Leihbibliothekt dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfaugnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ice Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. Wet.— Pf. 5 5 Auswärtige Aonnenten hab en für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganßn verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſteh ileine Bomane und — — von ₰ I Pndehen. Wit 1 Gitelkupfer. Leipig Winvichsſche Puchhundlung Kleine Romane und G rz 4 h lun eny K. G. Prael. ——— Erſtes Baͤndchen. * Der Diamantring. Simon Roͤhling hatte von ſeinem Va⸗ ter ein altes Traumbuch geerbt, das er fleißig ſtudirte und wie ein Heiligthum aufbewahrte. Durch das unabläſſige, ſelbſt waͤhrend der Ver⸗ richtung ſeiner Beruföarbeiten fortgeſetzte Sin⸗ nen und Gruͤbeln uͤber den Inhalt deſſelben war es ihm nach und nach zur Gewohnheit geworden, dem innern Zuſammenhange zwi⸗ ſchen gegenwärtigen und vergangenen Verhält⸗ niſſen ämſiger nachzuſpähen, die Entwickelung der erſtern aus den letztern ſchärfer zu beob⸗ achten, und, die belehrenden Winke einer viel⸗ jaährigen Erfahrung benutzend, von den bereits vorhandenen Urſachen auf die noch verbor⸗ genen Wirkungen zu ſchließen. Zwar nahm der Schlaukopf ſich weislich in Acht, mit ſei⸗ nen Vorherverkuͤndigungen nicht zu verſchwen⸗ deriſch umzugehen, oder ſich mit zu gewagten, die Nothwendigkeit des Erfolges nicht unbe⸗ dingt in ſich führenden Angaben und Aus⸗ ſpruͤchen zu befaſſen; doch war, da man ſtets mit ziemlicher Gewißheit auf das Eintreffen des von ihm Vorausgeſagten rechnen konnte, ſchon das Wenige, was er ſeinen Freunden und Bekannten dann und wann von der Zu⸗ kunft zum Beſten gab, vollkommen hinrei⸗ chend, die Meinung zu verbreiten, daß er ſich im Beſitz gewiſſer Einſichten und Kenntniſſe befinde, die ein anderer einfaͤltiger Kauz weder in der Schule noch auf dem Markt zu erlernen im Stande ſei. Bald fing man an, ſich in Leibes⸗ und Seelennoth an ihn zu wenden, ihn bei wichtigern Begebenheiten und Unter⸗ nehmungen um Rath zu befragen, und über zweifelhafte Vorfälle und Erſcheinungen aller Art ſich Licht und Ayfſchluß von ihm zu er⸗ bitten. Die Zumuthungen, mit welchen man ihn uberhäufte, ſetzte ihn zuweilen in nicht geringe Verlegenheitz doch wußte er ſich, ver⸗ — 5— mittelſt des im Wandſchranke verſchloſſenen ſchriftlichen Unterrichts ſowohl, als des ihm angeborenen flinken Mundwerks, immer gluͤck⸗ lich aus der Schlinge zu ziehen, auf räthſel⸗ hafte Fragen noch räthſelhaftere Antworten zu ertheilen, und bei ſchwierigen Aufgaben, gleich als wäre, ſtatt der alten verſchimmelten Hand⸗ ſchrift, die Pythia ſelbſt ſeine Lehrmeiſterin geweſen, ſeine Orakelſprüche ſo künſtlich auf Schrauben zu ſtellen, daß ſie, jeder Aus⸗ legung fähig, durch jeden Erfolg ge⸗ rechtfertigt wurden. Bei der zunehmenden Ver⸗ breitung des von ihm ausgehenden Rufs wurde es ihm leicht geworden ſein, ein Geſchäft, das er von jeher nur zur eignen Gemuthsergö⸗ tzung getrieben, ſchnell zur einträglichſten Er⸗ werböquelle zu machen; er war jedoch zu ehr⸗ lich und zu gutmuthig, um den Leuten ſeine Weisheit fuͤr Geld zu verkaufen. Der Wahl einer freiwilligen Armuth mit anſpruchsloſer Beſcheidenheit getreu bleibend, brachte er ſeit einer langen Reihe von Jahren die Wochen⸗ rage regelmäßig auf dem Amthofe zu, wo er 6— um Tagelohn arbeitete, und der einzige Ge⸗ winn, den er von ſeiner geheimen Kunſt zu ziehen ſich erlaubte, beſtand in dem Freitrunke, den man in der Fröhlichkeit des Herzens ihm vorſetzte, wenn er an Sonn⸗ und Feſttagen in der Schenkſtube des Wirthöhauſes ſich ein⸗ fand. Alles draͤngte dann mit ungeduldiger Begierde ſich um ihn her, um ſeiner lehrrei⸗ chen Unterhaltung theilhaft zu werden; ſtill⸗ geſpannten Blickes ihm die Worte vom Munde wegfangend, ſuchte man mit dem angelegent⸗ lichſten Eifer ſeinen Reden den rechten Sinn und Zuſammenhang abzugewinnen, und auch ihm war es deutlich anzumerken, daß er hier lieber, als daheim in ſeiner Behauſung, wo er von den Eintretenden nicht ſelten in ſehr verdrießticher Stimmung angetroffen ward, uͤber gegenwärtige und zukuͤnftige Dinge ſich mittheilte und ausließ. Eines Abends warf er, indem er ungewohn⸗ ter Weiſe ſeiner muntern Gemuͤthslaune auf Koſten der Klugheit den Zuͤgel ſchießen ließ, im Scherz die Vemerkung hin, daß der Amts⸗ „ 2„ verweſer, der in den juͤngſtverwichenen Tagen wieder einen armen Hufner habe auspfänden laſſen, vom muthmaßlichen letzten Schickſale dieſes Mannes gerade das Gegentheil erfah⸗ ren und, ſtatt uͤberhaupt eines natuͤrlichen Todes zu ſterben, im eignen Speck erſticken werde. Alles nickte ihm Beifall zu, und jede Miene verzog ſich zur Frage, ob man denn bald auf die Erfüllung eines ſo troſtreichen Ausſpruches ſich Rechnung zu machen habe? Ihm ſelbſt aber waren die verhängnißvollen Worte kaum über die Lippen, als ihm auch ſchon die unausbleiblichen Folgen des began⸗ genen dummen Streiches in ihrer ganzen Klar⸗ heit und Deutlichkeit vor der Seele ſtanden⸗ Ein heftiger Unwille gegen ſich ſelbſt loderte in ſeinem Innern empor, ſein äußeres Weſen und Benehmen aber blieb unverändert, und mit ſcheinbarer Ruhe und Unbefangenheit ſetzte er ſogleich hinzu:„Niemand kann ſeinem Verhängniß entgehen, weder er, noch ich! Ihn trifft es nach Jahren, mich ſchon nach Stundenfriſt; und damit Punktum!“— Ohne *— das brennende Verlangen nach näherer Ber lehrung, das durch dieſe Worte in den Ge⸗ muͤthern der Anweſenden aufgeregt worden war, zu beachten, ſuchte er die Unterredung ſogleich auf einen andern Gegenſtand zu len⸗ ken, und als man, um den begehrten Auf⸗ ſchluß von ihm zu erhalten, lauter und ſtür⸗ miſcher in ihn zu dringen anfing, ward er unwillig, leerte mit ſtarken heftigen Zugen das vor ihm befindliche Glas, erhob ſich von ſeinem Platze und ging trotzig von dannen.“ Als er am nächſtfolgenden Morgen ſich wieder bei der Arbeit befand, und ſeine ſtill⸗ geheimen Betrachtungen uͤber die Dreiſtigkeit eines Raben anſtellte, den er ſo eben in ein offnes Dachkammerfenſter der ſeitwärts gele⸗ genen Amrswohnung hatte fliegen ſehen, kam mit unheilverkuͤndender Miene der Amtsver⸗ weſer dahergewatſchelt, gab dem Alten, der mit dem Anſchein, als ob er der Annäherung ſeines Herrn und Gebieters erſt jetzt inne werde, ſich erſchrocken umwandte, einen Schlag auf die Schulter und ſagte: Nun, Simon ihr ſeis ja, wie ich höre, ein ſo fertiger Meiſter in der Kunſt, den Leuten die Zu⸗ kunft zu offenbaren. Erſtreckt ſich dieſe Wiſ⸗ ſenſchaft denn auch auf das Schickſal, das euch ſelber bevorſteht? Sprecht, wie lange wird es noch dauern, bis man euch hier dem Brot ſetzt und fortjagt?“ Simon bedurfte diesmal keiner Traum⸗ buchsweisheit, um zu merken, wie viel die Glocke geſchlagen hatte, eben ſo wenig war — ihm verborgen, daß es thöricht und frucht⸗ los ſei, hier zu Bitten und Vorſtellungen ſeine Zuflucht nehmen zu wollen. Deshalb faßte er den Entſchluß, jeden Verſuch dieſer Art zu unterlaſſen und das Flb mit Ehren zu räumen „Das iſt„ gar ſchwierige Aufgabe, ge⸗ ſtrenger Hert Amtsverweſer!“ erwiederte er mit bedenklichem Geſicht.„Freilich wird es mit meinem Tagelöhnerverdienſt auf einmal und rigſchweg vorbei ſein, doch duͤrfte dar⸗ uber wohl noch gar geraume Zeit verſtreichen; denn nich Seichen zu ſchließen, wird —— eintreten, als bis öffentlich und ungeſtraft — ein Rabe den andern beſtiehlt!“ Unwillkuͤhrlich drehte der Amtsverweſer nach der Gegend Hines Hauſes ſich um; doch nirgends war etwas Verdächtiges zu ſehen und zu hören. „Deine Zigeunerkunſte laſſen dich fur dies⸗ mal im Stich!“ rief der Ergrimmte.„Die Zeit, wo du dir den hungrigen Magen mit. Stroh und Häckerling füllen wirſt, iſt näher, als du geglaubt haſt. In dieſem Augenblick packſt du dich von dannen⸗ haſt von nun an 8 hier nichts weiter zu ſchaffen, und wehe dir alſo, wenn du dich unterfängſt, dich jemals im Bereich der Amtsgebäude wieder Peeten zu laſſen!“. Er hatte dieſe Rede nvch nicht volheh als Simon auch ſchon die Art, mit welcher er Holz geſpalten, auf die Schulter nahm und, dem ſtrengen Machtgebot mit ehrerbie⸗ tigem Stillſchweigen Folge leiſtend, ſeiner Wege ging. Auch der Amtsverweſer wandte, der angegebene Fall nicht früher noch ſpäter — 11— unter fortgeſetztem Keifen und Schelten ſich nach ſeiner Behauſung zuruͤck, und das erſte, was ihm jetzt in die Augen ßiel, war der Rabe, der mit einem großen Stuͤck Speck zwiſchen dem Schnabel eben aus der Dach⸗ kammer ins Freie ſich fluͤchtete, auf dem Giebel des Hauſes Platz nahm und hier ſei⸗ nen Raub in aller Gemächlichteit zu verzeh⸗ ren anfing. Der Beſtohlne, dem bei dieſem Anblick der Schluß der eben vernommenen Weiſſagung ſogleich verſtändlich wurde, wollte vor Aerger und Ingrimm faſt außer ſich ge⸗ rathen, daß Simons giftige Zunge zufälliger Weiſe ſo ſchicklichen Anlaß gefunden, ihn noch zum Abſchiede einen Stich zu verſetzen⸗ „Verdammter Schurke!“ rief er ihm nach, indem er die geballte Fauſt drohend gegen ihn ausſtreckte,„ich prophezeihe dir, daß du deine Frechheit bei nächſter Gelegenheit im Hundeloche büßen und bereuen ſollſt!“ Simon ſtellte ſich, als ob er von der ihm nachgeſchickten Vertröſtung nicht eine Sylbe vernehwe⸗ ſchlenderte gelaſſenen Schri tes dem Dorfe zu und begab ſich nach ſeiner einſamen Hi itte, um hier ruhig und ungeſtört die Mit⸗ tel und Wege zur nunmehrigen Erwerbung ſeines Lebensunterhaltes in reiflichere Ueber⸗ legung zu ziehen. „Hol' der Fuchs den ſauern Hofedienſ und den dicken Amtsverweſer dazu!“ rief er aus, indem er den Wandſchrank aufſchloß, das Traumbuch hervorholte und behaglich darin zu blättern anfing.„Im Grunde bin ich recht ftoh, daß es mit der Plackerei zu Ende gegangen iſt!— Worin aber beſteht denn eigentlich der Unterſchied zwiſchen dem Amtsverweſer und mir? Er iſt fett und ich bin mager; er gahnt und faullenzt vom Mor⸗ gen bis zum Abend im weichgepolſterten Großvaterſtuhl, ich muß Jahr aus, Jahr ein in Sturm und Regen, in Froſt und Hitze, bald mit der Holzart, bald mit der Heugabel mich flink und ruͤſtig herumtummelm er ſetzt ſich zu Tiſch und titzelt den leckern Gaum mit Faſanen und Auſtern, bei mir heißt es: ruͤbre die Knochen gehörig, dann ſollſt du Kartoffeln mit Salz ſabemt Faſanen und Auſtern! Wiſſen möchte ich wohl, wie den Leuten, fuͤr welche Gott die Leckerbiſſen er⸗ ſchaffen hat, recht eigentlich zu Muthe ſein mag! Nur auf kurze Zeit moͤchte ich, bevor mir der Mund mit Erde geſtopft wird, ein⸗ mal das Vorrecht großer Herren genießen; nur ein paar Tage lang an einem nach eig⸗ ner Auswahl beſetzten Tiſche nach Herzens⸗ luſt ſchmauſen und zechen; gern wollte ich dann mit befriedigtem Sinn zu der ſeit der fruͤheſten Kindheit mir angewieſenen ſchmah⸗ lern Koſt wieder zuruͤckkehren!“ In dieſer Betrachtung ward er von einer, zu ſeiner Verwandtſchaft gehörigen jungen Dirne des Dorfes unterbrochen, die mit ſtuͤr⸗ miſch klopfender Bruſt und verweinten Augen zu ihm hereingeſtuͤrzt kam.„Ich ſuchte euch auf dem Amtöhofe bei eurer Arbeit,“ ſtam⸗ melte ſie yihr ſeid doch nicht krank?“ „Kein Finger thut mir weh!“ erwiederte er lachenden Muthes.„Aber Freiherr bin ich geworden; drum ſpalt' ich kein Holz mehr, . —6 ſondern ſitze ruhig hier auf dem Erbe meiner Väter! Run, Gretchen, was fuͤr ſchwere und wichtige Sorgen haſt du denn auf dem Herzen?“ „Richt ſpotten ſollt ihr, Vetter, ſondern rathen und helfen; denn meine Noth und Verlegenheit iſt großer, als ihr euch vielleicht einbildet!“ ſeufſte die Bedrängte.„Ich will euch ganz in der Kuͤrze einen Begriff davon geben. Ihr wißt wohl ſchon, daß Muͤllers Jakob mir heimlich zugeneigt iſt, daß er zu⸗ gleich auf die Helmbacher Windmuͤhle, die nächſter Tage zum öffentlichen Verkauf aus⸗ geboten wird, ein Auge hat, und daß ſein Vater ihm bereits halb und halb die Zuſage gethan, durch den Ankauf derſelben ihm zum Beſitz einer eignen Rahrung verhelfen zu wollen. Heut in der Frühe trage ich einen Theil meines geſponnenen Wintergarnes hin⸗ aus auf die Bleichwieſe, und bin noch keine Viertelſtunde damit beſchäftigt geweſen, als 8* 9 Jalob, der mich von fern bemerkt hat, uͤber die Hecke des Mählgartens geſprungen kommt, mich zu herzen und zu küſſen anfängt, und mir unter lautem Jubeln und Frohlocken er⸗ zählt, daß es mit dem Kauf des Helmbacher Grundſtuͤckes, alſo auch mit der nahen Vol⸗ lendung unſers beiderſeitigen Gluͤckes nun⸗ mehr ſeine völlige Richtigkeit habe. In der Luſt unſers Herzens vergeſſen wir die Ge⸗ fahr des Orts, an welchem wir uns befinden, gerathen ins Plaudern, beſprechen uns ſo eifrig und angelegentlich, als ob der Hoch⸗ zeittag ſchon vor der Thuͤr wäre, über die ganze häusliche Eintichtung, die wir zu machen gedenken, und unſer drittes Wort iſt immer die Helmbacher Windmühle. Auf einmal er⸗ hebt ſich dicht hinter uns eine ſo fuͤrchterliche Baßſtimme, als ob das jüngſte Gericht im Anzuge ſei; ich ſchaue mich um und will vor Schreck und Entſetzen gleich in die Erde ver⸗ ſinken! Wie vom böſen Feind in unſre Rähe gefuͤhrt, ſteht Jakobs Vater, der das eben gehaltene vertrauliche Geſpräch Wort für Wort belauſcht hat, innerhalb der Hecke und ſeine Augen funkeln vor Sorn und Wuth⸗ Saubre Geſchichten! ruft er mit drohender Geberde uns zu. Ein verſtohlner Liebebhan⸗ del hinter meinem Ruͤcken; das haͤtte mir noch gefehlt! Gut, daß ich euch noch zeitig genug hinter die Schliche komme! Ihr habt die Rechnung ohne den Wirth gemacht; ich will euch bewindmuͤhlen! fort, Burſche! au⸗ genblicklich fort an die Arbeit! Es ſoll dafuͤr geſorgt werden, daß dir die Heirathösgedanken vergehen! Und ſie, Jungfer Windmuͤllerin⸗ mag nur ihr Garn mit nach Hauſe nehmen, um ein neues Retz daraus zu weben. Viel⸗ leicht erwiſcht ſie bald wieder einen andernz mein Jakob iſt ja nicht der einzige Gimpel 3 im Dorfe!— Wie mir dieſe läſterlich hoͤh⸗ niſchen Redensarten durchs Herz ſchnitten⸗ Vetter, das kann ich euch nicht beſchreiben? Jakob ſchlich traurig und niedergeſchlagen auf einem Umwege nach dem Muͤhlgebäude zuruͤck; mir aber war es, nachdem der Muͤl⸗ ler ſich wieder entfernt hatte, als ob ich ſchnurſtracks ins Waſſer ſpringen mußte Zum Gluck ſchoß mir im mmlichen Augen⸗ — blick zugleich ein andrer Gedanke durch den Kopf. Wenn nach dHieſer troſtloſen Umände⸗ rung der Dinge uͤberhaupt noch zu rathen und zu helfen iſt, dachte ich bei mir ſelbſt, ſo vermag dies Riemand anders, als Vetter Simon!“— „Das ſind die Fruͤchte der verliebten Toll⸗ dreiſtigkeit!“ verſetzte dieſer.„Wäre der Gang nach der Garnbleiche, mit dem es ganz und gar keine ſo große Eile gehabt hätte, fein unterblieben, ſo käme Jakob, nach wie vor, des Abends unter dein Fenſter, ihr ſchwebtet fortwaͤhrend in dem Wahne, daß keine leben⸗ dige Seele weiter um euer geheimes Einver⸗ ſtändniß wiſſe, und du brauchteſt jetzt meine Vermittelung und Huͤlfe nicht in Anſpruch zu nehmen. Wirſt du roth? gelangſt du zur Ueberzeugung, daß ich, trotz deiner bisherigen Verſtellung, dich zu durchſchauen verſtand? erkſt du, daß ich ſchon längſt von Allem * unterrichtet war? Nun, ich will dich nicht weiter mit unnuͤtzen Vorwuͤrfen uberhäufen, ſondern ſehen, was bei der Sache zu thun , iſt, und mich zu dieſem Behuf ſogleich nach der Muͤhle auf den Weg machen.“ „Aber wenn ihr nur nicht Oel ins Feuer gießt, nur nicht etwa mit eurer Fuͤrſprache noch zu früh kommt!“ fiel Gretchen mit aͤngſtlicher Beſorgniß ihm in die Rede.„Wollt ihr nicht lieber damit warten, bis der Zorn des Mullers ſich erſt ein wenig wieder abge⸗ kuͤhlt und gelegt hat?“ „Naſeweiſes Ding!“ 6 der Alte. „Willſt du mir nicht auch noch vorſchreiben, wie ich meine Worte ſetzen und wenden ſoll, um den ſtörrigen Sinn des Muͤllers zu be⸗ arbeiten, deinem Freier zur Windmuͤhle und dir unter die Haube zu helfen? Begieb dich ſtill in dein Kämmerlein, bereue dort in aller Demuth den begangenen dummen Streich, und waffne dich zugleich mit Geduld, wenn ich vielleicht noch einen dazu mache!“ Gretchen, die das turzgebundne Weſtn des Vetters kannte, wagte es nicht, ihre Zweifel und Bedenklichkeiten uͤber das von ihm geaͤußerte Vothaben zu S ſon ——— dern that, was er verlangte, indem ſie mit ſchweigendem Gehorſam ſich nach Hauſe ver⸗ fugte. Auch Simon verließ, nachdem er ſich die rauche Dachsmuͤtze, die er ſelbſt in der Kirche nicht abnahm, tiefer in die Augen gedruͤckt hatte, ſein enges Wohngemach und trat ungeſäumt die beſchloßne Wanderung an. Der Muͤller, der eben in der Thuͤr ſtand, und ihn ſchon von weitem hatte kommen ſehen, ſchlug, als Simon in den Hofraum eintrat, mit vornehmer Nachlaͤſſigkeit die Arme über einander, that einige Schritte vorwärts und ſagte:„Den Gang hättet ihr euch erſparen können, Simon! Wenn ich euch rathen ſoll, ſo macht nicht erſt Weitläuftig⸗ keiten, ſondern geht ruhig wieder nach Hauſe. Ich kann euch im Voraus verſichern, jedes Wort, das ihr vorzubringen gedenkt, iſt ver⸗ weiß, was ihr im Schilde führt!“ „Ihr ſtellt euch kluger, als ihr ſeid!“ ver⸗ ſetzte Simonz„ſucht euch aber, wenn ihr 2* vermeldet ihr, daß ſie nahern Beſche — 20— foppen wollt, einen andern aus; ich laſſe mich ſo leicht nicht verbluffen. Eure Ur⸗ theilstraft muͤßte ſich plotzlich ſehr zu ihrem Vortheil verändert haben, wenn ihr mir ſchon an der Naſe anſehen wolltet, was ich zu ſprechen und zu thun im Begriff bin!“ „Meine Willensmeinung umzuſtempeln und mich zu einer Thorheit zu beſchwatzen, iſt 3 euer Zweck!“ eiferte der Muͤller.„Ihr habt vernommen, was ſich dieſen Morgen unten auf der Bleichwieſe zugetragen hat, und nun kommt ihr, um die Sache wieder ins Gleis zu bringen, kläglich und beweglich den Mund zur Fürbitte zu öffnen, mir Schafsgedanken einzuflößen und mich zur Einwilligung in die Wuͤnſche und Abſichten des verliebten Pärchens geneigt zu machen. Ja, daß ich ein Narr wäre! Geht heim und fragt eure Muhme, ob ſie warten gelernt babe; ten ſolle, ſobald ich ihrer zur Schwiegerto ter beduͤrftig ſei!“ „Da ſeht ihr nun wieder,“ entgegnete Simon, indem er bedenklich den Kopf zu ſchuͤtteln begann;„mit welchem Fug und Recht ich von jeher behauptet habe, daß ihr euch mit eurem Urtheil durchaus nicht uͤber den Mehlſtaub hinaus verſteigen könnt, ohne ſogleich das unſinnigſte, abgeſchmackteſte Zeug zu Markte zu bringen! Aber es iſt mit euch einmal nicht anders! Wenn ihr auf den Wehrdamm hinaustretet und die Waſſer⸗ ſchutzen zuwerft, ſo ſteht euch nicht nur die Muͤhle, ſondern augenblicklich auch der Ver⸗ ſtand ſtill!“ „Keine Anzuͤglichkeiten, oder ich werde gleichfalls grob!“ rief der Entruͤſtete.„Wenn ihr nicht gekommen ſeid, um die Angelegen⸗ heiten eurer Muhme zu verfechten; was wäre denn ſonſt die Urſache dieſes unerwarteten und unerbetenen Beſuchs?“ „Ihr braucht ſie nun ganz und gar nicht zu erfahren!“ ſagte jener mit kaltgelaſſenem Ton.„Was geht es mich an, ob ihr die unvernuͤnftige Heftigkeit, die ihr heut auf der Bleichwieſe un den Tag gelegt, Früher oder ſpäter beklagen und bereuen lernt! Nur ſo viel muß ich euch verſichern, daß es mir keinesweges eingefallen iſt, als Freiwerber vor euch erſcheinen zu wollen; denn auch mir iſt das verſtohlne Liebesbuͤndniß zwiſchen eu⸗ rem Sohn und meiner Muhme, mit der ich ein ganz andres Plänchen im Sinn hatte, von jeher ein Dorn im Auge geweſen; ob⸗ gleich ich nicht eben gewagt haben möchte, mich durch Anwendung offenbarer Ge⸗ walt demſen zu widerſetzen, indem hier gar zu beſondre Umſtände zuſammentreffen und obwalten. Gelingt es euch, die Tren⸗ nung der beiden Verliebten zu Stande zu bringen und ihnen den verabredeten Plan zu Waſſer zu machen, ſo ſoll ſich Niemand herz⸗ licher daruͤber freuen, als ich. Uebrigens waſche ich meine Hände in Unſchuld, und habe nichts, durchaus nichts mit der Sache zu thun. Verſteht ihr mich? Und. 3 habt euch wohl!“ 23 Simons gerunzelte Stirn, der volle Ernſt in ſeinen Geſichtszuͤgen, und der feierliche Nachdruck, der die eben ausgeſpro⸗ chenen Worte begleitete, alles trug dazu bei, das Befremden des Muͤllers zu erregen. Es begann ihm unheimlich ums Herz zu werden; der hoͤhniſche Duͤnkel, der bisher in ſeinem Weſen und Benehmen ſich kund gegeben, machte beſcheidnern Empfindungen Platz, und der hochfahrende Ton, deſſen er ſich bedient, ſtimmte ſich zu einer leutſeligen Sprache her⸗ ab.„Nun, was wollt ihr denn gleich ſo kurzen Prozeß machen und in Harniſch ge⸗ rathen?“ rief er dem launiſchen Alten zu, als dieſer den Hofraum zu verlaſſen im Be⸗ griff ſtand.„Seid doch kein Thor; wir ken⸗ nen uns ja nicht erſt ſeit heut und geſtern! Kommt, laßt uns ohne Groll und in aller Ordnung und Ruhe weiter daruͤber ſprechen! Erklärt euch näher und laßt mich wiſſen, welche bedenkliche Umſtände bei dem ver⸗ wuͤnſchten Liebeshandel obwalten und was es mit meiner Widerſetzlichteit denn recht eigent⸗ lich für eine beſondre Gefahr hat?“ „Ich ſag' euch ein für allemals durch trotzige Dickthuerei richtet man nichts bei mir aus!“ verſetzte jener.„Nun ihr euch aber beſinnt und auf vernuͤnftigere Weiſe mit mir zu ſprechen anfangt, ſoll es mir nicht darauß ankommen, den unziemlichen Empfang zu vergeſſen und euch über die Folgen der Ueber⸗ eilung, die ihr dieſen Morgen aus Mangel an gehoͤriger Kenntniß der Sache begangen habt, eine etwas beſtimmtere Auskunft zu Theil werden zu laſſen. Wißt alſo, daß es ein hochſt gefährliches Wagſtuͤck iſt, das heim⸗ liche Liebesbuͤndniß, das leider ſo ganz gegen unſte Wuͤnſche ſich angeſponnen hat, durch offenbare Zwangsmittel loͤſen und trennen zu wollen, und zwar— laßt uns doch etwas weiter vom Hauſe hinweg gehen!— und zwar deswegen, weil Jakob und Gretchen Sonntagskinder und ungluͤcklicher Weiſe beide noch obendrein im Zeichen des Scor⸗ pions geboren ſind!“ „Macht mir keinen blauen Dunſt vor!“ platzte der Muͤller heraus.„Allen Reſpekt vor eurer Traumbeuterkunſt; doch bin ich — 25— ein ungläubiger Thomas und kann mirt durch⸗ aus nicht einbilden, daß die himmliſchen Ge⸗ ſtirne ſich um die Liebſchaften meines Jungen und um die Querſtriche, die ich ihm dabei zu machen fuͤr gut finde, im geringſten bekuͤm⸗ mern ſollten. Und was wäte denn nun die Strafe fuͤr eine ſolche Verwegenheit? was haͤtte ich denn wohl dafuͤr zu befurchten?“ „Richts weiter,“ gab der Ungluͤcksprophet kaltſinnig zur Antwort,„als daß zum un⸗ gläubigen Thomas noch der blinde Tobias hinzukäme! Gar nichts weitet hättet ihr zu befuͤrchten, als an beiden den ſchwar⸗ zen Staar!* Das traf und wirkte! Der Muͤller ne in früͤhern Jahren, wie der alte Schlaukopf wohl wußte, viel an Augenuͤbeln gelitten, und noch immer, obwohl ſchon längſt gänz⸗ lich davon befreit, ſchloß er die Bitte um gnadenvolle Bewahrung vor Leiden dieſer Art mit ausdrucklichen Worten in ſein tägliches Gebet ein. Wie ein Donnerſchlag drang ihm daher die Hindeutung auf ein Schickſal zu — 26— den Ohren, das nach ſeiner Ueberzeugung ge⸗ rade den Inbegriff alles menſchlichen Jam⸗ mers und Elends ausmachte. Erſchrocken kniff und preßte er die Lippen zuſammen, und deutlich zeigten ſich die Merkmale der innern Erſchuͤtterung und Unruhe auf ſeinem erblei⸗ chenden Geſicht. Mit haſtvoller Aengſtlichkeit ergriff er den Alten bei der Hand, zog ihn um zur Sammlung ſeiner ſelbſt Zeit zu ge⸗ winnen, noch eine gute Strecke mit ſich fort und ſagte:„Im Grunde habe ich gegen eure Muhme ſonſt ganz und gar nichts einzuwen⸗ den. Sie iſt eine ſchmucke fleißige Dirne! ſo ſpricht das ganze Dorf. Das iſt es aber auch alles, und gerade mir, wie die Sachen ſo eben ſtehen, kann dies nur wenig oder nichts nutzen. Mein Jakob muß, ſobald er ſeine eigne Hanthirung anfangen und hei⸗ rathen will, ſich ſchlechterdings eine Braut ausſuchen, bei welcher Moſes und die Prophe⸗ ten vorhanden ſind, ſonſt geht das Ding ſchief; denn ich meines Theils kann auch bei dem beſten Willen aus eignen Mitteln nichts dabei thun. Der Krieg hat mich gar zu arg mitgenommen; ich kann euch aus meinem Wirthſchaftobuch beweiſen, wie mein fruherer Wohlſtand von Jahr zu Jahr in Abnahme gerathen iſt, und wie ich mich placken und quälen muß, um das nöthige Auskommen zu erſchwingen, ohne den ſchnoͤden Ruf, der den Müllern von Alters her anklebt, rechtfertigen zu helfen. Mit dem Helmbacher Grundſtück⸗ nach deſſen Ankauf meinem Jakob der Mund wäſſert, hat es daher ſchon von ſelbſt ſeine guten Wege. Es muſſen bei der Uebernahme tauſend Gulden baar ausbezahlt werden, baar und auf einem Brett! Da ſteckt der Knoten, deſſen Auflöſung meine Kräfte ſo himmel⸗ hoch uberſteigt. Alſo kurz von der Sache zu kommen! Wißt ihr zu Herbeiſchaffung der eben erwähnten Summe Anſtalt zu machen, ſo ſoll mir über dem vertrakten Liebeshandel kein graues Haar weiter wachſen, ſo kann die Hochzeit meinetwegen ſchon morgen vor 8 gehen“ „Ihr habt ja bereits ztitt entgegnete 5 Simon mit kaltbluͤtigem Ernſt;„daß mir daran ganz und gar nichts gelegen iſt! Ich kam bloß hierher, um dem eignen Ge⸗ wiſſen Genuͤge zu thun, indem ich es, wegen unſrer alten Bekanntſchaft fur meine Schul⸗ digkeit hielt, euch uͤber das Gefährliche der Lage, in die ihr euch verſtrickt habt, einen belehrenden und warnenden Wink zu erthei⸗ len. Wollt ihr es nun darauf ankommen laſſen, ob jene im Verborgenen waltenden Kräfte vielleicht in ihrer alten dunkeln Ord⸗ nung mit euch eine Ausnahme zu machen ge⸗ neigt ſind, ſo ſoll mich dies wenig kuͤmmern! Ich habe jetzt das Meinige gethan und B Gott befohlen!“ „Was habt ihr denn fuͤr ci 2. ſrien der Müller, indem er den Marſchfertigen am Aermel zuruͤckhielt, mit ſteigender Angſt und Beſorgniß.„Simon, ich habe zu viel von euch verlangt; aber der Blitzſtrahl ſoll mir augenblicklich Haus und Hof in einen Schutthaufen verwandeln, wenn ich euch jetzt nicht ganz reinen Wein einſchenke! Ich ver⸗ ſichte euch daher und rufe den wahrhaftigen Himmel zum Zeugen meines Schwures an, daß ich nicht mehr als die Hälfte jenes zur Sprache gebrachten Kaufgeldes aufzutrei⸗ ben im Stande bin! Aufrichtiger weiß ich mich nicht gegen euch zu erklären. Könnt ihr zur Beibringung der uͤbrigen fuͤnf Hundert Gulden Rath ſchaffen, ſo widerſetze ich mich dem Anliegen der beiden jungen Perſonen nicht einen Augenblick länger und wir ſind auf der Stelle in Ordnung und Richtigkeit. „Ich weiß in der That nicht, was ich auf eine ſo ſonderbare Zumuthung erwie⸗ dern ſoll!“ nahm Simon wieder das Wort. „Glaubt ihr denn, daß ich bei der ärmlichen Tageloͤhnerarbeit, die ſeit vierzig Jahren mein Beruf geweſen, Schätze geſammelt habe? So weit mein Gedächtniß reicht, hat mir der Erwerb und Gewinn meiner täglichen Lebensbeduͤrfniſſe ſtets vollauf zu ſchaffen ge⸗ macht. Nichts habe ich eruͤbrigt, nicht fuͤnf Hundert Heller weiß ich aufzutreiben!“ „Nun, ſo darf ich denn mit gutem Ge⸗ wiſſen behaupten, daß auch ich jetzt das Mei⸗ nige gethan habe!“rief erleichterten Herzens der Muller. Die Mittagsglocke begann im Dorf zu laͤuten, der Stoff des Geſpräches war erſchoͤpft, und friedlicher, als die erſte Bewillkommnung hatte vermuthen laſſen, den beide von einander⸗— Gretchen erhielt vom Vetter, der uf dem Ruͤckwege in ihrer Wohnung vorſprach, den ſchwankenden Beſcheid, daß ſie zwar die Hoff⸗ nung auf einen gluͤcklichen Ausgang ihrer Herzensangelegenheiten keinesweges aufzuge⸗ ben brauche, ubrigens aber ſich vorläufig jedes wiederholten Beſuches der Bleichwieſe enthal⸗ ten und uͤberhaupt vor Ruchtbarwerdung der zwiſchen ihr und Jakob beſtehenden geheimen Liebesvethäͤltniſſe ſorgfältigſt auf ihrer Hut ſein moͤge. Mit dem beſten Willen konnte er ihren Wunſch, ſich näher und umſtänd⸗ licher gegen ſie zu erklären, nicht in Erfül⸗ lung bringen, indem freilich der Hochmuth und Dünkel des Mullers glucklich beſtegt wor⸗ den, dagegen aber ganz unvermutheter Weiſe ein andrer Stein des Anſtoßes erſchienen war, fuͤr deſſen Hinwegräumung er ſchlechterdings kein Mittel vorhanden ſah. Denn daß der Muller, in Bezug auf die zur freien Ver⸗ fuͤgung ihm zu Gebot ſtehende Summe, der Wahrheit getreu geblieben ſei, war nicht ſo⸗ wohl aus den damit verbundenen Eidſchwuͤ⸗ ren, als vielmehr aus der ſichtbaren Ge⸗ muͤthsberuhigung, in welcher er bald nachher das Bekenntniß laut werden ließ, daß er jetzt das Seinige gethan habe, mit aller Zuverläſſigkeit zu ſchließen. Voll Verdruß und Unmuth, ſeine wohl⸗ gemeinten Bemuͤhungen an einem ſo unuͤber⸗ windlichen Hinderniſſe ſcheitern zu ſehen, ſaß der Alte, während uͤber dem eben ſo frucht⸗ loſen als angeſtrengten Nachgrubeln ſich der Tag allmählig zu neigen begann, einſam in einem duͤſtern Winkel ſeiner Wohnſtube, brach gegen das ihm zu Theil gewordne dürftige Loos in bittre Verwuͤnſchungen aus, und knirſchte vor Aerger und Ingrimm mit den Zähnen, indem or ſich in die Vorſtellung ver⸗ „ pr, daß man im menſchlichen Leben auf 1 Schwierigkeiten und Räthſelfragen ſtoße, die weder das beſcheidne Sinnen und Forſchen der ſchlichten geſunden Vernunft, noch die prunkvollere Klugheit der Weltweiſen und Schriftgelehrten, ſondern einzig und allein ein wohlgefullter Geldbeutel zu löſen im Stande ſei.„Bloͤder abgeſchmackter Thor!“ eiferte er gegen ſich ſelbſt,„der du mit all der geheimen Einſicht und Kenntniß, die man dir nachruhmt, nicht einmal ein Mittel zu erforſchen vermagſt, um das allergewöhnlichſte Geſchaͤft zu Stande zu bringen und einem armen ſchmachtenden Paͤrchen zum gegenſeiti⸗ gen Beſitz zu verhelfen! So lange haſt du am Hungertuche genagt; deine ausſchließliche Angſt und Sorge iſt es geweſen, des Leibes erbaͤrmliche Nahrung und Nothdurft zu ge⸗ winnen, unter dem Sklavenjoch biſt du ver⸗ ſauert und grau geworden! Hätteſt du dir, wie tauſend Marktſchreier und Wundermän⸗ ner es thun, ſchon fruͤhzeitig eine dreiſte Stirn zu eigen gemacht, mit den Gaben des Mutterwitzes gehoͤrig gewuchert, und die Leichtgläubigkeit der Leute zu deinem Vor⸗ theil zu benutzen geſucht; es ſtunde beſſer um dein zeitliches Gluͤck und auch der Muhme waͤre geholfen! Durch einen Griff in den Spartopf wuͤrden deine Rathſchläge zu ſalo⸗ moniſcher Weisheit; ſtatt daß du jetzt, bet Ermangelung jenes klingenden Nachdruckes, wie ein Dummkopf daſtehſt, dem die Kreſſe verhagelt iſt!“ Ein Gerauſch, das draußen unter den Fenſtern ſich erhob, machte dieſem Selbſtge⸗ ſpräch ein Ende.„Heda! könnt ihr mich nicht vollends zurecht weiſen zum klugen Si⸗ mon?“ ließ ploͤtzlich eine wildfremde Stimme ſich vernehmen.„Ihr ſteht vor ſeiner Woh⸗ nung und duͤrft nur geräde hinein gehen. erſcholl es von der andern Seite heruͤber, und nlöbald öffnete ſich die Thür. Der Alte erhob ſich neugierig von ſeinem Seſſel, ging hinaus und erblickte einen ihm unbekannten Mann, der mit entblößtem Haupt und ſcheuer ehrer⸗ bietiger Miene auf dem engen Vorplatze ſtand. I, Bd. 3 laufen ſoll. Wahrſcheinlich wird das der „Tretet näher, Freund, und erklärt euch uͤber die Abſicht eures Zuſpruchs!“ rief er dem Harrenden zu.„Wer ſeid ihr, und worin beſteht das Anliegen, das euch i führt?“ „Was fragt ihr auch erſt lange!“ ver⸗ ſetzte jener mit einem pßeffigen Lächeln, indem er, der vernommenen Aufforderung gemäß, ſich ein Herz faßte und ins Innre der Stube trat.„Ich bin ein Bauer aus Ochersdorf, und komme geraden Weges von unſrer gnaͤ⸗ digen Frau auf dem Schloſſe, die von eurer Wiſſenſchaft in uͤbernatuͤrlichen Dingen ge⸗ hort hat und nun gern uͤber eine Angelegen⸗ heit dieſer Art euch in aller Stille zu Rath ziehen moͤchte. Ich hoͤrte, als ich heut Mit⸗ tag den Auftrag bekam, euch heruͤber zu ho⸗ len, von einem Diebſtahl munkeln, der ſich vor einigen Tagen im Schloß ereignet haben, und ſich, wie mir mein Gevatter, der alte Stubenheizer Frinke, heimlich ins Ohr raunte, weit bis in die Millionen hinein be⸗ — Punkt ſein, uͤber den ihr der gnädigen Frau, mit Hülfe eurer geheimen Zauberkuͤnſte, eini⸗ gen Wink und Aufſchluß ertheilen ſollt.“ „Es beſchaͤftigen mich zwar eben in die⸗ ſem Augenblick ſo mancherlei Dinge von größerer Wichtigkeit, mit welchen ſich die verlangte Entfernung von meinem Wohnorte nicht fuglich vertragen will!“ erwiederte Si⸗ mon mit abſichtlichem Zögern und Zaudern, obgleich ſein Entſchluß bereits gefaßt war. „Der Vorſchlag ſoll jedoch in Ueberlegung genommen werden. Entfernt euch fuͤr jetzt und kommt in einer halben Stunde wieder; dann ſollt ihr erfahren, ob ich dem Anliegen eurer gnädigen Frau Gehör geben und euch . 3 nach Ochersdorf begleiten kann, oder nicht.“ Der Vauer wäre freilich gern auf der Stelle uber den guͤnſtigen Erfolg ſeiner Sen⸗ dung im Reinen geweſen; doch unterſtand er ſich nicht, ſeine innern Gedanken laut werden zu laſſen, ſondern nahm, der an ihn ergan⸗ genen Weiſung gehorchend, ſogleich ſeinen Abzug und begab ſich nach dem Wirthshauſe, 3 um daſelbſt den anberaumten Zermin ruhig abzuwarten und mittlerweile, nach den Be⸗ ſchwerlichkeiten des langen Marſches, den lechzenden Gaum durch einen Labetrunk zu erquicken. Er fand hier einige Einwohner des Dorfes, die im vertraulichen Sirkel bei⸗ ſammen ſaßen und ſich mit ſtuͤrmiſcher Leb⸗ haftigkeit uber Simons neuen, heut anf dem. Amthofe veruͤbten Meiſterſtreich unterhielten, von welchem ein in der Rähe arbeitender Knecht der verborgne Zeuge und geſchwätzige Mittheiler geweſen war. Gern ſimmte man, als der Fremde, der anfangs ſtill zugehorcht hatte, ſich das Umſtändlichere dieſes wunder⸗ baren Vorfalls zu erbitten anfing, in ſein Begehren, und redſeligen Eifers ward ihm alsbald die Geſchichte mit dem Raben, jedoch unter ſo ſinnreichen Zuſätzen und Verzierun⸗ gen kund gethan, daß er ſchon bei der bloßen Vorſtellung, die naͤchtliche Rucktehr nuch Ochersdorf an der Seite dieſes Herenmeiſters antreten zu ſollen, ſich eines geheimen. Grguen nicht erwehren konnte und vor Furcht und Zoghaftigkeit faſt gewuͤnſcht hätte, in Betreff der überbrachten Aufforderung, von ihm mit einer abſchlägigen Antwott entlaſſen zu wer⸗ den. Dies war jedoch nicht der Fall; dehn äls er, nach Ablauf der ihm beſtiminten Friſt, den verſprochenen Beſcheid abzuholen eilte, ſtand⸗ Simon, der ſeinen Sonntagsrock angezogen und ſich mit einem tüchrigen Dorn⸗ ſtecken verſehen hatte, ſchon reiſefertig vot der Thuͤr ſeiner Wohnuhg, gab dem Eintref⸗ fenden in kurzen Worten die Willfäͤhrigkeit ſeines Entſchluſſes zu erkennen, und ohne Zeitverluſt? ing die geineinſchaftliche Wonde⸗ rung zum Dorfe hinaus.“ Nur Fleichguͤltige und turjubgerochue Ne den wurden zwiſchen beiden hewechſelt. Si⸗ mon ſtellte ſich, als ob er in bas tiefſte Nach⸗ denken verſunken ſei, mürmelte von Zeit zu Zeit mit dumpfer Stimme' einige unverſtänd⸗ liche Brocken vor! ſich hin, und weideten zu⸗ Zleich mit inneim Behagen ſich un ber fchůch⸗ ternen Verlegenheit ſeines Gefährten, der mit dem 6 ichtbaren Beſttoben, ſich den Ruͤcken 1* — 38— frei zu halten, ſtets in der ebenmäßigen Ent⸗ fernung einiger Schritte nachfolgte und ſo oft jener das Geſicht zufällig nach ihm um⸗ wandte, erſchrocken zuſammen fuhr. Ein paar Stunden lang waren ſie auf dieſe Weiſe durch die einſame mondbeleuchtete Gegend dahin gewandert, als ſie zu einer Waldung gelangten, vor welcher der Weg ſich theilte.„Nun, Freund! welcher fuhrt uns am ſicherſten zum Ziel?“ fragte Simon⸗ indem er ſtehen blieb und die Annitetung ſeines Begleiters erwartete. „Das thun ſie beide!“ ſtottette dieſer „Der eine ſchlängelt ſich um den Wald hin⸗ um und läßt ihn immer zur rechten Hand liegen; auf dem andern gelangt man eine gute halbe Stunde früher nach Ocherödorf, doch läuft er gerade mitten durchs Holz, drum mag ich ihn zur Nachtzeit nicht gern betreten, am allerwenigſten in eurer Geſell⸗ ſchaft! Nehmt mir's nicht uͤbel! Leben und Geſundheit ſchlägt man nicht eben ſo gern Es ſteigen mir aurrtei in die Schonze! — 30— dumme Gedanken zu Kopf! Ihr muͤßt mir, ehe ich euch einen Schritt weiter folge, zu⸗ vor mit Hand und Mund verſprechen, daß ihr mir nichts thun wollt!“ „Seid ganz unbeſorgt!“ verſetzte Simon, indem er ohne weitere Umſtände den ange⸗ gebnen Richtweg einſchlug.„Ich bin in dieſem Augenblick ein ſo ſchwaches Weſen, daß ich, ſtatt euch ſchaden zu können, vielmehr ſogleich eures Schutzes bedurftig wäre, ſobald wir etwa von Strabenrubern angefallen wuͤrden!“ „Nun, wenn das iſt,“ rief der Bauer friſchen Muth ſchöpfend,„ſo bin ich ſchon wieder auf dem Platze! Zur Abwehr von Straßenräubern hat mir der Himmel ein paar geſunde Fäuſte gegeben. Es moͤgen ihrer ein Dutzend kommen; ich fuͤrchte mich vor ihnen nicht halb ſo ſehr, als vor dem leidigen Gebrumm und Gemurmel, das ihr mitunter, ſo ganz ohne alle Urſache an euch vernehmen laßt und aus dem keine Chriſten⸗ ſeele klug zu werden vermag!“ „Das iſt ein Streit und Wortwechſel,“ fuhr jener fort,„den ich mit einigen ſchur⸗ kiſchen Luftgeiſtern füͤhre, die ſich den Zeit⸗ punkt meiner verminderten Willenskraft zu Nutze machen, mir Schnippchen ſchlagen und mich auf alle erſinnliche Weiſe foppen und necken. Denn ich muß euch zu eurer eignen Beruhigung nur bekennen, daß es um die Zeit der Nachtgleiche, wenn die Sonne in den Widder getreten iſt, mit meiner Ge⸗ walt nicht gar viel zu bedeuten hat; zumal in den Stunden, wo der Vollmond am Him“ mel ſteht, und die Sternbilder ihres Bift⸗ gern Glanzes beraubt ſi ſind!“— Rach Ertheilung dieſes Troſtſpruches ver⸗ ſanken beide wieder in ihr voriges Still⸗ ſchweigen, erreichten das Waldgebiet, und ſchritten zwiſchen dem dunkeln Tannengehölz, von welchem der Weg eingsſchloſſen war, ruͤſtig dahin. Da drang ploͤtzlich ein lautes lebhaftes Kniſtern zu ihren Ohren, das im ſeitwärts beſindlichen Buſchwerk ſich erhob⸗ Es daſſelbe nichts anders, als die Sucht eines Rehes, das vom Geräuſch der annähern⸗ den Fußtvitte aufgeſcheucht worden war, zur zufälligen Veranlaſſung. Simon ſiellte ſich jedoch, indem er mit haſtvoller Behendigkeit den Dornſtock drohend erhob, als ob er wie⸗ der von einem ſeiner unſichtbaren ſchaden⸗ frohen Gegner augefochten werde und dar⸗ uͤber in die heftigſte Wuth und Erbitterung gerathe.„Ruhre dich nicht, Wuͤſtebold!“ it. er mit ſo fürchterlicher Stimme in Dickicht hinein, das es dröhnend aus der des Forſtes zuruͤckhallte.„Die Kröte hockt unter dem Lanich, der Steinbock geht übet den Widder, und dreimal drei iſt neun! Ja, kreiſche nur! Ich will dich noch beſſer zwicken, wenn der Schlehdorn bluͤht und ich dich beim Reumond erwiſche! E. Der Bauer war mehr todt als lebendig! In dicken Tropfen floß ihm der Angſtſchweiß von der Stirn) die Lippen bebten, die Rniee ſchlotterten ihm, und mit peinvoller Zuſam⸗ mentaffung ſeiner letzten Kräfte machte er einen ſchwachen Verſuch, dem Ergrimmten in den erhobenen Arm zu fallen und ihn zu friedlichern Geſinnungen zu bewegen. „Laßt mich!“ rief dieſer wild und hitzig, hieb mit dem Dornſtock in den nächſten Strauch, daß die Nadeln und Reiſer umher⸗ flogen, verſtärkte den Ton ſeiner Stimme und wiederholte den Ausruf:„Dreimal drei iſt neun!“ „Um aller Heiligen willen! ſtoßt nicht ſo entſetzliche Reden aus!“ ächzte mit verzweif⸗ lungsvoller Miene der Geängſtigte.„Macht mich nicht unglücklich! Ich habe ſechs kleine lebendige Kinder daheim, die des Verſorgers beduͤrfen! Drum bezähmt euch in eurem Zorn; ſtellt die Rache dem anheim, der da recht richtet, und laßt uns machen, daß wir aus dem dunkeln ſchauerlichen Waldrevier mit heiler Haut wieder ins Freie gelangen!“ „Das ſind, ſo zu ſagen, nur kleine unbe⸗ deutende Scharmuͤtzel und Vorpoſtengefechte!“ entgegnete Simon, indem er, der inſtändigen ———— Bitte nachgebend, wieder vorwärts zu ſchrei⸗ ten begann.„Wenn ich eine Hauptſchlacht liefere, geht es ganz anders her; dann ſolltet ihr einmal mit dabei ſein. Ihr wuͤrdet vor Schrecken und Grauſen, wie Lots Weib, zur Salzſäule; jedes Haar auf eurem ſtruppichten Kopfe könnte man als Nähnadel gebrauchen!— Berichten muß ich euch aber doch, was es mit der tiefgewurzelten Feindſeligkeit zwiſchen mir und dem alten heimtuͤckiſchen Rachtraben Wuͤſtebold recht eigentlich fuͤr eine Bewandt⸗ niß hat, damit ihr nicht etwa glaubt, daß ich aus bloßem llebermuth ihm ſo eben wie⸗ der einige wirkſame Pillen zu verſchlucken „Nein; ſeid barmherzig und laßt mich in Frieden!“ rief der Abwehrende.„Meine Oh⸗ ren ſind nicht für dergleichen gemacht! Ich bin ein armer einfältiger Bauersmann. Bete und arbeite! heißt mein Wahlſpruch, und vor⸗ witzige Reugier iſt nie meine Sache geweſen. Eine fette Gans will ich euch bei der Heim⸗ kehr nach eurem Wohnort zum Dank mit auf den Weg geben, wenn ihr mir meine Dumm⸗ — 44— heit gönnt und mich mit euren verſchont!“ 5 „Aufdringen will. ihi meine rungen nicht; abes die fette Gans ſoll mir willkommen ſein!“ ſagte Simon mit kalt⸗ bluͤtiger Gelaſſenheit, brach die untethaltung ſogleich ab und tehrte wieder zu ſeinen ſtillen Betrachtungen zurück. Rach Verlauf einer halben Stunde begann ſich die Wiloniß mehr und mehr zu lichten, die nächtlichen Wanderer verdoppelten ihte Schritte und bäld winkte, vom Mondoſchimmer mild beleüchtet, der Schloßthurm von Ochersdorf ihren verlangen⸗ den Blicken entgegen. Dem Bauer ſiel, als er, nach der ausgeſtandnen Angſt und Ge⸗ fahr endlich gluͤcklich und wohlbehalten die Saatfelder ſeiner Freunde und Gevattern wie⸗ der erreicht hatte, eine Zentnerlaſt vom Her⸗ 5 zen, und in einem inbtuͤnſtigen Stoßgeber dankte er dem Himmel für den erfteulichen Ausgang, den das halsbrechende Abentheuer mit dem gräßlichen Wuͤſtebold ſo ganz gegen alles Hoffen und Vermuthen zuletzt noch ge⸗ nommen hatte. In verminderter Furcht und Bangigkeit, aber mit deſto größerer Ehrer⸗ bietung und Bewunderung, heftete er die Blicke auf den gewaltigen Mann, der die Geiſter der Finſterniß durch einen Mundvoll Fauderwelſcher Sprüͤche ſo ſiegreich in die Flucht ſchlug und zu Paaren trieb, als wä⸗ ren es Bettelbuben geweſen. Schon im Geiſt ſah er den Schelm, der den Millionendieb⸗ ſtahl verubt, am Galgen haͤngen, und mit der Hoffnung, vielleicht ſchon jetzt den Na⸗ men deſſelben zu erfahren, wagte er es am Ende ſogar, indem er mit ſchuͤchterner Ver⸗ traulichkeit dem Schwarzkuͤnſtler näher und näher zur Seite zu gehen begann, die be⸗ ſcheidne Bemerkung laut werden zu laſſen, daß eine Angabe und Entdeckung dieſer Art fur ihn im Grunde genommen wohl nur eit⸗ les Kinderſpiel ſei? Statt ihn hierauf einer Antwort zu wuͤrdigen, entließ ihn Simon, da ſie ſo eben bei den erſten Huͤtten des Dorfes angelangt waren, mit dem kurzge⸗ faßten Beſcheid, daß er den Reſt des Weges nun ſelbſt zu finden wiſſe und daher keines naſeweiſen Fuͤhrers weiter bedurfe. Es war ſchon ziemlich ſpät in der Racht, als er, am Ziel ſeiner Beſtimmung anlan⸗ gend, in den ſchönen und geräumigen Schloß⸗ hof eintrat. Die Edelfrau hatte ſich bereits zur Ruhe begeben, und auch das ſämmtliche Schloßgeſinde war ihrem Beiſpiele gefolgt, bis auf den alten Stubenheizer Frinke, der ſich noch auf den Beinen befand, indem ihm die Aufnahme und Bewirthung des Ankoͤmm⸗ lings ausdruͤcklich uͤbertragen worden war. Simon wurde ſogleich in das fuͤr ihn be⸗ ſtimmte Zimmer gefuͤhrt, worin er nicht nur ein reinliches und bequemes Ruhelager, ſon⸗ dern zu ſeiner großen Zufriedenheit auch einen zierlich gedeckten und mit kalter Kuͤche beſetz⸗ ren Tiſch antraf, an welchem er denn auch ungeſäumt und zwar mit einer Miene, als ob er dieſe auf ſeine Leibespfiege hinzielenden Anſtalten ganz und gar nicht über den geheg⸗ ten Erwartungen finde, Platz nahm. Um während der Mahlzeit nicht durch zudringliche Anfragen und Erkundigungen beläſtigt zu werden, ſchickte er, mit der Andeutung, daß er es keinesweges unter ſeiner Wuͤrde halte, ſich ſelbſt zu bedienen, den Aufwärter alsbald aus dem Zimmer fort, vernahm aber bald darauf ein auf dem Vorplatze ſich erhebendes, verſtohlnes Gefluͤſter, das ſeine Reugier er⸗ regte. Den eingenommenen. Sitz verlaſſend, näherte er ſich mit vorſichtigen Schritten der Thuͤr, und merkte jetzt ſogleich, daß der Bauer, der im Drange des vollen Herzens nicht umhin gekonnt hatte, ihm heimlich nachzuſchleichen, eben im Begriff war, von Allem, was er gehört und geſehen, ſeinem alten Freunde umſtändlicher Bericht abzuſtat⸗ ten. Simon, der dies ſchon im Voraus ge⸗ hofft und vermuthet hatte, ergötzte mit ſchmun⸗ zelndem Lächeln ſich an der leiſen Unterredung der beiden Vertrauten, die durch den Uim⸗ ſtand noch wichtiger und anziehender fur ihn wurde, daß er bei dieſer Gelegenheit zugleich in Erfahrung brachte, die Entwendung eines Diamantringes von Außerſt bedeu⸗ tendem und bezugvollem Werthe ſei die Ur⸗ ſache, um welcher willen ihn die Edelfrau hierher habe berufen laſſen. Zwar wußte er fur den gegenwärtigen Augenblick durchaus nicht, auf welche Weiſe er ſich, ſobald er eerſt durch eine beſtimmtere Zuſage ſich zur Auf⸗ ſpurung und Entdeckung des Diebes anheiſchig gemacht habe, aus der Verlegenheit zichen ſolle; doch baute er auf die ihm eigenthuͤm⸗ liche Geiſtesgegenwart, die ihn zeither in ſchwierigen, wenn auch minder erheblichen Fällen dieſer Art, noch niemals im Stiche gelaſſen, hoffte von der anzuſtellenden genauern Beobachtung der Ortsverhältniſſe und der im Schloß verkehrenden Perſonen, ſo wie von einer, vielleicht fruͤher oder ſpäter ſtattfinden⸗ den erſprießlichen Einmiſchung des Zufalls das Beſte, und freute ſich, mit Verbannung jeder ängſtlichen Sorge, vorläuſig nur auf die ihm bevorſtehenden Täge des Ueberfluſſes und Wohllebens, die er ſich, von welchem Erfolge das unkernommene Wagſtuͤck zuletzt auch begleitet ſein moͤge, uls mnexläßliches „ Gegenopfer zu erheiſchen und auszubedingen, feſt entſchloſſen war. Unter dieſen Gedan⸗ ken vollendete er, während die beiden Ge⸗ ſprächsfreunde ſich aus der Vorhalle entfern⸗ ten, ſeine Mahlzeit, beſtieg ſodann das für ihn bereitete, erquicklichweiche Bett und ſchlief ſanft und ruhig bis in den hellen Tag hinein. Die Edelfrau, deren nahere Bekanntſchaft zu machen, er jetzt im Begriff ſtand, war eine ſehr fromme und ſanfte Dame, die, der vorherrſchenden Neigung ihres Innern gemäß, den groͤßten Theil des Tages mit Singen und Beten zubrachte, ſo daß ſie in der Regel nur wenige Stunden für die Befaſſung mit weltlichen Geſchaften uͤbrig behielt. Mit dem Kummer uͤber das unerwartete, durch einen Sturz mit dem Pferde jählings herbeigefuͤhrte Ableben ihres Gemahls, hatte zugleich ein unvertilgbarer Ekel und Widerwille gegen alle Freuden dieſes Lebens in, ihrem Gemuͤth Wurzel geſchlagen; und es war anfangs die in Thränen und Seufzern ſich kundgebende I. Bd. 4 Erinnerung an den erlittenen, unerſetzlichen Verluſt ihr ausſchließliches Tagewerk geweſen, bis die vermittelnde Zeit allmählig den Gram der Trauernden gedampft und ihren Gedan⸗ ken und Empfindungen dieſe minder zerſtörende Richtung gegeben. Sie hatte, obgleich ſeit jenem Ungluͤcksfall bereits zehn Jahre ver⸗ floſſen waren, weder die Trauerkleider abge⸗ legt, noch auch nach den Vergnügungen des geſelligen Umganges jemals ein wiederkehren⸗ des Bedůrfniß gefuͤhlt. Sie lebte ſtill und abgeſondert; die bereits aus fruͤhern Zeiten ſich herſchreibende Gewohnheit, nach welcher ſie jeden Morgen nach dem Huͤhnerhofe hin⸗ abging, um das Federvieh mit eigner Hanb zu fuͤttern, machte faſt ihre einzige irdiſche Zerſtreuung aus, und nur aus Achtung ge⸗ gen die Verfuͤgungen ihres verſtorbenen Gat⸗ ten war es geſchehen, daß ſie die von ihm perſönlich in Sold genommene zahlreiche Die⸗ nerſchaft fortwährend beibehielt, wenn ſie 3 auch den größten Theil derſelben, zufolge der einfachern und eingezognern Lebensweiſe, welche ſie in ihrem Wittwenſtande fuͤhrte, gar füg⸗ lich hätte entbehren können. So war die Herrin des Schloſſes beſchaf⸗ fen, zu welcher Simon, nachdem er ihr ſeine Bereitwilligkeit zur verlangten geheimen Un⸗ terredung hatte anzeigen laſſen, jetzt mit der Dachsmütze auf dem Kopfe und beide Hände in den Taſchen, ernſt und feierlich hereintrat. Die Edelfrau ſaß von Poſtillen und anbern Erbauungsbüchern umringt, erhob ſich aber ſogleich, um den Ankömmling, der in ziem⸗ licher Entfernung von ihr ſtehen geblieben war und die Augen ſtarr an den Boden hef⸗ tete, zu empfangen und zu begrüßen. Sein ſtummes verſchloſſenes Weſen, und noch mehr der Aufzug, in welchem er, mit Hintanſetzung aller üblichen Ordnung und Sitte, vor ihr erſchien, befremdete ſie; eine flüchtige Roͤthe wechſelte auf ihrem blaſſen Geſicht und in ſtiller Beſchauung verweilte ihr matter krän⸗ kelnder Blick einige Sekunden lang muſternd auf der ſeltſamen Erſcheinung.„Seid will⸗ kommen!“ begann ſie endlich, ſich bezwingens 4* — 52— und faſſend.„Ihr leidet wohl viel an Kopf⸗ euch daher wohl vor der Zugluft— „Halten zu Gnaden!“ fiel Simon ihr in die Rede.„Der Schmerz, den ich an einer fruͤhern, ärztlichen Oeffnung des Hirnſchädels erlitten, iſt längſt voruͤber. Doch hat ſich aus der damaligen Rothwendigkeit die ſpätere Gewohnheit erzeugt, und ich entblöße mein Haupt weder im Schloßpallaſt noch in der Kirche, vor Menſchen niemals, und vor Gott nur, wenn ich mit ihm allein bin!“ „So macht euch auch jetzt aus der Bei⸗ behaltung dieſes Gebrauchs nur ja kein Be⸗ denken!“ fuhr jene fort, indem ſie aus den eben vernommenen Worten des Herbeibeſchie⸗ denen bereits halb und halb ſchließen zu koͤn⸗ nen glaubte, wie ſie mit ihm daran ſei und aus welcher Quelle die ihm nachgeruͤhmte höhere Einſicht hervorgehe.„Ich ließ euch zu mir einladen, guter Mann, um in einer Angelegenheit, fuͤr deren Ergruͤndung die ge⸗ woͤhnlichen Mittel und Wege nichts auszu⸗ — richten vermochten, euch zu Rathe zu ziehen und die tiefer dringenden Kenntniſſe in An⸗ ſpruch zu nehmen, mit welchen, wie die Sage geht, die Gunſt des Himmels euch ausge⸗ ruſtet hat. Wohl iſt es mir bekannt, wie die Welt in ihrer eingebildeten Aufklärung Verſuche und 2 Anſchläge dieſer Art als abge⸗ ſchmackte Pöbelthorheiten verlacht und ver⸗ ſpöttelt; ich kehre mich aber nicht daran. Weiß ich doch, daß es in der Natur und im Leben Dinge giebt, uͤber deren Grund und Zuſammenhang der kalte nuͤchterne Verſtand vergebens nachgrubelt, während beides einem unbefangenen aber ſtingeſammelten Gemuth in Stunden der Weihe klar und lebendig ſich darſtellt; weiß ich doch, daß im Gebiet der Ahnung und Sympathie Räthſel verborgen liegen, die der menſchliche Scharfſinn nicht zu ergrunden noch zu erklären vermag; weiß ich es doch aus eigner ſchmerzlichſüßer Erfah⸗ rung!“ Sie ſing bei dieſen Worten, vom innern Gefühl uberwältigt, ſanft zu weinen an, indem ſie gewiſſer Zeichen und Erſchei⸗ nungen dachte, durch welche der Geiſt des Verewigten bis auf den heutigen Tag ihr dann und wann zu erkennen gab, daß die Verbindung zwiſchen ihr und ihm noch kei⸗ nesweges ſo ganz abgebrochen ſei. „Was hilft es, gnädige Frau, daß wir uns gegenſeitig rühren und weich machen!“ ſagte Simon nach einer Pauſe.„Ueberdies bin ich ein ſchlichter unſtudirter Mann, der freilich ſo manche nicht ganz gewöhnliche Naturgaben beſitzt, ſeine Gedanken aber kei⸗ nesweges in zierliche Redensarten zu kleiden verſteht. Alles Ding in der Welt hat ſeine Zeit! ſagt Koͤnig Salomo, und die Auslegung 3 heißt: Wo gehandelt werden mußte, iſt der nämliche Zweck noch niemals durch Schwa se nerteicht worden!“ ₰ „Ohne Weitſchweiſigkeit denn zur Sache ſelbſt!“ rief die Edelfrau nicht ohne Merk⸗ male gereizter Empfindlichkeit.„Gern wuͤrde ich euch den Weg erſpart und den erlittenen Verluſt im Stillen zu verſchmerzen geſucht — haben; er betrifft aber ein zu theures und wichtiges Andenken von meinem—“ „Nichts fuͤr ungut, gnädige Frau!“ un⸗ terbrach ſie Simon mit ſcheinbar erſchrockener Miene.„Ich darf Sie abermals nicht aus⸗ reden laſſen, indem ich mir jede nähere Erör⸗ terung vor der Hand noch glatt weg verbit⸗ ten muß, wenn es anders um den wirkſamen Erfolg meiner Dienſtbereitwilligkeit nicht au⸗ genblicklich und unwiederbringlich ſoll gethan ſein! Ein heimlicher Diebſtahl iſt in dem Schloſſe veruͤbt worden; ſo viel weiß ich ſchon aus dem Munde des Boten, in deſſen Geſellſchaft ich geſtern hier angelangt bin⸗ Die ausdrücklichere Namensbezeichnung des entwandten Gegenſtandes aber darf in mei⸗ nem Beiſein ſchlechterdings nicht eher uͤber Ihre Lippen, als bis ich mich in der Ge⸗ muͤthsverfaſſung befinde, Ihnen unmittelbar nach erfolgter Kundmachung alsbald auch die begehrte Auskunft und Antwort ertheilen zu koͤnnen. Um mich hierzu an Geiſt und Koͤr⸗ per vorzubereiten, bedarf ich einer Friſt von drei Tagen und drei Nächten. Während die⸗ ſer Zeit darf, bei dem Beſtreben nach Er⸗ ringung der zum beabſichtigten wichtigen Zweck erforderlichen muntern Laune und Gei⸗ ſtesheiterkeit, mir nicht das geringſte Hinder⸗ niß in den Weg treten. Nach freier Wahl und Willkuhr muß ich, in Betreff meiner Lei⸗ besverpflegung, im Schloß ſchalten und wal⸗ ten duͤrfen, und indem ich es nothig finde, mich fuͤr die Zeit, da ich Ihrem Dienſt mich widme, aus meinen Verhältniſſen gaͤnzlich heraus und auf einen höhern Standpunkt zu verſetzen, muͤſſen Kuͤche und Keller mir un⸗ bedingt zu Geboti ſtehen; wie ſeltſam und abentheuerlich Ihnen die Grillen und Ein⸗ fälle auch vorkommen mögen, auf die ich ge⸗ rathe. Wollen Sie mir dieſe Bedingungen einräumen und dafuͤr ſorgen, daß Niemand' im Schloſſe ſich den Wuͤnſchen und Anforde⸗ rungen widerſetzt, die ich ruͤckſichtlich meines Lebensunterhaltes laut werden laſſe, ſo be⸗ darf es fuͤr jetzt keine weitere Wortver⸗ ſchwendung. Ich erſcheine am Morgen des * — 8 — 57— vierten Tages) auf meine Art und Weiſe zum Werk geruͤſtet, vor Ihrem Angeſicht, und Sie tragen kurz und buͤndig mir Ihr Anliegen vors ich aber berichte Ihnen dann auf der Stelle, was mir der Geiſt daruͤber eingiebt, entſchlage mich nach vollbrachtent Geſchäft aller genoſſenen Beguͤnſtigungen und ziehe ſtill und ruhig wieder des Weges, von wannen ich gekommen bin.“ „Seltſames Begehren!“ verſetzte jene mit einem unwillkuͤhrlichen Laͤcheln, während der edle Trotz des Mannes zugleich ihre Verwun⸗ derung rege machte, zugleich den Gedanken in ihr erweckte, daß er unmöglich ſo barſch auftreten und eine ſo beherzte und beſtimmte Sprache gegen ſie fuͤhren koͤnne, wenn er von der Zuverläſſigkeit ſeiner Kunſt nicht im Innerſten überzeugt ſei.„Der von euch aus⸗ gegangene Ruf,“ fuhr ſie nach einem kurzen Rachſinnen zu reden fort,„äußert ſich eben ſo vortheilhaft uͤber eure Rechtlichkeit, als uͤber eure Klugheit; drum ſoll mich die von euch aufgeſtellte wuhderliche Bedingung, obgleich ich ihren Zuſammenhang mit dem Haupt⸗ zweck ſchlechterdings nicht zu begreifen ver⸗ mag, weder irre machen, noch mein in euch geſetztes Zutrauen vermindern; es mag euch vielmehr alles, was ihr verlangt, ohne Beden⸗ ken zugeſtanden und gewaͤhrt ſein. Ich will augenblicklich den Befehl ertheilen, daß euch drei Tage hindurch hier im Schloſſe, mit ge⸗ nauer Befolgung eures Willens, jede Bekoſti⸗ gung gereicht werde, die ihr ſelbſt auszuwäh⸗ len und vorzuſchreiben fuͤr gut findet; vor⸗ ausgeſetzt freilich, daß ihr einige Ruͤckſicht beobachtet und nichts begehrt, deſſen Herbei⸗ ſchaffung vielleicht ganz uͤber alle Möglichteit hinausläuft. Es ſoll euch während dieſer drei Tage, die ihr auf die Erheiterung eures Ge⸗ muͤths zu verwenden gedenkt, kein voreiliges Anſinnen und Ausforſchen beſchwerlich fallen; nach Ablauf derſelben aber erwarte ich euch wieder in dieſem Zimmer und ſeid ihr dann im Stande, die euch vorgelegte Frage ganz auf befriedigende Weiſe zu beantworten, ſo ſoll euch fuͤr den wichtigen Dienſt, den ihr mir geleiſtet, nicht nur ein laͤngerer Aufent⸗ halt auf dem Schloſſe verſtattet, ſondern noch uͤberdies eine reichliche Belohnung zu Theil werden.“ Simon wiederholte ſeine Zuſage und ward darauf von der Edelfrau, deren vorgefaßte gunſtige Meinung von ihm, nach erfolgter perſonlicher Bekanntſchaft, obgleich ihr die ſchroffen Eigenthümlichkeiten ſeines Weſens und Benehmens nicht ſo ganz behagten, eher geſtiegen als geſunken war, mit leutſeliger Huld und Freundlichkeit entlaſſen. Beſcheidenheit gute Racht! Uebermuth, fang' an dich zu tummeln! Die Schuldenlaſt wird am Ende ja doch in Bauſch und Bogen entrichtet, und ob die Rechnung dann etwas groͤßer oder kleiner ausfaͤllt, thut nichts zur Sache! ſo dachte er bei ſich ſelbſt, als er⸗ einige Minuten nach ſtattgehabter Unterre⸗ dung ſich mit ernſter gebieteriſcher Miene ein Zimmer des Schloſſes nach dem andern öffnen ließ⸗ ſie ſämmtlich, wie ſein fortgeſetztes unzuftiednes Kopfſchutteln darthat, nicht ſo ganz nach ſeinem Geſchmack fand, zuletzt. aber, in ſichtbarer Herabſtimmung ſeiner Wuͤnſche, von demjenigen Beſitz nahm, das durch Prunk und Bequemlichkeit ſich vor allen ubrigen noch am vortheilhafteſten auszeichnete. Eben hatte er, um des ihm eingeräumten Vorrechts zu genießen, ſich nachläſſig und be⸗ haglich in einen ſeidnen und reichvergoldeten Polſterſtuhl geworfen, als der Haushofmei⸗ ſter, der ihn nach getroffener Auswahl des Zimmers verlaſſen gehabt, mit zwei langen ſcchriftlichen Verzeichniſſen zuruͤckkehrte, die er ihm zur beliebigen Durchſicht vorlegte. Das eine enthielt, was die Kuͤche zu leiſten, das andre, was der Keller zu liefern im Stande war. Simon durchmuſterte den In⸗ halt mit vieler Aufmerkſamkeit, dann heftete er einen ſtrengen Blick auf den Harrenden und ſagte:„Faſanen finde ich wohl, aber wo ſind die Auſtern geblieben?“ pn „Ueber funfzig Meilen von hier!“ ver⸗ ſetzte achſelzuckend der Befragte.„Das ſind ausländiſche Produkte, und dieſe bis über⸗ Seeeei 6— morgen zur Stelle zu ſchaffen, duͤrfte ſogar mit Courierpferden nicht moͤglich ſein!“ „Schlimm, ſehr ſchlimm!“ rief Simon halb traurig, halb verdrießlich.„Nun, was hilft's! Man muß ſich in die Umſtände zu ſchicken ſuchen! Ich erbitte mir alſo fuͤr den heutigen Mittag einen tuͤchtigen inländiſchen Sauerbraten, Leberpaſtete und Wildragout zum erſten, Rauchlachs, Judenkarpfen und gefuͤllte Krebönaſen zum zweiten, Schnepfen, Birkhuͤhner und Faſanen zum dritten Gange; alles mit den dazu gehörigen Rebenſchuͤſſeln verſehen, um ſodann nach meinem Geſchmack darunter wählen und ausleſen zu können. Drei mal drei iſt neun!“ Betreten uͤber dieſen unheimlichen Zuſatz⸗ zog jener ſich ſogleich um einige Schritte zuruͤck.„Und an Getränken?“ fragte er mit leiſer zaghafter Stimme. „Braunſchweiger Mumme, Mallaga und Tokayer! Drei mal eins iſt drei!“ erwiederte Simon, ohne das angſtliche Geberdenſpiel weiter zu beachten, mit welchem der Beauf⸗ tragte nunmehr das Zimmer verließ, um fuͤr Beſorgung der ihm gewordnen Aufträge ungeſaͤumt die erforderlichen Anſtalten und Verfuͤgungen zu trefſen. Jetzt begann im Schloß und in der Mibe deſſelben ein Rennen und Laufen, ein Ge⸗ lärm und Getuͤmmel, als ob der ſelige Herr plötzlich von den Todten erſtanden und mit ihm zugleich der ganze Jubel einſtmaliger Luſt und Fröhlichteit in die freudenlos ver⸗ ſtummten Mauern zuruͤckgekehrt ſei. Rach allen vier Himmelsgegenden ſah man Eilbo⸗ ten ausfliegen, welche befehligt waren, die zu Simons Mittagsmahlzeit erforderlichen einzelnen Beſtandtheile aus Forſt und Feld, aus Treibhaus und Gemuͤſegarten, aus Fiſch⸗ teich und Wildkammer ſchleunigſt an Ort und Stelle zu fördern. Alles, was Leben und Odem hatte, war in Bewegung. Mör⸗ ſer ertönten und Bratenwender knarrten. Aus den Zimmern des Erdgeſchoſſes vernahm man die anordnende Stimme des Haushof⸗ meiſters; auf dem Schloßplatze rannten hin⸗ —————— ——— 2 und herirrende Knechte und Mägde ſich uͤber den Haufen, und in der Kuͤche raufte ſich der, bei verminderter Berufsthätigkeit ſteif⸗ gewordne Koch vor Wuth und Verzweiflung die Haare aus dem Kopfe. Das Gerucht von Simons neueſten Hel⸗ denthaten hatte nicht allein unten im Dorfe ſich mit Windesſchnelle von Haus zu Haus verbreitet, ſondern auch, wie aus der ſcheuen Aemſigkeit, mit welcher man alle ſeine Wuͤnſche zu erfullen beſchäftigt war, hervorging, be⸗ reits auf die Dienerſchaft des Schloſſes die beſte Wirkung hervorgebracht. Einer ſuchte dem andern an Eifer und Betriebſamkeit den Rang abzugewinnen, um ſich keines Fehlers ſchuldig zu machen, der, zu den Ohren des Wundermannes dringend, dieſen zum Zorn und Unwillen, oder wohl gar zur ernſtern Rüge und Beſtrafung anreizen könne. Be⸗ ſonders aber glaubten diejenigen, die kein reines Gewiſſen beſaßen, in ihrem Betragen doppelt auf ihrer Hut ſein zu muͤſ⸗ ſen, nachdem ſie über die Gaben und Eigen⸗ heimer Beſorgniß auf den eigentlichen Zweck ſeiner Ankunft zu ſchließen angefangen hatten. ſchaften des fremden Gaſtes ſich näher in Renntniß geſetzt und daraus zugleich mit ge Dies waren die unrechtmäßigen Beſitzer des Diamantringes, uber deſſen Verluſt die Edel⸗ frau nicht allein ſeines eigenthuͤmlichen koſt⸗ baren Werthes wegen, ſondern hauptſächlich aus dem Grunde ſo untröſtlich war, weil er, ein Geſchenk von ihrem verſtorbenen Gemahl, in einer verkapſelten Haarlocke das einzige ſichtbare Andenken dieſer Art enthielt, das ihr von der Perſon des Verewigten uͤbrig geblieben war. Drei Diener des Schloſſes hatten das Kleinod nicht ſowohl geraubt, als vielmehr gefunden und verheim⸗ licht, um es, wenn das daruͤber entſtandne Nachforſchen erſt voͤllig wieder eingeſtellt wor⸗ den ſei, gelegentlich zu veraußern, den dar⸗ aus hervorgehenden Ertrag unter ſich zu thei⸗ len, dem zwar nicht beſchwerlichen, aber lang⸗ weiligen Dienſtgeſchäft bei der Edelfrau ſich mit guter Manier zu entziehen, und auf Be — 6— gruͤndung des eignen Heerdes den Vortheil Zu verwenden, den ein guͤnſtiger Zufall ihnen in die Hände geſpielt hatte. Wider Willen mußten ſie, den neueingetretenen umſtůnden zufolge, ſich geſtehen, daß ihnen dabei ein wenig wunderlich ums Herz werde, und ob⸗ gleich ſie ſich fuͤr aufgeklärt genug hielten, um anzunehmen, daß es dem Falkenblick des Wahrſagers wohl ſchwerlich gelingen durfte, bis an den Ort zu dringen, wohin ſie den Schatz in Sicherheit gebracht hatten, ſo fanden ſie es doch rathſam, allen ſeinen Winken mit zuvorkommender freundlicher Aufmerkſamkeit zu begegnen, um ſich eben dadurch in ein gutes Vernehmen mit ihm zu ſetzen.— Als die zum Mittagsmahl feſtgeſetzte Stunde heranruͤckte, hatte die Gallerie, die von Simons Wohngemach nach dem im ent⸗ gegengeſetzten Fluͤgel des Schloſſes befinblichen Speiſeſaal hinäberfuhrte, ſich mit einer Menge von Reugierigen angefuͤllt, welche mit dem innern ungeſtumen Verlangen, das Angeſicht I. Bd. 8 — 65— des Wundermannes zu ſchauen, ihn eſſen zu ſehen und bei dieſer Gelegenheit wohl gar einige Goldſpruͤche ſeines Mundes zu ver⸗ nehmen, aus der Umgegend herbeigeſtroͤmt waren. Dem verhängnißvollen Augenblick ent⸗ gegenharrend, hielten ſämmtliche Anweſende ſtumm und erwartungsvoll die Blicke nach der Thuͤr gerichtet, aus welcher er treten ſollte; in banger Ehrfurcht aber wich alles an die Seite zuruͤck, als er endlich zum Vor⸗ ſchein kam. Ein Bild des ruhigſten Gleich⸗ muthö, ging er langſam und mit abgemeſſe⸗ nen Schritten durch die Zuſchauer hindurch; kaum aber war er im Speiſeſaal angelangt, als er auch ſchon den Haushofmeiſter, der hier zu ſeinem Empfange bereit ſtand, ans — Fenſter zog, und ihm mit wichtigſinſterm Ernſt die Anzeige machte, daß er keinesweges hierher gekommen ſei, um den Leuten zur Augenweide zu dienen und ſich von ihnen wie ein Wunderthier angaffen und anſtau⸗ nen zu laſſen; worauf dieſer, der in der ganz 4 argloſen Meinung, dem fremden Gaſt eine — 67— beſondre Ehre dadurch zu erzeigen, der ſchau⸗ luſtigen Schaar den Zutritt verſtattet gehabt, ſich ungeſaͤumt hinaus verfuͤgte und mit un⸗ erbittlichem Amtseifer alles wieder von dan⸗ nen jagte. Die anmuthigen Lockungen, die dem ei⸗ genſinnigen Murrkopfe von der ſtattlich be⸗ ſetzten Tafel entgegen winkten, zerſtreuten ſchnell und gluͤcklich die Wolke des Unmuths, die auf ſeiner Stirn Platz zu behalten ge⸗ droht hatte. Dem Verſprechen getreu, ihn während ſeiner Vorbereitungszeit mit jeder Einladung zum erneuerten Geſpraͤchswechſel verſchonen zu wollen, hatte die Edelfrau, ſtatt an der Mahlzeit Theil zu nehmen, ihm das Feld allein uͤberlaſſen; was ihm denn auch ſehr erwuͤnſcht kam, da ſchon ihre bloße Ge⸗ genwart ſeinem Gemüth die noͤthige Unbe⸗ fangenheit geraubt, mithin ſtoͤrend auf das Erheiterungsgeſchäft eingewirkt haben wuͤrde, dem er nunmehr mit Leib und Seele ſich zu widmen im Begriff war. Auch zauderte er hiermit keinen Augenblick länger, ſondern 5 „ a nahm behaglichen Muthes den Lehnſeſſel ein, den man ihm zurecht geſetzt hatte, und be⸗ gann, von den dienſtbaren Geiſtern des Schloſſes umringt, nach Herzensluſt zu ſchmau⸗ ſen und ſich gutlich zu thun. Rur fuͤr die Reize der Gegenwart hatte er Sinn und Gefuͤhl; weder Vergangnes noch Zukuͤnftiges focht im geringſten ihn an, und mit Hin⸗ wegſcheuchung jedes anderweitigen ernſtern Ge⸗ dankens, ſchien all ſein Sinnen und Trachten in fröhliche Genußliebe ſich aufzulöſen. Bis tief in die Nacht hinein verlangerten ſich die Freuden der Tafel; Abendbrot und Mittags⸗ eſſen ſchmolzen, indem ihnen in einer und der nämlichen Sitzung ihr gebuͤhrendes Recht widerfuhr, in Eins zuſammen, und wenn der ſchwelgeriſche Sybarit ſich von Zeit zu Zeit von ſeinem Platz erhob, und einen kurzen Spatziergang durch das Zimmer unternahm, ſo geſchah dies bloß, um von der vielumfaſ⸗ ſenden Arbeit ſich in etwas zu erholen und zur treufleißigen Fortſetung derſelben friſche Kraͤfte zu ſammeln⸗ Gleich anfangs hatte Simon ſich die größte Vorſicht und Behutſamkeit beim Ge⸗ nuß der geiſtigen Getränke zur Pflicht ge⸗ macht, indem es ihm klar und deutlich ein⸗ leuchtete, in welche Gefahr ein jedes, aus ruͤckſichtslos befriedigter Trinkluſt entſprin⸗ gende Vergeſſen ſeiner ſelbſt ihn zu ſtuͤrzen im Stande ſei. Wie ſehr er aber auch, in Betreff dieſes Punktes, ſich der Mäßigkeit zu befleißigen vermeinte: unwillkührlich, beſon⸗ ders gegen das Ende der Mahlzeit, als er es nicht mehr fur nöthig hielt, ſo gar ängſtlich auf ſeiner Hut zu ſein, fing er an, die Gren⸗ zen zu uͤberſchreiten, die er mit eben ſo ſtren⸗ ger als kluger Umſicht ſich vorgezeichnet ge⸗ habt hatte. Der einſchmeichelnd liebliche Ge⸗ ſchmack der ihm vorgeſetzten Getranke ver⸗ lockte ihn zu immer geringerm Widerſtandes dem Gaumgeluſt nachgebend, leerte er ein Glas nach dem andern, und ſo kam es denn, daß ihm der Wein ganz leiſe und unvermerkt zu Kopfe geſtiegen war. Zum Gluͤck beſaß er noch Faſſung und Beſonnenheit genug, um die ſcherzhaften Einfälle und Bemerkun⸗ gen, die mit aller Gewalt ihm über die Lip⸗ pen hinaus wollten, ſtandhaft zu verbeißen, ein heilfames Stillſchweigen zu beobachten, und ſobald ſich vor ſeinen Augen die Zahl der auf dem Tiſch brennenden Wachslichter zu verdoppeln anfing, dem anweſenden Be⸗ dienten mehr durch Winke als durch Worte anzudeuten, daß er jetzt, des Schmauſens und Zechens uͤberdruſſig, ſich nach ſeinem Schlaf⸗ gemach zu verfugen entſchloſſen ſei. Dieſer ergriff ſogleich einen Armleuchter, öffnete die Thür und ging, dienſtgeſchäftig den Weg erhellend, dem Berauſchten, der nur mit Muhe ſich im Gleichgewicht zu erhalten vermochte, uber die Gallerie nach dem bezeich⸗ neten Orte voran. Hier eingetroffen, er⸗ theilte Simon ſeinem Begleiter, als dieſer ihm beim Auskleiden behüͤlflich ſein wolle, mit erhobner Hand ein Zeichen, daß er ſich ungeſaumt entfernen moge, ſetzte ſich auf das Bett und rief, indem er mit lebhafter Empfindung der Herrlichteit des eben ver⸗ fioſſenen Tages gedachte, gerade in dem Au⸗ genblick, als der Abgewieſene nach dem⸗ Thuͤr⸗ drücker griff, mit ſtammelnder Zungen„Na, das wäre denn der erſte!— Die Worte tönten wie ein Donnerſchlag in das Ohr des Bedienten; ſcheuen Blickes wandte er ſich um, gewahrte die nach ihm gerichtete Hand, welche der Alte wieder herabzuſenken vergeſſen hatte, eilte aus dem Zimmer und ſuchte mit erſchrockener Seele ſeine beiden Genoſſen auf, um ſie von dem ſtattgehabten⸗ hoͤchſtbedenklichen Vorfall in Kenutniß zu ſetzen und ſich mit ihnen uber die Mittel zu berathen, welche man fuͤr Abwendung einer ſie ſo augenſcheinlich bedrohenden Grfahr jetzt zu ergreifen habe.— Der nächſtfolgende Tag ſich von dem geſtrigen nur dadurch, daß Simon⸗ dem ein feſter erquickender Schlummer alle ſeine Kraft und Rüſtigkeit zuruͤckgefuͤhrt hatte, diesmal ſogleich beim Erwachen darauf be⸗ dacht war, der ihm zugeſtandenen Rechte zu genießen, und der Jubel des Wohllebens da⸗ her ſchon mit dem frühen Morgen ſeinen Anfang nahm. Um indeſſen bei der Mit⸗ tagsmahlzeit, fuͤr die er, nach abermaliger Anleitung der vom Haushofmeiſter ihm vor⸗ gelegten Verzeichniſſe, wieder neun erleſene Hauptſchuͤſſeln verordnet hatte, gehoͤrig auf dem Platze zu ſein, begnügte er ſich den Vor⸗ mittag hindurch bloß mit leichtern Leckereien, ſtrich, als die Tiſchzeit ſich näherte, zuvor ein paar Stunden im Schloßgarten und zwiſchen den angrenzenden Wirthſchaftsge⸗ bäuden umher, und erreichte den, mit der gemachten Leibesbewegung beabſichtigten Zweck ſo vollkommen, daß er beim Eintritt in den Speiſeſaal eben ſo wenig als geſtern ſich uͤber Mangel an zu S uſwh fand. Die Reihe, ihn zu icien und tug weiſe bis zur gänzlichen Beendigung des üp⸗ vigen Tagewerks bei ihm auszuhalten, war heut, der im Schloß herrſchenden Ordnung gemaß, an den zweiten der drei verbuͤndeten Spießgeſellen gekommen. Mit heimlicher Her⸗ zensangſt bemuͤhte und zerarbeitete er ſich in Vollführung der ihm obliegenden Berufs⸗ pflichten; da er jedoch ſeinen innern Zuſtand möglichſt zu verbergen ſuchte, und der Aus⸗ druck in ſeinen Geberden mithin von der bangen Schuͤchternheit, die auf den Geſichtern aller uͤbrigen, im Speiſeſaale verkehrenden Perſonen mehr oder minder ausgedruͤckt ſtand, nicht eben auf gar merkliche Weiſe verſchieden war, ſo achtete Simon nicht wei⸗ ter darauf, ſondern gab ruhig und unbefan⸗ gen ſich den verfuͤhreriſchen Lockungen des Genuſſes dahin, bis er die uͤberhand nehmen⸗ den Wirkungen davon verſpuͤrte und, dem letzten warnenden Winke des ſich mehr und mehr umnebelnden Bewußtſeins Gehoör ſchen⸗ kend, es abermals fur rathſam hielt, nach der Freiſtätte des verſchwiegenen Schlafge⸗ S den ſichernden Ruckzug anzutreren. WVon Alters her hatte er es in der Ge⸗ wohnheit, ſich des Abends, kurz vor dem Auskleiden und Schlafengehen, erſt einige Minutenlang auf das Bett niederzuſetzen, X die Hände uͤber das Knie zu falten und in dieſer Stellung ſich alle einzelne Vorfälle und Begegniſſe des vergangenen Tages noch einmal in das Gebächtniß zuruͤckzurufen⸗ Auch heut blieb er der altublichen Sitte ge⸗ treu; die Bilder der genoſſenen Luſt began⸗ nen ſogleich im lebendigſten Farbenſpiel ihm wieder vor die Seele zu treten, und ſeine Lippen öffneten ſich zu dem Ausruf: Nun, das wäre denn der zweite gewe⸗ ſensz jetzt fehlt nur noch der dritte!— Der Aufwärter war, der von dem Alten an ihn ergangenen und ſchnell be⸗ folgten Weiſung gemäß, zwar bereits aus dem Zimmer; in martervoller Spannung und Neugierde aber hatte er ſein lauſchendes Ohr an das Schluſſelloch gepreßt, um ſich wo möglich näher zu unterrichten, ob die geſtrige hingeworfene Aeußerung des gefuͤrchteten Gaſtes ein bloßes Spiel des Zufalls geweſen, oder mit ausdruͤcklicher Beziehung von ihm vorgebracht worden ſei. Kaum war daher der verhängnißvolle Ausruf zu ihm gedrungen —.———— als er, wie durch einen Windſtoß hinwegge⸗ ſchleudert, von der Thuͤr zuruͤckprallte, mit Schaudern des Entſetzens die Flucht ergriff und in dem Wahn, daß die raͤchende Vergel⸗ tung ihm bereits auf der Ferſe nachfolge, ſeine Richtung uͤber die finſtre Gallerie nach der Bedientenkammer hinunter einſchlug, wo die beiden Mitſchuldigen, die in zitternder Erwartung ſeiner Ankunft entgegen geſehen hatten, den todtbleichen Fluͤchtling bruͤderlich in Empfang nahmen.— Friſch und munter, wohl aber um einige Stirnfalten bereichert, welche ſich, wie oft er auch mit der Hand daruͤber hinweg⸗ fuhr, ſtets wieder einfanden, erhob Simon zu Herrlichkeit und Freude des dritten Tages ſich von dem ſchwellendweichen Ruhelager, das er nun bald gegen den heimathlichen, armſeligen Strohſack, oder nach Befinden der Umſtände auch wohl gar gegen die noch härtere Gefängnißpritſche umtauſchen ſollte. Der in ihm rege gewordne Wunſch war be⸗ friedigt; zwei Tage hindurch hatte nichts ihn gehindert, das von ihm beneidete Vorrecht großer Herren nach ſeiner Art zu erproben und zu genießen; an prunkvoll beſetzter Tafel hatte er bis zum Uebermaaße geſchwelgt, und noch waren vier und zwanzig Stunden für das Zubereitungswerk ihm vergönnt, deſſen Rothwendigkeit er der leichtgläubigen Edel⸗ frau vorzuſpiegeln geſucht hatte. Zur Erfuͤl⸗ lung des Zweckes, der ſeinem Hierſein zum Grunde lag, war noch immer nicht die ge⸗ ringſte Ausſicht vorhanden! Durch welchen Kniff und Gaunerſtreich ſollte er ſich daher, ſobald die ihm bewilligte Friſt verlaufen und der Augenblick des Auskunftgebens herange⸗ ruckt war, aus der Verlegenheit ziehen! zu welchen neuen Kunſtmitteln ſeine Zuflucht nehmen, auf welche Weiſe die ihm vorgeleg⸗ ten kitzlichen Fragen beantworten, um einer Zuchtigung vorzubeugen und auszuweichen, von welcher er ſich wider Willen geſtehen mußte, daß er ſie nicht minder durch den bedeutenden und unnützen Koſtenaufwand, den er der Edelfrau verurſacht, als durch ſein herriſches Auftreten und Wichtigthun aber⸗ haupt, in vollem Maaße verdient habe! Mit erbangendem Gefuͤhl ſah er ſich bereits im Geiſt als Betruͤger entlarvt, mit Schimpf und Schande aus dem Schloß gejagt, dem Spott und Uebermuth des Hofgeſindes preis⸗ gegeben und zu einem aller Augenſcheinlich⸗ keit nach viel herberm und unerwuͤnſchterm Looſe verurtheilt, als der bisherige zwar muͤh⸗ ſame, aber mit unbeſcholtenem Ruf verwal⸗ tete Taglöhnerberuf ihm dargeboten hatte! Dies waren die Gedanken und Betrach⸗ tungen, die ſich ihm aufdrängten, während er bei einer Flaſche edlen Canarienſekts, den er ſich zum Morgentrunk herbei beſchieden, am Fenſter ſaß, und uͤber die Tarushecken und Luſtgänge des dicht vor ihm beſfindlichen Schloßgartens nach der Gegend ſeines Wohn⸗ ortes hinausſchaute. Sie leiſteten aber, nach⸗ dem ſie ſich einmal in Thätigkeit geſetzt hat⸗ ten, nicht allein beim Fruͤhſtuͤck ihm Geſell⸗ ſchaft, ſondern verfolgten ihn auch auf dem Spaziergange, den er ſpärerhin, ſo wie geſtern, durch die nächſten Umgebungen des Schloſſes anſtellte, und blieben ſogar während des Mit⸗ tageſſens, wie tapfer er auch zu ihrer Be⸗ kämpfung das Glas zu leeren begann, ſeine unzertrennlichen Gefährten. Mit der Lärger⸗ lichen Miene eines Praſſers, der des Guten bereits zu viel genoſſen und ſich den Magen verdorben hat, ſtocherte er in den von ihm beſtellten Schuͤſſeln umher, ohne es mit die⸗ ſem Geſchäft weiter, als zu bloßen Verſuchs⸗ proben bringen zu koͤnnen. Die koſtbarſten und mit dem größten Aufwand an Fleiß und Geſchicklichkeit zubereiteten Gerichte hatten, ſtatt als Triumphe der Kochkunſt. gebührende Anerkennung zu finden, fuͤr ihn einen wider⸗ lichen Beigeſchmack angenommen, und eben ſo wenig gelang es der aufheiternden Kraft des in den Gläſern perlenden Sorgenbrechers, die ahnungsvolle Unruhe des ſtumm in ſich ſelbſt gekehrten Grillenfaͤngers zu zerſtreuen und ſein Gemuͤth in eine freundlichere Stim⸗ mung zu verſetzen. So geſchah es denn, daß er, ſtatt zum Beſchluß des Abentheuers den Freudenbecher noch bis auf den Grund zu leeren, eine Stunde fruͤher, als es bisher der Fall geweſen war, die Mahlzeit fuͤr auf⸗ gehoben erklaͤrte, ſchweigenden Ernſtes zum Aufbruch ſich anſchickte, und nachdem er ſtil⸗ len und wehmuͤthigen Abſchied vom Speiſe⸗ zimmer genommen, fuͤr diesmal mit einem nur geringen und leichten Anfluge des Wein⸗ rauſches ſich nach der Einſamkeit zuruͤckzog. Den Dienſt um ſeine Perſon hatte im Lauf des heutigen Tages der dritte von den diebiſchen Beſitzern des vermißten Kleinods zu beſorgen gehabt, und dieſer war es auch, der auf dem Wege nach dem Schlafgemach ihn mit brennender Wachskerze voranſchritt. Als Simon das Bett erblickte, worin er, zum Beſchluß des dreitägigen Schlaraffen⸗ lebens, die Glieder noch einmal ausſtrecken und ausruhen ſollte, begann er ſich zu ſchut⸗ teln, und unwillkuhrlich entſchlupften ihm die Worte: Nun, Gluͤck zu! das wä⸗ ren ſie denn alledrei! Jetzt fängt des Stockmeiſters Regimentan!— „Mein Freund,“ fuhr er mit einem bittern Lächeln fort, indem er dem Bedienten einen fluͤchtigen Schlag auf die Schulter verſetzte; „ſag' er doch der gnädigen Frau, daß ich mor⸗ gen fruh, Schlag neun Uhr, ſie zu ſprechen wuͤnſche!“ Unruhig und beklommen wandte er, noch während der Ertheilung dieſes Auf⸗ trages dem Erſtarrenden wieder den Ruͤcken zu, ſtellte ſich ans Fenſter, ſpitzte den Mund und verſuchte, dem hernieder lächelnden Voll⸗ mond ein luſtiges Bn entgegen„ pfeifen. 4i Wer aber ſich ſein Sic zu denken, als er, durch ein in der Nähe los⸗ brechendes Aechzen und Stoͤhnen in dem be⸗ obſichtigten Vorhaben geſtört, ſich umwandle und drei Menſchen erblickte, die, auf den Knieen liegend, ihm mit dem Ausdruck des inſtändigſten Bittens und Flehens die gefal⸗ teten Hände entgegenſtreckten! Es waren die zur gemeinſchaftlichen Veräußerung des heim⸗ verbruͤderten Galgenvögel, die, nach t lich an die Seite geſchafften Diamantringes — 81— Uebereinkunft, fuͤr das reumuͤthige Bekennt⸗ niß ihrer Schuld zuvor das Aeußerſte abwar⸗ ten zu wollen, jetzt den verhängnißvollen, uͤber ihr Wohl oder Wehe entſcheidenden Zeitpunkt herangenaht glaubten und daher mit Ausfuͤhrung ihres Vorhabens keinen Au⸗ genblick laͤnger zaudern zu dürfen vermeinten. „Gnade und Barmherzigkeit!“ rief zit⸗ ternd und bebend der durchs Loos erwählte Wortführer.„Wir wollen mit der gewiſſen⸗ hafteſten Treue alles beichten und eingeſte⸗ hen! Der Ring befindet ſich in unſerm Ver⸗ wahrſum! Gern ſteht er der gnädigen Frau wieder zu Benſei gern geben wir ihn wie⸗ der heraus, wenn wir nur den begangenen Fehler, zu dem uns offenbar der boͤſe Feind verlockt und verleitet hat, nicht gar zu hart buͤßen ſollen! Alle Menſchen ſind Suͤnder! ſteht in der Bibel. Wer in der Welt kann wohl von ſich ruͤhmen, daß er niemals in ubereilte Streiche verfallen ſei? Jugend hat nicht Tugend, und Alter ſchuͤtzt vor Thorheit 6 — 82— Alle drei fingen bei dieſer erbaulichen Herzensergießung aufs bitterlichſte zu heulen und zu ſchluchzen an; Simon aber ſtand wie aus den Wolken gefallen. Mit halb zurück⸗ gekehrtem Geſicht, uͤber welches der dickbau⸗ ſchige Fenſtervorhang zum Gluck einen ſehr wuͤnſchenswurdigen Schatten warf, ſtarrte er die tiefzerknirſchten Schuldbeladenen der Reihe nach an, und wußte ſich vor innerer Beſtur⸗ zung uͤber eine ſo höchſt unerwartete und unerklärliche Gunſt des Zufalls kaum zu faſ⸗ ſen. Eilfertig aber ſuchte er ſich alles, was er während der letztverfloſſenen Tage gethan und geſprochen, zu vergegenwaͤrtigen; ſein geuͤbtes Gedaͤchtniß leiſtete ihm die gewohn⸗ ten Dienſte, und nicht der geringfügigſte umſtand entging dem raſchmuſternden Ueber⸗ blick. Obgleich im Rauſche ſeinen Lippen entflohen, wiederholte ſogar der Ausruf, wo⸗ mit er Abends bei der Ruͤcktehr nach dem Wohnzimmer einen jedesmaligen Hauptab⸗ ſchnitt in ſeinem Wohlleben zu bezeichnen pflegte, ſich Wort fuͤr Wort in ſeinem In⸗ 3 ——— nern; mit flüchtiger Gewandtheit hielt er alle dabei obwaltenden einzelnen Verhältniſſe und Erſcheinungen gegen einander, klarer und klarer ward ihm der Zuſammenhang der ſo eben ſich zutragenden Wunderdinge; ihr ſchaͤrferes, genaueres Durchſchauen war das Werk weniger Augenblicke, und eben ſo ſchnell befand Simon ſich wieder im Beſitz aller der Beſonnenheit, deren er zur geſchickten Be⸗ nutzung des vernommenen, ihn plötzlich aus jeder Noth und Verlegenheit rettenden Ge⸗ ſtaͤndniſſes beduͤrftig war. „Ihr Schelme und Gaudiebe!“ rief er aus, indem er das Fenſter verließ und mit ſtrengverweiſender Miene vor ſie hintrat. „Ich merke wohl, das Feuer muß euch erſt tuͤchtig auf die Naͤgel brennen, bevor ſich euer verſtocktes Gewiſſen zu rühren anfaͤngt! Oder glaubtet ihr etwa, es ſei um meine Wiſſenſchaft ſo elend und jämmerlich beſtellt, daß mich die Ausſpuͤrung eines entwandten und verſteckten Ringes nur irgend in Ver⸗ legenheit ſetzen koͤnne? Feierabendsar⸗ 6* —— beit iſt das für mich, und bereits mit dem erſten fluͤchtigen Blicke, den ich auf euch warf, war ich uͤber euer ſaubres Unterneh⸗ men mit mir ſelbſt vollkommen im Reinen. Ein guter Geiſt gab es euch ein, die Winke, die ich euch des Abends, einem nach dem andern zu Theil werden ließ, endlich zu Her⸗ zen zu nehmen! Sie waren ſehr klar und deutlich abgefaßt; wehe euch, wenn ihr ſie ganz in den Wind geſchlagen hättet! In der bevorſtehenden Mitternachtſtunde hätte das Beſchwoͤrungswerk förmlich und feierlich be⸗ gonnen; grauſenvolle Zwangsmittel wären uͤber euch verhaͤngt worden, und der nächſt⸗ folgende Tag wuͤrde der ſchrecklichſte eures Lebens geweſen ſein. Jetzt will ich es euch überlaſſen, mir zu zeigen, ob eure Reue ganz ächt und unverfälſcht iſt, um darnach meine weitern Maaßregeln beſtimmen einzurichten!“ Unter der wiederholten demuͤthigen Bitte um Schonung und Milde⸗ berichteten ihm die Geängſtigten ata das umſtänblichſte, wie ſie zu dem Ringe ge⸗ kommen, an welchem Platze ſie ihn gefun⸗ den, zu welcher Zeit und Stunde dies ge⸗ ſchehen, an welchem Orte ſte ihn bis zum gegenwärtigen Augenblicke verborgen gehalten und was, nach gemeinſchaftlicher Verabre⸗ dung, ſie fuͤr die Folge mit demſelben im Schilde gefuͤhrt. Die Angſt vor der Ver⸗ ſuchung, ſich hievbei irgend einer Unwahrheit ſchuldig zu machen, ſtand zu unverkennbar in ihren Geſichtszugen ausgedruͤckt, als daß Simon, der ruhig und aufmerkſam, uͤbrigens aber mit einer Miene, als ob ihm lauter bereits bekannte Thatſachen vorgettagen wuͤr⸗ den, ihnen zugehoͤrte, in die Zuverläͤſſigkeit ihrer Mittheilungen nur den geringſten 8 fel zu ſetzen vermocht hätte. „In der Vorausſetzung,“ ſagte er nach einigem Bedenken,„daß ihr in Zukunft nie⸗ mals wieder bereit ſeid, euch vom böſen Feind zu einem ähnlichen Bubenſtück ver⸗ locken zu laſſen und den von euch angefüͤhr⸗ ten bibliſchen Spruch zum Deckmantel eurer 56* Schelmerei zu gebrauchen, ſoll diesmal Gnade fur Recht ergehen und der ſchäͤndliche Betrug⸗ den ihr eurer edelmuͤthigen Gebieterin zu ſpielen gedachtet, euch verziehen ſein: Aus beſondrer Großmuth will ich ſogar dafür ſor⸗ gen, daß durch die Art und Weiſe, wie der Ring in die Hände ſeiner rechtmäßigen Eigenthuͤmerin zuruͤckkehrt, weder auf euch⸗ noch auf irgend einen andern eurer Dienſt⸗ genoſſen, der Verdacht einer begangenen Veruntreuung fallen ſoll. Aber ich wieder⸗ hole meine Warnung! Hutet euch, wenn ich nicht mehr im Schloſſe zugegen bin, durch ſorgſume Bekämpfung jedes neuen, uner⸗ laubten Geluͤſtes dieſer Art, vor meiner Zu⸗ rucktehr und Rache! Jetzt her mit dem Ringe⸗ damit ich ihm——— Beſtim ſung wieder anweiſe!“ Mit dankbarer Vureittiigeit der eine das glänzende Kleinod aus der Taſche hervor und überreichte es dem Alten, der ſchweigend und kaltblätig es in Empfang nahm; und ſämmtlichen Begnadigten zugleich einen Wink ertheilte, ſich wieder vom Boden zu erheben., Richt wenig ſtutzten ſie aber, als Simon jetzt mit raſcher Hand das Fen⸗ ſter aufriß, einige unverſtändliche Worte vor ſich hinmurmelte und— wie es wenigſtens für ſie den täuſchenden Anſchein hatte— den Ring mit angeſttengter Gewalt weit in den Garten hinausſchleuderte! „Das Wert iſt verrichtet!“ ſagte er, in⸗ dem ersvom Fenſter zuruͤckkehrte.„Verfuͤgt euch jetzt ſtill und ruhig in eure Schlafkam⸗ mer; deutet aber zuvor allen Bewohnern des Schloſſes in meinem Ramen an, daß morgen fruh, bis ich erſt mit der Edelfrau geſpro⸗ chen, kein menſchliches Weſen, dem die eigne Wohlfahrt erwuͤnſcht iſt, ſich weder an einem Fenſter, noch in einem der Flurgange, noch außerhalb des Gebäudes in einem Bereich von neun und neunzig Schritten möge be⸗ treten und blicken laſſen. Wer gegen dieſe Verordnung frevelt, hat die Folgen des Vor⸗ ſich ſelbſt beizumeſſen!“ Er beſchloß dieſe Anrede mit ſo— „ drucksvollem und wichtigem Geberdenſpiel, als ob bei der leichtſinnigen ueberttetung dieſes Geheißes nichts geringeres, als Kopf und Kragen auf dem Spiel ſtehe. Die Beauf⸗ tragten verſprachen dafuͤr zu ſorgen, daß der ertheilte Befehl vom ſämmtlichen Schloßge⸗ ſinde puͤnktlich und gewiſſenhaft befolgt werde; worauf ſie ihm für die ihnen gewährte Ver⸗ zeihung ihren wiederholten geruhrten Dank abſtatteten, und innigſt erfreut uͤber den gluͤcklichen Ausgang, den die Ablegung des peinlichen Schuldbekenntniſſes für ſie genom⸗ men, ſich ungeſäumt von dannen begaben. Simon ſchlug ihnen ein Schnippchen hinterdrein, zog die Schultern in die Hoͤhe⸗ kniff die Augen zuſammen und frohlockte in ſeinem Innern, daß durch des Zufalls wun⸗ dervolle Fügung, ſo ganz über alles Hoffen und Erwarten, ſeine Beſorgniß gehoben, ſein Ruf geſichert, ſeine Ehre gerettet ſei! Rur halb enckleidet warf er ſich auf das Lager, ſuchte ſich des tiefen Schlummers möglichſt zu erwehren und ſtand wieder auf, als eben der Morgen zu grauen begann. In aller Geſchwindigkeit verfertigte er jetzt aus eini⸗ gen noch im Zimmer vorhandnen Ueberreſten von Backwerk einen Teig, umklebte damit den Ring an allen Seiten und verließ dar⸗ auf, mit der Ortsgelegenheit hinlänglich ver⸗ traut, heimlich und unbemerkt das Innre des Schloſſes. Sein Weg ging in gerader Richtung nach dem Hühnerhofe, wo er unter dem Gefluͤgel einen ſtattlichen und durch das Farbenſpiel ſeiner Federn ſich merklich un⸗ terſcheidenden Kalkutiſchen Hahn ausſuchte und hervorholte, dem er die mitgebrachte Gabe, halb mit Guͤte halb mit Gewalt, zu ver⸗ ſchlucken gab. Nach geſchehener Bewirthung trat er ohne Zeitverluſt den Ruͤckzug an, er⸗ reichte, da alles im Schloß, bis auf den Stu⸗ benheizer hinab, ſich noch dem Schlaf über⸗ ließ, gluͤcklich und wohlbehalten ſein Zimmer, legte ſich wieder zu Bett und ſchlummerte ſanft und ruhig, bis die Stunde herannahte, die zum Beſuch bei der Edelfrau von ihm feſtgeſetzt worden war. Dieſe empfing ihn zwar mit der ihr an⸗ gebornen Sanftmuth und Guͤte; doch fiel es ihr ſchwer, ein zweifelhaftes ungläubiges Lächeln zu unterdrüͤcken, das bei ſeinem Ein⸗ tritt ſogleich auf ihrem Geſicht Platz zu neh⸗ men begannz da ſie die in den ketzten drei Tagen von ihm gefuͤhrte, bloß auf groben Sinnengenuß berechnete Lebensweiſe mit den ihm nachgeruͤhmten höhern Eingebungen ſchlech⸗ terdings nicht zuſammenzureimen vermochte. Auf den von ihm geäußerten Wunſch, uͤber ihr eigentliches Begehren jetzt naͤhere Kunde zu erhalten, machte ſie indeß keine weitere Schwierigkeiten, ſondern vermeldete und ent⸗ deckte in umſtändlicher Schilderung ihm alles, was er bereits wußte.— Simon ſtand, wäh⸗ rend ſie ſprach, mit feſtgeſchloſſenen Augen, den einen Fuß marſchfertig vorgeruͤckt, die linke Hand geballt gegen Se die ſlach gegen die Stirn gepreßt. „So ungern ich auch,“ die Evet⸗ frau ihren Vericht,„der Vermuthung Raum gebe, daß einer meiner Dienſtboten, bei welchen allen ich Jahre hindurch zu einem mißtrauiſchen Gedanken dieſer Art niemals nur den geringſten Anlaß fand, ſich der Ent⸗ wendung des Kleinods ſchuldig gemacht haben muſſc; ſo wenig bin ich im Stande, den Verdacht auf einen fremden diebiſchen Ein⸗ ſchleicher zu wälzen, da ich den Ring ſtets am Finger trug und ihn nur des Nachts in meinem Schlafzimmer abzulegen gewohnt war. Dort muß er an jenem Morgen, als ich von der Fütterung des Hausgefluͤgels zuruͤckkehrte und ihn bald darauf vermißte, auf dem Tiſche liegen geblieben, von einem unberufe⸗ nen Auge bemerkt, und meine gedankenloſe — auf det Stelle benutzt worden n dan zn Gnaden!“ ſagte Simon, oyne ſeine Stellung zu verändern, mit dum⸗ pfer und gedehnter Stimme.„Ich mag mich im Schloß umſehen, ſo viel ich will; nichts, als ſternklare Gewiſſen, ätherleichte Herzen und milchreine Haͤnde begegnen mir! Der Dieb muß außerhalb des Schloſſes geſucht werden. Halt! Jetzt fängt er an, mir vor den Augen herumzugaukeln!) Noch will er ſich nicht genauer erkennen laſſen! Einen wunderlichen Rock hat er an, und die Muͤtze hängt ihm tief ins Geſicht hinein. Tanze fort, Schurke, bis dir die Knöchel erlahmenk Meine Geduld iſt groß; entwiſchen S du mir nicht!“ Er that, als er dieſe Worte e mit ſturmiſcher Heftigkeit einige Schritte vorwärts, öffnete wild und grimmvoll die Augen und rief mit durchdringendem und entſcheidenden Ton: S der Dieb!“ Die Edelfrau, utt wniß aus der nihe des begeiſterten Sehers zu entkommen ge⸗ ſucht und ſich beſtuͤrzt und eiſchrocen hinter ihre Gebetbuͤcher zurückgezogen. Simon ath⸗ mete laut und ſchien ſehr angegriffen zu ſeinz doch erholte er ſich bald wieder von ſeiner Erſchöpfung, näherte ſich der Verſchuͤchterten mit einem heitern zufriednen Lächeln, nahm in Mienen und Geberden ein gemãßigteres —— Weſen an und ſagte;„Laſſen Sie uns, gnä⸗ dige Frau, jetzt auf der Stelle die gemein⸗ ſchaftliche Wanderung nach dem Platze, den Sie jeden Morgen zu beſuchen gewohnt ſind, nach dem Huͤhnerhof, antreten; dort hoffe ich Ihr in mich geſetztes Vertrauen völlig zu rechtfertigen und Ihnen aufs Neue zu dem Beſitz der Koſtbarkeit zu verhelfen, die durch das damit verbundne Andenken an Ihren theuren Herrn Gemahl einen ſo hohen und unſchätzbaren Werth fuͤr Sie gehabt hat!“ Der zuverſichtliche Ton, in welchem er ſprach, und die eroͤffnete Ausſicht auf den Wiedergewinn des ihrem Herzen ſo unent⸗ behrlichen Kleinods floßten der Edelfrau neuen Muth ein. Sie beſchloß, dem Verlangen des ſeltſamen Gaſtes nachzugeben, und bereits wenige Minuten darauf hatten beide das Schloß im Ruͤcken und befanden ſich im In⸗ nern des Huͤhnerhofes. In dem Augenblick, da die Pforte ſich aufthat, ſtroͤmte auch ſchon das ſämmtliche Federvieh in wilbberworrnem eifrigen Gedränge von allen Seiten herbet und umringte mit freudigem Schnattern⸗ Kollern und Gackern die wohlbekannte Ver⸗ pflegerin, um nach gewohnter Weiſe aus ihrer Hand das Morgenfutter zu empfangem Rur ein einziger Truthahn, der nämliche, dem Simon einige Stunden fräher den Ring aufzubewahren gegeben, traute ſich nicht her⸗ an⸗ ſondern ließ die Fluͤgel zur Erde haͤngen und hielt ſich, weil er entweder dem Manne mit der Dachsmuͤtze zum zweitenmale ins Garn zu gerathen fuͤrchtete, oder auch viel⸗ leicht bereits Magendruͤcken verſpuͤrte, Rets in der ehrerbietigſten Entfernung. Simon aber verzog, indem er mit dem Finger nach dem abgeſonderten Duckmauſer hinzudeuten begann, den Mund zu einem leichten, faſt hämiſchen Lächeln und ſagte:„Wer dem dort nicht gleich nuf den rſten Blick anſehen kann daß er kein gutes Gewiſſen hat, muß mit Blindheit geſchlagen, oder wenigſtens in der Geberdenkunde der jamwerlichſte Stum per von der Welt ſein! Ich trage hiermit ₰ feierlich darauf an, daß der geſiederte Frevlem 5 der einen ganz beſondern Appetit nach Kunſt⸗ ſachen zu beſitzen ſcheint, ſogleich abge⸗ ſchlachtet und ihm der Magen unterſucht werde. Mit meinem eignen Kopfe hafte ich dafuͤr, daß wir nach Recht und Gerechtigkeit ver⸗ fahren und keinen Unſchuldigen hinrichten!“ „Unmöglich!“ rief die Edelfrau.„Was ſollte gerade dies arme unverſtändige Thier mit meinem Ringe zu ſchaffen gehabt haben! Wie koͤnnt ihr auf einen ſo wunderlichen Einfall gerathen?“ Simon hatte jedoch, 8 dieſe Einwuͤrfe zu beachten, bereits an eine Magd, die in der Ferne mit ihrer Arbeit beſchäftigt war, den Zuruf ergehen laſſen, ſich ſchleunigſt hier⸗ her zu verfügen. Der Truthahn wurde er⸗ griffen, nach dem benachbarten Huͤhnerhauſe getragen, und hier das ihm zuerkannte Todes⸗ urtheil ohne weitern Prozeß an ihm vollzo⸗ gen. Alsbald mußte die Vollſtreckerin deſſel⸗ ben ſich wieder entfernen, worauf Simon ſich, in Gegenwart der Evelfrau, mit eigner Hand an das beabſichtigte Unterſuchungsge⸗ ſchäft zu machen begann. Mit froher Aem⸗ ſigkeit arbeitete er auf die koſtliche Fund⸗ grube los, und es waͤhrte nicht lange, ſo prachte er aus derſelben einen hellglänzenden Gegenſtand zum Vorſchein, in welchem die aufmertſame Zuſchauerin ſogleich mit dem Ausruf der höchſten Ueberraſchung ihren ab⸗ handen gekommenen Ring erkannte.„Neh⸗ men Sie denn Ihr Eigenthum zuruͤck!“ ſprach der liſtige Schatzgräber, indem er iht das Kleinod uͤberreichte.„Achten Sie fuͤr die Zukunft des wohlgemeinten Winkes⸗ nie⸗ mals die Handſchuhe wieder abzuziehen, wenn Sie den Huͤhnern Futter zu ſtreuen im Be⸗ griff ſind, und laſſen Sie uns uͤbtigens, in Betreff der Art und Weiſe, wie das verloren gegangne Erinnerungspfand wieder zu Ihren Wanden gelangt iſt, fur⸗s erſte ein beſcheidnes Stillſchweigen beobachten. Ich möchte nicht gern von zu häuſigen Anforderungen dieſer Art heimgeſucht werden, da die Erfülluns verſelben keinesweges, wie es fuͤr einen Un⸗ kundigen vielleicht den Schein haben mag unter die ganz leichten und erfreulichen Ar⸗ beiten gehört!“— „Beſter, trefflichſter Mann!“ rief, nach⸗ dem beide ſich wieder im Schloſſe befanden, die Edelfrau, die vor Erſtaunen und Ver⸗ wunderung ſich noch immer nicht zu faſſen vermochte;„durch welchen Gegendienſt ſoll ich euch fur dieſes, mir ſo unendlich wichtige Meiſterſtuͤck eurer Kunſt meinen Dank an den Tag legen? Kann es durch Geld und Gut geſchehen, ſo verbergt mir eure Gedan⸗ ken nicht, ſondern laßt mich ein aufrichtiges Wort vernehmen; denn ob ich gleich nicht im Stande bin, euch nach Verdienſt zu be⸗ lohnen, ſo widerſtreitet es doch meinem Bil⸗ ligkeitsgefuͤhl, gänzlich und durchaus eure Schuldnerin bleiben zu ſollen!“ „Gnädige Frau,“ verſetzte Simon mit heitrer Unbefangenheit.„Trotz der neun Schuͤſſeln, die mich bei, Ihnen leicht in den Verdacht eines ſchwelgeriſchen Sinnengeluͤſtes hätten bringen konnen, bin ich, im Grunde genommen, doch von ſo beſcheidner und an⸗ 1. Bd. 7 „ ſpruchsloſer Gemuthsart, daß ich mich zu⸗ weilen ſelbſt daruͤber verwundre. Es iſt mir ſchon genug, daß mein für Sie ſo koſtſpieli⸗ ger Aufenthalt auf dem Schloſſe nicht ohne den verſprochenen gehofften Erfolg geblieben iſt! Nachdem meine hieſige Beſtimmung er⸗ fullt worden, gehen auch meine Anſprüche zu Ende, und ich verlange daher fuͤr mich ſelbſt keine weitre Belohnung. Koͤnnen Sie jedoch, in der Freude uͤber das wiedererhal⸗ tene Kleinod, den Hang Ihres Herzens nicht anders, als durch Ausuͤbung eines milden Werkes zufrieden ſtellen, ſo ſoll es Ihnen⸗ da Sie mir eine offne und unverhohlne Antwort zur Pflicht machen, hierzu an der ſchicklichen Gelegenheit nicht fehlen. Ich habe eine junge Muhme, die unter die tadelloſe⸗ ſten Dirnen der Gegend zu rechnen ſein wurde, wenn ſie nicht mit dem alten Erbfehler unſrer Familie behaftet, nicht blutarm wäre! Sie hat den Einfall gehabt, ſich in den Muͤllersſohn unſers Dorfes ſterblich zu ver⸗ lieben, und dieſem geht ſeitdem die Helm⸗ — 99— bacher Windmuͤhle im Kopfe herum, die nach einigen Tagen öffentlich zum Verkauf ausgeboten werden ſoll. Es ſteht geſchrieben: Der Geiſt iſt willig, aber das Fleiſch iſt ſchwach! Bei beſagten jungen Perſonen findet aber gerade das Gegentheil ſtatt; das heißt mi.t andern Worten: Beide möchten ſich zwar von Herzen gern heirathen; es gebricht ihnen jedoch zur Erlangung jenes gewuͤnſchten Grund⸗ ſtuͤckes noch an fuͤnf Hundert Gulden, deren Herbeiſchaffung uͤber alles Trachten und Sin⸗ nen des gruͤbelnden Verſtandes hinausgeht. Wollen Sie den jungen Leuten die genannte Summe als Vorſchuß anvertrauen, ſo iſt damit jede Schwierigkeit, die ſich ihren Wun⸗ ſchen entgegenſtellt, ſchnell und gluͤcklich an die Seite geräumt. Ich hege den Vorſatz, mit auf die Windmuͤhle hinauszuziehen, um daſelbſt meine alten Tage in Ruhe zu ver⸗ leben, und will ſodann ernſtlich dafur ſorgen, daß Ihnen das hergegebne Darlehn nach und nach redlich zuruckbezahlt werde.“ „Richt nur die fuͤnf Hundert Gulden,“ — 100— ſagte die Edelfrau mit frohbereitwilliger Miene, „ſoll eure Anverwandte von mir zum Ge⸗ ſchenk erhalten, ſondern noch eine vollſtändige Ausſteuer obendrein! Aber auch ihr werdet die Proben der Erkenntlichkeit, die euch an dem neugewählten Aufenthaltsorte dann und wann den mir geleiſteten Dienſt in das Ge⸗ dächtniß zuruͤckrufen ſollen, nicht eigenſinnig zuruͤckweiſen. Uebrigens duͤrft ihr nicht zwei⸗ feln, daß ihr mir ſtets ein willkommener Gaſt ſein werdet, ſo oft ihr in der Folge zu einem wiederholten Beſuch auf meinem Schloſſe euch geneigt fuͤhlt!“— Se Als er jede an ihn ergangene Einladung, noch einige Tage hier zu verweilen, unter der beſtimmten Erklärung von ſich abgelehnt hatte, daß den beiden Verliebten die frohe Beſtätigung ihres nahen Gluͤckes nicht länger vorenthalten werden durfe, und nach gehal⸗ tenem Mittagsmahl ſich von der Edelfrau verabſchiedete, um die beſchloßne Wanderung nach der Heimath anzutreten, fuhr beim Ein⸗ gange des Schloſſes eine Kutſche vor, die ihn nach ſeinem Wohnorte zurück zu bringen be⸗ ſtimmt war. Er ſtutzte und ſtand geraume Zeit, ohne mit ſich einig werden zu können, was er bei dieſer neuen Verfuͤgung ſeiner großmuͤthigen Gönnerin recht eigentlich zu thun oder zu laſſen habe.„Nun, dem Amts⸗ verweſer zum Trotz und Aerger!“ ſprach er endlich zu ſich ſelbſt und ſtieg getroſt ein. Die Fahrt ging zwar, weil der Wagen mit mannigfachen auf des Leibes Genuß und Be⸗ quemlichkeit abzweckenden Gabenſpenden bis zum Brechen bepackt war, nicht ſo raſch von ſtatten, als man beim Anblick der vorge⸗ ſpannten muthigen Rappen hätte glauben mogen; doch langte er zeitig genug an ſei⸗ nem Wohnorte an, um noch vor der ein⸗ brechenden Racht den Leuten durch die Art ſeines Einzuges eine Nuß vorzuwerfen, an welcher ſelbſt der Kluͤgſte ſich fruchtlos die Zähne auszubeißen in Gefahr ſchwebte. Roch an dem nämlichen Abend, während der ſchnurrbärtige Kutſcher, der ihn hierher gebracht hatte, im Wirthshanſe ſaß und Wunder uͤber Wunder ſchrie, verfugte Si⸗ mon, von dem überſeligen Gretchen begleitet, ſich nach der Muͤhle, berief Vater und Sohn in die Wohnſtube, warf den Beutel mit den fuͤnf Hundert Gulden auf den Tiſch, und ſagte zum Muller:„Legt es zur andern Hälfte, damit ein Ganzes daraus wird. Das Glaͤck hat geholfen! Jetzt kaufen wir die Wind⸗ muhle, halten Verlobung, und mit dem ſchwarzen Staar hat es nunmehr auch ſine guten Wege!“ „Wie Gott will, Simon!“ verſette der Muͤller, dem das verwunderungsvolle, durchs Dorf Läringeſchrei gleichfalls ſchon zu den Ohren gedrungen war.„Worin auch das neue Kunſtſtuͤck beſteht, das ihr veruͤbt habt; ich gehe ſelbſt, das Aufgebot der Kinder zu beſtellen; denn gluͤcklich muß ich mich ſchätzen, mit einem Mann in Verwandtſchaft zu treten, der troſtlos zu Fuße fortwandert und troſtvoll in der Kutſche zuruͤckkehrt!“ ——— „Nun laß ich mich aber auch nicht länger mit leeren Vertröſtungen hinhalten!“ rief Gottfried Lerche eines Sonntags mit ſteigen⸗ dem Unmuth, nachdem er waͤhrend des Mit⸗ tageſſens das Geſpräch wieder auf das Hei⸗ rathen gelenkt und der ihm gegenuber ſitzende Alte, ſeiner Gewohuheit gemäß, dabei den Kopf zu ſchuͤtteln angefangen hatte.„Erin⸗ nert euch nur an das Verſprechen, das ihr mir im Fruͤhjahr gegeben habt! Im Ver⸗ trauen auf euer Wort habe ich den ganzen Sommer hindurch draußen im Felde mit unſern Ochſen um die Wette gearbeitet. Die Aerndte iſt über alle Erwartung ausge⸗ fallen; tagtäglich vermehrt ſich unſet Wohl⸗ ſtand; die Huhner legen, und die Kuͤhe kal⸗ ben, daß es eine wahre Luſt iſt. Beſinnt euch nur, Vater! Nach der Aerndte, hieß es immer, nach der Aerndte ſoll es dir frei ſtehen, dir ganz nach deinem Geſchmack eine Frau auszüſuchen, und nun zieht ihr mir jedesmal, wenn ich mit meinem Anliegen herausruͤcke, ein grämliches Geſicht. Das geht aber nicht ich ſag⸗ es euch frei heraus.“. „Naͤrriſcher begann der Ale; „ſo nimm doch nur Vernunft an! Mit dem Heirathen iſt es eine viel zu kitzliche Sache! Es muß dabei mit gar großer Behutſamkeit und reiflicher Ueberlegung zu Werke gegangen werden, ſonſt entſteht nur eitel Unheil dar⸗ aus. Ich daͤchte du könnteſt es wohl noch einige Zeit mit anſehen; haſt ja kaum das zwanzigſte Jahr im Rücken, biſt ja noch ein blutjunger Kerl.“. „Nein, das thu ich nicht, Vater, nie thu ich das!“ eiferte Gottfried. Jung gefreit hat Niemand gereut! ſo heißt das Sprich⸗ wort, daß ich euch ſelbſt wohl hundertmal — 105— habe beten hören. Mutter ſo ſteht mir doch nur bei! Als ihr und der Vater Hochzeit machtet, wie alt waret ihr da?“ „Ich achtzehn Jahr und der Vater in deinem Alter, Gottfriedchen!“ erwiederte die Befragte mit gefälligem Lächeln, indem ſie nicht ohne gunſtigen Erfolg dem Hausherrn mit der flachen Hand die Falten von der Stirn zu ſtreichen bemuht war. „Na, da habt ihr die jauchzte der Heirathöluſtige.„Jung gefreit hat Niemand gereut! Das Sprüchlein hat ſich ganz an euch beſtätigt; denn nicht ein einzigesmal habt ihr euch recht ordentlich mit einander gezankt; und gerade ſo ſoll es ſich mit mir und meiner Zuküuͤnftigen auch ver⸗ halten; darauf koͤnnt ihr euch verlaſſen.“ „Haſt du dich denn,“ fragte der Alte mit gutmuthiger Reugierde,„unter den Mäd⸗ chen des Dorfes ſchon in dieſer S ein wenig umgeſehen?“ „Umgeſehen wohl,“ erwiederte Gottfried, „aber nichts rechtes heraus geſehen. In ünſerm Dorfe giebt es, frei von der Leber zu reden, keine einzige, an der ich ein beſon⸗ dres Gefallen finden koͤnnte. Das hat aber ſo viel nicht zu bedeuten. Heut iſt Kirmeß in Zeidelsheim, wo ſich alles junge Volk aus der umliegenden Gegend dieſen Nachmittag zum Tanz in der Schenke verſammelt. Dort will ich in aller Ruhe und Se ein wenig Muſterung halten.“ „Das mir nur keine dummen Streiche dabei herauskommen!“ warnte der Vater⸗ §„Muſtre ſo viel du willſt, vergiß aber nicht, daß zuletzt Alles einzig und allein von meinet Entſcheidung abhängt.“ *„Laßt mich nur machen!“ beſchloß der Sohn.„Sicher ſoll meine Wahl, wenn es anders dazu kommt, euch nicht zur Schande gereichen!“— Ungeſäumt verfuͤgte er ſich nach ſeiner Schlafkammer, ergriff die dort an der Wand hängende Tabackspfeife, rieb den Silberbeſchlag des Meerſchaumkopfes, damit er der Tanzgeſellſchaft hellern Glanzens ins Auge ſtrahlen moͤge, mit Kreide und Brant⸗ 3 — 107— wein und ſchritt bald darauf, prunkend im Sonntagsſtaat und das Spaniſche Rohr wohl⸗ gemuth in der Luft ſchwenkend, zum Dorfe hinaus. Rach Verlauf einer Stunde hielt er, in den Zweck der angeſtellten Wanderung ver⸗ tieft und dicke Rauchwolken von ſich blaſend, ſeinen Einzug in Zeidelsheim und fand auf dem freien, grunen Platze vor der Thür des Wirthöhauſes eine unzählbare Menge Volks gaffend und ſtaunend um ein daſelbſt aufge⸗ ſchlagenes Geruͤſt verſammelt, auf welchem ein privilegirter Feuerfreſſer die Schauluſt der Anweſenden durch Ausubung ſeltſamer Kunſtfertigkeiten zu ergötzen und zu unterhal⸗ ten beeifert war. it eilfertigem Ungeſtum drängte Gottfried ſich hindurch und ſchaute, nachdem er in williger Empfangnahme ver⸗ ſchiedner Fußtritte und Rippenſtoße ſich einen vortheilhaftern Standpunkt verſchafft hatte, dem unerklärlichen Thun und Treiben des fremden Wundermannes auf den Brettern mit einer ſo geſpannten, ſchier an Andacht grenzenden Aufmerkſamkeit zu, daß ihm die Pfeife daruber erloſch⸗ RNachdem der Kuͤnſtler, unter andern ſchwer zu ergruͤndenden Zauberwerken, zwei Biergläſer in Splitter zerſchrien, ein blank⸗ gewetztes Eiſen ſich durch die Ohren geſtoßen⸗ und einen verſchluckten Flachsknäuel in licht⸗ lodernden Flammen durch Mund und Naſe wieder von ſich gegeben, wurde quer uͤber das Geruſt ein Seil aufgeſpannt, auf welchem bald darauf eine ſchlanke weibliche Geſtalt, die Gottfried zuvor noch gar nicht bemerkt hatte, ſich erblicken ließ. Vom Kopf bis zu den Füßen in hellgrünen, hin und wieder ins Goldgelbe ſpielenden Atlas gekleidet, eine roſenrothe Schärpe um die Hüften, und die nußbraunen Locken von einem prächtigen, mit funkelnden Edelſteinen beſetzten Diadem umgeben, ſprang und tanzte ſie vor den Au⸗ gen der uberraſchten Menge mit einer Sicher⸗ heit und Gewandtheit das Seil hinab und herauf, als ob die Möglichkeit, Hals und Beine zu brechen, fur ſie ganz und gar nicht . — 109— vorhanden ſei. Gottfried wußte nicht, ob er zuvörderſt der Beſorgniß, die bei Wahrneh⸗ mung der gefahrvollen Kunſtubungen ihn un⸗ willkuͤhrlich zu beſchleichen anfing, oder dem ergötzlichen Behagen, welches er abwechſelnd mit derſelben, bei den anmuthigen Bewegun⸗ gen empfand, in ſeinem Innern Raum geben ſolle; ſo ſinnbeſtrickend hatte der Anblick der reizenden Seiltänzerin auf ihn gewirkt. Das wäre ein Weib fuͤr dich! wuͤrde er ſich gleich beim erſten Anblick gedacht haben, hätte die feſte Ueberzeugung, daß nur ein Weſen höhe⸗ rer Art im Beſitze ſo zauberiſcher Schönheit und ſo übernatürlicher Kunſtfertigkeiten ſein konne, einen ſo kuͤhnen Gedanken in ſeiner Seele auftommen laſſen. Erſt als ſie nach Beendigung des Tanzes, von den Brettern zur Erde herabſtieg und mit einer zierlich ge⸗ formten Schale, klingenden Ehrenſold ein⸗ ſammelnd, unter den Zuſchauern umherzu⸗ gehen anfing, gerieth er allmählig auf Vermuthung, daß ſie denn doch wohl, trotz des ſie umgebenden ätheriſchen Glanzes, auch an die Befriedigung gewiſſer ir diſcher Beduͤrfniſſe gebunden ſei. Mit frohgeſchäf⸗ tigem Eifer zog er, indem ſie ſich ihm näherte, ein blankes Achtgroſchenſtuͤck aus der Taſche, und ein freundliches Laͤcheln, das in ſeelen⸗ voller Innigkeit ſeinen Blicken begegnete, pries und lohnte ſeine uͤberſchwengliche Groß⸗ muth und Freigebigkeit. Gottfried ſchwelgte in einem Meer von Wonne; gleich einem Zauberſchlage hatte dieſer Blick die innerſten Tiefen ſeines Gefuͤhls getroffen, und in Be⸗ wegung geſetzt; auf ein ſo beneidenswerthes Merkmal der Huld und Guͤte, auf einen ſol⸗ chen Vorzug war er nicht vorbereitet gewe⸗ ſen. Ohne daher auf den Feuerfreſſer, der während des Einſammelns die Anweſenden durch neu angeſtellte Proben ſeiner Geſchick⸗ lichkeit zur Bewunderung hinzureißen bemuͤht war, nur im mindeſten weiter zu achten, ſtellte der gluͤckliche Gottfried ſich auf die Zehen und verfolgte mit trunknen Blicken unablaͤſſig den durch die Verſammlung ſich drängenden braunen Lockenkopf der reizenden — 111— Kuͤnſtlerin, bis ſie endlich, nachdem ſie ihre veſchwerliche Wanderung vollendet und der Tauſendkünſtler auf dem Gerüſt zu gleicher Zeit ſich dankend gegen die Anweſenden ver⸗ neigt hatte, mit ihm innerhalb der Thuͤr des Wirthshauſes verſchwand. Jung und Alt drängte ſich jetzt nach der Wirthöſtube hinein, durch deren geoffnete Fenſter bereits die zu minder gefahrvoller Tanzbeluſtigung einladende Feſtmuſik ſich rau⸗ ſchend vernehmen ließ. Auch Gottfried folgte dem gegebnen Beiſpiel, konnte aber, wie eif⸗ rig und angelegentlich er auch allenthalben umherſpähte, von dem niedlichen Mädchen, das ſeine Aufmerkſamkeit vor allen andern in Beſchlag genommen hatte, keine Spur weiter entdecken. Statt an dem Tanze Theil zu nehmen, in welchem das junge Volk luſtig aufjauchzend ſich zu tummeln anſing, während die Alten an die Tiſche ſich pflanzten und im vergnuͤglichen Kartenſpiel freie Zeche zu gewinnen trachteten, ſtopfte er ſich eine friſche Pfeife und wahlte ſeinen Standpunkt in der Rähe der Stubenthuͤr, mit hoffnungsvollem Verlangen dem Augenblick entgegenharrend, da die Engelsgeſtalt hereintreten und mit wiederholten Zeichen huldvoller Gewogenheit ihn begluͤcken werde. Seine Erwartung ſchien jedoch nicht in Erfuͤllung gehen zu wollen; denn wohl eine Stunde lang ſtand er wie ſeſtgewurzelt auf der Lauer, ohne dieſe ruͤhm⸗ lich ausdauernde Beharrlichkeit mit dem ge⸗ wunſchten Erfolge gekrönt zu ſehen. Endlich riß ihm die Geduld; er begab ſich forſchenden Blickes nach der Hausflur, und war, mit ge⸗ ſchäftiger Fortſetzung der angeſtellten Ent⸗ deckungsverſuche ſo eben im Begriff, durch die Hinterthuͤr in den Garten hinauszutreten⸗ als plötzlich ein von Geheul und Schluchzen begleiteter heftiger Wortwechſel, der in einer ſeitwärts beſindlichen Kammer ſich erhoben hatte, zu ſeinen Ohren drang. Gottfried trat naͤher hinzu und erkannte die Stimme des Feuerfreſſers, die in donnernde Fluche und Scheltworte ſich ergoß, während zu gleicher Zeit in abwechſelndem Zwiſchenſpiel ſich ein Geräuſch vernehmen ließ, das mit den Toben und Schelten in ſehr genauem Zuſammen⸗ hange zu ſtehen und von ausgetheilten Ohr⸗ feigen herzuruͤhren ſchien. Dem erſchrocknen Spaͤher erſtarrte ſchier das Blut in den Adern, als er, indem er lauſchend ſein Ohr zum Schluͤſſelloche hinabneigte, jetzt klar und deutlich vernahm, daß von ſeinem Achtgro⸗ ſchenſtuͤck die Rede ſei, welches der hellgruͤne Engel bei Auslieferung des geſammelten Er⸗ trages fuͤr Privateigenthum erklärt und zu⸗ ruͤckbehalten hatte. Eine an der Thuͤr be⸗ merkte Spalte ließ die bangen Ahnungen und Zweifel, die Gottfrieds Gemuͤth ergrif⸗ fen hatte, bald zur untruͤglichſten Gewißheit werden; denn es bedurfte nur eines flͤchti⸗ gen Blickes nach dem Innern des Gemaches, in welchem der Auftritt ſich ereignete, um ſogleich die ſchlanke Seiltänzerin zu erkennen, wie ſie das in Verwahrung genommene Geldſtuͤck mit ritterlich ausdauerndem Trotz gegen die wüthenden Angriffe des Feuerfreſ— ſers zu vertheidigen ſuchte, der mit der lin⸗ I. Bd. 8 ken Hand ihr die braunen Locken raufte und zerwuͤhlte, mit der rechten aber ihr fort und fort die untruͤglichſten Beweiſe unerſchöpflicher, faſt an Verſchwendung grenzender Freigebig⸗ keit zu Theil werden ließ. Gern wäre Gott⸗ fried, den der Zuſtand der Leidenden, die ſelbſt in ihrem Schmerz noch ſo reizend ſich ausnahm, tief zu Herzen ging, ihr zu Hülfe geſprungen; eine unuͤberwindliche Furcht und Scheu vor dem gewaltigen Manne, der ver⸗ ſchlucktes Werg in kniſternden Feuerfunken wieder von ſich ſpie, hielt ihn jedoch von Ausfuͤhrung eines ſo verwegenen Vorhabens zuruͤck. Den ſchonungsloſen, in ſteigender Erbitterung fortgeſetzten Beſtuͤrmungen er⸗ liegend, warf die Bedraͤngte ihrem Peiniger endlich das in geheime Sicherheit gebrachte Geldſtuͤck vor die Fuͤße, worauf dieſer ſogleich die Fehde beendigte und mit kaltbluͤtiger Ge⸗ laſſenheit einen Schluck aus der auf dem Tiſche beſindlichen Flaſche that, während die 4 Ueberwundene ſich auf einen alten hoͤlzernen Seſſel warf, und bitterlich weinend ſich das Geſicht mit der ſeidenen Schuͤrze ver⸗ huͤllte. Der Grund, zufolge deſſen Gottfried vor wenigen Augenblicken Bedenken getragen hatte⸗ ſich zu ihrem Beſchuͤtzer und Vertheidiger aufzuwerfen, hatte auch jetzt, da er ſich ge⸗ neigt fuͤhlte, ſie durch Ertheilung einer neuen, noch reichlichern Spende uͤber den erlittenen Verluſt zu troͤſten und zu beruhigen, ſeine Gultigkeit noch nicht verloren. Er hielt da⸗ her fortwährend ſich in ehrerbietiger Entfer⸗ nung, ward aber zuletzt, durch eine Bewe⸗ gung, die der Feuerfreſſer gegen die Thuͤr zu machen ſchien, von ſeinem Beobachtungs⸗ punkt verdrängt, und zog ſich wieder nach der Gaſtſtube zuruͤck, hoffend, daß im Lauf des Abends vielleicht eine guͤnſtigere Gelegenheit zu Ausfuͤhrung ſeiner gutgemeinten Abſichten ſich ihm darbieten werde. Wirklich ſah er auch bald darauf den gefuͤrchteten Schwarz⸗ kuͤnſtler zur Thuͤr hereintreten, ſich durch das Gewuͤhl der Tänzer und Zuſchauer nach einem entfernten Tiſch in der Ecke hindrängen und 8 N — 116— nach Aufziehung verſchiedner Munzſorten, un⸗ ter welchen Gottfrieds Falkenblick auch das verhängnißvolle Achtgroſchenſtuͤck zu erkennen glaubte, an dem daſelbſt ſtattfindenden Kar⸗ tenſpiel Theil nehmen. Der Himmel ſei euern Geldbeuteln gnädig! dachte Gottfried und hatte, ſobald er jenen recht in gemäch⸗ lichem Frieden zwiſchen den Mitſpielern ſitzen ſah, binnen Minutenfriſt dem Tanzgelag wieder den Ruͤcken zugekehrt. Von einer dunkeln Gewalt getrieben und durch die Er⸗ innerung an das wohlwollende Lächeln, deſſen er draußen vor allen Andern ſich zu erfreuen gehabt hatte, mit dem dazu erforderlichen Grade von Muth und Kühnheit ausgerüſtet, ſuchte er ſogleich durch ein leiſes Klopfen an die Thuͤr des Gemaches, vor welchem er zu⸗ vor nur als muͤßiger Beobachter verweilt hatte, das in Gram und Betrübniß zuruck⸗ gelaſſene Mäͤdchen von der Gegenwart des nach Einlaß veriangenden Troſtbringers zu benachrichtigen. Die darin herrſchende Todten⸗ ſtille dauekte jedoch, wie oft er auch dieſen Verſuch wiederholte, ununterbrochen fort und Gottfried merkte wohl, daß der bibliſche Spruch: Flopfet an, ſo wird euch aufge⸗ than! nicht immer in ſeiner woͤrtlichen B⸗ deutung ſich beſtätige. Seine Begierde nach einer vertrauten Unterredung mit der Liebens⸗ wuͤrdigſten ihres Geſchlechts hatte ubrigens bereits zu tiefe Wurzeln in ſeiner Seele ge⸗ faßt, um durch die erſte fehlgeſchlagene Er⸗ wartung ſich ſogleich von Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens abſchrecken zu laſſen. Auch fand er in der Hoffnung, die ſein mit unermüd⸗ lichem Eifer fortgeſetztes Rachſpähen beglei⸗ rete, ſich keinesweges betrogen, denn kaum war er durch die Thuͤr des Hintergebäudes in den Garten hinausgetreten, als er ſogleich ſeiner Vielgeſuchten in der Raͤhe eines Schwen⸗ gelbrunnes anſichtig ward, allwo ſie, den kuͤnſtleriſchen Pomp und Glanz durch Aus⸗ ubung häuslicher Tugenden in den Schatten ſtellend, uͤber einen großen Milchnapf hinge⸗ buͤckt, für den nãchſtfolgenden 59 die Struͤmpfe wuſche m — 113— „So einſam, ſo allein, mein ſchönes Kind?“ rief Gottfried, indem er vor Ueber⸗ raſchung bis an den Wirbel erroͤthend, ſich ihr näherte und es ſich ſelbſt nicht zu erklä⸗ ren vermochte, wie er bei ſeiner ſonſtigen Blädigkeit und Scheu hier plotzlich zu einer ſo kecken Anrede habe den Wut gewinnen können⸗ Das ſchöne Kint, an welches vieſe Worte 5 waren, mochte jedoch darin keinen ſo gar beſondern Verſtoß gegen Zucht und Sitte bemerken, denn es ſchaute, den frei⸗ gebigen Spender des Achtgroſchenſtuͤcks auf den erſten Blick wiedererkennend, mit einer Miene zu ihm empor, in welcher gutmuͤthige Verzeihung ſeiner Kuͤhnheit und behagliches Vergnuͤgen über ſeine Rähe ſo unverkennbar ſich ausdruͤckten, daß der Gluͤckliche, indem ſein Auge dem ihrigen begegnete, einen Blick in den Wohnſitz der Seligen zu thum glaubte. „Es ergeht Ihnen wohl mitunter recht ſchlimm?“ fuhr er, von Mitleid bewegt, zu fragen fort, um fuͤr die Gabenſpende, die er ihr zugedacht hatte, eine ſchickliche Ein⸗ leitung zu finden.„Ich habe, mit Verlaub zu reden, ſchon ſo etwas davon gemerkt!“ „Ach wie ſollte es nicht!“ erwiederte die junge Kuͤnſtlerin.„Was ich Tag fuͤr Tag von dem abſcheulichen Menſchen leiden und dulden muß, iſt nicht mit Menſchenzungen zu beſchreiben. Das ein gar grundböſer Mann!“ „Ei, iſt es denn nicht Ihr Vater?“ fragte Gottfried befremdet, indem er ſchuͤch⸗ tern und ängſtlich ſich umblickte, ob der Ge⸗ fuͤrchtete auch vielleicht bei Ertheilung dieſer Lobſpruͤche ſich lauſchend in der Nähe befinde. „Der Himmel behute!“ war die Antwort. „Jung, ſehr jung hat er mich irgendwo ge⸗ ſtohlen und mich ſeitdem die Kreuz und Quer in der weiten Welt mit ſich umhergeſchleppt. Seine Tochter bin ich, Gottlob! nicht, muß aber wohl bei ihm aushalten, denn wo ſoll ich atmes verlaſſenes Geſchöpf ſonſt wohl hin?“ „Wo du hin ſollſt, Schätzchen? Das will ich dir gleich ſagen!“ rief der fröhlich begei⸗ ſterte Gottfried.„Nach Bruchfeld ſollſt du! dort wohnt mein Vater, der reiche Voll⸗ bauer Lerche, wenn du vielleicht ſchon von ihm gehört haſt, der dich mit offnen Armen aufnehmen wird. Was dann aus uns beiden mit der Zeit etwa noch werden koͤnnte,“ ſetzte er mit verſchämtem Lächeln hinzu,„nun, das wollen wir der Zeit uͤberlaſſen, wenn ich dich nur vor allen Dingen erſt in Sicherheit ge⸗ bracht habe. Wie iſt denn dein Name, wenn ich fragen darf?“ „Florabelle!“ verſetzte die holde Wäſcherin, indem ſie mit ſich ſelbſt nicht einig zu ſein ſchien, ob ſie zuerſt ihre Verwunderung uͤber dieſen Antrag, oder die in ihr aufſteigenden mißtrauiſchen Zweifel gegen den Ernſt ſeiner Rede an den Tag legen ſolle. Gottfried wußte jedoch durch ſeine, von dem treuher⸗ zigſten Mienenſpiel begleitete, Beredſamkeit die obwaltenden Bedenklichkeiten ſiegreich aus dem Wege zu räumen, und ihr den Empfang⸗ deſſen ſie in Bruchfeld ſich zu verſehen habe, in ſo reizenden Bildern vor die Seele zu * fuͤhden, daß ſie dem preiswurdigen Anerbie⸗ ten des ſtattlichen, ſchlanken Burſchen, der in immer vortheilhafterm Lichte ihr zu er⸗ ſcheinen anfing, je naͤher ſie ihn betrachtete, nicht länger zu widerſtehen vermochte. Voll Freude uber den Wink der ſchon längſt ge⸗ wuͤnſchten, jetzt auf ſo unerwartete Weiſe ſich darbietenden Gelegenheit, von dem Joch ihres Tyrannen ſich fuͤr immer losreißen zu können, verſprach ſie dem Befreier, den ihre Rachgiebigkeit mit wonnigem Behagen er⸗ fullte, nach Verlauf einer Stunde, wenn die Racht völlig hereingebrochen ſei, mit ge⸗ ſchnuͤrtem Buͤndel hier im Garten ſich ein⸗ zuſtellen, und ſodann bis an das Ende der Welt ihm zu folgen, hoffend, daß er ſie gluͤcklich nach Bruchfeld geleiten und ihr da⸗ ſelbſt ein wuͤnſchenswertheres Loos verſchaffen werde. Rach Verabredung dieſes Entwurfs nahm Gottfried, um nicht etwa von dem alten Gaukler hier am Brunnen uͤberraſcht zu wer⸗ den, ſeinen Weg wieder nach der Gaſtſtube, und fand denn auch in der That gar bald urſache, ſich zu der gehabten Vorſicht Gluͤck zu wuͤnſchen. Schon auf der Hausflur drang nämlich ein ſo larmvolles Toben zu ſeinen Ohren, daß die Liebe ihn bereits des freien Gebrauchs aller ſeiner Sinne hätte beraubt haben muͤſſen, wenn er daſſelbe nur einen Augenblick lang für Tanzmuſik hätte hal⸗ ten ſollen. Er hielt es vielmehr, durch die Mithuͤlfe fruͤherer Erfahrungen in ſeiner Ver⸗ muthung unterſtuͤtzt, ſogleich fuͤr das, was⸗ es war: fuͤr einen unter den froͤhlich ver⸗ ſammelten Gäſten ausgebrochenen, vollſtändi⸗ gen Fauſttampf; und es war ihm jetzt nur noch darum zu thun, mit den eigentli⸗ chen Beweggrunden zu dieſer ritterlichen Be⸗ luſtigung ſich ein wenig näher bekannt zu machen. Auch hierüber ſollte ihm bald der gewuͤnſchte Aufſchluß zu Theil werden; denn kaum hatte er ſich der Stubenthuͤr bis auf wenige Schritte genähert, als der Feuerfreſ⸗ ſer ihm mit einer Haſt und Eilfertigkeit ent⸗ gegen flog, die unmöglich ein Probeſtuͤck der eignen Gewandtheit, ſondern nur das Werk mehrerer, auf gleichen Zweck hinarbeitender Kräfte ſein konnte. Um den feindſeligen Launen des Glückes, das ſeinen heutigen, muͤhevollen Erwerb ihm hier am Spieltiſch wieder bis auf den letzten Heller ſchmählern zu wollen ſchien, eine veränderte Richtung anzuweiſen, und vielleicht in der Hoffnung, daß die Mitſpielenden, die früherhin an ſei⸗ nen draußen auf den Brettern angeſtellten Kunſtuͤbungen ein ſo ausnehmendes Behagen gefunden hatten, auch jetzt, ohne die Ur⸗ ſacche durchſchauen zu können, nur auf die dadurch hervorgebrachte Wirkung ihre Auf⸗ merkſamkeit lenken würden, hatte er ſeinen Fingern insgeheim eine Rolle zu ſpielen auf⸗ getragen, von welcher er, fuͤr die Wiederher⸗ ſtellung ſeiner dahinſchwindenden Baarſchaft ſich den gluͤcklichſten Erfolg verſprechen zu duͤrfen glaubte; war aber, der Aufbietung aller ſeiner Geſchicklichkeit zum Trotz, über den heimlich unternommenen Glucksverbeſſe⸗ rungen ertappt, und nachdem er der Ver⸗ — ſammlung einige Minuten lang zum Fang⸗ ball gedient, auf eben erwähnte Thuͤr hinausbefordert worden. Gottfried verwunderte ſich unfangs ni wenig, daß der Mann, dem, ſeiner Meinung nach, alle Elemente zu Gebot ſtanden„ſatk uͤber ſeine Widerſacher eine Ladung verwu⸗ ſtender Feuerflammen ergehen zu laſſen, mit nur ſchwach abwehrender Kraft ſich verthei⸗ digte und mit der Geberde eines ängſtlich zagenden Fluͤchtlings nur auf die gluͤckliche Fettung nach ſeinem ferngelegenen Gemach ſein ausſchließliches Augenmerk gerichtet zu haben ſchien. Eben dieſer letztere Umſtand erfüllte ihn aber auch zugleich mit den qual⸗ vollſten Beſorgniſſen, in Bezug auf den ver⸗ wegenen draußen am Brunnen mit Flora⸗ bellen entworfenen Plan, bei deſſen Verabre⸗ dung auch ſie auf die Ausdauer des Alten am Spieltiſch, dem Anſchein nach, ſo zuver⸗ ſichtlich gerechnet hatte. Den ganzen Abend ſchlich er daher ſo mißmuthig und niederge⸗ ſchlagen, als ob er ſelbſt an den jüngſtver⸗ wichenen Thaten und Schickſalen des Feuer⸗ freſſers zu ſeinem Schaden Theil gehabt hätte, bald in der Wirthöſtube, wo, nach Hinwegräumung des Störenfrieds die Ruhe ſogleich wieder hergeſtellt worden war, bald auf der dunkeln Hausflur umher, auf welcher er, ſo oft er lauſchend und horchend dem Wohngemach der beiden Kuͤnſtler ſich näherte, ein mit abwechſelnd ſteigender und ſinkender Heftigkeit gefuͤhrtes Geſpräch vernahm, das in kurz abgeriſſenen Sätzen uber die Undank⸗ barkeit und verminderte Achtung der Welt gegen die Kunſt und ihre Junger ſich zu er⸗ ſtrecken und mit Hindeutung auf mehrfache ſchmerzliche Erfahrungen dieſer Art der ruch⸗ loſen Verderbtheit des geſammten Menſchen⸗ geſchlechts ohne Gnade und Varmherzigkeit den Stab zu brechen ſchien. Erſt gegen Mitternacht trat eine Stille ein, an welcher die faſt aufgegebene Hoffnung des Schmach⸗ tenden ſich allmählig wieder zu beleben an⸗ fing, da er ſie dem Schlummer zuſchrieb, der die muͤden Augenlieder des Dulders jetzt end⸗ „ 6 — 126— lich geſchloſſen habe, und welcher, zufolge der vorangegangenen ſtarken Leibesbewegung, dann auch ſo tief und feſt zu werden verſprach, daß Florabelle bei einigem Aufwand an Muth und Schlauheit ihre Zuſage wohl vielleicht noch werde erfuͤllen können. Ohne Zeitverluſt begab der Reiſefertige ſich jetzt hinaus in den Garten, wo er von rabenſchwarzer Dunkelheit umringt, ſich in der Rähe des Brunnens auf die Lauer ſtellte und zitternd vor Unruhe und Ungeduld dem vienuc entgegen harrte, da die Hinter⸗ thuͤr ſich öffnen und Florabelle ſich ſeiner leitenden Obhut uͤberliefern werde. Endlich⸗ nachdem er wohl eine halbe Stunde lang, unbeweglich wie ein Meilenzeiger, auf ſeinem Poſten geſtanden und kaum zu athmen ge⸗ wagt hatte, knarrte die Thuͤr und geflügelten Schrittes eilte die Erſehnte, ein Buͤndel un⸗ ter dem Arm, uͤbrigens aber ganz in der Kleidung, in welcher ſie das Herz des Juͤng⸗ lings zuerſt mit den Vanden der Liebe um⸗ ſtrickt hatte, dem ſtilharrenden Befrager ent⸗ — 127— dieſer ſie bei der Hand und im Nu war die Hecke uberſprungen, welche den Garten von der daran hinlaufenden Landſtraße trennte. Beide ſchlugen jetzt, ohne ein Wort mit ein⸗ ander zu wechſeln, ihre Richtung nach der⸗ jenigen Seite des Dorfes ein, auf welcher die rund herum ſich erſtreckende, ungeheure Waldung am geſchwindeſten zu erreichen warz als ſie aber in trabendem, quer uͤber die * gegen. Mit ſtuͤrmiſcher Eilfertigkeit ergriff Stoppeln und Graben gehenden Laufe die Feloflache durcheilt, und bereits einen Theil des jungen Kiefergebuͤſches, mit welchem die Waldgegend begann, gluͤcklich im Rücken patten, brach Gottfried das Stillſchweigen und geſtand, daß er jetzt vor allen Dingen erſt ein wenig zu Athem kommen muͤſſe, be⸗ vor ſeinerſeits an die weitere Fortſetzung ihrer nächtlichen Wanderung zu denken ſei. Auch war er der Gegend, in welcher ſie ſich be⸗ fanden, ſo ziemlich unkundig, und mußte daher erſt eine geraume Zeitlang, in ange⸗ ſtrengtem Nachſinnen den Finger an die Raſe —— legen, um die muthmaßliche Richtung ange⸗ ben zu können, welche ſie zu Erreichung ihres Ziels von nun an zu beobachten hätten. So ſchritten ſie denn, nachdem Gottfried von der gehabten Anſtrengung ſich einigermaßen er⸗ holt und ſeiner Begleiterin das Bundel ab⸗ genommen hatte, Arm in Arm von neuem quer durch die Waldung dahin, indem ſie durch traulich fluſterndes Geſpräch ſich für die Unmöglichkeit, einander in der ſtockfin⸗ 3 ſtern Racht klar und frei ins Auge ſchauen zu können, ſchadlos zu halten, und daruͤber zugleich die Beſchwerden ihres pfadloſen Um⸗ herirrens zu vergeſſen ſuchten. Wohl merkte Gottfried, daß von dem keichten⸗ ſeidenen Rei⸗ ſegewand ſeiner reizenden Gefährtin an dem wildwuchernden Gezweig, durch welches ſie von Zeit zu Zeit ſich hindurch winden muß⸗ ten, ſo manches Bruchſtuͤck zurüͤckbliebe, ließ aber, ob ihm dabei gleich jedesmal ein Stich durchs Herz ging⸗ ſeine, in mitleidiger Theil⸗ nahme ſich regenden Empfindungen nicht eher laut werden, bißs Florabelle ſelbſt immer ſtiller wurde und am Ende, auf ſein wiederholtes zärtliches Befragen, in wehmüthigen Seuf⸗ zern erklärte, daß ſie ihm nun bald nicht weiter werde folgen können, weil ſie auf dem ſcharfen Wurzelwerk und Dorngeſtripp, uber welches er ſie geführt, ſich die Fuͤße bereits wund gegangen habe. Zum Gluͤck ſtrahlte ihnen bald darauf zwiſchen den hohen Baum⸗ ſtämmen ein Lichtſchimmer entgegen, auf welches ſie, von der Noth des Augenblicks gedrängt, um ſo getroſter losſtenerten, da ſie gegenwärtig ſich von Zeidelsheim weit genug entfernt glaubten, um vor jedem unwillkom⸗ menen, der gluͤcklichen Beendigung ihres aben⸗ theuerlichen Umherwanderns Gefahr drohen⸗ den Ueberfalle geſichert zu ſein⸗ Nur weni⸗ ger Schritte bedurfte es noch und ſie gelang⸗ ten jetzt zu ihrer großen Freude auf die breite durch den Wald fuͤhrende Heerſtraße, an welcher ein anſehnliches Gebaäude ſich befand⸗ das Gottfried, zufolge der auf dem Hofe ſtehen⸗ den Frachtwagen und des im Innern herr⸗ ſchenden regen Getummels, nicht mit Unrecht I. Bd. 9 für ein Wirthshaus hielt, obgleich er ſich nicht erinherte, jemals in dieſe Gegend gekommen zu ſein. Da der bemitleidenswerthe Zuſtand, in welchen Florabelle, ihrer Ausſage nach, ge⸗ rathen war und ſein eignes Verlangen, nach einem erquickenden Labetrunk, den letzten Reſt von Bangigkeit und Beſorgniß in ſeiner Bruſt erſtickt hatten, trat er ohne Bedenken mit ihr in den Hofraum, wo er den Wirth des Hauſes antraf, dem er es frei ſtellte, von dem, zur Beſchoͤnigung der nächtlichen Wall⸗ fahtt in der Geſchwindigkeit erſonnenen Maͤhr⸗ chen ſo viel zu glauben, als ihm beliebez nach deſſen Anhoͤrung dieſer, verwundert über den ſpäten Beſuch und ſchelmiſch lächelnd, den beiden Fluͤchtlingen voran ging, um ihnen die Gäſtſtube zu öffnen und ihnen die begehr⸗ ten Erfriſchungen zu reichen. Zwar ſtutzte Gottfried nicht wenig, als er jetzt auf ſein nchläſſig hingeworfenes Befragen erfuhr, daß Zeidelsheim nur eine halbe Stunde Weges von hier entfernt liege, und daß er mithin⸗ ſtatt dem erſehnten Ziele der Wanderung . merklich näͤher gekommen zu ſein, in nutzloſer Anſtrengung an der Seite ſeiner Geliebten nur einen ziemlich bedeutenden Halbzirkel um das naͤmliche Dorf beſchrieben habe, von wannen ihre Flucht unternommen worden — doch ſuchten beide ihren Verdruß uber einen ſo unangenehmen Vericht moͤglichſt ge⸗ heim zu halten, und folgten in Erwägung der zunächſt zu beherzigenden, dringenden Um⸗ ſtände ihrem Fuͤhrer mit anſcheinender Ge⸗ muthsruhe nach dem Innern des Hauſes. Sie fanden hier nur einige in Tabacksqualm gehuͤllte Fuhrleute, die in lautlärmender Un⸗ terredung uͤber Krieg und Frieden verhan⸗ delnd, um den Tiſch ſaßen und ſich munter zutranken, uͤbrigens aber um die Eintreten⸗ den ſich wenig zu bekuͤmmern ſchienen. Still geleitete Gottfried die Ermattete, die ſich kaum noch auf den Fuͤßen zu halten vermochte, und in ihrem, vom häkelnden Dorngeſtripp jämmerlich zerfetzten Gewande ganz das Anſehen hatte, als ob er in ritter⸗ lichem Kampf ſie recht eigentlich aus den 9 132— Krallen reißender Thiere befreit habe, nach einem ferngelegenen Winkel, ſetzte ſich hier an ihre Seite und begann mit dem ganzen Aufwand zärtlicher Theilnahme, der ihm nur immer zu Gebote ſtand, ihr ſein Bedauern an den Tag zu legen und ſie auf die baldige Beendigung aller Beſchwerden und Wider⸗ wärtigkeiten zu vertroͤſten. Rur gering war indeß der Erfolg ſeiner mit ſo unverdroſſe⸗ nem Eifer angeſtellten, redlichen Bemuͤhun⸗ gen; große Thränentropfen, bei deren An⸗ blick dem Geängſtigten das Herz zerſpringen wollte, rollten ihr fortwährend uͤber die blu⸗ henden Wangen hinab, nur durch wiederholte Seufzer ſchien ihre klopfende Bruſt ſich Luft machen zu konnen und das krampfhafte Zit⸗ tern, mit welchem ſie den Händedruck des Geliebten erwiederte, zeugte von der ſturmi⸗ ſchen Bewegung, in welcher ihr We⸗ ſen ſich befinde. „Herzenskind, ſo ſage 6 nur, wo es dir fehlt, und was du verlangſt!“ rief Gott⸗ fried, den bei Wahrnehmung ihres troſtloſen Zuſtandes der Gedanke an die weitere Fort⸗ ſetzung ihrer Reiſe mit Schaudern und Ent⸗ ſetzten erfuͤllte. „Ach, ich bin ſo hungrig, ſo ſehr hungrig!“ zammerte ſie und mit Pfeilesſchnelle ſchoß Gottfried jetzt auf den, bereits mit Herbeiho⸗ lung des ſchon früher beſtellten Inbiſſes be⸗ ſchäſtigten Wirth zu, um mit angelegentli⸗ chem Ungeſtum, ihm die ſchleunige Anförde⸗ rung des Verlangten zur Gswiſſensſache zu machen. In der That wirkten denn auch die bald darauf herbeigebrachten Teller mit Lebensmitteln weit ſichtbarer und wohlthäti⸗ ger auf den Gemüthszuſtand der Schmachten⸗ den, als es alle mit äberſtrömender Bered⸗ ſamkeit vorgetragene Troſtgründe zuvor ver⸗ mocht hatten; denn wie von unſichtbarer Hand getrocknet, verſiegten jetzt ihre Thrä⸗ nen, mit ihnen zugleich ließ auch das ſchmerz⸗ liche Seufzen nach, und mehr und mehr be⸗ gann das Antlitz ſich zu erheitern, das noch vor wenigen Augenblicken nur von Kummer und Betruͤbniß erfuͤllt, teines freundlichen nigem Vergnügen weidete Gottfried ſich an der exemplariſchen faſt an Heißhunger gren⸗ zenden Eßluſt, die ſeine Angebetete an den Tag legte, und dem Himmel dankend, daß er ſeiner zuvor gehegten Beſorgniß ſo leichten Kaufes überhoben ſei, folgte er alsbald ihrem Beiſpiel und verzehrte ſehr geruͤhrt ein gro⸗ ßes Stuͤck von dem Schinken, den ſie ihm, indem er in zweifelhafter Wahl die aufge⸗ tragenen Gottesgaben muſterte, als wohlſchmeckend angeprieſen hatte. „Du mußt äber doch auch etwas dazu trinken, liebes Schätzchen!“ unterbrach er nach einer Weile das Stilſſchweigen.„Was ſoll 3 denn aufttagen laſſen, Weißbie oder— „Bittre Pommetanzen oder Golpwaſer⸗ wenn es ſein könnte!“ lispelte ſie mit ver⸗ ſchämter Sehnſucht; und kaum hatte ſie den Wunſch geaußert, als Gottfried auch ſchon auf Befriedigung deſſelben bedacht war. Mit den Pflichtgeſetzen der guten Bewirthung hin⸗ Lächelns mehr fähig zu ſein ſchien. Mit in⸗ länglich vertraut, ſchenkte ern ihr nunmeht ſo fieißig ein, daß es⸗ zufolge des daraus entſtandenen zarten Wechſelſpieles, faſt den Anſchein gewann, als hege er einen eben ſo entſchiedenen Abſcheu gegen die leeven, wie ſie gegen die vollen Gläſer. Er ſelbſt hielt ſich mittlerweile an den von ihm zuerſt in Vor⸗ ſchlag gebrachten Erquickungstrant, deſſen ge⸗ ringere geiſtige Kraft aber keinesweges ihn abhielt, den Frohſinn zu theilen, welcher an Florabellen, indem ſie gemuͤthlich ſchmauſend und zechend neben einander ſaßen, von Mi⸗ nute zu Minute bemerklicher ward und mit⸗ unter ſchier in offenbare S . ſchien. 0 mnn 6e un lRn Da erhob ſich plötzlich— dem Hofe ein larmendes Getoͤſe, das ihnen, gleich einem unerwarteten Gewitterſchlage, zu den⸗ Ohren drang und ſogleich allem Scherz und⸗ Vergnuͤgen ein Ende machte. Gott ſteh⸗ uns bei!“ kreiſchte Florabelle, welche in dem vor der Hausthur entſtandenen, mit wilder“ Heftigkeit und Erbitterung gefuhrten Wort⸗ wechſel klar und deutlich die Donnerſtimme ihres biöherigen Brotherrn zu unterſcheiden glaubte.„Er hat uns nachgeſetzt! wir ſind entdeckt, wir ſind verloren!“ Gottfried wußte nicht, ob er unter den Tiſch kriechen, oder vor denſelben ſich ſtellen ſolle, um die Ge⸗ liebte gegen die Angriffe des Wüthenden bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen, die Zähne klapperten, die Knie ſchlotterten ihm und betäubt vor Entſetzen griff und wühlte er mit der Hand in der vor ihm ſtehenden Burter umher. Seine Nachbarin aber ſtieß, alle ihre Geiſtesgegenwart zuſam⸗ menraffend, den hinter ihnen befindlichen Fen⸗ ſterflügel auf, und kaum, daß Gottfried den eindringenden Luftſtrom verſpurte, war ſie auch ſchon mit der Gewandtheit und Schnelle eines Vogels hinaus geſchlupft. Raſch ſchwang er, da dieſer Anblick ihm die Beſinnung ſo⸗ gleich zuruckfuhrte, ſich empor, um ihrem Beiſpiel zu folgenz; wät auch, in peinlicher Eilfertigkeit ſich hindurch zwätlgend, mit dem halben Leibe bereits im Freien; als er zu 1 — 17— ſeinem tödtlichen Schrecken ſich plotzlich bei den Beinen gefaßt und, alles Straubens und Stoßens ungeachtet, von einer ſo iberlege⸗ nen Gewalt ruͤckwärts gezogen fühlte, daß er, unfähig, etwas dagegen auszurichten, ſchon in wenigen Augenblicken ſich wieder, obwohl anfangs in umgekehrter Ordnung⸗ auf der Bank innerhalb des Fenſters befand⸗„So haben wir nicht gewettet, Patron!“ rief der Wirth, gegen deſſen vorherige Dienſtgefällig⸗ keit der jetzt angenommene, gebieteriſche Ton gewaltig abſtach;„bei uns zu Lande geht der Weg nicht zum Fenſter, ſondern zur Thür hinaus! Wird er jetzt gleich bei Heller und Pfennig die gemachte Zeche bezahlen oder ſoll ich ihn windelweich—“ „Beſter Freund!“ unterbrach ihn Gott⸗ fried, indem er, ſehr erfreut, ſtatt des Feuer⸗ freſſers nur den Wirth des Hauſes vor ſich zu ſehen, ſogleich den Beutel zog und den Betrag der verlangten Summe auf den Tiſch hinzählte;„wenn es weiter nichts iſt! Mit den paar lumpigen Groſchen wäre ich ihm wahrlich nicht davon gelaufen! Oder ſehe i aus wie ein Spitzbube?“ „Ei behuͤte der Himmel!“ verſege der Beſänftigte.„Es iſt nur ſo eine Art von Krampf, den ich zu manchen Zeiten in die Finger bekomme. Da muß ich denn alles, was mir den Ruͤcken kehren will, feſthalten; ich mag wollen oder nicht. Rein, arge Ge⸗ danken habe ich dabei nicht weiter gehegt!“ „Was war denn das aber,“ fuhr jener zu fragen fort,„fuͤr ein greulicher Lärm, der ſich ſo eben von Poſſtits her verneh⸗ men ließ?“ mn „Hatte nicht ſynderlih viel 8 ſagen,“ entgegnete der Wirth mit kaltblutigem Gleich⸗ muth.„Eine Pruͤgelei unter den Fuhrleuten, wie ſich faſt tagtäglich ereignet, ſo daß man für alle die blutigen Kopfe, die man hier zu ſehen bekommt, genug. . kann“ Beide druͤckten wecſet mit Sicertſtn ſich zum Abſchied die Hände und nach Verlauf einiger Augenblicke befand Gott⸗ —— fried ſich wieder zwiſchen den Baumen des Waldes, wo er, das Bundel unter dem Arm⸗ mit zärtlicher Sehnſucht nach der Verſchwun⸗ denen umher zu ſpähen anfing und ihr ſeine Gegenwart durch Huſten und Rauspern zu erkennen zu geben bemuͤht war. Der im letzten Viertel ſtehende Mond war während deſſen aufgegangen und erhellte mit mattem Schimmer den ſchaurig öden Forſt; von Flo⸗ rabellen aber war nirgends eine Spur zu ent⸗ decken. Schon ſtieg die graunvolle Beſorgniß in ihm auf, daß ſie in der Angſt ſich zu weit von dem Hauſe entfernt und in der unwirth⸗ baren Wildniß ſich verirrt haben mochts; da vernahm er ploͤtzlich ein leichtfertiges Ki⸗ chern, das ſeinen Scherz mit ihm zu treiben und ganz aus der Rähe zu kommen ſchien. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit ſchaute Gott⸗ fried, um die Urheberin deſſelben zu entdecken, nach allen Seiten umher, bemerkte aber mit Verdruß, daß keine, der auf ebener Erde angeſtellten Nachforſchungen von gewuͤnſchtem Erfolge ſei. Da richtete er endlich, fortwäh⸗ rend gefoppt und geneckt, ſeinen Blick in zweifelhaftem Befremden nach der Höhe em⸗ por, und ein eiskalter Schauer durchlief ihm Mark und Bein, als er auf dem thurmhohen Gipfel einer Fichte Florabellen von Aſt zu Aſt, gleich einem Eichhörnchen, umherklet— tern und mit tändelnder Leichtigkeit mehrere der gefaͤhrlichen Kunſtſtuͤcke wiederholen ſah, bei deren Veruͤbung er ihr ſchon geſtern, ob⸗ gleich noch nicht durch ſo innige Bande mit ihr verſtrickt, nicht ohne banges Herzklopfen hatte zuſchauen können.„Komm herauf zu mir, Schätzchen!“ rief ſie ſchäkernd ihm zu; „hier oben ſoll uns kein Menſch etwas zu Leide thun.“ Gottfried aber, der, vom Schwindel ergriffen, kaum auf dem ſichern Grund und Boden aufrecht zu ſtehen ver⸗ mochte, hielt ſich beide Rockſchoße vor das Geſicht und beſchwor ſie bei allen Heiligen des Kalenders, ihn durch ſchleunige Beendi⸗ gung des gräßlichen Scherzes von der Todes⸗ angſt zu befreien, die mit zermalmender Ge⸗ walt mehr und mehr in ſeineln Innern aͤber⸗ hand nehme. Es waͤhrte jedoch, indem ſie an der Herzenspein und gekruͤmmten Stellung des Vedrängten ſich weiblich zu ergötzen ſchien, geraume Zeit, bevor ſie ſeinem fortgeſetzten Bitten und Flehen nachgab und an dem zweiglos glatten Baumſtamme endlich zu ihm herab gerutſcht kam. Beide ſetzten hierauf, er brummend und ſchmollend, ſie lachend und Poſſentreibend, ihre Wanderung fort und hatten den Ausgang des Waldes faſt erreicht, als Florabelle plötzlich unter der Verſicherung⸗ daß ſie jetzt vor Ermuͤdung nicht weiter koͤnne und nothwendig erſt einige Augenblicke ausruhen muͤſſe, ſich an einem, mit weichem Moos bewachſenen Abhange des Gebuͤſches niederwarf.„Nur ein kleines Viertelſtuͤnd⸗ chen noch, liebes Herz, dann ſind wir in Bruchfeld!“ rief Gottfried, indem er er⸗ ſchrocken ſich zu ihr hinabneigte und ihr die Wange ſtreichelte. Sie aber blieb taub bei ſeinen Vorſtellungen, denn mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt hatte der Schlaf ihr bereits die Augen geſchloſſen. Was war zu thun? Gottfried mußte ſich in ein Schickſal finden, deſſen Abänderung nicht in ſeiner Macht ſtand; denn zu An⸗ wendung ermunternder Gewaltsmittel konnte ſein weich geſchaffnos Herz ſich durchaus nicht entſchließen. Er waär daher, zumal da er bemerkte, daß die Entſchlummerte in ihrer leichten Bekleidung heftig zu zittern anſing, jetzt nur daraufß bedacht, ſie vor dem ver⸗ derblichen Einfluß des kalten Herbſtnebels ſo viel als moglich zu ſchuͤtzen und ſicher zu ſtel⸗ len. In der Hoffnung, daß der Inhalt des Buͤndels ihm zu Erreichung ſeiner gutge⸗ meinten Abſicht fötderlich ſein werde, oͤffnete er daſſelbe, erblickte hier allerlei glänzendes Geſchmeide, das dem Anſehen nach zwar von ſehr koſtbarem Werthe, fuͤr den gegenwärti⸗ gen Bedarf aber ganz und gar nicht geeignet war, bis er endlich nach langem Herumwuͤh⸗ len eine Art von Mantel hervorzog, der einen ſehr abentheuerlichen Anblick gewährte, und nach dem Kniſtern zu urtheilen, aus zu⸗ ſammengenaͤhtem, mit gleißender Ockerfarbe — uͤberſtrichenen Zuckerpapier verfertigt zu ſein ſchien. Gottfried warf mit ſorgſamer Hand ihn über die Schlummernde hin; die luftig⸗ loſe Bedeckung hatte jedoch nicht den ge⸗ wuͤnſchten Erfolg. Das froͤſtelnde Zittern dauerte fort, und vor dem merklichen Klap⸗ pern mit den Zähnen, das ſich ihm allmäh⸗ lig beigeſellte, verſtummte der letzte Zweifel, daß das wunderliche Gewand ſeiner urſprung⸗ lichen Beſtimmung noch mehr auf die Pracht, als auf die Bequemlichkeit berechnet ſei. Jetzt vermochte Gottfried dem Drange des in ſei⸗ ner Bruſt ſich regenden Mitleids nicht länger zu widerſtehen, raſch zog er ſeinen, mit war⸗ men Flanell gefuͤtterten Sonntagörock ab und hatte denn auch bald Gelegenheit, den ent⸗ ſchiedenen Triumph zu bemerken, den derſelbe uͤber ſeinen Vorgänger davon trug. Rauh und ſcharf pfiff der Rordwind durch die einſame Waldung, wahrend Gottfried, um nach der entſchloſſenen Selbſtberaubung, von innen heraus ſich zu erwärmen, mit ſtarken Schritten vor dem ſchlummernden Mädchen, die Hände reibend, auf und ab trabte, und der ſteigende, am Backenbarte des Wanderers zu Tropfen ſich geſtaltende Fruͤhnebel ihm munter zwiſchen die Halsbinde hinablief. Des eignen Ungemachs uͤber dem harmlos ruhigen Schlummer vergeſſend, in welchen er jetzt die Geliebte ſeines Herzens verſenkt ſah, warf er, ſo oft er der Stelle ſich näherte, ſchmunzelnde Seitenblicke auf ſeinen Sonntagsrock und weidete ſchon im voraus ſich an dem dankbar wohlwollenden Lächeln, mit welchem Florabelle beim Erwa⸗ chen ihn fuͤr das ſtillbeſcheidne, aus zärtlicher Fuͤrſorge ihr gebrachte Opfer belohnen werde⸗ So begann denn der Morgen zu dämmern, und Gottfried, dem es, nach reiflicher Ueberlegung der obwaltenden Ver⸗ hältniſſe, nicht eben gerathen ſchien, ſeinen Einzug in Bruchfeld am hellen Tage zu hal⸗ ten, näherte ſich jetzt der Schlummernden und ſuchte durch ſanftes Schuͤtteln ſie zu er⸗ muntern. Sie ſchlug die Augen auf; ſchien aber auf den, ihr unbewußt zu Theil gewor⸗ — 145— denen neuen Beweis der zärtlichen Sorgfalt ihres Geliebten weit weniger zu achten, als dieſer ſich vorgeſtellt hatte; ſondern fing ſtatt deſſen ſogleich mit Verdruß und Unmuth ſich uͤber ein heftiges Reißen im Kopfe zu beklagen an. Unter fortgeſetztem Bitten und Zureden gelang es ihm jedoch, ſie auf die Beine zu bringen; und gluͤcklich und unbe⸗ merkt langten ſie auf dem Umwege, welchen einzuſchlagen Gottfried fuͤr rathſam hielt, endlich am Ziel ihrer beſchwerlichen Wande⸗ rung an. Beunruhigt durch den Gedanken an den zweifelhaften Empfang, deſſen ſie ſich zu verſehen habe, ſchmiegte ſich Florabelle, je näher ſie dem Wohngebäude kamen, immer ängſtlicher an ihren Gefährtens dieſer laber, ſeiner Sache gewiß, ſprach ihr Muth ein und fuͤhrte ſie durch die Hinterthuͤr nach einem in der Naͤhe der Wohnſtube befindlichen Win⸗ kel der Hausflur, allwo er in fluſternden Worten ſie erſuchte, hier ſtill und vuhig ſeine baldige Wiederkehr abzuwarten. Er ſelbſt öffnete jetzt leiſe die Thuͤr der Wohnſtube 1. Bd. 10 und ſteckte behaglich läͤchelnd den Kopf hin⸗ ein; ward aber von nicht geringem Beftem⸗ den ergriffen, als er die Mutter in Thränen ſchwimmen und den Vater, beide Hände in den Rocktaſchen, zornig auf und abſchreiten ſah.„Wo haſt du ſo lange geſteckt? lieder⸗ licher Nachtſchwaärmer!“ donnerte ihm der Alte entgegen; Gottfried aber ließ durch di⸗ ſen Zuruf, wie gering auch die Aufmunte⸗ rung war, die fuͤr jeden andern darin gele⸗ gen hätte, ſich nicht irre machen, ſondern er⸗ theilte, ſich ruͤckwaͤrts wendend, Florabellen einen verſtohlnen Wink.„Da ſeht! die mag auch ſagen, wo ich ſo lange geſteckt habe!“ rief er aus, indem er heimlich triumphirend ſie hereinfuͤhrte und mit feierlichem Geber⸗ denſpiel dem Vater als die Braut vorſtellte, die er, der erhaltenen Ertanbniß zufolge, un⸗ tet den Töchtern des Landes ſich ausetkohren und mit welcher er nur deshalb nicht früher in Bruchfeld habe eintreffen können, weil ihre Entführung aus der Rähe des Un⸗ menſchen, der bisher ſie in Gewahrſam ge⸗ halten, durchaus nicht anders als bei nächt⸗ licher Weile ins Werk zu richten geweſen ſei. — Der erſtaunte Alte ſchien bei Anhoͤrung dieſer Botſchaft den Gebrauch der Sprache gaͤnzlich verloren zu haben, in zweifelhaft forſchendem Verſtummen lief ſein Blick Mi⸗ nuten lang bald an dem Berichterſtatter ſelbſt, bald an der zitternden Gefährtin deſſelben, die vor Angſt und Verwirrung in den Boden ſinken zu wollen ſchien, auf und nieder, als ob er durch irgend ein betruͤgliches Blend⸗ werk, deſſen nähere Beſchaffenheit er fuͤr den erſten Augenblick zu enträthſeln vermoͤge, ſich bethoͤrt glaube. Als Gottfrieds geſchwätziger Eifer jedoch von neuem darauf hinzuarbeiten anſing, ihm die Wirklichteit alles deſſen, was er ſah und hoͤrte, ſo begreiflich zu machen, daß er unmoͤglich länger den zuvorgehegten Zweifeln Raum geben konnte, ward auch ihm endlich die Zunge geloͤſt.„Menſch, biſt du von Sinnen?“ ſchrie er mit wuthfunkelndem Blick; und bevor Gottfried noch uͤber ein ſo höchſt ſeltſames Benehmen ſich nähern Auf⸗ 10* fchluß zu erbitten im Stande war, hatte der Ergrimmte das erſchrockene Mädchen mit kräftiger Fauſt bereits am Sammtkragen ge⸗ faßt und aus dem Hauſe geworfen. Von namenloſem Schauder ergriffen, wollte Gott⸗ ſtied der fortgeſchmetterten Geliebten nach⸗ ſetzen; der Alte aber vertrat ihm den Weg⸗ riß ihm das Buͤndel aus der zitternden Hand, ſchleuderte es hinaus auf den Hof und ver⸗ ſchloß die Thuͤr.„Keinen Schritt aus dem Hauſe, wenn nicht ein unfehlbares Unglück daraus entſtehen ſoll!“ fuhr der Erbitterte zu toben fort.„Glaubſt du, Grutzkopf, daß ich mir von dir auf der Raſe herumſpielen⸗ und mir die erſte beſte, von der Straße aufge⸗ griffene, zerlumptẽ Landſtreicherin als Schwie⸗ gertochter aufheften laſſen will? Das wäre mir eine ſaubre Wirthſchaft! Vom Morgen bis in die ſpäte Racht verdiente ich ja durch⸗ geprügelt zu werden, wenn ich mir ſo was gefallen ließe!“ Der Vortrag dieſer Rede geſchah mit ſo eindringlich beſtimmter Hal⸗ tung des Tons und Mienenſpieles, und die Kraftanſtrengung, mit welcher er zu gleicher Zeit den Betäubten in die Wohnſtube zuruͤck⸗ drängte, war von ſo heftigem Ungeſtum be⸗ gleitet, daß Gottfried weder auf die erſtere ein Wort erwiedern, noch der letztern nur in mindeſten ſich zu widerſetzen vermochte, ſon⸗ dern mit der Geberde eines verurtheilten Miſſethäters, verblufft und betreten, hart an der Innenſeite der Thur in der Ecke ſtehen blieb und ohne zu irgend einem Entſchluſſe kommen zu können, nur heimlich und keiſe mit den Fingernägeln den Kalk von der Wand kratzte; bis endlich der kochende In⸗ grimm des ſtörriſchen Alten zu verbrauſen und das über ſeinem Haupt ausgebrochene Ungewitter allmählig ſich zu verziehen an⸗ fing. Dann ſchlich er in dumpfer Verzweif⸗ lung hinaus nach der Hausflur, und fing da⸗ ſelbſt mit einem Geſchäft ſich zu befaſſen an, bei welchem er jedoch von dem mißtrauiſchen Alten, der als unberufner Wächter ſich den ganzen Vormittag hindurch in⸗ ſeiner Nähe aufhielt, fortwährend auf das ſtrengſte be⸗ lauſcht und beobachtet wurde. Erſt ſpat am Rachmittage gelang es ihm, ſich auf einige Augenblicke vor die Thuͤr hinauszuſtellen und ſeine unmuthig duͤſtern Blicke auf Kundſchaft auszuſenden; wie ämſig und ängſtlich er aber auch nach allen Richtungen umherſpähte, die Gegend war und blieb wie ausgeſtorben; in der Nähe trieb der Herbſtwind vertrocknete Blätter vor ſich hin, aus der Ferne trauerten die öden Stoppelfelder ihm entgegen, von Florabellen war weder dort noch hier die mindeſte Spur weiter zu entdecken. Statt aber in wildaufſprudelnder Leiden⸗ ſchaft ſich zu vetzehren, nahm die ausſichts⸗ loſe Liebe, die in Gottfrieds treuer Bruſt bereits ſo tiefe Wurzeln geſchlagen hatte, daß ſie, aller ihrer Hoffnungsloſigkeit zum Trotz, durchaus nicht zum Wanken und Weichen zu bringen war, einen ſanftern, ob⸗ wohl nicht minder bedenklichen Charakter an. Still in ſich ſelbſt verſunken ging er ſeit dem verhaͤngnißvollen Tage, an welchem fröhlicher Gewinn ihn zum Gott erhoben und qualvol⸗ ler Verluſt ihn von der Höhe des Gluͤcks in den tiefſten Abgrund des Eitends zuruckge⸗ ſchleudert hatte, im Hauſe und im Felde um⸗ her, verrichtete zwar die ihm obliegenden Ge⸗ ſchäfte mit gewohnter Treue und Ausdauer, ließ aber kein Merkmal der lebenöfrohen, re⸗ gen Betriebſamkeit, die fruherhin in ſeinem ganzen Weſen ſich verkuͤndigte, mehr an ſich wahrnehmen. Sein Schlaf, von beängſtigen⸗ den Traumbildern verkurzt und verkümmert, glich dem unruhigen Halbſchlummer eines auf der Wache ſtehenden Kranichs, und an Maäßigkeit im Eſſen und Trinken wetteiferte er mit dem eingefangenen Stieglitz, der wäh⸗ rend der Mahlzeit ihm gegenüber im Bauer ſaß. Sogar die Lieblingsgerichte, deren blo⸗ ßer Anblick ihn ehedeſſen in den Zuſtand luſt⸗ voller Begeiſterung zu verſetzen vermochte⸗ hatte ihre Reize fuͤr ihn verloren und einen gallenartigen Beigeſchmack angenommen⸗ Kein Wunder alſo, wenn er im Lauf der Zeit ſo ſichtbar dahinſchwand und abmagerte, daß man eher den ſpukenden Schatten eines verhunger⸗ ten Schneiders, als den einzigen Sohn des reichen Vollbauers Lerche in ihm erkannt hätte. Alles, was er am Leibe trug, ward ihm zu weit. In mehr und mehr überhand⸗ nehmender Geräumigkeit klafften und ſchlot⸗ terten die Stiefel ihm um die Wadenz an den Unterkleidern mußte durch neuangebrachte Bänder und Rieme fuͤr den geziemenden An⸗ ſchluß geſorgt werden, und in den Sonntags⸗ rock hätten zwei nur einigermaßen verträgliche Gottfriede von ſeiner Leibesbeſchaffenheit ſich einknoͤpfen können. Statt an Sonn⸗ und⸗ Jeſttagen, ſeiner frühern Gewohnheit gemäß, die Kegelbahn zu beſuchen, ſaß er ſtunden⸗ lang in melancholiſcher Abgeſchiedenheit in irgend einem einſamen Winkel des Gartens oder unter dem Thorwege der Scheune, hielt die Hände uͤber das Knie gefaltet und ſtarrte mit einer Miene vor ſich hin, die ein Unkun⸗ diger leicht fur den Abdruck des Stumpfſin⸗ nes und der Gedankenloſigkeit hätte nehmen koͤnnen. Der Mutter ging dann bei dieſem Anblick immer ein ſchneidend Schwert durchs Herz, ſelbſt der Vater runzelte bedenklich die Stirn und man ſah es ihm an, daß er gern ſein halbes Bauergut darum hingegeben hätte, wäre dadurch jener ungluͤckſelige Beſuch des Kirmeßfeſtes zu Zeidelsheim ungeſchehen zu machen geweſen. Gottfried aber verharrte in dem ſchwermuͤthigen Truͤbſinne, welcher im Laufe der Zeit mehr und mehr zur dauernden Gemuͤthöſtimmung werden zu wollen ſchien; aus ſeinen Zugen ſprach fortwaͤhrend ein duͤſtrer, jede fröhliche Regung unterdruͤckender Ernſt und weder durch die flehenden Thränen der Mutter noch ldurch die wiederholten Vor⸗ ſtellungen des Vaters war etwas uber ihn auszurichten.„Laßt mich nur ſtill und ruhig meinen Weg gehen, es wird mit der Zeit ſich alles fuͤgen und ſchicken, wie es das Schickſal beſchloſſen hat!“ Das war der leidige Troſt, mit welchem er alle ihn beſturmenden Bitten und Ermahnungen von ſich pfiegte. „Wenn ich ihn doch nur zu dem einzigen Schritte,“ dachte der Vater,„uͤberreden koͤnnte, — 6— der dem ganzen Unheil auf einmal ein Ende. machen wuͤrde! Es giebt ſo viele hubſche und wackere Dirnen in unſerm Dorfe, wenn er doch nur an einer, meinethalben an der ärm⸗ ſten unter ihnen, Gefallen fände; mit Freu⸗ den wollte ich Ja und Amen dazu ſagen, um nur endlich einmal der Angſt und Unruhe los zu werden, die mir der vertrackte Junge durch ſein duckmäuſeriſches Umherſchleichen auf den Hals ladet!“ Das waren nun frei⸗ lich Gedanken, die weit leichter ſich faſſen als in Ansfuͤhrung bringen ließen; denn es hatten die Farben, mit welchen das Bild der reizenden Seiltänzerin dem Liebenden ſich in das Herz geprägt hatte, dem vertilgenden Hauche der Zeit viel zu hartnäckig getrotzt, als daß unter ſo bewandten Umſtänden nur im entfernteſten an eine zweite Wahl von ſeiner Seite zu denken geweſen wäre!„Es iſt vergebliche Muͤhe,“ entgegnete er, wenn der Alte zuweilen dies Kapitel zu beruͤhren, und ſeine Anſichten und Meinungen daruber in hingeworfenen Bruchſtuͤcken ihm mitzuthei⸗ len anfing;„ihr habt damals euern Willen. durchzuſetzen und zu behaupten gewußt; redet mir alſo nicht weiter zu, Vater, ſonſt habt ihr es euch ſelbſt zuzuſchreiben, wenn ich mit zu vielem Trotz und Eigenſinn jetzt auch dem meinem beſtehe!“ Zum drittenmal war ſo eben, ſeit. abentheuerlichen Racht, da Gottfried die nied⸗ liche Seiltänzerin aus der Machtgewalt des Feuerfreſſers entführt und die öͤde Waldung mit ihr durchkreuzt hatte, das Kirmeßfeſt in Zeidelsheim nach hergebrachter Sitte geſegnet worden, da begab es ſich, daß der alte Lerche eines Morgens früh mit einem Fuder Rog⸗ —gen von Bruchfeld abfuhr, um es in eigner Perſon dem Muͤller zu überliefern, der es von ihm erhandelt und ſeinen Wohnſitz in der einige Meilen entfernt liegenden Stadt hatte. Der Weg nach dem Ziele ſeiner Be⸗ ſtimmung fuhrte durch einen Theil des Wal⸗ des, durch welchen vor drei Jahren die naͤcht⸗ liche Flucht des verliebten Pärchens gegangen war. Ein ſeit mehrern Tagen anhaltendes Regenwetter hatte die Straßengleiſe in ſo ſchlimmen Zuſtand gerathen laſſen, daß der Alte jetzt, trotz ſeines ehrſamen Beru⸗ fes, mit nicht geringern Beſchwerden und Widerwärtigkeiten zu kämpfen hatte, als ſei⸗ nem Sohne während der damaligen licht⸗ ſcheuen Wallfahrt, fort und fort zu⸗ geſtoßen waren. Mit unſäglicher Muͤhe und Anſtrengung durch den grundloſen Moraſt ſich hindurcharbeitend, hatte er endlich gegen Mittag das Ende des Waldes faſt erreicht, als das eine Vorderrad ploͤtzlich in eine Ver⸗ tiefung gerieth, welcher Umſtand ſogleich den unaufhaltbaren Umſturz des ſchwer befrachteten Wagens zur Folge hatte. Der Alte flog mit den Knieen heftig gegen eine aus dem Voden hervorragende Baumwurzel und fühlte einen ſo durchdringenden Schmerz an der getroffe⸗ nen Stelle, daß er, unfähig ſich aus eigner Kraft auf die Beine zu helfen, mit Schrecken daran dachte, was nun hier in der einſamen Waldung weiter aus ihm ſelbſt und ſeiner Ladung werden ſolle. Da raſchelte es ſeit⸗ — 157— wärts im Gebuͤſch und bald darauf erſchien ein fremder Mann vor ihm, durch deſſen Beiſtand es ihm gelang, wieder eine auf⸗ rechte Stellung zu gewinnen, obwohl ihm auch hierbei, des fortwährenden ſtechenden Schmerzes wegen, der Arm des Unbekannten zur Stütze dienen mußte. Ohne Zeitverluſt aber ſetzte dieſer jetzt den gekrummten Finger an den Mund, und pfiff dreimal in den Wald hinein, daß der Klang von allen Sei⸗ ten gellend wiedertönte.„Es ſoll euch ſo⸗ gleich die nöthige Huͤlfe werden,“ fing er hierauf zu ſprechen an.„Ich bin der Hege⸗ reiter Lindmann; meine Wohnung liegt nur ein paar hundert Schritte waldeinwärts von hier entfernt; dort wollen wir, wenn nur mein Knecht erſt hier iſt, zuſehen, wie es um den genommenen Schaden ſteht und was da⸗ bei zu thun iſt. Auch der Wagen kann un⸗ terdeſſen dorthin gebracht werden.“ In der That währte es nicht lange, ſo zeigte ſich, dem gegebenen Zeichen gehorchend, ein ruſti⸗ ger Burſche zwiſchen den Baumen, dem der Hegereiter die Obhut des Wagens bis zu ſei⸗ ner Wiederkehr anempfahl, während er ſelbſt in troſtreicher Dienſtgefälligkeit mit dem hulf⸗ loſen Alten quer durch das Holz den Weg nach ſeiner Wohnung einſchlug. Sie traten hier in eine, von Ordnung und Reinlichkeit zeugende, freundliche Stubes Lindmann ge⸗ leitete ſeinen Gaſt nach einem am Ofen be⸗ findlichen bequemen Lehnſtuhl, gab ihm aber, nachdem er das, zufolge der erlittenen hefti⸗ gen Quetſchung entzuͤndete und angeſchwollne Knie ſorgfältig unterſucht hatte, zu erkennen, daß hier zuforderſt weibliche Hulfe vonnothen ſei, und er zu dieſem Behuf ſogleich ſeine Tochter herbeirufen wolle.„Roſine, komm hurtig horein!“ rief er jetzt mit ſtarker Stimme durch das nach der Gartenſeite hin⸗ ausgehende Fenſter, und wenige Augenblicke darauf trat eine junge ruͤſtige Dirne in die Stube, die mit Verwunderung und Befrem⸗ den bald das Geſicht des Leidenden bald ſein der Beſchauung ausgeſtelltes, geſchwollnes Knie in Betrachtung zog.„Gaffe nicht lange,“ — 150—. rief Lindmann,„ſondern mach warme Um⸗ ſchläge von warmen Eſſig und Waſſer, da⸗ mit wir nur der Geſchwulſt erſt Einhalt thun!“ Mit Windesſchnelle traf Roſine ſo⸗ gleich die zu Vollziehung dieſes Befehls er⸗ forderlichen Anſtalten und binnen wenigen Minuten hatte Lerche den ſchmerzſtillenden Verband um das Knie.„Jetzt gehe ich hin⸗ aus,“ ſagte der Hegereiter,„und helfe den Wagen an Ort und Stelle befoͤrdern. Du fährſt indeſſen mit den Umſchlägen fort, Ro⸗ fine, ſo wird die—— bald g. — ſein.“ Lerche ſah ſich nun mit ſeiner pſiegerin aMin und weidete, ſo viel ihm der Schmerz dies verſtattete, ſein Auge mit ſtillem Wohl⸗ gefallen an dem reggeſchäftigen, ſorgfältigen Eifer, in welchem ſie ihre Theilnahme an ſeinem Zuſtande ihm an den Tag zu legen bemuͤht war. Ohne mit Verletzung der ge⸗ ziemenden Beſcheidenheit durch neugieriges Ausfragen und Nachforſchen ihrem Pflege⸗ vohlnen beſchwerlich zu fallen, wußte ſie das ⸗— 160— nit ihm angeknüpfte Geſpräch doch mit ſo ungekuͤnſtelter Leichtigkeit fortzufuͤhren und ihn auf ſo angenehme Weiſe zu unterhalten, daß er ſein erlittenes Ungemach vielleicht ganz daruͤber wuͤrde vergeſſen haben, wenn ſie nicht ſelbſt durch die unermuͤdete Aemſigkeit, mit welcher ſie auf alles dasjenige bedacht wak, was nur irgend ihm zur Bequemlichkeit und Erquickung zu gereichen verſprach, ihn fort und fort daran erinnert hätte. Auch der zwar prunkloſe aber reinliche Anzug, in wel⸗ chem Lerche ſie erblickte, mußte das durch ihr ganzes Benehmen ihm eingefloßte Wohl⸗ wollen gegen ſie erhohen und vermehren hel⸗ fen; denn obgleich der Vater ſie unmittelbar von der Feldarbeit abgerufen hatte, war ſie doch ſo nett und ſauber gekleidet, als ob ſie bereits darauf vorbereitet geweſen wäre, daß drüben auf der Landſtraße heut ein Wagen mit Getreide umwerfen, und der verungluckte Eigenthümer deſſelben ihrer pflegenden Hand anvertraut werden wuͤrde. Ei wenn du doch nur ein wenig hier an meiner Stelle ſäßet, — 161— Gottfried! und ſo vernuͤnftig wareſt, wie ich! dachte der Alte, indem Roſine, mit Zu⸗ bereitung eines neuen Verbandes beſchäftigt, vor dem Kamine ſtand, und der Wiederſchein der lodernden Flamme die bluͤhenden Wan⸗ gen des Mädchens mit noch hoͤherer 3 uberzog. Nach Verlauf einer ilien Stunde tehrte der Hegereiter mit der Botſchaft zurück, daß der Wagen mit dem Getreide jetzt gluͤcklich nach der Scheuer gebracht und daſelbſt fuͤr ſeine Sicherheit vollkommen geſorgt ſei. In⸗ nig geruͤhrt uͤber die guͤtevolle Behandlung, die ihm als einem Fremden hier in ſo hohem Grade zu Theil wurde, machte Lerche den Verſuch, ſeine dankbaren Empfindungen durch Worte auszudruͤcken; Lindmann aber achtete nicht darauf, ſondern wandte ſich zu Roſinen und deutete ihr an, daß ſie jetzt den Tiſch decken und ſodann die draußen mit der Kar⸗ toffelärndte beſchäftigten Geſchwiſter herbei⸗ rufen möge. Dieſem Auftrage zufolge er⸗ fuͤllte ſich die Stube bald darauf mit der I. Bd. 11 — 162— Familie des Hegereiters; es fanden ſich außer Roſinen noch ein Mädchen von etwa vier⸗ zehn Jahren und drei muntre Knaben von juͤngerm Alter ein, welche dem Fremden in freundlich treuherziger Begrüßung die Hand boten, auf einen Wink des Vaters ihn ſammt dem Lehnſtuhle behutſam nach dem Tiſche hin⸗ trugen und, nachdem der juͤngſte von ihnen ein kurzes Se geſprochen, der h nach Platz nahmen. Nach gehaltener Mahlzeit,— ge cher Lerche in dem Kreiſe dieſer liebenswur⸗ digen Familie mehr und mehr einheimiſch zu werden, ja ſogar in Verſuchung zu gerathen anfing, das Mißgeſchick, welches ihm die Bekanntſchaft ſo wackerer Menſchen verſchafft yatte, von ganzem Herzen zu ſegnen, ward er wieder mit der namlichen Sorgſamkeit nach dem Platze hingetragen, den er zuvor eingenommen gehabt hatte. Die Kinder, und mit ihnen auch Roſine, gingen hierauf wier der an ihre Arbeit, der Hegereiter aber ſetzte ſich, ſein Mittagspfeifchen rauchend, an die Seite des Alten, und fuhr uͤber die ſchon bei Tiſche in Anregung gebrachten Gegenſtände traulich mit ihm zu ſchwatzen fort. „Wenn ich in aller Welt aber nur wuͤßte,“ rief 4 Lerche im Fortgange des Geſprächs,„auf welche Art ich euch meine Erkenntlichkeit fuͤr die mir bewieſene Freundſchaft an den Tag legen konnte. Ihr ſcheint mir ein ſo gluck⸗ licher Mann zu ſein, daß es mir wohl ſehr ſchwer fallen wird, die Gelegenheit zu einem recht thatigen Gegendienſt auszukundſchaften.“ „In Wahrheit habe ich ale urſiche,“ verſetzte jener,„mit meiner Lage zufrieden zu ſein; vollkommen gluͤcklich indeß koͤnnte ich mich nur dann nennen, wenn meine ſelige Anna noch lebtes die aber iſt— es wird nun nach gerade zwei Jahr— die ie in den Him⸗ mel eingegangen!“ „Wenn eure Roſine das Ebenbild ihrer verſtorbnen Mutter iſt,“ ſagte Lerche,„ſo glaube ich wohl, daß ihr durch das Abſterben eurer Hausfrau einen gar großen Verluſt moͤgt erlitten haben; denn das iſt ein ſo 11* liebes, wisres Mädchen, wie es ihrer“ nur wenige geben mag.“ „Nun mit Joſinen hat es freilich ein ganz eignes Bewenden,“ fiel ihm Lindmann ins Wott.„Ich brauche jetzt kein Geheim⸗ niß mehr daraus zu machen und kann es euch daher ohne Bedenken geſtehen, daß Roſine nicht meine Tochter iſt, obgleich ſie, wie ihr ſelbſt geſehen habt, ganz als Kind des Hau⸗ ſes von mir behandelt wird. Es mögen nun gerade drei Jahre verfloſſen ſein, als ich ſie eines Tages nicht weit von meiner Wohnung im Walde fand, wo ſie zerlumpt und ver⸗ hungert in der Irre umherlief. Ich fuͤhrte die huͤlflos Jammernde nach meinem Hauſe, und nachdem ich durch mildthätige Bewirthung ihr Vertrauen gewonnen hatte, erzählte ſie mir, daß ſie auf Zureden eines ihr unbekann⸗ ten jungen Menſchen, welcher ſie nach dem Hauſe ſeiner Aeltern zu bringen verſprochen, einem umherziehenden Seiltänzer entſprungen, jetzt aber, nachdem die ihr eingeflößte Hoff⸗ nung unevfuͤllt geblieben, lieber umzukommen, — 165— als zu ihrer vorigen Lebensweiſe zuruͤckzukeh⸗ ren, entſchloſſen ſei. Was war zu thun? Sie ihrem Schickſale zu uberlaſſen, wäre hart und unmenſchlich geweſen. Vielleicht retteſt du, dachte ich, das arme verirrte Ge⸗ ſchoͤpf vom zeitlichen und ewigen Verderben, wenn du ein Werk der chriſtlichen Barmher⸗ zigkeit außuͤbſt. Auf der Stelle mußte ſie den phantaſtiſchen Lumpenkram, den ſie am Leibe trug von ſich werfen, und ſich ehrbar bekleiden; ihr bisher gefuͤhrter Name klang mir gleichfalls zu locker und luftig, ich nannte ſie daher Roſine und ſtatt in ſchnoder Kunſt mit den Füßen aufd dem Seile umherzugau⸗ keln 5 mußte ſie am Spinnrocken und Waſch⸗ faſſe die Hände zu ruͤhren anfangen.“ Erſtaunend und verſtummend vor den wunderbaren Schickungen des Himmels, fal⸗ tete Lerche die Hände, und ſtarr und unbe⸗ weglich hing ſein Blick an dem Wse des Etiplers. „Aber Kuͤnſte hat es futr die⸗ ſer fort, indem er mit zwar fluͤchtigem, je⸗ — 366— doch ſehr bebeutendem Wink nach einem an der Thürpfoſte hängenden Inſtrument, das faſt wie ein Kantſchuh ausſah, ſein Geſicht wandte;„Künſte hat es gekoſtet, die ſaubern Sitten und Gewohnheiten, welche ſie während ihres Vagabundenlebens angenommen und ſich zu eigen gemacht hatte, ihr auszutreiben und ſie allmählig wieder zur Zucht und Ordnung zu gewohnen. Gottlob! daß meine Bemuͤ⸗ hungen nicht ohne Erfolg geblieben ſind! Roſine iſt ein braves, wirthſchaftliches Mäd⸗ chen geworden, und von dem leichtfertigen Weſen, welches ſie mit hierher brachte, iſt jetzt kein Schatten mehr an ihr zu bemerken.“ „Und wißt ihr denn auch,“ rief Lerche, „wie der junge Menſch heißt, mit welchem Roſine ſich damals auf die Flucht begab? Der heißt Gottfried Lerche und iſt der ehe⸗ leibliche, einzige Sohn des nümlichen Man⸗ nes, den ihr hier neben euch ſitzen ſeht!“— Umſtändlich berichtete er jetzt dem Hegereiter, der uber ein ſo ſeltſames Zuſammentreffen der Umſtände gleichfalls in nicht geringe Ver⸗ wunderung gerieth, wie Gottfried ihm da⸗ mals die mit ihm gefluͤchtete Seiltänzerin⸗ nachdem er ſich die Nacht hindurch mit ihr im Walde umhergetrieben, am fruͤhen Mor⸗ gen ins Haus gebracht und flinkweg ſie habe heirathen wollen, wie er aber in der Hitze des Zornes ſie ohne Weiteres fortgejagt, und wie ſein Sohn mit unveränderter Geſinnung noch immer an dem Mädchen hange, und ſeit jener Zeit ſich vor Gram und Kummer faſt zum Schatten abgezehrt habe. Er beſchloß ſeine Mittheilung mit dem angelegentlichen Wunſche, daß doch jetzt, nachdem die Ver⸗ hältniſſe ſich auf ſo vortheilhafte Weiſe ver⸗ ändert hätten, zu Stande kommen moͤge, was er unter den damaligen Umſtänden zu hinter⸗ treiben fuͤr gut befunden habe. „Ei nun, wenn es des Himmels Schluß und Wille iſt,“ſagte Lindmann endlich, nach⸗ dem er den Bericht des Alten mit ruhiger Aufmerkſamkeit angehört hatte,„ſo werde ich meinerſeits, bei ſo bewandter Lage der Dinge, keinen Widerſtand thun. Ob uͤbrigens Ro⸗ ſine eurem Sohne noch geneigt iſt, wollen wir bald in Erfahrung bringen.“— Von beiden ward hierauf der in Verhandlung ge⸗ kommene Gegenſtand in allen ſeinen Be⸗ ziehungen noch beſprochen und überlegt, bis Roſine felbſt, die zu Beſorgung des Vesper⸗ brotes aus dem Felde zurücktehrte, der Unter⸗ redung ein Ende machte. „Faſſe doch einmal unſern Gaſt recht ge⸗ nau ins Auge, liebe Roſine,“ ſagte Lind⸗ mann nach einer Weile.„Sollteſt du ihn nicht vielleicht ſchon fruͤher einmal geſhe haben?“ Roſine ſtutzte und ſchien auch 3 ihren Gedanken und Vermuthungen ſogleich auf den rechten Weg zu gerathen; das damalige Zuſammentreffen war indeſſen von viel zu flüchtig vorubergehender Art geweſen, als daß ſie ſich der Geſichtszuge des Alten noch dein⸗ lich zu erinnern gewußt hätte. „Beſinne dich nur, liebes Kind,“ ſagte Lerche;„ich habe dich in fruhern Zeiten ein⸗ mal gar hart und unfreundlich behandelt. — 169— Daß du mir aber die rauhe Strenge, mit welcher ich dich von mir ſtieß, drei Jahre ſpäter, durch freundliche Liebesdienſte vergel⸗ ten wuͤrdeſt, konnte ich wmal kui nicht vermuthen!“ 5 Betreten und ͤberraſcht ſtieß Roſine einige Augenblicke lang ſtill, faßte ſich aber ſogleich wieder und ſagte:„Ich erſchien da⸗ mals freilich in einem Aufzuge vor euch, der nicht eben viel Gutes von mir erwarten ließ, und mich auch nicht ſonderlich in euren Augen empfehlen konnte.“ It dir denn aber,“ der Alte zu fragen fort,„auch mein Sohn, in deſſen Geſellſchaft du den Weg nach Bruchfeld ge⸗ macht hatteſt, nunmehr ganz aus dem Ge⸗ dãchtniß gekommen; oder denkſt du noch zu⸗ weilen an ihn?“ „Er war es ja,“ erwiederte ſe mit ſitt⸗ ſamer Geberde,„der den erſten Grund zu meinem nachherigen Gluͤcke gelegt hat. So undankbar bin ich nicht, daß ich ſeine huͤlf⸗ —— teiche Theilnahme an meinem Schickſal S ſollte vergeſſen koͤnnen.“ „Auch dich haben weder Zeit noch Ent⸗ fernung aus ſeinem Gedächtniß zu bringen vermocht,“ rief der erfreute Alte.„Mit ganzer Seele hat er bis auf dieſen Augenblick fortwährend an dir gehangen, kein andres Mädchen hat dich aus ſeinem Herzen ver⸗ drängen können; und von deiner Erklärung allein wird es jetzt abhängen, ob er noch länger in Kummer und Betruͤbniß ſich ab⸗ haͤrmen ſoll. Aufrichtig, liebe Roſine! ſoll ich meinen Sohn hierher beſcheiden, oder ſoll ihm dein Aufenthaltsort auch fuͤr die Folge ein Geheimniß bleiben?“ „Vater Lindmann!“ ſagte ſi ſie, indem ſie mit kaum hoͤrbarzitternder Stimme und hoch⸗ erglühendem Geſicht zu dem Hegereiter ſich wandte;„auf eure Entſcheduns allein muß es hier ankommen!“ 2 „Schon gut, Roſit ne!“ ſeh dieſer. „Ich weiß nun ſchon, wie ich mich dabei zu verhalten habe, beſorge jetzt nur wieder deine Geſchäfte; ich denke, das Weitere wird wohl zu unſter allerſeitigen Sufriedenheit in nung zu bringen ſein.“ Am andern Morgen in aller Frühe uiß der Hegereiter, dem vorangegangenen Ent⸗ wurfe gemaͤß, die Pferde ſeines zuruͤckbleiben⸗ den Gaſtes vor den Wagen ſpannen, und fuhr nach Bruchfeld. Mit der Kniegeſchwulſt des Alten hatte es ſich durch Roſinens fort⸗ geſetzte ſorgfältige Pflege merklich gebeſſert, auch wurde ſein Gemüth durch den Gedanken an die bevorſtehende Ueberraſchung viel zu änhaltend und angenehm beſchüftigt, um der körperlich ſchmerzhaften an den erlittenen Un⸗ fall erinnernden Empfindungen nur im min⸗ beſten weiter zu achten. Mit behaglicher Er⸗ wattung ſpähte et des Nachmittags, als die Zeit, wo die Ruckkehr des Hegereiters muth⸗ maßlich erfolgen könnte, allmöhlig hetan⸗ ruͤckte, durch das geoffnete Fenſter nach der Walbung hinaus, und munter zwiſchen den hohen Baumſtämmen daher rollend, naherte ſich endlich der Wagen, auf welchem der N Harrende nicht allein ſeinen Sohn, ſondern, wie er im Stillen bereits vermuthet hatte, auch ſeine Hausfrau erkannte, welche in ihrer ängſtlichen Beſorgniß um den Alten durch kein Betheuern, daß die Verletzung, die er erlitten, nur unbedeutend ſei, in zuruͤckzuhalten geweſen war. Nachdem die Eintretenden ſich durch. eisnen Augenſchein uͤberfuͤhrt hatten, daß Lindmann ihnen die Lage der Dinge ganz der Wahrheit gemäß geſchildert und daß es um den Alten weiter keine Gefahr habe, be⸗ gann der letztere ſogleich den Seinigen uber die freundliche Wartung und Pflege, die ihm hier zu Theil geworden ſei, Bericht zu erſtat⸗ ten und dabei hauptſächlich der unermuͤdlichen Sorgfalt ruhmlich zu gedenken, mit welcher Roſine ſich ſeiner angenommen und ihm ſeine Schmerten zu lindern und zu erleichtern ge⸗ ſucht habe.„Du kennſt meine Wunſche und Abſichten, lieber Gottfried!“ redete er ſeinen Sohn an.„Schon mehrmals habe ich dich auf dieſe oder jene hubſche Dirne in unſerm Dotfe aufmerkſam zu machen geſucht; du haſt aber deſſen ungeachtet zu keinem Ent⸗ ſchluſſe kommen koͤnnen, und das iſt mir, frei zu geſtehen, nunmehr auch recht lieb, denn eine Schwiegertochter, wie dieſe, hätte ich dar⸗ unter doch wohl nicht finden koͤnnen. Ich habe daher, in der Dankbarkeit meines Her⸗ zens und kraft meiner väterlichen Gewalt, die Wahl für dich uͤbernommen und dir Ro⸗ ſine zur Frau beſtimmt!“ Gottfried war wie vom Blitz geuſih als er dieſe unerwartete Redewendung ver⸗ nahm; in unmuthsvollem Aerger uͤber ein ſo thoricht voreiliges Geſchwätz kniff und preßte er die Lippen zuſammen und nur aus ſchul⸗ diger Ruͤckſicht gegen die Anweſenheit des Hegereiters unterdruͤckte er die beißende Be⸗ merkung, wie wenig ihm daran gelegen ſei, die naͤhere Bekanntſchaft einer Braut zu machen, die er einem geſchwollnen Knie zu verdanken habe. „Du ſollſt ſie ſehen!“ fuhr der Alte 0 indem er dem Hegereiter einen verſtohlnen — 174— Wink gab.„Sogleich ſollſt du mit eignen Augen dich uͤberzeugen, daß ich dich zum gluͤcklichſten Menſchen unter der Spme zu gedenke!“ Gottfried ſtampfte vor teter und In⸗ grimm mit dem Abſatze gegen den Boden; Lindmann aber hatte mittlerweile die Thuͤr geoffnet und in lieblicher Verwirrung züch⸗ tig erroͤthend, trat jetzt Roſine herein⸗ „Florabelle!“ ſchrie Gottfried, indem er in ſchwindelndem Entzuͤcken auf ſie zuſtuͤrzte; „Herr Jemine! die Luftſpringerin!“ rief die erſtaunte Mutter.„Nein doch! keins von beiden mehr!“ ſetzte mit nngichen n der Alte hinzu. Es währte lange, bevor S pan der Betäubung, in welche der uberraſchende Anblick der ſo lange betrauerten und jetzt auf ſo unverhoffte Weiſe wiedergefundenen Geliebten ihn verſetzt hatte, ſich zu erholen und in ſein Gluͤck zu finden vermochte. Roch den nämlichen Abend ward in der Wohnung des Hegereiters die Verlobung des liebenden Pärchens feierlich vollzogen.— eifrig man es dem überſeligen Gottfried aber auch ein⸗ zuſchärfen ſuchte, daß ſeine Braut gegenwär⸗ tig weder auf dem Seile mehr tanze, noch Florabelle mehr heiße, will man doch in Er⸗ fahrung gebracht haben, daß er bis auf den heutigen Tag ſie in traulichen Augenblicken noch zuweilen bei dem Namen zu rufen pflege, der an dem Brunnen zu Zeidelsheim ſo lieblichen Klanges ſeinem Herzen ſich ein, geſchmeichelt und bis zur Wiedergewinnung im Hauſe des Hegereiters mit ſo unbezwing⸗ licher Gewalt den eingenommenen Platz zu behaupten gewußt hatte. . * 7 annenwildchen und Schitderhaus. „Wenn du mich noch einmal bei der Arbeit neckſt,“ rief der ſechszehnjährige Anton, in⸗ dem er, von einem Erdkloße getroffen, ſich zornig umwandte und die vierzehnjährige Caroline erblickte,„ſo komme ich uͤber den Zaun und gebe dir einen recht derben Kuß!“ „Und ich kratze dir dafuͤr die Augen aus, daß du ſtockblint wirſt!“ erwiederte Caroline mit Lachen, während ſie nach einer zweiten Ladung ſich umſah. „Das wirſt du wohl bleiben laſſen!“ ſprach Anton, und ohne ſich weiter um das Mäd⸗ chen zu bekuͤmmern, fuhr er fort, die jungen Drangenbäume, die man heut aus dem Ge⸗ wächshauſe zum erſtenmal an die warme Mai⸗ luft gebracht hatte, zu ordnen, und an die gruͤnen Stäbe feſt zu binden, die er zu die⸗ ſem Behuf während der langen Winterabende mit eigner Hand zierlich geſchnitzt hatte. Kaum aber war die Baſtſchleife vollendet, bei welcher er durch Carolinens Wurf unterbro⸗ chen worden war, als er ſchon wieder von einem verdorrten Tannenzapfen ſich ſo em⸗ pfindlich an den Nacken getroffen fuͤhlte, daß er jetzt nicht länger ſich zu faſſen vermochte, ſondern voll Ingrimm aufſprang und ſeinen Lauf gegen die Planke wandte, die des Amt⸗ manns Grundgebiet von dem Schloßgarten trennte. Freilich hegte er, als er mit der Behendigkeit eines Marders hinuͤberſtieg, nicht eben die Abſicht, ſeine Drohungen in ihrer ganzen Strepge wahr zu machen; aber einen recht tuͤchtigen Schrecken wollte er der Ruhe⸗ ſtörerin einjagen, um in Zukunft vor ähn⸗ lichen Unterbrechungen geſichert zu ſein. So⸗ bald Caroline ihren Verfolger dieſſeits der Planke ſah, floh ſie in der Verwirrung, ſtatt durch die Lindenallee ihren Weg nach dem Amthauſe einzuſchlagen, ſeitwärs an einer Schlehdornhecke hinunter, und gerieth zuletzt in ein Labyrinth von Reſſeln und Dornge⸗ ſtripp, aus welchem an ein weiteres Entkom⸗ men ſchlechterdings nicht mehr zu denken war. „Hab ich dich erwiſcht?“ rief Anton, indem er wie ein Pfeil daherſchoß und ihr den Rück⸗ weg abſchnitt.„Warte, jetzt ſollſt du für deine Reckerei den gebuͤhrenden Lohn empfan⸗ gen!“—„Bitte, bitte! lieber Anton; nur dies einzige mal noch laß mich zufrieden; in meinem ganzen Leben will ich dich nicht wie⸗ der bei der Arbeit ſtoͤren!“ erwiederte die Geaͤngſtigte, die wahrſcheinlich etwas viel ſchlimmeres, als er ihr angedroht hatte, von ſeiner Rache befuͤrchtete. Die Verlegenheit, in welcher ſie ſich befand, ließ ihr ſo gut, und ihre Mienen und Bewegungen waren von ſo anziehendem Reize begleitet, daß Anton, un⸗ fähig einer ſo lockenden Verſuchung zu wider⸗ ſtehen, und von einem ihm bisher unbekann⸗ ten Gefuͤhl uͤberwältigt, mit ſturmiſcher Gewalt ſeine Arme um ihren Nacken ſchlang und— „Bravo! Braviſſimo! Herr Premierlieu⸗ tenant!“ rief eine rauhe Baßſtimme in dem Augenblicke, da Auton den Beweis, daß er ein Mann von Wort ſei, eben ſo augenſchein⸗ lich als unwiderruflich an den Tag legte. Beide fuhren, trotz des ermunternden Beifalls, der in dieſem Zurufe ſich verlautbarte, er⸗ ſchrocken aus einander, als ſie ihn vernahmens und während Caroline, die mit der Schnellig⸗ keit eines Rehes von dannen floh, ſich uber⸗ zeugte, daß die Flucht aus dem Dorngeſtripp mit viel geringern Schwierigkeiten, als ſie anfangs ſich vorgeſtellt hatte, verknupft ſei, nahm Anton, der gleichfalls durch kein weite⸗ res Geſchaͤft ſich an Ort und Stelle gebun⸗ den glaubte, eine entgegengeſetzte Richtung und langte nicht ohne Verwunderung, daß man binnen wenigen Minuten ſo wichtige Dinge auszufüuhren vermoͤgend ſei, wohl⸗ behalten bei ſeiner Orangenpflanzung wie⸗ der an. i tne — 180— Die Baßſtimme, die auf eine ſo ſtörende Weiſe ſich vernehmen ließ, gehörte dem Feld⸗ webel Droſſig, einem alten Invaliden, der in der Rähe des Schloßgartens ein kleines Häuschen beſaß, worin er als ein Muſter der Sparſamkeit von ſeiner Penſion lebte. Wegen des heitern und zufriedenen Sinnes, mit welchem er auf ſeinem Stelzbein ſo getroſten Muthes durch das Leben dahin wandelte, war er uͤberall geſchätzt und geliebt, ob man gleich aus ſeinen abentheuerlich ſeltſamen Grillen und Einfällen auch hin und wieder den Verdacht ſchoͤpfte, daß es zu manchen Zeiten unter ſeiner Muͤtze nicht ſo ganz rich⸗ tig und gehener ſei. Viele waren geneigt, dies der geheimen Gewalt zuzuſchreiben, mit welcher der jedesmalige Vollmond auf eine alte ſchlecht zugeheftete Kopfwunde einwirke, die von der kahlen Glatze des Helden bis zum Naſenknorpel hinab ſich erſtreckte; und in der That arbeitete auch ſein ganzes Benehmen darauf hin, die Leute in ihrer von ihm ge⸗ — 8— faßten Meinung mehr und mehr zu beſtärken. Riemals pflegte er nämlich, ſobald die Mond⸗ ſcheibe ſich gefullt hatte, ein Bett zu beſtei⸗ gen, ſondern in wachſamer Aemſigkeit ging er dann immer, mit einer alten Flinte be⸗ waffnet, vor ſeiner Hutte auf und nieder, rief durch die Stille der Racht von Zeit zu Zeit ein donnerndes: Werda! wenn dazu auch nicht die mindeſte Veranlaſſung vorhanden zu ſein ſchien und zog erſt mit dem anbrechenden Morgen, das Gewehr von den Schultern nehmend und gutmuͤthig uͤber ſchweren Dienſt murrend, ſich in das Innere ſeiner Wohnung zuruck.— Mit unermuͤdlichem Fleiß und Eifer hatte er hier im Verlauf der Jahre ſich damit be⸗ ſchaftigt, Gräben zu ziehen, Schanzen aufzu⸗ werfen und auf dieſe Weiſe ſein kleines Grund⸗ gebiet auf das Vollkommenſte zu befeſtigen und in Vertheidigungsſtand zu ſetzen. Von ſchirmenden Waͤllen umringt, ragte nur das Strohdach ſeiner Huͤtte hinter denſelben her⸗ vor, auch beſtand der einzige Zugang nach den Innenwerken aus einer Zugbrucke, welche mit genauer Beobachtung des Stundenſchla⸗ ges jeden Abend aufgezogen und am folgen⸗ den Morgen wieder herabgelaſſen ward. Alles war das Werk der eignen Hände und nie ſchien das Gefühl der Zufriedenheit mit ſich ſelbſt dem Alten einen koſtlichern Genuß zu. gewähren, als wenn man ihn in dienſtfreien Augenblicken, mit der glimmenden Tabacks⸗ pfeife im Munde, auf einer ſeiner Baſtionen verweilen und behaglich in die flache Umge⸗ gend hinausblicken ſah. So wie er aber in Bezug auf ſein eignes ½ Thun und Wirken niemals von der einmal feſtgeſetzten Regel abwich, eben ſo ſtreng und gewiſſenhaft hielt er auch auf Zucht und Ord⸗ nung, wenn des Sonntags nach der Pre⸗ digt die Knaben des. Ortes auf einem in der, Nähe der Feſtung befindlichen Anger mit ih⸗ ren hölzernen Flinten und Säbeln ſich ein⸗ fanden, um den Waffenuͤbungen beizuwohnen, die er regelmäßig mit ihnen hier anzuſtellen pflegte. Ernſt und bedächtig kam er zur be⸗ ſtimmten Stunde von ſeiner Burg daher ge⸗ ſchritten, ſcharf muſternden Blickes ging er, bevor die aufgeſtellten Reihen ſich in kriege⸗ riſche Bewegung ſetzten, einige Minuten lang an ihnen auf und nieder, und mit eben ſo feierlichem Geſicht als kräſtig ergreifendem Ton ertheilte er darauf die Befehle und Ver⸗ haltungsregeln, die er in Bezug auf den nunmehr in Ausfuhrung zu bringenden Ent⸗ wurf für nöthig erachtete, und zu deren Be⸗ obachtung jeder Einzelne ſich auf das uner⸗ läßlichſte verpflichtet ſah. Auch ging aus die⸗ ſen Sonntagsbeluſtigungen ſo manches Gute hervor, das ſelbſt noch fur die künftigen Le⸗ bensverhältniſſe der Theilnehmer erſprießlich zu werden verſprach. Denn in gleichem Maaße, wie die körperliche Kraft entwickelt und zur rüſtigen Gewandtheit ausgebildet ward, eiſeugte und nährte der Wetteifer, mit welchem einer den andern zu bertreffen beinüht war, zugleich ein Ehrgefuhl, das im⸗ mer tiefere Wurzeln ſchlug und auch bei den ernſtern im Lauf der Woche ſtattfindenden Beſchaͤftigungen nicht ohne fördernden Ein⸗ fluß blieb. Alle hingen, obgleich jeder Ver⸗ ſtoß gegen die obwaltenden Geſetze auf das ſchärfſte gerügt und beſtraft wurde, mit Leib und Seele an ihrem graubaͤrtigen Befehls⸗ haber, und ein einziges Wort des Beifalls oder Tadels aus ſeinem Munde wirkte tiefer und kräftiger auf die jugendlichen Gemuͤther, als es der längſten Sittenpredigt wohl ſchwer⸗ lich hätte gelingen mogen. Vor allen aber hatte Anton, zufolge der klugen Umſicht und Geiſtesgegenwart, die er bei jeder Gelegenheit blicken ließ, ſich in Droſſigs Gunſt geſetzt, und eben dieſen zuͤgen hatte er auch die Standeserhöhung zu verdanken gehabt, auf welche der Zuruf des Alten hindeutete, als dieſer durch die Plan⸗ kenwand hin den Zweikampf bemerkte, aus welchem Anton ſo eben, ſeiner Gewohnheit gemäß, den Sieg davog zu tragen im Br⸗ griff war. *. 1* 6 . Richt gar lange hatte letzterer, nach ſtatt⸗ gehabtem Abentheuer, bei der Orangenpflan⸗ zung wieder zu arbeiten angefangen, als auch Droſſig, um eine benachbarte Taxus⸗ hecke herumſchwankend, ſchon mit geſchäftiger Haſt auf ihn zugeſchritten kam. Scheu und verlegen machte ſich Anton, als er die an⸗ nähernden Tritte bemerkte, das Geſicht tief zum Boden hinabgebuͤckt, mit dem Wurzel⸗ werk eines Baumes zu ſchaffen, um den Al⸗ ten auf die Vermuthung zu bringen, daß die Glut auf ſeinen Wangen nicht ſowohl der vorangegangenen Ueberraſchung, als vielmehr der unbequemen, das Gebluͤt nach dem Kopfe leitenden Stellung, in welcher er ſich gegen⸗ wärtig befand, zuzuſchreiben ſei. Eine Muͤhe, die er ſich fuglich hätte erſparen konnen; weil Droſſigs Gemuͤth in dieſem Augenblick ſchon wieder mit ganz andern und wichtigern Angelegenheiten ſich beſchäftigte, um des Vor⸗ falls an der Schlehdornhecke nur mit einer Sylbe Erwähnung zu thun.„Ich habe da,“ redete er den Schuͤchternen an, indem er ein zuſammengerolltes Papier aus der Taſche zog, „in den letztverwichenen Tagen einen neuen Operationsplan entworfen und aufgezeichnet; wenn du dich auf ein halbes Stündchen von deinen Geſchäften losmachen könnteſt, lieber Anton, ſo wollten wir ihn einmal mit ein⸗ ander durchgehen und in nähern Augenſchein nehmen.“ Innig vergnuͤgt, ſeiner Angſt und Beſorgniß ſo leichten Kaufs uberhoben zu ſein, zeigte ſich Anton ſogleich dazu bereit, und beide verfuͤgten ſich ungeſäumt nach dem Innern des Gewächshauſes, als dem Orte, wo der Alte, einer ſchon längſt beſtehenden Gewohnheit gemäß, ſeinem wißbegierigen Zögling in der höhern Kriegskunſt Unterricht zu ertheilen pflegte. Nachdem Anton das Papier behutſam auf den Tiſch geheftet und Droſſig ſich eine friſche Pfeife geſtopft hatte, begann die umſtändliche, uͤber alle auf dem Grundriß verzeichneten Einzelnheiten ſich erſtreckende Auseinander⸗ ſetzung, während welcher der Alte, indem er — 5 die Darſtellung der Mängel und Vorzüge der mannigfachen, dabei in Anſchlag zu bringen⸗ den Verfahrungöarten, immer aus den ſelbſt⸗ gemachten Erfahrungen herleitete, nach und nach in einen ſo ſtuͤrmiſchen Eifer gerieth⸗ als ob, abhaͤngig von dem Ausgange der hier im Gewächshauſe gepflogenen Verhandlungen⸗ fuͤr das Schickſal ganzer Länder und Staaten jetzt der entſcheidende Augenblick gekommen ſei. Ohne in ſeiner Aufmerkſamkeit ſich durch den Tabacksdampf, den der Alte ihm immer deſto reichlicher ins Geſicht blies, je leiden⸗ ſchaftlicher ſeine Sprache ward, ſtören zu laſſen, ſaß Anton, der an Unterhaltungen dieſer Art in der That ein ganz ausnehmen⸗ des Gefallen fand, in eine dicke Rauchwolke gehuͤllt und wie feſt gebannt auf ſeinem Platze und nicht eher, als bis vor der allmählig her⸗ einbrechenden Abenddämmerung die auf dem Papier befindlichen Punkte und Linien nicht laͤnger mehr zu erkennen waren, bemerkten beide, daß ſchon längſt das zur Unterredung feſt⸗ geſetzte halbe Stundchen bereits verſtrichen ſei⸗ „Dacht' ichs doch!“ erklang es jetzt durch die geöffnete Thuͤr, zu welcher Antons Lehr⸗ herr hereintrat;„da ſitzt er, und läßt ſich von dem Alten wieder einen blauen Dunſt vormachen; während ich mir die Beine faſt ablaufe, und den Hals wund ſchreie. So eben ſchickt der Amtmann her und läßt ſagen, daß du noch dieſen Abend zu ihm heruͤber kommen ſollſt, weil er etwas mit dir zu ſpre⸗ chen hat. Alſo flugs fort! damit er nicht noch laͤnger auf dich zu warten braucht!“ Voll Verdruß über die Unterbrechung packte Droſſig ſeinen Operationsplan zuſam⸗ men; Anton aber hatte alle ſeine Geiſtesge⸗ genwart zuſammenzuraffen, um weder durch Worte noch Geberden die Angſt zu verrathen, von welcher er, zufolge der ſo eben vernom⸗ menen Nachricht, ſein ganzes Weſen ergriffen fuͤhlte. Denn nicht furchtbarer und grauſen⸗ doller hätte in dieſem Augenblick das Gekrach des herabſtuͤrzenden Deckengewölbes ihm zu den Ohren dringen können, als der Name des Amtmannd.„O die Abſcheuliche!“ rief er aus, als er ſich in Freien befand;„ſie hat es dem Vater wieder erzählt, hat viel⸗ leicht, wer weiß was fuͤr ein Aufhebens da⸗ von gemacht und ich habe ihr doch kaum das Ohrlaͤppchen beruͤhrt!“ Bögernden Schrittes, war er unter dieſen qualvollen Vermuthungen, da er den Zweck der an ihn ergangenen Einladung noch im⸗ mer fruͤh genug zu erfahren glaubte, allmäh⸗ lig bis an die Thuͤr des Amthauſes gelangt. Armer Schelm! wie wird es dir nun erge⸗ hen! ſeufzte er bei ſich ſelbſt, während die Sterne vom Himmel mitleidig durch die Dun⸗ kelheit auf ihn herabglänzten und die bewegte Mailuft Fluͤſternden Hauches in ſein Klage⸗ lied einzuſtimmen ſchien. Wohl eine Viertel⸗ ſtunde lang ſtand er in peinlicher Unruhe und unter heftigem Herzklopfen, die Hand auf den Druͤcker an der Hausthuͤr gelegt und ängſtlich nachſinnend uͤber die Vertheidigungs⸗ gruͤnde, die bei dem Verhoͤr, wenn anders der Amtmann ihn zum Worte kommen laſſe, — 190— etwa in Anregung zu bringen ſein möchten. Dies geſchah jedoch mit ſo unguͤnſtigem Er⸗ folge, daß er uͤber die zu ergreifenden Mit⸗ tel und Wege immer weniger mit ſich ſelbſt einig werden konnte, je mehr er den Kopf anſtrengte, um eines ausfuͤhrbaren Gedan⸗ rens ſich zu bemächtigen. Zum Gläck über⸗ hob eine Magd, welche plotzlich die Thür von innen oͤffnete, ihn am Ende alles weitern Gruͤbelns und Nachſinnens. Anton mußte vorwärts, da er ſchicklicher Weiſe nicht mehr zuruͤck konnte, und mit ſchwer beklommener Bruſt klopfte er an die Thuͤr des Wohnzim⸗ mers, worauf ſogleich ein donnerndes? M ein! ſich vernehmen ließ. Im gruͤndamaſtnen Schlafrock und die lange Tuͤrkenpfeife im Munde, ſaß der Amt⸗ mann auf ſeinem Lehnſtuhl, ohne daß noch ſonſt Jemand außer ihm ſich im Zimmer be⸗ fand.„Tritt näher, Anton,“ redete er den Erſchrocknen an;„ich habe einige Worte im Vertrauen mit dir zu reden, wobei ich jedoch vor allen Dingen auf die ſtrengſte Verſchwie⸗ — 191— genheit rechne. In vierzehn Tagen feiert meine Caroline ihren Geburtstag. Schon längſt hat ſie ſich einen eignen huͤbſch einge⸗ richteten Blumengarten gewuͤnſcht. Da das nun ein ganz unſchuldiges Vergnugen und der Sommer eben vor der Thür iſt, wäre ich wohl geneigt, ihr den ſo oft zur Sprache gebrachten Wunſch zu gewähren, moͤchte aber gern zu ihrem Geburtstage ſie damit uͤber⸗ raſchen. Du biſt, wie ich weiß, ein geſchick⸗ ter Burſche und flinker Arbeiter, Anton! Wätteſt du wohl Luſt, die Einrichtungen eines ſolchen Gärtchens zu ubernehmen? Es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, daß dein Lehrherr mir nicht allein die dazu aus dem herrſchaftlichen Garten zu liefernden Blumen und Gewächſe, ſondern auch deine Muͤhe mit auf die Rech⸗ nung bringt.“ „Die Zeit iſt freilich ein wenig kurz, lie⸗ ber Herr Amtmann,“ verſetzte Anton, dem bei Anhörung dieſes Auftrages eine Zentner⸗ laſt vom Herzen gefallen war;„indeſſen will ich gern Tag und Nacht daran arbeiten, um bis zur beſtimmten Zeit noch ſo gut als llich damit zu Stande zu kommen.“ 6„Der Platz zwiſchen dem Tannengebüſch und der Schlehdornhecke,“ fuhr jener fort, „ſcheint mir am beſten dazu geeignet. Frei⸗ lich liegt dort viel wildes Geſtripp„das zu⸗ vor an die Seite geräumt werden müßte. Sonſt iſt es aber ein ganz guter fetter Bo⸗ den, worauf, meiner Einſicht nach, wohl allerhand gedeihen und fortkommen kann.“ „Der Meinung bin ich auch!“ erwiederte der bereitwillige Blumengärtner, indem der Gedanke an das Ohrläppchen ihm ein flüch⸗ riges Erroͤthen auf die Wangen jagte.„Da die Sache aber ganz heimlich betrieben wer⸗ den ſoll und der Garten doch, ſo viel ich weiß, immer offen ſteht, ſo befuͤrchte ich 8. nahe, daß ich leicht waͤhrend des Arbeitens— „Caroline ſoll dich nicht dabei uͤberra⸗ ſchen,“ unterbrach jener ſeine Rede;„darauf kannſt du dich verlaſſen. Noch heut werde ich ihr anbefehlen, den Garten hinter dem Hauſe nicht eher wieder zu betreten, als bis ſie von mir die lausdruͤckliche Erlauhniß dazu erhält. Sie iſt gewohnt, mir blindlings und ohne Widerrede in Allem zu gehorchen; ich darf daher auch hierin die punktlichſte Folg⸗ ſunteit von ihr erwarten. Anton verſprach darauf, mit den an⸗ biechenden Tage ſogleich das ihm aufgetra⸗ gene Werk zu beginnen und entfernte ſich mit der fröhlichſten Eilfertigkeit. Kaum hatte ſelbſt Eoroline, die auf der Huusfiur ihm begegnete, ſich im Vorbeigehen eines ſtüchti⸗ gen Grußes von ihm zu erfreuen, weil der Entwurf, von welchem die Arbeit ihre regel⸗ rechte Fprm erhalten ſollte, ſchon mit aler Macht in ſeinem Innern ſch zu nnicein anfing. „36 ſinde mich beprgen,“ rief der Ant⸗ mann, als Caroline zu ihm ins Zimmer trat, mit ernſtgemeſſenen Mienen ihr enthegen, „dir uf einige Zeit den Beſuch unſers gro⸗ ßen Gartens hinter dem Hauſe zu unterſagen. Hoffentlich wirſt du in die guten Grůnde⸗ I. Bd. 23 die mich zu dieſem Verbot beſtimmen, keinen Zweifel ſetzen und daher, bis die Umſtände ſich ändern, meinen Ausſpruch mit Khti dem Gehorſam befolgen!“ Weit entfernt, gegen dieſen Befehl nur die mindeſten Einwendungen machen zu wol⸗ len, ſetzte Caroline ſich ſchweigend und er⸗ rothend an ihren Nähtiſch und war nur froh, daß die Beweggründe ſelbſt, die, ihrer Mei⸗ nung nach, hierzu Veranlaſſung gegeben hat⸗ len, nicht ausfüuhrlicher zur Sprache gebracht wurden. Der alberne Menſch, dachte ſie, hat mich noch obendrein bei dem Vater ver⸗ ktagt! Das verlohnte ſich auch der Mühe⸗ daß er, um einer bloßen Neckerei willen, ein ſolches Geſchrei erhebt! Und habe ich es ihm denn geheißen, uͤber den Zaun hinwegzuklet⸗ trn und ſo iſ mich zu kuͤſſen? „ uenlnel“ rief ber Vater mit Unwillen, „du buͤckſt dich mit dem Kopfe ſo tief auf die Arbeit nieder, daß du dir ſicher noch die Augen verdirbſt. Ueberhaupt kann ich das „ — Rähen bei Licht nun ein fuͤr allemal nicht ausſtehen. Geh lieber hinaus in die Kuͤche und beſorge das Abendeſſen.“ . Kaum begann der Morgen zu dämmern, als Anton, ſein Lager verlaſſend, hinaus⸗ eilte, durch gewaltſames Aufbrechen einiger Planken ſich einen freien Durchgang nach dem benachbarten Garten eroͤffnete, und ſo⸗ gleich mit Aufräumung und Säaͤuberung des ihm zum Anbau angewieſenen Grundſtuͤckes ſich zu beſchäftigen anfing. Auch ging ihm, obgleich er das Anerbieten des Vaters, zu⸗ folge deſſen ihm dieſer einen Gehuͤlfen beige⸗ ſellen wollte, eigenſinnig zuruͤckgewieſen hatte, die Arbeit ſo raſch von ſtatten, daß ſchon gegen Mittag der Platz vollkommen geebnet und von der hier ſtatt gehabten Verwilde⸗ rung keine Spur mehr zu bemerken war⸗ Jetzt wurden, dem in der letztverwichenen Nacht zur Ausfuͤhrung gereiften Plane ge⸗ mäß, die Beete abgetheilt und mit friſchge⸗ pflanzten Burbaumreiſern zierlich eingefaßt⸗ 13* — In der Mitte derſelben, ungefähr an eben der Stelle, an welcher geſtern die auf der Flucht begriffne Ruheſtoͤrerin erwiſcht und mit der verdienten Strafe belegt worden war, erhob ſich ein kleiner ovalrunder Huͤgel, fuͤr einen ſchlank aufgeſchoſſenen, mit knospenrei⸗ cher Krone geſchmuͤckten Orangenbaum be⸗ ſtimmt, welcher gerade um die Zeit der be⸗ vorſtehenden Geburtsfeier ſeine ſuͤßduftenden Bluͤthen zu öffnen verſprach. 15½ „Was Donner und Bomben hat denn das zu bedeuten?“ ließ des Nachmittags eine Stimme jenſeits der Planken ſich vernehmen. Es war Droſſig, der zu einer neuen Vor⸗ leſung uͤber den in der Taſche befindlichen Operationsplan ſich wieder einfand und vor Befremden, ſeinen Zögling abermals auf fremdem Grundgebiet anzutreffen, mit drohend geſchwungener Kruͤcke wild in der Luft um⸗ herfuhr. Anton eilte ſogleich, ihn zu be⸗ ſaͤnftigen, indem er, auf des Amtmanns Wunſch und Willen ſich berufend, ihm über den Zweck des hier zu vollfuͤhrenden Geſchäfts erläuternde Auskunft gab.„Und vor den Tändeleien da,“ rief jener, indem er unwillig auf die Taſche klopfte,„wird füͤr die wichti⸗ gern Angelegenheiten alſo wohl keine Zeit mehr uͤbrig bleiben?“—„O, ſchon in wenigen Tagen,“ verſetzte Anton,„hoffe ich mit den nothwendigſten Vorkehrungen ſo weit in Ord⸗ nung zu kommen, daß ich mich nebenbei auch wieder mit andern Dingen beſchäftigen kannz bis dahin aber will die Arbeit, wenn ich in ſo kurzer Friſt noch damit zu Stande kom⸗ men ſoll, durchaus ohne alle Unterbrechung betrieben ſein.“—„Die zum Fleiß anmah⸗ nenden Winke eines alten Graukopfs,“ rief Droſſig, indem die Narbe der Stirnwunde vor Zorn ſich dunkelroth färbte,„können frei⸗ lich nicht von ſolchem Gewicht ſein, als der Kuß eines huͤbſchen Mädchens! Da will ich mit meinem Operationsplan mich denn gern in aller Ehrerbietung vor der Uebermacht zu⸗ růckziehn. Zu Angriffen dieſes Schlages hangt mir auch überhaupt der Knebelbart gar zu tief uͤber die Zähne herab.“— d auf Antons Entſchuldigungsgrunde nur im min⸗ deſten weiter zu achten, machte er bei dieſen Worten eine raſche aber ſchulgerechte Schwen⸗ kung und ſteuerte unter heftigem Toben und Schelten im Geſchwindſchritt auf. ſeine Be⸗ hauſung los. Schon nach Verlauf einer hal⸗ ben Stunde aber gewahrte ihn Anton, der indeſſen ruhig zu ſeiner Arbeit zuruͤckgekehrt war, wieder auf einer daſelbſt befindlichen Schanze, wo er von der untergehenden Sonne beleuchtet, in Kriegsuͤbungen nach gewohnter Weiſe ſich tummelte und an der Traumluſt vergangner Jahre das rege Herz ergötzend, fuͤr den Zwiſt und Hader vergangener Minu⸗ ten kein Gedächtniß weiter zu haben ſchien. Rur eine kurze Friſt der Ruhe und Er⸗ holung verſtattete ſich der Geſchäftige, als die Dunkelheit endlich mehr und mehr uͤber⸗ hand genommen und hier dem längern Fort⸗ wirken des Fleißes und der Betriebſamkeit fur heut Einhalt gethan hatte. Bis gegen Mitternacht faß er bei brennender Lampe noch auf der Schnitbank im Gewächshauſe, wo er an den Pfählen und Stäben zu arbei⸗ ten begann, die gleichfalls ein Werk der eig⸗ nen Haͤnde, den neueingerichteten Blumen⸗ garten in wohlgefälliger Ordnung und Re gelmäßigkeit zu umzäunen beſtimmt warenz und ob ihm gleich, nach den erſchoͤpfenden Anſtrengungen des Tages, der Schlaf zuletzt mit unwiderſtehlicher Gewalt die ermuͤdeten Augenlieder zudruͤckte, fand doch der aufgehende Morgen ihn ſchon wieder in Auswahl und Zurechtſtellung der Blumengewaͤchſe beſchaͤf⸗ tigt, mit deren Verpflanzung er ſein heuti⸗ ges Tagewerk zu beginnen gedachte. Kaum den eignen Augen glaubte der Amt⸗ mann trauen zu dürfen, als er in den Fruͤh⸗ ſtunden, um die hier getroffenen Anſtalten zu muſtern, die Lindenallee herab kam, und die Arbeit, wie durch Zauberwerk, ſo uber alle Erwartung writ ſchon vorgeruͤckt ſah. Schmun⸗ zelnd vor Vergnugen, ſtand er da und wei⸗ dete ſchon im Vorauß ſich an dem Augenblick⸗ da ſeine Caroline für die vierzehntägige ſtrenge Unterſagung des Gartenbeſuchs auf ſo uͤber⸗ — 200— raſchende Weiſe ſich entſchädigt und für den geleiſteten Gehorſam belohnt finden werde; denn nicht allein die Schnelligkeit, mit welcher ſein Wunſch der Erfüllung entgegen reifte, behagte ihm ungemein, auch über die Anord⸗ nungen ſelbſt, die von klug berechnender Ein⸗ ſicht und feinem Geſchmack entworfen, ein Meiſterſtuͤck ans Licht zu bringen verſprachen, gab er laut und freudig ſeinen Beifall zu erkennen.%„ 260 talhh ni no0 Drei Tage verſtrichen allmählig, ohne daß Droſſig ſeit der letztern ſtürmiſchen Heimkehr nach ſeiner Burg wieder nach der Planken⸗ wand heruntergekommen, oder auch nur von fern auf den Beſtungswällen ſichtbar gewor⸗ den ware. So erwuͤnſcht dieſes räthſelhafte Außenbleiben des Alten dem geſchäftigen Gärtner auch unfangs geweſen war, fing er doch endlich an, daruͤber in einigs Unruhe zu gerathen, da er ſich den Grund eines ſo ſelt⸗ ſamen Benehmens durchaus auf keite befrie⸗ digende Weiſe zu erklären vetmochte. Als er — 251— daher am dritten Abend ſeine Atbeit im Freien beendigt hatte, ſchlug er, ſtatt ins Ge⸗ wachshaus zur Schnitzbank ſich zu verfügen, nach Droſſigs einſamer Behauſung ſeinen Weg ein, um ſich hier uͤber die eigentliche Lage der Dinge wo möglich nähere Auskunft zu verſchaffen. Eine Todtenſtille herrſchte in der Gegend; die aufgezogene Zugbruͤcke diente jedoch zum Beweiſe, daß Droſſig, ob⸗ gleich keine Spur von ihm zu entdecken war, ſich innerhalb der Verſchanzungen befinden muſſe. Ankon, dem die Angſt und Beſorgniß, daß ſeinem alten Lehrer und Rathgeber it⸗ gend etwas Widerwärtiges zugeſtoßen ſei, nicht länger zu zaudern verſtattete, erklomm ſogleich an einer der zuganglichſten Stellen den Wall, drang durch die Innenwerke der Feſtung bis in die Huͤtte, und fand hier den Alten von Fieberfroſt geſchuttelt, erſchopft und entkräftet auf ſeinem Lager. Eine ſo eben angeſteckte Lampe erhellte mit mattem Schimmer das ärmlich duſtre Gemach; einige Brotrinden und ein Krug mit Waſſer zeig⸗ — 202— ten ſich, dem Kranken zur Erquickung dienend, auf einem neben ihm beſindlichen hölzernen Seſſel. z önnd „Gott im Himmel!“ eief der neten beſtuͤrzt und erſchrocken,„was iſt euch begeg⸗ net, Vater Droſſig, daß ihr ſo daliegen mußt, von aller menſchlichen Hulfe verlaſſen?“ „Die ausgeſtandnen Strapatzen ſind ſchuld daran!“ verſetzte der Alte mit dumpfer Stimme.„Das Fieber iſt mir in die mor⸗ ſchen Knochen gefahren. Der Felbzug ſcheint beendigt. Aller geht in die Winterquartiere.“ i ün „Laßt euch nicht zricht von ſ vüßtern Gedanken uberwältigen,“ ſagte Anton;„ſicher iſt es nichts als eine Erkältung, die ihr euch bei einer eurer Nachtwachen zugezogen habt.⸗ „Ich hab' mein Lebelang gethan, was ich konnte,“ fuhr jener fort,„gehungert und gedurſtet, geſchwitzt und gefroren; gerade ſo ſoll es auch, merk⸗ ich, mit mir zu Ende gehen. Nun, ich hab⸗ nichts dagegen!1 Der alte Generaliſſimus da droben, wenn er ſo unter Froſt und Hitze mich anklopfen hört, wird mich ja wohl in Gnaden aufnehmen!“ Anton eilte ſogleich uͤber die herabgelaſ⸗ ſene Zugbruͤcke nach Hauſe, holte von dort⸗ her einen Vorrath Camillen und Flieder, entzundete bei ſeiner Rucktehr in die Huͤtte ein Feuer auf dem Camin und kochte mit ämſiger Geſchäftigkeit von den mitgebrachten Hausmitteln einen Thee, nach deſſen Genuß der Kranke denn auch alsbald in einen ſanf⸗ ten und wohlthätigen Schlummer verſank. Auf die Veſchftigungen an der Schnitzbank, ſo dringend ſie auch waren, fuͤr heut Ver⸗ zicht leiſtend, wich er die ganze Racht hin⸗ durch nicht von Droſſigs Lagerz erſt als die⸗ ſer gegen Morgen beim Erwachen verſicherte, daß er ſich beſſer befinde, machte er, unter der Zuſage, daß er von Zeit zu Zeit in der Hütte wieder vorſprechen werde, ſich auf, um wieder an die ihm obliegenden Gartenge⸗ ſchäfte zu gehen. Mit innigem Vergnuͤgen ſah er unter ſeinen fleißigen Händen das Ganze mehr und mehk der glücklichen Vollendung ſich nähern, während zu gleicher Zeit jedoch mit eben ſo tiefer Betruͤbniß ihn der Gedanke an den Kranken erfuͤllte, der fortwährend mit Todes: ahnungen beſchäftigt, das Lager hüten mußte) obgleich der Amtmann, nachdem er durch An⸗ ton uͤber den Zuſtand deſſelben in Kenntniß geſetzt worden war, fuͤr alles Sorge tuug, was ſeine Geneſung zu befordern und nut itgend ihm zur Pflege und n . Endlich erſchien mit einem in lächelnder Anmuth und Heiterkeit aufgehenden Mai⸗ morgen das Geburtsfeſt, fuͤr deſſen Feier die geheimgehaltenen und durth ſo raſtloſen Eifer zur Ausführung gebrachten Anſtalten getroffen worden waren. Von einer friſchen, um kunſt⸗ lich geſchnitzte Stäbe ſich ſchlingenden, und hin und wieder bereits mit geöffneten Knos⸗ pen prangenden Roſenhecke umfaßt, ſtand der liebliche Garten, der; aus den Händen der Natur und Kunſt neu hervorgegangen, jetzt mit anlockendem Zauber der Beſitznahme ſei⸗ ner zukuͤnftigen Eigenthuͤmerin entgegen zu harren ſchien. vat3 An der Seite des i ihr ſe reits zu ihrer großen Freude verkuͤndigt hatte, daß das vor vierzehn Tagen an ſie ergangene Verbot von heut an wieder als aufgehoben zu betrachten ſei, kam ſie frohgeſchwätzig die Lindenallee herab. Die Worte erſtarben ihr jedoch auf der Zunge, als ſie, an Ort und Stelle angelangt, die hier ſtattgefundene Ver⸗ änderung in das Auge zu faſſen anfing. Wie feſtgewurzelt blieb ſie vor der Pforte des Gattens ſtehen, und ſprachlos vor Erſtaunen und Verwunderung vernahm ſie den erklären⸗ den Beſcheid, daß jene ſtrenge Weiſung in keiner andern Abſicht an ſie erlaſſen worden ſei, als um mit der Erfuͤllung eines langſt von ihr gehegten Wunſches ſie zu dem heu⸗ tigen Tage deſto angenehmer uͤberraſchen zu können. Es währte lange, bevor ſie von der freudigen Beſtuͤrzung, in welche dieſer An⸗ blick ſie verſetzt hatte, ſich zu erholen und die — 206— Innigkeit ihrer Gefühle durch Aeußerungen des Dankes und der Freude an den Tag zu legen vermochte. Alles kam ihr vor, wie ein auf lieblicher Täuſchung beruhendes Blend⸗ werk, das bei näherer Beobachtung und Prü⸗ fung wieder in ein ſpurloſes Nichts dahin zu ſchwinden pflegt; ſo wenig wollte, beim Anblick der ſtattlichen Blumen- und Stau⸗ dengewächſe, welche, obwohl in verborgenen Gefäßen wurzelnd, ſchlank und uͤppig aus dem freien Erdreich emporgeſchoſſen zu ſein ſchienen/ ſich die Ueberzeugung ihr beigeſellen, daß ein aus ſo vielfältigen Theilen beſtehen⸗ des Wetk binnen der angegebenen kurzen Friſt habe zur Vollendung gebracht werden können.„Und noch dazu hat nur ein einzi⸗ ger Menſch daran gearbeitet,“ ſagte der Amt⸗ mann, uls die Ueberraſchte ihr zweifelndes Befremden hierüber äußerte;„Niemand an⸗ ders, iſt dabei auch nur im mindeſten beſchäͤf⸗ tigt geweſen, als Gärtner⸗ Anton, den du an jenem Abend aus meinem Zimmer haſt kom⸗ men ſehen, wo ich mich zuerſt mit ihm dar⸗ uͤber beſprochen und ihm die nöthigen Auf⸗ träge dazu ertheilt habe.“— Erſchrocken fuhr Caroline zuſammen, als ſie dieſen Ramen nennen horte; mit ſichtbaren Merkmalen der Verlegenheit und Unruhe wandte ſie ſich zu dem in der Mitte des Platzes befindlichen, in voller Bluͤthe ſtehenden Orangenbaum, und ergluͤhend vor Scham, daß ſie gegen den Stifter dieſer lieblichen Anlage einen ſo ge⸗ häſſigen Verdacht in der Bruſt genährt hab warf ſie von hier aus verſtohlen ihren Blick durch die plankenwand nach dem Schloßgar⸗ ten hinuͤber, um durch Mienen und Geberden den Verkannten ſogleich wegen des ihm zu⸗ gefuͤgten Unrechts um Verzeihung zu bitten, falls er etwa lauſchend und horchend ſich in der Nähe befinden ſollte. Riemand aber warj ſo oft ſie auch ihre heimlich angeſtellten Nachforſchungen wiederholte, in der Umgegend zu entdecken, und Caroline ſah ſich daher ge⸗ noͤthigt, das abzulegende Bekenntniß ihrer Schuld und Reue bis auf einen nbig zu verſchieben. Ich daͤchte, wir gingen jetzt,“ ſagte der Amtmann nach einer Weile,„da wir gerade in der Nähe ſend, einmal zuſammen nach der Wohnung des alten Droſſig hinuber, um zuzuſehen, wie es um ſein Vefinden ſteht, und was etwa, um auch ihm einen heitern Tag zu machen) fuͤr ihn gethan werden kann. Gewiß wird unſer theilnehmender Zuſpruch ihm angenehm und erfreulich ſein!“ Caroline zeigte ſich ſogleich dazu bereit, der Vater öff⸗ nete die nach dem freien Felde hinausfuhrende Gartenpforte, und nach einer Wanderung von wenigen Minuten hatten ſie die Wic erpeicht 36„8 ihn 30 Der Alte, der mit nüſteet und voller Miene auf ſeinem Lager ſaß, und den Operationsplan ausgebreitet vor ſich liegen hatte, gab den Eintretenden ſogleich einen Wink, ſich ſtill zu verhalten, ohne daß dieſe anfangs den Grund hiervon zu errathen ver⸗ mochten. Das Räthſel ward eihnen jedoch bald gelöſt; denn als ſie naͤher an das Bett getreten waren, fiel Anton ihnen in die Augen, der auf einem alten, in der Ecke hinter dem Ofen befindlichen Lehnſtuhl ſitzend, in feſten Schlummer verſunken war. Sein verſtoͤrtes bleiches Geſicht bildete einen grellen Abſtich gegen die lebensfrohe Heiterkeit, von welcher Carolinens Wangen geroͤthet waren, und diente zum ruhrenden Beweiſe, mit welcher Gewalt die treue Beobachtung des in den letztverwichnen Tagen ihm obliegenden Dop⸗ pelberufes, als Kunſtgärtner und Kranken⸗ pfleger, ſein ganzes Weſen angegriffen und niedergedruͤckt hatte. Zugleich von Verwun⸗ derung und Wohlgefallen erfullt, heftete ſich der Blick des Amtmanns auf den Schlum⸗ mernden, als er jetzt aus Droſſigs Munde umſtändlich erfuhr, wie Anton den Tag über mit raſtloſer Aemſigkeit draußen im Garten gearbeitet, und des Nachts, ſtatt von der ubermäßigen Anſtrengung ſich zu erholen und auszuruhen, hier bei ihm am Lager wachend mit Schnitzarbeit ſich beſchaͤftigt habe, und weder auf Bitten noch Drohungen achtend nicht eher als mit Anbruch des Morgens aus I. Bd. 14 — 210— der Huͤtte zu bringen geweſen ſei. Der Alte beſchloß ſeinen Bericht mit der Verſicherung, daß die Heftigkeit der Fieberanfälle, von denen er heimgeſucht worden, bereits merklich nach⸗ gelaſſen, und er daher alle Hoffnung habe, vielleicht ſchon in einigen Tagen ſich in Got⸗ tes freier Ratur wieder einmal umſehen zu können. Tief erſchuͤttert von allem, was ſie hier ſah und hoͤrte, war Caroline während der Erzählung ans Fenſter getreten, um die Thränen zu verheimlichen, welche der Gedanke an den Preis, um welchen die Erfullung ihres Lieblingswunſches hatte erkauft werden müſſen, gewaltſam ihr aus den Augen her⸗ vorpreßte. Mit gleicher Aengſtlichteit und Scheu ſchien ſie beim Abſchied aus der Hutte den Anblick des Schlummernden zu vermei⸗ den, doch fand dieſer beim Erwachen eine in friſcher Purpurroͤthe ſich entfaltende Roſen⸗ knospe auf ſeinem Schooße, welche ſie zum Zeichen ihres dankbargeruͤhrten Gefuͤhls ihm heimlich zugeworfen hatte. Die noch unerloſchne, mit reger Fuͤlle ihm inwohnende Glut und Kraft der Jugend, ver⸗ bunden mit dem Genuß der freien Natur, brachten indeſſen die Farbe der Geſundheit bald auf ſeinen Wangen wieder zum Vor⸗ ſchein; auch Droſſig ſah in Kurzem, allen Zweifeln und Ahnungen zum Trotz, ſich voll⸗ kommen wieder hergeſtellt und ſetzte nun ſo⸗ wohl die kriegeriſchen Sonntagsuͤbungen mit den Knaben des Ortes überhaupt, als den auf hoͤhere Zwecke hinauslaufenden Privat⸗ unterricht mit ſeinem Zögling insbeſondre, nach gewohnter Weiſe und mit verdoppeltem Eifer fort, damit er nach der Verſaͤumniß, die zufolge ſeines Krankenlagers hatte ſtatt⸗ ſinden muͤſſen, Alles in möglichſt kurzer Zeit wieder in das gehörige Gleis gebracht ſehe. Zwar konnte er zuweilen, wenn er bemerkte, daß Anton während des Unterrichts mit ganz andern Gegenſtänden, als den eben vorge⸗ tragenen Lehrſätzen, ſich heimlich beſchaͤftigte, nicht umhin, ſeine Unzufriedenheit daruber 14* durch ein bedenkliches Kopfſchuͤtteln zu erken⸗ nen zu geben; doch ließ er es hiermit, in der Hoffnung, daß dies gebankenloſe Zer⸗ ſtreutſein mit der Zeit wohl von ſelbſt wieder nachlaſſen werde, für jetzt ſein Bewenden haben, da er den jungen Kunſtgärtner, ſo ſcharf er ihn auch beobachtete, immer ſtill in ſeinem Berufe arbeiten und niemals etwas thun ſah, was der Zucht und Ehrbarkeit zu⸗ wider geweſen wäre, am allerwenigſten aber ihn in offenbarer Liebeöfehde mit der Tochter des Amtmanns jenſeits der Plankenwand wie⸗ der uͤberraſchte. So verſtrich allmählig ein Monat nach dem andern, ohne daß Droſſig dem verborge⸗ nen Geheimniß, welches Anton mit ſich um⸗ herzutragen ſchien, näher auf die Spur zu kommen vermochte. Schutzgewaͤhrend gegen den verderblichen Einfluß der rauhen Racht⸗ froͤſte hatte das Gewaͤchshaus die Orangerie bereits wieder aufgenommen, und der heran⸗ nahende Winter ſetzte, indem ſein ſchärferer — 213— Lufthauch die Gartengehege wieder in eine reizlos trauernde Einöde verwandelte, den Beſchäftigungen draußen im Freien mehr und mehr ein Ziel. Auch das Gärtchen jenſeits der Plankenwand theilte das allgemeine Schick⸗ ſal, und gewährte, jeder Anmuth und Zierde beraubt, jetzt einen um ſo duͤſtrern und be⸗ truͤbendern Anblick, je holder und freundlicher es während der mildern Jahreszeit dem Auge des Beobachters ſich dargeſtellt hatte; ein Umſtand, der jedoch Carolinen nicht abhielt, iihren Lieblingsplatz, ſo oft die Witterung es nur irgend geſtattete, regelmäßig um die Mittagszeit zu beſuchen und daſelbſt, mit der Hoffnung auf den wiederkehrenden Fruͤh⸗ ling ſich getroͤſtend, wenigſtens einige Minpg⸗ ten lang zu verweilen. Anton aber ſaß wäh⸗ rend deſſen im fernen Gewächshauſe, ſtill zu⸗ frieden mit dieſer oder jener Berufsarbeit beſchäftigt, oder auch wohl nach Anleitung der in ſeinem Beſitz befindlichen Büchen 3 CCharten und Riſſe zeichnend, uͤber die er ſo⸗ dann des Rachmittags, wenn Droſſig von ſeiner Burg nach dem Schloßgarten herunter kam, deſſen Gutachten einholte. Es war in einer mondhellen Winternacht, als Droſſig, in einen alten Soldatenmantel gehuͤllt, der bereits verjährten, ſonderbaren Grille gemäß, auf der Schanze vor ſeiner Huͤtte wieder Wache hielt, ſich aber, der ſchnei⸗ denden Kälte wegen, in ein altes Schilder⸗ haus zuruͤckgezogen hatte, deſſen Seitenoffnung ihm freie Ausſicht nach dem Schloßgarten gewährte. Rur das leiſe Kniſtern der von Reif uͤberzogenen und im Mondlicht funkeln⸗ den Baumzweige unterbrach die todtenhafte Stille, die uͤber die ganze Gegend verbreitet lag, bis endlich die Glocke auf dem nahen Schloßthurm die Mitternachtsſtunde verkuͤn⸗ digte. Da oͤffnete ſich plotzlich das Erkerfen⸗ ſter der Gärtnerwohnung, und mit ruͤſtiger Eilfertigkeit ſtieg an den Sproſſen des Wein⸗ geländers ein Menſch zur Erde, der leiſen aber behenden Schrittes auf einem Umwege der Burg ſich näherte, hier einige Sekunden lang Nachforſchungen zu halten ſchien, ſodann eine entgegengeſetzte Richtung nach dem Gar⸗ ten des Amtmanns einſchlagend, die Planken⸗ wand uͤberſtieg, und jenſeits derſelben im dortbefindlichen Tannenwäldchen verſchwand. Dem Alten fiel es bei weitem nicht ſo ſchwer, in dem ſcheu umherſpähenden Nacht⸗ wandler ſogleich ſeinen Premierlieutenant zu erkennen, als den Zweck ſich zu enträthſeln, welcher der ſpäten Wanderung denkbarer Weiſe zum Grunde liegen konnte.„Der Junge wird doch wohl nicht gar!“ murmelte er vor ſich hin;„er wird doch wohl nicht! Nun, das wollen wir gleich näher unter⸗ ſuchen.“ Er ergriff bei dieſen Worten den ihm zur Seite ſtehenden Kruͤckenſtab, ließ die Burg im Ruͤcken, und ſchlich behutſam auf einen Fliederbuſch zu, der hart an den Plan⸗ ken ſich befand, und ihm während der hier im Verborgenen anzuſtellenden Beobachtungen zum Hinterhalte zu dienen verſprach. Ganz mit dem Weſen und Anſehen eines Harrenden, bei deſſen Erblickung man nicht — 216— weiß, ob die Unruhe, in der er ſich befindet, mehr dem Froſt in ſeinen Gliedern, oder der Erwartung in ſeinem Gemuͤth zuzuſchreiben ſei, ſtand Anton ungeduldig trippelnd zwiſchen den jungen Tannen, zerrieb und zerarbeitete ſich die Hände, und ſandte von Zeit zu Zeit, indem er, um uͤber das vor ihm befindliche Geſträuch hinweg ſchauen zu koͤnnen, auf die Zehen ſich ſtellte, ſehnſuchtsvolle Blicke nach der Gegend des Amthauſes, als ob er noch Geſellſchaft, die ihm hier frieren helfe, von dorther erwarte. Wirklich that bald darauf die nach dem Garten hinausgehende Thuͤr des Hauſes ſich auf, und eine weibliche Ge⸗ ſtalt kam behenden Laufes die Lindenallee her⸗ unter, während der Hofhund als Wegweiſer luſtig vor ihr hertrabte. Es war Caroline, die, in ihren Sonntagspelz gehuͤllt, mit dem verwegenen Premierlieutenant hier bei nächt⸗ licher Weile ſich zuſammenfand, um für die lauernde Wachſamkeit, mit welcher im Laufe des Tages alle ſeine Schritte und Bewegun⸗ gen beobachtet wurden, ihn ſchadlos zu halten. Faſt haͤtte man glauben ſollen, eine jahrelang⸗ Trennung ſei dieſem Zuſammentreffen vor⸗ ausgegangen, ſo heftig und ungeſtum flog ſie ihm in die Arme, ſo ruͤhrend und zärtlich waren die Liebkoſungen, mit denen ſie gegen⸗ ſeitig ſich uͤberhäuften, ſo eifrig und angele⸗ gentlich ging die Unterredung von ſtatten, in welcher ſie, gedrängt vom Fluge der Mi⸗ nuten, dem vollen Herzen Luft zu machen ſuchten.„Gott! wie gefährlich iſt aber das Wagſtuͤck, das ich dir zu Liebe, mein Anton, unternehme!“ flüſterte Caroline, indem ſie einen Theil des warmen Pelzes ihm um die Schultern ſchlug.„Des Vaters Schlafzim⸗ mer liegt nur wenige Schritte von der Hof⸗ thuͤr entfernt. Wenn er mich nun hinaus⸗ ſchleichen hoͤrte und uns dann hier zuſammen uͤberraſchte; was gäbe das fuͤr einen Auftritt! Den Tod hätte ich auf der Stelle! Und dann auf der andern Seite der alte Broſſig—“ „Rein, der liegt und ſchnarcht in Frie⸗ den,“ fiel Anton ihr ins Wort;„den hat die Kälte heut von ſeinem Poſten auf der — 218— Schanze in die warme Hutte hineingetrieben. Von dieſer Seite iſt die Luft rein; ich habe mich, ehe ich hierher kam, genau umgeſehn, und alles ſtill und ruhig befunden. Der Him⸗ mel verleihe uns nur fortwährend eine recht grimmige Kälte, ſo lange wir Mondſchein haben; dann haben wir von dem alten Laurer nichts zu befurchten.“ Wohl eine halbe Stunde lang ſee ſie in ſtiller Vertraulichteit ſich auf dieſe Weiſe mit einander, dann ertheilten ſie ge⸗ genſeitig ſich das Verſprechen, morgen, falls nicht etwa gelindere Witterung eintrete, wie⸗ der um die nämliche Zeit zur Stelle zu ſein, und begaben endlich, nachdem über dem blo⸗ ßen Abſchiednehmen noch einige Minuten ver⸗ floſſen waren, zitternd vor Froſt und ſcheu beflugelten Laufes ſich nach Hauſe zurück. „Ei! Ei!“ rief der Alte, dem von der Unterredung keine Sylbe entgangen war; „dahin iſt es alſo bereits zwiſchen beiden ge⸗ kommen, daß ſie ſich in der Schußweite der Feſtung nächtliche Beſuche abſtatten, während 6 ich Gimpel mir geduldig Sand in die Augen ſtreuen und durch falſche Flankenbewegungen mich uͤberliſten laſſe!“ Unmuthig arbeitete er bei dieſen Worten ſich aus dem Flieder⸗ gebuͤſch hervor, ſchuͤttelte ſich den herabge⸗ fallenen Reif von den Schultern und begab ſch, hadernd und grollend mit ſich ſelbſt, wie⸗ der nach der Schanze auf ſeinen Poſten. Am folgenden Morgen trat er mit ern⸗ ſtem und nachdenkendem Geſicht in das Amt⸗ haus. Freundlich und unbefangen oͤffnete Caroline, die gerade auf dem Vorplatz ſich befand, ihm die Schreibſtube, als er nach ihrem Vater frug; bald darauf aber hörte ſie den letztern die Thuͤr von innen verrie⸗ geln, und gewaltig fing jetzt allmählig das Herz in der beklommenen Bruſt ihr zu pochen an. Nachdem die geheime Unterredung un⸗ gefähr eine Stunde lang gedauert hatte, be⸗ gleitete der Amtmann den Invaliden vor die Thuͤr hinaus, druͤckte ihm mit biederer und dem Anſcheine nach dankbarer Herzlichkeit die Hand, und kehrte darauf in das Wohnzim⸗ — 220— mer zuruͤck, worin Caroline die peinliche Unruhe ihres Innern am Stickrahm zu zer⸗ ſtreuen und zu beſchwichtigen bemüht war. „Lege die Arbeit jetzt an die Seite, liebes Kind!“ ſagte der Amtmann mit mildem aber feſtentſchloſſenem Ernſt;„wichtige Geſchäfte zwingen mich ſchleunig zu einer Reiſe, auf welcher du mich begleiten ſollſt. In wenigen Stunden wird der Wagen vor der Thür ſein; fange daher ſogleich an, deine Sachen zuſam⸗ men zu packen, damit du ſo ſchnell als mög⸗ lich damit zu Stande kommſt.“ Ein Donnerſchlag fuͤr das Ohr der Er⸗ ſchrockenen, die an einem einzigen nächtlich⸗ verſtohlenen Ausfluge nach dem Tannenwald⸗ chen weit groͤßeres Behagen fand, als alle bei hellem Tageslicht in Geſellſchaft des Va⸗ ters angeſtellten Luſtreiſen ihr zu gewähren verſprachen. Durch den beſtimmten Ton, mit welchem ihr der verhaßte Auftrag ertheilt wurde, in Furcht und Scheu geſetzt, wagte ſie es jedoch nicht, ihre Abneigung dagegen durch etwas mehr, als eine krauſe Stirnzt — erkennen zu geben. Ohne daher nur eine Sylbe darauf zu erwiedern, verfuͤgte ſie, der Vorſchrift gemäß, ſich nach ihrem Zimmer, packte die mitzunehmenden Habſeligkeiten in Geſellſchaft einiger ihren Augen dabei entfal⸗ lenden Thraͤnentropfen in den Reiſekoffer, und ehe noch der Mittag herankam, rollte der Wagen bereits uͤber den feſtgefrornen Damm wie im Fluge zum Städtchen hinaus. 10. Seiner Zuſage gemäß befand Anton, ohne von den Ereigniſſen des verfloſſenen Tages unterrichtet zu ſein, genau zur feſtge⸗ ſetzten Stunde ſich wieder im Tannengeholz, mit ſehnſuchtsvoller aber vergeblicher Unge⸗ duld dem Augenblick entgegen lauernd, da die Hinterthuͤr des Amchauſes nach gewohnter Weiſe ſich öffnen und Caroline zur Fort⸗ ſetzung des geſtern abgebrochenen traulichen Geſpräches ſich einſtellen werde. Eine ganze Stunde verlief, ohne daß er zur Erfuͤllung ſeines Wunſches nur die mindeſten Anſtalten treffen ſah. Die Meinung, daß Caroline durch häusliche Hinderniſſe abgehalten werde, dem geleiſteten Verſprechen Genuͤge zu leiſten, fing an, ihm mehr und mehr zur Gewißheit zu werden, und ſchon war er, nachdem ihm die Glieder uͤber dem fruchtloſen Harren und Hoffen faſt zu Stein gefroren waren, im Begriff, ſich wieder von dannen zu verfügen: da ſiel ihm, indem er ſich umwandte, ein weißer Zettel in die Augen, der an einen Tannenbaum geheftet, folgende, mit Bleiſtift flͤchtig geſchriebene und mit Carolinens Na⸗ mensunterſchrift verſehene Worte enthielt: Eine geheime Ahnung ſagt mir, daß unſte Zuſammenkuͤnfte im Garten verrathen ſind. Wohin die Reiſe gehen ſoll, weiß ich nicht mit Gewißheit, wahrſcheinlich zur Tante nach der Hauptſtadt.— Treu auch in der Entfer nung! treu bis in den Tod!— Eine truͤbe kummervolle Zeit begann fur Anton ſeit dem Augenblick, da er erbleichend vor Entſetzen dieſe unheildrohenden Zeilen geleſen hatte. Auch ward ihm ſchon am fol⸗ genden Morgen die beſtätigende Rachricht von — 223— Carolinens, in Geſellſchaft des Vaters ſtatt⸗ gefundenen Abreiſe mitgetheilt, ohne daß er den Muth hatte, ſich uber die eigentliche Veranlaſſung und Abſicht derſelben umſtänd⸗ licher zu erkundigen, weil er, ſo oft Jemand davon ſprach, immer auf den Verräther ſelbſt zu ſtoßen befurchtete, um eine Anfrage dieſer Art gegen ihn lautwerden zu laſſen. Ein Verſuch, den er auch ohnehin ſich erſparen konnte, da es unter allen denjenigen, die uͤber das obwaltende Geheimniß redeten, nur einen Einzigen gab, der zugleich darum wußte, und dieſer gerade am allerwenigſten den jungen Kunſtgärtner in dieſer Angelegenheit zum Ver⸗ trauten zu machen geneigt ſchien.„Schlag dir die Grillen aus dem Sinn, Patron! Du biſt gar nicht der Alte mehr! Erſt uuß man etwas Rechtſchaffenes gelernt haben, dann kann man allenfalls hin und wieder den Kopf haͤngen, wenn es durchaus nicht nach Wunſch und Erwartung gehen will! Du haſt mich gepflegt und gewartet, als ob ich dein leib⸗ licher Vater geweſen wärez drum lieb' ich — 224— dich auch, wie meinen Sohn, und drum ſag ich dir auch die Wahrheit, junger Gelbſchna⸗ bel! Den Kopf in die Höhe, Premierlieu⸗ tenant! Die Augenblicke ſind koſtbar! Blitz Element! was ſoll am Ende draus werden, wenn ich Tag fuͤr Tag wie ein Narr daſitzen, und die Regeln der edlen Kriegskunſt einmal wie das andre nur tauben Ohren vorpredigen ſoll!“ ² Mit dieſen und ähnlichen Verweisſpruchen und Ermunterungsformeln war Droſſig fort⸗ waͤhrend beeifert, das Gemuͤth des ſchmach⸗ tenden Träumers neu zu beleben und aufzu⸗ reizen, um ihn in das gewohnte Gleis be⸗ rufsgemäßer Thätigkeit und Pflichtubung zu⸗ ruͤckzuführen, ohne jedoch von Anwendung der dazu erwählten Reizmittel ſich eben einer ſehr tiefen und dauernden Wirkung erfreuen zu koͤnnen. Die alte und ſicherſte Vermittlerin aller irdiſchen Angelegenheiten, die Zeit, mußte zuletzt, wie gewoͤhnlich, das Beſte bei der Sache thun. Anton, der den ganzen Winter hindurch ſtill und in ſich ſelbſt verſchloſſen umhergegangen war, fing allmählig an, ſei⸗ nen menſchenfeindlichen, finſtern Unmuth ei⸗ ner ruhigern Stimmung zu unterwerfen, und mehr und mehr ſich in ein Schickſal zu fugen, deſſen Abänderung nun einmal nicht in ſeiner Gewalt ſtand. Der neubeginnende Fruͤhling, der zu zerſtreuenden Beſchaͤftigungen wieder Gelegenheit darbot, warf, indem er mit ſchoͤpferiſchem Hauch die Ratur ins jugend⸗ liche Leben zuruͤckrief, auch in Antons von Leid und Kummer getruͤbte Bruſt erheiternde Lichtfunken, und ſelbſt füͤr Droſſigs Umgang und Unterricht begann die verloren gegangene Empfänglichkeit nach und nach von neuem ſich einzuſtellen, wie aus den untrüglichſten Merkmalen hervorging. 17. „Es iſt doch Schade,“ ſagte Anton, in⸗ dem er eines Tages in der Nähe der Plan⸗ kenwand mit einer Gartenarbeit beſchäftigt, und Droſſig ihm eben zur Seite war;„daß das Gärtchen da druͤben dieſen Sommer ſo 1. Bd. 18 — 226— ganz unbebaut liegen bleiben und was an Gewaͤchſen etwa darin uberwintert hat, nun im aufgehenden Unkraut erſticken und verwil⸗ dern ſoll. Um von ſo kurzer Dauer zu ſein, hat die Anlage deſſelben denn doch wirklich zu viele Muhe gekoſtet.“—„Freilich wohl!“ verſetzte der Alte mit gelaſſenem Ernſt;„in⸗ deſſen wuͤßte ich eben nicht, wer es dir ver⸗ wehren ſollte, dich in muͤßigen Stunden des Gärtchens anzunehmen und es ſo viel als möglich im Stande zu erhalten. Allerdings muß der Verfall einer ſo hubſchen Anlage gerade fur denjenigen, der ſie im Schweiß ſeines Angeſichts hervorgebracht hat, weit ſchmerzhafter ſein, als fuͤr jeden andern. Nein, wie geſagt, ich wuͤßte nicht, wer et⸗ was dagegen einzuwenden haben ſollte.“— „Der Herr Amtmann!“ erwiederte jener klein⸗ laut und furchtſam.—„Nun dieſe Bedenk⸗ lichkeit ſoll bald aus dem Wege geräumt ſein!“ war die Antwort.„Roch heut will ich in eigner Perſon dem Amtmann die Sache vorſtellen, und ich bin gewiß, daß et, dir ſeine Zuſtimmung nicht einen Augenblick lang verweigern wird. 3. Dieſem Verſprechen gemäß machte der Alte ſich auf den Weg nach dem Amthauſe und kam denn auch bald darauf mit der an⸗ genehmen, ſeiner Vorherverkundigung voͤllig entſprechenden Nachricht zuruͤck, daß die ver⸗ langte Einwilligung ohne Umſtände ſogleich erfolgt ſei. Innig erfreut uͤber die auf ſo unvermuthete Weiſe ihm zu Theil gewordene Erfullung eines laͤngſt im Geheimen gehegten Wunſches, machte ſich Anton ohne Zeitverluſt an das Wiederherſtellungsgeſchäft, und ſchon nach Verlauf einiger Tage gewaͤhrte das neu⸗ angebaute Gärtchen wieder den nämlichen freundlichen Anblick, den es an Carolinens vorjährigem Geburtsfeſte dem Auge zum er⸗ ſtenmale dargeboten hatte. Nur ſie ſelbſt wollte noch immer ſich nicht wieder einfinden, um das abermals fuͤr ſie eingerichtete Paradies in Augenſchein zu neh⸗ men, und dem Schoͤpfer deſſelben wieder⸗ holte Proben ihrer bis zum Winterfroſt pin⸗ 15 aus dauernden Dankbarkeit zu Theil werden zu laſſen. Das Herz wollte ihm oft zer⸗ ſpringen, wenn er in einſamen Stunden die Traumbilder der vergangnen Zeit ſich in das Gedäͤchtniß zuruͤckrief, und die Begierde, Ca⸗ rolinens Aufenthaltsort zu erfahren, unge⸗ ſtuͤm auflodernd mit der lieblichen Erinnerung ſich verknupfte; taktgemäß ſchleichenden Wan⸗ dels aber verſtrich abermals ein Monar nach dem andern, ohne daß beim täglich wieder⸗ holten Hinuͤberſpahen nach der bluͤhenden Pflanzung irgend ein daſelbſt heimlich aufge⸗ ſtelltes Merkzeichen ihm von der Heimkehr der Erſehnten Kunde gegeben haͤtte. Der Amtmann ſelbſt, den ſeine Spaziergaͤnge zu⸗ weilen durch den Schloßgarten fuͤhrten, be⸗ obachtete, ſo freundlich und theilnehmend er auch mit Anton ſich oft ſtundenlang uber anderweitige Angelegenheiten unterhielt in Hinſicht dieſes Punktes ſtets ein ſo abſichtlich verſchloßnes und hartnäckiges Stillſchweigen, daß letzterer ſich durchaus nicht zu uͤberwinden vermochte, im Laufe des Geſprächs, gerade — 229— denjenigen Gegenſtand, der ihm am meiſten am Herzen lag, und woruͤber jener ihm frei⸗ lich die beſte Auskunft hätte geben können, auch nur auf das leiſeſte zu beruͤhren. Die innigſte Neigung ſeines Herzens gewaltſam zu unterdruͤcken, und der freundlichſten Hoff⸗ nung ſeines Lebens ſtreng zu entſagen, war die Forderung, welche das uͤber ſeinem Haupte verhängte Loos mit anmahnendem Rufe an ihn zu machen ſchien, indem es fort und fort ſeinem ſtillgluͤhenden Verlangen den Schmerz getäuſchter Erwartung beizugeſellen beeifert war. 12. Zum drittenmal ſchickte ſich Anton, der jetzt in ſein zwanzigſtes Jahr getreten war, nach gewohnter Weiſe ſo eben an, fuͤr die abermalige Bebauung des Gärtchens jenſeits der Planken die noͤthigen Vorkehrungen zu treffen, als mit dem im Anzuge begriffenen Fruͤhlinge diesmal zugleich jene verhängniß⸗ reiche Zeit herannahte, da Jung und Alt⸗ dem friedlichen Lebensberuf entſagend, Pflug und Webſtuhl verließ, voll gluͤhender Begei⸗ ſterung die dargebotenen Waffen ergriff, um das Joch abwälzen zu helfen, mit welchem mehrere Jahre hindurch die Gewaltherrſchaft eines uͤbermuͤthigen Feindes das Land gedruͤckt hatte. Bevor noch der Ausruf des Landes⸗ herrn bis in Antons Geburtsort gedrungen war, begleitete Droſſig bereits eine Anzahl kraftvoller Juͤnglinge, die als Knaben einſt ſeine Zöglinge geweſen und jene beluſtigenden Kampfſpiele jetzt in ernſter Geſtalt zu wie⸗ derholen entſchloſſen waren, in eigner Perſon nach einer mehrere Meilen entfernten Stadt, allwo, der eingegangenen Kunde gemäß, die herbeiſtroͤmenden Freiwilligen ſtreitluſtig ſich verſammelten, um der vaterländiſchen Hee⸗ resmacht beigefuͤgt zu werden. Das leichte Bündel auf dem Rucken und von frohlichem Muthe beſeelt, ſchritt Anton, deſſen ermun⸗ terndes Wort während der letztverwichenen Tage den aufglimmenden Funken ſchnell in allen Gemuthern zur lebendigen Flamme an⸗ gefacht hatte, flink und rüſtig unter den aus⸗ — ziehenden Jugendgenoſſen dahin. Der Ge⸗ danke an den neuaufgehenden, aus der Ferne mächtig heruͤberwinkenden Thatenberuf hatte die Bilder des Truͤbſinnes und Unmuths faſt bis auf die letzte Spur ihm aus der Bruſt hinweg gebannt, und nur ihm in begeiſter⸗ tem Eifer ſich hingebend, war ſein ganzes Weſen von den friſchgeweckten Trieben und Reigungen erfuͤllt. Mit leichtem Herzen hatte er Baumſcheere uns Gartenmeſſer an die Seite geworfen, mit zufriedenem Sinn ſich von den Lieblingsplätzen, die ihren Anſpruch auf ſeine Anhänglichkeit noch aus den fruhern Zeiten herleiteten, ſich getrennt, und aus den heimiſchen Bezirken folgte nach der fremden Ferne kein andres Erinnerungszeichen ihm nach, als Carolinens Abſchiedszeilen, die er, von einem Bäͤndchen umwickelt, auf der blo⸗ ßen Bruſt trug. Mit innigem Behagen draͤngte ſich Vater Droſſig, als er die fuͤr ihn ſo muͤhſelige Wanderung vollbracht, und das Ziel derſelben mit ſeiner jungen Mannſchaft erreicht hatte, — unter den Soͤhnen des Landes umher, von denen es in allen Straßen der Stadt wim⸗ melte, indem ſie, ſchaarenweiſe von allen Sei⸗ ten herbeigeeilt, jetzt in kampfbegieriger Un⸗ geduld der Stunde des Aufbruchs entgegen⸗ harrten. Die kriegeriſchen Zuruͤſtungen, die er hier treffen ſah, das fröhliche Getoͤſe der Waffen und der Jubel der Glucklichen, denen es vergönnt war, ſie zu fuͤhren, hatte ſeine ganze Seele in Bewegung geſetzt und des eignen Zuſtandes vergeſſend, ſtimmte erin den Jubel der verſammelten Menge oft mit ſo glühender Heftigkeit ein, daß ihm die Kopfwunde daruber zu bluten anfing. Erſt dann ſchien er es zu bemerken, daß für ihn ſelbſt kein Tagewerk ſolcher Art mehr zu vollbringen ſei, und indem er zu gleicher Zeit einen Blick auf den Stelzfuß warf, fing er allmählig an, ſich ruhiger zu verhalten. Als endlich der Abzug der jungen Krieger erfolgt und mit ihnen der einzige Reiz verſchwunden war, der an die Stadt ihn zu feſſeln ver⸗ mochte, begab auch er ſich wieder auf den Weg, und wanderte langſamen Ganges und mit duͤſterm Geberdenſpiel auf der einſamen Heerſtraße, nach ſeinem Wohnorte zuruͤck. 3. Hier führte er von nun an ein ſehr ſtil⸗ les zuruͤckgezogenes Leben. Der Weg uͤber die Zugbruͤcke blieb, indem er einſam hinter ſeiner Verſchanzung ſaß, oft mehrere Tage nach einander geſperrt, ohne daß der Alte den Schloßgarten oder das Amthaus beſucht hätte. Erſt nachdem Carolinens Zuruͤcktehr gegen Ende des Maimonats erfolgt war, begab er ſich in den Nachmittagsſtunden bisweilen nach dem Gärtchen jenſeits der Plankenwand, um traulich und treuherzig mit der Eigenthuͤme⸗ rin deſſelben ſich zu unterhalten, die um dieſe Zeit faſt täglich in einer daſelbſt befindlichen Jasminlaube, mit weiblicher Arbeit beſchaͤf⸗ tigt, ſich aufzuhalten pflegte. Mit behagli⸗ chem Ergoͤtzen verweilte ſein Blick auf der edlen bluͤhenden Geſtalt, zu welcher die Jung⸗ frau während ihrer Abweſenheit ſich ent⸗ wickelt und ausgebildet hatte. Vor Luſt und Freude begann das alte redliche Herz ihm zu klopfen, wenn ſie mit ſanfter Freundlich⸗ keit ihn am Eingange der Laube willkommen hieß, und von der Anmuth ihres Weſens wunderbar an ihre Nähe gefeſſelt, konnte er nicht umhin, einen Theil der innigen Zunei⸗ gung, die ſein entfernter Liebling beſaß, auch auf ſie überzutragen. Die erſte ſchriftliche Nachricht, die Anton ſchon in den erſten Wochen ſeines neuange⸗ tretenen Berufes ihm hatte zu Theil werden laſſen, blieb zugleich auch die letzte, da bald nachher, zufolge der kriegeriſchen Begebenhej⸗ ten und Verhältniſſe, alle fernere Mitthei⸗ lungen dieſer Art erſchwert und gehemmt wurden. Erſt im Laufe des Spätſommers lief uͤber die aus dem Städtchen fortgezoge⸗ nen Freiwilligen wieder ein ziemlich unbe⸗ ſtimmter und ſchwankender Bericht ein, wel⸗ cher zugleich die Angabe enthielt, daß Anton in einem Treffen verwundet, nach ſeiner Wie⸗ derherſtellung aber als Feldwebel zu einem anderweitigen Regimente verſetzt worden ſei. Caroline ſelbſt war es, aus deren Munde der Alte dieſes Geruͤcht zuerſt vernahm, da er zufolge ſeines einſamen und abgeſchiedenen Wandels mit dem Orte ſelbſt in nur gerin⸗ ger Verbindung ſtand. „Feldwebel? ſchon Feldwebel?“ rief er aus, indem er mit einer Miene, in welcher ehrerbietiges Staunen und freudige Ruͤhrung ſich um den Vorzug ſtritten, die Mutze vom Kopfe zog und einen tiefen Buͤckling machte. „Kaum in den Krieg gezogen und ſchon Feld⸗ webel! Potz Element! Da hat mir der Junge nunmehr wohl gar ſchon den Rang abge⸗ laufen?“ „Aber auch verwundet iſt er geweſen!“ erwiederte Caroline mit wehmuͤthig bewegter Geberde;„und wer weiß, ob er nicht in die⸗ ſem Augenblick wieder mit neuen Wunden bedeckt huͤlflos und verlaſſen auf dem Schlacht⸗ felde liegt. Fruͤh genug wird er dazu ſich abermals eine guͤnſtige Gelegenheit aufgeſucht haben; denn er kennt und ſcheut nun einmal keine Gefahr.“ — „Das muß er auᷓ nicht!“ fiel der Alte ihr hitzig ins Wort,„und das hat er auch nicht; denn ſonſt hätte ja ſeine Großmutter hinter dem Spinnrocken das nämliche Recht gehabt, zum Feldwebel erhoben zu werden, wie er es draußen unter Schwertblitz und Kugelregen geworden iſt. Was Gefahr! was Wunder! Um beides muß ein ordentlicher Kerl ſich nicht den Henker ſcheeren; ſonſt ver⸗ dient er zu ſein, aber nicht Feld⸗ webel!“ „Ihr ereifert euch ohne alle Urſache, Vater Droſſig!“ entgegnete Caroline ruhig und gefaßt.„Ihr verkennt mich durchaus, wenn ihr der Meinung ſeid, daß meine Freude uͤber Antons Muth und Ehrgefühl geringer ſei, als meine Beſorgniß vor den widrigen Schickſalen, denen er während ſeiner jetzigen Verhaͤltniſſe fort und fort unterworfen bleibt. Wohl fuhle ich es nur zu tief, daß die Be⸗ geiſterung fuͤr eine ſo heilige Angelegenheit gerade ihn vor allen andern Juͤnglingen des Ortes am innigſten und lebendigſten ergrei⸗ — e37— fen mußte; hätte es gleich das Schickſal nicht ſo gefuͤgt, daß dieſe von ihm jetzt betretene Laufbahn ja auch zugleich der einzige Weg zu ſein ſcheint, auf welchem ſo manche ander⸗ weitige ſchmerzliche Opfer und bittre Erfah⸗ rungen vielleicht noch ihr endliches Ziel er⸗ reichen koͤnnen!“ Ein Thränenſtrom folgte ihren Wortenz ſie verhullte das Geſicht, und uͤberließ, unbe⸗ kümmert um die Gegenwart des Zeugen, ſich 6 ganz den Empfindungen, welche das Geſpräch uͤber den Entfernten mit wechſelnder und uber⸗ wallender Macht ihr in der liebenden Bruſt aufgeregt hatte. Der Alte aber ergriff haſt⸗ voll und eifrig ſie bei der Hand und rief mit funkelnden Blicken:„Ich darf noch nicht re⸗ * den, wie mir's um's Herz iſt, Jungferchen! Es wird aber, ſo Gott will! eine Zeit kom⸗ men, wo der alte Droſſig die Mütze in die Luft werfen, und ihr ein Viktoria nach⸗ ſchreien wird, wie man es, ſo lange Hoch⸗ zeiten in der Welt gefeiert worden, noch niemals gehört hat!“— Fröhlich ſchwang —* er nach Beendigung dieſes prophetiſchen Aus⸗ ſpruches die Kruͤcke, ſetzte ſich darauf in Be⸗ wegung, und wanderte durch die offenſtehende Gartenpforte raſch und wohlgemuth wieder ſeiner Burgveſte zu. 14. Von Woche zu Woche ſah er jetzt in un⸗ gebuldiger Erwartung einem Schreiben von Antons eigner Hand entgegen, welches die nähere Beſtätigung des uber ihn verbreiteten Geruͤchts enthalten werde. Es wollte jedoch ſein Wunſch auch ſelbſt dann noch nicht in Erfuͤllung gehen, als zufolge der im October⸗ monat ſtattgefundenen, heilbringenden Ereig⸗ niſſe der Feind aus dem Lande verjagt, und nebſt ſo mancher andern druͤckenden Beſchwerde, nun auch in Bezug auf ſchriftliche Mitthei⸗ lungen jedes fruͤhere Hinderniß völlig aus dem Wege geräͤumt war.—„Iſt er todt, nun, ſo iſt er mit Ehren zu Grabe gegan⸗ gen, und aus meinem Victoria wird ein: Gnade dir Gott! Hat der Burſche aber ei⸗ nen Nagel in den Kopf bekommen, und nur daruͤber den alten Droſſig aus dem Ge⸗ dächtniß verloren, nun— ſo will ich's ihm auch vergeben! Wunderlich aber bleibt es immer, daß er ſo ganz und gar nichts von ſich hoͤren läßt. Die da drüben geht mir auch ſo ſtill und niedergeſchlagen umher. Ihre Gedanken moͤgen wohl ſo ziemlich den meini⸗ gen gleich ſein.“ Mit dieſen und ähnlichen ie ſaß der Alte an ſtuͤrmiſchen Winterabenden ſtundenlang vor dem Kaminfeuer in ſeiner Huͤtte, und gerieth in ein ſo tiefes und an⸗ haltendes Nachdenken, daß die Flamme dar⸗ uͤber erloſch und kaum die ihn umringende Dunkelheit ſein truͤbſinniges Nachgruͤbeln zu unterbrechen und ſeiner Aufmerkſamkeit eine andere Richtung zu geben vermochte. Die Fruͤhlingszeit ruͤckte allmählig heran; mit ihr zugleich verbreitete ſich die Nachricht von dem in Feindesland abgeſchloſſenen Frie⸗ den, der die muthbegeiſterten hinausgezogenen Krieger ruhmgekroͤnt zur Heimath zuruͤckzu⸗ führen verſprach; noch immer aber ſchwebte — 240— Droſſig uͤber Antons Schickſal, obgleich hin und wieder von neuem ſo mancherlei Sagen und Meinungen verlauten wollten, in der vorigen Ungewißheit. Der alten Sitte treu bleibend, und lieber unter dem geſtirnten Himmel als vor dem Kaminfeuer ſeinen Grillen und Gedanken nachhängend, ging er einſt wie gewohnlich mit ſeiner Flinte bewaffnet, abgemeſſenen Schrittes in einer mondhellen Mainacht wie⸗ der in der Hauptſchanze vor ſeiner Hutte wachthabend auf und nieder. Schon begann die Luft im Oſten ſich zu roͤthen, und die anbrechende Morgendämmerung mit dem Schimmer des noch am Himmel ſtehenden Vollmonds ſich zu verſchmelzen: da gewahrte Droſſig, indem ſein Blick zufällig nach der Waldung gerichtet war, welche die Felder jenſeits der Huͤtte in einem weiten Halbzir⸗ kel umgab, zwei Maͤnner in weiße Maͤntel gehuͤllt, die aus dem Gebuͤſch hervortraten, der Gegend aber, wie ihr neugieriges Umherſpähen verrieth, unkundig zu ſein ſchienen. Sein ſchar⸗ fes, geubtes Auge ließ ihn jedoch ſogleich noch einen dritten bemerken, der eifrig und angele⸗ gentlich ſich mit ihnen beſprach, indem er mit erhobenem Arme fortwaͤhrend nach der Fe⸗ ſtung hindeutete. Rach einigen Augenblicken ſchlugen ſie die ihnen bezeichnete Richtung ein, und fingen an, ſich mit ſtarken Schrit⸗ ten der Burg zu naͤhern, waͤhrend der Weg⸗ weiſer ſelbſt ſich in die Dunkelheit des Wal⸗ des zuruͤckzog. Da geſchah es zum eiil daß ben Graukopf auf ſeinem Poſten ein Zittern uber⸗ ſiel, nicht aber weil die Furcht ihn beſchlich, ſondern weil das redliche Herz, von aufwal⸗ lender Ahnung ergriffen, mit jugendlicher Unruhe ihm in der Bruſt zu hupfen anſing. Leiſe nahm er die Flinte von der Schulter, mit gekrͤmmtem Ruͤcken und ſchleichenden Ganges begab er ſich in das am untern Ende der Schanze befindliche Schilderhaus, und als die Fremdlinge bis an die Zugbruͤcke gekom⸗ men waren, rief er ploͤtzlich ihnen ein ſo donnerndes; Werda! entgegen, daß ſie beide I. Bd. 16 vor Schrecken um einige Schritte zuruͤckprall⸗ ten. Sie faßten ſich jedoch ſogleich wieder, und ſtellten ſich, dem Schilderhauſe gegenuͤber, hart an den Wallgraben.„Wenn ihr der Feldwebel Droſſig ſeid,“ rief der eine von ihnen mit barſchem Ton,„ſo ergebt euch in Güte, oder wir brauchen Gewalt!“ „Himmelelement!“ erklang es aus dem Schilderhaus zuruͤck;„habt ihr die Laufgrä⸗ ben ſchon eroffnet? habt ihr ſchon Breſche geſchoſſen? daß ihr mit ſolcher Keckheit von Uebergabe zu ſprechen euch erdreiſtet, be⸗ vor die Belagerung noch begonnen hat!“ „Von euch allein wird es abhängen,“ war die Antwort, ob es zur förmlichen Be⸗ lagerung kommen ſoll oder nicht. Eben des⸗ wegen laßt unſer Befehlshaber, nach ſeinem in jener Waldung aufgeſchlagenen Feldlager zur guͤtlichen Unterhandlung euch einladen, damit, wenn anders ein fur beide Theile be⸗ friedigender Vergleich zu Stande kommen kann, nicht muthwilliger Weiſe des Menſchen⸗ blutes noch mehr vergoſſen werde!“ —* „Das iſt ein anders! das mag denn gel⸗ ten und geſchehen!“ rief Droſſig kurz und trocken, indem er die Zugbruͤcke niederließ und vor die Feſtung hinaustrat. Schweigend nahmen die Abgeſandten ihn in ihre Mitte, und hinter einen edlen Trotz in Mienen und Geberden die Bewegung ſeiner innern Ge⸗ füͤhle zu verbergen bemüht, ſchritt er in ſtol⸗ zer Haltung neben ihnen der Waldung zu. 18. Schon aus der Ferne toͤnte ihm, waͤhrend ſeine Begleiter durch die dichtverwachſenen Zweige ihm Bahn brachen, und die Damme⸗ rung mehr und mehr zu tagen begann, ein dumpfes Getöſe von Waffen entgegen; welch ein Anblick aber ward ihm zu Theil, als er jetzt aus dem dunkeln Dickicht plotzlich auf die breite, quer durch den Wald fuͤhrende Heerſtraße hinaustrat. Zu beiden Seiten der⸗ ſelben ſtanden, von der eben aufgehenden Sonne ſtattlich beleuchtet, bewaffnete Reihen in kriegeriſcher Ordnung aufgeſtellt, welche den Alten, ſobald er in ihrer Mitte ſich be⸗ 6 1 3 — fand, unter dem Geklirr der Waffen und dem Lärm einer zu gleicher Zeit ſich erheben⸗ den rauſchenden Muſtk, mit einem freudigen Hurrah! begrußten. Ruhrend war es anzu⸗ ſehen, wie der Ueberraſchte, betäubt und er⸗ ſchuttert mit aller Macht auf die Krucke ſich ſtutzte, weil die ſchwankenden Kniee unter ihm einzubrechen drohten, wie die hellen Thränen ihm aus den Augen hervorquollen, und wie er zugleich mit zitternden Händen bemuͤht war, ſich der Papiere zu entledigen, vermit⸗ telſt welcher er, wenn nicht etwa ganz beſon⸗ ders feſtliche Gelegenheiten dies unthunlich machten, die langen Seitenhaare beſtändig aufgewickelt zu tragen pflegte. „Platz dem Hauptmann!“ riefen jetzt mehrere Stimmen in ſeiner Nähe. Droſſig ſuchte ſich moͤglichſt zu richten, in dem näm⸗ lichen Augenblick theilten ſich die ſeitwärts befindlichen Glieder, und unter dem jauchzen⸗ den Zuruf:„Gott ſegne dich, Vater Droſſig!“ ſtuͤrzte ſein Anton ihm an die Bruſt.„Haupt⸗ mann!“ ſtotterte der Alte mit ſchwachem Laut unter dem grauen Knebelbart hervor.— „Und du allein,“ verſetzte jener, indem er die Arme noch inniger ihm um den Nacken ſchlang,„du redlicher Graukopf biſt es allein, dem ich mein Gluͤck zu verdanken habe!“ Von neuem erfullte jetzt ein dreimaliges ſturmiſches Hurrah! die Luft, und Droſſig, der, unfähig ſich länger aufrecht zu halten, in ſeiner Erſchoͤpfung nach einem Seſſel um⸗ herzublicken ſchien, ward nach einem Zelte hingefuͤhrt, das unter den Baumzweigen auf⸗ geſchlagen, die gewuͤnſchte und ihm darbot. opnic Hier buh ihm S 3 die zeri. bende Ueberraſchung, die das Bewußtſein des Alten verdunkelte:, endlich einer gefaßtern Stimmung Raum zu vergoͤnnen anfing„wie er, von den bereits fruͤher erworbenen Kennt⸗ niſſen und Geſchicklichkeiten wunderbar un⸗ terſtützt, im Laufe des nun beendigten Feld⸗ zuges die Stufen der Ehre und des Ruhms allmählig bis zu dieſer Hoͤhe erſtiegen habe wie er nach jener großen, das Schickſal des Vaterlandes entſcheidenden Schlacht fort und fort zu anhaltend in Verfolgung des fluͤchti⸗ gen Feindes mit begriffen geweſen, um fuͤr anderweitige Gedanken und Angelegenheiten Zeit gewinnen zu koͤnnen, und wie dann zu⸗ letzt, als die Kriegsarbeiten ſich zu ihrem Ende geneigt hätten, der Vorſatz, die uber⸗ raſchende Nachricht von den ihm zu Theil ge⸗ wordenen Beguͤnſtigungen des Glückes in eig⸗ ner Perſon zu überbringen, immer feſter in ihm geworden ſei. Er beſchloß ſeine Erzäh⸗ lung mit dem erfreulichen Zuſatze, daß das Regiment, welchem er angehoͤre, durch eine freundliche Fuͤgung der Umſtände, ſein kuͤnf⸗ tiges Standquartier in eben der Stadt neh⸗ men werde, in welcher er ſeine kriegeriſche Laufbahn vor Jahresfriſt zuerſt begonnen habe; daß es bereits am geſtrigen Abend auf der Waldſtraße dem Ziele ſeiner Beſtimmung näher entgegen gezogen, ihm ſelbſt aber von dem Inhaber deſſelben die Erlaubniß ertheilt worden ſei, mit einem kleinen Theile der Mannſchaft dem geäußerten Wunſche ge⸗ — ℳ— mäß, hier zuruͤckzubleiben, um fuͤr die beab⸗ ſichtigte Ueberraſchung die An⸗ ſtalten treffen zu koͤnnen. Mit einer Miene, in welcher die enpfn⸗ dungen der Verwunderung und Ruͤhrung zu einem ſtillſeligen Entzuͤcken ſich verſchmolzen hatten, ſaß der Alte dem frohgeſchwätzigen Berichtserſtatter gegenuͤber und betaſtete, gleich als ob er von der Wirklichkeit alles deſſen, was er ſah und hoͤrte, auch durch das ſinn⸗ liche Gefuͤhl ſich uberzeugen muͤſſe, im Fort⸗ gange der Erzählung mit pruͤfender Hand, zu wiederholtenmalen bald die Schramme, die ſeinem Liebling uͤber den linken Backen hinablief, bald das Eiſenkreuz, mit welchem ſeine Bruſt geſchmuͤckt war.„Jetzt, Vater Droſſig,“ rief Anton, nachdem er mit der umſtändlichen Mittheilung ſeiner eignen Schick⸗ ſale und Begegniſſe zu Ende gekommen war, „jetzt einen Gang nach euter Huͤtte. So manches liegt noch mit preſſender und drän⸗ gender Gewalt mir auf dem Herzen; aber nicht eher, als bis wir gemeinſchaftlich den Schauplatz meines fruhern Wirkens und Trei⸗ bens in freiem Ueberblick vor den Augen ha⸗ ben, ſoll die Reihe des Etzůhlens und Aus⸗ kunftgebens an euch kommen. Die um das Zelt verſammelten Kriegsgefaͤhrten erhielten hierauf von ihm die Weiſung, ſich nach dem nahen Städtchen, wo ſie eine freundliche Auf⸗ nahme finden wuͤrden, in Bewegung zu ſetzen, um daſelbſt, bis auf weitern Befehl, Raſt zu halten; er ſelbſt aber ſchritt an der Seite ſeines alten im Vollgefühl der Luſt ſchwel⸗ genden Freundes guer durch das Sat der Burgveſte zu. 16. Mit lieblichem Gruß und Wink ſtellten die grunen Gartengehege ihren Blicken ſich dar, nachdem ſie das Ziel ihrer Wanderung erreicht, und Hand in Hand die Hauptſchanze vor der Huͤtte erſtiegen hatten.„Seht,“ rief Anton mit freudiger Lebhaftigkeit,„dort das Gewächshaus, wo wir ſo oft in trauli⸗ cher Unterredung bis ſpät in die Nacht hin⸗ ein beiſammen ſaßen, dort der Platz mit — 2½9— den wieder im Freien ſtehenden Otangenbäu⸗ men, ach! und dort das Luſtgärtchen, von mir angelegt und jetzt von fremder Hand ge⸗ wartet und in Ordnung erhalten! Vater Droſſig, fuhr er fort, indem er mit raſcher Entſchloſſenheit gegen den Alten ſich wandte, laßt mich alles, was ich in dieſem Augenblick denke und empfinde, in eine einzige kurze Frage zuſammendrängen: Verweilt Caroline wieder im Amthauſe bei ihrem Vater?“ „Weiß dires wirklich nicht genau zu ſagen, mein liebſter beſter Anton!“ verſetzte Droſſig mit ſchalthaft liſtigem Geberdenſpiel.„Habe ſeit Jahr und Tag immer ſtill zuruͤckgezogen in der Huͤtte gelebt, und mich wenig mehr um die Menſchen da draußen bekuͤmmert. Faſt aber möchte ich's wohl bezweifeln, mein junger geſtrenger Herr Hauptmann!“ 3„Nun ſo vernehmt und erfahret es denn,“ rief der Ungeduldige,„daß alle die Auszeich⸗ nungen, mit denen mich das Gluͤck uͤberhäuft hat, nicht die Hälfte ihres Werthes fuͤr mich behalten, wenn ich auf Carolinens Beſiz Verzicht leiſten muß! Sie war mir fruher⸗ hin, jetzt kann ich es euch entdecken, mit heimlicher Neigung zugethan; dort im Tan⸗ nengeholz haben wir, euren Scharfblick täu⸗ ſchend, uns oft zuſammengefunden, und mit jugendlich innigem Gefuͤhl uns ewige Liebe zugeſchworen. Noch trage ich ihre Abſchieds⸗ zeilen als ein Heiligthum hier auf der Bruſt, ſo wie mir in allen den mannigfachen Lagen und Verhältniſſen, in welche das letztverfloſ⸗ ſene Jahr mich verſetzt hat, auch ihr Bild ſelbſt niemals aus dem Herzen gewichen iſt!“ „Sie war auch immer ein gar ſchmuckes, liebes Mädchen„ fiel jener beiſtimmend ihm in die Rede,„und wuͤrde ſicher als Frau Hauptmaͤnnin eine recht ſtattliche Figur ſpie⸗ len. Run, es iſt bei der Sache ja eben noch nichts verloren, und wir koͤnnen uns uͤber dieſen Punkt ſogleich die noͤthige Auskunft verſchaffen. Ich mache mir's zur Ehre und — 251— zum Vergnuͤgen, bei dem Herrn Amtmann, wenn du anders mich damit beordern willſt, dein Freiwerber zu ſein. An eindringlicher Beredſamkeit ſoll es mir wenigſtens nicht fehlen, zumal wenn ich gleich den Augenblick zu dieſem Behuf mich auf den Weg mache!“ „Der Amtmann war euch immer ſehr ge⸗ wogen,“ verſetzte Anton;„gewiß kann ich daher keinen beſſern Fürſprecher finden alz euch. Gott! wenn ihr mit einer günſtigen Antwort zuruckkämet; nichts auf der Welt bliebe mir weiter zu wünſchen übrig. Eilt, Vater Droſſig! Der Boden brennt mir un⸗ ter den Füßen! Eilt, und entreißt mich ſo⸗ bald als möglich der peinlichen— uͤber mein Schickſal!“ „Ich bin ja ſchon auf dem Wege,“ rief der Alte, indem er die Schanze hinabſtieg und ſeine Richtung nach der, an der Planken⸗ wand befinblichen, nur angelehnten Garten⸗ — 252— pforte nahm. Zwei verſchiebene Gewalten ſchienen in ſeinem Innern ſich zu bekämpfen, weil er während ſeiner Wanderung bald wie feſtgewurzelt ſtehen blieb, und voll Wohlbe⸗ hagen an dem auf der Schanze ſeiger Wie; derkehr harrenden Liebling die ruͤckwärts ge⸗ wandten Augen weidete, bald ſeine Schritte wieder beſchleunigte, um das Verſäumte ein⸗ zuholen und mit der moglichſten Schnelligkeit das Ziel ſeiner Beſtimmung zu erreichen.— Wir haben uns erſt noch miteinander abzu⸗ finden, mein Herr Hauptmann!“ murmelte er in froͤhlichem Taumel vor ſich hin.„Ein Streich iſt des andern werth! Jetzt wollen wir ſehen, ob der; alte Feldwebel in ſeinem grauen Kopfe nicht auch noch eine Kriegslift auszuhecken im Stande iſt;“ I7. 5 Für Antons Aufnerfſamteit 6 vi ſen Augenblic auf der ganzen weiten 3 nur einen einzigen Punkt, deſſen ununterbrd⸗ chene Beobachtung ihm der Muͤhe werth ſchien; es war der metallne Druͤcker an der Thur des Amthauſes! Es verlief jedoch, nach⸗ dem er den Alten in das Haus hatte eintre⸗ ten ſehen, faſt eine halbe Stunde, bevor in der Lage der Dinge die erwünſchte Veraͤnde⸗ rung ſich einzuſtellen begann. Jetzt aber kam der Alte an der Seite des Amtmanns haſtig die Lindenallee herunter, indem er durch fort⸗ geſetztes Winken mit der Kruͤcke dem Harren⸗ den andeutete, daß er ſich nach dem Garten herab verfuͤgen moͤge. Anton ermangelte nicht, dieſer Einladung ſogleich Folge zu leiſten, und gerade beider Pforte des Blumengaͤrtchens wat es, wo der Amtmann ſeinen in ſo ruͤhmlicher Auszeichnung heimgekehrten jungen Freund willkommen hieß und mit theilnehmender Freudigkeit ihn an die Vruſt druͤckte. Sie verfugten ſich darauf alle drei nach der ſchat⸗ — 25— tigen Laube des Gärtchens, wo der bereits in Anregung gebrachte Punkt, der den Lie⸗ benden jetzt mehr als alles andere am Her⸗ zen lag, aufs Neue zur Sprache kam. Der Amtmann verſicherte, daß er ſeinerſeits ohne das minbeſte Bedenken ſich geneigt fühle, ſeine Einwilligung zu einer Verbindung zu erthei⸗ len, von welcher er überzeugt ſei, daß ſie das Gluck ſeiner Tochter begrunden werdes nur komme es jetzt zuvörderſt auch auf ihre Be⸗ ſtimmung an, da er den unumſtößlichen Grundſatz hege, daß ein ſo wichtiger Schritt durchaus nur auf der freien Wahl beruhen, nicht aber durch Zwang oder Ueberredung herbeigefuhrt und vollbracht werden muſſe. Noch immer beſinde ſich Caroline bei der Tante in der Hauptſtadt; nur ein einziges⸗ mal ſei ſie im verwichenen Sommer auf kurze Zeit zum Beſuch hier geweſen, noch heut aber ſolle die ſchriftliche Eroffnung die⸗ — — 255— ſes Antrages an ſie abgefertigt, und ihre Antwort ſodann frei und unverholen ihm mitgetheilt werden. Anton vertraute zu feſt auf die fortdauernde Guͤltigkeit des Pfandes, das er auf der Bruſt trug, als daß mit der freilich traurigen Nothwendigkeit, noch immer von der Geliebten ſich getrennt ſehen zu muſſen, nur das leiſeſte Mißtrauen in ihre Treue ſich hätte verknupfen ſollen. Dankbar begnugte er ſich daher an dem ihm zu Theil gewordenen Beſcheid, und ſuchte ſein in Sehnſucht ergluͤhtes Herz fort und fort mit der frohen Hoffnung zu erquicken, daß jetzt, nachdem die beifällige Zuſtimmung des Va⸗ ters erfolgt ſei, auch die Vollendung ſeines irdiſchen Gluͤckes nicht ſogar fern mehr ſein werde. Mittlerweile hatte ſich der Schloßgarten, nachdem bei dem Einzuge der Krieger die Rach⸗ richt von Antons Ankunft durch das Städtchen erſchollen war, mit einer Schaar von Reugieri⸗ gen gefullt, welche von der vermeldeten Hoheit und Würde, in deren Beſitz der ehemalige, ſtill⸗ beſcheidne Gärtnerburſche ſich gegenwärtig be⸗ finde, nur durch den eignen Augenſchein ſich uͤber⸗ fuhren zu können vermeinten. Anton befriedigte ihren Wunſch, indem er vor die Planken⸗ wand hinaus trat, und bald mit dieſem, bald mit jenem Bekannten in freundlicher Herz⸗ lichkeit ſich zu unterreden begann, bis endlich der Amtmann, um dem mehr und mehr an⸗ wachſenden Gedraͤnge ein Ziel zu ſetzen, ihm ankuͤndigte, daß das Mittageſſen bereit ſtehe, worauf beide den Ruͤckweg nach dem Amthauſe einſchlugen. Als ſie die Lindenallee erreicht huten, fiel ihnen der alte Droſſig in die Augen, welcher ſchon vorausgegangen war, jetzt aber gedankenvoll ſtill ſtand und, indem er das untere Ende der Kruͤcke tief in den Sand hineinbohrte, von Zeit zu Zeit zwei⸗ —— —————— — felhaft mit dem Kopfe ſchuͤttelte, als ob er mit fruchtloſem Nachgruͤbeln uber einen zwar wuͤnſchenswerthen, aber nicht ausfuhrbaren plan beſchäftigt ſei. Auf des Amtmanns Befragen, was denn gerade jetzt ihm wieder durch den Sinn gefahren ſei, blickte er mit ſchuͤchterner, faſt verſchämter Miene an dem Hauptmann hinauf, indem er zugleich von neuem den Kopf zu ſchuͤtteln anfing. Ach nichts! gar nichts!“ ſtammelte er,„als eine kindiſch wunderliche Grille, die mir unter dem älten Hirnſchaͤdel herumſpukt! Laßt es nur gut ſein, das muß und wird ſich ſchon wieder geben!“ Durch ein ſo ſeltſames Be⸗ nehmen zur Neugierde gereizt, drang Anton ſogleich in ihn, ſich deutlicher zu erklaren. „Nun, wenn ich denn durchaus meinen läz cherlichen Gedanken ſoll laut werden laſſen,“ fuhr bir Alte fort, ſo kann ich's ja thun, ohne daß es gerade den Hals koſten wird⸗ I. Bd. 17 Ich ſtand ſo eben hier, und betrachtete meine Feſtungswerke da drüben, wo ich nun die langen Jahre hindurch ſo manche Nacht auf dem Poſten geſtanden habe, ohne daß mir jemals die Gelegenheit geworden wäre, ſie gegen einen auch nur ganz ordinären, haſen⸗ herzigen Strauchdieb vertheidigen zu muͤſſen. Da dacht ich denn ſo in meinem Sinn: Wie wuͤrdeſt du dich wohl in dein Gluͤck finden können, alter Knaſterbart, wenn du es ein⸗ mal erleben ſollteſt, nach ordentlichem Kriegs⸗ gebrauch einen foͤrmlichen Angriff und Sturm auf deine Feſtung unternehmen und ausfuͤh⸗ ren zu ſehen! Dann wollteſt du dein Haupt ja wohl gern in Frieden niederlegen!— Seht, ſo wunderliches Zeug iſt mir in den Kopf gekommen, ſeit ich dieſen Morgen die ſtattlich aufgeſtellten Reihen mit Ober⸗ und Untergewehr auf der Waldſtraße habe paradiren ſehens jetzt ſteht es euch denn —— auch frei, mich dafuͤr auszu⸗ lachen!“— „Wenn ihr keinen whgicher Wunſch hegt, als eben dieſen,“ verſetzte Anton mit lächelndem Geſicht,„dazu koͤnnen wir ja bald Rath ſchaffen. Ohnehin hatte ich bereits den Gedanken, dieſen Nachmittag draußen auf dem Anger uͤber meine Leute Muſterung zu halten, und bei dieſer Gelegen⸗ heit einige leichte Kriegsubungen mit ihnen vorzunehmen, weil ich im Voraus wußte, daß ich euch dadurch ein ganz beſondres Ver⸗ gnuͤgen bereiten würde. Hier meine Hand, Vater Droſſig! euer ſo eben geäußerter Wunſch, ob er gleich ein wenig ſeltſam klingt, ſoll befriedigt werden!“ Die zu Erfullung des geleiſteten Verſpre⸗ chens erforderlichen Anſtalten waren bald getroffen, und kaum war das Mittagsmahl 17* — 260— meronnes, als der Alte nicht tinge zu ruhen und zu raſten vermochte, ſondern raſch von ſeinem Sitze ſich erhob und nach der Burgfeſte ſich verfugte, um daſelbſt, zur Beo⸗. bochtung der unten in der Ebene anzuſtellen⸗ den kriegeriſchen. Vewegungen ſich den be⸗ quemſten und⸗ ſchicklichſten Standpunkt aus⸗ zuſuchen. Anton folgte ihm bald darauf an der Seite des Amtmanns, der gleichfalls von den Waffenbeluſtigungen Augenzeuge zu ſein wuͤnſchte und jetzt, indem ſie beide auf ihrem Wege an der Feſtung vorbei gingen, die Lip⸗ pen zuſammen wuif,„ und 6 in ſich hinein lüchelte. ns. Dem ergangenen Befehle gemäß nten die Krieger, von einer Menge Zuſchauer aus dem Orte begleitet, in voller Bewaffnung auf dem Anger ſich eingefunden, als der Hauptmann daſelbſt anlangte, und ſogleich begannen unter ſeiner Anführung die a ufge⸗ —— ——————— ——— ſtellten und geordneten Glieder ſich nach den Regeln der Kriegskunſt in Bewegung zu ſetzten. Dem Alten, der auf ſeine Kruͤcke geſtutzt, von der Anhöhe herab die bewaffnrte Schaar in kunſtreicher Behendigkeit ſich ent⸗ wickeln, und wechſelsweiſe bald beim Angriff bald bei der Gegenwehr vom Gluck ſcheinbar begunſtigt, der Burg ſelbſt imme näher rucken ſah, zitterte das Herz vor Entzücken, und nut der Entwurf, den er ſelbſt im Schilde fuhrte, rüſtete ihn mit der Ruhe und Gelaſſenheit aus, deren er bedurfte, um bei dem wildfroͤh⸗ lichen Gewuͤhl unten in der Ebene als muůßi⸗ ger Beobachter auf ſeinem Poſten zu verhar⸗ ren. Jetzt aber war, mit nachgeahmter Flucht und Verwirrung, der eine Theil der Kaͤmpfen⸗ den, vor den drängenden Verfolgern mehr und mehr urücktweichend, bis dicht an den Wallgraben gekommen; der Halbzirkel, in welchem die Sieger gegen die Feſtung vor⸗ 5 — 262— rückten, verengte ſich mehr und mehr, und die eingekeilten nur in ſchwacher Vertheidi⸗ gung noch begriffenen Fluchtlinge fingen auf mehrern Punkten bereits an, die Waffen zu ſtrecken: da erhob Anton, deſſen Aufmertſam⸗ keit ſo eben einige Augenblicke lang mit an⸗ derweitigen Gegenſtänden beſchäftigt geweſen war, ſeinen Blick wieder nach der Stelle, auf welcher er mit heimlichem Ergötzen während des Gefechts den Alten hatte verweilen ſehen.— Welch ein unerwarteter, gluͤcklicher Wechſel aber ſtellte jetzt dem Ueberraſchten ſich dar! Der Alte war verſchwunden, und eine ſchlanke weibliche Geſtalt zeigte ſich auf der Anhöhe, die linke Hand auf der Bruſt, und mit der rechten eine weiße Fahne dem Sieger entgegen neigend. arbitn 4 rief Anton, indem er die Ge⸗ liebte ſeines Herzens erkannte und in jauch⸗ zender Luſt auf dem nächſten Wege den ſtei⸗ 3 — 263— len Wall erklomm. Er fand ſie, den Arm um den Nacken ihres Vaters geſchlungen, hinter der Bruſtwehr der Schanze, welche das Wonnefeſt des erſten Wiederſehens vor den Augen der unten verſammelten Menge verbarg.„So empfangen Sie denn, Herr Hauptmann,“ rief jener ihm zu,„aus mei⸗ nen Händen die Braut, die ſchon dem wak⸗ kern Anton beſtimmt war, wenn er auch nicht in ſo glaͤnzender Auszeichnung die Hei⸗ math wieder betreten hätte. Der Alte dort wird es bezeugen; ihm theilte ich meine Ge⸗ ſinnungen mit, und reblich hat er zu Befoͤr⸗ derung des von mir beabſichtigten Planes das Seinige beigetragen.“ „Gott ſei gelobt!“ ſiel Droſſig ihm ins Wort, daß er in jener Winternacht mich der verliebten Zuſammenkunft im Tannenwäld⸗ chen auf die Spur gerathen ließ! Ob ich ſonſt wohl mein Victoria jetzt in ſo froͤh⸗ lichem Jubel zu ihm hinauf rufen könnte! Er hat alles wohlgemacht! Er ſei gelobt und geprieſen! Victoria!“ Mit poller Ueberzeugung ſtimmten die Herzen der gluͤcklichen Liebenden ihm bei,* obgleich der Mund verſchloſſen blieb und der lobpreiſende Ausdruck der innern Empfindung nur in den dankbar bewegten Blicken zu le⸗ ſen war⸗ n ti nh .— ——— ſ 9 10 1 n 15 16 — ) 1