Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzi öſiſcher Literatur von Eduard oltmunn Schloßgaſſe Lit. A. Nr cleiß- und geſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.——— i Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. Pf 2 Auswärtige Abonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der We auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen Schadenersatz. 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Mit ungezuͤ⸗ gelter Willkuͤhr begann er hier, waͤhrend der rechtmaͤßige Herr und Gebieter, nach erlitte⸗ ner ſchmachvoller Niederlage, ſich mit den Truͤmmern des zerſtreuten Heeres bis an die äußerſten Grenzen ſeines Reiches zuruͤckge⸗ draͤngt ſah, wie in ſeinem Eigenthum zu hau⸗ ſen und zu ſchalten. Unerſchöpflich in ſeinen Anſpruͤchen und Forderungen, ließ er die ſeuf⸗ zenden Bewohner des Landes alle Leiden und Schreckniſſe der ihnen auferlegten eiſernen Zwangsherrſchaft erfahren; und mit der furcht⸗ baren Gewalt und Schnelligkeit eines verhee⸗ 1* renden Lavaſtromes ergoſſen ſich die in Ver⸗ folgung des Sieges begrifſſenen Heeresmaſſen ſengend und pluͤndernd, nach allen Richtun⸗ gen hin. Der Widerſtand, den einzelne Hau⸗ fen von Gewaffneten noch hier und da, durch die Ortsverhältniſſe beguͤnſtigt, ihm bei ſeinem raſchen Vordringen zu leiſten verſuchten, war kaum des Erwaͤhnens werth; da ſie, keinem ernſtern Angriffe gewachſen, ihre letzte ſchwa⸗ che Kraft nur in ohnmächtigen Bemuͤhungen erſchöpften. Auch in der Nähe des Städtchens K. hatte nach und nach eine aͤhnliche, aus Ver⸗ ſprengten und Fluͤchtlingen beſtehende kleine Schaar ſich zuſammengefunden, von den hier vorhandenen rauhen und unwegſamen Gebirgs⸗ ſchluchten Beſitz genommen und, in Wuth und Erbitterung entflammt, ſich zu unabläſſiger Befehdung des übermuͤthigen Gegners auf Tod und Leben verſchworen. Anfaͤnglich hatte ſich, da es dem gefaßten Entwurfe nach, an dem innern geordneten Zuſammenhange und Nach⸗ druck gebrach, die Vollfuͤhrung des beabſich⸗ —— tigten Zweckes nur auf unbedeutende Ne⸗ ckereien beſchränkt, welche der beſchwerlichen Muͤhe, die verwegenen Freibeuter in ihren geheimen Schlupfwinkeln auszuſpuͤren, nicht werth gehalten, mithin auch nicht weiter be— achtet wurden. Als jedoch, nach Verlauf ei— niger Zeit die Hauptmacht des Feindes ſich gaͤnzlich aus dieſer Gegend entfernt hatte, um durch erneuerten Kampf und Sieg die bereits errungenen Vortheile zu vervielfaͤltigen, ge⸗ wann das Thun und Treiben der auf den Berghohen verſammelten kuͤhnen Abentheurer, deren Anzahl ſich mittlerweile von allen Sei— ten her, bedeutend verſtärkt hatte, gar bald ein ernſteres Anſehen. Rachgierig und beu⸗ teluſtig zugleich, brachen ſie mit gewaffneter Hand aus ihrem Hinterhalte hervor, durch— kreuzten, aller Furcht und Gefahr ſpottend, das umliegende flache Land, und Schrecken und Verwuͤſtung bezeichneten ihre Spur. Mit eben ſo liſtiger Umſicht als kecker Entſchloſſen⸗ heit dehnten ſie ihre Streifzuͤge weiter und weiter aus, bemächtigten bald hier bald dort ſich der fuͤr das feindliche Heer beſtimmten Zufuhren, metzelten die Bedeckung ohne Barm⸗ herzigkeit nieder, und ſcheuten, durch den wie⸗ derholt guͤnſtigen Erfolg ihrer Anſchläge zu immer verwegenern Unternehmungen gereizt und ermuthigt, ſelbſt den ungleichſten Kampf nicht, da ihnen das Waldgebirge, ſo oft ſie durch die Uebermacht des Gegnkrs zum Ruͤck⸗ zuge genothigt wurden, ſtets einen fuͤr ihre Verfolger unzugaͤnglichen Zufluchtsort darbot. Immer unruhiger und unſichrer ward es in der Gegend umher; Greuel und Gewaltthaͤ⸗ tigkeiten aller Art kamen an die Tagesord⸗ nung, und ſelbſt von den Bewohnern des Staͤdtchens wagte ſich niemand mehr auf die freie Landſtraße hinaus; denn ob es gleich bei den Ausfaͤllen und Streifereien der Parthei⸗ gaͤnger zunaͤchſt darauf abgeſehen war, das zur Fahne des fremden Ueberwinders gehorige Kriegsvolk, wo es in größrer oder geringerer Zahl ſich blicken ließ, zu ſtoren und zu bela⸗ ſtigen, ſeine Swecke zu vereiteln und ihm je— den erſinnlichen Schaden zuzufuͤgen, fehlte es doch keinesweges an Beiſpielen ausgeuͤbten Unfugs, der mit der eben erwähnten Haupt⸗ — abſicht der Verbuͤndeten nicht in der entfern⸗ teſten Beziehung ſtand. Wer weiß, welche wichtige und einfluß⸗ reiche Folgen fuͤr das Ganze zuletzt noch aus dieſer Wafſenverbindung hervorgegangen wären, haͤtte nicht der abermals guͤnſtige Ausfall ei⸗ ner zweiten Schlacht den Sieger in den Stand geſetzt, nunmehr auch auf den im Innern des Landes ſtattſindenden kleinen Krieg ein ernſtlicheres Augenmerk zu richten, und zu deſſen Beendigung durch wirkſamere Mittel Anſtalt zu treſſen. Mit nicht geringer Freude vernahm die in K. beſindliche Beſatzung, die bisher nur durch Aufbietung aller ihrer Sorg⸗ falt und Wachſamkeit ſich gegen die rings drohenden Gefahren zu ſchuͤtzen vermocht hatte, die willkommene Botſchaft, daß die längſt erſehnte, zu Unterdruͤckung des in der Gegend herrſchenden Unweſens erforderliche Verſtärkung im Anzuge begriffen ſey. Auch die Einwohner des Städtchens ſelbſt, die, in dieſem Augenblick am empſfindlichſten von ih⸗ ren eigenen Landsleuten gepreßt und gepeinigt, in Entbehrung der erſten Lebensbeduͤrfniſſe be⸗ reits mit dem bitterſten Mangel zu kaͤmpfen hatten, wuͤnſchten mit gleicher Begierde den Tag ihrer Erloͤſung herbei. Die Vorſtellung von der Tiefe des Elends, in welche ſie, bei laͤngerer Fortdauer einer ſo verzweiflungsvol⸗ len Lage, nothwendig gerathen mußten, ver— ſchlang jede höhere patriotiſche Regung, und merklich fuͤhlten ſie daher ihr Herz erleichtert, als endlich der Vortrab des zur Vertilgung der Räuber und Banditen, wie die hier umher⸗ ſchwarmenden Partheigänger von ihren erbit⸗ terten Gegnern genannt wurden, beſtimmten Heerhaufens unter klingendem Spiel ſeinen Einzug hielt. Gar bald aͤnderte ſich jetzt die Geſtalt der Dinge. Faſt täglich kam es zu blutigen Gefechten, in welche die Verbuͤndeten, da nun⸗ mehr zwiſchen den beiderſeitigen Streitkräften ein zu entſchiedenes Mißverhaͤltniß eingetreten war, trotz aller perſonlichen Tapferkeit, ſiets den Kuͤrzern zogen, bis ſie zuletzt die ſchmalen Gebirgspfade nur muͤhſam noch zu vertheidi⸗ gen vermochten, und, von allen Seiten um⸗ zingelt und eingeſchloſſen, nichts als die un⸗ vermeidliche Gewißheit ihres volligen Unter⸗ gangs vor Augen hatten. Es war an einem truͤben regneriſchen Abend im Spaͤtſommer, als Jakobine, die Tochter des Gloͤckners Heilmann, in der einſamen Wohnſtube am Kaminfeuer ſaß, auf das angelegentlichſte bemuͤht, ihren ſechsjaͤh— rigen Bruder Gottwalt, bei dem ſie Mutter⸗ ſtelle vertrat, durch lebhaft reges Geſchwätz wach und munter zu erhalten, und eben da⸗ durch zugleich die eigene innere Bangigkeit zu beſchwichtigen, von welcher ſie am heutigen Abend auf ganz ungewöhnliche Weiſe ſich er⸗ griffen fuͤhlte. Heftiger als jemals hatte be⸗ reits mit dem fruͤheſten Morgen draußen auf den benachbarten Waldhoͤhen das Gewehrfeuer wieder begonnen und unabläſſig den ganzen Tag hindurch forthedauert. Erſt mit herein⸗ brechender Dunkelheit war es plötzlich ver⸗ ſtummt, und eine ſchauerliche, mit dem vor⸗ —— hergegangenen wilden Geräuſch und Getuͤmmel im auffallendſten Abſtich beſindliche Todten⸗ ſtille, die nur dann und wann durch den fluͤchtigen Hufſchlag der Pferde, auf welchen einzelne Reuter nach dem Städtchen zuruͤck⸗ ſprengten, unterbrochen wurde, herrſchte ſeit⸗ dem in der Umgegend. Weder durch Bitten noch Vorſtellungen hatte Jakobine ihren Va⸗ ter, der ein eifriger Freund von Neuigkeiten und zugleich dem Trunk ergeben war, von ſeinem gewohnten Ausfluge nach dem Wirths⸗ hauſe zuruͤckzuhalten vermocht. Eben ſo we⸗ nig war ſein Verſprechen, ſogleich nach ein— gezogenem genauen Bericht uͤber die neueſten Vorfaͤlle und Ereigniſſe ohne Verzug wieder nach Hauſe zu kommen, in Erfuͤllung gegan— gen; denn ſchon ertönte die neunte Stunde vom nahen Thurm und noch immer ließ der Wortbruͤchige vergeblich auf ſich lauern. „Die Grſchichten, die Du mir erzählſt, ſind freilich alle recht huͤbſch,“ ſagte der kleine Gottwalt, indem er ſich gaͤhnend die ſchlaf⸗ trunkenen Augen zu reiben begann.„Jett ——— N — 14— aber mag ich nichts weiter mehr hoͤren; denn ich bin muͤde und will zu Bett!“ „Nicht doch! das Beſie habe ich gerade bis zuletzt aufgeſpart!“ entgegnete Jakobine. „Drum ermuntere Dich wieder, und halte tapfer noch ein halbes Stuͤndchen hier ausz Du ſollſt es gewiß nicht bereuen!“ In dieſem Augenblick ließ ſich ein wie⸗ derholtes Klopfen an der Hausthuͤr verneh— men, die Jakobine aus Furcht vor unwillkom⸗ menem Zuſpruch vorſichtig von innen verrie⸗ gelt hatte.„Gott ſey gelobt! da iſt er end⸗ lich!“ rief ſie mit erleichtertem Herzen, und eilte hinaus, um die Thuͤr zu oͤffnen. Nicht gering aber war ihr Befremden, als ſie ſtatt des Vaters, den ſie ungeduldig entgegen ge⸗ harrt, einen Anverwandten, den Goldſchmidt Traubler, hereintreten, und mit vor Zorn und Aerger gluͤhendem Geſicht, nachdem er in der Wohnſtube angelangt war, Hut und Stock auf den Tiſch hinſchleudern ſah. „Vetter, was iſt Euch widerfahren?“ rief ſie mit neuerwachender Unruhe und Be⸗ ſorgniß ihm zu.„Was treibt Euch zu ſo ungewöhnlicher Stunde hierher, und warum habt Ihr mir den Vater nicht mitgebracht?“ „Als ob dies wohl in meiner Macht ge— ſtanden haͤtte!“ antwortete der Befragte, in⸗ dem er allmählich zu Athem kam.„Er hat nicht hoͤren wollenz jetzt muß er fuͤhlen! leichtſinnig hat er meine wiederholten, wohl⸗ gemeinten Warnungen in den Wind geſchla⸗ gen; jetzt ärndtet er dafuͤr den Lohn, der, wie ich es ihm ſchon oft prophezeiht, auf die Länge nimmermehr ausbleiben konnte!“ „O ich bitte, ich beſchwoͤre Euch!“ rief Jakobine, mit geſteigerter Herzensangſt ſeine Hand ergreifend.„Kommt von dem rathſelhaften Vorbericht zur Sache ſelbſt, und vermeldet mir ohne weitere Umſchweife, was er verbrochen, und was mit ihm geſchehen!“ „Nicht zehnmal, ſondern hundertmal hab' ich den unbedachtſamen Schwätzer und Großprahler gewarnt!“ fuhr, in ſtörriger Be⸗ hauptung des angenommenen Tones, der ent⸗ rüſtete Strafprediger fort.„Vetter Heilmann, hab ich zu ihm geſagt, folgt meinem Rath, und haltet zu dieſer unheilſchwangern Seit, — 13— wo Vernunft und kluge Vorſicht jedes Woͤrt⸗ chen auf die Goldwaage zu legen gebieten, Eure ſchnoͤde Zunge beſſer im Zaum, oder ſetzt vielmehr Eurem Geſchmack an hitzigen Getränken, die Euch eben um den richtigen Gebrauch Eurer Vernunft bringen, ein gehö⸗ riges Ziel. Ihr verwendet im Eifer des trun⸗ kenen Muthes Euer Mundwerk gar häuſig zu Reden und Aecußerungen, die Ihr bei nuͤch— ternem Verſtande weder verantworten noch vertheidigen koöͤnnt. Ueberall ſind wir von Laurern und Kundſchaftern umgeben, die ihr Lieblingsgeſchaͤft darin ſinden, den friedlichen Buͤrger bei der neuen, ohnehin von Argwohn und Mißtrauen erfuͤllten Behörde zu verhe— tzen und anzuſchwärzen, ſeinen harmloſeſten Worten eine gehoſſige Abſicht unterzulegen, und ihn in Verdruß und Ungelegenheit zu verwickeln, ja wohl gar um Vermögen und Freiheit zu bringen!“ „Gerechter Gott! Mein Vater iſt doch nicht in Verhaft genommen?“ ſtammelte Ja⸗ kobine, indem ſie um einige Schritte zu⸗ ruͤckwich. —— „Wollte der Himmel, ich hätte Dir keine ſchlimmere Botſchaft mitzutheilen!“ verſetzte der Goldſchmidt.„Nein, hinaus nach dem Gebirge iſt er ſo eben bei Nacht und Ne⸗ bel fortgeſchleppt worden, um bei Verfolgung und Aufſuchung der dort hauſenden Streifpar⸗ thei, die durch den heutigen mörderiſchen An⸗ griff faſt gaͤnzlich aufgerieben iſt, und wel— cher unvorzuglich das Garaus gemacht werden ſoll, dem zu dieſer Unternehmung beorderten Heerhaufen als Wegweiſer zu dienen. Eis⸗ kalt hat es mich oft uͤberlaufen, und alle Haare auf dem Kopfe haben ſich mir geſtraubt, wenn er, unter ſeinen Zechbrudern ſitzend, mit prahleriſcher Dickthuerei ſich ruͤhmte, daß er in fruͤhern Zeiten taͤglich botaniſirend zwi⸗ ſchen den Bergen umhergekrochen, daß er die geheimſten Schlupfwinkel und Schleichwege derſelben kenne, ſelbſt an den pfadloſeſten und gefährlichſten Stellen ſich im Finſtern zurecht zu finden getraue, und was des vorlauten albernen Geſchwaͤtzes mehr war. Nun hat er Gelegenheit, ſein Talent zum Vortheil der fremden Unterdruͤcker und zum Verderben der eignen Landöleute zu bewaͤhren; denn unver⸗ ſehens und mit der barſchen Anzeige, daß man ſeiner Dienſte benöthigt ſey, ward er vor einer halben Stunde von bewaffneter Mannſchaft aus dem Wirthshauſe abgeholt. Seine Einwendungen gegen das ihm gemachte Anſinnen wurden durch Fluͤche und Drohun⸗ gen beantwortet; er mußte ſich in die Noth⸗ wendigkeit fuͤgen, und behielt kaum Zeit, den Auftrag fuͤr Dich zu hinterlaſſen, daß Du morgen fruͤh um ſechs Uhr, falls bis dahin ſeine Ruͤckkehr noch nicht erfolgt iſt, ſtatt ſei⸗ ner zum Thurm hinaufſteigen ſollſt, um das Anziehen der Betglocke zu beſorgen.“ „Mein armer Vater!“ jammerte Jako⸗ bine.„So hat mich meine Ahnung alſo doch nicht getaͤuſcht! Ach, wenn er doch nur dies einzige Mal ſich durch meine flehentlichen Bit⸗ ten vom Beſuch des Wirthshauſes hätte zu⸗ ruͤckhalten laſſen! Die Nacht iſt dunkel, die ſteilen Fußſteige ſind vom Regen glatt und ſchluͤpfrig, und das ihn umringende Kriegs⸗ volk duͤrſtet in ſeiner wilden Wuth nur nach Mord und Blutvergießen. Auf wie vielerlei — — Weiſe kann ihm, bei dem entſetzlichen Dienſt⸗ geſchäft, das man ihm aufgebuͤrdet, ein Un⸗ gluͤck begegnen!“ „Das größte Ungluͤck, das ihm zuſto⸗ ßen konnte, beſteht eben in dem unheilvollen Berufe ſelbſt, zu deſſen Uebernahme man ihn gezwungen!“ ſagte jener mit bedenklichernſter Geberde.„Das Kriegsgluͤck iſt wandelbarz es wird auch diesmal ſeine Natur nicht ver⸗ leugnen. Und wenn nun die Unſrigen, was ja jeder gute Patriot von ganzer Seele hof⸗ fen und wuͤnſchen muß, uͤber kurz oder lang die ihnen entriſſenen Vortheile wieder gewin⸗ nen, in Zuruckwerfung des Feindes aufs neue bis nach dieſer Gegend vordringen, und es nun kund und ruchtbar wird, zu welcher Dienſtverrichtung ſich dein Vater von den fremden Machthabern hat brauchen laſſen; wie dann? Wird man ſeine Entſchuldigung, daß er dem Zwange und der Gewalt habe gehorchen muͤſſen, als guͤltig anerkennen? Wird nicht vielmehr mit allen ſeinen gehäffi⸗ gen und verderblichen Folgen ihn der Fluch treſſen, der nun einmal auf einem Gewerbe die⸗ diſe gedr Fri len, i6 de rede war gen ſcl eſt ſch nuch ſum halt Vin dum ehen war, and wur d dieſer Art ruht; es mag freiwillig oder noth⸗ gedrungen ausgeuͤbt werden! Mitten im Kriege vollends, wo man in dergleichen Fäl— len, nach erwieſener Thatſache, gar kurzen Pro⸗ zeß zu machen pflegt!“ Mit peinlichgerungenen Händen ſchwankte die Geängſtigte waͤhrend dieſer leidigen Troſi⸗ rede in der Stube hin und her. Gottwalt war uͤber den fuͤr ihn unverſtändlichen Ankla⸗ gen und Eroͤrterungen mittlerweile ruhig ent⸗ ſchlafen. Der Vetter aber ſchickte, nachdem er ſeine Meinung vorgetragen, zum Aufbruche ſich an, ertheilte Jakobinen beim Scheiden noch einige, die naͤchtliche Sicherheit des ein— ſam gelegenen Wohnhauſes betreffende Ver⸗ haltungsregeln und entfernte ſich wieder. Kaum war nach ſeiner Verabſchiedung eine Viertelſtunde verfloſſen, als Jakobine aus der dumpf duͤſtern Betrachtung, in welche ſie, der eben vernommenen Botſchaft zu Folge, gerathen war, durch den Knall einiger ſchnell auf ein⸗ ander folgenden Flintenſchuͤſſe empor geſchreckt wurde, die durch die Stille der Nacht ſich von der Bergſeite her vernehmen ließen, und als 2 — Ankuͤndigung dienten, daß es zwiſchen beiden Partheien wieder zum Handgemenge gekom⸗ men ſey.„Heiliger Gott! wie wird es mei⸗ nem Vater ergehen!“ ſchrie ſie auf, und mit den grauſenvollſten Bildern und Farben be— gann die Gefahr, in welche der Bedauerns⸗ werthe ſo ſchonungslos verſtrickt worden, ihr vor die zagende Seele zu Keten⸗ Bis gegen Mitteriacht währte mit zu— nehmender Heftigkeit das Schießen fort; dann ward es ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, und es trat die vorige lautleſe Ruhe wieder ein. Von Furcht und Angſt getrieben, war Jakobine während deſſen raſtlos von einer Ecke zur an⸗ dern umhergeirrt, und hatte bald durch in— bruͤnſtiges Gebet, bald durch Ströme von Thränen dem ſchwer gepreßten Herzen Erleich⸗ terung zu verſchaſſen geſucht. Jetzt, da das Blutgeſchäft beendigt ſchien, und die Sehn⸗ ſucht nach der Räckkehr des Vaters ihr In— nerſtes mit neuer Lebhaftigkeit zu ergreifen anſing, konnte ſie es in dem engen dumpfen Gemach, deſſen ſchwuͤle Luft ihre Beängſti⸗ gung und Beklemmung nur noch vermehrte d mi⸗ mit — 19— nicht länger aushalten. Schleichenden Trit⸗ tes, als ob ſie ein Verbrechen zu begehen im Begriff ſey, verließ ſie die Stube, ſtellte das mitgenommene Licht auf den Boden der Haus⸗ flur, ſchob den Riegel an der Thür leiſe zu⸗ ruͤck, und trat mit lauſchendem Ohr ſcheu und behutſam auf den angrenzenden Kirchhof hinaus. Undurchdringliche Finſterniß herrſchte rings⸗ umher, mit feinem Staubregen hatte der Luft⸗ raum ſich angefuͤllt, kein Stern durchdrang das ſchwarze Gewölk des Himmels mit freund⸗ lichem Schein, und alles in der naͤchſten Um⸗ gebung des Hauſes war ſo ſtill und ode, daß man den gleichförmig drohnenden Schwung des Uhrperpendikels droben auf dem Thurm deut⸗ lich vernehmen konnte. Mit peinlich ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit ging Jakobine einige Schritte vorwaͤrts, und ein dumpfes hohles Getöſe, vom Hufſchlag und Wiehern der Pferde herruͤhrend, drang aus der Ferne zu ihrem Ohr. In dieſem Augenblick begann es zwiſchen dem ſich ſeitwaͤrts an der Kirchhofs⸗ mauer dahinziehenden, wildverwachſenen Buſch⸗ 2* 20 werk, hinter welchem das Beinhaus beſindlich war, zu kniſtern und zu raſcheln.„Mäd⸗ chen, darf ich mich Dir vertrauen?“ rief mit verſtohlnem Fluͤſtern eine gedaämpfte Stimme. Betroffen wandte Jakobine ſich um, und bemerkte beim ſchwachen Schimmer, mit welchem das auf der Hausflur zuruckge⸗ laſſene brennende Licht die Dunkelheit duͤrf— tig erhellte, eine lange vermummte Geſtalt, die mit ausgeſtreckten Armen ſich durch das Gebuͤſch nach dem Freien hervorzuarbeiten be⸗ muͤht war. „Schirmt mich, ihr Engel des Him⸗ mels!“ kreiſchte, von todlichem Entſetzen befallen, die Ueberraſchte, ſtuͤrzte, die Thuͤr hinter ſich verriegelnd, nach dem Innern des Hauſes zuruͤck, eilte durch die Wohnſtube ſpornſtreichs nach der anſtoßenden Kammer, und ſuchte bei dem ſchlafenden Gottwalt Schutz und Zuflucht vor der grauenvollen Erſcheinung, die ſo eben zur Mitternachtſtunde ſich ihren erſchrockenen Augen gezeigt hatte. — 21— Der anbrechende Morgen fuͤhrte Muth und Faſſung in Jakobinens Seele zuruck. Die Schreckbilder, die, vom Schauer der naͤchtlichen Dunkelheit erzeigt, ihren aufge⸗ regten Sinnen vorgeſchwebt, zerfloſſen mit dem neuerwachenden Tageslicht in ein ſpurloſes Nichts, und nur von der Bekuͤmmerniß um das Schickſal ihres noch immer abweſenden Vaters ward die duͤſtre Meinung fortgenaͤhrt, in welcher ihr Gemuͤth ſich befand. Den kleinen Gottwalt, der mit unge⸗ ſtuͤmer Bitte ſich ihr zum Begleiter aufge⸗ drungen, an der einen, den Thurmſchluͤſſel in der andern Hand, machte ſie ſich zur beſtimm⸗ ten Stunde auf den Weg, um das ihr uͤber⸗ tragene Geſchaͤft zu beſchicken. Auf das ge⸗ fliſſentlichſte hatte ſie ſich zu uͤberreden ge— ſucht, daß die naͤchtliche Erſcheinung blos ein nichtiges Trugbild der eignen aufgereizten Phantaſie geweſen, und um ſo weniger ver⸗ mochte ſie jetzt das erneuerte Gefuͤhl eines in ihrer Bruſt ſich regenden zaghaften Grauens zu unterdruͤcken, indem ſie im Voruͤbergehen einen Blick nach jener Stelle warf, und an dem — p9 — zerknickten Gezweige die unverkennbarſten Spu⸗ ren von der Zuverlaͤſſigkeit des ſtattgehabten ſchreckhaften Auftrittes zu bemerken glaubte. Schuͤchtern verdoppelte ſie ihre Schritte, und klopfenden Herzens betrat ſie mit ihrem harm— los vor ſich hinplaudernden Gefaͤhrten die ſchmalen Stiegen, die, von mattem Daͤmmer⸗ licht erhellt, nach der öden Glockenkammer des Thurms emporfuͤhrten. Die Umgegend, nach welcher Jakobine von der Hoͤhe herab die ſpaͤhenden Blicke ver⸗ ſandte, lag in ſo dichten Nebel gehuͤllt, daß kaum die zunächſt beſindlichen Gegenſtände ſich mit Genauigkeit erkennen und unterſchei⸗ den ließen. Ohne Verzug ſchickte ſie daher, nachdem ſie den ihr obliegenden Beruf aus⸗ gerichtet, zur Wiederheimkehr ſich an. Mit einem Schrey des Entſetzens aber prallte ſie, den betroffnen Knaben feſt umklammernd, gegen das Gemaͤuer zuruͤck, als ſie, den Raum des duͤſtern Kirchengewolbes erreichend, ploͤtz⸗ lich der nehmlichen vermummten Geſtalt wie⸗ der anſichtig ward, die, zur weitern Verfol⸗ gung des in der letztverwichenen Nacht durch r Jakobinens ſchnelle Flucht ihr vereitelten Zweckes, der Dienſtpflichtigen ſtill und unbe⸗ merkt bei Erſteigung des Thurmes nachge⸗ ſchlichen war, und jetzt mit funkelndem Blick und drohender Geberde ihr entſchloſſen den Weg vertrat. Es war ein großer ſtarker Mann, von wildem trotzigen Anſehen, eine Muͤtze von Seehundsfell auf dem Kopfe, und von Kinn bis zu den Knöcheln in einen wei⸗ ten blauen Mantel gewickelt. Quer uͤber ſeine Stirn zog ſich eine tiefe kaum verharrſchte Narbe, todtenbleich waren ſeine Wangen, und ein pechſchwarzer langer Bart, der ſeit Mo⸗ naten bereits in ungehinderten Wachsthum begriſſen ſchien, vermehrte das Abſchreckende ſeiner äußern Geſtalt. „Barmherzigkeit des Himmels!“ aͤchzte Jakobine, an allen Gliedern zitternd, indem die Ueberzeugung, daß ſie ein menſchliches Weſen vor ſich ſehe, ihr unter den obwalten⸗ den Umſtänden keinesweges zu ſonderlicher Beruhigung zu gereichen vermochte.„Was hegt Ihr gegen mich im Sinn? Was wollt Ihr von mir?“ „Was ich von Dir will?“ wiederholte mit finſtrer vorwurfsvoller Geberde der Fremde. „Was Du mir geſtern lieblos verſagteſt, und was Du mir, wenn Dein Heil und Leben Dir noch das mindeſte gilt, wahrlich nicht zum zweiten Mal verweigern ſollſt; einen Zu⸗ fluchtsort, der mir gegen die Nachſtellungen meiner Verfolger hinlaͤngliche Sicherheit ge⸗ waͤhrt, ein tiefes unverbruͤchliches Schweigen uͤber meinen Aufenthalt und Nahrung— Nahrung vor allen Dingen!“ „Wie faͤllt es Euch ein, gerade mich aufzuſuchen, um Forderungen zu thun, deren Erfuͤllung ſo wenig in meiner Macht ſteht?“ fuhr Jakobine mit bebender Stimme zu fra⸗ gen fort.„Wir haben uns beide niemals im Leben geſehen. Ich weiß eben ſo wenig, wer Ihr ſelbſt ſeyd, noch von wem Ihr ſo feind⸗ ſelig verfolgt werdet!“ „Das läßt ſich doch leicht genug erra⸗ then!“ war die Antwort.„Einen aus der Zahl der Vaterlandsvertheidiger, von den frem⸗ den Bluthunden Räuber und Meuterer ge⸗ nannt, ſiehſt Du vor Dir. Willig haben wir Li jet P de der 3 ge e B — wir fur den heiligen Zweck, der uns vereinigte, Leib und Leben zum Opſer dargeboten, weder Mangel noch Beſchwerde geſcheut, und Wunder der Tapferkeit verrichtend, uns heldenmuͤthig in den eingenommenen Gebirgspaͤſſen zu behaup⸗ ten gewußt, bis wir endlich der mehr und mehr anwachſenden, und zuletzt durch ſchelmi⸗ ſchen Verrath unterſtuͤtzten Uebermacht des Feindes erliegen mußten. Ein moͤrderi⸗ ſcher Ausfall, den wir geſtern gegen Abend, von Wuth und Verzweiflung geſpornt, mit vereinter Kraft unternahmen, endigte mit un⸗ ſerer volligen Niederlage, unb es ſind von unſerm Heerhaufen in dieſem Augenblick nur einzelne Fluͤchtlinge noch uͤbrig, die im Gebirge zerſtreut umherſchweifen, und dem drohenden Verderben auf heimlichen Schleichwegen zu entkommen bemuͤht find. Mich ſelbſt, nach⸗ dem ich der feindlichen Gewalt unterm Schutz der Finſterniß gluͤcklich entgangen, ließ der Zufall hierher gerathen. Ein guͤnſtiger Zufall iſt es geweſen; denn keinen beſſern Schlupfwinkel kann es fuͤr mich geben, als gerade hier oben zwiſchen dem duͤſtern Dach⸗ geſperr des Kirchgewölbes, wo Niemand mich vermuthen und nachſuchen wird. Hier ſollſt Du mich von heut an mit dem noͤthigen Le— bensunterhalt verſorgen, bis es in der Um⸗ gebung des Ortes wieder ruhiger wird, und ich mit Sicherheit meinen Fuß weiter zu ſetzen im Stande bin!“ „Himmel! was muthet ihr mir zu!“ entgegnete die Bedraͤngte.„Das Städtchen iſt von feindlichem Kriegsvolk uͤberfuͤllt, und mißtrauiſche Argliſt bewacht und muſtert alle unſre Schritte. Wie ſoll ich es anfangen, Euch unbemerkt die Dienſtleiſtungen zu ge⸗ waͤhren, die Ihr von mir verlangt! Nimmer⸗ mehr kann es Euer Ernſt ſeyn, mich ohne Schonung in das verderbliche Loos zu ver⸗ ſtricken, das Euch unfehlbar treſſen muß, ſobald ihr durch ein widrigoss Ungefähr hier ausgekundſchaftet und entdeckt werdet!“ „O ich weiß gar wohl von welcher Ge⸗ fahr ich umringt bin!“ rief der Fremde mit ingrimmigem Geſicht.„Aber mindeſtens ſoll es Dir nicht einfallen, zur Verrätherin an mir zu werden. Dagegen giebt mir der Zu⸗ mich polſt n V⸗ Um⸗ dich ſczen zu!“ chen und lle ngen, met⸗ ohne vel⸗ moß, hiet Ge⸗ wit s ſul n on „. l⸗ — fall ein ſehr erwuͤnſchtes Schutzmittel an die Hand!“ Und bevor die Geaͤngſtigte zu neuen Ein⸗ wendungen Zeit gewann, hatte er raſch und gewaltſam ſich des kleinen Gottwalt bemaͤch⸗ tigt, den er von ihrer Seite hinwegriß, einige Schritte weit mit ſich fort zog, und ohne ſein Schreien und Sträuben zu beachten, mit kalter Entſchloſſenheit feſt beim Arm ge⸗ packt hielt. „Dieſer Knabe,“ fuhr er fort,„bleibt als Geißel bei mir zuruͤck. Und feierlich ſchwoͤre ich es Dir: er ſtirbt von meiner Hand, ſobald die Annährung verdächtiger Schritte mich uͤberzeugt, daß mein geheimer Aufenthaltsort ausgemittelt, ein Anſchlag zu meiner Verhaftung im Werk, und keine Si⸗ cherheit fuͤr Leib und Leben weiter zu hoſſen iſt! Jttzt entſchließe Dich fuͤr die ſorgſame Erfuͤllung meines Begehrens zu Anſtalten und Maaßregeln, wie ſie die Klugheit und der eigne Vortheil Dir vorſchreiben; denn ſo wahr mir Gott helfez ich halte Wort!“ Durch die drohende Bewegung, von wel⸗ cher dieſe Rede begleitet wurde, warf ſich ſein Mantel zuruͤck, und ein blankgeſchlifner Dolch, nebſt zwei Piſtolen, die er im Leib⸗ gurt ſtecken hatte, kamen zum Vorſchein. „Barmherziger Gott!“ ſtammelte, faſt außer ſich vor Schreck und Entſetzen, die Ver⸗ zweifelnde.„Ich will ja gern fuͤr Euch thun, was nur irgend in meinem Vermoͤgen ſteht, und kein Wöͤrtchen, das Euch in Eurer Ver— borgenheit Gefahr bringen könnte, ſoll jemals uͤber meine Lippen kommen, ſondern das tiefſte Stillſchweigen will ich beim Heil meiner Seele Euch angeloben. Aber ſeyd menſchlich, und gebt mir den Knaben zuruͤck! Schon der bloße Gedanke, daß das arme Kind, jedem Unge⸗ mach preisgegeben, Tag und Nacht hier oben in dieſem ſchaurigen Raumbezirk zubringen ſoll, zermalit und zerreißt mir das Herz! Und was ſoll ich erwiedern, wenn ich nach ihm gefragt werde? Welchen Vorwand ſoll ich brauchen, um den Leuten ſein plötzliches Verſchwinden begreiflich zu machen?“ „Das iſt Deine Sorge!“ verſetzte der Unerbittliche.„Nimm zu welchem Mär⸗ ſt chen Du willſt Deine Zuflucht. Gieb vor, daß er im wirren Lärm und Tumult ſich ver⸗ laufen, daß fremdes Zigeunergeſindel ihn auf⸗ gegriffen und mit ſich fortgeſchleppt, daß der nah vorbeifließende Strom ihn verſchlungen— mir gilt es gleich! Dies Unterpfand leiſtet mir Gewaͤhr für Deine Vorſicht und Ver⸗ ſchwiegenheit, und unwiderruflich bleibt es demnach bei meinem Entſchluß!“ Vergeblich war Jakobinens wiederholtes inſtaͤndiges Bitten und Flehen, vergeblich das angſtvolle Ungeſtuͤm, mit welchem Gottwalt ſelbſt, unter lautem Winſeln und Wehklagen, ſich von dem gefuͤrchteten Manne loszumochen bemuͤht war; beide mußten ſich in ihr Schick⸗ ſal ergeben, und von ſinnbetäubendem Schmerz und Kummer durchdrungen, ſtieg Jakobine endlich die Stufen hinab, um alsbald fuͤr ei— nige Lebensmittel zu ſorgen, deren ſchleunige Herbeiſchaffung ihr der Fremdling, unter der Anzeige, daß er ſeit zwei Tagen bereits mit dem wuͤthendſten Hunger kämpfe, zur erſten dringenden Pflicht machte. Die Ungeduld, die ſich bei ihrer Zuruͤckkunft an ſeinem We⸗ — 30— ſen bemerken ließ, und die haſtvolle Begierde, womit er uͤber den vorläuſig von ihr zur Stelle gelieferten Mundvorrath herſiel, ver⸗ buͤrgten die Wahrheit jener Ausſage; doch eben ſo erfolglos, als es fruͤher der Fall ge⸗ weſen, ſcheiterten auch jetzt an ſeiner eiſernen Willensfeſtigkeit alle wiederholten Bitten und Vorſtellungen, mit welchen ſie, ermuthigt durch den während des Genuſſes uͤber ſein Geſicht verbreiteten Ausdruck von Vergnuͤgen und Dankbarkeit, ihn zur Freilaſſung des Knaben zu bewegen verſuchte. Tief darniedergedruͤckt von der Sorgen⸗ laſt, die ein grauſames Verhängniß ihr auf die Bruſt gewälzt, in muthloſen Gram ver— ſunken, und von den verſchiedenartigſten, ihrer ahnenden Seele ſich gewaltſam aufdrängenden peinlichen Gedanken und Vorſtellungen gemar⸗ tert, hatte Jakobine den Thurm verlaſſen und befand ſich wieder unten in ihrer Behauſung. Mehr und mehr, indem ſie des ihr zugeſtoße⸗ nen ſich — nen ſchrecklichen Ereigniſſes gedachte, begann ſich das Verlangen, mit welchem ſie noch kurz zuvor der Heimkehr des Vaters entgegenge— ſehen, in die lebhafteſte Furcht und Scheu vor ſeinem Wiederanblick zu verwandeln. Zu welcher Ausrede ſollte ſie ihre Zuflucht neb— men, um ſeine Nachfrage nach Gottwalt auf eine ihm genuͤgende Weiſe zu beantworten? Wie war fuͤr die Folge uͤberhaupt, bei der Beſchraͤnktheit ihrer haͤuslichen Umſtände, bei der Gefahr, die mit einem ſo ſchwierigen Un⸗ ternehmen ſich verknuͤpfte, bei der Unmoglich⸗ keit, jedem verraͤtheriſchen Zufalle geſchickt zu⸗ vorzukommen, die geheime Verpflegung und Bekoſtigung der beiden Thurmbewohner fuͤg— lich in Ausfuͤhrung zu bringen? Wie lange ſollte die von dem Unbekannten erheiſchte und durch Androhung des entſetzlichſten Rachwerks erzwungene Huͤlfsleiſtung fortdauern, und wel— chen Ausgang ſollte dies eben ſo ſchauderhafte ———— —. als mißliche Verhaͤltniß zuletzt gewinnen? Es verfloß eine Stunde nach der andern, indem ſie, mit dieſen und aͤhnlichen in ihrem Innern aufſteigenden Zweifeln und Bedenk⸗ —— — 32— lichkeiten im Kampf begriffen, bald ſinnend, und gruͤbelnd das kummerſchwere Haupt gegen die Hand ſtuͤtzte, bald erſchrocken vom Seſſel emporſprang, nach der Bodenkammer hinauf⸗ eilte, und durch das geoffnete Fenſter die ver⸗ weinten Augen nach der Straße richtete, von wannen das wildfroͤhliche Toben der vom geſtrigen Unternehmen in einzelnen Abthei⸗ lungen nach dem Städtchen zuruͤckkehrenden Mannſchaft zu ihr heruͤbertönte. Eben be⸗ fand ſie gegen Mittag ſich wieder auf dem erwahnten Standpunkt, als ein neuer Schrecken ſie uͤberfiel, der mit der erſchuͤtternden Gewalt eines Wetterſchlages ihre muͤhſam errungene Faſſung plötzlich vernichtete. Unter klingen⸗ dem Spiel war ein friſcher Troß von Be⸗ waffneten angelangt, der auf einem unweit des Kirchhofs beſindlichen freien Platz Halt machte, mit Quartierzetteln verſehen wurde, und bald darauf nach den zunächſt gelegnen Häuſern ſich zerſtreute, um durch die ihm be⸗ willigte Raſt unter wirthlichem Obdach ſich von der ſtattgehabten erſchöpfenden Anſtren⸗ gung zu erholen. Auch nach Jakobinens Woh⸗ Wol dem mut Wohnung kam einer aus der Schaar, mit dem Zettel in der Hand, friſch und wohlge⸗ muth uͤber den Kirchhof dahergewandert. „Heiliger Gott! jetzt iſt alles aus!“ aͤchzte ſie leiſe vor ſich hin, indem ſie die Treppe hinunterſtieg, um dem ihr aufgedrunge⸗ nen unerwuͤnſchten Gaſt die Thuͤr zu öffnen. Es war ein blutjunger lebensfroher Burſch von einnehmend freundlicher Geſichts⸗ bildung und harmloſer Munterkeit in Ton und Betragen. Die Kenntniſſe, die er ſich von der Landesſprache erworben hatte, reichten, von der Mithülfe ſeines ausdrucksvollen Blickes unterſtuͤtzt, vollkommen hin, um ſich verſtaͤnd⸗ lich zu machen; und kaum hatte er, ſein Er⸗ ſcheinen hoflich entſchuldigend, in der Wohn⸗ ſtube Waffen und Gepaͤck von ſich gelegt, als er auch ſchon, wie aus der behaglichen Stimmung ſeines Weſens hervor ging, ſich hei⸗ miſch zu fuͤhlen ſchien, und mit der offnen Zu⸗ traulichkeit eines alten Bekannten ſeine huͤbſche Wirthin von den Ereigniſſen der juͤngſt ver⸗ floſſenen Tage zu unterhalten anfing. Sei⸗ nem Bericht zufolge, waren die Freibeuter, 2 0 — 34— nachdem ſie, das Aeußerſte verſuchend, in ei⸗ nem moͤrderiſchen Gefecht wie Löwen gekaͤmpft, theils niedergemetzelt, theils lebendig in die Gewalt ihrer Gegner gerathen. Nur der Anfuͤhrer ſelbſt hatte aus dem bereits ihn dicht umſchließenden Gewuͤhl und Gedränge auf unbegreifliche Weiſe zu entſchluͤpfen gewußt und ſich in der Dunkelheit ſpurlos verloren. Ein Preis war auf den Kopf des wilden und tollkuͤhnen Aufwieglers geſetzt, und mit dem angeſtrengteſten Eifer das Gebirge nach jeder Richtung hin durchkreuzt und durchſucht wor⸗ denz doch aller angeſtellten Bemuhung zum Trotz hatte man des Vermißten, der muth⸗ maßlich im reißenden Waldſtrom ſeinen Unter⸗ gang gefunden, bis jetzt nicht habhaft werden koͤnnen.— Empoört in der tiefſten Seele habe es ihn, fügte der geſchwaͤtzige Berichter⸗ ſtatter gutmuͤthig hinzu, die ſchnöden und grauſamen Mißhandlungen mit anſehen zu muͤſſen, die man, in gaͤnzlicher Zuruͤckſetzung alles ſonſtigen Kriegsgebrauches, an den ar⸗ men Gefangenen ausgeuͤbt; am allerwenigſten aber hege er den Wunſch, von dem Schickſal A Bef nol vor ſr he ne heit hei G i me ſ ga 8 heb d de gi Augenzeuge zu ſeyn, welches dem geaͤchteten Befehlshaber derſelben, wofern man ſich ſeiner noch bemaͤchtigen ſollte, unausbleiblich be⸗ vorſtehe. Glut und Bläſſe wechſelten während die⸗ ſer Mittheilung auf Jakobinens Geſicht; doch hegte der junge Kriegsmann gluͤcklicherweiſe ei⸗ nen zu argloſen Sinn, um aus der Verlegen⸗ heit und Verwirrung, deren ſie ſich vergeblich zu erwehren ſuchte, irgend einen ihrem Ge⸗ heimniß nachtheiligen Verdacht zu ſchöpfen. Eben ſo wenig hatten die peinliche Haſt und Eilfertigkeit, womit ſie die Unterhaltung plotz⸗ lich abbrach, fuͤr ihn etwas Auffallendes; viel⸗ mehr ſchenkte er ihrer Aeußerung, daß ſie jetzt ſich hinwegbegeben muͤſſe, um das Mittageſſen zu beſorgen, ſeinen ganzen Beifall, und be⸗ gann, waͤhrend ſie draußen in der Kuͤche auf Bewerkſtelligung des erwähnten Vorhabens bedacht war, ſich durch Pfeifen und Trällern die Zeit zu vertreiben. Sobald er jedoch, unter erneuertem ſorgloſen Plaudern, ſich bei der ihm aufgetiſchten Schuͤſſel nach Kraͤften guͤtlich gethan hatte, verminderte nach und 3* — 6— nach in immer merklicherem Grade ſich die Lebhaftigkeit ſeiner Rede. Unfaͤhig, dem ihn anwandelnden Gefuͤhl der Muͤdigkeit Wi⸗ derſtand zu leiſten, taumelte er mit dem un⸗ ſichern Schwanken eines Berauſchten nach dem Hintergrunde der Stube, warf ſich auf den hier befindlichen Armſeſſel und verfiel in einen tiefen und feſten Schlaf. Alsbald verfuͤgte ſich Jakobine, den guͤnſtigen Augenblick benutzend, nach dem Thurm hinuͤber, um den dort verſteckten Fluͤchtling in aller Eile von dem neuerfolgten mißlichen Vorfalle zu unterrichten, und, was ſie aus dem Munde des Einquartirten ſo eben vernommen, zur Belehrung und Warnung ihm kund zu thun. Er ſaß ſtill und nach⸗ denkend in einem dunklen Winkel hinter den Dachſparren, und Gottwalt lag, vom warmen Mantel umwickelt, friedlich ſchlummernd in ſeinem Arm. Die menſchlich-milde Sorgſam⸗ keit, die er fuͤr die ungeſtörte Ruhe des Kna⸗ ben zu hegen ſchien, ſtimmte den Gram, mit welchem ſie der Stelle ſich genaͤhert, zur weh⸗ muͤthigen Ruͤhrung, und den bittern Groll, den — 37— ſie gegen den Unbekannten, wegen des von ihm veruͤbten Gewaltſtreiches, bisher im Her⸗ zen getragen, zum Glefuͤhl der mitleidigen Theilnahme um. Ihr wiederholt betheuernd, daß, ſo lange durch ihre kluge Umſicht und Fuͤrſorge ſeine eigne Sicherheit ungefaͤhrdet bleibe, auch dem Kleinen kein Leid widerfah⸗ ren ſolle, nahm er mit Merkmalen zufriedner Billigung die warme Bettdecke in Empfang, die ſie fuͤr ihren Bruder mitgebracht hatte, aͤußerte darauf ein lebhaftes Verlangen, etwas von den Neuigkeiten des Tages zu erfahren, und hoͤrte ihr mit ſehr geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit zu, indem ſie jetzt ſich uͤber die Ab⸗ ſicht ihres dermaligen Erſcheinens gegen ihn zu erklaͤren anfing. Der ſcharf durchdringende Blick, den er waͤhrend der Erzählung auf ſie heftete, das ſinſtre Gewolk, das auf ſeiner Stirn ſich zuſammenzog, und die leiſen Fluͤche und Verwuͤnſchungen, die von Zeit zu Zeit ſeinen Lippen entſchluͤpften: alles diente dazu, ſie in der Muthmaßung zu beſtärken, daß ſie in ihm, obgleich er es auf das gefliſſent⸗ lichſte vermied, ſich ihr naͤher zu erkennen zu — geben, keinen andern, als eben jenen verwege⸗ nen Haͤuptling ſelbſt, vor ſich ſehe, der, nach erlittener Niederlage, ſich der Gefangenneh⸗ mung ſchlau zu entziehen gewußt, und deſſen Spur man noch immer mit ſo angelegent⸗ lichem Eifer zu verfolgen fortfahre. Ueber dem zwiſchen beiden ſtattfindenden Geſpräch war Gottwalt mittlerweile wach ge⸗ worden. Er ſchaute, nachdem er ſich völlig ermuntert hatte, heitern Muthes um ſich her, und zu ihrem nicht geringen Erſtaunen erfuhr Jakobine aus ſeinem Munde, daß es ihm jetzt bei dem fremden Manne, der ihm ſo vielerlei huͤbſche Geſchichten erzählt habe, ganz wohl gefalle, und daß er daher auch recht gern bey ihm bleiben wolle, um ihm Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. Dieſer ſchien an dem vor⸗ gebrachten offnen Geſtändniß des Kindes Be⸗ hagen zu finden, ſtreichelte mit ſanfter Hand ihm den blonden Lockenkopf und ſagte:„Das iſt mir eben ſo lieb, als es mich unendlich ſchmerzen wuͤrde, wenn ich jemals in die Nothwendigkeit geriethe, meine fruͤher ausge⸗ ſtoßene Drohung ins Werk richten zu muͤſ⸗ ich di zu de e⸗ ch — 5— ſen!“— Er kehrte hierauf, als ob er ſich einer zu milden Ausdrucksweiſe bedient hätte, wieder zum gewohnten finſtern Ernſt in Ton und Geberde zuruͤck, gab der Betroffenen mit hinreichender Deutlichkeit zu verſtehen, daß ihm jetzt uͤber das ſaubre Geſchaͤft, welches ihren Vater von ſeiner Behauſung entfernt halte, jeder Zweifel benommen ſey, rieth ihr, unter Ertheilung einiger zweckdienlichen Maaß⸗ regeln, an, ihre Sorgfalt und Behutſamkeit zu verdoppeln und verabredete, bevor er ſie von ſich entließ, mit ihr ein beſondres Zeichen, wodurch ſie bei Erſchließung der Thuͤr, die an der zuletzt zu erſteigenden Treppe ſich befand, ihn fuͤr die Folge ſchon von fern zu benach⸗ richtigen habe, ob er es mit Sicherheit wagen duͤrfe, ſeinen Schlupfwinkel zu verlaſſen und zum Vorſchein zu kommen. Mit einbrechender Abenddämmerung, nach⸗ dem Philibert— ſo nannte ſich der in der Gloͤcknerwohnung einquartirte Krieger— ſchon — taͤngſt durch den Genuß der Ruhe ſich von den ausgeſtandenen Strapazen erholt und ſein muntres Thun und Treiben wieder begonnen hatte, kehrte Jakobinens Vater endlich nach Hauſe zuruͤck. Er war von der ungewohnten uͤbermenſchlichen Anſtrengung, die man ihm zugemuthet, dermaßen abgemattet, und die rauhe unfreundliche Witterung hatte, verbun⸗ den mit der Furcht und Angſt, worin er un⸗ aufhoͤrlich geſchwebt, ſo nachtheilig auf ihn ein⸗ gewirkt, daß er, nach muͤhſamer Erreichung ſeines Wohnſitzes, keinen Augenblick länger aufzudauern vermochte, ſondern ſich ſogleich zu Bett legen mußte. Sein Zuſtand erregte Jakobinens Beſorgniß um ſo mehr, da ſie gar bald aus den vorhandenen Anzeichen merkte, daß, neben der gaͤnzlichen Erſchoͤpfung, in welcher er ſich befand, zugleich ein heftiges Fieber im Anzuge begriffen war, gegen deſſen volligen Ausbruch nicht ſchnell genug die nöthigen Vorbeugungsmittel in Anwendung gebracht werden konnten. In dieſer Ueberzeugung machte ſie ſich daher, nachdem ſie Philiberts freiwil⸗ liges Erbieten, ſich unterdeß der Obhut des Hr gnt noc ium kh Wo 90 „ 09 war hiſ dr in ſch der h — — — Kranken unterziehen zu wollen, dankbar an⸗ genommen, ohne Zeitverluſt auf den Weg nach dem Städtchen, um den Arzt aufzuſu⸗ chen und herbeizuholen. Das von ihm verord⸗ nete Heilmittel hatte zum Erfolg, daß der Leidende ſeine, in ſinnlos buntem Gemiſch uͤber die ihm zugeſtoßenen Begegniſſe ſich erſtre⸗ ckenden phantaſtiſch wirren Reden einſtellte, nach und nach ruhiger wurde, und endlich zum vollen Bewußtſeyn ſeiner ſelbſt zuruͤck⸗ kehrte. Die erſten Worte, die er jetzt mit matter Stimme an Jakobinen richtete, waren von einem forſchenden Blick nach der offnen Wohnſtube begleitet und enthielten die Erkun⸗ digung nach dem kleinen Gottwalt. Mit Aufbietung aller ihrer Geiſtesgegen⸗ wart nahm die Befragte zu dem im Stillen beſchloßnen Vorgeben ihre Zuflucht und erwie⸗ derte, daß Schweſter Ulrike heut Vormit⸗ tag zu Beſorgung nothgedrungener Geſchaͤfte im Städtchen geweſen und, bey der hier herr⸗ ſchenden Verwirrung und Unruhe, ihr mit dem Anerbieten entgegengekommen ſey, den Knaben auf einige Tage mit nach ihrer fried⸗ — 42— lichen Förſterwohnung hinauszunehmen, was ſie unter den obwaltenden Umſtänden denn auch gern bewilligt habe. Der Alte runzelte zwar die Stirn und murmelte einige Worte vor ſich hin, die ſeine Unzufriedenheit und Mißbilligung ausdruͤckten, doch fiel es ihm nicht ein, in die Richtigkeit der vernommenen Ausſage ſelbſt nur den ge⸗ ringſten Zweifel zu ſetzen, da Gottwalt auf gleiche Weiſe ſchon mehrmals ſeine an den Forſter Mildheim verheirathete Schweſter nach ihrem Wohnſitz begleitet und einige Zeit bey ihr zugebracht hatte. Der von Jakobinen gefuͤrchtete Augenblick ging demnach glucklich voruͤber. Sie nahm den Verweis, der ihrem eigenmaͤchtigen Verfahren zu Theil wurde, ru⸗ hig hin, und es blieb ihr jetzt nur zu wuͤn⸗ ſchen, daß nicht etwa ein widriger Zufall ulriken wirklich hierher fuͤhren und eben da⸗ durch den volligen Ungrund jenes gewagten Vorgebens unerwartet ans Licht bringen moͤge.* Ueber der thätigen Furſorge, mit welcher ſie, von Philibert unterſtutzt, in ungetheilter M⸗ 3— Aufmerkſamkeit um den kranken Vater beſchaͤf⸗ tigt geweſen, hatte ſie die Erſcheinung eines Beſuchenden nicht beachtet, der mittlerweile ſich eingefunden, in einer dunklen Ecke der Wohnſtube Platz genommen, und hier, als ſchweigender Beobachter des in der Seitenkam⸗ mer ſtattfindenden ämſigen Verkehrs, ſeit einer Stunde bereits ſtill und unbeweglich geſeſſen hatte. Es war ein Anverwandter des Hau⸗ ſes: Emanuel Traubler, der vor Aus⸗ bruch des Krieges auf einem in der Nachbar⸗ ſchaft gelegenen graͤflichen Gut als Kunſigärt⸗ ner angeſtellt geweſen, in Folge der Verhee⸗ rungen aber, die der anruͤckende Feind, erbit⸗ tert durch die ihm hinterbrachten Geſinnungen des den Landesvertheidigern beygetretenen Ge⸗ bietsherrn, mit Feuer und Schwerdt daſelbſt angerichtet hatte, wieder brodlos geworden war, und gegenwaͤrtig bey ſeinem Vater, dem Goldſchmidt, ſich aufhielt. Von Jugend auf hatte zwiſchen ihm und Jakobinen eine beſon⸗ dre Zuneigung gewaltet, die mit den Jahren immer ſtaͤrker geworden und endlich in das innigſte Liebesverſtaͤndniß uͤbergegangen war. —— Seit ſeiner jetzigen Anweſenheit im Staͤdtchen hatte jedoch der ihm eigne heitre und zufriedne Sinn ſich gänzlich verloren; ein gruͤbelnder Mißmuth war an deſſen Stelle getreten, und unabläſſig hing er der duͤſtern Stimmung nach, die, von der plotzlichen Vereitelung ſeiner ſchoͤn⸗ ſten Wuͤnſche und Hoffnungen erzeugt, noch durch ſo mancherlei anderweitige Gedanken und Einbildungen in der Bruſt des zu Arg⸗ wohn und Eiferſucht gereizten Grillenfängers fortgenaͤhrt wurde. So war ihm auch heut, nachdem Ja⸗ kobine ſich auf den Wink des nach Ruhe verlangenden Vaters aus der Kammer zuruͤck⸗ gezogen hatte, weder durch ihre Annaͤherung noch zutraulich herzliche Begruͤßung ein freundliches Laͤcheln abzugewinnen. Die reg⸗ ſame Zuthulichkeit, die in Philiberts Weſen und Benehmen ſich äußerte, ſchien ihm in der tiefſten Seele zuwider, und der zwanglos muntre Ton in ſeiner Unterhaltung mit Ja⸗ kobinen ergriff und verletzte, wie aus den un⸗ verkennbarſten Merkmalen hervorging, ihn um ſo m e n ling Pit uunyf Kub une ihm ſeſ nißl Pen war Un di Ein Jetr dadu und genz gſil win wur ylo mit ſo mehr, da ſie, trotz des gegebenen Beiſpiels, es nicht fuͤr gemeſſen erachtete, dem Fremd— linge, dem ſie ſich obendrein fuͤr die ihrem Vater erwieſenen Dienſtleiſtungen dankbar verpflichtet fuͤhlte, mit eben ſo veraͤchtlichem Kaltſinn zu begegnen, und ſich in Beobach⸗ tung der feinen Sitte und Lebensart von ihm uͤbertreffen zu laſſen. Umſonſt bemuͤhte ſie ſich, nachdem Philiberts Berſuche, mit dem mißlauniſchen Murrkopfe ein befreundetetes Verhaͤltniß anzuſpinnen, vergeblich geblieben waren, den auf ſeinem Geſicht vorwaltenden Unmuth zu zerſtreuen, ihm durch Wink und Zeichen die Nothwendigkeit ihres gegen den Einquartirten angenommenen gaftfreundlichen Betragens begreiflich zu machen, und eben dadurch auch ihn zu einer minder auffallenden und anſtändigern Verfahrungsweiſe zu bewe⸗ gen; der Eifer, mittelſt deſſen ſie ihn in eine gefaͤlligere Stimmung zu verſetzen ſuchte, be— wirkte gerade das Gegentheil. Seine Mienen wurden immer finſtrer, ſeine Lippen immer ein⸗ ſylbigerz bis er endlich, im ſichtbarſten Kampfe mit ſich ſelbſt, ſich von ſeinem Sitz erhob, — 46— und, ohne den verwunderten Philibert eines Blickes zu wuͤrdigen, die Stube verließ. Jakobine begleitete ihn bis vor die Thuͤr hinaus.„Dieſe Verlegenheit haͤtteſt Du mir billig erſparen ſollen!“ ſagte ſie mit ſanftver⸗ weiſendem Ton, der jedoch ihre gereizte Em⸗ pfindlichkeit nicht ganz zu verbergen ver⸗ mochte.„Ich weiß gar wohl, daß es ein ſehr gerechter Kummer iſt, mit welchem Deine jetzige ausſichtsloſe Lage Dich erfuͤllt, und werde daher auch keinesweges von Dir ver⸗ langen, daß Du Deinen innern Truͤbſinn jählings verleugnen und eine ausgelaſſene Lu⸗ ſtigkeit zur Schau tragen ſollſt. Unbegreiflich bleibt es mir aber, wie Du in Deiner uͤblen Laune Dich ſoweit vergeſſen kannſt, ſelbſt die Forderungen der allergewöhnlichſten Sitte und Schicklichkeit ſo ganz aus den Augen zu ſetzen. Iſt es denn unter den gegenwaͤrtigen Zeit⸗ verhältniſſen nicht klüger und rathſamer, gute Miene zum böſen Spiel zu machen, als den ſich aufdringenden Gäſten, wie weit man ſie auch von ſich hinwegwuͤnſcht, dies ſo ganz ohne allen Ruͤckhalt merken zu laſſen, und ihn Fr hen hin ſu und m zw lu A⸗ lich len die und zen⸗ eit⸗ ute den ſie on und eben dadurch ſie zu erbittern und zu einer aͤhnlichen unfreundlichen Begegnung zu reitzen. Sie haben nun einmal die Gewalt in den Haͤndenz wir konnen nichts dagegen ausrich⸗ ten, und handeln mithin dem eignen Vortheil gemaͤß, wenn wir uns geduldig in ein Schick⸗ ſal ergeben, deſſen Abänderung nicht in un⸗ ſrer Macht ſteht!“ „Leider muß ich zu meinem Schrecken bemerken, daß Du in dieſer Kunſt ſehr bedeu⸗ tende Fortſchritte gemacht haſt!“ rief Ema⸗ nuel, indem er die Arme uͤbereinander ſchlug und die finſtern Blicke ſtarr gegen den Boden heftete.„Mag dieſe zuvorkommende laͤchelnde Freundlichkeit, die Du dem jungen Kriegshel⸗ den zu bezeigen fuͤr nöthig erachteſt, immer⸗ hin dazu dienen, Dir ihn bey gutem Glauben zu erhalten; mir hat ſie das Herz zerſchnitten! Alles in der Welt hat ſein beſtimmtes Maaß und Ziel. Jemand um ſich dulden und je⸗ mand mit Wohlgefallen um ſich ſehen, ſind zwei ſehr verſchiedene Dinge, und nur vom Erſtern will mir hier die Nothwendigkeit ein⸗ leuchten!“ „Schäͤme Dich Deines niedrigen Arg⸗ wohns!“ erwiederte Jakobine mit unwilliger Geberde.„Wenn Du blos gekommen biſt, um durch bittre und kränkende Aeußerungen mir die Sorgenlaſt, unter welcher ich ohne⸗ hin ſchier erliege, nur noch zu erſchweren, ſo muß ich es freilich bereuen, Dir durch mein Mitgehen hierzu eine begueme Gelegenheit ver⸗ ſchafft zu haben. Gelte ich Dir fuͤr falſch und treulos, und haſt Du zu der Rechtlich⸗ keit meiner Geſinnungen kein Vertrauen mehr, ſo ergiebt ſich daraus, daß ich in die Auf⸗ richtigkeit Deiner Liebe die nehmlichen Zwei⸗ fel zu ſetzen habe!“ „Hätten ſie Grund, vielleicht waͤre uns beiden dadurch geholfen!“ erwiederte er. „Aber das iſt es eben, daß Du, allen Gegen⸗ mahnungen der innern warnenden Stimme zum Trotz⸗ mein einziger Gedanke bleibſt, daß ich mit unauflöslichen Feſſeln an Dich gekettet bin, daß ich in der Angſt und Un⸗ ruhe meines Gemuͤths Dich aufſuchen, Dich wie ein quälendes Geſpenſt verfolgen mußz daß ich muß! denn ſtuͤnden auch alle die ſchwar⸗ ſchw Geh vor lun Mi in nu uft kun der luf igt miſt ſch icht ſtin uh der wuf — 49— ſchwarzen Ahnungen, die ſinnberwirrend mein Gehirn durchkreuzen, als klare Gewißheit mir vor der Seele; weder Gram noch Verzweif⸗ lung würden die Liebe zu Dir aus meinem Herzen zu tilgen vermogen! Jakobine! Habe Mitleid mit meinem Zuſtande! Bedenke, daß im Kampfe gegen mein widerwaͤrtiges Geſchick nur Deine treue Liebe mich zu ſtärken und aufrecht zu erhalten vermag! Schone meines kranken Sinnes! Vermeide den Schein, der nur zu leicht ſein verzehrendes Gift in mein Innerſters wirft, um als eingebildete Wirklichkeit mich zu Grunde zu richten; denn ich kann und kann nun einmal nicht von Dir laſſen!“ Er hatte waͤhrend dieſer Rede ihre Hand ergriffen und ſie krampfhaft gegen ſeine ſtuͤr⸗ miſch klopfende Bruſt gedruͤckt. Der leiden⸗ ſchaftliche Schmerz, der ſein Inneres durch⸗ tobte, entwaffnete Jakobinens Unwillen und ſtimmte ſie zu verzeihender Nachſicht.„Be⸗ ruhige Dich, lieber Emanuel!“ ſagte ſie mit der unbefangenen Gelaſſenheit des reinen Be⸗ wußtſeyns.„Entſchlage Dich der ſchwarzen 4 — 50— Grillen und Vorſtellungen, die uns beiden das Leben verbittern, gieb einer beſſern Ueber⸗ zeugung Raum, und traue meiner, Dir ſchon ſo oft wiederholten Verſicherung, daß ich nie⸗ mals etwas gedacht oder gethan, was ich nicht vor Dir, wie vor mir ſelbſt, verant⸗ worten koͤnnte. Es werden beſſere Zeiten zu⸗ ruͤckkehren, Dein Gemuͤth wird wieder heitrer werden, und zur vollen Einſicht wirſt Du dann gelangen, durch welchen falſchen und unwuͤr⸗ digen Argwohn Du mich gekraͤnkt haſt!“ „Mag meine Beſorgniß vielleicht zu weit gehen; es geſchieht doch wahrlich nicht ohne Anlaß von Deiner Seite!“ fuhr er mit gemildertem Tone zu ſprechen fort.„Nicht heut zum erſten Mal hat die Art und Weiſe, wie Du Dich gegen die Feinde unſers Lan⸗ des benimmſt, mich zu ſo bitterm Unmuth ge⸗ reizt. Schon fruͤherhin, als der fremde Hauptmann hier im Qvartier lag, mußte ich zu meinem Verdruß von ähnlichen Auftritten Zeuge ſeyn. Mit welcher gefälligen Sorgfalt und Aufmerkſamkeit warſt Du auf Erfuͤllung ſeiner Wuͤnſche bedacht, wie oft ſaßeſt Du m ſch D hu lu Stundenlang, ſeinen Lobſpruͤchen und Schmeicheleien ein geneigtes Gehör ſchenkend, bei ihm am Fenſter, wie zutraulich und herz⸗ lich war der Abſchied, den ihr von einander nahmt, und welche ſichtbar ſchmerzliche Be⸗ ſtärzung ergriff Dich wenige Stunden darauf, als die Botſchaft einlief, daß man ihn, durch Flintenſchuͤſſe getödtet und bis aufs Hemd aus⸗ gepluͤndert, draußen an der Landſtraße gefun⸗ den habe!“ „Er war ſechs Wochen hindurch der wohlmeinende Freund und Rathgeber meines Vaters!“ entgegnete Jakobine.„Ich leugne den erſchuͤtternden Eindruck, den das uner⸗ wartete ſchmaͤhliche Ende des ſo eben in voller Geſundheit von uns geſchiedenen Mannes bei mir hervorbrachte, eben ſo wenig als ich je⸗ mals eines menſchlichen Gefuͤhles mich ſcha⸗ men werde!“ „Wohlan denn!“ rief Emanuel mit ſchnellgefaßtem Entſchluß.„Ich thue, was Du von mir begehrſt und verſpreche Dir, in Zukunft mehr Deinem Wort, als meinen Augen zu trauen! Hier haſt Du meine Hand 4* darauf, daß ich, wie ſehr der aͤußere Anſchein auch gegen Dich zeugen möge, mich mit Aufbietung aller meiner Geiſteskraft bezwingen und niemals mit einem lauten Vorwurf Dich wieder behelligen will! Vergieb mein ungeſtuͤ⸗ mes Aufbrauſen und laß uns dieſen unſeligen Zwiſt füͤr immer beendigen!“ Gern ließ Jakobine, obgleich die Erfah⸗ rung ſie bereits zur Gnuͤge belehrt hatte, wie wenig auf die Haltbarkeit dieſer Friedens⸗ ſchluͤſſe zu rechnen ſey, ſich zur Wiederaus⸗ ſohnung bereit finden, und beide ſchieden in ſo gutem Vernehmen, als die Erinnerung an den vorangegangenen ſtuͤrmiſchen Auftritt nur im⸗ mer dulden wollte, bald darauf von einander. Emanuel ſchlug raſchen Ganges ſeine Rich⸗ tung nach dem Städtchen ein; Jakobine aber blieb, nachdem er aus ihren Augen verſchwun⸗ den, noch eine Weile auf dem Kirchhof ſtehen, blickte durch die Dunkelheit zur Höhe des Thurms empor, hob in ſchmerzlich uͤberwallen⸗ der Empſindung die gefalteten Haͤnde hoch vor ſich hin, und flehte leiſe zum Lenker der irdiſchen Schickſale um Kraft und Standhaf⸗ len u by Er im o tu ſu ri ge ſil o — 53— tigkeit bei Ausuͤbung des ihr auferlegten ſchwie— rigen Berufes um huͤlfreichen Beiſtand in Bewahrung des ihrer Hut anvertrauten Ge⸗ heimniſſes, und um gnadigen Schutz und Schirm fuͤr das arme Kind, das droben un⸗ ter dem ſinſtern Kirchdach, in trauriger Ab— geſchiedenheit von allen befreundeten Weſen, das ſchaudervolle Geſchick eines Geächteten zu thei⸗ len gezwungen war. Die Krankheit, die der Alte von ſeine naͤchtlichen Wanderung mit nach Hauſe ge⸗ bracht hatte, drohte ſich in die Länge zu ziehen. Er war am andern Morgen noch immer nicht im Stande, das Lager zu verlaſſen, und Ja⸗ kobine ſah ſich daher genöthigt, in Verrich⸗ tung der ihm obliegenden Berufsgeſchäfte auch fernerhin ſeine Stelle zu vertreten. Philibert war und blieb, ohne ihr die veraͤchtliche Zu⸗ ruͤckſetzung, die er von Emanuel erfahren, im geringſten entgelten zu laſſen, die Gefölligkeit ſelbſt, ſuchte durch ſtets bereitwilligen Beiſtand — 4— ihr ſowohl die Pflege des Vaters als die Be⸗ ſorgung der ſonſtigen häuslichen Arbeiten zu erleichtern, und ſchien durch die Zeichen von wohlwollender Geneigtheit, welche ſie ihm, der erhaltenen Zurechtweiſung zum Trotz, nicht verſagen konnte, ſich fuͤr ſeinen Dienſteifer hinreichend belohnt zu fuͤhlen. Auch der Um⸗ ſtand, daß ſie, in Folge ihres beſchränkten, durch die Zeitlaͤufte faſt ganz dahingeſchmolze⸗ nen Vermögens; ihm nicht zu gewähren ver⸗ mochte, was er, der vorgeſchriebenen Verord⸗ nung gemäß, fuͤr den eignen Unterhalt von hr zu verlangen beſugt war, brachte keine Aenderung in ſeinem Betragen hervor. Wil⸗ lig begnügte er ſich mit der magern und ſpaͤr⸗ lichen Koſt, die ſie ihm vorſetzte, zeigte ein immer heiteres zufriednes Geſicht und begann, wenn ſie von Zeit zu Zeit die ihm zu Theil werdende mangelhafte Bewirthung durch ihre duͤrftige Lage zu entſchuldigen verſuchte, ſo⸗ gleich ſeinen Scherz mit dem Erröthen zu treiben, mit welchem, bey Andeutungen ſol⸗ chrs Inhalts, die Scham ihre Wangen uͤberzog. Gleich nach dem Mittogeſſen pflegte Phi⸗ ie ver⸗ rd⸗ von eihe Pil⸗ aͤr⸗ eM nh, heil ihre oh⸗ bhi⸗ libert, um Beſuch bey dieſem oder jenem Waf⸗ fengefährten abzuſtatten, nach dem Städtchen zu ſchlendern, von wannen er gewöhnlich erſt nach Verlauf einiger Stunden nach ſeinem Quartier zuruͤckkehrte. Dies war denn auch der Zeitpunct, den Jakobine fuͤr die jedesma⸗ lige Ueberbringung der nach dem Thurm zu liefernden Lebensmittel benutzte. So war ſie eines Tages, nachdem ſie den Eingang des Thurmes erreicht und hier den mitgenommenen Handkorb an den Boden niedergeſetzt hatte, eben im Begriff, den Schluͤſſel von der Thuͤr abzuziehen, und die⸗ ſelbe, wie ſie aus Furcht vor unwillkommner Störung zu thun gewohnt war, von innen zu verſchließen, als Philibert, der, von ihr unbemerkt, ſich zufaͤlliger Weiſe noch auf dem Kirchhof aufgehalten hatte, plotzlich mit eilfertigen Schritten dahergeſtuͤrzt kam, und unter Kundgabe des Wunſches nach einer nä⸗ hern Bekanntſchaft mit der Ausſicht, welche der Thurm droben gewähre, ſich ihr zum Be⸗ gleiter anbot. Durch den Luftzug, den ſein ungeſtuͤmes Aufteißen der Thuͤr und Hinein⸗ ſtuͤrmen nach dem Innern verurſachte, wurde das Tuch hinweggeweht, das den Korb be⸗ deckte, und frei und offen ſtellte der in Eß⸗ waaren beſtehende Inhalt deſſelben dem Auge ſich dar. Jakobine war wie vom Blitz ge⸗ troffen, und hatte vor Schreck alle Faſſung und Beſonnenheit verloren. Die graͤßlichſten Ahnungen durchdrangen mit vernichtender Ge⸗ walt ihr Innerſtes. Sie ſah ihr Geheimniß verrathen, ſah die von der Kriegsbehörde zur Verhaftung des Ungluͤcklichen abgeſchickten Soͤldner unter Waffengeklirr den Thurm er⸗ ſteigen, ſah ihren Bruder unter den Dolch⸗ ſtichen ſeines vom Verderben ereilten raches ſchnaubenden Mörders verbluten!— Mit zit⸗ ternden Armen umklammerte ſie die Pfoſte des Treppengelaͤnders, und ſchaute den Angekom⸗ menen mit der Miene eines zum Empfang ſeines Urtheils vorgefuͤhrten Verbrechers an, der in angſtvoll geſpannter Erwartung auf dem Geſicht des eintretenden Richters zu leſen ſucht, ob er ihm Tod oder Leben zu verkün⸗ digen habe. Philibert ſtutzte, kniff die Lippen zuſammen, und ſchien einige Augenblicke lang mit ſich ſelbſt im Zweifel, wie er bey der hier gemachten verdaͤchtigen Entdeckung ſein Verhalten einrichten ſolle. Bald aber ging ſein ſtilles, regungsloſes Befremden in unru⸗ hige Verlegenheit uͤberz ſchuͤchternen Blickes und in ſtammelnden Worten bat er die Er⸗ ſchrockne ſeiner unhoͤflichen Zudringlichkeit we⸗ gen um Verzeihung, und ſchlich ſodann mit einer Betretenheit, die gegen die wilde Haſt ſeines Erſcheinens den aufſallendſten Abſtich bildete, wieder zur Thuͤr hinaus. Von ſeiner Gegenwart befreit, ſuchte ſich Jakobine, indem ſie die an ihm wahrzuneh⸗ menden, nicht unguͤnſtigen Anzeichen ſich ins Gedächtniß zuruckrief, ſo viel als möglich zu ermuthigen. Noch eine kleine Weile lauſchte ſie mit verhaltnem Athem gegen die Thuͤr hin, dann ergriff ſie den Korb aufs neue und trug ihn raſch die Stufen hinan. Es verſchloß jedoch, nachdem ſie das Ziel ihrer Beſtim⸗ mung erreicht hatte, eine ganz eigne Bangig⸗ keit ihr den Mund, und ohne daher des un⸗ ten erlebten höchſt bedenklichen Auftrittes mit einer Sylbe Erwähnung zu thun, haͤndigte ſie dem harrenden Fremdling die mitgebrach⸗ ten Nahrungsmittel ein, beſchaͤftigte ſich einige Minuten lang nach gewohnter Weiſe taͤndelnd und liebkoſend mit dem kleinen Gottwalt und verabſchiedete ſich wieder. Auſſerhalb einer an der Kirchhofsmauer befindlichen Gitterpforte ſtund Emanuel, den Hut tief ins Geſicht gedruͤckt und die Augen ſtarr nach der Thurmthuͤr gegenuͤber gerichtet. Ihn bemerkend und erkennend, machte Jako⸗ bine eine Bewegung, ſich ihm zu naͤhern; er aber warf ihr einen Blick voll Schmerz und bittrer Vorwuͤrfe zu, und war, ohne ihre Annäherung abzuwarten, im Nu hinter der Mauer verſchwunden. Wahrſcheinlich hatte er ſeinen Standpunct gerade in dem Augen⸗ blick gewonnen, als Philibert aus dem Thurm zuruͤckkam, war dadurch gereitzt und bewogen worden, ſich auf die Lauer zuſtellen, und fand jetzt, da auch Jakobine aus der nehmli⸗ chen Thuͤr hervortrat, den Argwohn, der ihn aufs neue beſchlichen, ſo vollkommen gerecht⸗ fertigt, daß er keine Neigung verſpuͤrte, ſich durch Anhörung abermaliger Ausfluͤchte und len alte en⸗ urm en und nli⸗ ihn ſch und — 6— Entſchuldigungsgruͤnde in ſeiner Ueberzeugung irre machen zu laſſen. Philibert war weder im Hauſe noch im daran ſtoßenden Garten zu finden. Er hatte alſo, nach der verhaͤngnißvollen Ueberraſchungs⸗ ſcene im Thurm, die ohne allen Zweifel ihn auf die unheimlichſten Gedanken und Vermu⸗ thungen gebracht haben mußte, ſeinen gewohn⸗ ten Ausflug noch unternommen und es Jako⸗ binen anheimgeſtellt, mittlerweile durch eignes Rachdenken zu ergruͤbeln, was ſie von ihm zu fuͤrchten oder zu hoſſen habe. Sein Be⸗ nehmen bey dieſem Vorfall war jedoch von ſo wunderlicher Eigenthuͤmlichkeit geweſen, daß ſie durchaus nicht mit ſich einig zu werden vermochte, wie ſie daſſelbe hinſichtlich des be⸗ vorſtehenden Erfolges deuten und auslegen ſolle. Zwar bildete eine ihm angeborne na⸗ tuͤrliche Gutmuͤthigkeit den nicht zu verkennen⸗ den Grundzug ſeines Weſens; doch hatte ſie haͤuſig genug auch Reden und Aeußerungen aus ſeinem Munde vernommen, die nur den feindlichen Krieger bezeichneten, und mit einer ſeltſam zwiſchen Furcht und Verlangen wech⸗ — ſelnden Empfindung ſah ſie demnach ſeiner Heimkehr entgegen. Sie erfolgte ſpaͤter als gewöhnlich; auch glaubte Jakobine an dem Eintreſſenden ſogleich eine gewiſſe Wortkargheit und behutſam in ſich gekehrte Zuruͤckgezogenheit wahrzunehmen, welche ſie bis dahin, ſelbſt in ſeinen ernſthaf⸗ teſten Augenblicken, noch niemals an ihm be⸗ merkt hatte. Was blieb unter dieſen Um⸗ ſtaͤnden zunachſt fuͤr ſie zu thun? welche Ver⸗ fahrungsweiſe erſchien als die kluͤgſte und rath⸗ ſamſte? Sollte ſie ſeinen Edelmuth, ſeine biedre Denkungsart, ſein gefuͤhlvolles Herz in Anſpruch nehmen und, unter unumwundener Mittheilung, wie das obwaltende Verhaͤltniß beſchaffen und ſie ſelbſt in daſſelbe verwickelt worden ſey, ihm freiwillig alles bekennen? oder ſollte ſie ein fortgeſetztes Stillſchweigen daruͤber beobachten, uud eben durch dieſes ſtumme Zeichen ihm die Bitte um eine gleiche Verſchwiegenheit ans Herz legen? Sie ent⸗ ſchied ſich fuͤr das letztere und glaubte, da auch Philibert mit der ſichtbarſten Gefliſſenheit vor jeder Anſpielung und Hindeutung auf den ine heit den — 61— ſtattgehabten Vorfall ſich huͤtete, wohl daran gethan zu haben. Eben dadurch ward aber auch von dieſem Augenblick an der Jon ihres Umganges um ſo peinlicher und gezwungenerz eine fremdartige Scheu und Verlegenheit nahm von ihrem Weſen Beſitz, und vergeblich⸗ ſuchten ſie vor einander das Gefuͤhl des heim⸗ lichen Unbehagens zu verbergen, das ihr In⸗ nerſtes naͤhrte, und welches immer am merk⸗ lichſten in ihren Mienen ſich ausdruͤckte, wenn ſie, in Folge der hergebrachten Hausordnung, zum laͤngern Beiſammenſeyn unter vier Augen genoöthigt wurden. Philibert hatte ſeine harm⸗ los frohe Laune verloren und ging bedruͤckt und entmuthigt umher. Es ſchien, als ob der Gedanke, daß er mit ſeiner Gegenwart hier läſtig falle, jählings eine vorherrſchende Macht uͤber ihn erlangt habe, und unverholen gab er dann und wann durch hingeworfne Aeußerungen zu verſtehen, daß er, des trägen unthaͤtigen Lebens muͤde, ſich nun endlich wie⸗ der hinwegſehne. Dieſer Wunſch ging fruͤher in Erfuͤllung, als es dem Anſcheine nach zu vermuthen war; — 2— denn plötzlich und unerwartet erhielt der Heer⸗ trupp, zu welchem er gehörte, mitten in der Nacht Befehl zum Aufbruch, und als der Morgen graute, ſtand Philibert, zum Abzuge geruͤſtet, am Lager des noch immer kraͤnkeln⸗ den Hauswirths, um Abſchied von ihm zu nehmen. Eine, mit der Lebhaftigkeit ſeines früͤher geaͤußerten Verlangens im Widerſpruch beſindliche ſtille dſtere Glut brannte in ſeinen Blicken, und ſichtbar mußte er ſich Zwang anthun, um, bei Vorbringung ſeiner Worte, den Ton der Stimme nicht zum Verraͤther der innern Gemuͤthsbewegung werden zu laſſen. Tief erſchuͤttert begleitete ihn Jakobine bis an die Hausthüͤr. Hier blieben beide zögernd ſtehen, faßten ſich bei der Hand und ſchauten einander ſchweigend in die Augen. Vor Schmerz und Wehmuth ging Jakobinen das volle Herz üͤber. Sie wollte redenz in dem nehmlichen Augenblick aber riß Philibert, wie von einer böſen Ahnung ergriffen, ſich von ihr los, machte eine abwehrende Bewegung und eilte ſpornſtreichs davon. Erſt als er das Kirchhofsthor erreicht hatte, wandte er n ſil ſte i die noch einmal ſich nach ihr um, wrinkte ihr ſein letztes Lebewohl zu, legte mit einem ern⸗ ſten vielſagenden Blick den Finger auf den Mund, dann die Hand auf die Bruſt, und verlor ſich der Nachſchauenden aus dem Geſicht. „Guter, edler Menſch! dafuͤr belohne dich Gott!“ rief Jakobine und ging weinend nach der Stube zurück. Das fremde Kriegsvolk war nach und nach, bis auf die frühere geringere Beſatzung, wieder abgezogen und zum Hauptheer geſtoßen, welches jetzt, beim ſich naͤhernden Ablauf des zwiſchen den feindlichen Maͤchten geſchloſſenen Waffenſtilleſtandes, zu neuen wichtigen Un⸗ ternehmungen ſich zu ruͤſten begann. Unter den Bewohnern des Stäaͤdtchens herrſchte der druͤckendſte und bitterſte Mangel, durch die ih⸗ nen aufgebuͤrdeten Kriegslaſten gaͤnzlich er⸗ ſchoͤpft, vermochten ſie kaum die erſten Lebens⸗ bedurfniſſe mehr zu erſchwingen, ſeufzend klag⸗ ten ſie einander ihre traurige Lage, aber jeder — 64— hatte mit zu ausſchließlicher Sorge für die eigne Erhaltung zu kaͤmpfen, um zur Abhuͤlfe fremden Ungemachs huͤlfreiche Hand bieten zu können, Auch in der Wohnung des Glöck⸗ ners Heilmann war die Noth allmählich aufs hochſte geſtiegen. Schon ſeit einigen Tagen befand ſich Jakobine im Beſitz eines koſtbaren Ringes, den der Thurmbewohner auf ihre Vorſtellung, daß ſie jetzt auch beim beſten Willen für Her⸗ veiſchaſſung der zu ſeinem Unterhalt erforder⸗ lichen Lebensmittel keine Anſtalt mehr zu treffen wiſſe, ihr unter Ertheilung des Auf⸗ trages verabreicht hatte, denſelben zu verkau⸗ fen und fuͤr einen Theil des Ertrages ihm Bauernkleider zu beſorgen, mit deren Hülfe er, da die Gegend nunmehr wieder ſicher geworden war, unerkannt zu entkommen und glücklich zum Ziel ſeiner Wuͤnſche zu gelangen hofſte. Hier im Orte ſelbſt war der Verkauf des Kleinods, theils des eingeriſſenen allgemeinen Geldmangels, theils andrer Bedenklichkeiten wegen, nicht fuͤglich zu bewerkſtelligen; ſie mußte mithin zu Vermittelung dieſer Ange⸗ legen⸗ legenheit auf einen andern Ausweg bedacht ſeyn. Emanuel, auf den ihre Gedanken ver⸗ ſielen, ſchien einen neuen und unuberwindlichen Groll gegen ſie gefaßt zu haben; wenigſtens hatte er ſich ſeit dem Tage, da er an der Git⸗ terpforte des Kirchhofs ihr aus den Augen verſchwunden war, nicht wieder blicken laſſen. Auf die ſchrifliche Einladung, die ſie im Drange der Noth jetzt an ihn ergehen ließ, erſchien er jedoch und erkundigte ſich mit muthloſer Riedergeſchlagenheit nach ihrem Begehren. Als er es vernommen und den aus ihrer Hand empfangenen Ring, den er, ihrer Bitte zufolge, ſobald als möglich nach der benach⸗ barten Stadt tragen und daſelbſt gegen klin⸗ gende Muͤnze verhandeln ſollte, mit flͤchtigem Blick gemuſtert hatte, verzog ſich ſein von Gram und Kummer abgezehrtes bleiches Ge⸗ ſicht zu einem ſchmerzlichen Lächeln; doch aͤu⸗ ßerte er weder Einwurf noch Widerſtand, ſon⸗ dern verſprach vielmehr, den Auftrag mit al⸗ ler Puͤnktlichkeit und ganz in der Stille, wie ſie es ihm zur Pflicht gemacht, auszurichten, 5 — 66— und zwar ſchon am naͤchſten Morgen, da zufaͤllig eine Fuhrgelegenheit nach der Stadt vorhanden ſey, deren er ſich bedienen konne⸗ Seine der vorgefaßten Vermuthung ſo ganz entgegengeſetzte Aufnahme ihres Geſuches erregte bey Jakobinen, die, ſtatt auf eine ſo duldſame ſtumpfe Wilfaͤhrigkeit, ſich nur auf erneuerte Klagen und Vorwuͤrfe bereit gehalten hatte, nicht geringes Befremden. Eine bange Wehmuth durchdrang ihr Herz bei ſeinem Anblick, und es war ihr, als muͤſſe ſie durchaus noch etwas zu ſeiner Beruhigung hinzufuͤgen.„Denke nichts Arges dabei, lie⸗ ber Emanuel!“ ſagte ſie mit einem leichten Errothen.„Der Ring iſt noch aus dem Nachlaſſe meiner verſtorbenen Mutter. Auch darfſt Du nur um Dich ſchauen, um ſogleich zu errathen, was mich zur Veraͤußerung des jahrelang ſo ſorgfältig aufbewahrten Erbſtuͤckes zwingt. Das ſey Dir fuͤr jetzt genug! Bald ſollſt Du mehr daruͤber erfahren!“ „O mein Gott!“ rief Emanuel heftig tewegt.„Hab ich denn ſchon zu wiſſen ver⸗ langt, auf welche Weiſe Du zum Beſitz die⸗ ſeih jie fi ſg ni al k g da tadt dme. ſo uches e nr brreit den. Herz müſſe igong , li⸗ ichten dem Lch lich des juckes Bald —— ſes Ringes gekommen biſt? Du bedarfſt mei⸗ nes Dienſtes, und ich werde thun, was Du von mir begehrſt. Aber hierbei laß es auch ſein Bewenden haben, und verſchone mich mit jeder nähern Auskunft und Erlaͤuterung!“ „Du verſprachſt mir ein unbedingtes Vertrauen, und haſt doch durch ein blos zu⸗ faͤlliges Zuſammentreffen der Umſtände Dich ſogleich wieder von Deinem unſeligen Arg⸗ wohn beſtricken laſſen!“ entgegnete Jakobine. „Nur eine nichtige Täuſchung, ja beim wahr⸗ haftigen Himmel! nur ein falſcher Scheinbe⸗ trug iſt es geweſen, was Dich aufs neue ge⸗ gen mich eingenommen und erbittert hat. O wuͤßteſt Du, was ich in dieſer Schreckenszeit erduldet habe, und noch jetzt erdulden muß; Du wuͤrdeſt keinen Gedanken ſolcher Art mehr gegen mich hegen, ſondern mich von ganzer Seele bemitleiden!“ „Wir gerathen wieder in den alten, zu nichts fuͤhrenden Wortſtreit! Laß uns dovon abbrechen!“ ſagte der Kleingläubige.„Was kann ich fuͤr die ſchreienden Beweiſe des Au⸗ genſcheines! Er iſt es nun einmal, der mit 5* 1 — 5— den innern Frieden Zerſtört, mir das Leben vergiftet hat! Mein Herz kennt keinen Muth, feinen Glauben mehr! Vergebens alſo wie⸗ derholſt Du die Zuſicherungen Deiner Liebe, um mich aus dem Abgrund der Hoffnungslo⸗ ſigkeit zu retten, in den ich verſunken bin!“ Die aus der Kammer ertönende Stimme des Vaters unterbrach das Geſpräch.„Nur einen Augenblick noch verweile; ich bin gleich wieder bei Dir!“ bat flüſternd die Ergluͤhende und folgte dem an ſie ergehenden Ruf. Ema⸗ nuel aber wartete ihre Zuruͤckkunft nicht ab, ſondern wandte mit dem Ring in der Taſche ſich nach der Thuͤr und ging ſtill von dannen⸗ Seiner Ruͤckkehr mit ungeduldigem Ver⸗ langen entgegenharrend und die Augen unver⸗ wandt nach dem Thorweg des Kirchhofs ge⸗ richtet, ſaß Jakobine des andern Tages am Fenſter und begann uͤber dieſes ihr unerklär⸗ liche Ausbleiben in zunehmender Beſorgniß und Unruhe ſich den Kopf zu zerbrechen. mme Nur eich „o enoe ma⸗ aſche nen⸗ — 69— Schon gegen Mittag hatte er, ſeiner aus⸗ druͤcklichen Verſicherung gemaͤß, wieder eintref⸗ fen wollen; aber mehrere Stunden waren ſeitdem bereits verfloſſen, und noch immer ging ſeine Zuſage nicht in Erfuͤllung. Es ſchien ihr nicht glaubhaft, daß der Vetkauf des Ringes, waͤhrend der zu Abmachung die⸗ ſes Geſchaͤfts ihm gewährten Zeitfriſt nicht füglich ſollte zu beſchicken geweſen ſehn, noch weniger aber wollte es ihr einleuchten, daß er, aller um die moͤglichſte Beſchleunigung deſſel⸗ ben an ihn ergangenen Bitten ungeachtet, ſich durch das heut eingetretene Regenwetter von der Wiederheimreiſe habe zuruͤckhalten laſſen. Sie konnte dieſe Ungewißheit endlich nicht laͤnger ertragen und machte ſich daher, um zu naͤherer Auskunft zu gelangen, auf den Weg nach dem Hauſe des Mannes, deſſen Namen ihr Emanuel, bei Erwaͤhnung der nach der Stadt vorhandnen Gelegenheit, ge⸗ nannt hatte. Er war ſchon ſeit einigen Stunden zuruͤck, und der Bericht, den er ihr uͤber ſeinen Reiſegsfährten zu Theil werden ließ, war keines wegs geeignet ſie in eine ruhi⸗ gere Stimmung zu verſetzen. Seiner Ausſage zufolge, hatte Emanuel gleich nach erfolgter Ankunft in der Stadt ſich von ihm getrennt, war aber, obgleich er in dem nehmlichen Quartier zu uͤbernachten geſonnen geweſen, nicht wieder zum Vorſchein gekommen. Auch heut Morgen hatte er, trotz des Umſtandes, daß er die Stunde der Wiederabfahrt genau gewußt, vergeblich auf ſich warten laſſen. Es mußte mithin ihm jählings irgend ein Unfall zugeſtoßen ſeyn, der nicht allein ihn an der beſchloſſenen Ruͤckreiſe verhindert, ſondern es ihm auch zugleich unmoglich gemacht hatte, in dem Wirthshauſe, wo der Wagen einge⸗ kehrt war, vorzuſprechen und hieruͤber Beſcheid zu ertheilen. In Betrachtungen uͤber das unergruͤnd⸗ liche Raͤthſel vertieft, welches die eben ver⸗ nommene Meldung fuͤr ſie enthielt, begab Ja⸗ kobine ſich nach ihrer Behauſung zuruͤck. All⸗ mählich begann der Tag ſich zu neigen und es nahte der Augenblick heran, wo ſie, des uͤblichen Berufswerks wegen, nach dem Thurm hinauf mußte. Sie konnte bey dieſer Gele⸗ gen ges der m ſae Agter rennt, lichen eſen, Vch ndes, genau E5 lufall mder n 6 hatte, einge⸗ ſcheid ründ⸗ 1vel⸗ b Ji⸗ All⸗ und des hu Gele⸗ genheit nicht umhin, den Ertheiler des Rin⸗ ges mit den in ihrem Innern erwachten Be⸗ denklichkeiten und Befuͤrchtungen bekannt zu machen, indem ſie ihm wieder erzaͤhlte, was, in Bezug auf die geſtern erfolgte Sendung ihres Vetters nach der Stadt, ihr ſo eben zu Ohren gekommen war. Er gerieth bey An⸗ hoͤrung der ihm uͤberbrachten Botſchaft in die ſichtbarſte Beſtuͤrzung, that haſtig einige, die Perſon und Gemuͤthsart des Verſchwundenen betrefſende Fragenz und es wuchs, ſtatt durch Jakobinens Verſicherung, daß bey ihrem Vet⸗ ter an eine abſichtliche Veruntreuung des ihm anvertrauten Kleinods nicht im entfernteſten zu denken ſey, ſich beſchwichtigen zu laſſen, ſeine Unruhe vielmehr in eben dem Maaße, als jene bemuͤht war, ihn von der Nichtig⸗ keit eines ſolchen Argwohns zu uͤberzeugen. Grauenvoller als jemals aber, erſchien Jakobinen heut, bey der einbrechenden Abend⸗ dämmerung der Aufenthalt an dieſem Orte. Das draußen tobende Unwetter hatte waͤhrend des Nachmittags mehr und mehr uͤberhand genommen. Wie im Begriff, aus ſeinen Fogen zu weichen, droͤhnte und knackte das Sparrwerk bey der Wuth des um das Dach heulenden Sturmwindes; laut kreiſchte der Wetterhahn auf der Spitze des Giebels, und in Stroͤmen ſchoß der Regen vom dunkeln Himmel herab. Der Fremdling fuhr, indem ſo eben ein neuer heftiger Windſtoß erfolgte, plotzlich, wie von einem mächtigen Gedanken ergrifſen, aus ſeinem unruhigen Nachgruͤbeln empor, und warf einen wilden Blick um ſich her. „O Gott! ſoll ich denn den Knaben nicht endlich wieder mit nach Hauſe neh⸗ men?“ fragte Jakobine, von den hier vor⸗ handenen Schreckniſſen geaͤngſtigt.„Nunmehr liegt es doch wohl klar genug am Tage, daß von mir kein hinterliſtiger Verrath zu befuͤrch⸗ ten iſt! Soll ich ihn denn nicht mit mir nehmen?“ „Nimmermehr! heut gerade am allerwe⸗ nigſten!“ verſetzte der Befragte mit drohender Geberde.„Er bleibt bey mir, bis ich ſelbſt es fuͤr gut beſinde, ihn frei zu geben!“ „Ich will ja auch gartzücht mitz ſe gern D Dach noben neh⸗ vot⸗ mehr ürch⸗ tm erwe⸗ hender ich ſonſt wohl bei Dir ſeyn mag!“ rief Gott⸗ walt der bekuͤmmerten Schweſter mit unbe⸗ fangener Heiterkeit zu; und vertraulich an ſeinen baͤrtigen Freund ſich ſchmiegend, fuhr er fort:„fuͤrchte Dich nichtz es iſt gar nicht mein Wille, Dich bey der finſtern Nacht hier oben allein zu laſſen. Mag es ſtuͤrmen und regnen und poltern und krachen, ſo viel es will; wir bleiben beiſammen!“ „Merke jetzt genan, was ich dir ſage!“ nahm Jener aufs neue das Wort.„Ich werde von Zeit zu Zeit mich an die benach⸗ barte Thurmlucke begeben, um von dort nach Deiner Wohnung hinabzuſchauen. Sollte vielleicht bis neun Uhr ſich irgend etwas Ver⸗ dächtiges im Staͤdtchen ereignen, ſo ſtelle unverzuͤglich ein brennendes Licht, das mir zum Zeichen dienen ſoll, in die Nähe des Erkerfenſters. Wuͤrde aber wohl gar bei Dir ſelbſt nähere Anfrage wegen des Ringes ge⸗ than, ſo gieb vor, daß ein fremder Officier, mit dem Du befreundeten Umgang geflogen, Dir ihn zum Andenken hinterlaſſen habe Ich verlange, daß Du dies wenigſtens drei Tage — 1 hindurch behaupteſt; alsdann aber ſoll es Dir frei ſtehen, Dich der Wahrheit gemäß daruͤber zu erklaͤren, wofern Du es nicht vorziehſt, bei der einmal gebrauchten Ausſage zu verharren!“ „Welches neue unerhoͤrte Anſinnen!“ verſetzte die Gekraͤnkte mit Unmuth und Wi⸗ derwillen.„Wie kann ich etwas behaupten und vorgeben, was meine Ehre befleckt!“ „Es gilt das Leben Deines Bruders!“ rief der Hartherzige.„Wahrſcheinlich aber iſt es auch der letzte Dienſt, zu dem ich Dich auffordre! Drum entſchließe Dich raſch und gelobe mir mit Hand und Mund die Erfuͤl⸗ lung meines Begehrens!“ „O ich Unglückliche!“ ſeufzte Jakobine, indem ſie, zur Einwilligung in ſein Verlangen, ihm die zitternde Hand darreichte. Er aber zog die Erſchrockene näher, ſchloß mit ſtuͤrmiſcher Heftigkeit ſie an ſeine Bruſt und druͤckte einen brennenden Kuß auf ihre Stirn.„Jetzt geh und halte Dich verſichert, daß Dir nicht unvergolten bleiben ſoll, was Du an mir gethan haſt!“ Mit dieſen Wor⸗ ten entließ er ſie aus ſeiner Umarmung und Dir über bei en!“ Wi⸗ upten 7A aber Dich und fül⸗ hine gen, hloß Bruß ihre hert⸗ nu Bor⸗ und 5— begab ſich, von Gottwalt begleitet, während Jakobine ſeltſam bewegt und erſchuͤttert, den abwaͤrts fuͤhrenden Stufen zueilte, nach dem Hintergrunde des Kirchbodens zuruͤck. Der Abend und die Nacht gingen indeß voruͤber, ohne daß Jakobine ſich zu Erthei⸗ lung des verabredeten Zeichens veranlaßt fand. Bey den neuaufgeregten Sorgen und Bekuͤm⸗ merniſſen ihres Gemuͤths, war auch diesmal die Erquickung des Schlafes ihr verſagt geblie⸗ ben, und mit verwachten Augen ſah ſie, un⸗ ter dem raſtlos fortdauernden Getoͤſe des drau⸗ ßen herrſchenden Orkanes den Morgen heran⸗ dämmern. Von einer geheimen Ahnung durchdrun⸗ gen, eilte ſie fruͤher als gewoͤhnlich nach dem Thurm hinuͤber. Der leiſe Ruf, vermittelſt deſſen ſie, bey Erſteigung der letzten Stufen, ihre Ankunft zu verkuͤndigen, und auf welchen der Unbekannte ſonſt immer ſogleich zum Vorſchien zu kommen pflegte, blieb unbeant⸗ wortet, von einer tiefen ſchauerlichen Stille war ſie umgeben, und nachdem ſie mit furcht⸗ ſamer Neugier weiter und weiter nachzuforſchen begonnen, traf ſie endlich auf Gottwalt, der in einem einſamen Winkel zwiſchen den Dach⸗ ſparren ſanftſchlummernd auf ſeiner gewohn⸗ ten Ruheſtätte lag. Jetzt durfte ſie nicht laͤnger zweifeln, daß der Fremde, der vier Wochen lang ihr die unabläſſigſten und qual⸗ vollſten Sorgen verurſacht, die eben verfloſſene ſtuͤrmiſche Regennacht zu Beſchleunigung ſeines oft geaͤußerten Vorhabens benutzt, und ſich fuͤr immer von hier entfernt habt. So ſchnell und haſtig, als ob kein Augenblick zu verlie⸗ ren ſey, ruͤttelte ſie den ihr wieder geſchenk⸗ ten Liebling aus dem Schlaf, und ſchon we⸗ nige Minuten darauf befand ſie ſich mit ihm am Bett des Vaters, dem ſie nunmehr, da ſie ihm den Knaben geſund und unverletzt wie⸗ der zuruͤck liefern konnte, ohne weiteres Be⸗ denken alles eingeſtand, was ihr begegnet war, und was ſie bisher, geſchreckt durch die an ſie ergangene furchtbate Drohung, auch vor ihm geheim halten zu muͤſſen geglaubt hatte. Er wollte vor Befremdung und Ent⸗ ſetzen den eignen Ohren kaum trauenz es hef⸗ tete bald auf die Erzaͤhlerin, bald auf dem di uch avbt Ent⸗ dem Kleinen, den er mit der abgehagerten Hand bei der Schulter gefaßt hielt, ſich ſein ſtarter Blick, immer noch mehr wollte er wiſſen, unaufhörlich mußte Jakobine, nachdem ſie mit dom Bericht ihres Abentheuers laͤngſt zu Ende gekommen war, ihm bald dieſe bald jene, auf die geringfuͤgigſten Nebenumſtaͤnde ſich erſtrecken⸗ den Fragen und Erkundigungen beantworten, und wiederholt gab er ihr zugleich ſeine Zu⸗ friedenheit zu erkennen, das ſie nicht eher, als dieſen Augenblick, ihn von dem ſtattgehabten Ereigniß unterrichtet, indem er, mit der wah⸗ ren Lage der Dinge vertraut, ſich, ſeiner Ver⸗ ſicherung nach, unfehlbar daruͤber wuͤrde zu Tode geaͤngſtigt haben. „So wahr der Herr mir helfe!“ rief er aus.„Das iſt von jenen Partheigängern nun und ewig kein andrer geweſen, als eben der Anfuͤhrer ſelbſt, von dem nachher, als man ihn nirgends auffinden konnte, die Rede ging, daß er ſich aus Verzweiflung in den Strom geſtuͤrtzt habe. Was ich von Dir gehört, paßt ganz zu der Beſchreibung, die ich mir von ihm habe machen laſſen. Gott! wenn ſein Aufenthalt wirklich entdeckt worden waͤre, wenn er ſeine graͤßliche Drohung wirk⸗ lich vollfuͤhrt hätte! Und daran iſt gar nicht zu zweifeln; denn als ein wahrer Wuͤtherich ſoll er ja immer, und beſonders in der letzten Zeit, ſich bewieſen haben!“ „Das glaube nur nicht, Vater! Nein, nein, das iſt eine Erzluͤge!“ ſiel Gottwalt, dem man es deutlich anmerkte, wie ungern er auf ſeinen bisherigen Geſellſchafter Verzicht leiſtete, mit vieler Lebhaftigkeit ein.„Es war gewiß ein recht herzensguter Mannz das weiß ich beſſer! Wenn wir beide allein waren, hat er in einemfort mit mir geſpielt und mir Geſchichten erzählt, ſo daß mir niemals bey ihm die Zeit lang geworden iſt. Und mehr als hundertmal hat er mir geſagt, daß er es gut mit mir meine, und daß er mir auch auf keinen Fall etwas zu Leide thun werde. Wenn aber die Schweſter kam, machte er gleich ein ganz andres Geſicht; und das that er nur, um ſie zu ſchrecken, damit ſie huͤbſch auf ih⸗ rer Hut ſeyn, und ihn nicht an das fremde ſchlechte Geſindel verrathen möchte, das hier orden wirk⸗ nicht therich letzten Nin, twalt, ngerh richt „Es dos waren, dmir bey mehr er e ch uf Wenn h ein nur, uf ih⸗ ſende s hier ins Land gekommen iſt, um unſern rechtmä⸗ ßigen Fuͤrſten zu verjagen, um uns auf ſchändliche Weiſe zu unterjochen, um uns mit Gewalt unſer Eigenthum zu ſtehlen.“— Mit erſchrockener Geberde druͤckte der Alte dem freimuͤthigen Eiferer die knoͤchernen Fin⸗ ger auf das kleine Laͤſtermaul, ſah ſich aͤngſt⸗ lich um und ſagte zu ſeiner Tochter:„Um aller Welt willen, laß mir den Jungen nicht aus den Augen, und ſchaff' ihn gleich an die Seite, wenn er etwa Miene macht, in Ge⸗ genwart andrer Leute aͤhnliche Reden zu fuͤh⸗ ren. Wahrhaftig! er koͤnnte uns leicht die größte Ungelegenheit dadurch auf den Hals ziehen!“ „Macht Euch deshalb keine Sorge!“ entgegnete Gottwalt.„Ich habe unterdeſſen mehr gelernt, als Ihr glaubt, und weiß alſo auch, daß man zu jetziger Zeit nur gegen wenige Menſchen reden darf, wie es einem ums Herz iſt. Ach, wäre ich nur groͤßer, ſo groß wie Emanuel; ich wuͤßte wohl was ich zu thun hätte!“ Die an den ausgeſprochenen Namen ſich knuͤpfende ſchmerzliche Erinnerung verſcheuchte ſchnell aus Jakobinens Bruſt jedes angeneh⸗ mere Gefuͤhl, das beim unverhofften Wieder⸗ gewinn des Bruders ſich ihrer auf Augen⸗ blicke bemaͤchtigt hatte; ihr Blick verduͤſterte ſich wieder, und mit beklemmender Gewalt kehrte die erneuerte Bekuͤmmerniß um das Schickſal des Entfernten in ihre Seele zuruͤck. Mehrere Tage waren ſeitdem verſtrichen. Die mit Abfertigung eines eignen Boten ver⸗ bundenen Koſten ſcheuend, hatte Jakobine täglich auf eine, nach dem Wohnſitz des För⸗ ſters Wildheim ſich darbietende Gelegenheit ge⸗ lauert, um vermittelſt derſelben, da der Grund ihres bisherigen Stillſchweigens jetzt beſeitigt war, ihre Schweſter von der fortdauernden Kraͤnklichkeit des Vaters, ſo wie von ſeinem oft geaͤußerten Verlangen nach ihrem Beſuch in Kenntniß zu ſetzen, als ſie eines Morgens unerwartet und aus eignem Antriebe ſich ein⸗ ſtellte. Jakobine merkte ſogleich, daß der cigent⸗ eig ine ſie un bun tr, chun⸗ ber obine Fir⸗ ge⸗ rund kitizt enden inem uch rgen (in⸗ der igent⸗ eigentliche Zweck von Ulrikens Erſcheinung eine Sache von Wichtigkeit betreffe, welche ſie ihr nur unter vier Augen mittheilen koͤnne; und es befanden ſich beide Schweſtern, nach vorangegangener Bewillkommung mit dem Va⸗ ter, nicht ſobald ohne Zeuge, als Ulrike auch ſchon mit höchſt bedenklicher Miene einen Brief zum Vorſchein brachte, den ihr Mann mit der geſtrigen Poſt erhalten hatte. Auf den erſten Blick erkannte Jakobine Emanuels Schriftzuͤge; mit zitternder Hand entfaltete ſie das ihr uͤberreichte Papier und las folgende Zeilen: „Unter der vorangeſchickten inſtaͤndigen Bitte, nur Deine Frau und Deine Schwä⸗ gerin, letztere aber ſobald, als möglich, mit dem Inhalte gegenwärtigen Schreibens bekannt zu machen, halte ich es für noth⸗ wendig, durch getreue Mittheilung eines bis zur Verzweiflung wunderlichen Vorfalls, der mir begegnet iſt, Dir, lieber Wild⸗ heim, zugleich uͤber mein plötzliches Ver⸗ ſchwinden Licht und Aufſchluß zu geben. Aller Augenſcheinlichkeit nach, werde ich 6 die Gegend nie wieder betreten, welcher ich jetzt, von der Möglichkeit des Unglaublich⸗ ſten, des Unerhörteſten uͤberzeugt, den Ru⸗ cken zugewandt habe. Doch was erwaͤhne ich eines Umſtandes, uͤber den man ſich eben ſo leicht zu tröſten wiſſen wird, als dies unſtreitig der Fall geweſen waͤre, wenn man mich uͤberraſchender Weiſe der Theil⸗ nahme an einer Mordthat bezuͤchtigt und auf dem Sand— häͤtte. Zur Sache denn: „Durch Tauſchhandel war ich bereits vor längerer Zeit zufaͤllig zum Beſitz eines goldnen, mit ſchon blitzenden Roſetten ver⸗ ſehenen Ringes gelangt, an dem ich fruͤh und ſpät die Augen weidete, bis endlich, zur Strafe dieſer abgöttiſchen Liebhaberey, die allgemeine Noth auch bey mir ihren Einzug hielt und mich das unſchätzbare Ju⸗ wel zu veraͤußern zwang. In dieſer Abſicht fuhr ich mit einem eben dorthin abgehenden Wagen nach der Stadt, und begab mich alsbald nach der Werkſtätte eines Gold⸗ arbeiters, um den gedachten Handek ſer ich blich⸗ n Ri⸗ wihne n ſih „ab „wenn Lheil⸗ zhrigt hoſſn berts ß eints n ver⸗ ſnh ndlich, abereh⸗ ihren re J⸗ Abſicht hendin benich Geld⸗ in de 3 — 5— Richtigkeit zu bringen. Seltſam genüg aber mußte ſich's fuͤgen, daß ich an keinen andern gerieth, als eben an den Verferti⸗ ger des Ringes ſelbſt, der noch obendrein, wie ich ſpäterhin erfuhr, neben ſeiner Kunſt zugleich das einträgliche Gewerbe eines im Solde der fremden Obergewalt ſtehenden Spions betrieb. Er zog, als ich ihm die glänzende Koſtbarkeit zur nähern Be⸗ ſchauung uͤberreichte, ein halb ſchmunzelndes, halb verſchmitztes Geſicht, bedauerte, daß ſeine ſo eben gänzlich erſchopfte Baarſchaft ihm den Ankauf für eigne Rechnung un⸗ moͤglich mache, außerte jedoch die Hoff⸗ nung, den Ring bey einem ſeiner Kunden, der erſt vor wenigen Tagen eines ähnlichen Gegenſtandes wegen Nachfrage bey ihm gethan, vielleicht an den Mann bringen zu können, und erſuchte mich höflichſt, in zwei Stunden wieder zu kommen, um über den Erfolg ſeiner ſogleich zu veranſtaltenden Bemuhungen das Naͤhere zu erfahren. Da ſeine Arbeitsgehuͤlfen bey dieſer Verhandlung als Zeugen zugegen waren, und er mir 6* ¹ b— uͤberdies einen ſchriftlichen Empfangſchein ausſtellte, ſo trug ich in meiner Argloſig⸗ keit oder Dummheit kein Bedenken, den Ring in ſeinen Händen zuruͤckzulaſſen, ver⸗ ſprach alſo, mich zu beſtimmter Zeit wieder einzuſtellen, und ſpazierte unterdeſſen zum Zeitvertreib nach dem Stadtwall, wo ich mit Bewunderung und Ergötzen die von den fremden Ueberwindern getroſſenen und gegen unſre Landsleute gerichteten meiſter⸗ haften Vertheidigungsanſtalten in nahern Augenſchein nahm.“ „Erſt auf dem Ruͤckwege kam es mir in den Sinn, daß mir der Mann mit ſei⸗ nem ſchnoͤden abgefeimten Geſicht, ſeinem hohniſchlaurenden Blick und ſeinem argliſti⸗ gen Lächeln eigentlich gar nicht beſonders gefallen hatte. Da es indeß unter der Sonne ſo mancherley giebt, was einem nicht gefällt und woran man ſich dennoch gewöhnen muß, ſo achtete ich der ſich mir aufdraͤngenden unheimlichen Gedanken und Vermuthungen nicht weiter, ſondern wan⸗ derte friſch darauf los. Schon begann ngſchein Megloſig⸗ en, den ſen, bel⸗ t wieder ſn zum no ich die von nen und meiſter⸗ nůhern nes mir nit ſi⸗ ſeinem argliſt⸗ beſonderz nter der einen dennoch ſch nit ken und n wan⸗ begann ₰ 66— es zu dämmern, und eben wellte ich nach der von dem Goldarbeiter bewohnten Straße einbiegen, als plötzlich ein junger Menſch auf mich zukam, mich unter der leiſen Andeutung, daß er mir etwas zu entdecken habe, nach einem einſamen Winkel mit ſich fortzog und hier mit ſchuͤchterner Haſt und Eilfertigkeit mir zufluͤſterte: Ihre Freiheit, Ihr Leben ſteht auf dem Spiel; folgen Sie meiner Warnung und ſuchen Sie ſo ſchnell als möglich aus der Stadt zu kem⸗ men! der von Ihnen zum Verkauf ausge⸗ botene Ring hat einem feindlichen Haupt⸗ mann zugehoͤrt, der nachher in der Gegend von K. auf der Landſtraße umgebracht und ausgepluͤndert worden iſt. Mein Lehrherr, der es mit der fremden Behorde haͤlt, hat Sie bereits als den jetzigen Eigenthuͤmer verrathen und angegeben. Das Haus iſt von Polizeydienern beſetzt, und in dem Augenblick, wo Sie es betreten, ſind Sie verloren!“* „Ey, ey!“ rief ich aus, und ehe ich Zeit gewann, mich fuͤr den ertheilten Wink geziemend zu bedanken, war der Burſche ſchon um die Ecke verſchwunden. Ich aber ließ mir ſeine Rede nicht ungeſagt ſeyn, ſondeyn veränderte ſogleich die einge⸗ ſchlagene Richtung und pilgerte mit hurti⸗ gen Fuͤßen ſchnurſtracks zum Thor hinaus.“ „Im Grunde freilich hätte ich mich an die Warnung nicht kehren, ſondern dem heimtuͤckiſchen Schelme getroſt unter die Augen treten ſollen, um mein Eigen⸗ thumsrecht geltend zu machen. Ein Ring ſieht dem andern aͤhnlich, und nicht ſelten triumphirt eine dreiſte Stirn ſelbſt uͤber die plangemaͤßeſte Bosheit. Ich haͤtte mich ja des erſten beſten Vorwandes bedienen, haͤtte zum Beiſpiel behaupten können, daß ich den Ring auf der Straße gefunden, daß ich ihn von meiner Mutter geerbt, oder ſonſt dies und jenes. Und hätte man, ſtatt ſich mit meiner Verſicherung zu begnü⸗ gen, mir, als bom muthmaßlichen Hel⸗ fershelfer bey der Ermordung des Haupt⸗ manns, Gleiches mit Gleichem vergelten aue n ich al di hrj in ſir on ſ mi und Gy hal mir un zu müͤſſen geglaubt; nun, ſo wäre eben auch nicht gar viel daran gelegen geweſen!“ „Da ich aber nun einmal, trotz mei⸗ ner Verachtung des Lebens, von welcher ich noch dazu in jenem Augenblick ſtärker als jemals durchdrungen war, mich durch die Flucht zu retten und in Sicherheit zu bringen geſucht habe, ſo will ich jetzt den in der Beſfuͤrzung ergriffenen Ausweg auch fuͤr den beſten erachten und wenigſtens auf andre Art enden. Bald wird die heißer⸗ wuͤnſchte Gelegenheit hierzu mir geworden ſeyn! Auf dem Standpunkt, auf dem ich mich beſinde, verſtummt jede Leidenſchaft, und es ſchwinden Haß und Liebe in das Gefuhl des kalten Gleichmuthes dahin. Ich habe nichts mehr zu hoffen, noch zu fuͤrch⸗ ten, ich klage niemand an, ich bin mit mir ſelbſt und mit der Welt abgefunden!“ „Lebe wohl, mein werther Freund, und empfange meinen Dank fuͤr die bruͤ⸗ derlich-theilnehmende Geſinnung, die Du — ———— — in gluͤcklichern Tagen ſtets fuͤr mich ge⸗ hegt haſt!“— „Emanuel Traubler.“ „Nun, was ſagſt Du dazu?“ fragte Ulrike, nachdem Jakobine mit Durchleſung des Briefes zu Ende war.„Uns iſt der ganze Inhalt ſo dunkel und raͤthſelhaft vorge⸗ kommen, daß wir, alles Nachgruͤbelns un⸗ geachtet, uͤber den eigentlichen Zuſammenhang der Sache in gleicher Ungewißheit geblieben ſind. Wildheim iſt aber der Meinung, daß Du uns ohne allen Zweifel den naͤhern Auf⸗ ſchluß daruͤber werdeſt ertheilen können.“ „Freilich kann das Niemand beſſer als ich!“ rief Jakobine mit dem Ausdruck des tiefſten und bitterſten Schmerzes; und nach⸗ dem ſie von der ſinnbetäubenden Gewalt der in ihr aufgeregten Empfindungen ſich einiger⸗ maßen erholt hatte, ermangelte ſie nicht, der erſtaunten Schweſter einen treuen und aus⸗ fuͤhrlichen Bericht uͤber alles zu geben, was in der letztverwichenen ſchreckenvollen Zeit ihr begegnet war. Lide bint leid od hein beic b. erſt 6 z — 89— ulrike fuͤhlte ſich, bey Anhörung der Leiden und Bedraͤngniſſe, mit welchen Jako⸗ bine zu kämpfen gehabt, vom innigſten Mit⸗ leid ergriffen; aber fruͤher noch, als ſie es vermuthet hatte, ſollte ſie Gelegenheit ſinden, ihr dieſe liebende Theiinahme auf noch thaͤti⸗ gere Weiſe an den Tag zu legen. Denn wie der Herbſt ſich naͤherte und, vom ſchaͤrfern Hauch des Windes geknickt, das Laub von den Bäumen fiel, verſchlimmerte ſich die ge⸗ fährliche Bruſtkrankheit, an welcher der Glöck⸗ ner darniederlag, in immer merklicherm Grade, bis ſie bald darauf mit ſeinem Dahinſcheiden endigte. In den Armen ſeiner beiden anwe⸗ ſenden Kinder entſchlief er eines Morgens, um nicht wieder zu erwachen; und als Ulrike, durch einen Eilboten von dem herannahenden Todeskampfe des Vaters unterrichtet, in der heimatlichen Behauſung eintraf, fand ſie ſeine Leiche ſchon erſtarrt und erkaltet. Was, nach den vorhergegangenen vielfachen und ſchwer zu erſchwingenden Opfern, noch an zeitlicher Habe vorhanden war, reichte kaum hin, um die Begräbnißkoſten zu beſtreiten. Willig folgte Jakobine der Einladung ihres Schwagers, und ſchon wenige Tage nach der Beerdigung des Verſtorbenen trennte ſie, verarmt und vom Kummer niedergedruͤckt, ſich von ihrem bisherigen Wohnſitz und zog nach dem einfamen Forſthauſe, wo ſie, ſammt ihrem Bruder Gottwalt, ein ſchirmendes Ob⸗ dach und eine liebreich gewährte Aufnahme fand. So war allmaͤhlich uͤber der ſtillbetrieb⸗ ſamen Sorgfalt, mit welcher ſie ihrer Schwe⸗ ſter bey Beſchickung des Hausweſens, bey Wartung der Kinder, bey Beſtellung des Gartens und aͤhnlichen Verrichtungen huͤlf⸗ reich an die Hand ging, faſt ein Jahr ver⸗ ſtrichen, als plotzlich die freudenreiche Bot⸗ ſchaft von dem jetzt erfolgten, ſehnlich erwuͤnſch⸗ ten Abſchluſſe des Friedens, die ſchnell bis nach den verborgenſten Winkeln des Landes ſich verbreitete und uͤberall mit gleichem Jubel vernommen wurde, auch in Jakobinens ver⸗ düſtertes Gemuͤth erheiternde Lichtſtrahlen wurf und De — nem Bit beh Hu nu her So Ih — 91— warf, und die hier ſchlummernden Wuͤnſche und Hoffnungen zu neuem Leben erweckte. Der in ihrer Bruſt erwachende zuverſichtliche Glaube, daß Emanuel nun zuruͤckkehren, und es dann nicht die geringſte Schwierigkeit fuͤr ſie haben werde, ſich vollkommen in ſeinen Augen zu rechtfertigen, wirkte mit wohlthaͤ⸗ tiger Zauberkraft auch auf ihr aͤußeres Weſen und Anſehen. Ihr Blick ward muntrer und heller, ihre vom Gram gebleichten Wangen rotheten ſich wieder, es verſchwand der melan⸗ choliſche Truͤbſinn aus ihren Mienen und Ge⸗ berden, und mit friſchem Jugendreiz ſchmuͤckte ſich ihre Geſtalt. „Widerſetzt Euch nun nicht laͤnger mei⸗ nem Vorhaben, ſondern gewaͤhrt mir meine Bitte!“ ſagte Jakobine eines Morgens, beym Einſammeln der Gartenfruͤchte, zu ihren Hausgenoſſen, indem ſie einem, in dieſen. Tagen oft beruͤhrten Geſprächsgegenſtand aufs neue in Anregung brachte.„Wenn Ihr fer⸗ nerhin, Eurer Verſicherung nach, Euch der Sorge fuͤr Gottwalt unterziehen wollt, ſo thut Ihr ſchon mehr, als man eigentlich von Euch 8 92 verlangen darf, indem es Euch ſauer genug wird, fuͤr Euch und Eure Kinder den nöthigen Unterhalt zu gewinnen. Ich ſelbſt aber will und mag Euch, wie geſagt, nicht länger mehr zur Laſt fallen! Es wäre, bei den geringen Gegendienſten, die ich Euch zu leiſten im Stande bin, unverantwortlich von mir, mich auch in Zukunft von Euch ernähren zu laſ⸗ ſen. Gewiß wird es mir jetzt, da wir wieder ruhigen Zeiten entgegen ſehen duͤrfen, nicht ſchwer werden, ein anderweitiges anſtändiges Unterkommen zu finden!“ „Wenn Du es denn durchaus nicht an⸗ ders willſt,“ verſetzte der Förſter;„nun, ſo muß ich freilich Anſtalt treffen, Dir zur Aus⸗ fuͤhrung dieſes Entſchluſſes behuͤlflich zu ſeyn. Im Städtchen ſelbſt durfte es wohl ſchwer halten; vielleicht aber wäre drüben auf dem gräflichen Gute Weilbach eine Deinen Wuͤnſchen entſprechende Anſtellung für Dich zu ermitteln. Wir befänden uns dann nur drei Meilen von einander, und Du könnteſt, wenn es Dir in den neu angeknuͤpften Ver⸗ hältniſſen nicht gefallen ſollte, mit um ſo ge⸗ ringern Schwierigkeiten wieder zu uns zu⸗ ruͤckkehren!“ „Weilbach?“ rief die Betroffne, indem eine brennende Röthe ihre Wangen uͤberflog⸗ „Das iſt ja der nehmliche Ort, wo Emanuel kurz vor dem Anfange des Krieges—“ „Ganz recht!“ ſiel jener ihr in die Rede.„Der Feind hat dort arg gewirthſchaf⸗ tet; es wird aber gegenwaͤrtig bereits aus vol⸗ len Kraͤften gearbeitet, um jede Spur der Verheerung zu tilgen und alles wieder in ſei⸗ nen vorigen Zuſtand zu verſetzen. Auch iſt vorgeſtern, wie ich hore, die Graͤfin von Al⸗ ming ſelbſt ſchon dort eingetroffen, um uͤber die vorzunehmenden Arbeiten in eigner Per⸗ ſon die Aufſicht zu fuͤhren.“ „Darin irrſt Du wohl, lieber Wildheim.“ entgegnete Jakobine. Der Graf von Alming war meines Wiſſens nicht verheirathet.“ „Wie ich dieſen Morgen aus dein Munde eines aus jener Gegend kommenden Holzbauers vernommen, hat er ſeinen Tod auf dem Schlachtfelde gefunden!“ fuhr der Förſter fort;„und ſein Bruder, der ſich — 94— gleichfalls in Kriegsdienſten befindet, iſt der nunmehrige Herr und Beſitzer von Weilbach.“ Wer weiß,“ bemerkte Ulrike,„ob nicht auch Emanuel vielleicht ſchon unter der Hand den Verſuch gemacht hat, wieder in ſein fruͤheres Dienſtverhältniß einzutreten. Er hat ſeine Stelle zur völligen Zufriedenheit des Grafen verwaltet, und es waren ja nur die ſchlimmen Zeitumſtaͤnde, denen er damals weichen mußte. Ja, ich halte es gar nicht fuͤr unmöglich, daß er ſchon in dieſem Augen⸗ vlick ſich wieder auf ſeinem dortigen Poſten beſindet!“ „Gerade deshalb muß ich auf die An⸗ nahme des mir gemachten Vorſchlages gänz⸗ lich verzichten!“ ſagte Jakobine nach einigem Nachdenken. „Es iſt zwar mein innigſter Wunſch, mit Emanuel uͤber die ohne mein Verſchulden zwiſchen uns eingetretenen Mißhel⸗ ligkeiten mich zu verſtändigen; doch ſträubt ſich mein Grfuͤhl gegen alles, was nur im ent⸗ fernteſten den Schein gewinnen könnte, als o5 ich mich deshalb abſichtlich in ſeine Nähe ge⸗ draͤngt hätte. Alſo nicht nach Weilbach, ſonde fuͤt fit iſo blic len ſchen chen nn ſch dem ſih Fun pun ſhle Anſt Vun freun bei Rer, ſondern anderswohin, laß Deine Verwendung fuͤr mein kuͤnftiges Unterkommen gerichtet ſeyn, lieber Wildheim!“—— Aber ohne alles Zuthun des Förſters war fuͤr die Berichtigung dieſer Angelegenheit ſchon geſorgt und zugleich der entſcheidende Augen⸗ blick auf eine, wegen der ſo eben ſtattgehab⸗ ten Unterredung hoͤchſt ſeltſame und uͤberra⸗ ſchende Weiſe vorhanden. Denn indem ſie eben zu erneuerter Betreibung des unterbroche⸗ nen Geſchäfts ſich anſchicken wollten, zeigte ſich von fern eine Kutſche, die langſam auf dem durch die Waldung fuͤhrenden holperigen Fahrgleiſe daher ſchwankte und endlich dem Forſthauſe gegenuͤber ſtillhielt. Der Bediente ſprang von ſeinem Sitz, öffnete den Kutſchen— ſchlag, und eine Dame von hohen ſtattlichem Anſehen, im Ausſteigen begriſſen, kam zum Vorſchein. „Ich ſuche hier,“ wandte ſie ſich, nach freundlicher Begruͤßung, an den gleichfalls her⸗ bei geeilten Förſter,„ein junges Frauenzim⸗ mer, Jakobine Heilmann mit Namen. Sie ſind doch unſtreitig der Förſter Wildheim, bey — 96„ dem ſie ſich, wie mir berichtet worden iſt, ge⸗ genwärtig aufhalten ſoll.“ „Zu dienen, und dort ſteht auch meine Schwägerin!“ antwortete der Befragte, in⸗ dem er mit der Hand nach der Gartenhecke deutete, an welche die beiden Schweſtern mit neugierigem Befremden uͤber eine hier ſo un⸗ gewohnte Erſcheinung getreten waren⸗ Alsbald naͤherte ſich die Dame mit ei⸗ nem Geſicht, deſſen ſorglos zufriedne Heiter⸗ keit gegen das Trauergewand, mit dem ſie bekleidet war, einen auffallenden Abſtich bil⸗ dete, der bezeichneten Stelle, und ein Blick voll Luſt und Wehlgefallen haftete ſekun⸗ denlang auf der Geſtalt des hocherröthenden Maͤdchens. „Es wird nur weniger Worte beduͤrfen, um mich uͤber mein unerwartetes Erſcheinen gegen Sie zu erklären!“ fing ſie zu ſprechen an.„Im Begriff, mich wenige Meilen von hier haͤuslich niederzulaſſen, iſt es mein erſter und angelegentlicher Wunſch, mir je eher je lieber eine Geſellſchafterin zuzucignen, welche mit den in hieſiger Gegend üͤblichen Sitten und ud( natin mir kann Ae uß ſille Vor Sie hn. Vi mit fin den ſlch ketſte hennt mith nir heltn grün K nit ſier rje (che tten un und Gewohnheiten beſſer vertraut iſt, als dies natuͤrlich bey den uͤbrigen Umgebungen, die mir hierher gefolgt ſind, bis jetzt der Fall ſeyn kann. Man hat mir aber von Ihnen, meine Liebe, ſo viel Gutes und Ruͤhmliches geſagt, daß meine Wahl augenblicklich auf Sie ge⸗ fallen iſt, und ich daher auch ſogleich den Vorſatz faßte, Sie perſönlich aufzuſuchen, um Sie mit meinem Anerbieten bekannt zu ma⸗ chen. Ich bin die Graͤfin Alming aus Weilbach!“ „O mein Gott!“ ſtammelte Jakobint mit Beklommenheit und Verwirrung.„Wie könnte ich wohl auf eine ſolche Auszeichnung den mindeſten Anſpruch machen! Ich bin in ſchlichtbuͤrgerlichen Verhaͤltniſſen aufgewachſen, verſtehe mich nicht auf den in höhern Zirkeln herrſchenden Ton und Umgang, und wurde mithin auch beim beſten Willen den mit der mir zugedachten Stelle verbundenen Obliegen⸗ heiten nicht zu genügen im Stande ſeyn!“ „Wenn Sie keine andern Weigerungs⸗ gruͤnde haben, ſo ſind wir ſchon einig!“ rief die Gräfin mit raſcher Lebhaftigkeit.„Alſe 7 beſinnen Sie ſich nur keinen Augenblick länger ſondern ſprechen Sie ſchnell Ihren zuſtimmen⸗ den Entſchluß aus. Die naͤhern Bedingun⸗ gen, die ich mir vorbehalte, werden hoſſent⸗ lich zu Ihrer wölligen Zufriedenheit ausfallenz auch ſtehe ich Ihnen dafuͤr, daß Ihnen nichts leichter werden ſoll, als die Forderungen zu erfuͤllen, die ich an Sie zu machen geſon⸗ nen bin!“ Der Eifer der Uberredung, den die Gräſin gleich in der erſten Minute der erfolgten perſon⸗ lichen Bekanntſchaft geſchaͤftig aufbot, um zu ihrem Zweck zu gelängen, beſtaͤrkte Jakobinen mehr und mehr in der Ueberzeugung, daß Emanuel ſich wirklich bereits wieder in Weil⸗ bach befinde, und daß niemand anders, als eben er ſelbſt, dieſen fuͤr ſie ſo uͤberraſchenden Auftritt insgeheim veranlaßt habe. Ein Raub der eignen ſich widerſprechenden Empfindungen, ſchlug ſie den Blick zu Boden und verſtummte in peinlicher Unſchluͤſſigkeit. Da traten aber Wildheim und Ulrike, die in dem vernomme⸗ nen Antrage eine eben ſo heilvolle als wuns derbare Fuͤgung des Himmels erkannten, auf ſen Hich Din Ma biſeh ein ehi⸗ genbli ſihic bini dieſt Ki tim. e jing un i dih Kge en⸗ gM ſint⸗ lenz ichts zu eſon⸗ töſi ſön⸗ nzu hißen doß Peil als nden Raub n90 umte abet m⸗ wun auf — 99— die Seite der Gräfinz und jetzt konnte und durfte ſie, wenn ſie mit ihren Zweifeln und Bedenklichkriten keinen Anſtoß erregen wollte, nicht länger widerſtehen. Schuͤchternen Mu⸗ thes erklärte ſie, daß ſie zur Annahme des an ſie ergangenen Erbietens ſich geneigt fuͤhle. „Ich werde der Nachſicht ſehr bedul— fen!“ fuͤgte ſie mit leiſer Stimme hinzu; „doch ſoll es wenigſtens mein unermuͤdliches Beſtroben ſeyn, mich einer ſo zuvorkommen⸗ den Huld und Guͤte würdig zu machen! Wann befehlen Sie, daß ich mich zu Antretung meines Dienſtes bei Ihnen einfinden ſoll?“ „Ei nun! am liebſten iſt es mir,“ ver⸗ ſetzte die Gräfin;„wenn Sie dies keinen Au⸗ genblick länger anſtehen laſſen, ſondern mich ſogleich nach Weilbach begleiteten! Uebrigens bin ich ſchon darauf bedacht geweſen, Ihnen dioſe ſchnelle und plötzliche Trennung von dem Kreiſe Ihrer Verwandten moglichſt zu erleich⸗ tern. Sie haben, wie ich weiß, noch einen juͤngern Bruder; den nehmen wir mit uns, und ich werde dafür ſorgen, daß auch er mit dieſer Ortsverändttung zufrirden ſeyn, und „ 3 7 X — 100— daß dieſelbe uͤberhaupt nur zu ſeinem Beſten gereichen ſoll!“ Von neuem Erſtaunen uͤberwältigt und nicht vermögend, den Sinn und Zuſammen⸗ hang dieſes doppelten Raͤthſels zu begreifen, begab ſich Jakobine, dem jetzt an ſie ergehen⸗ den Geheiß zufolge, nach dem Innern der Wohnung um Gettwalt aufzuſuchen und her⸗ beizuholen. Als ſie in ſeiner Begleitung den Garten wieder betrat, fand ſie die Gräfin mit den beiden Zuruͤckgebliebenen in ſehr angele⸗ gentlichem und geheimnißvollen Geſpraͤch be⸗ griffen, das jedoch bei ihrem Erſcheinen ſogleich abgebrochen wurde. Das äußere Weſen des Knaben ſchien nicht minder, als ſeine mit un⸗ befangener Offenherzigkeit vorgebrachte Ver⸗ ſicherung, daß er mit allem zufrieden ſey, wenn er nur von Schweſter Jakobinen ſich nicht zu trennen brauche, ſeine neue Gönnerin mit wohlwollender Zuneigung fuͤr ihn zu er⸗ fäͤlen. Schnell waren jetzt die Zuruͤſtungen zur Abreiſe beendigt; tiefbewegt von der ſelt⸗ ſamen und unerwarteten Wendung, die ihr Schickſal genommen, verabſo jedete ſich Jako⸗ line bevo mit bj in! weg hin qnſ fun ſhn on er Ji nit liche eine Mi kie al ſcht ben ſteh Und nen⸗ fen, en⸗ der het⸗ den wit ele⸗ be⸗ leich des Bet⸗ nerin 1 ngen ſilt⸗ ihr ake⸗ — 101— bine von dem Foͤrſter und ſeiner Frau, und bevor noch ſeit ihrem erſten Zuſammentreffen mit der Graͤfin, eine Stunde verfloſſen war, befand ſie ſich nebſt Gottwalt bereits bey ihr im Wagen, der jetzt ſich aufs neue in Be⸗ wegung ſetzte, und mit einbrechender Abend⸗ daͤmmerung auf dem Schloſſe zu Weilbach anlangte. d Hier waren, wie es ſich ſogleich kund gab, alle zur Aufnahme der beiden Ge⸗ ſchwiſter erforderlichen Anſtalten ſchon im Vor⸗ aus getroffen. Gottwalt ward von dem Schloßverwalter, einem gutmuͤthigen alten Manne, dem er zur Obhut und Aufſicht an⸗ vertraut worden, in Empfang genommenz Jakobine aber erhielt nahe bey den Wohnge⸗ maͤchern der Gräſin ein geräumiges und freund⸗ liches Zimmer angewieſen. Unfähig, ſich in einen Schickſalswechſel zu finden, von deſſen Möglichkeit ſie wenige Stunden zuvor nicht die leiſeſte Ahnung gehabt hatte, ſtand ſie hier, als alle uͤbrige Bewohner des Schloſſes ſich ſchon längſt der nächtlichen Ruhe dahingege⸗ ben hatten, noch betrachtungsvoll am Fenſter, blickte bey dem Gedanken, daß ſie ſich in Ema⸗ — 102— nuels Naͤhe befinde, vom abwechſelnden Ge⸗ ſuͤhl der Luſt und Bangigkeit bewegt, ſtill nach dem mondbeglaͤnzten Revier des Schloß⸗ gartens hinab, und vermochte kaum durch die lebendigſte Vergegenwaͤrtigung alles deſſen, was am heutigen Tage ſich mit ihr ereignet, die Ueberzeugung zu behaupten und feſtzuhalten, daß ſie nicht mit oſſenen Augen getraͤumt habe. Am andern Morgen begab ſich die Graͤ⸗ fin in Jakobinens Geſellſchaft nach dem Gar⸗ ten, um uͤber die waͤhrend ihrer geſtrigen Ab⸗ weſenheit vorgenommenen Arbeiten die ge⸗ wohnte Muſterung zu halten. Vor einem noch wuͤſtliegenden freien Platze blieb ſie ſtehen, durchmaß in ſtillem Nachdenken ihn ein paar Minuten lang mit den Augen, und plötzlich ſchien ein ihr willkommner, der nä⸗ hern Beachtung werther Gedanke in ihr auf⸗ zuſteigen.„Ein recht gluͤcklicher Einfall, wie ich glaube!“ ſagte ſie mit der ihr eihnen Lebhaftigkeit zu ihrer Gefährtin, die während — 1063— deſſen ſchweigend in ihrer Nähe geſtanben und nur dann und wann einen ſcheuen fiuͤchtigen Seitenblick nach der Umgegend zu verſenden ge⸗ wagt hatte.„Holen Sie mir doch den Gärt⸗ ner, denlich dort hinter jener Hecke beſchaͤf⸗ tigt ſohe, geſchwind hierher, damit ich mich ſogleich mit ihm daruͤber berathen kann!“ Erſchrocken behrte Jakobine nach der be⸗ zeichneten Stelle ſich um« O Himmel! waͤre dieſer Augenblick erſt gluͤcklich voruͤber! dachte ſie, und begab ſich zitternd auf den Weg, um den ihr gewordenen Auftrag auszurichten. Mit jedem Schritte vermehrte ſich ihre heim⸗ liche Angſt, denn einen Mann von Emanu⸗ els Wuchs und Geſtalt bemerkte ſie immer deutlicher zwiſchen der Baumſchule, die von ihm mit der aͤmſigſten und ungetheilteſten Aufmerkſamkeit beſichtigt wurde. Schon hatte ſie bis auf wenige Schritte ſich ihm genaͤhert, als er erſt in ſeiner Betrachtung ſich ſtoren ließ. Doch einer unnöthigen Beſorgniß hatte ſie Raum gegeben. Es war nicht Emanuel! Ein wohlgebildetes aber ihr ganz unbekanntes Geſicht wandte nach der Betroſſenen ſich um, — 104— und ſchaute mit forſchendem Blick ihr entgegen. „Die Graͤfin verlangt Sie zu ſprechen!“ rief ſie ihm ſtotterndzu, und alsbald gab er die hier unter⸗ nommene Beſchaͤftigung auf und eilte von dannen. So hatte ſie noch im Lauf des nehmli⸗ chen Tages Gelegenheit, ſämmtliche im Dienſt der Graͤfin befindliche Perſonen der Reihe nach kennen zu lernen und ſich auf das unwider⸗ leglichſte zu uͤberzeugen, ſie habe mit der Vor⸗ ausſetzung, daß es Emanuſels empfehlendes Fuͤrwort ſey, dem ſie ihre Berufung nach Weilbach zuſchreiben muͤſſe, in völligem Irr⸗ thum geſchwebt. Nie und nirgends hoͤrte ſie ſeines Namens erwaͤhnen, und eben ſo zwei⸗ felhaft, wie zu der Zeit, da ſie ſein an den Förſter gerichtetes Schreiben geleſen, war es jetzt aufs neue, ob ſie jemals ihn wiederſehen werde. Dagegen ſchloß die Graͤfin, die mit ſichtbarem Eifer alles aufbot, um ihr den Aufenthalt auf dem Schloſſe ſo angenehm als moͤglich zu machen, ſich mit jedem Tage näher und inniger an ſie an. Mit fortdauernden Proben der herzlichſten Wohlgewogenheit ſah Jakobine bey jedem Anlaß ſich von ihr uͤber⸗ Ge dy En vnd he che t lun ven diſ gen. f ſie net⸗ nen. mli⸗ ienſt nach ider⸗ Pot⸗ ndes nach Ir⸗ e ſi wi⸗ den teb ſehen mit den als ühe nden — 105— häuft, und bald gab die aͤußerliche Beſchaffen⸗ heit des zwiſchen beiden obwaltenden traulichen Verhaͤltniſſes nur noch in der beſcheidenen Zu⸗ ruͤckhaltung ſich kund, welche ſich die Beguͤn⸗ ſtigte zum unverbruͤchlichen Geſetz gemacht hatte. Auf ſolche Weiſe war, beim lockenden Genuſſe des ihr zu Theil gewordenen Glückes, das nur durch die wehmuͤthige Erinnerung an Emanuel dann und wann getruͤbt wurde, nach und nach ein Zeitraum von ſechs Wochen verſtri⸗ chen und der Tag endlich herangenaht, an wel⸗ chem der Graf von Alming, der, nach kräf⸗ tiger Mitwirkung fuͤr die Sache des Vater⸗ landes, ſich jetzt wieder aus dem Kriegsdienſt verabſchiedet hatte, ſeiner letzten ſchriftlichen Zuſage gemäß, in Weilbach einzutreffen ge⸗ dachte, um hier fortan einem ſtillern und fried⸗ lichern Lebensberuf ſich zu widmen. Schon in der Frühe des Morgens ließ die Gräfin, die vor freudiger Ungeduld nach dem Wieder⸗ anblick des Erſehnten hier im Schloſſe nicht länger auszudauern vermochte, den Wagen anſpannen, um ihrem Gemahl eine Strecke Weges entgegen zu fahren. Statt aber, wie 6 3 8 † ſie bey ähnlichen Ausflugen ſonſt ſtets zu thun pflegte, Jakobinen zur Theilnahme an dieſer Fahrt einzuladen, uͤbergab ſie ihr die Beſor⸗ gung einiger unbedeutenden Aufträge, ließ, indem ſie zu Ausfuͤhrung ihres Vorhabens ſich anſchickte, Gottwalt herbeirufen, und erklätte lächelnd, daß ſie fuͤr diesmal ſich le⸗ diglich mit ſeiner Geſellſchaft und Unterhaltung zu begnuͤgen geſonnen ſey⸗ Von dem heitern Herbſtwetter nach dem Freien hinausgelockt, wandelte Jakobine waͤh⸗ rend der Mittagsſtunde, wo ſämmtliche Ar⸗ beiter den Park verlaſſen hatten, einſam in den ſtillen und verodeten Gängen deſſelben um⸗ her. Eben hatte ſie, in mancherley Gedan⸗ fen und Betrachtungen vertieft, die äußerſte Grenze deſſolben erreicht, und befand ſich an einem Punkt, welcher über das anſtoßende tieferliegende Wieſenland hinweg eine fteie und lachende Ausſicht darbot, als plötzlich ein im „bir und un — 107— benachbarten Buſchwerk ſich berhebendes Ge⸗ raͤuſch ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Nein, diesmal war es kein Betrug, der ſie täuſchte! Sprachlos vor Erſtaunen heftete ſie ihre Augon auf die Erſcheinung, diezzwiſchen den Stauden und Sträuchern ſich zeigte⸗ Er ſelbſt, der Freund, der Geliebte war es, den ſie erkannte. Es theilten die Zweige ſich von einander, und Emanuel ſtand vot ihr da!— Er ging ſehr duͤrftig gekleidet, und eben von dem ärmlichen Anſehen, deſſen er ſich bewußt war, ſchien auch die Verlegenheit und Beſchaͤ⸗ mung herzuruͤhren, die er im erſten Augen⸗ blick des gegenſeitigen Wiederſehens an ſich wahrnehmen ließ. „Iſt es möglich? Emanuel, mein lieber Emanuel! Alſo Du haſt mich doch nicht ſo ganz vergeſſen!“ rief Jakobine im uͤberwallen⸗ den Gefuͤhl des liebenden Herzens ihm zu, in⸗ dem ſie freudig ihm die Hand zur Bewillkomm⸗ nung entgegenſtreckte. „Schon ſeit geſiern,“ erwiederte er, „bin ich in dieſer Gegend herumgeſchlichen, und habe mich bald hier bald dort auf die — 108— Lauer geſtellt, um Dich wenigſtens noch ein⸗ mal zu ſehen! Denn dabey wird es nun wohl ſein Bewenden haben müſſen, nachdem in unſern beiderſeitigen Verhältniſſen ein ſo bedeutender Unterſchied herrſchend geworden iſt! Dich hat das Schickſal in eine glänzende und beneidenswerthe Lage verſetzt, waͤhrend ich nach wie vor noch immer mit Armuth und Duͤrftigkeit zu kämpfen habe!“ „Ich darf nicht leugnen,“ verſetzte Ja⸗ kobine,„daß mir durch die wundervolle Fuͤ⸗ gung des Himmels ein ſehr guͤnſtiges und gläͤckliches Loos zu Theil geworden iſts doch hat daſſelbe in meinen Geſinnungen gegen Dich nicht die geringſte Veränderung bewirkt. Die Mühe, die Du angewandt haſt, um mich aufzuſuchen, dient mir als Beweis, daß Du jetzt von Deinem fruhern Irrthum zuruͤckge⸗ kommen und durch ruhigeres Nachdenken end⸗ lich zur Ueberzeugung von der Aufrichtigkeit meiner Dir damals gegebenen Zuſicherungen gelangt biſt. Es bedarf alſo kaum der erneu⸗ erten Zuſage, daß ich, allen Annehmlichkeiten und Beguͤnſtigungen meiner gegenwaͤrtigen Lage zun Di ſil he Hi nat gu len b A Wh nde end uth — 109— zum Trotz, noch immer von ganzem Herzen Dir angehoͤre, und ſo wie ſonſt bereit bin, ſelbſt das ſorgenvollſte Geſchick mit Dir zu theilen!“ „Ein ſolches wäre es auch nur, was ich Dir anzubieten vermöchte!“ fuhr er zu ſpre⸗ chen fort.„Des bisher gefuͤhrten unthaͤtigen Lebens muͤde, bin ich endlich, nach ſo man⸗ chen, theils in der Fremde, theils hier in der Heimath angeſtellten vergeblichen Bemuͤhungen, wieder als Kunſtgäͤrtner angeſtellt zu werden, zu dem Entſchluſſe gelangt, mein erlerntes Gewerbe gaͤnzlich aufzugeben und fuͤr die Zu⸗ kunft ein mit demſelben nur in entfernterer Beziehung verwandtes Geſchäft zu betreiben. Hierzu habe ich denn bereits vor einigen Mo⸗ naten durch den Ankauf eines kleinen Bauer⸗ gutes Anſtalt getroffen. Es liegt zehn Mei⸗ len von hier entfernt. Die Gegend umher iſt einſam und von der Natur eben ſo wenig beguͤnſtigt, als das zu demſelben gehörige Ackerland, das nur durch ausdauernd uner⸗ muͤdlichen Fleiß nach und nach fruchtbarer und ergiebiger zu werden verſpricht. Dennoch — 110— beſchloß nich, indem ich dabey der thaͤtigen Mithuͤlfe einer tuͤchtigen Hausfrau nicht län⸗ ger entbehren kann, und zugloich in der Vor⸗ ausſetzung, Dich noch in der väterlichen Woh⸗ nung anzutreffen, wo mir einfolches Erbieten freilich weniger gewagt erſchienen waͤre, mich mit der Anfrage an Dich zus wehden, ob Du geneigt⸗ ſeyſt, dies kuͤmmerliche Loos mit mit zus theilen und die Meinige zu werdene Eben dies war der Zweck meiner hierher unternom⸗ menen Wanderung!“ n 2 Er ſchwieg und blickte mit einer Miene vor ſich hin, in welcher das Ergötzen über die Nähe dir Geliebten mit der bangen Erwarz tung des jetzt von ihr zu vernehmenden Be⸗ ſcheides ſich zu vermiſchen begann. „Ich habe Dir mein Wort gegeben,“ ſagte Jakobine;„und ich bin feſt entſchloſſen, es zu haſten! Hier haſt Du meine Hand dar⸗ auf, daß ich keine Arbeit, keine Noth, kein Ungemach ſcheuen will, wenn ich mich Dei⸗ ner Liebe und Deines Vertrauens verſichert halten durf. Noch heut werde ich det Grä⸗ fin lege bet iene die al ſin ein freimüthiges Grſtändniß daruͤber ul⸗ legen, und ſie zugleich mit meinem Entſchluſſe bekannt machen!“ Ein Strahl des innigſten Entzuͤckens blitzte bey dieftr Erklärung aus Emanuels Augen hervor.„O wie war es möglich,“ rief er aus,„daß ich jemals Dein Herz ver⸗ kennen, und einen ſo niedrigen Argwohn ge⸗ gen Dich fäſſen konnte! Wie wird es, auch bey dem eifrigſten Beſtreben, mit jemals ge⸗ lingen, wieder gut zu machen, was ich an Dir verſchuldet habe!“— Hier ward die Unterhaltung plötzlich durch das aus der Ferne heruͤberdringende dumpfe Getöſe eines über die Schloßbruͤcke rollenden Wagens geſtört und unterbrochen. „Ach, da kommen Sie wahrhaftig ſchon zuruͤck! Jetzt darf ich keinen Augenblick länger hiet ſäumen!“ Mit dieſen Worten wand Jakobine aus den umſchlingenden Armen des Begluckten ſich los, ertheilte haſtvoll ihm noch die Wei⸗ ſung, ſich morgen um die nehmliche Stunde zur weitern Verabredung an dieſer Stelle wire — 112— der einzufinden, und flog mit behenden Schrit⸗ ten und auf dem kuͤrzeſten Wege dem Schloſſe zu. „Wie ward ihr, als ſie, aus dem engen Gewuͤhl und Getuͤmmel, von welchem der Hofraum und die Vorhalle des Schloſſes er⸗ fuͤllt waren, in das Wohnzimmer der Graͤfin eintretend und hier von dem heimgekehrten Gebieter mit freundlicher Begruͤßung empfan⸗ gen, gleich auf den erſten Blick, obgleich ſein aͤußeres Anſehen ſich bedeutend veraͤndert hatte, in ihm den nehmlichen fremden Fluͤchtling wieder erkannte, der an jenem Schreckensmor⸗ gen ſich droben auf dem Thurm ſo barſch und unfreundlich ihr entgegengeſtellt, ihr gewalt⸗ ſam den Bruder von der Seite geriſſen, und vermittelſt einer grimmvollen Drohung ihr mehrere Wochen hindurch Schutz und Unter⸗ halt abgetrotzt hatte. Ja, jetzt klärte frei⸗ lich ſich alles auf, was ihr in der plötzlichen Veränderung ihrer Lage bis zu dieſem Angen⸗ blick rit⸗ em er⸗ fin rten fan⸗ ſin atle, tlin nor⸗ und valt⸗ und iht nter⸗ fui ſchen gen⸗ vlit blick ſo unbegreiflich und unergruͤndlich gewe⸗ ſen war! Das Räthſel war geloſt; der Er⸗ kenntlichkeit fuͤr jene Dienſtleiſtung hatte ſie das Gluͤck zu verdanken, daß hier mit freund⸗ lichem Wink ſie umlächelte und welches ſie, der vor wenigen Minuten ausgeſprochenen Er⸗ klärung gemaͤß, freiwillig wieder gegen ein durftigeres und muͤhvolleres Loos zu vertauſchen entſchloſſen war⸗ Es ward ihr indeſſen, nachdem ſie von der erſten Beſtuͤrzung ſich erholt hatte, um ſo leichter, die wiederedlangte Faſſung und Be⸗ ſonnenheit zu behaupten, da der Graf fuͤr jetzt jede nahere Andeutung und Erörterung gegen ſie abſichtlich zu vermeiden ſchien, und ſtatt deſſen in ausſchließlicher Aufmerkſamkeit ſich nur mit ſeiner Gemahlin unterhielt, die im Wonnegefuͤhl ihres Herzens nicht aufhörte, ihn mit immer neuen Freudensbezeigungen und Liebkoſungen zu uͤberhaͤufen. Auch waͤhrend der Mittagstafel, zu wel⸗ cher Jakohine, die ſich beſcheiden wieder nach ihrem Zimmer zuruͤckgezogen hatte, einige Zeit nachher abgerufen wurde, hatte es anfangs V 8 — 114— gar nicht den Anſchein, als ob es dem Gra⸗ fen um eine nähere Erklärung dieſer Art üͤber— haupt ſonderlich zu thun ſey. Mit ruhiger und unbefangener Miene begann er ſeine kurz nach erfolgtem Ausbruche des Kiieges erlebten Schickſale der Reihe nach vorzutragen und uͤber alle, ſelbſt die geringfuͤgigſten Nebenſachen, ſich ſo umſtändlich auszulaſſen, daß wohl eine Stunde verſtrich, bevor er in ſeiner Erzaͤh⸗ lung endlich bis zu dem Zeitpunkt vorruͤckte, wo er, von der Verzweiflung uͤber die Lage der Dinge bis aufs Aeuſſerſte getrieben, ſich zum Anführer einer Schaar von Partheygän⸗ gern aufgeworfen und die beym Städtchen K. vorhandne Gebirgsgegend zum Hinterhalt er⸗ waͤhlt hatte, um von dort aus den fernern Unternehmungen des ſiegtrunknen Feindes nach Kräften hinderlich und verderblich zu werden. Jetzt aber erhöhte er den Ton ſeiner Stimme, verzog ſeine freundliche Miene zu einem häß⸗ lichen Grinſen, und wandte plötzlich mit der Frage ſich an Jakobinen, ob ſie wohl ſich erinnere, zur damaligen Zeit irgendwo einem ſolchen Geſicht begegnet zu ſeyn? — X — „O allerdings!“ antwortete ſie laͤchelnd, während die Gräfin mit liſtig lauernden Bli⸗ cken auf ihr verweilte und auch Gottwalt ſo⸗ gar durch ein ſchlaues Schmunzeln zu erken⸗ nen gab, daß er in dieſem Augenblick viel klaͤger ſey, als ſeine Schweſter.„Allerdings erinnere ich mich eines ſolchen Geſichts noch ſehr lebhaft. Nur bin ich ſeitdem ſo beherzt geworden, daß ich mich nicht im geringſten mehr davor fuͤrchte. Wenn ich hoffen darf, egen meines guten Gedächtniſſes Entſchuldi⸗ e Phnen zu ſ ſo will ich Ihnen nur ganz frey geſtehen, daß ich Sie ſogleich wieder erkannt habe!“ „Ey, waͤre das moglich?“ rief der Graf, dem man es anmerkte, daß er ungern auf das Ergötzen Verzicht that, welches er ſich von dem Erſtaunen und der Ueberraſchung des Maͤd⸗ chens im Voraus verſprochen gehabt.„Nun immerhin!“ fuhr er nach einer langen Pauſe zu reden fort.„Wenn ich damals, trotz meiner abſchreckenden wilden Geſtalt, wirklich einen ſo tiefen und unvertilgbaren Eindruck auf Dein Herz gemacht habe, mein gutes liebes 8* — 116— Kind, ſo wird es mir jetzt, nachdem mein äußeres Anſehen auf eine gewiß nicht eben unvortheilhafte Weiſe ſich umgewandelt hat, auch um ſo leichter werden, Dich für die An⸗ nahme eines Vorſchlages zu ſtimmen, den ich Dir, zur Vergeltung fuͤr die mir erwieſenen wichtigen Dienſte zu machen im Begriff bin. Du weißt, welch greuliches Unwetter an je⸗ nem Abend herrſchte, als ich meinen auf dem Kirchgewoͤlbe gefundenen Zufluchtsort wieder verließ. Unter Sturm und Regen trat ich, zunächſt nach den Gebirgshöhen mich wendend, meine gefahrvolle naͤchtliche Wanderung an, hatte in der Finſterniß ger bald die einzuſchla⸗ gende Richtung verloren, und glaubte nun jeden Augenblick den unendlichen Muͤhſeligkei⸗ ten und Beſchwerden, die ſich meinem Vor— haben entgegenſtellten, erliegen zu muͤſſen. Doch trieben Furcht und Beſotgniß mich vor— waͤrts, und als der Morgen graute, lag eine Strecke von fuͤnf Meilen zwiſchen mir und dem Orte, von wannen meine Flucht begon⸗ nen hatte. Jetzt nahm eine tiefe und an ih⸗ rem Eingange mit faſt undurchdringlichem Dorngebuͤſch bewachſene Berghöhle mich auf. Hier beſchloß ich, nachdem ich an dem mit⸗ genommenen Mundvorrath mich erquickt hatte, den Tag uͤber zu raſten und nicht eher, als mit einbrechender Abenddaͤmmerung meinen Weg weiter zu vevfolgen; ſo wie es uͤberhaupt in meinem ſchon fruͤher gefaßten Plane lag, mich waͤhrend des Tages ſtets in irgend einem ſichern Winkel verborgen zu halten, und nur zur Nachtzeit auf Fortſetzung meiner Reiſe bedacht zu ſeyn. Dennoch wuͤrden vielleicht, da die Gefahr in eben dem Grade zunahm, wie ich meinem erſehnten Sielpunkt mich naͤ⸗ herte, alle ergriffenen Vorſichtsmaaßregeln mir nur wenig oder nichts genutzt haben; hätte nicht, als ich am vierten Abend ſo eben wie⸗ der durch eine einſame Gegend dahin zu pilgern begann, ſich ein junger Menſch zu mir geſellt, der ſich mir zum Begleiter anbot, und gegen welchen ich mich, nachdem ich ſeine Gedan⸗ ken und Geſinnungen naͤher zu erforſchen ge⸗ ſucht, ohne Bedenken uͤber meine Abſicht, ſo wie uͤber die mit Ausführung derſelben ver— bundenen Schwierigkeiten erklären zu können — 118— glaubte. Er entſprach dem Vertrauen, das ich ihm geſchenkt hatte, machte mich, ver⸗ mittelſt der von ihm berits eingezogenen Nach— richten, mit allen vom Feinde beſetzten Punkten bekannt, wußte zugleich, während ich in mei⸗ nem verdaͤchtigen Aufzuge keine der umliegenden Wohnſtätten zu betreten wagte, die Richtung, die ohne Gefahr ſich einſchlagen ließ, geſchickt auszukundſchaften und bewirkte dadurch, daß ich gluͤcklich und wohlbehalten den Aufenthalts⸗ ort des befreundeten Heeres erreichte. Er iſt ſeitdem nicht wieder von meiner Seite gewichen; denn auch er nahm Kriegsdienſte, und nicht minder durch ſeinen im Kampfe bewieſenen unerſchrockenen Muth, der' auch anderweitig die ihm gebuͤhrende Anerkennung gefunden, als durch die wiederholten Proben der beſondern Anhaͤnglichkeit, deren ich mich ſtets von ihm zu erfreuen gehabt, iſt er meinem Herzen ſo theuer geworden, daß ich nunmehr, da die muͤhvolle Arbeit des Krieges geendigt, ihm ſogar zur Begruͤndung ſeines ſchoͤnen Erden⸗ gluͤckes foͤrderlich ſeyn moͤchte, und daß ich daher“— enden ung, ſchickt ſenen weitig „als ndern ihm en ſ die ihn dehn⸗ ich — 119— Hier hielt er inne und heftete einen for⸗ ſchenden Blick auf Jakobinen, waͤhrend dieſe durch die vernommene Hindeutung in die ni Unruhe zu gerathen anfing. „Daß ich doher,“ fuhr er mit kraͤftigem Nachdruck zu ſprechen fort,„dieſen Wunſch fuͤr erfuͤllt halte, wenn es mir, wie ich nicht zweifeln will, gelingt, aus Euch beiden— ein Pärchen zu machen!“ „Sie verzeihen, Herr Graf! daß ich mich ſogleich und auf das unbedingteſte gegen einen Antrag ſolcher Art erklären muß!“ ver⸗ ſetzte Jakobine.„Denn in der That, Sie wuͤrden das Unmögliche von mir verlangen! Ich troſte mich indeſſen mit der Vorſtellung, daß Sie nur Ihren Scherz mit mir treiben!“ „Bei meiner Ehre!“ ſagte der Graf. „In zwei Minuten ſollſt Du Dich uͤberzeugt haben, wie ernſtlich es mit dieſem Vorſchlage gemeint iſt! Ihr habt Euch beide gleiches Verdienſt um mich erworben, und mithin auch ein ſo gleichmaͤßiges Recht auf meine Dankbarkeit, daß der Entwurf, Euch durch das Band der Liebe mit einander zu vereini⸗ — 120— gen und der Stifter Eurer gegenſeitigen Wohlfahrt zu ſeyn, ſchon laͤngſt mein Lieb⸗ lingsgedanke geworden iſt. Vertraue meinem Wort! Der Mann, denn ich Dir zum Gat⸗ ten beſtimmt, iſt Deiner ſo vollkommen wuͤr⸗ dig, daß er ſchnell Deine ganze Zuneigung gewonen haben wird. Es mag die Probe gelten! Die Schilderung die ich ihm von Dir entworfen habe, iſt hinreichend geweſen, mei⸗ nen Wunſch bereits zu dem ſeinigen zu ma⸗ chen. Er brennt vor Begierde, Dich von Angeſicht zu ſehen. Ich hole ihn herbey, Du ſollſt ihn näher kennen lernen; und wenn ich, wie es ja gar nicht anders ſeyn kann, richtig prophezeiht habe, ſo feyern wir noch heut die Verlobung!“ „Um Gotteswillen! Wo denken Sie hin!“ rief Jakobine in der heftigſten Bewe⸗ gung ihres Gemuͤths. Glauben Sie mir ir⸗ gend eine Ruͤckſicht ſchuldig zu ſeyn, ſo ver⸗ ſchonen Sie ihn und mich mit einer ſo gren⸗ zenloſen Verlegenheit! Was Sie von mir verlangen, ſteht nicht mehr in meiner Wahl! Ich habe Herz und Hand bereits verſagt! — 121— Nie und nimmer kann ich einem Andern zu⸗ gehoren!“ „Ich aber habe mir es einmal in den Kopf geſetzt! Es bleibt dabey!“ entgegnete jener mit unerbittlichem Starrſinn, verließ ſeinen Stuhl und ei lte, ohne Jakobinens angſt⸗ voll abwehrendes Straͤuben zu beachten, mit raſchen Schritten nach dem Nebenzimmer. Venige Augenblicke darauf kehrte er Arm in Arm mit einem jungen Offizier in den Saal zuruͤck. „So empfangen Sie denn hier aus mei⸗ nen Haͤnden die Ihnen beſtimmte Braut!“ rief er aus, indem er ſeinen Begleiter zum Fenſterbogen fuͤhrte, wohin Jakobine, uͤber ein ſo gewaltthaͤtiges Verfahren im Innerſten em⸗ port und entruͤſtet, ſich gefluͤchtet hatte. Von einer bekannten Stimme ward ſie angeredet; ſie ſchlug die unwillig zu Boden geſenkten Augen empor, that einen lauten Schrey, und lag in Emanuels Armen! „Verzeihe den Dir geſpielten Betrug!“ rief er der Betaubten unter zaͤrtlichen Lieb⸗ koſungen zu.„Es geſchah nach dem Willen — 122— unſers edlen Freundes und Wohlthäters, dem ich mehr, als dem eignen geringen Verdienſt, meinen jetzigen Stand zu verdanken habe. Fuͤr mich haͤtte es dieſer letzten Pruͤfung nicht mehr bedurft; denn laͤngſt ſchon hat der Glaube an Dein treues Herz jeden klein— muͤthigen Zweifel beſiegt. Vergiß jetzt das Vergangne, und laß uns nur der gluͤcklichen Gegenwart leben!“ „Das war ja auch eben meine Mei⸗ nung!“ ſagte der Graf, indem die uͤbrigen Anweſenden ihre freudige Theilnahme zu er⸗ kennen gaben.„Und da ich richtig prophe⸗ zeiht habe, ſo feyern wir noch heut die Verlobung!—“ II. er Rachſpyruch D Eine auf Thatſachen beruhende Darſtellung. 1. Bietriebſamen Eifers hatte ſich Frau Ulrike nach einem entlegenen Zimmer des Hauſes zuruͤckgezogen, um hier, vor unwillkommener Storung geſichert, die Geſchenke zu ordnen, mit welchen ſie in der Fruͤhe des nächſtfolgen⸗ den Tages ihren Ehegemahl zur Feier ſeines Wiegenfeſtes zu überraſchen geſonnen war. Ein bis zu dieſem Augenblick ſtreng in der eignen Bruſt verwahrtes ſuͤßes Geheimniß, die Botſchaft, daß nach dreijähriger kinder⸗ loſer Ehe nun die Erfuͤllung eines ſo oft von ihm geäußerten Wunſches unter ihrem Her⸗ zen ruhe, ſollte dann zugleich ihm kund ge⸗ than werden, und mit einem bezugvollen, faſt mitleidigen Lächeln ſchweifte daher ihr muſtern⸗ der Blick von Zeit zu Zeit uͤber die bereits — 126— zur Schau liegenden bunten Gaben dahin, während Schweſter Agnes, mit Vollendung einer Blumenguirlande beſchaͤftigt, ſtill und gedankenvoll ihr am Tiſch gegenuͤber ſaß. Es war ſpaͤt am Abend. Der dichte Herbſtnebel, von welchem ſeit mehrern Tagen die Luft ver⸗ finſtert geweſen war, hatte heut bey einbre— chender Dämmerung ſich in Regen aufgelöſt, und mit zunehmender Gewalt heulte der Wind durch die verödeten Gaſſen der Stadt, welche der unbewußte Urheber der hier getrofſenen feſt⸗ lichen Anſtalten, ſeiner Berufspflicht geden⸗ kend, noch durchwanderte, um Kranke zu beſuchen. „Mein armer Robert!“ ſeufzte Ulrike, während der Regen in immer ſtärkern Tropfen gegen das Fenſter zu ſchlagen begann.„Mit welcher Treue und Gewiſſenhaftigkeit nimmt er, ohne irgend eine Beſchwerde zu achten, der Verpflichtungen ſeines Amtes ſich an! Schon ſeit dem fruͤhen Morgen treibt es ihn von einem Krankenbett zum andern, kaum die Mittagsſtunde ging ihm in Ruhe vorüber, und bald wird ihm, da der Ruf ſeiner Ge⸗ „ 4 — — — —— ſchicklichkeit ſich täglich weiter verbreitet, kein Augenblick der Erholung mehr uͤbrig bleiben. Aber Du ſcheinſt verſtimmt, Se Sollte die Falte, die ich auf Deiner Stirn „ bemerke, wohl von Roberts geſ m Beneh men erzeugt worden ſeyn? O nein, gewiß nicht! Du kannſt ihm nicht zuͤrnen, daß er Dein Beſtes vor Augen gehabt und ſein An— ſehen gebraucht hat, um Dich von dem Zu⸗ dringlichen zu befreien, der eben ſo wenig Dei⸗ ner Gegengunſt wuͤrdig iſt, als er ſelbſt eine reine und lautre Neignng in ſeinem rohent⸗ arteten Gemuͤthe zu nähren vermag.“ „Du ſprichſt von Lernau!“ verſetzte Agnes, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. „Ich hege gegen ihn, wie ich Dir ſchon oft zu erkennen gegeben, die entſchiedenßte Gleichguͤl⸗ tigkeit, und kann daher das Verfahren des Schwagers weder verkennen noch mißbilligenz wohl aber haͤtte ich freilich gewuͤnſcht daß die Abfertigung, die er ihm zu Theil werden ließ, auf glimpflichere und geräuſchloſere Art erfolgt waͤre. Die Treppe vor der Hausthur war — 128— meines Erachtens hierzu nicht eben der ſchick⸗ lichſte Ort!“ „Wer kann dafuͤr, daß der Zufall ſie gerade dort perſoͤnlich zuſammentreffen ließ!“ fuhr jene fort.„Schriftlich und muͤndlich hatte Robert bereits in Deinem Namen ihm angedeutet, daß ſeine Hoffnung vergeblich ſey⸗ Er beſtand mit Trotz und Haͤrtnaͤckigkeit auf ſeiner Willensmeinung, lauerte an den Stra⸗ ßenecken, verfolgte ſogar in der Meſſe Dich mit ungebuͤrlichen Blicken und Winken, und haſchte begierig nach jeder Gelegenheit, ſich Dir zu naͤhern und Dir ſeine Liebesantraͤge zu wiederholen. Was blieb meinem Eheherrn, dem Dein Heil ſo innig am Herzen liegt, in der gerechten Entruͤſtung uͤber ſolches Beneh⸗ men, zuletzt anders uͤbrig, als dem Ueber⸗ läſtigen, da er eben im Begriff war, Dich mit foͤrmlicher Bewerbung um Deine Hand zu beſtuͤrmen, die Zweckloſigkeit dieſes Unter⸗ nehmens auf beſtimmtere Weiſe begreiflich zu machen und ihm fuͤr immer den Zutritt in das Haus zu verbieten? Durch einen unehr⸗ baren, wuͤſten Lebenswandel beruͤchtigt, hat er dlich — 129— er es nur ſich ſelbſt beizumeſſen, wenn man ſich jeder nähern Gemeinſchaft mit ihm zu entziehen ſucht, den keckern Anſprüchen aber, deren er ſich erkuͤhnt, mit dem ungebluͤmten Ausdruck des Abſcheues und der Verachtung begegnet. Aber ſo ſeyd Ihr nun einmal! Selbſt fuͤr den Unwuͤrdigſten, den Ihr in Lie⸗ besglut Euch ergeben wißt, ſpricht etwas in Eurem Innern, wenn ihr auch nicht geneigt ſeyd, ſeinen Wuͤnſchen Gehör zu verleihen!“ „Du ereiferſt Dich ohne Grund, Schwe⸗ ſter, da es keiner Erläuterung dieſer Art be⸗ darf, um mich in meinen Geſinnungen und Vorſaͤtzen zu beſtärken!“ entgegnete Agnes mit ruhiger Miene.„Lernau wird nie meine Gunſt gewinnen, obſchon er, wie es heißt, ſeiner fruͤhern lockern Auffüͤhrung entſagt ha⸗ ben und ſeit geraumer Zeit ſich eines beſſern und anſtändigern Wandels befleißigen ſoll!“ „Die Maske des Heuchlers!“ rief Ul⸗ rike.„Ein zwar verhaßter aber unumgaͤng⸗ licher Zwang, dem er ſich zu unterwerfen fuͤr nöthig haͤlt, bis er den damit beabſichtigten Zweck erſt gläcklich erreicht hat! Auch Mar⸗ 9 tiz liebt die Freuden des Lebens; aber nie iſt, ſelbſt in der leidenſchaftlichſten Aufwallung, ſein Sinn auf unedle Gegenſtände gerichtet. Auch er veſitzt eine rege heftige Gemuͤthsartz aber nur die Glut der unverdorbenen kraͤfti⸗ gen Jugend iſt es, die in ſeinem Weſen ſich kund giebt. Wie koͤnnte ſonſt Robert ihn ſeinen Herzensfreund, und die Stiftung eines Ehebuͤndniſſes zwiſchen Dir und ihm ſeinen Lieblingswunſch nennen!“ „Du lenkſt wieder in das gewohnte Gleis ein!“ ſprach Agnes, indem ſie der Schweſter halb ſcherzend halb unwillig mit dem Finger zu drohen begann.„Faͤllt Euch meine Gegenwart denn ſo laͤſtig, daß Ihr be— ſtaͤndig darauf ſinnen muͤßt, wie Ihr mit gu⸗ tem Gluͤck mich an den Mann bringen wollt? Noch hat Martiz meines Wiſſens bis jetzt keinen Schritt gethan, aus welchem auf eine ernſtliche Abſicht dieſer Art mit Grund zu ſchließen wärez noch habe auch ich ſelbſt mich nicht darüber erklärt, ob er fuͤr eine Verbin⸗ dung von ſolcher Wichtigkeit ſo ganz nach meinem Sinn und Geſchmack ſey!“ — 131— „Und was duͤrfteſt Du denn an ihm auszuſetzen finden?“ fragte Ulrike mit einem leiſen Anfluge von Empfindlichkeit. „Im Ernſt, Schweſter!“ war die treu⸗ herzige Antwort der Jungfrau.„Ich habe daruͤber noch zu wenig nachgedacht, um Dir mit Beſtimmtheit angeben zu können, in wie⸗ fern es mir ſcheint, daß ſeine Mängel von ſeinen Vorzuͤgen, oder dieſe von jenen uͤber⸗ troffen und in den Schatten geſtellt werden. Laß uns nicht mit ſo ernſten Geſichtern über Dinge ſtreiten, die weit bequemer auf ſcherz⸗ hafte Weiſe abzumachen und zu beſeitigen find! Ganze Tage ſind wir beide faſt keine Minute lang von einander getrennt, und wie ich es ſelbſt begreife, daß Deine Naͤhe nicht ſonderlich zu meinem Vortheil wirken kann, iſt auch Martiz nicht mit Blindheit geſchla⸗ gen. Er weiß und fuͤhlt gar wohl, daß meine Schweſter nicht mit Unrecht fuͤr die ſchonſte Frau der Stadt gehalten wird!“ „Spotterin!“ rief Ulrike.„Der bloße Gedanke an die Möglichkeit, daß mein wohl⸗ wollendes Betragen gegen Roberts vertraute⸗ 9„ ſten Freund einer falſchen Auslegung fähig ſey, koͤnnte mich beſtimmen, ihn meinen An⸗ blick fuͤr immer zu entziehen. Ich bitte Dich, Agnes! Wenn Du mich lieb haſt, ſo huͤte Deine Zunge, und laß Dich nie wieder zu unuͤberlegten Aeußerungen ſolches Inhalts verleiten!“ Jene nickte läͤchelnd mit dem Kopfe, hing die fertige Blumenkette uͤber die Lehne des zur Seite beſindlichen Seſſels und war im Begriff, der Schmollenden, unter Angele⸗ bung der ſtrengſten Folgſamkeit, gutmuͤthig die Hand zur Wiederausſöhnung zu bieten, als plotzlich ein näher und naͤher kommendes wildverwirrtes Getuͤmmel, das unten auf der Straße ſich vernehmen ließ, ihre Aufmerk⸗ ſamkeit rege machte. Agnes ergriff ein Licht und eilte, waͤhrend die Thuͤr der Wohnung von ungeſtuͤmen Händen geöffnet wurde, raſch und erſchrocken die beiden Treppen hinunter, um uͤber ſo befremdlichen Vorfall ſich nähere Kunde zu verſchaſſen.„Jeſus Marie!“ kreiſchte ſie auf; daß es gellend durch alle Winkel des Hauſes erſcholl. Ihr Angſtruf befluͤgelte Ulrikens Schritte, die, von Bangig⸗ keit und Beſtuͤrzung ergriſſen, der Schweſter gefolgt war. Entſetzenvoller, graͤßlicher An⸗ blick! Das bejammernswuͤrdige Opfer eines an ihm veruͤbten frepleriſchen Unternehmens, ward Robert ſo eben von fremden Maͤnnern in das Haus und Wohnzimmer hereingetra⸗ gen. Ein Meuchelmoͤrder hatte in einer ent— fernten einſamen Gegend der Stadt ihn uͤber⸗ fallen und auf den Tod verwundet. In Strömen quoll ihm von den ODolchſtößen, die er empfangen, das Blut aus der Bruſt, und ſchon hatten Sprache und Bewußtſeyn ihn verlaſſen. Er ward auf ein Ruhebett ge— legt; aber bevor man noch zum Verſuch der Huͤlfsleiſtung Zeit und Mittel fand, machte er, wie in unwillkuͤhrlicher Bewegung, mit matterhobner Hand das Zeichen des Kreuzes, und war verſchieden.— Durch den wogenden Volkshaufen, der Thuͤr und Hausflur beſetzt hielt und theils in Wehklagen uͤber das ſchaudervolle Ende des wackern und vielgeehrten Mannes, theils in Flüͤchen und Verwünſchungen gegen den ver⸗ ruchten Vollbringer der Unthat ſeiner gereiz⸗ ten Stimmung Luft machte, draͤngte mit wil⸗ dem ungeſtuͤmen Eifer ſich Martiz, um nach dem Innern der Wohnung, dem Schauplatze des herzzerreißenden Jammers und Grauens zu gelangen. Allgemein bekannt war es, welch enger Freundſchaftsbund zwiſchen ihm, dem Sohne des Stadtrichters, und dem Er⸗ mordeten beſtanden, ſchnell vergegenwaͤrtigte man ſich bey ſeinem Erſcheinen den Zuſtand, in welchen die Botſchaft von dem ſtattgehab⸗ ten ſchrecklichen Ereigniß ihn verſetzt haben mußte, und ſtillen Bedauerns wich man vor ihm an die Seite zuruͤck. Mit der Geberde eines Verzweifelnden, dem das feindſelige Ge⸗ ſchick urplotzlich ſeine letzte und liebſte Hof⸗ nung geraubt hat, betrat er das Zimmer. 1 dr ils in edes Dort kniete ſtill und regungslos Ahnes vor der blutbefleckten Lagerſtaͤtte, die ſtarren thraͤ⸗ nenloſen Blicke auf das bleiche Geſicht des Entſeelten geheftet, und ſeine erkaltende Hand krampfhaft gegen ihre Bruſt gedruͤckt. Ihr zur Seite ſtand ein aus dem angrenzenden Kloſter herbeyberufener Auguſtinermönch, in leiſem Gebet begriffen. Auf einem Armſtuhl in der entgegengeſetzten Ecke des Wohnge⸗ maches erblickte man die Ehofrau des Ermor⸗ deten, uͤber deren Weſen eine dumpfe ſchauerliche Ruhe verbreitet lag, da Schreck und Entſetzen ihr ſogleich alles Bewußtſeyn, und mit ihm den freien Gebrauch der Glie⸗ der geraubt hatten. Zwei Aerzte befanden mit ſtiller Aemſigkeit ſich in ihrer Naͤhe, und erſchöpften ihre Kunſt, um der Ungluͤcklichen beizuſtehen und ihre entweichenden Lebensgeiſter zuruͤckzurufen, waͤhrend die uͤbrigen Anweſenden, die auf die Nachricht von der ſtattgehabten Greuelthat als Freunde des Hauſes theilneh⸗ mend herbeigeeilt waren, nach erlangter Ge⸗ wißheit bang und muthlos ſich in der Ferne hielten und durch ein duͤſtres wehmuthsvolles — 136— Schweigen ihre Trauer und Niedergeſchlagen⸗ heit zu erkennen gaben. Die gerauſchvolle Heftigkeit, mit welcher Martiz hereinſtuͤrzte und der laute Schrey, den er bey Erblickung des Leichnams verneh⸗ men ließ, wirkten erfolgreicher auf die Leidende, als es die angewandten Kunſtmittel bisher vermocht hatten. Sie ſchlug die Augen auf, und ſuchte mit Anſtrengung aller ihrer Kraft ſich emporzurichten. Auf dem nahen Tiſche lag der mit einem Kreuzgriff verſehene blinkende Dolch, den der Meuchler, nach Volffuͤhrung ſeines ſchwarzen Vorhabens, von ſich gewor⸗ fen hatte. Die vom Blut des Chegatten triefende moͤrderiſche Wafſe war es, die Ul⸗ rikens aufdämmernden Blicken zuerſt begegnete. Aufs neue bemaͤchtigten die Schauder des Ent⸗ ſetzens mit verwirrender und betäubender Ge⸗ walt ſich ihrer Sinne; wie von einem zaͤhen Blitzſtrahl vernichtet, zuckte ſie lautlos in ſich ſelbſt zuſammen und verſank wieder in ihren vorigen Zuſtand zuruͤck. Die vertraute Freundſchaft, in welcher Martiz und Robert bisher gelebt hatten, war ſoan⸗ laeh⸗ nkende hrung gewbſ⸗ gatte e U⸗ nicht das Werk einer ſpaͤtern und gereiftern Wahl, ſondern beruhte vielmehr, da ſie ſchon aus der fruͤhern Jugend ſich herſchrieb, auf einer längſtverjährten Gewohnheit. Durch den Entſchluß, ſich einem verſchiedenen Lebensbe⸗ rufe zu widmen, waren ſie von einander ge⸗ trennt, durch die Fuͤgung des Schickſals, welches beiden, nach vollendeter Ausbildung, ihren Wirkungskreis in der Vaterſtadt eröff— nete, wieder vereinigt worden. Kaum ein Jahr mochte verſtrichen ſeyn, ſeit Martiz, von der Hochſchule zuruͤckkehrend, die Wieder⸗ anknuͤpfung jenes im Knabenalter begruͤndeten herzlichen Verhältniſſes zu ſeiner erſten und angelegentlichſten Sorge gemacht hatte. Er fand den Freund, der ihm beym Wettlauf nach dem beabſichtigten Ziele mit raſchen Schrit⸗ ten vorausgeeilt war, in der vollen Wirkſam⸗ keit eines von guͤnſtigen Erfolgen, wie von Achtung und Ehre gekronten Berufes, im Beſitz eines mit hohen Reizen begabten lieben⸗ den Weibes, im ungetrübten Genuß der voll— kommenſten haͤuslichen Zuftiedenheit, und war von dieſem Augenblick an der tägliche Zeuge — 138— des Gluͤckes geweſen, das jetzt eine ruchloſe Hand, auf ſo ſeelenempoͤrende Weiſe gewaltſam und fuͤr immer zerſtört hatte.— Allen ſtellte ſich dar, wie ſchwer es ihm ſiel, die uͤberwallenden Empſfindungen dem von der Nothwendigkeit des Augenblickes herbeige⸗ fuͤhrten Zwange zu unterwerfen, und unauf⸗ horlich deuteten ſeine Geberden und Bewegun⸗ gen mit unverkennbarem Ausdruck auf die Größe und Unerſetzlichkeit des Verluſtes hin, den er erlitten. Fieberglut und Leichenbläſſe wechſelten auf ſeinem Geſicht, wild hatten ſich ſeine Haare emporgeſträͤubt, und ein tie⸗ fer, mit verzehrender Wirkung um ſich grei⸗ fender Schmerz ſchien in ſeinem Innern zu toben. So ſtand er, von den Uebrigen ab⸗ geſondert, an einem einſamen Fenſter, ſchöpfte mit ſchnellen und horbaren Zuͤgen den Athem ein, und trocknete von Zeit zu Zeit ſich mit der flachen Hand den hervorquellenden Schweiß von der Stirn. Endlich naͤherte ſich ihm einer der Anwe⸗ ſenden, ergriff ihn ſanft beym Arme und ſagte mit leiſer bebender Stimme:„Wohl habt Un dr them ihr zu dieſem troſtloſen Gram und Kummer nur zu gerechten Grund, Herr Martiz! Je⸗ dermann weiß, was der Verſtorbene Euch ge⸗ weſen, und was Ihr an ihm verloren. Aber ein ernſteres Geſchaͤft, als eitles Jammern und Wehklagen, wird durch den plötzlichen Hintritt des Freundes Euch zur erſten und dringenden Pflicht; denn unter Mörderſtreichen iſt er gefallen; Euch vor allen andern geziemt es, die zu Aufſpürung und Verhaftung des Boͤſewichts erforderlichen Anſtalten ſelbſtthätig zu unterſtuͤtzen und zu beſchleunigen, bevor es ihm gelingt, ſich durch die Flucht in Sicher⸗ heit zu verſetzen. Drum ſucht Euch zu faſſen, und verwendet ohne Zeitverluſt Euern Eifer auf das Werk, welches der Anblick jenes bluti— gen Mordgewehres mit ſo gewichtvoller Mah⸗ nung von Euch erheiſcht!“ Martiz gab, wie aus einem duͤſtern ſinn⸗ betäubenden Traum erwachend, durch ein fluͤch⸗ tiges Nicken mit dem Kopfe ſeine Zuſtimmung in die an ihn ergangene Aufforderung zu erkennen, machte, mit Merkmalen des — 140— ſchnellbefeſtigten Entſchluſſes, von dem eifri⸗ gen Ermunterer ſich los und ſtuͤrmte von dannen. O. Aber ſchon war ſein Vater, des ihm ob⸗ liegenden Amtes eingedenk, mittlerweile auf Ergreifung der Maaßregeln bedacht geweſen, welche die Frevelthat, die mit ſo beyſpielloſer Verwegenheit innerhalb der Ringmauern der Stadt veruͤbt worden, der Ortsobrigkeit zum Geſetz machte. Bey Erwägung des Umſtan— des, daß es dem Moͤrder, wie der Augenſchein bewieß, nicht im entfernteſten um die Berau⸗ bung ſeines Opfers zu thun geweſen war, mußte ſogleich die Vermuthung Raum ge⸗ winnen, daß man einzig und allein in Haß und Rachbegierde die leitenden Triebfedern zu ſuchen habe. Ein ſchwerer Verdacht fiel auf Lernau. Es hatten, ſobald der Vor⸗ — 141— fall ruchtbar geworden, mehrere Perſonen, die von dem bereits oben erwähnten, zwiſchen Robert und Lernau ſtattgehabten heftigen Wortwechſel und von den verfaͤnglichen Dro⸗ hungen, die der letztere bey dieſer Gelegenheit ausgeſtoßen, Zeuge geweſen waren, ſich un⸗ aufgefordert in der Behauſung des Stadtrich⸗ ters eingefunden, um durch die gemachten Mittheilungen ihm zur Ausmittekung des Ver⸗ brechers behuͤlflich zu ſeyn. Ihren Ausſagen zufolge, ward der Gerichtsfrohn in aller Stille beauftragt, ſich mit einigen ſeiner Ge— huͤlfen nach Lernau's Wohnung zu verfügen und ihn in Verhaft zu nehmen. Das Haus war verſchloſſen. Sichtbar beſtuͤrzt und be⸗ trofſen uͤber den naͤchtlichen Zuſpruch, aber ſchnell ſich ſammelnd, erklaͤrte die Dienſtmagd, welche auf wiederholtes Klopfen die Thuͤr öſſ⸗ nete, daß Lernau nicht zu Hauſe, ſeine Heim⸗ kehr auch nicht zu erwarten ſey, da er im Weggehen geaͤußert, daß er bey einem Be⸗ kannten in der Vorſtadt, der ihn zum Abend⸗ eſſen geladen, uͤber Nacht zu bleiben gedenke. Man wußte jedoch, daß die Berichterſtatterin, — 142— abgerichtet, den von Glaͤubigern bedrängten Wuͤſtling ſchlau zu verleugnen, ſich aͤhnlicher Ausfluͤchte und Vorſpieglungen ſchon zu oft bedient hatte, um ihrer Angabe unbedingten Glauben zu ſchenken. Durch die Wichtigkeit des Gegenſtandes zu einer ſtrengern und ge⸗ nauern Nachforſchung geſpornt, ſtieg man un⸗ verzuͤglich die beiden Treppen hinauf und drang in das Wohnzimmer ein, wo der Aufgeſuchte bey tiefherabgebranntem Licht, ſchlafend auf einem Stuhle ſaß. Spuren des Weinrau⸗ ſches verriethen ſich, nachdem er durch den Zuruf der Eintretenden ermuntert worden war, in ſeinem Weſen und Benehmen. Auf die Anzeige, daß man, hoͤherm Befehl gemäß, ihn in gerichtlichen Verwahrſam zu bringen ge⸗ kommen ſey, machte er, zum Widerſtande ſich ruͤſtend, eine taumelnde Bewegung nach ei⸗ nem in der Ecke beſindlichen Stoßdegen;z bevor es ihm aber gelang, den angedrohten Ver⸗ ſuch ins Werk zu richten, ward er von den herbeieilenden Haͤſchern ergriſſen und als Gefangener nach dem fuͤr ihn erkohrnen Be⸗ ſtimmungsorte hinweggefuͤhrt. — 143— Noch mehrere, gegen den Verhafteten in Wirkung tretende Verdachtsgruͤnde fuͤhrte der nächſtfolgende Morgen herbey. Es fanden ſich in der Brieftaſche des Ermordeten folgende, mit Lernau's Namensunterſchrift verſehene Zeilen: „Die Schmaͤhungen und Anzuͤglichkei⸗ ten, mit welchen Ihr, bey der heut zwi— ſchen uns beiden vorgefallenen Unterredung, Eurer Galle Luft zu machen beliebtet, die— nen mir zum vollſtaͤndigen Beweiſe, daß ich die kalte Zuruͤckſetzung, die ich von Eurer Schwägerin erfahren muß, lediglich Eurer verläumderiſchen Ueberredungskunſt zu verdanken habe. Ein ſolcher Liebes— dienſt veranlaßt mich zu der Frage, ob Ihr Fechten gelornt und Muth genug habt, das Urtheil der kecken Zunge mit dem De⸗ gen in der Fauſt zu bekräftigen? Ihr wer⸗ det mir daher, noch eh der Abend herein bricht, Zeit und Stunde dieſer zweiten und letzten Zuſammenkunft näher beſtimmen, oder, wofern Ihr in feigherziger Beſorgniß fuͤr Leib und Leben, Euch meiner Einla⸗ — 144— dung widerſetzen ſolltet, der anderweitigen gerechten Zuͤchtigung gewaͤrtig ſeyn, wie ſie einer Memme gebuͤhrt!“— Als Antwort auf dieſe Herausforderung, war unter Lernau's mit Sorgfalt und Auf⸗ merkſamkeit unterſuchten Papieren folgender von Roberts Hand abgefaßter Gegenbeſcheid vorhanden: „Waͤren mir auch die Augenblicke minder wichtig und koſtbar, ſo wuͤrde doch ſchon die Verachtung, die Ihr mit immer ſtarkerm Eifer mir einzufloßen bemuͤht ſey es mir zur Pflicht machen, jede eh Beruͤhrung und Gemeinſchaft mit Euch auf das ſorgfaͤltigſte zu vermeiden. Nur ihr verdientes Recht habe ich Eurer Zudring⸗ lichkeit durch meine unumwundene Erklaͤ⸗ rung widerfahren laſſen. Jetzt, da ich in der Hauptſache nichts weiter mit Euch zu ſchaffen habe, bekoͤmmert mich Euer Haß eben ſo wenig, als ich Eure Drohungen fuͤrchte!“— So willig Lernau, bey dem mit ihm an⸗ geſtellten feyerlichen Verhör, die Aechtheit bei⸗ der — „— der Zuſchriften anerkannte ſo aͤmſig und leb⸗ haft erklaͤrte er ſich gegen die Muthmaßungen und Schluͤſſe, die man daraus abzuleiten ge⸗ neigt war.„Schaͤndlicher Argwohn!“ rief er aus.„Wohl fuͤhlte ich mich geſtimmt und bewogen, den Mann, in welchem ich den Zerſtörer meiner ſchönſten Hoffnungen zu er⸗ kennen glaubte, als meinen gefaͤhrlichſten Feind zu betrachten. Wohl ging ich, was ich nie leugnen werde, mit dem Gedanken um, ihm den gehaͤſſigen Eifer, mit welchem er meine Bewerbungen um die Hand ſeiner Schwägerin zu hintertreiben und zu vereiteln ſuchte, auf empſfindliche Weiſe fuͤhlbar zu machenz aber ihn meuchlings zu ermorden, konnte um ſo weniger in meinem Plane liegen, da nur die blinde unſinnige Verzweiflung ſich einzubilden vermocht hätte, daß durch einen Schritt die⸗ ſer Art die Erreichung des beabſichtigten Zwe⸗ ckes zu bewerkſtelligen ſey. Und wie hätte ich, nach dem zwiſchen uns vorgefallenen und ſtadt⸗ kundig gewordenen Wortzwiſt, bey einiger Beſonnenheit und Beruͤckſichtigung des eignen Heiles, ihm am Morgen den Zweikampf an⸗ 10 — 146— bieten, und am Abend den toͤdtlichen Dolch⸗ ſtoß verſetzen können, ohne zugleich den unaus⸗ bleiblichen Folgen des uͤbermuͤthigen Frevels, dem Beile des Nachrichters, mich ſchleunigſt durch die Flucht zu entziehen?“ „Nicht hohle Rednerfloskeln,“ ward ihm dagegen eingewandt,„ſondern nur unbeſtreit⸗ vare Thatſachen ſind im Stande, Euch von dem Verdacht zu reinigen, der auf Euch haf⸗ tet. Vergebens nehmt Ihr zu nichtsſagenden Entſchuldigungsgruͤnden Eure Zuflucht, wo es zuvörderſt auf die genaue und klar zu er⸗ weiſende Angabe des Ortes ankommt, an wel⸗ chem ihr waͤhrend des Augenblickes, da das blutige Unternehmen veruͤbt ward, Euch auf⸗ gehalten. Man weiß aber bereits, wie ſchwer es Euch fallen wird, uͤber dieſen Punkt die verlangte genuͤgende Auskunft zu ertheilen; denn ſchon haben ſich Zeugen gefunden, die Euch geſtern Abend um die neunte Stunde in jenem abgelegenen, von Eurer Wohnung ſo weit entfernten Theile der Stadt begegnet, und die Zuverlaͤſſigkeit dieſes wichtigen Umſtandes eyd⸗ uch zu erhärten gewilligt ſind!“ Dolch⸗ unaus⸗ Fubels, hleunigſ ard ihn nbeſtreit⸗ uch ben agenden k w tzu e⸗ an wel⸗ da das uch auf⸗ ſchwer nkt di rtheilen; die Euh in jenen ſo n un hie R cyd⸗ „Es bedarf,“ erwiederte Lernau mit vieler Gelaſſenheit,„zur Bekraͤftigung dieſer Ausſage des angebotenen Eyoſchwures nicht; da ich kein Bedenken trage, die Richtigkeit derſelben anzuerkennen. Wenn Schein und Zufall entſcheiden, ſo ſprechen beide freylich gegen mich. Ich glaube gern, daß ich auch in jener gedachten Gegend kann geſehen und erkannt worden ſeyn; denn allerdings bin ich am geſtrigen Abend wohl zwey Stunden lang bald hier bald dort in den Straßen der Stadt umher geſchweift.“ „Ein zweckloſes und muͤßiges Umhertrei⸗ ben,“ hieß es weiter,„iſt zwar Eurer Ge⸗ wohnheit nicht fremd; doch werdet Ihr uns nicht überreden wollen, daß Ihr auch geſtern, bey dem Sturm und Regen, vorzugsweiſe das Freye geſucht, ohne eine beſtimmte Abſicht, eine Geſchäftsverrichtung, die das herrſchende Unwetter vielleicht eben zu beguͤnſtigen verſprach, damit zu verbinden!“ „Keine andere Abſicht,“ verſetzte Lernau, „als fuͤr den finſtern Unmuth, der mir innerhalb der Stubenwaͤnde die Bruſt zerdrucken wollte, 10* — 148— draußen im Freyen mir Linderung und Erleichte⸗ rung zu gewinnen. Was achtete ich, in der Gemuͤthsſtimmung, in welche das beleidigende Verfahren meines Gegners und die von ihm erhaltene Zuſchrift mich verſetzt hatten, den Kampf der Elemente! Mag daher ein ungluͤck⸗ liches Zuſammentreffen verdächtiger Umſtände, verbunden mit dem Rufe meiner bisher gefuͤhr⸗ ten leichten und lockern Lebensweiſe, die an mir beſchloſſene Verhaftung und ſtrenge Unter⸗ ſuchung zu rechtfertigen ſcheinen! Mein Ge⸗ wiſſen iſt rein; ich habe keinen Theil an der begangenen Blutſchuld!“— Auf ähnliche Weiſe und ohne durch die verſchiedenartigen Wendungen, deren man ſich bediente, nur im geringſten ſich aus der Faſ⸗ ſung bringen, oder auf einem Widerſpruch ertappen zu laſſen, beantwortete er alle, noch ferner an ihn gerichteten, zum Theil auf die unbedeutendſten Geringfuͤgigkeiten ſich erſtrecken⸗ den Fragen. Ein unbefangener ruhiger Gleich⸗ muth, wie er im nehmlichen Grade ſowohl der abgefeimten Verſtocktheit, als dem ſchuld⸗ loſen Bewußtſeyn eigen zu ſeyn pflegt, ſtand — 149— fortwaäͤhrend in ſeinem Weſen ausgedruͤckt und verließ ihn auch in dem Augenblick nicht, als bey Beendigung des Verhoͤres ihm angedeutet ward, daß man, in der vollen Ueberzeugung ſeiner Schuld, ihm zur Aenderung des ver⸗ härteten Sinnes eine Friſt von drey Tagen geſtatte, um ſodann, falls er unablaͤſſig bey Lug und Leugnen verharre, ihm durch die Folter das Geſtaͤndniß zu entreißen, welches er freywillig abzulegen nicht geſonnen ſey. Um die Mitternachtſtunde des nehmlichen Tages ward er von dem hereintretenden Gefan⸗ genwärter aus dem Schlaf geweckt, zum ra— ſchen Ankleiden ermuntert und hierauf mit ver⸗ bundenen Augen aus dem Kerker gefuͤhrt. Die unter dem geheimnißvollen Schweigen der begleitenden Gerichtsknechte mit ihm angeſtellte nächtliche Wanderung ging durch mehrere Gaſ⸗ ſen der Stadt, und alle Nachfragen, die er uͤber Zweck und Richtung derſelben laut wer⸗ den ließ, blieben unbeantwortet. Als man ihm die Binde von den Augen hinwegnahm, befand er ſich in einem ſchwarzbehangenen, von Wachskerzen erleuchteten Zimmer. Dicht — 150— vor ihnen lag der Leichnam des Ermordeten, halbentkleidet und mit der klaffenden Todes⸗ wunde in der entblößten Bruſt. Ihm gegen⸗ uͤber, hinter einem Tiſche mit aufgeſchlagener Bibel, ſtanden drey Männer in Trauerkleidern. Es herrſchte minutenlang ein tiefes feyerliches Stillſchweigen.—„Der Herr wird aufde⸗ cken, was verborgen war, und die Werke des Gottloſen an das Licht bringen!“ ließ endlich eine dumpfe, faſt tonloſe Stimme ſich verneh⸗ men.„Vor den Augen des Allwiſſenden, dem die geheimſte That klar wie der Tag iſt, legt Eure rechte Hand auf die Wunde dieſes Getoͤdteten, und ruft ihn ſelbſt zum Zeugen auf, daß Ihr ſchuldlos ſeyd an ſeinem ge⸗ waltſamen Dahinſcheiden!“ „Auf ſchauerliche Weiſe geſellte ſich in dieſem Augenblick zu den hier getroſſenen Zu⸗ ruͤſtungen der helle Klang eines Glöckleins, das vom benachbarten Auguſtinerkloſter plotz⸗ lich durch die Stille der Nacht zu ertönen begann; und nicht ohne die ſichtbarſten Merk⸗ male des innern Grauens that Lernau, was von ihm begehrt wurde.„Ich wiederhole,“ deten, odes⸗ gegen⸗ ogenet idern. rliches auſde⸗ ke des nolich nh⸗ enden, ⁰9 ſſt, dieſes zeugen m h ch in Zl⸗ fleins, pl⸗ rtönn Muf⸗ waz e, — 151— ſagte er mit ſtotternder Zunge,„daß ich un⸗ ſchuldig bin an dem gewaltthätigen Ende die⸗ ſes Mannes, und ich rufe ſeinen entflohenen Geiſt zum Zeugen auf, daß ich die Wahr⸗ heit rede!“ „So ſprecht Euren Fluch aus uͤber den Thaͤter, und beſchwoͤrt die Rache des hoͤchſten Vergelters herab auf das Haupt desjenigen, der dieſes Blut vergoſſen!“ „Die Rache bleibe dem Ewigen anheim⸗ geſtellt, wie das Erbarmen!“ fuhr der Be⸗ klommene fort.„Er richte nach ſeiner Ge⸗ rechtigkeit uͤber die That ſeibſt, wie uͤber die Beweggruͤnde, aus welchen ſie hervorging!“ „Ihr verfaͤrbt Euch und zittert!“ ver⸗ lautbarte ſich jetzt die an ihn gerichtete Stimme.„Statt dem ergangenen Geheiß mit klarem und verſtaͤndlichem Ausdruck Folge zu leiſten, ſucht ihr in ſchwankenden Doppel⸗ ſinn Eure Worte zu kleiden, und deutlich giebt an Eurem ganzen Weſen ſich kund, wie ihr mit aͤngſtlichem Eifer das aufwallende Gefuͤhl zu erſticken bemuͤht ſeyd, das, durch die hier vorhandenen Gegenſtaͤnde ergriſſen — 152— und uͤberraſcht, an Euch zum Verraͤther zu werden droht!“ Lernau ſuchte mit aller Anſtrengung ſich aus der bangen Betroffenheit, in die er ge⸗ rathen war, zu ermannen und zu ermuthigen. „Wer mag es mir,“ ſprach er,„zur Be⸗ ſtätigung des auf mich geworfnen ſchmaͤhlichen Argwohnes anrechnen, wenn der natuͤrliche Widerwille gegen die mir anbefohlne ſchau⸗ dervolle Beruͤhrung eines blutigen Leichnams meine Geiſteskraft erſchuͤttert, und auf die Unbefangenheit meines Weſens nachtheilig und ſtörend einwirkt! In noch höherm Grade vielleicht, aber nicht minder nur durch Ur⸗ ſachen des Augenblickes veranlaßt, wird dieſes Zittern und Zagen wiederkehren, ſobald die Marter, mit welcher man mich bedroht hat, wirklich an mir in Erfuͤllung gebracht werden ſollte. Und ſo erklaͤre ich denn auf das feyer⸗ lichſte hiermit als falſch und unguͤltig jede Sylbe des Geſtändniſſes, welches Furcht und Schmerz mir erpreſſen!“ Statt der Antwort erfolgte ein ſtummer Wink an die vor der Thuͤr harrenden Scher⸗ —— — 153— gen, welche dem Angeſchuldigten alsbald die Hände zuſammen banden, und ihn auf dem Wege, den er gekommen war, ſtill und ge⸗ raͤuſchlos nach ſeinem Kerker zuruͤckfuͤhrten. 4. Der Tag, an welchem die ſterblichen Ueberreſte des Verblichenen zur Gruft beſtattet werden ſollten, war erſchienen. Dumpfen Klanges verkuͤndigte das Glockengeläut vom Thurm der Begraͤbnißkirche die im Werk be⸗ griffene duͤſtre Feyer. Den verdienſtvollen und wohlthaͤtigen Berufsfleiß des Verewigten in dankbarer Erinnerung bewahrend, und durch die grauenvolle Weiſe, wie ihn ſein letztes Schickſal uͤberraſcht; zur ſchmerzlichſten Theil⸗ nahme aufgeregt, hatten ſich die Bewohner der Stadt in unzäͤhlbarer Menge vor dem — 154— Trauerhauſe verſammelt, um den Leichenzug zu begleiten, der jetzt, vom hochragenden be⸗ florten Kreuze des voranſchreitenden Chorkna⸗ ben eroͤffnet, ſich unter Anſtimmung geiſtlicher Geſaͤnge langſam in Bewegung zu ſetzen be⸗ gann. Auf dem Gottesacker angelangt, ward die Bahre mit dem Sarge dicht vor der zu ſeinem Empfange bereiteten Grabſtätte nieder⸗ geſetzt und der Deckel deſſelben, nach der Sitte des Landes, noch einmal hinweggenommen, um den Anweſenden, bey Verrichtung ihres letzten Gebetes fuͤr das Seelenheil des Ent⸗ ſchlafenen, zugleich den Anblick ſeines irdiſchen Bildes zu gewähren. Mit blaſſem aber un⸗ entſtelltem Antlitz lag er da, die Hände über der Bruſt gefaltet. Dem tiefen und ſuͤßen Schlummer, nach vorangegangener ſchwerer Ermuͤdung, glich ſein Todesſchlaf. Noch ließ die liebreich theilnehmende Herzlichkeit, mit welcher er am Krankenbett zu helfen und zu troͤſten geſucht, ſich in ſeinen Geſichtszuͤgen erkennen. Weder ihren Reiz noch Ausdruck hatte, waͤhrend die Spur eines verzeihenden Lächelns um ſeine Lippen zu ſchweben ſchien, henzu den be⸗ horkna⸗ iſtlichet zen be⸗ * ward der ju niedet⸗ Sitte mwen, ihres 5 Ent⸗ miſchen er un⸗ d iber hweret h liß mit und zu zzigen vödu henden hien h — 155— die an ihm veruͤbte Gewaltthat zu vertilgen und auszuloͤſchen vermocht. Das Gefuͤhl der tiefſten bitterſten Weh⸗ muth ergriff, bey Erblickung des ruchlos Da⸗ hingeopferten, die verſammelte Schaar, und in ein lautes Weinen und Schluchzen ergoß bey allen, die in näherer Verbindung mit ihm geſtanden oder im Drange der Noth ſeine un⸗ eigennuͤtzige Dienſigefäͤlligkeit erfahren hatten, ſich der uͤberſtroͤmende Schmerz. Da trat aus dem dichtgedraͤngten, den Sarg umringenden Volkshaufen, ein ältlicher Mann hervor, in Trauerkleider gehuͤllt und von Gram und Kummer darniedergebeugt. Es war der Oheim der beiden Schweſtern, der in ſtiller Zuruͤckgezogenheit einen acht Meilen von hier entfernten Landſitz bewohnte, von wannen er, durch einen Eilboten uͤber das vor⸗ gefallene Schreckensereigniß benachrichtigt, ge⸗ ſtern in der Stadt angelangt war, um den Entſeelten, der ſeinem Herzen ſo werth und theuer geweſen, auf dem letzten Wege zu be⸗ gleiten, und die jammernden Hinterbliebenen durch ſeine troſtbringende Nähe in ihrem Lei⸗ — 56— denskampfe zu ſtaͤrken und aufrecht zu erhalten. Tief uͤber die faltenvolle Stirn hatte er ſich den Hut hinabgedruͤckt, indeß mit ſchlaͤngeln— der Bewegung der auf demſelben befeſtigte lange Flor, ein Spiel des Windes unruhig in der Luft umherflatterte. Ernſten Angeſichts und mit feyerlich abgemeſſenen Schritten naͤherte er ſich dem geöfſneten Sarge, legte ſeine Rechte auf die erkalteten Haͤnde des Todten, erhob ſeine Stimme und ſprach: „Vom wiederkehrenden Herbſt ſeh' ich den Baum entlaubt und die verwelkten Blät⸗ ter umhergeſtreut. Doch nur dem Ruf der ewigen Ordnung gehorcht er, und nur auf höherm Wink nimmt er ſein preisgegebenes Opfer dahin. Aber ſo ſoll ich auch Dich wiederſchauen, erbleicht und verwelkt, noch ehe Dein Herbſt gekommen war! Wehe dem Gedanken, der, dem Geſetz der Natur vorgrei⸗ fend, dieſes bluͤhende Leben zu zerſtören be⸗ ſchloß! Wehe der vollfuͤhrten That, die fre⸗ velnd bewirkte, daß dieſes fröhlich ſchlagende Herz brechen, dieſe wohlthätige Hand erſta⸗ — 157— ren, dieſes liebevolle Auge ſich ſchließen mußte! Wehe dem Suͤnder, der Dich unvorbereitet dem Richterſtuhl entgegen ſandte, vor welchem ſelbſt der Reinſte, nur durch die Flamme ge⸗ laͤutert, erſcheinen darf! Noch ſteht er in ein zweifelhaftes Dunkel gehuͤllt; aber aus dieſer von ihm geſchlagenen Todeswunde wird ſich der Raͤcher erheben und ihn entlarven⸗ Zur Geißel wird ſein Gewiſſen, zum Schlan⸗ genſtich ſeine Reue, zur Feuerflamme ſeine Buße werden! Seine Schuld zu verſöhnen, wird er zum Guten ſich neigen, und im lob⸗ lichen Werke ſelbſt den Fallſtrick finden, der ihn vernichtet!“— Es hatten, während der Alte mit ſtei⸗ gender Kraftanſtrengung dieſe Worte verneh⸗ men ließ, ſeine bleichen eingefallenen Wangen ſich nach und nach mit einer brennenden Roͤthe uͤberzogen; der heftigſte Gemuͤthskampf ſprach aus ſeinem Weſen, und ſtechend fun— kelten ſeine Blicke unter den dichtbebuſchten Augenbraunen hervor. Er behielt noch ein paar Minuten lang die angenommene Stel⸗ lung bey, bewegte, wie zu leiſem Gebet uͤber⸗ — 158— gehend, raſch und eifrig die Lippen, neigte ſie dann zum Kuß des Abſchiedes auf das Ge⸗ ſicht des Entſchlummerten hinab, und verlor ſich wieder unter den Umſtehenden. Aufs neue und mit ruͤhrendem Abſtich gegen den erſchuͤtternden Inhalt des Rach⸗ ſpruches, von welchem die ſtattgehabte Unter⸗ brechung begleitet geweſen, begann der fromme Liedesgeſang, bey deſſen Anſtimmung der Sarg jetzt wieder verſchloſſen und in die Gruft hinabgeſenkt wurde. Stillen Schrittes und in ernſte Betrachtungen vertieft, zerſtreute ſich die anweſende Menge, theils nach der Stadt zuruͤckkehrend, theils nach dem Innern der nahen Kirche ſich wendend, deren ofſenſtehende Pforte zur Beywohnung des eben beginnenden feyerlichen Seelenamtes fuͤr den Verſtorbenen einlud. 5 Dem unvertilgbaren herzzernagenden Grame in dumpfer Muthloſigkeit nachhaͤngend, Abfich Ruch⸗ Unter⸗ fromme det Groft eb und ute ſch Emt ern det ſchende nenden orbenen hinden ingend⸗ — 159— ſaßen Ulrike und Agnes am Abend nach er⸗ folgter Beerdigung des Entſchlafenen in dem verodeten Wohnzimmer, deſſen Gegenſtaͤnde und Geraͤthſchaften ihnen mit unablaͤſſigem Wink die Bilder des einſtmaligen, nun fuͤr immer dahin geſchwundenen Gluͤckes in das Gedächtniß zuruͤck riefen. Zwar hatte das ſinnverwirrende Entſetzen, das ſich ihrer im erſten Augenblick bemeiſtert gehabt, allmählich in eine ſtillere Trauer ſich aufgelöſt, und die auf ihrer Seele laſtende Verzweiflungspein in Thraͤnen Erleichterung gefundenz aber noch immer vermochten ſie weder durch eigne Kraft in ihrem Schmerz ſich zu faſſen, noch zur Empfäͤnglichkeit fuͤr die Troſigruͤnde zu gelangen, mit welchen, ſeinen heiligen Beruf erfuͤllend, der ehrwuͤrdige Ordensgeiſtliche, der ſeit jenem Schreckensabend nur wenig von ih⸗ rer Seite gewichen, ſie in ihrer Niedergeſchla⸗ genheit und Betruͤbniß aufzurichten bemuͤht war. Auch jetzt befand er mit der ruhigen Milde eines hoͤhern Friedensboden ſich in ihrer Nahe. In heilbringender, auf die Erqui⸗ kungsgabe des Glaubens hinweiſender Mah⸗ — 160— nung, die ſanft und wohllautend von ſeinen Lippen floß, hatte er ſich zu den Trauernden gewandt, und mit wehmuͤthiger Aufmerkſam⸗ keit hoben dieſe die wundgeweinten Augen zu ihm empor. In geraumer Eutfernung von ih⸗ nen, am lodernden Kaminfeuer, ſaß, wie er vom Begraͤbniß zuruͤckgekehrt war, noch in der vollen Trauerkleidung der Oheim, das Haupt in die Hand geſtuͤtzt, die im Hinter⸗ grunde des Zimmers ſich erhebenden Seufzer und Troſtſpruͤche unbeachtend, und nur mit Gegenſtänden des eignen Nachdenkens be⸗ ſchäͤftigt.— Da öffnete ſich leiſe die Thuͤr und Mar⸗ tiz trat herein. Auch er war vom Kopf bis zu den Füßen in die Farbe der Trauer ge⸗ huͤllt, ob wohl er eben ſo wenig, als die bey⸗ den Schweſtern, es uͤber ſich zu gewinnen vermocht hatte, bey der heutigen Beerdigungs⸗ feyerlichkeit in Perſon gegenwärtig zu ſeyn. Eine Zeitlang blieb er, den ſanften Ermah⸗ nungen des Geiſtlichen zuhörend, mit ſtill⸗ geſenkten Blicken von ferne ſtehen; als aber eine Pauſe erfolgt war, ſchritt er näher hinzu, und ebeh⸗ vinnen un ſehn⸗ mah⸗ ſil⸗ hinzo/ 1 d — 161— und nahm unaufgefordet an dem nehmlichen Jiſche ſeinem Platz ein.„Eure Worte, ehr⸗ wuͤrdiger Vater,“ ſing er zu ſprechen an, „beurkunden die Gewißheit ihrer höhern Ein⸗ gebung und Weiſe, denn mit wunderbarer Kraft erquicken und erheitern ſie das verza⸗ gende Herz. Aber ſeyd Ihr nicht auch der Meinung, daß in der vorhandenen traurigen Angelegenheit die Beruhigungsgruͤnde, welche die Religion darbietet, nebenbey durch ander⸗ weitige Maaßregeln und Vorkehrungen unter⸗ ſtützt werden muͤſſen, wenn der beabſichtigte Zweck ganz erreicht werden ſoll? Unfehlbar wuͤrde ein fortgeſetztes Verweilen in dieſem Hauſe, wo jeder Winkel, auf den harten und unwiederbringlichen Verluſt hindeutend, nichts als peinvolle Erinnerungen weckt, nur dazu dienen, der truͤbſinnigen Schwermuth ohne Unterlaß neue Nahrung zu gewähren, und jeden Verſuch zu einer frohern Gemuͤths⸗ erhebung im Keim zu erſticken. Eben die Ue⸗ berzeugung, edle Frau!“ fuhr er fort, indem er ſich zu Ulriken wandte,„wie ernſtlich Ihr, um Eurer ſelbſt willen, auf eine ſchleunige 11 — 162— Veränderung Eures jetzigen Aufenthaltsortes zu denken habt, und die Vorſchläge, die ich Euch in dieſer Hinſicht zu thun im Begriff bin, ſind die Urſache meines ſpaͤten Beſuches. In ſeinem eignen geraͤumigen Hauſe bietet mein Vater Euch und Eurer Schweſter fuͤr die Zukunft einen bequemen und freundlichen Wohnſitz an. Ihr werdet dieſen Beweis ſei⸗ ner theilnehmenden Bereitwilligkeit nicht ver⸗ ſchmaͤhen! Es iſt ſein innigſter Wunſch, daß es Euch gefallen möge, von den erwaͤhnten Wohngemaͤchern, die bereits fuͤr Euch in Ord⸗ nung gebracht worden ſind, je eher je lieber Beſitz zu nehmen!“ „Mit nichten!“ verſetzte Ulrike, den ihr gemachten Antrag auf das beſtimmteſte und mit dem lebhafteſten Nachdruck von ſich zu⸗ ruͤckweiſend.„Zwar wird meines Bleibens hier nicht länger ſeyn, und vielleicht ſchon morgen werde ich dieſen Waͤnden für immer den Ruͤcken kehren; aber nicht zu Eurem Vater, ſondern zu meinem Oheim, der zu Anerbietungen und Freundesdienſten dieſer Art . 8 Heu jcher lyle wrſen nomn rickn Euch loten wein mich hinnt für ſ ren. duß und We und len rwähnten jn Ord⸗ h in Or . je lieber ben ihr teſte und ſich ſ⸗ Blbn 6t ſchin ir imm u Eunmn hir j — 163— denn doch viel naͤher befugt iſt, bin ich vor⸗ läufig meine Zuflucht zu nehmen entſchloſſen!“ „Ueberlegt die Sache genauer, und Ihr werdet Euch eines andern befinnen!“ rief Mar⸗ tiz, durch die vernommene Aeuſſerung ſicht⸗ bar uͤberraſcht und betroſſen.„Die vertraute Freundſchaft, deren mich der Verſtorbene von jeher gewuͤrdigt, giebt mir das erſte und hei⸗ ligſte Recht, auf Euer Beſtes zu denken und, wofern ihr dieſe in ſo redlicher Abſicht unter⸗ nommenen Bemühungen mißdeuten und zu⸗ ruͤckweiſen ſolltet, meinen Rath und Beyſtand Euch aufzudringen. Auch ich habe ver⸗ loren, was ihr entbehrt! der von Euch Be⸗ weinte ward auch mir entriſſen! Es wuͤrde mich troſtlos machen, wenn mir nicht ver— gonnt bleiben ſollte, in der thätigen Sorge fuͤr ſeine Hinterlaſſenen ſein Andenken zu eh⸗ ren. Nein, nimmermehr darf ich zugeben, daß Ihr, in Eurer jetzigen Gemuͤthsſtimmung und zu dieſer Jahreszeit, den bisherigen Wohnſitz verlaßt, um Euch in die einſame und melancholiſche Abgeſchiedenheit des Land⸗ lebens zu vergraben!“ — 164— „Ihr ſeyd im Irrthum,“ ſprach der Oheim, der mittlerweile mit gereizter Auf⸗ merkſamkeit ſeinen Platz verlaſſen und ſich dem Tiſche genähert hatte,„wenn Ihr den Ge⸗ danken hegt, daß das Getuͤmmel der Stadt geſchickter ſey, den Truͤbſinn der Leidenden zu zerſtreuen, als die ländliche Ruhe, nach der ihre kranke Seele ſich ſehnt! Ein Zuſtand, wie der ihrige, kann wahre Linderung und Erleichterung nur in der zuruͤckgezogenen Stille finden, die auf ſanftere Weiſe und unter dem Einfluß der vermittelnden Zeit ihre wohlthätige Heilkraft an ihm zu bewaͤhren verſpricht!“ „Auch ich erkläre mich,“ ſagte Agnes, „auf das unbedingteſte gegen ein ſolches Aner⸗ bieten! Auch ich werde mit blutender Seele den Augenblick ſegnen, der mich aus einer Stadt von dannen fuͤhrt, in deren Gaſſen die Hinterliſt und der Meuchelmord lauern!“ „Niemand kann tiefer, als ich, empfin⸗ den, wie gerecht der Kummer iſt, in welchen der unerwartete Hintritt Eures Ehegatten Euch verſenkt hat!“ fuhr Martiz, als ob er die ihn ſt ibechi ſprech ernde entric nicht (bn bobe hinft blaiber Euch rike lingſ „Ihr ſt m ds Nch weite iſt m Beſt nen ſiner fur rach der u Auf⸗ ſich dem den Ge⸗ r Stadt enden zu nach det guſtand, ogenen eiſe und Zit ihre bewährn N n 9 rSeele us eine di iſſen NM N* empfin weltß n buch * er die — 165— ihm ſo eben gemachten Einwendungen gaͤnzlich uͤberhört haͤtte, mit unveraͤndertem Tone zu ſprechen fort.„Aber waͤhrend Ihr mit trau⸗ erndem Herzen den Zoll der Wehmuth ihm entrichtet, ſolltet Ihr billig auch der Pflicht nicht vergeſſen, die Ihr, nachdem das Un⸗ abänderliche geſchehen, gegen Euch ſelbſt zu beobachten habt, wenn Euer Gemuͤth fuͤr kuͤnftige angenehmere Eindruͤcke empfaͤnglich bleiben und jemals die Freude des Lebens Euch wieder laͤcheln ſoll!“ „Sie ſoll und wird es nicht!“ rief Ul⸗ rike mit ernſtvoller Hindeutung auf einen längſt in ihrem Innern gereiften Entſchluß. „Ihr fuͤr immer zu entſagen und abzuſterben, iſt mein einziges und eifrigſtes Bemuͤhen, ſeit das Gluͤck meines Lebens im Grabe ruht! Nach einer Freyſtätte, wo mir die Welt nichts weiter zu rauben noch zu gewähren vermag, iſt mein Sinn gerichtet. Der ungetheilten Beſchäftigung mit dem Bilde des Verbliche⸗ nen und dem ämſigen Gebet fuͤr das Heil ſeiner Seele ſoll in klöſterlicher Einſamkeit fortan der Reſt meiner Tage gewidmet ſeynk — 166— Das hab' ich dem blutenden Leichnam feyer⸗ d 5 lich zugeſchworen; und ſo lange die Unver⸗ Sin letzlichkeit eines geleiſteten Eydſpruches mir hei⸗ hfin lig iſt, ſoll es keiner Ueberredungskunſt jemals ſiclu gelingen, von der ſtrengen Vollfuͤhrung dieſes du Gelübdes mich abwendig zu machen!“ gr und „So moͤge jetzt und immerdar, bey den verfuͤhreriſchen Anfechtungen der Welt, die richtige Anerkennung des höchſten Gutes in ſut Eurem frommen Vorhaben Euch ſtärken und Cuß bekräftigen!“ ſagte der Geiſtliche mit hoch 6 p gefalteten Haͤnden. is ſin Das ſchreckhafte Befremden, welches 3h Martiz, bey Anhorung dieſes Geſtaͤndniſſes nein blicken ließ, diente zum Beweiſe, wie wenig wird er auf eine ſolche Wendung des Geſpräches, auf die Erklärung eines ſolchen Entſchluſſes, vorbereitet geweſen war. Nur muͤhſam und ihun mit Aufbietung aller ſeiner Geiſtesgegenwart ſir ſchien er, beym Kampf der wildemporten Ge⸗ 9ren fuhle ſich beherrſchen und vor den Augen der jum Anweſenden in den Grenzen der Faſſung und Ohe Beſonnenheit behaupten zu können.„Alſo Aiſ m feyer⸗ eUver⸗ mir hei⸗ ſt jemalb diſt kes in ken und wilches ndniſis e wenig pröches, ſchluſſc, um und gennatt ten G⸗ ugen h un und „Ah — 167— die Hoffnungen,“ ſprach er mit bebender Stimme,„die ich fuͤr die Fortdauer eines befreundeten Verhältniſſes gehegt, und die An⸗ ſtalten, welche mein Vater mit zuvorkommen⸗ der herzlicher Sorgfalt zu Eurer Aufnahme getroffen— alſo alles, alles wäre vergeblich und zwecklos geweſen?“ „Nehmt zum Abſchiede dieſes Geſchenk!“ ſagte Ulrike, indem ſie ihm ein kleines, mit Edelſteinen beſetztes Kreuz uͤberreichte.„Tragt es zur Erinnerung an den Mann, der Euch bis zu ſeinem letzten Athemzuge in Freund⸗ ſchaft gewogen war, und deſſen Andenken Ihr durch die ſtille und beſcheidene Billigung meines Euch kundgemachten Vorſatzes am wuͤrdigſten ehren werdet!“— Sie erhob ſich bey dieſen Worten von ihrem Stuhl und ſchwankte, von der Schwe⸗ ſter begleitet und unterſtutzt, nach dem an? grenzenden Gemach. Auch Martiz ſchickte zum Aufbruch ſich an, da er weder mit dem Oheim, noch mit dem Geiſtlichen, der einen ſeltſamen bedenklichen Blick auf ihn heftete, 4 3 —— — 168— die angeknuͤpfte Unterredung fortzufuͤhren ge⸗ neigt war.„Alles zwecklos und vergeblich!“ murmelte et dumpf vor ſich hin und verließ das Haus. 6. Der aufgehende Morgen warf ſeinen er⸗ ſien dämmernden Lichtſchimmer durch die kleine und engvergitterte Fenſteröffnung des Kerkers, in welchem Lernau der Entwickelung ſeines Schickſals entgegenharrte. Eben hatte er ſich dem Schlaf entwunden, ſtill und unbeweglich ſaß er, in ein duͤſtres Nachgruͤ⸗ beln verloren, auf ſeiner aͤrmlichen Lagerſtätte, als plötzlich dicht hinter ſeinem Ruͤcken an det Auſſenwand des Gefängniſſes ſich ein Ge⸗ raͤuſch vernehmen ließ, beſtehend in einem ge⸗ gen die Mauer gefuͤhrten und mehrmals wie⸗ derholten Klopfen, wodurch man, mit geheim⸗ nhlieh M) d vuließ inen er⸗ ung des vickelung nhatte und lchon⸗ ſit ken an ein G nem — 169— nißvoller Hindeutung auf ein zu ſeinem Be⸗ ſten im Werke befindliches Unternehmen, au⸗ genſcheinlich ihn zu ermuntern und aufmerk⸗ ſam zu machen, beeifert war. Bald darauf flog durch die uͤber ſeinem Haupt befindliche Oeſſ⸗ nung ein zuſammengewickeltes Papier zu ihm herab. Betroffen ſchlug er es auseinander, erblickte eine kuͤnſtlich gearbeitete Stahlfeile und las folgende, in unbekannten Schrift⸗ zuͤgen abgefaßte und an ihn gerichtete Zeilen: „Eure Sache ſteht ſchlimmer, als Ihr vielleicht zu vermuthen geneigt ſeyd. Schon im Lauf der nächſtfolgenden Tage will man, wie die bereits getroffenen Vor⸗ bereitungen anzeigen, die Folter bis zu den letzten Graden an Euch verſuchen, um das Geſtändniß von Euren Lippen zu vernehmen, deſſen man zur rechtsguͤltigen Abfaſſung des letzten Urthelſpruches bedarf. Aber bis da⸗ hin ſoll es nicht mit Euch kommen! Der unwandelbar ſich gleichbleibende, ſtandhafte Muth, den Ihr in den bisher mit Euch — 170— angeſtellten Verhoren fortwaͤhrend bewieſen, hat Euch einen Freund erweckt, welcher die Ueberzeugung von Eurer Unſchuld durch den herzhaften Verſuch Eurer Rettung zu beſiegeln entſchloſſen iſt. Die zunächſt be⸗ vorſtehende Nacht iſt zur Ausfuͤhrung des Wagſtuͤckes beſtimmt. Das Werk weni⸗ ger Minuten wird es ſeyn, Euch vermit⸗ telſt des beiliegenden Werkzeuges Eurer Feſ⸗ ſeln zu entledigen. Macht Euch daher nicht eher, als bis Ihr nach Ablauf des Tages vor jedem fernern unwillkommenen Zuſpruch Euch geſichert glaubt, an dieſe Arbeit und ſucht nach Beendigung derſelben den Ein⸗ gang zn Euerm Gefaͤngniß, ſo gut es ſich thun laͤßt, vorſichtig von innen zu verram⸗ meln und zu verwahren. Wenn die Uhr auf der Kloſterkirche die eilfte Stunde verkuͤndigt hat, wird Euer Befreyer ſich einſinden, die aͤußere Kerkerwand ſchnell durchbrechen und das Pförtlein in der be⸗ nachbarten Stadtmauer Euch aufſchließen, von wannen Eurer ungeſaͤumten und unbe⸗ merkten Flucht nach der Gegend des Wald⸗ gel iten gene war wor der Fiſt woh lig zut lund zurh äng gen Sit i ent Ihr de — 171— gebirges kein Hinderniß weiter im Wege ſteht.“— Waͤhrend Lernau, auf das lebhafteſte uͤberraſcht, ſich mit dem Inhalt der empfan⸗ genen Zeilen naͤher bekannt gemacht hatte, war draußen alles wieder ſtill und ruhig ge⸗ worden; ſtatt deſſen vernahm er jetzt die von der entgegengeſetzten Seite ſich annähernden Fußtritte des Kerkermeiſters, der ſeinen ge⸗ wohnten Morgenbeſuch abzuſtatten im Be⸗ griff war. Raſch griff er nach der vor ihm liegenden Feile, um ſie wieder in das Papier zu wickeln und beides unter der Lagerdecke zu verbergen. Aber in der nehmlichen Se⸗ kunde wich auch ſchon der Eiſenriegel klirrend zuruͤck und die Thuͤr that ſich auf. Die aͤngſtliche Haſt, mit welcher Lernau die Ge⸗ genſtände der ihm gemachten Mittheilung in Sicherheit zu bringen ſuchte, war den ſcharf⸗ ſpähenden Blicken des Eintretenden keineswegs entgangen.„Was giebts? Woruͤber erſchreckt Ihr ſo heftig?“ war die verfaͤngliche Frage, die er ſogleich erhob. — 172— „Wenn man auf ſo plumpe und unge⸗ ſtuͤme Weiſe aus dem Schlaf geruͤttelt wird, wie es eben der Fall war, ſo beantwortet ſich dieſe Frage ſchon von ſelbſt!“ entgegnete Lernau mit unmuthigem Geberdenſpiel. „Wirklich? Ihr meint alſo, daß ich mit dieſem kurzgefaßten Beſcheid mich ohne Weiteres zufrieden geben ſoll?“ fuhr der Argwöhniſche fort.„Was haltet Ihr bey Euch verſteckt? Gleich heraus damit, wenn ich nicht augenblicklich meine Knechte herbey⸗ rufen ſoll, um ſofort zur ſtrengſten und ge⸗ naueſten Unterſuchung Eures Lagers zu⸗ ſchreiten!“ Er machte bey dieſen Worten zugleich eine ſo unzweideutige Wendung nach der Thuͤr, daß die raſch beſchloſſene Vollfuͤhrung des ge⸗ außerten Vorhabens keinem SZweifel unterlag. „Bleibt! ich will Euch alles entdecken, was Ihr verlangt!“ rief Lernau, der jetzt wohl einſah, daß es um die Bewahrung des ge⸗ faͤhrlichen Geheimniſſes unwiderruflich gethan ſey, zugleich aber auch darauf bedacht war, wie Bef fuͤg fuh i09 „w ſen. rein mei Nfe chen ma ſtel Lol er mu ſ6 e hir e dit wi doc i terlh⸗ was t wohl des hun wo — 173— wie ſich von dem Haupte ſeines edelmuͤthigen Befreiers die ihn bedrohende Verlegenheit am fuͤglichſten abwenden laſſe.„Dieſes Papier,“ fuhr er fort, indem er das Schreiben hervor⸗ zog und es dem Erſtaunten einhaͤndigte, „wurde mir vorgeſtern von außen zugewor⸗ fen. Ihr ſeht, ich habe, im Gefuͤhl des reinen Bewußtſeyns und im Vertrauen, daß meiner Unſchuld ihr gebuͤhrendes Recht wi⸗ derfahren wird, keinen Gebrauch davon ma⸗ chen moͤgen, obwohl der Unbekannte nicht er⸗ mangelte, zur feſtgeſetzten Stunde ſich einzu⸗ ſtellen, um mir zur Flucht aus dieſer ſchmach⸗ vollen Gefaͤngnißhaft behuͤlflich zu ſeyn, wie er in dankenswerther aber unzeitiger Groß⸗ muth, ganz aus eigner Willensbewegung, ſich dazu anheiſchig gemacht. Es war mein feſter Entſchluß, den Brief beim naͤchſten Ver⸗ hoͤr der rechtmaͤßigen Behoͤrde vorzulegen und auszuliefern; denn ich war uͤberzeugt, daß dies ſehr zu meinem Vortheil gewirkt haben wuͤrde. Ein grauſames Schickſal will es je⸗ doch, daß der böſe Schein, der mich faͤlſch⸗ lich umgiebt, nicht weichen noch wanken ſoll. — 174— Jetzt wißt Ihr, warum ich, aus Mangel an gehöriger Verſtellungskunſt, bey Eurem unvermutheten Eintritt in ſolche Unruhe ge⸗ rieth, und nun thut, was Ihr wollt!“ „Ey, welche Gewiſſenhaftigkeit!“ rief mit giftigem Hohn der Kerkermeiſter, nach⸗ dem er das Schreiben geleſen.„Alſo ein Unbekannter war es, der Euch den ſau⸗ bern Antrag that, und ſchon vorgeſtern ereignete ſich, was der Zufall mich erſt ſo eben in Erfahrung bringen ließ! Nun, ich werde Sorge tragen, daß Ihr, bey Eurer löblichen Denkungsart, nicht wieder in ähn⸗ liche Anfechtung gerathen ſollt! Verlaßt Euch darauf!“ Er hielt ſein Wort ſo puͤnktlich, wie es von der ernſtvollen Wichtigkeit der gemach⸗ ten Entdeckung nur immer zu erwarten ſtand. Kaum hatte er ſich entfernt, als zwei Ker⸗ kersknechte ſich einſtellten, die an der Innen⸗ ſeite der Thuͤr ſich aufpflanzten, um fortan jede Bewegung des Verdaͤchtigen ſtreng zu be⸗ wachen, indem ſie zugleich anbefohlnermaßen wel fan —„ Manhel Gem Alſo ein den ſal⸗ ſtern eſt ſo , ich Eurer in ähn⸗ Perlaft h, wie genoqh⸗ en fund⸗ wel Ker⸗ Innen⸗ n ferin mußn — 175— das tiefe und unverbruͤchliche Stillſchweigen, welches ſie ſelbſt beobachteten, auch dem Ge⸗ fangenen auferlegten. Bey gleichmaͤßiger Fortdauer der rauhen und unfreundlichen Witterung, wie ſie, als Ankuͤndigerin des bevorſtehenden Winters, ſchon mehrere Tage hindurch herrſchend gewe⸗ ſen, kam der Abend heran. Von finſterm, undurchdringlichem Gewolk war der Himmels⸗ raum umzogen. Mit Schneeflocken unter⸗ miſcht, ſtuͤrzte in ſchnell auf einander folgen⸗ den Schauern der Regen herab, und mit to⸗ bendem Ungeſtuͤm durchwuͤhlte der Sturmwind das blätterloſe Gebuͤſch, das an der Seite, nach welcher das Gitterfenſter des Gefaͤngniſ⸗ ſes hinausging, wildwuͤſten Wuchſes am Bo⸗ den wucherte. Es befand ſich hier ein zur Benutzung des Kerkermeiſters beſtimmter geräu⸗ miger Platz, links und rechts von dicht zu⸗ ſammenhaͤngenden alten Gebaͤuden eingehegt und weiterhin durch die vorbeylaufende Stadt⸗ mauer begrenzt, in welcher eine kleine Pforte ſich zeigte, die jedoch ſtets auf das ſorgfäl⸗ — 176— tigſte verſchloſſen gehalten wurde, ſo daß der ringsverwahrte Raum nur als ein erweitertes Gefaͤngniß zu betrachten war. Noch ſummte die Glocke vom eilften Stundenſchlage, mit welchem ſie zum Beginn des verabredeten nächtlichen Unternehmens das Zeichen gegeben hatte, als das eben erwaͤhnte Pfortchen in der Stadtmauer ſich oͤffnete, und der Unbekannte hereintrat, der, dem geleiſte⸗ ten Verſprechen getreu, jetzt den Verhafteten aus ſeinen Feſſeln zu befreyen im Begriff ſtand. Er war in einen langen Mantel ge⸗ huͤllt, hatte ſich das Geſicht mit einer Larve vermummt, und ſchien mit der Ortsgelegen⸗ heit ſo vertraut, daß er, der ihn umringen⸗ den Finſterniß ungeachtet, ſogleich mit ſichern Schritten und auf dem kuͤrzeſten Wege ſeine tichtung nach der Stelle nahm, die er zu erreichen beabſichtigte. Der kektrotzige Gang, mit welchem er den Hofraum durchwanderte, und die geringe Vorſicht, die er zu Unterſu⸗ chung und Auskundſchaftung deſſelben fuͤr nö⸗ thig erachtete, deuteten an, wie feſt er von dem Gelingen des Anſchlages uͤberzeugt war, und und onzu fuͤhr len Ga lau ſträt bor lem zurüc und um Aß vere die aken fah daß der rng lweerteb n eifften ReRb 6 und welche Unterſtuͤtzung er ſich, bey der vor⸗ anzuſchickenden, nicht ohne Geraͤuſch zu voll⸗ fuͤhrenden Geſchäftsverrichtung, von dem hoh⸗ len Gebrauche des Sturmes und dem unab⸗ läſſigen Plätſchern des von den Daͤchern her⸗ abſchießenden Regenwaſſers verſprach. Jetzt war er an ſeinem Zielpunkt ange⸗ langt und unverzuglich ruͤſtete er ſich zum Werk. In dem Augenblick aber, da er ein mitgebrachtes Brecheiſen unter dem Mantel hervorzog und es in die Fugen des anſtoßenden Gemäuers einzuſetzen verſuchte, ſtuͤrzten mit lautem Geſchrey die zwiſchen dem nahen Ge⸗ ſträͤuch im Hinterhalt lauernden Haͤſcher her⸗ vor und auf ihn los, um ſich ſeiner zu bemaͤchtigen. Raſch wich er um einige Schritte zuruͤck, warf behenden Entſchluſſes Mantel und Eiſenſtange von ſich und zog den Degen, um durch hartnaͤckig geleiſteten Widerſtand dic Abſichten der auf ihn eindringenden Gegner zu vereiteln und unterm Schutz der Dunkelheit, die ſelbſt die naͤchſten Gegenſtaͤnde nicht genau erkennen und unterſcheiden ließ, aus der Ge⸗ fahr zu entkommen. Es entſpann ſich ein 12 — 178— grauenvoller Kampf, der auf der einen Seite mit Aufbietung aller zur Selbſtvertheidigung vorhandner Mittel, auf der andern jedoch mit der ſchlauen Behutſamkeit, die ſich ihrer Beute lebendig zu verſichern und daher nur im höch⸗ ſten Nothfall zum Aeußerſten zu ſchreiten ge⸗ ſonnen iſt, gefuͤhrt und fortgeſetzt wurde. Der Ueberfallene wehrte ſich, indem er blind⸗ wuͤthenden Eifers ſich Luft zu machen und nach der Gegend des Pfoͤrtchens den Ruͤckweg zu bahnen bemuͤht war, wie ein Verzweifeln⸗ der. Da empſing er, als er ſchon die Naͤhe des heimlich geöffneten Durchganges erreicht hatte, wo er durch einen raſchen Druck mit der Hand ſeinen Verfolgern den Weg zu verſperren und abzuſchneiden gedachte, plötzlich einen Stich in die Seite, mit welchem ſo⸗ gleich aller fernern muhevollen Gegenwehr ihr Ziel geſetzt wurde. Mit einem Schrey des Schmerzes ließ er die ſtreitfertige Hand ſin⸗ ken, taumelte gegen das nahe Dorngebuſch und ſtuͤrzte zu Boden. Auf den lauterhobenen Zuruf, daß man des verwegenen Tollkopfes jetzt habhaft gewor⸗ —— 9 N e⸗ t wurde er blind⸗ weifeln⸗ . 65 die Rähe ruck mit We zu l oͤtzlich den ſey, zeigte und naͤherte ſich die Laterne des Gefangenwaͤrters, der zur perſönlichen Einmiſchung in den entſtandenen Kampf kei⸗ nen Beruf verſpuͤrt, und ſich daher bis zu die⸗ ſem Augenblick ſtets in gemeſſener Entfernung gehalten hatte. Neugierig den Verwundeten näͤher kennen zu lernen, richtete man ihn em— por, und riß beim Schimmer der Leuchte ihm die Larve vom erblaßten Geſicht. Es war Martiz. Die Erbitterung, die man während des vorhergegangenen ſtuͤrmiſchen Auftrittes gegen den beherzten Widerſacher empfunden, verwan⸗ delte ſich in ein eben ſo einſtimmiges mitlei⸗ diges Befremden, als man wahrnahm, daß es der Sohn des Stadtrichters ſey, mit dem man es in ſo ernſter Angelegenheit zu thun gehabt hatte. Unter Verabredung der ſtreng⸗ ſten Verſchwiegenheit uͤber die Sache, und mit Vermeidung alles Geraͤuſches und Auf⸗ ſehens, ward er nach ſeiner Wohnung ge⸗ bracht und hier der Pflege eines ſchnellherbey⸗ beſchiedenen Wundarztes uͤbergeben, während zugleich, wie es die Umſtande in doppelter 42 Beziehung erheiſchten, ſeinem Vater noch in der nehmlichen Nacht uͤber den ſonderbaren Vorfall Bericht abgeſtattet, und die Entſchei⸗ dung uͤber die dabey zu ergreifenden Maaß⸗ regeln ſeinem Gutachten anheimgeſtellt wurde. 8. Das Geheimniß des von ſo ernſten Fol⸗ gen begleiteten naͤchtlichen Abentheuers war in⸗ deſſen unter zu viele Mitwiſſer getheilt, als daß die unverbruͤchliche Beobachtung des fuͤr zweck⸗ dienlich befundenen ſchonenden Sillſchweigens zu hoffen geweſen wäre. Schon am nächſt⸗ folgendem Morgen ging die vorgefallene, dem Nachdenken ſo reichen Stoff darbietende Bege⸗ benheit von Mund zu Mund, und mancherley ſeltſame Gedanken und Muthmaßungen, die man bisher zu aͤußern Bedenken getragen, fingen, auf jene unleugbare Thatſache ſich ſttzend, allmählich an, laut zu werden und in Umlauf zu kommen. izi Se niq fill ſta li duh jw de fü 5. gu noch in ndetbaren Entſchi⸗ Maaß⸗ t wurde⸗ ten Fol⸗ war in⸗ „ols duß ürzwü⸗ weigens ancherleh n, die ttagen, „ n0 de — 181— Der Lanzenſtich, an deſſen Folgen Mar⸗ tiz darnieder lag, war, trotz der empfindlichen Schmerzen, die er fortwaͤhrend verurſachte, nicht im entfernteſten von todtlicher Art. Zu⸗ faͤllig aber theilte der Wundarzt, dem man im Drange der Noth die Behandlung der Wunde uͤbertragen hatte, die Verhaltungs⸗ weiſe derjenigen unter ſeinen Amtsgenoſſen, welche, um den gluͤcklichen Ausgang ihrer Bemuͤhungen in deſto vortheilhaftern Licht erſcheinen zu laſſen, auch bey den geringfuͤgig⸗ ſten Verletzungen, bedeutſame und beunruhi⸗ gende Anſtalten treſſen, das von ihnen ver— langte Urtheil geheimnißvoll zuruͤckhalten, und ſtatt der begehrten Auskunft nur mit bedenk⸗ licher Miene die Achſel zucken. Martiz blieb daher uͤber die eigentliche Beſchaffenheit ſeines Zuſtandes in Ungewißheit, glaubte, bey dem zweifelhaften Geberdenſpiel der ihn umgeben⸗ den Geſichter, ſich auf das Schlimmſte ge⸗ faßt halten zu muͤſſen, und verlangte, als ge⸗ gen Mittag die Wirkung des angewandten Heilmittels nachzulaſſen begann und die kaum gedämpften Schmerzen mit vermehrter Hef⸗ — 182— tigkeit zuruͤckkehrten, nach geiſtlichem Zu⸗ ſpruch. Bald darauf erſchien der nehmliche Au⸗ guſtinermönch, den er vorgeſtern ſo erquickungs⸗ volle Worte des Troſtes und Friedens ver⸗ kuͤndigen gehoͤrt, an ſeiner Lagerſtätte. „Ich habe den verhafteten Lernau aus ſeinem Kerker zu erlöͤſen geſucht!“ fing der Leidende, als die uͤbrigen Anweſenden ſich nach einem Seitenzimmer entfernt hatten, zu ſprechen an.„Die Ausfuͤhrung des Planes verungluͤckte; doch glaube ich ihn vor meinem Gewiſſen verantworten zu koͤnnen, indem die obwaltenden Umſtände, verbunden mit dem gelaſſenen und unbefangenen Benehmen des Angeſchuldigten, mir die Ueberzeugung ein⸗ flößten, daß ein falſcher Verdacht auf ihm laſte, und daß es ein verdienſtliches Werk ſey, dem ungerechten Urtheil vorzugreifen, zu welchem ſeine Richter, durch Scheinbeweiſe getaͤuſcht, ſich geneigt fuͤhlten!“ „Ihr waret freylich zu einem eigenmaͤch⸗ tigen Schritte dieſer Art nicht befugt!“ ſagte der Geiſtliche mit ruhigem Ernſt.„Wenn die liſ Vy ſ9 füͤ ge m Zl⸗ liche M⸗ vickungi⸗ dens vel⸗ rmau aus ſing der en, zu Planes tmeinem ndem die mit dem men do ng(ln⸗ wf ihm Werk ifen, ju inbeweiſe 1 ſhle — 183— Ihr aber keinen andern Bewegungsgrund da⸗ vey hattet, als Eurer innern Ueberzeugung und dem erwachten Gefuͤhl des menſchlichen Mitleids Gnuͤge zu thun, ſo darf ich von der Huld und Nachſicht des hochſten Richters Euch Verzeihung verſprechen, um ſo mehr, da Eu⸗ rem Vergehen an der weltlichen Ordnung be⸗ reits eine ſo ſchwere Buße nachgefolgt iſt. Habt Ihr ohne Ruͤckhalt und Winkelzug die lautere Wahrheit mir bekannt, und war es dies alles, was Ihr mir mitzutheilen wuͤnſch⸗ tet, oder liegt Euch noch ſonſt etwas auf dem Herzen, was Euch beaͤngſtigt?“ Martiz erſeufzte tief. Er ſchien der in dieſen Fragen enthaltenen Ermahnung Folge leiſten zu wollen, unterdruͤckte jedoch gewalt⸗ ſam das Geſtaͤndniß, das ihm bereits auf den Lippen ſchwebte, und ſtarrte in qualvoller Un⸗ ſchluͤſſigkeit vor ſich hin. „Aus untruglichen Merkzeichen erkenne ich, daß Eure Seele ſich ſchwer belaſtet fuͤhlt!“ fuhr jener zu reden fort.„Und jetzt gebietet mir die Pflicht, aufrichtiger gegen Euch zu ſeyn, als Ihr es gegen mich gewe⸗ — 184— ſen. Ihr liegt auf den Tod verwundet! Aus eitler Schonung aber ſucht man Euch die Gefahr zu verheimlichen, in welcher Ihr ſchwebt. Ungluͤcklicher, laßt ab von dieſer ſtarrſinnigen Verſtocktheit, und erleichtert Euer Gewiſſen, weil es noch Zeit iſt! Bald ſteht Ihr vor dem Richterſtuhle des Ewigen, um Eure Rechenſchaft abzulegen! Eure Stunden hienieden ſind gezaͤhlt! Ihr werdet den Abend nicht erleben!“ „So ſtiehe mir der Allmächtige bey!“ ſchrie der Geaͤngſtigte.„Ja, Lernau iſt un⸗ ſchuldig!— Ich, ich ſelbſt war der Mörder! — Auf Ulrikens Beſitz war mein Verlangen gerichtet!— Mißgunſt und Liebesraſerey er⸗ fuͤllten meine ſchwarze Heuchlerſeele und reizten mich zu der entſetzlichen That!— Liſtig er⸗ lauerte ich mir die Zeit und Gelegenheit!— Er erkannte mich, nannte mich beym Namen, flehte um Erbarmen, und ich ſtieß mit ver⸗ doppelter Kraft den Dolch ihm tiefer ins Herz! — Wehe mir!“ „Weh' Euch!“ rief der Geiſtliche mit funkelnden Blicken.„Weh Euch in Zeit und Ew 4 Pe ſta he etr Aus Euch die cher ebey!“ au iſt Un⸗ r Mörder! Perlangen geit!— n Namen, mit vel⸗ s Herz R* — 185— Ewigkeit, wenn Ihr nicht augenblicklich, zu Verhuͤtung des zweyten Mordes, dieſes Ge⸗ ſtäͤndniß vor den Zeugen wiederholt, die ich herbeyzurufen im Begriff bin!“ Aber ſchon hatten dieſe, erſchrocken uͤber das Angſtgeſchrey, welches der Suͤndenbeichte voranging, die Thuͤr des Nebengemaches ge⸗ oöffnet und alles vernommen. Mit Grauſen und Entſetzen entwich einer nach dem andern aus dem Luftraum, den der Verworfene mit ſeinem Athem verpeſtete. Sein alter Vater, durch den ihm zugefuͤgten Schimpf und Gram in ſeiner innerſten Lebensthaͤtigkeit erſchuͤttert, legte noch des nehmlichen Tages Amt und Wuͤrde nieder, damit bey dem neuzubeginnen⸗ den Rechtsgange jede mildernde Ruͤckſicht ver⸗ bannt und mit dem Frevler ganz nach der Strenge des Geſetzes verfahren werde. Ler⸗ nau ward unverzuͤglich und in demſelben Au⸗ genblick in Freyheit geſetzt, da das Kranken⸗ zimmer, worin Martiz ſein Verbrechen bekannt, ſich in ein Gefaͤngniß verwandelte. Bewaff⸗ nete Kerkerknechte fanden am Eingange deſſel⸗ ben ſich ein, um den entlarvten Miſſethaͤter — 186— zu bewachen, und ihn dem Gericht zu über⸗ liefern, ſobald ſeine Geneſung erfolgt ſey. Aber ſtachelnd und ſpornend trieb ihn die Qual des folternden Gewiſſens, dem Arm der Gerechtigkeit vorzugreifen; denn nachdem man ihm des Abends berichtet, daß die Les bensgefaͤhrlichkeit ſeiner Wunde nur ein auf Geſchmeidigung ſeines hartnaͤckigen Sinnes ab⸗ zweckendes leeres Vorgeben geweſen, fand man ihn am andern Morgen, von den eignen Haͤn⸗ den erdroſſelt, todt in ſeinem Bett. — ſwüher⸗ tſch. h ihn de m Am nachdem die Le⸗ ein auf nnes ab⸗ nd man n Hin⸗ IMI. Freundſchaftsdienſt 1. Brrits in einem fruͤhern Schreiben, in welchem ich Dir, liebe Schweſter, uͤber meine Anſtellung bey hieſigem Kammergericht Nach⸗ richt ertheilte, vermeldete ich Dir, daß durch ein eben ſo erfreuliches, als ſeltſames Zuſam⸗ mentreſſen der Umſtände gerade an dem nehm⸗ lichen Tage auch meine beyden vertrauteſten Univerſitätsfreunde ins Amt befördert wurden. Laubner ward als Prediger nach Elbach, einem zwanzig Meilen von der Reſidenz ent⸗ fernten Landſtädtchen, Wibold als Gerichts⸗ verwalter nach Birkenau, dem Stammgute des Grafen von R*, berufen, und mit ge⸗ ſchaͤftigem Eifer trafen beyde ſogleich Anſtalt, ſich nach dem Orte ihrer Beſtimmung zu be⸗ geben. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, ——— —— — — 190— daß der Trennung ein tuͤchtiger Valetſchmaus voranging. Bis tief in die Nacht hinein ſaßen wir traulich ſchwatzend beyſammen, indem wir bald die buntfarbigen Bilder der vergangenen Zeit uns gegenſeitig ins Gedaͤchtniß zuͤruͤck riefen, bald in eben ſo verſchiedenartigen un⸗ ſere kuͤnftigen Lebensverholtniſſe betreffenden Plaͤnen und Entwürfen unſer Innerſtes gegen einander aufſchloſſen. Daß jeder von uns den ernſtlichen Vorſatz hegte, ſich je eher je lieber ein holdes Weibchen beyzugeſellen und dieſer Punkt demnach keinesweges mit Still⸗ ſchweigen uͤbergangen wurde, verſteht ſich von ſelbſt. Auch ließen wir es nicht bloß bey Verabredung eines fleißigen und vertrauten Briefwechſels bewenden, ſondern auf das fey⸗ erlichſte gelobten wir in der fröhlichen Stim⸗ mung, welche der perlende Champagner in uns erweckt hatte, uns zugleich an, bey der Hochzeitfeyer desjenigen unter uns, der den andern beyden mit gutem Beyſpiel vorangehe, ſàmmtlich in Perſon gegenwärtig zu ſeyn. Du wirſt mich ſchlechtweg einen Thoren ſchelten, oder, wofern Du Dich zu einem gel beh m lſchmaus inein ſoßen indem wit rgangenen iß zürück tigen un⸗ Ktreffinden ſtes gegen bon uns ſe cher je llen und mit Stil⸗ t ſich von bleß be vertrablin das feh⸗ n Stim⸗ agner in hey det der den orongeh — 191— gelindern Urtheil geneigt fuͤhlſt, mindeſtens behaupten, daß die Liebe noch keineswegs bey mir gehörig zum Durchbruche gekommen ſey, indem ich Dir oſſenherzig bekenne, daß ich ſeitdem in der peinvollſten Unſchluͤſſigkeit zwi⸗ ſchen zwey Huldinnen hin und her ſchwanke, welche uͤber die geheimen Regungen meines Innern die ebenmaͤßigſte Gewalt und' Herr⸗ ſchaft ausuͤben. Ach, ich weiß nicht, wie ich endlich noch zu einem beſtimmten Entſchluſſe gelangen, fuͤr welche von beyden ich in ent⸗ ſcheidender Wahl mich erklären ſoll!— Auf unwiderſtehliche Weiſe bezaubert mich Julie, die Tochter des hieſigen Rentmeiſters, durch die Lebhaftigkeit ihres Geiſtes, durch ihre harmlos heitre Laune, durch ihre zur bewun⸗ dernswuͤrdigen Fertigkeit ausgebildeten Talente fuͤr Muſik und Mahlerey; während Antonie, Laubners Schweſter, die ihrem Bruder nach Elbach gefolgt iſt, durch ihre frommbeſcheidne Gemuͤthsart, durch ihren ſanften Sinn, durch die einfache Milde und Freundlichkeit ihres Weſens, mit eben ſo verfuͤhreriſcher Lockung mir die Seele gefangen haͤlt. Wie der ei⸗ — 192— genthuͤmliche Werth ihrer geiſtigen Vorzuge ſich dem Beobachter in unverdunkelter Klar⸗ heit vor Augen ſtellt, ſo wetteifern beyde mit einander an Reiz und Anmuth. Beide be⸗ finden ſich im vollen Beſitz aller der Eigen⸗ ſchaften, die ich zur Begruͤndung des ehelichen Gluͤcks fuͤr erforderlich halte, und beide ſchei⸗ nen nr, obgleich ich bisher vor jeder nähern Erklaͤrung mich ſorgfaͤltig gehuͤtet habe, heim⸗ lich geneigt und gewogen. Das eben iſt es, was mich ſchier zur Verzweiftung bringt! Natuͤrlich kann unter ſo bewandten Um⸗ ſtaͤnden das heimliche Wohlwollen, welches ich fruͤherhin fuͤr unſere Muhme Bertha verſpuͤrte, nicht weiter in Betracht kommen! noch im⸗ mer wohnt ſie mit ihrer Mutter draußen in der Vorſtadt, lebt ſehr ſtill und eingezogen, nimmt, einzig und allein mit der Pflege ihrer kraͤnkelnden Alten beſchaͤftigt, und alle Einladungen hark⸗ näckig von ſich zuruͤckweiſend, an keiner geſel⸗ ligen Luſtbarkeit Theil, und betritt faſt nie die Straße, außer wenn ſie des Sonntags in die Kirche geht. Schweſter, das wäre eine Frau fuͤr unſern Bruder Gotthelf! — Schon nen un wi —— Schon zwey Jahre lang ſitzt er auf dem ſcho⸗ nen Pachtgut, ſieht ſich bey Allem, was er unternimmt, vom Gluck beguͤnſtigt, hat ſein reichliches Auskommen, und trift deſſen unge⸗ achtet noch immer keine Anſtalt, ſich um eine tuͤchtige und verſtändige Hauswirthin zu bewerben. Ich wuͤßte, ſo weit meine Bekannt⸗ ſchaft reicht, keine zwey Perſonen heraus zu finden, die ſo ganz fuͤr einander geſchaſſen waͤren, wie es, allem Anſchein nach, mit dieſen beyden der Fall iſt. Er fleißig und an⸗ ſpruchslos, und ein biederſinnig ſchlichtes We⸗ ſen mit muſterhafter Genügſamkeit in ſich ver⸗ einigend; ſie haͤuslich und ſittſam, kenntniß⸗ reich und gebildet, frey von den Untugenden der großen Welt und dagegen von Jugend auf an eine geregelte Thätigkeit und ſelbſt an Entbehrungen gewöhnt. Wie geſagt! die beyden Leutchen wuͤrden ein Leben zuſammen fuͤhren, wie die Engel im Himmmel! Sprich doch mit ihm daruͤber, zerſtreue ſeine Bedenk⸗ lichkeiten und bemuͤhe Dich, ihm die Sache ſo viel als möglich ans Herz zu legen. Es iſt mir ja, als er mich im vorigen Jahre be⸗ 13 — 194— ſuchte, keinesweges entgangen, welchen tiefen Eindruck das huͤbſche Muͤhmchen auf ihn her⸗ vorbrachte. Vermuthlich iſt er der Meinung, daß ich ſelbſt ernſtliche Abſichten auf Bertha's Beſitz im Schilde fuͤhre, und hat demnach aus Beſorgniß, mir in's Gehege zu gerathen, ſich jeden kuͤhnern Gedanken dieſer Art ſogleich wieder aus dem Sinne geſchlagen. Ich er— theile Dir hiermit die Vollmacht, ihn von den obwaltenoen Verhältniſſen gehorig zu un⸗ terrichten und die Verſicherung hinzuzufuͤgen, doß ich, wofern er wirklich ſich zu einem entſcheidenden Angriff auf die Hand des Mäd⸗ chens entſchließen ſollte, ihm die Bewerbung um dieſes Gluͤck weder mißgönnen noch verei⸗ teln, ſondern vielmehr auf das kraͤftigſte be⸗ fordern und unterſtuͤtzen will. Freilich darf ich mich, was Gotthelfs Beſcheidenheit und Reſignation betrifft, mit ihm nicht eben in Vergleich bringen, denn waͤren nicht die bey⸗ den andern Bekanntſchaften dazwiſchen gekom⸗ men; wer weiß, was, bey der unverkennba⸗ ren Gewogenheit, die Bertha fuͤr mich empſin⸗ det, ſchon laͤngſt ſich ereignet hätte!— mi d h de gu ſchen tiefen uf ihn her⸗ Miinung, f Berthos t demnach gerathen, Aut ſegliich Ich et⸗ ihn bon ig zu un⸗ zozufügen, ſu einem des Mid⸗ Bewerbung noch veri⸗ figſe be⸗ ilich darf nheit und t hen in ht die beh⸗ en geron⸗ unkunb⸗ enſ⸗ — — 195— Der Rentmeiſter behandelt mich fortdau⸗ ernd mit ſo zuvorkommender Guͤte und Freund⸗ lichkeit, daß ich, wofern nicht alle Anzeigen truͤgen, bey einer muthig gewagten Bewer⸗ bung um die Hand ſeiner Tochter, wohl nicht leicht eine abſchlaͤgige Antwort von ihm zu befuͤrchten habe. Wirklich verfuͤgte ich mich ſchon einmal, um der martervollen Uneinigkeit mit mir ſelbſt raſch ein Ende zu machen, in der ernſtlichen Abſicht nach ſeinem Hauſe, ei⸗ nen Schritt dieſer Art zu thun. Alles ſchien mein Vorhaben beguͤnſtigen zu wollen. Ich traf ihn, da Frau und Fochter eine Spatzier⸗ fahrt uͤber Land unternommen hatten, ganz allein in ſeinem Wohnzimmer, ward unter der Verſicherung, daß mein Beſuch ihm eben ganz erwuͤnſcht komme, auf das herzlichſte von ihm empfangen, und hatte bald, zu Ein⸗ leitung meines Geſuches, einen Ton ange⸗ ſtimmt, deſſen Feyerlichkeit ihm nothwendiger Weiſe ſogleich verrathen mußte, daß ein Gegen⸗ ſtand von gar ungemeiner Wichtigkeit mir am Herzen liege. Da trat plötzlich, indem ich von den vorausgeſchickten allgemeinen Be⸗“ 13* — 196— merkungen uͤber meine haͤuslichen Verhältniſſe eben auf die eigentliche Nutzanwendung uͤber⸗ gehen und mich deutlicher gegen ihn erklären wollte, Antoniens Bild in ſo vorherrſchen⸗ der Klarheit und Lebendigkeit mir vor die Seele, daß ich, unfaͤhig, die begonnenen Mittheilungen fortzuſetzen, in die grenzenloſeſte Verwirrung gerieth. Es uͤbetfiel mich eine Angſt und Beklommenheit, als ob ich den ſchnoͤdeſten Meineyd zu begehen im Begriff ſey. Die Kehle war mir wie zugeſchnuͤrt; ich erkläͤrte ſtammelnd und ſtotternd, daß ein dringender Geſchaͤftsgang, den ich abzumachen vergeſſen, mir durchaus kein längeres Verwei⸗ len geſtatte, und ſtuͤrzte, ohne mich an das bedenkliche Kopfſchuͤtteln des Erſtaunten zu kehren, ſpornſtreichs und wie unſinnig zum Hauſe hinaus.— Schon gut! dachte ich bey mir ſelbſt. Das war ein Wink von oben, und er ſoll keinen Augenblick lang un⸗ benutzt bleiben! Dem zu Folge nahm ich, als ich meine Wohnung erreicht hatte, ſogleich am Schreibtiſche Platz, um der entfernten Antonie meine Liebe kund zu thun und feyer⸗ Pahältniſſe dung über ihn erkliun orhertſchen⸗ ir vor die begonnenen nennleſſſe mich eine b ic den geſchnürtz d, diß ein bmchen s Verwei⸗ an da unten ju nig ium dachte ich Wink von ſang un⸗ ahm ic, , ſoyi ſnjmin n fihel⸗ — 197— lich um ihre Hand anzuhalten. Vergeblicher Entſchluß! Noch niemals war mir ein Ver⸗ ſuch auf ſo entſchiedene Weiſe verungluckt und mißlungen, als es mit dieſer beabſichtigten ſchriftlichen Liebeserklärung der Fall war! Je eifriger ich mir Antoniens Reize zu verge⸗ genwärtigen bemüht war, deſto mächtiger be⸗ gann der Gedanke an Juliens Vorzuge und Vollkommenheiten mir Sinn und Ge⸗ muͤth zu erfuͤllen; die Feder zitterte mir in der Hand, der Boden gluͤhte mir unter den Fuͤßen, ich ſprang auf, lief, wie von böſen Geiſtern verfolgt, im Zimmer hin und her, warf mich wieder auf den Stuhl, zerriß, was ich geſchrieben, legte mir einen friſchen Bogen Papier zurecht, fing aufs neue zu ſchreiben an und hatte ſchon nach Verlauf weniger Minuten den Kopf wieder zum Fen⸗ ſter hinausgeſteckt, um das brennende Geſicht in der ſcharfwehenden Octoberluft abzukuͤhlen. Kurz, als uͤber dieſem tollen Thun und Trei⸗ ben endlich die Mitternachtſtunde heranrckte, war ein Brief an— Wibold vollendet, worin ich mein ganzes Herz gegen ihn ausge⸗ — 198— ſchuttet, die mir vom Schickſal verſtattete Aus⸗ wahl zwiſchen zweyen an Liebenzwuͤrdigkeit mit einander wetteifernden Weſen vielfältig verwuͤnſcht, und unter treuer und ausfuͤhrli⸗ cher Abſchilderung meiner Seelenpein ihn auf das dringendſte beſchworen hatte, mir zur Befreyung von dieſem höchſt qualvollen Zu⸗ ſtande durch Rath und That behuͤlflich zu ſeyn. Einige Tage darauf erhielt ich von ihm die ſchriftliche Zuſicherung, daß er an der Verlegenheit, von welcher ich ihm gemeldet, nicht nur den aufrichtigſten Antheil nehme, ſondern auch bereits mit allem Ernſt ſich den Kopf zerbrochen, um zur Abhülfe deſſelben ein kräftiges und untruͤgliches Mittel ausfin⸗ dig zu machen. Dem Briefe war eine Ein⸗ lage von Laubner beygeſchloſſen, deren Inhalt mich theils mit Beſtuͤrzung, theils mit heim⸗ lichem Behagen erfüllt hat. Denke Dir! Der trockne bedaͤchtige Menſch, der fruͤherhin jeden auch noch ſo geringfuͤgigen Schritt immer erſt der ängſtlichſten und langwierigſten Pru⸗ fung zu unterwerfen gewohnt war, iſt in Be⸗ treibung der wichtigſten Lebensangelegenheit ttete Aus⸗ windigkeit bielfilig ausfuͤhrle ihn auf mir zur olen Zu⸗ zu ſchn⸗ von ihm an der gemeldet, i nehme, ſich den deſſelben ine Ein⸗ ſit heim⸗ ir! Der hin jeden immet en Pr⸗ ß in h⸗ heit h — 199— ſeinen beyden Verbuͤndeten zuvorgekommen! Kaum an ſeinem neuen Beſtimmungsort an⸗ gelangt, hat ſich der geiſtliche Herr gleich Hals üͤber Kopf in die Tochter des dortigen Stadtrichters verliebt, ſteht im Begriff, ſeine Hochzeit zu feyern, und dringt nun mit der unbarmherzigſten Strenge auf die Erfuͤllung des Verſprechens, welches wir beym obener⸗ wähnten Valetſchmauſe uns gegenſeitig ge⸗ geben. Ich kann Dir bey allem, was mir hei⸗ lig und werth iſt, betheuern, daß zur jetzigen Jahreszeit eine Luſtreiſe von zwanzig Meilen wahrhaftig nicht unter meine Lieblingsneigun⸗ gen gehört! Die Gegenden, durch welche der Weg nach Elbach fuͤhrt, ſind über alle Beſchreibung traurig und öde; ungeheure Kie⸗ fernwälder, die nur höchſt ſelten von bewohn⸗ ten Ortſchaften unterbrochen werden, ſind zu durchziehen, und aller Augenſcheinlichkeit nach muͤſſen die Landſtraßen durch das ſchon wo⸗ chenlang anhaltende Regenwetter faſt grundlos geworden ſeyn. Aber was iſt zu thun? Ich darf nicht wortbruͤchig werdenz ich muß, und — 200— ſollten alle Schrecken der Elemente ſich hem⸗ mend und hindernd mir in den Weg ſtellen, zur beſtimmten Zeit in Elbach eintreffen. Ue⸗ brigens wird freylich durch die am Ziel mir laͤchelnde troͤſtende Hoffnung, Antonien wie⸗ der zu ſehen, mein Grauen und Entſetzen vor dieſer Reiſe ſelbſt bedeutend vermindert. Ja, es ahnt mir ſogar, daß ich dort, von Laub⸗ ners hochzeitlichem Jubel entflammt und be⸗ geiſtert, mit Benutzung des erſten guͤnſtigen Augenblicks, gleichfalls einen raſchen Entſchluß faſſen, mich jählings und unaufloͤslich in An⸗ toniens Feſſeln verſtricken und als ihr erklär⸗ ter Brautigam hierher zuruͤckkehren werde. Die zu der Reiſe erforderlichen Anſtalten und Vorkehrungen ſind bereits getroffen. Fuͤr die erſten zwoͤlf Meilen habe ich mir einen Platz auf dem Poſtwagen beſtellt; ſodann miethe ich mir ein eignes Fuhrwerk, und wende mich nach Birkenau, um Wibold ab⸗ zuholen und den Reſt des Weges in ſeiner Geſellſchaft zurückzulegen. Uebermorgen geht die Fahrt von dannen und in gacht bis zehn Lagen denk ich wieder hier an Ort und Stelle zu ſc wir treul erlit St den halt ſi ten lich cb 35 gar ſep S wi ſch hem⸗ zeg ſullen, ffen. U⸗ Ziel mir nien wie⸗ tſetzen bor rt. Jo, on Laul⸗ und h⸗ ünſtigen ntſchluß hin An⸗ erklit⸗ erde. Anfalten n. Fir ir einen ſodann t, und bold ab⸗ n ſeinet en geht bis Eule — 201— zu ſeyn, wo ich Dir dann ſogleich uͤber alle mir zugeſtoßenen Begegniſſe den gewohnten treulichen Bericht erſtatten werde, 2. Da ſitz ich denn, von meinem abentheu⸗ erlichen Ausfluge zuruͤckgekehrt, wieder am Schreibtiſch, und mache die Erfuͤllung des in den Schlußzeilen meiner letzten Zuſchrift ent⸗ haltenen Verſprechens zu meinem erſten Ge⸗ ſchäft. Halte Dich im Voraus auf Nachrich⸗ ten gefaßt, bey deren Wittheilung Du ſchwer⸗ lich mit Dir ſelber wirſt einig werden können, ob Du mich bedauern oder auslachen ſollſt! Ich ſtelle beydes in Dein Belieben, laſſe ſo⸗ gar die Gelegenheit zu den mancherley philo⸗ ſophiſchen Betrachtungen, mit welchen dieſes Schreiben gar zierlich und ſchicklich zu eroffnen wäre, unbenutzt, und wende mich ohne alle — 202— Umſchweife ſogleich zur Abfaſſung des Dir zu⸗ geſagten Reiſeberichts. Nichts von dem unbehaglich kalten, mit Schneeflocken vermiſchten Staubregen, unter welchem ich hier, in Geſellſchaft eines hypo⸗ chondriſchen harthörigen Knopfmachers, einer alten keifenden Unteroffizierswittwe und zweyer largbärtiger, in ſchmutzige Schafspelze gehuͤll⸗ ter pohlniſcher Juden, zum Thore hinaus fuhr! nichts von dem winterlichen Himmel, der truͤb und duͤſter auf uns herab hing! nichts von den verborgenen Klippen und Untiefen der in ihrer volligen Aufloͤſung begriffenen ſogenann⸗ ten Heerſtraße, auf welcher es eben ſo viele Gefahren zu uͤberwinden gab, als die Pferde Schritte zu thun hatten! nichts endlich von den Stoßſeufzern und Verwuͤnſchungen, mit welchen ich, von meinen ſämmtlichen Reiſe⸗ genoſſen auf das eifrigſte unterſtuͤtzt, dem ge⸗ aͤngſtigten Herzen Luft machte, ſo lange ich an den Marterſitz auf dem Poſtwagen mich gefeſſelt ſah!— Alle dieſe Leiden und Trub⸗ ſale waren doch nur von geringer Bedeutung gegen die Schreckniſſe, die meiner warteten, al ic ſlſch nen mein biſch mit Fa cht itml die Fo nich erli ſn ßil gern den zun bef die ſell me wa e Dir ju⸗ lten, nit en, unter es hypo⸗ r, einer und wehet ze gehil⸗ nus fuhr „der trͤb ichts von fen det in ſogenan⸗ n ſo viele die Pire dlich von en, mit en Riiſ⸗ dem 9 ſnge i⸗ gen mich Iib Behhiun vnlen — als ich am andern Morgen mich von der Ge⸗ ſellſchaft zu trennen und, von dem beſcheide⸗ nen Wunſche des weitern Vorruͤckens erfuͤllt, mein Zeil auf die eigne Hand zu verſuchen beſchloß. Wir hatten jetzt, nach einer, freylich mit vielfachen Unterbrechungen verbundenen Fahrt von vier und zwanzig Stunden faſt acht Meilen zuruͤckgelegt, hielten vor einer aͤrmlichen Dorfſchenke und wurden hier durch die troͤſtliche Nachricht uͤberraſcht, daß an Fortſetzung unſers Schneckenzugs fuͤrs erſte nicht zu denken ſey, indem der Wagen, der erlittenen Beſchädigungen zu Folge, einer voll⸗ ſtaͤndigen Reparatur beduͤrfe, deren Bewerk⸗ ſtelligung ſich leicht bis gegen Mittag verzo⸗ gern könne. Dieſe Botſchaft brachte mich um den letzten Reſt von Faſſung und Geduld; zumal da die Geſellſchaft, in welcher ich mich befand, keinesweges geeignet war, mir fuͤr die Beſchwerden und Muͤhſeligkeiten der Reiſe ſelbſt einigen Erſatz zu gewähren. Den Knopf⸗ macher hatte die Hoffnung, eine alte Ver⸗ wandte zu beerben, deren Abſterben ihm zu — 204— Ohren gekommen war, aus weit entfernter Gegend nach der Reſidenz gelockt. Bey ſeiner Ankunft fand er die Todtgeglaubte friſch und geſund im Hoſpital, wo ſie, gegen Verſchrei⸗ bung ihrer ſämmtlichen Habe, ſich als Koſt⸗ gaͤngerin angeſiedelt hatte. Die Unterofſiziers⸗ wittwe kehrte mit der ſchriftlichen Abweiſung eines von ihr eingereichten Penſionsgeſuches in der Taſche nach ihrer Heimath zuruͤck; und die beyden Juden kamen gerades Weges aus dem Gefängniſſe, worin ſie die von ihnen verſuchte und mißlungene Einſchwaͤrzung ver⸗ botener Waaren abgebuͤßt hatten. Du kannſt alſo leicht errathen, wie es um den Humor dieſer Leute beſchaffen war, und mit welcher Ungeduld ich mich aus ihrer Naͤhe hin⸗ wegſehnte! Bis Birkenau waren von hieraus noch ſechs Meilen zurückzulegen. Kaum hatte ich meine Willensmeinung laut werden laſſen, als mir auch ſchon gegen billige Verguͤtung ein Fuhrwerk angeboten und zugleich ein von der Poſtſtraße abweichender Richtweg beſchrieben wurde, auf welchem es, der hinzugefuͤgten entferntet Bey ſiiner ℳ Und Verſchre⸗ 3 Kiſ⸗ terofſijierẽ⸗ Abweiſung geſuches in rück; und zeges aus von ihnen tzung vel⸗ du kannſ en Humor ſt welcher ihe hin⸗ ous noch hatte ih aſſen⸗ a tung ein von d i Verſicherung gemaͤß, nicht der geringſten Schwierigkeit unterliege, den genannten Ort noch vor Einbruch des Abends zu erreichen. Wo die Gefahren ſich uͤberall gleich ſind, dient es dem Ruf des Landes immer zum Vortheil, wenn der Reiſende lieber auf Nebenwegen, als auf der Heerſtraße den Hals brechen will, und ſchon aus einer Art von patriotiſcher Regung hielt ich es mithin fuͤr meine Pflicht, den mir ertheilten Rath dank⸗ bar zu benutzen. Bald darauf hielt ein offe⸗ ner Flechtwagen vor der Thuͤr, mit einem be⸗ quemen Strohſitz verſehen und mit zwey ma⸗ gern Ackerpferden beſpannt, die beym ermun⸗ ternden Knall der Peitſche ſich dienſtwillig in Bewegung ſetzten und mit der redlichſten An⸗ ſtrengung ihrer Kraͤfte mich guerfeldein ſchleppten. Anfangs ging die Fahrt ziemlich gluͤck⸗ lich von Statten. Der Kutſcher, ein mun⸗ terer ſtäͤmmiger Burſch von achtzehn Jahren, verſtand ſein Fach aus dem Grunde, und der Wagen war ſo leicht und handlich, daß es gar keines bedeutenden Kraftaufwandes be⸗ — 206— durfte, um ihn aus den lehmigten Vertiefun⸗ gen, in welchen er hier und dort ſtecken blieb, immer ſogleich wieder herauszuheben. Nach Verlauf einiger Stunden aber entſtand ein grimmiger Nordweſtwind; das finſtere Ge⸗ wölk, das den Luftraum erfullte, begann in das heftigſte Schneegeſtober ſich zu entladen, mehr und mehr verlor ſich die Spur des zu verfolgenden Fahrgleiſes, und bald vernahm ich aus dem Munde des verbluͤfſten Wagen⸗ lenkers das Geſtaͤndniß, daß er, aller Sorg⸗ falt und Wochſamkeit zum Trotz, auf ge⸗ furchtes Ackerland gerathen ſey, und jetzt nicht mehr wiſſe, ob er, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen, ſich rechts oder links zu wenden habe. Ich wußte dies eben ſo wenig, ver⸗ mummte mir Kopf und Geſicht mit dem Kragen des Mantels, ſtimmte dumpfen Brummens in die Kernfluͤche des Ergrimmten ein und uͤberließ die fuͤr unſer Weiterkommen zu ergreifenden Maaßregeln ſeinem eignen Guk⸗ achten. Er machte zu dieſem Zweck unter⸗ ſchiedliche Verſuche, kreuzte eine Zeitlang forſhe unter Gege anfa enes li uß mur tume Aut auch geri wan wäh Ver ausb ſr ſchl fch bis dem dez Pirtiefun⸗ ecken büb, en. Nih ſtond ein nſtere Gl⸗ begann in entladen, vur des ju ernahm ler Sorg⸗ auf ge⸗ und jet r auf den nchts oh nig, vel⸗ mit den dumpfu ngrimmten ekonmin znen 6uu ec 7 gůllan 5 forſchend hin und her, und gerieth endlich unter der wiederholten Verſicherung, daß die Gegend ihm immer fremdartiger vorzukommen anfange, an die ſteile und ſchluͤpfrige Kante eines Grenzgrabens, was augenblicklich den voͤlligen Umſturz des Wagens zur Folge hatte. Schon laͤngſt, indem ich bey dem un⸗ aufhörlichen Schwanken des Fuhrwerks mich nur mit Muͤhe im Gleichgewicht zu erhalten vermochte, war ich auf ein Ereigniß dieſer Art gefaßt geweſenz mithin uͤberraſchte mich auch der wirkliche Eintritt deſſelben nicht im geringſten, ſtatt deſſen verſpuͤrte ich ſogar An⸗ wandlungen von guter Laune und arbeitete, während mein Ungluͤcksgenoß vor Wuth und Verzweiflung in ein geheulartiges Schluchzen ausbrach, mich lachend aus dem duͤrren Ge⸗ ſtruͤpp hervor, zwiſchen welches ich mich ge⸗ ſchleudert ſah. „Tobias: Ich muß ein ernſtes und feyerliches Wort mit Dir ſprechen!“ rief ich, bis uͤber die Kniee in den Schnee verſinkend, dem Troſtloſen zu„wenn Du nicht willſt, daß ich Dich unverzuͤglich Deinem Schickſale — 208— uͤberlaſſen ſoll, ſo nimm Dir meine heldenmuͤ⸗ thige Standhaftigkeit zum Muſter; unterdrucke Dein unmelodiſches Jammergeſchrey, und ſchneide mir uͤberhaupt keine ſo widerlichen Grimaſſen! es iſt dies eine ruchloſe Verſuͤn⸗ digung an dem Gluͤcke, das, mit der ſicht⸗ barſten Fuͤrſorge uͤber uns waltend, unſtreitig nur deswegen uns aus dem verderblichen Fahr⸗ gleiſe hinweg gelockt hatte, um uns hier ein deſto weicheres und bequemeres Lager darbie⸗ ten zu können. Vergleiche unſern ſpaßhaften Trauerzug durch dieſen fruchtbaren und geſeg⸗ neten Landſtrich mit dem ſchaudervollen Um⸗ herirren in einer ſibiriſchen Eiswuͤſte, halte das ſanfte Hinuntergleiten vom gelinden Ab⸗ hange dieſes Grabens gegen den zerſchmettern⸗ den Sturz vom Gipfel des Blocksberges, denke Dir Eiſenſchlacken und Kieſelſteine an die Stelle der Schneeflocken, die mit Flaumenleichtig⸗ keit uns umwallen, und ſchäme Dich Deines undankbaren Gemuͤths! Allerdings gewinnt es mehr und mehr den Anſchein, daß wir auf die Rettung aus dieſer Noth und Bedräng⸗ niß Verzicht leiſten und uns geduldig in ein Loos ſin unſ gel ſiz Zi be be ed 6 heldenmi⸗ unterücke re, n widerlichen der ſicht⸗ * unſtteitig chen Fahr⸗ hiet ein er darbie⸗ ſpoßhaſtn und geſtg⸗ volen Um⸗ ſie, halte inden A⸗ ſmillern⸗ ges/ Nnke ndie Steli nnichi⸗ i Dins nin dß Lei⸗ jn e Lots — 209— Loos ergeben müſſen, daß eben nicht zu den wuͤnſchenwertheſten gehoͤrt, uns aber weder erbittern, noch befremden darf, da es ſchon ſo manchem verirrten Reiſenden begegnet iſt. Allerdings wird, eh' wir es uns verſehen, die ſtockfinſtere Nacht hereinbrechen, und unter dem Gebrauße des Sturmes werden wir, ei⸗ ner, wie der andere, vor Froſt erſtarren und elendiglich umkommen! Aber ich bitte Dich, mache Dir daruͤber keine weitern Scrupel und Sorgen, ſondern ſey vergnuͤgt und laß uns vor allen Dingen verſuchen, ob wir nicht unſerm Leichenwagen wieder zu einer anſtän⸗ digern Richtung zu verhelfen vermogend ſind!“ Gemeinſchaftlich legten wir Hand an, unſere Bemuͤhung ward vom beſten Erfolge gekront, und bald hatte ich meinen Stroh⸗ ſitz wieder eingenommen. Tobias, der mit Zuͤgel und Peitſche in der Hand muͤhſelig ne⸗ ben den Pferden einherwatete, verbiß und bekaͤmpfte, eingedenk der geharniſchten Troſt⸗ rede, die ich ihm gehalten, ſeinen innern Grimm, warf aber ven Zeit zu Zeit ängſi⸗ 14 — 210— liche Blicke nach mir und begleitete dieſe zu⸗ letzt ſogar mit der furchtſamen Erkundigung, ob ich auch etwa mit dem Kopf gegen eine verborgene Baumwurzel gefallen und an der Hirnſchaale verletzt worden ſey? Ich merkte wohl, was zu dieſer Bedenklichkeit ihm An⸗ laß gegeben, ſuchte ihn möglichſt zu beruhigen, und ließ nicht eher nach, bis er neues Ver⸗ trauen zu mir gefaßt und ſich wieder auf den Wagen geſetzt hatte. Sehr möglich, daß es in nur geringer Entfernung von dem Wege, den wir eigen⸗ mächtig uns bahnten, hier oder dort bewohnte Huͤtten gab, in welchen wir von den ausge⸗ ſtandenen Drangſalen uns zu erholen und uͤber die von uns einzuſchlagende Richtung genauere Auskunft zu erlangen vermocht hät⸗ ten; es beſchränkte ſich aber, dem unablaͤßig fortdauernden Schneegeſtober zufolge, unſere Ausſicht ſtets auf ſo wenige Schritte, daß die Annäherung an einen menſchlichen Wohn⸗ ſitz nur als das Werk eines uͤber alle Erwar⸗ tung guͤnſtigen Zufalls zu betrachten geweſen wäre. So uͤberraſchte uns denn der herein⸗ di wein ſch min J deſ ale nu au dieſe zu⸗ rkundigung, gegen ine und an der Ich merkte ihm An⸗ beruhigen, neues Vu⸗ Nr a f den ur geringer wit eigim rt bewohntt den ausge⸗ cholen u Nichlun nocht hit unoblißi unſi ritte/ u en Wohl⸗ u em ten 9 g eler „ dämmernde Abend in einer Waldung, nach welcher wir auf gutes Gluͤck uns gewandt hatten, um wenigſtens gegen den Angriff des ſchneidenden Windes einigen Schirm und Schutz zu finden. Nicht dieſen Zweck allein, ſondern auch das Ziel unſrer irdiſchen Beſtimmung uͤber⸗ haupt, ſchienen wir jetzt erreicht zu haben! Die ausgehungerten und von der uͤbermaͤßigen Anſtrengung bis auf den Tod erſchöpften Pferde verweigerten jede fernere Dienſtleiſtung, warfen ſich in den Schnee und waren weder durch Guͤte, noch Gewalt wieder auf die Beine zu bringen. Der ehrliche Tobias ließ Zuͤgel und Peitſche ſinken, that ſtohnend und ſeufzend den letzten Schluck aus der Brandt⸗ weinflaſche, mit welcher er bey der Abfahrt ſich verſorgt hatte, kratzte ſich hinter den Oh⸗ ren und verwuͤnſchte den Tag ſeiner Geburt. Ich ſtieg vom Wagen, trabte in der Naͤhe deſſelben, um mir die Glieder noch ſo lange als moglich gelenk und gefugig zu erhalten, munter auf und ab, wollte in der ämſigen und ausſchließlichen Beſchaͤftigung mit Antoniens 14* — 212— Bilde die Herzſtaͤrkung ſuchen, deren ich mich beduͤrftig fuͤhlte, und begann ſtatt deſſen mich unwillkuͤhrlich in wehmuͤthige Betrachtungen uͤber die vier letzten Dinge zu verlieren.— Du haſt gut laͤcheln, Schweſter; denn ſchon der Anblick dieſer Zeilen giebt Dir den Be⸗ weis, daß ich dem Verderben glucklich ent⸗ ronnen. Stelle Dir aber das Graͤßliche und Schaudervolle meiner Lage recht lebhaft vor, und Du wirſt es ganz begreiflich ſinden, daß ich fuͤr den Augenblick vom Wirbel bis zu den Fußzehen mehr zum Ernſt, als zum Scherz geſtimmt war! Bey mehr und mehs uͤberhand nehmender Dunkelheit in eine ode und wildfremde Gegend verſchlagen, in wel— cher nirgends ein befreundeter Laut ſich ver⸗ nehmen, nirgends ein wirthliches Licht ſich erblicken ließ; rings umher den pfadloſen ver⸗ ſchneieten Forſt, uͤber deſſen Laͤnge und Aus⸗ dehnung ich in der voͤlligſten Ungewißheit ſchwebte, droben in den Baumgipfeln das hohle Getoſe des Sturmes, zur Seite das ärmliche Fuhrwerk mit den kraftlos am Bo⸗ den liegenden Pferden, deren trauriges Schick⸗ ſil dur ge 9e ich m tin ich mich t deſſen mich etrachtunhn erlieren.— denn ſchon it den Be⸗ lücklſch ent⸗ rüßliche und ebhuft vor inden, daß irbel bis zu als zum hr und meh in eine ide n, in wil⸗ tſich ber⸗ Lcht ſich adloſen ben eund Aui⸗ Ungwißhe ſpfeln di Seit N os 6 Ir⸗ g 6tji⸗ ſal mich mit dem innigſten Mitleid wuͤrde durchdrungen haben, wäre ich nicht als Ge⸗ genſtand dieſes Gefuhls mir ſelbſt der nächſte geweſen! „Es hilft nichts, liebſter Tobias!“ rief ich dem Verzagenden endlich zu.„Wir muͤſſen einen abermaligen Verſuch machen, ob wir noch etwas weiter vorwärts zu kom⸗ men im Stande ſind. Zur chriſtlichen Erge⸗ bung in unſer Mißgeſchick bleibt uns noch immer Zeit genug! Fuͤr jetzt ſind wir es uns ſelbſt ſchuldig, zu Erhaltung des Leibes und Lebens unſre letzte Kraft aufzubieten. Erlie⸗ gen wir, aller angewandten Bemuͤhungen zum Trotz, dem gräulichen Verhaͤngniß, das mit verlangender Wuthgier uns bedroht, nun, ſo haben wir zu deſſen Abwehr und Bekäm⸗ pfung wenigſtens das Unſrige gethan. Alſo nur friſch ans Werk!“ In dieſem Augenblick machte der Sturm eine kurze Pauſe. Mit aͤngſtlicher Aufmerk⸗ ſamkeit horchten und lauſchten wir, den Athem verhaltend, durch die ſchauerliche Waldnacht dahin und— o wonnevolle Ueberraſchung! — 214— — wie ein heilverkuͤndender Segensruf drang entferntes Hundegebell zu unſerm Ohr. Mit neubelebtem Muth und hochklopfendem Herzen wandten wir ungeſäumt alle uns zu Gebot ſtehenden Ermunterungsmittel an, um den Pferden unſre Willensmeinung begreiflich zu machen. Allmählich brachten wir das Fuhr⸗ werk wieder in Gang, ſchritten beyde bedacht⸗ ſam vor demſelben her, und nahmen quer durch die Holzung uͤber Stock und Dorn unſere Richtung nach der Gegend, von wan⸗ nen jene unvergleichliche himmliſche Muſik jetzt immer klarer und deutlicher ſich verneh⸗ men ließ. Nach Perlauf einer halben Stunde ge⸗ langten wir an eine Köhlerhuͤtte, aus welcher, auf unſer wiederholtes Klopfen und Rufen ein ſteinaltes Muͤtterchen zum Vorſchein kam. Wenige Worte waren zu Schilderung unſrer Noth und Verlegenheit hinreichend; auch fan⸗ den wir, nachdem ich eben ſo kurz und buͤn⸗ dig mein Anliegen vorgebracht hatte, ſogleich die bereitwilligſte Aufnahme. Während Le⸗ bias mit Unterbringung und Verſorgung der w na W öruf dran Oht, Mit dem Hirhn zu Gebot „um den egriftich zu das Frhr⸗ de bedacht⸗ men e und Dorn von wah⸗ ſch venh⸗ Stunde h s woſchel⸗ nd Rufen hein kam⸗ ung unſ auch fan⸗ und bin⸗ hrend z. de ru der Pferde ſich zu beſchaͤftigen anſing, begab ich mich nach der Wohnſtube, einem engen, nie⸗ drigen Gemach mit rußſchwarzen Wänden und von einer dunſtigen Oellampe ſo ſpärlich erleuchtet, daß die umherbefindlichen, von der druͤckendſten Armuth und Duͤrftigkeit zeugenden Gerathſchaften nur mit Mühe zu unterſcheiden waren. Außer der Alten, die ſich bereits der naͤchtlichen Ruhe uberlaſſen gehabt, einem in melancholiſcher Eintönigkeit unter dem Ofen zirpenden Heimchen, und dem Spitzhunde, der durch ſein munteres Geklaͤff mir einen ſo unbezahlbar wichtigen Dienſt geleiſtet, war nirgends ein andres lebendes Weſen zu ver⸗ ſpuͤren. Noch ſchaute ich beklommen nach al⸗ len Seiten mich um, als jene mit duͤrrem Reißholz mir nachfolgte und zum Kamin trip⸗ pelte, worauf die hier unter der Aſche glim⸗ menden Kohlen alsbald zur hellen luſtigen Flamme emporloderten. Zu meinem großen Vergnuͤgen erfuhr ich jetzt, daß wir, trotz des langen und ungewiſſen Hin und Herkreu⸗ zens, die zu beobachtende Richtung wenigſtens nicht gaͤnzlich verfehlt hatten. Birkenau war — 216— nur zwey kleine Meilen von hier entfernt, und kaum einer halben Stunde bedurfte es, um wieder auf die Poſiſtraße zu gelangen, die ich dieſen Morgen verlaſſen hatte. Das ſorgfaltig unterhaltene Kaminfeuer verbreitete mit ſeinem erfreulichen Schimmer jetzt durch das dumpfdüſtere Gemach zugleich eine wohlthätige Waͤrme, die es mich leicht verſchmerzen ließ, daß ich den ſtuͤrmiſchen Anforderungen des Magens nur mit trocknem Schwarz⸗Brod und flauem Cichorienwaſſer, von der Alten Kaffee genannt, zu begegnen vermochte. In eben dem Maaße jedoch, wie die erſtarrten und verklammten Glieder mir allmählich aufthauten, ward auch die Sehn⸗ ſucht nach Erreichung des beabſichtigten Reiſe⸗ zieles in meinem Innern wieder lebendig. Spaͤteſtens heut Mittag hatte ich, auf die Zuverläſſigkeit meiner fruhern Berechnung ge⸗ ſtuͤtzt, in Birkenau einzutreffen verſprochen. Wibold, durch mein Außenbleiben wohl gar auf die Vermuthung geleitet, daß ich an Bewerkſtelligung des gemeinſam verabredeten Planes überhaupt unerwarteter Weiſe verhin⸗ ntjemt, und fte es, um Kaminfiuer Schimmer ch zuglich mich leicht ſrmiſchen it trocknem orienwaſſe, zu begegnen jedoch, wi luder mir die Sihn⸗ len Mliſe⸗ lebendig⸗ auf di chnung g verprochen⸗ wohl 9o ich o erobred iſe hin⸗ — 217— dert worden, machte mit dem naͤchſten Mor⸗ gen ſich unfehlbar allein auf den Weg nach Elbach, und ich hatte daher, wenn ich ihn noch vorfinden wollte, durchaus keine Zeit zu verlieren. Da Tobias von ſo ſchleunigem Wiederaufbruch nichts wiſſen wollte, und auch ich ſelbſt nicht eben geneigt war, es zum zweitenmal mit ihm zu verſuchen, beſchrieb die Alte, von meiner Verlegenheit unterrichtet, mir ein an der Poſtſtraße gelegenes Wirths⸗ haus, wo man jeden Augenblick fuͤr ſein baares Geld ein Fuhrwerk erhalten köͤnne, und ver⸗ troͤſtete mich mit gutmuͤthiger Geſchwätzigkeit auf ihren Sohn Ulrich, der unſtreitig noch vor Mitternacht von dem Tanzgelag, auf welchem er in einem benachbarten Dorfe ſich befinde, hierher zuruͤckkehren und mich ſodann gern nach dem gedachten Orte geleiten werde. Es verging jedoch eine Stunde nach der andern, und kein Ulrich erſchien. Die Alte hatte ſich wieder nach ihrer an das Wöhn⸗ gemach grenzenden Schlafkammer und zur Ruhe begeben. Tobias lag mit dem Geſicht auf dem Liſch und verſchnarchte ſo ſuͤß und — 218— behaglich, als hätte er ſich auf Eyderdunen dahingeſtreckt gehabt, die Ruͤckerinnerung an die ausgeſtandenen Widerwaͤrtigkeiten und Drangſale. Auch ich fuͤhlte uͤber dem ver⸗ geblichen Harren und Lauern mich allmählich von einer Mudigkeit angewandelt, der ich nicht läͤnger zu widerſtehen vermochte. Unmuths⸗ voll warf ich mich auf einen in der Ecke be⸗ findlichen hölzernen Lehnſeſſel und bald hatte der Schlaf mit unbezwinglicher Gewalt ſich meiner bemaͤchtigt. Als ich erwachte, war das Kaminfeuer erloſchen, von undurchdringlicher Finſterniß ſah ich mich umgeben, und die Glieder zit⸗ terten mir vor Froſt. Ich verließ meinen Ruheſitz, ſuchte nach dem Mantel umher, und tappte, nachdem ich ſeiner habhaft gewor⸗ den, zur Stubenthuͤr und vor die Huͤtte hin— aus. Das Unwetter hatte ſich gelegt, mit bleichem Schimmer beleuchtete das am Him⸗ mel aufgegangene letzte Mondviertel die ein⸗ ſame Waldgegend, und tiefe Stille herrſchte rings umher. Es war zwiſchen fuͤnf und ſechs Uhr. Ich beſchloß, da der mir zuge⸗ — un Cyderdunen rinnemng an keiten und rdem vber⸗ h ollmihlich der ich nicht Unmuthi⸗ der Ecke b⸗ bald hatte ewalt ſcch Kaminfellr Finßerniß Glider ji⸗ iß mein e umher⸗ aft gewol⸗ Hür hin⸗ eleht, mi on him⸗ ddie ein ln hrnſt⸗ füf nd mit ge⸗ — 219— ſagte Fuͤhrer ausgeblieben, jetzt keinen Augen⸗ blick länger zu fäumen, ſondern meinen Weg allein zu verfolgen und begab mich, mit Aus⸗ fuͤhrung dieſes Vorhabens beſchaͤftigt, nach dem Innern der Hutte zuruͤck. Die Eigen⸗ thuͤmerin derſelben, die durchhdas Geknarr der Thuͤr aus dem Schlaf erweckt worden war, hatte mittlerweile die Lampe wieder angezuͤn⸗ det, wußte fuͤr ihren Aerger und Unmuth uͤber die ungebuͤhrliche Nachtſchwärmerey ihres Soh⸗ nes nicht Worte genug zu finden, und be⸗ gann mit gleicher Umſtaͤndlichkeit, nachdem ich ihr meinen Entſchluß mitgetheilt, mich mit der durch den Forſt zu nehmenden Rich⸗ tung vertraut zu machen. Ich ermangelte nicht, mich wegen der freundlichen Aufnahme und Bewirthung unter ihrem Dach erkennt⸗ lich gegen ſie zu bezeigen, hatte, da ich meine ſämmtlichen Reiſegeraͤthſchaften auf dem Poſt⸗ wagen gelaſſen, nur fuͤr Fortſchaffung der eignen Perſon zu ſorgen, zog, nachdem ich auch mit dem ſchlaftrunkenen Tobias mich abgefunden, getroſten Muthes von hinnen, und bahnte, genau auf die mir gemachte — 220— Bezeichnung merkend, mir ruͤſtig und uner⸗ muͤdlich den Weg durch den tiefen Schnee, bis ich die Poſtſtraße gluͤcklich erreicht hatte. Ungefähr eine Stunde nach dem Antritt meiner Wanderung ſah ich den von der Wald⸗ bewohnerin erwäßten Gaſthof in der Mor⸗ gendämmerung vor mir liegen. Ich verdop⸗ pelte meine Schritte und trat in eine geräu⸗ mige, duͤſtere, von uͤbernaͤchtigem Tobacks⸗ qualm erfuͤllte Stube, deren Inneres den wi⸗ derlichſten und zuruͤckſchreckendſten Anblick dar⸗ bot. Sämmtliche Tiſche befanden ſich noch in dem Zuſtande, in welchem die zuletzt hier verſammelt geweſene Geſellſchaft ſie verlaſſen hatte, und waren mit Glaͤſern, Schwefelhoͤl⸗ zern und bunt durch einander geworfenen Spielkarten bedeckt. Auf einem am Boden geſchichteten Strohlager ruhten in bruͤderlicher Eintracht ein Harfenſpieler mit ſeiner Harfe, ein Bettler mit ſeinem Brodſack, und noch zween andere Geſtalten, deren Geſichtsbildung es zweifelhaft ließ, ob man ſie fuͤr Räuber oder Zigeuner zu halten habe. Im nachlöſ⸗ ſigſten Morgenanzuge, mit wild herabhaͤngen⸗ den ſih tic ig und unet⸗ iefen Schne, reicht hatte. dem Antritt on der Wald⸗ „ in der Ich verdo⸗ eine geräl⸗ m Tobacks⸗ eres den wi⸗ Anb lick dat⸗ un ſih noc Schwflh⸗ geworfenen om Boden . rderliche Harft d noch f, un 1/ ſchtbildu zub für Räl ſeiner Im ſ yuih Mor⸗ — 21— den Haaren und einer Miene voll Verdruß, fegte die Magd des Hauſes den Boden und richtete in rauhem kreiſchendem Ton an die Schluͤfer das wiederholte Geheiß, ſich zu er⸗ muntern und das Lager zu verlaſſen. Auf meine, an die liebenswuͤrdige Nym⸗ phe ergehende Bitte, mir den Herrn des Hau⸗ ſes herbeizurufen, mit dem ich uͤber einen Miethwagen nach Birkenau zu unterhandeln wuͤnſche, ertheilte ſie mir den Beſcheid, daß der Gaſtwirth ſich erſt vor ein paar Stun⸗ den, indem er faſt die ganze Nacht hindurch auf einen Fremden gelauert, der mit der Poſt hier eintreſſen ſollen, zur Ruhe gelegt habe und eben deshalb noch nicht geweckt werden duͤrfe; daß ich jedoch den krwähnten Handel mit dem Knecht abmachen könne, den ſie auf⸗ ſuchen und mir zuſchicken wolle. Bald ſtellte dieſer ſich ein, ließ zu Erfuͤllung meines Wun⸗ ſches ſich geneigt finden, verſprach mir, nach⸗ dem er die Zuſicherung eines dreyfachen Trink⸗ geldes ſchmunzelnd vernommen, mich wie auf Windesfluͤgeln nach Birkenau zu beför⸗ dern, und ging wieder hinaus, um anzuſpannen. — 222— Während deſſen hatten die vier Schlaf⸗ geſellen ſich allmählich von dem Lager erhoben. In harmloſer Gemuͤthlichkeit begannen ſie ih⸗ ren Anzug zu ordnen, und der gefällige Dienſt⸗ eifer, mit welchem ſie gegenſeitig ſich die Strohhalme von den Kleidern laſen, ſchien auf das freundlichſte Einverſtändniß hinzu⸗ deuten. Dennoch kam es bald darauf zwi⸗ ſchen ihnen zn einem Auftritt, der nicht min⸗ der ihr heftiges Temperament und ihr im höchſten Grade reizbares Ehrgefuͤhl beurkun⸗ dete, als er ſehr unerwarteter Weiſe auch fuͤr mich von den wichtigſten und p Folgen war. Der Harfeniſt hatte eben ein altes Scheermeſſer hervorgezogen, um vor einer aufgefundenen Spiegelſcherbe ſeinem Geſiht ein menſchlicheres Anſehen zu verleihen, als der Mann mit dem Brodſack, einer von ihm vermißten zinnernen Schnalle wegen, in anzug⸗ liche Reden auszubrechen und mit ſteigendem ffect von langen Fingern, naͤchtlichen Raub⸗ verſuchen und unruhigen Nachbarſchaften zu ſprechen anfing. Plötzlich hatte die eine von — — den Gu eiv tiet Schlaf⸗ ager echoben. annen ſie ih⸗ ilige Dienſ⸗ itig ſich die loen, ſchien ndniß hinz⸗ darauf jwi⸗ nicht nin⸗ und ihr im bl beukun⸗ iſe auh fi erderblichſun ein alt vor einer n Giſcht leihen er von iyn in anjlg⸗ ſteigenden chen Ruul⸗ ſchfi i in o — 223— den Zigeunergeſtalten ihn wuͤthend bey der Gurgel gepackt, der Harfenſpieler kam mit eingeſeiftem Kinn ihm in den Ruͤcken, und ehe noch die mit Aufräͤumung des Lagers be⸗ ſchaͤftigte Magd ſich vermittelſt des Beſenſtiels als Ruheſtifterin dazwiſchen zu werfen ver⸗ mochte, lag der zugleich angegrifſene und um⸗ gangene Stichler ſchon mit blutender Raſe am Boden. In dieſem Augenblick ſprang eine Sei⸗ tenthuͤr auf, und ein rieſenmaͤßiger, breit⸗ ſchulteriger Mann, nur halb angekleidet und den Ausdruck des ingrimmigſten Zorneifers im Geſicht, kam zum Vorſchein. Es war der Wirth des Hauſes.„Vermaledeites Geſindel! wollt Ihr Friede halten?“ herrſchte er mit donnernder Stimme den Hitzkoͤpfen zu und ſogleich war das fruͤher unter ihnen beſtan⸗ dene einträchtige Vernehmen wieder hergeſtellt. Schon im Begriff nach der angrenzenden Kammer zuruͤckzukehren, warf er einen flüch⸗ tig muſternden Blick auf mich, ſtutzte, trat näher, faßte mich ſchaͤrfer ins Auge und blieb mit einer ſo ſeltſam zwiſchen Erſtaunen und — 224— heimlichem Vergnuͤgen ſchwankenden Geberde vor mir ſtehen, als ob er die uͤberraſchendſte Entdeckung gemacht haͤtte. „Ey, ey! woher des Landes bey ſo fruͤher Tageszeit?“ redete er mich an, indem ſich ſein Geſicht zu einem zweydeutigen Lächeln verzog. Der ſonderbare Ton, in welchem er dieſe Frage an mich richtete, ſetzte mich in einige Verlegenheit; doch ſuchte ich mich zu faſſen, vermeldete ihm in kurzen Worten, wie hoͤchſt unerwuͤnſcht es mir ſeit geſtern Morgen ergangen, und ſchloß mit der drin⸗ genden Aufforderung, mich jetzt nicht länger aufzuhalten, ſondern meine Abfahrt nach Bir⸗ kenau möglichſt zu beſchleunigen. „Ey, nur Geduld, junger Herr! Es ſoll ſchon alles beſorgt werden!“ erwiederte er, maß mit ſtechendem Blick mich noch ein⸗ mal vom Kopf bis zu den Fuͤßen und näherte ſich der Thuͤr, wo er, in anſcheinendem Zwei⸗ fel mit ſich ſelbſt, zaudernd verweilte und ſich wieder nach mir umwandte.„Alſo nach Bir⸗ kenau gedenken der Herr?“ „Donner enden Geberde üͤberraſchendfte andes bey ch an, indem uligen Licheln welchem er ſtte mich in ich mich ju zn Wonten, t ſeit geſtem nit det drin⸗ nicht linger nt nh vi⸗ rHent! Es erwirderte ich noch in⸗ nund niherte nendem Sw⸗ ₰ eilte und ſé ſn ohnet „Don — 225— „Donner und Doria!“ fuhr ich mit uͤberwallendem Verdruß und Unmuth ihn an. „Hab' ich es denn nicht deutlich genug ge⸗ ſagt? Soll ich es noch zum zehnten und zwanzigſten mal wiederholen?“ „Schoͤn, ſchoͤn! Der Wagen ſoll ſo⸗ gleich vorfahren!“ rief er mit liſtiger, ſchaden⸗ froher Miene mir zu, murmelte noch einige mir unverſtändliche Worte in den Bart und verließ die Stube. Das auffallende Benehmen des Man⸗ nes, der meines Wiſſens mich fruͤherhin eben ſo wenig geſehen und gekannt hatte, als ich ihn, war mir ein unerklärliches Räthſel. Ver⸗ gebens ſann ich hin und her, um dieſem plotz⸗ lichen Befremden bey meinem Anblick, dieſer lauernden Aufmerkſamkeit auf meine Perſon, dieſer verſteckten Argliſt in ſeinen Worten und Geberden auf den Grund zu kommen; und noch ſtand ich, waͤhrend die Eisblumen des Fenſters allmaͤhlich von den erſten Strahlen der Morgenſonne zu erglänzen begannen, in dies fruchtloſe Nachgruͤbeln verloren, a's end⸗ lich das Rollen des von mir in Anſpruch ge⸗ 15 — 226— nommenen Wagens mich in den angeſtellten Betrachtungen unterbrach. Ich ging hinaus, und verwundert ſiel mein erſter Blick auf den Wirth, der, in einen alten grauen Mantel gehuͤllt, vor der Thuͤr ſtund und mir ankuͤndigte, daß er mich zu begleiten geſonnen ſey. „Wozu das?“ fragte ich ihn. „Weil ich auf dem Wege dorthin ein kleines Geſchaͤftchen abzumachen habe, wozu dieſe Gelegenheit mir eben ganz erwuͤnſcht kommt!“ gab er mit ſehr entſchiedner Ge⸗ berde zur Antwort, trat auf mich zu, und ſtreckte durch den Schlitz des Mantels den Arm aus, um mir auf den Wagen zu hel⸗ fen. Ueberzeugt daß es vergebliche Mühe ſey, mich dieſem eigenmächtigen Vorhaben zu wi⸗ derſetzen, ſtieg ich verſtimmt und mißmuthig nach dem für mich beſtimmten Sitze hinauf, der Zudringliche nahm dicht hinter mir ſeinen Platz ein und die Fahrt ging von dannen. Ein paarmal verſuchte mein unberufener Begleiter ein Geſpräch mit mir anzuknüpfenz er erhielt jedoch, da ſeine Geſellſchaft mir im — — en angeſtellten erwundert ſil irth, der, in hult, vor der. , diß et mich ihn⸗ e dorthin ein habe, wohu nz etwönſcht ſſchiedner Gu 5 mich zu/ Und Mnuls den Bnhen h te Mihe ſeh, i⸗ hoben ſu n nd nißmuthi nauf Sbſn un nir ſin on danneſ⸗ höchſten Grade zuwider war, ſo kurze und einſylbige Antworten, daß er nach und nach von dieſer Bemuͤhung abließ und endlich das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten anfing. Der Weg fuͤhrte durch dde, unbewohnte Ge⸗ genden, deren traurige Einförmigkeit mir, bey der Ungeduld nach Erreichung des vorgeſetz⸗ ten Zieles, die tödtlichſte Langeweile verur⸗ ſachte, bis ich nach Verlauf einer Stunde ploͤtzlich einen ziemlich anſehnlichen Flecken vor mir liegen ſah. Durch die Weite eines Büchſenſchuſſes von demſelben getrennt, zeigte ſich ſeitwärts ein einzeln ſtehendes hohes Ge⸗ baͤude, nach welchem der Kutſcher, indem er die Landſtraße verließ, mit den Pferden ein⸗ zulenken begann. „Das iſt ja wohl Birkenau?“ rief ich aus. „Nein, mit Erlaubniß!“ verſetzte der Graumantel.„Birkenau liegt dort rechts hinuͤber. Wir aber fahren fuͤr diesmal nach Loͤſchwitz, und zwar gerades Weges nach dem Amthauſe!“ „Blitz und Dolch!“ fuhr ich auf, in⸗ 15* — 228— dem ich mich zornig nach ihm umwandte. „Was ſoll das bedeuten?“ „Es wird ſich bald zeigen!“ war die Antwort.„Uebrigens verhalte ſich der Herr nur ja ganz ſtill und ruhig; oder, bey mei⸗ ner armen Seele! ich bringe den vormaligen Wachtmeiſter wieder in Gang und es ſetzt noch blutige Auftritte hier auf dem Wagen!“ Er ſchlug bey dieſen Worten den Man⸗ tel zuruͤck, und ein ungeheurer Dragonerſaͤbel, den er zwiſchen den Knieen hielt, nebſt zwey Piſtolen, die er im Gurt ſtecken hatte, kamen zum Vorſchein. „Unter ſo bewandten Umſtänden muß ich mich freilich mit der Antwort auf meine Frage gedulden!“ rief ich veraͤchtlichen Tones ihm zu.„Ich hoſſe jedoch, daß es auch hier zu Lande gegen dergleichen freche Ungebuͤhr⸗ lichkeiten noch Recht und Gerechtigkeit giebt!“ „Ey allerdings, und eine Juſtitz oben⸗ drein! Das wird der Herr zeitig genug ge⸗ wahr werden!“ entgegnete er mit ſo kaltem hoͤhniſchem Trotz, daß mir dabey ganz un⸗ heimlich zu Muthe zu werden anfing⸗ uwandt. n!“ wat de ſch der Hen der, bey mei⸗ den vormaligen und e ſtzt en Vagen!“ en den Min⸗ dragoneiſübel, lt, nobſt iweh hatte, kmmn mftünden wß ort ouf meine ichen Tones 6 ouch hier he Ungebih⸗ iglat gbt 6 Fufit oben⸗ lig genu mit ſo kolmn bey 9oh nin —— Der Wagen fuhr jetzt unter dem du⸗ ſtern Schwibbogen eines aus Quaderſtuͤcken errichteten Thorweges zu dem gepflaſterten, von einer hohen Mauer umhegten Hofplatze hinein und hielt vor dem Haupteingange des Ge⸗ väudes ſtill, das, durch ſeine alterthuͤmliche Form und Bauart ſich auszeichnend, an der einen Seite die Wohnung des Jvſtitzamt⸗ manns Werlheim, an der andern, wie ſich gleich auf den erſten Anblick aus den dort beſindlichen, mit Eiſengittern verſehenen Fen⸗ ſterhöhlen ergab, eine beträchtliche Anzahl von Gefaͤngniſſen enthielt. Ein ältlicher hagerer Mann, mit ver⸗ ſchrumpftem Geſicht und einer Feder hinter dem Ohr, kam vor die Thuͤr heraus. „Da, Herr Amtsſchreiber!“ rief der Gaſtwirth mit triumphirender Geberde ihm zu.„Da hab' ich ihn gluͤcklich erwiſcht, den landfluͤchtigen Aufruͤhrer! Verfahren Sie wei⸗ ter mit ihm, wie Ihnen gut duͤnkt! Ich habe das meinige gethan, und erbitte mir nun die verſprochene Prämie. Vivat das deutſche Vaterland!“ — 230— Das Ergötzen an dem poſſirlichen Eifer meines bewafneten Gefährten verdrängte mei⸗ nen heimlichen Aerger, und laut lachend ſtieg ich vom Wagen herab. Der Amtsſchreiber aber trat naͤher, zog eine ſehr bedenkliche Miene, und ſagte:„Mäßigen Sie Ihre Luſtigkeit, Herr Traſſau, und belieben Sie mir zu folgen!“ „Traſſau nennen Sie mich?“ fragte ich ihn.„Ich muß Ihnen erklaͤren, daß hier ein eben ſo ſonderbarer, als fuͤr mich ſehr verdrießlicher Irrthum obwaltet; denn ich bin der Kammelgerichts-Aſſeſſor Lindberg, komme aus der Reſidenz und will nach Elbach, um dort ein Hochzeitfeſt feyern zu helfen!“ Der Alte ſchuͤttelte leiſe den Kopf, ein ungläubiges Laͤcheln uͤberflog ſein Geſicht, und kaum waren wir zuſammen in die an⸗ grenzende Gerichtsſtube getreten, als er aus einem hier befindlichen Actenſchranke ein Pa⸗ pier herausſuchte, welches er ſchweigend ent⸗ faltete und mir zur Durchſicht uͤberreichte. Wie erſtaunte ich, indem ich den In⸗ halt deſſelben ſchaͤrfer ins Auge faßte! Es ſtlchen Eifer ewrängte mei⸗ t luchend ſig Amtsſchreibe hr bedenkliche en Sie Ihre belieben Sie fuht i6 n, daß hiet ir nich ſch denn ich in ber, komm Elbech, um elſn!“ Kopf⸗ en ſin Geſcht, in die 0n⸗ ats u nkt ein Pu⸗ wigend en⸗ berreicht⸗ ich dn ſih 5 — 231— war ein förmlicher Steckbrief. Von einem jungen Rechtsgelehrten, der ſich demagogi⸗ ſcher Umtriebe verdaͤchtig gemacht, war darin die Rede, und zu meinem großten Entſetzen ſtimmte die hinzugefuͤgte nahere Bezeichnung des Entwichenen ſo genau mit den Eigenthuͤm⸗ lichkeiten meiner Perſon uͤberein, daß ich wah⸗ rend des Leſens mich leibhaft im Spiegel zu erblicken glaubte. Sogar des kleinen unbe⸗ deutenden Leberfleckens, den ich am linken Ohrlaͤppchen zur Schau trage, rhr Erwaͤh⸗ nung gethan. 4 „Beym wahrhaftigen Himmel! Das iſt mehr als ich zu begreifen vermag!“ rief ich aus.„Ein ſo unerhörtes Zuſammentreffen aller aͤußern Anzeichen und Merkmale mußte allerdings natuͤrlicher Weiſe den verderblichſten Schein auf mich werfen. Dennoch kann ich Ihnen aufs heiligſte betheuern, daß hier eine Verwechſelung ſtatt findet, daß ich niemals in Vergehungen dieſer Art verwickelt geweſen bin, daß ich, mit einem Wort, nicht Traſ⸗ ſau, ſondern Lindberg heiße. Haben Sie die Guͤte ſogleich einen Boten nach Birkenau, — 232— an den dortigen Gerichtsverwalter Wibold ab⸗ zufertigen. Er gehört zu meinen vertrauteſten Freunden, kennt mich ſo genau, wie ſich ſelbſt, und wird durch Beſtaͤtigung meiner Ausſage dieſem unglücklichen Jtrthum ſchnell ein Ende machen.“ „Sie berufen ſich da,“ verſetzte der Arg⸗ wohniſche,„auf einen Gewaͤhrsmann, deſſen Herbeyrufung vorläufig nicht in meiner Macht ſteht, indemn er dieſen Morgen verreiſt iſt und erſt in einihen Tagen zuruͤckkehren wird. Bis dahin werden Sie ſich wohl muͤſſen gefallen laſſen, unter einſtweiliger Aufſicht— fiel ich mit auflodern⸗ der Heftigkeit ihm ins Wort.„Es iſt ein grundloſer Verdacht, der auf mir haftet und meine Zeit iſt koſtbar. Nur ein tͤckiſcher Zufall treibt hier ſein Spiel und ich habe wahrlich keine Luſt, mich um ſeinetwillen hier als Gefangener feſt halten zu laſſen!“ „Das wird unter gegenwärtigen Verhalt⸗ niſſen doch wohl nicht anders ſeyn konnen!“ entgegnete er mit kalt entſchloſſenem Ernſt. e Wibold ab⸗ n vertrauttſten u, wie ſih igung meinet nthum ſchnell ſeht dur U⸗ zmann, eſſn neiner Mocht rreiſ iſ und wird⸗ Biö ſſen gjuln Gerichtlcher it aufledem⸗ „65 iſt en hifut und ein toͤckiſher nd ich habe n ſiumln uſin!“ gen Perhil⸗ tönnn“ ſenen nj — 233— „Sie werden mithin ſich ſelbſt einen ſehr wich⸗ tigen Dienſt erweiſen, wenn Sie ſich gedul⸗ dig in Ihr Schickſal ergeben und mir die Verlegenheit erſparen, ſchaͤrfere Maaßregeln gegen Sie anwenden zu muͤſſen. Es kommt mir eben ſo wenig zu, ein umſtändlicheres Verhör mit Ihnen zu beginnen, als ich Sie auf die bloße Verſicherung Ihrer Unſchuld wieder in Freiheit ſetzen darf; wenn aber Sie ſelbſt die völlige Uebereinſtimmung des hier an⸗ gegebenen Signalements mit Ihrer Perſon⸗ lichkeit durchaus nicht in Abrede zu ſtellen vermoögen, ſo werden Sie mir nicht verargen, daß auch ich thue, was Pflicht und Gewiſ⸗ ſen von mir erheiſchen. Findet der Herr Ju⸗ ſtitzamtmann, der druͤben im Städtchen Ge⸗ richtstag hält, bey ſeiner Nachhauſekunft, daß Ihrem Ausſpruche mehr zu glauben iſt als dieſen ſchriftlichen Angaben, ſo habe ich ganz und gar nichts dagegen einzuwenden. Nur von mir duͤrfen Sie nicht erwarten, daß ich mich irgend einer Verantwortlichkeit ausſetzen ſollte.“ Nach Ertheilung dieſes Beſcheides ging — 234— er zur Thuͤr hinaus, kehrte aber bald wieder zuruͤck, ſetzte ſich an den Schreibtiſch und vertiefte ſich ſchweigend in ſeine Arbeiten, ohne weiter auf mich zu achten. Ich ſtand wie auf Kohlen, begann von Grund des Herzens das unſelige Geſchick zu verwuͤnſchen, das mich betrofſen und machte zugleich mir ſelbſt heimliche Vorwuͤrfe, indem ich nicht läugnen konnte, daß ich das ganze Unheil nur der eignen albernen Unſchluͤſſig⸗ keit zuzuſchreiben habe. Es geſchieht dir ganz recht! Du haſt fuͤr deine Thorheit dieſe Züchtigung vollkommen verdient! grollte ich mit mir ſelbſt. Hätteſt du mit Julien, die ſich denn doch in jeder Hinſicht mit An⸗ tonien meſſen darf, ein ernſteres Verhaͤltniß angeknüpft, ſo wäre dir es, trotz jener im Champognerrauſch getroſſenen Verabredung nimmer in den Sinn gekommen, um die je⸗ tzige Jahreszeit eine ſo weite und beſchwer⸗ liche Reiſe zu unternehmen, du daͤchteſt, vom Arm der zaͤrtlichen Braut umſchlungen, auf ganz andre Umtriebe, als die, deren man dich hier beſchuldigen will und nichts bald wieder reibtſch und ne Arhüten, „begann von Giſchik zu nund nachte wirft, indem ch das ganze unſchlulis⸗ gichuht dir in Vohit ſintl gullt mit Fulin, ſcht mi A⸗ Fuhilniß jenet im Perabriduns un di j⸗ und beſhwer⸗ . dichnß, umſchlung n — 235— von allem, was beym Gedanken an dieſe Schreckensfahrt dich Zeitlebens mit Schau⸗ dern und Entſitzen erfuͤllen wird, wäre dir begegnet. Einige Stunden lang war ich, faſt ver⸗ gehend vor Unruhe und Ungeduld, mit dieſen und aͤhnlichen Vorſtellungen beſchaͤftigt gewe⸗ ſen, als endlich der Juſtitzamtmann ſich ein⸗ fand. Ich hatte mich auf die Erſcheinung eines im Aktenſtaube verwitterten grämlichen Inquirenten gefaßt gemacht; ſtatt deſſen trat ein munterer freundlicher Mann von meinem Alter, der durch ſein gefälliges und einneh⸗ mendes Weſen ſich ſogleich mein ganzes Zu⸗ trauen erwarb, in das Zimmer. Er be⸗ gruͤßte mich auf ſo höfliche und zuvorkom⸗ mende Weiſe, wie man beym willkommnen Beſuch eines Bekannten zu thun pflegt, hörte mir, indem ich ihm meine ſeit geſtern erlit⸗ tenen Unfaͤlle zu vermelden begann, mit ſehr theilnehmender Aufmerkſamkeit zu, äußerte, daß er ſelbſt an eine hier obwaltende Irrung in der Perſon zu glauben anfange, zuckte je⸗ doch, als ich, geſtuͤtzt auf dieſe bey ihm er⸗ — 236— weckte Anſicht der Dinge, ihn erſuchte, mich durch ſeine Vermittelung nunmehr ſchleunigſt nach Elbach zu befördern, mit verlegner Miene die Achſeln und erklaͤrte, daß er zwar ſich möglichſt beeilen wolle, mir die gewuͤnſchte Gelegenheit zu meiner Rechtfertigung zu ver⸗ ſchaſſen, in meine Freylaſſung aber fuͤr die⸗ ſen Augenblick nicht willigen dürfe. Ich ſtellte ihm vor, daß, da Laubners Hochzeitfeſt ſchon am heutigen Nachmittage vor ſich gehe, ich nun ohnehin nur zum Kehraus daſelbſt eintreffen koͤnne, durch noch längeres Zögern aber der Zweck meiner Reiſe gaͤnzlich verfehlt werde, indem ich nach Ver⸗ lauf einiger Tage mich ſchlechterdings wieder in der Reſidenz auf meinem Poſten befinden müſſe; er gab mir in den liebreichſten Ausdruͤcken ſein Bedauern daruͤber zu erkennen, ſchien jedoch, als ich von Wibold zu ſprechen an⸗ ſing, dieſe Hindeutung ſo wenig zu beachten, als es der ihm untergebene Amtsgehuͤlfe ge⸗ than, und verharrte mit unerbittlicher Stand⸗ haftigkeit bey ſeiner Weigerung. he, nich ſchlenigſt verlegn ß er zwat gewünſchtr a9 zu vel⸗ für di⸗ Laubnets chmittage nur jun durh noch iner Rile nch Ven wiiit beſinden ludrüden ſchien nchen un⸗ beachlen⸗ chülfe h⸗ E — 237— „Glauben Sie nicht, daß ich aus boͤſem Willen oder pedantiſchem Eigenſinn mich Ih⸗ rem Anſuchen widerſetze!“ fuhr er fort. „Sind Sie wirklich, wie ich mich allerdings mehr und mehr uͤberzeuge, nicht der fluͤchtig gewordene Traſſau ſelbſt, ſondern nur ſein unſchuldiges Ebenbild, ſo erſuche ich Sie, mir als Beamter freymuͤthig zu erklären, ob Sie an meiner Stelle, unter den nehmlichen Umſtaͤnden, ſich wohl getrauen wuͤrden, ohne Weiteres zu bewilligen, was Sie ſo eben von mir forderten. Uebrigens wollen wir uns bald mit einander im Reinen beſinden. Sie ſchreiben mit der reitenden Poſt, die die⸗ ſen Abend aus dem benachbarten Flecken nach dortiger Gegend abgeht, an Ihren Freund Wibold. Schon üͤbermorgen fruͤh kann die Beantwortung dieſes Briefes von ihm erfol⸗ gen. Beſtätigt er, durch Anerkennung Ihrer Handſchrift, die von Ihnen geleiſtete Ausſage, ſo ſind Sie frey. Unterdeſſen betrachte und behandle ich Sie als meinen Gaſt, Sie ſichern mich durch Ihr Ehrenwort vor dem möglichen Mißbrauche dieſes Vertrauens und ich ſorge — 2 dafuͤr, Ihnen den Aufenthalt in meinem Hauſe ſo angenehm als möglich zu machen.“ Was blieb mir, da ein ſolcher Vorſchlag zur Guͤte mich noch obendrein zum lebhafte— ſten Dank verpflichten mußte, anders zu thun, als mich ſtill und folgſam in mein Verhäng⸗ niß zu fuͤgen. Ich leiſtete mithin auf die Reiſe nach Elbach Verzicht und nachdem ich dem Juſtitzamtmann mit Hand und Mund zugeſagt, was er von mir verlangte, ergriff er mich vertraulich beym Arm und fuͤhrte mich nach ſeinem Wohnzimmer hinauf, wo er mit feyerlichem Geberdenſpiel mich ſeiner huͤbſchen jungen Frau als einen durch Steck— briefe verfolgten gefährlichen Verbrecher vor⸗ ſtellte, das Mittageſſen aufzutragen befahl und mich am gedeckten Tiſche neben ſich Platz nehmen ließ. Es iſt, wie Du weißt, meine altubliche und, wie mich duͤnkt, auf ſehr vernuͤnftigen Gruͤnden beruhende Gewohnheit, mich leicht und ſchnell uͤber Unannehmlichkeiten hinweg⸗ zuſetzen, deren Abänderung nicht in meiner Gewalt ſteht. Auch diesmal blieb ich mir in in meinem mach. r Vorſchlo n lebhafte⸗ z zu thun, Perhing⸗ in af die uchden ic nd Mund e, tgriff und füͤhrte nauf, wo nich ſeiner ch Ste⸗ recher bol⸗ en befihl aluiblche minfihen nich licht a hinwe in mint ic u in — 239— Beobachtung dieſer Regel getreu und ch' eine Viertelſtunde verging, hatte ich alle mir vom Schickſale geſpielten Schelmſtreiche ver⸗ geſſen und war der aufgeweckteſte Tiſchgeſell— ſchafter, der noch jemals durch munteres Um— hertummeln ſeiner guten Laune ſich einer ihm gewordenen gaſtfreundlichen Aufnahme wuͤr⸗ dig zu beweiſen geſucht hat. Auffallend in⸗ deß blieb es mir, daß Werlheim jedesmal, wenn ich Wibolds erwähnte, die Stirn in ernſtere Falten zog und dem Geſpräch mit doppelter Gefliſſenheit ſogleich eine andre Wendung zu geben bemuͤht war. Ich ſchloß auf eine durch die beyderſeitigen Dienſtver⸗ hältniſſe zwiſchen ihnen entſtandne Span⸗ nung, vermied es daher im Fertgange der Unterredung auf das ſorgfältigſte je⸗ nen Namen ferner auszuſprechen, und er kam mir auch ſelbſt dann nicht uͤber die Lip⸗ pen, als mein gefaͤlliger Wirth mich nach beendigter Mahlzeit an das nach Elbach ab⸗ zufertigende Schreiben erinnerte. Schnell war es entworfen und zu Stande gebracht. Schwei⸗ gend uͤberreichte ich es ihm zur Durchſicht, — 240— warauf er ſich mit demſelben entfernte, um es zu verſiegeln und auf die Poſt zu beför⸗ dern. Bald nach ſeiner Ankunft ertönte der Hofraum von luſtigem Schellengelaͤut, und ich ward zu Theilnahme an einer zwiſchen ihm und mehrern Löſchwitzer Standesperſonen ver⸗ anſtalteten gemeinſamen Schlittenfahrt ein⸗ geladen. Das Ziel derſelben war die ziem⸗ lich entfernt gelegene Wohnung eines Ober⸗ förſters, wo ich, von ganzem Herzen in den harmlos fröhlichen Ton der Geſellſchaft ein⸗ ſtimmend, mich voͤllig mit meinem Geſchiek ausſohnte, und von wannen wir erſt ſpät des Abends nach dem Amthauſe zuruckkehrten. Unter aͤhnlichen Zerſtreuungen und Er⸗ gotzlichkeiten ſchwanden mir auch des andern Tages, da Werlheim es recht abſichtlich dar⸗ auf anzulegen ſchien, mich nicht zur Beſin⸗ nung kommen zu kaſſen, die Stunden wie Augenblicke dahin. Am dritten Morgen ward mir die Antwort auf mein nach Elbach ge⸗ ſandtes Schreiben uͤberbracht. Sie lautete, wie ſich erwarten ließ. Wibold konnte nicht Worte genug finden, um mir ſein Erſtaunen uͤber —„—„— —„— tjunte, um oſt zu beför⸗ t ertönte hr ſäut, und ich wiſchen ihm peronen ber⸗ enfohrt ein⸗ ar die ziem⸗ eines Olet⸗ rzen in den Uchuft ein⸗ em Giſhit n pus kkehrten⸗ en und G⸗ es undern chilch dar⸗ zu Beſi⸗ tunden we unen ward Elboch 9 zie ſuui konntt ℳ gnuni ibet — 241— uͤber den hoͤchſt ſeltſamen Zufall, der mir be⸗ gegnet, ſeine Verzweiflung, daß dieſer aͤrger⸗ liche Mißgriff gerade in der Naͤhe ſeines Wohnortes ſich zugetragen, und die ſchmerz⸗ liche Ungeduld abzuſchildern, mit welcher er und Laubner meiner Ankunft von Minute zu Minute entgegen gelauert. Ueber die Hoch⸗ zeitfeierlichkeiten ſelbſt äußerte er ſich nur im Vorbeygehen, und Antoniens ward gar mit keiner Sylbe Erwähnung von ihm gethan. In deſto ruͤhrendern Ausdrücken dagegen bat und beſchwor er mich, doch ja bis zu ſeiner Heimkehr, zu welcher er ſich bereits zu ruͤſten anfange, meine Ruͤckreiſe nach der Reſidenz zu verſchieben, indem es ihn untroͤſtlich ma⸗ chen wuͤrde, bey ſeinem Wiedereintreffen zu Birkenau nicht wenigſtens noch einige Stun⸗ den in meiner Geſellſchaft zubringen zu koönnen. Dieſer Aufforderung konnte und durfte ich, da mein Urlaub zu Ende ging, auch mit dem beſten Willen nicht Gnuͤge leiſten. Ue⸗ berdies hatte, nachdem mein verliebter An⸗ ſchlag auf Antonien mir durch ein ſo merk⸗ wuͤrdiges Hinderniß vereitelt worden war, 16 ſich allmaͤhlich die Ueberzeugung in meinem Innern zu befeſtigen angefangen, daß es denn doch wohl, dem mir gegebenen hoͤhern Fin⸗ gerzeige gemäß, keine andre als Julie ſeyn ſolle, die ich mir zur Lebensgefährtin zu er⸗ wäͤhlen habe. Mehr und mehr wandte ſich, von dieſem Gedanken befeuert, meine Sehn⸗ ſucht wieder der Heimath zu. Weder das Zureden des Juſtizamtmannes, noch die Vorſtellung von Wibolds Untröſtlichkeit ver⸗ mochten meinen ſchnellgefaßten Entſchluß zu erſchuͤttern, und als der naͤchſte Morgen zu dämmern begann, verabſchiedete ich mich und beſtieg den Wagen, den Werlheim mit eben ſo liebreicher als uneigennütziger Dienſtgefäl⸗ ligkeit mir beſorgt hatte. Das ſeit ein paar Tagen eingetretene ſcharfe Froſtwetter war auf die Beſchaſſenheit der Landſtraßen nicht ohne den vortheilhafteſten Einfluß geblieben; nirgends gab es eine Gefahr oder Schwierig⸗ keit mehr fuͤr mich zu bekaͤmpfen, raſch ging es vorwaͤrts, und glüͤcklich und wohlbehalten bin ich vor einigen Stunden hier wieder an⸗ gelangt.— gin meinem „daß 6 denn höhern Fi⸗ Fulie ſehn ihrtin zu er⸗ waüdte ſich, meine Schn⸗ Wider dos noch die lichkeit ver⸗ niſchluß 1 eMoren ih nich un im mit ehen dinimi⸗ it ein hat wetter wat ſunhen niht 6 gehlubenz Schwirig⸗ „wſc zn wohluhul⸗ wieder l⸗ — 243— Es iſt Dir, da Du an Scharfſichtig⸗ keit mir allerdings uͤberlegen biſt, vielleicht alles, was ich von dem, auf dieſer Reiſe mir zugeſtoßenen Schickſal erzaͤhlt habe, ſo verdächtig vorgekommen, daß Du bereits mit voller Ueberzeugung auf einen zwiſchen Wibold und Werlheim verabredeten Plane geſchloſſen haſt. Mir aber kam ein ſolcher Gedanke wirklich nicht in den Sinn; argloſen Gemuͤ⸗ thes hielt ich das ganze Ereigniß nur fuͤr ein ungluͤckliches Zuſammentreffen zufaͤlliger Um⸗ ſtände, und nicht eher ſielen mir die Schup⸗ pen von den Augen, bis mir unter einigen, waͤhrend meiner Abweſenheit eingegangenen Briefen, auch ein Schreiben von Wibold einge haͤndigt wurde, welches folgende Zeilen enthielt: „Freue Dich, mein theuerſter Lindberg! Du biſt der martervollen Verlegenheit, fuͤr welche Du in einer frühern Zuſchrift mei⸗ nen Rath und Beiſtand mit ſo flehentlichen Worten in Anſpruch nahmſt, nunmehr fuͤr immer uͤberhoben. Seit dieſem Mor⸗ gen iſt Antonie meine erklaͤrte Braut. So iſt denn auf einmal, deinem Wunſche ge⸗ 16* — 244— maͤß, aller Qual ein Ende gemacht, die aus Deiner bisherigen Unentſchloſſenheit fuͤr Dich hervorging, und Du wirſt beim Empfange dieſer Anzeige ſchnell mit Dir ſelbſt daruͤber einig werden, was Du jetzt zu thun haſt. O wie gern brachte ich der Freundſchaft dieſes Opfer! Wie eifrig ſuchte ich, von Deiner Noth und Be⸗ draͤngniß unterrichtet, den Gedanken an Antoniens Liebenswuͤrdigkeit bei mir zu erwecken und zu unterhalten, bis er all⸗ maͤhlich in das aufrichtigſte Veſlangen nach ihrem Beſitz ſich verwandelte! Wie brannte ich auf den Augenblick meiner Abreiſe nach Elbach, und wie beeilte ich mich, nach meiner Ankunft daſelbſt, der Auserwählten die Vorzuͤge und Annehmlichkeiten, welche ſie ſich als Frau Gerichtsverwalterin von Birkenau zu verſprechen habe, in ein ſo glänzendes Licht zu ſtellen, daß ſie nach kurzem Bedenken in den ihr gemachten Vor⸗ ſchlag willigte und mit holdſeligem Engels⸗ lächeln mir ihr Jawort ertheilte! Das aber wirſt Du mir hoffentlich wohl zuge⸗ macht, die ſchloſeheit wirſt bein lmit Dir e5 Du jett chte ich der Wi iftiz und Be⸗ anken an mir ſ tis er al⸗ hngen nh ie bunnt Abriſe uh nich nqᷓ awihlen n, wilhe altein bon in en ſ fe nch chten Po⸗ n S lte 9 nij 9e — 245— ben, daß Dein Erſcheinen zu Elbach nur alles verpfuſcht und verdorben hätte, was zu Deinem und meinem Beſten von mir im Stillen beabſichtigt war.„Ich kenne Dich, Lindberg! Du hätteſt nach Deiner Gewohnheit wieder gewollt und nicht ge⸗ wollt, wärſt am Ende unverrichteter Sache von dannen gereiſt, und nach wie vor waͤre es mit Deinen wankelmuͤthigen Geſinnun⸗ gen bei der alten Leyer geblieben. Jetzt iſt uns Beiden geholfen! Und ſo magſt Du denn immerhin erfahren, daß der be⸗ wußte Steckbrief von meiner Hand verfer⸗ tigt, und Deine Feſthaltung auf dem Amthauſe zu Loſchwitz ſchon lange zuvor zwiſchen mir und Werlheim, den ich von der Lage der Dinge in Kenntniß geſetzt, freundſchaftlich verabredet war. Ohne Zwei⸗ fel haſt Du mir, nach reiflicher Erwagung der Umſtaͤnde, in dieſem Augenblick den an Dir veruͤbten Gewaltſtreich ſchon von ganzem Herzen vergeben, haſt wohl gar be⸗ reits mit gutem Erfolge um Juliens Hand angehalten, gedenkſt des entfernten Freun⸗ — 246— des, und ſchickſt wonnetaumelnd Dich an, ihm fuͤr die ſtillbewirkte Vermittelung Dei⸗ nes Gluͤckes den wohlverdienten Dank ab⸗ zuſtatten!“—— Wie gefaͤllt Dir das Gaunerſtuͤckchen, liebe Schweſter, vermittelſt deſſen mein Bir⸗ kenauer Pythias mich ſo ſanft und zierlich aus dem Sattel gehoben hat, daß ich mich dafuͤr ſogar noch bedanken muß! Nun, ich habe mich uͤber Antoniens Verluſt bereits hinlaͤnglich zu tröſten geſuchtz auch die uͤbri⸗ gen Reiſefatalitäten ſind vollkommen ver⸗ ſchmerzt, und gewiß ſoll mir niemals aus ähnli⸗ cher Urſache ein aͤhnliches Abentheuer wieder begegnen! Morgen früh, Schlag eilf Uhr ver⸗ fuͤge ich mich nach der Behauſung des Rent⸗ meiſters, Du weißt in welcher Abſicht es ge⸗ ſchieht. Eben deshalb ſchließe ich zwar die⸗ ſen Brief, ſende ihn aber noch nicht ab, ſondern verſpare dies bis morgen und laſſe Raum zu einer Nachſchrift, worin ich Dir unfehlbar vermelden werde, daß ich mit Ju⸗ lien feyerlich verſprochen und verlobt bin. d Dich än, lung Di⸗ Dank ab nerſtuͤkchen, mein Bit⸗ und zielich ßeich mich Nun, ich ſt bereit di ubr⸗ umen bet⸗ us ihrl⸗ wer wieder F inr e⸗ des Rent⸗ ſht 6 ge⸗ ſwor die⸗ nicht ab, und lſſ ſch Dir mit J⸗ t bin — 247— Nein, Schweſtet das iſt zu arg! das iſt mehr, als ein Sterblicher zu ertragen im Stande iſt! Ein feindſeliges Geſtirn waltet uͤber mei⸗ nem Haupt, meine ſchonſten Hofnungen ſind zu Grunde gerichtet, alles iſt verloren, unwieder⸗ bringlich verloren! Aus der dumpfen Betaubung, in welche der Schrecken mich verſetzt hatte, bin ich nach und nach zum klaren Gefuͤhl meines Elends erwacht; Schmerz und Erbitterung wuͤthen in meinem Innern, uͤber den wieder⸗ holten Ausbruͤchen des Grolles und der Ver⸗ zweiflung iſt es Abend geworden. Die Na⸗ tur beſindet ſich mit dem wildgehäſſigen Vor⸗ wuͤrfen und Anklagen, die ich gegen mich ſelbſt erhebe, im grauenvollſten Einklange⸗ Ein wüthender Sturm tobt und heult in den Lüften; praſſelnd ſchlagen von ihm umher⸗ gepeitſchte Hagelkörner gegen die Fenſter, und hohl und gellend kreiſchen die Wetterhähne auf den Dächern. O unheilvolle Reiſe! o noch unheilvollere Heimkehr! Warum iſt jene Weiſſagung, mit welcher ich den ehrlichen Tobias, nach erfolgtem Umſturze des Wagens, bewirthete, nicht wenigſtens an mir ſelbſt in — 248— Erfuͤllung gegangen? Warum bin ich nicht ſtatt in der ſchirmenden Koͤhlerhutte zur neuen Empfänglichkeit fuͤr die Qualen und Sorgen des Lebens aufzuthauen, ein für allemal bis uͤber die Ohren im Schnee ſtecken geblieben? Warum mußten Hunger und Froſt es ver⸗ geblich darauf anlegen, meinem freudloſen Daſeyn—— Aber ruhig! Ich will den ſchadenfrohen Daͤmon, der an meinem herz⸗ brechenden Jammer ſeine Luſt findet, gleich⸗ falls mit höhniſcher Miene entgegentreten, will ihm, des nagenden Kummers vergeſſend, trotzig ein Schnippchen ſchlagen, will eben durch den gelaſſenen Ton, mit welchem ich uͤber die mir durch die Rechnung gemachten Querſtriche mich ausſpreche, meinen Triumph uͤber ihn feiern! Laß Dir alſo die Geſchichte des heutigen Tages erzählen! vernimm, wie es mir ergangen! In ſo feinem und ſorgfaͤltig gewähltem Anzuge, wie es die Wichtigkeit meines Vor⸗ habens zu erheiſchen ſchien, mit der argloſe⸗ ſten Heiterkeit auf dem Geſicht und der zu⸗ verſichtlichſten Hoffnung im Herzen, machte in ich nicht te zut nuen und Sorhn alemal bis ngeblicben? roſt es bet⸗ m fueudleſen ch nil den uinem he⸗ et, gleich⸗ gegentreten, vegeſſend, „nil ehen welhen ih omnchin * xriumph Grhichte imm, wie gijliim eines Von er argl⸗ nd dr M⸗ chte — 249— ich mich zur gedachten Stunde nach dem Hauſe des Rentmeiſters auf den Weg. Zit⸗ ternd vor fröhlicher Ungeduld, flog ich die Treppe hinauf, öffnete das Wohnzimmer, und fand hier die Familie beym Fruͤhſtuͤck ver⸗ ſammelt. „Sieh da, der Aſſeſſor Lindberg!“ rief Julie mir entgegen.„Schon wieder zuruͤck von Ihrer Reiſe? Schon alles in Richtigkeit? darf man gratuliren?“ „Gratuliren? wozu denn?“ fragte ich mit verwunderter Geberde. „Verſtellen Sie ſich nur nicht lange!“ erwiderte ſie.„Wir wiſſen Alles! Auf der Brautſchau ſind Sie geweſen. Antonie Laub⸗ ner kehrt naͤchſtens als Frau Aſſeſſorin Lind⸗ berg nach der Reſidenz zuruͤck. Sie haben ſich ja, noch kurz vor Ihrer Abreiſe deutlich genug daruͤber ausgeſprochen!“ Mir wurde bey dieſen Giftworten ſo ſchwuͤhl und ſo beklommen, daß ich weder mit den Augen noch Händen zu bleiben wußte. Richtig! Jetzt fiel mir alles ein. Auf dem Wege nach dem Poſthauſe war ich dem Zolldirektor begegnet, hatte mein Vor⸗ haben ihm kund gethan, hatte ſogar kein Bedenken getragen, ihm in der Stimmung, in welcher ich damals mich befand, auch den geheimen Zweck dieſer Reiſe ſcherzend ins Ohr zu raunen. Ich Unbeſonnener! Er ſtand, woran ich in meiner Uebereilung gar nicht gedacht, mit Rentmeiſters in befreundetem Verkehr, und ohne Zweifel war ſchon in der nächſten Stunde geſchäftig von ihm ausge⸗ plaudert, was ich im Vorbeigehen ihm an⸗ vertraut hatte. Es bedurfte jedoch, wie ich mir ſchmei⸗ chelte, nur einer dreiſten Stirn, um die Ge⸗ reizte ſogleich, in Betreff dieſes häklichen Punktes, vollkommen wieder zu beruhigen. „Ich möchte wohl wiſſen, wer Ihnen ein ſo drolliges Maͤhrchen aufgebunden hat!“ rief ich laͤchelnd aus.„Aha, jetzt beſinne ich mich! Kein andrer, als der Zolldirektor, iſt es geweſen. So hat er alſo wirklich nicht unterlaſſen können, den Spaß, den ich ihm zufluͤſterte, als Stoff fuͤr ſeine Neuigkeits⸗ krämerei zu benutzen? Was werden Sie aber min Vor⸗ ſegur kein Stimmuny „auch den nd ins Oht Et ſtand, et nicht efuundetan on in dr hn auge⸗ a ihm an⸗ ni ſhni⸗ um die Ge⸗ iin eruhigen⸗ vet Ihnen den ht!“ ſtt hiſinn golhinktor uich i en ih i nu⸗ 6 abet ————— —— — 251— dagegen einzuwenden haben, wenn ich Ihnen jetzt auf meine Ehre verſichere, daß ich gar nicht in Elbach geweſen bin! ſehen Sie wohl, wie man ſich irren kann?“ „Nicht in Elbach? Und wo denn ſonſt?“ fragte ſie mit ſichtbarer Ueber⸗ raſchung. „Auf dem Amt zu Löſchwitz, wo ich — Geſchäfte abzumachen hatte!“ gab ich ihr zur Antwort.„Allerdings hegte ich anfaͤng⸗ lich die Abſicht, meine Reiſe bis Elbach fortzuſetzen, da Freund Laubner zufällig ge⸗ rade in dieſen Tagen ſeine Hochzeit feierte, zu welcher er mich eingeladen hatte. Ich ward jedoch in Berichtigung der eignen Angelegenheiten länger aufgehalten, als ich vermuthete; die Zeit ward mir zu kurz, ich mußte jenen Plan aufgeben und auf die Ruck⸗ reiſe bedacht ſeyn. Nach ihrer Neckerei zu urtheilen, ſcheinen Sie uͤbrigens noch nicht zu wiſſen, daß Antonie den Gerichtsverwalter Wibold heurathet. Freilich, was ich Ihnen ſage! Sie werden ſeine Verlobungsanzeige nächſter Tage in den Zeitungen leſen.“ Mein Bericht ſchien auf die Anweſenden einen ganz eignen ſeltſamen Eindruck zu ma⸗ chen. Juliens Wangen hatten ſich mit bren⸗ nender Scharlachglut uͤberzogen; die Mutter biß ſich in die Lippen und ſchaute betroffen vor ſich nieder, der Vater drehte mit bedruͤck⸗ ter, faſt weinerlicher Geberde die ſilberne Schnupftabacksdoſe langſam zwiſchen den Fin⸗ gern herum. Es erfolgte ein tiefes, mir eben ſo peinliches als unerklärliches Stillſchweigen. Ich wußte vor Verlegenheit nicht, was ich thun oder laſſen ſollte. Da offnete ſich die Thuͤr, und ein ſtatt⸗ licher wohlbeleibter Mann von mittlern Jah⸗ ren trat heitern Geſichts in das Zimmer. Sogleich erhob der Rentmeiſter ſich von ſeinem Stuhl, reichte dem Ankömmling die Hand und ſagte, mir ihn vorſtellend, mit feſter Stimme:„der Forſtrath Grubner aus Haßfeld, ein vieljaͤhriger Freund unſers Hauſes, und ſeit vorgeſtern Juliens Ver⸗ lobter!“ Mir wurde rabenſchwarz vor den Augen! die Familie des Hauſes, ſammt dem eben Unweſenden drud zu ma⸗ ich mit bur⸗ die Muttet ute betroffen nit bedric⸗ die ſilbene hen den in⸗ 6, mir eben ilſchweigen · w ih nd ein ſtult⸗ ittlrn Juh⸗ gimme⸗ zer ſih bo mmling die ebend, ni Grubnet unb unſerz liens Ve⸗ vn ul t den eben — 253— eingetroffenen Gruͤnrock, der Eckſchrank, der Ofen, der Fruͤhſtuͤckstiſch— alles ſchien plotzlich in eine wirbelnde Bewegung zu ge⸗ rathen. Ich behielt nur ſo viel Beſinnung, als erforderlich war, um, unter muͤhſeligem Hervorſtammeln einiger uͤber Schwindel und Naſenbluten ſich erſtreckender Weorte, das Schnupftuch aus der Taſche zu reißen, mir es vor das Geſicht zu halten, mich des Hu⸗ tes zu bemächtigen, der Geſellſchaft eilfertig den Ruͤcken zuzukehren und— doch wie und auf welchem Wege ich nach Hauſe gekommen, was fuͤr ein Schauſpiel ich den Leuten zum Beſten gegeben, auf welche Weiſe ich die Mittagsſtunden verbracht, und welche Bilder und Vorſtellungen mein Gehirn durchkreuzt haben, daruͤber weiß ich Dir in der That nicht die geringſte Rechenſchaft abzulegen! „Eine neue verdiente Strafe fuͤr die ei⸗ gene Thorheit!“ rief eine innere Stimme mir zu, nachdem ich wieder zur Beſinnung ge⸗ kommen, mich eine Zeitlang bald in die zor⸗ nigſten Verwunſchungen, bald in die bitter⸗ ſten Klagen ergoſſen, und endlich einem ru⸗ higern Nachdenken Raum zu geben begonnen hatte.„Doch wie kannſt Du um eines leicht⸗ ſinnigen Geſchoͤpfes willen, dem es einerlei iſt, ob es von Dir oder dem dicken Forſtrath unter die Haube gebracht wird, Dich uͤber⸗ haupt ſo klaͤglich und jämmerlich gebehrden! Wie kannſt Du, mit ſo gaͤnzlicher Verleug⸗ nung aller maͤnnlichen Wuͤrde, Dich von die⸗ ſem Unfall gleich zu Boden ſchmettern laſſen, als ob es außer Antonien und Julien gar keine Mädchen mehr in der Welt gäbe! Schaue doch nur mit Deinen offnen geſunden Augen forſchend um Dich her! Durchimuſtre bedacht⸗ ſamen Blickes den Kreis Deiner Bekannt⸗ ſchaft; und es wird Dir ſo manches reizende Kind“— „Ha gefunden, ſchon gefunden!“ fiel ich mit raſcher Lebhaftigkeit der freundlichen Anmahnerin in die Rede.„Aber nicht aus den glänzenden Zirkeln der Reſidenz laͤchelt das Gluͤck mir entgegen; nein, in ſtillbeſcheid⸗ ner Verborgenheit bluͤht die Blume, die mir das Leben verſchoͤnern ſoll. O Berthal hol⸗ des liebliches Weſen! Warum erwachte nicht ben begonnen m eins licht⸗ es einnei len Forſtath DOich übet⸗ h gebehwen! chet Perleug⸗ Oich von di⸗ uttern luſſn, Fulien gar ibe! Schale unden Augen uſtre hedocht⸗ ur Blmnnt⸗ nches nijende un!“ fil rurdihn er nicht u ſden itu ſilbehe ne, ſ n zuthn⸗ 6* che icht m — 255— ſchon laͤngſt bey Deinem Anblick in mir das Gefuͤhl, das jetzt mit ſo allgewaltiger, wun⸗ derbarer Sehnſucht mich plotzlich ergreift. Ja Du und keine andre ſollſt von nun an die Erwählte meines Herzens ſeyn und bleiben. Morgen— nein, noch heut, noch in dieſer Stunde ſoll und muß mir von Deinen Roſa⸗ lippen die Gewißheit des ſchönſten Erdengluͤckes zu Theil—“ Ein im Vordergrunde des Zimmers ent⸗ ſiehendes Geräuſch unterbrach mich in dieſem Selbſtgeſpräch. Bettoffen wandte ich mich um. Mit ausgebreiteten Armen kam Bruder Gott⸗ helf auf mich losgeſtuͤrzt.. „Erſt in dieſer Minute erfahre ich, daß Du wieder zuruͤck biſt!“ keuchte der Athem⸗ loſe, nachdem er mich faſt zu Tode geherzt und gekuͤßt hatte.„O mein liebſter beſter Bruder! Wie ſoll ich es anfangen, um Dir meinen Dank auszudruͤcken! O Guſtav! Wie gluͤcklich, wie unausſprechlich gluͤcklich haſt Du mich gemacht?“ Eine ſchauerliche Ahnung ſtieg in mit auf. Der Bewillkommungsgruß blieb mir in der Kehle ſtecken. „Nein, ich haͤtte es nun und nimmer⸗ mehr gewagt!“ fuhr der Begeiſterte fort. „Nur ganz in Stillen hätte ich Zeitlebens nach ihr geſtöhnt und geſeufzt; denn nie waͤre es mir in den Sinn gekommen, ſie keck und kuͤhn um ihre Hand anzuſprechen, haͤtte nicht Dein letzter Brief an die Schwe⸗ ſter mir jaͤhlings einen Muth eingeflößt, uͤber den ich mich noch jetzt verwundern muß. Aber Du ſollſt wahrhaftig Deine bruͤderliche Fuͤrſorge und Ermunterung an keinen Un⸗ dankbaren verſchwendet haben! Nur für Ber⸗ tha will ich leben und athmen, was ich ihr an den Mienen abmerken kann, ſoll geſchehen, auf den Haͤnden will ich ſie tragen, und ſtets will ich es mir zur erſten und heiligſten Pflicht machen, Dich als den Stifter meines Gluͤckes aus der Fuͤlle des Herzens zu preiſen und zu ſegnen!“ Mir gingen die Augen uͤber— ich war ſehr geruͤhrt!„Hat Bertha ſchon ſich zuſtim⸗ mend gegen Dich erklaͤrt?“ fragte ich ihn. „Ach, — 257— t in der„Ach, wie könnte ich denn ſonſt mit ſolcher Zuverſicht von der Seligkeit ſprechen, nd nin die meiner wartet!“ gab er mit leuchtenden iſterte fort. Blicken mir zur Amnot.„Freylich, iwh gillehtn der Engel iſt mein, auf ewig mein, und noch 6* vor Faſtnacht halten wir Hochzeit. O Bru⸗ — der, Herzensbruder, komm doch gleich mit kemmen, ſe mir, damit Du mit eignen Augen ſiechſt, mit unh⸗ welcher zärtlichen Liebe mein ſüßes Brautchen bie Schn⸗ 35 it, an mir haͤngt!“ ndetn u Wahrhaftig! das hätte mir fur dieſen u hihuih genblick noch geſehlt! Ich ſchuͤtzte die drin⸗ keinn Un⸗ gendſten Geſchaͤfte vor, und bat ihn inſtändig, ut für W mir dieſen Beſuch bis zu einer gelegenern nos ih ih Stunde erſparen zu duͤrfen. Noch eine Zeit⸗ geſhihun lang unterhielt mich der Wonneberauſchte n, und ſet mit den Schilderungen ſeines Entzuͤckens; n fich dann fiel er mit erneuerten Liebkoſungen mir ine biüs um den Hals und taumelte wieder von dan⸗ ſin und ſ nen.—— ⸗ ch w Da haſt Du die Geſchichte des heut'⸗ ſ jn⸗ gen Tages!— Morgen früh begebe ich mich hn. 17 „ nach der Vorſtadt hinaus, um dem neuver⸗ ſprochenen Pärchen meinen mehr pflichtſchul⸗ digen als ehrlich gemeinten Gluͤckwunſch ab⸗ zuſtatten. Eine gar gefäͤhrliche Lockung bleibt mir zu uͤberwinden; denn der Weg fuͤhrt mich am Kloſter der barmherzigen Bruͤder vorbey! Wer weiß, was Du noch von mir zu horen bekommſt!— den neuver⸗ ſihhu⸗ icfwunſch ub⸗ Lockung bleibt V fiht rnherzigen was Du MW. Das Grab auf dem Oybin. 1. Schon hatte der Tag ſich geneigt; nur die fernen Gebirgsgipfel ſtanden noch von der un⸗ tergehenden Sonne gerothet, als Robert, nach einer fuͤnfjäͤhrigen Wanderung, ſich wie⸗ der an den heimiſchen Grenzen befand. Der Trieb nach Welt⸗ und Menſchenkenntniß war geſtillt, die Meinung, daß der lauterſte Ge⸗ nuß des Gluͤckes nur im Schooße der Natur zu ſuchen ſey, in ſeiner Bruſt zur Ueberzeu⸗ gung geworden, und der Erwerbszweig des Vaters gab, da er ihn auch zu dem ſeinigen gemacht hatte, ihm von ſelbſt die Mittel an die Hand, ſich ſeinen Lieblingsneigungen hinfort ungeſtört zu uͤberlaſſen. Mit bewegtem Herzen warf er an dem — 262— Huͤgel ſich nieder, bis zu welchem ſein Vater am Trennungsmorgen ihn begleitet hatte. Jahre waren ſeitdem verfloſſen, aber neu und unvergeßlich war ihm die fromme Ruͤhrung geblieben, welche die Stunde des Abſchieds heiligte. Schon war die Nacht eingebrochen, als er die erſten Huͤtten des Dorfs erreichte. Mit klopfender Bruſt eilte er an ihnen voruͤber. Aber welches Erſtaunen bemaͤchtigte ſich ſei⸗ ner, als ihm an der nehmlichen Stelle, wo ehedem das väterliche Jägerhaus ſtand, ein neu aufgefuͤhrtes großeres Gebaͤude in die Au⸗ gen fiel. Keine Täuſchung konnte hier ob⸗ waltenz; denn er befand ſich unter denſelben Linden, in deren Schatten ſein Vater ſonſt von den Geſchäften des Tages auszuruhen pflegte. Er ſtand wie eingewurzelt, und ſeine Blicke hingen ſtarr an dem vor ihm ſte⸗ henden Gebäude. Ein kleines Maͤdchen ging ietzt an ihm voruͤber. Mit der Geberde eines Moͤrders faßte er es bey der Bruſt und ſtam⸗ melte den Namen ſeines Vaters. Das er⸗ ſchrockene Kind riß, auf eine nahe Huͤtte ſin Vater itet hatte. r niu und Rührung Abſchieds ochen, als chn. Mit vorüber⸗ ſich ſei⸗ telle, Wo and, in n die Au⸗ hiet ol⸗ denſelben anrt ſonſ uözuruhen lt, und ihn ſi⸗ hen ging arde eint und fam Do(. he bite — 263— zeigend, ſich von ihm los, und Robert eilte nach dem bezeichneten Orte. Er öffnete die Thuͤr und trat in eine matterhellte aͤrmliche Stube. Eine bleiche abgehärmte Geſtalt wankte ihm entgegen— es war ſeine Mutter! Die Sinne vergingen ihm; betäubt vor Schreck und Entſetzen, ſank er auf den holzernen Seſſel nieder, von wel⸗ chem die leichenähnliche Geſtalt ſich ſo eben erhoben hatte.„So ſehen wir uns wieder!“ ſeufzte ſie, und Robert, wie aus einem ſchwe⸗ ren Traum erwachend, ſing an, ſich ſelbſt wieder zu erkennen. In kurzen Worten erfuhr er den gan⸗ zen Zuſammenhang der während ſeiner Ab⸗ weſenheit ſtattgefundenen ſchrecklichen Ereig⸗ niſſe. Eine in ſtuͤrmiſcher Nacht ausgebro⸗ chene Feuersbrunſt verzehrte die ganze Habe ſeiner Aeltern. Schon hatte die Flamme ihre Wohnung ergriffen, als das Läuten der Sturmglocke und das Geſchrey der herbeyeilen⸗ den Menge ſie vom Schlaf aufſchrecktenz und nur bedacht auf die Rettung ihres Lebens, mußten ſie alles Uebrige der Glut überlaſſen⸗ — 264— Verarmt und huͤlflos ſtanden ſie bei aufgehen⸗ dem Tage am glimmenden Aſchenhaufen. Ein mitleidiger Nachbar nahm ſie einſtweilen in ſeine Wohnung auf und verſorgte ſie mit den nöthigſten Lebensbeduͤrfniſſen. Aber das Schickſal wollte noch hätker ſchlagen. Zu gewaltſam hatten der Schreck und die Todes⸗ angſt, worin die Unglücklichen bey jenem fuͤrchterlichen Erwachen ſich befanden, auf den Koͤrper des alten Förſters gewirkt. Er ver⸗ fiel in eine tödtliche Krankheit. In heißen Gebeten flehte er fuͤr die Erhaltung ſeines Le⸗ bens; aber ſchon nach einigen Tagen verſchied er in den Armen der Elenden, die troſtlos und an der Gnade des Himmels verzweifelnd, an ſeinem Lager kniete. Auch der Poſten des Alten war bey Roberts Ruͤckkehr bereits von einem Andern beſetzt. Alles hatte der neue Förſter ange⸗ wandt, um die guͤnſtige Gelegenheit nicht ungenutzt voruͤbergehen zu laſſen. Was Bitten und Beſtuͤrmungen nicht vermochten, vollendete eine Hochzeit mit der alten Gou⸗ vernante, die bey dem gnaͤdigen Herrn gleich — i aufgehen⸗ ſchenhoufen. einſtweilen gte ſie mit Abet das ign. Zu die Todes⸗ bey jenem n auf den Et vei⸗ In heißen ſeines L⸗ n vuſchid ie troßlo iweünd, war beh n Andern ſter onhe⸗ heit nicht Wos umochten⸗ uen bo . err 0 — 265— im Anfange durch ein gefälliges Betragen ſich den Gnadengehalt auf Zeitlebens auszuwirken gewußt hatte. R Zu plötzlich ſah Robert ſich vom Son⸗ nengipfel fröhlicher Erwartungen in den Ab⸗ grund der Verzweiflung hinabgeſtuͤrzt; nur allmaͤhlich konnte der Muth zu handeln in ſeine Seele zuruͤckkehren. Aber die haͤrteſten Pruͤfungen ſtanden ihm noch bevor. Vergeb⸗ lich blieb ſeine Bemuͤhung um einen Poſten beym Forſtweſen in umliegender Gegend; ver⸗ geblich ſein Anerbieten, in irgend einem an⸗ dern Fache zu dienen. Das Elend war in⸗ deſſen aufs höchſte geſtiegen. Da fand er endlich eine Gelegenheit, zu erfuͤllen, was er ſich geſchworen hatte. Die Zeit dräͤngte!— Er kam den Aufwallungen des ſtolzen Geiſtes mit dem Bilde der huͤlfloſen Mutter entgegen und ward— Tagarbeiter an dem nech un⸗ vollendeten Gebäude des Förſters. — 266— In welchem unendlichen Kontraſte mit der Vergangenheit erſchien ihm jetzt die Ge⸗ genwart! Ohne Widerrede mußte er in die Launen der nehmlichen Menſchen ſich fügen, deren Vorgeſetzter er ſonſt geweſen warz ach, und ſie ließen es ihm gar oft auf das em⸗ pfindlichſie fuͤhlen, daß die Zeiten ſich ändern. Dennoch verrichtete er die ihm angewieſenen, niedern und ungewohnten Geſchäfte ſo ruhig, ſo beſonnen, als habe er ſich ihnen von jeher gewidmet. Nur dann erroͤthete ſein von Gram und Kummer gebleichtes Geſicht, wenn der von der Jagd zuruͤckkehrende Forſter ihm auf⸗ trug, den Jagdhund an die Kette zu legen, oder einem erbeuteten Fuchſe den Balg ab⸗ zuſtreifen. Anderthalb Monate waren verfloſſen, als mit dem nun vollendeten Gebaͤude ſein. kaͤmmerlicher Erwerb zu Ende ging. Der druͤckende Mangel, den er bisher muͤhſam ab⸗ zuwehren geſucht hatte, drohte aufs neue mit allen ſeinen Schrecken wieder hereinzubre⸗ chen. Unter dieſen Umſtaͤnden von ſeiner al⸗ ten Mutter ſich zu trennen, um anderswo wtuſte mit etzt ſe Ge⸗ eer in de ſich fügen, warz ach, uf dos em⸗ ſic indem⸗ ngewiſenen, ſo nuhig, ſo von jehet von Grum wenn du r ihn auf⸗ eju lgen, Balh ab⸗ verfloſſen, tärde ſin jnt, Der ihſum cb⸗ gufs neu erinjbn⸗ ſtint 6 onutw — ſein Heil zu verſuchen, war ihm unmoöglichz gleichwohl durfte er in dieſer Gegend auf einen neuen Erwerbszweig ſich nicht die entfernteſte Hoffnung machen. Es blieb ihm alſo nichts uͤbrig, als gemeinſchaftlich mit ſeiner Mutter den Ort zu verlaſſen, wo ſie von ſo ſtrengen Pruͤfungen waren heimgeſucht worden. Er nahm die eruͤbrigte karge Baarſchaft zuſammen, lud die verroſtete Flinte und den Mantelſack, in welchem ihre letzten Habſeligkeiten ſich befan⸗ den, auf Ruͤcken und Schultern, und in kurzem hatten ſie das Dorf aus dem Geſicht verloren. So waren ſie, nach einer achttaͤgigen langſamen Wanderung, in einem an der boh⸗ miſchen Grenze liegenden armſeligen Dörfchen angelangt, als die Kräfte der Alten zur wei⸗ tern Fortſetzung des Weges erſchoͤpft waren. Mit Muͤhe fanden ſie ein einſtweiliges Un⸗ terkommen. Aber auch hierher war ihnen die Ruthe des Schickſals gefolgt. Die Arme ward von einer ſchweren Krankheit befallen. Schon am Lage nach der Ankunft lag Ro⸗ bert vor ihrem Lager auf den Knieen, um ſie in ihrer brennenden Fieberhitze mit kuhlem Waſſer zu erquicken. Flehend beſchwor ſie den Himmel, ihr jetzt den einzig ſichern Ret⸗ ter jedes Leidenden, den Tod, zu ſenden, und mit krampfhaft gerungenen Haͤnden ſtimmte Robert dieſem Gebete bey. Vergebens! die Stimme der Erhörung ſchwieg; aber Linde⸗ rung der Schmerzen wähnte ihre glaͤubige Seele nach dieſem Gebet zu finden. Gleich einem unſtaͤt irrenden Geiſte ſchweifte Robert, nachdem ihre Geneſung erfolgt war, des Abends auf den Gebirgen umher, die das Dorf umſchloſſen, ſo daß er oft erſt mit an⸗ brechendem Morgen nach Hauſe zuruͤckkehrte. Aber nicht die Sehnſucht, den Reizen der Natur zu huldigen, oder jenen ſchauerlichen Traͤumereyen ſich zu uͤberlaſſen, in denen er einſt ſich ſo gluͤcklich fuͤhlte; es war vielmehr der Drang, ſeinem gepreßten Herzen Luft zu machen, der in die Wildniſſe des Gebirges ihn hinaustrieb. Und bald ſollten dieſe naͤcht⸗ lichen Wanderungen ihren Einfluß auf ſein ganzes kuͤnftiges Leben begruͤnden.— In ernſte Betrachtungen vertieft, ſaß er e nit kühlem bſchwe ſie ſichen M⸗ zu ſenden, znden ſtimmte ergebens! die aber Linde⸗ ihte glubhe n. iſte ſchwellte erfolgt wa, her, die erſt mit al⸗ juidhtt. Reien der ſhauunſihn in denen vor vielmht rzen Lft i e Gibuges diſe nicht⸗ ß ouf ſih — tuft ſ 6 — 260— eines Abends auf einer Felſenklippe. Die Bilder der Vorgangenheit gingen in wechſeln⸗ den Farben vor ſeiner Seele voruͤber, und duͤſter uͤberſchaute ſein Auge die Gegend, die im blaſſen Lichte des Mondes vor ihm lag. Es war ſchon ſpaͤt, als er aufſtand, um nach Hauſe zu gehen. Ploͤtzlich vernahm er ein Geraͤuſch in den nahen Gebuͤſchen. Er naͤ⸗ herte ſich dem Orte, von wannen es herzu⸗ kommen ſchien, und gewahrte in einiger Ent⸗ fernung zwey Hirſche, die ſorglos ſicher im hohen Graſe weideten. Pfeilgeſchwind ent⸗ flohen ſie, als ſie ihn bemerkten; aber ein unwandelbarer Entſchluß hatte ſich augenblick⸗ lich in ſeiner Seele befeſtigt. Am andern Morgen fing er an, ſeine vom Roſt gefreßne Jagdflinte zu reinigen und in gehörigen Stand zu ſetzen. Die ſtille Aem⸗ ſigkeit, mit welcher er dies Geſchaͤft betrieb, erregte bald die Aufmerkſamkeit der Mutter. Sie mochte nichts Gutes ahnen und bat ihn dringend, ihr uͤber ſein geheimnißvolles Be⸗ nehmen Aufſchluß zu geben. Es war jedoch nicht ſein Wille, ſie ſchon jetzt zur Vertrau⸗ ten ſeines Vorſatzes zu machen; ſeine Ant⸗ worten blieben daher myſtiſch und einſylbig. Allmählich neigte ſich der Tag und ſein Herz fing an gewaltig zu klopfen, als die nieder⸗ gehende Sonne hinter den Bergen verſchwun⸗ den war. Die Zeit des Aufbruchs war ge⸗ kommen. Haſtig druͤckte er der Mutter die Hand zum Abſchiede. Sie wollte ſprechen, aber ſchon war er davon geeilt. Ein wenig betretener Fußſteig fuͤhrte durch die Hinterthuͤr des Gartens ihn den waldigten Höhen der Berge zu. Hier ſtand er, verſehen mit allen Geraͤthſchaften eines in den Forſt wandern⸗ den Jägers, und öde Stille herrſchte um ihn her. Feſt und unerſchütterlich ſtand ſein Ent⸗ ſchluß; dennoch zitterte er, ihn auszufuͤhren. Er ſuchte alle Vernunftgruͤnde hervor, den innern Aufruhr der Seele zu beſchwichtigen; aber jedes vom Baum fallende Blatt erfuͤllte ihn mit Zagen. Kaum war er noch einige Schritte gegangen, als er durch die dunklen Zweige der Fichten, die ihn verſteckten, ein Reh erblickte, das auf einem vom Mond er⸗ hellten, freyen Plaͤtzchen weidete. Mit mar⸗ ſin Ant⸗ nd einſylbig⸗ nd ſein hen z die nieder⸗ n verſchwun⸗ uchs war ge⸗ Muttet de Un ſprchen, Ein wenig Hintetthür ie w en mit allen ſt wondern⸗ chte un ihn nd ſiin Enl⸗ uözuflhren⸗ etwot, ben ſhuichtgen⸗ glat anlu woc einige die dunken eckten/ i nNon( Ni mal⸗ — 271— tervoller Behutſamkeit wankte er naͤher, druckte die Flinte ab, und rochelnd verblutete ſich die Beute. Erſchrocken ſah die Mutter, als er ſo beladen nach Hauſe kam, alle die Ahnungen erfuͤllt, welche den vergangenen Theil der Nacht hindurch ſie auf ihrem ſchlummerloſen Lager gequält hatten. Roberts erfinderiſche Beredſamkeit beruhigte ſie allmählich, oder brachte ſie wenigſtegs zu ſtillerm Nachdenken uͤber den gewagten Schritt. Es bedurfte keiner großen Muͤhe, um fuͤr den naͤchtlich erjagten Raub verſchwiegene Kaͤufer zu finden. Dies waren einige Bau⸗ ern aus den umliegenden Doͤrfern, denen er durch ſein Handwerk einen doppelten Gefallen erzeigte. Er war der Schutzgott ihrer Fel⸗ der, und lieferte ihnen unter den billigſten Bedingungen den Sonntagsbraten in die Kuͤche. 3. Eines Abends war Robert, bey Verfol⸗ gung eines Wildes, in eine ihm bisher un⸗ — 272— bekannte Gebirgsgegend gerathen. Er ſah von ungeheuern Felſen ſich umgeben, und ſein Bemuͤhen, einen Ruͤckweg ausſindig zu machen, war vergeblich. Zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchwebend, kletterte er die halbe Nacht hindurch auf den Bergen umher. Jetzt konnte er nicht weiter. Seine Kraͤfte waren erſchöpftz ermattet ſank er auf einen bemoosten Platz und entſchlummerte. Schon graute der Morgen, als er erwachte. Er raffte ſich auf, um den Weg aufs neue zu verfolgen. Mancher gefährliche Sprung ward gewagt. Nach einer halben Stunde kam er an die Huͤtten eines Doͤrfchens, das bis an den jähen Abhang eines Berges ſich erſtreckte, welcher, abgeriſſen von der Kette der uͤbrigen, ſich majeſtaͤtiſch aus der Mitte eines anmuthigen Thales erhob. Es war der Oybin,*) ein Wunderwerk der Natur, das er *) Eine Meile von Zittau in der Oberlauſitz.— Ein vierwoͤchentlicher Aufenthalt in jener rei⸗ zenden Gegend und die daſelbſt als wahr ihm mitgetheilten Hauptmomente der Erzäh⸗ lung — 273— Er ſah er bereits aus fruͤhern Schilderungen kennen gben, und gelernt und zu ſehen oft gewuͤnſcht hatte. uſindig ſu Ein ſchmaler Fußſteig fuͤhrte ihn hinauf und hen Furcht hingeriſſen zu freudiger Bewunderung erklimmte erte er die er den Gipfel. Schon vergoldete die aufge⸗ tgen umher⸗ hende Sonne die Felſenhöhen, aus dem Thale u Kröfte aber, das unter ihm lag, war die Dämme⸗ r auf einen rung noch nicht gewichen. Die Vögel in den v. Schen nahen Geſträuchen erwachten und begannen cht. E ihren Morgengeſang; aber noch unterbrach z neu kein reger Laut die Ruhe, die um die Huͤtten S des Dörfchens ſich gelagert hatte. n EStunde Gluͤckliche Bewohner des Thales! Ihr ihu, richtet, beym fruͤhen Erwachen, aus der Dun⸗ xergt ſch kelheit das Auge zu euren Bergen empor, und r Fut ſie beleben, als die Herolde der wiederkehrenden wr Mite Sonne, euer Herz mit Hoffnung und Freude. 6 wn iu Von oben herab erſchallt der tauſendſtimmige un, doö lung gaben dem damals achtzehnjährigen Na⸗ e turfreunde den Stoff zu dieſem Gemaͤlde, das, als erſter Verſuch des Verfaſſers im erzaͤh⸗ ¹ lenden Fach, in ſeiner urſpruͤnglichen Form e. nur wenig veraͤndert worden iſt und aber⸗ . jnt ni⸗ mals um die Nachſicht bittet, die es bey ſei⸗ vohr ½ nem erſten Erſcheinen im Bcckerſchen Taſchen⸗ de etih⸗ buche 1814 bereits gefunden hat. lun 18 — 274— Morgengeſang der Schoͤpfung, und das blaue Firmament, an dem die Sonne heraufſteigt, hängt als Tempeldecke uͤber eurem Gebet!— Der Berg war nur eine Stunde We⸗ ges von Roberts Wohnorte entfernt. Bald hatte er auf demſelben ſich ein Lieblingsplätz⸗ chen erſehen, das er faſt jeden Abend beſuchte. Es war eine von wild uͤber einander hängen⸗ den Felſenſtuͤcken gebildete Grotte. Der Weg dahin führte an tiefen Abgruͤnden vorbey und war mit Moos und Geſträuch bewachſen. Ein erwuͤnſchtes koſtbares Aſyl! Oft erklet⸗ terte er die Ruinen des Raubſchloſſes, das, auf dem Gipfel des Berges gelegen, in grauer Vorzeit der Schrecken des Landes war. Mancher harmloſe Wandrer ward von der unzugänglichen Veſte aus ͤberfallen; manches unſchuldige Opfer verblutete unter den Miß⸗ handlungen ihrer Bewohner, bis es endlich einem muthigen Ritter gelang, den Berg zu erſtuͤrmen und das Raubneſt zu zerßeören. Er ſtieg abwaͤrts und trat zwiſchen die Mauern einer verfallenen Cöleſtinerkirche. Noch waren die Spuren der heiligen Ge⸗ nd bas blaue e herſieigt, m Gebet!— Stunde We⸗ tfent. Bald Aublingsplt⸗ bend beſuchte⸗ nder hinhen⸗ Der Weg vorbeh und bewachſen⸗ Oft el⸗ bſchloſſes, s geligen/ in Landes wul bon der nz monches er den Mi⸗ is es endlih n Beig erßiren⸗ wiſch e nerliiche⸗ helin Go — 275— bräuche, die hier verrichtet wurden, ſichtbar. Denn die Altaͤre, zu rohen Felſenklumpen verwittert und die in den hohen Mauern be⸗ feſtigten Eruzfixe werden erſt mit der Berg⸗ maſſe, in welche ſie gefuͤgt und eingewachſen ſind, zu Grunde gehen. Robert ſah im Geiſt die fromme Schaar, die einſt in dieſen Hei⸗ ligthuͤmern ſich verſammelte, vernahm der Andacht erhebende Geſaͤnge, und erblickte die Kerzen, die die Altäre erhellten, und die Weihgefäße, die ihre Duͤfte durch die weiten Hallen verbreiteten, und ein ſchauerlicher Friede ergoß ſich durch ſeine Seele. Er trat wieder hinaus ins Freye und befand ſich unter Graͤbern. Es war der Kirchhof des Doͤrfchens, der, auf der Mitte des Berges befindlich, jedem Fremd⸗ linge einen eben ſo uͤberraſchenden als herzer⸗ hebenden Anblick gewaͤhrt. 4. Die Gräber waren ſaͤmmtlich mit gleich⸗ foͤrmigen, von hohem Graswuchs bekleideten 18* — 276— Huͤgeln bezeichnet; nur eines davon unter⸗ ſchied ſich durch ein friſcheres Gruͤn, und war mit Blumenſtauden umpflanzt, die einer fortwäͤhrenden Pflege zu genießen ſchienen. Dieſe Muthmaßung ward bald gerechtfertigtz denn als Robert einſt in ſpaͤter Nacht aus ſeiner Grotte zuruͤckkehrte und an dem Grabe vorbeyging, erblickte er eine Zither, die an einen Roſenſtock gelehnt war. Er nahm ſie auf und trug ſie nach der Grotte, um ſie gelegentlich dem Eigenthuͤmer wieder in die Haͤnde zu liefern. Es verſtrichen jedoch zwey Tage, ohne daß er eine Spur von demſelben hätte entdecken können. Mit melancholiſchen Gedanken uͤber ſein Schickſal ſaß er am dritten Abend auf einer, hart an ſeiner Grotte beſindlichen Felſenbank, wo er während des Unterganges der Sonne ſich aufzuhalten gewohnt war. Die Zieher lag neben ihm. Er hatte als Knabe dies Inſtrument ſpielen gelernt und war, ſeitdem er ſich im Beſitz der Zither befand, durch neu angeſtellte Uebung eines lang entbehrten Genuſſes wieder theilhaft geworden. Jeder de ern gif tr a unter⸗ ün, und die einet ſchienen. chtfertigt; lucht aus em Grabe „die on nohm ſi um ſie in die och zweh demſlben iler ſin f einer, ſnbonk, Sonne eihet be dieb ſitdem „n thrhrten Feder 6 — 277— Ton derſelben weckte die Bilder einer gluͤckli⸗ chen Kindheit in ſeinem Innern auf; halb vergeßne Lieder kamen ihm ins Gedächtniß zuruͤck und ſeine fortwaͤhrend gereizte Phan⸗ taſie fuͤllte ihre mangelhaften Stellen mit treffenden Beziehungen auf die Gegenwart aus. Die Sonne verlor ſich allmählich hinter der gegenüberſtehenden Bergſpitze. Robert erwachte aus ſeinen erquickenden Träumen, griff nach der Zither und ſang mit gedämpf⸗ ter Stimme: Freundliches Sonnenlicht. Willſt du entrinnen? Schwindet der Jammer nicht, Der mir das Herz zerbricht, Endlich von hinnen? Raſch, wie die Welle treibt, Fliehet die Erdenluſt; Ach nur der Kummer bleibt Feſt in der Menſchenbruſt! Duͤrft' ich an deiner Pracht Froͤhlich mich weiden; Erſt, wenn kein Auge wacht, Einſam in dunkler Nacht Klagen und leiden! — 278— Aber die tiefe Qual erhl Endet im Sternenlicht ie Fliehet im Sonnenſtrahl Schlummert im Dunkel nicht! it Kuͤhlere Bergesluft ibe Hat ſich ergoſſen, un Schwaͤrmender Nachtflug ruft Tief aus der Felſengruft 5 Seine Genoſſen.— Zliehe dahin, dahin, ſh Lieblicher Purpurſchein, P Denn mit bewoͤlktem Sinn un Harrt die Verlaßne mein! hi Steht mir das lichte Thor Droben noch offen? Er Darf ich empor, empor jer Zu der Geſtirne Chor ic Schauen und hoffen? S Fremdling im Erdgefild, Irr' ich verfolgt, verbannt— Nur wenn mich Nacht umhuͤllt, de Seh' ich das Heimatsland! m Robert war diesmal nicht ſo einſam, als t er glaubte, denn als er, um nach der Grotte n zuruͤckzukehren, von ſeinem Sitze ſich erhob, 6 ſom, al er Golle dhob, — 279— erblickte er ein reizendes Mädchen, das, an die Felſenwand gelehnt, ſeinen Geſang be⸗ lauſcht hatte. Er fuͤhlte ſich auf das pein⸗ lichſte uͤberraſcht, und eine gluͤhende Roͤthe uͤberflog ſein Geſicht. Mit zögernden Schrit⸗ ten naͤherte er ſich der holden Geſtalt und legte ihr die Zither in die Hand, indem er, des Raubes wegen, einige verworrene Ent⸗ ſchuldigungen ſtammelte. Sie erwiederte kein Wort; ihre Augen ſchwammen in Thränen, und mit gepreßter Seele eilte Robert den Berg hinunter. Ihn nie wieder zu betreten, war ſein Entſchluß. Zu tief war der Eindruck, den jener Augenblick in ihm zurückließ, zu köſt⸗ lich der Erſatz fuͤr den Raub, den das Schickſal an dem Gluͤck ſeines Lebens beging, als daß das Nachdenken daruͤber nicht von den baͤngſten Ahnungen hätte begleitet ſeyn muͤſſen. Drey Tage lang blieb er ſeinem Vorſatze ge⸗ treu; aber ſein ganzes Weſen verzehrte ſich unter dem Druck dieſer Gewiſſenhaftigkeit. Gleich einem argliſtigen Spion ſchlich er, ſo⸗ — 280— bald der Abend gekommen war, um den Berg herum, und das leiſeſte Geraͤuſch ſchreckte ihn auf Buͤchſenſchuſſesweite von dem Fel⸗ ſen zuruͤck, der aber ſchon in der naͤchſten Minute wieder mit magnetiſcher Kraft ihn an ſich gezogen hatte. An zwey Abenden entdeckte er keine Spur eines weiblichen We⸗ ſens, und fing an dreiſter zu werden. Mit dem Vorſatz, die Grotte zu beſuchen, erſtieg er den Berg. Der Weg fuͤhrte ihn an dem Gottesacker vorbey; wie groß aber war ſeine Ueberraſchung, als er die reizende Freundin auf einem Grabhuͤgel ſitzen ſah. Die Zither lag zu ihren Fuͤßen, und ſie ſelbſt ſchien in ſich gekehrt und in Nachdenken verſunken. Mit feſten und ſchnellen Schritten naͤherte ſie ſich ihm, ſobald ſie ihn gewahrte. Robert ſtand wie in den Boden gewurzelt. Sie faßte ihn bey der Hand, und bat ihn, ihr zum Grabe zu folgen. Er konnte nicht wi⸗ derſtreben; das Herz war bezwungen und der Entſchluß erlag der Gewalt des Augenblickes. ſhe an be ul m um den hſchuckte em Fe⸗ nüchſten tuft ihn Abenden e Wie⸗ Mit erfih an dem ar ſeine eundin Zih chien in rſunken⸗ niherte Robert Sie ihr t wi⸗ nd der lickes⸗ — 281— 5 . Emma war die Tochter eines benachbar⸗ ten Landpredigers. Seit ihrer früͤheſten Kind⸗ heit war das Grab ihrer Mutter, die ſie nicht mehr gekannt hatte, das einzige Ziel der abendlichen Wallfahrten, die ſie an der Seite ihres Vaters und einer Freundin, mit der ſie bis zum zwölften Jahr erzogen wurde, anzuſtellen gewohnt war. Der melancholi⸗ ſche Sinn des Vaters, den die Erinnerung an ſeine zu fruͤh verlorne Gattin fortwährend begleitete, war allmaͤhlich auch auf die Tochter uͤbergegangen. Zu ſchwermuͤthigen Schwaͤr⸗ mereyen geneigt, hatte ſie den Schauplatz ih⸗ rer Kinderſpiele fuͤr immer zu ihrem Lieblings⸗ aufenthalt, und nachdem ihre Freundin Ma⸗ thilde nach einer entfernten Stadt zu einer bejahrten Muhme gezogen war, die Blumen, mit welchen ſie das Grab ihrer Mutter be⸗ pflanzte, zu ihren einzigen Geſellſchaftern er⸗ wählt. Der Vater, dem bey herannahendem Alter die kuͤhle Abendluft und das Erſteigen des Berges beſchwerlich zu werden anfing, ſeg⸗ nete, inoem er bis zur Hälfte des Weges ſie — 282— begleitete, den unermuͤdeten Betrieb, mit wel⸗ chem ſie ſeine frommen Wanderungen fort⸗ ſetzte, und Emma wähnte von dem Geiſt der Mutter ſich umweht, ſobald ſie am Grabe ſaß, und der Klang der Abendglocke von der unten gelegenen Dorfkirche ſich mit den To⸗ nen ihrer Zither vermiſchte. Es war der Sterbetag ihrer Mutter, an welchem ſie, ſpaͤter als gewöhn lich auf die Ruͤckkehr bedacht, die Zither am Grabe vergeſſen hatte. Der Bote, der am andern Morgen nach dem Berge geſchickt wurde, kam mit leeren Haͤnden zuruͤck, und es verſtrichen mehrere Tage, ohne daß der Finder ſich meldete, ob die Eigenthuͤmerin gleich in der ganzen Gegend bekannt war. Schon hatte ſie gaͤnzlich Verzicht auf die Auskundſchaftung derſelben gethan und der Vater ſie auf den Ankauf einer neuen ver⸗ troſtet, als ſie, bey einem abermaligen Be⸗ ſuch des Berges, den Ton des Inſtrumentes von fern erkannte. Wunderbar fuͤhlte ſie ſich ergriffen, als ſe der Felſenbank ſich genähert hatte, und mit wel⸗ gen ſort⸗ Geiſt du Grabe von der den o⸗ Mutte, vöhn lich m der am ick, und daß der himenin t wit. uf die nd der en vel⸗ en Be⸗ mente ol / unb — 283— den Leidenden erblickte. Jeder Ton ſeines Geſanges traf ihr Herz; doch war ſie nicht vermögend, ihm die Theilnahme, die ihr In⸗ nerſtes bewegte, durch Worte auszudruͤcken. Erſt als er ſich entfernt hatte, war ihr die Zunge gelöſt, und ſie hätte ihm vieles zu ſagen gehabt, wenn er noch zugegen geweſen wäre. Innig, wie eine langentbehrte Freun⸗ din, druͤckte ſie die Zither an ihre Bruſt; dennoch haͤtte ſie ſie dem Fremden gern ge⸗ laſſen, denn bey ihrem Klange ſchien ja ſeine Trauer ſich zu vermindern. Sie mußte fort, denn es war ganz dunkel geworden; aber den ganzen Weg entlang blieb der Wunſch, den Fremden wieder zu ſehen, ihr einziger Ge⸗ danke. So hatte ſie ungefaͤhr den halben Weg zuruͤckgelegt, als ſie plotzlich Fußtritte zu vernehmen glaubte. Sie zitterte in ge⸗ ſpannter Erwartung, und kaum verlor ſich ihre Angſt, als die wohlbekannte Stimme des Vaters ſie anrief. Beſorgt wegen ihres ungewohnlich langen Ausbleibens, war er ihr entgegen gegangen. Sie erzaͤhlte ihm, wie ſie einen fremden Mann auf dem Berge an⸗ . — 284— getroffen, der zum Spiel der Zither ein ſcho⸗ nes Lied geſungen, und ihr dann dieſelbe wie⸗ dergegeben habe, ohne ihren Dank abzuwarten. Der Alte nannte ihn einen ehrlichen Mann, und Emma ſpuͤrte, durch dieſen duͤrftigen Lob⸗ ſpruch verſtimmt, keine Luſt, eine ausfuͤhrli⸗ chere Schilderung von ihm zu entwerfen. 6. Robert ward durch Emma's heitre Ver⸗ traulichkeit in ein ſußes Vergeſſen ſeines Kum⸗ mers eingewiegt. Noch immer glich das Grab, obgleich das Laub der Bäume ſich be⸗ reits zu falben anfing, mehr einem Blumen⸗ bret, als einem Todtenhuͤgel. Die Nacht brach herein und ſie mußten ſich trennen. Erſt in dem Augenblick, da ſie ihre Zither ergriff und ihm die Hand zum Abſchiede reichte, ver⸗ flogen die ſchoͤnen Traͤume, in die er ſich ver⸗ loren gehabt. Er erkannte ſich ſelbſt wieder, und ſeine Seele zitterte vor dem ſträflichen Betruge, den er zu ſpielen angefangen hatte. zu ge 5 Lo ſe he n ein ſchü⸗ ſihe wie⸗ uwarten. Mann, en Loh⸗ sfuhrl⸗ fen⸗ te Vt⸗ Kum⸗ ch da ſich be⸗ umen⸗ Nocht „Eiſt etgif e, ber⸗ ch vel⸗ wiedet⸗ iſlihen hi Emma ſchien den Kampf in ſeinem Innern zu bemerken und wiederholte die Bitte, mor⸗ gen wieder zu kommen. Robert konnte nicht widerſtehen; er druͤckte ihre Hand an ſeine Bruſt, und ſagte ihr zu, was ſie verlangte. Lange noch verweilte er an dem Grabe, und ſeine Blicke waren unbeweglich auf den Platz geheftet, wo ſie verſchwand. Ein furchtbarer Kampf hatte in ſeinem Innern ſich entſponnen. Dreimal hatte er am Grabhuͤgel von Emma mit dem Vorſatze, ihre beſeligende Naͤhe nun auf immer zu mei⸗ den, Abſchied genommen. Aber vergebens! Kaum neigte die Sonne ſich zum Niedergange, ſo war der Muth, ſeinem Entſchluſſe getreu zu bleiben, dahin. Allgewaltig uͤbertaͤubte der verlockende Ruf des Herzens die Mahn⸗ ſpruͤche der Vernunft; ſeine Wangen gluͤhten, er eilte nach dem geliebten Orte und betrat in angſtlicher Verwirrung die Flur der Tod⸗ ten. Der innere Aufruhr beſaͤnftigte ſich, ſo lange er an Emma's Seite ſich befand. Mit ruͤhrenden Worten beſchwor ſie ihn, ihr ſei⸗ nen Kummer mitzutheilen; und einſylbige — 286— Aeußerungen von zertruͤmmerten Entwuͤrfen, und kurze Hindeutungen auf ein unbezwing⸗ liches Schickſal waren alles, was er erwie⸗ derte. Aber er hatte nicht bedacht, daß auch die Kraft des Geſanges in ſeelenvergeſſenden Taumel einzuwiegen vermag. Es war an einem heitern Abend. Die Geiſter des Friedens hatten bereits auf die herbſtliche Flur und auf ihre Bewohner ſich nieder gelaſſen. Der letzte Sonnenſtrahl ver⸗ goldete die Gipfel der Berge und auflöſend hing die Ruhe an dem ſterbenden Tage. Ver⸗ gebens bemuͤhte ſich Robert, das maͤchtig er⸗ wachende Gefuͤhl der Wehmuth zu unterdruͤ⸗ cken. Mit erzwungener Kälte heftete er den Blick an den Boden, um ihn nicht zum Ver⸗ räther des Herzens werden zu laſſen. Emma zeigte ſich bereitwillig, ihm etwas auf der Zither vorzuſpielen, wenn er es anhören wolle, und Robert erklaͤrte in ſtockenden Worten, daß er ſchon laͤngſt dieſen Wunſch gehegt habe.— Sie begann, und in eine andere Welt glaubte der Trauernde ſich verſetzt. So hatte er ſie niemals geſehen. Aus jedem ihrer, Töne — nwürfen, nbening⸗ er erwi⸗ daß auch geſſenden nd. Die uf die hner ſich ahl vel⸗ auflöſend e. PVil⸗ ichtig e⸗ unterdui⸗ er den m Vu⸗ Emma guf der en wole⸗ ſen/ nß habe.— t glubt tte ſie ghne Vn ———— — — 287— ſchlurfte ſeine Seele ein ſchaurig ſußes Ver⸗ geſſen. Sie lebte ganz in dem Liede. Ihr Auge flammte, ihre Wangen gluͤhten, und die Abendwinde ſauſelten, wie entfeſſelte Gei⸗ ſter um ihre Locken. Sein Herz war uͤber⸗ waͤltigt— er vermochte nicht länger ſich zu faſſen. Noch ehe ſie ihren Geſang geendigt hatte, ſtuͤrzte er wie betaͤubt zu ihren Fuͤßen. Emma erſchrack und beugte ſich niederwarts, um ihn aufzurichten. Jetzt beruͤhrten ihre Wangen die ſeinigen und die trennende Schei— dewand war gefallen. Er fuͤhlte von ihren Armen ſich umſchlungen, und der Inbegriff aller Erdenſeligkeiten draͤngte in dem reinen, erſten Kuß der Liebe ſich zuſammen! Allmählich fingen ihre Herzen an, ſich ſelbſt wieder zu finden und ruhiger zu ſchlagen. Aber die Stunde des Aufbruchs war gekom⸗ men. Robert machte ſie darauf aufmerkſam; denn er dachte mit Schaudern an eine moög⸗ liche Ueberraſchung ihres Vaters. Emma lehnte ihr Geſicht an ſeine Bruſt und weinte. Zögernd hob ſie nach einer Weile ihre Zither vom Boden auf und ging. Noch einmal — 288— wandte ſie ſich nach ihm um, dann ver⸗ ſchwand ſie hinter dem Geſträuch. Robert ſank auf ſeine Kniee. Ein leiſes Wehen ging durch die Nacht;z er fuͤhlte ſich frey von je⸗ der irdiſchen Verkettung, und der Himmel mit ſeinen Sternen glaͤnzte in blendender Nähe dem Begeiſterten. 7. Seliger Rauſch des Herzens! O daß der Menſch doch immer und ewig, ſelbſt in den erhebendſten Momenten des Lebens, an irdiſche Geſetze gefeſſelt bleibt! daß er aus der lieblichſten Traumwelt ſo ſchnell in ſein froſtiges Daſeyn zuruͤckkehren muß! Mehrere Tage verſtrichen, ohne daß die Liebenden ſich wieder ſahen. Emma ward durch das ungeſtuͤme Wetter, welches ſeit ih⸗ rem letzten Abſchiede eingefallen war, zuruͤck⸗ gehalten. Auch war der Fußſteig des Berges vom vielen Regen ſo glatt und ſchluͤpfrig ge⸗ worden, daß man nicht ohne Lebensgefahr hinaufzuklimmen vermochte. Die Baume ver⸗ loren ann ben Nohert zehen gin y von ji⸗ Himmel r Nihe O diß ſelbſt in enb, an er a ijn ſiin doß die wad ſit i⸗ zuril⸗ Berges fti 9⸗ nihſit m bi⸗ loren —— loren allmählich ihre Blätter, in den Gebir⸗ gen heulte der Sturm, und Roberts Blicke waren truͤbe, wie der bewölkte Himmel. Ein kalter Regen ſchlug an die aͤußern Wände der Felſengrotte, in der er, vor Wind und Wetter geſchuͤtzt, mit ſeinen Lebensverhalt⸗ niſſen ſich zu beſchäftigen pflegte. Der Zweck, die letzten Tage ſeiner huͤlfloſen Mutter vor Mangel zu ſchͤtzen, war erreicht; der Noth war gewehrt, und mit ſorgenfreyer Ruhe konnte ſie ihren letzten Stunden entgegenſehen. Aber theuer hatte Robert dieſe Ruhe erkaufen muͤſſen! Die Schwingen des Geiſtes waren gelähmt, abgeſpannt die Nerven unter der zerſtörenden Hand des Ungluͤcks. Die idea⸗ liſchen Bilder der Zukunft, die in jeder ju⸗ gendlichen Seele ſich ſpiegeln und ihren Muth aufrecht erhalten, waren gewichen, und eine tödtliche Leere herrſchte in ſeinem Innern. Kraftlos, zu handeln und zu genießen, ſtand er da, in den Jahren, wo die Seele unbe⸗ ſchränkt zu wirken und über die Gegenwart hinaus ſich zu verlieren duͤrſtet, ein zu fruh abgeſtorbener Baum, der im Einfluß unguͤn⸗ 19 — 290— ſtiger Elemente dahin welkte, als er bluͤhen und Fruͤchte tragen ſollte. Mit Betruͤbniß ſah Emma den Plan, den ſechzigſten Geburtstag ihres Vaters auf dem Berge zu feyern, vereitelt. Auch das ſchoͤne Band des Vertrauens zwiſchen ihr und ihm war zerriſſen. Peinvoll erinnerte ſie ſich jetzt der Feſtlichkeit, mit der ſie voriges Jahr dieſen vier und zwanzigſten October begingz wie ſie ſchon lange vorher mit der Feyer des Tages beſchaͤftigt war, und im Geheimen, unter Anleitung des Gärtners, Blumen fuͤr den Herbſt erzog; wie ſie dann am erwuͤnſch⸗ ten Morgen den Vater in die Gartenlaube fuͤhrte, die ſie mit den Blumen ausgeſchmuͤckt hatte; wie er mit frommer Ruͤhrung ſie an die Bruſt ſchloß, und ſich uͤber den Sinn der kunſtloſen Inſchriften freute. Diesmal wollten die Blumen nicht gedeihen, denn ſie wurden mit Thraͤnen genährt. Der Tag er⸗ ſchien, aber Emma konnte ſich nicht freuen. Die Bruſt war ihr beklommen und tauſend Vorwuͤrfe des Gewiſſens aͤngſtigten ſie, als ſie zu dem Vater ging, um ihm zu dem heu⸗ blhen den Plan, ßoters auf Auch das in ihr und rtt ſe ſch riges Juhr er bging Fwer de Geheimen, unen ſi eminſc⸗ artenlube ſhnit n ſie an. e Sinn Ditml „denn ſ e⸗ ht freven⸗ nd uiſm ſr als mn hel⸗ — 291— tigen Tage Gluͤck zu wuͤnſchen. Sein An⸗ blick ging ihr wie Schwerdter durch die Seele. Sie ſank in ſeine Arme und in helle Thränen loſten ſich alle die frommen Wuͤnſche auf, die ſie ihm zugedacht hatte. 9. Auch Robert konnte, von Angſt und Verwirrung umhergetrieben, nicht zur Ruhe kommen. Schlummerlos ſah er die Nacht dahin ſchleichen, und kaum erbleichten die Sterne im dämmernden Morgenlicht, ſo eilte er mit raſchen Schritten dem Gebirge zu. Erſt dann fuͤhlte er ſich erleichtert, wenn er die Nebel, die uͤber die Fluren ſich verbrei⸗ teten, unter ſeinen Fuͤßen dampfen ſah und die freyere Bergluft athmete. Dann verlor er ſich immer weiter und weiter in die Ge⸗ gend, ſo daß oft der Tag daruͤber verſtrich und er erſt mit einbrechender Nacht den Oy⸗ bin wieder eppeichte. 19* — 292— Auf einem dieſer Streifzuͤge kam er an einem Mittage in ein anmuthiges Döoͤrfchen. Er fragte einen voruͤbergehenden Knaben nach dem Namen deſſelben, und ein freudiges Er⸗ ſtaunen bemaͤchtigte ſich ſeiner, als dieſer ihm Emma's Wohnort nannte. Gern haͤtte er mit dem Knaben, der ein gutes offnes Ge⸗ ſicht hatte, ſich weiter eingelaſſen; dieſem mochte aber hieran weniger gelegen ſeyn, denn auf die Frage, wo das Pfarrhaus liege, lief er ſchnell davon, indem er nach der Gegend hinzeigte. Einem Menſchen, wie ihm, war es aber unter den Menſchen niemals ſo ganz geheuer. Hin und wieder guckten auch ſchon neugierige Geſichter aus den geofſneten Fenſtern. Robert, der nicht Luſt hatte, dieſe Neugierde zu befriedigen, ſuchte das Freye, und erblickte ſeitwaͤrts einen Garten, der an ein ziemlich anſehnliches Gebaͤude ſtieß. Er ſchlich näher, mit der aͤngſtlichen Beſorg⸗ niß, daß vielleicht ein argliſtiger Spaͤher ſeine Schritte belauſche. Aber die Flur war ringsumher ode und verlaſſen. Eine naß⸗ kalte Luft wehte vom Gebirge her, und graue 28— kun er an Duiſchen. naben nich udiges Et⸗ dieſet ihm n hätte er offne G⸗ ſin; dieſem ehn, denn lige, lif u Geund ihm, wat niemals ſo uten uch gefnunn uſß hatte⸗ ſchte dos en Garten⸗ biude ſiß⸗ en Siſorg⸗ Syih Flur w kin ut⸗ u — 293— Nebel verhuͤllten, als Vorboten des nahen Winters, die Gipfel deſſelben. Jetzt war die Gartenmauer erreicht und eine nur angelehnte Thuͤr ſiel ihm in die Augen. Er öffnete ſie und trat in einen von Haſelgeſtraͤuch dicht⸗ bewachſenen Gang. Niemand war im Gar⸗ tenz er faßte Muth, weiter zu gehen, und ein Seitenweg der Allee fuͤhrte ihn in ein Gartenhäuschen. Seltſame Schauer durch⸗ drangen ihn in dieſem ſtillen Heiligthume. Auf dem Tiſche lag ein aufgeſchlagenes Buch mit folgender roth unterſtrichener Stelle: Drum laſſet uns mit ſuͤßem Frieden Der letzten Ruh entgegenſehn; Der Pfad iſt rauh, das Ziel iſt ſchoͤn, Beſchließt ſich unſer Lauf hienieden, Wird uns der Himmel offen ſtehn! Auf der vordern Seite des Buches ſtand Emma's Name; er durfte alſo nicht zweifeln, daß er in ihrer Nähe ſich befinde. Lange verweilte er an dieſem friedlichen Orte, und ſeine Bruſt fuͤhlte durch lindernden Balſam ſich erquickt. Wäͤhrend er nach dem Berge zurück⸗ — 4— kehrte, fingen die Regenwolken an, ſich zu zertheilen. Der Sturm hatte ſich gelegt, und der reine Purpur am Abendhimmel verſprach einen heitern Tag.„Morgen,“ rief er aus, „werde ich ſie ſehen, und vielleicht— ja gewiß zum letztenmal!“— Im erſten Taumel der Liebe hatte Ro⸗ bert an die Unmoͤglichkeit, den Beſitz der Geliebten zu erringen, nicht gedacht. Erſt als er ruhiger geworden war, trat der Gedanke an dieſelbe in ſeiner ganzen fuͤrchterlichen Größe ihm vor die Seele. Er ſah den Abgrund, an deſſen Rande er ſich befand. Mit ihm mußte auch Emma hinabſinken, wenn er nicht fruh genug das Band zerriß, welches ihr Geſchick mit dem ſeinigen aufs innigſte zu verflechten drohte. Er fuͤhlte von der ſtreng⸗ ſten Prufung ſich heimgeſucht, aber er beſchloß, ſie zu beſtehen. Jetzt traten jene ſtuͤrmiſchen Tage ein, die er größtentheils in ſeiner Grotte verlebte. Die feindlichen Einwirkungen der Elemente und das Bild der ſterbenden Natur, das mit ſo verwandten Farben in ſeine Seele drang, gaben ſeinem Vorſatz neue Feſtigkeit, , ſich zu gelegt, und nel berſprach tief er aus, icht— ja thatte Re⸗ Beſih de Erſt u t Gdunke ſchen Griße n Athwnd, Mit ihn enn et , m jniyffe zu et ſtreng⸗ e vihl, ftünmiſhin ner bwlle ungen det den Natb ſin ile ziili⸗ und der aufgeſchlagene Vers in der Garten⸗ laube erfuͤllte ſeinen Geiſt zugleich mit der ruhigſten Ergebung, die je in einer Menſchen⸗ bruſt wohnte. Der Abend, an welchem der Entſchluß ausgefuͤhrt werden ſollte, erſchien, und mit ihm Emma, innig erfreut, den Langentbehrten wieder zu finden. Sie merkte ſogleich, als er ihr am Grabe entgegen kam, daß waͤhrend der Zeit, da ſie einander nicht geſehen, eine große Veraͤnderung in ſeinem Innern vorgegangen ſey. Mit einer uͤber ſein Geſicht verbreiteten ſeltſamen Freundlich⸗ keit äußerte er, daß der herbeyeilende Winter dieſe Zuſammenkuͤnfte nun bald ganz unter⸗ brechen werde, und ſprach vieles von der Trennung in dieſem, und von dem Wieder⸗ ſehen im andern Leben. Er druͤckte dabey innig ihre Hand, aber in ſeinen Worten herrſchte eine todtliche Gelaſſenheit und Ruhe. Als Emma ihm darauf erklärte, daß ſie ihm ein neugelerntes Lied mittheilen wolle, ver⸗ dunkelte ſich ſein Auge und blieb ſtill an einer Spätroſe hangen, die ſie ihm mitgebracht hatte. Ohne ſeine Antwort abzuwarten, er⸗ — 206— griff ſie die ihr zur Seite ruhende Gefaͤhrtin ihrer Jugend und Liebe und ſang das— ſchone Lied von Jakobi: Erhaben iſt der inn're Friede Des Veiſen, goͤttlich ſeine Ruh; Groß iſt der Mann, o Philaide, Doch glucklicher vielleicht biſt du! Mit lang umſonſt geſuchten Schluͤſſen Waͤlzt er die Sorge weg von ſich; Sie fort zu ſcherzen, fort zu kuſſen, Dies lehrten Huldgoͤttinnen dich. So haͤngt, wo ſich das Thal geſchmucket, Ein fuͤrchterlicher Fels herab; Der Hirte ſieht ihn nicht und pflucket An ſeinem Fuße Blumen ab. D laß, beim Klange ſuͤßer Lieder, Uns laͤchelnd durch das Leben gehn, Und, ſinkt die lange Nacht hernieder, Mit dieſem Lächeln ßille ſtehn!— Kaum aber waren dieſe letzten Worte uͤber ihre Lippen, als er, wie von einer frem⸗ den Gewalt ergriffen, ſich los riß und zu ihren Fuͤßen niederſturzte. Vergebens bemuͤhte ſie ſich, ihn aufzurichten; er bedeckte mit beyden Haͤnden die unaufhaltſam hervordrin⸗ genden Thränen ſeiner Augen, und war ver⸗ — Grführtin da folgende ſin nödet, et n Worte iner ftem⸗ un z bemihte ickte nit borin⸗ vu n⸗ — 297— ſchwunden, bevor ſie von ihrer tödtlichen Be⸗ ſtuͤrzung ſich erholen konnte. Sie ſah ihn nicht wieder und mußte in der martervollſten Ungewißheit nach Hauſe gehen. Eine ſchnei⸗ dend kalte Luft blies uͤber die Fluren, aber ihre brennende Wange ward nicht gekuͤhlt. Dieſe ungewöhnlichen Grade von Schwer⸗ muth und Angſt, dieſe heftiger als jemals auflodernde Leidenſchaft, dieſe ſchnelle uner⸗ wartete Entfernung— alles machte, daß ſie mit der peinvollſten Erwartung dem naͤchſt⸗ kommenden Tage entgegen ſah.— Robert aber war das Opfer eines uͤber⸗ raſchenden Zufalles geworden. Erſt beym Ab⸗ ſchiede ſollte Emma in kurzen Worten ſein unwiderrufliches Vorhaben erfahren, und, um ſie einigermaßen vorzubereiten, lenkte er allmaͤhlich das Geſpräch auf Trennung und Wiederſehen. Emma wähnte, durch den oben angefuͤhrten harmloſen Geſang ſeinen Un⸗ muth zu zerſtreuen; doch ſie irrte. Jeder Ton war ein todtlicher Stachel fuͤr ſeine Seele; er ſah in ihr den beleidigten Himmel, den rächenden Engel ſeines Verbrechens. — 298 Seine Bruſt war zerſchmettert. Voll Ver⸗ zweiflung floh er den Berg hinunter. Erſt als er am Bett ſeiner Mutter ſich niederge⸗ worfen, und dieſe mit zärtlicher Theilnahme ſein Unglück angehoͤrt hatte, kehrte ſeine Be⸗ ſinnung zuruͤck. Er ſtand auf, ging vor die Huͤtte hinaus und dankte dem Himmel fur ſeinen Beyſtand in dieſer großen ſchweren Stunde; aber ſeine Augen ſtanden voll Thrä⸗ nen, denn nun war ja das letzte, höchſte Lebensgluͤck auf immer fuͤr ihn verloren. 10. Kaum war Emma des folgenden Tages am Grabe angekommen, als ein verſiegeltes Papier ihr in die Augen fiel. Ihr Geſicht erbleichte, und ihr Herz klopfte gewaltig; denn ſie errieth den Inhalt deſſelben. Mit zitternden Händen erbrach ſie es und las fol⸗ gende Worte: „Nichts vermag ich jetzt dem unerbitt⸗ „— Pil Ver inter. Eiſt h niederge⸗ Jheilnahme t ſine Be⸗ ging vor de zimmil fit n ſchweren vol Thri⸗ e, höchſe eren⸗ en g ſcgle hr Giſch zenilig . Mit d la ſo unit⸗ — 299— lichen Schickſale mehr entgegenzuſtellen! Trennung heißt das unwidetrufliche Gebot; ich gehorche mit blutendem Herzen, und ſcheide, ehe Verzweiflung meine Sinne zer⸗ ruͤttet. Muͤhſam rafft der Geiſt ſeine noch uͤbrigen Kräfte zuſammen, die letzte ſchwere Pflicht zu löſen; aber die Hand zittert und die Gefuͤhle kämpfen in hartnaͤckigem Streite. O meine Emma!— noch einmal ſey es mit vergonnt, mit dieſem theuern Namen Dich zu nennen— in welche Worte ſoll ich das Nas menloſe kleiden? in welcher Sprache die Em⸗ pfindungen der Seele ausdrücken?— Schon ſah ich alle meine Hoffnungen vereitelt im Staube liegen. Ich fühlte mich elend, abet nicht muthlos, den fernern Schlägen des Schickſals kalte Verachtung entgegen zu ſtellen. Doch ſchwer ſollte ich dieſe Vermeſſenheit bü⸗ ßen; in nie gefuͤhlte Seligkeiten ſollte ich verſinken— und geſtraft ſeyn! Emma, lerne den Fremdling genauer kennen, der an Deinem Buſen ruhte, und Du wirſt ſeine grauenvolle Nähe fliehen. Die Freuden des Lobens und den Frieden Deiner Seele habe — 300— ich Dir geraubt. Weine nicht, Emma! Thranen ſind heilig! Denke an den Frechen, der betruͤgeriſch Dich hinterging, an den Ver⸗ raͤther, der Deiner heiligſten Gefuͤhle ſpottete, und weine nicht! Mit kalter Verachtung reiße von dem entlarvten Betruͤger Dich los. Meide den Oit, wo Du ihn fandeſt, die Stelle, wo er zu Deinen Fuͤßen niederſankz denn ſeine Kniee haben ſie entheiligts meide das Grab, wo der Geiſt Deiner Mutter zuͤr⸗ nend verweilt.— Auch ich will die Thraͤnen zuruͤckdraͤngen, die fuͤr mein zerriſſenes Herz ein lindernder Balſam ſeyn wuͤrden. Der Gefuͤhle ſtiller, heiliger Verein löſe ſich auf in meiner Bruſt und vergehe! Nur einen Schmerz noch ſoll es kuͤnftig fuͤr mich gebenz einen Schmerz, der, ſchafſend und zerſtörend zugleich, an meinem ganzen Weſen ſeine Wir⸗ kungen außert. Du, o Emma wirſt in ihm leben; Dein Bild wird er wie eine ſchwin⸗ dende Seligkeit feſtzuhalten ſich bemuͤhen. Die ganze Schwere meines Schickſals haͤngt ſich an das Lebewohl, das ich Dir ſage. Ich wandle mit meiner Klage durch „Enmal en Frechen, n den Ver⸗ hie ſpottete, Brrachtung Dich les. andeſt, die nidderſunt yt weide utter zür⸗ e hrnen ſnes Herh en. De ur eineb ic gebenz zerſötend eine Vi⸗ iß in ihm n ſchwiu⸗ uͤhen⸗ 6 2 uh — 301— die Mitternacht, aber ſie verſtummt, wie der ſcheidende Engel meines Gläckes und meiner Ruhe. Ich hebe mein Auge zum naͤchtlichen Himmel empor, aber von keinem ſeiner Sterne fäut ein Hoffnungsſtrahl in meine Seele. Kein Mitgefuͤhl regt ſich im weiten Schö⸗ pfungsraume, und ich ſtehe da, ein rettungs⸗ los Verbannter, der mit kummervoller Bruſt ſeiner verlornen Paradieſe gedenkt.— Schon rollen neue Thraͤnen aus meinen Augen, welche die Schriftzuͤßge wieder verwiſchen. Keine Thräne uͤber mein eignes Geſchick— ſo war es mein Vorſatz— ſollte den letzten Abſchiedsworten ſich beygeſellen, aber mein Herz war ſchwaͤcher, als ich glaubte. Be⸗ wahre ſie als ein trauriges Andenken an den Ungluͤcklichen, der den Entſchluß, ſeiner hei⸗ ligſten Pflicht Gnuͤge zu leiſten, mit gebroche⸗ nem Herzen vollfuͤhrte. Robert der Wildſchuͤtz.“ Starr vor Schrecken hing Emma's Blick an dem unheilvollen Papier. Alle Lebens⸗ geiſter waren von ihren Wangen entflohen. — 302— Langſam legte ſie den Brief zuſammen, und verbarg ihr Geſicht knieend im hohen Graſe des mutterlichen Grabhuͤgels. Noch rothete der Strahl der untergehenden Sonne den Gipfel des Berges, als ſie dem abwaͤrtsleiten⸗ den Pfade zu ſchwankte.— In abgebrochenen Worten erfuhr der ſtaunende Vater das Geheimniß, das Emma bis jetzt ſo tief in ihrer Bruſt verſchloſſen hatte. Er las Roberts Brief, und kein finſt⸗ rer Vorwurf verſtieß das unglückliche Mäd⸗ chen, das an ſeiner Bruſt Troſt und Beruhi⸗ gung ſuchte. Aber Emma hatte mehr als dies von nöthen, denn ein heftiges Fieber ſing noch dieſen Abend an, in ihren Gliedern zu toben. Sie ward ſchwächer und ſchwächer und ſank endlich bewußtlos in einen nahen Lehnſtuhl nicder. Man brachte ſie zu Bett, und der bekuͤmmerte Vater wachte ſelbſt die ganze Nacht hindurch an ihrer Seite. Er ſchauderte bey den ſinnloſen Phantaſieen der Ungluͤcklichen, die jetzt einander veffolgten. Erſt gegen Morgen verſank ſie in einen tie⸗ ſen Schlaf, welcher mehrere Stunden fort⸗ nmen, unb ohen Graſe och rithete Sonne den winbleiten⸗ erfuht der das Emmo urſchloſin fein finſi⸗ ce Mil⸗ d Benh⸗ nihr u hiht nGlicdem — n nahen ju Bett, ſuht jeite⸗ 6t ſien der efelgten⸗ inn i⸗ n jn⸗ — 303— währte. Der Vater war hoch erfreut, als ſie bey ihrem Erwachen mit leiſer Stimme ihm verſicherte, daß ſie ſich zwar ſehr matt, aber doch beſſer befinde. Mit ruͤhrender Freundlich⸗ keit beſchwor er ſie, ruhig zu ſeyn und nicht durch Ungeduld ihre Leiden zu verſchlimmern. Mit heißen Thränen benetzte Emma ſeine Hand; denn ſolche Schonung und Guͤte hatte ſie nicht erwartet. Wirklich hatte der alte Gruͤnfeld in der vergangenen Nacht, wo er Zeit genug hatte, den ganzen Vorfall reiflich zu uͤberlegen, beſchloſſen, den Juͤngling aus der Gefahr zu retten, in der er ſchwebte und deren verderb⸗ licher Pfeil ihn fruͤher oder ſpäter treſſen mußte. Aus dem Briefe erkannte er deutlich, daß Robert ein edler Menſch ſeyn muͤſſe, den nur die höchſte Noth zu dem Gewatbe ge⸗ zwungen habe, das er trieb. Zwar erwachte anfangs in ſeinem Innern ein bitterer Un⸗ wille uͤber Emma's kalte Verſchloſſenheit ge⸗ gen einen Vater, der ſonſt ihr ganzes Ver⸗ trauen beſeſſen hatte; aber er beruhigte ſich, denn er wußte aus eigner Erfahrung, wie — 304— gern und ſorgfältig das Herz ſich in ſich ſelbſt verſchließt, wenn die erſten Keime der Liebe ſich in ihm entwickeln. Mit williger Seele verzieh er ſeiner Tochter die abendlichen Zuſam⸗ menkuͤnfte auf dem Berge; denn eine Gattin, die er Jahrelang beweinte, hatte dabey als himmliſcher Schutzgeiſt ſie umſchwebt. Leb⸗ haft trat ihm jetzt die Erinnerung des Tages vor die Seele, wo er ſeiner Verewigten zum erſtenmal unterm Fliederbaum des Gartens Liebe ſchwur und, als ſie angſtlich an ſeine Bruſt ſich warf, ihr betheuerte, daß feſte unerſchuͤtterliche Treue das harte Herz des Va⸗ ters endlich beſiegen und dann keine Zeit ein Band mehr aufloſen werde, welches der Him⸗ mel fuͤr die Ewigkeit knüpfte. O wie gern verzeiht das Herz die Schwaͤchen eines andern, wenn es ſelbſt geliebt hat! Wie gern erwaͤrmt es ſich noch einmal an einer fremden Flamme, wenn die verwandtere Glut erloſchen, und die Seligkeit zweyer Jahre zur Quelle lebenslaͤng⸗ liger Thraͤnen geworden iſt!— Noch einige Tage hindurch mußte Emma das Bett huͤten, doch war ſie jetzt, nach der Ver⸗ in ſch ſelbß ne der Lbe liger See chen Zuſam⸗ ein Gattin, e dabeh als webt. Ll⸗ 9 ds 2 wiyten jun Gattens ch an ſüine „diß ſit erz des V⸗ n it in s vr hin⸗ wie gern ues andern un ewimt n glamm⸗ n, unb die chenzling⸗ ußn hnn det „u PVel⸗ — 305— Verficherung des Arztes, außer Gefahr. Ach, ihre Liebe war durch das traurige Geſtänd⸗ niß, das jener Brief enthielt, noch nicht er⸗ loſchen; vielmehr weckte der Edelmuth ihres Vaters einen neuen Hoffnungsſtrahl in ihrer Seele auf, der ihre Geneſung beſchleunigte. Aber alle Wanderungen, die ſie hierauf, ſo⸗ wohl allein, als in Geſellſchaft ihres Vaters, nach dem Berge unternahm, waren vergeblich. Sie forſchten unten bey den Dorfbewohnern nach Robert, aber niemand wollte ihn ge⸗ ſehen haben. Allmaͤhlich ruͤckte unter den wiederholten und fehlgeſchlagenen Bemuͤhungen dieſer Art der Winter heran, und mit ihm ſah Emma alle aufs neue genährten Hofnun⸗ gen fuͤr immer vereitelt, und eine finſtere Schwermuth bemaͤchtigte ſich ihres Geiſtes. Die letzte Spur der Heiterkeit verſchwand von ihren blaſſen Wangen. Ihr Auge war der ganze Abdruck der ausgeſtorbnen Bruſtz matt und thraͤnenleer hing es am Boden, aber keine Klage kam uͤber ihre Lippen⸗ Stillduldend draͤngte die Seele jedes heimliche Verlangen, jeden auflodernden Wunſch in 20 — 306— ihre innerſten Tiefen zuruͤck. Nur wenn der Vater mit neuen Troſtgründen ſie zu beruhi⸗ gen ſuchte, traten ihr Thränen in die Augen. Sie kuͤßte dann mit kindlicher Herzlichkeit ſeine Wange, und verſicherte mit bewegter Stimme, daß ihr wohl, ſehr wohl ſey. Aber an manchem Abend vermißte der Vater ſie im Zimmer; er fand ſie dann draußen im Garten, in deſſen öden, einſamen Gaͤngen ſie, in ihren Kummer vertieft, auf und nieder wankte. Traurig ſtand er dann von fern; denn er ſah in ihr das Bild eines ſchon im Entſchweben begriffnen Engels, der nur mit ſchwachen Banden noch an das Land ſeiner Verbannung gefeſſelt iſt. 11 Robert vermied in den erſten Wochen, nachdem er den Brief an Emma geſchrieben hatte, auf ſeinen Streifereyen mit ängſtlicher Gewiſſenhaftigkeit die Nähe des geliebten Ber⸗ ſur wenn der ſie zu barhi⸗ in die Augen t Herzlichket mit bewegtet hl ſ. Aber Poater ſie im n im Garten, ſi, in ihrn der wankte⸗ denn et ſh Enſſchwhin it ſhwnhn Perhannn en Wochen, ſchrilin ſcher 9e t ingl ulln Bet⸗ — 307— ges, und wendete ſich nach andern entgegen⸗ geſetzten Gebirgsgegenden. Aber mit dem Gefuͤhl, den hochſten Lebensverluſt erlitten zu haben, trat auch eine kalte Gleichguͤltigkeit gegen alles, was uͤber ihn noch beſchloſſen ſeyn könne, in ſeine Seele. Selbſt der Ge⸗ danke an ſeine Mutter, der ſonſt ſein ganzes Weſen in Bewegung ſetzte, vermochte dieſelbe nicht zu verdraͤngen. Kein Wunder alſo, daß er ſein heimliches, gefaͤhrliches Gewerbe jetzt mit nachläſſiger Unvorſichtigkeit zu be⸗ treiben anfing. Hierzu mochte freylich auch das Gluͤck, welches ihn bisher begünſtigte, etwas beygetragen haben. Man war ihm auf der Spur, und die erbitterten Jäger be⸗ ſchloſſen, den ungebetenen Gaſt gelegentlich in aller Stille aus dem Wege zu räumen. We⸗ nige Muͤhe wuͤrde es ihnen gekoſtet haben, ihr Vorhaben auszufuͤhrenz wäre nicht Robert jetzt zuweilen Wochenlang an das Bett ſeiner Mutter gefeſſelt geweſen, die in der immer⸗ mehr zunehmenden Alterſchwaͤche die An⸗ naͤherung ihres letzten Stuͤndleins zu verſpü⸗ ren glaubte. Der Zufall wollte es, daß er 20* — 308— gerade in denjenigen Nächten die Wälder durchſchweifte, wo die feindlichen Spaͤher, der vergeblichen Nachtwachen muͤde, einer behag⸗ lichern Ruhe pflegten, als ihnen der rauhe beſchneite Forſt zu gewähren verſprach; und ſo entging er ohne eignes Zuthun dem Retz ihrer Nachſtellungen.— Schon war der Winter zur Haͤlfte ver⸗ ſtrichen und Robert, ſeinem Geluͤbde trev, war nicht auf den Berg gekommen. Aber allmäh⸗ lich erwachte in ihm die Sehnſucht, ſeine Lieblingsgrotte, in welcher er ſo ruhig und ungeſtört ſeinen Gedanken nachhaͤngen konnte, einmal wieder zu ſehen. Er glaubte ſich ſtaͤr⸗ ker, als er wirklich war; ja er haͤtte ſich ſo⸗ gar uͤberreden mogen, daß es nur die einſame Stille jenes Ortes ſey, welche ihn anziehe, ſo wie er von Jugend auf eine ſolche geliebt hatte. Ueberdies hatte er ja bey dieſer Jah⸗ reszeit und bey den anderweitigen Umſtaͤnden nicht zu befuͤrchten, dort von Emma uͤber⸗ raſcht zu werden. Er beſchloß daher, dem Wunſche ſeines Herzens, der ſo unſchuldig die Wälbet Spihrr, der einer behah⸗ en der rauhe rſpnch; und hun dn Nitz hin u⸗ de treu, war Aber olmih⸗ ſocht, ſtine ſo whig unb ingen konnte, bre ſch ſin zure ſih ſe⸗ die inſone ihn anſih n u ur J⸗ Unſtönden Enna ilm „ unhild — 309— und ſo— herzlich war, einmal nachzugeben, und wanderte eines Nachmittages nach dem Berge. Durch tiefen Schnee mußte er ſich den Weg hinauf bahnen. Kein lebendiges Geſchopf ſah er auf demſelben; aber in jedem duͤrren, beſchneiten Geſträuch vernahm ſeine Phantaſie Stimmen der Liebe. Oſt glitt ſein Fuß auf dem glatten, gefaͤhrlichen Bo⸗ den aus; doch er kannte ja den Weg, den er verfolgte, mit allen ſeinen Gefahren aufs genaueſte und ging weiter. Jetzt kam er an ſeine Grotte, und wie ein frommer Schwäͤr⸗ mer die langentbehrten Hallen des Tempels betritt, und an heiliger Stätte, unter den Bildern, die den hohen Unerreichbaren ſeiner gläubigen Seele naͤher bringen, die Schwin⸗ gen der Andacht kräftiger erheben zu konnen waͤhnt, ſo begrüßte Robert das ſtille Heilig⸗ thum ſeiner Empfindungen und Thränen. Seine Seele war ſehr heiter. Er ſank auf ſeine Kniee, und wiederholte ſich aufs neue den Schwur, ohne Widerkampf zu dulden, was ihm zu dulden beſchieden ſey, dem An⸗ denken ſeines entſchwundenen Gluͤckes zu leben, — — 310— aber keinen ſtraflichen Wunſch ferner mehr zu hegen. Der ſtrenge Winterfroſt trieb ihn bald nach Hauſe; aber er beſchloß, von nun an jeden Tag wenigſtens eine Stunde auf dem Berge zuzubringen. Niemals fand er eine Spur, daß jemand hier geweſen ſey, und immer gewiſſer ward es ihm, daß Emma ihn von hier auf immer entfernt glaube und daß ihr Herz ſich mit der Zeit wieder beruhigen und eines beſſern Gluckes genießen werde. Mit dieſen Vorſtellungen beſchäftigte er ſich gewöhnlich, ſo lange er zwiſchen den Graͤ⸗ bern des Oybins ſich befand, uͤber welche ſein Weg ihn fuͤhrte und wo er ſtets einige Minuten auszuruhen pflegte. Aber bey dem Gedanken an„jenes beſſere Gluͤck“ ergriff ihn immer ein eignes banges Gefuͤhl, welches ihn erſt dann wieder verließ, wenn er einen Blick in den fuͤrchterlichen Abgrund geworfen hatte, an welchem ſeine Grotte lag.— Das Herz hort nie auf, zu wuͤnſchen und zu begehren. Selbſt der Genuß, der nach Erfullung ſeiner kuhnſten Wuͤnſche ſich . femet mehr nieh ihn bud von nun an unde auf dem fand er eine n ſy, und Emmn ihn ube und hß der beruhign uen worde. fügr er ſ en den Gri⸗ jber wehe ſuts einhe her hey dem luc“ eif ſihl, wlhu enn et einn m ginfin 9.— zu winſchn Genß/ Vinhe ſich der — 311— darbietet, leiſtet nur auf kurze Zeit ihm Ge⸗ nuͤge. Nicht zum Frieden kann es kommen, ſo lange ein muntrer Fluͤgelſchlag es hebt. Eiftig umfaßt es das errungene Gut, aber bald iſt es in ſeinem Genuß erſchoͤpft. So entfliehn die irdiſchen Stunden unter raſtlos wechſelnden Planen und Entwuͤrfen, und ſelbſt im Hauch des Todes ſchlaͤgt, gleich der erlöſchenden Kerze, noch einmal der heiße Drang empor, neue mehr befriedigende Nah⸗ rung zu ſuchen!— Robert traute ſich jetzt Kraft genug zu, bey Emma's Anblick ſo ruhig zu bleiben, als habe niemals ein engeres Verhaͤltniß unter ih⸗ nen ſtattgefunden, als das der Freundſchaft und des gegenſeitigen Wohlwollens; ja er ſing ſogar allmählich an, den geheimen Wunſch nach irgend einer Gelegenheit zu hegen, bey welcher er ſeinen Muth beſtätigen könne. Hier⸗ zu kam noch die unuͤberwindliche Begierde, zu wiſſen, welche Wirkung ſein letzter Ab⸗ ſchiedsbrief bey ihr hervorgebracht habe, und was ſeit dem Tage der Trennung aus ihr ge⸗ worden ſey. Ein innres leiſes Gefuͤhl verwies 3 — — 312— ihn auf die Gefahren, mit welchen jeder Ver⸗ ſüch, ſie zu ſehen, verknuͤpft ſey; doch die Stimme der Vernunft verſtummte zuletzt vor der wärmern Ueberredungskunſt des Herzens. Der Entſchluß, ſie ganz von fern und im Geheimen zu belauſchen, wurde gefaßt, und in dieſer Abſicht auf den naächſten Morgen eine Wanderung nach ihrem Doͤrfchen feſt⸗ geſetzt. Robert konnte vor Ungeduld den Anbruch des Tages kaum erwarten; aber wie verdun⸗ kelte ſich ſein Auge, als er in der erſten Däm⸗ merung ans Fenſter trat! Mit ſinſtern Re⸗ genwolken, die jeden Augenblick ſich zu er⸗ gießen drohten, war der Himmel umzogen. Den ganzen Morgen ging er, des fehlge⸗ ſchlagenen Planes wegen, mißmuͤthig umher. Schon glaubte er denſelben fuͤr heut gänzlich vereitelt, als gegen Mittag ſich der Himmel plotzlich aufheiterte. Die Sonne brach durch die zertheilten Wolken hervor, und mit ihren erſten Strahlen kehrte die entſchwundene Hoff⸗ nung ihm zuruͤck. Er nahm Hut und Stock und wanderte mit heiterm Geſicht uber die be⸗ jau Ver⸗ doch die zulctzt vor Herzens nund im füßt, und n Northen ſchen fiſ⸗ Anbrch ſe verdun⸗ ſin Din⸗ em Ru⸗ umohen⸗ ſehe⸗ 3 vwhet. t zinih himml nch hurh mit ihrn dene hrf⸗ nd Gnt e ſie be⸗ ſchneiten Felder dem Dorfe zu. Nach andert⸗ halb Stunden war es erreicht. Er ſah von fern den wohlbekannten Garten und eilte mit hochgluͤhenden Wangen nach der Thuͤr deſſel— ben. Sie war verſchloſſen. Jetzt bemerkte er ſeitwaͤrts eine Oeffnung in der Mauer. Er naͤherte ſich derſelben und— prallte mit ſtar⸗ rem Entſetzen zuruͤck, als er den erſten Blick in den Garten gethan hatte. An der Seite eines jungen bluͤhenden Mannes kam Emma den Gang herauf. Sie ſchienen beide in hei⸗ term Geſpraͤch begriſſen, und Emma hatte vertraulich ihren Arm um den ſeinigen ge⸗ ſchlungen.„Großer Gott! ich bin verloren!“ ſchrie er, ſeiner Sinne beraubt, und flog, von Verzweiflung gejagt, den Weg zuruͤck, den er gekommen war. In ihrer ganzen Staͤrke war die Liebe jetzt in dem Ungluͤckli⸗ chen wieder erwacht, und die holliſchen QOua⸗ len der Eiferſucht zerriſſen ſeine Seele. In dieſem fuͤrchterlichen Zuſtande kam er, nach langen Umſchweifen, an den Berg; erſchopft ſank er am Fuße deſſelben nieder, aber keine Erholung war ihm vergonnt. Schreck und — 314— Angſt ſpornten die ermatteten Lebensgeiſter aufs neue. Er füͤrzte fort. Der wilde Wahnſinn trieb ihn von einem Berge zum andern. Bald ſchien in verzehrender Glut ſein Gehirn zu ver⸗ trocknen, bald ſtarrten ſeine Glieder vor Er⸗ mattung und Froſt. Mehr Zufall als Vor⸗ ſatz war es, daß er am ſpaͤten Abend zu ſeiner Huͤtte kam. 42 Immer bedenklicher war Emma's Zuſtand geworden, ſeit die letzten Verſuche, Roberts Aufenthalt auszuſpähen, fehlſchlugen. Der ſtrenge unfreundliche Winter hatte den letzten Funken von Hoffnung in ihrer Bruſt ertöd⸗ tet. Was in ſeinen Kräften ſtand, hatte der bekuͤmmerte Vater angewendet, ſie zu troſten und zu beruhigen; doch vergebens! Alle ſeine Troſtgruͤnde gingen auf die kuͤnftigen Zeiten hinaus, und wie konnte ſie fuͤr die Zukunft leben, ſo lange ihre Seele einzig und allein geiſet auf Wahnfun rn. Bald jun zu vet⸗ er er Er⸗ a Vo nd ſeiner v Zufind Fobert n. Der den Khiln uſt nin hotn der zu ſten Me ſint n Zeitmn — 315— mit der Vergangenheit beſchäftigt war! Sie ſuchte die Einſamkeit und fing an, ſelbſt den Schmerz, der an ihrem Herzen, an ihrem Leben nagte, lieb zu gewinnen. Der Vater ſah ihre hinwelkende Jugend und beſchloß, fuͤr die Rettung ſeines Lieblings den letzten, noch uͤbrigen Verſuch zu machen. Er ſchrieb an Mathilden, meldete dieſer die traurige Lage ſeiner Tochter, und bat ſie mit allem Eifer va⸗ terlicher Zärtlichkeit, ſeines troſtloſen Alters zu gedenken und auf einige Zeit zu ihm zu kom⸗ men. Er wußte, daß ſie von jeher Emma's Vertrauen beſaß, und hoffte von dem naͤhern ſchweſterlichen Umgange der Jugendfreundin, was den ſtumpfen Ermahnungsworten des Greiſes nicht gelingen wollte. Mathilde machte ſich ſogleich, nachdem ſie der Muhme den Brief gezeigt, und ihre herzliche Einwilligung dazu erhalten hatte, zur Reiſe geſchickt. Barneck, ihr verlobter Braͤutigam, begleitete ſie einige Stunden weit, und verſprach, ſie nächſtens einmal zu beſuchen. Er hatte von Mathilden den Zweck dieſer Reiſe erfahren; kannte, nach fruͤhern Schilderun⸗ — 316— gen, die gutmuͤthige Redlichkeit des Pfarrers und das ſchweſterliche Verhältniß, in welchem Emma mit Mathilden ſtand, und nahm war⸗ men Antheil an allem. Am Mittag des an⸗ dern Tages hatte ſie das Dorf erreicht. Sie ſtieg vom Wagen und wollte ſich ganz ſtill durch den Garten in das Haus ſchleichen. Aber kaum hatte ſie die Gartenthuͤr geoͤffnet, als Emma ſie gewahrte und mit freudiger Beſtuͤrzung ihr entgegen flog. Mathilde er⸗ ſchrak uͤber die abgehärmte Geſtalt, in wel⸗ cher ſie die theure Jugendgenoſſin erblickte; aber dieſe ſchien in dem Augenblick allen Kummer zu vergeſſen und fuͤhrte die Ange⸗ kommene jubelnd zu dem Vater. Er druͤckte ſie an ſein Herz, doch ein Blick voll Liebe, den Mathilde verſtand, dankte ihr mehr noch fuͤr die ſo unerwartet ſchnelle Befriedigung ſeiner Bitte. Wirklich erheiterte ſich Emma's Weſen am Buſen der vertrauungsvollen Freundſchaft mehr und mehr. Mit gefaͤlliger theilnehmen⸗ der Freundlichkeit hörte Mathilde die Erzäh⸗ lungen und Beſchreibungen an, in welchen ſjarrers in wilhem nahm wat g des an⸗ icht. Sie gn ſiill ſchlichen⸗ i geiffneh⸗ frudiher thilde et⸗ in wel⸗ erblickte; blik alen die Ang⸗ Er drücte Libe, uhr nh ftidigung Viſen unſcheft lnehmen⸗ e Eni⸗ lhen . — 317— Emma's Beredſamkeit ſo unerſchopflich war⸗ Und wie wohlthätig war es fuͤr ihr Herz, daß dieſe Beredſamkeit ſich jetzt bis auf alles dasjenige erſtrecken konnte, was ſie ſorgfältig in die jungfraͤuliche Bruſt verſchließen mußte, ſo lange ſie des Umganges mit einem gleich⸗ fuͤhlenden weiblichen Weſen entbehrte. Schon nach wenigen Tagen ſchien ſie mit vieler Faſ⸗ ſung an das Vergangene zu denken; ja ſie erinnerte ſogar, in Gegenwart des Vaters, Mathilden, wiewohl mit einem tiefen Seuf⸗ zer, zuweilen an irgend einen luſtigen Auf⸗ tritt aus ihren Kinderzeiten, und der redliche Greis fing an, den Himmel zu danken, daß er ihm einen ſo gluͤcklichen Einfall zugefuͤhrt habe. Nach einigen Wechen erſchien auch Bar⸗ neck, der die Sehnſucht nach ſeiner Mathilde und den Wunſch nach der perſoͤnlichen Bekannt⸗ ſchaft ihrer Freunde nicht länger bezwingen konnte. Er war ein junger angenehmer Mann von gebildetem Geiſt und liebenswuͤrdigem Cha⸗ rakter. Mitten im Geraͤuſch der Welt erzo⸗ gen und aufgewachſen, hatte er dennoch den — 318— Hang nach den ſtillen und einfachen Freuden der Natur in ſeinem Herzen zu bewahren ge⸗ wußt. Schon fruhzeitig war es daher ſein Wunſch geweſen, einſt im Schooße gerauſch⸗ loſer Hauslichkeit dasjenige zu ſinden, was er in den glaͤnzendern Zirkeln vergeblich ſuchte. Sein gutes Geſchick führte ihm Mathilden zu. Bey einem Familien-Ball machten ſie ihre erſte gegenſeitige Bekanntſchaft und fanden Ge⸗ ſchmack an einander. Sie ſuchten hierauf Ge⸗ legenheit, auf aͤhnliche Weiſe öfterer beyſam⸗ men zu ſeyn, und ſo entſtand allmählich das Verhältniß, in welchem ſie gegenwärtig ſich befanden. Barneck hoſſte in ihrem Beſitz das erſehnte Gluͤck rein und in volfem Maaße zu finden und entdeckte ihr ſeine Neigung, und Mathilde, die ſchon längſt den Umgang mit dem edlen Manne lieb gewonnen hatte, noch ehe ſie uͤberzeugt ward, daß ſein Herz ihr an⸗ gehore, erwiederte ſeine Zärtlichkeit mit aller Waͤrme der erſten Liebe. Varneck wandte ſich bald darauf an die Muhme und hielt form⸗ lich um Mathildens Hand an. Dieſe hatte nichts dagegen einzuwenden. Sie kannte ihn n Fudeh vahten ge⸗ daher ſein geräuſch⸗ n, wus et ich ſuchte. thilden zu⸗ n ſie ihr nden Gl⸗ etauf Ge⸗ t beyſam⸗ ählich das virig ſich Beſiz das Mooße , und gong wit e, nh n iht an⸗ nit let andte ſch t fim⸗ ieſe hotl annl ihn — 319— als einen Mann von unbeſcholtenem Charakter und Lebenswandel und glaubte, mit ihm ihre Nichte gar wohl verſorgt zu ſehen. Nur aͤu⸗ ßerte ſie, daß Mathilde noch zu jung ſey, und daß Beyde recht fuͤglich noch ein paar Jahre warten koͤnnten. Doch dieſe Bedenk⸗ lichkeit ward durch anhaltendes Bitten und Zu⸗ reden bald beſeitigt. Die Muhme gab nach, und die Hochzeit der beiden Verlobten ward fuͤr das nächſtkommende Fruͤhjahr feſtgeſetzt. Bald hatte der Pfarrer den jungen Mann, deſſen Geſicht mit dem Stempel einer offnen, ungeheuchelten Redlichkeit bezeichnet war, kennen gelernt und liebgewonnen; auch Emma fand die Schilderung, die ihr Ma⸗ thilde von ihm entworfen hatte, genau be⸗ ſtatigt, obgleich die Liebe immer mit den le⸗ bendigſten Farben zu zeichnen pflegt. Oft war ſie jetzt die Zeugin von der wechelſeitigen Zäͤrtlichkeit der beyden Gluͤcklichen. Unter ih⸗⸗ nen herrſchte keine wildauflodernde Leidenſchaft. Die Liebe, dieſe vielgeſtaltige Himmelstoch⸗ ter, offenbarte ſich hier in ihrer gelautertſten Milde. Wohl konnte Emma bei dem An⸗ — 320— blick des Gluͤckes, das fuͤr ſie auf immer da⸗ hin zu ſeyn ſchien, ſich zuweilen eines finſtern Unmuthes nicht erwehrenz wohl fuͤllten ſich ihre Augen oft mit Thränen der Wehmuth, wenn ihr die Freudenthränen der glucklichen Liebe entgegenglaͤnzten; doch kein Gedanke des Neides befleckte ihre reine Seele. Es war um die Mitte des Februar. Faſt drey Monate hatte ſie jetzt in Mathildens Geſellſchaft verlebt; doch mit dem Anfange des kuͤnftigen ſollte dieſe nach ihrem Wohnorte zu⸗ ruͤckkehren. Barneck, deſſen Geſchäfte dort nicht eben ſehr dringend waren, hatte ſeine Beſuche ein paarmal wiederholt und beſaß die Freundſchaft des Alten ſowohl, als Emma's, im hoͤchſten Grade. Er ſelbſt war zuweilen, wenn es das Wetter zuließ, nach dem Berge hinausgegangen, um Kunde von dem Ent⸗ ſchwundenen einzuzichen. Zwar war ſeine Mähe jedesmal vergeblich geweſen; aber da⸗ fuͤr hatte er in der Bryſt des Maädchens durch dieſe Aufopferung, mit welcher er einen Raub an dem eignen Herzen beging, einen hohen Platz dankbarer Zuneigung ſich bereitet. Mit ſchwe⸗ immet da⸗ es finſtun fulun ſih Vehmuth, glclichen Gedunke e. Febwat⸗ Vntildens fange dis ohnorte zu⸗ hiſte dut hatte ſine pbiſuß die Emm⸗ junin⸗ den Pece dem Ent⸗ wat ſine aber da⸗ hens duch inen Nub inen hehu itet⸗ ſchw — 321— ſchweſterlichem Vertrauen belohnte Emma den Antheil, den der edle Mann an ihren Ver⸗ haͤltniſſen nahm, und den raſtloſen Eifer, mit welchem er denſelben bewaͤhrte. Ihre An⸗ hänglichkeit gegen ihn ſtieg allmaͤhlich faſt zu eben dem Grade, wie ihre Liebe gegen Ma⸗ thilden. Oft befand ſie ſich mit ihm allein im Garten, wenn Mathilde ſtatt ihrer ein kleines haͤusliches Geſchaͤft uͤbernommen hatte, und leicht laͤßt ſich der Stoff ihrer jedesma⸗ ligen Unterhaltungen errathen. Jedes Wort, das Barneck uͤber den Entfernten ſprach, be⸗ zeugte ſeine Achtung fuͤr denſelben. Emma glaubte ihm die Freundſchaft erwiedern zu muͤſſen, die er fuͤr den Unbekannten hegte, und begegnete ihm daher mit der unbefangen⸗ ſten Vertraulichkeit. Und ein ſolcher Augen⸗ blick war es, in welchem Robert ſie erblickte. Allmählich war die Zeit, wo Mathil⸗ dens Ruͤckkehr nach der Stadt feſtgeſetzt war, herangeruͤckt. Barneck kam eines Tages, um ſie abzuholen. Mit ſchwerem Herzen trennte ſich Emma von Mathilden, deren Umgang 21 — 322— ihr wieder zur freundlichen Gewohnheit ge⸗ worden war. Aber zur Begleitung der bei⸗ den Liebenden, die jetzt dem ſchönen Augen⸗ vlick ihrer Vereinigung entgegenſahen, konnten keine Bitten und Vorſtellungen ſie bewegen; denn angelegentlichere Gedanken fuͤhrte der wiederkehrende Fruͤhling in ihre Seele zuruͤck. Dankbar geraͤhrt nahm ſie Abſchied von den guten theuern Menſchen, die unter allen Be⸗ ſchwerden des rauhen Winters ſo unermuͤdet im Dienſt der Freundſchaft ſich bewährten. Auch der alte Gruͤnfeld ſegnete mit vaterli⸗ cher Waͤrme ihren Bund. Er begleitete ſie am Tage ihrer Abreiſe mit Emma bis zum nahen Walde, und ſein frommes Gebet er⸗ flehte hier noch einmal das Gluͤck des Him⸗ mels uͤber die Redlichen.— 3 . — Die Tage fingen an freundlicher zu wer⸗ den. Der Schnee war zerronnen, und mit jugendlichem Grün ſchmuckte ſich der erwärmte Boden. Emma hatte einige Tage nach ein⸗ ander den Berg wieder beſucht, obgleich der Vater den Wunſch hegte, daß ſie zum Ziel ohihit ge⸗ ng der bi⸗ nen Augen⸗ n, konnten ſie bewegen; fühmm der Stele uri ied von den olen Be⸗ unermidet hewöhrten⸗ mit väterl⸗ bleit ſt n b hun es Gebet“⸗ de Him⸗ ſchet zu wel⸗ und mit zmtt en, der er — 323— ihre ierga — einen andern Ort waͤhlen —— als ſie ungefaͤhr —— zeges dahin zuruͤckgelegt —— Landleute hinter ſich — nehmliche Straße gingen. Si ——— Emma hörte, daß ſie praͤch begriffen waren. S Au Euch,“ ſagte der zu denken!— iſt an kein Aufkommen Welt— ei Kummer— haben; denn Gram und ——— leibhaft aus den Augen ——— war unſſ traut ge. ſollte Gott„ ſiatt daß er 66 en n Unſinni . iches er treibt ein ſe iht ber 5 ein halsbrechend —. 55 die beiden Leute — eine Huͤtte aufgenommen, u ht unbarmherzig wieder 21* naus⸗ — 324— ſtoßen, noch vielweniger ſie verrathen und ins Ungluͤck bringen!“ Emma horchte hoch auf. „Der Burſche,“ fuhr er fort,“ iſt mir ordentlicher Weiſe lieb geworden, weil er ſeiner alten Mutter immer mit ſolchem Reſpekt be⸗ gegnet, und mit ſeinem blaſſen Geſicht ſo ſtill und ruhig ſeinen Weg dahin wandelt. Freylich wuͤrde man ja wohl ein Einſehen in die Sache habenz aber der gute Wille allein thuts nicht und hier——“ Er klopfte bey dieſen Worten mit vielſagendem Geſicht an die leeren Rocktaſchen und ſchwieg. Emma naͤherte ſich ihm in der geſpann⸗ teſten Erwartung, um naͤhern Aufſchluß zu erhalten.„Lieber Freund,“ ſagte ſie mit ſtockender Stimme:„Ihr ſprecht da von ei⸗ ner unglucklichen Frau, die der Huͤlfe bedarf. Sagt mir geſchwind, wer ſie iſt und wo ſie wohnt; vielleicht kann mein Vater etwas für ſie thun!“ „Dann wuͤrde Ihr Vater,“ erwiederte then und ins t,“ iſ mir wil e ſeinr Nepekt be⸗ n Glſiht ſ hin wandelt. Cinßhen in Pile alin r klopfte b n Giſcht un . der geſpan⸗ Auſchluß ſu ſagte ſi nt tda von e⸗ hilſe n. in w ter ewas i midt — 325— jener,„gewiß einen Gotteslohn verdienen! Ich ſeh's Ihr an, Jungfer, daß Sie nicht aus bloßer eitler Neygierde die Frage thutz denn dazu hat ſie mir ein zu uchenniß Geſicht; aber die Huͤlfe muß bald kom⸗ men, wenn ſie ni iellei j — nicht vielleicht ſchon jetzt zu nannte ihr, nachdem ſie erklaͤrt hatte, wer ihr Vater ſey, das Dorf.„Aber„ℳ Namen,“ ſetzte er hinzu,„kann ich Ih nicht aushelfen, weil ich ihn ſelber nicht—— Meine Finder zu Hauſe nennen den nh Menſchen ſo aus Gewohnheit den Nacht⸗ nz weil er immer erſt am ſpäten Abend auszughen pftegt und dann gewöhnlich die wh ausbleibt. Sie muß ſich ve hierb — nichts Arges denken. Da druͤben 5. ein Berg,“ fuhr er fort, indem er nach Gegend des Oybins hinzeigte,„auf e er ſich, wie er mir ſelbſt verſichert hat, ſonſt zu ganzen Naͤchten aufzuhalten jetz aber ſcheint dieſe wunderbare Grille ve 4 auch nachgelaſſen zu haben!“ p — 326— Keiner von beiden bemerkte, was bey dieſen Worten auf Emma's Geſicht ſich ver⸗ rieth; denn ſie erzählten ſich bey dieſer Ge⸗ legenheit von einem Geſpenſt, daß auf dem Berge bey naͤchtlicher Weile ſein Weſen trei⸗ ben ſollte, ſo fuͤrchterliche Geſchichten, daß ihnen wechſelſeitig die Haut ſchauderte.— Der Alte erinnerte ſich, nachdem ſie noch eine Weile mit einander gegangen waren, eines Geſchaͤftes, welches er, wenn die Zeit es er⸗ laubte, in einem nahgelegenen Dorfe zu ver⸗ richten habe. Emma erbot ſich daher, ſeine Auftraͤge in Ruͤckſicht der kranken Frau zu beſtellen, da ſie ohnedies geſonnen ſey, dieſelbe gerades Weges zu beſuchen. Ihm kam dies Anerbieten ſehr gelegen. Er beſchrieb ihr aufs umſtändlichſte den Weg, den ſie zu verfolgen habe, und die Wohnung der Huͤlfs beduͤrftigen, gab ihr die Arzney, die er aus der Stadt fuͤr ſie mitgebracht, und ging mit gelaſſenen Schritten an der Seite ſeines Gefährten, dem erwähnten Geſchaͤft nach. Emma begriff nicht, wie die Menſchen ſo ruhig ſeyn konnten.— Voll vom Gedanken an den ihr bevorſte⸗ beh cht ſich vu⸗ dieſit Ge⸗ ß auf dem Weſn trei⸗ ichun, deß t.— Dir e noch eine in, ein Zeit c er jt ju vn⸗ daher, ſin n Fr iu ſey hieſelbe n kan dis ub ihn aſs verfolgen birfin det Stadt hſun ihrun dn teyif m⸗ onm · hr wi — 327— henden Augenblick eilte ſie dem Dorfe zu. Sie hatte es bald erreicht, und fand auch darin eine Huͤtte, die der Beſchreibung des Alten gleich kam. Mit leiſer Hand oͤfſnete ſie die Thuͤr. Der rechte Ort war nicht ver⸗ fehlt; denn mit todtbleichem verſtortem Geſicht kam ihr Robert entgegen. Heftig, wie vor einer Geiſtererſcheinung, erſchrack er, als er ſie erkannte; doch faßte er ſich ſogleich wieder, und trat mit ſchwermuͤthiger Ruhe ihr naͤher. Emma wankte, und wollte ſich auf einen Stuhl niederlaſſen; da faßte Robert ſie bey der Hand und fuͤhrte ſie zum Sterbebett ſei⸗ ner Mutter, welches an der entgegengeſetzten Seite der Stube ſtand. Sie war verſchie⸗ den; aber noch ſchienen die letzten Segens⸗ worte fuͤr den huͤlflos zuruͤckgelaſſenen Juͤng⸗ ling auf ihren Lippen zu ſchweben. Bey ih⸗ rem erneuerten Anblick warf Robert ſich leiſe jammernd uͤber den entſeelten Leichnam dahin. „Zu ſpät!“ ſchluchzte Emma und trat mit blutendem Herzen an das Fenſter. Nach einer langen Pauſe richtete jener ſich auf und heftete einen ſtarren unbeweg⸗ —— —— ——— — — 328— lichen Blick auf die Zitternde.„Und wo⸗ durch,“ fragte er endlich, wie aus einem ſchweren Traum erwachend:„konnte Emma ſich bewogen fuͤhlen, dieſe Wohnung des Elends zu betreten?“ In der Verwirrung, in welche dieſe Worte ſie verſetzten, brachte ſie die Arzncy hervor und erzaͤhlte ſtammelnd, wann und wo ſie dieſelbe erhalten habe.„Gu⸗ tes Mädchen!“ rief Robert aus.„Unter Deiner Hand waͤre vielleicht, wie unter der Hand eines Engels, der erloſchende Lebens⸗ funke noch einmal aufgelebtz doch zu ſpaͤt! das ewige Geſetz der Natur hat geſiegt. Aber wohl thut es meinem Herzen, daß Emma auch im Gluck des Elenden nicht vergaß!“ — Mit einem lauten Schrey ſank Emma bey dieſen Worten in ſeine Arme.„Ungluͤck⸗ licher! wohin verirrſt Du Dich!“ entgegnete ſie.„Mein Gluͤck wohnt bey Dir, oder dort, wo der Geiſt Deiner Mutter es ſucht! — Robert erſtaunte, denn er dachte an die Scene im Garten; in wenigen Augenblicken aber, nachdem er der Sache weiter nachge⸗ forſcht, war ihm das Räthſel gelöſt. „Und wo⸗ aus einen nte Emma hnung de Perwirtung, n, brachte ſommelnd, ab.„Gu⸗ .„Untir e unter der nde Vbent⸗ ch u půt ſe. Abe doß Emma ugß!“ unt Enn „nid⸗ „ enigehnele oder ch an ugnblin nih⸗ Dir, die it ſſ. — 329— Doch nur eine ſchwache Spur von Freude zeigte bey dieſem heitern Geſtaͤndniß ſich auf ſeinem Geſicht; denn zu tief hatte jene fuͤrch⸗ terliche Tauſchung ſeine Seele darnieder ge⸗ beugt. Zwar hatte die vielvermoͤgende Ge⸗ walt der Zeit nach und nach die wilde Pein gedämpft; aber der Gram, der ſchon längſt an der bluͤhenden Jugendkraft zehrte, hatte wieder neue Nahrung bekommen. Sein gan⸗ zes Weſen war zerruͤttet. Eine markloſe Schattengeſtalt ſchlich er umher, und ſelbſt der Wahnſinn, der oft die Leiden eines Ungluͤck⸗ lichen mildert, wenn die beſſere, ewige Huͤlfe verſagt iſt, konnte in dieſem ausgezehrten, unempfäͤnglichen Boden nicht Wurzel ſchla⸗ gen. Nur der Tod ſeiner Mutter erinnerte ihn noch einmal, daß die Erde ein fuͤr ihn noch großes Gut beſaß; aber auch hier wuͤrde kein klares Bewußtſeyn die dumpfe Betäu⸗ bung ſeines Geiſtes verdrängt haben, haͤtte nicht Emma's unverhofftes Erſcheinen ihn aus derſelben geweckt.— Emma ſchlug jetzt, um ihn zu zerſtreuen, — 330— einen Spaziergang ins Freye vor. Robert fuhrte ſie in den Garten an ein einſames Oertchen, wo er im vergangenen Jahr fuͤr ſeine Mutter eine Raſenbank angelegt hatte. Hier erzählte er ihr in ruhigen Worten ſeine ganze Lebensgeſchichte, ohne darin den gering⸗ ſten Umſtand zu uͤbergehen⸗ Emma, waͤh⸗ rend der Erzählung wechſelsweiſe etſtaunt und geruͤhrt, betheuerte ihm, als er geendigt hatte, daß das Ende ihrer Leiden vorhanden ſey, und daß ſie jetzt beyde durch ihre Liebe gluͤck⸗ lich ſeyn wuͤrden; aber ein mattes ungläubi⸗ ges Lächeln war alles, was er erwiederte. Sie erzählte ihm, was ihr Vater, was ihre Freunde gethan und beſchloſſen haäͤtten; aber umſonſt! Seine Seele hatte keine Hoffnun⸗ gen mehr! Robert begleitete die Hoſſende, denn ſie hatte den Wunſch geäußert, heute wieder ein⸗ mal den Berg zu beſuchen. Noch ſtand die Sonne hoch am Himmel, als ſie hier an⸗ kamen. Das Grab war mit friſchem Gruͤn überdeckt. Emma zog hier und dort die Blu⸗ t. lert einſume Iur ſir eligt thatte⸗ zorten ſeine den ger ing⸗ ma, viß⸗ ſſuunt und ndit hol anden ſeh, giebe gluck⸗ s unglüubi awiedette⸗ v iht zent aber ätteni l⸗ hoßfuu⸗ — 331— menſtoͤcke aus dem Boden, die vom vorigen Jahre her in demſelben wurzelten und unterm Winterfroſt abgeſtorben waren. Robert ſah mit ernſter Miene dieſem Geſchäft zu; denn auch der Roſenſtock, von welchem ſie an dem Tage, wo ſie beide zum erſtenmal auf dem Grabe ſaßen, die letzte Knospe fuͤr ihn gebro⸗ chen hatte, war eingegangen.„Auch dieſer, der mir am liebſten war, blieb nicht ver⸗ ſchont!“ ſeufzte ſie, und helle Thraͤnen ſtuͤrz⸗ ten aus ihren Augen.„Laß ihn welken!“ verſetzte Robert mit leiſer Stimme.„Blumen haben keine Bedeutung,“— Die Sonne war tiefer geſunken. Eine feyerliche Stille herrſchte auf dem Berge, doch uͤberall verkuͤndigte ſich das junge neuerwachte Leben der Schopfung. Robert war mit Emma zur Kaiſersruhe“) hinauf geſtiegen, von wannen ſich ihnen eine freyere Ausſicht darbot. *) Ein ſteinerner Sitz auf dem Gipfek des Ber⸗ ges, mit einem eiſernen Gelaͤnder und der Ausſicht nach Zittau, auf welchem, nach der Chronick des Berges, Kaiſer Sicgismund einſt eine Nacht zubrachte, In ſeine Bruſt war ein ſeligheitres Gefuͤhl, ein ſtilles uͤberirdiſches Sehnen eingezogen. Mit Wohlgefallen hing ſein Auge an dem guten treuen Maͤdchen, das auf den ſteiner⸗ nen Sitz ſich niedergelaſſen hatte.— Ein Schwan erhob ſich jetzt aus der Tiefe. Nah an ihnen ging das Geraͤuſch ſeines Fluges vorbey, und rein, wie der Aether, zu dem er ſich aufſchwang, waren ſeine Fluͤgel und ſeine Bruſt. Er ſtieg höher und hoher. Die Abendſonne warf einen goldnen Glanz um ſei⸗ nen Körper und bald hatte er in der blauen Woölbung des Himmels ſich verloren. Unbe⸗ weglich ſpaͤhte Robert ihm nach, und ſein Auge verklärte ſich im Anſchauen des gren⸗ zenloſen Raumes. Er ſah in dem aufſteigen⸗ den Schwane das ſchöne Sinnbild einer gleichfreudigen Erhebung, und rief, indem er ſeine Hand empor ſtreckte, mit feyerlich beweg⸗ ter Stimme:„Blicke hinauf, meine Emma! Das ewige Licht reinigt von den Flecken der irdiſchen Schwaͤchen! Drum laß im Sturme des Lebens uns feſtſtehen, laß unterm Druck des Schickſals uns nicht verzweifeln: „ Der ——„— ngezegen. an dem ſteinet⸗ — Ein fi. Noh Fluge u dem el und w. Die . um ſi⸗ r blauen Unbl⸗ und ſin es hren⸗ d int indem er h beweg⸗ Enm! ten der Sturme nDu Der 5— Der Pfad iſt rauh, das Ziel iſt ſchoͤn; „— Beſchließt ſich unſer Lauf hienieden „ 3„ Wird uns der Himmel offen ſtehn!—“ Kaum waren dieſe Wonte uͤber ſeine Lippen, als ein Schuß im nahen Geſträuche ſiel. Ein ſiebenfaches Echo rollte durch di Gebirge, und Robert ſank taumelnd zu E ma's Fuͤßen nieder. Die Kugel war die Bruſt gegangen und das pele But hervor.— Gleich darauf kam der alte eil den die Beſorgniß um ſeine Ziie. die den ganzen Tag ausgeblieben war dem Berge getrieben hatte. Sie 5r uͤber den Ungluͤcklichen hingeſtuͤrzt und krampfhaft ihre Hand auf die Wunde ge Der Alte war vor Schreck und e * den Boden gewurzelt; der ganze für liche Zuſammenhang dieſes Auftrittes ihm vor der Seele. Er hatte ſ F ihe den Schuß fallen hoͤren. 7 3 2 ihm ein Jägerburſche begegnet W wilder Haſt den Berg inier waͤrts gelegenen, waldigten Anhohe Der Ungluͤckliche röchelte 65 22 ſeinem Geſicht ſtanden große Schweißtropfen und ſeine Kleider waren mit Blut benetzt. Emma gab kein Zeichen des Lebens von ſich. Das Herz des Vaters war zerriſſen. Er ſtrengte alle ſeine Kraͤfte an und wankte den Berg hinunter; denn jeder Augenblick der Verſoͤumniß ſchien ihm ein neuer Mord. Ei⸗ nige mitleidige Bekannte aus dem Dorfe ka⸗ men herbey. Er beſchrieb ihnen den Ort, wo die blutigen Schlachtopfer lagen; denn er ſelbſt war nicht vermögend, den Berg noch einmal zu erſteigen. Die Ungluͤcklichen wur⸗ den in eine nahe Hutte gebracht. Robert ward verbunden und das heftige Roöcheln ſchien ein wenig nachzulaſſen. Nach Mitter⸗ nacht hörte es ganz auf. Gegen Morgen war er verſchieden. Emma kam ins Leben zuruͤck, aber nicht wieder zum klaren Bewußtſeyn deſ⸗ ſelben. Dech ihr Engel war nicht fern. Rur wenige Wochen waäͤhrte die dumpfe Zer⸗ ruͤttung ihrer Sinne; dann ſchlug die Stunde der Auflöſung. Mitleidig hatte der Sturm die Blume, deren Keime der Wum zernagte, 4 tupfen benit⸗ on ſich⸗ n. Er nkte den lik der d. Ei⸗ orfe k⸗ n Ort ; denn i9 noh en wur⸗ Robert göchtln Nit⸗ Moigin aber n eſ⸗ n Mu e Zet⸗ Stunde Stum m⸗ gebrochen, ehe ſie langſam vertrocknete.— Der Vater, unfaͤhig fuͤr alle buͤrgerliche Wirk⸗ ſamkeit, legte ſein Amt nieder und zog nach dem Dorf Oybin, um in der Nähe der bei⸗ den Gräber zu leben, in welche ſeines Herzens koſtlich theure Schätze verſunken waren. Lange noch erzaͤhlten die Bewohner des Dorfes dem Fremdlinge das Schickſal des Ungluͤcklichen, den ein hinterliſtiger Meuchel⸗ mord, uͤber den es nie zur ernſtlichen Sprache kam, dahinraffte. Ohne auf den Wider⸗ ſpruch einzelner Stimmen zu achten, hatten ſie willigen Sinnes ſeinen Gebeinen eine Ruheſtatt unter den Gräbern ihrer Freunde gegönnt, um ihm wenigſtens im Tode die Gerechtigkeit nicht zu verſagen, die er im Leben nur in einem einzigen treuen Herzen gefunden hatte. Ende des erſten Bandet. Srey Sorſtroſ Sfart Sreen Vellow Hed .