Die Geschichte Preussens, von den älteſten Zeiten bis auf unſere Tage. Von R. c. A. Pölitz, Kniglich Sächſiſchem Hofrathe und ordentl. oͤffentl. Lehrer der Staatswiſſenſchaften an der univerſität zu Leipzig. Viertes Baͤndchen⸗ Dresden P. G. Hilſcherſche Buchhandlung. 82 Sechster Zeitraum. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich Wil⸗ helm II. und Friedrich Wilhelm III. Von 1786— 1827. Ein Zeitraum von 41 Jahren. geſer Töſchnitt. Die preußiſche Monarchie waͤhrend der Re⸗ gierungszeit des Koͤnigs Friedrich Wil⸗ helm II.3 von 1786— 1797. Wi die Sonne, den Erdboden ſegnend, am Abende ſinkt, und ihre erquickenden letzten Strahlen weit und mild uͤber Staaten und Voͤlker verbreitet; ſo vollendete auch Friedrich II. am 17. Auguſt 1786 ſein großes irdiſches Tagewerk. Denn ſein Werk war die Vergrößerung und das politiſche Gewicht der preußiſchen Monarchie im europäiſchen Staa⸗ tenſyſteme; ſein Werk die erreichte hohe Stufe gei⸗ ſtiger Bildung und die auf Ackerbau, Gewerbswe⸗ ſen und Handelsverkehr beruhende Unterlage des Wohlſtandes ſeines Volkes. Bei ſeinem Tode ruh⸗ ten die Waffen in Europa. Noch hatte er in der IV. 1 2 Stiftung des teutſchen Fuͤrſtenbundes die von Jo⸗ ſeph beabſichtigte Abruͤndung Oeſtreichs durch die Einverleibung Bayerns vereitelt; noch mit dem He⸗ ros der nordamerikaniſchen Freiheit einen Handels⸗ vertrag unterzeichnet; noch dem lang ihm entfrem⸗ deten Großbritannien, bei Hannovers Theilnahme am Fuͤrſtenbunde, die Hand zu einer neuen Annä⸗ herung zwiſchen beiden Maͤchten geboten; allein mit Rußland beſtand kein Buͤndniß mehr, und Joſeph II. beobachtete Preußen, bei aller Achtung vor Friedrichs Geiſte, nicht ohne Eiferſucht. Die Anfaͤnge einer neuen politiſchen Ordnung der Dinge in Europa begannen bald nach Friedrichs Tode; ſie waren bereits während der letzten Regie⸗ rungsjahre des großen Konigs im Stillen vorbergi⸗ tet worden. Allmaͤhlig zeigten ſich im innern und äußern Leben der meiſten europäiſchen Staaten die ſchärfſten Gegenſätze. Wo die Regierungen mit den Fortſchritten der Völker in der Geſittung und Reife gleichen Schritt hielten, oder wo von oben ſelbſt, wie unter Friedrich in Preußen, dieſer Fortſchritt vorbereitet und herbeigefuͤhrt, wo das Volk von der Intelligenz der Fuͤrſten zu einer hoͤhern Stufe des bürgerlichen Daſeyns heraufgebildet ward; da tra⸗ ten jene Gegenſaͤtze nicht hervor. Allein da, wo man die maͤchtige Bewegung in den Fortſchritten der Voͤlker entweder gar nicht erkannte, oder nicht richtig wurdigte, wie z. B. in Frankreich, in den Niederlanden, und in Polen; wo man bald mit halben Maasregeln auszureichen vermeinte, bald mit den draſtiſchen Mitteln der Militairgewalt den ſich regenden neuen Geiſt in der Mitte der Völker erſticken wollte; da brauſete, zum Schrecken Euro⸗ pa's, der Revolutionsſturm auf, in welchem an 8 der Seine und im Haag morſchgewordene Throne zuſammenſtuͤrzten, dagegen an der Weichſel und auf italiſchem Boden tauſendjährige Voͤlker⸗ und Staaten⸗Namen erloſchen. Allerdings iſt die Rolle der Mächte vom erſten politiſchen Range ſchwierig, wenn rings um ſie her die Geburtswehen einer neubeginnenden Zeit ſich an⸗ kuͤndigen, weil weder die Ruͤckwirkung ſolcher un⸗ gewoͤhnlichen Erſcheinungen im Auslande auf das Inland, noch das Verhaͤltniß im Voraus ſich be⸗ rechnen laͤßt, welches in Hinſicht auf die zwiſchen den Staaten bis dahin beſtehenden Vertraͤge und Buͤndniſſe herbeigefuͤhrt werden kann. Sobald aber ein Staat nach ſeiner Verfaſſung und Verwaltung im Innern ein geordnetes und feſtgeſtaltetes Gan⸗ zes bildet; ſobald die verſchiedenen Stände und Kir⸗ chen im Staäte die vollige Gleichheit der burgerlichen und politiſchen Rechte genießen; ſobald die Finan⸗ zen geordnet ſind, keine Schuldenlaſt, keine erkun⸗ ſtelte und ins Kleinliche getriebene Steigerung der Abgaben die innern Lebenspulſe langſam durch⸗ ſchneidet; ſobald das Heer zum Schutze gegen fremde Angriffe ſchlagfertig, nicht aber wegen des Avance⸗ ments und der Beute im Auslande kriegsluſtig iſt; ſobald kann auch ein ſolcher Staat, mit Wuͤrde und Haltung, die ihm ziemen, dem Sturme außer und neben ſich zuſehen; denn unter allen Aufgaben der Staatskunſt iſt keine bedenklicher, als die Ein⸗ miſchung in die innern Angelegenheiten anderer ſelbſtſtändiger und unabhäͤngiger Staaten, ſo oft und ſtark ſich auch das Geluͤſte darnach regen mag. Wenigſtens hat die Einmiſchung Europa's in die innern Angelegenheiten Frankreichs und Polens zu 1* 4 Ergebniſſen gefuͤhrt, deren dreißigjaͤhrige koſtſpielige Folgen jenes Geluͤſte hätten ſchwächen koͤnnen. Preußen fand, bald nach Friedrichs Tode, die Veranlaſſung, in die innern Zwiſte des niederlaͤn⸗ diſchen Freiſtaates mit der Familie des Erbſtatthal⸗ ters ſich einzumiſchen. Der ſchnelle Erfolg ubertraf alle Erwartung; dies fuͤhrte bald darauf zur Ein⸗ miſchung in die innern Angelegenheiten Polens. Während die beiden Kaiſerhofe, Oeſtreich und Ruß⸗ land, den Plan zu Cherſon gefaßt hatten, die Os⸗ manen aus Europa zu vertreiben, und ſie, als Ein⸗ dringlinge in den Erdtheil der Geſittung und des Chriſtenthums, wieder in ihre aſiatiſche Heimath zurückzuweiſen, naͤherte ſich Polen, im tiefen Ge⸗ fuhle der Nothwendigkeit einer umgeſtaltung des in⸗ nern Staatslebens, dem Intereſſe Preußens, das, aus einem hohern Standpuncte betrachtet, weit mehr bei der Erhaltung und Verſtärkung des in⸗ nern Staatslebens dieſer Zwiſchenmacht zwiſchen ſich, Rußland und Oeſtreich gewinnen mußte, als bei einer wiederholten Theilung und endlichen Aufloͤſung derſelben. Ein ähnliches politiſches Intereſſe fuͤhrte Großbritannien und Holland zur Verbindung mit Preußen gegen die Vergrößerungsabſichten Rußlands und Oeſtreichs auf Koſten der Pforte; denn die eu⸗ ropäiſchen Großmächte der damaligen Zeit befurch⸗ teten die Erſchutterung des beſtehenden politiſchen Gleichgewichts, wenn das osmaniſche Reich zwiſchen Rußland und Oeſtreich getheilt, und Konſtantino⸗ pel, der Schluͤſſel zu Aſien, die dritte Hauptſtadt des öſtlichen Rieſenreichs wuͤrde. So kam es zu Spannungen zwiſchen Preußen, Oeſtreich und Ruß⸗ land, zu einem Buͤndniſſe zwiſchen Preußen und Polen, zu einer, nach Joſephs Tode und nach ei⸗ nem von Oeſtreich unglůcklich gefuͤhrten Turkenkriege in Schleſien begonnenen, Unterhandlung zwiſchen Preußen und Seſtreich, anfangs zu einer halben, bald aber zu einer völligen Ausſöhnung zwiſchen bei⸗ den Mächten, endlich gar zu einem, ganz Europa uͤberraſchenden, Buͤndniſſe zwiſchen Friedrich Wil⸗ helm dem zweiten und Leopold dem zweiten, und dar⸗ auf zu einem gemeinſchaftlichen Kriege gegen Frank⸗ reich. Durch die ungluͤckliche Wendung dieſes Krie⸗ ges erkaltete die kaum begonnene Freundſchaft; die zweite Theilung Polens, von Preußen und Rußland, ohne Oeſtreichs Beiziehung, vollbracht, mußte die Kabinette von Wien und Berlin einander entfrem⸗ den; noch größer ward die Kälte und Abneigung zwiſchen beiden durch den preußiſchen Separatfrie⸗ den mit der Republik Frankreich zu Baſel, und ſelbſt die dritte gemeinſchaftliche Theilung Polens von Preußen, Rußland und Oeſtreich konnte das tief gewurzelte Mißtrauen zwiſchen den beiden teutſchen Hauptmächten nicht beſeitigen, beſonders ſeit Preu⸗ ßen dem Directorium Frankreichs, durch eine mit ihm fuͤr das nördliche Teutſchland verabredete De⸗ marcationslinie, ſich annäherte, während Oeſtreich, deſſen mäͤchtigem Zuge das ſudliche Teutſchland folgte, den Krieg gegen Frankreich fortſetzte, bis endlich Bonaparte, der Sieger Italiens, das Geſetz des Friedens zu Campo Formio vorſchrieb. Wenige Wochen nach dieſem Frieden endigte Friedrich Wil⸗ helm II. ſeine Regierung. So war ſeit den eilf Jahren, wo Friedrich II. während eines allgemeinen europäiſchen Friedens in die Gruft ſtieg, bis zu dem Tode ſeines Nachfol⸗ gers, die ganze politiſche Geſtalt des europäiſchen Staatenſyſtems veraͤndert worden. Als Friedrich II. 6 ſtarb, ſaß noch Ludwig XVI. in ſcheinbarem Frieden auf dem Throne Frankreichs. Als Friedrich Wil⸗ helm II. ſtarb, lebten die Bourbone im Auslande, und ein Buͤrgerdirectorium ſtand an der Spitze ei⸗ ner ſiegreichen und mit Uebermuthe ſich ankuͤndigen⸗ den Republik. Als Friedrich ſtarb, beſaß das Haus Sranien die erbſtatthalteriſche Wuͤrde in den Nie⸗ derlanden; als Friedrich Wilhelm ſtarb, lebte dieſes Haus in England, und Batavien galt als Eine und untheilbare Republik. Als Friedrich ſtarb, war nicht zu befuͤrchten, daß Teutſchland eine Geviert⸗ mile ſeines Beſitzthums im Weſten an Frankreich verlieren könnte; als Friedrich Wilhelm ſtarb, hatte er ſein am linken Ufer gelegenes Rheinland bereits ſeit einigen Jahren— bis zur Ausgleichung im allgemeinen Frieden— an Frankreich uͤberlaſſen. Als Friedrich ſtarb, gehörten noch zwei Millionen Belgier zur öſtreichiſchen Monarchie; als Friedrich Wilhelm ſtarb, waren dieſe der Einen und untheil⸗ baren Republik Frankreich einverleibt. Als Fried⸗ rich ſtarb, war keine Veraͤnderung der politiſchen Verhaͤltniſſe in Italien vorauszuſehen. Als Fried⸗ rich Wilhelm ſtarb, gab es keinen Freiſtaat Vene⸗ dig mehr, wohl aber im alten Lande der Langobar⸗ den eine neugeſchaffene cisalpiniſche Republik, und an der Stelle des ariſtokratiſchen Genua's die Eine und untheilbare liguriſche Republik. In Savoyen und Nizza galt das Geſetz und der Wille des fran⸗ zöſiſchen Directoriums; der Koͤnig von Sardinien ſah ſich in dem ſchonen Piemont durch republika⸗ niſche Heere maͤchtig beengt, und der Papſt hatte ſeine Anhaͤnglichkeit an die Coalition im Vertrage zu Tolentino mit der Abtretung dreier Legationen des Kirchenſtaates an die neue cisalpiniſche Repu⸗ blit bußen muſſen. Als Friedrich ſtarb, gab es noch ein Polen mit zehn bis eilf Millionen Men⸗ ſchen Bevoͤlkerung, auch noch ein von Polen lehnbares Herzogthum Kurland. Als Friedrich Wilhelm ſtarb, fehlte der Name Polens im Staaten⸗ ſyſteme Europa's, und Kurland war als Zugabe in die Vergroßerung Rußlands bei der zweiten und dritten Theilung Polens eingerechnet worden. Als Friedrich ſtarb, galt Polen noch als eine bedeutende Zwiſchenmacht zwiſchen Preußen, Rußland und Oeſtreich. Als Friedrich Wilhelm ſtarb, beruͤhrten ſich uͤberall die Grenzen Preußens, Rußlands und Oeſtreichs, ohne daß zwiſchen dieſen drei Nachbar⸗ reichen Uebereinſtimmung der politiſchen Anſichten und Plane geherrſcht haͤtte. Als Friedrich ſtarb, gebot Katharina's maͤchtiger Wille uͤber ihr nach allen Seiten hin vergroͤßertes Rieſenreich. Als Friedrich Wilhelm ſtarb, herrſchte Paul I. vom fin⸗ niſchen Meerbuſen bis zum ſchwarzen Meere; von den Grenzen China's bis an die preußiſche Grenze unweit der Weichſel. Als Friedrich ſtarb, ſaß noch Joſeph II. auf dem Wahlthrone Teutſchlands und auf den Erbthronen der oſtreichiſchen Monarchie. Als Friedrich Wilhelm ſtarb, hatten bereits Jo⸗ ſeph Il. und Leopold Il. ihre irdiſche Bahn geen⸗ digt, und Leopolds älteſter Sohn, Franz II., war dem Vater auf den Thronen Teutſchlands und Oeſtreichs gefolgt. Als Friedrich ſtarb, ſchien das teutſche Reich durch den teutſchen Fuͤrſtenbund einen neuen Stutzpunct ſeines tieferſchutterten innern Le⸗ bens erhalten zu haben. Als Friedrich Wilhelm ſtarb, war bereits in geheimen Vettraͤgen das linke Rheinufer von Preußen und Oeſtreich an Frankreich uberlaſſen, und dadurch die unaufhaltbare Aufloͤſung 8 des ganzen Reichsverbandes vorbereitet worden. Als Friedrich ſtarb, regierte noch Guſtav III. uͤber Schweden. Als Friedrich Wilhelm ſtarb, verwal⸗ tete, nach des ermordeten Guſtavs Tode, der Her⸗ zog Karl von Südermannland dieſes nordiſche Reich fur ſeinen unmuͤndigen Neffen, Guſtav IV. Als Friedrich ſtarb, war zwar bereits durch den Krieg Rußlands von 1768— 74 gegen die Pforte das Geheimniß der politiſchen Schwäche derſelben zur Oeffentlichkeit gebracht worden; allein bei Friedrich Wilhelms Tode hatte der Friede zu Jaſſy Rußland, auf Koſten der Pforte, bedeutend im Suͤden ver⸗ großert, und die von Preußen uͤbernommene Ge⸗ währleiſtung des europäiſchen Beſitthums der Pforte Katharina's politiſche Plane nicht zu hintertreiben vermocht. So bedeutend veraͤndert hatte ſich der Erdtheil Europa in dem kurzen Zeitraume von eilf Jahren, während deſſen Friedrich Wilhelm Il. an der Spitze Preußens ſtand. Rings umher bewegte ſich eine juͤngere politiſche Welt in neuen Formen, deren Dauer zwar noch wenig verbuͤrgt war, die aber doch zu durchgreifend gewirkt hatten, als daß die Wieder⸗ herſtellung des europäiſchen Staatenſyſtems auf den Standpunct des 17. Auguſts 1786 moͤglich geweſen waͤre. Doch nicht blos nach außen hatte die Stel⸗ lung Preußens zu dem geſammten Staatenſyſteme des Erdtheils ſich verändert; auch im Innern erſchien die preußiſche Monarchie am 16. Novem⸗ ber 1797 ſehr weſentlich verſchieden von ihrer An⸗ kundigung am 17. Auguſt 1786. Allerdings han⸗ 0 delte Friedrich Wilhelm im Geiſte der öffentlichen Meinung, als er die bei der Regie angeſtellten Fran⸗ zoſen entließ, das Tabaksmonopol aufhob, und die Finanzen nach den fortgeſchrittenen Anſichten der Staatswirthſchaft einrichten ließ. Eben ſo war es an der Zeit, daß das bereits von Friedrich Il. beab⸗ ſichtigte neue Geſetzbuch, um der Mengerei aus⸗ laͤndiſcher und veralteter einheimiſcher Rechte bei ei⸗ nem echtteutſchen Volke zu ſteuern, unter dem Na⸗ men des allgemeinen Landrechts ins öffent⸗1794 liche Staatsleben eintrat, wenn es gleich durch ſpa⸗ tere Nachhuͤlfen und Umarbeitungen an innerm or⸗ ganiſchen Zuſammenhange nicht gewonnen hatte. Auf gleiche Weiſe ward den Beduͤrfniſſen eines in der Eultur und Geſittung kraͤftig fortgeſchrittenen Volkes abgeholfen, als Friedrich Wilhelm, fuͤr die Leitung des geſammten Schul⸗ und Erziehungswe⸗ ſens, ein Oberſchulcollegium gruͤndete, weil die Mitglieder des Predigerſtandes nicht ſelten des hellen unbefangenen Blickes und des aus eigener Praxis hervorgegangenen ſichern Tactes in der Be⸗ handlung des Schul⸗ und Etrziehungsweſens er⸗ mangeln, das, weder in der Idee, noch in der Praxis, dem Kirchenweſen untergeordnet wer⸗ den darf, ſondern, nach ſeiner innern Wichtigkeit und nach ſeinem ſelbſtſtäͤndigen Verhältniſſe zu dem ganzen Staatsleben, dem Kirchenweſen gleichge⸗ ſtellt werden muß. Eben ſo war es für das gei⸗ ſtige Leben Gewinn, daß die Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften zu Berlin ein teutſches Gepräge erhielt, wie bereits ihre tiefgedachte und trefflich ausgeſpro⸗ chene Stiftungsurkunde unter dem Koͤnige Friedrich dem erſten beabſichtigte. Selbſt daß die karg zuge⸗ meſſenen Beſoldungen der Staatsbeamten, nach den geſteigerten Beduͤrfniſſen, erhoͤht wurden, war zeitgemaäß; denn wer fuͤr den Staat lebt, muß auch von dem Staate leben; auch daß eine In⸗ genieurakademie zu Potsdam, eine Artillerieakademie zu Berlin, eine chirurgiſche Pflanzſchule und eine Veterinärſchule ins Leben trat, entſprach den For⸗ derungen der fortgeſchrittenen Zeit. Allein ein unverkennbarer Ruckſchritt von der Bahn, auf welcher Friedrich II. die feſtere Begruͤn⸗ dung der geiſtigen Entwickelung ſeines Volkes, und die Aufrechthaltung der innern und aͤußern Sicher⸗ heit durch den von ihm geſammelten Schatz zu er⸗ ſtreben geſucht hatte, war der eigenmaͤchtige, dem Geiſte des Proteſtantismus widerſprechende, Ein⸗ griff in das Gebiet der religiöſen und kirchlichen Frei⸗ heit durch das Religionsedict, die Lähmung des freien Wortes durch Beſchräͤnkung der Preſſe, und die Verſchwendung des geſammelten Schatzes. Friedrich II. ſprach, am Abende ſeines Lebens, im Jahre 1781 in der an ſeinen Miniſter Hertz⸗ berg gerichteten Schrift:„Verſuch uͤber die Regierungsformen und uͤber die Pflich⸗ ten der Regenten“ das große Wort aus: „Wenn man bis zu dem urſprunge der Geſellſchaft hinauf ſteigt; ſo iſt es einleuchtend, daß der Re⸗ gent ſchlechterdings kein Recht uber die Meinungen der Buͤrger hat. Muͤßte man nicht wahnſin⸗ nig ſeyn, wenn man ſich vorſtellen wollte, daß Menſchen zu einem ihres Gleichen geſagt haͤtten: wir erheben dich uͤber uns, weil wir gern Sklaven ſeyn wollen, und wir geben dir die Macht, unſere Gedanken nach deiner Willkühr zu lenken. Sie ha⸗ ben vielmehr geſagt: wir beduͤrfen Deiner, um die Geſetze aufrecht zu erhalten, denen wir gehorchen 11 wollen, um weiſe regiert zu werden und uns zu ver⸗ theidigen; uͤbrigens fordern wir von dir Achtung fuͤr unſere Freiheit. Dies iſt das Verlangen der Voͤlker, wogegen keine Einwendung ſtatt finden kann“— Anders dachte Woͤllner, der vom Landprediger allmaͤhlig zum geheimen Finanzrathe und zum Staatsminiſter aufgeſtiegen war, und, nach ſeiner geiſtigen und theologiſchen Bildung, da ſtand, wohin Hutter, Calov und Quenſtadt die Theologie gebracht hatten. Nothwendig waren ſeiner geiſtigen Beſchraͤnktheit die von ihm nicht be⸗ griffenen Fortſchritte der Theologie durch Semler, Spalding, Wilhelm Abraham Teller und an⸗ dere inländiſche preußiſche Gelehrte ein Graͤuel; und wohin konnte nicht die ehemalige ancilla theo- logiae, die nach Selbſtſtändigkeit ſtrebende Philo⸗ ſophie fuͤhren, ſeit ſie durch den von Charlottenburg nach Halle verſetzten Eberhard populair, und durch den„alles zermalmenden“ Kant aus den Truͤmmern der ſcholaſtiſchen Metaphyſik zu einer, bis dahin nicht geahneten, neuen Geſtalt ausgeprägt worden war! Gegen ſolche verbotene Waare und un⸗ nöthige Speculation mußte ein ſtarker Schlagbaum gezogen werden; und ſo erſchien am 9. Juli 1788 das in der ganzen preußiſchen Monarchie mit Unwil⸗ 1788 len aufgenommene, und im Auslande allgemeines Staunen und Befremdung erregende, Religions⸗ edict, der einzige öffentliche Act, wodurch Woͤll⸗ ners an ſich unbedeutender Name in der Geſchichte der Theologie und der Aufklärung des juͤngern Eu⸗ ropa ſich erhalten hat. Der Inhalt der vierzehn Artikel dieſes Edicts war folgender. Zuerſt ward ausgeſprochen, daß die drei chriſtlichen Hauptconfeſ⸗ ſionen und uͤbrigen„eingeſeſſenen“ Religionspar⸗ 12 theien, Juden, Herrnhuter, Mennoniſten und böh⸗ miſche Brüder, nach wie vor, geduldet und beſchuͤtzt werden ſollten; doch duͤrfte, außer der erlaubten Ab⸗ änderung ceremonieller Sachen, das Weſentliche des Lehrbegriffes bei keiner Confeſſion geändert wer⸗ den.„Die alten Kirchenagenden und, Li⸗ turgieen ſollen beibehalten, die Grundſaͤulen des Glaubens der Chriſten nicht wankend gemacht, die Irrthuͤmer der Deiſten, Naturaliſten und anderer Secten nicht mehr aufgewärmt, der Glaube an das Geheimniß des Verſoͤhnungswerkes und der Genug⸗ thuung des Welterlöſers den Leuten nicht verdächtig oder uͤberfluſſig gemacht werden, welchem Unweſen Se. Majeſtäͤt ſchlechterdings geſteuert wiſſen wollen, vei unausbleiblicher Caſſation und, nach Befinden, noch haͤrterer Strafe. Die mit dieſen, leider, mehr oder weniger angeſteckt ſind, ſollen zwar im Amte gelaſſen werden, muͤſſen aber bei der Vorſchrift des Lehrbegriffes hei⸗ lig und unverletzbar bleiben. Die Beſetzung der Pfarreien, Lehrämter auf Univerſitaͤten und Schu⸗ len ſoll nur durch ſolche Subjecte geſchehen, an deren reiner Ueberzeugung von dem, was ſie öffentlich zu leh⸗ ren haben, man nicht zu zweifeln Urſache habe!“— Demungeachtet gelangte in dieſer Zeit das Weib des geheimen Kämmerers Rietz, die nunmehrige Grä⸗ fin von Lichtenau'), zu großem Einfluſſe, deſ⸗ *) Man vergleiche die, von ihr ſelbſt den Materia⸗ lien nach geſammelte, vom Prorector Schummel in Breslau aber geordnete und ſtyliſtiſch einge⸗ kleidete: LTpologte der Graͤfin Lichtenau⸗ 2 Theile. Leipzig u. Gera, 1808. 3. ſo wie die theilweiſe Berichtigung dieſer Apologie von Dampmartin; quelques traits de la vie 13 ſen Stuͤtzpunct nichts weniger, als die im Religions⸗ edicte ausgeſprochenen Grundſätze waren. Schon vorher ward der edle Miniſter von Zedlitz, der ſeit dem Jahre 1774 dem Kirchen⸗ und Schulweſen in Friedrichs Geiſte vorgeſtanden hatte, durch Woͤllner verdraͤngt. Allein die vollige Umgar⸗ nung des gutmuͤthigen Koͤnigs in ſeiner unmittelba⸗ ren Naͤhe ward durch den ſchlauen und höchſt umſich⸗ tigen von Biſchoffswerder vollendet, der aus Thuͤringen ſtammte, im bayriſchen Erbfolgekriege eine Jägerabtheilung befehligte, und nach dem Teſchner Frieden der Geſellſchafter und Vertrauter des damaligen Kronprinzen ward. Ein Zogling des beruͤchtigten Schroͤpfer, und tief eingeweiht in die Geheimniſſe der Roſenkreuzerei, ſuchte er nicht blos die Verwandlung der unedlen Metalle in edle, de⸗ ren er viele bedurfte; er gebot auch der Geiſterwelt, de⸗ ren warnende Stimmen nicht ohne Einfluß auf die Beſchluͤſſe ſeines königlichen Freundes blieben. Ob Biſchoffswerder ſelbſt an dieſe Myſtik glaubte, oder ob er ſie, auf gut jeſuitiſch, blos als Mittel fur ſeine Zwecke gebrauchte, ſteht dahin. Bei ſei⸗ ner Vielſeitigkeit, Verſchloſſenheit und Gewandtheit ſcheint die zweite Anſicht der Wahrheit naher zu kommen, als die erſte. Fuͤr Woͤllnern, ſeinen Freund, der, bei eigener Geiſtesarmuth, der Nach⸗ huͤlfe der Geiſterwelt mehr bedurfte, als Biſchoffs⸗ werder, ſpricht wohl die erſte Anſicht. Bei dieſen Geiſterbeſchwoͤrungen huͤtete man ſich aber, den ein⸗ zigen Geiſt zu beſchwören, der ſolche Gaukelei mit einem einzigen ſatyriſchen Worte vernichtet haben privée de Frédéric-Guillaume II. Paris, 1811. 8. 14 wurde: den Geiſt Friedrichs des Großen. Wie uͤbel war doch Friedrich Wilhelms wohlwollen⸗ des und leichtes Dahingeben an Maͤnner berathen, von welchen der eine ein Hyperorthodor des ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts mit einem ſtarken Beiſatze von Myſtik und Unduldſamkeit, der andere ein Schro⸗ pferianer mit tiefberechneter Schlauheit, Bereiche⸗ rungsſucht und ſchielender Staatskunſt war. Zwar blieb die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten noch einige Jahre in Hertzbergs Haͤnden, des Mannes, der in der diplomatiſchen Schule Friedrichs ſich gebildet hatte; allein ſeine Einſicht und ſein Einfluß reichten in ſchwierigen Fällen nicht hin, die in des Königs unmittelbarer Nähe gefaßten Be⸗ ſchluͤſſe zu verändern. Auch hatte es zu Friedrichs Eigenthuͤmlichkeit gehört, daß er uͤberall ſelbſt regierte, und daß die, welche ihm am naͤchſten ſtan⸗ den, mehr nur das Beiwerk ſeiner Staatskunſt aus⸗ bilden und geſtalten, als ihn unmittelbar berathen durften. Es gab daher bei Friedrichs Tode eine achtbare Zahl fleißiger, viel gebrauchter und mit reichen Kenntniſſen ausgeſtatteter Staatsmänner, von welchen aber keiner zum Dirigiren im hoͤ⸗ hern Sinne des Wortes ſich eignete, weil Fried⸗ rich ſie nie daran gewöhnte, ſondern die Anfangs⸗ und Endpuncte der Leitung aller innern und aus⸗ wärtigen Staatsangelegenheiten ſich ſelbſt vorbehalten hatte. Dies blieb nicht ohne nachtheiligen Einfluß auf die unter Friedrich Wilhelm I. geuͤbte Staats⸗ kunſt; denn oft wähnte man in Friedrichs Geiſte zu handeln, wenn man die von Friedrich befolgten po⸗ litiſchen Grundſaͤtze auf neueingetretene Verhältniſſe übertrug, welche dem Kreiſe des bis zum 17. Au⸗ guſt 1786 anwendbaren politiſchen Maasſtabes voͤllig fremd waren. 15 Zwar hatte Friedrich Wilhelm Achtung und Ehrfurcht vor der Aſche ſeines Oheims, der ihm, bereits im Todesjahre ſeines nächſtgebohrnen 1768 Bruders, zum Prinzen von Preußen erklaͤrt, ſeine Jugendbildung der Leitung des Oberſten von Bork und dem Unterrichte des Akademikers Begue⸗ lin anvertraut, ihn aber nie zur Theilnahme an Staatsgeſchaͤften herangezogen, auch nicht ſelten die Verhaͤltniſſe ſeines Lebens als Kronprinz— das dem des Koͤnigs Friedrich zu Rheinsberg nichts weniger, als aͤhnlich war— gemißbilligt hatte; allein die, von Friedrichs Perſonlichkeit völlig ver⸗ ſchiedene, Individualitat Friedrich Wilhelms fuͤhrte bald zu einem ganz veraͤnderten Verwaltungs⸗ und Regierungsſyſteme, in welchem die Verſchwendung des von Friedrich geſammelten Schatzes, der uͤber 70 Millionen Thaler betrug, bis zum Jahre 1792, ſo wie die auf den Staat gebrachte Schuldenlaſt von 28 Millionen bei Friedrich Wilhelms Tode,— un⸗ geachtet der vergroßerten Einkuͤnfte der Monarchie durch die neuerworbenen Länder, und ungeachtet der brittiſchen und niederlaͤndiſchen Subſidien,— eine der dunkelſten Seiten bildet. Man ſpricht einen geſchichtlich begruͤndeten Satz aus, wenn man behauptet, daß die alte und die neue Zeit im europäiſchen Staatenſyſteme im To⸗ desjahre Friedrichs ſich von einander ſchied; denn die Ankuͤndigungen einer neuen Zeit, welche nicht mehr nach den Grundſaͤtzen der ſeit dem Huberts⸗ burger Frieden beſtehenden Staatskunſt behandelt werden konnten, traten uͤberall hervor. Im Weſten Europa's deuteten das undeckbare jährliche Finanz⸗ 16 veficit von 140 Millionen Livres und die weitere Verbreitung der aus Nordamerika uͤber das Welt⸗ meer gebrachten republikaniſchen Anſichten, auf Veränderungen hin, welche, bei der Wichtigkeit und Neuheit der Veranlaſſungen, nach ihrem Um⸗ fange und nach ihren Folgen von den gleichzeiti⸗ gen Staatsmännern nicht im Voraus berechnet werden konnten. Reibungen anderer Art zwiſchen der oraniſchen und patriotiſchen Parthei in dem Frei⸗ ſtaate der Niederlande bedrohten die innere Ruhe dieſer Republik, und fuͤhrten zuletzt zu aͤhnlichen Ergebniſſen, wie in Frankreich.— Wäͤhrend ſo im weſtlichen Theile des europäiſchen Staatenſyſtems die chro⸗ niſche Krankheit der Finanzen mit der acuten Krank⸗ heit neuaufgefaßter politiſcher Ideen zu einer all⸗ gemeinen Epidemie zuſammentraf, begann im oͤſt⸗ lichen Staatenſyſteme die maͤchtige Bewegung der Polen zur Umgeſtaltung ihrer veralteten Verfaſſung, und im ſuͤdöſtlichen Staatenſyſteme der Krieg Ruß⸗ lands und Oeſtreichs gegen die Pforte. Schon fruͤher hatte Europa politiſche Revolutionen in meh⸗ rern Staaten geſehen; allein keine begann mit der umſtuͤrzung des ſeit vierzehn Jahrhunderten beſtan⸗ denen Lehnsſyſtems, wie die in Frankreich. An Gäͤhrungen und innere Stuͤrme in Polen hatte man ſich bereits ſeit Jahrhunderten gewoöhnt; doch war noch auf keinem fruhern polniſchen Reichstage die Ent⸗ werfung einer ſchriftlichen Verfaſſungsurkunde als Grundlage der neuen Geſtaltung des innern Staatsle⸗ bens zur Sprache gekommen. Schon oͤfters hatte es Tuͤrkenkriege gegeben; allein ein Kampf gegen die Pforte, der das ganze Daſeyn der osmaniſchen Macht in Europa bedrohte, war bis dahin noch nicht eröffnet worden. Die uͤbrigen Begebenheiten⸗ 17 welche gleichzeitig im europaiſchen Staatenſyſteme eintraten, waren zwar an ſich nicht unbedeutend, und trugen gleichfalls zum Theile einen ganz neuen politiſchen Charakter, erreichten aber nicht die poli⸗ tiſche Bedeutſamkeit dieſer drei genannten. Wie alle dieſe Ereigniſſe, die in dem kurzen Zeitraume weniger Jahre ſich zuſammendraͤngten, von der Staatskunſt der europäiſchen Hauptmächte betrachtet und behandelt werden wuͤrden; das mußte theils uͤber den Charakter der öffentlichen Ankuͤndigung dieſer Mächte, theils uͤber ihre neue Stellung gegen einander entſcheiden⸗ Zunaͤchſt war es die Reibung der beiden poli⸗ tiſchen Partheien in dem Freiſtaate der Nie⸗ derlande, welche die Staatskunſt Preußens be⸗ ſchaͤftigte. Dieſer Freiſtaat hatte, waͤhrend des nordamerikaniſchen Krieges, mehrere Jahre hindutch ſeine Neutralität bewahrt, wodurch er die Vortheile der neutralen Schiffahrt am ſicherſten zu erhalten glaubte, die aber Großbritannien vielfach beeinträch⸗ tigte. Als daher, im Laufe dieſes Krieges, Katha⸗ 1780 rina von Rußland die Rechte der neutralen Schif⸗ fahrt, gegen Großbritanniens Eingriffe, in der be⸗ waffneten nordiſchen Neutralitaͤt ſicher ſtellte; ſo ſchloß auch, nach dem Vorgange anderer notdiſchen Mächte, der Freiſtaat der Niederlande ſich derſelben an. Dafuͤr erklärte ihm Großbritannien den Krieg, aus welchem der Freiſtaat mit bedeu⸗ tenden Verluſten heraustrat. Dies fuͤhrte zur laut⸗ 1784 werdenden Unzufeiedenheit der niederlaͤndiſchen Pa⸗ trioten mit dem Erbſtatthalter Wilhelm V., den ſie im brittiſchen Intereſſe befangen glaubten, und den IV. 2 ſie beſchuldigten, er habe abſichtlich die Marine in Verfall gerathen laſſen, und durch geheime Befehle die kriegeriſchen Unternehmungen gelaͤhmt. Waͤh⸗ rend daher die patriotiſche Parthei Frankreich ſich 1785 näherte, ſuchte Wilhelm die Unterſtützung Fried⸗ richs Il., der aber ganz offen erklaͤrte,„der Erb⸗ ſtatthalter habe keine großen Eigenſchaften und keine guten Rathgeber, und, wegen der Zufaͤlligkeit einer Verwandtſchaft, werde er ſich nicht in die innern Angelegenheiten eines Staates miſchen.“ Friedrich beſchraͤnkte ſich darauf, den Generalſtaaten ſeinen Wunſch mitzutheilen, die Ir⸗ rungen mit dem oraniſchen Hauſe guͤtlich aus⸗ zugleichen. Als aber, nach dem Tode Friedrichs, die Span⸗ nung hoher ſtieg, und die Gemahlin des Erbſtatt⸗ halters— die Schweſter Friedrich Wilhelms Il.— 1787 auf ihrer Reiſe von Nimwegen nach dem Haag bei Schoonhoven durch die Patrioten zur Ruͤckkehr ge⸗ noͤthigt ward; da verlangte Preußen Genugthuung fuͤr dieſen Schritt, die aber verweigert ward. 1787 Darauf drang ein preußiſches Heer— während Spt. Frankreich, der Bundesgenoſſe Hollands, unthaͤtig blieb— unter Ferdinand von Braunſchweig ohne Widerſtand in den Niederlanden vor. Der Erb⸗ ſtatthalter kehrte im Triumphe nach dem Haag zu⸗ ruͤck, und die Generalſtaaten erklärten die Wieder⸗ 21. herſtellung der alten Ordnung der Dinge. Die Spt. Männer, welche die Erbſtatthalterin fuͤr ihre Feinde erklaͤrte, verließen theils ihr Vaterland, theils wur⸗ den ſie ihrer Aemter entſetzt. Eine unmittelbare Folge der Herſtellung des Erbſtatthalters in ſeine vorigen Rechte war die Abſchließung eines Vertheidigungs⸗Buͤndniſſes im Haag 19 am 15. Apr. 1788 zwiſchen Großbritannien und 1788 Preußen mit den Niederlanden, worin zugleich beide Mächte die Gewaͤhrleiſtung der Erbſtatthalter⸗ ſchaft uͤbernahmen, und alle drei einander ihre ge⸗ ſammten Beſitzungen garantirten. Doch nicht blos im Freiſtaate der Niederkande kuͤndigten ſich die erſten Spuren der maͤchtigen Be⸗ wegung des aufſtrebenden Volksgeiſtes an, deren ei⸗ gentlicher Mittelpunct Frankreich war; auch in Belgien zeigten ſich bedenkliche oͤffentliche Spu⸗ ren einer lang verhaltenen Gährung. Dieſes ſchoͤne Land, ein Erwerb Oeſtreichs aus der ſpaniſchen Erb⸗ ſchaft, ſtand im Beſitze bedeutender Vorrechte, und, ungeachtet des dort herrſchenden Gewerbsfleißes, Handels und Wohlſtandes, war doch— was ſonſt mit den Fortſchritten der Geſittung und der Cultur ſelten vereinbar iſt— in Belgien der Prieſterſtand maͤchtig und einflußreich. Als nun der Kaiſer Jo⸗ ſeph II. die großen Umbildungen des innern Staatsle⸗ bens in den geſammten Laͤndern der öſtreichiſchen Mo⸗ narchie mit aller Raſchheit ſeiner Individualitat begann, fand er, naͤchſt Ungarn, nirgends ſo vielen Wider⸗ ſtand, als in Belgien. Manche Willkuͤhr herrſchte allerdings in Joſephs Entwuͤrfen; ſo namentlich die Errichtung eines Generalſeminariums zu Löwen fuͤr alle Belgier, die ſich dem theologiſchen Studium widmeten; und eben ſo die von ihm verſuchte Veraͤn⸗ derung in der Gerichtsverfaſſung und in dem Steuer⸗ ſyſteme des Landes. Dazu kam, daß er den Stolz der Belgier durch ſeinen Plan, ſie gegen Bayern an Chur⸗ pfalz zu vertauſchen, beleidigt hatte; auch verlor er, bei dem im Jahre 1787 eroͤffneten Tuͤrkenkriege, die W 20 Angelegenheiten Belgiens zum Theile aus dem Blicke. Als aber die Staͤnde von Brabant ihm die herköͤmm⸗ lichen Huͤlfsgelder zum Kriege verweigerten; da er⸗ 1789 klaͤrte der beleidigte Kaiſer ihre Vorrechte fuͤr erloſchen, und hob namentlich die bisherige politiſche Verfaſſung Brabants auf. Die Folge war ein Aufſtand in den meiſten belgiſchen Provinzen. Die Vorgaͤnge in Frankreich waren fuͤr die Belgier nicht verloren ge⸗ gangen; im hollaͤndiſchen Brabant verſammelten ſich die belgiſchen Patrioten zu Breda, conſtituirten 1789 ſich als Stande, und der Advocat van der Noot 24. entwarf das Manifeſt, in welchem ſich Brabant fur Oct. unabhaͤngig erklärte. Vergeblich waren Joſephs Schritte zu ihrer Beruhigung, und die Zuruͤcknahme 1790 ſeiner fruͤhern raſchen Verordnungen. Der Aufſtanh 11. verbreitete ſich uͤber ganz Belgien; die öſtreichiſchen Jan. Heerestheile mußten das Land verlaſſen, und zu Bruͤſſel trat ein ſogenannter ſouverainer Congreß zu⸗ 20. ſammen. Wenige Wochen darauf ſtarb Joſeph II. Febr. Die verſoͤhnenden Vorſchlaͤge ſeines Nachfolgers, Leopolds Il., ließ der Congreß zu Brüſſel ohne Ant⸗ wort; denn er erwartete, bei der damaligen Span⸗ nung zwiſchen Preußen und Oeſtreich, einen Krieg zwiſchen beiden Maͤchten. Allein die Ergebniſſe des Congreſſes zu Reichenbach in Schleſien, die ſo⸗ gleich berichtet werden ſollen, wirkten bedeutend auf Belgien zuruͤck. In Reichenbach unterhand ten Preußen, England und Niederland, als einverſtan⸗ dene Verbuͤndete, mit Oeſtreich, und zunächſt uͤber die Ausſoͤhnung Oeſtreichs mit der Pforte; doch ward zugleich der belgiſchen Angelegenheit daſelbſt gedacht, und verabredet, daß die Belgier ihre Vor⸗ rechte zuruͤck und allgemeine Amneſtie erhalten ſoll⸗ ten, wogegen die vermittelnden Mächte die Gewähr⸗ 2 leiſtung Belgiens fur Oeſtreich uͤbernahmen. Dem⸗ ungeachtet mußte Leopold von Bohmen aus ein Heer zur Unterwerfung Belgiens ſenden, welche eben ſo ſchnell gelang, wie drei Jahre fruͤher die Wiederherſtellung der vorigen Ordnung der Dinge im niederlaͤndiſchen Freiſtaate durch die Preußen. Gleichzeitig mit dieſen Bewegungen in Belgien gährte es auch im Hochſtifte Luͤttich, wo der Bi⸗ ſchoff Conſtantin Franz, durch ſeine willkuͤhrlichen Ein⸗ griffe in die Rechte der Staͤnde, die Stimmung desVol⸗ kes gegen ſich aufgeregt hatte. So klein das Land war; ſo wirkte doch auch hier das an der Seine gegebene Beiſpiel. Der Fuͤrſtbiſchoff ſah ſich genoͤthigt, die 1789 Herſtellung der Rechte der Stäͤnde ſchriftlich anzuer⸗ 18. kennen. Wie redlich er es aber mit ſeinem Fuͤrſten⸗Aug. worte meinte, zeigte ſeine Abreiſe nach Trier, und die beim Reichskammergerichte erhobene Klage. Teutſch⸗ land ward uͤberraſcht, als dieſes hochſte Reichscollegium die Luͤtticher fuͤr Rebellen erklaͤrte, und die Voll⸗ ziehung ſeines Erkenntniſſes den Directoren des weſt⸗ phaͤliſchen Kreiſes, und namentlich Preußen we⸗ gen Cleve auftrug. Der preußiſche Geſandte Dohm, ein erfahrner Diplomat aus Hertzbergs politiſcher Schule, trug Bedenken, mit Strenge zu verfahren, wodurch der Fuͤrſtbiſchoff bewogen ward, bei dem Reichskammergerichte ein zweites Er⸗ kenntniß zur Vollziehung ſeines Beſchluſſes auf den burgundiſchen Kreis zu bewirken. So erſchien aus dem eben unterworfenen Belgien ein öſtreichiſcher Heerestheil, unter deſſem Schutze der Fuͤrſtbiſchoff mit dem Domcapitel im Triumphe nach Luttich zu⸗ ruͤckkehrte, und das Reactionsſyſtem mit der Strenge eines beleidigten Prieſterfurſten uͤbte. Ob nun gleich die Vorgaͤnge in Belgien und Luttich der Staatskunſt Preußens nicht fremd blie⸗ ben; ſo beruͤhrten doch die Ereigniſſe in Polen, und der von Rußland und Oeſtreich gemeinſchaftlich ge⸗ fuhrte Krieg gegen die Pforte, die politiſchen Intereſſen Preußens unmittelbar und hochſt folgen⸗ reich. Beide Reiche, Polen und die Tuͤrkei, hat⸗ ten ſich nach ihren innern Verfaſſungs- und Ver⸗ waltungsformen uͤberlebt; ſie waren alſo, nach dem unveraͤnderlichen Naturgeſetze der Kraftloſigkeit ver⸗ aiternder Körper, auch in ihrer äußern Ankuͤndigung kraftlos, und in ihrer Stellung zu dem Auslande minder wichtige Bundesgenoſſen. Doch blieb die Erhaltung der Selbſtſtandigkeit Polens eine weit wichtigere Aufgabe fuͤr die Staatskunſt Preußens, als ein Buͤndniß mit der Pforte. Denn Polen war der unmittelbare Nachbar Preußens, und ſeit zwei Jahrzehnten vielfach von Rußland abhaͤngig, beſonders ſeit der ſogenannte permanente Rath zu Warſchau von dem ruſſiſchen Geſandten geleitet ward. Uebrigens war es fuͤr Preußen nicht gleich⸗ guͤltig, daß Rußland in dem Jahre 1780 die Er⸗ neuerung der ſechszehnjaͤhrigen Verbindung mit Preußen abgelehnt, und deſto genauer ſich Oeſtreich angeſchloſſen hatte. Dazu kam, daß, waͤhrend im osmaniſchen Reiche an nichts weniger, als an die zritgemaͤße Umgeſtaltung des veralteten innern Staatslebens gedacht ward, unter dem edlern und gebildeten Theile der Polen ein Geiſt ſich regte, der die Wiedergeburt des innern Staatslebens und die Befreiung von dem harten Drucke Rußlands beab⸗ ſichtigte. Wohl erkannten die Männer der polni⸗ ſchen Freiheit und Selbſtſtäͤndigkeit, theils daß der 23 begonnene Tuͤrkenkrieg fuͤr ſie der angemeſſenſte Zeit⸗ punct waͤre, den Verjuͤngungsverſuch ihrer veralteten Verfaſſung zu wagen; theils daß ſie dabei auf die Mitwirkung einer auswärtigen Macht rechnen muͤß⸗ ten, die bei der Erhaltung der Selbſtſtändigkeit Po⸗ lens, und bei der Beſchränkung des ruſſiſchen Ein⸗ fluſſes auf Polen, ſelbſt weſentlich intereſſirt wäre. Dieſe Macht konnte keine andere ſeyn, als Preußen; denn Preußens Staatsintereſſe ſchien gleich ſtark zu fordern, daß Polen, als Mittelmacht zwiſchen Preußen, Rußland und Oeſtreich, und zwar mit dem geſicherten Charakter politiſcher Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit fortdauerte, und daß Rußland und Oeſt⸗ reich durch die beabſichtigte Aufloͤſung der osmani⸗ ſchen Herrſchaft in Europa nicht zu ein'm, das bis⸗ herige politiſche Gleichgewicht unter den Mächten im europäiſchen Oſten vollig erſchuͤtternden, Uoberge⸗ wichte gelangten. Ein ähnliches Gefuͤhl bewirkte gleichzeitig die Kriegserklärung Schwedens an 1738 Rußland; nur daß dieſer Krieg, unter dem Ein⸗ fluſſe innerer Spaltungen in Schweden, welche die Staatskunſt Katharina's mit großem Erfolge be⸗ nutzte, ohne bedeutendes Ergebniß, ſchon im Jahre 1790 durch den Frieden zwiſchen Schweden und 1790 Rußland beendigt ward. In Polen trat bereits am 6. Oct. 1788 der Reichstag zuſammen. Wie tief man die Gebrechen der bisherigen Verfaſſung, und die erſte Theilung Polens als Folge dieſer Gebrechen gefuhlt hatte, be⸗ zeugte ſogleich der erſte Beſchluß des Reichstages, nach welchem er das ſogenannte freie Veto(li- berum Veto) aufhob, und an deſſen Stelle die Entſcheidung der Reichstagsbeſchlüſſe nach der Mehr⸗ heit der Stimmen ſetzte. Doch regte ſich ſchon da⸗ 24 mals gegen die beabſichtigte neue Ordnung der Dinge eine bedeutende Oppoſition auf dem Reichstage, de⸗ ren Mittelpunct der ruſſiſche Geſandte Stackelberg war, welcher allen von dem Reichstage gefaßten Be⸗ ſchluͤſſen formlich widerſprach, weil ſie eine Ver⸗ letzung der zwiſchen Rußland und Polen beſtehenden Verträge enthielten.— Der Reichstag wies naͤmlich, unter Mitwirkung Preußens, den Antrag Rußlands zur Abſchließung eines Schutzbundniſſes gegen die Pforte zuruck, und beſchloß die Errichtung eines Hee⸗ res von 60,000 Mann. Die Geiſtlichkeit und der Adel verzichteten, fuͤr die Erreichung dieſes Zweckes, freiwillig auf ihr Recht der Steuerbefreiung, und Preußen, die Pforte, Schweden und Großbritan⸗ nien billigten die Beſchluͤſſe des Reichstages. Be⸗ ſonders gab Preußen die aufmunternde Erklärung, daß es die Unabhängigkeit Polens gewaͤhrleiſten, und in die innern Angelegenheiten der Republik auf keine Weiſe ſich miſchen wolle. Ob nun gleich der ſchwache Koͤnig Stanislaus Auguſtus in den von ihm zu ergreifenden Maasregeln ſchwankte; ſo trat er doch zuletzt den Beſchluͤſſen des Reichstages bei, als dieſer ihm ankuͤndigte, die Nation werde ihn verlaſſen, und als der Reichstag durch die Erkläͤrung an Stackelberg, er werde das Volk in Maſſe auf⸗ bieten, auch den ruſſiſchen Hof dahin brachte, den Reſt ſeiner Heeresmaſſen aus Polen zu entfernen. Darauf begann der Entwurf einer neuen Ver⸗ faſſungsurkunde fuͤr Polen, womit ein Ausſchuß des Reichstages beauftragt ward, und die naͤhere Unterhandlung mit Preußen. Doch verzog ſich der Abſchluß des Buͤndniſſes mit dieſer Macht; theils weil Rußlands Staatskunſt demſelben moͤg⸗ lichſt entgegenwirkte; theils weil Preußen zugleich 25 die Abſchließung eines Handelsvertrages, und, fuͤr die Einwilligung in die von den Polen geforderte un⸗ beſchraͤnkte Handelsfreiheit, den Beſitz der Stadt Danzig verlangte. Weil man uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand ſich nicht vereinigen konnte; ſo ward blos am 29. Maͤrz 1790 ein Freundſchafts⸗ und 1790 Bundesvertrag zwiſchen Preußen und Polen unterzeichnet. In dieſem Vertrage gewaͤhrlei⸗ ſteten beide Machte einander alle ihre Be⸗ ſitzungen, verzichteten auf alle gegenſeitige An⸗ ſpruͤche, und verſprachen einander, auf den Fall eines Angriffes, ſich zu unterſtuͤtzen, und zwar im dringenden Falle mit ihrer ganzen Macht. Bei dieſem Vertrage darf nicht uͤberſehen wer⸗ den, daß er erſt nach dem Abſchluſſe eines Buͤnd⸗ niſſes zwiſchen Preußen und der Pforte, und nach dem(am 20. Februar 1790) erfolgten Tode Jo⸗ ſephs II. unterzeichnet ward. So wenig auch Preu⸗ ßen anſich bei dem Pflanzendaſeyn der Pforte im eu⸗ ropaͤiſchen Staatenſyſteme intereſſirt war; ſo wenig konnte es ihm doch gleichguͤltig ſeyn, wenn ſeine beiden maͤchtigen Nachbarn, Oeſtreich und Ruß⸗ land, durch die gemeinſchaftliche Eroberung und Theilung des osmaniſchen Reiches bedeutend ſich verſtärkten. Der Divan ſelbſt erkannte, ſeit dem Zuſammentreffen Joſephs ll. mit Katharina II. zu Cherſon, ſein politiſches Daſeyn bedroht, und er⸗1787 kläͤrte, unter brittiſchem und preußiſchem Einfluſſe, an Rußland den Krieg(15. Auguſt 1787). 1787 Mit Oeſtreich wuͤnſchte die Pforte keine Entzweiung; 15. Joſeph aber, der Krieg wollte, legte der Pforte ſo Aug. harte Bedingungen, als auftretender Vermittler 26 zwiſchen beiden Maͤchten vor, daß die Pforte darauf nicht eingehen konnte. Darauf erklaͤrte auch Joſeph, — unter dem Vorwande der abgelehnten Vermitt⸗ 1788 lung,— der Pforte den Krieg. Obgleich in dieſem 9. Kriege die Ruſſen mehrere Siege erfochten, und na⸗ Febr. mentlich Oczakow erſtuͤrmten; ſo war doch der oͤſtrei⸗ chiſche Kriegsplan, von der Grenze Croatiens bis zur Bukowina einen ungeheuern Cordon von Trup⸗ pen aufzuſtellen, und nur an den beiden Endpuncten dieſes Cordons angriffsweiſe zu verfahren, fehler⸗ haft und nachtheilig. Die Unthaͤtigkeit im Felde entmuthigte die Soldaten, Krankheiten verminderten die Zahl, und Joſeph II. brachte von den Grenzen Ungarns den Krankheitsſtoff nach Wien zuruͤck, der ihm in den erſten Wochen des Jahres 1790 das Le⸗ ben koſtete. Doch hatten die Oeſtreicher, ſeit Lau⸗ 1789 don den Oberbefehl erhielt und das bisherige Cordon⸗ 8. ſyſtem veraͤnderte, mehrere Siege erfochten, und Oct, die Feſtung Velgrad mit Sturm genommen. Bei der unheilbaren Lungenſucht des Kaiſers Joſephs II. konnte nicht im Voraus berechnet wer⸗ den, welchen Charakter die Staatskunſt ſeines Bru⸗ ders und Nachfolgers, des Großherzogs Leopold von Toſtana, annehmen wuͤrde, Preußen beſchloß da⸗ her, den moͤglichen Erfolgen zuvor zu kommen. In den meiſten Staaten der öſtreichiſchen Monarchie herrſchte Unzufriedenheit mit Joſephs raſchen und eigenmaͤchtigen Schritten; der Krieg gegen die Tuͤr⸗ ken war nicht populär, und hatte die Abgaben ge⸗ ſteigert; Velgien war im Aufſtande; die Magnaten Ungarns grollten uͤber die Beeinträchtigung ihrer Rechte; Heſtreichs Vundesgenoſſe, Frankreich, war durch den Ausbruch der Revolution, mit ſich ſelbſt vollauf beſchftigt, ohne an die Einmiſchung in die Zwiſte des Auslandes denken zu können; und Eng⸗ land, Niederland und Schweden waren in der turki⸗ ſchen und polniſchen Sache mit Preußen einverſtan⸗ den. Unter dieſen Verhältniſſen ſchloß Preußen am 31. Jan. 1790 ein Buͤndniß mit der 1790 Pforte, in welchem Preußen die Länder derſelben 31. gewaͤhrleiſtete, wie ſie vor dem Anfange des letzten Jan. Krieges geweſen waͤren, und wo ſogar die Krimm eingeſchloſſen ward, dafern dieſe von der Pforte im Laufe dieſes Krieges wieder erobert wuͤrde. Der preußiſche Abgeordnete von Dietz hatte bei dieſem Vertrage ſeine Vollmacht mehrfach uͤberſchritten. Er war bloß zur Abſchließung eines Vertheidigungs⸗ buͤndniſſes berechtigt worden; er uͤbernahm die Ge⸗ währleiſtung der Beſitzungen der Pforte, ohne daß die Pforte fuͤr Preußen eine gegenſeitige Gewährlei⸗ ſtung in die politiſche Wagſchale legen konnte. Er zog ſogar die Krimm, welche bereits ſeit mehrern Jahren unter dem Namen eines Koͤnigreiches Tau⸗ rien dem ruſſiſchen Reiche einverleibt worden war, in die Bedingungen des Vertrages. Deshalb ver⸗ zog ſich auch die Ratification des abgeſchloſſenen Buͤndniſſes von Seiten Preußens fuͤnf Monate; und als ſie erfolgte, ward die von Preußen uͤber⸗ nommene Gewaͤhrleiſtung nur auf die, in dem da⸗ maligen Kriege vorlornen, Beſitzungen der Pforte beſchraͤnkt. Der Vertrag ſelbſt mit der Pforte ward vor Joſephs Tode, die Ratification erſt nach der Thron⸗ beſteigung Leopolds unterzeichnet. So mild auch Leopolds perſoͤnlicher Charakter war; ſo hatte doch, bei ſeiner Ankunft zu Wien, die Spannung zwiſchen Preußen und Oeſtreich eine ſolche Höhe erreicht, daß, nach der allgemeinen Meinung in Europa, 28 ein Krieg zwiſchen beiden Maͤchten erwartet werden mußte. Schon zogen ſich an den Grenzen beider Reiche Truppenmaſſen zuſammen; allein Leopold wuͤnſchte, ohne doch ſeiner Wuͤrde etwas zu ver⸗ geben, den friedlichen Weg der Ausgleichung durch 1790 Unterhandlungen. So ward im Juni 1790 zu Reichenbach in Schleſien ein Congreß eroffnet, auf welchem die Diplomaten Preußens, Englands, Niederlands und Oeſtreichs erſchienen. Noch vor⸗ her hatte Leopold die Ungarn beruhigt, als er ihnen, bei ſeiner Thronbeſteigung, die Rechte beſchwor, die ihnen ſeine Mutter, Maria Thereſia, im Jahre 1740 beſchworen hatte. Nur in Belgien hatten ſeine Vorſchlaͤge keinen Eingang gefunden. Nach langen Unterhandlungen zu Reichenbach, wo Hertzberg ſogar die Herausgabe Galliziens von Oeſtreich an Polen, den Bundesgenoſſen Preußens, verlangte,— eine Forderung, die aber von den Seemachten nicht unterſtutzt ward,— vereinigte man ſich endlich uͤber die, am 27. Juli 1790 von Preußen und Oeſtreich unterzeichnete, Con⸗ vention, in welcher Leopold ſich verpflichtete, den⸗ Frieden mit der Pforte auf den Beſitzſtand, wie vor dem Kriege, abzuſchließen, wogegen Preuſten, und zugleich die Seemäͤchte, die Gewährleiſtung Bel⸗ giens fuͤr Oeſtreich uͤbernahmen.— Auf dieſe zu Reichenbach verabredete Bedingungen unterhandelte Oeſtreich, ſeit dem 30. Dec. 1790, zu Sziſtowa den Frieden mit der Pforte, der daſelbſt am 4. Aug. 1791 unterzeichnet ward. Leopold gab, in demſelben, Belgrad und die uͤbrigen gemachten Eroberungen an Selim Ill., bis auf einen unbe⸗ deutenden Laͤnderbezirk mit Alt⸗Orſova, zuruͤck. So ſtand Rußland noch allein im Kriege mit 29 der Pforte; denn Katharina war nicht gemeint, von den Maͤchten des Reichenbacher Congreſſes die Be⸗ dingungen fuͤr ihren Frieden mit der Pforte ſich vorſchreiben zu laſſen. Sie hatte auf keine em⸗ poͤrten Belgier Ruͤckſicht zu nehmen; ſie hatte die Gefahr, die ihr von Schweden drohte, ſchnell be⸗ ſeitigt und ſich mit Guſtav III. verſohnt; ſie wollte nicht ohne neuen Erwerb aus dem Kampfe gegen die Pforte ſcheiden. Doch lag ihr die neue Stel⸗ lung Polens naͤher, als die voͤllige Bezwingung der Osmanen. Sie gab daher dieſen Plan auf, und un⸗ terzeichnete mit Preußen und Großbritannien eine 1791 Convention, nach welcher ſie einen baldigen Frie⸗ den mit der Pforte auf billige Bedingungen abzu⸗ ſchließen verſprach. Nichts deſto weniger kam im Frie⸗ den zu Jaſſy(9. Jan. 1792) die Feſtung Oczakow und das Land zwiſchen dem Dniepr und Dnieſter an Rußland, ohne auf Preußens fruͤhere Gewährlei⸗ ſtung der Beſitzungen der Pforte weitere Ruͤckſicht zu nehmen. Nach dieſem Frieden gebot Katharina uͤber ein aus den Ländern der Pforte zuruͤckkehrendes ſieg⸗ reiches Heer. Die Entſcheidung der Angelegenheiten Polens lag damals in dem Kreiſe ihrer Staats⸗ kunſt. Die Congreßurkunde zu Reichenbach hatte Polens nicht gedacht, obgleich in den Unterhand⸗ lungen daſelbſt, außer der von Preußen in Antrag gebrachten Zuruͤckgabe Galliziens von Oeſtreich an Polen, auch die Erwerbung Danzigs und Thorns von Preußen, zur Sprache gekommen war. Der politiſche Horizont Polens truͤbte ſich, als Katharina mit der Pforte und Schweden ſich verſoͤhnt hatte, 30 und Preußen, durch die bald darauf folgenden Verabre⸗ dungen mit Oeſtreich zum Kriege gegen Frankteich, in eine ſehr veraͤnderte politiſche Stellung gebracht ward. Der polniſche Reichstag ſetzte aber ſein begon⸗ nenes Werk fort, nachdem er durch neueintretende Landboten ſich vermehrt, und die Eroffnung des 1790 zweiten Reichstages ausgeſprochen hatte. Ob⸗ 16. gleich die Zahl der polniſchen Patrioten die Zahl ih⸗ Dec. rer, dem ruſſiſchen Intereſſe ergebenen, Oppoſition uͤberwog; ſo zeigten ſich doch bereits in dieſer Reichs⸗ verſammlung ſehr verſchiedenartige Anſichten, und ſelbſt uͤber Preußens Staatskunſt erklaͤrten ſich Felir Potocki und der Kronfeldherr Branicki nicht ohne Schärfe. Allein, dieſer Reibungen ungeachtet, ward am 3. Mai 1791 die neue Verfaſſungsur⸗ 1791 kunde Polens beendigt und von der Mehrheit der 3. Stimmen angenommen. Sie trug allerdings, in Mai. mehrfacher Hinſicht, das Gepräge der gleichzeitig in Frankreich herrſchend gewordenen Zeitideen; doch enthielt ſie auch Beſtimmungen, wodurch ſie ſich zu ihrem Vortheile von der rein demokratiſchen er⸗ ſten Verfaſſung Frankreichs unterſchied. Sie ſprach allerdings von Volksſouverainetät, und beſchränkte, nach der theoretiſchen Unterſcheidung zwiſchen der geſetzgebenden, richterlichen und vollziehenden Ge⸗ walt, die königliche Macht blos auf die Ausuͤbung der vollziehenden Gewalt; ſie ſtellte aber zugleich die Vertretung des Volkes in zwei Kammern auf, in der Kammer des Senats und in der Kammer der Landboten. Zugleich hob ſie die bisherige Wahl⸗ form des Regenten auf, und erklaͤrte den Thron fur einen Familien⸗Wahlthron mit der erblichen Thronfolge im ſächſiſchen Churhauſe, doch ſo, daß, in Ermangelung der männlichen Nachfolge des Chur⸗ 31 fuͤrſten Friedrich Auguſt, deſſen Tochter nach ihm den Thron beſteigen, ſich aber nur mit Einwilli⸗ gung der polniſchen Staͤnde vermaͤhlen ſollte. Wenige Tage nach der Annahme dieſer Ver⸗ faſſung wuͤnſchte Preußen der polniſchen Nation 1791 Gluck zu dieſer Verfaſſung und zu der Wahl des 17. Churfuͤrſten von Sachſen zum kuͤnftigen Könige. Mal. Auf aͤhnliche Weiſe erklaͤrte ſich der Kaiſer Leopold II.; ja in dem vorlaͤufigen Vertheidigungs⸗Buͤnd⸗ niſſe, welches Leopold und Friedrich Wilhelm II. 1791 abſchloſſen, vereinigten ſie ſich dahin, daß ſie ge⸗ 25. meinſchaftlich bei dem Kabinette zu St. Petersburg Jul. die Anerkennung der Integritaͤt Polens und der neuen Verfaſſung ausmitteln wollten. Bald darauf ſpra⸗ chen ſich beide Regenten zu Pillnitz im Auguſt 1791, wo ſie, als Gaͤſte des Churfuͤrſten von Sach⸗ ſen, in eine naͤhere perſoͤnliche Verbindung traten, die bis dahin zwiſchen ihnen ſtreitig geweſenen po⸗ litiſchen Intereſſen ausglichen, und ſich, in Hin⸗ ſicht auf den damaligen Standpunct der Angelegen⸗ heiten Frankreichs, zu einem Betragen vereinigten, welches gleichmäßig die Rechte des Thrones, wie das Wohl der franzoͤſiſchen Nation beruckſichtigen ſollte. Dies war der oͤffentliche Inhalt der oſtrei⸗ chiſch-preußiſchen Erklaͤrung, die ſie am 27. Aug. 1791 1791 zu Pillnitz, bei der Anweſenheit des aus 27. Frankreich emigrirten Grafen von Artois und des Aug. ihn begleitenden Exminiſters Calonne, unterzeichneten. Zugleich ſprach dieſe Erklaͤrung aus, daß ſie zu Maasregeln ſich verbunden haͤtten, den Koͤnig Lud⸗ wig KVI. in den Stand zu ſetzen, mit voͤlliger Freiheit die Grundlagen einer monarchiſchen Re⸗ gierung zu befeſtigen, und daß ſie fur dieſen Zweck ihren Heeren befehlen wuͤrden, bereit zu ſeyn, um 32 in Thätigkeit zu treten. Der Graf von Artois machte dieſe Urkunde ſogleich öffentlich bekannt; al⸗ lein die angeblichen ſechs geheimen Artikel derſelben, nach welchen ſie alle zu machende Erobe⸗ rungen gemeinſchaftlich theilen, die gemeinſchaft⸗ liche Gewährleiſtung des polniſchen Thrones fuͤr den Churfuͤrſten von Sachſen übernehmen, und die römiſche Königswahl des Etzherzogs Franz bewirken wollten, u. a. haben Oeſtreich und Preußen öffent⸗ lich nie zugeſtanden. Doch verzog ſich die Einmiſchung der beiden verbuͤndeten teutſchen Hauptmächte in die innern Angelegenheiten Frankreichs, weil Ludwig XVI., bald nach der Pillnitzer Erklärung, am 14. Sept. 1791 1791 in der Mitte der franzöſiſchen Nationalver⸗ 14. ſammlung erſchien, den Eid auf die neue Verfaſ⸗ Spt. ſung freiwillig leiſtete, und den europäiſchen Maͤch⸗ ten die amtliche Mittheilung deshalb machte.— Allein bald, nach der Eroͤffnung der zweiten Nationalverſammlung Frankreichs, am 1. October 1791, truͤbte ſich von neuem der politiſche Hori⸗ zont; denn dieſe Nationalverſammlung beſtand aus 747 voͤllig neuerwählten Abgeordneten, weil kein einziges Mitglied aus der erſten Nationalverſamm⸗ lung in die zweite uͤberging. Die Maͤßigung und umſicht, welche die Schritte des größern Theiles der erſten Verſammlung geleitet und namentlich, nach der mißlungenen Flucht Ludwigs XVl. im Sommer 1791, die Aufrechthaltung des königli⸗ chen Anſehens bewirkt hatte, fehlte vollig in der Mitte der zweiten Verſammlung. Zwei maͤchtige Partheien ſtrebten in derſelben, mit ſehr verſchie⸗ denen Intereſſen, gegen einander an; der Koͤnig ſelbſt ward von ſeinen haͤufig wechſelnden Miniſtern ſchlecht 3⁸ berathen. Es fehlte im Kabinette und in der MNationalverſammlung an einem hervorragenden Manne, der mit der Kraft eines Richelieu oder Pitt das Partheiengewuͤhl gezaͤhmt, und eine feſte Haltung gegen das Ausland genommen hätte. Dieſe Reibungen im Innern Frankreichs; die ſchwankende Stellung der bourboniſchen Familie ge⸗ gen die Nationalverſammlung und gegen das Aus⸗ land, und die Mißverſtändniſſe zwiſchen Frankreich und Teutſchland uͤber die Entſchädigung der teut⸗ ſchen Reichsſtande im Elſaſſe, welche, bei der Auf⸗ hebung des Lehnsſyſtems in Frankreich, in ihren Rechten ſich beeinträchtigt fuͤhlten, fuͤhrten darauf am 7. Februar 1792 zu einem foͤrmlichen Buͤnd⸗1792 niſſe zwiſchen Preußen und Oeſtreich, 7. das zu Berlin abgeſchloſſen ward. Beide Maͤchte Febr. ubernahmen darin die gegenſeitige Gewährleiſtung ihrer geſammten Beſitzungen, und, auf den Fall eines Angriffes, die Verpflichtung, einander gegen⸗ ſeitig zu unterſtuͤtzen, ſo wie die Verfaſſung Teutſch⸗ lands nach ihrer Integrität aufrecht zu er⸗ halten. Zum Beitritte zu dieſer Verbindung ſollte Rußland, England, Niederland und Churſachſen eingeladen werden.— Wenige Wochen nach die⸗ ſem Vertrage ſtarb plotzlich der Kaiſer Leopo ld II. 1792 am 1. Maͤrz 1792. Doch bewirkte ſein Tod keine 1. Veranderung in dem politiſchen Syſteme Oeſtreichs, Mr. weil ſein Sohn und Nachfolger auf den Thronen Oeſtreichs und Teutſchlands, Franz II., die von ſeinem Vater in Paris gemachten Erklrungen be⸗ ſtaͤtigen ließ. Darauf ward am 20. Apr. 1792, bei Lud⸗ wigs XVI. perſönlichem Erſcheinen in der National⸗ verſammlung, die Kriegserklaͤrung Frankreichs gegen V. 3 den Konig von Ungarn und Bohmen, nicht aber gegen den Kaiſer Teutſchlands ausgeſprochen, weil die Kaiſerwahl erſt einige Monate ſpaͤter erfolgte, und der Krieg gegen Belgien, doch ohne bedeuten⸗ den Erfolg, eroffnet. Daß Preußen einen ernſt⸗ lichen Antheil an dem Kriege nehmen wuͤrde, glaubte man in Frankreich nicht eher, als bis der Aufbruch der preußiſchen Heeresmaſſen keinen Zweifel daran uͤbrig ließ, und Friedrich Wilhelms Erklärung (26. Jun.) deshalb erſchienen war. Der Herzog von Braunſchweig ſtand an der Spitze eines aus Preußen, Oeſtreichern, Heſſen und Emigranten zu⸗ ſammengeſetzten Heeres, und unterzeichnete, als Oberfeldherr, ein, von dem Emigranten Duͤlimon in den härteſten Ausdrucken entworfenes, Mani⸗ feſt, das in Frankreich eine maͤchtige Gaͤhrung, die Suſpenſion der koniglichen Wuͤrde(10. Aug.) und blutige Auftritte in Paris ſelbſt, vor dem Auf⸗ bruche des Heeres nach der lothringiſchen Grenze, veranlaßte. Zwar fielen, bei dem Vordringen des teutſchen Heeres, die franzöſiſchen Feſtungen Montmedy, Longwy und Verdun in uͤberraſchender Eile; zwar war bereits dem Herzoge von Braunſchweig die Champagne, und durch ſie der Weg nach Paris geöffnet; allein Dumouriez behauptete ſich bei Grandpré(14. Sept.) gegen den Angriff der Teutſchen, bis er durch Kellermann und Bournon⸗ ville verſtaͤrkt worden war. Dann ſchlug Keller⸗ 20. mann beiValmy den wiederholten Angriffder Preu⸗ Spt. ßen und Oeſtreicher zuruͤck, und, obgleich das preu⸗ ßiſche Heer eine entſcheidende Schlacht verlangte, 22. ſchloß doch der Herzog von Braunſchweig einen ſechs⸗ Spt. taͤgigen Waffenſtillſtand, nach welchem er ſich in 35 die Rheingegenden zuruͤckzog. Darauf fielen Verdun und Longwy wieder in die Haͤnde der Franzoſen, und ECuſtine hatte ſogar die Kuͤhnheit, von Lan⸗ dau aus gegen Speyer vorzudringen, und ſich der Städte Speyer und Worms, ja ſelbſt der Feſtung Mainz und der Stadt Frankfurt am Main zu be⸗ mächtigen. Doch ging die letzte Stadt bereits am 2. Dec. wieder an die Preußen und Heſſen uͤber. Mitten unter dieſer Veraͤnderung des Kriegs⸗ glůͤcks trat in Paris der Nationalconvent zuſammen, welcher bereits in ſeiner erſten Sitzung die völlige 21. Aufhebung des Koͤnigthums, Frankreich als Repu⸗Spt. blik, und ſpäter, durch Mehrheit der Stimmen, das Todesurtheil uͤber Ludwig XVI. ausſprach, der am„ 21. Jan. 1793 guillotinirt ward. Nach dieſer 03 blutigen That bewaffnete ſich beinahe der ganze Jan Erdtheil gegen Frankreich. So auch das teutſche Reich. Der Krieg veränderte ſeine fruhere Form, und ward revolutionair, wie er ſelbſt eine Folge der Revolution war. Mitten unter den wildeſten Blutſcenen in Paris und in den Departementen der jungen Republik, in welchen ſich die Partheien ſelbſt aufrieben, ward von dem Nationalconvente am 16. Aug. 1793 das Volk in Maſſe zur Verthei⸗ digung Frankreichs aufgerufen. Denn im Fruͤhjahre ſiegten die Oeſtreicher in Belgien und die Preußen bei Bingen am 28. Maͤrz 1793. Der General Kalk⸗ reuth nöthigte die Feſtung Mainz(22. Jul.) zur Capitulation, und der Herzog von Braunſchweig wies bei Pirmaſens(14. Sept.) den gegen ihn vor⸗ dringenden republikaniſchen General Moreau zuruck. Als aber, nach dem Aufgebote des franzöſiſchen Volkes in Maſſe, die ſämmtlichen Heere Frankreichs an den Grenzen anſehnliche Verſtäͤrkungen erhiel⸗ 3* 36 ten, und neue Anfuͤhrer an die Spitze der für Freiheit und Gleichheit begeiſterten franzöſiſchen Jünglinge traten; da erhielt auch der Krieg einen neuen Charakter. Noch hatten die Preußen und Oeſtreicher, unter dem Herzoge von Braunſchweig und Wurmſer, die Weißenburger Linien(13. Oct.) erſtuͤrmt; noch wieſen die Preußen den An⸗ griff der Franzoſen unter Pichegru und Hoche auf ihr Lager bei Kaiſerslautern drei Tage lang (28— 30 Nov.) zuruͤck; ſie mußten aber dieſe feſte Stellung verlaſſen, und ſich nach dem Rheine zu⸗ ruͤckziehen, nachdem die Franzoſen die Oeſtreicher bei Freſchweiler(22. Dec.), und die verbuͤnde⸗ ten Oeſtreicher und Preußen(26. Dec) bei Wei⸗ ßenburg beſiegt hatten.— Dieſe Niederlagen ent⸗ fremdeten die Anfuͤhrer der beiden teutſchen Haupt⸗ mächte einander, und Kälte und Mißverſtändniß war die Folge der erlittenen Verluſte. Der Herzog von Braunſchweig legte den Oberbefehl nieder; an ſeine Stelle trat, als Anfuͤhrer der Preußen, der Feld⸗ marſchall Möllendorf. Doch aͤnderte ſich bereits damals die politiſche Anſicht des Berliner Kabinets. Denn, ob es gleich mit England und Niederland 1794 den Subſidienvertrag im Haag erneuerte; ſo nah⸗ 19. men doch die Preußen keinen erfolgreichen Antheil Apr. an dem Kampfe im Jahre 1794, in welchem Oeſt⸗ reich zunächſt die Wiedereroberung Belgiens beab⸗ ſichtigte. Nur durch die Eroberung der franzoſi⸗ 17 4 ſchen Verſchanzungen bei Kaiſerslautern be⸗ 23. zeichnete Moͤllendorf ſeinen Feldherrnberuf. Denn Mai. als im darauf folgenden Winter Pichegru den nie⸗ derländiſchen Freiſtaat beſetzte und demokatiſirte, nachdem Belgien durch die Republikaner gegen die öſtreichiſchen Angriffe behauptet worden war, und 37 als ſelbſt der Bruder des teutſchen Kaiſers, der Großherzog Ferdinand von Toskana, einen Se⸗ paratfrieden mit der Republik Frankreich abgeſchloſ⸗1795 ſen hatte, ließ auch Friedrich Wilhelm Il. zu 9. Baſel durch Hardenberg den Frieden mit Febr. Frankreich am 5. Apr. 1795 unterzeichnen, 1795 in welchem Preußen bis zum allgemeinen Frieden„. ſeine jenſeits des Rheins gelegenen Länder in Apr. Frankreichs Haͤnden ließ, und zugleich die Ver⸗ mittelung zur Ausſohnung der teutſchen Fuͤrſten mit Frankreich uͤbernahm. Churheſſen folgte bald darauf dem Vorgange Preußens, und ſchloß den Frieden mit Frankreich auf dieſelbe Bedingung 1795 der einſtweiligen Ueberlaſſung ſeiner uberrheiniſchen 28. Länder an Frankreich. Aug. Allein, bereits vor dem Frieden zwiſchen Frank⸗ reich und Heſſen, vereinigte ſich Preußen mit der Republik(17. Mai 1795) uͤber eine Demarca⸗1795 tionslinie, welche das ganze nördliche Teutſch⸗ 17. tand— mit Ausnahme von Churſachſen, das noch im Jahre 1796 ſein Reichscontingent in die Rhein⸗ gegend ſandte— umſchloß, und alle hinter dieſer Linie gelegenen teutſchen Laͤnder unter den Schutz des preußiſchen Heeres ſtellte, das dieſe Grenz⸗ linie deckte, während Oeſtreich und das ſuͤdliche Teutſchland im Herbſte 1795 den Krieg gegen Frankreich erneuerten, und ihn, nicht ohne große Nachtheile, im Jahre 1796 fortſetzten. In die⸗ ſer Zeit 5. Aug. 1796) ſchloß Friedrich Wil⸗1796 helm ll. einen geheimen Vertrag mit Frank⸗ 5 reich, nach welchem er vorläufig in die Abtretung Aug. des linken Rheinufers an Frankreich einwilligte, doch ſo, daß Preußen, fur ſeine uͤberrheiniſchen Verluſte, dieſſeits des Rheines, und, nach glei⸗ 38 chem Verhältniſſe, auch Sſen. Kſa und das der niederlandiſchen Erbſtatthalterwuͤrde beraubte Haus Oranien in Teutſchland entſchaͤdigt wuͤrde. Ob nun gleich Preußen, ſeit dem Baſeler Frie⸗ den, in Hinſicht des von Oeſtreich und dem ſud⸗ lichen Teutſchlande fortgeſetzten Krieges, die Fruͤchte der Neutralität genoß; ſo fuͤhrte doch die Auflö⸗ ſung des fruͤhern Buͤndniſſes mit Oeſtreich zur Entfremdung zwiſchen beiden Mächten. Als nun 1797 auch Oeſtreich im Frieden zu Campo Formio mit 17. der Republik Frankreich ſich verſohnte; ſo ward in Oct. den geheimen Artikeln dieſes Friedens verabredet, daß Oeſtreich in die Abtretung des linken Rhein⸗ ufers an Frankreich einwilligte, und dafuͤr Salz⸗ burg und einen beträͤchtlichen Theil von Bayern der Monarchie einverleiben, Preußen aber keine neuen Erwerbungen machen ſollte, da⸗ fern es ſeine Beſitzungen auf dem linken Rhein⸗ ufer zuruͤck erhielte. Bonaparte war es, der, als ſiegreicher Oberanfuͤhrer des italiſchen Heeres, die⸗ ſen Frieden mit Oeſtreich unterhandelte und ab⸗ ſchloß, und, fuͤr die Ausſoͤhnung und Ausglei⸗ chung mit Oeſtreich, die fruͤhere Uebereinkunft der Republik mit Preußen aufgab. Der Antheil Preußens an dem Kriege gegen Frankreich blieb nicht ohne bedeutende Ruͤckwirkung auf ſeine, ſeit dem Jahre 1788 angenommene, Stellung gegen Polen. Mit richtigem politi⸗ ſchen Tacte hatte Preußen, während der innigen Verbindung zwiſchen Oeſtreich und Rußland in der Zeit ihres gemeinſchaftlich gegen die Pforte gefuͤhr⸗ ten Krieges, ſich Polen genähert, wo der beſſere 39 Theil der Polen den Verjuͤngungsproceß ihres ver⸗ alteten innern Staatslebens, als die einzige Be⸗ dingung der Rettung und Bewahrung der Selbſt⸗ ſtändigkeit der Republik, verſuchte. Nur erſchwerte die Forderung Preußens, ihm Danzig und Thorn abzutreten, und ſeine Abneigung, in den von Polen verlangten gunſtigen Handelsvertrag einzu⸗ willigen, den Abſchluß einer genauen Verbindung bis zum 29. März 1700. Die ſpäter(1791) ins Leben tretende ſchriftliche Verfaſſungsurkunde Po⸗ lens, mit der Beſtimmung der Thronfolge fuͤr Churſachſen, erkannte Preußen an, und erklaͤrte, „wie der Koͤnig die Umänderung der polniſchen Verfaſſung, und daß ſeinem Freunde, dem Chur⸗ furſten von Sachſen und deſſen Hauſe, die Erb⸗ folge geſichert ſey, mit herzlicher Zuſtimmung ver⸗ nommen habe. Er preiſe dieſen wichtigen Schritt des Volkes, und erachte ihn als weſentlich fuͤr das Gluͤck des wiedergebohrenen Staates.“ Beider Zu⸗ ſammenkunft Friedrich Wilhelms II. mit Leopold II. zu Pillnitz im Aug. 1791, war auch Oeſtreich mit dieſer zeitgemäßen Umbildung der Verfaſſung Polens einverſtanden. Allein anders dachte Katharina von Rußland. Obgleich gereizt und beleidigt durch die Vorgaͤnge der drei letzten Jahre in Polen, die den zwanzig⸗ jaͤhrigen Einfluß Rußlands auf Polen vernichten ſollten, hatte Katharina doch ſo lange mit ihrer Erklärung angeſtanden, als ſie in den Kampf mit Schweden(bis 1790) und mit der Pforte ver⸗ flochten war. Rachdem ſie aber aus dem letzten Kriege im Frieden zu Jaſſy(1792) mit einem nicht unbedeutenden Laͤnderzuwachſe heraustrat, und gleichzeitig Oeſtreich und Preußen zum Kampfe 40 gegen Frankreich ſich verbanden, erklaͤrte zwar auch Katharina ſich mit Nachdruck gegen die in Frank⸗ reich vorherrſchenden demokratiſchen Grundſätze; doch nahm ſie an dem Kampfe gegen Frankreich ſelbſt keinen weitern Antheil, als daß ſie eine kleine Flotte nach der Nordſee ſandte, weil ſie ih⸗ ren Blick zu nächſt auf Polen richtete. Denn wohl erkannte ſie, daß Preußen ſchwerlich mit gleicher Kraft in Frankreich die alte Ordnung der Dinge herſtellen, und in Polen das neue poli⸗ tiſche Syſtem unterſtuͤtzen und aufrecht erhalten könnte. Der Feldzug der Teutſchen in der Champagne, waͤhrend des Spätſommers 1792, hatte bereits gezeigt, daß der Kampf gegen Frankreich einen andern Charakter annaͤhme, als der Heereszug des Herzogs von Braunſchweig gegen die niederlaͤndi⸗ ſchen Patrioten im Jahre 1787, deſſen Beiſpiel, ſo wie die ſchnelle Unterwerfung der Belgier im Jahre 1791, zu lockend geweſen war, um nicht von dem Vordringen in Frankreich ein eben ſo vortheilhaftes Ergebniß zu erwarten. Bevor Preußen und Oeſtreich den Krieg gegen Frankreich eröffneten, hatte Katharina ſich begnuͤgt, die Einladung beider Mächte zum Beitritte ihrer, wegen der neuen Geſtaltung Polens gefaßten, Be⸗ ſchluſſe abzulehnen; doch gab ſie die hinhaltende Er⸗ klärung, ſie ſey nicht abgeneigt, in beſondere Un⸗ terhandlungen deshalb mit beiden Mächten einzu⸗ gehen.— Als ſie aber, nach dem Frieden von Jaſſy, uͤber ein aus der Turkei zuruͤckkehrendes ſieg⸗ reiches Heer gebot, und der Erfolg des beginnenden Kampfes gegen Frankreich den Erwartungen der Teutſchen keinesweges entſprach; da entwickelten 41 ſich auch die Plane Rußlands in Hinſicht Polens bald und ſchnell. Denn in Polen ſelbſt, wo ſeit Jahrhunderten die Partheien gegen einander ange⸗ ſtrebt und jede Fortbildung des innern Staatslebens im Geiſte des Zeitalters gehindert hatten, mißbilligte auch damals eine bedeutende Parthei die neue Ver⸗ faſſung der Republik, und die enge Verbindung mit Preußen. Viele Mitglieder dieſer Parthei, auf Rußlands Einmiſchung in die innern Verhaͤltniſſe Polens rechnend, gingen nach Rußland, wo ſie eine ausgezeichnete Aufnahme fanden; auch ward die ſtarke Erklaͤrung der Kaiſerin in Beziehung auf die Demagogen Frankreichs von den Polen ſehr gut ver⸗ ſtanden. Der polniſche Reichstag beſchloß, der Gefahr, die dem Staate drohte, zuvorzukommen, und Stanislaus Auguſtus, ſo wie der polniſche Kanzler, verlangten von dem preußiſchen Geſandten Luccheſini eine beſtimmte Erklaͤrung auf den Fall eines beginnenden Krieges. Allein Luccheſini ant⸗ wortete ausweichend, und vermied namentlich jede ſchriftliche Aeußerung, bis die Kriegserklaͤrung der franzoͤſiſchen Nationalverſammlung gegen Oeſt⸗ reich(April 1792) ausgeſprochen worden war. Dann eroͤffnete am 4. Mai 1792 Luccheſini muͤnd⸗ 1792 lich, der Koͤnig von Preußen habe an der neuen 4. Verfaſſung Polens keinen Antheil genommen; er Mai. halte ſich daher auch nicht zur vertragsmäßigen Huͤlfe verpflichtet, dafern die polniſchen Patrioten dieſe Verfaſſung vertheidigen wollten. Gleichzeitig— am 18. Mai 1792— erklaͤrte Katharina dem Reichstage, daß ſie die neue Verfaſſung durchaus mißbillige, und blos deshalb den Krieg eroͤffne, da⸗ mit Polen von ſeinen eignen Unterdruͤckern befreit wuͤrde; denn dies hätte der Targowiczer Bund von 42 ihr verlangt. Der Targowiczer Bund war aber am 14. Mai 1792 von zwoͤlf vornehmen Po⸗ len— an deren Spitze Felix Potocki, Branicki, der Fürſt Czetwertinsky und andere ſtanden— gebildet worden, die ſich fuͤr eine polniſche Generalconfoͤde⸗ ration erklärten, und zu dem Umſturze der neuen Verfaſſung, ſo wie zur Herſtellung der alten Form ſich vereinigt hatten. Sie ſchloſſen ſich den beiden in Polen vordringenden riſſiſchen Heeren an. Nicht ohne Tapferkeit, doch ohne Erfolg, kaͤmpften die Polen gegen das Uebergewicht der uͤber die polniſchen Palatinate ſich verbreitenden ruſſiſchen Maſſen. Zwar rief der Konig(30. Mai) das polniſche Volk in Maſſe auf; allein Katharina durchſchaute die Schwäche ſeines Charakters, und ſchrieb ihm, daß die Herſtellung ihrer Freundſchaft gegen Polen von der Aufloͤſung der neuen Verfaſſung und von des Königs Beitritte zur Targowiczer Verbindung ab⸗ haͤnge,— und Stanislaus Auguſtus unterzeich⸗ nete am 23. Juli 1792 dieſen Beitritt. Die un⸗ mittelbare Folge dieſes erſten Schrittes war der zweite, daß er dem polniſchen Heere befahl, die Fortſetzung des Kampfes gegen Rußland einzuſtellen. Da legten die Feldherren Poniatowski und Koscius⸗ ko ihre Wuͤrden nieder, die polniſchen Maſſen, ohne Anfuͤhrer und ohne Bezahlung, gingen aus einan⸗ der, und die Maͤnner der Verfaſſung vom 3ten Mai 1791 wandten ſich, mit tiefem Grolle im Herzen, ins Ausland. Umgeben von ruſſiſchen Truppen, verſammelten 1792 die Verbuͤndeten von Targowicz einen neuen Reichs⸗ Septtag zu Grodno, gleichzeitig mit dem Ruͤckzuge der Teutſchen aus der Champagne an den Rhein. Die Ruſſen beſetzten, bei ihrer Ausbreitung in Po⸗ 43 len, das eigentliche Großpolen nicht, das, nach einem fruͤhern Einverſtaͤndniſſe zwiſchen Preußen und Rußland, fuͤr Preußen beſtimmt war. Denn Preußen verlangte, fur die fortgeſetzte Theilnahme an dem Kriege gegen Frankreich, deſſen Anfang im Spätjahre 1792 alle davon gehegte Erwartungen getauſcht hatte, die Entſcheidung des Schickſals Polens und, zu ſeiner Entſchädigung, einen Theil die⸗ ſes Landes. Rußland, das ähnliche Plane hegte, ohne ſeine Kraft in dem Kampfe gegen Frankreich aufzureiben, willigte gern, Oeſtreich— nur ungern ein. Denn blos auf Muthmaßungen beruhte das Geruͤcht, daß Oeſtreich, bei den von den europäi⸗ ſchen Großmächten zu Luxemburg im Oetober 1792 gehaltenen Conferenzen, die Vertauſchung Belgiens gegen Bayern von neuem angeregt habe. Nach der Zuſtimmung Oeſtreichs und Rußlands in Preußens Beſitznahme eines Theiles von Polen, drang am 18. Januar 1793 ein preußiſcher Heeres⸗1793 theil, gefuͤhrt von Moͤllendorf, in Großpolen vor, und zugleich erſchien die Erklärung des Koͤnigs: „Die neue Verfaſſung vom 3. Mai 1794 habe den angeſehenſten Theil des polniſchen Adels beleidigt, und Katharina ihre Heere geſandt, die Grundver⸗ faſſung Polens zu retten. Preußen ſey eben im Begriffe, den zweiten Feldzug gegen Frankreich zu eroffnen, und muͤſſe daher, wegen der Verbreitung der franzöſiſchen Grundſätze, und des Geiſtes der Meuterei, der allgemein einreiße, und bereits Groß⸗ polen verwirre, ſich den Ruͤcken ſichern. Der Kö⸗ nig habe daher, nicht ohne Mitwiſſen der Höfe von Wien und Petersburg, einem Theile ſeines Heeres befohlen, mehrere Bezirke Großpolens zu beſetzen, 2 und die Uebelgeſinnten in Ordnung zu erhalten“. 44 Ungeachtet dieſer ſehr verſtändlichen Erklaͤrung, glaubten doch die Targowiczer Confoͤderirten zu Grodno an Rußlands wohlwollende Abſichten, und forderten deshalb zu Grodno am 3. Februar 1793 die Nation zur Behauptung ihrer Integritaͤt auf, fuͤr welche ſie ſelbſt mit ihrem Leben kämpfen woll⸗ ten. Sie nahmen aber die Aufforderung der Na⸗ tion zuruͤck, als Sievers, der Geſandte Rußlands, die Schritte des Reichstages mißbilligte. Dieſer 1793 Mißbilligung folgte, nach vier Wochen, die preußi⸗ 25. ſche Erklärung vom 25. März, und die ruſſiſche Mrz. vom 29. März, dem Geiſte nach vollig gleichlau⸗ tend, ſo daß uͤber die deshalb getroffene Ueberein⸗ kunft zwiſchen beiden Mächten kein Zweifel uͤbrig blieb. Die preußiſche Note enthielt die Erklärung, daß der König es zur Sicherheit ſeiner Monarchie noͤthig finde, die bisherigen Woiwodſchaften Poſen, Gneſen, Kaliſch, Seradien, Rawa, Plotzk, das Land Wielun, und andere Bezirke,— folglich den größten Theil von Großpolen, mit ungefaͤhr 1060 Geviertmeilen und einer Bevolkerung von 1,200,000 Menſchen— ſeinem Reiche einzuverlei⸗ ben;„um der Republik Polen ihrer innern Staͤrke 6 und Lage angemeſſenere Grenzen zu ſetzen.“ Am 27. März ward auch Danzig—„der Sitz der frevelhaften Secte, die in dem Verbrechen immer weiter fortſchreitet, und dem gemeinſchaftlichen Feinde Getreide und andere Vorräthe zufuͤhrt“— von den Preußen militairiſch beſetzt. Dem neuerworbenen Ländertheile ward der Name Suͤdpreußen gege⸗ ben.— Im gleichen Sinne lautete die ruſſiſche Pro⸗ clamation, daß Katharina den größten Theil der Palatinate Wilna, Nowogrodek, Brzeſk, Kiew, Volhynien und das ubrige Podolien— im Ganzen ein Land mit drei Millionen Menſchen— in Beſttz naͤhme,„damit einer Lehre, die eine ruchloſe, gottes⸗ läſterliche und ungereimte Secte zum Ungluͤcke und zur Aufloͤſung aller religiöſen, burgerlichen und po⸗ litiſchen Geſellſchaften erzeugt habe, in Polen Ein⸗ halt gethan, das Uebel in ſeiner Geburt erſtickt, und die Ausbreitung der Anſteckung deſſelben von den Grenzen der benachbarten Staaten abgehalten werde“. So entſchieden die demagogiſchen Umtriebe an der Weichſel uͤber die zweite Theilung Po⸗ lens. Der Reichstag zu Grodno zogerte, die neuen Abtretungen an Rußland und Preußen anzuerken⸗ nen; doch erfolgte die Zuſtimmung im Septem⸗ ber 1793, nachdem der Reichstag ſelbſt genothigt worden war, die Targowiczer Confödera⸗ tion aufzuheben. Sie war fuͤr die folgende Zeit uberfluſig; denn der Zweck war erreicht, fuͤr welchen ſie als Mittel gegolten hatte. Unter dem Namen Polen blieb, ſeit dieſer Zeit, ein Reſt des ehemaligen maͤchtigen Reiches mit un⸗ gefaͤhr vier Millionen Menſchen Bevoͤlkerung. Die veiden theilenden Mächte verzichteten feierlich auf alle Anſpruͤche an demſelben, und verſprachen, die von dem Reichstage aufzuſtellende Verfaſſung zu gewaͤhrleiſten. Tief aber wuthete der Schmerz uͤber das Schickſal des Vaterlandes in dem Herzen kraͤf⸗ tiger Polen. Kosciusko, der fur die Freiheit Nord⸗ amerika's an Waſhingtons Seite gefochten hatte, und fur Polens politiſche Freiheit und Selbſtſtandig⸗ keit ſein Blut zu verſtroͤmen beſchloß, ward der Mit⸗ telpunct des Haſſes und der neuen Verbindung der Po⸗ 46 len gegen die theilenden Mächte; er bereiſete die veberreſte Polens und fand uͤberall eine gleichartige Stimmung. Denn wie die zweite Theilung ſelbſt, ſo hatte auch der vom Reichstage mit Rußland am 1798 16. October 1793 abgeſchloſſene Unionsvertrag 16. die Gemuther mächtig aufgereizt und erbittert. Oet. Nach dieſem Vertrage ging die Leitung aller kunfti⸗ gen Kriege Polens auf Rußland uber; ruſſiſche Truppen ſollten in Polen ſtehen bleiben, und die Polen nur mit Rußlands Einwilligung Verträge mit dem Auslande ſchließen. Igelſtroͤm erſchien in Rußlands Namen zu Warſchau. Auf Rußlands Verfuͤgung ward der großte Theil des polniſchen Heeres entlaſſen. Deſſen wei⸗ 1794 gerte ſich Madalinski(Marz 1794) zu Pul⸗ tuſt; Kosciusko ſtand in Cracau. Von ihm ward eine neue Conföderationsacte fuͤr Polen be⸗ kannt gemacht. Madalinski bedrohte Suͤdpreußen; deshalb brach ein neues preußiſches Heer nach Polen auf. Ein oberſter Nationalrath ſollte, bis zur Ent⸗ ſcheidung des Schickſals Polens, die oͤffentlichen Angelegenheiten leiten. Oeſtreich gab die Erklaͤrung, daß es die Polen nicht unterſtußzen werde, und Stanis⸗ laus Auguſtus war ein Werkzeug in Igelſtroͤms Hän⸗ den. Dieſer hatte den achtzehnten April zur Ver⸗ haftung von 26 ehemaligen Mitgliedern des Reichs⸗ tages von 1791, zur Entwaffnung der in Warſchau ſtehenden polniſchen Truppen, und zur Bemaͤchti⸗ gung des Zeughauſes und der Pulvermagazine in der Hauptſtadt beſtimmt. Da kamen ihm am 17ten April die Polen zuvor; in einer mäͤchtigen Bewe⸗ gung, die mehr als zweitauſend Ruſſen das Leben koſtete, vertrieben die Polen die Ruſſen aus War⸗ ſchau. Selbſt Igelſtrom ſuchte Rettung in der eili⸗ 47 gen Flucht. Die Verfaſſung vom 3. Mai 1791 ward von den Siegern hergeſtellt, und der willen⸗ loſe Stanislaus Auguſtus ſprach ſeine Zuſtimmung aus. Doch waren die Polen und ihre Feldherren ſelbſt unter ſich uneinig, und die Einfluſſe des Aus⸗ landes ſteigerten dieſen innern Zwiſt. Es fehlte nicht an aufloderndem Feuer, noch weniger an Er⸗ bitterung und Haß; wohl aber fehlte es an Einheit, Ordnung und Zuſammenhang in den beabſichtigten politiſchen und militairiſchen Maasregeln. Selbſt Kosciusko mußte, nach einem hartnaäckigen Kampfe(8. Juni), den vereinigten Ruſſen und Preußen weichen; Zajonjek unterlag bei Dubienka den Ruſſen unter Derfelden, und Winiawski uͤbergab(15. Juni) Cracau dem preußiſchen Gene⸗ rale Elsner.— Dazu kam das Vordringen der Oeſtreicher von Gallizien aus in Polen, und ihre Beſetzung der Stadt Lublin. Vergeblich blieben die Anſtrengungen Dombrowski's, Madalinski's und Poniatowski's in Suͤdpreußen, obgleich die Preu⸗ ßen der Verſtaͤrkung durch Truppen aus den Rhein⸗ gegenden bedurften.— Ein großes ruſſiſches Heer, von Souwarow gefuͤhrt, zog unmittelbar gegen Warſchau. Mit ihm ſollte Ferſen ſich verbinden. Dieſe Verbindung zu hindern, kaͤmpfte Kosciusko am 10. October gegen Ferſen bei Macziewice, ward aber Gefangener der Ruſſen. Dieſer Tag, und die Erſtuͤrmung der Vorſtadt Praga bei Warſchau durch Souwarow am 4. November 1794, entſchied uͤber das endliche Schickſal Polens; denn am Gten November ergab ſich Warſchau auf Capitulation den Ruſſen. Schon am 25. November verzichtete Stanislaus Auguſtus auf den polniſchen Thron. Geſunken in der allgemeinen Stimmung Europa's, lebte er mit einer Penſion von 200,000 Ducaten, welche ihm die drei theilenden Maͤchte ausſetzten, erſt zu Grodno, und, nach dem Tode der Kaiſerin Katharina, zu Petersburg. Ruhmloſer, wie keiner vor ihm, der vom Throne ſtieg, ſtarb er am 12. April 1798; denn die vor ihm die Krone niederlegen mußten, ſtanden nicht, wie Er, auf den Truͤmmern eines der älteſten chriſtlichen Reiche in Europa, deſſen Name ſogar mit der dritten Theilung in der Mitte des europäiſchen Staatenſyſtems erloſch. Beſtätigt konnte dieſe dritte Theilung von den Polen nicht werden; denn es gab kein Polen und keinen Reichstag mehr; nur die drei theilenden Maͤchte vereinigten ſich durch Verträge unter ſich, was jede mit ihrem bisherigen Beſitzthume vereinigen ſollte. Oeſtreich gab ſeinem neuen Erwerbe mit ungefahr zwei Millionen Bevoͤlkerung den Namen Weſtgallizien; Rußland theilte 1,200,000 Po⸗ len in neue Gouvernements ſeines Rieſenreiches; an Preußen fielen Warſchau, ein kleiner Land⸗ ſtrich am rechten Weichſelufer zur Deckung War⸗ ſchau's, der Reſt von Rawa und Maſuren am lin⸗ ken Weichſelufer, Theile von Litthauen, von Ma⸗ ſuren und Podlachien am rechten Ufer des Bug, und Theile der Woiwodſchaften Troki und Samogi⸗ tien auf der linken Seite der Memel; zuſammen un⸗ gefäͤhr 977 Geviertmeilen mit einer Million Bevoͤl⸗ kerung.— Ueber dieſe Theilung hatten bereits am 3. Januar 1795 Oeſtreich und Rußland ſich ver⸗ einigt, und dabei beſtimmt, was und wie viel an Preußen kommen ſollte. Nur nach längern Unter⸗ handlungen deshalb gewann Preußen fuͤr ſich eine Beguͤnſtigung, und die Zutheilung eines kleinen 40 Bezirkes zur Deckung der Stadt Warſchau. So ward endlich am 24. October 1795 der Geſammt⸗ vertrag der drei theilenden Mächte abgeſchloſſen, in welchem ſie die Vetpflichtung zur gegenſeitigen Un⸗ terſtutzung uͤbernahmen, dafern der eine Theil we⸗ gen ſeiner in Polen gemachten Erwerbungen ange⸗ griffen werden ſollte. Im Jahre 1797 ſetzten die drei theilenden Maͤchte, durch eine gemeinſchaftliche Erklärung, den teutſchen Reichstag von der beendig⸗ ten Theilung in Kenntniß. Bei der neuen Geſtaltung, welche Preußen den in den beiden letzten Theilungen Polens erwor⸗ benen Provinzen gab, wurden ſie in Südpreu⸗ ßen, Neu⸗Oſtpreußen und Neu⸗Schle⸗ ſien eingetheilt, und mit dem letzten Namen die beiden Kreiſe, der Pilicaiſche und Siwierziſche, be⸗ zeichnet. eniges von Polen war mit Oſtpreußen verbunden worden.— Unläugbar geſchah Vieles von Preußen fuͤr die neuen Verwaltungs⸗ und Re⸗ gierungsformen in den mit der Monarchie verbunde⸗ nen Theilen von Polen. Der Druck der untern Volksklaſſen, beſonders des Landmanns, verminderte ſich; anſehnliche Summen gingen nach Suͤdpreußen zur Befoͤrderung eines beſſern Feldbaues und ſeines Emporbluͤhens; die Gerechtigkeitspflege ward geord⸗ net und ein Provinzialgeſetzbuch fuͤr Polen vorbe⸗ reitet; das Erziehungsweſen verbeſſert; teutſche Sprache und Sitten erhielten weitere Verbreitung und Anwendung. Allein eben dieſes raſche Germa⸗ niſiren widerſtand dem eingebohrnen Slavenvolke, nicht minder die Anſtellung der Teutſchen in allen Aemtern und Behorden, mit Uebergehung der Ein⸗ 1V. 4 50 gebohrnen, die Einfuͤhrung der preußiſchen Militair⸗ verfaſſung, dann die Verſchleuderung bedeutender Guter an unwuͤrdige Guͤnſtlinge, vor allem aber der noch nicht erſtorbene Groll uber Preußens Zu⸗ ruͤcktreten von dem fruͤhern mit Polen zur Bewah⸗ rung ſeiner Selbſtſtaͤndigkeit abgeſchloſſenen Buͤnd⸗ niſſe. Dies alles wirkte im Stillen, bis eilf Jahre ſpäter der ernſte Augenblick kam, wo die Polen, aufgeregt von Napoleons Siegen und Verſprechun⸗ gen, aufſtanden, um ihre vorige Unabhaͤngigkeit zu erſtreben. Zu den wichtigſten Erwerbungen der preußiſchen Monarchie waͤhrend Friedrich Wilhelms II. Regie⸗ rung gehörten die beiden fränkiſchen Fuͤrſtenthuͤ⸗ mer, Anſpach und Bayreuth. Ihr letzter Regent war der Markgraf Karl Alexander, der ſeit 1757 Anſpach beſaß, und 1769, nach dem Erlo⸗ ſchen der Bayreuther Linie, Bayreuth mit Anſpach verband. Bei ſeiner Luſt zu Reiſen, und bei ſei⸗ nem Hange zur Unthätigkeit und zu ſinnlichen Ge⸗ nuſſen, war er ſeinem Lande, und ſein Land ihm entfremdet worden. Seine erſte Ehe war ungluck⸗ lich und kinderlos; ſeine zweite Gemahlin die Witt⸗ we des Lords Craven. Bereits hatte Friedrich II., auf den Fall des Erlö⸗ ſchens des hohenzollernſchen Hauſes in Franken, im Frieden zu Teſchen mit Oeſtreich verabredet, daß Anſpach und Bayreuth an das Churhaus fallen, und nicht, wie vormals, neue Seitenlinien ſeiner Dynaſtie mit beſondern Regierungsſitzen in Franken gebildet werden ſollten. Bevor aber dieſes Erloͤſchen erfolgte, üͤberließ— bald nach ſeiner zweiten Ver⸗ 51 mahlung mit der Lady Craven am 30. October 1791 — der Markgraf Karl Alerander in einem, zu Bor⸗ deaux auf ſeiner Reiſe abgeſchloſſenen, Vertrage vom 2. December 1791 beide Provinzen, 1791 noch bei ſeinen Lebzeiten, dem Koͤnige von 2. Preußen, der ihm und ſeiner Gemahlin eine nicht Dec. unbetraͤchtliche jährliche Leibrente anwies. Des Markgrafen bisheriger Rathgeber, der Freiherr von Hardenberg, durch ſeltene Talente, ausgezeich⸗ nete Kenntniſſe und hohe Gewandtheit des Geiſtes zum Staatsmanne und Diplomaten berufen, trat, ſogleich nach der Ueberlaſſung der beiden Fuͤrſtenthuͤ⸗ mer, in den Staatsdienſt Preußens, und ward mit der Leitung des erworbenen Landes von Friedrich Wilhelm beauftragt. Der Erfolg rechtfertigte die getroffene königliche Wahl; denn beide Fuͤrſtenthuͤ⸗ mer gewannen an innerer Ordnung, zweckmaͤßiger Geſtaltung und friſcherm Leben im Gewerbsfleiße und Handel durch Hardenbergs umſicht und raſtloſe Thatigkeit. Der Markgraf ging, mit ſeiner zweiten Gemahlin, nach London, und ſtarb daſelbſt am Hten Januar 1806, kurz vor der Vertauſchung Anſpachs an Napoleon, und ein Jahr vor dem Verluſte Bay⸗ reuths von Preußen.— Nach dem Erwerbe der beiden frankiſchen Fuͤrſtenthuͤmer erklaͤrte Friedrich Wilhelm II. den rothen Adlerorden, welchen der Markgraf Georg Friedrich Karl von Bayreuth im Jahre 1734 geſtiftet hatte, naͤchſt dem ſchwar⸗ zen Adlerorden, fuͤr den zweiten Ritterorden der preußiſchen Monarchie, und gab demſelben eine neue Einrichtung nach drei Klaſſen.— Die von Preußen, ſeit der Beſitznahme der beiden Fuͤrſten⸗ thuͤmer, aufgefeiſchten aͤltern Rechte eines Burg⸗ grafen von Nuͤrnberg fuhrten zu mehrjährigen Zwi⸗ 4* 52 ſten mit der Reichsſtadt Nuͤrnberg und der in den Fuͤrſtenthuͤmern lebenden unmittelbaren Reichsrit⸗ terſchaft. Allein die bereits von der Reichsſtadt Nuͤrnberg am 2. September 1796 angenommene Unterwerfung unter die Souverainetät des Koͤnigs von Preußen ſcheiterte an der, von dem Kaiſer Franz II.(1797) aufgeſtellten, Localcommiſſion, und Nuͤrnbergs politiſches Schickſal ward erſt im Frieden von Preßburg(1805) entſchieden. Unter Friedrich Wilhelm II. war, durch die neuen Erwerbungen, die Geſammtbevolkerung der preußiſchen Monarchie bis auf acht und eine halbe Million Menſchen geſtiegen, und doch galt ſie im Staatenſyſteme Europa's nicht mehr das, was ſie, eilf Jahre fruher, bei Friedrichs II. Tode gegolten hatte. In dem bedeutend vermehrten Heere waltete nicht mehr der Geiſt ſeines Schoͤpfers und Bildners; die Staatscaſſen waren geleert; die Stimmung in den oͤſtlich erworbenen Laͤndern war nichts weniger, als preußiſch; das geiſtige Leben durch Religionsedict, Cenſurzwang und Examina⸗ tionscommiſſion gelaͤhmt; der feſte Charakter der preußiſchen Staatskunſt einem Schaukelſyſteme ge⸗ wichen, dem man zwar äußern Zuwachs, aber keine hohere Achtung in der Meinung der uͤbrigen europai⸗ ſchen Kabinette verdankte. Die Großmächte des Erdtheils, Rußland, Oeſtreich, die Republik Frank⸗ reich und Großbritannien, waren— aus verſchiede⸗ nen Urſachen— dem Intereſſe Preußens entfrem⸗ det, und noch blieb unentſchieden, was, nach dem Frieden zwiſchen Oeſtreich und Frankreich zu Campo Formio, deſſen Abſchließung Friedrich Wilhelm 1I. 53 noch erlebte, Preußens Wort auf dem zu Raſtadt im December 1797 zu eroͤffnenden Reichscongreſſe gelten wurde. Unter ſolchen innern und auswärtigen Verhalt⸗ niſſen ſtarb Friedrich Wilhelm Il. am 16ten November 1797, nachdem er 53 Jahre gelebt und eilf Jahre regiert hatte. Ihm folgte ſein älteſter Sohn aus ſeiner zweiten Ehe mit der Prinzeſſin Friederike Louiſe von Heſſen⸗Darmſtadt, Fried⸗ rich Wilhelm lll. 3 weiter Abſchnitt. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich Wilhelm III. vom 16. November 1797 bis zum Frieden von Tilſit im Jahre 1807. Es war eine große Aufgabe, die gelöſet werden mußte, als Friedrich Wilhelm III.(gebohren am 3. Auguſt 1770) die Regierung uͤbernahm. Denn dem hochgebildeten Geiſte und edlen Sinne des Koͤnigs entging es nicht, daß, ſeit dem Tode ſei⸗ nes Großoheims, die Monarchie im innern und aͤußern Staatsleben nicht vorwärts geruͤckt war. Unzählige Mißbräuche, die ſich in alle Zweige der Verwaltung eingeſchlichen hatten, mußten beſeitigt, die unwuͤrdigen Guͤnſtlinge des verewigten Koͤnigs aus beiden Geſchlechtern vom Hofe und von der Lei⸗ tung der oͤffentlichen Geſchäfte entfernt, ſtrenge Ordnung und weiſe Sparſamkeit an die Stelle des Sichgehenlaſſens und der Verſchwendung geſetzt, das geiſtige Leben auf die feſte Unterlage der gruͤnd⸗ 54 lichen Gelehrſamkeit und des fteien Wortes zuruͤckge⸗ fuͤhrt, in allen höhern Staatsaͤmtern der rechte Mann an den rechten Ort gebracht, und die Stellung gegen das Ausland nach den ſehr veränderten Zeit⸗ verhaͤltniſſen geſtaltet werden. Mit einem Worte: Friedrichs⸗Ehre ſollte fortan nicht blos als Sternbild am Geſichtskreiſe der preußiſchen Monar⸗ chie erſcheinen, ſondern im Umfange derſelben ver⸗ wirklicht werden. Die Beiſpiele vom Throne herab wirken mächtig auf die geſitteten und geiſtig gebildeten Voͤlker; ſo in Preußen, ſeit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelms III., das Beiſpiel der treueſten, zaͤrtlich⸗ ſten Gattenliebe, die den Koͤnig mit ſeiner Gemah⸗ lin, der Königin Louiſe, bis zu ihrem fruͤhen Tode am 19. Juli 1810 verband; ſo das Beiſpiel des haͤuslichen Gluͤcks und der ungetrubteſten Ein⸗ tracht in der königlichen Familie; ſo die hohe Ein⸗ fachheit des Koͤnigs in ſeiner perſoͤnlichen oͤffentlichen Ankuͤndigung; ſo die Vermeidung alles Prunkes, ohne doch der koͤniglichen Wuͤrde etwas zu vergeben; ſo die weiſe berechnete Sparſamkeit in allen Ausga⸗ ben des Staates, ohne doch irgend ein dringendes Beduͤrfniß im innern Staatsleben unbefriedigt zu laſſen. Vielmehr wurden die meiſten Beſoldungen der Staatsdiener und des Militairs zeitgemaͤß er⸗ hoͤht, und anſehnliche Summen zur Fortbildung be⸗ reits beſtehender, ſo wie zur Begruͤndung neuer An⸗ ſtalten fuͤr Wiſſenſchaft, Kunſt und Staatsdienſt angewieſen. Noch ſtanden viele ehrwuͤrdige Maͤnner aus der Zeit Friedrichs II. in oͤffentlichen Aemtern; ihr Geiſt lebte von neuem auf, als die Feſſeln des bisher in Kirche und Staat verſuchten Reactionsſyſtems gebro⸗ 55 chen wurden. Fortan galt nicht mehr die Gunſt und der Schutz der Geiſterſeher und Myſtiker, nicht mehr die geheuchelte Rechtglaͤubigkeit und die fromme Verketzerung der Andersdenkenden, ſondern das perſönliche Verdienſt gab den Ausſchlag. In des Königs unmittelbarer Nähe ſtand ein erprobter Rathgeber, der geheime Kabinetsrath Menken, der fruͤher, bei ſeiner Sendung nach Stockholm, des großen Friedrichs Zutrauen gewonnen hatte. Sogleich am Todestage Friedrich Wilhelms lI. ward die Gräfin Lichtenau verhaftet. Die öffentliche Meinung ſprach laut gegen ſiez es giebt aber Ver⸗ irrungen, die ſich im Purpur des Thrones verlieren, und mit ſchonender Ruckſicht auf die Verblichenen geahndet werden muͤſſen. Die Gräfin Lichtenau ward verhoört, verurtheilt, im Maͤrz 1798 auf die Feſtung Glogau gebracht, und ſpäter in Freiheit ge⸗ ſetzt. Von ihrem eingezogenen Vermoͤgen ward ihr eine Jahresſumme von 4000 Thalern, das uͤbrige der Charite zu Berlin angewieſen.— Das in der letzten Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. von dem Staate an ſich gebrachte Monopol des Tabaks⸗ handels ward aufgehoben, und der Verkauf deſſel⸗ ben, gegen maͤßige Abgaben, freigegeben.— Die bis dahin beſtandene Examinationscommiſſion der Theologen ward(M. December 1797) aufgehoben, und die Prufung derſelben der vorigen Behorde zu⸗ ruͤckgegeben, die aus Männern beſtand, deren Na⸗ men in ganz Teutſchland gefeiert wurden. Dem⸗ ungeachtet glaubte Woͤllner, an der Spitze des geſammten Kirchen⸗, Schul⸗ und Bildungsweſens der Monarchie ſich behaupten zu koͤnnen; ja ſeine Verblendung, oder ſeine Kuͤhnheit ging ſo weit, daß er die königliche Kabinetsordre vom 23. Nov. 1797 zur Einſchärfung des Religionsedicts deutete, und in dieſem Sinne eine Vorſchrift erließ, daß die Geiſtlichkeit uͤber die vorgeſchriebene Glaubensord⸗ nung halten und uͤber die Rechtglaubigkeit der Unter⸗ geordneten wachen ſollte. Dies fuͤhrte zu der wich⸗ tigen Kabinetsordre vom 12. Januar 1798 an Wöll⸗ ner, worin der Konig ihm erklaͤrte:„Die Deutung, welche Ihr meiner Ordre vom 23. November v. J., in Eurem unterm 5. December an die Conſiſtorien erlaſſenen Reſeripte gegeben habt, iſt ſehr willkuͤhr⸗ lich, indem in jener Ordre auch nicht ein Wort ent⸗ halten iſt, welches, nach geſunder Logik, zur Einſchärfung des Religionsedicts hätte Anlaß geben können. Ihr ſeht hier⸗ aus, wie gut es ſeyn wird, wenn Ihr bei Euren Verordnungen kuͤnftig nicht ohne vorherige Berath⸗ ſchlagungen mit den geſchaͤftskundigen und wohlmei⸗ nenden Maͤnnern, an denen in Eurem Departement kein Mangel iſt, zu Werke gehet, und darin dem Beiſpiele des verewigten Muͤnchhauſen folgt, der denn doch mehr, wie viele Andere, Urſache ge⸗ habt haͤtte, auf ſein eigenes Urtheil ſich zu verlaſſen. Zu ſeiner Zeit war kein Religionsedict, aber gewiß mehr Religion und weniger Heuchelei, als jetzt, und das geiſtliche Depar⸗ tement ſtand bei Inlaͤndern und Auslaͤndern in der größten Achtung. Ich ſelbſt ehre die Religion, folge gern ihren begluͤckenden Vorſtellungen, und moͤchte um Vieles nicht uͤber ein Volk herrſchen, welches keine Religion haͤtte. Aber ich weiß auch, daß ſie die Sache des Herzens, des Gefuͤhls, und der eigenen Ueberzeugung ſeyn und bleiben muß, und nicht durch methodiſchen Zwang zu einem gedankenloſen Plapperwerke herab⸗ 57 gewuͤrdigt werden darf, wenn ſie Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit befördern ſoll. Vernunft und Phi⸗ loſophie muͤſſen ihre unzertrennlichſten Gefaͤhrten ſeyn; dann wird ſie durch ſich ſelbſt beſtehen, ohne die Autorität derer zu beduͤrfen, die es ſich anmaßen wollen, ihre Lehr⸗ ſätze kunftigen Jahrhunderten aufzudringen, und es den Nachkommen vorzuſchreiben, wie ſie zu jeder Zeit denken ſollen. Wenn Ihr bei Leitung Eures Departements nach echten lutheriſchen Brundſaͤtzen verfahret, welche ſo ganz dem Beiſte und der Lehre des Stifters unſerer Religion angemeſſen ſind; wenn ihr dafuͤr ſorget, daß Pre⸗ digt⸗ und Schulaͤmter mit rechtſchaffenen und ge⸗ ſchickten Maͤnnern beſetzt werden, die mit den Kenntniſſen der Zeit und beſonders der Exe⸗ geſe fortgeſchritten ſind, ohne ſich an dogmatiſche Subtilitaͤt zu kehren; ſo werdet Ihr es bald ein⸗ ſehen können, daß weder Zwangsgeſetze, noch Er⸗ innerungen nöthig ſind, um wahre Religion im Lande aufrecht zu erhalten, und ihren wohlthaͤtigen Einfluß auf das Gluͤck und die Moralität aller Volks⸗ klaſſen zu verbreiten.“— Ungeachtet dieſer ernſten königlichen Zurechtweiſung, ſtand Wollner dennoch an, ſeine Entlaſſung zu ſuchen. Sie ward ihm alſo am 11. März 1798 gegeben, und mit derſel⸗ ben ſank das Religionsedict in das Dunkel zu⸗ ruͤck, aus welchem es, zum Hohne des achtzehnten Jahrhunderts, hervorgegangen war. An Wöllners Stelle trat von Maſſow, ein Mann voll Ma⸗ ßigung, geläuterter Einſicht, und reinem Willen fur wahre Religion und hohere wiſſenſchaftliche Bildung. Die Heuchler und die Ignoranten fanden fortan ihre Rechnung nicht mehr; die Männer voll gruͤnd⸗ licher Gelehrſamkeit, echt proteſtantiſchen Sinnes und reiner Wärme fur die Fortbildung des Volkes auf den Kanzeln, den Lehrſtuhlen der Hochſchu⸗ len und der gelehrten Anſtalten hoben von neuem ihre Haͤupter auf; denn die Stunde ihrer Erloͤſung hatte ſich genahet. Bald darauf(11. April 1798) erhielt auch die Akademie der Wiſſenſchaf⸗ ten zu Berlin eine neue Einrichtung, mit der Er⸗ innerung,„daß ihre bisherigen Bemuͤhungen mehr auf die Schule, als auf das Leben berechnet geweſen wären.“ Naͤchſt dieſer wohlthätigen neuen Begruͤndung des geiſtigen Lebens, gab Friedrich Wilhelm UI. der Finanzverwaltung eine größere Ordnung und Feſtigkeit, als er den Wirkungskreis der Ober⸗ rechnungskammer erweiterte, und den Grafen von der Schulenburg an ihre Spitze ſtellte. Eben ſo wurden die einzelnen Zweige der Verwaltung, namentlich das Forſt- und Kriegsweſen, von vielen eingeſchlichenen Mißbräuchen gereinigt, und der Verpflegung des Kriegerſtandes durch königliche Zu⸗ ſchuͤſſe nachgeholfen. Waͤhrend des Königs Sorgfalt auf dieſe Weiſe den dringenden Beduͤrfniſſen im innern Staats⸗ leben entgegen kam, richtete ſich auch ſein Blick auf die auswaͤrtigen Verhaͤltniſſe, zu deren Leitung, nach dem Tode des Grafen von Finkenſtein, der Graf von Haugwitz ernannt ward. Die Ver⸗ ſchwendung des von Friedrich dem zweiten geſam⸗ melten Staatsſchatzes und die uͤber die Monarchie gekommene Schuldenlaſt von 28 Millionen Thalern während der vorigen Regierung, machte das Sy⸗ 59 ſtem der Neutralität, das Friedrich Wil⸗ helm III. feſtzuhalten beſchloß, eben ſo noͤthig, wie die damalige Stellung der preußiſchen Monarchie zu den uͤbrigen Großmächten des Erdtheils. Denn ſeit Preußen im Baſeler Frieden aus der Coalition gegen Frankreich ſchied, hatten Oeſtreich und Rußland ſich inniger verbunden, und Großbritan⸗ nien hielt mit ihnen zuſammen. In Frankreich herrſchte das Directorium, das in ſich ſelbſt ſo ent⸗ zweit war, daß die Mehrheit deſſelben zwei der Col⸗ legen(Carnot und Barthelemy) im September 1797 aus ſeiner Mitte verdraͤngte. Keine Macht des Auslandes konnte ſich mit Zutrauen dieſer Regie⸗ rung annaͤhern, die, abgeſehen davon, daß ſie ſelbſt auf einem vulkaniſchen Boden ſtand, nach allen Seiten hin nach Machtvergroßerung ſtrebte. Doch hatte der Oberfeldherr des italiſchen Heeres, Bona⸗ parte, bei der Abſchließung des Friedens von Campo 1797 Formio mit Oeſtreich ſich zu geheimen Bedingun⸗ 17. gen verbunden, die auf das Intereſſe beider Mächte Het. berechnet waren; denn Frankreich ſollte von Teutſch⸗ land das linke Rheinufer gewinnen, und Oeſtreich einen Theil von Bayern, mit Salzburg, ſich ein⸗ verleiben. Nach den Verabredungen zu Gampo Formio ſollte der Congreß zur Abſchließung des Friedens zwiſchen dem teutſchen Reiche und der Republik Frankreich zu Raſtadt zuſammentreten. Eine Deputation von zehn Reichsſtänden ward daher vom Kaiſer nach Raſtadt berufen, wo ſie am 9. Dec. 1797 ihre Sitzungen begann. Doch unter⸗ zeichnete am 1. Dec., noch vor der Eröffnung des Congreſſes, der aus Italien zuruͤckkehrende Bonaparte, zu Raſtadt einen geheimen Vertrag 60 mit dem öſtreichiſchen Generale Latour, nach wel⸗ chem Oeſtreich Mainz und das linke Rheinufer, Frankreich aber den an Oeſtreich uͤbergehenden Theil von Venedig zu raͤumen verſprach. Ob nun gleich Preußen nicht zu den zehn Mitgliedern der Reichsdeputation gehoͤrte; ſo vertraten doch die drei preußiſchen Diplomaten, der Graf von Görz, Jacobi und Dohm, die Intereſſen Preußens zu Raſtadt. Allein die durch ſiebenzehn Monate fortgeſetzten Unterhandlungen zu Raſtadt fuͤhrten zu keinem Ergebniſſe, und der Congreß ging, nach der Wiedereroͤffnung des Krieges zwiſchen Frank⸗ reich und Oeſtreich im März 1799, aus einander; doch ward ſeine Aufloͤſung noch durch die blutige 1799 That der Ermordung der franzoſiſchen Geſandten 28. bei ihrer Abreiſe von Raſtadt bezeichnet. Apr. Allerdings erbitterte die Abneigung des fran⸗ zöſiſchen Directoriums, die in den geheimen Be⸗ dingungen des Friedens von Campo Formio fuͤr Oeſtreich beſtimmte Länderabtretung in Bayern auf dem Congreſſe zu unterſtuͤtzen, das Kabinet zu Wien, nachdem Frankreich bereits den Beſitz des linken Rheinufers ſich verſchafft hatte. Dazu kamen die kuͤhnen Vorſchritte des Directoriums waͤhrend der Verſammlung zu Raſtadt. Die im Frieden zu Campo Formio neugeſchaffene cisalpi⸗ niſche Republik blieb in druͤckender Abhängigkeit von Paris; die alte Form des helvetiſchen Bun⸗ des ward durch franzoͤſiſche Waffen zertruͤmmert, und, unter dem fortdauernden Ankampfe der ſchwei⸗ zeriſchen Patricier und Demokraten gegen einan⸗ der, die Schweiz als Eine und untheilbare Re⸗ publik und als Bundesgenoſſe an das Schickſal Frankreichs geknuͤpft; der Kirchenſtaat ward in eine römiſche, Neapel in eine parthenopeiſche Re⸗ publik verwandelt; auf Piemont mußte der Kö⸗ nig von Sardinien verzichten, und fruͤher bereits fuhrte eine franzoͤſiſche Flotte, die von Toulon auslief und im Vorbeigehen die Inſel Maltha nahm, den Beſieger Italiens mit einem Heere von mehr als 30,000 Mann nach Aegypten, das durch Bonaparte's raſtloſe Thätigkeit nicht nur den herrſchenden Mamelucken abgerungen, ſondern auch als franzoſiſche Kolonie geſtaltet ward. Solchen raſchen Fortſchritten des demokrati⸗ ſchen Princips, und ſolcher kuͤhnen Machterweite⸗ rung der Republik Frankreich konnten die Groß⸗ maͤchte Europa's nicht ohne Beunruhigung zuſe⸗ hen. Ueber Rußland herrſchte ſeit dem 17. Nov. 1796, an welchem Tage Katharina I. ihre un⸗ ermeßlich folgenreiche irdiſche Laufbahn endigte, ihr Sohn, der Kaiſer Paul I., voll raſcher Ent⸗ ſchluſſe, voll individueller Eigenheiten und Lau⸗ nen, und voll des gluͤhendſten Haſſes gegen die Herrſchaft der Funfmänner an der Seine. Noch hatte Rußland unter Katharina Il. blos durch Proclamationen, nicht mit den Waffen, Antheil an dem Kampfe gegen Frankreich genommen; die Auflöſung Polens, die Einverleibung Kurlands und mehrerer von der Pforte abgetretenen Pro⸗ vinzen in das unaufhaltbar nach Weſten und Suͤ⸗ den ſich vergroßernde Kaiſerthum hatten die Staats⸗ kunſt Katharina's bis ein Jahr vor ihrem Tode vollauf beſchaͤftigt, und ſie allein hatte unter den Maͤchten der Coalition gegen Frankreich durch Ab⸗ ruͤndungen in der Naͤhe weſentlich gewonnen, ohne dem bedenklichen Kampfe gegen Frankreich durch Heeresmaſſen ſich anzuſchließen. 62 Anders dachte ihr Sohn und Erbe. Die Antrage Großbritanniens, das ſeit dem Jahre 1793 im Mit⸗ telpuncte der Coalition gegen Frankreich ſtand, wurden willig von ihm angenommen; doch kam es darauf an, des Beitritts Preußens und Oeſtreichs zur neuen Coalition ſich zu verſichern. Fuͤr dieſen Zweck erſchien 179 der ruſſiſche Furſt Repnin in Berlin, ſpäter der Lord Grenville, und fur Oeſtreich der Graf Dietrichſtein; das Directorium von Frankreich aber ſchickte, an die Stelle des zuruͤckberufenen Caillard, den vielſeitigen Sieyes als Geſandten. Doch Friedrich Wilhelm be⸗ harrte mit Feſtigkeit bei dem angenommenen Syſteme der Neutralität, und Repnin ging, ohne Erfolg, von Berlin nach Wien, wo ſeine Anträge willig an⸗ genommen wurden. So begann im Fruͤhjahre 1799 ein neuer Krieg in Teutſchland, der Schweiz und Italien gegen Frankreichs Uebermacht. Schon war Italien, bis auf Genua, fur Frankreich verloren; ſchon ſtand der Erzherzog Karl ſiegreich am Rheine, und kaum hatte Maſſena bei Zuͤrich gegen Oeſtreicher und Ruſ⸗ ſen, und Brune in der bataviſchen Republik gegen Britten und Ruſſen ſich behaupten koͤnnen, als, nach Bonaparte's Ruͤckkehr aus Aegypten und nach 1799 ſeiner Gelangung zur Regierung Frankreichs als er⸗ Nov. ſter Conſul, die ganze Lage der Dinge ſich verän⸗ derte. Denn unverkennbar kam durch ihn eine neue und feſte Haltung ins innere Staatsleben Frankreichs, und nach außen entſchieden die Schlacht⸗ tage bei Marengo(14. Jun. 1800) und bei Hohen⸗ linden(3. Dec. 1800) über den Charakter des Krie⸗ ges. Die Reſte der ruſſiſchen Heere hatte Paul I., unzufrieden uͤber das Kadinet zu Wien, bereits im Spätjahre 1799 nach Rußland zuruͤckgerufen; und Oeſtreich ſah, nach Moreau's Siege bei Hohenlin⸗ den, im Herzen ſeiner Erbländer ſich angegriffen. Die wichtigern Fuͤrſten des ſuͤdlichen Teutſchlands, unter Oeſtreichs Einfluſſe zum Reichskriege gegen Frankreich gebracht, hatten, bei dem ſiegreichen Vordringen der Franzoſen, durch Separatftiedens⸗ ſchluſſe ihr bedrohtes politiſches Daſeyn gerettet, während das noͤrdliche Teutſchland, nach Preußens Vorgange, waͤhrend des Kampfes in den Jah⸗ ren 1799 und 1800 neutral geblieben war. Dies fuͤhrte am 9. Februar 1801 zum Frieden von Luͤneville. Eine Zwiſchenerſcheinung, während dieſes zwei⸗ ten Coalitionskrieges, war die Erneuerung der be⸗ waffneten Neutralität von den nordi⸗ ſchen Mächten gegen die vielfachen Verletzungen der Rechte der neutralen Flagge durch die Britten wahrend des Seekrieges. Bereits hatten die Brit⸗ ten, unter dem Vorwande des von den neutralen Staaten getriebenen Schleichhandels mit Englands Feinden, daͤniſche, ſchwediſche und preußiſche Schiffe aufgebracht, als der Kaiſer Paul I., der den Brit⸗ ten wegen der verweigerten Herausgabe der Inſel Maltha zuͤrnte, die Koͤnige Danemarks, Schwe⸗1800 dens und Preußens zu einer Verbindung fur die Aug. Aufrechthaltung des neutralen Handels, auf die Unterlagen der von ſeiner Mutter im Jahre 1780 wäͤhrend des nordamerikaniſchen Krieges begrunde⸗ ten bewaffneten nordiſchen Neutralitat, einladen ließ. Schweden und Dänemark traten bei, und auch Preußen ſchloß ſich an, obgleich ſeine Schiffahrts⸗ intereſſen auf der politiſchen Wagſchale nur wenig 64 gelten konnten. Doch war es von England durch die Aufbringung des Schiffes Triton nach Cuxhaven 1800 gereizt worden, und, bei Pauls damaliger Stim⸗ 16. mung gegen Oeſtreich und Großbritannien, ſchien Dec. es rathſam, dieſen völkerrechtlichen Antrag anzu⸗ nehmen, nachdem man ſein fruͤheres Verlangen des Beitritts zum Kriege gegen Frankreich abge⸗ lehnt hatte. Nach Preußens Beitritte zur nordiſchen Neu⸗ 1801 tralität gab der Graf Haugwitz dem brittiſchen Ge⸗ 12. ſandten, auf ſeine Anfrage deshalb, eine beſtimmte, Febr. nichts weniger als freundliche, Antwort. Die Preu⸗ ßen beſetzten Cuxhaven, im April 1801 ſogar den Churſtaat Hannover, die freie Reichsſtadt Bre⸗ men, und die Fürſtenthuͤmer Oldenburg und Delmen⸗ horſt, ſo daß ſie die Muͤndungen der Elbe, Weſer und Ems ſperrten. Ob nun gleich der brittiſche Handel mit dem Feſtlande durch dieſe Maasregel beeinträchtigt und Hannover fur Preußen verwaltet ward; ſo erwiederte ſie doch Großbritannien nicht, wie man befuͤrchtet hatte, durch den Beſchlag auf die preußiſchen Schiffe. Es ſchien daher die da⸗ mals herrſchende offentliche Meinung nicht ganz ohne Grund zu ſeyn, daß England ſelbſt im Geheimen in die Beſetzung Hannovers eingewilligt habe, da⸗ mit nicht, waͤhrend der Fortdauer des Krieges zwi⸗ ſchen Frankreich und England, Bonaparte den han⸗ növerſchen Churſtaat beſetzen laſſen, und vielleicht gar in die Entſchädigungsmaſſe, fuͤr Teutſchlands Verluſte auf dem linken Rheinufer, einrechnen moͤchte. Dieſe Anſicht erhielt dadurch noch mehr Gewicht, daß die Preußen bereits am 1. Dec. 1801 den Churſtaat Hannover räumten, nachdem Groß⸗ britannien und Frankreich am 1. October zu Lon⸗ 65 don uͤber die Präliminarien des Friedens ſich verei⸗ nigt hatten. Ohnedies hatte die Ermordung des Kaiſers Paul I.(23. Maͤrz 1801) die Verhältniſſe des Nordens weſentlich verändert, weil ſein Nach⸗ folger, Alexander I., den Britten ſich naͤherte, und mit Großbritannien bald darauf einen Vertrag ab⸗ ſchloß, mit welchem das Syſtem der bewaffneten Neutralität im Norden erloſch. Denn die uͤbrigen verbuͤndeten Maͤchte— ſo viel auch Daͤnemark durch den brittiſchen Angriff auf Kopenhagen gelitten 1801 hatte— ſahen, nach Rußlands Ruͤcktritte, ſich ge⸗ 2. nöthigt, ebenfalls den Forderungen Großbritanniens Apr. nachzugeben. Waͤhrend dieſer Vorgaͤnge verſoͤhnte der Friede zu Luͤneville am 9. Februar 1801 Frankreich und Oeſtreich. Die letzte Macht unterzeichnete die⸗ ſen Frieden zugleich im Namen des teutſchen Rei⸗ ches. Abgeſehen von den Beſtimmungen dieſes Vertrages in Hinſicht Italiens, entſchied er zugleich das kuͤnftige Schickſal Teutſchlands. Denn, mit Beziehung auf die fruͤhern Bewilligungen der teut⸗ ſchen Deputirten zu Raſtadt an Frankreich, ward in dieſem Frieden der Thalweg des Rheins als die Grenze zwiſchen Frankreich und Teutſchland feſtgeſetzt, und erklart, daß den dadurch fuͤr die teutſchen Epbfurſten(wodurch die Prieſterfuͤrſten ausgeſchloſſen wurden) entſtehenden Verluſt das teutſche Reich im Ganzen(collectivement) durch Entſchädigungen ausgleichen ſolle. Das teutſche Reich nahm, in einem Reichsgutachten, am 7. Maͤrz 1801 zu Regensburg dieſen Frieden an. Demungeachtet verzog ſich die Entſcheidung der IV. 5 66 Angelegenheiten Teutſchlands; denn Oeſtreich hatte kein Intereſſe bei der Auflöſung der geiſtlichen Herr⸗ ſchaft in Teutſchland, und unterſtuͤtzte, nach dem 1801 Tode des Churfurſten Maximilian von Koͤln, der 27. zugleich Biſchoff von Muͤnſter und Regent des Her⸗ Jul. zogthums Weſtphalen war, die neue Biſchoffswahl zu Muͤnſter, die auf den Erzherzog Anton, den Bruder des Kaiſers Franz II., fiel, obgleich Preu⸗ ßen durch ſeine Erklärungen zu Regensburg, Wien, Muͤnſter und Ahrensberg dieſe Wahl zu verhindern geſucht hatte. Nach geſchehener Wahl bezeugte Preußen ſein Befremden uͤber dieſelbe, und erklaͤrte, daß es ſie nicht anerkenne. Daruͤber kam es zu Irrungen zwiſchen Wien und Berlin; denn der Graf Stadion ſprach zu Berlin aus,„daß weder der Erzherzog fuͤr jetzt von ſeiner Wahl Gebrauch machen, noch der Kaiſer die Entſchadigung teutſcher Fuͤrſten verhindern werde, daß er aber auf der Bei⸗ behaltung der drei geiſtlichen Churfuͤrſten beharre.“ Dem erwiederte Preußen,„daß es ſich die Biſchoffs⸗ wahl, als bloße Förmlichkeit, gefallen laſſen koͤnne; über die Fortdauer der geiſtlichen Churwuͤrden werde man ſich aber erſt nach der Entſchaͤdigung der welt⸗ lichen Reichsſtände vereinigen koͤnnen.“ Bei Oeſtreichs Unthätigkeit in Hinſicht des Ent⸗ ſchäͤdigungsgeſchaͤfts näherten ſich mehrere der da⸗ bei beſonders betheiligten Reichsfuͤrſten, namentlich Bayern, Wirtemberg, Preußen und Oranien dem erſten Conſul, und ſchloſſen uͤber die ihnen zugedachten Entſchadigungen beſondere Verträge mit demſelben. So Preußen am 23. Mai 1802, wo Frankreich die Gewäͤhrleiſtung der an Preußen fallenden Laͤnder üͤbernahm, und Preußen bereits im Juli und Auguſt 1802 dieſelben beſetzen ließ. 67 Die Anſpruche Preußens beruhten aber auf der Ent⸗ ſchäͤdigung fuͤr das— bereits im Baſeler Frieden an Frankreich uͤberlaſſene— uͤberrheiniſche Cleve, fuͤr Meurs und Geldern, wozu ſpäter noch die Abtretung von Sevenaar, Huyſſen und Malburg an die bataviſche Republik kam. Bedeutend uͤberwog der Gewinn aus den neuer⸗ worbenen Laͤndern den durch die Abtretungen am linken Rheinufer erlittenen Verluſt. Denn mit der preußiſchen Monarchie wurden verbunden die Bis⸗ thuͤmer— nunmehrigen Fuͤrſtenthuͤmer— Hil⸗ desheim und Paderborn, die Reichsſtädte Goslar, Muͤhlhauſen und Nordhauſen, das Gebiet von Erfurt, die Grafſchaft Unter⸗ gleichen mit allen mainziſchen Beſitzungen in Thuͤ⸗ ringen, das Eichsfeld, der churmainziſche An⸗ theil an der Ganerbſchaft Trefurt und der Voigtei Dorla, die Abtei Herforden, Quedlinburg, Eſſen, Elten, Werden, die Propſtei Kap⸗ penberg, und der dritte(ſuͤdöſtliche) Theil des Bisthums Muͤnſter, mit der Stadt Muͤnſter. Die foͤrmliche Beſtätigung dieſer von Preußen gemachten Erwerbungen erfolgte in dem, am 25 Febr. 1803 1803 untetzeichneten, Reichsdeputations⸗ 25. hauptſchluſſe, welcher die neuen geographiſchen Febr. Verhaͤltniſſe in Teutſchland im Einzelnen aufſtellte und durchfuͤhrte. Die Reichsdeputation, welche zu Regens⸗ vurg dieſen wichtigen Gegenſtand verhandelte und zur Entſcheidung brachte, beſtand aus Churmainz, Chur⸗ böhmen, Churſachſen, Churbrandenburg, Bayern, Wirtemberg, Heſſen⸗Kaſſel, und Hoch⸗ und Teutſch⸗ meiſter. Der Entſchaͤdigungsplan ſelbſt ward der Deputation von den Geſandten der beiden Maächte, Frankreich und Rußland, vorgelegt; denn 5* 68 nach dem, von dem erſten Conſul mit dem Kaiſer Alexander I. am 8. Oct. 1801 abgeſchloſſenen, Frie⸗ den zwiſchen Frankreich und Rußland, hatten beide, in einem geheimen Vertrage vom 10. Oct., da⸗ hin ſich vereinigt, daß ſie die Entſcheidung der teutſchen und italiſchen Angelegenheiten ge⸗ meinſchaftlich leiten wollten. Ob nun gleich der zuerſt von den vereinigten Maͤchten(18. Aug. 1802) vorgelegte Entſchdigungsplan ſo viele Widerſpruͤche fand, daß ihm(9. Oct.) ein zweiter folgen mußte, welcher ebenfalls im Reichsdeputationshauptſchluſſe noch manche Veränderung erfuhrz ſo blieb doch die preußiſche Entſchaͤdigung in ihrer Guͤltigkeit. Bei der nahen Verwandtſchaft Preußens mit dem ora⸗ niſchen Hauſe, und bei Preußens Verwendung fur daſſelbe, muß erwähnt werden, daß die Entſchaͤdi⸗ gung des Fürſten von Oranien in den Erwerb von Fulda, Corvey, Dortmund und Weingarten geſetzt ward. uebrigens ſprach der Reichsdeputations⸗ hauptſchluß im Voraus die Guͤltigkeit aller Tauſch⸗ und Länderausgleichungsverträge aus, welche innerhalb eines Jahres von den teutſchen Fürſten und Reichsſtänden geſchloſſen werden wuͤr⸗ den. In Angemeſſenheit zu dieſet Beſtimmung verei⸗ nigte ſich daher Preußen(3. Jun. 1803) mit Bayern zu einem Tauſchvertrage in Hinſicht mehrerer Beſitzungen in Franken, ſo daß Preußen einige wuͤrzburgiſche und bambergiſche Aemter und Ortſchaften, und die Städte Duͤnkelsbuͤhl, Winds⸗ heim und Weiſſenburg, gegen einige Abtretungen aus den beiden fränkiſchen Fuͤrſtenthuͤmern, von Bayern eintauſchte.— Die Verſuche, welche in dieſer Zeit von Preußen, und von mehrern teut⸗ ſchen Fuͤrſten, geſchahen, die innerhalb ihrer Ge⸗ 69 biete liegenden Beſitzungen der Reichsritter ihrer Oberhoheit zu unterwerfen, gediehen damals nicht 1804 zur Reife; theils weil der Reichshofrath in einem ſogenannten Conſervatorium— ungeachtet der preu⸗ ßiſchen Proteſtation— dagegen ſich erklärte; theils weil neu eintretende Ereigniſſe die Staatskunſt der europäiſchen Maͤchte hinreichend beſchäftigten. Denn Großbritannien hatte zwar, unter dem Drängniſſe ſehr verwickelter politiſcher Verhältniſſe, am 27. Maͤrz 1802 mit Frankreich den Frie⸗ den zu Amiens geſchloſſen, fand aber bereits im Jahre 1803— bei der raſch anwachſenden Macht Frankreichs— es gerathen, von neuem den Krieg gegen Frankreich auszuſprechen. Der erſte Conſul, der auf den Meeren mit England ſich nicht meſſen konnte, beſchloß einen Angriff auf den Churſtaat Hannover, obgleich derſelbe, als teutſcher Staat, mit Frankreich im Frieden lebte. Unter die⸗ ſen Verhältniſſen unterhandelte Großbritannien mit Preußen, daß dieſes von neuem, wie im Jahre 1801, Hannover waͤhrend des beginnenden Krieges beſetzen mochte; allein Preußen verlangte dafur Be⸗ willigungen in Betreff der freien Schiffahrt, die England nicht zugeſtehen wollte, weil ſonſt die drei uͤbrigen Maͤchte des Nordens ein Gleiches gefordert haben wuͤrden. So konnte die Beſetzung des Chur⸗ ſtaates Hannover und die Verletzung der Neutralität Teutſchlands durch ein franzoſiſches Heer nicht gehin⸗ dert werden, obgleich der freie Handel im teutſchen Weſten und Norden dadurch ſehr beſchränkt ward. Doch bald darauf ward Teutſchlands neutrales Gebiet noch willkuhrlicher von dem erſten Conſul 1804 18. Mai. 70 verletzt, als er im Maͤrz 1804 den Herzog von Enghien und mehrere Ausgewanderte im Churſtaate Baden militairiſch aufheben, nach Frankreich ab⸗ fuͤhren, den Herzog von einer Militaircommiſſion verurtheilen und erſchießen ließ. Noch ſtaunte Europa uͤber dieſe Verletzung des Voͤlkerrechts, als es von dem Senatusconſultum uberraſcht ward, welches den erſten Conſul Bona⸗ parte zum erblichen Kaiſer Frankreichs erhob. Schon war durch fruͤher eingetretene Irrun⸗ gen, beſonders aber durch die Hinrichtung des Herzogs von Enghien, das bisherige freundſchaft⸗ liche Vernehmen zwiſchen Rußland und Frankreich erkaltet; ſchon hatte der Koͤnig von Schweden, Guſtav IV., öffentliche beleidigende Schritte ge⸗ gen Napoleon gethan, die nicht ohne Erwiederung blieben; ſchon fuchte Großbritannien, wie ihm bei Schweden gelang, neue Verbindungen mit den Maͤchten des europäiſchen Feſtlandes anzuknuͤpfen. Allein Preußen hielt feſt bei ſeiner Neutralität, weil es die Erfahrung von der Unſicherheit der fruͤheren Coalitionen gemacht hatte, und erkannte die Kaiſetwuͤrde Napoleons an. Daſſelbe geſchah von Oeſtreich, nachdem(11. Aug. 1804) Franz II. die Wuͤrde eines Erbkaiſers von Oeſtreich ange⸗ nommen hatte. Bereits war am 11. April 1805 zwiſchen Rußland und Großbritannien zu St. Petersburg ein Coneerttractat abgeſchloſſen worden, wel⸗ cher der Beſchräͤnkung der Macht Frankreichs galt. Seſtreich trat aber demſelben erſt am 9. Aug. bei, nachdem Napoleon auch die eſſerne lombardiſche Krone zu Mailand am 26. Mai auf ſein Haupt geſetzt, die Republik Ligurien Frankreich einver⸗ leibt, ſeiner Schweſter Eliſa das Fuͤrſtenthum Piom⸗ bino zugetheilt, und mit demſelben die, in ein Fürſtenthum verwandelte, Republikette Lucca ver⸗ bunden hatte. Auf die Kunde von dieſen Ereig⸗ niſſen reiſete der ruſſiſche Kammerherr Nowoſiltzof, 3 der mit Napoleon unterhandeln ſollte, von Ber⸗ lin, bis wohin er gekommen war, nach Rußland zuruͤck; und, nach Oeſtreichs Beitritte zum Con⸗ certtractate, blieb kein Zweifel uͤber die Eröffnung des Kampfes im Spätjahre 1805. Pitt, die Seele dieſer dritten Coalition, hatte erkannt, daß zu einem großen Zwecke große Mit⸗ tel aufgeboten werden muͤßten. Deshalb ſollten 500,000 Mann Truppen aufgeſtellt werden, um die Raͤumung Hannovers, Bataviens und Helve⸗ tiens, die Herſtellung und Vergrößerung Sardi⸗ niens, die völlige Befreiung Italiens von Napo⸗ leons Herrſchaft, und uͤberhaupt eine neue poli⸗ tiſche Ordnung der Dinge im europaͤiſchen Staa⸗ tenſyſteme zu bewirken. Zugleich hatte man ſich daruͤber vereinigt, alle Eroberungen erſt nach dem Kriege zu theilen, und jeden Staat feindſelig zu behandeln, der mit Frankreich ſich verbinden wuͤrde. So lockend und dringend die Einladungen der Verbuͤndeten an Preußen waren, ihrem Bunde beizutreten; ſo wies ſie doch Friedrich Wil⸗ helm mit Feſtigkeit zuruͤck. Eben ſo erklaͤrte er dem Marſchalle Duroc, der ihn, in Napoleons Namen, zu einem Buͤndniſſe einlud, ſeinen ern⸗ 1805 ſten Willen, neutral zu bleiben, wobei er ſich er⸗ 1. bot, den Beitritt von Daͤnemark, Churſachſen Spt. und Churheſſen zur Behauptung der Neutralität —— ——— des nördlichen Teutſchlands zu vermittein. Bald aber veränderten ſich die politiſchen Ver⸗ hältniſſe im Norden. Hannover anzugreifen, und die Franzoſen daraus zu vertreiben; dazu ſollte ſich im ſchwediſchen Antheile von Pommern ein ruſſiſch⸗ſchwediſches Heer verſammeln; denn Gu⸗ ſtav IV. hatte, in mehrern mit England abge⸗ ſchloſſenen Verträgen, fur brittiſche Huͤlfsgelder ei⸗ nen Angriff auf Hannover zugeſagt. Dies konnte dem Intereſſe Preußens nicht gleichgultig ſeyn; es erhielt daher ein Heer von 80,000 Mann Be⸗ 19. fehl, ſich bereit zu halten. Gleichzeitig erſchien Spt. der ruſſiſche General Buxhoͤoden in Berlin, und verlangte den freien Durchzug eines ruſſiſchen Hee⸗ res durch Preußen gegen Frankreich. Mochte im⸗ mer dieſe Forderung deshalb geſchehen, um den König zu einem Entſchluſſe fuͤr die Theilnahme am Kriege zu beſtimmen; ſo beleidigte ſie doch, ſelbſt in der Form, die Wuͤrde eines ſelbſtſtaͤndi⸗ gen Staates. Sie ward zuruͤckgewieſen, und ein bedeutendes preußiſches Heer zog nach der Weich⸗ ſel, um jeden erzwungenen Durchzug zu verhin⸗ dern.— Allein in dieſer Zeit, wo Friedrich Wil⸗ helm das Recht der Neutralitaͤt mit Ernſt und Wuͤrde gegen Rußland handhabte, ward, von ei⸗ ner andern Seite her, die Neutralität des An⸗ ſpachiſchen Gebiets durch den franzoͤſiſchen Hee⸗ restheil verletzt, welchen Bernadotte aus Hanno⸗ ver ins ſuͤdliche Teutſchland gegen die Oeſtreicher fuhrte, die bereits uͤber Bayern ſich verbreitet hat⸗ ten. Andere franzöſiſche Corps, ſo wie die vor den Oeſtreichern nach Franken gewichenen Bayern, beruͤhrten bei ihrem Vordringen nach Bayern eben⸗ falls den anſpachiſchen Boden. Dieſe Verletzung der Neutralität des preußi⸗ 73 ſchen Staatsgebiets in Franken bewirkte die nach⸗ druckliche Note, welche Hardenberg am 14. Oct. 1805 dem franzöſiſchen Geſandten zu Berlin, La⸗ foreſt, mittheilte. Preußen erklärte ſich in der⸗ ſelben fuͤr entbunden von allen fruͤheren Verpflich⸗ tungen gegen Frankreich, und den Verhältniſſen zuruͤckgegeben, wo keine andere Pflicht, als die der Sicherheit und allgemeinen Gerechtigkeit vor⸗ walte. Zwar werde der Koͤnig, treu ſeinen Grund⸗ ſaͤtzen, alles aufbieten, um den Frieden in Eu⸗ ropa zu vermitteln, den er ſeinem eigenen Volke zu erhalten wuͤnſche; er erkläre aber auch zugleich, daß er— ohne Verpflichtung und Gewährleiſtung — genoͤthigt ſey, ſein Heer die Stellung nehmen zu laſſen, welche fuͤr die Vertheidigung ſeiner Mo⸗ narchie noͤthig werde. Dieſer Erklaͤrung folgte das Zuſammenziehen dreier preußiſchen Heere in Niederſachſen, in Weſt⸗ phalen und in Franken; die an der Weichſel ſte⸗ henden Maſſen erhielten den Befehl zum Auf⸗ bruche nach dem Weſten; den Ruſſen ward freier Durchzug durch Schleſien verſtattet. Ploͤtzlich aber veraͤnderten die Niederlagen der Oeſtreicher in Schwaben den Charakter des Krieges. Dem Kai⸗ ſer Napoleon ſtand der Weg offen nach der alten Kaiſerſtadt Wien⸗ In dieſem wichtigen Zeitabſchnitte erſchien der Kaiſer Alexander(25. Oet.) ſelbſt in Berlin; bald darauf auch der Erzherzog Anton. Die Anweſen⸗ heit des ruſſiſchen Kaiſers und die lauten Wuͤn⸗ ſche des preußiſchen Volkes und Heeres fuhrten (3. Nov. 1805) zu dem Abſchluſſe eines Ver⸗1805 trages zu Potsdam zwiſchen Rußland und Preu⸗ 3. ßen, welchem Oeſtreich beitrat. Zwar iſt die Ur⸗Nov Oct. 74 zunde dieſes Vertrages ſelbſt bis jetzt noch nicht bekannt geworden; ſie beruhte aber, mit Ruͤckſicht auf den Concertvertrag, auf der Herſtellung des Zuſtandes der Dinge, wie beim Abſchluſſe des Luͤneviller Friedens, ſo daß Napoleon die italiſche Krone von der franzöſiſchen trennen, in die Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit Hollands und der Schweiz einwilligen, und der Konig von Sardinien entſchädigt werden ſollte. Mit dieſen Anträgen ſollte der Graf Haug⸗ witz zu Napoleon reiſen, und ihm, auf dieſe Be⸗ dingungen, Preußens Vermittelung und die Her⸗ ſtellung der vorigen freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe anbieten. Wuͤrde aber Napoleon dieſe Anträge zuruͤckweiſen; ſo wolle Preußen am 45. Decem⸗ ber den Krieg eröffnen, und den Verbündeten ſich anſchließen. Zwei Tage vor dem Abſchluſſe die⸗ ſes Vertrages verließ der Marſchall Duroc Berlin; zwei Tage nach demſelben der Kaiſer Alerander, und am 7. November der Erzherzog Anton. Bevor aber noch dieſer Vertrag unterzeichnet ward, beſetzten die Preußen den, von Pommern aus durch Ruſſen und Schweden bedrohten, Chur⸗ ſtaat Hannover, in welchem der zuruͤckgeblie⸗ bene Reſt der Franzoſen blos noch die Feſtung Hameln behauptete. Wenn Einige dieie Beſetzung dahin deuteten, daß ſie zu Gunſten Frankreichs geſchehe, um die Beſitznahme durch die Ruſſen und Schweden zu verhindern; ſo erhielt ſie doch, ſeit dem Vertrage von Potsdam, die Aufgabe der Behauptung des Churſtaates fuͤr England. Allein penige Wochen, nachdem die preußiſche Staatskunſt fuͤr den Kampf im Spätjahre 1805 einen beſtimmten Charakter angenommen hatte, be⸗ 75 wirkte bereits die Schlacht bei Auſterlitz die 1805 Erſchutterung deſſelben. Vor dieſem entſcheiden⸗ 2. den Tage ging Napoleon mit dem zu Brunn vor Dec. ihm(28. November) erſcheinenden Grafen Haug⸗ witz in keine Unterhandlungen ein, ſondern beſchied ihn nach Wien; nach demſelben aber ſprachen ſich (4. December) Napoleon und Franz II., ſchloſſen Waffenſtillſtund, und bereits am 26. December 1805 den Frieden zu Preßburg. Schon am 6. December kehrte Alexander, unausgeſoͤhnt mit Frankreich, nach Petersburg zuruͤck; ihm folg⸗ ten ſeine Heeresmaſſen in drei einzelnen Abthei⸗ lungen. Unter ſolchen ganz veränderten Verhaͤltniſſen, während die beiden Kaiſerhoͤfe vom Kriegsſchau⸗ platze zurucktraten, Napoleon als Sieger Schle⸗ ſien bedrohte— Preußens Hauptmaſſen im We⸗ ſten ſtanden, und in dem Waffenſtillſtande zwi⸗ ſchen Oeſtreich und Frankreich ausdruͤcklich feſtge⸗ ſetzt worden war, daß kein fremdes Heer die Län⸗ der Oeſtreichs betreten duͤrfe— mußte Haugwitz mit Napoleon unterhandeln. Die ihm aufgetra⸗ genen Vermittelungsvorſchläge ſchienen durch die letzten Vorgaͤnge erloſchen zu ſeyn; es kam, nach der Anſicht des Miniſters, darauf an, die vorige freundſchaftliche Stellung Preußens gegen Frank⸗ reich zu erneuern. So erfolgte am 15. Decem⸗ ber der Vertrag zu Wien zwiſchen Frank⸗ reich und Preußen, nach welchem das Buͤnd⸗ niß zwiſchen beiden Mächten erneuert, der Chur⸗ ſtaat Hannover von Frankreich an Preu⸗ ßen uͤberlaſſen, von Preußen aber An⸗ ſpach, Cleve dieſſeits des Rheins und das Fuͤrſtenthum Neuenburg an Frankreich abgetreten, und eine gegenſeitige Gewährleiſtung der alten und der von beiden Theilen neuerworbe⸗ nen Beſitzungen verabredet ward. Zugleich ver⸗ pflichteten ſich beide Maͤchte zur Gewährleiſtung der Beſitzungen der Pforte. Nothwendig mußten ſolche Bedingungen in Berlin Ueberraſchung und Verlegenheit bewirken, als Haugwitz(25. Dec.) daſelbſt ankam. Denn obgleich durch die Einverleibung Hannovers in den umfang der preußiſchen Monarchie, dieſe nicht nur fur die dafuͤr abzutretenden Lander überreichlich entſchädigt, im Weſten maͤchtig verſtärkt, und in ihrem dortigen Beſitzthume bedeutend abgeruͤndet ward; ſo war doch auch die Beraubung eines der aͤlteſten teutſchen Fuͤrſtenhaͤuſer, ohne deſſen Willen, ein Eingriff in die Grundſätze des Volkerrechtes, den keine Staatskunſt entſchuldigen kann, wenn gleich Napoleon„von einem Eroberungsrechte auf Hannover“ geſprochen hatte. Nach längern Verhandlungen uber dieſen Ge⸗ 1806 genſtand zu Berlin, ward Haugwitz zum zwei⸗ Jan. tenmale an den, als Sieger nach Paris zuruͤck⸗ gekehrten, Napoleon mit der Erklärung geſendet, daß man den Vertrag preußiſcher Seits auf den Fall unterzeichnen wollte, daß Napoleon im Frie⸗ den mit Großbritannien die Abtretung Hannovers bewirkte. Die freundliche Aufnahme, die Haug⸗ witz zu Paris fand, veranlaßte den Befehl zur Ruͤckkehr der preußiſchen Heere auf den Friedens⸗ fuß, die Einſchiffung der in Pommern gelandeten Britten, und den Aufbruch des ruſſiſchen Heeres⸗ theiles unter Tolſtoy aus Pommern und Rußland, während anfehnliche franzöſiſche Maſſen im ſuͤbli⸗ chen Teutſchlande ſtehen blieben. Doch behaupte⸗ 77 ten ſich die Preußen in Hannover, von wo der Graf Muͤnſter, nach einer ernſten Verwahrung der Rechte des Koͤnigs von Großbritannien, nach England abreiſete. Nach ſolchen Vorgaͤngen aͤnderte ſich Napo⸗ leons Ton gegen Haugwitz. Der Wiener Ver⸗ trag ward in einem neuen Vertrage(15. Fe⸗ bruar 1806), welchen Haugwitz und Duroc ab⸗ ſchloſſen, und zwar unter ſchaͤrfern Beſtimmun⸗ gen beſtätigt; denn ſchon am 24. Februar ward Anſpach fuͤr Bayern von den Franzoſen beſetztz und bald darauf ertheilte Napoleon das dafur von Bayern eingetauſchte Herzogthum Berg, nebſt dem von Preußen abgetretenen Cleve, ſeinem Schwa⸗ ger Murat, und das Fuͤrſtenthum Neuenburg mit der Grafſchaft Valengin dem Marſchalle Ber⸗ thier. So ward Preußen, nach dem Verluſte dieſer Provinzen, genöthigt(1. April), Hanno⸗ ver in Civilbeſitz zu nehmen, und zugleich die zu dem Pariſer Vertrage neuhinzugekommene Be⸗ ſtimmung zu erfullen, den brittiſchen Schiffen die Häfen und Muͤndungen der Fluͤſſe an der Nord⸗ ſee zu verſchließen. Dies blieb nicht ohne Erwiederung von Groß⸗ britannien. Der engliſche Geſandte Jackſon mußte Berlin verlaſſen; die Muͤndungen der Elbe, We⸗ ſer, Ems und Trave wurden geſperrt, die preu⸗ ßiſchen Schiffe in brittiſchen Haͤfen mit Beſchlag belegt, und Kaperbriefe gegen Preußens Handel ausgegeben. Im Parlamente ward Preußens Be⸗ tragen ſchonungslos getadelt. Endlich ſprach(11. Juni) Großbritannien den Krieg gegen Preu⸗ ßen aus. An Hardenbergs Stelle, uͤbernahm Haugwitz die Leitung der auswäͤrtigen Angelegen⸗ 78 heiten.— Ermuthigt durch die angenommene Stellung Großbritanniens gegen Preußen, legte auch Guſtav IV., Englands bezahlter Bundesge⸗ noſſe, Beſchlag auf die preußiſchen Schiffe, nach⸗ dem ein preußiſcher Heerestheil die ſchwediſche Be⸗ ſatzung aus dem Herzogthume Lauenburg verdraͤngt hatte. Bedenklicher aber noch, als Großbritanniens und Schwedens Schritte, war die ſchonungs⸗ loſe Art, wie Napoleon gegen Preußen ſich be⸗ nahm. Sie konnte nicht anders, denn als ſy⸗ ſtematiſch geſteigerte Herausforderung zum offe⸗ nen Kampfe betrachtet werden. So der Anſpruch, welchen Murat, der neuernannte Herzog von Berg, wegen dieſes Landes auf die im Jahte 1803 an Preußen gekommenen Abteien Eſſen, Elten und Werden erhob; ſo Napoleons Decret, wodurch er die Feſtung Weſel(29. Jul.) dem franzoͤſiſchen Reiche ſelbſt einverleibte; ſo die Unterwerfung meh⸗ rerer Laͤnder des Fuͤrſten von Oranien unter Mu⸗ rats Oberhoheit in der Urkunde des Rheinbun⸗ des, und ſo die Stiftung des Rheinbundes ſelbſt. Denn, ohne daß Preußen eine Kunde davon erhielt, vereinigten ſich ſechszehn Fuͤrſten des ſuͤd⸗ lichen und mittlern Teutſchlands, und unter ih⸗ nen die neuen Könige von Bayern und Wirtem⸗ berg, zu einem, unter Napoleons Protec⸗ torat geſtellten, Bunde, deſſen Urkunde vom 806 12. Jul. aus Paris datirt ward. Von Oeſtreichs 12, und Helvetiens Grenzen umſchloß der Rheinbund Jul. alle ſuͤdteutſche Länder bis an den Rhein im We⸗ ſten und an den Main im Norden; gegen neun 79 Millionen Teutſche wurden mit Einem Federſtriche unter eine neue Staatsform geſtellt, die uͤbrigen reichsunmittelbaren Staͤnde innerhalb des Rhein⸗ bundes mediatiſirt und der Souverainetat der neuen Bundesglieder unterworfen, die zu Regens⸗ burg am 1. Auguſt erklaͤrten, daß ſie aufgehört haͤtten, Mitglieder des teutſchen Reiches zu ſeyn. Sechs Tage darauf(6. Auguſt) erklaͤrte der Kai⸗ ſer Franz ll., daß er die teutſche Kaiſerwurde niederlege und das reichsoberhauptliche Amt fuͤr er⸗ loſchen halte. So ſtand Preußen iſolirt da in einem verhaͤng⸗ nißvollen Zeitpuncte. Daß Oeſtreich keinen neuen Krieg gegen Frankreich im Jahre 1806 eroͤffnen wuͤrde; dafuͤr ſprach die Erklaͤrung vom 6. Au⸗ guſt. Mit Großbritannien war Preußen im of⸗ fenen Kriege, mit Schweden in geſpannten Ver⸗ haͤttniſſen. Mit Rußland, wohin der preußiſche Oberſtlieutenant von Kruſemark nach der Abſchlie⸗ ßung des Rheinbundes eilte, mußte die, durch den Wiener Vertrag geſtoͤrte, Eintracht wieder herge⸗ ſtellt werden; auch verweigerte Alexander I. ſo⸗ gleich, auf die Nachricht von der Stiftung des Rheinbundes, dem von Dubril und Clarke(20. Jul.) zu Parts abgeſchloſſenen Frieden zwiſchen Rußland und Frankreich die Beſtätigung. Mit Großbritannien, wo, nach Pitts Tode, Fox an der Spitze der auswaͤrtigen Angelegenheiten ſtand, unterhandelte Napoleon den Frieden auf die von ihm zuvorkommend angebotene Zuruckgabe des Chur⸗ ſtaates Hannover. Dem Churfuͤrſten von Heſſen⸗ Caſſel ließ er, dafern er dem Rheinbunde bei⸗ traͤte, Fulda, das dem Fuͤrſten von Oranien zu⸗ getheilte Entſchaͤdigungsland, anbieten, und den Hanſeſtädten ward verboten, dem von Preu⸗ ßen beabſichtigten nordiſchen Bunde bei⸗ zutreten, zu deſſen Stiftung Napoleons Schlau⸗ heit das Kabinet zu Berlin ſelbſt veranlaßte. Für die Begruͤndung dieſes Bundes ließ Preu⸗ ßen bereits zu Dresden und Caſſel unterhandeln; er ſollte, nach Preußens Abſicht, alle teutſche Staaten unter ſeinem Protectorate umſchließen, die nicht namentlich in der Stiftungsurkunde des Rhein⸗ bundes aufgefuͤhrt waren. Gleichzeitig naͤherte ſich Preußen dem Könige von Schweden, dem am 17. Auguſt zugeſtanden ward, das Lauenburgiſche wieder zu beſetzen und die hannoͤverſche Verwal⸗ tung in dieſem kleinen Herzogthume herzuſtellen; doch verweigerte Guſtav den foͤrmlichen Beitritt zum Kampfe gegen Frankreich. Großbritannien, das Preußens große Ruͤſtungen zum Kriege mit Aufmerkſamkeit betrachtete, hob, nach Foxens Tode (13. September), die Blokade der teutſchen Hä⸗ fen und Kuͤſten(6. September) auf, ſandte den Lord Morpeth ins preußiſche Hauptquartier, und ſchloß ſpaͤter— erſt nach den Erfolgen der Schlach⸗ ten bei Auerſtädt und Jena— mit Preußen(28. Januar 1807) zu Memel den Frieden ab auf die Bedingung, daß Preußen auf Hannover Verzicht leiſtete. An Luccheſini's Stelle erſchien(7. September) der General von Knobelsdorf mit den Bedingun⸗ gen des preußiſchen Ultimatums zu Paris, das er (1. October) dem Miniſter Talleyrand mittheilte, nachdem bereits die preußiſchen Heere unter dem Herzoge von Braunſchweig und dem Fuͤrſten von 81 Hohenlohe nach Thuͤringen aufgebrochen waren, 22,000 Sachſen(20. September) mit den Maſ⸗ ſen unter Hohenlohe ſich verbunden, die franzö⸗ ſiſchen Geſandten Berlin und Dresden verlaſſen, und die franzöſiſchen Heere aus Suͤdteutſchland und vom Rheine her nach Franken ſich gezogen hatten. Der Churfurſt Ferdinand von Wuͤrzburg, der Bruder des Kaiſers von Oeſtreich, war der erſte nordteutſche Fuͤrſt, der(25. September) zum Rheinbunde trat, als die Franzoſen den Boden ſeines Landes betraten. Der Churfurſt von Heſ⸗ ſen aber unterhandelte in beiden Hauptquartieren fur ſein Land die Neutralität, ob er gleich durch die getroffenen Maasregeln Preußen beguͤnſtigte. In ſeinem Ultimatum forderte Preußen, wel⸗ ches bereits am 13. Auguſt Magdeburg in Bela⸗ gerungszuſtand erklaͤrt hatte, daß die Heere Frank⸗ reichs ohne Ausnahme aus Teutſchland nach Frank⸗ reich zuruͤckkehren, und von Napoleon der Bil⸗ dung des nordiſchen Bundes keine Hinder⸗ niſſe gemacht werden ſollten, der, von den Gren⸗ zen des Rheinbundes an, das geſammte vorma⸗ lige Teutſchland im Weſten und Norden umſchlie⸗ ßen ſollte. Zugleich ward auf eine Unterhandlung uͤbet die Trennung Weſels von Frankreich, und auf die Zuruͤckgabe der drei fuͤr das Großherzogthum Berg beſetzten Abteien an Preußen angetragen. Die Antwort Frankreichs muͤſſe aber bis zum 8. October beſtimmt im preußiſchen Hauptquartiere eintreffen. Statt dieſer Antwort eroͤffnete Murat am 8ten October den Krieg mit dem Uebergange uͤber die Saale bei Saalburg. Am 6. October erſchien die Neutralitätserklärung Oeſtreichs, am 9. October Oct. W. 6 8. Oct. 9. 82 das preußiſche Manifeſt. An demſelben Tage brachte Bernadotte die Preußen und Sachſen, von Tauenzien gefuͤhrt, bei Schleiz zum Weichen, am 10. October ward ein preußiſcher Heerestheil bei Saalfeld beſiegt, wo der Prinz Ludwig von Preußen auf dem Schlachtfelde fiel. Je berech⸗ neter der Kriegsplan der Franzoſen erſchien, welche bereits die preußiſchen Heere in Thuͤringen umgan⸗ gen, bis Naumburg ſich ausgebreitet und der von den Preußen unbeſetzt gelaſſenen Engpäſſe von Koͤſen ſich bemächtigt hatten; deſto mehr befremdete der Mangel an Einheit und Zuſammenhang in den Stellungen und Unternehmungen der preußiſchen Heere, die hinter dem Thuͤringer Waldgebirge ſich aufſtellten, ohne dem Feinde in die fränkiſchen Ebe⸗ nen entgegen zu gehen. So kam der 14te October, der Tag der Entſcheidung bei Jena und Auer⸗ ſtädt. Napoleon ſelbſt beſiegte bei Jena den Fuͤrſten von Hohenlohe, nahm 6000 Mann Sach⸗ ſen gefangen, die er in ihre Heimath entließ, und beſetzte Weimar. Am folgenden Tage capitulirte Moöllendorf zu Erfurt. Die Anſtrengungen des Herzogs von Braunſchweig, dem franzöſiſchen Hee⸗ restheile unter Davouſt die Engpäſſe von Koͤſen zu entreißen, fuhrten zu Davouſt's Siege bei Auer⸗ ſtädt. Der an dieſem Tage tödtlich verwundete Herzog von Braunſchweig endigte(10. November) ſein Leben auf neutralem däniſchen Boden. Nur die Reſerven unter Kalkreuth und Bluͤcher hatten nicht in der Schlachtlinie geſtanden; ſie gin⸗ gen, ohne ſich zu verbinden, an verſchiedenen Pun⸗ cten uͤber die Elbe. Eine andere, bei Halle auf⸗ geſtellte und von dem Herzoge Eugen von Wirtem⸗ berg befehligte, Reſerve ward(17. October) von 83 Bernadotte beſiegt und nach der Elbe zuruckgeworfen. In raſchen Zuͤgen beſetzten die Franzoſen Leipzig, Wittenberg(24. October) und Berlin(24. October). Napoleon ermaß die Groͤße ſeiner erfochtenen Siege, und ſprach bereits am 23. October die Beſitznahme aller preußiſchen Laͤnder zwiſchen dem Rheine und der Elbe aus, ſo wie, daß die Fuͤrſten von Braun⸗ ſchweig und Oranien-Fulda nicht wieder re⸗ gieren würden. Gleichzeitig erkläͤrte der franzöſiſche Geſchaͤftsträger zu Kaſſel, daß der Kaiſer im Ruͤcken ſeines vordringenden Heeres keine feindſelig geſinnte Macht zuruͤcklaſſen koͤnne; doch bliebe es dem Churfurſten uͤberlaſſen, den offenen Kampf zu beginnen. Darauf verließ der Churfürſt ſeine Län⸗ der, die eben ſo, wie der Churſtaat Hannover und die drei Hanſeſtaͤdte von franzoͤſiſchen Heerestheilen beſetzt wuden. Die Stuͤtzpuncte des preußiſchen Heeres, die Feſtungen an der Elbe, Spree und Oder, fielen in uͤberraſchender Eile. So Span⸗ dau(25. October), Stettin(29. October), Kuͤ⸗ ſtrin(1. November), und ſelbſt Magdeburg (S. November). Mancher ſonſt mit Achtung im preußiſchen Heere genannter Name ward in dieſen ſchmachvollen Capitulationen verwirkt! Das Maas der Uebereilungen zu fuͤllen, capitulirte der Fuͤrſt von Hohenlohe mit den Truͤmmern ſeines Heeres Q8. October) bei Prenzlow. Nur Bluͤcher bewahrte in dem fruchtloſen aber hartnäckigen Wi⸗ derſtande(6. November) in und bei Luͤbeck die Ehre der preußiſchen Waffen, bevor auch er der Ueber⸗ macht wich, und(7. November) bei Ratkau ca⸗ pitulirte. Nichts hielt die Franzoſen auf, die Oder zu uberſchreiten, und in ſturmiſcher Eile nach Schle⸗ 6* ſien und Südpreußen vorzudringen. Waͤh⸗ rend den Contingenten des Rheinbundes die Auf⸗ gabe ward, die ſchleſiſchen Feſtungen einzuſchließen und zur Uebergabe zu nöthigen, erließen, mit Na⸗ poleons Zuſtimmung, aus ſeinem Hauptquartiere zu Berlin(3. November) der polniſche General Dom⸗ browski, der im Todeskampfe Polens und dann in Italien an der Spitze der polniſchen Legion mit Auszeichnung gedient hatte, und ein vormaliges Mitglied des polniſchen Reichstages, Wibycki, einen Aufruf an die Polen, aufzuſtehen und mit den vordringenden franzöſiſchen Heeren ſich zu vereini⸗ gen; denn Napoleon habe erklärt,„er wolle ſehen, ob die Polen werth wären, wieder eine Nation zu wer⸗ den.“— Zwar ward, auf harte Bedingungen, (16. November) zu Charlottenburg zwiſchen Duroc und Luccheſini ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen; Friedrich Wilhelm verweigerte ihm aber die Beſtä⸗ tigung; denn Alexander von Rußland erklaͤrte, in dem Manifeſte vom 16. November, daß er, als Bundesgenoſſe Preußens, ſeine Heere habe die Weichſel uͤberſchreiten laſſen, weil nach den Ver⸗ luſten Preußens, der bisherigen Mittelmacht zwi⸗ ſchen Rußland und Frankreich, die ruſſiſchen Gren⸗ zen ſelbſt bedroht wurden. Bereits hatten, bei der Erhebung der Polen, die Preußen Warſchau verlaſſen muͤſſen, das Mu⸗ rat(28. November) beſetzte. Von Dombrowski wurden vier polniſche Nationalregimenter gebildet, als der Stamm eines zu errichtenden volksthuͤmlichen Heeres der Polen, das auf 40,000 Mann gebracht werden ſollte. Zu Poſen trat ein einſtweiliger pol⸗ niſcher Regierungsrath in Thätigkeit. 85⁵ Bevor aber im alten Lande der Piaſten der zweite Theil des großen Kampfes eroͤffnet ward, erhielt der Rheinbund ſeine Erweiterung uͤber den teutſchen Norden durch den Beitritt mehrerer Fuͤrſten. Zuerſt durch den Churfuͤrſten von Sachſen im Frieden zu Poſen(11. December 1806), 11. nach deſſen Beſtimmungen der Churfurſt die k⸗Der. nigliche Wuͤrde annahm, zur Stellung eines 1806 Bundesheeres von 20,000 Mann ſich verpflichtete, den Proteſtanten die Katholiken in allen buͤrger⸗ lichen und politiſchen Rechten gleichſtellte, und den, von der Niederlauſitz eingeſchloſſenen, Cottbuſſer Kreis, gegen eine gleichmäßige Laͤnderabtretung in Thuͤringen, eintauſchen ſollte. Vier Tage ſpäter, (15. December) traten, ebenfalls zu Poſen, die fuͤnf Herzoge des ſächſiſch⸗Erneſtiniſchen Hauſes zum Rheinbunde, und, einige Monate ſpäter, die Fuͤrſtenhaͤuſer Anhalt, Schwarzburg, Reuß, Waldeck und Lippe. Bei dem Vordringen der Franzoſen an die Weichſel hatte ſich der ruſſiſche Vortrab unter Bennigſen wieder uͤber dieſen Strom zuruͤckgezo⸗ gen. Kaum war aber Napoleon(19. December) in Warſchau erſchienen, und(23. December) uͤber die Narew gegangen, als der Kampf gegen die Ruſſen, befehligt von Kamenskji, begann. Die Franzoſen erſtuͤrmten in der Nacht(23— 24. De⸗ cember) die ruſſiſchen Verſchanzungen bei Czar⸗ nowo, und Davouſt beſiegte den Kamenskji bei Naſielsk(24. December). Da erhielt Ben⸗ nigſen den Oberbefehl, deſſen richtiger Blick, nach den Niederlagen bei Pultusk(25. December) und bei Golymin(26. December), den Kriegsſchau⸗ platz von Suͤdpreußen nach Oſtpreußen verlegte, wo 88 ſche Miniſterialblatt, der Courier, mittheilte, iſt weder eine öffentliche Widerlegung, noch die Aner⸗ kennung derſelben erfolgt. Dieſe geheimen, am 7. Juli von Talleyrand und Kurakin unterzeichneten, Puncte ſollen folgende Beſtimmungen enthalten haben:„Rußland nimmt die europaiſche Tuͤr⸗ kei, und verfolgt ſeine Eroberungen in Aſien, ſo weit es ihm dienlich ſcheint. Ein Prinz aus Na⸗ poleons Dynaſtie erhaͤlt die Throne Spaniens und Portugals. Die weltliche Macht des Papſtes hoͤrt auf. Nom wird dem Koͤnigreiche Italien einverleibt. Rußland unterſtutzt die Erobe⸗ rung Gibraltars mit ſeiner Flotte. Frankreich ero⸗ bert die afrikaniſchen Staaten Algier, Tunis, Tri⸗ poli und andere, durch welche die Koͤnige von Sar⸗ dinien und Neapelentſchädigt werden ſollen. Aegyp⸗ ten und Maltha kommen an Frankreich. Das Mittelmeer iſt blos den Schiffen Frankreichs, Ruß⸗ lands, Spaniens und Italiens gebffnet. Daͤne⸗ mark erhält die Hanſeſtädte und eine Entſchadigung in Nordteutſchland, wenn es ſeine Flotte gegen Eng⸗ land bewilligt.“ Anders lauteten alerdings die eingngn des zwiſchen Frankreich und Preußen von Talley⸗ rand und Kalkreuth zu Tilſit abgeſchloſſenen Friedens. Preußen mußte verzichten: auf ganz Suͤdpreußen, Neu⸗Oſtpreußen und den ſuͤdlichen Theil von Weſt⸗ preußen mit dem Netzdiſtricte und der Stadt Danzig; auf die Altmark und das Herzogthum Magdeburg auf dem linken Elbufer; auf die Fuͤrſtenthuͤmer Oſt⸗ friesland, Hildesheim, Paderborn, Minden, Muͤn⸗ ſter, Halberſtadt mit Hohenſtein, Eichsfeld, Erfurt und Bayreuth, auf den Cottbuſſer Kreis, auf die Grafſchaften Ravensberg, Tecklenburg, Lingen, 89 Quedlinburg, Eſſen, Elten und Werden, auf die Städte Goslar, Muͤhlhauſen und Nordhauſen mit ihren Gebieten, auf die Oberhoheit uͤber die Graf⸗ ſchaft Stolberg⸗Wernigerode, ſo wie auf den, ge⸗ gen Anſpach, Cleve und Neuenburg eingetauſchten, Churſtaat Hannover mit Osnabruͤck.(Später be⸗ rechnete Preußen auf dem Wiener Congreſſe die im Tilſiter Frieden verlorne Bevoͤlkerung zu 4 Millio⸗ nen 719,000 Menſchen.) Mit Ausnahme des an Rußland kommenden neuoſtpreußiſchen Departements Bialyſtock, bildete Napoleon aus den uͤbrigen weſt⸗ ſuͤd⸗ und neuoſtpreußiſchen Provinzen das Herzog⸗ thum Warſchau, deſſen politiſches Daſeyn, ſo wie die erbliche Herzogswuͤrde fuͤr den König von Sachſen, von Rußland und Preußen anerkannt ward. Doch ſollte Danzig eine freie Stadt wer⸗ den, und unter preußiſchem und ſächſiſchem Schutze ſtehen. Eben ſo ward von Prerßen und Rußland im Voraus das von Napoleon fuͤr ſeinen Bruder Jerome zu begründende Königreich Weſtpha⸗ len, und jede weitere Verfuͤgung deſſelben uͤber die von Preußen abgetretenen Länder anerkannt.— Im Einzelnen mußte Preußen noch auf alle Be⸗ ſitzungen der Häuſer Sachſen und Anhalt auf dem rechten Elbufer verzichten; in die freie Schiffahrt auf der Weichſel, auf der Netze und dem Brom⸗ berger Kanale, und in eine Militairſtraße durch ſein Laͤndergebiet zwiſchen Sachſen und Warſchau einwilligen. Selbſt ſpaͤter ſah ſich Preußen gens⸗ thigt(10. Nov. 1807), in dem Elbinger Grenzver⸗ trage, außer der in dem Tilſiter Frieden angegebe⸗ nen Militairſtraße, auch drei Handelsſtraßen zwiſchen Sachſen und Warſchau zuzugeſtehen, und Neu⸗ Schleſien an das Herzogthum Warſchau abzu⸗ 90 — treten, das im Jahre 1797 von Suͤdpreußen ge⸗ trennt und mit Schleſien verbunden worden war, ob⸗ gleich der Tilſiter Friede Ober⸗, Nieder⸗ und Neu⸗ Schleſien ausdruͤcklich als preußiſche Provinzen auf⸗ gefuͤhrt hatte.— Eben ſo mußte nochder Michelauer Kreis von Weſtpreußen an Warſchau abgetreten, und der Umfang des Gebiets der Hanſeſtadt Dan⸗ zig erweitert werden. Endlich enthielt der Tilſiter Friede die Beſtimmungen uͤber die gegenſeitige Am⸗ neſtie fuͤr alle Bewohner der von Preußen abge⸗ tretenen und der an Preußen zuruͤckkommenden Pro⸗ vinzen, uͤber die auf den abgetretenen Ländern haf⸗ tenden Schulden, uͤber die Capitalien der Pri⸗ vatperſonen und oͤffentlichen Anſtalten, uͤber die Ar⸗ chive, Charten und Pläne in den verlornen Pro⸗ vinzen, und uͤber die Verſchliczung der preußiſchen Häfen gegen Großbritannien bis zu dem Frieden Frankreichs mit dieſer Macht. Das politiſche Schickſal der von Preußen an Napoleon abgetretenen Länder ward von dem Sie⸗ ger nicht auf einmal entſchieden; doch zunächſt das Schickſal der, in den drei Theilungen Polens von dieſer Republik an Preußen gekommenen, Provin⸗ zen in der Stiftung des ſelbſtſtaͤndigen— mit dem Rheinbunde in keinem ſtaatsrechtlichen Zuſam⸗ menhange ſtehenden— Herzogthums Warſchau, 1807 deſſen neue Verfaſſung Napoleon zu Dresden, 22. in der Reſidenz des neuen Regenten Warſchau's, Jul. unterzeichnete.— Das Koͤnigreich Weſtpha⸗ len, dem Napoleon im Spätjahre 1807 eine neue Verfaſſung und ſeinen juͤngſten Bruder Jerome zum Regenten gab, ward, mit einer Bevolkerung, die nahe an zwei Millionen Menſchen reichte, aus churheſſiſchen, churhannoͤveriſchen und 9¹ braunſchweigiſchen Laͤndern, und, von den vorma⸗ ligen preußiſchen Provinzen, aus der Altmark und Magdeburg auf dem linken Elbufer, aus Halber⸗ ſtadt, Hohenſtein, dem preußiſchen Antheile an Mansfeld, dem Eichsfelde(doch ohne Erfurt), aus Quedlinburg, Muͤhlhauſen, Nordhauſen, aus Hildesheim, Paderborn, Minden, Ravensberg und der Stadt Goslar gebildet. Dazu kam die Sou⸗ verainetät uͤber die Grafſchaft Stolberg⸗Wernigerode, und ſpäter Maͤrz 1808) durch Abtretung von Sach⸗ ſen— gegen den eingetauſchten Cottbuſſer Kreis— die Grafſchaft Barby, das Amt Gommern, der ſaͤchſiſche Antheil an Treffurt und an der Grafſchaft Mansfeld, doch mit Ausnahme der mansfeldiſchen Aemter Artern, Vockſtaͤdt und Bornſtädt.— In der Folge(1808) verband Napoleon den preußiſchen Antheil an Muͤnſter, die Grafſchaften Mark, Teck⸗ lenburg und Lingen, und die vormaligen Abteien Eſſen, Elten und Werden mit dem Großher⸗ zogthume Berg, ſo wie das Fuͤrſtenthum Oſt⸗ friesland und die von Rußland abgetretene Herr⸗ ſchaft Jever mit dem Koͤnigreiche Holland. Erfurt und Bayreuth ließ Napoleon, ſo wie die dem Hauſe Oranien und Heſſen⸗Kaſſel entriſ⸗ ſenen Laänder Fulda und Hanau, mehrere Jahre fuͤr ſich ſelbſt verwalten, bevor er(1810) Bay⸗ reuth an Bayern gab, und das von ihm aus dem primatiſchen Staate gebildete Großherzogthum Frankfurt mit Fulda und Hanau ausſtattete und vergroͤßerte. Dritter Abſchnitt. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich Wilhelm III. vom Filſiter Frieden, im Jahre 1807, bis zum Jahre 1827. Wenn der Friede zu Tilſit den Höhepunct der Macht Napoleons bezeichnete; ſo war er zugleich der Wendepunct der bisherigen Groͤße und des politiſchen Gewichts der preußiſchen Monarchie. Sie warzuruck⸗ geſchritten aus dem Kreiſe der Maͤchte des erſten po⸗ litiſchen Ranges in die Reihe der Maäͤchte des zwei⸗ ten Ranges. Sie konnte mit Oeſtreich, Rußland, Frankreich und Großbritannien nicht mehr auf gleiche Linie ſich ſtellen, keine Stimme bei der Entſcheidung der politiſchen Verhältniſſe des Erdtheils haben, und mußte ſehen, wie die durch Warſchau geſteigerte Macht des Königreichs Sachſen und des von Na⸗ poleon vielfach beguͤnſtigten Bayerns der ihrigen gleich kam, ja zum Theile die ihrige uͤberwog, weil die innere Kraft Preußens durch die fortdauernde Anweſenheit eines betraͤchtlichen franzoſiſchen Heeres, durch die franzöſiſche Beſatzung in Stettin, Kuͤſtrin und Glogau, durch eine Beſchraͤnkung des Heeres auf 42,000 Mann von allen Waffengattungen, durch die uͤbernommenen bedeutenden Geldleiſtun⸗ gen an Frankreich, und ſelbſt durch das unter Da⸗ vouſt im Herzogthume Waorſchau zuruͤckgebliebene Heer von 30,000 Mann, ſo wie durch die Anwe⸗ ſenheit einer ſtarken, unter Rapps Befehlen ſtehen⸗ 93 den, franzöſiſchen Beſatzung in der neuen Hanſe⸗ ſtadt Danzig, niedergehalten ward. Dazu kamen viele einzelne Willkuͤhren, die ſich des Siegers Ueber⸗ muth gegen Preußen erlaubte, weil ſeine Erbitterung gegen den, ſeiner halben Bevölkerung beraubten, Staat der nicht ungegruͤndeten Befurchtung gleich kam, daß in den Herzen des preußiſchen Volkes ein unvertilgbarer Groll gegen den Mann gluͤhe, der in der Zeit von neun Monaten den ſtolzen Bau des großen Friedrichs erſchuͤttert und zum Theile zertruͤmmert hatte. Der Koͤnig Friedrich Wilhelm III. war nach dem Frieden mit ſeiner Familie von Memel nach Königsberg gegangen, und leitete von dort aus, bis zum December 1809, wo er nach Berlin zuruͤck⸗ kehrte, die Angelegenheiten des Staates. Lang und ſchwierig waren die Unterhandlungen zu Berlin zwi⸗ ſchen Daru, dem Bevollmaͤchtigten Napoleons, und den mit ihm, unter Sacks Leitung, verkeh⸗ renden preußiſchen Staatsmaͤnnern; denn Daru be⸗ rechnete, was Frankreich an Kriegsſteuern und Lan⸗ deseinkuͤnften bis zum Tilſiter Frieden zu fordern habe, auf 154 Millionen Franken. Selbſt die Sendung des Prinzen Wilhelm nach Paris fuͤhrte, in dem daſelbſt(S8. Sept. 1808) abgeſchloſſenen Vertrage, zu unbedeutender Milderung, weil Preu⸗ ßen in eine Schuldforderung Frankreichs von 140 Millionen Franken einwilligen mußte(wovon, auf Alexanders Verwendung, Napoleon zu Erfurt im October 1808 20 Millionen nachließ), wobei feſt⸗ geſetzt ward, daß von den drei Oderfeſtungen Glo⸗ gau an Preußen zuruͤckgegeben werden ſollte, wenn die Haͤlfte der Schuld bezahlt worden wäre, die bei⸗ den andern aber nach gaͤnzlicher Tilgung der Summe. Zugleich mußte Preußen verſprechen, in den nächſten zehn Jahren blos ein Heer von 42,000 Mann zu halten. Endlich, nachdem Daru im November 1808 durch Wechſelbriefe und von den Provinzen ver⸗ buͤrgte Verſchreibungen wegen der Schuldforderung gedeckt worden war, verließen die zuruͤckgebliebenen franzsſiſchen Heerestheile, bis auf die drei Feſtun⸗ gen, das Gebiet Preußens. Doch fuͤhrte die von Napoleon und dem Könige von Sachſen, als Her⸗ zoge von Warſchau, zu Bayonne(10. Mai 1808) abgeſchloſſene Convention zu neuen Weiterungen zwi⸗ ſchen Preußen und Sachſen, weil Napoleon alle ſeine, angeblich auf den Tilſiter Frieden gegruͤndeten, Geldforderungen an das Herzogthum Warſchau, gegen die Averſionalſumme von 20 Millionen Fran⸗ ken, dem Könige von Sachſen uͤberlaſſen hatte; denn in Warſchau rechnete man zu der uͤbernom⸗ menen Schuldforderung nicht blos das wirkliche Ei⸗ genthum des Königs von Preußen, ſondern auch das Capital der Bank, der Seehandlung, der Witt⸗ wenkaſſe, der Armenhaͤuſer, der Kirchen, Schulen und frommen Stiftungen, ja ſelbſt das Privatver⸗ moͤgen von Individuen. Viel trug zur Haͤrte die⸗ ſer Maasregel der Haß der Polen gegen Preußen, viel die Höhe der an Napoleon zu zahlenden Summe bei. Zwar ward deshalb(10. Sept. 1810) zwi⸗ ſchen Preußen und Warſchau ein Vertrag abgeſchloſ⸗ ſen; allein eine Haupturſache der Entfremdung zwi⸗ ſchen Preußen und Sachſen, die in den Jahren 1813 und 1814 nicht ohne politiſche Folgen blieb, lag in den druckenden Bedingungen des Bayonner Vertrages*). *) Was das Betragen Sachſens dabei betrifft, ward 95 Die große Aufgabe fuͤr den preußiſchen Staat war, nach dem Tilſiter Frieden, die neue Geſtal⸗ tung des innern Staatslebens, mit Beibehaltung alles bewaͤhrten Beſſern, und mit Beſeitigung alles als veraltet und die Entwickelung der innern Staats⸗ kraͤfte lähmend Erkannten, in den geſammten Ver⸗ faſſungs⸗ und Verwaltungsformen der Monarchie. Denn die Ungluͤcksfalle der letzten Zeit fuͤhrten zu der Ueberzeugung, daß die Herſtellung des innern Staats⸗ lebens nach den unter Friedrich dem Großen beſtan⸗ denen Formen, wie immer noch manche hochver⸗ diente Männer aus Friedrichs unvergeßlichen Tagen vermeinten, zur Rettung und zur zeitgemaͤßen Geſtaltung des Staates nicht mehr ausreiche, und daß Friedrich, hätte er die Zeit des Tilſiter Friedens erlebt, eben ſo im Geiſte des neunzehnten Jahrhun⸗ derts gehandelt haben wuͤrde, wie, nach dem Frie⸗ den zu Hubertsburg, im Geiſte des achtzehnten. Sollte aber eine neue Ordnung im innern Staats⸗ leben anheben; ſo mußten die druͤckenden Verhältniſſe der untern Stände des Volkes geluͤftet, der freie Buͤr⸗ gerſtand in den Städten mußte fur politiſch muͤn⸗ dig erklart, und— bei erprobter Tuͤchtigkeit— zu jedem Staatsamte zugelaſſen, das Heer endlich mußte aus beſſern Elementen, als aus erpreßten Rekruten, Auslaͤndern und entarteten Individuen, beſtimmt auseinander geſetzt in der Schrift des ſaͤchſiſchen Geh. Kabinetsraths Dr. Kohlſchuͤt⸗ ter:„Acten⸗ und thatmaͤßige Widerlegung eini⸗ ger der groͤbſten unwahrheiten, welche in der Schrift:„„Blicke auf Sachſen““ enthalten ſind.“ Sie erſchien 1815 anonym als Flugſchrift, und ward ſpaͤter aufgenommen in Lüders diplom. Archiv. Th. 3. S. 391. 96 zuſammengeſett, von einem vaterlaͤndiſchen Geiſte durchdrungen, im Charakter der fortgeſchrittenen Kriegskunſt geuͤbt und behandelt, dem Verdienſte, der Einſicht und der Tapferkeit die Bahn des Auf⸗ ſteigens bis zu den hochſten Wuͤrden geoͤffnet, und die Zahl der Greiſe und Hochbejahrten in der Fuͤh⸗ rung der einzelnen Heeresmaſſen vermindert werden. Fur ſolche große Zwecke berief der Wille des Königs die rechten Männer an die rechten Stellen. Zwar wurden, bei der Verminderung des Staates, viele der oberſten Staatsbeamten von dem Könige entlaſſen. Haugwitz hatte, bereits nach der Auer⸗ ſtädter Schlacht, ins Privatleben ſich zuruckgezogen, und ſelbſt Hardenberg trat, nach dem Tilſiter Frieden, in daſſelbe zuruͤck; allein in dem Freiherrn von Stein kam ein Mann von hellem Blicke, ernſtem Willen und hoher Kraft an die Spitze des Staates, und durch Scharnhorſt und Gneiſe⸗ nau begann die neue zeitgemäße Bildung des Stan⸗ des der Krieger. Wohl mochte auch der Tugend⸗ bund, bei ſeinem Entſtehen zu Königsberg, in dem gluͤhenden Haſſe gegen Napoleon und in dem zu erſtrebenden Ziele der neuen innern Geſtaltung des Vaterlandes und der Herſtellung Preußens zu ſeiner vorigen politiſchen Hoͤhe und Kraft, einen gemeinſchaftlichen Mittelpunct finden, den alle Mit⸗ glieder deſſelben theilten; allein auch er erfuhr das Schickſal aller geheimen Geſellſchaften, daß, bei der großen Verſchiedenheit der Anſichten, Wuͤnſche und Beſtrebungen der Aufgenommenen, und bei den vielfach ſchattirten Bildungsſtufen ihrer Fuͤhrer, die ſchnelle Ausartung ſolcher Verbindungen nicht zu vermeiden iſt. Denn eben, daß ſich das Geheime der öffentlichen Controle entzieht, macht es bedenk⸗ 97 lich, und, nicht ſelten nach ſeiner Stellung gegen die, welche den Staat zu regieren berufen ſind, gefaͤhr⸗ lich. Weit ſicherer, als die Beguͤnſtigung eines ge⸗ heimen Bundes, der ſo leicht ſeinen Goͤnnern uͤber den Kopf wäͤchſt, fuͤhrt die Bearbeitung der oͤffent⸗ lichen Meinung durch gediegene Schriftſteller bei Voͤlkern, die zur politiſchen Muͤndigkeit reif gewor⸗ den ſind, zum Ziele. Oder ſoll man an England erinnern, wo die Redner des Parlaments und die Freiheit der Preſſe jede geheime Geſellſchaft uͤber⸗ fluͤſſig machen?— . Waͤhrend, nach dem Buchſtaben des mit Na⸗ poleon abgeſchloſſenen Vertrages, das preußiſche Heer nur aus 42,000 Mann beſtehen durfte, wur⸗ den doch die zum Heere beſtimmten Juͤnglinge in ab⸗ wechſelnden Maſſen geuͤbt, die Geuͤbten in die Hei⸗ math entlaſſen und an deren Stelle andere berufen, ſo daß in einigen Jahren 150,000 Mann zum Kriege vorbereitet waren. Dadurch erhielt, im Voraus, das Heer einen volksthuͤmlichen Charakter, und bildete nicht weiter eine, von dem uͤbrigen Volke ge⸗ trennte und ſtreng in ſich abgeſchloſſene, Kaſte. Nie darf aber die zeitgemaͤße Fortbildung des in⸗ nern Staatslebens einſeitig ſeyn, nie ſich auf einen einzigen Gegenſtand ausſchließend beziehen, wäh⸗ rend die uͤbrigen Formen ſorgſam aͤngſtlich beibehal⸗ ten werden, um einen deſto grellern Gegenſatz zu der Jugendkraft des Neugeſtalteten zu bilden. Dies erkannten Stein und die ehrwuͤrdigen Staatsmaͤn⸗ ner der Monarchie, die uͤber Zweck und Mittel mit ihm einverſtanden waren. So verſchwand, durch das Edict vom 9. October 1807, die Erbun⸗ terthaͤnigkeit auf den koniglichen Domainen und den adlichen Guͤtern; ſo verwandelte das Edict vom IV. 7 98 2. Juli 1808 das beſchränkte Nutzungsrecht der oſt⸗ und weſtpreußiſchen Domainenbauern auf ihre Hofe in volles Eigenthum; ſo hob die neue Städte⸗ ordnung vom 19. November 1808 den Unterſchied zwiſchen unmittelbaren und mittelbaren Städten auf, ſprach ihre Eintheilung in große, mittlere und kleine aus, und uͤberließ die Leitung und Verwaltung der ſtäͤdtiſchen Angelegenheiten und des Vermoͤgens der Gemeinden den ſtädtiſchen Behoͤrden, doch unter der allgemeinen Aufſicht des Staates; ſo hob das 3 Edict vom 24. October 1808 den Zunftzwang und das Verkaufsmonopol der Bäͤcker⸗, Schlächter⸗ und Hokergewerbe aufz ſo erhielten, durch das Pu⸗ blicandum vom 16. December 1808, die oberſten Staatsbehoͤrden eine zeitgemaͤße Geſtalt, welche, im Einzelnen, durch die Inſtruction vom 23ſten December 1808 fur die zu ernennenden Oberpräſi⸗ denten in den Provinzen, und durch die Verordnung vom 26. December 1808 fur die Begruͤndung der Regierungen, die an die Stelle der Kriegs⸗ und Do⸗ mainenkammern traten, waͤhrend die Ausuͤbung der Gerechtigkeitspflege auf die neu eingeſetzten Oberlan⸗ desgerichte uͤberging, noch genauer beſtimmt ward; ſo hob das Edict vom 26. December 1808 die Verſchiedenheit der Proteſtanten und Katholiken in Hinſicht der buͤrgerlichen und politiſchen Rechte auf; ſo erklärte das Publicandum vom 17. De⸗ cember 1808 die Veräußerlichkeit der koniglichen Domainen und Forſten durch Verkauf oder Erb⸗ pacht; ſo das Edict vom 30. October 1810 die Beſitzungen aller Kloͤſter, Dom⸗ und anderer Stifter, aller Commenden und Balleien des katholiſchen und proteſtantiſchen Bekenntniſſes fur Staatsguͤter, die allmählig eingezogen, die dabei Betheiligten aber entſchaͤdigt werden ſollten; ſo hob das Edict vom 12. Maͤrz 1810 die Beſchränkung des freien Meß⸗ verbotes zu Frankfurt an der Oder, das Edict vom 18. März 1810 das Zahlenlotto, und das Edict vom 13. April 1810 den Univerſitätsbann(das Verbot, fremde Hochſchulen zu beſuchen) auf. Schon vorher hatte der Koͤnig im Edicte vom 10. October 1807 ausgeſprochen, daß zur Anſtel⸗ lung im Staatsdienſte nur das perſonliche Ver⸗ dienſt, nicht die Geburt, berechtigen ſollte. Zur Belohnung der Verdienſte um den Staat ward (18. Januar 1810) der rothe Adlerorden mit einer zweiten und dritten Klaſſe vermehrt, und, nach dem Verluſte der bluͤhenden Hochſchule zu Halle an das Koͤnigreich Weſtphalen, zu Berlin(1809) eine neue Hochſchule mit koniglicher Freigebigkeit gegruͤn⸗ det, und die bis dahin zu Frankfurt an der Oder beſtandene Hochſchule(1814) nach Breslau ver⸗ legt, wo ſie unter einer neuen zeitgemaͤßen Geſtalt und reicher Ausſtattung zu friſchem Leben aufbluͤhte. Selbſt die buͤrgerlichen Verhaͤltniſſe der Juden wur⸗ den nicht vergeſſen, wie das Edict von 11. Maͤrz 1812 bewies. In allen den zuerſt genannten, in das innerſte Weſen des Staatslebens eingreifenden und daſſelbe auf eine zeitgemaͤße Unterlage zuruͤckfuͤhrenden, Verord⸗ nungen herrſchte Steins Geiſt und Kraft. Als aber, durch Unvorſichtigkeit des Ueberbringers, ein ver⸗ traulicher Brief des Miniſters an den Fuͤrſten von Wittgenſtein zu Doberan in franzoſiſche Haͤnde fiel, und bald zur oͤffentlichen Kunde kam; da nahm (26. November 1808) Stein ſeine Entlaſſung, worauf Napoleon, von Madrid aus, die Aechtung deſſelben und die Einziehung ſeiner Guͤter inner⸗ 3 100 halb des Rheinbundes ausſprach⸗ Doch erließ (24. November) der abtretende Miniſter noch ein Schreiben an die oberſten Behoͤrden der Monar⸗ chie, worin er ſich uͤber die Grundſätze ſeiner Verwal⸗ tung mit Wurde und Offenheit erklärte. Einiges daraus darf hier nicht uͤbergangen werden.„ Es kam darauf an, die Disharmonie, die im Volke ſtatt fand, aufzuheben; den Kampf der Staͤnde un⸗ ter ſich, der uns unglucklich machte, zu zernichten; geſetzlich die Möglichkeit aufzuſtellen, daß jeder im Volke ſeine Kräfte frei, in moraliſcher Richtung, entwickeln könne; und auf ſolche Weiſe das Volk zu nöthigen, Koͤnig und Vaterland dergeſtalt zu lie⸗ ben, daß es Gut und Leben ihm gern zum Opfer bringe.— Der letzte Reſt der Sklaverei, die Erb⸗ unterthänigkeit, iſt vernichtet, und der uner⸗ ſchuͤtterliche Pfeiler jedes Thrones, der Wille freier Menſchen, iſt gegrundet. Das unbeſchraͤnkte Recht zum Erwerbe des Grund⸗ eigenthums iſt proclamirt; dem Volke iſt die Befug⸗ niß, ſeine erſten Lebensbeduͤrfniſſe ſich ſelbſt zu be⸗ reiten, wieder gegeben; die Stäͤdte ſind muͤndig er⸗ klärt, und andere minder wichtige Bande, die nur Einzelnen nuͤtzten, geloͤſet. Wird das, was bis jetzt geſchah, mit Feſtigkeit aufrecht erhalten; ſo ſind nur wenige Hauptſchritte noch uͤbrig. Sie ſind im Einzelnen: 1) die Regierung kann nur von der höchſten Gewalt ausgehen. Sobald das Recht, die Handlungen eines Mitunterthans zu beſtimmen und zu leiten, mit einem Grundſtüͤcke ererbt oder erkauft werden kann, verliert die höchſte Gewalt ihre Wuͤr⸗ de, und im gekrankten Unterthan wird die Anhäng⸗ üchkeit an den Staat geſchwächt. 2) Derjenige, der Recht ſprechen ſoll, hange nur von der hoͤchſten 101 Gewalt ab. Die Aufhebung der Patrimonialjuris⸗ diction iſt bereits eingeleitet. 3) Die Erbunterthaͤ⸗ nigkeit iſt vernichtet. Es bedarf keiner neuen Geſin⸗ deordnungen, ſondern nur der Aufhebung der vor⸗ handenen.— In dieſen drei Sätzen iſt die Freiheit der Unterthanen, ihr Recht und ihre Treue gegen den Koͤnig gegruͤndet. Alle Beſtimmungen, die hier⸗ von ausgehen, konnen nur Gutes wirken. Das naͤchſte Beforderungsmittel ſcheint mir 4 eine allge⸗ meine Nationalrepräſentation. Heilig war mir das Recht und die Gewalt des Koͤnigs. Damit aber dieſes Recht und dieſe unumſchränkte Gewalt das Gute wirken kann, was in ihr liegt, ſchien es mir nothwendig, der hochſten Gewalt ein Mittel zu ge⸗ ben, wodurch ſie die Wuͤnſche des Volks kennen lernen und ihren Beſtimmungen Leben geben kann. Mein Plan war daher: Jeder active Staatsbuͤrger, er beſitze hundert Hufen oder eine, er treibe Land⸗ wirthſchaft, oder Fabrication, oder Handel, er habe ein buͤrgerliches Gewerbe, oder ſey durch geiſtige Bande an den Staat geknuͤpft, habe ein Recht zur Repraͤſentation. Von der Ausfuͤhrung und Beſei⸗ tigung eines ſolchen Planes haͤngt das Wohl und Wehe unſers Staates ab; denn auf dieſem Wege allein kann der Nationalgeiſt poſitiv erweckt und be⸗ lebt werden. 5) Zwiſchen unſern beiden Hauptſtaͤn⸗ den, dem Adel und dem Buͤrgerſtande, herrſcht durchaus keine Verbindung. Allein durch die Ver⸗ bindung des Adels mit den andern Stäͤnden wird die Nation zu einem Ganzen verkettet, und dabei kann das Andenken an edle Handlungen, welche der Ewigkeit werth ſind, in einem hohern Grade erhal⸗ ten werden. Dieſe Verbindung wird zugleich 6) die allgemeine Pflicht zur Vertheidigung des Vaterlan⸗ 102 des lebhaft begruͤnden, und auch dieſe Allgemeinheit muß nothwendig gleichen Eifer fuͤr die Regierung in jedem Stande erzeugen. Nur der Bauernſtand wird deshalb, weil er durch Erbunterthaͤnigkeit ſo lange zuruͤck gehalten ward, einiger poſitiven Unter⸗ ſtutzung, zur Erhohlung ſeines perſoͤnlichen Wer⸗ thes, noch beduͤrfen. Hierzu zähle ich 7) die Auf⸗ ſtellung geſetzicher Mittel zur Vernichtung der Froh⸗ nen. Der Staat braucht blos die Möglichkeit der⸗ ſelben— ſo wie er auch die Gemeinheitstheilung be⸗ fördert— geſetzlich feſtzuſtellen, ſo daß ein Jeder Ausgleichung unter beſtimmten Bedingungen ver⸗ langen kann. Dies wird hinreichen, um bei dem Fortſchritte des Volkes, der aus jenen Fundamental⸗ ſätzen nothwendig folgen muß, die Dienſtpflichtigen zu veranlaſſen, von jener Befugniß Gebrauch zu machen. 8) Damit aber alle dieſe Einrichtungen ihren Zweck, die innere Entwicklung des Volkes, vollſtändig erreichen, muß der religioſe Sinn des Volkes neu belebt werden. 9) Am mei⸗ ſten hierbei, wie im Ganzen, iſt von der Erziehung und dem Unterrichte der Jugend zu erwarten.“ Mit dieſen großartigen Grundſaͤtzen ſchied Stein von der Leitung des Staates. Wer ein ſolches Bewußtſeyn in ſich traͤgt, iſt berechtigt und ſogar verpflichtet, das, was mit Klarheit vor der Seele ſteht, und kein Urtheil der Mitzeit und Nach⸗ welt zu ſcheuen Urſache hat, der offentlichen Mei⸗ nung aller geſitteten und in der Cultur fortſchreiten⸗ den Volker zur Pruͤfung und Beherzigung vorzu⸗ legen. Während der Zeit, daß die neue Geſtaltung des innern Staatslebens innerhalb der preußiſchen Monar⸗ 103 chie kraͤftig fortſchritt und den Augenblick der Erhebung des Volkögeiſtes durch die wirkſamſten Mittel vorbe⸗ reitete, kaͤmpfte Napoleon, nach der Verdraͤngung des Hauſes Braganza von dem Throne Portugals und der Bourbone von dem Throne Spaniens, mit dem aufgeſtandenen Volke der pyrenäiſchen Halbinſel. Dieſer hartnaͤckige Kampf ermuthigte Oeſtreich, im Fruhjahre 1809, gegen Napoleon in die Schran⸗ ken zu treten, und das in den Friedensſchluͤſſen zu Campo Formio, Luͤneville, und beſonders in dem von Preßburg Verlorne zuruͤck zu fordern. Preußen blieb, wie fruͤher Oeſtreich im Spätjahre 1806, neutral bei dieſem Kampfe, und hatte mehr, als einen Grund, dazu. Doch deutete der, ohne des Königs Vorwiſſen unternommene, Streifzug des preußiſchen Majors von Schill(29. April 1809) nach Sachſen und Weſtphalen auf geheime Verbin⸗ dungen in den preußiſchen und heſſiſchen Provinzen, die zum Koͤnigreiche Weſtphalen gekommen waren, und die mit dem von Döͤrnberg geleiteten fruhern Aufſtande in Heſſen, ſo wie, mit dem ſpätern Un⸗ ternehmen des Herzogs von Braunſchweig⸗Oels im Zuſammenhange ſtanden; nur daß die Vereinzelung der Kräfte bei dieſen Unternehmungen und Napo⸗ leons uͤberraſchend große Siege an der Donau alle dieſe Plane, die unzufriedenen Völker gegen den Protector des Rheinbundes aufzuregen, ſcheitern ließ. Der Friede zu Wien(14. October 1809) mußte von Oeſtreich mit neuen druckenden Opfern an Napoleon erkauft werden. Bald nach Steins Austritte aus dem preußi⸗ ſchen Staatsdienſte erkannte Friedrich Wil⸗ helm die Nothwendigkeit, die Endpuncte der ge⸗ 10½ ſammten innern und aͤußern Staatsverwaltung in der Wuͤrde eines Staatskanzlers zu vereini⸗ gen, wozu er(6. Jun. 1810) einen vielfach er⸗ probten Diplomaten, den Freiherrn von Har⸗ denberg, ernannte. Als ſolcher erhielt er, nach der Verordnung vom 27. October 1810 uͤber die veraͤnderte Verfaſſung aller oberſten Behoͤrden in der preußiſchen Monarchie, den beſtändigen Vor⸗ trag im Kabinette des Koͤnigs(zu welchem aufier⸗ dem noch ein geheimer Kabinetsrath und ein die Kriegsangelegenheiten vortragender Stabsofficier ge⸗ hoͤrten), die Oberaufſicht und Controlle der ſaͤmmt⸗ lichen Zweige der Verwaltung,(damals zugleich) die oberſte Leitung der Miniſterien des Innern und der Finanzen, und das Präͤſidium in dem zu errichtenden Staatsrathe. Wenn gleich beide Män⸗ ner, Stein und Hardenberg, nach ihrer Perſoͤn⸗ lichkeit und nach ihren politiſchen Grundſätzen ſehr von einander verſchieden waren; ſo fand doch Har⸗ denberg gerathen, die meiſten ſeit dem Jahre 1807 ins Staatsleben eingetretenen neuen Einrichtun⸗ gen beizubehalten, und manche Lucke zu ergaͤnzen, die Steins ſchneller Austritt in dem organiſchen Zuſammenhange dieſer Einrichtungen noch gelaſſen hatte, wie namentlich das treffliche Edict vom 14. September 1811 in Hinſicht der Verfaſſung des Bauernſtandes bewies. Mit einem Reichthume vielſeitiger Kenntniſſe, mit hellem vorurtheilsfreiem Blicke, und ſchneller Auffaſſung des Einzelnen im Staatsleben nach deſſen Stellung zu dem Ganzen, verband der Staatskanzler eine ſeltene Humanität und Milde in der Behandlung Aller, die in ſeine Nähe ka⸗ men, und bei der hohen Liberalitaͤt, die ihm ei⸗ 105 gen war, eine perſoͤnliche Wuͤrde, die, ohne ſich je etwas zu vergeben, dennoch mehr anzog, als entfernte. Erprobt hat er dieſe Fuͤlle großer Ei⸗ genſchaften durch die in ſeine Haͤnde niedergelegte Vollendung der neuen Form des innern Staatsle⸗ bens, durch die Gewandtheit in ſeinen Verhand⸗ lungen mit dem Auslande, durch die ehrenvolle Stelle, die er im Rathe der Könige und im Kreiſe der erſten Diplomaten Europa's ſeit den entſchei⸗ denden Tagen des Jahres 1813 bis zu den Er⸗ gebniſſen des Congreſſes zu Verona behauptete, und durch die von ihm, nach dem Wiener Con⸗ greſſe ausgehende, neue Geſtaltung der zu ihrer ehemaligen Bevölkerungszahl gebrachten Monarchie, ſowohl nach ihrer innern Verfaſſungs- und Ver⸗ waltungsform, als nach ihrer Stellung und Ver⸗ bindung mit den Mächten des Auslandes.— Daß er den Werth ſtaͤndiſcher Verſammlungen erkannte, bewies er bereits im Jahre 1814, wo er Vertre⸗ ter der ſaͤmmtlichen Provinzen und der verſchiedenen burgerlichen Stände der Monarchie nach Berlin be⸗ rief, um mit denſelben uͤberhaupt die Angelegenheiten, und beſonders die finanziellen Beduͤrfniſſe des Staa⸗ tes, zu berathen; auch ward, fuͤr denſelben Zweck, im Jahre 1814 eine zweite ſtaͤndiſche Zuſammen⸗ kunft in Berlin gehalten. Die durch den unglucklichen Krieg in den Jah⸗ ren 1806 und 1807 herbeigefuͤhrte Vermehrung der oͤffentlichen Beduͤrfniſſe; die von Frankreich aufgebuͤrdeten bedeutenden Zahlungen; die in dem Privat⸗ und Staatshaushalte zuruͤckgebliebenen Fol⸗ gen der Zerruͤttung im Kriege; die Deckung der Zinſen der auf die Monarchie gekommenen Schul⸗ denlaſt; und die, durch den Antheil am Kriege 106 gegen Rußland im Jahre 1812, ſo wie durch den Befreiungskrieg im Jahre 1813 nöthig ge⸗ wordenen Summen, fuͤhrten zu einer betraͤchtlichen Steigerung der Abgaben, die beſonders auf die Conſumtion und auf die Gegenſtaͤnde des Luxus berechnet wurden. Bereits in der zweiten Häͤlfte des Jahres 1810 konnte keinem Diplomaten die zwiſchen Frankreich und Rußland, an die Stelle der fruheren perſön⸗ lichen Verbindung zwiſchen Napoleon und Alexan⸗ der, getretene Entfremdung entgehen. Denn, wäh⸗ rend Rußland die ihm laſtigen Feſſeln des Bei⸗ tritts zum Continentalſyſteme luͤftete, und, durch das im Wiener Frieden(1809) mit Weſtgal⸗ lizien und einem Theile von Oſtgallizien bedeutend vergroͤßerte Herzogthum Warſchau, an ſeinen Weſt⸗ grenzen ſich beengt fand, erweiterte Napoleon die Grenze Frankteichs durch die Einverleibung Roms, des Koͤnigreiches Holland und des nördlichen Teutſch⸗ landes bis zu dem Einmuͤnden der Stecknitz in die Elbe. Beſonders fuͤhlte Alerander durch die Ein⸗ verleibung des Herzogthums Oldenburg in Frank⸗ reich ſich gereizt, mit deſſen Regentenhauſe er nahe verwandt war. Er forderte zur Entſchaͤdi⸗ gung deſſelben das Herzogthum Warſchau von Na⸗ poleon, wofür ihm dieſer blos Erfurt bot. Doch kuͤndigten bereits die Ruͤſtungen beider Rieſen⸗ mächte im Weſten und Oſten des Erdtheils waͤh⸗ rend des Jahres 1811 die Annäherung eines Kam⸗ pfes an, deſſen Gewicht und Folgen beide Theile erkannten, weil es dem Principate uͤber Europa galt. 107 Als endlich im Jahre 1812 der Augenblick der Entſcheidung nahte, unterhandelte Napoleon mit Oeſtreich uud Preußen uͤber ihre Verbindung mit ihm im bevorſtehenden Kriege mit Rußland. Mit Seſtreich ward der deshalb abgeſchloſſene Ver⸗ trag am 14. Marz unterzeichnet, mit Preu⸗ ßen das Defenſivbuͤndiß bereits am 24. Fe⸗ bruar. Beide Maͤchte uͤbernahmen darin die ge⸗ genſeitige Gewährleiſtung ihrer damaligen Beſitzun⸗ gen, und in Beziehung auf die Stellung gegen England, die Behauptung der im Utrechter Frie⸗ den aufgeſtellten Bedingungen fuͤr die Seerechte und den neutralen Handel. In zwei geheimen Artikeln verpflichtete ſich Preußen, auf den Fall eines Krieges gegen Rußland, 20,000 Mann zu ſtellen, wogegen Napoleon dem Koͤnige, nach gluͤcklicher Beendigung des Krieges, fuͤr die Ko⸗ ſten deſſelben eine Entſchädigung in Laͤndern ver⸗ ſprach. Die uͤbrigen Beſtimmungen betrafen die Straßen durch das preußiſche Gebiet fuͤr die durch⸗ ziehenden Heere, die Beſetzung der Feſtungen Spandau und Pillau von den Franzoſen, die Na⸗ turallieferungen fuͤr die Truppen, und die Aus⸗ ſetzung der preußiſchen Zahlungen waͤhrend der Dauer des Krieges. Bald nach dem Abſchluſſe dieſes Vertrages, ſprachen der Kaiſer von Oeſtreich und der Koͤnig von Preußen ihren neuen Bundesgenoſſen zu Dres⸗ den(Mai 1812), auf feiner Reiſe zu dem, im Herzogthume Warſchau aufgeſtellten, Heere. Der preußiſche Heerestheil aber brach, anfangs unter Grawerts, ſodann unter Yorks Oberbefehle, nach der Grenze von Kurland mit der Beſtimmung auf, dieſe Provinz zu erobern und zu beſetzen. 108 Am 22. Juni erklärte Napoleon die Eroffnung des zweiten polniſchen Krieges, während bei der Anweſenheit ſeines Geſandten, des Erz⸗ biſchoffs von Mecheln, de Pradt, zu Warſchau der zuſammenberufene Reichstag des Herzogthums, der in eine Generalconfoͤderation von Polen ſich verwandelte(28. Juni), die Wiederherſtel⸗ lung des Königreiches Polen ausſprach. Der König von Sachſen, als Herzog von War⸗ ſchau, und Napoleon genehmigten dieſe Erklaͤrung. Die Hauptmaſſen der Franzoſen und ihrer Bun⸗ desgenoſſen drangen uͤber Wilna ins Innere Ruß⸗ lands vor, weil ſich die an den Grenzen aufge⸗ ſtellten Heerestheile der Ruſſen ſeitwaͤrts und zu⸗ ruͤck zogen. Blos bei Smolensk ward(Aug.) hart⸗ naͤckig gefochten, bis der Sieg in der großen Schlacht an der Moſtwa(7. September) fuͤr Na⸗ poleon ſich erklärte. Er zog in der alten Haupt⸗ ſtadt der ruſſiſchen Czare(14. September) ein, unterhandelte erfolglos mit Alexander uͤber den Frie⸗ den, und mußte(October) Moskwa wieder ver⸗ laſſen, um den Ruͤckzug bis auf die Grenze Po⸗ lens anzutreten. Allein ſeine ungeheuern Verluſte auf dieſem Ruͤckzuge gaben der Fortſetzung des Kampfes einen ganz neuen Charakter, und ver⸗ ſetten, unter ſehr veraͤnderten Verhaͤltniſſen, den Schauplatz deſſelben im Jahre 1813 in das Koͤ⸗ nigreich Sachſen.— Während des Vordringens der Franzoſen in das Innere von Rußland hatte Napoleon ſeinen beiden Bundesgenoſſen die Auf⸗ gabe ertheilt, den Oeſtreichern, in Verbindung mit einem ſächſiſchen Heerestheile, auf dem rech⸗ ten Flugel das Herzogthum Warſchau zu decken, den Preußen, mit welchem ein franzöſiſches 109 Corps unter dem Marſchalle Macdonald ſich ver⸗ band, auf dem linken Fluͤgel, die Sſtſeeländer gegen die Ruſſen und die mit ihnen verbuͤndeten Schweden zu decken, und Kurland zu erobern. So kaͤmpften die Preußen und Franzoſen bei Eckau(19. Jul.) und bei Dahlenkirchen(2. Auguſt) gegen die Ruſſen, beſetzten Mitau und eroͤffneten die Belagerung von Riga. Als aber ein von Steinheil befehligtes ruſſiſches Heer aus Finnland gegen ſie erſchien, mußten ſie die Bela⸗ gerung von Riga(19. September) aufgeben, und Mitau verlaſſen; doch beſetzten ſie daſſelbe, nach den Gefechten Yorks und Kleiſts gegen Eſſen bei Ruhendahl(30. September), von neuem. Allein Napoleons Ruͤckzug aus Moskwa wirkte auch auf den Kampf in Kurland folgenreich zu⸗ ruͤck; Macdonald und York mußten Kurland ver⸗ laſſen und nach Oſtpreußen ſich zuruͤckziehen. Der General York kam in den Fall, entweder durch die Ruſſen ſich durchzuſchlagen, oder zu capituli⸗ ren. Bei der, ſeit den Verluſten der Franzoſen auf ihrem Ruͤckzuge, laut ausgeſprochenen Stim⸗ mung des preußiſchen Volkes, waͤhlte York das letztere, und unterzeichnete(30. December 1812) in der Poſcherungiſchen Muͤhle mit dem ruſſiſchen Generale Diebitſch einen Waffenſtillſtands⸗1812 vertrag, nach welchem der preußiſche Heerestheil 30. und der von demſelben beſetzte Landesſtrich neutral Dec. ſeyn, den Ruſſen aber der freie Durchzug durch Preußen eroffnet werden ſollte. Bei dem noch nicht aufgelöſeten Buͤndniſſe mit Frankreich verweigerte der Koͤnig die Beſtaͤtigung dieſer Capitulation, befahl, den General York vor ein Kriegsgericht zu ſtel⸗ len, uͤbertrug den Oberbefehl ſeines Heeres dem 110 Generale von Kleiſt, und ſandte den Juͤrſten von Hatzfeld nach Paris(12. Januar 1813). Als aber die beinahe völlige Aufloͤſung des gro⸗ ßen franzoſiſchen Heeres, bei dem Ruͤckzuge der Ueber⸗ reſte deſſelben durch die preußiſchen Provinzen, die allgemeine Aufmerkſamkeit ſpannte, und uͤberall in den Gauen Teutſchlands das Verlangen ſich ankuͤn⸗ digte, von dem laſtenden Drucke des Auslandes ſich zu befreien, und zu einem ſelbſtſtändigen, volks⸗ thuͤmlichen Daſeyn zu gelangen; da ſtand auch Fried⸗ rich Wilhelm nicht an, das Aeußerſte an das Hoͤchſte zu ſetzen, und die ganze phyſiſche und geiſtige Kraft ſeines Volkes aufzubieten, um das Joch des auslaͤn⸗ diſchen Treibers abzuſchuͤtteln und die Monarchie auf ihren vorigen politiſchen Hohepunct im Staaten⸗ ſyſteme Europa's zuräck zu bringen. Nachdem die⸗ ſer Entſchluß mit Feſtigkeit ergriffen, und öffentlich erklaͤrt worden war, die gefahrvolle Lage des Vater⸗ landes erfordere große Maasregeln zu deſſen Verthei⸗ digung und zur Bewahrung ſeiner Selbſtſtaͤndigkeit, ging der Koͤnig(23. Januar) von Potsdam nach Breslau. Sogleich am 3. Februar wurden Frei⸗ willige zum Dienſte der Waffen aufgerufen, und darauf(9. Februar) die beſtandenen Ausnahmen von der Cantonpflichtigkeit für die Dauer dieſes Krie⸗ ges aufgehoben. Durch alle Provinzen Preußens ertönte das inhaltsſchwere Wort:„das Vaterland iſt in Gefahr,“ und die Soͤhne des Vaterlandes begriffen ſeinen Inhalt und ſeine Deutung, und ſtrömten nach Schleſien zu den Fahnen.— Ein feſtes Anſchließen an Rußland, deſſen Hee⸗ resmaſſen durch Polen und Preußen nach Sachſen 11¹ vordrangen, bezeugte durch ganz Europa die Ver⸗ aͤnderung des bisherigen Syſtems der preußiſchen Staatskunſt. Dieſe erfolgte in dem Friedens⸗, Freundſchafts⸗ und Bundesvertrage zu Ka⸗ liſch(8. Februar 1813), welchen Koutouſoff1813 und Hardenberg unterzeichneten. In dem er⸗ 28. ſten geheimen Artikel deſſelben gewaͤhrleiſtete Ruß⸗Febr. land die Wiederherſtellung des Territorialbeſtandes der preußiſchen Monarchie wie im Jahre 1806.*) *) Dieſer wichtige Artikel lautete:„La süreté en- tiere et l'indépendance de la Prusse ne pouvant étre solidement établies qu'en lui rendant la force réelle qu'elle avoit avant la guerre de 1806, S. M. l'empereur de toutes les Russies, qui avoit, à cet égard, dans ses déclarations officielles, été au-de- vant des voeux de S. M. le Roi de Prusse, s'engage, par le présent article secret et s6paré, à ne pas poser les armes aussi long-temps que la Frusse ne sera point re- constituse dans ses proportions statistiques, géographiques et Fnancieres, conformes à ce qu'elſe 6toit avant l'époque précitée. Pour cet effet, S. M. l'empereur de tou- tes les Russier promet, de lu manière la plus solennelle, d'appliquer aux équiva- lens que les circonstances pourroient exi- ger pour l'intérét méme des deux états et à l'agrandissement de la Prusse, toutes les acquisitions qui pourroient ẽtres faites par ses armes et les négotiations dans la partie septentrionale de IAllemagne, à['exception des anciennes possessions de la maison d'Ha- novre. Dans tous les arrangemens, il sera conservé entre les différentes provinces qui doivent rentrer sous la domination 46. Mrz. 17. Mrz · 112 Dieſem Vertrage folgte, nach Alexanders Ankunft zu Breslau(19. März), ein zweiter, in welchem die Behandlung des nördlichen Teutſchlands, bei dem Vordringen der Heere beider Maͤchte, verab⸗ redet ward, worauf man ſich uͤber die Errichtung eines Verwaltungsrathes fur die zu erobernden Län⸗ der vereinigte. Derauf erſchien(16. März) die Kriegser⸗ elärung Preußens gegen Frankreich, und des Königs Aufruf(17. Marz) an ſein Volk und Heer.„Brandenburger, Preußen, Schleſier, Pom⸗ mern, Litthauer, ihr wißt, was ihr ſeit ſieben Jah⸗ ren erduldet habt; ihr wißt, was euer trauriges Loos iſt, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehren⸗ voll enden. Erinnert euch an die Vorzeit, an den großen Churfuͤrſten, den großen Friedrich! Bleibt eingedenk der Guͤter, die unter ihnen unſere Vor⸗ fahren blutig erkämpften, Gewiſſensfreiheit, Ehre, Unabhängigkeit, Handel, Kunſt⸗ fleiß und Wiſſenſchaft. Selbſt kleine Voͤl⸗ ker ſind fuͤr gleiche Guͤter gegen machtigere Feinde in den Kampf gezogen und haben den Sieg etrungen; erinnert euch an die heldenmuͤthigen Schweizer und Niederlaͤnder! Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden. Aber welche Opfer auch von Einzelnen gefordert werden moͤgen; ſie wiegen die heiligen Guͤter nicht auf, fur die wir ſie hingeben, fur die wir ſtreiten und ſiegen muͤſſen, wenn wir nicht aufhoͤren wollen, Preußen und Teutſche zu ſeyn!“ Solche Worte prussienne, hensemble et larrondissement necessaires pour constituer un corpPs d'état indépendant.“ 113 und Verſprechungen vom Throne herab, im Ange⸗ ſichte des ganzen Erdtheils, ausgeſprochen, konnten des Eindruckes auf ein hochgebildetes Volk nicht ver⸗ fehlen, vor deſſen Seele die Erinnerung an die große Zeit Friedrichs des Einzigen ſtand. Was die Preußen, nach dieſem Aufrufe, in zwei blutigen Jah⸗ ren leiſteten, hat nichts Aehnliches in der Weltge⸗ ſchichte; denn es galt einem andern Feinde, als dem der Griechen bei Salamis und Thermopylä, und mehr noch ſtand auf dem Spiele, als in den Zeiten des ſiebenjahrigen Krieges.— Zur Auszeichnung des Verdienſtes in dieſem Kampfe, ſtiftete der Koͤnig (10. Maͤrz) den Orden vom eiſernen Kreuze; York ward(11. Maͤrz) freigeſprochen; die Landwehr und der Landſturm aufgeboten, das Continentalſyſtem aufgehoben, und das Volk in den vormaligen preu⸗ ßiſchen Provinzen, welche der Tilſiter Friede von der Monarchie getrennt hatte, zur Theilnahme am Kampfe aufgerufen. Die Franzoſen verließen(4. Maͤrz) Berlin bei der Annäherung der Ruſſen. Der Koͤnig von Sach⸗ ſen ward veranlaßt, dem Bunde Preußens und Ruß⸗ lands beizutreten; er hatte aber bereits Unterhand⸗ lungen mit dem öſtreichiſchen Kabinette eingeleitet, um deſſen Maasregeln ſich anzuſchließen. Der Reſt der Franzoſen in Teutſchland, gefuͤhrt von dem Vice⸗ könige von Italien, verließ, bei dem Vordringen der Ruſſen, Sachſen, und ſtellte ſich Q1. Maͤrz) an der Saale auf. Die Preußen, unter Bluͤcher, beſetzten den Cottbuſſer Kreis; am 25. Marz uͤber⸗ ſchritten Ruſſen und Preußen die Elbe, und nah⸗ men(31. Maͤrz) Leipzig und Altenburg. Die Fe⸗ ſtung Spandau ging(25. April) an den General Thuͤmen uͤber. IV. 8 1813 2. Mai. 20. 21¹. Mai. 11⁴ Die erſte Hauptſchlacht gegen Napoleon, bei Luͤtzen am 2. Mai, verkundigte den neuerwachten Geiſt im preußiſchen Heere, und tilgte die Schmach von Jena und Auerſtädt; doch blieb der Sieg dem Kaiſer Napoleon. Die Preußen und Ruſſen zogen ſich durch das Muldenthal nach der Dresdner Ge⸗ gend, und ſetzten ſich von neuem an der Spree in der Oberlauſitz. Allein auch hier trat bei Bau⸗ zen und Wurſchen(20. und 21. Mai) der Sieg auf die Seite Frankreichs. Die Verbuͤndeten wichen nach Schleſien zuruͤck, und der Vertrag zu Pläswitz(5. Juni) beſtimmte eine Waffenruhe, die bis zum 17. Auguſt verlängert ward. Wohrend dieſes Waffenſtillſtandes vermehrten beide Theile ihre Streitkräfte; doch neigte ſich das uebergewicht auf die Seite der Verbuͤndeten, als, nach muͤſſigen Unterhandlungen zu Prag, Oeſt⸗ reich an Frankreich den Krieg erklaͤrte, und der Kronprinz von Schweden mit einem nordiſchen Heere auf märkiſchem Boden erſchien. Großbritannien verſprach, in dem Reichenbacher Vertrage vom 14. Juni, anſehnliche Huͤlfsgelder, und am Hten September vereinigten ſich zu Teplitz Rußland, Oeſtreich und Preußen uͤber die Wiederherſtellung der öſtreichiſchen und preußiſchen Monarchie auf die politiſche Stärke derſelben, wie im Jahre 1805. Denn aͤhnliche Opfer, wie ſie Preußen im Tilſiter Frieden bringen mußte, hatte Oeſtreich in den Ver⸗ trägen zu Preßburg und Wien gebracht. Zugleich uͤbernahmen zu Teplitz die drei verbuͤndeten Maͤchte die gegenſeitige Gewährleiſtung ihrer geſammten Staaten und Provinzen, und das Verſprechen, kei⸗ nen einſeitigen Waffenſtillſtand oder Frieden mit Napoleon einzugehen. 1¹⁵ Nach dem Ablaufe des Waffenſtillſtandes nö⸗ thigte Napoleon das vorgeruckte ſchleſiſche Heer in dem Gefochte bei Löͤwenberg(21. Auguſt) zum Ruͤckzuge hinter die Katzbach; allein bei Großbee⸗ ren(23. Auguſt) ward das Vordringen der Fran⸗ zoſen und Sachſen nach Berlin vereitelt, und B lu⸗ cher errang(26. Auguſt) uͤber Macdonald an der Katzbach einen entſcheidenden Sieg. Doch ſchlug der, aus Schleſien nach Sachſen zuruͤckgeeilte, Na⸗ poleon den Angriff des großen, aus Bohmen vorge⸗ drungenen, Heeres der Verbuͤndeten auf Dresden (26. Auguſt) zuruͤck, und beſiegte daſſelbe mit gro⸗ ßem Erkolge(27. Auguſt) in der Umgegend von Dresden; nur daß die Fruͤchte dieſes Sieges durch den Tag bei Culm und Nollendorf(30. Au⸗ guſt) verloren gingen, wo der nach Böhmen abge⸗ ſandte General Vandamme von Kleiſt und Barclai de Tolly umſchlungen, und ſelbſt gefangen genom⸗ men ward. So endigte ſich Napoleons Waffengluͤck auf teutſchem Boden bei Dresden. Denn, bald nach der Niederlage bei Culm, ſiegten die Preußen, Ruſ⸗ ſen und Schweden über Ney(6. September) bei Dennewitz; das ſchleſiſche Heer uͤberſchritt(3ten October), nach einem hartnäckigen Gefechte gegen Bertrand, bei Wartenburg die Elbe, und zog ſich in die Gegend von Halle und Leipzig. In dieſe Niederungen der Mulde, Pleiße, Elſter und Parde drangen, von Boͤhmen aus, auf den beiden großen Heerſtraßen uͤber Chemnitz und Schneeberg durch das Erzgebirge, die Heeresmaſſen der Ver⸗ bundeten vor. Dies, und die von dem Koͤnige von Wirtemberg erhaltene Nachricht von dem Uebertritte des Königs von Bayern zu den Verbuͤndeten, nö⸗ 8* 116 thigte Napoleon von Duͤben an der Mulde, von wo aus er den Kampf in das Land zwiſchen der Elbe und Oder verſetzen, und die Feſtungslinie Dresden, Torgau, Wittenberg, Magdeburg und Hamburg als den Stuͤtzpunct ſeiner Unternehmungen behan⸗ deln wollte, in die Gegend von Leipzig zuruͤck. Der Rieſenkampf bei Wachau(16. October) blieb ohne Entſcheidung; denn am Abende dieſes Tages be⸗ haupteten beide Heere ihre am Morgen genommenen Stellungen. Allein an demſelben Tage hatte, zwi⸗ ſchen dem Flußgebiete der Elſter und Parde, Bluͤ⸗ cher bei Moͤckern die Franzoſen und Polen unter Marmont, Arrighi und Dombrowski bis an die Vorſtädte von Leipzig zuruͤckgeworfen. Die Waffen ruhten am folgenden Tage, den Napoleon mit frucht⸗ loſen Vorſchlaͤgen an die Verbundeten verlor, wäh⸗ rend die friſchen Heerestheile unter Bennigſen, Bubna und Colloredo, ſo wie die Schweden unter dem Kronprinzen, in die Reihen der Verbuͤndeten eintraten. Da entſchied(18. October) die Schlacht in der ganzen Umgebung Leipzigs uͤber Napoleon und den Rheinbund. Im Laufe derſelben waren die Sachſen und Wirtemberger, auf dem Schlacht⸗ felde zwiſchen Schoͤnfeld und Sellerhauſen, zu den Verbuͤndeten uͤbergegangen. Napoleon verließ (19. October) Leipzig, deſſen die Sieger im Sturme ſich bemaͤchtigten. Dem Koͤnige von Sachſen, der(14. October) von Dresden nach Leipzig gegangen war, ward Anfangs Berlin, dann das Luſtſchloß Friedrichsfelde zu ſeinem Auf⸗ enthalte beſtimmt. Die Verwaltung des Koͤnigrei⸗ ches Sachſen, deſſen Kräfte fuͤr die Fortſetzung des Krieges bedeutend angezogen wurden, erhielt der ruſſiſche Fuͤrſt Repnin, bis ſie am 8. Nov. 1814 117 auf das preußiſche Generalgouvernement(von der Reck und Gaudi) uͤberging. Gleichzeitig trat der vormalige preußiſche Staatsminiſter von Stein an die Spitze der(21. Oetober) von den Verbuͤndeten vertragsmäſig eingeſetzten Centralverwaltung aller eroberten und noch zu erobernden teutſchen Laͤn⸗ der, mit Ausnahme der vormaligen preußiſchen Pro⸗ vinzen auf dem linken Elbufer, und der Länder von Heſſen⸗Kaſſel, Hannover, Oldenburg und Braun⸗ ſchweig⸗Wolfenbuͤttel, wohin die verdrängten Dy⸗ naſtieen, nach dem Aufhoren des Koͤnigreiches Weſt⸗ phalen, zuruͤckkehrten. Die meiſten Fuͤrſten des er⸗ loſchenen Rheinbundes, bis auf die, welche die Ver⸗ buͤndeten nicht anerkannten(ſo den Großherzog von Frankfurt, der ſich nach Koſtnitz zuruͤckzog, die Für⸗ ſten von Iſenburg und Leyen u. a.), ſchloſſen ſich durch Vertraͤge, mit ihren Truppen und dem Brutto⸗ einkommen ihrer Länder, dem Bunde und der Fort⸗ ſetzung des Kampfes gegen Frankreich an. Doch verließ Napoleon, nach der Schlacht bei Hanau (30. October) gegen die Bayern und Oeſtreicher, den Boden Teutſchlands, und ging auf das linke Rheinufer zuruͤck. Allein auch dahin folgten ihm die Heere der Ver⸗ buͤndeten. Das vormalige bohmiſche Heer, ge⸗ fuͤhrt von Schwarzenberg, drang durch die Schweiz uber den Rhein vor; Bluͤcher uͤberſchritt ihn 1814 (1. Januar 1814) bei Caub; Bulow löſete die Aufgabe, Holland von den Franzoſen zu befreien, mit ſchnellem Erfolge, und bedrohte von dort aus die Nordgrenze Frankreichs; Winzingerode ging bei Duͤſſeldorf uͤber den Rhein, und Wellington zog äber die Pyrenäen ins ſüdliche Frankreich. Der 118 Anfang des Kampfes auf dem Boden Frankreichs war guͤnſtig fur die Verbuͤndeten; denn Mortier mußte(24. Januar 1814) bei Bar ſur Aube den Oeſtreichern und Wirtembergern weichen, und Napoleon ſelbſt, nach dem Gefechte bei Brienne mit Bluͤcher(29. Januar), und nach der Schlacht bei la Rothiere gegen die Verbuͤndeten(1. Febr.), ſich zuruͤckziehen. Allein zwiſchen der Marne und Seine beſiegte Napoleon das ſchleſiſche Heer bei Champ⸗Aubert(10. Februar), bei Montmi⸗ rail(11. Februar), beſonders aber bei Joinvil⸗ lers(14. Februar); bei Nangis(17. Februar) die Ruſſen unter Wittgenſtein, und(48. Februar) bei Montereau die Wirtemberger. Nach ſolchen Erfolgen entriß Napoleon den Verbuͤndeten Troyes (24. Februar), und(27. Februar) Bar ſur Aube. Waͤhrend dieſes Kampfes im Februar 1814 ward zu Chatillon zwiſchen den Diplomaten Napoleons und der Verbuͤndeten uͤber ben Frieden unterhandelt, wo die Verbuͤndeten auf den Grenzen Frankreichs im Jahre 1792 beharrten, Napoleon aber die— ihm ſchon in den frühern Verhandlungen zu Frank⸗ furt am Main von den Verbuͤndeten angebotenen — Grenzen der Alpen, des Rheins und Belgiens verlangte. In dieſem kritiſchen Zeitpuncte, wo be⸗ reits durch Talleyrands Gewandtheit die Ruͤckkehr der Bourbone nach Frankreich vorbereitet ward, un⸗ terzeichneten Rußland, Preußen, Oeſtreich und Großbritannien(1. Maͤrz) den Vertrag zu Chau⸗ mont, nach welchem ihre Verbindung bis zwanzig Jahre nach dem Frieden fortdauern, und jeder der Verbuͤndeten ſich verpflichten ſollte, 150,000 Mann vollzählig zu erhalten, doch ſo, daß Großbritannien, fuͤr ſeinen Theil, ſeinen drei Bundesgenoſſen jährlich 1¹9 5 Mill. Pfund Sterling, zu gleicher Vertheilung un⸗ ter ſich, waͤhrend der Dauer des Krieges, verſprach. So war die Verbindung der vier Maͤchte noch feſter geſchlungen worden, als vorher, waͤhrend die Zahl der geheimen Anhaͤnger der bourboniſchen Dy⸗ naſtie in Frankreich ſich mehrte, und das Gluͤck des Krieges wieder fuͤr die Verbuͤndeten ſich erklaͤrte; denn die Heere Schwarzenbergs und Bluͤchers wur⸗ den von neuem ermuthigt, als die Nordarmee, ge⸗ fuͤhrt von Winzingerode und Buͤlow, nach der Ein⸗ nahme von Soiſſons(3. Marz) mit dem Heere un⸗ ter Bluͤcher in Verbindung trat. Dieſem vereinig⸗ ten Heere zog Napoleon entgegen; er mußte aber, nachdem bereits Marmont(. Maͤrz) mit großem Verluſte gegen daſſelbe gekämpft hatte, den uberlege⸗ nen Maſſen der Verbuͤndeten(10. Maͤrz) weichen, und nach Soiſſons zuruͤckgehen. Dennoch warf er darauf dem Heere unter Schwarzenberg ſich in den Weg, und beſtand gegen daſſelbe die dreitägige Schlacht bei Arcis(20— 22. Maͤrz). Beide Theile hatten viel gelitten; doch mußte Napoleon von der Aube ſich zuruckziehen. Da faßte er den kuͤhnen Plan, im Ruͤcken der Verbuͤndeten nach dem Rheine zu gehen; geſtuͤtzt auf die Feſtungskette an demſelben, das Volk in Maſſe aufzubieten, mit Augereau ſich zu vereinigen, und den Verbuͤndeten den Ruͤckweg abzuſchneiden. Allein die Verbuͤnde⸗ ten, die am 19. Maͤrz die Unterhandlungen zu Cha⸗ tillon vollig abgebrochen hatten und der Einverſtand⸗ niſſe in Paris gewiß waren, drangen, auf Bluͤ⸗ chers Rath, gegen Paris vor, warfen Marmont und Mortier(25. März) bei Fsre⸗Champe⸗ noiſe zuruͤck, beſtanden noch auf den Anhoͤhen von Montmartre(30. März) einen hartnäckigen 80. Mai. Frieden, der, in Beziehung auf Preußen, die 120 Kampf, und unterzeichneten(31. März) mit Mor⸗ tier die Capitulation von Paris. Nach dieſen Erfolgen ging Napoleon nach Fon⸗ tainebleau, waͤhrend der franzöſiſche Senat, unter 1814 Talleyrands Vorſitze, den Kaiſer Napoleon(ten 2. April) der Regierung verluſtig erklaͤrte, und Lud⸗ April wig XVIII. zum Throne Frankreichs berief. Na⸗ poleon, verlaſſen von den meiſten ſeiner Marſchaͤlle, unterzeichnete(11. April) zu Fontainebleau ſeine Entſagung, und begnugte ſich mit der Souveraine⸗ tãt uͤber Elba. Darauf ſchloß Talleyrand, in Lud⸗ wigs Namen, mit den Verbundeten in vier beſon⸗ dern Vertraͤgen(30. Mai) den Eerſten) Pariſer Beſtimmungen der fruͤhern Vertraͤge von Baſel und Tilſit, und die Pariſer Convention von 1808 aufhob. Frank⸗ reich ward in ſeinen Grenzen vom Jahre 1792, mit einer mäßigen Gebietsvergrößerung, und das Haus Oranien mit der Souverainetät in den Niederlanden anerkannt. Die Staaten Teutſchlands ſollten un⸗ abhaͤngig ſeyn und durch ein Föderativband vereinigt, alle Territorialangelegenheiten aber auf dem in Wien zu eroffnenden Congreſſe zur Entſcheidung gebracht werden. Der Koͤnig von Preußen belohnte darauf ſeine Juni. Diplomaten und Feldherren im Angeſichte von ganz Europa. Der Staatskanzler von Hardenberg und der Feldmarſchall Bluͤcher erhielten die fuͤrſt⸗ liche Wuͤrde, und reiche Ausſtattungen aus ehe⸗ maligen Commenden und Stiftsguͤtern. Gneiſe⸗ nau, York, Kleiſt und Buͤlow wurden in den Grafenſtand erhoben. An die Stelle der einſtweili⸗ gen Militairverwaltung in den vormaligen und nun 12¹ wieder gewonnenen preußiſchen Provinzen trat die geſetliche Regierung und Verwaltung, und das Ge⸗ ſetz vom 3. September beſtimmte die Verpflichtung zum Kriegsdienſte, nach den Abſtufungen des ſtehen⸗ den Heeres, der Landwehr und des Landſturmes. Nachdem im Sommer 1814 der König von Preußen und ſein Freund Alexander den Prinz⸗ Regenten von Großbritannien beſucht hatten, er⸗ ſchienen beide, mit ihren Diplomaten, nebſt den Königen von Dänemark, Bayern und Wirtemberg, und vielen teutſchen Fuͤrſten auf dem Congreſſe zu Wien. Der Geſchichte der preußiſchen Monar⸗ chie gehort von den Verhandlungen und Beſchluͤſ⸗ ſen dieſes Congreſſes zunächſt nur das an, was den neuen Territorialbeſtand dieſer Monarchie be⸗ ſtimmte. Als Grundſatz dafuͤr galt die Wiederher⸗ ſtellung Preußens nach dem Werthe ſeines Terri⸗ torialbeſtandes vom Jahre 1806; denn dies war in den Verträͤgen zu Kaliſch, Reichenbach und Tep⸗ litz von Rußland und Oeſtreich feierlich zugeſagt worden. Allein die Ausmittelung der Entſchaͤdi⸗ gung Preußens bis zu dem politiſchen Hoͤhepuncte des Jahres 1806 war mit großen Schwierigkeiten verknuͤpft; denn von dem ehemaligen Beſitzthume Preußens im Jahre 1806 verlangte Rußland alles, was zu Polen vor den beiden letzten Theilun⸗ gen gehoͤrt hatte; Bayern verweigerte die Heraus⸗ gabe Anſpachs und Bayreuths, und mit England war man uͤber die Abtretung von Hildesheim, Gos⸗ lar und Oſtfriesland an Hannover bereits einver⸗ ſtanden. So forderte Preußen auf dem Congreſſe das ganze Königreich Sachſen, deſſen Ver⸗ waltung es bereits ſeit dem November 1814 uͤber⸗ nommen hatte, wogegen der Koͤnig Friedrich Auguſt in den Rheinlandern ein neues Beſitthum von hoͤch⸗ ſtens 600,000 Menſchen Bevölkerung erhalten ſollte, und Rußland verlangte das ganze Herzogthum Warſchau. Allein gegen die preußiſche Einverleibung Sach⸗ ſens in Preußen erſchien die Rechtsverwahrung des Konigs von Sachſen(4. Nov. 1814) aus Frie⸗ drichsfelde; denn ſein Land ſey kein erobertes Land. Im Namen Ludwigs XVIII. fragte Talleyrand: wer denn der Richter der Souveraine ſey, und un⸗ terſtutzte die Anſpruͤche des Königs von Sachſen auf ſeine Wiederherſtellung. Auf gleiche Weiſe ver⸗ wendete ſich der Konig von Bayern fuͤr ſeinen kö⸗ niglichen Schwager. Noch ſtaͤrker lauteten die Er⸗ klärungen im brittiſchen Parlamente gegen die Auf⸗ löſung der Selbſtſtaͤndigkeit Sachſens, worauf der Prinz⸗Regent von England und Oeſtreich auf dem Congreſſe eine, der Wiederherſtellung des Koͤnigs von Sachſen günſtige, Erklärung geltend machten, doch in eine bedeutende Landerabtretung von Sach⸗ ſen an Preußen einwilligten. Schon war die Ent⸗ fremdung der größern Congreßmaͤchte uber die pol⸗ niſch⸗ſaͤchſiſche Angelegenheit ſo weit gediehen, daß der Kaiſer Alepander den Großfurſten Konſtantin von Wien nach Warſchau(Dec. 1814) ſandte, um ein polniſches Heer zu bilden, und die Polen zur Ver⸗ theidigung des Vaterlandes aufzurufen; wogegen 6. Jan. 1815) Oeſtreich, Frankreich und Groß⸗ britannien zu einem Vertrage gegen Rußland zu⸗ ſammentraten, der aber nicht vollzogen, und ſelbſt in der Folge nicht öffentlich bekannt gemacht ward, weit man ſich gegenſeitig wieder näherte, und, be⸗ „ 2 vor noch Napoleon Elba verließ und in Frankreich wieder erſchien, darüber ſich vereinigte, daß, nach einer durch das Königreich Sachſen gezogenen ſta⸗ tiſtiſchen Linie, zwei Drittheile der Bevoͤlkerung Febr. deſſelben an Preußen kommen, und vom bisheri⸗ gen Herzogthume Warſchau gleichfalls ein Landes⸗ ſtrich mit ungefähr 800,000 Menſchen mit der preußiſchen Monarchie vereinigt werden ſollten. Nach dieſer Uebereinkunft zwiſchen den Congreß⸗ machten verließ der Koͤnig von Sachſen Friedrichs⸗ 1816 felde, und ging nach Preßburg, wo eine Deputation 22. des Congreſſes ihn zu der Abtretung des, nach je⸗Febr. ner Grenzlinie fuͤr Preußen beſtimmten, Theiles des Königreiches Sachſen beſtimmen ſollte. Als aber Friedrich Auguſt deſſen ſich weigerte, und Na⸗ poleons Vordringen in Frankreich an die Beſchleu⸗ nigung des Abſchluſſes der Congreßverhandlungen dringend mahnte, erkläͤrten(12. März) die Bevoll⸗ maͤchtigten Oeſtreichs, Rußlands, Preußens, Frank⸗ reichs und Englands:„daß ohne Verzug diejenigen Theile von Sachſen, welche an Preußen kämen, von denjenigen getrennt werden ſollten, welche dem Könige von Sachſen verblieben; daß der König von Preußen denijenigen Theil Sachſens fuͤr immer in Beſitz nehmen werde, welcher ihm durch die Ent⸗ ſcheidung des Congreſſes zugeſprochen worden ſey; und daß derjenige Theil, welcher dem Könige von Sachſen bliebe, der einſtweiligen Regierung Preu⸗ ßens, bis zur Einwilligung des Königs von Sach⸗ ſen in die Beſchluͤſſe des Congreſſes, unterworfen bleiben ſolle.“ Nach dieſer Erklaͤrung der fuͤnf Hauptmaͤchte des Congreſſes willigte der König von Sachſen(6. Apr.) in die Abtretung der, hinter der durch Sachſen gezogenen Grenzlinie liegenden, Laͤn⸗ 124 der, und ſchloß, auf dieſe Unterlage, den Frieden 1816 mit Preußen am 18. Mai 1815. In dieſem Frieden kamen auf ungefaͤhr 373 „Geviertmeilen mit 845,000 Bewohnern unter dem Namen: Herzogthum Sachſen, von dem Koͤ⸗ nigreiche Sachſen an Preußen: der ganze Witten⸗ berger, Thuͤringer und Neuſtädter Kreis, die ganze Niederlauſitz und die kleinere Haͤlfte der Oberlauſitz; der groͤßte Theil der Hochſtifter Merſeburg und Naumburg⸗Zeitz; vom Meißner Kreiſe die Aemter Senftenberg, Finſterwalde und Torgau ganz, der groͤßte Theil des Amtes Muͤhlberg, und ein Theit des Amtes Großenhayn; vom Leipziger Kreiſe die Aemter Delitſch, Eilenburg, Duͤben und Zörbig ganz, und die kleinern Theile der Aemter Leipzig und Pegau; das Fuͤrſtenthum Querfurt; der ko⸗ niglich ſächſiſche Antheil an der Grafſchaft Henne⸗ berg; die vier voigtländiſchen Enclaven: Gefell, Blintendorf, Sparenberg und Blankenberg; die ſächſiſche Souverainetät uͤber die Solmſiſchen Herr⸗ ſchaften Baruth und Sonnewalde, uͤber das An⸗ halt⸗Deſſauiſche Amt Walter⸗Nienburg, uͤber die Beſitzungen der Grafen von Stolberg⸗Stolberg und Stolberg⸗Roßla, und uͤber die drei Schwarz⸗ burgiſchen Aemter Ebeleben, Kelbra und Heringen. Zugleich muß dahin gerechnet werden, was Sach⸗ ſen, bei dem Eintauſche des Cottbuſſer Kreiſes(1808), an das Königreich Weſtphalen uͤberließ: die Graf⸗ ſchaft Barby, das Amt Gommern, der ſächſiſche Antheil an Mansfeld und an Treffurt mit Dorla. 1815 Dieſe Beſtimmungen des Wiener Friedens zwi⸗ 9. ſchen Preußen und Sachſen wurden auch in die Jun. Wiener Congreßurkunde vom 9. Jun. 1815 125 aufgenommen, und die Gewährleiſtung derſelben, wie die Gewäͤhrleiſtung der von Preußen durch die Congreßacte wiedervereinigten und der neuerworbe⸗ nen Länder, von den acht europäiſchen Maͤchten des Congreſſes unterzeichnet und beſtätigt. Von den vormaligen Beſitzungen erhielt Preußen zuruͤck: die zu Weſtpreußen gehörenden Kreiſe Michelau und Culm, die Städte Danzig und Thorn, die Altmark und Magdeburg auf dem lin⸗ ken Elbufer, den Saalkreis, den Cottbuſſer Kreis, das Eichsfeld, die Fuͤrſtenthuͤmer Halberſtadt, Min⸗ den, Muͤnſter, Paderborn, Cleve mit Weſel, und Neuenburg mit Valengin, die Grafſchaften Mans⸗ feld, Hohenſtein, Mark, Ravensberg, Lingen und Tecklenburg, Ouedlinburg, die Stadte Erfurt, Muͤhl⸗ hauſen und Nordhauſen mit ihren Gebieten, und andere Parzellen. Neu erwarb Preußen: von dem bisherigen Herzogthume Warſchau ein Land von mehr als 500 Geviertmeilen mit ungefaͤhr 780,000 Menſchen, unter dem Namen eines Groß⸗ herzogthums Po ſen; das Großherzogthum Berg; bedeutende Länderſtriche auf dem linken Rheinufer von dem damaligen franzoſiſchen Rheindepartemente, vom Rheine bis an die Moſel, an die Nahe, und bis an die alte hollaͤndiſche Grenze am rechten Ufer der Maas— groͤßtentheils die uberrheiniſchen Be⸗ ſtandtheile der vormaligen Churſtaaten Trier und Köln, aus welchen das neue Großherzogthum Nie⸗ derrhein gebildet ward; außerdem die Grafſchaf⸗ ten Dortmund und Wetzlar, das Fuͤrſtenthum Cor⸗ vey, einen Theil von Fulda, und die Stammbe⸗ ſizungen des Hauſes Naſſau⸗Dietz von dem Koͤnige der Niederlande. Allein in dieſem Laͤndererwerbe ward manches dadurch verändert, daß Preußen auf dem Congreſſe die Verpflichtung der Abtretung einzelner Theile deſ⸗ ſelben an Churheſſen, an das Foͤnigreich Hannover und an das Großherzogthum Sachſen⸗Weimar uͤber⸗ nahm, und daß in ſpätern, mit Heſſen⸗Darm⸗ ſtadt und dem Herzoge von Naſſau abgeſchloſſenen, Verträgen mehrere bedeutende Laͤndervertauſchungen feſtgeſetzt wurden. So erhielt namentlich der Chur⸗ fuſſt von Heſſen, in dem Vertrage vom 15. Oct. 1815 zu Kaſſel, den preußiſchen Theil von Fulda, mit Ausnahme der an Weimar kommenden Ful⸗ daiſchen Aemter, wofuͤr Preußen die niedere Graf⸗ ſchaft Katzenelnbogen, die Herrſchaft Pleſſe, und einige Aemter eintauſchte, welche Preußen ſogleich wieder an Hannover und Weimar zur Ausgleichung uberließ. Die von dem Congreſſe dem Großherzoge von Weimar zugedachte Vergroͤßerung mit 75,000 Menſchen uͤbernahm Preußen, und uberließ, in den Verträgen vom 1. Jun. und vom 22. Sept. 1815, dem Großherzoge den groͤßten Theil des vormals königlich ſächſiſchen Neuſtädter Kreiſes, das Amt Tautenburg, einige Aemter von Fulda und vom Furſtenthume Erfurt, die Herrſchaften Blankenhayn, die niedere Grafſchaft Kranichfeld, und einzelne thůͤ⸗ ringiſche und von Churheſſen eingetauſchte Bezirke. Dem Koͤnigreiche Hannover trat Preußen, in den Staatsvertrͤgen vom 29. Mai und 25. Sept. 1815, ab: die Furſtenthuͤmer Oſtfriesland und Hil⸗ desheim mit Goslar, einzelne Bezirke von den Fuͤr⸗ ſtenthuͤmern Muͤnſter und Eichsfeld, von der Graf⸗ ſchaft Lingen, und von den eingetauſchten heſſiſchen Aemtern. Dagegen erwarb es von Hannover den am rechten Elbufer gelegenen Theil des Herzogthums Lauenburg und einige in der Altmark eingeſchloſſene Aemter. In den von Oeſtreich und Preußen mit dem Großherzoge von Heſſen⸗Darmſtadt abge⸗ ſchloſſenen Vertraͤgen vom 10. Juni 1815 und 30. Juni 1816 kam an Preußen: das Herzogthum Weſt⸗ phalen, und die Souverainetaͤt uͤber die Grafſchaf⸗ ten Wittgenſtein⸗Wittgenſtein und Wittgenſtein⸗ Berleburg; auch ward das Haus Heſſen⸗Hom⸗ burg der, im Rheinbunde uͤber daſſelbe ausgeſpro⸗ chenen, darmſtaͤdtiſchen Souverainetat entbunden, und trat darauf in die Reihe der ſouverainen Mit⸗ glieder des teutſchen Bundes. Dagegen erhielt Heſ⸗ ſen⸗Darmſtadt ein, jenſeits des Rheins gelegenes, Land mit 140,000 Menſchen Bevolkerung und mit den Staͤdten Mainz und Worms, welches ſeit dieſer Zeit Rheinheſſen genannt ward, und die Souverainetaͤt uͤber die Beſitzungen der Haͤuſer Iſen⸗ burg, Solms und Ingelheim. Mit dem Könige der Niederlande unter⸗ zeichnete Preußen am 31. Mai 1815 zu Wien ei⸗ nen Vertrag, nach welchem die Grenzlinie zwiſchen dieſem Koͤnigreiche und dem preußiſchen Großherzog⸗ thume Niederrhein beſtimmt, Huiſſen, Malburg, Lymers und Sevenaar an das Niederland abgetre⸗ ten, von Preußen die koͤnigliche Wuͤrde im orani⸗ ſchen Hauſe, das oraniſche Erbfolgegeſetz fuͤr das zum teutſchen Bunde geſchlagene(und dem Hauſe ODranien fur die Abtretung ſeiner diesſeits des Rheins gelegenen Erblaͤnder zugetheilte) Großherzogthum Luxemburg anerkannt, dagegen aber von Oranien an Preußen Naſſau⸗Dillenburg, Siegen, Dietz, Hadamar, und die Herrſchaft Beilſtein uͤberlaſſen ward.— Allein an demſelben Tage ſchloß Preußen 128 auch mit dem Herzogthume Naſſau einen Ver⸗ trag, nach welchem es demſelben die drei oraniſchen Furſtenthuͤmer Dillenburg, Dietz und Hadamar, den groͤßten Theil der Grafſchaft Beilſtein und ei⸗ nen Theil des Fuͤrſtenthums Siegen abtrat, und dagegen die Aemter Neuwied, Braunfels, Greifen⸗ ſtein, Hohenſolms, Linz, Altwied, Hammerſtein, Altenkirchen u. a. eintauſchte. Noch wichtiger war Preußens Vertrag mit Daͤ⸗ nemark vom 4. Jun. 1815, in welchem Preu⸗ ßen das, von Schweden an Dänemark im Kieler Frieden— gegen die Verzichtleiſtung auf das Koͤ⸗ nigreich Norwegen— gekommene, Schwediſ ch⸗ Pommern mit Ruͤgen erwarb, und dadurch das ganze vormalige Herzogthum Pommern mit der Monarchie vereinigte. Dagegen überließ Preu⸗ ßen an Dänemark das von Hannover eingetauſchte Herzogthum Lauenburg, doch mit Ausnahme des Amtes Neuhaus, und zahlte außerdem an Daͤne⸗ mark 2 Mill. und 600,000 Thaler. Am Tage vor dem Abſchluſſe der Wiener Con⸗ 8. greßurkunde ward zu Wien die teutſche Bun⸗ Jun. desacte unterzeichnet, zu welcher Preußen nach einander vier verſchiedene Entwüͤrfe nach ſehr recht⸗ lichen und freiſinnigen Grundſaͤtzen vorgelegt hatte. In derſelben trat Preußen dem teutſchen Staaten⸗ bunde, nach ſeinen geſammten, vormals zu dem teutſchen Reiche gehoͤrenden, Laͤndern bei. Doch erfolgte die nahere Erklärung Preußens uͤber die, von ihm zum teutſchen Staatenbunde gerechneten, und eine Bevölkerung von 7,923,713 Einwohnern umſchließenden, Provinzen erſt am 4. Mai 1818 zu Frankfurt am Main beim Bundestage. Nach der vollendeten neuen geographiſchen Eintheilung Preußens in eilf Provinzen gehoͤren, nach jener amtlichen Erklärung, zum teutſchen Staatenbunde die Provinzen: Brandenburg, Schleſien, Pommern, das Herzogthum Sachſen, Weſtphalen, Cleve und Berg, und das Großherzogthum Niederrhein, fur welche das preußiſche Bundescontingent 79,284 Mann beträgt. Dagegen wurden die Provinzen Oſt⸗ und Weſtpreußen, das Großherzogthum Poſen, und Neuenburg nicht zum teutſchen Bunde gezählt. Noch waren die Regenten und Diplomaten der europäiſchen Maͤchte zu Wien verſammelt, bereits aber die Spannungen uͤber die Entſcheidung der polniſch⸗ſaͤchſiſchen Frage gehoben, als Napoleons Abreiſe von Elba und ſein Wiedererſcheinen in Frank⸗ reich Europa uͤberraſchte, und in maͤchtige Bewe⸗ gung verſetzte. Kaum war die Kunde von ſeiner Lan⸗ dung an den Kuͤſten Frankreichs nach Wien(5. Maͤrz) gekommen, als die verſammelten Großmächte(mit Einſchluſſe Frankreichs durch Talleyrands Unterzeich⸗ nung fuͤr Ludwig XVIII.) in der Erklarung vom 13. Maͤrz 1815 ausſprachen,„Napoleon habe 1815 durch Brechung des Vertrages, der ihm die In⸗Mrz. ſel Elba zum Aufenthaltsorte anwies, den einzigen Rechtstitel ſelbſt vernichtet, an welchen ſeine Exi⸗ ſtenz geknuͤpft geweſen wäre; er habe ſich daher ſelbſt von den buͤrgerlichen und geſellſchaftlichen Ver⸗ hältniſſen ausgeſchloſſen, und als Feind und Sts⸗ rer der Ruhe der Welt, den öffentlichen Strafgerichten preisgegeben.“ Auf dieſe Achts⸗ erklarung folgte(25. Maͤrz 1815) die Abſchließung IV. 9 130 eines neuen Bundesvertrages zwiſchen Oeſt⸗ reich, Großbritannien, Rufland und Preußen auf die Unterlage des fruͤhern Vertrages von Chau⸗ mont, nach welchem jedes von ihnen gegen den ge⸗ meinſchaftlichen Feind 150000 Mann beſtaͤndig vollzählig im Felde erhalten, und ſie die Waffen nicht eher niederlegen wollten, bis Bonaparte vol⸗ lig der Möglichkeit beraubt wäre, Unruhen zu er⸗ regen und ſich der hochſten Gewalt in Frankreich zu bemichtigen. Dieſer Verbindung ſchloſſen ſich Nie⸗ derland, Spanien, Portugal, Dänemark, die Schweiz, und die geſammten Fuͤrſten Teutſchlands an. Europa war zu einem Rieſenkampfe aufgebo⸗ ten worden; allein auch Napoleon gebot von neuem uber alle Kraͤfte Frankreichs, das die Bourbone verlaſſen hatten. Hundert Tage ubte er die hoͤchſte Gewalt, als ſie ihm auf immer entriſſen ward. Denn noch ſtanden Wellington und Bluͤcher in Belgien. Dorthin brach Napoleon(12. Jun.) auf, um das Schickſal des Kampfes zu entſcheiden, be⸗ vor die ubrigen Heeresmaſſen die franzoͤſiſchen Gren⸗ zen uͤberſchritten. Er wollte die in Belgien ſte⸗ henden Heerestheile einzeln angreifen und beſiegen. So warf er ſich auf Ziethen, der an der Sam⸗ bre ſtand(15. Jun.), und nöthigte ihn mit gro⸗ ßem Verluſte nach Fleurus zuruͤck. Am folgen⸗ den Tage(16. Jun.) griff der Marſchall Ney den unter Wellingtons Befehle ſtehenden Heerestheil an, welchen der Erbprinz von Oranien und der Herzog von Braunſchweig fuͤhrten. Der Letztere fiel an dieſem blutigen Tage; doch auch Ney mußte vom Schlachtfelde ſich zuruͤckziehen, weil Napoleon die fuͤr Ney beſtimmte Reſerve zu ſeiner eigenen Verſtärkung an ſich gezogen hatte. Denn er kämpfte an demſelben Tage bei Ligny gegen die drei preußiſchen Heerestheile von Ziethen, Pirch und Thielmann unter Blͤchers Oberbefehle. Bluͤ⸗ cher ſelbſt berechnete den Verluſt der Preußen in dieſer Schlacht auf 16,000 Mann, und zog ſich nach Wavres zuruͤck. Napoleon glaubte, auf ſolche Weiſe Bluͤchers und Wellingtons Heere von einan⸗ der getrennt zu haben. Allein beide Feldherren beabſichtigten die gemeinſchaftliche Erneuerung des Kampfes, weil ſie nur durch ihre Vereini⸗ gung ſich der Macht Napoleons für gewachſen erkannten. So kam der Schlachttag bei Wa⸗ terloo, der ewig denkwuͤrdige 18. Juni, wo Wellington Anfangs allein die wiederholten An⸗ griffe Napoleons aushalten und ſogar ſeine Reſerven in die Schlachtlinien ſtellen mußte, bis am Abend Bluͤcher mit den Preußen erſchien, und Buͤlow den Franzoſen in den Rucken fiel, waͤhrend Thiel⸗ mann den Marſchall Grouchy bei Wavres beſchaͤf⸗ tigte. Die Franzoſen wurden in die Flucht getrie⸗ ben, und Napoleon ſelbſt eilte nach Paris, wo ihn die verſammelten Kammern zur zweiten Nieder⸗ legung ſeiner Kaiſerwuͤrde Q2. Jun.) noͤthigten. Die Verbundeten beſetzten von neuem(3. Juli) Pa⸗ ris, Ludwig XVIII. kehrte zuruͤck, und Napoleon ward, nach dem Beſchluſſe der europäiſchen Groß⸗ maͤchte vom 2. Aug., als ihr gemeinſchaftlicher Gefan⸗ gener nach St. Helena abgefuͤhrt, wo er am 5. Mai 1824 ſein thatenreiches Leben endigte. Allein nach den Erfahrungen, welche die euro⸗ päiſchen Großmächte uͤber die Stimmung des fran⸗ zoſiſchen Volkes gegen die bourboniſche Dynaſtie gemacht hatten, und nach dem bedeutenden Auf⸗ wande, welchen der Kampf im Jahre 1815 er⸗ 132 forderte, waren die Koͤnige Europa's nicht gemeint, den zweiten Frieden mit Frankreich auf die uͤber⸗ raſchend billigen und fuͤr Frankreich hoͤchſt vortheil⸗ haften Bedingungen des erſten Pariſer Vertrags vom 30. Mai 1814 zu unterzeichnen. Deshalb trat Talleyrand aus Ludwigs Miniſterium, und der an ſeine Stelle gekommene Herzog von Riche⸗ lieu, bis dahin ruſſiſcher Gouverneur zu Odeſſa, 1815 ging endlich am 20. Nov. 1815 den zwei⸗ 20. ten Pariſer Frieden auf die Bedingung ein, daß Nov. Frankreich auf die Grenzen vom Jahre 1790 zu⸗ ruͤckgebracht ward. So behielt es zwar Avignon, Venaiſſin und Moͤmpelgard, verlor aber im Nor⸗ den die Feſtungen Philippeville und Marienburg und das Herzogthum Bouillon, die an das Koͤnig⸗ reich der Niederlande kamen; im Suͤden an den Koͤ⸗ nig von Sardinien den bei Frankreich im Jahre 1814 gebliebenen Theil von Savoyen, mit Nizza und Monaco, und, nach der teutſchen Grenze, das Land von der Saar bis zur Lauter, nebſt der Fe⸗ ſtung Landau. Von dieſen letztern Abtretungen kamen, nach dem Pariſer Protocoll vom 5. Nov. 1815 und dem Vertrage vom 1. Jul. 1816, die Cantone Saarbruͤcken und Arneval, und ein be⸗ traͤchtlicher Theil des vormaligen franzöſiſchen Saar⸗ departements an Preußen, doch mit der Verpflich⸗ tung, davon ein Gebiet von 69,000 Menſchen Bevoͤlkerung an die Haͤuſer Coburg, Oldenburg, Homburg, Mecklenburg⸗Strelitz und Pappenheim abzutreten. Später erwarb es die den beiden letz⸗ tern Haͤuſern beſtimmten Antheile gegen eine Ent⸗ ſchaͤdigung im baaren Gelde. Doch beſtanden Frankreichs Opfer im zweiten Pariſer Frieden nicht blos in dieſen Laͤnderabtre⸗ 133 —— tungen; es mußte auch eine Geldentſchädigung von 700 Millionen Franken an die Verbuͤndeten, und die Ausgleichung der Forderungen der Unterthanen der verbuͤndeten Maͤchte an Frankreich uͤberneh⸗ men. Zugleich ward ein Beobachtungsheer von 150,000 Mann, unter Wellingtons Befehlen, in den franzoͤſiſchen Grenzprovinzen und deren Feſtun⸗ gen fur fuͤnf Jahre aufgeſtellt, wovon aber bereits im Jahre 1817 ein Drittheil, und im Jahre 1818 auch die uͤbrige Maſſe den Boden Frank⸗ reichs verließ. Auf Preußen kamen von jener Summe 125 Millionen Franken. Von hoher Bedeutung war der neue Ver⸗ trag, welchen Oeſtreich, Großbritannien, Ruß⸗ land und Preußen am 20. November 1815 zu Paris auf die Unterlage der Vertraͤge von Chau⸗ mont(vom 1. Maͤrz 1814) und Wien(vom 25. Maͤrz 1815) unterzeichneten, worin ſie ſich zur Aufrechthaltung des zweiten Pariſer Friedens nach ſeinem ganzen Umfange, zur Ausſchließung Napo⸗ leons und ſeiner Familie vom Throne Frankreichs auf ewige Zeiten, und zu gemeinſchaftlichen Maasregeln in Hinſicht der Gefahren verpflichteten, welche Europa noch drohen koͤnnten. Schon vorher unterzeichneten die Monarchen Rußlands, Heſtreichs und Preußens perſoͤnlich(26. Sep⸗ tember 1815) den ſogenannten heiligen Bund, zu deſſen Beitritte ſie alle europäiſche Regierungen, mit alleiniger Ausnahme des Papſtes und des Sultans der Osmanen, einluden. Nur Großbri⸗ tannien und der nordamerikaniſche Bundesſiaat ver⸗ weigerten, wegen der Eigenthuͤmlichkeit ihrer Ver⸗ faſſungen, den Beitritt.— Auf den darauf folgenden Congreſſen der Haupt⸗ 134 —— mächte zu Aachen(1818), wo Frankreich in ihre Mitte wieder eintrat, zu Troppau⸗Lay⸗ bach(1824), wo die Auflöſung der neuen Ver⸗ faſſungen Neapels und Piemonts beſchloſſen und die Vollziehung dieſes Beſchluſſes von Oeſtreich uber⸗ nommen ward, und zu Verona(1822), wo man uͤber die Aufhebung der neuen Verfaſſung Spaniens ſich vereinigte, welche durch ein franzo⸗ ſiches Heer bewirkt werden ſollte, erſchien auch der König von Preußen mit ſeinen Diplomaten. Doch nahm Preußen an den darauf folgenden Heereszugen und Kämpfen keinen Antheil, weil ſie nicht die unmittelbaren Staatsintereſſen der Mo⸗ narchie beruͤhrten. Mit ſolchen großen Ergebniſſen trat Preu⸗ ßen aus dem Rieſenkampfe, der im Fruͤhjahre 1813 begonnen hatte. Nach der Wiedervereini⸗ gung der im Tilſiter Frieden verlorenen Provin⸗ zen, nach den neuen Ländererwerbungen, und nach dem Anwachſe der Volkszahl in den Jahren des Friedens ſeit 1815, umſchließt gegenwaͤrtig die Bevölkerung der preußiſchen Monarchie mehr als zwolf Millionen Menſchen. Auf die Fortſetzung der, bereits ſeit dem Til⸗ ſiter Frieden begonnenen, neuen Geſtaltung des innern Staatslebens war theils die neue geo⸗ graphiſche Eintheilung der Monarchie, und die Begrundung der Provinzialbehoͤrden nach den Land⸗ rathen, Regierungen und Oberlandesgerichten, theils die Stiftung des Staatsrathes, als der höch⸗ ſten berathenden Behoͤrde, theils die Errichtung mehrerer neuen Miniſterien und die völlig neue 135 Einrichtung des Finanz⸗ und Schuldenweſens, cheils die königliche Verordnung vom 22. Mai 1815 1815 berechnet, in welcher Friedrich Wilhelm der 22. Monarchie eine allgemeine Nationalrepra⸗Mai. ſentation, und die Ausſtellung einer ſchriftlichen Urkunde, als Verfaſſung des preußiſchen Reiches verſprach. Dieſe, noch aus Wien kurz vor der Beendigung des Con⸗ greſſes erlaſſene, Verfuͤgung erklärte:„1) Es ſoll eine Repraͤſentation des Volkes gebildet wer⸗ den. 2) Zu dieſem Zwecke ſind die Provin⸗ zialſtände da, wo ſie mit mehr oder minde⸗ rer Wirkſamkeit noch vorhanden ſind, herzuſtellen, und dem Beduͤrfniſſe der Zeit gemaͤß ein⸗ zurichten, und da, wo gegenwaͤrtig keine Provin⸗ zialſtände vorhanden ſind, ſie anzuordnen. 3) Aus den Provinzialſtaͤnden wird die Verſammlung der Repräſentantenkammer gewaͤhlt, die in Berlin ih⸗ ren Sitz haben ſoll. 4) Die Wirkſamkeit der Lan⸗ desrepraſentation erſtreckt ſich auf die Berathung uber alle Gegenſtaͤnde der Geſetzgebung, welche die perſönlichen und Eigenthumsrechte der Staats⸗ buͤrger, mit Einſchluſſe der Beſteurung, be⸗ treffen. 5) Es iſt ohne Zeitverluſt eine Commiſ⸗ ſion in Berlin niederzuſetzen, die aus einſichtsvol⸗ len Staatsbeamten und Eingeſeſſenen der Provin⸗ zen beſtehen ſoll. 6) Dieſe Commiſſion ſoll ſich beſchaͤftigen: mit der Organiſation der Provinzial⸗ ſtaͤnde; mit der Organiſation der Landesrepräſen⸗ tanten, und mit der Ausarbeitung einer Verfaſ⸗ ſungsurkunde nach den aufgeſtellten Grundſätzen.“ Da dieſe konigliche Verordnung— welcher be⸗ reits(18. Jul. 1814) eine neue Verfaſſungs⸗ urkunde fuͤr das, als Canton zu dem ſchweizeri⸗ ſchen Bundesſtaate geſchlagene, Fuͤrſtenthum Neu⸗ enburg vorausgegangen war— ausdrücklich feſt⸗ ſetzte, daß die Geſtaltung der Provinzialſtände der Begruͤndung der geſammten Nationalrepräſen⸗ tation vorausgehen ſollte; ſo erſchien am 5. Jun. 1823 das allgemeine Geſetz wegen An⸗ ordnung der Provinzialſtaͤnde, nachdem ſich, fuͤr dieſen Zweck, zu Berlin eine Commiſſion unter dem Vorſitze des Kronprinzen verſammelt hatte. In dieſem allgemeinen Geſetze erklaͤrte der Koönig:„Das Grundeigenthum iſt Bedingung der Standſchaft, und die Provinzialſtände ſind das geſetz⸗ maͤßige Organ der verſchiedenen Stande der Un⸗ terthanen in jeder Provinz. Dieſer Beſtimmung gemäß, ſollen 1) die Geſetzesentwuͤrfe, welche die Provinz allein angehen, zu ihrer Berathung ge⸗ langen; ihnen auch, 2) ſo lange keine allgemeinen ſtndiſchen Verſammlungen ſtatt finden, die Entwuͤrfe ſolcher allgemeinen Geſetze zur Berathung vorgelegt werden, welche Veraͤnderungen in Perſonen- und Eigenthumsrechten und in den Steuern zum Ge⸗ genſtande haben; 3) ſollen Bitten und Beſchwer⸗ den, welche auf das ſpecielle Wohl und Intereſſe der ganzen Provinz oder eines Theils derſelben Be⸗ ziehung haben, von den Provinzialſtänden angenom⸗ men, gepruͤft, und ſie darauf beſchieden werden; auch ſollen 4) die Communalangelegenheiten der Provinz ihren Beſchluͤſſen, unter Vorbehalt der königlichen Genehmigung und Aufſicht, uͤberlaſſen bleiben.“ Am Schluſſe hieß es in dieſem Geſetze: „Wann eine Zuſammenberufung der allgemei⸗ nen Landſtände erforderlich ſeyn wird, und wie ſie dann aus den Provinzialſtaͤnden hervorge⸗ hen ſollen; darüber bleiben die weitern Beſtim⸗ 127 mungen Unſerer landesväterlichen Vorſorge uͤber⸗ laſſen.“ Als unmittelbare Folge dieſes allgemeinen Ge⸗ ſetzes erſchienen, ſeit dem Juli 1823, die ſpe⸗ ciellen Geſetze wegen der Anordnung der Provin⸗ zialſtäͤnde. So am 1. Juli 1823 wegen der Staͤnde fur die Mark Brandenburg und das Markgraf⸗ thum Niederlauſitz; am 1. Juli 1823 fuͤr das Koͤnigreich Preußen; am 1. Juli 1823 für das Herzogthum Pommern und Fuͤrſtenthum Ruͤ⸗ gen; am 17. Maͤrz 1824 fuͤr das Herzogthum Schleſien; am 17. März 1824 fuͤr das Herzog⸗ thum Sachſen; am 27. Maͤtz 1824 fur das Groß⸗ herzogthum Poſen; am 27. Maͤrz 1824 fuͤr die Provinz Weſtphalen, und am 27. Maͤrz 1824 fuͤr die Rheinprovinzen. Eine Monarchie, wie die preußiſche, welche, ſeit den Zeiten Friedrichs des zweiten, die freieſte Ent⸗ wickelung des geiſtigen Lebens in ihrer Mitte ge⸗ deihen ſah, deren Einfluͤſſe auf die Fortbildung der Wiſſenſchaften, der Kuͤnſte, des Handels, des Ge⸗ werbsweſens und ſelbſt der Landwirthſchaft keinem entgehen konnen, der, in allen dieſen Beziehungen, das Jahr 1740 mit dem Jahre 1826 vergleicht, durfte auch, bei ihrer neuen Geſtaltung, in Hin⸗ ſicht des geiſtigen Lebens nicht hinter den Beduͤrf⸗ niſſen eines hochgebildeten Volkes und hinter dem Geiſte einer juͤngern Zeit zuruͤckbleiben, der in al⸗ len neugeſtalteten und fortſchreitenden europäiſchen Staaten unverkennbar ſich ankuͤndigte. So erhielt das proteſtantiſche und katholiſche Kirchenthum, das erſtere durch Presbyterien, durch Kreisprovinzial⸗ und Generalſynoden, ſo wie durch die Vereini⸗ gung der beiden evangeliſchen Bekenntniſſe, und 138 durch eine neue Liturgie, das lebtere, nach einem mit dem romiſchen Stuhle(1821) abgeſchloſſenen Ver⸗ trage, eine zeitgemaͤßige Geſtaltung; ſo ward das ganze Erziehungs⸗ und Schulweſen, nach den Ab⸗ ſtufungen der verſchiedenen Unterrichts⸗ und Bil⸗ dungsanſtalten, neu eingerichtet; ſo wurden zweck⸗ mäßige Prediger- und Schullehrerſeminaria in den einzelnen Provinzen errichtet; und ſo verdankte die neue Hochſchule zu Bonn(1818) ihr Daſeyn und eine reiche Ausſtattung der Huld des Koͤnigs, waͤh⸗ rend die kränkelnden Univerſitäten zu Erfurt und Paderborn aufgehoben wurden, die zu Muͤn⸗ ſter aber zeitgemäß umgebildet, und die zu Wit⸗ tenberg mit der zu Halle(1817) vereiniget ward. Gegen den Mißbrauch der Preſſe, nicht aber gegen das freie Wort des grundlichen Forſchers ſelbſt, war ein verſchaͤrftes Cenſurgeſetz, und gegen die Auf⸗ wallungen unvorſichtiger Aeußerungen und bedenk⸗ licher Verbindungen der aus dem Befreiungskriege mit lebhafter Aufregung zuruͤckgekehrten Juͤnglinge, der Ernſt und die Strenge gerichtet, womit die ju⸗ gendlichen Verirrungen unterſucht und geahndet wur⸗ den. Denn das Geſetz der Ordnung und Sicherheit muß, ohne Ausnahme, unter allen Staͤnden der burgerlichen Geſellſchaft gelten, wenn anders der Staat als ein lebensvolles, fortſchreitendes, zur innigſten Einheit verbundenes Ganzes ſich ankuͤndi⸗ gen ſoll.— Daß aber Preußen, auf der großen Bahn des Fortſchreitens in allen Grundbedingungen des innern und außern Staatslebens nie einhalten, daß in einer Monarchie, welcher durch den großen Chur⸗ furſten und Friedrich den zweiten ihre hohe Beſtim⸗ ——— 139 mung vorgehalten und ihre bedeutſame Stelle im europäiſchen Staatenſyſteme angewieſen ward, der Geiſt des Reactionsſyſtems nie Wurzel ſchlagen kann und wird; dafür buͤrgt der Geiſt und das Herz des Konigs, der helle Blick und die Thatkraft der höch⸗ ſten Behoͤrden, ſo wie das uber alle Provinzen und uber alle Staͤnde des Volkes verbreitete Licht. Wo aber das Licht herrſcht; da ſtrebt die Finſterniß vergebens, den Strahl deſſelben zu verdunkeln. Und wo ein gelaͤutertes tiefes Vaterlandsgefuͤhl in der Bruſt jedes Buͤrgers herrſcht; wo von oben herab keine Kraft des menſchlichen Geiſtes in ihrer Ankuͤndigung und in ihrer Entwickelung zur Bluͤthe und Reife verhindert, ſondern mit Weis⸗ heit und Wuͤrde geleitet wird; wo die Rechte des Volks durch einſichtsvolle Staͤnde vertreten und alle Zweige der Verwaltung in gleichmäßiger Ord⸗ nung und Wirkſamkeit erhalten werden; da ſchrei⸗ ten die Theile und das Ganze unaufhaltbar fort zum großen Ziele alles Staatslebens: zur reinen Sittlichkeit, zu einem von Aberglauben, Unglau⸗ ben und Myſticismus gleich weit entfernten Kir⸗ chenthume, und zur allgemeinen Herrſchaft des Rechts. Nach allen dieſen großen Aufgaben iſt Preußen beſtimmt, den einzelnen Staaten Teutſch⸗ lands und Europa's mit glaͤnzendem Beiſpiele vorzu⸗ leuchten, und in den Jahrbuͤchern der Geſchichte des neunzehnten Jahrhunderts den kommenden Geſchlechtern mit unvergänglichem Ruhme genannt zu werden. Ende. 8— ————————— 8