſam durchbrochen habe, um dem eingekerkerten Ulrich, dem jedoch der Name ſeines Retters, wie jedem andern, ein Ge⸗ heimniß geblieben ſei, zur Freiheit zu ver⸗ Verſtummend wandte der Varon ihm den Ruͤcken zu, trat ans Fenſter und blickte, die flache Hand gegen die gluͤhende Stirn ge⸗ preßt/ nach der entfernten Feldfläche hinaus. In den heftigſten Kampf mit ſich ſelbſt ge⸗ rieth ſein innerſtes Weſen, wilv und regellos durchkreuzten ſich die Gedanken; er wußte nicht, ob er die eben eingeſtandne eine Unge⸗ rechtigkeit hemmende, einen rachſuͤchtigen Plan unterſtutzende That loͤblich oder haſſens — P— werth finden, ob er ſie ſegnen oder ver⸗ wuͤnſchen ſolle. Enblich begann der Sturm ſich zu legen; ein erheiternder Lichtſchimmer ſiel, die feindliche Verwirrung löſend, in den umdunkelten Geiſt, und das Gefuͤhl der ver⸗ zeihenden Milde gewann die Oberhand. „Beruhige dich, alter Mann!“ ſagte et. „Du gehſt dem Grabe zu und biſt ihm ſeit geſtern, wie dein Anblick lehrt, um ein gar Bedeutendes näher gekommen! Getrauſt du dich, jenes Unternehmen vor dem höhern Richter zu verantworten, ſo ſoll auch aus meinem Munde kein Vorwurf dich treffen. Ich vergebe dir, und ſorgenfrei, wie ich es früher dir zugeſichert, ſoll auch jetzt noch der Reſtedeiner Lebenstage ſein und bleiben!“— Nach Ertheilung dieſer Zuſage verſchloß er den Schreibtiſch, begab ſich in ein Neben⸗ zimmer und kam nicht eher als des Nuchmit⸗ wieber n Vorſchein. Virr Wneß als eines Abends der Baron ſich eben mit einigen Hausvätern aus dein Dorfe über die Feier des bevor⸗ ſtehenden Aerndtefeſtes beſprach„ hoͤrte man das Geräuſch eines Wagens, der über die Bruͤcke nach dem Schloßhofe daherrollte und am Eingange des Gebäudes ſtillhielt. We⸗ nige Augenblicke darauf ward die Thuͤr des Zimmers geoͤffnet.„Schweſter Sophie!“ rief der Baron, indem er, die Eintretende erken⸗ nend, ihr freudig betroffen die Arme entge⸗ genſtreckte. Darf ich meinen Augen trauen? Endlich erfullſt du meinen Wunſch! Endlich, Eigenſinnige! Wie ſehr habe ich mich nach dir geſehnt! Wie du warten Mit dem Gefuhl der ienigſten Nührung ſchaute Sophie, während die Zeugen dieſes Auftrittes ſich ehrerbietig entfernten, ihm in das blaſſe leidende Geſicht. Auffallend fand ſie ſein ganzes Weſen verändert. Die in fruͤhern Jahren ihm eigen geweſene hohe kräf⸗ tige Geſtalt war kümmerlich in ſich ſelbſt zu⸗ ſammengeſunken, das wilde Feuer ſeines Blik⸗ pes war erloſchen; vielfache widrige Erfah⸗ rungen, herannahendes Alter und fortwah⸗ rendes Kränkeln hatten ihm den Muth ge⸗ lähmt und gebrochen; die allmählige Umſtim⸗ mung ſeines Gemuͤthes hatte mit unverkenn⸗ baren Spuren auch auf ſein Aeußres ſich fortgepflanzt, ſeine Züge waren ſanfter und milder geworden.— Es währte geraume Zeit, bevor Sophie von der wehmuͤthigen Ueber⸗ raſchung, in welche ſein Anblick ſie verſetzt hatte, ſich zu erholen und auf ruhigere Weiſe ihm zu erklären vermochte, daß ſie mit ihrer Ankunft keinen bloß flüchtigen Beſuch zur Abſicht habe, ſondern gekommen ſei, um ſich niemals wieder von ihm zu trennen. „So magſt du nur, wenn wir unſers er⸗ neuerten Umganges froh werden ſollen, mit recht geſchäftigem Eifer deine Kunſt an mir verſuchen!“ fuhr jener fort.„Vielleicht daß unter deiner pflegenden Hand die Sahl der Tage ſich vermindert, die ich von Zeit zu Zeit, mir ſelbſt und andern zur Laſt, auf dem Krankenlager zuzubringen genöthigt bin!“ „Wenigſtens biſt du, zur Schadloshaltung — 120— fuͤr koͤrperliche Leiden,“ verſetzte Sophie,„dar⸗ auf bedacht geweſen, dir in einem ruhigen und zufriednen Bewußtſein die ächte Heiter⸗ keit des Geiſtes zu verſchaffen! Wie konnte ich dir die Empfindungen beſchreiben, die ſich meiner bemächtigten, als der Weg mich durch das Dorf fuͤhrte! Schwer ward es mir, es wieder zu erkennen! Wohin ich meine Augen wandte, blickten vergnuͤgte fröhliche Geſichter mir entgegen. So war es ſonſt nicht der Fall! Bruder, das kann dir niht unvergolten bleiben!“ „Eben ſo wenig dir als mit ſelbſt darf ich verhehlen, daß ich in frühern Zeiten gar manches verſaͤumt habe, was ich jetzt nicht mehr nachzuholen im Stande bin!“ ſagte der Varon.„Zu ſpät habe ich an ein durchaus verſtuͤmmeltes Werk die beſſernde Hand zu legen angefangen? es völlig in Ordnung zu bringen, muß einem andern vorbehalten blei⸗ ben. Mein Egidius wäre nunmehr ſechszehn Jahr alt; der haͤtte Zeit dazu gehabt!“ Seine Mienen verdüſterten ſich; er druͤckte —¼— der Schweſter mit ſchmerzlicher Innigkeit die Hand, und begann den ſchwermüthigen Em⸗ pfindungen nachzuhängen, welche bei Beruͤh⸗ rung dieſes Gegenſtandes ſich unwiderſtehlich ihm aufdrängten. In angelegentlicher Sorg⸗ falt, aber mit nur geringem Erfolge, ſuchte Sophie durch Einlenkung auf anderweitige Verhältniſſe und Vorfälle ihn zu zerſtreuen und aufzumuntern; er kam im Fortgange der Unterhaltung ſtets auf den Verluſt wieder zurück, der, die liebſten Hoffnungen zerſtörend, eine unverſiegbare Quelle des Kummers und Unmuths fur ihn geworden war. „Da ſiehſt du nun ſelbſt, Schweſter, welch ein verdrießlicher Murrkopf ich geworden bin!“ ſagte er, als beide ſpät am Abend ſich trenn⸗ ten, um zur Ruhe zu gehen.„Jetzt haſt du wohl bereits gemerkt, welcher Grad von Langmuth und Geduld dazu gehoͤren wird, um den täglichen Umgang mit deinem gräm⸗ lichen launiſchen Bruber nur einigetmaßen⸗ erträglich finden zu können!“ „Ich will es getroſt mit dir verſuchen; — 122— denn ich hoffte dich von dieſem Uebel binnen wenigen Tagen völlig hergeſtellt zu ſehen!“ entgegnete Sophie im Vertrauen auf die Un⸗ trüglichteit des ihr zu Gebot ſtehenden Heil⸗ mittels. Der Baron zuckte mit unglaͤubiger Miene die Achſeln, und beide ſchieden von einander. Heitern Glanzes hatte der Tag ſich ver⸗ klärt, an welchem, den ertheilten Verfügungen gemäß, die Feier des Aerndtefeſtes ſtatt fin⸗ den ſollte. Der zu dieſem Zweck beſtimmte, zwiſchen den herrſchaftlichen Wirthſchaftsge⸗ bäuden befindliche, von hohen Lindenbäumen beſchattete Raſenplatz wimmelte bereits von Theilnehmern jung und alt, die aus allen Gegenden des Dorfes herbeigeſtrömt waren. Dem lockenden Winke des Vergnügens hatte jede Bruſt ſich geöffnet, und ein ſtillfreudiges Hoffen und Erwarten ſpiegelte ſich in den Mienen und Blicken; denn ſchon laͤngſt wußte man durch Claus Walters vorlaͤufig mitge⸗ theilten Bericht, welche wohlthätig über⸗ — 123— raſchende Handlung der Schloßherr mit der diesjährigen Begehung des i verbinden geſonnen ſei. e Jetzt näherte, vom langen Zuge der Schnit⸗ ter und Schnitterinnen begleitet, unter Ge⸗ ſang und Klang, ſich der mit den letzten Gar⸗ ben des Feldes beladene und mit Blumen und Bändern verzierte Getreidewagen dem Orte ſeiner Beſtimmung und hielt, vom Jubel der harrenden Menge begruͤßt, ſeinen Einzug. In dem nämlichen Augenblick kam der Baron am Arme der Schweſter langſam bedächtigen Ganges von der Seite des Schloſſes daher, nickte der Verſammlung, die jetzt in eben dem Grade ſeines Anblicks ſich freute, wie ſie ſonſt bei demſelben gezittert, ſchweigend ſeinen Gruß zu und nahm den im Linden⸗ ſchatten fuͤr ihn angeordneten Ruheſitz ein. Der Prediger des Ortes hielt eine, der Feier des Tages angemeſſene Rede. Nach Beendigung derſelben aber trat der Gerichtsverwalter hervor, entfaltete ein Papier, und las mit heller kräfti⸗ ger Stimme folgende Worte: „Ertheilter Weiſung und Vollmacht ge⸗ mäß, wird es mir nunmehr zur erfreulichen Pflicht, einer hier verſammelten Dorfgemeinde kund zu thun, daß unſer gnadiger Herr, mit williger Zurückſetzung des eignen Vortheils und von dem lebhaften Verlangen beſeelt, der Wohlfahrt und Zufriedenheit ſeiner Unter⸗ thanen jeden in ſeiner Macht ſtehenden Vorſchub zu leiſten, ſich zu Anſtellung des Probeverſuches bewogen gefunden hat, in wie weit die Gewährung eines mehrfach und zu verſchiedenen Zeiten geäußerten Wunſches, der Erreichung jener ihm vorſchwebenden Zwecke dienlich und forderlich zu werden im Stande ſei. Es ſind demzufolge fuͤr das nächſtkom⸗ mende volle Jahr, vom heutigen Tage ge⸗ rechnet, ſämmtliche gerichtsherrliche Frohnen ohne Ausnahme und Unterſchied, jedoch mit dem Vorbehalt erlaſſen und aufgehoben, daß die wohlbegründeten Anſpruͤche auf dieſelben, nach Ablauf det eben gedachten Zeitfriſt, wie⸗ der in ihre ganze Kraft und Gültigkeit tre⸗ ten und fernere Verfügungen und Beſtim⸗ mungen ſodann dem eignen freien Gukachten des Herrn Baron anheimgeſtellt bleiben. Die⸗ jenigen, welche den bisher aus Pflichtzwang vollbrachten Arbeiten ſich hinfuͤhro gegen Ta⸗ gelohn zu unterziehen geſonnen ſind, haben zur Angabe ihrer Willensmeinung ſich binnen drei Tagen auf dem Amt allhier zu melden.“— Von lautem Jauchzen und Jubeln erfuͤllte ſich die Luft; mit fröhlichem Ungeſtuͤm drängte ſich alles herbei, und im Nu ſah der Barvn ſich von dem wogenden Volkshaufen ſo eng umringt und eingeſchloſſen, daß ihm die Dank⸗ ſagungen, mit welchen man ihn uͤberhäufte, ſchier zur peinlichen Laſt zu werden anfingen. Da nahm Sophie das Wort und ſagte? „Den wahren Lohn fuͤr dieſe wohlthätige Handlung, mein geliebter Bruder, findeſt du freilich im eignen Herzen; aber erhoͤhen und verſchoͤnern wird ihn ein Gegengeſchenk, das ich im Namen deiner gluͤcklichen Unterthanen dir mache. Ruͤſte dich mit Geiſtesſtärke zur Empfangnahme eines längſt aufgegebenen un⸗ erwarteten Gluͤckes! Dein Sohn, dein Egi⸗ — 126— dius nebt! Breite die vůterlichen Arme. er iſt dir nahe!“ In dieſem Augenblick theilte ſi 3 der zit fen. Ein ſchlanker wohlgebildeter Juͤngling, mit blonden Locken und die Farbe der Ge⸗ ſundheit auf den friſchbluͤhenden Wangen, kam in zitternder Ungeduld dahergeeilt, öff⸗ nete die Lippen zum Bewillkommnungsgruß der zärtlichen Liebe, und lag mit Freuden⸗ thränen an der des und ⸗ Vaters. 64 6i „Nimm ihn aus meinen Händen zrlut⸗ ſr jene zu ſprechen fort.„Ich habe ihn dir erzogen, und mit dem gluͤcklichſten Et⸗ folge hat die treue Sorgfalt ſich belohnt, die ich auf ſeine Ausbildung verwandt habe; denn er iſt ein edler Menſch geworden. Mit freu⸗ digem Herzen wird er jetzt und tütftis alle zum Beſten deiner Unterthanen gereichenden Handlungen der Großmuth und Milde beför⸗ dern und unterſtützen. Ich hafte fuͤr ihn! Dir uͤber alle einzelne Punkte dieſes uber⸗ raſchenden Ereigniſſes Licht und Auskunft zu — 127— athrilen mag einer tuhigern S6 vor⸗ behalten bleiben!“ 1 Sprachlos vor Erſaunen pielt der Ba⸗ ron den Wiedergefundenen mit der einen Hand feſt an ſein Herz gedruͤckt, während er mit der andern in verlangender Sehnſucht nach dem Schloſſe hindeutete. Man mußte ſeinem Wunſche ſich fuͤgen. Arm in Arm mit den Seinigen trat er aus dem lauten Getuͤmmel und Gedränge die Wanderung an, um daheim in der ſtillen Behauſung vor allen Dingen uͤber den Zuſammenhang des ihm widerfahrnen, unerwarteten und unbe⸗ greiflichen Gluͤckes zur uͤberzeugenden Klar⸗ heit zu gelangen. Als er aber einige Schritte gethan hatte, wandte er mit freudenvoller Geberde nach der zuruͤckbleibenden Menge ſich um und ſagte:„Wir finden uns bald wieder bei euch ein! Beginnt unterdeſſen den Aerndtetanz und uberlaßt euch aus Her⸗ zensgrunde dem Jubel und Vergnuͤgen! Was der Gerichtsverwalter euch geleſen hat, ſoll gultig ſein fuͤr zehn Jahre!“— Auf's neue begann die Muſik zu er⸗ tönen; im Wonnerauſch des befriedigten Sehnens und Hoffens begegneten ſich die Blicke, und aus den luſterfuͤllten Gemuͤthern ſtiegen Segenswuͤnſche und Dankgebete jun — empor. . „ 1 1 d„eit „Eine wahre Sünde und Schande, daß man in einem fort ſo mörderiſch auf einander los⸗ paukt!“ rief der alte Felbhütet Tobias, in⸗ dem er, dem Gaſhof zum grünen Hirſch ge⸗ genüber⸗ unter dem Lindenbaume platz nahm und in Geſellſchaft mehrerer“ unpakteiiſcher Zuſchauer neugierig dem Ausgange der blu⸗ tigen Händel entgegen ſah, die mit Anbruch der Dimmerung ſich drinnen in der Schenk⸗ ſtube erhoben hatten.„Kein Stein bleibt auf dem andern, wenn es noch eine Vierkel⸗ ſtunde ſo fott gehr!“ kreiſchte der Leinweber Brankel, der mit Zurucklaſſung des linken heer ins— füchtend, buich das den Feiertag heiligen?“ fußr jenet zu II. Bd. 9 eifern fort.„Verzeih mir's Gott! Kein Wun⸗ der wär' es, wenn Pech und Schwefel vom Himmel ſielen, um dem Frevel ein Ende zu machen, wie es weiland zu Sodom und Go⸗ morha geſchah!“ Der dumpfe Viererpal der Stöße und Streiche, das Geklirr der Fenſter⸗ eiben⸗ und das durchdringende Angſigeſchvei der weiblichen Hausbewohner— alles ſchien darauf hinzudeuten, daß die Wuth und Er⸗ bitterung der Kimpfenden in fortwährendem Steigen begriffen ſei. Stärker und ſtärker ward mittlerweile, da jetzt von allen Seiten Schauluſtige herbeiſtrömten, der Andrang ge⸗ gen den erhoͤhten Sitz des Feldhuͤters, von wo aus der Kampfplatz am gemächlichſten ſich uͤberſchauen ließ. Der Alte ſah ſich, ohne daß ſeine Bitten und Beſchwoͤrungen nur im mindeſten gefruchtet haͤtten, auf das peinlichſte gezwängt und eingeſchloſſ ſen, und wuͤrde der Verſuchung, durch ruſtiges Umherſchlagen mit der Krucke ſich Luft zu verſchaffen, ſicher nicht baben widerſtehen können, wenn anders in — 131— dieſem entſetzlichen Gedränge der freie Ge⸗ brauch ſeiner Gliedmaaßen ihm noch zu Ge⸗ bot geſtanden hätte. Da wurde, als erſtes Opfer des verderblichen Zwiſtes, der Wind⸗ muͤller des Fleckens betäubt und ſinnlos bei der Linde vorbei und nach Hauſe getragen⸗ Ein von kräftiger Fauſt uͤber ſeinem Hirn⸗ ſchaͤdel geſchwungenes Bankbein hatte ihm den Reſt gegeben und ihm alle fernere Theil⸗ nahme an dem Kampfe verleidet. Ihm folgte bald darauf in einem nicht minder bedenkli⸗ chen Zuſtande ſein Stiefbruden, der Waſſer⸗ muͤller, der auf die dienſibaren Schultern zweier Freunde geſtutzt, uber den Marktplatz hinweggeſchleift ward, indem ihm des Blut ſtromweis aus Mund und Naſen hervorquoll. Alsbald ſchien die Hitze des Gefechtes ſich zu vermindern und die ſchon längſt im Stillen gehegte Vermuthung, daß die beiden Muller die erſten Urheber und Anſtifter deſſelben ge⸗ weſen, zur unumſtoͤßlichen Gewißheit zu wer⸗ den. Von den Mitkämpfern entfernte ſich⸗ dem gegebenen Beiſpiel Folge leiſtend, einer 9* ien auch die vor der tit ſich zu— und nach Verlauf einiger Minuten bemerkte man drinnen in der Gaſt⸗ ſtube nur noch den Gerichtſchreiber des Ortes, der mit Abfaſſung eines, uͤber die beſchädig⸗ ten Hausgeräthſchaften ſich erſtreckenden ſchrift⸗ lichen Vetzeichniſſes beſchäftigt, einſam hin⸗ ter dem Tiſche ſaß, während der Wirth mu⸗ ſternd und forſchend umherging und die Auf⸗ merkſamkeit des Dienſtbefliſſenen bald auf dieſen, bald auf jenen Gegenſtand zum Be⸗ huf des Schadenerſatzes zu lenken ſuchte, den er von den Unruhſtiftern zu begehren und kraft obrigkeitlichen Wb . war. Es war eniahe Heiligen, an wel⸗ chem die blutige Schlaͤgerei im grünen Hirſch zum Ausbruch kam. Nach Anleitung des Feſtevangeliums hatte der Pfarrer des Ortes den Sprucht Selig ſind die Fried⸗ fertigen, denn ſie werden Gottes —— Kinder heißen! zum Terte ſeiner heu⸗ tigen Kanzelrede gewählt, und im Fluß der Rede bei dieſer Gelegenheit zu verſchiedenen⸗ malen auf den hartnackigen Zwiſt angeſpielt. der zwiſchen den beiden Muͤllern, zweien der angeſehenſten Einwohner des Fleckens, ſtatt⸗ findend, ſchon längſt ihm ſelbſt und der gan⸗ zen Umgegend ein Gräuel und Aergerniß ge⸗ weſen war. Vergeblich hatte er, mit Be⸗ nutzung aller ihm zu Gebot ſtehenden Mittel, bisher im Stillen darauf hingearbeitet, die ſtörrigen feindſeligen Gemuther mit einander zu vergleichen und auszuſöhnen; ihm blieb jetzt, nachdem ſein redlicher Eifer fortwäh⸗ rend an der ſchnoͤden Widerſetzlichkeit derſelben geſcheitert war, nichts weiter uͤbrig, als die öffentliche Ruͤge und Beſchämung. Leicht war es ihm gleich beim Eingange ſeines heutigen Vortrages anzumerken, daß es damit ganz eigentlich darauf abgeſehen ſei, den beiden Widerſachern das Unchriſtliche ihres gegen⸗ ſeitigen Verhaltens mit eindringlichem Ernſt an das Herz zu legen; ihnen die verderbli⸗ — 134— chen Folgen des Haſſes und der Zwietracht umſtändlich aus einander zu ſetzen, und durch den freimuthigen Eifer, womit er ſie der ganzen uͤbrigen Gemeinde zum warnenden Beiſpiel aufſtellte, das Gefühl der Scham und Reue, den Wunſch nach Verſohnung und Frieden in ihrem Innern zu erwecken. Wie wenig die gutgemeinte Abſicht des eifern⸗ den Seelſorgers ſich des gehofften günſtigen Erfolges zu erfreuen hatte, iſt, durch Hin⸗ deutung auf die blutigen Ereigniſſe im grü⸗ nen Hirſch, dem— bereits kund iih Kir geworden. n Hier fuͤllte ſich, der genohnhelt ghß die geraͤumige Schenkſtube des Rachmittags mit zuhlreichen Biergäſten, unter welchen auch die feindlichen Bruͤder ſich befanden. Durch Wind und Waſſet zur Wöhlhabenheit und mit ihr zu gewichtvollem Einfluſſe auf den minder begüterten Theil der Einwohnet gelangt, hatte jeder von beiden ſeinen beſon⸗ dern Anhang; ſo daß man an Sonn⸗ und Feſttagen nur in die Wirthöſtube zu treten prauchte, um ſogleich von der Beſchaffenheit der Umſtände ſich einen deutlichen Begriff machen zu können. Abgeſondert von einan⸗ der und jede nähere Gemeinſchaft auf das ßrengſte vermeidend, ſaßen hier nämlich an zwei verſchiedenen Tafeln die beiden Par⸗ teien, ihren Gönner und Wohlthäter an der Spitze und zur gegenſeitigen Bezeichnung mit dem ſelbſterfundenen, allgemein verbrei⸗ teten Spottnamen: Waſſerkeſſel und Windbälge belegt. Das geringe Häuf⸗ lein der Neutralen wechſelte mit den Plätzen, lauſchte mit geſpitztem Ohr bald hier bald dort auf Anzuͤglichkeiten und Schmaͤhreden, und ſuchte durch geſchäͤftige Ohrenbläſerei bald an dem einen, bald an dem andern Tiſche die Merkmale der eignen unparteit⸗ ſchen Geſinnung ins gehoͤrige Licht zu ſetzen. Heut, am Feſt aller Heiligen, wo die Gemuͤther durch den obenerwähnten bezugs⸗ vollen Kanzelvortrag mehr als jemals in Spannung gerathen und gegen einander auf⸗ seregt waren, gab es, indem der verhaltne Ingrimm ſich Luft zu verſchaffen anfing, an beiden Enden der Gaſtſtube eine ſo reichliche Ausbeute an Schimpfwörtern und Läſter⸗ titeln, daß ſich die Luft davon hätte verfin⸗ ſtern mögen, und die neutralen Zwiſchenträger, vom uberhauften Stoff zu wichtigen Mitthei⸗ lungen aller Art gedrängt und beſtürmt, den Forderungen des uͤbernommenen Amtes kaum Gnüge zu leiſten vermochten. Sie thaten jedoch, um die glimmenden Funken endlich einmal in lodernde Flammen aufſchlagen zu ſehen, alles, was in ihren Kräften ſtand und nicht lange blieb ihr angeſtrengtes Beeifern ohne gewuͤnſchte Wirkung.„So eben hat der Faßbinder drüben euch einen Schafökopf genannt!“ füſterte es um das Ohr des Rathszimmermeiſters, der zu den Waſſer⸗ keſſeln gehörte, und mit rieſenmäßiger Mus⸗ kelkraft, wie dem dienſigeſchäftigen Einbläſer gar wohl bekannt war, ein ſehr reizbares Ehrgefuͤhl verband.„Ich glaube, der Wind⸗ bals fängt an zt ſicheln“rief aufſpringen — der Entruͤſtete, indem er dem gegenuͤber be⸗ ſindlichen Tiſche ſich näherte, und dem Faß⸗ binder, der mit ſeinem Nachbar ſich eben uͤber Haidekorn und Winterkartoffeln auf das allerfriedlichſte unterhielt, mit geballter Fauſt einen ſo gewaltigen Schlag in das Ge⸗ nick verſetzte, daß die beiden Geſprächs freunde mit den Koͤpfen gegen einander flogen und in Gefahr geriethen, ſich gegenſeitig den Hirnſchäͤdel einzuſtoßen.„Blitz und Arti⸗ ſchocken! Ihr werdet wohl gar grob?“ ſchrie der Faßbinber, indem er verwundert ſich um⸗ drehte und ſeinen Gegner ins Geſicht bekam. Bevor es dieſem jedoch gelang, durch Dar⸗ bierung eines zweiten Streiches den Angriff zu wiederholen, war der Hufſchmidt, ein Schwager des Faßbinders, dem Hinterliſtigen bereits in die Flanke gefallen, hatte mit Löwengewalt ihm die harten knotigen Finger zwiſchen die Halsbinde gezwängt und gab, während das Geſicht des leberfallenen ſich braun und blau zu verfärben anfing, durch fortgeſetztes Drehen und Zerren, zu erken— zu erdroſſeln, im erſprießlichſten Fortſchritte begriffen ſei. Mittlerweile hatte ſi ich auch der Faßbinder von ſeinem Sitze erhoben und indem er mit der ganzen Heftigkeit der in ihm aufgeregten Wuth und Erbitterung auf den Rathözimmermeiſter eindrang, verlor ðie⸗ ſer das Gleichgewicht, fiel der Länge nach nieder und riß auch ſeine ergrimmten Wider⸗ ſacher unaufhaltſam mit ſi ich fort, worauf das Kleeblatt in ununterbrochener Befehdung ſich am Boden umherzuwälzen awng. Sein Sturz war die Loſung zu eben ſo augenblick⸗ lichem als allgemeinem Aufſtande; jeder ſuchte ſich in der Eile, ſo viel es ſich thun ließ, zu Schutz und Trutz zu bewaffnen; Holzpflöcke und Stuhlbeine, Hausſchluſſel und Feuer⸗ ſtähle, ja ſogar Flaſchen und Bierkruͤge muß⸗ ten auf ihre friedliche Beſtimmung Verzicht leiſten, um im wilden, mehr und mehr über⸗ pand neymenden Handgemenge als Werkzeuge des Angriffs und der Gegenwehr ungewohn⸗ ten Dienſt zu verrichten⸗ Vergebens warf nen, daß er bei dem v ſeinen Raub ſich, durch die Bitten und Erkenntlichkeits⸗ verſicherungen des geängſtigten Hauswirths gewonnen, ein aus dem Städtchen gebuͤrtiger, eben auf Urlaub hier anweſender Feldwebel, als Friedensvermittler mit gezogner Stahl⸗ klinge in den dichteſten Haufen, vergebens hieb er, um warnend auf die im Fall der Noth zu ergreifenden ernſten Maaßregeln hinzudeuten, dem Lichtgießer die blanken Stahlknopfe vom Feſtrock ünd dem Lohgerber die breiten Hutränder glatt vom Kopfe hin⸗ weg, vergebens drohte er alles niederzumetzeln und die Schenkſtube in ein blutiges Schlacht⸗ und Leichenfeld zu verwandeln: weder Wind⸗ bälge noch Waſſerkeſſel achteten im geringſten auf ſeine Drohung; eh er ſich's verſah, ent⸗ kräftete ein vom Buchſenſchäfter gefuͤhrter Kernſchlag ihm den erhobnen Arm, das blin⸗ kende Mordgewehr entſank der gelähmten Fauſt und er ſelbſt befand ſich, einzig und allein auf Vertheidigung der eignen Haut beſchränkt, unter den Fuͤßen der erhitzten Streiter. Erſt als nach Verlauf einiger ——————— Zeit der im Stillen herbeigerufene Gerichts⸗ ſchreiber mit der Feder hinter dem Ohr und der Palerroll unter dem Arm zur Thuͤr hereintrat und ſeine durchbohrenden Blicke ſchweigend auf das Kampfgewühl zu heften anfing, ſchienen die Theilhaber deſſel⸗ ben endlich der Thorheit ihres unüberlegten Vorhabens inne zu werden. Was den den⸗ nernden Machtſpruͤchen des Feldwebels miß⸗ gluͤckte, gelang der ſtummen Beredſamkeit, die in der Miene des Gerichtsſchreibers ihren Sitz hatte. Urplötzlich und ohne daß es da⸗ zu irgend einer vorangehenden Verhandlung bedurft hätte, war der Waffenſtilleſtand ge⸗ ſchloſſen; erbangend und erbebend vor den unangenehmen Folgen, von welchen ſämmt⸗ liche Kampfgenoſſen ſich unausbleiblich be⸗ droht ſahen, ſuchte einer nach dem andern ſich von dannen zu ſtehlen. Verwundete, donen fur jetzt der Gebrauch ihrer Fuͤße ver⸗ ſagt war, wurden, ohne weitere Ruͤckſicht auf die Partei, zu welcher ſie gehorten, mit gleich bereitwilliger Sorgfalt nach Hauſe —— und allen denjenigen, die mit unbetäubten, geſunden Sinnen Zukunft und Gegenwart in einigen Zuſammenhang zu bringen vermoch⸗ ten, ging der Gedanke an das ihnen bevor⸗ ſtehende, die Beiſteuer zur geſetzmäßigen Scha⸗ denerſtattung und Strafgebuͤhr betreſſende, richterliche Erkenntniß wie ein vernichtender n durchs Herh Verpältniſe, wie man ſie in Romanen wohl häufig anzutreffen pflegt, fanden hier in der Wirklichkeit ſtatt. Ihnen zufolge hatte der Waſſermuͤller einen einzigen Sohn, Namens Matthias, der mit ſleißiger Hand das vom Vater erlernte Gewerbe betreiben Half, und der Windmuͤller, der nie verehlicht geweſen, eine aus ſeiner Verwandtſchaft an Kindesſtatt angenommene Pflegetochter, Na⸗ mend Sabine, die ihm die Wirthſchaft führte, und zugleich fur die ſchmuckſte Dirne galt, die weit und breit in der Gegend zu finden war. Natuͤrlich war die Zuneigung, welche die beiden jungen Leute ſchon in der früheſten Kindheit gegen einander verſpuͤrten, im Lauf der Jahre zu einem immer hoͤhern Grade geſtiegen, ſo daß ſie endlich, ohne ſich ſelbſt einen klaren Begriff von ihrer in⸗ nern Verfaſſung machen zu können, bis zum Sterben in einander verliebt waren. Die Alten, denen das mehr und mehr ſich ent⸗ wickelnde Liebesverhältniß keinesweges ver⸗ borgen blieb, hatten nicht das mindeſte da⸗ gegen einzuwenden, vielmehr entſprach daſſelbe vollkommen ihren eignen Wuͤnſchen und Er⸗ wartungen, und wenn ſie daher zu einer ernſt⸗ lichern Verbindung nicht ſogleich in herge⸗ brachter Form und Ordnung ihren Segen ertheilten, ſo geſchah dies bloß in der Ab⸗ ſicht, das verliebte Pärchen noch erſt zu et⸗ was reiferem Alter gelangen zu laſſen. Alles wäre glücklich von ſtatten gegangen⸗ Matthias hätte unter Glockenklang und Orgelton ſein Sabinchen vor den Traualtar zu führen, der Windmuͤller einen ſtattlichen Hochzeit⸗ ſchmaus auszurichten, und dies Büchlein eine Erzählung weniger aufzutiſchen gehabt, wenn 6 — 18— nicht, beim plotlich eintretenden Todesfall einer alten Muhme, die beiden Muͤller, die auf ein von ihr hinterlaſſenes Grundſtück gleiche Anſpruͤche zu haben vermeinten, mit einander in Streit und Hader gerathen wä⸗ ren. Mehr aus Eigenſinn als aus Gewinn⸗ ſucht, da die paar armſeligen Feldhufen kaum eines ernſtern Wortwechſels werth waren, be⸗ harrten beide auf der einmal vorgefaßten Anſicht und Willensmeinung, jeder weigerte ſich hartnaͤckig, von dem vermeinten Recht irgend etwas nachzulaſſen, ſo daß der daraus entſtehende und endlich zum Vortheil des Windmuͤllers entſchiedene, gerichtliche Streit⸗ handel nach gewöhnlicher Weiſe nur dazu dienen konnte, die Gemuͤther noch heftiger gegen einander zu erbittern und aufzureizen, beiden Parteien einen, den Werth des ſtrei⸗ tigen Ackerlandes weit überſteigenden Koſtene aufwand zuwege zu bringen, und einem jeden, dem es etwa einfiel, auf Annäherung und ausſöhnenden Vergleich zu Gunſten derſelben hinarbeiten zu wollen, das Ziel ſeiner Be⸗ — 144— Wh. immer weiter aus den Mugen zu Am allerwenigſten wie ſich ticht une Matthias und Sabine ihre Rechnung dabei. Zwar war es ihnen, ſo lange der ausgebrochene Zwiſt und Scheu ge⸗ gen die Trauerkleider, in denen man nach dem Ableben der Muhme umher ging, noch in anſtändiger Grenze ſich hielt, nicht aus⸗ drucklich verboten, des Sonntags auf dem Kirchwege dann und wann ſich naͤher zu tre⸗ ten und einige vertrauliche Worte mit ein⸗ ander zu wechſeln; kaum aber war die Sache bei dem Stadtgericht anhängig gemacht wor⸗ den, als unter Andtohung aller nur erſinn⸗ lichen Strafen dem liebenden Paare jede fer⸗ nere Annäherung auf das ſtrengſte und un⸗ bedingteſte unterſagt ward. Erfolglos ruͤſte⸗ ten Bitten und Beſchwörungen, Seufzer und Wehklagen ſich zum wiederholten Angriff auf die eherne Willensfeſtigkeit der alten ſtarr⸗ köpfigen Widerſacher; vergebens härmte Mat⸗ thias ſich zum Schatten ab, vergebens ſchien — — 45— Sabine ſich allmählig in den eignen Thränen aufloͤſen zu wollen— die Panzerdecke, welche die haßerfüͤllten Gemuther umſchloſſen hielt, blieb undurchdringlich, die harmloſeſten Schritte und Bewegungen wurden von Falkenaugen mißtrauiſch verfolgt und gemuſtert und die Ausſicht auf Erringung des gegenſeitigen Br⸗ ſtzes ſchwand vor den Augen der Liebenden mehr und mehr in——— n n2b So ſtanden die Sachen, als es im gruͤnen — zu den obenerwähnten blutigen Auf⸗ tritten kam. Der Wundarzt des Städtchens brachte, nachdem er über das Vorgefallene cbenachrichtigt worden war, eben beim däſtern Schimmer der Oellampe ſeine chirurgiſchen Geräthſchaften in Ordnung, um auf die von mehrern Seiten zu erwartenden Einlabungen mit huͤlfreichem Eifer ſogleich bei der Hand zu ſein, als Matthias bleich und athemlos ſich einſtellte, ihm in ſtammelnden Wotten on dem bedenklichen Zuſtande ſeines Vaters Kunde gab und mit peinlicher n ihn mit ſich fortzog. Beiden hatten, ihre Richtung nach der Waſſermuͤhle einſchlagend, das Haus kaum verlaſſen, da näherte mit ge⸗ fuͤgelten Schritten ſich ihnen eine weibliche Geſtalt, in welcher Matthias, der mehr und mehr uberhandnehmenden Dunkelheit ungench⸗ tet, alsbald ſein Sabinchen erkannte. Gleiche Angſt, gleiches Zittern, gleiches Anliegen ſo daß der Wundarzt/ bei der Unmöglichkeit, in einem und demſelben Augenblicke an beiden Krunkenlagern zugleich zu erſcheinen, allé ſeine WVeredſamkeit aufzubieten hatte, um dutch wiederholte Voyſtellung, daß die Gefahr höchſt⸗ wahtſcheinlich nicht von ſo gar ſo großer Bedeutung und dem Uebel daher mit Gottes Huͤlfe wohl noch zu ſteuern ſein werde, die grängſtigten Gemüther einigermaßen zu be⸗ ſchwichtigen. Das zwiſchen dem jungen Paare ſtatt ſindende Vedhältniß war ihm bekannt, als gemeinſchuftlicher Freund der beiden Muͤller gehörte auch er zu denen, dir ihre wiederhol⸗ ten, auf Beilegung des ärgerlichen Zwiſtes aMnmn Wh— 41 ſcheitern ſehen, und ihre wohlgemeinten, ved⸗ lichen Bemühungen endlich ganz aufzuhebeh genöthigt geweſen waren. Heut abet ſchien, während er auf dein Wege nach der Mühlr in Troſt⸗ und Beruhigungsgründen ſich zu erſchöpfen fortfuhr, plotzlich ein neuer Enk⸗ wurf bieſet Art in ſeinem Innern rege zu werden.„Liebe Kindlein,“ rief et, ſtilſſtehend und ſeine Gefaͤhrten bei der Hand faſſend, mit geheimnißvoller Wichtigkeit aus;„da kommt mit eben ein Gedanke, deſſen Ausfüh⸗ rung bielleicht von den ekfprießlichſten Folgen ſein kaun Laßt mich nut drſt über die Lage der Dinge nähere Erkundizung eingezogen haben, dann ſollt ihr mit ein plänchen inz Werk tichten helfen/ woburch hoffeitlich nicht allein der heutige verdrießliche Vorfall den beſten Ausgang gewinnen, ſondetn auch euch in Betreff eurer Herzensangelegenheiten ens⸗ lich völlig geholfen werben wird!“ Jeit blickten bei dieſer Anrede mit kleininuthigem unglauten ihn forſchend ins Geſicht, et abet wollte für jetzt auf keine Kähere Auskunft 10* — 148— und Erklärung ſich einlaſſen, ſondern behielt ſich dies auf einen gelegnern Augenblick vor⸗ ertheilte, nachdem das Ziel der Wanderung erreicht war, unter dem Verſprechen, ſich bald⸗ möglichſt in eigner Perſon einzufinden, Sa⸗ binen einige einſtweilen in Anwendung zu bringende Verhaltungsregeln und trat ſopanm von Matthias begleitet, in die Müuͤhlſtube, allwo die dienſtbefliſſenen Kampfgeſellen, die den Müller nach Hauſe gebracht hatten, ängſi⸗ lich beſorgt noch an dem Lager deſſelben ver⸗ weilten⸗ Mit ernſtverweiſendem Unwillen ge⸗ bot ihnen der Wundatzt⸗ einen muſternden Blick auf den Kranken werfend, ſich augen⸗ Plicklich zu entfernen, und erſt nachdem ſir ſeinem Befehl gebuͤhrend Folge geliſtet, ſchickte er zur nähern Beſi chtigung und Un⸗ terſuchung ſi ſich an. Den Kopf mit Brauſchen und Beplen went. lag der Alte, dem die Beſinnung mittlerweile wieder zuxürkgekehrt war, auf ſeinem Bett, und deutlich drücktr auf ſeinem Geſicht die ungſtvolle Vrſorgniß ſich anz, mit welcher en dem verhngnißreichen⸗ 0½ uͤber Tod und Leben entſcheidenden Ausſpruche des Witidarztes entgegen harrte. Dieſer nahm, obgleich er ſich ſchon auf den erſten Anblick überzeugtey daß der Zuſtand des Kran⸗ ten keinesweges von efährlicher Art ſei, eine äußerſt bedenkliche Miene an, hielt im Umherfuhlen zu wicberholtenmlen kopfſchut⸗ telnd inne; als ob et hier an den Grenzen ſeiner Kunſt ſich beſinde, und legte endlich, nachdem das Unterſuchungsgeſchäft vollbracht war, dem Müller einen ſo ungeheuren Ver⸗ band um denKpf, als ob der Hirnſchädel in die Wäige und Breite geſpalten und über⸗ all aus ſeinen Fugen gewichen ſei. Unter der Andeutung, daß er zwar noch nicht alle Hoffnun aufgebe; die Heilütg der leidenden Zheile jeböch init ſehr vielen Schwierigkeiten verbunden ſein und nut langſam von ſtatten gehen werde, verordnete er, baß in der Rähe des Kranken fortwährend die tiefſte Ruhe herrſchen, jeber Beſuch mithin auf dus uner⸗ bittlichſte zutückgewieſene ünd durchaus nie⸗ mand anbers, als Mätthius, der dem ihm übertragenen Wörteramt ſtreng und gewiſſen⸗ haft Gnüge zu leiſten verſprach, dem Lager ſich nähern ſolles worauf er, ſeiner ander⸗ weitigen Geſchaͤftsverrichtungen gedenkend, un⸗ geſäumt zum Abſchiede ſich anſchickte. Auf einen verſtohlnen Wink begleitete Matthias ihn bis vor die Thur hinaus, wo kruſogleich in fluͤſternden Worten durch die Verſicherung⸗ daß fuͤr das Lehen des Vaters durchaus nicht die entfernteſte Gefahr vorhanden, die fort⸗ gemährte Bangigteit des Alten jepochnzu glůͤck⸗ licher Vollfuhrung⸗ des vorhin erwähnten Plaͤnchens unerlißlich ſei, der Angſt und Pekummerniß des Jünglings ein Ende machte⸗ ihn zu unbedingtem Vertrauen auf die Red⸗ lichkeit ſeiner Abſichten ermunterte und ihm am nächſtfolgenden Tage über die Beſchaffen⸗ heit des beſibſtn— Mehreres Wehie wrſptach. 6 a6n— 10 znbit ſe nn e Heige Benehmen in der wenns des Winnilerse deſſen verſchiedenartige aus dem Kampfe davon getragene Verlekubgsn dim Auge des Sachkundigen gleichfalls nicht ſo gar erheblich zu ſein ſchienen, war dem Ver⸗ halten, welches er ſich in der Waſſermühle ſo eben zur Regel gemacht hatte, vollkommen ähnlich. Auch hier ward dem Hulfeflehenden unter zweifelhaftem Achſelzucken der⸗ ganze Kopf mit Pflaſtern belegt und mit Tuchern und Binden umwickelt; ununterbrochene Ruhe und ſorgfältige Verhutung zufälliger Gemuthöbewegungen, als weſentliches Er⸗ forderniß der vielleicht noch moͤglichen Wie⸗ derherſtellung, ernſtlich anbefohlen und Sa⸗ binen endlich durch die nämlichen Beruhi⸗ gungsgrunde, deren ſich Matthias bereits zu erfreuen gehabt hatte, friſcher Muth in die zagende Bruſt geflößt. Schon harrten des Wundarztes, als er mit ihr heimlich fluͤſternd ins Freie hinaustrat, mehrere ihm nachge⸗ fundte Eilboten, die in gleicher Angelegenheit Rath und Beiſtand erheiſchend; den Helfer in der Noth bei ſeiner Erſcheinung ſtürmiſch umringten, durch ungeduldiges Heulen und Wehklagen ihm die Ohren betäubten und mit einander eutgegen arbeitenden Kräften ihn nach allen Richtungen hin mit ſich fortzurei⸗ ßen bemuͤht waren. Allenthalben, wohin er⸗ von dem nachziehenden Haufen verfolgt, ſeine fluͤchtigen Schritte wandte, ſtöhnten bleiche Jammergeſichter ihm verlangend entgegen⸗ nahmen friſchentſtandene Wunden und Quet⸗ ſchungen von der vielfältigſten Art ſeine Kunſt und Geſchicklichteit in Beſchlag. Der ganze Abend verſtrich ihm unter fortwähren⸗ den Schädelbeſichtigungen, unter Salbenver⸗ cheilen und Pflaſterſtreichen, unter Rath⸗ ſchläͤgen und Troſtgruͤnden; ſo daß zugleich der Vorrath an den nothigen Heilmitteln⸗ da ein ſo ungewoͤhnlich ſtarker Abgang und Verbrauch unmöglich im Voraus zu berech⸗ nen geweſen war, ſich mehr und mehr er? ſchöpfen zu wollen ſchien. Erſt gegen Mit⸗ ternacht ſah der Dienſtgeſchäftige, ermüdet) und abgeſpannt durch die uͤmſige Erfüllung ſeines beſchwerlichen Berufes, ſich im Stande, die Räcktehv nach ſeiner Wohnung untreten und daſelbſt fuͤr die eigne Ruhe und Erhö —— lung Sorge tragen zu können. Del Weg führte ihn an dem Hauſe der alten Sewürz⸗ handlerin voruͤber, die an det Waſſerſucht litt und ſeit einiger Zeit mit immer ſtärkern Schritten ihter gänzlichen Auflöſtng entgegen ging. Die offenſtehende Thür und das auf der Hausflur brennende Licht veranlaßten ihn, näher zu treten, um uͤber das Beſinden der Kränken Erkundigung einzuziehen, indem er, im Drange der änderweitigen Dienſtpflichten, iht heut den gewohnlichen Abendbeſuch abzu⸗ ſtatten verſäumt hatte. Die Leibende be⸗ durfte jedoch des ärztlichen Zuſpruches nicht mehtʒ denn ſie war bersits vor einigen Stun⸗ den eſanft und ſelig verſchieden, und der Wundärzt, der hier ohnehin ſchon längſt alle Hoffnung aufgegebewigehabt, ſuchte in Bezug auf den Verluſt) den ſeine Kunbſchaft durch das Ableben der Gewützhändlerin evlitten, ſich hauptſüchlich umit ded Vorſtellüng zu trs⸗ ſtöny daß durch die Gunſt des Himmels ja berkitse aufs reichlichſte fur neue Kunden ge⸗ ſorgteworden und baß bei Ausfühtung des beſchloſſenen Vermittelungsplanes vielleicht auch ſelbſt dieſer Todesfall nicht ohne Nutzen n Sis in das— wſechen bi 6 „ℳ in der nimlichen Lage, in ub er er ihn nach Anlegung des Verbandes verlaſſen, tef er am kolgenden Mittage den Waſſermüller, der, aus Furcht, ſeinen Zuſtand dadurch zu verſchlimwern und aus Gehorfam gegen die ihm gegebenen Vorſchriften⸗ es nicht hatte wagen mägen irgend eine Be⸗ wegung zu verſuchen, ſo unbehaglich ihm uch foptwährend dabei zu Muthe geweſen war. Der Wundarzt lobts ſein Verhalten⸗ ermunterte ihn, darin fortzufahren, und er⸗ neuerte die Verordnung, zufolge welchen im Lauf der erſten Tage jeder Beſuch aus dem Stödtchem auf das ernſtlichſte zuruͤckgewieſen werden ſollte.„War es mir doch,“ ſagte der Muller, indem er guf dem Geſicht des a ſeinem Lager ſitzenden Freundes einen gewiſ, ſen ſchwermüthigen Ernſt zu bemerken glaubee vals hätte ich auch den Bruder und zwar in 6 — 156— einem nicht minder gefährlichen Zuſtande aus dem grunen Hirſch davon tragen ſeben Was macht der xbſ wie eßuteß er „Laſſen wit das!.— Pundart, indem er mit der flachen Hand, als ob er eine hervordringende Thräne wegzuwiſchen bemuͤht wäre, ſich über das ſeitwärts gewandte Geſicht fuhr.„Schon geſtern habe ich es dir ja zur ſtrengen Pflicht gemacht, vor allen angreifenden Gemüthsbewegungen ſo viel als möglich auf deiner Hut zu ſein, weil ſie guf deine eignen Geſundheitzumſtände gut leicht von den allernachtheiligſten Folgen ſein könn⸗ ten. Dringe daher nicht weiter mit Fragen in mich auf wlch ich ir hne die Wahr⸗ zu f we i63. ai— z Ton und Inhalt— wie das Geberdenſpiel,„von welchem ſie begleitet wurden, waren teinesweges geeignet, den Wiütet zu beruhigen und die bange Ahnung zu unttricten⸗ die gleich anfangs ſ. ſich ſihe — 15— Innern bemächtigt hatte.„So iſt er wohl gat todt?“ fügte er nit ſchwacher Stimme, indem er die Hände faltete und in v vorwurfsvolles verſank. * Menſchliche Hülfe vermöchte nichts an ihm auszurichten!“ erwiederte bet Wundarzt! „Allenthalbet war ihm, als et zu Haüſe an⸗ tigtt, das Gehirn durch den Jerſchmekterten Schibet hinturch gedrungen; vergebens wandte 6 alle mir zü Gebot ſtehenden Mittel an, ſn.— aen itettcht ſchlug Stephan! wuren ſne letzten Worte, als er mir in den Armen verſchieb; veuttich aber war es ihm anzumerken, daß noch irgend ein Wunſch oder Aufttag ihm auf den Lippen ſchwebte, deſſen er ſich, vom Wetpängniß mehr iu vet⸗ vihtl. 16 nyn 0 Dem Müler flöſſen, eluittunß dieſeß Berichtes, die hellen Thränen übet die Bak“ ken herab, ind mit fiehenden Wichen ſuchte Matthias, det bei der reuvollen Botrübniß des Vaters das ſchmerzlichſte Mitgefuͤhl em⸗ pfand, den grauſamen Peiniger zur Scho⸗ nung und Widerrufung ſeiner Ausſage zu bewegen. Ein ſcharfer ſrengverweiſender Wink des Wundarztes brachte ihn jedoch ſo⸗ gleich zur Beſinnung zurück, ſo wie die nach⸗ per vor der Thür wiederholte mündliche Ver⸗ ſicherung, daß ein Betrug dieſer Art zur glücklichen Vollführung des gefaßten Entwur⸗ fes durchaus unerläßlich ſei, ihn endlich be⸗ wog,——— des Mich i nir auch r von eher geweſen war, nach Kräften zu befleißigen und den Alten in dem ſo eben ihm beige⸗ Prachten Wahne möglichſt beſtärken zu 21% 30 W nns enn Unci Ohte eitverluſt be gab ſich Vund⸗ arzt jetzt nach der Windmuͤhle, um hier das nämliche Spiel zu beginnen, das in der Waſ⸗ ſermühle bereits von ſo glücklichem Erfolge Seweſenwar. Der finſtre Trichſinn, der in ſeinen Mienen ſch verkundigte, konnte auch dem forſchenden Blicke des Windmüllers nicht lunge verbötgen bleibei, üns ſchüel genug gab die Frage, ob etwa ſchon wieder ein neues Ungluͤck ſich ereignet habe, ihm Ge⸗ legenheit, ſeinemm Herzen durch Erneuerung ſeines wohlubordächten, nur im Umtauſch der Ramen bon der ſchon Zeliefekteii Aus⸗ ſage abweichenden Berichtes gehörigermaßen Luft machen zu können.„Ach du gerechter Himmel!“ rief der erſchrockene Wiüdmüllerz „auf eine ſo jaimmervolle Weiſt mußte der ungluͤckſelige Zwiſt alſo ſeine Ehoſchaft et⸗ veichen! Ich' war im Stillen immer zum Frieden geieigt und rufe jetzt alle Heiligen zu Zeugen an, daß ich mit Freuden nicht allein das vermaledeite Gtundſtuͤck, ſondern all mein Hab' und Gut dahin gäbe, waͤre das Leben des Beubers vifir zuric zu er⸗ kuufent gtn. teti 0 0 hnt 6 b „So gereiche es dir dann zur Beruhi⸗ gung,“ etwiederte der Wunsärzt)„daß der Bruder in ſeinen letzten Augenblicken dieſe Uöbliche Geſinnung mit vir hetheilt barl Zü⸗ —— folge der orhaltenen gefährlichen Kopfwunde ohne Rettung verloren, rang et bereits mit dem Tode, als ich an ſeinem Lager imnich einfand, um mich leider auf den erſten An⸗ blick zu uͤberzeugen/ daß jeder an ihm begon⸗ nene Verſuch ein überfluͤſſiges unternihmen ſei. Die Sanduhr iſt abgelaufen! pief er, meiner anſichtig werdend, mit gebrochner Seine mir ver 1 3 den Geißenn meinen Bruder ee und zcn bringe ihm die Bitte) daß er mit der näm⸗ lichen Bereitwilligkeit mir die ihm zugefüg⸗ ren Kräntungen verzeihen můge, wie ich ſelbſt mit völlig vetſöhntem Herzen aus dieſer Zeit⸗ lichteir abſcheide! Was er dieſen Geheiß noch ferner hinzüzufügen im Begriff ſchien, brachte er, aller Anſtrengung zum Trotz, nicht mehr zu Stande; er verfiel in heftige Zuckun gen, begann aus hochklopfender Brüſt laut aufzuröcheln, uns bevor wir noch⸗ ein ſchnell verordnetes Beſünftigungsmitteli in Anwendung zu bringen veribchten, wur er So iſt aller Wahrſcheinlichkeit nach ein Schlagſluß hinzugetreten,“ ſagte der Wind⸗ mäller, indem er ſaufzend den befümmerten Blick gegen die Decke erhob.„Mein ſeliger PVruder liebte von jeher die Bequemlichteit und machte ſich beſonders in den letzten Jah⸗ ren zu wenig Bewegung; ſo daß mir ſchon lingſt, ſeiner zunehmenden Korpulenz wegen⸗ vor einem Unfalle dieſer Art bange geweſen iſt. O daß ich doch bei ihm ſein köunts!“ Sein Wehklagen verlor ſich jetzt allmähliz in ein ſtummes lautloſes Dahinbräten⸗ und nichts, was um ihn her vorging, war mehr im Stande, ihm irgend ein Seichen aufmer⸗ kender Theilnahme zu entlocken. Den gůn⸗ ſiigen, Augenblick benutzend, machte es ſich der Wundarzt mithin für jetzt zu ſeinem an⸗ gelentlichſten Geſchft, Sabinen, die während ſeiner eben beendigten Mittheilungen, durch ihr unzeitig ängſtliches Blinzeln und Wiöpern ihn faſt noch haufiger, als es kurz zuvor mit Matthias der Fall geweſen war, in Unruhe und Perlegenheit gebracht hatte, ſber den wahren zuſunnenbung ſeiner Anſchläge und Abſchten den nöthigen Aufſchluß zu geben und unter der Andeutung, daß die Gruͤndung eines längſt erſehnten Gluͤckes lediglich von ihrem gegenwirtigen Verhalten abhänge, ſich auch von iht die zum guten Fortgange ſeines Unternehmens erforderliche Mithülfe und un⸗ bedingte Folgfamkeit gegen die ihr ertheilten Vrrſchtiften geloben zu— 1 8. Wie tief und erſchuͤtternd auch der Ein⸗ druck geweſen war, den bie uberbrachte Vot⸗ ſchaft von iyrem gegenſeitigen Ableben auf das Gemuth der beiden Brüber gemacht hatte; in Bezug auf ihr körperliches Beſinden ſchien ſie nicht eben von der ſchlimmſten Wirkung geweſen zu ſein, denn deutlich konnte maͤn wahrnehmen, daß ihre Geneſung in ſtetein und raſchem Fortſchritte begriffen ſei, obgleich der Wundarzt, ohne ihre in dieſer Hinſicht ihm ertheilten Verſicherungen ſonderlich zu beachten, bis jetzt weder von gänzlicher V ſeitigung aller Gefahr etwas wiſſen, noch in 11. Bo. 11 73 — 162— die Milderung der pi anfangs von ihm getroffenen ſtrengen Masßregeln einwilligen tole S. a nerſelung keit Seiſt veite zu. vieſelbe vielmehr, ganz wider ſein Etwarten, vurch die wunderthätige Wirkung des zuletzt verordneten Heilmittels, ſo gut als vollendet ſei.— Es war am fuͤnften November, des Nachmittags gegen zwei Uhr, als er mit Er⸗ theilung dieſer gunſtigen Rachricht zuerſt bei dem Waſſermüller den Anfang machte; und noch war er damit nicht vollig zu Stande gekommen, als plötzlich vom Thurme des nahgelegenen Städtchens ein dumpfes Glok⸗ tengeliut zu ertönen begann, bei deſſen Klange⸗ der hergebrachten Sitte gemäß, die am ver⸗ wichenen Sonntag verſtorbene Gewürzhänd⸗ lerin zur Erde beſtattet ward. Von weh⸗ muͤthiger Ahnung ergriffen, ſant der Müller kraftlos auf den nächſten Lehnſeſſel nieder, als er den erſten Trauerklang vernahm, denu was konnte er anders vermuthen, als daß die — Begraͤbnißfeier ſeines ungluͤcklichen Bruders ſo eben ſtattfinde.“„Wir ſchreiben heute den fünften!“ rief er mit ſchmerzlicher Beküm⸗ merniß aus.„Alſo gerade an ſeinem Ge⸗ burtstage, den wir vor Ausbruch unſers un⸗ Prüderlichen Zwiſtes immer ſo froh mit ein⸗ ander verlebten, wird er in das Grab hin⸗ unter geſenkt, ohne daß es mit vergoͤnnt iſt, ihn auf dem letzten Wege zu begleiten und ihm noch einmal die kalte Hand zu druͤcken 1“— Der Wundarzt, weit entfernt, i ihn eines an⸗ dern belehren zu wollen, beſtätigte durch ein düſter in ſich gekehrtes, truͤbſinniges Schwei⸗ gen des Muͤllers Vermuthung, und Matthias, der wenige Augenblicke darauf, dem ihm er⸗ theilten Winke gemäß, in ſeinen ſchwarzen Feſtkleidern zur Thür hereintrat, erhob die⸗ ſelbe in den Augen des Alten zur unbezwei⸗ felten Gewißheit.„Ich merke es wohl,“ rief dieſer ihm entgegen,„du haſt durch Verheim⸗ lichung der Begraͤbnißſtunde bisher mich ſcho⸗ nen wollen, erfuͤllſt aber ganz mein eignes Verlangen„indem du unter den Leidtragen⸗ 21* den meine Stelle zu vertreten gedenkſt. Geh mit Gott, mein Sohn, erweiſe dem Ver⸗ ſtorbenen die letzte kraurige Ehre, und bringe bei der Heimkehr mir Sabinen mit; ſie ſoll von Stund' an deine Braut und meine Toch⸗ ter ſein; denn das iſt unſtreitig der Wunſch geweſen, den der Bruder in ſeinen letzten Augenblicken noch auf dem Herzen gehabt , Wuttias— nicht/ durch der Euntit dem vizun des Fe läutes noch eine Wiederholung des eben ver⸗ richteten Geſchaͤfts oblag, folgte bald darauf ſeinem Beiſpiel und trabte in tuͤſtiger Eil⸗ fertigkeit uͤber die vom Winterfroſt gehärte⸗ ten Wieſenſteige der S des— můllers zu 8 Noch iwun das Glockengelaute, als er hier in die Stube trat und kaum im Stande, das Lachen zu verbeißen, alle ſeine Beſon⸗ nenheit aufzubieten hatte, den für nöthig e⸗ achteten melancholiſchen Ernſt zu behaupten. „Du bemuͤhſt dich umſonſt, eine heitere Miene anzunehmen!“ rief der Windmuͤller ihm ent⸗ gegen;„mich hintergehſt du nicht; denn ich durchſchaue dein Innerſtes bis auf den Grund. Das Weinen iſt dir in dieſem Augenblick naͤher als das Lachen; deine ſchonende Freund⸗ ſchaft will aber dem einen Brudef nicht mer⸗ ken laſſen, daß der andere ſo eben in die Gruft verſenkt wird; darum thuſt du dir Zwang und Gewalt an. Sprich, ob ich deine Gedanken nicht zu errathen— Erſpare mit die Antwort und uß uns, um deines eignen Zuſtandeß wilen, lieber ganz davon abbrechen!“ erwiederte der e fragte, indem er näher trat und den Hirn⸗ ſchädel des Windmüllets gewohntermaßen in Angenſchein zu nehmen anfing. „Sabine hat ſich bereitzn ſoe der Patient mit gedämpfter Stimme fort,„auf den Weg gemacht, um dem Verewigten bis zu ſeiner letzten Ruheſtätte das fromme Ge⸗ — 166— leit zu geben; und ich denke, ſie wird nicht ohne Matthias nach Hauſe zuruͤckkehren, denn an ihm will ich wieder gut machen, was ich⸗ durch Trotz und S nn an dem nn i „Das iſt brav und töbtich gedacht!“ ver? ſetzte der Wundarzt.„Jetzt aber ſchlage dir uͤber Dinge; deren Abändekung nicht mehr! in deiner Gewalt ſteht, die Grillen aus dem Sinn und ſuche dich zu zerſtreuen und auf⸗ zuheitern. Dein Geſundheitszuſtand hat ſich, wie ich mit Vergnügen bemerke, ſeit meinem letzten Beſuch ſo bedeutend gebeſſert, daß ich kein Bedenten trage, dir den Genuß der friſcen Luft als kräftiges Beförderungsmit⸗ tel zu deiner völligen Wiederherſtellung an⸗ zuenpfehlen. Die Witterung iſt mild und erquickend, mache dich auf die Beine und ſpaziere ein Stündchen lang braußen in dei⸗ nem Gaͤrten auf und nieder. Du brauchſt keine Beſorgniß zu hegen; der warme Son⸗ nenſchein wird nicht allein auf deine Ge⸗ müthsſtimmüng, ſondern auch auf dein kör⸗ verliches Befinden die wohlthätigſte Wir⸗ kung hervorbringen!“ Während der Betruͤbte, nach Entfernung des Wundarztes, ſeinen ſchwatzen Sonntags⸗ rock hervorholte und zu Befolgung des ihm ertheilten Rathes ſich anſchickte, hatte auch den Waſſermüller bereits die Luſt angewan⸗ delt, ſich ein wenig in der freien Ratur zu ergehen und dort fur ſeine von Gram und Kummer beſchwerte Vruſt die Grleichterunz zu ſuchen, deren er in ber einſamen düſtert Wohnſtube nicht theilhaft zu werden der⸗ mochte. Die Haͤnde übet den Rücken ge⸗ treuzt, zog er langſamen Schrittes und mit ſchwermüthig niedergeſenktem Haupte ven Wieſenſteig hinunter, der nach einem ihm zugehoͤrigen“großen Obſt⸗ und Gemuͤſegat⸗ ten fuͤhrte. In der Mitte deſſelben befand ſich eine Laube, deren wildes dichtineinandet verſchlungenes Gezweig auch jetzt noch, ob⸗ gleich der Blätter beraubt, die Sonnenſtrah⸗ len nur ſparſam nach dem Innern hindurch fallen ließ. Hier hatten die beiden Brüder oft in traulicher Eintracht zuſammen geſeſſen, bald über die ernſtern Angelegenheiten der chen, bald die merkwürdigſten Auftritte aus der frühern Jugend, deren angenehmſte Stun⸗ den ſie gerade in dieſem Garten verlebt, mit gegenſeitiger Ausyülfe ſich in das Gedächtniß zuruckgerufen. Auch am fuͤnften November, an welchem der Waſſermüller, vor Ausbruch des ungluͤcklichen Zwiſtes, dem Gebhurtstage ſeines Bruders zu Ehren, immer ein fleines Feſt zu veranſtalten pflegte, harten beide, wenn die Witterung es nur irgend erlaubte, niemals unterlaſſen, hierhet rinen gemein⸗ ſchaftlichen Spaziergang zu unternehmen und wenigſtens eine Stunde lang in den verödeten Gängen des Gartens umhey zul wandern. Wie von einer geheimwaltenden Sauber⸗ mwacht aufgefriſcht und erneuert, wurden die Spiegelbilder riner glücklichern Zeit in ſeinem Innern kebendig, indem er ſcch in die Laube ſette und gedankenvoll vor ſich hinzuſtarren begann. Ein tiefes Schweigen lag über die 6gend verbreitet, nur die vom Weſtwin bewegten laubloſen Baumzweige rieben von Zeit zu Zeit mit einförmig dumpfem Geknarr ſich an einander, und ein zitterndes Licht wechſelte mit ungewiſſem Farbenſpiel den Gartenbezirt. c Inis „Sonſt, ja ſonſt wat es anders!“ ſeufzte der Einſame.„Da herrſchten um dieſe Stunde hier Freude und Leben; denn wir waren dann gerade voin Mittagseſſen gekommen, ein Herz zß eine Seele, mit feſtlichen Gorkes⸗ gaben gefüttige und vom alten Franzwein er⸗ peitert.“ Armer Bruder! nun liegſt du im ſinſteri Sarge und kaunſt nicht mehr erſcheinen, wenn ich zur gemeinſamen Feiet deines Geburts⸗ tages dich einlade. Ach! daß ich dich doch ʒuvor — einmat mit Augin geſeßen büttet“ 1. in Geinſch an der pforte mnttrbrach d. in ſeiner wehmüthigen Betrachtung; er ſchlug die Augen guf, wußte aber vor grauen⸗ vller Beſtürzung ſich faum auf dem einge⸗ nommenen Sitze im Gleichgewicht zu exhalten, — 0— as er ber Pinbmüler feittichen Erufes hereintreten und ohne von ihm bemerkt zu werden ihn mit ſtill zur Erde gewandten Blicken den Gang heraufkommen ſah, an welchem die Lauber ſich befand Auch ihn hatten, als er ſeine Wohnung verließ, die an den heutigen Tag geknüpften Erinnerungen aimiylig immer weiter gelockt. Dem Ge⸗ fühl in ſeiner, Fyiß ſich mit ſchweigender Hingebung überhaſend, trat er in den Gar⸗ ten, ward aber erſt, ab er tqum noch zehn Schritte von der, Laube entfernt war, ſeines zfin verwtüznten Porgingets anſchtg. Achdu mein Hepr und Gott da ſitt er ia, wie er leibt und lebt!“ ächzte der Et⸗ ſhrockene, indem er ſtehen blieb und ſcheu und ſchüchtern eine faſt ehrerbierige Stehn gegen den Btuder annahm. Rit tiefem Schweigen ſchauten beide einander eine Zeit⸗ lung in das blaſſe Geſicht, endlich war der Windmuͤller der erſte, der ſich zu faſſen und zu ſammeln begann.„Heute ja recht ſchönes, helles Wetter hien oben in der Welti“ — 1— ſahte er mit wehmuthsvoller Gebette. S Stimme i0 ut at nnntd „Wie wir den Buchweizen einfuhren,“ iet ganz in dem nämlichen Ton ein⸗ ſtimmend,„hatten wit's beſſer brauchen können!“ Ach freilich komrit's am Ende,“fuhr der erſtere fort,„mit dem Menſchen ſo weit, daß er Jar kein Wetter mehr braucht!“ Und ſich auch um den Vuchweizen nicht mehr bekuͤmmert!“ iel ihm der Bruder in die Rede) indem er, von ſeinem Gefühl wältigt, bitterlich zu weinen anfing. „Herzensbrudet Stephan!“ ſchluchzte der Windmüller;„haſt du vielleicht noch irgend etwas auf dein Hethen;n daß dich guält und beunruhigt und dir nicht Raſt noch Frieden läßt; ſo theile mit es doch unverholen mit und alles ſoll zu deiner völligen Zufriedenheit beſtellt und berichtigt werden. Ich muß ohnehin heute noch in das Städtchen; denn ich brauche Piquee zu einer ſchwarzen Weſte; da kann ich ja auch gleich bei dem Herin Pfarder deinetwegen mit vorſprechen 1“ — 172— Thue das nicht! beſter Bruder Chriſtian 1“ begann jener zu bitten.„Der Mann hat von jeher ſchwächliche Nerpen gehabt; er würde ſich zu ſeht alteriren. Aber wiſſen möchte ich wohl,“ fuhr et nach einer Pauſe, während welcher ſich heide ſtutzend und ſtau⸗ nend genauer ins Auge faßten, zu fragen fort;„waß du denn mit dem ſchwarzen Piauee recht eigentlich ſagen willſt!“„Richts für ungut, lieber Bruder!“ war die Ant⸗ wort.„Du thuſt über Dinge, die ſich ſchon von ſelbſt verſtehen, noch immer ſo wunder⸗ liche Fragen, wie du es von jeher in der Art gehabt haſt. Rein! in ſolchem Grade hat der unter uns ſtartgehabte Zwieſpalt mir das Herz nicht verhärtet, daß ich darüber aus den Augen zu ſetzen vermöchte, was An⸗ ſtand und Sitte von mir erheiſchen. Aber nicht allein meiner Nachbarn und Freunde wegen geſchieht es; das ſei verſi chert! Auch Sabine hat Trauerkleider 8 wie ſich's gebührt!“ „Du ſcheinſt Fone einen weitern. 55 gemacht zu daben;“ ſprach der andré.„Haſt wohl gar in eigner Perſon die Leiche mit zů Grabe begleitet? Mir wurde dies leiber aith bei dem beſten Willen durch ſo manchetlei Hinderniſſe unmöglich gemacht!“ e „Ich wills wohl glauben!“ verſitzle mit kleinmüthiger Riedergeſchlagenheit ber⸗Wlüb⸗ müller, indem er einige Schtitte näher trat und auch jener, ermüthigt durch das ſanfte Venehmen des Brubers aus der Laube her⸗ vorkam.„Aber ich merke, du wirſt unruhig, ſehnſt dich vielleicht aus der ſcharfen Heibſt⸗ uft in deine ſtille Vehauſung zürick. Laß uns daher in Frieden von einander ſcheiden! Du ſiehſt ich hege keine Furcht, ſondern biete dir mit hoffender Zuverſicht die Had zur werſühnungt“ ſen e ein ein Freilich hat man noch niemals gehött,“ tief der andre, mir einem leichten Fröſteln in die dargebotene Rechte einſchlagend,„daß der Todte ſich vor dem Lebendigen fürchtet⸗ Aber wie wird mir benn? deine Hans iſt ja weich und warm wie dis meinige! Wüßte ich — 24— nicht mit. ſo untſigfr Seſinnceit⸗ daß du heute begraben biſt, ich wuͤrde darauf ſchwören, wir. ſtänden hier gerade wie wor⸗ mals, in ganz gelaßner Se meti dung neben einander!“ 1 6„Ach liebſter Bruder! 6 ſufut Win⸗ nilee, indem er mit Zeichen des innigſten Mitleidens den Kopf zu ſchurteln anfing. „Beſinne dich nur! Einer von uns Peiden iſ allerdings zu Grabe getragen wordenz du irrſt dichaber in der Perſon! Wollte der Himmel, es wäre alles ſo, wis du ſonehen ge⸗ äußert und wie es auch mir, je länger ichtdichbei der Hand faſt vorkommen will 1% Sid t6 nrgei 14 7 „en yr Beſſerung des Zants und Haders vergeſſen, und euch nin brüderlicher Liebe wieder zugethan ſein wollt, ſo ſoll euer Wunſch in Erfullung gehen!“ ließ plötzlich zur großen Ueberraſchung der beiden Müller, die erſchrocken auseinander prallten, eine durchdringend laute Stimme ſich vernehmen. Sie gehörte dem Wund⸗ 5 arzte, der jetzt aus einem benachbarten Ge⸗ vüſche hervortrar, hinter welchem er ſich bis zu dieſem Augenblick verborgen gehalten und die ſo eben ſtattgehnbte Unterredung mit angehort hatte. Mit triumphirender Miene eilte er auf ſie zu, um den Bund ihrer Verſoͤhnung durch Freundeszuſpruch zu bekräftigen und ihnen begreiſtich zu michen, daß weder der eine, noch der andre im Srabe liege.„Wäre es die Moͤglichkeit?“ riefen beide, indem ſie mit bereits einleuchtender Gewißheit einander wieder näher traten und ſich gegen⸗ ſeitig in zunshmender Verwunderung das Ge⸗ ſicht zu betaſten anfingen. Die troſtreiche Ausſage des. vermittelnden Freundes gewann, ie länger ſie dieſelbe durch die eignen Sinne zu erproben ſuchten, einen immer höhern Grad pon Glaubwürdigkeit, bis auch der letzte und kiſeſte Zweifel völig getilgt war. Sis hatten ſich wieder, durften, nach Beſeitigung der unter ihnen ſtattgefundenen, Mißhellig⸗ kiten„neue glückliche Tage mit einander zu derleben hoffen; wie konnte daher, nach ſo — 175— unrwarteter Erfuͤllung laͤngſt aufgegebener Hoffnungen, die abentheuerliche Att und Weiſe ihrer Ausſöhnung etwas anbers, als die Wiederherſtellung eines nur deſto innigern Verhältniſſes zur erfreulichen Folge haben! Jetzt laßt uns,“ ſagte der Wunbarzt, als er fein löbliches Werk zur gewünſchten Vellendung gebracht ſah,„nach Hauſe zuruck⸗ kehten, wo iht über den Zuſammenhang der Dinge umſtänblichern Bericht und Aufſchluß erhalten ſollt. Seht, dort kommen Matthias un Sabine, die als mitwirkende Vertraute meiner geheimen Anſchläge, jetzt dem Aus⸗ gange deſſelben mit begieriger Ungeduld ent⸗ gegen ſehen, bereits den Wieſenſteig herunter, um euch Gluck zu und W um eu⸗ ren Segen—“ i: 41 1½ „Das Grundſtück,“ ſet der Ainnini mit aufbrauſender Heftigteit ihm ins Wort; „das vertrackte Grunbſtück, das der Sankapfel ſchenk; noch heut laß ich es ihm in aer Forin Rechtens zuſchtiben!“ geweſen, erhält Matthias zum Hochzeitsge „Und von mir,“ ſagte der Windmuͤller, „erhält Sabine eine dem Werthe des Grund⸗ ſtuͤcks voͤllig gleichkommende Summe Geldes zur Ausſteuer. Auch dafur wird noch heut zu ge⸗ richtlicher Bekräftigung Anſtalt getroffen!“ „Brar gebacht!“ rief der Wundarzt.„Ich renne ſogleich, um eurer beiderſeitigen Willens⸗ meinung Kraft und Gultigkeit zu verſchaffen, nach der Canzlei, kehre in Geſellſchaft des Pfarrers und einiger andrer, im Fluge zu⸗ fammengeraffter Freunde nach der Muͤhle zu⸗ ruͤck und wir feiern ſogleich in der Fröhlich⸗ keit unſres Herzens die Verlobung der Kin⸗ derz dann iſt alles nach Wunſch und Erwar⸗ ten in Ordnung gebracht!“ II. Bd. 2 „Jetzt wird es Zeit, daß du dich auf den Weg machſt!“ ſagte Vetter Buchmann, in⸗ dem ſie die Predigt einzuläuten anfingen. „Nimm dich fein— un halte dich brav!“ 14 „Gottes Engel ſetze ſi zn itn guf die Pritſche und lenke ſeine Finger, daß ſie nicht fehl greifen!“ ſeufzte die Muhme.„Die Augen ſchämte ich mir aus dem Kopfe, wenn er uns und det ganzen chriſtlichen Gemeinde in ſeinem W ein gäbe1“ „So jage dem Jungen durch dein liches Geſchwätz doch nicht im Voraus ein Zagen und Schrecken ein!“ eiferte der Bir ter.„Wochenlang geuͤbt und nun b „ Ausfuhrung ſtecken geblieben; ich dachte gar Allein Gott in der Hoͤh ſei Ehr! Es geht aus 6 dur. Wenn er mit herzhaftem Ver⸗ trauen auf ſich ſelbſt zum Wetke ſchreitet, und gehorig Pis greift, ſo 6i8. S. das , von ſelbſt!“ Ihr habt gut reden! dachte 66 indem ich den Reſt des Warmbiers, den ich abſicht⸗ lich bis zu dieſem Augenblick mir aufgeſpart— hatte, aus der Ofenroͤhre hervorholte und , heiß hinunterſchluͤrfte. Schon in der fruͤheſten Kindheit putte ich die Aeltern durch den Tod verloren, und als arme huͤlfloſe Waiſe an dem alten Leinweber Buchmann, der mir won muͤtterlicher Seite verwandt war, einen zweiten Vater gefunden. Seine eigne einzige Tochter, Margarethe, war bereits vor mehrern Jahren mit einem aus dem Dorfe gebuͤrtigen Holzdrechsler in die weite Welt gegangen, um durch dieſe Flucht einem Ehebuͤndniſſe zuvorzukommen⸗ welches der Vater zwiſchen ihr und dem reichen Bierbrauer Vollring zu ſtiften geſon⸗ — 180— nen geweſen war. Der Gram daruͤber hatke dem Geſicht des Alten ſeine unverlöſchlichen Spuren eingedruͤckt; ſchwermuͤthig grübelnd blieb er zuweilen den ganzen Tag hindurch, ohne die mindeſte Nahrung zu ſich zu neh⸗ men, hinter ſeinem Webſtuhle ſitzen, und weder die flehentlichen Vitten ſeiner Frau, noch die Vorſtellungen des Foͤrſters Hage⸗ buſch, der als vieljähriger Freund des Hau⸗ ſes, in muͤßigen Stunden ſich häͤufig zum Be⸗ ſuch einzufinden pflegte, richteten etwas uber 5 5 ihm aus. Vergebens hatte letzterer mit Auf⸗ bietung aller ihm zu Gebot ſtehender Mittel, dann und wann den Verſuch gemacht, dem Alten allmählig wieder mildere Geſinnungen gegen die entflohene Tochter einzuflößen; ſie war und blieb unwiderruflich aus ſeinem Herzen verſtoßen, und die finſtre Gemuths⸗ ſtimmung, die fort und fort an ihm ſich be⸗ merken ließ, ſchien mehr aus den peinwollen Ruͤckerinnerungen an die öffentliche Beſchim⸗ pfung, die Margarethens ehrvergeßner Schritt ihm zuwege gebracht, als aus der Vekuͤmmer⸗ — 181— niß um das gegenwärtige Schickſal der Land⸗ ſtreicherin hervorzugehen. Ohne mir jedoch das Herzeleid, das durch den Gedanken an das eigne Kind fortwährend in ſeiner Bruſt aufgeregt und genährt wurde, auf irgend eine Weiſe fuͤhlbar zu machen, hatte er ſtets auf das redlichſte fuͤr meinen Unterhalt Sorge getragen, mich ſchon früh zu einem einge⸗ zogenen ſittſamen Lebenswandel zu gewöhnen geſucht, und nicht allein in den noͤthigen Schulwiſſenſchaften, ſondern auch in d Muſtk, von welcher er von jeher ein eifriger Verehrer geweſen wat, mir unter⸗ richt ertheilen laſſen. Der Schulmeiſter des Dorfes, der in Folge der Verpflichtungen eines mehrſeitigen Berufes, zugleich den Can⸗ tor, Organiſten, Gloͤckner und Kirchenfeger in ſich vereinigte, war der ausſchließliche Brunquell, aus welchem der wißbegierigen Jugend in Hilmershayn zu ſchöpfen ver⸗ gönnt war. Seine vielumfaſſende Gelehr⸗ ſamkeit riß mich zu ſtiller Bewunderung hin, indem ſie in einer und derſelben Stunde — 182— über die verſchiedenartigſten Zweige des menſch⸗ lichen Wiſſens in die Länge und Breite ſich ausſprach, und erfuͤllte mich mit Wehmuth⸗ ſo oft ich ihn zu andrer Zeit im Schweiß ſeines Angeſichts am Glockenſtrange oder zwiſchen den beſtäubten Kirchenſtuͤhlen mit dem ſäubernden Kehrbeſen erblickte. Die Bereitwilligkeit, mit welcher ich ihm bei Be⸗ ſchäftigungen dieſer Art huͤlfreiche Hand zu leiſten pflegte, hatte ſchon längſt mir ſeine Gunſt verſchafft, und nicht allein in der Schule ſuchte er bei jeder Gelegenheit vor meinen Mitſchuͤlern mich auszuzeichnen, ſon⸗ dern auch gegen den Vetter, ſo oft dieſer über mein Verhalten erneuerte Nachfrage hielt, war des Lobens und Ruͤhmens kein Ende. Ich ſpielte die Floͤte, hatte es auch auf dem Clavier bereits zu einiger Fingerfer⸗ tigkeit gebracht, und beim letzten Aerndtefeſt meinen Lehrmeiſter, der die anweſende Guts⸗ herrſchaft des Abends mit einer Serenade uͤberraſchte, nicht ganz ohne Gluͤck auf dem Waldhorn zu begleiten verſucht; meine Lieb⸗ — lingsneigung war jedoch, wie angelegentlich auch der Vetter mir anrieth, die Floͤte mein Hauptinſtrument ſein und bleiben zu laſſen, auf einen ganz andern Gegenſtand gerichtet. Es war das Spiel auf der Orgel. Der Gedanke, den Geſang einer verſammelten Gemeinde zu lenken und zu beſtimmen, ihn nach freier Willkuhr zu beherrſchen und zu folge der verliehenen Alleingewalt im vorge⸗ ſchriebenen Maaße zu erhalten und fortzu⸗ fuhren, hatte, ſeitdem ich die Klaviertaſten zu bearbeiten angefangen, einen ſo unwider⸗ ſtehlich lockenden Reiz fuͤr mich, daß ich des Sonntags, bei Eröffnung des Gottesdienſtes, meinen Lehrmeiſtet niemals die Orgelbank beſteigen ſah, ohne von heimlichen Regungen des Neides und der Mißgunſt angefochten zu werden. Auch ließ ich nicht eher nach, bis er, unter Zuſtimmung des Vetters, den ſehnlichſten meiner Wuͤnſche gewährt, mich im Orgelſpiel zu unterweiſen angefangen und mir vorläuſig einen Choral eingeubt batte, den ich, als Probeſtuck meiner Ge⸗ lehrigkeit, heut zum erſtenmal öfenlic vor⸗ tragen ſollte. Es war der dritte ein ſchneidender Rordoſtwind blies auf dem Wege zur Kirche mir entgegen, und laut kniſterte der gefrorne Schnee unter meinen Fuͤßen, während ich, um der Wirkung des eben ge⸗ noſſenen Warmbieres noch mehr zu Huͤlfe zu kommen, in moͤglichſt raſchem Trabe das Ziel meiner Beſtimmung zu erreichen bemuͤht war. Schon hatte man, als ich mit ſchuͤch⸗ ternem Muth in der RNaͤhe der Orgel mich einfand, das Morgenlied angeſtimmt, das dem eigentlichen Gottesdienſt immer voran⸗ zugehen pflegte. Von allen Seiten und zu allen Thuͤren ſtrömten unter Abſingung deſ⸗ ſelben die Kirchgänger herein; Vetter und Muhme waren mir bereits auf dem Fuße nachgefolgt; auch Förſters Röschen ſaß unten auf dem gewohnten Platze, und hielt, in ihrem Geſangbuche blätternd, Muſterung unter den Marienbilderchen, die ich mit kunſt⸗ begabter Hand von Zeit zu Zeit fur ſie qus⸗ * geſchnitzt hatte. Auf allen Geſichtern glaubte ich die Merkmale einer geſpannten Erwar⸗ tung wahrzunehmen und immer ſtuͤrmiſcher fing mir das Herz in der Bruſt zu klopfen an, je mehr der gemeinſame Geſang von Strophe zu Strophe dem letzten Verſe des Liedes ſich näherte. Bald war auch dieſer geendigt; der Organiſt legte während der jetzt eintretenden todtenſtillen Pauſe das Choralbuch auf, zog rechts und links die zur Mitwirkung erforderlichen Regiſter, ertheilte mir einen fluͤchtigen Wink, mich fertig zu halten, und begann das Vorſpiel. Vielleicht wird einſt ſelbſt auf die ent⸗ ſchiedenſten Suͤnder die Poſaune des Welt⸗ gerichts keinen ſo erſchuͤtternden Eindruck zu machen im Stande ſein, als die erſten ſchwel⸗ lenden Toͤne der Orgel heut in meinem ge⸗ aͤngſtigten Gemuͤth hervorbrachten. Die Kniee begannen mir zu beben und zu ſchlottern, ein kalter Schweiß trat mir vor die Stirn, unabwendbar ſchien die Erſtarrung, die mein innerſtes Weſen ergriff, ſich allmählig bis — 186— auf die Fingerſpitzen, von deren fortdauern⸗ der Regſamkeit der gluͤckliche Erfolg meines kuͤhnen Unternehmens am meiſten abhing, ſich erſtrecken zu wollen; ein verdunkelnder Schleier ſchien plötzlich von unſichtbarer Hand mir uͤber die Augen geworfen, und die ganze chriſtliche Gemeinde in eine zitternde Bewe⸗ gung gerathen zu ſein. Jetzt ſchloß mein 3 Lehrmeiſter nach hergebrachter Regel das Vor⸗ ſpiel und ſtimmte, die angegebne Tonart feſt⸗ zuhalten bemuͤht, mit gellender Kehle den Geſang anz ein zweiter Wink erfolgte, und ich ſaß als bedauernðwürdiges Opfer der Angſt und Verwirrung an ſeiner Stelle. Beim fünften Wort ergreifſt du den Grund⸗ ton auf dem Pedal, und beim ſechsten fällſt du mit dem ganzen Akkord ein! hatte er während der Einuͤbung des Chorals mir un⸗ abläſſig vorgepredigt. Allein umſonſt! Alles was er in den letztverwichenen Tagen und namentlich geſtern bei der Generalprobe mir einzuſchärfen geſucht hatte, wat in dieſem. Augenblick ſo tein vergeſſen ünd das vor —— mir befindliche Taſtwerk, auf welchem ich jetzt die erſten Beweiſe der erwarteten Ge⸗ ſchicklichkeit oͤffentlich an den Tag legen ſollte, hatte plötzlich eine ſo fremdartige Geſtalt angenpymmen, als ob ich ohne den mindeſten vorangegangenen Unterricht, heut zum erſten⸗ mal auf der Orgelbank Platz genommen hätte. Mit zetmalmender Gewalt waͤlzte ſich der Gedanke an die dringende, keinen Vorſchub duldende Wichtigkeit meiner Beruföpflicht und an die erwartungsvolle Reugierde, mit wel⸗ cher ich Aller Augen nach mir gerichtet glaubte, auf mein zagendes Herzz von grauſenvollem Entſetzen ergriffen, rutſchte ich auf meinem Sitze hin und her, ein krampfhaftes Zucken bemächtigte ſich meiner Glieder, und die Zähne klapperten mir im Munde. Etwas mußte jedoch, das blieb mir trotz der Betaäubung, die mit grauſamer Uebergewalt mir die Sinne befangen hielt, klar und lebendig, etwas mußte dutchaus in der Sache geſchehen! Hof⸗ fend, daß die Beſonnenheit mir zuruͤckkehren und mich allmählig ins rechte Gleis bringen — 188— werde, wenn ich nur erſt mit muthiger Ent⸗ ſchloſſenheit einen Anfang gemacht hätte, ſtreckte ich daher die zitternden Hände nach dem Manual aus und ſuchte, während der linke Fuß nach dem Grundton umher zu ru⸗ dern begann, den vorgeſchriebenen Akkord zu erfaſſen und feſtzuhalten. Ungluͤcklicher Weiſe ſiel unker dieſer Bemuhung mein aͤngſtlich⸗ ſcheuer Blick auf den Schneidermeiſter Gram⸗ pel, der mit dem Ruͤcken gegen die Orgel gelehnt, mir zur Seite ſtand. Himmel! der Mann zog ein Geſicht, als ob er in einen ſauern Holzapfel gebiſſen hätte. Es enthielt augenſcheinlich mein Verdammungẽuttheilʒ ich ſchloß von demſelben auf die Mienen und Geberden aller uͤbrigen mir im Ruͤcken be⸗ findlichen Zuhoͤrer, und unwiederbringlich war es jetzt um den letzten Reſt der Faſſung und Geiſtesgegenwart gethan. Beſinnungslos tappte ich hin und her, die Linke wußte nicht, was die Rechte that, und meine Verwirrung aufs höchſte treibend, ſchrien, ich wußte nicht ob aus Mitleid oder S Gram⸗ pel an der einen, der Brandtweinbrenner Strulpe auf der andern Seite mir unauf⸗ hoͤrlich die Melodie in die Ohren. Verge⸗ bens ſuchte ich mich zuſammenzuraffen; jeder neue Verſuch war ein neuer Fehlgriff und diente nur dazu, die herzzerreißenden Miß⸗ toöne vermehren zu helfen, die der Orgel ent⸗ quollen und vor deren betäubender Ueberge⸗ walt ſogar die beiden obligaten Ohrenbläſer, indem ſie die Tonweiſe des Liedes durchaus nicht laͤnger zu behaupten im Stande allmählig verſtummten. „Welch' ein Schimpf und Spettulel!⸗ ertoͤnte es jetzt mit fluͤſternder Stimme dicht hinter mir. Ich drehte mich um und erkannte meinen Lehrmeiſter, der gleich anfangs, ohne von meiner Furcht und Bangigkeit und dem daraus hervorgehenden Mißlingen meines Kunſtverſuches nur das mindeſte zu ahnen, mit dem Windmüller des Dorfes in eine entfernte Ecke getreten und in angelegentliche Unterredung vertieft, die Folgen diefer Un⸗ vorſichtigkeit ſo eben erſt inne geworden war. — 190— Zu gleicher Zeit fuͤhlte ich mich auf ziemlich unſanfte Weiſe von meinem Sitze hinweg⸗ gedrängt, die ſchreienden Mißtöne, die ich der chviſtlichen Gemeinde zum Beſten gege⸗ ben, löſten unter der kunſtgeubten Hand mei⸗ nes Rachfolgers ſogleich in ſchmelzenden Wohl⸗ laut ſich auf, und ohne weitern Anſtoß nahm das Lied ſeinen gewohnten glücklichen Fort⸗ gang. Ich aber hätte um keinen Preis in der Welt meinen Blick nach dem Schiff der Rirche zu wenden vermocht; rieſenſchwer lag der furchtbare Arm des feindſeligen Geſchickes, das mit grauſamer Gewalt im Fluge des Augenblicks meine langgenährte Lieblingshoff⸗ nung zerſtört hatte, auf meinem Haupte und voll Scham und Verzweiflung ſuchte ich das Freie zu gewinnen.„Was deines Amtö nicht iſt, da laß deinen Vorwitz!“ rief Grampel mit nach, indem ich die Treppe hinabeilte. Jedes dieſer Worte durchdrang wie ein ſchnei⸗ dendes Schwert mir die Seeles; denn der Mann hatte beim diesjährigen Aerndtetanz ſich in eiskaltem Lagerbier die Schwindſucht an den Hals getrunken und ſeine Stimme, die ſchon in geſunden Tagen wie Hohngeläch⸗ ter klang, way ſeitdem noch um vieles hohler und ziſchender geworden. Kein Wunder alfo, wenn mein getauſchtes Ohr in dieſem Zuruf den ſchadenfrohen Triumph des Höllenfürſten uͤber mein verunglucktes geiſtliches Wert zu vernehmen glaubte! 00 und rsanh Zerknirſcht und muthlos trat ich jetzt un⸗ ter die Gräber des Kirchhofs, die vom mat⸗ ten Strahl der Winterſonne heleuchtet, unter ihrer Schneerinde friedlich nebeneinander da⸗ hin gedehnt lagen. Allhier ruhet in Gott Conrad Samuel Lößler, ſtand auf einem ſchon halb verwitterten Grabkaſten zu leſen, auf welchen mein verſtörter Blick vor allen andern gerichtet war.„Könnte ich doch, um mich auf immer vor der Welt zu verbergen, zu dir hinabſteigen, Vafer, und bei dir ſchlummern!“ ſeufzte ich aus ſchmerz⸗ lich bewegter Bruſt, indem ein Strom. von Thränen mir uber die Wangen zu ſtürzen anfing. Die peinliche Unruhe, von welcher mein ganzes Weſen durchdrungen war, trieb mich bald wieder von dannen. Ohne Plan und Zweck eilte ich, indem ich fortwährend Grampels pfeifende Stimme hinter mir zu vernehmen wähnte, uber die Grabhuͤgel hin⸗ weg und zur nächſten Pforte hinaus; fuͤhlte, trotz der ſcharfen Dezemberluft, die mit er⸗ ſtarrendem Hauch von der freien Feldfläche mir entgegen wehte, mein Innerſtes von einer gluhenden Hitze verzehrt, und irtte, vom Gefuͤhl der Schande verfolgt und zweifelhaft ſchwankend, ob ich nach ſo ungluͤcklich ausge⸗ fallenem Probeverſuch in das Haus des Vet⸗ ters zurückkehren oder in Margarethens Fuß⸗ tapfen treten und in die Welt gehen ſollte, mehrere Stunden lang auf ſelbſt gebahnten Wegen und Stegen in der luſtlos vevödeten Gegend umher. Der Hunget, der mittler⸗ weile zufolge der ſtarken Leibesbewegung im⸗ mer ſturmiſcher mahnend ſich einzuſtellen an⸗ ſing, gewann jedoch in eben dem Grade, wie die Mittagsſtunde näher und näher ruckte, uͤber die Regungen der Ehrliebe allmählig die Oberhand. Von einer unbezwinglichen Sehn⸗ ſucht nach dem Gänſebraten, mit deſſen Zu⸗ bereitung die zuruckbleibende Magd aus dem Munde der Muhme beauftragt worden war, angewandelt und ergriffen, verfuͤgte ich daher auf unbetretenen Seitenwegen mich nach dem Dorfe zuruͤck, uͤberſtieg in aller Stille einige Gartenplanken und fand, als ich mit klopfen⸗ dem Herzen durch die Hinterthuͤr des Hauſes in die Wohnſtube trat, die Meinigen eben im Begriff, ſich zu Tiſche zu ſetzen. Zu meiner großen Verwunderung war von Vorwuͤrfen und Scheltworten, auf deren An⸗ hörung ich mich bereits gefaßt gemacht hatte, nicht das mindeſte zu vernehmen; die beiden Alten verhielten ſich während des Eſſens ſo ruhig, als ob ſie noch in der Kirche ſäßen und der Predigt zuhoͤrten. Auch ich verſpuͤrte daher keinen Beruf, dieſe Stille zu unter⸗ brechen und in Bezug auf mein erlittenes Mißgeſchick irgend ein entſchuldigendes Wort laut werden zu laſſen, ſondern ließ mir den aufgetiſchten Praten, von welchem mir zu U. Bo. 13 —— noch hoͤher ſteigendem Befremden die aller⸗ beſten Stücke vorgelegt wurden, ſo wohl ſchmecken, als es der Wurm, der mir heim⸗ lich in der Bruſt nagte, nur immer verſtat⸗ ten wollte. Endlich erhob der Vetter ſich von ſeinem Sitze, legte mir die Hand auf die Schulter, faßte mich ſcharf ins Auge und ſagte mit ernſter faſt feierlicher Stimme:„Nunmehr haſt du vor der Hand deine letzte Mittags⸗ mahlzeit in meinem Hauſe gehalten. Mein Bruder, der Gewuͤrzkrämer, hat mir in die⸗ ſen Tagen gemeldet, daß er einen Lehrling ſuche; ich bin entſchloſſen, dich ſeiner Auf⸗ ſicht und Leitung anzuvertrauen. Deine Sa⸗ chen ſollen noch dieſen Nachmittag in Ord⸗ nung gebracht und gepackt werden, und mor⸗ gen in der Fruhe machſt du dich auf den Weg nach der Stadt, und frittſt dort unver⸗ zuglich den dir beſtimmten neuen Veruf an. Dauern ſollte es mich freilich in der Seele, wenn du auch dazu kein Geſchick haͤtteſt; ich wüßte dann wirklich nicht weiter zu rathen 52 —— und zu helfen. Du wirſt daher alles anwen⸗ den, um durch Fleiß und löbliche Auffuhrung die Scharte wieder auszuwetzen und ein guter Gewürzkrämer zu werden, da dir der Him⸗ mel die zum Organiſten erforderlichen Anla⸗ gen und Fähigkeiten ſo gänzlich verſagt hat. Zum Foͤrſter kannſt du noch gehen und dich verabſchieden, bei den uͤbrigen Freunden und Bekaunten, denen du dich wohl gerade heut nicht ſo gar gern wirſt zeigen moͤgen, will ich ſelbſt gelegentlich, der Schuldigkeit gemäß, deine Stelle darin vertreten.“„ Bwar ſchmerzte es mich tief, daß der Alte das traurige Mißlingen meines heutigen Ver⸗ ſuches nicht ſowohl dem entmuthigenden Ein⸗ fluſſe der Angſt und Beſtuͤrzung, ſondern ein⸗ zig und allein dem entſchiedenen Mangel an Talent zuzuſchreiben geneigt war; doch hatte ich gegen den gefaßten Beſchluß ſelbſt niche das mindeſte einzuwenden, da der Gedanke an die öffentliche Beſchimpfung, die fortan auf meinem Haupte zu haften drohte, mir nach geſtillter Eßluſt wieder ſo unerträglich zu wer⸗ 73* den anfing, daß ich die eben jetzt ſich darbie⸗ tende Gelegenheit, mich dem kränkenden Ge⸗ ſpott und Achſelzucken meiner hieſigen Be⸗ kannten fuͤr immer entziehen zu können, nir als einen guͤnſtigen Wink des Himmels be⸗ trachten konnte. Stillſchweigend begab ich mich hinauf in die Kammer, packte dort vor allen Dingen meine Notenbuͤcher, die trotz des erlittenen Mißgeſchickes noch immsr den vorzuglichſten Werth fuͤr mich hatten, zuſam⸗⸗ men, trat nach vollbrachtem Geſchaͤft in einen Winkel, ſetzte die Floͤte an den Mund und fingerte, während der Vetter in der angren⸗ zenden Stube ſein gewohntes Mittagsſchläͤf⸗ chen hielt, mit angelegentlichem aber geräuſch⸗ pſem Eifer auf ihr herum, indem ich die Blicke ſtarr an die Decke heftete und mir den Klang des vorgenommenen Muſikſtuͤckes mög⸗ lichſt zu verſinnlichen ſuchte. Erſt als es zu dämmern begann, gedachte ich des Auftrages, den der Vetter mir ertheilt hatte, und ſchlich zum Dorfe hinaus, um dem Foͤrſter in ſeiner einſam gelegenen Behauſung den Abſchiedöbe⸗ ſuch abzuſtatten. Röschen, ſeine Pflegetochter, die den Vorfall in der Kirche bis zu dieſem Augenblick durchaus nur von ſeiner beluſti⸗ genden Seite betrachtet hatte, ſchlug, indem ich zur Thuͤr hereintrat, ein helles Gelaͤchter auf, ließ aber ſogleich nach, mich zu foppen und aufzuziehen, ſobald ſie uͤber die Folgen, die fur mich daraus entſprungen waren, und uͤber den Zweck meines Erſcheinens ſich be⸗ lehrt ſah. Die uͤbereinſtimmende ehntichtei die ſo⸗ wohl zwiſchen unſern beiderſeitigen Schickſa⸗ len und Lebensverhältniſſen als unſern Ge⸗ fuͤhlen und Reigungen ſtatt fand, hatte ſchon ſeit der fruͤhſten Kindheit uns auf das in⸗ nigſte mit einander verbunden. Auch ſie lebte ſchon ſeit ihrem dritten Jahre in dem Hauſe des Foͤrſters, welcher ſie damals von einer Beſuchsreiſe zu ſeinen entfernten Ver⸗ wandten mit nach Hilmershayn gebracht, und als älternloſe Waiſe an Kindesſtatt angenom⸗ men hatte. Die vertraute Bekanntſchaft unſrer Pflegeväter batte unſern Umgang fortwäh⸗ rend beguͤnſtigt; verträglich und gnuͤgſam wußten wir, waͤhrend jene ſich die Zeitungen vorlaſen und die darin enthaltenen Gegen⸗ ſtände noch weiter verhandelten, uns ſtets auf ſo unterhaltende Weiſe zu beſchaͤftigen, daß wir nie nach andrer Geſellſchaft Verlangen trugen. Mit eben ſo nermüdlicher S als geſpannter aufuer mike ilte Ri chen, während ich meite Muß ikuͤbungen ſtellte, oft zu ganzen Stunden in meiner Nähe, ohne jemals, bei dem nur allmähligen Gelingen dieſer kunſtleriſchen Verſuche, ſich äber Ohrenweh und Langeweile zu beſchweren; ſtreng und unparteiiſch beurtheilte ſie, durch ein richtiges natuͤrliches Gefuͤhl unterſtuͤtzt, meine Leiſtungen, und mehr und mehr ge⸗ wöhnte ich mich daran, ihren Beifall eben ſo ſchmeichelhaft fuͤr mich zu finden, als die Lobſpruͤche, welche mein Lehrmeiſter mir dann und wann zu ertheilen pflegte. Auch mein Vetter war ihr von ganzem Herzen geneigt und gewogen; mit geheimnißvoller Gewalt ſchien ihr Weſen ihn zu feſſeln und zu er⸗ greifen, ſeltſame Regungen und Gefuhle ſchie⸗ nen, während er in ſtiller ernſter Betrachtung auf ihren Geſichtözugen verweilte, in ſeiner Seele lebendig zu werden, und nicht ſelten geſchah es, daß er, in ihren Anblick vertieft, alles andre um ſich her vergaß, und in ſeiner träumeriſchen Zerſtreuung die wunderlichſten Reden zu fuͤhren anfing. Der Foͤrſter ver⸗ hielt ſich dabei immer ſo ſtill und blickte dem Alten mit ſo forſchender Aufmerkſamkeit in die Augen, als ob er an Auftritten dieſer Art ein gar beſondres Behagen finde; ich ſelbſt aber wußte weder den Grund ſo räth⸗ ſelhafter Erſcheinungen mir zu erklären, noch die ganz eigne Furcht und Bangigkeit, von welcher ich in ſolchen Augenblicken mich un⸗ willkuͤhrlich durchdrungen fuͤhlte, zu uͤber⸗ winden. Mäuschenſtill trat Röschen nach Anhoͤ⸗ rung meines Berichtes an das Fenſter, und fing gedankenvoll mit den Fingern in den Eisblumen deſſelben zu kritzeln an, während der Foͤrſter, dem meine neue Beſtimmung — — 200— gleichfalls nicht ſonderlich behagen zu wollen ſchien, murrend und brummend in der Stube auf und abging und durch Mienen und Ge⸗ berden ſeine Unzufriedenheit uͤber dieſen ſo eilfertig gefaßten Plan zu erkennen gab. Mit der eiſernen Willensfeſtigkeit meines Vetters durch vieljährige Erfahrung zu ver⸗ traut geworden, bezeigte er jedoch zu dem un⸗ dankbaren Verſuche, denſelben auf andre Ge⸗ danken zu bringen, eben keine Luſt; auch ver⸗ mied er es auf das ſorgfältigſte, die un⸗ muthigen Zweifel und Beſorgniſſe, die ihm auf den Lippen ſchwebten, ſaut werden zu laſſen. Statt daher durch warnende Winke uͤber mein bevorſtehendes Schickſal mir un⸗ noͤthiger Weiſe im voraus das Herz ſchwer zu machen, ertheilte er mir unter der Ver⸗ ſicherung, daß man im Gewürzladen eben ſo⸗ wohl als auf der Orgelbank ſich zu einem nͤtzlichen Gliede der menſchlichen Geſelſchaft ausbilden könne, mehrere wohlgemeinte Lehren und Ermahnungen, druͤckte mir darauf einen harten Gulden in die Hand und ſuchte, in⸗ . — 20— dem er beim Abſchiede von mir erfuhr, daß ich auch in Zukunft meine Freiſtunden der Muſik zu widmen entſchloſſen ſei, mir beſon⸗ ders die Vervollkommung auf dem Wald⸗ horn anzuempfehlen und ans Herz zu legen. Zur Abreiſe geruͤſtet, trat ich mit An⸗ bruch des folgenden Morgens in die Schlaf⸗ kammer des Vetters, der von einer Unpäß⸗ lichkeit befallen, ſich noch im Bette befand. „Präge dem Jungen die zehn Gebote zum Abſchied noch einmal in's Gedächtniß, und gieb ihm eine geräucherte Wurſt mit auf den Weg!“ ſagte er zur Muhme, nachdem er mir die Hand gereicht, einige bereits geſtern mir ertheilte Aufträge an ſeinen Bruder in der Küͤrze wiederholt und zur treufleißigen Beo⸗ bachtung meiner neuen Beruföpflichten mich ermahnt hatte. Ich ſteckte, während die Muhme unter bittern Thränen die Befehle des Alten vollzog, das Futteral, in welchem meine Flöte bofindlich war, in die eine, die eingewickelte Wurſt in die andre Rocktaſche, nahm das Reiſebuͤndel auf den Ruͤcken und — 202— wanderte, durch den unbehaglichen Morgen⸗ nebel) von welchem die Luft erfuͤllt war, mit raſchen Schritten zum Dorfe hinaus. Der Wildemannsgulden ſchien ſich meiner Taſche zu regen, indem ich der Be⸗ hauſung des Förſters, an welcher ich ſtill und unbemerkt voruͤber zu eilen gedachte, mich näherte, und dankbar haftete mein Blick auf dem beſchneiten Dache, unter welchem der großmüthige Spender des Geſchenks wohnte. Da hoͤrte ich von wohlbekannter Stimme mich plotzlich beim Ramen rufen; erſchrocken wandte ich mich nach der Hecke, von welcher der Garten umſchloſſen lag, und zitternd vor Froſt ſtreckte Röschen, die hier ſeit einer Stunde bereits auf mich gewartet hatte, mir die Hand entgegen. „Ich habe noch geſtern Abend,“ ſagte ſe mit wehmuͤthiger Geberde,„ein ſeidnes Tuch fuͤr dich geſäumt, womit ich dich zu deinem Geburtstage zu beſchenken gedachte. Rimm es mit nach der Stadt, lieber Konrad, und denke zuweilen an mich, wenn du es umbin⸗ — deſt. Der Vater iſt zum Gluͤck ſchon vor Tagesanbruch ins Holz gegangen; ſonſt hätte er mein Lauern und Aufpaſſen hier draußen in der grimmigen Kälte wohl nicht gelitten. Dein Vetter freilich macht ſich nichts daraus; der ſtoͤßt dich, trotz des Froſtwetters, in ſeiner Hartherzigkeit fort in die Fremde. Alles ift nun vorbei; wir werden uns wohl niemals wiederſehen!“ Der Anblick des ſo tief bekuͤmmerten, an meinem Schickſale ſo innigen Antheil neh⸗ menden Mädchens ruͤhrte mich bis zu Thrä⸗ nen; auf wunderbare Weiſe ſchien ſich mein Innerſtes plotzlich zu verwandelnz Empfin⸗ dungen, die ſtill und regungslos bis dahin in meiner Bruſt geſchlummert hatten, fingen an zu erwachen, und mit ſchmerzlicher Sehn⸗ ſucht hing mein traurender Blick an der be⸗ freundeten Geſtalt, von welcher ich jetzt un⸗ widerruflich und vielleicht auf immer mich trennen ſollte, nachdem das Dörfchen, in welchem ich meine glückliche Kindheit verlebt, mir bereits im Ruͤcken lag und vom Fruͤh⸗ —————————————— Shete — 204— nebel umhůlt„ aus meinen gugen entſchnun⸗ den war. „Es hilft nun einmal nichts: der Vetter will es, und ich muß gehorchen!“ rief ich ihr zu, indem ich das Geſchenk in Empfang nahm und es dem in der Taſche befindlichen Mundvorrath beigeſellte.„Du brauchſt aber keine Sorge zu tragen, liebes Röschen; denn ich werde nicht bloß wenn ich mir das Hals⸗ tuch umbinde, ſondern auch noch bei vielen andern Gelegenheiten mich deiner erinnern. Niemals will ich die Floͤte zur Hand nehmen, ohne mir einzubilden, du ſitzeſt bei mir; das wird mich Jehr erwecken und anſpornen. Komme ich dann fruͤher oder ſpäter einmal nach Hilmershayn zum Beſuch, ſo bringe ich ſie mit, und du ſollſt dann mit den Fort⸗ ſchritten, die ich unterdeſſen gemacht habe, gewiß zufrieden ſein!“—. Ohne jetzt durch längeres Verweilen mir den Abſchied noch mehr zu erſchweren, riß ich, der unvermeidlichen Nothwendigkeit ge⸗ horchend, mich von ihr los, nachdem ich durch einen kraͤftigen Haͤndedruck ſie von der Auf⸗ 3 richtigkeit meiner Geſinnungen möglichſt zu uberzeugen geſucht hatte, und ſchritt, die in mir aufſteigenden Empfindungen des Schmer⸗ zes und der Wehmuth gewaltſam unterdruͤk⸗ kend, mit ſo ruͤſtiger Silfertigkeit, als es die mir aufgebürdete Laſt nur immer verſtutten wollte, auf der breiten Heerſtraße fort und meiner Beſtimmung entgegen. Nach Ver⸗ lauf einiger Zeit heiterte der Himmel all⸗ mählig ſich auf, mit ſtillwirkender Gewalt brach die Sonne durch das Nebelgewölt und 6 ſandte ihren erquickenden Strehl auf mich herab. Ohne durch den anlockenden Wink der am Wege beſindlichen Wirthshäuſer mich mit Aufopferung eines Theiles meiner Baar⸗ ſchaft zur Raſt und Srholung verleiten zu laſſen, verfolgte ich mit tapfrer Beharrlich⸗ keit die mir vorgeſchriebene Richtung, er⸗ blickte endlich von einem Huͤgel herab in der Ferne die beiden Thurmſpitzen von Lerchenau und hatte das Städtchen ſelbſt nach einer Wanderung von ſechs Stunden gluͤcklich er⸗ — 206— reicht. Schuͤchtern und beſcheiden erkundigte ich mich, indem ich durch das Mauerwerk eines halbverfallenen Schwibbogens, unter welchem ſich ehemals das Stadtthor befunden zu haben ſchien, in die daran ſtoßende Guſſe gelangt war, bei einem Voruͤbergehenden nach der Wohnung des Gewürzkrämers Puchmannz dienſtfertig ward ich zurecht gewieſen und mit aͤngſtlich geſpannter Erwartung trat ich, den Hut in der Hand und das Reiſebundel unter dem Arm, in das mir bezeichnete Haus. Eine kleine hagre Geſtalt, deren vertrock⸗ nete Geſichtszüge mir unwillkührlich das Bild des Schneidermeiſters Grampel in die Seele zuruͤckriefen, kam aus dem ſeitwärts befind⸗ lichen Gewuͤrzladen mir entgegen getrippelt, ſing mißtrauiſch vom Kopf bis zur Schuh⸗ ſpitze mich zu muſtern an, hielt mit heiſerer Stimme Rachfrage über mein Geſuch und Anliegen und noͤthigte mich, nachdem ich bei ehrerbietiger Ueberreichung des vom Vetter erhaltenen Empfehlungsbriefes meinen Na⸗ men und den Zweck meines Erſcheinens ge⸗ nannt hatte, in die gegenuͤber befindliche Stube. Es„wie ich auch ſogleich ver⸗ muthete, Herr Buchmann ſelbſt, der vor mir ſtand. Ein dem Grundſtoffe nach hellblauet, hin und wieder mit abſtechenden Lappen ge⸗ flickter und von oben bis unten mit gleißen⸗ den Schlafrock, der in der Mit neiner ſchmutzigrothen Schaͤrpe zuſammen gehalten ward, umgab ſeinen Koͤr⸗ per; an den Fuͤßen trug er ein Paar ſchwer⸗ fällige Pantoffeln, die er augenſcheinlich aus alten abgelegten Stiefeln ſich ſelbſt fur dieſen Behuf zurecht geſchnitten hatte, und auf dem kahlen Kopf eine aſchgraue Tuchmuͤtze in Zuk⸗ kerhutsform, die ihm das Anſehn eines Chi⸗ neſen gab. Auch die Geräthſchaften, die ich um mich her erblickte, ſtimmten mit dem Aufzuge, in welchem ihr Beſitzer ſich als mein zukunftiger Brotherr mir zu erkennen gab, auf das vollkommenſte uͤberein. Ein farbloſer, vom Wurm zerfreſſener Klapptiſch auf drei Beinen, eine beſtäubte hölzerne Wand⸗ uhr mit Ziffern und Zeigern, zu deren Unter⸗ Verwandten in Hilmers ſcheidung ein ſehr geuͤbtes ₰ erforderlich war, ein alter durchgeſeſſen roßvaterſtuhl, deſſen traurige Hinfälligkeit mich mit dem innigſten Erbarmen evfuͤllte, ein kaſtanien⸗ braunes ausgedoͤrrtes und geborſtents Schrei⸗ bepult, und uber demſelbe Schattenriſſe und e gem Glaſe und Rahmen mach ſächlichſten Zierden des ancholiſchen Ker⸗ kers aus, den Herr Buchmann ſh ſtube nannte⸗ Rachdem ich ihm ibert ſtattet, erkundigte er ſich, ob ich ſ 3 ½ Mittag gegeſſen habe. Es geſchah dies aber 3 mit einer Miene, in welcher die Voraus⸗ ſetzung, daß die Antwort bejahend ausfallen werde, ſich ſo deutlich wahrnehmen ließ, daß ich, obgleich vom empfindlichſen Hunger g quält, es durchaus nicht uber miß geninnen konnte, ein aufrichtiges Bekenntniß meiner innern Verfaſſung abzulegen und ihm uͤber meine unuͤberwindliche Sehnſucht nach einer 1 4 1 * denſchein — 209— Eik Mahlzeit einen belehrenden Ohne daher ſeine Frage nur muͤhſam unterdruͤckten Seufzer zu erwie⸗ dern, packte ich jetzt auf ſein Geheiß die mit⸗ gebrachten gligkeiten ſtillſchweigend der Reihe na und ein verklärender F Freu⸗ h uͤber ſein ganzes Geſicht, als ich die ſtattliche Wurſt aus der Laſche hervorzog.„Nun ich ſehe, das alte Bruͤder⸗ chen hat denn doch wenigſtens einigermaßen wieder an mich gedacht!“ ſagte er, indem mir aus der Hand riß und in den ſeit⸗ 4 fdichen Wandſchrank verſchloß. Ich machte große Augen, wagte aber nicht, ſeiner Meinung zu widerſprechen, ſo ſeltſam es mir auch vorkam, daß der Mann, indem er alles von ſelbſt errathen zu koͤnnen vermeinte, aus einem Irrthum in den andern verſiel. So hielt er, als ich die zuſammengepackte Floͤte zum Vorſchein brachte, die einzelnen Stuͤcke derſelben wahrſcheinlich wiederum fuͤr Wuͤrſte, denn auch nach ihr ſtreckte er mit nicht ge⸗ II. Vo, 14 rringerer Haſt und Hand aus, um ſie in Empfang zu nehinen. zu uberfuͤhren, wie ſehr er in ſeiner Muth⸗ maßung ſich täuſche, öffnete ich das Futteral, worin eines meiner theuerſten Lebensguͤter Herr Vetter auch ein Freun der r Muſit und welchem Inſtrument er hauptſachlich gewogen ſei. Eine finſtre Gewitterwolke aber fing, waͤhrend ich mit lauſchender Hoffnung einer günſtigen Antwort entgegen harrte, die Stirn des Gewuͤrzkrämers zu uͤberziehen an.„ Muſik! was Floͤte! Hier in Lerchenau hat uns der liebe Gott unſre geſunde Lunge zu ₰ ganz anderm Gebrauch gegeben!“ Unglückli⸗ cher Weiſe hatte ich, indem er dieſe Reden ausſtieß, auch Röochens Abſchiedsgeſchenk be⸗ reits aus der Taſche hervorgeholt und zu den uͤbrigen Sachen auf den Tiſch hingelegt. „Ein ganz nagelneues ſeidnes Halstuch?“ fuhr er fort, indem er es auseinander that — und mit muſternder Kraͤmermiene an allen Kanten„Seidene Halstücher tra⸗ gen die Lehrburſchen in Lerchenau auch nicht! Hoffarth thut nimmer gut! Seidene Hals⸗ tücher fuhren zum Hochmuth und Hochmuth kommt vor Fall!“ Zu meinem todtlichen Entſetzen m er beides nd wies ihm, ohne an die Beſtürzung, die ich bei dieſem herriſchen Verfahren blicken ließ, ſich im mindeſten zu kehren, neben der Wurſt im Wandſchrank ſeinen Platz an.„L Liebſter Herr Vetter,“ ſtammelte ich,„das Halstuch mö⸗ gen Sie, wenn ſich's nicht anders thun läßt, in Verwahrung nehmen; aber die Flöte kann ich durchaus nicht miſſen; ich bin zu ſehr daran gewöhnt und habe noch dieſen Morgen, als ich von Hilmershayn abwanderte, aus⸗ druͤcklich verſprochen, mich in den Freiſtunden, die meine Berufsgeſchafte mir ubrig laſſen, recht fleißig in der Muſit zu uben. Verar⸗ gen Sie mir daher meine Freimuthigkeit nicht, liebwertheſter Herr Vetter! Ich will gern alles thun, was Sie wünſchen und verlan⸗ 14 —— gen; aber Lon meiner Floͤte kann ich mich wirklich nicht trennen!“ „Es wird ſich ſchon finden, mein Sihn chen! alles wird ſich finden!“ erwiederte er. „Freiſtunden? hier in Lerchenau haben wir keine Freiſtunden; ausgenommen, wenn wir des Rachts im Bett liegen und ſchlafen. Oder willſt du etwa den Leuten was auf der Floͤte vorblaſen, während ſie Syrup und Schnupf⸗ taback verlangen, du närriſcher Kauz? Hier in Lerchenau haben wir unſre zehn Finger zu ganz andern Dingen noͤthig, als zum Her⸗ umfingern auf der Querpfeife!“ „Nun, ſo bleibt ja doch,“ ſagte ich ngſt⸗ lich und betreten,„wenigſtens der Sonntag—“ „Der Sonntag?“ fil er mir ins Wort. „Ja freilich, der Sonntag wird auch bei uns zu Lande gefeiert. Des Vormittags bleibt nach der Verordnung unſers hochweiſen Ma⸗ giſtrats der Laden geſchloſſen, und wir gehen zuſammen in die Kirche; des RNachmittags aber werden zur Erholung bald Roſinen ge⸗ leſen, bald kleine niedliche Saffranduten ge— — 213— dreht, je nachdem der Abſatz in dieſem und jenem Artikel es mit ſich bringt. Das Tril⸗ liren und Muſtziren aber habe ich mein Leb⸗ tag nicht ausſtehen können; abſonderlich iſt mir das Zwitſchern auf der Flöte immer in den Tod zuwider geweſen. Es greift die Vruſt und die Ohren an. Blitz Jakobinchen! hier in Lerchenau hat uns der Schöpfer unſre geſunden Lungen und Ohren nicht Mißbrauch verliehen!“* Mit ſchwerem Herzen folgte ich ihm jetzt auf ſein Geheiß hinuͤber nach dem Gewurz⸗ laden, wo er an einem in der Ecke befindli⸗ chen Tiſch mich Platz nehmen hieß, und mir unverzuglich in den Anfangsgruͤnden des Du⸗ tenkleiſterns Unterricht zu ertheilen anfing. Die Leichtigkeit, mit welcher ich die bei die⸗ ſein Geſchäft in Anwendung zu bringenden Handgriffe mir im Fluge der Minuten zu eigen zu machen wußte, wuͤrde mir ſelbſt ei⸗ niges Vergnuͤgen gewährt haben, wäre nicht dieſe Selbſtzufriedenheie uber meine Anlagen und Fähigkeiten zum Gewurzhändler, fort und ——— —— e — 214— fort durch den unerträglichſten Hunger unter⸗ brochen und geſtört worden. Die Daämme⸗ rung brach jedoch allmählig heran, ohne daß ich zu Befriedigung deſſelben nur die entfern⸗ teſten Anſtalten treffen ſah, und ſicher wuͤrde ich der Verſuchung, ihn aus dem Kleiſter⸗ topfe zu ſtillen, auf die Länge nicht mehr haben Widerſtand leiſten koͤnnen, hätte nicht zum Gluͤck die Heringstonne mir in der Rähe geſtanden, an welcher mein Auge fortwahrend mit verſtohlner Luͤſternheit hing. Du ſollſt nicht begehren fremdes Eigenthum! rief das Gewiſſen; Wurſt wieder Wurſt! ſiel ihm der Magen ins Wort; und kaum hatte Herr Buch⸗ mann in Geſchäftsangelegenheiten ſich auf ei⸗ nige Augenblicke aus dem Laden entfernt, als ich ſogleich, die gunſtige Gelegenheit benutzend, mit der Behendigkeit eines Raubvogels uͤber die Tonne herfiel, mich eines Herings be⸗ mächtigte und ihn mit Rumpf und Stiel hinunter ſchlang.. Das Bewußtſein, eine unerlaubte nrt lung begangen zu haben, fing mir jedoch⸗ indem mein Lehrherr ſich wieder einfand, die empfindlichſten Vorwuͤrfe zu machen anz auch glaubte ich mich nicht eher zufrieden geben zu koͤnnen, bis ich durch ein unumwundenes Bekenntniß meines Vergehens mich von der Schuld ſo viel als möglich gereinigt hätte; nur wuͤnſchte ich zuvor von der Aufnahme, die ich mir von meiner Offenherzigkeit zu verſprechen habe, mich einigermaßen zu un⸗ terrichten.„Sie haben da, wie ich ſehe, eine ganze Tonne Heringe ſtehen;“ redete ich mit moͤglichſt unbefangener Miene ihn an.„Iſt es mir wohl erlaubt, liebſter Herr Vetter, mir einen davon auszuſuchen und zu verſpeiſen?“ Hoffend war mein Blick auf ſeine Lippen gerichtet, um nach erfolgter Ge⸗ nehmigung meines Geſuches ihm ſogleich zu geſtehen, daß ich, im gerechten Vertrauen auf ſeine Guͤte, dieſer Erlaubniß bereits vor⸗ gegriffen und den Hering verzehrt habe. Aber o Himmel! mein Anliegen ſchien einen ganz eignen grauſenvollen Eindruck auf ihn zu ma⸗ chen; denn krampfhaft ſchlug er die Hände ———————— — 216— uber dem Zuckerhut auf dem Kopfe zuſam⸗ men und Todtenbläſſe uͤberzog ſein Geſicht. „Ei du Höllenbrand!“ rief er, endlich ſich faſſend und beſinnend;„was du mir doch durch deinen unzeitigen Scherz für einen Schrecken eingejagt haſt! Einen Hering auf⸗ eſſen! ihn noch obendrein ausſuchen! Kon⸗ rad, ich verbitte mir hinführo dergleichen vorwitzige Späße. Läßt man in Hilmers⸗ hayn ſo etwas ungeſtraft hingehen; hier in Lerchenau iſt dergleichen durchaus nicht ange⸗ bracht!“— O weh! dachte ich, indem ich das beabſichtigte Geſtändniß ſo ſchnell und gewaltſam, als den Huſten, zu welchem das in der Kehle zuruͤckgebliebene Salz mich un⸗ abläſſig reizte, zu unterdruͤcken ſuchte und die Augen ſtarr auf meine Arbeit geheftet, mit angelegentlichem Eifer fortkleiſterte. Endlich trat die alte ſtocktaube Hausmagd, welcher man ſich, wie ich ſpäterhin zu bemgeken Gelegenheit hatte, nur durch Zeichen verſtänd⸗ lich zu machen vermochte, in den Laden und verkündigte mit grämlichem Geſicht, daß das * — 217— Abenbeſſen drüben in der Wohnſtube bereit ſtehe. Mit ungeduldigem Verlangen folgte ich dem voranſchreitenden Gewürzkrämer und freudig begann das Herz mir in der Bruſt zu hüpfen, als ich den lockenden Duft aus der auf dem Tiſch ſtehenden, mit einer braun⸗ rothen Fluͤſſigkeit angefullten irdenen Schuͤſſel gegen die Decke emporſteigen ſah. Es war, wie der Vetter mit ſehr wichtigem Geberden⸗ ſpiel mir vermeldete, eine von ihm ſelbſt er⸗ fundene Kraftſuppe, die, ihren Hauptbeſtand⸗ theilen nach, aus verkochten Roſinenſtengeln zubereitet war. Kaum aber hatte ich den erſten Löffel davon hinunter geſchluckt, als ich auch ſchon mit der Miene eines Menſchen, der ahnend und furchtend, eben den Ausgang einer entſetzlichen Votſchaft zu vernehmen im Begriff iſt, die Hände in muthloſer Ver⸗ zweiflung unter den Tiſch ſinken ließ. Herr Buchmann ſelbſt kniff die Kinnladen zuſam⸗ men, und aͤußerte, daß Elsbeth heut mit dem Syrup denn doch faſt gar zu haushälteriſch umgegangen ſei; ließ es jedoch, ſtatt dem —Zà m — 218— Mangel abzuhelfen, bei der bloßen Andeu⸗ tung deſſelben bewenden, und arbeitete, wäh⸗ rend mich ſein heldenmüthiger Eifet eben ſo lebhaft zur Bewunderung hinriß, als mich das Erzeugniß ſeines erfinderiſchen Geiſtes mit Abſcheu und Widerwillen erfullte, die ſchauderhafte Laterge herzhaft in ſich hinein. Indeſſen ſuchte ich mich insgeheim mit der Vorſtellung zu troͤſten, daß man zum RNach⸗ 6 tiſch unfehlbar die Wurſt herbeibringen, und 3b Pei ihr ſodann die ſo eben ſtattgehabte trau⸗ ge Läuſchung leicht zu verſchmerzen ſein Abſichtlich leitete ich daher die Unter⸗ redung anfangs auf das Hilmershaynſche Maſtvieh im Allgemeinen z ging darauf, um dem Vetter den Gegenſtand meiner Sehnſucht noch erfolgreicher ins Gedächtniß zuruckzu⸗ rufen, allmählig auf die Thiergattung uͤber, die mir bei Betreibung meines Zweckes zu⸗ nächſt im Sinne lag, und gab ihm endlich, da er meine eigentliche Abſicht noch immer nicht zu faſſen und zu begreifen ſchien, klar und deutlich zu verſtehen, daß die mitgebrachte Wurſt nur an der einen Seite geraͤuchert, mithin die längere Tauglichkeit derſelben in den allergerechteſten Zweifel zu ziehen ſei. Umſonſt! der Mann hatte keine Ohren; mein Schmachten und Seufzen ſtieg unvernommen zu den Göttern empor und die Wurſt blieb im Wandſchranke! Nach Verlauf einer guten Viertelſtunde war die Mahlzeit, bei welcher ich nur einen unthätigen Zuſchauer abgegeben hatte, beendigt; Herr Buchmann befahl mir jetzt, meine auf dem Großvaterſtuhl liegenden Habſeligkeiten zuſammenzuraffen und ihn zu begleiten, worauf er mit der Thranlampe in der Hand mir vorgnſchritt. Die Wanderung ging diesmal nach dem Boden hinauf, wo⸗ ſelbſt er mir ein einem engen Kämmerlein, das, den Erker des Hauſes bildend, nach dem Hofplatze hinausging, meine Schlaßſtelle be⸗ zeichnete, mir ſeinen Wunſch, daß ich morgen früh bei guter Zeit wieder auf den Beinen ſein möge, zu erkennen gab, und nach ausge⸗ richtetem Geſchäft mich im Finſtern zuruck⸗ ließ. Den truͤbſinnigen Gedanken und Vor⸗ öd ſtelungen, die ſich meiner bemächtigten, mit trauernder Seele nachhängend, warf ich mich auf des fur mich beſtimmte Lager, rief mir, indein Röschens freundliches Bild mit lieb⸗ lichem Zauber mich zu umgaukeln anfing, die vergangenen glcklichen Zeiten in das Ge⸗ dächtniß zuruͤck und verwuͤnſchte den Ueber⸗ muth, zufolge deſſen ich, ſtatt die Organiſten⸗ bank zu zieren, mich an den Kleiſtertiſch des Gewuͤrzhändlers verſetzt ſah; bis endlich, nach dem ausgeſtandenen Ungemach des Tages, die Ratur ihren Zoll begehrte und der Schlum⸗ mer mir die ermuͤdeten Augenlieder zudruͤckte. Drei Tage lang ertrug ich ohne Murren, was der Gewuͤrzkrämer, der in ſeiner ſchmutzi⸗ gen Knickerei mich mehr und mehr zum ge⸗ dankenloſen Laſtthier abrichten zu wollen ſchien, meinen Schultern aufbuͤrdete, am vierten riß mir endlich die Geduld.„Herr Vettet,“ ſagte ich, indem der Gedanke an die jämierliche Mittagsmahlzeit, die wir ſo eben wieder mit einander gehalten hatten, mir die Galle aufzuregen und mich mit aller, zu dieſer Anrede erforderlichen Entſchloſſenheit auszuruͤſten anfing;„werden Sie mir denn meine Floͤte zurückgeben„oder iſt es wirklich Ihr Ernſt, daß ich auf die Muſik fuͤr immer Verzicht leiſten ſoll? Sie ſehen, ich ſuche mit willigem Gehorſam allen Ihren Aufträgen und Vorſchriften Gnüge zu thun. Schon fruͤh vor Tagesanbruch, wenn ich zwiſchen meinen beiden Strohſaͤcken kaum ordentlich warm geworden bin, ſpringe ich wieder in die Kleider und leiſte der alten Elsbeth beim Waſſerſchleppen und Holzſpalten haͤlfreiche Hand, bis die Klingel an der Hausthuͤr ge⸗ zogen und der Laden geöffnet wird. Dann giebt es den ganzen geſchlagenen Tag hin⸗ durch bald an der Kaffeemühle, bald am Pfeffermörſer, bald am Oeltrichter alle Hände voll fuͤr mich zu thun. Arbeiten muß der Menſch; das hat ſeine Richtigkeit; denn wer nicht arbeiten will, der ſoll auch nicht eſſen! Mit dem Eſſen aber, das muß ich Ihnen offenherzig bekennen, liebſter Herr Vetten mit dem Eſſen geht es hier ganz werzweifelt — 222— knapp her, beſonders fuͤr einen jungen funf⸗ zehnjahrigen Menſchen, der ſich gerade im beſten Wachsthum befindet. Dennoch will ich mich gern ſo viel als möglich in alles fugen und ſchicken, wenn Sie mir nur meine Flöte, ohne die ich nun einmal nicht leben kann, zuruͤckgeben und mir erlauben, des Abends vor dem Schlafengehen ein halbes Stuͤnd⸗ chen auf derſelben zu ſpielen. Ich verlange Ihren Schaden nicht; es kann gern im Dun⸗ keln geſchehen, auch werde ich Ihnen dadurch da meine Schlafkammer ja entfernt genug liegt, in Ihrer Ruhe nicht eben ſonderiche Störung verurſachen!“. „Naſeweiſer Vurſche!“ erwiederte er, nach⸗ dem er mich ruhig hatte ausreden laſſen; „wo haſt du dieſe Dreiſtigkeit gelernt? Spricht man bei euch zu Lande in ſolchem Tone mit ſeinem Brotherrn? Hier in Lerchenau ſind wir an etwas feinere Sitten gewöhnt. Kutz und gut! Die Flöte wird, ſobald ſich eine ſchickliche Gelegenheit dazu findet, in klingende Muͤnze umgeſetzt und eine Ladenſchuͤrze dafür — 223— angeſchafft. Morgen Abend haben wir dru⸗ ben im wilden Mops unſern Zweigroſchen⸗ klubb; ich ſpreche dort mit dem Stabtpfeifer Kreiſel weiter uͤber die Sache und alles wird ins Reine gebracht werden, nicht nach dei⸗ ner vorlauten und vorwitzigen Willensmei⸗ nung, ſondern wie ich, dein Herr und Ge⸗ bieter, es fuͤr gut ſinde!“ Jetzt hatte ich genug! Ohne eine Shlbe darauf zu erwiedern, ging ich mit ſtiller Er⸗ bitterung wieder an meine Geſchäfte. In ihrem ganzen abſchreckenden Gewitterdunkel trat die kianglos öde Zukunft, welcher die laͤngere Fortdauer meiner gegenwärtigen Ver⸗ hältniſſe unfehlbar entgegenfuͤhrte, mir vor die Seele, und im Ru war ein Entſchluß gefaßt, bei deſſen muthiger Ausführung mich der empörende Gedanke an das Schickfal, das meiner Floͤte bevorſtand, mich auf das thä⸗ tigſte zu unterſtützen verſprach. Auch Kellte die Gelegenheit, ihn ins Werk zu richten, ſchon am folgenden Abend, wie ich gebofft und gewuͤnſcht hatte, ſich ein. Im zeiſig⸗ Bruͤnen Sonntagsrock, einen kleinen in drei regelrechte Spitzen auslaufenden Hut auf dem Ropfe und ein langes ſpaniſches Rohr in der Hand, trat der Gewuͤrzkrämer um die ſiebente Stunde hinaus in den Laden, wo ich ſo eben, mach vorhergegangener Anweiſung, dem vor⸗ räthigen Schnupftaback durch fleißiges An⸗ feuchten zu erklecklicherm Gewicht zu verhel⸗ fen beeifert war, ertheilte mit ernſtwarnender Miene mir den Befehl, während ſeiner Ab⸗ weſenheit, unter Oberaufſicht der alten Els⸗ beth, ſo genau auf meine Pflicht zu achten, als ob er ſelbſt fortwährend zugegen ſei, und entfernte ſich, um den Zweigroſchenklubb mit ſeinem Beſuch zu erfreuen. Nach Verlauf einiger Minuten ſtellte ich mich, als ob ich mit meiner Arbeit zu Ende ſei, und gab der alten Haushälterin zu verſtehen, daß ich nun⸗ mehr, von empfindlichem Froſt gepeinigt, mir mit ihrer Erlaubniß druͤben in der Wohn⸗ ſtube die Glieder ein wenig durchzuwärmen wuͤnſche. Sie hatte nichts dagegen und ich eilte, mit Ausfuͤhrung meines geheimen Vor⸗ habens den Anfang zu Nin Der Wand⸗ ſchrank war, wie ſich leicht im Voraus ver⸗ muthen ließ, feſt verſchloſſen; doch war es nicht ſowohl dieſer Umſtand, der mir für den glüͤcklichen Erfolg meines Unternehmens eini⸗ ge Beſorgniß einflößte, als vielmehr der Ge⸗ danke, der Vetter koͤnne wohl gar, in der Abſicht, den beſchloſſenen Tauſchhandel noch heut in Richtigkeit zu bringen, die Floͤte zu ſich geſteckt und mitgenommen haben. Voll ängſtlicher Ungeduld, mir hieruͤber Gewißheit zu verſchaffen, fing ich an der Thür des Schrankes leiſe zu rucken und zu ruͤtteln an, und bemerkte ſogleich, daß ſie bei einiger Ge⸗ waltanſtrengung, trotz des Verſchluſſes, leicht aus ihren Angeln werde zu heben ſein. Um mich hei Betreibung dieſes Geſchaͤfts vor ei⸗ ner unwillkommnen Ueberraſchung moglichſt zu ſi ſichern, warf ich zuvor erſt noch einen lau⸗ ſchenden Blick durch den Vorhang des auf der andern Seite der Stube befindlichen Fen⸗ ſterchens, das die Ausſicht nach dem Laden eröffnete und gewahrte die genäſchige Alte zwi⸗ M. Bd. T5 — 226— ſchen den Glasbuͤchſen, allwo ſie in zweifel⸗ hafter Wahl, ob ſie die Hand zuerſt nach dem uͤberzuckerten Kalmus oder nach den ge⸗ brannten Mandeln ausſtrecken ſolle, mit ſich ſelber zu kämpfen ſchien. Der Vetter iſt doch ganz vortrefflich berathen! dachte ich und ſchritt unverzuglich zum Werk. Zu meinem unbeſchreiblichen Vergnuͤgen lag ſowohl die Floͤte, als auch das Halstuch noch an der al⸗ ren Stelle; ich ſteckte beides zu mir und ſchon nach wenigen Sekunden war die Schrankthuͤr wieder in Ordnung gebracht, und von der ſtattgehabten gewaltſamen Erbrechung derſel⸗ ben nicht die mindeſte Spur mehr zu en⸗ decken. Mit ſcheinbarem Gleichmuth verfuͤgte ich, nach erfolgter Heimkehr des Gewuͤrzkrämers, mich hinauf in meine Schlafkammer, wo ich beim Schimmer des eben aufgehenden Voll⸗ monds meine Habſeligkeiten wieder in ein Buͤndel zuſammenſchnürte und zur Abfahrt mich ruͤſtete. Gegen Mitternacht, als unten im Hauſe und in der Nachbarſchaft alles ru⸗ — 227— hig geworden war, öffnete ich das Fenſter und ſtieg, mit der Ortsgelegenheit hinlänglich ver⸗ traut, an den Holzſproſſen, an welchen der Gewuͤrzkrämer während der Sommerszeit die emporſchießenden Weinreben zu befeſtigen pflegte, mit lauſchender Vorſicht und Behut⸗ ſamkeit iñ den Hofraum hinab. Eben ſo leicht und ſchnell war auch die Planke, die mich nunmehr noch von der Gaſſe trennte, uͤber⸗ klettert; alles ging, indem die noch immer anhaltende heftige Kälte meine nächtliche Flucht begüunſtigte, glucklich von ſtatten; kein lebendes Weſen, dem ich in dieſem Aufzuge hatte verdächtig vorkommen koͤnnen, begeg⸗ nete mir in den Straßen, durch die ich mei⸗ nen Lauf nahm, und nach einer Viertelſtunde hatte ich nicht allein der Wohnung des Ge⸗ wuͤrzkrämers, ſondern auch dem Städtchen ſelbſt bereits den Ruͤcken zugekehrt.„ Die Frage, wohin ich mich denn eigentlich nun wenden wolle? fing mein Innerſtes nicht eher zu beſchäftigen an, als bis ich mich, vom ſcharfen Nordwinde umweht, mitten in der 15* —— Nacht, ohne Kunde des Weges, ohne Freünd und Rathgeber, mir ſelbſt und dem eignen Gutdunken uͤberlaſſen, draußen in der wild⸗ fremden, ſchauerlichen Einöde befand. Rach Hilmershayn zuruͤckzukehren, hielt ich bei den ſtrengen Grundſaͤtzen meines dort lebenden Vetters durchaus nicht für gerathen; ich wußte nur zu gut, daß ich mir bei ihm, trotz der ſchnöden Begegnung, die mich zu dieſem Schritt gezwungen, nicht eben den erfreulichſteßt Ein⸗ pfang zu verſprechen habe; auch ſträubte ſich mein Stolz gegen den Gedanken, von den Bewohnern des Dorfes, ohne alle weitere Be⸗ ruckſichtigung der Umſtände, als ein der Lehre entlaufener Taugenichts betrachtet und viel⸗ leicht ſogar von Röschen ſelbſt, wenn ich, nach dem fuͤr mich ſo beſchaͤmenden Auftritt in der Kirche, nun abermals in einem ſo zweideutigen Lichte vor ihr erſchiene, mit ab⸗ ſtoßender Kälte und Gleichgultigkeit behan⸗ delt zu werden. Ich entſchloß mich daher, lieber in die weite Welt zu gehen, irgendwo ein neues, mit meinen Wuͤnſchen und Nei 4 ½ gungen verträglicheres Unterkommen zu ſuchen und durch meiner Hände Arbeit mir den noͤthigen Lebensunterhalt zu erwerben, als bei dem Vetter in Hilmershayn der eigne Ueber⸗ bringer einer Botſchaft zu werden, die ohne⸗ hin zeitig genug zu ſeinen Ohren zu gelan⸗ gen verſprach. Trotz der Bangigkeit, von welcher ich in Bezug auf das mir bevor⸗ ſtehende Schickſal mich ergriffen fuͤhlte, konnte ich der Verſuchung, wieder einmal ein wenig auf der Flöte zu ſpielen, nicht widerſtehen; ich ſtellte mich hinter das erſte beſte Gebüſch, das mir nothduͤrftigen Schutz gegen den ſchnei⸗ denden Wind gewährte, und bereitete, wäh⸗ rend die Gegend umher in Todtenſtille be⸗ graben lag, mir ſelbſt einen Ohrenſchmaus, der mit wohlthätigem Zauber mein ganzes Weſen durchdrang und erheiterte, indem er zugleich das himmliſche Gefuhl der Freiheit, die mir nach gluͤcklich gelungener Flucht jetzt wieder zu Theil geworden war, in meinem Innern zur lebendigſten Klarheit gelangen ließ. Ein Gluͤck, daß der Tag noch fern, — 230— und ſtatt des milden Weſthauches einer lauen Sommernacht die rauhe Dezemberluft an der Herrſchaft war; leicht hätte ſonſt det nach⸗ ſetzende Gewuͤrzkramer mich uber dem rück⸗ ſichtslos verlängerten Kunſtgenuſſe hier ertap⸗ pen und mit Gewalt nach dem Kleiſtertiſche zurückführen können! jetzt aber erſtarrten mir zeitig genug die Finger, um dieſer Selbſtver⸗ geſſenheit gebuͤhrenden Einhalt zu thun. Be⸗ friedigt packte ich meine Flöte zuſammen und ſetzte, die Verſäumniß durch verdoppelte Eil⸗ fertigkeit nachzuholen bemüht, meine Wan⸗ derung fort. Die Landſtraße, auf welcher ich mich befand, fuͤhrte, nachdem ich noch eine Stunde lang zwiſchen verſchneiten Wieſen und Brachfeldern dahin geſchritten war, durch eine ungeheure Waldung, deren Ausgang ich erſt mit Anbruch des Tages erreichte. Jetzt wird der Gewürzkrämer meiner Flucht inne geworden und mit Zetergeſchrei in die Schlaf⸗ kammer der alten Elsbeth geſturzt ſein, um ihr den greulichen Vorfall mitzutheilen! ſagte ich zu mir ſelbſt, indem mir ein am Wege einzeln ſtehendes Gebaͤude in die Augen ſiel, welches ſich mir bei näherer Beſichtigung durch ſein am Fenſterladen befindliches Schild als ein Wirthshaus ankuͤndigte. Ich ſegnete mit dankbarer Empfindung die Mildthaͤtigkeit des Foͤrſters Hagebuſch und beſchloß einzu⸗ kehren, um ein Fruͤhſtuͤck zu mir zu nehmen und dadurch die ermattende Kraft zur weitern Fortſetzung der Reiſe aufs neue zu ſtäͤrken. Die Wirthsleute ſchienen ſich zwar nicht wenig daruͤber zu verwundern, ſchon ſo fruͤh bei Tage und noch obendrein von der Wald⸗ ſeite her einen blutjungen Wandersmann an⸗ kommen zu ſehen, doch ließen ſie ihr Be⸗ fremden nicht weiter laut werden, ſondern er⸗ theilten ohne Umſtände mir die Erlaubniß, an dem gemeinſchaftlichen Familientiſche Platz zu nehmen, und die ſo eben aufgetragene warme Bierſuppe mit verarbeiten zu helfen. Auf ihr Befragen, wohin meine Reiſe gerich⸗ tet ſei, nannte ich, der augenblicklichen Ein⸗ gebung Folge leiſtend, eine von Hilmershayn ungefähr zwölf Meilen entfernt liegende — 233— Stadt, woſelbſt ich Verwandte beſuchen zu wollen vorgab. Ich erfuhr, daß ich bis dort⸗ hin noch acht ſtarke Meilen zuruͤckzulegen habe; und um nicht ſo ganz ohne allen Zweck und plan im Lande umher zu irren, beſchloß ich nunmehr im vollen Ernſt, dieſelbe als meinen einſtweiligen Beſtimmungsort ins Auge zu faſſen und getroſten Muthes auf ſie los zu ſteuern. Mit treuherziger Ge⸗ fäligkeit holte der Wirth, nach aufgehobner Mahlzeit, Bleiſtift und Papier herbei, um mir die Reihenfolge der zu durchwandernden Ortſchaften ſchriftlich aufzuſetzen und mitzu⸗ geben; und als ich, die Hand nach der We⸗ ſtentaſche bewegend, nach dem Betrag meiner Zeche mich erkundigte, ſchuttelte er gutmüthig den Kopf und erklärte, daß er mich fuͤr einen ſehr armen Schlucker halte und deshalb keine Bezahlung von mir verlange. Betroffen uͤber dieſe unerwartete Großmuth, legte ich das bereits ergriffene Reiſebuͤndel wieder nieder, und erlaubte mir die Frage, ob ich ihm zu Bezeigung meiner Ertenntlichkeit etwas auf 8— der Flöte vorſpielen ſolle. Er ſchuͤttelte aber⸗ mals den Kopf, wuͤnſchte mir eine gluͤckliche Reiſe und fing, ohne weiter auf mich zu ach⸗ ten, mit haͤuslichen Angelegenheiten ſich zu beſchäftigen an. Höchſt ſeltſam! dachte ich, indem ich mit friſchgeweckter Kraft und Mun⸗ terkeit meines Weges von dannen zog; ſo ächt chriſtliche Geſinnungen zu hegen und doch kein Liebhaber von der Muſik zu ſein! Die voreilige Meinung, daß ich unter aͤhnlichen Beguͤnſtigungen des Gluͤcks das Ziel meiner Wanderung am Ende wohl gar mit den unberuͤhrten Wildemannsgulden in der Taſche, zu erreichen im Stande ſſein werde, war indeß nicht von gar langem Beſtand. Denn die Inhaber der folgenden Wirthshäu⸗ ſer, in denen ich einkehrte, ſchienen die An⸗ ſichten und Gemüthseigenſchaften ihres Zunft⸗ genoſſen ſo wenig zu theilen, daß meine Baarſchaft ſich auffallend verminderte und am nächſten Morgen, bei Abzug aus der Nachtherberge, wo ich wie ein zerlumpter Hungerleider auf Stroh liegen, und wie ein verkappter Prinz bezahlen mußte, bereits bis auf wenige Groſchen zuſammen geſchmolzen war. Ich hatte jetzt noch eine Strecke We⸗ ges von etwa vier Meilen zu durchwandern, und war, um die Stadt noch bei guter Ta⸗ geszeit zu erreichen, ſchon ſehr fruͤh wieder aufgebrochen. Kaum daran denkend, daß heut Sonntag ſei, hatte ich fort und fort nur mit tiefſinnigem Rachgrübeln über meine mißliche Lage mich beſchäftigt, näherte aber nach Verlauf einiger Stunden mich einer Porftirche, als man eben den Gottesdienſt einzuläuten anſing. Gerade heut vor acht Tagen und um die nämliche Stunde hatte mein ſo unglüͤcklich ausgefallener Verfuch auf der Orgel ſtatt gehabt, und ſchwer aufs Herz ſiel mir die durch denſelben veranlaßte ſeltſame Wendung, die mein Schickſal ſei⸗ dem genommen hatte. Dennoch fühlte ich zugleich von einer geheimen Gewalt ſo un⸗ widerſtehlich mich feſtgehalten, daß ich, ſtatt die Richtung der Landſtraße zu verfolgen, an die daherſchreitenden Kirchgänger mich an⸗ ſchloß, und der heiligen Stärte zuwanderte, wo ich auf einem, hart am Eingange befind⸗ lichen Sitze mich nieberließ. Gefühle des Schmerzes und der Wehmuth durchdrangen und uͤberwältigten mein Innerſtes, und durch einen Strom von Thraͤnen ſuchte das volle Herz ſich zu erleichtern, indem die Orgel jetzt den nämlichen Choral anzuſtimmen begann, an welchem mein jugendlicher Eifer auf ſo ſchmachvolle Weiſe geſcheitert war. Ein altes Mutterchen trat, indem ich mit tief nieder⸗ gebuͤcktem Haupte meinen Empfindungen mich überließ, an mich heran und uͤberreichte mir ein Liederbuch, um an dem gemeinſchaftlichen Geſange Theil nehmen zu können. Allmäh⸗ lig legte ſich der Sturm in meiner bewegten Bruſt; in glühendem Gebet wandte ich mich an den Lenker und Regierer der menſchlichen Schickſale und wunderbar geſtärkt und erhei⸗ tert, ſetzte ich, nachdem uͤber voͤlliger Beendi⸗ gung des Goftesdienſtes die Mittagsſtunde herbeigekommen war, meine Wanderung fort. Die Hoffnung, das Ziel derſelben noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen, war nun freilich ſo ziemlich verſchwunden, doch gewährte ſchon die ganz eigne mir ſelbſt un⸗ erklärliche Gemuͤthsruhe, mit welcher ich jetzt in die Zukunft blickte, mir vollkommenen Er⸗ ſatz fuͤr die Vereitelung jenes Entwurfes. Ich unterließ es daher, meine Kräfte ſo uͤber⸗ mäßig wie bisher anzuſtrengen, und erreichte, als der Tag ſich bereits zu neigen begann, ein anſehnliches Dorf, in welchem ich, um nicht draußen im Freien von der Dunkelheit überfallen zu werden, zu ubernachten beſchloß. Bei meinem Eintritt in das Wirthöhaus fand ich eine zahlreiche Verſammlung, welche theils mit Kartenſpielen beſchäftigt, theils in trau⸗ lichem Geſpräch uber Krieg und Frieden ver⸗ handelnd, die Tiſche der Schenkſtube beſetzt hielt. Beſcheiden waͤhlte ich meinen Platz in einer entfernten Ecke, erſuchte den Wirth, nachdem ich den Betrag meiner Baarſchaft ſtill überrechnet hatte, auf das hoͤflichſte um einen Krug Bier, nahm das Reiſebündel vom 3 Ruͤcken und ſuchte mir es ſo bequem als mög⸗ lich zu machen. Anfangs ſchien ſich Riemand um mich zu bekuͤmmern, nach Verlauf eini⸗ ger Zeit aber näherte ſich mir ein Mann in Dragoneruniform und erkundigte ſich, was in dem vor mir auf dem Tiſch liegenden Leder⸗ beutel enthalten ſei. Auf erfolgten Bericht, daß ich meine Floͤte darin aufbewahre, außerte er den Wunſch, ein Proͤbchen meiner Ge⸗ ſchicklichkeit zu vernehmen. Riemand war hierzu bereitwilliger als ich, nur druckte zu⸗ gleich die Beſorgniß, daß die uͤbrigen An⸗ weſenden ihre Genehmigung dazu vielleicht verweigern möchten, in meinen Mienen und Geberden ſich aus. Er ſchien jedoch den zwei⸗ felhaft muſternden Blick, den ich auf die Ver⸗ ſammlung haftete, vollig mißzuverſtehen, und mein Säumen und Zaudern nur dem ſtatt⸗ findenden Gerauſch zuzuſchreiben; denn raſch wandte er ſich um, klatſchte in die Hände und—„Stilentium!“ erſcholl es mit ſo don⸗ nernder Gewalt unter ſeinem Schnurrbart hervor, daß die Fenſter erzitterten. Der Mann mußte ein gewaltiges Gewicht und — 28* Anſehen behaupten; denn kaum war ſein Machtgebot ergangen, als alle in Bewegung begriffenen Zungen ſogleich verſtummten und eine ſo vollkommene Stille eintrat, als ob die Schenkſtube durch Gaukelwerk plötzlich in ein Todtengewölbe verwandelt worden ſei. Stillgeſchäftig brachte ich meine Flöte in Ord⸗ nung und begann ein ſchmelzendes Adagie, bei welchem der Dragoner durch ein leiſes behagliches Ricken mit dem Kopfe, während eine immer groͤßere Zahl von Zuhörern ſich um mich her verſammelte, mir fortwährend ſeine Zufriedenheit zu erkennen gab. Nun 8 aber auch etwas Luſtiges hinterdrein! rief er, indem das Stuͤck ſich zu Ende neigte, und ohne die Floͤte vom Munde zu bringen, ging ich aus der jetzt vorgetragenen ſchwermuͤthi⸗ gen Tonweiſe ſogleich in den erſten beſten Walzer uͤber, der mir eben in den Sinn kam. Plotzlich erheiterten ſich alle Geſichter, es reckten, von Tanzluſt ergriffen, ſich un⸗ willkuhrlich die Glieder und Gelenke, und der Dragoner war der erſte, der vieſer Begierde den Zuͤgel ſchießen ließ, indem er einer der in der Nähe befinblichen Wirthstöchter ſich bemächtigte und wohlgemuth mit ihr durch die Stube dahin zu ländern begann. Das gegebne Beiſpiel blieb nicht ohne Wirkung; unwiderſtehlich fuͤhlte der ruͤſtigere Theil der Anweſenden zum Mitgenuſſe des Vergnuͤgens ſich hingezogen, und ſchon nach Verlauf eini⸗ ger Minuten drehte mehr als ein Dutzend Tänzer nach dem Ton meiner Flote ſich ju⸗ belnd im Kreiſe herum. Den einfach ermuͤ⸗ denden Gang des Muſtkſtuckes verlaſſend, ſuchte ich bei jeder Wiederholung deſſelben durch ſelbſt erfundne Wendungen und. Gedanken ihm neuen Reiz zu verleihen, und das heim⸗ liche Wohlbehagen, das ich daruber empfand, ließ mich alle Nachtheile vergeſſen, die mei⸗ ner Lunge aus ſo übermäßiger Anſtrengung am Ende zu erwachſen drohten. Wohl ein paar Stunden lang dauerte mit nur kurzen Unterbrechungen die Tanzbe⸗ luſtigung fort; dann wurde ich auf Koſten der Geſellſchaft mit einem Abendeſſen bewir⸗ thet, das in eben dem Grade mir den leb⸗ hafteſten Beifall entlockte, als es gegen die Kraftſuppe des Gewuͤrzkraͤmers auf hoͤchſt er⸗ freuliche Weiſe abſtach. Während ich mit exemplariſcher Eßluſt mich daruͤber hermachte, ſetzte der Dragoner, deſſen volle Gewogenheit ich durch meinen unermüdlichen Dienſteifer gewonnen zu haben ſchien, ſich zu mir an den Tiſch, und knuͤpfte mit mir ein Geſpräch an, indem er uͤber den Zweck meiner Reiſe ſich zu erkundigen anfing. Die theilnehmende Gutmuthigkeit, mit welcher dies geſchah, flößte mir bald das vollkommenſte Vertrauen gegen ihn ein, und ohne Ruͤckhalt bekannte ich ihm, was in Hilmershayn und Lerchenau mit mir vorgegangen, und wie mein unſtätes, mit Aufſpähung irgend eines neuen Unterkom⸗ mens beſchäͤftigtes Auge jetzt aufs Gerathe⸗ wohl ins Blaue hinein gerichtet ſei. Mit ſeltſam geſteigerter Aufmerkſamkeit ruͤckte er mir näher und näher, indem ich mit unbe⸗ fangener Offenherzigkeit ihm dieſen Bericht abſtattete.„Hilmershayn hieß der Ort?“ fragte er endlich mit einer Miene, als ob der eben genannte Name gewiſſe dunkle Erinne⸗ rungen in ihm aufgeregt habe, uͤber die er mit ſich ſelber mehr und mehr ins Reine u kommen beeifert ſei. Ich nickte bejahend mit dem Kopfe, und ohne mir uͤber die räthſel— hafte Spannung, in welche ſein Innerſtes gerathen zu ſeyn ſchien, nähere Auskunft und Erklärung zu Theil werden zu laſſen, vermel⸗ dete er mir, daß er einen guten Bekannten in der Stadt habe, der mir vielleicht auf irgend eine Weiſe zu Erreichung meiner Ab⸗ ſichten foͤrderlich werden koͤnne, und an wel⸗ chen er mir ein Empfehlungsſchreiben mitzu⸗ geben geſonnen ſei. Ich bezeugte ihm fuͤt ein ſo höchſt willkommnes Anerbieten meinen geruͤhrteſten Dank. Alsbald verfügte er ſich von dannen und kehrte nach ungefähr einer Stunde mit einem verſiegelten Schreiben zu⸗ rück, das er mir einhändigte und der Auf⸗ ſchrift gemaͤß, ſobald ich an Ort und Stell angelangt ſein wuͤrde, zu uͤberreichen an⸗ befahl. 3 II. Bb. 16 Von ganzem Herzen ſegnete ich den Auf⸗ ſchub, durch welchen ich, der innern Stimme Gehor gebend, in Verfolgung meines Zieles mich ſelbſt unterbrochen hatte, indem ich dem Gottesdienſt in jener Dorfkirche bis zu ſei⸗ ner Beendigung beiwohnte; und mit neuge⸗ ſtarkter Hoffnung erhob ich mich des folgen⸗ den Morgens von der mir angewieſenen Ruhe⸗ ſtatte, um den Reſt meiner Wanderung zu⸗ ruͤckzulegen. Gegen Mittag hatte ich die Stadt erreicht und meine erſte und angele⸗ gentlichſte Sorge war es jetzt, die im Wag⸗ nergäßchen gelegne Wohnung des Meiſters Klauring aufzuſuchen, an welchen die Auf⸗ ſchrift des Briefes gerichtet war. Bei mei⸗ nem Eintritt in das Haus kam aus ber hart am Eingange befindlichen Werkſtatt ein freund⸗ licher Mann von etwa vierzig Jahren mir . entgegen, und erkundigte ſich, indem er eine ſein Handgewerb angehende Beſtellung zu ver⸗ muthen ſchien, mit aufmerkſumer Miene nach meinem Begehren. Es war Meiſter Klau⸗ ring ſelbſt. Stillſchweigend ubergab ich ihm das von meinem ſchnurrbärtigen Gönner er⸗ haltene Schreiben, und mit ſichtbarem Er⸗ ſtaunen und Befremden erfuͤllten ſich ſeine Geberden, nachdem er es erbrochen und darin zu leſen angefangen hatte. Wer vermag die wunderbaren Fuͤgungen des Schickſals zu faſſen und zu begreifen! Der Mann, der ſeine ver⸗ wunderten Blicke abwechſelnd bald auf das empfangene Schreiben, bald auf den Ueber⸗ bringer deſſelben heftete, war Niemand an⸗ ders, als eben der Holzdrechsler, der vor vier⸗ zehn Jahren die einzige Tochter meines Vet⸗ ters Buchmann in Hilmershayn entfuͤhrt und nach mehrtägigem planloſen Umherirren ſich endlich hier in dieſer Stadt mit ihr häuslich niedergelaſſen hatte, um durch ſeiner Haͤnde Arbeit ihr Unterhalt zu verſchaffen und fuͤr die Folge durch anhaltende Befleißigung eines unbeſcholtenen Lebenswandels den gemeinſchaft⸗ lich begangenen Fehltritt ſo viel als moͤglich wieder gut zu machen. Wie durch Wunder“ wert befand ich mich daher durch ein ſo un⸗ erwartet guͤnſtiges Zuſammentreffen der Um⸗ 16* ſtände, ſtatt zu fremder Miloherzigkeit meine Zuflucht nehmen zu muͤſſen, unter Freunden und Anverwandten und die liebreiche Auf⸗ nahme, die mir bei ihnen zu Theil ward, uͤbertraf jede Erwartung, zu welcher ich mich berechtigt glaubte, nachdem ich über den ſelt⸗ ſamen Zuſammenhang der Dinge mich all⸗ mählig unterrichtet ſah. Mein freudiges Er⸗ ſtaunen ſollte jedoch einen noch hohern Grad erreichen; denn ſchon während der Mittags⸗ mahlzeit, bei welcher, außer den beiden Ehe⸗ leuten, auch noch ein achtjähriger Knabe ſich 3 einfand, deſſen täuſchende Aehnlichkeit mit meiner in Hilmershayn zuruͤckgebliebenen Ju⸗ gendfreundin mich wunderbar uͤberraſchte, brachte ich in Erfahrung, daß Roͤschen Hage⸗ buſch keinesweges eine Blutsverwandte des Foͤrſters, ſondern Klaurings eheleibliche Toch⸗ ter ſei, welche jener, nach erfolgter Einwilli⸗ gung in ſeinen Vorſchlag, vor ungefähr zehn Jahren von hier abgeholt und in Hilmers⸗ hayn an Kindesſtatt zu erziehen verſprochen habe. Es ſei dies zu einer Zeit geſchehen, — wo das Ungemach drüͤckender Rahrungsſorgen noch ihr täglicher Begleiter geweſen und zu⸗ gleich durch die Vorſtellung, daß auf dieſe Weiſe ſich fruher oder ſpäter die ſehnlich ge⸗ wuͤnſchte Ausſöhnung mit dem erzürnten Va⸗ ter vielleicht noch am erſten bewerkſtelligen laſſe, ihnen die Trennung von dem geliebten Kinde erleichtert worden ſei. Nur ein paar⸗ mal habe der Förſter ihnen im Laufe dieſes langen Zeitraums uͤber den Fortgang ſeiner Bemühungen ſchriftliche Kunde zukommen laſſen, aus welcher jedoch einmal wie das andre zu ſchließen geweſen, daß der Vater mit unerſchuͤtterlicher Hartnaͤckigkeit fortwäh⸗ rend auf ſeinem unverſühnlichen S be⸗ harre. Meiſter Klauring, der neben ſeinem ei⸗ gentlichen Brotgewerbe, dem Holzdrechſeln, ſich auch mit Tiſchlerarbeit beſchäftigte und zufolge ſeiner unermüdlichen Betriebſamkeit ſich gegenwärtig eines hinreichenden Auskom⸗ mens zu erfreuen rumte mir mit zu⸗ vorkommender Berei ligkeit ein dicht an 246 der Wohnſtube befindliches, bisher zur Auf⸗ bewahrung einiger alten Hausgeräthſchaften benutztes Kämmerchen ein, und gab mir die Verſicherung, nicht allein fuͤr meine erſten und dringendſten Lebensbeduͤrniſſe Sorge tra⸗ gen, ſondern auch zu meinem weitern Fort⸗ kommen in der Weit mir nach Kraͤften be⸗ hulflich werden zu wollen. Dem zufolge ver⸗ fügte er ſchon am folgenden Tage, nachdem er ſeinen Sonntagsrock angelegt, ſich mit mir nach dem Stadtmuſtkus Thielmann, in deſſen Hauſe er erſt vor kurzem gearbeitet hatte, ſtellte mich ihm vor, und bot ihm fuͤr den Fall, daß er erwa dann und wann von frem⸗ der Mithulfe Gebrauch machen könne, meine Dienſte an. Jener holte ſogleich, um ſich uͤber den Grad meiner Fähigkeiten näher zu unterrichten, ein mir durchaus unbekanntes Muſikſtuͤck herbei, erſuchte mich, es ihm vor⸗ zuſpielen und ertheilte mir, nachdem der Pro⸗ beverſuch zu ſeiner Zufriedenheit ausgefallen war, das Verſprechen, bei vorfallenden Ge⸗ legenheiten meiner beſtens zu gedenken. Schon hatten wir, im Begriff uns von dannen zu verfuͤgen, die Treppe wieder er⸗ reicht, als er noch einmal mich zuruͤckrief und auf erfolgte Bejahung der Frage: ob ich es im Notenſchreiben bereits zu einiger Fertig⸗ keit gebracht habe? mir wohlmeinend rieth, doch auch bei ſeinem Bruder, dem Schloß⸗ organiſten, mich zu melden, der in letztge⸗ nannter Hinſicht von der hochgräflichen Herr⸗ ſchaft in Weidenthal häufige Aufträge erhalte und mir daher vielleicht ſchon fuͤr den gegen⸗ wärtigen Augenblick einige Beſchäftigung zu⸗ zuweiſen im Stande ſei. Der Empfang fiel auch bei dieſem ſo ganz nach Wunſch aus, daß ich mit immer getroſterem Vertrauen in die Zukunft zu blicken anfing. Der Schloß⸗ organiſt Thielmann, ein kleines hinfälliges Männchen, uͤbrigens aber nicht minder freund⸗ lich und leutſelig als ſein Bruder, der Stadt⸗ muſikus, beauftragte mich ſogleich mit Ab⸗ ſchreibung zweier Arietten, worauf er mir, wenn dieſe den gehofften Beifall fänden, zu gleichem Behuf mehrere größere Stuͤcke und — 248— in ber Folge vielleicht ſogar einige bedeutende Partituren, von welchen er fuͤr einen aus⸗ wärtigen Freund ſaubere Abſchriften wünſche, anvertrauen zu wollen verſprach. Wer war froher, als ich! Der ganze Nachmittag und ein Theil der darauf folgenden Nacht ward auf die mir ubertragene Arbeit verwandt, und in der frohen Ueberzeugung, etwas Vorzug⸗ liches geleiſtet zu haben, worin auch Meiſter Klauring mit mir gleicher Meinung war, uberbrachte ich am nächſten Morgen Herrn Thielmann die verlangten Abſchriften. Er verglich und muſterte ſie auf das genaueſte; und ob ſeine Zunge gleich nicht in die begei⸗ ſterten Lobeserhebungen überſtrömte, auf die ich mich halb und halb geſpitzt hatte, ſchien er doch, bis auf einige Bemerkungen, die er dabei zu machen für nothig erachtete, im Ganzen genommen, mit dem gelieferten Pro⸗ beſtuͤck zuftieden zu ſein.„Nun, ich ſehe wohl, daß du zu brauchen biſt, mein Sohn!“ ſagte er, indem er ſich nach dem anſtoßenden Gemach verfuͤgte, welches ihm zugleich zur — 2 4— Rotenniederlage und zur Kleiberkammer zu dienen ſchien, denn er kam bald darauf mit eiſem Stoß Muſikalien wieder zum Vorſchein, während zu gleicher Zeit ein alter hellgruͤner Rock mit erblindeten Stahlknoͤpfen ihm über den linken Arm hinweghing.„Hier,“ fuhr er fort,„iſt neue Arbeit, bei welcher es je⸗ doch nicht ſo uͤbermäßiger Eile bedarf, und hier ein abgelegtes Kleid, von welchem du, bei der unverwuͤſtlichen Guͤte des Tuchs, viel⸗ lricht noch jahrelangen Gebrauch machen kannſt, nachdem er erſt ein wenig zurecht geſchneidert iſt.“ Die Zeit, wo ich mich geſchämt hatte, ein Kleidungsſtuͤck unangezogen uber die Straße zu tragen, war noch nicht gekommen; mit rriumphirender Miene trug ich daher das mir verliehene Ehrengeſchenk nach Hauſe, und mein Ergötzen daruber ward noch vermehrt, als ich in Klaurings Gegenwart eine nähere Unter⸗ ſuchung damit angeſtellt hatte. Der Rock ſaß mir, ohne daß es nur eines einzigen ab⸗ endernden Schnittes oder Stiches bedurft hätte, am Leibe, wie angegoſſen und ſchon am nächſten Sonntag ſtolzirte ich in demſel⸗ ben, nachdem ich ihn von oben bis unten durch fleißiges Buͤrſten vom verjährten Schmutz und Staub geſäubert und den Stahlknöpfen unter Klaurings Anleitung einen neuen Glanz zu verſchaffen geſucht hatte, nach der Schloß⸗ kirche, um daſelbſe meinen neuen Gönner und Wohlthäter auf der Orgel ſpielen zu hören. Bisher hatte ich die Meiſterſchaft des al⸗ ten Organiſten in Hilmershayn fuͤr unüber⸗ trefflich gehalten; heut aber ſollte dieſer Glaube mir in ſolchem Grade benommen werden, daß dieſelbe in meinen Augen bis zur alltäglich⸗ ſten Mittelmäßigkeit herabſank. Herr Thiel⸗ mann, der den gebrechlichen Körper kaum in aufrechter Stellung zu erhalten, kaum ohne fremden Beiſtand die Orgelbank zu erſteigen verwochte; er war der Mann, der durch ſein Spiel auf der Orgel die in mir feſtgewur⸗ zelte Meinung in der Schnelle des Augen⸗ blicks ausrottete und mich dafuͤr mit einem Zauber umſtrickte, welcher die Gebietsgrenzen des Moͤglichen erweiternd, meiner innern — ſeligen Beſchauung ganz neue Weltenräume aufſchloß. Wie mochte es geſchehen, daß die Geſichter, die ich in der Kirche verſammelt ſah, in ſo ruhiger Faſſung blieben, als ob das alles gar nicht anders ſein koͤnnte, wäh⸗ rend ich alles Blut mir nach dem Herzen ſtroͤmen, alle Pulſe in immer unruhigern Taumel uͤbergehen fuͤhlte und von der Ge⸗ waltkraft eines nie empfundenen, namenloſen Entzuͤckens uberwältigt, in den Grund hatte verſinken mögen? Mit zitternder Scheue wagte ich von Zeit zu Zeit einen fluͤchtig forſchenden Seitenblick; denn immer kam es mir vor, als ob ihrer ſechs in voller Arbeit beſchäftigt wären, und immer war er es allein, der auf der Orgelbank ſaß, und mit ſcheinbarer Kalt⸗ blütigkeit das Wunderwerk vollfuhrte. Jetzt ſtieß ich einem alten Manne, welcher, die Augen ſtarr auf das vor ihm liegende Buch geheftet, neben mir ſaß, den Ellbogen in die Seite, um in ihm einen gleichgeſtimmten Theilnehmer an meiner Wonne zu ſinden; mit graͤmlichem Geſicht aber, durch welches er mir mein unruhiges Betragen verwies, wandte er ſich nach mir um, und gelaſſen fuhr er ſodann in dem Anhange ſeines Ge⸗ ſangbuches, die Zerſtörung von Jeruſalem enthaltend, zu leſen fort. Es war, wie ich ſpäterhin erfuhr, eine Bach'ſche Fuge geweſen, welche auf dem Orgelpult gelegen und deren unnachahmlichen Vortrag meine Rerven in eine ſo fieberhaft zuckende Bewegung verſetzt hatte. Die Ehrfurcht, die ih ſeit dieſem Augen⸗ blick gegen den Schloßorganiſten zu hegen anfing, kannte keine Grenzen; denn ſie er⸗ ſtreckte ſich ſogar bis auf den hellgrünen Frack, den er mir geſchenkt hatte und welchen ich nie ins Auge faſſen konnte, ohne bei dem Gedan⸗ ken an den unerreichbaren Meiſter, deſſen Ei⸗ genthum er einſt geweſen, nicht minder von den Empfindungen des höchſten Ergötzens als der innigſten Wehmuth bewegt und durch⸗ drungen zu werden. Zugleich erſchien mir das Gluͤck, mit dieſem Mann in einiger Ver⸗ bindung zu ſtehen, ſo beneidenswerth, daß ich darauf um keinen Preis in der Welt freſ⸗ willig wieder hätte Verzicht leiſten mögen; auf das eifrigſte ward daher jede Gelegenheit, die ſich mir zum Verkehr in ſeinem Hauſe darbot, ergriffen und benutzt, und unabläſſig war mein ganzes Sinnen und Trachten dar⸗ auf gerichtet, wie ich mich ihm gefällig er⸗ weiſen und mir dadurch ſeine Gunſt und Ge⸗ wogenheit erwerben und erhalten koͤnne. Bald gelang mir dies auch in ſo erwunſchtem Grade, daß er mir nicht allein zu jeder Stunde des Tages freien Zutritt zu ſeiner Wohnung ver⸗ ſtattete, ſondern es auch recht gern zu ſehen ſchien, wenn ich dann und wann, ohne eben ein beſtimmtes Geſchäft in ſeinem Hauſe zu haben, mich bei ihm zeigte, indem er bei meiner unermuͤblichen Bereitwilligkeit zu Dienſtverrichtungen aller Art, ſo mancherlei fuͤr mich zu beſchicken und zu beſchaffen hatte. So kam es denn allmählig dahin, daß ich, wenn ich nicht etwa mit den Untergebenen des Stadtmuſikus uͤber Land zog, um bei anzgelagen in der Umgegend mit aufſpielen 254— zu helfen, oft mehrere Tage nach einander mich anhaltend in der Notenkammer des Or⸗ ganiſten beſchäftigte, wobei es freilich nicht bloß ins Muſikfach einſchlagende Angelegen⸗ heiten zu beſeitigen, ſondern mitunter auch Roͤcke auszuklopfen und zu reinigen gab. Herrn Thielmanns Wohnung ſtieß un⸗ mittelbar an denjenigen Fluͤgel des alten ſehr weitläͤuftigen Schloßgebäudes, in welchem die Kirche ſich befand; aus der Notenkammer führte ein ſchmaler, verdeckter Gang gerade nach der Orgel, und jener konnte, zufolge dieſer Bequemlichkeit, des Sonntags ſeinen Berufspflichten Genuͤge leiſten, ohne einen Fuß auf die Straße ſetzen zu duͤrfen. Deſto fleißiger that er dies letztere waͤhrend der ſechs Feiertage, die er regelmaͤßig in jeder Wochs zählte, ſeitdem er den früherhin in der Stadt ertheilten Muſtkunterricht ſeiner ſchwächlichen Geſundheitsumſtände halber aufgegeben hatte. Nur des Morgens fand eine alte Frau ſich ein, welche die von weiblicher Hand zu ver⸗ richtenden häuslichen Geſchäͤfte in Ordnung brachte und ſich ſodann wieder entfernte. Herr Thielmann ſelbſt begab ſich des Mittags in ein Speiſehaus, von dort aus in Geſell⸗ ſchaft einiger alten Freunde und Bekannten nach einem außerhalb des Thores befindlichen Beluſtigungsorte, und mit Einbrüch der Däm⸗ merung nach dem Rathöweinkeller, wo er je⸗ den Abend ſeine beſtimmte Solopartie vor⸗ fand und von wannen et zuweilen erſt in der Mitternachtsſtunde nach ſeiner⸗ Wohnung znrückkehrte. Das Haus wurde aus Furcht vor diebiſchen Einſchleichern den ganzen Tag hindurch verſchloſſen gehalten, und mein An⸗ erbieten, ihm daſſelbe jedesmal bis zu ſeiner Rachhauſekunft huͤten zu wollen, kam ihm ſo erwuͤnſcht, daß die daraus entſtehende Ge⸗ wohnheit nach und nach ein uniberwinbliches Bedurfniß für ihn zu werden anfing. Bald genug kehrten im Laufe dieſer in der Notenkammer, einſam verlebten Stunden meine bereits aufgegebnen Wünſche und Träume zuruͤck. Zu verfuͤhreriſch lockte die — 256— Rähe der Orgel, zu maͤchtig begann den alte Hang ſich mir in der Bruſt von neuem zu regen, zu guͤnſtig war die Gelegenheit, ihn zu befriedigen, als daß ich in Verläugnung meiner ſelbſt nur den geringſten Widerſtand zu leiſten vermocht haͤtte. Faſt jeden Nach⸗ mittag verfugte ſich mich daher hinüber nach der Kirche und übte, da mir alle dazu erfor⸗ derlichen Huͤlfsquellen zu Gebot ſtanden, mich im Orgelſpiel, wobei theils meine bereits er⸗ langten Vorkenntniſſe, theils mehrere gedruckte Anleitungen zu dieſer Kunſt, die in der Mu⸗ ſikalienſammlung des Organiſten enthalten waren, mich ganz nach Wunſch unterſtutzten. Zwar geſchah dies, das Klappern der Taſten abgerechnet, immer in klangloſer Stille, da ich mir nicht getraute, die Windbälge in Be⸗ wegung zu ſetzen; doch war es mik bei die⸗ ſem Vorhaben pauptſüchlich nur darum zu thun, mir nach und nach die gehorige Finger⸗ fertigkeit zu eigen zu machen. Auch half mir, nachdem ich durch fortgeſetzten behar lichen Eifer erſt zu mehrerer Umſicht und Gewaudtheit gelangt war, meine Einbildungs⸗ kraft den obwaltenden Mangel ſo ziemlich er⸗ ſetzen; zumal da ich mir vorzugsweiſe immer nur diejenigen Orgelſtuͤcke auszuwählen pflegte, die ich von Herrn Thielmann bereits mehr⸗ mals hatte vortragen hoͤren. Jeden Sonn⸗ tag ſtellte ich mich dicht neben ihn hin, und ſuchte, indem ich die Blicke mit unverwandter Aufmerkſamkeit auf ihn heftete, ſeinem Spiel alle die Vorzuͤge und Feinheiten abzulauern, die ich an ihm bewunderte und welche ich nachher mit eiſerner Beharrlichkeit mir ſelbſt anzueignen bemuht war. Mit heimlichem Er⸗ goͤtzen weidete ich mich an den Fortſchritten, die ich machte, und deren ich mir, in zuneh⸗ mender froͤhlicher Klarheit mehr und mehr bewußt ward. Bis gegen Mitternacht ſuß ich zuweilen an den Tagen, wo Herr Thielmann immer ſpäter als ſonſt nach Hauſe zurückzu⸗ kommen pflegte, mit unermüblichem Fleiß und Eifer an der Orgel. Ein mitgebrachtes icht, das mit duͤrftigem Schimmer mir das Manual erhellte, brannte dann neben mir, II. Bd, 17 — 253— während das altgothiſche Kirchengewolbe hin⸗ ter mir in ſchauerliche Finſterniß und Todten⸗ ſtille verſunken lag; und kein Gedanke an die unter dem Kirchenpflaſter befindliche herr⸗ ſchaftliche Gruft, und an die in der Kirche ſelbſt aufgeſtellten Denkſteine, unter welchen auch das Todtenmahl der erſt jungſtverſtorbe⸗ nen Gräfin Catharine von Bolkenſtern ſich befand, vermochte meinen Muth zu erſchuttern und dem heitern Fortgange meiner ſtillfried⸗ lichen Kunſtubungen ein beſchränkendes Maaß zu beſtimmen. Ach ich war ſehr gluͤcklich! Schon waren ſeit meinem erſten Eintritt in das Haus des Organiſten faſt zwei Jahre verfloſſen, als ich eines Abends, meiner Ge⸗ wohnheit gemäß, wieder auf der Orgelbank ſaß und die Schwierigkeiten eines vor mir liegenden Muſitſtuͤckes mit angeſtrengtem Eifer zu uͤberwinden bemüht war. Duͤſter brannte das Licht an meiner Linken, ein dumpfes feierliches Schweigen herrſchte um mich her, und eben verkundigte, indem ich uͤber die Aufloͤſung einiger Zeichen und Ziffern nach⸗ grubelnd, im Spiel inne hielt, die Uhr auf dem Schloßthurm die elfte Stunde. Da uͤber⸗ flog plötzlich ein ſeltſamer Schein das Re⸗ giſterwerk an der Orgel; befremdet wandte ich mich um, und wie groß war meine Beſtür⸗ zung, als mir in nur geringer Entfernung von meinem Sitze, das todtbleiche Geſicht einer langen männlichen Geſtalt in die Augen fiel, die vom Kinn bis zu den Knocheln hin⸗ ab in einen großblumigen ſeidnen Schlafrock eingehullt, eine wunderlich geformte ſchnee⸗ weiße Muͤtze auf dem Haupt, eine brennende Wachskerze in der Hand, mich einige Sekun⸗ den lang mit ernſter ſchweigender Aufmerk⸗ ſamkeit betrachtete und ſodann in dumpfem Tone mich frug, was ich in ſpaͤter Nacht hier treibe?„Herr, ich uͤbe mich im Orgel⸗ ſpiel, um volltommner darin zu werden1“ ſtammelte ich, indem mir der Angliſchweiß uͤber das Geſicht floß.„Das iſt recht brav, mein Sohn! So laß dich denn in deiner Be⸗ mühung nicht ſtoͤren!“ ſagte die Geſtalt, in⸗ dem ſie mit langſamen Schritten die nächſte nach dem untern Raum der Kirche fuͤhrende Treppe hinabſtieg und bald darauf hinter dem Denkmahl der Gräfin Catharine mir aus den Augen verſchwand. Die an mich erlaſſenen Ermunterungsworte waren leichter ausgeſpro⸗ chen als befolgt; denn wie von Fieberſchauern befallen, zitterten mir die Glieder vor Furcht und Bangigkeit; ſtill und behutſam griff ich daher nach meinem Licht und hatte eben die Notenkammer glůcklich wieder erreicht, als die Klingel an der Hausthür mir zu meiner gro⸗ ßen Freude vermeldete, daß Herr Thielmann vom Rathöweinkeller—— — Wohlbedächtig verſchwieg ich zm um nitutch eigne Unvorſichtigkeit zugleich zum Geſtäͤndniß des bisher verheimlichten Betrie⸗ bes, der mich in ſeiner Abweſenheit zu be⸗ ſchäftigen pfiegte, gezwungen zu werden, mein in der Schloßkirche erlebtes Abentheuer, ſuchte während der kurzen Unterredung, die er beim Eintritt mit mir anknüpfte, meine Mienen und Geberden mäglichſt zu beherrſchen und — 261— entfernte mich enylich mit anſcheinender Ruhe und Faſſung, uin meinen Weg nach dem Wagnergäßchen anzutreten. Meiſter Klauring, der den Zweck meiner geheimen Uebungen auf der Orgel kannte und billigte, ſchüttelte, als ich am folgenden Morgen ihm den mir zuge⸗ ſtoßenen wunderbaren Vorfall mittheilte und ſeine Gedanken und Muthmaßungen daruͤber zu vernehmen wuͤnſchte, ungläubig lächelnd den Kopf, und meinte, daß die ganze Erſchei⸗ nung ſtatt zwiſchen den Pfeilern der Kirche wohl nur in meinem erhitzten Gehirn vor⸗ handen geweſen ſei. Ich war indeſſen mei⸗ ner Sache viel zu gewiß, äls daß ich ſeinen Zweifeln haͤtte beipflichten und dem Gedanken an die Mäglichkeit einer ſtattgehabten Selbſt⸗ raͤuſchung nur einen Augenblick Raum geben ſollen; da jedoch die abentheuerliche Geſtalt ſich auf die friedlichſte Weiſe und ohne mir den geringſten Schaden zuzufugen, aus mei⸗ ner Nähe wieder entfernt hatte, trug ich kein Bedenken, die gewohnten Kunſtubungen fort⸗ zuſetzen; und ob ich gleich in den erſten Mo⸗ — 262— naten nach dieſer räthſelhaften Begebenheit, den Aufenthalt in der Kirche bei nächtlicher Weile auf das geßiſſentlichſte zu vermeiden ſuchte, trug die mir inwohnende brennende Begierde üͤber die Anwandlungen der Furcht und Bangigkeit doch allmählig einen ſo ent⸗ ſcheidenden Sieg davon, daß ich am Ende, ganz meiner fruͤhern Gewohnheit gemäß, wenn es die Umſtande eben mit ſich brachten, mich wieder von der Pirteinſtſtunte⸗ bei der Sz uͤberraſchen ließ. Pfeilesſchnelligkeit ſioh die Zeit in z ſiel ich, meinem guten Klauring nicht eben ſo ſehr zur Laſt, da außer den mancher⸗ lei Vortheilen, die mir die Beſchäftigungen im Hauſe des Organiſten gewährten, auch die Erwerbsquellen, welche der Stadtmuſikus mir von Zeit zu Zeit eroffnete, ſo wie einige Unterrichtsſtunden auf der Floͤte, mir meinen Unterhalt ſo ziemlich geſichert hatten; doch fing mich allmählig nach einer ernſtern Feſt⸗ ſtellung meines Berufes zu verlangen an. Eine kleine Organiſtenſtelle auf dem Lande wuͤrde, wie ich oft in der Stille mir ſelbſt es ſagte, mein zeitliches Gluͤck auf das vollkom⸗ menſte begründet haben; zumal wenn ich bei derſelben den ſtillglühenden Ge⸗ danken an Röschen, der mich mit zunehmen⸗ der Heftigkeit zu verfolgen anfing, nicht auf⸗ zugeben gebraucht hätte.— Ich näherte mich mit ſtarken Schritten dem zwanzigſten Lebensjahre, als ich einſt an ei⸗ nem heitern Fruͤhlingsnachmittage mich wieder an der Orgel befand, an welcher ich, wie ich im⸗ mer zu thun pflegte, ſo eben die dem neu einzuubenden Muſikſtuck angemeſſenen Regiſter gezogen hatte. Kräftig griffen die Finger in das Taſtenwerk ein, und— wer beſchreibt* mein Erſtaunen!— in vollem ſchwellenden Akkord begann die Orgel jetzt laut zu ertönen⸗ Mit erſchrockenem Herzen ſprang ich von meinem Sitze, und aus dem Verſchlage, in welchem die Windbälge ſich befanden, trat Herr Thielmann mir entgegen. Von mei⸗ nen geheimen Beſtrebungen in Kenntniß ge⸗ ſetzt hatte er, ſtatt vor das Stadtthor hinaus⸗ zuwandern, eine aus dem Innern des Schloß⸗ gebaͤudes nach der Kirche gehende Thür ſi ich aufſchließen laſſen und in Geſellſchaft des Balgentreters ſich im Hintergrunde der Orgel verborgen gehalten, um bei meiner Ankunft auf vorgedachte Weiſe mich zu üͤberraſchen. „Ei, ei, Konrad!“ redete er mit ernſtver⸗ weiſender Miene mich an,„ſo vz Luſ und Liebe zu meiner Kunſt und ſo wenig Ver⸗ trauen zu mir ſelbſt! Nun ſo laß doch hören, wie weit du es bei deiner ſo ganz ausnehmend ſchnurrigen Uebungsmethode denn eigentlich gebracht haſt!“ Eben ſo beſturzt uber die unvermuthete Gegenwart des Mei⸗ ſters, als geruͤhrt von der Guͤte des wohl⸗ wollenden Freundes, beſtieg ich die Orgel⸗ bank von neuem, und begann mit hocherglů⸗ hendem Geſicht den Vortrag eines Fugen⸗ ſatzes, deſſen ich zufolge meines fruͤher dar⸗ auf verwandten Fleißes vollkommen maͤchtig geworden war. Noch war ich aber kaum bis zur Mitte deſſelben gelangt, als Herr Thiel⸗ mann mich plötzlich bei der Bruſt packte, und mit funkelnden Blicken dicht neben mir auf der Orgelbank Platz nahm.„Menſchenſohn!“ ſchrie er mir ins Geſicht,„ſoll ich dich kuſſen oder durchpruͤgeln? Was hätte aus dir wer⸗ en können! Was kann noch aus dir werden! Du eiſerner Kerl“— Ich geſtand ihm, daß eine mir ſelbſt nnerklärbare Furcht und Scheue mich ſteto zurückgehalten habe, ihn zum Ver⸗ trauten meines ſehnlichſten Wunſches und der daraus entſpringenden geheimen Bemühungen zu machen, bat ihn dieſer argwöhniſchen Ver⸗ ſchloſſenheit wegen auf das inſtändigſte um 8 2 „ — 265— Verzeihung, und erzählte ihm den traurigen Ausgang, welchen mein erſter oͤffentlicher Ver⸗ ſuch auf der Orgel zu Hilmershayn genom⸗ men hatte.„Nun ſo ſoll,“ ſagte er lächelnd, „kunftigen Sonntag ein zweiter Verſuch hier in der Schloßtirche angeſtellt werden, der hoffentlich beſſer ausfallen wird!“ Was ich, meine während der letztverwichenen ſechs Jahre erworbene Geſchicklichkeit betreffend, bisher im Stillen gefühlt und vor wenigen Au⸗ genblicken zum erſtenmal gehört hatte, wäre ſchon allein hinreichend geweſen, meinen Muth für die neu anzuſtellende Probe zu beleben; jetzt kam der Beifall, den Herr Thielmann meinen Leiſtungen angedeihen ließ, noch hinzu, und mit der freudigſten Zuverſicht ſah ich dem Sonntag entgegen. Erſchrocken fuhr Meiſter Klauring von ſeiner Drechſelbank in die Höhe, als ich Abends mit jauchzendem Ungeſtuͤm zu ihm hereinſtüͤrmte, um ihm uͤber den Gluͤcksfall, der ſich mit mir ereignet, Bericht abzuſtatten; mit theilnehmender Herz⸗ lichkeit ſchuͤttelte er mir darauf die Hand und war ſehr geneigt, mir zufolge des einflußrei⸗ chen Wohlwollens, deſſen Herr Thielmann ſich bei dem Grafen Bolkenſtern zu erfreuen hatte, aus dieſer heutigen Ueberraſchung die — 266— heilſamſten Folgen fuͤr die— zu— phezeihen. Ganz wie ich im Vertrnnẽn f die mir inwohnende Kraft gehofft und erwartet hatte, ſiel am nächſtfolgenden Sonntage mein in der Schloßkirche zu lieferndes Probeſtuͤck aus. Kein Schneidermeiſter Grampel ſtellte ſich an meine Seite, um durch abſchreckendes Geber⸗ denſpiel mich aus der Faſſung zu bringen. Rit froͤhlich begeiſtertem Gemuͤth beſtieg ich die Orgelbank und in heitrer Gedankenklar⸗ heit wußte ich den eingenommenen Platz zu behaupten und ihm Ehre zu machen. Sein inniges Ergötzen kund gebend, hlinzelte Mei⸗ ſter Klauring, als die Töne der Orgel ver⸗ hallten und die Predigt ihren Anfang nahm, mir verſtohlen aus der Ferne ſeinen Beifall zu, und es erfullten dieſe ſtillen Zeichen liebe⸗ voller Theilnahme mit nicht geringerm Wohl⸗ behagen mir das Herz, als die freundlichen Aeußerungen der Zufriedenheit, mit welchen Hert Thielmann mir die Hand druͤckte. Erſt nach Beendigung des Gottesdienſtes erfuhr ich aus ſeinem Munde, daß auch die hoch⸗ gräfliche Familie aus Weidenthal, die geſtern zur Stadt gekommen ſei, ſich in der Kirche befunden und bereits über den jungen Orgel⸗ ſpieler Nachfrage gehalten habe. Zugleich ertheilte er mir das Verſprechen, kuͤnftighin zur weitern Vervollkommnung im Orgelſpiel mir ſeinen perſoͤnlichen Unterricht angedeihen zu laſſen und ſich in dieſer Abſicht täglich ein paar Stunden mit mir zu beſchäftigen, um dadurch einen Theil der Schuld abzutra⸗ gen, die er mir) fuͤr die ſtets ihm bewieſene Anhänglichkeit und fuͤr die vielen Dienſte, die ich ihm geleiſtet, zu entrichten verbunden ſei. Redlich hielt er ſein Wort; im Rathe des Schickſals war es jedoch beſchloſſen, daß die⸗ ſer Unterricht, der ſchnell und mit Rieſen⸗ ſchritten das mir vorſchwebende Ziel mich er⸗ reichen zu laſſen verſprach, nicht länger als ein halbes Jahr Beſtand haben ſollte. Der Gewohnheit gemäß, verfuͤgte ich mich eines Morgens wieder nach ſeiner Wohnung; hochſt befremdend aber kam es mir vor, daß diesmal, indem ich die Klingel an der Thuͤr zog und wieder zog, nichts im Innern des Hauſes ſich regte, da Herr Thielmann, auf das gegebne Zeichen, ſonſt immer ſogleich die Treppe herab zu kommen pflegte, um mir den Eingang zu oöffnen. Der Umſtand, daß er Abends zuvor üͤber Kopfſchmerz und Be⸗ klemmung in der Bruſt ſich beſchwert hatte, vermehtte meine Beſorgniß, und nachdem ich in peinlicher Angſt und Unruhenuͤber die da⸗ bei zu ergreifenden Maaßregeln eine Zeitlang mit mir ſelbſt zu Rathe gegangen war, faßte ich endlich den Vorſatz, das Schloß an der Hausthuͤr auf gewaltſame Weiſe ſprengen und oͤffnen zu laſſen. Sobald dies geſchehen war⸗ eilte ich hinauf nach der Schlafkammer, zog behutſam und leiſe die Thuͤr auf und ſchau⸗ derte vor dem Anblick, der hier meinem Auge ſich darſtellte, mit ſinnbetäubendem Grauen und Entſetzen zurück. Erſtarrt und erkaltet lag Herr Thielmann auf ſeinem Bett; der) Athem war ihm entſiohen! Ein Blutſturz hatte ſeinem Leben ein Ende gemacht, und der ſpaͤterhin herbeigerufene Arzt erkläͤrte, daß ſeine Auflöſung, nach mehrern vorhandenen Merkmalen zu urtheilen, wahrſcheinlich ſchon in den erſten Stunden nach Mitternacht, um welche Zeit ich ihn auf ſein ausdruͤckliches Geheiß hatte verlaſſen muͤſſen, erfolgt ſei. Wie ein Träumender ging ich umher, waͤh⸗ rend der Stadtmuſikus den Nachlaß des, Ver⸗ ſtorbenen, der auswaͤrtigen Geſchwiſter wegen, unter Siegel nehmen ließ, und ſchweigend ſtarrte ich den Gerichtsperſonen, die mit die⸗ ſem Geſchäft ſich befaßten, in das fragende — 260— Geſicht, wenn ſie Auskunft uͤber dies und jenes von mir begehrten; keine Sylbe ver⸗ mochte ich vorzubringen, denn die Zunge klebte mir am Gaumen und die Kehle war mir wie zugeſchnuͤrt. So ſaß ich, nach⸗ dem das Haus verſchloſſen worden war, von dumpfem, thraͤnenloſem Schmerz zerriſſen, da⸗ heim in meiner Kammer, die Hände uͤber das Rnie gefaltet und die Blicke unbeweglich auf Einen Punkt geheftet. Erſt als der Abend hereinzudämmern begann, ſchien Klaurings unabläſſige Bemuͤhung, mein Gemuth aus dieſer düſtern Starrſucht zu reißen, endlich einigen Erfolg zu gewinnen; denn in heiße Thränen löſte jetzt allmählig die finſtre Sin⸗ nenbetäubung, in ſchmerzliche Wehtlage das regungslos bruͤtende Stillſchweigen ſich auf, und zur Erleichterung gelangte dadurch die ſchwerbelaſtete Bruſt. „Lieber Vetter Konrad,“ ſagte Klauring nach Verlauf einiger Tage zu mir,„ich kann mir recht gut denken, wie nahe dir das ſo unerwartete Hinſcheiden deines Freundes und Lehrers hat gehen muͤſſen. Alles Ding in der Welt aber, Lachen und Weinen, Freude und Traurigkeit, hat, wie der weiſe Koͤnig Salomo ſugt, ſeine beſtimmte Zeit. Du ſelbſt haſt mir erzählt, Herr Thielmann habe oft⸗ mals den Wunſch geaͤußert, daß ſein letztes Stuͤndlein nicht nach vorhergegangenem lang⸗ wierigen Krankenlager, ſondern ſchnell und plotzlich ihn uͤberkommen moͤge, da er, das Zeitliche zu geſegnen, jeden Augenblick bereit ſei. Dieſer Wunſch iſt ihm gewährt worden und ihm iſt ſehr wohl. Was hat er denn auch, wenn man die Spatziergänge vor das Thor und die Solopartie auf dem Raths⸗ weinkeller ausnimmt, bei ſeinem kränklichen Körper von den Vergnuͤgungen der Welt ei⸗ gentlich ſo gar viel genießen können? Drum daͤchte ich, du fingeſt jetzt an, deiner Betrüb⸗ niß ein Maaß und Ziel zu ſetzen und deine Gedanken ein wenig auf den Wink zu rich⸗ ten, den dir der Himmel durch dieſen Todes⸗ fall ſelbſt geben zu wollen ſcheint. Die Organi⸗ ſtenſtelle an der Schloßtirche iſt erledigt; zu Dutzenden werden die neuen Bewerber herbeiſtro⸗ men und ſich den Rang abzulaufen ſuchen; denn ein Amt von ſo bequemer Art und mit einer jährlichen Einnahme von vierhundert Thalern bietet nicht eben alle Tage ſich dar. Ich an deiner Stelle wuͤrde wahrhaftig keinen Au⸗ genblick ſäumen, ſondern mich je eher je lie⸗ ber zu dem Herrn Grafen nach Weidenthal — hinaus auf die Beine machen; wer weiß, ob das Gluͤck nicht vor allen andern gerade dir geneigt und guͤnſtig wäre!“ Dieſer mit ſo unumwundner Beſtimmt⸗ heit ausgeſprochene Gedanke, bis zu deſſen Höhe ich bisher ſelbſt in meiner kühnſten Träumerei mich nimmer zu verſteigern ge⸗ wagt hatte, ſetzte mein Inntes in die hef⸗ tigſte Bewegung; dennoch konnte ich, obgleich ich den Berufsgeſchäften jenes Amtes mich vollkommen gewachſen fuͤhlte, es nicht uber mich gewinnen, den vom Vetter in Vorſchlag gebrachten entſcheidenden Schritt zu unterneh⸗ men. Die Fuͤgung des Schickſals wußte je⸗ doch auch diesmal beſſer fur mich zu ſorgen, als ich ſelbſt in meiner kleinmuthigen, ängſt⸗ lichen Schuͤchternheit es zu thun vermochte. Eines Morgens, als wir eben unſer gemein⸗ ſchaftliches Fruhſtuck verzehrten, klopfte es an die Thür unſrer Wohnſtube, und ein Bedien⸗ ter vom Schloſſe trat mit der Anzeige her⸗ ein, daß der Herr Graf, der ſich in der Stadt befinde, mich augenblicklich zu ſprechen verlange. Raſch warf ich mich in meine Feſt⸗ kleider und eilte dem Schloſſe zu. Wie wun⸗ derlich aber wurde mir zu Muthe, als ich nach dem Zimmer des Grafen, der noch in ſeinem Morgenanzuge umher ging, gefuͤhrt ward, und in ihm die nämliche abentheuer⸗ liche Geſtalt wieder erkannte, die mir vor einigen Jahren einſt um die Mitternacht⸗ ſtunde in der Schloßkirche erſchienen und bis zu dieſem Augenblick ein ſo unerklärbares Räthſel geblieben war. Der Schmerz uͤber das fruhzeitige Hinſcheiden einer geliebten Gemahlin hatte ihm den Aufenthalt im Schloſſe fuͤr immer verleidet; er lebte ſeit⸗ dem in ſtiller melancholiſcher Zuruͤckgezogen⸗ heit auf ſeinem Landgute Weidenthal, und wenn er dann und wann in der Stadt ſich aufzuhalten pflegte, ſo geſchah dies hauptſäch⸗ lich nur in der Abſicht, um die Mehrzahl dieſer Stunden an dem Denkmale zuzubringen, welches er der unvergeßlichen Gefährtin ſeines Lebens hier in der Schloßkirche hatte laſſen. „Ich wundre mich ſeyr, mein giebet/⸗ redete der Graf auf die leutſeligſte Weiſe mich an,„daß ich unter der Zahl derer, die ſich zu der erledigten Organiſtenſtelle bereits bei mir gemeldet haben, gerade Sie vermiſſe, da Ihnen die dazu erforderlichen Fähigkeiten doch keinesweges zu mangeln ſcheinen. Der Ver⸗ luſt, den die Schloßkirche durch Thielmanns 3 plötzlich ſchleuniges Ableben erlitten hat, iſt freilich um ſo meht zu beklagen, da er ſo ſchwer zu erſetzen iſt; wenn uͤbrigens Ihr ruͤhmlicher Fleiß, von welchem ich früher, wie Ihnen noch wohl erinnerlich ſein wird, ſelbſt Augen⸗ zeuge geweſen bin, und die Geſchicklichkeit, von welcher ſie in den letztverwichenen Monaten mehrfache Beweiſe abgelegt haben, dabei in Anſchlag zu bringen ſind, ſo läßt ſich die Aus⸗ fullung der entſtandenen Luͤcke von Ihnen viel⸗ leicht noch am erſten erwarten.“ Schon bei Erwaͤhnung des meinem Herzen ſo theuern Namehs waren mir die Augen von Thränen erfuͤllt worden. Ich machte dem Gra⸗ fen aus meiner ſchmerzlichen Trauer um den Verſtorbenen kein Geheimniß und fuͤgte hinzu, daß eben dutch die Erwägung, wie ſchwer der Platz eines Mannes von ſo entſchiedenem Ver⸗ dienſt auf wuͤrdige Weiſe wieder auszufüllen ſei, mich abgehalten habe, irgend einen be⸗ werbenden Schritt in dieſer Abſicht zu wagen. „Richt ein einziget von allen, die ſich bis dahin an mich gewandt haben,“ erwiederte der Graf,„ſcheint dieſe beſcheidne Anſicht mit Ihnen rheilen zu wollen. Jeder glaubt ſich vielmehr im vollen Beſitz aller zu ebenmäßi⸗ ger Fortfuͤhrung dieſes Amtes noͤthigen Ein⸗ II. Bd. 18 — E— ſichten und Kenntniſſe. Die Form bringt es uͤbrigens mit ſich, daß der Wahl ein allge⸗ meines Probeſpiel in der Kirche ſelbſt voran⸗ zugehen pflegt. Dieſes wird binnen wenigen Tagen ſtattfinden, und ich lade auch Sie dazu ein. Sehr angenehm ſoll es mir ſein, wenn das Urtheil der dabei anweſenden Kunſtken⸗ mer, dem ich meinen Grundſätzen gemaß durch⸗ aus nicht vorgreifen darf, ſich eben ſo unbe⸗ dingt für Sie entſcheidet, als es in Hinſicht meiner eignen. Neigung ſchon jetzt der Fall iſt!“ Ich ward hierauf wieder entlaſſen und Meiſter Klauring, der mich nach abgeſtatte⸗ tem Bericht uͤber die Unterredung mit dem Grafen bereits am gluͤcklich erreichten Ziel meiner Wuͤnſche ſah, warf triumphirend ſein Lederkäppchen gegen die Decke. Auch blieb das froͤhliche Hoffen, welchem er mit ahnendem Herzen ſich hingab, nicht unerfuͤllt; die Probe wurde gehalten und wenige Stunden nach Beendigung derſelben hatte ich, nachdem mir einſtimmig der Preis zuerkannt worden, das vom Grafen eigenhändig unterzeichnete Be⸗ rufungsſchreiben, kraft deſſen mir ein jährli⸗ ches Gehalt von vierhundert Thalern, ſammt freier Wohnung zugeſichert ward, in der Taſche. Bis zu dem Tage, an welchem nach der Willensmeinung des Grafen meine feierliche Einführung in der Schloßkirche ſtattfinden ſollte, waren nunmehr noth drittehalb Wochen zu verleben; eine Ewigkeit fuͤr mich, deſſen Sehnſucht jetzt mit der unbezwinglichſten Ge⸗ walt nach Hilmershayn Zerichtet war. Klau⸗ 1 ring und ſeine Frau gingen während dieſer Zeit ſtill und gedankenvoll umher, ein Ge⸗ heimniß von ungewoͤhnlicher Wichtigkeit ſchien unter ihnen obzuwalten und fort und fort warfen ſie einander verſtohlne Blicke zu, in welchen kleinmuͤthiges Zagen und ängſtlich geſpannte Erwartung abwechſelnd ſich ausdruͤck⸗ ten. Ich hielt dies alles für den ganz natür⸗ lichen Ausdruck der innern Beſorgniß uͤber den zweifelhaften Empfang, deſſen ſie in Hil⸗ mershayn ſich zu verſehen hatten; denn wir waren uͤbereingekommen, die Reiſe dorthin gemeinſchaftlich zu unternehmen und dieſelbe gleich den Tag nach meiner Einfuͤhrung an⸗ zutreten. Deſto mehr ſetzte, am ihr vorher⸗ gehenden Sonnabend, die ploͤtzlich veränderte Gemuͤthsſtimmung mich in Erſtaunen, in wel⸗ cher ich beide antraf, als ich des Nachmittags bei meiner Zuruͤcktunft aus der Kirche, wo ich mit Vorbereitung fuͤr den nächſtfolgenden Morgen beſchäftigt geweſen war, ihre Wohn⸗ . 18* ſube betrat. Statt der th Unruhe, die biöher in ihren Mienen zu leſen ſtand, fun⸗ kelten Freude und gluͤckverkundende Botſchaft ibnen aus den Augen, und als ich von bren⸗ nender Neugierde Betrieben, dem ſo ſchleunig erfolgten ſeltſamen Wechſel näher auf den Grund zu kommen trachtete, druͤckte mir Klau⸗ ring in der Froͤhlichkeit ſeines Herzens ein Papier in die Hand, welches ſeiner Ausſage nach, vor einigen Stunden hier eingetroffen war und folgende mit der Namensunterſchrift des——— ent⸗ hielt: n d vnlchötdn nun Endlich bin ich, unh viehihrigem⸗ vetgeb⸗ lichen Bemuhungen, zum erwünſchten Ziele gelangt. Das letztgemeldete gluckliche Ereig⸗ niß mit unſerm Konrad hat die Eiskruſte vollends gebrochen. Das iſt ein Wetterjunge! Man muß ihm gut ſein; das ſagt auch Rös⸗ chen. Der Alte iſt bereit, alles Vergangene zu verzeihen und zu vergeſſen. Reiſet mit Gott! Ihr alle nhah— willkom⸗ men ſeint Jetzt freilich Mlte das Entzůcken. welchem ich bei meinem Eintritt in die Stube mich uͤberraſcht ſah, nichts Auffallendes weiter für mich gehabt hahen, hätte nicht deſſen un⸗ geachtet das geheimnißvolle Blinzeln und Zu⸗ winken der beiden Eheleute unabläſſig fort⸗ gedauert, und wäre nicht oben drein noch der umſtand hinzugekommen, daß Margarethe mit Einbruch der Dämmerung ſich aus dem Hauſe entfernte und nachher den ganzen langen Abend hindurch ganz gegen alle Gewohnheit nirgends wieder zu ſehen und zu hören war⸗ Ich uͤberließ jedoch, ohne mir fruchtlos den Kopf daruͤber zu zerbrechen, den weitern Aufſchluß uber dieſes räthſelhafte Benehmen der alles aufklärenden Zeit, und beſchäftigte mich ſtillfreudig mit der ſuͤßen Hoffnung, welche durch die Zuſchrift des Förſters auch in meiner Bruſt aufs neue erweckt und ge⸗ ſtärkt worden war.„Das ſagt auch Rös⸗ chen!“ hallte mir, wo ich ging und ſtand, in jedem Winkel des Herzens nach. Am folgenden Morgen hielt ich meinen erſten amtlichen Vortrag als Organiſt in der Schloßkirche, auf welchen ich mit angelegent⸗ lichem Ernſt und Eifer mich vorbereitet hatte, und in welchem ich alles zu vereinigen ſuchte, was ich zu leiſten im Stande war. Alles ge⸗ lang mir nach Wunſch und der ſtille Beifall auf den Geſichtern der Anweſenden ließ mich vermuthen, daß ich keinesweges ſo ganz ohne Gluͤck in die Fußtapfen meines verdienſtvollen Vorgaͤngers getreten ſei; auch der Graf, der ſogleich nach geendigtem Gottesdienſt mich zu ſich rufen ließ, bezeigte in den liebreichſten Auspruͤcken mir ſeine Zufriedenheit. Die Er⸗ laubniß zu der beabſichtigten Reiſe nach Hil⸗ meröhayn hatte ich bereits ſtäher von ihm erhalten und mit erleichtertem Herzen eilte ich jetzt nach Klaurings Wohnung, um da⸗ ſelbſt nach gehaltener Mittagsmahlzeit die zur morgen bevorſtehenden Abfahrt nach der Hei⸗ math erforderlichen Vorkehrungen zu treffen. „ In froͤhlicher Ruͤſtigkeit öffnete ich die Thuͤr der Wohnſtube und erſtarrend und ver⸗ ſtummend vor dem Auftritte, der meinen uͤberraſchten Blicken ſich darbot, blieb ich am Eingange derſelben ſtehen. Ein acht und ſechzig jähriger Greis mit ſchneeweißem Haupt⸗ haar ſtreckte die Hand zur Bewillkommung mir entgegen. Es war Vetter Buchmann aus Hilmershayn. Den Schwächen und Be⸗ ſchwerden des Alters trotzbietend, hatte er, nach völlig bewirkter Wiederverſohnung mit ſeinen Kindern, ſich zu dieſer Reiſe entſchloſſen, und war bereits geſtern in Röͤschens und des Foͤrſters Begleitung hier angelangt, während die Muhme Kränklichkeits halber in Hilmers⸗ hayn hatte zuruͤckbleiben muͤſſen. Den Brief, den Klauring mir geſtern vorzeigte, hatte der Förſter, damit die Ueberraſchung deſto voll⸗ kommner werde, erſt hier an Ort und Stelle abgefaßt, und ſämmtliche Freunde und Ver⸗ wandte waren heut in der Schloßkirche, wo ſie in unbemerkter Stille ſich unterhalb der Drgel ihren Sitz erwählt hatten, gegenwärtig geweſen. Wie ergluͤhten mir die Wangen, als un⸗ ter den Anweſenden, die mit fröhlichem Gruß und Gluͤckwunſch mich empfingen, auch Rös⸗ chen, die vor wenigen Wochen ihr achtzehntes Jahr erreicht hatte, in bluͤhender Schoͤnheit und Anmuth wir entgegentrat! Wie klopfte, von wonnigem Entzuͤcken durchdrungen, mir das Herz, indem ich mich mehr und mehr überzeugte, daß ſie mit unerſchuͤtterlicher Treue mir fortdauernd geneigt und gewogen geblie⸗ ben ſei. Vater Buchmann ſchien während ſeines Aufenthalts in unſter Mitte ſich neu zu verjungen; doch war er durch keine Bitten und Vorſtellungen zu bewegen, ſeinen Wohn⸗ ſitz fuͤr immer unter uns aufzuſchlagen.„Ich bleibe bei dir, du alter treuer Freund!“ ſagte er, die Hand des Förſters ergreifend, wenn wir ihn aufs neue zu beſturmen an⸗ — ſingen;„wir beide verlaſſen uns nun und nimmer, bis der Tod uns von einander ſcheidet!“— Seinem unwiderruflichen Ent⸗ ſchluſſe zufolge, ging nach Verlauf von acht Tagen die Reiſe wieder von dannen; außer Stand geſetzt, ihm fuͤr unſte Wuͤnſche ein ge⸗ neigtes Gehoͤr abgewinnen zu können, ertheil⸗ ten wir ihm das Verſprechen, ihn kuͤnftighin mit jedem zuruͤckkehrenden Fruͤhjahr gemein⸗ 4 ſchaftlich in Hilmershayn unſern Beſuch ab⸗ ſtatten zu wollen und befriedigt ſchied er aus unſrer Mitte. Röschen blieb bei ihren Ael⸗ tern zuruͤck; der fortgeſetzte tägliche Umgang ſtellte bald das trauliche Verhältniß, das in den Tagen der Kindheit unter uns ſtattge⸗ habt hatte, wieder her, und noch im Spät⸗ ſommer deſſelben Jahres, nachdem die mir beſtimmte Wohnung am Schloßgebäude, un⸗ ter Klaurings anordnender Aufſicht, ein neues freundliches Anſehen erhalten hatte, wurden wir durch prieſterlichen Segen auf immer vereinigt. 4 1 ſ 9 1 12 13 14 15 16 17 8 10 1 4. 5 + 3 1„ 6 * 6. & 3* 5