Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Cduard Ollmunn in Gieſten, Leih und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für woheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi f 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Ein Zeitraum von 52 Jahren. Erſter Abſchnitt. Der brandenburgiſch⸗preußiſche Staat waͤhrend der Regierungszeit des Churfuͤrſten Friedrich des dritten(ſeit 1701 als Koͤnig: Friedrich der erſte); von 1688— 13 3weiter Abſchnitt. Der brandenburgiſch⸗preußiſche Staat waͤhrend der Regierungszeit des Koͤnigs Friedrich Wil⸗ helm des erſten; von 1713— 1740„ Fuͤnfter Zeitraum. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich dem zweiten; von 1740— 1786. Ein Zeitraum von 46 Jahren. Seite 25⁵ Seite Erſter Abſchnitt. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich dem zweiten von ſeinem Regierungantritte an bis zu dem Hubertsburger Frieden; von 1740— 1763 44 Zweiter Abſchnitt. Ueberſicht uͤber die Geſchichte des Pn Schleſien Dritter Abſchnitt. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich dem zweiten ſeit dem Hubertsburger Frieden bis zu Friedrichs Tode; von 1763— 1786 115 Vierter Zeitraum. Der brandenburgiſch⸗preußiſche Staat unter den Koͤnigen Friedrich dem erſten und Fried⸗ rich Wilhelm dem erſten; von 1688— 1740. Ein Zeitraum von 52 Jahren. Erſter Abſchnitt. Der brandenburgiſch⸗preußiſche Staat waͤhrend der Regierungszeit des Chur⸗ fuͤrſten Friedrich des dritten(ſeit 1701 als Koͤnig: Friedrich der erſte); von 1688— 1713. De älteſte Sohn des großen Churfurſten, Karl Emil, verdankte der Natur eine reiche Ausſtattung geiſtiger Anlagen, und war die Hoffnung ſeines Va⸗ ters und des Volkes. Er unterlag aber fruhzeitig einer Krankheit, die ihn zu Strasburg uͤberfiel, als 1674 er, unter der unmittelbaren Leitung ſeines Vaters, ſeine Kriegsſchule in dem Feldzuge gegen Frankreich machte. Nach dieſem unerwarteten Todesfalle eröff⸗ nete ſich ſeinem nachgebornen Bruder, Friedrich, die Ausſicht auf den Thron. Friedrich war kor⸗ perlich gebrechlich, und ſtand an geiſtigen Kraften weit hinter dem Vater und dem aͤltern Bruder III. 1 2 zuruͤck. Dazu kam die Abneigung ſeiner Stiefmut⸗ ter, der Churfurſtin Dorothea, gegen ihn, die, in⸗ dem ſie ihre Soͤhne beguͤnſtigte, bei dem Vater nachtheilig gegen Friedrich wirkte, und die vieljäh⸗ rige Spannung zwiſchen beiden herbeifuͤhrte. Dieſe Spannung bewirkte die Flucht des Sohnes nach Kaſſel, und dieſe Flucht erbitterte den Vater in ei⸗ nem ſo hohen Grade, daß er anfangs den Prin⸗ zen Friedrich ganz enterben wollte„und dann in ſeinem Teſtamente die Theilung der Länder un⸗ ter ſeine vier Soͤhne verordnete. Ob nun gleich dieſe Verfuͤgung weder mit dem Hausgeſetze des Chur⸗ fuͤrſten Albrecht Achilles, noch mit den uͤbrigen Ver⸗ traͤgen in der Dynaſtie Hohenzollern vereinbar war; ſo ſollte doch Friedrich, ſelbſt nach der Aus ſöhnung mit dem Vater, blos mit der Churwuͤrde und den Marken ſich begnuͤgen, waͤhrend ſeinen Stiefbrü⸗ dern die uͤbrigen Lander beſtimmt waren. Aller⸗ dings blieben dieſe Verhältniſſe nicht ohne Einfluß auf die individuelle Stimmung und Richtung Fried⸗ richs IIl., ſo wie auf ſein Betragen gegen Oeſtreich, wie er, noch als Kronprinz, in die Bedingungen des geheimen Vertrages einwilligte, die ihm der öſtreichiſche Geſandte in Berlin, in Hinſicht der künf⸗ tigen Zuruͤckgabe des Schwibuſſer Kreiſes, abnöthigte. Friedrich lil war, nach der eigenen Schilderung ſeines großen Enkels*), geiſtig ſchwach, aberglaͤu⸗ *) Friedrich I. ſchließt, in ſ. mémoires 7. 3., die ausfuͤhrliche Schilderung ſeines Großvaters mit den Worten:„II 6toit, en un mot, grand dans les petites choses, et petit dans les grandes; et son malheur a voulu, qu'il fut placs dans T'histoire entre un père et un 3 big, jeder Eindruͤcke fähig, ohne Feſtigkeit, eitel und glanzſuͤchtig, nicht ohne Wohlwollen und Gutmuͤ⸗ thigkeit, im Ganzen aber„groß in kleinen Dingen, und klein in großen.“ Sein Un⸗ gluͤck war, daß er in der Geſchichte zwiſchen einen Vater und einen Sohn geſtellt ward, die beide an geiſtigen Kräͤften ihn uͤberragten. Fuͤr ſeine Er⸗ ziehung geſchah durch den Vater wenig; doch ward ſie von einem braven Manne, Eberhard von Dan⸗ kelmann, geleitet, der einen großen Theil ſeines Vermoͤgens dabei aufopferte. Wenn Friedrich III., als Churfurſt, in ſeinen erſten neun Regierungsjah⸗ ren, dies dankbar anerkannte, und ſeinen vorigen Erzieher als Miniſter an ſeine Seite ſtellte; ſo fullt es doch eine ſehr dunkle Seite in dem Charakter und der Geſchichte des Churfurſten, daß er nicht nur dieſen ausgezeichneten Miniſter entſetzte, als 1697 er, nach ſeiner Ueberzeugung, nicht füt die Annahme der königlichen Wuͤrde ſtimmte, ſondern daß er ihn auch zehn Jahre hindurch(bis 1707) in den Feſtun⸗ gen Spandau und Peitz der perſoͤnlichen Freiheit beraubte, und ihn, aus den Einkuͤnften ſeiner Gü⸗ ter, blos auf einen Jahresgehalt von 2000 Tha⸗ lern ſetzte. Wie gereizt und leitbar mußte Fried⸗ richs Charakter ſeyn, daß Dankelmanns Feinde, ge⸗ gen ſeine eigene fruͤhere beſſere Ueberzeugung, ſo viel uͤber ihn vermochten, und daß, erſt nach dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelms des erſten, dem treuen Miniſter des Vaters gerechte Anerken⸗ nung ſeiner Verdienſte und Wiederherſtellung in ſeinem Vermoͤgen zu Theil ward! fils, dont les talens supérieurs 1e font éclipser.“ Mit mehr Umſicht und Schonung verfuhr Fried⸗ rich III., nach ſeines Vaters Tode, gegen ſeine Stiefmutter und Stiefbruͤder. Zwar erklärte er das Teſtament ſeines Vaters fur unguͤltig, weil es den fruͤhern Hausvertraͤgen geradezu widerſprach; er 1692 ſchloß aber mit ſeinem alteſten Stiefbruder, Phi⸗ lipp Wilhelm, einen Erbvergleich, in welchem demſelben nicht nur der Beſitz des ihm von ſei⸗ nem Vater verliehenen beſondern Fuͤrſtenthums Schwedt beſtätigt, ſondern auch noch eine reich⸗ liche Ausſtattung an Einkuͤnften bewilligt ward.— In Hinſicht ſeiner Stellung zum Auslande entging dem Churfuͤrſten die Gefahr nicht, die dem teutſchen Reiche von Frankreich drohte, obgleich ſein Vater in den letzten Jahren ſeiner Regierung, ver⸗ ſtimmt durch die Unthaͤtigkeit der Teutſchen und na⸗ mentlich des kaiſerlichen Hofes in dem Kampfe ge⸗ gen Ludwig XIV., dieſem Koͤnige ſich mehr, als fruher, anzunaͤhern geſucht hatte. Friedrich III. nahm ſogleich eine feindliche Stellung gegen Frank⸗ reich, als noch in demſelben Jahre, wo er die Re⸗ 1688 gierung antrat, Ludwig XIV. bei ſeinen übermü⸗ thigen Anſpruchen auf die pfalziſche Allodialerbſchaft fuͤr die aus dem, im Mannsſtamme erloſchenen, pfaͤtziſchen Hauſe Simmern abſtammende Herzogin von Orleans, den Krieg gegen Teutſchland ausſprach, und ihn mit den wildeſten Verheerungen der ſchön⸗ ſten Rheingegenden eroͤffnete. Dazu kam fur den Churfuͤrſten noch eine zweite Veranlaſſung. Durch ſeine verewigte Mutter dem oraniſchen Hauſe nahe verwandt, ſtand er mit dem 5 Statthalter der Niederlande, Wilhelm dem drit⸗ ten, in der freundſchaftlichſten Verbindung Wil⸗ helm aber war bereits in dem letzten Kriege gegen Frankreich der bedeutendſte Gegner Ludwigs des vier⸗ zehnten, mißbilligte, nach ſeiner religioͤſen Ueberzeu⸗ gung, die willkuͤhrliche Aufhebung des Edicts von Nantes, und beabſichtigte im Jahre 1688 die Auf⸗ rechthaltung der heiligen und verfaſſungsmäͤßigen Rechte des Proteſtantismus, die der eigene Schwie⸗ gervater Wilhelms, der Koͤnig Jacob Il. in Eng⸗ land bedrohte und beeinträchtigte. Denn, ſeit der Reſtauration der Stuarte in Großbritannien im Jahre 1660, wollten nicht nur beide Koͤnige aus dieſer Dynaſtie, Karl II. und Jacob II., auf Koſten der freien buͤrgerlichen Verfaſſung Englands die Macht der Krone bis zur abſoluten Gewalt ſteigern, ſondern auch den Katholicismus herſtellen, und den Proteſtantismus aus dem offentlichen Volksleben verdrängen. Dadurch untergrub aber Jacob II. die Unterlage ſeines eigenen Thrones; denn das Rea⸗ ctionsſyſtem iſt in allen Staaten unausfuͤhr⸗ bar, wo das Veraltete, das wiederhergeſtellt werden ſoll, im innern Staatsleben bereits untergegangen iſt und das an ſeine Stelle getretene Beſſere mit allen großen Intereſſen des Volkslebens, mit buͤr⸗ gerlicher und kirchlicher Freiheit, mit Volksvertretung durch zwei parlamentariſche Kammern, mit Freiheit der Preſſe, mit Oeffentlichkeit der Gerechtigkeits⸗ pflege, und mit dem Gewerbsweſen, dem Handel, dem Kolonialſyſteme und der Finanzverwaltung in inniger Verbindung ſtehet. In ſolchen Faͤllen ſchei⸗ tert der Verſuch des Reactionsſyſtems, und trifft die Haͤupter ſeiner Vertheidiger. Nur bei unwiſſen⸗ den, ungebildeten, armen, in ſich entzweiten, und 6 von Prieſtern geleiteten Völkern kann das Rea⸗ ctionsſyſtem in kirchlicher und politiſcher Hinſicht gelingen; nie aber bei Völkern, die zu dem Be⸗ wußtſeyn der politiſchen Muͤndigkeit ſich erhoben ha⸗ ben.— Deshalb iſt die Verdrängung der Stuarte von dem Throne Großbritanniens, und die Thron⸗ beſteigung des OHraniers die wichtigſte geſchichtliche Warnungstafel fuͤr alle öffentliche und geheime An⸗ hanger und Vertheidiger des Reactionsſyſtems. Der Boden Großbritanniens war ſeit der magna charta(im Jahre 1215) der Boden der buͤrgerlichen Freiheit, und nur aus der geiſtigen Beſchränktheit Jacobs des zweiten laͤßt es ſich erklären, wie alle, aus den innern Kriegen Großbritanniens hervorge⸗ hende, Warnungen und Belehrungen fuͤr ihn ganz verloren ſeyn konnten. Denn als die in ihren Rech⸗ ten bedrohten Britten den Oranier zu ihrer Huͤlfe von Holland nach England beriefen, hielt dieſer vor ſeiner Abreiſe, im Auguſt 1688 zu Minden mit ſeinem Vetter, dem Churfurſten Friedrich II., eine Unterredung, als deren Ergebniß ihm der Churfurſt, fur niederländiſche Huͤlfsgelder, eine Heeresmaſſe von 6000 Mann, befehligt von dem Feldherrn Schomberg, zuſandte, unter deren Mitwirkung die Thronbeſteigung Wilhelms III. in Großbritannien unterſtuͤtzt ward, nachdem Jacob II., durch ſeine Flucht aus England, den Thron ſelbſt erledigt hatte. Ohne blutige Auftritte erfolgte in England und Schottland dieſe wichtige politiſche Veraͤnderung; nur in Irland, wo zwei Dritttheile der Bevölkerung dem Katholicismus anhingen und von ihren Prie⸗ ſtern geleitet wurden, erfolgte erſt zwei Jahre ſpaͤter die Anerkennung des neuen Regenten nach einem hartnaͤckigen Kampfe. 7 Waͤhrend auf dieſe Weiſe, unter Brandenburgs Mitwirkung, das Recht der gereinigten Lehre in England von neuem geſtutzt ward, ſchloß das Par⸗ lament das Haus Stuart fuͤr immer vom brittiſchen Throne aus, beſtimmte fuͤr die Zukunft dem prote⸗ ſtantiſchen Churhauſe Hannover die brittiſche Thron⸗ folge, und unterſtutzte den Koͤnig Wilhelm, der nun an der Spitze der Regierung beider See⸗ mäͤchte ſtand, bei ſeinem Kampfe gegen Lud⸗ wig XIV., der den vertriebenen Stuart, als Praͤten⸗ denten, in Frankreich aufnahm, und, geleitet von ſeinem Beichtvater und der Maintenon, den tiefſten Groll gegen den Sieg des Proteſtantismus in Eng⸗ land in ſeinem Herzen trug. Denn, nach der unter Raubzugen der franzoſi⸗ ſchen Heere in den Rheinländern begonnenen Eröff⸗ nung des phaͤlziſchen Erbſchaftskrieges, erklaͤrte zwar 1689 Teutſchland den Reichskrieg, und brandenburgi⸗ ſche Truppen fochten mit der, in der Schule des großen Churfurſten erprobten, Tapferkeit gegen die Franzoſen bei Kaiſerswerth und Bonn; doch kam die feſtere Haltung in die Verbindung gegen Lud⸗ wig XIV. erſt durch den Vertrag im Haag, welchen 1691 der Oranier, im Namen der Seemächte, mit dem Kaiſer Leopold I. und mit Spanien abſchloß. Schon fruͤher uͤbernahm der Churfuͤrſt, in dem Vertrage zu Lennick, gegen Huͤlfsgelder von den 1690 Seemaͤchten und von Spanien, ein Heer von 20,000 Mann gegen Frankreich im Felde zu halten. Ungeachtet dieſer Anſtrengungen, verſchaffte doch der zu Ryßwick zwiſchen Frankreich und dem teut⸗ 1697 ſchen Reiche abgeſchloſſene Friede dem Churfuͤrſten von Brandenburg keine beſondern Vortheile, ſon⸗ dern blos die Beſtätigung der Beſtimmungen des 8 weſtphaͤliſchen Friedens und des Vertrages von St. Germain en Laye. ˙— Noch waͤhrend Brandenburgs Theilnahme an 1691 dieſem Reichsktiege gegen Frankreich unterſtutzte ½ Friedrich II. auch den Kaiſer Leopold, gegen ver⸗ abredete Hülfsgelder, mit 6000 Mann Soldaten die Brandenburger in den großen Schlachten bei Salankemen(1691) und bei Zentha(1697) ſich durch Muth und Tapferkeit auszeichneten. Ob nun gleich Friedrich durch dieſe Theilnahme an einem, dem Intereſſe Brandenburgs völlig fremden, Kriege, und durch ſeine Mitwirkung bei der roͤmiſchen Kö⸗ nigswahl Joſephs I., den Kaiſer zur Dankbarkeit ſich verpflichtet hatte; ſo mußte er doch in derſelben 1694 Zeit, durch einen förmlichen Vertrag, den Schwi⸗ buſſer Kreis an Oeſtreich zuruͤckgeben, wofur ihm Oeſtreich 100,000 Thaler, und die ruͤckſtaͤndigen Subſidien bezahlte, und die ſeinem Hauſe ſchon fruͤher ertheilte Anwartſchaft auf Oſtfriesland, ſo wie auf die Herrſchaften Limburg und Speckfeld in Franken, beſtätigte. Doch erneuerte Branden⸗ burg bei dieſer Gelegenheit ſeinen Vorbehalt auf die ſchleſiſchen Fürſtenthuͤmer Jägerndorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau. Vortheilhafter für Brandenburg, als dieſer Vertrag, war ein anderer mit dem Churfuͤrſten Frie⸗ 1697 drich Auguſt I. von Sachſen abgeſchloſſener Ver⸗ trag, in welchem dieſer, damals zur polniſchen Königskrone gelangte, Churfuͤrſt an Brandenburg fuͤr 300,000 Thaler die Erbvogtei uͤber die Stadt und Abtei Quedlinburg, nebſt den drei Aemtern in dem gleichzeitigen Kriege gegen die Tuͤrken, wo 9 Lauenburg, Sevenberg und Gersdorf, ſo wie die Reichsvogtei und das Reichsſchulzenamt zu Nord⸗ hauſen verkaufte. Wahrſcheinlich war in dieſe Kaufſumme auch die Ueberlaſſung des Peters⸗ berges bei Halle mit einbedungen, obgleich deſſelben im Vertrage nicht gedacht wird. Denn Branden⸗ burg bezahlte jene 300,000 Thaler erſt nach der Uebergabe des Petersberges am 10. Marz 1698 von Sachſen an Brandenburg. Der Petersberg war der letzte Ueberreſt von der Grafſchaft Wettin, welcher bis dahin bei dem, nach der alten Grafſchaft Wettin genannten und uͤber Meißen, Thuͤringen und Sachſen regierenden, Fuͤrſtenhauſe geblieben war.— Schon längſt hatte Friedrich der dritte nach der königlichen Wuͤrde geſtrebt; denn von ſeinen Col⸗ legen im Churcollegium war dem Churfurſten von Pannover die Ausſicht auf die Beſteigung des britti⸗ ſchen Thrones eroffnet, und der Churfurſt von Sach⸗ ſen im Jahre 1697 zum Könige von Polen gewählt worden. Ueber die Anerkennung derſelben Wuͤrd e, uͤbergetragen auf Preußen, ließ daher Friedrich III. bei den europäiſchen Mächten unterhandeln, und zuerſt in Wien. Allein der Kaiſer Leopold I. und ſein Miniſterium waren dieſem Wunſche des Chur⸗ fuͤrſten theils aus religiös⸗kirchlichen Gruͤnden, theils deshalb abgeneigt, weil man, von Berlin aus, von dem Kaiſer nicht die Erhebung des Herzogthums zum Königreiche, ſondern blos die Anerkennung der anzunehmenden königlichen Wuͤrde verlangte. Denn allerdings iſt es ein Sou⸗ verainetätsrecht, einen höhern Titel innerhalb ſei⸗ nes Staates ſich beizulegen, ohne weitere Ruͤck⸗ ſprache mit dem Auslandez doch beruht, nach den 10 Grundſätzen des practiſchen Voͤlkerrechts, die Aner⸗ kennung diefer höhern Wuͤrde von den auswar⸗ tigen Mächten auf Verträgen, die deshaib abge⸗ ſchloſſen werden. Wenn daher ein Churfuͤrſt des teutſchen Reiches nach der Königswürde ſtrebte; ſo war die Anerkennung derſelben von dem Kaiſer die erſte Bedingung, daß andere europäiſche Regenten dem Vorgange des Kaiſers folgten.— Bei der Ab⸗ neigung Leopolds, in dieſen Plan des Churfuͤrſten einzugehen, ruhte die Verhandlung deshalb mehrere Jahre. Sie ward aber im Jahre 1699 erneuert, und fuͤhrte zu dem vom Churfuͤrſten gewunſchten Ergebniſſe. Denn während, durch die zufällige Deutung der in Chifferſchrift geſchriebenen Note aus Berlin an den brandenburgiſchen Unterhaͤndler in Wien, der Beichtvater des Kaiſers, der Jrſuit Wolf, in das Intereſſe des Churfurſten gezogen, und durch den Beichtvater die perſonliche Abnei⸗ gung des Kaiſers beſeitigt ward, gab, in politiſcher Pinſicht, die zu Wien angekommene Nachricht von dem Tode des kinderloſen Königs Karl des zweiten von Spanien den Ausſchlag zur Abſchließung des 700 Vertrages vom 16. November 1700 zwiſchen dem Kaiſer und dem Churfuͤrſten. Denn die Staatskunſt Oeſtreichs ſah bei dieſem Todesfalle die Unvermeidlichkeit eines langwierigen Krieges uͤber die ſpaniſche Erbſchaft voraus, und dachte daran, kräftiger Unterſtützung für dieſen Kampf ſich zu ver⸗ ſichern. Zugleich ſollte aber auch Brandenburg fur die Zukunft an die Familienintereſſen Oeſtreichs ge⸗ feſſelt werden. Deshalb enthielt dieſer denkwuͤrdige Vertrag folgende Beſtimmungen. Das fruͤhere Buͤndniß vom Jahre 1086 zwiſchen Oeſtreich und Brandenburg wird erneuert; der Kaiſer erkennt den — 11 Churfurſten als König in Preußen an; der Churfuͤrſt verſpricht, waͤhrend des ſpaniſchen Erb⸗ folgekrieges, ein Heer von 10,000 Mann, auf ſeine Koſten, fuͤr Oeſtreichs Intereſſen zu ſtellen; bei der Kaiſerwahl die brandenburgiſche Churſtimme dem Hauſe Habsburg zu geben; in allen Reichsan⸗ gelegenheiten jedesmal mit dem Kaiſer zu ſtimmen; im churfurſtlichen Collegium wegen der koniglichen Wuͤrde keine neuen Anſpruche zu machen; auf alle ruͤckſtandige Huͤlfsgelder von Oeſtreich zu verzichten, und einen Theil der Beſatzung in der Reichsfeſtung Philippsburg zu ſtellen. Der Churfurſt Friedrich genehmigte alle dieſe druͤckenden Bedingungen, mit der einzigen Ein⸗ ſchränkung in Hinſicht der brandenburgiſchen Chur⸗ ſtimme bei der Kaiſerwahl, daß dieſe, dafern ſehr wichtige Gruͤnde einträten, auch auf einen Fuͤrſten aus einem andern Hauſe fallen duͤrfte.— MNoch in demſelben Jahre 1700 hatten dem Churfurſten der Czar Peter von Rußland, der König von Polen und der König von Daͤnemark im Voraus die Anerken⸗ nung der königlichen Wuͤrde verſprochen. Er machte daher am 16. December 1700, nach dem Abſchluſſe des Vertrages mit Leopold I., die Annahme der koͤniglichen Wuͤrde durch ein Manifeſt bekannt, und reiſete nach Koͤnigsberg, wo er am 18. Ja⸗ nuar 1701 zuerſt ſich, und dann ſeiner Ge⸗ mahlin die königliche Krone aufſetzte, und, zum Andenken dieſes großen Ereigniſſes, am 17. Januar den ſchwarzen Adlerorden ſtiftete. Der neue Konig grundete, an demſelben Tage, auch den Or⸗ den de la genérosité. Dieſen hob aber Friedrich 1I. im Jahre 1740 auf, und ſtiftete, an deſſen Stelle, den Orden pour le mérite. Obgleich Friedrich 12 der Erſte, wie er nun hieß, mit Ruͤckſicht auf das fruͤher vom teutſchen Oiden an Polen abgetretene Weſtpreußen, nicht König von Preußen, ſondern Koͤnig in Preußen ſich nannte ſo verweigerte doch die Republik Polen die Anerkennung der neuen Würde. Der König Auguſt aber erkannte ſie an. Daſſelbe geſchah bereits im Jahre 1701 von Groß⸗ britannien und den Niederlanden, wo noch Wil⸗ helm III. regierte, von Daͤnemark, von dem teut⸗ ſchen Kaiſer, von dem ruſſiſchen Czar, von der Schweiz, von Savoyen und Toſkana, und von den Fuͤrſten des teutſchen Reiches, mit Ausnahme von Bayern und Köln, die damals im ſpaniſchen Erbfol⸗ gekriege auf Frankreichs Seite ſtanden; ſo wie ſpä⸗ ter(1703) von Schweden,(1704) von Portugal, (1740) von Venedig, 1744) von Genua,(7¹3) von Frankreich und Spanien, und zuletzt(1764) von der Republik Polen. Nur der Papſt Cle⸗ mens Kl. trat oͤffentlich in Europa gegen dieſe Anerkennung auf, und verlangte von allen katho⸗ liſchen Fuͤrſten die Verweigerung dieſer Anerken⸗ nung. Der teutſche Orden folgte dem Vorgange des römiſchen Biſchoffs, und widerſprach nicht blos der neuen Wuͤrde, ſondern vergaß ſich ſo weit, daß er ſogar das ganze Oſtpreußen, als vormaliges Or⸗ densland, zuruͤck verlangte. Die große politiſche Frage, welche die wichtigſten europäiſchen Fuͤrſten und Diplomaten am Ende des ſiebenzehnten Jahrhunderts beſchaͤftigte, war das Erloͤſchen des Pabsburgiſchen Mannsſtammes mit dem Könige Karl dem zweiten(1. November 1700) in Spanien. Bei dem Vorherſehen dieſes Ereig⸗ niſſes, bewarb ſich Ludwig XIV. fuͤr ſeinen zweiten En⸗ — r— — r— 13 kel, den Herzog Philipp von Anjou, der Kaiſer Leo⸗ pold I. fur ſeinen zweiten Sohn, den Erzherzog Karl, um den Beſit dieſer reichen Erbſchaft; denn beide hat⸗ ten Schweſtern des Koͤnigs Karl II. zu Gemahlinnen gehabt. Ludwigs XlV. Staatskunſt, die, bei dem ein⸗ tretenden Tode ſeines Schwagers, einen neuen Krieg erwarten mußte, ſchloß deshalb im Jahre 1697 den Ryßwicker Frieden auf gemäßigte Bedingungen, damit er zu dem bevorſtehenden Kampfe friſche Kräfte ſam⸗ meln, und waͤhrend der Zeit des Friedens fur die Inter⸗ eſſen ſeiner Dynaſtie unterhandeln, und namentlich in Madrid die Abſichten Oeſtreichs uberfluͤgeln könnte. Dies gelang auch in der That der Feinheit und Ge⸗ wandtheit ſeines Geſandten Harcourt über die ſteife Foͤrmlichkeit des öſtreichiſchen Grafen Harrach, ob⸗ gleich Anfangs Karl II. ſeinem Neffen, dem Ecz⸗ herzoge, die ganze Erbſchaft zugedacht hatte. Wah⸗ rend aber Harcourts Geſchmeidigkeit zuletzt dem kraͤn⸗ kelnden Konige Karl und deſſen Miniſterium ein Te⸗ ſtament abliſtete, nach welchem Philipp von Anjou als der rechtmaͤßige Erbe der geſammten und unge⸗ theilten ſpaniſchen Monarchie ausgeſprochen ward, hatte Ludwig XIV. ſelbſt den Hranier, an der Spitze der Seemaͤchte, durch hinhaltende Theilungsver⸗ träge der ſpaniſchen Monarchie zu täuſchen geſucht, und Wilhelm ſchien wirklich zu glauben, daß Lud⸗ wig XIV. ſein gegebenes Wort und die unterzeichneten Vertraͤge halten wuͤrde. Als aber, nach Karls II. Tode, Ludwig XIV., mit Berufung auf Karls II. Teſtament, den mit den Seemaͤchten abgeſchloſſenen Verträgen Hohn ſprach, und mit der Erklärung: „es gebe keine Pyrenäen mehr“, ſeinen Enkel Phi⸗ lipp, zur Beſteigung des erledigten Thrones, nach Spanien ſandte; da fand ſich Wilhelm IIl. von die⸗ 14 ſer Treuloſigkeit ſo beleidigt, daß er, im Namen der Seemächte, mit Oeſtreich am 7. September 1701, 1701 und mit Preußen am 30. December 1701, zu einem Buͤndniſſe gegen Frankreich zuſammentrat, welches, nach ſeinem fruhzeitigen Tode(März 1702), von ſeiner Schwäͤgerin und Nachfolgerin auf dem brittiſchen Throne, der Konigin Anna, feſtgehalten, und durch ſie, vermittelſt des ſpätern Beitritts Portugals und Savoyens, noch erweitert ward. So begann der ſpaniſche Erbfolgekrieg, an wel⸗ chem der König Friedrich I. mit einem Heere von 25,000 Mann Antheil nahm, obgleich die politi⸗ ſchen Verhaltniſſe dieſes Krieges die Intereſſen des brandenburgiſch⸗preußiſchen Staates gar nicht be⸗ ruͤhrten, und der Koͤnig, in der Uebereinkunft mit dem Kaiſer, nur die Verpflichtung zur Stellung eines Heeres von 10,000 Mann uͤbernommen hatte. Die preußiſchen Truppen kämpften theils in den Niederlanden, theils im ſuͤdlichen Teutſchlande, theils ſogar in Italien, wozu Marlbourough, bei ſeiner Reiſe nach Berlin, den König vermochte. So viele Demuͤthigungen ſeines Uebermuthes Lud⸗ wig XlV. im Laufe dieſes Krieges erfuhr; ſo gab 1711 doch der unerwartete Tod des Kaiſers Joſeph I. dem⸗ ſelben einen andern politiſchen Charakter, weil ihm, der ohne männliche Erben ſtarb, auf den Thronen der oͤſtreichiſchen Monarchie ſein nachgebohrner Bru⸗ der Karl folgte, fuͤr deſſen Thronbeſteigung in Spanien der maͤchtige Bund gegen Ludwig XIV. ſich bewaffnet und ein Jahrzehent hindurch gekämpft hatte. Nach Joſephs Tode ſchien die Erhaltung des politiſchen Gleichgewichts im europäiſchen Staa⸗ tenſyſteme zu verlangen, daß die Kronen Oeſtreichs und Spaniens nicht auf Einem Haupte vereinigt 15 wuͤrden; deshalb fand zwiſchen den Seemaͤchten und Frankreich eine Annäherung ſtatt, die zu den Frie⸗ densunterhandlungen zu Utrecht fuͤhrte, zu wel⸗1712 chen auch der Koͤnig Friedrich ſeine Abgeordneten ſandte, ob er gleich das Ergebniß dieſes Friedens nicht ſelbſt erlebte. 3 Gleichzeitig mit dem Kampfe um die ſpaniſche Erbſchaft im ſuͤdweſtlichen europaͤiſchen Staatenſy⸗ ſteme, ward im nordoͤſtlichen Staatenſyſteme des Erdtheils ein Krieg gefuͤhrt, der mit Recht der nordiſche Krieg genannt ward, weil, durch den Bund Dänemarks, Polens und Rußlands, die ſeit Guſtav Adolphs Zeiten bedeutend geſteigerte politi⸗ ſche Macht Schwedens erſchuͤttert werden ſollte. Da Preußen in dieſem Kriege neutral blieb; ſo gehoͤrt die Darſtellung deſſelben nicht in den Kreis der brandenburgiſch-preußiſchen Geſchichte, ob es gleich befremdet, daß Friedrich I. nicht an dieſem Kriege Theil nahm, deſſen Intereſſen ihm weit naͤher lagen, als die des ſpaniſchen Erbfolgekrieges. Denn dem Staatsintereſſe Preußens ſchien es entweder gemäß, beim Anfange des norbiſchen Krieges, auf die Seite der Gegner des jungen Koͤnigs Karl KII. von Schweden zu treten, um demſelben Pommern zu entreißen, auf welches der große Churfuͤrſt, der Uebermacht weichend, beim weſtphaliſchen Frieden ſo ungern verzichtet hatte; oder, nach der Ruͤck⸗ kehr Karls Xll. aus der Tuͤrkei im Jahre 1712, mit dieſem gegen die vom Czar Peter I. beabſichtigte und bereits begruͤndete Macht Rußlands an der Sſt⸗ ſee ſich zu verbinden, weil, nach der Verlegung des Regierungsſitzes von Moſtwa nach Petersburg, Oſt⸗ preußen durch die bedenkliche Nachbarſchaft Ruß⸗ lands bedroht werden konnte. Allein der Koͤnig ——— 16 Friedrich I. beruckſichtigte weder das eine, noch das andere; auch nahm der nordiſche Krieg ſogleich im Anfange eine ſolche Wendung, daß Dänemark zum Frieden mit Schweden genoͤthigt, und in Polen von Karl XKII. der Graf Stanislaus Leſczinsky als Ge⸗ genkoͤnig Auguſts aufgeſtellt ward, ſo daß blos Peter I., unbezwungen von ſeinem Gegner, auf dem Kriegsſchauplatze blieb, und in dem Siege bei Pultawa(1709) das bisherige politiſche Gewicht Schwedens fuͤr immer erſchuͤtterte. Denn, ſelbſt bei der darauf erfolgenden Erneuerung dieſes Krie⸗ ges, konnte Schweden ſeiner Gegner ſich nicht er⸗ wehren, und trat, nach Karls XKlI. Tode, mit be⸗ deutendem Verluſte aus dieſem Kampfe heraus, an welchem, nach dem Ableben Friedrichs I., auch Preußen Antheil nahm. Zu den Erwerbungen, welche der brandenbur⸗ giſch⸗preußiſche Staat waͤhrend der Regierungszeit Friedrichs I. machte, gehoͤrten theils Lander aus der oraniſchen Erbſchaft, theils das Fuͤrſtenthum Neuenburg(Neufchatel) mit der Grafſchaft Va⸗ lengin. Die erſte Erwerbung gruͤndete ſich auf die Verwandtſchaft des Hauſes Hohenzollern mit der oraniſchen Dynaſtie, deren Mannsſtamm mit dem Könige Wilhelm III.(1702) erloſch; die zweite ver⸗ dankte der Koͤnig Friedrich I. der Entſch eibans der Stände Neuenburgs. Die Erbguͤter des Hauſes Oranien waren keine zuſammenhaͤngende Beſitzung, ſondern lagen zer⸗ ſtreut in den Niederlanden und in Teutſchland, wie ſie in fruͤhern Jahrhunderten allmählig durch Kauf, Heirath und Erbſchaft erworben worden wa⸗ 17 ren; auch beſtand in den Niederlanden, ſeit dem ausgehenden Mittelalter, das Recht der weiblichen Nachfolge nach dem Erloͤſchen des Mannsſtammes. In den oraniſchen Erblaͤndern war aber, durch ver⸗ ſchiedene, einandet widerſprechende, Verfuͤgungen der furſtlichen Beſitzer, die Entſcheidung uͤber das kuͤnftige Erbrecht in denſelben ſchwierig geworden. Allerdings hatte der Konig Friedrich von Preußen, als Sohn der niederlaͤndiſchen Prinzeſſin Louiſe Henriette, die ſich im Jahre 1646 mit dem großen Churfuͤrſten vermaͤhlte, gegruͤndete Anſpruͤche auf dieſe Erbſchaft, zu welcher, außer dem Fuͤrſten⸗ thume Orange und den Grafſchaften Meurs und Lingen, noch ſechszehn zerſtreut liegende Beſitzungen gehoͤrten. Allein der Freiſtaat der Niederlande beobachtete nicht ohne Eiferſucht die ſteigende Macht Preußens in ſeinet Naͤhe, beſonders ſeit dem Er⸗ werbe der Laͤnder aus der Juͤlichſchen Erbſchaft, und Wilhelm UI., obgleich dem Koͤnige von Preußen nahe verwandt, und ihm in mehreter Hinſicht als Bundesgenoſſe verpflichtet, uͤberging doch in ſeinem Teſtamente, das er nach dem Tode ſeiner Gemah⸗ lin errichtete, die Rechte Preußens, und ernannte 1695 den Fuͤrſten Johann Wilhelm Friſo von Naſſau⸗ Dietz zu ſeinem alleinigen Erben, ſo wie die Gene⸗ ralſtaaten zu Vollziehern des Teſtaments. Da die⸗ ſes Teſtament mit den letzten Hausgeſetzen der ora⸗ niſchen Dynaſtie unvereinbar war, und, ſelbſt ab⸗ geſehen von den in dem Heirathsverttage des gro⸗ ßen Churfuͤrſten feſtgeſetzten Rechten der weiblichen Nachkommenſchaft, von dem teutſchen Hauſe des naſſauiſchen Geſchlechts die beiden älteren Linien Siegen und Dillenburg uͤberging, und vorzugsweiſe die dritte Linie Naſſau⸗Dietz beguͤnſtigte; ſo wider⸗ III. 2 18 ſprach der König von Preußen dieſer einſeitigen Ver⸗ fuͤgung, konnte aber, waͤhrend des ſpaniſchen Erb⸗ folgekrieges, bei den Generalſtaaten die Anerken⸗ nung ſeiner Anſpruche nicht bewirken. Mehrere Jahre hindurch verwalteten vielmehr die General⸗ ſtaaten dieſe Erbſchaft; denn ſelbſt die von Friedrich 1706 dem erſten vorgeſchlagene Theilung der geſamm⸗ ten Erbſchaft zwiſchen Brandenburg und dem Hauſe Naſſau⸗Dietz ward nicht angenommen. Erſt im Jahre 1712, nachdem der Fuͤrſt Leopold von Deſ⸗ ſau die niederlaͤndiſche Beſatzung aus der Grafſchaft Meurs vertrieben hatte, gelangte der Koͤnig zum Beſitze derſelben, die in fruͤherer Zeit zu dem, von Preußen aus der Juͤlichſchen Erbſchaft gewonnenen, Herzogthume Cteve als Lehen gebörte. Der Kai⸗ ſer erhob dieſe Grafſchaft zum Fuͤrſtenthume. Auserdem erwarb der Koͤnig aus der oraniſchen Erbſchaft die Grafſchaft Lingen. Das Fuͤrſtenthum Neuenburg mit der Graf⸗ ſchaft Valengin, die im Mittelalter zu dem Kö⸗ nigreiche Burgund gehoͤrten, ſpaͤter aber mit der ſchweizeriſchen Eidsgenoſſenſchaft in Bundesverhaͤlt⸗ niſſe traten, waren eine Zeitlang das Beſitzthum des Hauſes Chalons⸗Oranien. Mit Vorbehalte der oraniſchen Lehnsrechte gelangten aber dieſe Länder, unter Mitwirkung der Schweizer, an das Paus Longueville, und, nach dem Erloſchen des Mannsſtammes dieſes Hauſes, an die Schwe⸗ ſter des letzten Fuͤrſten, an die verwittwete Herzogin von Nemours. Allein bei dieſer Regierungs⸗ veraͤnderung erneuerte der Koͤnig Wilhelm III. im Jahre 1694 die Rechte ſeines Hauſes auf beide Länder, und beſtimmte zugleich, daß ſie, in Er⸗ mangelung der eigenen maͤnnlichen Nachkommen⸗ 49 ſchaft, auf ſeinen Vetter den Koͤnig von Preußen uͤbergehen ſollten. Dieſe Rechte machte der König Friedrich I. im Jahre 1707, nach dem Tode der 1707 Herzogin von Nemours, geltend, und erklaͤrte, daß er— bei den damals von mehrern Familien erho⸗ benen Anſpruͤchen auf die erledigten Laͤnder— die Entſcheidung des oberſten Gerichtshofes der drei neuenburgiſchen Stände aner⸗ kennen wollte. Der Ausſpruch dieſes Gerichts⸗ hofes entſchied fur die Rechte des Königs, worauf er als ſouverainer Fuͤrſt von Neuenburg und Valengin anerkannt ward. Dagegen be⸗ ſtätigte und gewährleiſtete der König, bei der in ſei⸗ nem Namen von dem Grafen von Metternich ein⸗ genommenen Huldigung, alle bis dahin beſtehende Vorrechte und Freiheiten beider Laͤnder.*)— Außet⸗ dem erwarb der Konig Friedrich noch durch Kauf 1707 den Solmſiſchen Antheil an det Grafſchaft Teck⸗ lenburg, und durch Vertrag mit den letzten Be⸗ ſitzern der Grafſchaft Limpurg, in welchem det Koönig die weiblichen Nachkommen derſelben zu ent⸗ *) Dabei darf das wahrhaft königliche Wort Frie⸗ drichs IM. nicht vergeſſen werden, das in ſei⸗ nem Briefe an Voltaire vom 20. Sept. 1771 (hinterlaſſene Werke, Th. 9 S. 325) ſich fin⸗ det:„Die Conbventionen, auf welche das Volk von Neuenburg ſeine Freiheit und ſeine Privi⸗ legien gruͤndet, ſind mir ehrwuͤrdig, und ich ſchließe meine Macht in die Grei⸗ zen ein, die es ſelbſt beſtimmt hat, als es ſich meinem Hauſe unterwarf.“ Dieſelbe Anerkennung geſchah von Friedrich Wilhelm III., als er im Jahre 1814 dieſem Furſtenthume eine zeitgemaße Verfaſſung gab. ,* 20 ſchaͤdigen verſprach, den Anfall dieſes Landes, auf welches ſeinem Hauſe die fruͤhere kaiſerliche An⸗ wartſchaft zuſtand. In dem innern Staatsleben der Monarchie finden ſich, waͤhrend der Regierung Friedrichs 1. Licht⸗ und Schattenſeiten neben einander. Viele Proteſtanten, die ihrer Religion wegen gedruckt wurden, ſiedelten ſich, während dieſer Zeit, in Frie⸗ drichs Laͤndern an, namentlich Pfaͤlzer, Wallonen und aus dem, von Frankreich beſetzten, Fuͤrſten⸗ thume Drange. Er unterſtuͤtzte mehrere derſelben mit Vorſchuͤſſen; er ertheilte dieſen Koloniſten gleiche Rechte, wie den fruͤher, nach Aufhebung des Edicts von Nantes, eingewanderten Pugenotten; er ſtiftete fuͤr die Söhne der aufgenommenen Franzoſen ein beſonderes franzoͤſiſches Gymnaſium. Der Salzhandel auf der Saale ward durch ſechs neuan⸗ gelegte Schleuſen befordert; fuͤr den inlaͤndiſchen Handel ward der Friedrichsgraben gezogen; er er⸗ leichterte die Errichtung neuer Fabriken, und, durch einen Vertrag mit Hamburg, den Handel auf der Elbe; er gab eine neue Kirchenordnung, eine ver⸗ beſſerte Gerichtsordnung, und errichtete ein Ober⸗ appellationsgericht fuͤr ſeine geſammten teutſchen Provinzen.— Unter allem aber, was er für das Gedeihen und die Bluͤthe des innern Staatslebens verfuͤgte, und wodurch ſein Name in den Zeitbuͤchern der folgenden Jahrhunderte mit Ehre und Ruhme genannt wird, ſteht die Stiftung der Univer⸗ 1694 ſität Halle im Jahre 1694 oben an. Sogleich bei ihrer Begrundung frei von dem beengenden Zunft⸗ weſen, wornach die im ausgehenden Mittelalter ge⸗ 4 21 ſtifteten Hochſchulen eingerichtet wurden, und be⸗ reits in ihren beiden erſten Jahrzehnten, durch die Berufung ausgezeichneter Gelehrten, im In⸗ und Auslande gefeiert, hat ſie, auf teutſcher Erde in Hinſicht auf Wahrheit, Licht und Recht unendlich viel Gutes verbreitet, und Maͤnner gezogen, die in der Mitte der erſten philoſophiſchen Denker der teut⸗ ſchen Nation, in den Reihen der vorzuglichſten Staatsmaͤnner, und in den Kreiſon der verdienteſten Religionslehrer und der geachtetſten Aerzte geglaͤnzt baben, und noch glaͤnzen. Denn wann könnten im Reiche der Gelehrſamkeit die Namen eines Tho⸗ maſius, Wolf, Auguſt Herrmann Francke, Johann Peter Ludewig, Gundling, Juſtus Penning Böhmer, Heineccius, Cellarius, Stahl und Friedrich Hoffmann erlöſchen, die ſo⸗ gleich, in ihrem erſten Zeitalter, die neugeſtiftete Pochſchule uͤber viele ihrer aͤltern Schweſtern er⸗ hoben! Wie viel Segen iſt von dem Waiſen⸗ hauſe und dem Pädagogium in Halle uͤber die meiſten europäiſchen Laͤnder ausgegangen; und wie dankbar erinnern ſich die Zöglinge dieſer Anſtalten ihrer daſelbſt verlebten Jugend! Wie manche ſtille Thräne der Armuth iſt dadurch getrocknet, wie manche jugendliche Knoſpe zur fröhlichſten Bluͤthe entwickelt, wie mancher emporſtrebende Juͤngling hier nicht blos fuͤr Europa, ſondern ſelbſt zum hei⸗ ligen Lehramte der Kirche in andern Erdtheilen ge⸗ bildet worden! Am Ganges, wie am Niagara, kennt man die trefflichen Anſtalten zu Halle, und freut ſich des Lichtes, das uͤber Staat und Kirche von da ausging! Ein ähnlicher grofartiger Gedanke rief, während Friedrichs I. Regierung, die Akademie der Ma⸗ 22 1699 ler⸗ und Bildhauerkunſt im Jahre 1699, ſo wie die Societät der Wiſſenſchaften 1700 im Jahre 1700, beide in der Hauptſtadt, ins Da⸗ ſeyn, wenn gleich dabei ein Wetteifer mit den von Ludwig dem vierzehnten in Paris geſtifteten Akade⸗ mieen unverkennbar zum Grunde lag. Mit rich⸗ tigem Tacte in Hinſicht der eigentlichen Stellung ei⸗ ner Akademie der Wiſſenſchaften zu allen uͤbrigen Bildungsanſtalten im Staate, namentlich zu den beſtehenden Hochſchulen, ſo wie mit einem echtteutſchen Sinne iſt folgende hochwichtige Stelle in dem koͤniglichen Stiftungsbriefe dieſer Akademie geſchrieben:„Wir wollen, daß ſo⸗ thane Societät ſich angelegen ſeyn laſſen und da⸗ hin trachten ſolle, daß vermittelſt Betrachtung der Werke und Wunder Gottes in der Natur, auch Anmerkungen, Beſchreib⸗ und Ausuͤbung derer Er⸗ findungen, Kunſtwerke, Geſchäfte und Lehren, nätz⸗ liche Studia, Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, auch dien⸗ liche Nachrichtungen epcolirt, gebeſſert, wohl gefaſſet und recht gebrauchet, und dadurch der Schatz der bisher vorhandenen, aber zerſtreuten menſchlichen Erkenntniſſe nicht allein mehr in Ordnung und in die Enge gebracht, ſondern auch vermehrt und wohl angewendet werden moͤge. Solchem nach ſoll bei dieſer Societät, unter andern nuͤtzlichen Studien, was zur Erhaltung der teutſchen Sprache in ihrer anſtändigen Reinigkeit, auch zur Ehre und Zierde der teutſchen Nation ge⸗ reicht, abſonderlich mit beſorgt werden, alſo, daß es eine teutſchgeſinnte Societät der Scien⸗ zien ſey, dabei auch die ganze teutſche, und ſon⸗ derlich Unſerer Lande, weltliche und Kirchen⸗Hiſtorie nicht verabſaͤumet werden ſoll.“ Die Nachwelt 23 wuͤrde ungerecht gegen den koͤniglichen Stifter ſeyn, wenn ſie nicht die echtteutſche Beſtimmung, und die, den Koͤnig und ſeine Stiftung ehrende, große Aufgabe der. von ihm begruͤndeten Akademie der Wiſ⸗ ſenſchaften anerkennen wollte! Wie vieles fuͤr die Fortbildung der teutſchen Sprache, ſo wie der Ge⸗ ſchichte Teutſchlands und der brandenburgiſch⸗preu⸗ ßiſchen Monarchie haͤtte geleiſtet werden können, wenn dieſe Akademie ſich nicht in einzelnen Zeitabſchnit⸗ ten von dem Buchſtaben und dem Geiſte des ko⸗ niglichen Stiftungsbriefes entfernt haͤtte! Doch war es dem neunzehnten Jahrhunderte vorbehalten, den Geiſt der Urkunde vom 11. Juli 1700 von neuem aufzufaſſen und feſtzuhalten. Neben dieſem Lichte, welches auf die Regie⸗ rungszeit Friedrichs des erſten in Hinſicht des in⸗ nern Staatslebens faͤllt, darf aber auch der Schat⸗ ten nicht verſchwiegen werden. Unter ſeinen per⸗ ſönlichen Schwaͤchen trat Mangel an Feſtigkeit des Willens, Glanzſucht und verfehlte Nachahmung der Sitten und der Pracht des franzoſiſchen Hofes un⸗ ter Ludwig dem vierzehnten hervor, ſo lange auch Friedrich dieſen König in offenem Kriege bekämpfte. Sollte aber die Glanzſucht des Koͤnigs und die Hab⸗ ſucht ſeiner Guͤnſtlinge, namentlich des, an des edlen Dankelmanns Stelle getretenen, pfälziſchen Grafen von Wartenberg befriedigt werden; ſo mußte man die Steuern und Abgaben ununterbrochen ſtei⸗ gern, ohne daß doch der Wohlſtand des Volkes ei⸗ nen hoͤhern Zuwachs erhielt. Was half es, daß der von Friedrich Wilhelm geſammelte Schatz be⸗ reits im Jahre 1690 verſchwendet, und im In⸗ und Auslande geborgt ward. Wie nachtheilig war es fuͤr das Land, daß Wartenberg, nach ſeinem 24 1709 Sturze im Jahre 1709, die von ihm erpreßten Millionen auf ſeine in der Pfalz gelegenen Güter mitnahm, und nur dem Freunde Wartenbergs, dem Grafen von Wittgenſtein, bei ſeiner Fortſchickung aus dem Staate, die Summe von 80,000 Thalern entriſſen ward! Schon das war ein Beweis der Schwaͤche Friedrichs, daß erſt durch ſeine ſpätern Guͤnſtlinge, die beiden Bruͤder und Schachſpieler Kameke, der Sturz Wartenbergs bewirkt ward, obgleich der Kronprinz Friedrich Wilhelm daran Antheil hatte. Und wie viele Tauſende von Men⸗ ſchen, wie große Summen wurden in dem ſpani⸗ ſchen Erbfolgekriege, ohne allen weſentlichen Erfolg fur das unmittelbare Staatsintereſſe Preußens, hin⸗ geopfert! Wie wenig nuͤtzte doch, wenn man die theuer erkaufte Anerkennung der preußiſchen Konigs⸗ wuͤrde abrechnet, die Anhänglichkeit des Königs an Oeſtreich ſeinem Staate! Was half es dieſem, daß die braven Preußen, namentlich in Italien, bei der Eroberung der ſpaniſchen Provinzen fuͤr das Haus Habsburg, fielen! So verlief die Regierungszeit Friedrichs des er⸗ ſten, ohne daß er auf der von ſeinem großen Va⸗ ter vorgezeichneten Bahn das innere und äußere Staatsleben kräftig emporgehoben und fortgebildet hatte! Nur da, wo ſeine zweite Gemahlin, So⸗ phia Charlotte, aus dem Churhauſe Hannover, die Mutter des Kronprinzen und Freundin des gro⸗ ßen Leibnitz, einwirken konnte, oder da, wo in fruherer Zeit der wackere, nur zu hald verkannte und verdrängte, Dankelmann den Willen des Königs beſtimmte, geſchah das, was der Monar⸗ chie wahrhaft frommte; denn die Wartenberge, Wittgenſteine und Wartensleben, die nur fur ihre Bereicherung, nicht fuͤr das heilige Geſammtintereſſe des Staates wirkten, hat die Geſchichte Preußens längſt ſchon neben den Namen des Grafen Adam von Schwarzenberg geſtellt. Der Koͤnig Friedrich der erſte endigte ſeine ir⸗ diſche Laufbahn am 25. Febr. 1713. Die Erwer⸗ bung der Koͤnigswuͤrde, die Stiftung der Hochſchule zu Halle, die Begruͤndung der Akademie der Wiſ⸗ ſenſchaften, und die Vermehrung ſeiner Staaten durch Meurs, Lingen, Tecklenburg, Neuenburg und Limpurg, ſind die hellen Puncte in dem Zeitraume des Vierteljahrhunderts, waͤhrend deſſen er an der Spitze des brandenburgiſch⸗preußiſchen Staates ſtand. Ihm folgte ſein Sohn, Friedrich Wilhelm der erſte. 3 weiter Abſchnitt. Der brandenburgiſch⸗preußiſche Staat während der Regierungszeit des Koͤnigs Friedrich Wilhelm des erſten; von 1713— 1740. So verſchieden die Individualität Friedrich Wil⸗ helms I. von der Individualität ſeines Vaters war; ſo verſchieden waren auch die Grundſätze ihrer Re⸗ gierung und Staatsverwaltung. Friedrich I. erman⸗ gelte der Feſtigkeit des Charakters; Friedrich Wil⸗ elm war ein Mann voll Ernſt und Kraft. Auf Friedrich den erſten wirkte ſeine jedesmalige Umge⸗ bung bedeutend ein; Friedrich Wilhelm nahm nur die in ſeine Umgebung auf, die ſeinen eignen An⸗ ſichten zuſagten. Friedrich I. war glanzſuchtig, und 26 gefiel ſich in einer ſtreng berechneten Hofetikette; Friedrich Wilhelm war einfach, hoͤchſt genügſam, und vermied allen aͤußern Schimmer. Friedrich I. war verſchwenderiſch, und haͤufte, bei einer unge⸗ regelten Finanzverwaltung, Schulden auf ſeinen Staat, der in keiner Beziehung als reich gelten konnte; Friedrich Wilhelm war ſparſam, brachte Recht und Ordnung in den Staatshaushalt, und ſammelte einen Schatz von mehr als neun Millio⸗ nen Thalern. Friedrich I. war unbeſtimmt, launiſch, wetterwendiſch; Friedrich Wilhelm kuͤndigte ſich in allem mit Beſtimmtheit, nicht ſelten mit Strenge und Hürte, ja ſelbſt in einzelnen Fällen nicht ohne Jähzorn und Leidenſchaftlichkeit an. Sogar in ſei⸗ ner eigenen Familie war er kein milder Hausvater, und namentlich begriff er nicht die Individualität ſeines Kronprinzen, ob dieſer gleich— und dies iſt ein Diamant mehr in dem Diademe des großen Koͤnigs— dem ſtrengen Vater in ſeinen„Denk⸗ wuͤrdigkeiten der brandenburgiſchen Geſchichte“ volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Die Wiſſenſchaf⸗ *) Friedrich II. ſagt von ihm im vierten Theile ſeiner Memoiren:„Il avoit une ame labo- rieuse dans un corps robuste; jamais homme ne fut n avec un esprit aussi capable de détails. Il travailla au rétablissement de l'ordre des finances, la police, la justice et le militaire, parties, dui avoient ét 6gale- ment negligées sous le règne précédent. Il retrancha toutes les dépenses inutiles, et Poucha les canaux de la Profusion, par lesquels son pore avoit détourns les se- cours de ahondance publique à des usages vains et superflus. 11 donnoit l'exemple ten liebte Friedrich Wilhelm nicht; ſie waren ihm durch den fehlerhaften Unterricht ſeines Jugendleh⸗ rers Rebeur verleidet worden. Er vertrieb den in ganz Teutſchland gefeierten Philoſophen Wolf aus Halle, und unter ihm ward die Akademie der Wiſ⸗ ſenſchaften zu Berlin im Kreiſe der Gelehrſamkeit eine Null. Mehr Sinn zeigte er fuͤr das Practiſche. Er ſtiftete uͤber tauſend neue Volksſchulen, wozu er 150,000 Thaler beſtimmte; er gruͤndete auf den Hochſchulen zu Halle und Frankfurt die Lehrſtuͤhle der Kameralwiſſenſchaften; ſein Werk war die Stif⸗ tung des Waiſenhauſes fuͤr Soldatenkinder in Pots⸗ dam, des Kadettenhauſes, der Charité, des Fin⸗ delhauſes und des mediciniſch⸗chirurgiſchen Colle⸗ giums zu Berlin. Mit Freuden nahm er 18,000 Proteſtanten aus Salzburg auf, welche ihres Glau⸗ bens wegen das Land verlaſſen mußten, und eben ſo eine bedeutende Zahl Diſſidenten aus Polen, welche der Einfluß der Jeſuiten in dem Beſitze und Genuſſe ihrer kirchlichen und buͤrgerlichen Rechte ſchmaͤlerte. Er war es, der ſich oͤffentlich gegen die von den Jeſuiten zu Thorn bewirkten Blut⸗ ſcenen erklaͤrte, wo viele edle proteſtantiſche Män⸗ ner und Häupter der, unter Polens Schutze ſtehen⸗ den, Stadt als Opfer eines graͤßlichen, von Jeſui⸗ ten veranlaßten, Juſtizmordes fielen*). Er war d'une austerité et d'une frugalité digne des Premiers temps de la république romaine; ennemi du faste et des dehors imposans de la royauté; sa stofque vertu ne lui per- mettoit pas méme les commoditès les moins recherchées de ja vie.“ *) Man vergl. Fr. Doͤrne, Thorns Schreckens⸗ tage im Jahre 1724. Danzig, 1826. 8. feſt in ſeinem ſtreng orthodoren kirchlichen Glauben; doch ohne andere Kirchen, ja ſelbſt einzelne Secten, in ihren Ueberzeugungen und burgerlichen Rechten zu beeintrͤchtigen, oder ſelbſt Myſtiker zu ſeyn. Kräftige Naturen, wie Friedrich Withelm, bedür⸗ fen eines dogmatiſch abgeſchloſſenen Glaubens und Kirchenthums, und taugen nicht für die widerlichen Honigkuchen des, in bloßen Gefuͤhlen oder intelle⸗ ctuellen Anſchauungen ſchwelgenden, Myſticismus. Friedrich Wilhelm ward von ſeinen Voͤlkern nicht geliebt; allein man nannte ihn, wegen ſeiner hochruͤhmlichen perſoͤnlichen Eigenſchaften, mit Ach⸗ tung, und, wegen ſeiner Strenge und Leidenſchaft⸗ lichkeit, nicht ohne Furcht. Treu in der Ehe, von einfachen, geraden Sitten; hart in der Erziehung ſeiner Familie, wobei es ſeinen Kindern bisweilen ſelbſt an den erlaubten Vergnuͤgungen des Lebens fehlte; frei vom Stolze, ſo daß ihn der Geringſte ſeiner Unterthanen antreten durfte und von ihm ge⸗ hört ward; Begrunder einer feſten Ordnung in der Gerechtigkeitspflege und in der Finanzverwaltung, damit Jedem ſein Recht widerfuhre und alle Abga⸗ ben, die er freilich bedeutend erhoͤhte, fuͤr ihre Be⸗ ſtimmung verwendet wuͤrden; Schoͤpfer eines gut eingeuͤbten ſtehenden Heeres, und Urheber eines ſtren⸗ gen Werbeſyſtems mit feſtgeſetzten Werbecantonen fur jedes Regiment, und mit beſonderer Vorliebe fur korperliche Länge ſeiner Gardiſten, ohne doch kriegsluſtig zu ſeyn, und durchgehends ſelbſtthätig, damit nichts ohne ſeine Zuſtimmung geſchähe;— ſo war Friedrich Wilhelm auf dem preußiſchen Throne. Unter ihm erhielt das ganze innere Staats⸗ leben feſte Formen, innerhalb deren es ſich be⸗ wegen mußte; doch vernachlaſſigte der Koͤnig den Geiſt, der dieſen Formen Gehalt und Kraft geben ſollte, und deshalb ward der Staat unter ihm kein lebensvoller, zeitgemäß fortſchreitender Organis⸗ mus, ſondern nur eine mit Puͤnctlichkeit eingerichtete und in ſteter Ordnung erhaltene Maſchine. Er be⸗ handelte, wie ſein Sohn ſehr wahr von ihm ſagte, den Staat nach demſelben Maasſtabe, wie das Heer*). Bei dieſer individuellen Richtung Friedrich Wil⸗ helms durfte es nicht beftemden, daß, ungeachtet aller Ordnung, Einheit und Strenge, die er auf die Verwaltungsformen der Gerechtigkeitspflege, der Finanzen und des Militairs uͤbertrug, dennoch al⸗ les, was nur an dem Lebenshauche der Freiheit ge⸗ deiht, das Gewerbsweſen, der Handel, die Wiſſen⸗ ſchaft und die Kunſt, waͤhrend ſeiner Regierung blos kuͤmmerlich gepflegt ward, und nicht den Wohl⸗ ſtand und Reichthum des Volkes zum groͤßern rei⸗ nen Ertrage ſteigerte, ſo richtig auch an ſich meh⸗ rere von ihm befolgte ſtaatswirthſchaftliche Grund⸗ ſätze waren. So ſetzte er jedes Lehnspferd auf eine jaͤhrliche Abgabe von vierzig Thalern, bewilligte aber zu gleicher Zeit die Erblichkeit der Lehen. So verwandelte er den Erbpacht der Domainen in einen Zeitpacht. So uͤbertrug er jedem ſeiner Miniſter einen beſondern Zweig der Staatsverwaltung;denn ſchon als Kronprinz hatte ihn die Premierminiſter⸗ ſchaft waͤhrend ſeines Vaters Regierung abgeſtoßen. Die Begruͤndung des Generaldirectoriums fuͤr das Finanz⸗ und Kriegsweſen war ſein Werk, und dieſem ordnete er die Kriegs⸗ und Domainen⸗ *) Friedrich II. in ſ. Memoiren Thl. 4.—„gou- vernant son 6tat par les memes loix, que son armée.“ kammern in den einzelnen Provinzen unter, um die beſtimmte Ueberſicht uͤber die Geſammtheit der da⸗ hin gehörenden Verwaltungszweige zu vereinfachen und zu erleichtern. Daß er aber auch die von ſei⸗ nem Großvater, mit richtigem Blicke in die Zukunft, an der Kuͤſte Afrika's begruͤndete Kolonie Friedrichs⸗ burg an die Hollaͤnder verkaufte, lag theils in der fehlerhaften Verwaltung des Marine- und Kolonial⸗ weſens unter der vorigen Regierung, theils in dem unverkennbaren niedern Standpuncte, auf welchem noch zu ſeiner Zeit Gewerbsweſen und Handel in der preußiſchen Monarchie ſtanden. Denn, nach einem aus der Geſchichte und Staatswirthſchaft mit Nothwen⸗ digkeit hervorgehenden Geſetze, kann in keinem Staate das Gewerbsweſen in Manufacturen und Fabriken gedeihen, dem nicht die Capitale aus dem rei⸗ 3 nen Ertrage des zur Bluͤthe erhobenen Ackerbaues . zur Unterlage dienen; und eben ſo kann nur dann der Handel ſich erheben, wenn ſein Stuͤtzpunct auf den, aus dem reinen Ertrage des Gewerbsweſens hervorgehenden, Capitalen beruht. Kein guter Wille der Regierung, keine Geldunterſtuͤtzungen der Fuͤr⸗ ſten bei Anlegung neuer Manufacturen und Fabri⸗ ken, keine neuerrichteten Meſſen, keine Anleihe im Auslande, um fremdes Geld in Umlauf zu bringen, keine Ein⸗ und Ausfuhrverbote, keine Grenzſperren koͤnnen das erſetzen, was blos die Folge der, im Inlande durch die Bluͤthe des Ackerbaues und des Gewerbsweſens ſelbſt erzeugten, Capitale ſeyn kann. Gluͤcklicherweiſe waren die gleichzeitigen Ereig⸗ niſſe in der Mitte des europäiſchen Staatenſyſtems der, von Friedrich Wilhelm dem erſten dem innern Staatsleben gegebenen, neuen Geſtaltung und ſei⸗ ner eigenen friedlichen Geſinnung guͤnſtig. Bald 31 nach ſeinem Regierungsantritte beendigte der Friede zu Utrecht den ſpaniſchen Erbfolgekrieg. Bald nach dieſem Frieden ſtarb„der Erbfeind Teutſchlands“, wie Ludwig XIV. von dem teutſchen Reichstage ſelbſt genannt ward, und ein Kind auf dem Throne Frank⸗ reichs, unter der launenhaften und in ihrer un⸗ mitteibaren Naͤhe vielbeſchäftigten Verwaltung des Prinz⸗Regenten, war dem Auslande in dieſer Zeit nicht gefaͤhrlich. Die glaͤnzende Zeit des nieder⸗ laͤndiſchen Freiſtaates war ebenfalls vorbei; denn alle Staaten erreichen einen Höhepunct, den ſie, nach Naturgeſetzen und nach den Geſetzen der poli⸗ tiſchen Ordnung der Dinge, nicht zu uͤberſchreiten vermögen. Mit den Regenten Großbritanniens und Hannovers war Friedrich Wilhelm nahe verwandt; denn ſeine Gemahlin Sophia Dorothea war die Schweſter Georgs des zweiten, obgleich beide Schwa⸗ ger einander nicht geneigt waren. Schwedens Macht erloſch nach Karls des zwölften Tode; das anarchiſche Polen war fur keinen Nachbarſtaat bedenklich, und nach dem Tode Peter des Großen drohte, einige Jahrzehnte hindurch, auch von dem auf eine rie⸗ ſenhafte Unterlage geſtuͤtzten Rußland keine Gefahr. Nur gegen Oeſtreich war Friedrich Wilhelm in ein⸗ zelnen Faͤllen nachgiebiger, als es das Intereſſe ſei⸗ ner Monarchie verſtattete; doch beſchraͤnkte auch dieſe Nachgiebigkeit ſich blos auf eingegangene Ver⸗ traͤge, die zu keinem Kriege fuͤhrten, weil die Stim⸗ mung der Regenten der damaligen europäiſchen Hauptmaͤchte friedlich war.— Unter ſolchen aͤußern Verhältniſſen, und bei dieſem im Innern der Monarchie waͤhrend Friedrich Wilhelms Regierung waltenden Geiſte der Ordnung und der Sparſamkeit, erholte ſich der brandenbur⸗ 32 giſch⸗preußiſche Staat von vielen Mißgriffen und Fehlern, die unter Friedrich dem erſten die lebens⸗ volle Entwickelung und den froͤhlichen Fortſchritt des innern Staatslebens aufgehalten hatten. Die große politiſche Frage, welche der ſpaniſche Erbfolgekrieg löſen ſollte, war bereits entſchieden, als Friedrich Wilhelm den Thron beſtieg. Der hoch⸗ bejahrte Ludwig XlV. hatte im Laufe deſſelben Er— fahrungen gemacht, die er in der Zeit ſeines maͤnn⸗ lichen Alters, waͤhrend ſeiner keck verſuchten Dicta⸗ tur uͤber den halben Erdtheil, nicht ahnen konnte. Das Principat, das er durch ſeine Heere und durch ſeine hinterliſtige Staatskunſt fuͤr einen Augenblick erſtrebt hatte, war auf das, durch ſeine neubegruͤn⸗ dete freie Verfaſſung maͤchtig geſtaͤrkte, Großbri⸗ tannien uͤbergegangen; denn Despotieen konnen auf die Dauer nie den Wettkampf mit Staaten aus⸗ halten, die, unter gleichen oder doch ähnlichen Ver⸗ haͤltniſſen der politiſchen Macht in Hinſicht auf Be⸗ volkerung und Wohlſtand, auf einer fteien und volksthuͤmlichen buͤrgerlichen Verfaſſung beruhen, weil die Geiſterwelt, im Kreiſe des Buͤrgerthums, wie im Kreiſe der Wiſſenſchaft, nicht dem eiſernen Scepter der Willkuͤhr und des Zwanges, ſondern dem hohen Geſetze der ſittlichen und buͤrgerlichen Freiheit folgt. Nur der unerwartete ftuhzeitige Tod des Kaiſers Joſeph des erſten, der dem nach⸗ gebornen Bruder deſſelben die Throne der öſtreichi⸗ ſchen Monarchie eroͤffnete, konnte die Seemächte veranlaſſen, den Enkel Ludwigs XIV. auf den Thro⸗ nen Spaniens und Indiens anzuerkennen, damit das politiſche Gleichgewicht im europaiſchen Staa⸗ tenſyſteme, für deſſen Erhaltung ein zwoͤlfjähriger Krieg den Weſten und Suͤden des Erdtheils erſchüt⸗ tert hatte, nicht durch ein auf die Dynaſtie Habs⸗ burg uͤbergehendes Principat von neuem bedroht wuͤrde. Fuͤr die ſen großen Zweck ward der Friede zu Utrecht unterhandelt und abgeſchloſſen, ob⸗1713 gleich der teutſche Kaiſer Karl VI. bei den Bedin⸗ gungen deſſelben ſich nicht beruhigte, und, ohne ſeine bisherigen Bundesgenoſſen, den Kampf, in Verbindung mit dem Reichsheere, noch Ein Jahr— bis zum Frieden von Baden,— fortſetzte. Der König Friedrich Wilhelm der er ſte, ob er gleich bis zu dem Badner Frieden das bran⸗ denburgiſche Reichscontingent von 6000 Mann im Felde ſtehen ließ, ſchloß ſich dem Frieden zu 11. Utrecht an, und zwar auf die bereits von ſei⸗Apr. nem Vater verhandelte Unterlage. Frankreich und 1713 Spanien erkannten Preußens Koͤnigswuͤrde, ſo wie den Erwerb des Fuͤrſtenthums Neuenburg und Va⸗ lengin an. Statt des Fuͤrſtenthums Orange, er⸗ hielt der Konig den großten Theil des Herzog⸗ thums Geldern, auf welches von dem Hauſe Hohenzollern die ältern, dem Herzogthume Cleve zuge⸗ ſtandenen, Rechte geltend gemacht wurden. Zwar verſprach der Koͤnig im Frieden, deshalb mit dem Naſſau⸗Dietziſchen Hauſe ſich zu vergleichen, das die Statthalterwuͤrde in den Niederlanden, nach Wil⸗ helms des dritten Tode, erhalten hatte; doch ver⸗ zog ſich dieſe Ausgleichung bis zum Jahre 1732, wo der damalige Beſitzſtand als Grundlage ange⸗ nommen ward, und Preußen ſich beim Beſitze von Meurs, Lingen, Geldern, Neuenburg und meh⸗ reren andern kleinern Herrſchaften behauptete, da⸗ gegen ſich der Anſprüche auf die uͤbrigen oraniſchen III. 3 Laͤnder begab, zu welchen es durch die fruͤhern Haus⸗ vertraͤge mit dem oraniſchen Hauſe berechtigt war. An dem nordiſchen Kriege, der, nach dem zwiſchen Rußland, dem Könige Auguſt II. von Polen und Daͤnemark abgeſchloſſenen Buͤndniſſe, auf die 1 Erſchuͤtterung der ſchwediſchen Macht unter Karl 1 dem zwoͤlften berechnet war, hatte der Koͤnig Friedrich der erſte keinen Theil genommen, obgleich, nach Karls des zwoͤlfen Niederlage bei Pultawa, die Verbin⸗ dung gegen Schweden erneuert, und der Schauplatz des Kampfes in die teutſchen Provinzen dieſer nor⸗ diſchen Monarchie verſetzt ward. Denn Karl Xll., der damals in Bender unter tuͤrkiſchem Schutze lebte, 1710 war uͤbermuͤthig genug, die von den Seemaͤchten 1 und Oeſtreich gemeinſchaftlich uͤbernommene Ge⸗ . waͤhrleiſtung der Neutralität aller teutſchen Be⸗ ſitzungen der kriegfuͤhrenden Machte, und ſelbſt die von Friedrich dem erſten angebotene Friedensver⸗ mittlung zwiſchen Schweden und ſeinen Gegnern zu verwerfen. Eine nothwendige Folge dieſes Starr⸗ ſinns war, daß auch die Feinde Karls XKll. ſich nicht weiter an die von den Seemaͤchten und Oeſtreich vermittelte Gewaͤhrleiſtung banden, und daß Schwe⸗ diſch⸗Pommern, ſo wie Bremen und Verden, ero⸗ bert wurden. Allein die Anweſenheit der ruſſiſchen, ſächſiſchen und daͤniſchen Heerestheile in Schwediſch⸗ Pommern war dem Koͤnige Friedrich Wilhelm I. von Preußen keinesweges gleichguͤltig, beſonders als 1713 die Ruſſen die ſchwediſche Feſtung Stettin ein⸗ ſchloſſen. Unter dieſen Verhaͤltniſſen unterzeich⸗ nete Friedrich Wilhelm mit dem ſchwediſchen Ge⸗ neralgouverneur von Pommern einen ſogenannten Sequeſtrationsvertrag zu Berlin uͤber die Fe⸗1713 ſtung Stettin, welche von neutralen preußiſchen 22. und holſteiniſchen Truppen beſetzt werden ſollte. Jun. Der ſchwediſche Befehlshaber Meyerfeldt zu Stettin kannte aber die Geſinnungen Karls XII., und er⸗ klaͤrte, daß er, ohne foͤrmliche Zuſtimmung ſeines Koͤnigs, die Feſtung keinen neutralen Truppen oͤff⸗ nen duͤrfe. Nach dieſer Erklaͤrung bemaͤchtigten ſich 19. die Ruſſen der Feſtung Stettin. Allein wenige Sept Tage darauf ward zwiſchen Rußland, Preußen und Sachſen ein Vertrag unterzeichnet, nach wel⸗ 6. chem Stettin als neutral betrachtet, und von preu⸗ Oct. ßiſchen und holſteiniſchen Truppen beſetzt werden ſollte. In Folge der Beſtimmungen dieſes Ver⸗ trages zahlte Friedrich Wilhelm den Ruſſen und Sachſen 400,000 Thaler fur die Kriegskoſten, wo⸗ gegen ihm die Sequeſtration von Vorpommern zwiſchen der Oder und Peene, mit Wolgaſt, und den Inſeln Uſedom und Wollin uͤbertragen, von ihm aber die Behauptung der Neutralität Pom⸗ merns während der Fortſetzung des Krieges uͤber⸗ nommen ward. Doch anders meinte es Karl XII., als er uner⸗ wartet, von Bender aus, in Stralſund erſchien, 1714 und nicht nur Stettin unentgeldlich von dem Koͤnige von Preußen zuruͤckforderte, ſondern auch die neu⸗ tralen preußiſchen Truppen in Wolgaſt, Uſedom und in der Schanze von Peenemuͤnde gefangen nehmen 1715 ließ. Dieſer Gewaltſchritt beſtimmte den Koͤnig Friedrich Wilhelm, an Schweden den Krieg 1715 zu erklaͤren, und ſich mit Danemark, Sachſen und Hannover gegen Schweden zu verbinben. Die Preußen, befehligt von dem Fuͤrſten Leopold von Deſſau, eroberten, zuſammenwirkend mit den Sach⸗ 3* ſen und Danen, Greifswalde, Anklam, Wolgaſt, Stralſund, Wismar, und ſelbſt die Inſel Ruͤgen. Demungeachtet war Karl Kll. zu keiner Verſoͤh⸗ nung geneigt; vielmehr unterhandelte er durch den Grafen von Göͤrz im Geheimen mit ſeinem mäch⸗ tigſten Gegner, dem Czar Peter von Rußland, um, nach der Ausgleichung mit dieſem, auf ſeine uͤbri⸗ gen Gegner mit verſtärkter Macht ſich zu werfen. Deshalb beabſichtigte er beſonders die Eroberung des Koͤnigreiches Norwegen, wo er aber am 11. December 1718 in den Laufgraͤben vor Frie⸗ drichshall erſchoſſen gefunden ward. Dieſer Tod veraͤnderte die geſammten politiſchen Verhältniſſe im europaͤiſchen Norden. Die Reichsſtaͤnde Schwe⸗ dens, der Dictatur Karls Xll., des langwierigen Krieges und der Erſchoͤpfung der ſchwediſchen Staats⸗ kraͤfte laͤngſt uͤberdruͤſſig, erhoben die Schweſter Karls XKll., Ulrike Eleonore, mit ſehr eingeſchraͤnkter Regentenmacht auf den ſchwediſchen Thron, und fanden es fuͤr rathſam, in beſondern Friedens⸗ ſchluͤſen mit den Gegnern Schwedens, größten⸗ theils auf druckende Bedingungen, ſich zu verſöhnen. Denn Rußland behauptete ſich im Beſitze von Lief⸗ land, Eſthland und Ingermanland; Hannover bei der Erwerbung der von den Daͤnen eroberten und an Hannover verkauften Fuͤrſtenthuͤmer Bremen und 1720 Verden; und Preußen gewann, im Frieden 21. zu Stockholm, von Schweden Vorpommern Jan. bis an die Peene, mit der Feſtung Stettin, mit den Inſeln Uſedom und Wollin, mit dem fti⸗ ſchen Haf, mit den Städten Damm und Golnow, und den Odermuͤndungen Swine und Divenau. Dagegen uͤbernahm Preußen 600,000 Thaler von 37 den auf Pommern haftenden Schulden, und bezahlte an Schweden zwei Millionen Thaler. So ward Schwedens politiſche Macht im Nor⸗ den, zu welcher der Held des Proteſtantismus, Gu⸗ ſtav Adolph, den Grund gelegt hatte, nach einer kaum achtzigjaͤhrigen Dauer vollig erſchuͤttert. Ruß⸗ land, Daͤnemark, Hannover und Preußen vergroͤ⸗ ßerten ihr Gebiet, und verſtarkten ihre politiſche Macht auf Koſten des geſchwaͤchten Schwedens; namentlich gewann Friedrich Wilhelm l. einen be⸗ träͤchtlichen Theil desjenigen Landes, das ſchon ſein Großvater im weſtphäliſchen Frieden, geſtuͤtzt auf fruͤhere Vertrage und gegruͤndete Anwartſchaft, in Anſpruch genommen, wovon er aber damals blos Hinterpommern erhalten hatte. Im europäiſchen Staatenſyſteme waren, ſelbſt nach der Beendigung des ſpaniſchen Erbfolgekrieges und des nordiſchen Krieges, vielfache politiſche Gaͤh⸗ rungsſtoffe zuruckgeblieben, die einen häufigen Wech⸗ ſel der politiſchen Verbindungen mehrerer europaäi⸗ ſcher Hauptmächte bewirkten. Dies galt haupt⸗ ſächlich von Frankreich, Spanien, England und Oeſtreich. Der nach Spanien verſetzte Bourbon, Philipp V., konnte den Verluſt der europäiſchen Nebenlaͤnder nicht verſchmerzen, uͤber die der Utrech⸗ ter Friede verfuͤgt hatte, beſonders als ſeine zweite Gemahlin, die unternehmende Eliſabeth von Parma, auch fuͤr ihre Söhne aus der Ehe mit Philipp ſelbſt⸗ ſtändige Kronen in Anſpruch nahm. Dabei war, nach der Stellung des Prinzen-Regenten in Frank⸗ reich gegen Philipp V. von Spanien, eine bedeu⸗ tende Entfremdung zwiſchen Frankreich und Spa⸗ 38 nien eingetreten. England hingegen, wo, nach dem Tode der Königin Anna, Georg I. aus dem Hauſe Hannover den Thron beſtiegen hatte, hielt an den Bedingungen des Utrechter Friedens, und Frankreich, Niederland und Oeſtreich verbanden ſich 1718 mit England zur ſogenannten Quadrupleal⸗ lianz, nach welcher der Kaiſer Karl VI. auf Spa⸗ nien und Indien, der Koͤnig Philipp V. von Spa⸗ nien auf Belgien und die vormaligen ſpaniſchen Lan⸗ der in Italien foͤrmlich verzichten, Sicilien an den Kaiſer, Sardinien an den Herzog von Savoyen kom⸗ men, dem ſpaniſchen Infanten Carlos aber(dem aͤlteſten Sohne der Eliſabeth) die Anwartſchaft auf die, im Mannsſtamme nächſtens am Exlöſchen ſtehenden, Staaten von Toſtana, Parma und Piacenza ertheilt werden ſollte. Spanien ging, erſt 1720 nach dem Sturze des Miniſters Alberoni, auf dieſe Bedingungen ein.— Als aber bald darauf zwiſchen 1722 Oeſtreich und Großbritannien uͤber die vom Kaiſer zu Oſtende geſtiftete oſt⸗ und weſtindiſche Handelsgeſell⸗ ſchaft Entfremdung eintrat, und die Spannung zwi⸗ ſchen Frankreich und Spanien durch die Zuruckſendung der ſpaniſchen Infantin, die zur Gemahlin LudwigKV. beſtimmt war, geſteigert ward; da näherten ſich unerwartet ſchnell Oeſtreich und Spanien zu einer 1725 volligen Ausſöhnung im Frieden zu Wien. Dieſe völlige Veranderung des bisherigen politiſchen Sy⸗ 1725 ſtems beider Mächte bewirkte die Abſchließung eines Gegenbuͤndniſſes zu Herrenhauſen bei Hanno⸗ ver zwiſchen Großbritannien, Frankreich und dem Könige Friedrich Wilhelm I. von Preu⸗ ßen. Dieſem Buͤndniſſe traten die Niederlande, Schweden und Dänemark bei; dagegen ſchloß ſich Rußland der Verbindung Oeſtreichs und Spaniens 39 an. In der hannoverſchen Allianz gewaͤhr⸗ leiſteten die Verbuͤndeten einander gegenſeitig ihre Laͤnder und Rechte, ſo wie die Aufrechthaltung der teutſchen Verfaſſung. Unter dieſen Verhaͤltniſſen uͤberraſchte das Zu⸗ vucktreten Friedrich Wilhelms von der hanno⸗ 1726 verſchen Allianz ganz Europa. Es gelang nämlich der ſchlauen Unterhandlungskunſt des oſtreichiſchen Geſandten, des Grafen von Sceckendorf, den Koͤnig zu dem geheimen Vertrage von Wuſter⸗1726 hauſen zu bringen, nach welchem Friedrich Wil⸗ 12. helm das, unter dem Namen der pragmatiſchen Oct. Sanction von Karl VI. entworfene, Hausgeſetz anerkannte, welches, in Ermangelung maͤnnlicher Erben, ſeiner aͤlteſten Tochter Maria Thereſia die Thronfolge in den geſammten Laͤndern der öſtreichi⸗ ſchen Monarchie ſicherte, und wobei zugleich Frie⸗ drich Wilhelm die Verpflichtung uͤbernahm, den Kaiſer, im Falle eines Angriffes, mit einem Heere von 10,000 Mann zu unterſtuͤtzen. Dagegen ver⸗ ſprach der Kaiſer dem Koͤnige ſeine Huͤlfe bei der Beſitznahme der Herzogthuͤmer Juͤlich und Berg, dafern der Mannsſtamm des Churhauſes Pfalz⸗ Neuburg ausſterben ſollte. Denn es war ein Lieb⸗ lingsgedanke Friedrich Wilhelms, bei dem Erloſchen des Hauſes Pfalz⸗Neuburg die geſammten Länder der Juͤlichſchen Erbſchaft wieder zu vereinigen, weil, nach ſeiner Ueberzeugung, dem Hauſe Pfalz⸗Sulz⸗ bach, auf welches, bei dem Erloͤſchen des Neu⸗ burgiſchen Mannsſtammes, die pfälziſche Chur⸗ wuͤrde nebſt den dazu gehorenden Laͤndern uͤberging, kein Recht auf die von Pfalz⸗Neuburg, in der Thei⸗ lung mit Brandenburg, erworbenen Juͤlichſchen Laͤn⸗ der zuſtand. Auf dieſen nahe bevorſtehenden Fall hatte Friedrich Wilhelm ſein Heer gebildet, vergrö⸗ ßert und eingeübt, einen nicht unbedeutenden Schatz geſammelt, und von dem hannoͤverſchen Buͤndniſſe ſich getrennt, um die Zuſtimmung des Kaiſers zu dieſer Beſitznahme zu erhalten, wogegen er wieder dem Lieblingswunſche des Kaiſers, der Anerkennung der pragmatiſchen Sanction, willig entgegen kam. Doch erlebte Friedrich Wilhelm das Erlöſchen des Hauſes Pfalz⸗Neuburg nicht, das erſt zwei Jahre 1742 nach ſeinem Tode, und zu einer Zeit erfolgte, wo ſein Nachfolger ungleich groͤßere politiſche Intereſſen feſthielt. Dagegen erlebte der König die Erledigung des polniſchen Wahlthrones mit dem Tode Auguſts des zweiten, des erſten Churfurſten von Sachſen, der die Krone Polens trug. Der Krieg, der darauf ausbrach, galt nicht blos der neuen Koͤnigswahl in Polen, ſondern zugleich der Landerverminderung Oeſtreichs in Italien, und dem Erwerbe Lothrin⸗ gens von Frankreich. Die naͤchſte Veranlaſſung dazu gab, daß der, ſeit der Schlacht bei Pultawa aus Polen verdraͤngte, Konig Stanislaus Leſczinsky ſeine Anſpruche auf den polniſchen Thron, nach Anguſts Il. Tode, er⸗ neuerte, und dabei von Frankreich unterſtuͤtzt ward, weil Ludwig XV. mit der Tochter des Stanislaus ſich vermaͤhlt hatte. Dagegen wuͤnſchten Rußland und Oeſtreich keinen Furſten im franzoͤſiſchen In⸗ tereſſe, ſondern den neuen Churfurſten von Sach⸗ ſen, auf den polniſchen Thron. Es erfolgte in Polen ſelbſt eine getheilte Wahl, weil die eine Par⸗ thei des Reichstages fur Stanislaus, die andere — für Auguſt III. ſich erklärte. Oeſtreich und Ruß⸗ land unterſtuͤtzten die lette Wahlz ein ruſſiſches Heer erſchien in Polen, und belagerte, in Verbin⸗ dung mit den Sachſen, die Stadt Danzig, welche den Konig Stanislaus in ihre Mauern aufgenom⸗ men hatte. Als aber die Ruſſen und Sachſen der Stadt Danzig ſich bemaͤchtigten, aus welcher Sta⸗1784 nislaus verkleidet nach Koͤnigsberg ſich gefluͤchtet hatte; da war auch die ſtreitige polniſche Königs⸗ wahl entſchieden, und Auguſt III. ward allmählig von allen Polen als Koͤnig anerkannt. Weil aber Oeſtreich in dieſer Angelegenheit für den Churfurſten von Sachſen ſich erklaͤrt, und ein PHeer an die polniſche Grenze geſandt hatte, ohne doch an dem Kampfe auf dem Boden Polens Theil zu nehmen; ſo eroͤffnete Frankreich, in Verbindung mit Spanien, den Krieg am Rheine und in Ita⸗1734 lien. Zwar ſtand das teutſche Reich auf der Seite der Kaiſers; doch ward der Reichskrieg in den Rheingegenden nur ſchläfeig gefuͤhrt, obgleich der König Friedrich Wilhelm von Preußen ein Heer von 10,000 Mann zur Unterſtuͤtzung des Kaiſers, in Angemeſſenheit zu dem aͤltern, von ſeinem Vater im Jahre 1700 mit Oeſtreich ab⸗ geſchloſſenen, Vertrage, ſo wie nach den geheimen Bedingungen der zu Wuſterhauſen eingegangenen Verpflichtungen, aufbrechen ließ, und perſoͤnlich, mit ſeinem Kronprinzen, eine Zeitlang in deſſen Mitte ſich befand. Doch nicht am Rheine, in Italien ſollte die politiſche Hauptfrage dieſes Krieges entſchieden wer⸗ den. So wollte es Frankreichs ſtaatskluger Mini⸗ ſter, der Kardinal Fleury, und das mit ihm einver⸗ ſtandene bourboniſche Kabinet zu Madrid. In 42 Italien erſchienen die bourboniſchen Heere mit ſol⸗ chem Uebergewichte, daß die Oeſtreicher beſiegt, und namentlich aus Neapel vertrieben wurden. Von den Seemaäͤchten ward der Kaiſer nicht unterſtuͤtzt; ſie blieben waͤhrend dieſes Krieges neutral. Der Kaiſer alterte, und, fuͤr die ihm von Frankreich und Spanien zugeſicherte, bis dahin aber verweigerte, Anerkennung der pragmatiſchen Sanction, unter⸗ 1735 zeichnete er die nachtheiligen Bedingungen des Wie⸗ ner Friedens, in welchem er an den Infanten Carlos von Spanien die Throne Neapels und Sici⸗ liens uͤberließ, fuͤr dieſe beiden Reiche mit Parma und Piacenza ſich begnuͤgte, und zugleich fur Frank⸗ reichs Intereſſe einwilligte, daß ſein Schwiegerſohn, der Herzog Franz Stephan von Lothringen ſein teutſches Herzogthum Lothringen an den Efkoͤnig von Polen Stanislaus Leſczinsky uberließ, wogegen er mit dem Großherzogthume Toſtana entſchadigt ward, in welchem die Dynaſtie der Medicäer mit dem kin⸗ derloſen Großherzoge Johann Gaſto erloſch. Doch war es die folgenreichſte Beſtimmung dieſes Frie⸗ dens, daß, nach dem Tode des Stanislaus, das ſchone Lothringen mit Frankreich vereini⸗ get werden ſollte, wodurch eine der wichtigſten Vormauern des teutſchen Reiches gegen Frankreich an dieſen gefaͤhrlichen Nachbar uberlaſſen ward. Dieſer Befangenheit der öſtreichiſchen Staats⸗ kunſt verdankte daher Frankreich einen bedeutenden Ländererwerb in ſeiner Nahe, wodurch die fruhern, dem teutſchen Reiche von Frankreich entriſſenen, Provinzen beſſer abgeruͤndet wurden; die Bourbone erhielten dadurch einen neuen Thron in Italien fuͤr eine Seitenlinie des ſpaniſchen Hauſes; und ein bis⸗ heriger teutſcher Reichsfurſt ward aus Teutſchland 43 in die Mitte der italiſchen Staaten verſetzt, wo ganz neue politiſche Intereſſen fuͤr ſeine Dynaſtie begannen. Dies alles opferte Karl VI. der Anerken⸗ nung eines öſtreichiſchen Hausgeſetzes, von welchem alle erfahrne Diplomaten vorausſahen, daß ſogleich nach Karls VI. Tode die Gultigkeit deſſelben von mehrern europäiſchen Hauptmächten in Anſpruch genommen werden wuͤrde. Doch erlebte Friedrich Wilhelm dieſen Zeitpunct nicht; er ſtarb in einem und demſelben Jahre mit dem Kaiſer Karl VI., aber fuͤnf Monate vor dem⸗ ſelben, am 31. Mai 1740. Er hinterließ ein ſchlag⸗ 1740 fertiges Heer von 76,000 Mann, und einen Schatz von ſieben Millionen Thalern. Von ſeinen vier Soͤhnen folgte ihm der aͤlteſte, Friedrich, auf dem Throne. Der zweite, Auguſt Wilhelm, erhielt bereits im Jahre 1744 den Titel: Prinz von Preußen. Er ſtarb aber vor ſeinem altern Bruder, ſo daß nach Friedrichs II. Tode(1786) der Thron auf den älteſten Sohn Auguſt Wil⸗ helms, auf Friedrich Wilhelm II. vererbte. Der dritte Sohn des Königs Friedrich Wilhelm I. war der Prinz Heinrich, der Lieblingsbruder Frie⸗ drichs Il., und dieſem in ſehr vielen Beziehungen gleichgeſinnt und aͤhnlich; der vierte Sohn war der Prinz Ferdinand, der ein ſehr hohes Alter erreichte. F unfter Zeitraum. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich dem zweiten; von 1740— 1786. Ein Zeitraum von 46 Jahren. Erſter Abſchnitt. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich dem zweiten, von ſeinem Regierungsan⸗ tritte an bis zu dem Pubertsburger Frieden; von 1740— 1763. Das, wenn lebensthaͤtige Volker in der Entwicke⸗ lung der Geſammtheit ihrer Kraͤfte,— im Acker⸗ baue, im Gewerbsweſen und Handel, in der Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt— fortſchreiten, und wenn die zu einer gewiſſen Stufe der Macht gelangten Staaten zur feſten Geſtaltung des Buͤrgerthums, nach allen ein⸗ zelnen Verfaſſungs- und Verwaltungsformen uͤber⸗ gehen ſollen, zur rechten Zeit der rechte Mann an ihre Spitze treten muß; das iſt bereits in der allgemeinen Einleitung zu dieſer Geſchichte Preußens ausgeſprochen worden. Was Friedrich der Weiſe fuͤr Sachſen, Guſtav Adolph für Schweden, Wil⸗ belm der Oranier fuͤr England, Peter der eſte fuͤr Rußland war, und wie ſie eben zur rechten Zeit auf dem Throne ihrer Staaten erſchienen, um das dunkle Gefuͤhl ihrer nach Entwickelung und Geſit⸗ tung ſtrebenden Voͤlker zum deutlichen Bewußt⸗ ſeyn zu erheben, und den Reichthum der in der Mitte der burgerlichen Geſellſchaft ſich ankuͤndigen⸗ den Kräfte zweckmäßig vorwaͤrts zu leiten, den Mehlthau des Reactionsſyſtems zu verhindern, und alle Lebenspulſe des Volkes mit Geiſt und Kraft zu wecken, zu leiten, und einem großen Ziele ent⸗ gegen zu fuͤhren; das war Friedrich der Zweite — und zwar in einem weit hoöhern Sinne, als ſeine eben genannten Vorgänger auf europäiſchen Thro⸗ nen— an der Spitze des preußiſchen Volkes und im Mittelpuncte des auf ihn vererbten, und von ſeinem Vater zur ſtrengen Ordnung geſtalteten, Staates. Es ſind bereits vierzig gewitterſchwere Jahre ſeit ſeinem Tode in der Geſchichte des europäi⸗ ſchen Staatenſyſtems verfloſſen; allein ſein Volk, und ganz Europa, darf ſeine Ehre und Groͤße nicht erſt in dem, nach ihm genannten Sternbilde,„Frie⸗ drichs Ehre“ ſuchen; die Erde und die Geſchichte ſind ſeines Ruhmes voll. Und wenn die individuel⸗ len Mängel und Schwächen, die keinem großen Sterblichen fehlen können, allmählig im Laufe der Zeit gemilderter erſcheinen; dann tritt die wahre Groͤße in unbewölktem Lichte hervor. Dies beweiſet auch die thatenreiche Geſchichte Friedrichs des Großen. — Daß er viele Feinde, ſelbſt unter den hochſten Ständen, beſonders in den erſten zwanzig Jahren ſeiner Regierung hatte, iſt eben ein Beweis fuͤr ſeine Große, durch die er ſeine Zeitgenoſſen uͤber⸗ 46 ragte. Das Mittelgut unter dem menſchlichen Ge⸗ ſchlechte hat keine Feinde; denn es erſpart denen, die mit ihm zuſammen leben und zuſammen wirken, das druckende Gefuhl der geiſtigen Ueberlegenheit, während der große Mann entweder die, welche ſeine Kreiſe beruͤhren, unwiderſtehlich zu ſich heraufzieht, oder mit ihnen in Reibungen geraͤth, ſobald die mit Macht ausgeſtattete geiſtige Armuth es nicht ertra⸗ gen will, daß— die Firſterne helleres Licht haben, als die Planeten und Trabanten. Denn, als Friedrich den Thron Preußens beſtieg, war allerdings das Maas geiſtiger Kraft auf den meiſten europaͤiſchen Thronen gering. Unter Lud⸗ wigs XV. Individualitat, die, nach dem Tode des Kar⸗ dinals Fleury, von Maitreſſen, und von Pöflingen, Miniſtern und Generalen geleitet ward, welche faſt ſämmtlich von den herrſchſuͤchtigen Maitreſſen ab⸗ hingen, ſank Frankreichs politiſches Gewicht immer tiefer. Friedrich hatte Recht, als er erklaͤrte, daß, wäre er Koͤnig von Frankreich, in Europa kein Ka⸗ nonenſchuß ohne ſeinen Willen geſchehen duͤrfte; allein die zahlreichen Kanonenſchuͤſſe, die mit und ohne Ludwigs XV. Willen in Europa zu ſeiner Zeit geſchahen, ſteigerten nichts weniger, als die Macht Frankreichs; denn welcher Abſtand zwiſchen Frie⸗ drichs und Ludwigs Perſönlichkeit!— Das Spa⸗ nien der damaligen Zeit, in den letzten Regierungs⸗ jahren des phyſiſch erſchoͤpften Philipps V. und des gemuͤthskranken Ferdinands VI., litt an einer poli⸗ tiſchen Verſumpfung, die erſt nach Karls III. Thron⸗ beſteigung theilweiſe gehoben ward, ohne daß doch Spanien ſich wieder in die Reihe der europäiſchen Mächte vom erſten politiſchen Range emporarbei⸗ ten konnte, zu welchen es unter Karl V. gehoͤrt 47 hatte.— Italien glich in dieſer Zeit einer politi⸗ ſchen Null. Seine Freiſtaaten erhielten ſich, in uͤberlebten ariſtokratiſchen Formen, bei einem kuͤm⸗ merlichen politiſchen Daſeyn. Neapel lag den po⸗ litiſchen Hauptintereſſen des Erdtheils zu fern, ob ihm gleich im Jahre 1735 die politiſche Selbſtſtän⸗ digkeit mit einer neuen Regentendynaſtie zuruckgege⸗ ben worden war. Die Politik des Vaticans ſah von der mächtig uͤber Europa's Reiche fortſchreitenden Aufklärung bedenklich ſich bedroht, und das politi⸗ ſche Gewicht ſeiner Leibgarde, der Jeſuiten, war damals ſo geſunken, daß im zweiten Jahrzehent der Regierung Friedrichs 1I. die Vertreibung derſelben aus den bedeutendſten katholiſchen Reichen Eu⸗ ropa's erfolgte. Dies war die Zeit, wo man die ſpätere Repriſtination dieſes Ordens als nicht denk⸗ bar verlacht haben wuͤrde.— Nur Sardinien, un⸗ ter allen damaligen Staaten Italiens, miſchte ſich gern, gegen Subſidien, in die Welthändel, weil es aus den fruhern Kriegen die Erfahrung mitgebracht hatte, daß, wenn man in jedem Friedensſchluſſe auch nur etwas an Quadratmeilen gewinnt, doch nach einem Vierteljahrhunderte die erworbene Summe an Flächenraum und Volkszahl des Addirens werth iſt.— Die Schweiz begnuͤgte ſich, waͤhrend dieſer ganzen Zeit, mit der ſchonen Erinnerung an eine unwiederbringliche Vergangenheit, wo der Bund am Vierwaldſtädterſee geſchloſſen, die Selbſtſtäͤndig⸗ keit erkaͤmpft, und in den Burgunder- und Mailan⸗ der-Kriegen der Ruhm der Unuͤberwindlichkeit er⸗ rungen ward. Die Gegenwart ſtand freilich mit dieſer Vergangenheit in einem grellen Gegenſatze. — Auf ähnliche Weiſe gehörte auch die ruhmvolle Zeit der Niederlande bereits der Vergangenheit an. Ihre Statthalter, Wilhelm IW. und V., fuhrten blos den gefeierten Namen ihres Vorgän⸗ gers, Wilhelms III., fort, ohne ſeiner politiſchen Hoͤhe nachzuſtreben. Noch immer galt der Frei⸗ ſtaat in Europa als ein gutes, wohlhabendes Haus; ſein politiſches Gewicht hatte aber mit dem ütrech⸗ ter Frieden geendigt. Geleitet von einem ſichern politiſchen Inſtincte ſeines Verhaͤltniſſes zu dem uͤbri⸗ gen Europa, ſuchte er von da an die Neutralität zu behaupten. Wenn er aber dennoch zum Kriege fortgeriſſen ward; ſo folgte er dem Anſtoße, der von außen kam.— Anders war es mit Groß⸗ britannien. War auch der König Georg II. kein Mann von hohen Talenten; ſo begriff er doch das Intereſſe ſeiner Staaten und ſeiner Kolonieen, und unter ſeinen Miniſtern fanden ſich Maͤnner, de⸗ ren Diplomatie die Staatskunſt Europa's bis zum Frieden von Verſailles einflußreich beſtimmen half, und in den andern Erdtheilen der Größe Großbri⸗ tanniens eine neue Unterlage gab, deren ganzes Gewicht erſt die Folgezeit verſtehen lernte. Moch⸗ ten daher auch, in der zweiten Haͤlfte der Regierungs⸗ zeit Friedrichs II., die brittiſchen Kolonieen in Nord⸗ amerika ihre Emancipation von dem Mutterlande erkaͤmpfen, und manche Staatsmaͤnner davon das Sinken des politiſchen Gewichts Großbritanniens erwarten; ſo war doch am Ganges den Vritten ein Erſatz dafüͤr geworden, der jenen Verluſt bei weitem aufwog.— Daß Schweden in dieſer Zeit politiſch ohnmächtig war; dafuͤr ſorgten die beiden gegen einander anſtrebenden ariſtokratiſchen Par⸗ theien der Muͤtzen und der Huͤte. Denn wo das Ausland die politiſchen Partheien eines Staatec in⸗ fluenzirt; da geht die Kraft des Staates in die⸗ 49 ſem Partheiengewuhle auf, und die übrigen Mächte haben nichts von einem ſolchen Staate zu fuͤrchten. — Mehr wurde Dänemark, ſeit dem Regie⸗ rungsantritte des weiſen Friedrichs V., gegolten haben, wenn die Staatskraft der Monarchie mit der Staatsklugheit dieſes Monarchen und ſeines um⸗ ſichtigen Bernstorffs im Ebenmaaße geſtanden hätte. — Selbſt Rußland, zu deſſen kunftiger Groͤße der Czar Peter I. einen rieſenhaften Unterbau verſucht hatte, war, während der Regierung der Eliſabeth und Peters III., minder drohend und bedeutſam fuͤr das uͤbrige Europa, obgleich Friedrich II. es wohl erfuhr, was es auf ſich haͤtte, eine Kaiſerin von Rußland und ihren Miniſter Beſtuchef unverſoͤhnlich beleidigt zu haben.— Polen, in ſeiner Anarchie, konnte fur einen Koͤnig von Friedrichs Geiſte und Thatkraft nicht gefaͤhrlich werden. Die ſpaͤtere Zeit bewies vielmehr, daß die, mit der erſten Theilung Polens beginnende, Auflöſung dieſer Republik von den tief berechneten Planen eines Nachbars ausging, deſſen Vorfahren Lehnsleute von Polen geweſen waren.— Von der Tuͤrkei in dieſer Zeit kann nur geſagt werden, daß ſie in der Reihe der europäiſchen Staaten mit daſeyn half. Ihre, durch eine vieljährige Neutra⸗ lität verhuͤllte, politiſche Schwäche brachten die Siege Katharina's II. bald zur allgemeinen Kenntniß von Europa.— Nothwendig geſtaltete ſich aber auch Friedrichs Staatskunſt anders, ſeit Katharina den Thron Peters des Großen beſtiegen hatte; denn die practiſche Politik des Erdtheils ward ſeit dem Jahre 1763 zunaͤchſt durch Rußland, Preußen und Heſtreich beſtimmt.— Allein unter allen europai⸗ ſchen Staaten wirkte Friedrich auf Oeſtreich am mächtigſten ein. In einem und demſelben Jahre III. 4 50 1740 mit Friedrich, beſtieg Maria Thereſia die Erb⸗ throne ihres Vaters, des Kaiſers Karl VI. Der ſpaniſche Erbfolgekrieg hatte das anlockende Beiſpiel gegeben, daß, bei dem Erlöſchen des Mannsſtam⸗ mes in großen Staaten, mit den Waffen in der Hand eine Landertheilung zu erzwingen ſey. Was in Spanien gelungen war, konnte wohl auch in Deſtreich nach Karls VI. Tode gelingen. Groß⸗ britannien aber trat den Entwuͤrfen der Hoͤfe der Tuillerien und Madrids kraftvoll entgegen, und erkannte die Erhaltung der öſtreichiſchen Monarchie, bis auf die Ueberlaſſung Schleſiens an Friedrich, und einige minder erhebliche Abtretungen in Italien, als dringend nöthig fur das politiſche Gleichgewicht in Europa. In der That kam auch mit Maria Thereſia ein neuer Geiſt und eine feſtere Haltung in die innern Staatsformen der öſtreichiſchen Mon⸗ archie. Auf der Wagſchale des Rechts bleibt eine Laͤndervergroßerung auf Koſten großer oder klei⸗ ner, maͤchtiger oder ſchwacher Staaten ganz dieſelbe; allein aus dem Standpuncte der Staatskunſt iſt jedesmal die Vergrößerung auf Koſten groͤßerer Staaten, als man ſolbſt iſt, bedenklich und gefaͤhr⸗ lich. Es war daher ein kuͤhnes Wagſtuͤck Friedrichs, das im Anfange allerdings durch die damaligen Zeit⸗ verhaͤltniſſe beguͤnſtigt ward, eben dem mächti⸗ gern Oeſtreich Schleſien zu entreißen; auch zeigte der Erfolg, daß zu Wien der Verluſt Schleſiens, laͤn⸗ ger als ein halbes Jahrhundert hindurch, nicht ganz verſchmerzt ward, wenn gleich ein Kaiſer, wie Jo⸗ ſeph II., die Größe Friedrichs zu wuͤrdigen verſtand, weil er in ſich ſelbſt den hohen Beruf zur Größe trug.— Daß aber Brandenburg, ſeit dem Erwerbe Schleſiens, im teutſchen Staatenſyſteme die 5¹ nächſte Stelle nach Oeſtreich behauptete; daß, durch dieſe neue Stellung Brandenburgs gegen Oeſtreich, die an ſich ſchon ſeit dem weſtphaͤliſchen Frieden we⸗ ſentlich beſchräͤnkte Macht des teutſchen Kaiſers in noch engere Grenzen zuruͤcktrat; daß allmählig der teutſche Norden der nachdrucksvollen Oppoſition Preu⸗ ßens gegen Oeſtreichs Abſichten in Teutſchland, und beſonders gegen die Abruͤndung durch den Churſtaat Bayern, ſich anſchloß; daß dadurch, innerhalb des morſch gewordenen teutſchen Staatenſyſtems, die Trennung des Nordens vom Suͤden unheilbar, und durch die Abſchließung des teutſchen Fürſtenbundes — der letzten großartigen politiſchen Urkunde Frie⸗ drichs II.— nichts weniger, als gehoben ward; das kundigte ſich, in ſeinen Folgen, allerdings erſt in der Zeit nach Friedrichs Tode an. Doch konnte es bereits den damaligen Diplomaten nicht entgehen, daß die alte, tief erſchutterte, politiſche Form des teutſchen Reichs einer durchgreifenden Umgeſtaltung entgegen ging. Aus dieſem fluͤchtigen Blicke auf die europai⸗ ſchen Fuͤrſten und Thronen waͤhrend der Regierungs⸗ zeit Friedrichs II. geht als Ergebniß hervor, daß, bei dem Antritte ſeiner Regierung, kein einziger gleichzeitiger Fuͤrſt die Vergleichung mit Friedrichs Geiſte und Thatkraft aushielt; daß aber, in der zweiten Hälfte ſeiner Regierungszeit, Katharina von Rußland, Joſeph II., und mehrere teutſche Fuͤrſten des ſächſiſchen und guelphiſchen Hauſes mit Ruhm und Ehre neben ihm ſtanden. Es ergibt ſich aber auch zugleich, daß, während ſeiner Zeit, und zum Theile durch ihn und ſeine Staatskunſt, der fruͤhere Charakter des europäiſchen Staatenſy⸗ ſtems weſentlich verändert ward. Denn bis auf 4* 52 ſeine Zeit nahmen zwar die Regenten von Branden⸗ burg, ſeit dem Regierungsantritte des großen Chur⸗ furſten, eine achtbare Stelle im teutſchen und euro⸗ päiſchen Staatenſyſteme ein; allein vor Friedrichs öffentlicher Ankuͤndigung ahnete kein europäiſcher Diplomat, daß Preußen in die Reihe der Maͤchte des erſten politiſchen Ranges eintreten, und daß durch ſeine Mitwirkung das ganze politiſche Syſtem des Erdtheils veraͤndert werden wuͤrde. Denn, im Laufe der beiden vorigen Jahrhunderte, gaben die europäiſchen Mächte des Suͤdens und Weſtens, Spanien, Frankreich, Niederland und England, den Ausſchlag bei der Entſcheidung der Weltbegebenhei⸗ ten; im ſiebenzehnten Jahrhunderte erkaͤmpfte ſich Schweden eine einflußreiche Stellung in der Mitte der europäiſchen Großmächte, und am Anfange des achtzehnten Jahrhunderts legte Peter in Rußland den feſten Grund zu einer Macht des erſten politi⸗ ſchen Ranges. Dies alles veränderte ſich'gegen die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts; denn zwei teutſche Maͤchte, Oeſtreich und Preußen, uͤbernah⸗ men, unter Maria Thereſia und Friedrich, eine un⸗ gleich größere politiſche Rolle, als ihre Vorfahren auf beiden Thronen. Rußlands politiſches Gewicht lernte der Erdtheil ſeit Katharina's Regierungsan⸗ tritte verſtehen und begreifen. Spanien, Frank⸗ reich und Schweden, in ihrem innern Staatsleben maͤchtig erſchuͤttert, konnten das vormalige äußere politiſche Gewicht nicht mehr behaupten, und Groß⸗ britannien richtete vom Jahre 1763 an bis 1788 ſeine Staatskunſt mehr auf die andern Erdtheile, als auf die Angelegenheiten des europaiſchen Feſtlan⸗ des. So geſchah es, daß bereits nach dem Aach⸗ ner Frieden, der den oſtreichiſchen Erbfolgekrieg been⸗ 53 digte, ein anderes politiſches Syſtem in Europa ſich zu bilden anfing, das Anfangs auf die Zuruͤckfuͤh⸗ rung der ſchnell emporgeſtiegenen Macht Preußens auf die Verhältniſſe des Jahres 1740, ja, wo mog⸗ lich, auf die Verhaͤltniſſe des Jahres 1640, berech⸗ net war, das aber, ſeit der Zeit des Hubertsburger Friedens, Preußen als gleichberechtigte Macht in der Mitte der europäiſchen Hauptſtaaten anerken⸗ nen mußte, und das, unter Mitwirkung Preußens, ſeine neue Geſtalt erhielt. So wenig vor dem Hubertsburger Frieden der Plan einer Theilung Po⸗ lens ausfuͤhrbar geweſen ware; ſo leicht war deſſen Verwirklichung nach dem Eintritte Preußens in die Reihe der Maͤchte des erſten politiſchen Ranges, ſo⸗ bald einmal das politiſche Gewiſſen uber die unver⸗ ſchuldete Auflöſung eines gleichberechtigten europäi⸗ ſchen Staates ſich beruhigt, und der Lieblingsge⸗ danke der Abruͤndung mächtiger Staaten auf Koſten ihrer mindermächtigen Nachbarn, die Diplo⸗ maten der europaiſchen Kabinette ergriffen hatte. So groß aber auch der Einfluß war, welchen Friedrich II. auf dieſe Umgeſtaltung der europäiſchen Staatskunſt behauptete, und ſo feſt er den Plan verfolgte und verwirklichte,„den zweifelhaften Cha⸗ rakter ſeiner Monarchie zu beſtimmen, welche eine Art Zwitter war, der mehr von der Natur des Churfurſtenthums, als des Königreiches an ſich hatte“)“; ſo uͤberragte er doch die Eroberer und Hel⸗ den vor und nach ihm dadurch, daß er Maaß und Ziel in der Erweiterung und Vergroͤße⸗ ) Man vergl. Friedrichs hinterlaſſene Werke, Th. 1. S. 90. 54 rung ſeiner Monarchie zu halten wußte; daß ihm mit dem Erwerbe Schleſiens und Weſt⸗ preußens genuͤgte, und daß er, nach der Errei⸗ chung dieſer Abſichten, an die Erhaltung des Erworbenen, und nicht an neuen Zuwachs, an fort⸗ geſetzte Eroberungen dachte. Er fuͤhlte— was Napoleon nicht fuͤhlte— daß es ſelbſt fuͤr das Gluͤck der Sieger, ſo wie fuͤr die Vergrößerung der Staaten eine Grenze giebt, die ungeſtraft nicht uͤberſchritten werden darf, und daß die feſte Ge⸗ ſtaltung des innern Staatslebens einer be⸗ deutenden Monarchie, nach den weſentlichen For⸗ men der Verfaſſung und Verwaltung, mehr Kraft und Stärke gewährt, als die äußere Vergrößerung derſelben durch einige Millionen neuer Staatsbuͤr⸗ ger, welche nur mit ſtillem Grolle die gewaltige Hand des Eroberers uͤber ſich anerkennen. Deshalb feiert es die Geſchichte als einen Haupt⸗ zug in der individuellen Größe Friedrichs II., daß er ſeit dem Hubertsburger Frieden hauptſaͤchlich der Vervollkommnung und neuen Geſtaltung des in⸗ nern Staatslebens ſeine geiſtige Kraft zuwandte. Zwar erneuerte er nicht die ſtaͤn diſche Verfaſſung in denjenigen ſeiner Provinzen, wo ſie ehemals be⸗ ſtanden hatte, weil ſeinem Scharfblicke das Veralten der fruͤhern, aus dem Lehnsſyſteme des Mittelalters hervorgegangenen, Formen derſelben nicht entgangen war; doch erkannte er die Fortdauer derſelben in Oſtpreußen und Neuenburg an. Zwar hob er nicht die Cenſur der Druckſchriften auf; allein ſein Geiſt war groß genug, das freie öͤffentlich ausgeſprochene Wort zu ertragen und zu befordern. Gab er doch ſelbſt das einflußreichſte Beiſpiel des freieſten ge⸗ ſchichtlich⸗politiſchen Urtheils in ſeinen Denkwuͤr⸗ digkeiten der brandenburgiſchen Geſchich⸗ te, wo noch kein Geſchichtsſchreiber vor ihm uͤber die Regenten Brandenburgs, und namentlich uͤber die aus der hohenzollernſchen Dynaſtie, ſo frei⸗ muͤthig ſich ausgeſprochen hatte, wie er. Auf gleiche Weiſe ſchrieb er die Geſchichte ſeiner Zeit. Er gab ſich in derſelben ganz nach ſeiner Individualitaͤt, nach den Triebfedern, die ihn lei⸗ teren, nach den Fehlern, die er auf dem Schlacht⸗ felde und im Kabinette beging, nach den Abſichten, die er verfehlte oder erreichte, und nach der Stel⸗ lung, die er gegen die gleichzeitigen Regenten be⸗ hauptete. Er enthuͤllte die Geheimniſſe vieler gleich⸗ zeitigen Fürſten und Diplomaten, und hielt ihnen einen Spiegel vor, der nichts weniger, als ſchmei⸗ chelte; denn geſchichtliche Wahrheit galt ihm als Grundgeſetz der Darſtellung. Nie aber uͤber⸗ ſchritt er in ſeinen Urtheilen die Grenzlinie des An⸗ ſtandes und Schicklichen, die ſo oft von denen ver⸗ nachlaſſigt ward, die nur auf das freimuͤthige Wort des großen Koͤnigs bei ihren eigenen ſcharfen Aeußerungen ſich beriefen, ohne die Gewandtheit und Feinheit zu erreichen, durch welche bei dem kö⸗ niglichen Schriftſteller der ſorgfältig gewaͤhlte Aus⸗ druck das Beleidigende und Verwundende verlor. Denn Alles, was der Geſchichte einmal verfallen iſt, kann geſagt werden, und muß geſagt wer⸗ den, wenn die Lehren und Warnungen der fernen und nächſten Vergangenheit fuͤr das lebende Ge⸗ ſchlecht nicht verloren gehen ſollen; dabei gewinnen die Throne und die Huͤtten, weil es beſſer iſt, daß die Wahrheit durch den ernſten Geſchichtsforſcher verkuͤndigt, als durch die Einſeitigkeiten, Entſtellun⸗ gen und Zuſätze der Salons verbreitet und der Nach⸗ 56 welt uͤberliefert wird. Allein wie das geſagt wird, was geſagt werden ſoll und muß; das giebt den Ausſchlag. Nicht die Bewegung der Leidenſchaft; nicht die durch ertheilte Penſionen abgefundene Schmeichelei, wie im Zeitalter Ludwigs XlV.; nicht die geiſtige Beſchranktheit in der Anbequemung der geſchichtlichen Thatſachen zu den unhaltbaren Axio⸗ men eines metaphyſiſchen oder politiſchen Syſtems; nicht die Verlegenheit und Befurchtung endlich, durch die Kraft der ausgeſprochenen Wahrheit den Gewalthabern auf den Stufen und zu den Fuͤßen der Throne zu mißfallen, darf die Feder des Ge⸗ ſchichtsſchreibers fuͤhren, wohl aber, nach Friedrichs großem Vorgange, die feſte Vergegenwaͤrtigung der darzuſtellenden Thatſachen nach ihren Urſachen und Folgen, nach ihrem innern Zuſammenhange unter ſich, und nach ihrem Einfluſſe auf das Wohl und Wehe der Staaten, entweder in Hinſicht auf die kräftige Entwickelung und auf das fröhliche Ge⸗ deihen des innern und aͤußern Lebens der Volker und Reiche, oder in Hinſicht auf ein von oben ver⸗ ſuchtes Reactionsſyſtem. So werden Friedrichs Schriften fuͤr alle kunftige Zeiten die lehrreichſten Studien fuͤr Regenten, Fürſtenſöhne, Diplomaten und Geſchichtsſchreiber bleiben; denn vor dem ſchrift⸗ lichen Nachlaſſe anderer Regenten(ſelbſt Lud⸗ wigs XIV. und Napoleons) hat er voraus, daß ſein Geiſt, in Beziehung auf Geſchichtsdarſtellung, durch das Eindringen in den Charakter der Claſſiker der Griechen und der Römer(die er in franzöſiſchen Ueber⸗ ſetzungen las) ſich aufgerichtet und gebildet, nie aber dabei die Zeit aus dem Blicke verloren hatte, wel⸗ cher er ſelbſt angehoͤrte, und welcher er das Gepraͤge ſeiner Perſoͤnlichkeit aufdruͤckte. Wie weit höher ſteht 57 doch Friedrichs Individualität in ſeinen Werken uͤber Ludwigs XIV. Eitelkeit, Stolz und Selbſtſucht, die auf jeder Seite ſeiner Anweiſungen fuͤr ſeinen Enkel Philipp V. von Spanien hervortreten! Wie weit liegt Friedrichs gediegener und zuſammenhaͤngender Styl von der aphoriſtiſchen Form ab, in welcher Napoleon dachte und ſchrieb; ſo wenig auch dem lettern die Tiefe der Idee und die Kraft des politi⸗ ſchen Urtheils verkuͤmmert werden ſoll! Genug, daß Friedrich auch als Schriftſteller einzig da⸗ ſteht in dem Kreiſe derer, die Kronen trugen, und in dem Kreiſe der erſten Geſchichtsſchreiber der Alten und Neuen. Die Weisheit eines langen und rei⸗ chen Lebens drängte er, noch als Greis von 69 Jahren, zuſammen in ſeinem: Verſuche uͤber die Regierungsformen und über die Pflichten der Regenten z eine Abhandlung, welche hundert blos theoretiſch zugeſchnittene Lehr⸗ und Handbuͤcher der Politik aufwiegt, weil durchge⸗ hends in derſelben die prae tiſche Anſicht des Buͤr⸗ gerthums und der Stellung des Regenten gegen alle einzelne Klaſſen und Stände des Volkes vorwaltet. — Doch nicht blos im maͤnnlichen und im Greiſes⸗ alter, und neben der Regierung eines durch ſeine Selbſtkraft emporgehobenen Staates, fand Frie⸗ drich die Zeit, als Geſchichtsſchreiber ſeinen Namen zu verewigen; ſchon als Kronprinz, in der ländlichen Muße zu Rheinsberg, ſchrieb er in dem dritten Jahrzehent ſeines Lebens den Antimacchiavel, um die Trugſchluͤſſe der Staatskunſt dieſes Italie⸗ ners zu enthuͤllen und zu widerlegen. Es bleibt dahin geſtellt, ob Friedrich richtig urtheilte, als *) In ſeinen hinterl. Werken, Th. 6. S. 45. er diejenige Anſicht verwarf, nach welcher Mac⸗ chiavel in ſeinem Werke die Staatskunſt der ita⸗ liſchen Fuͤrſten ſeiner Zeit in der Wirklichkeit ge⸗ ſchildert habe; Friedrich nahm den„Fuͤrſten“ des Macchiavel als eine Anweiſung, wie man regie⸗ ren ſolle. Allein dem Erben eines europäiſchen Thrones gereichte es zu unvergaͤnglichem Ruhme, daß er, ſogleich in der Vorrede zum Antimac⸗ chiavel erklaͤrte:„Ich wage es, die Vertheidigung der Menſchheit gegen dieſes Ungeheuer, das ſie ſtur⸗ zen will, zu uͤbernehmen. Ich wage es, falſchen Grundſaͤtzen und Laſtern Vernunft und Gerechtigkeit entgegen zu ſtellen.— Die Fluten, welche Laͤnder uͤberſchwemmen, das Ungewitter, das Städte in Aſchenhaufen verwandelt, das Gift der Seuche, welches Provinzen entvoͤlkert, iſt der Welt nicht ſo verderblich, als die gefährlichen Sittenlehren, und die unbaͤndigen Leidenſchaften der Könige. Die Plagen des Himmels dauern nur eine Zeit lang; ſie verheeren nur einige Gegenden, und der Verluſt, ſo ſchmerzlich er auch iſt, läßt ſich erſetzen; aber unter den Laſtern der Koͤnige leiden ganze Volker, und zwar lange Zeit!“ Bei dieſer Hoͤhe der individuellen Bildung ward Friedrich ſelbſt der Mittelpunct der, im Umfang⸗ ſei⸗ ner Monarchie beginnenden und ſich immer weiter verbreitenden, Aufklaͤrung. Man lernte denken, und ein denkendes Volk iſt mehr werth, als ein blos gegaͤngeltes, wozu ſich leicht ſchlaue Vormuͤnder fin⸗ den; ſie moͤgen dem Stande der Prieſter, oder der Beamten angehoͤren. Es ward in Preußen, und bald auch in dem uͤbrigen Teutſchlande, eine Eh⸗ renſache, gebildet zu ſeyn. Nur ſchuͤchtern blick⸗ ten ältere Diplomaten in andern Staaten auf dieſes 59 junge Licht, das uͤber der Spree und Havel aufging. Als man aber fand, daß Preußen deshalb nicht un⸗ terging, daß kein Buͤrger gegen den Konig ſich auf⸗ lehnte, daß vielmehr Friedrich allgemein verehrt und gefeiert ward, und daß ein gebildetes Volk auch an Wohlſtand, Gehorſam und Unterthanentreue zu⸗ nimmt; da wagte man auch auswaͤrts, von„Auf⸗ klärung“ zu ſprechen, und das Licht derſelben auf dem Tarif der verbotenen Waaren zu ſtreichen. Wie, oder ſtaͤnde wohl die Literatur und der Buch⸗ handel Teutſchlands ſo hoch, als ſie gegenwaͤrtig ſtehen, wenn Friedrichs ſechs und vierzig Regie⸗ rungsjahre in der Geſchichte des teutſchen Volkes fehlten? Durchbrach nicht das junge Licht der Auf⸗ klaͤrung waͤhrend ſeiner Regierung ſogar den dun⸗ keln Horizont des ſudlichen Teutſchlands? Wuͤrde Joſeph II., ohne einen ſo glänzenden Vorgaͤnger, die 624 Klöſter in ſeiner Monarchie aufgehoben, das Toleranzedict gegeben, und das freie Wort waͤh⸗ rend des denkwuͤrdigen Jahrzehents ſeiner Regierung verſtattet haben?— Dies alles darf nicht vergeſſen werden, weil Teutſchthuͤmler der neueſten Zeit den großen Koͤnig des Mangels an Teutſchthum beſchul⸗ digten, als ſie vergaßen, daß Teutſchland wäͤhrend der Zeit, in welche Friedrichs Jugend und Bildung fiel, noch keine eigenthuͤmliche Literatur hatte, und daß Friedrich, ob er gleich franzöſiſch ſchrieb, doch mit einem teutſchen Geiſte und Herzen darſtellte, und daß, ſeinen Briefwechſel und mehrere Gedichte abgerechnet, die uͤbrigen Schriften aus ſeiner Feder nach ihrem ganzen Inhalte und ei⸗ genthuͤmlichem Charakterdas teutſche Gepräge an ſich tragen. In ſeinem Alter erkannte er die Fort⸗ ſchritte der teutſchen Literatur waͤhrend ſeiner Regie⸗ 60 rung, und er freute ſich ihrer mit dem Herzen eines teutſchen Koͤnigs; wenn gleich ſeine Jahre und ſeine ſelbſtthaͤtige Regierung ihm nicht verſtatteten, das Le⸗ ſen der anhebenden teutſchen Claſſiker nachzuholen. Auf gleiche Weiſe war das, was er fuͤr das innere Staatsleben that, auf die Verhäͤltniſſe eines teutſchen Volkes berechnet. So das unter ihm begonnene neue Geſetzbuch, um die Verworren⸗ heit, und den Widerſpruch der allmählig aufgenom⸗ menen fremden Geſetze gegen die alten und ſpätern teutſchen Gewohnheitsrechte zu beſeitigen; ſo die Begruͤndung vieler neuer Anſtalten fuͤr das Erzie⸗ hungsweſen, fuͤr die Beduͤrftigen, und fuͤr den Ver⸗ kehr; ſo die von ihm mit großen Geldſummen unter⸗ ſtuͤtzte Beurbarung vormaliger Suͤmpfe und Sand⸗ ſteppen; ſo die Belebung des Gewerbsfleißes und Handels; ſo die Anlegung neuer Stadte und Doͤr⸗ fer; ſo die Errichtung der Seehandlungsgeſellſchaft; ſo die Stiftung der Banken zu Berlin und Breslau; ſo die von ihm ausgehende vollig neue Geſtaltung des Kriegsweſens. Dem Sieger bei Prag, Leu⸗ then, Zorndorf, Liegnitz und Torgau war es nicht zu verdenken, daß ihm die Ueberzeugung geworden war, das Daſeyn der preußiſchen Monarchie ruhe auf dieſem ſchlagfertigen, an große Namen und Er⸗ innerungen geknuͤpften, Heere„wie auf den Saͤu⸗ len des Atlas“; denn die Umbildungen des Krieger⸗ ſtandes, welche der Anfang des neunzehnten Jahr⸗ hunderts noͤthig machte, lagen nicht im Bereiche der Strategie und Tactik Friedrichs.— Nur in einem Puncte der Staatsverwaltung, in der neuen Ein⸗ richtung des Abgabeſyſtems ſeit der Zeit des Huberts⸗ burger Friedens, vergriff er ſich in der Wahl der wirkſamſten Mittel zur Erreichung ſeines Zweckes. 61 Er ſelbſt bedurfte fuͤr ſeinen Haushalt wenig; er war ſparſam; ſein Hofſtaat war der einfachſte in ganz Europa; mit Ernſt und Strenge hielt er auf puͤnctliche Ordnung in den Finanzen. Dabei war er nie karg, ſobald es die hoͤhern Zwecke des Staa⸗ tes verlangten. Wenige Regenten duͤrften ſo be⸗ deutende Summen zur Unterſtuͤtzung offentlicher Zwecke angewieſen haben, wie Friedrich. Allein das Bild der letzten Jahre des ſiebenjährigen Krie⸗ ges, mit allen Geldverlegenheiten, die ihn damals druͤckten, ſtand vor ſeiner Seele, als er, nach dem Hubertsburger Frieden, fur kuͤnftige mögliche Falle den Plan faßte, einen Schatz zu ſammeln, und fur dieſen Zweck die Steuern und Abgaben zu ſtei⸗ gern. Ueberzeugt davon, daß die Franzoſen die Finanzkunſt beſſer verſtaͤnden, als die Teutſchen, errichtete er im Jahre 1766 die, vom Generaldi⸗ rectorium unabhaͤngige, Regie, und ſtellte bei der⸗ ſelben Franzoſen an, die er reichlich beſoldete. Im Geiſte des damals in der Finanzverwaltung faſt durchgehends vorherrſchenden Merkantilſyſtems, glaubte er, den innern Reichthum durch Mono⸗ pole, durch Veraͤnderung des Muͤnzfußes, durch hohe Zölle auf die Durchfuhr ftemder Waaren, und durch die Verbote der Einfuhr und des Verbrauches auslaͤndiſcher Erzeugniſſe zu vermehren, ſo daß aller⸗ dings dieſe ſtrengern Verwaltungsformen den Ver⸗ kehr im Innern und mit dem Auslande druͤckten, ohne den beabſichtigten Zweck, die Steigerung des Volkswohlſtandes, zu erreichen. Doch ſammelte er einen Schatz, der bei ſeinem Tode uͤber 70 Mil⸗ lionen Thaler angewachſen war.— Bei dem hellen Blicke ſeines Geiſtes und bei ſeinem ſtaatswirthſchaft⸗ lichen Sinne kann man zuverſichtlich behaupten, daß 62 er dieſes Finanzſyſtem ſelbſt mit einem beſſern ver⸗ tauſcht haben wuͤrde, wenn ſeine Regierungszeit die beiden erſten Jahrzehnte des neunzehnten Jahr⸗ hunderts erreicht hätte; denn er ſammelte nicht fuͤr ſeinen eigenen Bedarf; er wollte nur, in einem größern Maasſtabe, das thun, was der große Churfurſt und Friedrich Wilhelm I. bereits vor ihm gethan hatten, als ſie ihren Nachfolgern ein geuͤbtes und verſtaͤrktes Heer, und einen verhaͤltnißmaͤßigen Schatz hinterließen. Die Jugendzeit Friedrichs war fuͤr ihn eine Schule der Enthaltſamkeit und der Pruͤfung durch Leiden. Sein ſparſamer Vater wendete nur das Nothwendigſte an ſeine Erziehung und an ſeine Be⸗ duͤrfniſſe. Doch gab ihm ein guͤnſtiges Geſchick in dem Franzoſen Etienne du Han de Jandun einen vielſeitig gebildeten Lehrer. Die Entfrem⸗ dung zwiſchen dem Vater und dem Kronprinzen ging bald ſo weit, daß der Vater dem Sohne anmuthete, auf die Thronfolge zu verzichten. Dies, und die Mißhelligkeiten in der königlichen Familie, ſo wie des Vaters Abſicht, den Kronprinzen gegen ſeine Neigung zu vermaͤhlen, bewirkten Friedrichs Ent⸗ ſchluß, von Weſel aus, wohin er ſeinen Vater be⸗ gleitet hatte, nach England zu fluͤchten, wo er ſich, nach den Wuͤnſchen ſeiner Mutter und ihres Bruders, des Koͤnigs Georg II., mit der Prinzeſſin Amalia vermaͤhlen wollte. Niemand wußte um vieſen Plan, als ſeine Vertrauten, der Lieutenant von Katt, und der Page Keith. Der erſte war nicht genug verſchwiegen, und ſo erfuhr der öſtrei⸗ chiſche Geſandte Graf von Scckendorf die von dem 63 Kronprinzen beabſichtigte Flucht, der dem Könige dieſe Nachricht mitzutheilen eilte. Der hochbelei⸗ digte Vater befahl, den Prinzen auf die Feſtung Kuͤſtrin zu bringen, wo vor ſeinen Augen ſein Guͤnſt⸗ ling Katt enthauptet, und ihm ſeibſt der Prozeß 1730 gemacht ward. Die Leidenſchaft des Vaters wuͤrde in die Hinrichtung des Kronprinzen gewilligt haben, wenn nicht, in dem uͤber den Kronprinzen gehalte⸗ nen Kriegsgerichte, einige ausgezeichnete Generale mit Beſtimmtheit dagegen geſprochen hätten. Doch verlor Friedrich zwei Jahre ſeines Lebens auf der Feſtung Kuͤſtrin, worauf es zwiſchen ihm und dem Vater zu einer halben Ausſöhnung kam, als er ſich im Jahre 1733, nach des Vaters Willen, mit der Prinzeſſin Eliſabeth Chriſtina von Braunſchweig⸗ Wolfenbuͤttel vermaͤhlte, die aber nie die Zuneigung ihres Gemahls gewann. Nach dieſer Vermaͤhlung 1734 ward ihm verſtattet, zu Rheinsberg zu wohnen, wo er, abgezogen von allen Staatsgeſchaften, den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten lebte, und einen Kreis kenntnißreicher Maͤnner und Kuͤnſtler um ſich ver⸗ ſammelte.. Entſchieden war der ſechsjaͤhrige Aufenthalt Friedrichs zu Rheinsberg, wo er mit der Literatur der Griechen, der Roͤmer und Franzoſen innig ver⸗ traut ward, und den Antimacchiavel ſchrieb, von großen Folgen fuͤr ſeine ganze kuͤnftige Lebens⸗ zeit. Hier, in der Einſamkeit, nahm er die Rich⸗ tung zur Philoſophie, Geſchichte und Dichtkunſt, die ihn durch ſein Leben begleitete. Hier entwoͤhnte er ſich des Glanzes, der Vergnugungen und Zer⸗ ſtreuungen der Hoͤfe; hier bildete ſich ihm die Ein⸗ fachheit der Sitten an, die ihn nicht wieder verließ; hier lernte er in der Tiefe ſeines eigenen reichen Gei⸗ 64 ſtes ſich begreifen, und gab dieſem Geiſte die vielſei⸗ tige Bildung, wodurch er in der Folge, als Koͤnig, die meiſten europäiſchen Fuͤrſten uͤberglaͤnzte. Aller⸗ dings war die Philoſophie, deren Grundſätze er ſich aneignete, der gläͤnzende Materialismus der da⸗ maligen franzoͤſiſchen Philoſophen; denn unter den Teutſchen haͤtte es bis dahin der einzige Leibnitz ſeyn koͤnnen, der dem Prinzen die Philoſophie der Teutſchen in einem beſſern Lichte zu zeigen vermochte. Alle ausgezeichnete Philoſophen Teutſchlands geho⸗ ren erſt in die Zeit nach dem Antritte ſeiner Regie⸗ rung. Eben ſo lernte er die Dichtkunſt aus franzoſiſchen Muſtern kennen, und er ſelbſt dichtete in der Sprache des Auslandes. Allein die Art und Weiſe, wie er, nach dem Charakter ſeiner Schrif⸗ ten, die Geſchichte und Staatskunſt auffaßte, war nicht den Franzoſen abgeborgt, ſondern trug das teutſche Gepraͤge, nach der Gruͤndlichkeit, Frei⸗ muͤthigkeit und Rechtlichkeit der aufgeſtellten Anſichten und Grundſätze. Wer wuͤrde ſich wohl entſchließen, Friedrichs Antimacchiavel, die Denkwuͤrdigkeiten der brandenburgiſchen Geſchichte, und die Geſchichte ſeiner Zeit hinzugeben gegen Voltaire's Lobhudeleien Ludwigs XIV. und Karls XIl.! Friedrich ſchrieb klar, einfach, mit Anſtand und Wuͤrde, und, neben dem Ausdrucke der Wahrheit, ſpricht uberall in ſei⸗ nen geſchichtlichen Werken das freimuͤthige politiſche Urtheil, das unverkennbare Intereſſe ſeiner eigenen Perſoͤnlichkeit an dem Stoffe, und die Gediegenheit und Ruͤndung ſeines Periodenbaues an.— Ihm ward am 31. Mai 1740 die große Be⸗ ſtimmung, auf dem Throne Preußens Thaten zu vollbringen, die, nach ihren Triebfedern, nach ihrer Ankuͤndigung im teutſchen und europaͤiſchen Staaten⸗ 65 ſpſtem, und nach ihren Folgen fuͤr Preußen, fur Teutſchland und fur den ganzen Erdtheil, Niemand richtiger beſchreiben konnte, als er. Das Jahr 1740 ward im europäiſchen Staatenſyſteme der Wende⸗ punct der ältern und neuern Zeit. Viel trug dazu der Geiſt der Zeit bei, viel der Koͤnig ſelbſt.— Seit dem Abſchluſſe des weſtphaliſchen Friedens war eine traurige Zeit uͤber Europa gekommen, wo die Folgen des dreißigjährigen Krieges noch theil⸗ weiſe fortwirkten im innern Leben vieler europäiſcher Staaten; wo es an großen Maͤnnern auf den Thro⸗ nen und in der Naͤhe derſelben fehlte; wo aber auch allmählig, unter den Einflüſſen der ſteigenden Bevöl⸗ kerung, des beginnenden Wohlſtandes im Feldbaue, Gewerbsweſen und Handel, und des gelungenen Anfangs einer höhern Bildung des Geiſtes durch den fröhlichen Anbau der Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, auf teutſchem Boden die Morgenröthe eines beſſern Tages für die Literatur der Teutſchen anbrach. Man fuhlte den traurigen Stillſtand des menſchlichen Geiſtes ſeit den Zeiten der Kirchenverbeſſerung, und ſuchte nachzuholen, was lang verſäumt ward, und das fortzufuhren, wozu ausgezeichnete Männer in der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts einen feſten Grund gelegt hatten.— Allein nicht blos in dem unermeßlichen Kreiſe der geiſtigen Thätigkeit, auch in der politiſchen Ordnung der Dinge war alles fur eine neue Geſtaltung der innern und aͤußern Staats⸗ verhältniſſe vorbereitet und reifgeworden. Von Groß⸗ britannien heruͤber kamen nicht blos die Grundſaͤtze des Locke uͤber die beſſern Formen des Buͤrger⸗ thums; auch das Beiſpiel der zweckmäßigen Staats⸗ verfaſſung Großbritanniens ſeit Wilhem des Oraniers Thronbeſteigung, und die Ruͤckwirkung dieſer beſſern III. 5 66 Staatsform auf den Wohlſtand, den Reichtbum und die ſteigende politiſche Groͤße Großbritanniens, ging fur die Teutſchen nicht verloren. Wie contra⸗ ſtirte doch dagegen die politiſche Schwaͤche und Ohn⸗ macht des autokratiſch von Ludwig XV. regierten Frankreichs!— Was aber die naͤchſte Veranlaſſung und den unmittelbaren Ausſchlag zu der neuen poli⸗ tiſchen Ordnung der Dinge ſeit dem Jahre 1740 gab, war der Tod des Kaiſers Karl VI. am L0ſten Oct. 1740, mit welchem der habsburgiſche Manns⸗ ſtamm auf den öſtreichiſchen Erbthronen erloſch. Zwar glaubte Karl Vl., der blos zwei Toͤchter hinterließ, von welchen die aͤlteſte Maria The⸗ reſia, vermählt mit dem Großherzoge Franz Ste⸗ phan von Toſtana, ihm auf dem Throne folgte, fuͤr die ruhige Thronbeſteigung derſelben, in ſei⸗ nem Hausgeſetze der pragmatiſchen Sanction, alles Moͤgliche gethan zu haben, weil er, fuͤr die Anerkennung dieſer Verfuͤgung von den europäiſchen Maächten, in dem Wiener Frieden zu großen Opfern in Hinſicht auf Laͤnderabtretungen ſich verſtanden hatte. Bald aber zeigte es ſich, daß die, deshalb von Karl VI. abgeſchloſſenen, Vertraͤge nicht laͤnger galten, als es die Staatskunſt und der Eigennutz des Auslan⸗ des gerathen fand.— Soo uͤberredete der Marſchall von Belleisle den ſchwachen Ludwig XV., es ſey die Zeit gekommen, wo man die Macht Oeſtreichs ſchwaͤchen, und die öſtreichiſche Erbſchaft eben ſo durch Theilung vereinzelnen koͤnne, wie 40 Jahre fruͤ⸗ her die durch Karls 1l. Tod im Mannsſtamme erle⸗ digten Laͤnder der ſpaniſchen Monarchie. Denn ein ſo gelungenes Beiſpiel dieſer Art war fur die Di⸗ plomaten des Jahres 1740 nicht verloren gegangen. 67 Zwar hatte Frankreich fuͤr die vertragsmäßige Aner⸗ kennung der pragmatiſchen Sanction das Herzog⸗ thum Lothringen gewonnen; es konnte aber, bei ei⸗ nem gluͤcklichen Kampfe, noch mehr von Teutſch⸗ land abgeriſſen, und wenigſtens die Kaiſerkrone dem Hauſe Habsburg⸗Lothringen entzogen werden.— Spanien, das bereits im Wiener Frieden fuͤr einen Koͤnigsſohn aus Philipps V. zweiter Ehe, fuͤr den Infanten Karl, die Throne Neapels und Sici⸗ liens vom Kaiſer abgetreten erhalten hatte, beabſich⸗ tigte, fuͤr den juͤngern Sohn Philipps aus dieſer Ehe, den Infanten Philipp, einen aͤhnlichen Thron in der Lombardei. um wenigſtens dieſes Ziel zu er⸗ ſtreben, nahm der Hof zu Madrid die ganze öſtrei⸗ chiſche Erbſchaft in Anſpruch. Der Beweis war leicht zu fuͤhren; denn im Jahre 1617, als die ſteyermärkiſche Seitenlinie des Hauſes Habsburg in Deſtreich mit Ferdinand Il. zur Regierung der ge⸗ ſammten öſtreichiſchen Laͤnder gelangte, hatte der damalige Koͤnig von Spanien, Philipp III., auf ſeine Anſpruͤche an Oeſtreich zu Gunſten der Linie Steyermark foͤrmlich verzichtet. Nur freilich, daß im Jahre 1740 ein Bourbon, und kein Habsburger mehr die Krone Spaniens trug, und daß weder im Utrechter Vertrage vom Jahre 1713, noch im Wiener Frieden zwiſchen Oeſtreich und Spanien vom Jahrel 1725, eines Erbrechts der Bourbone auf die öſtreichiſchen Throne gedacht worden war.— Allein nicht blos Spanien nahm die ganze öſtreichi⸗ ſche Erbſchaft in Anſpruch; dies geſchah auch von dem Churfuͤrſten Karl Albrecht von Bayern, welcher der Gemahl der zweiten Tochter des Kaiſers Joſeph I. war, des aͤltern Bruders Karls des ſechsten, deſſen Tochter, nach der An⸗ 5* 68 ſicht vieler Publiciſten, ein näheres Erbrecht hatten, als die Tochter des juͤngern Bruders. Doch ſtuͤtzte der Churfuͤrſt von Bayern weniger auf dieſe Ver⸗ maͤhlung ſeine Anſpruͤche, weil dann der Konig von Polen und Churfuͤrſt von Sachſen, als der Gemahl der aͤlteſten Tochter Joſephs l. noch nähere Anſpru⸗ che haͤtte machen koͤnnen, als auf ſeine eigene Ab⸗ ſtammung von dem KaiſerFerdinand dem erſten, deſſen alteſte Tochter Anna, bei ihrer Vermaͤhlung mit dem Herzoge Albrecht V. von Bayern, zwar auf die oͤſtreichſchen Laͤnder zu Gun⸗ ſten ihrer Bruͤder und deren männlichen Nachkom⸗ menſchaft verzichtet, ſich aber und ihren Nachkom⸗ men, bei dem Erloͤſchen des habsburgiſchen Manns⸗ ſtammes, das Recht der Erbfolge— das ſoge⸗ nannte Regredienterbrecht— vorbehalten hatte. Geſtuͤtzt auf dieſen Vermaͤhlungsvertrag aus der Mitte des ſechszehnten Jahrhunderts, hatte Karl Albrecht fortdauernd es verweigert, die prag⸗ matiſche Sanction anzuerkennen. Oeſtreich aber hatte auf dieſen Widerſpruch eines mindermaͤchtigen teutſchen Reichsfuͤrſten wenig gegeben, weil Bayerns Anſpruͤche nur durch die Unterſtuͤtzung des Auslan⸗ des geltend gemacht werden konnten. So waren die Anſpruͤche beſchaffen, welche Bayern und Spanien auf den geſammten Nachlaß Karls VI. machten. In Frankreich aber, wo da⸗ mals ein umſichtiger achtzigjaͤhriger Greis, der vor⸗ malige Lehrer Ludwigs XV., der Kardinal Fleury, die Zugel der Regierung fuͤhrte, gab es zwei Par⸗ theien am Pofe, von welcher die eine, an deren Spitze Belleisle ſtand, den Krieg gegen Oeſtreich mit Nach⸗ druck wuͤnſchte, Fleury hingegen nur ſpäter zu die⸗ ſem Entſchluſſe vermocht werden konnte. 69 Allen dieſen Entwuͤrfen auf die öſtreichiſche Erb⸗ ſchaft kam Friedrich Il. von Preußen zuvor. Sein politiſcher Scharfblick erkannte, daß Karls des ſechsten Tod die guͤnſtigſte Veranlaſſung waͤre, die ältern Anſpruͤche ſeines Hauſes auf vier ſchleſi⸗ ſche Füurſtenthuͤmer zu erneuern, und, bei der uͤber die öſtreichiſche Erbſchaft begonnenen politiſchen Gaͤhrung, der preußiſchen Monarchie eine feſtere Unterlage und eine bedeutende Erweiterung und Machtverſtaͤrkung zu geben. Es ward bereits in der Darſtellung der Geſchichte Preußens im ſiebenzehnten Jahrhunderte berichtet, daß der Kaiſer Ferdinand II. das dem hohenzollern⸗ ſchen Hauſe in der fränkiſchen Linie gehörende ſchle⸗ ſiſche Fuͤrſtenthum Jägerndorf, ungeachtet der 1623 Mitbelehnung der Churlinie bei demſelben, eigen⸗ maächtig, nach der Achtserklaͤrung des Fuͤrſten Jo⸗ hann Georg, als verfallenes Lehen einzog, und daß, als das ſchleſiſche Regentenhaus, dem die Fuͤr⸗ ſtenthuͤmer Liegnitz, Brieg und Wohlau ge⸗ hoͤrten, im Mannsſtamme mit dem Herzoge Fried⸗ 1675 rich II. erloſch, der Kaiſer Leopold der erſte— ob⸗ gleich damals Bundesgenoſſe des großen Churfuͤr⸗ ſten— gleichfalls dieſe drei Fuͤrſtenthuͤmer als er⸗ ledigte Lehen behandelte und mit dem ihm gehoͤren⸗ den Herzogthume Schleſien verband, weil von ſeinen Vorfahren die ſeit dem Jahre 1537 zwiſchen Bran⸗ denburg und Liegnitz beſtehende, Erbverbruͤderung nie anerkannt worden ſey. Zwar war, zur Aus⸗ gleichung der brandenburgiſchen Anſpruͤche, dem gro⸗ ßen Churfuͤrſten im Jahre 1686 der Schwibuſſer Kreis dafur uͤberlaſſen, dieſer aber— in Folge des geheimen Vertrages, welchen der oſtreichiſche Ge⸗ ſandte dem nachmaligen Koͤnige Friedrich I. noch als 70 Kronprinz abgenoͤthigt hatte,— von Friedrich im Jahre 1694 an Oeſtreich zuruͤckgegeben worden. Friedrich Il. hatte von ſeinem Vater ein ſchlag⸗ fertiges Heer und eine gefullte Schatzkammer geerbt; doch erwartete die öͤffentliche Meinung Europa's in dem, in der Stille zu Rheinsberg mit Phiophie, Dichtkunſt, Geſchichte und Tonkunſt ſeit ſechs Jah⸗ ren beſchaͤftigten, Fuͤrſten keinen kriegsluſtigen Ko⸗ nig, geſchweige einen Helden auf dem Schlachtfelde und den Schoͤpfer eines neuen Kriegsſyſtems. Na⸗ mentlich wuͤrdigte man zu Wien Friedrichs Indivi⸗ dualität nicht richtig, wozu die Nachgiebigkeit der beiden unmittelbaren Vorgänger Friedrichs II. gegen die politiſchen Abſichten Oeſtreichs weſentlich beitrug, obgleich Oeſtreich ſelbſt nichts weniger, als zu einem Kampfe ſich geruͤſtet hatte, weil in den letzten Re⸗ gierungsjahren Karls VI. ein Mann an der Spitze des Kaiſerheeres fehlte, wie Eugen von Savoyen geweſen war. Bereits im December 1740 ließ Friedrich II. durch ſeinen Geſandten den Grafen von Gotter in Wien unterhandeln; um aber dieſen Un⸗ terhandlungen ein größeres Gewicht zu geben, brach 1740 er ſelbſt am 23. December 1740 mit ſeinem Heere von Kroſſen auf, verbreitete ſich uͤber das flache Land in Schleſien, und nöthigte die Hauptſtadt und Feſtung Breslau, fur neutral ſich zu erklären. Doch trat er noch nicht als Feind auf; er wollte ſich nur im Voraus eines Beſitzthums verſichern, woruber unterhandelt werden konnte. Der Graf von Gotter bot, im Namen des Königs, der Ma⸗ ria Thereſia, außer der bereits von ſeinem Vater geſchehenen Anerkennung der pragmatiſchen San⸗ ction, ein Buͤndniß zur Gewaͤhrleiſtung der ge⸗ ſammten teutſchen Staaten Oeſtreichs in Ueberein⸗ 7¹ ſtimmung mit Rußland und den Seemaͤchten, die Summe von 2 Millionen Thalern, und die bran⸗ denburgiſche Churſtimme zur Kaiſerwahl ihres Ge⸗ mahls an, dafern ſie ſeine Anſpruͤche auf die ſchleſi⸗ ſchen Fuͤrſtenthuͤmer anerkennen, und ihm wenig⸗ ſtens Niederſchleſien abtreten wuͤrde. Allein Maria Thereſia wies alle dieſe Antraͤge mit Kaͤlte zuruͤck, und ſo begann der erſte ſchleſiſche Krieg. Die Erſtuͤrmung der Feſtung Glogau(9. Maͤrz 1741) von den Preußen, war die erſte gluͤckliche Waffenthat in dieſem Kampfe. Darauf fuͤhrte aber der Feld⸗ herr, Graf von Neiperg, ein den Preußen uͤber⸗ legenes oͤſtreichiſches Heer aus Maͤhren und Boͤhmen uͤber Neiße und Brieg nach Schleſien, entſetzte dieſe beiden, von den Preußen belagerten, Feſtun⸗ gen, und kaͤmpfte mit Friedrich(10. April 1741) 1741 die Schlacht bei Mollwitz. Schon war die preu⸗ ßiſche Reiterei zweimal zum Weichen gebracht wor⸗ den, und Friedrich ſelbſt, nach dem Rathe des Ge⸗ nerals Schwerin, auf dem Wege nach Oppeln, als das preußiſche Fußvolk, gefuͤhrt von Schwerin, den Sieg uͤber die Oeſtreicher erkaͤmpfte. Kurz nach dieſer Schlacht noͤthigten(4. Mai 1741) die Preu⸗ ßen die Feſtung Brieg zur Uebergabe; doch Maria Thereſia, tief beleidigt durch Friedrichs Angriff und Anſpruͤche, beſchloß die beharrlichſte Fortſetzung des Kampfes, beſonders nachdem der Koͤnig Georg II. von Großbritannien ſich oͤffentlich fuͤr die Aufrecht⸗ haltung der pragmatiſchen Sanction erklaͤrt, und das Parlament ihm fuͤr dieſen Zweck 300,000 Pfund Sterling bewilligt hatte. Allein Friedrichs Sieg bei Mollwitz regte die Hoffnungen und Wuͤnſche der Gegner der Maria Thereſia mächtig auf. Der Marſchall Frankreichs, 1741 72 Belleisle, erſchien im Feldlager Friedrichs, und be⸗ wirkte im Auguſt 1741 ein Buͤndniß zwiſchen Preußen und Frankreich, nach welchem Frank⸗ reich dem Konige Friedrich den Beſitz von Nieder⸗ ſchleſien gewaͤhrleiſtete, einen Angriff auf Oeſtreich und Hannover, und die Verwendung fur die Erhe⸗ bung des Churfurſten von Bayern auf den teutſchen Faiſerthron zuſicherte, wogegen Friedrich die Verzichtleiſtung auf ſeine Anſpruͤche an Jtlich und Berg zu Gunſten des Hauſes Pfalz⸗Sulzbach, dem Churfuͤrſten von Bayern die brandenburgiſche Stim⸗ me zur Kaiſerwuͤrde, und die Fortſetzung des Krieges gegen Oeſtreich bis zur Verminderung der Lander⸗ macht deſſelben verſprach. Dieſem Buͤndniſſe zwi⸗ ſchen Preußen und Frankreich war bereits am 18ten Mai 1741 der Vertrag zu Nymphenburg zwi⸗ ſchen Frankreich und Bayern vorausgegangen, wor⸗ auf ein franzoſiſches Heer zur Unterſtuͤtzung des Chur⸗ furſten von Bayern aufbrach. Gleichzeitig ließ Frankreich ähnliche Verträge zum Kampfe gegen Oeſtreich mit Neapel, ſo wie mit den Churfurſten von Koͤln und der Pfalz unterzeichnen. Später 9. September 1741) trat auch der Churfuͤrſt von Sachſen, veranlaßt durch Frankreichs Verſpre⸗ chung des Erwerbes von Mähren, dem Nym⸗ phenburger Buͤndniſſe bei, nachdem Augnſt III. der fruͤher von ihm uͤbernommenen Gewaͤhrleiſtung der pragmatiſchen Sanction fur entbunden ſich erklärt hatte, weil andere Mächte gleichfalls dieſe Ge⸗ währleiſtung zuruͤckgenommen hätten. Mit dem Churfurſten Karl Albrecht von Bayern ſchloß Frie⸗ drich II. einen beſondern Vertrag auf die Bedin⸗ gungen, daß Friedrich dem Wittelsbacher die Kai⸗ ſerkrone, Boͤhmen, Oberoſtreich, Tyrol und den Breisgau verſprach, wogegen ihm der Churfuͤrſt von Bayern das ganze Schleſien mit Glatz zuſicherte. Zwar hatte Georg II. von England Rußland zu einem Angriffe auf Preußen zu vermoͤgen geſucht; allein der ſchnelle Thronwechſel in dieſem Reiche, wo, nach Anna's Tode, erſt der junge Jwan unter Vormundſchaft, und dann, unter dem Einfluſſe der Garden, die Eliſabeth, Peters I. Tochter, auf dem Throne folgte, die ſogleich durch einen, von Frank⸗ reich veranlaßten, Krieg mit Schweden beſchäftigt ward, hinderte die Einmiſchung Rußlands in den oͤſtreichiſchen Erbfolgekrieg bis zum Jahre 1746. Mußte doch Georg II., als Hannover zugleich von Frankreich durch den Marſchall Mallebois, und von Preußen durch den Fuͤrſten Leopold von Deſſau be⸗ droht ward, zu einem Neutralitätsvertrage ſich ver⸗ ſtehen, nach welchem er die Maria Thereſia als Churfurſt von Hannover nicht zu unterſtuͤtzen, und dem Churfuͤrſten von Bayern ſeine Churſtimme zur Kaiſerwurde zu geben verſprach! Ein bedeutendes franzoſiſches Heer zog darauf dem Churfuͤrſten von Bayern zur Huͤlfe, der mit dem, einen kuͤnftigen Kaiſer Teutſchlands nicht ſon⸗ derlich ehrenden, Titel eines koͤniglichen fran⸗ zoͤſiſchen Generallieutenants den Ober⸗ befehl deſſelben uͤbernahm, und mit demſelben in Ober⸗ oͤſtreich eindrang, wo er ſich huldigen ließ. Statt aber von da gegen Wien vorzuruͤcken, und dem Kriege— waͤhrend Oeſtreich noch nicht gehörig ge⸗ ruͤſtet war— einen beſtimmten Charakter zu ge⸗ ben, wandte er ſich nach Boͤhmen, wo die verbuͤn⸗ ſtuͤrmten. Während der Zeit, daß die Franzoſen und 741 deten Franzoſen, Bayern und Sachſen Prag er⸗2 Nov. 74 Bayern Linz beſetzt hatten, und— vor ihrem Auf⸗ bruche nach Boͤhmen— Wien bedrohten, ward am 9. October ein geheimer Vertrag zwiſchen Ma⸗ ria Thereſia und Friedrich zu Kleinſchnellenberg ab⸗ geſchloſſen. Nach den Bedingungen deſſelben ſollte Neiperg Schleſien bis zum 16. Oectober verlaſſen, die Feſtung Neiße aber, nach einem unbedeutenden Widerſtande, den Preußen uͤbergeben; doch ſollte zwiſchen beiden Maͤchten der kleine Krieg bis in die zweite Haͤlfte des Decembers fortgeſetzt werden, wo Maria Thereſia im Frieden Niederſchleſien und Neiße an Preußen abtreten wollte. Doch ſollte Friedrich durch dieſen Vertrag nicht gebunden ſeyn, dafern er von dem öoͤſtreichiſchen Kabinette bekannt gemacht wuͤrde.— In der That zog ſich auch Nei⸗ perg aus Schleſien zuruͤck, Neiße capitulirte, und die Preußen dehnten ſich bis in die Grafſchaft Glatz aus, wo ſie die Feſtung Glatz einſchloſſen. Allein Oeſtreich glaubte, es ſey ſeinem Intereſſe gemaͤß, beſonders um die Fortſchritte des franzoſiſch⸗ bayeriſchen Heeres zu hemmen, die Bedingungen des Vertrages mit Preußen zur Oeffentlichkeit zu bringen, wodurch ſogleich ſeine Guͤltigkeit erloſch. Zugleich brang, während die Franzoſen in Bayern und Boͤhmen ſtanden, ein öſtreichiſches Heer in 1742 Bayern vor, und beſetzte Muͤnchen. Friedrich Van. erkannte, daß Maria Thereſia, bei dem Wechſel des Kriegsgluͤckes, nicht gemeint war, die Bedin⸗ gungen des geheimen Vertrages zu erfuͤllen. Er bemaͤchtigte ſich daher der Feſtungen Ollmuͤtz (27. December 1744) und Glatz(9. Jan. 1742), und vereinigte in Maͤhren ſein Heer, mit welchem die Sachſen, zur Eroberung Maͤhrens, ſich ver⸗ banden. Gleichzeitig ward der Churfurſt von Bayern 75 zu Frankfurt zum römiſchen Kaiſer gewählt und ge⸗ 1742 kroͤnt. So kam das Diadem Teutſchlands— doch 24. nur auf drei Jahre— von Oeſtreich auf einen Wit⸗Jan. telsbacher, den nunmehrigen Kaiſer Karl VII. In Maͤhren hob Friedrich im April 1742 die Belagerung von Bruͤnn auf, worauf er ſich nach Boͤhmen wandte, wäͤhrend die Sachſen auf die boͤhmiſch⸗ſächſiſche Grenze ſich zuruͤckzogen, weil der Miniſter Graf Bruͤhl im Geheimen dem Wie⸗ ner Kabinette ſich annäherte. Bei Czaslau und Chotuſitz erfocht Friedrich am 17. Mai 1742 einen glaͤnzenden Sieg uͤber den Prinzen Karl von Lothringen an der Spitze des oſtreichiſchen Heeres. Unter brittiſcher Vermittelung fuͤhrte dieſer Schlacht⸗ tag zum Frieden zwiſchen Oeſtreich und Preußen; denn Georg lI. hatte dem Wiener Kabinette gera⸗ then, mit dem kräftigſten Gegner Oeſtreichs ſich auszuſoͤhnen, um dann den Kampf mit deſto gro⸗ ßerm Nachdrucke gegen die uͤbrigen Maͤchte fortzu⸗ fuͤhren. Der Präliminarvertrag zu Bres⸗ lau, am 11. July 1742, zwiſchen Oeſtreich und 1742 Preußen abgeſchloſſen, auf deſſen Unterlage der Friede zu Berlin am 28. July unterzeichnet ward, beſtimmte, daß Maria Thereſia Nieder⸗ und Oberſchleſien bis an die Oppa(mit Aus⸗ nahme der Stadt Troppau, eines Theiles von Jä⸗ gerndorf, und der Fuͤrſtenthuͤmer Teſchen und Bie⸗ lit), nebſt der Grafſchaft Glatz, dem Koͤnige Frie⸗ drich II. als ein ſouveraines, d. h. dem boͤhmi⸗ ſchen Lehnsnexus entbundenes, Herzogthum uͤber⸗ ließ, wobei ſie zugleich auf die boͤhmiſche Lehns⸗ hoheit uͤber Cottbus, Peitz, Zoſſen u. a. ver⸗ zichtete. Doch uͤbernahm Friedrich die Summe von 1,700,000 Thaler Schulden, welche auf Schleſien 76 hafteten, begab ſich jedes weitern Anſpruches auf irgend eine Beſitzung der Maria Thereſia, und ge⸗ währleiſtete die bisherigen Rechte der Schleſier, na⸗ mentlich die Erhaltung des katholiſchen Kirchen⸗ thums in ſeinem damaligen Zuſtande, allein mit der Feſtſetzung der Gleichheit der buͤrgerlichen und kirchlichen Rechte fuͤr alle Proteſtanten in Schleſien. Großbritannien und Rußland uͤbernahmen die Ge⸗ währleiſtung dieſes Friedens, welchem auch Sach⸗ ſen beitrat, ohne eine Landererwerbung zu machen. Die Verbindung des bedeutendſten Theiles von Schleſien mit den uͤbrigen Provinzen der preußi⸗ ſchen Monarchie war der erſte entſcheidende Schritt zur hoͤher ſteigenden Große derſelben; denn nicht nur die geographiſche Naͤhe dieſes Landes, ſondern auch die in demſelben vorherrſchende teutſche Sitte, Sprache und Verfaſſung, ſo wie die von den Schle⸗ ſiern bereits erreichte hohe Stufe des Gewerbswe⸗ ſens und des Handels, mußten bei dieſer Steigerung der Macht Preußens in Anſchlag gebracht werden. Beſonders erleichterte es die Verſchmelzung Schle⸗ ſiens mit Preußen, daß bis zum Jahre 1675 alle vormals in Schleſien einheimiſche Fuͤrſtenhaͤuſer er⸗ loſchen waren, und das ſchöne und reiche Schleſien blos als ein Nebenland zu den Provinzen der öſtrei⸗ chiſchen Monarchie gehoͤrte. Denn weit leichter ge⸗ wöhnt ſich ein Land, ohne ein eigenthumliches Fuͤr⸗ ſtenhaus in ſeiner Mitte, an den Wechſel ſeines Re⸗ genten, als ein Land, in welchem die regierende Dynaſtie und das Volk ſeit Jahrhunderten zu einer innigen Verbindung verſchmolzen ſind. Gegen den Erwerb Schleſiens konnte wohl Friedrich, in einem mit dem Hauſe Pfalz⸗Sulz⸗ 1741 bach abgeſchloſſenen Vertrage, die Anſpruche ſeiner 77 Dynaſtie auf Julich, Berg und Ravenſtein fallen laſſen, ſo daß im Voraus, bei dem Erloͤſchen des Churhauſes Pfalz⸗Neuburg, dem Hauſe Sulzbach die feierliche Beſitznahme jener ſchoͤnen, aus der juͤlichſchen Erbſchaft ſtammenden, Läͤnder zugeſichert ward.— Als aber beim Tode des Fuͤrſten Karl Edzard, am 25. Mai 1744, der Mannsſtamm im Fuͤrſtenthume Oſtfriesland erloſch, nahm Friedrich, geſtuͤtzt auf die fruͤher ſeinem Hauſe darauf ertheilte kaiſerliche Anwartſchaft, von dieſem Lande Beſitz, obgleich Hannover daſſelbe wegen einer aͤl⸗ tern, zwiſchen Hannover und Oſtfriesland abgeſchloſ⸗ ſenen, Erbverbruͤderung in Anſpruch nahm, die aber ohne Guͤltigkeit war, weil ſie der kaiſerlichen Beſtaͤtigung ermangelte. Der Bundesgenoſſe der Maria Thereſia, der König Georg II. von Großbritannien, hatte ſehr richtig vorausgeſehen, daß der öſtreichiſche Erbfol⸗ gekrieg, nach der Ausſohnung mit Friedrich II. von Preußen, eine guͤnſtige Wendung fuͤr die Koͤnigin von Ungarn und Boͤhmen nehmen wuͤrde. Denn, bald nach dem Berliner Frieden, gelang es den 1742 Oeſtreichern, die Franzoſen zur Uebergabe von Prag Dec. zu bringen, und ganz aus Bohmen zu verdraͤngen, worauf Maria Thereſia am 12. Mai 1743 die bohmiſche Krone zu Prag empfing. Der Kaiſer Karl VII., der, während der Siege Friedrichs, von Frankfurt am Main in ſein Erbland nach Muͤnchen zuruͤckgekehrt war, mußte daſſelbe, nach dem Siege der Oeſtreicher bei Sempach, wieder verlaſſen. 1743 Sein Feldherr, der Graf von Seckendorf, ſah ſich 9. ſogar genöthigt, mit Khevenhuller zu Niederſchon⸗ Mai. feld am 27. Jun. 1743 einen ſogenannten Neu⸗ tralitats⸗ und Evacuationsvertrag uͤber Bayern abzuſchließen, nach welchem die Staͤnde Bayerns und der Oberpfalz der Maria Thereſia die einſtweilige Huldigung leiſten mußten. Gleichzeitig mit dieſen glucklichen Erfolgen in Bohmen und im ſuͤdlichen Teutſchlande drang der Koͤnig Georg II., welcher den Freiſtaat der Nieder⸗ lande zur Stellung eines Huͤlfsheeres von 20,000 Mann vermocht hatte, an der Spitze der pragma⸗ tiſchen Armee(d. h. des Heeres, welches zur Auf⸗ rechthaltung der pragmatiſchen Sanction aufgeſtellt worden war) uͤber den Rhein vor, noͤthigte den Churfuͤrſten Karl Theodor von der Pfalz zur Neu⸗ tralität, und ſchlug mit ſeinem Sohne, dem Her⸗ 1748 zoge von Cumberland, bei Dettingen die Fran⸗ 27. zoſen unter Noailles.— Nach dieſem gluͤcklichen Jun. Erfolge untetzeichneten Großbritannien und Oeſtreich am 13. Sept. 1743 zu Worms einen Vertrag mit dem Koͤnige von Sardinien, nach welchem der König 45,000 Mann fuͤr Oeſtreich zu ſtellen verſprach, wogegen ihm von England Huͤlfsgelder, und von der Maria Thereſia einige Landſtriche vom Herzogthume Mailand zugeſichert wurden. Drei Monate ſpaͤter, am 20. Dec. 1743, trat auch der Churfuͤrſt von Sachſen mit Maria Thereſia zu ei⸗ nem Vertrage zuſammen, deſſen Bedingungen in dem Vertrage vom 13. Mai 1744 noch naͤher be⸗ ſtimmt wurden. Beide Mächte uͤbernahmen darin die gegenſeitige Gewaͤhrleiſtung ihrer geſammten Laͤnder. Während auf dieſe Weiſe Maria Thereſia den Kreis ihrer Bundesgenoſſen erweiterte, ſchloß auch 1743 Frankreich mit Spanien am 25. October 1743 ein genaueres Buͤndniß, worauf Ludwig XV. im Fruͤh⸗ jahre 1740 den Krieg foͤrmlich gegen Großbritan⸗ nien und— ſtreich ausſprach, weil er bis dahin an demſelben nur nach der, dem Churfurſten von Bayern zu leiſtenden, Huͤlfe Theil genommen hatte. Ein bedeutendes franzoſiſches Heer brach gegen Bel⸗ gien auf, zunaͤchſt um den Freiſtaat der Niederlande wegen ſeines Beitritts zur Sache Oeſtreichs und Englands zu beſtrafen. Doch mußte bald darauf eine Maſſe von 30,000 Mann nach dem Elſaſſe aufbrechen, nachdem die Oeſtreicher den Rhein uͤber⸗ ſchritten hatten, und die Eroberung des Elſaſſes beabſichtigten. Maria Thereſia und Georg II. hatten in dieſer Zeit alle Friedensvorſchläge Frankreichs und des Kaiſers Karl VII. zuruͤckgewieſen; und die Beſtim⸗ mung des Wormſer Bertrags, daß Sardinien Mai⸗ land fuͤr Oeſtreich beſetzen ſollte, damit Maria The⸗ reſia ihr italiſches Heer in Teutſchland gebrau⸗ chen könnte, mußte den König von Preußen, wegen der Behauptung des Beſitzes von Schleſien, mit Beſorgniſſen erfuͤllen. Zwar war durch ſeine Vermittelung die Vermaͤhlung des Großfurſten Pe⸗ ter von Rußland mit der Prinzeſſin Sophia Au⸗ guſte Friederike(nachher: Katharina II.), ſo wie die Vermaͤhlung ſeiner Schweſter Ulrike mit dem zum Thronfolger in Schweden beſtimmten Herzoge Adolph Friedrich von Holſtein bewirkt worden, wo⸗ durch die beiden nordiſchen Mächte fuͤr die Wie⸗ dereroffnung des Krieges neutraliſirt wurden; allein der ſchnelle Abſchluß des Berliner Friedens, wobei Friedrich ſeines Bundesgenoſſen, des Königs Lud⸗ wig XV. von Frankreich, gar nicht gedachte, hatte das fruͤhere freundſchaftliche Verhältniß zwiſchen 80 Frankreich und Preußen erkaltet. Als aber Oeſtreich die Eroberung Lothringens und des Elſaſſes beab⸗ ſichtigte; da naͤherten ſich beide Koͤnige von neuem, und vereinigten ſich zu einem Vertrage, nach wel⸗ chem Frankreich Hannover ſelbſt angreifen, den Ko⸗ nig von Schweden zu einem Angriffe auf das Her⸗ zogthum Bremen veranlaſſen, und die Oeſtreicher, ſobald ſie den Rhein verließen, ſo nachdruͤcklich ver⸗ folgen, und den Krieg nicht eher beendigen wollte, bis Böhmen an den Kaiſer Karl VII. uͤberlaſ⸗ ſen, und, von dieſem, drei böhmiſche an Schleſien grenzende Kreiſe dem Koͤnige von Preußen abgetre⸗ ten wuͤrden.— Auf die Unterlage dieſes Vertrages und ſeiner Beſtimmungen unterzeichnete bald darauf am 22. Mai 1744 Friedrich II. die Frankfur⸗ ter Union mit dem Kaiſer Karl VII., dem Chur⸗ furſten von der Pfalz, und dem Koͤnige von Schwe⸗ den, als Landgrafen von Heſſen⸗Kaſſel. Zwar unterblieb der Angriff Frankreichs auf Hannover, und der ſchwediſche auf Bremenz allein das raſche Ausbreiten der Oeſtreicher im Elſaſſe be⸗ ſtimmte den König, den zweiten ſchleſiſchen 1744 Krieg, am 25. Auguſt 1744, mit einem, in drei 25. Maſſen vertheilten, und, durch Sachſen, die Lau⸗ Aug ſitzen und Schleſien gegen Böhmen vordringenden, Heere zu eroffnen. Bevor noch Karl von Lothrin⸗ gen mit dem aus dem Elſaſſe aufbrechenden Heere Boͤhmen erreichen konnte, nöthigte Friedrich am 16. September Prag zur Capitulation. Doch verband ſich, in Folge der fruhern Vertraͤge, ein ſächſiſches Heer von 22,000 Mann mit den Oeſt⸗ reichern. Nach dieſer Vereinigung ſah Friedrich ſich genöthigt, Prag zu verlaſſen, und von Boͤhmen auf die Grenze Schleſiens ſich zuruͤck zu ziehen. Bevor 81 dort beide Heere in einer Hauptſchlacht ſich maßen, mußte Maria Thereſia eine neue Truppenmaſſe nach Bayern ſenden. Denn nach dem Aufbruche Karls von Lothringen aus dem Elſaſſe war der Kaiſer Karl VII. nach Muͤnchen zuruckgekehrt; ſein ploͤtz⸗ licher Tod aber am 20. Januar 1745 veraͤnderte bald den politiſchen Horizont. Während Maria Thereſia mit ihren Bundesgenoſſen die roͤmiſche Kai⸗ ſerwahl ihres Gemahls, des Großherzogs Franz Stephan von Toſkana, beabſichtigte, beſiegte ein öſtreichiſches Heer die Bayern in der Schlacht bei Pfaffenhofen am 15. April 1745, worauf der 1745 junge Churfurſt von Bayern, Maximilian Jo⸗ ſeph, der Sohn Karls Vl., mit der Maria The⸗ reſia im Frieden zu Fuͤßen am 22. April 1745 ſich verſohnte, in welchem er die pragmatiſche San⸗ ction anerkannte, dem Großherzoge ſeine Churſtim⸗ me zur Kaiſerwurde verſprach, und dagegen ſeine Erblaͤnder von Oeſtreich zuruͤckerhielt. So ſprengte der Friede zu Fuͤßen die Frank⸗ furter Union. Schon vor demſelben war am Sten Januar 1745 zu Warſchau ein Gegenbuͤndniß gegen dieſe Union von Oeſtreich, Großbritannien, den Nie⸗ derlanden und Sachſen unterzeichnet, und, nach dem⸗ ſelben, ein geheimer Vertrag am 18. Mai 1745 zu Leipzig zwiſchen Oeſtreich und Sachſen abge⸗ ſchloſſen worden. Nach dem Warſchauer Vertrage uͤbernahm Sachſen die Vertheidigung Böhmens (och mit Ausnahme von Schleſien) für brittiſche und niederlaͤndiſche Huͤlfsgelder mit 30,000 Mannz allein nach dem geheimen Vertrage zu Leipzig, ver⸗ banden ſich Oeſtreich und Sachſen, die Waffen nicht eher niederzulegen, bis Schleſien und Glatz an Oeſtreich zuruͤckgekommen, und Friedrichs Macht III. 6 82 in engere Grenzen zuruckgebracht worden waͤre, wobei— nach der Verſchiedenheit des Erfolges im Kriege— Sachſen durch das Herzogthum Magde⸗ burg nebſt dem Saalkreiſe, durch das Fuͤrſtenthum Croſſen nebſt dem Zuͤllichauer Kreiſe, und durch Cottbus in der Niederlauſitz vergroͤßert werden ſollte. Ganz anders aber, als dieſer geheime Vertrag, entſchied der Gang des Krieges. Denn Friedrich M. 1745 beſiegte am 4. Juni 1745 die Oeſtreicher und 4. Sachſen in der Schlacht bei Hohenfriedberg Jun.(oder Striegau), worauf die Sachſen von den Heſtreichern ſich trennten, weil der Fuͤrſt Leopold von Deſſau Sachſen mit einem preußiſchen Heere be⸗ drohte. Zwar ward, unter Georgs II. Vermitt⸗ lung, der Großherzog Franz am 13. Sept. 1745, mit Suſpenſion der brandenburgiſchen und pfälzi⸗ ſchen Churſtimmen, zum teutſchen Kaiſer gewaͤhlt; doch erregte die, von Frankreich unterſtuͤtzte, Lan⸗ dung des brittiſchen Prätendenten in Schottland und der ſchnelle gluͤckliche Erfolg deſſelben, dem Könige Georg ſo viele Beſorgniſſe, daß er nicht nur ſeinen Sohn, den Herzog von Cumberland, aus Teutſch⸗ land nach England zuruͤck rief, ſondern auch als Friedensvermittler zwiſchen Oeſtreich und Preußen auftrat, als er am 26. Auguſt 1745 zu Han⸗ nover eine Convention mit dem Konige von Preußen unterzeichnen ließ, nach welcher Fried⸗ rich 1I. im Beſitze Schleſiens bleiben, dagegen aber den Gemahl der Maria Thereſia als Kaiſer anerkennen ſollte. Allein Maria Thereſia war nicht gemeint, auf dieſe Bedingungen einzugehen, ſelbſt nachdem Friedrich bei Sorr am 30. September 1745 das ihm weit uberlegene öſtreichiſche Heer unter Karl von Lothringen beſiegt hatte. Vielmehr beabſichtigten 83 Oeſtreich und Sachſen einen Angriff auf Branden⸗ burg ſelbſt. Dieſem zuvorzukommen, ſammelte der Fuͤrſt Leopold von Deſſau bei Halle ein Heer, womit er Sachſen angriff, während Friedrich einen ſaͤch⸗ ſiſchen Heerestheil bei Hennersdorf in der Lauſitz 23. auftrieb, und darauf dem Churfuͤrſten von Sachſen Nov. durch den engliſchen Geſandten zu Dresden neue Friedensvorſchläge vorlegen ließ. Als dieſe zuruͤck⸗ gewieſen wurden, nahm der Fuͤrſt Leopold Leipzig und Torgau, und drang bis in die Gegend von Meißen vor, wo er am 15. December die Sachſen unter Rutowsky in ihren Verſchanzungen bei Keſ⸗ ſelsdorf angriff, und, bei dem dritten kuͤhnen Ver⸗ ſuche, derſelben ſich bemächtigte; waͤhrend die Oeſt⸗ reicher unter Karl von Lothringen in der Naͤhe ſtan⸗ den, ohne ihre Bundesgenoſſen zu unterſtutzen. Die Oeſtreicher zogen ſich darauf nach Bohmen zu⸗ ruͤck, nachdem Auguſt III. bereits vorher nach Prag ſich begeben hatte. Die Einnahme der Stadt Dresden von den 17. Preußen fuͤhrte zum Abſchluſſe des Friedens zwi⸗Dec. ſchen Preußen und Oeſtreich, und zwiſchen Preußen und Sachſen am 25. December 1745, 1745 auf die Unterlage der zu Hannover zwiſchen England und Preußen unterzeichneten Convention. Schleſien, Oec· ſo wie es Maria Thereſia im Breslauer Vertrage ab⸗ getreten hatte, blieb bei Preußen unter der Gewähr⸗ leiſtung Großbritanniens, der Niederlande und des teutſchen Reiches; dagegen erkannte Friedrich die Kaiſerwuͤrde Franz des erſten, und die fruher in An⸗ ſpruch genommene Guͤltigkeit der böhmiſchen Chur⸗ ſtimme an. Außerdem mußte Churſachſen eine Mil⸗ lion Thaler an Preußen bezahlen, und— gegen eine Entſchaͤdigung„an Land und Leuten“— die Ab⸗ 6* tretung der lauſitzſchen Stadt Fuͤrſtenberg und des Dorfes Schidlo mit den daſigen Oderzöllen an Preu⸗ ßen verſprechen. Dieſe Abtretung blieb aber in der Folge auf ſich beruhen, weil man ſich uͤber die an⸗ derweitige Entſchädigung nicht vereinigen konnte. Zwar dauerte, nach dem Dresdner Frieden, der öſtreichiſche Erbfolgekrieg noch drittehalb Jahre fort, 1748 bis ihn der Friede zu Aachen zum Vortheile der Maria Thereſia beendigte; doch nahm Friedrich II. keinen weitern Antheil an demſelben. Er widmete vielmehr, waͤhrend der darauf eintretenden Friedens⸗ jahre, ſeine Regententhätigkeit der zeitgemäßen Fort⸗ bildung des innern Staatslebens in ſeiner Monarchie, und der Steigerung ſeines Heeres bis auf 150,000 Mann. Denn entgehen konnte es ihm nicht, daß man in Wien den Verluſt Schleſiens noch nicht ver⸗ ſchmerzt hatte; daß der in Dresden alles vermogende Bruͤhl ihn unverſoͤhnlich haßte, und daß das Kabinet von St. Petersburg ihm feind, und namentlich die Kaiſerin Eliſabeth perſonlich, durch Friedrichs uber ſie ausgeſprochene Witworte, tief beleidigt worden war. Ob nun gleich die Bedingungen des geheimen Vertrages von Leipzig durch den Dresdner Frieden erloſchen zu ſeyn ſchienen; ſo dauerte doch ein ge⸗ heimer und vertraulicher Briefwechſel zwiſchen den Kabinetten zu Wien und Dresden fort, und zwi⸗ ſchen Rußland und Oeſtreich kam es— noch im Laufe des oſtreichiſchen Erbfolgekrieges— am 1746 22. Mai 1746 zu dem, in St. Petersburg unter⸗ zeichneten, Defenſivbuͤndniſſe, nach welchem beide, dafern Friedrich Oeſtreich, oder Rußland, 85 oder Polen angreifen wuͤrde, ſich zur Aufſtel⸗ lung eines Huͤlfsheeres von 60,000 Mann verpflich⸗ teten, um Schleſien an Oeſtreich zuruͤckzubringen; wogegen Maria Thereſia, ein Jahr nach dem wie⸗ dererlangten Beſitze Schleſiens, der Kaiſerin Eliſa⸗ beth 2 Millionen rheiniſche Gulden zahlen wollte. Zwar war der Churfuͤrſt von Sachſen von beiden Kaiſerhoͤfen zum Beitritte zu dieſem Buͤndniſſe ein⸗ geladen worden; er hatte aber denſelben abgelehnt, obgleich ſein Kabinet, fuͤr den Fall eines neubegin⸗ nenden Krieges, uͤber die Wahl der Bundesgenoſſen nichts weniger, als unſchluſſig war. Ueber die naͤhere Verbindung der beiden Kaiſer⸗ hoͤfe und Sachſens und uber den zwiſchen ihnen fort⸗ dauernden Briefwechſel, erhielt Friedrich bereits ſeit dem Jahre 1753 den beſtimmteſten Aufſchluß und die Abſchriften der deshalb gewechſelten diplomatiſchen Schriften, durch die Treuloſigkeit des ſaͤchſiſchen ge⸗ heimen Kanzelliſten Menzel, der von dem preußi⸗ ſchen Geſandten, dem Grafen von Malzahn, zu Dresden durch Beſtechung gewonnen worden war. Ob nun gleich Menzel, außer den Abſchriften des zwiſchen den drei Hoͤfen fortdauernden Briefwech⸗ ſels, keine Urkunde ausliefern konnte, als die Bedingungen des Petersburger Vertrages vom Jahre 1746, und die fruͤhern Beſtimmungen des geheimen Vertrages von Leipzig; ſo erkannte doch Friedrich daraus die fortdauernde feindliche Stim⸗ mung dieſer Maͤchte. Ein zwiſchen Großbritannien und Frankreich uͤber ihre nordamerikaniſchen Kolonieen ausbrechen⸗ der Seekrieg, und die vollige Veränderung des bis⸗ herigen politiſchen Syſtems zwiſchen mehrern euro⸗ paiſchen Hauptmaͤchten, gab im Jahre 1756 den 1756 86 Ausſchlag zur Eroffnung des dritten ſchleſiſchen Krieges. Ueber die unbeſtimmten Grenzen zwiſchen den Beſitzungen Frankreichs und Englands am Ohio be⸗ gannen im Jahre 1754 weitausſehende Streitig⸗ keiten und theilweiſe Gewaltthätigkeiten, die im Jahre 1755 zum Ausbruche des Seekrieges fuͤhrten. Der Anfang deſſelben war nachtheilig fuͤr Frankreich, das dagegen durch die Eroberung Han⸗ novers ſich zu entſchaͤdigen gedachte. Unter dieſen Verhaͤltniſſen war ein Krieg auf dem europäiſchen Feſtlande vorauszuſehen, und Georg II. ſuchte einen Bundesgenoſſen, um ſeinen geliebten Chur⸗ ſtaat zu decken und zu ſichern. Zuerſt ward zwi⸗ ſchen Großbritannien und Rußland zu Kenſing⸗ 1765 ton am 30. September 1755 ein Vertrag abge⸗ ſchloſſen, in welchem Rußland die Beſchuͤtzung Han⸗ novers uͤbernahm; eben ſo verpflichtete ſich der Land⸗ graf von Heſſen⸗Caſſel(18. Juni 1755), eine Heeresmaſſe von 6000 Mann zur Deckung Hanno⸗ vers zu ſtellen. Doch beide Verträge gnuͤgten dem Intereſſe Georgs II. nicht hinreichend; er ließ daher den König von Preußen— dem ohnedies die enge Verbindung zwiſchen Großbritannien und Ruß⸗ land nicht gleichguͤltig ſeyn konnte,— durch den Herzog von Braunſchweig zu einem Buͤndniſſe ein⸗ laden. Eben war es die Zeit, wo das im Jahre 1744 zwiſchen Frankreich und Friedrich II. auf zwolf Jahre abgeſchloſſene Buͤndniß ablief. Frankreich war der Erneuerung deſſelben nicht abgeneigt, obgleich be⸗ reits ſeit dem Jahre 1753 der öſtreichiſche Geſandte zu Paris, der Graf(nachmalige Fuͤrſt) Kaunitz, alle Kuͤnſte der Diplomatie aufgeboten hatte, Frank⸗ reich dem Intereſſe Preußens zu entftemden, und 87 eine genaue Verbindung zwiſchen Oeſtreich und Frank⸗ reich zu bewirken, die ſeine individuelle Anſicht dem Staatsintereſſe Oeſtreichs entſprechend fand, ob⸗ gleich beide Mächte ſeit Richelieu's Zeiten, mithin länger als ein Jahrhundert, einander beobachtend und bedrohend, oder auf den Schlachtfeldern gegen⸗ uͤber geſtanden hatten. Noch ſchwankte die Staatskunſt des Hofes von Verſailles, obgleich, auf Kaunitzens Rath, Maria Thereſia eigenhändig an die mächtige Maitreſſe Lud⸗ wigs XV., an die Pompadour, geſchrieben hatte. Schneller entſchied ſich Friedrich II. von Preu⸗ ßen. Von Frankreichs damaliger politiſcher Schwa⸗ che war bei der Erneuerung des Buͤndniſſes wenig zu erwarten. Von Rußland befuͤrchtete er keine Feindſeligkeiten wäͤhrend der damaligen Verbindung Rußlands mit England. In Schweden, obgleich von Frankreich abhaͤngig, ſaß ſein Schwager auf dem Throne. Er zog daher die Verbindung mit England der Erneuerung des Buͤndniſſes mit Frankreich vor, und ließ am 16. Januar 1756 1756 zu Weſtminſter einen Neutralitätsvertrag 16. mit Großbritannien unterzeichnen, nach welchem beide Jan. uͤber die Erhaltung des Friedens in Teutſchland ſich vereinigten, ſo daß ſie dem Einruͤcken und Durchzuge fremder Heere durch das teutſche Reich mit allem Nachdrucke ſich widerſetzen wollten. Dabei wurden dem Koͤnige von Preußen fuͤr ein Heer von 20,000 Mann jährlich 4 Millionen Thaler engliſche Huͤlfsgel⸗ der waͤhrend der Dauer des Krieges zugeſichert.— Als nun der franzöſiſche Geſandte zu Berlin mit dem Ko⸗ nige uͤber die Erneuerung des ablaufenden Buͤndniſſes zwiſchen Frankreich und Preußen unterhandeln wollte, legte ihm Friedrich den mit Großbritannien abge⸗ 88 ſchloſſenen Vertrag vor, worauf die Verbindung zwiſchen beiden Maͤchten abgebrochen, und darauf am 1. Mai 1756 das, von Kaunitz laͤngſt vorberei⸗ tete, Buͤndniß zwiſchen Frankreich und Oeſtreich, und an demſelben Tage auch ein Neutralitätsver⸗ trag zwiſchen beiden Mächten unterzeichnet ward. Sie uͤbernahmen darin die gegenſeitige Gewaͤhrlei⸗ ſtung des Beſitzes ihrer geſammten Staaten, und die Verpflichtung, auf den Fall eines Angriffes, ſich gegenſeitig mit 24,000 Mann zu unterſtuͤtzen. Bei dieſer vollig veräͤnderten Stellung der euro⸗ päiſchen Hauptmächte gegen einander, wodurch Frankreich mit Oeſtreich zuſammentrat und ſein Buͤndniß mit Preußen verließ, Großbritannien hin⸗ gegen die vieljaͤhrige Verbindung mit Oeſtreich auf⸗ gab und an Preußen ſich anſchloß, hatte Fried⸗ rich nur in dem einzigen Puncte ſich verrechnet, daß er, wegen des damaligen freundlichen Verkehrs zwiſchen Rußland und Großbritannien, keinen Hauptangriff von Seiten Rußlands befuͤrchtete. Al⸗ lein Eliſabeth und ihr Großkanzler Beſtuchef waren dem Koͤnige Friedrich zu ſehr abgeneigt, und fanden ſich durch das Buͤndniß zwiſchen England und Preu⸗ ßen zu tief beleidigt, als daß nicht Rußland ſogleich die Verbindung mit Großbritannien abgebrochen, und, nach dem mit Maria Thereſia im Jahre 1746 abgeſchloſſenen Vertrage, auf die Seite der Feinde Friedrichs ſich geſtellt hätte. Schon hatten, durch Bundesgenoſſen auf dem Feſtlande geſichert, England und Frankreich— im Mai und Juni 1756— einander gegenſeitig den Krieg erklart; ſchon ſammelten ſich anſehnliche öſtrei⸗ 89 chiſche Heeresmaſſen in Boͤhmen und an der Grenze Schleſiens; ſchon hatte Friedrich II. befohlen, ſeine Heere zuſammen zu ziehen, als er durch ſeinen Ge⸗ ſandten Klinggraͤf in Wien uͤber die öſtreichiſchen Ruͤſtungen anfragen ließ, und dreimal eine auswei⸗ chende Antwort erhielt. Da beſchloß er, ſeinen Geg⸗ nern zuvor zu kommen, und ließ drei Heeresmaſſen, zuſammen 60,000 Mann, am 29. Auguſt 1756 in den ſachſiſchen Churſtaat, ohne vorausgegangene Kriegserklärung, vordringen, bemaͤchtigte ſich der feſten Plätze Wittenberg, Leipzig und Torgau, er⸗ klaͤrte, daß er Sachſen einſtweilen in Depot neh⸗ me, ſchloß das ſächſiſche, bei Pirna zuſammenge⸗ zogene, Heer von hoͤchſtens 17,000 Mann mit ſeinen vereinigten Kolonnen ein, beſetzte Dresden (10. September), das der Koͤnig Auguſt III. ver⸗ laſſen und ſich auf den Koͤnigſtein begeben hatte, erzwang die Eroͤffnung des ſaͤchſiſchen geheimen Ar⸗ chivs, und ließ, aus den daſelbſt weggenommenen Papieren, von ſeinem geheimen Rathe von Hertz⸗ berg die Denkſchrift bearbeiten, in welcher das Be⸗ tragen der Hoͤfe von Wien und Dresden zur Oeffent⸗ lichkeit gebracht ward*). Obnun gleich die vieljährige innige Verbindung beider Hoͤfe, und ihre Stellung gegen Preußen aus dieſen Papieren hervorging; ſo erkläͤrte doch Hertzberg, 31 Jahre ſpäter und nach Friedrichs Tode, in einer beſondern Denkſchrift**); *) Pertzberg in ſ. recueil. T. I. hat das mé- moire raisonné sur la conduite des deux cours de Vienne et de Saxe. **) Hertzberg, mémoire historique sur la der- niere annse de la vie de Frédéric II. Berlin 1787. 8. p. 18. 90 daß die Verabredungen der Hoͤfe von Wien und Dresden den Fall vorausgeſetzt hätten, daß Friedrich ſelbſt die Veranlaſſung zum Kriege geben wuͤrde. Waͤhrend das ſächſiſche Heer bei Pirna einge⸗ ſchloſſen war, zog ein preußiſcher Heerestheil von Sachſen nach Boͤhmen, um den Feldmarſchall Brown zu verhindern, den Sachſen zu Huͤlfe zu kom⸗ men. Der König ſchlug ihn am 1. October 1756 bei Lowoſitz und druͤckte ihn uͤber die Eger zu⸗ ruͤck, worauf er nach Sachſen zuruͤck eilte, und die Sachſen, die beim Königsſteine uͤber die Elbe gegan⸗ gen waren, um ſich den von neuem nach Schan⸗ dau vordringenden Oeſtreichern zu nähern, am 14. October zu der Capitulation am Fuße des Li⸗ lienſteins brachte, nach welcher ſie kriegs gefan⸗ gen wurden, der Koͤnigsſtein aber fuͤr neutral er⸗ klaͤrt ward. Der Koͤnig Auguſt III. ging darauf mit dem Miniſter Bruͤhl nach Polen, und ſah ſein Stammland erſt nach dem Hubertsburger Frieden wieder. Er hatte, nach der zwiſchen ihm und Oeſtreich beſtehenden Verbindung, das von Fried⸗ rich II. ihm gegen Heſtreich angetragene Buͤnd⸗ niß abgelehnt, und dagegen fuͤr Sachſen Neutra⸗ litaͤt verlangt, die ihm Friedrich verweigerte, der die Huͤlfsquellen richtig zu wuͤrdigen verſtand, die ihm der Beſitz des ſächſiſchen Churſtaates eroffnete. — Sogleich nach der mit dem ſaͤchſiſchen Heere ab⸗ geſchloſſenen Capitulation, erklaͤrte Friedrich dieſelbe dahin, daß er blos die ſächſiſchen Officiere auf ihr Ehrenwort, wäͤhrend dieſes Krieges nicht gegen ihn zu dienen, entließ, dagegen die Unterofficiere und Gemeinen ſeinen Heeren einverleibte, und noch 9000 —₰ Mann fur den preußiſchen Kriegsdienſt in Sachſen ausheben ließ. Allerdings erregte Friedrichs Betragen gegen den Churſtaat Sachſen und das ſächſiſche Heer allge⸗ meine Befremdung und Unwillen in Europa. We⸗ gen ſeines Einbruches in Sachſen, ohne vorherge⸗ gangene Kriegserklaͤrung, trug der Kaiſer bei dem Reichstage auf die Achtserklaͤrung des Churfurſten von Brandenburg an, der den ewigen Landfrieden gebrochen habe. Ob nun gleich, unter dem Ein⸗ fluſſe des proteſtantiſchen Religionstheiles, die Reichs⸗ acht nicht ausgeſprochen ward; ſo ward doch ein Reichsepecutionsheer beſchloſſen und aufge⸗ 1757 ſtellt, das aber im ganzen Laufe dieſes Krieges nur 17. wenig that, und die oͤffentliche Meinung von den Jan. Leiſtungen eines teutſchen Reichsheeres tief herab⸗ ſetzte. Frankreich und Rußland aber, die Bundesge⸗ noſſen der Maria Thereſia, verſprachen, der Maria Thereſia und dem Churſtaate Sachſen nachdtuͤcklich beizuſtehen; namentlich ſtellte Frankreich ein weit groͤßeres Heer, als der Vertrag von Verſailles feſt⸗ geſetzt hatte. Selbſt Schweden ward von Frank⸗ reich genoͤthigt, wegen der uͤbernommenen Gewähr⸗ leiſtung des weſtphäliſchen Friedens, den Krieg gegen Preußen auszuſprechen; nur daß er, bei den innern Reibungen der politiſchen Partheien in dieſem Koͤnigreiche, ſehr ſchlaff und ruhmlos ge⸗ fuͤhrt ward. Der ſiebenjaͤhrige Krieg, ob ihn gleich der Hu⸗ bertsburger Friede zuletzt auf die Bedingungen des Beſitzſtandes, wie vor dem Anfange des Kampfes (auf den status quo) beendigte, bleibt doch in der Geſchichte des achtzehnten Jahrhunderts eins der denkwuͤrdigſten Ereigniſſe. Denn nicht nur, daß 92 er der Tactik und Strategie eine neue Geſtalt gab, die, in ihrer zum Syſteme ausgepraägten und von den meiſten europaͤiſchen Reichen allmaͤhlig ange⸗ nommenen Form, fortdauerte bis zum franzöſiſchen Revolutionskriege; er zeigte auch, in den Jahrbuͤ⸗ chern der Geſchichte zum erſtenmale, den Wider⸗ ſtand der Intelligenz eines Einzigen im Rieſenkampfe mit den materiellen Kraͤften eines halben Erdtheils, und den glorreichen Sieg dieſer Intelligenz uͤber die ganze Macht der Gefah⸗ ren, die auf Friedrich II. von allen Seiten her ein⸗ ſtuͤrmten. Allerdings fehlte Einheit und Zuſam⸗ menhang in den Planen ſeiner Gegner; allerdings war der Antheil Schwedens und des teutſchen Rei⸗ ches an dieſem Kampfe unbedeutend; allerdings waren die, von der Pompadour erwäͤhlten, Feld⸗ herren Frankreichs nicht geeignet, die glanzvollen Kiegezeiln Ludwigs XIV. zu erneuern; allerdings war L Oeſtreichs Fabius Cunctator, der Feldmarſchall Daun, weniger, als der feurige, nur zu ſehr ver⸗ kannte und vernachlaͤſſigte, Laudon, geeignet, die politiſche und ſtrategiſche Umſicht Friedrichs zu uͤber⸗ flugeln; allerdings herrſchte wenig Einverſtändniß und Freundſchaft zwiſchen den Anfuͤhrern der ruſſi⸗ ſchen und oſtreichiſchen Heere;— allein den eigent⸗ lichen Ausſchla ag im ganzen ſiebenjaͤhrigen Kriege gab doch uͤberall die Perſoͤnlichkeit Fried⸗ richs ſelbſt. Keiner ſeiner Generale erreichte Friedrichs Groͤße auf dem Schlachtfelde, ſo viel er auch dem umſichtigen und tapfern Ferdinand von Braunſchweig, und der vielſeitig berech⸗ neten Haltung ſeines Lieblingsbruders Heinrich auf den Schlachtfeldern im Einzelnen zu verdan⸗ ken hatte. Deshalb ruht auch, wie im ernſten 93 Epos, der Blick zunächſt auf Friedrich ſelbſt waͤh⸗ rend dieſes Kampfes, und was die epiſche Dicht⸗ kunſt in ihren gelungenſten Formen von dem Kampfe des, in dem Mittelpuncte ihrer Darſtellung ſtehen⸗ den, Helden gegen die unwiderſtehliche Macht des auf ihn eindringenden Schickſals berichtet, trat bei Friedrich zum erſtenmale aus dem Kreiſe der idea⸗ liſchen Dichtung in den Kreis der Wirklichkeit. So hatten vor ihm weder Alexander, noch Hannibal, noch Julius Cäſar, noch Karl der Große, noch der Hohenſtaufe Friedrich II. in der Geſchichte geſtanden. Alexander endigte, bevor er ſein Ziel erreicht und ſeine neue Schöpfung geſtaltet hatte. Sie ſank uͤber ſeiner Leiche in Truͤmmern. Hannibals Größe verſcholl nach der Schlacht bei Zama, und auf dem Boden Aſiens endigte er am Gifte. Julius Cäſar kämpfte bei Munba fuͤr die letzte Stufe ſeiner Größe; er ſank aber, als er ſie eben beſteigen wollte, durch⸗ bohrt von 23 Dolchſtichen, an der Saͤule des durch ihn gefallenen Pompejus. Karl der Große herrſchte allerdings uͤber ein groͤßeres Areal, als Friedrich, und endigte groß, wie er begonnen; allein die Heere der Langobarden, der Mauren, der Sachſen, der Slaven und der Avaren, die er bezwang, waren nicht mit den Heeren zu vergleichen, mit welchen ſich Friedrich bei Prag, bei Leuthen, bei Zorndorf und bei Torgau maß. Friedrich der Hohenſtaufe endlich, bei aller epiſchen Größe, die er entwickelte, unterlag doch zuletzt der Nothwendigkeit des von Prieſterhäͤnden ihm bereiteten Schickſals, das, acht⸗ zehn Jahre nach ſeinem Tode, ſelbſt den letz⸗ ten Reſt ſeiner Dynaſtie zertruͤmmerte. Preußens Friedrich hingegen trat aus dem ſiebenjährigen, ihm mit Vernichtung drohenden, Kampfe, verlaſſen 94 zuletzt von allen Bundesgenoſſen, geſtutzt auf ſich und ſeine innere Groͤße, mit Ruhm und Ehre heraus; er erlebte keinen Tag von Waterloo; er hatte endlich die Welt, und, was noch mehr ſagen will, ſelbſt ſeine Feinde zur Bewunderung ſeiner Intelligenz genöthigt; er hatte— und dies war die bleibende Folge ſeiner großen Ankuͤndigung in dem ſiebenjährigen Kampfe— dem Konig⸗ reiche Preußen eine Stelle in der Reihe der Mächte vom erſten politiſchen Range errungen, und ſicherte ſeiner Monarchie dieſe Eh⸗ renſtelle während der darauf folgenden 23 Jahre ſeines Lebens. Mag daher der Tactiker zunächſt bei den Planen zu den Schlachten und Belagerungen des ſiebenjaͤh⸗ rigen Krieges verweilen; mag er dieſe Plane mit ih⸗ ren Erfolgen zuſammenhalten, und das Verhaͤltniß ausmitteln, in welchen die einzelnen Waffenarten auf den Schlachtfeldern neben und gegen einander ſtanden; mag er den König wegen des Ueberfalls bei Hochkir⸗ chen, wegen des Tages bei Cunersdorf, wegen der Ge⸗ fangennehmung des Fink'ſchen Heeres bei Mapen und des Fouque'ſchen Corps bei Landshut tadeln; der ſiebenjährige Krieg, aus dem Standpuncte der Geſchichte und Staatskunſt, enthält keine Bataillen⸗ malerei, ſondern giebt die einzelnen kriegeriſchen Vorgänge nur als die verbindenden Mittelglieder des großen Zieles, das Friedrich ſich vorhielt, und das ſeine Intelligenz erſtrebte und verwirklichte.— Von Sachſen ging Friedrich nach Boͤhmen, wo er unter den Mauern von Prag am 6. Mai 1757 1757 hunderttauſend Oeſtreicher, angefuͤhrt von 6. Karl von Lothringen und Brown, beſiegte. Der Mai. Tag war heiß und blutig; ihm folgte die Bela⸗ 95 gerung Prags. Da eilte Daun, mit welchem ſich einige ſaͤchſiſche— in Ungarn neugeſammelte— Reiterregimenter verbunden hatten, zum Entſatze herbei, und bezwang das preußiſche Heer bei Col⸗ lin. Der Koͤnig mußte Boͤhmen verlaſſen.— In Oſtpreußen ſchlug am 30. Aug. 1757 der An⸗ fuhrer der Ruſſen, Apraxin, die Preußen unter Leh⸗ wald bei Großjägerndorf. Die Erbitterung der Kaiſerin Eliſabeth verſtattete den Ruſſen, ge⸗ fuͤhrt von Fermor, die wildeſten Verheerungen und Bedruͤckungen in Oſtpreußen, bis das Schickſal dieſes Landes, welches Eliſabeth bereits als kunf⸗ tiges Beſitzthum behandelte, nach der der Kaiſerin geleiſteten Huldigung(1758) etwas gemildert ward. Fur Friedrich, der dieſe Huldigung nie ganz ver⸗ ſchmerzen konnte, gingen, bis zum Frieden mit Rußland im Jahre 1762, alle Huͤlfsquellen deſſel⸗ ben verloren. Doch bewegten ſich die ruſſiſchen Maſſen von Oſtpreußen aus nur langſam durch Weſtpreußen und Pommern nach den Marken, während Friedrich nach Thuͤringen eilte, wo er auf die unter dem Prinzen Soubiſe vorgedrungenen Franzoſen, und auf die mit denſelben verbundenen Reichstruppen unter dem Prinzen Joſeph von Hild⸗ 1737 burghauſen, ſich bei Roßbach am 5. Nov. 1757 5. warf, und dieſe Truppenmaſſen in wenigen Stun⸗ Nov. den auseinander ſprengte. Ein halbes Jahrhundert hindurch blieb der Name Roßbach ein Mißlaut fuͤr franzöſiſche Ohren.— Von Thuͤringen brach Fried⸗ rich nach Schleſien auf, wo Schweidnitz gefallen war, und erkämpfte bei Leuthen den großen Sieg 1757 uͤber die vereinigten öſtreichiſchen Heere unter Karl 5. von Lothringen, Nadasti und Daun. Dec. 96 Das Jahr 1757 war ein Jahr des Ruhmes und Glanzes fuͤr Friedrich geweſen; denn die Fol⸗ gen des Tages von Collin wurden beſeitigt bei Roß⸗ bach und bei Leuthen. Im Jahre 1758 ſtellte er ſich bei Zorndorf den Ruſſen entgegen, welche die Feſtung Kuͤſtrin niedergeſchoſſen hatten, und maß ſich mit ihnen am 25. Aug. 1758. Es war ei⸗ ner der blutigſten Tage im ganzen Kriege; allein die Intelligenz des Koͤnigs ſiegte uͤber die Kernmaſſen der Ruſſen, die, nach dem Kampfe, das Schlacht⸗ feld raͤumten. Viel verlor aber Friedrich in Dauns naͤchtlichem Angriffe auf das preußiſche Heer bei 1758 Hochkirchen am 14. Oct. 1758, obgleich Daun 14. die erfochtenen Vortheile nicht weiter verfolgte, und Oct. der König ſeinen bedeutenden Verluſt durch die Ge⸗ genwart ſeines Geiſtes auszugleichen verſtund, und 85 von der Lauſitz nach Schleſien aufbrach, um die be⸗ lagerte Feſtung Neiße zu entſetzen.— Waͤhrend Friedrich ſeit dem Fruͤhjahre 1757 den Krieg in Böhmen eroͤffnet, und abwechſelnd in Boͤhmen, Thuͤringen, Schleſien und der Mark die ihn bedrohenden Heeresmaſſen bekaͤmpft hatte, eroͤffnete ein franzöſiſches Heer von 100,000 Mann, gefuͤhrt von dem Marſchalle d'Etrées, den Krieg gegen die weſtphaͤliſchen Länder des Königs von Preußen und gegen Hannover. Vom Niederrheine aus beſetzten die Franzoſen fuͤr die Maria Thereſia die rheiniſch⸗weſtphäliſchen Provinzen des Königs, ſo wie Oſtfriesland. Sie drangen in Heſſen und den braunſchweigiſchen Ländern vor, beſiegten den Her⸗ 1757 zog von Cumberland bei Haſtenbeck in der Nähe 26. von Hameln, worauf der neue Anfuͤhrer der Fran⸗ Jule zoſen, der Herzog von Richelieu, unter däniſcher Vermittlung, mit dem Herzoge von Cumberland zu 97 Kloſter Seven einen den Britten, Preußen, Hannoveranern und Heſſen nachtheiligen Neutra⸗ litätsvertrag abſchloß; denn nach demſelben ſollten die Franzoſen den Churſtaat Hannover beſetzt halten. Als aber Richelieu die einzelnen Bedingungen dieſes Vertrages nach ſeiner Anſicht auslegte, die Ent⸗ waffnung der Heſſen, und die Verpflegung ſeines Heeres auf Koſten Hannovers verlangte; da er⸗ klärte Georg II., nach der in London eingegangenen Nachricht von der Niederlage der Franzoſen bei Roß⸗ bach, den von ihm noch nicht beſtätigten Vertrag 26. fur ungultig, und verlangte auf Pitt's Rath, an Nov. Cumberlands Stelle, den Herzog Ferdinand von Braunſchweig von ſeinem Bundesgenoſſen Fried⸗ rich zum Oberbefehlshaber des Heeres der Allürten. So kam der rechte Mann an den rechten Platz. Denn in dieſen Gegenden mußte zunachſt ein Vertheidi⸗ gungskrieg geführt werden, um das Vordringen und die Verbindung der Franzoſen und der mit ihnen unter der Anfuͤhrung des Prinzen Kaver ver⸗ einigten Sachſen, mit den Oeſtreichern und Ruſſen zu verhindern, und ſie in den Rhein⸗ und Weſer⸗ gegenden zu beſchäftigen. In dieſem Geiſte fuͤhrte Ferdinands Beſonnenheit den Krieg. Er ſchlug den, 1738 an Richelieu's Stelle getretenen, Clermont am 23. 23. Junius 1758 bei Crefeld, und verhinderte Jun. die Verbindung des Contades, der dem beſiegten Clermont im Oberbefehle gefolgt war, mit den bei Roßbach zuruckgeworfenen Heerestheilen des Sou⸗ biſe, der von den Reichstruppen ſich getrennt hatte. Zwar erlitt Ferdinand einen empfindlichen Verluſt, 1759 als er am 13. April 1759 auf das verſchanzte La⸗ 13. ger der Sachſen und Franzoſen unter Broglio bei April Bergen einen kuͤhnen Angriff wagte; er behauptete MI. 7 1759 aber die Weſer, und glich ſeinen fruͤhern Verluſt 1. aus durch den Sieg bei Minden am 1. Aug. 1759 Aug. uͤber Contades und Broglio, ſo wie durch den ehren⸗ 1760 vollen Kampf am 31. Juli 1760 bei Mar⸗ 31. burg, wo er von neuem die Franzoſen zum Wei⸗ Jul. chen brachte.— So ſicherte die Umſicht des Guel⸗ phen den Konig vor einem Angriffe vom Weſten her, und vor der Vereinigung der Franzoſen mit den Heeren der beiden Kaiſerinnen auf den Schlacht⸗ feldern Sachſens.— Nur im Vorbeigehen bedarf es der Erwaͤhnung, daß das von Schweden auf⸗ geſtellte Heer auf kleinere Gefechte, auf Streifzuge in die noͤrdlichen Theile der Marken, und auf die Belagerung der Feſtung Colberg ſich beſchränkte. Hoͤchſt unguͤnſtig war fuͤr Friedrich das Jahr 1759. Schon hatte ſein General Wedel 1759 dem von Soltikow gefuͤhrten ruſſiſchen Heere bei 23. Kay am 23. Juli 1759 weichen muͤſſen, als Jul. Friedrich ſelbſt gegen die Ruſſen unter Soltikow und 12. gegen die Oeſtreicher unter Laudon am 12. Auguſt Aug. die große Schlacht bei Cunersdorf verlor; ein Verluſt, der um ſo empfindlicher war, weil bald Nov. darauf der von Fink gefuͤhrte preußiſche Heerestheil, 1760 umſchlungen von den Oeſtreichern, bei Maren, 23. und ſpäter auch das Corps des Generals Fou⸗ Jun. qus bei Landshut in öſtreichiſche Gefangenſchaft gerieth.— Ob nun gleich Friedrich des, von Schmettau im Jahre 1759 geraͤumten, Dresdens durch eine mehrtägige zerſtörende Beſchießung ſich 10 Ful. wieder bemächtigen wollte; ſo mußte er doch, bei 20. Dauns Annaͤherung zum Entſatze, dieſen Plan auf⸗ Jul. geben. Er zog nach Schleſien, wo Laudon Bres⸗ lau beſchoſſen hatte, mit welchem ſich bei Liegnitz Daun, und 20,000 Ruſſen unter Czernitſchef 99 verbanden, welche die völlige Einſchließung des preu⸗ ßiſchen Heeres unter Friedrich beabſichtigten. Es war Dauns Plan, den Konig, wie bei Hochkirchen, während der Nacht zu uͤberfallen; Friedrich aber, benachrichtigt davon, warf ſich am Morgen des 15ten Auguſts zunächſt auf Laudon, und beſiegte 15. deſſen Heer mit ſolchem Erfolge, daß der ihm dro⸗ Aug. hende Vernichtungsplan völlig ſcheitette. Waͤhrend Friedrichs Anweſenheit in Schleſien, wo er in der Nähe von Schweidnitz dem Feldmar⸗ ſchalle Daun gegen uͤber ſtand, bis dieſer nach Böh⸗ men ſich zuruͤckzog, druͤckte das Reichsheer, in Ver⸗ bindung mit den Wuͤrtembergern, den preußiſchen General Huͤlſen aus Sachſen. Torgau, Leipzig und Wittenberg— das letztere nach einem zerſtö⸗ renden Bombardement(13. October 1760)— gin⸗ gen an die Reichstruppen uͤber. Selbſt Berlin ward von einem vereinigten Heere der Ruſſen, Oeſtreicher und Sachſen unter Czernitſchef, Tottleben und Laſch am 9. October 1760 beſetzt und gebrand⸗ ſchatzt, drei Tage darauf aber wieder verlaſſen, als man die Annäherung Friedrichs erfuhr. Die Ruſſen gingen nach Frankfurt und Landsberg, die Oeſtreicher und Sachſen in die Gegend von Torgau; die Preußen beſetzten Wittenberg und Leipzig von neuem, und Friedrich, der bei Deſſau die Elbe uber⸗ 26 ſchritt, und um jeden Preis ſich Winterquartiere Sct. in Sachſen erkämpfen wollte, zog dem bei Torgau gelagerten Daun entgegen. Der Schlachttag bei Torgau am 3. November 1760 war einer der Z. blutigſten Tage des ganzen Krieges. Die Erſtur⸗Nov. mung der Anhöhen von Süptitz durch Ziethen gab den Ausſchlag zum Siege. Daun zog ſich in die * —0 Gegend von Dresden zuruͤck, und Friedrich be⸗ hauptete den groͤßten Theil von Sachſen. So erfolgreich aber auch das Ergebniß dieſes wichtigen Tages war; ſo konnte doch Friedrich die allmaͤhlige Erſchöpfung ſeiner Huͤlfsquellen ſich nicht verbergen. Die ununterbrochen nothige Ergänzung ſeiner Heere erſchuͤtterte den Kern der Bevolkerung ſeiner Staaten; die öſtlichſten und weſtlichſten Pro⸗ vinzen der Monarchie waren nach ihren Einkuͤnften fuͤr ihn verloren; Sachſen, durch fuͤnf Kriegsjahre hart mitgenommen, konnte nur durch ſtrenge Maas⸗ regeln, und durch Verſchlechterung der Muͤnzen, fuͤr Friedrichs Beduͤrfniſſe fortdauernd angezogen wer⸗ den, und der Tod des Koͤnigs von England, 1760 Georg II., am 25. October 1760 entzog ihm die 25. brittiſchen Huͤlfsgelder, weil der neue Miniſter Det. Georgs III., der Lord Bute, dem Könige von Preußen perſoͤnlich abgeneigt war, und der Seekrieg der brittichen Macht einen ſo bedeutenden Zuwachs verſchafft hatte, daß man in dem fortgeſetzten Kriege mit Frankreich wenig von deſſen Abſichten auf Han⸗ nover mehr befurchtete. Unter dieſen Verhaältniſſen blieb das Jahr 1761 ohne bedeutende kriegeriſche Ereigniſſe; denn ſelbſt die Vereinigung der Ruſſen unter Butturlin mit den Oeſtreichern unter Laudon in Schleſien ward, wegen der zwiſchen beiden Feldherren eintretenden Mißver⸗ ſtaͤndniſſe, wieder aufgehoben, weil Laudon den ih⸗ nen gegen uͤber ſtehenden König angreifen wollte, Butturlin aber dies zu bedenklich fand. Zwar war der Gedanke einer Verſoͤhnung der ſtrei⸗ tenden Maͤchte bereits aufgefaßt, und im Jahre 1761 Augsburg zum Congreßorte beſtimmt worden; al⸗ lein beide Theile erwarteten immer noch eine ihnen 101 guͤnſtige Wendung der Dinge, um, nach einem ſo langen und koſtſpieligen Kampfe, mit einem ent⸗ ſcheidenden Ergebniſſe aus demſelben treten zu koͤn⸗ nen. Dieſe Wendung erfolgte zu Gunſten Fried⸗ richs, als am 5. Januar 1762 ſeine unverſoͤhnliche 1762 Feindin, die Kaiſerin Eliſabeth von Ruß⸗ 5. land, ſtarb. Der neue Kaiſer Peter UI. war Jan. ſchon laͤngſt der vertrauteſte Freund und innigſte Bewunderer des großen Friedrichs. Seit Jahren ſtanden ſie in ununterbrochenem Briefwechſel. Es konnte daher nicht befremden, daß Peter mit Fried⸗ rich(16. Maͤrz) einen Waffenſtillſtand, und, als Folge deſſelben, am 5. Mai 1762 den Frieden 1762 zu Petersburg abſchloß, in welchem er nicht blos das 5. beſetzte Oſtpreußen, ohne irgend eine Entſchaͤ⸗Mai. digung, zuruͤckgab, ſondern auch bald darauf ein Buͤndniß mit Preußen unterzeichnete, nach welchem 20,000 Ruſſen, befehligt von Czernitſchef, bis zum allgemeinen Frieden mit den Preußen ſich verbinden ſollten. Dieſem Frieden mit Rußland folgte der Friede zwiſchen Preußen unb Schwe⸗ den am 22. Mai 1762 zu Hamburg, in welchem nichts weiter feſtzuſetzen war, als der Beſitzſtand vor dem Kriege. Allein der Friede und das Buͤndniß Peters III. mit Preußen beleidigte den Stolz der ruſſiſchen Großen eben ſo, wie ſeine raſchen, oft kleinlichen, Umbildungen in der innern Staatsverwaltung und in der neuen Geſtaltung des Kriegsweſens nach preu⸗ ßiſcher Form. Dazu kam ſein vieljähriges Mißver⸗ haͤltniß zu ſeiner Gemahlin. Dies bewirkte am 9ten Juli 1762 die Thronveraͤnderung in Ruß⸗ land, nach welcher Peter auf die Krone verzichtete, welche auf ſeine Gemahlin Katharina II. uͤber⸗ ging. Fuͤnf Tage ſpäter endigte Peter ſein Leben. Die neue Kaiſerin, welche, bei der zwiſchen Fried⸗ rich und Peter beſtehenden Freundſchaft, den Koͤnig von Preußen fuͤr ihren Feind gehalten hatte, be⸗ ſchloß Anfangs die Erneuerung des Krieges; bald aber, nachdem ſie Friedrichs zur Verſöhnung ra⸗ thende Briefe in dem Nachlaſſe ihres Gemahls ge⸗ leſen hatte, beſtätigte ſie den abgeſchloſſe⸗ nen Frieden. Doch rief ſie, bei der Abneigung der Ruſſen gegen Preußen, ihr Heer unter Czerni⸗ tſchef zuruck, und erklärte Rußlands Neutralität füͤr die Fortdauer dieſes Krieges. 1 Dieſe erfolgreiche Veraͤnderung des Syſtems der ruſſiſchen Staatskunſt wirkte auf die Beendigung eines Kampfes, deſſen Zweck, die Wiedereroberung Schleſiens fur Oeſtreich, unerreichbar ſchien, nach⸗ dem Friedrich auch der Feſtung Schweidnitz am 9. October 1762 ſich wieder bemaͤchtigte, und ſein Bruder Heinrich, nach mehrern auf ſaͤchſiſchem Boden mit den Oeſtreichern beſtandenen Gefechten, 3 namentlich in der Gegend von Freyberg, im Chur⸗ ſtaate ſich behauptete. Dazu kam die Beendigung des Seekrieges am 10. Februar 1763 im Frieden zu Verſailles, wodurch der Kampf in den Rhein⸗ und Weſergegenden erloſch. So ward, wenige 1763 Tage nach dieſem Frieden, am 15. Februar 1763 15. auf dem ſächſiſchen Jagdſchloſſe zu Hubertsburg Febr.zwiſchen Oeſtreich und Preußen, und zwiſchen Preu⸗ ßen und Sachſen der wichtige Friede unterzeichnet, durch welchen ein ſiebenjaͤhriger Krieg beendigt ward, in deſſen wechſelndem Gange ſo Vieles auf dem Spiele geſtanden hatte. Maria Thereſia willigte ein, daß Schleſien, nach den Beſtimmungen der fruhern Friedensſchluͤſſe von Berlin und Dres⸗ 103 den, bei Preußen bliebz das teutſche Reich ward vorlaͤufig in den Frieden eingeſchloſſen, und eben ſo auch, durch einen Ergänzungsartikel vom 20. Marz, Frankreich, als Oeſtreichs Bundesgenoſſe. In zwei geheimen Artikeln verſprach Friedrich dem Erzherzoge Joſeph ſeine Zuſtimmung zur roͤmiſchen Koͤnigs⸗ wuͤrde, und die Anerkennung der Nachfolge eines öſtreichiſchen Prinzen im Herzogthume Modena, nach der Vermaͤhlung deſſelben mit der Erbtochter dieſes italiſchen Furſtenhauſes.— Mit Sachſen ward verabredet, daß Friedrich die aus dem ſächſi⸗ ſchen Archive weggenommenen Papiere, und ohne Löſegeld die ſaͤchſiſchen Gefangenen zuruͤckgab. Die Stäͤdte Leipzig, Wittenberg und Torgau ſollten in ihrem damaligen Befeſtigungszuſtande bleiben, und alle Geißeln befreit werden. Zwar ward die im Dresdner Frieden feſtgeſetzte Abtretung der Oderzölle mit Schidlo(doch mit Ausnahme der Stadt Fuͤr⸗ ſtenberg) an Preußen, gegen anderweitige Entſcha⸗ digung, in dem Frieden zu Hubertsburg erneuert; ſie erfolgte aber auch diesmal nicht, weil man ſich uber die Schadloshaltung dafuͤr nicht vereinigen konnte. So trat Friedrich mit dem ihm beſtätigten Beſitze Schleſiens, und ohne eine Quadratmeile Landes zu verlieren, aus dem Rieſenkampfe der letz⸗ ten ſieben Jahre, der die durch ihn begonnene ge⸗ ſteigerte politiſche Macht ſeiner Monarchie, und ſeine Perſoͤnlichkeit ſelbſt bedroht hatte. Eine noth⸗ wendige Folge dieſes ruhmvollen Kampfes war das Gewicht, das ſeit dieſer Zeit Friedrichs Wort in der Mitte des europaͤiſchen Staatenſyſtems behauptete, die feſtgegruͤndete Stellung, die Preußen innerhalb dieſes Staatenſyſtems einnahm, und die Oppo⸗ ſition gegen Oeſtreichs Uebergewicht, und ſelbſt ge⸗ gen die Kaiſermacht, eine Oppoſition welche von da an in Brandenburg ihren Mittelpunet fand, als die mei⸗ ſten nordteutſchen Furſten allmählig den Grundſaͤtzen ſich anſchloſſen, die Friedrich auf dem Reichstage zu Regensburg und in den politiſchen Maasregeln ſei⸗ nes Kabinets geltend machte. —— 3 weiter Vbſchnitt. ueberſicht über die Geſchichte des Her⸗ zogthums Schleſien. Des Land, das ſeit der bleibenden Beſitznahme von den ſlaviſchen Voͤlkerſchaften den Namen Schleſien erhielt, war den Römern, die es zu Teutſchland rechneten, im Ganzen wenig bekannt. Bis zur Zeit der großen Voͤlkerwanderung behaupte⸗ ten ſich Teutſche in demſelben, die bereits einige Städte geſtiftet hatten, welche die Mittelpunete der durch das Land nach dem Norden gehenden Handels⸗ ſtraßen waren. Bei dem Weiterziehen der germaniſchen Stämme nach Weſten, folgten ihnen vom Oſten her die Völ⸗ kerſchaften der Slaven in den erledigten Wohn⸗ ſitzen. Die zuruͤckgebliebenen Teutſchen wurden zur Unterwerſung gebracht; doch erhielten ſich, nament⸗ lich in Schleſien, die Nachkommen der Teutſchen in den Gebirgsgegenden, wie mehrere Ortsnamen andeuten, waͤhrend die Slaven, wie uͤberall, wo ſie ſich niederließen, zuerſt in den Niederungen und an den Ufern der Flüͤſſe ſich anſiedelten. Durch jene 105 in Schleſien gebliebenen Ueberreſte teutſcher Spra⸗ che, Sitte und Verfaſſung, ward in der Folge der Uebergang der teutſchen Cultur auf Schleſien we⸗ ſentlich befoͤrdert; wogegen in Polen, Rußland und Boͤhmen der reine Charakter des Slaventhums, ohne urſpruͤngliche Beimiſchung und Beibehaltung teutſcher Sitten und Formen, vorherrſchte. Der Name Schleſien ſelbſt wird, am wahr⸗ ſcheinlichſten, von dem jetzigen Zobtenberge ab⸗ geleitet, welcher im Mittelalter der Silenſerberg ge⸗ nannt, und auf deſſen Höhen von den Slaven eine ihrer Hauptgottheiten verehrt ward. In den nachſten Jahrhunderten vor dem Zeit⸗ alter der Karolinger, wo die Slaven uͤber den Oſten Europa's ſich verbreitet, und des Beſitzes von Po⸗ len, Schleſien, Mähren, Bohmen, der Lauſitzen, vom Meißner Lande(damals Sorabia), Branden⸗ burg und Pommern ſich verſichert hatten, ſcheint Schleſien bald von Boͤhmen, bald von dem, nur kurze Zeit beſtehenden, großmaͤhriſchen Reiche abge⸗ hangen zu haben, bis, nach den beginnenden Käm⸗ pfen der Teutſchen mit den Slaven an der Elbe und im Lande zwiſchen der Elbe und Oder, von dem teutſchen Kaiſer Otto dem erſten das Bisthum Po⸗ ſen, als erſter Mittelpunct des in dieſe Laͤnder ge⸗ brachten Chriſtenthums, geſtiftet, und daſſelbe dem erzbiſchofflichen Stuhle zu Magdeburg unterworfen ward. Der von dem piaſtiſchen Regentenhauſe in Polen abſtammende ſchleſiſche Fuͤrſt Miſeco, wel⸗ chen Ditmar von Merſeburg als Herzog von Polen auffuͤhrt, trat im Jahre 965 zum Chriſtenthume, bei ſeiner Vermaͤhlung mit der Schweſter des boh⸗ miſchen Herzogs Boleslav. Aus dieſer Ehe ent⸗ ſproß der Herzog Boleslav, der Cracau uͤberwäl⸗ 106 tigte, und der den Kaiſer Otto III. vermochte, fuͤr Polen im Jahre 1000 das Erzbisthum Gneſen zu gruͤnden, welchem das in Schleſien beſtehende Bisthum Breslau untergeordnet ward. Gelegen in der Mitte zwiſchen den maͤchtigern Reichen Boͤhmen und Polen, waren Schleſiens Herzoge bald von dem einen, bald von dem andern Reiche abhängig, und Schleſien ſelbſt blieb der Schauplatz der Kaͤmpfe zwiſchen beiden Volkern. 1097 Gegen das Ende des eilften Jahrhunderts erhielt Boleslav, ein Sohn des Koͤnigs Wladislav von Polen, nach dem letzten Willen ſeines Vaters, Schleſien, Cracau und Sendomir; er verband in der Folge damit die Herrſchaft uͤber Polen. Bei 1138 ſeinem Tode verordnete er eine Theilung ſeiner Länder unter ſeine vier Söhne. Der Erſtgebohrne, Wladislav, vermaͤhlt mit Adelheid, der Tochter des teutſchen Sigs Konrad III., ſollte uͤber Schle⸗ ſien, Cracau und einige andere polniſche Landſchaf⸗ ten herrſchen, und ihm die Oberhoheit uͤber ſeine drei nachgebohrnen Bruͤder zuſtehen. Als er aber, aufgeregt von ſeiner Gemahlin, ſeine Bruͤder von der Regierung in den ihnen zugetheilten Laͤndern ausſchließen wollte, ward er von ihnen beſiegt und nach Teutſchland vertrieben. Sein nachgebohrner 1145 Bruder Boleslav ward Herr von Schleſien, und behauptete ſich in dem Beſitze, ſelbſt gegen den nach 1157 Schleſien vorgedrungenen Kaiſer Friedrich I. Der vertriebene Wladislav ſtarb im Jahre 1159 zu Al⸗ tenburg. Er hinterließ drei Sohne: Boleslav, Mie⸗ cislav und Konrad. Das traurige Schickſal ihres Vaters hatte fuͤr ſie den Vortheil gehabt, daß ſie auf teutſchem Boden erzogen, und mit teutſcher 107 Sprache, Verfaſſung und Sitte genau bekannt ge⸗ worden waren. Dies wirkte mächtig auf Schleſien zuruͤck, als ihre Wiederherſtellung in dieſem Lande erfolgte. Denn, nach ihres Vaters Tode, bewirkte die Verwendung des Koͤnigs von Boͤhmen bei ihrem Oheim, dem Boleslav von Polen, der zugleich einen Kampf mit dem aus Italien ſiegreich gekehr⸗ ten Kaiſer Friedrich dem erſten zur Behauptung der Rechte ſeiner Neffen befuͤrchten mußte, daß er den drei in Teutſchland erzogenen Prinzen, in einem mit ihnen abgeſchloſſenen Vertrage, im Jahre 1163 1163 ganz Schleſien zuruͤckgab. Dagegen mußten ſie, obgleich die Nachkoöͤmmlinge der aͤlteſten aus Polen ſtammenden Linie der Piaſten, auf Polen und mehrere ihrem Vater vormals gehorende Be⸗ ſitzungen Verzicht leiſten. Durch dieſen wichtigen Vertrag ward Schle⸗ ſien von Polen getrennt, und gelangte zur Unabhängigkeit und Selbſtſtaͤndigkeit. Doch ward, ſogleich im folgenden Jahre, die poli⸗1164 tiſche Macht und Kraft des Herzogthums Schleſien geſchwaͤcht, als die drei Bruͤder das vertragsmäßig erworbene Land unter ſich theilten. In dieſer Theilung nahm der aͤlteſte Bruder Boleslav Mit⸗ telſchleſien, und regierte zu Breslau. Der zweite Bruder Miecislav, der ſich Herzog von Rati⸗ bor nannte, und uber Oberſchleſien regierte, waͤhlte Teſchen zum Sitze ſeiner Regierung. Der dritte Bruder Konrad bekam Niederſchleſien, und wohnte zu Glogau. So wohlthaͤtig in ihren Folgen die vollige Trennung Schleſiens von Polen ſich be⸗ 3 waͤhrte, weil der ſlaviſche Volkscharakter almählig 108 dem teutſchen weichen wußte; ſo nachtheilig war doch die Theilung Schleſiens ſelbſt, wie ſich bereits im Jahre 1178 bei Konrads unbeerbtem Tode zeigte. Er fuͤhrte zu einem Bruderkriege zwiſchen Boleslav und Miecislav, unter welchem, wie bei allen Fami⸗ lienkaͤmpfen, das Land beider am meiſten litt. Da trat ihr Vetter, Konrad von Polen, verſoͤhnend in ihre Mitte. Er war großmuͤthig genug, zur Aus⸗ gleichung zwiſchen beiden das ihm gehoͤrende Fuͤrſten⸗ thum Auſchwitz an Schleſien abzutreten, worauf Schleſien in zwei von einander voͤllig unabhaͤngige Herzogthuͤmer Ober⸗ und Niederſchleſien, mit den Regierunßsſitzen zu Teſchen und Liegnitz getheilt, und Oberſchleſien dem Miecislav, Nieder⸗ ſchleſien dem Boleslav zugewieſen ward. Die fruͤ⸗ her beſtandene Abhängigkeit von Polen erloſch voͤllig ſeit dieſer Zeit, obgleich die ſchleſiſchen Herzoge noch den polniſchen Landtag beſuchten; doch ward da⸗ mals zwiſchen Polen und Schleſien ein Buͤndniß zur gegenſeitigen Unterſtuͤtzung auf den Fall eines Angriffes verabredet. Obgleich ſeit dieſer Theilung die, in derſelben angenommene, Bezeichnung des Landes in Ober⸗ und Niederſchleſien beibehalten ward; ſo ſank doch die Kraft des Staates ſelbſt unter den haͤufigen Län⸗ dertheilungen zwiſchen den Nachkommen der beiden Hauptlinien, weil das Recht der Erſtgeburt nicht in die Grundgeſetze des Landes aufgenommen wor⸗ den war. So gab es nach und nach in Nieder⸗ ſchleſien beſondere Fuͤrſtenthuͤmer zu Liegnitz, Breslau, GElogau, Schweidnitz, Sagan, Sels, Jauer, Muͤnſterberg, Steinau, Neiße, Koſel, und in Oberſchleſien zu Teſchen, Ratibor, Op⸗ peln, Troppau, Jägerndorf, Falkenberg, Auſch⸗ witz, und Leobſchuͤtz. Die getheilten Intereſſen dieſer kleinen Dynaſten hinderten die Fortſchritte des innern Staatslebens, und laͤhmten die kräftigere Ankuͤndigung nach außen, wie ſich bei dem Vor⸗ dringen der tatariſchen Stämme im Jahre 1241 bis in die Gegend von Liegnitz zeigte. Mur die ſchleſiſche Ritterſchaft und die Städte gewannen bei der Ohnmacht und Geldbeduͤrftigkeit der in ihrer Macht beſchraͤnkten einheimiſchen Fürſten. Bald gelang es den Koͤnigen von Boͤhmen, bei der Abneigung der ſchleſiſchen Fürſten gegen Polen, und bei der Furcht, die vorige Abhaͤngigkeit von Polen erneuert zu ſehen, eines bedeutenden Einfluſ⸗ ſes auf die Angelegenheiten Schleſiens ſich zu ver⸗ ſichern, was in ſpaͤterer Zeit in die vollige Unterord⸗ nung Schleſiens unter die böhmiſche Lehnshoheit uͤberging. Der erſte Schritt zu dieſem folgenreichen Ergebniſſe geſchah, als der Koͤnig Wenzel III. von Bohmen(entweder durch Kauf oder durch Vermächt⸗ niſ) im Jahre 1247 das ſchleſiſche Furſtenthum 1247 Troppau erwarb; der zweite, als der Herzog Ka⸗ 1289 ſimir von Oppeln den Schutz des Koͤnigs Wen⸗ zel W. von Böhmen gegen ſeinen Vetter, den Her⸗ zog Heinrich von Breslau, ſuchte, und ſein Fuͤrſten⸗ thum deshalb der Krone Bohmen zum Lehen auf⸗ trug. Noch raſcher verbreitete ſich die Lehnshoheit Böhmens über Schleſien, und das daraus hervor⸗ gehende Schutzrecht der Vaſallen, ſeit die Luxem⸗ burgiſche Dynaſtie den böhmiſchen Thron beſtie⸗ 1310 gen hatte. Schon in der Geſchichte der Mark Brandenburg ward der umſichtigen Staatskunſt der 6 Füͤrſten dieſes Hauſes, in Hinſicht der Erweiterung ihrer Macht und der Abrundung ihrer Staaten, durch vollige Erwerbung benachbarter Länder, oder durch die Anerkennung der bohmiſchen Lehnshoheit von den Nachbarſtaaten gedacht. Keiner unter den Luxemburgern verſtand dieſe Staatskunſt beſſer, als Karl IV., der zugleich die Krone Teutſchlands trug. Bereits hatten, nach dem Ablaufe von vierzig Jah⸗ ren, ſämmtliche damalige in Schleſien regierende Fuͤrſten, theils freiwillig, theils durch die Ueber⸗ macht Boͤhmens genoͤthigt, die boͤhmiſche Lehnsho⸗ 1355 heit anerkannt, als Karl IV. im Jahre 1355, mit Einwilligung des Churfuͤrſtencollegiums in Teutſch⸗ land, ganz Schleſien dem boͤhmiſchen. Lehnsverbande, und zugleich mit Boͤhmen dem teutſchen Reicheeinverleibte. Zwar verſuchte Polen, beleidigt durch dieſe bedeutende Verſtaͤrkung der Staatskraft Boͤhmens, in einem gegen Karl IV. eroffneten Kriege, die vorigen Abhaͤngigkeitsverhält⸗ niſſe Schleſiens von Polen wieder zu erringen; allein 1356 der Sieg blieb dem Kaiſer, und der Koͤnig Kaſimir von Polen mußte in zwei mit Karl abgeſchloſſenen Vertragen fuͤr immer auf Schleſien verzichten. Ob nun gleich Schleſiens innere Geſtaltung und aͤußere Sicherheit durch den maͤchtigen Schutz Boͤh⸗ mens gewann; ſo gehoͤrte Schleſien doch nur for⸗ mell zu dem teutſchen Reiche, weil Boͤhmen und Schleſien weder Sitz und Stimme auf den teut⸗ ſchen Reichstagen erhielten, noch auch ſpäter in die teutſchen Reichskreiſe aufgenommen wurden. Von großer Wichtigkeit war es aber, daß, nach der auf Boͤhmen uͤbergegangenen Otertehushohet uͤber Schleſien, der Koͤnig von Böhmen die im Manns⸗ ſtamme erlbſchenden ſchleſiſchen Furſtenthuͤmer als 111 heimgefallene Lehen einzog. Dazu kam die große Sterblichkeit in dieſen ſchleſiſchen Dynaſticen, ſo daß in der zweiten Haͤlfte des ſiebenzehnten Jahrhun⸗ derts kein eingebohrnes Fuͤrſtenhaus in Schleſien mehr beſtand. Die Behandlung Schleſiens, als eines böhmi⸗ ſchen Vaſallenlandes, wechſelte theils mit der Per⸗ ſönlichkeit der Oberlehnsherren, theils mit den äber Boͤhmen herrſchenden Dynaſtieen. Die Soͤhne des Kaiſers Karl IV., die Könige Wenzel und Sigis⸗ mund, aus dem luxemburgiſchen Geſchlechte, ſtan⸗ den an Regenteneigenſchaften weit hinter ihrem Va⸗ ter zuruͤck. Namentlich wirkte der unter Sigismund beginnende Huſſitenkrieg in vielfacher Hinſicht nach⸗ theilig auf Schleſien ein. Denn mannigfaltige kirchliche und politiſche Gährungsſtoffe wurden ſeit dieſer Zeit in Schleſien aufgeregt, und nicht ohne längern Widerſtand erfolgte endlich die Anerkennung des unternehmenden boͤhmiſchen Königs Georg Po⸗ diebrad von den Schleſiern, der ſeinen Sohn Hein⸗ rich mit den Fuͤrſtenthuͤmern Glatz und Muͤnſter⸗ berg belehnte. Noch bedenklicher war der Kampf, der, nach Georgs Tode, zwiſchen dem neugewählten Koͤnige 1471 Boͤhmens, dem polniſchen Prinzen Wladislav, und dem Konige Matthias Corvinus von Ungarn aus⸗ brach, bis der Friede von Olmuͤtz dahin ent⸗1478 ſchied, daß Schleſien, Maͤhren und die beiden Lauſitzen von Wladislav an Ungarn abgetre⸗ ten wurden. Der neue Oberlehnsherr behandelte Schleſien mit Strenge, beſonders in Betreff der er⸗ hohten Beſteuerung; doch fielen, nach Matthias fruͤhzeitigem Tode, als ihm Wiadislav auch auf 1490 dem Wahlthrone Ungarns folgte, die drei dem Mat⸗ 112 thias abgetretenen Länder wieder an Boͤhmen zuruͤck. So blieb Schleſien bei Boöͤhmen unter Wladislavs ſchwachem Sohne, Ludwig II., und, als mit dieſem im Jahre 1526 der Mannsſtamm ſeines Hauſes erloſch, folgte ihm auf den Thronen Ungarns, Böhmens und deren Nebenländer ſein 1527 Schwager, Ferdinand I., der Bruder des Kai⸗ ſers Karl V. Während dieſer ganzen Zeit, wo nur noch einige kleine einheimiſche Fuͤrſtenhaͤuſer in Schleſien fort⸗ dauerten, verlor ſich in Schleſien der Geiſt immer mehr, der ein ſelbſtſtändiges Volk in ſeiner oͤffent⸗ üichen Ankuͤndigung bezeichnet, wenn ein eingebohr⸗ ner Fürſt an der Spitze deſſelben ſteht. Wie wich⸗ tig war es doch in dieſer Beziehung, daß Bran⸗ denburg, nachdem es die letzten Luxemburger nur wie ein Chatouillengut behandelt hatten, mit Friedrich von Hohenzollern wieder einen inlandiſchen Regen⸗ tenſtamm erhielt! Dies fehlte in Schleſien, wenn es gleich in der Geſammtheit ſeiner Bevoͤlkerung, und nach ſeinem innern Wohlſtande, in dem aus⸗ gehenden funfzehnten Jahrhunderte und in der er⸗ ſten Hälfte des ſechszehnten, höher ſtand, als Bran⸗ denburg. Bei dem friſchen Volksleben in Schleſien, und bei den dielfachen wiſſenſchaftlichen und Handelsbe⸗ ruͤhrungen mit Teutſchland, durfte es nicht befremden, daß die Kirchenverbeſſerung fruͤhzeitig in Schleſien Eingang fand. Bereits im Jahre 1522 hatte der gereinigte Lehrbegriff Anhaänger und Be⸗ kenner in Breslau und Liegnitz. Als ſpäter, am Anfange des ſechszehnten Jahrhunderts, die geiſtige 413 Beſchraͤnktheit und Engherzigkeit des, in Spanien von Jeſuiten gebildeten, Kaiſers Rudolph 11, be⸗ deutende Bewegungen in Böhmen, Schleſien, Maͤh⸗ ren und den Lauſitzen veranlaßte, mußte er, zur Beruhigung der Proteſtanten in dieſen Ländern, den Majeſtaͤtsbrief unterzeichnen, worin er 1609 ihre kirchlichen Rechte und die freie Ausuͤbung ihres Lehrbegriffs anerkannte. Als aber, nach ſeines Bruders und Nachfolgers, des Kaiſers Matthias, 1619 Tode, die Krone Boͤhmens und der damit verbun⸗ denen Länder auf die ſteyermarkiſche Linie des Hau⸗ ſes Habsburg unter Ferdinand II. uͤbergehen ſollte, der zu Ingolſtadt in der Schule der Jeſuiten gebildet worden war; da traten die Schleſier, in Verbin⸗ dung mit den Boͤhmen und Lauſitzern gegen ihn auf, und verweigerten ihm die Anerkennung. Ueber Boͤhmens Schickſal entſchied die Schlacht auf dem 1620 weißen Berge bei Prag; allein gegen die Lauſitzer und Schleſier war Ferdinands Bundesgenoſſe, der prote⸗ ſtantiſche Churfurſt von Sachſen, Johann Georg I., gezogen, der mit den Schleſiern zu Dresden am 18. Februar 1621 einen Vertrag abſchloß, nach 1621 welchem ſie dem Kaiſer Ferdinand zu huldigen, eine Strafe von 300,000 Thalern zu zahlen, und vier⸗ tauſend Mann Truppen zur Vertheidigung Schle⸗ ſiens aufzuſtellen verſprachen, wogegen ihnen der Churfuͤrſt, im Namen des Kaiſers, Amneſtie, und den Proteſtanten die Gewährleiſtung ihrer bisherigen kirchlichen Rechte zuſicherte. Nur der von Ferdi⸗ nand II. in die Acht erklaͤrte Markgraf Johann Georg von Jägerndorf, aus der fraͤnkiſchen Linie der hohenzollernſchen Dynaſtie, ward durch den Kaiſer von der Amneſtie ausgeſchloſſen, und ſein Land auf welches die brandenburgiſche Linie des III. 8 — 14 Hauſes Hohenzollern die Mitbelehnung erhalten hatte— als er edigtes Lehen eingezogen.— Ob nun gleich Ferdinand ſehr ungern die von dem Chur⸗ 1 fuͤrſten von Sachſen ſeinen ſchleſiſchen Glaubensge⸗ noſſen zugeſicherten kirchlichen Rechte anerkannte; ſo beſtaͤtigte er doch den abgeſchloſſenen Vertrag. Allein dieſer Vertrag ward in der Folge in vielfacher Hinſicht verletzt und, unter dem Einfluſſe der Jeſui⸗ ten, den Proteſtanten eine große Zahl ihrer Kirchen weggenommen*), bis endlich der Koͤnig von Schwe⸗ den, Karl Xll., nach ſeinen Siegen in Polen und 1707 Sachſen, den Kaiſer Joſeph l. zu einem Vertrage 1 vermochte, nach welchem den Proteſtanten in Schle⸗ ſien 125 ihnen entriſſene Kirchen zuruͤckgegeben wurden. Noch mehr wurden dieſe Rechte geſichert und die Macht des Jeſuitismus und Pfaffenthums in Schleſien— unbeſchadet der im Breslauer Frieden beſtaͤtigten kirchlichen und buͤrgerlichen Rechte der l Katholiken— beſchränkt, als der groͤßte Theil Schleſtens mit der Grafſchaft Glatz von Oeſtreich 1742 an Preußen uͤberging. Ein friſches Volksleben begann unter Friedrichs Il. weiſer Regierung, in dem von der Natur reich ausgeſtatteten, ſo wie von einem gewerbsfleißigen und in der Cultur und Geſittung hochſtehenden Volke bewohnten Schleſien. Seit dieſer Zeit war Schleſien nicht mehr, wie un⸗ *) Man vergleiche daruͤber die inhaltsſchwere Schrift von J. Gtlo. Worbs: Die Rechte der evan⸗ geliſchen Gemeinden in Schleſien an den ihnen im 17. Jahrhunderte gewaltthaͤtig genommenen Kir⸗ chen und Kirchengütern geſchichtlich dargeſtellt. Sorau, 1825. 8. * 135 ter den Habsburgern, ein ſtiefmuͤtterlich behandeltes Nebenland, in welchem man das Regen des gei⸗ ſtigen Lebens mit kleinlicher Aengſtlichkeit beobach⸗ tete; Schleſien ward die Perle im Diademe det preußiſchen Koͤnige, und erhob ſich namentlich ſeit dem Frieden von Hubertsburg zu einer Bluͤthe und Kraft, und zu einem Wohlſtande, der nicht ohne den wichtigſten Einfluß auf die uͤbrigen Provinzen der preußiſchen Monarchie blieb. Die preußiſche Monarchie unter Friedrich dem zweiten ſeit dem Hubertsburger Frieden bis zu Friedrichs Tode; von 1763— 1786. Aus dem ſiebenjaͤhrigen Kampfe trat Friedrich der zweite mit Ruhm und Glanz heraus. Keine demuͤthigende Bedingung war ihm abgenoͤthigt wor⸗ den; ſeine Gegner bedurften des Friedens eben ſo, zum Theile noch mehr, als er. Der Beſitz Schle⸗ ſiens war ihm geſichert, ſo weit durch Staatsver⸗ träge ein Laͤnderbeſitzthum geſichert werden kann. Sein Heer war vollzaͤhlig, und ſeine Schatzkammer fuͤr einen neuen Feldzug ausgeſtattet, als er den Hubertsburger Frieden unterzeichnete. Die politiſche Macht Preußens war in der Meinung aller eu⸗ ropaͤiſchen Kabinette bedeutend geſtiegen, und be⸗ ruhte mehr noch auf der Intelligenz ihres Begruͤn⸗ ders, als auf der Groͤße ihres Areals und ihrer Bevoͤlkerung. 8* —— 116 Allein auch Friedrichs Laͤnder bedurften des Frie⸗ dens und der Erholung; und ſeine Vaterhand ſuchte die uͤberall ſich ankündigenden Spuren der Verwä⸗ ſtung durch den Krieg zu heben, oder doch zu mildern. Mehrere ſeiner Provinzen waren Jahre⸗ lang in den Haͤnden ſeiner Feinde, das reiche Schle⸗ ſien abwechſelnd der Schauplatz des Krieges geweſen. Er wußte aus der Geſchichte ſeiner Dynaſtie, die er ſelbſt geſchrieben hatte, wie tief die Marken durch die Folgen des dreißigjährigen Krieges erſchöpft wor⸗ den waren. Er wollte ſchneller heilen, und wählte fur dieſen Zweck die wirkſamſten Mittel. So vertheilte er aus ſeinen Magazinen Korn zur Nah⸗ rung und zur Ausſaat an den Landmann, und alle entbehrliche Zug⸗ und Dienſtpferde. So verwendete er die, zur Eroͤffnung des nächſten Feldzuges auf⸗ geſparten, Summen zur Herſtellung der niederge⸗ brannten Staͤdte und Doͤrfer, und zur Verminderung der von den einzelnen Gemeinden gemachten Schul⸗ den. So erließ er einzelnen Provinzen die Steuern, doch nur auf kurze Zeit, weil mehrjähriger Steuer⸗ erlaß die Thätigkeit der untern Staͤnde eher ver⸗ mindert, als erhoͤht. So unterſtuͤtzte er neue An⸗ ſiedler mit bedeutenden Vorſchuͤſſen. So ſetzte er die verſchlechterten Muͤnzen aus dem Umlaufe, ob⸗ gleich viele Tauſende unter dieſer durchgreifenden, aber freilich dringend nöthigen, Maasregel litten. So öffnete er in den Hungerjahren ſeit 1770 ſeine zunächſt fur den Kriegerſtand gefullten Kornmaga⸗ zine; ſo unterſtutzte er(1765) die Stiftung der Bank zu Berlin, und bald darauf auch in den gro⸗ ßen Provinzialſtaͤdten. In allen Provinzen der Mo⸗ narchie regte ſich ein friſches Leben; denn von oben herab kam die Kraft und der Muth, von neuem 117 ſich zu erheben, und wer aus gerechten Grunden zu bitten hatte, konnte darauf rechnen, daß er den König nicht vergeblich bat. Dabei ward die Grund⸗ bedingung aller Einheit und Kraft im innern Staats⸗ leben von Friedrich feſtgehalten: Sparſamkeit und ſtrenge Ordnung im innern Haus⸗ halte. Sein großer Geiſt hatte keinen Sinn fuͤr das Schuldenmachen, in welchem er eine vor⸗ weggenommene Beſteuerung des kuͤnftigen Ge⸗ ſchlechts erkannte. Er zog es daher vor, nach ei⸗ nigen Jahren der Erholung ſeines Landes, die mei⸗1766 ſten Abgaben zu erhoͤhen, ob er gleich dabei den fruͤher geruͤgten Mißgriff beging, eine Regie ein⸗ zufuͤhren, deren Leitung er franzoͤſiſchen Beam⸗ ten anvertraute.„An dieſer Anſtalt war alles fremd, die Beamten, die Grundſätze, die Sprache, ſogar der Name*). Ihr Charakter war Haͤrte; ihre Zuſammenſetzung verwickelt, und dadurch vor⸗ zuͤglich druͤckend; ihr letzter Zweck Vermehrung der königlichen Einkuͤnfte; ihre Wirkung, die nächſte wenigſtens, laute Klage; ihre bleibenden Folgen ver⸗ derbliche Beſtechung und ſchaͤndlicher Schleichhandel. Verſoͤhnt hat ſich das Volk nie mit ihr; billiger hat es ſie allmaͤhlig beurtheilen lernen, als es in der Beſteuerung die gerechte Ruͤckſicht auf der Be⸗ duͤrfniſſe größere und geringere Entbehrlichkeit, im Vertheuern der Kunſterzeugniſſe des Auslandes die Belebung inlaͤndiſchen Kunſtfleißes, und ſpaterhin in der Verwendung der gewonnenen Summen red⸗ liche Beachtung der gemeinen Wohlfahrt erkannte.“ ²) Manſo, in ſ. Geſchichte des preußiſchen Staa⸗ tes, Th. 1. S. 11. 118 Doch nicht blos das Inland, auch die Stellung Preußens gegen das Ausland, nahm Friedrichs Staatskunſt in Anſpruch. Beim Abſchluſſe des Hubertsburger Friedens war er ohne Bundesgenoſſen. Frankreich, ſein älterer Bundesgenoſſe in den beiden erſten ſchleſiſchen Kriegen, blieb nach dem Frieden in der innigſten Verbindung mit Oeſtreich, und die⸗ ſes mit Sachſen. England, ſein neuer Bundesge⸗ noſſe ſeit dem Jahre 1760, hatte, nach Georgs 1I. Tode, dem preußiſchen Intereſſe ſich entfremdet, und ſchuldete ihm noch die letzten Hulfsgelder. Sein Schwager auf dem Throne Schwedens war un⸗ maͤchtig durch die vom Auslande abhaͤngige ſchwe⸗ diſche Ariſtokratie. Nur Rußland blieb ihm alſo uͤbrig, wo mit der Thronbeſteigung der Katharina ein neuer Geiſt in die unbehuͤlflichen Maſſen des uber zwei Erdtheile ausgedehnten Rieſenreiches, und in die Staatskunſt des Kabinets von St. Peters⸗ burg ein neues Syſtem gekommen war. Hatte Peter l., während der Zeit ſeiner Regierung, die Erwerbung der Oſtſeeprovinzen und die Schwaͤchung der ſchwediſchen Macht im Blicke erhalten; ſo rich⸗ tete ſich Katharina's Politik ſogleich auf Polen, und, nach wenigen Jahren, auch auf das Reich der Os⸗ manen. Die Schwaͤche ſolcher Nachbarn war an⸗ lockend; denn, ungeachtet der Groͤße ihres Flächen⸗ raumes und ihrer Volkszahl, konnten die chroni⸗ ſchen Uebel ihrer Verfaſſung und Verwaltung dem Scharfblicke Katharina's nicht entgehen. Nament⸗ lich fand ſie ihrem Intereſſe angemeſſen, daß die umgeſtaltung des innern Staatslebens in Polen ver⸗ hindert wuͤrde; daß alſo in Polen ein Wahlthron bliebe, und die Anarchie ſeines Reichstages fortdauerte. Unter dieſen beiden Formen des in⸗ 1¹9 nern Staatslebens konnte Polen keinem ſeiner Nach⸗ barn bedenklich oder gefährlich werden. Der Tod des Königs Auguſt III. von Polen 1763 ward die nächſte Veranlaſſung zur Einmiſchungein S. die polniſchen Angelegenheiten. Sein Sohn und Oet. Nachfolger in der ſächſiſchen Chur, Friedrich Chriſtian, hatte ſchon laͤngſt Friedrichs Verſpre⸗ chen, ihn auch auf dem Throne Polens anzuerken⸗ nen. Er folgte aber dem Vater nach zwei Mona⸗ ten im Tode nach, und Auguſts III. Enkel, der 1765 Churfuͤrſt Friedrich Auguſt von Sachſen, war 17. noch minderjäbrig, ſo daß ſein Oheim, der Prinz Dec. Laver, die ſächſiſche Chur fuͤnf Jahre hindurch, bis zu ſeiner Volljährigkeit, verwaltete. Nothwen⸗ dig nahmen ſeit Friedrich Chriſtians Tode die Ver⸗ handlungen uͤber die Koͤnigswahl in Polen eine an⸗ dere Wendung. Katharina wuͤnſchte die Thronbe⸗ ſteigung eines gebornen Polen(eines Piaſten), und namentlich des Grafen Stanislaus Auguſtus Po⸗ niatowski, der fruͤher polniſch⸗ſächſiſcher Ge⸗ ſandter in Petersburg geweſen war. Fuͤr dieſen Zweck naͤherte ſich Katharina dem Konige von Preu⸗ ßen, und Friedrich ging, fuͤr den von ihm ſehr richtig gewürdigten Preis eines Buͤndniſſes mit Rußland, auf Katharina's Abſichten in Hinſicht Polens ein. Es ward daher, gleichzeitig mit der von Fried⸗ rich unterſtuͤtzten römiſchen Koͤnigswahl Joſephs, 1764 des älteſten Sohnes der Maria Thereſia, ein Buͤnd⸗ 27. niß auf acht Jahre zwiſchen Preußen und Rußland Mrz. am 11. Apr. 1764 abgeſchloſſen, nach deſſen Be⸗ 11. dingungen beide Maͤchte einander gegenſeitig ihren Apr. Länderbeſitz gewaͤhrleiſteten, und ſich verpflichteten, ohne gegenſeitige Einwilligung weder Waffenſtill⸗ 4 120 ſtand noch Frieden zu ſchließen, und ſich, im Falle eines Angriffes, mit 12,000 Mann zu unterſtutzen. Doch ſollten, dafern Rußland von der Krimm, Preußen vom Rheine her bedroht wuͤrde, ſtatt der Mannſchaft Huͤlfsgelder gezahlt werden, die bei der Kaiſerin auf 400,000 Rubel, bei Friedrich auf 480,000 Thaler geſotzt wurden. In geheimen Be⸗ dingungen ward verabredet, daß der polniſche Thron ein Wahlthron und die bisherige Verfaſſung Po⸗ lens unveraͤndert bliebe, ſo wie daß beide gemein⸗ ſchaftlich die Wahl des Grafen Poniatowski unter⸗ ſtutzen wollten. Verſichert der Zuſtimmung Fried⸗ richs in dieſe Wahl, erſchien darauf ein ruſſiſches Heer— zur Erhaltung der Wahlfreiheit— in Po⸗ len, und beſetzte Warſchau, wo alle die als Stoͤrer der öffentlichen Ruhe behandelt wurden, welche ſich gegen die Wahl des Stanislaus Auguſtus erklärten. So beſtieg derſelbe am 7. Sept. 1764 den unſichern polniſchen Thron. Er war, bei viel⸗ ſeitigen Kenntniſſen und bei manchen guten perſoͤn⸗ lichen Eigenſchaften, doch, nach ſeiner Charakter⸗ ſchwäche, der fur die bevorſtehende Aufloͤſung eines im Innern peralteten Reiches geeignetſte Mann.— Sogleich nach ſeinem Regierungsantritte forderte Katharina von dem polniſchen Reichstage die Her⸗ ſtellung der vormaligen, in mehrern Vertraͤgen be⸗ ſtätigten, Rechte der Diſſidenten in Polen, zu welchen alle gehoͤrten, die nicht Katholiken waren. Allerdings waren, unter dem maͤchtigen Einfluſſe der Jeſuiten, in den letzten funfzig Jahren die ſo⸗ genannten Akatholiken in Polen vielfach beſchrankt und gedruͤckt worden; das furchtbare Thorner Blut⸗ bad vom Jahre 1724, deſſen weiter oben gedacht ward, ſtand mit Feuerſchrift in der Geſchichte Po⸗ lens, um ſchon vergeſſen zu ſeyn. Katharina hatte daher, bei ihrer Forderung, eine bedeutende, in ih⸗ ren Rechten gekraͤnkte, Parthei der Polen ſelbſt auf ihrer Seite, die durch die oͤffentliche Meinung des aufgeklarten Europa unterſtuͤtzt ward, wenn gleich Katharina dadurch ihre eigentliche Abſicht der fortdauernden Einmiſchung in die in⸗ nern Angelegenheiten eines Nachbar⸗ ſtaates erreichte. Denn, nach langen innern Gäͤhrungen in Polen, mußte endlich— auch von Preußen unterſtuͤtzt— der polniſche Reichstag im Jahre 1768 die Wiederherſtellung der vor⸗ maligen Rechte der Diſſidenten öͤffentlich 1768 ausſprechen. Febr. Dieſer Erfolg beleidigte die Staatskunſt des Hofes zu Verſailles, der in Polen den entgegenge⸗ ſetzten Zweck vergeblich zu erſtreben verſucht hatte. Frankreich bewirkte daher, nach jener Erklaͤrung des polniſchen Reichstages, die Confoͤderation der un⸗ 1768 zufriedenen Polen zu Bar in Podolien, geleitet von Mai. dem Biſchoffe Kraſinski von Kaminiec, ſo wie die Kriegserklärung der Pforte an 1768 Rußland. Während dieſes Krieges, der die Ohn⸗ 30. macht der Pforte dem uͤbrigen Europa verrieth und Oct. die ruſſiſchen Waffen mit den gluͤcklichſten Erfolgen kroͤnte, dienten nicht nur viele preußiſche Officiere, mit Friedrichs Genehmigung, in den ruſſiſchen Hee⸗ ren, ſondern Friedrich ſelbſt bezahlte an Rußland die in dem Buͤndniſſe von 1764 feſtgeſetzten Huͤlfs⸗ gelder. Ob nun gleich Frankreich zu Wien und Stockholm an einer Kriegserklärung gegen Rußland arbeiten ließ; ſo vereitelte doch die Reiſe des Prin⸗ zen Heinrich von Preußen nach Stockholm die Ab⸗ ſichten Frankreichs bei dieſer nordiſchen Macht, und 122 Friedrich II. ſprach, während dieſes Tuͤrkenkrieges, den Kaiſer Joſeph II. zweimal perſoͤnlich, zuerſt zu Neiße(1769), wo Joſeph den König beſuchte, und dann zu Neuſtadt in Mähren(1770), wo Friedrich dem Kaiſer ſeinen Gegenbeſuch machte. Allein Maria Thereſia, die ihren Sohn von den eigentlichen Regierungsgeſchaͤften, wie fruͤher ihren Gemahl, den Kaiſer Franz, ausſchloß, und durch den Fuͤrſten Kaunitz mit Friedrich unterhandeln ließ, war nicht gleichgultig bei den Siegen Rußlands uber die Heere der Pforte, und bei dem mäͤchtigen Ein⸗ fluſſe Katharina's auf Polen. Dagegen lud Katha⸗ 1770 rina den Prinzen Heinrich von Preußen zu ſich nach Spt. Petersburg ein, wohin er von Stockholm reiſete, wo er die Kriegserklaͤrung Schwedens gegen Ruß⸗ land verhindert hatte. Bei ſeiner Anweſenheit in Petersburg kam, wahrſcheinlich von ihm ſelbſt zuerſt veranlaßt, der Plan zur erſten Theilung Po⸗ lens zur Reife, und Friedrich Ill. ging leicht in dieſen Gedanken ein. Ob nun gleich ein öſtrei⸗ 1771 chiſches Heer, nach der Abſchließung eines Sub⸗ ſidienvertrags mit der Pforte, unter dem Vorwande eines Grenzcordons gegen die in Polen ſich verbrei⸗ tende Peſt, zur Unterſtützung der polniſchen Confö⸗ derirten von Ungarn aus in Gallizien vordrang; ſo erſchien doch gleichzeitig, unter demſelben Vorwande eines Peſtcordons, auch ein preußiſches Heer in den an Preußen angrenzenden Provinzen Polens. Maria Thereſia fuͤhlte, ein Krieg ſey bei der Feſthaltung des fruͤher von ihr angenommenen Syſtems unver⸗ meidlich; ſie willigte daher, nachdem Kaunitz ihr Gewiſſen deshalb beruhigt hatte, in den ihr von Rußland und Preußen mitgetheilten Plan einer Thei⸗ lung Polens. 123 So ward am 17. Febr. 1772 ein vorlaͤufiger 1772 Vertrag zwiſchen Rußland und Preußen, ein ähnlicher zwiſchen Oeſtreich und Preußen am 5. Maͤrz, und der Haupttheilungsvertrag zwiſchen allen drei Maͤchten am 5. Aug. 1772 zu Petersburg unterzeichnet. Ein reichliches Dritttheil Polens kam in dieſer erſten Theilung an die drei Nachbarſtaaten.— Preußen erwarb Weſtpreu⸗ ßen, das im Jahre 1466 von dem teutſchen Or⸗ den an Polen abgetreten worden war; doch mit Ausnahme der Staͤdte Danzig und Thorn. Zu⸗ gleich ward ein Theil des ſogenannten Netzdi⸗ ſtricts— d. i. Großpolen bis an die Netze— mit Preußen verbunden. Erſt nach dieſer Wieder⸗ vereinigung Weſtpreußens mit Oſtpreußen zur Ge⸗ ſammtheit eines Staates, erhielt der Titel eines Kö⸗ nigs von Preußen ſeine hoͤhere politiſch⸗diploma⸗ tiſche Bedeutung, ſo wie die Monarchie im Oſten eine beſſere Abruͤndung, und Pommern und die Mar⸗ ken einen geographiſchen Zuſammenhang mit Oſt⸗ preußen. Doch waren es nur 630 Geviertmeilen mit ungefäͤhr 600,000 Menſchen, die Preußen ge⸗ wann, waͤhrend Oeſtreich Gallizien und Lodomerien, mit den reichen Salzwerken von Wieliczka, und Rußland das Land zwiſchen der Duͤna, der Drutſch und dem Dnieper ſich aneignete.— In dem Haupt⸗ vertrage vom 5. Aug. uͤbernahmen die drei theilen⸗ den Maͤchte die gegenſeitige Gewährleiſtung der an jede derſelben gekommenen polniſchen Provinzen, ſo wie die Verbindlichkeit, die formliche Abtretung der⸗ ſelben von dem polniſchen Reichstage gemein⸗ ſchaftlich zu bewirken. Dies geſchah, als jede der drei Mächte deshalb ein Heer von 10,000 Mann 124 in Polen, bis zur ausgeſprochenen Abtretung, ſte⸗ hen ließ. Dieſe erſte Theilung Polens bildete allerdings den Wendepunct der bis bahin in dem europaͤiſchen Staatenſyſteme geltenden Staatskunſt, deren hoͤchſte Aufgabe die Erhaltung des politiſchen Gleichgewichts, geſtuͤtzt auf die Heiligkeit des Beſitzſtandes und auf die Guͤltigkeit der beſtehenden Volkerverträge, gewe⸗ ſen war. Dieſer erſte im Großen ausgefuͤhrte Ver⸗ ſuch der Abruͤndungspolitik gelang zudem ohne einen foͤrmlichen Krieg und ohne bedeutende Koſtenz es war daher eine nothwendige Folge dieſer Theilung, daß man in der Folge das ahnliche Geluͤſte haͤufi⸗ ger fuͤhlte und befriedigte, und daß das aͤltere Sy⸗ ſtem der europäiſchen Staatskunſt durch die Auf⸗ nahme der zwei neuen Mayimen: der Einmi⸗ ſchung in die innern Angelegenheiten anderer Staaten, und der Abruͤndung auf Koſten derſelben, bedeutend veraͤndert und mächtig erſchuͤttert ward, bis es in den verunglück⸗ ten Coalitionen waͤhrend des franzöſiſchen Revo⸗ lutionskrieges völlig unterging. Abgeſehen uͤbrigens von der Unrechtlichkeit dieſer Theilung eines gleichberechtigten europaͤiſchen Staa⸗ tes, gewann der an Preußen gekommene Theil durch die Verbindung mit einer lebenskräͤftigen, in der vollen Entwickelung aller Bedingungen des innern Staatslebens ſich ankuͤndigenden, Monarchie; durch die Aufhebung der polniſchen Verfaſſung in Weſt⸗ preußen und im Netzdiſtriete; und durch die Verbeſſe⸗ rung der Gerechtigkeitspflege, des Schulweſens, des Feldbaues, der Gewerbe und des Handels, fur wel⸗ 1774 chen Friedrich den Bromberger Kanal zwiſchen der Weichſel und der Netze anlegen ließ. Gleichzeitig 125 ſicherte Friedrich den Beſitz des neuerworbenen Lan⸗ des durch die neuangelegte Feſtung Graudenz. In demſelben Jahre, in welchem die beiden Kaiſerhoͤfe und Friedrich Polen theilten, lief auch die achtjäͤhrige Zeit des zwiſchen Rußland und Preu⸗ ßen im Jahre 1764 abgeſchloſſenen Buͤndniſſes ab; es ward aber auf die folgenden acht Jahre erneuert. Während derſelben trat Katharina aus dem Kriege 1774 gegen die Pforte in dem Frieden zu Kutſchuk 22. Kainardge mit großem Erfolge heraus; denn die Jul. Pforte mußte die Tataren der Krimm und des Ku⸗ bans als frei anerkennen, die fteie Schifffahrt auf dem ſchwarzen Meere, die Feſtung Aſow, und die Abtretung des Landes zwiſchen dem Dnieper und Bog der Kaiſerin von Rußland bewilligen. Einige Jahre ruhten die Waffen, während Ka⸗ tharina, Maria Thereſia und Friedrich der Vervollkommnung und Verſtaͤrkung des innern Staatslebens ihre Regentenſorgfalt widmeten.— Bald aber entwickelten ſich, bei dem kinderloſen Tode des Churfuͤrſten von Bayern, Maximilian Jo⸗ ſeph, neue politiſche Intereſſen. Mit ihm erloſch der Wittelsbachiſche Mannsſtamm in Bayern⸗ 1777 Sein naͤchſter Erbe war der gleichfalls kinderloſe 30. Churfuͤrſt Karl Theodor von der Pfalz, deſſen Ka⸗Dec. binet fur die Abſichten der öſtreichiſchen Staatskunſt, bereits vor dem Erloſchen der bayriſchen Linie des Hauſes Wittelsbach, zuganglich geweſen war. Es war das, bei der Theilung Polens zuerſt mit Erfolg geuͤbte, Abruͤndungsſyſtem, welches bei dem Plane Joſephs ll. und des Fürſten Kaunit, ganz Bayern der öſtreichiſchen Monarchie einzu⸗ verleiben, vorwaltete. Der publiciſtiſche Scheingrund 1425 dazu ward aus den vermoderten Archiven des funfzehnten Jahrhunderts hervorgeſucht, wo Oeſt⸗ reich von dem damaligen Kaiſer Sigismund eine Anwartſchaft auf Niederbayern erhalten hatte, die aber, bei dem darauf folgenden Erloͤſchen der uͤber Niederbayern regierenden Seitenlinie der Wittels⸗ bacher, nicht einmal geltend gemacht worden, ſondern das erledigte Land an Oberbayern gefallen war. Fuͤr die Auffriſchung dieſes laͤngſt vergeſſenen An⸗ ſpruches, ſchloß Oeſtreich mit Churpfalz am 3. Ja⸗ 1778 nuar 1778 einen Vertrag zu Wien, in welchem Karl Theodor Oeſtreichs Anſpruche als gultig aner⸗ kannte, worauf Niederbayern, Mindelheim, und die boͤhmiſchen Lehen in der Oberpfalz von öſtreichiſchen Heerestheilen beſetzt wurden. Friedrich ll., obgleich in Jahren bereits vor⸗ geruͤckt, war nicht gemeint, dieſe Vergroͤßerung Oeſtreichs durch Bayern, und die damit verbundene große Veraͤnderung in der teutſchen Reichsverfaſſung und im teutſchen Staatenſyſteme anzuerkennen. Doch wuͤrde es fruchtlos geweſen ſeyn, den ſchwachen Karl Theodor fuͤr die Auffaſſung einer hoͤhern politi⸗ ſchen Anſicht zu bearbeiten. Friedrich beſchloß daher, auf den muthmaßlichen Erben der geſammten Wit⸗ telsbachiſchen Lander, auf den Herzog von Zwei⸗ bruͤcken, Karl Auguſt Chriſtian, einzuwirken, der, von Friedrichs gewandtem Unterhaͤndler, dem Grafen von Goͤrz, aufgeregt, oͤffentlich gegen den Wiener Vertrag ſich erklaͤrte, und Friedrichs Vermittlung in dieſer Sache anſprach. So faßte Friedrich die diplo⸗ matiſche Verhandlung deshalb mit Oeſtreich auf, wo⸗ bei er zugleich die Anſpruͤche Churſachſens auf die bayriſche Allodialerbſchaft vertheidigte, welche Maria Thereſia nicht anerkennen wollte, ſo wie die— aller⸗ 2* dings zweideutigen— Anſpruche des Hauſes Meck⸗ lenburg auf die Landgrafſchaft Leuchtenberg in der Oberpfalz, wozu es durch eine, aus dem Anfange des ſechszehnten Jahrhunderts ſtammende, kaiſer⸗ liche Anwartſchaft berechtigt zu ſeyn glaubte. Die von Friedrich Il. zu Wien uͤber die Aus⸗ gleichung dieſer diplomatiſchen Frage eingeleiteten Unterhandlungen zerſchlugen ſich ohne Erfolg. Während derſelben aber hatte ſich ein preußiſches Heer in Schleſien an der boͤhmiſchen Granze zuſam⸗ men gezogen; ein anderes, vom Prinzen Heinrich gefuͤhrt, ging durch Sachſen, mit welchem ſich, nach der Vereinigung des Churfurſten Friedrich Au⸗ guſt mit dem Könige von Preußen, das ſächſiſche Heer verband. Der Kaiſer Irſeph1l. dagegen ſtand in Boͤhmen in einem ſtark verſchanzten Lager.— Zwar eroffnete Friedrich II. am 4. Julius 1778 1778 den bayriſchen Erbfolgekrieg durch ſein Ein⸗ ruͤcken in Bohmen; allein weder er, noch Maria Thereſia wuͤnſchten, bei ihrem Alter, die Erneue⸗ rung der Scenen und der Dauer des ſiebenjährigen Krieges. Mehr verlangte Joſeph Il. nach Kriegs⸗ thaten und Kriegsruhm. Doch mußten auch die Bundesgenoſſen beider Machte beruckſichtigt werden. Frankreich, ſeit dem Jahre 1756 mit Oeſtreich zu Schutz und Trutz vereinigt, war damals in dem See⸗ kriege gegen England vollauf beſchaftigt, in welchem es auf der Seite der nordamerikaniſchen Kolonieen ſtand, welche gegen Großbritannien ihre Selbſtſtaͤn⸗ digkeit und Unabhängigkeit erkämpften. Frankreich wich daher der Theilnahme am Kampfe mit der Er⸗ klärung aus, daß der Fall, wo es Oeſtreich unter⸗ ſtuͤtzen muſſe(der easus foederis), nicht vorhanden ſey; denn Oeſtreich wäre der angreifende Theil. 128 Dagegen erklaͤrte die Kaiſerin Katharina von Ruß⸗ land, als Friedrichs Bundesgenoſſin, ſie werde den Koͤnig mit einem Heere von 60,000 Mann unter⸗ ſtutzen. Bei dieſen politiſchen Verhaͤltniſſen wurden, un⸗ ter Mitwirkung Rußlands und Frankreichs, neue Unterhandlungen zwiſchen Preußen und Oeſtreich angeknuͤpft, welche den bayriſchen Erbfolgekrieg— 1779 einen Krieg ohne Schlacht— im Teſchner Frie⸗ 13. den am 13. Mai 1779 dahin beendigten, daß der Mai. Wiener Vertrag vom 3. Januar 1778 zwiſchen Oeſtreich und der Pfalz als aufgehoben erklaͤrt, dem Hauſe Pfalz der Beſitz Bayerns zugeſichert, von Bayern aber das Innviertel mit der Feſtung Braunau an Oeſtreich abgetreten, dem Churfuͤrſten von Sachſen ein Averſionalquantum von 6 Millionen Gulden fuͤr die bayriſche Allodialerbſchaft beſtimmt und das ſtreitig gewordene Hoheitsrecht uͤber die Beſitzungen des Hauſes Schoͤnburg beſtätigt, dem Hauſe Mecklenburg das jus de non appellando zu⸗ getheilt, und dem Koͤnige von Preußen von Sei⸗ ten Oeſtreichs verſprochen ward, der Vereinigung der beiden fraͤnkiſchen Fuͤrſtenthuͤmer Anſpach und Bayreuth mit den Laͤndern des Churſtaates Branden⸗ burg kein Hinderniß in den Weg zu legen, dafern der Mannsſtamm in den beiden Fuͤrſtenthuͤmern er⸗ löſchen wuͤrde. Denn Friedrich beabſichtigte dieſe Vereinigung, weil er, auf den Fall des Erloͤſchens der fraͤnkiſchen Seitenlinie der Dynaſtie Hohenzol⸗ lern, die Begruͤndung eines neuen Regentenhauſes in Franken durchaus nicht zu verſtatten gemeint war. Fuͤr dieſe Bewilligung im Teſchner Frieden verzich⸗ tete Friedrich auf die Entſchädigung fuͤr die aufge⸗ wandten Kriegskoſten. Zugleich ward in dem Teſch⸗ 129 ner Frieden der weſtphäliſche Friede von neuem be⸗ ſtätigt; das teutſche Reich trat demſelben bei, und Frankreich und Rußland uͤbernahmen, als Bundesge⸗ noſſen der beiden den Vertrag abſchließenden Haupt⸗ maͤchte, die Gewaͤhrleiſtung deſſelben. Bald nach dieſem Frieden ſtarb Maria Thereſia. 1780 Ihr folgte in der Regierung der Erblander der öſtrei⸗ chiſchen Monarchie der Kaiſer Joſeph II., der den Antritt ſeiner Regierung ſogleich mit bedeutenden Umbildungen im innern Staatsleben bezeichnete, die zum Theile hoͤchſt nöthig und wohlthätig waren, zum Theile aber auch zu raſch erfolgten, und in mehrern Staaten der Monarchie, namentlich in Belgien und Ungarn, Unzufriedenheit erregten. Wenn Joſeph II. bei dieſen raſchen Neuerungen die kraftvolle Thatigkeit Friedrichs in Hinſicht der durch ihn bewirkten Verjuͤngung des innern Staatslebens in der preußiſchen Monarchie im Auge behielt; ſo uͤberſah er nur den einzigen wichtigen Unterſchied zwiſchen Oeſtreich und Preußen, daß in Branden⸗ denburg⸗Preußen alles zu einer zeitgemaͤßen Fort⸗ bildung vorbereitet und reif geworden war, und daß Friedrich weder mit einem mächtigen und vielver⸗ zweigten Prieſterſtande, noch mit bedeutend bevor⸗ rechteten Standen zu kämpfen gehabt hatte. Be⸗ ſonders waren es die Belgier, die durch Joſephs Neuerungen vielfach gereizt und erbittert wurden. Denn die großen Vorrechte, welche, ſeit den Zeiten der burgundiſchen Herzoge, zu deren Erbgute Bel⸗ gien gehoͤrt hatte, den einzelnen belgiſchen Provinzen zuſtanden, ſuchte Joſeph zu beſchraͤnken, weil er Gleichmäßigkeit und Vereinfachung aller Verfaſ⸗ ſungs⸗ und Verwaltungsformen in der Geſammt⸗ II. 9 130 heit ſeiner Monarchie beabſichtigte. Dazu kam Jo⸗ ſephs heller Blick in Beziehung auf das Pfaffen⸗ thum. Er wußte, daß die Selbſtſtaͤndigkeit der Re⸗ gentenmacht mit der geiſtlichen Herrſchaft der Prieſter uͤber die Voͤlker unvereinbar iſt, und daß jedes muͤn⸗ dig gewordene Volk die Prieſterherrſchaft abſtreift. Deshalb beſchraͤnkte Joſeph den mächtigen Ein⸗ fluß der Prieſter in Belgien, und erbitterte dadurch dieſen Stand, und die durch denſelben geleiteten Volksmaſſen gegen ſich. Endlich entging es Jo⸗ ſephs ſicherem politiſchen Blicke nicht, daß Belgien, unter allem öſtreichiſchen Beſitzthume, die unſicherſte Provinz bei jedem beginnenden Kriege war, weil es, gelegen in der Mitte zwiſchen Frankreich und Hol⸗ land, und nach ſeinen ausgedehnten Kuͤſtenländern, an jedem Kampfe zwiſchen Frankreich und England, und eben ſo an jedem Hauptkriege auf dem europai⸗ ſchen Feſtlande Theil nehmen mußte. Denn wie ſeit den Zeiten des ſchmalkaldiſchen Krieges die Haupt⸗ ſchlachten auf teutſchem Boden im Laͤndergebiete des Churſtaates Sachſen ausgekaͤmpft wurden; ſo erfolg⸗ ten in den Kriegen derweſtlichen Maͤchte des Erdtheils, ſeit Ludwigs XIV. Zeiten bis zum Aachner Frieden im Jahre1 748, die Hauptſchlaͤge auf dem Boden Belgiens. Alle dieſe Ruͤckſichten, und die voͤllige geogra⸗ phiſche Iſolirung Belgiens von den uͤbrigen Erblaͤn⸗ dern Oeſtreichs, veranlaßten den Kaiſer Joſeph im 1784 Jahre 1784, den Plan einer Eintauſchung Bayerns, gegen die Abtretung des groͤßten Thei⸗ les von Belgien an den Churfurſten Karl Theodor von der Pfalz, aufzufaſſen. Allerdings war der Zweck dabei die beſſere Abruͤndung der öſtreichi⸗ ſchen Monarchie in ihrer Naͤhe, und die Verſtaͤrkung ihrer Staatskraft durch die Einverleibung Bayerns und der Oberpfalz, und das Mittel, das Joſeph diesmal waͤhlte, rechtlicher, als die publiciſche So⸗ phiſterei vom Jahre 1778. Dazu kam, daß Jo⸗ ſeph in dieſer Zeit mit der Kaiſerin Katharina von Rußland in einer engen Verbindung ſtand, die er ſo zuvorkommend und ſo dringend geſucht hatte, daß Katharina im Jahre 1780, nach dem Ablaufe der zweiten acht Jahre des von ihr im Jahre 1764 mit Friedrich 1I. abgeſchloſſenen Buͤndniſſes, die Erneue⸗ rung deſſelben ablehnte, ſo daß Oeſtreichs Staats⸗ kunſt in Petersburg die Intereſſen Preußens uͤber⸗ flugelt hatte. Dies zeigte ſich beſonders in der Er⸗ klärung, welche Katharina durch ihren Geſandten, den Grafen Romanzow, dem Herzoge von Zweibruͤcken in Betreff der Vertauſchung Belgiens gegen Bayern machen ließ. Denn, wie ſechs Jahre fruͤher, ſo hatte auch im Jahre 1784 der alternde und ſchwache Karl Theodor ſogleich in Oeſtreichs Vorſchlag einge⸗ willigt, an Oeſtreich das Herzogthum Bayern, die Oberpfalz, die Fuͤrſtenthuͤmer Neuburg und Sulz⸗ bach, ſo wie die Landgrafſchaft Leuchtenberg abzu⸗ treten, und dagegen Belgien(doch mit Aus⸗ nahme von Luxemburg und Namur), die Wuͤrde eines Koͤnigs von Burgund, und 3 Millionen Gulden baar zu erhalten. Zugleich ward ihm ver— ſichert, daß Frankreich und Rußland die Gewährlei⸗ ſtung deshalb uͤbernähmen.— Ob nun gleich Roman⸗ zow von dem Herzoge von Zweibruͤcken die Einwilli⸗ gung in dieſen Tauſch binnen acht Tagen, im Na⸗ men ſeiner Kaiſerin, verlangte; ſo ſuchte doch der Herzog ſogleich von neuem die Verwendung Fried⸗ richs Il. nach, und ſchrieb zugleich an Katharina's Kanzler, den Grafen von Oſtermann, worin er die Gruͤnde ſeiner Ablehnung des ihm von Romanzow 9* —————— 132 geſchehenen Vorſchlags entwickelte. Friedrichs Er⸗ klärung in St. Petersburg gab dieſen Grunden ein hoheres politiſches Gewicht, beſonders als er die von Rußland und Frankreich uͤbernommene Gewähr⸗ leiſtung des Teſchner Friedens geltend machte. Dar⸗ auf erklärte Katharina, daß ſie Teutſchlands Ver⸗ faſſung und Ruhe anerkenne, und den beabſichtig⸗ ten Tauſch nur unter der Vorausſetzung der freien Einwilligung beider Theile fuͤr nuͤtzlich gehalten habe, und Frankreich verſicherte, der Kaiſer Joſeph nehme, wegen der Weigerung des Herzogs von Zwei⸗ bruͤcken, ſelbſt ſeinen Antrag zuruͤck. Allein Joſeph gab im Ganzen nur ausweichende Antworten;„er werde nie gewaltſam eine Vertau⸗ ſchung erzwingen“. Dieſe Erklärung befriedigte den König von Preußen nicht, der bereits im Jahre 1784 ſeinen Miniſtern Finkenſtein und Hertzberg den Plan zu einer Verbindung der Fuͤrſten Teutſchlands, nach der Art und Weiſe der fruhern in Teutſchland beſtehenden Fürſtenbundniſſe, vorgelegt hatte. Die erſte Mittheilung deshalb geſchah an die Churfur⸗ ſten von Sachſen und Hannover, weil der konigliche Greis, ergriffen von dieſer Idee, bei der Ueberzeu⸗ gung von dem großen Erfolge der Verwirklichung derſelben, es uͤber ſich gewann, nach zwei und zwan⸗ zigjähriger Entfremdung zwiſchen ihm und England, zuerſt ſich wieder dem Konige Georg III zu naͤhern. Sachſen und Hannover erkannten die Zweckmaͤßig⸗ 1785 keit des Vorſchlages. So ward am 23. Jul. 1785 23. zu Berlin der teutſche Fuͤrſtenbund, Anfangs Jul. blos von Churbrandenburg, Churſachſen und Chur⸗ hannover unterzeichnet; doch ſchloſſen ſich demſelben bald darauf Churmainz und deſſen Coadjutor Dal⸗ berg, die Herzoge von Braunſchweig, Zweibruͤcken, Gotha, Weimar, Mecklenburg, die Markgrafen von Anſpach und Baden, der Landgraf von Heſſen⸗ Kaſſel, der Biſchoff von Osnabruͤck, und die Fuͤr⸗ ſten des Hauſes Anhalt an. Die Urkunde des Bun⸗ des ſelbſt ſetzte den Zweck deſſelben in die Erhaltung der teutſchen Reichsverfaſſung nach den beſtehenden Verträgen und Friedensſchluſſen; in die Bewahrung des Reichstages, der Reichskreiſe und Reichsgerichte vor jeder fremden Einmiſchung, und in die Be⸗ hauptung der offentlichen Ordnung gegen jeden ver⸗ faſſungswidrigen Schritt in Teutſchland. Mur in beſondern Artikeln ward des von Joſeph beabſichtig⸗ ten Tauſches gedacht. Die nächſte Folge dieſes Fuͤrſtenbundes war, daß Oeſtreich die Eintauſchung Bayerns gegen Belgien aufgab, wodurch die bis⸗ herige Stellung der teutſchen Reichsfuͤrſten unter ſich keine Veraͤnderung erlitt, und Seſtreich nicht in dem Mittelpuncte ſeines teutſchen Beſitzthums die beabſichtigte Verſtärkung erhielt. Allein dieſer Für⸗ ſtenbund knuͤpfte auch zugleich das nördliche Teutſch⸗ land an die Staatsintereſſen Preußens, und ver⸗ großerte die ſchon ſeit dem ſiebenjährigen Kriege ein⸗ getretene Entfremdung und Trennung des ſuͤdlichen Teutſchlands von dem nordlichen; eine Trennung, die im Laufe des franzöſiſchen Revolutionskrieges noch fuͤhlbarer ſich ankuͤndigte, und unter dem Ein⸗ fluſſe von Verhaͤltniſſen, die außer dem Kreiſe aller diplomatiſchen Berechnungen des Jahres 1785 la⸗ gen, im Jahre 1806 den unaufhaltbaren Umſturz der teutſchen Reichsverfaſſung ſelbſt herbeifuͤhrte. Nach ähnlichen geläuterten Grundſätzen der Staatskunſt, hatte Friedrich bereits im Jahre 1781 der von Katharina Il. begruͤndeten bewaffneten 134 nordiſchen Neutralität, gegen Englands Beeintraͤchtigung der Schiffahrt und des Handels der neutralen Maͤchte, ſich angeſchloſſen, und, in demſelben Geiſte, unterzeichnete er, ein Jahr vor ſeinem Tode, einen Freundſchafts⸗ und Han⸗ delsvertrag mit dem nordamerikaniſchen Frei⸗ ſtaate. Dem großen Koöͤnige leuchtete der große Grundſatz des Voölkerrechts ein,„daß freies Schiff freies Gut mache“. Gegen dieſen, von Großbri⸗ tannien ſelbſt im Utrechter Frieden(1713) aner⸗ kannten, Grundſatz hatte aber England in den letzten Seekriegen geradezu gehandelt, und namentlich in dem mehrjäͤhrigen Kampfe mit den nordamerikani⸗ ſchen Kolonieen. Vielfach wurden waͤhrend dieſes Krieges die Rechte der neutralen Flagge von den brittiſchen Flotten beſchraͤnkt und beleidigt, bis end⸗ lich Katharina im Jahre 1780, gegen dieſe Ein⸗ griffe, die bewaffnete nordiſche Neutralität fuͤr die Behauptung der Rechte der neutralen Flagge ſtiftete, welcher Schweden, Daͤnemark, Portugal, Holland, 1781 und Preußen am 8. Mai 1781 ſich anſchloſſen. Zwei Jahre ſpäter erkannte Großbritannien die Selbſtſtaͤndigkeit und Unabhaͤngigkeit des nordame⸗ rikaniſchen Bundesſtaates an, und bereits am 10 ten 1785 September 1785 ſchloß Friedrich IMI. mit dieſem jungen Freiſtaate im Haag einen Freundſchafts⸗ und Handelsvertrag auf die Unterlage einer weiſen und aufgeklaͤrten Staatskunſt. Denn nicht nur, daß in dieſem Vertrage, auf den Fall eines zwiſchen Preußen und Nordamerika ausbrechenden Krieges, die ſchonendſte Behandlung der Kriegsge⸗ fangenen und des Privateigenthums der in beiden Staaten anſaͤſſigen Kaufleute feſtgeſetzt ward; es ward auch in demſelben der höchſte Grundſatz 135 des Volkerrechts: frei Schiff macht freies Gut, von beiden Theilen foörmlich anerkannt und ausgeſprochen. Gleichzeitig mit dieſem Vertrage, den Fried⸗ rich mit dem neuen Freiſtaate des vierten Erdtheils ab⸗ ſchloß, nahm das Haus des Erbſtatthalters, mit wel⸗ chem Friedrich nahe verwandt war, in einem der euro⸗ päiſchen Freiſtaaten, ſeine Vermittelung bei den Zwi⸗ ſtigkeiten dieſes Hauſes mit den Generalſtaaten in An⸗ ſpruch. Allein Friedrich lehnte ſeine Dazwiſchenkunft ab, weil ſein ſicherer politiſcher Tact zwiſchen Familien⸗ intereſſen und Staatsintereſſen genau unterſchied, und er alle Einmiſchung in die innern Angelegen⸗ heiten eines ſelbſtſtaͤndigen und gleichberechtigten Staates als unrechtlich verwarf. Mit dieſen gelaͤuterten Grundſatzen des Staats⸗ und Voͤlkerrechts naͤherte ſich der koͤnigliche Greis dem Ende ſeiner irdiſchen Laufbahn. Wenn andere Koͤnige in ihrem Alter geiſtig ſchwach wurden, und, wie namentlich Ludwig XIV., die niederſchlagende Erfahrung machten, daß ſie ſich uͤberlebt hatten, und daß ihr Staat nicht mehr auf dem politiſchen Höhepunete ſtand, auf welchen ſie ihn fruher ſtell⸗ ten; ſo trug Friedrich II. in ſeiner Seele das entge⸗ gengeſetzte Bewußtſeyn. Groß und kraͤftig ſtand die von ihm zu ihrer hohen Beſtimmung gefuͤhrte preu⸗ ßiſche Monarchie in der Mitte des europäiſchen Staatenſyſtems; geachtet dies⸗ und jenſeits des Weltmeers war ſein Geiſt, und das Wort der Ent⸗ ſcheidung, das er ſprach. Rings um ihn her im innern Staatsleben blühte ſeine neue Schöͤpfung auf; denn ſie ruhte nicht blos auf den materiellen Kräften des Bodens, des Feldbaues, des Gewerbs⸗ fleißes und des Handels; ſie ruhte zunaͤchſt auf dem geiſtigen Leben, das ſein eigener hoher Geiſt ge⸗ 1786 136 weckt, unterſtuͤtzt und befördert hatte. Er war der erſte Selbſtherrſcher im juͤngern Europa, der das freie Wort uͤber alle Angelegenheiten des kirchlichen und politiſchen Lebens verſtattete, weil ſeine Groͤße von dem freien Worte nichts zu befuͤrchten hatte. Nichts Kleinliches, nichts die kräftige Entwickelung der geiſtigen Kraft Beſchränkendes, ging von ſeinen Kabinetsbefehlen aus; ſelbſt uͤber die Leiden eines durch die Waſſerſucht tief erſchuͤtterten Koͤrpers ſiegte ſein durch funfzigjährige Anſtrengungen an Arbeit und Selbſtbeherrſchung gewohnter Geiſt. Mit Strenge gegen ſich uͤbte er die Pflichten und die Rechte der königlichen Wurde bis zum 16. Auguſt 1786. An dieſem Tage verließ ihn bisweilen das Bewußt⸗ 17. ſeyn, und am Morgen des 171ten Auguſts trennte Aug. ſich ſein hoher Geiſt von der irdiſchen Huͤlle. Friedrich hatte bereits am 8. Januar 1769 ſein Teſtament') entworfen, und im geheimen Ar⸗ chive verſiegelt niedergelegt. Er vermachte, in dem⸗ ſelben, ſeinem Neffen und Thronerben alle Laͤnder der Monarchie, alles Vermögen, und namentlich den Schatz,„der dem Staate gehoͤrt, und keine andere Beſtimmung hat, als die Volker zu verthei⸗ digen und deren Laſten zu erleichtern“. Sein Allo⸗ dialvermögen ſey unbedeutend; denn er habe die Einkuͤnfte des Staates nie zu ſeinem Nutzen ver⸗ wendet, und ſeine perſoͤnlichen Ausgaben haͤtten in keinem Jahre uͤber 220,000 Thaler betragen. Seine Wittwe, Geſchwiſter, Verwandte und die braven Officiere ſeines Heeres empfahl er ſeinem Nachfolger;„er ſoll immer bedenken, daß der Vor⸗ *) Den Inhalt deſſelben ſ. bei D ohm, in ſ. Denk⸗ wuͤrdigkeiten ꝛc. Th. 3. S. 174. 137 zug der Erſtgeburt ein Werk des Zufalls, und der Kö⸗ nig nicht beſſer ſey, als andere Menſchen“. Fried⸗ rich ſchloß ſein Teſtament mit der Erklärung:„Im Augenblicke des Todes werden alle meine Wuͤnſche auf das Wohl dieſes Reiches gerichtet ſeyen. Moͤge es immer mit Gerechtigkeit, Weisheit und Kraft regiert werden! Moͤge es der gluͤcklichſte aller Staaten feyn, durch milde Geſetze, durch eine billige Verwaltung der Finanzen! Moͤge es immer tapfer vertheidigt werden durch Krieger, welche die Ehre uͤber alles lieben, und moͤge es bluͤhend fortdauern bis ans Ende der Zeiten“ Der Koͤnig ſtarb im 7öſten Lebensjahre, und nach einer 46 jaͤhrigen Regierung. Beinahe ſechste⸗ halb Millionen Menſchen lebten, in ſeinem Todes⸗ jahre, unter ſeinem Scepter. Das achtzehnte chriſt⸗ liche Jahrhundert, dem ſeine Geburt, ſein Leben, ſeine Bildung, ſeine Regierungszeit und ſein Tod angehoͤrt, erhielt durch ihn einen neuen feſtbeſtimm⸗ ten politiſchen Charakter; ſein Preußen verdankte ihm den erreichten Hoͤhepunct. Die Schattengebilde der Nacht und der Morgendaͤmmerung verſchwinden beim Aufgange der Sonne; ſo ſchwanden die Schat⸗ tengeſtalten der Unwiſſenheit, der geiſtigen Be⸗ ſchraͤnktheit, des Aberglaubens und der Selbſtſucht, als durch Friedrich der Lichtſtrahl der Sonne der Aufklaͤrung in den Geiſt und in das Herz ſeiner Preußen fiel. Darum: Selig ſind die Fuͤrſten, die in dem Herrn ſterben! Der Geiſt ſpricht, daß ſie ruhen von ihrer Arbeit; und ihre Werke fol⸗ gen ihnen nach! Ende des dritten Bändchens. Berichtigungen: S. 5 Z. 11 v. o. muß nach iſt ein Komma ſtehen. S. 38 muß die Seitenzahl 1722 bei Zeile 15 v. u. ſtehen.