— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Sloßsaſte Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Teſebedingungen. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ p ſ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreiß. Bei Rucgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſ Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und S für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher:. Bi Bücher: ——.— auf 1 Monat: 1 Mk. 1 Mk. 50 Pf. 2 F— f „ 5„ 3— Auswärtige Kbounenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Eryungen, welche in geſellſchaftlichem Kreiſe mitgetheilt ſind, duͤrfen billig als oͤffentliches Eigenthum angeſehen werden; oder vielmehr als umherfliegende Fäden, die ein Jeder auf⸗ fangen, unveraͤndert laſſen, zerreißen oder zu einem Ganzen ver⸗ weben kann, ohne deshalb fuͤrchten zu muͤſſen, vor Gericht gezogen zu werden. Drei der folgenden Erzählungen gehoͤren zu dieſer Klaſſe. Die erſte und zweite wurden der Verfaſſerin von einer Dame von hohem Range, ausgezeichnet durch viele Talente, mitgetheilt. Die Begebenheiten der erſteren verburgte dieſe Dame als Thatſachen⸗ bie einem Mitgliede ihrer Familie genau bekannt waͤren. Das lä⸗ cherliche, aber doch etwas ergreifende Phantaſiegemaͤlde der andern gab ſie fuͤr eine Sage aus, die in Irland noch feſt geglaubt wuͤr⸗ de. Man hat ſie hier mit banger Beſorgniß, aber doch mit der Hoffnung aufgenommen, daß ſie nicht ohne Intereſſe fuͤr ſolche Perſonen ſeyn werde, die gern Betrachtungen uͤber den Character einer Nation anſtellen. Die vorzuͤglichſten Begebenheiten der britten Erzaͤhlung ſinb aus einer Anekdote, in einer der vorigjaͤhrigen Nummern von Bell's woͤchentlichem Boten entlehnt; es wurde dort dabei bemerkt, daß ſie ſich kuͤrzlich in Schottland zugetragen haͤtten. Was die beiden uͤbrigen Erzaͤhlungen betrifft, ſo iſt das Haus zu Huntercombe ein kleiner Aufſatz zur Erinnerung an wirkliche Vorfaͤlle, die der Erzoͤhlerin dort begegneten, und zwar in der Mitte eines theuern haͤuslichen Zirkels, wie daſelbſt beſchrieben wird. Die Vorfaͤlle ſind einfach; aber obgleich den Beſuchenden auf dem Lande etwas Aehnliches in unſern ſchoͤnen engliſchen Gegenden täglich widerfahren kann, ſo dienen ſie doch zum Andenken an eine anziehende Vergangenheit. Allein die Reihe 6 wirklicher Begebenheiten enbete an der Thuͤr zum Cabinette; und dort, wo die Nachforſchende getaͤuſcht wurde, hat die Phantaſie das erſetzt, was in der verlorenen Urkunde der Abtei von Vern⸗ ham„enthalten geweſen ſeyn koͤnnte.“ Die Geſchichte geht tief in die vergangenen Jahrhunderte zuruͤck. Deshalb können die Handlungen und die Sprache der Perſonen ſich nur auf den be⸗ ſchraͤnkten Ideenkreis jener aus Froͤmmigkeit, Aberglauben, Hel⸗ denmuth und Barbarei gemiſchten Zeiten beziehen. Die Extreme waren damals groß. Das moraliſche Chaos des Heidenthums hatte ſich eben geſchieden; das Licht von der Finſterniß getrennt; und das Chriſtenthum, kann man ſagen, feſſelte damals in der Geſtalt des Erzengels Michael den Drachen. Daher war das Herz des Weibes rein, weil es von der Welt unbefleckt erhalten wurde; dar⸗ um der Geiſt des Mannes edel, weil zu dienen und zu beſchuͤtzen als Probe des Adels galt; ſolche Muſter fand man in jenen Ta⸗ gen, und hier in der Urkunde der Berenice verſuchen wir deren Schilderung. Eſcher, Surry, 1826.— — unter denen der letzteren Klaſſe erinnern ſich zwei E⸗ war an dem haͤuslichen Theetiſche einer ſtillen Familie, tief im Lande, wo ſie erzählt wurden. Einige Freunde hatten dort einen Beſuch abgeſtattet, und dachten an den Aufbruch; da ſchlug ploͤtzich Schneegeſtöber gegen die verſchloſſenen Laden des Zimmers, worin die kleine geſellige Gruppe verſam⸗ melt war, und ſchien durch ſeine anhaltende Heftig⸗ keit den verſchiedenen Gaͤſten andeuten zu wollen, daß wenigſtens der Mond aufgehen muͤſſe, ſie uͤber das bald mit einer weißen Decke uͤberzogene Moor zu geleiten, ehe ſie es wagen koͤnnten, ſich nach Hauſe zu begeben. Hiervon uͤberzeugt, ſchloſſen die in be⸗ haglicher Ruhe Sitzenden den Kreis enger um das wohlunterhaltene Feuer, indem ſich in ihren Zu⸗ gen vielmehr Freude als Schreck uͤber die bedrohete Haft ausdruͤckte; und da nun Einer oder der Andere auf kleine Anekdoten verfiel, welche die Aufmerkſam⸗ keit gleich ſehr rege hielten, ſo nahm die Unterhal⸗ tung zuletzt die Wendung, daß der Reſt des langen Abends mit Erzählungen von umfaſſender Art auf Thatſachen gegruͤndet, oder dem Mittheilenden aus Familienſagen bekannt, hingebracht werden ſolle. 8 der Zuhoͤrer der folgenden, und wiederholen ſie hier, um in einer aͤhnlichen Stunde, in einem ähnlichen von der Außenwelt abgeſchnittenen Winterabend, Zeitver⸗ treib zu gewaͤhren. w Glenrowan. Eine ſchottiſche Sage. Wild und zerſtort iſt ihre dachloſe Vehauſung, und einſam ſteht der, dem ſchwarzen Raben Schutz verleihende Baum; von Wenigen wird der gras⸗ bedeckte Weg betreten, auf dem der Jäger des Wildes und der Krieger ſich nach ihren Bergen wandten, die das Meer umgeben. Campbell. N ſtehen in einer der wildeſten und einſamſten Gegenden der Grafſchaft Argyle in Schottland, die Ruinen eines Schloſſes, das noch bis zum Jahre 1790 bewohnbar war, obgleich auch ſchon in dieſer Zeit ſich nur ein Theil deſſelben ganz erhalten hatte. Jetzt bietet es nur wenige Truͤmmer bemooſeter Thuͤr⸗ me und zerfallener Mauern dar, aus deren Lücken die wilde Pflaume und der Hollunder ihrs vernach⸗ läſſigten Zweige haͤngen. Die Ruinen erheben ſich in einem finſtern Thal⸗ grunde, der beinahe ganz von hohen, mit Haide be⸗ deckten Bergen eingeſchloſſen wird, welche im Som⸗ mer einen herrlichen Anblick durch ihre im Sonnen⸗ 9 ſchein ſchimmernden Purpurbluͤthen gewaͤhren, im Winter aber grau und oͤde erſcheinen, und den Geiſt der Umwohner mit Trauer erfuͤllen. Vielleicht traͤgt der melancholiſche und eintoͤnige Wellenſchlag des Meers, das die Kuͤſte in geringer Entfernung be⸗ ſpult, und durch die Schluchten dieſer Berge hin⸗ durch vernommen wird, zu ihrer niederſchlagenden Wirkung bei. Sey dem, wie ihm wolle, die Wir⸗ kung iſt niederſchlagend, und das Thal wird ſelten, ſelbſt von Fremden, betreten, ohne eine Stimmung zum Seufzen bei ihnen zu erwecken. Nach dieſem freudeleeren Wohnorte, kehrte der Beſitzer deſſelben, ein junger ſchottiſcher Edelmann, der in fremden Dienſten ſich den Rang eines Ober⸗ ſten erworben hatte, im Jahre 1743 zuruͤck, um ſich daſelbſt nach dem erfolgten Tode des aͤltern Bruders haͤuslich niederzulaſſen. Er brachte eine einzige Schweſter mit ſich, die er auf dieſe Weiſe ſowohl den Zerſtreuungen, als den Stuͤrmen des Lebens ent⸗ zog; und waͤhrend ſie ſeine Haushaltsgeſchaͤfte be⸗ ſorgte, und ihre Muße durch die Anwendung ange⸗ nehmer Talente ausfuͤllte, widmete er ſich abwech⸗ ſelnd belehrenden Studien, oder den ſtaͤrkenden Ver⸗ gnuͤgungen der Jagd. Der Oberſt Ferguſon war von Natur heiterer, geſelliger Laune, und ſeine Schweſter hatte nach län⸗ gerem Aufenthalte in Glenrowan keine Urſach, ihre Verſetzung aus einer ſteifen Erziehungsanſtalt in Frankreich nach der Halle ihrer Väter in den hei⸗ mathlichen Bergen zu bedauern. Sie hatten mehre⸗ 10 re, obwohl entfernte Nachbaren; und waren dieſe unter den lieblich duftenden Birken im Sommer, oder um die helllodernde Flamme im Winter verſammelt, ſo erheiterte der froͤhliche Geſang oder die ernſtere Legende, und fuͤhrte die Stunden im Fluge davon. Beide, Bruder und Schweſter, waren jung und liebenswuͤrdig. Annie hatte ihre Anbeter, und der Laird*) ſeine artigen Freundinnen, bei denen er in Gunſt ſtand; aber weder dieſer noch jene fuͤhlte einen groͤßeren Trieb zu gefallen, als gerade zur nuͤtzlichen Belebung des geſelligen Kreiſes hinreichend war. So floß faſt ein Jahr in dieſer Art ſanft da⸗ hin; nachdem trat eine außerordentliche Veraͤnderung ein. Des Oberſten Geiſt ſchien ſich ploͤtzlich zu um⸗ woͤlken; er nahm eine andere Lebensweiſe an, wurde ſtill und nachdenkend; zerſtreut im Kreiſe der ihn ge⸗ legentlich beſuchenden Nachbaren, machte er doch lan⸗ ge und haͤufige Reiſen, um ſeinem Vorgeben nach, abweſende Freunde zu ſehen, aus deren Geſellſchaft er eben ſo ernſt und traurig zuruckkehrte, wie er hin⸗ gegangen war. Haͤufig brachte der Laird ganze Wochen tief in den Hochlanden auf einſamer Jagd zu, wo er eine elende Huͤtte bewohnte, und ſeine einzige Nahrung in dem Wilde beſtand, das er ſchoß, und dem Waſ⸗ ſer, aus der Bergquelle geſchoͤpft; natuͤrlich verlor er ſein munteres Ausſehen, waͤhrend er unter dem Ein⸗ fluſſe dieſer ſeltſamen Gemuͤthsſtimmung ſtand. An⸗ *) Der Titel der ſchottiſchen Barone 11 nie Ferguſon ſah die Veraͤnderung in ihm und beob⸗ achtete ſeine zunehmende Schwermuth mit banger Sorge, die ſie anfangs nicht zu aͤußern wagte; aber endlich ließ ſie ihren Empfindungen, unfaͤhig ſie län⸗ ger zuruͤckzuhalten, freien Lauf, und bat ihn in ruh⸗ rendem Tone um die Nittheilung deſſen, was ſo ſchwer auf ſeiner Seele liege. Da ihr Bruder ungeachtet ihrer Vorſtellungen dabei beharrte, die Veraͤnderung ihrer Einbildung, oder vielleicht etwas der Langeweile einer Lebensart zuzuſchreiben, die gegen das Gewuͤhl des Lagers, an das er gewoͤhnt geweſen, ſo grell abſtaͤche, ſo ſuchte ſie ihn zu der Erlaubniß zu vermoͤgen, eine hochge⸗ ſchaͤtzte Freundin auf laͤngere Zeit einladen zu duͤr⸗ fen; indem ſie ihm zu verſtehen gab, daß ihr eigener niedergeſchlagener Gemuͤthszuſtand einer ſolchen Ge⸗ faͤhrtin weſentlich beduͤrfe. Der Oberſt willigte, ob⸗ wohl nicht ſehr zuvorkommend, ein, und Miß Ma⸗ ckay kam bald nach dem Abgange des Briefes in Glenrowan an. Dieſes junge Frauenzimmer war eine Waiſe, und einige Jahre älter, als Annie Ferguſon; ein klei⸗ nes, ganz unabhaͤngiges Vermoͤgen ließ ihr die Frei⸗ heit, ihren Aufenthalt zu nehmen, wo ſie wollte. Miß Mackay war nicht ſchoͤn, aber ſie hatte herrliche Augen und einen beſonders reizenden Wuchs; dazu zeigten ihre Zuͤge einen Ausdruck, auf dem das Auge gern ruhete, lebhaft, geiſtreich und erheiternd. Ihr Temperament ſtimmte ſie fuͤr die Freundſchaft, und zwar mehr fur eine thaͤtige, als fur eine leidende; 12 ihr Geiſt war aufgeweckt, und ihre Unterhaltung hatte jene beſtaͤndige Munterkeit, die ſich auf ernſte Gegenſtände erſtreckt, ohne deren Wichtigkeit vermin⸗ dern zu wollen. Nur dieſe Eigenſchaften ſind es, die einer Ge⸗ ſellſchafterin im haͤuslichen Zirkel Werth verleihen; aber Miß Mackay beſaß noch hoͤhere, die ſie zu noch hoͤheren Zwecken eigneten. Sie war mit vorzuglicher Kraft der Seele, mit einem hellen Verſtande und Feſtigkeit des Entſchluſ⸗ ſes ausgeruͤſtet. Waͤhrend ſie ihre ſanftere und gei⸗ ſtig geringer begabte Freundin uͤber des Lairds ver⸗ aͤnderte Stimmung weinen ſah, bemuͤhete ſich dieſes ſcharfſinnige Frauenzimmer, die Natur ſeiner Krank⸗ heit ausfindig zu machen, damit ſie erfahre, ob es wirkliche Krankheit, oder irgend ein geheimer Kum⸗ mer ſey, den liebreiche Theilnahme oder kluger Rath lindern koͤnne. Es war natuͤrlich, daß man in ſeinem Alter die Liebe mit im Spiele glaubte, und daß der Tod oder die Untreue der Geliebten die Veranlaſſung zu ſeiner jetigen Stimmung ſey; aber Miß Mackay verſtand ſich beſſer auf die Kenntniß der Seele; und da ſie ſich bald uͤberzeugt hielt, daß des Oberſten Gedanken von irgend einem peinlichen oder gefahrlichen Ge⸗ heimniß niedergedruckt wurden, ſo verſuchte ſie durch liebevolle, nie laͤſtig fallende Aufmerkſamkeit, ſeine Achtung und ſein Vertrauen zu gewinnen. Waͤhrend eines Zeitraums von ſechs Monaten — denn ſo lange war Miß Mackay auf die drin⸗ 13 genden Bitten ihrer juͤngern Freundin im Schloſſe geblieben— ereigneten ſich viele zufaͤllige Umſtaͤnde, welche die außerordentlichen Eigenſchaften dieſes jun⸗ gen Frauenzimmers entwickelten und in das hellſte Licht ſtellten. Des Oberſten finſterer Hang zur Ein⸗ ſamkeit war ſchon theilweiſe ihrem anziehenden und kraͤftigen Charakter gewichen; und von dem Augen⸗ blicke an, wo er ſie Beweiſe eines unerſchrockenen Muthes und außerordentlicher Geiſtesgegenwart hatte geben ſehen, die bei Gelegenheit einer Feuersbrunſt in dem Hauſe, wo ſie zum Beſuch waren, hervortra⸗ ten, hoͤrte er auf, ihre Geſellſchaft zu meiden; ja, ſuchte dieſe haͤufig von freien Stuͤcken auf. Annie Ferguſon bemerkte dies mit geheimer Freude, denn Miß Mackay war nicht allein ihrem Herzen theuer, ſondern zu ihrer Glͤckſeligkeit jetzt ſo nothwendig, daß ſie an die Wahrſcheinlichkeit einer Verbindung zwiſchen dieſer und ihrem Bruder mit einem Ent⸗ zucken dachte, das ihre Augen mit Thränen fullte. Aber zu einer ſolchen Verbindung war in der That wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden; der Oberſt ſuchte vielmehr eine Freundin als eine Geliebte, und Miß Mackays Theilnahme fuͤr ihn gruͤndete ſich weit mehr auf das Gefuͤhl, womit eine ſtarke Seele die Leiden einer ſchwachen betrachtet, als auf jene be⸗ wundernde Ergebenheit, welche die Liebe eines begei⸗ ſterten Maͤdchens bezeichnet. Nach und nach nahm ſich dieſe junge Dame die Freiheit, den Laird auf allen ſeinen weiten Spazierritten zu begleiten, die bis dahin einſam ge⸗ 14 weſen waren, weil ſie gewoͤhnlich weit über die Kräfte ſeiner jungen und zarten Schweſter ausge⸗ dehnt wurden. In ſolchen Stunden fand Miß Ma⸗ ckay, daß ſelbſt die wenige Lebhaftigkeit, wozu er ſich in Gegenwart Annie's zwang, ihn gänzlich verließ; und daß er es in Wahrheit nicht ungern zu ſehen ſchien, wenn ſeine Gefaͤhrtin ihn von einer ſchweren Buͤrde niedergedruͤckt glaubte. Durch dieſen Umſtand ermuthigt, wagte es Miß Mackay, gelegentlich auf ſeine augenfaällige Niedergeſchlagenheit und deren mögliche Urſache anzuſpielen, wobei ſie ſich anfaͤng⸗ lich auf Ausdruͤcke wohlwollender Theilnahme an ſei⸗ ner Gluͤckſeligkeit beſchraͤnkte; aber ſie that dies mit einer Offenheit und Einfachheit, die es der groͤßeſten Eitelkeit unmoglich gemacht haben wuͤrden, die bloß freundſchaftliche Natur ihrer Geſinnungen zu verken⸗ nen. Der Oberſt errieth offenbar ihre Abſicht. Er ſeufzte, laͤchelte und dankte ihr in allgemeinen Wor⸗ ten, indem er bald dem Gegenſtande mit einem An⸗ fluge ſeiner urſprunglichen muntern Laune auswich, bald ſtockend plotzlich ausgeſtoßene, von der Bewe⸗ gung ſeines Innern zeugende Reden anfing, die eben ſo ploͤtzlich wieder abgebrochen wurden; kurz viele Beweiſe ſeines Wunſches, und doch ſeiner Furcht gab, ſie zur Vertrauten eines wichtigen Geheimniſſes zu machen. Unter den vielen moͤglichen Urſachen, denen Miß Mackay bei ſich ſelbſt der Reihe nach die Schwer⸗ muth des Oberſten zuſchrieb, blieb ſie vorzuglich bei benderen Zärtlichkeit, da dieſe nicht in ihrem gewoöhn⸗ einer ſtehen, die einem Southron laͤcherlich erſcheinen moͤchte, wenn wir nicht alle das Daſeyn und den Einfluß eines Aberglaubens kennten, der noch bis auf den heutigen Tag unbezwungen in ſeinem alten feſten Sitze, den Hochlanden von Schottland, fort⸗ dauert. Ich meine den Glauben an das zweite Ge⸗ ſichtsvermoͤgen. Es waͤre auch moͤglich, dachte ſie, daß Oberſt Ferguſon entweder das wirkliche oder das vermeinte Opfer dieſes ungluͤcklichen Vermoͤgens ſey; eines Ver⸗ moͤgens, Ungluͤcksfaͤlle vorherzuſehen, wovon der Vor⸗ herſehende weiß, daß ſie unvermeidlich ſind. Waͤre dies der Fall, ſo vermoͤchte die Freundſchaft nicht viel mehr, als mit dem Leidenden zu trauern. um Annie's willen war es jedoch wichtig, Gewißheit uber ihres Bruders innere Gefuͤhle zu erlangen, und Miß Mackay faßte endlich den Muth, ihre Muthmaßung gegen den Oberſten ſelbſt zu außern. Dies that ſie eines Tages, nachdem ſie ihm auf eine das Meer beherrſchende Anhoͤhe, die er raſch hinanflog, gefolgt war, und dort den Ungeſtum und die Wildheit bemerkt hatte, womit er, indem er ſeine Augen umherwarf, die Worte laut ausrief:„Ich ſehe, ich ſehe den blutigen Ausgang!« Bei dieſen Worten trat Miß Mackay kuhn vor ihn hin, und bat ihn um Entſchuldigung ihrer Zu⸗ dringlichkeit und ihrer abſichtsloſen Wahrnehmung ſeiner geheimen Unterredung mit ſich ſelbſt; zu glei⸗ cher Zeit beſchwor ſie ihn mit einer um ſo hinrei⸗ 16 lichen Character lag, daß er ſie als Schweſter be⸗ trachten moͤge, als eine Schweſter, die vielleicht ſei⸗ ner eigenen in der ausſchließlichen Sorge um ſein Schickſal und inneres Gluͤck nicht gleich kaͤme, die aber durch reifere Jahre und groͤßere Seelenkraft ſich beſſer eigene, ihm die Entdeckung zu erleichtern, ob er die Beute eines krankhaften Wahns ſey, oder wirklich das furchtbare Vermögen, kunftige Ungluͤcks⸗ falle vorherzuſehen, beſitze. Der Oberſt beobachtete Stillſchweigen, lange nachdem ſie zu reden aufgehoͤrt hatte; indeſſen ver⸗ nderten ſich ſichtbar ſeine Zuge, und als er ſich end⸗ lich an ſie wandte, war ſeine Stimme hohl und aus⸗ drucksvoll. „Miß Mackay,« ſagte er,„wenn ich Sie bei Ihrem gutigen Worte halte, und Ihrer Bruſt das Geheimniß anvertraue, das die meinige beſchwert, ſo ſeyn Sie verſichert, daß ich weder durch ihre ſchwe⸗ ſterliche Ueberredung, noch durch die Bewunderung Ihrer Perſon und Ihres Characters dazu vermocht werde, obgleich die letztere von einer eigenthuͤmlicheren Art iſt, als meine Verbindlichkeiten gegen Sie fuͤr die Erheiterung unſerer Einſamkeit wohl rechtferti⸗ gen moͤchten. Ich wuͤrde eben ſo wenig dieſes Ih⸗ nen zu Gefallen thun, als mir dieſe Erleichterung gewaͤhren, ſo ſehr mich auch ihre gefuhlvolle Theil⸗ nahme dazu auffordert, wenn ich nicht gerade jetzt eines entſchloſſenen Freundes beduͤrfte, wie Sie es, ich weiß, zu werden fähig ſind.— Bitter beklage ich, daß der furchtſame Character meiner geliebten be⸗ ſei⸗ ſein die ruft ern, der cö⸗ ne ver⸗ end⸗ aus⸗ bei das „ſo hwe⸗ tung eht eren fir feri⸗ Ih⸗ rung heib jett es, klage ebtel 4½ Annie es mir unmoͤglich macht, ihr mein Vertrauen zu ſchenken;— ihr mich zu entdecken, wuͤrde heißen, dem armen Maͤdchen den Dolch in den Buſen ſtoßen! Ich habe ein Geheimniß, Miß Mackay; aber es ge⸗ hoͤrt mir nicht ganz allein anz ich darf es nicht muth⸗ williger, unnuͤtzer Weiſe preisgeben; es iſt ein Ge⸗ heimniß, das ſowohl fuͤr den Mittheilenden, als fuͤr den, der es erfaͤhrt, mit Laſt und Gefahr verknuͤpft iſt; einmal eingeweihet darin, kann es Ihnen Scha⸗ den, Vorwuͤrfe, unverdiente Vorwuͤrfe zuwegebrin⸗ gen; dennoch koͤnnen Sie den groͤßten Dienſt lei⸗ ſten; Sie koͤnnen eine Anzahl rechtſchaffener und ed⸗ ler Menſchen vom Untergange retten.-— Hier brach der Oberſt ploͤtzlich ab, und fuhr dann mit mehr Ruhe fort:»Ihr perſoͤnlicher Beiſtand in dieſer Sache wuͤrde gerade jetzt von unſchätzbarem Werthe ſeyn, und in der Hoffnung, dieſen zu erhalten, ver⸗ traue ich mich Ihnen an; ſollten Sie indeſſen, mit allem bekannt, vor der Bitte zuruͤckbeben, die ich an Sie richten muß, ſo werde ich zwar nicht weiter in Sie dringen, aber von Ihnen in dieſem Falle das Verſprechen fordern, niemals das, was ich ihnen ent⸗ hullt habe, zu verrathen. Haben Sie Muth zu die⸗ ſem Geheimniß? Miß Mackay ſah den Laird einige Augenblicke mit feſtem Blick an; dann ſagte ſie ihm, ohne die Augen abzuwenden, mit einer eben ſo ernſten Stim⸗ me als die ſeinige:»Oberſt Ferguſon, wenn Ihr Geheimniß Nichts gegen die Gebote Gottes und die Wohlfahrt meines Landes enthaͤlt, ſo bin 2 hier be Porter Erzaͤhl. 1. 18 reit, es zu hoören, es zu bewahren, zu ſchwoͤren, daß ich es bewahren will.« »Nun wohl,« rief der Oberſt mit heller werden⸗ den Blicken,»dieſe Nacht will ich es Ihnen mitthei⸗ len; denn morgen fruͤh muß ich in einer Angelegen⸗ heit verreiſen, die weder aufgeſchoben, noch von einem Andern beſorgt werden kann. Wollen Sie es wa⸗ gen, die Mitternachtsſtunde mit mir allein zu bleiben? Wenn Sie es wollen, ſo ſeyn Sie um zwoͤlf Uhr in ihren Mantel gehuͤllt, an der kleineren Thuͤr des letz⸗ ten Hofes, und ich werde Sie dann zu dem Orte fuhren, wo das Geheimniß mitgetheilt werden muß. 1 Ich wiederhole Ihnen, auf das Wort eines Chriſten, daß dieſes Nichts enthaält, was Sie als treugeſinnte und fromme Schottin nicht mit Herz und Hand un⸗ terſtutzen duͤrften.« Der Oberſt ſtreckte die Hand aus, indem er vies ſprach, und Miß Mackay legte die ihrige aus freiem Antriebe hinein, und erneuerte das Verſprechen ihrer Verſchwiegenheit; verſprach ihm ferner, zu der von ihm beſtimmten Stunde zu erſcheinen, da ſie hoffe, ihr Character und ihre reine Abſicht wurden ſie vor kuͤnftigen Verlaͤumdungen ſchuͤtzen; und nachdem ſie noch jeden Zweifel an ſeiner Ehre und Rechtſchaffen⸗ auf der Hoͤhe zuruͤck. Man kann wohl annehmen, daß Miß Mackay den Tag uͤber etwas unruhig bei dem Gedanken an dieſe ſonderbare Verabredung war; aber ihr Ver⸗ trauen zu der Redlichkeit des jungen Lairds, und das 6. 3 ½ heit gaͤnzlich zuruͤckgewieſen hatte, ließ ſie ihn allein ₰ ei ni ſo T in daß den⸗ thei gen⸗ nem wa⸗ en? lein ch Ver⸗ has 19 eigene Bewußtſeyn eines edeln Bewegungsgrundes, gaben ihr die Kraft, alle jene Ahnungen und Beſorg⸗ niſſe zu uͤberwinden, die ihrem Alter und Geſchlecht ſo naturlich ſind, und die gewoöhnlichen Geſchaͤfte des Tages in Annies Geſellſchaft zu beſorgen, ohne ihre innere Unruhe zu verrathen. Das Trio ſaß beim hellbrennenden Feuer von Torf und Moorgeſtraͤuch, und horchte dann und wann den Stoͤßen des Windes und dem heiſeren Gemur⸗ mel des fernen Meers, wenn dieſe Toͤne den Ober⸗ ſten in der Erzählung eines ſeiner fremden Abentheuer unterbrachen; da ſchlug die Glocke zehn und gemahnte Annie an die Zeit der Ruhe. Da ihres Bruders Le⸗ bensweiſe einen fruͤhzeitigen Aufbruch mit ſich brachte, ſo rief ſie nach Licht, und war die erſte, die ſich in ihre Kammer zuruͤckzog. Miß Mackay fuͤhlte ihre Wange erblaſſen, als dieſer Augenblick ſie an die Annaͤherung der gefahr⸗ vollen Stunde erinnerte; aber ſich ſchnell wieder faſ⸗ ſend, erwiederte ſie des Oberſten fragenden Blick mit entſchloſſenem Vertrauen, und begab ſich aus der Halle. Mit der ihrem Character eigenen Einſicht wi⸗ derſtand Miß Mackay dem natuͤrlichen, aber furchtlo⸗ ſen Drange, die Zeit ihres Alleinſeyns mit eiteln Muthmaßungen über die Art des Geheimniſſes zu verſchwenden; ſie wußte wohl, daß ſolche Grubeleien nur peinigend und furchterweckend ſeyn konnten, den Entſchluß zwar nicht wankend machen, aber doch truͤ⸗ ben, und jene Ruhe der Beurtheilung ſtoren, die ſie —— ——— —————— — 20 zu erhalten und mit der ſie zu handeln wuͤnſchte, wenn es auf die Erwaͤgung der Frage ankaͤme, ob die thätige Theilnahme an der vorgeſchlagenen Sache rechtmaͤßig ſey oder nicht; deshalb ſetzte ſie ſich nieder und las bis Mitternacht. Nur hin und wieder wandte ſie in der That wohl das Auge von ihrem Buche nach dem großen gothiſchen Fenſter, während die Lichter in den andern Fenſtern des Schloſſes eins nach dem andern ver⸗ ſchwanden, und dieſer ganze Fluͤgel des Gebaͤudes vol⸗ lig dunkel wurde. So wie die Glocke zwolf ſchlug, warf ſie ihren weiten Mantel um, und kniete dann einige Minuten nieder, um in einem kurzen inbruͤnſtigen Gebete Got⸗ tes Segen und Schutz auf ſich in dieſer vielleicht un⸗ beſonnenen Unternehmung herabzuflehen. Sie erhob ſich geſtaͤrkt, ſtieg leiſe die Treppe hinunter und ſchlupfte behende durch die verworrenen Kruͤmmungen eines langen Ganges; trat durch eine Hinterpforte in einen der offenen Höfe, von welchem aus ſie ihren Weg uͤber andere ode Plaͤtze und dachloſe Theile des Gebaͤudes verfolgte, bis ſie das entfernteſte Viereck erreichte, das zu dem großen, jetzt voͤllig unbewohnten Thurme gehoͤrte. F. Die Graͤſer des Hofes ſeufzten unter ihren Trit⸗ ten und der Beruͤhrung ihres Gewandes, als ſie ſchnell daruber hineilte. Bei dem Lichte einer kleinen Laterne, die ſie ſorgfältig in einer dem bewohnten Theile des Schloſſes entgegengeſetzten Richtung hielt, ſah ſie, daß der Oberſt ſie erwartete. chte, die ache ieder Lhat oßen dern ver⸗ bol ihten nuten Got⸗ un⸗ rhob und ngen te in ihren jetec hnten Trit⸗ einen hnten ielt, 21 Schweigend und ehrerbietig verbeugte er ſich, als ſie bei ihm ankam; dann trat er voraus und ſchritt auf eine Pforte am Fuße des Thurmes zu. Nach⸗ dem er dieſe mit einem kleinen Schluͤſſel geoͤffnet und wieder verſchloſſen hatte, wandte er ſich, am Anfange einer Wendeltreppe ſtehend, nach ihr um, und befragte ſie mit unterdruͤckter Stimme, ob ſie noch Vertrauen genug in ihn ſetzte, um ſich in einer ſolchen Stunde ganz ſeiner Ehre zu uͤbergeben. Fuͤhle ſie nur einen peinlichen Zweifel in ſich entſtehen, ſo baͤte er ſie, nicht weiter zu gehen. Miß Mackays Herz zeigte einen Augenblick das furchtſame Weib, als dieſe An⸗ rede ihr einen unmittelbaren Ausweg aus dieſem ge⸗ faͤhrlichen Abentheuer anzubieten ſchien; aber beſchaͤmt von dieſer entehrenden Schwaͤche, ermannte ſie ſich bald, und ihm muthig erwiedernd, daß ſie ſich blind⸗ lings auf ihn verlaſſen wolle, folgte ſie ihm die Stie⸗ gen hinan. Bei dem erſten Abſatze wandten ſie ſich nach einer Reihe von Zimmern, die in dieſem Thurme be⸗ ginnend, laͤngs desjenigen Flügels hinlief, der fruͤher die Staatsgemaͤcher enthalten hatte. Dieſe waren groß und unwoͤhnlich; man ſah weder Tapeten noch Meublen irgend einer Art mehr darin. In einigen hatten die Stuͤrme vieler Winter alle Fenſter zerſtoͤrt, in anderen ſie loſe und küirrend gemacht. Miß Mackay fuhlte ſich ſehr durch die Oede die⸗ ſer einſt ſo prachtigen Zimmer uͤberraſcht, indem ſie dieſelben in Gedanken mit dem verglich, was ſie in den Tagen der Bruce geweſen ſeyn mußten; auch 22 konnte ſie ſich nicht eines Seufzers erwehren bei der Erinnerung an jene Zeiten und an Vergnuͤgungen, die ſie nie getheilt hatte. In dem letzten Zimmer, das kleiner als die vor⸗ hergehenden war, und gut verſchloſſene Fenſter hatte, als wenn mit Sorgfalt uͤber die Erhaltung derſelben gewacht waͤre, ſtand Oberſt Ferguſon ſtill, verſchloß die Thuͤr, und trat mit dem Fuß auf die Feder einer gleich darauf aufſpringenden Fallthuͤr. Jetzt erinnerte er Miß Mackay noch einmal, Alles, was er thäte, ge⸗ nau zu beachten, nahm dann ſeine erwartungsvolle, jetzt hoͤchſt aufmerkſam gewordene Gefaͤhrtin bei der Hand, und fuͤhrte ſie uͤber eine Anzahl ſteiler ſteiner⸗ ner Stufen in ein Gewoͤlbe hinab, das ſich augen⸗ ſcheinlich weit unter dem Schloſſe hin erſtreckte. Hier hielt der junge Laird an, und erſuchte Miß Mackay, ſich auf eine große eiſerne Kiſte, auf die er wies, niederzulaſſen, wahrend er ihr Alles, wovon ſie Zeuge geweſen ſey, erklaͤren, und ihren Beiſtand in einer guten Sache zu gewinnen verſuchen wolle. Es iſt unnoͤthig, hier in die genauere Erzählung des Oberſten einzugehen; genug, Miß Mackay hoͤrte zum erſtenmal von ſeinen Lippen, daß der Verbannte, welchen ſie in Uebereinſtimmung mit allen echten Schottinnen fur ihren rechtmaͤßigen Fuͤrſten hielt, im Begriff ſtehe, Schottland zu betreten, um ſich an die Spitze der von ſeinen Anhängern heimlich gewor⸗ benen Truppen zu ſtellen, indem er der Hoffnung lebe, die Krone dem jetzigen Beſitzer, dem Kurfuͤrſten von Hannover, mit Erfolg ſtreitig zu machen. — —„——— — der gen, vor⸗ atte, lben hloß einer ſerte ge olle, der einet⸗ ugen⸗ Miß ie er n ſie d in ung nnte, chten im h an ewbt⸗ fnuns inſen 23 Der Oberſt hatte ſeinen angeſtammten Fuͤrſten auf dem feſten Lande kennen gelernt; und war dort, auf die erſte Aufforderung deſſelben, mit jugendlicher Begeiſterung dem Plane beigetreten, einen Verſuch zur Wiedereinſetzung Carl Eduards in ſeine vermein⸗ ten Rechte zu machen. Nur in dieſer einzigen Ab⸗ ſicht war er nach der Grafſchaft Argyle zuruͤckge⸗ kehrt. Anfangs, als er ſich in Glenrowan niederließ, war ſeine Hoffnung groß; ſein Vertrauen auf einen gluͤcklichen Ausgang unbegraͤnzt, weil er alle Herzen fuͤr eben ſo uneigennuͤtzig und treu ergeben hielt, als das ſeinige; allein bei dem Fortſchreiten ſeiner Un⸗ terhandlungen mit den verſchiedenen Edeln und Her⸗ ren, die thaͤtigen Antheil an dem Wageſtuͤck nehmen ſollten, fand der Oberſt ſo viel Kaltſinn bei einigen; ſo viel voreilige Hitze bei andern, ſo viel Unbeſonnen⸗ heit, Selbſtſucht und verdorbene Grundſätze, daß er in dem erſten Schmerz zu ſchnell an der wirkſamen Unterſtuͤtzung derjenigen verzweifelte, deren Tugenden und Fähigkeiten ihre Treue bis in den Tod verbuͤrg⸗ ten. Seine Begriffe verwirrten ſich, ſo daß er nicht genug Herr ſeiner ſelbſt blieb, um den Character der Menſchen deutlich zu beurtheilen. Aber den ſeines Stammoberhauptes, in deſſen Lande ſein väterliches Erbe ungluͤcklicherweiſe gelegen war, konnte er nicht verkennen, und dieſes Oberhaupt, das die feſteſte und vornehmſte Stuͤtze der Dynaſtie Hannover war, er⸗ ſchien dem Auge des Oberſten beſtaͤndig als ein bö⸗ ſer Genius. 24 Seine eigenen uͤbertriebenen Hoffnungen welk⸗ ten eben ſo ſchnell, als ſie aufgebluͤhet waren; bis endlich die ſchrecklichſten Ahnungen in ihm uͤber den Ausgang einer Unternehmung aufſtiegen, von der die Ehre und Gluͤckſeligkeit von Tauſenden abhing. Mit dieſem Wechſel ſeiner Gefuͤhle hatten ſich auch natuͤrlich die Stimmung und Gewohnheiten des Lairds veraͤndert. Ein ungluͤckliches Ende der Unter⸗ nehmung vorausſehend, ehe ſie begann, und eingedenk, daß ſein Schloß Dokumente von der groͤßten Wich⸗ tigkeit fuͤr Viele enthielt, quaͤlte er ſich mit Beſorg⸗ niſſen wegen Anderer, waͤhrend er ſeiner ſelbſt wegen keine Furcht kannte. In der eiſernen Kiſte, worauf Miß Mackay ſaß, waren gewiſſe Urkunden und Schei⸗ ne des großen Verbannten fuͤr verſchiedene Lairds und Eble niedergelegt, in denen er theils empfangene Darlehen von Geldern anerkannte, und theils ſich zu Belohnungen geleiſteter Dienſte durch kuͤnftige Ver⸗ leihungen verpflichtete. Dieſe Dokumente nebſt einer genauen Liſte aller Perſonen, die die Sache entweder durch Geld oder Vaſallenſtellung foͤrderten, konnten, wenn ſie entdeckt wurden, den Ruin vieler der Edelſten und Tapfer⸗ ſten auf ſchottiſchem Boden herbeifuͤhren; und obgleich Manche auf der Liſte ſtanden, die nach des Oberſten Meinung der Angſt eines redlichen Mannes um ſie nicht werth waren, ſo war er doch bereit, fuͤr die groͤ⸗ ßere Anzahl, welche aus freiem, uneigennutzigem An⸗ triebe Alles, was dem menſchlichen Herzen theuer iſt, ſorg oegen orauf Schei⸗ airds ene h zu Ver⸗ aller oder dec abfer gleich ſen nſie grö et iſ. 25 zum Beiſtande ihres herumirrenden Fuͤrſten wagte, jedes perſoͤnliche Opfer zu bringen. Der Oberſt hielt ſich uͤberzeugt, daß er entweder gerade vor, oder gleich nach der Landung ſeines koͤ⸗ niglichen Herrn herbeigerufen werden wuͤrde, um ge⸗ wiſſe nothwendige Erlaͤuterungen zu geben; und er furchtete die ihm anvertrauten hohen Unterpfande im Schloſſe, gerade innerhalb des vollen Bereichs von Argyles Macht zuruͤckzulaſſen, ohne zugleich auch Je⸗ mand zu beauftragen, ſie waͤhrend ſeiner Abweſen⸗ heit zu vernichten, wenn ungluͤckliche Begebenheiten eine ſolche Maßregel nothwendig machen ſollten. Als Miß Mackays ſeltener Charakter ſich ihm zuerſt enthuͤllte, ſtieg ploͤtzlich der Gedanke in ihm auf, daß die Vorſehung ihm in ihr eine paſſende Gefaͤhrtin geſandt habe, ſowohl um ein ſolches Ge⸗ heimniß zu theilen, als nachher in Allem, was ihm am Herzen liege, mitzuwirken. Nachdem ſie einen ſolchen Eindruck auf ihn gemacht hatte, beobachtete er ſie genauer, und wurde dann in ſeiner erſten Meinung beſtärkt. In dieſem kritiſchen Zeitpunkte erhielt er die Aufforderung, ſich nach dem Hauſe eines andern ſtandhaften Freundes der Stuarte zu bege⸗ ben, wo Carl Eduards vertrauteſter Unterhaͤndler ſtuͤndlich von Frankreich erwartet wurde. Gerade da, in dieſem wichtigen Augenblicke, wo er durch ſeine lotzliche Berufung uͤberraſcht und in Verlegenheit geſetzt war, weil er noch keinen zuverlaͤſſigen Gehuͤl⸗ fen gefunden, hatte ſich Miß Mackay den Weg zu ſeinem Vertrauen gebahnt. Die Gelegenheit wurde 26 von ihm nicht unbenutzt gelaſſen, und er enthuͤllte ihr jetzt unter vielen Verſicherungen ſeiner hohen Ach⸗ tung, alles dasjenige, was ſo lange ſeinen eigenen, huͤlflos gelaſſenen Geiſt niedergebeugt hatte. Miß Mackays Antlitz ſprach dem Oberſten Muth waͤhrend ſeiner Erzahlung ein; ſie nahm ſichtbar tie⸗ fen Antheil daran, und das treu ergebene Herz einer ſchottiſchen Jungfrau, warm, edel, aufopfernd, wo ſie glaubte, daß Pflicht und Anhäͤnglichkeit an den Lan⸗ desfuͤrſten Selbſtaufopferung forderte, ſtrahlte aus ihrem feſt auf ihn gehefteten und ſprechenden Auge. Ihre Wangen erhielten ihre volle Farbe wieder, und das Klopfen ihres Herzens, deſſen raſche Schlaͤge ſich durch das Heben und Sinken des Mantels, wo die⸗ ſer die Bruſt deckte, offenbarte, gaben den Beweis, daß dieſes Herz ſowohl zuverſichtliche Hoffnungen, als auch edelmuͤthige Entſchließungen hegte. Als der Oberſt Ferguſon ſie am Schluſſe fragte, ob ſie ſich der Aufſicht der Sachen, die er im Ge⸗ woͤlbe hier zuruͤcklaſſen muͤſſe, unterziehen, oder im Verweigerungsfalle einen einfachen Schwur leiſten wolle, niemals das ihr eben Anvertraute zum Nach⸗ theil irgend einer Perſon zu verbreiten, ſo bejahte ſie freudig das Erſte, indem ſie ſich zugleich freiwillig verpflichtete, nie, ſo lange Gefahr fuͤr irgend Je⸗ mand mit der Enthuͤllung verbunden ſey, das Ge⸗ ringſte von dem, was ſie dieſe Nacht gehoͤrt habe, zu entdecken. Der Oberſt nahm ihr den Eid ab, den ſie kniend auf ſeine Taſchenbibel ablegte; dann buͤckte ihr Ach⸗ nen, uth iner ⸗ aus und ſch die⸗ ei e, gte, 6e m ſten uch⸗ ſie lig Ge⸗ zu den cle 27 er ſich nach der Kiſte, von der ſie ſich erhoben hatte, und enthuͤllte ihr deren Inhalt. „Dieſe ledernen Beutel,« ſagte er, indem er auf mehrere, die er im Auge hatte, wies,»enthalten Gold, Geld und Edelſteine, von treuen Schotten zur Beihuͤlfe und Unterſtutzung ihres Fuͤrſten zuſammen⸗ gebracht. Dieſe Pergamentrolle enthält die Liſte der Darleiher, und dieſe hier, Scheine und Verpflichtun⸗ gen von des königlichen Carl Eduards eigener Hand. Nun achten Sie ſorgfaͤltig auf die Verhaltungsregeln, die ich Ihnen uͤber jedes Einzelne geben werde. Ich reiſe ab, um beſtimmt die Waffen unter dem Panier meines Fuͤrſten zu tragen, wenn ich es in Inverneß aufgepflanzt finde. Wenn ich dieſes Gel⸗ des bedarf, ſo werde ich Ihnen einen zuverlaͤſſigen Boten ſchicken, dem ſie es im Dunkel der Nacht eigenhaͤndig uͤberliefern muͤſſen; ſelbſt um Mitternacht ſollen ſie keine Urſach haben, Beleidigungen oder un⸗ zeitige Neckereien von dieſem Boten zu fuͤrchten.— Sey er alt oder jung, ich ſtelle meine Ehre fuͤr die ſeinige zum Pfande.« Jungfraͤuliches Erroͤthen faͤrbte Miß Mackays Wangen, als ſie ſich zum Zeichen ihrer Zufriedenheit verneigte, und der Oberſt hob wieder an:»Die Ankunft eines ſolchen Boten wird ihnen durch die Figur eines Kreuzes, an dem Stamm der großen, Ihrem Zimmerfenſter gegenuͤberſtehenden Eſche aus⸗ geſchnitten, angezeigt werden, und die Zahl der ihm zu gebenden Beutel wird ſich nach der Zahl der, gleich unter dem großen befindlichen kleineren Kreuze 28 beſtimmen. Wenn er, anſtatt des Geldes wegen zu kommen, Niederlage und Ungluͤck anzukuͤndigen hat, ſo werden Sie die Figur eines Beiles an dem Platze des Kreuzes finden, worauf es Ihr Amt ſeyn wird, alle Papiere und Pergamente in dieſer Kiſte zu ver⸗ nichten. Das Geld ſelbſt kann nicht plaudern, nicht einmal dem ſcharfſichtigen Argyle. Nachher moͤgen Sie nach Ihrem Gefallen bleiben oder das Schloß verlaſſen; Alles wird dann vorbei ſeyn, und ſein Be⸗ ſitzer wahrſcheinlich mit zerſchmetterten Gliedern auf der Wahhlſtatt liegen.« Die Stimme des Oberſten zitterte bei dieſem Theile ſeiner Rede, denn er gedachte ſeiner jungen und Nichts ahnenden Schweſter; er fuhr mit der Hand ein- oder zweimal uͤber die Augen, dann fing er mit einem liebreichen Tone wieder an:»Denken Sie nicht, daß ich Ihre Sicherheit vergeſſe, meine theure Miß Mackay!«— hier ergriff er mit Achtung und Zaͤrtlichkeit ihre Hand—»ich hoffe, da Alles von Ihrer Geiſtesgegenwart abhaͤngt, in dem Glau⸗ ben gerechtfertigt zu ſeyn, daß kein Grund vorhanden iſt, Boͤſes fuͤr Sie zu fuͤrchten. In Ihren Mantel⸗ gehuͤllt, wird ſelbſt der treue Freund, dem ich meinen Auftrag zu ubergeben hoffe, Ihre Zuge nicht erken⸗ nen; auch wird er ihre Stimme nicht genau unter⸗ ſcheiden koͤnnen, da nur eine Art von Looſungswort gewechſelt zu werden braucht. Nachdem er die Zei⸗ chen eingeſchnitten, welches, ſollte er dabei zufaͤllig entdeckt werden, leicht fuͤr das muͤßige Spiel eines Reiſenden gelten kann, wird er ſich um Mitternacht * —— —— hat, late vird, icht en hloß auf nach der Thuͤr am Fuße dieſer Treppe begeben. Seyn Sie dann fruͤhzeitig genug da, um vorher Ihren Theil dieſes gefahrvollen Dienſtes beſorgen zu koͤn⸗ nenz und ſo wie die Glocke zwolf ſchlaͤgt, gehen Sie zur Thuͤr hinab, wo er Sie erwarten wird. Ehe Sie ſolche aufſchließen, denn er ſelbſt hat keinen Schluſſel dazu, wechſeln Sie gegenſeitig die Worte: „Bruce« und»Carl Eduardz« dann koͤnnen Sie die⸗ ſelbe mit Sicherheit offnen. Darauf ſtellen Sie ihm ſchweigend die Beutel zuz er wird Ihnen einen Schein dafuͤr aushaͤndigen und abreiſen. Dieſen Schein legen Sie in dem Gewoͤlbe an die Stelle des Geldes. Nachher koͤnnen Sie nach Belieben in Ihre Heimath zuruͤckkehren. 1 4 „Sollte jedoch der Bote Ihnen die Nothwen⸗ digkeit, die geſchriebenen Documente zu vernichten, ankuͤndigen, ſo koͤnnen Sie dieſelben verbrennen, in⸗ dem Sie ſolche an dem Lichte Ihrer Laterne in dem Gewoͤlbe ſelbſt anzuͤnden. Merken Sie ſich ja, ja die beſondere Beſchaffenheit aller Plaͤtze, wie wir ſie auf unſerm Ruͤckwege durchwandern, darum erſuche ich Sie; damit nichts Sie in Verlegenheit bringen koͤn⸗ ne, wenn auch ſelbſt das Licht in Ihrer Laterne durch Zufall erloͤſchen ſollte. Vor Allem beobachten Sie die groͤßte Vorſicht in der Befeſtigung der Fallthuͤr auf ihren Stuͤtzen, da ſie ſich bloß von der Außen⸗ ſeite oͤffnen laͤßt;— um Gottes willen, vergeſſen Sie dies nicht.« Niß Mackay verſprach auf jeden einzelnen Um⸗ ſtand die groͤßte Aufmerkſamkeit zu richten, und 30 wiederholte fuͤr ſich deutlich den Hauptinhalt der ihr gegebenen Verhaltungsregeln. »Und nun, Oberſt Ferguſon,« ſagte ſie in ei⸗ nem bewegtern Tone,»wie ſoll ich es erfahren, wenn Ihnen, was Gott verhuͤten wolle, ein Unfall zuſtoͤßt, und was wuͤnſchen Sie, daß ich Ihrer Schweſter in dieſem Falle rathe? Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich bei ihr bis zum Aeußerſten ausharren werde. So lange ich mein eigner Herr bin, will ich ihr an⸗ gehoͤren, und ihr durch meine laͤngere Erfahrung in der Welt und durch einen ruhigern Gemuͤthszuſtand als der ihrige, dann ſo angegriffene ſeyn kann, die Stelle des wuͤrdigſten Bruders zu erſetzen ſuchen. Der Oberſt druͤckte Miß Mackay's Hand zwi⸗ ſchen ſeinen beiden Haͤnden, mit einem Gefuͤhle von Dankbarkeit, das ſich durch Worte nicht beſchreiben läßt; Thraͤnen ſtanden in ſeinen Augen. Ohne ihr auf eine andere Art zu danken, antwortete er ohne Weiteres auf ihre Frage:—»Wenn kein Verdacht uͤber das hier Verborgene entſtanden iſt, und meine arme Annie in Ruhe gelaſſen wird, ſo moͤge ſie hier bleiben; denn dies iſt ihre Heimath,— die Heimath ihrer Vorfahren. Aber wenn meine Anhaͤnglichkeit an meinen angebornen Fuͤrſten als ein Verbrechen uͤber ihr unſchuldiges Haupt kommen ſollte, dann fuͤh⸗ ren Sie ſie bei dem erſten Anſchein dazu nach Flan⸗ dern oder Holland, und ſtellen Sie ſie dort unter den Schutz einer proteſtantiſchen Familie, in deren Schoo⸗ ße ſie in Frieden leben kann; zugleich ſuchen Sie ſo viel Geld und Familiengut als moͤglich mitzunehmen. 31 Ihr ferneres Schickſal muß ich in die Haͤnde Gottes legen, der auch Sie, Miß Mackay, fuͤr die Beruhi⸗ gung ſegnen wird, die Sie jetzt einem zaͤrtlichen und ſchmerzhaft bewegten Bruder geben.« Miß Mackay hoͤrte dieſe an ſie gerichtete liebrei⸗ che Aeußerung mit Thraͤnen in den Augen an; ver⸗ abredete noch, daß ſie die auf die Eſche geſchnittenen Anfangsbuchſtaben ſeines Namens als das traurige Zeichen ſeines Todes oder ſeiner Gefangenſchaft be⸗ trachten wuͤrde, und mahnte dann, ſich der ſpäten Stunde erinnernd, an den Ruͤckweg, wobei ſie ihm folgen, und alle ſeine verſchiedenen Bewegungen beo⸗ bachten wolle. Nachdem ſie die Stufen des Gewoͤlbes hinangeſtiegen waren, ſchloß der Oberſt die Fallthuͤr und zeigte ihr das Geheimniß der Springfeder; dar⸗ auf ſetzten ſie ihren Weg durch die einſamen Gemaͤ⸗ cher bis zum Fuße des Thurmes fort, wo Miß Ma⸗ ckay die Schluͤſſel zu dieſem, dem Zimmer mit der Fallthuͤr, und dem wichtigern zu der eiſernen Kiſte in Empfang nahm. Fluͤſternd nahmen ſie hier unter gegenſeitigen Wuͤnſchen fuͤr Beider Heil von einander Abſchied, indem der Oberſt Glenrowan fruͤh am naͤch⸗ ſten Morgen verlaſſen wollte; als dies geſchehen war, kehrten ſie einzeln, auf etwas von einander abweichen⸗ den Wegen, in den bewohnten Fluͤgel des Schloſſes zuruck. Mehr als vierzehn Tage verfloſſen nach dieſem, ehe Miß Mackay zur Ausfuͤhrung irgend eines Theils des Auftrages, den ihr der junge Laird gelaſſen hatte, aufgefordert wurde. Allein waͤhrend dieſer 32 Zeit ſchrieb der Oberſt ſeiner Schweſter, und bat ſie um Entſchuldigung ſeiner verlaͤngerten Abweſenheit unter dem glaubwuͤrdigen Vorgeben einer Reiſe; Miß Mackay aber ſah aus der beſondern Art ſeiner Unter⸗ ſchriſt, einem fruͤher verabredeten Plane gemaͤß, daß Carl Eduard's Abgeſandter noch nicht eingetroffen war. Die unſchuldige und unwiſſende Annie, durch den muntern Ton des Briefes zufrieden geſtellt, und ſich mit Vergnuͤgen an ihres Bruders freundliches Benehmen gegen ihre Freundin am Morgen ſeiner Abreiſe erinnernd, vermuthete und ahnete nichts Ge⸗ heimes weiter in dem Briefe, als die Abſicht, eine kleine Eingenommenheit fuͤr jene darin an den Tag zu legen; ſie reichte ihn daher der ſichtbar darauf wartenden Gefaͤhrtin, indem ſie zugleich mit madchen⸗ hafter Neckerei auf das augenfällige Verſtandniß zwi⸗ ſchen ihr und ihrem Bruder anſpielte. Miß Mackay, die ihre Idee errieth, nahm die Neckerei freundlich auf; gluͤcklich, das arme Maͤdchen auf dieſe Weiſe von allem Argwohne, hinſichtlich der eigentlichen Bedeutung abzulenken. Nicht lange nachher bemerkte Miß Mackay, als ſie eines Morgens unmittelbar nach dem Auſßſtehen an das Fenſter getreten war, um wie gewoͤhnlich nach dem Stamme der Eſche zu ſehen, an derſelben das verabredete Zeichen, ein großes Kreuz mit zwei klei⸗ neren darunterz daß Herz ſtand ihr ſtill, und pochte dann raſcher wie zuvor; es bedurfte einiger Minuten, ehe ſie hinlaͤngliche Faſſung ſammeln konnte, zum Fr e — S——— c————— ſie heit Niß ter⸗ daß ff n urch und ches iner Ge⸗ eine Tag wauf hen⸗ zwi⸗ die chen pp del cls ehen nach das kler ochte uten zun 33 Fruͤhſtuͤck hinunter zu gehen, und wie ſonſt zu ſchwa⸗ tzen und ſich zu beſchaftigen. Gewiß, daß ſie allein um Nitternacht nach dem entfernteſten Fluͤgel des Schloſſes, uͤber oͤde und offe⸗ ne Hoͤfe, und durch unheimliche Saͤle, deren Eingang ſie nach ihrem Eintritte zu verſchließen hatte, gehen, und dann noch in ein finſteres Gewoͤlbe hinabſteigen mußte, wuͤrde an ſich ſchon jedes Maͤdchen mit Schrecken erfullt haben. Allein, dachte Miß Mackay nun noch daran, daß ſie ſich außerdem, wenn auch nur auf Augenhlicke, einem Fremden anvertrauen ſollte, der vielleicht vauh von Sitten, roh von Gefuͤhl⸗ und frei in ſeinem Benehmen war, ſo ſchauderte ſie vor ihrer eigenen Tollkuͤhnheit zuruͤck; und klagte ſich wit weiblichem Zartgefuͤhl daruͤber an, daß ſie zu Dip⸗ ſem Theile der Beſtimmungen des Oberſten ihre Ein⸗ willigung gegeben habe. Längeres Nachdenken berz⸗ higte ſie indeſſen einigermaßen, indem ſie ſich verſi⸗ chert hielt, daß ein ſolcher Mann wie der Oberſt keinen Freund haben koͤnnte, der nicht ein Mann von Ehre ſey, noch einen Boten waͤhlen wuͤrde, von dem er nicht uͤberzeugt waͤre, daß er ſich redlich gegen ſie benaͤhme; und dazu hatte ſie ja den Schutz derjenigen Macht, welche uns, wie ich zuverſichtlich glaube, nie verlaͤßt, ſo lange wir nicht unſer beſſeres Selbſt guf⸗ geben. Der Mond ſchien ſo hell, daß ſie des Lichtes, welches ſie in der Hand hielt, nicht bedurfte; und die Nacht war ſo ſtill, daß es ihr beinahe duͤnkte, als Porter Erzaͤhl 1. 3 34 wenn ſie das Klopfen ihres Herzens eben ſo gut ver⸗ naͤhme, als ihren leichten Tritt, wie ſie dahin ſchwebte. Im letzten Hofe wandte ſie ſich, gerade als ſie die Pforte zum Thurme oͤffnete, noch einmal um, rich⸗ tete ihren Blick, indem ſie die Kappe ihres ſchottiſchen Mantels zur Seite ſchob, gen Himmel, und ſandte ein kurzes, herzliches Gebet hinauf zu dem Schoͤpfer jener leuchtenden Geſtirne, und der friedlichen Erde, auf der ſie ſtand. In dieſem Augenblick vernahm ſie einen halb unterdruͤckten Laut, der irgend eine ſtarke Empfindung verrieth;— an einem andern Orte wuͤrde ſie ihn fuͤt einen Ausdruck der Bewunderung gehalten haben;— ſie ſah ſchnell nach der Gegend hin, woher er kamz eine kriegeriſche Geſtalt trat aus dem Schatten eines Kreuzganges hervor in das Licht des Mondes, und ſprach mit halb lauter Stimme, indem ſie ſich ehr⸗ furchtsvoll verneigte, den Namen»Bruce« aus. Miß Mackay zeigte ſogleich durch die erwiederten Worte»Carl Eduard,« daß ſie den Boten des Ober⸗ ſten erkannt habe, und indem ſie raſch in den Thurm eilte, ſchloß ſie ſich zitternd in denſelben ein. Selbſt nach dem fluͤchtigen Anſchauen dieſes Mannes, ſchien ihr die Haltung und das Benehmen deſſelben von feiner Bildung zu zeugen. Der An⸗ ſtand ſeiner Verbeugung, ja ſelbſt die Art, ſeinen Mantel zu tragen, verriethen den Schotten von vor⸗ nehmer Geburt; ſeine Abzeichen waren die des Stam⸗ mes, den ſie am meiſten ehrte; daher glaubte ſie, ſtolz auf ihr Land und vielleicht etwas zu ſehr einge⸗ ſo len ſit gl ne 1, kam, eines und ehr⸗ erten el um dieſes en An⸗ einen vor⸗ tam⸗ ſi eithe⸗ 35 nommen, ſich voͤllig ſicher mit einem Manne von ed⸗ lem Blute, und eilte, ihre Aufgabe zu vollenden. Der Mond, der gerade auf die Reihe der' Zim⸗ mer ſchien, uͤber die ſie gehen mußte, leuchtete ſie ſicher durch alle hindurch; ſein liebliches Licht war gleichſam ein himmliſcher Gefährte in dieſen oͤden Saͤlen. In dem Gewoͤlbe aber wurde ihr die ne nuͤtzlich. Wegen der Schwete der Beutel die ſie nicht beide zugleich zu tragen bermochte, war ſie gezwum! gen, zweimal den Weg zu machen, und ſolche einzeln am Fuße der Treppe niederzuſetzen. Bei dem Oeff⸗ nen der Thurmpforte wechſelte ſie kein Wort mit dem Fremden draußen, während ſie die koſtbaren Gegenſtaͤnde gegen einen Pergamentſtreifen austaüſchte, der deren Empfang im Namen des Oberſten beſchei⸗ nigte. Wiederum verſchloß ſie die Pforte, und kehrte zum Gewoͤlbe zuruͤck, um den Schein daſelbſt nieder⸗ zulegen; und als ſie endlich aus dem Thurme trat, begrußte ſie die liebliche freie Luft mit einem Herzen, das dem Himmel fuͤr ihren Muth und den ihr ver⸗ liehenen Schutz den innigſten Dank zollte. Nach der gluͤcklichen Ausrichtung des ihr gege⸗ benen Auftrages wurde Miß Mackay ruhiger in ihrem Innernz ſie hatte alſo nicht laͤnger gegen ſich ſelbſt zu kaͤmpfen, während ſie ihre von Natur furcht⸗ ſame Gefaͤhrtin zu unterhalten und aufzuheitern ver⸗ ſuchte. Dieſes war wahrlich keine leichte Aufgabe; denn 36 Annie Ferguſon war bange vor Geiſtern, bange vor Stuͤrmen, bange vor dem Alleinſeyn. So lange ihr Bruder bei ihr war, glaubte ſie mit der Zuverſicht eines Kindes auf ſeiner Mutter Macht, daß Nichts ihr etwas anhaben koͤnne; war er aber fort, ſo fuhlte ſie ſich wie ein aberglaͤubiſcher Kranker, dem ſein Zaubermittel genommen iſt. Auch betrauerte ſie ſei⸗ ne Abweſenheit nicht allein wegen des entbehrten Schutzes, ſondern wegen der entbehrten theuren Ge⸗ ſellſchaft, und war bald über dieſen Umſtand untröſt⸗ lich. Aus allen dieſem ſah Miß Mackay, wie recht der Oberſt gehandelt, indem er ſich gegen die Mit⸗ theilung ſeines wichtigen Geheimniſſes an ſeine Schweſter entſchieden habe; die Liebe und Furchtſam⸗ keit dieſes weichherzigen Maͤdchens wuͤrde es demſel⸗ ben unmoͤglich gemacht haben, alles das in dieſem peinlichen Dienſte zu leiſten, was eine ſtarkere Seele und eine feſtere Hand ſo eben ausgefuͤhrt hatten. Die Abweſenheit des Lairds verlängerte ſich von Woche zu Woche. Weder aus geheimen Nachrichten, noch aus oͤffentlichen Geruchten, hoͤrte Miß Mackay von der Ankunft des franzoͤſiſchen Botſchafters; und ihr Eifer fuͤr Carl Eduards Sache floͤßte ihr daher manche aͤngſtliche Beſorgniß ein. Der Winter war jetzt weit vorgeruckt; alle ſeine ſchrecklichen Toͤne, das traurige Heulen der Stuͤrme, das Schreien der Waſſervoͤgel, das Knarren der ge⸗ ſchuͤttelten blaͤtterloſen Aeſte, hallten im Thalgrunde wieder, die Pfade waren mit den Truͤmmern der Sommerſchatten beſtreuet, und außer der trägen nor⸗ we vor ihr ſicht icht ühlte ſein ſe hrten Ge röſt⸗ recht Nit⸗ ſeine tſam⸗ mſel eſem Zeele . von hten, ackah und deher ſeine urme⸗ rge⸗ runde n der nor⸗ 37 wegiſchen Krähe und dem hellaͤugigen Rothkehlchen kam kein Vogel, um ſein taͤgliches Futter aus der Hand Annies zu empfangen. Nun fing die Zeit der langen Abende beim Ka⸗ min, und die noch laͤngeren Erzaͤhlungen von Hexen, Geiſtern, geheimnißvollem Verſchwinden und furcht⸗ baren Morden an. Vergebens verſuchte Miß Mackay, deren Stelle zuweilen durch belehrende Lektuͤre aus⸗ zufullen, oder einen heiterern Ton unter den wenigen Familien einzufuͤhren, die dann und wann aus rei⸗ nem Mitleiden drei oder vier Stunden weit herka⸗ men, um Annie Ferguſon zu beſuchen,»das arme Kind, das von ihrem Bruder, dem naͤrriſchen Men⸗ ſchen, ſo allein in ihrer Einſamkeit gelaſſen werde.⸗ Da Miß Mackay bei den Uebrigen Widerſpruch fand, ſo blieb ihr Beſtreben fruchtlos; und oft zog ſie ſich von dieſer grauſen Unterhaltung— denn ſie war nicht uͤber alle weibliche Schwaͤche erhaben— mit einem Gefuͤhl zuruͤck, das, wenn auch nicht durch⸗ aus Furcht, doch Unbehaglichkeit zu nennen war. In aͤhnlicher Stimmung verließ ſie auch eines Abends die Geſellſchaft, nachdem ſie einer beſonders ſchauerlichen Geſchichte uͤber eine ſchrecklich in Erfuͤl⸗ lung gegangene Ahnung zugehoͤrt hatte, die eine un⸗ verheirathete Tante Annies bei einem erloͤſchenden Kaminfeuer erzaͤhlte. Es war ein hoͤchſt ungluͤcklicher Zeitpunkt fur dergleichen Eindruͤcke, da Miß Mackay am Morgen durch ein neues Zeichen an der Eſche benachrichtigt worden war, daß ihre Gegenwart in dem nur von Geiſtern bewohnten Fluͤgel des Schloſ⸗ 38 ſes wieder erforderlich waͤre; denn von Geiſtern be⸗ wohnt ſollte er natuͤrlich der allgemeinen Sage nach ſeyn, wie alle andern verlaſſenen Wohnungen. Es war eine ſchauerliche Nacht. Man hoͤrte das Brauſen des fernen Meeres abwechſelnd mit dem noch lautern und furchtbarern Winde; denn dieſer ſturmte buchſtäblich mit donnergleichem Getoͤſe durch die Bergſchluchten hin. Das Krachen der Baͤume, das Herabfallen maͤch⸗ tiger Truͤmmern von den Mauern und Thuͤrmen des Schloſſes, vergroͤßerten den Laͤrm und die Gefahr. Kein Stern war ſichtbar; Alles war in tiefe Finſter⸗ niß gehullt. Miß Mackay's Herz war das Herz eines Wei⸗ bes, obwohl es zu der erhabenſten Art derſelben ge⸗ hoͤrte; es pochte ihr ein wenig vor Furcht, als ſie unter wankenden Ruinen und aͤchzenden Baͤumen hin⸗ eilte; ihre groͤßte Angſt aber entſtand bald aus dem Wahne, daß Jemand ihr aͤngſtlich auf den Ferſen folge. Sie meinte, ſie hoͤre deutlich Fußtritte hinter den ihrigen, ſich beſchleunigend, langſamer werdend oder anhaltend, je nachdem es abwechſelnd die ihri⸗ gen thaten. Auf einen kurzen Augenblick kam ihr der Aberglaube in den Sinn, daß dem Menſchen ſein eigener Geiſt folge, um ihn vor dem drohenden Tode zu warnen, und machte ſie muthlos; aber ſie faßte ſich ſchnell wieder, und ſchritt verwegen vor⸗ waͤrts. Ihr Eintritt in den Thurm gereichte ihr jetzt ju St ge re ſe de hit ſie in⸗ dem rſen tet end ihri ihr hen den ſie vot⸗ 39 zum Troſt; jeder Fleck innerhalb der Mauern ſ ien Schutz vor der Finſterniß und Gefahr draußen zu gewaͤhren. Sie verſchloß die Thuͤr mit ihrer fruhe⸗ ren Vorſicht, und nachdem ſie ſorgfaͤltig danach ge⸗ ſehen, daß das Licht in ihrer Laterne gehoͤrig vor dem Erloͤſchen geſichert ſey, ſtieg ſie die Wendeltreppe hinan. Heulende Windſtoͤße, den Stimmen drohender Geiſter gleich, begleiteten ſie diesmal auf ihrem Gan⸗ ge durch die lange Reihe dunkler Zimmer, anſtatt des Engellichtes, welches ihre Schritte zu ſegnen und zu heiligen ſchien, als ſie das letzte Mal denſelben Bo⸗ den betrat. Selbſt Miß Mackay's ſtarke Seele fuͤhlte den Einfluß dieſes Wechſels, und ihre Einbildungskraft bevoͤlkerte bald die finſtern Raͤume vor ihr, obgleich nur in Augenblicken ploͤtzlich uͤbermannender Furcht, mit phantaſtiſchen Geſtalten. Sie eilte athemlos vor⸗ waͤrts, weniger aͤngſtlich, daß ihr Licht durch einen plotzlich durch die leeren Fenſterrahmen herein drin⸗ genden Windſtoß erloͤſchen moͤchte, als wirklich irgend ein graͤßliches Geſpenſt zu erblicken. Die Hand zitterte ihr ein wenig, als ſie die Fallthuͤr aufhob und wie gewoͤhnlich befeſtigte; indeſ⸗ ſen, ehe ſie noch die Beutel mit Gold, die der Oberſt zu haben wuͤnſchte, herausgenommen und gezaͤhlt hatte, fing ihre Beklemmung an nachzulaſſen. Sie kehrte zur Pforte am Fuße des Thurmes einzeln mit jeder Laſt zuruͤck, und ſowohl Schritt als Geiſt waren bei weitem feſter und ruhiger, als vor⸗ 40 her bei ihrem Eintreten. Ehe ſie die Thuͤr oͤffnete, wechſelte ſie mit dem Abgeſandten draußen das Lo⸗ ſungswort, uͤbergab dann ſeinen Händen die Schaͤtze, und ging, nachdem ſie die Pforte wieder verſchloſſen hatte, nochmals zuruͤck, um den erhaltenen Empfangs⸗ ſchein in die Kiſte zu legen. Miß Mackay durchlief jetzt raſch die vielen zu dem Gewoͤlbe fuͤhrenden Gemaͤcher; ihr erleichtertes Herz verlieh ihrem Koͤrper Schwungkraft, und ſie bot den wilden Stuͤrmen keck laͤchelnd Trotz, als ſie die ſteinernen Stufen hinabſtieg. Gerade als ſie ſich niederbuͤckte, um das kleine Document in den Gewahrſam der Kiſte zu geben, er⸗ folgte ein lange anhaltendes Krachen, und darauf ein Donnerſchlag; entſetzt fuhr ſie mit einem lauten Aus⸗ ruf des Schrecks zuſammen. Das naͤchſte, was ſie that, war, die Stufen hinaufzueilen, welche von ei⸗ ner heftigen Erſchuͤtterung erbebten. Die Fallthuͤr war von der Gewalt des wuͤthen⸗ den Sturmes zugeſchlagen, der das ganze, gerade daruber befindliche, gebrechliche Fenſter eingeſturzt, und alles Glas zertruͤmmert und umhergeſtreuet hatte. Augenblicklich ſah Miß Mackay ihr Ungluͤck ein; ſie bemuͤhete ſich, die Thuͤr wieder aufzuſtoßen, waͤh⸗ rend ſie vielleicht noch nicht feſt geſchloſſen war, aber dieſe widerſtand ihrer groͤßten Anſtrengung. Wildere, ja faſt wahnſinnige Verſuche waren eben ſo frucht⸗ los. Darauf eilte ſie hinab, ihre Laterne zu holen, bei deren Lichte ſie die Springfeder, welche die Thuͤr ſi e, o⸗ e, ſen 96⸗ zu rtes ſie ſie ade tit. evet einz äh⸗ ber ere, ucht olen, hüt 41 ſicherte, zu entdecken hoffte; denn obwohl ſie ſich der Bemerkung des Oberſten, daß dieſe nicht von innen geoͤffnet werden koͤnne, erinnerte, ſo glaubte ſie doch, er habe vielleicht die Gefahr der Sorgloſigkeit groͤßer vorgeſtellt, um ihre Vorſicht bei dem ganzen Verfah⸗ ren zu vermehren. Die Huͤlfe ihrer Laterne war jetzt unnoͤthig; ent⸗ deckte ſie gleich den Ort, wo die Feder lag, ſo fand ſie ſolche doch eben ſo unbeweglich wie vorher. Aber⸗ mals machte ſie Verſuche, jedesmal in fuͤrchterlicher Angſt laut um Huͤlfe ſchreiend, wenn ſie dieſelben mißlingen ſah. Keine Stimme antwortete ihr. Die ſchauerlichen Toͤne des Windes, der bald furchtbar anhaltend uͤber den Zinnen heulte, bald gellend durch tauſend Luͤcken und Spalten der Ruine pfiff, waren die einzigen, die an ihr Ohr zuruͤckſchlugen:— ihr ſchwacher Ruf mußte in einem ſolchen Sturme ver⸗ hallen. Das einzige menſchliche Weſen, das ihr viel⸗ leicht haͤtte helfen koͤnnen, der Abgeſandte des Ober⸗ ſten, mußte jetzt ſchon zu weit uͤber den Bezirk des Schloſſes hinaus ſeyn, als daß ihre Toͤne ihn noch zu erreichen im Stande geweſen waͤren; und, wenn er fort war, wie er es ſeiner Pflicht getreu ſeyn mußte, durfte ſie andere Huͤlfe in Anſpruch nehmen? Bei dieſer qualvollen Frage ſank Miß Mackay auf die Stufen mit einem Gefuͤhle hin, als wenn ſie ihr Todesurtheil empfangen haͤtte; ihr Rufen hoͤrte unwillkuhrlich auf, während ſich ein kalter Schweiß uͤber ihren Koͤrper ergoß. Verworrene Gedanken 42 und Empfindungen,— Furcht und Entſchließung, Zweifel und Beſtuͤrzung,— fullten ihre Seele, ohne daß ſie vermocht hätte, etwas davon auf eine Art feſt zu halten, um das, was recht, das, was ſtrafbar waͤre, zu beſtimmen. Sie ſah ein, daß ſie entweder das Geheimniß des Oberſten, nebſt dem Leben aller dar⸗ in verwickelten Perſonen, in Gefahr bringen, oder ſich ruhig in ihr Schickſal ergeben und da umkom⸗ men muͤßte, wo ſie jetzt waͤre. Miß Mackay hatte einen wirklich heroiſchen Charakter; ſie waͤre dem Tode auf dem Schaffot in einer großen und guten Sache eben ſo ſtolz entgegen gegangen, als der edelſte Dulder, der je ſeinen Kopf unter das Beil des Henkers legte; aber ein langſa⸗ mer und einſamer Tod— ein Tod, tropfenweis zu⸗ gemeſſen, war ein Opfer, das beinahe uͤber ihre Kraͤfte ging, und ſie betrachtete es mit einer Art von Grauſen. Dies Gefuͤhl wurde noch durch die religioͤſe Furcht erhoͤhet, daß ſie auf ſolche Weiſe fuͤr ihre Vermeſſenheit geſtraft werden ſolle. Es war moͤglich, daß der Erforſcher aller Herzen in dem ihri⸗ gen von ihr ungeahnetes oder uͤberſehenes Unrecht gefunden hatte— Stolz und Selbſtdunkel; und eine Zeitlang gab dieſe Furcht ihr den Entſchluß zur Er⸗ gebung ein. Aber die menſchliche Schwachheit behielt die Oberhand; noch einmal wiederholte die Geaͤngſtigte, wiederholte mit inbruͤnſtigem Gebete die Verſuche zu ihrer Befreiung; und eben ſo oft war ſie, eins ums andere durch Ermuͤdung und die Ueberzeugung, daß Alles vergeblich ſey, davon abzuſtehen gezwungen. Endlich verließ ſie voͤllig erſchoͤpft die Stufen; und ſich auf den Boden des Gewoͤlbes niederwerfend, vor deſſen Feuchtigkeit ſie ihr Mantel einigermaßen ſchuͤtzte, bemuͤhete ſie ſich, Ruhe zu ſammeln,— nicht zum Schlaf, ſondern zur Geduld. Sie empfahl ihren troſtloſen Zuſtand der Barmherzigkeit und dem Schutze des einzigen Weſens, das ſie allein noch er⸗ retten konnte, und vertrauete ſeiner Gnade, daß es ihr gelingen moͤge, beim Anbruche des Tages irgend ein Mittel zur Oeffnung der Fallthuͤr zu entdecken. Man kann ſich denken, daß Miß Mackay's bren⸗ nende Augen von keinem Schlummer heimgeſucht wurden; ſie lag da, lauſchend den ſchauerlichen Toͤ⸗ nen draußen, und auf das Zunehmen und Abnehmen des Sturmes achtend, bis nach und nach der Wind ſich ganz legte, und heftiger Regen folgte. Selbſt in ihrem Kerker konnte ſie hoͤren, wie dieſer durch die Oeffnungen des Daches hereinſtroͤmte und auf der Fallthuͤr plaͤtſcherte. So unangenehm dieſer Ton auch war, ſo zog ſie ihn dennoch dem des Windes vor, weil er ihr mehr Wahrſcheinlichkeit gewaͤhrte, gehoͤrt zu werden, im Fall ſich ihr beaͤngſtigtes Ge⸗ muͤth am Ende fuͤr die Rechtmaͤßigkeit des Huͤlferufs entſcheiden ſollte. Da der Sturm nachgelaſſen hatte, konnte ſie jett die große Schloßglocke hoͤren; es ſchlug fuͤnf Uhr. Der Morgen war alſo angebrochen; aber es war ein Decembermorgen, und es dauerte noch lange, 44 ehe es hell ward. Das Licht in ihrer Laterne war lange ausgebrannt; ſie befand ſich in der tiefſten Dun⸗ kelheit. Stunden ſchlichen fort,— ſchlichen fort, bis endlich der Tag herankam; aber ſelbſt da drang kein freundlicher Lichtſtrahl zu der Armen: die Fall⸗ thur ſchloß ſo genau, daß auch nicht die kleinſte Spalte zu ſehen war; und nachdem ſie dieſe Ueber⸗ zeugung erlangt hatte, erneuerten ſich alle ihre Schrecken. Sie machte nochmals einen verzweifelten Verſuch nach dem andern, als das ferne Horn eines Jaͤgers von den Bergen herab toͤnte, und ſie beinahe zum Wahnſinn brachte. Leben und Freiheit waren drau⸗ ßen, wahrend ſie an einem Orte umkam, wo es Nie⸗ manden einfallen konnte, ſie zu ſuchen. Den Tod vor Augen habend, dachte Miß Ma⸗ ckay an die arme Annie,— an des Oberſten Schmerz, ja Gewiſſenspein, wenn er ſie als ein Opfer ſeines unglucklichen Vertrauens wieder finden wurde; und einige irre Augenblicke, waͤhrend welcher ſie mit wil⸗ dem und durchdringendem Schrei um Huͤlfe rief, wähnte ſie, ihr Tod muſſe eben ſo ſchwer auf ſeinem Gewiſſen laſten, als es der Ruin aller jener andern Perſonen gethan hätte, fuͤr die ſie jetzt ſtuͤrbe; denn dieſe mußten ſicher daruber nachgedacht und ſich dar⸗ auf gefaßt gemacht haben, ihr Leben in der unter⸗ nommenen Sache zu verlieren. In einem ſolchen abwechſelnden Zuſtande von Irreſeyn und Ergebung, brachte Miß Mackay den ganzen Tag hin, deſſen einzelne Augenblicke zu Stun⸗ — 5 45 den verlaͤngert zu ſeyn ſchienen. Mit jeder verfloſſe⸗ nen Stunde verminderte ſich ihre Kraft und ihre Hoffnung; denn ſie hatte nichts zu eſſen, und jenes todtliche Gefuͤhl, die Folge voͤlliger Erſchoͤpfung aus Mangel an Nahrung, welches bei einem zarten Ma⸗ gen den heftigeren Qualen des Hungers vorangeht, fingen an, ſie zu uͤberwaͤltigen. Gegen Abend fuhr ein kalter, erſtarrender Schauer durch ihre Glieder; der Kopf wurde ihr ſchwer, und ſie hatte das Be⸗ wußtſeyn eines Irrewerden ihres Geiſtes, welches ſie vor ſich ſelbſt in Angſt ſetzte. Fetzt erhob ſich Miß Mackay auf ihren Knien, und flehte mit gefaltenen, nicht laͤnger wild und hef⸗ tig gerungenen, ſondern in inbrunſtigem Gebet ge— ſchloſſenen Haͤnden, die Quelle alles Guten um Er⸗ barmen und Seelenſtaͤrke an. Buerſt bat ſie um Verzeihung aller ihrer Suͤn⸗ den aus der vergangenen Zeit; dann um Unterſtuͤz⸗ zung in der ſchweren Schickung der gegenwärtigen Stunde. Der Wille ihres himmliſchen Vaters ſchien ihr zu deutlich ausgedruͤckt zu ſeyn, als daß ſie noch ferner um Rettung hätte flehen ſollen. Mit chriſtli⸗ cher Demuth bereitete ſie ſich daher, den bittern Kelch zu empfangen und zu leeren, der ihr von ihm, der das Beſte ſeiner Geſchopfe kennt, beſtimmt zu ſeyn ſchien. Miß Mackay betete lange und inbruͤnſtig, ob⸗ gleich nicht in hoͤrbaren Worten; denn die Zunge klebte ihr am Gaumen feſt, und ihre Stimme ſank bei jedem Verſuch, ſie zu erheben. Jeder Augenblick 46 vermehrte ihren Schwindel und das Erſtarren ihrer Glieder; eine allgemeine Stockung des Bluts und ein Abnehmen der Sinne folgten, und nahmen ihr nach und nach Gehor, Gefuhl, Leiden, Bewußtſeyn;— ſie ſank, ohne es zu wiſſen, gaͤnzlich alles deſſen, was Leben heißt, bis auf leiſes Athmen nach beraubt, auf die Stufen des Gewoͤlbes nieder. Miß Mackay's Augen waren nicht fuͤr immer geſchloſſen; ſie ſchlug ſie wieder auf nach dem Ver⸗ lauf einer Stunde;— ſah das Gewoͤlbe, eine bren⸗ nende Laterne vor ihr auf dem Fußboden, und eine zniende Geſtalt an ihrer Seite mit einer Jagdflaſche, deren Inhalt gerade zum Anfeuchten ihrer Lippen und Reiben der Schlaͤfe gebraucht worden war. Es war der Oberſt Ferguſon ſelbſt, der von der Vorſehung zu ihrer Rettung geſandt war. Vier und zwanzig Stunden, nachdem er ſeinen Boten nach Glenrowan geſandt hatte, bedurfte er eines der geſchriebenen Dokumente aus der eiſernen Kiſte, und er reiſete alſo ſelbſt ab, um es zu holen. Nit einem Hauptſchlüſſel zu allen Thuren verſehen, und in der Nacht angekommen, hatte er weder Zeit noch Veranlaſſung, Miß Mackay um ihren Beiſtand zu erſuchen, daher ging er ſogleich nach dem Thurme. Dort wollte er einige Reihen mit dem Scheine fuͤr die Papiere zuruͤcklaſſen, worin er Miß Mackay von Allem, was vorgefallen war, und warum er nicht in das Schloß haͤtte kommen koͤnnen, Nachricht gab. Er war ruhig durch alle Zimmer wie gewohnlich ge⸗ gangen, hatte ſich einige Augenblicke aufgehalten, um c„——— c— — —— t d n — 8* 47 den Schaden, der in den Fenſtern des letzten Gema⸗ ches durch den Sturm der vorigen Nacht angerichtet war, zu betrachten, und ſtieg nach dem Oeffnen der Fallthuͤr die Treppe zum Gewoͤlbe hinab, als er ent⸗ ſetzt vor den bunten Farben von Miß Mackay's Man⸗ tel, die ihm beim Lichte, das er in der Hand hielt, entgegenſchimmerten, zuruͤckfuhr. Der Mangel eines andern Lichtes als des ſeini⸗ gen, ihre geiſterbleiche Farbe und Stille, ſprachen zu⸗ gleich ihr trauriges Schickſal aus. Die Urſache da⸗ von errathend, ſprang er die uͤbrigen Stufen hinun⸗ ter, und goß mit gluͤcklicher Gegenwart des Geiſtes einige wenige Tropfen gebrannten Waſſers in ihren Mund. So wie dieſes ungewohnte Getraͤnk ihren Ma⸗ gen erwärmte, fing das Herz wieder an zu ſchlagen, und langſam erhielt Miß Mackay Leben und Be⸗ wußtſeyn wieder. Ehe der Oberſt ihr irgend eine Frage vorlegte, nothigte er ſie, einige Biſſen des Haferkuchens zu ſich zu nehmen, mit dem er ſich fuͤr die Reiſe verſehen hatte; und als auch dies eine belebende Wirkung ge⸗ aͤußert, unterrichtete er ſie kurz von der Abſicht ſei⸗ nes Hierſeyns, und verpflichtete ſich, dankbar des Pimmels Guͤte erkennend, die ihn zu ihrer Rettung geſandt habe, keine ähnliche Handlung der Freund⸗ ſchaft und Treue weiter von ihr zu fordern. »Da ich jetzt alle jene gefährliche Documente mit mir nehmen werde, ſagte er,»ſo mögen die Gelder und meine eigenen Papiere in dem völlig 48 ſichern Gewahrſam des tapfern und erprobten jungen Mannes bleiben, der ſie bisher von Ihnen in Em⸗ pfang nahm. Er wird von nun an nach meiner An⸗ weiſung ſich ſelbſt in dieſes Gewoͤlbe begeben, wozu ich ihm die in Ihrem Beſitze befindlichen Schluͤſſel uͤbergeben werde.« „Ihr gefahrvolles Amt iſt alſo hier zu Ende, meine theure Miß Mackay,« fuhr der Oberſt mit gro⸗ ßer Ruͤhrung fort,»und Gott ſey gelobt, ewig gelobt, daß der Jammer nicht uͤber mein Haupt gekommen iſt, Ihr ſo ſchaͤtbares Leben meinen unverantwortli⸗ chen Forderungen, hinſichtlich eines Muthes und einer Bereitwilligkeit, geopfert zu haben, die ich kein Recht hatte, auf ſolche Art in Anſpruch zu nehmen.« Waͤhrend er ſprach, lag Miß Mackay auf den Knien, dem Allmächtigen fuͤr ihre wunderbare Be⸗ freiung dankend; ſie hatte kein Wort von dem gehoͤrt, was er ſagte; aber nachdem er Alles wiederholt und ſie daran erinnert hatte, daß ſie auf eine gultige Ent⸗ ſchuldigung für ihre lange Abweſenheit denken muß⸗ ten, erhob ſie ſich unter einem erleichternden Thrä⸗ nenguß, und ſuchte ihr dankbares Gemuͤth zu beru⸗ higen. Da ihre Abweſenheit nur ſeit der Zeit des Fruͤh⸗ ſtuͤcks bemerkt ſeyn konnte, und ſie oft die Gewohn⸗ heit hatte, vor demſelben umherzuſchweifen, ſo durfte man wohl vermuthen, daß der ſtuͤrmiſche Regen ſie in irgend einer abgelegenen Hoͤhle oder Holzhuͤtte, ſelbſt bis zu dieſer ſpäten Stunde zuruckgehalten habe: denn der heftige Regen am Morgen hatte wirklich 6 e 49 bald wieder nach den beiden heitern Stunden ange⸗ fangen, die Miß Mackay, wie man glauben konnte, ins Freie gelockt haͤtten. Es war jetzt ſpaͤt und ganz dunkel, aber es war noch nicht voͤllig Nacht; nachdem Miß Mackay ſich alſo hinlaͤnglich durch die Reiſekoſt des Oberſten ge⸗ ſtaͤrkt fuͤhlte, ſetzte ſie ſich nun in Bereitſchaft, mit der Huͤlfe ſeines Arms ihren Weg zum Hauſe zu⸗ ruͤckzunehmen. Im letzten Hofe verließ er ſie unter manchen zugefluͤſterten Wuͤnſchen fuͤr ihr Wohl, und dem Aus⸗ druck ſeines Bedauerns, daß er ſie nicht ins Schloß begleiten und ſeine geliebte Annie umarmen koͤnne. Unterwegs hatte er Miß Mackay von Allem, was ſeine Reiſe betraf, Nachricht gegeben, und auf dieſe Weiſe ihren hellen, vorurtheilsfreien Geiſt in den Stand geſetzt, die Wahrſcheinlichkeit des Gelingens oder Fehlſchlagens der großen bevorſtehenden Unter⸗ nehmung zu berechnen. Als ſie ſich trennten, ſtieg mancher Seufzer aus ihrer Bruſt uͤber die zweifel⸗ haften Ausſichten ihres Fuͤrſten auf. Obgleich Annie Ferguſon in großer Unruhe uͤber die lange Abweſenheit ihrer Freundin geweſen war, vorzuglich bei der Zuruͤckkunft der verſchiedenen Die⸗ ner, die dieſe auf ihren gewoͤhnlichen Spaziergaͤngen geſucht hatten, ſo ſchenkte ſie dennoch leicht der ober⸗ fläͤchlichen Nachricht Glauben, welche ihr Miß Mackay uͤber ihre Zuruͤckhaltung in den Bergen durch eine Anwandelung von Ohnmacht, mehr andeutend, als dreiſt erzahlend gab; und Annie, die ihre Gefaͤhrtin Porter Erzaͤhl. 1. 4 50 bleich und zitternd fand, war ſo aͤngſtlich mit deren vermeintlichen Krankheit beſchaͤftigt, daß die Fragen uͤber die weitern genauern umſtaͤnde unterblieben. Unter mancher zartlichen Liebkoſung, ſorgte das liebe⸗ volle Maͤdchen dafuͤr, daß ihre Freundin zu Bette kam; und nachdem ſie ihr noch einen warmen, eigen⸗ haͤndig bereiteten Staͤrkungstrank gegeben hatte, uͤber⸗ tieß ſie dieſelbe der willkommenen Ruhe. Hier, kann man ſagen, endigt der Antheil, den Miß Mackay an den Planen des ſchottiſchen Lairds nahm; denn nach dem Abentheuer dieſer Nacht, wur⸗ den ihre Dienſte nicht mehr verlangt. Jedermann kennt den Ausgang jener ungluͤckli⸗ chen Unternehmung. Der Oberſt kehrte nie wieder nach ſeinem vaͤterlichen Schloſſe zuruͤck; er fiel tapfer fechtend auf dem Schlachtfelde von Culloden. 6) Miß Mackay wurde in der Folge die Gattin jenes tapfern Hochlaͤnders, der das Geheimniß des Thurmes mit ihr getheilt hatte. Die feurige Phantaſie dieſes jungen Mannes war zuerſt durch die Beſchreibung angeregt worden, die der Oberſt ihm von ihrem Edelmuthe und ihrer treuen Anhaͤnglichkeit machte; ſeine Sinne wurden darauf leicht durch den Anblick ihrer Perſon in dem verklärenden Lichte des Mondes gefeſſelt; und zuletzt *) Dieſe Schlacht, geliefert am 27 Schickſal des Hauſes Stuart; Carl Eduard wurde von dem Her⸗ zoge von Cumberland auf das Haupt geſchlagen⸗ und entkam nur nach tauſend auf ſeiner Flucht ausgeſtandenen Muͤhſeligkeiten nach Frankreich. Seitdem blieb das Haus Hannover im unbeſtrittenen Beſitze der großbritanniſchen Krone. ſten April 1746, entſchied das ——— c—— ————— c—— — er en tzt dos er⸗ nur uch nen 5¹ vollendete das gemiſchte Gefuͤhl von Angſt und Be⸗ wunderung, womit er ihr, ſie ſchweigend beſchuͤtzend, durch die wuͤthenden Elemente in jener, Beiden ewig denkwurdigen Nacht gefolgt war, ſeine Eroberung. Nach ihrer vollzogenen Verbindung begleitete Annie, traurig und verlaſſen, aber ſich noch immer an geliebte Perſonen kettend, das ganz fuͤr einander ge⸗ ſchaffene Paar in das Ausland, wo ſie viele Jahre in ſolcher Gluͤckſeligkeit zuſammen lebten, als dieſe gemiſchte Welt— ſelbſt den Beſten und Glucklichſten — gewaͤhren kann. Als alle Hoffnung fuͤr die Wie⸗ derherſtellung der Stuarte verſchwunden war, hielt es Annie fur ihre Pflicht, nach der Heimath zuruckzu- kehren, und ihren Aufenthalt unter ihren eigenen Gutsunterthanen in Glenrowan zu nehmen. Dort fuͤhrte ſie ein etwas ernſtes Leben, aber der Sinn der Froͤmmigkeit, der mit dem Alter zunahm, ließ es nicht ſchwermuͤthig werden. Sie verheirathete ſich niemals, ſondern widmete ihre wenigen Geiſteskraͤfte, und viele vortreffliche Eigenſchaften des Herzens allen de⸗ nen um ſie herum, die ihres Troſtes und Beiſtandes bedurften. In Glenrowan wurde ſie gelegentlich von ihren treuen Freunden und deren Kindern beſuchtz und dort, als das braune Haar meiner Heldin grau geworden war, theilte dieſe Heldin ſelbſt ihre hier wiedererzaͤhlte Geſchichte, unter den lebhafteſten Aeuße⸗ rungen der Dankbarkeit fuͤr ihre wunderbare Ret⸗ tung, mit. Lord Howth. Eine iriſche Sage. Es gibt mehr Dinge auf Erden und im Himmel, Horatio, als ſich eure Philoſophie träumen laͤßt. Shakſpeare. Feder, der in die Bai von Dublin eingefahren iſt, kennt den Berg Howth. Dieſer Berg gab fruͤher einer alten und beruͤhmten iriſchen Familie ihren Na⸗ men, deren Titel jetzt erloſchen iſt; er endete in der Perſon des Helden meiner jetzigen Erzählung. Die wunderbare Begebenheit, die Lord Howth's Leben bezeichnete, und auf das Gluͤck deſſelben ein⸗ wirkte, hätte in einer viel fruheren Zeit ſich ereignen und erzählt werden müſſen, um allgemeinen Glauben zu finden; denn wie Wenige werden ſich im neun⸗ zehnten Jahrhundert der Leichtglaͤubigkeit hingeben wollen. Es gibt aber noch— Dank den Eindruk⸗ ken der Ammenſtube— eine gewiſſe Klaſſe von Menſchen, die den lieblichen Wahn der Kinderjahre zu erhalten wuͤnſchen; die, eben ſo willig als fähig, den Scepter der Vernunft in die Hand der Phanta⸗ ſie zu geben, immer am beſten unterhalten ſind, wenn ſie am meiſten hintergangen werden. In die Ohren ſolcher Menſchen fluſtere ich die folgende Geſchichte, wie ſie von den Lippen Vieler geſammelt iſt, die auf den, früher der Baronin zuge⸗ 0n e ta⸗ nd bie let ge⸗ 58 horigen Landereien wohnen; glaubhafte Bauern, die verſichern, ſie von ihren Großeltern, den Zeitgenoſſen des Helden der Sage, gehoͤrt zu haben. Der letzte Lord Howth, heißt es, war einer der ſchoͤnſten und gebildetſten Maͤnner ſeiner Zeit; er war jung, feurig, großmuͤthig und geiſtvoll; auf edele Weiſe gaſtfrei, ohne jene Schwelgereien der Tafel zu beguͤnſtigen, die damals in Irland gewoͤhnlich wa⸗ ren; und ausgezeichnet wegen der innigen Zuneigung, die er in ſeinen Verbindungen bewies. Aber der junge Lord hatte große Fehler; Neckereien ſetzten ihn leicht in eine leidenſchaftliche Hitze, die ſeinen mora⸗ liſchen Grundſaͤtzen zuweilen gefaͤhrlich wurde; und er war oft die Beute eines krankhaften Aberglau⸗ hens. Der Lord las Gedichte, ſchrieb Gedichte, ja mehr, er fuͤhlte dichteriſch; wen kann es nun noch Wunder nehmen, daß er fuͤr ſolche Eindruͤcke em⸗ pfaͤnglich war, deren Urſachen in der Einhildungs⸗ kraft liegen. Sein groͤßter Fehler war ein ſo eiferſuͤchtiges und reizbares Temperament, daß ſeine Freunde(wie das Schlachtfeld von Bosworth) mehrmals im Tage ver⸗ loren und gewonnen wurden. Gefuͤhle der Beſchaͤ⸗ mung und Reue folgten ſtets ſeinem heftigen Betra⸗ gen, es iſt wahr; aber ſelbſt dieſe tugendhaften Re⸗ gungen kamen zu ſpaät, um das Unrecht wieder gut zu machen, oder die Beleidigten zu verſoͤhnen; und der Beleidiger hatte daher nicht ſelten plotzlich auf⸗ gehobene Freundſchaften zu betrauern, die nie wieder Wurzel ſchlugen und Fruͤchte tragen ſollten. Der 54 Lord war in ſeinem ſechs und zwanzigſten Jahre, und auf dem hoͤchſten Gipfel des Ruhms, ſowohl im Staats⸗ als Privatleben,— er hatte ſich im Parla⸗ ment ausgezeichnet,— als er in Geſellſchaft einer Anzahl erwaͤhlter Gefäͤhrten nach Roskerry, ſeinem Lieblingsſchloſſe an der Seekuͤſte, kam. Er war von einem langen Aufenthalte in Du⸗ blin ermuͤdet; einige Sachen von Wichtigkeit waren dort in beiden Haͤuſern des Parlaments verhandelt, woran er großen und thätigen Antheil genommen hatte, und das Fehlſchlagen einer derſelben hatte ihn uͤber alle Maßen erbittert. Er war auch ermuͤdet von dem ermuͤdendſten aller Dinge,— von einer re⸗ gelmaͤßigen Jagd ſeiner ſelbſt, durch die Hälfte der intriganten Muͤtter und herzloſen Toͤchter in der ſchoͤnen Welt von Irland. Ich bin uͤberzeugt, es iſt unnutz, hier zu be⸗ ſchreiben, worin die Pein und Qual einer ſolchen Jagd beſteht. Nachdem das reiche oder edle Opfer aus der großen Heerde fuͤr dieſen Zweck auserleſen iſt, ſturzen ſich ſeine Verfolger von zwanzig verſchie⸗ denen Seiten zugleich daruͤber her; hier wird ihm zugepfiffen, dort zugerufen; es wird von einer Par⸗ tei zur andern gejagt, mit einem Eifer, der ihm auch nicht einen Augenblick Raſt gönnt; über alle Arten von Schlingen und Fallgruben gehetzt die abſichtlich zu ſeinem Einfange eingerichtet ſind; und endlich iſt es gezwungen, ſich ſeinen Verfolgern und ſeinem Schickſale aus bloßem Mangel an Athem oder Platz zu ergeben. Selten behalt däs ungluͤckliche Wild ——* 55 Kraft genug, ſich auf ſeine Verfolger zu werfen und ſie zu zerreißen; ſelbſt nicht einmal ſo lange weiſet es die Zahne, bis es ihm gelingen moͤchte, uͤber ihre Koͤpfe hinwegzuſetzen, und ſich in irgend ein retten⸗ des Waſſer zu ſturzen.„ Sollte einer meiner Leſer eines dieſer auf un⸗ gluͤckliche Weiſe gusgezeichneten Geſchoͤpfe geweſen ſeyn, ſo ſchaudert ihm ohne Zweifel die Haut bei der bloßen Erinnerung an ſeine vergangenen Leiden. Moͤge er denn die Freude meines Helden theilen, als dieſer die freie Luft ſeiner väterlichen Berge athmete, und fur ſich die Worte ſprach:»Dem Himmel ſey Dank, ich bin von der gnaͤdigen Frau von Loch⸗ Erin befreiet, von ihrer tanzenden Tochter und allen Uebrigen. Die erſten beiden Wochen, welche Lord Howth in Roskerry zubrachte, waren wirklich entzuckend;— ſo lebhaft uͤberließ er ſich dem Gefuhle ſeiner Frei⸗ heit, und ſeiner eigenen froͤhlichen Laune. Da er noch ledigen Standes, und ſeine einzige Schweſter in einem andern Koͤnigreiche verheirathet war, ſo hatte er kein weibliches Weſen, das ihm angehoͤrte; es war daher den benachbarten Familien unmoͤglich, ſich ſelbſt und eine niedliche Tochter bei ihm zu Ga⸗ ſte zu bitten, um Dubliner Sturme in eine enge Belagerung zu verwandeln;— er gab keine Baͤlle im Freien auf dem gruͤnen Raſen, keine Thee⸗ und Syllabub*)⸗Partien, bei denen irgend eine *) Ein beliebtes Getränk, das aus einem Gemiſch von warmer Milch, Wein, Zucker u ſ. w. beſteht. 56 freundliche Mutter den Vorſitz fuhrte.— Der jun⸗ gen Maͤdchen ganz uͤberdrüſſig, ließ er klglich ſeinem Widerwillen Zeit, ſich zu verlieren, ehe er wieder in die Geſellſchaften eintrat; auch hoffte er im Stillen, daß ein guͤnſtigeres Geſchick ihm einſt ein ſolches Ge⸗ ſchoͤpf zufuͤhren wurde, wie es ſeine Phantaſie ihm vormalte und ſein Herz verlangte; denn Lord Howth hatte ein Herz, das tief empfundener und hingeben⸗ der Liebe faͤhig war. Seine Gefaͤhrten in Roskerry waren junge, leb⸗ hafte Maͤnner; einige von ihnen Maͤnner von Ta⸗ lent, begabt mit jenem Vermögen zu genießen, das Unterhaltung aus Allem zu ziehen weiß, was un⸗ ſchuldiges Vergnügen gewähren kann.— Lord Howth ſelbſt hatte das beſondere Talent, jede, auch die lang⸗ weiligſte Geſellſchaft erheitern zu koͤnnen, wenn er darnach geſtimmt war. Die Schieß⸗, Jagd⸗ und Waſſerpartien in Roskerry waren daher aͤußerſt an⸗ genehm. In den letztern, die auf vem offenen Meere und in jedem Wetter angeſtellt wurden, ver⸗ einigten ſich ſowohl Gefahr als Vergnuͤgen; ſie mach⸗ ten daher— ſo ſtark iſt der angeborne Hang im Menſchen zum Wagen— die Lieblingsbeluſtigung der Schloßbewohner aus. Ein- oder zweimal wären dieſe kühnen, aber etwas unerfahrenen Seeleute beinahe verloren gewe⸗ ſen, ja Lord Howth rettete ſein Leben nur durch ſeine Geiſtesgegenwart. Von dieſem Augenblicke an uͤbte er das Schwimmen als eine Art von Pflicht, . — 57 bis er ſich eine vollige Fertigkeit in dieſer hoͤchſt nuͤtz⸗ lichen Kunſt erworben hatte. Als die Jahrszeit jedoch vorruͤckte, und hefti⸗ gere Stuͤrme mit ſich fuͤhrte, mußten die Waſſerfahr⸗ ten natuͤrlich unterbleiben. Dies erregte beſonders das Bedauern des Lords, der einen eigenen Wider⸗ willen gegen alle Vergnuͤgungen hatte, die einem andern lebenden Geſchoͤpfe Schmerz verurſachten; und ob er gleich zu ſehr den Spott ſeiner Gefährten furchtete, um ſeine Schwaͤche einzugeſtehen, ſo ſah er doch nie den Tod eines Wildes, oder das flatternde Herabfallen eines Vogels, ohne innern Schauder an. Zuweilen wagte er wohl zu ſagen, daß— moͤchte es auch thun, wer da wolle— es ſich nicht fuͤr ihn, der ſo oft durch ſein heftiges Temperament verwun⸗ de, paſſe, Leiden anderer Art zu verurſachen; und dieſe Erklaͤrung war noch nie mit Spott aufgenom⸗ men worden. Nachdem ein Monat in Roskerry verfloſſen war, wurde die Frage aufgeworfen, wie die muͤßige Zeit auszufuͤllen, und Abwechſelung in den Zerſtreuungen herbeizufuͤhren ſey;— man ſchlug eine Forſtbeſchaͤf⸗ tigung vor,— das Hinwegraͤumen mehrerer unan⸗ ſehnlicher Baͤume, die eine alte Waſſermuͤhle auf dem Gute uͤberſchatteten. Dieſer in hohem Grade maleriſch ſchoͤne Fleck, das Studium manches reiſen⸗ den Kuͤnſtlers, war ein Lieblingsplatz des Lords, der in ſeinen Anwandlungen von Schwermuth und Poe⸗ ſie ſich gern nach den ſteilen und holzbewachſenen ufern zuruͤckzog, und dort, auf das glaͤnzend grüne 58 Moos hingeworfen, das Herabſtuͤrzen des Stromes uͤber deſſen gebrochenes und grottenfoͤrmiges Bett be⸗ trachtete. Dort pflegte er Stunden lang zu ruhen; bald durch den einfoͤrmigen Ton des Rades in ſuͤße Vergeſſenheit gewiegt, bald durch den Schimmer des herumgeſchleuderten Waſſers zu lebendigen Phantaſien geweckt. Den Wunſch hegend, die romantiſche Schoͤnheit dieſes Flecks vollkommen zu machen, ſchlug der Lord die Wegnahme einiger kleinen entſtellenden Baum⸗ gruppen vor, die kaum irgend ein anderes, als ſein an Geſchmack gewoͤhntes Auge bemerkt haben wuͤrde; und nachdem er und ſeine Gefährten ſich dazu mit Saͤgen und Hacken ausgeruͤſtet hatten, begaben ſie ſich an einem ſchoͤnen Octobermorgen nach der Muͤhle. Der Schall von kraftigen und oft blindlings ge⸗ führten Hieben hallte bald durch die einſamen Thal⸗ gruͤnde wieder; die mißlungenen Streiche des Einen, die gluͤcklicher ausgefallenen des Andern, wurden ab⸗ wechſelnd der Gegenſtand muntern Scherzes und re⸗ gen Wetteifers; waͤhrend Alle ihre Stimme in der Vernichtung oder Erhaltung dieſes oder jenes Bau⸗ mes laut werden ließen, den der⸗Eigenthümer ent⸗ weder zur Art verurtheilte, oder ſtehen ließ. Die friſche Herbſtluft war an die Stelle des Witz weckenden Champagners getretenz und vielleicht hatte dieſe kleine Gruppe luſtiger junger Leute nie ein treueres Bild»guter Geſellſchaft,⸗ wie es genannt wird, gegeben, als damals, wo ſie an den Ufern in 50 eines namenloſen Fluſſes herumſchwaͤrmten, ohne daß ſchoͤne Augen ſie hatten bewundern, oder ſchoͤne Oh⸗ ren horen können. Ein jeder von ihnen vollzog die ihm ertheilte Arbeit mit ſorgloſer Froͤhlichkeit, und dabei riefen ſie ſich von den Ufern, wo ſie bis an die Knie in uͤppigem Graſe ſtanden, manchen ergoͤtz⸗ lichen Einfall oder Lachen erregende Stelle zu. Einer der Ausgelaſſenſten ruhete eben an der Seite des Lords, waͤhrend dieſer uͤber die Frage ent— ſchied, wieviel von einem beſchaͤdigten Ahornbaume ſtehen bleiben ſollte oder nicht;— da guckte ploͤtzlich eine Ratte am Rande des Fluſſes aus dem Waſſer hervor, begab ſich dann quer durch denſelben in den Schutz bluͤhender Waſſerpflanzen, und ſah, dort ver⸗ ſteckt ſitzend, ruhig den Arbeitern zu. Waſſerratten ſind ſprichwoͤrtlich abſchreckend haͤß⸗ lich; aber dieſe war ungewoͤhnlich klein und zart, von ſilbergrauer, mit einigen glaͤnzend ſchwarzen Strei⸗ fen untermiſchter Farbe, und ihre kleinen Augen fun⸗ kelten mit dem Feuer eines Demants. Wie das Thierchen zutraulich da ſaß, und Lord Howth laut ſein niedliches Aeußere und furchtloſes Benehmen pries, hetzte ſein Nachbar ſchnell einen Hund darauf, um es herauszuholen. Bei kaltem Blute war es dem Lord unertraͤglich, einem Thiere das Leben nehmen zu ſehen; er ſprang daher den Augenblick uͤber den ſchmalen Waldſtrom, und packte den Hund, der, die ſchreiende Ratte fallen laſſend, ſich nun wuͤthend gegen ſeinen Angreifer wandte. Des Lords Jacke von grobem Zeuge rettete ſeinen 60 Arm. Mit welcher Wuth er den Hund züchtigte, will ich um ſeines Temperaments willen nicht be⸗ ſchreiben; die Ratte aber war frei und lief hurtig davon; jedoch zeigte ihr Silberfell einige Blutflecke, als ſie ſich unter den ſchuͤtzenden Binſen verlor. Der Lord aͤußerte ſich heftig gegen den Muthwillen, der, bloß zur Selbſtbeluſtigung, auf ſolche Art ſeine Freude an Schrecken oder Toͤdten finde. Der in Rede ſtehende junge Mann nahm die Zurechtweiſung gluͤcklicherweiſe mit reuevoller Miene auf, geſtand ſeinen barbariſchen Leichtſinn ein, und ging wieder an ſeine Arbeit; auch die Gewitterwolke auf der Stirn des Lords verzog ſich wieder, da jener nicht einmal ein Wort wegen ſeines Hundes verlor. Ein ſo unbedeutender Vorfall war natuͤrlich lange, ehe der Tag zu Ende ging, vergeſſen; ein geſelliges Abendeſſen— Abendeſſen waren zu jener Zeit unter den hoͤhern Klaſſen noch in Mode— verbannte alle unangenehmen Erinnerungen; und als unſer Held ſich in ſein Schlafzimmer zuruͤckzog, war er in der allerfriedlichſten Stimmung von der Welt. Lord Howth war gewohnt, wenn er auf dem Lande Gäſte bei ſich hatte, in deren Geſellſchaft er den groͤßten Theil des Tages zubringen mußte, die verlorene Zeit durch eine zwei⸗ bis dreiſtundige Lek⸗ ture am Abend wieder nachzuholen. Er hielt dies⸗ mal ſeinen Bedienten nur einen Augenblick zuruͤck, vertauſchte ſeinen Anzug gegen einen Schlafrock, und ſetzte ſich mit einem ungeheuern Foliobande vor ſich, zum eifrigen Leſen nieder. ——„—— —,— e— 61 Als er zufaͤllig ſeine Augen nach dem andern Ende des Zimmers wandte, wurden ſie durch etwas Glaͤnzendes, das in einer Ecke befindlich war, gefeſ⸗ ſelt; er hielt es Anfangs fuͤr einen Diamant, der ſich vielleicht von dem Gefaͤße ſeines Staatsdegens geloͤſet habe, und er war deshalb im Begriff aufzu⸗ ſtehen, um die Sache zu unterſuchen;— da bewegte ſich der glaͤnzende Gegenſtand, und uͤberzeugte ihn, daß das kleine funkelnde Licht den Augen eines leben⸗ digen Geſchoͤpfes angehoͤre. Den Augenblick darauf ſprang das Thierchen aus dem Loche in dem eichenen Täfelwerke, woraus es ihn beobachtet hatte, hervor, und lief raſch uͤber den Boden auf ſeine Fuͤße zu. Der Lord wich zuruͤck; denn ungeachtet aller ſeiner zarten Ruͤckſicht fur die untergeordnete Schoͤp⸗ fung, hatte er eine natuͤrliche Abneigung gegen Rat⸗ ten; eine Abneigung, welche wahrſcheinlich einer Sa⸗ ge zugeſchrieben werden muß, die ihm oft in der Kinderſtube wiederholt war; naͤmlich, daß der letzte der Howthſchen Familie durch ein Thierchen dieſer Gattung ſeinen Tod finden wuͤrde. So wie unſer Held zuruͤckwich, hielt die Ratte an, und blickte mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, wie es des Lords dichteriſche Einbildungskraft zu nennen beliebte, zu ihm auf; wie dem aber auch ſey, ſeine Phantaſie war nun aufgeregt, und er blieb ſtehen. Wiederum wagte das Thierchen ſich ihm zu na⸗ hern; bei einer Bewegung, welche deſſen Ruͤcken dem Auge bloß ſtellte, bemerkte der Lord drei kleine Blut⸗ flecke, die ſo genau denjenigen, welche er bei der ge⸗ r 6 5 6 ₰ . 1 . ————————— 62 retteten Ratte am Morgen wahrgenommen hatte, glichen, daß er nicht anſtand, dieſe fur daſſelbe Thier⸗ chen zu halten; ſein Erſtaunen uber die Klugheit und das Gefuͤhl einer Ratte war daher außerordent⸗ lich groß. Das Thierchen kam noch naͤher, Lord Howth ging zuruͤck, die Ratte ſchuchtern ihrerſeits auch, ohne jedoch, als ob es aus Furcht geſchähe; denn ihre klei⸗ nen glänzenden Augen blieben auf ihren Retter ge⸗ heftet, und alle ihre Bewegungen ſchienen den Wunſch auszudruͤcken, ihre Dankbarkeit zu bezeigen. Nach und nach ergoͤtzte ſich der Lord an ihrem muntern Verlaufen und ploͤtzlichen Anhalten; auch zog ihn der ungewoͤhnliche Umſtand an, daß ſie erſt ihren Weg in das Haus, und dann in ſein eigenes Zimmer ge⸗ funden haben muͤſſe, und zwar aus einer ſo großen Entfernung vom Muͤhlenſtrome her. Ein gewöhnlicher, ruhig denkender Mann wurde ein ſolches Wunder wohl nicht ſo leicht angenommen, ſondern der Wahrſcheinlichkeit mehr gemaͤß, geglaubt haben, daß dieſe Ratte eine andere ſey, welche zufäl⸗ lig auf aͤhnliche Weiſe, wie der Gegenſtand ſeiner Theilnahme verwundet worden wäre. Aber der Lord beſaß mehr romantiſchen Sinn, als ruhige Ueberle⸗ gung, ſobald das Gefuͤhl mit im Spiele war; und jetzt triumphirte er, ſeine ſtets ausgeſprochene und mit ſeinen Handlungen in Einklang ſtehende Mei⸗ nung beſtätigt zu finden, daß alle lebenden Geſchoͤpfe mehr oder weniger mit Vernunft— Seele, wagte er es nicht zu nennen— begabt wären. ———— 63 Nachdem die Ratte laͤngere Zeit dem Lord ſich vald genahert, bald ſchuchtern von ihm zuruͤckgezogen hatte, kehrte ſie nach der Wand zuruͤck, woher ſie gekommen war; hier blickte ſie ihren Retter noch ein⸗ mal lange an, und verſchwand dann augenblicklich. Am naͤchſten Morgen wurde das Abentheuer, wie man denken kann, den Freunden mitgetheilt, wobei der Lord nicht unterließ, ſeiner richtigen Beur⸗ theilung der geringern Geſchöpfe, hinſichtlich ihrer Faͤhigkeiten, ruhmend zu erwahnen. Lautes Gelaͤch⸗ ter folgte naturlich auf die Erzählung, aber da er ſelbſt in dieſes einſtimmte, ſo wurde der Frohſinn nicht getrubt; er blieb jedoch großmuͤthig bei der Be⸗ hauptung, daß es die befreiete Ratte ſey, die ihm aus Dankbarkeit nach dem Hauſe gefolgt und heim⸗ lich in ſein Zimmer gkommen waͤre. Sie haͤtte die⸗ ſelben Streifen von glaͤnzend ſchwarzer Farbe uͤber den ſilbergrauen Leib her, ſagte er; ihr Barthaar waͤre eben ſo merkwurdig wegen ſeiner Laͤnge, ihre Augen wegen ihres Feuers— kurz, er beharrte bei dem Glauben, daß es ſeine Ratte und keine andere ſey. Des Lords Begriffe uber thieriſches Gefuͤhl gin⸗ gen jedoch nicht ſo weit, daß er ſich hätte einbilden ſollen, ſeine Ratte je wieder zu ſehen. Wie groß war alſo ſeine Ueberraſchung, als er beim Eintritt in ſeine Kammer, am zweiten, dritten, vierten, ja an jedem folgenden Abend, ſich wieder von dieſem ſon⸗ derbaren Thierchen beſucht ſah. Ueberzeugt, daß die wiederholte Erzählung dieſes umſtandes ihm am Ende den Verdruß zuziehen 64 wurde, der Gegenſtand mancher gehaͤſſigen Bemer⸗ kung oder moͤglicher Spoͤtterei zu werden, unterließ der Lord von nun an, ſeines naächtlichen Beſuches zu erwaͤhnen; obwohl er und die Ratte um dieſe Zeit ſo bekannt geworden waren, daß dieſe, waͤhrend ihr Retter las, ſich vollkommen ſtill verhielt, ihn anſah, und neben ihm wartete; er aber oft von ſeinem Bu⸗ che den Blick wandte, um irgend einen muntern Ge⸗ danken über das Laͤcherliche, von einer Ratte ſo be⸗ wundert zu werden, auszuſprechen. Jede Nacht wurden die Beſuche des Thierchens länger, bis ſie ſich endlich auf die ganze Dauer der⸗ ſelben ausdehnten, ja ſelbſt bis auf die Stunde, wo der Lord aufſtand, und in das Ankleidezimmer ging; dahin folgte die zartfuͤhlende Ratte ihm nie nach. Eines Morgens erſchien ſi« plotzlich zu des Lords groͤßtem Erſtaunen in der Eßſtube, gerade als ſich die Geſellſchaft zum Fruͤhſtuͤck niederſetzen wollte. „Beim Himmel, da iſt Eure Ratte, Mylord!«»Iſt das nicht Eure Ratte, Howth?⸗»Seht einmal das Barthaar an!«»Beim Jupiter, es iſt ein kleiner Schnurrbart!! Dieſe und aͤhnliche Aeußerungen hoͤrte man zu gleicher Zeit von den Gefaͤhrten des Lords, als ſie unter donnerndem Gelaͤchter das Geſchoͤpfchen vorbei gleiten, und ſich zu den Fuͤßen ſeines Retters niederlegen ſahen. Widerſprechende Meinungen wurden darauf uͤber den Punkt geaͤußert, ob es dieſelbe Ratte ſey, oder nicht, die an dem Morgen ihrer Forſtbeluſtigung in dem Rachen des Hundes geweſen waͤre. Da die —„— —— 65 meiſten Stimmen ſich fuͤr das erſtere erklaͤrten, ſo wurde ausgemacht, nem. con. daß von nun an ihr edler Wirth nicht allein zur Mittheilung der wun⸗ derbaren Geſchichte berechtigt, ſondern ihm ſelbſt ver⸗ ſtattet ſeyn ſolle, einen Eid darauf abzulegen, und ſie Alle als Zeugen vorzuladen. Von dieſem Tage an ſchien es, als wenn das ſonderbare kleine Thier ſich in die Liſte der zum Hauſe gehoͤrigen Dinge hätte eintragen laſſen, denn es wurde bald in jeder Stube geſehen, worin ſich ſein Herr aufzuhalten pflegte; die Gegenwart deſſel— ben war ſein Schutz, bis daß nach und nach ſelbſt die Hunde, die ſich im Beſitze ſolcher Vorrechte be— fanden, ihm erlaubten, ſich ihren Platz auf der Decke vor dem Feuer, und den erſten Biſſen aus der Hand ihres Herrn anzueignen. So lange ſeine Freunde bei ihm blieben, waren die Gedanken des Lords weniger auf die hartnaͤckige Anhänglichkeit ſeiner Ratte gerichtet; aber als ſie fort waren und er mehrere Winterwochen allein zu⸗ brachte, legte ſein Herz einen wirklichen Werth auf den liebevollen Blick dieſer kleinen glaͤnzenden Augen, welche ihr Leben aus den ſeinigen zu empfangen ſchienen; und jedesmal, wenn er nach einem langen Ritte oder botaniſchen Spaziergange wieder in das Haus trat, hatte er eine Art von angenehmer Empfin⸗ dung bei der Bewillkommnung ſeiner Ratte. Im⸗ mer harrte ſie jetzt ſeiner im Saale unten, wo ſie ſich waͤhrend ſeiner Abweſenheit weislich in einer Luͤcke des Täfelwerks verſteckt hielt; bereit, herauszu⸗ Porter Erzaͤhl. 1. 5 66 ſpringen, und ihre Freude durch Herumſpielen um ſeine Schritte an den Tag zu legen⸗ Diejenigen, welche mit warmen und ſehnſuchti⸗ gen Herzen durch umſtaͤnde gezwungen ſind, ein ein⸗ ſames Leben zu fuͤhren, werden dieſe Anhaͤnglichkeit an ein geringeres Geſchoͤpf teicht begreifen. Ein Auge, das demüthig, zärtlich an dem unſtigen haͤngt; ein lebendes Weſen, dem wir wirklich der einzige Gegen⸗ ſtand ſeiner Zuneigung zu ſeyn ſcheinen, wird mit der Zeit fuͤr unſere Gluͤckſeligkeit wichtig. Iſt es nicht ſuͤß, das Leben eines Andern erheitern und be⸗ glucken zu koͤnnen, ſelbſt wenn es das kurze und dunkle Leben eines kleineren Thieres iſt? Mit ſolchen Gefuhlen legte der elegante und be⸗ wunderte Lord Howth, wenn er ſich in ſeiner Biblio⸗ thek allein befand, oft das Buch nieder, um mit ſei⸗ nem ſonderbaren Lieblinge zu ſpielen, deſſen leichte und flinke Spruͤnge aber auch wahrlich eben ſo zier⸗ lich als unterhaltend waren. Zuweilen uͤberraſchte der Lord ſich ſelbſt dabei, daß er ihm von den Win⸗ terſtuͤrmen oder den belebenden Sonnenſtrahlen er⸗ zaͤhlte, als ob das Thier ſeine Bemerkungen verſte⸗ hen koͤnnte. Endlich riefen andere Pflichten unſeren Helden nach der Hauptſtadt, und da er wußte, daß ſein Auf⸗ enthalt daſelbſt einige Monate dauern wuͤrde, wollte er ſeine kleine Geſpielin nicht verlaſſen, bis er ein Mittel zu ihrer Wiedererkennung aufgefunden hatte; denn die Blutflecke waren natuͤrlich lange verſchwun⸗ den, und er uͤberzeugte ſich nur durch ihre tägliche, 67 regelmaͤßige Erſcheinung, daß ſie immer dieſelbe ſey. Des Lords natuͤrlicher Widerwillen gegen das Rattengeſchlecht war nicht ſo voͤllig uͤberwunden, als daß er nicht eine Anwandlung von Ekel und Schau⸗ der empfunden haäͤtte, wahrend er das kleine Geſchoͤpf auf das Knie nahm, und ihm einen Goldfaden um eines ſeiner Beine befeſtigte. Die Ratte litt dieſes Befeſtigen mit ſichtbarem Vergnuͤgen, indem ſie ihren kleinen Kopf ſanft ge⸗ gen die mit dieſem Dienſte beſchaͤftigte Hand rieb, und ihre ſtrahlenden ſchwimmenden Augen, deren Feuchtigkeit von ihm fuͤr Thränen gehalten wurde, zu ihm empor richtete. Er konnte das Schlagen ih⸗ res Herzens fuͤhlen, wie er ſie mit ſanftem Druck in ſeiner Hand hielt; ja, konnte ſogar einen leiſen kla⸗ genden Ton vernehmen, der ſich in ihr ſchnelles Athemholen miſchte. Es iſt unnoͤthig zu bemerken, daß er während dieſer Zeit den Schmerz ſeines klei⸗ nen Lieblings aufrichtig theilte— den naͤchſten Au⸗ genblick lachte er, oder glaubte vielmehr, daß er dar⸗ uͤber lachte. Wie indeſſen Hunderte bei weit ernſteren Ver⸗ anlaſſungen vor ihm gehandelt haben, handelte auch er; er faßte den Entſchluß, nicht mehr an ſeine Ratte oder ihren Schmerz zu denken, ſondern ſie ih⸗ rem Schickſale zu überlaſſen, waͤhrend er ſein Gluͤck anderwaͤrts verfolgte. Lord Howth ging nach Dublin. Dort fürzte er ſich wieder in politiſche Händel und rauſchende 68 Vergnügungen: dort wurde er wieder von der gnä⸗ digen Frau von Loch⸗Erin und ihrer Tochter, und zwanzig andern gierigen Muttern und Toͤchtern ver⸗ folgt. Nach zwei Wochen hatte er ſich an das be⸗ taubende Gewirr von Geſchaͤften und Luſtbarkeiten gewoͤhnt, das uns immer Anfangs in einer Haupt⸗ ſtadt nicht zu uns ſelbſt kommen laͤßt; und er hatte dann Muße, an fruͤhere Vorfälle zu denken. Hier⸗ bei ertappte er ſich eines Tages uͤber dem Gedanken, was wohl aus ſeiner Ratte geworden ſey, und ob ſie wohl gehoͤrig gefuͤttert und in Acht genommen werde, wie er es befohlen habe; den folgenden Tag wuͤnſchte er das kleine Ding ſehen zu koͤnnen. Als ob es um einen ſolchen Wunſch zu erfullen geſchahe, lief denſelben Abend, nachdem er den Be⸗ dienten weggeſandt hatte, eine Ratte unter dem Fu⸗ ße eines Schirms mit einem leiſen, freudigen Schrei hervor. Auch ohne den Goldfaden um das Bein, wuͤrde der Lord ſeine eigene Ratte wieder erkannt haben. Das Gefuͤhl der Freude, mit dem er unſtrei⸗ tig das treue Thierchen wiederſah, und deſſen artige Liebkoſungen aufnahm, wurde durch ſein außerordent⸗ liches Erſtaunen uͤber die Erſcheinung deſſelben an dieſem Orte mehr ais aufgewogen. Es war uner⸗ klärbar. Das kleine Geſchoͤpf mußte wenigſtens ſechs⸗ zehn Stunden gewandert ſeyn, und darauf noch die lebhafteſten Straßen von Dublin durchkreuzt haben; es mußte alſo eben ſo ausdauernd und klug, eben ſo geſchickt im Finden der Wege und Aufſpuͤren ſeines Herrn ſeyn, als je der beruͤhmteſte Hund, und da 65 der goldene Faden jeden Zweifel, daß es eine andere Ratte ſeyn koͤnne, hob, ſo ſtand der Lord außer ſich vor Verwunderung uͤber den ungeahneten Verſtand dieſer kleinen Thiergattung. Lord Howth in Dublin war jedoch ein anderer Mann als Lord Howth in Roskerry: er fuͤhlte ſich durch die Spoͤttereien ſeiner Bekannten uͤber Fraͤulein Olivia Loch⸗Erin's entſchiedene Bewerbung um ihn ſchon zu ſehr gereizt, als daß er ſich durch einen neuen Gegenſtand ihrem Gelaͤchter haͤtte bloß⸗ ſtellen ſollen, indem er dieſen abermaligen Beweis der Klugheit und Zuneigung einer Ratte erzaͤhlte. Da das Thierchen kluͤglich das Haus huͤtete, und ſich in den Hintergrund zuruͤckzog, wenn Be⸗ ſuch angemeldet wurde, ſo war unſer Held im Stan⸗ de, das Geheimniß eine Zeit lang zu bewahren; aber als nachher einige ſeiner alten Freunde von Rosker⸗ ry die ſeltſame Gefaͤhrtin zufaͤllig bei ihm in dem Augenblick bemerkten, wo ſie ſich hinter einen Buͤ⸗ cherſchrank verſteckte, ſo nahmen ſie ſogleich die alte Bekanntſchaft wieder in Anſpruch; legten Fragen vor, erpreßten Antworten, und beluſtigten ſich, den Lord ferner in die Enge zu treiben, da ſie ſeine Verlegen⸗ heit wahrnahmen. Die dem Lord von Natur eigene Empfindlichkeit brachte ihn bald außer Faſſung; und einer dieſer gu⸗ ten, vortrefflichen Menſchen, der auf dieſe Weiſe ent⸗ deckt hatte, wo und wie er ihn qualen koͤnne, ver⸗ fehlte nicht, von dieſem Vermoͤgen alsbald Gebrauch zu machen. 70 Es wurde bald darauf unter den eigentlichen Spottern Ton, den Lord und ſeine Ratte beim Mahl oder Leſen zu uberraſchen; und mehr als einmal hoͤrte dieſer die gefluſterten Worte:»Taſſo und ſein Ver⸗ trauter, der heilige Anton und ſein Schwein, um ſich her toͤnen, bis ihn die Heftigkeit ſeines Tempe⸗ raments zum Aeußerſten, zum ploͤtzlichen Niederſchla⸗ gen des Spoͤtters auf den Boden, hinriß. Obgleich er ſeine kleine Anbeterin gewoͤhnt hatte, ſich, wenn er Gäſte hatte, außerhalb des Geſichtskreiſes derſel— ben zu halten, ſo gab er doch ſelten ein Diner, ohne von irgend einem einfältigen Menſchen oder unerzogenen Fremden, der ihn zu necken beabſichtigte, gefragt zu werden, ob er nicht die Gefaͤlligkeit haben wolle, ihnen ſeine wunderbare Ratte zu zeigen? Die Damen fragten ihn, ob ſie ihm nie zum Parlaments⸗ hauſe oder zur Kirche folge; ob er auch voͤllig gewiß ſey, daß er ſich die ganze Sache nicht einbilde? Kurz, lange ehe der Winter in Dublin zu Ende ging, war der Lord durch eine Art von Verſchwörung, die ſich aus bloßer Neckerei gegen ſeine Ruhe und Empfind⸗ lichkeit gebildet hatte, zur Verzweiflung getrieben; denn, begab er ſich zu Baͤllen und Aſſembleen, um den Witzeleien uber ſein zuruͤckgezogenes Leben zu ent⸗ gehen, ſo fiel er in die Haͤnde des Fraͤuleins Slivia, und erhielt heimliche Gluckwunſche von ihren Mitver⸗ ſchworenen uber eine ſo offenbar gegenſeitige Liebe. Und blieb er, um ſie zu vermeiden, zu Hauſe, ſo wurde er von neckenden Noten und Erkundigungen beſturmt, ob er oder ſeine Ratte krank ſey. . t Endlich war er ſo uͤberdruſſig, ſeine Wuth län⸗ ger im Zaume zu halten,— denn zur voͤlligen Wuth trieben ihn dieſe Spoͤttereien,— daß er den maͤnn⸗ lichen Entſchluß faßte, ſowohl dem Fraͤulein, als der Ratte zu entſchluͤpfen, und ploͤtzlich das Koͤnigreich zu verlaſſen. Nachdem er alle ſeine Angelegenheiten ſo geord⸗ net hatte, um wenigſtens ein Jahr auf dem feſten Lande zubringen zu koͤnnen, machte er einige eilige Abſchiedsbeſuche bei wahren Freunden; und er war an einem ſchoͤnen Morgen gerade im Begriff, ſich nach dem Boote zu begeben, welches ihn nach dem, zwiſchen Dublin und England fahrenden, Poſtſchiffe bringen ſollte, als eine Anzahl ſeiner leichtſinnigſten Bekannten hereintrat, um ihm, wie ſie ſagten, das Geleit zu geben. Der Lord hatte ſeine Ratte, wie er glaubte, zum letztenmal aufgenommen, geliebkoſet und betrach⸗ tet, weil es ihm nicht wahrſcheinlich duͤnkte, daß das Thierchen, der Gnade von Miethlingen waͤhrend ſei⸗ ner weiten Entfernung uͤbergeben, lange am Leben bleiben, und noch weniger, daß ſie ihren Ruͤckweg nach Roskerry nehmen wuͤrde, wo ihr Hert nicht mehr zu finden war. Er konnte dem beinahe bewegungsloſen und traurig ſcheinenden Thierchen nicht die einfachen Worte:»Lebe wohl, mein armes kleines Ding,« ohne inneren Schmerz ſagen; und da das Bewußt⸗ ſeyn, daß ſeine Schwaͤche ihn dazu vermocht habe, ein huͤlfloſes, auf eine ſo unerklaͤrbare Weiſe und 72 doch ſo ſichtbar an ihn haͤngendes Geſchoͤpf zu ver⸗ laſſen, ſein Bedauern erhoͤhete, indem es Verachtung ſeiner ſelbſt damit vermiſchte, ſo wurde ſein Unwille uͤber diejenigen, welche ihn durch ihre Neckereien um Gefuͤhl und Mitleiden gebracht hatten, nur um ſo lebhafter. Eben hatte er ſeine kurzen Abſchiedsworte ge⸗ ſprochen, als der Trupp von Muͤßiggaͤngern ange⸗ meldet wurde. Ueber alle Maßen verdrießlich, beeilte er ſich, ſie an der Schwelle unter dem Vorwande zu empfangen, daß er keine Zeit uͤbrig habe; und an⸗ ſtatt ſie herein zu noͤthigen, bat er ſie gedankenlos, mit ihm zu fahren. Unterweges wurden, unter anderen Gegenſtän⸗ den ihres leichtfertigen Geſchwatzes, auch zwei aͤhnli⸗ che Verfolgungen wie die des Frauleins Olivia und der Ratte beſprochen. Lord Howth wußte wohl, daß ein Mann von guter Erziehung, der keinen Scherz vertragen, und ihn mit unbekuͤmmerter Gelaſſenheit erwiedern kann, mit gleicher Verachtung betrachtet wird, als der Soldat, der vor dem feindlichen Feuer weicht. Er wußte ebenfalls, daß er zum Gelächter der ganzen Welt werden wuͤrde, wenn ein Zank oder Duell aus ſeiner empfindlichen Aufnahme der jetzigen Neckerei entſtaͤnde. Er verbarg daher ſeinen Ver⸗ druß, waͤhrend allerlei poſſierliche Lagen fuͤr ihn und ſeine zwei verliebten Verfolgerinnen erdacht wurden, und eher ſcharfer, als glaͤnzender Witz ſich uber ihn ergoß. Viel Vergnuͤgen gewaͤhrte es ſeinen Gefaͤhrten, — — et —— ——— 73 als einer von ihnen den Lord ernſtlich mit der Fa⸗ milienprophezeiung zu ſchrecken ſuchte; aber dieſe Pro⸗ phezeiung boͤrte er mit ſtoiſchem Gleichmuth an; und die Ruhe wurde nicht geſtoͤrt, bis er am Ufer ange⸗ kommen und auf das Boot wartend, ploͤtzlich ſeine Ratte erſcheinen ſah, keuchend und mit Staub bedeckt, und kaum faähig, ihren ermuͤdeten kleinen Koͤrper zu ihm hinzuſchleppen. Sie war ſeiner Spur vom Phoͤ⸗ nixgarten her gefolgt. Bei dieſem ruͤhrenden Anblick rief der Lord in einem unwillkuͤrlichen Ausbruch ſeines Gefuͤhls aus: »Ach! mein armes kleines Ding, was ſoll ich mit dir anfangen ²« Das Gelächter ſeiner Gefährten wurde nun ſtuͤr⸗ miſch; ſie belaͤſtigten ihn dermaßen damit, daß er in einer Anwandelung von Erbitterung in das Boot ſprang, und den Ruderleuten gebieteriſch befahl, vom Ufer abzuſtoßen. Ungeachtet er ſich ſchämte, das Boot den naͤch⸗ ſten Augenblick umkehren zu laſſen, ſo fuͤhlte er ſich doch beinah eines Verbrechens ſchuldig, als er nach voruͤbergegangenem Zorn den Strand anblickte, wo er ſeinen kleinen Liebling auf ſolche Art zuruͤckgelaſ⸗ ſen hatte; bei jedem Ruderſchlage wurden ſeine Em⸗ pfindungen unangenehmer, und weniger leicht zu er⸗ tragen. Wir ſind gewiß Andern nie unleiblicher, als wenn wir uns mit uns ſelbſt im Kampfe befinden; und Lord Howth, der jetzt ſeine finſterſte Laune hatte, ſchien als Reiſegefaͤhrte ganz beſonders unangenehm 74 werden zu wollen. Dies ſchreckte indeſſen einen ſei⸗ ner ſpottenden Bekannten, der unglucklicherweiſe ei⸗ nen Platz in demſelben Poſtſchiffe nach England ge⸗ nommen hatte, nicht ab, in einem andern Boote zu folgen und die ihm zukommende Stelle in der Kajute in Beſitz zu nehmen. Nit einem ſolchen Geſellſchafter dauerte die trbe Stimmung des Lords waͤhrend der ganzen vier und zwanzig Stunden ihrer ueberfahrt fort. Am Ende dieſer kurzen Periode ſaß unſer Held, nebſt andern Reiſenden bei einem erquickenden Mahle im Wirths⸗ hauſe zu Holzſead. Nach dem Eſſen beobachteten ſie die Ankunft ei⸗ nes andern kleinen Schiffes, das faſt um dieſelbe Zeit mit dem Packetboote abgeſegelt war, und jetzt in den Hafen einlief; da rief ſein Qualer plotzlich aus: „Was gilt die Wette, Howth, entweder Fraͤu⸗ lein Olivia oder Eure Ratte iſt in der Schmake uͤber⸗ gekommen? Ich halte was Ihr wollt; die kleinſte Summe gegen die großte.« „Mein Leben gegen das Eurige, keine von bei⸗ den!⸗ war die heſtige Antwort, die der Lord in dem Augenblicke gab, wo er eben eine große, von einer Steinplatte herabgenommene Muſchel unterſuchte. Indem er es ſprach, ſteckte eine Ratte oder Maus ihren Kopf aus einem Loche in der hoͤlzernen Einfaſ⸗ ſung des Zimmers. Wuthend uͤber das laͤcherliche Zuſammentreffen, ſchleuderte der Lord die Muſchel mit furchterlicher Gewalt von ſich; ſie traf das Ge⸗ 75 ſchoͤpf, als es gerade herausſprang, und ſtreckte es auf der Stelle todt nieder. Aber das arme Thier hatte nach ihm hingeblickt und laut aufgeſchrien, ehe es fiel. Dieſer Sterbe⸗ ſchrei erfuͤllte den Lord mit Schauder. Er ſprang mit Boͤſes ahnender Haſtigkeit vor, und ſo wie er ſah, daß es wirklich ſeine eigene Ratte war, die in Blut gebadet zu ſeinen Fußen lag, wandte er ſich gegen den jungen Mann, deſſen Thorheit ihn hierzu gereizt hatte, mit der Wuth eines Raſenden. Zu⸗ verlaͤſſig wuͤrde er ihn auf der Stelle ſeiner blinden Rachſucht geopfert haben, hätten nicht Andere ſich zwiſchen ſie geworfen, und Lord Howth vor ſchwere— rer Schuld bewahrt, als er jetzt ſchon beweinte. Das Uebermaß ſeines Schmerzes kam in der That dem ſeines Zornes ſo gleich, daß Mitleiden und Nachſicht ſich in die Mißbilligung der Zuſchauer miſchten. Der junge Mann, der ihn ſo gereizt hatte, war von dem Anblick ſo heftig geruͤhrt, daß er nicht anſtand, dies Gefuͤhl zu erkennen zu geben, und den Lord um Verzeihung zu bitten. Dieſe erfolgte wi⸗ derſtrebend, und unter der Bedingung, daß ſie ſich hier, anſtatt den uͤbrigen Theil der Reiſe zuſammen zu machen, von einander trennten. Da einige Geſchaͤfte die Anweſenheit unſeres Helden in London erforderlich machten, ſo ging er dahin ab; blieb dort nur ſo lange, bis ſie beendigt waren; eilte dann nach Dover, ſetzte nach Frankreich uͤber, und durchreiſete zwei Jahre lang die ſchoͤnſten Laͤnder des feſten Landes. 76 Allein Lord Howth war nicht mehr derſelbe auf⸗ geheiterte und aufheiternde Mann: der Sterbeblick und Sterbeſchrei ſeines armen kleinen Lieblings ver⸗ folgten ihn Tag und Nacht, und miſchten Bitterkeit in jene geiſtigen Genuͤſſe, die der Lord unter allen Maͤnnern am beſten geeignet war, auf dem klaſſiſchen Boden Italiens und Griechenlands zu finden. Er wandelte unter den Rieſenſchatten des Coliſeums, und ſtand auf der ſchweigenden Ebene von Marathon mit Gefuͤhlen, die durch die Verurtheilung ſeiner ſelbſt getrübt und zerriſſen waren- Er klagte ſich beſtaͤndig an, nicht wegen der ploßen abſichtsloſen Hondlung des Mordes, wie er kraͤftig die Toͤdtung ſeiner Ratte nannte, ſondern wegen der ſtrafbaren Heftigkeit ſeines Temperaments, welche ihn eben ſo wohl zu dem Morde eines menſch⸗ lichen Weſens gefuͤhrt haben könnte. Es iſt wahr, der Wurf, der den Tod veranlaßt hatte, war bloß dem Leichtſinn eines Andern zuzuſchreiben; doch mußte auch der Lord nicht ohne Schuld ſeyn, weil die ei⸗ gene Strafe der Handlung auf dem Fuße folgte, in⸗ dem ſie ihn auf die grauſamſte Weiſe des harmloſen leinen Geſchoͤpfes, das ihm aus Anhaͤnglichkeit ge⸗ folgt war, beraubte. Außerdem lag etwas Bitteres in dem Gedanken, daß man die That der Furcht, als Folge der alten Familienprophezeiung, beimeſſen koͤnnte, Abwechſelnd von dieſen beiden Ideen gepeinigt, wurde der Lord nach und nach finſter und launiſch; er reiſete allein; ſah jeden merkwuͤrdigen Gegenſtand — allein; vermied alle Vergnuͤgungen, und verlor bald ſeine Geſundheit. Nach dem Verlauf von zwei Jahren war er wirklich ſo krank, daß man ihm den Rath gab, nach Frland zuruͤckzukehren, um zu ſehen, ob das vater⸗ laͤndiſche Clima ihm nicht beſſer bekomme. In das vaterlaͤndiſche Clima kehrte alſo der Lord zuruͤck, und nahm nochmals ſeinen Aufenthalt in Roskerry. Aber nach Roskerry wurden die Froͤhlichen und Leichtſinnigen nicht laͤnger eingeladen. Der Herr des Gutes fuͤhlte, daß ſeine Abneigung gegen ſolche Ge⸗ ſellſchaft unbeſiegbar ſey; denn war es nicht in einem aͤhnlichen Kreiſe, wo ſein Herz die Wunde empfan⸗ gen hatte? Mit der Abnahme ſeiner Koͤrperkraͤfte verlor auch ſein Geiſt ſeine natuͤrliche Stimmung. Gefuͤhl und Phantaſie wurden thätiger bei ihm, ſo daß man in Wahrheit ſagen konnte, er ſterbe vor Reue und aberglaͤubiſcher Furcht. Als er alle Vorſtellungen ſei⸗ ner Vernunft unvermoͤgend fand, den Gedanken an Blutſchuld, der ihn verfolgte, zu verbannen; fing er an, dem Argwohne Raum zu geben, daß ſeine Per⸗ ſon die alte Prophezeiung in Erfuͤllung zu bringen, beſtimmt ſey; und je mehr er ſeinen unverhaltnißmaͤ— ßigen Kummer mit dem Gegenſtande deſſelben ver⸗ glich, deſto mehr uͤberzeugte er ſich, daß etwas Ueber⸗ natuͤrliches und Wunderbares darin liege. Von dieſem Augenblick an hoͤrte Lord Howth auf, gegen ſeine Krankheit und ſeinen Schwermuth 78 anzukaͤmpfen, obwohl er kraftiger als je zuvor ſeinem Hange zum Zorne widerſtrebte. Seine Pflichten als Menſch und großer Gutsbeſitzer erhielten eine hoͤhere Wichtigkeit in ſeinen Augen, und die Erfuͤllung der⸗ ſelben wurde fur ihn weit mehr eine Sache des Ge⸗ wiſſens, als jenes Ehrgeizes, der ihn fruͤherhin hin⸗ geriſſen hatte, ſich im Parlament und in oͤffentlichen Verſammlungen auszuzeichnen. Der Gedanke an ei⸗ ne zukunftige Verantwortlichkeit und jene erhabenen Wahrheiten, die vielleicht in einer ſolchen Erzählung wie dieſe nicht genannt werden ſollten, machten of⸗ fenbar einen tieferen Eindruck auf ihn. Sey dem aber, wie ihm wolle, der Charakter unſeres Helden wurde ſichtbar durch Leiden gebeſſert; denn er gab ſich weniger ſelbſtſuͤchtigen Vergnuͤgungen hin, als damals, wo er ein gluͤcklicher Mann warz las und ſchrieb wenig; widmete die Zeit, die er den bloß eleganten Arbeiten entzog, den thätigeren Be⸗ ſchaͤftigungen des veredelnden Landwirthes und Rich⸗ ters. Sein Gut verſprach ſeinen Erben bald eine reiche Erbſchaft, und ſowohl die Einwohner des Lan⸗ des im Ganzen, als ſeine Pachter, ſahen Schulen, Hoſpitäler und Armenhaͤuſer für ihre Belehrung und Wohlfahrt emporſteigen. Der Gruͤnder dieſer mil⸗ den Stiftungen fuͤhlte ſein Herz durch den Anblick Anderer, die aus ſeiner Hand empfangene Wohltha⸗ ten genoſſen, erleichtert, wenn auch nicht geheilt. Die Ruͤckkehr des Lords nach ſeinem Gute, nebſt dem veränderten Zuſtande ſeiner Koͤrper- und Geiſteskräfte, machten naturlich das allgemeine Stadt⸗ 75 und Landgeſpräch aus. Die ſonderbare Geſchichte ſeiner Ratte wurde oft erzaͤhlt, aber bald ohne Spoͤtterei; denn faſt Alle kamen darin uberein, daß des jungen Lords jetzige Stimmung gaͤnzlich jener außerordentlichen Begebenheit zuzuſchreiben ſey. Ver⸗ nuͤnftige Menſchen erklaͤrten ſeinen Zuſtand als Folge von Gewiſſensbiſſen und einer leicht entzundeten Phantaſie: abergläubiſche dagegen glaubten einfach, daß ſich in ihm die Prophezeiung erfuͤlle. Unter de⸗ nen, die eher der letztern Meinung waren, befand ſich ſeine unverheirathete Tante, Fraͤulein Florentia O Grady; eine Dame, die nicht ſobald von ihres Nef⸗ fen Ruͤckkehr und Gemuͤthszuſtande horte, als ſie ſich nach Roskerry begab, und auf ihre eigene Einladung ihren Wohnſitz innerhalb des Schloſſes aufſchlug. Fraulein Florentia war ein liebevolles, vortreffli⸗ ches Frauenzimmer, von wenigen Worten und ohne Umſtaͤnde. In dem langen Beſuche einer ſolchen Per⸗ ſon lag Nichts, was ſelbſt den Traurigſten oder Muͤrriſchſten hätte beläſtigen koͤnnen; und ihr Neffe empfing ſie daher mit dankbarer Liebe. Mit dem richtigen Takt, den wahres Gefuhl verleihet, fand das würdige Fraulein bald, daß, wenn ſie den Lord aus ſeiner Schwermuth zu reißen hoffen wollte, ſie ihm weder Predigten halten, noch ſich ihm aufdraͤngen, oder ihn mit Fragen quaͤlen duͤrfte; ſon⸗ dern daß ſie aufmerkſam ſeyn muͤßte, welche Art von Freuden ihm die liebſten wären, um auf dieſe Weiſe ein Mittel zu finden, ſeine Genuſſe zu vervielfaltigen. Sie bemerkte bald, daß fuͤr ihn jetzt Freuden nur 80 in nutzlichen Beſchaͤftigungen geſucht werden muͤßten; und ſie entwickelte keine geringen Talente, um ihm Gelegenheit zu verſchaffen, dieſen lobenswerthen Ge⸗ ſchmack zu verfolgen. um ſeine Geſundheit wieder herzuſtellen, bereitete ſie ihm mehrere Arzeneien und ſtärkende Getraͤnke. Der Lord war nicht ſo undankbar, als daß er deren Annahme aus der duͤrren Hand haͤtte verweigern ſollen, die ihn ungeachtet ſeiner truͤben Stimmung mit lieb⸗ reicher Geduld wartete. Seine Geſundheit nahm da⸗ her nicht mehr ſo ab, als Anfangs, wo er, alle Nah⸗ rihig wegen Krankheit der Seele mit Widerwillen zu ſich nehmend, Keinen hatte, der ihn das Unrecht, ſich einem ſolchen Zuſtande hinzugeben, erkennen ließ. Seine fruͤheren Kraͤfte kehrten zum Theil zuruͤck; und er brachte es wenigſtens dahin, ſeine Trauer durch ein gelegentliches Laͤcheln zu verbergen, wenn auch ſein Geiſt die fruͤhere Energie nicht voͤllig wie⸗ der erhielt. Es war jetzt Herbſt; der October ging zu Ende, und fuhrte den Tag herbei, wo unſer Held vor drei Jahren das arme kleine Opfer ſeines ungezähmten Temperaments, nun der Gegenſtand ſeiner beinahe allzu zaͤrtlichen Erinnerung, zum erſtenmal geſehen hatte. Statt dieſen Tag niedergeſchlagen und fuͤr ſich allein hinzubringen, wie er es bisher gethan hatte, widmete ihn der Lord jetzt der Austheilung von Wohlthaten; ſo daß er erſt nach dem fruͤhen, in Ge⸗ ſellſchaft des Frauleins Florentia eingenommenen 81 Mittagseſſen ſich den hohen Genuß gewaͤhrte, einen einſamen Spaziergang laͤngs dem Strande des Mee⸗ res zu machen. Es wird nicht geſagt, ob der Lord dem Anden⸗ ken ſeines Lieblings Thraͤnen oder nur Seufzer wei⸗ hete, als er langſam uͤber das felſige Geſtade ſchritt, und der Himmel uͤber ihm in drohende Finſterniß ge⸗ huͤllt war. Das iſt gewiß, er war traurig und nach⸗ denkend; auch erwachte er nicht eher aus ſeinen Traͤu⸗ mereien, bis ſeine Augen ein kleines Schiff erblick⸗ ten, das mit zerriſſenen Segeln gerade auf die Fel⸗ ſen an der Kuͤſte zutrieb. Den nächſten Augenblick ſah er den Blitz einer Kanone, die als Zeichen der Noth geloͤſet wurde; den Schall konnte er nicht hoͤ⸗ ren, weil dieſer nebſt dem Geſchrei der Ungluͤcklichen im Sturme verhallte. Unſer Held, der bis dahin weder den brauſenden Wind gehoͤrt, noch bemerkt hatte, daß einer ſeiner Leute ihm aͤngſtlich aber liebevoll auf allen ſeinen Schritten gefolgt war, erblickte jetzt den Mann, und hieß ihm alles Moͤgliche anwenden, um ein Boot und mehrere Huͤlfe herbeizuſchaffen. Wahrend ſeine Befehle befolgt wurden, und er ſelbſt dabei thaͤtig war, rannte ſchon das Fahrzeug, welches ſich ihnen wegen eines Vorgebirges, das es umſegelte, wie eine plotzliche Erſcheinung gezeigt hatte, gegen einen Felſen; dann wurde es unter den Wo⸗ gen begraben. Es ſank vor ſeinen Augen mit furcht⸗ barer Stille in den Abgrund. Nur eine menſchliche Geſtalt ſah man nach dem Porter Erzaͤhl. 1. 6 82 Untergange des Schiffes auf den Wellen ſchwimmen; es war die eines Frauenzimmers, welches ſich in dem Augenblick, wo das Schiff den Felſen traf, in das Meer geſturzt hatte. Noch immer heftig und ungeſtum, ſprang unſer Held, der Zeuge dieſer That geweſen war, in das ſchaͤumende Meer; und da die Wellen gluͤcklicherweiſe die weibliche Geſtalt ihm entgegentrieben, ſo gelang es ihm, ihr weißes Gewand zu faſſen, und ſie durch die fuͤrchterliche Brandung an das Ufer zu ziehen⸗ Die Dame ſchien voͤllig todt zu ſeyn; aber der Lord, von der Hoffnung beſeelt, daß ihm an dieſem Tage, wo er ein von ihm geraubtes Leben beklagte, die Rettung eines andern gelingen werde, trug ſie auf ſeinen Armen, als ob er mit uͤbernatuͤrlicher Staͤrke begabt ſey, nach dem Schloſſe, und hatte dort die Freude, unter dem Beiſtande Florentias, ſei⸗ ne Bemuͤhungen von einem gluͤcklichen Erfolge ge⸗ kroͤnt zu ſehen. Selbſt da, als die ſchoͤne Unbekannte noch be⸗ ſinnungslos auf ſeiner Schulter lag, bemerkte er ſchon die ungemeine Lieblichkeit ihrer Geſtalt und ihrer Zuͤge; das zuruͤckgeſunkene Haupt ließ die alabaſterne Weiße des Halſes entbecken, und das glaͤnzend ſchwarze Haar fiel, vom Meereswaſſer ſtroͤmend, uͤber eine Wange, die nur der Farbe zur Vollendung einer ſeltenen Schoͤnheit bedurfte. Selbſt dieſe todten Reize feſſelten ſein bewunderndes Auge. Als aber, zum Leben zuruͤckgekehrt, die Fremde ihre ſchwimmenden ſchwarzen Augen aufſchlug und ſen; dem das nſer das iſe lang urh det ſem gte, icher atte ge 83 ſie auf ihn heſtete, durchzuckte ihn dieſer Blick mit einem nie gekannten Gefuͤhle; und von dieſer Minute an, ſah er ſicherlich weniger mit den Augen, als dem Herzen. So wie Fraͤulein Florentia die Gerettete anre⸗ dete, ſchuͤttelte dieſe traurig den Kopf, legte die Hand auf das Herz, als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit, und ſprach in Silbertonen, die von einem Thraͤnen⸗ ſtrom begleitet waren, einige Worte in einer unbe⸗ kannten Sprache. Aus dieſen Blicken und Geberden erfuhren Tante und Neffe, daß Alles, was ihrem neuen Gaſte ge⸗ hoͤrte, mit dem untergegangenen Schiffe verloren ge⸗ gangen ſey, und in Erwiederung verſuchten ſie der Unbekannten durch Zeichen verſtaͤndlich zu machen, daß es ihr Wunſch waͤre, dieſen ſchweren Verluſt ſo viel wie moͤglich zu erſetzen. Die Fremde ſchien mit einem wunderbaren Ver⸗ moͤgen begabt zu ſeyn, Zeichen und Geberden zu ver⸗ ſtehen; denn als der Lord laut ihre Schoͤnheit pries, erroͤthete ſie himmliſch mild, obgleich die Sprache, in der er es ſagte, ihr nicht bekannt ſeyn konnte; und ob ihre feuchten Augen durch ſußen Blick, oder durch die Schatten dunkler Wimpern ſprachen, ſie druͤck⸗ ten immer auf andere Art Dankbarkeit und erhöhete Achtung aus. Jedesmal, wenn Lord Howth ihnen begegnete, kamen aus den Tiefen dieſer ſchoͤnen Augen Blicke von einer ſolchen ſchmelzenden Sanftheit, und das lebhafte Beſtreben, ſich ihm verſtaͤndlich zu machen, 84 zeigte ſich ſo deutlich darin, daß er ſchon weite Fort⸗ ſchritte in der Liebe gemacht hatte, ehe er ſich uͤber⸗ zeugte, daß das, was er ſahe, kein ſeliger Traum ſey. Es war offenbar, daß die ſchoͤne Unbekannte Bewußtſeyn gehabt habe, waͤhrend ſie ſich in den ret⸗ tenden Armen des Lords befand; denn ſobald ſie ihn anſah, ſchienen ſo viele zaͤrtliche Empfindungen in ih⸗ rem ſtets zuruͤckgezogenen und ſtets wiederkehrenden Blicke gehaͤuft zu ſeyn, daß nichts Geringeres als die wirkliche Kenntniß, wer ihr Retter geweſen ſey, dieſe beſondere Richtung ihrer Gefuͤhle erklären konnte. Alles, was Gaſtfreundſchaft und liebevolle Theil⸗ nahme nur gewaͤhren konnten, wurde ſchnell von Fraͤulein Florentia geleiſtet; die Dame wurde in das ſchoͤnſte Zimmer gefuͤhrt, wo ſie Nachtkleider vorfand; und nachdem ſie diejenigen Erfriſchungen genommen hatte, welche ihr von dem Fraͤulein empfohlen waren, der Ruhe uͤberlaſſen. Der folgende Morgen war heiter und ſtill; er enthuͤllte glaͤnzend den letzten ſchönen Herbſttag. Der Ocean zeigte ſich lächelnd und ſpiegelglatt; lächelnd und ſpiegelglatt, ach! uͤber den Truͤmmern des am Abend vorher geſunkenen Schiffes. Alma, wie ſich die fremde Dame nannte, wandte die Augen von den ſchimmernden Wellen ab, als ſie, in den Saal tretend, vor einem Seitenfenſter vorbei ging, das die Ausſicht auf das Meer gewährte. Doch eilte ſie mit erroͤthender Haſt dem Lord, der hn den 6 ihr die Hand bot, entgegen; ergriff dieſe, und preßte ſie an ihre Lippen. Seltſam und entzuͤckend war das Gefuͤhl, wel⸗ ches ihn bei dieſer unerwarteten Handlung durch— ſchauerte.— So wie ſich ſeine Zuͤge entflammten, ließ Alma ſeine Hand los, und wandte verwirrt ihre Augen ab; aber den Augenblick darauf heftete ſie dieſe Augen, voll von zarter weiblicher Dankbarkeit, wieder auf ihn. Unſer Held wußte ſich das Entzuͤckende ſeiner Gefuͤhle nicht zu erklaͤren; es gruͤndete ſich auf die Ueberzeugung, daß dieſe Gefuͤhle von Alma getheilt und gebilligt wuͤrden. So ſtark war dieſe Ueberzeu⸗ gung und— wie widerſinnig er ihm auch vorkam — ſo entſchieden ſein Glaube, daß Alma ein lieben⸗ des und geliebtes, ihm zuruͤckgegebenes Weſen ſey, daß es ihm unmoͤglich wurde, ſie zu beherrſchen. Von dieſem Augenblick an erhielt Lord Howth Geſundheit und Munterkeit, wie durch einen Zauber⸗ ſchlag, wieder. Seine fruͤhere krankhafte Reue wich dem Vergnuͤgen, taͤglich ſich den Beduͤrfniſſen und Wuͤnſchen eines liebenswuͤrdigen menſchlichen Ge⸗ ſchoͤpfes widmen zu koͤnnen, das von dem großen Beherrſcher der Winde und Wellen in ſeinen Schutz gegeben zu ſeyn ſchien. Almas Unfaͤhigkeit, ſich durch Worte verſtaͤndlich zu machen, die Schwierigkeiten von ſeiner Seite, ihr Alles, was er fuͤhlte und dachte, auszudruͤcken, erho⸗ heten ſeine Theilnahme, und verſuͤßten ihm ſeine aͤngſtliche Sorge. 86 Seine Freigebigkeit verſah ſie zu ihrer Kleidung mit allen Arten von eleganten und koſtbaren Stof⸗ fen, woraus ihre ſchoͤnen Haͤnde Anzuge verfertigten, welche denen ganz unaͤhnlich waren, die von den Da⸗ men derjenigen Laͤnder, die der Lord entweder aus eigener Anſicht oder aus Buͤchern kannte, getragen wurden; aber ſie kleideten Alma auf eine eigenthum⸗ liche, reizende Art. Die Worte, die ſie in heftiger Bewegung aͤußerte, gehoͤrten auch einer Sprache an, die er nie gehoͤrt hatte; es wurde bald ein ihm theu⸗ res Amt, ihr einzelne Ausdruͤcke der ſeinigen zu lehren. Aber die Sprache ſchien unnoͤthig, um ihr ſeine Wuͤnſche mitzutheilen; ſie ſchien eine ihr angeborene Kenntniß von allen ſeinen Neigungen, Gewohnheiten und Eigenthuͤmlichkeiten zu beſitzen. Haͤtte ſie Jahre lang mit ihm in haͤuslichem Umgange gelebt, ſie hätte nicht beſſer geeignet ſeyn koͤnnen, fuͤr ſeine kleinen Bequemlichkeiten zu ſorgen, und alles Unangenehme von ihm entfernt zu halten. Kurz Alma ſchien nur allein fuͤr den Lord zu leben. Alma bewies indeſſen bei jeder beſondern Gele⸗ genheit, daß ſie die hoͤheren Anſpruͤche der geſelligen Pflichten nie uͤber dem Entzuͤcken, ihrer obwohl reinen Leidenſchaft nachzuhaͤngen, vergeſſe;— ſie vernach⸗ läſſigte nie die liebevolle bejahrte Tante um des Nef⸗ fen willen; und ſo wie ſie die Sprache des Landes, das ihr Schutz verlieh, erlernte, ahmte ſie dem Manne, den ſie liebte, nach, indem ſie ſich beſtrebte, in jenem nuͤtzlich zu werden. ———————— zu eine ene ten hre ätte inen hme nur ele⸗ jgen inen ach⸗ Nef⸗ des, dem ebte, 37 Allein beſuchte ſie im rauheſten Schneewetter die Huͤtte und die Schulen; ſie arbeitete fuͤr den Huͤlfloſen; wachte an dem Lager des Kranken, und ſtuͤtzte freundlich den Lahmen, der ſonſt vergebens einen freundlichen Arm geſucht haben wuͤrde, um ihn hinaus in den Sonnenſchein zu fuͤhren. Eine ſolche tugendhafte Thaͤtigkeit, verbunden mit der augenfalligen Verehrung einer leitenden Vor⸗ ſehung, unterdruͤckten die unnatuͤrlichen, anfangs von den Vaſallen und Dienern des Lords gehegten Be⸗ ſorgniſſe, daß die Dame eine Hexe, und die Liebe ihres Herrn fuͤr ſie, die Wirkung der Zauberei ſey. Fraͤulein Florentia war die erſte, die dieſe Meinung mit Verachtung verwarf, und die von ganzem Her⸗ zen ihre Zuſtimmung gab, als ihr Neffe ſie von ſei⸗ ner Abſicht, ſich mit Alma zu verbinden, benach⸗ richtigte. Auf irgend eine geheime, nur den Liebenden be⸗ kannte Weiſe, errieth Alma ſeine Abſicht unſtreitig bald, und unſer Held uͤberzeugte ſich ſelbſt, daß ihr Herz Nichts dagegen habe; aber da er einſah, daß ſie nicht geſetzlich die Seinige werden koͤnnte, ohne jene Gelubde auszuſprechen, welche die Liebe mit der Pflicht verbinden, ſo ſetzte er ihren Unterricht mit alle dem Eifer fort, den vorausempfundenes Ent⸗ zuͤcken einfloͤßen kann. Alle fruͤheren Beſchäftigun⸗ gen, Schmerzen und Genuͤſſe waren in ihr vergeſſen; die Geſundheit kehrte mit ſeinem Gluͤcke zuruͤck; und der Hang zur Geſelligkeit mit dem Stolz uͤber den Gegenſtand ſeiner Liebe. Roskerry oͤffnete wiederum 88 Freunden und Reiſenden ſeine Thore, und trat wie⸗ derum in den alten Ruf, der Sitz der Gaſtfreund⸗ ſchaft und Froͤhlichkeit zu ſeyn. Die Gegenwart des Fräuleins OGrady und das Benehmen der ſchoͤnen Fremden, beugten gluͤckli⸗ cherweiſe ſowohl dem Spott als der Verlaͤumdung vor. Staunen und Neugierde miſchten ſich indeſſen in die Bewunderung, die ſie einflößte; und Einige, welche ihre feine Alabaſterhaut betrachteten, fluͤſterten ſich heimlich zu, daß das durchſchimmernde Licht mehr als ſterbliches Licht ſey. Gewiß ſchien es ihnen zu ſeyn, daß die von ihnen Angeſtaunte und von Lord Howth Angebetete, ein ſeliges Weſen ſey, das nur eine Zeit lang und wegen geheimnißvoller Urſachen auf dieſer Unterwelt zu wandeln beſtimmt waͤre. Gluͤcklicherweiſe kam dieſer Glauben dem Lord nicht zu Ohren. Seine ſchoͤne Schuͤlerin erwarb ſich ungeſtort die nothwendigen Kenntniſſe, um bei der Trau⸗ ungsfeierlichkeit die geſetzlichen Vorſchriften befolgen zu können; und ſo wurden ſie an einem ſchoͤnen Morgen unter den Gebeten und Segnungen ihter Pachter und Diener vermaͤhlt. Die Sage verſichert uns, daß nie eine Verbin⸗ dung gluͤcklicher war. Beide, Alma und ihr Gatte, ſchienen einer in dem andern die traurigen Vorfaͤlle ihres vergangenen Lebens zu vergeſſen, waͤhrend ſie dennoch ſich gewiſſenhaft den Gegenſtaͤnden zu wid⸗ men fortfuhren, welche, auch ohne mit ihrem haͤusli⸗ chen Gluͤck in Verbindung zu ſtehen, ihre Zeit und Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. Die Sprache wie⸗ nd⸗ und ckli⸗ ung ſſen rten ehr ord nut chen ord ſi rau⸗ gen nen er in⸗ tte, lle ſie id⸗ 6li⸗ unb che 89 hoͤrte auf, ihre Wichtigkeit bei einem Paare zu be⸗ halten, bei dem»der Gedanke zum Gedanken flog, und der Wunſch dem Wunſche zuvorkam.« Alma fing jedoch an, das Iriſche und Engliſche mit gelaͤufiger Eleganz zu ſprechen; und war daher im Stande, ein thoͤrichtes Verlangen des Lords mit Worten zuruͤckzuweiſen, wie ſie es bisher durch ernſte That gethan hatte. Dies beſtand darin, ihm zu er⸗ lauben, daß er ihr ein kuͤnſtlich gearbeitetes Armband abnehme, welches ſie beſtaͤndig trug, und worauf ſie augenſcheinlich einen hohen Werth ſetzte. Sobald ſie es ihrem Gatten ſagen konnte, verſi⸗ cherte ſie ihn, daß deſſen Abnahme ihr das Leben koſten wuͤrde; denn ſie hielte es eben ſo werth, als ihr Daſeyn. Lord Howth ſchloß natuͤrlich, daß es das Ge⸗ ſchenk eines nahen und geliebten, jetzt nicht mehr le⸗ benden Verwandten ſey, der es ihr vielleicht in der ſchrecklichen Stunde des Schiffbruchs gegeben habe; er ſtand alſo eine Zeit lang von dem Verſuche, es ihr zu nehmen, ab. Aber leider wurde er von einer Art eiferſuͤchtigen Argwohns ergriffen, als ſie einſt lächelnd ſeine Bitte abſchlug, es durch ein anderes von ſeiner Hand zu erſetzen. Gereizt und beunru⸗ higt fragte er ſie zornig, ob es denn wohl die Gabe eines beguͤnſtigten Liebhabers ſey. Alma, die die Wahrheit ſelbſt war, geſtand, daß Einer es um ih— ren Arm gelegt habe, der ſie zaͤrtlich liebe; und daß, wenn der Lord ihres unbeſchraͤnkten Zutrauens auf ſeine Treue und Ehre und Liebe wuͤrdig wäre, er ſich mit ihrer feierlichen Verſicherung begnugen wurde, daß ſie ihn, ihren Gatten, mit ungetheiltem Herzen liebe, und dies von dem erſten Augenblick an, wo ſie ihn geſehen, gethan habe. Sie beſchwor ihn, er moͤge ſie nie wieder durch eine Wiederholung dieſer Nachfrage kränken; ſondern das Armband ruhig an ſeinem Platze, wo es freudebringend wirke, laſſen; durch ein ſolches Benehmen wuͤrde er ihr einen Be⸗ weis jenes Vertrauens geben, ohne das ſie nicht leben koͤnne. Zum erſtenmal ſeit ihrer Verbindung aͤußerte ſich des Lords ungeſtuͤnes Temperament; außer ſich vor Zorn, uͤberließ er ſich der ganzen Hef⸗ tigkeit ſeiner Eiferſucht und Leidenſchaft; und endigte damit, daß er ſie wuͤthend befragte, was die Folge davon ſeyn wuͤrde, wenn er dieſen verhaßten Schmuck ohne ihre Einwilligung abnehme. Alma hatte ihn waͤhrend der ganzen Zeit mit einem Blick angeſehen, der ſeinen trauernden Schutz⸗ engel verkuͤndete. Thraͤnen ſtroͤmten aus ihren Augen, als ſie, ihn zaͤrtlich in ihre Arme ſchließend, die Worte ſprach:»Der Tod Deiner Alma!— Ich wiederhole es, ich kann nicht leben, wenn Du Dich der ſtrafbaren Heftigkeit Deiner Natur uͤberlaͤßt. Sey auch uͤberzeugt, daß es Dein ungluͤckliches Miß⸗ trauen, Dein Temperament, nicht der Verluſt des Schmuckes iſt, ſo ſehr ich ihn auch ſchatze, der mein Tod ſeyn wird. Oh Gerald, wenn Du Deine bisher zu gluͤckliche Alma liebſt, ſo verlaß Dich unbedingt auf ihre Treue.« »Ob ich Dich liebe, Alma!«— und mit dieſer rde, erzen o ſie er dieſet g an ſſen; Be⸗ nicht dung ent; digte zig muck mit chut⸗ gen, die Ich Dich des mein iöhet dingt irſer ——— 91 leidenſchaftlichen Erwiederung ihrer Zaͤrtlichkeit und ihres Vertrauens, druͤckte ſie der anbetende Gatte ſei⸗ nerſeits an ſeine Bruſt; und fuͤr dasmal war der Gegenſtand ihres Zwiſtes vergeſſen. Wenige Wochen nach dieſem Auftritte war der Lord eines Morgens fruͤh aufgeſtanden, um zum Ba⸗ den zu gehen; ehe er ſich hinunter in den Saal be⸗ gab, kehrte er leiſe noch einmal aus ſeinem Zimmer zuruͤck, in der Abſicht, ſeiner ſchlummernden Alma einen Kuß zu rauben. Das Wetter war ungewoͤhnlich warm; Alma hatte, ohne es zu wiſſen, einen Theil der Decke ab⸗ geworfen, ſo daß Geſicht und Schultern keine andere Huͤlle hatten, als die wallenden Locken ihres uͤppigen Haars. Durch die glaͤnzende Schwaͤrze deſſelben blickten die roſenfarbenen Wangen und der weiße Alabaſterhals in beinahe blendender Schoͤnheit. Waͤhrend der entzuͤckte Gatte ihren Schlummer betrachtete, enthuͤllten ſich die Roſen ihrer Wangen mit jedem ſanften Athemzuge mehr und mehr und nahmen eine hoͤhere Farbe an. Zugleich Liebender und Dichter ſprach der Lord fuͤr ſich: „Aurorens Kuͤhle, Fächelnd die lebenden Roſen auf ihren Wangen, Weht mir den lieblichſten Wohlgeruch zu.“ Er wuͤrde vielleicht ſeine Rhapſodie zu Ende ge⸗ bracht haben, wenn nicht Alma ihre Lage veraͤndert, und einen Arm aus dem Bett geſtreckt hätte. Es war der, an dem ſie das Armband trug! Dem Pa⸗ riſchen Marmor gleich, und wie von der Kunſt des 92 Bildhauers gerundet, zog dieſer ſchoͤne Arm das Auge des Lords auf ſich; allein es war weder die unver⸗ gleichliche Form, noch waren es die blauen Adern, die ſich unter der durchſichtigen Haut einander kreu⸗ zend durchſchnitten, welche ihn feſſelten und gebannt hielten;— es war das unheilbringende Armband. Alma ſtieß einen ſchweren Seufzer aus; der Lord betrachtete ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit; ſie hatte im Schlafe geſeufzt. Er ſah wieder auf den Arm und trat einige Schritte naͤher; das Licht fiel jetzt gerade auf ihr Antlitz, das durch die Ver⸗ aͤnderung ihrer Lage dem Auge voͤllig bloßgeſtellt war; Thraͤnen ſtanden auf ihren Wangen, wie Thau⸗ tropfen auf friſchgebrochenen Roſen. „Sie traͤumt von ihrem fruͤhern Geliebten!« ſprach er in ſich,»vernichtet ſey jedes Andenken an ihn!« und wie er es ſagte, zog er im augenblicklichen Wahnſinne den toͤdtlichen Schmuck ab. Alma erwachte mit einem durchdringenden Schrei; nur einmal vorher war der Lord von einem Schrei ſo durchzuckt worden. Sie oͤffnete ihre Augen, und richtete ſie auf ihn;— dieſer Blick!— er traf ſein Herz, es war der letzte aus ihren brechenden Augen. Sie verſuchte mit ausgeſtreckten Armen ſich zu erhe⸗ ben, um ſeiner wilden Umarmung entgegen zu kom⸗ men; aber in dem Bemuͤhen ſelbſt ſchloſſen ſich ihre Augen, und ſie ſank zuruͤck auf das Kiſſen, nicht laͤn⸗ ger mehr ſeine lebende Alma. Außer ſich, doch be⸗ Staubt, ſtand der Lord einige Augenblicke aller Bewe⸗ gung unfähig. Alma war vielleicht nur ohnmaͤchtig Auge nver⸗ dern, fru⸗ hannt . der nkeit; auf Licht Ver⸗ ſtelt ha⸗ ten! nan ichen hreiz und ſein gen⸗ ethe⸗ kom⸗ ihte län⸗ N. ewe⸗ htig 93 geworden durch das Uebermaß ihrer Empfindungen! Doch nein! Es liegt ein furchtbares Etwas in der Gegenwart des Todes, das ſich ſogleich offenbart;— wer kann es verkennen? Während der Gatte, von Schmerz zerriſſen, wie angewurzelt neben dem Bette ſtand, ſah er etwas in der Naͤhe von Alma ſich be⸗ wegen; Entſetzen und Schauder ergriff ihn, als er eine Ratte hervorkommen ſah, die ihm einen ſolchen Blick, wie ihm Alma gegeben hatte, zuwarf, und aus ſeinen Augen verſchwand. Graͤßliches ahnend, ſah der Lord auf das Armband in ſeinen krampfhaft ver⸗ ſchlungenen Haͤnden; die Außenſeite war praͤchtig ge⸗ arbeitet; aber inwendig fand er denſelben Goldfaden, den er um den Fuß ſeines kleinen Lieblings geknuͤpft hatte. Von tauſend ſtreitenden und wilden und ent⸗ ſetzenden Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, die ihn zugleich beſtuͤrmten; getheilt zwiſchen den Gedanken an einen guten und boͤſen Geiſt; und uͤberzeugt, daß er entweder mit dem einen oder dem andern gelebt habe, verließ ih eine Zeit lang ſeine Beſinnung; und als ſeine Diener ihn fanden, war er kalt und ohne Bewußt⸗ ſeyn, wie die ſchoͤne Leiche, auf der er lag. Der Lord lebte nur noch kurze Zeit nach dieſer außerordentlichen Begebenheit. Er war Katholik; ſich in ein Kloſter zuruͤckziehend, widmete er ſeine wenigen uͤbrigen Tage der Buße und dem Gebet. Es heißt, er ſey mit einem beruhigten Gemuͤthe ge⸗ ſtorben; denn er hielt ſich uͤberzeugt, daß es ein ſeli⸗ ger Geiſt geweſen ſey, mit dem er in einer ſo rei⸗ mittheilen, erzaͤhlen ſie folglich ohne Schauder. 94 nen und heilverbreitenden Verbindung gelebt habe; und daß dieſes Gluͤck von ihm verſcherzt worden ſey, weil er ſich der Schwache ſeiner irdiſchen Natur hin⸗ gegeben, nachdem er ſie beinahe durch heilſame Leiden uͤberwunden hatte. Man kann daher ſagen, daß der Lord vielmehr mit ernſten als traurigen Gefuͤhlen geſtorben ſey; und diejenigen, welche ſeine Geſchichte Die Sage wird noch feſt in dem Lande geglaubt, wo ſich die Begebenheit zugetragen haben ſoll; und mancher Liebende, der ohne Grund eiferſuchtig iſt, lernt daraus, das Schickſal des Lords zur Warnung zu nehmen, ehe er ſich dem Argwohn uͤberlaͤßt, wo Ver⸗ nunft und Liebe ihm Vertrauen einfloͤßen ſollten. Leiden daß fuͤhlen ſchichte aubt, und unung o Ver⸗ n. die verſchiedene Art dieſer Zuneigung. Jeannie hatte nie i d y Eine Erzaͤhlung aus unſern Zeiten. Auf den Bergen ſchwaͤrmten Beide, Pfluͤckten Bluͤm'lein ſchoͤn. Schottiſche Ballade. In einer der lieblichſten Gegenden von Angus liegt die kleine Pächterwohnung, wo die Heldin unſerer jetzigen Erzählung die erſten Jahre ihres unſchuldi⸗ gen Lebens zubrachte. Sie liegt an dem romanti⸗ ſchen, mit Birken beſaͤumten Ufer des ſanft ſich dahin ſchlaͤngelnden Tay, unter lachenden und laͤndlich ſchoͤ⸗ nen Umgebungen— Umgebungen, die wohl dazu geeignet ſind, den Geſchmack zu bilden, und jedem zarten Gefuͤhle einen noch zartern Ton zu verleihen. Jeannie Halliday war eine Waiſe, die von einem wuͤrdigen Paare, Verwandten ihres Vaters, wle ein eigenes Kind erzogen wurde. Ihr Gefährte war deren einziger Sohn, ein Knabe, fuͤnf oder ſechs Jahr aͤlter, als ſie ſelbſt, aber von einem ſo ſanften und haͤuslichen Charakter, daß ſie ſich bei den Spie⸗ len der Kinderzeit und den Vergnuͤgungen eines rei⸗ fern Alters ſelten von einander trennten. Ihre Zu⸗ neigung zu einander nahm folglich mit den Jahren zu; und nicht vor Jeannies ſechzehntem Geburtstage entdeckte Alan Forſyth zu ſeinem großen Schmerze 96 einen jener zarten Köͤrper, die einiger Zeit beduͤrfen, ehe ſie einen entſchiedenen Charakter der Geſundheit oder Schwaͤche annehmen. Als Kind war ſie klein und ſchmächtig, und ſchuͤchtern; und obgleich ihre Haut eine durchſichtige Feinheit hatte, ſo ſah man doch nur hin und wieder einige bald verſchwundene rothliche Tinten uͤber das blaſſe Geſicht ſpielen. Auf einmal aber bluͤhte ſie auf, ſchoͤn und friſch wie die Roſe des Sommers; ihre Wangen uͤberzogen ſich mit Incarnat; ihre Lippen gluͤhten; und ihre Geſtalt, leicht und reizend wie vorher, zeigte die vollkommen⸗ ſten weiblichen Verhältniſſe. Unter den barfuß gehenden Maͤdchen von Angus waren Jeannies niedliche Fuͤße oft der Gegenſtand ſchlichter Lobpreiſung; auch ihre Haͤnde waren weich und ſchoͤn geformt; ſo daß ſie ſowohl in der Art ihrer Schoͤnheit, als in der ihres Charakters, uͤber allen ihren Gefaͤhrtinnen ſtand. Die Augen des Madchens waren, wie ihr Haar, von keiner beſtimmten Farbe; ſie ſtrahlten meiſtens nur in dem Lichte jugendlichen Frohſinns; doch gäb es Momente und Stimmungen, wo ſie ihren Aus⸗ druck veraͤnderten und eine Sanftheit zeigten, die wohl bei ihren Bewunderern die Gefuͤhle der Hoff⸗ nung und Zärtlichkeit dem erſten angenehmen Ein⸗ drucke hinzufuͤgen konnten. Der alte Forſyth und ſeine ernſte Frau waren ins Geheim ſtolz auf ihre ſchoͤne Jeannie. Oft hoͤrte man ſie ihren feinen, zierlichen Wuchs ruͤhmen, und ihre Haͤnde,»ſo weiß wie Schneez« und kaum wol' ürfen, ndheit klein ihre man ndene Uf ie die mit ſtalt, men⸗ ngus ſtand weich Att ubet Hat, ſtens 97 ten ſie ihr ſelbſt das Melken ihrer Lieblingskuh erlau⸗ ben, oder Theil an ihren gewoͤhnlichen rauhen Spei⸗ ſen zu nehmen. Jeannie wurde alſo mit einer Art von Aufmerkſamkeit fuͤr ſich ſelbſt erzogen, die maͤch⸗ tigen und herrlichen Einfluß auf ihr ſpaͤteres Beneh⸗ men hatte. Nachdem ſie zur Jungfrau herangewachſen war, bemerkte man nie, daß ſie den jungen Burſchen irgend eine jener Vertraulichkeiten zugeſtand, wozu Maͤdchen von freieren Sitten und wilderem Charakter ſo gern ermuntern. Dennoch war Jeannie das froͤhlichſte und unbefangenſte Maͤdchen bei allen laͤndlichen Feſten. Ein Blick aus ihren lachenden Augen gab dem Traͤg⸗ ſten Leben; in dem Augenblick, wo ſie erſchien, erwar⸗ teten Jung und Alt unterhalten oder erheitert zu wer⸗ den; denn hatte ſie nichts Luſtiges mitzutheilen, ſo hatte ſie doch immer etwas Freundliches; und wo iſt das Herz, jung oder alt, das ſich der Freundlichkeit verſchließt? Jeannie war gut unterrichtet, denn ſie konnte ſowohl leſen als ſchreiben; aber da ſie ſich nur an Sonntagen mit dieſen Fertigkeiten beſchaͤftigte, und ſtets ſingend bei ihren haͤuslichen Arbeiten ange⸗ troffen wurde, ſo wunderten ſich ihre aͤlteren Be⸗ kannten,»wie Jeannie Halliday es anfinge, ſo ge⸗ ſetzt in ihrem Benehmen und ſo klug zu werden.⸗ Jeannies Denkungsweiſe hinſichtlich ihres Be⸗ tragens war fuͤr ein ſo junges Maͤdchen gewiß auch etwas Seltenes; aber ihre Gedanken waren die Frucht ihres Gefuͤhls. Die Frau des alten Adam Forſyth, beinahe ihre zweite Mutter, ſtarb, ehe Porter Erzähl. 1. 5 98 Jeannie zwoͤlf Jahr alt war; und von dieſem Augen⸗ blicke an bewirkten Dankbarkeit fuͤr ihr Andenken, und liebevolle Sorge fuͤr den armen alten Mann, der keine weibliche Hand außer der ihrigen zu ſeiner Unterſtutung hatte, daß ſie auf eine Weiſe dachte und handelte, die weit über ihre Jahre ging. Ihr Spielgefaͤhrte Alan fuͤhlte Jeannies mora⸗ liſchen Werth noch mehr als ihre Schoͤnheit, ſo wie auch er an Jahren und Nachdenken zunahm. Sobald er von Feld oder Markt zuruͤckkam, wohin ihn ſeine Pflicht rief, als der Vater alt und ſchwaͤchlich wurde, war er immer ſicher, ſeine liebe Jeannie ruhig bei ihrem Naͤhezeuge unter dem Schatten des Hagedorns vorzufinden, wo ſie ihren Geſang mit dem Rauſchen des klaren Fluſſes vermiſchte; bereit in das Haus zu eilen, um ihm das Mahl zu bringen, das ihre Hand fruher bereitet hatte. Des Abends verlieh Jeannies Stimme ihren uralten Balladen einen ſanfteren Ton und ruͤhrende Wirkung; oder erhoͤhte die Theilnahme an einer Geiſtergeſchichte; oder gab Wuͤrze der luſtigen Erzaͤh⸗ lung; oder praͤgte die Wahrheiten der Schrift tiefer in die Herzen ihrer andäͤchtigen Hoͤrer ein. Der freundliche und reinliche Anblick, den ihre lange, unre⸗ gelmaͤßige Wohnung gewaͤhrte, war auch Jeannies Werk. Alan wußte das, und verglich haͤufig das Be⸗ hagliche derſelben mit dem ungewoͤhnlichen Zuſtande anderer Häuſer in ihrer Naͤhez ſich innerlich daruͤber freuend, daß er alle Vorzuge Jeannien beimeſſen durfte. Augen⸗ denken, Nann, ſeiner dachte wote⸗ ſo wie Sobald n ſeine wurde, gedorns auſchen us zu Hand ihren hrende einet Etih⸗ tiefer Der unre⸗ nnies s Be⸗ ſtande aruber mſſen 99 Wahrend ſie die Ordnung im Hauſe aufrecht hielt, ihre wenigen Stuͤcke alten Porzellans und rau⸗ heren Steinguts in freundlichen Reihen auf dem Geſimſe ausſtellte, das von ihren kleinen Haͤnden ſpiegelhell geputzt war, errichtete Alan manche laͤnd⸗ liche Schutzwehr, um ihre kleinen Anlagen in und außerhalb des Hauſes zu ſichern; zog Jasmin und Geißblatt um alle Fenſter und Thuͤren; flocht die wild aufſchießenden Roſen zu Lauben; und pflanzte die Weide und Birke, um ihren Lieblingsſit am Ufer des Fluſſes zu uͤberſchatten. Er hielt den Hof frei von allem, was das Auge beleidigte, während ſie Sorge trug, daß der Garten immer einen reichlichen Ertrag gewaͤhrte; und wenn auch Jeannies zarte Haͤnde das Leinen⸗ zeug fuͤr ihre Haushaltung nicht waſchen konnten, ſo breitete ſie es doch auf dem duftenden Raſen aus, beſprengte es am Tage, und wachte ſo uͤber das Bleichen deſſelben mit der Sorgfalt einer Matrone. Der junge Alan verband mit einem weichen Herzen viel naturlichen Verſtand und gehoͤrte zu jener Klaſſe von Menſchen, die bei den Schotten den Na⸗ men geſcheute Burſchen fuͤhren; er bemerkte nicht ſobald Jeannies hausliche Eigenſchaften, als er auch mit Entzuͤcken fuͤhlte, daß er nie, möchte er auch die ganze Welt durchreiſen, eine beſſer fuͤr ihn paſſende Frau finden wurde; und daß er daher, ohne leichtſinnig oder unweiſe zu handeln, ſeinen ſehnſüch⸗ tigen Wuͤnſchen, ſie mit der Zeit zu der Seinigen zu machen, folgen duͤrfe. Jeannie wuͤrde, wenn ſie 100 leichtſinnig, muͤßig, verſchwenderiſch geweſen waͤre, ohne einen Schilling Vermoͤgen eine traurige und entehrende Partie fuͤr den einzigen Sohn des reichen und klugen Adam Forſyth geweſen ſeyn; aber die bedachtſame, thaͤtige und ſparſame Jeannie war ohne Geld ein Vermoͤgen an ſich ſelbſt. Jeannie hatte nur einen ausſchweifenden Hang, geſtand er ſich, und dafuͤr liebte er ſie um ſo mehr; ſie kannte keine Grenzen in der Mildthätigkeit. Jeder⸗ mann konnte die Anzahl der Duͤrftigen, die im Laufe des Tages vor dem Hauſe vorbeigekommen waren, nach dem Zuſtande des Mehlfaſſes und der Milch⸗ eimer beurtheilen; indem Jeannie bei dem erſtern die mangelhafte Groͤße des Maßes— ihre beiden zuſam⸗ mengehaltenen Haͤnde— durch haͤufiges Wiederho⸗ len erſetzte. Zuweilen bemerkte Alan, daß eine Lieblings⸗ ſchleife von Jeannies Kopfe oder Buſen, oder eine niedliche Muͤtze verſchwand; ja, dann und wann ver⸗ mißte er wohl gar den Schmuck oder die ſeidene Haube, die er ihr vom Markte in Dundee mitge⸗ bracht hatte; Jeannie hatte ſie an aͤrmere oder Putz liebendere Maͤdchen verſchenkt. Ein ſolcher Bewe⸗ gungsgrund verfehlte dann auch nicht, Alan mit der anſcheinenden Vernachlaͤſſigung ſeiner Gaben wieder auszuſoͤhnen. Jeannies bluͤhendes Geſicht, das unter uͤppigen Locken hervorblickte, die ihre Farbe mit dem Sonnen⸗ ſchein wechſelnd, durch alle Schattirungen eines gol⸗ denen Brauns liefen,— Jeannies bluͤhendes Geſicht d en ne , r , 101 zeigte ſich nie lieblicher, lächelte nie holdſeliger, als wenn ſie auf dieſe Weiſe ihren geringen Kleidungs⸗ vorrath geplundert hatte. Kein Wunder daher, daß Alan Forſyth ſogar ihre Verſchwendung liebte. Ruhig in der Ueberzeugung, daß er Jeannie theurer ſey, als alle andern jungen Burſchen, die ſie kannten und ihr huldigten, wartete Alan nur auf das einundzwanzigſte Jahr, weil er vor dieſer Zeit ſich nicht fur berechtigt hielt, um die Einwilligung ſeines Vaters zu dieſer Heirath, nachzuſuchen. Fromm und vernuͤnftig, glaubte Alan, daß zu⸗ kunftiges Gluͤck durch jetzige Arbeit und Selbſtver⸗ läugnung erworben werden muͤſſe; er wurde daher thaͤtiger und fleißiger als je, und leiſtete froͤhlichen Nuths auf Jeannies ſuͤße Geſellſchaft Verzicht, um Stunden lang einſam das Vieh zu huͤten, oder raſchen Schrittes Geſchaͤfte in der Stadt zu beſor⸗ gen. Jeannies ſechzehnter und ſein einundzwanzigſter Geburtstag waren nur durch einen Zeitraum von zwei Monaten getrennt, als daher jener eintrat und der Augenblick ſo nahe war, wo Alan ſeinen Vater um veſſen Eintwilligung bitten wollte, glaubte er, ſeine Wunſche mit Schicklichkeit dem theuren Gegen⸗ ſtande derſelben vortragen zu koͤnnen, um das Jawort, wie er ſich feſt ſchmeichelte, zu erhalten. Jeannies Geburtstag fiel auf den alten Maitag; und der Maimorgen, welcher den erſehnten Tag her⸗ veiführte, ſchien fuͤr Alan der ſchoͤnſte und pracht⸗ 102 vollſte zu ſeyn, den ſeine Augen je begruͤßt haͤtten; und er war es wirklich. An dieſem Morgen wurde er durch die Stim⸗ men eines Dutzend junger munterer Burſchen unter ſeinem Fenſter geweckt, die mit Blumenkraͤnzen in der Hand Jeannies Geburtstagsfeier eroͤffneten, und ſie in der laͤndlichen Beluſtigung des Thauſammelns begleiten wollten. Dieſe den Schotten eigenthuͤmliche Sitte iſt eines Volkes wuͤrdig, deſſen unterſte Klaſſen ſelbſt etwas Romantiſches und Verfeinertes an ſich haben; es iſt eine Sitte, die mit ſeinen ſchoͤnen Melodien ünd vortrefflichen Balladen, durch jene Melodien dem Herzen zugefuhrt, im Einklange ſteht; eine Sitte, die zum Anblick der eben aufgegangenen Sonne und der ſchimmernden Erde einladet; zur heilſamen Bewe⸗ gung in der Morgenluft; zum köſtlichen Geruch der Kräuter, Fruͤchte und Blumen; zu dem Fruͤhgeſange der Vögel und dem Bruͤllen der Heerden; kurz zu allem, was das Herz des Menſchen erfreuet und geeignet iſt, es mit Dankbarkeit und Freude gegen feinen Schoͤpfer zu erfullen. Bei der heutigen Veranlaſſung war der Fruͤh⸗ ling in der Graſſchaft Angus beſonders weit vorge⸗ rückt; alle Obſtgärten und Hecken waren in voller Bluthe; die verſchiedenen Arten von Droſſeln wett⸗ eiferten mit einander aus den Lauben des friſcheſten Gruns oder dem duftenden Hagedornſtrauche, und die Füße der Thauſammler preßten, als ſie leicht 103 längs den moosbewachſenen ufern des Tay dahin ſchwebten, den letzten Wohlgetuch der Veilchen aus. Die ganze bethauete Landſchaft funkelte im Glanze der Sonne, die den kunſtloſen Mädchen die Hautfarbe braͤunte, während ſie gerade mit dem Aufſuchen von Schoͤnheitsmitteln beſchäftigt waren. Gelächter, herzlicher Geſang, munterer Zuruf, Scherz und frohlicher Wettlauf, alle dieſe Ausbruͤche der Freude begleiteten dieſe kleine Truppe von Freunden und Nachbaren in ihrem eifrigen Umherſu⸗ chen nach ſolchen Stellen, wo der Thau am ſtaͤrkſten gefallen war. Ihre unſchuldigen und ſorgenfreien Herzen lie⸗ ßen ſie in jeder Kleinigkeit Genuß finden; aber der Wetteifer der Mädchen, den meiſten Thau heimzu⸗ tragen, und der der jungen Maͤnner, die ſeltenſte wilde Blume zu finden, um damit Jeannies Haar und Bruſt zu ſchmuͤcken, wurde bald zum entſchiede⸗ nen Vergnuͤgen. Es war Alans Loos, einen Strauß des ſchoͤn duftenden Mehlkrauts an den feuchten Wurzeln eines wilden Apfelbaums zu entdecken; und waͤhrend ganze Zweige des Baums, mit ihren weißen und rothen Bluͤthen prangend, ſchnell der ländlichen Galanterie der Juͤnglinge ein Opfer fielen, die um die Ehre ſtritten, Jeannies kunftigen Kranz zu flechten, wur⸗ den Alans Blumen vorzugsweiſe durch einen unmit⸗ telbaren Platz an ihrer Bruſt geehrt. Als die froͤhliche Schaar nach dieſem kleinen Auf⸗ enthalte in zerſtreueten und weitgetrennten Gruppen 104 längs des Uferrandes nach Hauſe zuruͤckkehrte, ergriff der Daͤmon des rohen Scherzes oder des heimlichen Neides plotzlich eine von Jeannies Gefaͤhrtinnen; das Madchen entriß ihr die Blumen, und warf ſie mit einigen höhniſchen Worten in den vorbeifließen⸗ den Strom. Jeannies natuͤrlicher, herzliches Bedauern ver⸗ kundigender Ausruf:„O boͤſes Madchen, wie konn⸗ teſt Du— und dazu Alans Blumen!⸗— zuckte durch das Herz des armen Alans; im raſchen Wahn der Liebe deutete er den einfachen Sinn, und ſtuͤrzte ſich, außer ſich vor Freude und zartlicher Ueber⸗ raſchung, in den Fluß, um ihr die Blumen zuruͤckzu⸗ bringen. Alan vergaß, daß er mit der Gefahr nicht vertraut und ein furchtſamer Schwimmer warz aber Jeannie erinnerte ſich beider Umſtaͤnde, und wild am ufer hinlaufend, ſchrie ſie laut, ihm um Gottes wil⸗ len, um ſeines alten Vaters willen herauszuhelfen. In dieſem Augenblicke hatte der Strom den Blumenſtrauß dicht an ein Schiffsboot getrieben, deſ⸗ ſen raſcher Lauf fruher von den Thauſammlern mit Be⸗ wunderung betrachtet war. Als Alan haſtig der Richtung der Blumen folgte, rief ihm einer der jun⸗ gen Leute in der Pinaſſe zu, außer dem Waſſerzuge ihres Kiels zu bleiben. Da er indeſſen ſah, daß er entweder nicht verſtanden oder ſeine Warnung unbe⸗ achtet geblieben ſey, ſo ſprang der furchtloſe junge Matroſe in das Waſſer, und rettete Alans Leben mit der augenſcheinlichſten Gefahr ſeines eigenen. Der Letztere wurde mit der groͤßten Muͤhe in das — = ——— 7 „—— ——— tif en et⸗ n⸗ kte hn 106 Boot gezogen, aber der Andere ſchwamm ans Ufer, indem er ſeinen Gefährten auftrug, ihm zu folgen. Die Gefahr und die Rettung waren die Sache eines Augenblicks, ſo daß Jeannies Angſt nur kurze Zeit dauerte. Sie ſiel weder in Ohnmacht, noch warf ſie ſich in Alans Arme, als dieſer bei ſeiner Ankunft am ufer aus dem Boot ihr entgegeneilte; ſondern die Haͤnde faltend und in Freudenthraͤnen ausbre⸗ chend, rief ſie ihm nur die Worte zu:»Nun, Gott ſey gelobt! O was wuͤrde aus Eurem Vater gewor⸗ den ſeyn, Alan, winn Ihr ertrunken wäret! was wuͤrde aus mir geworden ſeyn, wenn ich Euren Tod auf meinem Gewiſſen gehabt hätte!⸗ Bei dieſer unbefangenen Anrede ſank der Schleier von Alans Augen; ſeine großen Hoffnungen waren auf einmal verſchwunden. Alſo Jeannies Kummer waͤre nur deswegen heftig geweſen, weil ſie die Ver⸗ anlaſſung zu ſeinem Tode gegeben haͤtte; und wie er es dachte, floh die zuruͤckkehrende Farbe von neuem ſeine Wangenz ſchmerzlich ergriffen, wandte er ſich zu ſeinem Retter und hing ſich, eine ſchwere Laſt, an deſſen Arm, der ihm die geſuchte Stuͤtze gewaͤhrte. Alle draͤngten ſich nun um die beiden jungen Leute herum, deren Aeußeres, waͤhrend ſie einander Fragen beantworteten und Dankſagungen gegen Segnungen austauſchten, auffallend von einander abſtach. Alan war klein und ſchmächtig, von heller Haut⸗ farbe und mildem Blick, der Ausdruck ſeiner Zuͤge intereſſant, obwohl jetzt zu ſehr das Mitleid in Anſpruch 106 nehmend; das Waſſer hatte ſein weiches blondes Haar flach an den Kopf gedrückt; und dieſes ſowohl, als der zitternde Nervenzuſtand ſeines Koͤrpers, die Folge von Gefuͤhlen, die nur er kannte, gaben ihm ein Anſehen von Schwäche und Furcht, das mit ſei⸗ nem wirklichen Charakter keineswegs uͤbereinſtimmte. Dagegen ſtand der junge Matroſe mit geradem Kör⸗ per und lächelnder Miene da; ſeine reichen braunen Locken glaͤnzten vom Waſſer, ohne davon ſchlicht ge⸗ worden zu ſeynz ſeine offene Stirn zeigte ſich frei; und waͤhrend der eine von der Sonne verbrannte Theil derſelben beinahe ſeinem Haar an Dunkelheit gleich kam, war der andere glatt und weiß wie Mar⸗ mor. In der That waren die Geſichtszüge dieſes jungen Mannes von einem Schimmer umfloſſen, der, wenn er nicht geradezu Schoͤnheit war, doch deren groͤßte Wirkung hervorbrachte; denn bei dem erſten Blick nahm er fuͤr den freimuthigen, herzlichen, fleckenloſen Charakter, den er verkuͤndigte, ein. Eine ſchoͤn gewachſene Geſtalt, in der Fulle maͤnnlicher Staͤrke und jugendlicher Gelenkigkeit, wurde durch eine leichte nachlaͤſſige Kleidung gehoben; keine Jacke, gewoͤhnliche Matroſenbeinkleider, ein rei⸗ nes Hemd von blaugewuͤrfelter Leinwand, das kaum vorn am Halſe von einem loſe geknuͤpften Tuche zu⸗ ſammengehalten wurde— das war ſein Anzug. Seinen kunſtlos mit Maien geſchmuͤckten Strohhut ſah man den Fluß hinunter treiben. Er war ſelbſt der erſte, der ihm eine gute Reiſe wuͤnſchte. Sowohl die Stimme, als das Lächeln dieſes des at⸗ ſes t, en ten en, lle it, m g⸗ ut 107 jungen Mannes, hatten etwas beſonders Liebliches; er lachte oft; aber das Bewußtſeyn, ſehr ſchoͤne Zaͤhne zu haben, hatte gewiß nichts mit ſeinem Lachen zu thun. Er empfing die Gluͤckwuͤnſche und Dankſa⸗ gungen der verſchiedenen Perſonen, woraus die Gruppe um ihn her beſtand, mit einem Gemiſch von Scherz und Gefüͤhl, das Allen gefiel; und als ihn Alan bat, mit nach ſeines Vaters Hauſe zu gehen, und an den Feſtlichkeiten des Geburtstages ihrer Jeannie Theil zu nehmen, nahm er die Einladung mit aufrichtiger Bereitwilligkeit an. Auf dem Hin⸗ wege erzählte er der Geſellſchaft, daß der Kauffahrer, wozu er gehoͤre, in der Muͤndung des Tay vor An⸗ ker liege; daß derſelbe gerade von Barcelona ange⸗ kommen ſey, und in drei oder vier Monaten wieder eine kurze Reiſe nach einem andern ſpaniſchen Hafen unternehmen wuͤrde; daß er der einzige Sohn einer Wittwe ſey, die kurzlich die Hochlande verlaſſen habe, um bei ihrem Bruder zu leben, der ein paar Stun⸗ den von dem Orte, wo die Forſyths wohnten, an⸗ ſäſſig wäre; und daß es ihm frei ſtände, ſich ſeinen eigenen Vergnuͤgungen zu widmen und die herzliche Einladung ſeiner neuen Bekannten, ſie oft zu ſehen, anzunehmen, da er die Erlaubniß habe, ſeine Mutter waͤhrend der Zeit zu beſuchen, wo das Schiff aus⸗ lade und ſich zum Wiederauslaufen fertig mache. Fur diejenigen, welche in der Welt leben, iſt Nichts ſo uͤberraſchend, als die Freimuͤthigkeit und Leichtigkeit, womit die, welche außer derſelben leben, von ihren eigenen Gefuͤhlen und Angelegenheiten 108 gegen Fremde ſprechen; es iſt eine Gewohnheit, die aus dem Vertrauen auf die liebreiche Theilnahme der uns umgebenden Menſchen entſpringt, und die nur dadurch erlangt wird, daß man allein mit Freun⸗ den oder Verwandten umgeht; es iſt daher ein Be⸗ weis von dem Werthe der Perſon, die ſich ſo ent⸗ huͤllt— Viele, Viele ſagen, es iſt kein Beweis von Klugheit. Wie dem auch ſey, Malcolm Cameron's frei⸗ muͤthige und geaͤufige Darſtellung ſeiner eigenen Verbindungen und Abentheuer machte den kunſtloſen Menſchen, mit denen ihn der Zufall zuſammengefuͤhrt hatte, nur Vergnugen. Es lag durchaus nichts von Eitelkeit oder Bewunderung ſeiner ſelbſt in ſeinen ihn perſoͤnlich betreffenden Anekdoten; ja, ſeine Anek⸗ doten waren gemeiniglich Erzaͤhlungen, die den Muth und das gute Benehmen irgend eines ſeiner Kame⸗ raden beſchrieben, wobei ſein eigener Antheil nur zufaͤllig war; aber da man Andere nicht beſchreiben kann, ohne ſich ſelbſt zu enthuͤllen, ſo bewies das edele Feuer, womit er eines andern Mannes Vor⸗ trefflichkeit ruͤhmte; die liebevolle Theilnahme, die er ſeinen Mitmenſchen ſchenkte; der edele Neid, den er hin und wieder uber gezeigten Edelmuth und tapfere, glucklich ausgefallene Thaten aͤußerte;— daß wenig⸗ ſtens ſein Geiſt denen verwandt ſey, die er bewun⸗ derte, und berechtigten ſeine Zuhoͤrer zu dem Glauben, daß er unter ahnlichen Umſtaͤnden gleiche Anſpruͤche ſich erworben haben wuͤrde, um ſelbſt der Held einer Geſchichte zu werden. en, iche iner 109 Wenn Cameron von ſeiner Mutter ſprach, ſo huͤllten ſich ſeine ſchoͤnen Augen in einen Ausdruck von Zartlichkeit, der, wenn er den Glanz dieſer Augen verdunkelte, das Anziehende derſelben erhoͤhete. Sei⸗ ne Mutter, geſtand er,»waͤre nicht glůcklich in der Ehe geweſen; ſein armer Vater nicht ſo gut berathen worden, wie es hätte ſeyn koͤnnen; aber er laͤge nun, der arme Mann, auf dem Kirchhofe, und ſeine Feh⸗ ler muͤßten nicht mehr beruͤhrt werden. Seiner Mutter gehe es jetzt wohl, denn ſie waͤre von ihrem Bruder ins Haus genommen, dem wuͤrdigen Predi⸗ ger, der fur ihn die Schule bezahlt, und ihn zur See mit einem gottesfuͤrchtigen Capitain geſandt habe; ſo laͤge ihm ihr weltliches Wohl nicht laͤnger auf dem Herzen. Sie waͤre die liebreichſte, theuerſte Mutter, wenn ſie nur Geſundheit genoͤſſe;« und als Cameron dieſe Worte ſprach, begegneten Jeannies uberfließende Augen dem feuchten Blick der ſeinigen. Eine Art von Erroͤthen uͤberzog hierbei ſeine brau⸗ nen Wangen. Hätte er die Wirkung ſeines thraͤ⸗ nenfeuchten Auges und ſeines Erroͤthens wiſſen koͤn⸗ nen, würde er ſich innerlich daruͤber angeklagt haben? Jeannie ahnete ſelbſt die Wirkung nicht, die bei⸗ des auf ihr Herz hatte, obgleich dadurch das erſte Saamenkorn jener zaͤrtlichen und tugendhaften Liebe ausgeſtreuet ward, womit ſie nachher Malcolm Ca⸗ meron anblicken und ſeinen Worten lauſchen ſollte. Jetzt ſchritt ſie, auf ſeinen Arm gelehnt, vorwaͤrts, und dachte nur, waͤhrend ſie vor ihm weg mit Alan, 110 der an dem andern Arme hing, ſprach, was für eine herrliche Bekanntſchaft aus einem Schreck entſtan⸗ den ſey. Die naſſen Kleidungsſtuͤcke der jungen Maͤnner hatte die zunehmende Sonnenhitze lange vorher ge⸗ trocknet, ehe der ſchlaͤngelnde Weg nach Hauſe zuruck⸗ gelegt war; dort wartete ihrer ein reichliches Fruh⸗ ſtuͤck, zu dem ſich Malcolm Cameron mit einem Ap⸗ petite niederſetzte, der zu ſtark ſchien, um ihn viel an Andere denken zu laſſen; allein ſelbſt bei ſolchen Kleinigkeiten offenbarte ſich dem nachlaſſigſten Beob⸗ achter, wie wenig Ruͤckſicht er immer auf ſich ſelbſt nahm. Wurde etwas von dem andern Ende des Tiſches gefordert, oder ſollte etwas von dem Geſimſe herab genommen werden, welches um das an die Kuͤche ſtoßende Zimmer lief, wo ſie ſaßen, ſo ſprang er auf, es zu holen; er bemerkte blitzſchnell, weſſen Teller nachgefuͤllt werden mußte, und welche Art von Speiſen in geringerer Maſſe vorhanden war, Jean⸗ nie ſah recht gut, daß er es ſich verſagte, etwas von ihren wenigen Leckerbiſſen anzuruͤhren, und ihr eige⸗ ner Charakter half ihr, den ſeinigen zu begreifen. Aber ungeachtet aller dieſer zuvorkommenden Aufmerkſamkeit lag in dem Weſen des jungen Ma⸗ troſen ſo viel Unbefangenes und Froͤhliches, daß es ſchien, als wenn er immer nur von ungefaͤhr Andern Gefalligkeiten erwieſe, da er ihnen nie Zeit ließ, dar⸗ uber nachzudenken, ſondern mit ſeinen Scherzen oder Anekdoten fortfuhr, als ob ſonſt Nichts vorgefal⸗ len ſey. oder 111¹ Keiner war von ſeinem offenen heitern Sinne mehr eingenommen, als der alte Forſyth; und da er ſich ihm fuͤr das Leben ſeines Sohnes tief verpflichtet fühlte, ſo bat er ihn ſo dringend, eine kurze Zeit in der Pachterwohnung zuzubringen, daß Cameron gern ſein Wort gab, während ſeines langen Beſuches bei ſeiner Mutter haͤufig heruͤber zu kommen. Er hoffte, ſeinen Urlaub vom Schiffe innerhalb einer Woche anzutreten. Vergnuͤgt ſaß die laͤndliche Gruppe um Forſyths Tiſche herum. Malcolm Camerons Munterkeit war volliger Sonnenſchein, in dem Jeannies ſtrahlendes Laͤcheln wie ein Schmetterling ſpielte. Unter den andern jungen Leuten befanden ſich ein oder zwei witzige Koͤpfe, und nicht ein einziger Kritiker, um ihre Einfaͤlle zu genau zu zergliedern; man ſchmauſete, ſang und tanzte waͤhrend der ganzen zwoͤlf Stunden; und nahm am Abend mit Herzen von einander Abſchied, die mit den Vergnuͤgungen des heutigen Tages voll⸗ kommen zufrieden waren; genuͤgſam bereit, die Ar⸗ beiten und den gewoͤhnlichen Lebenslauf des morgen⸗ den wieder anzufangen. Waͤhrend dieſer langen Stunden froͤhlicher Muße war Keiner ſo ſtill und wortlos geweſen, wie Alan Forſyth. Sein Geiſt war Anfangs durch ſeine Ge⸗ fahr und Rettung am Morgen ernſt geſtimmt, und dann durch Jeannies Ausruf uͤber ſeines Vaters alleinigen Kummer getruͤbt worden; von dieſer Zeit an hatten ſich Schatten auf Schatten uͤber ſein ge⸗ preßtes Herz gezogen, als er, der lebendigen Unter⸗ 112 haltung ſeines neuen Freundes lauſchend, da ſaß. Es war kein Neid, nein, es war auch keine Eifer⸗ ſucht, die Alans Stille veranlaßte; ſondern die all⸗ maählige Ueberzeugung, daß er ſelbſt der Gluͤckſelig⸗ keit, nach der er ſtrebte, nicht wuͤrdig ſeyz er ſah jetzt ein, daß dieſe beſſern Menſchen in der Welt be⸗ ſtimmt waͤre, als Alan Forſyth. Bisher hatte er dieſen Alan nur mit jungen Landleuten, wie er ſelbſt einer war, verglichen— Burſchen, die nicht aus der Heimath gekommen waren, von ſchlichtem Verſtande und rauhen Sitten, wie die ſeinigen; ja, denen er ſich vielleicht uͤberlegen fuͤhlte. Er hatte in dem gluͤcklichen Wahne geſtanden, daß— Jeannie zu lieben und zu bewundern; ihr Vergnuͤgen bei allen Gele⸗ genheiten dem ſeinigen vorzuziehen, ſobald ſein jugend⸗ liches Herz einen Vorzug zu geben faͤhig war,— daß ſolche Liebe ihre Gegenliebe verdiene und gewinnen muͤſſe. Er hatte gewaͤhnt, daß ſeine freiwillige Ab⸗ lehnung einer Verbindung mit dem einzigen Kinde eines ſehr reichen Nachbars eine Uneigennutzigkeit und Verſchmaͤhung bloß irdiſcher Vortheile an den Tag lege, welche ihm ihre hohe Achtung ſichern muͤſſe; und er hatte geglaubt, daß ſein Umgang fuͤr ihre Gluͤckſeligkeit hinreichend ſey, wie der ihrige es fuͤr ihn war; weil er bis dahin nie geſehen hatte, daß ſie einem Andern mehr oder ſo gern zuhoͤrte wie ihm. Aber die Vorfaͤlle des heutigen Tages hatten das Trugeriſche dieſer Ideen bewieſen. Mit Mal⸗ colm Cameron verglichen, ſowohl an Koͤrper als ſiß ifer⸗ all⸗ ſelig ſih be⸗ te er ſelbſt der de net dem eben ele⸗ end⸗ daß inen inde keit den hern it es tte, tte tten u al 113 Charakter, fuͤhlte Alan, daß er zum Nichts herab⸗ ſinke. Voll Anekdoten, origineller Bemerkungen, male⸗ riſcher Beſchreibungen, und feuriger Empfindungen, erweckte Cameron abwechſelnd die großte Theilnahme an dem, was er erzaͤhlte, oder er gewaͤhrte das leb⸗ hafteſte Vergnuͤgen. Er machte ſich offenbar nichts daraus, kleinere Liebhabereien, Beduͤrfniſſe und Nei⸗ gungen bloßen Fremden zu Gefallen aufzuopfern; ja, er hatte fuͤr einen Fremden aus freiem Antriebe das Leben ſelbſt gewagt; und doch kam es ihm nicht ent⸗ fernt in den Sinn, daß er etwas Ungewoͤhnliches gethan habe. Malcolm Cameron war ebenfalls ein Muſter maͤnnlicher Schoͤnheit oder wenigſtens maͤnn⸗ lichen Anſtandes. Alan ſeufzte, als er dies dachte; dann zog er den Schluß, daß, wenn ſolche Charaktere durch den Umgang mit der Welt gebildet wuͤrden, es noch viele aͤhnliche in ihrem weiten Kreiſe geben muͤſſe; und daß er daher Jeannies koſtbare Hand ſich nicht eher zueignen duͤrfe, bis ſie mehr ihrer wuͤr⸗ dige Maͤnner geſehen habe; wenn ſie dann noch Ge⸗ ſchmack an ihm finden koͤnne, um ſeiner ſelbſt willen — aber, ach! Jeannie konnte nie mehr Geſchmack an ihm finden! Der arme Alan ſank auf ſein ein⸗ ſames Lager mit einem kummervollen Seufzer und einem ſolchen Gefuͤhl ſeines Nichts zuruͤck, daß es ihm unmoͤglich ward, dieſe Nacht ein Auge zu ſchließen. Nicht lange darauf, kam Malcolm Cameron wie⸗ der; er hatte ſich eben in dem Pfarrhauſe auf die Porter Erzahl. 1. 8 11⁴ ganze Zeit, wo das Schiff in dem Tay vor Anker bleiben mußte, niedergelaſſen; und bedrohete ſeine neuen Freunde, ſie vor der raſtloſen Thätigkeit eines Matroſen warnend, mit ſeinem täglichen Beſuche, ſo lange er ſich ihnen nahe genug dazu befinden wuͤrde. Cameton fuͤhrte ſeine Drohung aus, woruͤber Alan Schmerz und Freude zugleich, Jeannie wach⸗ ſendes Entzuͤcken, und der alte Forſyth herzliche Zu⸗ friedenheit empfand. Er geſellte ſich bald dem alten Manne in deſſen Feldarbeiten und Geſchaͤftswegen zu— beſorgte Jeannies kleine Aufträge auf dem Markte oder an entfernte Freunde— ſtellte land⸗ wirthſchaftliche Verſuche ins Geheim mit Alan an, half dazu, den Vater mit dieſen Verſuchen auszuſoͤh⸗ nen— und kam regelmaͤßig jeden Sonntag heruber, um die Familie zur Kirche zuruͤck zu begleiten, an welcher ſein Onkel Prediger war. Bei allen dieſen Gelegenheiten verbreitete ſeine Ankunft immer eine ſolche herzliche Stimmung und jugendliche Heiterkeit, gleichſam eine ganz andere Atmoſphare, daß, wie Jeannie ſagte, der Schall ſei⸗ ner froͤhlichen Stimme, ja bald ſogar der Schall ſei⸗ ner Fußtritte, wenn er ihren lieben Huͤgel herauf⸗ eilte, ihr ſuͤß und lieblich duͤnke, wie die duftende Roſe im Regenſchauer. Weder Jeannie noch ihr Geliebter hatten beim erſten Anblick Liebe für einander empfundenz wenig⸗ ſtens hatte keiner von ihnen an dieſe Leidenſchaft gedacht; aber Liebende wurden ſie bald, unbewußte, gedankenloſe, unſchuldige, gluͤckliche Liebende! Came⸗ nker ſeine eines Ne ſo irde. ruber woch⸗ 3i alten egen dem lund⸗ an, iſh⸗ Aber, an ſeine und ndete ſi lſi nu⸗ tende bein 1¹5 rons kleine Abentheuer wurden bald Jeannie allein erzaͤhlt; wenigſtens widmete ſein Auge ſie ihr ohne beſtimmte Abſicht; und Jeannies Augen warteten immer auf den Strahl der ſeinigen mit einem ſuͤßen unverwandten Blick, auf den bis dahin keine ſcher⸗ zende oder ernſthafte Bemerkung ſie aufmerkſam ge⸗ macht hatte. In der That machte kein Herz den Beobachter, außer dem des armen Alans; an jedem Tage ent⸗ wickelte irgend ein neuer unbedeutender Umſtand eine neue und edele Eigenſchaft in dem jungen Matro⸗ ſen. War er ein oder zwei Tage nicht zugegen ge⸗ weſen, ſo entdeckten ſie, daß er als zaͤrtlicher Sohn am Krankenlager der ſchwaͤchlichen Mutter gewacht, oder gefaͤllig die Auftraͤge eines Freundes oder Nach⸗ bars ausgerichtet hatte. Jeannie hoͤrte ihn in der ganzen Umgegend als den Unterſtutzer jedes armen Huͤttenbewohners preiſen, der eine große Familie zu ernaͤhren und geringen Verdienſt hatte. Cameron beklagte ſich, daß er mit ſeiner Zeit nichts anzufan⸗ gen wiſſe, und uͤberredete ſo die Menſchen, denen er Dienſte leiſtete, in dem Augenblick zu glauben, daß ſie ihm einen Gefallen erzeigten, wenn ſie ſeine Huͤlfe beim Graben, Kanalziehen, Aufſchobern u. ſ. w an⸗ naͤhmen. Znini Das wenige Geld, das Cameron vom Schiffe mitgebracht hatte, ſchuͤttete er in den Schooß ſeiner Mutter, damit ſie etwas Eigenes, ſelbſt unter ihres Bruders Dache, habe, und einen Pfennig an ärmere Menſchen, als ſie ſelbſt war, geben koͤnne. Dies 116 konnte die zaͤrtliche Mutter nicht uhini im Stolze ihres Herzens der unbemittelten Jeannie mitzuthei⸗ len. Jeannie erinnerte ſich jetzt des erſten Eindrucks, den Malcolms leichtſinnige, ihn ſelbſt herabſetzende Aeußerungen auf ſie gemacht hatten, als herumzie⸗ hende Hauſirer ihn zu einem Geſchenke fuͤr ſie bere⸗ den wollten, und ſie fuͤhlte nun, wie ſehr ſie ihm Un⸗ recht gethan habe, indem ſie ihm glaubte. Charakterzuge wie dieſe, welche hier eben von Malcolm Cameron erzählt ſind, machen die echten Waffen der Liebe aus. Mit ſolchen Erzaͤhlungen trifft ſie die tugendhaften Herzen, und läßt die Waffe in der Wunde zuruͤck. Jeannie ſah Malcolm Cameron am Tage nur auf ſolche Augenblicke, die er von freundſchaftlich ge⸗ lelſteter Arbeit abmußigte; aber des Abends war er entweder in der Pachterwohnung, oder die Forſyths kamen nach dem Predigerhauſe; und in dieſen gluck⸗ lichen Abenden, oft uͤber den Blättern der heiligen Buͤcher, wuchs und reifte die Liebe dieſes wůrdigen Paares. Malcolm Cameron war eben'ſo geſchickt als thaͤtig; er konnte mit dem roheſten Meſſer die zier⸗ lichſten Sachen aus Holz oder Knochen ſchnitzen; ſeine Miniatur⸗Koͤrbe und Böte, aus Kirſchſteinen gearbeitet, waren der Stolz aller kleinen guten Kin⸗ der in dem Bereiche ſeiner Gutherzigkeit. Selbſt die muͤhſamere Verfertigung einer Fregatte mit ihrem vollſtaͤndigen Zubehoͤr, fuͤr Jeannie zum Geſchenk be⸗ ſtimmt, wurde angefangen, und unter deren bewun⸗ tolze thei⸗ ucs, zende nizie⸗ bere n⸗ bon hten ngen die un⸗ 117 derndem Auge fortgeſetzt. Waͤhrend dieſer ange⸗ nehmen Abende machte der luſtige junge Matroſe oft wohl ſeiner Mutter Behauptung wahr, daß er immer etwas um die Hand haben muͤſſe, indem er darauf beſtand, ſeine eigene Jacke auszubeſſern, wenn ſie bei rauher Arbeit zerfetzt worden war. Allen denjenigen, welche zum Seedienſte gehoͤren, braucht man nicht zu ſagen, wie linkiſch und doch wohlkleidend Cameron die ungeheure Nadel hand⸗ habte, die er trotz allen Widerſpruchs zu ſeiner Ar⸗ beit geeignet hielt; indem er ſie durch das Tuch ohne Huͤlfe eines Fingerhuts trieb. Sie werden ſich auch noch ihrer Ueberraſchung uͤber den Erfolg einer ſolchen plumpen Art zu naͤhen erinnern; und leicht begreifen, wie viel Zärtlichkeit und Stolz ſich bei Jeannie in das Vergnuͤgen des Zuſehens miſchten. In der That, es war das Lamm, das ſich dem Loͤ⸗ wen zugeſellte; das ſich bewußt war, aus Liebe von dem edlen Geſchoͤpfe nachgeahmt zu werden, dem es ſeine Verehrung weihte. Ich will nicht ſagen, daß Jeannie mit eben ſo großer Bewunderung auf eine weniger maͤnnliche und ſchoͤne Geſtalt als Cameron bei einer ſolchen Beſchaͤf⸗ tigung geblickt haben wuͤrde; der Contraſt zwiſchen dem Geſchaͤft und dem Beſchaͤftigten wuͤrde dann nicht ſo grell geweſen ſeyn. Gewiß die Liebe iſt nur eine hoͤhere Art von Freundſchaft, wenn das Aeußere nicht einigen Antheil an ihren Gefuͤhlen hat. Malcolm Camerons Geſicht und Geſtalt wa⸗ ren beide ſo ſchoͤn, daß die Natur zu freigebig gewe⸗ 118 ſen zu ſeyn ſchien, als ſie ſolche Glieder und Zuͤge mit einem Ausdruck und Anſtand verband, welche Regelmaͤßigkeit und Colorit nur zu Nebenſachen mach⸗ ten. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß die Augen eines ſechzehnjaͤhrigen Maͤdchens lange mit Gleichgultigkeit auf ein ſolches Geſicht und eine ſolche Geſtalt blicken konnten. Jeannie wuͤrde aber vielleicht niemals zum zwei⸗ tenmale auf das eine oder die andere geſehen, wenig⸗ ſtens den Blick nicht darauf haben ruhen laſſen, haͤt⸗ ten ſich nicht Gutherzigkeit und Frohſinn in dem Weſen des jungen Mannes ausgedruͤckt; und hätte ſie ſich ihm nicht tief fuͤr die Rettung eines Lebens verpflichtet gefuͤhlt, das ihre gedankenloſe Bekuͤmmer⸗ niß um einige wenige Blumen in Gefahr geſetzt hatte. Malcolms Liebe fuͤr ſie war unſtreitig zuerſt durch ihre Schoͤnheit geweckt worden. Die Herzen der Matroſen ſind zur Zaͤrtlichkeit geneigt; denn wie kurz iſt die Zeit, in der ſie ſich dem natuͤrlichen Hange des Mannes, das Herz des Weibes fur ſich zu gewinnen, und dafuͤr die ganze Liebe und den zaͤrtlichen Schutz des eigenen zu geben, uͤberlaſſen koͤnnen! Man kann wohl ſagen, daß ihre Herzen ſich gleich nach ſolcher Gluͤckſeligkeit umſehen, ſobald ſie das ufer betreten. Kein Wunder alſo, daß ſie dieſelben gewoͤhnlich raſch und oft leichtſinnig ver⸗ ſchenken. Malcolm Cameron kannte nur ein weibliches Weſen genau, und das war ſeine Mutter. Sie war 5 üge lche ch⸗ ines gkeit cen wei⸗ ni⸗ hät⸗ dem hitte bens mer⸗ eſetzt erſt tzen wie chen ſih den aſſen en bald ſe vet⸗ ſches wor 1¹⁰9 gut, zärtlich, nachgiebig und liebevoll im Umgange; er glaubte nach ihrem ſchoͤnen Bilde andere Frauen beurtheilen zu koͤnnenz und kam daher allen Tugend⸗ haften ihres Geſchlechts mit einer liebenswuͤrdigen Leichtglaͤubigkeit entgegen, welche ihn ganz in die Gewalt eines jeden ſtrahlenden Auges und einer jeden blühenden Wange gab, die eine Eroberung aus ihm machen wollten. Nalcolm war haͤufig verliebt geweſen, wie er ſagte, waͤhrend er ſich in andern Seehaͤfen aufhielt; und er ſprach von ſeinen alten Liebſchaften offenher⸗ zig und ſcherzend;— wunderte ſich, wie er aufhoͤren koͤnnte, ſich fuͤr ſie zu intereſſiren; wunderte ſich, bis eine laͤngere Bekanntſchaft mit Jeannie und ein tie⸗ ferer Blick in ſein eigenes Herz ihm die Urſach davon erklaͤrte, Es war naͤmlich nur das ſtrahlende Auge und die bluͤhende Wange geweſen, vor denen er ſich ſonſt gebeugt hatte; kein wirklicher Zauber der Sitte, des Geiſtes oder des Herzens war bis zu dem ſeinigen gedrungen; kein tieferes Gefuͤhl in dem Herzen eines andern Maͤdchens hatte ſeine Beſtaͤndigkeit in An⸗ ſpruch genommen und ſich derſelben verſichert, wie es ſonſt der Fall geweſen ſeyn wurde. Dies iſt viel⸗ leicht die Geſchichte der Liebſchaften vieler Maͤnner. Neben Jeannie zu ſtehen und ihrem Spinnen zuzuſehen; ihren kleinen Fuß zu bewundern, wie er das Rad drehete, und ihren vollen runden Arm, wie ſie den Faden zog; dem verſtohlenen Blicke ihres ſchuchternen Auges zu begegnen, oder etwas mehr 120 als ihren kleinen Fuß ſchimmern zu ſehen, wenn ſie 14 raſch durch die Morgenluft eilte;— dieſe Dinge wa⸗ ren eine Zeit lang die hoͤchſte Wonne und die ſtaͤrk⸗ ſten Symptome ſeiner Liebe. Nach und nach nah⸗ men Beide einen hoͤheren Flug. Es war der Schall ihrer Stimme, ihres Trittes, der ihn am ganzen Koͤrper zittern machte;— der Anblick ihres Geſichts, gleichviel ob blaß oder geroͤthet — der Gedanke an Jeannies Herz— das Gefuͤhl, daß Jeannies eigenes Ich, was dieſes Ich auch ſeyn moge, wenn Jugend, Geſundheit, Schoͤnheit, Mun⸗ terkeit, Alles dahin waͤren, ihm immer das Theuerſte auf Erden bleiben wuͤrde;— dies Gefuͤhl war es, welches ſich ſeiner zuletzt ganz bemaͤchtigte, und eine ſolche Liebe erzeugte, die von dem erſten Augenblick an, wo ſie von uns ſelbſt erkannt wird, auf eine Verbindung auf Lebenszeit hindeutet. Jeannies dankbare und kindliche Sorgfalt für den alten Forſyth war liebenswurdig und verdienſt⸗ lich, aber doch ſchaͤtzte ſie Malcolm nicht uͤber ihren Werth; eine ſolche Dankbarkeit gegen den alten Mann war Pflicht. Aber ihr liebreiches Benehmen gegen ein Paar andere arme alte Leute, die einſam fur ſich lebten, und einſam, wie ſie ſagte, weil ſie vor Schwaͤche und Kränklichkeit muͤrriſch geworden waͤren,— ihr liebreiches Benehmen gegen dieſe war wahrlich eine Tugend, wofüͤr er ſie im Innerſten ſei⸗ ner Seele verehrte. Er betete ſie auch darum an, weil ſie abgetra⸗ genes Zeug, und Strümpfe von eigener Arbeit trug, ſi wa⸗ ürk⸗ noh⸗ ſttes, der öthet ſühl ſeyn ſun⸗ lerſte es, eine nblic eine ſir enſt⸗ hren Uten men nſam l ſe den war ſ etra⸗ rug, 12¹ indem ſie ſich ein Gewiſſen daraus machte, des alten Forſyths Habe zu verſchleudern; und er liebte ſie wegen ihrer zaͤrtlichen Aufmerkſamkeit fur ſeine kranke Mutter; eine Aufmerkſamkeit, die, waͤhrend ſie nichts als Zartlichkeit fuͤr die leidende Geſundheit einer Anderen athmete, billig als eine kleine Schwachheit fuͤr ihn ſelbſt ausgelegt werden konnte. Kurz, Mal⸗ colm Cameron liebte zaͤrtlich, aufrichtig, redlich— es war die unbegrenzte Liebe eines Matroſen. Alan Forſyth bemerkte dieſe gegenſeitige Zunei⸗ gung beim erſten Entſtehen, und beobachtete ſie wäh⸗ rend ihres ganzen Fortſchreitens; ſchweigend und traurig beobachtete er ſie. Schon an dem erſten Tage, wo Malcolm Ca⸗ meron in der Pachterwohnung eingefuͤhrt wurde, hatte er die ſuͤße Hoffnung, von Jeannien vorgezo⸗ gen zu werden, aufgegeben, und mit dieſer Hoff⸗ nung die Abſicht, ihr ſeine Wuͤnſche mitzutheilen. Wahre, aufrichtige Liebe iſt uneigennuͤtzig und ſelbſtverlaͤugnend, ſogar in dem rauheſten Herzen; die des armen Alan war eines beſſeren, als des ihr hier drohenden Schickſals wuͤrdig. Das erſte Gefuͤhl, welches ſeiner Ueberzeugung von Camerons Liebe folgte, ehe er deutlich in Jean⸗ nies Herzen las, war das lebhafte Verlangen, die ge⸗ raͤuſchvolle Welt kennen zu lernen, wie es dieſer junge Mann gethan hatte, und ſich Anſehen wie er zu erwerben. Malcolm Cameron's Capitain hatte einen Tag in dem Pfarrhauſe zugebracht, als Alan da war, und 122 der Eeſchicklichkeit und Auffuͤhrung des jungen See⸗ mannes das waͤrmſte Lob ertheilt. Vorzuͤglich hatte er ruͤhmend eines Vorfalls erwaͤhnt, der Malcolms unerſchrockenheit in ein glaͤnzendes Licht ſtellte. Ein portugieſiſches Schiff war in den Verdacht gekom⸗ men, wider den Tractat Sclaven an Bord zu haben; Malcolm geſellte ſich als Freiwilliger einem koͤnigli⸗ chen, zum Angriff beſtimmten Boote zu, und jene Ungluͤcklichen wurden mit der groͤßten Lebensgefahr der in dieſem befindlichen Maͤnner befreiet. Dieſe Begebenheit, ſchmucklos erzählt, entflammte Alans Seele; er fuͤhlte, daß auch er in einer ſolchen Sache aus freiem Antriebe Leib und Leben wagen wuͤrde; und daß es ihm daher nur an Gelegenheit fehle, ſich auf eine gleiche Stufe mit ſeinem Nebenbuhler zu erheben. Er faßte deshalb den Entſchluß, zur See zu gehen; denn er ſah keinen andern Weg zum Ruhm und Verdienſt, als den, welchen Malcolm be⸗ treten hatte. Viele Tage ſann Alan uͤber dieſen Plan nach; nicht aus Unſchluͤſſigkeit, ſondern aus Aengſtlichkeit uber die beſte und ſicherſte Art, ihn in Ausfuͤhrung zu bringen. Ploͤtzlich kam der Gedanke an ſeines Vaters vor⸗ geruͤcktes Alter ihm in den Sinn; er erinnerte ſich daran, daß er ein einziges Kind ſey, und daß der Greis, wenn Jeannie Halliday heirathete, allein zu⸗ ruͤckbleiben wuͤrde. Nie wurde der Pflicht und der kindlichen Liebe ein groͤßeres Opfer von dem menſch⸗ lichen Herzen gebracht, als jetzt von dem des einſam ———————————— achj eit un vol⸗ ſch der der 123 trauernden armen Alan. Er wollte bei ſeinem Va⸗ ter bleiben; koͤnnte er Jeannie nicht gefallen, ohne Muͤhſeligkeiten und Schiffbruͤche zu erleiden, oder verwegene Thaten auszufuͤhren, wie Malcolm Came⸗ ron; ſo muͤßte er ſich in ſein Schickſal ergeben, und mit gebrochenem Herzen in der Heimath verweilen; aber ach! könnte Jeannie nur einen Blick in dieſes Herz werfen! Alan fuͤhlte einen kurzen Augenblick das edle Bewußtſeyn, daß er ſie eher durch Arbeit und Kampf dort verdiene, als durch Jahre lange tapfere Dienſte, wie Malcolm Cameron ſie geleiſtet hatte; und dies Bewußtſeyn half ihm, ſeinem Ent⸗ ſchluſſe treu zu bleiben. Wie viele Tugenden keimen, bluͤhen und treiben reiche Fruͤchte in dem Schatten des niederen haͤusli⸗ chen Lebens; ja, oft in der Stille des Herzens ſelbſt! wie viele edle Handlungen, deren Ausfuͤhrung die umſtaͤnde vereiteln moͤgen, werden uͤberlegt, und zu⸗ letzt vollig beſchloſſen in der eigenen Bruſt! wie viele heldenmuthige Opfer dargebracht, von keinem Auge geſehen, außer dem des Einzigen, Allesſehenden! Aber ſolche Beſchluͤſſe werden als Handlungen in dem großen furchtbaren Buche, das Rechenſchaft uͤber unſer Thun und Laſſen gibt, aufgefuͤhrt; ſolche Opfer werden vor Menſchen und Engeln an jenem Tage verkuͤndet werden, wo alle Geheimniſſe ans Licht kommen. Alan Forſyths religioͤſe Erziehung hatte ihn fruh gelehrt, manchen Kummer durch Gedanken wie dieſe zu lindern; und nur ſolche allein konnten die wuͤthen⸗ 124 den Qualen ſtillen, mit welchen er taglich die Wün⸗ ſche eines Andern wachſen und in liebliche Erfu⸗ lung gehen ſah, während er die ſeinigen unterdruͤcken mußte. Auf ihren Abendwanderungen hing ſich Jeannie immer an Malcolms Arm; vielleicht wohl, weil Alan zu niedergeſchlagen den ſeinigen einem andern Mäd⸗ chen ſchon gegeben hatte. Die lieblichſte Juniroſe, ſo lange Juniroſen da waren, wurde fuͤr Malcolm gepfluͤckt; die letzte Spätroſe ſorgfaltig fuͤr ihn auf⸗ bewahrt. Ihm gehörten die Erdbeeren, im Morgen— thau geleſen; die Milch, von Jeannies Hand gepreßt; ihm alle jene namenloſen kleinen Dienſte, die Andern ſo viel verrathen, und dem, der ſie leiſtet, ſo voͤllig unbemerkt bleiben. Aber es waren eben ſo viele Schmerzenspfeile fuͤr Alan. Er durfte nicht klagen; wollte Jeannie nicht deswegen verdammen. Er war ja noch der Gegenſtand ihrer ſchweſterlichen Sorge und Guͤte; Nichts hatte ſich in ihrem Benehmen gegen ihn ver⸗ ndert; die einfache Sache war, daß ſie jetzt liebte und ihre Liebe unverſtellt zeigte. Alan bewunderte und zollte dem edlen Jüng⸗ linge indeſſen ſeine innige Achtung, den ſie erwählt hatte; denn Malcolm Cameron hatte ihm nicht nur das Leben gerettet, ſondern er zeigte ſolchen echten Werth, und ſo viele liebenswuͤrdige Eigenſchaften im umgange, daß es einer edlen Seele unmoͤglich war, ihm ihren Tribut zu verweigern. Eines Abends ſtanden Alan und Malcolm zu⸗ ————————— Wün⸗ rfüͤl⸗ tucken annie Man Mäd⸗ iroſe, ſcolm auf⸗ rgen⸗ Neßt; ndern völig feile mie der jte; ver⸗ ſebte üng⸗ ihlt nur hten im wal ju 125 ſammen auf dem Raſenplatze vor dem Pfarrhauſe, indem der erſtere unter des letzteren Anweiſung ſich mit dem geſtirnten Himmel bekannt machte. Jean⸗ nie ſchlich ſich leiſe zu ihnen heran, und fragte, was ſie da betrachteten. »Die Sterne, Jeannie!« antwortete Alan,»Mal⸗ colm nennt mir die Namen der meiſten von ihnen.« Jeannie fragte den Namen des erſten beſten, den ſie ins Auge faßte. »Das,« ſagte Malcolm mit Waͤrme, iſt mein Lieblingsſtern; denn er veraͤndert ſich niemals. Man⸗ che Nacht hat er auf mich herabgeblickt, wenn ich einſam die Wache hatte! Soll ich Euch lehren, Jeannie, wie Ihr ihn wieder erkennen koͤnnt, wenn ich weit weg bin, auf dem großen, großen Meere, und vielleicht an Euch denke; wollt Ihr ihm dann einen Blick, und mir einen Gedanken ſchenken, Jeannie?« Die letzten Worte wurden in einem leiſen, fluͤ⸗ ſternden, durch ploͤtzlich beſaͤnftigte Gefuͤhle unter⸗ druͤckten Tone geſprochen; doch nicht aus Mißtrauen gegen den Freund, der jetzt mit wildklopfendem Her⸗ zen zuruͤcktrat. Der Ausdruck, den Malcolm Camerons Blick hatte, als er zaͤrtlich in Jeannies ſich niederſenkende Augen ſah, und der ſanfte Druck, den er, wie Alan bemerkte, ihrer Hand gab, als er ihren Arm unter den ſeinigen nahm, ſprachen, was Baͤnde nicht be⸗ ſchreiben können. Jeannie ſchwieg, aber ſtieß unwill⸗ kuͤhrlich einen tiefen Seufzer aus. O, welcher Seuf⸗ 126 zer fuͤr Alan!»Hörtet Ihr je das Lied, fuhr Malcolm mit gedaͤmpfter Stimme fort,„das eine zaͤrtliche Frau auf ihren geliebten Gatten gemacht haben ſoll, nachdem er ihr dieſen Stern am Himmel gezeigt hatte? was wuͤrde Malcolm Cameron geben, nur halb ſo ſehr von einem theuren Madchen geliebt zu werden, das gerade jetzt zu nennen, er nicht kuhn genug iſt. Jeannie, dazf ich Euch das Lied herſa⸗ gen?“ Jeannie ſprach nicht, aber das Schlagen ihres Herzens gegen den Arm, an dem ſie hing, gab ihm Muth, fortzufahren. Ein wenig außer Athem, aber viel natuͤrliches Gefuͤhl in ſeiner Stimme aus⸗ druͤckend, wiederholte Malcolm die folgenden Verſe, welche, in dem ſchoͤnen Dialecte ſeines Vaterlandes gedichtet, einen unnachahmlichen Reiz hatten. Ja, dieſer einz'ge Stern iſt's, den die Sehnſucht nenntz O laß ihn immer mich als meinen Fuͤhrer ſegnen! Und bin ich einſam, noch ſo weit von dir getrennt; Mein Herz wird dir, nur Dir, auf dieſem Stern begegnen. Und wenn in kummervollen Stunden truͤber Nacht Der ſchoͤne Stern zum Segen mir erſcheinet;— Dein Bild iſt's, was in ihm, mich troͤſtend, lacht; 3 Und dich mit mir in trunk'nem Wahn vereinet. ——— Waͤhrend er das Lied wiederholte, uͤberzogen ſich Jeannies Wangen mehr und mehr mit hoͤherer Roͤthe; es enthuͤllten ſich ihr ihre eigenen und Malcolms Gefuͤhle. Der Gedanke an Heirath und ihn durch⸗ zuckte ihre Bruſt; ſie konnte nicht ſprechen; ſie wuͤnſchte nicht zu ſprechen. Malcolm endigte das Lied; und auch er ſchwieg vor innerer Bewegung. —— fuhr eine macht immel geben, liebt kühn herſt⸗ agen gb them, as⸗ Verſe, andes gnen. ſich öthe; olms 127 Alan Forſyths hoͤrbarer Schauerfroſt erſchreckte Jeanniez ſie ſagte einige Worte daruͤber, wie ihn in einer ſolchen ſchoͤnen Nacht frieren koͤnne, und kaum ſelbſt wiſſend, warum oder wie ſie es that, riß ſie ſich von Cameron, der ihren Arm ſanft gefaßt hielt, los, und eilte ins Haus. Alans Schauer und die Todtenfarbe ſeines Ge⸗ ſichts hielten Camerons Schritte auf; ein Verdacht, der ihm noch nie vorher in den Sinn gekommen war,— ſo ſtumm und mißtrauiſch war Alans Liebe geweſen, und ſo ſchweſterlich Jeannies Benehmen,— ſtieg jetzt in ihm auf; raſch nahm er Alans Arm, zog ihn etwas auf die Seite, und fragte ihn dann geradezu, ob er nicht Jeannie Halliday liebe, und ſie zu heirathen gedenke. Der arme Alan konnte mit Aufrichtigkeit ſagen, daß er durchaus keinen Gedanken an eine Verbin⸗ dung mit Jeannie hege; er fuͤhlte ſich halb erſtickt; aber ſein Entſchluß ſtand feſt; und er erwiederte mit anſcheinender Unbefangenheit, ohne ſich zu ver⸗ rathen, daß ſein Zittern ein Ruͤckfall vom Fieber ſey, woran er dann wohl noch, wenn er ſich erhitzt habe, leide. Cameron war nicht ſogleich davon uͤberzeugt, ſondern betheuerte großmuthig, daß er lieber ſterben, als ihm Jeannie abſpanſtig machen wuͤrde, wenn je etwas von Liebe zwiſchen ihr und dem Sohne ihres Pflegevaters vorgefallen ſey. 2 Alan laͤugnete abermals, daß ein ſolches Band zwiſchen ihnen beſtanden habe, und ſetzte, indem er 128 ihm viel Gluͤck in ſeiner eigenen Bewerbung wuͤnſchte, hinzu:»Aber nehmt die Zeit wahr, Freund, und ſeyd verſichert, daß ich Euer Geheimniß bewahren werde; doch muͤßt Ihr mir nicht immer davon vor⸗ ſprechen wollen. Ich hoͤre das Liebesgeſchwatz nicht gern.« »Oder Ihr wuͤrdet mir bei meiner guten Jean⸗ nie laͤngſt zuvorgekommen ſeyn,« rief der uͤbergluͤckli⸗ che Cameron aus,»und bei meiner Treu, Alan, ich wundere mich, daß Ihr es nicht gethan habt.« »Still, Freund, hier kommen die Alten!« ſagte Alan, froh, auf dieſe Art unterbrochen zu werden; und damit wandte er ſich von ſeinem nichts ahnenden Gefaͤhrten weg. Alans Ton war munter, aber ſein Herz fühlte Todesqual; und hätte Malcolm Cameron Zeit Khabt, nochmals das Laͤcheln in Alans Auge zu betrachten, er wuͤrde das Grauſende deſſelben empfunden, und ſich erklaͤrt haben. K Malcolm eilte in das Haus, um Jeannie zu bewegen, ihn zu ichrem Begleiter auf dem Heimwege anzunehmen— in welcher Abſicht, kann man ver⸗ muthen; Alan dagegen wartete die langſame Heran⸗ kunft ſeines Vaters in einem Zuſtande von ſtiller Verzweiflung ab. Der Kampf war voruͤber;— die Wellen waren uͤber den Truͤmmern ſeiner Hoffnun⸗ gen Zzuſammengeſchlagen; und er war am öden Strande einſam und auf ewig zuruͤckgelaſſen. Es ſchien, als wenn Alan ſeinen Kummer durch eine aͤngſtlichere Erfuͤllung der Pflichten zu ſchte, und ohren nvol⸗ nicht Jean⸗ icli⸗ n, ich ſ erden; ſenden fib te ghabt, achten, und ie zu nwege ber⸗ heran⸗ ſtilet — die fun⸗ äden unm(t n 129 lindern ſuchte, denen er das groͤßte Opfer gebracht hatte; oder er fuͤrchtete, ſich Zeit zu laſſen, an jene Qualen zu denken, die aller Verſtellung trotzen; denn er beeiferte ſich, dem alten Manne die Muͤtze aufzu⸗ ſetzen, und ihn waͤrmer in ſeinen Mantel einzuhuͤllen; und als er ihm ſeinen Arm zur Stuͤtze gab, ging er mit vorſichtigern Schritten. Es war in der That ein kuͤhler Abend, leicht angehaucht von fruͤhem Froſte; aber fuͤr Jugend und Geſundheit war die Kuͤhle erfriſchend. Das Licht des Mondes und die Duͤnſte der Nacht lagen auf jedem ſchimmernden Flußchen und blumigen Huͤgel; nichts als das ſanfte Rauſchen des Waſſers wurde durch die liebliche Stille vernommenz denn kein Luft⸗ zug aͤnderte den Schatten, welchen die Birken uber den vom Pfarrhauſe nach der Pachterwohnung fuͤh⸗ renden Pfad warfen. Unter dieſem kryſtallenen Monde und dieſen duftenden Schatten fluſterte Malcolm Cameron ſeine Liebe, ſeipe Wuͤnſche, ſeine Hoffnungen in Jeannies Ohr;z und Jeannie gelobte ihm in Erwiederung ihre jungfraͤuliche Treue. Es wurde unter ihnen ausgemacht, daß er jetzt ihren Pflegevater um ihre Hand bitten, und dieſe Hand nach ſeiner Ruͤckkehr von der beabſichtigten Seereiſe in Empfang nehmen ſollte. Sein Capitain hatte ihm die Erlaubniß ertheilt, einzelne Handels⸗Artikel fuͤr ſeine eigene Rechnung mitzunehmen; ſeine Erwartungen, ſie vortheilhaft zu verkaufen, waren groß und wohlbegruͤndet; er konnte Porter Erzähl. 1. 9 130 alſo wahrſcheinlich nach ſeiner Ruͤckkehr eine kleine Pachtung annehmen, und, unterſtutzt von ſeinem gu⸗ ten Onkel und ſeinem eigenen Fleiße, im Stande ſeyn, eine ſolche Frau, wie ſeine haͤusliche Jeannie, zu ernähren. Jeannie haͤtte Malcolm ohne Gut und Geld heirathen koͤnnen, mit der bloßen Haide zum Lager, und der wilden Beere zur Nahrung; aber ſie war zu ſchuͤchtern es zu ſagen, und Malcolm zu edel, um ſie einem ſolchen Schickſale auszuſetzen. Jeannie trug einen einfachen goldenen Ring auf dem dritten Finger und Malcolm einen auf dem vierten; jetzt wechſelten ſie dieſe Ringe mit einander. Als ſie es thaten, waren ſie Alan und ſeinem Vater weit vorgekommen, und theilweiſe allen Blicken durch die dicken Zweige der Birken entzogen; dennoch wagte Malcolm, Jeannie nur ſanft an ſich zu druͤcken, waͤh⸗ rend ſein Arm um ihren ſchlanken Leib geſchlungen war, und er mit erſtickendem Gefuͤhle die Worte: „Fuͤr immer und auf ewig!« ausſprach.„ Jeannies Herz ſelbſt ſchien ſich mit ihremn Kopfe im Kreiſe zu drehen, als ſie unwillkuͤhrlich an ſeine Schultern ſank.»Dieſer Ring, Malcolm,« ſagte ſie nach einer langen und ſeligen Pauſe,»gehoͤrte der alten Eppie Forſyth; ſie gab ihn mir bei ihrem Tode, mit ihrem Segen und der ſtrengen Ermah⸗ nung, ihn nie zu verſchenken, außer an einen ſolchen Mann, wie Ihr ſeyd, Malcolm! einen, dem ich zuerſt mein ganzes Herz gegeben haͤtte. Wer war es, der Euch den Eurigen gab?« Ring f dem ander. Vuter durch wahle woh⸗ ungen ßorte Kopfe ſeine gt ſi e der ihrem mah⸗ olchen junf der 131¹ »Einer, der nicht ſo gluͤcklich war; ein armer junger Soldat, mit dem ich in Gibraltar bekannt wurde, und der von dem Maͤdchen, das er liebte, getrennt worden war. Er war nicht reich, und die Angehoͤrigen des Mädchens wollten die Heirath nicht zugeben; ſo ließ er ſich anwerben, ging uͤber's Meer, und ſtarb dort an der Auszehrung.« »O ſchrecklich! und was wurde aus dem armen Maädchen,« fragte Jeannie mit ſchwimmenden Augen. »Ich weiß es nicht,— noch hat er es je er⸗ fahren koͤnnen,,— erwiederte Cameron, indem er dem Andenken ſeines Gefaͤhrten einen theilnehmenden Seufzer ſchenkte;»ich glaube wahrlich, der arme Burſche wuͤrde laͤnger gelebt haben, wenn er nur Nachricht von ihr erhalten haͤtte; aber das war nie der Fall. So wußte er nicht, ob ſie ihm treu ſey oder nicht, oder von ihren Freunden zuruͤckgehalten werde. Zuweilen zeigte er mir eine lange Locke von ihrem ſchoͤnen Haar, die er tief verſteckt auf der Bruſt trug, und eine Blume, die ſie ihm einſt von ihrem Köpfe ſchenkte,— die Blume wurde mit ihm begraben,— und dieſen naͤmlichen Ring, den ſie ihm gegeben hatte, gerade wie Ihr mir den Eurigen gegeben habt, Jeannie. Er bat mich, ihm den Ring vom Finger zu ziehen, wenn er ganz kalt ſeyn wuͤrde, und wuͤnſchte mir, daß er mir mehr Gluͤck in der Liebe braͤchte, als er ihm gebracht habe. Seine Wuͤnſche ſind in Erfuͤllung gegangen. Armer Burſche!« Jeannie fuͤhlte ſich von einem Schauer ergriffen; 132 ihrer jugendlichen Phantaſie duͤnkten ſolche Liebesun⸗ terpfande von boͤſer Vorbedeutung zu ſeyn. Der Wechſel von Ringen, die auf dem Sterbebette ver⸗ macht waren, hatte etwas Unheimliches und Schreck⸗ liches; und ſie zog Malcolms Ring halb von ihrem Finger ab, waͤhrend ſie ihre Furcht gegen ihn aͤußerte. Cameron verhinderte ſie raſch daran, und verwies ihr ihren aͤngſtigenden Aberglauben mit der ganzen Zaͤrtlichkeit eines liebevollen aber maͤnnlichen Herzens; zugleich ſchob er den Ring ſanft wieder zuruck. „Da es durchaus eine Vorbedeutung ſeyn ſoll, ſo betrachtet es als ein Zeichen, daß Ihr mir ein eben ſo gutes Weib ſeyn werdet, als Eppie ihrem theuren Manne war; und ich Euch ein eben ſo treuer Gatte, als der arme Robin ſeiner Madie ein Geliebter— treu bis in den Tod, Jeannie.« WMiit dieſer Auslegung der Vorbedeutung war Jeannies argloſes Herz zufrieden geſtellt; und zu dem erſten Entzuͤcken der Freude zuruͤckkehrend, ſchlug dieſes Herz mit neuem und erhoͤhtem Wonnegefuͤhle bei jeder fernern Betheurung ihres Malcolms uͤber ſeine Liebe, und bei jedem wiederholten Gemalde ihres zukuͤnftigen Lebens, wenn ſie vereinigt ſeyn wuͤrden. So ungeduldig ſehnte ſich ihr junger Matroſe nach der Einwilligung des einzigen Freundes, den Jeannie zu befragen hatte, daß ſie ihn kaum, als ſie ſich der Pachterwohnung naherten, zu uͤberreden ver⸗ mochte, das Geſuch bis auf den folgenden Tag zu verſchieben. ebesun⸗ Der ſte ver⸗ Schuc⸗ nihrem ußerte⸗ verwies ganzen tzens zurick U ſo in eben theuren t Gatte⸗ bter— ng wor zu dem ſchluh egefühle ns über emälde t ſeyn Nutroſe 0 als ſi den ve 20g il 133 Es waͤre ſpät, bemerkte ſie, und was er zu ſa⸗ gen habe, muͤßte Alles ihrem Pflegevater geſagt werden; ſie waͤre beinahe ſo gut, wie deſſen Kind, und Malcolm muͤßte bedenken, daß es dem alten Manne zu viel Gedanken machen wuͤrde, um darauf ſchlafen zu können; alſo thäte er beſſer, zum Fruh⸗ ſtuͤck zu kommen, und es dann dem alten Adam mit⸗ zutheilen. Mit dieſem, halb aus Schuͤchternheit und halb aus Fuͤrſorge gegebenen Rathe mußte Came⸗ ron ſich ſeinerſeits begnugen; er ſchuͤttelte daher ohne Weiteres dem Vater und dem Sohne die Hand, als ſie jetzt bei ihm und Jeannie ankamen, und eilte im Fluge davon, um wenigſtens ſich bei ſeiner Mutter der gluͤcklichen Laſt zu entledigen. Den andern Mor⸗ gen wurde darauf Camerons Liebesgeſchichte dem al⸗ ten Forſyth erzaͤhlt, und mit guͤnſtigem Erfolge erzahlt. Ungeachtet aller ſeiner Zartlichkeit füͤr Jean⸗ nie, gab dieſer ihre Hand nicht ungern einem wuͤrdi⸗ gen Manne; um ſo mehr, da ſein Sohn ſo zu ſagen dadurch von dem befreiet wurde, was ſonſt wohl nicht mehr als recht und billig geſchienen,— von der Verbindlichkeit, die Waiſe zu heirathen, die ſeine Eltern erzogen hatten. In Verbindung mit etwas von der Liebe zum Gelde, die mit den Jahren bei dem Menſchen zu wachſen ſcheint, zeigte ſich bei Adam Forſyth eine Art Stolz, der es ihn fuͤr wahrſcheinlich halten ließ, daß ſein Alan eine ehrenvollere Verbindung ſchließen könne, als mit einem durchaus unbemittelten Mäd⸗ 134 chen; und zugleich wurde dieſer Stolz bei dieſer Ge⸗ legenheit befriedigt, da der zukuͤnftige Gatte ſeiner Tochter der Neffe eines angeſehenen Geiſtlichen war. Ohne im Geringſten die tief gewurzelte Liebe ſeines Sohnes fuͤr Jeannie zu argwoͤhnen, gab er daher zu der Verbindung des jungen Paars ſeine herzliche Einwilligung, und ging ſelbſt hin, um die angenehme Neuigkeit Alan zu uͤberbringen. Der alte Forſyth war gluͤcklicher Weiſe ſowohl bloͤdſichtig als taub. So blieben ihm denn Alans Todtenblick und bebende Stimme unbemerkt; und nachdem die erſte Erſchuͤtterung voruͤber war, hatte der tugendhafte Alan, eben wegen des hohen Grades ſeiner Ver⸗ zweiflung, die Kraft, ſich ſo vollkommen zu beherr⸗ ſchen, daß, als er Jeannie und ihrem Geliebten be⸗ gegnete, der muntere Ton ſeiner Gluͤckwuͤnſche ſelbſt auf weniger als gewoͤhnlichen Antheil an ihrem Gluͤcke ſchließen ließ. Und doch, haͤtte er Jeannie bloß mit bruͤderlicher Zuneigung geliebt, ihr Gluͤck wuͤrde ſein Herz zu tief bewegt haben, um froͤhlich zu ſeyn. Jeannie und Cameron waren zu ſehr mit ein⸗ ander beſchaͤftigt, als daß ſie noch einen Dritten auf⸗ merkſam haͤtten beobachten ſollen. Bald hatten ſie wahrlich auch keinen Augenblick in dem Genuſſe der Gegenwart zu verlieren; denn das Schiff ſollte in vierzehn Tagen unter Segel gehen; und da auch Malcolms Mutter ihren Theil von ſeiner theuren Geſellſchaft verlangte, ſo wurde Jeannie natuͤrlich mit nach dem Kamine in dem Pfarrhauſe gezogen. r Ge⸗ ſeinet war. Liebe gab er ſeine mn die er alte ig als 7 und erſte dhafte Ver⸗ beher⸗ ten be⸗ ſubſt ihtem eannie Glick röhlich it ein⸗ en auf⸗ ten ſi llte in auch heuren atiri eſgen 135 Während dort das gluͤckliche Paar mit der Mutter und dem wuͤrdigen Prediger ſelige Stunden genoß, vergrub ſich Alan in ſeiner Verzweiflung unter muͤh⸗ ſamen Geſchaͤften und Berechnungen; und ſo groß war die Aufmerkſamkeit, die er dieſen Arbeiten und den daraus entſpringenden Vortheilen widmete, daß die Nachbaren fluͤſterten,»auch ihm muͤſſe das Hei⸗ rathen im Kopfe ſtecken« Keiner war daher uͤber⸗ raſcht, als er die Abſicht zu erkennen gab, nach dem ſuͤblichen Theile des Landes zu reiſen, um einiges ſehr ſchoͤnes Vieh zu verkaufen, eine Speculation, aus welcher er, wie er ſagte, einen vierfachen Ge⸗ winn zu ziehen hoffe. Er wuͤnſche auch, fuͤgte er hinzu, etwas von England und ſeinen Gebraͤuchen kennen zu lernen; und koͤnnte er ſo weit als Norfolk kommen, ſo wolle er dort einen Vetter beſuchen, der als Untergaͤrtner bei dem beruͤhmten großen Landwirthe jener Graf⸗ ſchaft in Dienſten ſtehe. Durch dieſen dächte er ſich mit den neuen Verbeſſerungen des Ackerbaues be⸗ kannt zu machen. Da Alan den Vorſchlag machte, einen Acker⸗ knecht mitzunehmen, und ſich alſo nicht in dem ſehr demuͤthigen Aufzuge eines ſchottiſchen Viehhaͤndlers ſehen laſſen wollte, ſo wurde der alte Forſyth ver⸗ mocht, ſeine Zuſtimmung zu dieſem zweiten unerwar⸗ teten Familienereigniſſe zu geben; und gerade vor⸗ her, ehe Malcolm Cameron nach der Havannah unter Segel ging, trat Wan Forſyth ſeine traurige und beinahe einſame Reiſe nach den ſudlichen Grafſchaf⸗ 136 ten an. Wohl wußte Alan, daß ſein Herz, welches gegen ſeinen eigenen Schmerz männlich angekaͤmpft hatte, nie den Anblick der kummervollen Jeannie ertragen koͤnne. Er ahnete, was ſie bei dem Ab⸗ ſchiede von ihrem Geliebten und Verlobten zu leiden haben wuͤrde, und floh daher weislich die Gefahr, ihren Kummer dadurch zu erhoͤhen, daß er ihr das ihm verurſachte Elend verriethe. Qualvoll war auch wahrlich Jeannies und ihres Geliebten Abſchiedsſchmerz, und die Pein um ſo groͤ⸗ ßer, da keiner von Beiden ſich Zeit gelaſſen hatte, daran zu denken, bis der Augenblick kam. Beinahe immer zuſammen, konnten ſie nicht anders als glucklich ſeyn; und ſo gluͤcklich, daß ſie ſich einen verſchiedenen Zuſtand ihrer Gefuͤhle unter dem Einfluſſe der Gegenwart nicht ohne die großte Anſtrengung vorzuſtellen vermochten; aber zu leiden und ſich zu trennen war ihre Beſtimmung; und ſie ſchieden unter Thraͤnen, Gebeten, Segnungen und Umarmungen. Ach! wie hart iſt die Strafe, die wir fuͤr unſere theuerſten Freuden in dieſer Welt zahlen müſſen! Nun kamen Jeannies durchwachte und durchweinte Naͤchte. Der Wind ſtuͤrmte, der Regen goß; man hoͤrte von Schiffbruͤchen; die Nächte ſchienen laͤnger zu ſeyn; die Tage langwieriger, als je vorher in Jeannies Erinnerung Nächte und Tage geweſen waren. Der Anfang und das Ende des Herbſtes kamen ihren Augen trauriger vor, als alle fruͤheren *— velche kämpft eannie m Ab⸗ leiden efahr, t das ihres gu⸗ hatte nicht aeß ſi unter leiden nd ſie n und unſere ſſen! weinte nnn langet er in weſen erbſes iheen 137 Herbſte ihres kurzen Lebens. O, der langwierige Winter, wie ſollte ſie ihn hinbringen? Arme Jeannie! dies war dein erſter Kummer. Doch ſchienen die Hoffnungen und das Gluͤck durch dieſe ſchwarzen Wolken wie Zwillingsſterne; wie wird es dir unter einem Himmel, ohne einen einzigen Stern ergehen! Aber endlich war der Winter uͤberſtanden; und mit dem Sonnenſchein des Maͤrzmonats lief das Schiff, der Andreas, in die Muͤndung des Tay ein. Malcolm Cameron kehrte nach der Pachterwohnung und dem Pfarrhauſe mit Geſundheit auf der Stirn, Freude im Herzen, und einen Beutel mit auslaͤndi⸗ ſchen Goldmuͤnzen, ehrlich erworben, in der Hand zuruck. Er brachte Jeannie einen Papagei mit, ſeiner Mutter ein ſeidenes Kleid, Schnupftabak von der Havannah fuͤr ſeinen Onkel und den alten Forſyth, und fuͤr Alan verſchiedene Arten von Koͤrnern,»um damit Verſuche anzuſtellen.« Er kam mit dem Sonnenſchein und gleich dem Sonnenſchein; denn wie er ſich zeigte, ſchwand jede Wolke aus dem Geſichte und Herzen aller derer, die er wieder umarmte; Aller, außer Alan, der ſei⸗ nen Gram indeſſen noch vor jedem Auge ſtandhaft verborgen hielt. Alle Anordnungen zu der Hochzeit der wieder⸗ vereinigten Liebenden wurden jetzt ſchnell getroffen; ein kleiner Ackerhof wurde in geringer Entfernung von dem Pfarrhauſe gepachtet, und ſowohl das In⸗ 138 ventarium, als alles ſonſt Erforderliche, mit Malcolms Gewinnſte beſtritten. Der alte Forſyth, heimlich durch ſeinen Sohn dazu beredet, machte Jeannie ein Geſchenk mit einigen Milch gebenden Kuͤhen und Federvieh, nebſt allem Haushaltsleinen, das ſie ſelbſt geſponnen hatte. Mit vieler Muͤhe erhielt Alan nach dieſen wahrlich ſehr reichlichen Gaben die Er⸗ laubniß, der Gefaͤhrtin ſeiner Kinderjahre einen Be⸗ weis ſeiner Liebe dadurch zu geben, daß er ihr alle ſeine eigenen Erſparungen in einem ſeidenen Beutel, der einſt ſeiner Mutter gehoͤrte, uͤberreichte. Der alte Forſyth wußte niemals, wie hoch ſich dieſe Erſparungen beliefen; und eben ſo wenig erfuhr jemals die dankbare und zu Thränen geruͤhrte Jean⸗ nie, unter welchen Muͤhſeligkeiten und Entbehrungen der treue Alan waͤhrend ſeiner langen Abweſenheit in England die Summe geſammelt hatte, die er ihr jetzt, als von einem Bruder und Freunde kommend, aufdrang. Alan, der jetzt in der Kunſt, ſeige Ge⸗ fuhle zu unterdruͤcken, auf eine traurige Art geuͤbt war, beſtand die Pruͤfung, ohne Verdacht zu erregen; und durch einen ſo unerwarteten Erfolg ermuthigt, verſprach er, bei der Trauung ihrer Jeannie zugegen ſeyn zu wollen, mit dem aufrichtigen Vorſatze, ſein Wort zu halten. Aber Alan hatte ſich vergebens eingebildet, fuͤr dieſe ſchwere Pruͤfung hinreichende Stärke zu be⸗ ſitzen. An dem Morgen des gluͤcklichen Tages, in demſelben Augenblicke, als Jeannie, erroͤthend und in Thränen ſchwimmend wie eine bethauete Roſe, Mal⸗ alcolms eimlich mie ein en und ie ſellſt Aan die Er⸗ en Be⸗ ihr alle Belltel, och ſih erfuhr eJean rungen eſenheit e ihr mmend, e be⸗ geubt nthigt zugegen e, ſein t, für zu be⸗ zu in in s und Nal 139 colm ihre Hand gab, um ſie zur Kirche zu fuͤhren, wurde er von Kraͤmpfen befallen, welche die Um⸗ ſtehenden einer den Tag vorher verrichteten, beſon⸗ ders angreifenden koͤrperlichen Arbeit zuſchrieben. Obgleich Beide, Braut und Braͤutigam, zu aͤngſt⸗ lich um Alan beſchaͤftigt waren, um ohne ihn zur Kirche zu gehen, ſo fand man ihn doch, als er wieder zu ſich ſelbſt kam, von den Kraͤmpfen ſo angegriffen, daß Jeder ſeine Verſuche, zu der Hochzeitsgeſellſchaft zuruͤckzukehren, laut fuͤr unbeſonnen erklaͤrte. Alan wurde deshalb, was er auch ſagen mochte, eine Zeit lang in der Einſamkeit und ſeines Vaters Lehnſtuhle zuruͤckgelaſſen;(der alte Forſyth hatte es namlich uͤbernommen, die Braut zu uͤbergeben) aber auch mit der troͤſtenden Ueberzeugung zuruͤckgelaſſen, daß, wenn Malcolm Cameron ſeiner Jeannie theurer waͤre, als die ganze Welt, er, der arme Alan, in ihrem Herzen doch unmittelbar auf ihn folge; denn welche theilnehmende Thraͤnen glaͤnzten in Jeannies Augen, als ſie auf ihn herabſah! wie liebevoll war der Ton ihrer ſanften Stimme, als ſie Malcolm die Art und Weiſe ſagte, wie er ſich ſeiner annehmen, und ſeine convulſiviſchen Bewegungen ſanft zuruͤck⸗ halten ſollte! Al lan glaubte,— und die menſchliche Schwachheit ließ ihn fuͤr den Augenblick den Glau⸗ ben nicht bedauern,— daß Jeannie jetzt ſeine wahre Lage errathe und um ihn traure. Wuͤrde er nicht von Jeannie geliebt, dachte er, ſo wuͤrde er doch von ihr bemitleidet, was dieſem am naͤchſten ſtehe; und 140 dieſer troͤſtende Gedanke verſetzte ihn nach und nach in eine ſchwermuͤthig ruhige Stimmung. Alan hatte Recht. Jeannies Augen waren waͤh⸗ rend der Zwiſchenzeit ſeiner Kraͤmpfe einem Blicke der ſeinigen begegnet, der in ihren Herzen das hellſte Licht verbreitete; die Pein, die ihr dieſer Blick gab, war an dieſem Tage der einzige bittere Tropfen in dem uͤberfließenden Becher ihres Gluͤcks;— er war zu bitter, um ihn mit ihrem Gatten zu theilen. So ſchmerzlich die Entdeckung dieſer geheimen Gefühle Alans auch war, ſo wurde ſie doch nuͤtzlich und wohl⸗ thaͤtig, denn ſie ſetzte Jeannie in den Stand, nach⸗ her dieſe Gefuͤhle zu ſchonen, welche ſie ſonſt oft ſchwer und ohne es zu wiſſen, verletzt haben wuͤrde. Nachdem ſie als Malcolm Camerons Frau in ihren neuen Wirkungskreis eingetreten war, vermied ſie auf zarte Weiſe, ihre Gluͤckſeligkeit vor Alan in einem zu blendenden Lichte erſcheinen zu laſſen; ſie ſorgte dafür, nicht zu oft mit ihm zuſammenzukommen; und war liebevoll, doch vorſichtig bemuͤht, ihm eine Auf⸗ merkſamkeit zu bezeigen, die ſeinem Herzen ſchmei⸗ chelte, aber eine verbotene Leidenſchaft nicht von neuem anfachte. Die groͤßere Entfernung der Freude,(wie der warm fuͤhlende Malcolm aus eigenem Antriebe ſein kleines Haus nannte, von der Pachterwohnung, als von dem Pfarrhauſe, ſetzte haͤufigen Zuſammen⸗ kunften ein naturliches Hinderniß entgegen; Mal⸗ colm hatte ſeine Feldarbeiten zu beſorgen und Jean⸗ nie ihre Haushaltsgeſchäfte; und dazu nahm die be doc Gl en Ft de eig ben ge Zi nach Blice ellſe gab nin war So ühle ohl nach⸗ oſt ürde. ihren auf inem orgte und Auf⸗ mii⸗ von wie riebe ung, nen⸗ Nab un ie 141 aͤltere Frau C — ameron, die i hren guten Kindern— gelaſſen hatte ſpruch,—— ſo viel von ihrer ihren neu verheirath it in An⸗ ſen Willen v e ear n von der W ar mit dem be⸗ die Woch elt ſelten be⸗ zum Abende mehr als ei gehen konnte ſſen nach dem mnal dieſer——— gücche— Zeit gelaſſ llans erſchuͤ ntreffen ſen, wieder Feſtigkei huͤttertem Gei meln; ſo eſtigkeit und eiſte ihr b5 nach ſeine zu ſam⸗ annahmen,. mäßig geſundes Zůge Ton gedankenv— niedergeſchlagenes— —— fuͤr einen— ge⸗ er uberirdiſ n Hang, entwe⸗ Er gin rdiſchen Dinge entwe⸗ aber war——. ſelten nach—— doch ſchmerzlichen„ ſo geſchah es mit ein reude; Si daß er d efühl der Theilnahme em edlen, ihn immer als Br— ſsh⸗ Malcolm Ca dem —— uder willkommen,— hieß Freuden vor ihm ffenheit alle Schätz ſeiner mit aus. Wenn de auslichen r arme. eigenen ſo— Hauſe umherſah,—½ ſich in bemerkte er 16 Wohnung verglich es mit der Die reinen e dieſe Schatze!— che, die v„weiß uͤbertuncht on ſc en geputztem S r S6 der Kuͤ⸗ Zimmer, mi glaͤnzten; d aare und ſchoͤn mit z das niedli zebracht Seltenheiten,. gemalte „und einem Eckſchranke mit⸗ on ſeiner 142 eigenen kunſtvollen Hand geſchmuͤckt; das Kamin, mit Sommergeſtraͤuchen gefuͤllt; die Betten, mit der ſau⸗ berſten Leinwand uͤberzogen; der gaſtliche Tiſch, mit wohl zubereiteten und geſunden Speiſen beſetzt; der ſanft abhaͤngige Garten, mit ſeiner Blumenpracht und ſeinem Gemuͤſereichthum; die lieblich duftende Milchkammer, die alle feineren Genuͤſſe des Som⸗ mers im Ueberfluß darbot; und der aufgehaͤufte Torf⸗ vorrath neben der Thuͤr, welcher Waͤrme und An⸗ nehmlichkeit fuͤr den Winter verhieß; weiterhin die wohlbeſtellten Felder und uͤppigen Wieſen mit treff⸗ lich gedeihendem Viehe; die lieblichen Baͤche und Huͤgel um das Haus her; und, Alles uͤbertreffend, das liebende und geliebte Weib darin!— dieſes, die⸗ ſes waren Schätze, die der tugendhafte Alan zu be⸗ neiden in Verſuchung zu kommen fuͤrchtete, wenn er ſie zu oft betrachten wuͤrde. Er legte ſich daher noch emſiger auf haͤusliche Arbeiten, und ernſte Buͤcher, die er mit ſeinem frommen Vater las. Monate vergingen auf dieſe Art,— Monate von ſeltener Gluckſeligkeit fuͤr das junge Paar in der Freude. Einander noch theurer geworden durch die genaue Bekanntſchaft mit ihren gegenſeitigen Tu⸗ genden, und durch die fortwaͤhrenden Beweiſe, die ſie ſich von der Sanftmuth ihrer Charactere gaben, fanden Malcolm und Jeannie ihre Freuden durch keinen einzigen widrigen Umſtand getruͤbt; nicht, als wenn ihnen nicht auch zuweilen unangenehme Vor⸗ fälle begegnet wären, wie ihren Nachbaren; ſondern weil ſie fruh gelernt hatten, den Himmel dafuͤr zu ſehn n wen So al Na ſan Kn len das Nu ſchi zuc erſ ent gew rick ſen höhe fun Ei Fel Leh lihe n, mit t ſau⸗ mit z der pracht ftende Som⸗ Torf⸗ d An⸗ nbie tteff⸗ und effend, 6 die⸗ zu be⸗ un er noch er, die onale der durch A „die aben, durch ndern in zu 143 ſegnen, daß er ihnen keine Ungluͤcksfalle anſtatt klei⸗ ner Verdrießlichkeiten geſandt habe, und dieſe alſo weniger unangenehm empfanden. In allen wichtigen Sachen ging es ihnen gut. Sowohl ihre Laͤndereien als ihr Vieh warfen mehr als den erwarteten Gewinn ab. Jeannies derbe Magd war ein wahrer Schatz wegen ihrer Arbeit⸗ ſamkeit und munteren Laune; und Alans einziger Knecht bewies ſich treu und unverdroſſen. Um Al⸗ lem die Krone aufzuſetzen, wurde Jeannie, noch ehe das Jahr vollendet war, ohne alle Gefaͤhrde gluckliche Mutter eines lieblichen Maͤdchens. Wer kann es ſchildern, wer hat es zu ſchildern nothig, das Ent⸗ zucken eines jungen und liebenden Paars uͤber ihr erſtgebornes Kind? Alle, die ein ſolches Entzuͤcken entweder ſelbſt empfunden haben, oder Zeugen davon geweſen ſind, muͤſſen es, wenn ſie koͤnnen, ſich zu⸗ ruͤckrufen. Malcolm und ſeine Frau waren die ſelig⸗ ſten aller Eltern; ihre Liebe fur einander nahm einen hoͤhern Charakter an, waͤhrend die ſturmiſchern Ergie⸗ ßungen bewundernder Zartlichkeit das ausſchließliche Eigenthum ihres Kindes wurden. Zur Zeit des Abends, wenn Malcolm aus dem Felde oder vom Markte zuruͤckkam, konnte man nichts Lieblicheres ſehen, als das Gemaͤlde, das ſeine freund⸗ liche Wohnung darbot; Jeannie über ihren ſchlafen⸗ den Säugling gebeugt, mit dem ſtrahlenden Auge und der bluͤhenden Wange der achtzehnjaͤhrigen Frau, wie ſie das lange, ſonnige Haar zuruͤckwarf, um ihrem zärtlich auf ſie zueilenden Gatten zuzulaͤcheln und 144 ſeinen Augen und Lippen zu begegnen. Nie ſchloß Malcolm Weib und Kind in eine Umarmung ein, ohne nicht den Himmel laut fuͤr ſolche Schätze zu ſegnen; und er bewies dadurch, daß fuͤr ein dank res Herz noch eine andere Pruͤfung außer der Gl ſeligkeit erforderlich iſt. Aber nicht dem Vater und der Mutter alleiß gewahrte die kleine Janet die hochſte Freude; von dem Augenblick an, wo Alan Forſyth ſie in ſeine Arme nahm, und das Geheimniß ſeines Herzens ſich in einem ploͤtzlich uͤber ſie ergoſſenen Thränenſtrom' Luft machte, von dieſem Augenblick an fand ſein Herz einen Gegenſtand, den es ohne Einſchraͤnkung, wie ohne Furcht lieben durfte. Er fand ihn in dem huͤlfloſen kleinen Weſen, das ſein Daſeyn der Jean⸗ nie verdankte, die er ſo lange und zaärtlich geliebt hatte. Seit der Stunde, wo Jeannie ſich verhei⸗ rathete, gedachte Alan nie ſeiner getaͤuſchten Leiden⸗ ſchaft, ohne ſie als etwas, das geweſen waͤre, zu betrachten. Camerons Mutter war allein zugegen, als der Saͤugling Alan Forſyth uͤberreicht wurde. Sie war eine Frau von tiefem Gefuͤhl; ſie verſtand ſogleich die Geſchichte ſeines Herzens; und der thraͤnenvolle Blick, den Jeannie mit ihr wechſelte, als Alan ſeine Lippen auf die Stirn des Kindes preßte, uͤberzeugte ſie, daß das, was ſie vermuthete, richtig ſey. Sie ſprach nachher mit ihrer Schwiegertochter daruber; Alans tugendhaftes und ſelbſt verläͤugnendes Betra⸗ gen wurde aus einander geſetzt und von beiden . geri dem ahn vu tieſ je ſe die Jit und colt nes die getl Jea ling heiß und kon häu Fre Uun tete Ki un ſecz ſeine ſtrom d ſein inkung in dem Jean⸗ gelibt verhei⸗ Leiden⸗ e, 3 ls det e wer vgleih nolle ſeine zeugte Sie ruberj Betr heiden 145 geruͤhmt, und Jeannies Benehmen gegen ihn, nach⸗ dem ſie den wahren Zuſammenhang der Dinge zu ahnen angefangen hatte, von Frau Cameron ge⸗ bllligt. Jeannie fuͤhlte ſich ſehr dadurch erleichtert, daß dieſe um das einzige Geheimniß wußte, welches ſie je vor ihrem Gatten verheimlicht hatte. Waͤhrend ſie allein darum wußte, fuͤrchtete und glaubte ſie, daß die Verheimlichung unrecht ſey; doch Alans Bieder⸗ Reit und ſeine Leiden verdienten eine ſolche Zartheit und Schonung von ihrer Seite; und wäre ihr Mal⸗ colm mit Allem bekannt gemacht, ſo hatte ſein eige⸗ nes Gluck, gleich dem ihrigen, durch das Bewußtſeyn, die Ruhe eines liebevollen Freundes zu verbittern, getruͤbt werden muͤſſen. Unter ihrer Schwiegermutter Augen fuͤhlte ſich Jeannie jetzt ruhig und ſicher; ſie bedachte ſich nicht laͤnger, Alan herzlich in der Freude willkommen zu heißen, ſondern ſorgte offen fuͤr ſeine Bequemlichkeit und Bewirthung, ſo weit ſie es anſtandiger Weiſe konnte. Alans Beſuche in der Freude wurden bald weit haͤufiger und ſeine Bitten dringender, daß ſeine Freunde ſie erwiedern moͤchten; aber ſeine Bewe⸗ gungsgruͤnde waren nicht zu verkennen. Es leuch⸗ tete einem Jeden ein, daß er Malcolm Camerons Kind den erſten Augenblick lieb gewonnen heatte, und es wahrſcheinlich, wenn er als unverheiratheter Mann leben und ſterben ſollte, zu ſeiner Erbin ein⸗ ſetzen wuͤrde. Porter Erzähl. 1. 10 146 Malcolms Gluckſeligkeit erreichte jetzt den hoch⸗ ſten Grad. Er ſah, daß der Freund, den er nicht allein um ſeinetwillen, ſondern auch um Jeannies willen ſchaͤtzte, als deren Bruder er ihn immer be⸗ trachtet hatte,— die Bürde abwarf, welche der edle Malcolm fur erniedrigend hielt, weil es eitles Stre⸗ ben nach irdiſchem Gute ſey; er ſah, daß dieſer ge⸗ ſchaͤtte Freund jetzt ſeine Freude in einer unſchuldi⸗ gen und reinen Liebe fand. Er ſah das geſellige Laͤcheln auf ſeinen Lippen; hoͤrte ihn ſcherzen, ſingen und das Kind ſegnen, und konnte ihm hin und wie⸗ der großmuthig verzeihen, wenn er ſich den Beſitz des kleinen Korallenmundes anmaßte. 4 Dem Herzen eines jungen Vaters ſcheint Nichts natürlicher, als abgöttiſche Verehrung ſeines Kin⸗ des; und Malcolm Cameron hegte daher auch nicht den geringſten Argwohn uͤber den eigentlichen Ur⸗ ſprung dieſer außerordentlichen Zuneigung. Unver⸗ ſtellt aber war Alans heiße Liebe fur die kleine Ja⸗ net; er liebte ſie bald allein um ihrer ſelbſt willen. Schnell zunehmende Parteilichkeit betrachtete ſie bald abgeſondert fur ſich, trennte ſie von ihrer Mutter einſt angebetetem Bilde, und ließ das Gefuͤhl, dem er ſich jetzt frei hingab, rein und ſchuldlos wie der Ge⸗ genſtand deſſelben. Der Säugling lernte Alan fruͤh von Andern unterſcheiden, wandte beim Schalle ſei⸗ ner Stimme das lächelnde Antlitz und ſtreckte, Freu⸗ detöne lallend, die Arme nach ihm aus. Eine ſolche Erkennung gewaͤhrte Alan immer augenſcheinliches Entzucken; und wenn er dann in ſolchen Augenblik⸗ terr liel ter mi 3h zu an ant i te de ſi bta jig gen lic vo ſto Ze ſih ſch ge nhoch⸗ er nicht ſeannies mer be⸗ det eble Stre⸗ ieſet ge⸗ ſchuldi eſellge ſiagen nd wi⸗ iſt d Kin⸗ h nich en Ur nver⸗ ne Je willen ſi hald Mutte den er dr Ge an tih alle ſh Fu⸗ ſoh⸗ nihe enbi 147 ken das unſchuldige Weſen mit zartlicher, doch ſchuch⸗ terner Liebe betrachtete, pflegte ihn Malcolm, dies liebreich bemerkend, wohl durch die Worte zu ermun⸗ tern:»Warum nehmt Ihr das Kind nicht hin? Ich mißgoͤnne es Euch nicht, Freund! ich wuͤnſchte nur, Ihr häͤttet auch Weib und Kind, wie dieſe ſind, Euch zur Freude..—»Gebt mir mein Weibchen hier,« antwortete Alan herzhaft,»und ich frage nach keinem andern, nein.« Selbſt waͤhrend die Eltern Zeugen dieſer Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤr ihr Kind waren, verbanden ſie keinen Gedanken an zukunftige Vortheile damit; ja, ſie fuͤhl⸗ ten ſich uberraſcht, oft belaͤſtigt, durch die verſchwen⸗ deriſchen Geſchenke an Spielzeug und Kleidungs⸗ ſtuͤcken, die Alan beſtaͤndig ſeiner kleinen Janet mit⸗ brachte. Es traͤumte ihnen nicht, daß der weichher⸗ zige Alan außer ihren freundſchaftlichen Vorſtellun⸗ gen uͤber eine ſolche Verſchwendung noch andere ernſt⸗ lichere Verdrießlichkeiten uͤber denſelben Gegenſtand von ſeinem Vater zu erleiden hatte. Der alte Forſyth hatte Anfangs ſeine Freude an Camerons lieblichem kleinen Kinde, ja, er war ſtolz darauf; als er aber ſah, daß es ſeines Sohnes Zeit und Liebe in ſo hohem Grade in Anſpruch nahm, fuͤhlte er ſich bald getaͤuſcht und aufgebracht. So ſchießt das»Unkraut⸗ immer zwiſchen dem»Weizen⸗ menſchlicher Gluͤckſeligkeit auf. Alan war lange jedem Heirathsvorſchlage aus⸗ gewichen, wo er eine reiche, und in ſeines Vaters Meinung eine gluͤckliche Verbindung hätte ſchließen 148 kznnen. Dieſe Liebe fuͤr das Kind eines Andern ſchien ihn noch gleichgultiger gegen den Beſitz eines eigenen zu machen; und der gute alte Vater war daher, was die meiſten Väter geweſen ſeyn wuͤrden, etwas erbittert auf die unſchuldige Urſache derſelben. Alan, der ſich ſeines Unrechts, einen natuͤrlichen Wunſch auf dieſe Weiſe zu taͤuſchen, bewußt war, aber ſich eben ſo uberzeugt hielt, daß er noch groͤßere Schuld auf ſich laden wuͤrde, wenn er ein treues Herz vor dem Altare irgend einem andern Weibe als dem gäbe, das fuͤr ihn verloren war,— Alan ertrug ſeines Vaters Zorn mit Sanftmuth, und be⸗ ſchwichtigte ihn am Ende. In jedem andern Stuͤcke fand der alte Forſyth ſeinen Sohn gehorſam, und zwar mit raſcher Bereitwilligkeit gehorſam. Sein guter Verſtand und beſſeres Herz verſoͤhnten ihn da⸗ her nach und nach mit Alans hartnaͤckiger Weige⸗ rung in dieſem einzigen wichtigen Punkte. Unter gegenſeitigen Gefälligkeiten, und in herz⸗ licher Einigkeit zwiſchen den Familien der Pachter⸗ wohnung, des Pfarrhauſes und der Freude verfloß Monat auf Monat, bis gegen das Ende des andern Jahrs den Camerons neuer Segen in der Geburt eines zweiten Kindes zu erbluͤhen ſchien. Aber über die Geburt dieſes Kindes zogen ſich die erſten Wol⸗ ken zuſammen, die bis dahin ihre Gluͤckſeligkeit ge⸗ trubt hatten— es waren Sturm verkuͤndende Wol⸗ ken. Nur wenige Tage nach ſeiner Geburt ſtarb plotzlich Malcolms Onkel, der wuͤrdige Pfarrer, deſſen Dach ſeiner Mutter Schutz gewaͤhrt hatte; er ließ Andetn eines ter war würden, rſelben. urlichen ßt wo, grißert treues — Alan und be⸗ E n, und Sein ihn do⸗ Weig⸗ in hez⸗ hachter⸗ verſoß nden Gebunt bet ibet n Vol⸗ keit e Po nt ſurt teſu e ließ 149 ſeine Angelegenheiten in einem zerruͤtteten Zuſtande zuruck, indem er mit beſchraͤnkten Mitteln und einem geringen Vorrath weltlicher Klugheit zu freigebig in ſeiner Mildthaͤtigkeit geweſen wär.— Auf eine grau⸗ ſame Weiſe von einem hinterliſtigen Advokaten in einen Prozeß gezogen, hatte man ihm alle das Geld abgelockt, das zur Bezahlung ſeiner jaͤhrlichen Rech⸗ nungen beſtimmt war, ſo daß er mit Schulden ſtarb. Camerons ehrliebendes und dankbares Herz bewog ihn zu raſch, die Bezahlung dieſer Schulden zu uͤber⸗ nehmen; indem er ſich auf ſeinen eigenen Fleiß und ſeine guten Ausſichten verließ, um ſie, ohne weſent⸗ lichen Nachtheil der theuren, allein von ihm abhaͤn⸗ genden Perſonen in einzelnen Terminen abtragen zu koͤnnen. Aber das Ungewitter zog ſich jetzt ſchnell uber Malcolm Cameron zuſammen; die Sonne ſeines Glücks fing an, ſich hinter Wolken zu verſtecken, die kunftiges Verderben drohten. Eine große Summe Geldes, Alles in der That, was er in der Welt, außer dem Inventarium des Ackerhofs beſaß, war in der Bank von Dundee zur Bezahlung ſeiner Pachtgelder und zum Ankauf von magerem Viehe niedergelegt, als die Bank und mit ihr faſt das Herz Malcolms ſelbſt brach. Es dauerte lange, ehe er die jammervolle Nach⸗ richt ſeiner Jeannie mittheilen konnte, deren zarter Geſundheitszuſtand, waͤhrend ſie den neugebornen Knaben an der Bruſt hatte, eine ſolche Erſchuͤtterung gefährlich machte. Aber Jeannie ermannte ſich nach 150 den erſten bittern Thraͤnenſtroͤmen, um das Herz auf⸗ recht zu halten, welches ihr weit theurer als das ihrige war; und die ſuͤße Genuͤgſamkeit, die ſie in dem bald entworfenen Plane einer neuen und einge⸗ ſchraͤnkteren Lebensweiſe fuͤr ſie entwickelte, erhob ihres Gatten Betruͤbniß mit ſeiner Liebe auf die hoͤchſte Stufe. Ob die Maͤnner ſich deshalb durch Unfälle er⸗ niedrigt fuͤhlen, weil ſie es mehr in ihrer Gewalt haben, ihr Schickſal zu verbeſſern oder zu verſchlim⸗ mern, wage ich nicht zu ſagen; aber wahr iſt es, daß in allen ſolchen Schickungen ſich bei den Maͤnnern offenbar die Gefuͤhle des Stolzes und der Schaam zu denen des Schmerzes uͤber die Muͤhſeligkeiten und Entbehrungen geſellen, welche dem Verluſte von Ver⸗ moͤgen zu folgen pflegen. Sie leiden daher bei ſol⸗ chen Gelegenheiten in einem weit hoͤhern Grade als die Frauen.— Selbſt Malcolm Camerons ſtarke und edle Natur war nicht ganz frei von dieſer»Erb⸗ ſunde.. Es iſt wahr, er verbannte die Furchen von ſeiner Stirn, und nahm einen heitern Ton, ein hei⸗ teres Lächeln an, wenn er ſich in Jeannies Nahe vefand; aber er war nicht ſobald allein, als er alle Faſſung ganzlich verlor, und ſeinen Kummer ſo lei⸗ denſchaftlich aͤußerte, daß ſeine ſorgenvolle Mutter beinahe davon ins Grab gebeugt wurde.— Es iſt ſo naturlich, daß der Sohn ſeinen Kummer an der Bruſt der Mutter ausweint! „Die Freude zu verlaſſen! ſeine Kinder Bettler! ſeine Jeannie, ſeine zarte Jeannie genoͤthigt, die Ar⸗ heit Nut des neve die ju Me Go ſein dan tro ſol Un he de ſch auf⸗ das ſie in einge⸗ ihres ochſte lle et⸗ ewalt hlin⸗ doß mnern chen nund Per⸗ ei ſo⸗ de als ke und „Etl⸗ n von in hei⸗ Nihe er olle ſo li⸗ Muttet ſt ſo n het zethe it M 151¹ beit einer Magd zu verrichten! ſeine arme kränkliche Mutter, die kaum ihren Kopf von dem harten Pfuͤhle des Mangels und der Sorge erhoben hatte, von neuem darauf gebettet zu ſehen! und er noch dazu die Schulden ſeines verehrten Onkels uͤbernommen zu haben! nein, es war zu viel fur den ſchwachen Menſchen, um es zu ertragen; und wenn der gutige Gott nicht ſeine Stuͤtze ſeyn wurde, ſo fühlte er, daß ſein Verſtand daruber zu Grunde gehen muſſe. Das Ungluck hatte in der That den einſt ge⸗ dankenloſen Matroſen zu jung und zu gluͤcklich ge⸗ troffen, als daß er ſich gleich darunter hatte beugen ſollen. Der Stoß war zu plotzlich fur ſolche Jugend und ſolche Gluͤckſeligkeit zuſammen, um ihm widerſte⸗ hen zu können; und Malcolm wuͤrde gaͤnzlich unter der Laſt erlegen ſeyn, wenn nicht ein ihm, wie es ſchien, von der Vorſehung eingegebener Entſchluß ſeinen Muth und ſeine Kraft wieder aufgerichtet haͤtte. Bei dem erſten Geruͤchte von dem ungluͤck ihres Freundes, hatte Alan Forſyth ſchnell ſeines Vaters aufrichtige Betruͤbniß fuͤr den Gätten ſeiner Jegnnie benutzt, und den alten Mann zu dem Anerbieten ver⸗ mocht, ſich für die Pachtgelder des naͤchſten Jahres zu verburgen, auch Cameron außerdem mit baarem Gelde zu unterſtuͤtzen, im Fall dieſer uͤberredet wer⸗ den könne, das Vorgeſchoſſene auf eigene Gefahr nach und nach wieder aus dem Ertrage der Pachtung zu erſtatten. Aber Cameron ſah, daß Jeannie abge⸗ neigt oder vielmehr, wie er glaubte, aͤngſtlich war, 152 ſich auf irgend etwas einzulaſſen, das auf einem un⸗ gewiſſen Erfolg beruhete; er lehnte daher das Aner⸗ bieten dankbar ab, und nahm um ſo bereitwilliger den Vorſchlag ſeines vormaligen Capitains an. Die⸗ ſer Vorſchlag beſtand darin, mit demſelben wieder eine Seereiſe nach der Levante und zwar als Super⸗ cargo zu machen; wofuͤr Cameron nicht allein einen reichlichen Gehalt empfangen, ſondern auch den Ge⸗ nuß beſtimmter Prozente von allen verſchifften Tauſch⸗ oder Handelsartikeln haben ſolle. So hoch ſchätzte Capitain Macdowall ſeine Geſchicklichkeit und ſeine weſentlichen Nutzen verſchaffende genaue Bekannt⸗ ſchaft mit der dort uͤblichen ſogenannten frankiſchen Sprache, und ſo ſehr bemitleidete er ihn wegen ſei⸗ ner gegenwaͤrtigen, unverdienten Ungluͤcksfalle! Nach einem maͤßigen Anſchlage waren dieſe Einnahmen mehr als hinreichend, um Cameron völlig aus ſeiner Verlegenheit zu helfen; und mit ſolchen freudigen Ausſichten trat er vor ſeine Glaͤubiger, ſtellte ihnen ſeine Lage vor, und erhielt ihre Einwil⸗ ligung zu dem redlichen Unternehmen. Darauf kam er mit Adam und Alan Forſyth dankbar uberein, daß ſie das Inventarium ſeiner Pachtung zu einem billigen, abgeſchätzten Preiſe uͤbernehmen, und die Länderei derſelben während ſeiner Abweſenheit fuͤr eigenen Gewinn oder Verluſt gegen Bezahlung des Pachtgeldes bewirthſchaften ſollten. Ferner ſollte ſeine Familie in dem Hauſe fuͤr eine geringe Miethe wohnen bleiben;— denn Etwas wollte Malcolm bezahlen;— dieſe Miethe von der fuͤr das Inven⸗ tirit hleil aus lich Ste dig m ſta zur em un⸗ Aner⸗ wiliget Die⸗ wieder Super⸗ neinen den Ge⸗ Lauſch⸗ ſquble d ſeine ckannt⸗ nkiſchen en ſei⸗ nbieſe völlig ſolchen ubiger Einwi⸗ uf kam uberein einem und di eit für n9 des ſollte Miethe ulcn Inbe 153 tarium zu löſenden Summe abgezogen, und der übrig⸗ bleibende Theil Jeannie und ſeiner ſorgſamen Mutter ausgehaͤndigt werden, um denſelben ſo gut wie moͤg⸗ lich bis zu ſeiner Zuruͤckkunft zu benutzen. Wenn er in dieſem gluͤcklichen Zeitpunkte in der That im Stande waͤre, alle Forderungen gegen ihn zu befrie⸗ digen, ſo verpflichtete ſich Alan Forſyth, die Pachtung mit allem urſpruͤnglich dazu Gehoͤrigen, gegen Er⸗ ſtattung des fuͤr das Inventarium bezahlten Preiſes, zuruͤckzugeben. Nachdem er dieſe vielverſprechenden Anordnun⸗ gen getroffen hatte, erhob Malcolm Cameron die Blicke wieder frei»in der Kirche und im Hauſe.« In vielen herzlichen Umarmungen erſtickte er die Seufzer und Thraͤnen ſeiner zaͤrtlichen Jeannie; in⸗ dem er ihr mit freudigen Prophezeiungen zukuͤnftiger Wohlfahrt, ja zukuͤnftigen Ueberfluſſes ſchmeichelte, wenn er von der Levante heimkehren wuͤrde. Aber Jeannies Thraͤnen floſſen darum nur um ſo reichli⸗ cher. Muͤhſeligkeiten, Entbehrungen, Duͤrftigkeit, nie aufhoͤrende ſchwere Arbeit, hatte ſie mit unverzagtem Muthe betrachtet; allein die Trennung von Malcolm, dem Vater der kleinen Unſchuldigen, die zwiſchen den Knien der Eltern laͤchelten, war ihr unerträglich. Jetzt fuͤhlte ſie,»wie viel theurer der Gatte als der Geliebte iſt;« denn jetzt wunderte ſie ſich, daß ſie je die langen, unter Thraͤnen und Anhoͤren des Windes durchwachten Naͤchte, wodurch ihr Malcolms letzte Abweſenheit ſo denkwuͤrdig geworden war, uͤberſtan⸗ den haͤtte. 154 Cameron, durch den feſten Glauben geſtärkt, daß er recht handele;— und um ſo mehr davon uber⸗ zeugt, je heftiger ſich ſein Herz bei denen zu bleiben ſehnte, die ihm theurer als das Blut dieſes Herzens ſelbſt waren;— Cameron fuhr unterdeſſen fort zu beſchwichtigen, Vorſtellungen zu machen, und Erge⸗ bung in den offenbaren Willen des Himmels einzu⸗ praͤgen, bis es ihm endlich gelang, Jeannies Gemuͤth in eine ruhigere Stimmung zu verſetzen. Sobald dies geſchehen war, hatte er gegen Keinen mehr an⸗ zukaͤmpfen; denn ſeine Mutter verſchloß ihren Kum⸗ mer in ihrem Herzen. Sie war durch mehr als funfzigiährige Pruͤfungen an Unterwerfung gewoͤhnt, und ſie fuhlte, wie jede andere Mutter, die auf ſich ſelbſt keine Ruckſicht nimmt, daß ihr Schmerz da nicht laut werden duͤrfe, wo ein noch heftigerer und er⸗ laubterer herrſche. Sie vergoß ihre vorbedeutungs⸗ vollen Thranen daher allein, und ohne daß es Je⸗ mand ahnete. Es war gegen das Ende des Julimonats, als das Schiff, der Andreas, aus dem Tay auszulaufen bereit war. Den Abend vorher, ehe Cameron ſich an Bord begeben mußte, brachte er im Kreiſe ſeiner Freunde und ſeiner Familie zu, und zwar draußen in der freien Luft, wo ſie die einladende Stille unter Jeon⸗ nies Lieblingslaube, die ſeine Hand mit Weiden⸗ und Roſengebuͤſch durchflochten hatte, genoſſen, und dem Sommerrufe des fernen Kuckucks horchten. Sich beſtrebend, dieſen letzten Abend weniger tnnni leitete Him beleb aus den 9 tügen trau durc ktter Gd eine daß das Ni mun heit No doh ſch for t daß ber⸗ Miben etzens rt zu Erge⸗ einzu⸗ emüth Sobald an⸗ Ku hr als wöhnt, uf ſich nicht nd et⸗ ung⸗ es Je alö laufen n Bord und in der d di veni 15⁵ traurig zu machen, als er ſonſt geweſen ſeyn wuͤrde, leitete er hier das Geſpraͤch auf den Segen des Himmels, der ſichtbar uͤber die ganze belebte und un⸗ belebte Schoͤpfung ausgegoſſen waͤre, und folgerte aus dieſem Segen, daß diejenigen, welche dankbar den großen Geber anerkennten, feſt derſelben allmaͤch⸗ tigen Gute hinſichtlich jeder andern Wohlthat ver⸗ trauen duͤrften. Indem Malcolm auf ſolche Art Alle durch ſeinen Frohſinn erheiterte, theilte er jedoch den letzten frommen Schluß nicht mit, den ſeine eigenen Gedanken aus der Ueberzeugung von dem Daſeyn einer Alles leitenden Vorſehung zogen; naͤmlich den, daß dieſelbe Guͤte es fuͤr zweckmaͤßig halten moͤchte, das endliche Gluͤck ihrer Geſchoͤpfe durch furchtbarere Mittel, als den Erfolg einer tugendhaften Unterneh⸗ mung herbeizufuͤhren. Er fuͤhlte die ernſte Wahr⸗ heit, und beugte ſich ſchweigend vor ihr. Cameron wollte Alan Forſyth, der ihn bis ans Schiff zu begleiten verſprochen hatte, am andern Morgen auf ſeinem Wege nach Dundee abrufen; daher fand bei ihrer Trennung jetzt noch kein Ab⸗ ſchiednehmen Statt. Nachdem die beiden Forſyths fort waren, blieb Malcolm in der Laube, Jeannies Hand in der ſeinigen haltend, ſitzen, und betrachtete an ihrer Seite das zitternde Flimmern der ſchwachen Sommerſterne, die einer nach dem andern an dem langſam dunkler werdenden Himmel ſichtbar wurden. Eben draͤngte ſich in ſeinen Gedanken das Vergan⸗ gene, Gegenwaͤrtige und Zukuͤnftige; da wurde die Stille des Abends, und die tiefere Stille des wach⸗ 156 ſenden Kummers ſeiner Jeannie, durch den Geſang eines Unbekannten in nicht großer Entfernung von ihnen unterbrochen. Es war ein junger Menſch, der wahrſcheinlich von einem Beſuche bei ſeiner Geliebten zuruͤckkehrte; denn das Lied, welches er mit aus⸗ drucksvoller Stimme ſang, ſchilderte die Leiden der Trennung von einem angebeteten Mädchen, rief alles zuruͤck, was ihrem Getreuen den Aufenthalt bei ihr ſo theuer gemacht hatte, und ſchloß mit der Ahnung, vaß ſie und die Heimath und Alles, was dem Her⸗ zen nahe ſtehe, wohl nimmer von ihm wieder geſe⸗ hen werden würden. Die Thraͤnen, die immer ſtärker in Jeannies Augen hervorgequollen waren, waͤhrend das ganz auf ihre jetzige Lage paſſende Lied geſungen ward, floſſen jetzt uͤber; ſie warf ſich im leidenſchaftlichen Ausbruch ihrer Gefuhle in die Arme ihres Mannes, und weinte da lange und heftig.»Jeannie!— meine Jeannie!« war Alles, was Malcolm ſelbſt hervorbringen konnte, indem er ſie, unter immer erneuerter Wiederholung dieſes Ausrufs an ſein Herz druͤckte, das hoch auf⸗ pochte im tieſſten Schmerze des Gatten und Va⸗ ters. Aber Jeannie konnte ihm nicht antworten, und ſie fuhr fort zu weinen, ſo heftig, ſo herzzerreißend, daß ſeine uͤberwaͤltigten Gefüͤhle auch unterlagen, und Beider Thränen ſich mit einander vermiſchten. Als die Natur erleichtert oder erſchoͤpft war, und Jeannie, noch immer auf ihres Gatten Schulter gelehnt, langſam die Augen aufſchlug, ſah ſie den gln Reze ſpr her ruh N hei im ſol ten ————— Geſang ig von ſch der eliebten it aus⸗ en der ef alles bei ih hnunb, Her⸗ giſe eannies an uf ſyoſſen uöbruch weinte annie fonnte⸗ holung h uß⸗ Sn , und reißend en und ſt wo Schul ſn 167 glaͤnzenden Stern, den ihr Malcolm an jenem Abend gezeigt hatte, wo er ihr zuerſt von ſeiner Liebe ſprach; ſein Licht ſchien jetzt freundlich auf Beide herabzuſtrahlen. „Der ſegenbringende Stern,« ſagte ſie in einem ruhigern, leiſen Tone,»ich kann ihn nie anſehen, Malcolm, ohne der gluͤcklichen Tage der Vergangen⸗ heit zu gedenken; wenn Du fort biſt, will ich mich immer zu uͤberreden ſuchen, daß er nur darum mit ſolchem Glanze ſtrahle, um meinem Schiffer zu leuch⸗ ten und ihn zu ſegnen.« „Thue das, meine Einzige!« rief Malcolm, ſich des erheiternden Gedankens freuend, aus;»und kein Zweifel, wenn Du damit Dein Gebet verbindeſt, ſo wird Deinem treuen Schiffer nie ein Ungluͤck begeg⸗ nen. So, nun laß uns ins Haus gehen, ſuͤße Jeannie!« Bei dieſen Worten zog er ſie ſanft mit ſich fort, und trat mit ihr in die eigene ſtille Wohnung. Bald darauf begaben ſie ſich zu Bett; wo ſie abwechſelnd neben einander wachten und weinten, in trauriger, trauriger Gemeinſchaft, oder zuſammen ihr inbruͤnſti⸗ ges Gebet fur ein gluckliches Wiederſehen nach kur⸗ zer Trennung empor ſandten. Am andern Morgen nahm Malcolm haſtig einige wenige Biſſen des fruͤhen Morgenbrotes zu ſich das erſte Mal, das ſeiner Gattin Hand ihm nicht bereiten konnte. Als er geendigt hatte, und der Burſche, der das Gepaͤck hinter ſich aufs Pferd neh⸗ men ſollte, mit ſeiner derben Koſt beſchäftigt war, 158 ſingen die Qualen der beiden Eheleute an. Jean⸗ nie, von fruͤherem Kampfe mit ſich ſelbſt ganz erſchoͤpft, ſank troſtlos an die Bruſt ihrer Schwieger⸗ mutter, und uͤberließ ſich ganz ihren Thraͤnen und lauten Schmerzensausbruͤchen. »Haltet ſie, Mutter; haltet ſie!« rief Cameron blaß und zitternd aus;»wenn ich ſie einmal hier habe,— wobei er auf ſein klopfendes Herz zeigte, —»werde ich ſie nimmer wieder laſſen.« Indem er dies ſprach, machte er einige raſche Schritte nach der Thuͤr zu, als ob er ſich jetzt von ihnen trennen wolle; aber er kehrte wieder um, und ging mit groͤßerer Beherrſchung ſeiner S nach dem andern Ende des Zimmers. Waͤhrend Jeannie noch immer ſchluchzend auf Frau Camerons Schulter lag, fuhr Malcolm fort, auf und nieder zu gehen; jedoch wagte er es nicht, ſeiner Mutter und ſeiner Gattin naäͤher zu treten, ob⸗ gleich er ſie von Zeit zu Zeit mit ergreifender Zaͤrt⸗ lichkeit betrachtete. Oft hielt er an in ſeinem traurigen Gange, um ſich zu buͤcken und ſeiner Mutter Katze und ſeinen eigenen Hund zu ſtreicheln; oͤfter, um ſeiner Jeannie Papagei anzuſehen, der wie gewoͤhnlich ſein wohlbe⸗ kanntes Geſchwätz und Geſchrei der Reihe nach hoͤren ließ. Schmerz und Vergnuͤgen lagen fuͤr Malcolm in der nichtsmeinenden Wiederholung der Phraſen: »mein einziger Malcolm! mein ſchoͤner Malcolm!« die ſeine Jeannie dem Vogel gelehrt hatte; und er horchte darauf mit einem vollen und faſt brechenden b 6 d i Jean⸗ bſt ganz chwitger⸗ nen und Cameron mol hier ſ zeigt e raſche jet vn um, und ihe n end uf n fort, es nicht eten, ob⸗ er Zirt⸗ nge/ un d ſeinen Feann wohlbe hören Nalcoin Phraſin alon“ und nchenden 159 Herzen. Aber die Pruͤfung dauerte zu langez er warf einen angſtvollen Blick nach dem Fenſter, um zu ſehen, ob Jock und die Pferde bereit waͤren, ging dann ſchnell auf Mutter und Frau zu, und ſchloß ſie Beide in ſeine Arme. Bei dem Strömen ſeiner Thraͤnen ſank Jeannies Kopf auf ſeine Bruſt mit langem, erſtickenden Athem⸗ zuge.»Gott ſegne Euch! Mutter!— Gott ſegne Dich! Theuerſte meines Herzens!« war Alles, was Malcolm mit matter, gebrochener Stimme hervor⸗ bringen konnte, als er ſich von ihnen losriß.»Un⸗ ſere Kinder, Malcolm,— unfere Kinder.. Cameron ſah ſich auf der Flur noch einmal nach ſeiner Frau um. Dieſer Blick ſagte ihr, daß er ſeine Kinder ſchon geſegnet habe, und ſie nicht wiederſehen durfe; — es war der letzte, den er ihr gab, mit ihm ver⸗ ſchwand er. Eine Sekunde nachher hoͤrte Jeannie das An⸗ treten der Pferde vor der Thuͤr; ſie ſtuͤrzte ans Fenſter, aber er war fort! weiteres Bewußtſeyn ver⸗ lor ſie in den Armen ſeiner Mutter. Den uͤbrigen Theil dieſes jammervollen Tages brachte Jeannie auf ihren Knien hin; denn nur durch Gebete fuͤr ihren Gatten konnte ſie jene Ausbruͤche des Kummers unterdruͤcken, die ſie vor ſich ſelbſt in Angſt ſetzten, und ihren Kindern neues Leiden dro⸗ heten. Moͤgen diejenigen, die ſie wegen eines ſolchen Uebermaßes ihres Schmerzes tadeln wollen, ſich er⸗ innern, daß Jeannie Gattin und Mutter war, und kaum neunzehn Jahr alt; das Alter, worin Wenige 160 von uns die ſchwere Kunſt gelernt haben,»den Nerv zu beruhigen, in welchem der Schmerz ſeinen Urſprung nimmt,« und worin noch Wenigere weiter in der chriſtlichen Tugend gekommen ſind, als zu dem auf⸗ richtigen Glauben, daß Ergebung unſere Pflicht ſey; verbunden mit einer ſehr unvollkommenen Ausubung dieſer ſo anerkannten Pflicht. Wie ſichtbar vermiſcht ſich zaͤrtliche Vaterliebe ſelbſt mit der nothwendigen Strenge, mit der unſer himmliſcher Vater ſeine Geſchoͤpfe zuͤchtigt oder pruͤft!— kaum haben wir uns von geliebten Perſo⸗ nen getrennt, als wir auch ſchon an die Wiederver⸗ einigung mit ihnen denken. So wie der Abſchied voruͤber iſt, wendet ſich die Fluth; ſie ſtroͤmt jetzt der gluͤcklichen Stunde des Wiederſehens entgegen; der leidenſchaftliche Zuſtand unſeres Gemuͤths, verändert ſich ebenfalls, und traurigen Vorahnungen folgt fröh⸗ liche Erwartung. Unter ſolchem natuͤrlichen Feſthalten am Gluͤck oder vielmehr an der Hoffnung, fing Jeannie nach und nach an, von der Ruͤckkehr ihres Gatten zu ſprechen, anſtatt beſtändig auf den Schmerz der Trennung zuruͤckzukommen; ſie betrachtete ihre lie⸗ benswuͤrdigen Kinder oͤfter mit einem Laͤcheln als einer Thraͤne, indem ſie freudig an Malcolms Ent⸗ zuͤcken bei dem Wiederſehen derſelben dachte. Sie rief es ſich ins Gedaͤchtniß, daß ſeine Abweſenheit nur noch einige Monate dauern wuͤrde; daß ſie unter guͤtigen Freunden zuruͤckgelaſſen ſey, deren großmu⸗ thiger Beiſtand ſchon die Schmerzen gelindert hätte, welch dankt mnüſſ Alles ſehu Bei thit tn kunf derſi beob ſein ede waht das Geht Bli ühre und ſiß ſin in ner iten n „ 1 den Nerb lrſprung r in der dem auf⸗ ſicht ſey; uöubung aterliebe er unſer gt odet n Neiſe⸗ iedervet⸗ Abſchied jett der en; der erändert gt ftüh⸗ nGlid ie nach atten zu 161 welche ſonſt unerträglich geweſen waͤren; frohe, ja dankbare Unterwerfung ſey daher ihre Pflicht. Sie muͤſſe nun, dachte ſie, ihre Thraͤnen trocknen, und Alles anwenden, um das zu bewahren, was die Vor⸗ ſehung ihnen von ihrem zerrutteten Vermoͤgen ubrig gelaſſen habe. Befeuert durch die Hoffnung, den kuͤnftigen Beifall ihres Gatten zu erhalten, wurde ſie doppelt thatig und fleißig in allen Zweigen ihres verringer⸗ ten Haushalts. Daß ihr Malcolm bei ſeiner Zuruͤck⸗ kunft Alles, was er liebe und hinterlaſſen habe, wie⸗ derſinden moͤge, war ihr beſtändiges Streben. Darum beobachtete ſie aͤngſtlich jede trube Wolke, die ſich uͤber ſeiner Mutter ſchwacher Geſundheit zuſammenzog,— jeden Blick, jeden Athemzug ihrer Kinder;— be⸗ wahrte ſorgfaͤltig jedes kleine Andenken ſeiner Kunſt⸗ fertigkeit oder ſeiner Zaͤrtlichkeit auf; erhielt ſelbſt das unbedeutendſte Geraͤth, das er gewoͤhnlich im Gebrauch gehabt hatte, und welches daher in ihren Augen heilig war; ja, zwang oft ihre umhuͤllten Blicke, heiter zu werden, weil Malcolm das Feuer ihres Auges und die Roſen ihrer Wange gern ſah, und er beides nicht verſchwunden finden muͤſſe. Von ſolchen Gedanken geleitet, und durch den ſeißigen Beſuch des Hauſes Gottes erhoben und ge⸗ ſärkt, zeigte Jeannie noch einmal wieder Heiterkeit in ihren Zugen, und verbreitete ſie uͤber alle Bewoh⸗ ner der Freude. Nach dem Verlauf von vier Mona⸗ ten konnte ſie die Wochen bis zu der Zeit zu zaͤhlen enfangen, wo der Andreas in der Muͤndung des Porter Erzähl. 1. 11 162 Tay erwartet wurde;— noch vier oder fuͤnf, oder hoͤchſtens ſechs. Alan Forſyths liebevolle Theilnahme wußte im⸗ mer frohe Empfindungen zu erwecken. Entweder brachte er guͤnſtige Nachrichten uͤber den Wind, den Mond, den reinen Himmel mit; oder er hatte irgend eine aufheiternde Geſchichte von gluͤcklich vollbrachten Reiſen nach denſelben Gewaͤſſern, woher der Andreas kam, zu erzaͤhlen; oder er berechnete den bedeutenden Gewinn, den Malcolm von ſeiner Fahrt haben wurde; und entwarf liebliche Gemaͤlde von Camerons Ent⸗ zuͤcken, wenn er Frau und Kinder und die geliebte Heimath wiederſähe. Alan mißgoͤnnte Jeannie dieſe frohen Bilder nicht; er betrachtete Jeannie nur als die beſte der Frauen, die dem geſchätzteſten ſeiner Freunde angehoͤre. Sein gebeugter Geiſt dachte an kein ihm beſonders beſtimmtes Gluͤck mehr; oder vielmehr, er ſuchte und fand es darin, Andere(denen er nicht der naͤchſte Gegenſtand ihrer Zuneigung war) ſo zu lieben, daß er beinahe gleiche Freude mit ihnen uͤber Alles empfand, was zu ihrer Wohlfahrt bei⸗ trug. Die kleine Janet lebte faſt nur in Alans Ar⸗ men; denn obgleich Malcolms Knabe mit den ſonni⸗ gen Locken und dem ſonnigern Lächeln ſeiner Mutter ein kleiner Engel war, ſo wog doch, nach Alans ueberzeugung, der tiefe, dunkle Blick jener unſchuldi⸗ gen Augen, die ſeinem Herzen zuerſt den Frieden wieder gegeben hatten, Alles auf, was der kleine Ro⸗ land nie neue diß bon zne werſ Kin Wen weh hatt mnn ſtar che Ant ren ße Su dan eh lich Me ünf, ode wußte im Entwede zind, den tte irgend ollbtachtel er Andre ebeutenden en wüdei rons Ent die geliebt annie diſt ie nur oh ſen ſein dachte a ehr; cdu dere(ene ung wal) nit ihne! fahtt be Mans 1 den ſom ner Nut uch Ula nſchu klein 163 land Schimmerndes und Liebliches beſaß. Er wurde nie muͤde, das Kind zu ſegnen und zu beſchenken. Aber ſo aͤngſtlich war Jeannie bemuͤht, keine neue Schulden und Verbindlichkeiten auf ſich zu laden, daß ſie nicht allein ſich hartnaͤckig weigerte, Geſchenke von Gegenſtäͤnden des Haushalts fuͤr ſich ſelhſt an⸗ zunehmen, ſondern ſogar Alan auf eine zarte Art zu verſtehen gab, wie ſehr ſie gegen alle Gaben fuͤr ihre Kinder waͤre. Sie fuhr entſchloſſen fort, ſich auf das Wenige zu beſchraͤnken, das ſie fuͤr jeden Monat der wahrſcheinlichen Abweſenheit ihres Gatten ausgeſetzt hatte, und machte es ſo ihren treueſten Freunden unmoͤglich, ferner zu behaupten, daß ſie ihres Bei⸗ ſtandes beduͤrfe. Der December ging voruͤber— noch eine Wo⸗ che— nun noch ein Tag, und man mußte von dem Andreas hoͤren.»Morgen werden wir von ihm hoͤ⸗ ten! Morgen kam; kein Malcolm. Alſo der naͤch⸗ ſte Morgen! er kam— er verfloß— noch keine Kunde! Tage auf Tage vergingen; erſt langſam, dann ſchnell; furchtbar ſchnell! denn Freunde, An⸗ gehoͤrige, bloße Neuigkeitskramer, Alle glaubten end⸗ lich, daß jeder neue Tag ihnen irgend eine ſchreckliche Rachricht bringen wuͤrde. Wie veraͤndert ſah es jetzt in dem ſonſt ſo hei⸗ tern Wohnzimmer aus, wo Jeannie noch ſo kuͤrzlich beim freundlichen Kaminfeuer beſchäftigt geweſen war, den Hunger des einen theuren Kindes zu ſtillen, waͤhrend ihre Schwiegermutter das weiche Haar des endern glaͤttete,— und beide Frauen uͤber Malcolms —— — 164 Ruͤckkehr ſprachen, und Vermuthungen uͤber das Wie und das Wann ihres Wiederſehens aͤußerten. Jetzt ſaßen ſie entweder beim vernachlaͤſſigten Torffeuer, und ſtarrten es, durch vorhergegangene Erwartung und Taͤuſchungen betaubt, gedankenlos anz oder Jeannie ging die Haͤnde ringend, wild auf und nieder, ſprach den Namen ihres Mannes und ihrer Kinder aus, und rief ihrem Gedaͤchtniſſe jedes fruͤ⸗ here, ſeitdem vergeſſene Zeichen zuruͤck, das als eine Vorbedeutung von Ungluͤck oder Tod betrachtet wor⸗ den war; oft warf ſie ſich auch ploͤtzlich zu den Fuͤßen ihrer Schwiegermutter nieder, indem ſie die⸗ ſelbe beſchwor, Gebete fur ſie empor zu ſchicken, daß ſie ihren Verſtand behalte und ſich kein Leid zu⸗ fuge. Wie viele Todesqualen mußte das Herz dieſer armen Mutter waͤhrend dieſer Scenen ausſtehen! Ihre Seufzer wurden unterdruͤckt; ihre Thränen zuruckgepreßt; oder wenn ſie weinte, geſchah es aus Mitleiden uber die abwechſelnd halb wahnſinnige, halb lebloſe Geſtalt ihrer Tochter. Jedes Geſchaͤft des Haushalts wurde jetzt von Jeannie vergeſſen— ja, ſelbſt jeder Gedanke an ihren zukuͤnftigen Unterhalt; ihr Geiſt konnte ſich nicht uber die augenblickliche Erhaltung ihrer Kinder erheben; die armen Kleinen waren ſtets an ihrer Bruſt, oder an ihrer Hand, Tag und Nacht. Sie unterhielt ſich mit ihnen uͤber ihren Vater— be⸗ weinte ihren Vater uͤber ihren nichts ahnenden Haͤup⸗ tern— nannte ſie bald ihre vaterloſen Kinder, und en. achläſſigten rgegangel kenlos an; ld auf und und ihr jedes fü⸗ ð als eine chtet wot ch zü de en ſie dis icken, d n Leid j⸗ dieſer he diſn ausſtehen e Thrin ah e al ahnſinnige de jebt von jedank⸗ au 5 fonnte ſch rer Kindet ihter „ 9 an S 165 ſich ihre verwittwete Mutter! Keiner, der Jeannies wilde Aeußerungen hoͤrte,— daß ſie ihren Malcolm nie wiederſehen wuͤrde, daß er jetzt unter den ſalzi⸗ gen Wellen begraben liege, konnte ihnen im Inner⸗ ſten der Seele traurigen Glauben verweigern; und Wenige verſagten ſelbſt ihrem unbaͤndigen Kummer ihr Mitleid, wenn ſie hoͤrten, daß ſie ihren eigenen Tod als Folge davon vorherſagte. Aber ſolche Zeu⸗ gen brauchten ſie nur an ihre Kinder und chriſtlichen Pflichten zu erinnern, um ſie zur Erkenntniß ihrer Selbſtſucht und ihrer Strafbarkeit zu bringen; und ſie ſo zum Kampfe mit der Verzweiflung, wenigſtens auf eine Zeit lang, wieder aufzurichten. Oft, wenn Frau Cameron Jeannies Augen thraͤ⸗ nenlos und ihren Geiſt irre umherſchweifen ſah, weil plötzlich erregte heftige Erwartung eben ſo ploͤtzich getaͤuſcht worden war, nahm ſie die Tochter wohl in ihre ſchwachen Arme und rief aus:»O mein armes Kind! Denke auch an Deine Mutter— an die Mutter Deines Malcolm!«— und bei dieſer zärtli⸗ chen Beſchwoͤrung brachen dann Jeannies Thraͤnen nit heilſamer, beſaͤnftigender Heftigkeit hervor. Das Uebermaß des Kummers, wie das der Freude, kann die menſchliche Kraft nicht lange ertra⸗ gen; beide erſchoͤpfen ſowohl Koͤrper als Geiſt zu ſehr, um von Dauer zu ſeyn; aber an ihre Stelle tritt nur zu oft ein innerer verzehrender Gram, der, wenn er auch nicht das Leben ſelbſt zerſtort, es doch aller ſeiner Freuden beraubt, und das Herz unfähig zum Genießen macht. 166 Jeannie verfiel in einen Zuſtand von ſtiller klagloſer Hoffnungsloſigkeit; und ſie hielt ſich fuͤr gefaßt, weil ſie aufgehoͤrt hatte zu kämpfen. So truͤglich iſt unſere ſchwache Natur, und ſo lange dauert es, ehe wir es bis zur wahren chriſtlichen Er⸗ gebung bringen! Freilich, ſie brachte ihre Tage nicht mehr mit zweckloſem Umherirren und wildem Gruͤ⸗ beln hin, ſondern verrichtete alle nothwendigen Ge⸗ ſchaͤfte mit Ordnung und einer Art von ſchweigender Eile, wodurch ſie zu ſagen ſchien, daß ſie es fuͤhle, wie kurz die Zeit ihres Lebens noch ſeyn wuͤrde, und daß ſie alſo ſich beeilen muͤſſe, Nichts unvollendet zu hinterlaſſen. Dennoch waren ihre Gedanken meiſten⸗ theils auf ihren Gatten in ſeinem naſſen Grabe ge⸗ richtet; ſie konnte ihre Augen noch nicht zu dieſem Gatten im Himmel erheben, und allein wuͤnſchen, wuͤrdig genug befunden zu werden, ihn dort wieder⸗ zutreffen;— ſie betrachtete noch nicht den Verluſt, den ihre Kinder in ihm, ſowohl als Ernaͤhrer wie Vater, erlitten hatten. Es war anders mit Malcolms Mutter. Von dem erſten Augenblicke an, wo ihr Alan in Vertrauen die traurige Nachricht mitgetheilt hatte, daß er alle Perſonen, die bei dem Schiff Andreas betheiligt waͤ⸗ ren, geſprochen, und Jedermann ſchmerzlich davon uberzeugt gefunden habe, daß man von Schiff und Mannſchaft nie wieder hoͤren wuͤrde— von dieſem Augenblick an hatte ſie unaufhoͤrlich um Beiſtand gebeten, wo er allein gegeben werden kann, und die Gnade erhalten, um die ſie flehete. von ſtille elt ſich für pfen. So d ſo lange ſtichen Er age nich ildem Gri⸗ ndigen Ge zweigender es fühle, wörde, und vollendet z. ten meiſtn 1 Grabe g t zu dieſen wuͤnſchen dort wiedi en Verlul nährer wi tr. Vn n Vertrau daß et 4 m Beil 3 0 n, und 167 Man hatte Nachrichten empfangen, daß ein furchtbarer Sturm auf dem mittelländiſchen Meere zu der Zeit gewuͤthet habe, wo der Andreas aller Wahrſcheinlichkeit nach ſich auf der Hoͤhe der Kuͤſte befand, an der die meiſten Schiffbruche ſtattgefunden; und in dieſem Sturme waren ſo viele Schiffe unter⸗ gegangen, deren Namen und Heimathsland unbekannt geblieben, daß man nicht laͤnger daran zweifeln durfte, der Andreas ſey eines davon geweſen. Der kleine Geldvorrath, den Malcolm ſeiner Mutter und Frau hinterlaſſen hatte, war gegen dieſe Zeit erſchoͤpft; und Alan Forſyth konnte ohne ſeines Vaters fort⸗ waͤhrende Unterſtützung ihn nicht wieder erſetzen. Als daher Mangel und Jammer ſie bedroheten, ſah ſich Nalcolms Mutter genoͤthigt, den traurigen Gegen⸗ ſtand nicht allein mit ihrem treuen Freunde, ſondern auch mit Jeannie ſelbſt in Ueberlegung zu nehmen.! So wie ſich dieſer neue Abgrund vor ihren Augen oͤffnete, erwachte Jeannie aus ihrer Schlaf⸗ ſucht; ſie erkannte das ſtrafbare Unrecht, allen Troſt verweigert zu haben, während es noch Troſtgruͤnde und urſachen zur Dankbarkeit gebe; und ſie fuͤhlte, daß, um das Wenige zu bewahren, was ihr die Vor⸗ ſehung gelaſſen habe, ſie nicht länger wegen eines Gutes grubeln durfe, welches iht von dieſer genom⸗ men ſey. Nit der augenblicklichen Entſchloſſenheit einer Mutter, unterzog ſie ſich der Qual, Plaͤne anzuhoͤren, abzuaͤndern, feſtzuſetzen, um ihren Kindern Brot zu verſchaffen, ohne ſie zu Bettlern zu erniedrigen, oder 168 ihren eigenen reinen Ruf zu beflecken, indem ſie heimliche Unterſtuͤtzung von Alan Forſyth annehme. In dem tugendhaften Entſchluſſe, ſich ihren eige⸗ nen Unterhalt zu erwerben, ſtärkte ſie Malcolms Mut⸗ ter abwechſelnd durch Ermahnung und Lob, und durch die Wiederholung jener heiligen Verheißungen, welche die Stuͤtze des Kummers ſind. Sie wandten ſich wegen Rath und Unterſtuͤtzung an eine benach⸗ barte Dame, von groͤßerem Wohlwollen als Vermoͤ⸗ gen; die Folge war, daß Jeannie nach Dundee als Oberaufſeherin einer Schule berufen wurde, die von einem reichen Fabrikbeſitzer fuͤr die bei ſeiner Fabrik angeſtellten Kinder errichtet war; dort erhielt ſie ein paar Zimmer fuͤr ſich ſelbſt und ihre Familie, und außerdem eine kleine Beſoldung. In dieſem muͤhſe⸗ ligen Amte wurde ſie nicht von Malcolms Mutter unterſtutzt, da deren beklagenswerther Geſundheitszu⸗ ſtand eine ſolche anhaltende Beſchäftigung unmoglich machte; aber Frau Cameron wußte dagegen Jean⸗ nies Kleinen die vielen Stunden zu verguͤten, die ihre arme Mutter den Kindern Anderer zu widmen genothigt war; und ihre vaterloſen Kinder wohl und glücklich zu ſehen, gereichte der verlaſſenen Wittwe immer zum Troſt und Segen. Selbſt zum fernen Dundee folgte Alan Forſyths Freundſchaft dem noch immer reizenden Gegenſtande ſeiner erſten Liebe. Wenn die verwittwete Jeannie Cameron nicht mehr die Roſenwange und das feurige Auge der Jungfrau Jeannie Halliday hatte, ſo lag auf dieſer Wange eine Bläſſe, und in dieſem thraͤnenvollen A get ſch 169 indem ie Auge eine Sprache, welche tiefer in Alans Herz dran⸗ annehme. gen, als alle ihr voriger Glanz.— Dieſes hinge⸗ ihren eige ſchwundene Geſtalt, die mit wankendem Schritt, und ohns Mut⸗ der ſchweigenden Trauer eines Geiſtes, an ihm vor⸗ dob, ud uͤberging, war ſeinem tugendhaften Herzen ein Ge⸗ heißungen, genſtand ſolcher reinen und doch leidenſchaftlichen e wandten Theilnahme, daß er in dem feſten Glauben an Mal⸗ ne benach⸗ colm Camerons Tod ſich noch einmal— nicht der Lem⸗ Hoffnung, auch nicht ſeinen Wuͤnſchen, ſondern allein undee als der Liebe— ununterdruͤckter, makelloſer, ſelbſter⸗ die von laubter Liebe hingab. Nicht eher als in dem Augen⸗ er Fibrit blicke, wo Jeannie gewahr wurde, daß Alan ſie ſo elt ſie ein betrachtete, wie et in den Tagen ſeiner früͤheſten Ju⸗ ilie, und gend gewohnt geweſen war,— nicht eher als in die⸗ n nihſe⸗ ſem Augenblicke glaubte ſie beſtimmt, daß Jedermann Mutter den Andreas und deſſen Mannſchaft als unwieder⸗ nhütz bringlich verloren gegeben habe. umniglih Man kann denken, daß dieſe neue Ueberzeugung einen abermaligen zerſtoͤrenden Ausbruch ihres Schmer⸗ * 3 zes zur Folge hatte. Eine Zeit lang wurde der ninen fromme Glaube ihrer Seele erſchuͤttert;— ſie hatte rl ud lange und ſchwer gegen ihre eigene Schwaͤche zu 3½ ve kaͤmpfen;— aber der Kampf wurde uͤberſtanden;— und nochmals kehrte die des Gatten beraubte Jean⸗ 6 nie zum Streite mit den ehernen Sorgen der Welt e 85 zuruͤck, um die Exiſtenz ihrer Kinder und der Mutter ebe it ihres Malcolm zu ſichern. n n Außer dem Bewußtſeyn, die Pflichten, welche uge d ſie gegen ihren Verſorger hatte, gewiſſenhaft zu er⸗ uf fullen, und dem freudigen Anblick, den ihr ihre im⸗ nenbo 170 mer mehr an Liebenswuͤrdigkeit und Anhaͤnglichkeit zunehmenden Kinder gewaͤhrten, hatte Jeannie Nichts, was ihr bitteres Loos haͤtte verſuͤßen koͤnnen. Sie war noch zu jung, um ohne anderes Gluͤck zu leben. Ihr Herz, das einſt ſeine Waͤrme von den Strahlen empfing, welche die Liebe und der edle Charakter eines theuren Gatten uͤber ſie verbreiteten, war jetzt in ewigen Schatten gehuͤllt. ihrer Kinder zukuͤnftiges Schickſal raubte dem Lächeln derſelben nur zu oft die aufheiternde Kraft, und ver⸗ ſetzte ſie in eine Stimmung, vollig freudenleer erſcheinen ließ. einfoͤrmige Kreislauf ihrer Geſchaͤfte, die ohne Leibes⸗ bewegung in ungeſunden Stuben und in der Mitte einer geraͤuſchvollen Stadt beſorgt würden, und noch uͤberdies einer Stadt, aus deren Hafen ihr Malcolm zu ſeiner ungluͤcklichen Unternehmung abgeſegelt war, — nicht geeignet, den Geiſt zu ermuntern, oder dem Koͤrper neue Kraͤfte zu verleihen. daher eine Beute aller jener namenloſen Leiden, wel⸗ che ihre Quelle in dem Weh eines gramvollen Her⸗ Bange Beſorgniſſe fuͤr die ihr das Leben als Dazu war der Jeannie wurde Jedesmal, wenn Alan nach einiger Zeit wieder zum Beſuch nach Dundee kam, bemerkte er den ſchnel⸗ len Verfall ihrerZuͤge und ihrer Kraͤfte mit der tirf⸗ ſten Bekuͤmmerniß;— und noch mehr ſchmerzte es ihn, daß Jeannies trauernder Blick ihre Mißbilligung zu erkennen gab, wenn ſeine Augen auf ihr mit einem Ausdruck, der mehr als Theilnahme ausſprach ruheten. Wiederum zog ſich Alans ehrfurchtsvoll, henglichkeit nnie Nichts, nen. Sie k zu leben. Strahlen Charaktet wan jett rgniſe fir n Lacheln und vel Leben als 1wat der hne Leibe⸗ der Nite ind wh rMalcm ſegelt wan odet dem nie wurde eiden, wel⸗ ollen het geit wiedet 0 en ſch⸗ it ber te hmerte 2 ſiß ſtilinn uf ihr m alsſpu uie 171 ausharrende Liebe in ſich ſelbſt zuruͤck, und huͤllte ſich in blutendes Schweigen. Nach und nach ſtellte er ſeine Beſuche in Dun⸗ dee ein, indem er ſich ſelbſt das unſchuldige Vergnü⸗ gen verſagte, dem traul ichen Geſchwätz ſeiner»kleinen Frau« zu lauſchen, welche jetzt jene unvollkommene Sprache zu ſprechen anfing, welche vom Anfang aller Zeiten den Philoſophen aus ſeinem Studirzimmer gelockt hat, den Staatsmann aus dem Cabinette, und den Krieger aus dem Kreiſe ſeiner jauchzenden Legio⸗ nen, um ihr allein zuzuhoͤren. Waͤhrend ſich aber Alan Zwang in einem Punkte auferlegte, der, wie er ſah, fuͤr Jeannies Seelenfrieden nothwendig war, nahm er das Vorrecht des Pathen in Anſpruch, und beſtand darauf, nachdem er auch Frau Ca⸗ merons Stimme auf ſeiner Seite hatte, jahrlich eine kleine Summe fuͤr Janets Kleidung ſchicken zu duͤrfen. Dieſe Unterſtutzung wurde ſo liebe⸗ voll angeboten, und mit ſo zarter Ruͤckſicht auf⸗ genoͤthigt, daß Jeannie unter einem Thraͤnenſtrome, dem Andenken deſſen fließend, der des Kindes natuͤr⸗ licher Verſorger geweſen war, in die Annahme der Gaben willigte. Am Ende des zweiten Jahres nach dem muth⸗ maßlichen Untergange des Andreas, nahm ein ent⸗ fernter Verwandter des Capitains als nächſter Erbe ruhigen Beſitz von dem Vermoͤgen des wuͤrdigen Seemannes; indem ſich keiner berechtigt glaubte, ſeine Anſpruͤche zu beſtreiten, oder die Frage unterſuchen zu laſſen, ob eine ſolche Beſitznahme geſetzlich ſey, 172 ſo lange Capitain Macdowalls Tod nicht völlig er⸗ wieſen waͤre. Alan Forſyth aber war nicht ſo leicht ſieben geſtellt; er hatte oft den Capitain mit allem cheine von Aufrichtigkeit ſagen horen, daß er dem lichen Knaben, der nach ihm genannt werde, etwas vermacht habe, wie Malcolm Cameron auf den Fall ſeines Todes finden wuͤrde. Alan ſah ſich daher nach einem Teſtamente um. Der geſetzliche Erbe, ein Mann von niederer Denkungsart, blieb bei ſeiner Behauptung, daß keins gefunden ſey; und Alan konnte alſo nichts weiter thun, als eine oͤffentliche Aufforderung ergehen laſſen. Eine Belohnung wurde demjenigen verſprochen, der ein ſolches Document vorzeigen, oder deſſen Daſeyn nachweiſen koͤnne. Die Mittel, deren Alan bedurfte, um auf dieſe Weiſe Verſuche zur Verbeſſerung der Lagezu machen, worin ſich die huͤlfloſe Familie des un Cameron befand, verdankte er ſeines Vaters fruͤherer Vorliebe fuͤr Jeannie. Der alte Forſyth beklagte und liebte ſie noch; und trennte ſich diesmal nicht ſo ungern wie ſonſt von dem Gegenſtande ſeiner zunehmenden Anhaͤnglichkeit, dem Gelde, um ſie vom Rande des Verderbens zu retten. Aber bald wurde ſie ihm wieder entfremdet, durch die Unruhe, die er ihret⸗ Rhatte, durch die Entfernung ihres Wohnorts, durch den Verdruß uͤber ſeines Sohnes große Liebe zu ihren Kindern, und durch Alans hartnaͤckigen Ent⸗ ſchluß, als unverheiratheter Mann zu ſterben. Durch alles dieſes erbittert, brachte er ins Geheim ſeine völlig et⸗ t ſo leicht mit allen et dem de etwas den Fal ich doher niederer aß keins s weiter en laſſen⸗ hen, der Daſehn zuf dieſt machen Gamerbn gwrlibe liebte ungem hmenden ne des ſie ihn t ihrel⸗ obnorts, e Liebe enn, Dulc in ſin 173 Angelegenheiten in Ordnung, und vermachte zwar Alles, was er beſaß, ſeinem Sohne, aber ſo, daß die⸗ ſer es ſeinerſeits nur ſeiner Frau oder ſeinen recht⸗ maͤßigen Kindern hinterlaſſen duͤrfte; denn im andern Falle ſollte es auf einen reichen Neffen und deſſen natuͤrliche Erben uͤbergehen. Sehr bald, nachdem er heimlich dieſen Schritt gethan hatte, ſtarb der alte. Mann; und obgleich nur Alan in dem Beſitz der Pachterwohnung, nebſt einer bedeutenden Summe baa⸗ ren Geldes, kam, ſo ſah er ſich doch zugleich fuͤr immer von der Moͤglichkeit ausgeſchloſſen, uͤber irgend einen Theil der Erbſchaft zu Gunſten der vaterloſen Wai⸗ ſen in Dundee zu verfuͤgen. Ein kleines Legat fuͤr Jeannie verringerte jedoch in etwas die ſchmerzlichen Gefuͤhle, die ihm dieſe Taͤuſchung verurſachte; und nachdem er es Jeannie uͤbergeben, und ihr dadurch zum erſten Male weſentliche Vortheile verſchafft hatte, fing er jetzt ſogleich an, ernſtlichere Nachforſchungen uͤber das Teſtament des Capitains anzuſtellen, als ſeine fruͤher beſchraͤnkten Kraͤfte ihm erlaubt hatten. Auf zahlreiche und wiederholte Aufforderungen in den oͤffentlichen Blättern, erhielt Alan endlich einen Brief aus Nordamerika. Ein kuͤrzlich dahin ausge⸗ wanderter Notar ſchrieb ihm, daß er beſchwoͤren koͤnne, ein gehoͤrig von Zeugen beglaubigtes Docu⸗ ment,(wovon er gluͤcklicherweiſe den erſten Entwurf vorlegen konnte, aufgenommen zu haben, worin Ro⸗ land, dem Sohne Malcolm Camerons, die Summe von 2000 Pfund Sterling vermacht, worden ſey, und zwar ſo, daß ſeine Eltern die Zinſen davon bis zu 174 ſeinem zuruͤckgelegten ein und zwanzigſten Jahre zu ihrem oddr ſeinem Nutzen genießen ſollten. Aber da dieſe Ausſage allein nicht hinreichend war, wie der Notar wohl wußte, gab er die Namen der beiden Perſonen an, welche das regelmäßige Teſtament un⸗ terſchrieben haͤtten, indem er Alan bemerklich machte, daß deren und ſein Eid, die Anſpruͤche des kleinen Roland genugſam begruͤnden wuͤrden; und daß da⸗ her, im Fall jene Zeugen aufgefunden werden koͤnn⸗ ten, die Verwandten des Kindes es vielleicht fur dienlich erachten moͤchten, den Notar von Amerika heruͤber kommen zu laſſen, um die dargeſtellten That⸗ umſtaͤnde zu beſchwoͤren. Alan beſann ſich nicht, den angegebenen Weg einzuſchlagen. Er hatte weder Weib noch Kind; und da bei ſeinem Tode die Pachterwohnung nebſt den von ſeinem Vater hinterlaſſenen Kapitalien auf ſeinen nächſten Verwandten uͤbergingen, er aber ſeine eige⸗ nen Einnahmen und Erſparniſſe verwenden konnte, wie er wollte, ſo fing er an, zugleich verſchwenderiſch zu werden, und die ſtrengſte Sparſamkeit zu beob⸗ achten. Seine Nachfragen wegen des einen der Zeugen, die das Teſtament des Capitain Macdowall unter⸗ zeichnet hatten, waren von Erfolg; aber der andere, ein Seemann, welcher in einem engliſchen Chinafah⸗ rer nach Canton abgegangen war, konnte im gluck⸗ lichſten Falle nicht vor einem Jahre erſcheinen; und ſelbſt dann war es noch eine Frage, ob er uͤberall aus dem Oriente zuruͤckkehre. „—— Johre zu Abet da wie det der beiden ment un⸗ ch machte, s kleinen daß da den könn⸗ leicht ſit Vneika lten That⸗ enen Ves ſind; und nebſt den ſein ege en bonnte venderiſch eob⸗ be r geugen all unter⸗ er andete Chinfih⸗ im giu⸗ 175 Alan war zu klug und zu entſchloſſen, als daß er nicht hätte Alles ſichern ſollen, was auf das Schick⸗ ſal der ungluͤcklichen Familie Cameron einen guͤnſti⸗ gen Einfluß haben konnte. Er ließ daher den aus⸗ gewanderten Advokaten zuruͤckkommen; und war un⸗ glachtet der niedrigen Schmaͤhungen und boshaften Anſpielungen des verworfenen Verwandten des Ca⸗ pitains, ſo gluͤcklich, die Anſpruͤche Rolands in ſo weit zu erweiſen, daß es nur des Eides des in Bom⸗ bay befindlichen John Henderſons bedurfte, um eine guͤnſtige Entſcheidung des Gerichts fuͤr das Kind zu erlangen. Die dadurch veranlaßten Koſten waren ſo groß, daß ſie Beſorgniſſe erweckten; und um ſie zu decken, ſah ſich Alan ungern genoͤthigt, die Pachtung der Freude ſammt dem Inventar derſelben abzutreten. Aber er that es um Malcolms Sohn willen, und Malcolm kehrte ja nimmer zuruͤck, um die geliebte Wohnung wieder anzunehmen! Jeannies Gemuͤthszuſtand während des Fort⸗ gangs dieſer wichtigen Angelegenheit zu beſchreiben, iſt faſt unmoͤglich. Ihr Herz ſchwebte abwechſelnd zwiſchen Furcht und Hoffnung. Sie zitterte vor der Ausſicht, das Vermoͤgen ihres Kindes einem Manne wie Alan zu verdanken, der, wie ſie wußte, ſie ſo geliebt hatte— vielleicht ſelbſt jetzt noch liebte;— einem Manne, der außerdem mit einer ſo edlen Selbſtverlaͤugnung gehandelt hatte! Doch ihn in ſeinen Verſuchen nicht fortfahren zu laſſen, war ein Opfer, das die Kraͤfte einer Mutter uberſtieg. Und 176 dann das ſegenverſprechende Geld ſelbſt! Woher kam es? Es war das Vermaͤchtniß eines Mannes, mit deſſen Schickſale dasjenige ihres Malcolm unzertrenn⸗ lich verbunden war. Wurde Capitain Macdowalls Teſtament bewieſen, ſo war es auch der Tod ihres Malcolm! Arme Jeannie! Noch, noch immer, wenn ſie in naͤchtlicher Einſamkeit ihres vergangenen Gluͤcks und ihrer jetzigen Verlaſſenheit dachte, gab es Augenblicke, in denen ſie den Allmaͤchtigen anflehete, ihr den Gat⸗ ten zuruͤckzugeben, Gebete empor ſandte, daß, wenn er noch am Leben ſey, ob auf wuͤſter Inſel, oder in fernen Landen, verſtuͤmmelt an Koͤrper, oder krank an Geiſt,— ihre Tage nur ſo lange gefriſtet werden moͤchten, um ihn noch einmal wiederzuſehen. Jean⸗ nie hatte ſeit langer Zeit aufgehoͤrt, ſolcher wilden Hoffnungen oder ſolcher vermeſſenen Gebete ſelbſt gegen Malcolms Mutter zu erwaͤhnen. Sie fuͤrch⸗ tete jetzt, daß ſie Schmach und Suͤnde auf ſich lade, wenn ſie ihre Gedanken noch auf andere Gegen⸗ ſtaͤnde als ihre Kinder richtete. Dieſe Armen beſa⸗ ßen in der That alles das von ihrem trauernden Herzen, was nicht bei dem ertrunkenen Malcolm war. Sie betrachtete die Entwickelung ihres Geiſtes und Koͤrpers mit dem Stolz und Entzuͤcken einer Mutter. Sie ſah ihres Malcolm maͤnnliche Schoͤnheit ſich im⸗ mer mehr in dem kleinen Roland entfalten; und waährend die Keime deſſelben freimuͤthigen und furcht⸗ loſen und edlen Charakters in den Gewohnheiten und Neigungen des Knaben zum Vorſchein kamen, Peher kan m, mit unzertrenn⸗ Tod ihtes en ſi in licks und enblicke, den Gat⸗ ß, wenn l, oder in odet krnk jet werden Jlan⸗ er wilden bete ſelbſt ſih lade, Gegen⸗ men heſa⸗ trauernden ſcolm war. ſeiſtes und er Muttet. t ſich im⸗ ten; und nd fuch vohrheie in fane 177 ſchienen der kleinen Janet ein ernſtes, beinahe ſchwer⸗ muͤthiges Gefuhl gegeben zu ſeyn, um das Kind der jugendlichen Mutter noch theurer zu machen, deren Herz ſich noch immer nach zärtlicher, aufmerkſamer Liebe ſehnte, und die lange nicht den Anblick unſchul⸗ diger Froͤhlichkeit, ſelbſt bei ihren Kindern, ertragen konnte. Janet hatte in ihrem fuͤnften Jahre Thraͤnen für ihren Vater, und Liebkoſungen, um einer Mutter Kummer zu verſuͤßen; ja oft, wenn ſie allein waren, ſuchte dieſe verlaſſene Mutter Balſam fuͤr die blu⸗ tende Wunde ihres Herzens, indem ſie das weinende Kind die kleinen Haͤnde zum Himmel emporheben ließ, im Gebet fuͤr den Vater, von dem ſein jugend⸗ liches Gedaͤchtniß nicht eine Spur mehr behalten hatte, deſſen Idee aber ſeiner Seele vorſchwebte, und mit kindlicher Liebe verehrt wurde. Die Bemerkung klingt faſt wunderbar, daß das arme Kind ſelbſt in dieſem fruͤhen Alter die Heilig⸗ keit des Kummers kannte, da es Andern nie von dieſen traurigen Abenden erzaͤhlte;— allein nur die⸗ jenigen, welche nie ſolche Pruͤfungen erlebt haben, werden unuberzeugt bleiben, daß das Gemuͤth des Kindes bald durch den Anblick von Leiden gebildet wird. Die Zeit verfloß. PVon dem Chinafahrer hoͤrte man nicht eher wieder, als nach dem Ablaufe des Jahres, in welchem er in England erwartet wurde, und ſelbſt dann gab es nichts als Täuſchungen. John Henderſon war zu Bombay auf ein anderes Porter Erzähl. 1. 12 178 Schiff gegangen, das Handel an den Kuͤſten trieb, und es mußten alſo neue Mittel angewandt werden, um ſein wichtiges Zeugniß herbeizuſchaffen. Dieſes war weſentlich erforderlich, da der andere Zeuge nur den Umſtand beſchwoͤren konnte, daß er mit John Henderſon das Teſtament des Capitain Macdowall unterzeichnet habe; Henderſon wußte aber um den Inhalt ſelbſt. Mit dem Bereiten und Abſenden neuer Ab⸗ ſchriften der noͤthigen Documente und Inſtructionen, ſchloß ſich das fuͤnfte Jahr; das ſechſte begann. Schrecklich war der Anfang dieſes ſechſten Jahres fuͤr Camerons Mutter und Frau; denn der Zufall fuhrte einen Matroſen nach dem Hafen von Leith, der den Andreas an der afrikaniſchen Kuͤſte hatte ſcheitern ſehen, als das Schiff, worin er ſich befand, ſelbſt in einem zu traurigen und gefahrvollen Zu⸗ ſtande war, um den geringſten Beiſtand leiſten zu koͤnnen. Sein ſchlichtes Zeugniß gab auf einmal den Ausſchlag in einer Frage, die Capitain Macdowalls Verwandter haͤmiſcherweiſe in Anregung gebracht hatte; naͤmlich, ob eine Zuerkennung von Eigenthum nach einem Teſtamente ſeines Vetters nicht ungeſetz⸗ lich ſeyn wuͤrde, ſo lange der Tod deſſelben nicht be⸗ wieſen werden koͤnne. Ehe dieſe traurige und allen Zweifel ausſchli⸗ ßende Ausſage der armen Jeannie vorſichtig von der ſchwer getroffenen Mutter mitgetheilt wurde, ſuchte dieſe die Heftigkeit des Schlages auf alle Weiſe zu vermindern. Sie ſtellte ihr die verderblichen Folgen Kiſten trieh ndt werden n. Lieſes e Zeuge wr mit John Macdowall ber un den neler A⸗ nſrutionen ſte begonn⸗ ſten Jhr der Zifil n bon Leith ziſe hatte ſit befand, hwulen zu nd leiſen i f einn den Mn cdowal ng gb Eigenth it ingeſe ben ſiht ⸗ jfl u 179 vor, welche der Ausſpruch des Geſetzes, daß des Ca⸗ pitains Vermoͤgen wegen der Möglichkeit ſeines Wie⸗ derkommens nicht vererbt werden koͤnne, fuͤr ſie Alle haben muͤſſe, und machte ſie aufmerkſam, daß ſie in dieſem Falle unnuͤtze Verbindlichkeiten gegen Alan Forſyth auf ſich laden wuͤrden, ohne im Stande zu ſeyn, ſolche zu verguͤten. Sie ſuchte in der Seele der armen Mutter aͤngſtliche Beſorgniſſe fuͤr des Knaben kuͤnftige Ver⸗ ſorgung zu erwecken, die ihren Schmerz in etwas lindern moͤchten, wenn ſie die Nachricht von ihres Gatten gewiſſem Tode erhielte,— und einigermaßen gůr es ihr damit. Jeannie hoͤrte ſie unter abwechſelndem Schluch⸗ zen und Beten an; aber obgleich Frau Cameron ſie ernſtlich an die goͤttliche Barmherzigkeit erinnerte, waͤhrend ſie ihr die letzte Hoffnung raubte, ſo zeig⸗ ten doch ihre erhobenen und ſtroͤmenden Augen, daß ſie fuͤr ſich ſelbſt den bitterſten Mangel und Hoffnung dieſer furchtbaren Gewißheit nebſt allen Reichthuͤmern der Welt vorgezogen haben wuͤrde; indeſſen erkannte ſie Gottes Gnade an, der es ſo fuͤge, daß das, was ihren eigennuͤtzigen Wuͤnſchen den Tod bringe, viel⸗ leicht Leben ihren Kindern gäbe. Leiden anderer Art waren mit dieſem öffentlich abgelegten Zeugniß uͤber Camerons Tod verknuͤpft. Der Sohn ihres Verſorgers quaͤlte Jeannie durch ſeine Bemerkungen; ein junger, leichtſinniger Menſch von heftigen Leidenſchaften, der bereit war, Alles in dieſem Augenblicke fuͤr ihren Beſitz aufs Spiel zu 180 ſetzen, waͤhrend er vielleicht ſechs Monate ſpäter ſie wegen ſeiner verlorenen Ausſichten gehaßt haben wuͤrde. Erlag auch Jeannies Herz faſt unter der Laſt von Kummer und Sorgen, ſo war ſie doch noch ſchoͤn; denn ſie war noch jung. So lange die Jugend bleibt, mag die Schoͤnheit durch die Wirkung von Kummer oder Krankheit ihren Charakter veraͤndern; immer veraͤndert ſie nur die Art ihrer Herrſchaft uͤber das Herz und das Auge. Jeannies Geſtalt hatte ihre ſchimmernde Fuͤlle verloren; aber die Formen derſelben hatten einen in⸗ tereſſanteren Charakter angenommen; ihre Wange war weder ſo voll noch ſo bluͤhend, als in den Tagen ihres Glucks; aber ſie zeigte die Weiße und Klarheit der Lilie; und ſchwindende Tinten, die bei ploͤtzlicher innerer Bewegung zum Vorſchein kamen, faͤrbten ſie mit einer mehr als irdiſchen Schoͤnheit. Dieſe reine und geiſteraͤhnliche Farbe, die ſchoͤne Form ihrer Zuͤge, die zarte Schwermuth ihrer nieder⸗ geſchlagenen Augen, und der hinreißende Schein der Jugend, welcher ſie umgab, wurden vielleicht noch in ihrer Wirkung durch die Trauerkleider erhoͤhet. Wenn ſie zur Kirche ging, an jeder Hand eins ihrer beiden vaterloſen Kinder fuͤhrend, fuͤhlte ſich Jeder, der ſie fah, geruͤhrt von dem tiefen, doch zuruͤckgehaltenen Grame, der auf ihrer ſchoͤnen Stirn lag, und von dem zartlichen thraͤnenvollen Blicke, womit ſie von Zeit zu Zeit ihre ſchwatzenden Kinder betrachtete. Manches Auge ließ eine Thraͤne fallen, indem ate ſpite ſi ehaßt haben tet det Luſ h noch ſchn die Jugend Wirkung von verndernj r Herſcht erude Füle en einen in ihre Wane n den Tagen und Klarheit ei plüblcher ſirben ſi odi ſtöne hter nieder⸗ Schein de iht noch in öhet Vinn in bede un, der ſe inehulene und vol „ mit ſie 181 es der ſchoͤnen Jeannie Cameron folgte! Manches redliche Herz wuͤnſchte die Macht zu haben, den ver⸗ lorenen Gatten und Vater aus ſeinem naſſen Grabe erſtehen zu laſſen. Solche Wuͤnſche hegte der junge Blair nicht; ſeine Sinne allein hatten ſeine Leidenſchaft fuͤr die junge Wittwe angefacht; und ſo ſchön war in ſeiner Meinung»die klare Haut, die ihn faſt durchſichtig dunkte; und der feine Wuchs, welchen er mehr als umſpannen konnte; und der kleine Fuß, der nicht großer als der der zierlichſten Dame war!«— daß er jede Veraͤnderung darin fur theuer erkauft gehal⸗ ten haben wurde, häͤtte der Gegenſtand ſeiner Be⸗ wunderung dafuͤr mehr Gluͤck und beſſere Geſundheit eingetauſcht. Nachdem Malcolm Camerons Tod oͤf⸗ fentlich erwieſen war, wurden die Zudringlichkeiten dieſes anmaßenden Bewerbers ſo laͤſtig, und ſein Va⸗ ter ſchien ſo wenig geneigt, ſich auf Jeannies ent⸗ ſchloſſenen Widerſtand zu verlaſſen, daß ſie ſich plötz⸗ lich genöthigt ſah, ihren Matz in ſeinem Hauſe auf⸗ zugeben, und anderwaͤrts ein Unterkommen zu ſu⸗ chen. In dieſem ſchwierigen Zeitpunkte wuͤrde ihr Alan Forſyth ſo gern das Haus zum Zufluchtsorte angeboten haben, welches ihre Kindheit beſchuͤtzt hatte; aber er durfte dieſen Vorſchlag auf keine Weiſe machen. 1h Das von ihm ſo heiß geliebte Herz erlag faſt ſchon unter der Laſt ſeiner Verpflichtungen gegen ihn, und wollte von keinen andern mehr hoͤren. Mit 182 kummervollen Gefuͤhlen ſah er Jeannie und die Ihri⸗ gen in der ſchlechten Wohnung eines kleinen Land⸗ manns, in fernem Moorlande gelegen, untergebracht, welche ſie mit dem Wirthe und ſeinem Weibe thei⸗ len mußten; dort hofften Jeannie und Frau Came⸗ ron, ihren Unterhalt ſich durch Spinnen zu erwerben, bis das erwartete Vermoͤgen des kleinen Roland ihnen ruhig und ſorgenlos zu leben vergoͤnnen wuͤrde. Aber neues Ungluͤck folgte ihnen auch dahin. Frau Cameron wurde von einem langwierigen rheu⸗ matiſchen Fieber befallen, das ihr der kaͤltende Lehm⸗ boden zuzog, und kaum war ſie ſo weit wieder her⸗ geſtellt, daß ſie ſich ohne Huͤlfe bewegen konnte, als die kleine Janet die Maſern bekam. Auch die Beſſe⸗ rung des Kindes erfolgte ſo langſam, daß Jeannies kleines, ihr von dem alten Forſyth vermachtes Legat voͤllig zugeſetzt wurde, und ſie zum erſtenmal in ihrem Leben aus freiem Antriebe um Alans Unter⸗ ſtutzung anſuchte. Dennoch war es nur wenig, was ſie lieh; i dies Wenige, glaubte ſie, erhielte ihrem Lieblinge das Leben; und nie fuͤhrte ſie den Wein, welchen ſie durch Alans Guͤte geben konnte, nach Janets Lippen, ohne ſich von inniger, ſchmerzlicher Dankbarkeit durch⸗ drungen zu fuͤhlen. Reichten aber auch Alan For⸗ ſyths Mittel hin, Jeannie aus einer ſolchen Noth zu helfen, ja ihr manche kleine Bequemlichkeit zu ver⸗ ſchaffen, wenn ſie nur gewollt haͤtte; ſo waren dieſe Mittel doch nur Waſſertropfen zum Ocean, als ſie dazu verwandt wurden, einen unbekannten Menſchen 3— d die Iht leinen Land⸗ ntergebracht, Viibe thei Frau Came⸗ zu erwerben, nen Roland nnen winde. auch dahin. erigen rhel— tende Lehm⸗ wieder het⸗ konnte, ab uch die Beſſe uß Jann uchtes Legal erſtennol in Mans Untit lieh; abe ieblinge d welchen ſe gnets Lippen barkeit durh ch Man Fot hen Noth chkeit zu bo waren d 183 in einem ſo großen und weit entfernten Lande als Indien aufzuſuchen. Die taglichen Opfer, die er darzubringen genöthigt war, um die Sache nur etwas im Gange zu erhalten, ließen ihn dieſe Wahrheit jeden Tag mehr erkennen; und er ſeufzte vor edlem Schmerz bei dem Gedanken, daß er Malcolm Came⸗ rons vaterloſen Kindern Nichts zu hinterlaſſen haben wuͤrde, ſollte es dem Himmel gefallen, auch ihn in eine andere Welt abzurufen. Seitdem Jeannie nach ihrem neuen Wohnorte gezogen war, hatte Alan ſie nur ein oder zwei Mal zu beſuchen gewagt; er konnte es faſt nicht ertragen, ſie ſo geſunken zu ſehen. Sie war freilich den engen Gaſſen und der ſchweren Luft einer Handelsſtadt ent⸗ riſſen; den muͤrriſchen und mißtrauiſchen Blicken eines harten Herrn; der verwegenen Zudringlichkeit eines geldſtolzen aber feurigen Bewerbers, und allen den Beſchimpfungen, welche die beſſer Erzogenen, ſobald ſie in Armuth geſunken ſind, von den Leichtſinnigen und Gefühlloſen aller Klaſſen erdulden muͤſſen;— allein ſie war kaum vor dem Ungeſtüm der Witte⸗ rung durch ein Dach und vier feuchte Wände ge⸗ ſchuͤtzt; ſie und die kraͤnkliche Mutter waren zum Ar⸗ beiten den ganzen Tag und die halbe Nacht gezwun⸗ gen, um das Wenige zu erwerben, das alle ihre Be⸗ durfniſſe beſtreiten mußte; und dieſer Zuſtand konnte, ſo lange Jeannie— ſie alle lebten— dauern, im Fall das Vermachtniß nicht gerichtlich bewieſen wurde, und der Himmel Alans Tage nicht verlaͤngerte, um neue Fonds zum Erſatz der jetzt völlig erſchopften zu 184 erſparen. Alan ſah, daß Jeannie ſich wegen des Todes ihres Gatten ganz dem gottlichen Willen un⸗ terworfen hatte; ja, daß ſie wegen des kuͤnftigen Schickſals ihrer Kinder feſter derſelben Guͤte zu ver⸗ trauen anfing, und jene Troͤſtungen aus frommen Betrachtungen zog, welche die ſelige Belohnung des gegen ſeine widerſtrebende Natur ankaͤmpfenden Chri⸗ ſten ſind. Aber dieſer rechte und gluͤckliche Sinn konnte gegenwaͤrtige Leiden nicht aufheben;— wirkliche Lei⸗ den ſind ein wahres Uebel;— und ſein Herz blutete ihm, ſah er, wie viel Ueberwindung es ihr koſtete, den Beiſtand ihrer Schwiegermutter in den Arbeiten annehmen zu muͤſſen, welche Armuth und huͤlfloſe Kinder ſo ſehr haͤufen. Fur Jeannie, die von ihrer fruͤheſten Jugend auf gewohnt geweſen war, dem Alter und der Schwäche und dem Mangel,— ſo gering ihre Mittel auch immer waren,— zu dienen,— fuͤr ſie war es ein uber alle Beſchreibung bitteres Gefüͤhl, der verehrten Frau fuͤr ihren gegenſeitigen Vortheil Arbeiten aufzuerlegen. Welche Qual, das hohle Auge und die bleiche Wange ihrer Mutter zu erblickenz das oft verſuchte Lächeln, die hervorbrechenden, nicht zuruͤckzuhaltenden Thränen körperlicher Schwaͤche, die ſie eben ſo oft zu trocknen ſich bemuͤhete;— zu wiſ⸗ ſen, daß es ihr ſauer ward, irgend etwas zu thun, und doch genoͤthigt zu ſeyn, ſie viel thun zu laſſenz ſie matt und kraftlos zu ſehen, und ihr doch keinen Staͤrkungstrank bieten zu können, auch nicht einmal einige Minuten ubrig zu haben, um dieſen Schmerz — wegen de WVilen un⸗ es künftigen üte zu ver⸗ us ftommen ohnung des fenden Chti Sinn konnte irkliche bei⸗ erz blutete ihr koſtet⸗ den Arbeiten und hüffoſe ie von ihret den Aler ſo gin nen,— fit ens beſill en Portheil hohle Auge erbl lickenz enden⸗ ſi wihe, ie — ju wiſ⸗ zu thun uſen keine icht tinmn nSin 46 185 leidenden Kopf zu unterſtutzen;— alles dieſes zu ſehen,— alles dieſes zu fuͤhlen,— war es nicht wirkliches, am Leben ſelbſt nagendes Elend? Alan konnte um ſo weniger den Anblick dieſer Noth ertra⸗ gen, weil ſein eigener Geldvorrath ſo erſchoͤpft war, daß er kaum die Unkoſten ſeiner Nachforſchungen in Indien zu beſtreiten vermochte, und nicht eine Guinee fuͤr ein kuͤnftiges Vermächtniß wegzulegen hatte. Unter ſolchen Eindrucken verſagte er ſich die oͤfteren Beſuche auf dem Moorlande; und als er endlich wie⸗ der hinging, war es nach einer zweimonatlichen Ab⸗ weſenheit. Jeannie war ſo zu ſagen allein; denn der Eigen⸗ thuͤmer des Hauſes und ſeine Frau waren ausge⸗ gangen, und die Mutter ſchlief in Folge eines ſtar⸗ ken Opiats, das ſie zur Stillung heftiger Schmerzen genommen hatte. Jeannie ſaß neben einem tragen Feuer und ſpann, waͤhrend ihr kleines Maädchen ihr mit gedaͤmpfter Stimme ein Kapitel aus der Bibel vorlas. Spuren von Thraͤnen waren auf der Mut⸗ ter Wangen zu ſehen; und ihre Augen, nur von der Trauerhaube beſchattet, da ihr glaͤnzendes Haar jetzt nie zum Vorſchein kam, ſprachen die inneren kum⸗ mervollen Gedanken aus, welche durch die neuen Lei⸗ den ihrer Schwiegermutter erzeugt waren. Alan hielt einen Augenblick auf der Schwelle an, um die Ge⸗ fuͤhle zu beherrſchen, mit denen er dieſes traurig ern⸗ ſte Antlitz, das aller Lebenstinten beraubt war, be⸗ trachtete. Als er naͤher trat, wurde Jeannies freund⸗ licher Gruß durch den Schreck unterbrochen, den ihr 186 ſein kraͤnkliches Ausſehen, offenbar die Folge von wirklicher Krankheit, einfloͤßte. Auf ihr Befragen erfuhr ſie, daß er unvorſichtigerweiſe einer oͤffentli⸗ chen Verſammlung in naſſen Kleidern, nach einer vorhergegangenen Erhitzung, beigewohnt, und darauf an einer Lungenentzuͤndung darnieder gelegen habe. Etwas Fieber und ein hohler Huſten waren noch zuruͤckgeblieben, welcher letztere, obgleich er ihn fur unbedeutend hielt, Jeannie daran erinnerte, daß zwei Bruͤder ſeiner Mutter ein Opfer der Auszehrung ge⸗ worden waren; ſie ſah ihn daher einen Augenblick mit einer ſo durchdringenden ſchmerzlichen Theilnahme an, wie ſie ihre Augen noch nie vorher hatte ausdruͤcken duͤrfen. Alan wurde leichenblaß bei dem Blicke, aber er preßte bloß die kleine Janet, die zärtlich an ſeine Knie herangekommen war, an ſeine Bruſt. Es lag keine Freude in dem Gefuͤhle, das dieſe an Entſagung gewoͤhnte Bruſt durchſchauerte; aber doch etwas Sanftes, Wohlthuendes. Er wollte zu ſprechen an⸗ fangen, allein ein heftiger Anfall von Huſten unter⸗ brach ihn, und noͤthigte ihn, nach mehreren vergebli⸗ chen Verſuchen, davon abzuſtehen. Das zuaͤrtliche Kind ſtreichelte ſeine jetzt hoch geroͤtheten Wangen mit ihren beiden Haͤndchen; kuͤßte eine um die andere; nannte ihn ihren olieben, guten Alan,⸗ und bat ihn, nie wieder ſo lange wegzublei⸗ ben. Alan hätte das ſuße unſchuldige Kind in ſein Herz druͤcken mögen.»O, was wollte ich darum geben,« rief er unwillkuͤhrlich aus,»wenn mein armer Vater mir die Hände nicht ſo gebunden hätte! —,,——— e Folge ben ihr Brfragen einer öfentl⸗ nach einer und deruſ legen habe. waren noch e ihn ſir te, daß zwe szehrung e⸗ genblic wit einahme a te gusdrücken Blick, che tih u ſin n Enſohln doch ein ſprchen huftn unten un vgell ndchenj i5 ſihen u⸗ g. veglbl⸗ ſind in 4 eich mein u hi den 187 Meine theure Janet!— ein Blick Deiner freundli⸗ chen Augen iſt meinem Herzen immer ein Labſal! — Aber darum ſterbe ich nicht fruͤher, Frau, ſetzte er hinzu, als er ſah, daß Jeannie ihn mit mitleids⸗ vollem Ausdrucke betrachtete;»ein oder zwei Tage tuͤchtiger Arbeit werden mich wieder zu Kraͤften bringen.« »Sprecht nicht von Arbeit, Forſyth,« ſagte Jean⸗ nie mit einem tiefen Seufzer;»ein Bett waͤre weit paſſender fuͤr Euch, und eine Waͤrterin daneben; und macht Euch keine Sorge um uns, ſondern denkt an Eure eigene Geſundheit. Mir thut das Herz weh bei Eurem Anblick. Ihr ſeyd viel zu gut, um aus dieſer kummervollen Welt gelaſſen zu werden; und da er todt iſt—« Jeannies Stimme wurde bei die⸗ ſer leiſen Beruͤhrung ihres Gatten von Thraͤnen un⸗ terdruͤckt, und ſie bedurfte einiger Zeit, ehe ſie ſich erholen konnte. Nach kurzem Schweigen trocknete ſie ihre Augen, und richtete ihren Blick wieder auf ihn, lange und feſt; dann legte ſie ihre Hand auf ſeinen Arm, und ſprach in einem Tone der innigſten Theilnahme: »Alan, Freund! nie hat es einen treuern Freund gegeben, als Ihr mir geweſen ſeyd; und jetzt, da ich ihn nimmer wieder ſehen werde, der allein das Recht hatte, uber meine Kinder zu beſtimmen, ich alſo nur Gott und mein eigenes Gewiſſen zu befragen habe, jetzt will ich, wenn Ihr eine verſtändige Perſon zu Euch nehmen wollt, um auf dieſen Huſten Acht zu geben, Euch Eure kleine Frau mit nach Hauſe geben, — 4 üh 6½ F * 188 damit ſie Euch Freude mache, waͤhrend Ihr unbe⸗ ſchaͤftigt ſeyd. Meine arme Mutter, die dort ſchläft, iſt nichts mehr zu thun im Stande, ſonſt wuͤrde ſie bei Euch Tag und Nacht wachen, um Euch unſere Dankbarkeit und Achtung zu bezeigen; aber ſie iſt der Pflege ſelbſt bedurftig. Alan, wir muͤſſen Euch nicht auch verlieren.« Bei den Toͤnen ihrer Stimme fuͤhlte ſich Alans Herz wieder von einer wehmuͤthigen Freude durch⸗ drungen, und wie er ſeine uͤberfließenden Augen auf das Haupt der kleinen Janet niederbeugte, erſchutter⸗ ten ſtreitende Gefuͤhle ſeinen ganzen Koͤrper. Als er endlich zu ſprechen ſich getrauete, ant⸗ wortete er heiter, daß er noch nicht ſo krank ſey, um ſie ihres Lieblings zu berauben; geſtand, es wäre eine ſchwere Verſuchung, ihm ſeine„kleine Frau⸗ an⸗ zubieten, fugte aber hinzu, er koͤnne nicht ſo eigen⸗ nutzig handeln, ſie in das Haus eines einzelnen Mannes zu fuͤhren; er lehne daher das guͤtige Aner⸗ bieten dankbar ab, wuͤrde aber bald wieder kommen, ſich zu entſchaͤdigen, und ſeinen Freunden zu zeigen, daß er weit ſtaͤrker ſey, als ſe glaubten. „Aber mir iſt etwas traurig zu Sinne, Frau,⸗ fugte er ſtockend hinzu;»und Ihr wißt, wenn wir Jemanden etwas Unangenehmes zu ſagen haben, ſo— i. 2 „Nun! was habt Ihr gehoͤrt?“ rief Jeannig mit augenblicklicher Beſorgniß aus. Alan reichte ihn zd⸗ gernd einen offenen Brief hin. Sie las ihn haſtig in tiefer Stille. m 0 d Ihr unbe e dot ſchlif⸗ nſt wine ſi Euch unſer abet ſi it nüſſen Eich te ſich Aans rende dunch⸗ Augen a e aſchone⸗ pet. rauete mnt ſo tank ſcy and es wit ne Frau⸗ an t ſ ign⸗ es einzelnen itige Iner der kommen⸗ n z vigen inne htcl⸗ wlr wenn 189 Der Inhalt ſagte, daß John Henderſon nicht zu finden ware. Man hätte erfahren, daß er ſeinen Platz auf dem Küſtenſchiffe, auf das er in Bombay gegangen war, aufgegeben; aber ob er ſpaͤter auf einem europaiſchen oder amerikaniſchen Schiffe eine Anſtellung erhalten und Indien verlaſſen habe, wuͤßte Keiner. Vielleicht waͤre er auch todt. Ohne das Zeugniß dieſes Mannes wurde der erſte Entwurf von Capitain Macdowalls Teſtamente als kein geſetzlich gultiger Beweis zugelaſſen, und Jeannies Familie mußte im Elende bleiben. Nach⸗ dem Jeannie den Brief zwei Mal geleſen hatte, weinte ſie nicht— ließ ſie keinen Seufzer oder Ton hoͤrenz ſondern ſaß vollig bewegunglos da, waͤhrend ihr Alan mit zitternder Stimme etwas Troͤſtliches zu ſagen verſuchte; aber in ihren thranenloſen Augen lag ein Ausdruck, indem ſie auf dem Papiere ruheten, der das Herz des armen Alan zerriß. »Ach Jeannie!« ſagte er bebend,»was wollte ich darum geben— O, daß Ihr in meinem Herzen leſen koͤnntet, waͤhrend—« Er brach ab, und wollte ſeinen Blick von ihr abwenden, als ſie jetzt, beide Haͤnde vor ihre Augen haltend, bewegungslos wie eine Statue da ſaß; aber ſein fragendes Auge rich⸗ tete ſich wieder auf ſie, indem er einige unverſtaͤnd⸗ liche Worte hervorſtieß. Endlich brach Jeannie ihr ſchreckliches Schweigen.—»Alan— guͤtiger Freund,« ſagte ſie,»Ihr beurtheilt mich nicht hart deswegen; ich weiß wohl, daß es Suͤnde iſt, und bete oft um die goͤttliche Gnade. Aber mein Malcolm im ſalzi⸗ —— ————— — 190 gen Meere begraben— meine Kinder aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach Bettler,— und Ihr vielleicht nicht mehr in dieſer Welt, wenn mich Gott herausnimmt! — Ach Alan, nur um meiner Kinder und der armen Frau willen, die dort ſchlaͤft—« Jeannies Stimme wurde weich und erſtickte in Thraͤnen. Alan ſah ſie an, ſeufzte zwei oder drei Mal tief auf in heftiger Bewegung, ſah ſie wieder gedankenvoll an— und ſprach dann zu ihr in übereiltem Tone:»Mein Va⸗ ter— ſanft ruhe ſeine Aſche!— meinte es gut, aber ach! hätte er nur nicht ſo harte Verfuͤgungen wegen ſeines Vermoͤgens getroffen!— Ihr wißt, daß ich Keinem etwas von ſeinem Gelde vermachen kann, außer meiner eigenen Frau; und das Bißchen Geld, das ich zuſammengeſpart habe, iſt auch dahin — ſo daß, wenn ich bald ſterbe— Jeannie— ich weiß, Euer Herz liegt im ſalzigen Meere, aber wenn— Jeannie fuhr von ihrem Sitz auf, ihr Geſicht faͤrbte ſich gluͤhend roth.»Nennt es nicht, Alan, nennt es nicht!« rief ſie gewaltig aus; wurde dann blaß wie eine Leiche, und ſank, indem ſie etwas in der Naͤhe zu faſſen ſuchte, das ihr zur Stuͤtze dienen koͤnne, mit einem erſtickten Seufzer auf den Stuhl nieder, von dem ſie ſich eben erhoben hatte. Alan fiel vor ihr auf die Knie.»Jeannie, ich rufe Gott zum Zeugen an, ich bin nicht um meinet⸗ willen ſo kuͤhn geweſen;— glaubt Ihr mir, Jean⸗ nie?— zaͤrtlich und ſuͤndvoll iſt mein Herz, gewiß, aber es gehoͤrt Euch zu ſehr an, als daß ich etwas aler Wahr ielleiht nich erausnimmt! d der armen es Stimme Alan ſih in heftiger an— und „Mein V⸗ te es gut erfügungen Iht wißt, e vermachen us Biſchen uch dahin nnie— ic uett, cbet ihr Geſcht iht, An⸗ urde dann ie ew tüte dienel 5 Sub zmt „ nin ich 191 verlangen ſollte, was Ihr nicht gern ſeht. Ich dachte nur an Euren verlaſſenen Zuſtand, wenn Ihr Keinen mehr haͤttet, der Euch helfen koͤnnte, und ich auf dem Kirchhofe laͤge— dachte daran, wie ich auf irgend eine Weiſe Euch das Wenige hinterlaſ⸗ ſen—« Hier brach Alan ab; dann fing er wieder mit ernſtem, zagendem, zaͤrtlich auf ſie geheftetem Blick an:»O Jeannie, es iſt um des lieben Kindes wil⸗ len! Ich mache auf nichts Anſpruch, als auf Eure theure Geſellſchaft;— auf nichts, als auf die Freude, Euch mein ganzes weltliches Gut zu hinterlaſſen.« Wiederum ſchwieg er; aber Jeannie konnte nicht antworten; ihre Thraͤnen ſtroͤmten gleich ſchwerem Regen, und ihr zarter Bau wurde faſt convulſiviſch von heftigem Schluchzen erſchuͤttert. Ein oder zwei Mal machte ſie ihm eine Bewe⸗ gung zu, daß er aufſtehen moͤge, doch ohne ihn anzu⸗ ſehen; allein Alan wollte ſeinen Platz nicht eher ver⸗ laſſen, bis ſie ſeine Verzeihung ausgeſprochen und erklaͤrt habe, daß ſie an die Uneigennuͤtzigkeit ſeiner Bewegungsgrunde glaube.»Guter Alan! ich glaube Euch!« ſtammelte ſie endlich, als Frau Cameron, von krampfhaftem Weinen geweckt, aͤngſtlich von ihrem Lager aufrief. Jeannie nahm ihr erſchrockenes klei⸗ nes Madchen auf den Arm, und Alan zur Erklärung der Scene zuruͤcklaſſend, eilte ſie aus der kleinen Stube in die einzige Kammer, die der Wirth und ſeine Frau im Gebrauch hatten. Alan war fortgegangen, als Jeannie zu ihrer 192 Schwiegermutter zuruͤckkehrte; aber ſie hatte gehoͤrt, daß ſeine ſchwache, traurig toͤnende Stimme waͤhrend ſeines Sprechens durch oͤfteres und heiſeres Huſten unterbrochen wurde, das ihren Ohren wie ſein eige⸗ nes Todtengelaͤut klang; und ſie fuͤhlte ihre Undank⸗ barkeit, indem ſie ſich ungern an Alles erinnerte, was ſie ihm ſchuldig war. Aber ihr Herz befand ſich in der That im Schooße des ſalzigen Meeres, bei dem Gatten ihrer Jugend; und ſie verbannte in dieſem Augenblicke, wo ihre Liebe von neuem in aller Kraft geweckt ward, alle Gedanken an das kuͤnftige Elend ihrer Kinder. »Nein— nie koͤnnte ſie die Frau eines andern Mannes werden, nachdem ſie einmal Malcolm ange⸗ hoͤrt haͤtte. Eher koͤnnte ſie ihre Kinder in ihren Armen umkommen ſehen, und ſelbſt mit ihnen um⸗ kommen, als ihnen einen andern Vater geben!« Aber ein Fall war wahrſcheinlicher, ſchrecklicher, als wenn ſie Alle zuſammen ſterben wuͤrden, an den Jeannie damals nicht denken mochte,— den aber Frau Camerons mehr an Leiden gewohnter Geiſt beſtaͤndig im Auge hatte, weil ſie ihn fuͤr unver⸗ meidlich hielt; deshalb drang ſie auch nach einiger Zeit in Jeannie, ihn in Erwaͤgung zu ziehen. In Folge koͤrperlicher Anſtrengungen, ſchlechter Nahrung, noch ſchlechterer Bekleidung, und vorge⸗ ruͤckten Alters, war Frau Camerons urſpruͤnglich ſchwäͤchlicher Geſundheitszuſtand vollig zerruͤttet. Eß war wahrſcheinlich, daß ſie nicht lange mehr leben, hatte gehönt mme während iſeres Huſten vie ſein eige ihre Undank⸗ les erinnerte, der Thot in Gatten ihrer Augenblie raft gewect Elend ihrer eines ander alcohn ange⸗ der in ihren it inen um geben „ſihre liche 3 en, en den den ober un Ge ir uner nch einig iehen⸗ n ſe un vorge w⸗ „. nehr leben⸗ 193 oder doch Andern eine unnuͤtze Buͤrde ſeyn werde. Jeannies eigener zartgebauter Koͤrper ſchwand unter vor⸗ zeitiger Sorge und ungewohnter ſchwerer Arbeit dahin. Wenn ſie Beide ſtuͤrben und Alan hinweggerufen ſey, wer ſollte den armen Waiſen helfen?— und ſelbſt, wenn ſie Beide leben blieben, wuͤrden ſie nicht die geliebten Kinder, die ex ihnen hinterlaſſen, den ſie betrauerten, in hofſunſllle Armuth geſturzt ſehen? — Jeannie hatte fuͤr den Unterhalt derſelben Vieles verſucht, viel dafuͤr gethan, aber die Ungluͤcksfälle haͤuften ſich; und da ſtand Alan Forſyth, dem ſie faſt alles, was ſie Angenehmeres genoſſen, verdankte, be⸗ reit, ihre Kinder reich und gluͤcklich zu machen; edel⸗ muͤthig ſich erbietend, ihre Hand auf ihre eigenen Bedingungen anzunehmen. Auch Alan war krank und traurig, ohne Frau oder weibliche Verwandte, um ihn in ſeiner Krankheit zu pflegen,— und Alan war ihr Wohlthäter! Frau Cameron ſtellte ihr alles dieſes nicht auf einmal vor; ſie verfuhr barmherziger mit Jeannie, und ihrem eigenen innerlich blutenden Herzen. Aber ſie nahm die paſſendſten Augenblicke wahr, um den wichtigen Gegenſtand zu beruͤhren, und ihr mit eben ſo vieler Zartheit als richtiger Einſicht ihn ans Herz zu legen. Jeannie konnte nicht laͤnger umhin, des kurzlich Vergangenen zu gedenken, und der traurigen Zukunft. Die Betrachtung des einen erweckte Dank⸗ barkeit und Mitleiden fuͤr Alan; die der andern Angſt und Beſorgniſſe wegen ihrer Kinder. Der Winter kam heran, das rheumatiſche Uebel Porter Erzähl. 1. 13 194 der Mutter verſchlimmerte ſich bis zu wirklicher Huͤlfloſigkeit; Jeannie fehlten eben ſowohl einträgli⸗ che Arbeiten, als Krafte; kleine Schulden haͤuften ſich bei ihr anz Alan Forſyth blieb zaghaft weg, und es kamen wohl Tage, wo ihre Kleinen nicht Brot zu eſſen hatten. Es gab weder»Speiſe noch Geld⸗ in ihrer ärmlichen Wohnung, als Ftu Cameron eines Abends den ſchmerzlichen Gegenſtand wieder zu beruͤhren wagte. Jeannie ſaß ſchweigend bei ihrem Rade; große Thraͤnen rannen ſchnell und haͤufig uber ihre Wangen; und obgleich ſie in den Falten ihres Rocks hinten die Finger des kleinen Rolands fuͤhlte, der leiſe wimmerte, daß ihn hungere, ruhrte ſie ſich nicht — ſprach ſie nicht. Thraͤnen, heiße, brennende Thraͤ⸗ nen allein, liefen fortwaͤhrend uͤber ihr eingeſunkenes Geſicht, fielen dann auf das Haar der kleinen Janet, die zu ihrer Mutter Fuͤßen ſitzend, Garn abwand, und mitleidig ihrer Großmutter alte und halb ver⸗ hungerte Katze anſah, während dieſelbe ſich, Wärme ſuchend, in deren Kleider drangte.. Frau Cameron fuͤhlte jedes einzelne Wort, das ſie ſprach, wie ein Meſſer durch das eigene Herz ſchneiden; aber ſie glaubte, daß das bittere Opfer ſo⸗ wohl von ihr als Jeannie um der Kinder ihres Sohnes willen gebracht werden muͤſſe; und ſo fuhr ſie, obwohl unter manchem ängſtlichen Seitenblick auf Jeannies elendes Ausſehen, mit der traurigen Auseinanderſetzung ihrer verzweifelten Lage fort. Sie endigte ihre Ermahnungen mit der Ver⸗ zu witklihe wohl einträgl⸗ n haͤuſten ſih weg, und nicht Brot zl jelde in ihte eines Abend zu berihren hrem Radez fi igin ihre n ihres Roc ſihlte, de e ſi ſich nicht nnende yr eingeſunken kleinen Jun arn abwand d hab ver ſch. Wänm n Vot, eigene He Oyfet ſ tere* r ihre Kinde und ſo f Se itenbi er un⸗ oge ſort Iun nit per* 195 ſicherung, daß ſie glaube, Malcolms ſeliger Geiſt wuͤrde ſeiner Gattin, wenn es ihm erlaubt waͤre, zu denen hier unten auf Erden zu ſprechen, ſelbſt zu der Annahme des edlen Anerbietens ihres Frrundes und Wohlthaͤters bewegen. Mit dieſer Erklaͤrung ſchloß ſie. Tiefe Stille folgte. Der kleine Roland zog noch immer an ſeiner Mutter Rocke; aber Jeannie merkte es noch nicht. Ihre Zuͤge fingen jedoch an, ſich krampfhaft zu be⸗ wegen; große Tropfen ſammelten ſich auf ihrer Stirn; das Kind ließ nach und nach die kleine Hand los, bis es, als ob alle Hoffnung verſchwunden ſey, nie⸗ derſank und in lautes Weinen ausbrach. Jeannie ſtieß ihr Rad mit einem unterdruͤckten ſchrecklichen Tone von ſich, als ob ihr das Herz braͤche, und rief, indem ſie das Kind aufnahm, aus: „Mutter! ich will Alan heirathen!« So wie ſie es geſprochen hatte, ſank ihr Kopf auf den ihres vater⸗ loſen Knaben, waͤhrend ſie dieſen mit einer Hand an ihre Bruſt druͤckte, und die theilnehmend aufblickende Janet mit in dieſelbe Umarmung einſchloß. Man haͤtte aus ihrer Lage und ihrer Stille ſchließen ſollen, daß ſie ohnmaͤchtig geworden ſeyz doch Frau Cameron kannte den Todeskampf eines ſchwer gefolterten Herzens beſſer; ſie ließ das arme Opfer auf den Haͤuptern ihrer Kinder ruhen, bis die letzte Zuckung voruͤber war, und ſanftere Gefühle ſich durch andere Thraͤnen Luft machten. Jeannie weinte wiederum lange und heſftig. Ihre Schwiegermutter theilte ihre traurigen Empfin⸗ 196 dungen; ſammelte aber hinreichende Faſſung, um Worte zu finden, und auf Alan Forſyths edle und beſcheidene Erwartungen von ſeiner Verbindung mit Malcolms Wittwe zuruͤckzukommen. Jeannie erhob ihr bleiches Antlitz, während ſie ſprach:»Nein, Mutter,« rief ſie,»einmal mit Alan verheirathet, werde ich die Pflichten der Gattin ge⸗ gen ihn erfuͤllen. Wenn ich meiner Kinder Unter⸗ halt und Erziehung aus ſeiner Hand annehme, werde ich mich nicht undankbar bezeigen. Daß die Kinder einen Augenblick bei Euch bleiben,« ſetzte ſie aufſte⸗ hend hinzu;»ich wuͤnſchte allein zu ſeyn.⸗ Es gibt keine Abgeſchiedenheit fuͤr die Duͤrfti⸗ gen; nur in dieſer Unannehmlichkeit allein gleichen ſie den Hoͤchſten der Reichen; ihren Gram, ihre Freuden, ja ſelbſt ihre Gebete, koͤnnen ſie nicht anders als oͤffent⸗ lich ͤußern. Jeannie Cameron mußte ihr einziges Zimmer verlaſſen, ehe ſie ungeſehen und ungetadelt ſich ihren Gefuͤhlen uͤherlaſſen durfte. Sie eilte aus der niedern Thuͤr. Es war ein reiner Octoberabend; vor ihr dehnte ſich das oͤde Moorland aus— uͤber ihr der prachtvolle Himmel. Dieſer war dicht mit Sternen uͤberſäet, und ihr gerade gegenuͤber leuchtete jener Firſtern, den ihr der verlorene Gatte zuerſt kennen und aufzufinden ge⸗ lehrt hatte. Dieſer Stern ſchien ihr jetzt Vorwuͤrfe wegen des eben gefaßten Entſchluſſes zu machen. Sie ſchloß ihre Augen ſchnell vor ſeinem Glanze; und rief dann, ihre Lippen auf den Ring preſſend, den er ihr toln Pr len eig wil ge Be lene Bli ſich ſag an ſe füll ihre tet ihr ſie Al wi erh ſſung, un ö edle und indung mit vährend ſi mit Alan Gattin ge⸗ nder Unter⸗ hme, werde die Kinder ſie aſſte⸗ die Dirft⸗ gliten ſi e Freudel, s ofn⸗ hr einjge ungetutet war ein e hinn und iht en ihr du ſnden ge 197 ihr gegeben hatte, aus:»O mein ertrunkener Mal⸗ colm! fuͤr Deine Kinder zahle ich einen ſo bittern Preis. Lieber mochte ich mich in mein Sterbetuch hul⸗ len—⸗ Jeannies bebendes Herz ſchauderte vor ihren eigenen Gedanken zuruͤck; und wiederum küßte ſie wild den Ring, den Malcolms Hand auf die ihrige geſteckt hatte. Ihr Gedaͤchtniß rief ihr alle jene Hoffnungen, Beſorgniſſe, den Aufruhr, die entzuͤckende Wonne jener ſeligen Zeit zuruͤck. Sie erinnerte ſich an jeden Blick, jeden Ton ihres Geliebten; auch erinnerte ſie ſich ihrer eigenen aberglaͤubiſchen Furcht, als er ihr ſagte, daß der urſpruͤngliche Beſitzer dieſes Ringes an einem vor Liebe gebrochenen Herzen geſtorben ſey;z ſie glaubte jetzt, daß dieſe traurigen Ahnungen in Er⸗ fuͤllung gegangen waͤren. Nicht eher bis ſie ſich auf der bloßen Erde auf ihre Knie geworfen, und inbruͤnſtig zu dem Gott ge⸗ betet hatte, in deſſen Schooße, wie ſie demuͤthig hoffte, ihr Gatte ruhete, kehrte der Friede in ihre gefolterte Seele zuruͤck. Das Gebet weckte in ihr lebhafte Vor⸗ ſtellungen von Pflicht, nothwendiger Zuͤchtigung, einem Alles lenkenden gottlichen Willen, dem ſie ſich zu widerſetzen furchtete; und als ſie ſich von ihren Knien erhob, erhob ſie ſich ergeben und geſtärkt. Jeannie trat wieder in die Huͤtte mit einem Blicke, der die Unterwerfung ihres Geiſtes verkundete. Ihre Mutter hatte ebenfalls ihren Kampf gehabt; aber auch er war voruͤber; und in ſtillſchweigender Uebereinkunft erneuerte Keine von Beiden während 198 dieſes Abends das Geſpraͤch uͤber den erſchutternden Gegenſtand. Am naͤchſten Morgen wurde ein Brief von Malcolms Mutter nach der Pachterwohnung geſandt. Kaum ſeinen Sinnen trauend, den Tod auf der Wange, aber Entzuͤcken im Herzen tragend, eilte Alan Forſyth nach der Moorhuͤtte. Jeannies Ein⸗ willigung, ſein angetrautes Weib zu werden, ſchloß jeden Wunſch ſeines jugendlichen und maͤnnlichen Alters ein. Jeannie willigte ein, mit ihm unter demſelben Dache zu wohnen— ſeinen hinſchwinden⸗ den Koͤrper zu warten, bis er ins Grab ſinken wuͤr⸗ de— ihm Obdach und Unterhalt fuͤr alles, was ihr auf Erden theuer war, zu verdanken! Alans Herz war zufrieden. Wie ſie ſich wiederſahen, und was ſie mit ein⸗ ander ſprachen, wuͤrde man vergebens zu beſchreiben ſuchen. Tiefer Kummer und tiefe Freude lagen in dieſem Wiederſehen. Aber Jeannie mußte ſich gro⸗ ßeren Zwang auferlegen, weil der Kummer auf ihrer Seite war, ein Kummer, den ſie allein empfand; Alan wurde dagegen die Freude zu Theil, eine Freu⸗ de, die ſo frei von niedriger Selbſtſucht war, ſo lau⸗ ter, ſo edel, ſo erhaben durch das innere Bewußt⸗ ſeyn ſeiner baldigen Aufloͤſung, daß ſie nicht noͤthig hatte ſich zu verbergen. Wenig blieb ihnen zu ordnen uͤber. Alan hatte ſchon den Contrakt vollzogen, wodurch er ihr Alles, was er beſaß, vermachte; und die Zubereitungen zu ſchüternden e ein Briſ tetwohnung od auf de gud eilt amies Ein den, ſchlß mannlichen ihm vnter nſchwinden⸗ ſinken wir s, was ih Aans Hen ſe nit in beſchribn de lagen ſch g auf ihre n enyjund eine ſ var, ſo lu Beni nicht nth Umn b rihr M eitung“ 199 ihrer Hochzeit waren ſchnell getroffen, ſobald ſie nur den Tag beſtimmte. Ein Tag wurde genannt; bis dahin ſollte Jean⸗ nie in ihrer jetzigen kleinen Wohnung bleiben; dann wollte ſie Alan Alle nach ſeinem Hauſe herüberholen. Frau Cameron hoffte, daß ſowohl ihre Sorgfalt, als die ſeiner dankbaren Gattin, dort die toͤdtlichen Krankheits⸗ Symptome uberwinden wuͤrden, die jetzt auf ſeinen Wangen brannten; und Jeannie, die kaum wußte, was ſie fand, außer daß es Elend irgend einer Art war, hahm ſich innerlich vor, mit des Himmels Beiſtande ihre Pflichten gegen ihn als Gattin bis zum letztem Athemzuge zu erfullen. Waͤhrend der Woche, die zwiſchen dieſem Tage und dem zu ihrer Hochzeit angeſetzten lag, zeigte Jeannie in ihrem Aeußern eine anſtaͤndige Heiterkeit; durchweinte ſie gleich manchen einſamen Augenblick im Stalle oder auf dem Felde, ſo trocknete ſie doch ihre Thraͤnen, ehe ſie in die Nähe ihrer Mutter und ihrer Kinder zuruckkehrte. Dieſe letztern liebten Alan Forſyth ſelbſt jetzt ſchon, als ob er ihr Vater waͤre; Jeannie wollte ihnen daher nicht ſehen laſſen, daß die Verbindung mit ihm ein neuer Kummer fuͤr ſie ſey. Der Hochzeitstag kam;»naß und traurig, wie der alte Landmann bemerkte, indem er in das dunkle regnigte Wetter hinaus ſah. Jeannie ſtand vor dem Altare mit Alan Forſyth, dem Gefaͤhrten ihrer Kind⸗ heit, ihrem Freunde, ihrem Wohlthäter. Aber ihn ſah ſie da nicht; ſie ſah nur das Bild ihres erſten 200 Pochzeitstages; ſie hoͤrte nur die Stimme, die da⸗ mals mit Engelstoͤnen zu ihren Ohren drang; ſie fuhlte nur die Hand, die in jener Stunde ihre ganze Seele wonnig durchſchauerte. Malcolm ſtand wieder vor ihr in der ganzen jugendlichen Schönheit und heitern Liebe jenes ſonnigen Tages; ſie war einen Augenblick hingeriſſen vom Entzuͤcken; dann fuhr ſie mit einem Blick, mit dem wir von einem himmliſchen Traume zur entſetzenden Wirklichkeit erwachen, bei dem erſtickenden Huſten ihres jetzigen N auf, und ſah in ſeinem Auge einen ſolchen Ausdruck zaͤrt⸗ licher Theilnahme, daß ſie ſich im Innerſten ihres Herzens ergriffen fuͤhlte. Sie faßte ſich augenblick⸗ lich und die Trauung wurde vollzogen. Hier ende⸗ ten auch Jeannies Opfer:— Nichts wurde weiter von ihr gefordert. Bei ihrer Ankunft in der Pachterwohnung fan⸗ den ſie einen Brief von ihrem Anwald in Edinburg vor, worin ihnen die uͤberraſchende, willkommene Nachricht mitgetheilt wurde, daß John Henderſon wieder erſchienen ſey, und des kleinen Rolands An⸗ ſpruͤche nun völlig bewieſen werden konnten. Wäre dieſer Brief nur einen Tag fruͤher einge⸗ troffen, ſo haͤtte Jeannie nicht noͤthig gehabt, Alan zu heirathen. Dies fuͤhlte der Letztere, und uberließ ſich in der Bitterkeit ſeiner Bekuͤmmerniß um ſie, und aus Furcht, daß ſie nun weniger guͤtig auf ihn blicken moͤge, einem ſo hohen Grade von innerer, qua⸗ lender Unruhe, als man ſelten bei ihm bemerkt hatte. Jeannie verſicherte ihm feierlich, daß, nachdem ſie te, bie de⸗ drang; ſi ihre ganze and wieder önheit und war einen nn fuhr ſi hinmliſchen achen, bei ziten auf, dwd zärt⸗ nſten ihre agenbli⸗ hier ende urde weitet hnung fan⸗ ilommene henderſon lund An * ihet eing⸗ abt, Am d überlie iß um ſi, erkt hil⸗ hden ſ 201 einmal eingewilligt habe, ſeine Frau zu werden, kein Gluͤckswechſel ſie bewegen wuͤrde, das Buͤndniß frei⸗ willig aufzugeben. Sie ſagte dies mit ſo viel Zaͤrt⸗ lichkeit, indem ſie zugleich alles wiederholte, was ſie ihm zu verdanken haͤtte, daß Alans bange Beſorgniſſe dem Gefuͤhle befriedigter Liebe wichen. Allein ſein ſchwacher Koͤrper war unfaͤhig, den ploͤtzlichen Ueber⸗ gang vom Schmerz zur Freude zu ertragen, und das Springen eines kleinen Blutgefaͤßes war die unmit⸗ telbare Folge. Schreck und Verwirrung traten jetzt an die Stelle der dankbaren Empfindungen, die der Brief in Jeannie geweckt hatte. Aerztliche Huͤlfe wurde herbeigerufen, und nach mancher fuͤrchterlichen Angſt hatte Jeannie die Freude, die ſchlimmſten Symptome gehoben, und jede augenblickliche Gefahr entfernt zu ſehen. Die erſte Handlung ihrer ehelichen Liebe beſtand darin, daß ſie die ganze lange und thraͤnenvolle Nacht an dem Bette ihres Gatten wachte. Und viele, viele folgende Tage und Nächte erfuͤllte ſie dieſelbe trauri⸗ ge Pflicht. War Alan denn zu bemitleiden? O nein.— Nie hatte er ein ſolches Gluͤck gekannt. Jeannies leiſer Tritt umſchwebte ihn; Jeannies liebevolles Auge war immer auf ihn geheftet; Jeannies liebevollere Stimme toͤnte beſtäͤndig in ſeinen Ohren. Sie wachte neben ihm, pflegte ihn, dachte an ihn, betete fuͤr ihn. Ihre Kinder umklammerten ſeinen Nacken, liebkoſe⸗ 202 ten und ſegneten ihn. Was konnte er mehr ver⸗ langen? Selbſt Krankheiten koͤnnen eine Quelle der in⸗ nigſten Freuden werden; kein Ort iſt wie das Kran⸗ kenzimmer geeignet, den Werth und die Liebe derer zu pruͤfen, denen wir ſo gern jedes feinere Gefuͤhl und jede Tugend beimeſſen. Alan liebte Jeannie nie mit ſolcher Zartlichkeit, mit ſolchem Entzuͤcken, mit ſolchen heiligen Empfindungen, als jetzt, wo er das Bewußtſeyn hatte, bald von ihr zu ſcheiden,— ver⸗ gehen zu muͤſſen, wie eine Erzählung, die erzählt iſt. Haͤtte ſelbſt Malcolm Cameron ſehen koͤnnen, wie ſeine Frau den Kopf des armen Leidenden un⸗ terſtutzte, wenn dieſer nach heftigen Anfällen von Huſten, erſchoͤpft da ſaß,— ſelbſt er wurde den Ar⸗ men nicht des ſanften Ruheplatzes beraubt haben, den ſeine klopfende Schlaͤfe fanden. Seinen Gelub⸗ den treu, lehnte ſich Alan nur auf Jeannie als ein glucklicher und dankbarer Bruder. Waͤhrend er in den Haͤnden des Todes war, betrachtete er ſie mit den Augen eines Sterbenden; nur hin und wieder in ſolchen Augenblicken, wo ſich die Schwindſuchtigen mit Gedanken an kuͤnftige Geſundheit ſchmeicheln, hegte er wohl einmal eine zärtliche Hoffnung, länger zu leben, um ſie durch ausdauernde und edle, ſelbſt⸗ verlaͤugnende Liebe ganz fuͤr ſich zu gewinnen. Nachdem Alan vierzehn Tage das Bett gehütet hatte, ging er wieder hinunter zu ſeinen Freunden und ſeiner Familie. Anfangs erſchien er nur auf eine oder zwei Stunden des Abends, wenn das Haus ———„— meht bet le der in⸗ das Kran⸗ iebe deret ue Gefühl eannie nie Cen, mit wo er das — ver⸗ etzühl ſſ. en können, enden un ilen un e den A. bt haben⸗ en Gelüb⸗ nie als in end er in rſi mit nd wieder ndſichtigen ſtneich laͤnger de ſuſ e gehu zuund⸗ nun das hu 203 ganz durchwaͤrmt und dicht verſchloſſen war, und die ihn zu ſehr aufregenden Kinder ſich zur Ruhe bege⸗ ben hatten; dann kam er fruͤher; bis er nach und nach ſeinen feſten Platz am Kaminfeuer auf den gan⸗ zen Tag einnahm. unterdeſſen hatte Alles, ſowohl in als außer dem Hauſe, einen gluͤcklichen Fortgang unter Jeannies ſorgfaͤltiger Leitung. Bei jeder Gelegenheit ſuchte ſie Alan Forſyths tiefe Ergebenheit durch unausge⸗ ſetzte Aufmerkſamkeit auf das, was ſeine Wohlfahrt und aͤußern Umſtände heben konnte, zu vergelten. Offen gewaͤhrte ſie ihm die freudige Genugthuung, zu ſehen, daß ſein Edelmuth ihr Leben wirklich ver⸗ ſuͤßt habe. Sie lehrte ihre Kinder, ihn zu ehren und zu lieben, und uͤberzeugte ihn durch die Aengſtlichkeit, mit der ſie ſeinen kleinſten Beduͤrfniſſen abzuhelfen, und ſeinem traurigen Dahinſchwinden vorzubeugen ſuchte, daß Jeannie ihn am Ende um ihrer ſelbſt willen beweinen wuͤrde. In der That wurde ihr jetzt ſo mancher reiche Segen zu Theil, daß ſie ſich eben ſowohl an der Vorſehung als an Alan verſuͤndigt haben wuͤrde, haͤtte ſie den Werth ſolcher Vortheile nicht gefuͤhlt und dankbar anerkannt. Geld und Annehmlichkeiten zeigten ſich auf allen Seiten. Die wichtige Klage wurde guͤnſtig entſchie⸗ den, und der kleine Roland dadurch Herr von zwei tauſend Pfund Sterling, von welcher Summe ſie ſelbſt die Zinſen genoß. Frau Cameron, warm ge⸗ kleidet, beſſer genährt, und liebevoll gepflegt, war 204 ſchnell wieder im Stande ſich nuͤtzlich zu machen. Duͤrftigkeit und Entbehrungen, ſchwere Arbeit und das bittere Gefuͤhl, Anderer Beduͤrfniſſe nicht abhel⸗ fen zu koͤnnen, welches ſo ſchwer auf Jeannie gela⸗ ſtet hatte, waren nun voruͤber; und ihrer Kinder Ge⸗ ſichter, kuͤrzlich noch ſo blaß vor Mangel, ſtrahlten jetzt eben ſo ſehr von Geſundheit als Frohſinn. Bei ihren muntern Spielen und Ausbruͤchen unſchuldiger Froͤhlichkeit,— Toͤne, die bisher nicht gehoͤrt waren,— fuͤllte ſich das Herz der Mutter mit Entzuͤcken; obgleich vielleicht in dem nächſten Augenblicke dies Herz wieder durch den Gedanken an den getruͤbt ward, der ihre Freude getheilt haben wuͤrde, haͤtte er ſolche Toͤne vernommen. Jeannie war zwei Monate mit Alan verbunden geweſen, und die letzten Tage des Decembers ſchienen einen heftigern Winter herbeizufuͤhren, als Alans Arzt, der wegen ſeines entfernten Wohnorts ſie nur gelegentlich beſuchte, den Kranken ſo ſehr von Schlaf⸗ loſigkeit und nachtlichen Ausdunſtungen erſchoͤpft fand, daß er der Familie vorſichtig ankuͤndigte, ſich auf ſeine ſchnelle, obgleich ſanfte Auflöſung gefaßt zu machen. Aufrichtig war der Kummer, welcher Jean⸗ nies Herz bei dieſer Nachricht ergriff; Alan war ihr ſehr theuer, und ihren Kindern war er wahrlich ein zweiter Vater. Sie erinnerte ſich jetzt, neben den großen Beweiſen ſeiner Guͤte, jeder kleineren Gefal⸗ ligkeit, die er ihr von jeher erzeigt hatte, und ſie er⸗ innerte ſich derſelben unter bittern Vorwuͤrfen gegen ſich ſelbſt. Wie liebevoll ſein Betragen gegen die u michen. Arbeit und icht bhel mnie gele inder Ge⸗ ſtrchlten ſinn. lusbrichen her nicht Mutter nöchſen Gidanken ilt haben verbunden ʒ ſchienen ls Aans t ſe nr n Gchlaf⸗ pft fud ſch u geußt zu her Jea⸗ nwut iht hrlich ein 205 Mutter ihres Gatten geweſen ſey, mit welcher Be⸗ reitwilligkeit er ihres Malcolms Hund und ihren Papagei zu ſich genommen habe, als ſie bei ihrer Abreiſe von Dundee, die Thiere nicht länger zu erhalten im Stande war;»und als der alte Bawtie ſtarb, ſah nicht Alan darauf, daß der arme Hund um ſeines ertrunkenen Herrn willen anſtändig beerdigt ward?« Jeannies weiches Herz wurde bei dieſen Erinnerungen bis zu Thränen geruͤhrt. Alan ſelbſt hatte ſich mit Ruhe in ſein unver⸗ meidliches Schickſal ergeben; denn die hoͤchſten Wuͤn⸗ ſche ſeiner reinen Leidenſchaft waren erhort worden, als die Trauung ihm die Macht verlieh, Jeannie aller Sorgen wegen ihres kuͤnftigen Unterhalts zu uͤberheben. Nachdem der Arzt wieder fort war, und eine traurige Unterredung uͤber deſſen Mittheilungen Statt gefunden, ließ ſich Alan einen Abſchnitt aus der hei⸗ ligen Schrift von ihr vorleſen, deren Stimme ſeiner Seele noch immer Muſik war, und ſetzte ſich dann zum Schlummer in ſeinem Armſtuhle zurecht. Um groͤßete Waͤrme zu erlangen, hatte man die Fenſterladen geſchloſſen, obgleich es noch in der Däm⸗ merung war; ſo, daß die Stube allein von einem guten Torffeuer erleuchtet wurde. Als Alan ſchlief, bereitete Frau Cameron in aller Stille etwas Mol⸗ kenmilch, die er bei ſeinem Erwachen vorfinden ſollte; Jeannie aber ſaß ſtrickend neben ihm und beobachtete ſeinen Schlummer mit aͤngſtlichem Blick. Das Herz war ihr ungewoͤhnlich ſchwer; denn an dieſem Tage 206 hatte ſie ſein Todesurtheil vernommen, und dieſer Tag war der Geburtstag ihres ertrunkenen Mal⸗ colm. Was fuͤr blinde, thoͤrichte Menſchen ſind wir! Warum ſetzen wir in dieſem furchtbaren Zuſtande von nimmer aufhoͤrendem Wechſel, noch gewiſſe Tage zur Freude und Feſtlichkeit an! Die Zeit kommt ſicher fuͤr uns Alle, wo ſolche Tage, auf aͤhnliche Art mit einer doppelten Laſt von Kummer beſchwert, zuruͤckkehren. Jeannie konnte aus ihren Gedanken die Erinnerung an den dreißigſten December der ver⸗ gangenen Jahre nicht entfernen, und wohl las ſie auf der blaſſen Wange der Mutter dieſelbe traurige Empfindung.* Aber Keine von Beiden ſchien den ſchweigenden Kummen der Andern bemerken zu wollen. Bi ger⸗ Stille herrſchte in dem kleinen Zim⸗ mer, als man die Stimme der Magd draußen hoͤrte. „Weg da, alte Pouldy,« rief ſie der Katze der Frau Cameron zu,»erhebe dich vom Feuer, du faules Thier!« Zu gleicher Zeit vernahm man ein anderes Geraͤuſch, als ob Jemand in das Haus traͤte, und ſich den Regen oder Schnee von den Kleidern oder Fuͤßen ſchuͤttelte. „Sind das die lieben Kinder, die aus der Reli⸗ gionsſtunde kommen?« fragte Alan erwachend. „Es ſind die Kinder nicht!« ſprach das derbe Maͤdchen aus der Kuͤche, wo ſie beſchaͤftigt war. Ein paar Augenblicke nachher zeigte ſich ihr breites, gut⸗ * und dieſet enen Nal⸗ ſind wir n Zufande wiſe Tage zeit komnt hniche Urt heſthwert Gedanten et der vet⸗ ohl les ſie be traurige weigenden einen Im⸗ ußen höre der Fral les Thier nd ſic d oder jißn s der Rl⸗ end das deb 6 207 muͤthiges Geſicht an der Thuͤr; ſie wollte etwas Whisky*) haben. „Wer iſt da, Katie?« fragte Frau Cameron, in⸗ dem ſie den Starkungstrank darreichte. „Nur ein armer alter Mann, dem das Herz ſelbſt faſt vor Kaͤlte erſtarrt iſt; ich fand ihn draußen beim Stalle ſtehend; er ſah das Haus an mit ſtie⸗ ren Blicken, wie Einer, der ſeine Sinne nicht mehr hat. Wahrhaftig, er waͤre beinahe im Schnee um⸗ gekommen.« „Im Schnee!« wiederholte Jeannie, von ploͤtz⸗ licher muͤtterlicher Angſt ergriffen.»Schneiet es denn ſo?« und ohne auf die Antwort zu warten, lief ſie in die Kuͤche, verweilte nicht einmal, um den armen Wanderer zu betrachten, der in dem Verſuche, ſich von ſeinem Schemel neben dem Feuer zu erheben, hin und her gewankt und wieder niedergeſunken war, ſondern ſtieß die Hausthuͤr auf, und ſah hinaus. Der Huͤgel vor dem Hauſe, und der daran her⸗ fließende kleine Strom waren ſchon ganz von der weißen Maſſe uͤberzogen, die noch immer in dichten Flocken herunterfiel, und zwar ſo ſtark, daß Nichts als die naͤchſten Gegenſtaͤnde unterſchieden werden konnten. Jeannies Geiſt wurde ſogleich von ſchrecklichen Vorſtellungen erfuͤllt. Zwiſchen der Pachterwohnung und dem Predigerhauſe lagen viele unſichere Stellen und ein tiefer kleiner Fluß, welche der falſche Schnee * Ein bekannter Branntwein. 208 zudecken und gefaͤhrlich machen konnte.»Gott behuͤte uns, was wird dieſes fuͤr ein Abend werden!« rief ſie aus. Katie eilte, das Mutterherz zu beruhigen,»Still, Frau!« ſprach ſie mit rauher Gutmuthigkeit,»Ihr habt nichts zu befuͤrchten. Die Kinder werden gleich hereinkommen, Ihr ſollt ſehen. Beide, Bell und Donald, ſind ihnen entgegen, und zwar in der Karre.« »Gut! gut!« antwortete die zufriedengeſtellte Mutter;»Katie, ſieh darnach, daß der arme alte Mann ſo lange bleibt, bis das Schneegeſtoͤber vor⸗ uber iſt; oder vielleicht zieht er es vor, die Nacht im Stalle zuzubringen, in ein paar gute Decken warm eingehuͤllt. Guter Freund!⸗ »Ihr braucht Euch keine Muͤhe mit Fragen zu geben, bemerkte Katie.»Anfangs glaubte ich, er waͤre entweder taub oder naͤrriſch, denn er ſchuͤttelte bloß den Kopf, und machte Zeichen mit ſeinen alten, ſchmuzigen Haͤnden; aber jetzt denke ich, daß er aus fremden Landen iſt, nach den paar Lumpen, die er anhat, zu urtheilen, und den wenigen kauderwalſchen Woͤrtern, die er dann und wann herausſtoͤßt.⸗ »Sieh denn nach ihm, Katie,« ſagte Jeannie, ſich traurig entfernend;»mir iſt zu weh ums Herz jetzt, als daß ich an irgend etwas ſelbſt denken ſollte!⸗ und mit einem tiefen Seufzer kehrte ſie gſam in die Stube zuruͤck. Den Augenblick darauf vernahm man durch den Schnee das Knarren eines Fuhrwerks, dicht neben —„—c— —— c— Gott behüte den!le rieſ en,»Stil, eit,»Iht den gleich Blll und var in det dengeſtelle arme alte eſtöbet von ePt t in ecken warn Fingen zu bte ich, 6 r ſchüttele inen alten, teß e us en, die dewiſchel ißt.“ e ʒimi⸗ un br „ ſolie* duch in 209 dem Hauſe. Katie ſchrie laut auf vor Freude, Jeannie lief zuruͤck, und nach Verlauf einer andern Sekunde hoͤrte man frohe Kinderſtimmen und ungeſtuͤmes Kuͤſſen ſich mit den Dankſagungen der Mutter vermiſchen. Alan erhob ſich ohne Unterſtutzung von ſeinem Lehnſeſſel und wankte in ihre Mitte. Jeannie ſchob ihm ſofort unter ſanften Vorwuͤrfen einen Stuhl un⸗ ter, waͤhrend Katie die Suppe fuͤr die Kinder auf⸗ fullte, und Frau Cameron ihre kleinen Geſichter trocknete, welche ſelbſt Donalds dicker Mantel nicht ganz vor der Witterung geſchuͤtzt hatte. Nachdem ſie dem gluͤcklichen Alan wiederholt und zaͤrtlich um den Hals gefallen waren, und manche ſchweigende, heftige Umarmung von der bewegten Mutter empfangen hatten, fingen Janet und der kleine Roland an, ihr Abendbrot zu verzehren, wobei ſie jedesmal, wenn ſie die hoͤrnernen Loͤffel fuͤllten, ihre erſtaunlichen Triumphe beim Unterricht erzaͤhlten. Fuͤr ſie war das Schneegeſtoͤber, das ihre Mut⸗ ter ſo ſehr in Angſt geſetzt hatte, ein wahres Ver⸗ gnügen geweſen. Das Einhuͤllen Aller in denſelben Mantel, der ſtolpernde Schritt ihres ſchwerfaͤlligen Pferdes, ja ſelbſt das Schmelzen der kalten Schnee⸗ flocken auf ihren kleinen Wangen, hatte ihnen Freude gemacht; und waͤhrend ſie dies alles erzaͤhlten, malte ſich auf ihren lachenden Geſichtern Geſundheit und Frohſinn. Jeannie's Geiſt war ſo niedergeſchlagen, daß es ihr gaͤnzlich an Kraft fehlte, ſich zu erheitern; und einmal ſogar wurde ſie von einer Art von Pein Porter Erzaͤhl. 1. 14 210 durchzuckt, als ſie den glücklichen ſorgloſen Sinn der Kinder an dieſem traurigen Tage mit ihren eigenen kummervollen Erinnerungen verglich; doch hatte ſie um Alans willen nicht geſagt, was es füͤr ein Tag! ſey. Sie wandte ſich ab, um ihre Bewegung zu verbergen, und ſeufzte— vielleicht ohne es ſelbſt zu wiſſen— wie ſie es damals zu thun pflegte, als ſie allein war und ein Recht zum Seufzen hatte. Bei dieſem Tone ſchloß ihr Papagei, indem er plotzlich die Namen ihrer Kinder zu rufen aufhoͤrte, den Seufzer mechaniſch mit den Worten, die ſonſt gewoͤhnlich darauf folgten:„O mein Malcolm!« Bei dieſem unerwarteten, lange verbotenen Ausrufe ver⸗ lor Jeannie auf einmal die wenige ihr noch uͤbrig gebliebene Faſſung und auf die Bank neben Alan hinſinkend brach ſie in einen Strom von qualvollen Thränen aus. Alan blickte ſie aͤngſtlich, mitleidig an; legte dann ſeine zitternde Hand auf ihre Knie und ſtam⸗ melte, als ſie ihre Thraͤnen unter dem geſchluchzten „Vergieb mir, Alan!« zuruͤckzupreſſen ſuchte, die Worte:»Lege Dir keinen Zwang auf, meine Jeannie. Ich weiß, Du wirſt um Malcolm Dein ganzes Le⸗ ben lang weinen, und ich liebe Dich deshalb nur um ſo mehr. Frau Cameron,« fing er nach kurzer Pauſe wieder an,„die Kinder ſind fertig— wollt Ihr ſie heute Abend zu Bett bringen?⸗— Frau Cameron verſtand ihn, machte der Bell, dem Maͤdchen derſelben, ein Zeichen zu, und ging, indem ſie an jede Hand eines dieſer früh an Kum⸗ — en Sinn de hren eigene och hatte ſi für ein Tn ewegung i ts ſelbt i egte als ſi hatte. , indem e en aufßörte „di ſonf itolm!⸗ B Nufe v noch ibn neben Al n qunloli gen; 1 e und ſn giſlcht ſcht⸗ 3 eine Jem 4 ginjt 3 ab un . 211 mer gewohnten und jetzt weinenden Kinder nahm, ſtill mit ihnen fort. Jeannie's lange unterdruͤckte Gefuͤhle hatten ſie voͤllig uͤberwältigt, und ſie ſah ihre Kinder wegbrin⸗ gen und ihren Mann zuruͤckbleiben, ohne etwas da⸗ gegen einzuwenden. Mit viel natuͤrlichem Gefuͤhl polterte Katie hinaus, unter dem Vorwande von Ge⸗ ſchaͤften, nachdem ſie ſich vorher durch einen ſeitwaͤrts geworfenen Blick uͤberzeugt hatte, daß der alte Bett⸗ ler, mit dem Kopfe gegen die Wand geſunken, augen⸗ ſcheinlich feſt eingeſchlafen war. Auf dieſe Art gleichſam mit ſeiner Frau allein, wandte ſich Alan an ſie mit beſchwichtigender Zaͤrt⸗ lichkeit. Eine Zeit lang konnte Jeannie nur die Hand druͤcken, welche die ihrige matt umſchloſſen hielt. Endlich ſchluchzte ſie: »Es iſt heute jener Tag Alan! jener einſt gluͤck⸗ liche Tag! O, vergib mir, vergib mir! Du, der Du den Kindern meines Malcolm ein wahrer Vater geweſen biſt, ach! und ich Dein Weib nicht! Wenig Freude wirſt Du an mir gehabt haben, Alan, Freund!« »Sag das nicht, meine Theure!« erwiederte der zaͤrtliche Alan, indem er, ſie ſanft zu ſich herziehend, ſeine Wange auf ihre Schulter legte. Liegt mein Kopf nicht da, wo er, dachte ich, nimmer gelegen haben wuͤrde? Ein ſterbender Mann iſt nicht wie einer, der geſund iſt; er hat keine andere Wuͤnſche oder Gedanken als ſolche, die er mit in jene Welt hinuͤbernehmen kann. Alſo glaube mir, ich bin 242 gerade dankbar dafuͤr, daß ich nie mehr von Dir ver⸗ langt habe.⸗ „Und auch Du ſollſt mir genommen werden!⸗ rief Jeannie, ihren eigenen traurigen Gedanken nach⸗ haͤngend, aus.»Weh mir!« was fuͤr ein kummer⸗ volles Leben iſt mir geworden! Einſt war es ſo gluͤcklich— o ubergluͤcklich! Froh werde ich ſeyn, es hinzugeben, ſobald es Gott gefällt.« „Sag das nicht, meine Jeannie,⸗ unterbrach ſie Alan, immer kuͤrzer und matter Athem holend;»ſo etwas iſt wohl Sunde. Denke daran, daß Du noch Deines Mannes gute Mutter haſt, und Deine theuren Kinder, die Dir zum Segen aufwachſen werden, ohne Zweifel.« „Ach ja, waͤre ich nicht ſtrafbar,⸗ antwortete Jeannie reuevoll,»ſo wuͤrde mir gewiß nicht ſo ſchwer ums Herz ſeyn. Du weißt, hätte ich meinen boͤſen Willen uͤberwinden koͤnnen, und wäre ich Dir in allen Stucken eine ſolche Frau geweſen, wie mei⸗ nem ertrunkenen Malcolm, ich wuͤrde jetzt nicht ſo elend ſeyn. Aber Du biſt ſchwach, Alan— Du biſt zu ſehr erſchoͤpftz⸗ und ſie fuhr mit zerknirſchtem Sinne von ihrem Sitze auf. Alan's bleiches Geſicht roͤthete ſich auf einen Augenblick— er holte tief und ſchwer Athem; dann erhob er ſich langſam auf ihrem ſttzenden Arme, in⸗ dem er ſelbſt geſtund, daß er erſchoͤpft ſey, und den Wunſch ausdruckte ſich zu Ruhe zu begeben. Jeannie gehorchte mit aͤngſtlicher Eile, und, Katie rufend, gelang es ihr, ihn mit deren Huͤlfe zu⸗ * — Dir ver⸗ werden!e ken nach⸗ kummer⸗ ar es ſo ich ſeyn, rhrch ſi nd; ſ Du voch e themn den, ohne ntwortete nicht ſo während die Kinder aßen, hatte er klein und alt 213 ruͤck ins Wohnzimmer und von dort aus in langſa⸗ men Abſätzen die Treppe hinaufzufuͤhren. „Nachdem Frau Cameron fur die Kinder gehoͤrig geſorgt hatte, kam ſie wieder herunter, wobej ſie Alan und Jeannie auf der ſchmalen Treppe be⸗ gegnete. Sie ſah aus den bleichen Geſichtern Beider, daß ihre Unterhaltung ergreifend geweſen ſeyn muͤſſe; und uͤberzeugt, daß jede Aufregung dem armen Kranken ſchaͤdlich waͤre, enthielt ſie ſich aller andern Aeußerun⸗ gen, und wuͤnſchte ihm nur eine gute Nacht. Darauf ſetzte ſie ſich neben dem faſt ausgegan⸗ genen Feuer nieder, unter traurigen„Ahnungen, daß Alan's Stundenglas bald abgelaufen ſeyn wuͤrde; und wie die Erinnerung gn ſeine vielen edlen Hand⸗ lungen ſich ihrem dankerfuͤllten Herzen aufdraͤngte, flehte ſie in einem inbruͤnſtigen Gebet um Beiſtand und Aufnahme fuͤr ihn in der furchtbaren Stunde, die ihm ſo nahe zu ſeyn ſchien. Ein dunkler Gegenſtand, der zwiſchen ſie und das Licht trat, das durch die offene Thuͤr aus der Kuͤche fiel, veranlaßte ſie, aufzuſehen. Sie fuhr bei dem Anblicke einer maͤnnlichen Geſtalt zuruͤck. Ein zweiter Blick uͤberzeugte ſie, daß es der fremde Wan⸗ derer ſey, den Katie aus dem Schneewetter hereinge⸗ holt hatte. Sie erkannte ihn an ſeinem zerriſſenen Kittel, langem Barte, und ſeiner ſonderbaren Kopf⸗ bedeckung von aufgerollter Leinwand. Als dieſer Mann niedergekauert am Feuer ſaß, 3 2¹4 ausgeſehen; aber jetzt ſtand er groß und aufrecht da. Dennoch ſah ſie das Geſicht nicht deutlich; der un⸗ tere Theil deſſelben war ganz von dem dunkeln Barte bedeckt und der obere durch ſeinen Turban; auch richtete er den Blick gewoͤhnlich nkederwärts. „Beduͤrft Ihr etwas, Freund?« fragte ſie unter leichtem Zittern, weil ſie wußte, daß Donald außer dem Hauſe beſchaͤftigt war. Der Fremde antwortete nicht. Er ſtarrte wild vor ſich hin, athmete ſchwer auf, warf einen eiligen unruhigen Blick um ſich her; dann trat er dicht an ſie heran und legte ſeine zitternde Hand auf ihren Arm. Noch immer ſprach er nicht, aber es lag Et⸗ was in dem Drucke dieſer Hand— Etwas in dieſem ſchweren ſchnellen Athmen! Frau Cameron ergriff wild den Arm, der auf dem ihrigen lag.»Im Na⸗ men des Allmaͤchtigen!« rief ſie— ſie konnte Nichts mehr hervorbringen— den naͤchſten Augenblick wur⸗ de ſie an das Herz ihres Sohnes gepreßt! Sie hörte ſeine Stimme in ihren Ohren, füͤhlte ſeinen Kuß auf ihrer Wange und wußte, daß er lebte! Lange und ſchweigend und bitter kann ihre Freude genannt werden. Malcolm ſprach nur durch haͤufige, ſchwere Seufzer und krampfhafte Umarmungen; ſeine Mutter murmelte Dankſagungen und Gebete, faſt ohne ihrer Sinne mächtig zu ſeyn.»Ich ſehe Dich alſo wieder mein Sohn!« ſagte ſie endlich, als ſie, das Tuch von ſeinem Kopfe ſtoßend, traurig auf die noch immer weiße Stirn und ſeine rothgeweinten Augen blickte. 215 „Ach, Du ſiebſt mich wieder, Mutter!⸗ ſprach 6 er im Tone der Verzweiflung; vaber wie ſiehſt Du er un⸗ tunin mich wiedet?— als ein elender und beraubter utn Mann. Meine Jeannie die Frau eines Andern! Ich mache ihr keine Vorwuͤrfe. Aber mit meinem Leben iſt es aus, Mutter. Ihr muͤßt mich eben noch . e zu einem Kuſſe meiner guten Kinder verhelfen, nun Nue nachdem ich den Eurigen empfangen habe, und dann nen davon in die weite Welt— mir gleich, 5 ½ wohin.« eiige„Warum wollteſt Du davon, Malcolm?⸗ rief ticht u Frau Cameron, ſeine Haͤnde ergreifend, um deren uf ihen wilde Bewegung zu hemmen.»Siehſt Du nicht, leg 6. daß der arme Alan nicht mehr fuͤr dieſe Welt iſt,— n dieen daß Jeannie's Herz Dir noch eben ſo treu iſt, als netrif an dem Tage, wo Du ſie heiratheteſt? Hörteſt Du In Nu ſie nicht in der Küche da um Dich weinen?⸗ n Nihts»Dieſe Kuͤche!« erwiederte Malcolm; valles, was lic wlt⸗ ich in der Barbarei litt, iſt nichts gegen das, was ich tl! Si eben da in der Kuche gelitten habe.« lte»Hörteſt Du ſie nicht um Dich weinen, Mal⸗ r hbe colmte fragte Frau Cameron nochmals;»Du ſchlieſſt Brube doch gewiß nicht?⸗ hhig„Ja, ich hörte ſie,« erwiederte Malcolm, wäh⸗ en; ſele rend eine Art von Freude ſeine duͤſtern Augen er⸗ ete, ſit hellte;»aber ach! Mutter, das uberzeugt mich nur 1 ſthe dic um ſo mehr, daß ſie nie wieder die Meinige werden 1 „cls ſi wurde, ſelbſt wenn der arme Alan todt wäre. Ein⸗ guf mal die Frau eines Andern— nein, ſie wuͤrde eher ſterben! und ich glaube, ich würde es. Dos iſt 216 nicht ihr Tritt, iſt es?« fragte er, indem er ſeinen Turban ſchnell wieder ordnete;»ſie darf mich nicht ſehen. Ich moͤchte ihr koſtbares Herz nicht brechen. Sie dachte, ich waͤre ertrunken. Ihr waret hulflos — ich hoͤrte alles in Dundee. Ich weiß, ſie that es wegen meiner Kinder— ja, ja, wegen meiner Kin⸗ der!« und als Malcolm ſprach, ſetzte er ſich nieder, ohne zu wiſſen, was er that, und weinte laut, das Geſicht mit beiden Haͤnden bedeckend. Bei dieſem Tone ſah Katie herein, die den ver⸗ weinten Bettler draußen geſucht hatte. Frau Came⸗ ron ſagte ihr ſchnell, daß der arme Menſch ein Ver⸗ wandter ſey, und gebot ihr, ſich noch nichts davon merken zu laſſen. Katie nickte und ſtarrte, ging aber fort. Da die Mutter ſah, was in dem Innern ihres Sohnes vorging, beeilte ſie ſich, ihm alle jene Um⸗ ſtaͤnde in Jeannie's eigenthuͤmlicher Lage aus ein⸗ ander zu ſetzen, mit denen ihn das oͤffentliche Ge⸗ ruͤcht nicht bekannt gemacht haben konnte, die aber fuͤr ſeine Ruhe offenbar von der hoͤchſten Wichtigkeit waren. Sie erzaͤhlte ihm alles zwar kurz, aber ohne etwas zu uͤbergehen. Als ſie endigte, warf ſich ihr Sohn, der ihr mit ſchnellem Wechſel der Gefuͤhle zugehoͤrt hatte, auf ſeine Knie, und flehte mit in⸗ bruſtig gefalteten Haͤnden Segen auf das Todesbett des edlen Alan herab, erflehte Segen fuͤr das ihm erhaltene Leben ſeiner theuern Jeannie, indem er zu⸗ gleich den Allmächtigen um die Gnade bat, ihn das — 18 =— er ſeinen ich nicht t hrechen. t hülſos etht es ner Kin⸗ h nieder, laut, das den ber⸗ u Cime“ ein Vet⸗ s davon te, gin emn ihres jen Um aus ein⸗ tihe e bie abet zichtigkei ber hn ſih in Geihe ſt in⸗ emi xbesb des im en e ihn d — 2 betaͤubende Entzucken des jetzigen Augenblicks ſtets dankbar erkennen zu laſſen. Mit Muͤhe konnte er die Fragen ſeiner zaͤrtlichen Mutter beantworten— wo und wie er gerettet ſey? ob der Andreas wirklich geſcheitert waͤre? und wo er die vielen Jahre zuge⸗ gebracht habe? Er ſagte ihr kurz, daß das Schiff wirklich zu der bemerkten Zeit untergegangen ſey; daß er den Capi⸗ tain Macdowall habe umkommen ſehen, indem er ſich vergeblich bemuͤhet, ihm zu helfen; daß er ſelbſt auf einer Blanke an die Kuͤſte der Barbarei getrie⸗ ben waͤre, wo er ſieben Jahr in der Sklaverei ge⸗ ſchmachtet, bis ihn britiſche Tapferkeit vor Algier, in der gluͤcklichen Unternehmung der Flotte unter den Befehlen von Lord Exmouth, befreit habe.»Aber Mutter!« rief er ploͤtzlich,»laßt mich nicht von mir ſelbſt ſprechen— nicht von irgend etwas, außer mei⸗ ner Frau und meinen Kindern. Koͤnnt Ihr ſie nicht aus Alan's Schlafkammer herunterrufen?— armer Alan! trefflicher Alan!— und meine kleinen Lieblinge!— ich ſehnte mich im Innerſten meines Herzens nach ihnen, in der Kuͤche dort. Dieſen Abend, cheure Mutter, dieſen Abend muͤßt ihr es Jean⸗ nie mittheilen, oder ich werde ihn nicht zu uͤberleben im Stande ſeyn. Einmal in dieſen Armen wieder! Ach, Mutter, wie hat das Herz eures armen Sohnes gedarbt, waͤhrend langer ſieben Jahre!« Frau Cameron antwortete durch eine vielſagende, obgleich ſchweigende muͤtterliche Umarmung. Als ſie ihres Sohnes jetzt ganz wieder auflebende Zuge be⸗ —.— ——— — — 218 trachtete, entſtellt wie das Geſicht auch war durch den ſtarken Bart und die abſichtliche Faͤrbung, erkannte ſie das ihrem Andenken ſo theure Antlitz wieder. Ingſtlich beſorgt, die ſchwachen Lebensgeiſter ihres Wohlthaͤters nicht durch eine ploͤtzliche Ent⸗ deckung des Vorgefallenen zu ſehr aufzuregen und eben ſo beſorgt fur ihre Schwiegertochter, bat ſie Malcolm, ſich ſo viel als moͤglich zu beruhigen, da Alan's Leben jetzt an einem ſeidenen Faden hinge, und Jeannie's bewegtes Herz ſelbſt den Sturm der Freude nicht zu ertragen im Stande ſey. „Warte noch, mein Sohn,« ſagte ſie, ſich er⸗ hebend, um ihn zu verlaſſen,„und werde nicht un⸗ geduldig. Ich muß Jeannie aus dem Krankenzim⸗ mer zu bringen ſuchen, und Alan muß auch erſt ein⸗ geſchlafen ſeyn, ehe ich es ihr zu ſagen wagen darf. — Gib Acht, ſiehſt Du Jeannie allein herunterkom⸗ men, ſo kannſt Du ſicher ſeyn, ſie weiß, wen ſie ſehen wird. Malcolm antwortete durch den kurzen, zitternden Seufzer der geſpannteſten, ſehnſuͤchtigſten Erwartung, und ſeine Mutter verſchwand., „Wie ſchlug ſein Herz!— Jetzt ging er in dem kleinen Zimmer auf und nieder; jetzt blieb er ſtehen, um auf Jeannie's Tritte zu lauſchen; dann ſetzte er ſeinen Gang wieder fort; hielt hier an, um Geraͤthſchaften zu betrachten, die ſich mit den theuer⸗ ſten Erinnerungen verknuͤpften; und dort vor der tickenden Uhr, um nachzuſehen, ob die Zeiger ſich auch wirklich bewegten. Einzelne Uußerungen, ein⸗ gegeben von frommer Dankbarkeit, von dem Gefüͤhle, ſob ſcher Zärt und Tre der, tta nich An lm Ge Zei durch den etkannte eder. engitt che Ent⸗ gen und bit ſe ſign, de en hinge⸗ turm der ſch e nicht un⸗ tnkenzin⸗ heſ i⸗ gen nf onterton „wen ſi en kue ſichtiien ing im z hlib e 6 en; dan on, n theen eiger ſt ng 4 nbeih⸗ 2¹⁰9 ſo vleler Gnade nicht werth zu ſeyn, von enthuſiaſti⸗ ſcher Bewunderung fuͤr Alan Forſyth, oder von der Zärtlichkeit fuͤr ſeine Frau und Kinder, entflohen hin und wieder ſeinen Lippen. Endlich wurde ein leiſes Geraͤuſch auf der Treppe vernommen. Malcolm ſetzte ſich haſtig nie⸗ der, denn ſeine Fuße vermochten ihn nicht laͤnger zu tragen. Jemand, ſah er, ſturzte herein, aber er ſah nicht wer; Jemand verſuchte ihn mit ausgeſtreckten Armen zu erreichen, aber nur ſein Herz fuͤhlte die Umarmung, ſeine Arme umſchloſſen die ohnmächtige Geſtalt; ein tiefer Athemzug von Beiden zu gleicher Zeit, und Mann und Frau ſanken zuſammen bewußt⸗ los auf den Boden. Nachdem Alan am folgenden Morgen mit dem uberraſchenden Ereigniſſe des vergangenen Abends bekannt gemacht war, und die erſten heftigen Empfin⸗ dungen des Staunens und der Freude ſich hinläng⸗ lich gelegt hatten, ließ er Jeannie und Malcolm zu ſich rufen. Darf man ſich daruͤber wundern, daß der Gatte und Vater, als er auf die Knie fiel, um die edle Hand zu kuͤſſen, die ſeinen Kindern Brot gegeben, und ihm die Gattin wie ein heilig anvertrautes Gut erhalten hatte; darf man ſich daruͤber wundern, daß er wie ein Kind weinte und in Außerungen abgöttiſch verehrender Dankbarkeit ausbrach? —— 220 Alan erlag faſt ſeinen ruͤhmlichen Gefuͤhlen beim Anblick des Mannes, der an ſeiner Seite kniete; und bei der Beruͤhrung von Jeannies Kuſſe, als ſie zum erſtenmale in ihrem Leben ihre Lippen auf ſeine blaſſe Stirn druͤckte. »Betet mich nicht an, Malcolm, Freund!« rief er matt.—»Gebt ihm allein Dank, dem er gebuͤhrt. Und weine nicht um Deinen gluͤcklichen Alan, Jean⸗ nie! Seine Wonne iſt groͤßer in dieſer Stunde als an dem Tage, wo Du ihm Deine koſtbare Hand gabſt.— Iſt es nicht noch die meine? Ja, Mal⸗ colm,« ſetzte er mit ſuͤßem und liebevollem Lächeln hinzu,»ſie iſt noch nicht Eure Frau wieder. Ihr wißt, Ihr ſeyd volle ſieben Jahr weggeweſen; ſo mogt Ihr Euch zum zweiten Male mit ihr verbin⸗ den, wenn ich dahin bin.— Wäre ſie nicht geſetz⸗ maͤßig meine Frau geworden, ſo haͤtte ich ihr meine weltliche Habe nicht vermachen koͤnnen. Ich weiß, Ihr beneidet mir ihre himmliſche Pflege nicht auf die wenigen Tage, die ich hier auf Erden noch zu wandeln habe.⸗ Cameron erwiederte ſchluchzend einige unzuſam⸗ menhaͤngende Worte— der Ausdruck ſeines Schmer⸗ zes und ſeiner Liebe. Alan ſprach weiter:»Came⸗ ron, demuͤthig rufe ich Gott zum Zeugen an, daß ich das Herz Eurer Jeannie immer mehr als Ihr Geſicht geliebt habe, ſo ſchoͤn und lieblich es auch iſt, — und daß ich ihr Gluͤck immer meinen eigenen ſchwachen Wuͤnſchen weit, weit vorzog. So, nun ſterbe ich zufrieden, denn ſie hat Euch wieder und S hlen bein ſiete; und ls ſe zum eine blaſe ndl rif geblhrt. an, Jean⸗ tunde dé re hand a, Nol⸗ n Lächeln et. Iht eſen; ſo hr verbin qt gſet⸗ ihr mein ch weiß nijt uf nch zu E „Cimne⸗ m, deß als Iht ach iſ eigene un 0/ n edet. 221¹ iſt gluͤcklich; und der arme Alan wird in Eurer Aller Herzen fortleben, lange, lange, nachdem der kalte Stein ihn deckt, auf dem Kirchhofe.— Und Ihr werdet von Zeit zu Zeit meine kleine Frau zu dieſem kalten Steine fuͤhren,, nahm er wieder das Wort, als er ſah, daß Alle umher zu heftig weinten, um ſprechen zu koͤnnen—»und ihr ſagen, daß da die ſterbliche Huͤlle des Mannes ruhe, der ſie mit mehr als eines Vaters Liebe liebte; eines Mannes, der in dem feſten Vertrauen auf eine ſelige Auferſtehung an jenem Tage ſtarb, wo ihre himmliſche Seele, und die Eure, Malcolm und Deine Jeannie— und die Seelen aller Theuren, die ich zuruͤcklaſſe, mir wieder⸗ gegeben werden, wenn ich eine ſolche Gnade nicht durch meine Suͤnden verwirkt habe.⸗ Unter einem einfach bezeichneten Steine, auf dem Kirchhofe, wo ſeine Eltern begraben wurden, ruhet jetzt der Koͤrper des edlen Alan. Zu dieſem Steine kommen vft in der Stille des Abends die Wie⸗ derverbundenen, Malcolm und Jeannie, mit ihren Kindern, um ſich mit ihnen uͤber den zu unterhalten, der unten ſchlaͤft; und lehren ſie ſo, ſein Gedächtniß ehren und ſeine Tugenden nachahmen. Dorthin kommt oft in ſpaͤterer Abendſtunde, wenn der Friede und das Licht des Mondes auf die⸗ ſen verehrten Reſten ruhen, der dankbare und tief ergriffene Malcolm, um ſeinem Herzen die feierliche Lehre zu geben, welche dieſe ſtille Scene gewaͤhrt; und Jeannie, die ihm nachgeſchlichen iſt, gießt an ſeiner Seite ihre Thraͤnen, als zartes Opfer, uͤber ———— 222 den Freund aus, der ihr theurer war, als ein Bru⸗ der— den Gefaͤhrten ihrer Kindheit— den Wohl⸗ thäͤter ihrer Kinder! s ein Br⸗ den Wohl⸗ betrachten.⸗ Mein Zimmer in dem alten Hauſe zu Huntercombe. Oft, wenn mich in ſtiller Nacht das Band des Schlummers feſſelt, gießt die ſanfte Erinne⸗ rung das Licht anderer Tage um mich aus. Moore. Eine verwittwete, bejahrte Dame mußte jetzt, als die Naͤchſte, den Faden der Erzaͤhlung aufnehmen. Sie ſah ernſthaft, ja aͤngſtlich verlegen aus, als ihr geſagt wurde, daß an ihr die Reihe ſey, eine Geſchichte mit⸗ zutheilen; und ſchuͤtzte in Erwiederung auf die allge⸗ meine Aufforderung dazu, Mangel an Talent vor, um auf aͤhnliche Art, wie jene geiſtreichen Perſonen, die eben ihre Aufgabe geloͤſet haͤtten, eine Erzählung von Anfang bis zu Ende gleich gelaͤufig durchzu⸗ fuͤhren. „Ich war nie im Stande,⸗ ſagte ſie,»ſelbſt die kuͤrzeſte Anekdote, die ich gehoͤrt hatte, zu wiederho⸗ len, ohne nicht vielleicht den Hauptpunkt, auf dem das Intereſſe derſelben beruhete, zu vergeſſen. Aber wollen Sie mir erlauben, eine kleine Erzählung aus einer etwas äaltern Zeit als der unſrigen vorzuleſen, die ich zufaͤllig bei mir habe, und wollen dies als meinen Beitrag zu der Abendunterhaltung annehmen, ſo werde ich dieſe Nachſicht als eine beſondere Einſt 224 Die ganze Geſellſchaft erklärte ſich gern damit zufrieden, jedoch wagte ein lachender junger Menſch die Hoffnung auszudruͤcken,»daß es nicht ein Aus⸗ zug aus ſeiner Großmutter Noth- und Huͤlfsbuͤchlein ſeyn moͤge, welches ſeine guͤtige Tante, wie er wohl wiſſe, als ein Erbſtuͤck mit ſich herumzufuͤhren pflege; denn das ſey wider die Verabredung.. Laͤchelnd ſchuͤttelte ſie das Haupt uͤber ihren vorwitzigen Nef⸗ fen; und die Schnuͤre eines großen Sammetbeutels auseinander ziehend, aus welchem ſie geſtrickt hatte, antwortete ſie mit wieder gewonnener ruhiger Faſ⸗ ſung:—»Was ich vorzeigen werde, ſt das Erbſtuͤck einer andern Familie, das ich vielleicht aus Liebha⸗ berei in meinem Arbeitsbeutel herumtrage, wie An⸗ dere das Miniatuͤr-Gemaͤlde eines Freundes! Aber das wird ſich zeigen. Es fiel vor einigen Jahren in meine Haͤnde, als ich bei einigen theuren Freunden zum Beſuche war, die ein ſchoͤnes, von ihnen gepach⸗ tetes altes Haus in der Nachbarſchaft von Windſor bewohnten. Der Platz heißt Huntercombe. Die dicken ſteinernen Mauern machten ehemals einen Theil der alten Priorie von Burpham aus; denn ſie waren die Wohnung der Priorin, oder ehrwuͤrdigen Mutter— wie ſie in jenen Zeiten genannt wurde — der frommen Schweſtern vom Orden der heiligen Magdalene von Jeruſalem, die damals die Kloſter⸗ zellen des daran ſtoßenden Gebaudes bewohnten. Die Ruinen der Abtei von Burnham— ſo heißen ſie bei den Landleuten— liegen ungefahr eine halbe Stunde ſeitwaͤrts der Straße nach Windſor; ſie ſind 225 ern damit er Nenſch von dem noch immer freundlichen, vollig bewohnbaren ein Aus⸗ Hauſe zu Huntercombe nur durch einen großen gruͤ⸗ ſsbchlin nen Anger oder Schaaftrift getrennt, und gewaͤhren e et wohl aus den Fenſtern des weſtlichen Fluͤgels deſſelben en pflege; einen wunderſchoͤnen Anblick. Ein Theil der kleinen Lächelnd Kapelle, das des Daches beraubte Schiff, mit ſeinen igen Nef⸗ verfallenen gothiſchen Fenſtern, und einige zertruͤm⸗ 4 netbeuteb merte Bogen der Kreuzgaͤnge, ſteigen, von Epheu 4 rict hatte, und Steinſaamen uͤberwachſen, aus den alten Baͤu⸗ ig Faſ⸗ men dort hervor; und im Mondenlichte ſehen ihre 3 Erbfüc grauen, duͤſter umzogenen Zimmer wie die ſchweigen⸗ 1 Liebhr⸗ den Geiſter fruͤherer Zeiten aus.⸗ rie An Die Dame hielt hier einen Augenblick an; und es1 Abet da Niemand eine Bemerkung machte, um ſie daran hrn in zu erinnern, daß ſie, ſtatt eine Geſchichte vorzuleſen, zuunen eine erzahle, ſo blieb ſie noch immer frei von der ihr . gn⸗ eigenthuͤmlichen Schuͤchternheit. Waͤhrend ſich in uinn ihrem Kopfe die zarteſten Erinnerungen draͤngten, . Die zog ſie etwas aus ihrem Arbeitsbeutel hervor, das . iun an Groͤße und Geſtalt einem kleinen Buche glich; den ſess ſteckte wohl verwahrt in einem ſchwarzen Sam⸗ intign metfutteral, deſſen Federſchloß die Form eines Kreu⸗ he uie zes hatte, und in einem andern von rubinrothem mt nn Email eingelegt war. Die Beſitzerin oͤffnete es nicht 5. ſogleich, ſondern fuhr, mit dem Finger auf der Feder, it weiter fort. te 3»Ich brachte viele gluͤckliche Tage und froͤhliche ſißn z Abende in dem großen, beinahe fuͤrſtlichen Zimmer ein ſo zu, das die Ausſicht auf jene ſchweigenden Truͤmmer rz ſe gewaͤhrte. Dort horchte ich dem Harfenſpiel einer Porter Erzähl. 1. 15 226 liebenswuͤrdigen Freundin, und der Silberſtimme einer andern, welche mit einer Vollkommenheit, deren ſich Viele noch erinnern werden, hier— wo ihre Familie und die Sterne die einzigen Hoͤrer waren— koſtli⸗ cher ſang, als wenn die bewundernde Menge in den Londoner Aſſembleen voll Entzuͤcken an ihren Toͤnen hing. Ihre Hand arbeitete dieſes Futteral; und ach! mit welchem freundlichen Lächeln und neckenden Scherze uͤber meine Liebhaberei fuͤr die Art des In⸗ halts, ſteckte ſie das Buch hinein!— Aber ſie iſt jetzt dort, wo die Verfaſſerin der Urkunde auch iſt; gluͤcklich, auf ewig glucklich! und ihre Schoͤnheit, die hier in ihrer Bluͤthe ins Grab ſank, kennt dort kein Welken!— Suͤßeſte, ſußeſte Evelyna!⸗ Die Dame machte hier wieder eine Pauſe. Ihre Augen ſchimmerten feucht, und ſie ſchien in dieſem Momente alles Andere um ſich her uͤber ihren zaͤrt⸗ lichen Erinnerungen und dem kleinen Angedenken, das dieſe ihr zuruͤckrief, vergeſſen zu haben. Nach einiger Erholung nahm ſie das Wort wieder, indem ſie das kleine Futteral mit ihrer ausgebreiteten Hand bedeckte, und ihren Blick davon abwandte. „Viele anziehende Plätze und Gegenden, die mit dem urſpruͤnglichen Zuſtande von Huntercombe, und ſelbſt mit einer noch fruhern Periode in Verbindung ſtanden, habe ich mit dieſem reizenden Mädchen be⸗ ſucht oder durchwandert.— Eine Allee alter, die Spuren überlebter Sturme an ſich tragender, bemoos⸗ ter Eichen, um deren verdorrte Aeſte ſich die vollbee⸗ rige Niſtel ſchlang, führte zu einer kreisfoͤrmigen inne einer deren ſih te Fmnile — kiſti⸗ ge in den in hn z und ach! neckenden hes In⸗ ach iſ⸗ önheit, r t dort kein auſe. Pe in diſſen ihten enten et indin teten hen — —— — 227 eingedämmten Vertiefung, welche einſt der Fiſchteich der Kloſterkuͤche fuͤr die Faſtentage geweſen war. Jetzt iſt der Fleck trocken und der Boden mit Brom— beerſtraͤuchern und Binſen bedeckt. Der Weg herum war fruͤher eine breite Terraſſe; aber wir fanden nur noch eine hier und dort eingeſunkene Erhöhung, mit dickem Gebuͤſch durchzogen. Weiter vorwaͤrts brach⸗ ten ſie mich in eine Wildniß, die wohl einem der Welt gänzlich üͤberdruſſigen Einſiedler zur Zuflucht gedient haben koͤnnte;— eine Art von Waldthal, mit Buchen und Eichen aller Formen und jeden Al⸗ ters bedeckt. Aber wie ſoll ich es beſchreiben, um Ihnen eine Vorſtellung von ſeiner tiefen, anſcheinend undurchdringlichen Einſamkeit zu geben, und das in einer Entfernung von nicht mehr als acht Stunden von London!— Eine meiner Gefaährtinnen verglich es mit dem Orte, wo die Dame im Comus ſich von ihren Bruͤdern entfernte, und die bezauberte Rotte traf. Aber ihre Mutter erklaͤrte lachend, jedoch eben ſo treffend, daß es ſie an Nichts ſo ſehr erinnere, als an das Holz in Goody Two⸗Schoes Maͤhrchenbuche, wo Tom Thumb und ſeine ſieben kleinen Hungers ſterbenden Bruder feſt eingeſchlafen von ihren armen Eltern zuruͤckgelaſſen wurden, und ſich bei ihrem Er— wachen verloren ſahen. Was mich anbetrifft, ſo war ich ganz in den Bildern verſunken, die ſich mir von allen Seiten aufdrängten, und die bald jenen Erdich⸗ tungen, und bald dem Ardennenwalde, mit Shake⸗ ſpeare und Roſalinde unter der Gruppe, angehoͤrten. Aber ſo wild und romantiſch der Ort auch iſt, ſo 228 hat er ſich doch keines prunkenderen Namens in der Nachbarſchaft zu ruͤhmen, als»die Buchen von Burn⸗ ham. Indeſſen zeugt dieſer von ſeiner fruͤheren Be⸗ ziehung auf die Abtei; und dort, vielleicht in einigen dieſer dunklen Gruͤnde, die jetzt wegen der dichtver⸗ ſchlungenen herunter hangenden Buchen faſt unzu⸗ gaͤnglich ſind— der Platz, wo die Kapelle und die Zellen des kleinen, dem Kloſter zugetheilten Kapitels ſtanden— kann man nur noch zwei fromme Bruͤ⸗ der, die Prieſter und Beichtväter des erſtern, finden. Einer dieſer gruͤnen ſchattenreichen Gruͤnde iſt ſehr tief und groß, daher der Sonne mehr ausgeſetzt, und weniger ſchwierig zu beſuchen. Wir trafen einen ein⸗ zelnen Knaben darin, der Schweine in der Maſt huͤ⸗ tete; und dieſer erzaͤhlte uns in großer Herzensein⸗ falt, daß ein Theil der Heerde ſich im Holze verlau⸗ fen habe; wir moͤchten alſo, wenn wir irgend darauf ſtoßen ſollten, nur laut rufen, worauf er ſogleich bei uns ſeyn wuͤrde.« »Wir waren noch nicht ſehr weit von ihm ent⸗ fernt, als wir die Thiere wirklich antrafen, die ihr Mahl in aller Ruhe unter einer großen, Eicheln auf ſie herabſchuͤttenden Druideneiche aufwuͤhlten; der verlangte Ruf wurde daher zu gleicher Zeit, unter lautem Lachen, von meinen jungen Gefaͤhrtinnen ge⸗ geben. Der kleine Hirt erſchien bald; und da er mir ein faͤhiger Knabe zu ſeyn ſchien, legte ich ihm einige Fragen vor. Er ſagte mir, daß der Platz, wo wir ihn getroffen haͤtten, Hardy⸗Canuts Schanze ge⸗ nannt werde; aber er konnte mir keinen, von Hoͤren⸗ s in der von Burn⸗ heren Be⸗ in einigen dichtbet⸗ aſt unzl⸗ und die Kitels nne Bli⸗ finden⸗ iſt ſchr ſett ud einen ein⸗ N hi⸗ erzenin⸗ ze veru⸗ nd daruu ogleich bi ihn ent⸗ die ih ichen au ſten; der tinnen ge n ih ihn huh, on hirn⸗ 229 ſagen ihm bekannten Grund angeben, warum er die⸗ ſen Namen habe; ſondern gaffte mich bei der Frage groß an, wandte dann den Ruͤcken, als ob er daran verzweifelte, mich zu verſtehen, und fing an, Eicheln in ſeinen Hut zu leſen. Es iſt in der That in Eng⸗ land nicht ſo wie in Schottland oder Irland, wo jeder Eingeborne etwas von der oͤrtlichen Geſchichte um ihn her weiß. unſere Landleute haben kaum et⸗ was einer Sage Aehnliches, und ſelbſt die Gebilde⸗ teren wiſſen gewöhnlich nicht viel von den früheren Ereigniſſen in der Gegend, da ſie ihnen kein unmit⸗ telbares Intereſſe gewahren. Wir ſind, ſo zu ſagen, eine Nation, deren Beſitzungen beſtaͤndig von einer Hand in die andere gehen; und wir muͤſſen uns nach Ländern begeben, wo der Grund und Boden immer in den Familien forterbt, wenn wir wiſſen wollen, wem er vor den heutigen Bewohnern gehoͤrte, oder was er einſt war.« »Aber die Mutter meiner jungen Freundinnen mochte gern der Vergangenheit ſich erinnern und in deren Denkmälern forſchen; und nach unſerer erſten frohlichen Wanderung nach jenem ſchoͤnen alten Holze, denſelben Abend noch, erzaͤhlte ſie mir Alles, was ſie uͤber den Ort und ſeine Umgebungen zu ſammeln im Stande geweſen war. Einen Theil davon habe ich ſchon wiederholt;— daß die Abtei von Burnham ein Nonnenkloſter geweſen ſey, und das Haus, worin wir waren, damals damit in Verbindung geſtanden, und die Wohnung der Aebtiſſin enthalten habe.⸗ Die Umherſitzenden hůtten einander wohl zulacheln 230 moͤgen uber die Gelaͤufigkeit, mit der die freundliche Dame dieſes Alles ſelbſt erzäͤhlte. Aber ſie wag⸗ ten nicht einmal, ſich einen Seitenblick zuzuwerfen, der etwas der Art zu erkennen gaͤbe; denn ſie wuß⸗ ten wohl, daß ſie den Augenblick ſtillſchweigen wurde, wo ſie ihres Fortplauderns gewahr geworden, und ſo die Geſellſchaft wohl ſelbſt nichts mehr von dem Manuſcript hoͤren durfte, welches ſie vorzuleſen ver⸗ ſprochen hatte. Ohne daß ihre Zuhoͤrer durch mehr als geſpannte Blicke geſprochen hatten, fuhr ſie in ihrer Rede fort. »Der uͤbrige Theil der Nachrichten, die mir meine Freundin gab, war ein wenig peinigender Natur, da er Erwartungen rege machte, ohne ſie nachher zu be⸗ friedigen. Sie ſagte mir nämlich, daß eine Geſchichte der Abtei im Manuſcript, von einem der Beichtväter des Kloſters in Moͤnchs⸗Latein geſchrieben, noch vor wenigen Jahren vorhanden geweſen; daß dieſe aber, nach ſo langer Erhaltung in der Familie, welche in den Beſitz des Platzes, nach der Aufhebung deſſelben in ſeiner religiöſen Eigenſchaft durch Heinrich den Achten, gekommen waͤre, an einen in der Nähe woh⸗ nenden Edelmann, beruͤhmt durch ſeinen Geſchmack fur Alterthumer, verliehen worden ſey. Dieſer, glaubte man beſtimmt, habe ſie den Eigenthuͤmern in Hun⸗ tercombe unbeſchaͤdigt wieder zugeſtellt; indeſſen von dem Augenblicke an ſey das Buch nie wieder geſehen, noch etwas davon gehort worden. Dieſe Nachricht erfullte mich mit Schmerz wegen des Verluſtes, reißte . aber meine Neugier um ſo mehr; und ſo ſaß ich an rundliche ſi waß⸗ zuwetfen ſie wuß⸗ nwürde, und ſo von dem leſen ber⸗ n nehr hr ſie in nir mine ſuthn, du het ju b⸗ eſiche zeichwitet noch vot dieſe aben welche in deſelben imtich 10 Nihe woh⸗ heſthnu er, gubt in Hl deſtn vod geſchen N achrich ſte wi einem ſtuͤrmiſchen, regnigen Abend, wo das Wetter gerade ſo gegen die Fenſter ſchlug, wie jetzt, nachſin⸗ nend da,— meine Freundin hatte mir nämlich noch⸗ mals eben vorher alle dieſe Umſtaͤnde wiederholt und Einiges hinzugefugt, das, wie ſie ſich erinnerte, ge⸗ hört zu haben, in der alten Urkunde uber den Cha⸗ rakter der Nonnen zu der Zeit, als der Orden auf⸗ gehoben wäre, geſtanden hätte— dieſelbe Perſon, welche abgeſandt ſey, um Gruͤnde für die Aufhebung der Klöſter aufzufinden, habe Zeugniß fuͤr ihren makelloſen Lebenswandel abgelegt, und dem Koͤnige geſchrieben, daß die Schweſter von Burnham, als Auszeichnung fur ihre Tugenden, allgemein von an⸗ dern benachbarten Kloͤſtern durch den Namen der Sieben wuͤrdigen Frauen von Paläſtina unterſchieden wuͤrden.— So ſaß ich nachſinnend da, und gerade auch um dieſe einſame Stunde der Nacht, in einem Zimmer, das von den Schlafkam⸗ mern des Hauſes etwas entfernt lag; denn zu mei⸗ ner Stube mußte man durch den großen galleriearti⸗ gen Vorſaal in dem weſtlichen Flugel; kein Wunder daher, daß ich ganz Auge und Ohr fur die leiſeſte Stoͤrung meiner Gedanken war! Und gerade mitten in dieſen ſiel mein Blick auf etwas Glaͤnzendes an der andern Seite des Fußbodens, dicht am Rande der eichenen Bekleidung. Während ich es betrachtete, vergroͤßerte ſich der Glanz, und als ich aufſtand, um die Erſcheinung zu unterſuchen, fand ich beim Naͤher⸗ kommen,— denn das Zimmer war geraͤumig— ei⸗ nen Strich Waſſer, der unter der Bekleidung ſich ——— 232 hervordraͤngte, und hörte deutlich große Tropfen in regelmaͤßigen Zwiſchenraͤumen inwendig niederfallen. Doch ſchien dies ſo weit von dem Flecke entfernt, worauf ich ſtand, daß ich mich uͤberzeugt hielt, es muͤſſe irgend eine Art von Kammer hinter dem alten Holzwerke verborgen ſeyn. Ich klopfte an verſchie⸗ denen Stellen ſtark dagegen und fand, daß es unge⸗ faͤhr auf die Breite einer Thuͤr einen hohlen Klang gab, wahrend es zu beiden Seiten den gewohnlichen Ton hatte, wenn eine Wand ſich unmittelbar dahin⸗ ter beſindet. Ich war nun gewiß, daß daſelbſt ein Zimmer ſey, von dem die jetzigen Hausbewohner kei⸗ ne Kenntniß haͤtten; und daß der Regen durch irgend eine ſchadhafte Stelle des Daches inwendig herein⸗ dringend, gerade zur rechten Zeit das Geheimniß ent⸗ deckt habe. Ganz von dieſem Gedanken eingenom⸗ men, hielt ich es fuͤr wahrſcheinlich, daß die verlorene Geſchichte der Abtei hier verſchloſſen ſey, und ich nahm mir daher vor, den andern Morgen meine Freundin zu der Wegnahme der Bekleidung und Un⸗ terſuchung der Sache zu bereden.⸗ »Beim Fruͤhſtuͤck theilte ich meine Entdeckung mit. Die Mutter und die ganze junge Gruppe fuhren raſch von ihren Sitzen auf und liefen vor mir die Treppe hinauf, um ſich ſelbſt davon zu uͤberzeugen. Eines der Madchen kniete voller Neugierde bei der Fuge zwiſchen dem Täfelwerk und dem Fußboden nieder, wo die Spur des nun tief in die Dielen ein⸗ gezogenen Waſſers den Fleck noch bezeichnete, ſtieß da die lange Fiſchbeinſtange eines Feuerſchirms hin⸗ wopfen in ederfallen. entſernt, hielt, es em alten verſchie⸗ es unge⸗ en Klang vöhnlichen ar bahin⸗ ſelbſt ein ohnet ki ch igend herein⸗ nniß ent⸗ ingenon⸗ verlotene um ih n meine und Un⸗ ung mit. e ſuhrn erzeuge e bei der zuſbeden iuen el⸗ te, ſitz ns jin 233 ein, die ſie von dem dicht dabei befindlichen Kamin⸗ ſims genommen hatte, und fand kein Hinderniß, ſo weit ſie nur reichen konnte. Dies ſchien ein ſo ent⸗ ſchiedener Beweis von dem Daſeyn irgend eines großen Platzes dahinter zu ſeyn, daß die drei Schwe⸗ ſtern einſtimmig und fortwährend riefen:»Wir muͤſſen es oͤffnen laſſen!« ohne ihrer laͤchelnden Mut⸗ ter einen Augenblick Zeit zu der ernſtlichen Wieder⸗ holung der Vorſtellung zu erlauben, daß ſie die Wände eines Hauſes, das bloß gemiethet ſey, nicht durchbrechen duͤrften. Ich unterſtutzte ſelbſt den Ausſpruch der Maͤdchen von ganzem Herzen, und ſchlug vor, auf der Stelle einen der Bedienten her⸗ beizurufen, der Allen als ein geſcheuter Menſch be⸗ kannt war, indem ich mich verſichert hielt, daß er die Bekleidung mit wenig oder gar keiner Beſchaͤdigung wegnehmen wuͤrde. Dies war von Einfluß auf das Gefuͤhl meiner Freundin fuͤr das Rechte. Denn das alte eichene Holz der Priorei war hier nicht allein geſchnitzt, ſondern die einzelnen Felder deſſelben waren auch in der nachfolgenden weltlichen Periode von Ver⸗ tot und ſeinen Schulern gemalt, waͤhrend der Stun⸗ den, die ſie von ihren Arbeiten in dem benachbarten Schloſſe von Windſor abmuͤßigten. Ein ſehr ſchoͤnes Stuck, Endymion, der ſeine Schafe beim Mondenſchein huͤtet, befand ſich auf ſolche Art gerade uͤber dem Platze, wo wir durchzubrechen wuͤnſchten. Thomas, der herbeigerufene Bediente, ſchlug vor, die untere Abtheilung des Täfelwerks vor der vermutheten Thuͤr herauszunehmen, da dieſelbe keine Malerei hatte und 234 groß genug ſchien, um wenigſtens den Kopf durch⸗ ſtecken und umherſehen zu koͤnnen. Hierzu gab die Mutter ihre Einwilligung, und fuͤnf Minuten nach⸗ her war es gethan. Nie werde ich die Geſichter aller Umſtehenden vergeſſen, als die Offnung zum Vor⸗ ſchein kam; und nicht allein war ſie groß genug fur den Kopf, ſondern fuͤr den ganzen Koͤrper des Arbei⸗ ters, der denn auch, von gleich großer Neugierde ge⸗ trieben, wie diejenigen, welche ihn angeſtellt, augen⸗ blicklich hindurchkroch und inwendig aufſtehend die Erklaͤrung abgab, daß der Platz ein Cabinet von ziemlichem Umfange ſey, rauhe Steinwaͤnde habe, und einen Tiſch, auf dem etwas liege, was er in dem Halbdunkel nicht gehoͤrig erkennen koͤnne, da ſeine eigene Perſon das Licht hindere, durch die eben ge⸗ machte Offnung zu fallen.⸗ „O, laßt uns ſehen!« riefen Alle aus einem Munde. Thomas kam auf das Wort heraus, und waͤhrend das hurtigſte der Maͤdchen ſeine Stelle ein⸗ nahm, ſchickte ihn ihre Mutter eilig weg, um Licht herbeizuholen. Als es gebracht wurde, hatte auch ich mich hineinbegeben, und bei dem Lichte, das meine Freundin hereinreichte, ſahen wir bald genug, um uns zu dem Ausſpruche zu beſtimmen, daß wir in einer der Kloſterzellen und ſehr wahrſcheinlich in der Privat⸗Kapelle der Priorin ſtaͤnden; denn das, was unſer erſter Unterſucher einen Tiſch genannt hatte, mußte als Altar gedient haben, indem jetzt der un⸗ deutliche Gegenſtand darauf für Theile eines Cruci⸗ fires erkannt wurde, welches durch die Wirkung der pf durch⸗ geb die ten nach⸗ hter allt um Vor⸗ nig fir es Arbei⸗ gierde g⸗ 6 augen⸗ hend die et von hebe, und in dem da ſeine eben g us einen 5, und telle ein⸗ um iht auch ich meine u, un in der 235 Zeit und der Feuchtigkeit gefallen war. Bei naͤherer Unterſuchung fanden wir, daß es aus einfach geſchnitztem Cedernholze beſtand, und waͤhrend ich die einzelnen Stuͤcke den haſtig darnach greifenden Häͤnden draußen hinreichte, erhob plotzlich meine Ge⸗ fährtin in dem Cabinette ein Freudengeſchrei. Ich wandte mich um, und ſie hielt mir ſogleich ein klei⸗ nes Käſtchen— wofuͤr ich es hielt— entgegen, mit Spinnegewebe uͤberzogen, und gruͤn vor Schimmel.« »Hier iſt ein Buch mit meſſingenen Klammern!« rief ſie;»ich ſetze mein Leben zum Pfande, es iſt die verlorene Geſchichte der Abtei!« »Was es aber auch ſeyn mochte, ſie hatte es gerade in einer kleinen bogenfoͤrmigen Wandoͤffnung, dicht neben dem Andachtstiſche, gefunden; indem ſie, um vielleicht etwas von dem heiligen Waſſerbecken, das gewoͤhnlich in der Hoͤhlung ſolcher Niſchen ſteht, zu entdecken, ihre Hand hineingeſteckt, und etwas Bewegliches fuͤhlend, daſſelbe hervorgezogen hatte. Ein Blick darauf erfuͤllte ſie mit der Hoffnung, die ſie eben gegen mich geaͤußert. Beide traten wir nun ſofort in das offene Licht meines Zimmers, und ga⸗ ben unſere gemeinſchaftlichen Entdeckungen den gieri⸗ gen Blicken der Andern Preis. Die aͤußere Flaͤche von Evelynas Schatze war kein Buch, ſondern nur das Futteral eines ſolchen. Dieſes beſtand, wie ſich darauf zeigte, aus ſehr duͤn⸗ nem Holze, und war offenbar einſt mit einem koſt⸗ baren Stoffe uͤberzogen geweſen, der aber unter der Einwirkung der Feuchtigkeit vieler Jahre, bis auf 236 wenige Fetzen neben den Nieten der Klammern, ver⸗ modert war. Dieſe letztern waren vom Roſte zer⸗ freſſen, und gaben leicht dem Drucke meiner Hand nach, welcher meine gefaällige junge Freundin den Schatz ſogleich zur Unterſuchung uͤbergeben hatte. Das Holz des Futterals, ebenfalls Cedernholz, hatte das Innere vor Schimmel oder Wuͤrmern bewahrt, und wir zogen in der That ein kleines Buch heraus, deſſen Pergamentruͤcken wie ein Meßbuch gemalt war. Das liebe Maͤdchen, welche es gefunden hatte, tanzte in jugendlicher Ausgelaſſenheit vor Freude um uns herum; indem ſie von Zeit zu Zeit außer ſich vor Lachen beim Anblick des ehrfurchtsvollen, ſchweigenden Entzuͤckens ſtehen blieb, womit ich, den entdeckten Schatz betrachtend, daſtand.« »Aber genug davon! Ich brauche nur noch hin⸗ zuzufuͤgen, daß der kleine Band eine Handſchrift war, wie wir beim Oeffnen deſſelben fanden; jede Seite war oben mit heiligen Emblemen bemalt, und die Schrift ſehr klein. Die Buchſtaben indeſſen ſahen nicht aus wie Latein; ob es aber Griechiſch oder He⸗ braͤiſch ſey, wußte Keiner von uns zu ſagen. Die Beſorgniſſe, unſere geſpannte Neugierde unbefriedigt zu ſehen, waren daher groß. Doch noch immer herrſchte unſer gluͤcklicher Stern.« »Der naͤmliche Tag fuͤhrte uns einen jungen Studenten von Opford zu, den Sohn meiner Freun⸗ din, der ſeine Familie durch ſeinen Beſuch angenehm uberraſchte, und eine Woche bei uns verweilte. Er ſetzte ſich zu uns, und erklärts, nachdem er die koſt⸗ ern, ver⸗ oſte zer⸗ er Hand din den n hatte. z hatte bewahrt, herau, N wal. ane um uns ſch vr eigenden ntdecten och hin⸗ ift war, e Geite und die n ſchen der Pe⸗ Die eficigt inet Freun⸗ n . enehl pi ko⸗ — 237 bare Reliquie ſchnell mit den Augen durchlaufen, die Sprache wirklich fur Latein, aber in ſo ſehr alten Buchſtaben, daß er ſich nicht wundere, wenn die Ge⸗ lehrteſten der pruͤfenden Damen ſie nicht erkannt hätten. Und was den Inhalt ſelbſt betreffe, ſagte er, ſo faͤnden wir gewiß nicht das, was wir erwarte⸗ ten, die Chronik der Abtei, ſondern, wie es ihm ſchiene, die Familiengeſchichte ihrer Gruͤnder. Dieſe, nach dem erſten fluͤchtigen Ueberblick geaͤußerte Mei⸗ nung, wurde dadurch beſtätigt, daß er an der Spitze des Titelblattes, unter einer labyrinthiſchen Verſchlin⸗ gung von Arabesken und Bilderverzierungen die fol⸗ gende Inſchrift entdeckte: »Muſterhandlungen, geſammelt aus den Bekennt⸗ niſſen unſerer edlen Beſchuͤtzerin, der Frau von Ockhoult.« »Ockhoult, ſtieß ſeine Mutter haſtig hervor. »Nun, das iſt ſehr ſonderbar; denn dies iſt, wie mir unſere Freundin Lyſons ſagte, der Lehnsname des alten Schloſſes auf der andern Seite von Maiden⸗ head, welches jetzt Hakwells heißt.« »Unſere angenehme Ueberraſchung bei dieſer Ent⸗ deckung kam faſt der Freude gleich, das Manuſcript ſelbſt aufgefunden zu haben. Aber der Mutter ſchwebten etwas ernſtere Gedanken vor, als ſie, uͤber das ausgemalte Blatt gelehnt, mit den Augen dem Finger des Sohnes folgte, der ihr die verſchlungenen Buchſtaben des Anglo⸗Normanniſchen Titels zeigte. »Bedenkt, Mädchen, rief ſie faſt wehmuͤthig aus, »bedenkt, wie ſich Plaͤtze und Dinge, gleichſam in 238 ihrer Natur ſelbſt, veraͤndern; in welche Haͤnde ſie fallen, wie wenig ſie nach kurzer Zeit bedeuten!« Sich zu ihrem Sohne wendend, fugte ſie dann hinzu: »Es iſt kaum eine Woche her, als ich unſere Alter⸗ thuͤmer liebende Freundin mit hierher nahm, um die Merkwuͤrdigkeiten der Gegend zu beſehen; ich erin⸗ nerte mich dabei des alten Schloſſes von Ockhoult oder Hakwells, das mir dieſelbe fruͤher genannt hatte, von mir aber bis dahin vergeſſen worden war. Wir fuhren dahin, und fanden dieſen alten Wohnort der Gruͤnderin des naͤmlichen Hauſes, worin wir ſind, und auch noch hoͤherer Perſonen, wenn die praͤchtig gemalten Fenſter Wahrheit ſpreſhen jetzt von Leuten gemeinen Schlages bewohnt. In der That, Pächter der niedrigſten Klaſſe! Wir durchwanderten das Gebaͤude und erſtaunten wirklich uͤber die auffallen⸗ den noch uͤbrigen Denkmaͤler dahingeſchwundener Groͤße; aber mit eben ſo ſorgloſen Gedanken hinſicht⸗ lich derjenigen, welche es damals im Vollgenuß aller Annehmlichkeiten des Lebens bewohnt haben mochten, als unſere Nachfolger in unſerm jetzt ſo glucklichen Huntercombe von unſerm Daſeyn haben moͤgen!« Eine Thraͤne ſtand der liebevollen Mutter in den Augen, obgleich ſie ſich laͤchelnd bei den letzten Wor⸗ ten an ihre Toͤchter wandte. Der Bruder derſelben druͤckte nun auch den Wunſch aus, Ockhoult ſeiner⸗ ſeits zu beſuchen; und um ſo mehr, nachdem er die Beſchreibungen angehoͤrt hatte, die ihm ſeine Schwe⸗ ſtern, alle in einem Athem, von den merkwuͤrdig ge⸗ malten Glasfenſtern machten. Aber die Mutter, durch Hinde ſe bedeuten!⸗ n hinzu: ere Aler⸗ um die ich erin⸗ ähoult mnt hatte u Vir hnort der nir ſid ie prichtig on Leuten Pichtet erten des guffalln⸗ windener auß alet mochten, gliclichen nůgen! er in den zun Por⸗ derſlben ſeiner⸗ den er vi e Echwe⸗ vintig g tt ttel⸗ du —— —— 239 einen Wink von mir, und einen Blick auf das Ma⸗ nuſcript bewogen, machte Vorſtellungen dagegen; und verſprach ihnen Allen eine andere Spazierfahrt dahin, an der ihr Sohn Theil nehmen ſollte, ſobald er die ihm von uns beſtimmte Arbeit geendigt haben wuͤrde.« »Es bedurfte indeſſen bei dem jungen Gelehrten keines andern Sporns als des einer Neugierde, die jetzt faſt eben ſo groß als die unſere war, um ſein Talent anzuregen und das alte Moͤnchslatein in gu⸗ tes einfaches Engliſch zu uͤberſetzen. Abend fuͤr Abend pflegte er ſeine fertigen Bogen mit an den Theetiſch zu bringen, und ſie laut vorzuleſen, wahrend wir, ſeine ergoͤtzten aufmerkſamen Zuhoͤrer, uns mit allerlei Arbeiten beſchaͤftigten. Die Mutter ſtrickte beſtändig; Caroline, die alteſte meiner jungen Freun⸗ dinnen, gebrauchte ihre Nadel eben ſo ſtandhaft zu demſelben Zwecke,— fuͤr die Armen; und wenn meine Thusnelde, die zweite Tochter, nicht auf ähn⸗ liche Weiſe beſchaͤftigt war, ſo uͤbte ſie ihr wirklich ſchoͤnes Talent, und malte die Gegenden, welche wir beſucht hatten. Was Evelyna, das Leben von uns Allen, betrifft, ſo erſchien ſie— ob aus Scherz oder Nachdenken dazu vermocht, kann ich nicht ſagen— von dem Augenblick an, wo ſie ein halbes Dutzend Seiten des Manuſcripts gehoͤrt hatte, nie beim Vor⸗ leſen, ohne ihr ſchönes ſchwarzes Haar zu Ehren der Gelegenheit mit einem glaͤnzenden Reiſe von einem Granatbaume geſchmuͤckt zu haben, der noch immer ſeine lebendig grunen, mit Tyriſchen Scharlachbluͤthen — 240 ſchattirten Zweige, uͤber die ſudliche Fronte von Hun⸗ tercombe ausbreitete; ein lieblicher Zeuge ſeines ur⸗ ſpruͤnglichen Vaterlandes, das mit jenen verſtuͤmmel⸗ ten Seiten vor die Phantaſie der Zuhoͤrer gezaubert ſchien. Sie und ich lehnten uns gewoͤhnlich, auf⸗ merkſam zuhoͤrend, auf unſere Arme, waͤhrend unſer Naͤhzeug ruhig in unſerm Schooße lag, und ihre be⸗ redten Blicke erſt zu dem Einen, dann zu dem Andern gewandt, die wichtigſten Stellen hervorhob, je nach⸗ dem ſie ein veraͤndertes oder hoͤheres Intereſſe ge⸗ waͤhrten. Die Erzählung hatte einige Luͤcken, indem aus dem Originale ganze Blätter heraus geriſſen waren, ohne daß wir den Grund davon hätten erra⸗ then können; jedoch war der Zuſammenhang nicht ſo unterbrochen, um unſerm Ueberſetzer die Luſt zu benehmen;— und er fuhr fort. Endlich war das Ganze vollendet, das Ganze vorgeleſen. Da nahm denn Caroline, deren gewohnter Scharfblick immer gleich das ausfand, was jedem Einzelnen das meiſte Vergnügen machte, eine Abſchrift von ihres Bruders nur leicht hingeworfener Ueberſetzung in einer ſchoͤnen niedlichen Hand, auf kleinen Blättern von Velinpa⸗ pier, damit die Abſchrift dem Original⸗Manuſcripte ſo aͤhnlich ſähe als moͤglich; und nachdem auch Thus⸗ nelde mit gleich liebevoller Zuvorkommenheit die ge⸗ malten Embleme derſelben mit treuer Nachbildung darauf ubertragen hatte, ließ die theure Evelyna das kleine Buch einbinden und das Futteral dazu machen, ſo wie es hier iſt; und Alle überreichten es mir dannz von Hun⸗ ſeines u⸗ verſümmel⸗ gezaubert hulich, auf⸗ hrend unſer nd ihre be⸗ dem Andern je nach⸗ utereſſe g⸗ den, inden 1s giſin ätten etta⸗ n nicht ſo ie Luſt zu h wer do Da nahm blic inne tes meiſe Bnder ſchnn n Pith mnſehe ach Lhr⸗ hei eit die ge g abi dung 241 — ein Kleinod, das ich, ſo lange ich lebe, treu be⸗ wahren werde!« Mit dieſen Worten zog die verwittwete Dame das eben von ihr beſchriebene Buch aus ſeiner ſammt— nen Huͤlle, und während ſie nachdenkend und lang⸗ ſam deſſen ſilberne Klammern oͤffnete, fuhren Alle von ihren Sitzen auf, um es in Augenſchein zu neh⸗ men. Der Band war glaͤnzend weiß; auf der einen Seite ſchmuͤckte ihn eine Taube mit ſilbernen Fluͤ⸗ geln, und auf der andern ein Slivenzweig. Als es durch Aller Haͤnde gegangen, und von Jedem bewun⸗ dert war, nahm es die Eigenthuͤmerin wieder zu ſich, die waͤhrend des Anſehens Zeit gehabt hatte, ihre fruͤhere ſanfte Gemuthsſtimmung wieder zu gewinnen; und nachdem ſie es aufgeſchlagen, las ſie mit leiſer, aber vollkommen deutlicher Stimme wie folgt:— Ende des erſten Bandes. Porter Erzähl. 1. Glenrowan, eine ſchottiſche Sage. Lord Howth, eine iriſche Sage. Jeannie Halliday, eine Erzaͤhlung aus unſern Zeiten.. Mein Zimmer in dem alten Hauſe von Huntercombe.„ „ Selte 6 23 Neue Romane und Schauſpiele. Aniello, Seb., die Ritter von der goldenen Binde. Eine romantiſche und abentheuerliche Geſchichte aus dem ſechzehnten Jahrhundert. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Benger, Miß, Anna Boleyn. Ein geſchichtlicher Roman. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Heinr. Muͤller. 2 Baͤnde. 8. 2 Thlr. 4 Gr. Burg Weinsberg, oder deutſche Frauenliebe und Maͤnnertreue. Rittergeſchichte aus Kaiſer Conrad III. Zeiten. Vom Verfaſſer des»Albert von Rein⸗ ſtein,, der»Paulowna« u. a. m. 3 Theile. 8. 8 Thl. Ernſt, Fr., die Eroberung Antiochiens, oder Frie⸗ drich von Flamming und Kunigunde von Schwar⸗ zenſtein. Roman aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. 8. 1 Thlr. Goͤrner, C. A., Luſtſpiele. 8. 20 Gr. Hildebrandt, C., Saladin, Sultan von Aegypten; oder die deutſchen Kreuzritter in der Gefangenſchaft der Saracenen. Eine Geſchichte aus den Zeiten der Kreuzzuͤge. 8. 1 Thlr. 4 Gr. Raubjäger, der. Hiſtoriſch-romantiſche Geſchichte aus dem fraͤnkiſchen Bauernkriege. 2 Theile. 2 Thlr. Carlo Endimiro, oder die furchtbaren Seeraͤuber auf dem mittellaͤndiſchen Meere und in den afrikani⸗ ſchen Gewaͤſſern. Eine romantiſche und abentheuer⸗ liche Geſchichte vom Verfaſſer des Romans:»Die Ritter von der goldenen Binde.. 2 Theile. 8. 2 Thlr. 8 Gr. Schreckniſſe, die grauſigen, der Schlangenburg, oder Ottilie, die ſchoͤne Buͤßende in dem unterirdiſchen Kerker des Jeſuiter-Kloſters. Vom Verfaſſer des⸗ „Arvonaſack. 8. 1 Thlr. 4 Gr. hichte aus o9 2 Thlr. zuber auf aftikan⸗ bentheuer⸗ n„Die hei. ug, oder erirdiſchen Control Chart Nellow Red Magenta