* ——— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfan und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 r offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pß. 13 5 auswürtige Abonnenten für Hin- und Zurhckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Martinsganzs. 301 I. 8 = 8 00 — — — — — — * II. ————— —— — Z⸗ der Mitte eines ungeheuern Waldes 9 wohnte vor vielen Jahren ein armer Kohlen⸗ brenner, Namens Gebhard, mit ſeiner Chefrau Regina, die von jeher alle Beſchwer⸗ den und Entbehrungen dieſes einſam abgefon⸗ derten Lebens mit ihm getheilt, ihre Zufrie⸗ denheit nur in der ſeinigen geſucht und in den Tagen ihrer Jogendbluͤthe ihm drey Soͤhne geboren hatte. Simon, Guͤnther und Nikolaus hießen ſie mit Namen, und ſäͤmmtlich hatten ſie, in Ermangelung der Gelegenheit zu anderweitigem Fortkommen, das Gewerbe des Vaters auch zu ihrem Berufs⸗ geſchäft erwählt. Aber mit deutlichen Spu⸗ ren gab die nothgedrungene Zurückgezogenheit 1„ von allem geſelligen Verkehr und Umgange an ihrem Weſen ſich kund. Kein ſanfteres Gefuͤhl milderte die ſchroffe Rauhigkeit ihrer Sitten; finſter und zuruͤckſchreckend war ihr äußeres Anſehen, und ſtarr und unbiegſam, wie die Fichtenſtaͤmme, zwiſchen welchen ſie aufgewachſen, ihre innere Gemuͤthsart. Von Regungen bruͤderlicher Liebe und Zuneigung war wenig oder nichts an ihnen zu bemerken, und unabläͤſſig lebten ſie, obwohl ein gemein⸗ ſchaftliches Tagewerk beſchickend, mit einander in Zwiſt und Unfrieden. Nur die Gegen⸗ wart des Vaters, deſſen uͤbermenſchliche Rie⸗ ſenkraft ſie ſcheuten und fuͤrchteten, legte ih⸗ rem feindſelig wilden Weſen Zaum und Ge⸗ biß an. Nur er verſtand es, ihren hartnaͤcki⸗ gen Sinn zu bändigen und geſchmeidig zu machen. Denn wie er die dickbebuſchten Au⸗ genbraunen enger zuſammen zog und die ru⸗ ßigte Fauſt gegen ſie zu erheben begann, ſo erblaßten ſie ſchon, zeigten ſich zahm, wie die Lämmer, verrichteten ſtill und friedlich die ihnen obliegende Arbeit, und dachten nicht cher an die Forſſetzung ihrer Zänkereyen, als — —— — ——„—— — bis er ihnen erſt voͤllig wieder aus dem Ge⸗ ſicht war. Den beſchränkten Raum der eig⸗ nen Behauſung und die unverträgliche Geſin⸗ nung der drey Bruͤder in Erwaͤgung ziehend, hatte Gebhard mit klugem Vorbedacht jedem von ihnen, nachdem ſie zu Maͤnnern heran⸗ gereift waren, eine beſondere Huͤtte gebaut und angewieſen. Dorthin zogen ſie ſich nach vollendetem Tagewerk zuruͤck, hielten, durch die Weite eines Flintenſchuſſes von einander getrennt, den Abend und die Nacht hindurch einſam im Innern ihrer Wohnung ſich auf, und kamen erſt mit der Fruͤhe des nächſten Morgens wieder zum Vorſchein. Da geſchah es, daß Frau Regina, die, ihres ziemlich vorgeruͤckten Alters wegen, ſchon längſt auf die Hofſnung weiterer Nachkom⸗ menſchaft Verzicht geleiſtet, ſich gegen alles Vermuthen wieder geſegneten Leibes fuͤhlte und, als die Stunde gekommen war, ein muntres und wunderſchoͤnes Knäblein zur Welt brachte. Es hatte einen viel zartern und feinern Körperbau, als man von Kindern, die in Köhlerhuͤtten geboren werden⸗ zu er⸗ warten berechtigt iſt, war mit goldgelbem Haar und veilchenblauen Augen verſehen und lächelte mit ſeinem Engelsgeſicht ſo hold und herzgewinnend, daß die erſtaunten Aeltern, indem ſie es einander wechſelsweiſe vom Arme nahmen, nur mit Ergötzen und Wohlgefal⸗ len auf ihm verweilen und gar nicht muͤde werden konnten, es zu betrachten. Deſto größern Aerger und Unmuth aber empfanden die drey Bruͤder, ſobald die Kunde von dem ſiattgehabten und für ſie höchſt unerwuͤnſchten Ereigniß zu ihren Ohren gedrungen war. Hatten ſie, ſeit der Begruͤndung des eignen aͤrmlichen Hausweſens, die väterliche Woh⸗ nung nur ſelten betreten, ſo geſchah dies jetzt gar nicht mehr. Sorgfaͤltig hielten ſie ſich von ihr entfernt, und fluͤchtigen Fußes und ſcheelen Blickes eilten ſie, wenn dann und wann ein unmeidlicher Geſchaͤftsweg ſie in die Naͤhe derſelben fuͤhrte, an ihr vorüber. Che ſie noch den neuen Ankoͤmmling geſehen hatten, wat er ihnen ſchon ein Dorn in den Augen. Nur die Furcht vor dem Vater hielt ſie ab, ihre argen und mißguͤnſtigen Gedan⸗ ken laut an den Tag zy gebenz aber insge⸗ heim ſchwur jeder von ihnen dem unberufenen Gaſte, der wie aus den Wolken herunter⸗ gefallen war, um ſich in ihre Sippſchaft einzudrängen, einen gewaltſamen Untergang. Es wollte jedoch, da die Mutter den kleinen Liebling ſtets zur Seite hatte und wie ihren Augapfel hutete, zut Ausfuͤhrung der ge⸗ faßten ſchnoden Vorſätze niemals eine guͤnſtige Gelegenheit ſich einſtellen, und es verſtrich all⸗ mählich ein Zeitraum von drey Jahren, ohne daß dem kleinen Wilfried— dieſen Namen hatte man ihm gegeben— nur ein Haat ge⸗ krlmmit worden waͤre. Jetzt unternahm er an einem lachenden Sommermorgen ſeinen erſten bedeutendern Ausflug, und huͤpfte munter und luſtig an der Hand des Vaters, der den ſchmeichleriſchen Bitten des Kindes nicht län⸗ ger zu widerſtehen vermocht hatte, mit nach der Tiefe des Waldes, wo die Meiler befind⸗ lich waren. Die Bruͤder hatten gewohnter Weiſe ſich fräher ans Werk begeben und be⸗ fanden ſich ſchon in voller Arbeit. Mit auf⸗ ſteigendem Groll und Vetbruß warfen Re bie — ſinſter befremdeten Blicke nach der Gegend, von wannen der Alte mit dem Knaben zwi⸗ ſchen den hohen Waldbaͤumen gemaͤchlichen Ganges daher geſchritten kam. Als aber der letztere jubelnd und jauchzend auf ſie zuſprang, ihnen mit freundlichem Vertrauen einem nach dem andern das weiße Händchen zum Gruß entgegenſtreckte und mit lächelnder Geberde zu ihnen emporſchaute, ward ihnen ſo wunderlich ums Herz, daß ſie alsbald ihren Zorn ſchwin⸗ den ließen und im Stillen ſich ſelbſt angelob⸗ ten, dem Knaben zwar jeden Anſpruch auf eine naͤhere Befreundung auch fernerhin hart⸗ näckig zu verweigern, ihm aber nun und nim⸗ mer an ſeinem Leibe Schaden zuzufuͤgen. Gebhard war, indeß der Kleine durch Lieb⸗ koſungen aller Art ſeinen rauhen Bruͤdern ein Zeichen des Wohlwollens abzulocken ſtrebte, in nur geringer Entfernung ſtehen geblieben, hatte ſchweigend die nervigten Arme uͤber ein⸗ ander geſchlagen, und ſchien mit dem ſcharf⸗ muſternden Blick, den er auf die Ueberraſch⸗ ten heftete, in der innerſten Tiefe ihres Ge⸗ muthes leſen zu wollem Dieſe merkten ſeine A ler ihn be A de tri „ Abſicht, machten ſogleich von dem Schmeich⸗ ler ſich los und ſetzten, ohne ſich weiter um ihn zu bekuͤmmern, die Verrichtungen fort, bey welchen ſie unterbrochen worden waren. So ruͤckte, waͤhrend die Koͤhler in ſtiller Aemſigkeit ihr gewohntes Geſchäft beſorgten, der harmlos ſpielende Wilfried aber im um⸗ her wuchernden hohen Haidekraut ſein Weſen trieb, nach und nach die Mittagsſtunde heran. Der Alte rüſtete ſich jetzt zum Wiederaufbruch nach ſeiner Wohnung, die Söhne liefen raſch und eifrig noch mit den Schaufeln umher, um, eche ſie gleichfalls ſich entfernten, erſt die Bewerfung eines friſchgeſetzten Meilers zu Stande zu bringen. Da gerieth der Kleine, der zum Vater wollte, zufälliger Weiſe dem ſchaufelnden Guͤnther in den Wurf und dieſer ſtieß ihn, zwar mehr in der Hitze des Ge⸗ ſchaͤftseifers, als aus wirklicher böſer Abſicht, ſo barſch und heftig an die Seite, daß er einen Schrey des Schmerzes vernehmen ließ und zu taumeln begann. Daruͤber entbrannte Gebhard in Grimm und Wuth. Wie ein gereizter Liwe ſtürzte er auf den Thäter los, — 0— packte ihn bey den Schultern und warf ihn dergeſtalt gegen den Boden, daß ihm alle Rippen im Leibe krachten. Den beiden an⸗ dern ſank vor Schrecken und Bangigkeit die Schaufel aus den Haͤnden, und ſcheuen Ge⸗ ſichts verkrochen ſie ſich hinter den nächſten Meiler. Dem Gezuͤchtigten aber koſtete es viele Anſtrengung, bis er ſich empor half und wieder auf die Füße zu ſtehen kam. Mit ſchmerzlich zuſammen gepreßten Lippen und beide Häͤnde gegen die Huften geſtenmt, ſchlich er langſam ſeiner Huͤtte zu, wo er drey Jage lang hart darnieder lag, bevor er von den verſtauchten Gliedern neuen Gebrauch zu ma⸗ chen und zu ſeinem gewohnten Schaffen und Treiben zuruͤckzukehren im Stande war. Durch dieſen Gewaltſtreich hatte Geb⸗ hard ſeinen drey aͤlteſten Sohnen eine Lehre eingeprägt, welche ſie niemals wieder verga⸗ ßen. Wohlweislich nahmen ſie ſich hin⸗ fuͤhro in Acht, dem Knaben durch Worte oder Handlungen ihre innere Ungunſt merken zu laſſen. Vielmehr gingen ſie ihm ſorgfaͤltig aus dem Wego, und unterſtanden ſich nicht⸗ R lt b⸗ he in⸗ Rft ken ltiß auch nur mit dem kleinen Finger ihn anzu⸗ ruͤhren, aus Beſorgniß, daß es ihm weh thun und dem Alten zu einer Wiederholung des veruͤbten Strafgerichtes Anlaß geben möchte. Dagegen war Wilfried, dem die Ratur zu ſeiner ſchoͤnen Geſtalt eine gar ſanfte und freundliche Sinnesart verllehen hatte, auf das ämſigſte bemuͤht, ihre Zuneigung zu ge⸗ winnen und ſich ihnen, wie er mehr und mehr heran wuchs, durch allerhand kleine Dienſtleiſtungen angenehm und gefällig zu machen. Wenn er ſich dem Vater auf den Schooß ſetzte, beyde Arme wie zum Etdroſ⸗ ſeln um ſeinen Nacken ſchlang und mit dem Lockenkopf ihm das dunkle Geſicht zu ſcheuern anfing, ſo konnte man immer mit Gewiß⸗ heit darauf rechnen, daß er bald nachher die Lippen offnen werde, um irgend etwas fuͤr die Bruͤder von ihm zu erbetteln. Auch ſtrich er wohl zu ganzen Stunden ſchwitzend und keuchend im Bereich der Meilet umher, um ſaftige Waldbeeren zu pflücken, die er ſodann, wenn die Erſchöpften ſich zum Vesperbrodt auf das Moos niederſetzten, mit herzlichem Wohl⸗ gefallen unter ſie vertheilte, ohne nur eine einzige fuͤr ſich zu behalten, ob er gleich vom Anblick des Genießens ſich ſtets hinweg wenden mußte, um zu verbergen, daß ihm das Waſ⸗ ſer im Munde zuſammen lief, In zunehmender Anmuth und Lieblich⸗ keit ſich entfaltend, hatte Wilfried eben ſein zwolftes Jahr erreicht, als der alte Gebhard zählings und unerwartet des Todes verblich, indem er von einem Fichtenbaum erſchlagen wurde, den er bey ſtuͤrmiſcher Witterung mit der Axt zu fällen im Begriff geweſen. So ward er um die Abenddaͤmmerung von den drey Sohnen bleich und entſtellt, wie ſie ihn in ſeinem Blute ſchwimmend gefunden, nach Hauſe gebracht. Mit dem Jammer der Ver⸗ zweiflung warf die Mutter ſich uͤber den ent⸗ ſeelten Leichnam dahin, und ſchien nicht wanken und weichen zu wollen, bis ſie durch den Hauch ihres Mundes ihm wigder Leben eingeflößt habe. Wilfried ſtand wie feſtge⸗ wurzelt daneben und rang, weil das Ent⸗ ſetzen ihm die Zunge gelähmt und die Sprache * geraubt hatte, ſtilweinend die Hände. Seine B 4 fi Re bro die wr ſö dof dir gu leg S jin ſir gar um hit no und In ſche ſun St — 13— Bruͤder dagegen, denen es in der engen Hütte fur den wilden Ausbruch ihres Schmerzes an Raum fehlte, eilten wieder ins Freye hinaus, brachten, unter Regen und Schneegeſtöber, die Nacht in der ſinſtern Waldung zu, und vermengten aͤchzend und heulend ihr Wehge⸗ ſchrey mit dem Brauſen des Sturmwindes, daß es gräßlich zu hören war. Mit dem auf⸗ daͤmmernden Morgen aber kehrten ſie zuruͤck, gruben mit vereinigten Kraͤften ein Grab und legten den Todten, dem ſie zuvor ſeine beſten Kleider angezogen hatten, ſchweigenden Ernſtes hinein, worauf ſie ſich wieder im Walde zer⸗ ſtreuten und ihre Wehklage von neuem be⸗ gannen. Bis gegen Mittag ließen ſie das umherbefindliche Felſengekluͤft vom! Ton ihrer Stimme wiederhallen; dann brachen ſie ihre bisherigen Wohnhuͤtten in Truͤmmer zuſammen, nahmen die vaͤterliche Behauſung in Beſitz, und ſetzten ſich daſelbſt, wie es ſeit vielen Jahren nicht mehr geſchehen war, zur gemein⸗ ſchaftlichen Mahlzeit nieder. Beym gewalt⸗ ſamen Verſcheiden des Vaters, hatte der Starrſinn, mit welchem ſie gegenſeitig ſich — 14— gehaßt und befehdet, plötzlich nachgelaſſen. Wos weder der Blitz ſeines Auges, noch die Kraft ſeines Armes jemals zu erringen ver⸗ mocht hatte, war durch den Anblick ſeines dahinſtrömenden Blutes bewirkt worden. Als ſle Speiſe und Trank zu ſich ge⸗ nommen und in ungeſtörter Eintracht des Leibes gepflegt hatten, wandten ſie ſich zu Wilfried und ſprachen;„armes Buͤbchen, uns jammert dein! denn deine Haut iſt durch⸗ ſichtig, wie Wachs, und deine Händchen ſind weich, wie Flaum. Niemals wirſt du den Dampf des ſchwehlenden Meilers vertra⸗ gen, noch das Schuͤreiſen regieren lernen. Deshalb magſt du der alten ſchwachen Mut⸗ ter huͤlfreich an die Hand gehen, und als un⸗ ſere Magd wollen wir dich hinfuͤhro betrach⸗ ten. Du ſollſt dich des Hausweſens an⸗ nehmen und unſere Ziegen melken, ſollſt im Winter die Huͤtte warm halten und im Som⸗ mer uns Beeren und Wurzeln ſuchen. Aber merke genau auf deine Pflicht und huͤte dich vor jeder Verſuͤumniß und Verwahrloſung des Dienſtes, den wir dir uͤbertragenz denn die er⸗ nes —— 6= ſonſt werden wir zornig und ſtoßen dich ohne Barmherzigkeit hinaus unter die Thiere des Waldes!“ Wilfried verſprach, ſich des ihm ertheil⸗ ten Berufes nach Kraͤften zu befleißigen, und wollte ihnen die Hand darauf geben, daß er es ernſtlich meyne. Sie nahmen den darge⸗ botenen Handſchlag aber nicht an, ſondern begnugten ſich mit ſeiner muͤndlichen Zuſage. Und es ward ihm, da ſie ſelbſt den untern Raum des Hauſes mit der Mutter zu theilen beſchloſſen, ein enges und ſchlechtes Dach⸗ kämmerchen angewieſen, in welchem er den Regen allenthalben frey herabtropfen ſah, und vor dem quer hindurchlaufenden holzernen Stuͤtzwerk ſich kaum zu rühren und zu bewe⸗ wegen vermochte. Hier mußte er den Abend und die Nacht hindurch ſich aufhalten, weil die rauhen Bruͤder ihn nicht gern in ihrer Nähe ſahen und ihm deshalb, während ſie nach vollbrachtem Tagewerk von ihrer Arbeit ausruhten, jeden muͤſſigen Zutritt zu ihrer Geſellſchaft ausdrucklich unterſagt hatten. Die Mutter, die ſeit Gebhards Tode ohnehin faſt —— immer kränkelte, konnte das bittre Loos ih⸗ res Licblings nur im Stillen beſeufen z denn ſie hatte keine Gewalt uͤber die Söhne, und mußte ſich alles gefallen laſſen, was die Hart⸗ herzigen in ihrer Mißgunſt und Abneigung uͤber ihn verhingen. Wilfried wußte gar wohl, wie tief ihr ſein Schickſal zu Herzen gingz deshalb zeigte er ihr ſtets ein heiteres Geſicht, und murrte und klagte niemals, ſon⸗ dern verrichtete treu und gewiſſenhaft die ihm angewieſenen Geſchaͤfte, ließ es ſich vom Mor⸗ gen bis zum Abend ſehr ſauer werden, und wagte nur dann, wenn er vor jeder Ueberra⸗ ſchung in gaͤnzlicher Sicherheit war, ſich je zuweilen in den Winkel zu ſetzen und ſtill und verſtohlen vor ſich nieder zu weinen. Schon waren, ſeit der Vater im Grabe ſchlief, mehrere Monden verſtrichen, da traf es ſich einſt, daß an einem kalten und regnigten Abend mit ungeduldiger Heftigkeit gegen die Thuͤr geklopft wurde. Wilfried, der wie ge⸗ wohnlich ganz abgeſondert in ſeinem Dach⸗ kammerchen ſaß, raffte ſich ſchnell empor und ſprang die Stiegen hinunter, um zuzuſchauen⸗ wer ———— wer ſon der fͤre Shi und füur ſie! ſn Nac W ie Sti Geſ Iie aus lede ſin wel der gus Ne II. ih denn art⸗ ung gar nzin eres ſon⸗ ihm jor⸗ wd ru⸗ ie ſil ube tra 9ten die R⸗ h⸗ und ue wer ſo ſpaͤt in der Dunkelheit Einlaß begehre. Es waren zwey lange ſtarke Männer, von ſo wildem und greulichem Anſehen, daß auch der Muthigſte ſich vor ihnen entſetzen und fuͤrchten mußte. Als der Riegel an der Thuͤr zuruͤckgeſchoben war, traten ſie feſten und entſchloſſenen Schrittes ſogleich zur Haus⸗ flur herein, erhoben mit den Waſſen, welche ſie bey ſich fuͤhrten, ein lautes Geklirr, und ſprachen mit barſcher trotziger Stimme um ein Rachtlager an. Wilftied fuͤhrte ſie nach der Wohnſtube zu ſeinen Bruͤdern, die anfangs uͤber den unerwarteten Beſuch verdrießlich die Stirn runzelten, bald aber mit nachgiebigern Geſinnungen ſich zu den Fremden an den Tiſch ſetzten, und fröhlich und wohlgemuth aus den dargebotenen, mit Meth angefuͤllten ledernen Schlaͤuchen mit ihnen zu zechen an⸗ fingen. An den frechen und ſchnoͤden Reden, welche die beyden Ankömmlinge, jemehr ihnen der Meth zu Kopfe ſtieg, immer ſchamloſer aus ihrem Munde vernehmen ließen, merkte Wifried gar bald, daß er die bevorſtehende Nacht mit Raͤubern und Moͤrdern unter ei⸗ M. 2 — nem Dach zuzubringen verdammt ſey, und ſtill in ſeinem Herzen wuͤnſchte er ſehnlicher, als jemals, daß doch ſein Vater zugegen ſeyn moͤge, um dem Unweſen zu ſteuern und reine Bahn zu machen. Der aber lag mit erſtarrten und gelähmten Armen zwey Klaf⸗ tern tief unter der Erde, und kuͤmmerte ſich um nichts mehr, was uͤber ihm vorging. Bey dem fortdauernden Gelärm und Ge⸗ ſchwätz am Tiſch, war Wilfried, auf einen erhaltenen Wink, folgſam damit beſchaͤftigt, in der entgegengeſetzten Ecke des Wohngemaches fuͤr die unheimlichen Gäſte das verlangte Streulager zu ſchichten und in Ordnung zu bringen. Hatte er ſchon ſeit dem erſten Au⸗ genblick ihres Etſcheinens den tiefſten Wider⸗ willen gegen ſie empfunden, ſo koſtete es ihm um ſo größere Muͤhe, ſeiner ſelbſt maͤchtig zu bleiben, als er jetzt, im Ab⸗ und Zugehen der Ohrenzeuge eines ſchwarzen Bubenſtuckes werden mußte, welches noch erſt am heutigen Abend ruchlos und heimtuͤckiſch von ihnen veruͤbt worden war. Denn mit ſchadenfroher de W hol N hi Er 6 ber wa Br N M ma „nd licher, 9egen und mit Klaf⸗ e ſich dGe⸗ einen Sügt naches angte n9 u Au⸗ utigen ihnen uher — * —— Miene und lallender Zunge berichteten ſe, wie ſie kaum eine Stunde Weges von hier, in der ſchauerlichſten Gegend des Waldgebir⸗ ges, einem armen verirrten Eremiten begegnet, den ſie zur Ergötzung ihres Gemuͤthes an ei⸗ nen Baumſtamm feſtgebunden und ihn ſo ſei⸗ nem Schickſal uͤberlaſſen hatten. Zu einem boshaften Grinſen verzerrten ſich, bey der Mittheilung des begangenen Frevelwerkes, ihre häßlichen Geſichtszuge, und indem ſie die um Erbarmung flehenden Seufzer und Klagen des Ungluͤcklichen nachzuahmen verſuchten, ſchlugen ſie ein gellendes Hohngelächter daru⸗ ber auf. Mit grauſenvoller Erwartung wandte Wilfried den ſtarren Blick nach ſeinen Brüdern, ob ſie mit einſtimmen wuͤrden! Aber ſie thaten es nicht, ſondern ſchüttelten dagegen bedenklich die Koͤpfe, ſchoben den aufs neue dargereichten Schlauch von ſich zurck und kundigten ihren Gäſten gähnend an, daß es nun Zeit ſey, dem Trinken ein Ende zu machen und ſich zur Ruhe zu begeben. Als⸗ bald kam es zum Aufbruch, und mit zittern⸗ dem Herzen flüchtete Wilfried aus der Rähe 2* — 20— der umhertaumelnden Trunkenbolde nach ſei⸗ ner einſamen Bodenkammer hinauf. Als aber die Mitternachtſtunde heran ge⸗ naht und alles in tiefen Schlummer verſun⸗ ken war, kam er ſtill und bedachtſam auf den Zehen wieder heruntergeſchlichen, oͤfſnete ſich leiſe die Thuͤr und ſchluͤpfte nach dem Freyen hinaus. In undurchdringliche Finſterniß wa⸗ xen Himmel und Erde gehuͤllt; ſtromweis ſchoß der Regen herab, und mit zerſtörender Ge⸗ walt tobte und wuͤthete der Sturm in den Baumgipfeln. Wilfried erbangte und ent⸗ ſetzte ſich vor dem Unwetter, das in feind⸗ ſeliger Erbitterung ihn von allen Seiten um⸗ ringte, und es recht darauf anzulegen ſchien, ihm die Abſicht zu vekeiteln, zu deren Er⸗ fuͤllung er die Wohnhuͤtte heimlich verlaſſen hatte. Sein duͤnnes Röcklein war bald durch⸗ näßt, ſeine Glieder bebten vor Froſt, und es erfüllte ſich ſeine Seele mit Furcht und Bangigkeit vor den boöſen Geiſtern der Nacht. Dennoch gab er ſein Vorhaben nicht auf, ſondern arbeitete mit angeſtrengter Kraft durch die dde dunkle Wildniß ſich vorwärts, wie ſi⸗ n ge⸗ erſun⸗ uf den eſih Frehen wa⸗ ſcheß Gl⸗ den dW feind⸗ m⸗ —.— der Ruf der innern Stimme es ihm gebok. Nur dann und wann blieb er lauſchend ſtehen, weil es ihm ſchien, als ob ein ächzendes Klagen und Jammern ſich vernehmen laſſe. Aber er fand ſich immer getauſcht; denn was er fuͤr den erhobenen Schmerzenslaut eines menſchlichen Weſens hielt, war nur das hohle Kniſtern der Aeſte, die ſich gegen einan⸗ der rieben, oder es ruͤhrte von den entfernten Baumſtaͤmmen her, die, vom Sturm ge⸗ packt, bis tief zu ihren Wurzeln hinab er⸗ drohnten. Endlich, nachdem er faſt zwey Stunden lang vergeblich umhergeirrt, und, bey dem unabläſſigen Gekrach und Getöſe um ihn her, ſchon immer der Meinung geweſen war, daß es ihm am Ende wohl eben ſo ergehen werde, wie es ſeinem armen Vater ergangen— end⸗ lich vernahm er klar und deutlich eine jam⸗ mernde Stimme, die nach Huͤlfe rief. Mit freudigem Schrecken naͤherte er ſich der Stelle, und fand richtig den Mann, den die Unmen⸗ ſchen in ihrer ſchändlichen Bosheit hier uͤber⸗ fallen und mit zähen Riemen ſo feſt an den ——— Baum geknůpft hatten, daß er kein Glied zu regen vermochte. Als ein Bote des Himmels erſchien der Knabe dem Huͤlfloſen, der, auf menſchlichen Beyſtand verzichtend, hier elen⸗ diglich umkommen zu muͤſſen geglaubt hatte. Wilfried machte ſich ungeſäumt ans Werk und ſtreckte die Hand aus, um ſeine ſchnoͤden Feſſeln zu löſen. Dieſe aber waren ſo eng in einander verſchuͤrzt und verknotet, daß es ſchier unmöglich ſchien, die Befreyung gluͤcklich zu Stande zu bringen, weil es ihm an einem hierzu erforderlichen tuͤchtigen Werkzeuge ge⸗ brach. Da warf er ſich in ſeiner Noth und Bedraͤngniß auf die Kniee, und verſuchte, ob es ihm vielleicht gelingen moͤchte, die ſtraſſen ſchluͤpfrigen Bande mit ſeinen Zähnen zu zer⸗ nagen. Die Arbeit ging muͤhſam von ſtat⸗ ten; doch Wilfried Ueß nicht nach, bis er ſich endlich am Ziel ſeines Fleißes und den Gemißhandelten in Freyheit ſah. Dieſer hatte nicht ſobald den ungehinderten Gebrauch ſei⸗ ner Gliedmaaßen wieder erlangt, als er es ſich zum erſten und eifrigſten Geſchäft machte, den unbekannten Helfer, deſſen Geſtalt er, hi we ſi ße gi ern ner 6e un kün die in 6 lidzu mmeb „duf elen⸗ hatte⸗ Wark hnoden o eng aß es ücklich einem R M⸗ und e ob raffen ze⸗ ſtat⸗ is er d den hotte ſi⸗ er e achte, t e⸗ der Dunkelheit wegen, nicht zu erkennen im Stande war, pruͤfend mit den Händen zu betaſten, weil es ihm ſchwer ſiel, zu glauben, daß er ſeine Rettung nicht einem hoͤhern Schutze geiſt, ſondern nur einem armen mitleidigen Köhlerknaben zu verdanken habe. Die Woh⸗ nung des Klausners, die in einer wohlver⸗ borgenen und rings mit wildem dichtver⸗ ſchlungenen Dorngebuͤſch bewachſenen Felſen⸗ hoͤhle beſtand, war von dem Platze nicht gar weit entfernt, und inſtändig bat der Gerettete ſeinen vor Froſt und Näſſe zitternden Befreyer, ihm dorthin zu folgen, um daſelbſt ſich am Feuer zu erwaͤrmen und, vor dem Unwetter geſchirmt, den aufdämmernden Morgen zu erwarten. Wilfried aber, der den Zorn ſei⸗ ner Bruͤder fuͤrchtete, gab dieſer Bitte kein Gehör, ſondern dachte nur auf den Ruͤckweg, und hatte kaum Geduld genug, ſich fuͤr einen kuͤnftigen Zuſpruch die Gegend, in welcher die Felſengrotte lag, und die nach derſelben einzuſchlagende Richtung beſchreiben zu laſſen. Große Muͤhe und Aufmerkſamkeit mußte er anwenden, um, bey den noch immer fort⸗ dauernden Schreckniſſen der Natur, ſich wie⸗ der zurecht zu finden, und als er endlich, nach langem Umherſuchen, den Ort erreicht hatte, wo ſein Vater begraben lag, da fuͤhlte er plotzlich einen kurzen ſtechenden, Schmerz in der Kinnlade, und es ſiel ihm der Zahn aus dem Munde, der bey dem naͤchtlich voll⸗ fuͤhrten Erlöſungswerk am meiſten beſchäftigt geweſen war. 3 Im Innern des Hauſes war es noch ſtill und ſtumm, wie im Grabe, und unbe⸗ merkt gelangte er wieder nach ſeiner Boden⸗ kammer hinauf. Hier warf er geſchwind die naſſen Kleider von ſich, kroch in das Bett und uͤberließ ſich der Ruhe. Doch nur kurz war ſein Schlummer; denn die lange Ge⸗ wohnheit machte, daß er auch diesmal mun⸗ ter wurde, als eben der Tag zu grauen an⸗ fing. Jetzt wollte er aufſtehen, um ſeine uͤb⸗ lichen Morgengeſchaͤfte zu verrichten. Aber umſonſt! Er konnte vor Mattigkeit und Ent⸗ kräftung ſich nicht von der Stelle bewegen, fuͤhlte wie von einem Bleygewicht ſich darnie⸗ dergehalten, und mußte liegen bleiben, wel⸗ lich, eicht ihlte mer zahn voll⸗ ftigt noch abe⸗ Mn⸗ die Bett ches Unheil auch immer fuͤr ihn daraus ent⸗ ſpringen möge.„O Himmel!“ ſeufzte er⸗ „Nun werden ſie gewiß ihre Drohung erfuͤllen und mich erbarmungslos aus der Wohnhuͤtte hinaustreiben! Ach und ich kann doch nicht anders!“— die Worte erſtarben ihm auf der Lippe, und aufs neue ſchloß ihm der Schlaf die muͤden Augenlieder. Es dauerte nicht lange, ſo ſtellten böſe Traumbilder ſich ein, um ihn zu peinigen. Die Bruͤder ſtan⸗ den mit ergrimmten Geſichtern in der Wohn⸗ ſtube beyſammen und hielten Rath und be⸗ ſprachen ſich uͤber ſein Schickſal. Dann ſtuͤrzten ſie auf ihn los, ergriffen ihn bey den Haaren und riſſen, unbekuͤmmert um das angſtvolle Flehen der Mutter, ihn ſtuͤr⸗ miſch mit ſich fort. Und immer weiter, durch den einſamſten und ödeſten Theil des Wald⸗ gebirges, ſchleppten ſie ihn ohne Raſt und Ruh, bis endlich ein ſchroff jäher Abgrund ihnen das weitere Vordringen verſperrte. Hier ſtanden ſie ſtill, verdoppelten ihre Kraͤfte, und ſchleuderten raſchen Wurfes ihn in die un⸗ ermeßliche dunkle Tiefe hinunter. Er ſtuͤrzte 6— mit zerſchellten Gliedern von Klippe zu Klippe, ſtieß einen lauten Schrey aus, und er⸗ wachte. Es war hoch am Tage. Die Wuth des Unwetters hatte ſich gelegt, die Luft war ſtill geworden und mit heiterm Strahl laͤchelte die Sonne zum kleinen Erkerfenſter herein. Ermuntert blickte Wilfried vor ſich hin und wollte, weil er von einem luͤgenhaften Blend⸗ werk ſich getaͤuſcht glaubte, den eignen Augen nicht trauen, indem er ſeine Bruͤder bemerkte, wie ſie, im aufſallendſten Abſtich gegen den Inhalt des eben entwichenen Traumes, mit reuevollen Mienen und in der demuͤthigſten Stellung am Eingange des Gemaches ſich aufhielten und erſt jetzt, bey ſeinem Erwachen, ein wenig naͤher zu treten wagten. Alle ſchie⸗ nen etwas vorbringen zu wollen; aber es ſtock⸗ ten ihre Lippen und ſchuͤchtern und verlegen ſahen ſie vor ſich nieder. Endlich nahm Si⸗ mon, der aͤlteſte unter ihnen, mit ſichtbarer Bezwingung ſeiner ſelbſt, das Wort und ſagte: „Wir muͤſſen es nur geſtehen! Wir kamen herauf, um mit unſanfter Hand dich aus dem S un uf hen unl ſin (in un Schlaf zu wecken und nach der gewohnten unbrüderlichen Haͤrte dir zu begegnen. Aber auf unbegreifliche Weiſe hat ſich uns bey dei⸗ nem Anblick das Herz in der Bruſt gewendet, und ſtill und ruhig haben wir hier ſeitdem ge⸗ ſtanden und gewartet, bis du von ſelber dich ermuntern wuͤrdeſt. Vergiß die Beſchwerden und Kraͤnkungen, die wir dir zugefuͤgt, und laß es geſchehen, daß wir aus dieſer feucht⸗ kalten Kammer dich zur Mutter hinunter⸗ tragen, die mit großer Sehnſucht und Unge⸗ duld nach dir verlangt!“ Und gemeinſchaftlich legten ſie Hand an und trugen in ſtiller Vorſicht und Sorgfalt ihn ſammt der Lagerſtätte die Stiegen hinun⸗ ter nach dem traulich warmen Stuͤbchen der Mutter. Dieſe ſaß matt und krank auf ih⸗ rem Polſterſtuhl, die runzelvolle Stirn mit der welken Hand ſtuͤtzend und wehmuͤthigen Ernſtes in ihre Gedanken vertieft. Aber ſtau⸗ nend blickte ſie auf, und im Strahl der ſuͤße⸗ ſten Luſt verklaͤrte ſich ihr Geſicht, als die Lhur ſich öffnete und die finſtern rußwangig⸗ ten Maͤnner ihr mit ſo dienſtbefliſſener Milde den Knaben hereinbrachten, der alsbald ſeine Freude uͤber die mit ihm vorgenommene Orts⸗ veränderung zu erkennen gab und freundlich blinzelnd ihr ſeinen Gruß entgegen nickte. Mit aͤngſtlicher Haſtigkeit tappte ſie nach ih⸗ rem Kruͤckſtock und verſuchte, ſich von ihrem Sitz zu erheben. Aber Guͤnther ſprang hinzu, griff der Schwankenden huͤlfreich unter die Arme und blieb ſtuͤtzend und ſchirmend neben ihr ſtehen, bis die Andern auf ſeinen Wink das Bett dicht vor ihrem Seſſel niedergelaſſen hatten. Traut und zaͤrtlich neigte die Greiſin das bebende Haupt zu ihrem bluͤhenden Kinde herab. Die drey Bruder aber traten ehrer⸗ pietig zuruͤck, und verließen mit bedachtſamen und geraͤuſchloſen Schritten einer nach dem andern das Gemach. „O Mutter!“ lispelte Wilfried, als jene hinaus waren.„Ich habe in der ver⸗ floſſenen Nacht unter Sturm und Regen einen armen Mann befreyt und die ledernen Riemen zernagt, womit ihn boſe Buben an eine Kie⸗ fer gebunden hatten. Es ging mir ein Zahn daruͤber verloren; das weiß ich mit Gewißheit, ſine rtö⸗ Mich ckte. ih⸗ em nz, die eben ink ſſen Wo inde nen dem — 29— und doch fuhle ich jetzt keine Lüͤcke mehr im Munde. Sieh doch zu, und unterſuche, was mit mir geſchehen!“ Und mit zartem Finger drängte ſie ihm ſanft und behutſam die Lippen aus einander, und betroffen bebte ihr Herz bey dem blen⸗ denden Schimmer, der aus dem Munde des Knaben ihr entgegen blitte. Denn zum Er⸗ ſatz des Verluſtes war ihm ein neuer Zahn aus hellgediegenem Golde gewachſen! Mit geruͤhrter Stimme gab die Mutter, nachdem ſie von ihrem Erſtaunen ſich erholt hatte, ihm kund, was ſich mit ihm zugetragen. „So ſollte,“ fugte ſie hinzu,„die mitleidige Regung, die ſpät in der ſturmiſchen Nocht dich hinaustrieb, nicht unvergolten bleiben! Das edle Werk ſollte wuchern, und fröhlich ahnet mein Herz, daß dieſe glaͤnzende Wundergabe dir fuͤr deine kuͤnſtigen Jahre nur zu Heil und Segen gereichen wird. Aber verbirg ſie ſorg⸗ ſam vor deinen Bruͤdern, ſo wie vor den Augen eines Jeden, dem du dich näherſt, da⸗ mit kein ſchlimmes Geluͤſt erweckt werde, dir = 60— nachzuſtellen und mit verwegner Hand dich des verliehenen Kleinods zu berauben!“ Wilfried verſprach, ihren wohlgemeinten Rath auf das puͤnktlichſte zu befolgen, und beide benutzten darauf die ihnen gewordne guͤnſtige Gelegenheit und redeten in vertrauli⸗ cher Liebe noch mancherley mit einander, bis die Mutter, nachdem ſie dem Wunſche des verlangenden Herzens Gnuͤge gethan, von unbezwinglichet Muͤdigkeit angewandelt, gegen die Lehne des Seſſels zuruͤck ſank und ſich dem herannahenden Schlummer ergab. Wohl drey Stunden lang lag Wilfried ſtill und vermied jede Bewegung, um die Schlum⸗ mernde nicht in ihrer Ruhe zu ſtören. Als aber der Tag ſich zu neigen begann, richtete er ſich lauſchend und forſchend von ſeinem La⸗ ger empor, blickte ihr ins Geſicht und faßte, von plötzlicher Beſorgniß und Bangigkeit er⸗ griffen, ſie aͤngſtlich bey der Hand. Aber ſie erwachte nicht wieder; denn ſanft und un⸗ vermerkt hatte der Geiſt von ſeiner gebrechlichen Huͤlle ſich getrennt und war zum Frieden eingegangen. V it ſe ter die der ch wi v. fü n n ne dih nten rdne wli⸗ bis des von 9en ſch ch und m⸗ Ms tete la⸗ ßte, en bet un⸗ hen gen — In troſtloſem Jammer ſank der beſtuͤrzte Wilfried an ihrer Seite nieder, umſchlang ihte Kniee und rief mit flehender Inbrunſt ſie beym Namen; doch ihre Augen blieben verſchloſſen und wirkungslos an den öden Waͤnden verhallte ſein Liebesruf. Da drangen die kräͤftigen Fußtritte der heimkehrenden Bruͤ⸗ der zu ſeinem Ohr, und bitterlich weinend ſchwankte er hinaus, um ihnen das uner⸗ wartete Dahinſcheiden der Mutter zu verkuͤn⸗ digen. Sie waren eben im Begriff, ſich nach ihrer eignen Wohnſtube zu begeben. Wie ſie aber die Trauerbotſchaft vernahmen, kehrten ſie um, warfen einen fluͤchtig muſternden Blick durch die Thuͤr des Gemaches, wo die Verblichene ſich befand, und ſchritten mit ge⸗ ſenkten Haͤuptern und verſtoͤrten Geſichtern wieder zum Hauſe hinaus, worauf ſie nach verſchiedenen Gegenden des Waldes ſich zer⸗ ſtreuten und ihr wuͤſtes Klagegeſchrey began⸗ nen, wie es beim Tode des Vaters geſchehen war. Wilfried ſaß unterdeß, nur ſtille Thrä⸗ nen vergießend, auf ſeinem Lager und blieb die Nacht hindurch mit dem Leichnam allein. Als aber der junge Strahl des Morgenlichtes die Fichtengipfel zu röthen begann, kamen die Brüder und ſuchten ſtill und ſtumm aus der geoͤffneten Truhe den Putz hervor, mit wel⸗ chem die Mutter an frühern feſtlichen Tagen ſich am liebſten geſchmuͤckt hatte. Dieſen legten ſie der Entſchlummerten an, und tru⸗ gen auf ihren Schultern ſie fort und ließen ſie in die tiefe Grabhöhle hinunter, welche ſie ihr dicht neben der Ruheſtätte des Vaters be⸗ reitet und mit einem weichen Mooslager ver⸗ ſehen hatten. Und als die Hinabgeſenkte mit friſcher Erde ſorgfältig bedeckt war, da ran⸗ gen ſie noch einmal die Hände uͤber dem Grab⸗ huͤgel und nahmen ſodann, von allem Gram ſich verabſchiedend, im Innern der Wohnhuͤtte ihre gewohnte Morgenkoſt ein. Wilfried hegte große Beſorgniß, daß ſie nun, da ſeine letzte Stuͤtze geſunken und nie⸗ mand mehr zu beachten war, jede ſchonende Nachſicht bey Seite ſetzen, der innern Wil⸗ lenöbegierde freyen Lauf laſſen und ganz ih⸗ rer unholden Geſinnung gemäß mit ihm ver⸗ fahren wuͤrden. Aber er hatte ſich geirrt⸗ Weit ge nit ihm einn Sil M e, uny auz wn w gen burd fih hn Fur heſt Bi 5— Weit entfernt, einen gehaͤſſigen Entwurf ge⸗ gen ihn zu vollfüͤhren, wichen ſie vielmehr mit ſichtbarer Verlegenheit und Scheu vor ihm zuruͤck, wenn er ihnen begegnete. Nicht einmal aus dem behaglichen und bequemen Stuͤbchen, welches er am Sterbetage der Mutter bezogen hatte, vertrieben ſie ihn wie⸗ der, noch weniger gar aus dem Hauſe. Kein unzufriedener Vorwurf und Tadel kam mehr aus ihrem Munde, und deutlich war es ih⸗ nen anzumerken, daß ſie ſogar die Verrich⸗ tung ſeiner bisherigen Dienſte ſich nur un⸗ gern noch von ihm gefallen ließen. Wilfried verdoppelte dagegen ſeinen Eifer und uͤbte freywillig ſeine Pflicht noch genauer und voll⸗ kommener aus, als er dieſelbe zuvor aus Furcht und Zwang vollbracht hatte. Indem er aber mit zunehmender Gewiß⸗ heit ſich uͤberzeugte, daß er ganz nach eigner Willkuhr zu ſchalten und über ſein Thun und Laſſen nicht die geringſte Rechenſchaft abzule⸗ gen habe, trug er auch kein Bedenken mehr, dieſen eingetretenen gunſtigen Wechſel zu einer Wanderung nach dem Aufenthaltsorte des M. 3 Eremiten zu benutzen, weil es ihm ſehr am Herzen lag, zu erfahren, ob das nächtliche Abentheuer ihm leidlich bekommen und ohne ſchlimme Folgen fuͤr ſeine Geſundheit geblie⸗ ben ſey. Er hatte ſich die Bezeichnung des dorthin fuͤhrenden Weges zu genau gemerkt, als daß er ihn haͤtte verfehlen koͤnnen, ob⸗ gleich er bald durch rauhes engverſchlungenes Dickigt ſich gewaltſam die erſte Bahn bre⸗ chen, bald zwiſchen tiefen und finſtern Berg⸗ ſchluchten ſich herzhaft des Schwindels erweh⸗ ren, bald uͤber ſchrofſes Geklipp manchen ge⸗ fährlichen Sprung wagen mußte, um zu ſei⸗ nem Ziel zu gelangen. Auf einem bemoosten Stein, dicht ne⸗ ben dem Eingange der Hoͤhle, ſaß der Klaus⸗ ner, in ſchweigendes Nachſinnen vertieft; denn er hatte ein aufgeſchlagenes Buch vor ſich auf dem Schooße liegen, welches mit feſſelnder Gewalt ſeine ganze Aufmerkſamkeit beſchoͤftigte. Bey dem Geräuſch der anna⸗ hernden Fußtrittè blickte er, wie aus ei⸗ nem Traum erwachend, betrofſen empor, er⸗ kannte ſogleich an der ſchlanken Geſtalt und t tliche ohne blie⸗ des erkt, ob⸗ enes bre⸗ Berg⸗ weh⸗ n Re⸗ ſei⸗ tn⸗ aus⸗ ieftz et mit mkeit nni⸗ s ei⸗ und — 35— an dem langen uͤppig gelockten Haar ſeinen freundlichen Retter, und eilte mit ausgebrei⸗ teten Armen ihm zur frohen Bewillkommnung entgegen. Beide ſchauten einander eine Zeit⸗ lang in zweifelhafter Verwunderung an; denn wie der feine und zarte Gliederbau des einen die vorgegebene Abſtammung von einem Koh⸗ lenbrenner Luͤgen zu ſtrafen ſchien, ſo beſaß der andere ein viel zu ſtattliches und Ehr⸗ furchtgebietendes Weſen, als daß man den von ihm ergriſſenen einſiedleriſchen Beruf fuͤr das Werk ſeiner freyen Wahl hätte halten können. Erhabenheit und Wuͤrde thronten auf ſeiner Stirn; Kraft, mit Milde vereint, gab in ſeinen edlen ausdrucksvollen Geſichts⸗ zugen ſich kund, und ein tiefer unnennbarer Schmerz', der ſogar beym Laͤcheln ſich nicht ganz verbergen ließ, ſprach aus dem duͤſter funkelnden Blick ſeines Auges. Wilfried mußte fortwaͤhrend den Gedanken feſthalten, daß der Mann nur eine kahle und ärmliche Felſenhoͤhle zur Wohnung beſitze, weil, trotz des groben Gewandes, mit welchem der Klausner bekleidet war, ihn unwiderſtehlich 3* — 36— der Arzwohn beſchleichen wollte, daß er einen der hohen vielvermögenden Gewalthaber vor ſich ſehe, von deren Prunk und Pracht ihm die Mutter oftmals ſo große Wunderdinge erzaͤhlt hatte. „Du magſt mich Dagobert nennen, mein Sohn!“ ſagte er freundlich, als er von Wilfried um ſeinen Namen befragt wor⸗ den war.„Und ich hoffe, daß wir uns, wenn wir einander erſt etwas naͤher kennen gelernt haben, gegenſeitig gewiß recht lieb gewinnen werden!“— Auf ſein Geheiß nahm Wilfried jetzt neben ihm auf dem Moos⸗ ſteine Platz, und begann in argloſer Unbe⸗ fangenheit ihm von Vater und Mutter, von ſeinen Bruͤdern und von ſeinen täglichen Be⸗ ſchaͤftigungen daheim in der Wohnhuͤtte Mel⸗ dung zu thun. Auch berichtete er ihm, auf welche Weiſe er an jenem Abend von dem an ihm begangenen Frevelwerk Wink und Kenntniß erlangt und wie er vor innerer Un⸗ ruhe kaum die Zeit des Aufbruches nach der angegebenen Stelle zu erwarten vermocht habe. Von dem Trinkgelag aber, welches ſeine Brü⸗ der hobe⸗ der mit dem Raubgeſindel gehalten, verrieth er nichts, und eben ſo wenig ließ er ſich, im Betreff des ihm ſelbſt zugeſtoßenen geheimniß⸗ vollen Begegniſſes, zum Ungehorſam gegen die Warnung ſeiner ſterbenden Mutter ver⸗ leiten. Waͤhrend dieſer Mittheilungen ſtand der Klausner von Zeit zu Zeit auf, erſtieg eine benachbarte Anhoͤhe, hielt die flache Hand vor die Stirn, und ſchaute forſchend nach einer gewiſſen Gegend des Waldgebirges da⸗ hin, worauf er mit immer unzufriedenerm Kopfſchuͤtteln ſeinen Platz wieder einnahm. Als er dies einigemal gethan hatte und Wil⸗ frieds neugieriges Befremden bemerkte, ſagte er:„Ich hatte ſo gern dich gaſtlich bewir⸗ thet; allein die Lebensmittel ſind aufgezehrt, und zu meinem großen Unmuth will der Bote, der mir zum Raben in der Wüſte dient, noch immer nicht erſcheinen. Heut aber iſt der Tag, an welchem er mit fri⸗ ſchem Mundvorrath ſich einfinden muß, wenn ihm auf dem langen und beſchwerlichen Wege nicht etwa ein Ungluͤck begegnet iſt!“ Und kaum waren dieſe Worte uͤber ſeine — Lippen, ſo zeigte ſich in nur geringer Ent⸗ fernung ein beladnes Maulthier, welches eben um den ſteilen Felſenabhang herumbog und, ſeine bekannte Richtung einſchlagend, näher und naͤher kam, bis es den Platz vor der Höhle völlig erreicht hatte. Der Fuͤhrer deſ⸗ ſelben, ein flinker und ruͤſtiger Burſch von Wilfrieds Alter, entledigte es, nachdem er „ den beiden Anweſenden einen nur fluͤchtigen Gruß zugewinkt, mit hurtigem Eifer ſeiner Buͤrde, welche der Klausner ſchweigend in Empfang nahm und nach dem Innern der Höhle trug. Als er nach Verlauf einiger Minuten wieder zuruͤckkehrte, hielt er einen blitzenden Edelſtein zwiſchen den Fingern, den er mit ſo ruhigem Gleichmuth, als ob es nur ein werthloſer Kieſel geweſen, ſeinem ſtill⸗ harrenden Verſorger einhaͤndigte.„Nimm dei⸗ nen gewohnten Lohn, Victorin!“ ſprach er,„und ſielle nach ſieben Tagen fuͤr gleiche Gegenſpende mit ähnlicher Ladung dich wieder ein!““— Der Beſchenkte nickte zuſtimmend mit dem Kopfe, verbarg die ihm uͤberlieferte Koſtbarkeit ſorg⸗ fältig auf ſeiner Bruſt, beſtieg, nachdem zwi⸗ h no u m den ill⸗ dei⸗ und nde Der pſo ig⸗ — 39— ſchen beiden nur wenige gleichgultige Worte noch gewechſelt waren, das treue Maulthier und verſchwand, ſeinen Ruͤckzug beginnend, im angrenzenden Gebuͤſch. Wilfried hatte waͤhrend dieſes Vorganges als ruhiger Beobachter von ferne geſtanden, und nur im Stillen uͤber das Mißverhaͤltniß, welches bey dem ſtattſindenden ſeltſamen Tauſch⸗ handel ſo klar in die Augen fiel, ſeine Be⸗ trachtungen angeſtellt. Jetzt wollte er die in ihm aufſteigenden befremdlichen Gedanken laut an den Tag legen, der andre ließ ihm aber keine Zeit dazu, ſondern holte mit aͤmſiger Geſchaͤftigkeit Brod und Obſt herbey, von welchem er eſſen mußte, und reichte ihm ei⸗ nen ſilbernen Mundbecher hin, den er zur Stillung des Durſtes mit köſtlichem Wein vollgeſchenkt hatte. Auch er ſelbſt langte wa⸗ cker und weidlich zu. Wohl mochte er mit gar gegruͤndetem Verlangen der Ankunft ſeines Ernaͤhrers entgegen geſchmachtet haben; denn recht mit Luſt war es zu ſchauen, wie dank⸗ var er ſich des Genuſſes erfreute, und wie er ſich alles ſo wohl ſchmecken ließ. Als aber das Mahl beendigt war, brachte er ein kuͤnſtlich gearbeitetes Käſtchen von blan⸗ kem Ebenholz zum Vorſchein, offnete den Deckel deſſelben und hielt es dem Erſtaunten entgegen. Es war bis zum Rande mit koſt⸗ baren Edelgeſteinen angefullt, deren Glanz wie Sterngeflimmer ſich nach allen Seiten hin verbreitete, und in verlockendem Zauber die Augen blendete.„Du haſt mir das Le⸗ ben gerettet!“ ſprach der Höhlenbewohner. „Wähle jetzt von dieſen Kleinodien dir aus, was deinem Herzen gefaͤllt, oder nimm ſie alle dahin; denn ich kann dir deine Liebes⸗ that ja doch nicht nach Wuͤrden vergelten!“ Wilfried aber gab mit abwehrender Hand ihm ein verweigerndes Zeichen, und hatte Mühe, ſein emportes Gefuͤhl zu bezwingen. „Nein, das ſey ferne von mir!“ rief er in zuͤrnender Lebhaftigkeit aus, und wandte mit Unwillen die Blicke von dem leuchtenden Strahlenſchimmer hinweg. Da verſchloß jener mit zufriedner Miene das Käſtchen und ſagte:„Ich hätte freylich ſchon bey deinem erſten Anblick merken und unhte hlan⸗ den unten koſt⸗ Hlanz eiten uber Le⸗ hner. aus, m ſie bes⸗ and atte gen⸗ rin mit nden iene lich unb wiſſen ſollen, daß mit irdiſch vergänglicher Gabe dir wenig gedient ſey. Es wird mir alſo die Entrichtung eines ſchoͤnern Lohnes zur ernſtvollen Pflicht, und nicht umſonſt ſoll dieſe Mahnung an mich ergangen ſeyn. Wie du meinen ſterblichen Leib aus unwuͤrdigen Banden befreyt, ſo will ich deines unſterbli⸗ chen Geiſtes mich annehmen, das Dunkel verſcheuchen, das ihn umringt, und die Feſ⸗ ſeln ſprengen, in welchen er gefangen liegt, damit er, durch Kunſt und Wiſſenſchaft gelaͤutert, ſich zur hohern Freyheit empor⸗ ſchwinge!“ Und wie er dieſes geſprochen, griff er wieder nach dem Buche, ſchlug es auf und fing an, ſeinem begierig horchenden Gaſte die darin befindlichen Schriftzeichen zu erklären. Wie von Zaubergewalt angezogen, haftete Wilfrieds Blick auf den Lippen, die beleh⸗ renden Eifers ihm uͤber dunkle Geheimniſſe Wink und Aufſchluß ertheilten. Tief prägte er ſich ins Gedaͤchtniß, was er vernahm, und ein neuer Trieb, der bis dahin regungslös geſchlummert, erwachte in ſeiner Bruſt. Aber — 42— der Abend dämmerte herein und ſie mußten ſich trennen. Dagobert trug das Buch ſorg⸗ fältig, wie einen theuern Schatz, nach der Hohle, und Wilfried ſchickte, unter dem freu⸗ digen Verſprechen, ſeinen Zuſpruch fleißig zu wiederholen, zur Heimkehr ſich an. Noch eh' er die Haͤlfte des Weges zu⸗ ruͤckgelegt hatte, war es vollig dunkel gewor⸗ den. Rechts und links ertoͤnte das Gebruͤll der auf Beute ausgehenden Raubthiere zu ſei⸗ nem Ohr, und wie er eben, nach vieler An⸗ ſtrengung eine lange und ſinſtere Bergſchlucht gluͤcklich durchwandert hatte, ſiehe, da ſprang aus dem zur Seite befindlichen Dickicht mit wilder Mordbegier ein grimmiger Wolf auf ihn los, um ihn zu zerfleiſchen. Der Er⸗ ſchrockene prallte zuruͤck und ſtieß einen lauten Schrey des Entſetzens aus. Doch kaum hatte er den Mund geoffnet, ſo ſtutzte das Unthier, ließ von ihm ab und ergriff heulend und winſelnd die Flucht. Und Wilfried dachte mit tiefbewegter Seele an die Weiſſa⸗ gung ſeiner Mutter, ſetzte geſtärkten Muthes ſeinen Lauf fort, und gelangte ohne weitere A ufien ſog⸗ der frel⸗ 9 zu 3 ju⸗ wor⸗ bruͤll ſei⸗ Nn⸗ wht unh mit auf Et⸗ ten um dys end tied ſ⸗ hes ————— zum Geſetz gemacht hatte, und er fand in — 43— Anfechtung zur Stelle, wo ſich die Wohn⸗ huͤtte befand. Die Bruͤder ſtanden vor der Thuͤr, und ſchauten mit lauſchendem Ohr und unruhiger Geberde nach allen Seiten ſich um. Als ſie aber der Annaͤherung des Vermißten inne geworden waren, ſchlichen ſie, ohne ſein Eintreffen in ihrer Mitte abzuwarten, ſchuͤch⸗ tern und ſchweigend nach der gemeinſchaftli⸗ chen Wohnſtube zuruͤck, und keiner von ihnen ließ ſich mehr ſehen. Beym Eintritt in das Innere des Hauſes gedachte Wilfried ſeiner gewohnten Abendgeſchaͤfte, und zuͤndete die Lampe an, um ſich, ſo wie ſonſt, ihrer Be⸗ werkſtelligung noch zu befleißigen. Sie wa⸗ ren jedoch alle ſchon beſorgt, und es blieb ihm fur heut nichts weiter zu beſchaffen. Dar⸗ uͤber erfreut, begab er ſich in ſein einſames Gemach, ſtreckte, vom Gehen ermuͤdet, auf das Lager ſich hin und ruhete ſanft bis zum andern Morgen. Aber immer ſchwerer ſiel ihm von dieſem Augenblick an der häusliche Beruf, deſſen fortwährende treue Vollziehung er ſich ſelbſt — 4— den Stunden, wo er ſonſt mit kindiſchem Spielwerk ſich beſchaͤftigt oder muͤſſig im Walde umhergeſchlendert, nicht Ruhe noch Raſt mehr und wanderte, von innerer Wiſ⸗ ſensbegierde getrieben, faſt taglich nach der Felſenhohle, ohne daß es den Bruͤdern, die unabläſſig ein beſcheidnes Stilſſchweigen gegen ihn beobachteten, jemals in den Sinn gekom⸗ men waͤre, uͤber den Zweck ſeiner häufigen Abweſenheit nähere Auskunft von ihm zu be⸗ gehren. Unter Anweiſung des Klausners, dem die Fortſchritte ſeines Zöglings zur innig⸗ ſten Freude gereichten, lernte er nach und nach in dem Buche leſen und den Inhalt deſ⸗ ſelben verſtehen. Mit unermuͤdlichem Eifer, und zugleich auf anmuthige Weiſe in den Gegenſtäͤnden des Unterrichts abwechſelnd, ſuchte jener bald die Geheimniſſe der Natur, bald die Vilder des Weltlebens ihm zur kla⸗ ren Anſchauung zu bringen. Auch lehrte er ihn die fluͤchtigen Gedanken durch dauernde Schriftzuͤge feſthalten und dem Auge darſtel⸗ len; oder er zeichnete mit Zirkel und Win⸗ kelmaaß Figuren von verſchiedenet Art und tij in Gr un iſchm g im noch Wiſ⸗ hdet „ die gegen kom⸗ ſigen u be⸗ ners, wig⸗ und t deſ⸗ Eifer⸗ den elnd, atur, tkla⸗ ſte et uſil⸗ Win⸗ und — 45— Geſtalt auf das Pergament hin, mit deren tiefer und vielſagender Bedeutung er ihn be⸗ kannt machte. Und Wilfried lernte den Grund der Dinge einem geregelten Nachden⸗ ken unterwerfen, und es ordneten ſich mehr und mehr ſeine Begriffe und immer heller ward es ihm in Geiſt und Gemuͤth. So waren, ſeit er zum erſtenmal die Waonderung nach der Felſengrotte vollbracht hatte, allmählich drey Jahre verfloſſen. Die Bruͤder hatten nach wie vor ihr ſtillzuruckge⸗ zogenes Weſen gegen ihn beybehalten, und die Raubthiere des Gebirges waren, obgleich er, in der beherzten Zuverſicht auf ſeine ver⸗ borgene Schutzwaffe, oft erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe zurückkehrte, ſtets mit ſcheuer Haſt vor ihm in die Ferne wichen. Da fand er einſt an einem heitern Fruͤhlings⸗ tage den Klausner im Innern der Höhle auf ſeinem Ruhebette ſchlummernd, waͤhrend auf dem am Eingange befindlichen ſteinernen Sitz ihm ein zuſammengerolltes Pergament in die Augen fiel. Vermuthend, daß es abſichtlich hingelegt ſey, um ihm bis zum Erwachen des 6— Eigenthümers zur einſtweiligen Beſchäftigung zu dienen, entfaltete er daſſelbe, und begann mit ſtiller Aufmerkſamkeit darin zu leſen. Es enthielt in kurzen und fluͤchtigen Andeutungen die Geſchichte eines unglücklichen Fuͤrſten, der durch die geheimen Raͤnke ſeines herrſchſuͤchti⸗ gen Bruders um Reich und Regierung ge⸗ bracht und zum heimathloſen Fluͤchtling ge⸗ worden war. Nur einen einzigen getreuen Freund hatte er damals noch beſeſſen. Es war eben derjenige, der in den Tagen des Glanzes ihm bey der Fuͤhrung des Staats⸗ ruders am naͤchſten geſtanden. Durch die Gewandtheit des klugen Geiſtes hatte derſelbe auch bey dem neuen Herrſcher ſich in gleichem Range zu behaupten gewußt. Nicht aber aus innerer Herzensneigung war dies geſchehen, ſondern um im Stillen fuͤr die gewuͤnſchte Wiedererhoͤhung des rechtmaͤßigen Gebieters, deſſen Sturz er nicht aufzuhalten vermocht hatte, mit deſto beſſerm Nachdruck und Erfolg wirken zu können. In ſeinem Hauſe und un⸗ ter ſeinem Schutz lebte die ihm anvertraute einzige Tochter des Verbannten, der in ſeiner et zu i wei du ln S he ſr tigen egann Ees ungen „der ſchti⸗ he⸗ 9 ge⸗ reuen E des taot⸗ die rſilbe chem aus hen, ſchte eterd⸗ nocht fol9 un⸗ raute ſinit — 7— einſamen Abgeſchiedenheit mit ſchmerzlicher aber h und mehr ins Hoffnungsloſe verſinkender Sehnſucht einer ihm guͤnſtigen Veraͤnderung der Dinge entgegen harrte. Noch beſchaͤftigte ſich Wilfried, in duͤſi⸗ res Nachgruͤbeln verloren, mit dem räthſel⸗ haften Inhalte deſſen, was er geleſen; da trat Dagobert aus der Grotte hervor, ergriff ihn feyerlich bey der Hand und ſprach:„Lege die Pergamentrolle bey Seite und merke ge⸗ nau, was ich dir ſagen will; denn ich habe zu einer weiten und wichtigen Sendung dich aus⸗ erkohren. Mit der Fruͤhe des nächſten Mor⸗ gens ſollſt du aufbrechen und gegen Weſten wandern, bis du in einer großen und volk⸗ reichen Stadt dich befindeſt, welche drey Tage⸗ reiſen von hier entfernt liegt. Die Gaſſen der Stadt mit muſterndem Auge durchziehend, wirſt du endlich auf einen runden freyen Platz ge⸗ langen, und einen prächtigen Palaſt erblicken, mit Marmorſaͤulen umringt, und von zwey Sphinxen bewacht, die zu beyden Seiten des hohen gewoͤlbten Einganges ruhig dahin ge⸗ ſtreckt liegen. Dort gehe dreiſt hinein und 6— vermelde der Dienerſchaft, daß du den Herrn des Hauſes zu ſprechen begehrſt. Und willi⸗ gen Sinnes wird man dich die Quaderſtufen hinauffuͤhren, und es wird⸗ein alter hagrer Mann mit eisgrauem Bart und kahlem zittern⸗ den Haupt vor dir erſcheinen und finſtern Blickes dein Anliegen zu wiſſen verlangent Dem aber gieb zu verſtehen, daß du ihm ſol⸗ ches nicht eher eroffnen koͤnneſt, als bis er erſt jeden in der Nähe lauernden Zeugen ent⸗ fernt habe. Wenn das geſchehen, ſo halte den heimlich hervorgezogenen Siegelring, den ich dir zur Beglaubigung mitgegeben, ihm vor die Augen und frage ihn: Wie es um die Weitzenärndte beſtellt ſey? Und welche Antwort er dir auf dieſe Frage ertheilen wird, die verwahre mit getreuer, Sorgfalt tief in deinem Herzen und uͤberbringe ſie mir!“— Wilfried verſprach, dieſes Geheiß auß das genaueſte zu vollziehen, worauf er aus den Händen des Klausners das eben erwaͤhnte Beglaubigungszeichen in Empfang nahm und, mit herzlichem Gluͤckwunſch von ihm entlaſſen, ſich nach ſeiner Wohnung zuruckbegab. Des öl we Hen will⸗ ſufen agret ttern⸗ uſten nem ſol⸗ is er ent⸗ halte „den vor die velche wird, f in — s den ähute und, aſſen⸗ Des — 49— Des andern Morgens erhob er mit Son⸗ nenaufgang ſich von ſeinem Lager, eilte, die Hütte verlaſſend, nach dem angrenzenden Ge⸗ buͤſch und ſchnitt ſich einen Dornſtecken ab. So zum Abzuge geruͤſtet, trat er vor ſeine Bruͤder, welche ſich ſchon bey ihren Meilern befanden und kuͤndigte ihnen an, daß er im Begriff ſey, eine Reiſe zu unternehmen, von welcher er erſt nach ſechs Tagen wieder heim⸗ kehren werde. Sie ließen, waͤhrend dieſe Meldung an ſie erging, die Arbeit ruhen, er⸗ wiederten aber kein Wort, ſondern behielten ihre Gedanken fuͤr ſich, kreuzten die Hände uͤber den Ruͤcken, und ſchauten in ſtiller Ver⸗ wunderung dem Dahineilenden nach, bis er ihnen aus den Augen verſchwunden war. Wilfried wanderte drey Tage lang mun⸗ ter und unverdroſſen in der ihm angegebenen weſtlichen Richtung fort, gedachte nur des Auftrages, den er auszurichten verſprochen, und gelangte endlich gegen Abend des dritten Zages gluͤcklich in der großen und prachtvol⸗ len Reſidenzſtadt an. Zwar ward ihm an⸗ fangs gar wunderlich um den Sinn, wenn II.— 4 rechts befindlichen ſtattlichen Gebäude die er⸗ ſtaunten Augen emporſchlug, oder das lärm⸗ volle Getoͤſe des in den Straßen hin und her⸗ wogenden Menſchengewuͤhles mit der friedli⸗ chen Stille ſeiner Waldheimath verglich; doch ließ er durch nichts, was er ſah und hoͤrte, ſich in der fleißigen Verfolgung ſeines Zwe⸗ ckes irre machen, ſondern ſetzte mit ebenmaͤ⸗ ßigen Schritten die Wanderung fort und ruhte nicht eher, bis er den ihm beſchriebenen freyen Platz erreicht hatte und den mit der entworfenen Schilderung uͤbereinſtimmenden praͤchtigen Palaſt vor ſich ſah. Als er mit kecker Miene ſich dem Eingange genaͤhert und nach dem Herrn des Hauſes gefragt hatte, ward er von einem reichgekleideten Diener die Treppe hinauf in einen geraͤumigen Saal ge⸗ fuͤhrt und hier, unter der Andeutung, daß er ſogleich gemeldet werden ſolle, ganz allein ge⸗ laſſen. Von dem ringsherrſchenden Prunk und Schimmer geblendet, trat er ans Fen⸗ ſter, und es fiel alsbald ein im Seitenflugel des Gebaudes befindliches Gemach ihm in die er zu den hohen Dachgiebeln der links und ks und die e⸗ laͤrm⸗ d her⸗ tüdl⸗ ʒ doch pörte, Zwe⸗ enmi⸗ t und ebenen rit dit nenden et wit t und hute, net die ol ge⸗ doß et in ge⸗ Punk i flg in die Augen, welches von ſeinem Standpunkte aus ſich ganz uͤberſchauen ließ. In der Mitte deſſelben, vor einem mit weiblichem Putz be⸗ deckten Liſche, ſaß, in Leid und Trauer ver⸗ ſunken, eine bildſchoͤne Jungfrau, und neben ihr lag ein Mann auf den Knieen, der auf angelegentliche Weiſe um ihre Gunſt zu buh⸗ len ſchien, deſſen äußres Weſen aber ſich mit dem ihrigen im ſchnodeſten Gegenſatze befand. Denn er war von plump verſchrobenem Wuchs, und eine niedrige Denkungsart ſprach in ſei⸗ nen haͤßlichen Geſichtszuͤgen ſich aus, obwohl der Hermelinmantel, den er um die Schul⸗ tern geſchlagen hatte, in ihm den Beſitzer eines gar hohen Ranges und Anſehens ver⸗ rieth. Die arme Bedraͤngte ſuchte mit beyden Haͤnden ſich ſeiner widerwaͤrtigen Schmeiche⸗ leyen und Liebkoſungen zu erwehren, als er aber darin immer zudringlicher zu werden an⸗ ſing, da ſtieß ſie im Eifer des gekränkten Ge⸗ fuͤhles ihn kräftig von ſich zuruͤck, ſprang von ihrem Seſſel empor und fluͤchtete, während jener mit wuthſchäumender Geberde das Zim⸗ mer verließ, nach der Seite des Fenſters. 4* Jetzt erhob ſie die mit Thränen erfullten Au⸗ gen und bebte betroffen zuruͤck, indem ſie den Fremdling bemerkte, der mit klopfendem Her⸗ zen der Zeuge des eben erfolgten Auftrittes geweſen war. Aber noch einmal ſchaute ſie forſchend zu ihm hinuͤber und wie vor Scham und Ueberraſchung begann eine brennende Rö⸗ the ihre blaſſen Wangen zu färben. Wil⸗ fried war mit ſich ſelbſt im Zweifel, ob er ſtehen bleiben oder entweichen ſolle; doch ſchon im naͤchſten Augenblick zog das Ge⸗ knarr der aufſpringenden Thuͤr ihn aus dieſer peinvollen Verlegenheit. Mit langſamen und bedaͤchtigen Schritten trat ein hochbejahrter Greis von ernſtem wuͤrdevollen Anſehen in den Saal, heftete einen ſcharfen Blick auf den Harrenden und erkundigte mit rauhem Ton ſich nach ſeinem Begehren. Dieſer erkannte in ihm ſogleich den Mann, an den er abge⸗ ſchickt war, und in beſcheidener Bitte gab er ihm ſeinen Wunſch nach einer geheimen Un⸗ terredung zu erkennen. Der Greis ertheilte den am Eingange des Saales verweilenden Dienern einen Wink, ſich zu entfernen, wot⸗ auf lehhne ſhwe um ſhmt ſch „Ni huß nt, un dither h ſine traut Sig ſchn ſte ſchn . leg de Ant ſant ch — 653— auf er dem Verlangenden nach einem ſtillge⸗ legenen Seitengemach voranging und hier in ſchweigender Erwartung vor ihm ſtehen blieb, um ſein Anliegen zu vernehmen. Wilfried ſchaute fluͤchtigen Blickes nach allen Seiten ſich um und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Nicht eigner Antrieb, ſondern fremdes Ge⸗ heiß fuͤhrt mich hierher. Es ſendet mich ei⸗ ner, der von euch zu wiſſen begehrt, wie es um die Weitzenärndte beſtellt ſey?“— Bey dieſen Worten ſchlug er zugleich den obern Theil des Gewandes zuruͤck, und entbloßte ſeine Bruſt, auf welcher er den ihm anver— trauten, an einer ſeidnen Schnur befeſtigten Siegelring trug. Jener gerieth bey dieſem Anblick in ſchmerzlichtiefe Bewegung, noch mehr verfin⸗ ſterte ſich ſeine Stirn und raſch und heftig ſchritt er ein paarmal im Zimmer auf und ab. Dann aber ſammelte er ſich wieder, legte dem Beſtuͤrzten die zitternde Hand auf die Schulter und ſprach:„Vernimm meine Antwort und vermelde ſie dem, der dich ge⸗ ſandt hat! Der Weitzen kann nicht gedei⸗ — 54— hen, wenn die Trespe wuchert, und man kann nicht aͤrndten, wenn der Roſt die Si⸗ chel zerfrißt!“ „Ich mag den Sinn eurer Rede nicht vorwitzig deuten!“ ſagte Wilfried.„Doch ſcheint keine troſtliche Botſchaft darin enthal— ten zu ſeyn. Habt ihr denn gar nichts Beſ⸗ ſeres mir mitzutheilen?“ Der Greis aber ſchuͤttelte verneinend das Haupt, ergriff den Juͤngling beym Arm und geleitete mit umſpaͤhender Vorſicht ihn bis an die Stiegen einer verborgenen ſchmalen Wen⸗ deltreppe, von wannen er auf einer ganz an⸗ dern Seite des Palaſtes wieder zur freyen Straße hinabgelangte. Noch wor es nicht völlig Abend geworden, und das Geraͤuſch und Getuͤmmel des rings verbreiteten vielfachen Verkehres dauerte noch in voller Lebhaftigkeit fort. Wilfried ging ſinnend weiter und wei⸗ t und ſuchte im Stillen den eben vernom⸗ menen Beſcheid Wort fuͤr Wort ſeinem Ge⸗ däͤchtniß einzupraͤgen, was ihm jedoch nur mit Muͤhe gelang, weil das Bild der rei⸗ zenden Jungfrau, die er im Seitenflügel des Palaſ dankn Ym Gele ſch Acht titt Lhen und nem letro e tor vom wurd berlo voh wit her berl Unge ten mit Ple — 55— Palaſtes erblickt, jetzt unabläſſig ſeinen Ge⸗ danken ſich aufdrängte und in ſeiner ganzen Anmuth und Lieblichkeit ihm wieder vor der Serle zu ſchweben begann. Da befand er ſich auf einmal, ohne zu wiſſen, wie dies geſchehen und ohne zu ahnen, daß der Zu⸗ tritt zu dieſem Orte jedem Unberufenen bey Lebensſtrafe unterſagt ſey, in einem großen und herrlichen Gartenz und wie er aus ſei⸗ nem träumeriſchen Nachgruͤbeln erwachte und betroffen den Blick erhob, da lag ein hoch in die Luft emporſtrebendes majeſtätiſches Schloß vor ſeinen Augen, deſſen ſtolze Dachzinnen vom Strahl der untergehenden Sonne geröthet wurden. Während er aber noch im Anſchauen verloren ſtand, ließ plötzlich eine luſtige Muſik von Floͤten und Harfen ſich vernehmn, welche, mit kichernden Stimmen untermiſcht, zu ihm heruͤber tonte. Neugierig folgte Wilfried dem verlockenden Klange, und ward Zeuge eines ungeziemend uͤppigen, von weiblichen Geſtal⸗ ten aufgefüͤhrten Tanzes, welcher auf einem mit bluͤhenden Orangenbäumen umhegten Platze ſtatt fand. Seitwärts aber zeigte ſich — ein von Goldſtaͤben unterftutztes ſeidnes Gezelt, unter welchem auf prunkendem Polſterbett der Mann im Hermelinmantel ſaß, der mit ſchmunzelndem Wohlbehagen an den ſchnöden Sprüngen und Wendungen der Dirnen ſich ergötzte, den Frechſten unter ihnen laut ſei⸗ nen Beyfall zurief und von Zeit zu Zeit ei⸗ nen großen eryſtallenen Pokal an den Mund ſetzte und mit einem Zuge ausleerte. Betrof⸗ fen wollte Wilfried von dannen weichen; in dieſem Augenblick aber bemerkte ihn jener, und wild und ingrimmig, wie ein gehetzter Eber des Waldgebirges, kam er aus ſeinem Zelt hervorgeſtuͤrzt. Ein donnernder Ruf durchdrang die Luͤfte, und im Nu ſah Wilfried ſich von einer Schaar bewaffneter Söldner umringt, die auf die Stimme ihres Herrn und Gebie⸗ ters von allen Seiten herbeyeilten.„Durch⸗ bohrt den Verwegenen und ſtoßt ihn nieder!“ bruͤllte er ihnen zu, und alsbald drangen ſie auf den Beſtuͤrzten ein, und im knechtiſchen Dienſteifer wollte einer vor dem andern den Ruhm der anbefohlnen Blutthat davon tra⸗ gen. Doch wie ſie ſchon bis auf Spannen⸗ weite Bith lihnte ſuhte ſch il aberm denen haben nem nicht walt Paje berm fihrn den her C „ir du de tige W — weite ſich ihm genaͤhert hatten, und er zur Bitte um Schonung den Mund öffnete, da lahmte eine hoͤhere Gewalt ihren Arm; ſie ſtutzten im Angriff, und wirkungslos ſenkten ſich ihre Hellebarden zur Erde herab. Und abermals erneuerten ſie, den dahin geſchwun⸗ denen Muth zuruͤckrufend, ihr feindſeliges Vor⸗ haben; doch der Fremdling ſtand wie ven ei⸗ nem magiſchen Zauberkreiſe umgeben, der nicht zu durchbrechen war. Und zum dritten⸗ mal verſuchten ſie ſich zu ermannen, um den Befehl ihres Herrn zu vollſtrecken; aber ſie vermochten es nicht. Jetzt naͤherte der An⸗ fuͤhrer des Haufens ſich der Stelle, wo er den Fuͤrſten verweilen ſah, bog mit demuͤthi⸗ ger Geberde das Knie vor ihm und ſprach: „Zuͤrne nicht mit uns, hoher Gebieter, daß du deinen Willen nicht befolgt ſiehſt! Maͤch⸗ tige Geiſter beſchirmen den Juͤngling, den du zu tödten befohlen! Vor dem Hauch ſeines Athems erſtirbt die Kraft unſrer Lanzen! Wir haben keine Gewalt uͤber ihn!“ Bey dieſer Anrede entbrannte der Zorn des lauernden Tyrannen bis zur höchſten — 58— Wuth.„Feiger Bube, nimm hin, was du verdienſt!“ ſchrie er kreiſchend auf, und ſchnell riß er einen blitzenden Dolch aus ſeinem Guͤr⸗ tel und ſtach ihn dem Ungluͤcklichen in die Bruſt, daß er todt zu Boden ſtuͤrzte. Bei dieſer Greuelthat aber entwich plötzlich alle ſonſt gewohnte Scheu vor der Nähe des Gefuͤrch⸗ teten. Das emporte Gefuͤhl durchbrach die Schranken des Gehorſams, und ein lautes unzufriednes Murren erhob ſich unter der ver⸗ ſammelten Schaar. Erſtaunt uͤber ſo uner⸗ hoͤrte Verwegenheit, that der Wuͤtherich mit erhobnem blutigen Dolch einige raſche Schritte vorwärts, horchte hoch auf und fragte mit giftigem Hohn, wer von ihnen zuerſt dem Gezuͤchtigten nachgeſchickt zu ſeyn wuͤnſche? Kaum aber hatten die Bedrohten dieſen Zu⸗ ruf vernommen, ſo wandten ſie plotzlich ſich um, ſchloſſen ſich feſter an einander und ſchau⸗ ten mit finſtrer Miene ihm erwartend ent⸗ gegen. Da verblaßte er und ließ den drohend ausgeſtreckten Arm ſinken. Und ſtatt der Veruͤbung eines fernern Gewaltſtreiches nur ſtill mit den Zähnen knirſchend, verließ er 7 Lerl un, ich Mr ſnn a dun riſi Awe flü igl und Ant Gu Luſ * W — 59— den Platz und nahm, eilfertigen Ganges, quer uͤber die umliegenden Blumenbeete hinweg, nach der Gegend des Schloſſes ſeinen Ruͤck⸗ zug. Auch Wilfried fühlte ſich nicht geneigt, hier läͤnger zu verweilen; denn zu wenig mit ſolchem Anblick vertraut, fuͤrchtete er die Moͤglichkeit einer neuen Gefahr, ſo lang er von Waffen umringt blieb. Drum ſah er verlangend nach einem rettenden Auswege ſich um, und weit nach der Ferne war ſein Sinn gerichtet. Doch die verſammelten Kriegsman⸗ ner äußerten fortwaͤhrend die friedlichſte Ge⸗ ſinnung gegen ihn, und ließen ruhig und un⸗ angefochten ihn zwiſchen ihren Reihen hin⸗ durchſchreiten und von dannen ziehen. Am dritten Tage darauf hatte er mit ruͤſtigem Fuß die heimatliche Waldung wieder gewonnen, und an der eignen Behauſung fluͤchtig voruͤber wandernd, ſchlug er unver⸗ zuͤglich nach det Felſengrotte ſeinen Weg ein, und uͤberbrachte dem Bewohner derſelben die Antwort, wie ſie ihm aus dem Munde des Greiſes ertheilt worden war. Was aber in Luſt und Leid ihm ſonſt noch begegnet, ver⸗ — 60— ſchwieg er, um nicht durch zu vertrauten Be⸗ richt uͤber die erfolgte Wirkung zur nähern Auskunft uͤber die vorhandene Urſache ge⸗ zwungen und eben dadurch zum Ungehorſam gegen das Gebot ſeiner ſterbenden Mutter verlockt zu werden. Als der Klausner den Beſcheid vernommen, blickte er mit dem Aus⸗ druck des erbitterten Schmerzes gegen den blauen Himmel empor, bedeckte darauf das Geſicht mit beyden Haͤnden, und verſank in ein dumpftodtes und hartnaͤckig anhaltendes Schweigen. Und drey Monden lang wuaͤhrte dieſe tiefere Traurigkeit, und in dem Käſtchen von Cbenholz, welches den funkelnden Edelſteinen zur Umhuͤllung gedient, war faſt der Boden zu ſchauenz denn immer am feſtgeſetzten Tage hatte Victorin mit dem ſchwerbelaſteten Maul⸗ thier ſich eingeſtellt, und fuͤr neu uͤberliefer⸗ ten Lebensbedarf die gewohnte ſchimmernde Gegengabe begierig davon getragen. Da er⸗ hielt Wilfried, der im Verlauf dieſer Zeit gar oft auf einer einſamen Felſenklippe geſeſſen und mit tiefbewegtem Gefuͤhl nach Weſten ge⸗ blick ſich zu1 lche tung aust ſond dem ſeine weit Hi bn Ste ide ſicht 66 vit — 61— blickt hatte, von dem Klausner die Weiſung, ſich abermals nach der fernen Reſidenzſtadt zu verfuͤgen und an den Greis wieder die nehm⸗ liche Frage zu thun, deren fruͤhere Beantwor⸗ tung ſo wenig nach Wunſch und Erwarten ausgefallen war. Wilfried ſäumte und zauderte nicht lange, ſondern holte geſchaͤftig den Dornſtecken aus dem Winkel hervor, verabſchiedete ſich von ſeinen Bruͤdern, und zog folgſamen Eifers den weiten Weg dahin und der Stadt entgegen. Hier fand er jedoch alles auf ſeltſame Weiſe verändert und umgeſtaltet. Denn an die Stelle des regen freudigen Verkehres war eine oͤde und duͤſtre Ruhe getreten. Auf den Ge⸗ ſichtern, die ihm hier und da begegneten, lag es ſchwer und beklommen, wie druͤckende Ge⸗ witterſchwuͤle. Keiner ſprach ein lautes Wort zu dem andern; nur ſcheu verſtohlne Winke wechſelten hin und her, und nur durch Mienen tauſchte man gegenſeitig die innern Geſinnungen aus. Kaum in den ab⸗ gelegnern und verborgnern Ecken wagte man, zu heimlich fluͤſterndem Geſpraͤch ſich etwas naͤher zu treten; denn es ſprengten fortwaͤh⸗ rend einzelne Reuterhaufen durch die Straßen, und wo ſie mit ihren ſcharf umherſpähenden Augen ſolches Zuſammenverweilen bemerkten, da ritten ſie ſpornſtreichs hinzu, und trieben Jung und Alt mit der Schaͤrfe des Schwerts aus einander. Wilfried ſah mit Verwunde⸗ rung, wie vor den nachdrängenden Gegnern alles nur im Innern der Häͤuſer Schutz und Sicherheit finden konnte, während er ſelber unbefehdet blieb und ſeinen Weg ruhig verfol⸗ gen durfte. Als er, ſeines Berufs gedenkend, in der Gegend des Palaſtes anlangte, fand er den Eingang zu demſelben von bewaffneten Kriegs⸗ leuten beſetzt, welche ſchon von fern ihm ihre Spieße warnend und drohend entgegen hielten. Doch er ließ ſich dadurch nicht ab⸗ ſchrecken, ſondern ging friſch und wohlgemuth auf ſie los. Und wie er ſich ihnen bis auf die Länge eines Lanzenſchaftes genähert und ihnen ſeinen ganz friedſamen Wunſch zu er⸗ kennen gegeben hatte, da beſannen ſie ſich ei⸗ nes Beſſern, machten ihm Platz und ließen unge eintt dem din wan Ver allein dm Zim bign hen nich men leriſ ſchi um nac von — 63— ungehindert ihn in die Vorhalle des Gebäudes eintreten. Auf ſein Anſuchen um Vorlaſſung zu dem Herrn des Hauſes, ward er alsbald nach dem nehmlichen Saale hinaufgefuͤhrt, den man ihm bey ſeinem erſten Hierſeyn zum Verweilen angewieſen, und kaum ſah er ſich allein, als er mit zitternder Ungeduld nach dem Fenſter ſchlich und ſehnſuchtsvoll das Zimmer des Seitenfluͤgels ins Auge zu faſſen begann. Dort aber war alles wie ausgeſtor⸗ ben, und von dem fruͤhern Glanz und Prunk nicht die entfernteſte Spur mehr wahrzuneh⸗ men. An dem LTiſche, vor welchem der heuch⸗ leriſch geſinnte Gewalthaber vergeblich um Gegenliebe geſeufzt, und die holdeſte unter den Jungfrauen des Landes ihr lilienbleiches Geſicht in Thränen gebadet hatte, ſaß ein al⸗ ter abgelebter Zwerg, der mit Entfaltung und Durchſicht beſtaubter Pergamentrollen be⸗ ſchaͤftigt war. Zu ganzen Stößen lagen ſie um ihn her, und ſtillaͤmſig wurden ſie eine nach der andern mit raſchgefuͤhrtem Griffel von ihm an der Ruͤckſeite bezeichnet und in — 64— Ordnung gebracht. Mit dem Unmuth der ge⸗ täuſchten Erwartung wandte Wilfried ſich von dem eingenommenen Platze hinweg und harrte an der entgegengeſetzten Seite des Saales der Ankunft des Greiſes entgegen. Als dieſer nach einer Weile ſich einfand und ſein auf⸗ ſchauender Blick den Juͤngling erkannte, wies er ſogleich unaufgefordert die ihn begleitenden Diener von ſich zuruͤck, ergriff mit feuriger Lebhaftigkeit ihn bey der Hand und zog ha⸗ ſtig und ungeſtuͤm ihn nach dem—— mit ſich fort. „Du verlangteſt einen beſſer lautenden Beſcheid von mir!“ hob er zu ſprechen an, bevor Wilfried noch zur foͤrmlichen Vorbrin⸗ gung ſeiner Anfrage Zeit zu gewinnen ver⸗ mochte.„So verkuͤndige dem Manne, deſſen Bote du biſt, daß der Schuitter ſich aus dem Schlaf zu ermuntern und die Senſe zu wetzen beginnt!“ „Das ſcheint mir allerdings um gar vieles angenehmer und troſtreicher zu klingen!“ ſprach der Erfreute.„Ich danke euch, Herr! und und ſam Un d ten, ſhn nicht dele whm In Mn ſw von zelde lunge Di mah ſhin Ghi Vl ſiutt in d gerin ſile U. en — 65— und jedes eurer Worte ſoll genau und ſorg⸗ ſam uͤberbracht werden!“ Dieſe Verſicherung ausſprechend, ward er von dem Greiſe, deſſen Mienen ihm andeute⸗ ten, daß ſeines Bleibens hier nicht länger ſeyn duͤrfe, wieder von dannen gefuͤhrtz doch nicht nach der Gegend, wo die geheime Wen⸗ deltreppe ſich befand, ſondern ganz auf dem nehmlichen Wege, den er gekommen war. In dem Augenblick aber, da jener ihn vor dem Eingange des Saales von ſich entließ, ſtreifte eine ſchlanke weibliche Geſtalt an ihnen vorüͤber, in welcher Wilfried alsbald die rei⸗ zende Jungfrau wieder erkannte, die ſein ver⸗ langendes Auge ſchon laͤngſt geſucht hatte. Die Farbe der Trauer, in welcher er ſie vor⸗ mals erblickt, war verſchwunden und ein hell⸗ ſchimmerndes Gewand umfloß ihre ſchönen Glieder. Ein ſanftes Purpurroth hatte die Bläſſe von ihren Wangen verdrängt, und ſtatt der Thränen, die ſie geweint, war in dem reichen Perlenſchmuck ihres glänzend geringelten Haares nur das Sinnbild der⸗ ſelben noch an ihr zu bemerken. In ſtaunen⸗ M. 5 — 86— ſen eute Weiber und Kinder von euch denken, daß ihr vor einer Handvoll gedungener Söld⸗ ner die Flucht ergreift und jählings aus ein⸗ ander zerſtiebt, wie Spreu vor dem Winde! Nur aus eurer Furcht entſpringt eure Gefahr! Verſucht es einmal! Schaut euren uͤbermu⸗ thigen Verfolgern keck ins Geſicht, und laßt ihnen gewahr werden, daß auch ihr Männer ſeyd!“ Bey dieſer Anrede ermannten und ermu⸗ thigten ſich die Fluͤchtlinge, draͤngten ſich wie⸗ der in einen dichten Haufen zuſammen, und einige unter ihnen zogen ſogar verborgne Waf⸗ fen unter ihren Gewaͤndern hervor. Wie dies die Reuter bemerkten, wurden ſie ſtutzig und geriethen in Zweifel, ob ſie der kuͤhnen Ges genwehr Trotz bieten, oder den Weg eines glimpflichern Verfahrens einſchlagen ſollten. Aber ehe ſie noch mit ſich ſelbſt daruͤber einig zu werden vermochten, traten die Erbitterten ſchon mit aufwallender Kampfesluſt ihnen ent⸗ gegen und ruſteten ſich zu herzhaftem Angriff⸗ Wilfried befand ſich an ihrer Spitze, und es ſhie einf wurf ſicht bi belh ſu Hiu des de ſon ſir lule 81) nen zuri ſil ſich unte an hll qut nu⸗ wir⸗ und zaſ⸗ dies und ine en⸗ inig rfen ent⸗ i⸗ es — 69— ſchien der Dornſtecken in ſeiner Hand ſich in ein flammendes Schwert zu verwandeln. Jetzt warfen jene ſchnell ihre Roſſe herum und ſuchten, von einem praſſelnden Steinregen begleitet, ihr Heil in der Flucht. Den Wink des Augenblicks zur Abſchuͤttelung des laͤngſt verhaßten Joches benutzend, drangen die ver⸗ ſchuͤchterten Bewohner ſchaarenweis aus ihren Haͤuſern hervor, und in eifriger Verfolgung des gemeinſamen Zweckes ward eine große Hetzjagd angeſtellt, und es waͤhrte nicht lange, ſo waren die Straßen der Stadt von den ge⸗ fuͤrchteten Auflaurern gereinigt, welche, der Uebermacht weichend, ſich ſämmtlich uͤber die Zugbrüuͤcke des Schloſſes hinweg nach dem In⸗ nern ihrer daſelbſt befindlichen Verſchanzungen zuruͤckbegaben. Die fröhlichen Sieger aber ſtellten, um vor jedem erneuerten Ueberfall ſich zu ſichern, und den gefuͤhlloſen Peiniger, unter deſſem Druck ſie geſchmachtet, von nun an in ſeiner eignen Burgveſte eingeſchloſſen zu halten, rings um dieſelbe reichliche Wachen aus, und wälzten mit vereinigter Kraft ſchwere Granitbloͤcke zur Stelle, welche ſie dicht vor der Zugbrucke zu einer unuͤberſteiglichen Mauer emporthuͤrmten. Als Wilfried dieſe Zuruͤſtungen ſah, erhob der Gedanke an die ihm obliegende Verpflich⸗ tung ſich mit maͤchtig mahnendem Ruf in ſeinem Innern, und er hatte nicht länger Raſt und Ruhe, ſondern verließ noch am nehmlichen Abend die Stadt und ſchickte zur Heimkehr ſich an, damit der Ausſpruch des Greiſes um ſo fruͤher zur Kunde des Klaus⸗ ners gelangen möge. Die Botſchaft vernehmend, wandte die⸗ ſer ſich raſchen Schrittes nach dem dunkelſten Winkel der Grotte, holte ein dort verſtecktes, mit goldnem Gefäß verſehenes Schwert her⸗ vor und ſchwang mit ſtarkem Arm und grim⸗ mig funkelndem Blick es dreymal durch die Luft. Dann ſetzte er ſich auf ſein Ruhebett nieder, theilte mit der ſcharfſchneidenden Waffe einen ſuͤßen Granatapfel in zwey gleiche Hälf⸗ ten, und reichte die eine derſelben dem Ueber⸗ bringer der Nachricht, waͤhrend er die udere für ſich behielt und ſie ſchweigend. 6 Wilfried aber ging, nachdem er ſeines Auf⸗ trag Fr aus ſine jud am und he Wo ihr bur u ges zuf Kri ſi he gil ſu die Wer — 71— trages ſich entledigt und an der ſaftreichen Frucht den lechzenden Gaumen erquickt hatte, aus der Höhle von dannen und ſchlug nach ſeiner Wohnhuͤtte den Weg ein, um in der friedlichen Stille des eignen Gemaches den ermatteten Gliedern die wohlverdiente Raſt und Erholung zu goͤnnen. Vom Strahl der Abendſonne beleuchtet, ſaßen die drey Bruͤder vor dem Eingange der Wohnung und hatten einen fremden Gaſt in ihrer Mitte, den ſie mit Milch und Gerſten⸗ brod bewirtheten. Es war ein junger Kohler aus einer entferntern Gegend des Waldgebir⸗ ges, der jedoch ſeinem bisher geführten Be⸗ ruf zu entſagen und denſelben gegen das Kriegshandwerk zu vertauſchen im Begriff ſtand.* „Keiner, der mit kraͤftiger Fauſt eine Waoffe zu ſchwingen vermag, ſollte muͤſſig das heim bleiben!“ rief er ſo eben aus, als Wilfried der Stelle ſich näherte.„Denn es gilt die Vertreibung eines ungerechten und bö⸗ ſen Fyrannen, der durch fluchwuͤrdige Mittel die Herrſchaft an ſich geriſſen, nur ſeinen ſchlimmen Luͤſten gefröhnt und Volk und Land mit eiſernem Zepter ſchwer darnieder gedruckt hat. Aber mitten im Taumel der ſchwelge⸗ riſchen Luſt iſt plotzlich von einer unſichtbaren Hand der betruͤgliche Schimmer ſeiner Allge⸗ walt ertödtet und der ſtillglimmende Haß in den Gemuͤthern zur verderblichen Flamme auf⸗ gereizt worden. Den vollen Ausbruch der Emporung ſcheuend, häaͤlt er ſich ſeitdem mit einer erleſenen und reichbeſoldeten Schaar von Knechten hinter den Mauern ſeines Schloſſes verborgen; aber gar bald wird es auch um dieſen letzten Schlupfwinkel fuͤr immer gethan ſeyn. Seit drey Monden zieht ein wackrer Heldenjuͤngling in den Bezirken des Landes umher, und wirbt fuͤr die Wiederberufung des rechtmaßigen Gebieters und verwendet den Beſitz ungeheurer Schätz fuͤr die Ausruͤſtung einer zahlreichen Heeresmacht, mit welcher er gegen die Burgveſte des Thronraͤubers aufzu⸗ brechen und deſſen Uebergang zu vollenden ge⸗ denkt. Alles hat er klug und geſchickt im Stillen vorbereitet, und morgen iſt der Tag, an welchem wir ſaͤmmtlich auf dem beſtimmten do ſ Lſ gute erf d lh ſo ten und unt Wi zu wit w ſh zu nit n Verſammlungsplatze uns einfinden und aus der Hand des beherzten Fuͤhrers Wehr und Wafſen in Empfang nehmen ſollen. Uns alle hat er durch das belebende Wort ſeines Mun⸗ des mit Kampfbegier und frohlicher Sieges⸗ hoffnung zu erfuͤllen gewußt. Und wie er die Liſt des Fuchſes mit dem Muthe des Löwen in ſich verbindet, ſo iſt ſein Name ſchon von guter Vorbedeutung; denn Victorin nennt er ſich!“ Wilfried horchte hoch auf, und ward von einem, ſeltſam zwiſchen Behagen und Unluſt ſchwankenden Gefühl beim Klange die⸗ ſes Namens ergriffen. Auch die Bruͤder wa⸗ ren in lebhafte Gemuͤthsbewegung gerathen, und ruͤckten unruhig auf ihren Seſſeln hin und her.„Wir ſind ja ſo ſtark und ruͤſtig, wie die uͤbrigen!“ fingen ſie unter einander zu ſprechen an.„Warum ſollten nicht auch wir das gewohnte Tagwerk fuͤr einige Zeit ruhen laſſen und dem Heereszuge uns an⸗ ſchließen, wenn es einen ſo ehrenwerthen Zweck zu verfolgen gilt! Was haben wir Großes zu verſaͤumen oder aufs Spiel zu ſetzen? Hier ſchleichen in Muͤhſal und Beſchwerde uns luſt⸗ los die Tage dahin⸗ Ein trauriges Einerley gähnt vom Morgen bis zum Abend uns an, und ſchmale Biſſekt ſind der Lohn unſers Fleißes! Ganz anders geſtaltet ſich das Le⸗ ben im regen Getuͤmmel des Krieges. Da iſt der Würfelbecher des Gluͤckes in beſtändigem Schwunge, und Ruhm und Ehre ſind zu gewinnen und reiche Beute wohl obendrein! Auf, laßt auch uns, nach dem Beyſpiel der Andern, dort unſer Heil verſuchen! Wer weiß, weſch wuͤnſchenswertheres Loos unſrer harrt! Und hätten wir in dieſer Rechnung uns betrogen; ey nun, ſo koͤnnen wir, nach der vollbrachten Arbeit des Kampfes, ja im⸗ mer zu unſern ſtillern und friedlichern Be⸗ rufsgeſchaͤften wieder zuruͤckkehren!“ Der Gaſt, der dies alles mit ſichtbarem Wohlgefallen vernahm, ermangelte nicht, ſie nach Kraͤften in ihren Gedanken und Mei⸗ nungen zu beſtärken, und ſie wurden einig, den zur Sprache gebrachten Vorſchlag muthig ins Werk zu richten. Und während der Nacht vergruben ſie alles Eiſenwerk, deſſen ſie zu Hi ihre jum Mu Si hen hen tirt Nr Q ſih che er ta bor leh c1 —— ihrer Köhlerarbeit bedurften, umguͤrteten ihre Huͤften mit breiten Riemen, und jeder von ihnen ſchnitt und ſchälte ſich eine junge Tanne zum Wanderſtabe. Dann hingen ſie die mit Mundvorrath verſehenen Reiſeſaͤcke uͤber ihre Schultern, machten mit Anbruch des Mor⸗ gens ſich auf, und ließen den ſchlummern⸗ den Wilfried allein in der Huͤtte zuruͤck. Als dieſer ſich aus dem Schlaf ermun⸗ tert und von dem wirklichen Abzuge der Bruͤ⸗ der hinlänglich uͤberzeugt hatte, ging er hin⸗ aus und band die Ziegen los, damit er ſie in den Stand ſetze, ſich ſelbſt fortan in der freyen Umgegend Nahrung und Unterhalt ſu⸗ chen zu können. Denn es ahnete ihm, daß er gar bald, mit einer neuen Sendung beauf⸗ tragt, ſich auf die eilfertigſte Weiſe wieder von ſeiner Behauſung werde trennen muͤſſen. Und keinesweges hatte er in dieſer Vermu⸗ thung ſich getaäuſcht! Noch ehe ſeit ſeiner letzten Heimkunft ſich der Abendhimmel zum drittenmal zu roͤthen begann, ward er von dem Klausner, der ſein ungeduldiges Verlangen nicht länger zu bezähmen vermochts, berufen und angewieſen, zur wiedecholten Anfrage wegen der Weitzenärndte ſich ſchnell und ſchleu⸗ nig nach dem Pallaſt des Greiſes auf den Weg zu begeben. Kaum aber hatte er die erſte Tagereiſe vollendet, da tönte plötzlich ein von vielen untermiſchten Stimmen erhobenes, verwirrtes Rufen zu ſeinem Ohr, und von zahlreichen Schilden und Helmen blitzte der Glanz ihm aus der Ferne entgegen. Und näher und naͤ⸗ her kam das Getuͤmmel der Roſſe, und das Blinken der Stahlpanzer und das Jauchzen der Volksmenge, welche den ſtolz dahertrabenden Reuterhaufen begleitete. Mit Befremden ver⸗ ließ Wilfried die Spur ſeines Pfades, und ſtellte ſich auf einen zur Seite der Straße befindlichen Erdhuͤgel, um hier zu verweilen, bis der Zug an ihm voruͤber ſey. Wie erſtaunte er aber, als er in der Fuͤhrerin deſſelben die ſchöne Jungfrau erkannte, deren holdſeliges Bild ſich ſeiner Seele ſo tief eingeprägt hatte. Sie ſaß auf einem ſchneeweißen Zelter; ein langes enganſchließendes Prachtgewand von himmel⸗ blauem Sammet erhoͤhte den Reiz ihrer Ge⸗ ein i leln ſi n che gen Di dur hr zwe nen ge eu⸗ den 6 ſtalt, von einer guͤldnen Kette, an welcher ein glänzender Schaupfennig herabhing, war ihr Schwanenhals umſchlungen, und ein fun⸗ kelndes Diadem umzirkte und umſtrahlte ihr ſchön gelocktes Haar. So in edler und an⸗ muthiger Haltung ritt ſie, von dem ſtattli⸗ chen Ehrengepraͤnge umgeben, die Straße da⸗ hin und nahm ihre Richtung nach der Ge⸗ gend, aus welcher Wilfried gekommen war. Dieſer ſtand wie feſtgezaubert auf ſeinem Platze und ſchaute in ſtummer Verwunderung dem Zuge nach, bis derſelbe ſich gaͤnzlich wie⸗ der aus ſeinen Augen entfernt hatte. Im Umkreiſe der Stadt, die er am zweiten Tage darauf erreichte, ſo wie im In⸗ nern derſelben, fand er alles in kriegeriſcher Bewegung. Wohin er aus dem tobenden Gewuͤhl, welches die Gaſſen erfuͤllte, die Au⸗ gen wandte, ſah er ſtreitbegierige Schaaren ſich zum Angriff ruͤſten, und beim betäuben⸗ den Klange der Pfeifen und Feldhörner nach der Gegend des Schloſſes ihren Weg nehmen. Er ſelbſt, im raſtlos regen Eifer ſeines Bo⸗ tenamtes, brach mit angeſtrengter Kraft ſich Bahn durch das Getuͤmmel, und eilte, nach⸗ dem er muͤhſam bis zu ſeinem Ziel ſich hin⸗ durch gearbeitet, nun deſto raſchern Schrittes die Stufen des Pallaſtes hinan. Aber ver⸗ geblich ſah er in der Vorhalle nach der Die⸗ nerſchaft ſich um und vergeblich klopfte er an alle Thuͤren. Niemand hieß ihn herein treten, ſäͤmmtliche Gemaͤcher ſtanden leer und nir⸗ gends war ein menſchliches Weſen zu erblicken. So ſtieg er nachforſchend höher und hoͤher, bis er endlich auf den freyen Altan des Hau⸗ ſes hinaustrat, von wannen die Stadt in ihrem ganzen Umfange ſich uͤberſchauen ließ⸗ Hier faß der Zwerg, der vor einigen Tagen im Nebenfluͤgel des Gebaͤudes mit Durch⸗ muſterung der Pergamentrollen beſchäftigt ge⸗ weſen, auf einem Fußſchemmel und ſpaͤhte durch die Sproſſen des rings um die Zinnen lau⸗ fenden Gelaͤnders mit ſchweigender und geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit nach der vor ihm befind⸗ lichen Tiefe hinab. Auf Wilfrieds Zuruf und Anfrage, wo der Herr des Hauſes ſich auf⸗ halte, ſtreckte er lächelnd den Finger aus und ſagte:„Wenn ihr mit etwas ſchärfern Augen dor fild Str mit cht wir „ gem hlut ſen ſte kin ſoſt weh Pe Ne bis n g en begabt ſehd, als ich, ſo moͤgt ihr ihn euch dort unter der Menge herausſuchen!“ Wil⸗ fried wandte den Blick nach der bezeichneten Stelle, und erkannte ſogleich die Burgveſte mit der herabgelaſſenen Zugbruͤcke, vor wel⸗ cher in wuthvoller Erbitterung ein wildver⸗ wirrtes Gewuͤhl und Gemetzel ſtatt fand. „Wißt ihr denn nicht, daß endlich, nach lan⸗ gem Harren und Hoſſen, der Augenblick der blutigen Entſcheidung herangenaht iſt?“ fuhr jener mit ernſtern Geberden zu ſprechen fort. „An der Spitze ſeines neugeworbenen Kriegs⸗ heeres hat heut der tapfere Victorin zur Be⸗ kaͤmpfung des Tyrannen ſich eingeſtellt. Schon ſeit drey Stunden dauern Angriff und Gegen⸗ wehr in gleichmaͤßiger Heftigkeit fort. Die Verſchanzten kämpfen wie Verzweifelnde um die Behauptung des Schloſſes, und die an⸗ dringenden Beſtuͤrmer deſſelben haben noch bis jetzt, obwohl der Abend hereinbrechen will, nur ſparſame und unbedeutende Vortheile zu gewinnen vermocht!“ Die letzten Worte des Zwerges verhall⸗ ten ungehört und unbeachtet in den Luͤften; denn ſchon war Wilfried, durch den Anblick des Waffengetuͤmmels mit freudigem Muth entflammt, wieder vom Altan verſchwunden und von dannen geeilt, um naͤhern Antheil an dem Kampfe zu nehmen, welcher um ſo hohen und wichtigen Zweckes willen begonnen hatte. Als er jedoch in der Gegend des Schloſſes anlangte, hatte die Hitze des Ge⸗ fechts allmählich nachgelaſſen, und in ſtill⸗ ſchweigender Uebereinkunft war zwiſchen bey⸗ den Theilen, da die Daͤmmerung mehr und mehr uͤberhand nahm, eine vorlaͤufige Waf⸗ fenruhe eingetreten. Die Anhaͤnger des von ſeinen empörten Unterthanen befehdeten Zwing⸗ herrn hatten ſich hinter ihre Verſchanzungen zurüͤckgezogen, und den Zugang zu denſelben nach gewohnter Weiſe verſperrt. Die bunt durch einander zerſtreuten Belagerer ſuchten ſich wieder unter ihren verſchiedenen Heeres⸗ fahnen zu ordnen, um bey Tagesbeginn den Angriff mit friſchgeſammelter Kraft zu erneu⸗ ern. Im blutbeſprengten Harniſch und mit unverminderter Siegeszuverſicht ſchritt Victo⸗ rin zwiſchen den aufgeſtellten Reihen der von ihm ihm und Ghn ſhafl ket und nich gende auf ſi wun den hiſu Ano rite ſcha ſih S geſc Kn jez mil in ihm herbeygefuͤhrten, unter den Schwerdtern und Lanzen der ergrimmten und ſtreitgeuͤbtern Gegner arg zuſammengeſchmolznen Mann⸗ ſchaft hin und her und bot ſeine Beredſam⸗ keit auf, ihren ſinkenden Muth zu beleben und ſie fuͤr Erreichung alles deſſen, was heut nicht zu erlangen geweſen, auf den naͤchſtfol⸗ genden Morgen zu vertröſten. Der Platz, auf welchem der dreiſtuͤndige hartnaͤckige Kampf ſich ereignet hatte, war mit Todten und Ver⸗ wundeten uͤberdeckt. Unter den letztern befänd ſich der Greis, den Wilfried vergeblich in ſeinem Palaſt auf⸗ geſucht hatte. Es war ihm, indem er mit Anordnung des von ihm im Stillen vorbe⸗ reiteten Angriffes beſchaͤftigt geweſen, die ſcharfe Spitze eines aus den jenſeitigen Ver⸗ ſchanzungen abgeſchoſſenen Pfeiles durch die Schulter gedrungen; doch hatte dieſes Miß⸗ geſchick ihn nicht zu bewegen vermocht, den Kampfplatz zu verlaſſen, ſondern noch bis jetzt verweilte er in wandelloſer Ausdauer und mit ermunterndem und lehrreichem Zuſpruche in der Mitte der bewaffneten Streiter⸗ M. 6 — 82— Mit ſichtbarer Freude ward Wilftieb, nachdem es ihm endlich gelungen war, ſeinen Aufenthaltsort auszukundſchaften, von ihm empfangen.„Da ſeht ihr den Botſchafter, von dem ich euch berichtet!“ ſagte er, den Juͤngling erblickend, zu den ihn umringenden Häuptern der Stadt, mit welchen er in Ge⸗ ſpraͤch und Berathſchlagung begriſſen war. „Ihm ward es beſchieden, der rohen Gewalt⸗ macht unſers Bedruͤckers auf unerklaͤrliche Weiſe den erſten Abbruch zu thun. Auch war es kein andrer, als er, welcher die in den Straßen umhergeſcheuchten Fluͤchtlinge durch ſeinen kräftigen Zuruf zur Gegenwehr ermuthigte, und ihnen die frechen Schergen der Tyranney nach dem Innern der Schloß⸗ veſte zuruͤcktreiben half. Ein unſichtbarer Zauber ſcheint ihn zu umgeben, und wohl ahnet mein Herz, doß auch ſein diesmaliges Erſcheinen in dieſer Stadt uns für den Fort⸗ gang und Erfolg des begonnenen Unterneh⸗ mens den erſprießlichſten Dienſt gewähren wird!“ „Verzeiht, edler Herr, daß ich in euren nicht brech⸗ Uer „Alber Unſt lut des Sit i ſiß in habe, gif, linge Sii Sih eifti win ſche Hit mer ſih hen Ver heu ſieb, inen ihm fter, den nden uren —— wichtigen Verhandlungen euch ſtörend unter⸗ breche!“ entgegnete Wilfried mit beſcheidner Uebergehung der eben vernommenen Lobrede. „Aber es ſteht, unter den hier obwaltenden Umſtaͤnden, ja wohl jedem frey, die Meinung laut werden zu laſſen, die er zu Foͤrderung des allgemeinen Beſten im Sinne hegt. Seit ich die naͤchſten Umgebungen des Schloſ⸗ ſes in etwas genauern Augenſchein genommen habe, iſt es mir klar geworden, daß ein An⸗ griff, wie er heut ſtatt gefunden, nimmer ge⸗ lingen kann, indem man gerade diejenige Seite ſich zum Zielpunkt erwaͤhlt, auf deren Sicherung und Verwahrung der Feind am eifrigſten bedacht geweſen. Wenn ihr aber meinem wohlgemeinten Winke Vertrauen zu ſchenken geneigt ſeyd, ſo will ich euch den Ort angeben, an welchem heimlich und unbe⸗ merkt eine neue Bruͤcke uͤber den Wallgraben ſich ſchlagen läßt, um vermittelſt derſel⸗ ben ſchnell und unerwartet in das Innre der Verſchanzungen einzudringen, während beym neubeginnenden Kampfe die Aufmerkſam⸗ keit der Belagerten nur auf die Verthei⸗ — 81— digung des bisherigen einzigen Zuganges ge⸗ richtet iſt!“ Die dankbare Erwaͤgung deſſen, was bereits durch ihn geſchehen, der herzbeſtri⸗ ckende Zauber, der ſein Weſen umgab, und der zuverſichtliche Ton, mit welchem er den ſtillgefaßten Entwurf zur Sprache brachte, bewirkten ſogleich die einſtimmige Billigung und Annahme des letztern, und keinen Au⸗ genblick ſäumte man, zur Ausfuͤhrung des mitgetheilten Vorſchlages Anſtalt zu treffen. Noch in der nehmlichen Nacht wurden, unter dem Schutz der Dunkelheit, die zur ſchnellen Errichtung der Bruͤcke erforderlichen Beſtand⸗ theile nach der von Wilfried bezeichneten Stelle geſchafft, und mit ihrem Handgeräth hielten die hierzu beſtimmten Arbeiter ſich in der Naͤhe bereit, und erwartungsvoll ſah man dem aufdämmernden Morgen entgegen. Als dieſer ſich eingeſtellt, und auf der entgegengeſetzten Seite der Burgveſte das Ge⸗ fecht wieder begonnen hatte, ward, unter An⸗ leitung des klugen Rathgebers, raſch und rü⸗ ſtig zum verabredeten Werke geſchritten und daſſel daru nn il tnen nach digt. in legrif pit ihm Rau lch ſcht zur la derl vn u v beſtri⸗ und r den achte, igung Au⸗ . des ffen. uhter nelen ſtand⸗ Stelle ielten det ndem f der Gi⸗ An⸗ d I⸗ und — — 85— daſſelbe gluͤcklich zu Stande gebracht. Bald darauf befand ſich Wilfried an der Spitze ei⸗ ner ihm anvertrauten Schaar von Bewaffne⸗ ten mitten auf dem Schloßplatze und ſchon nach wenigen Minuten war aller Kampf been⸗ digt. Denn kaum hatte der bedraͤngte Tyrann, in Aufregung und Ermunterung der Seinigen begriſſen, den Juͤngling wieder erblickt, der plotzlich, wie aus der Luft herabgeſchwebt, ihm gegenuͤber ſtand, ſo ergriff es ihn, in der grauſenvollen Ruͤckerinnerung an die unheim⸗ liche und verderbenbringende Nähe dieſer Ge⸗ ſichtszuge, wie Schauder des Todes. Einen zur Vernichtung herrannahenden Rachedämon glaubte er in ihm zu erkennen; es verließ ihn der letzte Hoffnungsmuth, es ſtraͤubten in ſinn⸗ verwirrender Angſt ſich ſeine Haare empor, und mit einem Schrey des Entſetzens und der Verzweifelung ſtuͤrzte er ſich in ſein eignes Schwerdt, daß er alsbald mit dem zur Erde dahinſtroöͤmenden Blute Leben und Odem ver⸗ hauchte. Seine Anhaͤnger aber, unter wel⸗ chen die Botſchaft von dem gewaltſamen Ende des Oberhauptes ſich mit Blitzes ſchnelle ver⸗ — breitete, dachten jetzt nicht ferner an Wider⸗ ſtand und Gegenwehr, ſondern warfen erſchro⸗ cken und entmuthigt die Waffen von ſich und flehten mit furchtſamen Geberden um Scho⸗ nung und Erbarmen. Die Zugbruͤcke ward herabgelaſſen, und mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel nahmen die Sieger Beſitz von der Burgveſte, bey deren Bekaͤmpfung ſich ſo manches edle Leben hatte verbluten muͤſſen. Es konnte jedoch der Gedanke an die Opfer, welche die Wiederbegruͤndung der all⸗ gemeinen Wohlfahrt gekoſtet, fuͤr dieſen Au⸗ genblick einen nur ſchwachen und ſchnell vor⸗ uͤbergehenden Eindruck in den Gemuͤthern her⸗ vorbringen, indem die Freude, die durch den Fall des verhaßten Tyrannen erweckt wurde, uͤber alle Regungen des Schmerzes und der Wehmuth die Oberhand behielt. Mit Jubel und Frohlocken erfüͤllten ſich ſàmmt⸗ liche Gegenden der Stadt. Triumphbogen aus Blumen und friſchem Laubwerk wutden aufgefuͤhrt, und, einem falſchen Geruͤcht wi⸗ derſprechend, welches der uͤbermuͤthige Thron⸗ rä zu unſ NM lih wi ſilt 9 a h ider⸗ ſchro⸗ und öcho⸗ ward und Beſißz fung luten — räuber zur Befeſtigung ſeiner Herrſchergewalt zu verbreiten geſucht, ritt ein reich geſchmuͤck⸗ ter Herold durch die Straßen und rief:„Heil unſerm rechtmäßigen Gebieter! Richt die Meeresfluth hat ihn verſchlungen, ſondern er lebt und naht und wird bald in unſrer Mitte wieder erſcheinen! Drum macht euch auf und eilt zur frohen Bewillkommnung ihm ent⸗ gegen!“ Von dem wogenden Gedränge, welches auf dieſen Zuruf allenthalben entſtand, ward auch Wilfried, der kurz zuvor in ſeiner An⸗ ſpruchsloſigkeit allen ihm zugedachten Ehren⸗ vezeigungen zu entſchluͤpfen bemuͤht geweſen, unwiderſtehlich mit fortgeriſſen, bis es ihm, noch am öſtlichen Thore der Stadt, wohin das Volksgewuͤhl ſeine Richtung nahm, end⸗ lich gelang, einen feſten und ſichern Stand⸗ punkt zu gewinnen. Es war gegen Mittag, als der vielge⸗ prufte, aus ſchmachvoller Verbannung zum Wiederbeſitz der ihm angeſtammten Wuͤrde zuruͤckkehrende Fürſt, an der Spitze eines zahlreichen, glänzenden Gefolges und unter — 86— dem kauſendſtimmigen Freudengeſchrey der ver⸗ ſammelten Menge, ſeinen Einzug hielt. Statt des rauhen und groben Klausnergewandes hing ihm ein praͤchtiger Scharlachmantel uͤber die Schultern herab. Zur freyen Beſchauung trug er den Siegelring, den er bisher als Heiligthum ſtreng verborgen gehalten, wieder an ſeinem Finger. Ein aus hellſtrahlenden Diamanten zuſammengefuͤgter Stern blitzte auf ſeiner Bruſt und hochwallende Federn ſchmuͤckten den Hut, mit welchem ſein Haupt bedeckt war. Ihm zur Rechten befand ſich die reizende Tochter, deren Auge mit Luſt und Entzuͤcken an der maͤnnlich edlen Geſtalt des ihr wiedergeſchenkten Vaters ſich weidete. An ſeiner Linken aber prunkte in ſtattlicher Ritterkleidung der Ernährer des huͤlfloſen Ver⸗ bannten, der ſchlaue Victorin, der die ihm ertheilten Gegengeſchenke zu ſo ruhmwuͤrdigem Gebrauch aufgeſammelt, und durch ſeine ver⸗ ſchwiegne und ausdauernde Treue ſich dieſen Chrenplatz erworben hatte. Freundlichen Lä⸗ chelns begruͤßte der hohe Gebieter das von al⸗ len Seiten mit eifervoller Schaubegierde naͤ⸗ her wiht Mar ſum fim w. l w Un — 6— her herzuſtroͤmende Volk, und langſam be⸗ wegte ſich der Zug nach der Gegend des Marmorpalaſtes, der zur Aufnahme und zum vorläufigen Wohnſitze des Fuͤrſten be⸗ ſtimmt war. Still und unbemerkt hatte Wilfried auf der Thuͤrpfoſte eines alten Gebäudes geſtan⸗ den und von hieraus in ſeltſam wechſelnden Empſindungen den feſtlichen Einzug betrachtet. Statt aber, nach dem Beyſpiel der uͤbrigen Zuſchauer, dem Gefolge ſich anzuſchließen und es nach ſeinem Beſtimmungsorte zu begleiten, ſchlug er, während der Jubel ſich mehr und mehr nach der Ferne verlor, ſeinen eignen Weg ein, und wandte ſich nach dem einſam⸗ ſten und abgelegenſten Theile der Stadt. Hier, in einem dden und duͤſtern Gäßchen, welches er, in ſeine Gedanken vertieft, langſam durch⸗ wanderte, hörte er ſich plötzlich von einer be⸗ kannten Stimme beym Namen rufen, und als er ſich umkehrte, ſah er einen ſchwer ver— wundeten Kriegsmann mit verbundnem Haupt und todtblaſſem vlutigen Geſicht auf dem Eck⸗ ſteine ſitzen. Betroffen trat er näher hinzu — und vor Schmerz und Wehmuth erbebte ihm das Herz in der Bruſt, indem er den Un⸗ gluͤcklichen ſchaͤrfer ins Auge faßte. Es war ſein Bruder Nikolaus, der mit Anſtren⸗ gung ſeiner letzten Kräfte vom Wahlplatze ſich emporgerafft und muͤhſam bis hierher ge⸗ ſchleppt hatte.„Die beiden andern ſind todt!“ ſprach er mit gedämpftem Fon;„und mit mir wird es ja wohl auch nicht gar lange mehr dauern!“ Mit angſtvollem Ungeſtuͤm klopfte Wil⸗ fried, auf Ausmittelung eines ſchirmenden Obdaches fuͤr den Verwundeten bedacht, an alle benachbarte Thuͤren; doch ſie blieben ver⸗ ſchloſſen und nirgends kam, weil Jung und Alt ſich entfernt hatte, um dem Einzuge des Fuͤrſten beyzuwohnen, ein menſchliches Weſen zum Vorſchein, bis er endlich zu einer arm⸗ ſeligen Huͤtte gelangte, aus welcher, auf ſein ämſig fortgeſetztes Pochen und Rufen, eine hochbejahrte und dürftig gekleidete Frau ihm entgegentrat und mit unmuthig grämlicher Geherde ſich nach der Urſache dieſes ſtuͤrmi⸗ ſchen Anklopfens erkundigte. ihr Um inen dink güt ſun ge Lſt do hi En un ihn Un⸗ war len⸗ latze g⸗ ſind und gu il⸗ nden an ver⸗ und des eſen um⸗ ſin eine ihn ſcher mi⸗ — 91— In flehenden Ausdruͤcken trug Wilfried ihr ſein Anliegen vor. Da ſtemmte ſie beyde Arme gegen die Huͤften, ſchuͤttelte, indem ſie einen mißtrauiſchen Blick auf ihn heftete, be⸗ denklich den Kopf und fragte nach der Ver⸗ guͤtung, welche ſie fuͤr die verlangte Dienſtlei⸗ ſtung zu erwarten habe, indem ſie keineswe⸗ ges geſonnen ſey, ſich unentgeldlich eine ſolche Laſt von ihm aufbuͤrden zu laſſen. Es war, wenn die dem Leidenden zuge⸗ dachte Huͤlfe nicht zu ſpät kommen ſollte, keine Zeit zu verlieren; und ſchnellgefaßten Entſchluſſes fuhr Wilfried in ſeiner Noth und Verlegenheit mit dem Finger nach dem Munde, um ſich den Goldzahn auszubrechen und ihn der eigennützigen Alten zum Gegen⸗ opfer anzubieten. Doch im nehmlichen Au⸗ genblick hatte dieſe auch ſchon ihren hartherzigen Trotz aufgegeben und war eines beſſern und geneigtern Sinnes geworden.„So bringt den Kranken nur zu mir herein!“ ſagte ſie mit freundlicher Gutmuͤthigkeit.„Was meine Armuth an ihm zu thun und zu leiſten ver⸗ — 92— mag, ſoll geſchehen, und ich verlange keine Belohnung dafuͤr!“ Raſchen Sprunges eilte der Lrfricigtth nachdem er dieſen mildern und erfreulichern Ausſpruch vernommen, nach ſeinem Bruder zuruͤck, ergriff ihn unter dem Arm und gelei⸗ tete ihn ſorgſam nach dem Innern der Huͤtte, wo die Alte mittlerweile beſchäftigt geweſen, ihm in einem ſtillgelegenen Kämmerchen ein ſo weiches und bequemes Ruhelager zu ſchich⸗ ten, als es ihre duͤrftigen Umſtände nur im⸗ mer verſtatteten. Doch weder der Wundbal⸗ ſam, den ſie herbeyholte, noch der Heiltrank, den ſie bereitete, noch die wachſame und treue Sorgfalt, mit welcher Wilfried ſich der Ver⸗ pflegung des Kranken annahm, vermochten die Wiedergeneſung deſſelben zu befördern. Als der dritte Abend zu daͤmmern begann, er⸗ griff er in der Beaͤngſtigung des herannahen⸗ den Todes ſeinen erſchrockenen Wärter wild und heftig bey der Hand, ſtieß einen dum⸗ pfen Schrey aus und folgte der dunklen Spur, auf welcher ſeine beyden Bruͤder ihm vorangegangen waren. hol im get du wen füh dan — — 96— Drey Tage und drey Naͤchte hindurch hatte Wilfried, ſeiner ſelbſt vergoſſend, in un⸗ ermüdlicher Geduld und Ausdauer an dem La⸗ ger des Kranken verweilt. Jetzt, da er durch das Dahinſcheiden deſſelben ſich des uͤbernom⸗ menen Berufes entbunden ſah, trug das Ge⸗ fuͤhl der korperlichen Erſchoͤpfung uͤber die Regungen des trauernden Herzens den Sieg davon. Von Muͤdigkeit bezwungen, ſank er alsbald dem Verblichenen zur Seite nieder, und uͤberließ ſich dem Schlaf, der mit un⸗ widerſtehlicher Gewalt ihm die Augenlieder zudruckte. Als er erwachte, befand er ſich in einem hohen und hellen Zimmer des Marmorpala⸗ ſtes, und lag vollig entkleidet in einem be⸗ haglich weichen Bett, welches mit einer präch⸗ tigen Himmeldecke und mit rings von derſel⸗ ben herniederwallenden ſeidnen Vorhaͤngen ver⸗ ſehen war. Und wie er, verwundert umher⸗ ſchauend, ſich kaum zu regen und von dem Lager empor zu richten begonnen, da trat ein Diener mit neuverfertigten Gewändern her⸗ ein, die er dem Erſtaunten uͤberreichte, und —— bey deren Anlegung er in ſtillgeſchaͤftigem Be⸗ muͤhen ihm huͤlfreiche Hand leiſtete. Während deſſen hatten zwey Abgeordnete hohern Ran⸗ ges ſich eingefunden, welche den Juͤngling, der einem Traͤumenden glich, in ihre Mitte nahmen, und ſchweigend nach dem Saale hinuͤberfuͤhrten, wo der Fuͤrſt, auf einem er⸗ hoͤhten Stuhle ſitzend, die Vornehmſten des Reiches um ſich her verſammelt hatte. „Mit Muͤhe iſt es uns gelungen, dei⸗ nen Aufenthalt auszukundſchaften!“ tedete er den Eintretenden an.„Aber nicht länger ſollſt du jetzt den Proben der Erkenntlichkeit dich entziehen, auf welche du dir ſo große Anſpruͤche erworben haſt. Als den Retter meines Lebens, als den treuen PVollfuͤhrer meines Willens betrachtete ich dich, indem ich den Granatapfel mit dir theilte und mir im Stillen gelobte, der Wichtigkeit deiner Dienſtleiſtungen eine ihnen angemeſſene Ver⸗ geltung zu Theil werden zu laſſen. Jetzt, nachdem es mir klar geworden, wie durch eine hoͤhere Fuͤgung mein Geſchick ſo ganz in deine Hand gelegt war, jetzt muß ich laut wiel derf 5 itgen Du Nein cher guf Rei öh un den len von die da end — 95— wiederholen, daß ich der Frucht deines wun⸗ derthätigen Wirkens zu genießen nimmer wuͤr⸗ dig wäre, wenn zur Belohnung deſſelben mir irgend ein Preis zu hoch erſcheinen konnte. Drum entferne jede ſcheue Bedenklichkeit aus deinem Herzen, und gieb zu erkennen, wel⸗ cher Lohn dich am meiſten erfreuen mag!“ Wilfried heftete einen gluͤhenden Blick auf die dem Fuͤrſten zur Seite ſitzende, in Reiz und Anmuth ſtrahlende Jungfrau. Ein kuͤhner Hoffnungsmuth ſchwellte ſeine Bruſt, und unwillkuͤhrlich fuͤhlte er alles eignen Nach⸗ denkens uͤber die Art und Weiſe der zu erthei⸗ lenden Gegenerklärung ſich enthoben, indem von einer ihm befreundeten höhern Macht ihm die Worte in den Mund gelegt wurden; ſo daß es ihm vorkam, als ob auf die vernom⸗ mene Anforderung ſich ganz und gar nichts anders erwiedern laſſe. „Mein hoher Herr und Gebieter!“ be⸗ gann er mit feſter Stimme zu ſprechen.„Im Schooß der ſtillen Verborgenheit bin ich auf⸗ gewachſen, ein genuͤgſam zufriedner Sinn iſt von jeher mein Begleiter geweſen, und nicht — 96— nach Reichthum und Ehre verlangt mein Herz. Wenn ich fuͤr die Dienſte, die ich euch geleiſtet, nach dem Wunſch der Seele belohnt werden ſoll, ſo kann es nur durch das Glück der Liebe geſchehen! Wer möchte hier nur einen Augenblick lang in Zweifel ſchweben, auf welchen Gegenſtand er die ihm anheimgeſtellte Wahl zu richten habe! Und ſo ſey denn, nach eurem Wink und Willen, jede ſcheue Bedenklichkeit verbannt und das verwegne Verlangen keck ausgeſprochen. Es blinken in dieſer Verſammlung mir zwey Au⸗ genſterne entgegen, deren huldreiches Lächeln allein die Verherrlichung meines irdiſchen Loo⸗ ſes vollenden wuͤrde!“ Bey dieſer Erklaͤrung uͤberfleg eine duͤſtre Kummerwolke die Stirn des Fuͤrſten und mit wehmuͤthigem Bedauern auf den Jüng⸗ ling herabſchauend, ſprach er:„Armer Ver⸗ blendeter! alſo auch dich muß ein Verlangen ergreifen, deſſen Erfüllung ſo weit uͤber die Grenzen meiner Macht hinausgeht. Alſo auch dich ſoll, wie den brapen Victorin, ich unbefriedigt von dannen weiſen, da du, eben ſo die M Ve hu min 5eele urch chte ifel ihm dſo llen, ſſtre und ing⸗ Ver⸗ ngen die Aſo chen ſo — 97— ſo wenig, als er, vermögend ſeyn wirſt, der ſeltſamen Bedingung Gnüge zu leiſten, von welcher die Gewaͤhrung dieſes Wunſches ab⸗ hängt. O wie gern räumte ich dir, den ich längſt wie meinen Sohn geliebt, dir vor al⸗ len andern den Platz ein, auf welchen du dir durch deine Verdienſte um die Wohlfahrt des Landes ein ſo gegruͤndetes Anrecht etworben! Aber darf ich der Warnung untreu werden, welche mir in jener nehmlichen Nacht, da du meine Glieder aus ihren ſchmählichen Feſſeln befreyteſt, durch ein verhaͤngnißvolles Traum⸗ geſicht ſo klar und lebendig in die Seele ge⸗ pragt wurde? Wiſſe denn, daß du nimmer mein Eidam werden kannſt, ſo du nicht in dieſem Augenblick der Bewerbung dir zugleich den goldnen Verlobungsring mit eigner Hand zu formen und ihn der Auser⸗ waͤhlten zu überreichen im Stande biſt!“ „Heil mir!“ jauchzte Wilftied, als er dieſe Bedingung vernahm.„Eine huldvolle Macht hat in gleicher Stunde, zur innigſten Verknuͤpfung unſers Schickſals, uͤber eurem Haupte wie über dem meinigen gewaltet! M. 7 — 98— Denn euch ſandte ſie den Traum zu, und mir verlieh ſie das Mittel, die darin ent⸗ haltene Forderung zu erfuͤllen!—“ und raſch und freudig holte er bey die⸗ ſen Worten den locker gewordnen Goldzahn aus dem Munde, und es bog ſich derſelbe, zum hochſten Erſtaunen der anweſenden Reichs⸗ räthe, wie geſchmeidiges Wachs in ſeiner Hand, und ehe man es ſich verſah, war er zum zier⸗ lich geformten Ringe geworden. In dem Augenblick aber, da die reizende Fuͤrſtentochter den Goldreif, mit welchem ſich Wiifried beherzten Sinnes ihr genähert hatte, am Finger fuͤhlte, ging das heimliche Wohl⸗ wollen, welches ſie beym Anblick des Juͤng⸗ lings empfunden, plötzlich in eine entſchiednere Reigung über; es ward ihr Herz von heftiger Liebesgluth entzuͤndet, und in fuͤßer Verwir⸗ tung ſonk ſie holderröthend in die ausgebrei⸗ teten Arme des Beſeligten. Und froh uͤber⸗ raſcht, neigte der Fuͤrſt ſich zu ihnen hinab, und ſegnete mit väterlichem Wohlgefallen den Bund ihrer Liebe. „und ent⸗ die⸗ dzahn rſelbe, eichs⸗ dand, jer⸗ tizende mſich hatte, Pohl⸗ Jüng⸗ ednere fliger zwir⸗ gebri⸗ uͤber⸗ hinot, en den —.——— — 99— Drey Tage nachher ward unter feſtlichem Gepraͤnge die Verlobung des gluͤcklichen Paa⸗ res gefeyert. Da erfuͤllten ſich abermals die Straßen der Stadt von wogenden Volks⸗ ſchaaren, und freudige Gluͤckwuͤnſche durch⸗ kreuzten ſich in der Luft, und bis zu den Wolken hinan ertonte der tauſendſtimmige Jubelruf: Heil unſerm fuͤrſtlichen Herrn! und Heil dem wackern Wilfried und der ſchö⸗ nen Florinde!— 8 — „ — * „ — — — — Der alte Baron von Bäͤrfeld ſah nicht minder von der Natur als vom Gluͤcke ſich in den Stand geſetzt, den Ruhm ſeines alt⸗ adelichen Hauſes ſtets in das gehörige Licht zu ſtellen und auf das nachdrücklichſte zu be⸗ haupten. Wie hoch man auch in den glän⸗ zenden Zirkeln der fuͤrſtlichen Reſidenz die Naſe zu tragen pflegte; immer ragte der lange ha⸗ gere Mann üͤber die andern hervor, und wie ſehr die Damen des Hofes ſich auch beeiferten, die neuſten und koſtbarſten Kleinodien zur Schau zu fuhren; ein einziger Ring am Fin⸗ ger der Baroneſſe von Bärfeld ſpielte den je⸗ desmaligen Wettſtreit ins Laͤcherliche, und verſchaffte ſich ſelbſt einen eben ſo leichten Tri⸗ — 104— umph, als der Diamant, wenn er uͤber einen Haufen Kieſelſteine den Sieg davon trägt. Das Haus des Barons glich einem Feenpal⸗ laſte. Was die Mode hervorgebracht und der Geſchmack mit Beyfall aufgenommen hatte, ſtellte hier mit einer Anmuth ſich dar, die nicht weniger den Sinnen ſchmeichelte, als ſie von dem Reichthume und feinen Kunſtge⸗ fuͤhle des Barons die unwiderleglichſten Be⸗ weiſe gab. Wer hätte daher den Inhaber ſo vieler glänzenden Verdienſte nicht fuͤr einen hoöchſt beneidenswerthen Mann, wer hätte ihn nicht, beſonders ſeit dem Tage, da der Fuͤrſt ihn zum Kammerherrn ernannte, fuͤr den gluͤcklichſten Baron unter der Sonne halten ſollen? Dennoch ſah er mit beſorgtem Geiſte von fern eine Gewitterwolke aufſteigen, die den Glanz ſeines Hauſes auf immer zu ver⸗ dunkeln drohte. In eiſernen Panzerhemden und golddurchwirkten Sammtrocken, mit Rit⸗ terhelmen und Alongenperuͤcken geziert, hingen die Bilder ſeiner Ahnen im großen Familien⸗ ſaal umher, und das Auge, das noch ſo eben eifſe die vol⸗ den Rit⸗ ngen ien⸗ ehen — 105— an ihrer makelloſen Herrlichkeit mit Wohlbe⸗ hagen ſich weidete, ſah ploͤtzlich ſich von ſchwarzer Finſterniß umgeben, ſobald es einen verſtohlnen Blick in die Zukunft zu thun ge⸗ wagt hatte. Mit verbißnem Ingrimm rollte der Baron dann ſeinen Stammbaum zuſam⸗ men und nur mit Muͤhe gelang es den ſtifts⸗ fähigen Zirkeln, worin er Troſt und Zerſtreu⸗ ung ſuchte, ihm den Mißmuth aus der Seele und die Runzeln von der Stirn zu verjagen. Und dieſer, an ſeiner Zufriedenheit na⸗ gende Wurm, war ſein eheleiblicher, einflger Sohn und Stammerbe Theodor, der, un⸗ ter den Händen eines alten Hofmeiſters von hoͤchſ alltäglichen Anſichten und Grundſätzen, aufgewachſen, jeden Augenblick zu Worten und Handlungen ſich verleiten ließ, die nicht im entfernteſten ſeinem Range und Stande, wohl aber vollkommen den Grundſaͤtzen ent⸗ ſprachen, die der Graukopf hinter dem Ruͤcken der Aeltern ihm eingeimpft hatte. Oft hatte man bedenklich die Köpfe geſchuͤttelt und die Achſeln gezuckt, wenn der Knabe mit Hint⸗ anſetzung der feinen Lebensart, uͤber die Feyer — 106— eines Aerndtefeſtes, das auf den Guͤtern des Baron ſtatt fand, ja wohl gar uͤber eine Blume oder ein Wölkchen am Abendhimmel in begeiſtertes Entzuͤcken gerieth; und nur der Liebe und den Talenten der Malerey, die ſich ſchon fruͤhzeitig bey ihm bemerken ließen, hatte er es zu verdanken, daß man ſeiner An⸗ haͤnglichkeit an die Kunſt den größeſten An⸗ theil an ſeinen Herzensergießungen zuſchrieb. Als aber der Knabe zum Juͤngling heranreifte und man es mehr und mehr erkennen lernte, daß zu den Handlungen der Wohlthaͤtigkeit, die ſo oft von ihm an den Tag kamen, nicht ſein Stammbaum, ſondern lediglich ſein Herz ihn begeiſterte, da konnte der alte Kammer⸗ herr freylich nicht mehr umhin, jener bangen Beſorgniß fuͤr den Ruhm ſeines Hauſes in der Seele Raum zu geben. Zwar ward der alte Mentor, ſobald der Anſtand es zuließ, in einer entfernten Gegend als Pfarrer unter⸗ gebracht; allein der Same, den er in die Bruſt ſeines Zoͤglings geſtreut hatte, war be⸗ reits in zu tiefe Wurzeln geſchlagen, als daß er wieder auszurotten geweſen wäre. Alle n des t eint immel ur det ie ſich hatte An⸗ An⸗ hrieb. neifte ernte, igkt, nicht Herz nmet⸗ ngen 6 in dder lih, nter⸗ n die n be⸗ 3 doß Me Plane, die der Baron fuͤr die innere und äußere Umbildung ſeines Sohnes entwarf, ſcheiterten an der verſtockten Selbſtſtändigkeit, die der baͤuriſche Eifer des Jugendlehrers ge⸗ gruͤndet und die gewaltſame Entfernung deſ⸗ ſelben beſchleunigt hatte. Unter dieſen, fuͤr die Erwartungen des Vaters ſo unguͤnſtigen Zeichen hatte Theo⸗ dor bereits ſein zwanzigſtes Jahr zuruͤck ge⸗ legt; als plotzlich mit der Erſcheinung der jungen Graͤfin Aurelia, die von ihrem Va⸗ ter in die große Welt eingefuͤhrt, bald die Augen der ganzen Reſidenz auf ſich zog, den Kammerherrn ein neuer Strahl von Hoſſ⸗ nung belebte, daß die Zauberkraft der Ju⸗ gend und Schonheit das Gemuͤth des Juͤng⸗ lings in diejenige Stimmung verſetzen werde, die man ſo angelegentlich wuͤnſchte, und welche bisher weder Drohungen noch Bitten hervorzubringen vermochten. Zeit und Ge⸗ legenheit bewerkſtelligten die Bekanntſchaft, gleiche Grundſätze und Bedurfniſſe die naͤhere Befreundung der beyden Haͤuſer, und nur von dem Willen des jungen Barons und der jun⸗ * — 108— gen Graͤfin hing es ab, eine noch engere Verbindung derſelben herbeyzufuͤhren. Aurelia gehoͤrte zu den weiblichen See⸗ len, die kraft einer gehorigen Unterweiſung ſchon fruͤh zur Ueberzeugung gelangen, daß vornehme Geburt, Reichthum und Schoͤnheit zu Anſpruͤchen berechtigen, die deſto größere Wirkung thun, je geräuſchvoller man ſie gel⸗ tend zu machen ſucht. Sie war daher bey ihrem erſten Eintritt in die glaͤnzenden Zirkel des Hofes bereits darauf vorbereitet, wie ſie bey den Huldigungen, deren ſie denn auch bald als eines von Seiten der Maͤnner ihren Reizen ſchuldigen Tributes gewohnt wurde, ſich zu verhalten habe. Wo ſie ging und ſtand, ſah ſie von einem Haufen parfuͤmirter Trabanten ſich umgeben, welche mit beredten und ſtammelnden Zungen, mit ſchmachtenden und triumphirenden Blicken, in gebundner und ungebundner Rede ihr zu erkennen gaben, daß ſie die Krone der Schonen, die Sonne der Maͤnner, die Blume des Hofes ſeyz und Aurelia wußte in eben dem Grade mit ihren Gunſtbezeugungen zu wuchern, als ihre ſämmt⸗ ne Ser⸗ rde, un rter dten den dner hen, un und hren m⸗ — 109— lichen Anbeter bereit ſchienen, um die klein⸗ ſten derſelben mit bezauberten Rieſen und Drachen, ja mit dem Lindwurm ſelbſt in die halsgefährlichſten Kämpfe ſich einzulaſſen. Sie ſchmetterte dieſen, indem er uͤber ſeine Neben⸗ buhler den Sieg davon getragen zu haben meinte, durch denſelben Blick zu Boden, mit welchem ſie jenem, der zu Endigung ſeiner Leiden bereits die Degenklinge gewetzt und die Piſtolen geladen hatte, Muth und Luſt zu neuen Siegesverſuchen in die Seele floßte. Ob es nun gleich, bey der Sinnesart und dem Betragen der jungen Graͤſin nicht leicht zu begreifen war, was Theodor's zu⸗ ruͤckgezognes Weſen, ſein kunſtloſer Anſtand, ſeine unparfuͤmirten Locken und baͤuriſch rothen Backen fuͤr ihn Empfehlendes haben konnten, ſo ſchienen doch jene Verderben⸗ und Heilbrin⸗ genden Blicke nur in ihrer letztgenannten Kraft ſich zeigen zu wollen, ſobald er Aurelien ſich gegenuͤber befand. Noch weit auffallender aber, und vielleicht nur aus der entſchieden⸗ ſten Geiſtes⸗ und Sinnenverblendung zu er⸗ klären, war die Art und Weiſe, wie Thec⸗ — 110— dor Aufmunterungen erwiederte, bey denen jeder andere bereits die Schluͤſſel des Para⸗ dieſes in den Haͤnden zu halten gemeint haͤtte. Wie man ein durch blendenden Farbenglanz in die Augen fallendes Gemaͤlde anfangs mit uͤberraſchten und zuletzt mit gleichguͤltigen Blicken betrachtet, ſobald der oberflaͤchliche Prunk die einzige Vollkommenheit deſſelben ausmacht, ſo hatte Theodor ſich fruͤher, als man es den Umſtänden nach haͤtte erwarten ſollen, an Aureliens Anblick ſatt geweidet und ſchien am Ende nur dann ſeine Augen auf ſie zu heften, wenn eben kein anderer Gegen⸗ ſtand ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Das wa⸗ ren nun freylich nicht Erſcheinungen, wie der Kammerherr ſie in Hinſicht ſeines Planes ge⸗ wuͤnſcht hatte, und waͤhrend er, eine gänz⸗ liche Vereitelung deſſelben befuͤrchtend, zu al⸗ len nur erſinnlichen Vorbeugungsmitteln ſeine Zuflucht nahm, ſetzte auch Aurelia, durch den Starrſinn und die Unempfindlichkeit des jungen Mannes auf das peinlichſte gereizt, ſich vor, ihn mit Anwendung aller, ihr zu Gebote ſtehenden Zaubermittel vor ihren Sie⸗ — 111— dun geswagen zu ſpannen, und eine Rache an Part⸗ ihm zu uͤben, die im Fall des Gelingens nicht hůtte. minder ihrem Stolze ſchmeichelte, als ſie den nglanz geheimen Wuͤnſchen ihres Herzens Genuͤge zu fangs leiſten verſprach. tigen Allein jemehr Theodor ſich von allen chliche Seiten zu einem Schritte gedrängt ſah, ge⸗ ſſelben gen welchen er die entſchiedenſte Abneigung t, als ſpuͤrte, deſto mehr verdoppelte er ſeine Auf⸗ warten merkſamkeit auf alles, was mit jener gehei⸗ 4und men Verſchwoͤrung wider ſeine Willensfeſtig⸗, n auf keit in Verbindung zu ſtehen ſchien; und es gyin⸗ war vielleicht weniger den Bemuͤhungen des w Kammerherrn, als dem Eifer, mit welchem i e die Graͤſin ihr Siel zu erreichen ſtrebte, zu⸗ ge⸗ zuſchreiben, daß ſie immer weiter von dem⸗ ʒin⸗ ſelben ſich entfernte. Als aber Theodor einſt 5 c ſogar ſeinen Widerwillen gegen die Grafin ſin dem Vater auf das beſtimmteſte und in ziem⸗ n lich ungewaͤhlten Ausdruͤcken zu erkennen gab, it d gerieth dieſer in die heftigſte Wuth und be⸗ theuerte in Redeſätzen, die weniger durch Zu⸗ ſammenhang, als durch Nachdruck ſich aus⸗ zeichneten, daß er ihn von nun an als einen — 112— verdorrten Zweig ſeines Stammbaums he⸗ trachten und auf ewig aus ſeinen Augen ver⸗ bannen wolle. Wirklich erſchien auch, noch ehe Theodor uͤber die Art und Weiſe, den aufgebrachten Alten zu beſanftigen, mit ſich einig geworden war, ein Reiſewagen vor der Thuͤre; Theodors bewegliche Guͤter wurden aufgepackt und er ſelbſt erhielt die Weiſung, ſich nach Florbach, einem ziemlich entfernten Landgute des Kammerherrn, zu verfuͤgen, um den duͤrren Sandſteppen und den vom Rau⸗ penfraß ausgemergelten Haiden daſelbſt die mahleriſchen Anſichten und Ergötzlichkeiten ab⸗ zugewinnen, worin die Reſidenz ſeinem roman⸗ tiſchen Gemuͤthe nicht die gewuͤnſchte Befrie⸗ digung zu leiſten vermögend wäre. Die Umgebungen des Doͤrfchens Flor⸗ bach waren denn auch in der That nicht eben dazu geeignet, die Sinne eines Naturfreundes angenehm zu beſchäftigen und der Phantaſie eines Mahlers geiſterquickende Nahrung zu ge⸗ waͤhren. Rauhe, mit Fichten und Tannen bewachſene Anhoͤhen ſchloſſen es auf der einen, ſandigte, unfruchtbare Ebenen auf der andern Seite M he⸗ n ver⸗ noch „den t ſich or der wurden iſung, ernten m Rau⸗ ſ die en ab⸗ omen⸗ Befti⸗ Flon teben nunde nluſie Lannen einen⸗ onern Stite Seite ein. Kein Fruͤhlingsſanger belebte dieſe Triften durch ein anmuthiges Lied; nur vom tacktmaͤßigen Schlage des zimmernden Gruͤn⸗ ſpechts ward der melancholiſche Ruf der Holz⸗ taube in den oͤden Waldungen beantwortetz duͤrre Nadeln, verſengtes Moos und verwit⸗ ternde Erdſchwaͤmme bedeckten den Boden, und nur die Abwechſelung des gefallenen und geſchmolzenen Schnees ſchien die traurige Ein⸗ förmigkeit zu ſtören, die dieſer Gegend ſich fuͤr immer bemaͤchtigt hatte. Throdor bezog das alte Jagdſchloß, das ihm zur Wohnung angewieſen war, mit Em⸗ pfindungen, die trotz des väterlichen Bann⸗ ſtrahles, mehr von einem erleichterten als ge⸗ preßten Herzen wuͤrden gezeugt haben; hätten nicht die baufalligen Giebel ſeiner gothiſchen Burg, die den Einſturz drohten, in ihm die Beſorgniß erweckt, daß der uͤber ihn ausge⸗ ſprochene Fluch hier in einem, fuͤr den Kam⸗ merherrn ſelbſt zu buchſtäblichen Sinne in Er⸗ fuͤlung gehen möchte. Es verſtrichen ihm daher die erſten Wochen ſeines Aufenthalts in Florbach, ohne daß er auf etwas anders, M. 8 — 114— als die uͤber ſeinem Haupte ſchwebende Ge⸗ fahr zu entfernen, bedacht war, und der eigentliche Zweck ſeiner Verweiſung ward alſo ſchon dadurch verfehlt, daß Theodor, indem er gleich bei ſeinem Einzuge in Florbach eine eben ſo dringende als zeitverkuͤrzende Beſchaͤf⸗ tigung fand, ſich unvermerkt an die Gegend gewoͤhnte, ja ſogar ſie lieb zu gewinnen an⸗ fing, ehe er ſie noch in ihrem ganzen Um⸗ fange kennen gelernt hatte. Sobald das Schloß in bewohnbarem Stande ſich befand, ward auch des daran ſtoßenden Gartens, der in einer jahrelangen Verwilderung gelegen hatte, gedacht, und er erlangte bald ein ſo freundliches Anſehn, als man nur immer von einer Bodenflaͤche erwar⸗ ten konnte, bey deren Hervorbringung die Natur ſchon im Voraus auf die Nachhuͤlfe der Kunſt gerechnet zu haben ſchien. Auch an geſellſchaftlicher Unterhaltung litt Theodor keinen Mangel; denn ein alter gutmuͤthiger Kauz, Namens Ehrfried, der visher das untere Stockwerk des Schloſſes bewohnt und den Jaͤger, Gaͤrtner, Verwalter nde Ge⸗ und det ard alp indem ch eine Beſchäſ⸗ Gegend en an⸗ en Um⸗ nbarem 5 doran relangen und et al erwar⸗ ung die chhüf ßullunj n alnt ed, der clſu miltet — 115— und Forſtinſpektor der gnädigen Herrſchaft in einer Perſon und in einem Rocke darge⸗ ſtellt hatte, ging ohne ausdruͤcklichen Befehl ihm nie von der Seite, und Theodor bewies durch ſein Beiſpiel auch hier, wie gegruͤndet die Beſorgniß des Kammerherrn für ſeinen Stammbaum geweſen war, indem er den graubaͤrtigen Ehrfried anfangs zu ſeinem Kam⸗ merdiener, dann zu ſeinem Rathgeber und iſchgenoſſen und am Ende ſogar zum Ver⸗ trauten aller ſeiner Herzensgeheimniſſe erhob. Aber nicht allein gegen ſeinen alten Haus⸗ und Tiſchgenoſſen, auch gegen alle andere Perſonen, mit denen er in Beruͤhrung kam, uͤbte er ein Betragen aus, das ſeiner Den⸗ kungsart vollkommen entſprach. Wegwer⸗ fend und gemein wuͤrde man es, wegen Ver⸗ ſchiedenheiten der Anſichten, in den Klubbs und Aſſembleen der Reſidenz genannt haben, leutſelig und gefaͤllig nannte man es in den Spinnſtuben und Biergeſellſchaften des Dor⸗ fes Florbach. Was Wunder daher, wenn man zu dem Hierſeyn des gnaͤdigen Herrn in eben dem Maaße ſich Glaͤck wuͤnſchte, als 8* — 115— man aus Ehrfrieds geheimnißvollem Geſicht( und einſylbigen Aeußerungen die ſtete Verlaͤnge⸗ rung ſeines Aufenthalts in Florbach heraus⸗ zuleſen beeyfert war. Noch hatte Theodor kaum die Grenzen ſeines Grundgebiets kennen gelernt, als er einſt, an einem ſchönen Herbſttage, theils um der freyen Natur zu genießen, theils um i ſich einen Sonntagsbraten in die Kuͤche zu liefern, mit der Flinte auf dem Ruͤcken die waldigten Anhoͤhen ſeines Jagdreviers durch⸗ ſtrich. Mehrere Stunden irrte er umher, ohne daß das Gluͤck ihm die armſeligſte Beute zufuͤhrte. Endlich warf er, des vergeblichen agens muͤde, ſich an einem Huͤgel nieder, zog ein Pergamentblatt hervor und hatte eben mit Silberſtift eine Handzeichnung zu ent⸗ werfen angefangen, als er plotzlich von wei⸗ tem ein ängſtliches Rufen vernahm. Mit uͤberraſchten Blicken ſprang er auf, trat hin⸗ ter dem Tannengebuͤſch, das ihn verbarg, hervor und ſah in einiger Entfernung eine weibliche Geſtalt, die mit haſtvoller Bewe⸗ gung und unter dem beſtändigen Rufen: — Geſcht ringe⸗ eraus⸗ tenjen as et theils 5 um che zu n die durch⸗ umher, Beute blichen niedel, eben ent⸗ wii⸗ hin⸗ vbarh, eine Bew⸗ ufi n „ . — 117— Guſtel, Guſtel! bald nach dieſer bald nach jener Seite des Waldes ſich wandte und, in⸗ dem ſie jeden Strauch durchſuchte, der Stelle, wo Theodor ſich befand, immer naͤher kam. Angſt und Verwirrung kämpften auf ihrem Geſicht, als ſie den Juͤngling erblickte. In langen braunen Locken wallte ihr Haar, vom eilfertigen Umherirren los gegangen, um Bruſt und Schultern, und aus der nachlaͤßigen Lage des Buſentuches zu ſchließen, hatte ſie in die⸗ ſer wilden Einöde viel eher einem Raubthier in die Klauen, als einem maͤnnlichen Weſen in die Augen zu fallen vermuthet. Aufs peinlichſte betroſſen ſtand ſie da, bis Theodor, deſſen Ueberraſchung von der ihrigen weniger dem Grade als der Quelle nach verſchieden war, SZeit gewann, ſie mit ſtammelnder Zunge zu fragen, welcher widrige Zufall ihr begegnet ſey. Jetzt oͤffneten ſich ihre Lippenz ſie habe, ſagte ſie, auf der Wieſe hinter dem Garten Garn gebleicht, ihr Bruder, ein Knabe von vier Jahren, den ſie dahin mit⸗ genommen, habe, während ſie zu Hauſe etwas zu beſchicken gehabt, ſich verloren und ſey nun — — 118— weder auf dem Felde noch im Walde zu ſin⸗ den und zu errufen.„Ich bin des Todes, wenn dem Knaben ein Ungluͤck begegnet iſt!“ ſetzte ſie hinzu und die Thraͤnen ſtürzten ihr aus den Augen. Theodor fuͤhlte von der in⸗ nigſten Theilnahme an ihrer Betruͤbniß ſich ergriffen und erbot ſich, an der einen Seite des Waldes entlang zu gehen, während ſie die andre durchſuche, bis ſie am Ende deſſel⸗ ben wieder zuſammen traͤfen. Das Mädchen nickte ihm Dank zu und eilte hinweg. Schon hatte er, mehr und mehr an dem gluͤcklichen Erfolge ſeiner Bemuͤhung verzweifelnd, den größten Theil ſeines Weges zuruͤckgelegt, als er den Knaben zwiſchen einem dunklen Fich⸗ tengebuͤſche ſitzen ſah. Er weinte bitterlich. Ein bunter Schmtterling hatte, in Abweſen⸗ heit ſeiner Schweſter Maria, ihn von der Bleichwieſe weggelockt und war dem Walde zugeflogen, wo der ämſige Verfolger ſich ver⸗ irrte, bis er, von Anſtrengung und Angſt ermattet, unter dem Fichtengebuͤſch niederſank. Theodor nahm den Knaben auf den Arm, und die Muͤhe, die er ſich gab, ihn zu be— zu ſu⸗ Todes, iß! ten ihr der in⸗ iß ſich Stite n ſie diſſel⸗ hädchen Schon lichen den t, al Fich⸗ terlich. weſen⸗ on det Walde ver⸗ Angſt derſenk⸗ n 0 be⸗ — — 119— ruhigen, hatte, vermöge der Handzeichnung, die er ihm ſchenkte, und des Verſprechens, ihn zu ſeiner Schweſter zu bringen, ſchon die erwuͤnſchte Wirkung gethan, als Maria von fern zwiſchen den Waldbaͤumen ſich zeigte. Mit frohlichem Geſicht hob Theodor ihr den Knaben entgegen; und ſchnell wie ein Reh kam ſie, als ſie ihn erblickte, herbeygeflogen, um von ſeinem Wohlbeſinden ſich zu uͤber⸗ zeugen. Mit heftiger Bewegung druͤckte ſie ihn an die Bruſt, und viel zu wunderbar war Fheodor von den Liebkoſungen und Vor⸗ wurfen, womit ſie wechſelsweiſe ihren Lieb⸗ ling uͤberſtroöͤmte, ergriſſen, als daß er ſich uͤber die Art des Gefühles, das ſich ſeiner dabey bemaͤchtigte, Rechenſchaft und erklaͤ⸗ rende Auskunft haͤtte geben koͤnnen. Es mußte indeß, trotz der Blutsrdoͤthe, die ihm, als er von Marien und dem Knaben ſich trennte, zu Geſicht geſtiegen war, einen mehr geiſtlichen als weltlichen Anſtrich haben, denn kaum war er mit eintretender Dämme⸗ rung auf ſeinem Schloſſe angelangt, als er den alten Ehrfried zu ſich berief und ihm uͤber — 120— Schul⸗ und Kirchenweſen und andre damit in Verbindung ſtehende Gegenſtaͤnde eine ſo erbauliche Vorleſung hielt, daß der Grau⸗ kopf nicht wußte, ob er ſich mehr uͤber die Wahl der Unterhaltung, oder uͤber die ge⸗ ſchickte Ausführung des gewaͤhlten Stoffes zu verwundern habe. Er rafſte daher alle ſeine Verſtandeskräfte zuſammen, um die Ein⸗ würfe und Bedenklichkeiten, die er dagegen vorzubringen hatte, recht methodiſch ausein⸗ ander zu ſetzen, weil er, von allem Argwohn entfernt, fuͤr die Hauptſache nahm, was dem jungen Herrn nur als vermittelnde Einlei⸗ tung in die Hauptſache zu gelten ſchien. Denn kaum hatte Ehrfried den Mund aufge⸗ than, um ſeine Gedanken mitzutheilen, als jener ſchon die Anwendung vom Allgemeinen auf das Einzelne mit einer Beſtimmtheit zu machen anſing, die jeden Einwurf gegen die bereits feſigeſtellten Sätze fuͤr unnuͤtz und uͤber⸗ fluͤßig erklaͤrte. Alles zielte nehmlich auf die unſchmackhaften Kanzelvorträge des Geiſtlichen zu Florbach, und auf den an und fur ſich ſelbſt ziemlich einfachen Entſchluß ab, am denit eine ſo Gral⸗ ber die die gl⸗ Stoffes er alle e Ein⸗ agegen ausein⸗ gwohn ab dem inlei⸗ ſchien. aufhl⸗ „als neinen eit zu gen die ber⸗ uf die ſtlichen r ſih m — 121— morgenden Sonntage nach dem jenſeits der Waldhoͤhen liegenden Erlheim in die Kirche zu gehen. Die Weitſchweiſigkeit, welche Theodor anwandte, um zur Entdeckung ſeines Vorſatzes zu gelangen, ſtand gegen die Eiffertigkeit, mit welcher, er ihn ausfuͤhrte, in ziemlichem Kon⸗ traſte. Denn kaum brach die Morgenſonne durch die ſechseckigten Fenſterſcheiben des Flor⸗ bacher Schloſſes, als der ungeduldige Bewoh⸗ ner deſſelben bereits zu ſeiner frommen Wall⸗ fahrt geruͤſtet ſtand. Vergebens erklaͤrte der alte Ehrfried das fruͤhe Aufbrechen für unns⸗ thig, da Erlheim nur eine Stunde Weges entfernt liege; Theodor kehrte ſich nicht daran, ſondern wanderte dem hohen Waldgehege mit ſo raſchen Schritten zu, als habe er ſich ver⸗ bindlich gemacht, die Predigt in Erlheim mit einläuten zu helfen. Jetzt naͤherte er ſich der Stelle, wo er mit ſo wunderbaren Empfin⸗ dungen ſich geſtern von Marien getrennt hatte. Er ſah im Geiſte ſie wieder vor ſich ſtehen, glaubte ihre Fußtapfen auf den zer⸗ knickten Nadeln zu bemerken, und vorzuglich — 122— der vermeinten Nachempfindung von dem lei⸗ ſen Drucke ihrer Hand, die ſie beym Abſchied⸗ nehmen ihm reichte, und der Erinnerung an das ſanfterrothende Geſicht, mit welchem ſie, ehe ſie zwiſchen den Waldbäumen verſchwand, noch einmal nach ihm zuruͤckſah, war es zu⸗ zuſchreiben, daß die Vorſtellungen des alten Ehrfried wegen zu fruͤhen Aufbrechens ſich nicht rechtfertigen ließen, weil er bey ſeinem Kirchgaͤnger nicht eben ein Verweilen dieſer Art in Anſchlag bringen zu duͤrfen, geglaubt hatte. Theodor fand bey ſeinem Eintritt in die Kirche zu Erlheim bereits einen großen Theil der chriſtlichen Gemeinde verſammelt, nahm ſeinen Platz der Kanzel gegenuͤber, und konnte nach einer kurzen Augenmuſterung der belebten und unbelebten Gegenſtände, den Wunſch nicht unterdruͤcken, daß noch mehrere Geſichter, und unter ihnen ein minder unbe⸗ kanntes als die bereits anweſenden, ſich ein⸗ finden moͤchten. Wirklich zeigte ſich auch we⸗ nige Augenblicke darauf neben einem altlichen Mann in hellblauem Rocke, der kleine Guſtel heil hm nd det rere be⸗ we⸗ chen ſtel — 123— in der Raͤhe der Orgel, und Theodor wuͤrde vielleicht uͤber dieſe Erſcheinung ſich noch mehr gefreut haben, haͤtte das Knarren einer ihm ſeitwarts befindlichen Thuͤr, die faſt in dem⸗ ſelben Augenblick ſich offnete, da er den klei⸗ nen Findling bemerkte, ihm dazu Zeit ge⸗ laſſen. Es war Marie ſelbſt, die in ihrem Sonntagsputz herein trat, ihrem Sitze ſich näherte, und nachdem ſie ihren Nachbarinnen einen freundlichen Gruß zugenickt hatte, das Geſangbuch entfaltete, und mit niedergeſenkten Blicken ihr Gebet verrichtete. Das arme Maͤdchen! Mit der ſtillen Erweckung zur Andacht, ſollte fuͤr heut ihre ganze Andacht beendigt ſeyn! Allem Anſchein nach wuͤrde Theodor von Mariens zuͤchtigen Blicken gar nicht bemerkt worden ſeyn; häaͤtte nicht ein gluͤcklicher Zufall ihn gerade nach derjenigen Gegend der Kirche gefuͤhrt, wo man die Nummern der abzuſingenden Lieder in koloſſa⸗ liſcher Größe aufzuſtecken gewohnt war. Kaum hatte ſie daher, um in den Geſang einſtimmen zu können, nach der Lafel hinauf geblickt, als ihr, ſtatt der weißen Liedesnummer, Thee⸗ — 124— dors blutrothes Geſicht in die Augen ſiel. Erſchrocken und betroffen heftete ſie die ſcheuen Blicke wieder auf ihr Geſangbuch, aber indem ſie, um ihre Verlegenheit wenigſtens vor der Menge zu verbergen, darin zu blättern an⸗ ſing, ſiel ein Blatt heraus, das von dem ſcharfblickenden Späher ſogleich fuͤr die Hand⸗ zeichnung erkannt wurde, die er geſtern dem kleinen Guſtel geſchenkt hatte. Man denke ſich die frohe Ueberraſchung, die dieſer Um— ſtand bey ihm hervorbrachte! zumal, da er bemerkte, daß Mariens Wangen dabey von einer nur noch erhoͤhteren Scharlachfarbe ſich uͤberzogen. Schwer mochte es zu beweiſen ſeyn, daß ſeine Fröͤmmigkeit durch den Vor⸗ trag des geiſtlichen Redners, der untetheſſen die Kanzel beſtiegen hatte, auch nur den ge⸗ ringſten Zuwachs gewonnen habe, deſto leich⸗ ter hingegen zu vermuthen, daß es in Hin⸗ ſicht der Steigerung ſeines Gluͤckes ſich ganz anders verhalte. Zwar dauerte es geraume Zeit, ehe Marie die ſchuͤchternen Augen wie⸗ der ein wenig zu erheben wagte, obgleich der Hinblick nach unſerm Freunde, der faſt in ge⸗ — —. — 125— rader Richtung ihr gegenüber ſtand, mit viel geringerer Unbequemlichkeit verbunden war, als geſtern, da ſie, um ihm einen nochmaligen Abſchiedsblick zuzuwerfen, ſich erſt ganz nach ihm zuruͤck wenden mußte;z doch ſchien ſie am Ende das Gezwungene und Aengſtliche ihrer Lage ſelbſt zu fuͤhlen, und warf daher ihren Blick zuerſt ein wenig rechts nach der Kanzel, dann gerade aus nach dem Altar, dann ein wenig links, nach einem von der Decke herabhängenden Taufengel, bis er zu⸗ letzt, auf das vorliegende Geſangbuch zuruͤck⸗ fallend, im Vorbeygehen gerade ſo lange auf dem Florbacher Erb- und Gerichtsherrn ver⸗ weilte, als dieſer Zeit brauchte, um ihr durch einen Gegenblick zu erkennen zu geben, daß er gegen die Stufenfolge der drey ins Auge gefaßten Gegenſtaͤnde nicht das mindeſte einzuwenden habe. Theodor ſchien, in den Anblick des hol— den Mädchens verloren, es gar nicht zu be— merken, als nach geendigter Predigt die Glie⸗ der der Verſammlung ſich allmaͤhlig entfern⸗ ten, ja er wuͤrde bey laͤngerm Verweilen in — 126— Gefahr gerathen ſeyn, verſchloſſen zu werden, hätte nicht Marie ſelbſt ſich von ihrem Sitze erhoben und ihm dadurch das Zeichen gegeben, ein Gleiches zu thun. Was aber mehr als alles andre ſeine Glieder gleich einem elektri⸗ ſchen Schlage in Bewegung ſetzte, war ein abermaliger Blick von Marien, ein Blick, in welchem ſchon deshalb die ganze Fuͤlle der Liebe ſich verklaͤrte, weil er ohne den gering⸗ ſten Umweg zu nehmen, in geradem Fluge ſein Ziel erreichte. Kaum der Erwaͤhnung be⸗ darf es daher, daß Theodor ſogleich ſeinen Platz verließ und wie ein Pfeil die Treppe hinunterſchoß. Auch wuͤrde die Eilfertigkeit, womit er das Freye zu erreichen ſuchte, viel⸗ leicht von erwuͤnſchten Folgen geweſenz ſeyn, wenn er, ſtatt dieſen Morgen die ihm uͤbrige Zeit und Muße thörigter Weiſe im Walde zu verträumen, den Vortheil in Erwägung gezogen hätte, der aus der näͤhern Bekannt⸗ ſchaft mit den Umgebungen der Erlheimer Kirche fruͤher oder ſpäter zu ziehen ſey, und lediglich dieſem Mangel an Localkenntniſſen war es daher zuzuſchreiben, daß er den Punkt, erdin, Sihe geben, r als ektri⸗ ein c, in der ing⸗ Fluhe be⸗ ſeinen ppe git, bill⸗ ſchn, brige zalde Hunh nnt⸗ imer und iſſ nt, — 127— wo ein ſchickliches Dankbekenntniß fuͤr die ihm gewaͤhrte Augenweide anzubringen gewe⸗ ſen wäre, verfehlte, und den Gegenſtand ſei⸗ ner Wuͤnſche noch immer mit allem Eifer der aufgeregten Leidenſchaft verfolgte, als Marie bereits ihre Wohnung erreicht und den ſeidnen Sonntagsputz gegen ein beſcheidnes Linnen⸗ kleid vertauſcht hatte. „Welch ein einfaͤltiger Tropf!“ möchte hier mancher ausrufen, der durch Stand und Geburt uͤber alle Ruͤckſichten ſich erhaben fuͤhlt, und wenn er in Verſuchung geraͤth, zu einem huͤbſchen Landmädchen ſich herabzu⸗ laſſen, ſtets durch die Art und Weiſe, wie er dieſer Verſuchung nachgiebt, ſich vor un⸗ ſerm Helden auszeichnet. Wirklich ſcheint auch dieſe Verwunderungsformel ein dreyfa⸗ ches Ausrufungszeichen zu verdienen, wenn man erwaͤgt, wie ſchmeichelhaft die Gunſt⸗ bezeigungen, deren Marie von dem Erb⸗ und Gerichtsherrn zu Florbach gewuͤrdigt wurde, fuͤr ihren Pater, der nur ein Muͤller war, ſeyn mußten, haͤtteger die Eröfſnung derſelben auch durch den augenblicklichen Schreck eines — 128— unerwarteten Ueberfalls im eignen Hauſe er⸗ kaufen muͤſſen. Allein wir muͤſſen hier aber— mals auf Theodors fruͤhere Erziehungsperiode verweiſen, wo unter andern aus der Mode gekommenen altväteriſchen Grundſätzen auch die Achtung fuͤr weibliche Tugend ihm mit ſo gravitaͤtiſchem Ernſt anempfohlen daß er ſelbſt ſpaͤterhin, als er ſein eigner Sitten⸗ richter geworden war, es nicht uͤber ſich ver⸗ mochte, ſeinen Spaß damit zu treiben. Daß daher Eindruͤcke aller Art um ſo unver⸗ tilgbarer in dem jugendlichen Gemuͤthe Wurzel ſchlagen, je fruͤher und ſorgfältiger man ſie demſelben mittheilt, werden ſelbſt diejenigen nicht in Zweifel ziehen können, die bey ſeinem Abſcheu vor einer Liebesmethode, bey welcher höchſtens das Gluͤck und die Un⸗ ſchuld einer Erlheimer Müllerstochter verloren zu gehen, Gefahr laͤuft, ihre aufgeklaͤrtere Anſicht duch ein mitleidiges Achſelzucken und Naſenruͤmpfen zu erkennen geben. Halb erfreut uͤber die, ſeinen Wuͤnſcheh ſo guͤnſtigen Beobachtungen, die er Marien gegenuͤber gemacht hatte, halb mißmuͤthiz uͤber ſe A aber⸗ ericde Mode auch it ſo doß tten⸗ vet⸗ Doß wet⸗ nüthe liger ſlbſt nen, ode, Un⸗ oten rter und un rien ih ͤber — 129— uͤber die Unmöglichkeit, ſie fortſetzen zu können, ſchlenderte Theodor, als die Wahrſcheinlich⸗ keit, ſie in der Naͤhe der Kirche noch einmal zu ſehen, verſchwunden war, uͤber die gelben Stoppeln des Feldes wieder ſeinem Gute zu. Wie oft er nach der Gegend des Dorfes, das er im Ruͤcken ließ, ſich umwandte, bevor er die Waldung erreichte, läͤßt ſich nicht genau beſtimmen, doch empfing der alte Ehrfried, der ſich uͤber die ſpäte Zuruͤckkunft ſeines Herrn faſt noch mehr als uͤber ſeinen fruͤhen Aufbruch zu verwundern ſchien, ihn mit der Nachricht, daß zwiſchen ihm und der Köchin bereits die Streitfrage entſtanden ſey, ob der Braten in der Pfanne ſich beſſer mit dem Löffel oder mit der Gabel verarbeiten laſſe. Schon war Ehrfried, anfangs durch ein⸗ ſylbige Aeußerungen und Andeutungen, mit welchen Theodor während der Tiſchzeit ſeinem vollen Herzen Luft zu machen ſuchte, und zu⸗ letzt durch eine vollſtaͤndige Mittheilung alles Vorgefallenen, in das Geheimniß eingeweiht worden, als in dem nehmlichen Augenblick, da ſie zum Schluß des diesmal wider Gewohn⸗ M. 9 — 130— heit verlängerten Mittagsmahles beyde auf das Wohl der ſchönen Marie mit den Glaͤſern an⸗ ſtießen, die Thuͤr ſich öffnete, und der Mann im hellblauen Rocke, den Theodor in der Kirche neben dem kleinen Guſtel bemerkt hatte, her⸗ ein trat. Nicht ungegruͤndet war Theodors Vermuthung, daß er Mariens Vater vor ſich ſehe, doch war ſein Beſuch hauptſaͤchlich dem Umſtande, daß er zugleich auch Guſtels Va⸗ ter war, zuzuſchreiben. Mit dem Vorſatze, dem unbekannten Freunde fuͤr die geſtrige Dienſtleiſtung perſoͤnlich ſeinen Dank abzu⸗ ſtatten, war er nach Florbach heruͤbergekom⸗ men, und erſt unten im Dorfe hatte er er— fahren, daß er in dieſer Angelegenheit ſich an den jungen Baron von Baͤrfeld ſelbſt zu wenden habe. Das ſchlichte, treuherzige Weſen, wo⸗ mit der Muͤller ſeinen Vorſatz in Ausfuͤhrung brachte, hatte in Theodors Augen ſchon ſo viel Empfehlendes, daß letzterer auch ohne die geheime Stimme, die gleich bey dem Ein— tritte des Biedermannes, ihm in ſeinem Her— zen das Wort ſprach, ſich zu einer ſolchen auf das ſern an⸗ Man Kirche her heodors vot ſch ch dem s Pa⸗ orſaße, ſirige ab⸗ gekem⸗ et er⸗ ſich an ſt zu wo⸗ ihruno hon ſ ohne Ein⸗ ſichen — 131— Bekanntſchaft wuͤrde Gluͤck gewuͤnſcht haben. Schwer möchte es jedoch zu beweiſen ſeyn, daß der Eyfer, den Theodor anwandte, um ſich auch ſeinerſeits bey dem Alten in Gunſt zu ſetzen, ſich in gleichem Lichte wuͤrde ge⸗ zeigt haben, wenn er ohne alle fremdartige Einmiſchung, blos auf die Befeſtigung eines freundſchaftlichen Umganges mit dem Muͤller gerichtet geweſen wäre; auch moͤchten wir es eben ſo wenig verbuͤrgen, daß das Geſicht des alten Ehrfried, der als ruhiger Beobachter hieruͤber die beſte Auskunft geben konnte, ſich nicht bey dieſer Frage mit gewiſſen Falten mochte uͤberzogen haben, die eher zu einer ver⸗ neinenden als beſtätigenden Erklärung geſchickt geweſen wären. Die einfache Ordnung, die in Theodors Wohnung und der vettrauliche Ton, der zwiſchen ihm ſelbſt und ſeinem alten Diener herrſchte, ſchienen dem Müller ausnehmend zu gefallen, und ſetzten ihn um ſo mehr in Ver⸗ wunderung, da er vor ſechzehn Jahren mit dem Kammerherrn ſelbſt, der ſich eben einige Tage in Florbach aufhielt, eine Grenzſtreitig⸗ 9* — 132— keit abzumachen gehabt, und vermittelſt einer natuͤrlichen Ideenverbindung, zwiſchen Vater und Sohn keine ſo auffallende Unähnlichkeit des Tones und Betragens vermuthet hatte⸗ Trotz der Offenheit und Anſpruchsloſigkeit aber, die Theodor gegen ihn zeigte, war er aus den Grenzen der Ehrerbietung, die er in Worten und Werken geziemend an den Tag legte, nicht herauszubringen, gleich als fände er in der zuvorkommenden Freundlichkeit eines jungen Herrn vom Stande gegen einen wildfremden Mann, dem er noch obendrein einen ſo wich⸗ tigen Dienſt geleiſtet hatte, etwas Unnatuͤr⸗ liches. Ja er wuͤrde es gar nicht einmal ge⸗ wagt haben, den Herrn Baron zu einem Ge⸗ genbeſuch in Erlheim einzuladen, haͤtte dieſer es ihm nicht ſo nahe gelegt, daß er beym Weggehen nicht umhin konnte, zu erklären, wie geehrt er ſich fuͤhlen werde, den Herrn Baron in ſeiner Muͤhle einkehren zu ſehen, ſobald die Jagd oder ein Spaziergang ihn nach jener Gegend fuͤhre. Der gute Mann hatte nicht zu befuͤrch⸗ ten, daß das willfährige Verſprechen, welches ſt eher Pele nlichket hatte⸗ it obe, ws den Worten legte, eein jungen temden o wich⸗ nnalit⸗ nal ge⸗ n Gl⸗ dieſer behm klaren, hn ſchen, g ihn efich⸗ wilches er ſogleich von Theodor erhielt, in Vergeſſen⸗ heit gerathen werde, vielmehr ſollte er ſchon am nächſten Morgen der gewuͤnſchten Ehre theilhaftig werden, obgleich weder die Jagd noch ein Spaziergang Anlaß zu dieſem Be⸗ ſuche gaben; denn hatte Theodor gleich, ſeiner Gewohnheit nach, die Flinte uͤber die Schulter gehangen, ſo hegte er diesmal doch nicht die geringſten Mordgedanken in ſeiner Seele, auch wuͤrde jeder, der ihn auf ſeiner Wanderung bemerkt hätte, eher einen Eilboten als einen Spaziergänger in ihm vermuthet haben. Erſchrocken und mit allen Merkmalen peinlicher Verlegenheit ſprang Marie von ih⸗ rem Nähtiſch auf, als er in die Stube trat. War die Rothe, die geſtern bey ſeinem An⸗ blick ihre Wangen uͤberflog, einer freudigen Ueberraſchung zuzuſchreiben, ſo ſchien ſie heut eine Wirkung der Scheue und des Schreckens zu ſeyn; auch beſaß Theodor Scharfſichtigkeit genug, um der Veraͤnderung, die in ihrem Weſen vorgegangen war, ſogleich auf den Grund zu kommen. Die Neigung, die der — 134— Unbekannte ihrem jugendlichen Gemuͤth einflößte, hatte ſeit der Zuruͤckkunft ihres Va⸗ ters von Florbach dem ſchmerzlichen Gedanken an das Elend Raum gemacht, in welches die Unterhaltung einer thörigten Leidenſchaft ſie ſelbſt und die Ihrigen fruͤher oder ſpäter noth⸗ wendig ſtürzen muͤſſe. Mit Schrecken be⸗ merkte Marie, als ſie die Erinnerung an den Jüngling aus ihrem Hetzen zu verbannen be⸗ ſchloß, wie tief ſein Bild bereits darin gewur⸗ zelt ſey, und welcher Kampf ihr bevorſtehe, um eine Gemuͤthsſtimmung wieder herzuſtellen, die unbefangen und anſpruchslos nur allein in der Stille des ländlichen Berufes ihr Gluͤck und ihre Zufriedenheit ſindet. Nur den Ent⸗ ſchuldigungsgruͤnden, die das eigne Herz ihr vorſpiegelte, war es daher zuzurechnen, daß Theodors unerwartetes Erſcheinen ihr in kei⸗ nem, fuͤr ihn ſo unguͤnſtigen Lichte erſchien, als es vielleicht der Fall geweſen ſeyn möchte, wenn ihre gegen ihn erwachte Neigung gaͤnz⸗ lich wieder erſtickt und ſie bereits fahig gewe⸗ ſen waͤre, der ſeinigen die unedle Triebfeder unterzulegen, die nur von dem Verlangen Gmith hies Pl⸗ Gedanfin lches die chaft ſie er noth⸗ ren be⸗ an den nyen be⸗ gewur⸗ vorſtehe, ſtelen, r allein hr Glock en Ent⸗ deri ihr , dnß in kei⸗ rſchien, möchte, ʒin⸗ 9 gewe⸗ ibfd lungen nach ſchnell voruͤbergehendem Beſitz und Ge⸗ nuß in Thätigkeit geſetzt und erhalten wird. Durch welchen Daͤmon Theodor alſo vor ſei⸗ nen zwei gefährlichſten Feinden: Aufſchub und Zeitverſaͤumniß, gewarnt wurde, läßt ſich nicht genau beſtimmen, vielleicht war es der gemeinſame Dämon aller Verliebten, der es ſeinen Guͤnſtlingen zur Grundregel macht, ei⸗ nen noch zweifelhaften Sieg ſtets auf friſcher That zu verfolgen. Soviel iſt gewiß, daß Theodors beſcheidnes Weſen, ſeine offne, gut⸗ muthige Miene und der treuherzige Ton in ſeinen Geſpraͤchen Marien eine weit vortheil⸗ haftere Meinung von ihm beybrachten, als es dem ſchulgerechteſten, aus Feuer und Waſſer zuſammengeſetzten Liebesbriefe jemals hätte ge⸗ lingen können. Und wenn wir nicht in Ab⸗ rede ſind, daß noch einige andre, bereits an⸗ gefuͤhrte Qualitäten unſers Helden das Ihrige zu der Taͤuſchung beytrugen, vermöge welcher Marie nur den freundlichen Waidmann in ihm zu ſehen glaubte, ſo beliebe man ſich zu erinnern, daß ſelbſt eine Gräſin Aurelia, trotz der damit verbundenen Nothwendigkeit, den — 136— Edelmann in ihm zu vergeſſen, darin ſo viel Anziehendes fand. Während Theodor bald mit dem Alten von landwirthſchaftlichen Gegenſtänden in die Länge und Breite ſich unterhielt, bald mit Marien, die ſich wieder an ihre Arbeit geſetzt hatte, ziemlich einſylbige und abgebrochne Worte wechſelte, bald mit dem kleinen Gu⸗ ſtel in kindiſche Spiele und Tändeleyen ſich einließ, war es Mittag geworden, und nie fand ein ſybaritiſches Leckermaul größeres Be⸗ hagen an einem Götterſchmauße, als Theodor an dem einfachen, von Marien zubereiteten Mittagsmahl auf der Mähle zu Erlheim, denn, im Vorbeygehen geſagt, unſer Held konnte eben ſo wenig, als Tom Jones begrei⸗ fen, warum man ſich zu ſchämen brauche, zu gleicher Zeit verliebt und— hungrig zu ſeyn. Den Streifzug uͤber das Grundgebiet des Muͤllers, der gleich nach Liſche ſtatt ſin⸗ den ſollte, haͤtte Theodor ſeinem gefälligen Wirthe gern erlaſſen, da er vermuthen mußte, daß Marie daran keinen Theil nehmen werde, ſo vel Alten in die ld mit geſttzt rochne Gl⸗ n ſich nd nie heodor eiteten heim, Held egrel⸗ uche, ngtig — 137— doch konnte er, ohne ſich eines Verſtoßes ge⸗ gen die gute Lebensart ſchuldig zu machen, nicht umhin, den Anblick des holden Mad⸗ chens auf einige Zeit gegen die Beſchauung der Feldſtoppeln und des falben Wieſengra⸗ ſes zu vertauſchen. Der Muller, ein ſehr erfahrner Landwirth, legte, waͤhrend ſie die Felder durchſtrichen, zu tiefe Einſichten und Kenntniſſe an den Tag, als daß ein ſo wiß⸗ begieriger junger Mann, wie Theodor, nicht hätte wuͤnſchen ſollen, ſein Schüler zu wer⸗ den. Ja er konnte dieſer Neigung ſo wenig widerſtehen, daß er mit der Aeußerung ſei⸗ nes Wunſches zugleich im Voraus auf eine Belohnung fuͤr den zu empfangenden Unter⸗ richt bedacht war. Es ward nehmlich der bereits verjaͤhrten Grenzſtreitigkeit, die der Muͤller mit dem Kammerherrn gehaht hatte und deren Entſcheidung nicht zum Vortheil des erſtern ausgefallen war, gedacht, als ſie beyde an Ort und Stelle ſich befanden. Mit aller Ruhe, die die Verzichtleiſtuug auf ein vermeintes Recht nur immer begleiten kann, zergliederte der Muͤller ſeine damals gemach⸗ — 138— ten Anſpruͤche auf den ſtreitigen Fleck Lan⸗ des, nebſt den Beweisgruͤnden, worauf der Kammerherr die ſeinigen geſtuͤtzt habe. Allein je gelaßner und unpartheyiſcher jener den gan⸗ zen Rechtshandel aus einander ſetzte, deſto mehr gerieth Theodor bey Anhoͤrung deſſelben in Harniſch, da er, wie man leicht vermu⸗ then kann, uͤber die Rechtmäßigkeit der An⸗ ſpruͤche des Muͤllers nicht einen Augenblick lang in Zweifel blieb. Statt ihm aber ſein bloßes kahles Recht wiederfahren zu laſſen, ſprach er zugleich von Verguͤtung und Scha⸗ denerſatz, als einer unerlaͤßlichen Forderung ſeines Gewiſſens; und ſo herzlich der Muͤller noch auf dem Ruͤckwege ihn bat, die bereits verjaͤhrte und vergeßne Sache ruhen zu laſſen, ſo heftig betheuerte Theodor, daß er nicht eher ruhig werden konne, bis er mit eignen Hän⸗ den ihm das Dokument uͤber ſeine Verzicht⸗ leiſtung auf das Eigenthumsrecht der beſag⸗ ten Grundfläche ausgefertigt und uͤberlie⸗ fert habe. Als ſie wieder bey der Muͤhle anlang⸗ ten, kam ihnen Guſtel mit der Nachricht ent⸗ ⸗ uf der Alein gan⸗ deſio ſſelben vetmu⸗ An⸗ enblick er ſein laſſen, Scho⸗ derun Räller bereit laſſen, cher Hin⸗ ejicht⸗ beſag⸗ berli⸗ nlun⸗ t mn⸗ — 139— gegen geſprungen, daß Marie ſich auf der Bleiche hinter dem Garten beſinde. Der Muller, der durch die auf dem Rückwege ziemlich verſtärkten Schritte ſeines Gaſtes ſich ſeinerſeits ſehr erſchoͤpft fuͤhlte, bezeigte keine Luſt, eine nochmalige Wanderung anzu⸗ ſtellen, ſondern verfugte ſich nach dem Innern des Hauſes, um auszuruhen. Sobald er aber den Ruͤcken gewandt hatte, ſuchte Theodor nach der Gartenthuͤr, um endlich eines Ver⸗ gnuͤgens theilhaftig zu werden, welches die »Gegenwart des Alten, der vielleicht aus all⸗ zugroßer Hoͤflichkeit, vielleicht aus einer Art von geheimem Argwohn, ihm den ganzen Tag nicht von der Seite gegangen war, bisher vereitelt hatte. An der Hand des Knaben, der ſich ihm zum Begleiter anbot, trabte er unter den Obſtbäumen des Gartens der Pforte zu, die nach der Wieſe hinausfuͤhrte. Wie pochte ſein Herz, als er der Hecke, die den Garten von der Wieſe trennte, näher und näher kam, aber wie erſchrack er, als ihm bey Eröffnung der Pforte, während ſeine Phantaſie nur von Roſenwangen und Veil⸗ — 140— chenblicken erfuͤllt war, nicht Marie, ſondern eine vierſchrötige Muͤhlenmagd in die Augen fiel, die mit graͤmlichem, von dicken Schweiß⸗ tropfen uͤberzogenen Geſicht ihm ſein wildes Herbeyſtuͤrmen verwies. Nur dem Umſtande, daß er im naͤchſten Augenblick auch Marien, die ſeitwärts am Muͤhlenbache mit ihrer Ar⸗ beit beſchaͤftigt war, erblickte, war es beyzu⸗ meſſen, daß er nicht vor Aerger und Schre⸗ cken hinter die Hecke zuruͤckprallte. Marie, die ſeine Verlegenheit bemerkt hatte, empfing ihn mit einem Lächeln, das auch den widrig⸗ ſten Eindruck zu zerſtören geſchickt warz und Theodor hatte von der eben erlittenen unan⸗ genehmen Ueberraſchung uͤberdies den Vortheil, daß ſie ihm Gelegenheit gab, ſeine Unterhal⸗ tung mit Marien ſogleich mit einer Schmei⸗ cheley zu eroͤffnen. Marie hatte eine Erziehung genoſſen, wie ſie aus Mangel an den dazu erforderli⸗ chen Huͤlfsquellen nur wenigen Landmädchen zu Theil wird. Der Geiſtliche des Orts, ein Mann von vielfachen Kenntniſſen und unbeſcholtner Rechtlichkeit, hatte die Anlagen ſenden Augen chweiß⸗ wildes ſtande, Rarien, rer Ar⸗ beyſu⸗ Schre⸗ Marie, mpfing widtig⸗ und unan⸗ rtheil⸗ chmel⸗ noſſen, Toerli⸗ zdchen und alcho — 11— ihres Geiſtes und Herzens eben ſo gluͤcklich ausgebildet, als der Natur die Entwickelung und Entfaltung ihrer körperlichen Reize ge⸗ lungen war. Schon in ihrem dreyzehnten Jahre ſah ſie durch den Tod ihrer Mutter ſich genothigt, der Fuͤhrung des Hausweſens und der Wartung und Pflege eines Säaͤuglings ſich zu unterziehen, der bereits am Tage ſei⸗ ner Geburt ſich der muͤtterlichen Fuͤrſorge be⸗ raubt ſah. Fruͤhzeitig hatte ſie daher an Ordnung und Haͤuslichkeit ſich gewohnen und ihre ganze Aufmerkſamkeit auf einen Wirkungskreis beſchraͤnken gelernt, dem ſie um ſo ruͤhmlicher Genuͤge leiſtete, je mehr ſie bey den ernſten Forderungen deſſelben die ſor⸗ genfreyern Neigungen und Gefuͤhle der Ju⸗ gend zu verleugnen, gezwungen war. So war ſie denn der Troſt und die Freude ihres redlichen Vaters, die muͤtterliche Erzieherin des zarten Knaben und das Muſterbild ge⸗ worden, welches die Muͤtter im Dorfe Erl⸗ heim ihren heranreifenden Töchtern zur Nach⸗ ahmung aufzuſtellen pflegten. So ſehr Marie bemuͤht war, in Wor⸗ — 142— ten und Geberden den Schein der Unbefan⸗ genheit anzunehmen, ſo wenig konnte ſie die heimliche Neigung ihres Herzens vor dem Juͤngling verbergen, dem mit dem Bewußt⸗ ſeyn der Liebe, zugleich der Scharfblick der— ſelben zu Theil geworden war. Sogar einem Haͤndedruck, den er rerſtohlen wagte, wußte ſie ſo wenig zum Vortheil ihrer angenomme— nen Rolle zu begegnen, daß eben in der Un⸗ beſtimmtheit, mit der ſie ihn erwiederte, nur fuͤr einen Neuling in der Liebe, wie Theodor, keine Aufmunterung liegen konnte, ſeinen Dank dafuͤr ſogleich auf ihren Roſenlippen zu beſiegeln. Daß die ſchadenfrohe Macht des Un⸗ gluͤcks aber den Menſchen oft in dem Augen⸗ blick uͤberfällt, wo er den Genuß koſtbarer Minuten zur Ewigkeit ausdehnen möchte, da⸗ von ſollte auch Theodor ſich uͤberzeugen. Eben war er, da der Abend hereinbrach, auf Ma⸗ riens Erinnern, im Begrifſ, mit ihr nach der Muͤhle zuruͤckzukehren, als er den alten Ehr⸗ fried einen Feldweg herunter auf ſich zueilen ſah. Keuchend zog er einen Brief aus der nbefan⸗ ſie die r dem ewußt⸗ ck der⸗ einem wußte omme⸗ er Un⸗ „nur heodor, ſinen pen z 6 Un⸗ lugen⸗ ſtbaret ſe, do⸗ Eben ſun ach dir neh der — 143— Taſche, und mit Schrecken erkannte Theodor an der Aufſchrift die Hand ſeines Vaters. Das mit banger Ahnung entfaltete Schreiben enthielt die Aufforderung, ſogleich nach Em⸗ pfang deſſelben zur Reſidenz zu eilen, da die Kammerherrin mit dem Tode ringe und ihn vor ihrem Ende noch einmal zu ſehen und zu ſprechen wuͤnſche. Mit zermalmtem Herzen ſtand Theodor da, als er den Brief geleſen hatte. Der uner⸗ wartete Ruf an das Sterbebett ſeiner Mutter und der Gedanke an die neuen Kämpfe und Beſtuͤrmungen, deren er ſich bey ſeinem Er— ſcheinen in der Hauptſtadt zu verſehen hatte, ergriffen mit gleicher Gewalt ſein Innerſtes, und gleichen Antheil hatten Schmerz und Un⸗ muth an den Thränen, die ſeinen Augen ent— ſtuͤrzten. In heftiger Bewegung riß er von dem beſtürzten Mädchen und dem Muͤller, der indeß auf die Wieſe heraus gekommen und uͤber den ſeltſamen Auftritt ſehr verwundert war, ſich los, nachdem er den Inhalt des Briefes ihnen mit ſtammelnden Worten be⸗ — 144— kannt gemacht hatte, und wanderte im Schat⸗ ten der einbrechenden Nacht an Ehrfrieds Seite mit beklemmter Bruſt ſeinem Wohnorte zu. Mit Thraͤnen, die unaufhaltſam aus ihren Augen hervordrangen und die ſie vergeblich vor dem Vater zu verheimlichen ſuchte, verließ Marie die Bleichwieſe. Der ſchwere Kampf, der der Trennung von ihr in Theodors Seele voran ging, war ihr ein neues vollguͤltiges Zeugniß ſeiner unverſtellten Liebe geworden, und ihr Gemuͤthszuſtand war von dem ſeinen nur in ſo fern verſchieden, als er nicht auf eine ſo ſtuͤrmiſche Art ſich aͤußerte. Mit ei⸗ ner Unruhe, die ſonſt nie an ihr zu bemerken war, verrichtete ſie die gewohnten abendlichen Geſchaͤfte und der Alte warf mit einem Ge⸗ ſichte, das an gewiſſen gemachten Beobach⸗ tungen nicht ſonderlich erbaut ſchien, ſich kopf⸗ ſchuͤttelnd in ſeinen Lehnſtuhl. An die Stelle der Unterhaltung aber, die er ſonſt von hier⸗ aus mit ſeiner Tochter anzuſpinnen pflegte, trat ein tiefes Stillſchweigen, das nur dann und wann von dem klappernden Muͤhlrade, wenn die Stubenthuͤr ſich öffnete und von den Selbſt⸗ E eds Seit norte zu „verließ Kamph, 6 Seele Ugultiges eworden, m ſeinen icht auf Wit ei bemerken endlichen em Ge⸗ Brobach⸗ ſchkei ie Sule on hier⸗ pftegte⸗ ur donn vihlud⸗ yon den Solbl⸗ — 145— Selbſtgeſprächen des ſpielenden Knaben unter⸗ brochen wurde. Trotz der Sinnenbetaͤubung, die ſich The⸗ odors bemaͤchtigt hatte, unterließ er es doch nicht, noch in ſpaͤter Nacht das dem Muͤller verſprochne Dokument auszufertigen, welches Ehrfried gleich nach ſeiner Abreiſe nach Erlheim zu liefern verſprach. Theodor gab ihm noch mancherley Aufträge, unter denen diejenigen, welche Marien betrafen, ſeinem Gedaͤchtniß beſonders anempfohlen wurden, und warf ſich, ſobald der Morgen graute, in dieſelbe Reiſe⸗ kutſche, die ihn einſt als einen Verbannten nach Florbach befördert hatte. Durch den Zauber der Liebe war ihm dieſes Exi zum Paradieſe geworden und die ſchwermuͤthige Stimmung, in die er verſiel, als er die Gie⸗ bel ſeines Schloſſes hinter einem Sandhuͤgel verſchwinden ſah, gewann neue Nahrung, als er nach einer zweytaͤgigen Fahrt endlich die vergoldeten Thurmknopfe der Reſidenz von fern erblickte. Theodor fand, als er in den Familien⸗ ſaal des väterlichen Hauſes eintrat, ſeine be⸗ M. 10 — 146— reits verſtorbene Mutter auf einem prachtvollen Paradebett, und ſeinen Vater in ſeidnen Trauerkleidern, wie er eben beſchaͤftigt war, die ceremoniellen Beyleidsbezeugungen mehrerer Herren und Damen des Hofes mit gelaßnem Anſtand in Empfang zu nehmen. Mit ſchmerz⸗ lichen Klagen warf er uͤber die geliebte Leiche ſich hin, ohne ſich im geringſten darum zu bekuͤmmern, ob bey dieſer ſtuͤrmiſchen Umar⸗ mung auch der Faltenwurf des koſtbaren Stoffes, der am Sarge herab hing, aus ſei⸗ ner kuͤnſtlichen Form gebracht werde. Das Beyſpiel des Kammerherrn ſelbſt haͤtte ihn hinlänglich belehren können, wie man das jammernde Gefuͤhl den Geſetzen des Wohlſtan⸗ des unterwerfen muͤſſe, doch ſein uͤberſtrömen⸗ des Herz ließ ihm keine Zeit, ſich in den Aeu⸗ ßerungen der Betruͤbniß nach einem fremden Muſter zu bilden. Mit feyerlichem Glanze ward der ent⸗ ſeelte Leichnam einige Tage darauf zur Erde beſtattet, und der Kammerherr war von die⸗ ſem Augenblick an mit Entwuͤrfen eines praͤch⸗ tigen Monuments fuͤr die Verſtorbne und mit chtuln ſeidnn wan, mehreter elaßnen ſchmerz⸗ Leiche um zu Uwar⸗ oſtbaren aus ſei⸗ Dos te ihn an dos ohlſan⸗ römen⸗ n Aeu⸗ remden r ent⸗ r Erde on di⸗ prid⸗ nd nit den neuen Anordnungen des Hausweſens in ſeinem einſamen Cabinette beſchaͤftigt. Mit aͤngſtlicher Beſorgniß ſah Theodor der Stunde entgegen, da jener auf ſeine fruͤyern Plaͤne in Hinſicht der Gräſin Aurelia zuruͤckkommen und einen abermaligen Verſuch zu ihrer Aus⸗ fuͤhrung mochen wuͤrde. Allein er irrte ſich. Der Kammerherr hegte weit kuͤhnere Gedan⸗ ken, als daß er noch wie vormals, einzig auf den Gehorſam ſeines Sohnes die Fortpflanz⸗ ung ſeines Stammbaums gegruͤndet, und bey deſſen Ungehorſam die Hoffnung dazu aufgege⸗ ben haͤtte. Mit einer Guͤte, die an Zaͤrt⸗ lichkeit grenzte und fuͤr Theodor nicht minder befremdend als erfreulich war, unterhielt er ſich mit ihm uͤber ſeine laͤndlichen Beſchaͤfti⸗ gungen in Florbach, gab ihm ſeine Zufrieden⸗ heit mit den daſelbſt getroffenen Verbeſſerungs⸗ anſtalten zu erkennen, ſetzte ihm ein anſehn⸗ liches Capital zur fernern Verſchönerung ſei⸗ nes Landqutes aus, und krönte ſeine hulde⸗ reiche Geſinnung durch die ihm ertheilte Er⸗ laubniß, nach Wunſch und Bequemlichkeit dahin zurück zu kehren. 10* — 148— um es ſich nicht ſolbſt zuſchreiben zu duͤrfen, wenn etwa die guͤnſtige Stimmung ſeines- Vaters einen Ruͤckfall erlitte, mochte Theodor von der ihm gegebnen Erlaubniß ſchon am folgenden Tage Gebrauch. Er ließ die glaͤnzenden Sorgen des Hofes hinter ſich und eilte mit der heitern Miene eines Men⸗ ſchen, an deſſem Haupt eine gefuͤrchtete Gefahr gluͤcklich voruͤber ging, ſeinem Landſitze zu. Die erlebten Trauerſcenen wichen freywillig den angenehmen Verſtellungen, welche die Annähe— rung an das Ziel ſeiner Reiſe in ihm er— zeugte, und ſeine Gedanken theilten ſich in die Erinnerung an ſeine Marie und in die Sehnſucht, ſie wieder zu ſchen. Schon hotte die Sonne ſich geneigt, als er in dem weiten Hofraume ſeines Schloſſes anlangte. Allein die Art, wie er hier empfan⸗ gen wurde, entſprach keineswegs den Erwar⸗ tungen, die ihn bisher ſo angenehm beſchäftigt hatten. Mit niedergeſchlagenen Blicken kam Ehrfried ihm entgegen, und ehe er noch den Mund oͤffnete, hatte Theodor bereits mit Be⸗ ſtuͤrzung auf ſeinem Geſicht geleſen, daß er iben zu immung mochte laubniß ſer ſich Men⸗ Grfahr ſihe w. illig den nnähe⸗ ihm er⸗ ſich in in die gt, als chloſſ mpfun⸗ Ermal⸗ chäftigt n kam ch dn nit Z⸗ duß er eine Ungluͤckspoſt zu uͤberbringen habe. Von peinlicher Ahnung gefoltert, drang er auf die Erklärung eines ſo ſeltſamen Empfanges und ſtotternd berichtete ihm jener, daß Marie ver⸗ ſchwunden und der ſtörrige Alte durch nichts zu bewegen ſey, uͤber ihren gegenwaͤrtigen Aufenthalt Auskunft zu geben. Dem Alten verſagte die Stimme, als er auf dem Geſicht ſeines Herrn das Entſetzen bemerkte, das dieſe erſchuͤtternde Nachricht bey ihm bewirkt hatte, und mit tiefer Betruͤbniß zog er das Dokument aus der Taſche, welches der Muͤller ihm mit der Bemerkung zuruͤck gegeben hatte, daß kein Konig in der Welt reich genug ſey, um ihm die Ehre ſeiner Tochter abkaufen zu konnen. Theodor ſtand wie vom Blitz getroffen. So peinvoll Mariens Verluſt ſein Innerſtes ergriff, eben ſo ſchmerzvoll und beunruhigend war ihm der Verdacht ihres Vaters, da die geheime Neigung gegen Marien zwar zur bereitwilligern Ertheilung jenes Geſchenkes bey⸗ getragen, jedoch keinesweges und am aller⸗ wenigſten in dem Sinn des argwöhniſchen — 150— Alten die einzige Urſache dazu gegeben hatte. Es blieb ihm daher, ſeiner Meinung nach, nichts uͤbrig, als ſich in eigner Perſon nach Erlheim zu begeben, um den Muͤller von der Reinheit ſeiner Geſinnungen und Abſichten gegen Marien zu uͤberzeugen und wo möglich uͤber ihren Aufenthalt Erkundigungen einzu⸗ ziehen. Schon am nächſten Morgen machte er, nach einer ſchlaflos voruͤbergegangenen Nacht, ſich auf den Weg und gelangte, die wohlbekannten Feldwege durchwandernd zur Muͤhle, wo er von dem Alten zwar ziemlich trocken und einſylbig, doch nicht ohne alle Merkmale der Achtung empfangen wurde. Allein ſo viele Muͤhe er ſich auch gab, den Zweck ſeines gegenwärtigen Beſuchs zu errei⸗ chen, ſo wenig wollte es ihm damit gelingen. Der Alte beobachtete uͤber dieſen Punkt das hartnäckigſte Stillſchweigen, und wiewohl er ſich nicht ſo abſchreckender Ausdruͤcke, wie ge⸗ gen Ehrfried, bediente, ſo gab er doch auch dem Baron deutlich genug zu verſtehen, daß er uͤber Verfuͤgungen, die er in Hinſicht ſei⸗ ner Tochter zu treffen fuͤr gut finde, keinem en hite. ung nach, rſon nach r von der Abſichten owöglich en einzl⸗ machte cgangenen note, di ernd zur rſimlich ohne ale wurde b, den zu errei⸗ gelingen⸗ unkt das iewohl wie ge⸗ ech u hen, uß ſſcht i⸗ ſinem — 151— Menſchen Rechenſchaft ablegen zu duͤrfen glaubte. Ohne daher den Ort ihres Aufent⸗ halts zu nennen, blieb er blos bey der Aus⸗ ſage, daß Marie zu einer Verwandten, die ſchon längſt ihren Umgang gewuͤnſcht hätte, abgereiſt ſey, und verſicherte zugleich, daß ſie zu dieſer Entfernung aus dem vaͤterlichen Hauſe ſich aus eigner freyer Neigung und keinesweges von ihm dazu gezwungen oder uͤberredet, entſchloſſen habe. Je heftiger Theodor mit allem, was ihm von der Liebe und dem Bewußtſeyn rechtlicher Geſinnungen eingegeben ward, dem Alten zu⸗ ſetzte, je deutlicher ward er uͤberzeugt, daß er bey einem ſo kaltbluͤtigen Trotzkopf niemals etwas ausrichten werde. Eine duͤſtre Schwer⸗ muth bemaͤchtigte ſich ſeiner Seele, als er die Muhle verließ, und der erſte Gedanke, deſſen er wieder fähig war, beſtand in einer Ver⸗ wuͤnſchung gegen das Gluͤck, das ihm den Vorzug einer glaͤnzenden Geburt ertheilte, und eben dadurch ihm ein unuͤberſteigliches Hinder⸗ niß in den Weg legte, den freyen Neigungen ſeines Herzens zu folgen. Wie ſehr hätte er — 152— in dieſem Augenblick gewuͤnſcht, in der ärm⸗ lichſten Huͤtte zu Sbach geboren zu ſeyn, um beym Erwacheh unbezwinglicher Wuͤnſche auch zum Anſpruch auf deren Erfuͤllung ſich berechtigt zu fuͤhlen. Wie gern haͤtte er die ſtattlichen Zinnen ſeines Schloſſes gegen ein Strohdach, ſeine modiſchen Stadtkleider ge⸗ gen einen Leinenküttel, ſein weitläͤuftiges Grundgebiet gegen ein paar Hufen Landes und die vornehme Verwaltung des erſtern gegen die muͤhſame Bebauung der letztern ver⸗ tauſcht, hätte er ſich dadurch Mariens Beſitz verſchaffen koͤnnen. Aber ein feindſeliges Ge⸗ ſtirn ſchien uͤber ſeinem Haupte zu walten und ihm auf ewig die Annäherung an ein Ziel verſagen zu wollen, an deſſen Erreichung das Gluͤck und die Ruhe ſeines Lebens un⸗ zertrennlich geknuͤpft war. Mit Schaudern erfuͤllte ihn die Uebereinſtimmung der Gemu⸗ ther, die zwiſchen ſeinem eigenen und Mariens Vater ſtatt fand. Beyden erſchien die Gleich⸗ heit des Standes und Ranges als Haupter⸗ forderniß zur Rechtmaͤßigkeit der Zuneigung zweyer Liebenden, und beyde hatten ganz das det im⸗ zu ſchn, Winſche lung ſich itte er die gen en ſeider ge⸗ uftihes Vondes s erſtern tern ber⸗ ens Beſiß lyes Gr⸗ walten n ein wichung ens un⸗ chaudern Gemi⸗ NMoriens Gleſch⸗ Houyl⸗ untigun 1 1 ¹ — 153— Anſehen, als waͤren ſie geneigt, eher ihren natuͤrlichſten Gefuͤhlen n Grundſätzen untreu zu werden. So wenig auch die mannichfaltigen Vet⸗ ſuche, die der alte Ehrfried anſtellte, um die trͤbſinnige Stirn ſeines Herrn aufzuheitern, fruchten wollten, ſo wohlthaͤtig war es doch füͤr dieſen, an den hereinbrechenden langen Winterabenden ein Ohr zu ſinden, das eben ſo unermuͤdlich war, ſeine Herzensergießungen anzuhören, als er ſelbſt ſich darin unerſchöpf— lich bewies. Tagelang ſaß er jetzt an ſeiner Staffeley, um das Bildniß ſeiner Marie zu entwerfen; allein er konnte damit nicht zu Stande kommen, ſo lebendig auch ihre Zuͤge ſeiner Phantaſie vorſchwebten. Immer blieb, wie oft er bereits zu einem neuen Entwurf geſchritten war, bey deſſen Vollendung eine Leere und Unbeſtimmtheit in dem Gemaͤhlde zuruͤck, die ihm unertraͤglich war, und ſtiets die Vernichtung des Ganzen nach ſich zog, ſo heftig auch Ehrfried, den die Geſchicklich⸗ keit des Mahlers und die Aehnlichkeit des Bildes in die größte Verwunderung ſetzten, ſich — 154— gegen ein ſo unbarmherziges Verfahren er⸗ klärte. Theodor kehrte ſich indeß nicht daran und begnuͤgte ſich zuletzt mit einem bloßen Schattenriſſe, an welchem jener gerade ſo viel zu tadeln fand, als er an den Vorgän⸗ gern deſſelben Bewundernswuͤrdiges gefunden hatte. Die Bewohner des Dorfes Florbach, die ihrem Gutsherrn mit dankbarer Liebe und Verehrung zugethan waren, ſteckten bey den Merkmalen des Grams und Kummers, die ſie ſeit ſeiner Zuruͤckkunft aus der Reſi⸗ denz an ihm bemerkten, zweifelhaft die Köpfe zuſammen, da ihnen bey einem Herrn von ſo chriſtlichen Geſinnungen ein nach den Ge⸗ ſetzen der Ratur erfolgter Jodesfall keinen hinreichenden Grund zu einer fortwährenden Troſtloſigkeit abgeben zu konnen ſchien. Kei⸗ ner aber kam der eigentlichen Urſache davon auch nur im entfernteſten auf die Spur, da Theodor gegen niemand eine Sylbe in Bezug auf ſeine Herzensongelegenheiten aͤußerte und auch Ehrftied uͤber das ihm anvertraute Ge⸗ heimniß das tiefſte Stillſchweigen beobachtete. hten et⸗ ht daran bloßen erade ſo Vorgän⸗ zfunden ſorboch, Liebe ten beh mmers, e Wſ⸗ e Köyfe rrn von en Gl⸗ feinen hrenden 3 Kei⸗ edavon ur, da Bezo9 rte und un G⸗ acht — 155— Das Einzige, worin bey herannahendem Fruͤhling Theodors Gemuͤth einige Aufheite⸗ rung fand, war die rege Betriebſamkeit ſeiner Unterthanen, die durch ſeine huͤlfreiche Unter⸗ ſtuͤtzung ſich in den Stand geſetzt ſahen, ihre diesjährigen Beſchaͤftigungen mit größerm Nachdruck zu betreiben, und vermöge der ih⸗ nen vorgeſchoſſenen Summen bey ihrem Feld⸗ bau ſo zweckmaͤßige Einrichtungen zu treſſen, daß ſie ſich davon ſchon im Voraus die wich⸗ tigſten Vortheile zu Befoͤrderung ihres Wohl⸗ ſtandes verſprechen durften. Ueberall ſah man geſchaͤftige Hände, welche Theodors auf Ver⸗ beſſerung und Verſchoͤnerung hinzielenden Plan mit Luſt und Liebe befördern halfen. Duͤrre Sandwuͤſten wurden in fruchtbare Kornfelder, faulende Moraͤſte in freundliche Wieſen ver⸗ wandelt. Die Wege, die durch das Dorf hin nach dem Felde hinausfuͤhrten, wurden geebnet, mit Pappeln und Linden bepflanzt, und das Schloß ſelbſt, welches, in ziemlicher Entfermung von den uͤbrigen Häͤuſern, einſam an einem Huͤgel ſtand, ward durch aͤhnliche Alleen und neuangelegte Wirthſchaftsgebäude — 156— mit dem Dorfe in naͤhere Verbindung geſetzt. Nach wenigen Monaten hatten ſowohl das Dorf als die umligende Gegend ein ganz neues fremdartiges Anſehn gewonnen. Rein⸗ liche Strohdächer mit gemauerten Schornſtei⸗ nen deckten die laͤndlichen Wohnungen und gruͤne Hecken ſchloſſen die daran ſtoßenden Gaͤrten ein. Zufriedner Sinn und heitres Wohlbehagen druͤckten auf den Geſichtern ih⸗ rer Bewohner ſich aus, und mit geruͤhrtem Herzen prieſen ſie den Beförderer eines Gluͤckes, von welchem ſie vor Theodors Erſcheinung in Florbach nicht den duͤrftigſten Begriff gehabt hatten. Klar am Tage lag ihnen der auf ihre Wohlfahrt abzweckende Plan ſeines Herzens; nur die Verſchloſſenheit ſeines Weſens, ver⸗ bunden mit dem duͤſtern Ernſt auf ſeiner Stirne, blieb ihnen nach wie vor ein uner⸗ kläͤrliches Geheimniß. Denn waͤhrend er, gleich einem wohlthaͤtigen Weſen höherer Art, unter ihnen umherging, ſchien es ſeine Be⸗ ſtimmung zu ſeyn, Segen zu verbreiten, ohne den Genuß deſſelben ſelbſt theilen zu duͤrfen, ing giſtht. wohl das ein ganz . Nlin⸗ chornſtei⸗ nen und ſtoßenden heires hiern ih⸗ eruͤhrtem Gluckes, inung in auf ihre herzens; 6, ver⸗ uf ſeiner ein unel⸗ ſend el, rer Art, eine B⸗ en, ohn dinn, 15 und fremdes Gluͤck zu befordern, ohne der eig⸗ nen Zufriedenheit dadurch einen Zuwachs zu verſchafſen. So hatte er, als das Aerndte⸗ feſt bevorſtand, die Einrichtungen zur Feyer deſſelben ſelbſt getrofſen, hatte Preiſe ausge⸗ ſetzt und die Spiele und Länze, die zur Ver⸗ gnuͤgung des Landvolks dabei ſtatt ſinden ſoll⸗ ten, nach eignem Gutduͤnken angeordnet. Der Tag erſchien. Mit Baͤndern und Kraͤnzen geſchmuͤckt, unter dem Klange der Pfeifen und Geigen, verſammelte ſich die frobliche Schaar in den Zelten und Lauben, die er auf dem Schloßplatze zum Behuf des Feſtes hatte errichten laſſen. Fuͤr Jung und Alt war geſorgt; jeder fand die ſeinen Wuͤnſchen und Neigungen angemeſſenen Ergötzlichkeiten und alle Blicke waren mit Luſt und Froh⸗ ſinn erfuͤllt; nur in dem ſeinigen herrſchte der gewohnte Ernſt, und ward dieſer zuweilen durch ein wehmuͤthiges Läͤcheln verdrangt, ſo war es doch blos der Abſtich der fremden Fröblichkeit gegen ſeine innere Stimmung, an welchem ſein Gemuͤth und zwar in eben dem Grade ſich weidete, als der geliebte — 158— Schmerz, der ſein Weſen verzehrte, dadurch immer neue Nahrung gewann. Waͤhrend einer im Tanz entſtandenen Pauſe flochten die Mädchen des Dorfs ſaͤmmtlich einen Kranz von friſchen Blumen, den ſie als Erinnerungs⸗ zeichen an den heutigen Tag fuͤr den Guts⸗ herrn beſtimmten. Blaͤſſe uͤberzog Theodors Geſicht, als das Mädchen, das ihn uͤber⸗ reichte, um ihren Namen befragt, ſich Ma⸗ ria nannte, Das Bild der Entfernten trat bey dieſem Namen ihm zu lebendig vor die Seele, als daß er der Gewalt ſeiner Em⸗ pfindungen länger hätte widerſtehen koͤnnen⸗ Ohne weiter an dem Feſte perſonlich Theil zu nehmen, zog er mit dem Kranze in der Hand und einer Thräne im Auge ſich in die Einſamkeit zuruͤck. Wenige Monate darauf erhielt Theodor ein abermaliges Schreiben von ſeinem Va⸗ ter, das zwar keine ſo erſchuͤtternde, doch eine nicht minder uͤberraſchende Nachricht, als das bereis oben erwaͤhnte, enthielt. Der Kam⸗ merherr that ihm darin ſeine in wenigen Wo⸗ chen zu vollziehende Vermaͤhlung mit der daduch Wihrend flochten en Franz nerungs⸗ en Guls⸗ Theodor hn üͤber⸗ ſch Ma⸗ men trat vor die inet Em⸗ fömen⸗ ch Jhel ſe in der h in de t heedot nem V⸗ vch ein l da Nr Kam⸗ igen Bo mi der — 159— Graͤſin Aurelia in einer Kuͤrze und Buͤndig⸗ keit kund, welche deutlich bewieſen, wie we⸗ nig Zeit ihm der Genuß ſeines Gluckes zur ſchriftlichen Mittheilung deſſelben uͤbrig laſſe. Jetzt erklärte ſich auf einmal die zuvorkom⸗ mende Freundlichkeit und Guͤte, die ihn in der letzten Unterredung zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Vater ſo ſehr in Verwunderung geſetzt und die er bis dieſen Augenblick als ein un⸗ auflösliches Räthſel betrachtet hatte. So wenig Theodor, als er noch im väterlichen Hauſe ſich befand, jemals in Verſuchung ge⸗ rathen war, in der jungen Graͤfin ſeine kuͤnf⸗ tige Stiefmutter zu ahnen, ſo herzlich wunſchte er doch, nachdem der Augenblick des Erſtau⸗ nens voruͤber und die Aufwallung eines ge⸗ wiſſen widrigen Gefuͤhls in ſeinem Innern gedämpft war, beyden Theilen, daß ſie nie— mals Urſache haben möchten, eine ſo ungleiche Wahl zu bereuen. Während Theodor, in dumpfes Hinbr⸗ ten üͤber ſein feindſeliges Schickſal verloren, mit Gram und Unmuth einen abermaligen Winter hereinbrechen ſah, ohne dem Ziel — 160— ſeiner innigſten Wuͤnſche auch nur einen Schritt naͤher gekommen zu ſeyn, als beym Anfang des vorigen; war der alte Ehrfried in Ruͤckſicht der Herzensangelegonheiten ſeines Herrn nicht ſo unthaͤtig, als man aus ſei⸗ nem gelaßnen unbefangenen Geſicht hätte ſchlie⸗ ßen ſollen. Mit jedem Tage verſtärkte ſich die Hofſnung, daß Marie zu ihrem Vater zuruͤckkehren, und die Sache dann wieder eine guͤnſtigere Wendung nehmen werde, bey ihm in eben dem Maaße, als ſie bey dem Baron mit jedem Tage ſchwächer zu werden ſchien. Mit topegraphiſchen Kenntniſſen hinlaͤnglich ausgeruͤſtet, umſchlich er daher, ſo oft er ſicher war, in Florbach nicht vermißt und in Erlheim nicht bemerkt zu werden, gleich ei⸗ nem Spion die Gränzen des Mählengeheges, um uͤber jede daſelbſt zu ſeinem Vortheil ſtatt findende ungewohnte Bewegung und Veran⸗ derung ſogleich durch eigne Beobachtung ſich belehrt zu ſehn. Weder Sturm noch Re⸗ gen, weder Froſt noch Schnecgeſtöber waren vermoͤgend, dieſen ſpekulativen Wanderungen Einhalt zu thunz er wählte vielmehr abſicht⸗ lich ur ihn als beyn Ehrflied n ſiines aut ſii⸗ ſ ſchlie⸗ irkte ſch Vatet ider eine bey ihm Baron en ſchien⸗ nlünglich 0 oft e — tund in leich e⸗ ngchrg, theil ſtatt d Perin⸗ urg ſich noch R⸗ ber woren nderong uu⸗ lic — 161— lich zu deren Behuf ſich Abende aus, wo alle im hartnaͤckigſten Kampfe und alle gluͤcklichen Geſchoͤpfe unter Dach und Fach ſich befanden, weil er dann ſeine Beobach⸗ tungslinie zu verlaͤngern, ja oft bis unter die Fenſter der Muͤhle ſelbſt auszudehnen im Stande war. Mondenlang ſah er ſeine Ge⸗ duld auf die härteſten Proben geſtellt, bis endlich das Gluͤck ſeinen Eigenſinn ſehien und der unverdroßnen Standhaftigkeit die verdiente Belohnung zu Theil werden ließ. Es war eine dunkle Decembernacht. Der Sturmwind peitſchte eine Feuchtigkeit durch die Luft, die weder Schnee noch Re⸗ gen zu nennen war, der Wetterhahn auf dem Schloſſe zu Florbach gab durch heißres Ge⸗ kreiſch ſeinen unruhigen Zuſtand und jeder gute Chriſt hinter dem warmen Ofen ſein Mitleid mit dem armen Wondrer zu erken⸗ nen, der durch Pflicht und Beruf bey die⸗ ſem Unwetter im Freyen umher zu ſchweifen genothigt ſey. Eben hatte Theodor, um eine zerſtreuende und zeitverkuͤrzende Beſchäͤftigung zu finden, ſich mit Briefen und Handſchrif⸗ M. 11 — 162— ten aus vergangener Zeit an den einſamen Camin geſetzt, als plötzlich die Thuͤr ſich öſſ⸗ nete und Ehrfried, keuchend wie ein gehetz⸗ ter Hirſch, und durchnäßt wie ein Pudel, hereinſtuͤrzte. Lange waͤhrte es, ehe er in ſeine Worte einigen Zuſammenhang zu brin⸗ gen vermochte, denn er hatte Marien, hatte mit eignen Augen durch eine Spalte im Fen⸗ ſterladen Marien geſehen, und war, daher ſtolpernd durch Schilf und Moor, durch Buſch und Dorn, uͤber Feldſtoppeln und Baumwurzeln, zuruͤck geeilt, um ſeinen Herrn vor Ungeduld faſt vergehen zu laſſen, bis er der köſtlichen Botſchaft ſich zu erledigen im Stande war. Die Wiederankunft Mariens im väter⸗ lichen Hauſe gab indeß nicht den allerminde⸗ ſten Grund zu der Vermuthung, daß der Alte ſeinen Sinn geaͤndert und um die vdr⸗ malige Widerſpenſtigkeit durch gefälliges Nach⸗ geben wieder gut zu machen, ſeine Fochter zuruͤckberufen habe. Vielmehr hatte es ganz den Anſchein, als ſey dieſer erfreuliche Um⸗ ſtand lediglich der Zerruͤttung und Unord⸗ nſawen ch öſ⸗ geheh⸗ Prdel, er in brin⸗ hatte ßen⸗ doher durch n und Hertn his er gen im vter⸗ minde⸗ aß det die vr⸗ Nuch⸗ Lochtet e ganz E Un⸗ nung im Hausweſen, welche, wie Ehrfried bemerkt zu haben glaubte, ſeit Mariens Ab⸗ weſenheit bey dem Muͤller eingeriſſen waren, und der Ueberzeugung zuzuſchreiben, daß man ihrer daſelbſt nicht länger entbehren konne. Die Berichtigung der Frage: wie Theodor, ohne eines unedlen Verfahrens ſich ſchuldig zu machen, ſich Marien wieder naͤhern ſolle, fiel endlich nach langem Gruͤbeln und Erwaͤ⸗ gen dahin aus, daß Theodor zu einem aber⸗ maligen Beſuch der Sonntagsandacht in Erl⸗ heim ſich entſchloß, um daſelbſt zuvörderſt in Erfahrung zu bringen, was er in Hinſicht ſeiner Wuͤnſche zu fuͤrchten oder zu hof⸗ fen habe. Diesmal aber nahm er ſeinen Platz nicht der Kanzel gegen uͤber hinter der Liedertafel, wo er ihr ſogleich in die Augen fallen mußte, ſondern ſeitwaͤrts hinter einer hölzernen Säule, die eben darum, weil ſie ihn verbarg, ſeine anzuſtellenden phyſiognomiſchen Beobachtun⸗ gen beguͤnſtigte. Nicht vergeblich war ſeine Hoffnung, denn bald nach ſeiner Ankunft fand auch Marie ſich ein. Aber welche Ver⸗ 11* —— — 164— aͤnderung war mit ihr vorgegangen! Da war keine Spur der bluͤhenden Geſundheit mehr zu entdecken, die ſonſt in ihrem Weſen athmete; dieſe abgehärmte muthloſe Geſtalt war nur der Schatten der reizenden Marie! Todtenblaͤſſe bedeckte ihr Geſicht, matt und niedergeſchlagen war der Blick, der ſonſt durch den Zauber der Anmuth und Heiterkeit ſich alle Herzen gewann, das Laͤcheln war von ihren Lippen geflohen, und die Trauerkleider, in welche ſie ſich verhuͤllt hatte, dienten nur dazu, um den Mangel ihrer ehemaligen Reize in ein deſto grauenvolleres Licht zu ſetzen. Theodor ward, da ſie von einem Ge⸗ ſicht hinter der hölzernen Säule, das an Bläſſe und Traurigkeit dem ihren vollkom⸗ men entſprach, wahrſcheinlich keine Ahnung hatte, nicht von ihr bemerkt, wiewohl er es faſt gewuͤnſcht haͤtte, um durch den Eindruck, den ſein unvermutheter Anblick vielleicht auf ſie machen möchte, einen naͤhern Aufſchluß uͤber ihre gegenwärtige Gemuͤthsſtimmung zu erhalten. Auch als ſie nach geendigter Pre⸗ 1 Da eſundhit Weſen Geſtalt Matio! att und nſ durch keit ſich wor von erkleider, ten nur emaligen hcht ju em Gi⸗ das an vollkom⸗ Ahnung hl er e indruch, ſcht uf ufſhlu mung i in Pre⸗ digt ſich entfernte, hatte er nicht das Herz ihr zu folgen, ſondern trat mit ſchwermuͤthi⸗ gen Gedanken den Ruͤckweg nach Florbach an, um daſelbſt den treuen Theilnehmer ſei⸗ nes Geheimniſſes zum Vertrauten neuer Be⸗ ſorgniſſe und Zweifel zu machen. Haͤtte Theodor in Hinſicht ſeiner Ange⸗ legenheit weniger in Furcht geſchwebt, ſo wuͤrde er vielleicht von ſelbſt auf die richtige Vermuthung gekommen ſeyn, daß zwiſchen den Trauerkleidern, in welchen er Marien erblickte, und ihrem bleichen Geſicht nur in ſo fern einiger Zuſammenhang ſtatt fand, als mehrere Nachtwachen an dem Sterbebett der Muhme, bey der Marie ſich bisher aufgehal⸗ ten, das Ihre dazu beygetragen hatten, um die letzten Roſen auf ihren Wangen zu verwiſchen. Jetzt mußte er erſt von Ehrfried, der noch am nehmlichen Tage daruͤber ſichere Kundſchaft ein⸗ zuziehen wußte, die Verſicherung erhalten, daß ſie keinen geliebtern Todten betraure und daß ihr kummervoller Zuſtand daher in einer ganz andern Quelle zu ſuchen ſey. Beyde beſchäftigten ſich nun den ganzen — 166— Abend hindurch mit Entwuͤrfen, den harten Sinn des Muͤllers geſchmeidig zu machen, allein nicht ein einziger war darunter, der von einer gluͤcklichen Erfindungskraft gezeugt haͤtte; bis Theodor endlich mit dem Ausruf: Lieber den Tod, als dieſe peinliche Ungewiß⸗ heit! von ſeinem Sitze aufſprang, ſtillſchwei⸗ gend einige Minuten mit ſtarken Schritten im Zimmer auf und nieder ging, und hierauf mit einer der Feſtigkeit ſeines Entſchluſſes angemeßnen Miene dem beſtuͤrzten Alten er⸗ klaͤrte, daß er am naͤchſten Morgen ſich nach Erlheim begeben, und bey dem Muͤller förm⸗ lich um Mariens Hand anhalten werde. Ehr⸗ fried wagte es nicht, gegen dieſes Vorhaben etwas einzuwenden, ob ihm gleich verſchiedene Zweifel und Bedenklichkeiten auf der Zunge ſchwebten, die zum Theil nicht eben verwerf⸗ lich ſchienen, zum Theil aber auch ihren Grund in der ihm eignen Schwachheit haben mochten, vermoͤge btren er ungern einen Plan ausfuͤhren half, zu deſſen Entwerfung er nichts beygetragen hatte, und Theodor fuͤhlte nach Mittheilung dieſes Entſchluſſes ſein Herz n hanen machtn, ter, der t geeugt Ausruf: Ungewiß⸗ ilſchwei⸗ Schrilten d hiuauf iſchluſſes Alten er⸗ ſch nuh r föm⸗ e. Chr⸗ Borhaben ſchiedene t Funge verwe⸗ ch ihm it haben uen Mn ſun o fihle ſin hen — 167— ſo erleichtert, daß er ſich fuͤr die folgende Nacht den ruhigſten Schlummer verſprach. Allein auch dieſes Gluͤck, das er ſo lange be⸗ reits entbehrt hatte, ſollte ihm nicht zu Theil werden; denn kaum war er im Begriff, ſich zur Ruhe zu begeben, als Ehrfried erſchrocken mit dem Bericht in ſeine Schlafkammer trat, daß ein blutrother Schein am weſtlichen Him⸗ mel ſich zeige, der ſeiner Richtung nach von einer Feuersbrunſt in Erlheim herruͤhre. Der Alte mußte ſogleich zwey Pferde ſatteln und ſpornſtreichs jagten beyde hierauf nach der Gegend, die ihnen der feurige Wiederſchein am Himmel bezeichnete. Eben hatten ſie die Anhoͤhen erreicht, von wo aus ſie vermoge der hellen Glut, welche drey in Erlheim brennende Häuſer weit⸗ hin verbreiteten, die uͤbrigen Gebaͤude daſelbſt deutlich unterſcheiden konnten, als Theodors Pferd im Laufen uͤber eine Baumwurzel ſtol⸗ perte, und den Reuter, deſſen ganze Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Gegend des Brandes gerichtet war, mit einer Heftigkeit zu Boden warf, daß er den Arm brach und da er zugleich eine — 168— bedeutende Quetſchung am Kopf bekam, auf⸗ hoͤrte, ſeiner Sinne mächtig zu ſeyn. Zum Gluͤck fanden bald darauf einige Landleute aus Florbach, die der nehmliche Bewegungs⸗ grund herbey gefuͤhrt hatte, ſich ein. Ehr⸗ fried uͤbergab ihnen, nach dem er fuͤr einen einſtweiligen Verband geſorgt hatte, den Ver⸗ ungluͤckten, um ihn nach dem Schloſſe zu⸗ ruͤck zu tragen, und ſchärfte ihnen einige nö⸗ thige Verhaltungsregeln ein. Er ſelbſt ſprengte ohne Zeitverluſt nach dem nächſten Staͤdtchen, um einen Wundarzt herbey zu holen. Der bewußtloſe Zuſtand, in welchem Theodor nach Hauſe getragen und zu Bett gebracht wurde, dauerte fort, bis Ehrfried gegen Morgen mit dem Wundarzt anlangte und nach darauf erfolgter Anwendung wirkſa⸗ mer Mittel endlich Leben und Beſinnung zu⸗ ruͤck kehrten. Sein erſter Gedanke war ſeine Liebe, Mariens Name der erſte Laut, den er, wie aus einem ſchweren Traum erwachend, mit bebenden Lippen ausſtieß. Der eben mit Verbindung des Armes beſchäftigte Chirurg, ſtutzte bey dieſem Namen und warf einen fra⸗ m, auf⸗ Z andleute vegungs⸗ Ehr⸗ ir einen Nen Ver⸗ ſe ju⸗ ig nö⸗ ſprengte ädchen, welchem u Bett Ehrfrid nlongte wirkſo⸗ ung ſl at ſeine den el, achend, ben mi himth un ji⸗ — 169— genden Blick auf Ehrfried, dieſer aber uͤber⸗ ließ es dem Chirurg zu eigner Entſcheidung, ob ihm bey dem nichtsſagenden Kopfſchutteln, womit er darauf antwortete, das Gebluͤt aus Verlegenheit üͤber das Geſtändniß der frey⸗ herrlichen Lippen, oder uͤber die Aufmerkſam⸗ keit der ärztlichen Ohren ins Geſicht ſteige und zog ſich unter ſcheinbarer Geſchaͤftigkeit in einen Winkel zuruͤck. Erſchoͤpft von den Schmerzen, die Theodor während der chirur⸗ giſchen Operation erleiden mußte, verfiel er in einen abermaligen Schlummer, aus wel⸗ chem er erſt des Nachmittags erwachte. Der Kranke fuͤhlte ſich jetzt merklich erleichtert, die Schmerzen hatten nachgelaſſen, und er war fähig, dem Wundarzt, der noch immer gegenwärtig war, fuͤr ſeinen bereitwilligen Beyſtand in zuſammenhängenden Worten zu danken. Dieſer ſah nicht ſobald von dem Beſſerbefinden ſeines Patienten ſich unterrichtet, als ſein Mund in einen Erguß von Höflich⸗ keitsformeln und Freudensbezeugungen uͤber⸗ ſtroͤmte, der an allen anweſenden Ohren den Zwang rächen zu wollen ſchien, den er ſeiner Weſte abwiſchte, die von der Eilfertigkeit, — 170— Zunge bisher aufzulegen genoͤthigt geweſen war. Bevor eine Stunde verlief, bekam Theodor eine vollkommne Ueberſicht aller Beinbruche, Quetſchungen und Verrenkungen, die ſeit zehn Jahren ſich unter ſeinen Haͤnden befun⸗ den, und hatte dabey obendrein den Vortheil, daß der gutmuͤthige Schwaͤtzer ihn aller Fra⸗ gen uͤber die einzelnen Verfahrungsarten uͤber— hob, da ſeine Redſeligkeit auch uͤber die ge⸗ ringfugigſten Umſtaͤnde ſich verbreitete. Theo⸗ dor fing endlich in der That an, einige Vor⸗ boten ſeiner fruͤhern Betäubung, wiewohl durch einen minder erheblichen Umſtand herbey ge⸗ fuͤhrt, zu ſpuͤren, und um das Geſpräch we⸗ nigſtens auf einen andern Gegenſtand zu lei⸗ ten, befahl er dem Alten, der mit offnem Munde der unerſchöpflichen Gelehrſamkeit des Wundermannes zugehort hatte, ihm das Kopf⸗ kiſſen ein wenig in Ordnung zu bringen. Kaum aber bemerkte der Chirurg den Dienſteifer, womit dieſer den Auftrag ſeines Herrn vollzog, als er dem Kranken wieder naͤher ruͤckte, mit dem Schnupftuch einige Flecke vorn an der — eſen wr. eoder einbrüche, die ſiit nbefun⸗ Portheil, her Fr⸗ en über⸗ t die ge⸗ „ Ther⸗ ge Vor⸗ ohl durch reh ⸗ ch we⸗ 1 ſei⸗ offnem nkeit des i hyf⸗ „Knum enſteifer, vollzoh tu, mi on ui — 171— womit er die Unterbrechung zu Hinunterſtuͤr⸗ zung einer Taſſe Thee benutzt hatte, ſich her⸗ ſchrieben, und folgendergeſtalt den Faden ſei⸗ ner Rede wieder aufnahm:„Ohne im ge⸗ ringſten, mein Herr Baron, die ſorgfaͤltige Wartung, die dieſer redliche Mann Ihnen angedeihen zu laſſen ſich befleißigt, herabſetzen und den Vorzug einer Verpflegung von weib⸗ lichen Haͤnden uͤberhaupt auf ſeine Koſten ins Licht ſtellen zu wollen, ſo konnte ich doch ſchon vor einigen Stunden, da Euer Gnaden ſchlummerten und ich nur mit meinen Gedan⸗ ken mich unterhalten durfte, nicht umhin, Ihnen im Stillen diejenige Krankenwaͤrterin zu wuͤnſchen, welche, kann ich die Ehre ha⸗ ben, Sie zu verſichern, in dem großen Hos⸗ pital des Todes, ich meine den Erdboden, niemals von einer andern uͤbertroffen worden iſt, noch uͤbertroffen werden wird. Was ſage ich, uͤbertroffen! Es vereinigen ſich in ihr Eigenſchaften der geduldigſten Mutter, der beſorgteſten Schweſter, der zaͤrtlichſten Braut, wenn ſie am Krankenbett ſich befindet, un⸗ geachtet keine der drey angefuͤhrten Benennun⸗ —— —— gen, was an ihr um ſo verdienſtlicher erſcheint, meines Wiſſens auf ſie paßt. Was freylich den letzten Punkt betrifft, ſo kann man bey einem jungen Mädchen von ihren Reizen nie⸗ mals mit Gewißheit—“ „Ich bitte Sie, lieber Herr Spilke,“ unterbrach ihn Theodor, der die verrätheriſchen Zeichen der Unruhe und Ueberraſchung durch ein ſcherzhaftes Lächeln zu verdrängen bemuͤht war,„fahren Sie nicht fort, an der Vol⸗ lendung eines Gemäldes zu arbeiten, das ja den gallſuͤchtigſten Weiberfeind augenblicklich be⸗ kehren muß, ohne mir wenigſtens den Namen dieſes Engels in Menſchengeſtalt zu nennen!“ Der Chirurg beſaß zu viel Lebensart, um dem Fragenden vor Beendigung ſeiner Perioden in die Rede zu fallen, und nach⸗ dem er waͤhrend der ihm auferlegten Pauſe ſeine Verwunderung, wie man, um drey arm⸗ ſelige Sylben zu erfahren, ſo viele Worte brauchen könne, durch einen ſatyriſchen Sei⸗ tenblick zu erkennen gegeben, begann er fol⸗ gender Geſtalt:„der wunderbare Daͤmon, der, maͤchtiger als jeder Talisman, höher —————— etſchint, freylih man bey izen nie⸗ Spilke, therſſchen 19 durch emüht der Vol⸗ das ja icklch b⸗ Nomen ennen!“ benöart, 9 ſeiner d noch⸗ n Pouſe reh arm⸗ Worte en Si⸗ ver fol⸗ Dimoy zet 5. hiſ als alle Vernunft, auf den Fortgang der menſchlichen Unternehmungen insbeſondere, und der irdiſchen Ereigniſſe uͤberhaupt ſeinen un⸗ verkennbaren Einfluß aͤußert, ich meyne den Zufall, hat zu meiner Verwunderung auch bey dieſem Umſtande ein höchſt merkwuͤrdi⸗ ges Spiel getrieben. Der erſte Laut, den ich dieſen Morgen bey Euer Gnaden erſtem Erwachen, ſo gluͤcklich war, aus Ihrem Munde zu hören, enthielt— ich weiß nicht, wie ich mir dies ſonderbare Zuſammentreffen erklären ſoll! enthielt den Namen der ſchoͤnen Muͤllerin von Erlheim, der nehmlichen, die mir, ſo oft ich um das Lager eines Patien⸗ ten dienſtbare Haͤnde beſchaͤftigt ſehe, unwill⸗ kuͤhrlich im Gedächtniß zu ſchweben anfängt. Der Keim des Todes, ich meine die Aus⸗ zehrung, hatte bey der alten frommen Frau ſchon zu tiefe Wurzeln geſchlagen, als ich ihr das erſte Recept verſchrieb; ich merkte bald, daß ich zu ſpät gekommen ſey, um ihr auf der Wanderſchaft aus dem diesſeitigen Leben auch nur das geringſte Hinderniß in den Weg legen zu konnen, kam aber früh — 174— genug, um mich zu uͤberzeugen, daß ſie bey lebendigem Leibe von den Haͤnden eines En⸗ gels in das Paradies getragen werde. Was mich dagegen bey der ſchönen Marie ſtets in Verwunderung, ja zuweilen ſogar in Unmuth verſetzte, war die fortdauernde Melancholie, die ſich auf eine unerklaͤrliche Weiſe üͤber ihr ganzes Weſen verbreitete, und öft in die ſelt⸗ ſamſten Grillen ſich ausließ. Der häufigen Stcenen nicht zu gedenken, da ich es von fern beobachtete, wie ſie ihre Blicke bald ſtarr an den Boden heftete, bald, in die bitterſten Thränen ausbrechend, von dem Stuhle auf⸗ ſprang und nach dem Garten hinauseilte, um, wie ich nicht anders vermuthen konnte, dort ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen, ſah ich ſie einſt ſogar, da ich, um die Alte nicht in ihrer Ruhe zu ſtören, auf den Zehen in die Krankenſtube ſchlich, am Fenſter ſte⸗ hen und ein fuͤr mich unbemerkbares Etwas ſeufzend, bald an die Bruſt, bald an die Lippen druͤcken. Ich konnte nicht vermuthen, daß ſie ihre Liebkoſungen an etwas geringers, als etwa an einen Brillantring, oder ein in ——— ——— ß ſi bey ines En⸗ We ſtets in Unmuth uncholie, über ihr die ſelt⸗ ſufign von fern ſtarr an bitterſten hie ouf⸗ aubeilte, Jonnſe⸗ nachen, die Alte n Zehen ſir ſi⸗ Etwas on die muthen eingei ren 175— Perlen und Gold gefaßtes Portrait verſchwende. Als ein Liebhaber von Kunſtſachen dieſer Art ſchlich ich daher naͤher und näher, gelangte, von dem Huſten und Schnarchen der Alten beguͤnſtigt, gluͤcklich an das Fenſter, guckte der liebenswuͤrdigen Schwaͤrmerin uͤber die Schultern, und— was ſagen Sie, Hert Baron?— Der Gegenſtand ihrer Zaͤrtlich⸗ keit war— ein altes zerkritzeltes Pergament⸗ blatt!—“ Ehrfried hatte, aus einer vom Inſtinkt ihm eingegebnen Vorſichtigkeitsmaßregel, wäh⸗ rend dieſer Erzählung einen Lichtſchirm auf den Tiſch geſtellt, deſſen uͤber Theodors Geſicht verbreiteter Schatten es dem Chirurg unmög⸗ lich machte, die Bewegung zu bemerken, in die er, ohne es zu ahnen, durch einen ſo herzerquickenden Bericht ſeinen eben ſo gluͤckli⸗ chen als aufwerkſamen Zuhoͤrer verſetzt hatte. Auch dem Alten rollten unaufhaltſam die Thraͤnen uͤber die Backen, und er wuͤrde, hätte er nicht alſobald ſich hinausbegeben, bey dem Chirurg ein nicht geringes Befremden veranlaßt haben, da ſich, als er kaum das — 176— Zimmer im Ruͤcken hatte, zu ſeinen Thrä⸗ nen ein ſo heftiges und lautes Schluchzen ge⸗ ſellte, daß er erſt nach einer ziemlich gerau⸗ men Zeit vermoͤgend war, wieder eine ruhigere 7 Miene anzunehmen, und in das Kranken⸗ . zimmer zuruͤckzukehren. Jetzt herrſchte hier die tiefſte Stille, denn der redſelige Chirurg hatte, auf vieles Zureden des Barons, ſich nach einem in der Naͤhe befindlichen Cabinet verfuͤgt, um daſelbſt von der Erſchopfung, zu welcher die Unbequemlichkeit ſeines nächt⸗ lichen Rittes und die darauf erfolgte Anſtren⸗ 1 gung ſeiner Zunge gemeinſchaftlich gewirkt 3 hatten, auszuruhen und zur Ruͤckkehr nach ſeinem Wohnort neue Kräfte zu ſammeln⸗ Theodor empfing den Alten mit einem Blicke, worin die ganze Wonne feiner Seele ſich ſpiegelte. Seine erſten Worte beſtanden in der Mittheilung des im Stillen gefaßten Vorſatzes, die abgebrannten Haͤuſer in Erl⸗ heim auf eigene Koſten wieder aufbauen zu ſ laſſen, um ſein Dankgefuͤhl wegen der köſt⸗ lichen Entdeckung, die jenes Ungluͤck herbey ge⸗ füͤhrt, ſogleich durch wohlthätige Handlungen an den en Ihi⸗ chzen g ich geral⸗ e ruhigett Kranken⸗ ſchte hier e Chirutg ns, ſich Colinet hiyfun 6 nächt⸗ Anſten⸗ genit chr uh meln⸗ it einem et Sel biſtunden gefißten in Er⸗ bauen der kſ⸗ herbiy ⸗ un an den — 177— den Tag zu legen. Lange noch unterhielten ſich beyde uͤber den oft verhandelten Gegen⸗ ſtand mit einer Lebhaftigkeit, bey welcher Theodor aller Schmerzen vergaß, bis endlich gegen Mitternacht die Luſt des Geſpraͤchs von der Luſt des Schlummers uͤberwältigt wurde. Ehrfried ruͤckte den Lehnſtuhl, auf welchem er die Nacht zuzubringen beſchloſſen hatte, an das Bett, um bey jeder Bewegung ſeines kranken Herrn in der Naͤhe zu ſeyn und war bereits in tiefen Schlaf verfallen, während jener noch mit offnen Augen von der goldnen Zukunft träumte, die er nun durch die Gunſt des mit ſeinem Kummer ausgeſöhnten Schick⸗ ſals zu erblicken und zu genießen hoffte. Sobald der Tag angebrochen war, er⸗ ſchien Herr Spilke vor dem Lager des Ba⸗ rons, erkundigte ſich mit neugeſtärkter Bered⸗ ſamkeit uber deſſen Befinden, belehrte hierauf den Alten auf das Umſtändlichſte uͤber die Verfahrungsweiſe, die er in Hinſicht des gnaͤ⸗ digen Herrn anzuwenden habe, und verſprach unter ſo vielen Kratzfuͤßen als Worten, ſich morgen in eigner Perſon wieder einzufinden, I. 12 ————————— ————— — 178— um einer eben ſo dringenden als angenehmen Pflicht, wie er ſich ausdruͤckte, Genuͤge zu leiſten. Und jetzt geſchah es vielleicht zum erſtenmal, daß der gute Mann, ohne vom Schlaf oder dem Höoͤflichkeitsgefuͤhl dazu ge⸗ noͤthigt zu ſeyn, in Verſtummen gerieth, da Theodor, zu einem einſtweiligen Zeichen ſeiner Erkenntlichkeit ihm zwanzig Dukaten einhän⸗ digen ließ und zu dieſem unerwarteten Ge⸗ ſchenk noch außerdem eine goldne Bruſtnadel, woran ſich ein aͤchter Rubin befand, hinzu⸗ fuͤgte. Der Liebhaber von Kunſtſachen dieſer Art ſtand wie vom Schlage getroſſen, und ein Fremder wuͤrde ſchwerlich haben entſcheiden koͤnnen, ob die Blaͤſſe und Roͤthe, die mit Blitzesſchnelle auf ſeinem Geſichte wechſelte, einer ſchreckhaften oder freudigen ueberraſchung zuzuſchreiben ſey. Lange waͤhrte es, bevor er ſich im Stande ſah, einige Abſchiedsworte zu ſtammeln und von ſeinem großmuͤthigen Pa⸗ tienten ſich loszureißen. Ehrfried begleitete ihn bis vor die Hausthuͤr, wo das Reitpferd, das ihn zuruͤcktragen ſollte, bereits ſeit einer Stunde geſattelt ſtand. Mit einer Heftigkeit, genchwn enuge icht zun hne m dazu ge⸗ ieth, d en ſeiner niſcheiden die mit vechlelte, waſchun hevor er worte zu gen Po⸗ begleitii wüfn, ſit eine fii — 179— die ihn leicht in den Verdacht hätte bringen konnen, er ſey nicht minder geſchickt, Arm⸗ bruͤche zu bewirken als zu heilen, ſfiel er dem Alten um den Hals, rief mit ſo lautem Schluchzen und ſo haͤuſiger Wiederholung? „Gott ſegne Dich, alter Junge!“ daß dieſer dem Himmel dankte, als er ſich endlich von den läͤſtigen Liebkoſungen befreyt und den ver⸗ ſchwenderiſchen Ertheiler derſelben den Huͤgel hinaufjagen ſah. Noch denſelben Vormittag erhielt Ehr⸗ fried den Auftrag, ſich nach Erlheim zu bege⸗ ben, um daſelbſt den wichtigen Punkt in Kichtigkeit zu bringen, der ſeit mehr als vier⸗ zehn Monaten zu den taͤglichen Geſpraͤchen auf dem Schloſſe zu Florbach den Stoff ge⸗ liefert hatte. Da Theodors rechte Hand ge⸗ lähmt und er mithin nicht im Stande war, dem Muͤller ſein Geſuch in einem Briefe kund zu thun, ſo unterrichtete er den Alten, auf deſſen guten Willen und Dienſteifer er ſich verlaſſen konnte, muͤndlich uͤber die Art und Weiſe, wie er an Ort und Stelle im Namen deſſen, von dem er abgeſchickt ſey, zu verfah— 12* — 180— ren und des ihm ertheilten Auftrags ſich zu entledigen habe; dabey band er es ihm be⸗ ſonders aufs Herz, alle ſeine Beredſamkeit anzuwenden, um den Muͤller zu bewegen, daß derſelbe ihn auf dem Ruͤckwege nach Florbach begleite, damit noch heute die Sache mit al⸗ len ihren Nebenbeziehungen ins Reine gebracht werde; hierauf ertheilte er ihm zum Schluß noch den Befehl, den Häͤuptern der abgebrann⸗ ten Familien in Erlheim, jedoch nur im Vor⸗ beygehen und ohne im geringſten ſich dabey aufzuhalten, zu berichten, daß er ſie in eini⸗ gen Tagen ſämmtlich auf ſeinem Schloſſe er⸗ warte, um uͤber die Art der Huͤlfe und Un⸗ terſtuͤtzung, die er ihnen zugedacht habe, mit ihnen die nothige Ruͤckſprache zu nehmen. Ehrfried fuhr alſobald in ſeine Sonntagsklei⸗ der, legte die verſilberten Schuhſchnallen an, nahm das lange ſpaniſche Rohr in die Hand, und wanderte wohlgemuth und mit den grä⸗ vitätiſchen Schritten eines bevollmächtigten Freywerbers dem Ziele ſeiner Beſtimmung entgegen. Theodor verfolgte indeß den Boten un⸗ ſch u ihm be eredſamkeit vegen, duß Florbuch he wit al⸗ gebricht n Schluß bgebrann⸗ rim Vor⸗ ſich dabey ſie in ein⸗ ihlſe e⸗ und Un⸗ zobe, mit nehwen⸗ ntagskli⸗ nallen an, de ben den gri⸗ möchtiglin eſinmii Bofn UM⸗ — 181— aufhörlich mit ſeinen Gedanken, zaͤhlte, den Blick auf den Minutenzeiger der vor ihm lie⸗ genden Taſchenuhr geheftet, ihm jeden Schritt nach, den er uͤber die wohlbekannten Felder zu thun hatte, und wußte vor immer ſtaͤrker werdendem Herzklopfen ſich kaum zu laſſen, als er ihn endlich, ſeiner Rechnung nach, an Ort und Stelle vermuthen mußte. „Sollte ſie wohl gar ſelbſt“— rief er aus, „0 Himmel, wenn ſie ſelbſt mir mein Gluͤck anzukuͤndigen kaͤme!—“ In dem nehmlichen Augenblicke ſteckte ein Knecht des Hauſes, der Ehrfrieds Auftrage zufolge ſich im Nebenzim⸗ mer aufhielt, um dem Baron nöthigenfalls aufzuwarten, den Kopf zur Thuͤr herein, weil er das Rufen gehoͤrt hatte und der Meinung war, daß der gnädige Herr vielleicht ſeines Dienſtes beduͤrfi. Wirklich erſchien er auch ziemlich erwuͤnſcht; denn Theodor, der ſo eben eine gewaltige Unordnung um ſich her bemerkt hatte, befahl dem Eintretenden ſogleich, das Zimmer zu reinigen und alles in gehörige Ord⸗ nung zu bringen, indem er keinen Augenblick vor dieſem oder jenem Beſuch ſicher ſey. Der — 182— Menſch vollzog, was ihm anbefohlen war, erhielt nach geendigtem Geſchäͤft einen Wink, ſich wieder weg zu begeben und Theodors Ungeduld erſtieg allmaͤhlich den höchſten Gipfel, da Stunde um Stunde verging, ohne daß auch nur eine Maus bey ihm Beſuch abge⸗ ſtattet haͤtte. Ehrfried erſchien endlich, aber mit einem ſo niedergeſchlagenen Geſicht, daß gleich bey ſeinem Anblick ſich eine tödrliche Kaͤlte durch Theodors Glieder ergoß. Kein Miſſethater trat je mit einer klaͤglichern Miene in die Nähe des Richtplatzes, als dieſer mit ſeinem Sonntagsputz ausſtaffirte Liebesbote in die Naͤhe ſeines Herrn. Ohne uͤber die in der Mühle gefundene Aufnahme ſich im mindeſten zu äußern, brachte er ſtillſchweigend aus der rothdamaſtnen Weſtentaſche einen Brief zum Vorſchein, trat nach deſſen Auslieferung mit verſtörtem Blick an das Fenſter, bewerkſtelligte von dem Namenszuge, der auf dem ſilbernen Knopfe des ſpaniſchen Rohres ſich befand, ei⸗ nen Abdruck in dem Fleiſche ſeiner Naſenſpitze, quetſchte ſeinen zwiſchen dem linken Arme hlen wu, en Wink, ohne deß ſuch abge⸗ it einem leich bey ſte durch iſſethäter ne in die it ſeinem in die nindeſten aus det rief zum nung nit rſteligte ſilberne fand, i⸗ aſenpit n Ume eingepreßten dreyeckigten Hut zum Zweykanter, und gab dann und wann durch ein gelindes Knirſchen mit den Zähnen zu erkennen, wie wenig er in ſeiner dermaligen Gemuͤthsſtim⸗ mung zu einer abermaligen Umarmungsſcene mit dem Chirurg ſich aufgelegt fuhle. Theodor entfaltete indeß den Brief ſo ſchnell als er es vermittelſt der linken Hand, deren Gebrauch ihm allein zu Gebote ſtand, vermochte und las mit ſcheinbarer Ruhe fol⸗ gende, mit der Namensunterſchrift des Muͤl⸗ lers bezeichnete Worte: „Die von Ihnen, mein Herr Baron, gefaßte Willensmeynung, die mir ſo eben von Ihrem Ehrfried mitgetheilt worden iſt, hat mich in groͤßere Unruhe und Beſtuͤrzung geſetzt, als Sie wahrſcheinlich bey Abfertig⸗ ung des Boten vermuthet haben. Da ich bis an mein Ende ein ehrlicher Mann zu bleiben und mein Gemuͤth von jeder Eingebung eines thoͤrigten Hochmuths frey zu erhalten wuͤnſche, ſo verſichere ich Sie hiermit nochmals auf das feyerlichſte, daß ich niemals meine Einwilligung zu einer — 184— Verbindung geben werde, die meine Toch⸗ ter, ſtatt ihr Gluͤck zu befördern, nur in das tiefſte Ungluͤck und Elend ſtrzen wuͤrde, da eine ſo ungleiche Heirath von Ihrem Herrn Vater unmöglich jemals gebilligt werden kann. Ja ich betheure Ihnen ſo⸗ gar, daß ich meine Marie mit geringerer Angſt zwiſchen den Schaufeln der Muͤhl⸗ raͤder als in den Armen eines Mannes er⸗ blicken wuͤrde, deſſen Rang und Stand viel zu hoch uͤber dem unſrigen iſt, als daß nicht der bloße Gedanke an eine Bluts⸗ verwandtſchaft mit demſelben mich mehr er⸗ ſchrecken als erfreuen ſollte. Glauben Sie ja nicht, daß verſtockter Eigenſinn mir dieſe abſchlägige Antwort eingegeben habe, es begruͤndet ſich dieſelbe vielmehr auf die vielen ungluͤcklichen Beyſpiele, von denen ich geleſen und gehoͤrt habe und welche mir bey Eroffnung Ihres Vorſatzes nothwendig der Reihe nach wieder in den Sinn kom⸗ men mußten. Auch ich habe dabey nicht blos nach eignem Gutdünken gehandeltz Marie, die, ſo wie ich, an Ihrem vor⸗ ne Vo⸗ nur in n würde, Ihnm gebillt hnen ſoe eringerer Mihl⸗ uneb e⸗ Stand ſt, als eBlut⸗ mehr e⸗ ben Sie nir diſe ſche mir ſwendig n kom⸗ cy niht hndilt em bo geſtern erlittnen Unfall den herzlichſten An⸗ theil nimmt, ſtimmt mit mir darin voll⸗ kommen uͤberein, und Ehrfried ſelbſt wird Ihnen bezeugen können, daß ich erſt nach mit Ihr genommener Verabredung die Fe⸗ der angeſetzt habe, um unſern beyderſeitigen Entſchluß kund zu thun. Je unveraͤnder⸗ licher derſelbe iſt, je innizer erſuche ich Sie, mein Herr Baron, nicht laͤnger auf einem Entſchluß zu beſtehen, welcher, ſtatt ſich ausfuͤhren zu laſſen, nur das Gluͤck und die Wohlfahrt eines unbeſcholtenen Mädchens, und die anſpruchsloſe Zufrie⸗ denheit einer harmloſen Familie unfehlbar zu Grunde richten wuͤrde.—“ „Mein Schickſal iſt entſchieden!“ rief Theodor, als er den Brief geleſen hatte, mit ſchwacher Stimme, und vergrub, ohne mit einer einzigen Sylbe ſich den weitern muͤndlichen Bericht von Ehrfried zu erbitten, ſein Geſicht in das Kopfkiſſen. Der Alte ſteckte das auf dem Bett liegende ungluckſe⸗ lige Papier wieder in die Weſtentaſche, aus welcher er es hervorgezogen, ſetzte ſich auf den — 186— nächſten Stuhl und heftete, ohne die im Zim⸗ mer herrſchende Stille nur durch den gering⸗ ſten Laut zu unterbrechen, ſeinen Blick wohl eine Stunde lang ſtarr auf das uͤber dem Bett befindliche Bild des Kammerherrn, das Theo⸗ dor bereits vor einigen Jahren von einem an⸗ dern Gemaͤhlde heimlich kopirt und in ſei⸗ nem Schlafzimmer aufgehangen hatte. Jetzt richtete der Kranke ſich auf und forderte zu trinken. Wie von einem elektriſchen Schlage aus ſeinen Betrachtungen geweckt, fuhr Ehr⸗ fried auf, reichte ihm, was er verlangte, und bemerkte, während Theodor das Glas in gierigen Zuͤgen ausleerte, eine gluͤhende Fieberhitze auf ſeinem Geſicht. Auch waren dieſe Zeichen eines verſchlimmerten Krankheits⸗ zuſtandes keinesweges von unzuverläſſiger Art; denn kaum war er kraftlos auf das Lager zu⸗ ruͤckgefallen, als er in ſo ſinnloſe Phantaſien verfiel, daß dem Alten vor Grauſen und Entſetzen der Angſtſchweiß von der Stirn zu laufen anfing. Wie ſehr verwuͤnſchte er jetzt die voreilige Auslieferung des Briefes, wie ſehr bereuete er es jetzt, daß er nicht auf ir⸗ im Sn⸗ n gering⸗ lick wohl dem Bett as Theo⸗ inem an⸗ d in ſi⸗ dette zu Schlage uht Ehr⸗ verlungtn us Glis glhende waren ankheits⸗ ſiger Artz ager in phantſin uſen un Stirn te er jt ſt, wi i⸗ ht uu — gend eine Ausflucht geſonnen, daß er nicht wenigſtens bis morgen den Ungluͤcklichen durch eine ſcheinbare Hoffnung hingehalten habe, wo durch die Gegenwart des Wundarztes den Folgen ſeiner erſchuͤtternden Zeitung vielleicht hätte vorgebeugt werden können. Er betrach⸗ tete ſeinen Herrn als ein rettungsloſes Opfer des Todes und raufte bey der Vorſtellung, daß er ſelbſt durch ſeine unſinnige Verfahrungs⸗ weiſe an dieſem ſchrecklichen Wechſel der Dinge die meiſte Schuld habe, ſich die grauen Haare aus dem Kopfe. Wie ein Verzweifelnder ſchoß er die Treppe hinunter, befahl dem erſten Knechte, der ihm im Hofe aufſtieß, eiligſt das beſte Pferd zu ſatteln, nach dem Wohnorte des Chirurgs zu jagen und den Mann ſo⸗ gleich mit Guͤte oder Gewalt, todt oder le⸗ bendig, nach Florbach zu ſchleppen. Herr Spilke ſaß eben im Zirkel einiger Nachbarn und Freunde, die von ihm in der Freude ſeines Herzens auf ein Glas Doppel⸗ bier eingeladen, ſich mit kurzen Gipöpfeifen im Munde ſeinen erlebten Glücksfall erzählen ließen, als der Bote die Straße herauf — 188— ſprengte, aus den uͤber der Thuͤr hängenden Barbierbecken den richtigen Schluß zog, daß er am Ziel ſey, und ohne vom Pferde zu ſteigen, aus Leibeskräften nach dem Bader ſchrie. Gluͤhend vor Zorn und Scham trat Herr Spilke vor die Thuͤr und uͤberſtrömte den Reuter, der nach und nach von dem gan⸗ zen Tabackscollegium ſich umringt ſah, mit ſo unerſchopflichen Verweiſen wegen ſeiner Unge⸗ ſchliffenheit, daß der arme von Wortſchwall und Pfeifendampf betäubte Kerl erſt eine ge⸗ raume Zeit nachher, als die Redefluth des Chirurgs in Stockung gerathen war, den Gebrauch ſeiner Zunge erhielt, um ſtammelnd anzudeuten, daß er in Auftrag des Herrn Ba⸗ rons von Bärfeld, der in den letzten Zuͤgen liege, hieher geſchickt ſeyo. Kaum aber war dieſer Name uͤber ſeine Lippen, als die Scene ſich plotzlich aͤnderte. Der Chirurg ward von einem heftigen Zittern befallen, und indem er, ohne von der Stelle zu kommen, ſich wie ein Kreiſel herumdrehte, rief er unaufhörlich: „Bringt mir Rock und Stiefeln aus der Hin⸗ terſtube, holt mir den Arzneykaſten aus dem ingenn eg, de ferde zu n Bader am tret nrſtrömte dem gan⸗ „mit ſo Unge⸗ rtſchwol eine ge⸗ futh des ar, deu ammelnd n Ba⸗ Zügen bet wat e Sten ward von ndem en⸗ ſich wi ſhirict der hi⸗ au em — 189— Eckſchrank, zieht mir das Pferd aus dem Holzſtalle!“— Als ihm endlich alles, was er verlangte, zur Stelle gebracht wurde, ſchleu⸗ derte er den Schlafrock in den Koth und die Pantoffeln ſeinen Freunden an die Koͤpfe, ſchwang ſich mit einer Eilfertigkeit, die ihn faſt aus dem Gleichgewicht gebracht haͤtte, auf das Pferd und jagte davon. Die Anwe⸗ ſenden, denen er noch ſo eben verſichert hatte, daß er das erhaltene glänzende Geſchenk le⸗ diglich der Geſchicklichkeit, vermoͤge welcher er den Baron aus der augenſcheinlichſten Le⸗ bensgefahr errettet, zu verdanken habe, ſchuͤt⸗ telten die Köpfe, laſen die umher zerſtreuten Fragmente zuſammen, und begaben ſich wieder nach der Stube, um einigen daſelbſt noch vorhandenen Reſten des Gerſtenſaftes ihre Be⸗ ſtimmung anzuweiſen. Der Chirurg konnte, als er auf dem Schloſſe angelangt war, gar nicht fertig wer⸗ den, dem Alten ſeine Verwunderung uͤber den gegenwärtigen Zuſtand des Kranken zu er⸗ kennen zu geben, da er ihn dieſen Morgen, ohne nur im mindeſten einen ſo gefährlichen — 190— Ruͤckfall ahnen zu koͤnnen, verlaſſen habe, und erklaͤrte zuletzt, da Ehrfried nicht fuͤr gut fand, ihn uͤber das ſeit ſeiner Abreiſe ſtattge⸗ fundene Ereigniß zu belehren, daß der Baron nur von einem heftigen Wundfieber befallen ſey, das er mit Gottes Huͤlfe und vermoge ſeiner eignen vieljaͤhrigen Einſicht und Erfah⸗ rung bald zum Ruͤckzuge zu bringen gedenke. Auch ließ der Zufall ihn in der That einen ſo glucklichen Griff in den mitgebrachten Arz⸗ neykaſten thun, daß der Kranke, nachdem ihm die verordnete Mixtur beygebracht war, in einen Schweiß verfiel, welcher, wahr— ſcheinlich zufolge der gaͤnzlichen Erſchoͤpfung, die er nach ſich zog, das Fieber wenigſtens vor der Hand von allen weitern Angriſſen zu⸗ ruͤck ſchreckte. Unfaͤhig ein Glied zu ruͤhren und ſeinen Widerwillen gegen die Quan⸗ tität der Arzneyen, die er verſchlucken mußte, nur durch eine Miene zu erkennen zu geben, lag Theodor da und ließ alles geduldig uͤber ſich ergehen, bis endlich ein wohlthätiger Schlummer ſich einſtellte, der faſt ununter⸗ brochen bis zum folgenden Mittage fortdau⸗ ert n hohe, fur gut ſtattge⸗ Beron befallen vermige Enfih⸗ lt ünen en Atz⸗ nachdem ht war, wahl⸗ öyfung, niyften Qlan⸗ mußte geben, ig uber thitiet nunte finthu⸗ 191— erte. Der erfreute Alte, der mit Vermin⸗ derung der Fieberphantaſieen, die ihn mehr als alles andre in Schrecken geſetzt hatten, das Uebel ſelbſt bereits gehoben glaubte, uͤber⸗ haͤufte mittlerweile den Wundarzt mit den ruͤhrendſten Beweiſen der Achtung und Dank⸗ barkeit, indem er, ohne bey den guͤnſtigen Zeichen, die er am Leidenden bemerkte, die kräftige Ratur und Koͤrperbeſchaffenheit deſ— ſelben im mindeſten in Anſchlag zu bringen, einzig und allein den Scharfblick und die Geſchicklichkeit des modernen Aesculaps als die Talismane betrachtete, durch welche die Ruͤckkehr ſeines guten Herrn von den Pforten des Todes erfolgt ſey. Es zeigte ſich bey Theodors Erwachen bald Rnug, daß man durch ſchweißtreibende Mittel leichter die Seele aus dem Körper, als die Leidenſchaft der Liebe aus der Seele verſcheuchen könne. In ſeinen Zuͤgen herrſchte eine dumpfe Melancholie; muͤrriſch und ver⸗ drießlich wies er einen neuen Trank zuruck, den der Chirurg ihm zur Stäaͤrkung bereitet und mit welchem er ſich, ſobald der Kranke — 192— die Augen aufſchlug, gegen das Bett hin in Bewegung ſetzte. Weder Bitten noch Vor⸗ ſtellungen konnten ihn bewegen, nur einen Tropfen davon zu nehmen, obgleich Herr Spilke in den zierlichſten Ausdruͤcken betheu⸗ erte, daß gegenwärtiges Medicament von den bereits fruͤher angewandten durch eine ganz entgegengeſetzte Wirkung unterſchieden ſey⸗ Theodor wollte von einer Stärkung dieſer Art nichts wiſſen, und gab endlich, da er ſich fortwährend gedrängt ſah, ſeinen Widerwillen nicht nur gegen die ihm vorgehaltene Mirtur⸗ ſondern auch gegen die anpreiſenden Worte auf eine ſo abſchreckende Art zu erkennen, daß der Chirurg genöthigt ward, mit ſeinem Wunder⸗ ſafte ſich nach dem Lehnſtuhl zuruͤck zu ziehen, auf welchem er noch vor kurzem die faſt bis zur Anbetung geſteigerten Huldigungen des Alten mit ſelbſtgefälligem Lächeln in Empfang genommen hatte. Es ward allmaͤhlich Abend, ohne daß der Patient ſeinen verſtockten Sinn geaͤndert und wenigſtens dem Chirurg, der vor Unmuth uͤber das ihm auferlegte Stillſchwei⸗ gen faſt verging, durch einen freundlichen Blick — t hin in och Vo ur einen betheu tbon den eine 90 den ſch⸗ dW Art da en ſih ziderwilen eMit, Worte uf , daß der Wundet⸗ zu ziehen⸗ K ſ ungen des Emyfun ſch Abend ten Ein th/ dunn gilw⸗ tune Pl — 193— ——— nßt haͤtte, eine Unter⸗ zuſpinnen. Da er ſich nicht vor⸗ ſtellen wie jemand mehrere Stund lang in dumpfes Hinſtarren verloren ohne das geringſte Lebenszeichen von ſi. geben unbeweglicher als ein Stein auf 2* Stelle liegen könne, ſo kam er n zwar mit Recht, auf die Vermuthun— zur Erholung der durch die aus. — abgematteten Glieder. ſtuͤndiger Schlaf vielleicht nicht geweſen, und die Natur daher wieder— en Staͤrkungsmittel . ließ i da er ſeine Zunge* dings nicht laͤnger im Zaum zu halten 2 alten Ehrfried, der noch immer in 8. einher ging, neben ſich— , Lehnſtuhle Platz nehmen, und k. fluͤſternd mit ihm ein Geſpräch an. b wunderlichen Grillen des— lief, allmählich auf die Launen und So— barkeiten der großen Herren uͤberhaupt und in einem Labyrinth von Be— Urtheilen und Schluͤſſen ſich verlor— „aus wel⸗ — 194— chem keiner von beyden den Ausweg wuͤrde gefunden haben, haͤtte nicht ein Zufall von hochſt uͤberraſchender Art ſich ins Mittel ge⸗ ſchlagen, und ihren tiefſinnigen Betrachtungen plotzlich ein Ende gemacht. Es ſing bereits an zu daͤmmern, als die Thuͤr des Zimmers leiſe ſich öffnete, und ein alter Herr, in eine Wildſchur gehuͤllt, hereintrat. Ehrfried erhob ſich von ſeinem Sitze, blickte der langen hagern Geſtalt ins Geſicht, und blieb vor Erſtaunen wie verſtei⸗ nert ſtehen, als er den alten Kammerherrn von Baͤrfeld erkannte. Dieſer naͤherte ſich indeß dem Lager, betrachtete einige Minuten lang, in ernſtes Stillſchweigen verloren, bald das uͤber dem Bett beſindliche Gemaͤhlde, bald ſeinen in tiefem Schlummer liegenden Sohn, und gab endlich, indem ſeine abgezehr⸗ ten Wangen von Thraͤnen benetzt wurden, dem Alten ein Zeichen, ihm in das naͤchſte Zim⸗ mer zu folgen. Hier erkundigte er ſich, waͤh⸗ rend der zuruͤckgebliebene Chirurg vor Neu⸗ gierde faſt umkam, genau nach allen Um⸗ ſtaͤnden des von Theodor erlittenen Unfalls, eg wärde zufall vn Rittel g⸗ chtungen als die ete, und gehl. n ſeinem eſtalt ins e verſtei⸗ nmecherrn herte ſih Minulet berlorn, emaͤhlde, ſiegenden obgejehr⸗ den, den ſte Zim⸗ h, vih⸗ ot Nu⸗ len U⸗ umli⸗ — 195— hoͤrte de it ſi lobte—*— 5 gen ſeiner Sorgfalt und ihn darin fortzufahren, da z. Swneſung des Kranken ige ehnli . Wunſch ſey. —— Sban daß die Rettung des „ der Gewalt des Vaters —„ tenigen Flarheit vor die S „glaubte dieſen guͤnſtigen Augenblick 3 laſſen zu duͤrfen, und 5 dem Lomuhezn aus den„ half, mit beherzten Worten i was ihm von Theodors Liebe dem hartnaͤckigen Widerſtreite— — des— . Kummer des Lerſchwäß⸗ a Do Kammerherr 4 u ſteigendem Affekt ertheilt„ en Alten ſcharf ins Auge„ „ ſein Begehren des Muͤllers B. . damit vor den Camin, und 4 Worte geleſen, dem— erichterſtatter auf, hinauszugehen —— —— — 196— ihm das Schlafzimmer in Ordnung bringen zu helfen. Als Ehrfried wieder zuruͤckkam, ging der Kammerherr mit uͤbereinandergeſchlagenen Ar⸗ men und in tiefes Nachdenken verſunken lang⸗ ſam im Zimmer auf und nieder, fragte, ſo⸗ bald er den Eintretenden bemerkte, ob das Zimmer zu ſeinem Empfange bereit ſey und be⸗ fahl dem Alten, ihm hinauf zu leuchten, da er, von der langen beſchwerlichen Reiſe er⸗ muͤdet, erſt morgen fruͤh ſeinen Sohn zu ſprechen Willens ſey. An Ort und Stelle angelangt, wandte der Kammerherr ſich mit eindringend ernſter Miene zu ihm, und er⸗ theilte ihm die Weiſung, von ſeiner Ankunft gegen Theodor nichts zu erwähnen, dem Chi⸗ rurg das nehmliche einzuſchaͤrfen und uͤber⸗ haupt dafuͤr zu ſorgen, daß ſeine Anweſen⸗ heit auf dem Schloſſe vor dem Kranken ſo lange geheim gehalten werde, bis er ſelbſt ſich ihm zu zeigen fuͤr gut finde. Ehrfried wagte es nicht, uͤber die Urſache dieſer ſtrengen Ver⸗ ordnung eine Frage zu thun, die auch allem Anſchein nach unbeantwortet geblieben wäre, heinhn ging det enen Ur⸗ en lang⸗ e, ſe⸗ ob das und he⸗ hen, da Reiſe et⸗ Sohn zu d Surle ſich mit und et⸗ gnkunft m Chi⸗ nd über⸗ nwiſtn⸗ nken ſo ubſ ſich dwahte en Per⸗ h ollen n wi — 197— ſondern entfernte ſich mit einem tiefen Buͤck⸗ ling, und begab wechſelnd zwiſchen Furcht und Hoffnung ſich nach dem Krankenzimmer zuruͤck, wo der Chirurg ihm bis an die Thuͤr entgegen eilte, und, um die erwarteten wich⸗ tigen Nachrichten ohne Zeitverluſt in Empfang zu nehmen, ihm haſtvoll das linke Ohr an den Mund hielt. Es gereichte Theodors ge⸗ ſchwaͤchtem Nerverſyſtem zu großem Heil, daß Herr Spilke zu Gunſten einiger an den Ze⸗ hen beſindlicher Leichdornen, ſich ſeiner mit Hufeiſen verſehenen Stiefel entledigt hatte; denn kaum war ihm der Name des Fremden in der Wildſchur zugefluͤſtert worden, als er vor Verwunderung einen ſo exaltirten Satz in die Hoͤhe that, daß Ehrfried ſogleich mit den Fingern unterſuchte, ob er etwa in Folge der zwiſchen ſeiner Naſenſpitze und den harten Gehoͤrknorpeln des Chirurgs entſtandenen, em⸗ pſfindlichen Reibung, bevor er weiter ſpreche, erſt eines blutſtillenden Mittels benothigt ſey. Herr Spilke bereitete ſich, nachdem er alles vernommen, was jener ihm mitzutheilen fuͤr gut fand, noch einige Stunden lang auf die — 198— Complimente und feinen Redensarten vor, vermittelſt welcher er ſich am naͤchſten Mor⸗ gen bey dem Kammerherrn in Gunſt zu ſetzen gedachte, und uͤberließ nach dieſer Geiſtesan⸗ ſtrengung ſeinen Körper der Ruhe;z Ehrfried aber, aus deſſen Augen die Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, allen Schlaf verbannte, ward von dem daͤmmernden Mor⸗ gen wachend auf dem Lehnſtuhl angetroffen. Jetzt vernahm er plötzlich ein Geraͤuſch unten auf dem Hofraum; leiſe ſchlich er an ein Fenſter des angrenzenden Zimmers, und kam eben zu rechter Zeit, um den Kammer⸗ herrn in eine vor der Thuͤr befindliche Reiſe⸗ kutſche einſteigen zu ſehen. Alles geſchah mit einer ſo geheimnißvollen Stille, daß der Alte kaum den eignen Augen trauen wollte. Wie heftig aber fing ihm unter der rothen Weſte das Herz zu pochen an, als er den Wagen rechts nach dem Huͤgel, uͤber welchen der Weg ſchnurſtracks nach Erlheim fuͤhrte, ein⸗ lenken ſah. Das uͤberſtröͤmende Gefuͤhl wollte ihm die Bruſt zerſprengen, alles Blut ſtieg ihm ins Geſicht und auf ſeinen Knieen dankte rten be, ſen Mon zu ſhen eiſteöan⸗ Ehrftid riung der „ Schluf e Mor⸗ getroffen⸗ Geräuſch lich er an et, und Kammel⸗ ihe Reſ⸗ ſoh mit der Mlte u. Vie en Viſt Whe ſchen der hrte, ein⸗ ühl woll Blut 74 kte (in h —— er dem Himmel fuͤr die gluͤckweißagenden Zei⸗ chen, deren Anblick ihm zu Theil ward. In dieſer Stellung uͤberraſchte ihn der Chirurg, der ſo eben ins Zimmer trat, und mit noch ſchlaftrunknen Augen ſich erkundigte, ob der Kammerherr ſich ſchon beym Fruͤhſtuͤck be⸗ finde. Ehrfried antwortete blos durch einen triumphirenden Blick, wiewohl er ſich die größte Gewalt anthun mußte, um den Chi⸗ rurg, der ihn mit tauſend Fragen beſtuͤrmte, das koͤſtliche Geheimniß nicht zu verrathen, fuͤr deſſen Bewahrung ſeine Bruſt nicht Raum zu haben ſchien. Auf eine weit haͤrtere Probe ward jedoch ſeine Verſchwiegenheit geſtellt, als er bald darauf das von Gram verzehrte Geſicht ſeines geliebten Herrn erblickte, der, ſobald er ihn ins Zimmer treten ſah, mit matter Stimme ſich uͤber brennenden Durſt beklagte und einen friſchen Trunk verlangte. Niemand war aber in dieſem Augenblick weniger geſchickt, das Amt eines Mundſchenks zu verwalten, als Ehrfried, der vor heftigem Zittern ſeine Glie⸗ der nicht eine Secunde lang ſtill zu halten — 200— vermochte, und niemand war zum Gluͤck be⸗ reitwilliger, ſich dieſem Geſchaft zu unterzie⸗ hen als Herr Spilke, der ſogleich mit einem Glaſe Brodtwaſſer ſich nach dem Bett ver⸗ fuͤgte. Der Kranke hielt mit einem mißtrau⸗ iſchen Blicke das Glas gegen das Fenſter, indem er darin wahrſcheinlich einen Zuſatz von des Chirurgs Erſindung vermuthete, ſtatt deſſen aber fiel ihm Ehrfried in die Augen, welcher ſo eben ſeinen dreyeckigten Hut mit kindiſchem Wohlgefallen mehrere male nach der Decke warf und wieder auffing. Ohne ſeine Verwunderung uͤber das närriſche Betragen des Alten durch etwas mehr, als ein zwey⸗ deutiges Laͤcheln zu erkennen zu geben, loſchte Theodor ſeinen Durſt, kehrte darauf das Ge⸗ ſicht gegen die Wand, und gab dadurch dem Chirurg deutlich genug zu verſtehen, daß er ſich aus ſeiner Nähe begeben und ſchweigen möge. Dieſer aber hatte nicht ſobald Chr⸗ frieds wunderliche Gebehrden und Grimaſſen wahrgenommen, als er ſchon uͤber ein zweck⸗ maͤßiges Mittel nachſann, um einer vollkomm⸗ nen Raſerey bey Zeiten vorzubeugen, indem — 201— Glitt b der Alte, ſeit er am Fenſter auf den Knieen u unterzit gelegen hatte, den Verdacht mehr und mehr mit einem zu rechtfertigen ſchien, daß ſein Gehirn in Bett ver⸗ Folge der wiederholten, anſtrengenden Nacht⸗ nißtm⸗ wachen in Zerrüttung gerathen ſey. Die Fenſter, ſiegreiche heitre Miene des Alten, in welcher en Zuſth nur dann und wann ein Zug von ungeduldiger ele, Fott Erwartung bemerklich ward; das dumpfe von e Augen, aller Theilnahme entfernte Hinbruͤten des Lei⸗ Hut mit denden im Bett und der mitleidsvolle Blick enach der des Wundarztes, der faſt drey Stunden lang hne ſine uͤber die Nothwendigkeit einer ſchleunigen Betrgen Huͤlfe philoſophirte, und dieſelbe doch weder in ſue dem einen noch dem andern anzubieten wagte, n, liſhte alles zuſammen genommen bildete ein ſo ſonder⸗ us Ge⸗ bares Wechſelverhältniß, daß ein ruhiger Be⸗ wch dem obachter ſich an demſelben vielleicht noch lange uuß e nicht ſatt geweidet gehabt haͤtte, als endlich tnhn eine freundlichere Scene an deſſen Stelle trat. a Eh⸗ 3 raſchten Theodor wohlbekannte Stimme, indem Hrimoſſen die Thuͤr ſich öfſnete und der Kammerherr hereintrat. Ein freudiges Schrecken uͤberflog das Geſicht des Kranken; auf den linken „Iſt es erlaubt?“ rief eine dem uͤber⸗ ein w⸗ vollkomn⸗ „ n „ — 202— Arm geſtuͤtzt war er vergebens bemuͤht, ſich aufzurichten und ein heller Thränenſtrom brach aus ſeinen Augen, als der Kammer⸗ herr auf ihn zu eilte, ſich zu ihm herab neigte und auf ſeine bebenden Lippen einen Kuß druͤckte, in welchem die ganze Zärtlichkeit der väterlichen Liebe ſich vereinigte. Der Chirurg brannte vor Begierde, ſeine Nacht⸗ gedanken an den Mann zu bringen, und ſtand gleich einer Pagode neben Ehrfried, wel⸗ cher indeſſen, die Haͤnde in den Laſchen, mit beyden Rockzipfeln ſein Geſicht bedeckte, und ohne ſich daran zu kehren, daß der, uͤber ſeinen Verſtoß gegen die feine Lebensart höchſt aufgebrachte Nachbar, ihm fortwaͤhrend den ſpitzen Ellenbogen in die Rippen ſtieß, in ein ſo unerträgliches Mittelding von Schluchzen und Heulen ausbrach, daß beyde weit fruͤher einen Wink, ſich wegzubegeben, vom Kam⸗ merherrn erhielten, als es bey ruhigem Ver⸗ halten vielleicht der Fall geweſen wäre. Der Chirurg zog den Alten halb mit Guͤte, halb mit Gewalt, nach ſeinem rechter Hand be⸗ findlichen Schlafkabinet, um ihm daſelbſt, „ſ nſtron mmer⸗ nigte Kuß ichkeit Der lacht⸗ und „wel⸗ mit „und über hich 5 den n ein uchzen fühet Kom⸗ Ver⸗ Der — hel d b⸗ — 203— bis die zum Trepaniren tauglichen Werkzeuge herbey geſchafft wären, einſtweilen ein ſpani⸗ ſches Fliegenpflaſter auf den Wirbel zu legen. Sobald der Kammerherr mit ſeinem Sohne allein und die erſchuͤtternde Gewalt der Empfindungen bey dem letztern in eine ruhigere Stimmung uͤbergegangen war, erfuhr Theodor zu ſeinem Erſtaunen, durch welche ſtrenge Schule ſein Vater noch im Greiſesalter gefuͤhrt worden, und welcher furchtbare Kampf der Entſagung von tief gewurzelten Grund⸗ ſätzen und vieljährigen Meinungen vorange⸗ gangen war. Das launenvolle Spiel, welches die Gräfin Aurelia, wie wir bereits oben erwähnt haben, mit ihren Anbetern zu treiben gewohnt war, fing allmählich an, ernſthaftere Folgen zu äußern, als ſie ſelbſt, geblendet vom Rauſche der Eitelkeit und beſtochen von der Meinung ihrer unwiderſtehlichen Reize, ſich jemals hatte träumen laſſen. Viel zu grau⸗ ſum hatte ſie die Sylphen des Hofes, faſt der Reihe nach, geneckt und beſchaͤmt, bis zur Verzweiflung getrieben und am Narren⸗ — 204— ſeil gefuͤhrt, als daß nicht am Ende ſich eine ſtillſchweigende Verſchwörung wider ſie hätte anſpinnen ſollen, vermoge deren der Troß ih⸗ rer ſchmachtenden Nachtreter mehr und mehr zuſammen ſchmolz, bis zuletzt Verdruß und Langeweile ihr einziges Gefolge ausmachten. Auch waren die Schmeicheleyen, die der Spie⸗ gel ihrem Geſicht ertheilte, mit weit geringe⸗ rer Begeiſterung abgefaßt, als ſie ſonſt in ihren mit Fleiſch und Bein verſehenen Lob⸗ rednern zu erregen gewohnt geweſen war. Zu ſtolz, die Saiten herabzuſpannen und der Rolle, die ſie einmal zu ſpielen angefangen hatte, einen gefaͤlligern Anſtrich zu geben, glaubte ſie vielmehr, an ihren abtruͤnnigen Verehrern eine empfindliche Rache uͤben zu koͤnnen, wenn ſie gegen den alten Kammer⸗ herrn von Baͤrfeld, der eben jetzt ſich um ihre Gunſt zu bewerben anfing, in den ge⸗ faͤlligen Ton einſtimmte, den man fruͤherhin ſo ganz an ihr vermißte, und durch Anwen⸗ dung aller Kuͤnſte des Ovidius bey ihr hervor⸗ zubringen umſonſt verſucht hatte. Wirklich merkte ſie gar bald, daß dieſes Lockmittel 2 3 ſch ene e hütt roß ih⸗ mehr ß und ochten⸗ Spi⸗ ringe⸗ nſt in Lob⸗ Zu d der fangen geben, nihen n ju nmer⸗ h um l⸗ herhin nwen⸗ erbor⸗ irklc nin — 205— ſeinen Zweck nicht verfehle; um aber ihren Groll ganz den Zuͤgel ſchießen zu laſſen, folgte ſie dem Baron ſogar ohne Weigerung zum Altare, durch welche heroiſche Selbſtuͤberwin⸗ dung der leichtfuͤßigen Schaar wenigſtens der Zugang zu ihrer Hand abgeſchnitten ward. Daß aber Aurelia uͤberhaupt viel geſchickter war, einen Liebhaber, als einen Ehemann gluͤcklich zu machen, zeigte ſich vald zum Schrecken des Kammerherrn, welcher nach und nach in eine, von dem Zuſtande eines Galeerenſklaven nur durch die ſanftere Benennung unterſchiedene Lage zu gera⸗ then anſfing. Zu der von ehemals vielen, jetzt auf ihn allein uͤbergetragenen tyranniſchen Behandlungsweiſe geſellte ſich außerdem noch der Umſtand, daß nach vollzogenem Vermäh⸗ lungsfeſte ſich ihr ſpröder Sinn allmaͤhlich bis zu einem Grade zu erweichen ſchien, der dem Kammerherrn deſto unverkennbarer in die Augen fallen mußte, je deutlicher ihn die tägliche Erfahrung lehrte, daß er allein von dem wohlthaͤtigen Einfluſſe dieſer veränderten Sinnesart ausgeſchloſſen ſey. Noch waren —— — 206— daher kaum zwey Monate verfloſſen, ſeit er dieſen gefaͤhrlichſten Schritt ſeines Lebens ge⸗ than hatte, als er bereits uͤber die begangne, ſeinen Jahren ſo wenig entſprechende Ueberei⸗ lung die aufrichtigſte Reue zu empfinden und mit dem Gedanken der Wiederaufloͤſung eines Bandes, das ſein Gluͤck und ſeine Ehre ſo empfindlich bedrohte, ſich insgeheim wie mit einem Lieblingsgedanken zu beſchäftigen anfing. Lange noch wuͤrden Scham und Furcht viel⸗ leicht die Ausfuͤhrung deſſelben verhindert ha⸗ ben, hätten nicht Wuth und Abſcheu unver⸗ mutheter Weiſe uͤber beyde Ruͤckſichten die Oberhand gewonnen, und zur Wegräumung dieſer Steine des Anſtoßes ſich als gewaltige Hebel vereinigt. Der Zufall wollte es nehm⸗ lich, daß der Kammerherr, als er eines Abends zur ungewoͤhnlichen Stunde nach Hauſe kam, ſeine junge Gemahlin in einem tète à tete uͤberraſchte, worin ſie fuͤr die Erfuͤllung ſeines oft geaͤußerten Wunſches nach einem Erben ſeines Namens und Wappens, einen ſo miß⸗ verſtandnen Eifer an den Tag legte, daß der alte Herr bey deſſen Anblick ſchier zur Salz⸗ ſit er ens gn ungn, leberei⸗ en und einei Ehre ſo e mit aufing⸗ t viel⸗ rt ha⸗ unver⸗ en die umunh wallige nehm⸗ Ubend ekam, z tt ſeine Erben mi⸗ Gul⸗ — 207— ſaͤule ward. Ungeſäumt faßte er jetzt den Entſchluß, die Reſidenz wo nicht fuͤr immer zu meiden, doch wenigſtens nicht fruͤher da⸗ hin zuruͤckzukehren, als bis er von der daſelbſt erlittenen Schmach und Kraͤnkung unter ei⸗ nem entfernten Himmelsſtriche geneſen und Aurelia durch geſetzliche Vermittelung von al— len Verbindlichkeiten, deren ſie ſich gegen ihn anheiſchig gemacht, foörmlich frey geſprochen ſey. Eine unwiderſtehliche Sehnſucht nach dem Anblick des verbannten, verſtoßnen Juͤng⸗ lings, der durch den nehmlichen Umſtand, durch welchen er einſt des Vaters Gunſt ver⸗ lor, jetzt deſſen ganze Achtung gewann, be⸗ maͤchtigte ſich ſeiner Seele, und ſchon am nächſten Morgen trat er, nachdem er die von ihm bewohnten Zimmer des Hauſes unter Siegel gelegt und ſeine Diener entlaſſen hatte, die Reiſe nach Florbach an. Nachdem der Kammerherr ſeinem Sohne die weſentlichſten Punkte aus der eben ange⸗ fuͤhrten Leidensgeſchichte nicht ohne merkliche Schamroͤthe und Verlegenheit mitgetheilt und dieſer wechſelsweiſe bald in Mitleid zerfloſſen, 14 33 6 4 3 — — ———— —— ——— — 208— bald in die bitterſten Verwuͤnſchungen ausge⸗ brocher war, wandte er nach einer kurzen Pauſe ſich wieder mit folgenden Worten an ihn:„Laß uns, mein Sohn, nun ich durch dieſes freymuͤthige Geſtändniß einer durch ihre Folgen hart genug beſtraften Schwach⸗ heit mein Herz erleichtert habe, des verhaßten Gegenſtandes mit keiner Sylbe weiter geden⸗ ken, da gegenwaͤrtig eine weit angenehmere Sorge mein Innerſtes heſchäftigt. Schon ge⸗ ſtern fand ich in jenem an der Wand haͤn⸗ genden Gemählde einen zu rührenden Beweis Deiner fortdauernden Liebe gegen mich, als daß ich nicht ſeit dieſem Augenblick darauf haͤtte denken ſollen, auch von der meinigen Dir eine uͤberzeugende Probe zu geben. Eine junge Verwandte von uns, eine arme vater⸗ loſe Waiſe, die ich vor einiger Zeit nebſt ihrer Mutter in mein Haus aufnahm, hat mich hieher begleitet. Aufgewachſen in ländlicher Sitte und Anſpruchsloſigkeit, ſetzt ſie nicht minder durch ihre Reize, als durch ihre Tu⸗ genden jeden, der ſie kennen zu lernen Gele⸗ genheit hat, in Verwunderung, und ich muß es aush⸗ kurzn ten ah un ich r durch hwach⸗ rhaßten geden⸗ uhwere hon R⸗ d hän⸗ Brwiis 5, al dorayf einigen Eine vate⸗ ſt ihrer an niß ndlicht e nicht — 1 es Dir frey geſtehen, mein Sohn, daß die Betrachtung ihrer perſönlichen Vorzuͤge, welche Deinen mir bekannten Grundſätzen und Nei⸗ gungen vollkommen zu entſprechen ſcheinen, mich waͤhrend unſrer Reiſe zu ſo erfreulichen Wuͤnſchen und Hoffnungen veranlaßt hat, daß es mir ſehr ſchwer fallen wuͤrde, ſie wie⸗ der aufzugeben. Doch wozu bedarf es dieſer Schilderung meiner Worte, da die nähere Bekanntſchaft mit ihr Dich uͤber alles weit beſſer belehren kann! Ich eile ſie herzufuͤh⸗ ren; in wenig Augenblicken bin ich wieder bey Dir!“ Vergebens betheuerte Theodor, daß er ge⸗ genwaͤrtig ſich ſchlechterdings nicht geneigt fuͤhle, einen Beſuch dieſer Art anzunehmen; der eigenmächtige Freywerber war ihm aus dem Geſicht, bevor er von den zwanzig Ent⸗ ſchuldigungsgrunden, die er vorzubringen hatte, nur mit einem einzigen zu Stande gekommen war. Kaum aber ſah er ſich allein, als ſich ein neues Schauſpiel vor ſeinen Augen eröſſ⸗ nete. Von der rechten Hand des Wundarz⸗ tes am Zopf, von der linken am Kragen ge⸗ IMI. 14 — 210— faßt, ſtürzte Ehrfried aus dem Cabinet, in⸗ dem er ſich halb ſcherzend und halb unwillig von ſeinem Verfolger loszumachen ſtrebte. Der Chirurg hatte nehmlich mit dem aufzu⸗ legenden Pflaſter dem Alten ſo lange und ernſtlich zugeſetzt, daß dieſer es ihm endlich, verdrießlich uͤber den Spott, den er mit ſich getrieben glaubte, aus den Haͤnden riß, an den Boden warf, und weil es keinen andern Ausweg gab, durch Theodors Zimmer hin das Freye zu erreichen ſuchte. Jener aber, in der Meynung, daß ein Verſtoß gegen den Wohlſtand ſich durch ſeine menſchenfreund⸗ liche Abſicht vollkommen entſchuldigen laſſe, ſchoß wie ein Pfeil hinter ihm her, und eben in der Thuͤr gelang es ihm, ſich beſagtermaa⸗ ßen ſeiner Perſon zu verſichern⸗ Sicher wäre jedoch der Verdacht, den der Chirurg gegen den Alten hegte, in Theodors Augen auf ihn ſelbſt zuruͤckgefallen, haͤtte der Drang und die Ge⸗ walt des Augenblicks ſo geringfuͤgige Unter⸗ ſuchungen verſtattet. Denn als Theodor eben uͤber dieſen raͤthſelhaften Auftritt eine Erklä⸗ rung verlangt hatte, kam der Kammerherr zu⸗ et, in⸗ unwilh ſtrebt nufz⸗ ige und endlich, nit ſch n andern mer hin abet, in egen den enfteun⸗ en huſſe und eben termaa⸗ her vin gegen den ihn ſilſ die G. e Unl⸗ edor cbo ne 6u uhn ſu — 211— ruͤck, fuͤhrte ein in holder Verwirrung errd⸗ thendes Mädchen herein, näherte ſich mit ihr dem Lager des Kranken, und mit freudigem Schrecken erkannte Theodor ſeine Marie. „Nimm ſie hin!“ ſagte der geruͤhrte Vater, indem er ihre Hand in die ſeinige legte und der Muͤller, der zugleich mit ins Zimmer ge⸗ treten war, alle Anweſenden freundlich gruͤßte. „Fern ſey es von mir, mein vaͤterliches An⸗ ſehen zum Nachtheil einer Neigung zu gebrau⸗ chen, die ſo edelmuͤthiger Aufopferungen faͤhig war. Seyd gluͤcklich, meine Kinder! und ver⸗ ſchafft mir den Troſt, durch weiſe Benutzung einer Erfahrung, die ich nur zu theuer erkaufen mußte, Eure Wohlfahrt befoͤrdert zu haben!“ Haͤtte Theodor noch dieſen Vormittag ſein Vermaͤhlungsfeſt zu vollziehen beſchloſſen, ſo wäre der Chirurg, der einem ſteinernen Bilde glich, ſehr geſchickt geweſen, bey den dabey anzuſtellenden Tänzen des Landvolks die Saͤule abzugeben, die den Mittelpunkt des in Bewegung geſetzten Cirkels zu bezeichnen pflegt. Ehrfried aber fiel mit ſo ungeſtuͤmer Heftigkeit ihm um den Hals und uͤberhaͤufte, 14* —— ——— — 212— waͤhrend die hellen Thraͤnen an dem ſechstägi⸗ gen Haarwuchs ſeines Kinnes herabfloſſen, den guten Mann mit ſo nachdruͤcklichen und verſchwenderiſchen Beweiſen der Verſöhnung, daß deſſen linke Wange noch mehrere Tage lang an Roͤthe ſich von der rechten merklich unterſchied, da ſie den ſtuͤrmiſchen Angriffen des entzuͤckten Graukopfs beſonders ausgeſetzt geweſen war. Kraͤftiger, als Herrn Spilke's Tropfen und Pillen wirkten indeß Mariens zärtliche Sorgfalt und Pflege zu Theodors Geneſung. Der nächſte Fruͤhling vereinigte die beiden be⸗ nachbarten Dörfer zur gemeinſamen Feyer ei— nes Volksfeſtes, das alle Gemüther deſto mehr Vzur Froͤhlichkeit ſtimmte, je inniger die Theil⸗ nahme war, die ſie uͤber deſſen gluͤckliche Ver⸗ anlaſſung empfanden, und ein Blumenbeet im Schloßgarten ſpendete am nehmlichen Tage ſeine Erſtlinge fuͤr die Giebelkraͤnze der von Theodor neuerbauten Haͤuſer in Erlheim, und fuͤr den Brautkranz der reizenden Marie in Florbach. abfloſſin, ſchen und — ſöhnung, ere Tag werklich ide Troyfen eneſung⸗ eiden bl⸗ chet i⸗ ſo mehr menbeet en e der von 1 m, und ſurie in ——— Unter den Verwundeten, die nach Beendi⸗ gung eines blutigen Treffens beſinnungslos vom Schlachtfelde getragen wurden, befand ſich der vierzigjöhrige Fahnenjunker von Liebheim, deſſen widerwärtiges Loos um ſo mehr zu be⸗ klagen war, je zuverſichtlicher er im Laufe des bevorſtehenden Feldzuges durch die Tapfer⸗ keit ſeines Armes endlich zu erlangen gehofft, was das launenhaft eigenſinnige Gluͤck dem Un⸗ beguͤnſtigten bisher ſtets verſagt und verweigert gehabt hatte. Mehrere Tage hindurch ſchwankte er zwiſchen Tod und Leben; endlich ſchien die ihm innwohnende kräftige Natur den Sieg davon tragen zu wollen⸗ „Wo bin ich?“ begann er mit matter — 216— Stimme ſich zu erkundigen, als das Bewußt⸗ ſeyn ihm allmaͤhlich zuruͤckkehrte. „In der Sakriſtey einer Dorfkirche!“ rief es dicht neben ihm. Liebheim kehrte ſich muͤhſam nach der Seite, von wannen die Antwort erſcholl, und erblickte das todtblaſſe aber wohlbekannte Geſicht eines alten Krie⸗ gers, der, in ſeinen Caputrock gehuͤllt, mit dem Anſchein theilnehmender Sorgfalt und Aufmerkſamkeit am Lager ſaß. „Grüß dich Gott, chrlicher Zeidler!“ fuhr er mit einem zufriednen Lächeln fort. „Das ging ja ſcharf her! Hätt' ich doch ſchier gemehnt, es wäre gaͤnzlich mit mir vor⸗ bey, als mir die Fahne aus der Hand ſank! Nun, wie ſtehts mit den Unfrigen? Haben ſie ſich wacker gehalten?“ „Wie man es nicht anders erwarten konnte!“ verſetzte jener.„Der Feind ward vorlaͤufig um gute zwey Meilen Wegs zuruck⸗ gedraͤngt, wird aber hoffentlich bald noch um gar vieles weiter gejagt werden; denn alle Anzeichen deuten auf eine nah bevorſtehende allgemeine und entſcheidende Schlacht!“ ewuft⸗ rche!“ rte ſich en die bloſſe Frie⸗ „mit tnd ir vot⸗ ſonk! Haben watten wotd urick⸗ 6 um n olt ichende „Und ich ſoll nicht dabey ſeyn! Him⸗ melelement! Ich ſoll unterdeſſen hier liegen, und mich wie ein altes Spittelweib nur am Hörenſagen ergötzen!“ rief Liebheim in ſchmerz⸗ lichem Aerger und Unmuth.„Was ſagt der Feldſcherer? Wann denkt er mich wieder auf die Beine zu bringen?“ „Ergeben Sie ſich in Ihr Schickſal, Herr Fähnrich!“ erwiederte Zeidler.„Un⸗ ſer Kriegslauf iſt geſchloſſen; fuͤr uns beide hat alle Fehd' ein Ende. Mit Ihren Kopfwun⸗ den hat es freilich nicht ſo gar große Gefahr mehr; aber den Schuß durch den Schenkel werden Sie nun und nimmer vetwinden. Sie behalten Zeitlebens ein ſteifes Bein. Gott ſey's geklagt! Es geht mir nicht viel beſſer; denn mir haben ſie glattweg drey Finger von der rechten Hand abgehackt!“ 5 Liebheim warf die bekuͤmmerten Blicke vor ſich hin, und verſank in ein duͤſteres Nachdenken. Von der ſo eben vernommenen troſtloſen Botſchaft aufgeregt, bemächtigte, bey dem Gedanken an die Zukunft, ein ge⸗ heimes Grauen und Zagen ſich ſeiner Seele. — 218— Er war blutarm und hatte blutwenig gelernt. Was ſollte jetzt aus ihm werden, da er nicht allein die nach langem vergeblichen Hoffen und Harren ihm endlich eröffnete Ausſicht, ſich zu einer höhern Stufe emporzuſchwingen, durch die Tuͤckel des Zufalls plötzlich vereitelt ſah, ſondern ſogar zum fernern Kriegsdienſt uͤber⸗ haupt unfähig geworden war?„Welch ein elend jämmerlich Ding iſt mir dos Leben!“ ſeufzte er, ohne zu ahnen, wie nah ihm be⸗ reits die Huͤlfe ſey.„Wie habe ich von ſruͤ⸗ heſter Jugend auf mich kruͤmmen und winden muͤſſen, um mit Ehren durch die Welt zu kommenz und nun, da ich unter den Sorgen alt und grau zu werden anfange, wird mir ein Streich geſpielt, daß ich wohl gar noch von Haus zu Haus wandern, und ums Gna⸗ denbrod betteln muß! Was liegt mir an einer ſolchen Wiedergeneſung? Wäre die Kugel, die mich zum Kruͤppel gemacht hat, mitleidiger geweſen und um ein paar Span⸗ nen höher gegangenz es ſtuͤnde beſſer mit mir!“ In ähnliche Betrachtungen vertieft, ſaß gelemt. et niht fen und „ſih zu „durh ult ſoh, nſt uͤben elch ein Ven.“ ihm be⸗ von fri⸗ winden Welt ju Sorgen wird mir ar noch nb Gya⸗ mir a zir di cht hat, Spyn⸗ ſſr nit ft, — 219— er einige Tage ſpaͤter, das mit Binden um⸗ wickelte Haupt ſtill und ſchwermuͤthig in die Hand ſtuͤtzend, auf ſeinem. Schmerzenslager, als Zeidler, den er nach Lebensmitteln ins Dorf geſchickt hatte, hereintrat und ihm ein verſiegeltes Schreiben uͤberreichte, welches mit der ſo eben angelangten Feldpoſt fuͤr ihn ein⸗ gegangen war. Himmel! welche Veraͤnderung brachte der Inhalt deſſelben urplötzlich in der Lage der Dinge hervor! Liebheim wußte nicht, ob er den eignen Augen trauen ſolle; dreymal durchlas er, als ob er durch ein Blendwerk ſich getauſcht glaube, die verhaͤng⸗ nißvollen Schriftzeilen, dann erhob er den Blick gegen das Deckengewoͤlbe, faltete die Hände, und Thraͤnen der Ruͤhrung und Dank⸗ barkeit ſchoſſen ihm uͤber die Backen herab. Ein alter Oheim, der ſtets von den feindſe⸗ ligſten Geſinnungen gegen ihn erfullt geweſen war, hatte, wie durch ein Wunderwerk, ſich auf dem Sterbebette mit dem Neffen verſöhnt, denſelben feyerlich zum alleinigen Erben ſeines hinterlaſſenen Gutes eingeſetzt und wenige Tage nach rechtsguͤltiger Volfuͤhrung dieſes wohl⸗ 220— thätigen Werkes das Zeitliche geſegnet. Der ſtattgehabten Verordnung zufolge, ward Lieb⸗ heim eingeladen, je eher je lieber in eigner Perſon zu Struckbae ſcheinen, um hier von der liegenden fahrene Habe des Verblichenen gebuͤhrendermaaßen Beſitz zu nehmen. „Freue dich, du redliche Seele!“ rief der Entzuͤckte dem U es Briefes zu.„Du haſt, dem e Schmerz und Ungemach zum Trotz, dich einer Verpflegung ſo treulich angenommen, daß ich es oft im Stillen bedauerte, dich nicht nach Verdienſt dafuͤr belohnen zu können. Jetzt hat der Himmel ſich ins Mittel gelegt. Ich brauche meines kuͤnftigen Unterhaltes wegen nicht wei⸗ ter beſorgt zu ſeyn, und auch dir iſt geholfen! denn es verſteht ſich ſchon von ſelbſt, daß du mich nach Struckbach begleiteſt, und daß ich daſelbſt, zur Vergeltung der mir erwieſenen Freundesdienſte, nicht ermangeln werde, dich zu fuͤttern und dir Gutes angedeihen zu laſſen bis an dein ſeliges Ende!“ Mit dem lebhafteſten Vergnuͤgen nahm tif z und legung oſt im rdienſt gt der uut t wei⸗ oſfen! uß du uß ih iſenen „v lſin mn 1 Seidler, der ohnehin nicht wußte, was er nach empfangenem Abſchiede mit ſeinen ſieben Fin⸗ gern ferner anfangen ſollte, den ihm gemach— ten großmuͤthigen Vorſchlag an. Die Freude uͤber den unverhofſten Gluͤcksfall beſchleunigte Liebheims Geneſung. Das Geſuch um ſeine Dienſientlaſſung fand, in Erwaͤgung ſeines korperlichen Zuſtandes, nicht allein keine Schwierigkeit, ſondern ſogar eine lebensläng⸗ liche angemeſſne Penſion ward ihm von freyen Stuͤcken bewilligt, und ſchon nach Verlauf einiger Wochen ſah er ſich im Stande, die Reiſe nach ſeinem vierzig Meilen entfernten Erbgute Struckbach anzutreten. Mit ver⸗ langender Sehnſucht und Ungeduld ließ er ſich, nachdem zu Herbeyſchaffung der Reiſekoſten Anſtalt getrofſen war, auf den Wagen he⸗ ben; Zeidler nahm an ſeiner Seite Platz, und von dannen ging es aus dem Kriegsge⸗ wuͤhl und Wofſenlärm nach der winkenden Ferne eines friediichern Landſtriches. Gluͤcklich und wohlbehalten erreichte man uich⸗ nach einer Fahrt von acht Tagen, die Umgegend von Struckbach. Allein in eben — 222— dem Maaße, wie der Wagen dem Ziel ſeiner Beſtimmung ſich näherte, begannen die hoch⸗ trabenden Plane und Entwuͤrfe, mit welchen Liebheim ſeinen aufmerkſamen Reiſegefährten vom Morgen bis zum Abend unterhalten ge⸗ habt, ſich allmählich herabzuſtimmen und ein beſcheidneres Weſen anzunehmen. Die trau⸗ rig öden Steppen und Sandflächen, die bereits während der letztverwichenen zwey Tage ſich vald hier bald dort dem Blicke darboten, hat⸗ ten ſich nach und nach auf ſo bedeutende Weiſe vermehrt, daß ſie nachgerade uͤberall den ausſchließlichen Grundſtoff des Bodens ausmachten, und an eine dem Auge wohl⸗ thuende Abwechſelung faſt gar nicht mehr zu denken war. An Moos und Haidekraut ſchien die wirkende Kraft der Natur ſich erſchoͤpft zu haben; gaͤnzlich verunglückt war ihr das Laubgehölz, das kuͤmmerlich verkruͤppelt und mit Staub uͤberdeckt am Wege ſtand, und ſelbſt die zahlreichen Kiefernwälder, durch welche die Ausſicht aller Orten beſchraͤnkt wy de, konnten nur dazu dienen, der Gegend ein veſto einformigeres Anſehen zu verleihen⸗ 1 ſin e hoch ten gl⸗ und ein ie trau⸗ bereils g ſch n, hat⸗ deutende überal Bodens R wehl⸗ mehr t ſchien aſchiyſt ihr das pelt un 5 d, und drh eſhül Gegen el⸗ erl — 223— Es war mitten im Sommer, dennoch gab nirgends eine Spur von Luſt und Leben ſich kund; nur hin und wieder erblickte man eine einſiedleriſche Kraͤhe, die mit unmuthig auf⸗ gebuͤſtertem Gefieder auf duͤrrem Strauchwerk ſaß, und bey Annäherung des Wagens ſich aͤchzend und wehklagend in die Lüfte erhob. Außer ihr, unterbrachen nur das Schnaufen der Pferde das Geknarr der Achſen und Lieb⸗ heims unwillkuͤhrlich wiederholte Stoßſeufzer die Todtenſtille, die ringsum verbreitet lag. „Ich merke wohl,“ ſprach Liebheim mit ernſtbedaͤchtiger Miene, waͤhrend man durch den tiefen Sand des jetzt erreichten Kiefernwaldes, hinter welchem, einer fruͤher erhaltenen Auskunft gemaß, ſich das beab⸗ ſichtigte Ziel befand, nur langſam vorzuruͤcken vermochte:„ich merke wohl, daß die Jagd hinfuͤhro meinen hauptſächlichſten Zeitvertreib wird ausmachen muͤſſen, wofern ſich dieſelbe nur irgend mit meinem lahmen Beine ver— trägt. Von der Feldwirthſchaft, der ich mich anfaͤnglich zu widmen gedachte, duͤrfte, dem — 224— oberflaͤchlichen Anſcheine nach, wohl nicht eben viel Freude zu hoffen ſeyn!“ Er hatte dieſe Worte kaum ausgeſpro⸗ chen, als der Thon eines Waldhornes aus der Tiefe der Holzung zu ihm herüber drang⸗ Liebheims Geſicht erheiterte ſich, er befahl dem Kutſcher zu halten, und ſagte, nachdem er ein paar Minuten lang mit ſtillem Behagen ſich an den überraſchenden Wohllauten ergötzt und geweidet hatte:„Laufe doch einmal hin, lieber Zeidler, und ſieh zu, wer es denn ei⸗ gentlich iſt, der hier im einſamen Walde uns dieſen erquicklichen Ohrenſchmauß zu Theil werden laͤßt!“ Der Beauftragte machte ſich ſogleich auf die Beine, und kehrte bald darauf mit einem Menſchen zuruͤck, den er beym Kragen gepackt hatte und nur mit der angeſtrengteſten Gewalt naͤher herbey zu ſchlep⸗ pen vermochte, indem derſelbe fort und fort ihm zu entwiſchen bemuͤht war. Er war von unanſehnlicher ſchmächtiger Geſtalt, ſein Ge⸗ ſicht war bleich und eingefallen; nur die ziem⸗ lich hervorſtehenden Backenknochen hatte der Zorn über die an ihm veruͤbte Gewaltthätig⸗ keit iht n geſpre⸗ nes aus drang⸗ chl den hdem e ehogen ug nal hin, denn ei⸗ Wolde auß 3 emachte rle hald den er wüt dir ſchl und jut var von ſin G die jin⸗ hatte d keit — 225— keit mit einer zirkelrunden brennenden Röthe ͤberzogen. An der durchlöcherten Jacke, mit welcher er angethan war, ließen weder Stoff noch Farbe ſich mehr erkennen. Seine Fuß⸗ bekleidung beſtand in ein paar alten Pantof⸗ feln von ungleicher Größe, und mit einem eben ſo armſeligen Lederkaͤppchen, unter wel⸗ chem die ſchlichtgekämmten fahlbraunen Haare bis auf die Schultern herabhingen, war ihm der Wirbel bedeckt. „Er darf keine Furcht hegen!“ redete Liebheim den verſchuͤchterten Tonkuͤnſtler mit freundlicher Gutmüthigkeit an.„Wer iſt er, mein Freund, und wo ſchreibt er ſich her?“ „Ich bin der Fidelfritz aus Struckbach, wie die Leute mich nennenz Friedrich Henkel aber iſt mein eigentlicher Name!“ entgegnete jener mit quickender Stimme und in der ſicht⸗ barſten Angſt und Verlegenheit. „Nun, Henkel,“ rief in ſeiner frohen Laune der Fähnrich;„ſo ſetz' er ſich dort ne⸗ ben den Kutſcher, und blaſ' er aus Leibes⸗ kräften auf ſeinem Horn, waͤhrend ich meinen Einzug im Dorf haltez denn ich bin der neue II. 15 — 226— Gutsbeſitzer von Struckbach. Das Probchen, das er von ſeiner Kunſt vernehmen ließ, hat meinen Beyfall gehabt; er ſoll mein Kammer⸗ muſikus werden. Nun, beſinn' er ſich nicht lange! Die Zeit iſt edel, und ich wuͤnſche vor Einbruch des Abends an Ort und Stelle zu ſeyn. Zuvor magſt du ihm aber den grauen Kaputrock umhängen, Zeidler, damit man an den vielen Bloͤßen, die er giebt, kein Aergerniß nimmt!“ Der arme Bedraͤngte ſtraͤubte ſich gegen dieſes Anſinnen, ſo viel in ſeiner Macht ſtand, es half aber nichts, er mußte ſich in ſein Verhaͤngniß fuͤgen und den ihm angewieſenen Platz neben dem Kutſcher einehmen, worauf der Wagen ſich wieder in Bewegung zu ſe⸗ tzen anfing. Nach Verlauf einiger Zeit fuͤhrte der Weg an einem, mit Reißholz umzaͤunten jun⸗ gen Anwuchſe von Fichten und Tannen vor⸗ uͤber. Dicht an demſelben befand ſich eine Warnungstafel mit der Inſchrift: Herrſchaft⸗ liches Gehege, welches zu betreten bey Strafe des Halseiſens unterſagt wird. kuͤn nen me dhen, „W mmen nicht ͤnſche Stell t den damit kein gehen ſtund, n ſein ieſenen vornuf u ſ⸗ te der njun⸗ vor⸗ eine chaft Zm — 227— „Halt!“ rief Liebheim mit gebieteriſchem Ton;„das ſind nicht die Grundſaͤtze, nach welchen ich zu ſchalten geſonnen bin! Steig⸗ ab, Zeidler, reiße den Pfahl aus dem Bo⸗ den, und wirf ihn ſammt der Tafel in den Graben, daß alles in Stuͤcke zerbricht. Nicht aus Furcht vor der Strafe, ſondern aus Liebe zur Ordnung und Schicklichkeit, und aus ſchuldiger Ruͤckſicht auf den Vortheil der kuͤnftigen Geſchlechter, ſollen meine Untertha⸗ nen ſich gegen neue Anpflanzungen ſchonend beweiſen. Iſt das nicht auch ſeine Meinung, mein lieber Henkel?“ Dieſer, der bisher traurig den Kopf ge⸗ hangen, und ſich ſeinen eignen duͤſtern Ge⸗ danken und Grillen uͤberlaſſen gehabt, fuhr bey dem Zuruf erſchrocken von ſeinem Sitz empor, wandte mit ſcheuer Geberde ſich ruck⸗ wärts, und gab durch ein verlegnes Geſicht zu erkennen, daß er leider nichts zu antwor⸗ ten wiſſe, indem er, einzig und allein mit ſich ſelbſt beſchäftigt, durchaus nicht beachtet habe, wovon die Rede geweſen ſey. Endlich, nachdem man zur muͤhvollen 15* — 228— Ueberwindung der letzten vier Meilen faſt zwoͤlf Stunden gebraucht hatte, war der Aus⸗ gang des Waldes erreicht. Funfßzig bis ſech⸗ zig Strohhuͤtten, größtentheils vom aͤrmlich⸗ ſten Anſehen, zeigten ſich in der Ferne, und Liebheim wuͤrde, obwohl er ſeine fruͤhern ſtol— zen Erwartungen bereits aufgegeben hatte, bey dieſem niederſchlagenden Anblick nicht umhin gekonnt haben, ſeinem gepreßten Herzen durch erneuerte Stoßſeufzer Luft zu machen, hätte nicht ein dem Dorf zur Seite befindliches, zwiſchen hohen Buchen und Ulmen hervorra⸗ gendes, ziemlich ſtattliches Gebaͤude, welches Henkel ihm als den Herrenhof bezeichnete, ſeinen Truͤbſinn verſcheucht und ihm neuen Muth eingeflößt. Die Töne des Waldhorns, auf welchem der draußen im Buſch aufgegrif⸗ fene Kunſtler, dem ihm eingeſchärften Berufe gehorchend, zu blaſen anfing, lockte alle Be— wohner des Dorfes vor die Thuͤren heraus. Der uͤberraſchende abentheuerliche Aufzug, in welchem Fidelfritz den Augen ſich darſtellte, erregte die lebhafteſte Theilnahme, und mit ju⸗ belndem Gelaͤchter ward er von Jung und mlich⸗ „und ſtel⸗ e, beh mhin duch hütte ſches, vorro⸗ olches hnee neuen rns, egrif⸗ zerufe Bl⸗ aus⸗ — 229— Alt bewillkommnet; waͤhrend man den neuen Gutsherrn ſelbſt, der links und rechts mit der leutſeligſten Herablaſſung der gaffenden Menge ſeinen Gruß zunickte, kaum zu bemer⸗ ken ſchien. „Ein recht aufgeweckter, frohfinniger Schlag von Menſchen, wie es den Anſchein hat!“ ſagte Liebheim, als der Wagen auf dem geraͤumigen Gutshofe anlangte, woſelbſt der alte Hausverwalter Broſel bereits zum Empfange des einziehenden Gebieters geruͤſtet ſtand. Binnen wenigen Minuten waren die mitgebrachten Habſeligkeiten abgepackt und nach dem Innern der Wohnung geſchafft. Liebheim griff in die Taſche, um dem Hor⸗ niſten ſeine Erkenntlichkeit zu bezeigen; die⸗ ſer aber hatte, auf jede Belohnung der ihm abgenöthigten Dienſte Verzicht leiſtend, die ſtattfindenden Begruͤßungsfeyerlichkeiten zur Flucht benutzt, und ſich ſtillheimlich von dan⸗ nen geſchlichen. Der großartige Eindruck, den das Her⸗ renhaus, von fern geſehen, hervorbrachte, ver⸗ minderte ſſich gewaltig, ſobald man ſich erſt — 230— in ſeiner Naͤhe befand, und es von innen und außen genauer ins Auge zu faſſen anfing. Keinesweges nach einem einzigen beſtimmten Entwurfe, ſondern ſtuͤckweiſe und in verſchie⸗ denen Zeiträumen entſtanden, hatten mehrere Baumeiſter, in ihren Anſichten und Grundſä⸗ ben auf das feindſeligſte von einander abwei⸗ chend, ihre Kunſt an demſelben verſucht. Das Ganze kränkelte ſichtbar an der erſten fehler⸗ haften Grundlage. Ueberall waren die Mau⸗ ern geborſten, Gebälk und Spartwerk aus ihren Fugen gewichen und mehrere Thuͤren und Fenſter durch die Wucht des auf ihnen laſtenden Druckes fuͤr immer verſchloſſen wor⸗ den. Der größte Theil der Gemaͤcher war dem freyen Spiel des Windes und Wetters blos geſtellt, und außer den beyden Stuͤbchen im Erdgeſchoß, die der Verwalter inne hatte, befanden ſich nur ein im obern Stockwerk vorhandener ziemlich geräumiger Saal und zwey daran ſtoßende Kammern in vollig ta⸗ delloſem und bewohnbarem Zuſtande. Lieb⸗ heim, der bald nach erfolgter Ankunft ſich uͤberall im Innern des Gebäudes umherfuͤhren lieſ in 6i ſtör war der Ar vch hin nar ku ten und anfin immten berſchi⸗ mehter tundſi⸗ abwei⸗ Das fchler⸗ Mau⸗ aus Jhuͤren f ihnen n wor⸗ et zetters tbchen hatte, ockwerk lund lig t⸗ Licb⸗ ſt ſ ihnn — 231— ließ, beſaß einen zu genuͤgſamen Sinn, um in der behaglichen Freude uͤber ſein erlangtes Eigenthum ſich durch die Mängel deſſelben ſtören zu laſſen. Nur Eins erregte, indem er ſich noch der Kruͤcken zu bedienen genothigt war, ſeinen lebhaften Aerger und Unwillenz der Umſtand nehmlich, daß man, in Folge der uͤberall ſich kundgebenden ſchreyenden Miß⸗ verhältniſſe, ſtets einige Stufen hinauf oder hinabſteigen mußte, um aus einem Zimmer nach dem andern gelangen zu koͤnnen. „Weißt du wohl, Zeidler, daß ich kurz vor unſerer Abreiſe beinahe noch einen recht dummen Streich gemacht hätte?“ ſagte er Abends beim Schlafengehen zu ſeinem Ver⸗ trauten, nachdem er uͤber den eigentlichen Gehalt und Beſtand der ihm zugefallenen Erbſchaft uͤberhaupt ſich näher in Kennt⸗ niß geſetzt, und gefunden hatte, wie ſehr er ſogar in den beſcheidenſten Erwartungen ſich getaͤuſcht und zu ſeinem Nachtheil verrechnet habe.„Denke Dir! Ich war bereits im Begriff, mir die Penſion zu verbitten, von deren freiwilliger Zuſicherung meine Dienſt⸗ — 232— entlaſſung begleitet war. Wohl mir, daß die leiſe Vorſtellung einer Möglichkeit, die ich nunmehr als Wirklichkeit vor mir ſehe, mich noch zur rechten Zeit auf andere Gedanken brachte; ſonſt wuͤrden wir uns verzweifelt knapp behelfen muͤſſen! Mein Oheim, Gott hab' ihn ſelig! muß wie toll gewirthſchaftet haben; denn ſogar eine Schuldenlaſt von drei⸗ hundert Thalern hat er mir hinterlaſſen, was ich aber an Geräth und Gerull vorgefunden, iſt keine funfzig werth. Nun, man ſoll ſich ja durch aͤngſtliches Gruͤbeln und Sorgen das Leben nicht noch ſaurer machen, als es ohnehin ſchon iſt! Ich will alſo getroſt die Verwaltung des Gutes antreten, mich einer klugen Sparſamkeit befleißigen, und von dem alten Herrn da droben das Beſte hoffen!“ Am andern Morgen machte er ſich auf, und begann, waͤhrend Zeidler mit haͤuslichen Einrichtungen ſich beſchaͤftigte, im Dorf um⸗ her zu humpeln, um ſich in naͤhere Bekannt⸗ ſchaft mit ſeinen Unterthanen zu ſetzen, deren Gunſt und Zutrauen er durch das ihm eigen⸗ thuͤmliche, treuherzig gutmuͤthige Weſen denn — 233— auch gar bald gewonnen hatte. Hier erfuhr er, welchen Urſachen der geringfuͤgige Betrag der vorgefundenen Erbſchaft zuzuſchreiben, und welch ein ſonderbarer Kauz der Verſtorbne ge⸗ weſen war. Geizhals und Verſchwender zu⸗ gleich, hatte er nur waͤhrend der mildern Jah⸗ reszeit auf ſeinem Gute ſich aufgehalten, hier unabläſſig geſpart und geknickert, und mit der unbarmherzigſten Strenge und Grauſamkeit gegen ſich ſelbſt kaum die Befriedigung der dringendſten Lebensbeduͤrfniſſe ſich verſtattet. Beym herannahenden Winter aber hatte er jedesmal nach einer zehn Meilen von Struck⸗ bach entfernten Stadt ſich begeben, daſelbſt flott und luſtig gelebt und die zuſammenge⸗ ſparte Baarſchaft bis auf den letzten Heller wieder vergeudet und durchgebracht. Mit den Schwalben und Störchen war er ſodann re⸗ gelmäßig nach ſeinem Dorfe zuruͤckgekehrt, um hier, einer bis an ſein Ende beybehaltenen Gewohnheit gemaͤß, aufs neue der Knauſerey obzuliegen und zu Gunſten der naͤchſtfolgen⸗ den Wintervergnügungen die noͤthigen Anſtal⸗ ten zu treffen. Umſtaͤndlicher noch ward Lieb⸗ — 234— heim uͤber alles, was dieſen Punkt betraf, durch die Schilderungen des alten Hausver⸗ walters Broͤſel unterrichtet, der bis auf dieſe Stunde des ſeligen Herrn nie anders, als mit wiederholtem Kopfſchuͤtteln und Achſelzu⸗ cken Erwähnung zu thun vermochte, nachdem er dreißig Jahre hindurch ein ſtilljammernder Zeuge ſeines Thuns und Treibens geweſen war.„Ich will mich gern jedes Urtheils uͤber den ſonderbaren Geſchmack des Verſtorbenen enthalten!“ rief der Fähnrich mit Lebhaftig⸗ keit aus.„So viel aber iſt mir klar, daß ich nimmermehr in ſeine Fußſtapfen treten werde! Er ſelbſt ruhe in Friedenz aber ſein Beyſpiel hole der Teufel!“ Seine erſte angelegentlichſte Sorge war jetzt auf die Wiederherſtellung des zum Guts⸗ hofe gehorigen großen Gartens gerichtet, der, als Denkzeichen der gefuͤhlloſen Unachtſamkeit ſeines vorigen Beſitzers, ſich nach und nach in die unwirthbarſte Wildniß verwandelt hatte. Liebheim ſelbſt ordnete die zu dieſem Behuf erforderlichen Arbeiten an, verfuhr dabey nach eignem Geſchmack und Entwurf, und fand in ſa beih, uusbet⸗ uf dieſ 6, u chſelzu⸗ nochdem mernder orbenen haftig⸗ t, daß trelen bir ſeht wat Guts⸗ t, der⸗ amfi nach hatte Behl n am — 235— dem regen Eifer, mit welchem er ſeiner neuen Schöpfung ſich widmete, eine angenehm zer⸗ ſtreuende Beſchaͤftigung. Nach Verlauf eini⸗ ger Zeit ward dieſelbe jedoch zu ſeinem großen Leidweſen geſtört und unterbrochen; denn es ſtellte plotzlich eine ſo rauhe naßkalte Wit⸗ terung, und mit ihr zugleich ein ſo empfind⸗ licher Schmerz in ſeinen kaum vernarbten Wunden ſich ein, daß er, unfähig, den fer⸗ nern Aufenthalt im Freyen ertragen zu kön⸗ nen, fortwährend das Zimmer zu huͤten ge⸗ nothigt ward. Da fuͤhrten an einem regnig⸗ ten Nachmittage Mißmuth und Langeweile ihm das Bild des im Dorfe wohnhaften Hornbläſers in das Gedächtniß zuruͤck. Er wuͤnſchte, ſich aufzuheitern, und unverzuͤglich mußte Zeidler ſich auf den Weg machen, um den Kuͤnſtler herbeyzuholen, nachdem er den⸗ ſelben zuvor, durch Ueberbringung einiger Kleidungsſtuͤcke, in den Stand geſetzt habe, in der Behauſung des Gutsherrn mit Ehren erſcheinen zu koͤnnen. Friedrich Henkel, genannt Fidelfritz, be⸗ ſaß ein vom Vater ererbtes Häuschen als Ei⸗ — 236— genthum und fand, indem er bey vorkommen⸗ der Gelegenheit die umliegenden Döoͤrfer be⸗ ſuchte und zum Tanz aufſpielen half, einen kuͤmmerlichen Erwerbszweig in der Muſik, worin er, einige wenige durch fremden Un⸗ terricht erlernte Handgriffe abgerechnet, ſein eigner Lehrmeiſter geweſen war. Das be⸗ dauernswuͤrdige Opfer einer jugendlichen Un⸗ vorſichtigkeit, deren traurige Folgen ſeiner Seele unaufhörlich vorſchwebten, war er ſchon fruͤh⸗ zeitig mit ſich ſelbſt und mit dem Leben zer⸗ fallen. Fort und fort ſpiegelte in den duͤſtern truͤben Blicken ſich der Zuſtand ſeines Innern, und nie ſah man ihn die Fröhlichkeit theilen, die er, in Ausübung ſeines Berufes, beför⸗ dern und verbreiten half. Er hatte in ſeinem vierzehnten Jahrs das Ungluͤck gehabt, ſeinen. juͤngern Bruder durch einen Steinwurf zu tödten. Vom Schreck und Schmerz uͤber dieſes grauenvolle Ereigniß war ihm der Sinn umnebelt uud verduͤſtert; erſtorben war ſein Herz von dieſem Augenblick an fuͤr alle Re⸗ gungen der Luſt und des Frohſinnes, und eine tiefe und unheilbare Schwermuth hatte ein He Um hun chen übe pfl dur dri geh laſ D ſen mu omnn⸗ rfer he „einen n Un⸗ t, ſein 5 bl⸗ n früh⸗ en zer⸗ duͤſtern nnern, theilen, hefo⸗ ſenem ſeinen urf ju zber Sinn r ſi — 237— ſich ſeiner Seele bemaͤchtigt. Seit dem Ab⸗ ſterben der Mutter fuͤhrte er in ſeiner Huͤtte, die faſt immer verſchloſſen gehalten wurde, ein einſiedleriſches Leben, war ſein eigner Herr end Knecht und vermied allen auf den bloßen Lebensgenuß abzweckenden geſelligen Umgang. Dagegen hatte der arme Gemuͤths— kranke mitten auf ſeinem an Hauſe befindli⸗ chen Gartenplatze, der von ſeinen Haͤnden uͤberall mit dichtem und fuͤr jeden fremden Beſucher undurchdringlichen Dorngebuͤſch be⸗ pflanzt war, ſich ein Grab gegraben, worin er, der wehmuͤthigen Erinnerung an ſeinen Bruder nachhängend, häufig zu ſitzen pflegte. Trotz des ſpaͤrlichen und duͤrftigen Unterhal— tes, welchen ſein, oft mehrere Monate hin⸗ durch brachliegendes Gewerbe ihm abwarf, ſiel er niemand zur Laſt. Auch bey dem druͤckendſten Mangel hatte er noch niemals gegen irgend jemand eine Bitte laut werden laſſen; wohl aber war er die Gefaͤlligkeit und Dienſtfertigkeit ſelbſt. Willig und unverdroſ— ſen unterzog er ſich den beſchwerlichen Zu⸗ muthungen, mit welchen man von allen Sei⸗ ——— — 238— ten ihn uͤberhäufte, und weder die Geſchäfts⸗ laſten, die man ihm aufbuͤrdete, noch der Mißbrauch, den man nicht ſelten mit ſeiner Gutmuͤthigkeit trieb, waren im Stande, ſeine Geduld zu erſchöpfen. Beſonders bediente man ſich ſeiner zum Botenlaufen nach dem faſt eine Meile Weges von Struckbach ent⸗ fernten Flecken Werlau, woſelbſt es bald fuͤr dieſen bald fuͤr jenen Einwohner des Dorfes etwas zu beſchicken und auszurichten gab. Seinem ſtets bereitwilligen Dienſteifer zufolge, hatte man ſich allmaͤhlich daran gewöhnt, ihn als den allgemeinen Packtraͤger zu betrachten, und bey Nacht und Nebel, bey Sturm und Regen, mußte Fidelfritz fort, um Aufträge ins Werk zu richten, zu deren Beſorgung ſich kein andrer hergeben mochte. An dem Nachmittage, da Liebheim die erſte Bekannt⸗ ſchaft mit ihm machte, ſah er ſich eben be⸗ auftragt, einen Buben nach dem Dorfe zu⸗ ruͤckzuholen, der in den Wald hinausgerannt war, um Vogelneſter zu ſuchen. Mit den Klängen des Waldhorns, durch welche die Reiſenden ſo angenehm uͤberraſcht wurden, eſchis⸗ noch de ſit ſeine de, ſine bediente ach dem ach ent⸗ alo für Dorſes n gab. zufolge, hut ihn rochten, um und uftrige orgung Un dem zekannt⸗ eben be⸗ fe zl⸗ gerann Nit d ſhe d wun — 239— hatte er keine andere Abſicht, als den Ver⸗ laufenen herbey zu locken; ſo wie das heftige Straäuben, mit welchem er dem an ihn er⸗ gangenen Befehle ſich zu widerſetzen bemuͤht war, lediglich aus ſeiner Furcht und Scheue vor den auf dem Wagen befindlichen wild⸗ fremden Geſichtern entſprang.— Er ſtieg, als Zeidler in der Gegend ſei⸗ ner Wohnung anlangte, eben vom Dach herab, welches er auszubeſſern und gegen den eindringenden Regen zu ſchuͤtzen beſchaͤftigt ge⸗ weſen war. Der Anblick der Kleidungsſtuͤcke, worin gegenwärtig gerade ſein hauptſächlichſtes Beduͤrfniß beſtand, ſchien ihn tief zu ruͤhren; auch ermangelte er nicht, dieſelben ſogleich anzulegen und ſodann, mit Horn und Geige verſehen, getroſt an der Seite ſeines Füͤhrers die Wanderung nach dem Herrenhof anzu⸗ treten. „Recht brav, mein lieber Henkel, daß er keine Umſtände macht, meinen Wunſch zu erfuͤllen!“ rief Liebheim, der mit dickum⸗ wundenem Kopfe auf ſeinem Ruhebett lag, und den Tabacksdampf in ſo ſtarken Zuͤgen — 240— von ſich blies, daß man ihn durch die Rauch⸗ wolke, die er um ſich verbreitet hatte, kaum zu erkennen vermochte.„Sieht er wohl? Jetzt hat er denn doch ein Anſehen gewonnen, wie es ſich fͤr einen Kuͤnſtler geziemt und ge⸗ buͤhrt! Die Kleider ſitzen ihm ja wie an⸗ gegoſſen!“ Das war nun freilich eine Bemerkung, welche mehr aus der mitleidigen Abſicht, dem Schuͤchternen Muth einzuſprechen, als aus der aufrichtigen Ueberzeugung hervor ging; denn der graue Frack, in welchen der Be⸗ ſchenkte ſich nothigenfalls zweimal haͤtte ein⸗ knoͤpfen koͤnnen, reichte ihm bis zu den Knö⸗ cheln hinab, während die ungeheuern Jagd⸗ ſtiefeln mit der Weſte zuſammen ſtießen. Henkel that den Mund auf, um dem großmuͤthigen Gönner fuͤr die mitgetheilte Ga⸗ benſpende ſein Dankgefuͤhl durch Worte kund zu gebenz die Kehle war ihm jedoch wie zu⸗ geſchnuͤrt, und der angeſtellte Verſuch miß— gluͤckte auf ſo entſchiedne Weiſe, daß er es am Ende blos bey einer tiefen Verbeugung bewenden ließ⸗ Auf che mi Rollh⸗ kaum wohl! wonnen, und gl⸗ wie an⸗ n, i, dem s aus ging; der Be⸗ e ein⸗ n Fni⸗ 5. Jh m den lte Gu⸗ te kund wie zl ßer 6 beug — 241— Auf das an ihn ergehende Geheiß ſtellte er ſich nunmehr ans Fenſter und traf An⸗ ſtalt, dem Zweck ſeiner Herbeyberufung nach Kräften Genuͤge zu thun, indem er abwech⸗ ſelnd bald auf der Geige, bald auf dem Waldhorn vorzutragen anfing, was ihm eben ins Gedaͤchtniß kam. Liebheim hörte ihm mit eben ſo unermuͤdlicher Geduld als Auf⸗ merkſamkeit zu, und hatte ſich der neben dem Bett befindlichen Kruͤcke bemaͤchtigt, mit wel⸗ cher er durch ein unablaͤſſiges Stampfen ge⸗ gen den Fußboden den Takt anzugeben be⸗ muͤht war. Unter dieſem Geſchaͤft fiel es ihm bey, daß er vor acht Jahren, unter Anlei⸗ tung eines Waffengefährten, der jedoch bald wieder von ihm getrennt worden, die Floͤte zu blaſen angefangen habe, und es ward zu⸗ gleich die Vorſtellung, daß jetzt zur Wieder⸗ aufnahme und Fortſetzung jener fluͤchtigen Liebhaberey die ſchönſte Muße ſich darbiete, immer lebhafter in ſeinem Innern, bis ſie endlich zum feſten Entſchluſſe gediehen war. „Ich muß ihm nur berichten, mein lie⸗ ber Henkel, daß ich nicht blos ein oberfläch⸗ M. 16 — 242— licher Verehrer der Muſik, ſondern, ſo zu ſa⸗ gen, ſelbſt ein wenig durch die Schule gelau⸗ fen bin!“ redete er mit einem Anfluge ſtol⸗ zen Selbſtgefuͤhles waͤhrend einer entſtandenen Pauſe den Dienſtbefliſſenen an.„Bey Gele⸗ genheit eines Familienballes ſtrich ich in fruͤ⸗ hern Jahren einmal mit ſo richtigem Takt und Ausdruck auf der Baßgeige, daß alle Umſtehenden glaubten, ich hätte mein Lebtag nichts anders gethan! Es geſchah aber nur zum Spaß; denn mein eigentliches Haupt⸗ inſtrument war und blieb immer die Floͤte. Kennt er God save the King?“ „Nicht, daß ich wuͤßtez halten zu Gna⸗ den!“ verſetzte Fidelfritz mit weinerlichem Geberdenſpiel. „O weh!“ fuhr Liebheim fort.„Dann wird ihm wohl eben ſo wenig mein zweites Lieblingsſtuͤck: Willkommen, o ſeliger Abend! bekannt ſeyn?“ Statt der Antwort ergriff jener geſtaͤrk⸗ ten Muthes die Geige und begann das nun erwaͤhnte Lied mit eben ſo vieler Kraft als Leichtigkeit ihm vorzuſpielen. Der Fähnrich — we ve un wi o zu ſ⸗ e gelan ge ſtol⸗ andenen y Gel⸗ in fri⸗ m aft aß ole Lobtag ber nut Haupt⸗ Flote zu Gynſ⸗ nerlichem „Dan weitt Aben gin das tuft“ Fihn — 243— ward dadurch in die behaglichſte Stimmung verſetzt; er vergaß ſeine Schmerzen, verfolgte die Fingerbewegungen des Tonkuͤnſtlers mit unverwandten funkelnden Blicken und rief und winkte ihm unaufhörlich ſeinen Beyfall zu. „Er wuͤrde mir einen Dienſt erweiſen,“ ſagte er, als der hereinbrechende Abend dieſer ergötzlichen Unterhaltung ihr Ziel ſetzte,„wenn er bey ſchicklicher Gelegenheit ſich erkundi⸗ gen wollte, ob es vielleicht hier in der Umgegend irgendwo eine Flöte zu Kauf giebt. Sein Spiel hat mir Luſt gemacht, mich ſelbſt wieder ein wenig auf die Muſik zu legen!“ „Freylich, freylich, gnaͤdigſter Herr!“ rief Henkel mit aͤngſtlicher Geſchaͤftigkeit aus. „Der Stadtpfeifer zu Werlau hat eine in der Kammer haͤngen, die er gern an den Mann bringen möchte. Nur hat Schneider Dachs ſie beym letzten Pfingſtbier ein wenig uͤberblaſen nud ſie will ſeitdem das tiefe D nicht mehr angeben!“ „Was Schneider Dachs, was tiefes D! Was hab' ich damit zu thun und zu ſchaf⸗ 16* —— — 244— fen?“ eiferte der Fähnrich.„Bring' er mir die Floͤte zur Anſicht; dann wird ſich finden, ob wir des Handels einig werden koͤnnen oder nicht. Fuͤr heut Gott befohlen, mein Lieber! Er iſt ein ſo wackrer Muſikus, als man es fuͤr Struckbach nur immer verlangen kann. Ich werde darauf denken, mich fuͤr den Zeit⸗ vertreib, den er mir verſchafft hat, erkennt⸗ lich zu bezeigen!“ Des andern Morgens um acht Uhr, als Liebheim eben ſein Fruͤhſtuͤck zu verzehren im Begriff war, klopfte es an die Thuͤr, und Henkel, der in ſeinem Dankgefuͤhl dem Sturm und Regenwetter Trotz bietend, ſich noch vor Tagesanbruch nach Werlau auf den Weg ge⸗ macht hatte, trat mit der Flöte herein. Es war ein Spottgeld, was der Stadtpfeifer da⸗ fuͤr verlangtez auch zählte der Faͤhnrich, ohne ſich nur einen Augenblick lang zu bedenken, oder die Guͤte des Inſtruments erſt genauer zu unterſuchen, die Kaufſumme ſogleich ver⸗ gnuͤgt auf den Tiſch hin. Bey der Verſuchsprobe, die er nunmehr in der Frohlichkeit ſeines Herzens anſtellte, 90 ner mr finden, nen oder Liebet! man es nkann. en Zlit⸗ tkennt⸗ ht Uhr, erzehren it, und Sturm noch vor edenken, genaue ſch vun unm — 245— fand es ſich leider, daß er von dem engli⸗ ſchen Volksliede nur den erſten Theil inne hatte, den zweiten aber durchaus nicht mehr zu Stande zu bringen vermochte. „Was er geſtern vom tiefen D erwaͤhnte, ſcheint nicht ungegruͤndet!“ ſagte Liebheim, von den vergeblichen Anſtrengungen ermuͤdet, mit ſehr ernſter Miene.„Der verdammte Schneider! Wie hieß er doch gleich?“ „Dachs, halten zu Gnaden!“ rief in kreiſchender Tonhoͤhe der Befragte, indem ſein blaſſes Geſicht von einem ſeltſamen Zucken uͤberflogen ward, welches des Schneiders Un⸗ ſchuld an dem mißlungenen Verſuch in Schutz zu nehmen ſchien. Jener griff, um den trocknen Gaum zu erquicken und anzufeuchten, nach ſeinem Fruͤh⸗ trunk.„Willkommen, o ſeliger Abend!“ fuhr er fort und ſetzte hoffenden Muthes die Flote wieder an den Mund. Mit eben ſo angelegentlichem als verſchwenderiſchem Eifer begann er aufs neue die Luft aus der Lunge hervorzupumpen. Die Ralchwolke, die ſich bereits wieder in ſeiner Raͤhe zuſammengezogen — 246— hatte, gerieth in Bewegung und entwich in verſchiedenartigen Stroͤmungen nach den ent⸗ legnern Theilen des Zimmers; der Zuſammen⸗ hang des jetzt in der Arbeit befindlichen Ton⸗ ſtuͤckes ordnete ſich mehr und mehr unter den geſchäftigen Fingern, und kam bey jeder Wie⸗ derholung klarer und tadelloſer zum Vorſchein. Er legte, als ihm der Athem endlich ausging⸗ mit einem heitern ſelbſtzufriednen Lächeln die Flöte vorſichtig auf den Tiſch hin, griff in die Taſche und druckte ſeinem uͤberraſchten Zu⸗ hörer, zum Lohn fuͤr die ſchnelle Herbeyſchaf⸗ fung des Inſtruments, ein blankes Achtgro⸗ ſchenſtuͤck in die Hand. „Aus Scherz wird Ernſt, mein lieber Henkel!“ ſagte er liebreich und gutevoll, während jener in unabläſſiger aber fruchtloſer Bemuͤhung nach der Hand ſchnappte, um ſie zu kuͤſſen.„Ich ernenne ihn hiermit förmlich und feyerlich zu meinem Kammermuſikus bey ſchlechtem Wetter! und wöchentlich zweymal ſoll druͤben im Saale ein ordentliches Conzert ſtatt finden, wobey ich in eigner Perſon mit⸗ zuwirken geſonnen bin! Dieſen Nachmittag twich den ent⸗ ſammen⸗ en on⸗ nter den ut Wie⸗ orſchein, b ng⸗ heln die uf ten Zu⸗ beyſchoſ⸗ Mchthro⸗ in juler tevoll, uchtloſe um ſi fimlih kus beh weym Con on m hni — 247— mag er wiederkommen und mitbringen, was zur Sache gehoͤrt!“ Ein ſolches Uebermaaß von Huld und Frzundlichkeit konnte auf das bangbelaſtete Gemuͤth des Armen nicht ohne guͤnſtigen Ein⸗ druck bleiben. Unwiderſtehlich fuͤhlte er durch den zutraulichen und herablaſſenden Ton, den der Gutsherr gegen ihn fuͤhrte, ſich gefeſſelt und angezogen. Der treuherzige Deyfall, deſ⸗ ſen er ſich, ſonſt nur' an Spöttereyen und Zuruͤckſetzungen gewöhnt, von Seiten ſeines edlen Goͤnners und Wohlthäters gewuͤrdigt ſah, trug uͤber ſein furchtſames menſchen⸗ ſcheues Weſen den Sieg davon, und mit Freuden willigte er in die Annahme eines Anerbietens, das in gleichem Grade ihm zum Vortheil wie zur Ehre gereichte. Mit der unerſchuͤtterlichſten Ausdauer und Geduld ſtand er an den nunmehr beginnenden Conzerttagen hinter dem Polſterſtuhle des begeiſterten Flö⸗ tenſpielers und accompagnirte bald mit dem Horn bald mit der Geige ihm die anderthalb Muſikſtuͤcke, an welchen ſich Liebheim, ſeiner fortgeſetzten Verſicherung zufolge, ſo wenig — — ——— —— — 248— fattblaſen konnte, daß in der Regel einzig und allein mit ihnen die zu dieſer Unterhal⸗ tung anberaumten drey Stunden ausgefuͤllt wurden, und jener nur hoͤchſt ſelten durch den Vortrag einer Soloparthie einen Anſtrich er⸗ gotzlicher Mannigfoltigkeit in dieſes marter⸗ volle graͤßliche Einerley zu bringen vermochte. Die größte Qual aber erlitten an dieſen Schreckenstagen Broſel und Zeidler, die, als Zuhoͤrer geworben und gepreßt, jedesmal mit dem Glockenſchlage ſich einſtellen, den in ewi⸗ ger Gleichfoͤrmigkeit wiederkehrenden Tönen ihr Ohr leihen, und ſich dabey ganz ſtill und ruhig verhalten mußten. Einen höchſt ruͤh⸗ renden Anblick gewährte es dann, die beyden Dulder in ihrer Trauer und NRiedergeſchlagen⸗ heit neben einander ſitzen zu ſehen, wie ſie, aus Beſorgniß, die Empfindlichkeit des Fahn⸗ richs zu reizen, bey dem dargebotenen Kunſt⸗ genuß kaum zu athmen wagten, und nur dann und wann einen verſtohlnen Blick gegen die Decke erhoben, in welchem die leiſe Be⸗ ſchwerde uͤber ihr unverſchuldetes hartes Loos ſich zu erkennen gab. Nach Beendigung des leinß tethal⸗ gefült rch den ich et⸗ marter⸗ mochte⸗ dieſen e, al al mit newi⸗ Lönen und ſt rih⸗ hehoen ſagen⸗ ie ſie, Fihn⸗ Kunß⸗ d nur gehen ſe Be Le — 249— Conzerts blieb die Geſellſchaft, der getroffenen Anordnung gemaäß, gewöhnlich noch ein paar Stunden beyſammenz es wurden einige Fla— ſchen Doppelbier aus dem Keller heraufgeholt und ein Kaminfeuer angezuͤndet, vor welchem Liebheim mit der langen Tuͤrkenpfeife im Munde Platz nahm, und dem im Zimmer verſammelten Kleeblatt in heierer Gemuͤthlich⸗ keit allerley Bruchſtuͤcke aus der Geſchichte ſei— nes Lebens vorzutragen begann. Die einfache und geregelte Lebensweiſe, die er fuͤhrte, der Genuß der freyen Natur und der zufriedne Sinn, mit welchem er die ſpärlich dargebotenen Freudenbluͤmchen ſich zum Strauß zu vereinigen wußte, hatten auf ſeinen Geſundheitszuſtand einen ſo wohlthäti⸗ gen Einfluß, daß er nach Verlauf einiger Monate die Kruͤcken ganz von ſich zu werfen und, der im linken Fuß zuruͤckbleibenden Läh⸗ mung unbeſchadet, wieder frey und ſicher ein⸗ herzuſchreiten im Stande war. Die ſchoͤnen Herbſttage benutzend, pflegte er jetzt, mit Flinte und Schießtaſche verſehen, häufig auf den benachbarten Feldern umher zu wandern, —— — 250— um dem edlen Weidwerk ſein gebuͤhrendes Recht widerfahren zu laſſen. Es war jedoch das zu ſeinem Gute gehorige Revier von ſo unbedeutendem Umfange, daß er auf ſeinen Streifzuͤgen ſich jeden Augenblick an der Grenze deſſelben befand und wieder umkehren mußte, wenn er nicht auf das Werlauer Grundgebiet zu gerathen und eben daſelbſt, wo er vor drey Monaten mit ſo voreiligem Eifer die aufgeſtellte Warnungstafel hatte vertilgen laſſen, als Wilddieb feſtgehalten zu werden Luſt hatte. Weder die Beſchränktheit des Tummelplatzes, noch die mit demſelben in Verhältniß ſtehende Geringfuͤgigkeit der zu gewinnenden Ausbeute, waren indeſſen im Stande, ihm dies undankbare Geſchäft zu verleiden. Er betrieb es vielmehr, wie alles, was er unternahm, mit ſo leidenſchaftlicher Luſt und Liebe, als ob der Erfolg deſſelben ſeinen Wuͤnſchen und Erwartungen auf das vollkominenſte entſpreche, und nicht eher, als bis die im Gefolge des herannahenden Win⸗ ters befindliche ſtrenge und unfreundliche Wit⸗ terung ihn mit drängender Gewalt nach ſei⸗ ühuns r jidoch von ſo f ſeinen an det werden heit do ben in der z ſen im ft zu ie alles, nftliche deſilben uf da her, l n Vin u ſi⸗ — 251— nen vier Pfaͤhlen zuruͤck verwies, gab er der Nothwendigkeit nach, um das Spiel auf der Flote, welches er, aus vorherrſchender Nei⸗ gung fuͤr die Jagd, mehrere Wochen hindurch ziemlich vernachlaͤſſigt gehabt hatte, wieder zu ſeinem hauptſaͤchlichſten Zeitvertreib zu er⸗ waͤhlen. Es war am Morgen des zweyten Weih⸗ nachtsfeyertages, als er einſam in ſeinem Zim⸗ mer ſaß und mit ſtiller Aemſigkeit an einem Bauriſſe zeichnete, nach welchem er, wenn er in ſeinen Vermögensumſtänden erſt gehörig zu Kraͤften gekommen ſey, das wuͤſte und hin⸗ fällige Herrenhaus dereinſt umzugeſtalten und in einen freundlichern Wohnſitz zu verwandeln geſonnen war. Da trat Zeidler herein und vermeldete, daß der alte Foͤrſter Evert von Werlau ihn zu ſprechen begehre. Schon längſt hatte Liebheim, ohne jedoch bis jetzt eine ſchickliche Gelegenheit dazu finden zu kön⸗ nen, die naͤhere Bekanntſchaft dieſes Mannes zu machen gewuͤnſcht; der unerwartete Beſuch deſſelben war ihm daher ſehr willkommen.— Sein Vergnuͤgen erreichte jedoch einen noch ————————————————— hohern Grad, als er, nachdem die Be⸗ gruͤßungsförmlichkeiten voruͤber waren, zu ſei⸗ nem großen Erſtaunen erfuhr, daß er, durch Aufbietung der unter ſeiner Machtgewalt ſte⸗ henden Dorfgemeinde, dem Foͤrſter zu Erle⸗ gung eines Wolfes behuͤlflich ſeyn ſolle, welcher bey dem ſcharfen Froſtwetter ſich in die hieſige Gegend verirrt und an mehrern Stellen des Werlauer Geheges durch die im Schnee zuruͤckgelaſſene Spur bemerklich ge⸗ macht habe. Eine allgemeine, durch die Be— wohner ſaͤmmtlicher umliegenden Ortſchaften unterſtuͤtzte Treibjagd auf das Raubthier war beſchloſſen, und der Tag nach dem Feſte zu Bewerkſtelligung derſelben anberaumt worden. „Beſorge vor allen Dingen uns ein gu⸗ tes Fruͤhſtuͤck!“ rief Liebheim raſch und eifrig ſeinem Diener zu.„Sodann mache dich au— genblicklich auf die Beine und hinterbringe der Mannſchaft des Dorfes den gemeſſenen Befehl, ſich uͤbermorgen vor Anbruch des Tages, in voller Zahl und mit tuͤchtigen Knuͤtteln verſehen, hier unten auf dem Hof⸗ raume zu verſammeln, indem ich mich in eig⸗ U U 50 be e hi ut die P⸗ „zu ſi⸗ r, durc walt ſt⸗ u Erle⸗ yn ſolle, ſich in mehrern die im lich ge⸗ die Be⸗ ſchaften hier wat Fiſte z worden⸗ ein gl⸗ deiftig dich ab⸗ ferbringe neſſenen och do ichtien n hi in — 253— ner Perſon an die Spitze des Zuges zu ſtellen und ihn ſeiner weitern Beſtimmung entgegen zu fuͤhren gedenke.“ Der Beauftragte verließ ſogleich das Zimmer, und holte geſchaͤftig aus Keller und Kuͤche das Beſte herbey, was beyde zu liefern vermochten. „Wie hoͤchſt erfreulich iſt es mir, Herr Förſter, daß wir endlich, wie es ſchon laͤngſt haͤtte geſchehen ſollen, einander etwas naͤher unter die Augen treten!“ fuhr Liebheim fort, indem er ſeinem Gaſte mit biedrer Herzlich⸗ keit die Hand druͤckte.„So nahe Nachbarn, und bis auf dieſen Tag noch keine Sylbe mit einander gewechſelt! Jäger und Kriegs⸗ mann, und ſo lange ſich fremd geblieben! Wahrlich, Pruͤgel verdienen wir beyde, wenn wir den Fehler nicht wieder gut machen, wenn aus der jetzt angeknuͤpften Bekannt⸗ ſchaft nicht ein recht freundſchaftlicher Um⸗ gang ſich entſpinnt!“ „Ich bin ein alter Starrkopf, Herr von Liebheim, der ſtill ſeinen Weg geht und ſich von den Leuten, die mit ihm in Verkehr zu treten wuͤnſchen, lieber aufſuchen, als der Andringlichkeit beſchuldigen läßt!“ erwiederte der Foͤrſter mit einem etwas anzuͤglichen Laͤcheln. „Ich verſtehe!“ ſagte der Faͤhnrich. „Mir lag es zuerſt ob, Ihnen den Beſuch zu machen, wenn ich hoͤflich ſeyn wollte. Aber Umſtaͤnde veraͤndern die Sache! Ich kam gerades Weges aus dem Lazareth, meine Wunden waren kaum verharrſcht, und nur mit Huͤlfe der Kruͤcken vermochte ich von einer Stelle zur andern zu gelangen. Da haͤtten Sie denn wohl von Ihren Grundſätzen ein⸗ mal etwas abweichen und ein Uebriges thun koͤnnen!“ „Wäre ich von Ihrer Denkungsart ſo unterrichtet geweſen,“ verſetzte jener,„wie ich es theils durch Horenſagen, theils durch eigne Wahrnehmung in dieſem Augenblick bin; ſo wuͤrde es ohne allen Zweifel geſchehen ſeyn⸗ Oftmals, wenn ich Sie von fern in ſo ganz fruchtloſer Bemuͤhung auf Ihrem Grundgebiet mit der Flinte umherſchleichen ſah, war ich im Begriff, Ihnen zu dieſem Behuf das Wer⸗ lauer Jagdrevier anzubieten und vorzuſchlagen, ) als w rwiedert Lächeln Fähmich. zuch h e. Abe ch ken meine und uu von ein a hätten hen üin ge thun gött ſ „wie ils du blick bin chen ſch ſo go und Fnr i hlh — 255— wo ſich die Arbeit beſſer belohnt; nur die Ungewißheit, ob Ihnen an meiner Geſellſchaft etwas gelegen ſey, hielt mich ſtets von Aus⸗ fuͤhrung meines Vorhabens zuruͤck.“ „Nimmermehr ſollen Sie mir das zwey Mal ſagen duͤrfen!“ rief Liebheim mit eifriger Lebhaftigkeit aus.„Sobald der Herbſt wie⸗ der der Thuͤr iſt, ſinde ich mich ein und wi Sie beym Wort. Wie ſehr fuͤhle ich mich dem Wolfe verpflichtet, da er es iſt dem ich die Befriedigung eines längſt— W zu verdanken habe! Ich ſtehe nicht ir daß ich nicht vielleicht aus Erkennt— Kit in Verſuchung gerathe, zu pudeln ihn laufen zu laſſen, falls er mir etw Schuß kommen ſollte!“ Dieſe Beſorgniß war indeſſen ganz unge⸗ gruͤndet; denn als die Jagd ihren nahm, hatte ſich der gefaͤhrliche Gaſt, dem nur um Abſtattung eines fluͤchtigen Seuchs. thun geweſen, ſchon laͤngſt wieder aus— Staube gemacht und ſeinen Ruckzug nach Ge⸗ genden angetreten, die auf zuverläſſigere Weiſe ihm Schutz und Sicherheit verſprachen, als — 256— es im Forſtbezirk zu Werlau der Fall zu ſeyn ſchien. Den ganzen Tag hindurch dauerte das Hetzen und Treiben; auf das ämſigſte wurden alle Winkel des ungeheuren Waldge⸗ heges durchſucht und durchmuſtert, aber nir⸗ gends wollte der Feind ſich zeigen, auf deſſen Vertilgung die kampfbegierige Menge mit ſo zuverſichtlichem Muth gerechnet hatte. Es blieb mithin, nachdem man ſich hinlaͤnglich uͤberfuͤhrt ſah, daß das Raubthier wieder uͤber die Grenze hinaus ſey, nichts uͤbrig, als fuͤr eine mögliche Zuruͤckkehr deſſelben die nöthigen Maaßregeln und Verfuͤgungen zu trefſen. Demzufolge wurden die vereinten Kraͤfte des verſammelten Volkhaufens in Beſchlag genom⸗ men und an mehrern Stellen des Forſtes, in muͤhvoller Durchbrechung des feſt gefrornen Bodens, tiefe Gruben angelegt; worauf ſaͤmmtliche Jagdgenoſſen, ermuͤdet von der beſchwerlichen Anſtrengung, und voll Ver⸗ druß und Unmuth uͤber die Fruchtloſigkeit derſelben, ſich in der uͤberhand nehmenden Dunkelheit des Abends wieder nach Hauſe verfuͤgten. Mit lzu ſh dauert ämſigſi Wallg⸗ ber nit⸗ f deſſen mit ſo nlonglich edet uͤbe als fir nichigen trefen. räſte des genom⸗ ſes, n tnn worouf von d Ve⸗ ſgl hmende hon Mi —— Mit Anbruch des nächſtfolgenden Tages machte der Foͤrſter ſich auf, um in Beglei⸗ tung eines Jagdburſchen den gewohnten Be⸗ rufsgeſchäften nachzugehenz noch hatte er aber kaum dreyßig Schritte von ſeiner mitten im Waolde gelegenen Behauſung ſich entfernt, als plötzlich ein aͤngſtliches Wimmern und Acchzen, das aus dem Innern der zunächſt befindlichen Wolfsgrube heruͤbertonte, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Er trat naͤher hinzu, warf die forſchenden Blicke nach der Tiefe hin⸗ unter und erblickte, zu ſeinem nicht geringen Befremden, ein menſchliches Weſen, das während der letzt verwichenen Nacht hier hinab⸗ geſtuͤrzt war und unvermogend, ſich aus eigner Kraft wieder heraus zu helfen, in hoͤchſt be⸗ dauernswuͤrdiger Verfaſſung am feuchten Boden ſich kruͤmmte. „Es iſt der Fidelfritz aus Struckbach! Ich erkenne ihn an der Geige, die neben ihm liegt!“ rief des Förſters Begleiter, der ſich am Rande der Grube niedergeworfen hatte, um ſchärfer und genauer den dunklen Raum durchſpähen zu können. M. 17 — 258— Die altübliche Gewohnheit, ſich bey 6 ſeinen Wanderungen uͤber Land niemals an die vorhandne Straße zu binden, ſondern ſtets auf ungebahnten Pfaden querfeld ein zu ſchreiten, hatte dem Muſikus, der das Feſt hindurch auf einem ziemlich entfernten Dorfe 1 zu dem daſelbſt ſtattfindenden Tanzgelag an⸗ geworben und heut in der Fruͤhe nach ſeinem 9 Wohnort heim zu kehren im Begriff geweſen — war, dies widerwärtige Geſchick zuwege ge⸗ bracht. Mit unwiderſtehlichem Verlangen nach ſeiner einſamen Huͤtte ſich zuruͤckſehnend, hatte die Vorſtellung, dem Wolfe zu begegnen und von ihm aufgefreſſen zu werden, nichts Ab⸗ . ſchreckendes fuͤr ihn gehabt, ſondern, mit der einzuſchlagenden Richtung hinlänglich vertraut, „— ———— 3 war er ſtill und furchtlos ſeines Weges dahin⸗ gezogen, und mit den Jagdſtiefeln durch den tiefen Schnee ſich Bahn zu brechen beſchäftigt geweſen, bis plotzlich und unerwartet die Erde unter ſeinen Fuͤßen ſich aufgethan hatte, um ihn zu verſchlingen. Drey volle Stunden hatte er bereits mit ſichrer Erwartung, daß er nun ſeinen Bruder ſich be mals on ſondern d ein zu das Fiſt n Dorfe elag an⸗ ſeinem gwiſen wege R⸗ gen nach d, hotte nen und chis Ab⸗ mit der ertraul, d dohin⸗ urch den tiſi ie Erdi tte, un nits mi Bn bald von Angeſicht ſchauen werde, in der Grube zugebracht, als der Förſter ſich ein⸗ ſtellte, der ſogleich Anſtalt traf, den Verun⸗ gluͤckten wieder ans Lageslicht herauf zu beför⸗ dern. Er befand ſich in ſehr traurigem Zu⸗ ſtande; nur noch ruͤhrender aber ward der Anblick, den er gewaͤhrte, durch die zärtliche Aengſtlichkeit und Beſorgniß, mit welcher er, das Gefuͤhl des eignen Leidens hintanſetzend, die pruͤfenden Blicke vor allen Dingen auf ſeine Inſtrumente zu heften anſing. Dieſe hatten jedoch durch die beſondre Gunſt des Zufalls keinen weitern Schaden erlitten, als daß an der Geige Steg und Stimme umge⸗ fallen, und zu den zahlreichen Brauſchen und Beulen, welche das Horn bereits beſeſſen, einige neue hinzu gekommen waren. Dagegen ſah es in Betreff ſeiner ſelbſt deſto mißlicher aus; denn es waren ihm von der Heftigkeit des Falles die Glieder dermaßen zerſchellt und verſtaucht, daß er ſich ohne fremden Beyſtand kaum von der Stelle zu bewegen, am aller⸗ wenigſten aber die Wanderung nach ſeiner Heimath fortzuſetzen vermögend war. 17* — 260— „Nach meiner Wohnung hinuͤber!“ ſagte der Foͤrſter, indem er augenblicklich Hand anlegte und ſeinem Gehuͤlfen den Wink er⸗ theilte, ein Gleiches zu thun.„Da ſieh, Lenore!“ rief er, in der Nähe des Hauſes an⸗ gelangt, ſeiner Tochter zu, die beſtuͤrzt und betroffen vor der Thuͤr erſchien.„Wir bringen dir einen armen Teufel, der leider dieſe Nacht in die Wolfsgrube geſtuͤrzt und arg zugerichtet iſt. Sorge nur unverzuͤglich fuͤr ein weiches und warmes Bett; auch ſoll der Knecht ohne Zeitverluſt nach dem Städtchen fort, um den Wundarzt herbeyzuſchaffen, der wohl nicht fuͤglich zu entbehren ſeyn duͤrfte!“ Unter dem wirthlichen Dach angelangt, fand der Huͤlfsbedurftige, der, ein Gegenſtand ihres innigſten Mitleids und Erbarmens, ſo⸗ gleich Lenorens ganze Theilnahme erregt hatte, durch ihren thätigen Dienſteifer eine Wartung und Pflege, wie er ſich derſelben wohl ſonſt an keinem andern Orte zu erfreuen gehabt haͤtte. Den ihm zugeſtoßenen traurigen Un⸗ fall als ein Uebel betrachtend, welches ihr Vater verſchuldet und wieder zu verguͤten habe, inäber!“ ch Hand ink er⸗ Da ſih, wſes an⸗ ürt und bringen e Nacht ugrichtet weiches cht ohne um den hl nicht ngelunt⸗ genſtand n, ⸗ egt hate, Wartun ohl ſonſt he gen I⸗ ches iß un — 261— wich und wankte ſie nicht vom Lager des Kranken, reichte mit eigner Hand ihm die verordneten Arzneyen und Erquickungen, und ſuchte durch die eben ſo unermuͤdliche, als liebreiche Aufmerkſamkeit, mit welcher ſie der Sorge fuͤr die Linderung ſeiner Leiden ſich unterzog, ihm die ſchmerzliche Lage, in wel⸗ cher er ſich befand, ſo erträglich als moͤglich zu machen. Fruͤherhin an einen Prediger ver⸗ heirathet geweſen, mit welchem ſie aber nur wenige Jahre in der Ehe gelebt hatte, war ſie, nach erfolgtem Ableben deſſelben, in die Wohnung ihres Vaters zuruͤckgekehrt, um die Verwaltung ſeines Hausweſens aufs neue zu uͤbernehmen, und ſich niemals wieder von ihm zu trennen. Sie befand ſich gegenwaͤrtig be⸗ reits im gereiftern Lebensalter; der hervorſte⸗ chende Glanz der vielgeprieſenen Reize, die ihr zu Theil geworden waren, hatte ſich all⸗ mählich verwiſcht und verloren; doch ward, was an blendender Jugendfriſche ihr abging, durch die ſeelenvolle Anmuth, die uͤber ihr Geſicht verbreitet lag, und durch die ſanfte Freundlichkeit ihres Weſens und Benchmens — 2 ₰ in ſo genuͤgendem Maaße erſetzt, daß noch immer von Zeit zu Zeit ſich Freyer einſtellten, die, nach ihrer Gunſt und Zuneigung ringend, im Beſitz der liebenswuͤrdigen Wittwe ihr hoͤchſtes irdiſches Gluͤck zu ſinden verhofften. Mit entſchiedener Feſtigkeit und Beſtimmtheit hatte ſie jedoch bis jetzt alle erneuerten An⸗ traͤge dieſer Art von ſich zuruͤckgewieſen.— Das Fieber, welches der dreyſtuͤndige grauenvolle Aufenthalt in der Wolfsgrube zur unmittelbaren Folge gehabt hatte, war am nächſtkommenden Morgen eben in ſeiner gan⸗ zen Wuth und Stärke bey dem Leidenden wieder im Anzuge begriffen, als man draußen vor der Thuͤr das Knarren eines Wagens ver⸗ nahm, auf welchem Liebheim, bis uͤber die Ohren in die Wildſchur gehuͤllt, unter dem heftigſten Schneegeſtober vor dem Forſthauſe eintraf, um ſeinen kranken Kammermuſikus zu beſuchen, wozu es ihm geſtern, da die Nachricht von dem ungluͤcklichen Ereigniß erſt ſpät des Nachmittags zu ſeiner Kunde gelangt war, an Zeit gemangelt hatte. „Sie haben den armen Schlucker mit „ ß noi ſtellten, ingend, we iht offten⸗ nnthit An tuͤndige ube zut W am er gan⸗ idenden draußen n bel⸗ ber di et din orſihol mufft da niß gil d N — 263— chriſtlichem Erbarmen in Ihren Schutz ge⸗ nommen, lieber Evert!“ redete er feyerlichen Ernſtes den Förſter an, der ihn nach der Hausflur geleitete, und hier zuvörderſt von der ſchweren Winterbekleidung befreyen half, in die er ſich vermummt hatte.„Das aber muß ich mir, bevor wir ein Wort weiter uͤber die Sache reden, als unerläͤßlich ausbedingen, daß die Beſtreitung der Kur- und Ver⸗ pflegungskoſten einzig und allein mir anheim⸗ geſtellt bleibt! Sie muͤſſen mir ſchlechterdings gleich im Voraus verſprechen, daß ich Ihnen alle gemachten Auslagen bey Heller und Pfennig—“ Die Worte erſtarben ihm im Munde, als plotzlich die Thuͤr des Wohnzimmers ſich aufthat und Lenore den Ankoͤmmling unter freundlicher Begruͤßung einlud, näher zu treten⸗ „Meine Tochter, die Wittwe des ver⸗ ſtorbenen Predigers Senkler zu Walldorf!“ ſagte der Forſter, indem er ſie bey der Hand ergriff und dem Fähnrich vorſtellte. Verbluͤfft und betroffen uͤber die unerwartete Erſcheinung, ſuchte ſich dieſer, ſeines ſturmiſchen Eifers ———— — 264— wegen, mit ſtotternder Zunge zu entſchuldi⸗ gen, worauf er leiſen und vorſichtigen Schrittes ihr nach dem angrenzenden Stuͤbchen nachfolgte, in welchem Lenorens Pflegebefohlner ſich be⸗ fand. Seine hohlen Wangen brannten in Fieberglut, während zugleich das Gefuͤhl des ununterbrochenen ſtechenden Schmerzes, den er am ganzen Körper verſpuͤrte, in ſeinen Mienen und Geberden ſich ausdruͤckte. Aber die peinvolle Empfindung gewaltſam bekaͤm⸗ pfend, begann ſogleich ein dankbares Lächeln ſich hervor zu arbeiten, als er den bangver⸗ duͤſterten Blick auf die eintretende fremde Ge⸗ ſtalt heftete und in ihr ſeinen edlen hochver⸗ ehrten Goͤnner und Wohlthaͤter erkannte. „Ey, ey, mein lieber Henkel! Was muß ich an ihm erleben! Was hat er mir da fuͤr Streiche geſpielt!“ ſagte Liebheim, in⸗ dem er mit Merkmalen des innigſten Bedau⸗ erns dem Lager ſich naͤherte.„Das ganze Feſt hindurch ſich ums liebe Brod gequält und abgemartert, und am Ende einen ſo häßlichen Lohn davon getragen! Nun, das ſoll anders werdenz darauf kann er ſich verlaſſen. Wenn him hein Bel zu ſein Po ſchulti⸗ chrittes hfolgte ch be ten in hl des Aber bekäm⸗ cheln nbet⸗ Gl⸗ ochvet⸗ (⸗ rmir n, in⸗ Bedou⸗ ganze ſt und lichen andet Win er nur erſt geſund iſt; er ſoll mir nicht wie⸗ der uͤber Land, ſondern hinfuͤhro in Struck⸗ bach ſeinen ſorgloſen Unterhalt finden. Wie ich uͤbrigens vermerke, ſcheint er mir, nach dem erlittenen Truͤbſal und Ungemach, hier gar wohl geborgen zu ſeyn!“ Jener faltete die Haͤnde und nickte be⸗ jahend mit dem Kopfe. Jetzt ſchlug die Wanduhr und ſogleich trat Lenore mit einem Arzneytrank zur Lagerſtätte, deſſen regelmaͤßi⸗ gen Gebrauch der Ausſpruch des Wundarz⸗ tes zur unumgaͤnglichen Pflicht gemacht hatte. Der Kranke zog bey Erblickung der verhaßten Mirturflaſche ein Geſicht, als ob er Gift trin— ken ſollte; doch beſann er ſich bald wieder, ſchaute, ſich Muths erholend, der Spenderin des Heilmittels in die läͤchelnden Augen und ſchluckte die ihm dargereichte Doſis herzhaft hinunter. Mit ſtillem Ergötzen weidete Lieb⸗ peim ſich an der guͤtevollen und ſorgfältigen Behandlung, die dem armen Verungluͤckten ju Theil wurde, und von welcher er ſich, bey ſeinem längern Verweilen in dieſer gaſtlichen Wohnung, immer deutlicher zu uͤberzeugen — — 266— Gelegenheit hatte. Die anſpruchsloſe Herz⸗ lichkeit des Förſters ſowohl, als Lenorens an⸗ muthige Naͤhe machten auf ſein Gemuͤth einen ſo behaglichen Eindruck, und er fuͤhlte ſich hier gar bald ſo heimiſch, daß es ihm, nach⸗ dem er, in williger Annahme der erfolgten Einladung, den ganzen Tag im Forſthauſe zugebracht hatte, ſchwer fiel, ſich wieder zu trennen, um nach ſeiner Behauſung zuruͤck zu kehren, deren wuͤſter unwirthlicher Zuſtand jetzt mehr und mehr ſein geheimes Mißfallen zu erregen und ihm den Wunſch nach einer baldigen Umgeſtaltung deſſelben einzuflößen anfing. Wie es von dem Vergnuͤgen, mit wel⸗ chem der Aufenthalt im Forſthauſe fuͤr ihn verbunden geweſen war, zu erwarten ſtand, wurden ſeine Beſuche daſelbſt, waͤhrend Hen⸗ kels Wiedergeneſung nur langſam von ſtatten ging, auf das fleißigſte fortgeſetzt. Auch war, da man die einfache, unverſtellte Rechtlichkeit ſeines Gemuͤths, durch welche er bereits unker den Einwohnern von Struckbach ſich allgemein beliebt gemacht hatte, hier in nicht geringerm öft liß wi unt oſe orens uͤth ein uͤhlte ſ m, na folgte Forfhol zurüc . Zuſon Müßfall noch ii inuf mit w en ſiol tend 5 on ſu luch n echtlic Grade zu ſchaͤtzen verſtand, ſein Erſcheinen ſtets ſo erwuͤnſcht und willkommen, daß er keinesweges zu befuͤrchten brauchte, durch die oftere Wiederholung ſeines Zuſpruches jemals läſtig zu werden. In eben dem Maaße jedoch, wie der angeknuͤpfte Umgang immer inniger und vertraulicher wurde, ward Liebheim fuͤr die Zeit, da er ſich innerhalb ſeiner eignen Mauern befand, immer ſtiller und nachdenk⸗ licher. Sogar die Flote, die ſonſt ſo weſent⸗ lich zu ſeiner Zerſtreuung und Aufheiterung beygetragen, ſchien ihres wirkſamen Einfluſſes verluſtig gegangen zu ſeyn; und zu ganzen Stunden ſaß er des Abends, in Geſellſchaft ſeiner beiden Hausgenoſſen, die ſich fort und fort wegen der plotzlich eingetretenen Veraͤn⸗ derung ſeines Weſens die bedenklichſten Blicke zuwarfen, ſtumm und verſchloſſen vor dem Kaminfeuer, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, die Augen ſtarr auf einen Punkt geheftet, und in ein ernſtes, gedankenvolles Nachgruͤ⸗ beln verloren. Endlich, nach Verlauf von ſechs Wo⸗ chen, fand Henkel ſich ſo weit hergeſtellt, daß er von den boſen Fieberanfällen nunmehr faſt gänzlich verſchont blieb und, in allmähli⸗ cher Zuruͤckkehr Koͤrperkräfte, den größten Theil des Tages außerhalb des Bettes zuzubringen im Stande war. Um ſeinen großmuͤthigen Verpflegern nicht länger beſchwerlich zu fallen, wollte er jetzt ſeine Habſeligkeiten zuſammenpacken und ſich wieder nach Struckbach verfuͤgen. Dies gab Lenore jedoch durchaus nicht zu; viel⸗ mehr erneuerte ſie, ſo oft ſie ihn zu Aus⸗ fuͤhrung ſeines Vorhabens Anſtalt treffen ſah, die Verſicherung, daß es ſich weder mit ih— rem Gefuͤhl, noch mit ihrem Gewiſſen vertrage, ihn aus dem Forſthauſe zu entlaſſen, bevor nicht erſt ſeine völlige Geneſung erfolgt ſey. Der angelegentliche Eifer, mit welchem ſie ſolchergeſtalt ihm das Verlangen nach der Heimkehr aus dem Sinn zu reden ſuchte, die unverkennbare Huld, die aus ihren Blicken ihm entgegenglänzte, wenn ſie in ſeiner Nähe verweilte, und die wohlwollende Sorgfalt, mit welcher ſie, ſeines erwuͤnſchtern Geſund⸗ heitszuſtandes ungeachtet, noch immer fort⸗ ſeiner dahingeſchwundenen ſte li for die nunm allmähl⸗ vundenes u Aus⸗ ſfen ſah, mit ih⸗ vertroho hem ſi 33 c ſucht — 269— fuhr, ſich ſeiner anzunehmen und ihm Gutes zu erzeigen: alles vereinigte ſich, um den ar— men Menſchen, deſſen Faſſungsvermoͤgen ſol⸗ chen Räͤthſelaufgaben nicht gewachſen war, den Kopf zu erhitzen und zu verwirren. Von Jugend auf daran gewöhnt, ſich von Andern nur mit Geringſchätzung begegnet zu ſehen, war er nicht vermoͤgend, ſich in die Behand⸗ lungsweiſe, die Lenore ihm widerfahren ließ, ruhigen Muthes finden zu koͤnnen. Ein ret⸗ tungsloſes Opfer der eignen Beſchranktheit, erzeugten ſich die wunderlichſten Grillen in ſeinem Gehirn. Schwindelnd und ſchaudernd vor dem ſchrecklichen Gedanken, der ſich ihm aufdrängte, hielt er in ſeiner Angſt und Zag⸗ haftigkeit ſich fuͤr verloren, und wußte nicht mehr, was er zu thun oder zu laſſen habe. Es lag nehmlich dieſer Qual und Unruhe nichts Geringeres zum Grunde, als die Vor⸗ ſtellung, daß Lenore ſich in ihn ver⸗ liebt habe. Grauſenvolles Verhängniß! fort und fort waren ſeine Blicke auf die großen Jagdſtiefeln geheftet; denn nur die Flucht, die ungeſäumte Flucht konnte ihn retten. — 270— Stets gebrach es ihm jedoch an Entſchloſſen⸗ heit, um durch Bewerkſtelligung eines gehei⸗ men Schrittes dieſer Art, ſich allen fernern Dienſtleiſtungen gewaltſam zu entziehen, ohne Abſchied von hinnen zu weichen und dadurch den Schein der Undankbarkeit auf ſich zu la⸗ den. Wohl aber begann er, unter der Be⸗ theurung, daß er, mehrfacher häͤuslicher Angelegenheiten wegen, ſeine Heimkehr ſchlech⸗ terdings nicht länger verſchieben duͤrfe, das demuͤthige Geſuch um ſeine Entlaſſung ſo häufig und auf ſo inſtaͤndige Weiſe zu wiederholen, daß Lenore zuletzt nichts weiter dagegen ein⸗ zuwenden vermochte. Mit beklommenem Her⸗ zen und ſcheuen furchtſamen Blicken beurlaubte er ſich, als der zum Aufbruch beſtimmte Mor⸗ gen erſchienen war, von der edlen Frau, welche den ihm erwieſenen großen Wohlthaten noch ein anſehnliches Abſchiedsgeſchenk hinzu⸗ fuͤgte, ihm den fernern Verkehr und Zuſpruch im Forſthauſe zur Pflicht machte und ſodann mit unbefangener Freundlichkeit bis vor die Pforte des Hofraums hinaus ihn begleitete. Hier riß der Geängſtigte aus Furcht und Be⸗ ſeil m nes gehi⸗ en fernen hen, chn dadun ſch h „ e hausliche hr ſchlech⸗ irfe, ſo häuf iederholen gegen ein⸗ enm Hi heurlaubt n Fn Lohlthot enk hin Zuſpr s w beglil t n⸗ do ſorgniß vor einer foͤrmlichen Liebeserklärung in zitternder Eilfertigkeit ſich von ihr los, trabte waldeinwärts, und begann die wilde Heftig⸗ keit ſeiner Schritte nicht eher zu mäßigen, bis er vermuthen konnte, daß er der Nach⸗ ſchauenden völlig aus dem Geſichte ſey.— Zu dem erſten Conzert, das einige Tage nach Henkels Heimkehr im Herrenhauſe zu Struckbach wieder veranſtaltet wurde, hatten, außer dem fruͤhern obligaten Zuhoͤrerpaar, auch der Förſter und ſeine Tochter ſich einge⸗ kunden. Gleich nach aufgehobener Mittags⸗ tafel fing Liebheim mit froher Geſchaͤftigkeit an, umher zu wandern und die Anſtalten zu dem geiſtigen Genuß zu treffen, der ſeinen werthen Gäſten nunmehr zu Theil werden ſollte. Sobald der Saal fuͤr den beabſichtigten Zweck geordnet und alles gehörig zur Ruhe gekom⸗ men war, holte er aus dem Nebenzimmer die Flöte herbey, nahm in einiger Entfer⸗ nung von den Anweſenden ſeinen Platz ein, ertheilte mit ruͤckwaͤrts gewandtem Haupt ſeinem in ſtiller Demuth harrenden Kammer⸗ muſikus ein Zeichen, ſich fertig zu halten, mals geblaſen. warf ſodann einen ernſten, faſt feyerlichen Blick auf die Zuhoͤrer, und mit„Willkom⸗ men, o ſeliger Abend,“ nahm gewohnterma⸗ Mit ſolchem Feuer, wie heute, hatte Liebheim noch nie⸗ Alles Gebluͤt ſtieg ihm zu Kopfe, eine dunkle Roͤthe verbreitete ſich uͤber ßen der Lärm ſeinen Anfang. ſeine Wangen, und mehr und mehr entflamm⸗ ten in luſtvoller Begeiſterung ſich ſeine Blicke. Es ſchien jedoch, obgleich man ihm ein paar Minuten lang die ungetheilteſte Aufmerkſam⸗ keit ſchenkte, die Anſtrengung, die in dem lebhaften Zucken ſeiner Geſichtsmuskeln ſich verrieth, auf die Gemuͤther der beyden, noch nicht hinlaͤnglich abgehaͤrteten Neulinge am Ende einen mehr widerwärtigen als angeneh⸗ Schon bey der ſechſten Wiederholung des vorgetragenen men Eindruck hervor zu bringen. Tonſtuͤckes begann der Föoͤrſter mit wehmuͤthi⸗ ger Geberde ſich heimlich hinter den Ohren zu kratzen; bey der achten aber ſtand Lenore von ihrem Stuhl auf, naͤherte ſich dem unbarm⸗ herzigen Eiferer, draͤngte mit ſanfter Gewalt ihm die Flote vom Munde hinweg und ſagtet „Beſter hen wei em a ſeherlhn Willken ohnterm it ſolhe noch ni z ihm e ſich üt nifſomm ne Blict ein po fmerkſan ie in du 6keln ſi den, voe linge an angench Zchon b gtragen nehnil Ohren enore n unbi tr Gu w 6 / — 273— „Beſter Liebheim! Wie konnten wir ſo un⸗ billig ſeyn, uns dieſen Zeitvertreib auf Koſten Ihrer geſunden Lunge nur noch einen Augen⸗ blick lͤnger gefallen zu laſſen! Ich bitte Sie inſtändigſt, laſſen Sie es mit der gegebenen Probe fuͤr heute ſein Bewenden haben!“ „Ey nun, wenn es Ihnen kein Vergnu⸗ gen gewährt; aufdringen will ich Ihnen meine Kunſt nicht!“ verſetzte Liebheim halb empfindlich, halb ſcherzweiſe⸗„Moögen Sie aber auch gegen mein Spiel vielleicht ſo man⸗ ches einzuwenden haben; in der Hauptſache behalten Sie Unrecht, denn ein gar ſchoͤnes liebliches Stuck bleibt es doch immer!“ „Es mag wohl ſeyn, daß ich weniger uͤber das Stuͤck ſelbſt, als uͤber die Art und Weiſe, wie Sie es vortragen, mich eines ge⸗ heimen Mißvergnuͤgens nicht zu erwehren ver⸗ mag!“ fuhr jene fort.„Warum ſollte ich Ihnen meine aufrichtige Meinung verſchwei⸗ gen? Sie ſind ein ſo herzensguter Mannz es thut weh, Sie Muſik machen zu ſehen!“ „Was ſoll man denn aber thun, wenn man es nun einmal nicht beſſer gelernt hat? M. 18 —————————— — 274— Es war meine Abſicht, Ihnen durch meine geringen muſikaliſchen Talente eine kleine Un⸗ terhaltung zu verſchaffen. Anſpruͤche auf den Namen eines bedeutenden Kuͤnſtlers mache ich keinesweges; aber ſchlimm genug, daß der gute Wille nicht fuͤr die That gelten ſoll!“ — Bey dieſen Worten erhob er ſich von ſei⸗ nem Seſſel, legte mit betruͤbter Miene die Floͤte auf den Ecktiſch hin, und trat ſtill und gedankensoll an⸗ das Fenſter. Lenore, auf die Beſaͤnftigung des Gereizten bedacht, deſſen Eitelkeit ſie gekränkt hatte, ſtellte ſich an ſeine Seite und begann in ungekuͤnſtelten Lobſpruͤ⸗ chen und Beyfallsbezeugungen ſich mit ihm von den im letztverwichenen Sommer unter ſeiner Leitung entſtandenen Gartenanlagen zu unterhalten. Auch der Foͤrſter miſchte ſich ins Geſpraͤch, und indem daſſelbe ſich unvermerkt auf den Umbau des Hauſes lenkte, der ſchon ſeit geraumer Zeit Liebheims ganze Seele be⸗ ſchäftigte, war ſeine gute Laune gar bald in ſo vollkommenem Grade wieder hergeſtellt, daß er ganz zu ſeiner gewohnten heitern Herzlich⸗ keit zuruͤckkehrte und des uͤber ſeine Kunſtbe⸗ ch min leine Un auf den mache ich daß der en ſol1“ von ſii Niene die ſül und iore, auß ht, deſſen h on ſin Lobpri⸗ nit ihn ner untet lagen iu n ſih in noermel dr ſcho Seele bo tboldi ſtelt, herſi — 2 5— ſtrebungen ausgeſprochenen unguͤnſtigen Urtheils mit keiner Sylbe weiter gedachte. Als Henkel vermerkte, daß durch die Un⸗ terbrechung des Conzerts zugleich die Beendi⸗ gung deſſelben herbeygefuͤhrt worden ſey, be⸗ nutzte er die erſte ſich darbietende Gelegenheit, um heimlich und unbemerkt aus dem Saale zu entwiſchen. Lenore aber eilte dem Fluͤcht⸗ ling nach, erreichte ihn draußen auf dem Vor⸗ platz, und nöthigte ihn, zum Beweiſe, wie freundlich ſie noch immer ſeiner gedacht habe, ein Paͤckchen mit Wäſche auf, die ſie ihm zum Geſchenk beſtimmt und mitgebracht hatte. „Ach Gott, noch immer!“ aͤchzte der Er⸗ ſchrockne, warf in ſeiner Angſt und Verwir— rung der gütigen Füͤrſorgerin einen hoͤchſt⸗ ſchmerzlichen Blick zu, machte mit einer ſchief⸗ ſchragen Verbeugung ſich von ihr los und ſtie⸗ felte hurtig die Treppe hinunter. Das klare heitre Froſtwetter, das dem geſelligen Verkehr der benachbarten Freunde ſo guͤnſtig geweſen war, ſchickte, nachdem es mit nur geringer Ausnahme faſt drey Monate hin⸗ durch Beſtand und Dauer gehabt hatte, zum 18* —— — 276— Abzuge ſich an, und durch truͤbe Nebel, welche die Luft erfullten, um ſich allmählich in Re⸗ gen aufzuloͤſen, gab der eintretende Wechſel der Jahreszeit ſich kund. Liebheim war jetzt, da die unbehagliche feuchtkalte Witterung auch diesmal auf ſein koͤrperliches Befinden nicht ohne den merklichſten Einfluß blieb, wieder an das Zimmer gefeſſelt, fuͤhlte druͤckender als je⸗ mals von der Pein der Langenweile ſich heim⸗ geſucht und harrte mit verlangender Ungeduld von einem Tage zum andern ſeinem Befreyer aus der Kerkerhaft, dem ſonniglaͤchelnden Fruͤh⸗ ling, entgegen. Muͤrriſch und mißmuthig ſtreckte und dehnte er ſich hin und her, wäh⸗ rend Henkels dumpfe Grillenfaͤngerey eben ſo wenig geeignet war, ihn zu erheitern und auf⸗ zumuntern, als ihm die Pflege und War⸗ tung, welche Zeidler ihm angedeihen ließ, mehr, wie es ſonſt der Fall geweſen, Gnuͤge zu leiſten ſchien.„Ach!“ ſeufzte er oft im Stillenz„wie leicht und ſchnell wuͤrden die Dienſterweiſungen, deren ich bedarf, ihren Zweck erreichen, wenn ſie aus Lenorens Hand kamen!“ bel, wilh ch in R e Weh war jiht wung aut nden nich wieder a et als je⸗ ſich him⸗ Ungedul Beftehe den Frih nißmutß her, viß eben ſ und auf⸗ nd Won chen if n, Gnl er oft i vurden rf, iſ enot Dem regen Spiel der Gedanken ſich uͤber⸗ laſſend, lag er eines Nachmittags ſtill auf ſeinem Polſterbett, und wartete auf die Zu⸗ ruͤckkunft des Foͤrſters, der zum Beſuch her⸗ uͤbergekommen und jetzt ſo eben im Begriff war, an der Seite des Hausverwalters das Innere des Gebäudes mit genauer Pruͤfung aller Orten in Augenſchein zu nehmen, um ſodann, zum Behuf des dem Eigenthuͤmer im Sinne ſchwebenden wichtigen Entwurfes, ſein Gutachten mitzutheilen. Endlich erſchien er mit einem Papierblatt in der Hand, auf wel⸗ ches er waͤhrend der unternommenen Beſichti⸗ gung allerley Bemerkungen niedergezeichnet hatte, nahm an der Seite des Lauernden Platz und ſagte:„Ich kann Ihnen, liebſter Freund, nunmehr mit voller Ueberzeugung den Troſt ertheilen, daß die Sache keinesweges mit ſo vielen Schwierigkeiten verbunden iſt, wie Sie ſich vorgeſtellt haben. Wenn wir die vorhan⸗ denen Baumaterialien, die zur Wiederbe⸗ nutzung tauglich ſind, in Anſchlag bringen, ſo wird die Haͤlfte der von Ihnen fuͤr nö— thig erachteten Summe zur Errichtung, nicht ———— allein eines anſtändigen und bequemen Wohn⸗ hauſes, ſondern auch der beabſichtigten Wirth⸗ ſchaftsgebaͤude, vollkommen hinreichend ſeyn. Ich will es mir, wenn ich nach Hauſe komme, zum erſten Geſchaͤft machen, Ihnen nach eig⸗ ner Anſicht und Meinung einen umſtändlichen Plan von dem Ganzen zu entwerfen, der Ih⸗ nen uͤber die Richtigkeit meiner Angabe nicht den geringſten Zweifel uͤbrig laſſen wird. Sie koͤnnen mithin, ſobald es Ihre Geſundheits⸗ umſtaͤnde erlauben, getroſt zum Werke ſchrei⸗ ten. Uebrigens wiſſen Sie ja, an wen Sie ſich zu wenden haben, wofern Sie noch wei⸗ tern Rathes und Beyſtandes beduͤrftig ſeyn ſollten.“ „Das wird freylich ſo oft der Fall ſeyn, daß ich, bey meinem Ungeſchick in dergleichen Dingen, das Geſchäft lieber ganz in Ihre Haͤnde legen mochte!“ verſetzte Liebheim voll inniger Freude uͤber den Ausſpruch des ein⸗ ſichtsvollen und ſachkundigen Mannes.„Ich kann Ihnen zugleich vermelden, daß die Be⸗ wohner des Derfes, die mein Vorhaben in Erfahrung gebracht, mir vor einigen Tagen nWohn n Wirth⸗ end ſchn⸗ e komm, nach eig⸗ tändlichen der Ih⸗ e nicht id. Sie ſundheiti⸗ ke ſchri⸗ wen Si noch wel⸗ fig ſyn oll ſchn, etgleich in Ihn hein vl des ein⸗ .„ die B⸗ haben n — 279— aus freyem Antriebe die thaͤtigſte Huͤlfe und Unterſtuͤtzung haben anbieten laſſen; und ſo mag denn der Bau, bei welchem ich haupt⸗ ſachlich auf Ihre freundſchaftliche Mitwirkung rechne, ſeinen Anfang nehmen, ſobald wieder guͤnſtigere Witterung eintritt.“ „Aber, beſter Evert, nunmehr noch ein Wort im Vertrauen!“ fuhr er fort, als beyde ſich uͤber dieſen Gegenſtand naͤher und ausfuͤhrlicher beſprochen hatten.„Wenn ich durch gluckliche Vollfuͤhrung des Werkes mit meinen Wuͤnſchen endlich ans Ziel gelangt und mit Allem zu Stande gekommen bin; was wird mir zur zweckmäßigen und vortheil⸗ haften Betreibung der Wirthſchaftsangelegen⸗ heiten alsdann fehlen? Antwort: gerade das Weſentlichſte— eine wackere verſtaͤndige Hausfrau! Sie runzeln die Stirn; Sie errathen, welches Geſtaͤndniß mir auf den Lippen ſchwebt! Nun, ſo will ich denn ſchlicht und offen, wie es einem ehrlichen Manne geziemt, meine innerſte Ueberzeugung ausſprechen und Ihnen verſichern, daß die Vollendung meines zeitlichen Gluͤckes einzig — 280— und allein von der bejahenden Antwort der Frage abhängt, ob Lenore ſich entſchließen kann, die Meinige zu werden!“ „Ihre Mittheilung, Herr von Liebheim, uͤberraſcht mich weniger, als Sie vielleicht vermuthen!“ erwiederte der Foͤrſter mit ruhi⸗ gem Ernſt.„Dennoch bin ich in dieſem Au⸗ genblick nicht darauf gefaßt, mich ſo genau und umſtändlich, als es die Wichtigkeit des zur Sprache gebrachten Gegenſtandes erheiſcht, ge⸗ gen Sie erklären zu können. Ich muß mir dies mithin bis auf eine gelegnere Zeit vorbe⸗ halten, und gebe Ihnen vorläufig nur ernſt⸗ lich zu bedenken, welche Einwendungen wohl das Urtheil der Welt gegen eine Verbindung dieſer Art zu machen haben duͤrfte, da der zwiſchen Ihnen und meiner Tochter herrſchende Unterſchied des Ranges und Standes—“ „Freylich, freylich!“ unterbrach ihn Lieb⸗ heim mit einem bittern Lächeln.„Vor dem Verdienſt der adeligen Herkunft verdunkeln ſich augenblicklich alle ſelbſterworbenen Vor⸗ zuge des Geiſtes und Herzens! Durch den feſten Vorſatz, mein Leben hier in Struck⸗ wort d ntſchließen Liebhein vielleicht mit whi⸗ ieem A⸗ nau und t des zur eiſcht, ge⸗ muß mir eit vorbe⸗ ur ernſ⸗ en whl vhindunh da der rſchende ihn Lich⸗ or dem rdunkel en P uch det Gn⸗ — 281— bach zu beſchließen, haͤtte ich uͤbrigens geglaubt, mit dem Urtheile der Welt bereits ſo ziem⸗ lich ausgeglichen und abgefunden zu ſeyn, um uber jeden kuͤnftigen Schritt, den ich zu un⸗ ternehmen geſonnen bin, nur mir ſelbſt ver⸗ antwortlich zu bleiben. Wehe mir, wenn ich Ihnen je Veranlaſſung gab, mich der Thor⸗ heit fuͤr faͤhig zu halten, daß ich Lenoren ein glänzendes Gluͤcks loos anzubieten vermeine, in⸗ dem ich mich um ihre Hand bewerbe! Nein, ich fuͤhle gar wohl, daß bey Abſchließung ei⸗ nes Chebuͤndniſſes zwiſchen uns beyden ich allein zu beneiden ſeyn wuͤrde!“ „Sie denken zu rechtlich,“ verſetzte je⸗ ner kalt und beſonnen,„um mir den gemach⸗ ten Einwand falſch auszulegen und zu ver⸗ argen! Auch werden Sie eben ſo wenig von mir verlangen, Ihnen auf Ihr Anſuchen den beſtimmten Gegenbeſcheid zu ertheilen, ohne die Sache zuvor in reifliche Ueberlegung ge⸗ nommen zu hoben. Laſſen Sie uns daher fuͤr jetzt davon abbrechen!“ „Ich weiß, daß Sie mit wohlwollender Geſinnung mir geneigt ſind, und lege dem⸗ 282—„ nach mein Schickſal vertrauend in Ihre Hand!“ rief Liebheim mit beſcheidner Ruͤck⸗ ſicht auf den geäußerten Wunſch.„Nur bitte ich Sie, bey der genauen Pruͤfung meines Anliegens zugleich den Umſtand in Erwägung zu ziehen, daß ich mich auf der Mittagshöhe des Lebens befinde, und daher fuͤr die Feſt⸗ ſtellung meines häuslichen Gluckes nicht gar viel Zeit mehr zu verlieren habe!“ Ohne ſich zu einer nochmaligen Beruh⸗ rung der eben verhandelten Angelegenheit zu verſtehen, fing der Förſter wieder von gleich⸗ guͤltigern Dingen zu ſprechen an, bis der Abend hereindaͤmmerte, wo er mit ſo unbe⸗ fangener kaltbluͤtiger Miene, als ob den gan⸗ zen Nachmittag hindurch nur von Wind und Wetter die Rede geweſen ſey, von dem Fäͤhn⸗ rich ſich trennte und ſich zur Heimkehr nach ſeinem Wohnſitze auf den Weg machte. Das düſtre Regengewölk begann allmaͤh⸗ lich ſich zu zertheilen, der Himmel heiterte ſich auf und die mit Ungeduld herbey ge⸗ wuͤnſchten mildern Fruͤhlingstage ſtellten ſich ein. Zur ämſigen Verfolgung des ihm vor⸗ in Ih ner Rä⸗ Nur bitt g meines Ewigun ietagshöht die Feſ⸗ nicht gat en Berih⸗ genheit u on glich⸗ bls de ſo unbe den 9ol⸗ Bind ua en Föhn⸗ nkeht nh hte⸗ n almäh l heiten orbeh 9 lten ſ ihn“ 1 — 283— ſchwebenden Sweckes ſich ruͤſtend, bezog Lieb⸗ heim jetzt eine Wohnung im Dorfe, die man ihm mit zuvorkommender Bereitwilligkeit an⸗ geboten hatte, und ungeſaͤumt ward das be⸗ ſchloſſene Werk mit Niederreißung des alten veroͤdeten Herrenhauſes begonnen. Binnen we⸗ nigen Tagen war letzteres durch den uner⸗ muͤdlichen Dienſteyfer der Dorfbewohner, die unaufgefordert ſich zur Mithuͤlfe herbey draͤng⸗ ten, nur in den unfoͤrmlichen Holz- und Steinmaſſen noch vorhanden, welche, ver⸗ einigten Fleißes an die Seite geſchaſſt, zu Bergen aufgethuͤrmt lagen, und ihrer zweck⸗ mäͤßigern Wiederbenutzung entgegen harrten. Mit eben ſo reger Thaͤtigkeit nahm, nachdem unter Aufſicht und Anleitung des Foörſters, der faſt täglich bey den Arbeitern ſich einfand, der Boden geebnet und der Grund zu dem neuen Gebäude gelegt mar, der Bau ſelbſt ſeinen ſchnellen und gluͤcklichen Fortgang. Unnuͤtzen Prunkes ermangelnd, aber Be⸗ quemlichkeit und Anmuth in ſich vereinigend, ſtieg ein heitrer freundlicher Wohnſitz aus den Truͤmmern empor, und ehe der Fruhling ſei⸗ nen Bluthenlauf vllig beendigt hatte, ſchmuͤckte ſchon, zur innigen Luſt und Freude des Bau⸗ herrn, der Giebelkranz das ländliche Dach. Auch Henkel befand ſich, obwohl ſeine Dienſthulfe nicht zur unmittelbaren Förderung des Baues in Anſpruch genommen wurde, während dieſer unruhvollen Zeit faſt beſtaͤndig auf den Beinen, indem es bald zu Werlau bald im Forſthauſe etwas zu beſtellen und auszurichten gab, was ſein vielbeſchäftigter Gönner ihm zu übertragen nicht Anſtand nahm. Zwar hätte er, da Lenore, ſo oft er ſich blicken ließ, nicht allein immer darauf bedacht war, ihm allerley, des Lebens Nah⸗ rung und Nothdurft betreffende Gegenſtaͤnde heimlich zuzuſtecken, ſondern auch in ihrer verfaͤnglichen und höchſt verdächtigen Freund⸗ lichkeit gegen ihn weder Maaß noch Ziel zu beobachten fortfuhr, die fuͤr ſeine innere Ruhe und Zufriedenheit ſo gefährlichen Sendungen nach dem letzt genannten Orte gern ganz von ſich abgelehnt; doch konnte er es, vermöge der innigen Anhaͤnglichkeit, mit welcher er dem Gutsherrn ergeben war, durchaus nicht — 285— „ſchniih uͤber ſich gewinnen, ſein geheimes Bedenken des Bhl⸗ laut werden zu laſſen, oder auch nur durch Dah. Mienen und Geberden, ſo oft ein neuer Auf⸗ nihl ſi trag dieſer Art an ihn erging, den S ſin der Unluſt und Widerſpenſtigkeit auf ſich zu en wurde, laden. hüin Der Tag, an welchem das Gebäude ge⸗ Paln richtet und der Giebelkranz aufgeſetzt worden — war, endigte mit einer Feſtlichkeit, die Lieb⸗ 1 „ 66 heim zu Gunſten ſämmtlicher Baugehuͤlfen hifiht auf dem freien und geräumigen Hoſplatze ver⸗ anſtaltet und zu welcher auch Lenore ſich ein⸗ 1 ite gefunden hatte. Mit dem Jauchzen und Ju⸗ i huf beln der gaſtlich bewirtheten Menge vermiſch⸗ 1 en Pih ten kraͤftigen Klanges ſich die Töne der Mu⸗ gint ſik; denn zur Verherrlichung des Feſtes hatte„ in ihte Henkel ein paar Kunſtgenoſſen aus der Nach⸗ Freund⸗ barſchaft herbeyholen muͤſſen, und mit regem Zil j Amtseifer des obliegenden Berufes eingedenk, 3 nur Muft ſaß das Kleeblatt abgeſondert im Lindenſchat⸗ indungen ten, während mitten auf dem Platz der juͤngere gun b Theil der Anweſenden ſich im fröhlichen Tanz verni umherſchwenkte. relcher“ Schon begann der Abend zu dämmern, u u ——— S— — 286— als Liebheim, der auf geraume Zeit ſich aus dem Laͤrm und Getuͤmmel entfernt, und in Begleitung Lenorens und ihres Vaters einen Spaziergang durch den angrenzenden Garten unternommen gehabt hatte, zur Geſellſchaft zuruͤckkehrte. Neuaufgeregt ſchien ſein ganzes Weſen, ſein Geſicht gluͤhte vor Luſt und Wonne, und klar und deutlich ergab ſich aus den freudetrunknen Blicken, mit welchen er durch das Gedraͤnge dahinſchritt, daß es mittlerweile in dem ſtillfriedlichen Gartenbezirk zwiſchen ihm und ſeinen beyden Gefährten zu Verhand⸗ lungen gekommen ſey, durch deren gluͤcklichen Abſchluß und Erfolg er ſich am Ziel aller ſeiner Wuͤnſche befinde. Fortwaͤhrend ſchien es ihm Zwang und Ueberwindung zu koſten, die Zunge im Zaum zu halten und ein Ge⸗ heimniß niederzudruͤcken, für deſſen Verwah⸗ rung es dem vollen Herzen an Raum gebrach⸗ „Alles iſt richtig!“ fluͤſterte er dem Muſikus zu, indem er ihm einen kräftigen Schlag auf die Schulter verſetzte.„Ich ſage noch nichts, kein Wort geht uͤber meine Lippen; aber er kann ſich nur im Voraus auf eine große o% — 287— tſch u Ueberraſchung gefaßt machen!—“ Henkel fuhr h erſchrocken zuſammen. Zum Unglück mußte ters einen auch Lenore ſich eben in der Naͤhe aufhalten 1 n Garten und ihm lächelnd zunicken, als er, aus ſeinen geſilſcheft Träumereyen aufgemuntert, die Augen erhob. en zn Schauder des Entſetzens durchtieſelten ihm Luſt und die Glieder, eine Zentnerwucht fiel auf ſein ahnendes Herz und nicht eher, als bis er nach Beendigung des läͤndlichen Feſtes ſich ſich aus en et duch nittlerweil wieder in ſeiner einſamen Wohnhuͤtte befand, 3 ziſchen verlor ſich das heftige Zittern, in welches er 1 Puhm bey Anhörung jenes bezugreichen ninc⸗ glicklche tes gerathen war. ʒu al Die Furcht und Bangigkeit ſeines In⸗ „ ſin nerſten zu uͤberwinden, ſtand um ſo weniger in ſeiner Gewalt, da Liebheim unbarmherzig zu koſten, genug war, ſein geheimnißvolles Benehmen dein Ge Perwal⸗ fortwährend beyzubehalten. Was ließ ſich un anders vermuthen, als daß Lenore den Guts⸗ gun herrn zum na ihrer verliebten Neigung e gnß und Aeler aus dankbarer Rückſcht Gefaͤlligkeiten des Förſters, den ei⸗ h 6 genmächtigen Entſchluß gefaßt habe, ihr zur 30 Erfüllung ihrer Wuͤnſche behuͤfflich zu ſeyn. int 9i — 288— Hundertmal war er im Begriff, ſich dem Faͤhnrich zu Fuͤßen zu werfen, und in der Zerknirſchung des Gemuͤths das Bekenntniß abzulegen, wie glücklich er ſich ſchaͤtzen werde, wenn er von der ihm zugedachten Ueberra⸗ ſchung gänzlich und fuͤr immer verſchont bleibe; aber wo haͤtte er, bey der bloͤden Schuͤchternheit ſeines Weſens, den Muth hernehmen ſollen, der zur Ausfuͤhrung eines ſo kuͤhnen Vorhabens erforderlich war! Die Herzensangſt, die ihn nirgends Ruh noch Raſt finden ließ, ſollte jedoch einen noch hohern Grad erreichen, als er nach Verlauf mehrerer Wochen, waͤhrend welcher der Bau des Herrenhauſes zu ſeiner Vollendung gediehen war, eines Morgens zum Gutsherrn berufen wurde, und dieſer ihm einen ganz neuen ſtatt⸗ lichen Anzug uͤberreichte, den er insgeheim für ihn hatte verfertigen laſſen.„Ich merk' es ihm freylich an, mein lieber Henkel, daß er vor Neugierde ſchier zerplatzen möchte!“ ſagte Liebheim mit liſtig trivmphirendem Ge⸗ verdenſpiel.„Aber es hilft nichts, er muß ſich noch in Geduld faſſenz denn ich liebe nun ein⸗ ſich un und in de Bekenntnß iten wode, Ueberro t veſchen der blider en Mith wung in ar! tgend Ruh inen n Peruf er der Bol ng giiehn en berufen neven ſtu inighe n enkel, do möchnl! rendem 6 . m 10 6 — 289— einmal die Ueberraſchungen! Alſo morgen, hoͤrt er wohl? morgen des Nachmittags um drey Uhr findet er ſich, aufs beſte heraus ge⸗ putzt, draußen im Forſthauſe ein. Dann ſoll er erfahren, was im Werk iſt, und Erlaubniß bekommen, in der Freude ſeines Herzens Geſichter zu ſchneiden, ſo viel er Luſt hat! Für jetzt aber kann ich ihn hier nicht länger brauchen; drum geh' er mit Gott, und verſäum' er mir morgen die Zeit nicht!“ Henkel ſtand und ſchnappte nach Luft. Bevor er aber zum Wort zu kommen ver⸗ mochte, ſah er ſich von dem vielbeſchaͤftigten Goͤnner, der in dieſem Augenblick fuͤr Anhö⸗ n unnuͤtzer Herzensergießungen durchaus keinen Sinn zu haben ſchien, bereits wieder zur Thuͤr hinausgedrängt. Noch verweilte er mit dem Kleiderpack unter dem Arm,. dumpfer Betäubung und Muthloſigkeit auf dem Vorſaal, als die Stimme des Guts⸗ herrn, der einem herbey beſchiedenen Knechte mancherley Befehle zu ertheilen anfing, aufs neue zu ſeinen Ohren drang. Was er von der ſtattfindenden Untertedung vernahm, be⸗ M. 19 — 290— ſtand zwar nur in einzelnen abgeriſſenen Wor⸗ ten; doch reichte ſelbſt das Wenige vollkom⸗ men hin, den letzten Reſt von Faſſung aus ſeiner Bruſt zu verſcheuchen. Es war nehm⸗ lich von Herbeyſchaffung eines zweyten Fuhr⸗ werks die Rede, auf welchem der Werlauer Prediger morgen nach dem Forſthauſe abge⸗ holt werden ſollte. Ein zerſchmetternder Donnerſchlag fuͤr den angſtvollen Laurer und Horcher, dem zur Be⸗ ſtätigung ſeines laͤngſtgehegten tödtlichen Arg⸗ wohns nur eine ſolche Andeutung noch gefehlt hatte! das Blut ſtockte in den Adern, Lei⸗ chenblaͤſſe uͤberzog ſein Geſicht und alles Ra⸗ thes und Troſtes beraubt, kehrte er in ſtum⸗ mer, bangbrlnder Verzweiflung auf dem ge⸗ wohnten Umwege nach ſeiner Huͤtte zurück. Erſt ſpät des Nachmittags kam er wieder zum Vorſchein. Statt der truͤben Zweifels⸗ qual, die in den letztverwichenen Tagen ſeine unzertrennliche Gefaͤhrtin geweſen, ſtand jetzt die Feſtigkeit eines, der widerſtrebenden Na⸗ tur zwar muͤhſam abgerungenen, aber uner⸗ ſchutterlichen Entſchluſſes in ſeinen Mienen — 291— ſenen Wun ausgedruͤckt. Der Dornſtecken in ſeiner Rech⸗ ge volkon⸗ ten deutete auf eine Wanderung uͤber Land; ſung u auch eilte er, nachdem er die Thuͤr ſeiner war nhn. Wohnung wieder ſorgfaͤltig verſchloſſen, mit ien Fuh flinken Schritten zum Dorfe hinaus, indem rWrrlau er nach der Gegend von Werlau ſeine Rich⸗ uſe hh tung einſchlug. Es daͤmmerte ſchon, als er den Flecken erreichte, wo er gerades Weges hlag für dn auf die Apotheke losſteuerte, ſich beym Ein⸗ mzur B⸗ tritt nach Kraͤften zuſammennahm, und— lichen Ug⸗ Fliegengift verlangte. Es ward ihm kurz 3 nch gifht und buͤndig angedeutet, daß man mit dieſem ſern, Artickel gegenwärtig nicht verſehen ſey.„So oles Ru⸗ bitte ich mir Rattengift aus; auch das „in ſu⸗ kann ich gebrauchen!“ nahm Henkel mit an⸗ den g⸗ gelegentlichem Eifer wieder das Wort. 8 nit. Jetzt ſchaute der Apotheker ihm etwas rnin ſchaͤrfer und aufmerkſamer ins Geſicht.„Ah, fil⸗ ihr ſeyd es, Fidelfritz!“ rief er aus. zpi i — ſin„Hätte ich euch doch faſt in der Dunkelheit ſn j gar nicht gekannt! Gift wird keinem Frem⸗ Nu den anvertraut; ihr aber ſollt ſogleich abgefer⸗ „ un tigt werden!“ Bey dieſen Worten entfernte er ſich aus der Offizin, kam aber ſchon nach 10* 292— Verlauf einiger Minuten mit einem Fläͤſchchen wieder, welches er, unter Anwuͤnſchung guten Erfolges, dem Harrenden uͤberreichte. Es war mit einer dunkeln Fluſſigkeit angefuͤllt⸗ Henkel ſteckte es zu ſich und trabte, waͤhrend die Bitte, behutſam damit umzugehen, ihn bis auf die Gaſſe hinaus verfolgte, ſporn⸗ ſtreichs von dannen, bis er das Städtchen erſt im Ruͤcken hatte. Jetzt nahm er nach der ſeitwärts beſindlichen Waldung ſeinen Weg, ſchweifte die Nacht hindurch in derſel⸗ ben umher, und kehrte erſt mit dem däm⸗ mernden Morgen nach ſeinem Wohnorte zu⸗ ruͤck. Hier angelangt, verfuͤgte er ſich, nach⸗ dem er von ſaͤmmtlichen einzelnen Gegenſtän⸗ den ſeines Beſitzthums den wehmuͤthigſten Ab⸗ ſchied genommen, in den Garten hinaus, wandte die duͤſtern Blicke noch einmal nach allen Seiten herum, und ſtieg ſodann in das Grab hinunter, das er vor mehrern Jahren mit eigner Hand bereitet und zu ſeinem Lieb⸗ lingsſitz erwählt hatte. Die Luͤfte wehten ſo mild, der blaue Himmel blickte ſo klar und heiter auf ihn herab, und die Vögel im an⸗ nFliſchchn chung guhn eichte. G t angefült wihrend ugehen, ihr e, ſporn⸗ Städtchen er nich ung ſüne h in derſ dem dim zohnorte j ſch, w Gienßi⸗ higſten Ub⸗ tn hinu innol n bann in d tern Johr ſinem Lu e wehtn ſo ll l i⸗ — 293— grenzenden dichten Gebuͤſch ſtimmten mit ſo reger, lebensfroher Munterkeit ihr Morgenlied an, daß er zagend und zitternd das Haupt zur Bruſt herabneigte und beim Gedanken, das Licht des aufgehenden Tages heut zum letztenmal geſchaut zu haben, vom tiefen See⸗ lenſchmerz uͤberwaͤltigt, bitterlich zu weinen anfing. Mit bebender Hand brachte er zu verſchiedenen Malen das Giftflaͤſchchen zum Vorſchein, ſchuͤttelte es um, ſeufzte laut auf, und ſteckte unter neuhervorſtroöͤmenden Thrä⸗ nen es vorſichtig wieder in die Taſche. So verſtrich in peinvoller Unſchluͤſſigkeit ihm eine Stunde nach der andern, waͤhrend er ſein trauriges Loos fort und fort bejammerte und beklagte, ohne zu Volfuͤhrung des kuͤhn⸗ beſchloſſenen, auf den rettenden Ausweg hin⸗ zielenden Werkes, Muth und Kraft gewin⸗ nen zu koͤnnen. Da hoͤrte er, wie die Thuͤr ſeiner Woh⸗ nung, nach vorangegangenem heftigen Klopfen und Rufen, gewaltſam geſprengt wurde. Bald darauf vernahm er das Geraͤuſch annä⸗ hernder Fußtritte, indem man zugleich durch das zaͤhe dichtverwachſene Geſtripp ſich mit Huͤlfe eines ſchneidenden Werkzeuges nach dem Innern des Gartens Bahn zu brechen be⸗ muͤht war. Jetzt ſchien es unwiderruflich um ihn gethan! Die Vorſtellung, daß man komme, um ihn mit Gewalt zum Traualtar zu ſchleppen, verſchlang plötzlich jedes zag⸗ hafte Bedenken, und der Gedanke, daß nur der Tod ihn retten konne, trat als unleug⸗ bare ſchreckliche Gewißheit ihm vor die Seele. Keine Zeit war zu verlieren; denn naͤher und näher ruͤckte das Verderben heran! Vom Drange des Augenblicks gepreßt und gefoltert, öffnete er in ſchaudernder Haſt das Flaͤſch⸗ chen, ſetzte es an den Mund, und im Nu war es bis auf den letzten Tropfen geleert. „Alle Millionen! Da hab' ich ihn end⸗ lich erwiſcht! Da ſitzt er richtig unten im dunkeln Erdloche!“ rief oberhalb des Gra⸗ bes eine wohlbekannte Stimme. Henkel er⸗ hob die verduͤſterten Augen und gewahrte Zeidlern, der verwundert und betroffen nach der Tiefe hinabſchaute, während von der ge⸗ ſih nit es nach den brechen be⸗ eruflch um daß man m Fraualtar jedes zog⸗ „daß nur alt unleug⸗ die Stle⸗ näher und an! Pen nd gefolter, m Ilſih⸗ nd im N gelert. ch ihn ud⸗ g unten im des Gra⸗ Hankel gwahri ufn n — 295— habten Anſtrengung ihm der helle Schweiß uͤber die Stirne floß. „Gebt euch keine Muͤhe weiter; denn es iſt aus, reinaus mit mir!“ ſtöhnte mit klag⸗ licher Geberde der Ungluͤckliche.„Der gnaͤ⸗ dige Herr mag es ganz gut mit mir gemeint haben; aber heirathen mag und will ich nun einmal nicht!“* „Noͤrriſcher Kautz! was haſt du wieder fuͤr Wirbel im Kopfe?“ entgegnete Zeidler. „Was willſt du denn eigentlich? Wer hat denn von dir verlangt, daß du heirathen ſollſt?“ „Ich bin ſo dumm nicht, daß ich nicht ſchon laͤngſt haͤtte wittern ſollen, was uͤber mich beſchloſſen worden iſt!“ fuhr jener zu jammern fort.„Die ſchoͤne Foͤrſterin hat ein Auge auf mich geworfen, der Gutsherr iſt als Mittelsmann dazwiſchen getreten, und heut iſt der Tag, wo ich ſie ohne Barmher⸗ zigkeit heirathen ſoll! O ich weiß alles! Ich habe mir alles zuſammen zu reimen gewußt: den Pfarrer und die nagelneuen Kleider und die mir zugedachte Uebetraſchung, alles, alles!“ — 296— „Nun, ſo ſchlag' der Blitz mit Bomben 1 und Granaten drein!“ rief mit dem Aus⸗ druck des höchſten Erſtaunens der Betroſſene. ſ „Menſch, biſt du verruͤckt? Die Föͤrſterin! Die eben, und keine andere, iſt es ja, die 3 unſer Herr ſelbſt heirathet! Seit ſechs Wo⸗ chen waren ſie heimlich mit einander verlobt und heut iſt die Hochzit! Du und die För⸗ ſterin! Nun, ein ſo toller Gedanke muß wohl unter der Sonne nicht wieder jung werden!“ „— Der eifervolle Nachdruck dieſer Rede ver⸗ buͤrgte die Wahrheit derſelben in ſo hohem 1 Grade, daß der Geaͤngſtigte mit Entſetzen und Grauſen die Haͤnde uͤbet dem Kopfe zuſammen⸗ ſchlug, indem die ſchreckliche Selbſttäuſchung, in welcher er ſich befunden, ihm klar und kla⸗ rer einzuleuchten anſing.„So ſteh' mir Gott bey; denn ich habe Gift im Leibe!“ ſchrie er kreiſchend auf, wollte ſich emporraffen, und . ſank, mit dem Gefuͤhl der Vernichtung, er⸗ ſchöpft und kraftlos wieder in ſich ſelbſt zu⸗ ſammen. Umſonſt verſuchte Zeidler, nach⸗ it Bombn dem Au⸗ Betroſſne, Förſtennt s ja, die ſechs Wo⸗ nder berlobt d die Fot⸗ dante miß vieder jun Nehe be⸗ ſo hohen uſehen und uſamme⸗ ſtäuſchung, ur und kl⸗ h nir Gol e“ chrü affen, un ung, ſilſt ⸗ ⸗ ler/ — 297— dem er ihm aus der Grube und nach dem Innern der Wohnhuͤtte geholfen, ihn zu troͤ⸗ ſten und zu beruhigen; er konnte vor dem Wimmern und Wehklagen, womit Henkel ſeine uͤbereilte graͤßliche That bejammerte und verwuͤnſchte, nicht zum Worte kommen, und hatte nur zu ſorgen, daß der Verzweifelnde nicht der Wirkung des Giftes vorgriff, und ſich in der wahnſinnigen Verwirrung des Ge⸗ muͤthes den Hirnſchaͤdel an den Waͤnden ein⸗ ſtieß. Bald aber veränderte ſich der Auftritt. Henkel begann gleich einem Trunkenen zu ſchwanken und zu taumeln, verlor das Gleich⸗ gewicht und fiel betäubt und ermattet auf ſein in der Ecke befindliches Ruhebett nieder. „Jetzt, jetzt geht es zu Ende! O mein jun⸗ ges Leben!“ rief er mit lallender Zunge, ſein Bewußtſeyn verdunkelte ſich, und ſämmt⸗ liche Hausgeräthſchaften verſchwanden ihm aus den erlöſchenden Blicken. Kaum den eignen Sinnen aber wollte er trauen, als er, nach einem zwanzigſtuͤndi⸗ gen, tiefen und feſten Schlummer, die Au⸗ — 298— gen wieder aufſchlug und, ſtatt in den Räu⸗ men des Paradieſes, ſich in einer Dachſtube des neuerbauten Herrenhauſet befand. Die Thuͤr war verſchloſſen; doch dauerte es, nach⸗ dem er ſich zu regen angefangen, nur wenige Minuten, als Zeidler ſchon ſich einſtellte, um ihn vor Gericht zu fuͤhren. Zagend und zau⸗ dernd folgte er demſelben nach dem Wohnzim⸗ mer hinab, wo Liebheim mit ſehr ernſter, unwilliger Miene ihn empfing. Denn, ſtatt des geforderten Giftes einen Schlafteunk ver⸗ abreichend, hatte der Apotheker zugleich nicht ermangelt, in der Fruͤhe des andern Morgens einen Boten nach Struckbach abzufertigen, um den Gutsherrn von dem verdaͤchtigen Vor⸗ fall in Kenntniß zu ſetzen und ihm ein wach⸗ ſames Auge auf den Gemuͤthskranken anzu⸗ empfehlen. Mit welchem Befremden Liebheim dieſe unerwartete Botſchaft vernommen, läßt ſich leicht erachten. In Zorn und Verdruß aber war ſein Erſtaunen uͤbergegangen, nach⸗ dem er aus Zeidlers Munde die eben ſo ſelt⸗ ſame als fuͤr Lenoren höchſt ſchmeichelhafte Veranlaſſung, welche der beabſichtigten en Ri⸗ chſtube d. Die , nch⸗ wenige lte, um und zal⸗ nM⸗ ernſier n, ſtt nk vel⸗ ch nicht Norgens fertigen⸗ en Von n⸗ icbhein , liß ßerdtuß noch⸗ ſo ſel hilhif i0 — 299— Selbſtentleibung zum Grunde gelegen, in Er⸗ fahrung gebracht hatte. „Wenn er in ſeiner ſchwachköpfigen Träumerey noch einiger Ueberlegung fähig iſt,“ redete Liebheim mit barſcher Stimme ihn an, „ſo mag er ſich ſelbſt ſagen, welche Zuͤchti⸗ gung er für ſeinen Narrenſtreich verdient hätte. Einzig und allein der gutmuͤthigen Fuͤrſprache meiner Frau hat er es aher zu verdanken, daß ich Gnade für Recht ergehen laſſe, in⸗ dem ich nicht allein ihm ſein ſchnödes Vor⸗ haben verzeihe, ſondern ihm auch ſeinen Titel als Kammermuſikus nebſt den damit verbun⸗ denen Vortheilen fuͤr die Folge zuſichere; obwohl ich ſelbſt, auf Anrathen gewiſſer Leute, mich mit Ausüͤbung der Muſik hin⸗ führo nicht weiter befaſſen werde!“ Jetzt trat Lenore aus der Thuͤr des angrenzenden Schlafgemaches. Ihr bloßer Anblick war hinreichend, die letzte Falte des Unmuths von Liebheims Stirn zu verſcheu⸗ chen. Mit freudigem Ungeſiüm ſchloß er ſie in ſeine Arme. Henkel aber ſtuͤrzte bey Wahrnehmung des mitleidigen Lächelns, das ſie ihm zuwandte, auf die Kniee, erhob die geruͤhrten Augen zu dem gluͤcklichen Paar, und dankte Gott und dem Apotheker zu Wer⸗ lau im Stillen fuͤr die ſorgſame Hintertrei⸗ bung des tödtlichen Planes, welchen der Ent⸗ ſchluß, als Junggeſell zu leben und zu ſter⸗ ben, in ſeinem Innerſten erzeugt gehabt hatte. s, do hob di Paar, Wir⸗ terttei⸗ 1 er Ent⸗ ſtet⸗ nh gehabt IW. Die Martinsgans. In ſtilles Nachdenken vertieft, kehrte Meiſter Ringwald eines Sonntags aus der Kirche zuruͤck, wo der Pfarrer ſo eben uͤber das Evangelium vom barmherzigen Samariter eine gar erbauliche und ruͤhrende Predigt gehalten hatte.„O Gretchen, liebes Gretchen!“ ſeufzte der Bedrängte, indem er ſein oͤdes Wohnhaͤuschen aufſchloß und von den kahlen duͤſtern Stubenwaͤnden ſich wieder umringt ſah. „Wäre mir das Herz nicht von einer ſo de⸗ ſperaten Liebe beſeſſen und eingenommen; ich wuͤßte wohl, was ich thate! da ſteht die alte Huͤtte, nehmt ſie hin und macht euch be⸗ zahlt, ihr Blutegel! ſo ſpraͤche ich, ſchnurte mein Felleiſen, wanderte von dannen und waͤre wieder der heitre, fröhliche Burſche, der ich ſonſt geweſen. Ja, beym Himmel! Was ich heut in der Kirche gehoͤrt habe, paßt ſo ganz auf meinen Zuſtand, daß es mich, wenn ich mir die Auslegung des Evan⸗ geliums noch weiter auslege, ſchier beduͤnken will, ich ſelbſt ſey unter die Raͤuber gefallenz nur daß ſich leider kein barmherziger—“ Da ſiel ihm der Amtmann ein. Der dicke Herr, der während der Predigt ſich vor Wehmuth und Ruͤhrung kaum zu laſſen wußte, hatte fort und fort mit den Weibern um die Wette geſchluchzt, dem Klingelbeutel vor aller Welt Augen einen blanken harten Gulden geopfert und nach und nach ſeine beyden Schnupftuͤcher vollgeweint.„Gluͤckſeliger Ge⸗ danke!“ jubelte Ringwaldz;„Der barmher⸗ zige Samariter iſt gefunden! Zu ihm will ich hin; ihm will ich meine traurige Lage ſchildern, meine Noth klagen, mein Verlangen ans Herz legen. Volle Kiſten und Kaſten ſtehn ihm zu Gebot; er wird, den heut bey ihm erweckten chriſtlichen Regungen gemaͤß, nicht Anſtand nehmen, mir auf mein ehrliches Ge⸗ Geſi Phal mein ſtuͤrn Schn guten Geß Merk mein nit Min und urſche, du Himmell ört habe, daß es es Ewan⸗ bdünken gefollen; . Di t ſich bo ſn wufte num di vor ale nGulde varmhen ihm wl rige L0 Verlong d Kaſi heutb gni nh — 305— Geſicht und gegen billige Zinſen die funfzig Thaler vorzuſtrecken, um derentwillen ich von meinen hartherzigen Glaͤubigern ſo lieblos be⸗ ſtuͤrmt und in die Preſſe genommen werde. Schnell, ſchnell ans Werk, bevor ſich die guten Eindruͤcke wieder verwiſchen, die ſein Geſicht in ſo unverkennbaren Zeichen und Merkmalen vor der ganzen verſammelten Ge⸗ meinde kund gab!“ Geſagt, gethan! Ringwald ließ das mit eigner Hand herbeygetragene, kuͤmmerliche Mittagsbrod im Stich, verſchloß die Thuͤr, und eilte mit ſtarken Schritten dem Amthauſe zu. Auf ſein beſcheidnes Klopfen erſchien eine Mahd und berichtete ihm, daß die Herrſchaft ſich bereits bey Tiſche befinde, weshalb er zu gelegnerer Zeit ſich wieder einſtellen moͤge, wofern ſein Geſchäft nicht etwa von ſehr drin⸗ gender Wichtigkeit ſeyo.„Ach, freylich iſt es ſehr dringend und wichtig!“ erwiederte Ring⸗ wald mit ſo lebhaftem Geberdenſpiel, daß jene ſogleich unter dem Verſprechen, ihn an⸗ melden zu wollen, ſich nach dem Speiſezimmer verfugte. Nach Verlauf einiger Minuten, II. 20 ———— wuͤhrend welcher der Harrende die fur ſeinen mals in ſeinem Leben mit einigem Appetit zu — 306— Zweck tauglichen Redewendungen ſtill uͤber⸗ dachte, kam der Amtmann zum Vorſchein. Das ſtattliche Feyerkleid war dem gruͤndamaſt⸗ nen Schlafrotke, die hoch friſirte Beutelperuͤcke der ſchwarzen Sammetmuͤtze gewichen. Als Verkuͤnderin ſeines gegenwaͤrtigen Schaffens und Treibens, hing ihm die im dritten Knopf⸗ loch befeſtigte Serviette bis zu den Knicen herab, und nicht undeutlich druͤckte in einem Wolkchen auf ſeiner Stirn der geheime Un⸗ muth uͤber die ſo eben erfolgte Störung und Unterbrechung ſich aus. Gar bald gewann indeſſen, während Ringwald in Vortragung des kuͤhnen Geſuches ſeinem gepreßten Herzen Luft zu machen an⸗ fing, ein mit zweifelhaftem Kopfſchuͤtteln verbundenes mitleidiges Lächeln in ſeinem Ge⸗ ſicht die Oberhand.„Mein Freund!“ unter⸗ 1 brach er mit Zeichen des hoͤchſten Befrem⸗ dens, aber in ziemlich leutſeligem Ton den geſchwätzigen Bittſteller.„Er iſt entweder nicht recht bey Sinnen, oder er hat noch nie⸗ ir ſeinn ill uͤbe⸗ Porſchein, ndamoſt⸗ telperick Ah Shfn Kaopf⸗ n Kniten in einen uime ln un u wihrn Giſuche chen ⸗ pſchite inen G until Sſn Zon 5 w noch hy — 307— Mittag gegeſſen. Zu ſeiner Ehre will ich bey⸗ des glauben; denn ich vermoͤchte mir ſonſt eine ſolche Dreiſtigkeit ſchlechterdings nicht zu er⸗ klären. Wann und wo ich ihm Anlaß ge⸗ geben, mich der Ausuͤbung eines dummen Streiches fur faͤhig zu halten, weiß ich nichtz groß muß uͤbrigens ſein Glaube an ne Einfalt ſeyn, da er ohne alles Bedenken ſo⸗ gar die iſchzeit wählt, mich mit einem An⸗ liegen dieſer Art zu behelligen!“ „Der geſtrenge Herr Amtmann,“ ſtam⸗ melte Ringwald,„waren heut in der Kirche. als der Pfarrer die edle Huͤlfsleiſtung i barmherzigen Samariters zur Nachahmung anempfahl, ſo geruͤhrt und bewegt, daß ich bey Anblick alsbald auf den Gedan⸗ — gerieth, ein ſo gefuͤhlvoller Menſchenfreund könne es unmoͤglich uͤber ſich gewinnen, den flehenden Worten des armen treſtedürf en Mitbruders ein geneigtes Gehör zu nih wenn ihm auch di — h die Suppe daruͤber kalt wer⸗ dieſer Hindeutung nahm der Amt⸗ mann, indem er nicht umhin konnte, ſich die 20* — 308— öffentlich zur Schau getragene Ruͤhrung ins Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, wieder eine ſehr ſanfte Miene an und ſagte:„Man ertheilt ihm uͤberall das Lob eines braven und fleißi⸗ 1 gen Mannes, Meiſter Ringwald! Das iſt freylich recht gut fuͤr ihn; nur kann es mir leider nichts helfen! Die Zeiten ſind grund⸗ ſchlecht; er wird am beſten wiſſen, ob ihm der Webſtuhl mehr als das trockne Brod ab⸗ wirft. Wie in aller Welt kann er mir zu⸗ muthen, ihm funfzig Thaler zu leihen und auf dieſe Art mein Geld zum Fenſter hinaus ſ zu werfen! Zeichen und Wunder ſind nicht mehr an der Tagesordnung; die Moͤglichkeit aber, daß er jemals auf natuͤrlichem Wege zu Wiederabtragung der gelichenen Summe ſollte Anſtalt zu treffen wiſſen, will mir durch⸗ aus nicht einleuchten. Er begreift alſo wohl, daß von den verlangten funfzig Thalern gar nicht weiter die Rede ſeyn kann. Um ihm indeſſen von meiner weichen Gemuͤthsart und thätigen Menſchenliebe ein ſprechendes Pröb⸗ chen zu Tage zu foͤrdern, will ich bey dem alten Hufſchmidt Roͤhrfeld, den er mir als neh der mů ihrung ißs eine ſeht un ertheilt und fteti⸗ Das iſt mes mit nd n⸗ ob ihm Brod ab⸗ er mir zu⸗ hen und fer hinaus ſind nicht Rögſchket em Vöhe Somw mir durch⸗ ſo wohl, len go Um ihn eurt u e Prb b d mit 46 — 309— den ungeſtuͤmſten unter ſeinen Glaͤubigern be⸗ zeichnet, mich gelegentlich fuͤr ihn verwen⸗ den, um den hartherzigen Polterer dadurch wo möglich zu einiger Geduld und Nachſicht zu bewegen. Vielleicht daß es ihm fuͤr Ein⸗ treibung der zu fordernden Schuldſumme auf ein paar Wochen fruͤher oder ſpaͤter nicht an⸗ kommt!“ Ringwald wollte von neuem das Wort nehmen; der Amtmann deutete ihm jedoch an, daß er ſich fuͤr jetzt aller weitern Aeußerungen des Dankes und der Erkenntlichkeit enthalten möge, nickte ihm einen fluͤchtigen Abſchieds⸗ gruß zu, und kehrte in ſehr angelegentlicher Eilfertigkeit nach dem Speiſezimmer zuruͤck. Zeit gewonnen, viel gewonnen! dachte jener, indem er gleichfalls zum Abzuge ſich anſchickte. Die beabſichtigte Anleihe muß ich mir freylich aus dem Sinn ſchlagen; hat indeſſen der Amtmann nur fuͤr das mir ertheilte Verſpre⸗ chen ein beſſeres Gedaͤchtniß, als für die heu⸗ tige Predigt, ſo war der Sweck meines ge⸗ wagten Unternehmens denn doch nicht ſo ganz verfehlt!— — 310— Erſt vor einem halben Jahre war Ring⸗ wald, auf erhaltene Nachricht von dem er⸗ folgten Ableben ſeines Bruders, aus der Fremde heimgekehrt, hatte durch Uebernahme des väterlichen Wohnhauſes ſich zur Entrich⸗ tung aller in Folge der ſtattgehabten Krank⸗ heit des Verſtorbenen darauf haftenden Schul⸗ den anheiſchig gemacht, und ſeitdem in un⸗ ermuͤdlicher Ausdauer hinter ſeinem Webſtuhl gearbeitet und gedarbt, um vor allen Dingen den eingegangenen Verbindlichkeiten Gnüge zu thun. Leider war ihm jedoch das Hinwirken auf den genannten Zweck nicht nach Wunſch von ſtatten gegangen, da er, aller Einſchrän⸗ kung und Sparſamkeit zum Trotz, ſich durch den Fleiß ſeiner Hände noch bis jetzt kaum den nöthigen Lebensunterhalt zu erwerben im Stande war. Es wollte demnach, obgleich der Ruf von ſeiner Geſchicklichkeit ſchon mehr und mehr zu ſeinem Vortheil ſich zu verbrei⸗ ten begann, ſich zur gaͤnzlichen Zufriedenſtel⸗ lung der von einer Zeit zur andern vertröſte⸗ ten Glaubiger noch immer keine Ausſicht fur ihn eröffnen, ein Umſtand, der in nicht ge⸗ in 2 m W var Ring⸗ dem et⸗ aus der ebemahme Entrich⸗ n Krank⸗ en Schul⸗ in un⸗ Webſtuhl n Dingen Gnuge zu Hinwirken Wunch Einſchrn⸗ ſih dun ht kaum verben im „obhleich hon meht 1 verbrei⸗ riedenſil ertriſt⸗ iſcht ft ni h — 311— ringerm Maaße ſein Herz mit Sorgen und Bekuͤmmerniſſen erfuͤllte, als er zugleich dem ſtillheimlichen Wunſche nach einer Verbindung mit der Geliebten, die während ſeiner vierjaͤh⸗ rigen Abweſenheit von der Heimath mit wan⸗ delloſer Treue ihm ergeben geblieben war, hem⸗ mend und ſtörend in den Weg trat. Gret⸗ chen, die damals, als das Liebesverſtändniß zwiſchen beyden ſich anknuͤpfte, bey einer im Städtchen wohnenden Muhme ihren Aufent⸗ haltsort hatte, befand ſich gegenwaͤrtig wieder bey ihrem Vater, dem Hegereiter Trautmann in Almersdorf. Nur wenige Male hatten die Liebenden im Lauf des eben verwichenen Som⸗ mers ſich geſehen und geſprochen, da ihre Wohnoͤrter uͤber eine Meile Weges von ein⸗ ander entfernt lagen, und Ringwald, der, zufolge der bereits angegebnen Urſachen, in der Regel ſogar den größten Theil des Sonn⸗ tags auf Betreibung ſeiner Berufsgeſchaͤfte ver⸗ wandte, ſich zu häufigern Wanderungen die⸗ ſer Art die Zeit nicht fuͤglich abmuͤßigen konnte. Auch heut wuͤrde er dieſer Gewohnheit — 312— getreu geblieben ſeyn, hätte nicht, als er eben von ſeinem Beſuch beym Amtmann wieder in ſeiner Wohnung angelangt war, eine Baͤuerin aus Almersdorf ſich bey ihm eingefunden und ihm die Botſchaft überbracht, daß Gretchen ihn auf das ſehnlichſte zu ſprechen verlange, da ſie ihm eine Nachricht von ſehr bedeutender und dringender Wichtigkeit mitzutheilen habe. Eine bange Ahnung bemaͤchtigte ſich ſeines Gemuͤthes; abermals ſchob er, indem ihm plotzlich alle Eßluſt vergangen war, das karge Mittagsmahl zuruͤck, ergriff Hut und Stock und wanderte, der vernommenen Aufforderung Folge zu leiſten, in aͤngſtlicher Neugierde und Ungeduld zum Städtchen hinaus. Schon hatte er, auf der einſamen, vom Regen durchweichten Landſtraße ruͤſtig dahin⸗ ſchreitend, die Haͤlfte des Weges zuruͤckgelegt und den Fußſteig erreicht, der, eine ſeitwärts befindliche Waldung quer durchſchneidend, dem beabſichtigten Ziel näher entgegenfuͤhrte, als plötzlich ein lautes Aechzen und Rufen, das aus der Tiefe des Kieferngehölzes zu ihm her⸗ uͤberdrang, ſeine Aufmerkſamkeit rege machte⸗ Pe den ner bli an s er chn wieder in e Biuerin inden und Gretchen vrlonge, edeutender en habe. ch ſene dem ihm das karge nd Sw forderung ierde und n, bom 9 dahin⸗ rckgelegt tiwirts d, dem e, ol n, das n hi⸗ mß⸗ — 313— N Voll Verlangen, dem Klagegeſchrey näher auf den Grund zu kommen, begann Ringwald ſogleich die Richtung zu verfolgen, von wan⸗ nen es ſich vernehmen ließ. Wenige Augen⸗ blicke nachher entdeckte er ein umgeſtuͤrztes armſeliges Fuhrwerk und unter demſelben den Wagenlenker ſelbſt, einen alten zerlumpten Juden, der im Hinwegbiegen aus dem tiefen ſchluͤpfrigen Fahrgleiſe gegen eine aus dem Boden hervorragende Baumwurzel gerathen, und in Folge deſſen ein bemitleidenswerthes Opfer ſeiner Unkunde und Ungeſchicklichkeit ge⸗ worden war. Durch den nervigten Arm des herbeyeilenden Helfers in der Noth war der Wagen bald wieder in die Hoͤhe gerichtet; allein noch immer, obgleich von der ſchwer— laſtenden Buͤrde befreyt, vermochte der Ei⸗ genthuͤmer deſſelben, da ihm bey der Heftigkeit des Falles ein Bein gebrochen war, ſich nicht von der Stelle zu bewegen. Was war zu thun? Aus Beſorgniß vor einem, in Betreff der eignen Angelegenheiten, vielleicht unerſetzlichen Zeitverluſte, den Un⸗ glücklichen ſeinem Schickſal zu üͤberlaſſen, einer ——— — 314— ſolchen Härte und Unmenſchlichkeit wurde Ring⸗ wald, auch ohne daß es zur Belebung ſeines Dienſteifers erſt der Erinnerung an die Winke und Ermahnungen bedurft hätte, die er heut aus dem Munde des Predigers vernommen, nicht faͤhig geweſen ſeyn. Raſch war daher ſein Entſchluß gefaßt. In angeſtrengter Vor⸗ ſicht und Sorgfalt hob er den von Schlamm und Schmutz triefenden Juden auf den Wa⸗ gen, ergriff, nachdem er ihm aus den um⸗ herzerſtreuten, alte eingehandelte Kleidungs⸗ ſtuͤcke enthaltenden Buͤndeln ein weiches Lager bereitet, mit kraͤftiger Hand die Zuͤgel, gab dem ſteifen abgemagerten Karngaul durch ei⸗ nige nachdruͤckliche Peitſchenhiebe ſeine Abſichten zu erkennen, und alsbald ging die unter⸗ brochene Fahrt wieder von dannen. Simon Levi, dem das Ruͤtteln und Stoßen des Wa⸗ gens die empfindlichſten Schmerzen verurſachte, kruͤmmte ſich wie ein Wurm und ſchrie aus Leibeskräften zu dem Gott ſeiner Väterz Ringwald aber kehrte ſich nicht daran, ſondern jagte, in der Ueberzeugung, daß der Leidende nicht ſchnell genug unter aͤrztliche Pflege und vürde Rng⸗ bung ſeine ndie Winke die et haut ernommen, wor daher engter Vor⸗ Schlumm en We⸗ s den um⸗ Kleidungs⸗ iches Auget igel, gab l duch e⸗ lſichten die unter⸗ Eimon ndes Wi⸗ vorurſcht, ſchri au r Viter n, ſonin r Liden pit u — 315— Obhut gebracht werden konne, uͤber Stock und Stein mit ihm davon. Nur dann und wann, ſo oft die Beſchaffenheit des Heerweges ein behenderes Fahren durchaus nicht verſtatten wollte, wandte er das Geſicht zu ihm zuruͤck, um ihn zur Geduld und Standhaftigkeit zu ermahnen, und ihn auf die nah bevorſtehende Huͤlfsleiſtung zu vertroͤſten, die er ſich unter den Haͤnden des hochberuͤhmten Stadtbaders Vogelbuſch zu verſprechen habe. Im Städtchen angelangt, ſchlug Ring⸗ wald, unter dem Zuſammenlauf einer Menge von Neugierigen, die der abentheuerliche Ein⸗ zug herbeylockte, ſeine Richtung geradesweges nach dem Amthauſe ein, da er in ſeiner eig⸗ nen beengten Klauſe den Juden nicht unter⸗ zubringen wußte und der Meinung war, daß hier in dem weiten geräumigen Gehoͤfte ſich fuͤr den beabſichtigten Zweck wohl am aller⸗ erſten ein Plätzchen finden werde. Auch hatte er in ſeiner Muthmaßung ſich keinesweges ge⸗ irrt; denn der Amtmann, der jetzt abgeſpeiſt hatte, erſchien ſogleich vor der Thuͤr und gab, nachdem er von dem traurigen Vorfall ſich — 316— ſattſam unterrichtet, den Umſtehenden mit be⸗ wegter Miene zu erkennen, daß er kein Be⸗ denken trage, an dem armen Verungluͤckten, der denn doch auch gewiſſermaßen auf menſch— liche Beyhuͤlfe Anſpruch zu machen befugt ſey, das begehrte Werk der Großmuth und Barm⸗ herzigkeit auszuuͤben. Seinen Verordnungen gemaͤß, wurde Levi alsbald vom Wagen ge⸗ hoben und mit Sack und Pack nach einer in der Naͤhe des Pferdeſtalles beſindlichen Kam⸗ mer fortgeſchafft, worin zur wirthlichen Auf⸗ nahme des Kranken eine große breite Bettſtelle nebſt Strohſack vorhanden war. Jetzt ließ es Ringwald ſeine erſte Sorge ſeyn, den Wundarzt herbeyzuholen, damit dem Unglucklichen, deſſen Zuſtand ſich mit jeder Mi⸗ nute zu verſchlimmern ſchien, die weſentlichſte und wichtigſte Dienſtleiſtung, deren er bedurfte, zu Theil werde. Lange ſuchte und forſchte er an mehrern Orten vergebens nach ihm umher; endlich fand er ihn in einem außerhalb des Staͤdtchens gelegenen Wirthshauſe, wo er in— Geſellſchaft einiger Freunde und Gevattern am Tiſche ſaß und Karten ſpielte. Mit angele⸗ ¹) d. ſa Nen mit be t kein Be⸗ unglcten, uf manſch⸗ befugt ſch, und Barm⸗ oronungen bagen ge⸗ h einer in hen Lum⸗ chen Auf⸗ e Bettſtell tſte Sorge mit dem eder Mi⸗ entlichſe bedurfte, forſhte u mumher; halb des wo erin atten t ani⸗ — 317— gentlichem Eifer raunte der Eilfertige ihm in das Ohr, daß er ſo ſchnell als möglich zu Unterſuchung und Heilung eines Beinbruches ſich nach dem Amte verfuͤgen möge, und raſch und freudig ſprang Vogelbuſch in der Mei⸗ nung, daß es der Amtmann ſelbſt ſey, der das Bein gebrochen, von ſeinem Sitze empor, warf ſtatt der Auskunft, die ſeine Spielge⸗ noſſen dieſes leidenſchaftlichen Benehmens we⸗ gen von ihm begehrten, ihnen die Karten an die Koͤpfe, und rannte ſpornſtreichs dem Städtchen und ſeiner Wohnung zu, um ſich daſelbſt, zu Bewerkſtelligung des an ihn er⸗ gangenen Auftrages mit den erforderlichen chi⸗ rurgiſchen Geraͤthſchaften zu verſehen. Zwar fiel es ihm, nachdem er an Ort und Stelle ſich uͤber die eigentliche Beſchafſenheit der Um⸗ ſtände näher unterrichtet, um ſo ſchwerer, ſeinen Aerger und Unmuth zu unterdruͤcken, je weniger es verlautbaren durfte, durch welche frohe Erwartungen er zu ſo puͤnktlichem und behendem Dienſteifer erweckt und ange— feuert worden ſey; doch ließ er ſich durch die Vorſtellungen des Amtmanns bald wieder be⸗ —— — 318— ſchwichtigen, zumal da dieſer ihm andeutete, daß er fuͤr ſeine Nähe, wofern der Jude nicht aus eignen Mitteln zu Herbeyſchaffung der Kur⸗ und Verpflegungskoſten Anſtalt zu treffen wiſſe, auf das gewiſſenhafteſte aus der Stadt⸗ kaſſe entſchädigt werden ſolle. Ueber die Hauptſache beruhigt und zufrieden geſtellt, zauderte er jetzt nicht länger, ſondern begab ſich nach dem Pferdeſtall, unterſuchte den Schaden und legte dem Jammernden mit kunſtgeuͤbter Hand und unter der liebreichen Verſicherung, daß er hinfort, um ihn bald⸗ moglichſt wieder auf die Beine zu bringen, ſich zweymal des Tages bey ihm einfinden werde, den erſten Verband an.. Schon begann der Tag ſich zu neigen, als Ringwald, der bis zu dieſem Augenblick fortwaͤhrend zu Gunſten des Juden beſchaͤftigt geweſen war, wieder zu Athem gelangte, und, der an ihn ergangenen Einladung gedenkend, ſich zum zweytenmal nach Almersdorf auf den Weg machte. Das Wetter war mittlerweile rauh und unfreundlich geworden. Mit mehr und mehr uͤberhand nehmender Dunkelheit be⸗ andeut, Fide nicht ffung der lt zu trefin der Stadt⸗ Uber die en geſtlt, dern begab ſſuchte den ernden mit lichreichen ihn bal⸗ ringen, ſich den werde, zu weigen, Augenblid beſhiftigt nte und, gedenken ef ouf den nittemi Mt ni nluhi* — 319— gann das am Himmel befindliche Regengewolk ſich zu ergießenz nur muͤhſam vermochte er die Richtung des ſchluͤpfrigen, durch die finſtere Holzung ſich kruͤmmenden Fußſteiges zu ver⸗ folgen, und erſt ſpät am Abend erreichte er endlich, erſchoͤpft und ermuͤdet, den jenſeiti⸗ gen Waldſaum und mit ihm zugleich ſein ſehnlich erwuͤnſchtes Ziel. Gretchen, die ganz allein das Haus huͤtete und auf ſeinen Beſuch bereits verzichtet gehabt, trat mit verweinten Augen ihm entgegen und nur zu bald, nach⸗ dem er in fluͤchtigen Worten ihr die Urſache ſeines verſpaͤteten Eintreffens kund gethan, ward ihm uͤber die Trauer und Niedergeſchla⸗ genheit, die ſich in ihrem ganzen Weſen blicken ließ, der begehrte Aufſchluß zu Theil. Was er ſchon im Stillen geahnt und gefurchtet gehabt, war in Erfuͤllung gegangen. Des Wittwer⸗ ſtandes uͤberdruſſig, ſobald die ſchmucke, fleißige Dirne ſeinen verliebten Blicken begegnet war, hatte der reiche Muͤller zu Gruͤnau in aller Ordnung und Förmlichkeit ſich bey dem Vater um ihre Hand beworben und letzterer von die⸗ ſem Augenblick an ihr unaufhörlich mit der ——— — 320— Vorſtellung in den Ohren gelegen, daß ſie in Zuruͤckweiſung dieſes Antrages keinen uͤber⸗ eilten Schritt thun moͤge; da ihr durch An⸗ nahme deſſelben das ſorgenfreyeſte Loos fuͤr die Zukunft geſichert, an die beabſichtigte Ehe⸗ verbindung mit dem armen Weber jedoch, den Umſtaͤnden nach, ohnehin noch gar nicht zu denken ſeyn. Ringwald, dem bey Anhoͤrung dieſes Geſtändniſſes die Ausſichtsloſigkeit ſeiner Lage mit der Schärfe eines ſchneidenden Dol⸗ ches durchs Herz drang, wußte gegen die Zu⸗ verlaͤſſigkeit der angefuͤhrten Behauptung leider nichts einzuwenden. Stillſchweigend nahm er, vom Regen durchnäßt und vor Froſt ſchau⸗ ernd, am Kaminfeuer Platz, und ſchon im Geiſt machte er ſich auf die Botſchaft von dem vollſtändigen Siege gefaßt, den der fortge⸗ ſetzte Mahnſpruch des Vaters, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit zufolge, uͤber Gretchens bisher bewieſene Willensneigung und ſtandhafte Treue fruͤher oder ſpäter davon tragen werde. Ungefaͤhr eine halbe Stunde mochte ſeit ſeiner Ankunft vergangen ſeyn, als der Hegereiter ſich einfand, der, uͤber den unge⸗ woͤhn⸗ 3241— n, doß ſe wöhnlich ſpäten Beſuch verwundert, den Kopf keinen uͤber⸗ ſchuͤttelte, zugleich aber auch mit dem erſten durch An⸗ fluͤchtigen Blicke auf Ringwalds blaſſes und 6 Loos fir die verſtörtes Geſicht ſich uͤberzeugte, daß die vom hiigte Che⸗ Müuller getroſſene Wahl und Anfrage bereits jedoch, den zwiſchen dem jungen Paͤrchen zur Sprache ge⸗ ar nicht j bracht worden ſey. Bey ſeinem Erſcheinen Anhörung verfuͤgte Gretchen ſich hinaus nach der Kuͤche, ſigkeit ſenet um das Abendeſſen zu beſorgen, und kaum enden Dol⸗ hatte ſie ſich entfernt, als der Alte ſogleich das e di Bi⸗ Wort nahm, dem Bekuͤmmerten noch einmal 1 ung hn in aller Sanftmuth und Gelaſſenheit den Ver⸗ dnehn e, lauf der Sache nebſt den dabey in Erwägung wi ſhu⸗ zu ziehenden Vortheilen auseinander ſetzte, und, ſchen in unter der unverhohlnen Aeußerung des Wun⸗ ven daun ſches, daß er, den eingetretenen Umſtänden u fong⸗ zufolge, ſich zu freywilliger Aufgebung ſeiner ur Vohr⸗ Anſpruͤche und Vorrechte entſchließen möge, „ bibn ihn auf die Zweckloſigkeit des ſeither zwiſchen 5 ihm und Gretchen beſtandenen Liebesverhaͤlt⸗ niſſes aufmerkſam zu machen bemuͤht war. —— hofte Trele de.*„ d„Tag und Nacht quälſt du dich ab, lieber de m 6 Ringwald,“ beſchloß er ſeine Anredez„um 0 . dich aus den Schulden herauszuwickeln, ohne in H. A vihr⸗ — 322— daß es dir, aller Anſtrengungen ungeachtet, gelingen will, deinen Zweck zu erreichen. Wie in aller Welt ſollte es werden, wenn ſich nun noch obendrein die Verpflichtung hin⸗ zugeſellte, Weib und Kind zu ernaͤhren! Gern geſtehe ich dir, daß du mir lieb und werth biſt, wie ein eigner leiblicher Sohn, daß ich dir, deiner rechtlichen Denkungsart wegen, gern vor allen andern Freyern den Vorzug einräumte, und daß es mich daher in der Seele ſchmerzt, eine ſolche Sprache gegen dich fuͤhren zu muͤſſen! Ich bin aber ein eben ſo armer Teufel, wie du, weiß nur mit Muͤhe und Noth mich als ehrlicher Mann durchs Leben zu ſchlagen, und muß daher dem Him⸗ mel danken, daß er mir endlich eine Gelegen⸗ heit darbietet, mit der Verſorgung des einzi⸗ gen Kindes auch meine eigne duͤrftige Lage einigermaßen verbeſſern zu können. Befrage jetzt dein eignes Gewiſſen, ob es bey ſo be⸗ wandter Sache loͤblich von dir gehandelt ſeyn wuͤrde, das Mädchen noch länger mit Ver⸗ troſtungen auf die Zukunft hinzuhalten; und du wirſt es mir dann nicht verargen, wenn ungeachte, etreichen. en, wenn tung hin⸗ en! Gem und werth daß ich ut wegen, en Porſuh her in det gegen dich in chen ſ nit Mihe nn durchi dem hin gdes inſt uſthe Befth beh ſo b hondilt ſ n ni S uln; en en* — 323— ich dich nochmals bitte, durch freywillige Ver⸗ zichtleiſtung auf Gretchens Beſitz einen Plan aufzugeben, der vielleicht erſt nach einer Reihe von Jahren, vielleicht ſogar niemals, ſich ins Werk richten laͤßt!“ „Ihr ſollt,“ entgegnete Ringwald; „wenn es durchaus nicht anders ſeyn kann, keine Urſache haben, euch uͤber meinen Trotz und Eigenſinn zu beklagen! Gretchen iſt zwar noch nicht völlig zwanzig Jahr alt;z ich kann es euch indeß nicht verdenken, daß ihr, in der Sorge fuͤr die Wohlfahrt eurer Tochter, das Gewiſſe dem Ungewiſſen, die lockenden Anerbietungen der Gegenwart den zweifelhaf⸗ ten Hofnungen auf die Zukunft, die ſtattli⸗ chen Grundſtuͤcke des reichen Muͤllers der en⸗ gen und verſchuldeten Wohnhuͤtte des armen Webers vorzuziehen geneigt ſeyd. Nein, das kann ich euch gar nicht verdenken!“ „Und wenn ich nun auch,“ fuhr jener mit dem unerheuchelten Ausdruck mitleidiger Theilnahme zu ſprechen fort;„den gemachten Heirathsantrag nicht ſogleich durch eine be⸗ ſtimmte Erklärung meiner Willensmeinung 21* — 324— erwiederte, ſondern, um dir von meinen inner⸗ ſten Geſinnungen einen Beweis zu geben, die⸗ ſelbe unter allerley Ausfluͤchten noch ein paar Monate lang zu verzoͤgern ſuchte; was waͤre dadurch gewonnen? Wuͤrden ſich nach Ver⸗ lauf dieſer Friſt deine Hofnungen und Aus⸗ ſichten nur irgend verbeſſert haben? Dem Muͤller aber rundweg eine abſchlägige Antwort zu ertheilen, dazu fehlt es mir, aufrichtig ge⸗ ſtanden, bey der jetzt obwaltenden Lage der Dinge, gaͤnzlich an Muth.“ Ringwald glaubte dagegen bemerken zu duͤrfen, daß eben jetzt zur gluͤcklichen Beſeiti⸗ gung ſeiner Noth und Verlegenheit ihm wie⸗ der ein ſchwacher Schimmer von Hoffnung aufzudämmern begonnen, da nicht allein in mehrern neu eingegangenen Beſtellungen ein guͤnſtiges Zeichen fuͤr die allmaͤhliche Erwei⸗ terung ſeiner Kundſchaft enthalten, ſondern auch die Zuſage, deren er ſich heut aus dem Munde des vielvermoͤgenden Amtmanns zu erfreuen gehabt, ihm in dieſer Hinſicht von ungemeiner Wichtigkeit ſey; und noch war er mit Verhandlung dieſes Gegenſtandes beſchäf⸗ ſeinen innn geben, die⸗ h ein paar was wite nch Ven und Aui⸗ ben Dem ge Antwort uftichtig g⸗ en Lrge der bemerken hen Beſeiti⸗ it in ni⸗ n Hofnung t allin in ungn in lihe Emi⸗ en, ſorden ut ous dem umunns ſ pinſcht e noh war( des i⸗ — 325— tigt, als Gretchens Zuruckkehr nach der Wohn⸗ ſtube der unbehaglichen Unterredung ein Ende machte. Mit Aufbietung aller ſeiner Geiſtes⸗ kraft ſuchte Ringwald die Gemuͤthsbewegung, in die er gerathen war, vor ihr zu verbergen; ſtatt indeß der jetzt erfolgten Einladung zum Abendeſſen Gehoͤr zu geben, ergriff er den Hut, und ſchickte mit gepreßtem Herzen und unter der Verſicherung, daß er, um bey Ta⸗ gesanbruch wieder friſch und munter an ſeine Arbeit gehen zu koͤnnen, nicht länger verwei⸗ len duͤrfe, zum Abſchiede ſich an. Der Alte entließ ihn mit einer Miene, worin die Auf⸗ forderung, daß er den Inhalt des gefuͤhrten Geſpräches in reifliche Ueberlegung nehmen moͤge, deutlich zu leſen ſtand. Gretchen aber begleitete ihn, ſo wie es immer geſchehen, bis vor die Hausthuͤr, und gab, zu Belebung ſeines dahinſchwindenden Muthes, durch einen zaͤrtlichen Händedruck ihm zu erkennen, daß die Bewerbung des Muͤllers der Aufrichtigkeit ihrer ſeitherigen Geſinnungen noch nicht den mindeſten Abbruch gethan habe. Der auf⸗ gehende Mond hatte die Regenwolken zertheilt. Ohne Schwierigkeit gelang es dem naͤchtlichen Wanderer jetzt, ſich in dem einſamen Wald⸗ revier zurecht zu finden, und gluͤcklich und wohlbehalten langte er gegen Mitternacht in ſeiner Behauſung an. Eine nur kurze Raſt und Erholung ver⸗ ſtattete Ringwald den ermuͤdeten Gliedern, und kaum ſtellten die erſten Vorboten des auf⸗ dämmernden Morgens ſich ein, als er ſein ärmliches Ruhelager wieder verließ und einen Gang nach dem Amthofe unternahm, um ſich daſelbſt zuvörderſt nach dem Befinden des Juden zu erkundigen, deſſen trauriges Schick⸗ ſal ihn, ſeiner eignen Sorgen und Drang⸗ ſale ungeachtet, fortwährend mit dem innig⸗ ſten Beyleid erfuͤllte. Levi ſtreckte dem Ein⸗ tretenden freudig die Arme entgegen und ver⸗ meldete ihm, daß ſeit ſeiner und des Chirurgs Entfernung ſich niemand weiter um ihn be⸗ kuͤmmert habe, eine Schaar von Ratzen und Maͤuſen ausgenommen, mit welchen er, um ſich ihrer läſtigen Zudringlichkeit zu erwehren, die Nacht hindurch in unauſhörlichem Kampfe begriffen geweſen ſecy. Ringwald merkte nun Hü m Wald⸗ lich und rnacht in lung ver⸗ Gliedern, des auf⸗ ſin nd einen m, um inden des Drang⸗ n inn⸗ m Ein⸗ und ven Chiturs ihn be ſen und — 37— wohl, daß der Verungluͤckte ſeiner fortgeſetzten Huͤlföleiſtung noch immer und faſt in gleichem Maaße bedurfe, wie in dem Augenblick, da er mit den zerquetſchten Gliedmaaßen ſich un⸗ ter der umgeſtuͤrzten Wagenkarre befunden; deshalb faßte er ſogleich den Entſchluß, ſich nicht allein im Laufe des Tages ein paar⸗ mal hierher zu verfuͤgen, um ihm dieſe oder jene Handreichung zu thun, ſondern auch des Abends, nach beendigtem Tagewerk, ihm zu ſeiner Zerſtreuung und Aufheiterung noch ei⸗ nige Stunden Geſellſchaft zu leiſten. Als er, ſeines Vorſatzes eingedenk, ſich um die Mittagsſtunde wieder nach dem Käm⸗ merlein des Kranken auf den Weg machte, begegnete ihm der Amtmann und ertheilte in huldreichen Worten ihm die wichtige Nach⸗ richt, daß er noch geſtern, da ſich zufällig eine Gelegenheit dazu gefunden, in Betreff der bewußten Sache mit dem alten Röhrfeld ge⸗ ſprochen und dieſer, nach mancherley vorge⸗ brachten Einwendungen und Bedenklichkeiten, ſich endlich entſchloſſen habe, ihm noch eine Friſt von acht Wochen zu bewilligen, nach —— * — 328— deren Ablauf er jedoch nicht einen Augenblick laͤnger mit der nachdruͤcklichern Veruͤbung des ihm zuſtehenden Rechtes zu zaudern ge⸗ ſonnen ſey.„Er erſieht hieraus, mein lieber Meiſter,“ fuhr er fort,„daß ich mehr fuͤr ihn gethan habe, als er von mir zu hofſen und zu verlangen befugt warz da er mich ei⸗ gentlich doch ganz und gar nichts angeht! Wie er es nunmehr anfaͤngt, um nicht, der Drohung des Hufſchmidts gemaͤß, ohne alle weitere Umſtaͤnde von Haus und Hof gejagt zu werden, das wird ſeine Sorge ſeyn!““— Ringwald ſtattete dem edelmuͤthigen Vermitt⸗ ler fuͤr das liebreich eingelegte Fuͤrwort, ob⸗ gleich der Erfolg deſſelben ihm keinen ganz vollkommenen Troſt zu gewaͤhren vermochte, ſeinen herzinnigen Dank abz konnte aber zu gleicher Zeit nicht umhin, auch das naͤcht⸗ liche Ungemach, uͤber welches der Jude ſo jammervolle Beſchwerde gefuͤhrt, in Anregung zu bringen, und ſich die beſcheidne Anfrage zu erlauben, ob nicht zu Abwendung dieſes hochſt läſtigen Uebels irgend eine zweckdienliche Anſtalt getroffen werden koͤnne? Den Amt⸗ mar zuß hege und mi milt ſcho hir Der mer ihm genbb ung des m ge⸗ in licht hr füͤr hoſſen mich ei⸗ hne alle n ßermitt⸗ nücht⸗ ide ſo egun Unfrage dieſes ienlicht Um — 329— mann aber ſchien eine ſolche Zumuthung aufs ußerſte zu befremdenz mit beyden Händen begann er ſich an der ſeidnen Weſte zu zupfen und ein nicht zu verkennender Unmuth be⸗ mächtigte ſich ſeiner urſpruͤnglich ſo ſanften und milden Geſichtszuͤge.„Hab' ich mir's doch ſchon im Voraus gedacht,“ ſagte er,„daß hier wenig Dank einzuärndten ſeyn wuͤrde! Der Jude hat es wahrſcheinlich uͤbel genom⸗ men, daß man es fuͤr die Hauptſache hielt, ihm wieder zu einem geſunden Bein zu ver⸗ helfen, ſonſt wuͤrde er ſich nicht unterfangen, uͤber Nebendinge dieſer Art ein eben ſo un⸗ nuͤtzes als unverſchaͤmtes Geſchrey zu erheben. Ein abermaliger Beweis, wie wenig dabey herauskommt, wenn man ein weiches Herz beſitzt, und den Hang zum Wohlthun an jedem fremden Landſtreicher zu beſtätigen ſucht, um nach dem Beyſpiel des barmherzigen Sa⸗ mariters zu verfahren, von welchem in der geſtrigen Predigt die Rede war. Die gute Saat faͤllt in unfruchtbaren Bodenz Quecken und Diſtelköpfe gehen auf, wo man Waitzen erwartet! Zur Thorheit wird der Epfer nach — 32 330— frommen Entſchließungen und milden Wer⸗ ken; denn Undank, ſchwarzer Undank iſt der Welt Lohn!“— Haͤtte ich doch wirklich nicht geglaubt, dachte Ringwald bey ſich ſelbſt, jener, ſeine Straße dahin wandelnd, ihn wieder verlaſſen hatte, daß Levi's Beſorgniß, nachdem von den Ratzen angenagt zu werden, dem ge⸗ ſtrengen Herrn in einem ſo gehäſſigen Licht zu erſcheinen, und zu ſo erbaulichen Betrachtun⸗ gen Stoff zu verleihen, vermoͤgend waäre!— Es blieb ihm jetzt, dem fehlgeſchlagenen Ver⸗ ſuch zufolge, nichts uͤbrig, als dem Juden auf moglichſt ſchonende Weiſe zu hinterbrin⸗ gen, daß man ihn zwar des vorhandnen Ue⸗ belſtandes wegen herzlich bedaure, uͤbrigens aber, in gaͤnzlicher Ermangelung anderweitigen Platzes, beſten Willen kein andres Quartier anzuweiſen im Stande ſey. Im Glefuͤhl ihres gegenſeitigen Mißge⸗ ſchickes wurden beide, während die Heilung des Kranken einen ziemlich gluͤcklichen Fortgang zu nehmen ſchien, allmählich immer näher mit ihm vor der Hand auch bey dem ein Ju un ba den Wu⸗ nk iſt der geglaut, nachdem lnd, ihn Brſoryniß, dem 9l⸗ n cht ju zetrachtun⸗ waͤre!— nen Prr⸗ en Judn hinethin⸗ nonen U. örigens eweitin bey den anweiſ eHiiln Futgn nihe — 331— einander bekannt. Levi, der von fruͤheſter Jugend auf eine wandernde Lebensart gefuͤhrt und jetzt, dem ſtrengen Befehl des Stadt⸗ baders zufolge, ſtill und unbeweglich auf einem Fleck liegen mußte, getraute ſich ſelbſt kaum zu entſcheiden, ob er in hoͤherm Grade durch die widerwaͤrtigen Stoͤrungen bey Nacht, oder durch die tödtliche Langeweile bei Tage gequält und gemartet werde. Nichts war ihm daher er⸗ wuͤnſchter, als Ringwalds troͤſtender Zuſpruch, und mit Sehnſucht ſah er ſtets dem Augen⸗ blick entgegen, wo jener ſich bey ihm einzu⸗ finden pflegte. Die ſtille Schwermuth in den Mienen des Webers konnte, trotz des nur ſchwachen duͤrftigen Schimmers der Oellampe, bey welcher die naͤchtlichen Unterredungen ge⸗ fuͤhrt wurden, dem aufmerkſamen Blicke des erfahrnen Beobachters nicht lange entgehen, und bald hatte er uͤber alle ihr zum Grunde liegenden einzelnen Umſtände ſich in Kenntniß geſetzt, da Ringwald, der bey ſeinem Pflege— befohlnen eine gefühlvolle theilnehmende Ge⸗ muͤthsart entdeckte, nicht eben Bedenken trug, ihn durch wiederholte Abſchilderungen der miß⸗ — 332— lichen Lage, in welcher er ſich befand, zum Vertrauten ſeines geheimen Kummers zu ma⸗ chen. Die Hindeutungen auf den hoͤhern Beyſtand, die er aus dem Munde ſeines grau⸗ baͤrtigen Zuhöres vernahm, klangen zu ſeiner nicht geringen Verwunderung faſt wie chriſt⸗ liche Troſtſpruͤche. Höchſt auffallend aber war es ihm, daß jedesmal, wenn er gegen die Möglichkeit ſeiner Rettung die ſich ihm auf⸗ draͤngenden Zweifel laut werden ließ, der Jude ſich ſogleich, wie von einer innern krampfar⸗ tigen Empfindung befallen, mit beyden Haͤn⸗ den den Leib zu halten anfing.— Unter Fortdauer dieſes Verhaͤltniſſes ver⸗ ſtrich allmaͤhlich eine Woche nach der andern, und mit bekuͤmmerter Seele ſah Ringwald den St. Martinstag, mit welchem die ihm zur Zahlung anberaumte Friſt zu Ende ging, näher und naher heranruͤcken, ohne daß ihm die Art und Weiſe, ſich zur feſtgeſetzten Zeit aus eignen Mitteln dem Drange der Noth zu entwinden, nur einigermaaßen einleuchtend ge⸗ worden waͤre. Was er von ſeiner Einnahme für jenen ſtrengberuͤckſichtigten Zweck zu erubri⸗ e fi w J w ſ in on un ni de tic , jn zu m⸗ hihen es gral⸗ ſeiner chriſt⸗ aber wart gen bie m auf⸗ der Jude ampfut⸗ n Hin⸗ ſſſcö bet⸗ andern, ald den die ihm gn ten Fit Noch ſtend he inah b⸗ uch — 333— gen geſucht hatte, war in Bezug auf die viel höher geſpannten Forderungen ſeines ge⸗ fuͤrchteten Glaͤubigers kaum des Erwaͤhnens werth; auch konnte der Eintritt der rauhern Jahreszeit mit ihren vermehrten Beduͤrfniſſen nur dazu dienen, ihm ſein Vorhaben zu er⸗ ſchweren und ſeinen Wuͤnſchen und Abſichten ein neues unuͤberſteiglich ſcheinendes Hinderniß in den Weg zu legen. Statt ſeit jenem Abend, an welchem der Hegereiter ihm ſeine Anſichten und Meynungen kund gethan, eine wiederholte Wanderung nach Almersdorf zu unternehmen, hatte er ſich damit begnuͤgt, Gretchen in we⸗ nigen fluͤchtigen Zeilen von dem Aufſchub, den der Amtmann fuͤr ihn ausgewirkt, zu unter⸗ richten, und zugleich die Verſicherung hinzu⸗ zufuͤgen, daß er ſich vorgenommen, ihr Wohn⸗ haus nicht eher wieder zu betreten, bis er ihr uͤber den Ausſchlag ſeines gegenwaͤrtigen Schickſals, uͤber ſein Wohl oder Wehe eine beſtimmte und entſcheidende Nachricht mitzu⸗ theilen im Stande ſey. Noch uͤberdies war er durch gewiſſe ſehr verdaͤchtige Zeichen und Merkmale auf die Vermuthung geleitet worden, — 334— daß während der letztverwichenen Zeit zwiſchen dem Muͤller von Gruͤnau und dem Hufſchmidt Roͤhrfeld ſich eine Art von geheimer Unter⸗ handlung angeknüpft habe, die ſeine letzten ſchwachen Hoffnungen vollends zu Boden ſchlug und ihn in eben dem Grade mit Furcht und Zittern erfuͤllte, als der Zweck derſelben leicht zu durchſchauen war. Nach dem Gutachten des Stadtbaders, der, unter der häuſig wiederholten Verſiche⸗ rung, an dem Juden ein Meiſterſtuͤck ſeiner Kunſt geliefert zu haben, die Kur für faſt beendigt erklaͤrte, wurde Levi, nachdem er ſechs Wochen lang den unbehaglichen Zwang hatte ertragen muſſen, endlich der ihm ange⸗ legten Beinſchienen wieder entledigt. Es fand ſich jetzt, daß die Verletzung zwar vollkommen geheilt, das Bein ſelbſt aber noch um ein gutes Theil ſchiefer und kruͤmmer geworden war, als es bereits in ſeinem urſpruͤnglichen Zuſtande geweſen. Dieſe Wahrnehmung hielt den dank⸗ baren Geneſenen uͤbrigens keinesweges ab, ſeinem Wiederherſteller die Zuſage zu ertheilen, daß 9r zuiſchtn ufſchmidt rUntet⸗ e lehten Boden it Furht derſelben obaders, Verſche⸗ ick ſinet für faſt chdem er Zwonh n ange⸗ Eʒ fand Ukommen un ein den war, ʒuftune n un⸗ tſin en/* — 335— er, ſobald er nur erſt zur Fortſetzung ſeiner Reiſe ſich mit den noͤthigen Kräften ausgeruſtet fuͤhle, nicht ermangeln werde, ihm auf noch beſtimmtere Weiſe ſeine Erkenntlichkeit zu be⸗ zeigen, da er ſtuͤndlich dem Eingange eines Geldbriefes von ſeinen Angehörigen entgegen ſehe, an die er in der gedachten Abſicht ſich gewandt habe. Vogelbuſch, der von den Vermögensumſtaͤnden des Juden bisher keine ſonderliche Meinung gehabt hatte, machte große Augen, als er dieſe Zuſicherung vernahm, hielt es aber zugleich fuͤr zweckmäßig, ihm ein⸗ zuſchärfen, daß er dies löbliche Vorhaben doch ja recht heimlich und geraͤuſchlos ins Werk richten möge; da der eben geäußerte Gedanke nicht mit in Rechnung gebracht und dieſe bereits höhern Orts eingereicht worden ſey. Mit der Ausſicht auf eine doppelte Be⸗ zahlung begann er jetzt, der ganz natielichen Folge gemäß, auch ſeine Sorgfalt zu verdop⸗ peln. Sie hatte auf Levi's Geſundheitszu⸗ ſtand den uͤberraſchendſten Einfluß, und bald geſchah es, daß man ihn dem Moderdufte ſeines Kerkergemaches entweichen und mit Huͤlfe —— — — 336— des Kruͤckſtocks zu ganzen Stunden auf dem Amthofe herumhumpeln ſah. Der herkömmlichen Gewohnheit gemaͤß, pflegte man hier im Staͤdtchen ſowohl, als in der umliegenden Gegend, den Martinstag, der diesmal noch obendrein auf einen Sonn⸗ tag ſiel, regelmaͤßig durch Verzehrung eines Gaͤnſebratens zu feyern. In unſichtbarer Ge⸗ ſtalt ging Martin Biſchof, er, der von Er⸗ barmen bewegt, einſt auf offenem Felde ſeinen Mantel von einander ſchnitt, um mit der ei⸗ nen Haͤlfte die Bloͤße eines vor Froſt ſtarren⸗ den Bettlers zu bedecken, als blutduͤrſtiger Wuͤrgengel unter den geſiederten Schlacht⸗ opfern umher. Seinem Andenken zu Ehren verſtummte ihr freudiges Schnattern, und kein Familienkreis, der den Trieb der from⸗ men Gewiſſenhaftigkeit nur irgend mit dem Gehalt des Geldbeutels in Uebereinſtimmung zu bringen vermochte, ſchloß von der Beob⸗ achtung der altehrwuͤrdigen Sitte ſich aus. Auch Ringwald hatte, dem in ſeiner Seele gereften Entſchluß zufolge, fuͤr das be⸗ vorſtehende Feſt ſeine Einrichtungen und Ver⸗ fuͤgungen uf den it geniß, vohl, a ortinstag, en Sonn⸗ ung eins wer Ge⸗ on Et⸗ elde ſeinen it der ei⸗ ſt ſtarren⸗ utdurſiger Schloh uen d en, un der fron⸗ mit dem nfimnun er Beob⸗ h aus⸗ 6 ſin ir d b⸗ und I⸗ ſizunge — 337— fugungen zu treffen. Früher alz gewoͤhnlich legte er des Tages zuvor ſeine Arbeit nieder; worauf er den Tiſch gegen das Fenſter ruckte und ſich mit Briefſchreiben zu beſchäftigen an⸗ fing. Dieſe Verrichtung betrieb er mit ſo anhaltendem und angelegentlichem Eifer, daß er fuͤr nichts, was in ſeiner Nochbarſchaft vorging, weiter Sinn und Gefuͤhl hatte, und daher auch einen heftigen Laͤrm und Wort⸗ wechſel, der in der Abenddämmerung ſich plötzlich draußen auf der Straße erhob, nur wenig beachtete, obgleich derſelbe einer naͤhern Aufmerkſamkeit von ihm gewurdigt zu werden gar wohl verdient hätte. Ringwalds Verdacht, daß zwiſchen dem Hufſchmidt und dem Muͤller von Gruͤnau, zum Nachtheil ſeiner eignen Wuͤnſche und Beſtrebungen, eine freundſchaftliche Ueberein⸗ kunft abgeſchloſſen worden ſey, war nehmlich nicht ungegruͤndet. Feyerlich hatte jener ge⸗ ſchworen, falls, nach Ablauf der anberaumten Zahlungsfriſt, der Weber etwa zu neuen Bitten und Vertröſtungen ſeine Zuflucht neh⸗ men ſollte, ihm nicht das mindeſte Gehör zu II. 25 ſprochenen, auf Zugrunderichtung des Webers — 338— ſchenken, ſendern an Härte und Unbiegſamkeit mit dem Ambeß in ſeiner Schmiede zu wett⸗ eifern; und letzterer dagegen, der ſich von den wichtigen Folgen, welche die Ausführung eines ſolchen Vorſatzes nothwendig nach ſich ziehen mußte, in Betreff ſeiner Herzensange⸗ legenheiten ſehr erſprießlichen Gewinn und Fortgang verſprach, nicht ermangelt, ſich dafuͤr ſchon im Voraus erkenntlich zu bewei⸗ ſen, den alten Starrkopf in ſeiner Willens⸗ meynung zu bekräftigen, und durch mehrfache von Zeit zu Zeit wiederholte Proben der Frey⸗ gebigkeit, ihm das ungeſtuͤme Verlangen, mit welchem er dem zu erweiſenden Liebesdienſt entgegenſehe, darzuthun und begreiflich zu machen. Auch heut am Vorabend des verhängniß⸗ vollen Tages war ein mit Lebensmitteln an⸗ gefuͤllter Korb, worunter beſonders eine ab⸗ geſchlachtete Gans von ſeltener Groͤße und Feiſtigkeit ſich hochſt vortheilhaft auszeichnete, von Gruͤnau abgegangen, um die Kuͤche des Hufſchmidts zu verſorgen, und den vielbe⸗ ſumkit zu wett⸗ ſich bon fuhrung noch ſch enbange⸗ nn und zu bewei⸗ Willens⸗ mehrfoche der Freh⸗ gen, mit ebedinſt iich iu whingnß⸗ tteln on⸗ eine o⸗ rüße un zie chnele n bib⸗ — 339— abzweckenden Entwurf in ein geneigtes freund⸗ liches Andenken zu bringen. Ob es aus Vorſatz oder bloßem Unbedacht geſchah, daß der mit Ueberbringung des Geſchenkes beauf⸗ tragte Laufbote die Acciſe umging und auf einem Nebenwege das Innre des Staͤdtchens zu erreichen ſuchte, blieb unentſchieden. Auch konnte weder das eine noch das andere, nach⸗ dem man ihn in der Naͤhe von Ringwalds Wohnung mit den eingeſchwaͤrzten Eßwaaren erwiſcht hatte, auf Abaͤnderung des ihn be⸗ treffenden Schickſals nur den mindeſten Ein⸗ fluß haben. Ohne auf das von ihm erho— bene Zetergeſchrey zu achten, wurde ihm der Korb von dem wachſamen beuteluſtigen Accis⸗ bedienten abgenommen und der Inhalt deſſelben dem Amt ͤberliefert, um daſelbſt am nächſt⸗ folgenden Morgen, wie es in ſolchen Faͤllen die Gewohnheit mit ſich brachte, Stuck fuͤr Stuͤck an die Meiſtbietenden verkauft zu werden. Mit Anbruch des Tages war Ringwald darauf bedacht, in ſeiner Wohnung aufzu⸗ räumen, alles in gehörige Ordnung zu bringen und am Webſtuhl die Vorrichtung zu treſſen, 22* — daß er nöthigen Falles binnen wenigen Mi⸗ nuten aus einander genommen und weiter ge⸗ ſchafft werden konnte. Nach Beſeitigung dieſer haͤuslichen Angelegenheit ſteckte er den geſtern geſchriebenen, an Gretchen gerichteten Brief, worin er, mit feyerlich ausgeſprochener Ver⸗ zichtleiſtung auf ihren Beſitz, ſich fuͤr immer von ihr verabſchiedete, zu ſich und verließ das Städtchen, indem er ſeine Richtung nach Almersdorf einſchlug. Der ſtill in ſich ſelbſt vertiefte Ernſt, mit welchem er ſeinen Gedan⸗ ken nachhing, war Urſache, daß er einen Wagen, der hinter ihm her gefahren kam, nicht eher bemerkte, als bis derſelbe ihn und zwar faſt an der nehmlichen Stelle, wo er heut vor acht Wochen ſich mit ſo löblichem Eifer als Thäter des gehörten Wortes bewie⸗ ſen, völlig eingeholt hatte. Ringwald wich zur Seite, ſchaute ſich um und erkannte den Juden, der, ſeiner Ausſage nach, durch das heitre Herbſtwetter verlockt worden, einen Aus⸗ flug nach den umliegenden Ortſchaften zu un⸗ ternehmen, um in Betreibung der gewohnten Handelsgeſchaͤfte ſein Heil zu verſuchen, und eiter ge⸗ ng dieſer geſtem n Brief, ner Vir⸗ jr immer luß das ug nac ſch ſibſt Gedan⸗ et einen en kam, ihn und wo er Wlichem b bewie⸗ d wic nnte den uch d n Aus⸗ z u⸗ wohntin . n, u — 341— dadurch zugleich ſich allmaͤhlich wieder an ſeine ins Stocken gerathene Lebensart zu gewöhnen. Zu gleicher Zeit öffnete er ſeinen Reiſekober und holte eine gemaͤſtete Gans daraus hervor, die er dem Erſtaunten unter der Andeutung uͤberreichte, daß er ſie in der ſo eben auf dem Amthofe gehaltenen Auction für ihn erhandelt habe, damit auch er ſich in den Stand geſetzt ſehe, den heut ſo allgemein uͤblichen Gebrauch mitzumachen und einen Feſtbraten dieſer Art verzehren zu können. Das ſonderbare Geſchenk nöthigte jenem wider Willen ein Lächeln ab, worin die Anzeige, wie wenig es ihm gerade heut um Eſſen und Trinken zu thun ſey, ziemlich deutlich zu leſen ſtand. Levi ober achtete nicht weiter darauf, ſondern fuhr, nach⸗ dem er ihm die Hand zum Abſchiede gereicht, und fuͤr Ertheilung eines weitern Aufſchluſſes uͤber die Sache ihn auf ſeine baldige Ruͤckkehr nach dem Städtchen vertröſtet hatte, in drang⸗ voller Haſt und Eilfertigkeit auf und davon. „Nun wohlan denn!“rief Ringwald aus, indem das zweifelhafte Löcheln, womit er die Gabenſpende in Empfang genommen, beym „ 3 ₰ 3 1 1 6 —. — 342— Dahinrollen des Wagens in ein lautes Ge⸗ lächter uͤberging.„Erſt einen fetten Abſchieds⸗ ſchmaus gehalten, und ſodann zum Nachtiſch die troſtreiche Kunde zur Sprache gebracht, daß das Reiſebuͤndel geſchnuͤrt iſt!“— Ein ganz eignes, aus Wehmuth und Erbitterung zuſammengeſetztes Gefühl bemaͤchtigte ſich ſei⸗ ner, nachdem der ſeltſame Einfall des Juden ihm die Gelegenheit an die Hand gegeben, mit den hämiſchen Angriffen des ihn verfol⸗ genden Mißgeſchickes, das heut den letzten vollſtändigen Sieg uͤber ihn davon tragen ſollte, erſt noch eine Zeitlang ſeinen Spott treiben zu konnen. Den ganzen Vormittag hatte Gretchen, einer innern Ahnung zufolge, ſeiner Ankunft bereits entgegengeſehen, und eben wollte ſie wieder vor die Thuͤr hinaus, um die verlan⸗ genden Blicke nach der Waldgegend zu ſen⸗ den, als er mit raſchen Schritten und hoch⸗ ergluͤhenden Wangen zur Hausflur herein trat. Mit zitternder Innigkeit hieß ſie ihn willkom⸗ men, und Furcht und Hoffnung wechſelten auf ihrem Geſicht. Auch der Vater eilte mit tes Ge⸗ lbſchieds⸗ Nohiſch gebracht, — Ein bitterung ſich ſiͤ 5 Juden gegeben, nverfol⸗ n lehten tragen n Spott Grechen, Anlunft vohlte ſie verlan⸗ zu ſen⸗ n hoch⸗ tein trat⸗ wilkem⸗ chſelten il mi — 343— Merkmalen der lebhafteſten Reugierde und Ungeduld ſogleich herbey, um zu vernehmen, welchen Beſcheid der Ankömmling uͤber den Gang ſeiner Verhaͤltniſſe und Angelegenheiten zu uͤberbringen habe. Ringwald war jedoch nicht geneigt, dieſes Verlangen ſchon jetzt zu befriedigen, und gleich beym Eintritt in das Haus die Abſtattung eines Berichtes zu be⸗ ginnen, der ohnehin zeitig genug zu ihren Ohren gelangen mußte.„Vor allen Dingen laß es deine Sorge ſeyn, liebes Gretchen, uns den Feſtbraten zuzubereiten, auf deſſen Ankauf ich, wie du ſiehſt, bedacht geweſen bin!“ ſagte er, indem er mit erzwungener Laune und Munterkeit ihr das Geſchenk des Juden einhaͤndigte.„Ueberhaͤufte Geſchaͤfte verhinderten mich heut, mir Zeit zum Fruͤh⸗ ſtuͤcken zu nehmen, drum will mir jetzt vor Hunger ſchier die Sprache verſagen. Nach Liſch aber, wenn wir bey der vollen Schuͤſſel uns guͤtlich gethan, nach Tiſch ſollt ihr alles erfahren!“ „Was willſt du die frohe Botſchoft uns erſt noch ſo lange vorenthalten?“ ſagte der — 344— Hegereiter, nachdem Gretchen zu ungeſaͤumter Vollziehung des ihr gegebenen Auftrages ſich entfernt hatte.„Ich muͤßte mich ſchlecht auf die Geberdenſprache verſtehen, wenn ich nicht ſchon alles errathen hatte. Der Himmel hat den Fleiß deiner Hände auf unerwartete Weiſe geſegnet; die Schulden, die dich ſo ſchwer darnieder druͤckten, ſind berichtigt und aller deiner Angſt und Bedrängniß iſt ein Ende gemacht. Bete und arbeite! ſo heißt es im Spruͤchwort. Beides haſt du gethan, drum hat auch die Fuͤrſorge des Höchſten dich bey deinen Beſtrebungen nicht im Stiche gelaſſen. Nun, wie aufrichtig mein Gluͤckwunſch iſt, davon denke ich dich bald noch deutlicher zu uͤberzeugen!“ In ſeinem innerſten Weſen fuͤhlte Ring⸗ wald durch den zuverſichtlichen Ton, mit wel⸗ chem der Alte dieſe Worte vorbrachte, ſich erſchreckt und erſchuͤttert. Todtenbleich heftete er ſeinen Blick an den Boden, das Herz ging ihm uͤber und unfaͤhig, ſich länger zu ver⸗ ſtellen, begann er ſeinen wahren Gemuͤths⸗ zuſtand mehr und mehr an den Tag zu legen. geſiumtn tages ſih ſcht wenn ich Himmil netwartete e dich ſo htigt und ein Ende t es in n, drum dich beh) glloſſn unſch iß⸗ licher zu te Ning⸗ nit wi⸗ chte, ſch ih hifute hin in z ⸗ gmilh⸗ zu in — 345— „Nein, Vater!“ rief er mit leidenſchaftlicher Heftigkeit aus, indem ihm die hellen Thrä⸗ nen uͤber die Backen herabrollten:„Ihr habt euch ſchmaͤhlich geirrt und betrogen! Kein Beyſtand von oben herab hat mir in meiner Noth zu Theil werden wollen. Der Müller hat ſich während der letzten acht Wochen mit meinen Glaͤubigern in Verbindung geſetzt und durch Mittel aller Art ſie zu meinem Verder⸗ ben anzureizen geſucht. Es iſt ihm gelungen. Morgen jagt mich der Hufſchmidt von Haus und Hof. Ich habe mich euern Vorſtellun⸗ gen gefügt und trage den Abſchiedsbrief an Gretchen bey mir in der Taſche. Wir ſehen uns heut zum letztenmal!“ Bey dieſen Worten ſank er erſchoͤpft und kraftlos auf die nächſte Bank nieder, die Haͤnde uͤber das Knie gefaltet und das Geſicht tief zur Bruſt hinab geneigt. Der Hegereiter, der ſich in ſeiner Erwartung auf ſo arge Weiſe getäuſcht fand, trat ſchweigend ans Fenſter und blickte, mit ſich ſelbſt im peinlichſten Kampfe begriffen, in duͤſtrer Unentſchloſſenheit uͤbet die winterlich verödete Feldflaͤche hinaus.— — 346— Da ließ draußen in der Kuͤche ein lauter durchdringender Schrey ſich vernehmen. Gleich darauf offnete ſich die Thuͤr, und vor Ueber⸗ raſchung an allen Gliedern bebend, kam Gret⸗ chen in voller Haſt und Eile hereingeſturzt. „Biſt du bey Sinnen, Ringwald,“ rief ſie dem Erſchrockenen zu,„daß du ſo unklugen Scherz mit mir treibſt, und den Beutel voll Geld in die Gans verſteckſt, als ob er mit gebraten werden ſollte?“ Ohne ſich von ſeinem Platze zu bewegen, ſtarrte Ringwald in ſtummer Betroffenheit und Betäubung bald das Geſicht der Schmaͤh⸗ lenden, bald den gemachten Fund an, den ſie mit zitternder Hand ihm entgegenhielt, als ob er ſich von einem betruͤglichen Blendwerk gefoppt glaube. „Nur her damit! Wir wollen die Sache gleich näher unterſuchen!“ rief der Vater, in⸗ dem er ohne weitere Umſtaͤnde ſich des Beu⸗ tels bemaͤchtigte, ihn offnete, und die darin vorhandenen Gold- und Silbermuͤnzen auf den Tiſch hinſchuͤttete. Ein dazwiſchen be⸗ ſindliches, zuſammengerolltes Papierblatt, das meh ſelb Un füh lutu ihm ſogleich in die Augen fiel, erregte faſt Gleich mehr noch, als die glänzende Umgebung deſ⸗ Ueber⸗ ſelben, ſeine Aufmerkſamkeit. Mit begieriger Gut⸗ Ungeduld ſchlug er es auseinander und las ſtürzt. folgende Worte: tief ſie„Simon Levi, der an dir einen ſo lugen treuen Freund und Helfer in der Noth el vol fand, du guter Ringwald, hat es von Al⸗ er mit ters her in der Gewohnheit, ſich bettelarm zu ſtellen, ſo oft er ſich unter deinen wegen, Glaubensgenoſſen befindet, und zwar des⸗ ſenheit wegen, weil er, wenn es doch einmal hmih⸗ nicht anders ſeyn kann, ſich lieber hudeln den ſi als prellen läßt. Was wuͤrden ſie auf t, al die geſpickte Geldkatze loscurirt haben, die adwerk er wäͤhrend ſeines Krankenlagers um den bloßen Leib geſchnallt hatte, wenn ſie hin⸗ Scht ter das Geheimniß gekommen wären! Nein, u i⸗ er iſt zu oft in der Welt beſchummelt wör⸗ Bon den, er iſt gewitzigt, er traut keinem Chri⸗ nun ſten mehr bis uͤber den Weg hinuͤber. Du: * freylich machſt eine gar ſeltene Ausnahme ⸗ 3 von der Regel, du biſt nicht der Meynung“ eweſen, duß man durchaus getauft ſeyn ———— — — 348— muͤſſe, um bey erlittenem Unfall ſich nach Troſt und Theilnahme ſehnen zu duͤrfen. Du haſt nach dem Triebe deines menſchli⸗ chen Gefuͤhls mir beydes gewährt; und große Freude verurſacht es mir, mich we⸗ nigſtens einigermaßen erkenntlich dafuͤr be⸗ zeigen zu können. Durch die beyfolgenden hundert Thaler wirſt du dich in den Stand geſetzt ſehen, deinen hartherzigen Gläubigern das Maul zu ſtopfen und dein Gretchen zu heyrathen. Simon Levi wird nicht wie⸗ der nach dem Städchen zuruͤckkehren, aber er wird ſich deiner Dienſtleiſtungen auch noch in Zukunſt mit Dank erinnern, und nicht unterlaſſen, dir von Zeit zu Zeit neue Beweiſe hiervon zu geben. Gott ſchutze dich und verleihe dir, nach den aus⸗ geſtandenen Truͤbſalen und Kummerniſſen, recht viele fröhliche Jahre!“— „So ſollte mein Gluͤckwunſch alſo doch nicht vergeblich angebracht ſeyn!“ rief mit triumphirendem Geſicht der Hegereiter, nachdem er die verhängnißvollen Zeilen geleſen.„Da ſiehſt du, wie vielfältig und wunderbar die Rath⸗ Nn wol Fu den uch unt gee hoe rſc ibe hat ſte ſoll ſoll beu Ne fen Unt fün V hel l. ſch nch duͤrfen. nenſchl⸗ t; und ich we⸗ afur be⸗ olgenden Sund zubigern Frlchen ht wi⸗ , abet n auch n, und u Bit Golt en oui⸗ miſen, doch mit achbem „i hi guh⸗ — 349— Rathſchläͤge des Himmels ſind! Es hat mir wohl geahnt, daß er in väterlicher Huld und Fuͤrſorge ſich deiner annehmen, daß er mit dem heutigen Tage auf dieſe oder jene Art noch alles zum Beſten kehren werde!“ Ringwald war wie verſteinert. Start und unbeweglich hielt er die gefalteten Haͤnde gegen die Decke empor und es wahrte lange, bevor er ſich wieder zu faſſen und von der erſchuͤtternden Gewalt des Eindrucks, den dieſer uͤberraſchende Auftritt bey ihm hervor gebracht hatte, zu erholen vermochte.„Guͤtiger Gott! iſt's möglich?“ rief er endlich aus.„Ich ſoll mich vom Untergange gerettet ſehen! Ich ſoll die ſchon aufgegebenen Hoffnungen aufs neue mir in die Seele zuruͤckrufen!“ „Ja, das ſollſt du!“ fiel jener ihm in die Rede.„Ich bleibe meinem ſtill entwor⸗ fenen Plane getreu. Fort mit dem Muͤller, und fort zugleich mit allen aͤngſtlichen Zwei⸗ feln und Bedenklichkeiten fuͤr die Zukunft! Wer bis hieher geholfen hat, wird weiter helfen! In dieſem Vertrauen wird morgen das Aufgebot beſtellt und ſtatt der Abſchiedsmahl⸗ M. 23 —— — — 350— zeit, die du noch mit uns zu halten gedach⸗ teſt, feyern wir den Verlobungsſchmaus!— Aber nur die Hauptſache nicht zu vergeſſen!“ fuhr er, unter den gegenſeitigen Liebkoſungen des ſelig begluͤckten, ſich ſelbſt zuruͤck geſchenk⸗ ten Paares, nach einer Pauſe zu ſprechen fort.„Wenn du meine Geſinnungen theilſt, ſo machen wir uns ungeſaͤumt und gemein⸗ ſchaftlich mit dem Gelde auf den Weg nach dem Städtchen, um daſelbſt noch heut alles in Ordnung und Richtigkeit zu bringen. Es iſt eben Mittag. Die zu beſorgenden Zah⸗ lungsgeſchaͤfte laſſen ſich fuͤglich in einer halben Stunde abmachen; mit dem einbrechenden Abend konnen wir daher von dort wieder zu⸗ ruͤck ſeyn. Gretchen trifft indeſſen die erfor⸗ derlichen Anſtalten zu unſerer Bewirthung, und gar herrlich ſoll uns ſodann, indem wir von der drückenden Laſt unſter bisherigen Sorgen uns vollig befreyt fuͤhlen, der liche Feſtbraten munden!“ Der Vorſchlag wurde ſogleich gebilligt und ins Werk gerichtet. Mit grämlichem Geſicht nahm der Hufſchmidt, während Traut⸗ ma Gl den fi ller vol wel (he Pe ber bor Na kon ein neh auc ſuf Am fan Grſ 9e6 uh nf. dache 31— ſen!“ ſungen ſhenk⸗ echen theiſt mein⸗ neh t alles Ees — 351— mann im Städtchen umherlief und die uͤbrigen Glaubiger befriedigte, aus Ringwalds Händen den Betrag ſeiner Schuldforderung in Em⸗ pfang. Die Berichtigung derſelben kam ihm eben ſo unerwartet als ungelegen, und noch voll Aerger und Unmuth uͤber das Schickſal, welches das vom Muͤller ihm zugedachte Ge⸗ ſchenk erlitten, verwuͤnſchte er im Stillen die Verbindlichkeiten gegen den Amtmann, die er beruͤckſichtigen zu muͤſſen geglaubt, als er ſich vor acht Wochen zu einer längern Geduld und Nachſicht beſchwatzen ließ. Ringwald aber konnte auf dem Ruͤckwege nicht umhin, noch einen Abſtecher nach dem Amthauſe zu unter⸗ nehmen, um in der Freude ſeines Herzens auch dort uͤber den wunderbar gluͤcklichen Wech⸗ ſel ſeiner Verhältniſſe Meldung zu thun. Der Amtmann, der ſich bey recht guter Laune be⸗ fand, und es dem Eintretenden gleich ani Geſicht anſah, daß es ihm diesmal keineswe⸗ ges um Erhebung einer Anleihe zu thun ſeh, nahm ihn mit vieler Huld und Freundlichkeit auf.„Ey, wer hätte das glauben ſollen,“ rief er, nachdem er die Botſchaft vernommen, 23* — voll Verwunderung aus;„daß der glte zer⸗ lumpte Schalk ſich in der Verfaſſung befaͤnde und zugleich gewiſſenhaft genug wäre, vor ſeiner Abreiſe nicht allein die Kur⸗ und Ver⸗ pflegungskoſten bey Heller und Pfennig zu be⸗ zahlen, ſondern auch noch an ihm ein Ue⸗ briges zu thun! Nun, es freut mich von Herzen, daß mein menſchenfreundliches Ver⸗ fahren gegen ihn und den Juden ſo geſegnete Frucht getragen hat! Er bezog ſich heut vor acht Wochen, als ich ihm ſein Geſuch ab⸗ zuſchlagen für gut fand, mit vieler Freymü⸗ thigkeit auf den Inhalt des Evangeliums, und ſeine Mienen und Geberden ſchienen mich eines Verſtoßes gegen daſſelbe zeihen zu wollen; jetzt aber, mein lieber Meiſter, wird er wohl nachgerade zur Einſicht und Ueberzeugung ge⸗ langt ſeyn, wer der barmherzige Sa⸗ mariter geweſen!“— te jer⸗ efünde t Pr⸗ ju be⸗ n Ue⸗ von Ber⸗ ſenete ut vot h ab⸗ nyni⸗ liums, nmich pollinz vmohl ug R 6 * „ 7 Srey Control Ghart Sreen Nellow Red Magenta