deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenummen. 3. Cantion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthr deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf Monat: W f 1 V W 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. a2 Erzählungen für üegentage von Edouard Plouvier. Mit einer Vorrede von Georges Sand. Uebertragen von Julius würzburger. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. Schuellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei. S Die Originalien einer Gemäldegallerie 32 Sitia Der Werth eines falſchen Diamanten 382 Pas Lachen Waiens Ein verlornes Paradies Die Abtei von Maiſon⸗Dien 207 Eine Furche auf einem See 292 Vorrede. Die vorliegende Reihe reizender Erzählungen iſt von einem ebenſo unterhaltenden als rührenden In⸗ halte. Sie rühren von einem Talente her, das jungen Herzens und reifen Geiſtes iſt. Sie ſind im romanti⸗ ſchen Style, aber nicht mit ſataniſchem Geiſte ge⸗ ſchrieben. Es iſt dies ſchon Etwas, es iſt ſelbſt viel, nicht ſataniſch zu ſein. Die junge, moderne Schule, die ſich nach jener gebildet, die vor 25 bis 30 Jahren eine Revolution in der Literatur machte, hat ſich mehr die Fehler als die guten Eigenſchaften der Meiſter dieſer Schule angeeignet. Es lag dies in der ewigen Ordnung der Dinge und beſonders der Kunſt. Der troſtloſe Theil des Romanticismus überſchreitet das Maaß, und ge⸗ rade dadurch ging der Romanticismus zu Grunde, nicht als ein errungener Reichthum, ſondern als eine gefühlſchwärmeriſche Neuerung. Plonvier, Erzählungen für Regentage. 1 I Es hat eine Zeit gegeben, wo man ihn die Schule der Verzweiflung nennen konnte. Wir waren damals alle mehr oder minder René's Söhne, wir fühlten uns von jener bitteren Entzauberung berührt, deren Ein⸗ dringen Herr von Chateaubriand bei ſeinem erſten Auftreten angekündigt hatte. Er hat zuerſt dieſe Seelen⸗ krankheit lebhaft empfunden und mit Glanz beſungen; er hat uns dieſelbe ſeit unſerer Jugend eingepflanzt. Der Athem des Jahrhunderts brachte ſie uns unglück⸗ licher Weiſe; René's Gedicht lehrte uns, ihr einen Na⸗ men zu geben, und für ſie eine beſchreibende Form zu erfinden. Viele wurden ernſt berührt und ſind noch immer daran krank, ohne mehr davon ſprechen zu wol⸗ len. Da es ſolche waren, die von ihren Leiden Rechen⸗ ſchaft zu geben und andere dafür zu intereſſiren wußten, ſo wurde es bald Mode, nicht nur moraliſch, ſondern auch phyſiſch krank zu ſein. Vom Spleen gelangte man zur Bruſtkrankheit, und die Schule drohte ein Hoſpital zu werden, als das Publikum, indem es ſah, daß man hier nicht mehr ſtarb als anderswo, deſſen müde wurde Gräber zu erwarten, und Anderes verlangte. Dann ſah man auf die Bruſtkranken die Raſenden folgen. Es entſtanden mehr Lara's als es René's ge⸗ geben hatte, und darauf die Don Juan's in Ueber⸗ fluß. Es gab ſelbſt Lycanſchmerzen*). Man ſah eine Maſſe wahrhaft raſender Erzeugniſſe entſtehen, wo der ) Wahnſinnige, die ſich einbilden, Wölfe zu ſein. Anm. d. Ueberſ. III Wahnſinn, die Orgie, die Wuth, der Haß gegen das menſchliche Geſchlecht, die Verachtung der Frauen, kurz das Paſcha⸗Genre in der bizarrſten Form angeprieſen wurden. Man ſchickte mir Manuſcripte, die mir am Ende einiger Seiten aus der Hand fielen, wie ein ent⸗ ſeelender Alpdruck, und ich konnte mich lange nicht da⸗ zu bringen, den zehnten Theil der erſchienenen oder nicht erſchienenen Werke zu leſen, für welche ich mich intereſ⸗ ſiren ſollte. Demohnerachtet war eine Maſſe Geiſt und Talent auf dieſe ſchlechte Fährte verwendet, um dem ſchrecklichen Geſchmacke der Zeit zu genügen; und man kann wohl behaupten, daß zu allen Zeiten die Mode der Natürlichkeit und der individuellen Aufrichtigkeit, die nach der Mutter der Talente von ächtem Gehalte, nach Wahrheit, ſtrebt, größtmöglichen Eintrag gethan hat.— An dieſen vorliegenden Erzählungen gefiel uns das Ungeſuchte, die Wahrheit und die Sanftmuth der Seele, die eine ſehr ſchätzbare Eigenſchaft iſt nach ſo vielen wilden Verſuchen, die von vielleicht ausgezeichneten Geiſtern gemacht wurden, um abſcheulich zu erſcheinen. Doch hat der Verfaſſer dieſer Erzählungen auch gelitten, man ſieht es wohl, vielleicht viel gelitten; aber er hat weder den Himmel noch die Menſchen verläugnet. Sein Talent hat die Anmuth bewahrt, ein ſicheres Zeichen, daß ſein Herz jung geblieben iſt. Eine große Selten⸗ heit in jetziger Zeit; ſelbſt ein großes Verdienſt, denn es iſt nicht zu läugnen, daß die Epoche, in welcher wir leben, zu jenen gehört, die alle Begriffe bezüglich der X IV Humanität gewaltſam erſchüttern, und die lebhafte Köpfe mit Zweifel und Bitterkeit erfüllen. Wollen wir deßhalb Dank wiſſen den Männern der Erfindung, den jungen Künſtlern, den Par excellence fühlenden Weſen, die noch glauben und uns glauben laſſen an Freundſchaft, Ehre, Aufopferung, an Liebe und an Gott. Néhaut, 16. Dez. 1852. George Sand. Die Sphinx. (Aus den Memviren eines Hundertjährigen.) An Pictor Hugo. * Indem ich mit den Schauſpielern die Verbin⸗ dung abbrach, fand ich mich wieder einmal allein im Leben: ohne Erwerb und ohne Geld; ohne Wohnung und ohne Mittageſſen: zur freien Dispoſitivn meines ewigen Beſchützers; Dank der Vorſehung, der unacht⸗ ſamſten unter allen Gottheiten! Ich hatte mich beim letzten Mahle der Truppe ent⸗ ſchieden, um acht Uhr in der Früh, ehe ſie Breſt verließ, um ſich nach Quimper zu begeben. Als der Wagen, der ſie fortbrachte, im Staube der Vorſtadt verſchwunden war, ging ich lange im heißen Sonnenſchein ſpazieren, auf der Jagd nach productiven Gedanken. Aber meine Einbildungskraft verſchoß ihr Pulver auf Chimären, und ich traf am Ziele einer jeden Spur irgend eine hand⸗ greifliche Unmöglichkeit. Ermattet und entmuthigt ſchlief ich im Schatten aufgehäufter Fäſſer ein, und als mich ein gewiſſes wohl⸗ 6 bekanutes Zerren des Magens aufweckte, ſchlug es in der Segeltuchfabrik am Hafen acht Uhr. Das gibt ein vollkommenes Zifferblatt, ſagte ich zu mir. Und ich verſuchte alsbald wieder einzuſchlafen, als ein Matroſe, der dem Quai entlang promenirte, die Pfeife im Munde, vor mir ſtehen blieb. Nach einigen Augenblicken der Ueberlegung ſagte er zu mir: „Biſt Du es wirklich, Bruno⸗Gaspard?“ Ich bin es, wenn Du mich zum Souper einladeſt, Freund Garnier; wo nicht, bin ich nicht Brunv⸗Gas⸗ pard; laß mich ſchlafen.“ „Sonpire mit mir,“ erwiederte der Matroſe. Und einige Minuten darauf befanden wir uns in einer Schenke in der Vorſtadt Recouvrance, vor einem dampfenden Souper ſitzend. Während ich demſelben alle Ehre erwies, ging, wie es ſchien, die Vorſebung da vorüber. Sie erkannte mich durch die Scheiben der Schenke, und ſorgte, indem ſie mir wieder wohlwollte, für das Deſſert. „Am Vorde der Vleille⸗France, wo wir uns kennen lernten, wäreſt Du, Deine Faulheit ausgenommen, kein ſchlechter Matroſe geweſen. Wenn Du etwas mehr Muth beim Takelwerk verwenden willſt, engagire ich Dich augen⸗ blicklich für die Maunſchaft der Sphinx.“ „Was iſt das, die Sphinx, Garnier?“ „Was es eigentlich bedentet, weiß ich ſelbſt nicht; ſichtbar iſt es eine hübſche feſte Goslette von ſechzig Tonnen, mit zehn Mann Equipage und zwei Schiffs⸗ jungen, bewaffuet mit ſechs Stück ſchweren Geſchützes und zwei Mörſern für den Fall eines Zuſammentreffens mit Korſaren, und nur von ſeinem Capitän abhängig, der faſt unabhängig iſt, weil der Herr der Sphinr nicht befiehlt, noch wünſcht, noch überhaupt jemals Etwas ſagt„ 7 „Wer iſt dieſer Maun?“ „Es iſt der Herr,„der Schweigende,“ man weiß ſonſt nichts von ihm. Die Schiffsmannſchaft hat ihn den „Schweigenden“ genannt. Er wohnt im Hintertheile der Goölette, wo er Alles nach ſeinem Geſchmacke hat ein⸗ richten laſſen. Oſt kömmt er des Nachts bei ſtürmiſchem Wetter, oder auch, wenn es ſchön iſt, am Himmel wie auf dem Meere auf's Verdeck, wo man ihn dann faſt allein läßt.“ „Aber woher kommt Euer Fahrzeng? Wohin geht es? Was treibt es?“ „Es treibt nichts, es fährt ſpazieren. Wir kommen von der hohen See, und kehren morgen auf die hohe See zurück. Wir gefallen uns nur inmitten des weiten Oceans; wir erſticken in den Meerengen, wir ſind genirt in den Meerbuſen, wir befinden uns ſelbſt im mittelländi⸗ ſchen Meere ſchlecht; erſt im indiſchen Meere fangen wir au, aufzuathmen. Wir brauchen das atlantiſche und ſtille Meer; aber man trifft auch dort zu viele Inſeln, und morgen kehren wir in den großen Ocean zurück. Wir betreten nur das Land, das heißt, wir von der Schiffs⸗ mannſchaft, denn der Herr kömmt nie dahin, um Waſſer, Munition und Mundvorrath zu erneuern. Wir ſind auch dieſes Mal nur hier, um einen Mann zu erſetzen, der auf der Höhe der Azoren unlänaſt ſtarb... Wenn Dir das Fahrzeng gefällt, und es Dir nicht zu hart dünkt, eine Vorſchrift zu befolgen, die Stillſchweigen gebietet, ſobald der Herr erſcheint, ſo engagire ich Dich.“ „Ich nehme es an, mein Freund. Und wie lange promenirt ihr nun durch Länge und Breite?“ „Was mich betrifft, ſind es ſieben Jahre. Der Capi⸗ tän commandirt die Sphinx gegen zwanzig Jahre, ſeit⸗ dem ſie der Schweigende ausgerüſtet und vom Stapel hat laufen laſſen; und in dieſer ganzen Zeit erinnert er ſich nicht, daß der Herr die Goölette außer ein einziges Mal, verlaſſen hätte. Der Schweigende blieb damals 8 einen Monat abweſend von ſeinem Schiffe, während die Sphinx auf der Rhede von Toulon war. „Alſo noch einmal, Freund Garnier, ich nehme anz; Du wirſt mit mir zufrieden ſein und ich bin Dir ſehr dankbar.“ Mit dieſen Worten verließen wir die Schenke. Gar⸗ nier brachte mich zum Capitän, der mich genehmigte, und denſelben Abend noch ſchlief ich einen guten Schlaf am Bord der Goölette. Am andern Abend befanden wir uns, da die Sphinr den Tag über bei prächtigem Wetter ſechs Knoten in der Stunde zurückgelegt hatte, auf offener See. Auf das eben durchlebte qualvolle Leben, in welchem mir jeder Verſuch mißlang, hatte der jüngſt verfloſſene Tag für mich die Wirkung eines moraliſchen Bades. Dieſe weite Stille, die mir kein elendes Geräuſch verdarb, denn die Wendungen wurden ſchweigend ausgeführt, brachte an die Oberfläche meines Geiſtes ſeine beſten Erinnerungen, und verlieh den guten Trieben wieder die Herrſchaft über meine Natur: kurz, ich fühlte mich in dieſem Momente in einer edlen ſanften Stimmung. Die Reihe der Wache war an mir, und obwohl die Sphinx um den Preis des längſten Umwegs einem jeden Schiffe anszuweichen pflegte, ſo konnte ich mich doch un⸗ genirt mir ſelbſt überlaſſen; denn der Himmel war ein⸗ ſam wie das Meer, nicht Eine Wolke und nicht Ein Segel. Plötzlich verſchwand Jedermann auf ein Zeichen des Capitäns, der mit der Mannſchaft auf dem Verdecke friſche Luft ſchöpfte; ſelbſt der Steuermann wurde unſicht⸗ bar, und ich ſah langſam einen Mann auf die Dunette heraufkommen, den ich als den Herrn erkannte, den Schweigenden. Er war groß und hager und in einen Matroſenmantel von dunkler Farbe gekleidet. Seine dich⸗ ten, ſchwarzen Haare flatterten wild über ſeine nackte Stirne, die ein Alter von etwas mehr als vierzig Jahren anzeigte. Ich konnte an dieſem Abend den Ausdruck und 9 die Farbe ſeiner Haare nicht unterſcheiden, die ſeine buſchigen Augenlider, die hervorſtehende Stirne und die zunehmende Dunkelheit noch für mich verhüllten; erſt ſpäter wurde ich von dem Feuer überraſcht, welches ſich von Zeit zu Zeit am Grunde ſeiner gelbfarbigen Angen⸗ ſterne entzündete Das beſtändige Zuſammenziehen ſeiner ſtarken rothen Lippen erweiterte noch ſeine mächtigen Naſenlöcher, deren Schnauben gewaltige, kaum unter⸗ drückte Leidenſchaften verriethen. Er war ſehr blaß und trug einen vollen Bart von blonder Farbe. Er lehnte ſich an das Geländer des Verdecks, die Angen der untergehenden Sonne zugewendet, und blieb unbeweglich. Nur in Zwiſchenräumen hörte ich das Ge⸗ ränſch ſeiner tiefen Reſpirativn bis zu mir her; entweder ſchüttelte er den Kopf, wie man thut, wenn man eine hartnäckige Erinnerung fliehen will, oder er ſchloß ſanft die Angen, wie wenn man ein verlorenes Bild wieder finden will. Lange bewunderte ich den Schweigenden, den Herrn der Sphinx, und ich erinnere mich noch immer der Worte, die mir, während ich ihn betrachtete, alle Augen⸗ blicke über die Lippen kamen:— Bruno„ſagte ich mir, das iſt ein Mann!— Die Nacht war lau und leuchtend gekommen, als der Schweigende ſeine Stirne auf die Hand fallen ließ und mir alſo ſein Antlitz verbarg. Kaum waren ſeine Züge vor meinen Angen verhüllt, als ſie in meinem Gedächtniſſe plötzlich wieder erſchienen, aber ſaufter, zar⸗ ter und friſcher. Ich habe vor vielen Jahren dieſen Mann ſchon ein⸗ mal geſehen!„. Wo fah ich ihn doch?... — 10 II. Hier will ich ein Blatt einfügen, das zu meinen Pariſer Erinnerungen gehört, und das ich nie geſchrieben hätte, wenn ich nicht auf einem der hundert Wege mei⸗ nes abentenerlichen Lebens dem Herrn der Sphinx begeg⸗ net wäre. Etwas mehr als zwanzig Jahre vor meinem Zuſam⸗ mentreffen mit dem Matroſen Garnier, war ich etwas weniger als zwanzig Jahre alt. Ich war reich an allen wahren Reichthümern: an Hoffnungen, Verführungen und Mußeſtunden, auch reich an Geld. Ich entwickelte mich fröhlich im grünen Lenze meines Lebens, und koſtete, wie geſagt, damals alle jene ſchönen Freiheiten des Lebens zugleich, die ich nachher durch meine Schuld eine nach der andern verlor. Eines Tages im April hatte ich auf der Seite von Montmorench auf einer Anhöhe mein Pferd angehalten, und von da betrachtete ich, im Sonnenſchein durch den warmen durchſichtigen Nebel, das überall rauchende und da und dort glänzende Paris. Plötzlich hörte ich eine jugendliche klangvolle Stimme rufen: „O Paris! nun ſtehe ich vor dir! Du wirſt mir nun veine Schätze eröffnen, mir deine Frenden euthüllen, mir deine Gedichte ſingen! Paris, du Himmel, den ich in meinen Jünglingsträumen geſehen, du öffneſt dich end⸗ lich vor mir! Du biſt hier, hier! Du wirſt mir für meine zwanzig Jahre der Unwiſſenheit das wahre Leb verſchaffen, einen Kampfplatz für meinen Muth, einen Namen für meinen Stolz und Leidenſchaften für meine Leidenſchaften! Paris, Paris, da biſt du.“ Dieſe Stimme die ich anfänglich für die eines Tollen . 11 hielt, denn ſolche Lieder ſingt man nicht mehr in der wirklichen Welt dieſe Stimme rührte von einem jungen Menſchen in meinem Alter her, der ein wenig unter mir ſtand, um gleichfalls die ungeheure Stadt zu betrachten, die zu unſern Füßen heulte, ſich regte und ſtrahlte. Ohne Zweifel hatte dieſer Knabe,— denn obwohl von meinem Alter, war er doch, nach ſeinen lyriſchen Ausrufungen zu urtheilen, viel jünger als ich— anfänglich ſchweigend, wie ich hinabgeſehen: dann erſt, als ihn ſeine Phantaſieen zum Enthuſiasmus brachten, ſchrie er;— wie wir es alle gemacht haben, allein in unſerem Zimmer, in der Nähe unſeres ſchönen fünfzehnten Jahres, im Alter der Aus⸗ dehnung wo man ganz ſtolz, ganz bezaubert und ein wenig toll darüber iſt, daß man zu fühlen anfängt, daß man lebt! Auf der Fläche, wo ich mein Pferd gelaſſen, erhob ſich ein Pavillon mit grünen Sommerläden. Auf die friſchen Bemerkungen dieſer glücklichen Stimme, öff⸗ nete ſich ein Laden, und ein Mann von reifem Alter lehnte ſich mit beiden Armen auf das Fenſtergeſimſe. „Mein Herr, da Sie nach Paris gehen,“ rief dieſer Mann mit ernſtem Tone dem Kinde zu,„wenden Sie ſich doch ein wenig nach mir um, und laſſen Sie mich, ich bitte Sie, den Mann ſehen, mit dem Paris bald zu thun haben wird.“ Ganz verwirrt und erſchreckt, aber jugendlich genug, um ſich nicht zu ſchämen in ſeiner friſchen Jugend er⸗ tappt worden zu ſein, machte der Knabe einige Schritte, um den zu ſehen, der in dieſer Weiſe zu ihm geredet. „Ah! ah! Das iſt alſo der Titan, der mit Paris kämpfen will! Kehre zurück, von wo Du kanmſt, armer Kleiner, dahin, wo man Dich ohne Zweifel liebt, wo Du vielleicht glücklich leben und ſterben kannſt mit dem Glau⸗ ben an Dich, an die Menſchen, an Gott. Siehſt Du, Paris iſt ein Feld voll barbariſcher Feinde, die die An⸗ Triffe Deiner ehrlichen Tapferkeit mit heimtückiſchen Schlägen erwiedern werden. Höre auf mich, junger Mann, 12 wie auf den Vorpoſten, der Dich anruft: Wer da! und zu Dir ſagt: Hab' Acht! Geh keinen Schritt mehr vor⸗ wärts, kehre zurück zu denen, die Dich haben gehen laſſen, gegen deren Willen Du vielleicht gekommen biſt: in Mitten der Deinigen bekämpfe das Schickſal; das wird hinreichend genng ſein. Was kann ich Dir noch ſagen! Unglücklicher! Paris iſt die verhängnißvolle Mühle, die unaufhaltſam Alles zermalmt, was zu ihr kömmt, um Nahrung für den Geiſt der Welt daraus zu bereiten! Du, ſchwacher Knabe, weniger als eine Aehre, als ein Kern, als ein Atom von Getreide in der Mühle, die die Menſchheit nährt, lege Dich nicht ſchlafen, unter dieſen unverſöhnlichen Mühlſtein. Er würde Alles an Dir zer⸗ malmen: Deinen Körper und Deinen Geiſt, Dein Herz und Deine Seele! Gehe, gehe, aus Mitleid für Deine Jugend, kehre um! Zerſtöre Deine Ungeduld, erſticke Deine Hoffnung, vernichte Deine Wünſche, oder wenn Du es nicht kannſt, tödte Dich ſofort, um Deine Kenſch⸗ heit, Deinen Glauben, Deine Ehre und Dich ſelbſt ganz mit Dir in das Unbekannte zu bringen.“ Dieſe Stimme, die ſich allmählig bis zum prophe⸗ tiſchen Tone ſteigerte, hielt plötzlich inne. Der junge Menſch, der gebeugter Stirne zugehört hatte, erhob das Haupt; er fixirte einige Secunden denjenigen, der ihn zurückhalten wollte; dann ging er raſchen und entſchloſſenen Schrittes nach Paris hinab. Ich ſah ihn mit einer unfreiwilligen Herzbeklemmung verſchwinden... Armes Korn vom reinen Getreide, es rollte den verhängnißvollen Abhang hinab zum Mühl⸗ teine! Noch einen Augenblick hielt ich meine Angen auf Paris gerichtet; es ſchien mir, daß dieſe Bilder, die der Mann mit der ernſten Stimme ſveben ausgeſprochen hatte, unter meinen Augen verwirklicht wurden, und ich wartete wie um das Opfer erliegen zu ſehen, das ich fünf Minuten vorher neben mir hatte ſingen hören.— * 13 Das Geräuſch der Läden, die geſchloſſen wurden, ent⸗ riß mich meinen Träumen und ich ſetzte mein Pferd in Galopp. Alſo begegnete ich dem jungen Manne, den meine Erinnerung eine Zeitlang das„Gtreidekorn“ nannte. Als ich ihn wieder ſah, war ich zwanzig Jahre älter, er älter— ich weiß nicht— um wie viel Jdh Und als ich ihn wieder erkannte, war er der Herr der Goslette, auf der ich als Matroſe diente, und man hatte ihm den Namen„des Schweigenden“ gegeben. Ferne vom Lande, zwiſchen Himmel und Waſſer, in der mächtigen Stille einer unbegrenzten Einſamkeit, die bewohnten Gegenden fliehend, floſſen uns in dieſer Zeit die Stunden und Tage friedlich dahin. Jedem Tage, der erſchöpft ins Meer ſank, folgte ein gleicher ebenſo fried⸗ licher, eben ſo ſanfter Tag. Man kann ſich nicht mehr langweilen, wenn man nur die Klagen des Oceans hört, wenn man allſtündlich die Tiefen des Unendlichen erforſcht, nachdem man ein wenig unter dem Geſchrei der Menſchen zwiſchen den Steinen und Planken ihrer Häuſer gelebt hat. Ich genoß mit Wollnſt die Luſt des Schweigens und meine Angen zerſtrenten ſich am Vorüberziehen der Seevögel; Gott gab mir als Feſte die Auf⸗ und Unter⸗ gänge der Soune, der Königin des Meeres. Meinem alten Bedürfniſſe der Aufregungen wurde durch Gewitter und Stürme genügt, und zur Beſchäftigung und Auf⸗ regung meines Geiſtes hatte ich ein impoſantes Schau⸗ ſpiel: der„Schweigenden.“ Immer allein, immer ſtumm, immer traurig, behielt er für mich einen blendenden Reiz, der ſich täglich noch vermehrte, und der mich zu einem eruſten Gefühle für ihn veranlaßte, das ihn vielleicht ſehr in Erſtaunen verſetzt 14⁴ haben würde, wenn er es jemals hätte vermuthen können. Sein Gang auf dem Verdecke, das geringſte Ge⸗ räuſch ſeiner Bewegungen, ſelbſt ſeine Erſcheinung ließ mich erbeben, und als einſt ſeine Augen auf mir ruhten, ſicherlich ohne mich zu ſehen, wie es oft geſchieht wenn man einen Gedanken verfolgt— füllten ſich meine Augen mit Thränen. Das Fahrzeug war wohl getauft: die Sphinx,— war es nicht dieſer Mann mit ſeiner breiten räthſelhaften Stirne, ſeinen geſchloſſenen Lippen und ſeinem unergründlichen Blicke! Bei gutem Wetter fuhren wir eines Tages unter dem Zeichen des Steinbocks zwiſchen der Inſel St. Paul und den Mesarrenen. Der Schweigende ſtand auf dem Hinterdecke; ich hatte die Wache. Ich überließ mich meinen gewohnten Betrachtungen ſo ſehr, daß ich ein Dampfboot zu ſignaliſiren unterließ, das von Sydney nach London ging. Erſt der Blick des Schweigenden, der dem Rauche des Dampfers lange aus der Ferne gefolgt war, entdeckte mir die Vorbeifahrt dieſes Fahrzeuges. Es war ſchon zu ſpät, meine Ordre zu erfüllen; ich rech⸗ nete auf Strafe und verhielt mich ruhig. Als es dem Herrn nicht mehr möglich war, den Renner unbemerkt zu laſſen, zog er aus der Taſche ſeines Mantels eine kleine Pfeife. Auf den eigenthümlichen Pfiff derſelben erſchien der Capitän auf dem Verdecke und näherte ſich der Dunette. Ich vernahm nicht, welchen Befehl er erhielt. Doch wurde ich nicht beſtraft. Hundert Tage ſpäter landeten wir in Havre. Der Herr entfernte ſich.. man weiß nicht, wohin. Der Kapitän, der uns ſagte, daß er bald zu⸗ rückkommen werde, gab jedem Mann der Equipage einen Auftrag zur Reparirung und Verjüngung der Goblette; mir wurde die Sorge anbertraut, alles im Zimmer des Schweigenden neu herzurichten, in Ordnung zu bringen ober in guten Stand zu ſetzen. Ich hielt es für gut, 1⁵ die äußere Freude zu verbergen mit welcher ich dieſen Befehl aufnahm.. Bezaubert, trunken, ſtrahlend davon, daß ich die Erlaubniß erhielt, auf dem Lande zu ſchlafen, ging ich bei völliger Dunkelheit in eine ſchlechte Herberge am Eingange des Hafens und verlangte ein Bett. Als ich allein war, ſchloß ich mich ein, zog die Vorhänge zu, und zitternd, erröthend und ſchon bereuend, aber entſchloſſen, in meiner Indiscretion bis zum Ende zu gehen, obwohl ich fühlte, daß ein Verbrechen drin liege, begann ich die emerkungen zu leſen, die ich aus dem Zimmer des Schweigenden heimlich genommen hatte. Dieß ſind die erſten Bemerkungen des Schweigen⸗ den, des Herrn der Sphinx: „Fort! es iſt genug an fünf Jahren von Prüfun⸗ gen; genug des Muthes in meinem Eckel, der Erbitte⸗ rung in meiner Jugend! Mögen Andere, die kräftiger ſind, ihr ganzes Leben dieſem hungrigen Vampyr, der ſich Geſellſchaft nennt, zum Ausſaugen geben! was mich betrifft, ich fühle es, daß meine Adern vertrocknet, meine erven abgeſpannt und meine Kraft gebrochen ſind. Meine Stirne iſt genug erröthet beim Anblicke meiner Brüder; mein Herz hat ſich genug für ſie erſchöpft; ich habe ihnen nichts mehr zu geben für ihren Egoismus. Genug! Gott kann nicht mehr verlangen! Ich habe den echer, der mir bis zum Rande gefüllt geboten wutde, bis zur Neige geleert, ich kann ihn nun am Ende wohl unter den Tiſch werfen... Genng, es iſt genug! ich entferne mich aus der Mitte der Menſchen, ich gehe ſo weit als möglich weg von dieſem Lande der intelligenten und raffinirten Menſchenfreſſer, welches Civiliſation heißt. „Mein Vater tödtete ſich, weil ihm ſeine Freunde lachend, oder um ihn unbekümmert und ohne daß einer 16 von ihnen einen böſen Willen gehabt hätte, viel Uebets zugefügt und ihm die Liebe und das Leben, den Stolz und den Ruhm unmöglich gemacht haben. Kurz vor ſeinem Tode ſah mein Vater einen Schein von Glauben ſtrahlen; bei dieſer Helle erkannte er den Weg, den er hätte einſchlagen können, und ſagte zu mir:„Wie un⸗ glücklich auch das Leben ſein mag, ſo muß man es be⸗ wahren bis zum unbekannten Ziele.“ Glücklicher Menſch, der am Rande des Grabens, in den er ſich ſelbſt ſtürzte, den Glauben, die Himmelsblume, wiederfand!.... Herr, ich habe eine ebenſo durchwühlte Seele! Die Blume keimt nicht daraus: durch welchen irdiſchen Wind haſt Du doch ihren Samen davontragen laſſen? Ich habe heute kein Vertrauen, keine Achtung mehr gegen mich, aber ich achte und vertraue noch meinem Vater: ſeine Erinnerung wird mich am Leben erhalten, aber ich werde fortziehen. Du weißt es, mein Gott, daß ich in das Centrum des Lebens der Menſchen gut, keuſch, ein⸗ ſichtsvoll, lebhaft und entſchloſſen gekommen bin. Ich hatte vom faſt vollendeten Menſchen, den ich in mir fühlte, den berechtigten Stolz, einen Stolz, den mir mein weiſer Erzieher gleich einem Beſchützer mitgab. Ich kam nicht mit einem Sack voll blinden Glaubens an; ich trachtete nicht danach, die Illuſionen zu bewah⸗ ren, die nur Kinder der Unwiſſenheit ſind. Ich bildete mir nicht ein, daß die Menſchen geneigt ſein würden, ſich von meinen zwanzig Jahren, meinem Wiſſen und meiner Güte aus dem Geleiſe bringen zu laſſen; ich brannte nicht vor Verlangen, mein liebedurſtiges Herz der erſten beſten Liebe als Futter hinzuwerfen. Indem ich meiner wohl bewußt war, war ich mir auch meiner Sendung bewußt, ihrer Hinderniſſe und ihrer Gefahtenz und indem ich der Menſchheit Gutes und Schlimmes in gleichen Theilen beilegte, glanbte ich gerecht zu ſein und ich ſagte mir oft, daß alle Verſtandeskräfte, die nicht im ausſchließlichen Dienſte des Körpers ſind, in welchem ————————— )*)— 8——) 17 ſie glänzen, auf der Erde keine andere Aufgabe haben, als die Partei des Guten immer zu vermehren. An meinem erſten Werktage war Alles in mir bereit: der Gedanke, die Seele und der Körper: die Gefühle, die Empfindungen und die Ideen. Ich hatte meinen Geiſt für die Wiſſenſchaft und für die Kunſt gerüſtet, und mein Herz für die Liebe und die Freundſchaft vorbereitet. Nun, Gott gab mir einen Geiſt und ein Herz, die wie Zwillingg miteinander gehen und von denen man eins für das andere nehmen kann.. Gut denn, vom erſten Tage an bis zu dem, welchen ich zum letzten gemacht, habe ich die zahlloſen Kräfte meines Geiſtes und meines Herzens tapfer verwendet. Ich bin bis heute niemals entmuthigt worden; ich fing zehn Gebäude zehnmal von vorne an, indem ich alles herbeiſchaffte, was ſie bis zu den Sternen erheben ſollte Ich gab keine Hoffnung auf, bis ich ſie als Leiche ſah; die Lenden umgürtet und mit Oel eingerieben, habe ich, ein Athlet, hundert verſchie⸗ dene Athleten angegriffen, und hundertmal geworfen, habe ich mich hundertmal wieder erhoben. Ich trage den geheimen einzigen Ruhm mit mir, bis zum Ende Gutes gethan zu haben. Keine ſchlechte Handlung, keine falſchen Gedanken, keine unreine Empfindung, kein bitte⸗ res Wort, keine Begierde, keine Trägheit, keine Gering⸗ ſchätzung, nichts von allem dem, was die jungfräuliche Seele des Menſchen beflecken kann, habe ich zu bereuen. lind warum, mein Gott, hat man doch mein Herz ge⸗ brochen, meinen Geiſt abgeſtumpft, meinen Glauben ver⸗ nichtet? Warum gehe ich ſo traurig und verzweifelt in die Ferne? Müſſen Alle, die wie ich an der Erringung des Guten feſthalten, einſt verzweifelnd inne halten wie ich? Oder bin ich wohl eine Ausnahme? Aber warum haſt du dann mich auserwählt, da du doch wußteſt, mein Gott, daß meine Kräfte ſich vor meinem Leben erſchöp⸗ fen würden! Plouvier, Erzählungen für Regentage. 2 18 „Anfänglich hoffte ich, in der Verfolgung des Guten Ruhm zu finden: ich verzichtete darauf und ſtrebte mit derſelben Gluth nach dem Guten. Ich hoffte auf das Vergnügen, daß die Leidenden, für die ich mit dem Blute meiner Wunden kämpfte, es mir danken würden: ich verzichtete darauf und kämpfte fort, die Bruſt voran. Ich wünſchte nur Eine Frau, die mich liebte, und Ein Freundesherz nach meinem Herzen, ich mußte auch da⸗ rauf verzichten! „Was das betrifft, was man eine hohe Stellung nennt, oder ein Vermögen, das größer wäre, als das meine, oder Titel, Freuden der Eitelkeit und ſinnliche Vorgnü⸗ gen, ſo hat mir Gott die Gnade gewährt oder den trau⸗ rigen Spott mit mir getrieben, mir zu viel Stolz oder zu wenig Geſchicklichkeit zu verleihen, um mich einen Au⸗ genblick wit dieſen Nebendingen zu beſchäftigen. Aber endlich blieb mir noch nackt und ſtrahlend die Idee, die mich in den ſocialen Strudel begleitet hatte: ich formu⸗ lirte ſie mir überall und zu jeder Stunde, um Alles zu leiden und Alles zu unternehmen, alſo: „Das Abſolute iſt das Gute.“ Und indem ich auf Alles verzichtete außer auf meine höchſte Idee, ſagte ich zu mir:;„Armer verlorener Märtyrer, wenn ich wenig⸗ ſtens glauben könnte, daß ich, wenn auch nur wenig un⸗ klar und unmerklich dem Abſoluten förderlich bin, wenn ich ſterbend hoffen könnte, daß ich durch mein Wachen, mein Blut, meine Anſtrengungen, meine Thränen, mein Leben, durch mein ganzes Ich geholfen habe, die Menſch⸗ heit um den kleinſtmöglichen Bruchtheil eines Schrittes vorwärts zu bringen auf dem Wege der Vollendung, wohin des Dichters Einbildungskraft führt, wohlan, ich verlangte nicht mehr; ich würde glücklich ſterben und dem Himmel dafür danken, daß er mich hat leben laſſen. Dieſe Idee, die Mutter meines Muthes, liebte ich wie eine Mutter, ich klammerte mich an ſie an wie der 19 ertrinkende Schiffsjunge an die letzte Planke ſeines ſchiff⸗ brüchigen Fahrzeugs!.. Ich mußte darauf verzichten!... Ich glaube, daß ich nicht allein unter dieſem Ge⸗ ſchicke leide; es hat viele dieſer erſtickten Apoſtel, dieſer unbekannten Märtyrer, dieſer verborgenen Athleten ge⸗ geben, die ihr ganzes irdiſches Leben dem Glauben an das Gute gewidmet haben. Wo iſt denn nun das Beſſere, wozu ihre Leiden die Welt gebracht haben? Iſt die Menſchheit jetzt mehr werth als vor viertanſend Jahren?.. Iſt die erhaben blutige Spur, die Chriſtus ſelbſt auf ſei⸗ nem Weltgange grub, nicht jetzt verwiſcht? Und hörte ich nicht jeden Tag während meines Lebens in den Städ⸗ ten das Andenken irgend eines verunglückten Erlöſers verſpotten, beleidigen und verfluchen? „Ja, wenn ich den tauben und blinden Glauben des katholiſchen Chriſten hätte bewahren können, ich hätte mich weniger von der Unfruchtbarkeit der Aufopferung für meine Brüder einnehmen laſſen; ich hätte mich mit meiner Vergeltung und dem allgemeinen Gute zugleich auf ein zukünftiges Leben vertroſtet, und in aller Geduld meine letzte Stunde erwartet, wie der Taglöhner den Lohn und den Sonntag erwartet, um in den verbotenen Ver⸗ gnügungen die Werktage zu vergeſſen: aber warum, mein Gott, gabſt du mir einen Geiſt, der den Urgrund eines jeden Dinges unaufhaltſam erforſcht? Und bin ich deß⸗ halb, weil ich dich außerhalb des Dogmas größer gefun⸗ den und mehr angebetet habe, im Unwillen über den Gang durch eine deiner Welten, ſchuldig, daß ich nicht immer auf den Knieen gelegen habe?“ Nun ſteigt die Nacht zum zweitenmale hernieder, ſeit das von mir befrachtete Fahrzeug Cherbourg verließ. Mein Entſchluß wankt nicht, er befeſtigt ſich vielmehr in dem mich umgebenden Schweigen. Ich habe mir zum 20 Aſyle den weiten Oecan erwählt. Hier errichten die Menſchen ihre Inſtitutionen noch nicht.. Wenn ſie hier erſcheinen, werde ich fliehen. „Welch' eine Ruhe!— Ich habe von franzöſiſchen Soldaten erzählen hören, die in Spanien nach tagelangem brennendem Durſt endlich eine friſche Quelle fanden. Sie löſchten ihren Durſt darin ohne mehr ihre Lippen davon entfernen zu können, und hörten nicht eher auf zu trin⸗ ken, bis ſie aufhörten zu leben. In den Städten den Menſchen, den ausgetrockneten Wäldern, den bevölkerten Wüſten, ward ich in meinem tiefſten Innern von einem noch ganz anders verzehrenden Durſte eif Endlich traf ich die friſche Quelle!... Ich werde dieſe Ruhe trinken bis zu meinem Tode, bis die unendliche Ruhe meinen Durſt für immer löſcht.“ III. Die Bemerkungen des Schweigenden fuhren alſo ort: „Und dennoch muß ich es dieſem Papiere, meinem Vertrauten, meinem einzigen Freunde ſagen: als ich geſtern Frankreichs Küſten aus dem Ange verlor, bemäch⸗ tigte ſich eine große Schwäche meiner Seele, und im Au⸗ genblicke, wo die Linie des Landes im Meere und im Nebel verſchwand, ſagte ich gegen meinen Willen, gegen meine Lippen ganz leiſe: Auf Wiederſehen! 21 Und dann muß ich auch noch ein ſchreckliches Wort aufſchreiben, das ich an dem Tage, wo ich Paris verließ, hörte. „Es war an jenem Tage eine große Bewegung; vielleicht wechſelte das Volk ſeine Herren. ich weiß es nicht; ich habe weder fragen noch hören wollen, aber in einem Straßenwinkel, in einer Gruppe ſagte ein Mann unter andern: „Die Leidenden der Menſchheit werden die Waffen nicht ablegen!“ „Dies Wort klingt mir noch immer im Ohre... Bah! der Kampf iſt nicht nahe; ihn beſchlennigen, hieße ihn compromittiren; wozu helfen Arme ohne Ideen! Meine Kräfte, meine Waffen und meine Aufopferung würden zu nichts dienen, wenn ich nicht auch ſonſt ſchon ganz ausgebrannt, ganz erloſchen wäre... Auch wird der Kampf noch unnütz ſein fort, fort, ich will auf⸗ richtig das Leben abſchließen. „Was liegt daran! Ich werde nach Frankreich zu⸗ rückkehren. Ja, ich werde in zehn Jahren ſehen, wo die alte Welt iſt, die Leidenden und die großen Män⸗ ner. Und dann, vielleicht dann werde ich mich entſchließen, etwa alle zehn Jahre den Continent zu befragen... „Und wozu wäre es gut, mein Herr! Bin ich ſchon ſo alt, um zur Kindheit zurückzukehren? „Was mögen die Leute meiner Goslette von meiner endloſen Reiſe denken... Doch was liegt daran! ſind es nicht Menſchen? Ich werde von nun an die Menſchen ohne Ruhe fliehen, weil ich eine finſtere, ſchreckliche und ächte Wahrheit entdeckt habe, ſo wahr, ſo ſchrecklich und ſo finſter, daß ich mich frage, ob ſie nicht Gott zur Schande gereicht: „„lleberall, unaufhörlich, in allen Sprachen, unter „ 22 allen Formen, bei den Herren, bei den Knechten, bei den Böſen, ſelbſt bei den Beſſeren herrſcht das Böſe auf der Erde.““ V. Das war alſo das Räthſelwort der Sphinx! Es ſteht mir nicht zu, es zu erläutern. Ich las noch viele andere Bemerkungen, die mit der⸗ ſelben Dinte geſchrieben waren, die bitterer, trinkloſer und fieberhafter waren als dieſe. Ich fand welche, die das Gepräge einer wahrhaften Geiſteszerrüttung an ſich trugen. Anfangs hoffte ich immer, daß ich ſie verſtehen würde, aber meine Hoffuung verlor ſich bald in mühe⸗ vollen und unnützen Anſtrengungen, und ich weiß nicht, welcher Dialektiker dazu gehört hätte, um am Ende den geringſten Bruchtheil einer vernünftigen Zeile zu ent⸗ wirren. Ich fühlte, daß die Ideen des Schweigenden über Alles außerhalb der gewöhnlichen Beurtheilung ſtehen Ich errieth ferner, daß auch ſeine Gefühle ebenſo eigenthümlich ſeien, und da er ſeine Gefühle und ſeine Gedanken dem, was er ſchrieb, zu Grunde legte, ſo blieb ich darüber fortwährend im Dunkeln. Meine beſtimmte Meinung, die ich zuerſt gleich ge⸗ faßt, und die mir die oben mitgetheilten Fragmente einflößten und die ſie auch den Leſern einflößen werden, war: Der Wahnſinn war in ſein Gehirn ge⸗ kommen. Was nun folgt, konnte mich nur in meiner Anſicht 23 beſtärken. Es iſt den Bemerkungen entnommen, die der Herr nach ſeiner erſten Rückkehr aus Paris ſchrieb, wäh⸗ rend ihn die Sphinx, wie mir Garnier erzählte, in Tonlon erwartete. Vielleicht wird dieſes Fragment, welches einige Thatſachen errathen läßt und den Mann in faſt alltäg⸗ lichem Gewande zeigt, ein wenig mehr Theilnahme er⸗ regen. „Hier die Erlebniſſe meines Ganges durch Paris. — Ich wollte überhaupt Paris wieder ſehen.— In Paris ſchlägt der Puls des europäiſchen Körpers. Wenn man Paris befragt, weiß man, wie ſich der alte Conti⸗ nent befindet. Wenn Paris aufgeregt iſt, hat die Welt das Fieber. „Ich hatte die Abſicht, in Einem Monate die Lei⸗ ter zu eiſteigen, die ich einſt innerhalb fünf Jahren her⸗ abgeſtiegen war. Ich wollte zuerſt das elende Volk in den Tiefen von Paris prüfen, dann duſch die Handwer⸗ ker, Fabrikanten, Bourgeois, Banquiers, Künſtler und Leute von Ruf bis zu den ſouveränen Gefeierten hinan⸗ klimmen, unter denen ich— es iſt nun ſchon ſo lange — gelebt habe. „Nachdem ich gegen Anbruch der Nacht an der Barriere d'Italie meine Chaiſe verlaſſen hatte und zu Fuß durch eine lange, ſchmutzige, ſtinkende und ſchlecht gebaute Straße im Faubourg St. Marcel gegangen war, bemerkte ich beim erſten Aufſchauen etwas Schimpf⸗ liches, das mir Luſt machte, umzukehren und meine Sphinx ſobald als möglich wieder aufzuſuchen. „In dieſem bejammernswerthen Stadtviertel ſah ich, was ich früher immer mit geſenkter Stirne und ſchwel⸗ lendem Herzen geſehen, ein eiſernes Gitter vor dem Bäckerladen. „Fort, ſagte ich mir, ſie ſind immer noch die näm⸗ 24 lichen, daß ſie den Hungrigen in ſeinem Hunger ein⸗ ſperren, daß ſie das Haus, in dem man Brod macht, alſo gegen die hüten müſſen, die draußen ſind, wie die Gefängniſſe gegen die darin Befindlichen. „Ich überwand meinen knabenhaften Zorn und ging vorwärts. Es hatte gefroren und es ſchneiete in dieſem Augenblick auf das Eis. Die Nacht wurde ſchwarz. „Wenn man in einem Romane, zu deſſen Rahmen man ein wildes halb unbekanntes Land nehmen würde, die Männer, Weiber und Kinder malen würde, wie ich ſie traf, wie ſie aus den Gerbereien. Lohgruben und Lumpenmagazinen kamen, aus Hütten, finſtern Höhlen, ſchwarzen Gängen und Gaſſen, und die ich verwilderter, als ich ſie vor zehn Jahren geſehen, wieder fand, würde man gewaltig ſchreien über die Unwahrſcheinlichkeit, und der Roman würde unter dieſen Umſtänden großes Auf⸗ ſehen machen. Während ich immer weiter ging und mein thörich⸗ ter Unwillen wie einſtmals zu kochen anfing, hörte ich aus einem Winkel einer Straße des Berges St. Geno⸗ feva ein Mädchen, das unter den Schlägen ihrer Mutter weinte, und bemerkte beim Lichte des verpeſteten Ladens einer Fruchthändlerin ein weinendes Kind von blenden⸗ der Schönheit. „Warum ſchlagen Sie es?“ fragte ich die Mutter. „Weil ſie eine Faullenzerin iſt,“ erwiederte die Mut⸗ ter.„Sie ſagte mir ſo eben, daß ſie morgen nicht ar⸗ beiten wolle.“ „Was arbeiten?“ antwortete ich. „Bei den Malern, ihren Sudlern... was weiß ich?“ „Ich betrachtete das Kind genauer; es war drei⸗ zehn bis vierzehn Jahre alt und eine wahre Schönheit. „Ich begriff; dieſes hinreißende Geſchöpf diente in den Ateliers als Modell für die Engel. „Aber,“ ſagte ich,„mein liebes Kind,“ und ließ mein altes wieder erwachtes Herz in meiner Stimme 25 wiederhallen—„warum willſt du morgen nicht arbeiten gehen?“ „Nein, mein Herr, ich will nicht mehr; weder mor⸗ gen noch jemals; ich weiß nicht, wie ich mich bisher habe entkleiden können; aber es iſt zu Ende, meine Mut⸗ ter mag mich ſchlagen, ich werde doch nicht mehr gehen.“ „Sehen Sie die Niederträchtige!“ erwiederte die Mutter;„begreifen Sie das, mein Herr!“ „Ich begriff, daß die Scham aus dieſem Mädchen ſprach und ſich gegen den Beruf empörte, der zu ihrer Proſtitution geführt hätte. „Ich wollte, ich weiß nicht was, in meiner Bewe⸗ gung dieſem Elende darbieten, als ein ſchmachvoller Ge⸗ danke meine Mildthätigkeit feſſelte. Ach! ich hatte ſo oft hohe und niedrige derartige Comödien geſehen! „Führen Sie mich in Ihre Wohnung,“ ſagte ich zur Frau. Dann betrat ich, ich glaube in der Straße Muvier eines jener Innern, wohin ſelbſt Gottes Gnade nicht ſieht. In einem großen viereckigen Zimmer der dritten Etage, wo die von der Feuchtigkeit zerriſſene Tapete da und dort an den Wänden herabhing, gab es vier Mieths⸗ leute: Einer in jedem Winkel. Es war ein Gaſſenkehrer und ſein Weib,— ein gllein ſtehender Bettler und ein verwittweter Lumpenſammler mit drei Kindern, die ſich an einem Lichte wärmten. Der letzte Winkel gehörte der Frau, die mich hieher führte, und ihrer Tochter. Sie zahlte für ihr Viertel Zimmer wöchentlich fünfundzwan⸗ zig Sous. Sie war die Wittwe eines Pflaſterers und zuerſt Fruchthändlerinz;—„aber,“ ſagte ſie,„das ſei ein ſchlechtes Geſchäft, ihr geringer Gewinn falle faſt ganz in die Hände des Geldverleihers, der ihr jeden Morgen ſo viel vorſtrecke, um davon ihren Vorrath ein⸗ zukaufen und den ſie am Abend mit fünfzig Procent Zin⸗ ſen zurückbezahlen müſſe.“ 26 „Haben Sie noch andere Kinder außer dieſem?“ fragte ich ſie. „Ich habe eine Tochter von neunzehn Jahren,“ er⸗ wiederte ſie,„die noch ſchöner iſt als Louiſe; aber ſie verließ mich, um ſich unterhalten zu laſſen.. Sie wollte mir davon geben aber ich eſſe dieſes Brod nicht; und ich habe ſie verflucht, ſie und ihr Geld!“ „Ich gab jedem der drei Winkel ein kleines Geſchenk und eutfernte mich, indem ich die Händlerin und Loniſe bat, mir zu folgen. Ich wollte das, was ich zu ſagen hatte, nicht hören laſſen. „Hier,“ ſagte ich zur Mutter, und die Tochter hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu,„hier dieſer Schatz⸗ ſchein von einer ziemlich beträchtlichen Summe wird Ihnen eine kleine Rente verſchaffen. Morgen werden Sie dieſes Geld dem Notar anvertrauen, deſſen Namen ich Ihnen angeben will, um es dort anzulegen; er wird Ihnen die Intereſſen bezahlen.“ Und indem ich den Schein und die Adreſſe in den Händen der Frau, die mich gleich dem Kinde mit ſtumpfſiuniger Miene anſtarrte, zurückließ, eutfernte ich mich eiligſt. Schon füblte ich das unwiderſtehliche Bedürfniß, allein zu ſein. Ohne Zweifel hätte ich am andern Tage die Anlage ſelbſt be⸗ ſorgen ſollen, aber man hat niemals Zeit, das Gute zu thun, wie es gethan werden ſollte. Ich durchirrte die Straßen, die öde geworden waren. Endlich fand ich mich ſoweit zurecht um in die vor⸗ nehmeren Stadttheile, wo ich einen Gaſthof ſuchen wollte, hinabzukommen, als ich in den Quartieren, in denen ich mich verirrt hatte, den Anfang einer regen Bewegung zu bemerken glaubte. Aermlich gekleidete Leute, deren Zahl ſich zuſehends vermehrte, erſchienen da und dort und zo⸗ gen eilig in den höchſten Theil der Vorſtadt. Ich hörte auch von Zeit zu Zeit aus der Ferne die Klänge einer 27 kreiſchenden Muſik Was gibt es doch heute Nacht für ein Feſt? fragte ich mich. „Wir wollen uns nicht verſpäten,“ ſagte ein Mann, der das Ausſehen eines Arbeiters hatte, auf der Schwelle einer Kneipe zu ſeinen Gefährten.„Ihr wißt wohl, daß wir keine Zeit mehr zu verlieren haben.“ Eben ſchlug es auf irgend einer Kirche zwei Uhr. „Zwei Uhr,“ rief ein Weib, das die Männer beglei⸗ tete,„wir werden keinen Platz mehr bekommen!“— „Fort, fort, vorwärts,“ ſagten Andere. Sie verſchwanden in großen Schritten vor meinen Augen, als ich in ein krummes Gäßchen einbog. Ich entſchloß mich, ihnen zu folgen und ſchlug in einiger Ent⸗ fernung von ihnen ihre Richtung ein. Bald erkannte ich, daß wir durch das Val de Grace kamen, deſſen Dom ganz weiß von Schnee war. Hier hörte ich nichts mehr von dem Wiederhalle der Muſik. Je weiter wir vor⸗ wärts kamen, um ſo mebr ſchloſſen ſich aus allen Stra⸗ ßen ſtrömende Gruppen jener an, die mich leitete; end⸗ lich gelangte man an den Platz St. Jagues an der Bar⸗ riere von Arcueil, und erſt dort begtiff ich. Alle dieſe Leute wollten einer Hinrichtung beiwoh⸗ nen. Sie ſollte erſt um 7 Uhr ſtattfinden, aber um einen guten Platz bei dieſem Schauſpiele zu haben, mußte man früh kommen. Ich warf einen Blick auf dieſe ent⸗ ſetzliche Menge, die nichts in ihrer Begier, einen Men⸗ ſchen ſterben zu ſehen, aufhalten konute: weder der fallende Schnee, noch die wachſende Kälte, nicht das Mitleid, nicht die Schande! und ich eilte mit raſchen Schritten die Straße St. Jagnes hinab. Ich erinnere mich noch, wie ich fliehend ſagte: „Das wäre alſo noch einmal das Volk!... Wie vor zehn Jahren, wie ſeit der Erfindung der Todesſtrafe, iſt ſie für daſſelbe noch ein Schauſpiel, ein Genuß!——— „Aber wenn das Volk ſo iſt, an wem liegt die Schuld?— Erreicht die Inſtiz ſo würdig ihren Zweck, 28 wenn ſie zur Rächung der Geſellſchaft, wie die Advoka⸗ ten ſagen, dieſen von der Menge erwarteten Elenden da oben in den Tod ſchicket? Wenn die Geſellſchaft durch den Mund der Richter das Urtheil ausſprach, ſo ſollte ſie auch den Muth haben, es laut zu verantworten, es ſtolz und bei hellem Tage zu vollziehen, im ganzen Pompe ihrer Macht. Aber ſie iſt ſo wenig davon überzeugt, daß ihre Juſtiz gerecht iſt, daß ſie ſich beim Vollzuge in einen Winkel verbirgt, daß ſie die Nacht dazu nimmt wie zu einem Verbrechen. Sollte ſie es fühlen, daß ſie ein Verbrechen begeht?— Wenn die Geſetzgeber die Ver⸗ brecher verdammen, die aus jenen Uebeln hervorgegangen ſind, unter denen ſie niemals gelitten, anſtatt die Uebel zu vermindern, welche dieſe Verbrechen erzeugen, laſſen ſie durch die menſchliche Juſtiz den göttlichen Gekreuzig⸗ ten, der über ihrem Tribunale ſchwebt, belügen, und die Juſtiz wird zur Verbrecherin. Zugleich verbindet ſich die Religion mit der Rechtspflege, ſie ſendet einen Prieſter, ſicherlich einen heiligen, mit evangeliſchem Muthe begab⸗ ten Mann, um dem andern Manne, der die Sonne nicht mehr ſehen wird, beizuſtehen. Das iſt gut, es iſt lieb⸗ reich und katholiſch; aber iſt es auch in Wahrheit chriſt⸗ lich? Iſt es auch im Geiſte desjenigen, der verbot, mit dem Schwerte zu ſchlagen, bei Strafe, daß man durch das Schwert umkomme? Ach, die katholiſche Religion, die in Frankreich unter allen Regierungen ſo mächtig war, hat niemals gegen die Todesſtrafe proteſtirt, wie es ihr Princip geboten hätte. Die Klänge fröhlicher Inſtrumente, die ich ſchon gehört hatte, unterbrachen meine Erläuterungen über das Schauſpiel an der Barriere von Arcueil. Ich wußte noch nicht, was dies zu bedeuten habe, als ich einer Menge phantaſtiſch gekleideter Männer und Weiber be⸗ gegnete, die meiſtentheils betrunken, ſcherzend, lachend und ſingend durch den Koth wateten. Die Nacht, die zu Ende ging, war eine Carnevalsnacht. 29 An einer gewiſſen Stelle der Cités vermiſchte ſich ein Geräuſch von Hämmern und aufgerichteten Brettern mit der Muſik eines benachbarten Orcheſters. Man er⸗ richtete das Gerüſte, das zu öffentlichen Ausſtellungen dient, den modernen Pranger. Unterdeſſen verbreiteten ſich die von den Bällen heimkehrenden Masken durch die Straßen. Es wurde Tag, Paris erwachte, und ſchon ſtreckte, ſchleppte ſich froh und zerſtreute ſich auf dem ſchmutzigen Pflaſter die⸗ ſes Irland von Bettlern, das es täglich an ſeinem Buſen wachſen ſieht, ohne ſich darum zu bekümmern. Die heilſame Wirkung eines zehnjährigen einſamen Schweigens verſchmolz ſich für mich in dieſer erſten und einzigen Nacht mit einem unſäglichen Ekel. Ich warf mich in einen leeren Fiaker und ließ mich in das Hotel fahren; indem ich mir feſt vornahm, nach der Ruhe, deren ich bedurfte, ſo ſchnell als möglich nach Toulon zurückzureiſen. V. Der Schweigende kehrte nicht ſo ſchnell zurück. Die folgenden Bemerkungen ſagten mir, daß er in der Geſellſchaft geweſen war: aber er ſpricht von eini⸗ gen Salons, welche dieſe drei Worte in ſo ſeltſamer Weiſe bewahren; er beurtheilt die Dinge, die Einrich⸗ tungen und hochgeſchätzte Menſchen ſo entgegengeſetzt der herrſchenden Meinung, daß ich meinen Leſer ermüden würde, wollte ich ihm all das überliefern. All das iſt in einer Sprache niedergelegt, die man nicht leicht ver⸗ 30 ſtehen würde. Und was das Ueberſetzen anbelangt, ſo hätte ich ſelbſt, wenn ich geſchickt genng wäre, doch nicht die Befugniß dazu. „Im Verdruſſe über das ſpaniſche Sprüchwort, welches ein Freund meiner Kindheit war: Die Wahr⸗ heit iſt mir das Oel, das immer obenan ſchwimmt, haben die Menſchen eine ſolche Angſt vor der Wahrheit, daß ſie in dieſer Hinſicht die Geſetze der Schwerkraft umgeändert haben.— Es gab Tage, wo fie die Wahrheiten, die aus meinen Lippen, aus meiner Feder und aus meinen Werken fließen, angenommen haben würden, wenn ich ſie ihnen als Lügen gegeben hätte.“— „In der Güte findet man die Gerechtigkeit, die die Quelle aller Freiheit iſt. Wenn die Menſchen gut wären, würden ſie bald frei ſein.“ „Seitdem Alles in den Händen der Böſen iſt, iſt die Schamhaftigkeit mit der Liebe und die Naivetät mit der Scham davon gegangen. Auch die Kunſt, der böchſte Tröſter, wird uns verlaſſen; denn ihr Genius iſt die Naivetät.“ 31 „Bei dieſer maßloſen Ueberfeinerung, welche herrſcht, muß man mehr Mißtrauen in ſeine Eigenſchaften ſetzen, als in ſeine Mängel.“ „Wenn die Krankheit des Eigennutzes, die die jun⸗ gen Männer ergriffen hat, auch die Frauen ergriffen haben wird, iſt Alles verloren.“ VI. Nach zweimonatlicher Abweſenheit kehrte der Herr nach Havre zurück. Ich fand ihn mit ſchmerzlicher Trauer verändert, und ſelbſt ſehr gealtert. Man begreift, daß ich ſeine Papiere mit der größten Sorgfalt wieder an ihre Stelle gelegt hatte. Wir ſteuerten wieder in die hobe See, um dem Aequator einen neuen Beſuch abzu⸗ ſtatten. Als wir die Anker lichteten, war es Mitte November, aber niemals hatte eine Jahreszeit Einfluß auf die Spazierfahrten der Sphinx. Ich ſollte vielleicht der Ordnung gemäß nun dem Gang der Begebenheiten folgen, die ſich auf dieſer Reiſe ereigneten: aber da ich ſpäter Gelegenheit fand, die Bruchſtücke der einzigen und letzten Bemerkungen, die der Schweigende ſeit ſeiner letzten Rückkehr geſchrieben, kennen zu lernen, ſo ziehe ich es aus Gründen, die mir angehören, vor, dieſe Note hier einzuſchalten. Sie ſchließt ohnedem ein Capitel aus dem Leben des Herrn ab, das in Paris ſeinen Anfang hatte. Ich werde ſpäter, um dieſe Epiſode meiner EFrinnerungen zu be⸗ 32 ſchließen, erzählen, wie ich mein Leben von dem des Schweigenden unterſchied! „Als ich bei meiner zweiten Rückkehr in Havre lan⸗ dete, ſtand der Herbſt in vollem Glanze. Zwei Tage darauf kam ich in Neuilly an, wo ich meinen Wagen zurückließ, und wunderte mich über das Vergnügen, wel⸗ ches mir ein Gang unter den Bäumen verurſachte. Wie ein Geneſender, ein Greis, oder wie ein Dichter, oder endlich wie jene, denen die Natur ihre gebeimnißvollen Zärtlichkeiten erweist, betrachtete ich die Blätter, das Gras und das Land in ſeltſamer Aufregung. Wäre ich allein geweſen, ſo hätte ich vielleicht geſchrieen. Es gab hier Vögel, die ſich in den großen Ulmen verfolgten, weiße Schmetterlinge, die in den Büſchen tanzten, ganz kleine Kinder, wie ich ſie nie geſehen zu haben glaubte, die meine Blicke feſſelten; und dann zu allem dem war der Himmel ſo freundlich und ſo rein!... All das war ſehr einfach, aber ſehr ſchön; ja ſchön— wie die hohe See, gegen die ich, wie ich meinte, auf einmal ſo un⸗ dankbar wurde. Aber, ſagte ich zu meiner Entſchuldi⸗ gung, es iſt ſchon länger als zwanzig Jahre her, daß ich nichts mehr dergleichen geſehen haber Ja, ich be⸗ rechnete, daß es gerade ein Vierteljahrhundert her war, ſeitdem ich vor Paris ankam, ich, der ich ſo oft heim⸗ lich geklagt hatte, daß ich zu langſam altere. O mein 33 Gott, ſagte ich, nun bin ich doch ſchon fünf und vierzig Jahre alt!... VIII. „Dieſes Mal zog ich in Paris durch ſein ſchönſtes Thor ein, auf dem Wege ſeiner Herren, ſeiner Reichen, am hellen Tage. Der Gegenſatz erweckte meine bitteren Träume wieder; ich wehrte ihnen den Zugang und fuhr fort, zu beſchanen, zu athmen und zu genießen.—— „Aus einem Gäßchen, gegen welches Gartenthüren offen ſtanden, ſah ich eine junge Fran kommen, die mit den Augen ihren hier wartenden Wagen ſuchte. Das Geſicht dieſer Frau frappirte mich, es waren die ſo merkwürdig ſchönen Züge des kleinen Mädchens vom Berge St. Genofeva: nur waren ihre Züge älter, als die des jungen Modells, an das ich ſeit ſechs Jahren oft gedacht hatte, jetzt ſein konnten. Mit jener Art von Muth, den nur ſehr naive oder ſehr verdorbene Menſchen beſitzen, ging ich, verdorben und naiv, auf dieſe ſo ſchöne Frau zu, und ſagte zu ihr, indem ich ihr in den Weg trat: „Sind Sie Louiſe aus der Vorſtadt St. Vicher?“ „Ich bin ihre ältere Schweſter,“ antwortete man mir ohne Weiteres. „Wohl; aber. wo iſt Louiſe?“ „Hier,“ fügte ihre Schweſter hinzu, indem ſie mir eine kleine Thüre in dem Gäßchen zeigte,„ich komme eben von ihr. Aber Louiſe iſt leidend und... Plouvier, Erzählungen für Renentage. 3 34 „Ich hörte nichts mehr, und wendete mich, plötzlich wieder jung, begierig und keck geworden, gegen die be⸗ zeichnete Thüre, und hob den Arm, um zu klingeln. Ein anmuthiger Zufall hatte in dem Angenblicke, wo die ältere Schweſter das Thor öffnete, um wegzugehen, zwiſchen dieſes und die Thüröffnung einige Grashälm⸗ chen gebracht, ſo daß ich nur mit dem Arme an einen nachgebenden Riegel ſtoßen durfte, um mich in einem heitern, kleinen Garten voll von Blumen, Vogelzwitſchern und Sonnenſtrahlen zu befinden. Im Vordergrunde ſtand ein viereckiges, weißes und ſchmuckloſes Häuschen, das mich aus gutem Herzen anlachte, und an ſeinen beiden Seiten ſtreckte zwiſchen jungen, theils jungfräu⸗ lichen, theils fruchtbaren Reben, die am Spalier empor⸗ klimmten, dieſer duftige, leuchtende und zwitſchernde Garten mit einer Liebesmiene ſeine beiden, mit Sand beſtreuten und von Iris begränzten Arme aus. „Ein unausſprechliches Gefühl von Wohlbehagen bemächtigte ſich meiner und ertränkte die letzten trauri⸗ gen Gedanken. Unfreiwillig blieb ich ſtehen, um die Süßigkeiten dieſes einfachen Bildes in mich aufzunehmen und mich in meiner Bewegung zu ſammeln. Ich hielt den Athem an, gleich als ob ein Hauch Alles zerſtören könnte. Man hätte ſagen können, daß hier der gute Gott die Lieder mit den Blumen aufgehen ließ. Wäh⸗ rend ich mich in dieſer Harmonie berauſchte, ſang eine friſche Stimme nach einer alten Melodie folgenden Vers aus einem Liede eines jungen Dichters, Victor Hugo: Reizend iſt der Raſen, Den der Thau beglänzt, Den die Blumenknoſpe Täglich friſch bekränzt; Wo das Geisblatt duftet, Lilie und Jasmin: Doch wo Du verweileſt, Zieht es mich nur hin. 35 In denſelben Augenblicke gelangte die männliche Stimme eines Gärtners, der ſich im Hintergrunde des Gartens befand und den Choral Paternoſter aus der Meſſe ſang, zu dem Satze: Adveniat regnum tuum; flat voluntas tua sicut in coelo et in terra... Und bevor noch eine der beiden Stimmen ſchwieg, machte ſich ein dritter Geſang Raum in der Luft. Es war ein Lied von Beranger und kam aus dem Munde eines kleinen Mädchens: Wenn der Landsmann in's Haus geführt, Und vom Empfange gerührt. Einſchlief im Bette der Gaſtlichkeit, Das für ihn bereit: Laßt erklingen ein ſanftes Lied, Daß, wenn er erwacht, Er glaub', er hab' im Vaterhaus Die Nacht wohl zugebracht.—— Er iſt ja eine Waiſe Von unſerem Vaterland: Geben wir's ihm wieder, Das ihn einſt verbannt. „Die Thränen meines Herzens, die ich verſiegt glaubte, kamen mir ins Auge. In dieſem Augenblicke trat das Häuschen, hinter dem die Sonne ſank, im flammenden Golde des Himmels hervor, Fenſter und Thüren waren offen; ich war wie von allen Seiten ge⸗ ſehen, wie von allen Seiten eingeladen, einzutreten; ſelbſt ein ungeheurer Hund, der an der Schwelle kauerte, kün⸗ digte meinem unbekannten Geſichte ohne Worte durch ſeinen Blick einen guten Empfang an... „Ich ging einige Schritte vorwärts, der Hund machte Platz; ich trat ein. „In der Mitte von einem Tutzend Mädchen, die 36 damit beſchäftigt waten, Porcellan⸗Vaſen zu coloriren oder zu vergolden, ſaß Louiſe, blaß, friedlich und ſchön, auf einem Fauteuil mit weißem Ueberzuge. Sie zeich⸗ nete. Bei meinem Anblicke erhob ſie ſich erröthend; in⸗ dem ſie aber alsbald wieder blaſſer wurde, wie vor dieſer Bewegung, fiel ſie mit halbgeſchloſſenen Augen in ihren Seſſel zurück. Als ſie dieſelben wieder öffnete, ſtand ich neben ihr, und da ich ſoeben bemerkt hatte, daß ſie mich mit dankbarer Miene ſogleich wieder erkannt hatte, reichte ich ihr die Hand. „Ach,“ ſagte Loniſe, indem ſie dieſelbe in die ihrige drückte,„ich habe ſo lange gefürchtet, Sie nicht mehr wiederzuſehen!... Meine lieben Kinder,“ fuhr fie fort, indem ſie ſich an das ganze Atelier wendete,„das iſt der Mann, der mich vom Hunger, vom Elende und vielleicht von der Schande rettete.. die friedlichen Tage, die Ihr bei mir zubringt, kommen von ihm. Wir ſind bei⸗ nahe glücklich mit einander.—— Er aber, ich habe es oft gedacht, und indem ich ihn wiederſehe, bin ich deſſen gewiß, er hat viel gelitten— für Alles das, liebe Kinder, muß man ihn ein wenig lieben. „Dann ſtand ſie auf, bat mich demüthig um meinen Arm, um ſich darauf zu ſtützen, und führte mich aus dem Atelier. Wir hatten kaum das Thor hinter uns, als drinnen die unterbrochenen Geſänge wieder anfingen. Ich hatte noch kein Wort zu ihr ſprechen können, aber da mich Louiſens Bläſſe an die letzten Worte ihrer Schweſter in der Allee erinnerte, ſagte ich zu ihr: „Sie ſind leidend, mein Kind, und dieſe Mädchen ſingen immer.“ „Das will ich ſo,“ erwiederte ſie;„ich habe nicht das Recht, ihre Jugend zu betrüben, und dann thun mir ihre Stimmen ſo wohl.— Nun gehen wir durch mein Gärtchen— danmit ich Ihnen mein gegenwärtiges Glück erkläre—— das ſollen die Zinſen Ihres Geldes ſein. Iſt mein Gärtchen nicht hübſch? O, im Frühling muß 57 man es ſehen, wenn die Fruchtbäume ganz weiß ſind Dann pflege ich zu ſagen, daß mein Gärtchen zur erſten Communion geht. Ich hörte ſie bezaubert an, ohne mehr daran zu denken, ſie zu unterbrechen, und die Welt, die Böſen und mich ſelbſt vergeſſend.— Sie erzählte mir, wie ihre Mutter ſich anfänglich geweigert habe, die kleine Summe, die ich in ihren Händen ließ, anzulegen, und wie ſie— wie jung und ſchwach ſie auch war— es durchgeſetzt habe, meinen Willen zu vollziehen, trotz der Gewaltthätigkeiten, der Liſt und den niederen Leidenſchaften ihrer Mutter. Sie erzählte mir auch, wie ſie coloriren, und ſpäter Porcellan⸗ malen gelernt habe; wie ſie, Dank der Gattin des Notars, deſſen Adreſſe ich ihr gegeben, eine gute Stelle erhalten habe; wie ihre Beſchützerin, eine Wittwe und ohne Verwandte, ihr ſterbend ibre Kundſchaft, ihre Werk⸗ ſtätte und einiges Geld hinterlaſſen habe. Aber ſie theilte mir auch mit, ohne daß ſich ihre Heiterkeit bei dieſen Worten verlor, daß ſie bruſtleidend ſei, und auch— und dieſesmal waren in ihrer Stimme Klänge voller Trauer — daß ſie es nicht dahin bringen könnte, ihre gefallene Schweſter, die ſie dennoch liebte, und die ſie oft mit Freude und Zärtlichkeit beſuchte, zu einem rechtſchaffenen Leben zu bewegen. Ich dinirte bei Louiſe als der fünfzehnte an ihrer täglichen Tafel, und als ich wegging, mußte ich ihr ver⸗ ſprechen, daß ich wiederkomme, indem ſie mir ſagte, daß ich alle Tage, an welchen ſie mir die Hand drücken könne, zu Sonntagen machen würde. Als die grüne Thüre im Gäßchen ſich hinter mir ſchloß, war es Nacht. Ich ging zögernd einige Schritte vorwärts, gleich als ob ich es bereute, mich entferut zu haben; dann traf ich einen Haufen von Steinen und Erde und ſtieg hinauf. Von dort ſah ich, wenn ich mich umwendete, Louiſens Häuschen wieder; ich verſenkte mich 38 hinein, und die erhellten Fenſter ſagten mir, daß man ſich wieder an die Arbeit geſetzt hatte. „Sei geſegnet,“ rief ich,„kenſches Aſyl, geheiligte Zufluchtsſtätte, Du Daſe in meiner Wüſte! Sei geſegnet, Du Haus, wo man arbeitet! IX. Ich hatte ihr verſprochen, wieder zu ihr zu kommen und wenn ich es nicht verſprochen hätte, ſo hätte ich es gewollt. Um das bequem thun zu können, miethete ich mir ein kleines Quartier in Neuilly, ohne mehr daran zu denken, daß ich nach Paris hatte gehen wollen; am andern Tage klingelte ich wieder bei dem lieben Mädchen. Ich ging von nun an alle Tage bin. Bald erweckten unſere täglichen Geſpräche in mir eine ſeltſame, ungemeſſene und leidenſchaftliche Theilnahme. Alle Augenblicke trieb Louiſens Verſtand den meinigen in die Enge. Sie begriff Alles, indem ſie ſich der Be⸗ urtheilung ihres Inſtinctes und der Abſchätzung ihres Herzens unterwarf. Ernſte Worte wurden zwiſchen uns gewechſelt. Ich ſtützte mich auf die Lehne ihres großen Fauteuils, während ſie, den Kopf gegen mich gewendet, mich bis auf den Grund der Seele durchdrang. Oft wurde ich durch den Sinn ihrer Worte nicht ſogleich be⸗ troffen, aber es überkam mich, wenn ich allein war, und ließ den Schimmer des Glaubens in meinen bittern Zweifeln hervorſproſſen. Ich will dieſe Unterhaltungen nicht aufſchreiben, wie ſehr ich auch das Bedürfniß zu ſchreiben noch immer 39 habe! Es ſind ſolche, die in meiner Erinnerung noch wie jene ſüßen Melodieen wiederklingen, die, wenn man ſie in Gedanken ſingt, man immer wieder gerne anfängt, und die man nicht laut ſingen kann, ohne ſie zu verderben oder zu vernichten... Eines Tages ſagte ich zu Louiſe zum hundertſten Male ſeit meiner Ankunft in Neuilly:„Iſt es denn auch wahr, daß Sie, da Sie um mehr als zwanzig Johre jünger ſind, als ich, mich lieben können?“ „Ach, mein Freund,“ erwiederte ſie,„Sie ſehen es wohl.“ „Ich zögerte ein wenig, ich zitterte wie ein Kind, und wagte es dieſesmal: „Mit Liebe?“—— Dieſes Wort ließ auf ihren blaſſen Wangen einige Eintagstoſen erblühen, und ſanft ſagte ſie: „Alle Wege führen zur Liebe. Ich bin durch die Dankbarkeit dahin gekommen. Mein Gott,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort,„warum ſollte ich es Ihnen nicht ſagen, da es doch die Wahrheit iſt und Sie mich darnach fragen.“—— Und nach einem nenen Stillſchweigen, während deſſen ich ſie ganz rührend betrachtete, bemerkte ſie weiter: „Wiſſen Sie, welche Anwendung ich zuerſt von mei⸗ nem kleinen Talente machte, als ich ein wenig auf Por⸗ cellan malen konnte? Sie ſollen ſehen.“ Sie beugte ſich gegen eine Commode und zog eine viereckige Porcellanplatte heraus, auf welcher ich mich, um zehn Jahre jünger, wieder erkannte. Eine Thräne aus meinem Ange fiel auf ihre Hand. Sie ſah dieſe Thräne au und ſagte: „Sie ſind wie vor zehn Jahren— immer ſo edel, mein Freund!“ Dann brachte ſie ihre Hand an ihre Lippen, ich ſtand auf, bengte mich gegen ihre Stirne und drückte einen Kuß auf ihre Haare. So trennten wir uns an dieſem Tage. 40 Unterdeſſen war die Auszehrung ins letzte Stadium gekommen, und die kalten Nordwinde des Herbſtes, die ſeit einigen Tagen wehten, nahmen in ihrem Fluge allſtündlich Etwas von Louiſens Leben mit fort. Ihre Augen wurden klarer, ihre Farbe weißer, und ihr Athem kürzer; aber ihr Lächeln nahm zu an Sanftmuth, wie ihre Miene an Heiterkeit. Es war an einem neblichten Novembertage, es wer, wie ich mich erinnere, das Feſt Allerheiligen, und Loni⸗ ſens ganzes Haus hatte Urlaub; ich war allein mit meiner Freundin. „Louiſe,“ ſagte ich zu ihr,„Sie haben mich noch nie gefragt, wer ich bin, woher ich komme und was ich endlich auf der Welt treibe.“ „Wozu,“ unterbrach ſie mich,„brauche ich dergleichen zu wiſſen? Weiß ich nicht, daß Sie ſind, was Gott vor Allem will, daß man ſein ſoll: gut, ſehr gut!“ „Ich weiß es nicht,“ erwiederte ich,„und Sie müſſen meine Beichte anhören.“ Dann erzählte ich der ſanften Kranken Alles. Ich eröffnete ihr meine Seele und mein Gehirn, ich enthüllte ihr meine Vergangenheit und erklärte ihr mein Leben. Es war dies ſehr lang und ſehr traurig, und es wurde mit dem Mitgefühle einer Mutter, einer Schweſter und Gattin angehört, verſtanden und aufgenommen. Nachdem ich Alles geſagt hatte, ergriff Louiſe meine Hand, und ſie in die ihrigen drückend, wollte ſie ſprechen. — Aber ehe ſie begann, beſann ſie ſich eines Andern und ſagte: „Nein, nicht heute Abend. Ich fühle eine größere Ermüdung und mehr noch das Bedürfniß, allein zu ſein, um Ihre Worte zu erwägen. Kommen Sie morgen bei Zeiten, armer Theurer; kommen Sie bald—— Sie haben nicht mehr viel Zeit zum Kommen.“ Als ich andern Tages zu ihr kam, fand ich ſie in dem Grade erſchöpft, wie ich es gefürchtet hatte. Sie 41 zeigte mir einen ſehr niedern Sitz neben ihrem Fautenil und ſagte mir mit zärtlicher Stimme, die mir ſehr ge⸗ ſchwächt erſchien:„kommen Sie her, daß ich Sie ſchelte!“ Mein Gott! ich höre dieſe Stimme noch immer.— Wenn es ſich um den Fehler eines Kindes von ihr ge⸗ handelt hätte, eines Kindes, das z. B. ein koſtbares theures Spielzeug verlor, ſo hätte nicht mehr einſchmei⸗ chelnde Zärtlichkeit auf ihren Lippen liegen können, als ſie ſagte: „Kommen Sie her, daß ich Sie ſchelte!“— 4 Ach, mein verlornes Spielzeng war mein ganzes eben. Ich ſetzte mich alſo zu ihren Füßen und ſtützte mein Kinn auf ihr Knie, um ſie zu ſehen und zu hören. Indem ſie dann mit ihrer Hand meine Haare von der Stirne entfernte, ſagte ſie:„Sie ſind noch vernünſtig genug, um nicht an ſich zu verzweifeln, und Sie haben Recht. Sie rechnen auf mein Gefühl, das Ihnen ſagen ſoll, ob Sie gut oder ſchlimm gehandelt haben, und Sie haben wieder Recht. Man miuß ſich auf das Gefühl verlaſſen: das Gefühl iſt die immer gegenwärtige Gottheit. Mein armer Freund, Sie haben ſchlimm gehandelt. Welche eitle Thorheit hat Sie zu dem Glauben veran⸗ laſſen können, daß Ihre fünf Prüfungsjahre gut ange⸗ wendet worden ſeien? Und hätten Sie Alles darin ge⸗ leiſtet, was man in fünf Lebensjahren thun kann, es wäre ein ſchönes Geſchenk, ein ſchönes Opfer geweſen, das Sie der Welt gebracht! Sie haben für die Menſch⸗ heit gedacht, gearbeitet und geſchaffen; aber wenn man ein ſolches Geſchäft übernimmt, ſo gibt man es nur ſterbend auf, oder man iſt des Unternehmens nicht wür⸗ dig. Sie behanpten, daß Ihre Gedanken, Arbeiten und Werke unfruchtbar geweſen ſeien, glauben Ste es nicht! Sie behaupten es, weil Ibre Augen nicht ſchauf ge⸗ nug ſind, um keimen zu ſehen, was Sie gepflanzt, aber ſicht der Landmann, der das Korn ſieht, das er in die 42 Erde legt, auch das Sprießen der Aehre? Und doch wird überall Brod gemacht! Sie erklären ſich erſchöpft; aber es iſt ſchon zwanzig Jahre her, daß Sie es zu ſein glau⸗ ben, und befragen Sie aufrichtig Ihr Gehirn, Ihr Herz und Ihre Seele, Alles wird Ihnen antworten, daß das, was Sie gethan, eitel, übertrieben und Phraſe geweſen iſt. Aber ſeien Sie jetzt ſtärker, als vor zwanzig Jahren!“ „Oh! ſicherlich ſind die Menſchen Egoiſten; aber wenn Sie für einige Jahre der Eniſagung eine Beloh⸗ nung beanſpruchen, verkennen Sie keinen Egoismus in Ihnen? Sie wagen zu behaupten, daß der Glanbe Sie verlaſſen habe: es iſt nicht wahr! Sie glanben trotz Ihnen ſelbſt; Sie glauben, weil Sie läugnen; Sie glan⸗ ben, weil Sie ſind!“ „Loniſe! Louiſe!“ rief ich;„halten Sie ein, hören Sie auf; Sie ſtrengen Ihre Bruſt an.“ Ich war erſchreckt durch die metalliſchen Schwankun⸗ gen dieſer Stimme, die ſo ſtark wiederklang, wie die Lampe leuchtet, der das Oel ausgeht.— Aber ſie fuhr fort: „Sie finden, daß das Uebel und die Böſen trium⸗ phiren; Sie fürchten ſich nicht, auszuſprechen, daß Alles, was gut iſt, vergebens lebt, daß Alles, was gut iſt, ver⸗ loren leidet und ſtirbt, ohne Früchte zu bringen; Sie ſchwächen die Gottheit, mein Freund! Und wenn Sie geſtern mich zum Beiſpiele nahmen als gut, ausdanernd und heilig, und beifügten, als ſchon zum Sterben be⸗ ſtimmt, wohlan! dann ſchmähten Sie mein Leben. Das Böſe hat nur Eine Zeit und ſagt Ihnen nicht, was es durch ſein Gewiſſen und durch die Beneidung des Guten leidet. Das Gute, unſichtbar wie Gott, wird von Gott überall geſeben. Wollen Sie doch betrachten. Ich werde vor der Zurücklegung meines fünf und zwanzigſten Jahres aus der Welt gehen. Das iſt ſehr natürlich, weil ich bruſtkrank bin und der Winter kommt.— Sie fragen, 4³ warum ich bruſtkrank bin. Weil ich als Kind ganze Stunden in dem Atelier eines Künſtlers ganz nackt zu⸗ brachte, der zu arm war, um ſich Holz zu kaufen und all ſein Geld ſeinem Engelsmodelle gab. Sie fragen, warum Gott dieſen Maler in ſolchem Elende ließ?— Weil Gott unter den Leiden dieſes Elends dem Maler den Genius ſendete. Mit meiner in ſeinem armen Ate⸗ lier zurückgebliebenen Geſundheit, mit den dort erlittenen Qualen hat dieſer Maler Meiſterwerke geſchaffen. Sie fragen noch, Sie, der Sie ſich für intelligent halten, warum es Gott angenehm und für den Maler nothwen⸗ dig war, daß ich dort die Zukunft meiner kleinen Bruſt in Gefahr ſetzte. Was wollen Sie! es beliebte Gott nicht, die Geſetze der Temperatur für mich zu ändern. Und nun, armer Weltweiſer, werde ich Ihnen einigen Schmerz verurſachen, aber Sie ſind in dieſem Augen⸗ blicke jünger wie ich, Sie brauchen Ihr Leben noch nicht zu verlaſſen, und werden mir dieſen Kummer verzeihen. Hören Sie nun: wenn Sie damals, wo Sie mich aus meinen ſchrecklichen Verhältniſſen befreiten, anſtatt ſich einem zehnjährigen poetiſchen Müßiggange zu ergeben, in Paris geblieben wären, wenn Sie Ihr Mitleid für mich verlängert und ſich mit ein wenig Liebe mit mir abgegeben, und endlich nicht zugegeben hätten, daß ich ſo viele Nächte bei der Arbeit zubrachte,— wer ſagt Ihnen, daß ich nicht geheilt worden wäre, und daß dieſe Krankheit, an der ich nun ſterben muß, nicht im Keime erſtickt worden wäre?— Gehen Sie,“ fuhr Louiſe fort,„Sie waren für die herben Freuden der Arbeit nicht geſchaffen, und haben die göttlichen Wonnen des Opfers nicht genoſſen. Alles, was geſchieht, iſt gerecht; Sie haben es nicht begriffen. Es iſt falſch, daß von Chriſtus nichts mehr übrig iſt; ſein Geiſt iſt auf die Menſchen übergegangen, die in ſich die Zukunft tragen. Es iſt falſch, daß die Menſchheit gegen ihre Erlöſer und Märtyrer ewig ungerecht iſt: 44 was ſind denn einige Jahrhunderte gegenüber der Zeit, dieſer Spenderin aller Gerechtigkeit!“ „Schweigen Sie, Loniſe, ſchweigen Sie, rief ich noch einmal, immer mehr erſchreckt.. „Ich ſchelte Dich, liebes Kind,“ fuhr ſie viel leiſer und mit einer unendlichen Zärtlichkeit und Lieblichkeit fort,„weil ich Dich liebe, ſiehſt Dn—— und mit einer uneigennützigen Neigung, Herr Doktor,“ bemerkte ſie lächeind weiter,„denn der Tod iſt nicht mehr ferne.— Worüber klagen Sie doch ſo ſehr?—— Ach, weil Sie gezwungen wurden, auf Freundſchaft und Liebe zu ver⸗ zichten! O. Jeſus, mit fünf und zwanzig Jahren ſind Sie in dieſe Irrthümer von Kindern oder Greiſen ge⸗ rathen!—— Doch ich bin überzeugt, daß Ihr Herz auf ſeinem Wege mehr als einem befreundeten Herzen begegnet; aber Ihr mißkannter Genius blendete Sie ohne Zweifel, und Sie konnten es nicht erkennen.— „Auf die Liebe verzichten,“ ſagt ſie nach einem Schweigen, und ihre Stimme war wieder ſo ſchwach ge⸗ worden, wie bei meiner Ankunft,„auf die Liebe ver⸗ zichten!—— und ich, hier bin ich, ſterbend, ach, und es iſt ſchon zehn Jahre her, daß ich Sie liebe, und daß ich mit dieſem Portrait glücklich lebe!— Ich erkannte, daß nun nichts mehr den letzten Au⸗ genblick aufhalten konnte; kaum vernahm man noch die verſchwimmenden Flötenklänge, die von Louiſens Lippen floſſen.— Ich rief Alles herbei; man umringte ſie.— „Mein Freund,“ ſagte fie mit einer neuen Anſtren⸗ gung, und meine Stirne gegen ihr Herz drückend,„glau⸗ ben Sie es noch, glauben Sie es immer. Das Abſolute iſt das Gute, und das Gute, hören Sie, iſt die Arbeit, iſt die Liebe; mein Freund, arbeiten, lieben Sie!“— Es folgte nun ein feierliches Schweigen, während deſſen ſie zu ſchlafen ſchien. Ich ſtand auf und entfernte mich ein wenig, um meine Thränen zu wocknen. Einen Augenblick darauf öffnete Louiſe ihre Angen wieder 45 Ihre Schweſter hatte vom Alcoven ein kleines kupfernes Krucifix genommen; ſie näherte ſich und kniete auf den Sitz, den ich eben verlaſſen hatte, und ſo war es die Courtiſane, die der in ihrer Reinheit ſterbenden Jungfrau den Erlöſer Aller fußfällig darreichte. „Es rührt von unſerer Mutter her,“ ſagte Louiſe, indem ſie das Crucifix küßte und zurückgab;„behalte es, arme Magdalena, ich ſchenke es Dir.“— 8 Ihr Blick rief mich zurück; ich begab mich an ihre eite. „Mein Gott, mein Gott!“ ſtammelte ſie,„was hat er mir doch geſtern geſagt, worüber ich Antwort geben wollte?— Ach, ja, ja, ich erinnere mich, er hat mir von den Leidenden der Menſchheit geſprochen.— Wohlan, mein Freund, ſie werden erlöſt werden, erlöſt durch die Arbeit, durch die Liebe!—— Auch Sie,“ ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer, lieben Sie, arbeiten Sie!“ „Da Sie ſterben,“ ſagte ich ſo, daß es nur von ihr verſtanden werden konnte,—„iſt es zu ſpät.“ Sie ſah mich an, und ſagte nichts mehr. Kurz darauf ſchloßen ſich ihre Angen und ich glaubte, indem ich ſie ſchwach athmen hörte, daß ſie eingeſchlafen. Und in dieſem Augenblicke fing der Hund mit leiſer Stimme an zu klagen und man hörte den alten Gärtner folgenden Vers vom 110. Pſalm draußen ſingen: „Magna opera Pomini: exquisita in omnes volentates ejus.“ Louiſe war eben verſchieden. 46 X. „———— Ich hatte zu ihr geſagt, als der Tod Zeuge war: „Es iſt zu ſpät.“ Ich kehrte aufs Meer zurück, ohne Paris wieder geſehen zu haben; ich werde niemals mehr hinkommen. Dieſesmal iſt mein Leben abgeſchloſſen. Ich ſegle in meinem Sarge. Ich fluche der Menſchheit nicht mehr, ich bitte ſie um Verzeihung, daß ich ſo wenig für ſie habe thun können, und vertraue auf Gott.“ Es gibt keine noch ſo ſtarken Entſchlüſſe und noch ſo aufrichtige Schwüre, welche die Leidenſchaft nicht Lügen ſtraft oder vergeſſen läßt; nun ſtirbt aber bei Menſchen von der Art des Schweigenden die Leidenſchaft nicht mit dem Weſen, das ſie eingeflößt; unvermögend ihre Wünſche zu erfüllen, überlebt ſie es und bleibt wahr und tief, und die ſelbſt zur Seele gewordene Lei⸗ denſchaft ſucht unaufhörlich die ihr vermählte Seele, de⸗ ren Form verſchwand. Nichts Menſchliches und Stoff⸗ liches kann ſie hindern, das Elend des Körpers, der ſie umſchließt, trennt ſie nicht mehr von der anderen Seele als der Stein, der ſie bedeckt. Von göttlichem und ewigem Weſen, aber faſt noch unbekannt in dieſer Welt ſollte die reine Leidenſchaft, die Liebe ſein; und ſo wird einſt und dann für immer die Liebe ſein: ſtärker als der od.— Ungefähr ein Jahr ſpäter, als der Herr der Sphinr 47 in der Mitte der weiß gekleideten Mädchen die arme Louiſe zur Erde beſtattet hatte, war er nach Neuilly zu⸗ rückgekehrt, hatte dort eine Wohnung gemiethet und ich bediente ihn. 9 Es war im Monat November; die Sonne ging ſpät auf, es wurde bald Nacht. Der Nebel, der über der Seine ſchwebte, dehnte ſich bis zum eleganten Dorfe aus und verließ es nur, um dem Regen Platz zu machen: es war einer der feuchteſten und düſterſten Winter, den ich noch erlebt habe. Doch ging der Schweigende täg⸗ lich ſchon in der Frühe aus, er machte mehrmals die Tour um das jüngſt von Louiſe bewohute Häuschen, das jetzt von ihrer erſten Arbeiterin geleitet wurde: manch⸗ mal ging er hinein, aber die fröhlichen Lieder, welche die Arbeit begleiten, trieben ihn bald wieder fort. Dann wandte er ſich dem Kirchhofe zu und dort blieb er ſtun⸗ denlang vor dem beſcheidenen Kreuze ſitzen, worauf man den angebeteten Namen las; er las dieſen Namen tau⸗ ſendmal wieder. Er ging dann ins Häuschen zurück, um „von da wieder auf den Kirchhof zurückzukehren,—— ſo vergingen ſeine Tage. Bald hielten ihn die Bewoh⸗ ner der Straßen, durch die er kam, für wahnſinnig; als der Herr dies ſah, ſchlug er, wenn er täglich, und ſo lange der Tag dauerte, vom Kirchhofe ius Haus und vom Hauſe auf den Kirchhof ging, einen andern Weg ein. Er ging von nun an den Mauern entlang durch ein Gäßchen, wo nur eine einzige Wohnung war, ein düſterer Verſchlag, krumm geſenkt und in den Boden hin⸗ eingehend, an deſſen Niveau das einzige Fenſter heraus⸗ ging, während man mehrere Treppen hinabſteigen mußte, um zur Thüre zu gelangen. Ich muß hier noch einſchalten, von wem dieſe Hütte bewohnt war, was ich erſt ſpäter erfuhr, als mich ein ernſtes Ereigniß nöthigte, es zu erfahren. Zwei Greiſe lebten da oder vielmehr fingen hier an zu ſterben; es war Mann und Frau, beide ſiebzigjäh⸗ 48 rig. Am Tage durchliefen ſie, ohne ſich zu trennen, alle Straßen, Gäßchen und Wege von Neuilly und ſammel⸗ ten alte Lumpen und alte Papiere und trugen, ehe ſie am Abend heimgingen, ihre Sammlung herrenloſer Güter zu einem Lumpenſammler in Sablanville. Seit langen Jahren führten ſie dieſes Leben, ohne daß man darauf Acht hatte; ihr niederer Stand und der Mangel an Nachbarn im Gäßchen ſchützte ſie vor der zudringli⸗ cheu Neugier der kleinen Orte. Eines Tages ſah man ſie beide einen kleinen Knaben von fünf oder ſechs Jah⸗ ren, der ſie Großvater und Großmutter nannte, in die Freiſchule von Neuilly führen. Die Nengier erfuhr dann durch die Mitſchüler des Knaben, daß er das jüngſte Kind des jüngſten Kindes der Greiſe ſei, aber dieſes Kind war ernſt, traurig und ſchweigſam bis zur Stummheit, und antwortete nicht leicht auf Fragen, die man an daſſelbe ſtellte, und ſo hörten die Fragen wieder auf. Am Ende eines jeden Tages brachten die Aeltern das Kind nach einem armſeligen Mahle, das ſie ſelbſt kaum berührten, mit einer Art Haſt zu Bett, das hinter einem ſchlechten Vorhange im Hintergrunde der einzigen Stube ſtand, die die Hüte enthielt, und banden daſſelbe mit Taſchentüchern feſt an ſein kleines Lager. Dann holten ſie fröhlich und faſt vergnügt mehrere Flaſchen Branntwein aus einem dunklen Winkel und ſtellten ſie zwiſchen ſich auf den Tiſch.. Dann begann ihr wahres Mahl, wobei man nicht aß. Zuerſt und bis das Kind eingeſchlafen war, trank das alte Paar ſtillſchweigend und in kleinen Doſen: bald klirrten die Gläſer, die Zungen löſten ſich, die Flaſchen erſchöpften ſich und aus dem alten, ſo glühend befeuchte⸗ ten Gedächtniſſe des alten Paares erwuchs eine ganze Aerndte von fernen, traurigen und heiteren, verliebten oder ſchrecklichen Erinnerungen!———„Erinnerſt Du Dich?“—— fing der Mann an;—„denkſt Du daran,“ erwiederte die Frau, und es kamen nun lange 49 Geſchichten, worüber ſie lachten, zitterten und weinten. — Die Gläſer füllten ſich noch einmal und immer wie⸗ der; dann kam ein Moment, wo ſie die Gläſer verach⸗ teten und aus den Flaſchen ſelbſt tranken; in dieſem Augenblicke hatten die Geſchichten kein Ende mehr, man fieng mehrere zu gleicher Zeit an. Das„Denkſt Du daran,“ unterbrach nnaufhörlich das„Erinnerſt Du Dich.“— Endlich erinnerte man ſich nicht mehr; die Zungen, die ſchwer geworden waren, konnten nicht mehr fragen noch antworten; man trank ſchweigend, ohne Unterbrechung, bis man nicht mehr trinken konnte, und man, den Kopf auf oder unter dem Tiſche, einſchlief. Am andern Morgen befreite das alte Paar, nach⸗ dem es jede Spur von den Erinnerungen des vergange⸗ nen Abends vertilgt hatte, den Knaben aus ſeinen Ban⸗ den, ließ ihn ſein Gebet ſprechen, gab ihm zu früh⸗ ſtücken und führte ihn in die Schule, um von da auf Jagd nach alten Lumpen und alten Papieren zu gehen. Eines Tags entſchloß ſich der Schweigende, Neuilly nicht mehr zu verlaſſen. An denſelben Tage noch ſchrieb er an den Capitän der Sphinx, der in Havre wartete, indem er ihn beauftragte, ſeinen Willen, der, wie man denken kann, gegen die geſammte Schiffsmannſchaft großmüthig war, zu vollziehen. Ich hatte ſchon früher aus der Hand des Herrn eine Rente erhalten. Als der Schweigende, der an dieſem Tag bis ſpät am Abend auf dem Kirchhofe geblieben war, ſich durch das ge⸗ wohnte Gäßchen in ſeine Wohnung zurückbegeben wollte, wurden ſeine Angen in dem Augenblicke, wo er an der Hütte vorüberging, durch ein ſeitſames blaues Leuchten, welches durch das kleine Fenſter glänzte, angezogen. Er näherte ſich und bemerkte den Anfang eines Brandes. Ohne Zweifel hatte eines der beiden Alten, wie es ſei⸗ nen Kopf auf den Tiſch fallen ließ, das Licht und eine Plonvier, Erzählungen für Regentage. 4 50 volle Flaſche Branntwein auf den Boden geworfen. Eine flammende Maſſe breitete ſich im Zimmer aus und trug den Brand an die Wände: das alte Paar ſchlief noch immer. Mit einem kräftigen Fauſtſchlage ſtürzte der Schweigende, ohne daſſelbe zu wecken, die Thüre ein und drang in die Hütte, die ſchon ganz in Flammen ſtand. Er ergriff die Alte am Arme, als das Jammern des Kindes an ſein Ohr ſchlug. In ſolchen Augenblicken und bei ſolchen Elementen hat die Flamme die Schnel⸗ ligkeit des Blitzes: der Schweigende hatte das verbor⸗ gene Bett noch nicht entdeckt, als ſeine Kleider im Zuge Fener fingen. Bald ließ der Vorhang, der nun aufing, zu brennen, den Schweigenden das Kind ſehen, das die Flamme eben erreicht; die Flamme, die den Herrn ſelbſt ergriff, hielt ihn nicht ab, er befreite das Kind, und trug es über ſeinem Kopfe hinaus. Er kehrte dann zurück, um auch die Alten zu retten, aber ſie waren endlich ſelbſt erwacht, und wie durch ein Wunder kamen ſie unverſehrt an die Schwelle, um Hülfe zu rufen. Einen Monat nach dieſem Abend lag der Herr in einem Bette im Hoſpiz Beaujon, wohin ich ihn hatte bringen laſſen, um ſicher zu ſein, daß es ihm an nichts fehle. Da ich die Erlaubniß erhielt, bei ihm zu blei⸗ ben, ſo verließ ich ihn keinen Augenblick. Fünf Wo⸗ chen litt er die unerhörten Schmerzen derer, die an den Brandwunden ſterben, ohne daß eine einzige Klage oder ein einziges Wort ſeinen Lippen entſchlüpft wäre. Zu Zeiten, wenn die Leiden über ſeine Heldenkraft gingen, drückte er in ſeine verſtümmelte Hand die meinige und das war Alles. In dieſem übermenſchlichen Schweigen kämpfte er den Todeskampf, als an einem Morgen in der ſechsten Woche ein Krankenwärter mir meldete, daß ein von zwei Alten geführtes Kind meinen Herrn zu ſehen wünſche. Ich begab mich ins Sprechzimmer und fand das geret⸗ tete Kind, das durchaus ſeinen Retter ſehen wollte, mit 51 ſeinen Großältern dort! Ich ließ die Alten im Sprech⸗ zimmer warten und führte das Kind, ihm Schweigen anempfehlend, herein. Nachdem ich es zu Füßen des Bettes des Schwei⸗ genden geſetzt hatte, betrachtete er dieſes lange. Ich glaubte in den Augen meines Herrn die Rührung und die Erinnerungen, die an ihm vorübergingen, leſen zu können. Ich errieth, daß er in ſeiner Einbildung ein ganzes, verlorenes Leben wieder aufbaute. Zugleich verdoppelten ſich ſeine Leiden, ich ſah es wohl, und ver⸗ barg meine Thränen. Endlich ergriff ein höchſter Schmerz dieſen Märtyrerhelden und ſagte ihm, daß es der letzte ſei, und daß der Körper nun die Seele frei laſſen müßte. Der Schweigende preßte noch einmal leb⸗ haft meine Hand und gab mir den Wunſch zu verſtehen, daß ich ihm das Kind nähern ſolle; ich brachte es an ſeine Lippen. Er drückte die blaſſen, zuſammengezoge⸗ nen Lippen lange auf die reine Stirne des Weſens, das er gerettet, und das dieſe Spur ewig bewahren ſollte, dann ſah er es noch einmal tief an. Und zum Erſten⸗ male ſeit langer Zeit öffnete er die Lippen und ſagte zum tief bewegten Kind dieſes einzige Wort: „Arbeite.“—— Und ſtarb. Die Originalien. Aus einer Bilder⸗Gallerie. Imperia. Der Baron Peter⸗Joſeph von Deuen-Maubrenuil iſt einer der ſeltenen Greiſe aus der Familie Don Char⸗ les Nadier. Er zählt faſt 80 Jahre; aber er hat ſeine grünen⸗ und Roſen⸗Jahre noch nicht vergeſſen. Nie⸗ mals zeigte ſich bei ihm eine jener Regungen eines mürri⸗ ſchen Alters, das die Früchte verächtlich macht, weil es ſelbſt keine Zähne mehr hat!— Er liebt die Ingend, und läßt ſich gerne von ihr ihre Hoffnungen und Wünſche erzählen und auf den Vorhang, der die Zukunft verbirgt, ihre Phantaſien und Pläne zeichnen... Im friedlichen Winter ſeiner langen Jahre liebte er es, ihren Frühlings⸗ Sonnenſchein leuchten zu laſſen.— Sein Haus iſt an⸗ genehm: untermiſcht mit ſeinen alten Freundinnen trifft man dort eine Anzahl hübſcher Frauen in lachender Ju⸗ gend oder im vollen Glanze der Schönheit; Dichter, Künſtler und junge Leute, die weder Künſtleriſches ſchaffen, noch Verſe machen, aber was ſelten und gut iſt, all das verſtehen und lieben.— Wann der Baron empfängt, ſo hat er jegliches Alter. Ein großer Saal ſeiner geräumigen beguemen Woh⸗ 53 nung wurde von ihm in eine Bildergallerie umgewandelt. An gewiſſen Tagen öffnet er für ſeine Freunde dieſes kleine Pantheon, wie er es nennt, und wenn der Anblick irgend eines ausdrucksvollen unbekannten Geſichtes die Rengier erweckt, läßt der ſanfte Greis, der ſeiner Zeit ein berühmter Schriftſteller hätte werden können, es aber vorgezogen hat, ein liebenswürdiger Plauderer, ein geiſt⸗ reicher Erzähler zu werden, die Neugierigen ſich um den Rahmen reihen, der ſie angezogen, und erzählt uns mit ſeiner friſchen ſonoren Stimme eine Geſchichte.— Unter ſo vielen heitern oder ernſten Geſichtern feſſelte einſt das prachtvolle Bild einer prachtvollen Schönheit unſere Blicke. Nur der friſche Pinſel, den man daraus errieth, konnte die Friſche dieſer Züge und ihren lebhaf⸗ ten Ausdruck ſo wiedergeben; das Genie des Malers und die Schönheit des Modells hatten in ihrer Vermäh⸗ lung auf dieſer Leinwand ein ſo ſeltenes Meiſterwerk, ein ſolches Wunder hervorgebracht, daß der Baron ſtolz auf dieſen Beſitz raſch mehrere Himmel durchflog, als er unſern bewundernden Chor hörte, bei welchem die jungen Stimmen einen Ton höher ſangen als die andern. Wenn der Maler, ſagte einer von uns, in dieſem Werke nicht die Ideale ſeiner Phantaſien hat vereinigen wollen, wenn er wirklich ein Geſicht wie dieſes da gefunden hat, um ſich daran zu begeiſtern, ſo muß dieſe Frau, deren Autlitz die Macht veträth, über viele Frauen, über viele Männer erhaben geweſen ſein! Italienerin, alles deutet darauf hin, der Charakter dieſer Züge, ihr Teint, ihr Schmuck, und ſchön in der engſten Bedentung dieſes Wortes, enthüllt jede Schattirung ihrer Schönheit Eigen⸗ ſchaften die, edel oder verderblich, ungewöhnlich ſind. Wenn Sie von dieſer Frau Etwas wiſſen, lieber Baron, haben Sie Mitleid mit unſerer gränzenloſen Neugierde! .„Ich habe in der That,“ erwiederte der liebens⸗ würdige Achtzigjährige, in verſchiedenen Winkeln meines Gedächtniſſes über ſie Bemerkungen geſammelt, die ich 54 ſeit Langem ſchon da und dort entnommen habe; gönnen Sie mir nur einen Angenblick, um ſie zu ordnen und meiner alten Geſchichte, wenn ich es im Stande bin, eine Form zu geben, die Euch junge Geiſter anlächelt.“ Und, einige Minuten nachher: „Ich fange mit folgender Vorrede an, die ich für ziemlich ſittlich halte: „Verdammt nicht jene Fehler, die durch Uebel er⸗ zeugt wurden, unter denen ihr nicht gelitten habt.“ Und jetzt, meine Freunde, bemerken Sie wohl, auf welche theatraliſche und ungezwungene Weiſe ich in meinen Gegenſtand eingehe, den ich betitle: Die Magd eines Senators. 1 „Und Sie glauben, Grimaldi, daß die morgige Sitzung die letzte ſein werde?“ „Ich bin deſſen gewiß, Madame, vorausgeſetzt, daß Sie heute ſo ruhig bleiben wie geſtern und morgen wie heute.“ „Wir verſprechen es, Bologneſer, vorausgeſetzt, daß Ihre liebe Unterhaltung die Qualen unſerer Unbeweg⸗ lichkeit verſüße. Bin ich ſo recht?“ „Schön wie die Madonnen ſein würden, wenn ſie durch die Liebe belebt wären.“ „Schmeichler!.. Was ſagt man in Rom?“ „Nur von drei Dingen iſt die Rede: in Wahrheit von drei Ereigniſſen. Erſtlich von dem Feſte, welches die 55 theure Schwägerin des heiligen Vaters, Donna Olimpia Maldachini, heute Abend im Palaſte Panfili giebt; zwei⸗ tens von der Wundernacht, die Sie für morgen in der Villa Imperia verheißen.“ „Und welches von beiden Feſten ſoll am meiſten Anklang finden?“ „Sie wiſſen es wohl, Madame, das Ihrige.“ „Ja man wird kommen, man wird maſſenhaft zur freigebigen Imperia kommen. Man wird ſih in ihre Salons ergießen, in ihre Gallerien, in ihre Gärten, und ſie, die große Königin dieſes Getümmels, wird ſich allein fühlen, und düſter inmitten ihrer Villa!.. halten Sie mich für glücklich, Grimaldi?“ „Nein, Madame, Sie ſind nicht glücklich.“ „Dank, Grimaldi, Dank, daß Sie mich verſtehen. Nur Männer wie Sie können Frauen wie mich beurthei⸗ len, ihnen ohne Schande die Hand reichen und ohne Ver⸗ achtung ſich von ihnen entfernen. Ich bin, edler Freund, als Waiſe ins Leben eingetreten, mit einem Vermögen, um darin zu glänzen, und mit einem laſterhaften Weibe, um mich darin einzuführen. Bei meinem erſten Fehler hat man mich mit einer dummen Verachtung zertreten. Ich, die keine Mutter hatte, um meine böſen Triebe zu unterdrücken, die das Mitleid hätte retten können, ich habe mich wieder aufgerichtet, indem ich mich mit einem unverſöhnlichen Stolze bewaffnete. Seitdem hat meinem Leibe ein Mann gefehlt, der mich durch Liebe bezähmt hätte; es hat mir die Liebe eines jungen reinen Herzens gefehlt, das ich vielleicht hoch erhoben hätte; es hat mir endlich— Gottes äußerſte Härte— ein Kind gefehlt, zum Ernähren, dafür zu wachen, es anzubeten, das mein Leben zu dem ſeinigen gemacht, und das ſeine Mutter gereinigt hätte. Ich habe gelitten, Grimaldi; allein bin ich oft erröthet unter meinem Diademe der Buhlerin, ich habe ferne von meiner erſten Reinheit, dem ſchönen ver⸗ lorenen Paradies, viele Thränen unterdrückt. In ſtillen 56 Stunden habe ich oft meine Scharlach⸗Tunica zerriſſen, und mein letztes weißes Kleid geküßt Aber ich bin nicht wankend geworden, nicht zurückgewichen auf dem glühenden Wege, den ich betreten. Bei meiner Geburt fand ich ein Vermögen groß genug, meine Wünſche zu be⸗ friedigen; als meine Wünſche wuchſen, wollte ich mein Vermögen vermehren. Ich habe Fahrzenge ausgerüſtet und die Meere verſucht. Alles gelang mir. Was man an Macht gewinnt, verliert man an Glück; ich wurde ſehr mächtig, und ich habe in meinem Courtiſaneleben von meinen Liebhabern niemals Etwas erhalten, was ich ihnen nicht hundertfach zurückgegeben hätte. Und wenn Du wüßteſt, wie ich die Menſchheit kennen gelernt habe, indem ich über ihre Laſter herrſchte!... Ja, ich habe gelitten, aber mein Gewiſſen iſt mir geblieben; ich habe mir eine Tugend errungen, die nur mir gehört und die mir theuer iſt. Ach! die ehrbaren Weiber der heiligen Stadt würden wahrſcheinlich ſehr lachen, wenn ſie mich von Tugend und Gewiſſen reden hören würden... Aber die Falſchheit dieſes Lachens iſt ein Triumph für meinen Stolz! Ach! der Stolz hat nicht alle meine Wunden geſchloſſen; erſt heute, Vologneſer, fühlte ich die Rückkehr meiner entflohenen Scham, hente, ich ſage es nur Dir, und ganz leiſe und zitternd, erlange ich vielleicht eine göttliche Sühne, einen ungehofften Himmel... Höre mich an, mein Freund, es iſt faſt eine jungfräuliche Seele, die ſich vor Dir erſchließt, um Dir zu ſagen: Ich liebe! ich liebe mit himmliſcher Liebe, mit einer Liebe ſo un⸗ endlich wie das Ungekannte, ſo tief wie das Meer.“ „Imperia, armes Weib, armes Herz! Trocknen Sie Ihre Thränen nicht. Ihr Freund möchte ſie trinken, der Künſtler möchte ein Meiſterwerk daraus ſchöpfen, die Engel möchten ſie Gott zeigen!“ Dieſe Unterredung fand in Rom ſtatt, im Johre 1654, unter dem Pontificate Innocenz's X. zwiſchen dem be⸗ rühmten Maler Grimaldi aus Bologna, dem Schüler ———— ———— 57 und Verwandten der Carracci und der berühmten Cour⸗ tiſane Imperia: es fand ſtatt vor dieſer Leinwand, die Sie, meine Herrn, bewundern, und deren Werth ſie nach meiner Anſicht einigermaßen erhöht. „Nach einer Pauſe, während deſſen Grimaldi von Bologna Imperias Hand an ſeine Lippen drückte, fuhr ſie, noch ganz bewegt, alſo fort: „Sie ſprachen doch von drei Ereigniſſen, welche die Römer beſchäftigen. Welches iſt das dritte, Meiſter?“ „Die Erſcheinung einer gegen den Pabſt gerichteten Brochüre, Madame. Adel und Volk ſind dadurch in Bewegung verſetzt, das heilige Colleg hat darüber ge⸗ zittert. Die Sache hat noch an Bedeutung gewonnen, ſeitdem der Graf Lnigi Paranzio, des ſeligen Senators Colonna Reffe, ſich als Verfaſſer erklärt hat.“ „Hat man ihn verhaftet?“ „Sie erbleichen, Madame... Nein, man hat ſich zu ſpät dazu entſchloſſen, Paranzio zu verhaften; er hat Rom geſtern verlaſſen und nur zwei Perſonen, ich bin eine derſelben, wiſſen um das Geheimniß ſeines Aſyls.“ „. Und was hält man von dieſer Flugſchrift?“ „Wie ſich erwarten läßt, ſchweigen jene, die ſie bil⸗ ligen; die, welche am meiſten davon betroffen werden, unterdrücken meiſtentheils ihren Zorn und ſchweigen gleich⸗ falls, und wie immer machen die am meiſten Scandal, die ſich im Grunde am wenigſten um dies bekümmern, was ihn hervorgerufen.“ „Und Ihre Meinung, Grimaldi?“ „Ich, Madame, ich träume ein wenig, und arbeite viel; ich geſtehe, das Buch nicht geleſen zu haben.“ „Ich habe es geleſen, es iſt mehr als ein Libell, es iſt ein mit Genie geſchriebenes Meiſterwerk. Zuerſt beweist Luigi Innotenz X. ſeine Undankbarkeit gegen die Barbarini, die ihn auf den Stuhl des heiligen Pe⸗ trus geſetzt haben; dann wirft er ihm den Einfluß ſeiner Schwägerin, der Donna Hlimpia vor, den man aus den 58 Akten bezüglich ſeiner Nichte, der Prinzeſſin Roſana, er⸗ kennt. Und endlich, und hierin iſt das Buch ein Meiſter⸗ werk, greift er die Bulle des Pabſtes an, durch welche die fünf Sätze des Janſenius verurtheilt werden. Ich kann Ihnen als Weib dieſe Dinge nicht analyſiren, ader ich ſage Ihnen, das rührt von einem gerechten, kräftigen und ſtolzen Manne her, wie es der Mann meiner Liebe ſein müßte!“ „Sie haben es ausgeſprochen, Madame? Ach! Ver⸗ zeihung, aber...“ „Ich habe es geſagt und wiederhole es Ihnen, Bo⸗ logneſer, daß der, den ich liebe, wie ich zu lieben vermag, Luigi Paranzio iſt!... „Luigi! Und weiß er?“ „Nein, ach nein; hätte ich es jemals gewagt.. Einſt, bald will ich...“ „Ach! arme Imperia!“ „Was ſagen Sie? Sie ſind ſeltſam bewegt, Gri⸗ maldi; ſprechen Sie, ich bin ſtark... oder ſchweigen Sie vielmehr... Ich verſtehe.. Alles iſt geſagt.“ Imperias ſchönes Antlitz war plötzlich verdüſtert. Während Grimaldi, dem der Pinſel entfallen war, ſie ſtillſchweigend betrachtete, begann ſie wieder mit einer tiefen und betrübten Stimme: „Er liebt, nicht wahr? Er liebt.. er hat nie an mich gedacht— anßer um mich vielleicht zu verachten? O mein Gott: damit müßteſt Du mich ſtrafen!— Und wen liebt er? Iſt ſie ſchön? Wird er von ihr geliebt?“ „Es iſt die junge Wittwe ſeines Onkels, des Sena⸗ tors Colonna, die ebenſo hübſch iſt, als Sie ſchön ſind, und ihn mit allem Kummer und der ganzen Reinheit einer erſten Liebe liebt.“ „Iſt das alles auch wahr?.. Wer hat es Ihnen geſagt?“ „Paranzio, Madame, mein liebſter Freund.“ „Warum vermählt er ſich nicht?“ 59 „Luigi liebt ſeine Tante, und dieſe Verehlichung kann nicht ohne Dispens des heiligen Vaters ſtattfin⸗ den „Die der gereizte heilige Vater dem Verfaſſer des Libells niemals geben wird, nicht wahr?— Doch ver⸗ zeihen Sie mir, mein Freund, und verlaſſen Sie mich; ich muß allein ſein, um zu denken, zu weinen und zu beten. Leben Sie wohl, und kommen Sie morgen; wir werden dann zu Ende kommen.“ Der Bologneſer entfernte ſich. TE Am Abend machte Imperia, die ſeit Grimaldi's Entfernung Niemanden mehr angenommen hatte, eine blendende Toilette. Mit einer Larve vor dem Geſichte ließ ſie ſich in den Palaſt Panfali fahren, und indem ſie ſich unter die Menge miſchte, die ihr den Weg verſperrte und das Coſtüme dieſer Dame ohne Cavalier bewunderte, drang ſie in den Ballſaal, wo eben der Tanz begann. Donna Olimpia, begleitet von einem zahlreichen Gefolge von Edelleuten, ging ab und zu, und verbreitete durch einige freundliche Worte bald hier, bald dort Freude und Entzücken. Als Imperia ſie bemerkte, ging ſie gerade auf ſie zu und faßte ſie am Arm: „Hlimpia,“ ſagte ſie,„ich muß Dich ſprechen.“ „Du hier!“ erwiederte erſtaunt die Räthin des Pabſtes. „Ich muß Dich augenblicklich ſprechen,“ 60 „Wohlan, ſo komme.“ Und dieſe beiden Frauen, über welche man in Rom ſo entgegengeſetzte Meinungen hatte, durchdrangen mit verſchlungenen Armen die unaufhörlich wachſende Menge und begaben ſich in die Gärten des Palaſtes. „Vor allem laß Dich umarmen,“ ſagte Olimpia zu ihrer Begleiterin, die die Larve abgenommen hatte, um ihre glühende Stirne durch die Nachtluft erfriſchen zu laſſen. „Und nun rede.“ „Olimpia, Du mußt ſobald als möglich— morgen noch, ja morgen ſei es— die Begnadigung des Grafen Luigi Paranzio und den erforderlichen Erlaß für ſeine Vermählung mit ſeiner Tante, der Wittwe des Senators Colonna, vom heiligen Vater erhalten.“ „Was bildeſt Du Dir ein?“ „Ich habe darüber nachgedacht, es iſt nicht unmöglich. Es muß ſein.“ „Aber, ich werde es niemals erlangen...“ „Ich bitte Dich fußfällig, Olimpia, meine Schweſter!“ „Stehe auf, man kömmt. Nimm Deine Larve und laß uns ſcheiden.“ „Ach, verſprichſt Du mir nichts?“ „Ich will es verſuchen. Hoffe.“ „Wann werden wir uns ſehen?“ „Morgen, bei Dir.“ „Du biſt gut, Olimpia. Umarme mich noch. Lebe wohl.“ Andern Tags kam Grimaldi zu Imperia, die ihn erwartete. Als ſie ihn eintreten ſah, ſagte ſie: „Setzen Sie, mein Freund, alle Ihre Kunſt daran, um dieſes Bild heute zu vollenden, denn das iſt wohl die letzte Sitzung, die Ihnen die traurige Imperia ge⸗ währen kann.“ Der Bologneſer legte nun die letzte Hand an dies Gemälde. Er hatte das Bild eines kräftigen ſchönen Weibes in voller Blüthe des Lebens angefangen, er vol 61 endete es als das eines Weibes, die zwar immer noch kräftig und ſchön iſt, aber bleich und ernſt, ein ſchwer verwundetes Herz abſpiegelt. Er hatte den letzten Strich gemacht und machte Anſtalten, ſich zu entfernen, als man Donna Olimpia Maldachini anmeldete. „Donna Olimpia bei Ihnen, Madame,“ rief Grimaldi. „Für Sie haben Sie dies Bild gemacht, lieber Bo⸗ logneſer,“ erwiederte Imperia. „Nimm,“ ſagte beim Eintreten jene, von der man eben ſprach, und reichte Imperia verſchiedene Papiere hin. „Dank, gute Schweſter,“ rief im letzten Ausbruche ihrer Freude die arme Courtiſane. Neues Erſtaunen malte ſich auf dem Geſichte des Meiſters; Imperia ſah es und bemerkte: „Ja, Meiſter, ſie iſt meine Schweſter; ſie, die glück⸗ liche legitime Tochter, im väterlichen Hauſe für die Tu⸗ gend erzogen, hat niemals einen Fehltritt begangen; während man mich, das arme natürliche Kind, deſſen. Daſein man ſich ſchämte, dem Schickſale überließ, das eine Courtiſane daraus gemacht hat! Das iſt Alles, mein edler Freund! und werden Sie mich auch aus ſet Ferne noch beklagen? Wenn wir uns nicht mehr ehen 6 „Imperia, was wollen Sie damit ſagen?“ unterbra⸗ chen ſie zugleich die Schweſter und der Freund. „Ihr werdet es bald erfahren, ihr beiden guten Her⸗ zen. Heute Abend, Bologneſer, in der Villa Imperia. Ich rechne auf Sie bei meinem Feſte. Du, Hlimpia, wirſt mich noch nicht verlaſſen.“ Zur angezeigten Stunde füllte ſich die Villa Im⸗ peria mit einer brillanten, an ihre Feſte gewöhnten Menge, der Bologneſer war einer der erſten, die kamen. Schon war man erſtaunt, die Königin dieſes Reiches der Luſt nicht zu ſehen, als ihre Erſcheinung alle Eingeladenen er⸗ ſchreckte. Inperia war ganz ſchwarz gekleidet; ſie trug Trauer um eine große und ſüße Hoffnung, die ſie in — 62 ihrem Herzen begraben hatte. Sie nahm den Arm des Bologneſers und führte ihn in eines ihrer feenhaften Boudoirs. Indem ſie ihm hier ein verſiegeltes Paquet in ſeine Hände legte und einen reich ciſelirten Koffer auf einem Tiſche zeigte, ſagte ſie: „Nehmen Sie, mein Freund, dieſes Angedenken an eine aufrichtige Neigung, die zwiſchen dem großen Maler und der großen Courtiſane niemals befleckt worden iſt, und reiſen Sie, um mir einen letzten Beweis Ihrer Zu⸗ neigung zu geben, bis morgen ab. Bringen Sie dieſe Papiere dem Luigi Paranzio; er kann nach Rom zu⸗ rückkehren, er kann hier glücklich ſein. Und jetzt, Meiſter, geben Sie mir Ihre Hand, denn ich ſage Ihnen Lebe⸗ wohl; morgen reiſe ich ab. Geben Sie mir Ihre treue biedere Hand, und kehren wir auf den Ball zurück, ich werde ſogleich zu entkommen ſuchen.“— Das war das letzte Feſt, das die große Imperia gab. Andern Tags war ſie verſchwunden, ohne daß man wußte, wo ſie ihr Leben verbarg; einen Monat darauf ſprach in Rom Niemand mehr von ihr, wenn nicht einige Arme, die dankbarer waren als die andern, unter welchen allen ſie bei ihrer Abreiſe ihr Vermögen vertheilt hatte.— Der Baron hatte zu reden aufgehört und jeder ſchien ſich ſeinen eigenen Phantaſien zu überlaſſen, als einer bemerkte, daß die Geſchichte den Titel nicht rechtfertige, den man ihr gegeben. „Sie werden durch den Epilog zufriedengeſtellt wer⸗ den,“ bemerkte der gute Erzähler. 63 III. Fünfzehn Jahre nach den Ereigniſſen, die ich ſoeben erzählt habe, nämlich im Jahre 1669, unter dem Pon⸗ tificat Clemens IX. ſtarb Imperia, entſtellt und unkennt⸗ lich für Alle, im Dienſte des Grafen Paranzio, der ſeit drei Jahren Senator war. Ich habe Ihnen geſagt, daß ſie ihn mit einer himmliſchen Liebe liebte, unendlich wie das Unbekannte, tief wie das Meer! Imperia, meine Herren, iſt vielleicht das Weib, das Don Inan ſuchte.— Die Berbſtroſe. Dies hier, meine Herren, ſagte der liebenswürdige Greis, der uns mit ſo vieler Anmuth und Courtviſie die Bilder ſeiner reichen Gallerie erklärte, dies da iſt offen geſagt das Porträt eines alten Dieners meiner Familie. Ich ſehe wohl, daß Sie ein wenig frappirt ſind, zwi⸗ chen den zwei reizenden weiblichen Figuren dieſes Bauern⸗ geſicht mit den rothen Händen und den ſtark gefärbten Wangen zu finden. Aber nicht wahr, Sie kennen mich zu gut, um nicht zu vermuthen, daß ich irgend einen ge⸗ wichtigen Grund haben mußte, um meinem würdigen Diener einen ſo ſchönen Platz einzuräumen?— Wenn 64 Sie mir ein wenig zuhören wollen, werden Sie erfahren, welche Erinnerung ich beim Anſchauen dieſes Bildes wiederfinde, Sie werden die Geſchichte meines erſten Herz⸗ klopfens erfahren, und wenn ich für die Erzählung, in welcher Sie das Original eine Rolle ſpielen ſehen werden, einen Titel haben muß, ſo will ich dieſen wählen: Die Herbſtroſe. K „Es gibt in unſerem Frankreich eine geſegnete Ge⸗ gend, wo der Winter weniger kalt, und der Sommer weniger heiß zu ſein ſcheint, und wo man meinen könnte, daß Gottes Hand ſchönere Blumen und ſüßere Früchte ſäet. Ein bezauberndes Land, dem ſeine Kinder faſt allein huldigen und das der franzöſiſche Geiſt vielleicht ehren würde, wenn es ferne von Frankreich wäre; es iſt Touraine. Glückliches Land! Niemals hat der Fuß der Fremden ſeine Wege befleckt. Es hat Rabelais ge⸗ boren, Descarte und die durch und durch liebende Ga⸗ briele d'Eſtrées. In unſern Tagen hat daſſelbe die Wiege des Dichters von Elva getragen, jene des großen Beobachters der„menſchlichen Comödie“ und anderer mehr; und endlich eine rührende Erinnerung und eine unſterbliche Weihe, hier hat Beranger die Poeſie unter Blumen und ein wenig Ruhe für ſeine herbſtlichen Jahre gefunden; hieher wird er vielleicht zurückkehren, wenn er fühlen wird, daß ſeine Wintertage kommen.— „Ich bin in dieſem Lande geboren, meine Herren, und ich werde ohne Zweifel meine Tage dort beſchließen. In den erſten Sommertagen im Jahre 1788 begleitete 65 ich meinen Vater dorthin auf eines ſeiner ſchönſten Land⸗ güter, auf daſſelbe, wo ich auf die Welt kam. Es liegt ein wenig abſeits von Tours, an den Ufern der Loire. Mein Vater wollte ſich dort von den Ermüdungen im Dienſte des Königs ausruhen; ich hatte noch nicht an die Wahl einer Carriere gedacht und wollte mich einfach an der prächtigen Natur und an der glänzenden Ruhe erfreuen. Sie erinnern ſich, oder ich will Sie daran er⸗ innern, daß in dem Jahre, von welchem ich ſpreche, die täglich wachſenden Verlegenheiten die Krone beſtürmten, daß die Begebenheiten die Revolution beſchleunigten: es war das Wetterleuchten vor dem Donnerſchlage, es war das vorangehende Grollen des Vulkans vor dem Aus⸗ bruche. Wir waren angekommen, als ein Befehl des Königs meinen Vater zurückberief. Er reiste ſogleich ab und ließ mich allein in Grandval, ſo hieß nämlich unſer Landgut, mit einem alten Diener zurück, einem blinden und ergebenen Sclaven meines achtzehnjährigen Willens. — Der ebenſo weitläufige als ſchöne Park von Grand⸗ val breitete ſich dem Fluß entlang aus und lief in einen ſchmalen Pfad aus, der vom Ufer in ein benachbartes Dörfchen führte. In dem Winkel, den die Mauer des Parks und die Mündung dieſes Pfades bilden, befand ſich ein hübſcher kleiner Pavillon, deſſen Genuß ich allein hatte, und den ich ſehr liebte. Ich analyſirte dort die auf den Spaziergängen geſammelten Pflanzen, oder las, oder träumte, oder ſchlief ein wenig gegen Mittag; manch⸗ mal folgte ich auch meiner Lanne und bracht die Nacht dort zu.— Auf der andern Seite des Pfades begränzte eine lange Mauer den gleich weitläufigen und ſchönen Park eines benachbarten Eigenthums, Marveille genannt, und in dem Winkel, der ihn ſchloß, erhob ſich auf der Seite der Loire, folglich dem meinigen gegenüber und in derſelben Höhe ein anderer hübſcher kleiner Pavillon. Während ich bis dahin die Fenſter immer geſchloſſen Plouvier, Erzählungen für Regentage. 5 66 fand, wenn ich zu dieſem Bau hinüberblickte, ſo ſah ich ſie eines Abends, als ich ziemlich ſpät in mein kleines Bondoir kam, in einem erleuchteten Zimmer weit geöff⸗ net. Zugleich drangen Klavierklänge von einer melan⸗ choliſchen Reinheit in mein Ohr. Von freien Stücken löſchte ich, ohne nur einen Grund anzugeben, mein Licht aus, und ſetzte mich in eine Lage, um, ohne bemerkt zu werden, Alles hören und ſehen zu können, was mal hören und ſehen laſſen wollte. Sie vergeſſen nicht, daß ich achtzehn Jahre alt war, und begreifen, daß ich über⸗ zeugt war, daß eine Frau dort wäre. Ich irrte mich nicht. Nachdem ſie noch eine Zeitlang Klavier geſpielt hatte, kam die Muſikantin, die ich bis jetzt noch nicht hatte ſehen können, ans Fenſter, und warf einen langen Blick gegen den Himmel an der Seite der Loire, ohne meinen Pavillon eines Blicks zu würdigen und ſetzte ſich dann im Hintergrunde des Zimmers an den Tiſch, wor⸗ auf das Licht ſtand. Ich wurde von dieſer letzten Be⸗ wegung, die mir die Prüfung meiner Muſikautin geſtat⸗ tete, hingeriſſen. Es war die Herrin der ſchönen Do⸗ mäne von Marveille, die Frau Gräfin Suſanne von V Ich muß es ſagen, es war keine junge Frau mehr und ich gebe ihr ihre ſechsunddreißig Jahre. Sie war ſehr ſchön, groß, braun und ein wenig blaß, und hatte, wie uns ſchien, blaue Augen. Ihre Hand, die ſie nachläſſig auf den Tiſchteppich gelegt, war lang und von einer matten Weiße. Man wird nicht beim erſten Sehen verliebt, meine Kinder, man muß das nicht glauben; aber das weiß ich, was ich tief empfand, daß nämlich eine ganz neue und fremdartige Erregung plötzlich mein ganzes Weſen durchdrang. Ohne mich deſſen erwehren zu können, fühlte ich, wie ſich meine Augen, die auf dieſes ſchöne Geſchöpf ſtarr geheftet waren, mit unge⸗ kannten Thränen füllten. Sie unterſtützte mit einer Hand ihre geſenkte Stirne, und ſchien ſich einem traurigen Sinnen zu überlaſſen; endlich ſtand ſie auf, kam von 67 Neuem ans Fenſter, und noch einmal durchlief ſie mit einem Blicke alles, was ſie vom Himmel erfaſſen konnte. Wie ſie die Hand auf ihren Laden legte, fiel der directe Widerſchein ihres Lichtes auf mich, und ſie mußte mich ſehen; ich bemerkte es und zog mich zurück. Als ich wie⸗ der hinzuſehen wagte, war Alles geſchloſſen, und ich konnte nur noch ein Licht bemerken, das ſich durch die Bäume des benachbarten Parks entfernte und die Rich⸗ tung gegen das Schloß nahm. Acht Tage nach dieſem Abende, der eine Bedeutung für mein Leben hatte, ſaß ich in meinem lieben Pavillon, wo ich von nun an pünktlich ſchlief, mit einer blumen⸗ gefüllten Vaſe vor mir und ein Buch in der Hand. Ich hatte immer dieſelbe Seite geleſen und wußte noch nicht, was ſie enthielt. Ach! ich las lieber das erſte Kapitel des ſüßen Romans der Liebe, welches meinem Fenſter gegenüber offen vor mir lag. Hier ſah ich meine ſchöne Nachbarin ſticken oder auch leſen, ohne Zweifel mit mehr Aufmerkſamkeit als ich. Unſere Angen waren ſich noch nicht Einmal begegnet, denn ſobald ich ſah, daß ſie die ihrigen aufſchlug, ſenkten ſich haſtig die meinigen, und ich fing wieder meine Seite von Vornen an.— Dieſer Tag führte aber noch große Ereigniſſe her⸗ bei. Hier iſt das erſte: In einem Angenblicke, wo ich in der Meinung, daß meine Nachbarin von ihrer Stickerei in Anſpruch genommen ſei, ſie ungeſtraft betrachten zu können hoffte, ſah ich ihre Blicke auf mich gerichtet; eine große Kühnheit entflammte mich, ich hielt ihre Blicke aus, ohne die meinigen zu ſenken, faſt eine Minute. Ich weiß nicht, was meine Nachbarin geleſen, aber ich ſah ſie aufſtehen und Anſtalt machen zum Weg⸗ gehen. Ich kann nicht ſagen, welcher Schmerz mein Herz zerriß. An dem, was ich litt, erkannte ich, daß ich liebte, und ich fiel auf die Knie, die Hände flehend gegen das Fenſter erhebend. Die Gräfin war einen Augenblick unſchlüſſig, ich fühlte ihre Blicke auf meiner 68 Stirn brennen; endlich ſah ich ſie erröthen, ſehr roth werden und ſich wieder ſetzen: nur ſetzte ſie ſich etwas weiter weg von mir als vorher. Ich fühlte mich ſehr glücklich und las, um das Schlagen meines Herzens ein wenig zu erſticken, meine Seite immer wieder von Neuem. — Das zweite Ereigniß war folgendes: Als ich ſie ein⸗ mal überraſchte, wie ſie meine Blumen betrachtete, hatte ich Muth zum Handeln: ich nehme eine andere Vaſe, ſtelle ſie gleichfalls auf das Fenſtergeſimſe und verſchaffe mir eine hübſche Roſenknospe; dann, als ich nach langem Warten ſah, daß ſie ihre Augen nach meiner Seite wen⸗ dete, wagte ich es, ihr die junge Blume zu zeigen, ſie in die Vaſe zu legen, und ihr mit einer unbefangenen Miene anzudeuten, daß ich ihr dieſe Roſenknospe anbiete. Um zum Ziele zu kommen, hatte ich dieß Alles, ohne aufzu⸗ athmen, gethan; aber nachdem ich das kühne Werk voll⸗ endet hatte, floh ich unter die Bäume des Parks und erſchien vor dem andern Tage nicht mehr im Pavillon. Es folgten nun einige Tage, in denen mein Herz voll wurde. Es ereigneten ſich einige entſcheidende Be⸗ gebenheiten.— Als eines Nachmittags meine ſchöne Nachbarin zum Fenſter herausſah, ereignete ſich ein in Romanen gewöhnlicher Zufall, der auch im wirklichen Leben vorkommen kann: ſie ließ ihr Taſchentuch auf den Graspfad fallen. Ich nahm mir nicht Zeit zum Denken; auf die Gefahr hin, mich ein wenig zu lähmen, ſprang ich hinaus und hob das Tuch auf. Ich vergaß zu ſagen, daß gegen den grünen Pfad zwei unvermeidlich grüne Thüren hinausgingen, die Schweſtern von einander waren, wie die Pavillone Brüder, denn auch ſie ſtanden ſich gegenüber. Ich wollte eben einen großen Umweg machen⸗ um zum Haupteingange von Marveille zu gelangen, als meine Unbekannte am kleinen Thore erſchien. Wie ſchön war ſie! Ich näherte mich und überreichte ihr bebend vor Freude und Furcht, ohne ein Wort herauszubringen, das Taſchentuch. 69 „Sie haben ſich doch nicht verletzt?“ fragte ſie mit etwas gerührter Stimme. „NRein, Madame,“ erwiederte ich überlaut. „Dank, mein Herr,“ fügte ſie hinzu,„Dank.“ Und verſchwand mit einer leichten Verbengung. Ich blieb noch einige Angenblicke unbeweglich und außer mirz ich hörte noch immer ihre ſüße Stimme und ſah ſie noch immer gerührt. Endlich klingelte ich an mei⸗ ner kleinen Thüre und Lubin öffnete mir. Habe ich Fhnen noch nicht geſagt, daß mein alter Diener Lubin hieß2 Als ich an demſelben Abende meine Blumen ordnete, goß ich einige Waſſertropfen auf die am Morgen bei Seite gelegte Roſenknospe, und jeden Abend verwandelte ſich die Knospe in eine kleine Roſe; dann nahm ich von meinen friſchen Blumen eine duftende Roſe, die am Tage vorher noch ſehr ſchön war, und die nun faſt verblüht ihre Blätter fallen ließ. Dieſes Mal ſah ſie mir zu. Ich legte die welke Blume ans Fenſtergeſimſe, und wußte noch nicht, wozu ich mich entſchließen konnte, als ich ſah, daß die Schloßherrin meine Nachbarin, ihre Augen auf dieſe arme Roſe richtete; dann deutete ſie mir mit ihrer ſchönen weißen Hand ſanft und ungezwungen an, daß ich ſie in die reſervirte Vaſe legen ſolle, an die Stelle der Knospe, die dieſelbe alltäglich aufnahm. Ich gehorchte, ohne zu begreifen, und ſie, gleich als wenn ſie verwirrt darüber wäre, daß ſie ſo viel geſagt hatte, ſenkte die Augen in ihr Buch und erhob ſie nicht mehr an dieſem Tage. Am andern Tage ſchleppten ſich die Stunden lang⸗ ſam und traurig für mich hin, ohne daß ſich die Läden des Pavillons, der meine Freude einſchloß einen Angen⸗ blick geöffnet hätten. Als die Sonne ſich neigte, verlor ich die Hoffnung, ſie zu ſehen und weinte. Eine ſanfte und wehmüthige Harmonie vermiſchte ſich mit meinen Thränen. Die Glocke der kleinen Kirche im Dorfe Grand⸗ 70 val läutete zum Angelus. Ich hatte, meine Herren, und habe jetzt noch alle Gefühle einer ſinnenden Jugend be⸗ wahrt. Ich liebte die grünen Wege, die Schwalben, die Strohdächer, die Abendſtunden, den Duft der Wie⸗ ſen und den Klang der Glocken. Dieſer rief mich und ich gehorchte.— Als ich weggehen wollte, kam Lubin zu mir:— Ich habe noch eine wichtige Thatſache ver⸗ geſſen, und will ſie hier einſchalten. Lubin hatte nur Einen Fehler, aber einen vollſtändigen, entſchiedenen und eclatonten Fehler, einen Fehler, der die Höhe einer wahren Leidenſchaft erreicht hatte: er liebte den Trunk. Dieſer Menſch trank mit Ausdauer, mit Vergnügen und mit unerhörter Standhaftigkeit, und wurde, wenn er ſeiner unwürdigen Leidenſchaft Genüge gethan hatte, der gemein⸗ ſten Dinge fähig. „Herr Joſeph,“ ſagte er mit einſchmeichelndem Tone, „ich habe den Wagen hergerichtet, weil Sie ausgehen wollen, ich will Sie fahren.“ „Lubin,“ ſagte ich ſanft,„bringe Deinen Rauſch in Dein Zimmer, ich gehe zu Fuß.—“ „Ich bin genöthigt, dem Herrn Kummer zu machen,“ fuhr der Elende fort;„aber ich habe den Wagen her⸗ gerichtet, und ich werde den Herrn fahren, das iſt ent⸗ ſchieden.... oder der Herr wird das Haus nicht ver⸗ laſſen.“ Ich kannte den Infamen, und zog es vor, die Sache kurz abzumachen.„Spann alſo ein, Lubin, wir wollen gleich ausfahren.“ Wir kamen raſch ins Dorf. Lubin ſtrahlte auf ſei⸗ nem Bocke. Als ich in die alte arme Kirche trat, ſah ich im dunkelſten Winkel eine verſchleierte Frau knieen, die Stirn in ihren beiden Händen. Mein Herz ſchlug, um die Bruſt zu zerſprengen. Kein beſtimmtes Merkmal ſagte mir es noch, aber ſie war es, ich fühlte es wohl, und ſegnete in meinem Herzen die Glocke, die mich hie⸗ her gebracht. Ohne von ihr bemerkt zu werden, ſtellte ich mich einige Schritte hinter ihren Stuhl, und betete, glücklich, ſie zu ſehen und ihre Luft zu athmen mit einer Inbrunſt zu ihm, der am meiſten liebt: zu Gott, der uns lieben läßt. Es war faſt Nacht geworden in der Kirch e, als die verſchleierte Dame ſich entfernen wollte. Als ſie auf die Thüre zuging, ſah ſie mich und erkanute mich trotz der Dunkelheit; aber indem ſie eine unfreiwillige Be⸗ wegung ſofort unterdrückte, ließ ſie ſich nichts davon an⸗ merken. Ich zitterte ſo, daß ich mich kaum aufrecht er⸗ halten konnte. An der Schwelle angekommen, blieb ſie ſtehen und als ich nun auch weggehen wollte, ſah ich, daß während unſeres Gebetes ein Regen gekommen war, der noch nicht aufgehört hatte. Die Gelegenheit flößte mir Hel⸗ denmuth ein.— Madame, ſagte ich, mein Wagen erwartet mich hier, wenn Sie mich beehren wollten, darüber zu ver⸗ fügen, ſo würde er Sie heimbringen. Da ſie keinen ver⸗ nünftigen Grund hatte, dieſes Anerbieten zurückzuweiſen, da es nur eine reine Höflichkeit zwiſchen ländlichen Nach⸗ barn war, ſo nahm ſie es an. Nachdem Lubin ſich auf ſeinen Sitz geſchwungen hatte, ſtieg ſie ein, indem ſie meine Hand leicht berührte. Nachdem ich mun einmal neben ihr ſaß, fühlte ich meine Bewegung zunehmen und mein Herz anſchwellen. Dieſe Gelegenheit, dachte ich⸗ wird ſich ſobald nicht wieder finden, ich will ihr ſagen, daß ich ſie liebe.—— Und ich wagte es nicht. Indem ſie aber ohne Zweifel fand, daß eine Unterhaltung ſchick⸗ ie ſei als das Schweigen, unterbrach ſie daſſelbe und agte: „Wohut Ihr Herr Vater nicht in Grandval?“ „Ja— nein, Madame,“ antwortete ich ſehr lin⸗ kiſch.„Wohlan,“ dachte ich,„Muth, erkläre ihr deine Liebe— Und ich wagte es nicht. „Und,“ fuhr ſie fort,„wollen Sie, mein Herr, den ganzen Sommer auf dem Lande zubringen?“ 72 Aber in dieſem Augenblicke floß mein übervolles Herz über, und ich antwortete auf dieſe Frage: „Ach! Madame, wie liebe ich Sie ſo ſehr!“ Ein ſchreckliches Krachen unterbrach mein Geſtändniß. Der Weg, kanm durch einen Sommerregen befeuchtet, war eben und ſchön; der Wagen ſchien gut zu ſein, es war noch Tag und nichts ſtand demnach der friedlichen Vollendung unſerer kurzen Reiſe entgegen. Aber während ich in der Kirche war, hatte Lubin in einer Dorſſchenke ſeinen Durſt ſo lang und ſo ergiebig gelöſcht, daß er nun die Phantaſie hatte, daß der Wagen über einen un⸗ geheuren Stein hinweg müſſe, der an der Seite der Straße lag. Er war auf dem Punkte zu reuſſiren, nur warf er uns auf die galanteſte Weiſe von der Welt um, auf eine ſo wunderbare Art, daß meine bezanbernde Nachbarin ſehr erſchreckt in meine Arme rollte und daß ſie unfrei⸗ willig und zum Verwundern gerade mit dem Munde auf meine Lippen fiel,—— Ich ſchloß ſie entzückt an mein Herz, das plötzlich von einem unerhörten Glücke überſtrömt wurde!— Kein größeres Glück in der Liebe wie derartige Unglücksfälle! Ich war hingeriſſen. Doch fand ich kein Wort. Auch ſie war noch aufgeregt und ſchwieg. Ohne ſie zu fragen, ergriff ich ihren Arm, lehnte ihn auf den meinigen und ſchlug den Weg nach Marveille ein, iu⸗ dem ich es Lubin überließ, ſein großes zuſammengeſtürztes Werk nach Muße zu betrachten. Wir legten den ganzen Weg in ſchweigender Unterhaltung zurück. In dem Momente, wo ich die Gefährtin dieſes Ereigniſſes an der Schwelle ihrer Wohnung verlaſſen ſollte, kam meine volle Furcht, meine volle Augſt wieder zurück.—„Madame,“ ſagte ich eudlich, indem ich ſah, daß ſich die Thüre öff⸗ nete,„darf ich um die Erlaubniß bitten, Ihnen manch⸗ mal meine Ehrfurcht zu bezeigen?“— Sie ſchien bereit, eine abſchlägige Antwort zu geben, ich las dies auf ihrem verwirrten Geſichte. Sie beſann ſich aber eines andern⸗ ——————————— 73 und erwiederte ſanft:—„Morgen, mein Herr, wenn Sie es wünſchen.“ Ich wollte ihre Hand faſſen, ſie ließ mir aber nicht Zeit dazu und verſchwand mit einem Lächeln, in dem ich eine Thräne zu bemerken glaubte. Am andern Tage klingelte ich, von einer Angſt er⸗ griffen, die mir das Herz erbeben ließ, am großen Thore von Marpeille. Eine friſche Kammerzofe öffnete mir.— Wolle der Herr mir folgen, ſagte ſie: Madame hat mir befohlen, ihn in den kleinen Pavillon zu führen. Von einer regen Unruhe ergriffen, folgte ich dieſem Mädchen durch die ganze Wohnung. Als wir ins Innere gekom⸗ men waren, zeigte ſie mir auf einem Leuchterſtuhle ein geſchloſſenes Papier.— Madame wünſchte, ſagte ſie, daß der Herr dieſen Brief hier leſen ſolle. Sie ließ mich allein. Ich öffnete ſogleich den Brief, den ich ſeitdem oft wiedergeleſen habe und deſſen ich mich immer er⸗ innern werde.—— Hier iſt er: „Mein liebes Kind, es iſt faſt Mitternacht; in einer Stunde werde ich abreiſen, und wenn Sie aufwachen, bin ich ſchon weit weg von Ihnen, ohne daß Sie den Weg erfahren können, den ich eingeſchlagen. Klagen Sie mich nicht anz nehmen Sie es als einen Beweis meiner Zuneigung, indem ich Sie ſo behandle, wie ich es thue: — und Sie werden mir Ihr reines Mitgefühl bewahren. Ich bin mehr als vierzig Jahre alt, mein Kind, ich könnte Ihre Mutter ſein, und Sie dürften für mich nur ein Sohn, ein Bruder oder ein Freund bleiben. Ein Tag würde kommen, wo Sie Ihre Verſprechen vergeſſen würden, und Gott weiß, was uns dieſer Tag für Schmer⸗ zen, Gewiſſensbiſſe oder Schande bringen könnte! Ich habe gegen Sie und gegen mich ſtrafbar gehandelt. Jetzt, wo ich Sie nicht mehr ſehen werde, habe ich den Muth, es zu geſtehen; in einem Alter, wo die Welt von uns ſagt: Alte Frau! und es uns nicht verzeiht, ein Herz zu bewahren, habe ich mich den Träumen eines 74 jungen Mädchens überlaſſen... Der Kuß, der eine unauslöſchliche Erinnerung unter uns bleiben wird, hat mich aufgeweckt, indem er mir den Abgrund erhellte! Gott ſei gelobt, daß er uns am Rande zurückhielt! Liebes Kind, mit dem Gefühle, das mein Leben in Wirk⸗ lichkeit beendigt, beginnt das Ihrige, Sie werden glück⸗ lich ſein, wenn Sie in den Herzen, die ſich für Sie er⸗ öffnen werden, ein Wenig von Dem antreffen, was in dem Herzen lebte, das Sie flieht. Indem ich ſo ſchnell Ihre friſchen Hoffnungen in Erinnerungen verwandle, ſehen Sie wohl, daß ich vor Ihren Angen jeden Schleier meiner Schwäche abwerfe, und um Ihretwillen frage ich Gott, warum er mich um zwanzig Jahre zu früh geboren werden ließ. Es war ſein Wille, entſagen wir! Adien, mein liebes Kind, ich habe Vertranen in Ihre jungen ſchönen Jahre; ich hoffe auf einen Raum in einer Falte Ihres Herzens; ich hoffe auch, daß meine Gebete Ihr Leben beſchützen werde: Gott wird mir dieſen tröſtlichen Erſatz gewähren. Ich höre die Pferde wiehern, die mich erwarten, ich muß nun ſcheiden. Ich will noch einmal Ihr Fenſter anſehen, und Alles wird geſagt ſein. Ohne Zweifel ſchlafen Sie ruhig und argwöhnen das Lebewohl nicht, das ich Ihnen hier ſagen will, wo eine alte Frau für Sie eine kindliche Seele wieder fand. Leben Sie wohl, ich trage in mir mit Ihrem Bilde einen geheimen Lohn fort; aber nochmals bitte ich Sie, bewahren Sie mir in Ihrem Herzen den Platz, den ich anſpreche, zwiſchen Ihrer Mutter, die Ihnen das Leben gab und der glück⸗ lichen Gattin, die Ihnen das Gläck geben wird.“ —— 75 Hier hörte der Greis auf, zu ſprechen. Indem er dieſen Brief, den er in ſeinem Herzen wieder zu leſen ſchien, wiederholte, wurde er wehmüthig, und wir ſahen, als er fertig war, ſelbſt Thränen in ſeinen Augen. Unſer Schweigen achtete die der Erinnerung geweihte Vereh⸗ rung. .und ohne Zweifel,“ ſagte einer von uns, der zuerſt wieder das Wort ergriff,„haben Sie dieſe edle Frau nie wieder geſehen?“ „Doch, einmal,“ erwiederte der Baron;„aber ſchon lachen Sie nicht mehr, meine Freunde, meine Wehmuth hat Sie angeſteckt Wenn ich Ihnen erzählen würde, wie ich dies heilige Geſchöpf wiederfand, würde ich Sie vielleicht ſogar traurig machen, und das will ich nicht.“ „Sprechen Sie, o ſprechen Sie,“ rief André, ein Dichter, den wir unſern Wunſch für uns Alle ausſprechen ließen:„Sprechen Sie um Ihretwillen, theurer Herr, denn die Erinnerung an ein Unglück, das keine Gewiſſens⸗ biſſe zurückließ, hat einen geheimnißvollen Zauber: ſprechen Sie auch um unſterwillen, denn das Wort eines Greiſes, der viel gelitten hat und gut blieb, erhebt zur Tugend.“ „Meine Freunde,“ begann der Baron, wieder mit bewegter Stimme, nachdem er André's Hand gedrückt hatte,„was ich Ihnen eben erzählte, ereignete ſich im Jahre 1788: nehmen Sie mich nun um vier Jahre älter au, und wir befinden uns im Jahre 1792, in jener eben⸗ ſo ſchrecklichen als erhabenen Epoche, wo die eine Hälfte des größten aller Völker der andern lange Jahrhunderte von Unterdrückung, Tyrannei und wilden Egoismus be⸗ zahlen ſollte und nach dem Willen Gottes bezahlen mußte. 76 Verſetzen Sie ſich alſo mit mir, der nichts vergaß, in den blutigen Tag des zweiten Septembers. III. Am Tage vorher hatte ſich das verfrühte Gerücht von der Einnahme von Verdun in Paris verbreitet; der Feind, hieß es, iſt im Marſch auf Chalons. Auf dieſe Nachrichten durchdrang der Schrecken alle Woh⸗ nungen, Jedermann ſah ſchon ſeinen Herd von feindlichen Truppen überfallen. Am Morgen erſchien eine Procla⸗ mation, worin es hieß:„Zu den Waoffen. Bürger! Der „Feind iſt vor den Thoren.—— Eine Armee von „ſechzigtauſend Mann ſoll ohne Verzug gebildet werden, „laßt uns ſofort dem Feinde entgegenziehen um unter „ſeinen Schlägen zu fallen, oder um ihn aus unſern Gren⸗ „zen zu verjagen!“ Es iſt Mittag; man hört das Grollen der Lärm⸗ kanone und das finſtere Rollen der Trommeln, die Ge⸗ neralmarſch ſchlagen. Von der Höhe der Monumente ließ die Sturmglocke ihren klangvollen und ſchrecklichen Lärm über die Stadt erſchallen. Das Pflaſter füllt ſich mit Muniecipalen und von Moment zu Moment proclamirt man beim Klange der Trompete die Gefahr des Vater⸗ landes. Diejenigen, die ihre Angen zum Himmel erheben, um Gott über die ſtürmiſchen Ereigniſſe zu befragen, ſehen eine lange ſchwarze Fahne auf den Thürmen von Notredame flattern. Mon eilt zu den Waffen, indem ſich in der einen Stunde in jedem Munde das Geſchrei wie⸗ derholt; Auf, gegen den Feind! Bald darauf hört man 77 andere Worte:„Aber unſere grauſamſten Feinde ſind nicht in Verdun, ſie ſind in Paris, in den Gefäng⸗ niſſen!“—„In die Gefängniſſe! In die Gefängniſſe!“ wiederholt die Maſſe, und man ſtürzt an die Orte, wo die erſten Opfer der blutigen Sühne ſeufzen. Um dieſe Zeit war ich, meine Herrn, bei der weich⸗ lichen Erziehung, die man jungen Edelleuten gab, faſt noch ein Kind und ich begriff nichts von den Dingen, die ſich unter meinen Angen ereigneten. Wenn ich auch die Geſchichte unſerer Könige gut kannte, ſo war mir doch, ſo zu ſagen, die Exiſtenz des Volkes unbekannt. Ich dachte demnach nicht daran, wäre mir auch dieſes Streben möglich geweſen, die düſtern Ur⸗ ſachen dieſer wilden Volkswuth zu erforſchen; wie die Meinen alle, wurde ich durch ſie von Entſetzen betroffen, und wie ſie, ſah ich nur roth.— Seitdem habe ich ge⸗ lebt und gelitten, habe nachgedacht und bin alt geworden; ich habe alle Rangklaſſen durchlaufen, ich habe mich allen Leiden unterzogen, ich habe bei der Betrachtung der Ereigniſſe und der Erforſchung ihrer Wurzeln meine Stirn gefurcht, und habe mir oft geſagt, wenn ich mich an 93 erinnerte, daß Gott damals für eine ſo lange Vergangenheit eine ſolche Sühne haben wollte, deren Mahnung die fernſten Monarchien erſchrecken ſollte!— Seitdem hat man mich auch nicht mehr meines alten Geſchlechts rühmen hören, noch des edlen Blutes in mei⸗ nen Adern, noch auf Edelmanns⸗Wort ſchwören. Die heilige Wahrheit hatte meine Stirn berührt. Aber verzeihen Sie mir dieſe Abſchweifung, meine Freunde, ich kehre jetzt zur Erzählung zurück, nach der Sie verlangten. Am zweiten September gegen Mittag ging ich alſo über den Pont⸗Neuf, um mich in die rue des Bomberies-Saint-Germain zu begeben. Dort ver⸗ barg ſich mein Vater, der ſeit einigen Tagen angeklagt war, in einem ärmlichen Hauſe bei unſerem alten Lubin. Rechnen Sie, meine Herren, bei Ihrer Würdigung der 78 großen Ergebenheit die Aufopferung hoher oder niederer, jedoch mächtiger Leidenſchaften, welche durch jene Ergeben⸗ heit geboten wurde, immerhin hoch au. Seit den zwei Monaten ſchon, in welchen mein Vater in Lubins Man⸗ ſarde ſich verbarg, hatte dieſer, ich kann nicht daran den⸗ ken, ohne davon gerührt zu werden, nur Waſſer getrun⸗ ken.— Der wackere Mann! Unter allen Rangklaſſen hatten wir, mein Vater und ich, Freunde gehabt, wir haben aber niemals beſſere gefunden, als dieſen unwür⸗ digen Lubin, der ſo gerne trank. Auf dem Pont Neuf ſah ich vor mir zehn Stadt⸗ karren rollen, die von Marſeiller Soldaten eskortirt wur⸗ den und hörte in meiner Nähe ſagen, daß dieſe Wägen vierundzwanzig Gefangene enthielten, die man in die Abtei brachte. Flüche gegen die Gefangenen begleiteten dieſe Nachrichten. Von Mitleid ergriffen und an meinen Vater denkend, blieb ich ſtehen und richtete eine Klage an die Unglücklichen. In demſelben Augenblicke ſtrömte eine Bande derer, die man in der Stadt hatte ſchreien hören:„In die Gefängniſſe, in die Gefängniſſe! über den Quai. Man rottet ſich zuſammen und umringt unter tauſend Verwünſchungen die Wägen. Bald vereinigten ſich die Soldaten der Eskorte ſelbſt mit den Raſenden. Unwillig über dieſen Verrath, ſtreckt einer der Gefangenen, eiuer jener verhängnißvollen Unklugen, die man an der Quelle ſo vieler Unglücksfälle findet, ſeinen Arm zum Wagenſchlage heraus und ſchlägt mit ſeinem Stocke einen der Marſeiller. Von Wuth ergriffen, ſpringt der Soldat auf den Wagentritt und taucht dreimal ſeinen Säbel in die Bruſt des Gefangenen. Dieſer Wahnſinn wird an⸗ ſteckend; mehrere andere Gefangene werden ebenſo ge⸗ tödtet. Ich dringe vor und würde mich vielleicht in edler Jugendhitze haben tödten laſſen, da ich allein meine Brüder vertheidigen wollte, als ſich in dieſem Momente der Zug wieder in Bewegung ſetzte, und mein Auge, von einer Wagenthüre plötzlich angezogen, die edle Frau er⸗ 79 kannte, der ich meine erſten Regungen verdankte. Doch ihr Geſicht iſt blaß, ihre Angen ſind feſt geſchloſſen, ſie ſcheint kaum zu athmen, und der Gedanke durchdringt zerreißend mein Herz:„Sie iſt verwundet, vielleicht tödt⸗ lich verwundet!—“ Ich geſtehe, daß nun die Gefahr der anderen Ge⸗ fangenen für mich nicht mehr exiſtirte. Ich folge dieſem Wagen, indem ich mich mit den Raſenden vereinige und hie und da mit ihrem Wuthgeſchrei die Schmerzeusrufe vermenge, die ich nicht mehr zurückhalten kann. Endlich kommt man in die Abtei. Hier werden die Wagen geöffnet. Man wirft die Leichname von einem Dutzend Gefangener auf das Pflaſter. Ach! mein Gott, welche Angſt! Meine erſten weißen Haare datiren von dieſem Tage, meine Herren! Ich ſtürze vor!— Sie, die ich ſuchte, befand ſich unter den Todten! Mit kräf⸗ tigem Arm hebe ich ſie von der Erde auf, lege ſie auf meine Schulter und will fliehen. Ein Marſeiller Soldat ſtellt ſich vor mich, aber er ſieht mein Geſicht, und ich kann nicht ſagen, welches Gefühl es in ihm erweckt.— „Iſt es Deine Geliebte!“ rief er mit heiſerer Stimme.„Nun gut, ſo geh!“ Das iſt auch noch eine Figur, die in meinem Ge⸗ dächtniſſe aufgezeichnet iſt, meine Freunde! Beweglich und ſtark durch das Bewußtſein meiner traurigen Laſt, laufe ich zu Lubin, er öffnet, ich lege meine blaſſe Geliebte auf ſein Bett. Damit war meine Kraft zu Ende. Ich falle mit der Stirn auf dieſe blu⸗ tige Bruſt, deren Herz eingeſchlafen iſt, und verliere das Bewußtſein. „Denken Sie ſich, meine Herren, was mich aus die⸗ ſer Ohnmacht weckte?— Der Schlag des Herzens, das die Wärme meiner Stirn eben wieder belebt hatte. Mein Vater und Lubin theilten ihre bis dahin unnützen Be⸗ mühungen zwiſchen ſie und mich. Als ſie uns mit ein⸗ 80 ander ins Leben zurückkehren ſahen, blieben alle beide ſtehen, um uns anzuſehen. „Sie! Sie!“ flüſterte ſie, indem ſie meine Hand in die ihrige ſchwach drückte.„Sie!— Ach! Gott iſt gut!“ Ich konnte ihr nichts ſagen, ich drückte ihre Hand, deren Kälte mich im Innerſten erbeben ließ.—— Man hörte das Geräuſch von Stimmen auf der Stiege, dann in dem Gemache, das als Vorzimmer in dieſer Wohnung diente. Ich hatte nur Einen Gedanken, ich glaubte, daß man gekommen ſei, um mir meine Freundin zu entreißen; ich ſprang in dieſes Vorgemach, nachdem ich die Zimmerthüre hinter mir lebhaft zugewor⸗ fen hatte, und ſah mich einem Manne gegenüber, den Andre draußen erwarteten. „Der Marquis von Maubreuil iſt hier,“ ſagte er zu mir, wir kommen, um ihn im Namen der Republik zu verhaften.“ „Bürger,“ ſtammelte ich,„Sie irren ſich.“ Der Mann ſchob mich roh von der Thüre weg und öffnete ſie. Ich wollte ihn vergeblich zurückhalten, er trat ein und ich mit ihm. Mit einer jener ſchnellen Bewegungen, wie ſie nicht zweimal im Leben vorkommen, und die man ſich nach der Gefahr niemals erklären kann, hatte Lubin meinen Vater unter das Bett geworfen, und über die arme Frau, die ſich hier befand, eine Decke gerollt. „Wen wollen Sie doch, Bürger,“ ſagte er zum Stadtbeamten, von wem ſprechen Sie mit meinem Sohnes ich weiß keinen Maubreuil in dieſem Hauſe, und es iſt außer meiner alten Frau, die ſtirbt, Niemand bei mir; laſſen Sie ſie in Frieden enden!“ Im Augenblicke, wo der Offizier ſich unentſchloſſen dem Bette näherte, wendete die Leidende, die nichts ver⸗ nahm, ihre Augen auf mich.„Mein Gott,“ ſagte ſie 81 noch mit einer Stimme, die ich allein hörte,„mein Gott, ſei gütig gegen ihn! gegen die Seinen! gegen Alle!“ Der Offizier machte noch einen Schritt, blieb ſtehen, dann floh er wie entſetzt. Sein Blick war dem blaſſen Blicke des Todes begegnet. Alles iſt geſagt, mein Vater war gerettet, meine Freundin lebte nicht mehr! Ich hatte ſie alſo doch noch einmal wieder geſehen, die arme Geliebte! Sie war mir damals einen Moment wie eine Heilige, wie eine Märtyrerin erſchienen, uin mir das, was mir das Heiligſte und Theuerſte auf der Welt war, zu bewahren.. und zu ſterben. Sie fühlen es wohl Alle, daß dieſe Erinnerung zum Beſten meiner Seele rein und leuchtend geblieben iſt, wie die Spur einer Wohlthat Gottes. Sie gehört zu jenen, die oft an ein ſchöneres Leben denken laſſen, und die in dieſem Geduld und Sanftmuth geben.— Und wer weiß es, ob ich nicht vielleicht den Gebeten meiner erſten Geliebten meine ſchönſten Freuden und meine wahrſte Liebe verdanke!—— Von meiner ephemeren Verbindung mit der braunen Schloßherrin von Marveille habe ich einige Reliquien bewahrt, die ich oft beſchaue: es iſt ihr Brief, den eine ihrer Thränen, die auf das Wort„Vergeltung“ fiel, mir noch theurer gemacht hat; es iſt die welke Roſe, welche ſie gewählt und die für mich immer ihren Duft behielt. — Es iſt endlich das Porträt Lubins, das Granze, ein Freund meines Vaters, kurz vor deſſen Tode malte.„Die⸗ ſes Porträt iſt es, meine Herren! und da Sie nun wiſ⸗ ſen, an welche Freuden und Leiden es mich erinnert, wer⸗ den Sie wohl nicht mehr darüber erſtaunt ſein, daß ich ihm einen ſo ſchönen Platz in meinem kleinen Pantheon angewieſen habe.—“ Plouvier, Erzählungen für Regentage. 6 Der Werth eines falſchen Diamanten. Sie wollen heute erfahren, meine Herren, warum ich dieſes hübſche, weibliche Bildniß, das Boucher ge⸗ zeichnet iſt, ſo bewegt und ſo ſtolz betrachte. Sie nöchten wohl, daß ich Ihnen von jenen ſüßen Dingen erzähle, woran es mich erinnert... Ich habe nichts dagegen, man ſpricht ja ſo gerne von denen, die man liebt, und wenn ſie nicht mehr ſind, ruft man dadurch, daß man von ihnen redet, ihre Seelen herbei, die dann über uns ſchweben und uns hören... Auch habe ich dieſe blonde Schönheit, die Sie hier vor ſich ſehen, ſehr geliebt und liebe ſie noch... Bewundern Sie dieſelbe nur noch einen Moment und geſtatten Sie mir, daß ich ſie Ihnen als meine Großmutter vorſtelle. Und nun hören Sie: Es war gegen Mittag an einem Tage des Jahrs 1730, drei Jahre nach ſeiner Vermählung mit Fränlein von Haut⸗Buſſy, als mein Großvater, der Marquis von Druau⸗Maubreuil den alten trenen Diener ſeines Hauſes, Maubin, ins Zimmer treten ſah. „Herr Marquis,“ ſagte der wackere Alte,„der W⸗ welier Garnon, der gewöhnlich die Lieferungen für Sie hat iſt d „Ich weiß es, ich weiß es,“ unterbrach ihn der Marquis;„führ ihn herein und ſorge dafür, daß unſere Unterredung nicht geſtört wird.“ — ,— — 83 Der alte Diener wollte ſich entfernen, doch der Marquis hielt ihn zurück. „Maubin,“ ſagte er,„iſt meine Frau noch nicht nach Hauſe gekommen?“ „Nein, mein Herr; dem Befehle der Frau Mar⸗ quiſe gemäß ſoll ſie der Wagen erſt um vier Uhr von der Frau Präſidentin abholen.“ „Wehl, ſehr wohl; gib nur Acht, daß die Ankunft des Herrn Garnon den Lenten des Hotels, vorzüglich aber Suſetten unbekannt bleibe, die es ſich angelegen ſit laſſen würde, ihre Herrin davon in Kenntniß zu etzen.“ Maubin zog ſich zurück, nachdem er Herrn Garnon hereingeführt hatte, den Juwelier der Mode, den Liefe⸗ ranten des Hofes, der in die freigebigen Verſchwendun⸗ dungen und großen Thorheiten der Zeit nothwendiger Weiſe eingeweiht war. Um dieſe Stunde ſtand der Marquis Gaſton, ein ſchöner, biederer Edelmann, jung und geiſtreich, der an⸗ gebetete Gemahl einer anbetungswürdigen Gattin, im Begriffe, eine jener vollendeten Unbeſonnenheiten zu be⸗ gehen, wie man ſie noch im Alter bereut. Er hatte ſeit einiger Zeit an gewiſſen Soupers Geſchmack gefunden und dort eine florentiniſche Abenteurerin von blendender Schönheit kennen gelernt. Er hegte für ſie eine raſende Leidenſchaft, die aber um ſo weniger Dauer verſprach, als ſie ſo plötzlich über ihn gekommen war; aber ge⸗ rade weil ſie keine Dauer hatte, um ſo blinder war. Trotz ſeiner fortgeſetzten Aufmerkſamkeiten, trotz ſeines lebhaften Drängens und ſeiner großartigen Geſchenke hatte Gaſton noch nichts erreicht, als er am Tage, ehe er den Juwelier Garnon empfing, der ſchönen Marcheſa Ginditta einen ganzen Schmuck verſprach, der, wie er ſchwor, ſo ſchön ſein ſollte, wie jener der engliſchen Geſandtin auf dem letzten Balle in Verſailles. „Ich kenne Ihren feinen Geſchmack,“ ſagte die Mar⸗ 84 cheſa,„und nehme im Voraus an; aber vernehmen Sie, theurer Marquis, in dieſem Lande kann ich Ihnen nicht angehören, unſere Beziehungen ſind ſchon zu bekannt; mir ſcheint, daß Jedermann uns beobachtet. Hente oder morgen kann die Marquiſe Alles erfahren; ich habe be⸗ ſtändige Angſt davor... Suchen Sie einen Grund, um reiſen zu können. Ich will in mein Italien zurück⸗ kehren; ſeien Sie großmüthig, gewandt und verliebt ge⸗ nug, um mich dahin zu begleiten. Kommen Sie und mein ſüßes Vaterland wird mir um ſo ſchöner erſchei⸗ nen, wenn Sie es mit mir ſehen; und dann, Gaſton, dann, wenn ich ſo glücklich ſein werde, werden Sie mich vielleicht nicht abgeneigt finden, Ihnen das letzte Opſer zu bringen. Bis dahin kann ich Ihnen nur ſagen, daß Sie hoffen dürfen.“ Auf dieſe Worte, die zärtlich— überredend aus einem lächelnden Purpurmunde floßen, konnte der Mar⸗ quis nur mit neuen Liebesbetheurungen antworten: er gab zu Allem ſeine Zuſtimmung. Man verſtändigte ſich über die materiellen Schwierigkeiten des großen Unter⸗ nehmens und beſchloß, Alles daran zu ſetzen und andern Tags fünf Uhr Nachmittags abzureiſen. Um dieſe Zeit ſollte nämlich jedes ſein Hotel verlaſſen, um ſich eine Stunde ſpäter einige Meilen von Paris unter freiem Himmel wieder zu umarmen. Aber zuvor beſtellte der Marquis den Juwelier Garnon für den nächſten Mittag in ſein Haus. „Meiſter Garnon,“ ſagte mein Ahne in einem An⸗ fluge von guter Laune, nachdem der Juwelier ſich ihm gegenüber geſetzt hatte,„ich brauche zwei koſtbare Dinge: erſtlich den ſchönſten Schmuck, den Sie beſigen, ſodann über dieſen Verkauf das tiefſte Geheimniß, das ich Ihnen mit harten Thalern bezahlen werde.“ „Herr Marguis,“ erwiederte der Kaufmann,„ich be⸗ ſitze in dieſem Angenblicke Etwas, was die Phantaſie eines Kaiſers befriedigen würde; was aber meine Ver⸗ 85 ſchwiegenheit betrifft, ſo haben Sie dieſelbe ſchon mau⸗ chesmal auf die Probe geſtellt, und niemals glaube ich . Wollen Sie einen Brillantſchmuck, in herrlichen Brillanten? Ich glaube, ich habe Etwas, was Ihnen conveniren wird: etwas Prächtiges, Gold, grün emaillirt, am Rande koſtbar ciſelirt; darüber ein Diamant, der den Eindruck der Sonne macht.“ „Gut! ſehr gut!“ „Aber! Sie wollen vielleicht ein Diadem?“ „Gewiß,“ ſagte Gaſton lebhaft, indem er ſich an die prachtvollen ſchwarzen Haare der Marcheſa erinnerte. „Teufel,“ hob der Kaufmann wieder an, daß ich gerade nichts bei mir habe, das ſchön genug wäre, um es Ihnen anbieten zu können. In Kurzem könnte ich ein Dladem fertigen, das ich ſeit einiger Zeit mit mir im Geiſte herumtrage, wodurch Ihre Herrlichkeit in Bälde vollkommen befriedigt werden dürfte. Ich laſſe eben dafür einen Stein von bewundernswerthem Waſ⸗ ſer und Größe dafür faſſen, der jenem völlig gleicht, der das Diadem des Hochzeitsſchmuckes der Frau Marquiſe von Maubreuil zierte. Er gleicht ihm ſo ſehr, daß ich ihn für denſelben hielt, als man ihn mir zum Ver⸗ kaufe anbot. „Es iſt unmöglich,“ rief der Marquis. „Es iſt uumöglich,“ wiederholte Meiſter Garnon,„aber ich habe ſchon derartige außerordentliche Zufälle erlebt. Zudem glaube ich, daß der Stein der Fran Marquiſe ſchöner iſt, und wenn ich den Herrn Marquis um Er⸗ laubniß bitten dürfte, Vergleichungen anzuſtellen(denn ich habe den andern Stein bei mir), ſo könnte ich„„ Ohne ein Wort mehr zu ſagen, und ohne eines mehr anzuhören, ſtand Gaſton auf. Von gränzenloſer Unruhe getrieben, ſtürzte er in den Gang, der ſein Zim⸗ mer von dem ſeiner Gattin trennt, um einige Minuten ſpäter vor Garnon mit einem reichen Schmuckkäſtchen wieder zu erſcheinen. 86 „Vergleichen Sie nun,“ ſagte er. Der Juwelier öffnete das Käſtchen ſo haſtig, daß der Marquis unwillkürlich erbebte. „Nun?“ ſagte er,„reden Sie! was halten Sie davon?“ Meiſter Garnon, das Diadem in der Hand, ſchwieg. „Verſtehen Sie mich?“ rief nun Gaſton mit zorn⸗ erfüllter Stimme. „Herr Margqnis,“ ſtammelte endlich der Juwelier, „ich glaube, daß man den Stein, den ich an Sie ver⸗ kaufte, mit einem ſchönen, böhmiſchen Steine vertanſcht hat, der ſo ſchön iſt, daß er jedes Auge täuſchen kann, nur meines nicht!“ „Garnon, Sie lügen! es kann nicht ſein! Sie täu⸗ ſchen ſich! Sie lügen, ſage ich.“ „Ich habe dem Herrn Marquis hierauf nichts zu erwiedern; wenn man vierzig Jahre mit feinen Steinen zu thun hat, kann man ſich nicht ſo ſehr irren.“ „Verzeihung, mein Herr,“ ſagte der Marquis, der ſein kaltes Blut wieder zu erlangen ſuchte, mit ſanftem Tone,„und nun bitte ich Sie, mich zu verlaſſen, ich muß allein ſein.“ „Und bezüglich des Schmucks, Herr Marquis, wann darf ich wiederkommen, um uns darüber zu verſtän⸗ digen 2“ „Kommen Sie, wann Sie wollen! Adien! Adien!“ Sobald Gaſton allein war, riß er an der Glocken⸗ ſchnur. Maubin ſtürzte erſchrocken herein. „Maubin, iſt die Marquiſe zu Hanſe?“ „Noch nicht. Ich hatte ſchon die Ehre, dem Herrn Marquis zu ſagen, daß erſt um vier Uhr....“ Geh!“ Gaſton klingelte noch öfter, um ſich nach der Rück⸗ kunft ſeiner Frau zu erkundigen. Maubin brachte immer dieſelbe Antwort und verließ ſeinen Herrn jedesmal mehr erſchreckt durch deſſen ſo große Aufregung. 87 Kurz nach vier Uhr endlich hörte der Marquis daſRol⸗ len des in den Hof fahrenden Wagens. Er ergriff das Schmuckkäſtchen und begab ſich damit durch den Verbin⸗ dungsgang in das Zimmer ſeiner Frau, um ſie dort zu erwarten. Ach! in dieſem Momente hatte er die Beſtellung des Schmucks, die auf fünf Uhr feſtgeſetzte Abreiſe, die italieniſche Reiſe der ſchönen Giuditta völlig vergeſſen.— Daraus mag man auf die Tiefe dieſer Leivenſchaft ſchließen.— Nach kurzer Erwartung öffnete ſich die Zimmerthüre, und Armande von Haut⸗Buſſy, Marquiſe von Manbrenil erſchien in vollem Glanze ihrer Jugend, Anmuth und reinen Schönheit anf der Schwelle. Wie ſie ihren Mann mit gekreuzten Armen, zuſammengepreßten Lippen und gefurchter Stirne, die Angen ſtreng anf ſie gerichtet ſo daſtehen ſah, blieb ſie einen Angenblick beſtürzt ſtehen. „Madame,“ ſagte Herr von Maubreuil, ſo kalt er es ſogen konnte,„erklären Sie mir auf der Stelle, war⸗ um Sie, wenn Sie jetzt auf Bälle gehen, anſtatt des Diamanten, der Ihr Diadem zierte, einen— Kieſelſtein auf die Stirne legen?“ Armande blieb ruhig. Keine Falte zeigte ſich auf ihrem ſchönen Geſichte und keine Furcht in ihren Blicken. „Gaſton,“ ſagte ſie ſanft,„wie müſſen Sie leiden, daß Sie ſo mit mir ſprechen: faſſen Sie ſich. Wenn Sie heute Abend bei mir bleiben wollen, werde ich Ihnen die Geſchichte von dieſem.. Kieſelſteine, wie Sie ihn nennen, erzählen; und wenn ich Ihnen Alles erzählt haben werde, ſtelle ich es Ihnen anheim, mich noch ein⸗ mal mit Ihrem Zorne zu überſchütten. Wollen Sie?“ „Madame, ich muß noch in dieſem Augenblicke Alles erfahren.“ „So ſetzen Sie ſich nur, mein Herr! Ihr ſchranken⸗ loſer Zorn verdient es, daß Sie ſofort Alles erfahren. Ich rechne darauf, daß Sie mich nicht unterbrechen.“ Und 88 ſich zu Suſetten wendend, die ihre Dienſte in indisereter Abſicht anbot, ſagte ſie: „Gehen Sie, Suſette, Niemand ſoll uns ſtören!“ Nachdem ſie dieß geſagt, ſetzte ſich meine hübſche Großmutter zu ihrem Manne und ſprach mit ihrer Silber⸗ ſtimme, die ich als Kind ſo gerne vernahm, folgendes: „Es iſt zwei Jahre her, Gaſton, daß Sie mich in unſer Heimathland nach Artois führten. Wir wollten den „ Sommer in Sarteville zubringen, das die Maubrenils ſeit Jahrhunderten ihren älteſten Söhnen hinterließen. In dieſer alten Wohnung verlebten wir in gegenſeitiger Neigung und ferne vom Weltgeräuſche glücktiche Tage! Und ich denke ſeit einiger Zeit mit Schmerz daran zurück, wenn ich am Abend allein bin und Sie die Ver⸗ gnügungen aufſuchen die ich nicht kennen will. „Eines Morgens erhielten Sie einen Brief von Paris. Ihr intimſter Freund, der Chevalier von Karvere, rief Sie zu ſich, Ihrer Bereitwilligkeit gewiß; Sie ſollten ihm in einer wichtigen Angelegenheit in einer Ehrenſache beiſtehen. Zu meinem großen Kummer ſah ich Sie als⸗ bald abreiſen und blieb allein in Sarteville zurück; ein⸗ ſam und über dieſe Trennung die erſte ſeit unſerer Ver⸗ mählung, tief betrübt. Die Ihrer Abreiſe folgenden Tage waren die traurigſten meines Lebens. Sie erinnern ſich, Gaſton, wie naiv und raſend ich mich in Sie ver⸗ liebte, als ich Sie kaum aus dem Kloſter gekommen ken⸗ uen lernte, wie eben ein armes Kind nur lieben kann, das die Penſion eben verließ und die Welt noch nicht kennt. Die Ehe hat in meinem Herzen NRichts geändert, im Gegentheil, als Sie mich in Sarteville allein ließen, war ich noch von derſelben Leidenſchaft beſeelt; und jetzt — wollen Sie mich nicht unterbrechen— liebe ich Sie noch immer ſo! Ach, Herr Marquis, das iſt ein ſef eingewurzelter Fehler an mir; laſſen Sie, ich bitte Sie darum, wenn es Ihrem Stolze ſchmeichelt, ihn nicht meine Seele zerreißen.— In jenem Angenblicke nun, ——— 89 an welchen ich Sie zurückerinnern will, fing ich an zu weinen; ſpäter, wo es mir ſchien, als ob die Zeit gar nicht vorwärts rücken wolle, ſuchte ich nach Zerſtreuung. Am wenigſten widerſtrebte mir, ſpazieren zu reiten. So ſah ich bald in Begleitung eines Dieners, bald allein die Orte wieder, die wir mit einander beſucht hatten; Sie waren nicht mehr an meiner Seite, aber ich fühlte Sie in meinem Herzen, und die Vögel, die über meiner Stirne flogen, und die Wolken, die über Ihre Waldungen hinwegzogen, wurden oft von Ihrer armen Frau ange⸗ fleht, Sie an ſie zu erinnern und Ihnen ihre kenſche Liebe und den Wunſch zu überbringen, zu ihr bald zurückzukehren. „An einem der ſchönſten Tage des Sommers machte ich einen ungewöhnlich weiten Ausflug und entfernte mich ein wenig von Ihrem Landgute, als ich mich gegen Sonnenuntergang am Eingange eines mir noch unbe⸗ kannten Waldes befand. „Es war eine Stunde der Stille und der Poeſie, und ich gab mich der Ruhe, der Hoffnung und dem Troſte hin. Die Sonne ſtieg hinter die dichten Aeſte der großen Bäume hinab, und da ihre Strahlen noch zwiſchen den Blättern durchleuchteten, hätte man ſagen können, daß die Zweige Edelſteine trugen wie in den verzauberten Hainen der Wundermährchen. Man hörte in dieſem Angenblicke nur den melodiſchen Geſang der Vögel, ein ſüßes Geränſche in den Blättern und das geheimnißvolle Murmeln der keimenden Vegetation... Ich ließ mein Pferd im Schritt gehen; ſein ſanfter regelmäßiger Tritt entſprach der Sanftheit meiner Ge⸗ danken; ich war glücklich. „Alle meine damaligen Empfindungen werden immer vor meiner Seele ſchweben; und auch jetzt, während ich zu Ihnen rede, hege ich ſie noch... „Während ich einen breiten Weg im Walde ver⸗ folgte und an einer einſamen Hütte von ärmlichem Aus⸗ 90 ſehen vorüberkam, hörte ich plötzlich einen durchdringen⸗ den Schrei, welcher mich bis auf den Grund der Seele erbeben ließ: es war der zerreißende Jammerruf eines Weibes! der Ausbruch eines nnerhörten phyſiſchen Schmerzes oder einer entſetzlichen Verzweiflung. Ohne zu bedenken und zu überlegen, hielt ich mein Pferd plötz⸗ lich an, ſtieg ab und trat in die Hütte. „Als meine hübſche Großmama zu dieſer Stelle ihrer Erzählung, der der Marquis begierig zuhörte, gelangt war, ſchlug die Zimmeruhr fünf Uhr.„Die Marcheſa Giuditta erwartet Sie jetzt,“ fügte ſie leiſe hinzu. Ga⸗ ſton erhob langſam ſeinen Kopf und ſah ſeine Frau an, die ſich unterbrach, als ſie ihn ſo ſeltſam bewegt ſah... Seine ſchöne Stirne zog ſich ein wenig in Falten, und er ſchwieg eine Zeitlang, wie um ſein Herz zu verneh⸗ men; dann ergriff er die Hand der Marquiſe und ſagte: „Armande, ich bitte Sie, fahren Sie fort!“ Um das reizende Bild der Marquiſe verſammelt, deren Geſchichte wir aus dem Munde ihres altgeworde⸗ nen Enkels vernahmen, bewunderten wir Alle dieſe jugend⸗ friſche Erzählung, die nichts am Zanber derartiger Ge⸗ ſchichten einbüßte, obwohl ſie aus dem Munde eines Achtzigjährigen floß.— Er hatte nämlich ſein Herz hin⸗ eingelegt, das wie die unſrigen und wie ſein zartfühlen⸗ der Geiſt jung geblieben war. Er ſchien gerührt und fühlte ſich durch unſere ſanfte Aufmerkſamkeit geſchmeichelt. Die Unterbrechung, welche das Schlagen der Uhr in der Erzählung der Margquiſe veraulaßt hatte, benützte er dazu, um Athem zu ſchöpfen, und ſuhr dann alſo fort: „— Ich kann Dir unmöglich erzählen,“ fuhr die ſanfte ſchöne Armande fort,„was ich in dieſer Hütte ſah. Zuerſt erkannte ich durch die Dunkelheit, die ſich ſchon über die ärmliche Wohnung verbreitete, eine alte, hagere, unbeweglich ſtehende Fran, deren zum Beten ge⸗ falteten Hände, ohne ſich zu trennen, hinabgeſunken warenz 3 ihr düſter⸗gefurchtes Geſicht, das von keinem Blicke belebt war, hatte ſich in ſchweigſam⸗finſterer Verzweiflung zuſam⸗ mengezogen. Doch nicht dieſer halb offene Mund hatte den Schrei ausgeſtoßen, den ich ſpeben vernommen; meine Augen ſuchten weiter, und da ſah ich ein anderes, ein⸗ junges Weib auf einem armſeligen, kaum Schuh hohen Bette liegen, das Antlitz gegen die Decken gewendet. Ich näherte mich ihr und berührte ſie.“ „Ach! Mutter, Mutter,“ rief ſie,„todt! es iſt todt!“ und erſtickte ihr Schluchzen, indem ſie zur Alten zu reden glanbte.„Todt! Todt! Es iſt alſo zu Ende, mein Gott!“ — und die Arme, die in Thränen zerfloß, fiel auf den Boden mit dem Kopf gegen den Rand des Bettes. „In dieſem Angenbiick drang ein Strahl der ſchei⸗ denden Sonne durch das ſchmale Fenſter des Gemäuers; ſeine Helle gelang bis zu den Decken und zeigte mir das weiße kalte Geſicht eines armen Kindleins. Es war eben verſchieden, und der herzzerreißende Schrei, den ich ge⸗ hört, war ſeinem letzten Athemzuge gefolgt. Ich fühlte, daß ſich mein Herz gewaltſam zuſammenzog, und betrach⸗ tete dieſes hilfloſe Leiden, ohne weinen zu können; das Kind, deſſen Seele entfloben, die Mutter in ihrer ſinn⸗ loſen Verzweiflung und die immer noch unbewegliche ſtumme Großmutter, und als Rahmen dieſes entſetzlichen Bildes eine gränzenloſe Armuth, ein ſchon altes und an⸗ haltendes Elend. Ich war nicht Mutter, Gaſton, und kannte die Bande des Blutes, des Fleiſches und der Liebe noch nicht, welche die ſo armen kleinen Geſchöpfe an unſere Herzen und Seelen feſſeln, aber dieſer heftige Schmerz einer Mutter, die ich hier ohne Kind den Leich⸗ nam küſſen ſah, kam plötzlich mit allen ſeinen Qualen über mich. Ich fiel auf die Knie und rief, meine Hände an den Leib preſſend:„Mein Gott, wenn du mir jemals ein Kind gibſt, mein Gott, laſſe mich vor ihm ſterben!...“ Ich kniete noch, als ſich die Thüre öffnete und ich bei der Helle des Außenlichtes zwei Männer erblickte, 92 von denen der eine ein Landmann zu ſein ſchien; der andere trug Stadtkleidung. Beide konnten durch die dichter gewordene Finſterniß nicht durchdringen und blieben einen Augenblick ſtehen. „Biſt Du's, Simon,“ ſagte die Alte mit dumpfer Stimme. „Ja, Mutter, ich bin's mit einem Arzte,“ antwor⸗ tete der Bauer. „Zu ſpät, Simon.“ Ein erſtickter Ausruf drang aus ſeiner Bruſt. Er wendete ſich dem Bette zu, hob das Haupt der armen Mutter in die Höhe und lehnte es an ſeine Bruſt; ſo⸗ dann ergriff er ihre Hände und ſagte: Johanna, Jo⸗ hanna, Muth! Es leidet nicht mehr. Aber Johanna entzog ſich dieſer Umarmung, umfaßte den Leib ihres Kindes aufs Neue und fuhr fort, leiſe zu ſeufzen. Der Arme beſchäftigte ſich damit, eine Lampe anzuzünden, und alsbald konnte ſich Jedermann in dieſer Todten⸗ kammer ſehen. Erſt jetzt bemerkte man meine Anweſen⸗ heit. Der Mann, der Simon hieß, ſtammelte eine Frage, doch mich beſſer ſehend, ſchrie er auf: Sie hier? — Fräulein. Madame,“ fügte er ſich faſſend hinzu. Auch ich erkannte ihn. Es war Simon Inſtin, der Sohn eines armen Pächters meines Vaters. Als wir noch Kinder waren, beide faſt von gleichem Alter, ſpielten wir oft mit einander, wenn er ſeinen Vater nach Haut⸗Buſſy begleitete, und wir nannten uns Mann und Frau; denn in jenem Lebensabſchnitt gibt es nicht Rang, noch Vermögen, nicht Marquiſe, noch Vaſall, ſondern nur zwei kleine Kinder, die ſich dutzen und ſich ſehr lieb haben, und alle beide theuer dem Herrn ſind und gleich vor ihm. Nachdem ich geſagt, wie ich hieherkam, fragte ich ihn:„Iſt dieſe Weinende Ihre Frau, Simon?“ „Nein,“ antwortete er,„noch nicht. Wir wollten 93 uns nach der Geneſung dieſes Unglücklichen heirathen: es iſt nun.. Nun, das geſchieht, wenn es Gott ge⸗ fällt. Ach, meine arme Johanna!“ Und Simon ging zur unglücklichen Frau. Der Arzt, der unterdeſſen noch nichts geſprochen hatte, und der, nachdem er das Kind geprüft, mich nun genau betrachtete, wendete ſich jetzt gegen mich.„Ich glaube,“ ſagte er,„in Ihnen Fräulein Armande, die Tochter des Grafen von Haut⸗Buſſy, eines meiner Clien⸗ ten, zu erkennen; und Sie, Madame, erkennen Sie den alten Doctor Germain nicht wieder, der Ihrer Kindheit gepflegt hat?“ Ich gab ihm die Hand. „Welch ein Schmerz und welch ein Elend!“ fuhr er fort, indem er um ſich blickte. Simon vernahm es und kam raſch auf uns zu. „Ja, mein Herr, und all dieſer Schmerz, und all dieſes Elend ſind von jenem Tage hier eingekehrt, an welchem Johanna's Verführer ſich zum Erſtenmale herein⸗ ſchlich; ſo bezahlen die Elenden, was man ihnen an Reinheit, Vertrauen und Glück gibt. Ja, ſie machen ſich ein Vergnügen daraus. Ach! wenn ich ihn gekannt hätte, der Johanna und ſein Kind ſo verlaſſen konnte, und der nicht durch ſein Gewiſſen, nicht durch Johanna's Thränen und durch den Anblick dieſer armen alten Blin⸗ den gerührt wurde: wenn ich ihn gekannt hätte! Hätte ſich Johanna nur Einmal ſeinen Namen entſchlüpfen laſſen, ich hätte ihn getödtet! Ja, ſo wahr mein Vater teſiet Mann iſt, ich hätte ihn ohne Erbarmen ge⸗ ödtet!—— „Aber ich konnte ihn nicht entdecken,“ fuhr Simon fort; ich verzieh Johanna und liebte ihr Kind, ich ſorgte für das Unſchuldige in ſeiner langen Krankheit; ich vertraute und hoffte, daß es geneſen und ich meine arme Freundin heirathen würde; ich hätte ſicher für Alle 94 gearbeitet! und nun, heute... ſeht, der gute Gott iſt doch recht hart!... Und die bisher zurückgehaltenen Thränen des armen Simon brachen nun mit Gewalt hervor. Nur in langen Zwiſchenräumen hörte man das erſtickte Schluchzen Jo⸗ hanna's wieder; die blinde Alte blieb auf ihrem Schemel unbeweglich und ſtumm. Ich weiß nicht, was es war, was Simons Wuth plötzlich erregte; er hob den Kopf in die Höhe und ſagte mit funkelnden Angen, und indem er mit geſchloſſenen Zähnen gegen die Blinde ſtürzte und ſie heftig an den Händen ergriff: „Mutter, Sie wiſſen den Namen des Elenden, der Ihre Tochter unglücklich gemacht hat, Sie müſſen mir ihn nennen, mir ihn gleich nennen, ich will es!“ Dieſe Stimme voll Wuth wurde von Johanna ver⸗ ſtanden; ſie ſtand auf und ſprang in Einem Satze bis zur Lampe. Ach, wie ſchön erſchien ſie mir! „Mutter,“ ſchrie ſie.. Aber es war zu ſpät; die Alte hatte geſagt: „Es iſt der Marquis Gaſton von Maubreuil“ Es gibt Worte, die den Donner in ſich tragen. Kaum war dieſer Name ausgeſprochen, ſo hörte Alles auf: Simons Zorn, Johanna's Schmerz, und mein Mit⸗ gefühl für all dieſes Elend. Beider Männer Blicke rich⸗ teten ſich auf mich. Die unglückliche Verlaſſene, die mich mit weiblichem Inſtinkte errieth, ſah mich mit wilden Blicken an; ich— blaß, kalt und unbeweglich wie das todte Kind, ich fühlte nicht mehr, ich dachte nicht mehr und glaubte zu ſterben. Meine Augen wollten ſich ſchließen, da blieben ſie auf dieſem Kinde haften, das eben geſtorben war; ich ſah es noch an, als ich durch Simons Stimme aus meiner Erſtarrung geweckt wurde. „Madame,“ ſagte er,„ſeien Sie ohne Furcht; ich habe die Wohlthaten Ihrer Familie nicht vergeſſen; Alles, was Sie angeht, wird mir heilig ſein, und wir 95 wollen Alle für Sie beten.. Herr Doktor,“ fuhr der brave Menſch fort, indem er ſich an Doktor Germain wendete,„es iſt ſchon ſpät; Ihre Bemühungen ſind hier vergeblich, wollen Sie die Frau Marquiſe heimbegleiten.“ Eine Stunde nachher, Gaſton, war ich ins Schloß zurückgekehrt und ſprach, noch zitternd von dieſer Scene, mit dem Doktor. Die letzten Worte in dieſer Unter⸗ redung, die ich zu dem alten Freunde meines Vaters ſagte, waren folgende: „Es bleibt alſo dabei: Sie kaufen dieſes Pachtgut; Sie unterhandeln, unterzeichnen und thun Alles in Ihrem Namen und wie für ſich; wenn ich nach Paris zurück⸗ komme, werde ich Ihnen das erforderliche Geld ſchicken. Sie ſind verſchwiegen, es iſt das eine Ihrer Standes⸗ tugenden, und ich rechne darauf Sie ſind gewandt, ich baue auch darauf, und Sie werden wohl ein Mittel finden, um die Eheleute zu veranlaſſen, daß ſie das kleine Eigenthum annehmen. Sie würden nichts annehmen und meinen Plan ſcheitern laſſen, wenn ſie darin die Da⸗ zwiſchenkunft meines Mannes vermuthen würden. Denken Sie daran, Doktor. Treffen Sie Ihre Anſtalten auch ſo, daß mein Mann nie Etwas argwöhnt. Ich begehe vielleicht eine gute That, ich hoffe es wenigſtens, Doktor, aber ich bitte, daß Sie, der mich darin unterſtützt, nie mehr davon ſprechen wollen, als ein Prieſter von den ihm anvertrauten Sünden ſpricht.“— Hierauf ließ der alte Arzt ſein Pferd ſatteln und begab ſich nach Ovras, woher ihn Simon geholt hatte. Sie kamen nach Sarteville zurück, Gaſton; mit Sorgfalt, Güte und Liebe zerriſſen Sie allmälig den Schleier der Melancholie, den die von mir erzählten Begebenheiten um mein Herz gezogen hatten.„Alles geſchah vor unſerer Vermählung,“ ſagte ich mir oft,„er kannte mich noch nicht und ich kaun ihm deßhalb nicht zürnen. Aber ſelbſt über das Vergangene wurde meine Eiferſucht wach; und dieſe ſchöne Johanna, die Sie zur 96 Mutter gemacht, beunruhigte meine Rächte Endlich gaben Sie meinem Drängen nach, und wir verließen lange vor Herbſtanfang Sarteville, um uns nach Paris zu begeben. Als ich nach Hauſe kam, beſchäftigte ich mich mit der Erfüllung des Verſprechens, das ich dem Doktor Germain gegeben. Um Ihnen, mein Herr, immer zu gefallen, hatte ich ſeit unſerer Vermählung viel für meine Toilette ausgegeben, ich war damals wirklich recht arm und wollte nicht, daß Sie Etwas argwöhnen. Ich be⸗ gab mich deßhalb eines Tags zu einem verſchwiegenen Juwelier, verkaufte den ſchönſten Stein meines Schmucks und ließ ihn durch einen falſchen Stein erſetzen. Vom Ertrage des Verkaufs wurde das Pachtgut, das Simon und Johanna jetzt bewohnen, bezahlt. Das iſt nun meine Beichte: überlegen Sie und ſehen Sie nun zu, mein Herr, ob Sie mich abſolviren können. Gaſton warf ſich ſchweigend zu Armandes Füßen und weinte, den Kopf in die Falten ihres Kleides ver⸗ bergend. „Armande,“ ſagte er endlich,„Du ſollſt Alles wiſſen! Sieh, eben ſchlägt es ſechs Uhr! Nun höre! gerade heute wollte ich...“ „Ich will Richts wiſſen,“ erwiederte meine reizende luſtige Großmutter, indem ſie ſich zu ihrem Gatten bückte, um ſeine Angen zu trocknen;„ich will Nichts als geliebt ſein, und wünſche, daß Sie mir dieſen Kieſelſtein immer in meinem Diadem laſſen. Er hat für mich mehr Werth, als ein Diamant: er erinnert an das Glück einer Fa⸗ milie, und Stein iſt Stein, ich liebe dieſen am Meiſten⸗ Gaſton war wieder aufgeſtanden und hatte ſich neben die Marquiſe geſetzt. Doch ſie verbarg ihr Geſicht am Halſe ihres Mannes und ſagte: „Höre mich an, mein Freund. Vor einem Jahre war ich dagegen, den Sommer in Sarteville zuzubringen. Ich hatte Furcht, Gaſton, Du möchteſt Johanna be⸗ 97 gegnen, und fiehſt Dn, Johanna iſt ſehr ſchön! Hente kann ich zu Allem Ja ſagen und in Alles einwilligen; denn ich kann Dir zugleich Etwas anvertrauen, was mich ſtolz macht und mir Dein Herz ſichert... Mein Freund, erſt ſeit heute weiß ich es, wie man den Mann liebt, der uns zur Mutter macht.. „Armande, meine Armande, mein Weib!“ rief Gaſton mit jubelnder Stimme; es wird eine Tochter geben, einen Engel wie Du!“ „Nein, mein Herr,“ ſagte Armande,„es wird ein Sohn ſein, wacker und ſchön wie Sie!“ Gott hat entſchieden, meine Herren! es wurde Raoul von Druon Maubreuil. Plonvier, Krzählungen ſür Regentage. 7 Das Lachen Mariens. Eine phantaſtiſche Erzählung. Die Güte iſt der Grund erhabener Völker, Aus Einer Tugendhat Gott der Gerechten Herz erſchaffen Wie aus Eiuem Saphirs die Himmelskugel⸗ Vietor Hugo. 16 „Wie man im Leben nur Eine wahre Liebe hat,“ ſagte zu mir der Greis mit dem nußbraunen Fracke, „ſo hat man vielleicht auch nur Einen wahren Freund. Mein Freund hieß Joſeph Moranges. Es war ein merkwürdiger Menſch. In einem Alter von ungefähr dreißig Jahren, in welchem er ſich vor zwei Jahren be⸗ fand, zeigte er einen Charakter von ausgeprägtem Ernſte. — Vielleicht verdankte er denſelben den ernſten Studien wozu ihn ſein Beruf nöthigte der hohen Achtung, welche er für dieſen hegte, und ſeiner beſtändigen Berührung der ſocialen Wunden: er war Advokat; vielleicht hatte er ibn auch von der Natur erhalten. Beide in derſelben Stadt geboren und beide in demſelben Alter, waren wir noch keine ſechzehn Jahre alt, als eine grauſame — 99 Cpidemie uns zu gleicher Zeit zu Waiſen machte. Nach⸗ ⸗ dem wir unſere erſten Studien in demſelben Colleg voll⸗ endet hatten, gingen wir eines Tages mit einander nach Paris, er, um hier die Laufbahn des Barreau, ich die der Medicin zu verſuchen.— Der Doktor Faurel, mein Herr,— ſo unterbrach ſich mein Erzähler—, ohne Zweifel um zu wiſſen, an wen er ſich gewendet und indem er eine Frage in die Biegung ſeiner Stimme legte?. Nachdem ich ihn zufrieden geſtellt hatte, ſagte ich: „Verzeihung, mein Herr, wenn ich Sie aufhalte. Soeben feſſelten Sie meine ganze Aufmerkſamkeit und ich glaube wohl gehört und wohl verſtanden zu haben, daß Sie und Ihr Freund in demſelben Alter ſtünden; oder hätten Sie mir geſagt, daß Ihr Freund vor zwei Jahren ungefähr dreißig Jahre alt geweſen ſeis“ „Und Sie können nun bei meinem Anblicke nicht glauben, daß ich nur 32 Jahre oder wenig darüber alt bin, nicht wahr? Ich begreife Ihr Erſtaunen, mein Herr; ich bin daran gewöhnt, daß man nachforſcht, wenn der Zufall vielleicht ſagte: dieſer Mann mit den dünnen grauen Haaren, mit der gefurchten Stirne, mit dem gel⸗ ben hagern Antlitze, der ſich unter der Sichel der Zeit zu krümmen ſcheint, iſt nicht viel älter als dreißig Jahre.. Es iſt aber doch ſo; und wenn die darüber erſtaunte Welt das Leben des jungen Mannes kennen würde, den der Greis in mir erſetzt hat, ſo könnte ſie daraus ernſte Lehren ſchöpfen und erfahren, was man kahlen Köpfen ſchuldig iſt. „Es iſt zwei Jahre her, daß mein Freund Joſeph ein ebenſo geachteter Advokat im Pariſer Barreau war, als er zu gleicher Zeit ein ſehr geſuchter Menſch in der Welt, und geliebt war von den intelligenten Leuten, die ſie beherrſchen. Mit einer glühenden und edeln Seele, mit einem anbetungswerthen Herzen vereinigte Moranges ein ſicheres Urtheil und einen umfaſſenden Geiſt. Zudem beſaß er alle Arten äußerer Vorzüge. Er war groß von 100 imponirender Geſtalt; ſeine Stimme hatte einen ſonoren Klang und eine Biegſamkeit, die zum Herzen drang; unter ſeiner mit reichen ſchwarzen Haaren gekrönten, breiten und hohen Stirne glänzten zwei große blaue Au⸗ gen, die vor dem Tribunale das Gewiſſen der Richter beleuchteten, und überall Mitgefühl erweckten; ſeine leb⸗ haft gerötheten, etwas ſtarken Lippen hatten jenen Aus⸗ druck wahrer Güte, die lächelnd die Herzen gewinnt. Alles an dieſem Manne wiederholte ſein Lob! Ich weiß Ihnen Dank dafür, junger Mann, daß Sie mir Glau⸗ ben ſchenken und nicht über das Bild, das ich mit ſo vieler Vorliebe gezeichnet habe, lächeln, wie es viele ge⸗ macht haben, die eine ſo ſchöne Vereinigung nicht be⸗ greifen konnten und in aller Schnelligkeit meinem Freunde eine große verborgene Unvollkommenheit andichteten. Aber ach! und dennoch wäre ſie nur zu wahr! Die vollkom⸗ menen Schönheiten ſind nicht von dieſer Welt; es ſcheint, man ſoll ihnen erſt in einer andern reineren Sphäre be⸗ gegnen. Ich muß es hier geſtehen; ja, eine traurige Unvollkommenheit, die wirklich ſehr wenig verbergen war, verunſtaltete an meinem guten Joſeph die Harmonie des Ganzen. Da dieſelbe einen ernſten Einfluß auf das Leben meines Freundes äußerte, da ſie ſogar über ſein Schickſal entſchied, ſo kann ich unerachtet meines guten Willens rückſichtlich dieſer phyſiſchen Unvollkommenheit kein freundſchaftlich⸗ nachſichtiges Schweigen beobachten, und dennoch weiß ich nicht, welche Umſchreibung ich ge⸗ brauchen ſoll, um, ohne ein Lachen auf Ihre Lippen zu rufen, Ihnen in klaren Worten zu ſagen, was Herrn von Moranges peinigte. Das iſt wahrlich traurig und gro⸗ tesk zugleich. Ich erkenne in Ihren Angen eine heftig erregte Neugierde; Ihre Einbildungskraft kommt durch die vielen Umſchreibungen in Aufregung und durchläuft mit erſchreckender Schnelligkeit die lange Leiter der menſch⸗ lichen Schwächen. Genug nun der Wendungen und Um⸗ ſchweife! Ich will bei der Sache bleiben; denn nach allem „ d 101 müſſen Sie doch den Hauptknoten meiner Geſchichte er⸗ fahren, wenn ich Sie dafür intereſſiren will. Sie haben es bemerken müſſen, wie ich in die kleinſten Details der phyſionomiſchen Borzüge meines lieben Joſeph eingegan⸗ gen bin: aber während ich ſo weit ging, Sie ſelbſt mit ſeinen Augen und ſeinen Haaren zu unterhalten, bemerk⸗ ten Sie vielleicht meine Discretion hinſichtlich jenes her⸗ vorſpringenden Theils unſeres Geſichts, den man gewöhn⸗ lich die Naſe neunt. Bemerken Sie wohl, ich hatte meine triftigen Gründe über dieſen wichtigen Punkt zu ſchwei⸗ gen. Hierin lag im vollen Glanze ihrer Lächerlichkeit die Unvollkommenheit der Zierde des Pariſer Barreaus. Joſeph hatte jedoch— ich beeile mich, es zu ſagen— eine römiſch geformte Naſe, die eine ſtrenge reine Linie auf einer Phyſiognomie bildete, die voll von Reizen war —— Unglücklicher Weiſe mußte man an der Raſenſpitze, auf der linken Seite einen indiscreten Fleiſchauswuchs unvermeidlich bemerken, welcher— verzeihen Sie meine triv iale Vergleichung— ziemlich genau die Form eines kleinen Erdäpfels hatte. Ich habe es ausgeſprochen. Dieſes Anhängſel an der Raſe meines Freundes ſchien am Schönheitswinkel nur durch eine leichte Faſer feſtzu⸗ halten: doch wußte ich, ſein Freund und ſein Arzt, ganz gewiß, daß dieſes anſcheinend ſchwache Band ein verirr⸗ ter Nerv war und daß der Knollen und die Naſe mei⸗ nes Kameraden von Kind auf für immer gute Nachbarn bleiben würden. „Die Gefühle der Achtung und Zuneigung, welche ſein Herz und ſein Charakter einflößten, blieben ſich gleich; ſprach er, ſo hatte ſeine Stimme eine hinreißende Ge⸗ walt. Der Ausdruck ſeiner Züge war ſo edel und ge⸗ winnend, daß das Lächeln derer, die ihn zum Erſtenmale ſahen, bei ſeinem erſten Worte, bei ſeinem erſten Blicke, von ihren Lippen entfloh, um dahin niemals anders zu⸗ rückzukehren, als ſanft und freundſchaftlich. „Bis jetzt, mein Herr, ſehen Sie nicht ein, in wel⸗ 102 cher Verbindung die Analyſe der Naſe meines Freundes mit jener ſchwarzen Dame in der Mitte des Balls ſteht, für die Sie ſo lebhaften Antheil nehmen, und deren Ge⸗ ſchichte ich Ihnen habe erzählen wollen, indem ich ein wenig weit ausholte.... Doch Geduld! Ich komme nun zur Sache. Als einſt Joſeph von der Bibliothek St. Genofeva zurückkehrte, blieb er plötzlich in einem Winkel eines Gäßchens, das in die Rue de la Harpe mündet, ſtehen. Er hat eben zwei Mädchen bemerkt, deren Aehnlichkeit die Zwillinge erkennen ließ: beide waren traurig geklei⸗ det, beide weinten und vereinigten ihre Thränen in häu⸗ figen ſchmerzlichen Umarmungen. Sie ſchienen dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Mit der Lebhaftigkeit ſeines glühenden Herzens tritt Joſeph hinter die kleinen Armen, verbengt ſich, trennt ſie, nimmt ihre Arme unter die ſei⸗ nigen, wie er es ſeinen Schweſtern gethan haben würde, und ſagte dann, ohne ſich um die Blicke zu bekümmern, die auf ihn gerichtet waren, und die einen Angenblick vorher die weinenden Zwillinge nicht bemerkt hätten, zu den beiden erſtaunten Mädchen:„Suchet Ihr mich, meine Kinder? laßt ſehen, was Ihr wollt.“—„Sind Sie Arzt, mein Herr?“ ſagte eine der beiden Schweſtern zu Joſeph⸗ —„Nein, meine lieben Kleinen; aber wenn Sie einen Arzt ſuchen, ſo muß das Eile haben, wir werden aber ſogleich einen finden.“ Dies geſagt, nimmt Meiſter Moranges die Mädchen bei der Hand und kömmt alſo zu mir, oder zu ihm, wie Sie wollen, denn wir wohnten zuſammen, Rue Saint⸗André des Arts. Auf dem Wege erfährt er von dieſen armen Kindern, daß ſie eben ſechs Aerzte umſonſt angefleht hatten, daß ihre Mutter ſterben würde, und daß ſie, die unglücklichen, kleinen Geſchöpfe, ſehr hungerten!.... Beim Eintritt in unſere Wohnung rief er: Philipp, ich habe ſoeben Juſtin nach einem Wagen geſchickt, du wirſt ſogleich mit mir und dieſen armen Kleinen fahren, deren Mutter leidend iſt. Ich ———„ 103 war noch in einem ſchauderhaſten Regligee, im Negligee eines Gelehrten. Ich kleidete mich ſchnell an, obwohl mich Moranges beinahe in dem Zuſtande, in welchem ich war, mitnehmen wollte. Während ich mich anzog, lief er an den Speiſeſchrank und improviſirte ſelbſt, in Abweſenheit Juſtins, eines andern alten Freundes und unſeres einzigen Dieners, ein Mahl für ſeine Günſtlinge. All das machte ſich ſehr ſchnell, Sie begreifen: Jemand litt und wartete.— Eine Viertelſtunde darauf ſtiegen wir zu fünft, denn Juſtin konnte uns vielleicht nützlich ſein, die ſechs Etagen eines dunkeln Hauſes in der Straße Foin⸗St.⸗Jaques hinauf. Die kleinen Mädchen traten zuerſt ein, und eilten die Kranke zu umarmen und ſie von unſerer Ankunft zu unterrichten. Ich trat ſodann ein und bemerkte, daß am Bettpfuhle der armen Frau ein junges hübſches Mädchen von 18 Jahren ſaß, das einzige Kind des Barons von Pombenil, eines meiner Clienten.„Sie hier, Fräulein Marie, und wie kommen Sie hieher?“. ſagte ich zu ihr, indem ich den Puls der Kranken beobachtete.—„Ein glücklicher Zufall,“ er⸗ wiederte Fräulein von Pombeuil,„führte mich zu Ma⸗ dame, Doktor. Unter dieſem Zimmer wohnt ein alter, faſt gelähmter Soldat Ludwigs XVI., den ich jeden Mo⸗ nat beſuche.“—„Ich verſtehe, Marie,“ ſagte ich,„Sie kommen.... Heute,“ fuhr ſie fort, ohne mich aus⸗ ſprechen zu laſſen,„ſagte mir mein Veteran, daß er ſeit einigen Tagen über ſich erſtickte Klagen und Kinder⸗ ſchluchzen höre.. Ich ging herauf und Ud Sie ſind,“ ſagte ich,„ein gutes würdiges Kind, Marie, und Sie werden glücklich werden.“ Ich beugte mich ſodann zur Kranken, um ſie zu befragen. Mit Angſt folgten die Kinder und Fräulein von Pombeuil dem Aus⸗ drucke meines Geſichtes; jedoch war nun auch Moranges mit Juſtin eingetreten.—„Ich bin zur höchſten Zeit gekommen,“ ſagte ich endlich;„der Fall iſt ernſt, aber Dank dem Himmel und den guten Herzen, meine werthe 104 Frau, ich bürge jetzt für Ihr Leben allen, die daran Theil nehmen.“ Mit gleicher Rührung ſtürzten die Zwillinge zu meinen Füßen; ſie hatten durch meine Worte eine ſo ſüße, ſchon verlorene Hoffnung wieder erlangt! Fräulein von Pombeuil nahm eine meiner Hände und drückte ſie, Meiſter Moranges ergriff die andere, und alſo in dieſem Momente durch mich vereinigt, ſahen ſich Marie und Joſeph zum Erſtenmale. Im Hintergrunde des Zimmers legte Juſtin Leinwand, die er mitgebracht hatte, in einen Schrank; er war an dergleichen Dinge gewöhnt. Ich freute mich dieſer Scene und dachte dabei an die ſechs Aerzte, die die Schweſtern vergebens und in Thränen an⸗ gefleht hatten. Sehen Sie jedoch, mein Herr, der Sie ſo aufmerkſam zuhören, daß ich ordentlich ſtolz darauf bin, ſehen Sie, woran die menſchlichen Eindrücke feſt⸗ halten. Der Moment, den ich Ihnen erzählte, hatte ge⸗ wiß etwas Feierliches, das von uns allen tief empfunden wurde, und Niemand war unter uns, der nicht gerührt geweſen wäre; und dennoch läßt in demſelben Angenblick, wo Joſeph Moranges und Marie von Pombeuil die Au⸗ gen gegen einander erheben, meine junge ſchöne Marie, die reine Jungfrau, ein Engel an Milde, ein Gelächter entſchlüpfen mit einer Ungenirtheit, von einem Schalle und einer Dauer— daß das ganze alte Haus in der Straße du Foin davon erzitterte. Sie hatte die Naſe meines Freundes bemerkt, Joſeph ſtand in einer Art von Verzückung vor der reinen Schönheit des Fräuleins von Pombeuil. Dieſer wunderbare Ausbruch des Lachens, das aus einem ſo ſchönen roſigen Munde kam, berührte ihn nicht, und als Marie verwirrt, mit geſenkten Augen und tief erröthend inne hielt, ſagte er zu ihr mit ernſter Anmuth: „Ich preiſe mich glücklich, mein Fräulein, daß Sie au mir Etwas gefunden haben, worüber Sie die trauri⸗ gen Gedanken, welche die Leiden dieſes Hauſes Ihnen eingeben konnten, einen Moment vergaßen. Marie wollte —— —— 105 einige Entſchuldigungen ſtammeln; unglücklicher Weiſe erhob ſie ihren Kopf, und als nun ihre Augen dem Lächerlichen begegneten, das der Advokat nicht zu ver⸗ bergen vermochte, konnte ſie einen neuen Ausbruch des Lachens nicht zurückhalten, der nicht weniger heftig war, als der erſte. Zweifelsohne hatte die arme Manſarde, in der wir uns befanden, niemals noch eine ſolche Fröh⸗ lichkeit geſehen. Ich weiß nicht, was Joſeph auf dieſe zweite Anwandlung von Heiterkeit für eine ſanfte Er⸗ wiederung gab; ich erinnere mich nur noch, daß ſein Herz dadurch etwas verwundet wurde. Ich hatte ein Recept verſchrieben und von Juſtin die Arznei holen laſſen. In deſſen Erwartung und in einem Augenblicke, wo Marie voller Schaam und der immer wieder ernſt gewordene Joſeph ſchwiegen, muſterte ich das Zimmer, in dem wir uns befanden. Welch ein Elend hatte ſich deſſen bemächtigt! ein ehrbares und ſchreckliches Elend; da und dort, an den Mauern, er⸗ zühlten Nägel von der Scheidung von vielleicht geliebten Bildern; zwei Seſſel, die, Dank den Bemühungen der Zwillinge, noch glänzten; ein ſchmaler, wankender Tiſch, den man ohne Zweifel beim Verkaufe anderer beſſerer Geräthe im Tauſche bekommen hatte; ein kirſchbaumenes Bett, worauf dieſe unglückliche Mutter litt, und in einem Winkel eine nackte Matraze für die beiden Schweſtern. Im Kamine war Aſche, die ſeit Langem kalt war; dar⸗ über eine einzige Vaſe von ſächſiſchem Porzellan, mit einer Kugel bedeckt, und in dieſer Vaſe auf Moos ein Strauß von Drangenblüthen, das ſchaamhafte Ange⸗ denken an ſchöne eutflohene Tage; ſodann, neben daran, beinahe vergraben im Mooſe, ein Ring, ein mit einem ſchmalen ſchwarzen Bande umfaßter Brief, und ein St. Ludwigskreuz. Ueber dem Bett ein kleiner, oft ange⸗ flehter Chriſtus von Kupfer, darüber endlich ein großes Bild, ohne Zweifel ein Porträt, mit einem doppelten grüyen Flore bedeckt, der es für fremde Augen unſichtbar 106 machte... Das war Alles. Dieſe Manſarde enthielt nur einige Stücke Holz ohne Werth, und einige Ange⸗ denken, dieſe unſchätzbaren Reichthümer, die man nie ver⸗ kauft, und in deren Mitte man endet, geizig mit dem Vergangenen, wann die Gegenwart das Grab iſt und die Zukunft Gott! Einen Monat nach dieſem erſten Zuſammentreffen begegneten ſich Marie und Joſeph, die ſich nun kannten, noch einmal; und errathen Sie wo?— In einem hüb⸗ ſchen kleinen Leinwandladen, am Tage, wo Madame Ed⸗ mond mit ihren Töchtern dort einzog. Die arme Mutter hatte ſich bald erholt, Dank der Medicin, mehr Dank aber der Liebe, mit welcher ſie ihre Kinder, Marie und Moranges, die ich dem Baron vorgeſtellt hatte, umfaßten. Denn zum Baron war die Kranke gebracht worden. Im Laufe der folgenden Monate ſahen ſich jedoch beide junge Leute häufig, ſei es bei Herrn von Pombeuil, ſei es in der Geſellſchaft, wo ich ſie gerne zuſammen⸗ brachte. Es war jedoch noch oft gekommen, daß Marie in helles Lachen ausbrach über meinen armen Joſeph⸗ oder vielmehr über ſeine phyſiognomiſche Unvollkommen⸗ heit. Doch rechnete ich auf die Gewohnheit als auf das wirkſamſte Heilmittel für dieſe unbeſonnene Munterkeit: es war auch oft vorgekommen, daß das ſchöne Kind von Moranges' verführeriſchen Worten gefeſſelt, ſtill und gut bei ihm blieb! Was mich betrifft, ſo ſah ich ohne alle Unruhe eine zärtliche Neigung zwiſchen ihnen entſtehen; denn ich kannte ſie bis auf den Grund ihrer Seele und wollte ihr Glück. Zudem hatte ich, meinem Gewiſſen gehorchend, Mariens Vater unterrichtet, und Herr von Pombeuil hatte mir erwiedert: Bah! bah! pfuſchen wir Gott nicht in ſein Handwerk! Ich kenne Ihren Freund Moranges als einen edlen jungen Mann; er iſt arm, das iſt wahr; aber er beſitzt eine hohe Rechtſchaffenheit und dann bin ich reich für zwei, ich bin ſogar reich für drei, Doktor, und ich bitte Sie, das geiegentlich 107 nicht zu vergeſſen.. Sie müſſen wiſſen, mein Herr, daß es eine der Manien von Mariens Vater iſt, daß er glaubt, er habe mir das Leben zu verdanken.— Bah! bah! Damit ſchnitt der Baron meine wiederholten Be⸗ merkungen ab, hindern wir die Kinder nicht, ſich zu lieben, wir werden ſie ſchon zu uns kommen ſehen. Herr Gontrand⸗Anatole von Haugevilliers, Baron von Pombeuil, war der letzte Sprößling einer alten Fa⸗ milie der Danphine! Ungeheuer reich und Wittwer ſeit fünfzehn Jahren, ſah er neben Marie, ſeinem jüngſten Kinde, das ihm allein übrig geblieben, ſeinen Herbſt friedlich dahin fließen. Er war ein Mann von gutem Herzen, von geſundem Verſtand und einfachen Sitten, oft auch von rauher Sprache und heftigem Zorne. Indem er glück⸗ licher Weiſe mit einer hohen Achtung für den alten Adel eine lebhafte Bewunderung für jeden aus dem Volke her⸗ vorgegangenen Ruhm verband;— und indem er geneigt war, alle ſocialen Foptſchritte mit Sympathie anzuneh⸗ men, verſtand er ſeine Zeit und liebte ſie. Er war überhaupt ein edler Menſch, tren gegen Gott, voll Auf⸗ opferung für das Vaterland, voll Ermuthigung für die Künſte, und ganz insbeſonders(vor Allem vielleicht) betete er ſeine liebe Tochter Marie an als die Incar⸗ nation ſeines irdiſchen Glücks. IM. Alſo, fuhr der Greis mit dem nußbraunen Frack fort, alſo floſſen jene Tage dahin, indem ſie meinen liebenswürdigen Schützlingen ſüße Verſprechen zukünfti⸗ 108 gen Glückes brachten. Heilige Neigung des Herzens, aufgeblüht unter den Augen des Freundes, mit welcher Beredtheit ſprichſt Du zu uns von Gott, von dem all⸗ geliebten Gott, der Dich auf die Erde geſchickt, um hier eine Idee des Himmels zu geben!... Bezaubernde † Tage der erſten Liebe, die ihr ſo ſchnell über unſere Häupter dahin eilt, ſie mit Blumen bekränzend. Marie war glücklich; ich kann dies aber nicht ohne Vorbehalt von Joſeph ſagen. Keine Wolke hätte die Bläue ſeines Himmels getrübt, kein Hauch hätte die Fläche des Sees, worauf ſeine Hoffnung ſchwamm, ge⸗ furcht, kein Dorn hätte ſich unter die Roſen ſeines grünen Frühlings gemiſcht, wenn das ſchönſte Kind, das er liebte, ein wenig mehr Herr ſeiner ſelbſt geweſen wäre; aber ach! Mariens Lachen hörte nicht auf. Vermöge einer faſt verhängnißvollen Eigenheit erregte die Unvollkommen⸗ heit meines guten Joſephs ihre Luſtigkeit allein auf ge⸗ waltſame Weiſe. Wenn zufälliger Weiſe unter ſanften Unterhaltungen beim Baron drei Abende ruhig verfloſſen⸗ war Moranges im Paradieſe. Er umarmte mich, wenn er heimkam, und rief mit kindiſcher Freude:„Es iſt vor⸗ über, Philipp, es iſt vorüber, ſie lacht nicht mehr, ſie wird nicht mehr lachen: ich bin glücklich!“ Und ich, der damals faſt ſo alt war, wie heute, ich theilte ſeine Hoff⸗ nung und ſagte zu ihm wie zu meinem Kinde:„Wohlan, Joſeph, wenn wir geſcheidt ſind, ſo hält der alte Doktor beim alten Baron für Sie um die junge Lachende an, und bald wird Philipp von dort am Abend allein heim⸗ kommen.“ Hierauf umarmte mich Joſeph noch einmal⸗ als wollte er mich erſticken, und wir gingen ſehr zufrie⸗ den ins Bett. Als am andern Abend Moranges in den Salon des Herrn von Pombeuil trat, empfing ihn Marie mit ſchallendem Gelächter, das ſich am Abend noch öfter wiederholte; Joſeph litt ſchweigend; ich überlegte. Als wir uns dann allein wiederfanden, weinte mein armer Freund troſtlos in meinen Armen; und wenn ich dann 109 zu ihm ſagte:„Muth, Joſeph, die Gewohnheit wird ſchon kommen, die Gewohnheit, dieſer ſouveraine Balſam für ſo viele Uebel!“ Wenn ich ihm das ſagte, glaubte er mir nicht mehr. Im Verhältniſſe, wie Joſephs Liebe zu Marie wuchs, drang ihr Lachen wie tauſend Nadelſtiche in ſein Herz und peinigte es ihn auf das Grauſamſte! Er ſah ſie nun jeden Abend, und jeder Tag verging in der ſchmerzlichen Sorge, ob er den Moment der Ver⸗ einigung zu wünſchen oder zu fürchten habe. Doch liebte ihn Marie mit einem ſo reinen edlen Herzen, wie das ihrige nur lieben konnte, nämlich für ihr Leben! In einem Geſpräche, wo der Baron allein mit ihr in ihrem Herzen zu leſen verſuchte, hatte ſie ihm nur geantwortet: „O, wenn er eine ſo kleine naſeweiſe Thörin will, wie mich, ſo werden Sie, mein lieber Herr Papa, eine ſehr glückliche Tochter haben. So ſtanden die Dinge, als beim Baron eine Scene von Bedeutung vorkam. Es war am Abend, am Ka⸗ mine; wir waren nur zu Viert im Salon. Marie, die ſeit fünf Tagen nicht Einmal über ihren Freund gelacht, und ihn an dieſem Abende mit wildem freudigem Lächeln empfangen hatte, bereitete den Thee. Der Baron nahm das Wort:„Ehe ich,“ ſagte er,„meine Partie mit dem Doktor anfange, und Du, Marie, das Duett mit Joſeph ſingſt, um das ich Euch gebeten, habe ich mit Meiſter Moranges einige Geſchäfte abzumachen. Bleiben Sie, Faurel, bleiben Sie, es iſt gut, wenn Sie der Conferenz beiwohnen, und auch Du, Kleine.“ 6 Der junge Advokat ſetzte ſich dem Baron gegen⸗ über. „Mein lieber Herr Moranges,“ begann Mariens Vater,„ich will Ihnen meine Vertheidigung in einem wichtigen Prozeſſe anvertrauen: es handelt ſich um das Schloß und Landgut Manvilly, die an mich zurückkommen llen, und die mir mein Reffe, der Vicomte Foörneuil, eitig macht. Dieſes Eigenthum iſt 100,000 Thaler 11⁰ werth, aber nicht der Werth iſt, woran mir am Meiſten gelegen iſt; ich halte was auf Mauvilly, weil ich dort ſchöne Tage zubrachte, weil ich mich dort vermählte, weil Marie dort geboren wurde, weil ich es ihr hinterlaſſen möchte und weil ich dort mein Leben beſchließen möchte... Kurz, Sie verſtehen mich, ich will Mauvilly. Dieſen Morgen ſchickte ich Ihnen einen Bündel Papiere zu, in welchen Sie meine Rechtsanſprüche, worbleu, meine rechtsgiltigen Anſprüche haben finden müſſen! Sie haben dieſelben ohne Zweifel ſchon geprüft. Wohlan, mein lieber Moranges, leiten Sie dieſen Prozeß nun ein, be⸗ treiben Sie ihn tüchtig, halten Sie dieſen kleinen Foör⸗ neuil ein wenig zu ſeiner Pflicht an, erhalten Sie uns Mauvilly, und Marie gehört Ihnen.“ „Herr Baron von Pombeuil,“ ſagte Joſeph mit ſei⸗ ner ſchönen klangvollen Stimme, die ich ſo gerne hörte, „ich habe oft Verbrecher vertheidigt, die ich als Verbre⸗ cher kannte, von deren Schuld ich überzengt war; der gefallene Menſch, gegen den ſich die ganze Geſellſchaft erhebt, bedarf einer Stütze; ſo tief er gefallen iſt, wie ſehr er mit Blut und Schmach befleckt iſt, er bedarf eines letzten Freundes, um ihn noch zu vertheidigen. Die Gerechtigkeit iſt hierüber mit Gott einig. Ich habe alſo großen Verbrechen, die man mit Schaudern betrachtete, oftmals meine Stimme geliehen; aber in bürgerlichen Streitigkeiten, in derartigen, von welchen Sie ietzt ſpre⸗ chen, habe ich mir feierlich geſchworen, nur ſolche anzu⸗ nehmen und durchzuführen, die mein Gewiſſen für gerecht hält. Zudem, Herr Baron, habe ich heute bezüglich der Angelegenheiten von Mauilly Anträge von den entge⸗ gengeſetzten Parteien erhalten, ich habe die Rechtsanſprüche einer jeden empfangen und gewiſſenhaft geprüft, ich habe ihre reſpectiven Rechte auf jener natürlichen, göttlichen Wage abgewogen, die man das Gewiſſen nennt, und mein Herr, ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß d gute Recht nicht auf Ihrer Seite iſt. Ich kann demnas — — 111 wie koſtbar auch der Preis, den Sie mir anbieten, für mich wäre, Ihre Mandate nicht übernehmen.“ Ich ſah den Augenblick kommen, wo dieſe Zurück⸗ weiſung den Baron in Feuer und Flamme verſetzen würde, er hielt jedoch an ſich, und erwiederte mit leiſer bewegter Stimme, indem er auf den Boden ſtampfte, wie er bei einer innern Erregung zu thun pflegte: „Sie verſchmähen alſo das einzige Mittel, die Hand meines Kindes zu erhalten?“ Und Joſeph, mein würdiger Joſeph, bei dem der zarte Takt, dieſer Geiſt des Herzens die höchſte Stufe erreicht hat, antwortete ſanft: „Bevor ich meine Liebe anhöre, mein Herr, würde ich mein lauteres Gewiſſen anhören und würde nein ſagen.“ Es folgte hierauf eine feierliche Stille; ich ſah Marie an, ſie war entſetzlich blaß. Joſeph hütete ſich, ſie anzuſehen. Endlich begann der Baron wieder in ruhigem wür⸗ digem Tone: „Wenn man auch nur Baron iſt, Herr Advokat, weiß man doch nichts deſtoweniger eine Zurückweiſung wie die Ihrige nach ihrem wahren Werthe zu ſchätzen: glauben Sie es mir. Was mich anlangt, ſo hat Ihr eben vernommener Ausſpruch für mich gleichen Werth wie die Entſcheidung des höchſten Gerichtshofs. Meine Anſprüche ſind ſchlecht begründet, Sie haben ſo geurtheilt, es iſt abgemacht. Ich werde Mauvilly vom Herrn von Foövreuil kaufen und keinen Prozeß führen. Ich erkenne jetzt an, daß ein ſo weiſer Rath einen würdigen Lohn verdient, und ich glanbe Ihnen denſelben zu bezahlen, Herr Joſeph Moranges, indem ich Sie bitte, die Hand meiner Tochter anzunehmen.“— Thränen in den Augen, ſchwang ſich Joſeph in einem Sprunge bis zu Herrn v. Pombeuil, und indem et ihm — 112 kräftig die Hände drückte, konnte er nur mit erſickter Siimme ſagen: „Sie wird glücklich ſein!“ Marie, wie bleich ſie auch war, war roth wie eine Kirſche geworden. In ſeinem Winkel rief der alte Arzt, der mit Ihnen ſpricht, den Segen des Himmels herab über dieſe rei⸗ nen Stirnen. „Da wir nun alle zufrieden geſtellt ſind,“ ſagte der Baron,„können wir den Thee im Familienzirkel nehmen. Wenn jedoch Joſeph ſeine Frau zuerſt umarmen will, ſo geben wir ihm die Erlaubniß.“. Joſeph näherte ſich der zitternden Marie und drückte zum Erſtenmale auf die jungfräuliche Stirne ſeiner Braut einen keuſchen Kuß. Aber ach! Noch einmal, mein Herr, woran klammern ſich die menſchlichen Eindrücke? Und welcher Philoſophe oder Phyſiologe wird ein junges Mädchen wie Marie erklären können?.... Indem ſie dieſen keuſchen Kuß erhielt, fühlte ſie ihre Stirne von jener unglücklichen kleinen Unvollkommenheit Joſephs be⸗ rührt; und ohne daß ſie eine Idee hätte zurückhalten können, entſchlüpfte ein ſchallendes Gelächter, heftiger und toller wie je ihren Lippen. Denn als ſie wieder zur Be⸗ ſinnung kam, hielt ſie plötzlich inne und brach in Thrä⸗ nen aus. Joſeph war niedergedonnert auf einen Fauteul geſunken. Ich eilte zum Baron, der gegen Marie in eine wahre Wuth gerathen war, und bemühte mich, ihn zu beruhigen. Bald hörte man' nichts mehr als das Schluchzen des Mädchens. Dann erhob ſich mein armer Joſeph und ließ folgende Worte aus ſeinem Herzen fallen, wie ebenſoviele Blutstropfen aus einer Wunde: „Herr von Pombeuil, ich habe mit einem Gefühle⸗ welches weit über der Dankbarkeit ſteht, die Hoffnung des Glückes angenommen, Ihr Sohn zu werden. Ich liebe Marie und glaube mich von ihr geliebt: ich habe Vertrauen auf das Glück unſerer Verbindung. Doch⸗ 113 Sie ſehen, es gibt zwiſchen ihr und mir ein wirkliches und nur zu oft erſcheinendes Hinderniß. Ich weiß nicht, was Sie mir rathen würden; was mich betrifft, ſo will ich Ihnen ſagen, was ich für das Beſte halte: Bevor wir Etwas beſchließen, wollen wir ſechs Monate vorüber⸗ gehen laſſen. Bis dahin hat ſich vielleicht Fräulein Marie, ich hoffe es wenigſtens, an alle Fehler ihres zukünftigen Gatten gewöhnt, und er ſeinerſeits hat ohne Zweifel nicht mehr zu fürchten, daß ſein Herz ſo ſchmerzlich ver⸗ wundet wird.“— „Sie haben recht, mein Freund,“ erwiederte der Baron,„ich billige dieſe Entſcheidung. Doch jetzt bitte ich Sie, verlaſſen Sie mich mit Faurel, ich will mit mei⸗ ner Tochter plandern.“ Als wir uns zurückzogen, weinte Marie noch leiſe. III. Bei dieſem Abſchnitte ſeiner Erzählung unterbrach ſich der Doktor Faurel.„Verzeihung,“ ſagte er,„ich muß Sie einen Augenblick verlaſſen. Ich ſehe eben einen meiner Clienten kommen, den Kapitain Arnolds, für den ich mich intereſſire; ich will ihm guten Abend ſagen und werde dann zurückkommen, um das Ende zu erzählen. Jedoch ehe ich Sie verlaſſe, will ich Ihnen noch ſagen, was Sie wahrſcheinlich ſchon errathen haben: daß näm⸗ lich jene ſchwarzgekleidete Dame, der Gegenſtand Ihrer Neugierde, Marie von Pombeuil iſt.“ Der Erzähler entfernte ſich. Ich will aber von ſei⸗ Plonpler, Crzähtungen für Regentage. 8 * 3 114 ner Abweſenheit den Gewinn ziehen, Ihnen zu ſagen, wo, wie und warum dieſe Geſchichte Joſeph Moranges und Mariens von Pombeuil mir erzählt wurde. W. Es war eines Abends, oder vielmehr Nachts am Ausgang des Sommers. Ich wohnte einem Balle der Madame T.. bei, in ihrem Hotel Faubourg St.⸗Honors. Das Feſt war glänzend. Da es ſehr warm war und die äußere Luft trotz der Nacht milde blieb, waren alle in den Garten gehenden Glasthüren offen geblieben, und die Atmosphäre in den Salons und in den Alleen war bald dieſelbe geworden. Allenthalben athmete man einen friſchen Wohlgeruch ein, zuſammengeſetzt aus den Gerüchen von tauſend köſtlichen Toiletten, aus dem Dufte der Ambrakerzen, aus den reinen Ausflüſſen der halbgeöffneten Blumen, und den durchdringenden Ausſtrömungen der Nacht. Die Modu⸗ lationen eines künſtleriſch geleiteten Orcheſters verloren ſich in der Tiefe der Geſträuche öder auf einem See en miniature, deſſen der Garten ſich rühmen konnte. Die Civiliſation, die in den Salons ihre blendenden Wunder verſchwendete, ſchien ſich in dieſer Nacht mit der Natur zu vermählen, die in den Gärten ihre unerſchöpflichen Reichthümer vor den Sternen zur Schau trug. Alles war wie man es ſich nur wünſchen konnte, Geräuſch und Gemurmel, Schatten und Licht, Zauber und Träumerei. Groß war die Menge der Eingeladenen, 11⁵ die ſich unter den Luſtren und Zweigen verbreitete. Man traf da Männer des Staats, des Kriegs, der Finanzenz berühmte Induſtrielle, Gelehrte, Dichter, Künſtler. Alle hatten auf der Schwelle des Hotels Etwas zurückgelaſſen, der Eine die Maske ſeiner Stellung, ein Anderer ſeine Feindſchaften; dieſer ſeinen ariſtokratiſchen Stolz, jener ſeine Verachtung von Titeln; alle angezogen von jenem geſellſchaftlichen Magnete, den man Vergnügen nennt, und ein Jeder von der Hoffnung beſeelt, daſſelbe nach ſeinem Geſchmacke zu finden. Rächſt dieſer edlen Pha⸗ lanx von Menſchen von hoher Einſicht, die am Steuer⸗ ruder des großen Weltſchiffes ſtehen, konnte ein Beobach⸗ ter eine Anzahl Leute bemerken, die eingeladen zu ſein ſchienen, um die Lücken auszufüllen, mit triumphirenden Mienen, laut ſprechend, viel geſticulirend, bemerkbar durch ihre geiſtige Nichtigkeit, außerordentlich unbekannte Men⸗ ſchen; endlich auch jene überall Eingeladenen, denen man in Paris in jeder großen Soiree begegnet, von denen man weder Namen noch Stand weiß, die Niemand kennt und doch Jedermann wieder erkennt, die tanzen, ſpielen, ſprechen, verzehren, und dazu dienen, daß man am Tage nach einer großen Geſellſchaft ſagen kann:„oh, es waren unfinnig viele Leute da!“ oder:„Ganz Paris war da.“— Aber den bezauberndſten Reiz dieſes Feſtes hatte man der beſondern Sorgfalt der Madame T. zu verdan⸗ ken. Das war eine Anzahl von jungen ſchönen Mäd⸗ chen, alle wahrhaft graziös, einfach gekleidet, die einen weiß, die andern blau, die dritten roſa. Indem ſie bei den erſten Akkorden der Quadrillen fröhlich auseinander⸗ ſtoben und ſich nach den letzten Takten immer wieder in Gruppen vereinigten, bildeten ſie in den Augen träumeri⸗ ſcher Dichter bezaubernde lebende Sträuße von Lilien, Roſen und Kornblumen. In einem der Tanzſäle bemerkte ich am Anfange des 2 eine junge Frau von einundzwanzig Jahren, — 1¹6 die ganz ſchwarz gekleidet war. Sie hatte zwei hübſche Mädchen bei ſich, wegen deren Vergnügen allein ſie ge⸗ kommen zu ſein ſchien, denun gar bald hatten ſie dieſe verlaſſen, um ſich in derſelben Quadrille anzuſtellen. Ich war dieſen drei Perſonen in der Welt der Soireen ſchon begegnet und jedesmal hatte ich mich eines lebhaften Gefühles von Theilnahme und Achtung nicht erwehren können, wenn ich die wenigſt Junge anſah. Immer ſchien es, als ob die Mädchen mit einem unend⸗ üchen Vergnügen zum Tanze liefen; dann blieb die junge Frau in Trauer allein zurück, indem ſie ihre Augen den muthwilligen Gefährtinnen folgen ließ, und auf dieſe Weiſe konnte ich ſie mit Discretion ungenirt beobachten. Es war eine jener Frauen, deren Schönheit impo⸗ nirt und hinreißt, die vom großen Haufen kaum bemerkt werden, die aber die Bewunderung des liebenden Be⸗ obachters erhalten und ihn zum Denken veranlaſſen. Zum Erſtenmale ſah ich ſie in einem Concerte. Eine berühmte Künſtlerin hatte eben die Arie aus Robert geſungen: Gnade! Indem ich Thränen in den Angen meiner Unbekannten bemerkte, prüfte ich ſie mit einer achtungs⸗ vollen Aufmerkſamkeit. Es ſchien mir, als ob ihre Stirne, die von ſehr reiner Form war, von melancholi⸗ ſchen Wolken verſchleiert wäre; ihre ſanften ſchwarzen Augen, unmerklich umrändert, müſſen in verſchwundenen Tagen in fröhlicher Klarheit gefunkelt haben; jetzt war ihr Ausdruck träumeriſch, oft traurig; man konnte ver⸗ muthen, daß Thränen ihren Glanz getödtet hatten Der Gedanke, daß dieſes ſchöne Weſen irgend einen großen Schmerz erlitten haben mußte, wurde faſt zur Gewißheit, wenn man unter dieſen lieblichen rührenden Zügen einen Mund von anmuthigen Umriſſen ſah, der noch die be⸗ zanbernden Falten zeigte, welche das Lächeln hervor⸗ bringt.„Dieſe jetzt ruhigen und bekümmerten Lippen,“ mußte man ſich ſagen,„haben ohne Zweifel oft ein glück⸗ liches Lachen vernehmen laſſen.— O des Schmerzes⸗ ₰ — 117 des poetiſchen Winters jeder Schönheit!“ Endlich zeigte dieſe Frau die Trauer, die ſie nie verließ, immer und überall an ſich ſelbſt. Stimme, Bewegungen, Stellun⸗ gen, alles war an ihr ſanft, aber traurig, anmuthig, aber reſignirt. Sicherlich war ſie einſt hübſch geweſen: da kam der Kummer und entblätterte die Roſen ihrer lachenden Jugend und unkränzte ihre Stirne mit den Lilien der Wehmuth, und jetzt hatte das ſingende, hoffende Kind dem leidenden, betenden Weibe Platz ge⸗ macht; das hübſche Mädchen iſt ſchön geworden. Während der Nacht, wo ich auf dem Balle bei Madame T. die Löſung dieſes ergreifenden Räthſels erfuhr, betrachtete ich mit einer Art von Andacht dieſes ſanfte träumeriſche Bild, als ein kleiner, blaſſer und hagerer Greis, von wohlwollendem Aeußern, in einem nußbraunen Fracke von ſeltener Form auf dieſem Balle ſich mir näherte. Schon hatte ich ihn mit der Dame in Trauer reden ſehen;— ich wendete mich voll Begierde gegen ihn.—„Mein Herr,“ ſagte er,„ich habe ſchon oft Ihre lebhafte Aufmerkſamkeit bemerkt für die Perſon, die ich ſo eben verließ. Verzeihen Sie mir, wenn ich vielleicht eine indiscrete Frage an Sie richte... aber dieſe Perſon ſteht mir ſehr nahe. Wodurch hat ſie, wenn ich Sie bitten darf, die Ehre Ihrer Anfmerkſam⸗ keit verdient?“ Ich begriff, daß wenn einer von uns indiseret ſein ſollte, nur ich es war, und erwiederte: „Wollen Sie ſo gut ſein, mein Herr, meine Ent⸗ ſchuldigung anzunehmen und ſie dieſer Dame zu über⸗ bringen, falls meine unpaſſende Neugierde von ihr be⸗ merkt wurde. Seien Sie überzengt, daß in der Auf⸗ merkſamkeit, welche ſie mir einflößte, nur Achtung und Mitgefühl lag, welche man für einen wahren großen Schmerz empfindet, und ſonſt nichts, was ſie etwa hätte beleidigen können. Das, mein Herr, iſt in Wahrheit die 118 Urſache meiner Indiscretion; ich bitte Sie nochmals, entſchuldigen Sie mich.“ „Genug, mein Herr,“ antwortete der kleine Greis; „ich glaube Ihnen vollſtändig, und weil ich Ihnen Glau⸗ ben ſchenke, will ich Ihre Neugierde dadurch befriedigen, daß ich Ihnen das Geheimniß dieſer Melancholie, welche Sie an meiner jungen Freundin rührt, erzähle. Ich kann es jetzt thun, ohne eine üble Folge fürchten zu müſſen.. und wenn Sie ſich wirklich für die Dinge intereſſiren, die ich Ihnen erzählen will, werden Sie auch das Glück haben, der Znſchaner eines möglichen Ereigniſſes zu ſein, Ich hatte den Sinn der letzten Worte nicht recht begriffen; doch indem ich freudig einen Vorſchlag annahm, der mir mit ſo vieler Ungezwungenheit gemacht worden war, dankte ich für das Vertrauen, das ich nicht zu ver⸗ dienen glaubte, und ſchickte mich an, zu hören. Auf dieſem Wege erfuhr ich Alles, was ich dem Leſer bezüglich Joſeph Moranges, Marie von Pombeuil, und meines Erzählers, des Doktor Faurel, mitge⸗ theilt habe. In dem Augenblick, wo die von mir begierig ange⸗ hörte Erzählung durch die Ankunft des Capitän Arnolds unterbrochen wurde, dem der Doktor entgegen ging, war der Ball in ſeinem vollen Glanze. Das Vergnügen hatte ſich als ein elektriſches Fluidum allen Köpfen mitgetheilt; eine Art von heiterer, ephemerer Freundſchaft hatte nach und nach unter allen Eingeladenen Platz gegriffen. Frau von T. erhielt von ihrem Hofe lobpreiſende Glückwünſche. Da ſchwebten die Quadrillen ſanft dahin, dann drehten ſich die Walzer anmuthig herum, und wenn Walzer und Quadrillen zum Ausruhen der Tänzer ausgeſetzt wurden, verlockten neue Symphonien die entzückten Geiſter zum Träumen; und während derſelben ſah man in der Tiefe des Gartens gleich feenhaften Erſcheinungen Kränze von — 119 jungen Mädchen, welche die Träume verwirklichten. Das Vergnügen war König. Nur Marie von Pombeuil, deren Leben ich erfuhr, blieb auf einem Sopha ruhig und nachdenkend ſitzen, und ich bewunderte ſie noch ſtillſchweigend, indem ich an den poetiſchen Gegenſatz zwiſchen ihr und dem Taumel des Feſtes dachte, als der Doctor zu mir zurückkam. W. „Sechs Monate,“ begann er wieder,„nach jener Scene, die ich Ihnen geſchildert, ſchien ſich nichts mehr dem vollkommenen Glücke meines Freundes entgegenzu⸗ ſtellen; während dieſer ſechs Monate hatte Marie nicht ein einzigesmal gelacht. Beurtheilen Sie die Freude ihres Verlobten. „Der für die Unterzeichnung des Vertrags feſtgeſetzte Tag ſollte ein Feſttag ſein. Der Baron wollte ihn durch einen großen Ball feiern, während deſſen man zur feier⸗ lichen Vorleſung des Aktes ſchreiten wollte. Am Morgen des Tages frühſtückte Joſeph mit Herrn von Pombeuil und Marie; ich hätte auch an dieſem Familienfrühſtück theilnehmen ſollen, allein Juſtin hatte mich von dem ge⸗ fahrvollen Zuſtande eines Kranken benachrichtigt, und ich gehorchte meiner Pflicht. Während dieſes frohen Mahles war Marie bezaubernd. Nach demſelben wollten ſich die Brautleute trennen, um die ſüßen Vorbereitungen zu treffen, als Joſeph— ich weiß nicht in Folge welcher luſtigen Frage— ſeine Braut bat, ihn en face anzuſeheu. Einige Zeit vorher würde mein theurer Moranges es 120 nicht gewagt haben, ſich einer ſolchen Gefahr auszuſetzen, aber ſeit ſechs langen Monaten war Marie ſo gut und ſo liebenswürdig geweſen, daß ſich Joſeph ihrer für immer ſicher glanbte. Auf dieſe Bitte des Freundes zögerte Fräulein von Pombeuil keinen Angenblick und betrachtete Joſeph ſo recht von vorn. Sie zittern, in⸗ dem Sie mir zuhören, und Sie haben Recht; was Sie fürchten, geſchah; es war ein extravagantes, langdauern⸗ des, außerordentliches Gelächter. „Dieſe moraliſche Qual überſchritt die Kräfte meines Freundes. Er erhob ſich raſch, im Innerſten der Seele verwundet, erbittert, außer ſich. In einem Augenblicke war er zu Hauſe. Ich ſagte Ihnen, daß ich abweſend war; er ging direct in mein Cabinet, öffnete mein Käſtchen mit chirurgiſchen Inſtrumenten, nahm das erſte beſte heraus, und ohne daß ihn ein Gedanke hätte be⸗ ruhigen können, ſchnitt er mit Einem Schnitte dieſen fatalen Fleiſchauswuchs ab, als die einzige Urſache ſeines Unglücks! Es folgte eine ſchreckliche Blutung, die ihn bald ſo ſehr ſchwächte, daß er ohnmächtig wurde. Er hatte ſchon lange ſein Bewußtſein verloren, als Juſtin beun⸗ ruhigt in mein Kabinet kam. Er bemühte ſich um mei⸗ nen armen Joſeph, er that Alles, was er wußte, der arme Alte, aber vergebens, ach! Nichts konnte das Blut, dieſe Eſſenz des Lebens, aufhalten. Juſtin hielt in Ver⸗ zweiflung den bewegungsloſen Joſeph in ſeinen Armen, als ich zurückkam. „Was ſoll ich Ihnen ſagen, mein Herr! Denſelben Abend noch erfuhr Marie von Pomboeuil von mir den Tod ihres Verlobten. Sie verfiel in ſchreckliche Krämpfe, klagte ſich dieſes Todes an, und wollte Joſeph ins Grab folgen. Ich beruhigte ſie mit großer Mühe; aber dann warf ſie ſich mir zu Füßen und beſchwor mich, ſie noch einmal ihren Freund ſehen zu laſſen. Ich verweigerte es: ich fürchtete neue und gefahrvolle Krämpfe. Der Baron überließ ſich ſeinem Kummer. Mariens Zuſtand 12¹ beunruhigte ihn. Am andern Tage ſtand ſie nicht auf. Seitdem iſt Fränlein von Pombeuil ſo wie Sie ſie jetzt ſehen. Sie wollte den Namen Moranges annehmen, und ſie ſchwur, die Trauer ihr Lebenlang nicht mehr abzu⸗ legen. Sie beſuchte die Geſellſchaft noch, aber nur um die beiden Mädchen hinzubegleiten, die Sie ohne Zweifel bei ihr ſahen. Denn es iſt ein Jahr her, daß ihre Mutter in der Manſarde, wo ſich die beiden Liebenden kennen gelernt hatten, in unſern Armen verſchied; Marie hat die beiden Zwillinge zur Erinnerung an Joſeph als ein lebendes Andenken ſeiner Güte adoptirt. Der Baron hat in Alles gewilligt, denn er betet Marie an und liebte Moranges. „Das, mein Herr, iſt die Urſache der Trauer und der Melancholie, die Ihnen auffielen. Marie hat ſo viel Lachen geſäet, daß ſie Thränen erntete. Sie erſehen daraus, daß das Gewicht der Ereigniſſe nicht von der Schwere der Urſachen abhängt, und daß die phyſiſche Unvollkommenheit meines Freundes von Kind auf, wie unbedeutend ſie auch war, auf eine traurige Weiſe in ſeinem Geſchicke die doppelte Schönheit ſeines Antlitzes und ſeines Herzens aufwog. Hierauf entfernte ſich der Doktor noch einmal, ohne mir Zeit zu laſſen, ihm zu dauken, und ließ mich nach⸗ denklich zurück. VI. Alſo, ſagte ich zu mir, muß ſich der nagende Wurm an die ſchönſte Frucht hängen. So hat das Unglück 122 keine Ausnahmen, und nichts Irdiſches, wie groß, wie verborgen, wie rein es auch ſein mag, nichts kehrt zur Erde zurück, ohne von ſeinen Spuren gezeichnet zu ſein. In Paris, im Herzen dieſer kalten, ſpöttiſchen, ſkeptiſchen und grauſamen Welt begegneten ſich einige einfache, gute Weſen. Durch einen bewundernswerthen Zufall iſt Alles, was ſich ihnen nähert, gut wie ſie. In ihrem engen, unbekannten und geſegneten Kreiſe iſt kein Hauch⸗ keine Wolke, kein Wiederhall, kein Gedanke von etwas, Böſem. Es iſt eine kleine himmliſche Colonie. Aber das Daſein, das ſich hier erfüllt, kann nicht alſo enden. Das Unglück muß ſeinen Theil daran haben. Wie konnte es kommen? Ich habe es eben er⸗ fahren. Geheimnißvolles höchſtes Geſetz des Unglücks, mau muß dich annehmen und ſich dir unterwerfen, ohne dich zu begreifen: wie man das Leben aunimmt, wie man ſich dem Tode unterwirft. Indem ich unfreiwillig dem Doktor Laurel nach⸗ blickte, ſah ich ihn, wie er hinter den Blättern der Ge⸗ ſträuche verſchwand. Einen Augenblick ſpäter erſchien er wieder an der Thüre des Salons, wo er mir dieſe Ge⸗ ſchichte erzählt hatte, und den die ſanfte Marie während der Nacht noch nicht verlaſſen hatte. Er hielt in der Hand eine ganz friſche, halb offene Roſe, die noch feucht war von den Küſſen des Nachtwindes. Indem er in den Saal zurückkehrte, bemerkte ich, wie er dieſe Roſe mit einer köſtlichen, mädchenhaften Bewegung an ſeine Lippen drückte, und ich wunderte mich, daß dieſe Bewegung da⸗ durch nichts an ihrer Anmuth verlor, daß ſie von den Händen dieſes ſo jungen und ſo alten Mannes gemacht wurde!.. Ich hatte meinen Platz verlaſſen und hatte mich Fräutein von Pombeuil um einige Schritte genähert, als ich den Doktor mit ſeiner Roſe auf ſie zukommen ſah. Ungezwungen ſtehen bleibend, ſah ich, wie er ſich zu 123 ſeiner jungen Freundin bengte und die aufgeblühte Roſe in ihre Haare ſteckte. Die Braut von Joſeph Morange widerſtrebte nicht, ſondern ſagte nur, ihren Kopf ſanft erhebend mit einneh⸗ mendem Lächeln:— Wie, Philipp!— Und ich hörte den Doktor mit einer, wie ich meinte, gerührten Stimme antworten: Laſſen Sie mich machen, Marie, ich bürge Ihnen für ein ſchönes Feſt. Sie ſind ſehr erſtaunt, mein Kind; ja, ich ſehe es wohl, Sie können Richts errathen. Nun, denken Sie an das größte Glück, was Ihnen auf dieſer Welt widerfahren könnte und⸗ Sie werden das errathen, was Ihnen begegnen wird. Nach dieſen Wor⸗ ten, die Marie bebend anhörte, verließ ſie der junge Greis und mich auf ſeinem Wege antreffend, bemerkte er mein Erſtaunen, vermuthete, daß ich etwas geſehen und gebört habe, und ſagte zu mir, indem er ſeinen Arm unter den meinigen legte: Und Sie, mein junger Neugieriger, Sie können auch nicht errathen, warum dieſe Blume?... Mein Roman hat nämlich noch ein Kapitel, und Sie wiſſen nun, was Marie ſelbſt weiß, und es erübrigt mir nur noch, Ihnen zu ſagen, denn es freut mich, vor Ihnen mein Herz ausſchütten zu kön⸗ nen, was dieſe liebe Marie bald auch erfahren wird. Ich habe, Dank dem Himmel, meine Zeit nicht verlo⸗ ten, als ich Heilkunde ſtudirte, und ich habe Joſeph, der an ſich eine ſo gefahrvolle Operation gemacht, ge⸗ rettet. Indem ich aber die letzte, verhängnißvolle Un⸗ beſonnenheit der Erbin von Pombeuil erfuhr, kam ich auf eine wunderbare Idee. Niemals, dachte ich, wird ſich Marie vollſtändig beſſern, wenigſtens nicht ohne eine dauernde Lehre. Dieſe Lehre hat ihr ein Unglück gegeben. Seit einigen Monaten war Joſeph lebhaft ange⸗ gangen worden, das Mandat in einem höchſt wichtigen Proceß in Neuyork zu übernehmen: in einer erſten Un⸗ terredung, die ich in der Nacht nach ſeiner kühnen Ope⸗ 124 ration mit ihm hatte, beſtimmte ich ihn, im Geheimen abzureiſen. Er reiſte ab. Mit Hülfe einer Maſſe von Vorſichtsmaaßregeln, Lügen und Liſten, überzengte ich, unterſtützt vom Baron und einer gewiſſen Wahrſchein⸗ lichkeit, Marie vollkommen vom Tode ihres Verlobten. Sie ſehen, welche Wirkung der Gedanke dieſes Todes auf das arme Kind gehabt hat. Heute nun hat Joſeph die⸗ ſen langen Proceß gewonnen. Es hat viel Muth für ihn dazu gehört, um eine ſolche lange Trennung zu er⸗ tragen. Endlich naht die Prüfung ihrem Ende. Die wenigen Worte, die ich eben zu Marie geſagt, genügen, um ſie vor der Gefahr einer zu lebhaften Bewegung zu bewahren; in wenigen Augenblicken wird ſich ihr armes, betrübtes Herz dem Glücke wieder öffnen. Denn Joſeph iſt in Frankreich; er iſt geſtern in Havre gelandet; er durchfliegt die Straßen; er wird uns hier überall auf⸗ ſuchen, wo wir ſein können, und er weiß, doß wir dieſe Nacht auf dieſem Balle ſind, und er wird gleich kommen, die Stunde hat geſchlagen, ich habe die Minuten ſo gut gezählt!“ Indem der Doctor ſo redete, ward er allmählig von einer ſo großen Frende beſeelt, daß ſie mich anſteckte, ſo daß ich glücklich war. Er betrachtete bald die Uhr, deren Zeiger allzulangſam vorrückte, bald Marie, die kaum athmete; ſodann wendeten ſich ſeine Angen gegen die Eingangsthüre, und Marie richtete, wie er, ſeine Blicke dahin. Ich machte es, wie ſie. Endlich!! öffnete ſich die Thüre, und ich ſah einen Mann erſcheinen, den ich Dank dem Porträt, das mir ſein Freund gegeben hatte, ſogleich erkannte. Doch be⸗ fleckte jetzt nichts mehr die erhabene Schönheit dieſes glücklichen Hauptes. Ein unbedeutender brauner Punkt hatte den Fehler erſetzt. Als Marie Joſeph erblickte, ſprang ſie zu ihm und ſiel zu ſeinen Füßen; er hob ſie auf und drückte ſie an ſein Herz; dann zog er, ohne ſeine Braut zu verlaſſen, ſeinen Jugendfreund zu ſich⸗ — 12⁵ und ich weiß nicht, welcher Kuß herzlicher war, jener, den die Gattin erhielt, oder der des Freundes. Dieſes Ereigniß unterbrach den Ball. Die von Marie angenommenen Waiſen waren herbeigeſprungen, ihre Freude zu theilen. Frau von T.. erzählte ihren Gäſten, was ſie von dieſem einfachen Drama, das eben zu ſeinem letzten Akte gelangt war, wußte, und man erſtaunte, man bewunderte. Einige Leute von gutem Tone fanden es ſelbſt für gut, daran Aergerniß zu nehmen. Ich betrachtete als ein froher Beobachter mit Mit⸗ gefühl dieſes wohlverdiente Glück, als der Arzt ſich zu mir wendete. Ich ſah zwei ſchöne Thränen an den ab⸗ gemagerten Wangen dieſes dreißigjährigen Greiſes her⸗ abfließen. „Wie,“ ſagte er, indem er mich gerührt ſah, und ſeine Stimme zu befeſtigen ſuchte.„Sie weinen!„ Sie weinen über eine Geſchichte von der Naſenſpitze meines Freundes! Gehen Sie doch!— Und mich mit ſeiner kleinen trockenen und gefürchteten Hand auf die Schulter klopfend, fügte er hinzu: „Nun gut, weil Sie Geſchichten lieben und zuzu⸗ hören verſtehen, werde ich Ihnen einſt die meinige er⸗ zählen. Auf Wiederſehen.“ ſun ich ſah ſie weggehen, meine Wünſche begleite⸗ en ſie. VII. Als Marie von Pombeuil ihrem Gatten entgegen⸗ lief, hatte ſie in der Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen die 126 Roſe des Arztes aus ihrem Haar verloren. In dem Augenblicke, wo der Saal für mich leer wurde, als nämlich das glückliche Paar, ihr Freund und die Wai⸗ ſen ihn verlaſſen hatten, bemerkte ich die Blume auf der Erde liegen; ich hob ſie auf und indem ich, wie nach einem koſtbaren Gute, darnach griff, ging ich träu⸗ meriſch weg. Ein verlornes Paradies. Erſter Abſchnitt. Das Paradies und die Schlange. Wo der Perfaſſer drei neur Kedern probirt.— Wie Gott durch die Stimme eines Freundes zu uns ſprechen kann. An einem Morgen im Oktober 1846— das iſt nun wohl lange her!— zogen zwei Reiter langſam und dicht neben einander auf der Straße von Paris nach Amiens, einige Stunden von Chantilly, gegen Creil zu. Der Himmel war von einer prachtvollen Reinheit, und die Sonne ſtrahlte ſo recht zur Herzensfrende, indem ſie ihre letzten Küſſe verſchwenderiſch der erkaltenden Erde zuſandte. Die Herbſtlüfte umkosten noch reich die gelich⸗ teten Büſche nur für Einen Tag, noch hielten die un. am Wege an ihren Zweigen die Blätter feſt, die davon fliegen wollten: es war die ſchöne Zeit, in welcher die Heiterkeit der Natur in Wehmuth übergeht. 128 Von den beiden Reitern, die unter dieſer Oktober⸗ ſonne dahin ritten, war der Eine ein Greis, der Andere ein Jüngling im ſchönen Alter von zwanzig Jahren. Der erſte— der Doktor von Hoyden, um ihn gleich zu nennen— hat etwas Achtunggebietendes und Liebeein⸗ flößendes an ſich. Sein Geſicht iſt nicht regelmäßig, aber ſeine grauen, dichten und vielgelockten Haare, ſeine breite gefurchte Stirne, ſeine großen blauen Augen, die nicht minder durchdringend als ſanft ſind, ſein hochrother Teint, ſeine ſtumpfe unruhige Naſe und ſeine dicken tau⸗ ſendfaltigen Lippen, auf welchen ſich Seelengüte, Feinheit, Thatkraft und inniges Wohlleben zeigen, bilden ein Gan⸗ zes, das zwar nicht die gewöhnlichen Blicke anzieht, das aber die Augen des Beobachters und die liebevoller Ge⸗ müther feſſeln muß. Der junge Mann, der ein bischen lang, ein bischen blaß und ein bischen traurig iſt, beſitzt jene Art von Schönheit, die von jungen Mädchen faſt immer nicht be⸗ merkt, beſonders die Aufmerkſamkeit der Frauen auf ſich zieht, die das dreißigſte Jahr überſchritten haben. Unter ſeiner offenen, ein wenig vorſpringenden und mit dichten blonden Haaren bekränzten Stirn funkeln ſchwarze Augen, deren faſt immer durch lange Wimpern verhüllter Glanz blendend wird, wenn ihn eine Bewegung entflammt. Die etwas ſtarke Naſe hat äußerſt beweg⸗ liche Flügel; wenn man ſeine lebhaften Naſenlöcher er⸗ zittern ſieht, denkt man unwillkürlich an jene feinen ara⸗ biſchen Pferde, deren weit geöffnete Nüſtern ſchnaubend und dampfend in Uebereinſtimmung mit den glühenden Augen eine Empfindung, ſelbſt einen Gedanken zu über⸗ ſetzen ſcheinen. Sein Mund, deſſen dicke Unterlippe die obere ein wenig überragt, iſt von einem lebhaften Roth⸗ das von der Bläſſe des Geſichts gut abſticht. Wenn ich noch hinzufüge, daß dieſer Mund auf einem weißen vollen Kinne ruht, deſſen Rundung auf eine Hinneigung zum Wohlleben ſchließen läßt, ſo habe ich ein vollſtändig ähn⸗ 129 liches Bild Gabriels von Floves gegeben. Man wird ſich zu Gabriel hingezogen fühlen, wenn man ihn ſieht; man muß ihn lieben, wenn man ihn hört. In ſeiner Stimme liegt ein eigenthümlicher Zauber. Seine Seele klingt darin wieder. Ein Muſiker würde ohne Zweifel finden, daß ſie ſich zu Molltönen hinneige, aber er würde ſich über ſeine Töne in der großen Terz wundern, wenn ein großes Gefühl in Herrn von Floves zum Durchbruch kömmt, in jenen ſeltenen Angenblicken, wo bei ihm alles vibrirt und alles flammt. Herr Van⸗Hopden war Gabriels Vormund. Seit den zehn Jahren, ſeit Herr von Floves todt war und ſern beſter Freund, der Doktor, ſich mit dieſer Vormund⸗ ſchaft befaßte, indem er dem verwaisten Sohne ein Va⸗ ter wurde, hatte Herr Van⸗Hopden auf die Ausübung ſeiner Kunſt verzichtet. Als reicher Junggeſelle, der ſich ſeines Vermögens rühmen konnte, weil er es harten Arbeiten verdankte, hatte der Doktor, der auf der weiten Welt keine Ver⸗ wandten weiter hatte, als eine Schweſter, die an einen Banquier und Millionär in Amſterdam verheirathet war, ſich ganz der Geſundheit, der Erziehung und der Sorge für das Vermögen Gabriels widmen wollen; dies war die große Aufgabe ſeines Lebens und dieſe Aufgabe er⸗ füllte er mit Liebe. Ohne die faſt mütterliche Zärtlich⸗ keit des guten Van⸗Hopden, und ohne die Hilfsmittel. die er aus ſeiner Wiſſenſchaft ſchöpfte, hätte Gabriel, das arme Kind eines ſchwindſüchtigen Vaters, das Alter der Mannbarkeit nicht erreicht.— Was wir ſonſt noch über das Verhältniß und die Neigung zwiſchen Mündel und Vormund mitzutheilen haben könnten, wird man in ihrer Unterredung finden. h „Noch iſt es Zeit, mein Freund,“ ſagte Gabriel, „ich bitte dich darum, nimm mich mit!— Bu ſagſt, daß die holländiſche Luft mir tödtlich werden könnte, aber Plouvier, Erzählungen für Regentage. 9 130 glaubſt Du nicht, daß das Alleinſein, dem Du mich über⸗ laſſen willſt, es nicht eben ſo ſehr und noch mehr für mich ſein würde!— Nimm mich mit, lieber Vater, ich beſchwöre Dich!“— „Nochmals, mein Kind, es iſt unmöglich! Wenn ich mich von Dir trenne, ſo geſchieht es nur, weil es unbe⸗ dingt ſein muß, weil mich die Krankheit meiner armen Schweſter ohne Verzug ruft,—— Du haſt den Brief ihres Mannes geleſen.. Denn glaubſt Du denn, daß ich mir die Freuden verſagen würde, Dich zu meiner Schweſter zu führen und ihr meinen Sohn vorzuſtellen, den ſie wie ich lieben würde, wenn es nicht beſonders in dieſer Jahreszeit für Deine liebe Bruſt gefährlich wäre? Sei doch vernünftig! Späteſtens in einem Monate werde ihnde zurück ſein, und Dich umarmen, mein Gab⸗ riel!“—— „Wenn ich nicht unterdeſſen vor Langeweile ſterbe! — Ja, Herr Doktor, wenn ich nun ohne Sie ſterben würde?“ Van⸗Hopden erblaßte ein wenig und verlor die Sprache, dann aber antwortete er mit erzwungenem Lächeln: „Herr Graf, ich glanbe lieber, daß Sie Ihrem Hausarzt die Ehre erweiſen werden, ihn hiezu zu erwar⸗ ten. Es iſt nicht die Sache eines intelligenten Menſchen, ſich zu langweilen. Du haſt Deine Bücher, Deine Ma⸗ lerei und Deine Muſik—— Du kannſt noch einige Zeit mit der Vorſicht, die ich Dir empfahl, auf die Jagd ge⸗ hen, bevor Du Dich in Dein winterliches Eldorado ein⸗ ſchließeſt. Du haſt Geld, um alle Phantaſien zu befrie⸗ digen; wenn es Dir daran fehlt, wenn Dir auf Deinen Spaziergängen allzuviele Arme begegnen, haſt Du meine Signatur für den Banquier, Du kannſt bis zu den ſchreck⸗ lichſten Ziffern verlangen, und drohſt mir, weil ich Dich für einen Monat verlaſſe, wie ein zu reicher Engländer * 5——— — —— 131 vor Langeweile zu ſterben.— Gabriel, Du willſt mir ſchmeicheln!“— „Sie ſpotten meiner, ich bin troſtlos; finde es ſo unverſtändig als Du willſt, und wenn ich in einem Mo⸗ nate Dein und mein Vermögen durchbringe, ſo wird mich das nicht im Geringſten erheitern!“ „Brauche ſo viel Du willſt, liebes Kind; aber ver⸗ laſſe mich nun, kehre nach Chantilly zurück, ich will nicht, daß Du mich weiter begleiteſt!“ „Ich kündige Ihnen an, daß ich Sie ruiniren werde!“ „Ich ſage Dir, daß Du die Erlaubniß dazu haſt. — Nur erlaube mir Eine Bemerkung, Gabriel. Es könnte Dir einſt begegnen, was Du da lachend ſagſt. Wenn Du ſehen wirſt, daß das Geld in Strömen aus Deinen Händen entflieht wegen irgend welcher Thor⸗ heit, die Dich gerade feſſelt, frage Dich, ob Du nicht irgendwo einen Freund in Verlegenheit haſt, denke, daß Du dafür einen gewinnen kannſt— vielleicht morgen ſchon einen, mit dem Du gerne theilen wirſt.— Ich liebe Dich herzlich, Gabriel, aber ohne egviſtiſche Eifer⸗ ſucht, und ich wünſchte, daß Du einen Freund von Deinem Alter hätteſt. Es iſt ſo etwas Gutes um die Freund⸗ ſchaft! Dein Vater, Gabriel, ich und ein dritter braver Mann, der geſtorben iſt, wir waren arm, gequält und hart geprüft: aber wir waren uns mit innigſter Freund⸗ ſchaft zugethan und waren nie wahrhaft unglücklich. Was war doch dieſer Karl, den Du nicht kannteſt, für ein Mann! Dein Vater und ich verdanken ihm unſere Exi⸗ ſtenz. Doch ich will Dir eine kleine Epiſode erzählen, die Dir beweiſen mag, wie ſittlich und mächtig ein ern⸗ ſtes Gefühl iſt. Freund Karl, deſſen ich eben gedachte, hatte eine reizende Fran geheirathet, die er anbetete. Nun ſahen wir uns täglich, ſtündlich und lebten faſt zu viert. Ich geſtehe Dir, mein Kind, daß ich in die Frau meines Freundes Karl raſend verliebt wurde. Es iſt 132 die einzige Leidenſchaft meines Lebens! Ihrerſeits wurde die liebe ſüße Frau— ſo ſind die Spiele des Schickſals — von Liebe für Herrn von Floves, Deinen Vater, er⸗ faßt, der es wohl merken mußte! Nun wohl, dieſes Kreuzfeuer der Liebe hatte niemals Folgen, ſie wurde durch kein Wort, durch keinen Blick gezeigt. Jeder be⸗ zwang im Geheimen für ſeine Freunde und für ſich ſeine entſtehende Leidenſchaft. Die Frau blieb rein und tugend⸗ haft; der Gatte vertraute ihr, uns und ſeinem Glücke. — Alles löste ſich in Achtung und in die tiefen Freuden des Bewußtſeins auf. Eines nach dem andern ſtarb, Regina, Gabriel und Karl mit dem Glauben an die Tugend, an die Liebe und an die Freundſchaft, und ich allein bin von dieſen Reiſegefährten übrig, um Dir zu ſagen, wie ſie lebten, um Dich zu lehren, wie ſie zu leben.“— Hier umarmte der Mündel den Vormund. „Und um meine Schweſter zu heilen,“ ſagte der Doktor, der dieſen Moment dazu benützte, um Abſchied zu nehmen. Er erneuerte gegen Gabriel alle ſeine Empfehlungen bezüglich deſſen ſchwacher Geſundheit und alle ſeine Ver⸗ ſprechen bezüglich ſeiner Zurückkunſt in einem Monate. — Endlich trennten ſie ſich. Der Doktor ſetzte ſein Pferd in Galopp, um ſeinen Schmerz gewaltſam zu un⸗ terbrechen, Gabriel ließ das ſeine im Schritt nach Chan⸗ tilly zurückgehen, und wendete ſich noch oft um, um den guten Van⸗Hopden zu ſehen, der es im Entfernen ver⸗ mied, die Hand an ſeine Augen zu bringen, wenigſtens inſolange er vom Verlaſſenen bemerkt werden konnte. II. Wie Satan durch den Mund unſerer Freunde zu uns ſprechen kann. Wie der Autor eine Seite in ſeinem Eintenfaſſe läßt.— Madame Esrapette, Fräulein Koral- lenblüthe und die verwittwete Frau Türkiß. Gabriel kehrte langſam zurück, als er hinter ſich ein galoppirendes Pferd kommen hörte; er kehrte ſich nicht um, denn es ſiel ihm nicht ein, daß dies der zu ihm zurückkehrende Doktor ſein könnte. Im Angenblicke, wo das Pferd, das er gehört, an dem ſeinigen vorüber⸗ kam, ſah er aus der Taſche des Reiters ein kleines durchſichtiges und mit Spitzen beſetztes Taſchentuch, das nach Frauen duftete, auf den Boden fallen. „Mein Herr, mein Herr,“ rief Floves troſtlos, „mein Herr!“ Da der galoppirende Reiter ſich immer mehr ent⸗ fernte, und immer weniger hören konnte, ſo ſtieg Ga⸗ briel, des Rufens müde, ab, hob das Taſchentuch auf und ſuchte dann deſſen Beſitzer raſch einzuholen. Wie dieſer endlich erreicht, ſich bei dem verbindlich bedanken wollte, der ſich ſo höflich für ihn außer Athem geſetzt hatte, rief er: „Siehe da, es iſt Gabriel!“ Und Gabriel erkannte ſodann Regis Desaubiers, einen ſeiner Kameraden vom College in Amiens. Nach einigen Händedrücken und den gewöhnlichen Artigkeiten, ſetzte ſich Regis wieder im Sattel zurechte, und führte ſein Pferd in gleichem Schritte an Gabriels Seite— für wenige Augenblicke nur, wie er ſagte, um ſich nur ein wenig wieder zu erkennen. Dann ging er 134 alsbald in ein vertraulicheres Geſpräch über. Er kam von einem Schloſſe, das am Eingang eines hübſchen Thales zwiſchen Canil und Norgent⸗ les-Vierges liegt; er hatte dort den Sommer zugebracht, den ſüßeſten ſei⸗ nes Lebens—— Dank der Schloßherrin; der Frau, von der er das Taſchentuch hatte.—— „Siehſt Du, Gabriel, ich habe ſchon viel gelebt, obwohl ich noch keine fünfundzwanzig Jahre alt binz ich habe ſchon viel geliebt, ein wenig in allen geſellſchaftli⸗ chen Kreiſen, aber ich ſchwöre Dir, bei allen anmuthi⸗ gen Reizen der Liebe, die wahre Frau von der Welt, die umringte, beneidete und begehrte Frau tangt nichts; für das herbe Glück der Leidenſchaft tangt die Frau nichts, die eine Selavin iſt in Mitte der Welt, die ſie beherrſcht, eine Sclavin dieſer Welt, eine Selavin ihres Namens, ihrer Coquetterie, ihres Rufes, eine Sclavin der Liebe ihres Mannes, eine Sclavin ihrer Eigenliebe; kurz, mein Theurer, ich habe das Alles gefunden. Ju Einem Tage, in Einer Stunde, in Einer Minute dulde ich tauſend Märtyrerleiden und genieße tauſend Frenden; ich habe drei Gefahren für Ein Glück, und hundert Mühen für Ein Vergnügen: aber nur dumme voder ſchlechte Dinge bekommt man umſonſt. Alles, was Werth hat, muß man mit dem Leben bezahlen.— Und welchen Winter habe ich eben verlebt in dem glühenden Winterleben, das man nur in Paris findet!— Ich bin der Glücklichſte aller Glücklichen; ich ſchwimme bis zum Hals im Stolz; im Drama, in der Leidenſchaft! Ich kann morgen ſterben— wenn Du wüßteſt, was für einen Mann von Herz und Marmor Louiſe zum Gatten hat!— was liegt daran, ich werde entzückt ſterben und nur bedauern, nicht noch einmal anfangen zu können, um wieder ſo zu enden. Gabriel hörte verduzt zu und ohne von dieſen Ge⸗ ſprächen die Hälfte zu verſtehen; Regis eröffnete ihm hier 135 eine Welt von Ideen, in welche die ſeinigen noch keinen Schritt gethan hatten. „Höre an,“ fuhr Regis fort;„in dieſem Momente eile ich nach Paris, um eine ihrer Launen zu befriedi⸗ gen. Ich muß ihr ſofort einen Roman ausfindig ma⸗ chen und ihr bringen, von dem man geſtern geſprochen: „Der Vicomte von Chamilly.“ Wenn ich von jetzt bis heut Abend dieſen Roman ſchreiben, drucken und ver⸗ öffentlichen laſſen müßte, würde ſie vor dem Einſchlafen den Titel leſen: Du begreiſſt das. Ich werde alſo am Abend wieder hier vorbei kommen, gib mir ein Rendez⸗ vous und ich führe Dich im Schloſſe ein; Du wirſt dort vortrefflich aufgenommen worden, Du wirſt mein Leben kennen lernen und eiferſüchtig werden—— und dann, iſt eine Conſine der Frau von Grandbel, meiner Schloß⸗ herrin da, eine Wittwe, die wieder heirathen will, Du kannſt ihr den Hof machen und ſie ihrem Zukünftigen entführen, oder Du kannſt auch warten, bis ſie Mar⸗ quiſe von Oswed ſein wird, wie Du willſt.— Iſt es Dir ſo recht?“ „Nein, Regis, nein, ich bleibe hier.“ „Ah, nein! Gehe, entſchließe Dich ſchnell, damit ich weiter galoppiren kann.“ „Nein, mein Freund, Dank, ich kann nicht. Ich darf Deine Lebensweiſe nicht führen: ich muß mich in Acht nehmen vor jedem zu lebhaften Vergnügen, vor jeder Erregung und vor jeder Ermüdung; und ich habe mei⸗ nem Vormunde verſprochen, ſeine Vorſchriften niemals zu übertreten.“ „Ach! aber dieſer Vormund will Dich umbringen!“ „Nein, Regis, er will mir das Leben erhalten!“ „Wie das?— Schön Dank!— Du biſt alſo noch Jungfrau?“ „Nein, mein Frennd, ich bin bruſtleidend.“ Einige Angenblicke nachher war Regis Desaubiers wieder auf ſeiner Eiltour nach Paris, und Gabriel kehrte 136 trauriger, als er zuvor geweſen, mit geſenkter Stirne, in die Wohnung zurück, die er in der großen Straße von Chantilly beſaß. Dieſe Wohnnng war reizend, und in jeder Hinſicht eines geliebten Weibes, eines Dichters oder eines Kai⸗ ſers würdig. Der unſichtige Doktor hatte dort wahre Kunſtſchätze inmitten des vollſtändigſten Comforts, den menſchliche Sinne ſich nur wünſchen können, anzuhäu⸗ fen beliebt. Er war es, der Gabriels poetiſche Natur der Muſik und der Malerei zugewendet hatte; er hatte ſeinen Geiſt in die hohen Regionen der Vernunft erhoben, und Alles, was den Künſtler und Denker erheben und erfreuen konnte, hatte er hier mit erleſenſtem Geſchmacke vereinigt. Dennoch ließ an dieſem Tage von Van⸗ Hopdens Abreiſe der melaucholiſche Jüngling weder ſeine Aufmerkſamkeit noch ſein Auge auf Etwas ruhen. Er betrachtete nur zu wiederholten Malen das Porträt ſei⸗ nes Vormunds, das in ſeinem Zimmer lächelte, und be⸗ ſah auch, und ſelbſt öfter, als er wollte, das Taſchen⸗ tuch der Schloßherrin von Nogent⸗les⸗Vierges das Regis mitzunehmen und Gabriel zurückzugeben vergeſſen hatte. —— Mehr als einmal athmete auch de Floves dieſes duftige Gaze lebhaft ein, nachdem er einen nachdenken⸗ den Blick auf dieſe Anfangsbuchſtaben geworfen, durch welche hindurch er die von ſeinem indiscreten Freunde angebetete Frau, die verbrecheriſch glückliche Frau er⸗ blickte; er ſchloß dann die Augen und fand in den un⸗ beſtimmten Düften, die ihn trunken machten, die gefähr⸗ lichen Ausſtrömungen der Welt, des Weibes und der Liebe wieder. Gegen vier Uhr ſagte Gabriel zu ſeinem alten er, um ſeine Melancholie zu zerſtreuen und auch um ſich Appetit zu holen, eine Stunde im Walde ſpazieren gehen wolle. „In dieſer Jahreszeit iſt es unklug, mein Herr,“ Diener Magloir, der eben ſo traurig war wie er, daß 137 erwiederte Magloir;„am allerwenigſten dürfen Sie aber eine Stunde ausbleiben und überhaupt nehmen Sie ſich vor der Abendfriſche nur recht in Acht.“ Hierauf ging die arme Mündel des guten Doktors, der ſich nun ſchon in weiter Ferne befand, durch den Garten und befand ſich in der Mitte dieſes prächtigen Raſens, den man ſo lange nicht kannte, und den nun ſeit der Eröffnung der Wettrennen in Chantilly ganz Paris kennt. Er hatte noch keine hundert Schritte gemacht, als er aus dem Walde eine Caleſche kommen ſah, aus wel⸗ cher tolle Worte, luſtige Lieder, Wolken von Rauch und lautes Gelächter hervorkamen. Er ging dieſer Caleſche entgegen; da hörte er ſich, wie einige Stunden früher, anrufen: „Siehe da, es iſt Gabriel!“ Und ſeinen Kopf er⸗ hebend, erkennt der junge Mann unter dieſen lachenden, ſingenden und rauchenden jungen Leuten, einen andern Spielgefährten: Ferreol Bodimont. „Das iſt ein Tag,“ dachte er. „Wie, biſt Du es wirklich,“ ſagte Ferreol,„und was Teufel treibſt Du in Chantilly?“ Gabriel erwiederte: natürlich, und ſchloß mit den Worten: „Und Du?“ „Ich, ach mein Gott, ich fahre ſpazieren, um dieſe Damen zu begleiten, die dieſe Orte wieder ſehen wol⸗ len, wo wir uns kennen gelernt, wo wir uns vor ſechs Wochen geliebt haben! Ich ſtelle Dir Madame Esco⸗ pette vor, Fräulein Corallenblüthe und die verwittwete Frau Türkiß, genannt„Lieblos“ und zubenannt„Im⸗ mer⸗Gewinn! Was den Herrn betrifft, der beim letz⸗ ten Roman das Herz Escopettens beſiegte, zugleich wie ich das der Corallenblüthe eroberte, ſo iſt es ein vortreff⸗ licher Burſche, den ich Deiner Freundſchaft anempfehle; 138 man nennt ihn den Vicomte von Hautoy. Ich bin ſein Wechſelagent.“ Gabriel grüßte Herrn von Hautoy und dann die Gefährtinnen dieſer Herren, die ihn während der Vor⸗ ſtellungsrede durch den Rauch ihrer Cigarren und die Ausbrüche ihrer Heiterkeit in einer Weiſe betrachtet hatten, daß ſie ihn ſtark in Verlegenheit ſetzten. „Aber, es iſt hier nicht angenehm zu plaudern,“ bemerkte Bodimont; da Du in Chantilly wohnſt, em⸗ pfang uns in Deiner Wohnung; laß ſehen, führ uns in Deine Behauſung.“ „Gerne,“ erwiederte Gabriel, der hierin ein Mit⸗ tel erkannte, ſich zu zerſtrenen. Corallenblüthe ergriff das Wort: „Wenn uns der Herr Zutritt in ſeinem Schloſſe gewährt, ſo werde ich glücklich ſein, ihn in meinigen zu empfangen,“ „Im rothen!“ ſagte der Graf. „Jenſeits der Pyrenäen,“ fügte Escopette hinzu. „Stille,“ intervenirte Türkiß, man treibt keinen Scherz mit einem Manne, der eine Behauſung hat.“ „Sicherlich,“ ergänzte Ferreol. Gabriel, über all das erhaben, wie man ſich den⸗ ken kann, hielt nicht ſonderlich viel davon; aber da der Anblick dieſer Frauen und ihr Geſchwätze ſeine Traurig⸗ keit ein wenig verſcheuchte, führte er muthig dieſe Geſell⸗ ſchaft in ſein Haus und ſagte dort angekommen zum er⸗ ſtaunten Magloire: „Biete die Stadt auf, thue Dein Beſtes, ſuche und erfinde, wir müſſen in einer Stunde ein Diner von ſechs Converten haben.“ „Sie werden es haben, mein Herr,“ ſagte der Alte, der ſich jeder Laune ſeines jungen Herrn zu fügen pflegte. 63n der Erwartung des Diners waren die Drei— wißt Ihr ein Wort, das dieſe ſeltſame Klaſſe von Wei⸗ 139 bern bezeichnet, die die Welt unter dem Namen Loret⸗ ten kennt, und die ſeit einigen Jahren mit ſo viel Er⸗ folg daran arbeiten, die Männer in Frankreich zu ver⸗ mindern?“ Es iſt das Wort: Verſchlingerinnen. Was verſchlingen ſie nicht Alles, dieſe angebeteten Geſchöpfe? Wenn man nicht darauf achtet,— und man achtet nicht darauf, denn man glaubt nicht daran,— wird noch Alles, was in Frankreich eine Zukunft hat, daran zu Grunde gehen.— Die drei Verſchlingerinnen waren alſo im Salon und machten dort das Inventar. Die beiden Männer, die im Zuge waren, verſchlungen zu werden, rauchten. „Rauchſt Du nicht, Gabriel?“ fragte Ferreol, „nimm doch eine Cigarre; hier ſind prensados, die be⸗ ſten auf der bekannten Welt.“ „Dank, Ferreol, ich rauche faſt nie; es iſt mir beinahe verboten.“ „Ah, geh doch, Du ſpotteſt; ſieh, hier iſt eine, die ich Dir empfehle, ſie iſt von der Sanftheit eines Lamms.“ „Nein, danke.“ „Gehört der Herr meinem ſchwachen und unterdrück⸗ ten Geſchlechte an?“ fragte Türkiß. „Leidet der Herr an einer Lungenſchwindſucht?“ fragte Escopette. Escopette, eines der hübſcheſten Geſchöpfe, die zwi⸗ ſchen der rue de Clichy und der rue de Martyrs exiſtir⸗ ten, enthüllte vor Aller Augen eine kräſtige Geſundheit. Sie hatte ſich Gabriel genähert, um ihre luſtige Frage an ihn zu richten, und zeigte ihm nun ihre ſchönen Zähne vom Rothwild in einem etwas großen, aber rothen und friſchen Munde, und mit ſpöttiſch anmuthiger Geberde, mit der ſie ihre Frage begleitete, berührte ihr reiner, aus geſunden Lungen kommender Athem das Geſicht des armen Kindes, das nicht ranchen wollte. 140 Er lächelte ſanft und antwortete damit, daß er von den weißen Fingern der Korallenblüthe die Cigarre nahm, die ſie eben angezündet. Eines der organiſchen Kennzeichen der verſchlingen⸗ den Race iſt, daß ſie ſich ſchenken läßt, was ſie ſieht, ſo viel wie möglich, ſie zeigt eine Vorliebe für chineſiſche Sachen, für Gläſer, für Kunſtgegenſtände.—— Nun, für ſie wird Alles zum Kunſtgegenſtande was nur Werth hat, denn die Verſchlingerin macht enorme Anſprüche auf Kunſtſinn. Drei Verſchlingerinnen in Gabriels Salon, das heißt drei hungrige Mäuſe in einem Käſe, und hätte ſie nicht die Schaam zurückgehalten, es wäre nichts übrig geblieben, als die Käſerinde. Uebrigens war Gabriel entzückt; das Geplander ſeiner Gäſte, ihre Lockereien und ihre Manieren, denen man das größte Lob zukommen läßt, wenn man ſie drollig findet, hatten auf ihn eine blendende Wirkung, und mit Hilfe der Cigarre, an der er Geſchmack fand, beranſchte er ſich auf das Bereit⸗ willigſte, und hätte, wenn man ſeine ganze Villa von ihm verlangt hätte, und wenn man ſie im Wagen hätte fort⸗ ſchaffen können, ſie ohne Weiteres hergegeben: Zum Glück für den Salon ging man ins Speiſe⸗ zimmer. Das Diner wurde, wie improviſirt es auch war, vortrefflich gefunden, und die Gäſte thaten ihm alle Ehre an; man aß viel, man trank mehr, man planderte noch viel mehr. Gabriel hatte ſich an Escopettens Seite geſetzt. Er konnte ſich der Empfehlungen ſeines Vormunds noch ent⸗ ſinnen, als er die Ueberwältigung der auf einander fol⸗ genden Flaſchen ſah; aber Van⸗Hopden hatte Escopette nicht vorausgeſehen, nicht ihr Lächeln, noch ihre ſchwarzen Augen; nun ſagte Escopette alle Augenblicke zu Gabriel, indem ſie ihn anlächelte und ſüß anblickte:„Kommen Sie doch nach Paris.“ Der halb bezauberte Wirth antwortete oft:„Nein, nein, ich kann nicht;“ und dann 141 autwortete er einmal:„Wann gehen Sie denn?“— „Morgen, in der Früh,“ bemerkte Ferreol,„ſehr früh; wir ſind förmlich dazu verpflichtet.—„Nun, ſo laßt mich hier,“ äußerte Escopette.„Oh! oh!“ machte du Hautoy. Dieſe Höflichkeit im Tone der großen Terze, oder nahe daran, erweckte Herrn von Floves ein wenig, ſo daß er entſchloſſen wiederholte:„Ich kann Chantilly nicht verlaſſen.“ Nach dem Diner, während der Kaffee und die Liqueurs ganz erſtaunt über ihre Anweſenheit bei Gabriel herumgereicht wurden, und während unſer junger Wirth rauchte, denn er hatte endlich Bodimonts wohlgefüllte Cigarrentaſche angenommen, fingen die Verſchlingerinnen an, in aller Weiſe und nach allen Melodien zu peroriren. Der naive Gabriel fand ſie über alle Maßen geiſtreich, und du Hautoy und Ferreol proclamirten ſie als uner⸗ hört drollig. In einem gewiſſen Momente, wo der Herr des Hauſes ſeine weiblichen Gäſte fragte, ob ſie auch Paris lieben, fand er, daß er drei Feuerwerke angezün⸗ det habe. Man antwortete ihm in den aufgelösteſten Dithyramben über das Pariſer Leben, die Bälle, Con⸗ certe, Partien, die erſten Vorſtellungen, die Soupers und die Landsknechtsnächte wurden in flammenden Zügen auf ein glühendes Bild gemalt, welches die herausfordernden Zungen der Verſchlingerinnen alle zugleich glühend aus⸗ führten. „Kurz,“ ſchloß Escopette,„wenn man mir ſagte: Willſt Du mit fünf und zwanzig tauſend Franken Renten in der Provinz leben, in Verſaille, Bordeaux, in Deiner Vaterſtadt Gonoſſe und dort eine wirkliche Gräfin oder ſogar Herzogin ſein? Wiſſen Sie, was ich darauf ant⸗ worten würde? Ich würde antworten: Ein Jahr in Paris, nur mit meinen achtzehn Jahren, mit allen mei⸗ nen Flammen und mit allen meinen Zähnen: und dann: ſterben! Das iſt:—— Paris! Patis!! Paris!!!“ „Ach Gott!“—— 142 „Bei Gott,“ riefen zugleich die Wittwe Türkiß und Fräulein Korallenblüthe. „Sie hat Recht,“ ſagte Ferreol. „Ueber alle Maßen,“ fügte Hautoy bei. Es ſchlug Mitternacht, und man trennte ſich. „Mein lieber Freund,“ ſagte Escopette zu Herrn von Floves, als der Wagen vorfuhr, um die Geſellſchaft ins Hotel Chariot d'or zu bringen,„mein lieber Gabriel, wenn Sie nach Paris kommen, uud Sie werden dahin kommen— finden Sie mich in der Provence⸗Straße 24. Ich werde Sie auf meine denkwürdige Weiſe lootſen: und mit Ihrer intereſſanten Bläſſe und Ihren ſchönen Angen werden Sie Furore machen, und ich bin es, die es ſagt!“ Allein in ſeine Kammer zurückgezogen, in den Hän⸗ den das Taſchentuch der Frau von Grandbel, zwiſchen den Zähnen eine erloſchene Cigarre kauend, gerädert von Müdigkeit und ohne zu wagen, das lächelnde Porträt ſei⸗ nes beſten Freundes, der vielleicht jetzt nicht lächeln würde, zu ſehr zu betrachten, fragte ſich Gabriel von Floves wohl zum zehntenmale um ein Uhr in der Frühe: „Werde ich meine Freiheit dazu benützen, um auf das Schloß Nogent⸗des⸗Vierges zu gehen, oder um Paris zu ſehen?“ 143 Die Schlangenſpur. Eloi und Elaudette. Drei Hüh- ner in einem Vache. Die Gerüche der Hölle. Ein wohlthuender Sonnenſtrahl beleuchtete Gabriels Erwachen. Dieſer Strahl beleuchtete Van⸗Hopdens Ge⸗ ſicht, was dem Mündel des alten Doktors auf dieſen wohlwollenden Zügen in deutlichen Buchſtaben zu leſen geſtattete:„Ich wußte es wohl, mein Gabriel, daß Du nüchtern nicht mehr ans Reiſen denken wirſt.“— Und in der That dachte der junge Mann nicht mehr daran. Er kleidete ſich an ftühſtückte und machte ein wenig Muſik.— Er fing an zu zeichnen, als er zufällig in die Taſche langte und anſtatt ſeines Taſchentuchs das mit L. G. gezeichnete in die Hand bekam. Maſchinenmäßig lehnte er ſein Geſicht an dieſes Tuch und blieb ſo eine Viertelſtunde. Um ſich die Zeit zu vertreiben, verſuchte er, eine Idee zu ſkizziren, die ihm gekommen war. Nach⸗ dem er ſeinen Bleiſtift genommen, machte er wohl eine Skizze; aber ſie, die anfänglich eine Art von Herzogin mit majeſtätiſcher Miene und keckem Anſehen verſprach, endigte mit dieſem kecken Anſehen übergehend damit, daß ſie eine Art von Escopette vorſtellte mit toller Toilette und ſchlechten Stellungen. Gabriel, wüthend auf Esco⸗ pette, auf die große Dame und insbeſondere auf ſich ſelbſt, zerbrach ſein Bleiſtift und warf ſich auf den Divan. Wenn man in der Einſamkeit nicht die Arbeit her⸗ beiruft, die der allgemeine Engel iſt, ſo kommt der Teufel. Indem Gabriel ſeinen Bleiſtift zerbrach, jagte er den Engel in die Flucht, und ſchon kam der Teufel. Kaum war er angekommen, als er zum Einſamen von — ℳ 144 ſen privilegirten Abſteigequartier, nämlich von Paris, prach. Aus den Nebeln ſeiner Reflexionen trat jedoch ein für Gabriel guter Gedanke hervor, es war eine liebreiche Erinnerung ſeines Vormunds, die ihn erweckte:„Wenn Du einen Entſchluß zu faſſen haſt,“ hatte der Doktor Van⸗Hopden manchmal zu ihm geſagt,„ſo ſetze Dich ſo nah als möglich mit der Natur in Berührung, ſie wird Dir dann auf Deine ſich widerſprechenden Fragen ant⸗ worten, und die Natur täuſcht ſich nicht oft.“ Ich thue am Beſten, dachte der arme Unentſchloſſene, wenn ich einen ruhigen Spaziergang durch Felder und Gehölze mache und kann gewiß ſein, daß ich zwiſchen zwei Eichen, am Rande einer Quelle oder in irgend einem Graben am Beſten meinen Entſchluß faſſen werde. Er entfernte ſich faſt fröhlich bei dem Tone der Glocken, die zum Mittags⸗Angelus läuteten, und ging munter bis nach Morfontaine. Das Wetter war, ob⸗ wohl um ein Blau weniger rein als geſtern, doch immer lauwarm und angenehm für Reiſende. Die Schwalben hatten dieſen Tag die Abreiſe noch verſchoben, und noch ſangen die Vögel in den Büſchen ſo luſtig, als ob der Sommer vor ihnen, anſtatt hinter ihnen wäre. Vielleicht wußten ſie nichts davon, vielleicht ſahen ſie die grauen und weißen Tage nicht vorher, und vielleicht ſangen ſie gerade deßhalb ſo ſchön!—— Iſt das Glück nicht für die Unvorſichtigen und Unwiſſenden geſchaffen?— Die ſingen wenig, die viel wiſſen. Als Gabriel zwiſchen Morfontaine und Ermenaville um ein Gebüſche, das noch im reichen Blätterſchmucke prangte, herumgehen wollte, hörte er ein Geräuſch von aufgeſchreckten Vögeln in den Blättern. „Ah, ſapperlotte, ſage Eloi, ich habe gemeint, es iſt die Flurwache!— Und ich habe mich recht gefürchtet,“ ſagte Clandette. Denn es war Eloi und Claudette, zwei ſchöne brave Schützlinge des Herrn von Floves, 145 Liebesvögel, die von Gabriel ein wenig rauh aufgeſchreckt wurden.—„Recht froh, Sie zu ſehen, Herr Gabriel,“ ſagte Eloi, ein hübſcher ordentlicher Burſche, wie Paris nicht leicht einen hat,„ich wollte ſelbſt zu Ihnen gehen, um Ihnen zu ſagen, daß Alles in der Ordnung iſt, ab⸗ gethan und beendigt, und daß Clandette und ich uns ohne Ceremonie Sonntag heirathen. Sie ſind doch da⸗ bei, nicht wahr?“—„Ah, ſicher,“ redete Claudette hinein, ein hübſches Kind, das man die„Lachende“ genannt,„Sie haben es uns hübſch verſprochen, Herr Gabriel, und das wird uns Glück bringen.— Sie und der Herr Doctor, das verſteht ſich von ſelbſt,“ fügte Elvi bei, der von der geſtrigen Abreiſe nichts wußte. Herr von Floves antwortete nicht; das Paar ſchien be⸗ unruhigt.—„Ja, meine Freunde,“ ſagte endlich Gabriel in aller Aufrichtigkeit,„ja, ich werde kommen; ich werde dabei ſein, rechnet darauf, und bis dahin verſprecht mir, Euch nicht mehr vor der Flurwache zu fürchten; wenn man das Alter hat, ſich in ein Paar Tagen zu verhei⸗ rathen, iſt eine ſolche Furcht nicht mehr erlaubt. Alſo auf Sonntag! und Sonntag wird mir Claudette er⸗ lauben, Madame Eloi zu umarmen. Am Ende von Ermennaville blieb Gabriel bei einer armen Hütte ſtehen, vor welcher mitten in einer Waſſer⸗ lache drei Hühner und vier friſche ungeſchneuzte Kinder, halbnackt und liebenswürdig, ein prächtiges Spiel auf⸗ führten. Gabriel nahm das kleinſte Kind friſch auf den Arm und trug es in die Hütte.„Ah! Marie Joſeph,“ ſagte er zu einer Alten, die damit beſchäftigt war, Butter zu ſchlagen,„Ihr haltet Eure Kinder nicht ſau⸗ ber, Ihr überwacht ſie nicht, ſchaut nur einmal den an, in welchem Zuſtand er iſt?“—„Ach, mein lieber kleiner Herr, klagen Sie mich nicht an, ich bitte Sie darum; ich möchte über ſie des Teufels werden, über die Elen⸗ den! wenn ich nicht ihre Großmutter wäre, verzichtete Plonpier, Erzählungen für Regentage. 10 146 ich darauf, ſie zu behalten, ſo hübſch ſie ſind, denn ſie ſind doch ſehr hübſch, nicht wahr?“——„Ja, Marie Joſeph, und ich will Euch was geben, um ihnen neue Kleider zu machen; das geht ſchnell fort, dieſe Kleider, wenn man mit den Hühnern in den Bächen ſpielt.— und Jerome? und ihre Mutter?“„Jerome iſt in der Schmiede,“ erwiederte die Großmutter, indem ſie Gabriel mit einem Blicke dankte, aber mit welchem Blicke.—— „Meine Tochter bengt die Wäſche ein in Royaumont. Apropus Gabriel, wiſſen Sie auch, daß meine Toch⸗ ter wiederkommen will? Ja, das wird keine vierzehn Tage mehr anſtehen, und ich muß Ihnen auch ſagen, daß Jerome zu Ihnen gehen wollte, um Sie zu Gevatter zu ditten!“—„Und mit wem denn, meine gute Marie Joſeph?“ fragte Herr von Floves.„Mit Lanchon, bei Bott, mit der ſchönäugigen Lanchon; Sie wiſſen doch? das Mädchen in Druon, die einmal im Gehölz von Silvie mit Ihnen getanzt hat am St. Hubertustage, uud die noch immer davon ſpricht.—— Ich bin nun froh, Sie fragen zu können, ob das Ihnen paßt, denn wenn Sie mir im Voraus„Nein“ ſagen, würde mein Schwiegerſohn nicht hingehen, um ein„Ja“ zu bitten, Ihre abſchlägige Antwort würde ihm viel Kummer machen.——„Sagt ihm, Mutter, daß ich mit der ſchönäugigen Lanchon Pathe ſein werde, und daß ich im Voraus annehme und mit großem Vergnügen!—— Auf einen baldigen Regen von Süßigkeiten und guten Morgen für Euere Kinder!“ Immer fröhlich weiter ziehend, kam Gabriel durch Rogaumont und erreichte Lamorloge. Ich unterhalte mich nicht ſo gut, wie geſtern, dachte er, und bin zufrie⸗ dener. Wo kann doch jetzt mein guter Vormund ſein? In der Gegend von Lille, ohne Zweifel. Ein Monat iſt lang—— Ach! da habe ich meine guten Gedanken; ich will mein Bild für ihn machen—— und wenn der arme Bruſtkranke abgehen wird, wird er nicht ganz fort⸗ 147 gehen.—— Und Gobriel ging, indem er ſchon ſein Porträt entwarf. Bemerken Sie, daß er ſeit ſeinem Weggehen vom Hauſe das gefährliche Taſchentuch nicht berührte, und daß die Cigarrentaſche nicht geöffnet wurde. Wenn man durch Lamorloge kommt, ſieht man links von der Straße eine Anhöhe, die Mont de Pé heißt. Man hat hier ein zauberhaftes Panorama: Wälder, Straßen und ſiebenundzwanzig Dörfer, die um ſiebenund⸗ zwanzig Thürme gruppirt ſind. Hier ruhte Gabriel auf einem Markſteine aus und betrachtete die Landſchaft. Er war im Heranfſteigen raſch gegangen, hatte warm, wollte ſich die Stirne trocknen und irrte ſich wieder im Taſchentuch; er erkannte es am Parfum. Er wurde wieder traurig, und gab ſich Träumereien hin„Oh!“ ſagte er endlich laut träumend:„ach! die Leidenſchaſt, die Welt, die Liebe—— die Liebe!“ Das iſt doch nur das einzige Gute auf der Welt,“ ſagte eine Stimme.„Es war die Stimme Bruno's, eines alten bettelnden Invaliden, dem Herrn von Floves oft ein Aſyl und eine kleine Penſion angeboten hatte, und der ſie immer zurückwies, wie er ſagte, aus Liebe zur Unabhängigkeit, und zur friſchen Luft. Der alte Bruno kam wie immer auf ſeinem einzigen Beine hin⸗ kend, wie immer die Pfeife und den Scherz im Munde, und endlich— es iſt nicht zu längnen, wie immer halb betrunken.“ „Du haſt alſo die Liebe gekannt, Bruno?“— Sieh da, es iſt noch nicht ſo lange her, daß ich ſie nicht mehr keune.— Und die Liebe, es iſt wohl der Mühe werth, zu lieben?“— Oh, Herr Gabriel, man muß ſich aufs Trinken verlegen, wenn es nichts mehr damit iſt, ſehen Sie; man muß es zu vergeſſen ſuchen—— ſeit man mich verließ, habe ich mich mit Schnaps geſtillt; aber das ſieht man mir doch nicht an? Das ſieht man wohl ſo oft man Dich ſieht.— Der Fehler liegt am Abzug der Liebe—— Sehen Sie, Hert 148 Gabriel, wenn ich denke, daß Mariette—— Geh, laß mich ein wenig in Ruh, ſagte Herr von Floves, der keineswegs geſonnen war, von Herrn Bruno Erläuterungen über die Liebe anzuhören. Doch kam auch ihm die Luſt zu rauchen, als er dieſen drolligen Alten rauchen ſah.— „Leihe mir Dein Feuerzeug,“ ſagte er zum Exverliebten, nud er zündete eine von Ferreols Prenſados an. Durch den weißen Nauch ſah er bald Paris, fröhliche Geſell⸗ ſchaften, dampfende Soupers und rings um einen ſtrahlen⸗ den Tiſch ſeine geſtrigen Gäſte, und als die halb gerauchte Cigarre ihn ein wenig berauſchte, ſah er vor ſeinen Au⸗ gen Eskopettens ſchwarze Augen glänzen, er hörte Tanz⸗ melodien, feſtliche Rundgeſänge und das Geklimper der Cryſtallbecher, und dann hörte er deutlich, wie die Ver⸗ ſ zu ihm noch ſagte:„Kommen Sie doch nach Paris!“— „Nein, nein,“ rief er,„ich will nicht! Und unmit⸗ telbar darauf bemerkte Eskopettens Stimme:„Leidet der Herr vielleicht an der Lungenſchwindſucht?“ Indem ſie dieſe Worte ſprach, näherte die Verſchlingerin wie geſtern ihre rothen Lippen.—— Gabriel näherte die ſeinigen, aber die Cigarre war erloſchen, der Rauch verſchwunden, und der Raucher ſah nun Bruno vor ſich, der mit ſeiner Krücke einen Marſch auf ſein Bein trommelte und ihn lachend anſah: „Haſt Du Paris geſehen?“ ſchrie ihn Gabriel an. —„Geſehen und wiedergeſehen,“ erwiederte der Bettler. Achi mein Herr! Paris i! Wenn man nicht ſo viel Geld dort brauchte! Paris, mein Herr, iſt Himmel und Hölle; ein Luſtſpiel, eine Schlacht, ein immerwährendes Feſt; ein Treibhaus, ein Strudel, ein Schmelzofen! dort habe ich mein Bein verbrannt, ein Liebeshandel, mein Herr! Duell im Gehölz, Hochzeit, Geſchichten, Thränen der Freude, der Wuth und des Grams, mit Teufels Tagen und Rächten! Und wenn ich denke, daß Mariette. 149 Herr von Floves ging eiligſt den Mont⸗de⸗Pö herab, um nichts mehr zu hören. „Ich bin recht thöricht,“ ſagte er für ſich, indem er ſich mit großen Schritten entfernte; ja, recht thöricht, ſo langſam hinzuſterben, ohne den Verſuch zu machen, das Leben kennen zu lernen. Ich bin bruſtkrank; es iſt ent⸗ ſchieden, daß ich ſterben muß, wenn Andere das Leben aus vollem Becher trinken.— Alle die bewundernswer⸗ then Bemühungen eines Gelehrten und die ganze Zärtlich⸗ keit eines Vaters werden vielleicht meine Lebensbahn um einige Jahre verlängern, aber nachher muß ich immer ſterben! Wenn ich es noch auf fünf oder ſechs Jahre bringe, würde es viel ſein, es wäre das Unmögliche, und welche Jahre, großer Gott!— Ach! Ich ziehe es vor, nur ein Jahr zu leben, und dies vollſtändig zu leben; um endlich zu erfahren, was Liebe iſt, das Vergnügen, Paris, die Geſellſchaft und endlich das Leben!„Ein Jahr in Paris und dann ſterben!“ ſagte Eskopette; wohlan, ich will ſehen, ob Eskopette recht hat! An demſelben Abende ging Gabriel von Floves in Paris zu Bette. Zweiter Abſchnitt. Die Früchte des Baums der Erkenntniß. I. Wer es liest, wird es erfahren. Wann oft im Dezember Regen. Nebel oder Schnee vom grauen Himmel auf das ſchmutzige ſchwarze Pflaſter füllt, wenn dann die Läden geſchloſſen, die Schauſpiele zu Ende, die Kaffees finſter, und die Fußgänger ſelten und eilig ſind, wacht Paris, das niemals einſchläft, um zu ſingen, und zu lachen, zu tanzen und zu ſpielen. Vom Monate Dezember bis zum Monate März hat Paris ſeine Feſtnächte, ſeine Nächte des Wahnſinns und des Selbſtvergeſſens. Es gibt in der ungeheuern Stadt gewiſſe weitläufige und düſtere Viertel, wo die Tänzer und die Tänzerinnen zahlreich ſein würden, wo aber der Tanz niemals hin⸗ kommt, wo man niemals Muſik hört.— Während man in ihren finſtern Straßen nichts hört, als hie und da unheilbringende Rufe oder Jammergeſchrei, während man beim ſchlaffen Lichte der letzten Laternen nichts ſieht als die Silhouette eines verſpäteten Betrun⸗ kenen, oder eines frühzeitigen Arbeiters— denn die La⸗ terne des Lumpenſammlers würde hier keinen Fetzen 151 beleuchten— hört man am andern Ende von Paris, auf der entgegengeſetzten Seite Wagen rollen, Wagentritte klappen, Quadrillen ihre luſtige Töne verbreiten und ſieht man am Fenſter durch die weißen Spitzen oder die rothe Seide der Vorhänge die Tänzer wirbeln. Zwiſchen dieſen beiden Quartieren gibt es noch an⸗ dere Viertel, die auch in den Carnevalswochen ihre großen Feſte haben. Wenn der Samſtag kommt, und die beiden magiſchen Worte: Maskirter Ball! auf den Mauern prangen, haben auch die Mufiker mit dem geringſten Ta⸗ lente zu thun. Lovetten und Lebemänner, Studenten und Bader, Griſetten und Commis, Zigeuner und Zi⸗ geunerinnen von allen Claſſen, von jeder Art tanzen und walzen, polken und redaven vom Waurhall zum Prado, vom Ambigu zur Opera:; und weil am andern Tag Samſtag iſt und Faſtnacht, ſo fängt man am andern Tag wieder an. In dieſen Nächten hat Paris das hitzige Fieber: es ſingt, ſpringt und ſchreit vom Abend bis zum Worgen; um es zu bewachen, bedarf es der Stadtſergen⸗ ten und Municipalgardiſten; beim dampfenden Schimmer der Lampen bewacht man es, bis es Tag iſt. Es geſchieht manchmal, daß am Tage nach einer dieſer ſchwarzen und ſchweigenden Rächte in dieſen Winkeln von Paris, wo der Tanz nicht hinkommt, wo man keine Muſik hört, irgend ein hübſches Kind von vierzehn oder fünfzehn Jahren ausgeht, um die Quadrillen des Carne⸗ vals anzuhören. Joſephine oder Roſalie nannte man ſie hier, bald wird man ſie Türkiß oder Corallenblüthe heißen, Corallenblüthe wird ein Mädchen nach der Mode und Joſephine kehrt nicht mehr dahin zurück, wo ihre Schön⸗ heit erbärmlich eingeſchloſſen war, wenn nicht vielleicht einmal, um eiuem Leichenzuge zu folgen.——— Seit einigen Jahren haben die heißen Fieber des nächtlichen Paris an Intenſität zugenommen; mehr als je haben ſich die Roſalien und Joſephinen in Corallen⸗ 152 blüthen und Türkiße verwandelt, man tanzt auf mehr Bällen, man tanzt länger und man tanzt mit Wuth. Aber immer noch hört man in der Tiefe dieſer weit⸗ läufigen und düſtern Quartiere, wann die Nächte am tollſten ſind, wann die Lichter am meiſten flammen, wann die Inſtrumente am meiſten trillern,— hört man hier nichts, wann nicht hie und da unheilbringende Rufe oder Jammergeſchrei, man ſieht nichts bei dem blaſſen Lichte der Laternen außer die Silhonette eines verſpäteten Be⸗ trunkenen oder eines frühzeitigen Arbeiters. Es gibt wenig, ach nur ſehr wenig Leute, die das betrübt, es gibt welche, denen es Sorgen macht Der Reſt ſagt: was liegt daran! In einer dieſer Dezembernächte war Ball in einem präch⸗ tigen Hotel der Rue d'Anjou, im Faubourg St. Honorés; und weil es die Frau Gräfin von Grandbel war, die dieſen Ball gab, ſo war der ariſtokratiſchte, elengateſte und intelligen⸗ teſte Theil jener kleinen Welt, die man„ganz Paris“ nennt, hier vereinigt. Wenn Sie nun etwa unter den Gäſten im Hotel Grandbel vor Allen Regis Desaubiers zu finden glauben, ſo erlauben Sie mir Ihnen die Täu⸗ ſchung zu nehmen: Regis war zu dieſer erſten Soirée der Frau Louiſe von Grandbel nicht einmal eingeladen. Geſtatten Sie mir an ſeiner Stelle den Herrn Gra⸗ fen Gabriel von Floves vorzuſtellen. Betrachten Sie einmal unſern Gabriel; hätten Sie ihn wiedererkannt? Iſt es noch der nämliche Menſch? hat er nicht ein glück⸗ liches Ausſehen? Scheint er nicht unter dieſen jungen Leuten, die dieſe Säle füllen, der jüngſte zu ſein, der eleganteſte, der ſchönſte und der am meiſten ſtrahlt vor Luſt, Liebe und befriedigtem Stolze? Seit zwei Mona⸗ ten trinkt aber Gabriel das Leben in vollen Zügen, ein ungekanntes, belebtes, heißes und berauſchendes Leben; in zwei Monaten hat er ſchon wieder beinahe die verlo⸗ rene Zeit einzubringen verſtanden: in zwei Monaten hat 153 ſich das ſanfte weiße Lamm, das Sie in Chantilly geſehen in einen Löwen verwandelt. Es iſt einer von denen, die in dieſem Winter glän⸗ zen, einer der letzten Löwen; die Race geht in der der Hirſch⸗Wölfe auf. Ueberall gefeiert ging Gabriel überall hin. Seit zwölf Tagen hat er ſich nicht Einmal vor der Morgenröthe niedergelegt. Vielleicht fürchten Sie, daß ſeine Geſundheit, dieſe zarte Geſundheit, die der Doktor Van⸗Hopden mit ſo vieler Sorgfalt und Zärtlich⸗ keit ungab, ſich verſchlechtere und ſehr raſch durch dieſe Lebensweiſe zu Grunde gehe.. vielleicht zittern Sie ſchon für den armen Bruſtkranken?... Aber theilen Sie Gabriel ſelbſt Ihre Sorge mit, und ich will Ihnen ſagen, was Gabriel erwiedern wird: „Ich bin bruſtkrank!.. ich wäre es ohne Zweifel in meinem traurigen Leben von Chantilly geworden. aber niemals war ich ſo wohl, als ſeitdem ich die Ge⸗ ſellſchaft beſuche und mich unterhalte: ich habe ſtählerne Muskeln, eine eherne Bruſt und vollkommene Lungen. Die Wiſſenſchaft hat ſich bezüglich meiner getäuſcht durch einen der Wiſſenſchaft eigenen Grund: ſie wußte nichts: und weil mir meine Lebensweiſe gut anſchlägt, ſo bleibe ich dabei.“ Ach! meine Herren und Damen, die Sie für Herrn von Floves zittern, was haben Sie hierauf zu erwie⸗ dern? Er hat ſeine vorgeſtrige Racht zwiſchen der ruſſi⸗ ſchen Geſandtſchaft, wo ihn Herr von Grandbel ein⸗ führte, und dem Raout des Lord Woodsmouth getheilt. Nach einem Junggeſellenfrühſtück, nach einer Fahrt ins Gehölze mit Aufenthalt am Schießplatze und nach einer Stunde bei Griſier wohnte er einem förmlichen Diner bei Herrn O'Null bei, hörte eine Caratine von der Per⸗ ſiani, und dann durch ein Bacarratſpiel bei Jules Bre⸗ vanne gefeſſelt, blieb er dort bis 6 Uhr in der Früh. Heute Freitag, war er beim Marquis von Oswed zu Tiſche, der für dieſen als Sarg diente, um ſein Jungge⸗ 154 ſellenleben darin zu Grabe zu tragen. Dieſen Abend war er ſoeben in der Oper; jetzt iſt er hier bei der Grä⸗ fin von Grandbel, wo er ohne Zweifel aus diplomatiſchen Herzensgründen die Racht bleiben wird.— Morgen, ja meiner Treu, ich weiß zwar, daß Gabriel verſprochen hat, morgen Pferde bei Cremieux zu probiren, aber das iſt auch Alles, was er weiter thun wird weiß man noch nicht; er hat es Niemand geſagt, nicht einmal uns!— Jedenfalls darf man ſicher ſein, daß morgen wie heute die Göttin Luſt das tägliche Lied, die tägliche Gabe und vielleicht das geheime Opfer haben werde. II. Die Liebesjagd. Zwei Stunden nach Mitternacht klingelte es bei Frau von Grandbel auf allen Wanduhren. Gabriel hatte eben einen Contretanz getanzt, und ſeine Tänzerin auf ihren Platz zurückbegleitet, als er ſeine Schulter leiſe berührt fühlte. „Sieh da,“ ſagte er ſich umwendend,„Ferreol⸗Bo⸗ dimont.“ „Ja, mein Gott, ja; vom Kopf bis zu den Füßen, mein lieber Gabriell Ich bin vielmehr ich als Du Du biſt!— Welche Verwandlung! iſt es wirklich der melan⸗ choliſche Einſiedler von Chantilly, den ich hier wieder finde?— Teufel, für einen Menſchen, der ſo rund ab⸗ ſchlug, nach Paris zu kommen, haſt Du es hier weit ge⸗ 15⁵ bracht, in unſerem Babylon.— Du kennſt alſo die Grandbel?“ „Wenigſtens ſo gut, um auf ihre Bälle zu kommen, da Du mich hier ſiehſt. Und Du?“ „Ich bin des Grafen Wechſelagent... Apropos, Du mußt auch mein Client werden!“ „Ach, ich werde ohne Zweifel nicht ſo lange in Pa⸗ ris bleiben, um Deiner Dienſte zu bedürfen.“ „Bah!— Was treibſt Du in Paris?“ „Offen?“ „B „In zwei Worten?“ „Nenne ſie.“ „Ich gehe, mein lieber Ferreol, ich gehe auf die Liebesjagd.“ „Sieh an, Du alſo auch, Du unſchuldiger Jüng⸗ ling! Mohlan, mein Freund, gehe auf die Liebesjagd im Bonlogner Gehölze, und Du haſt noch mehr Chancen. Auf Wort, dieſe Kinder wollen das Unglaubliche!.. Liebe! ſie wollen Liebe finden!... nichts weiter! Sie ſind recht jung, dieſe jungen Leute! Ein wahres Glück, daß ihre Krankheit nicht lange dauert. In Wahrheit, das amüſirt mich heute Abend.. Lebe! und was da⸗ mit anfangen, wenn ich fragen darf? Du biſt demnach ſehr reich, daß Du an Liebe denkeſt!— Und willſt in Paris Jagd auf ſie machen! Du biſt ein wahres Muſter von Unſchuld, mein Freund! Gehe nach Deutſchland, nach Schweden, nach Norwegen oder in dentiefſten Nor⸗ den, oder nach Nubien, nach Abyſſinien, nach Zanguebar in den tieſſten Süden, geh zu den Wilden in America oder in Reuholland, wenn Du wirklich die Liebe erjagen Li„aber vergende nicht in Paris Dein Pulver und „Biſt Du fertig, Ferreol?“ „Ja, ich bin fertig: aber ich fange wieder von vorn an, wenn Du auf Deinem extravaganten Unternehmen 156 beharrſt. Laß ſehen, haſt Du etwas geſchoſſen, Gabriel? Oeffne mir ein wenig Deine Jagdtaſche!“ „Ach, Ferreol, es iſt kaum ein Monat her, daß ich das hinreißendſte Täubchen— Du verſtehſt, den Vogel der Venus— getroffen zu haben und in meiner Jagd⸗ taſche, wie Du es nennſt, zu bewahren glaubte!“ „Ja und Deine Taube?“ „Es ſcheint, daß ſie nur verwundet war,— denn eines Morgens flog ſie davon.“ „Das iſt immer ſo, mein Freund,.. aber Du wur⸗ deſt ſelbſt verwundet, wenn ich daran glauben kann, denn Du biſt ganz wehmüthig geworden.. Geh, ſetzen wir uns, und erzähle mir Dein Abenteuer, das wird Dir, glaube ich, gut thun.“ Die beiden Colleggenoſſen ließen ſich im Hintergrunde eines kleinen Bondoirs wo man fpielte, nieder, und Gabriel erzählte beiläufig Folgendes: Ich bin ſeit zwei Monaten in Paris; ich bin ei⸗ nen Tag nach Deinem Beſuche in Chantilly, wo Du, wie ich nicht leugnen kann, meine Ideen, meine Gedan⸗ ken und mein ganzes Leben umgewandelt haſt, hierher gekommen.— Ich mache Dir keinen Vorwurf, Ferreol! Seit acht Tagen bewunderte ich Paris, als ich eines Abends in einem Boulevard-Theater Paul Brevanne, einen dramatiſchen Schriftſteller, antraf, für den mein Vormund einſt geſorgt hatte und der einmal nach Chan⸗ tilly kam, um ſich zu bedanken. Ich applaudirte dem Dra⸗ ma von ganzem Herzen, als mich Paul bemerkte. Wir erneuerten unſere Bekanntſchaft. Er ſagte mir, daß am Tage darauf in einem andern Theater die erſte Vorſtel⸗ lung eines andern Dramas von ihm ſtatthaben würde, und lud mich ein, derſelben beizuwohnen. Wir hoffen einen guten Erfolg,“ ſagte er zu mir;„jedenfalls anßer in dem eines ſchmählichen Durchfalls, ſonpiren wir nach dem Schauſpiele; ich lade Sie ein, kommen Sie, Sie werden dort die Theaterwelt kennen lernen, eine einzige 157 Welt, wie Sie ſehen werden.“ Ich nahm an. Da der Erfolg ſehr groß war, war das Sonper ſehr heiter. Brevanne nannte mir den Namen der Schauſpieler und Schauſpielerinnen und ſeine Freunde; als er mich einem dem Anſcheine nach von Allen geachteten Manne vor⸗ ſtellte, von dem er mir ſagte, daß er mit einer der Künſt⸗ lerinnen ſehr liirt ſei und zu den meiſt betheiligten ge⸗ heimen Aktionären des Theaters gehöre, ſprach er einen Namen aus, der mich betroffen machte. Dieſer Mann war der Gatte einer Frau, die ich zwar an jenem Abende noch nicht kannte, während jedoch die Erinnerung an ſie, ich geſtehe es, meiner Abreiſe von Chantilly nicht ganz fremd war. Dieſer Mann, deſſen Gattin ich wie geſagt, ohne ſie zu kennen, beinahe liebte, dieſer Mann ſaß mir gegenüber, und.. Ich will ſchweigen, Ferreol.“ In dieſem Momente ging der Graf von Grandbel an den beiden Kameraden vorüber, Ferreol fing an zu lachen. „Ich will nicht weiter darnach fragen,“ ſagte er, „mein glücklicher Gabriel, und ich bitte Dich, meine herz⸗ lichſten Glückwünſche anzunehmen... Geſtatte mir nur, daß ich den armen Regis beklage„ „Einen Augenblick noch,“ erwiederte der Erzähler; „ich bedaure jetzt, daß ich angefangen habe, aber ich halte mich für verpflichtet zu vollenden, um Dir zu be⸗ weiſen, daß Du Dich in den Vermuthungen, die Du in dieſem Augenblicke hegeſt, täuſcheſt.“ „Am Ende des Soupers war ich mit dem Grafen liirt.. Ach! wenn ich denke, daß dies der Mann war, den mir Regis Uebertreibung als von Marmor und Erz geſchildert! Kurz, zwei Tage darauf wurde ich der Grä⸗ fin vorgeſtellt. Anfänglich fand ich ſie nicht ganz ſo hübſch, als ich ſie mir vorgeſtellt, aber ſie war es immer noch mehr, als ſie es hätte ſein dürfen um in mir die Frenden, die Qualen und die Wünſche der erſten Liebe zu erwecken: und dann war ſie vermählt, und liebte ei⸗ 158 nen meiner Gefährten und bot mir alſo die zweifach un⸗ widerſtehliche Verlockung nach der verbotenen Frucht. Beim dritten Beſuche fand ich die Gräfin allein: um ſo toller ſchon verliebt, als ich ſtark mit der Einbildungskraft liebte, wagte ich es, Alles zu wagen. Ich zeigte ihr ein Taſchentuch, das in meinen Händen zurückgeblieben war, — es würde zu weit führen, wollte ich Dir ſagen wie? — in ziemlich hübſcher Sprache ſchwor ich ihr, daß ich eine ſolche Reliquie nicht in falſche Hände hätte kommen laſſen; ich fügte hinzu, daß mich nichts hindern ſolle, es zu behalten, aber daß dieſer einem Andern zugedachte Liebeslohn mir in den Händen glühe, ſeitdem ich die Frau kennen lernte, deren ſchöne Hände es zerkrümpelt hätten... Kurz, ich ſagte es beſſer als dies Alles, ich ſagte die Wahrheit: ich erzählte von meinen Phantaſien, die im Parfum ihres Taſchentuches entſtanden und ihrem Schloſſe zugeflogen ſeinen, und von meiner Sehnſucht nach Paris, wo ich ſie wiederzufinden hoffte... ich hatte die ganze Beredtſamkeit eines Knaben, der aus dem Colleg! — kommt; ich hatte auch ſeine Aufrichtigkeit und ſeine naive Gewalt. Kurz, ich warf das zerknitterte Taſchentuch zu ihren Füßen, bemächtigte mich eines andern Taſchentuchs, das ſie in den Händen hatte, und entfernte mich, ohne zu warten, daß ſie zur Erwiederung Zeit hatte. Das war meine erſte Liebeserklärung. „Acht Tage ſpäter Ach, ich vergaß Dir zu ſagen, daß Regis in dieſem Momente eine kleine Reiſe machte. Acht Tage ſpäter trafen Luiſe und ich im Gehölze von Boulogne zuſammen bei ſchönem, trocknen Wetter, beim erſten Schnee dieſes Winters. Auf meinen Arm ge⸗ ſtützt, ſagte die Gräfin ſanft zu mir: „Mein Freund, Sie ſind mir ſicherlich zu zartem Dank verpflichtet für die Nachſicht, mit der ich das Ge⸗ ſtändniß Ihrer Liebe angehört. Aber wenn ich es nicht zurückwies, ſo habe ich es noch weniger angenommen. ⸗ Hören Sie mich an, Sie begreifen, daß eine Frau durch 159 die Macht der Ereigniſſe vielleicht dahin gebracht werden kann, einen Fehler zu begehen, das Verbrechen, ihren Mann zu täuſchen.. ſie wird ihr ganzes Leben dar⸗ unter leiden, ihr Gewiſſen wird ſie noch härter ſtrafen als die Welt, wenn die Welt ihr Geheimniß durchdringt: aber in der Liebe, in der uuwiderſtehlichen Liebe, die ihren Fall verurſachte, liegt ihre ganze Entſchuldigung, wenn ſie eine hat. So lange dieſe Liebe dauert, iſt ſie demnach nicht ganz verloren: ſie erhält ſie, ſie erhebt ſie wieder im Innerſten; kurz, ihr Verbrechen tröſtet ſie für ihr Verbrechen. Wenn ſie jedoch jetzt durch das anklagens⸗ wertheſte Ereigniß noch einmal zu lieben beginnt, ſo muß ſie es in ihrem eignen Innern verbergen; dieſes neue Verbrechen, das viel größer als das erſte iſt, muß in der Tiefe ihres Herzens im Keime erſticken. Den Mann, von dem man den Namen hat, lächerlich und unglücklich zu machen, iſt infam; aber auch den Mann, von dem man die Liebe erhieit, unglücklich und lächerlich zu machen, iſt haſſenswerth: das verdirbt die Frau für immer. Sie, zu dem ich ſo ſpreche, Gabriel, weil Sie mir kein ge⸗ wöhnlicher Menſch zu ſein ſcheinen, Sie werden mich nicht verderben wollen, nicht wahr? Wohlan, laſſen Sie ſich nicht von mir lieben! Helfen Sie mir, mich auf dem Abhange der Gewiſſensbiſſe aufzuhalten! Auch Sie wa⸗ ren ſchuldig, auch Sie! ein ſtarker Mann hätte ſeinen Geiſt niemals mit Liebesfragen erfüllt, oder er hätte die Geliebte ſeines Freundes niemals ſehen wollen. Regis war Ihr Freund, Sie waren wenigſtens ſein Vertrauter; Ich bin offen gegen Sie, und ich fürchte, zu offen! Ich glaubte Regis zu lieben und.. habe mich viel⸗ leicht getäuſcht. Vielleicht lag in den Schätzen der jungen Leidenſchaft Ihres Herzeus ein großes Glück für mich verborgen; aber ich darf, ich kann nicht mehr lieben, ohne der Schande zu verfallen; erſparen Sie es uns doch allen beiden! Nach dem, was ich Ihnen ſagte, kann ich Regis nicht mehr wiederſehen, ich werde ihn 5 5 160 nie wiederſehen! ich ſchwöre, zwiſchen ihm und mir iſt Alles zu Ende. Ich werde Ihnen eine Freundin, eine Schweſter ſein; Sie werden nicht verſuchen, mich allein zu treffen, und in der Ferne werden Sie die Frau mehr lieben, begreifen und achten, die, indem ſie Sie zum letz⸗ tenmale Gabriel nennt, mit Schmerz, aber unwiderruflich, auf das Glück der letzten und vielleicht einzig wahren Liebe verzichtet.“ Dieſe auf eine ſich entflammende Liebe fallenden Worte waren Oel auf Feuer. Ich ging durchaus nicht in mich und überhäufte die Gräfin mit Bitten und Pro⸗ teſtationen. Sie blieb unerſchütterlich und warf mir, indem ſie in ihren Wagen ſtieg, das bewundernswertheſte und anſpornendſte„Nie“ zu, das jemals aus einem Frauenmunde kam. Als ihr Wagen wegfuhr und ich nach dem meinigen ſuchte, bemerkte ich im Umwenden, wen glauben Sie? Regis. Er war an dieſem Tage nach Paris zurückgekommen, man hatte ihm im Hotel Grandbel geſagt, daß Madame im Gehölze ſei; er war herausgeeilt, und war mit dem wunderbaren Inſtincte, der ſchneller zum Halsbrechen führt als unter Roſen, gerade recht gekommen, um hinter einem Haufen von Dornſträuchen den ganzen delicaten Theil der Unter⸗ redung anzuhören.— „Morgen früh,“ ſagte Regis,„werden Sie meine Zeugen beſuchen und Sie werden denſelben die Ihrigen nennen. Die Urſache wird ein Streit wegen unſerer Pferde ſein, es ſind Beleidigungen zwiſchen uns erfolgt.“ — Andern Tags wartete ich mit Brevanne und einem ihm befreundeten Offiziere, als Regis ſelbſt kam; und mir ſagte er, daß er ſich eben mit Herrn von Grandbel geſchlagen habe, der ihn am vergangenen Abend bei ſeiner Frau überraſchte, als ihr eben Regis thörichter Weiſe eine Scene von Vorwürfen machen wollte.— Herr Grandbel iſt leicht verwundet, fuhr er fort; was uns betrifft, mein Freund, wir werden uns nicht ſchla⸗ 161 gen. Denke Dir, daß ich dieſe Nacht, wo ich mich beim Landsknechten zerſtrenen wollte, mich leidenſchaftlich, ſehr leidenſchaftlich in ein kleines Wunder von Schönheit verliebt habe. Sie heißt Türkiß. Ich liebe die Gräfin durchaus nicht mehr, und finde nun, nachdem ich mich dieſen Morgen für ſie habe ſchlagen wollen, weil Alles dazu hergerichtet war, daß es lächerlich wäre, mich noch um ihretwillen zu ſchlagen. Ich gehe, Türkiß er⸗ wartet mich zu Hauſe, auf Wiederſehen! So verließ mich Regis, ich habe ihn ſeitdem nicht wieder geſehen. „Geſtehe ein, lieber Gabriel,“ unterbrach ihn Bodimont,„daß die Gräfin wie eine Heldin der George Sand nach der Natur zu Dir geſprochen hat, und daß ſie, ohne Scherz, Dir eine wahrhaft erhabene Frau enthüllt.“ „Nun iſt es an Dir, Ferreol, jünger zu ſein als ich. Was ich Dir erzählte, trng ſich ſchon vor einem Monate zu; nun vor vierzehn Tagen komme ich hieher. Man ſagte mir, daß die Gräfin in dieſem Bondoir ſei, wo wir uns jetzt befinden. Ich komme hieher. Im Angenblicke, wo ich die Thüre öffnen will, höre ich, Dank dem Teppich, der meine Schritte nicht hören ließ, das Geränſch eines Kuſſes, und dann dieſes Wort: Schweige! Ich warte eine Minute, ich huſte und trete ein. Die Gräfin unterhielt ſich mit ihrem Vetter, dem Fregatten⸗ Capitän, und ihrem kleinen Papagei, Myrta.“ „Sie ſind ein Verläumder, Herr von Floves. Die Gräfin küßte Myrta und das„Schweige“ beweiſt nichts“ „Zugeſtanden; aber wenn die Heldinnen der George Sand und der erhabenen Frauen auch Papageien ha⸗ ben können, ſo erröthen ſie nicht, wenn ſie dieſelben in Gegenwart eines Vetters geküßt haben. Ach, mein Gott, all das iſt die Welt, mein lieber Ferreol, es iſt das Leben, es iſt die menſchliche Schwäche. Das gilt von Regis, von der Gräfin und von allen Denen, die Plouvier Erzählungen für Regentage. 11 162 im guten Glauben geſchworen, daß ſie ſich ewig lieben werden.“ „Und Du ſagſt, Gabriel, daß Du erſt zwei Mo⸗ nate in Paris biſt! Teufel! welche Menſchenkenntniß! Dann verzichteſt Du wohl auf Deine Jagd? Du wirſt nicht mehr lieben?“ „Ich, Ferreol, ich nicht mehr lieben! Ach, ich weiß nicht, db dies lange dauern wird, aber in dieſem Augen⸗ blicke liebe ich nicht, ich bete an!“ Nachdem Gabriel dies geſagt, und ſich erhoben hatte, ſtürzte er aus dem Boudvir.„Der Jäger hat eine Spur gefunden,“ ſagte lächelnd der Wechſelagent. III. Pilder. Vas Leben bei Fackelbeleuchtung. Bleine Porrede zu einem großen Frandal. „Es iſt auf dem Schloſſe von Negent⸗les⸗Vierges,“ hatte Regis geſagt,„auch eine Couſine der Frau von Grandbel, eine anbetungswürdige junge Wittwe, der Du den Hof machen kannſt, wenn Du es nicht vorziehſt, zu warten, bis ſie Marquiſe von Oswed ſein wird, denn ſie ſoll ſich wieder verheirathen“... In der That in acht Tagen vom Tage an gerechnet, das heißt von der Nacht an, wo wir Herrn von Floves auf dem Balle der Gräfin wiedergefunden, wird Bertha von Villegarde Marquiſe von Oswed werden. Drei Uhr iſt vorüber, Herr von Oswed iſt ſchon lange da. Gabriel, der Frau 163 von Villegarde nur kommen und in den Salon eintreten ſah, der an das Bondvir ſtößt, wo er mit Ferreol mit ſolcher Discretion geplandert, verließ ſeinen Freund barſch. Der Engel, denn Engel wird man ſie immer ven⸗ nen, den Herr von Floves anbetet, das iſt die zukünftige Marquiſe von Oswed. Nun folgendes iſt der Gegen⸗ ſtand der Anbetung: eine Cokette, eine Frau toll von Lob, Glanz und Geräuſch; ein Geſchöpf begleitet durch den Haß, den Neid und die Eiferſucht, die ihre Schön⸗ heit, ihre Anmuth und ihre Eleganz bei ihrem Vorüber⸗ gehen erregen, mit mehr Geiſt als Seele, und mehr Impertinenz als Geiſt. Fähig, wahre Gefühle mit wah⸗ ren Gefühlen zu erwiedern, wenn die ſie beherrſchende Eitelkeit ihre Rechnung dabei fand, war ſie auch der Thorheiten fähig, die man für leidenſchaftliche Streiche anſieht, wenn dieſe Thorheiten den Erfolg des allgemei⸗ nen Erſtaunens oder den Ruf einer außerordentlichen Frau in Ausſicht ſtellten. Mit einem glühenden Kopfe und einem kalten Herzen begabt, lau nur durch Zufall, hätte Frau von Villegarde, wenn ihr emflammter Kopf ihr Herz nach ſich zog, durch Nichts in einer Ausſchwei⸗ fung ſich aufhalten laſſen; obwohl nun der glühende Heerd⸗ der in uns Alles beleben muß, in ihr an ſo falſcher Stelle war, ſo würde ſie doch zu denſelben Reſultaten kommen, wie ein ächtes Weib, die ſich durch eine Leiden⸗ ſchaft des Herzens fortreißen laſſen würde; aber wäh⸗ rend bei dieſer das ganze Weſen verwandelt, und durch einen Zauberanfall beſtimmt und beherrſcht wurde, würde bei Bertha die Geneſung raſch eintreten und man würde ſie einen Tag darauf ruhig bis zur Kälte und gleich⸗ giltig bis zur Grauſamkeit wiederſehen. Gabriel beſaß jene magnetiſche Schönheit, die im Innern deſſen, der ſie hat, Schätze jugendlicher Anmuth, Poefien von Liebe und ſtarke Neigungen enthüllt. Ein jungfräuliches, glänzendes Schwert, deßen durchſichtige Scheide die Klinge ſehen ließ. Schon bei dem Feſte 164 wo er Herrn von Grandbel kennen lernte, fetirt, wurde der junge reizende de Floves es noch mehr und auf zar⸗ tere Weiſe in den Salons der Gräfin. Während die jungen Leute, die ſich dort trafen, ihn wenig beachteten, — denn er dünkte ihnen nicht genug abſprechend, nicht genng ſelbſtbuhlend, vielleicht nicht fade genug,— folg⸗ ten ihm wohlgefällig die Augen der Frauen und hörten ihn mit lächelnder Zuvorkommenheit an. Gabriel fühlte es, und fühlte ſich manchmal dadurch verwirrt, aber er gewann ſtündlich an Sicherheit, und verlor dabei nichts von ſeiner verführeriſchen Friſche. Er hatte Louiſens Eintagsliebe mit Regis bedentend bloßgeſtellt, er hatte den Geiſt der Frau von Villegarde in Feuer und Flamme verſetzt, er hatte ſelbſt in jedem Winkel ihres Herzens Alles untereinander gebracht und endlich ihre Coquetterie ſo vollſtändig zum Schweigen gebracht, daß Bertha eines Abends und zwar gerade an demſelben Abende, wo die Gräfin im Geplander mit ihrem Vetter den Papagei geküßt hatte, Gabriel auf die ungeſchickteſte Weiſe von der Welt merken ließ, daß ſie ihm zu Gebote ſtehe. „Aber der Marquis von Oswed?— Ach ja, der Marquis von Oswed. Das iſt ein vortrefflicher Diplo⸗ mat in jeder Hinſicht, vierzig Jahre alt, mit faſt allen Orden Europa's geziert, mit einer Rente von hundert⸗ tauſend Livres und mit der ganzen Liebe, die ein Di⸗ plomat haben kann, in Bertha verliebt, ein Mann von Takt, von Geſchmack und Geiſt, kurz der angemeſſenſte Gatte, den ſich ein ehrgeiziges Mädchen oder eine ver⸗ nünftige Frau nur wünſchen kann!— Nun wohl.. er heirathet Frau von Villegarde nächſten Freitag; es iſt das geordnet, unterzeichnet, verkündigt und bekannt. Man gratulirt ihm überall als dem glücklichſten der Männer, und er läßt es ſich gefallen, denn er iſt ſelbſt davon überzeugt. Wenn in der Liebe die Frau durch Zufall, durch Gewandtheit yder durch Offenheit zuerſt ihr Herz eröff⸗ 165⁵ net, gehen die Sachen ſchnell vorwärts. Die Liebe iſt ein ſehr kurzes Buch, deſſen längſter, oft hübſcheſter Ab⸗ ſchnitt die Vorrede iſt: wenn die Verliebten dieſe über⸗ ſpringen oder zerreißen, Dank irgend einem weiblichen beſchleunigten Geſtändniſſe, iſt man bald am Ende des Bandes. Bertha und Gabriel hatten ſich demnach ſehr raſch verſtanden und begriffen. Balzac ſchrieb irgendwo dieſes Wort(in welchem er nicht immer Recht hat)„die Liebe iſt der Lohn für das Vergnügen“. Und Gabriel hatte ein ſo lebhaftes und ſo ſtolzes Vergnügen empfun- den, als er ſich von Frau von Villegarde geliebt ſah, daß er ohne Zeitverluſt aus Dankbarkeit ſich darauf ver⸗ legte, ſie anzubeten. Man wird ohne Zweifel laut auf⸗ ſchreien, wenn man erfährt, bis zu welchem Grade der Leidenſchaft Gabriel und Bertha gekommen ſind, und wird den Beweis für unmöglich erklären, und nichts deſto weniger bleibt es doch wahr, daß Herr von Floves mor⸗ gen Samſtag um 11 Uhr Abends Frau von Villegarde entführen wird. Morgen werden dieſe Turteltäubchen mit einander ihre Flügel entfalten und weit von Paris wegfliegen; morgen werden ſie ſich entfernen, um ihr Glück in einer Fiſcherhütte zu verbergen, an einem Ufer der Bucht von Andiern, am Geſtade dieſes Oceans, der „unendlich iſt wie ihre Liebe!“ Wie? Gabriel will ſchon morgen Paris verlaſſen? Iſt das möglich? — Ach, für Bertha, für ſeine Bertha würde Gabriel die Erde und das Leben verlaſſen, ſicher, den Himmel da zu finden, wo ſie ſein würde. Aber die Geſellſchaft, die Welt der Frau von Villegarde, was wird ſie dazu ſagen?— Alles, was ſie will. Zudem wird ſie genöthigt ſein, die ächte Liebe und Leidenſchaft in der erhabenen Lhorheit einer Frau anzuerkennen und zu bewundern, welche die Männer, die unwürdig waren, ihr zu gefallen, und die auf ſie eiferſüchtigen Frauen ſo oft beſchuldigt haben, daß ſie nicht lieben könne. Aber, Madame, den⸗ ken Sie daran, die Geſellſchaft hat ihre gerechten An⸗ 166 forderungen, die Bürgſchaft für ihre Eriſtenz wie für ihre Sittlichkeit ſind: Sie werden doch wenigſtens Herrn von Floves heirathen“— Ach! ich weiß nicht,— er thut Alles, was ich will, der arme Junge— hat er nicht ſogar die Delicateſſe gehabt, indem er mir ſeine Liebe geſtand, mir auch zu geſtehen, daß er bruſtleidend iſt, daß er bald ſterben müſſe?— Wohlan, ich will ihm die Welt zum Opfer bringen und ihm in ſeinen letzten Jahren ſo viel Glück darbieten, als ihm Gott für ein langes Leben ſchuldig war!—— Doch, Madame, man muß auch einmal nach Paris zurückkommen: wie werden Sie das anfangen?— Oh⸗ darüber ſoll ſich Niemand beunruhigen!—— ich werde mir einen triumphirenden Einzug zu bereiten wiſſen, mitten im Winter, und in die ſprödeſten Salons. Die Frauen werden mich„meine Theure“ nennen und mich um einen Triumph mehr be⸗ neiden; und die Männer werden ſich glücklich ſchätzen, die Spitzen meiner Handſchuhe zu küſſen. Aber da gibt es endlich noch einen Marquis von Oswed, der in dieſer Stunde vielleicht das Recht hat, in ihren Entſchlüſſen in Anſchlag gebracht zu werden, und der ſich auch immer für den Glücklichſten unter den Männern hält?— Nun, er ſoll es noch ferner glauben; es iſt ein eminenter Diplomat, er muß zn ſchweigen. und zu warten verſtehen. Im jetzigen Angenblicke tanzt Gabriel mit Bertha ſie haben Madame Grandbel und den Fregatten⸗Capitän zum vis-àvis. Herr von Oswed ſpielt im Bondoir und hat Herrn Bodimont gegenüber; er ſpielt ruhig wie der glücklichſte unter den Männern, der er iſt, und Herr von Grandbel, der eben ſeinen Ausſatz verlor, unterhält ſich damit, den Papagei Myrta zu liebkoſen,— ein liebes, kleines Geſchopf, welches die ſo ſelten bei ſeiner Gat⸗ tung gefundene Tngend beſitzt:„Die Verſchwiegenheit.“— Nach der Quadrille ſetzen ſich Bertha und Louiſe zuſammen auf eine Cauſeuſe, und Gabriel geht mit dem 167 Marine⸗Offizier Chriſtian von Velp mit verſchlungenen Armen auf und ab, trotz welchem er ſeine Beſuche bei der Gräfin fortſetzte, welcher er den Conſin in Rückſicht auf die Couſine verzieh. Unter dieſen letztgenannten Per⸗ ſonen wurde nichts von Bedeutung geſprochen, hören wir auf die andern: „Ich glaubte, liebe Schöne,“ ſagte die Gräfin, „daß Du heute bei uns in einer blendenderen Toilette als jemals erſcheinen würdeſt, als ein wahres Gedicht von verführeriſcher Eleganz, von Dir ſelbſt componirt— — Aber ich ſehe, daß Du meinen Salon einer ſolchen Ehre nicht würdig erachteſt und daß Du ſie Dir aufbe⸗ wahrt haſt für die anßerordentliche Soiree, die Lady Normanby morgen gibt.“ „Ich gratulire Dir zuerſt, liebe Freundin, zu dem Geiſte, mit dem Du meine heutige Toilette kritiſirſt,“ erwiederte Frau von Villegarde,——— dann bin ich ſo frei, Dir zu ſagen, daß ich bis ein Uhr auf meine Näherin, Madame Boiſieux, gewartet habe.—— Mein Kleid kam an, als ich in den Wagen ſtieg; ich habe es Dir zum Opfer gebracht, und wenn ich ſo ſpät auf Dei⸗ nen Ball kam, ſo weißt Du nun auch, weßhalb.“ „Ach, arme Bertha, das habe ich mir doch wirklich gedacht: es iſt noch nicht da, dieſes Kleid, von indiſchem Monſſelin bedeckt.. „Mit engliſchen Stickereien, ja mit drei Smaragd⸗ Sträußen. Ach, meine Theure, das wird—— das wäre entzückend geweſen!. auch meine Krone würve aus Smaragden beſtanden haben, mit einem einzigen großen Diamanten.“ „Man wird Sie morgen bei Lady Normanby ſehen?“ fragte der Fregatten⸗Capitän Herrn von Floves, im Augenblicke, wo ſie an der Thüre des Bondvirs vorüber⸗ gingen, wo man ſpielt. Ich weiß nicht, ich glaube nicht ich weiß nicht, ob ich kann,“ antwortete Gabriel, und fuhr leiſe 168 für ſich fort:„Ach, morgen, um die Stunde, wo alle Welt ſich Geſichter ſchneidet, werde ich bei ihr, noch bei ihr ſein, mit ihr fortgegangen in die Mitte der Wüſte auf eine Oaſe.“ „Chriſtian,“ rief Herr von Grandbel,„kommen Sie doch zu einer Partie,„ſetzen Sie ſich mir gegenüber.“ Die Couſins find immer höchſt gefällig für die Gat⸗ ten ihrer Couſinen. Chriſtian verließ Gabriels Arm, und dieſer lehnte ſich auf den Rücken der Canſenſe, wo die Gräfin Frau von Villegarde eben allein gelaſſen hatte. „Morgen, um eilf Uhr bei Ihnen, nicht wahr?“ ſagte er. „Wie bei mir! ſo offen?...“ „Aber Sie haben ja es ſelbſt ſo beſtimmt.— Eine Reiſe⸗Berline ſoll uns am Gartenthore erwarten. Nicht wahr, ſo bleibt es ausgemacht?“ „Ja, Gabriel, ja!“ „Bertha, lieben Sie mich?“ „Vielleicht; ſtehen Sie auf, da kommt Loniſe.“ Im Weggehen begegnet Gabriel Ferreol, der aus dem Bondoir kömmt und zu ihm ſagt: „Du weißt, daß morgen der erſte Opernball iſt.. Komme hin, wir werden alle mehr oder minder maskirt ſein; die Hautois wird mit Burſchen von empörender Luſtigkeit hinkommen; komm, wir amüſiren uns bis aufs Knochenmark und treffen für das Sonper eine verſtändige Wahl. Biſt Du damit einverſtanden?“ „Nein, nicht ganz; ich glaube nicht——— ich bin nicht gewiß.“ „Ach, ich verſtehe, Du willſt Dich auch bei Lady Normanby langweilen!“ „Nein, ich gehe nicht hin; nein!“ „Wo gehſt Du ſonſt hin?“ „Wohin ich gehe,“ ſagte Gabriel im Weggehen, in⸗ dem er aus der Ferne erkannte, daß Bertha ihn anſah und ihm auf der Spitze ihres Fächers einen für Jeder⸗ 169 mann unſichtbaren Kuß zuſendete.—„Ich gehe auf die Glücksjagd!“ „Welch ein Jäger!“ ſagte Bodimont für ſich. IV. Wir es für einen Verg immer noch Zeit iſt ein Wäuslein zu gebären. Beim Erwachen fand unſer Held einen Brief ſeines Vormundes zu Hauſe vor; es war dies der vierte, den der gute Doctor ſeit ſeinem Aufenthalte in Amſterdam an den Undankbaren ſchrieb. Dieſes Mal beklagte er ſich bitter über das hartnäckige Stillſchweigen und beun⸗ ruhigte ſich immer noch zärtlich um ſeine Geſundheit. Er benachrichtigte ihn, daß er ſeine liebe Schweſter ſchwer krank angetroffen habe, daß er ſie keinen Augen⸗ blick verlaſſen dürfe, und deßhalb den Zeitpunkt ſeiner Abreiſe nach Chantilly noch nicht angeben könne. Gabriel hatte den traurigen Muth, an Herrn Van⸗ Hopden einen langen Brief zu ſchreiben, den er von Chan⸗ tilly datirte, und mit Lügen aller Art füllte, worin aber das Wort„Paris“ nicht vorkam. „Dieſen Abend,“ ſagte er zum alten Magloire, deſ⸗ ſen Haare ſich beim Anblicke der Lebensweiſe ſeines jun⸗ gen Herrn zuſehends bleichten,„dieſen Abend werde ich eine kleine Reiſe machen; Du wirſt Dich nach Chantilly begeben und dort dieſen Brief auf die Poſt geben.“ „Herr Gabriel, wenn Sie mir einige kurze Bemer⸗ kungen erlauben wollten—“ 170 „Ich erlaube nichts dergleichen—. Befolge meine Befehle pünktlich und hüte Dich wohl, Dich über irgend Etwas auszulaſſen, was es auch ſei.“ Der Tag wurde Herrn von Floves lang. Mit bleiernen Füßen zogen ſich die Stunden an den oft be⸗ fragten Zifferblättern hin. Endlich um zehn Uhr kamen die Poſtpferde in den Hof des kleinen Hotels, das Gabriel in der rue d'Astory gemiethet, und eine halbe Stunde ſpäter trat Van⸗Hopdens Mündel, der die Berline auf den Boulevards des Invalides an jenen Punkt ge⸗ ſchickt hatte, wo der Garten der Wohnung der Frau von Villegarde endigte, zitternden Herzens zu ſeiner Vielgeliebten durch die rue de Varennes ein. Als Fran von Villegarde Gabriel ſah, entließ ſie ihre beiden Kammerfrauen, die, wie es ſchien, mit Ihrer Balltoilette beſchäftigt waren, und beeilte ſich das Wort zu nehmen. „Mein Freund,“ ſagte ſie,„ich erwartete Sie mit Ungeduld. Sie müſſen mir verzeihen und mit ihrer ſüßen angebeteten Stimme„„Ja““ ſagen, wenn ich Sie bitte, unſere Abreiſe bis morgen zu verſchieben.“ „Bis morgen! Bertha! bis morgen!— Und warum? Schon vor acht Tagen haben wir den Entſchluß gefußt, der uns ſo glücklich machen ſoll und den Sie nun zögern zu erfüllen: wenn Sie mich lieben, wozu dann noch dieſer Auſſchub?“ „Eine Frauenidee.“ „Aber noch einmal—“. „Wohlan, mein Herr, weil ich es Ihnen geſteben muß—— ich wünſche auf den Ball der Frau von Normanby zu gehen. Sehen Sie dieſes Kleid da, es iſt ein Meiſterwerk, ein Meiſterwerk, gemacht, um geſehen⸗ bewundert und beneidet zu werden!— Da ich geſtern dieſes Kleid bei Frau von Grandbel nicht habe zeigen können, ſo will ich es dieſen Abend zeigen; es wäre ein Mord, es zu....“ 171 „Und Sie haben keine andere Urſache, unſere Ab⸗ reiſe zu verzögern?“ „Nein, mein Freund, zum Beweiſe, wie ſehr ich Sie liebe!“ „Alſo, unſere Träume von Glück für dieſe Nacht der Flucht.„ „Aber, armer Theurer, unſere Träume von Glück werden ſich verwirklichen! Sind Sie nicht meiner, mei⸗ nes Herzens und meiner Seele gewiß?“ „Ach, Bertha, Bertha!“ ſagte Gabriel, der wan⸗ kend in einen Fauteuil ſiel. „Aber mein Gott, man könnte ſagen, daß Sie zu weinen anfangen—. Kind! Hören Sie an, es kommt mir eine Idee, die tollſte und hinreißendſte, die man haben kann! Ich werde auf den Ball gehen und werde eine Stunde dort bleiben, eine halbe Stunde, einen Moment, nur ſo lange, um meine Toilette ein wenig beneiden zu laſſen: auch Sie werden hingehen, und dann reiſen wir heute Nacht noch ab: Sie entführen Ihre Ge⸗ liebte im großen Ballſchmuck: iſt das nicht köſtlich?— Man wird den ganzen Winter nur davon ſprechen!“ „Nein,“ antwortete Gabriel kalt, auſſtehend:„ich werde Sie nicht dieſem Balle entführen, deſſen Königin Sie ſein werden; ich werde Sie nicht der Geſellſchaft, den Triumphen, dem Herrn Marquis von Oswed und den Spaziergängen entführen, wohin er Sie begleiten wird... Ich bedaure nur, daß Sie einen Augenblick ſich der Gefahr ausgeſetzt haben, all das zu Gunſten eines Mannes aufzuopfern, der thöricht genug war, zu glauben, daß Sie ihn einem Ballkleide vorziehen könnten!“— „Gabriel!“ ſagte Frau von Villegarde. Aber Gabriel, der ſich, während er ſein Stück Be⸗ redſamkeit abſetzte, der Thüre genähert hatte, konnte ſie nicht mehr hören. Die leidenſchoftlich verliebte Bertha blieb nicht weniger als fünf Minuten auf dem Fauteuil 172 ſitzen, auf welchem ſie Gabriel angehört hatte; ſie über⸗ ließ ſich den philoſophiſchen Betrachtungen und endigte ſie damit, um Gott zu danken, daß er ſie im Augen⸗ blicke, wo ſie im Begriffe war, ſich ohne Zweifel für immer zu Grunde zu richten, gerettet habe.— Dann klingelte ſie ihren Frauen und ſetzte ihre Toilette fort. Herr von Floves erging ſich eine Zeitlang geſenkten Kopfes auf dem Pflaſter der rue de Varennes; als er die Stirne wieder erhob, war er um die Straße umge⸗ bogen und befand ſich auf dem Boulevard des Invalides, gerade ſeinem Reiſewagen gegenüber. Er blickte einige Sekunden auf die glänzenden Laternen, ohne ſie zu ſehen, dann rief er, gleich als wenn er aus einem Traume erwachte: „Poſtillon, auf den Ball der Opera!“ V. Andre Pälle, andre Liebe. Vom Carneval in der Oper 1846. In der Oper angekommen, warf Gabriel einen Blick in das Foyer und fand es finſter. Er ließ ſich eine Loge öffnen. Indem er ſodann den Saal betrachtete und dieſes ſchreckliche Orcheſter anhörte, wo die Blech⸗ inſtrumente und Trommeln die Hauptrollen hatten, gab er ſich ganz dem Taumel dieſes ſeltſamen, wunderbaren und wilden Schauſpiels hin, das ſeines Gleichen nicht auf der Welt hat. Es dauerte lange, bis er ſich klar 173 darüber wurde, während er den Kopf auf die Hände geſtützt ſich immer mehr in ſeiner Beſchauung verlor. Unſer Freund dachte nun nicht mehr an ſeine fehl⸗ geſchlagene Entführung, nicht an Bertha von Villegarde, nicht an Louiſe von Grandbel. Geblendet, betäubt und außer ſich dachte er uur daran, dieſe ungehenre Saturnalie in allen ihren Einzelheiten zu ſehen, als plötzlich aus der Mitte einer Quadrille eine Stimme zu ihm drang: „Heh! heh! da oben! Ohe, Engel! Erzengel! Ohe, Erzengel St. Michael! nein Gabriel!. ohe! mein Herr, verzage nicht, ich bin Dein!“ Herr von Floves erröthete wie eine ächte Jungfrau. Er erinnerte ſich dieſer Stimme, ohne ſich ſagen zu kön⸗ nen, wo er ſie gehört habe. Sie gehörte einer augen⸗ ſcheinlich jungen Frau, mit einer Jokeykappe von kirſch⸗ farbenem Sammt, mit köſtlichen Schuhen und ſtark ent⸗ blößt; nur mit einem kirſchſeidenen Pantalon bekleidet, die ſehr gegen ein geſticktes, mit feinen Spitzen beſetztes Hemd abſtach, und die Taille mit einer buntſcheckigen Schärpe von ächtem Caſemir umgürtet. Anßerdem trug dieſe Frau Brillanten an den Ohren und Händen. „Werde nicht ungeduldig, Erzengel!“ bemerkte ſie weiter,„ich werde zu Dir kommen und Dir ein Paar Worte ſagen.“ Gabriel beſann ſich über den Namen dieſer Frau, und dieſer Name ſtieg an die Oberfläche ſeines Gedächt⸗ niſſes, als ein männlicher, nackter Arm durch die Logen⸗ lücke langte und die Thüre ohne Weiteres öffnete. Dieſer Mann trug einen Schnurrbart, der um ſeine Ohren ge⸗ wickelt war und eine ſo unwahrſcheinliche Naſe, daß ſie der ehrgeizigſte Polychinello zu lang gefunden haben würde. Auf einer gepuderten Perrücke hatte er einen Trichter, der durch ein Paar aneinandergehäkelte Strumpf⸗ bänder am Kinn befeſtigt war. In Alveſtens Kleid mit den famoſen grünen Bändern gehüllt, hatte er den Jabot durch einen aus Pfaufedern gemachten, ungeheuern ent⸗ 174 falteten Fächer erſetzt; das eine Bein ſtack in einer gel⸗ ben Reiterhoſe, das andere in der Hälfte eines Panta⸗ lons von ſchwarzem Tuche, und er ging und tauzte in ein Paar Stiefeln à la Suwarow. Von ſeinen Händen trug die Eine einen Handſchuh von Kaninchenfell, die andere einen goldgeſtickten Seidenhandſchuh. „Ah, nun!“ ſagte er, indem er Gabriels Hände er⸗ griff, und deſſen Raſe mit ſeiner Naſenſpitze berührte, „ſind wir endlich unſerer ſchönen Liebesverhältniſſe ein wenig müde? Unſere ſchönen, kleinen, blonden Grafen ſind alſo nicht mehr durſtig nach unſeren ſchönen großen braunen Gräfinnen?“ „Was wollen Sie damit, mein Herr,“ unterbrach ihn Gabriel lebhaft, der nicht wußte, ſollte er darüber lachen oder ſich ärgern. „Mein Herr! Du ſagſt„mein Herr““ zu Dei⸗ nem Freunde? Nun, mein Herr, ich grüße Sie!“— Und der Menſchenfeind nahm gerade, als wenn er nach ſeinem Hute greifen würde, ſeine Naſe zwiſchen ſeine Finger und ſenkte ſie ernſt, um Gabriel zu begrüßen. Dieſer erkannte Regis von Aubiers, und fing an zu lachen.— Sie forſchten ibre Geheimniſſe aus. Regis vries aus vollem Halſe die Verdienſte der Frau Türkiß, als die Quadrille ihre letzten Noten in einem langen Trommeln der Cymbeln verdonnern ließ. Die Frau mit der kirſch⸗ farbenen Kappe, die ſoeben Gabriel angerufen hatte, ſprang auf den Rücken eines Pompiers, bat um die Hand eines auf der Gallerie ſitzenden Gentlemans und befand ſich nach einem letzten Satze in der Loge des Herrn von Floves. „Wie, treuloſer Undankbarer!“ ſchrie ſie:— denn auf den jetzigen Maskenbällen der Opera ſpricht man ein wenig in den Winkeln und im Hintergrunde der Lo⸗ gen, aber ſonſt ſchreit man überall:„„wie, wie, wie!““ „Sie ſind in Paris und kommen nicht, mir ihre Hul⸗ 175 vigungen zu Füßen zu legen! Und laſſen mich vertrock⸗ nen vor Ungeduld, vor Langeweile und Liebe! Sprechen Sie doch! Sie ſind ja ſtumm wie ein todtes Weib!“ Gabriel erkannte Eskopette. „Verzeihung, Madame,“ ſagte er.„Am zweiten Tage nach meiner Ankunft in Paris habe ich mich in die rue de Provence begeben, um Ihnen meine Charte zu bringen; man ſagte mir.... „Ach! ja, mein Theurer, das iſt das Leben; als ich von Chantilly zurückkam, fand ich, daß man meine Möbel gepfändet hatte... Ich mag das nicht. Und dann genirte mich die rue de Provence: es gibt Banquiers dort, die ſchneiden Ränke! das degoutirte mich.“ Haſt Du Ferreol geſehen, Eskopette?“ unterbrach ſie Regis. „Ja, mein Lieber, er iſt in einer Loge im zweiten Range über uns, wo er wie ein Krankenwärter ſchläft— ich glaube, in der Loge 28. Geh, ſage ihm, daß ich ihn liebe, Du beengſt und beängſtigſt mich hier!“—— „Du bleibſt hier, nicht wahr, Gabriel?“ ſagte Regis im Weggehen;„ich werde Dich hier wieder finden; wir ſoupiren mit einander.“ „Ich habe mich nun,“ bemerkte Eskopette, als ſie mit Herrn von Floves allein war,„in die rue Fontaine begeben, wo nun mein Leben dahinfließt, ich habe die Wohnung und das Mobiliar der Lopas Michan genom⸗ men, die ſich eben bürgerlich verehlichte, die Gans!“ „Wie befindet ſich Herr von Hautoy?“ fragte Gabriel. „Er befindet ſich als Candidat von Sceaur! Oh, er wird es durchſetzen, er wird Deputirter!— Scheint auch, daß er heirathen will.— He, da unten, Coralle!“ ſchrie Eskopette, ſich unterbrechend.„Er hört nicht, der kleine Strauß! Plärrt ſie mit dem Pierrot!—— Co⸗ 176 ralle, der Erzengel iſt gekommen, der Erzengel von Chantilly... Coralle!“— Als man die Ankunft des Erzengels ankündigen hörte, wendeten ſich eine Menge Masken um und ſchau⸗ ten in die Höhe, und da Eskopette die Hand auf Gabriels Stirn gelegt hatte, wiederholte man; das iſt der Erz⸗ engel, ſeht, das iſt der Erzengel! Dicht wie Hagel fielen die Witze der Männer und die Artigkeiten der Frauen auf unſern Freund; er wurde darüber ſehr verlegen; glücklicher Weiſe hörte Corallenblüthe nicht und begann eine Quadrille. „Ah! biſt Du endlich da, Herr Graf!“ ſagte Ferreol, als er in die Loge trat,„Regis ſagte mir, daß Du hier biſt, und ich eile herbei, Dir zu gratuliren.—— Sagt doch alle Beide, ſprecht Ihr von Geſchäften hier, komme ich ungelegen? Oder genire ich Euch?“ „Nein, nein,“ ſagte Gabriel, der bisher auf die luſtige Stimmung, auf die Scherze, auf die ſchönen Au⸗ gen und rothen Lippen ſeiner Gefährtin nichts zu er⸗ wiedern fand.—— „Grobian!“ ſagte Eskopette, indem ſie ihm eine Ohrfeige gab, ſanft wie eine Liebkoſung. „Nun,“ bemerkte der Wechſelagent,„was ſagſt Du zu allem dem? Und er zeigte auf den Saal. „Ich, mein lieber Ferreol, ich kann nichts ſagen, ich kann nur ſagen, daß ich betäubt, außer mir und toll bin; ich glaube zu träumen!—— Madame wird hof⸗ fentlich,“ fuhr er fort, indem er Eskopettens Hand zu nehmen wagte,„das Erſtannen eines armen Provinz⸗ menſchen verzeihen?“ „Ich, Erzengel! ich weiß dem viel zu verzeihen, der mich viel lieben kann!“ „Aber betrachte doch, betrachte doch,“ ſagte Ferreol, indem er den Arm gegen den Saal geſtreckt, anfing in Verſen zu declamiren.“ „Ah,“ bemerkte Escopette,„ſieh da, Du biſt alſo 177 Dichter; das iſt lächerlich, mein Lieber; man iſt ent⸗ weder Poet oder Wechſelagent, man iſt aber nicht beides zugleich; man iſt reich, oder man hat keinen Son; man hat nur Eine Art, Thier zu ſein, aber dann iſt's aus! man bleibt dabei ſtehen! Willſt Du nicht auch heirathen, um Dich ganz fertig zu machen?“ Ferreol wiederholte ſeine unterbrochenen Verſe. „Ach, mein Alter!“ ſagte noch das tolle Mädchen, „wenn Du fortfährſt, uns etwas in der Sprache der Götter vom Ende des pont des arts vorzubringen, ſo gehe ich.“ Der Wechſelagent fing von Neuem an... „Das iſt die tolle Stunde, wo die Menge Eskopette öffnete die Thüre. „O! Madame,“ ſagte Gabriel, um ſie zurückzu⸗ halten; aber Ferreoi hob wieder an: „Das iſt die tolle Stunde, wo die Menge „Sich trunken wieget nach den Blechakforden, „Zuerſt die Frau ſich bietet im Gepränge, „In Balles Flammen, die die Schaam ermorden, „Satan verſteckt in der Muſik Gedränge, „Trompetend heulet in wollüſt'gen Worten; „Und wo man ſieht, wenn man das Aug' erhebet, „Wie am Plafond die feur'ge Wolluſt ſchwebet. Die hübſche Eskopette war verſchwunden. „Wir finden ſie wieder,“ ſagte Ferreol von ſich ſelbſt eutzückt,„wir finden ſie in dem Moment wieder, wo ſich Alles findet, in der Stunde des Soupers. Regis hat ein Cabinet im goldenen Hauſe belegt; wir ſind zu acht: Du, Armand, Regis und ich; Eskopette, Corallenblüthe, Lürkiß und die Schlange.“ „Wer iſt die Schlange?“ fragte Gabriel. „Du wirſt es wohl ſehen. Wollen wir einen Gang Plonvier, Erzählungen für Regentage. 12 178 durch den Foyer machen? Aber vorher will ich Dir ein hübſches Bild zeigen.“ De Floves ließ ſich führen wie ein Betrunkener, der ſich im Weine übernahm; Bodimont ließ ihn ins höchſte Amphitheater ſteigen, das ſich über den Leuchtern befin⸗ det und den weiten Saal beherrſcht. Das Schanſpiel, das ſich nun vor Gabriels wilden Blicken entrollte, war ein ungeheurer, lebender und wun⸗ derbarer Collet. Eine tolle, verwirrte, bunte Masken⸗ menge tanzte unter Geſchrei einen monſtröſen Galopp, in welchem die Blasiuſtrumente, die Cymbeln und Trom⸗ meln in wüthenden Noten kämpften. Von Takt zu Takt wuchs der lärmende Wahnſinn, die Menge lief mit wil⸗ derer Tobſucht und das Geſchrei wurde durchdringender. Bald ſah Gabriel nur noch einen farbigen Wirbel, eine lebende Maſſe und namenloſes Gemiſch, das ſich heulend herumdrehte; daun ließen auſſteigende Staubwolken, die ſich mit dem Qualm der Lichter vermengten, dieſe ſchwin⸗ delige, hölliſche, phantaſtiſche Runde erkennen, dieſen. funkelnden, düſtern Alp, in deſſen Hintergrunde man noch einen kleinen magern Mann erkennen konnte, grüngelb ſataniſch, ruhig und ernſt wie ein egyptiſcher Gott: Mu⸗ ſard! Der Ball, der wahre Ball der Opera iſt nur noch eine Erinnerung; und jedes Jahr verwiſcht ſich dieſe Er⸗ innerung mehr und mehr. Der Rahmen iſt noch immer derſelbe, die Leinwand wird bald ganz verwechſelt ſein; jede Ballnacht nimmt ein Stück davon mit fort. Einſt⸗ mals— ich bedaure es, als wenn ich alt wäre— einſt⸗ mals öffnete der Carneval, wann er kam, für einige Tage die Bande, die die Geſellſchaft knebeln, und wenn man die Convenienz nur ein wenig reſpectirte, ſo ge⸗ ſtattete dieſer Schutz der civiliſirten Völker der neuen Liebe Nächte mit geheimen Orgien und verhülltem Glück. Manchmal kam man auf dem Wege der Intrigue durc Geplauder zur Liebe. Der Carneval war überhaupt die Intrigue; heute iſt er nur noch der Cancanz vieſer hat 179 jene getödtet. Die Opera wollte dieſe beiden Feinde ſchonen und jedem ſeinen Bezirk anweiſen, der Intrigue den Foyer, und den Saal dem Cancan. Aber als dieſer im ſchwarzen Frack und Domino in den Foyer trat, entfernte ſich die Intrigne. Sie hielt trotzdem noch an der Opera feſt und flüchtete ſich in die Logen; aber als in einer Nacht der Saal zu voll war, ergoß er ſich in die Logen, und in dieſer Nacht ging die Intrigne in den tanzenden Wogen unter. Bei ſeiner Ankunft hatte Gabriel den Foyer an⸗ fänglich düſter gefunden; er erſchien ihm wie eine ſchwarze Maſſe vor ſeinen Angen, wie ein eintöniges Geſumſe vor ſeinen Ohren. Nach einer Viertelſtunde konnte er jedoch einige Worte in dem Geſumſe unterſcheiden. Spöttereien und Zoten von friſchen Stimmen; er erkannte mitten in der Maſſe hie und da funkelnde Augen, die durch den Sammt der Wölfe blitzten, roſige Lippen mit weißen Zähnen unter den Spitzenbärten, und am Arme der Spaziergänger mehrere feine Hände mit weißen Hand⸗ ſchuhen. Er hätte ſich gerne ein wenig ſetzen mögen, um zu betrachten, aber ſchon ſtritt man ſich um den ge⸗ ringſten Platz, als gelte es einen Sitz im Inſtitute. Gabriel war genöthigt, ſeine Beobachtungen im Gehen zu machen. Er machte bald die ihm auffallende Be⸗ merkung, daß die glücklichſten, gefeierteſten und am beſten von der weiblichen Welt Aufgenommenen faſt alle ſchau⸗ derhaft alt waren. Indem er andere weniger Glückliche und weniger Geſuchte gähnen ſah, erkannte er die Feſtig⸗ keit des menſchlichen Kinnbackens. Der Foyer ſchien ihm ganz voll von der Bedeutung gewiſſer junger Män⸗ ner, die, nach der vorgeſtrigen Mode gekleidet, lachten, plärrten und geſticulirten; er bemerkte wieder Andere, deren Galanterien bewieſen, daß ſie in zu viel oder zu wenig Champagner den Geiſt geſucht hatten, den ſie gerne hätten haben mögen. Von Zeit zu Zeit käuten kleine junge Leute rhetoriſche Blumen für die Damen, 180⁰ die die Greiſe mit Berloquen und Diamanten würzien, und unter einzelnen wenigen Geſichtern von bekannten Leuten ſtieß Herr von Floves auf Hunderte von voll⸗ ſtändig unbekannten Menſchen. Hiertreffen ſich auch jene Vergnügensjäger⸗Dilettanten und überall Eingeladenen, denen man in allen Spireen von Paris begegnet, auf allen Ausflügen, in allen Concerten, in allen erſten Vorſtellungen, bei allen Feſten und über⸗ hanpt überall, wo es nur einen Scheingrund zu einer Ge⸗ ſellſchaft gibt; deren Namen man nicht kennt, noch ihren Stand, ihr Vermögen, ihren Rang, ihren Anfang und ihr Ende; die Niemand kennt und doch Jedermann wie⸗ der erkennt, die tanzen, ſpielen, reden, ziſchen, applau⸗ diren, wetten, verzehren und dazu dienen, daß man am Tage nach dieſer oder jener Geſellſchaft ſagen kann: „Es waren wahnſinnig viele Leute da!“ oder auch: „Ganz Paris war dort.“ Gabriel wollte, da er vielleicht ſich ein wenig nach Eskopette ſehnte, ſeinen Gefährten bitten, daß er ihn in ſeine Loge zurückführen ſolle, als ein ſeidener Domino, deſſen ſammtbartige Maske mit einer Sorgfalt vom beſten Geſchmack das Geſicht verbarg, unſerem Helden in den Weg trat und ſich zu ihm bengend mit halblanter Stimme ſagte:; „Guten Abend! glückliche Nacht, Herr Graf von Floves!“ „Das kann von Ihnen abhängen, Madame,“ erwie⸗ derte der junge Mann.„Habe ich demnach die Ehre, von Ihren ſchönen Angen gekannt zu ſein?“ „Ja, Gabriel, und ich beweiſe es Ihnen, indem ich Sie bitte, Ihre liebe Bruſt mehr ſchonen zu wollen.— Aber machen Sie ſich doch von Ihrem Freunde los!“ „Mein Freund,“ ſagte Gabriel zu Ferreol,„ich bin genöthigt, Dich Dir ſelbſt zu überlaſſen.“ „Ich bedaure,“ ſagte der Domino, den Arm des Grafen ergreifend, während Ferreol ſich entfernte. 181 „Erweiſen Sie auch ihm die Ehre, ihn zu kennen?“ bemerkte Gabriel wieder. „Urtheilen Sie. Dieſer Bodimont, dieſer Menſch mit der banalen Figur, der, mit banalen Manieren und banalem Geiſte, iſt eine koſtbare Type: er gibt ein treff⸗ liches Bild für dieſe Epoche und dieſes Paris, wo An⸗ maßung, Ehrgeiz und Eitelkeit den Sieg über die Fähig⸗ keiten davontragen. Er iſt ein Viertel Wechſelagent, er hat eine Viertel-Aktie bei einem großen Unternehmen, hat eine Viertel⸗Loge in der Oper, ein anderes Viertel in der italieniſchen; er hat ein Viertel von einigen Vandevilles gemacht, er iſt zum vierten Theile Miteigen⸗ thümer eines Hauſes, und er hat eine Geliebte, die et „Ich verſtehe,“ unterbrach ſie Herr von Floves. „Man ſagt, daß er heirathen wolle.“ „Ja, aber aus Gewohnheit wird er vielleicht ſeine Ehehälfte nur zum vierten Theile haben...“ „Teufel! Sie ſind nicht gut, Madame.“ „Sie wollen ſagen, daß ich nicht dumm bin.“ „Das denke ich auch, aber———“ „Iſt es nicht daſſelbe?“ „Sie müſſen hübſch ſein, um Ihnen das zu ver⸗ zeihen?“ „Ich mache mir nichts aus der Verzeihung, mein Herr.—— Ob ich hübſch bin? Rein.“ „Wirklich?“ „So wahr, als Sie mich anbeten werden!“ „Wenn ich Sie nun beim Worte nehmen würde! wenn ich Sie verließe, ehe ich anfinge, Sie zu lieben?“ „Sie würden es ſchon nicht mehr thun können.“ „Sie ſind demnach hübſch, da Sie ſo ſicher ſind.“ „Ich habe Ihnen Nein geſagt.“ „Aber wenn die Frauen ſo leicht dieſes Rein ſagen, kann man ihnen glauben! Wenn Sie häßlich wären und ſo offen, es zu geſtehen, würden Sie auch ſo offenherzig 182 ſein, mir zu ſagen, welchen Erſatz Sie mir für den Man⸗ gel an Schönheit bieten würden?“ „Alle Fehler!“ „Welche Anmaßung!“ „Oder alle Eigenſchaften.“ „Rein, nein, das wäre noch ſchlimmer; ich ziehe die Fehler vor.“ „Sie haben Recht und ich auch. Die Weiber ge⸗ winnen die Mänuer durch Fehler, ſie verlieren ihre Lieb⸗ haber, wenn ſie ihre Eigenſchaften ſehen laſſen. Und Sie, Graf Gabriel, haben Sie Laſter oder Tugenden?“ „Ich, Madame, habe beides.“ „Ja, die Rückſeite und die Vorderſeite. Nennen Sie mir doch Ihr unheilbarſtes Laſter!“ „Gerne. Wiſſen Sie, es iſt das jüngſte und der Obergeneral über alle anderen; es iſt unwiderſtehlich, raſend!“ „Ich warte, mein Herr, bis Sie die Güte haben werden, mir ſeinen Namen zu nennen, und mir es vor⸗ zuſtellen.—“ „Madame, es iſt die Liebe, die Sie mir ſoeben ein⸗ flößten.“ „Nicht doch! Sie wiſſen ja noch nichts von mir, armes Kind! Was hätte Sie ſo bethören können?“ „Alle Ihre Mängel.“ „Ich prahlte.“ „Nein, ich ſehe ſie.“ „Wo denn?“ „Sie flammen in Ihren Augen. Und wiſſen Sie, Madame, daß dies die verführeriſchſte aller Verlockungen iſt! Wiſſen Sie, daß die Weſen, Männer oder Frauen, ſelten ſind, die ſo gewaltig organiſirt ſind, um ſolche Eigenſchaften in ſich zu vereinigen? Ein ſo ausgeſtatteter Mann könnte einen Engel in Verſuchung führen! ein alſo geſchmücktes Weib würde alle Männer um ihre Seligkeit bringen! Fangen Sie bei mir an.“ 183 „Wer ſagt Ihnen, daß ich erſt am Anfange bin?“ „Vohlan! ſo endigen Sie mit mir!“ „Ich will nicht endigen!“ „Sind Sie der böſe Engel, unſterblich, wie er?“ „Die böſen Engel ſind zahlreich, und—— „Und Sie gehören zu ihrer Schaar?“ „Vieſleicht Dieſe letzten Worte wurden in einem ſo ſeltſam ernſten Tone geſprochen, daß Gabriel ſtehen blieb, ſich dem Domino gegenüberſtellte und in ihre Blicke zu drin⸗ gen ſuchte; aber ihr Glanz blendete den jungen Mann zu ſehr, um darin leſen zu können. Ferreol erſchien wieder. „Man will ſich eben in den Feſtſaal begeben,“ ſagte er,„und die Damen erwarten den ſchönen Erzengel.“ „Ich werde ſogleich zu Euch kommen,“ erwiederte Gabriel; geht immerhin. Gib mir nur den Ort an.“ „Nun, im goldenen Hauſe, Cabinet Nro. 7. Ich werde die Auſtern öffnen laſſen; bleibe nicht lange aus!“ „Wollen Sie mir die Ehre geben, mit mir zu ſou⸗ piren, Madame?“ bemerkte Herr von Floves wieder, als er ſich von Neuem allein mit ſeinem Domino befand. Wenn Sie wollen, können wir zu unſeren Freunden gehen, oder ich werde Sie mit keiner andern Geſellſchaft als der meinigen beläſtigen.“ „Vereinigen wir uns mit Ihren Freunden!“ „Ich werde nun doch endlich Ihr Antlitz ſehen, er⸗ fahren, wer Sie ſind, Sie kennen lernen! Denn nicht wahr, ich habe Sie niemals geſehen?“ „Das iſt wahr. Ich wurde von Armand von Hau⸗ toy zu Ihnen geſchickt; er war eiferſüchtig auf Eskopet⸗ tens Aufmerkſamkeit für Ihre ſchönen Augen und Ihre ſanfte Stimme.“ „Und Sie, wer ſind Sie denn? Sie können es mir nun ſagen, weil nun doch ſogleich... Der Domino antwortete mit vibrirender Stimme 184 „Ich bin ein elendes Kind des Pariſer Pflaſters, ein Opfer von Paris. Paris, oder vielmehr die Men⸗ ſchen, die Paris zu dem machen, was es iſt, Paris hat mir das einzige Weſen getödtet, das ich geliebt habe und das ich immer lieben werde: einen Dichter, ein Kind, einen Engel!— Ich werde mich rächen, und ich werde ihn rächen bis in meine letzte Stunde an allen Männer, die ich umſchlingen kann. Geſtern war es ein ſchöner junger Millionär, der daran ſtarb, heute geht es an Sie, morgen au einen Andern.“ ß„Und Sie unterrichten mich zuvor und fürchten nicht, iß „Daß Sie mir entwiſchen könnten. Sie werden es nicht können, denn Sie werden mich ſehen. Ich ſagte Ihnen, ich ſei nicht hübſch... ſehen Sie mich an, ich bin ſchön!“ Und da ſie in dieſem Augenblicke in einem faſt leeren Winkel angekommen waren, riß der Domino ſeine Maske und Kapuze heftig hinweg, und Gabriel wurde von ſtarrer Bewunderung ergriffen. „Nicht wahr, ich bin ſchön?“ fing das ſeltſame Ge⸗ ſchöpf wieder an;„und werde ſogleich noch viel ſchöner ſein, gehe doch!— Verlaſſe mich, wenn Du es ver⸗ magſt!— Fort, fort, ins goldene Haus.“ „Mit welchem Namen ſolle ich Sie nennen?“ fragte Herr von Floves faſt zitternd. „Man nennt mich die Schlange, Graf Gabriel, ich habe keinen andern Namen.“ 185 V Ein Dämon. Mit dem Souper ſchloß dieſe Ballnacht, die in Gabriels Leben Bedeutung erhielt und für ihn vielleicht der Anfang des Endes wurde, da er nun zu trinken an⸗ fing, zu trinken in der brutalſten Bedeutung dieſes Wor⸗ tes, zu trinken, um ſich zu betäuben, um ſich zu berau⸗ ſchen, um zu vergeſſen——— „Ein donnernder Toaſt dem Erzengel von Chantilly!“ rief Madame Türkiß.———„Chantilly!“ wiederholte Gabriel. Dieſes Worte führte ihn in das vom Doktor für ihn geſchaffene Eden; er ſah ihn wieder, den edlen Van⸗Hopden; er ging, auf ſeinen Arm geſtützt, ſpazieren, er hörte noch die Erzählung von ſeinem wohlthätigen Leben, er befand ſich wieder mit ihm in ihrem gemein⸗ ſchaftlichen Salon, mitten unter der Annehmlichkeit des Comforts, unter den Wundern des Luxus und der Künſte, und fühlte noch auf ſeiner Stirn den letzten Abſchiedskuß.—— Und er trank. „Der Tauſend!“ rief Corallenblüthe,„das iſt eine Laube, die trockner iſt, als das Herz eines Wucherers!“ „Die meinige hat ein reſpectables Alter,“ ſetzte Re⸗ gis hinzu,„und es wäre vielleicht ſchlecht, ihr das Meſſer in den Leib zu rennen.“ „Junger Brudermörder,“ ſang Eskopette am andern Ende des Tiſches,„ſehr gut! Deine Rede hat uns zu Thränen gerührt.“ „Ich wollte,“ fuhr Eskopette fort,„der Horizont wäre ſo unendlich wie meine Seele.“ „Nein,“ unterbrach ſie Türkiß, Du willſt Wein von 186 Grave— Du Ferreol, der Du ernſt(grave) biſt, fülle ihren Kelch, dann wird ſie ſchweigen.“ „Meine Fräulein,“ bemerkte von Hautoy zwiſchen hinein,„Sie ſchreien zu ſehr, Sie benehmen ſich nicht wie Frauen von Welt.“ „Fort damit,“ ſchrie Corallenblüthe noch ein wenig lauter;„Ihre Frauen von Welt ſind ſchmutzig wie Pfört⸗ nerinnen.“ Der ariſtokratiſch erzogene Gabriel konnte ſich nun nicht enthalten, die Weltdamen, die er verließ, mit den Frauen zu vergleichen, unter denen er ſich befand; der linterſchied verletzte ihn ſehr an jenen Stellen, welche die Erziehung in ihm empfindlich gemacht hatte.— Er wollte das Gefühl dieſes Unterſchieds, dieſes Gegenſatzes unter⸗ drücken.— Und er trank. „Die Schlange redete nur wenig drein, und dann hätte man ſagen können, daß ſich ibr Wort an den Flam⸗ men ihrer Angen entzündete, mit ihren Blicken, mit ihren wenigen Worten, mit ihrer Manier, alle Augenblicke Gabriels ſchöne Haare von ſeiner Stirne zurückzuſtreichen, um ihn beſſer zu ſehen, und mit ihrem Lächeln, mit dem ſie unaufhörlich dem Jüngling ſein Glas anbot, das ſie jedesmal mit dem ihrigen vertanſchte, entflammte ſie in Wahrheit den armen Jungen. Zuweilen ſandte ihm Eskopette, die von Armand ſo weit als möglich von Herrn von Floves weggeſetzt wor⸗ den war, einen Liebesblick, der von Champagner, Be⸗ dauern und Vilffährigkeit zengte, oder auch wohl eine wohl ausgeſonnene Artigkeit, die das Herz des Erzengels durchdringen ſollte, aber die Schlange fing Artigkeit wie Liebesblick auf... ſie antwortete für Gabriel, und zwar mit einem ſolchen Blicke, daß Eskopette faſt zitternd erſt wieder anzufangen wagte, nachdem ſie zwei bis drei Gläſer gefüllt und geleert hatte. Uebrigens ſchienen die Verſchlingerinnen wie die Verſchlungenen ſelbſt die Schlange zu fürchten; nur ihr gegenüber erlaubte man ſich keine 187 beleidigende Scherze, gleich als ob jeder das Gift und die Schärfe ihres Stachels ſchon manchmal verſucht hätte. Kein Geſchmack konnte es beſtreiten, daß dieſe Frau ein prachtvolles großes, biegſames Geſchöpf war, mit Händen und Füßen von erleſener Zartheit. Sie trug auf einer wunderbar entwickelten Büſte, einen kleinen zittern⸗ den Kopf, der mit dem etwas langen, aber biegſamen und majeſtätiſchen Halſe eine ſchöne Vereinigung bildete. Ihre goldenen Haare funkelten und warfen einen halben Reflex von blendendem Glanze. Ihre grün⸗gelben Augen ſchienen ſich manchmal zu erweitern, wie die von dem Geſchlecht der Folie⸗Katzen. Die Naſe, ſtolz, wie alles an ihr und ſchön gezeichnet, hatte roſig weiße Flügel von vollendeter Reinheit; endlich der gewöhnlich ſtarke, hochrothe und ſinnliche Mund konnte ſich plötzlich ſo zuſammenziehen, daß er faſt ganz verſchwand und an ſei⸗ ner Stelle nur eine Ritze für kalte, bis zur Wildheit unverſöhnliche Linien zurückließ. Wenn man den von dieſer Frau für ſich gewählten Namen erfuhr, konnte man ſih denken:„Ja, ſie hat ſich wirklich den rechten Namen ge⸗ geben: ihre Augen bezaubern und ihr Zauber muß tödt⸗ lich ſein; ihre Küſſe müſſen das Leben deſſen einath⸗ men, der ſie empfängt; ihre Umarmungen müſſen die Sonne, den Geiſt und die Seele betäuben, ſie müſſen mitleidlos erſticken.“ „Ach!“ ſagte Gabriel halb berauſcht,„Du ſuchſt Deine Beute, ſtolze Schlange, ohne Dich aufhalten zu laſſen, und nun haſt Du mich zum Opfer gewählt, Du unter⸗ hältſt Dich damit, junge Geſchöpfe voll von Leben und Zukunft zu verſchlingen, wie dies in drei Biſſen— aber, meine Theure, Du fährſt ſchlecht mit mir, das Werk iſt halb gethan“.. „Schlange,“ unterbrach ihn Regis,„hören Sie ihn nicht an; er will Ihnen ſagen, daß er bruſtkrank iſt, das iſt ein Syſtem, ſich intereſſant zu machen— mein lieber Gabriel, Du wirſt abſurd mit Deiner Schwindſucht.—— 188 „Abſurd, das iſt das rechte Wort,“ ſetzte Ferreol hinzu,„denken Sie, daß er nach Paris kam, um auch hier auf die Liebe zu jagen, das Kind! Und hier be⸗ gegnet er nun einer Schlange! ſiehe zu, Gabriel, dieſe da iſt das Wild, die den Jäger tödten wird!“ „Ich ſage Dir, Schlange, daß ich bruſtkrank bin,“ fuhr Gabriel hartnäckig fort,„Du willſt mir die Rolle des Todes zuweiſen, aber der Platz iſt ſchon beſetzt.“ „Ach! nun iſt es nicht mehr drollig,“ ſagten auf ein⸗ mal Fräulein Eskopette und Corallenblüthe, mit der Wittwe Türkiß!“ „Zu trinken!“ ſchrie Gabriel,„ſchenkt mir Liebe ein, Luſt und Leben! Und Du, Schlange, laſſe mich noch ein wenig leben, um Dich viel zu lieben!“ „Trinken Sie, mein ſchöner Gabriel,“ antwortete man ihm mit einem reizenden Lächeln,„ich werde Sie lange genug leben laſſen, um ſich in der Stunde, wo Sie das Leben laſſen müſſen, bitter darnach zurück zu ſehnen.“ Und Gabriel trank. Die andern Soupirenden tranken noch viel mehr wie er. Bald ſprach man zu einander, ohne ſich zu hö⸗ ren, man fragte, ohne eine Antwort zu erhalten, man ſprach mit ſich und für ſich, und man trank, ohne zu wiſſen, was man trank.— Es war ein unſinniger Chor, der in acht verſchiedenen Tönen geſungen wurde, und ſpäter erinnerte ſich keiner der Gäſte mehr, wie er die andern verließ. Von dieſer Nacht an begann für Gabriel ein glühen⸗ des Leben, voll von Bällen, Soupers, Landsknecht und glühenden Orgien. Er nahm die Schlange als Genoſſin zu ſich und ließ ſich von ihr leiten; ſie machte ihn zum König dieſer Welt von Lüſtlingen, die nur in Paris ihren unerſättlichen Durſt nach Vergnügen, Feſten und Geräuſch ſtillen kann. Er verband ſich aufs Innigſte mit der Schlange, dieſem mächtigen Dämon der Verſchwendung, der immer damit anfängt, ſich von Euch überwinden zu 189 laſſen, um Euch um ſo ſicherer unter die Erde zu brin⸗ gen.— Ich erlanbe Dir, was Du wünſcheſt, hat Floves Genoſſin zu ihm geſagt; Du kannſt jede Deiner Phan⸗ taſien befriedigen, in die Geſellſchaft zurückkehren, um dort Verbindungen anzuknüpfen; Du magſt mich für einen Tag, für eine Woche, für einen Monat verlaſſen; Du magſt ein⸗, zwei⸗, zehnmal untren gegen mich ſein.— Ich abſolvire Dich von vornherein, Gabriel, denn ich weiß, daß Du zu mir zurückkehren wirſt! t Gabriel kehrte in die Welt zurück, er hatte dort große Erfolge; er machte alle Arten von Thorheiten, er wurde Spieler und ſpielte bis zum Moment, wo er im⸗ mer gewinnend das Spiel fade und unerträglich fand. Er verließ die Schlange am Tage, wo er einen Brief von ſeinem Vormunde erhielt, der immer noch bei ſeiner Schweſter, die ſich in Lebensgefahr befand, zurückgehalten wurde. Einen Augenblick hatte er die Abſicht, nach Chan⸗ tilly zurückzukehren oder nach Amſterdam zu reiſen, aber es fehlte ihm an Muth; er ſchrieb Lügen, indem er ſei⸗ nen Brief wieder von Chantilly datirte, und beſchloß anf dieſe Weiſe die Briefe des Doktors immer zu beantwor⸗ ten. Er nahm eine neue Geliebte an, er betrog ſie wegen einer andern, er wollte mehrere zugleich haben und dann kehrte er zur Schlange zurück, die ihn lächelnd empfing, mit Liebkoſungen und Küſſen. Alſo verfloß der Winter. 190 VII. Ein Engel. Eine Viſion. An einem Morgen gegen Ende des Monats März 1847 war eben die Sonne aufgegangen, als Gabriel, der die ganze Nacht beim„Banko“⸗rufen zugebracht hatte, mit ſchwerer Stirn und brennenden Augen von Jules Brevanne wegging. Als er das ſchöne Wetter fah, wollte er zu Fuß heimgehen, und ſchickte ſeinen Wagen heim. Im Gehen fühlte Gabriel, daß ſich ſeine Müdigkeit verlor; er athmete mit Wolluſt die ſo ſeltene Morgen⸗ luft, die Paris am öfterſten incognito durchſtreicht. In- dem er auf dem Wege der Schüler immer weiter ging⸗ fühlte er, daß im Grunde ſeiner Seele jene ſanften Em⸗ pfindungen wieder erwachten, die ihn ſo glücklich gemacht, als er noch in der friſchen Luft lebte, mit den Vögeln, den Bäumen und den Blumen. Dann entblößte er ſei⸗ nen Kopf, denn er erkannte den erſten Hauch des Früh⸗ lings und überließ ſeine Stirne mit Luſt dem belebenden Aroma, das er auf ſeinen Fittiche bringt. Manchmal, ja oft ſagte Gabriel, wenn er in Luſt ſchwelgte, ganz leiſe:„Und dann ſterben!“ Auch an dieſem ſanften Märzmorgen hörte ein Sonnenſtrahl, der ſich zwiſchen zwei Häuſern durchdrängte, um Gabriel auf ſeinem Wege zu begrüßen, ihn ganz leiſe ſagen:„Und dann ſterben!“ Aber dieſesmal ſprach Gabriel dieſe Klage nicht aus, weil er ſich nach dem Leben der Geſellſchaft, ihren Laſtern und ihrem Glanze zurückſehnte; dieſesmal ſprach er es aus, weil er noch einmal die ewige Natur erwachen ſah, ſeine erſte, reinſte und treue Liebe. Indem er dann in⸗ 191 ſtinktmäßig ſeine melancholiſch betrübten Angen gegen den Himmel erhob, ſah er an den Ulmen des Boulevard kleine Blätter im reizenden Grüne, er ſah, wie der freund⸗ liche Strahl im Vorübergehen dieſe Blätter küßte, nicht mehr und nicht weniger als mitten auf dem Lande, gleich als ob dieſe Liebkoſungen einſt Läden, Omnibuſſe und Gaſſenkehrer zu Zeugen gehabt hätten.. Sonnen⸗ ſchein, Blätter, ein reiner Himmel! wie lange hatte der arme Junge dieſe Wunder nicht mehr geſehen!.. Er athmete faſt ganz laut! Ach! Chantilly! Chantilly! Er hätte reiſen können, er hätte es ohne Zweifel ſollen, in dieſem Augenblicke noch; er wagte es nicht. Er ſchämte ſich, wie man ſich ſchämen würde, einen alten Freund wieder aufzuſuchen, der Euch immer ſehr liebte, und den man verrieth, verließ und vergaß.—— Aber als in dieſem Augenblicke ein Wagen vorüberfuhr, auf dem geſchrieben ſtand:„Eiſenbahn, Corbeil, Fontaine⸗ bleau“, rief Gabriel:„Ach! Bäume, ein Wald, Fontaine⸗ bleau!“ Er hatte die ganze Nacht im Spiele gewonnen, ſeine Taſchen waren voll Gold, und um drei Uhr Nach⸗ mittags ſaß er auf einem Sandſteinblocke in dem Theile des Waldes vor Fontainebleau, der an die Straße von Namours gränzt und den man die Wolfskehle nennt. Gabriel ging im Geiſte ſein Leben der letzten ſechs Monde wieder durch, und fragte ſich, ob er wenigſtens die Liebe gefunden habe, dieſen ſeltenen Vogel, in deſſen Verfolgung er ſo lange herumgeirrt war, und er ſtand im Begriff ſich zu fragen: iſt es denn Liebe, was ich für die Schlange fühle?— als der falſche Silberklang einer Mädchenſtimme an ſein Ohr ſchlug. Beim Auf⸗ blicken ſah er zwei Frauenzimmer an ſich vorübergehen, die nach dem Wege zu ſuchen ſchienen. Die Eine, in dunklen Farben gekeidet, war alt und ſchien die Gouver⸗ nante zu ſein, die Andere, ein blauäugiges Mädchen mit roſigem Teint und reiner Stirne, war noch kaum ſiebzehn Jahre alt. Als die Gonvernante Gabriels anſichtig 192 wurde, ließ ſie ein frohes Ach! entſchlüpfen und wendete ſich gegen ihn; aber das junge Mädchen hielt ſie zurück und ſagte: Nein, gute Durand, nein, jetzt noch nicht, ich will nicht! NRichtsdeſtoweniger betrachtete ſie Herrn von Floves, und weil es nun einmal angenehmer iſt, einem ſchönen Geſichte zu begegnen als einem häßlichen, und weil die Geſchöpfe, die ſo glücklich ſind, fern von der Welt erzogen zu werden, nicht gelernt haben, ſich zu ver⸗ ſtellen, ſo ſah das junge Mädchen unſern Gabriel mit Luſt an, und dachte nicht daran, ihre Lippen zuſammen⸗ zuklemmen, um ihr natürliches Lächeln zu unterdrücken. Gabriel, der, wenn man ſo ſagen darf, dieſes Lächeln trunken einathmete, verfolgte das junge Mädchen mit den Augen, bis es ſich im Gebüſche verlor dann ſtand er auf.— Es wäre, dachte er, indiseret, ihr zu folgen, es wäre ſchlecht. Er drehte ſich drei⸗ oder viermal her⸗ um und wendete ſich dann gegen den Fels Boulain, nämlich ſeitwärts von den beiden Frauenzimmern, anſtatt in den Hochwald bis zum Fort Marlottes zu gehen, das ihm die Steinbrüche anzeigten.„Was hat ſie doch da⸗ mit ſagen wollen,“ fragte ſich der junge Mann,„indem ſie ſagte:„Noch nicht, ich will nicht!“ und indem er ſinnend vorwärts ging, ſtrengte er ſich an, zwiſchen den Bäumen in der Ferne den grünen Sammtmantel des Mäd⸗ chens zu unterſcheiden, aber plötzlich blieb er fröhlich wie ein Kind ſtehen.„Maiblümchen!“ rief er,„ach! wie lange iſt es doch ſchon her, daß ich keine wilde Maiblümchen mehr gepflückt habe!“— Gabriel machte ein Bougquet, und da er dann auch Veilchen fand, verband er ſie mit den Maiblumen nebſt einigen kleinen Zweigen von Weiß⸗ dorn und Heidekraut. Die Nacht kam herbei, die Sonne ging unter und Herr von Floves fing an hungrig und müde zu werden. Zwiſchen zwei Sandſteinblöcken des Felſens Boulain her⸗ vorkommend, ſtieß er einen freudigen Schrei des Erſtau⸗ nens aus; er erkannte die Gouvernante und das Mäd⸗ 193 chen, die auf einem Baumſtrunke ſaßen.„Ach! welch ein Glück,“ ſagte dieſe aufſtehend. Die Gouvernante ging dann Gabriel entgegen: Mein Herr, ſagte ſie, mein Fräulein ſagte: welch ein Glück! indem ſie Sie bemerkte, weil wir verirrt ſind und weil ſie hofft, daß Sie uns den Weg nach Fontainebleau oder die Straße nach Nemours zeigen werden. Denken Sie ſich, mein Herr, daß unſer Wagen dieſen Morgen auf der Pariſer Straße, die dieſen Wald durchſchneidet, umwarf, und daß man, ich weiß nicht aus welchem Dorfe, Arbeiter herbeiholen mußte. Wir hätten geduldig warten ſollen, bis der Wagen, wieder hergeſtellt, uns geſtattet hätte, unſern Weg fortzuſetzen, oder wir hätten tapfer vorwärts marſchiren ſollen, um ihn in Fontainebleau zu erwarten. Aber mein Fräulein wollte ſich ein wenig im Walde er⸗ gehen, und allein, ohne Führer, kannten wir uns' bald nicht mehr aus. Wir ſind Arbeitern, Malern und end⸗ lich Ihnen begegnet, mein Herr, aber mein Fräulein freute ſich ſo ſehr darüber, ſich im ſchönen Walde ver⸗ irrt zu haben, und wollte mir nicht erlanben, daß ich Erkundigungen einzog, ſo lange dies noch möglich war. Stunden verfloſſen und wir trafen Niemand mehr; nun iſt die Nacht da, und wir ſind ganz abgemattet, und ich fürchte, wir ſind jetzt recht weit weg von unſerm Wagen. Wenn Sie nun ſo gütig ſein wollten, mein Herr, uns.. Ach! der hübſche Strauß, unterbrach ſie das junge Mäd⸗ chen, indem ſie in ihrem Ausrufe das hinreißendſte Ver⸗ langen zu erkennen gab. Anſtatt der Gouvernante zu antworten, näherte Gabriel ſchüchtern die Hand, welche die Blumen hielt, aber die alte Dame ſtellte ſich raſch zwiſchen die beiden jungen Leute und ſtieß den Arm des Herrn von Floves ſanft zurück.„Verzeihen Sie dieſem Kinde, mein Herr,“ fuhr ſie fort;„ſie wurde auf eine etwas zu natürliche Weiſe erzogen, auf eine Art, welche Stadtlente ſeltſam finden würden... Verzeihen Sie Plonvier, Erzäblungen für Regentage. 13 194 ihr; in der Gegend, woher wir kommen, nannten ſie die Landleute das Naturkind.“ „Madame,“ ſagte Gabriel endlich,„ich durchlaufe dieſen Wald heute zum Erſtenmale, und habe mich wie Sie verirrt.. Vielleicht können wir uns doch noch hinausfinden. Ich bin ſoeben durch ein Dörfchen gekom⸗ men, das ich gewiß wieder zu finden glaube; wollen Sie mich dahin begleiten. Dort werden wir fragen—— ich werde einen Führer für Sie finden.“ „Und wir werden um Milch und Brod bitten, oder was es auch immer ſei, nicht wahr, Durand,“ ſagte das junge Mädchen zu ſeiner Gonvernante,„denn ich ſterbe vor Hunger! Und Sie, mein Herr, wenn Sie ſich ſchon ſo lange in der Irre herumtreiben wie wir, müſſen Sie auch hungrig ſein!“ „Ich, mein Fräulein, geſtehe ohne Scham, daß ich mit großem Vergnügen diniren würde.“ „Wollen Sie doch vorausgehen, mein Herr,“ be⸗ merkte die Gouvernante, die augenſcheinlich über das, was vorging, mißvergnügt war. Gabriel, glücklich, wie ſeit vielen Tagen nicht mehr, eröffnete den Zug und ging auf das Dörſchen Chante⸗ Oiſean zu. Er ging langſam und wendete ſich oft um, die Reiſenden auf einen auszuweichenden Stein aufmerk⸗ ſam zu machen; wenn er ſich umkehrte, ſah er, wie das lebhafte Mädchen, wie müde es auch war, unaufhörlich ſtehen blieb, um beim ſterbenden Tageslichte Blumen, Veilchen oder Maiblümchen zu pflücken. Man kam im Dorfe an. Hier erbot ſich ein Holz⸗ hauer, die Reiſenden in einer Carriole nach Fontaine⸗ bleau zu fahren. Man aß bei ihm harte Eier, und trank, keine Milch, aber Wein, den herbſten auf der Welt. Um nun dieſes ſchlichte Mahl zu nehmen, mußten die jungen Leute für einen Augenblick ihre Sträuße weglegen; ſie legten ſie neben einander auf den Backtrog. Als man nach Fon⸗ 195 tainebleau aufbrechen mußte, wohin man einer Ueberein⸗ kunft gemäß den Wagen wollte kommen laſſen, beeilte ſich Gabriel anſtatt des ſeinigen den Strauß des Mäd⸗ chens zu nehmen, und dieſes bemerkte nichts von dieſer Unterſchiebung. Nachdem die Carrivle eingeſpannt war, ließ die Gouvernante das ihrer Aufſicht anvertraute Mädchen zu⸗ erſt einſteigen, ſodann zog ſie, ehe ſie ſelbſt darin Platz nahm, Gabriel ein wenig bei Seite und ſagte zu ihm: „Hören Sie mich an, mein Herr! ich habe die Auf⸗ gabe, dieſes Kind reinen Geiſtes und Herzens dem Manne zuzuführen, von dem ſie in Bälde abhängen wird. In zwei Tagen wird meine Miſſion erfüllt ſein.. vor⸗ ausgeſetzt, mein Herr, daß ſie dieſelbe nicht in Gefahr bringen. Ich kenne das Leben, mein Herr, und ſehe ſehr klar. Gewiß könnten Sie, ohne dabei etwas Unziem⸗ liches zu verlangen, mich darum angehen, das Fränlein wiederzuſehen, und es könnte ſein, daß Sie ihrer voll⸗ kommen würdig wären, und daß unſer etwas romantiſches Zuſammentreffen mit einem Glücke— dem edelſten aller Glücksfälle!— endigte; aber ich muß es Ihnen ſagen und auf das Wort einer ehrbaren Frau verſichern, dieſe junge Perſon iſt nicht mehr frei, ich führe ſie ihrem zu⸗ künftigen Gatten zu.—— Sie ſind ein biederer junger Mann, ich bin davon überzeugt, bleiben Sie nicht länger bei uns, ich bitte Sie darum im Namen der Reinheit dieſes Kindes... Ich wollte, Sie hätten eine Schwe⸗ ſter, ich würde ihren Namen anrufen, Sie würden bis morgen hier bleiben und meinen Zögling, mein Kind nicht wiederſehen wollen.“ Gabriel ſchwieg einen Augenblick und betrachtete das hübſche Geſicht des vom Monde beleuchteten Mädchens, der über die Felſen emporſtieg.—„Es iſt ein Engel,“ ſagte er zu ſich,„und wenn ſie frei ſein würde, wäre der Liebhaber Eskopettens und der Schlange würdig, die Hand zu berühren. 196 „Gehen Sie, Madame,“ ſagte er ganz laut,„gehen Sie und ſeien Sie ruhig, Sie werden mich nicht wieder ſehen! Ich werde ſelbſt das Verdienſt haben, Ihnen ein Unrecht einzugeſtehen. Dieſen Strauß, den ich in der Hand habe, iſt nicht der meinige, der meine iſt in den Händen Ihres Zöglings, die ich des ihrigen beraubt habe.“ „Wohlan! behalten Sie ihn,“ ſagte die wackere Gouvernante, indem ſie dem jungen Manne die Hand drückte, das ſoll Ihr Lohn ſein.“ Gabriel übernachtete beim Holzhauer von Chante⸗ Oiſeau. Am andern Abend kehrte er mehr kummervoll als wehmüthig, den letzten Blick des jungen Mädchens, als ſie die Carriole entführte, und ihr letztes ein wenig be⸗ trübtes Lächeln immer vor Augen, nach Paris zurück. Paris feierte Mitfaſten. Paris ekelte Gabriel an; er ſchloß ſich in ſeine Wohnung ein, und— wagen wir es zu ſagen— er ging mit dem Strauße derjenigen, die er in ſeinen Gedanken den Engel von Foutainebleau nannte, auf dem Herzen ins Bett. Aber der Schlaf kam nicht, und obwohl es Mitternacht war, ſtand Herr von Floves auf. Er küßte ſie zum letzten Male ſeine welke Reliquie, verſchloß ſie in einen kleinen Commod und eilte in die Opera. „Ach!“ ſchrieen zugleich Eskopette, Regis, Türkiß und Ferreol, als ſie ihn ſahen; man langweilte ſich und man ging weg, um auf der ganzen Linie ſich mit Wuth zu unterhalten. 197 VIII. Was der Mühe verlohnt, ein Kapitel zu beginnen. Das verzehrende Leben, das Gabriel führte, fing, kaum einen Moment unterbrochen, wieder an, voll von hinreißendem Wahnſinne. Mit Van⸗Hopden und mit den glücklichen Tagen von Chantilly hatte unſer Held jetzt noch Etwas und noch Jemand zu vergeſſen,— es war dieſes ſein Spaziergang durch die Felſen und Eichen, es war dies der Engel von Fontainebleau. „Ach!“ ſagte er manchmal in den ſeltenen Angen⸗ blicken der Einſamkeit:„ich wollte die Lieve kennen ler⸗ nen, um das Leben zu kennen, und ich habe ſie verfolgt, ohne ſie jemals erreichen zu können; und als ich ſie ein⸗ mal halb ſah, ſo war es fern von Paris, das mich zurückhält und das ich verfluche, und es war zu ſpät, um Liebe zu verdienen, um würdig lieben zu können!“ Der Pariſer Frühling, der offiziell anerkannte Früh⸗ ling kam an, dann der Sommer. Auf die Bälle, auf die nächtlichen Orgien, und auf das Landsknechten folgten nun die Landparthien, die Fahrten auf einem Seinebvot und ſelbſt die traurige Liebe der Sommerbälle; denn ohne daran zu denken, ließ ſich Gabriel jetzt zu den ge⸗ meinen Vergnügungen führen, die er mit Leuten theilte, deren Bekanntſchaft ihn früher hätte erröthen laſſen.— Das iſt die Geſchichte der Wüſtlinge. An einem Sonntag, am Aufange des September war Herr von Floves etwas leidend. Der Lüge müde, hatte er ſeit zwei Monaten nicht mehr an ſeinen Vor⸗ 198 mund geſchrieben.— Der alte Magloire brachte ihm folgendes Billet: „Amſterdam, 5. September. „Mein Gabriel! „Gott liebt mich. Meine Schweſter iſt gerettet und ich werde Dich wiederſehen! „Erwarte mich mit offenen Armen. Ich werde übermorgen, am Sonntag, in Chantilly ſein. Mein Herz zerfließt in dem Gedanken, Dich zu umarmen. Dein alter Tyrann Van⸗Hopden.“ „Magloire, Pferde!“ ſchrie Gabriel.—„Mein Gott,“ fügt er hinzu,„wenn ich nur noch zur rechten Zeit hinkomme!“ Pritter Abſchnitt. Das verlorne Paradies. I. Wo der Verfaſſer die Seite, die er im erſten Abſchnitte im Eintenfaſſe ließ, daraus hervorholt. Als Gabriel auf der Villa von Chantilly, wo Herr Van⸗Hopden noch nicht erſchienen war, ankam, fragte er ſich, ob er nicht zu Pferde ſteigen ſolle, um ſeinem Vor⸗ munde entgegenzureiten. Seine ganze Zuneigung für die⸗ ſen vortrefflichen Menſchen war bei der Nachricht von deſſen Ankunft wieder neubelebt, und dieſe Nachricht hatte das Bewußtſein ſeines Unrechts lebhafter als jemals in ihm erweckt, und er war deßhalb entſchloſſen, alsbald Alles zu geſtehen. Aber, wie geſagt, er war leidend und ermattet. Ein trockenes, klingendes Hüſteln verließ ihn nicht mehr ſeit einer Verkältung in der vergangenen Woche, und Gabriel fühlte ſich jetzt nicht kräftig genng, ſein Verlangen zu befriedigen. Er entſchloß ſich, den Doktor zu Hauſe zu erwarten. Als er ſich wieder in ſei⸗ nem Zimmer befand und ſich dem Porträt Van⸗Hopdens gegenüber ſah, und ſeine Augen auf dieſe breite gefurchte Stirn richtete, auf dieſe großen, ſo durchdringenden und 200 ſo ſanſten blauen Augen, fiel er vor dem Porträt auf die Kniee und fing an zu weinen.—„Nun iſt es bald ein Jahr,“ ſagte er für ſich,„daß ich dieſes Zimmer, dieſes Bild und dieſes Glück verließ... Was habe ich ſonſt gefunden? Was bringe ich hieher wieder zurück? Gewiſſensbiſſe und Thränen... O mein braver Vor⸗ mund, mein Freund, mein Vater, werden Sie mir ver⸗ geben? Ich wollte mein Leben in einem Jahre der Trunkenheit ausſchöpfen, und ich habe vielleicht auf ganze Jahre in Ihrer Nähe verzichtet!—— können Sie mir je verzeihen?“ Man hätte ſagen mögen. daß die Thrä⸗ nen, die Gabriel vergoß, ihn noch mehr ermatteten; er krümmte ſich in ſich zuſammen, und blieb ſo einige Zeit unbeweglich und vernichtet. Pferdegetrampel, Peitſchen⸗ klatſchen und das Rollen eines Wagens erweckte ihn. Da er, um aufzuſtehen, ſeine Hand auf ein kleines Geräthe ſtützte, fühlte er, daß er unter ſeinen Händen trockene Blumen zerdrückte, und betrachtete anfänglich ohne ſon⸗ derliche Anfmerkſamkeit dieſe Blumen!—„Ach! mein Gott,“ rief er,„Weißdorn, Veilchen und Maiblumen.— Mein Strauß von Fontainebleau, es iſt mein Strauß, und hier! in meiner Wohnung! vor dieſem Bildniſſe!— Magloire! Germain! ach!—“ In demſelben Angenblicke trat der Doktor Van⸗Hop⸗ den bei Gabriel ein; dieſer ſtürzte faſt entſeelt in deſſen Arme. Während einiger Minuten gab es nur Thränen, Küſſe und warme Umarmungen; aber als Gabriel ein wenig huſtete, entwand ſich der Vormund plötzlich den Armen ſeines Mündels, ergriff ungeſtüm deſſen Hände und ſagte, indem er ihn ans Fenſterlicht zog und ihn mit verſtörtem Auge anſah: „Großer Gott! Du leideſt, mein Kind, was fehlt Dir? Sprich, o ſprich, daß ich Deine Stimme böre!“ Der Doktor erblaßte ſeltſam, als er Gabriels Stimme vernahm, der ihm antwortete: 201 „Nichts, guter Freund, o! nichts! ein Schnupfen, das iſt Alles!“ „Ein Schnupfen! o mein Gott, das ein Schunpfen! Was haſt Du denn ſeit einem Jahre getrieben, Gabriel?“ „Ich werde es Dir ſagen, Du ſollſt Alles erfahren,“ erwiederte der arme Jüngling, indem er ſich bemühte, einen neuen Anfall des Hüſtelns, über das er vom Dok⸗ tor ertappt worden war, zu unterdrücken. „Herr, mein Herr!“ hob dieſer wieder ganz zitternd an,„was behältſt Du uns vor, Herr!“ Dann warf er ſich vor den erſtarrten Herrn von Floves auf die Kniee, lehnte ſein Ohr an die Bruſt des jungen Mannes und rief nach einem Augenblicke entſetzlichen Schweigens mit zerreißender Stimme und toll vor Schmerz:„Bruſtkrank! mein Kind, bruſtkrank im dritten Stadium! Ach! ich werde daran ſterben, mein Gott, ich werde mit ihm da⸗ ran ſterben.“ Gabriel ließ auf ſeinen Zügen einen tiefen Schmerz erkennen, aber dieſer Schmerz war weniger durch den Sinn der Worte des Doktors veranlaßt, als durch den unbeſchreiblichen Kummer, den dieſer offenbarte. „Sie ſind ein unerſchütterlicher, vorausſichtiger Mann,“ bemerkte Herr von Floves,„und ein gelehrter und erfahrener Arzt; was gekommen iſt, mußte kommen, und Sie wußten es beſſer als Jemand. Wenn ich jemals hätte geheilt werden können, ſo hätten Sie allein auf der Welt mich heilen können, und nichts konnte in Ihrer Abweſenheit den armen Bruſtkranken retten.“ „Bruſtkrank!“ ſagte der Doktor unter Thränen; „aber Du warſt es nicht, armes Kind, bevor ich dieſe verhängnißvolle Reiſe machte, Du warſt es nicht; Du hatteſt ſo feſte Lungen wie ich.—— Noch einmal, was haſt Du ſeitdem getrieben?“. „Ich war es nicht, ich war nicht bruſtkrank,“ unter⸗ brach ihn Gabriel außer ſich, warum hätten Sie mich daun glauben laſſen, daß ich von dieſer unheilbaren 202 Krankheit ergriffen ſei?— Ich war nicht bruſtkrank, Sie erklären es ſelbſt, und Sie haben mich ferne gehal⸗ ten von allen Vergnügungen meines Alters, von der Geſellſchaft, von der Welt, von Paris, das ich ſehen wollte, und von der Liebe endlich, die ich das Recht hatte, kennen zu lernen!—— Sie haben mir eine einſame Jugend gegeben, voll von Entbehrungen, von verlorenen Kräften, von bitteren Entſagungen und erſtickten Ver⸗ langen?— Warum, Doktor, ſagen Sie mir doch, warum?“ „Du klagſt mich an, armes Kind,“ ſagte der Dok⸗ tor mit einer Zärtlichkeit und Sanftheit, ſo unendlich wie ſein Schmerz,„Du klagſt mich an!.. Du würdeſt mich heute dafür ſegnen, wenn Du in meiner Abweſen⸗ heit ſo geblieben wäreſt, wie ich Dich verließ, Gabriel! Ich weiß noch nicht, was Du gethan haſt, aber ich er- rathe es: Du haſt Dich zahlreichen Ausſchweifungen überlaſſen, die verhängnißvoll und tödtlich ſind; Du mußteſt mich ganz vergeſſen haben, Gabriel! Gabriel⸗ Dn haſt Dich bruſtkrank gemacht.“ „Ich glaubte es zu ſein,“ erwiederte der junge Mannz„und wollte leben vor dem Sterben. Noch ein⸗ mal frage ich Sie, warum haben Sie mich getäuſcht?“ „Warum, mein Kind?... Höre an,“ ſagte der Arzt und ſeine Stimme wurde, wie er ſprach, feierlich, indem ſie immer noch zärtlich und troſtlos blieb. Ich wollte Deine Kindheit und Deine Jugend vor jeder gefährlichen Berührung bewahren, vor jeder lügne⸗ riſchen Verlockung und vor jeder Befleckung ich wollte Deinen Geiſt wie Dein Herz, Deinen Körper wie Deine Seele rein erhalten. Dank einer Lüge, wie ſie Gott begünſtigte, es gelang mir, und als ich abreiſte, Gabriel, da es unmöglich war, nicht zu reiſen, ließ ich hier einen Engel zurück, die reinſte Seele in der ſchön⸗ ſten männlichen Form und ein erhabenes Herz, das über einen gerechten Geiſt herrſchte!... In dieſer Zeit, 203 wo die Männes ſelten ſind, habe ich einen Mann gemacht, und war ſtolz darauf, denn dieſer Mann war mein Kind! — Fern von hier in einer andern Einſamkeit, in einem andern Eden erwuchs auch wie Du keuſch und rein ein junges Mädchen; in ihr bildete ſich für Dich die Frau nach dem Willen Gottes. ſie wußte nicht mehr als Du von der Welt, die entblühtet, die verderbt und ent⸗ ehrt, wenn man zu ſehr ihre Pfade geht.— Dieſes junge Mädchen war eine Waiſe Charles von Morteuil, deſſelben, mit dem Dein Vater und ich dieſe Dreieinig⸗ keit einer heiligen Freundſchaft gebildet, wovon ich Dir erzählte. Dieſes junge Mädchen war Deiner werth, ich bewahrte Dich, ihrer werth.— Wenn Ihr Euch in dem Alter, wo das Herz ſich der Liebe erſchließt, begeg⸗ net wäret, Ihr hättet Euch lieben müſſen, und niemals hätte der Himmel auf ein gleiches Glück herabgeſehen! —— Ach welch ein Unglück für jetzt! Unglück!“ „Verzeihung! Verzeihung!“ ſagte Gabriel mit der Stirne an Van⸗Hopdens Herz!„ach! Verzeihung! Ver⸗ zeihung! mein Vater; aber wie! dieſes Mädchen.. „Iſt ſeit geſtern mit ihrer Gonvernante hier, ſie er⸗ wartet mich, und ſiehe, da iſt ſie.“ Die Thüre öffnet ſich, und der Engel von Fon⸗ taineblean, in Begleitung der Madame Durand, er⸗ ſchien noch einmal vor Gabriel, Fräulein Madeleine von Morteuil war einfach weiß gekleidet, geſchmückt mit ihrer jungfräulichen Schönheit. Ihre ſchwarzen Haare waren ſo reich, daß ſie den hübſchen Kopf des Mädcheus rückwärts bogen. Ihre Stirne und Augen erhoben ſich ſodann gegen Himmel durch eine wahrhaft natürliche und engelhafte Bewegung. Die Erinnerung des Herrn von Floves hatte ihr in WVirklichkeit den rechten Namen gegeben. „Ach, mein Bouget,“ ſagte ſie, indem ſie es nach einer Umarmung des Doktors zuſammenraffte; dann 204 wendete ſie ſich zu Gabriel, der unbeweglich, ſtumm und vernichtet daſtand, und ſagte: 6 „Wenn Sie wüßten, wie glücklich ich war, als ich Ihr Porträt erkannte.. denn ich ſah es im Zimmer des guten Doktors... „Mein Gott, mein Gott!“ ſagte endlich der Bruſt⸗ kranke mit einem herzzerreißenden Schrei,„ſie iſt es, ſie! Ach, Leben, um des Himmels Willen, Leben! Gabriel fiel in Ohnmacht.— II. Der Lod im Sonnenſchein. Gegen Ende des Monats Oktober um die Mittags⸗ ſtunde kamen Reiſende auf dem Wege von Nizza, wo ſie ſich aufgehalten, gegen Toulon zu die Alpen herab und befahlen dem Poſtillon, nach einem über der Straße ge⸗ legenen Orte zwiſchen Nizza und St. Laurenzio im Schritte zu fahren. Dieſe Reiſenden beſtanden aus vier Perſonen. Es waren zwei Paare: der Herr Graf und die Frau Gräfin von Grandbel und der Herr Marquis und die Fran Marquiſe von Oswed. Sie überſahen dann eine koſtbare Villa, welche von der Straße bis zum Meeresufer auf den Stufen eines natürlichen Am⸗ phitheaters ihre Lorbeer⸗ und Myrthen⸗Wälder, ihre Ci⸗ tronen⸗Alleen und ihre Gebüſche von Cedern, Granat⸗ äpfeln und Orangen entfaltete, die an den geſchmackvollen Anlagen zwiſchen hinein zerſtreut waren. „Das iſt eine bezaubernde Wohnung,“ ſagte die 205 Gräfin, indem der Wagen der Höhe der Terraſſe entlang fuhr:„Betrachten Sie doch unter den Anlagen die See; und jenſeits derſelben die Berge von Corſica; und dann auf der anderen Seite hinter dieſen Abhängen, wo die Landhäuſer in allen Farben in den Weinbergen zer⸗ ſtreut liegen, drei Reihen von Gebirgen! deren letztes ſich in die Alpen verliert.. Im Ernſt, wenn dieſe Villa zu vermiethen wäre, hätte ich Luſt, Winter und Frühling hier zuzubringen... Was ſagt der Herr Graf dazu?“— „Ich habe vor zwei Jahren dieſen Weg gemacht,“ bemerkte der Marquis dazwiſchen, ich kam von den Hye⸗ riſchen Inſeln. Dieſe Villa war damals von einer eng⸗ liſchen Familie bewohnt. Der Erbe dieſer Familie, deren Haupt noch im Oberhauſe ſitzt, war im Laufe von ſechs Wochen durch ein Liebesverhältniß mit einem Pariſer Mädchen, ich glaube, man hieß ſie die Schlange, ſchwind⸗ ſüchtig geworden....“ „Sieh da,“ unterbrach ihn der Graf,„.. iſt das nicht daſſelbe ſeltſame Mädchen, deſſen Geliebter Ihr Vetter, der arme Chriſtian von Velly, geworden iſt, Frau Gräfin?“ „Erlauben Sie,“ ſagte Frau von Oswed,„ver⸗ liebt in ſie, wohl; Liebhaber aber iſt Ihr Wechſelagent Bodimont.“— „Was liegt daran,“ bemerkte der Diplomat,„ich habe eine lebhafte Erinnerung an dieſe Villa im Gedächt⸗ niſſe bewahrt, weil man im Momente, wo ich ſie bewun⸗ derte, den jungen Lord, von dem ich ſprach, dieſe Terraſſe herabtrug. Dieſer unglückliche junge Mann verſchied noch in derſelben Minute, während ich vorüberging, unter meinen Augen.“— „Sehen Sie doch, Marquis,“ ſagte der Graf„dort am Ende der Hrangenallee iſt Geſellſchaft, eine Gruppe man iſt ſelbſt ziemlich bewegt... Ach! Gräfin, 206 ich bin betrübt wegen Ihres Verlangens, aber Sie ſehen ſelbſt, die Villa iſt nicht zu haben....“ „Mein Gott,“ ſagte Louiſe von Grandbel,„ich ſehe einen jungen Mann in einem Lehnſeſſel; um ihn herum iſt ein Greis, ein junges Mädchen und eine alte Dame ſie weinen.. 2Ach! Marquis, was haben Sie uns da erzählt!.. Galopp, Poſtillon!“... Der Poſtillon verſetzte ſeine Pferde in Galopp, aber doch nicht ſo ſchnell, daß Bertha und Louiſe nicht im Vorüberfahren an der weinenden Gruppe Zeit gehabt bätten, den Kranken zu erkennen, den man hiehergebracht. Der Wagen war noch keine hundert Schritte über die Drangenallee hinausgekommen, als die ſchweigſam ge⸗ wordenen Reiſenden einen enſetzlichen Schrei hörten. Un⸗ willkührlich wendeten ſie ſich in einer raſchen Bewegung um und ſahen den Greis der Länge nach zu Boden ſtürzen. Hier, unter den Küſſen der Sonne, die für ihn keine Kraft mehr hatten, unter den warmen vergeblichen Lieb⸗ koſungen eines Vaters und einer Gattin, mit offenen Augen für das bezaubernde Leben, das er laſſen mußte, und für das Liebesparadies, das ihm verſchloſſen war, war Gabriel von Floves ſoeben verſchieden. Die Abtei von Maiſon⸗Dieu. Aber Alles iſt für die Zukunft beſtimmt und wohnt hier nur aufs Ungewiſſe, weil Alles in gleicher Weiſe dem Gerechten wie dem Ungerechten geſchieht, dem Guten und dem Böſen, dem, der Opfer bringt und dem, der ſie verachtet. Der Unſchuldige wird be⸗ handelt wie der Sünder und der Meineidige wie der, der in Wahrheit ſchwört. (Das Buch des Predigers.) P Die Dachdecker. An einem ſchönen Tage im Monat September 181.. waren Dachdecker damit beſchäftiget, das Dach eines alten Hauſes in der Königſtraße in Amiens auszubeſſern. Das breite marmorne Wappen, das ſich über dem Eingangs⸗ thore erhob, die ſteinernen Bänke außerhalb, und die bei⸗ den Treppen, die zu den Gemächern führten, kurz Alles bis ins kleinſte architectoniſche Detail gab dieſer Wohnung einen impoſanten ariſtokratiſchen Charakter: dennoch war die Zeit, die nichts verſchont, auch hier nicht ſpurlos vor⸗ übergegangen, indem ſie hier einige Steine ablöste, dort Riſſe in die Mauern machte und die Dachſchiefer zerbrach. 208 oder dienten vielleicht dieſe leichten Beſchädigungen dazu, um dieſem Change einen ariſtokratiſchen Schein zu ver⸗ leihen?... Wie dem auch ſein mag, der Baron von Lo⸗ ſtranges war ſtolz auf ſein Hotel, und nur ungern gab er ſeine Zuſtimmung zur Ueberwindung ſeiner ſtolzen Ver⸗ achtung der durch den Zahn der Zeit bewirkten Zerſtörun⸗ gen, und geſtattete, daß die Dachdecker kommen, um für einige Tage ſein Haus zu beſudeln und ſeine Dächer aus⸗ zubeſſern. In dem Augenblick, wo dieſe Geſchichte beginnt, ſaß ein junger Dachdecker, einer von denen, die die An⸗ dern bedienen und man Handlanger nennt, auf dem Vor⸗ ſprung eines Dachs, die Füße in der Rinne, die ſich unter ſeiner Laſt hätte biegen können, und jeden Augen⸗ blick in Gefahr, auf das Pflaſter im Hofe herabzuſtürzen. Sein Geſicht mußte von Etwas ſehr eingenommen ſein, das ihn verhinderte, an ſeine gefährliche Lage zu denken. Erläutern wir die Veranlaſſung zu dieſer ſeltſamen Ein⸗ genommenheit des Geiſtes. Das Dach, auf welchem der Handlanger ſaß, war jenes, das den rechten Flügel des Gebäudes bedeckte, der von Fräulein Genofeva von Loſtranges bewohnt war; im linken Flügel lagen die Gemächer des Barons, und das Fenſter ſeines Schlafzimmers, das gerade offen ſtand, war genau dem Fenſter gegenüber, über welches ſich der Handlanger geſetzt hatte. Derſelbe konnte demnach die⸗ ſes Zimmer überblicken, und eben bei der Betrachtung aller der Reichthümer, die darin waren, war er allmälig auf bizarre Gedanken verfallen, die ihn der wirklichen Welt vollſtändig entzogen. Er ſaß ſchon eine geraume Zeit ſo da, als ein anderer Dachdecker, deſſen Aehnlich⸗ keit mit ihm ſo außergewöhnlich war, daß man keinen Augenblick daran zweifeln konnte, daß ſie Brüder ſeien⸗ ſich ihm gerade gegenüber ſetzte, nämlich ſo, um in das Zim⸗ mer des Fräulein von Loſtranges ſehen zu können, deren Fenſter gleichfalls offen war. Auch er ſchien von Etwas 209 ſehr in Anſpruch genommen zu ſein, während er in dieſes Zimmer blickte: er ſah ſeine Mutter darin, die in ihrer Eigenſchaft als Näherin für Fräulein Genofeva arbeitete, die damals vom Hotel abweſend war. Es waren alſo zwei Brüder, Zwillinge, deren Aehn⸗ lichkeit wahrhaft wunderbar war: aber wie ſehr ſie ſich im Geſichte glichen, ſo unähnlich waren ihre Charaktere. Zwiſchen ihnen lag der ganze Zwiſchenraum, der das Wirkliche von dem Möglichen trennt. Der Eine, Richard, derſelbe, der ſeiner Mutter zuſah, lebte mit dem Herzen; der Andere, Valentin, der zu Herrn von Loſtranges hin⸗ einblickte, lebte mit dem Verſtande; der Eine liebte mit Seele, der Andere liebte nicht; der Eine war ſo recht⸗ ſchaffen, um Hunger zu ſterben, der Andere verſchlang die Reichthümer des Barons mit ſeinen Augen. Beide be⸗ ſaßen jedoch einen lebhaften Geiſt, und beide junge Männer, die auf der niedrigſten Stufe der menſchlichen Geſellſchaft geboren wurden, hätten, um darin zu glänzen, nur einiger Erziehung bedurft: aber das Elend hatte bei ihrer Geburt den Vorſitz gehabt, das Elend hatte ſie ge⸗ wiegt, und hatte ihre Mutter gezwungen, ſobald ſie die Kraft dazu hatten, Arbeiter aus ihnen zu machen. Sie waren ſich demnach gegenüber und ſahen ein⸗ ander nicht. Mit vorgeſtrecktem Halſe, ſtarren Augen und halb geöffnetem Munde ſagte Valentin für ſich: „Wenn ich nur einen ſchwachen Theil der Reichthümer hätte, die hier begraben ſind, ſo würde ich— denke ich wohl— mit den bereichernden ehrgeizigen Gedanken, die in meinem Gehirn ſprudeln, große Dinge thun können. Wenn es wahr iſt, was ich manchmal las, ſo macht man ſich in Paris mit Muth und Gewandtheit ungeheure Vermögen. Aber man muß anfangen können und etwas zu riſkiren haben, und ich— ich habe nichts.. Ach! ſich ſo vielen Reichen und Emporkömmlingen überlegen zu wiſſen, in ſich ſo viele Elemente der Zukunft, des Plouvier, Erzählungen für Regentage. 14 Glücks und des Ruhmes zu befitzen, und alſo im Kothe zu vegetiren!... In einem Angenblick wird die Früh⸗ ſtücksſtunde vorüber ſein, und ich werde dieſen Thieren, die jetzt in der Schenke ſind, wieder Gyps zutragen! Und hier unter meinen Augen tanſend Schätze: Bilder, Gold, Schmuckſachen! Wenn ich dieſen Herrn von Loſtranges aufſuchen würde, wenn ich es wagte, ihm Alles zu ſchildern, was ich fühle, wenn ich ihm ſagte, weſſen ich fähig wäre, wenn.. Ich bin toll! er würde mich nicht annehmen oder für toll halten; und doch, wenn ich nur wollte, wäre es mir ein Leichtes, über dieſe Rinne in dieſes Zimmer einzudringen, um darin zu nehmen, was ich bedürfte, um mein Glück in Paris zu verſuchen; ja, man würde das einen Diebſtahl, ein Verbrechen nennen, man würde mich verfolgen... Bah! es gibt tauſend Mittel zum Entkommen: ich würde nach Paris gehen und einen andern Namen annehmen. Ach! wenn ich wollte!... Ich ſehe von hier aus auf dem Kamin etwas Glänzendes, es iſt vielleicht ein Diamant; das muß einen hohen Werth haben, ich weiß es. O ſchreck⸗ liche Verſuchung!“ Derartig waren die Gedanken des Handlangers Valentin; um ſo verwegen verbrecheriſch zu ſein, mußten ſie ſchon lange in ſeinem Geiſte gekeimt haben, er mußte dieſelben gewohnt ſein, und ſicherlich ſaß er nicht zum Erſtenmale dem Fenſter vom Zimmer des Barons gegen⸗ über. Wehmüthig und reſignirt betrachtete Richard, mit den Ellbogen auf den Knieen und die Stirne auf den Händen, immer ſeine Mutter, welche, ohne den Kopf zu erheben, muthig fortarbeitete, und ſagte in ſeiner an böſen Gedanken jungfräulichen Seele:„Ach ja, es muß ein anderes Leben geben, um für die Uebel des dieſſeiti⸗ gen zu entſchädigen. Dieſe Engel, die wie meine Mutter in dieſer Welt mit mehr Leiden beladen ſind, als ſie der kräftigſte Muth ertragen könnte, ſind lebendige, himm⸗ 21¹ liſche und utwiderlegliche Beweiſe für dieſes zukünf⸗ tige Leben. Wer könnte es zu denken wagen, daß ein ſo leidenvolles Leben wie das meiner Mutter niemals ſeinen Lohn erhalten ſollte?... Gott iſt gerecht, er wird ihr ihn nicht vorenthalten; aber wenn mir der Reſt meines Lebens keinen Erſatz gibt für das, was ich ſchon gelitten habe, ſo muß auch mir, wie jung ich auch noch bin, auch eine reiche Entſchädigung werden. In einem Alter von achtzehn Jahren mitten unter Jene geworfen zu ſein, die die civiliſirte Welt zurückſtößt, ihr Sklave zu ſein und ibr Spielzeng, um einige Sous für meine Mutter zu gewinnen, nichts von der Zukunft zu hoffen und doch im Grunde der Seele eine mächtige gei⸗ ſtige Kraft zu fühlen und ſich gezwungen zu ſehen, all das zu erſticken! Und als wenn das noch nicht genügte, um mein Leben ſchrecklich zu machen, zu fühlen, daß eine junge reine Liebe ſich in mein Herz ſchleicht und dort ſo kräftige Wurzeln faßte, daß ſie jetzt ein Theil meines Lebens iſt. Ach! das heißt leiden!.. Arme Mutter! könnteſt du je dieſe Leiden erkennen, die mich peinigen! könnteſt du jemals erfahren, daß ich eines Abends, als ich ein wenig Ruhe unter den Gewölben der Kirche ſuchte, dort einem jungen ſo ſchönen und ſo frommen Mädchen begegnet bin, daß mein Gebet bei ihr blieb, indem es ſich zu Gott erhob! Könnteſt du jemals erfah⸗ ren, daß ich ſie wiederſah und mit ſo viet Glauben zu lieben wagte, daß Du, meine Mutter, darauf eiferſüch⸗ tig ſein würdeſt!“ Alſo dachte Richard. Aber Martha, ſeine Mutter, wußte, daß er liebte; ſie hatte es aus ſeiner Sprache, aus ſeinen Augen, aus dem Tone ſeiner Stimme gele⸗ ſen. Es gibt Etwas, was immer noch ſchärfer iſt als des Adlers Blick, ſcharfſichtiger als die Reflexion eines Diplomaten und durchdringender als des Richters Frage, — es iſt das Auge einer Mutter.. In dieſem Augenblicke ſchlug die Uhr und die Dach⸗ 212 decker mußten wieder an ihre Arbeit gehen. Martha hob den Kopf und bemerkte Richard; dieſer ging über die Rinne, um ſie zu umarmen, und jetzt erſt ſah ihn Valentin. „Du biſt hier, Bruder,“ ſagte er zu ihm. „Ja, ich träumte.“ Beide umarmten ihre Mutter: der Eine mit den Lippen, der Andere mit dem Herzen; dann vereinigten ſie ſich wieder mit den Arbeitern. Die Wittwe Martha war eine fromme würdige Frau, man las dies auf ihrem Geſichte; auch war ſie im Hotel, wo man ſie oft beſchäf⸗ tigte, geliebt und geachtet. Wiewohl ſie ſehr arm war, zeigte ſie doch immer eine merkwürdige Reinlichkeit. Die Reinlichkeit iſt der Luxus des Elends. An dieſem Tage ſollte beim Baron von Loſtranges zur Feier des ſechszehnjährigen Geburtstages ſeiner lie⸗ ben Tochter Genofeva großes Diner und Ball ſein: er hatte ſie deßhalb bei einer ſeiner Verwandten abgeholt, bei welcher ſie ſeit einigen Tagen auf dem Lande war und er ſollte vor der Stunde des Diners zurückkommen. Als es drei Uhr ſchlug, verließen die Dachdecker noch einmal ihre Arbeit, das war für ſie die Stunde des zweiten Mahles. Valentin, ich weiß nicht, von wel⸗ cher unwiderſtehlichen Macht getrieben, nahm dann wie⸗ der ſeinen gewohnten Platz ein, um dort ſein Stück Brod zu verzehren, dann überließ er ſich von Neuem ſeinen verbrecheriſchen Gedanken. Ohne Zweifel war der Au⸗ genblick gekommen, wo ſie ihre Früchte tragen mußten, denn er war auf dem Punkte angekommen, wo er ſich ſagte:„Wenn meine Mutter nicht da wäre!“ Ein verhängnißvoller Umſtand, er hörte unter ſich eine Stimme, die zu ihm ſagte:„Biſt Du da, Va⸗ lentin?“ „Ja, meine Mutter,“ antwortete er ein wenig ver⸗ ſtört, und beugte ſich gegen das Fenſter.— „Valentin,“ bemerkte Martha,„ich fühle mich heute 213 ein wenig unwohl und will in die Wohnung heimgehen. Ich ſehe Deinen Bruder nicht; Du wirſt es ihm ſagen. Adieu.“ Und die gute Mutter machte ihre Arbeit zuſammen und ging. Warum hielt ſie Gott doch nicht zurück!.... In dem Augenblicke, der dem Verbrechen vorangeht, muß der Menſch, der es begehen will, viel leiden; der Kampf des Guten und Böſen, die ſich in ſeinem Herzen bekämpfen, muß es grauſam zerfleiſchen und in dieſer ſchrecklichen Kriſis kann der ſtärkſte Muth wankend wer⸗ den. Als Valentin hörte, wie ſeine Mutter die Zimmer⸗ thüre verſchloß, blieb er unbeweglich; er hätte ſelbſt ge⸗ wünſcht, daß ſie zurückkomme; das war die letzte An⸗ ſtrengung der Tugend, die in ſeinem Herzen unterlag. Er ſtand anf, ſchaute rings um ſich und ſah Niemand⸗ Er legte ſodann die Hand auf ſeine glühende Stirne, nahm allen ſeinen Muth zuſammen und wendete ſich ge⸗ gen dieſes verhängnißvolle Fenſter, das wie ein dämoni⸗ ſches Auge immer noch offen ſtund. Im Augenblicke, wo er in das Zimmer ſpringen wollte, wendete er ſich noch einmal um, aber er ſah Niemand. Ach! es gibt vielleicht Augenblicke, wo Gott ſein Auge von unſerer Welt weg⸗ wendet, während deſſen die Verbrechen begangen wer⸗ den! Der Handlanger durchlief mit dem Blicke die Pracht, die ihn umgab; er blieb auf jener reichen Dia⸗ mantnadel haften, die ihn ſchon aus der Ferne frappirt hatte, und nahm ſie. In dieſem Augenblicke ſah er einen Schatten von ununterſcheidbarer Form über den Teppich gehen, den die Sonne beſtrahlte, ohne Zweifel der Schat⸗ ten irgend eines Arbeiters, der über das Dach gegen⸗ über ging; er wendet ſich raſch um und ſagt für ſich: „Man hat mich geſehen!“ aber er bemerkte nichts. Immer noch die Nadel in der Hand ſtieg er auf die Rinne zu⸗ rück, erkletterte dann ein Dach, dann ein anderes, indem er immer nach allen Seiten umſchaute und noch immer 214 Niemand ſah. Dann verſteckte er das Kleinod in ſeinem Buſen. In dieſem Momente hört er das Rollen eines Wagens, der in den Hof des Hotels fährt; unruhig und unbeſonnen bückt er ſich über die Rinne, um hinabzu⸗ ſchauen; aber indem er ſich vorbengt, dringt ihm die Nadel tief in die Bruſt. Vor Schmerz verliert er das Gleichgewicht, er ſtößt einen lauten Schrei aus und ſtürzt auf das Hofpflaſter. Die Dienſtboten, die Dachdecker, die Vorübergehenden und Herr von Loſtranges, der mit ſeiner Tochter zurückgekommen war, drängen ſich um den Handlanger. Ein Arzt wird gerufen: er kündigt an, daß Valentin das Bein gebrochen habe. „Es iſt hier kein Zimmer frei,“ ſagte der Baron trocken;„man bringe dieſen Unglücklichen ſegleich nach Hauſe.“ „Aber, mein Herr,“ wagte einer der Arbeiter, „ſeine Mutter iſt zu arm, um für ihn zu ſorgen.“ „Nun gut! ſo bringe man ihn dann ins Hoſpital.“ Einige Zeit darauf hatte man Valentin dorthin ge⸗ bracht: ſeine Mutter, die man davon benachrichtigt hatte, eilte an ſeine Seite. Trotz der Schmerzen, die er litt, hatte er die unglanbliche Geiſtesgegenwart, ſobald er im Hoſpital angekommen war, die Nadel ſo lange in ſeiner geſchloſſenen Hand zu halten, bis man ihn entkleidet hatte; als man ihn dann ins Bett brachte, verbarg er fie geſchickt unter ſeine Matraze und befeſtigte ſie daran. Kehren wir jetzt ins Hotel zurück. Als der oben erzählte Vorfall alle Welt im Hofe verſammelt hatte, erſtaunten einige Dachdecker, ihren zwei⸗ ten Handlanger nicht zu ſehen, und ſchrien mehrmals: „Richard, Dein Bruder hat ſich verletzt!“ Richard be⸗ fand ſich gerade auf einem Dache, von wo man auf das Land ſah, und da vergaß er die ganze Welt in ſchmerz⸗ und poeſivollen Träumen. Als jedoch der Schrei:„Ri⸗ chard, Dein Bruder hat ſich verletzt!“ zu ihm drang, beeilte er ſich, eine Leiter zu ſuchen, um hinabzuſteigen; — 215 da er keine fand und ſah, daß das Fenſter des Barons offen war, ſchwang er ſich hinab, um von da über die Stiege hinabzugehen. Im Momente, wo er die Thüre öffnete, trat Herr von Loſtranges, nachdem er die oben mitgetheilte Anordunng getroffen, in ſein Zimmer. „Was machen Sie hier?“ ſagte er zu Richard. „Mein Herr,“ antwortete dieſer,„ich ſtieg hinab, um nach meinem verletzten Bruder zu ſehen.“ „Gehen Sie nur,“ ſagte der Baron.„Aber,“ fuhr er fort, als der Handlanger ſich entfernt hatte,„warum, beim Teufel, geht er gerade hier durch... Dieſe Leute haben in Wahrheit doch einzige Manieren.“ Als der Abend kam, wollte der Baron Toilette für den Ball machen; er ging deßhalb, von ſeinem Kammer⸗ diener begleitet, in ſein Zimmer. Als er ſeine Nadel anſtecken wollte, fand er ſie nicht. „Das iſt wirklich ungewöhulich,“ ſagte er.„Julian, ſuchen Sie doch ein wenig nach meiner Diamantnadel.“ Weder er noch Julian fanden ſie, als er plötzlich ſich auf die Stirne ſchlagend ausrief: „Ach, welch ein Licht! dieſer junge Dachdecker, den ich in der Früh hier überraſchte... Julian, laufen Sie, ziehen Sie Erkundigungen ein, man ſoll mir den Bruder des verletzten Arbeiters herbringen, man eile!“ Man fand Richard an Valentins Bette. „Junger Mann,“ ſagte Julian, der mit zwei Dienſt⸗ boten hiehergekommen war, zu ihm,„Sie haben Herrn von Loſtranges ein koſtbares Kleinod entwendet?“ „Ich?“ ſchrie der arme Jüngling. „ Und er ſah ſeine Mutter und ſeinen Bruder an. Dieſer wurde bleich wie ein Leintuch, ſo blaß, daß Ri⸗ chard es bemerkte. „Wenn Sie es nicht ſind,“ bemerkte der Kammer⸗ diener,„ſo kommen Sie und rechtfertigen Sie ſich vor dem Herrn Baron.“ Richard folgte den Doneſtiken. Martha blieb ſtumm 216 und erſchreckt. Als der Handlanger vor den Baron ge⸗ bracht wurde, fragte ihn dieſer alſo: „— Ich habe Sie heute früh in dieſem Zimmer er⸗ tappt; Sie hatten eben hier eine Nadel genommen: ſtellen Sie dieſelbe mir zurück und ich will im Hinblick auf Ihre Mutter und Ihren verletzten Bruder, Ihnen verzeihen.“ „Mein Herr,“ antwortete Richard feſt, den Kopf in die Höhe gerichtet und den Blick voll Unwillens,„ich bin unſchuldig.“ Der Kammerdiener nahm das Wort: „— Ich habe Sie oft ſchon um dieſes Fenſter her⸗ umſtreichen ſehen.“ „— Das iſt wahr, aber——“ „— Noch beute früh ſaßen Sie gegenüber, die Blicke auf dieſe Möbeln gerichtet...“ Julian war in dieſem Momente durch die Aehnlich⸗ keit der Brüder getäuſcht worden. „Ich bin unſchuldig,“ wiederholte Richard;„ich war dieſen Morgen nicht dort, und habe dieſe Möbeln nicht betrachtet.“ „Ich ſchwöre vor Gott, daß ich ihn geſehen habe,“ ſchrie der Kammerdiener. Dann dachte Richard an Valentin: er hatte ihn ſelbſt am Morgen an jener Stelle geſehen, die man ihm be⸗ zeichnete, und hatte ihn dort nachdenklich gefunden: er erinnerte ſich der plötzlichen Erblaſſung, die ſein Antlitz weißfärbte, als er vom Diebſtahl reden hörte: er zit⸗ te „Kürzen wir dieſe Scene ab,“ ſagte der Baron, „man erwartet mich!... Geſtehen Sie, das Kleinod geſtohlen zu haben?“ „Wenn Sie es nicht waren, ſo war es Ihr Bru⸗ der,“ ſagte Julian,„denn...5 „Geſtehen Sie?“ ſagte der Baron. 217 Die Lippen des Dachdeckers öffneten ſich halb und ließen ſeufzend ein„Ja“ entſchlüpfen. „Geben Sie mir meine Nadel zurück, und ich ver⸗ zeihe Ihnen, Sie können entfliehen.“ „Mein Herr,“ murmelte Richard,„ich habe ſie nicht.“ „Man durchſuche ihn!“ Man fand nichts als drei Blätter von Chateau⸗ briand, die er irgendwo aufgeleſen. „Man hole Gensdarmen und führe ihn weg,“ ſagte der Baron. Im Augenblicke, wo Richard zwiſchen zwei Gens⸗ darmen über den Hof ging, bemerkte er durch die Salon⸗ fenſter Herrn von Loſtranges, der ſeine Tochter an der Hand hatte, und hörte ihn laut ſagen: „Meine Herren, Fräulein von Loſtranges, meine Tochter iſt heute ſechzehn Jahre alt.—“ Der Dachdecker fiel in Ohnmacht: er hatte die wie⸗ der erkannt, die er liebte, den Engel in der Kirche!... . Ein Engel in der Hölle. „Noch ein wenig Aufmerkſamkeit, und es iſt Alle! hört zu!. „Laßt uns hören! „Und dann ſagte er zum Pfaffen, Deſſen Ange Thränen barg, Ach, ich habe keinen Sarg, Meinen Leib hineinzuſchaffen. 218 Und ich bin gar ſehr betrübt, Daß ich Dieberei geübt. Dann als er die Vrill' erblickte, Dann als er das Meſſer ſah, Und den Henker, der auch da, Sich ſein Kopf gar traurig bückte: Und das Meſſer fiel herab, Und der Kopf fiel mit hinab.“ „Meine Herren, verdoppeln Sie Ihre Aufmerkſam⸗ keit; wir ſind nun an der Moral der Sache, ſechsund⸗ zwanzigſter und letzter Vers dieſes wunderbaren Volks⸗ lieds: „Das ſoll Euch zur Lehre paſſen, Daß Ihr niemals ſtehlen thut, Daß das Morden ſelten gut, Und nichts nutz's erwiſchen laſſen: Sehet die Moral nun hier, Wen es freut, der folge ihr.“ „Vravo! bravo! ich bewillige für Coupard mehrere Pantheons.“ „Für Coupard die dankbaren Genoſſen!“ „Meine Herren, Sie werfen meine Beſcheidenheit von Grund aus über den Haufen! Ich habe nur den Beweis liefern wollen, daß wenn man ſich nur ein wenig Mühe geben wollte, man alle Sänger beider Welten ſchrecklich hinunterbringen könnte: das iſt's. Zu trinken!“ So ſprach man vor Richards Ohren zwei Jahre nach den Ereigniſſen, die wir erzäblt haben, im gemein⸗ ſchaftlichen Saale eines Gefängniſſes, mitten unter Ver⸗ wünſchungen, Gelächter und Gläſerklirren. Aber Richard hörte nichts, ſah nichts, ſagte nichts. Ein einziger Ge⸗ danke nahm alle ſeine Kräfte in Anſpruch: in zwei Stunden ſollte er ergriffen werden, um vor den Gerichts⸗ hof geführt zu werden; denn die zwei Jahre, die er im 219 Gefänguiſſe zugebracht, waren nur zwei Jahre Unter⸗ ſuchungshaft.„In zwei Stunden,“ ſagte er für ſich, „werde ich meinen Richtern gegenüber ſtehen, und laut in Gegenwart einer herbeigelaufenen Menge, vielleicht in Gegenwart meiner Mutter, werden ſie mich zum Dieb erklären, mich, ach! mein Bruder! mein Bruder!!!“ Einer unter ſeinen verbrecheriſchen Gefährten näherte ſich ihm, ein Glas in der Hand. „Kamerade,“ ſagte er zu ihm,„trinket einmal, das wird Euch Muth geben und Ihr werdet ihn nöthig ha⸗ ben; überhaupt zittert nicht. Ihr ſeid ein lockerer Burſche, voll Talent und Zukunft; faſſet Muth: was iſt's auch, mein Lieber, Ihr werdet zweifelsohne zwölf Jahre erhal⸗ ten; dann werdet Ihr Eure Nadel aus dem Reſte holen, wo Ihr ſie verſteckt habt, und es lebe die Freude!“ Seit den zwei Jahren, ſeit denen der Handlanger auf dem Stroh eines Gefängniſſes ſchmachtete, hatte ſich viel ereignet. Gleich nach ſeiner Geneſung war Valentin für einige Zeit wieder an die Arbeit gegangen, um jeden Verdacht zu entfernen. Er hatte Richard öfters beſucht, aber niemals ohne die Begleitung ſeiner Mutter, um nicht mit ihm allein zu ſein; dann war er fortgereist, um, wie er ſagte, ſein Gewerbe in Paris auszuüben. Der Baron von Loſtranges mit einer quaſi politiſchen Miſſion beauftragt, hatte Amiens verlaſſen und ſeine Tochter Ge⸗ nofeva mit ſich genommen. Doch war der Kammerdiener Julian dort zurückgeblieben, und ſollte bei Richards Pro⸗ zeß als Hanptzeuge dienen. Auch hatten die zwei Jahre den Verſtand des Handlangers gereift, ſeine Geiſteskräfte entfaltet, ſeine Seele hatte ſich erhoben. Bei ſchwachen Menſchen entkräftet das Unglück die Fähigkeiten, es ent⸗ nervt und drückt nieder; Männer wie Richard erhebt es, macht es zu Dichtern und veredelt ſie. Mitten in dieſer ſocialen Goſſe, dieſer verpeſteten Cloake, dieſer ſittlichen Hölle hatte Richard einen göttlichen Troſt gefunden, der ſo ſüß war, daß er ihn manchmal ſeine tiefe Erniedrigung 220 vergeſſen ließ, ſo mächtig, daß er manchmal die Gewölbe ſeiner Keuche in einen Triumphbogen verwandelte, und ſo groß, daß ſie ihm in gewiſſen Angenblicken die Hoff⸗ nung wieder gab, die Hoffnung, die vielleicht das ganze Glück dieſer Welt iſt. Er, Richard, der Angeklagte, er, der Handlanger, er war Dichter!! „Und glauben Sie ja nicht, daß die Poeſie auf un⸗ beſtimmte Merkmale hin in ihm erwachte, denken Sie nicht, daß Richard im Gefängniſſe ſich damit beſchäftigt hätte, irgend welche Gedanken in Verſe oder einige Kla⸗ gen in Rythmus zu bringen, ach, tauſendmal nein! Er war Dichter durch ſeine Seele und durch den Willen Gottes, Dichter in der vollſten Bedeutung des Wortes, und ſeine Gedanken hätten die Welt bewegt.“ Von dem Momente an, wo er ſeinen Genius, der im Schnee der Unwiſſenheit begraben lag, erkannte, er⸗ hob er ſein Haupt wieder, das bisher unter der drücken⸗ den Laſt des Elends gebeugt war, denn es war ſtärker geworden, als er. Er hätte ohne Schrecken um ſich blicken können und hätte ſich fragen mögen, welcher ge⸗ heimnißvolle Befehl Gottes ihn hiehergeworfen habe, und von dieſer Zeit an floſſen ſeine Thränen nur, wenn er ſeiner Mutter gedachte. Dann ſagte er ſich, daß wenn ihn ſeltſame Umſtände in dieſen Schlamm verſetzt haben, dieſe Umſtände durch eine himmliſche Anordnung zu⸗ ſammenhängen, daß dieſes Gefängniß ihm die Bahn er⸗ öffne, die er zu durchlaufen habe, um an das noch un⸗ ſichtbare Ziel zu gelangen, von dem er aber voraus em⸗ pfand, daß er dazu erhoben werden würde, und daß endlich der Wille Gottes dieſe allmächtige Flamme in ſeine Seele gelegt habe, und daß er es wäre, der ihm die Schmach geſendet habe, um ſie fruchtbar zu machen. So redete Richard zu ſich, und indem er errieth, daß die auserwählten Menſchen, zu denen er gehörte, jeder eine beſondere Aufgabe von Gott erhalten, glaubte er nnerſchütterlich daran, daß die Ereigniſſe nur deßhalb 221 über ihn gekommen ſeien, um ihm die ſeinige anzu⸗ zeigen. Er hatte mitunter wohl auch noch Momente der Entmuthigung, wo der Jammer des materiellen Lebens ſein Herz zerquetſchte; wo er, wenn er ſeine Mutter in Thränen ſah, entſetzlich darunter litt, daß er ihr nicht ſeine Unſchuld beweiſen konnte, ohne ſeinen Bruder an⸗ zuklagen. Doch dieſe Momente waren nur kurz, er rief bald ſeinen Muth zurück, und Gott gab ihm denſelben wieder. Niemals kam es Richard in den Sinn, Valentin anzuklagen, um ſich zu rechtfertigen. Seine Mutter glaubte unerſchütterlich an ſeine Un⸗ ſchuld, ſie wußte die Wahrheit nicht und konnte ſie ſich nicht erklären; aber ſie wußte ihn unſchuldig, und ſie hätte es auf ihr Seelenheil dem Schöpfer ſelbſt geſchwo⸗ ren. Die Mutterliebe iſt Gottes Meiſterwerk. Alſo der ſocialen Welt gegenüber in den Koth ge⸗ ſtürzt, unter Diebe, Fälſcher und Mörder, glaubte Richard die Welt ſtudiren zu können, und gleich anfänglich ſagte er beim Anblicke der Menge von Verbrechern, die ihn umgaben, daß die Welt von der Bahn abgekommen ſei, die ihr Gott vorgezeichnet habe. Am Tage, wo er die Kraft im Herzen und das Zeichen des Genius auf der Stirne ſich erhob, unterwarfen ſich ſelbſt die Gefangenen ſeiner Macht. Er ließ ſich von ihnen die Verbrechen oder Vergehen erzählen, die ihr Zuſammentreffen ver⸗ anlaßt hatten. Dann vernahm er wehmüthige Geſchich⸗ ten, die ſein Herz bluten ließen, und ſchreckliche Thaten, die es ſchaudern machten. Dann entrollte ſich die Ver⸗ gangenheit aller dieſer Menſchen vor ihm: voll von Freu⸗ den und Mordthaten, von Liebe und Schrecken, von Unſchuld und Ehebruch, von Diebſtählen, von Poeſie, von Rache und von Thränen; und wenn er dann Alles gehört hatte, hob er die Augen zum Himmel empor und ſagte zu Gott: 222 „Haſt Du es haben wollen?“ Wenn er zu den Urſachen der Vergehen und Ver⸗ brechen, die ſeine Genoſſen begangen hatten, zurückging, wenn er ſich über die Stellung unterrichtete, die ein jeder dieſer Unglücklichen in der Welt eingenommen, wenn er ihre Charaktere, ihre Gedanken und Hoffnungen ſtudirte, befeſtigte ſich Richard in ſeinem erſten Urtheile, daß die Welt von der von Gott vorgezeichneten Bahn abgekom⸗ men ſei, und zog aus ſeinen ſchmerzlichen Studien trau⸗ rige Schlüſſe für die Menſchheit. Schmerzlich erkannte er, doß für viele dieſer Menſchen, die ihm ihre Seele enthüllt hatten, das Verbrechen ſo unausweichlich war, wie der Tod oder das Unglück, und er ſeufzte mehr als einmal, wenn er irgend eine ſchmerzliche Geſchichte er⸗ zählen hörte, die auch die ſeines Bruders war. Endlich gelangte er dahin, die Welt faſt ſo kennen zu lernen, als wenn er darin gewohnt hätte, und ſehet, ob er ſich kräftig und begeiſtert fühlte, er wagte es, an ſeine künftige Wiedergeburt zu denken, er, der einige Tage nachher vor das Gericht geſchleppt werden ſollte. Aber in dieſen erhabenſten Momenten erſchienen ihm das Gericht und ſeine Brandmarken wie ein Apoſtolat, und indem er das Leben kräftig durch ſeine Adern wallen fühlte, ſagte er ſich, daß zehn Jahre wenig ſeien; daß er dann noch lange Jahre vor ſich habe, und daß das Jahrhundert, welches uns Gott auf der Erde läßt, und welches man das Leben nennt, dem Menſchen geſtattet, viele Spuren ſeines Wandels zurückzulaſſen. Es gibt wenige Verbrechen, denen nicht ſchreckliche Leiden vorhergingen, und faſt alle ſind das Ergebniß unſerer falſchen geſellſchaftlichen Organiſation. Ihr Män⸗ ner von mächtigem Verſtande, verwendet Euere Macht und Euren Willen auf die ſtufenweiſe Reorganiſation der Geſellſchaft. Wenn ſich die Leiden vermindern, werden auch die Verbrechen abnehmen. Aus allen ſeinen Studien, Gedanken und Plänen 22⁸ machte Richard ein Buch: er legte ſeine ganze Seele hinein, und es wurde ein Meiſterwerk. Gewiß hatte es auch ſeine Unvollkommenheiten, Irrthümer und Fehler in Maſſe: denn dieſes ungekannte Benie konnte nur leſen und ſchreiben, und die Leere ſeines Buches war extra⸗ vagant; aber ich wiederhole es: er legte ſeine ganze Seele hinein, und es wurde ein Meiſterwerk. Nachdem Richard es vollendet hat, bringt er in Er⸗ wartung ſeines Gerichtstags ſeine Zeit damit zu, es wiederholt zu leſen, beizufügen, zu verbeſſern und auszu⸗ ſtreichen, indem er immer ſtolzer auf ſich und dankbarer gegen Gott wurde, der ihn begeiſtert. Und dennoch gab es ein Leiden, welches der arme junge Menſch nicht mildern konnte, und es war dieſes jene Liebe, die er noch für Genofeva von Loſtranges fühlte, eine Liebe ohne Hoffnung und ohne Verlangen, die ihn aber oft das Verbrechen ſeines Bruders verfluchen ließ und ihm am Herzen nagte. Unterdeſſen, während Richard ſein Buch ſchrieb, an Genofeva dachte, ſeine Mutter tröſtete und für Valentin betete, war der Tag herangekommen, wo er abgeurtheilt werden ſollte. Am Morgen dieſes Tags ſtand er blaſſer als gewöhnlich auf: ſeine Nacht war ſchrecklich geweſen, und obwohl er ſich ſeit Langem vorgenommen hatte, feſt und muthig zu ſein, ſo war er doch ſchwach und leidend. Um Mittag ſollte man ihn in den Gerichts ſaal führen; um elf Uhr war ſeine Mutter an ſeiner Seite. „Muth,“ ſagte ſie, die Thränen ihres Sohnes trocknend;„Muth, mein armes Kind, man wird Deine Unſchuld anerkennen. Man wird Dich nicht verurtheilen, es iſt unmöglich; denn kurz, Du haſt dieſe verdammte Radel nicht genommeu; man ſagt, daß Du geſtanden haſt, aber das kann nicht ſein.“ „Ach! meine Mutter, ich habe Ja geſagt!“ „In einem Momente, wo man nicht weiß, was man ſagt: aber Du, mein Richard, Du etwas nehmen!„„ 224 Oh! nein! nein! tauſendmal nein! Du wirſt freigeſpro⸗ chen, der gute Gott iſt gut und die Richter auch; wird die Unſchuld nicht immer erkannt?“ Und trotz ihrer Hoffunng weinte die arme Martha auf die Stirn ihres trübſinnigen und niedergeſchlagenen Sohnes. Plötzlich fing ſie wieder an: Es iſt vielleicht ein Wahn, aber es iſt gleichgültig, Du mußt mir gehorchen; ſieh, Richard, nimm dieſes kleine goldene Kreuz, lege es um Deinen Hals, ich bin gewiß, daß es Dir Glück bringen werde;“ und ſie legte es ſelbſt um den Hals ihres angebeteten Sohnes. Die Mittagsſtunde ſchlug. Gensdarmen traten ein, und nachdem ſie mit Mühe Mutter und Kind, die ſich ſchluchzend umſchlungen hielten, getrennt hatten, führten ſie Richard ab: Martha folgte ihm zum Gerichte und betete im Gehen laut zu Gott, ohne aber zu weinen; ſie hatte keine Thränen mehr. Während der Verhandlung ſchwur der Kammer⸗ diener des Herrn von Loſtranges, Richard mehrmals ge⸗ ſehen zu haben, wie er um das Fenſter herumſchweiſte, durch welches er dann eindrang, und er wiederholte das Geſtändniß des Handlangers, ein Geſtändniß, das der Baron ſelbſt vor ſeiner Abreiſe in der Waarenhandlung beſtätigt hatte. Der Angeklagte vertheidigte ſich ſchwach, er verwirrte ſich, er längnete, was er hätte geſtehen ſollen, und geſtand, was er hätte läugnen müſſen; ſein Advokat faßte ſeine Vertheidigung falſch auf und genirte ihn, indem er ihn rechtfertigen wollte. Nach einer kurzen Ueberlegung beſchloß endlich der Gerichtshof die Ent⸗ ehrung des jungen Mannes, verdammte ihn jedoch in Anwendung einer gewiſſen Nachſicht nur zu fünf Jahren Zwangsarbeiten, zur Brandmarkung und einſtündiger öffentlicher Ausſtellung. Weder Richard noch ſeine Mutter hatten ſo Etwas geahnt. Auch ſchrie der Verurtheilte, als die Lippen 22⁵ des Präſidenten das Wort„Brandmarkung“ ausſprachen mit entſetzlicher Stimme: „Ich bin nicht ſchuldig, und ich will es beweiſen.“ Dann hielt er inne, er ſollte den Namen Valentin vennen. Der Präſident fuhr fort: „Angeklagter, Ihr habt drei Tage Zeit, um Caſ⸗ ſation einzulegen.“ In ſein Gefängniß zurückgekehrt, erwartete Richard ſeine Mutter. Sie kam; man hatte ſie verhindert, dem Ausſpruche des Urtheils beizuwohnen, und ſie wußte noch nichts von der Eutſcheidung des Gerichtshofes. Als ſie es aus dem Munde ihres Sohnes ſelbſt erfuhr, that ſie einen Schrei und ſtürzte rücklings zuſammen. Richard beugte ſich zu ihr; ſie ſagte zu ihm: „Mein Sohn, Du biſt unſchuldig, ſei geſegnet!“ Dann entflog ihre Seele in einer letzten Umarmung. Drei Tage fürchtete man für Richards Leben; end⸗ lich am Morgen des vierten verließ ihn das Fieber, ſein Gehirn beruhigte ſich, und er konnte denken. Meine Mutter iſt todt, ſagte er für ſich, mein Bruder iſt nicht mehr da für mich, ich bin entehrt: ich muß ſterben! Nun iſt nichts mehr für mich möglich. Leben mit einem infamirenden Zeichen auf der Schulter, das heißt: in die Hölle vor der Zeit kommen, ich will ſterben! Wenn Gott nicht hat haben wollen, daß der Menſch ſeinen Lebens⸗ lauf in dem Momente beendige, wo es unerträglicher für ihn iſt, als der Tod, ſo hätte er ihm mehr Kraft und Muth in ſeine Seele legen ſollen. Ich habe Alles erſchöpft. Es bleibt mir nicht mehr Willen übrig, als man zum Selbſtmorde braucht. Nachdem er lange und vergebens über die mög⸗ lichen Mittel nachgeſonnen hatte, um ſeinen Plan aus⸗ zuführen, denn im Gefängniſſe läßt man den Gefangenen nichts, was die Ausführung des Richterſpruchs verhin⸗ dern kann, entſchloß ſich der Verurtheilte, der nichts Plouvier, Erzählungen für Regentage. 15 226 Leichteres fand, ſeine Stirn an der Wand zu zerſchmet⸗ tern. Er erwartete alſo einen günſtigen Augenblick und machte ſich, als dieſer gekommen war, bereit, den Kopf voraus gegen eine der Wände ſeiner Koje zu ſpringen; aber als er ſeinen Anlauf nahm, fühlte er ſich raſch zu⸗ rückgehalten. Er ſuchte nach der Urſache an ſeinem Halſe und entdeckte, daß die Schnur, an welcher das kleine Kreuz ſeiner Mutter hing, ſich in einen Nagel eingehängt hatte, welchen er in der Dunkelheit nicht be⸗ merkt hatte, und indem er hierin eine göttliche Mahnung zu erkennen glaubte, warf er ſich auf die Knie und ſagte: O meine Mutter, Du biſt es wieder, die mich rettet, Dn willſt es, daß ich das Leben bewahre, das Du mir gegeben: ich gehorche Dir, meine Mutter, ich werde leben bleiben.„Dieſes Kreuz,“ ſagteſt Du,„wird Dir Glück bringen.“ Nun wohl, ich glaube Deinem Worte. Gott wird es vielleicht erfüllen. Ich hoffe wieder, ich hoffe immer, obſchon ich jetzt allein auf der Welt bin!.. allein, nein: ich habe mein Mannſeript, dies wird meine Stüße ſein, meine Hoffnung, mein Freund, mein Kind; in fünf Jahren wird es mich der Welt bekannt machen. Zehn Tage darauf wurde das Urtheil an Richard vollſtreckt. III. Eine Pariſer wacht. Auf der Kirche St. Thomas von Aquien hatte es eben ſechs Uhr geſchlagen, als ein traurig gekleideter 227 Mann über die Schwelle eines prachtvollen Hotels in der Rue St. Dominique ging und den Portier fragte, ob der Herr Graf von Lagériviöre zu Hauſe ſei?.. „Warum?“ erwiederte der Cerberus, der ſeine Un⸗ verſchämtheit abwog nach dem augenſcheinlichen Elende des Beſuchers. „Weil ich ihn ſprechen möchte.“ „Wenn es ſonſt nichts iſt, er iſt nicht zu Hauſe.“ „Ich werde ihn erwarten.“ Und der Mann ſetzte ſich der Portierloge gegenüber auf einen Eckſtein. Einen Angenblick ſpäter hielt ein ele⸗ gantes Tilbury vor dem Hotel, ein junger Mann ſtieg aus und fragte nach Herrn von Lagériviöre. „Er iſt zu Hauſe, mein Herr!“ Der Dandy ſtieg die große Stiege, die er zu ken⸗ nen ſchien, raſch hinauf. Der Unbekannte näherte ſich ſodann dem Portier und ſagte zu ihm:„Sie haben mich belogen, mein Herr, der Herr Graf iſt zu Hauſe und ich werde ihn ſehen.“ Er wendete ſich gegen die Gemächer, indeß der Por⸗ tier zu ſeiner Frau ſagte:„die Domeſtiken werden einen ſolchen Elenden nicht eintreten laſſen; ich habe meine Pflicht gethan.“ Im Vorzimmer angelangt, fragte der Unbekannte einige Bediente, die ſich dort befanden, ob er ihren Her⸗ ren ſehen könnte. Es lag in dem Tone, in welchem er zu ihnen ſprach, ſo viel Feſtigkeit und Entſchloſſenheit, daß ſie ihm ziemlich artig erwiederten, daß in dieſem Angenblicke ein Freund bei Herrn von Lagériviore ſei, aber daß man ihn vielleicht ſehen könnte, wenn man war⸗ ten wolite. Der Unbekannte ſetzte ſich und wartete. Eine halbe Stunde darauf ſtand er im Cabinete des Herrn von Lagérividre demſelben gegenüber. Der Graf nahm zuerſt das Wort. „Sie haben mich zu ſehen verlangt, mein Herr, und ich habe Sie trotz Ihrer ſonderbaren Kleidung angenom⸗ 228 men, weil ich dachte, es handle ſich um eine bedeutende Angelegenheit.“ „Ja, Herr Graf, um eine ſehr bedeutende, und Sie ſelbſt ſollen darüber urtheilen.“ „Wollen Sie mir zuerſt ſagen, mit wem ich die Ehre habe, zu ſprechen.“ „Ich heiße Richard Beaumont und war einige Jahre Dachdecker; ſeit ſieben Jahren bin ich es nicht mehr.“ „Was haben Sie ſeit ſieben Jahren getrieben?“ „Ich habe ich habe gelitten.“ „Aber noch einmal... „Hören Sie mich an, Herr Graf. Seit ſechs Mon⸗ den ſind Sie der Einzige, der mir Gehör ſchenkte; laſſen Sie mich Ihnen danken. Sie kennen noch nicht die Größe der Wohlthat, die Sie mir erweiſen, indem Sie mir Aufmerkſamkeit gewähren. Sehen Sie, heute fing ich an zu verzweifeln und da hat Sie ohne Zweifel Gott mir begegnen laſſen.“ Der Mann iſt vielleicht toll, dachte der Graf, ich will nicht lange allein mit ihm bleiben. Er klingelte ſeinem Kammerdiener. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte er zu Richard; „aber ich denke nicht, daß Sie die Anweſenheit meines Bedienten geniren kann.“ „Keineswegs, mein Herr.“ In dieſem Momente trat der Kammerdiener herein und Richard erkannte Julien, der in den Dienſt des Grafen von Lagérieviore übergegangen war. Bei ſeinem Anblicke erblaßte er, Julien erkannte ihn auch. „Herr Graf,“ rief er, von ſeinem Eifer fortgeriſſen, „was macht dieſer Mann hier? Wiſſen Sie, mit wem Sie ſich einſchloſſen? Halt, ſehen Sie!“ Und ehe noch Richard eine einzige Bewegung ma⸗ chen oder ein einziges Wort hervorbringen konnte, hatte Julien ſeine Schulter entblöst und der Graf wich ſchau⸗ dernd vor ihm zurück. — 2 — 229 „Ach!“ ſagte Richard, nachdem man ihn aus dem Hotel gejagt hatte,„verdammt ſei derjenige, der zuerſt die Idee gehabt, die Brandmarkung in unſere Geſetze zu bringen! am Tage des höchſten Gerichtes werden viele Thränen und viel Blut ſich gegen dieſen Geſetzgeber vor Gottes Thron erheben.“ Nachdem Richard ſeine volle Strafe auf den Staats⸗ galeeren in Breſt überſtanden hatte und in Freiheit ge⸗ ſetzt worden war, dachte er nur daran, die Phantaſien, die die Schrecken ſeiner Gefangenſchaft gemildert und ihm ſeine Feſſeln erleichtert hatten, zu verwirklichen. Fünf Jahre der Schmach hatten ſeinen himmliſchen Be⸗ ruf nicht erſchüttert. Während dieſer Zeit brachte er ſeine erhabenen Lehren zur Reife. Da ihm die mecha⸗ niſche Arbeit, zu welcher er verurtheilt war, die volle Freiheit ſeines Gedankens ließ, ſo hatte ſein Gedanke alle Kreiſe der ſittlichen Welt durchlaufen; er berechnete die Zufälle, die ihn erwarteten und ſammelte in ſich einen übermenſchlichen Muth. In ſeinen Träumen von Ruhm und Zukunft glänzte oft Genofevas Bild, und die Erinnerung an dieſes reine, edle Geſchöpf, zugleich eine ſeiner höchſten Freuden und eines ſeiner tiefſten Leiden, glänzte in ſeinem Geiſte wie ein Stern in ſchwarzer Nacht, wie ein Sonnenſtrahl am Winterhimmel, wie ein Lächeln unter Thränen. Wie in dieſen begeiſterten Mo⸗ menten Richards Troſt, das wirkliche Leben, allmälig ver⸗ ſchwand und wie ſuspendirt blieb, indeſſen das ſittliche Leben an Kraft und Feuer ſich verdoppelte, ſah ſich der alte Handlanger ſchon in Paris. Das auf ſeine Schul⸗ ter eingeprägte Zeichen der Schande wurde ihm zum Zei⸗ chen des Märtyrers; er näherte ſich Genofeva, die ſelbſt ſtolz auf ſein Genie war, und ſah, wie ihm ſeine Mut⸗ ter im Himmel eine Krone flocht. Dennoch aber überfiel ihn oft eine Muthloſigkeit, wo ihm ſein Leben nur wie ein langes Unglück erſchien: aber dann betrachtete er ſein Mannſeript und ſagte ſich, 230 daß wenn man die Sachen von der ſchlechten Seite auf⸗ faſſe, man das Leben durch ein getrübtes Glas anſehe. Er labte ſich am Gebete, dieſer Seelenreiſe zu Gott, und hoffte wieder für das Ende ſeines Lebens Tage der Ruhe, wenn nicht Tage des Glücks.. Denn das Glück iſt das Ideal. Nach der den Zwangsarbeiten gewidmeten Zeit dür⸗ fen die Sträflinge täglich über einige Stunden verfügen, um ſich mit kleinen Arbeiten zu beſchäftigen, deren Er⸗ trag mau ihnen faſt ungeſchmälert überläßt. Richard vernachläſſigte dieſe kleinen Arbeiten nicht, da er daran dachte, daß er ſich nach Wiedererlangung ſeiner Freiheit auf den Weg nach Paris machen müſſe. Er hatte ſich Etwas erſpart, nicht nur um davon die Reiſe zu machen, ſondern auch um nach ſeiner Ankunft in Paris noch einige Tage davon zu leben. Am Tage, wo ſich die Thüren ſeines Gefängniſſes vor ihm öffneten und hinter ihm ſchloſſen, wo ſein Fuß von dem verhängnißvollen eiſernen Ringe befreit ward, als er uur Leute an ſich vorübergehen ſah, die nicht zu den entſetzlichen Wächtern der Galeerenſträflinge gehör⸗ ten, glanbte Richard zu ſterben. Die Luft der Freiheit erſtickte ihn, er glaubte ſich vom Schwindel ergriffen, er weinte, lachte und betete und die Einwohner von Breſt, die ihm begegneten, müſſen ihn für toll gehalten haben. Als ihm dann der Verſtand ein wenig zurückkehrte, dachte er an Alles, was er zu thun hätte, um wieder auf die gleiche Höhe mit den übrigen Menſchen zu gelangen, die frei und ſorglos an ihm vorübergingen, und er be⸗ neidete ſie um ihr ruhiges Glück. Er rief ſchmerzlich iene Zeit zurück, wo er friedlich in Amiens zwiſchen ſei⸗ ner Mutter und ſeinem Bruder gelebt, und die feierli⸗ chen Augenblicke, wo ihm Genofeva wie eine himmliſche Erſcheinung unter dem Bogen des Tempels erſchie⸗ nen war. Endlich machte er ſich mit ſeinem koſtbaren Mann⸗ 231 ſtripte auf dem Herzen auf den Weg nach Paris. Da er zu Fuße reiste und nahe an Mortagne einige Stun⸗ den von Alengon vorüberkam, brach ein heftiges Gewit⸗ ter aus; gezwungen, Unterkunft zu ſuchen, klopfte er an das Thor der großen Abtei Maiſon⸗Dieu, die man frü⸗ her das Trappiſtenkloſter von Perche nannte, und drei Stunden von Mortagne entfernt liegt. Er ward von den Mönchen vom Trappiſtenorden mit einer evangeliſchen Menſchenfreundlichkeit aufgenommen, die würdig war der erſten chriſtlichen Zeiten, und glücklich, von ihnen wie ein Bruder empfangen zu ſein, erhielt er, den man ſeit ſeiner Abreiſe von Breſt als freigelaſſenen Sträfling überall zurückwies, die Gunſt, zwei Tage verweilen zu dürfen: es waren die ſchönſten ſeines Lebens. Am drit⸗ ten Morgen machte er ſich wieder auf den Weg, durch das Schauſpiel, das er eben geſehen, die Seele erfriſcht und getröſtet. Mit engliſcher Geduld ertrug er alle Er⸗ niedrigungen welche man ihm auf ſeiner Reiſe in reich⸗ lichem Maaße erwies und ertrug alle Entbehrungen, die er leiden mußte, mit Muth und Ausdaner. Endlich er⸗ reichte er Paris. Paris! wer könnte dich jemals enträthſeln?... Wer vermöchte es deine tauſend verſchiedenen Theile unter Einen Geſichtspunkt zu bringen, um dich in Einem Ge⸗ danken auszudrücken! Paris, Pantheon des Laſters, Hoch⸗ gericht der Tugend, großes und unedles Ding, unauf⸗ hörlicher Gegenſatz des Guten und Böſen, des Schönen und Häßlichen, des Himmliſchen und des Schlammigen. Paris! ſo unerklärbares Ding wie die Welt ſelbſt, un⸗ auflösliches Räthſel, ungeheuerliche Vereinigung, erhabe⸗ nes Macedrine*), unendliches Amalgama⸗Paris! Paris; ein Jeder beurtheilt dich nach dem Stand⸗ punkte, auf welchen ihn das Schickſal geſtellt! Für den * Ein Gericht aus verſchiedenen Speiſen beſtehend. 232 Mathematiker iſt es eine Multiplikation! Für jeden Jüng⸗ ling iſt es eine ſüße angenehme Behanſung, man liebt dort und wird dort geliebt. Für einen Menſchen, der ſein Leben erſchöpft hat, iſt es eine vergiftete Cloake, worin man die Seele befleckt. Für den Advokaten iſt es ein Tribunal, wo Jeder für ſich plaidirt. Für den Arzt iſt es ein ungeheures Hoſpital. Für den Künſtler iſt es ein Theater, auf welchem man trotz Neid, Bosheit und Ungerechtigkeit glänzen muß. Für den Diplomaten iſt es ein weites Cabinet, in dem der Gewandteſte den erſten Platz einnimmt. Für den Gläubigen iſt es ein Ort der Prüfungen, ein Fegfener, wohin ihn Gott beim Herauskommen aus einer andern ſeiner Welten ge⸗ ſtürzt hat. Paris! Altar, Schaffot, Gipfel, Gaſſe, Heiligthum, Bordell, Wald, Arena, Spielhaus, Aſyl, Eden, Markt, Pandämonium, Tempel, Paris! Der arme Richard glaubte die Welt zu kennen, und er kannte nicht Paris! Sein Manuſcript in der Hand klopfte er erſt bei den Männern an, die zur Erleichterung des Volkes vor⸗ geſetzt ſind; bei denen, die die Geſetze vollziehen, bei denen, die ſie machen; er wurde zurückgewieſen, verhöhnt und geſchlagen! Niemand wollte ihn hören; er belagerte die Paläſte, die Miniſterien und die Hotels, und immer vergebens; er ſei, ſchrie man, ein Narr oder ein Böſe⸗ wicht. Nicht Eine Stimme erhob ſich, um zu ſagen: „Aber es iſt vielleicht ein Gerechter.“ Er begab ſich auf die Promenaden, in die Kaffeehänſer und an die öffentlichen Plätze und ſchrie Jedermann an, daß er die Geſellſchaft, die ihrem Verderben entgegengehe, aufhal⸗ ten wolle; man lachte ihm ins Geſicht und die kleinen Kinder warfen mit Koth und Steinen nach ihm. Er lief den Vorübergehenden entgegen, um ihnen ſein Ma⸗ uuſeript vorzuleſen und wurde als Unruheſtifter und Va⸗ 233 gabund verhaftet und für einige Tage ins Gefängniß ge⸗ worfen. Richard war nahe daran, Gott zu fluchen. Er war ſchon ſechs Monate in Paris, als er ſich bei Herrn von Lagérividre einführte. Er hatte deſſen Namen als den eines milden guten Menſchen ausſprechen hören, und ging nun zu ihm, um nichts zu unterlaſſen, wodurch er zum Triumph ſeiner Lehren gelangen konnte. Aber als er ſich nun um acht Uhr am Abend in einer kalten Decembernacht, ohne Zufluchtſtätte und ohne Brod, allein und halbnackt auf das Pflaſter geſetzt ſah, hörte er auf zu hoffen, und der Glaube nahm ab in ſeinem Herzen. Dann kam der Zweifel über ihn, der ſchrecklichſte Zweifel für ein Menſchenherz, der Zweifel, der— ein giftiges Inſekt— wenn er von einer Seele einmal Beſiß ergriffen hat, ihr alle Illuſionen und jeden Glauben allmälig abnagt. Richard richtet ſich darauf ein, auf einer Steinbank, dem Hotel des Grafen gegenüber, die Nacht zuzubringen. Es fängt an zu ſchneien, erſt wie ein feiner durchdringender Silberſtaub, dann bald in dicken Flocken. An den Fen⸗ ſtern des Hotels erſcheinen Lichter, die ſich vermehren, ordnen und auf ein Feſt ſchließen laſſen. Die Eingelade⸗ nen kommen an, die Equipagen kreuzen ſich und die Wagentritte klappern. Bald wirft das fröhliche Orcheſter ſeine berauſchenden Melodien in die mit Wohlgerüchen geſchwängerte Luft der Säle, die Quadrillen wiegen ſich, die Frauen lächeln, die Lichter glänzen;... und drau⸗ ſ fällt Schnee, der Wind bläst heftig und Richard iſt ungrig. Ein Fenſter öffnet ſich, und ein eleganter Cavalier und eine junge Dame erſcheinen auf dem Balkon. „Man erſtickt in dieſem Saale,“ ſagt ſie;„es iſt nicht zum Aushalten darin, ich will ein wenig die Nacht⸗ luft einathmen,“ 234 „Kehren wir zurück, meine liebe Genofeva, der Schnee iſt eiſig.“ „Ja, gehen wir wieder hinein; aber ſehen Sie doch einmal, Valentin: was iſt das für eine ſchwarze Maſſe, deren Umriſſe ſich an dieſer weißen Mauer abzeichnen?“ Valentin erbebte, denn Richard war, als er Geno⸗ feva's Namen ausſprechen gehört, aufgeſtanden, und Va⸗ lentin hatte am Schattenriſſe, der ſich auf der weißen Wand abzeichnete, die Geſtalt und die Umriſſe jenes Schattens wieder erkaunt, der ihn im Augenblicke ſeines Verbrecheus in Amiens erſchreckt hatte, ein Schatten, deſ⸗ ſen er immer gedachte... Er erbebte, und doch hatte er noch die Kraft, zu ſagen: „Ach, mein Gott, meine ſüße Schöne, das iſt ohne Zweifel ein Betrunkener.“ „Aber nein, mein Freund, ſehen Sie, wie er gerade geht, er nähert ſich dem Balkone, es iſt vielleicht ein Un⸗ glücklicher ohne Aſyl, man muß ihm etwas Geld zuwer⸗ fen.“ Und ſie beeilten ſich, einige Silbermünzen aus ihrer Gagebörſe zu nebmen, und warf ſie dem Dichter zu, indem ſie ſagte:„Nehmen Sie, wackerer Mann, und beten Sie zu Gott für mich.“ Auch Valentin hatte ſein Almoſen hinabgeworfen, und beide gingen wieder hinein, er ſehr nachdenklich, ſie ſehr fröhlich. Richard war bei ihrem Anblick vernichtet, und tau⸗ ſend wahnſinnige Gedanken durchkreuzten ſeinen Geiſt. Er glaubte zu träumen, und fragte ſich, ob er nicht wirk⸗ lich toll ſei, wie er es ſchon ſo oft von ſich hatte ſagen hören. Als er ſich von der ganzen ſchrecklichen Wirklich⸗ keit überzengt hatte, ſuchte er die Almoſen des Mädchens zuſammen und brachte ſie andächtig an ſeinc Lippen. Einige Angenblicke ſpäter hörte er von ſtarken Lakaien⸗ ſtimmen einige Wagen anrufen, die in der Straße warteten: „Der Wagen der Frau Baronin von Olsheim.“ „Der Wagen des Herrn Marguis von Setty.“ —.————————— 235 „Der Wagen des Herrn Baron von Loſtranges.“ „er Wagen des Herrn Valentin von Beaumont.“ „Mein Bruder wird kommen,“ ſagte Richard für ſich,„er wird hier vorbeikommen, hier, bei mir; ich werde ihn anreden: oh, er wird mir eine Zufluchtsſtätte nicht verweigern!“ Als Valentin erſchien, ſprang er auf ihn zu: „Ich bin Richard,“ ſagte er raſch und leiſe zu ihm, „ich bin Dein Bruder, Dein für Dich verurtheilter und gebrandmarkter Bruder; mich friert, mich hungert!“ Valentin war gerührt, doch in dieſem Augenblicke kamen Herr von Loſtranges und ſeine Tochter die Treppe herab; er wäre unausweichlich compromittirt geweſen, wenn man ihn geſehen hätte, daß er mit einem Bettler geplaudert, daß er ihn umarmt, ihm die Hand gegeben hätte: er ſtieß deßhalb ſeinen Bruder zurück und ſagte ganz laut zu ihm: „Ich habe Ihnen ſchon gegeben, mein Theurer.“ Und als Richard eutſetzlich verſtört ſich nicht ent⸗ fernte, ſchlug er ihn mit den Handſchuhſpitzen leicht auf Arm, wie um ſich von ſeiner Zudringlichkeit zu be⸗ reien. Dieſer leichte Schlag mit dem Handſchuh war ſtärker als die Brandmarkung, als fünf Jahre Galeeren und als alle Märtyrer⸗Prüfungen: er traf das Band, das Valen⸗ tin noch auf dieſer Welt mit Richard verband, und zer⸗ riß es für immer. Während dieſer Zeit hatte man noch andere Wägen vorgerufen, die Eingeladenen hatten ſich zurückgezogen, das Thor des Hotels wurde geſchloſſen, und Alles war wieder dunkel und ſtille geworden. Richard erreichte die ſteinerne Bank wieder; er hatte das Bewußtſein für Alles verloren, er zweifelte an ſeinen Augen, an ſeinen Ohren, an ſeinem Sein. Die ſchwarzen Hänſer, die ihn umgaben, drehten ſich in raſend ſchnellem Wirbeltanz um ihn, durch eine 236 jener ſeltſamen Verblendungen, die der Hunger erzengt, wenn er auf das Gehirn wirkt, bevölkerte ſich dieſe ein⸗ ſame Straße mit Phantomen, die ſich bald unbeſtimmt, bald klar im Schnee abzeichneten: da war Herr von Loſtranges, der ihm zurief: Sie haben mich beſtohlen! ſeine Richter, die wiederholten: Sie ſind verurtheilt: die Galeerenſträflinge, die ihn„mein Freund!“ nannten. Valentin, der ihm die Worte zuwarf: Mache, daß Du fortkommſt, Bettler!... Sodann die Dachdecker, ſodann Herr von Lagériviöre, dann Genofeva ſelbſt, dann dieſer verhängnißvolle Kammerdiener, dann die Kerkermeiſter und die Henker: Alle bewegten ſich gegen ihn heran und murmelten in wirrem Gedränge unverſtändliche Verwün⸗ ſchungen; dann warf ſich dieſe ganze ungebeure Maſſe auf ihn, umſchlang und erſtickte ihn... Richard fiel toll, röchelnd und außer ſich rücklings auf den Stein. ſein Kopf ſtieß ſich an eine Ecke, das Blut ſpritzte und der S war ſo groß, daß er das Bewußſein völlig verlor. Dann verſchwand die Erſcheinung. Seit einigen Angenblicken war Richard wieder Etwas zu ſich gekommen, als er durch eine rauhe Stimme aus ſeiner Betäubung geweckt wurde, die zu ihm ſagte:„He, Kamerad! wollten Sie die ganze Nacht hier bleiben, da⸗ mit man Sie morgen früh eingefroren finden kann!“ Beim Tone dieſer Stimme machte Richard eine Be⸗ wegung rückwärts; er glaubte ſich noch in der Gewalt des Fiebers zu befinden, das eben erſt ſein Gehirn er⸗ füllt hatte. „Wer ſind Sie?“ fragte er mit ſchwacher Sunne „Doch Sie ſelbſt, Ihre Stimme erinnert mich.. „An wen denn?“ „An einen gewiſſen Gefängnißkameraden, eine Art von Träumer. Hah! potz tanſend! Richard!“ „Ja, ich bin Richard, und Sie?...“ „Coupard, der luſtige Coupard, der gute Zigeuner und erſte Sänger! das iſt ein Zuſammentreffen! Aber 237 wir wollen keine Zeit verlieren, es iſt dieſe Nacht ein großer Schlag zu machen: zwei ſind nöthig, um ihn zu unternehmen, ſeien Sie dabei. Denken Sie ſich, daß die Geſchichte bei einem wahren Cröſus ſpielt, beim Cheva⸗ lier Valentin von Beaumont, fort, eilen wir!... „Ach, thun Sie das nicht!. „Ja, ich weiß, daß ſein Viertel für uns gefährlich iſt, aber, meiner Treu, ich muß doch morgen frühſtücken, und habe keinen Denar.“ „Sehen Sie, da haben Sie, was ich beſitze; neh⸗ men Sie, Sie können morgen davon ſeben, aber ich bitte Sie, begehen Sie dieſen Diebſtahl nicht.“ „Wohlan! weil Ihnen das unangenehm zu ſein ſcheint, kann man die Partie verſchieben. Adien und Dank; viel Glück!“ Richard, der nun wieder allein war, erkannte ſeine Lage in ihrer ganzen Fürchterlichkeit. Indem er ſich ſo tief und ſo fern von den Menſchen und ſeinem Bruder ſah, begriff er die Tiefe des Abgrundes, in den er geſtürzt. Plötzlich erhellte ein leuchtender Gedanke ſeinen Geiſt.— — Ich habe keiuen Bruder mehr, dachte er, und ich habe keinen Freund. Von nun an wird ſich mir kein Haus mehr öffnen. Dieſe Geſellſchaft, für die ich viel⸗ leicht ſo viel hätte thun können, verdient es nicht, daß man ſich für ſie opfert, Ich ſehe nun wohl ein, daß das Ende einer jeden Sache Betrug iſt. Außer den Verbre⸗ chen, die die Welt erzeugt und beſtraft, iſt ſie voll tau⸗ ſend infamer Dinge, die die Geſetze nicht erreichen, und die nur der Himmel verurtheilt! Man möchte ſagen, daß Gott ſeine Hand von ſeinem großen Werke abgezogen habe und daß er ſie in die des Teufels habe fallen kaſ⸗ fen. Ich will dieſe Menſchen fliehen, die mich nicht be⸗ greifen wollten. In meinem ganzen Leben erlebte ich nur zwei Tage der Ruhe und des Glücks, es ſind dies die beiden Tage, die ich ſchweigend und betend bei den Mönchen von la Trappe zugebracht habe. Morgen will 238 ich ſie aufſuchen, und von nun an in ihrer Mitte mein Leben dahin fließen laſſen. Nachdem dieſer Entſchluß in Richards Herzen einmal feſt ſtand, fand er auch ſeinen Muth wieder; aber man iſt Menſch, bevor man Dichter iſt, und in dieſer langen bitteren Nacht quälten ihn die phyſiſchen Leiden entſetz⸗ lich. Der Schnee fiel immer noch in Flocken, der Wind war eiſig, und es war hanptſächlich die Kälte, worunter der Unglückliche litt.—„Oh⸗⸗ ſagte er,„wenn ich nur wenigſtens ein wenig Feuer hätte! uur für einen Augen⸗ blick, um meine erſtarrten Glieder zu erwärmen, wie köſt⸗ lich! Aber mir fällt Etwas ein, mein Gott, das Manuſeript, das ich in den Tagen der Hoffnung ſchrieb, kann mir nun zu nichts mehr nützen! Wenn ich dieſen Lum⸗ penſammler, der hier auf mich zukommt, anhielte, um ein Blatt an ſeiner Laterne anzuzünden! Ach, das wäre ſehr gut, Feuer; es iſt ſchon ſo lange her, daß ich es nicht vor mir habe kniſtern ſehen.. Doch dieſes Buch zer⸗ ſtören, die Frucht meines Gedankens, dieſes große Werk, das unter dem Hauche der göttlichen Begeiſterung ſich er⸗ ſchloß; ach, nein, nein, niemals! eher...“ „Aber mein Gott, es friert mich ſo, daß ich kaum meine Hände an meinen Mund bringen kann, um ſie durch meinen Athem zu erwärmen; mein Buch hilft mir jetzt nichts, und mich friert ſehr.“ Im Herzen des Unglücklichen erhob ſich dann ein langer ſchrecklicher Kampf⸗ veſſen ſich Gott im Himmel hätte erbarmen mögen. Hie und da machte jene tiefe Liebe des Menſchen für die Werke, die aus der Vereini⸗ gung ſeines Verſtandes und ſeines Herzens hervorgeht, jener zerreißende Schmerz bei der Trennung von einem Theile ſeiner ſelbſt(unſere Kinder ſind wir); jenes grau⸗ ſame Lebewohl, das er der Hoffnung, jemals die Ideen dieſes Gedichtes des Unglücks triumphiren zu ſehen⸗ ſagen ſollte,— machte, daß Richard ſein Manuſeript an ſein Herz mit einer Heftigkeit drückte, die an Wahnſinn 239 gränzte; manchmal aber veraulaßten ihn die tauſend Nadelſtiche der bis auf das Mark ſeiner Knochen durch⸗ dringenden Kälte, das convulſiviſche Beben ſeiner Glie⸗ der, in denen das Blut gefror, und zugleich der Gedanke, daß für ihn Alles auf der Welt zu Ende ſei, es ohne Weiteres zu verbrennen. Dieſer Augenblick war einer der entſetzlichſten in ſeinem entſetzlichen Leben. In die⸗ ſem durch ſo viele geiſtige und körperliche Foltern ge⸗ ſchwächten armen Weſen, überließen ſich Dichter und Menſch, Seele und Körper einem erbitterten, ſchrecklichen und unerhörten Kampfe! Camoöns, der aus der unendlichen Gefahr unend⸗ lichen Muth ſchöpfte, konnte heroiſch mit der einen Hand ſchwimmen, um mit der andern ſeine unſterbliche Luiſiade über den Wellen emporzuhalten. Jeder dichteriſche Menſch kann dies begreifen, ohne darübet zu erſtaunen. Der be⸗ rühmte Portugieſe hatte noch nicht wie Richard unter Martern ſeine ganze Seelenkraft verbraucht: getragen von einer himmliſchen Hoffnung, hielt er in der einen Hand ſeinen Ruhm und in der andern ſeine Befreinng und beſiegte die Wogen. Aber der arme Märtyrer, der auf den Gipfel ſeines Calvarius gekommen war, ohne wie der Gottmenſch etwas der Welt hinterlaſſen zu kön⸗ nen, dieſer unglückliche Handlanger ohne Kraft, faſt ohne Leben und ohne alle Hoffnung, fühlte alle Wärme ſeine Glieder, ſein Gehirn und ſein Herz verlaſſen. Der menſchliche Erhaltungstrieb gewann die Oberhand, und der Wille des Dichters unterlag. Der Lumpenſammler war nah herangekommen. Ri⸗ chard riß convulſiviſch ein Blatt aus ſeinem Buch und zündete es an deſſen Laterne anz dann ging jener unbe⸗ kümmert, ich glaube, ſingend fort, ohne das ſchreckliche Drama zu kennen, deſſen Löſung er beſchleunigt hatte. Die Flamme, die vom erſten Blatte emporſtieg, verurſachte dem armen Nichard eine ſo lebhafte Linde⸗ rung, daß er für einen Angenblick ſein ungehenres Opfer 240 vergaß und mit einem Lachen, über das man hätte wei⸗ nen mögen, das Manuſcript anzündete. Auf den Knieen vor dem verzehrenden Feuer erwärmte er dann ſeine eiſigen Hände: aber als er die Charaktere funkeln ſah, die ſein glühender Genins geſchildert, als er ſchwarz und leicht die Blätter davon fliegen ſah, auf welchen er ſeine Seele geſchrieben, ergriffen Gewiſſensbiſſe ſein Herz, er warf ſich ſeine Schwäche wie einen Kindsmord vor, er wollte wieder nach ſeinem Buche greifen, und die Flam⸗ men mit ſeinen Händen erſticken... aber es war zu ſpät, das Feuer theilte ſich den letzten Seiten mit einer grauſamen Geſchwindigkeit mit und vernichtete ſeine letzte Hoffnung. Richard wurde ohnmächtig. Am andern Tage hoben ihn die, welche zuerſt vor⸗ überkamen, vor Kälte erſtarrt, auf; in ſeinen geballten Händen hatte er ſchwarse Aſche, die einzige Frucht ſeines Meiſterwerks. IV. Geſchichte eines Glüchs. Zur Zeit der Reſtauration gab es in den Reihen des franzöſiſchen Adels einige Verwirrung. Sie entſtand aus der Vermengung jener Familien, die Napoleon ge⸗ adelt hatte, und derer, die ſich mit ſeinem Syſteme ver⸗ einigt hatten, mit jenen, die, zur Zeit des Kaiſerreichs nach Frankreich zurückgekehrt, ſich von den Tuilerien immer entfernt hielten und endlich mit den reinen 241 Noyaliſten, die ihr Vaterland erſt in Ludwigs XVIII. Ge⸗ ſellſchaft wiederſahen. In dieſer Epoche kam Valentin nach Paris. Im Momente, wo Throne wechſeln, gibt es immer Verhält⸗ niſſe, die die kleinen Geuies begünſtigen, welche auf Abenteuer ausgehen und gerne im trüben Waſſer fiſchen; für jene, die erndten wollen, ohne geſäet zu haben, die liſtig und keck genug ſind, das zu behalten, was ſie ſich zugeeignet haben. Mehr als Ein hervorragender Mann verdankt derartigen Verhältniſſen die Gunſt, deren er genießt, und wir werden ohne Zweifel noch mehr als Einen ſich plötzlich über den Ocean erheben ſehen, auf welchem das, was die Blätter Staatsſchiff nennen, in fortwährendem Sturme wogt. Valentin war nicht der Mann, der die Ereigniſſe an ſich hätte herankommen laſſen, ohne Gewinn davon zu ziehen. Um zum Glücke zu gelangen, iſt der Weg der Ehre ſchön, aber auch ſo lang! Valentin hatte Eile, er ging mitten durch. Richts ſchien ihm einfacher als ſich für den natürlichen auerkannten Sohn eines würdi⸗ gen Dieners Ludwigs XVI. auszugeben, eines Herren, der in Dentſchland ſtarb, und ſich Chevalier Valentin von Beaumont zu nennen. Unter Thränen erzählte er vom Tode ſeines Vaters, des edlen Marquis Soſthenes von Beaumont, auf fremdem Boden, ferne von Frank⸗ reichs ſchönem Himmel, und er rührte Alle, die ſich um ihn drängten, wenn er ihnen die Worte ſeines ſterbenden Vaters wiederholte:„Mein lieber Valentin, im Augen⸗ blicke, wo ich die Erde mit dem Himmel vertauſche, muß ich dich ermuthigen, daß du auf der Bahn ausharreſt, die deine Ahnen und dein Vater verfolgten; in der jüng⸗ ſten Zeit hat Gott die erhabenen Herren, denen wir die⸗ nen, grauſam geprüft und wir haben dieſe Prüfung mit⸗ empfunden; aber wenn ich zu früh ſterbe, um mein Vaterland mit ſeinen legitimen Fürſten wieder zu ſehen, Plouvier, Erzählungen für Regentage. ſo wirſt doch du ohne Zweifel, mein Sohn, bald in jeiſ k nen Schooß zurückkehren, um ihre Heimkehr zu begrüßen. Unglücklicher Weiſe für dich ſind unſere Adelstitel auf unſerer Flucht verloren gegangen, unglücklicher Weiſe konnte ich dir auch in dieſem Lande nur eine unvollkom⸗ mene Erziehung geben; aber ſiehe da, nimm dieſe reiche Nadel, es iſt der Reſt deſſen, was ich von meinem Ver⸗ mögen habe retten können; wann der König Ludwig XVIII. ſeinen ſchönen Thron von Frankreich wieder beſteigt, gehe zu ihm, richte ihm meine letzten Wünſche aus und widme. den Ertrag dieſes Kleinods der unſchätzbaren Wohlthat der Erziehung.“ Und da Valentin den Ton der Wahrheit mit vielem Geſchick anzunehmen wußte, und ſeine Stirne mit der Strahlenkrone der Jugend und Schönheit geſchmückt war, glaubte man ſeinem Worte und Jedermann öffnete dem Sohne des edlen Emigrauten ſein Haus und ſeine Börſe. Der Handlanger hatte ſich bezüglich des Werths der Nadel nicht getäuſcht; ſein Diamant war rein und vom ſchönſten Waſſer. Er wurde um 20,000 Franken ver⸗ kauft: das war mehr als er brauchte, um den Ton eines jungen Mannes nach der Mode anzunehmen, um ein Duartier zu miethen, einige Lehrer anzunehmen und die Verwirklichung ſeiner Pläne zu erwarten. Für ihn war das Schwerſte geſchehen. Er hatte ſich einen Fußſchemel aus Schlamm gebaut, aber was lag ihm daran, wenn dieſer Fußſchemel ihm nur diente Nachdem ſich Valentin von Beaumont den Firniß einer geſuchten Höflichkeit und jenes Gefühl des Schick⸗ lichen, die die moraliſche Schürze der Geſellſchaft ſind, vollkommen angeeignet hatte, verſuchte er große gewagte Spekulationen. Als er auf einer Reiſe in die Provinz eine angebliche Kupfermine entdeckte, beſchloß er, ſie nutz⸗ bar zu machen; aber da hiezu mehr Geld nothwendig war, als er beſaß, ergriff er ein vortreffliches Mittel⸗ eine Maſſe von Kapitalien an ſich zu ziehen. 243 6 Man trifft oft am Rande der Geſellſchaft Menſchen, deren Durſt nach Glanz aus Mangel an Geld nicht ge⸗ löſcht werden kann; unter dieſen wählte ſich Valentin ſeinen Mann. Er überzeugte ihn, daß das geeignetſte und ſicherſte Mittel, ſich einen Namen und eine Stellung zu erwerben, in der Gründung eines Journals beſtünde. Der Mann, aus dem er ſeine Puppe machen wollte, und den wir Chevalier Dalby nennen, hatte bereits alle feilen Pfade durchlaufen, dieſen ausgenommen. Er hatte ein bewundernswürdiges Faſſungsvermögen, aber er beſaß nur eine gierige Einbildungskraft, ein elaſtiſches Gewiſ⸗ ſen und eine ſeiner Einbildungskraft und ſeinem Gewiſſen analoge Feder. Herr von Beaumont ſtreckte die erſten Fonds vor und vertraute dem Chevalier ſeinen Minen⸗ plan an und ſeinen Wunſch, einen reichen Aſſocis zu fin⸗ den. Der neue Direktor des Journals, teufelmäßig dank⸗ bar, rühmte die Kupfermine von*** und die ungeheuren Vortheile, die man aus ihrer Benützung ziehen könnte, in ſeinen Spalten auf die gewandteſte Weiſe, und nannte Herrn von Beaumont als Chef des Unternehmens. Ein Titel wirkt immer mächtig auf die Menge, die ſchwer daran glaubt, daß ein Adeliger betrügen könnte. In kurzer Zeit ſah Valentin Spekulanten des dritten Stan⸗ des zu ſich kommen, die ihre Mitwirkung und ihren Ver⸗ ſtand in Leinwandſäcken herbeibrachten; mehr als ein leichtgläubiger zurückgezogener Kaufmann legte die Er⸗ ſparniſſe von zwanzig Jahren in ſeine Hände nieder und bald darauf begann Herr von Beaumont ſeine Operatio⸗ nen mit einem kleinen Theile der Summen, die er empfangen hatte; ſie waren aber total unfruchtbar. Va⸗ lentin erklärte ſodann ſeinen Aſſociés, daß alle ihre Fonds und die ſeinigen von dieſem unglücklichen Geſchäfte ver⸗ ſchlungen worden ſeien. Seine Geſchäftsgenoſſen waren eben daran, ſich zu erzürnen und Rechnungsablage zu fordern, als er drei Tage nach dieſer Erklärung von einem Balle kommend Philanthrop wurde; er zeigte und 244 bewährte gegenüber den armen Klaſſen ſo ſchöne Lefihleh und ſo edelmüthige Theorien, daß ſich ſein Name in de allgemeinen Achtung noch mehr hob. Das Journal wurde einen Monat ſpäter bankrott. Während der Zeit, die er dieſem Geſchäfte widmete, führte Herr von Beaumont zugleich auch mehrere andere, die nicht weniger vortheilhaft waren; er wurde nach und nach politiſcher Schriftſteller, geheimer Geſandter, Diplo⸗ mat. Als es beendigt war, wurde er Bangquier. Dieſer Menſch gehörte zu jenen, die am meiſten über ihrer Zeit ſtanden; er war Diplomat mit den Di⸗ plomaten, er beherrſchte fortwährend die, mit denen er ſich umgab, indem er aus den Fehlern des Einen, wie aus der Geſchicklichkeit des Andern, ſowie aus der Eigen⸗ liebe und der Begierde Aller Gewinn zu ziehen verſtand. Er unterſuchte viele Gewiſſen bis auf den Grund und fand unter den Gefühlen, die er analyſirt hatte, nicht ein einziges, das nicht dem ſeinen an Liſt und Ehrgeiz nachgeſtanden wäre. Indem er ſich als Rieſen unter Zwergen fühlte, ſagte er ſich, daß er ſie zu ſeinen Zwe⸗ cen dienſtbar machen müſſe, indem er ſich den Anſchein gab, als ob er die ihrigen begünſtige. Er kannte faſt ganz genan den Werth aller politiſchen, literariſchen, finanziellen und anderer Gewiſſen der Epoche: und ver⸗ ſchaffte ſich dadurch Vermögen und Namen, daß er Alles, was er kannte, aufs Spiel ſetzte. Als er Banquier war, lebte er ruhiger und tugend⸗ hafter als zuvor, gleich jenen Amphibien, die ihr Leben dem Guten wie dem Böſen anpaſſen; ſodann ging er damit um, ſich eine reiche Frau, die beſonders von hoher Familie ſein mußte, zu ſuchen. Genofeva von Loſtranges welche er in der Geſellſchaft traf, ſchien ihm beide Eigen⸗ ſchaften zu vereinigen. Als er ſich Herrn von Loſtranges vorſtellen ließ, wurde dieſer durch die Aehnlichkeit betrof⸗ fen, welche er zwiſchen ihm und ſonſt Jemand fand, den er irgendwo geſehen zu haben glanbte; aber nachdem ſich 5 245 er Baron von ſeiner Geburt und ſeiner Stellung über⸗ zeugt hatte, war er vollkommen zufriedengeſtellt und gab keine abſchlägige Antwort, als Valentin um die Hand. ſeiner Tochter anhielt: des Herrn von Loſtranges Lebens⸗ eſſenz lag in ſeinem Stolze. Durch eine jener pſychologiſchen Erſcheinnugen, die die Wiſſenſchaft noch nicht durchdrungen hat, durch eine Art innerer Viſion, die ſie mit ihrer Seele in der Seele dieſes Menſchen leſen ließ, zeigte Genofeva, als ſie Herrn von Beaumont zum Erſtenmale ſah, einen lebhaften Widerwillen gegen ihn. Aber da der Baron ihr ſein ernſtes Verlangen zu erkennen gab, ſie mit dieſem jungen Manne von vorneh⸗ mer Abkunft und ſchönem Vermögen vereinigt zu ſehen, bemühte ſie ſich, dieſen Widerwillen zu beſiegen. Seiner⸗ ſeits zeigte ſich Valentin, um Genofeva eine gute Mei⸗ nung von ſeinem Herzen beizubringen, bei vielen Gele⸗ genheiten, wo es ſich darum handelte, Arme zu unter⸗ ſtützen, ſehr edelmüthig. Er nahm ihren Geſchmack an, wurde einfach und gutmüthig und war äußerſt gefällig gegen ſie. Endlich beſchloß Genofeva, mehr um ihrem Vater einen Gefallen zu erweiſen, als aus einem andern Grunde, Herrn von Beaumont ihre Hand zu geben; einige Tage nach dieſer Entſcheidung trafen ſie ſich auf dem Ball bei Herrn von Lagériviöre, wo wir ſie geſehen. Einige Tage ſpäter ſaßen die Herren von Beaumont und Loſtranges in des Letzteren Cabinet. „Chevalier,“ ſagte der Baron,„ich glaube, daß ich meine politiſche Laufbahn nun beendigt habe; ich werde alt und das Pariſer Leben fängt an, mich ſehr zu er⸗ müden. Auch meine Tochter findet kein Vergnügen mehr daran; wenn Ihr beide mich nun glücklich machen wollt, ſo wollen wir Eure Hochzeit in meinem Schloſſe Olignh bei Alencon feiern und dort von nun an ruhig und glück⸗ lich leben.“ Jetzt, dachte Valentin, muß ich Allem zuſtimmen; 246 nach der Hochzeit werde ich meinen Willen zur Geltung bringen.... „In Oligny“, fuhr der Baron fort,„werden wir auf dem Schioſſe in einer Art alle Vergnügungen von Paris haben. Das wird uns ohne Zweifel viel Geld koſten, aber wir ſind beide reich. Da es Ihnen dann unmöglich ſein wird, Ihre ſinanziellen Operationen in Paris fortzuſetzen, ſo bitte ich Sie, Ihre Capitalien in einer möglichſt kurzen Friſt zu realiſiren. Ich will daſſelbe thun, und ſpäteſtens in einem Monate werden wir in mein Schloß eingegangen ſein. Was halten Sie von dieſen Plänen?“ „Daß ſie ſehr weiſe gefaßt ſind, mein lieber Baron; doch iſt dieſe Realiſirung auch ſo ſchnell nothwendig, als Sie mir vorſchlagen?“ „Ohne Zweifel, mein Freund; ich habe Ihnen von großen Summen geſprochen, die auf Oligny zu verwen⸗ den ſind, das Sie ſelbſt unterhalten müſſen, da es einen Theil von Genofeva's Mitgift ausmachen wird „Ach! Ach! ſehr gut, ich wußte noch niht „Dann wollten Sie Ihr Banguiergeſchäft in Paris fortſetzen, ſo müßten Sie es der Aufſicht eines Mannes von ſeltener Rechtſchaffenheit, einem andern Ich, anver⸗ trauen. Seine Bezahlung würde Ihnen ſehr hoch zu ſtehen kommen, und dann wäre es doch nicht daſſelbe, als wenn Sie da wären.“ „Aber, mein Herr, warum wollen Sie denn, daß ich bei meiner Jugend nicht mehr darauf denken ſoll, mein Vermögen zu vermehren.“ „Ich vermuthe, Herr von Beaumont, daß Sie die Abſicht hegen, ſobald Sie mein Schwiegerſohn geworden ſind, wieder nach Paris zurückzukehren, und daß Sie ſich meinen Vorſchlägen nur ſcheinbar fügen, um Ihre Ver⸗ mählung ſo bald als möglich zu Stande zu bringen.“ „Wie! Baron, Sie könnten argwöhnen „Was ich hier ſage, mein Herr, vielleicht... aber 247 8 ich in Oligny lebe, da ich meine Tochter dort bei mir 3 aben will, und da Sie wahrſcheinlich nicht ohne ſie in Paris bleiben können, erkläre ich Ihnen...“ „Ach, mein Gott, ich bitte Sie, theurer Schwieger⸗ papa, nehmen Sie doch die Sache nicht ſo ernſt, ich habe keinen andern Willen als den Ihrigen, und um es Ihnen zu beweiſen, werde ich mich von heute an damit beſchäf⸗ tigen, meine Geſchäfte zu beendigen. In einigen Tagen werde ich reiſefertig ſein.“ „So iſt es recht. Seien Sie überzeugt, Chevalier, daß ich Ihnen dieſe Nachgiebigkeit hoch anrechnen werde.“ Einen Monat nach dieſer Unterredung hatten Herr von Beaumont, Herr von Loſtranges und ſeine Tochter ihre Wohnung auf dem Schloſſe Oligny, an den Ufern der Sarthe, zwiſchen Alengon und Mortagne aufgeſchla⸗ gen. Die Capitalien des Banquiers waren proviſoriſch in Bankbillets und Thaler umgewechſelt und er bewahrte ſie in ſeinem Gemache in Erwartung des günſtigen Au⸗ genblicks, wo er ſeinen feſten Entſchluß ankündigen konnte, nach Paris zurückzukehren. Bis zur Erfüllung der für die Hochzeit nothwendigen letzten Formalitäten machten der Baron und das zukünf⸗ tige Ehepaar häufige Ausflüge in die Umgebung. Sie waren begierig das Trappiſtenkloſter zu beſuchen, das vom Schloſſe nur wenig ertfernt lag; aber nur der Baron und Valentin konnten ihre Neugierde befriedigen, indem die Ordnung der Abtei den Zutritt der Frauen verbot. Richard war ſeit zwei Monaten in La Trappe, aber da die Mönche mit den Fremden nicht in Berührung kommen, ſo ſahen ſich beide Brüder nicht. Als die beiden Beſucher auf der Rückkehr nach Oligny die düſtern Wälder, die unbekannten Heiden und weiten Oeden, die das Kloſter umgeben, durchſchritten, fragten ſie ſich einander, was ſie von den Trappiſten hielten. „Es ſind Tolle,“ ſagte Valentin. „Es ſind Heilige,“ ſagte der Baron. 248 „Es ſiud viele Verbrecher darunter.“ P „Ich erkenne nur Reuige in ihnen.“ „Hat vielleicht der Anblick dieſer Mönche Ihr Herz gerührt?“ „Vielleicht.“ „Als man uns vor acht Tagen von ihrem ſtrengen Ernſte erzählte, ſcherzten Sie darüber auf die geiſtreichſte Weiſe von der Welt.“ „Ich habe ſie ſo eben geſehen, mein Herr.“ „Sie ſprechen mit einer Achtung von ihnen...“ „Und Sie mit einer Frivolität...“ „Das heißt ein ſehr zärtliches Herz haben, mein lieber Baron!“ „Ich kenne nichts trockeneres als das Herz eines Banguiers.“ e ich liebe Sie zu ſehr, um Ihnen deßhalb böſe zu ſein.“ „Wir werden bald nach La Trappe zurückkehren, nicht wahr, Chevalier?“ „Wenn es Ihnen beliebt, Schwiegervater, ich ſtehe immer zu Ihren Dienſten.“ Und ſie kehrten ins Schloß zurück. Beſtürzung und Schmerz erwarteten ſie. Während ihrer Abweſenheit hatten Dienſtboten, die in Valenti Gemächern geweſen, die Thüren offen gefunden, die Schlöſſer erbrochen und die Möbel geleert, vornehmlich aber jenes, welches Herrn von Beaumonts ganzes Ver⸗ mögen enthielt. Dennoch hatte man kein Anzeichen geſunden und konnte nicht begreifen, wie dieſer Diebſtahl begangen werden konnte. Als Valentin dieſes Ereigniß erfuhr, glaubte er den Verſtand zu verlieren; der Baron ergriff ſeine Hand nud ſagte, indem er Genofeva anſah, die ihren zukünftigen Gemahl lebhaft beklagte: „Unter Leuten von unſerem Adel, Chevalier, ver⸗ 249 binden derartige Unglücksfälle anſtatt zu trennen; über⸗ morgen wollen wir den Vertrag unterzeichnen.“ Mit überſtrömendem Gefühle drückte Valentin die 1 Hand des Barons; dieſer fuhr ſort: „Nun wollen wir uns vorbereiten um nach Alencon zu gehen, um dort unſere Klage vorzubringen, und wollen wir die Hoffnung nicht ganz aufgeben, daß Sie das ver⸗ 1 lorene Vermögen einſt wieder bekommen werden.“ Am andern Tage war ein zu dieſem Behufe aus der Stadt gekommener Notar mit den Herren von Loſt⸗ ranges und Beaumont beſchäftigt die verſchiedenen Be⸗ ſtimmungen des Vertrags aufzuſetzen, als ein Bedienter einen colportirenden Kleinodienhändler anmeldete, der den Herrn Baron fragen laſſe, ob er nichts in ſeinen Artikeln kaufen wolle. „Ach, mein lieber, guter Freund,“ ſagte Genofeva zu ihrem Vater,„ſeien Sie doch ſo liebenswürdig, mir einige neue Schmuckſachen zu ſchenken.“ „Gerne, liebes Kind, man laſſe den Juwelier ein⸗ treten.“ Bei ſeinem Anblick erbebte Valentin, denn er er⸗ kannte in ihm einen gewiſſen Inden Andreas wieder, 1 an den er einſt die berühmte Nadel verkauft hatte; auch der Jude erkannte ihn und grüßte ihn ehrerbietig, aber ohne die Zeichen zu bemerken, die ihm Valentin machte, damit er ſchwiege. Genofeva wählte einige Schmuckſachen aus. „Und Sie, Herr Baron, wollen Sie nichts für ſich kaufen? Hier ſind goldene Ketten vom feinſten Geſchmacke, Ringe nach der nenſten Mode und Nadeln ven einer ganz neuen Fagonz ſehen Sie, dieſe da iſt zwar weniger modern, aber in Diamanten gefaßt, es iſt das ſchönſte Stück meines Käſtchens und das Bedeutendſte meines klei⸗ nen Vermögens.“ Es gibt unerwartete Ereigniſſe, magiſche Begegnun⸗ gen, Zufälle der Vorſehung, die der ſcharfſinnigſte Verſtand 250 nicht vorausſehen, die die wunderbarſte Gewandtheit nicht vereiteln kann, und die oft hinreichen, um in Einem An⸗ genblicke das Gebäude vieler Jahre umzuſtürzen. Herr von Loſtranges ergriff die Nadel, die er als die ſeinige erkannte. „Valentin,“ ſagte Genofeva,„Sie ſind unwohl?“ „Ja, in der That, ſehr unwohl... „Der Herr iſt ſchrecklich blaß,“ ſagte der Notar. Der Baron hörte nichts. „Von wem haben Sie dieſe Radel?“ fragte er den Händler. „Ich bürge dafür, daß das Gold von vortrefflicher Qualität, und daß der Diamant 25,000 Fr. werth iſt.“ „Wie kommt dieſe Nadel in Ihre Hände?“ „Ich bin ein rechtſchaffener Kaufmann, mein Herr, und ich kann Ihnen beweiſen, daß ich ſie gekauft und gut bezahlt habe. Nur weil die Form außer Mode iſt, habe ich ſie bisher nicht vortheilhaft verkaufen können. Wenn Sie dieſelbe wollen, ſo will ich, um ſie loszuwer⸗ den, im Preiſe etwas herabgehen; wenn ſie Ihnen nicht gefällt, ſo ſchlage ich Ihnen vor, den Stein zu benützen und ihn in eine Nadel von ganz neuer Form zu faſſen.“ „Aber wem haben Sie ſie bezahlt?“ „Potz tanſend, dieſem Herrn von Beaumont da, bei ſeiner Rückkehr nach Frankreich.“ „Es iſt nicht wahr!“ rief Valentin. „Hier der Empfangſchein für 20,000 Fr. eigen⸗ händig von Herrn Valentin von Beaumont unterzeichnet. Ich bin immer in der Ordnung.“ Es folgte nun ein Angenblick ſchrecklichen Schwei⸗ gens. Dann verabſchiedete der Baron den Händler, dem er die Nadel ließ, und den Notar dem er die Hand drückte; ſodann zerriß er kaltblütig den auf dem Tiſche liegenden Contrakt und zeigte Valentin mit einem ſchreck⸗ lichen Blicke die Thüre. Dieſer gehorchte maſchinenmäßig; er ging durch das 251 Thor des Parkes, an deſſen Ende die Sarthe floß; als er ſie durchſchwamm, verlor er ſeinen Hut, der im Schilfe am Ufer hängen blieb. Nachdem er das andere Ufer er⸗ reicht hatte, blieb er eine Weile ſtehen und ruhte aus; innerhalb einiger Minuten durchkreuzten tanſend Gedan⸗ fen ſeinen Geiſt. Gott allein kennt ſie. Als er aufſtand, war die Laufbahn des Chevalier von Beaumont zu Ende. Der alte Handlanger eilte ohne Aufenthalt ins Trappi⸗ ſtenkloſter. Er kam nicht mehr heraus. wo die Geſchichte ihren Kopf mitten in den Boman hereinreckt. Seit den Zeiten der Eſſäer und der Rechabiten gab es zahlreiche Menſchen, die ſich, ſei es aus Geſchmack, ſei es aus Buße, der Einſamkeit weihten. Das Beiſpiel Johannes des Täufers und Jeſu ſelbſt trug mächtig dazu bei, die Wüſten zu bevölkern. Es gab damals fromme Einſiedler, die die Völker als Hei⸗ lige betrachteten, ſo groß und ächt war ihre Frömmigkeit, *) Dieſes und das folgende Kapitel enthalten eine Ge⸗ ſchichte des Trappiſtenkloſters und des Lebens in dem⸗ ſelben, die mit der vorliegenden Erzählung wenig ge⸗ mein hat und ohne den Zuſammenhang zu beeinträch⸗ tigen, auch weggelaſſen werden kann. (A. d. Ueberſe) 252 und die heiligen Schriften der Baſilins, der Gregor und der Chryſoſtomus erzählen auf eine unparteiiſche und würdige Weiſe, das Leben berühmter Cönobiten, den Ruhm zu Grunde gegangener Zeiten. Während des dritten Jahrhunderts der chriſtlichen Aera bewohnte eine große Zahl von Anachoreten die thebaiſche Wüſte und Oberegypten. St. Paul und St. Anton, die zuerſt kamen, um Gott fern vom Geräuſche der Städte dort zu dienen, waren von einer Menge von Gläubigen begleitet; um 400 wuchs ihre Zahl wunderbar und gegen den Anfang des fünften Jahrhunderts hatten 80,000 Mönche die Wü⸗ ſten Egyptens in heilige Städte verwandelt, die nur von Dienern Chriſti bevölkert waren. Während St. Anton im Orient den Grund zum Mönchsorden legte, erfüllte St. Benedict dieſelbe Miſſion im Abendlande. Allmälig rückten die Einſiedler an Orte zuſammen, und bald lebten ſie dort gemeinſchaftlich. Je⸗ doch war der Eifer nicht immer gleich bei den Bewohnern der Klöſter. Im Morgen⸗ wie im Abendlande war er vielen Schwankungen unterworfen, die Vorſchriften wur⸗ den oft mißachtet und es hat viele Verbeſſerungen und Wiedergeburten gegeben bis zum heiligen Bernhard, dem großen Reformator der Kloſterdisciplin. Die Feinde des Mönchslebens, und dieſe haben es ſicherlich niemals recht ſtudirt, haben zu allen Zeiten von der Unordnung und der Erſchlaffung, die ſich in die ver⸗ ſchiedenen Mönchsorden eingeſchlichen, mit großer Ueber⸗ treibung geſprochen; aber es iſt ungerecht, eine Regel nach den Ausnahmen zu beurtheilen und wenn bei der großen Menge der Mönche in alten Zeiten auch Einige vom heiligen Wege abgewichen ſind der ihnen vorgeſchrie⸗ ben war, ſo muß man nicht die ungehenren Verdienſte vergeſſen, welche die getrenen Mönche von ihren Zuflucht⸗ ſtätten aus der Kunſt und Wiſſenſchaft geleiſtet haben. In der That trugen die Mönche, die ſich der Urbarma⸗ 253 machung und Bebauung des Landes ganz ergaben, allein in jenen Zeiten der Unordnung und der Barbarei Sorge für die Erhaltung und Verbeſſerung der Lehren, ſie al⸗ lein bewahrten claſſiſche Kenntniſſe, ſie allein machten neue Entdeckungen und bahnten die Wege zur Anusdeh⸗ nung der Kunſt und Wiſſenſchaft. Unter den religiöſen Orden, gegen welche mehr oder weniger Vorurtheile herrſchen, nimmt der Trappiſten⸗ orden eine der merkwürdigſten Stellungen ein, ſowohl in Hinſicht der Strenge ſeiner Regeln, als bezüglich ſeiner Wechſel und ſeiner fortdauernden Kraft. Wir wollen hier ſeine Geſchichte ſkizziren, die uns ziemlich nützlich zu ſein ſcheint und die doch niemals recht bekannt wurde. Gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts reiſte Ro⸗ trou II., Graf von Perche, eine der unerſchrockenſten Kirchenſtützen in den Kreuzzügen(1) mit ſeiner Frau und einigen Kindern nach England. Ein ſchrecklicher Sturm drohte das Fahrzeug zu verſchlingen, auf dem er ſich befand. In dieſer drohenden Gefahr gelobte er, daß wenn der Himmel ihn erhielte, er und ſeine Begleiter nach ihrer Rückkehr nach Frankreich eine Kirche zur Ehre der Mutter Gottes banen würden. Sein lebhafter Glaube wurde belohnt; auch beeilte er ſich gleich nach ſeiner Rückkuuft in ſeinen Ländereien eine Kirche und ein Kloſter in einem Thale bauen zu laſſen, das ſchon ſeit Langem den Namen Trappe führte. Daher erhielt das Kloſter den Titel Maison-Pieu, Notre-Pame de la Trappe. Achtzehn Jahre ſpäter bereicherte Rotrou III., der Sohn des Gründers Rotron, vor ſeiner Abreiſe nach Poläſtina das Kloſter durch beträchtliche Schenkungen; Robert, Erzbiſchof von Rouen, Silveſter, Biſchof von Scéez, und Raonl, Biſchof von Evreux, weihten die Kirche im Namen der Mutter Gottes; mehrere Päbſie, unter andern Engen II. und Alexander III., nahmen La Trappe in ihren Schutz, ſie bewilligten dieſer Abtei 254 unter andern Vorrechten die Befreiung vom Zehnten und ließen die Regeln der Ciſterzienſer annehmen. La Trappe wurde alſo ein Filial von Clairvanx und die Mönche wurden Bernhardiner. Mehrere Schriften erzählen den Beſuch des heiligen Bernhard, aber dieſe Thatſache iſt nicht conſtatirt. Lange Zeit hindurch war der Eifer groß und wur⸗ den die Regeln gewiſſenhaft befolgt. Viele berühmte Perſönlichkeiten, unter welchen man die Seigneurs von Dreux, Robert, Vater und Sohn, Karl von Valois, Graf von Alengon aufführt, machten La Trappe reiche Schenkungen, um ein ſpecielles Recht auf die Gebete dieſer Mönche zu erlangen. Vom Ende des 15. Jahrhunderts an bis zu der vom Abt von Rancs bewerkſtelligten Reform blieb es in der Gewalt von weltgeiſtlichen Aebten. Um dieſe Zeit verheerten es die Engländer, die der Krieg in dieſe Gegenden führte, ſchimpflicher Weiſe. Enklich drang die Erſchlaffung, die ſich einer großen Anzahl von Klöſtern bemächtigt hatte, auch in gleicher Weiſe in dieſes, das ſich in einem wahrhaft beklagenswerthen Zuſtande befand, als der Abt Armand von Rancé, der es ſeit acht und zwanzig Jahren verwaltete, den kühnen Plan faßte, es unter die ſtrenge Obſervanz der Ciſterzienſer zu ſtellen. Mit vieler Mühe gelangte er vollſtändig zum Ziele; La Trappe fand ſeinen ganzen Eifer und ſeine ganze Strenge wieder und ward in Frankreichs Augen das der himm⸗ liſchen Gnade würdigſte Kloſter. Selbſt Boſſuet, der Freund des Abt von Raucé, beſuchte es oft, und der Herzog von St. Simon fand hier oft ein Aſyl. Der Abt von Rancs ſtarb um 1700 in einem Alter von ſiebzig Jahren, nachdem er acht und zwanzig Jahre lang weltlicher Abt und zwei und dreißig Jahre Ordensabt geweſen war. Durch Ermüdung, Faſten und Kränklichkeit entkräftet, hatte er zu Gunſten Zoſimus I. entſagt. Seit der Reform von La Trappe bis 1790 255 der Zeit ihrer Unterdrückung, gab es zehn Aebte. Sie hießen: Zuerſt Armand von Rancé, dann Zoſimus I., Franz Gervaiſe, Jakob de la Cour, Iſidor, Franz Gouche, Zoſimus II.(Hurel), Malachias Brun, Theodor Chambon und Peter Olivier. Als der große revolutionäre Sturm in Frankreich zum Ausbruche kam und alle religiöſen Körperſchaften aufgehoben wurden, hofften die Trappiſten noch einen Moment, dem allgemeinen Verbote zu entgehen. Die Theilnahme, die ſie einflößten, war ſo mächtig, daß die Nationalverſammlung zögerte, ehe ſie dieſelben in die Proſcriptivn einſchloß; ſie ſchickte Bevollmächtigte ab, die die Sitten der Troppiſten prüfen und ein Protokoll über den Zuſtand aufnehmen ſollten, in welchem ſich die Abtei befand. Alle Berichte, die über dieſen Gegenſtand gemacht wurden, waren den Trappiſten günſtig, und die Commiſſäre huldigten der Frömmigkeit und dem wohl⸗ thätigen Sinne, welche dieſes Haus zum Gegenſtande der Bewunderung für die Umgebung machten; trotz dem konnte es der Strenge des Dekrets nicht entgehen, und es wurde Anfang 1790 unterdrückt. Aber nichts vermochte die Trappiſten niederzubeugen, oder ihre Liebe zur Einſamkeit und die Strenge ihrer Regeln zu ſchwächen. Bald beſtimmte der Abt Anguſtin von Loſtranges, der Peter Olivier nachgefolgt war, die Brüder, die Freiheit in einem andern Vaterlande zu ſuchen, ihre heiligen Uebungen dort fortzuſetzen und dem zu dienen, deſſen Hand alle die großen Ereigniſſe herbei⸗ geführt hat. Sie wählten die Schweiz, um ſich dort niederzulaſſen; ſie richteten ein Geſuch an die Regierung jenes Landes, um von ihr das Recht zu erlangen, dort eine Zufluchtsſtätte zu gründen. Als dieſes Geſuch vom Senate von Freiburg ge⸗ nehmigt war, unternahm Dom Auguſtin mit vier und ſeine Wallfahrt. Er reiste am 24. April 791 ab. 256 Und, bemerken wir im Vorbeigehen, gehört nicht ein mächtiger Glaube dazu und eine ſtarke Verachtung der Eitelkeiten der Welt, um auf dieſe Weiſe ſein Vater⸗ land zu verlaſſen und in ein fremdes Land zu gehen, um dort zu weinen, zu beten, zu arbeiten und zu leiden? In einem einſamen Thale des Kantons Freiburg, eine Stunde von Val⸗Sainte, inmitten der Berge, die den Himmel zu berühren ſcheinen, gründete dieſe fromme Colonie in einem ſeit Langem leer ſtehenden Karthänſer⸗ Kloſter die neue Abtei, die die Hauptſtätte für andere Trappiſtencolonien bis zum Jahre 1815 blieb. Bald verbreitete ſich das Geräuſch von der Tugend und Wohlthätigkeit dieſer frommen Anachvreten in die Ferne, die Zeitungen ließen ihnen Gerechtigkeit wider⸗ fahren, indem ſie die Erzählungen von ibren Wohlthaten verbreiteten, der Zufluß von fremden Beſuchen nahm zu, und bald wuchs die Zahl der Bewerber dergeſtalt, daß Dom Anguſtin im Jahre 1794 mehrere Colonien in ver⸗ ſchiedene Länder ſchicken mußte, wo man ſie überall mit großem Wohlgefallen aufnahm. England, Spanien, Belgien und Piemont verlangten dringend nach ihnen, und die Abteien, welche die Colonien in jedem dieſer Läuder gründeten, kamen zu großer Blüthe. Als ſich ſpäter die Franzoſen der Schweiz bemäch⸗ tigten, mußten die Trappiſten dieſes gaſtfreundliche Land verlaſſen; Dom Auguſtin durcheilte mit denen, die ihn begleiten wollten, nach und nach Deutſchland, Polen, Rußland und Dänemark und errichtete auf ſeinem Wege verſchiedene Gemeinden von Männern und Frauen. Im Jahre 1802 kam er nach Val⸗Sainte zurück, wo ſich wieder ein Theil ſeiner Kinder um ihn vereinigte. Napoleon war den Trappiſten günſtig. Auf den Vorſchlag, der ihm im Staatsrathe unterbreitet wurde, ob man nämlich La Trappe beſtehen laſſen ſolle oder nicht, autwortete er: daß mau ein Aſyl haben müſſe für große Unglücksfälle und eine Zufluchtsſtätte für exaltirte 257 Phantaſien. Seit 1806 erhob ſich ſchon wieder eine Trappiſtengemeinde im Walde von Gros⸗Bois, ſechs Stunden von Paris; eine andere wurde in Cervara bei Genua gegründet, eine dritte auf dem Genfer Berg. Napoleon blieb äußerſt wohlwollend gegen die Obern dieſer Etabliſſements, in denen man ſeine Soldaten aufs Herzlichſte behandelte, wenn ſie dort Gafffreundſchaft ver⸗ langten; aber als im Jahre 1811 der Obere der Ge⸗ meinde von Cervara einen Eid zurücknahm, den er einige Jahre vorher dem Kaiſer geſchworen, gerieth dieſer dar⸗ über in heſtigen Zorn und ſtrafte, anſtatt einen einzigen Mann zu beſtrafen, den ganzen Orden. Der erſte Obere, Dom Auguſtin von Loſtranges, erfuhr zuerſt ſeinen Haß: es wurde ein Preis auf ſeinen Kopf geſetzt, er ging ſo⸗ dann nach Amerika, wo er zwei Gemeinden gründete und kehrte erſt mit der Reſtauration zurück. Dann brachte er den größten Theil ſeiner Kinder mit zurück, und ſeine erſte Sorge galt dem Wiederan⸗ kauf des alten Hauſes von La Trappe, wohin ein Theil der ſeit einiger Zeit nach Val⸗Sainte zurückgekommenen Brüder nun kamen. Die andern Mönche wurden theils nach Aigues⸗Belles in der Diöceſe Valence geſendet, theils nach Belle Fontaine in der Diöceſe Angres, theils endlich nach Melleraye in der Diöceſe Nantes. Auf der Heimkehr von einer Reiſe nach Rom, die Dom Auguſtin gemacht hatte, um den Papſt zu ſehen, erkrankte er in Lyon und ſtarb daſelbſt im Jahre 1827, in einem Alter von zwei und ſiebzig Jahren. In Val⸗Sainte hatten die Trappiſten noch einmal ihre Regeln reformirt, daß heißt, ſie hatten einen Zu⸗ wachs von Strenge beigefügt, die theils den Regeln des St. Benedict, theils denen der Ciſterzienſer entnommen wurden; dieſe Reform, genannt die von Val⸗Sainte, kam in Gros⸗Trappe ſeit ihrer Rückkunft im Jahre 1815 in Aufnahme. Plouvier, Erzählungen für Regentage. 17 258 Aber ach! La Trappe du Perche, die Wiege dieſes bewundernswertben Ordens, betrübte die Blicke der Mönche gar ſehr, als ſie es nach ſo langer und granſamer Ab⸗ weſenheit wiederſahen. Sie fanden nur noch Trümmer vor, die alte Kirche exiſtirte nicht mehr, die Trappiſten bauten ſelbſt eine nene; ſie unternahmen es auch, das Haus wieder aufzubanuen, von dem nur noch einige Wände übrig geblieben waren, und nichts konnte fie in ihren langen Arbeiten ſtören. Die Julirevolution ge⸗ ſtaltete Frankreich um, ohne ſie zu beunruhigen. Endlich wurde im Anguſt 1833 die Kirche beendigt und durch Mſgr. von Rouſſel, Biſchof von Senz, der den erſten Stein gelegt hatte, eingeweiht. worin der Pedant noch immer die Feder des Erzählers zurückhält. Zwiſchen den Städten[Aigle und Mortagne, im Departement de l'Orne, in gleicher Entfernung von der Paris Breſter und der Paris⸗Cherbourger Straße erhebt ſich in einem großen Thale am weſtlichen Ende des Wal⸗ des von Perche das Kloſter la Trappe, umgeben von Hügeln und Gehölze, gleich als ob es mit der übrigen Welt nichts gemein habe in ſeiner ſtillen Einſamkeit. Das gegenwärtige Kloſter bildet ein vollkommenes Quadrat. Es hat über dem Parterre zwei vollſtändige Stockwerke und einen geräumigen Speicher. Nach dem⸗ ſelben Modell gebaut, wie alle Häuſer von la Trappe, 259 hat es zum Eingange ein großes Portal, über welchem unter einem Bildniſſe der Mutter Gottes folgende Ju⸗ ſchrift eingegraben iſt: Pomus Pei, beati qui habitant in ea. Zur Seite befinden ſich die Loge des Portier, ein Sprechzimmer, ein Saal für die Fremden und ein Gaſtzimmer, wo ſie Speiſe und Wohnnng erhalten; ſo⸗ dann eine Kirche, der Kapitelſaal, ein Refectorium, ein Arbeitsſaal oder Werkſtätte, ein Schlafzimmer, eine Bibliothek, eine Weißzeugkammer, eine Wärmſtube, ein Krankenzimmer und eine Apotheke; endlich Kreuzgänge oder Nebenſchiffe, die ſich in Form einer Gallerie nach der ganzen innern Länge des Quadrats ausdehnen, in deſſen Mitte ſich der Hof befindet. Wenn ein Fremder in la Trappe ankömmt, ſo fällt der Bruder Pförtner, nachdem er ihm geöffnet, vor ihm auf die Hände und ſagt:„Segnen Sie mich,“ dann führt er ihn in den Fremdenſaal und benachrichtigt zwei Mönche, die den Auftrag haben, die Kloſterbeſuche zu empfangen. Dieſer Saal iſt durch ſeine äußerſte Einfachheit und durch die Sentenzen aus der Schrift, die man auf den Wänden leſen kann, bemerkenswerth. In Erwartung der Mönche fordert ſie der Pförtner, der ſie begleitet, auf, auf einem Anſchlage an der Saalwand die Mahnung zu leſen, die man an die Reiſenden ſtellt, und in welcher man ſie demüthig bittet, der Begegnung der Mönche ſo viel als möglich auszuweichen und ſich nur an den Bru⸗ der Wirth zu wenden, wenn man Etwas bedürfen ſollte, auf die Tribune zu gehen, wenn man beten will, aber niemals dort zu ſingen, nicht ohne Begleitung des Gaſt⸗ mönchs in die Kloſterörtlichkeiten zu gehen, an gewiſſen Orten, wo es nothwendig iſt, zu ſchweigen wie in der Kirche, im Refectorium, im Schlafzimmer, im Kreuz⸗ gange, im Kapitelſaale und in der Küche, in der Abtei nicht anders als mit leiſer Stimme zu ſprechen, um nicht die Mönche, die ſich in der Nähe befinden, zu ſtören, und 260 endlich anzunehmen, daß man den Fremden nur ungerne eine ſo einfache, aber durch die Regeln vorgeſchriebene Nahrung anbiete. Wenn die beiden Mönche der Wache im Empfang⸗ ſaal ankommen, werfen ſie ſich mit dem ganzen Körper vor den Fremden zur Erde, ſodann führen ſie ſie durch den Kreuzgang in die Kirche, um dort das heilige Sa⸗ krament anzubeten. Nach einiger dem Gebete gewid⸗ meter Zeit führen ſie dieſelben in den Saal zurück und überlaſſen ſie dem Gaſtmönche, der ſie ins Gaſtzimmer führt, der ihnen frendig alle Dienſte erweiſt, die in ſein Fach einſchlagen. Jeder Fremde erhält ein Zimmer von äußerſter Einfachheit zur Wohnung; ein kleiner Tiſch⸗ ein Chriſtusbild, ein Stuhl, einige fromme Bücher und ein merkwürdig reinliches Bett, daraus beſteht die ganze Einrichtung. Man ſervirt den Gäſten immer nur ein ſehr frugales Mahl, das aber doch reichlich genug und der Jahreszeit angemeſſen iſt. Ansdrücklich verbietet die Regel das Fleiſch für die Fremden, wer ſie auch immer ſeien, aus⸗ genommen jedoch, wenn eine Krankheit ſol es erforder⸗ lich macht, dann würde man welches ſerviren, aber nur im Krankenzimmer, und niemals im Reſektorium der Gäſte. Während des Mahls hält ein Bruder, meiſtens der Gaſtmönch, den Gäſten eine fromme Vorleſung, um frivole Geſpräche zu verhindern. Manchmal gibt der Obere den Beſuchern auf ihr dringendes Bitten die Erlaubniß, am Mahle der Mönche im Reſektorium der Gemeinde Theil zu nehmen. Da die Gaſtfreundſchaft, die man in la Trappe übt, nur die Bedeutung hat, welche ſie immer haben ſollte, ſo ver⸗ langt man von den Fremden niemals Etwas, aber man nimmt die von wohlhabenden Perſonen angebotenen Ge⸗ ſchenke demüthig an. Der Eintritt ins Kloſter iſt den Frauen unbe⸗ dingt unterſagt, aber man hat im Vorhofe eine Kapelle für ſie gebaut, wo ſie an Sonn⸗ und Feſttagen die Meſſe hören können. Die Mönche von la Trappe ſind in zwei Claſſen getheilt: die Chormönche und die Laienbrüder. Die erſte Claſſe der Mönche umfaßt im Allgemeinen diejenigen, die aus Demuth den Titel Laienbruder vorziehen; die Chormönche, die beſonders die Beſtimmung haben, den Gottesdienſt zu ſingen, werden auch Väter genannt. Die Laienbrüder ſind vorzugsweiſe mit Handarbeiten beſchäf⸗ tiget; jedoch wohnen ſie einem großen Theil des Tag⸗ und Nacht⸗Gottesdienſtes bei, und wenn ſie in der Stunde des Gottesdienſtes mit Arbeit beſchäftigt ſind, ſei es im Innern des Kloſters, ſei es auf dem Felde, ſo ſetzen ſie mit einander aus und überlaſſen ſich mit lauter Stimme den religiöſen Pflichten, welche die Väter zu gleicher Zeit in der Kirche üben. Die Kleidung der Chormönche beſteht Sommer und Winter in einem Gewande von grobem weißem Tuch, das von einem ledernen Gürtel umſchloſſen iſt. Bei der Arbeit tragen ſie über dieſem Kleide noch ein ſchwarzes Skapulier, das ſie bei den übrigen Uebungen durch eine Tunica mit weißen hängenden Aermeln von grobem weißem Tuche wie das Kleid erſetzen; über dieſer Tunica iſt eine Kutte oder Kaputze, um den Kopf zu bedecken, das iſt das eigentliche Mönchskleid, das man auch Bern⸗ hardinerkutte nennt. Die Laienbrüder tragen daſſelbe Kleid, aber von grobem hraunem Stoffe, bedeckt mit einer Art von großem Mantel, den man Chormantel (chape) nennt. Laienbrüder wie Mönche vom Chor tra⸗ gen ein Hemd von grobem Wollenzeug. Welche hervorragende Männer im Adel, in der Armee und in den Wiſſenſchaſten wurden ſchon in dieſem einfachen Kleide begraben! Hier gibt es keine Eitelkeiten der Welt mehr, man behält ſelbſt nicht einmal ſeinen Namen, den man beim Eintritt vertauſcht gegen den eines Bruder Martin, Bruder Ambroſius, Bruder Hilarien 20. 262 Dank dem ewigen Schweigen, das in la Trappe herrſcht, können dieſe Männer ihr ganzes Leben hier zubringen, ohne ſich zu kennen. Es gibt ferner noch in la Trappe außer dieſen bei⸗ den Claſſen von Mönchen Adſpiranten, Novizen und bei⸗ gegebene Brüder oder Familiaren. Die Adſpiranten ſind diejenigen, die, ſich zum Mönchsleben hingezogen fühlend, um die Aufnahme unter die Mönche nachgeſucht haben. Sie machen eine Zeit lang die Hausübungen mit, und werden dann, wenn ſie dabei ausharren, unter die Novizen aufgenommen, wobei ſie das Kleid erhalten. Die Novizen, die ſich in Chor⸗ und Laien⸗Rovizen theilen, je nachdem ſie unter die Einen oder Andern aufgenommen zu werden beabſichtigen, halten ein Jahr Noviziat, worauf ſie, wenn ſie in ihrem Berufe ausharren, das definitive Gelübde ausſprechen. Die Familiaren widmen ſich, ohne ſich durch Ge⸗ lübde zu binden und ohne ſich für den Mönchsberuf zu verpflichten, dem Hauſe und werden Familienmitglieder. Aber ſie tragen das Kleid nicht, ſind keinen ſo ſtrengen Regeln unterworfen, und koͤnnen ſich zurückziehen, wenn es ihnen beliebt, ausgenommen jedoch, wenn ſie Brüder oder Väter werden und ſich den Prüfungen des Noviziats unterwerfen wollen. Die Hauptämter bei den Trappiſten ſind folgende: Das des Abts, des Priors, des Subpriors, des Keller⸗ meiſters, des Gaſtmönchs und des Novizenmeiſters. All⸗ jährlich wechſeln die Oberen am Tage Mariä Reinigung ihre Stellen. Jeder legt die Zeichen ſeines Amtes nie⸗ der, das dann in die Hände eines andern vom Abt ge⸗ wählten Mönchs übergeht. Um dieſe Zeit ziehen ſich die Trappiſten auch zehn Tage lang zurück, während welcher ſie ſich frommen Uebungen von einer Strenge überlaſſen, die noch viel größer iſt, als die im Laufe des Jahres. Der Abt von Jiancé hat dieſe jährliche Abſonderung zu einer weſent⸗ —— 263 lichen Ordnungsregel erhoben, die wie alle anderen mit einer religiöſen Genauigkeit beobachtet wird. Allwöchentlich findet in la Trappe eine einfache und rührende Ceremonie ſtatt: am Samſtag waſchen im Ka⸗ pitelſaale vor dem Leſen der Veſper zwei Mönche die Füße aller ihrer Brüder, indem ſie beim Abt aufangen und fortfahren bis zum jüngſten Mönche. Es liegt in dieſer bibliſchen Scene ein frommer Zauber, deſſen Ein⸗ fluſſe ſich die Fremden nicht entziehen können, wenn man ihnen die Gunſt bewilligt, demſelben beizuwohnen. Dieſe vollkommene Selbſtverläugnung von Männern, die oft⸗ mals mächtig in der Welt geweſen und die nun die Füße von Menſchen waſchen, die vielleicht große Verbrecher ſind, die ſüße Genngthuung, die ſich auf ihren Geſichtern abſpiegelt, die warme Herzlichkeit, die unter ihnen herrſcht, Alles das rührt die Seele und läßt dieſe Män⸗ ner mit Achtung betrachten. „Es iſt ein großes Schauſpiel,“ hat Chateaubriand geſagt,„um den Tod eines Trappiſten.“ Ja, es iſt in der That ein ergreifendes Schauſpiel. In der Stunde des Todes zeigt ſich der Menſch faſt immer, wie er wirklich iſt, und nichts kann ſeine Ge⸗ danken, ſeine Wünſche und ſeinen Glanben verhüllen. Nun wohl! Der Tod eines Trappiſten iſt wie das Leben in la Trappe heilig und ſchön. Es zeigt ſich in ſeinen Augen eine ſüße Schwärmerei, und man möchte ſagen, daß er ſchon die zukünftige Welt erkenne; nichts iſt ſüßer für ſeine Ohren, als die Geſänge ſeiner Brüder, und ſeine Hände heben ſich zu Gott empor, wie um ihm da⸗ für zu danken, daß er ihn abruft. Auf Stroh und Aſche haucht der Trappiſt ſein Leben aus, umringt von ſeinen Brüdern, die ſeinen Tod als das vollkommenſte Glück zu beneiden ſcheinen. Wenn ſeine Seele den Körper verlaſſen hat, wird er ohne Sarg beſtattet, von ſeiner Mönchskutte bedeckt; auf ſein Grab pflanzt man ein hölzernes ſchwarzes Kreuz, auf 264 welches man ſeinen Mönchsnamen, ſein Alter und das Datum ſeines Todes ſetzt; ſodann öffnet man eine Grube zur Hälfte für den nächſten Sterbenden, und jeder Mönch ſcheint zu wünſchen, daß es die ſeinige ſein möge. Viele Vorurtheile laſten noch auf dem Trappiſten⸗ orden; man braucht aber nur zwei Tage in dieſem Kloſter zuzubringen, um ſich von der Falſchheit dieſer Vorurtheile zu überzengen. Man hat geſagt und es oft wiederholt, daß die Mönche, wenn ſie ſich begegnen, dieſe feierliche Mahnung an einander richteten: Bruder, me⸗ mento mori. Es iſt nichts daran, da in la Trappe das Schweigen unbedingt und unnnterbrochen iſt. Uebrigens bedarf es auch dieſer Mahnung nicht, um die Mönche an den Tod zu erinnern: unter ihnen bereitet ſie Alles dar⸗ auf vor und erinnert ſie beſtändig daran. Auch hat man behauptet, daß jeder Trappiſt ſein Grab ſelbſt grabe und daß er darin ſchlafe,— auch das iſt ein Irrthum: wir haben oben erzählt, daß es im Voraus immer ein halbgeöffnetes Grab gäbe; oft wird es von den Mönchen betrachtet, die es mit ihren Wün⸗ ſchen zu begrüßen ſcheinen. Man glaubt auch, und dieſer Irrthum iſt faſt allgemein, daß die Trappiſten mager, fränklich und traurig ſeien! Man wird leicht erkennen, daß auch das nur ein Irrthum iſt. Einer der Brüder iſt ein berühmter Arzt der Pariſer Fakultät. Es hat im Kloſter immer ein Krankenzimmer gegeben, und trotz der Trappiſten tiefen Verachtung des Lebens werden die Krankheiten mit liebevoller Sorgfalt und lebhaftem Mit⸗ gefühle behandelt. Es iſt auch zu bemerken, daß das Krankenzimmer ſehr oft leer ſteht. Es iſt auch nicht wahr, daß die Mönche mager und abgezehrt ſind, wie man ſie auf dem Theater oder in Romanen darzuſtellen beliebt. Wenn man nach la Trappe kömmt, erſtaunt man, auf dem Antlitze der Bewohner den Ausdruck unvertilgbarer Freude zu finden; ihre Farbe iſt friſch und geröthet, und die Lebensweiſe, der man folgt, hat keinen Einfluß auf 265 den Körper und Geiſt, da man in la Trappe Männer von vorgerücktem Alter findet, die ſich noch einer voll⸗ kommenen Geſundheit und eines verhältnißmäßig glück⸗ lichen Temperaments erfreuen. Das ſind nicht die einzigen Vorurtheile gegen la Trappe, die wir zu widerlegen haben. Man wähnt, daß es nur große Verbrecher enthalte, und es befindet ſich dort eine Menge Menſchen, welche die aufrichtigſte und jeder Eitelkeit baare Frömmigkeit allein hingeführt hat. Man wähnt in gleicher Weiſe, daß die Ordensregeln für viele Menſchen, die ſich einmal durch Gelübde verpflichtet haben, erdrückend und unerträglich würden. Diejenigen, welche dies glauben, haben die Trappiſten niemals be⸗ ſucht; ſonſt hätten ſie geſehen, mit welchem Grade von Liebe ſie ihre Regeln befolgen, und daß ein Mönch nie⸗ mals daran denkt, ſich ſchwacher Weiſe davon los zu machen. Wir wollen einen Tag aus dem Leben des Trappiſten analyſiren, und man wird beim Leſen dieſer Analyſe nicht umhin können, zu denken daß dieſe Män⸗ ner, die man ſo oft verläumdete, verſpottete und ver⸗ achtete, zu einem der höchſten Grade der Vollkommenheit, wie ſie der Menſch überhaupt erreichen kann, gelangt ſind. Die Abteiglocke läutet an Feſttagen um Mitter⸗ nacht, und an Werktagen um eins oder halb zwei Uhr zur Frühmeſſe. Alsbald verlaſſen die Mönche ihre Planke, die ihnen zum Bette dient und auf welcher ſie angekleidet ruhen, und begeben ſich in die Kirche. Es iſt ein ernſtes und majeſtätiſches Schauſpiel, dieſe Mönche in zwei Reihen, vom ſchwachen Schimmer einer einzigen Lampe beleuchtet, zu ſehen, indem ſie mit ſchallender Stimme des Herrn Lob ſingen, während Alles rings um ſie im Schlafe ruht. Da iſt nichts von dem Aufwande der Pariſer Kirchen, nichts von der übermüthigen Pracht, welche den Geiſt von der erhabenen Religion Chriſti und St. Peters entfernt, und nichts von jenen goldenen Zier⸗ rathen, welche nuranalle die Bedürfniſſe der Armen erinnern. 266 Nach der Mette und den Primen hält man das Kapitel der Culpa oder das der öffentlichen Beichte. Da klagt ſich jeder vor ſeinen Brüdern der Fehler an, die er am Tage begangen, oder der ſchlechten Gedanken, die ſeinen Geiſt beſchäftigt. Wenn ein Mönch ſich eines Vergehens anzuklagen vergißt oder eines ohne ſein Wiſ⸗ ſen beging, das einer ſeiner Brüder kennt, ſo erklärt es dieſer mit lauter Stimme: der Schuldige dankt ihm da⸗ für und unterläßt nicht am Tage für den zu beten, der ihn angeklagt hat. Nach einem dem Leſen und den Meſſen geweihten Zwiſchenraume begeben ſich die Mönche an die Arbeit. Die Einen ſind Schmiede und machen ſelbſt alle Inſtrn⸗ mente, die ſie zu ihren manchfaltigen Arbeiten brauchen; die andern beſchäftigen ſich mit Melken und machen den Käs, den ſelbſt verwöhnte Reiſende trefflich ſinden. Dieſe backen Brod, von dem ein guter Theil für die Armen aufgehoben wird, jene beſorgen die ſo einfache und ſo ſtärkende Küche. Hier ſind Buchbinder, dort Buchdrucker, denn Alles, was man in La Trappe braucht, macht man auch in La Trappe, und die Mönche haben es ſelbſt ſo haben wollen, um nicht mit den Städten in Verkehr treten zu müſſen. Alle dieſe Arbeiten werden im tief⸗ ſten Schweigen vollzogen. Dennoch machen es die Umſtände oft nothwendig, daß einige Worte geſprochen werden; aber dieſe Worte ſpricht nur der erſte Obere zu den Mönchen oder zu den Fremden, der Gaſtmönch zu den Reiſenden, und der Kellermeiſter in ſeinen Be⸗ richten mit den Reiſenden oder den Brüdern. Nach dieſem erſten Theile der Tagesarbeit wohnen die Mönche dem Gottesdienſte der Sexte bei, und nehmen dann ihre Arbeit bis zwei Uhr wieder auf. Sodann findet ihr Mahl ſtatt; während deſſelben recitiren einige Mönche Gebete, die wegen ihrer Länge wie ein wahrer Gottes⸗ dienſt angeſehen werden können. 267 Das Diner beſteht aus Gemüſen in Waſſer und Salz gekocht und acht Unzen ſchwarzes Brod; zum Trin⸗ ken bedient man ſich des reinen Waſſers. Das iſt die ganze Nahrung des Trappiſten während zwei Drittel des Jahres, noch dazu findet wäbrend der Faſten dieſes elende Mahl erſt um ein Viertel auf fünf Uhr ſtatt. Während der übrigen Zeit des Jahres iſt das Diner um Mittag, und gibt es am Abend noch ein Souper oder vielmehr eine leichte Erfriſchung. Man nimmt dazu die vier Un⸗ zen Brod von den zwölfen, welche die Regel geſtattet, dann einige Erdäpfel oder rothe Rüben, oder auch ein wenig Käſe. Die Mönche begeben ſich ſodann in die Kirche, um die Vesper zu hören; hierauf folgt eine Pauſe für das Leſen und die Betrachtung beſtimmt, die bis ſechs Uhr dauett. Dann ſingt man salve Regina und geht ins Schlafzimmer. So iſt der Tag der Trappiſten, und ſicherlich hegt der Reiſende, der ihren Uebungen beiwohnte, nicht mehr die Vorurtheile gegen ſie, welche die Welt noch gegen ſie hat. (Bis hieher erſtreckt ſich die Geſchichte der Trappiſten.) VII. Wir haben erzählt, welcher Art Richard des Träu⸗ mers verfolgtes Leben, weſcher Art das ſchuldvolle, qual⸗ reiche Leben des Banguier Valentin in der Welt war. Man wird nun erfahren, wie der zweite Abſchnitt des Lebens der Brüder beſchaffen war. VIII. Thränen. Der Menſch wandelt unausgeſetzt auf einem ſchmalen Pfade, den man die Gegenwart heißt; auf jeder Seite bemerkt ſein ſchwacher Blick einen Abgrund. Ungeheure Abgründe— die Vergangenheit und die Zukunft! Wenn ſein erbärmlicher Verſtand es wagt, nach dem Grund zu ſuchen, weicht er erſtaunt zurück, denn er begegnet dem Unendlichen; wenn er aber wie Richard das Herz voll Tugend und das Leben voll Leiden hat, und der Geiſt in der Einſamkeit ſich geſammelt und ins Unendliche vertieft hat, ſchreckt er nicht mehr davor zurück, denn er entdeckt dort den allmächtigen, gerechten und ewigen Gott, der die Ewigkeit der Welten zum Strafen und zum Lohnen hat. Nach ſeinem ſtürmiſchen Leben hatte Richard in La Trappe eine Ruhe gefunden, ſanft und tröſtend, wie die Moral des Evangeliums; ſein einſt geſchwächter Glaube hatte ſich wieder belebt, und der Glaube im menſchlichen Herzen iſt ein reiner Diamant, deſſen himmliſches Licht in das andere Leben ſehen läßt. Er fand im beſchau⸗ lichen Leben ein vom größten Theil der Menſchen nicht gekanntes Glück, und erwartete im Vertrauen auf Gott betend, arbeitend und betrachtend gerne den Tod als die größte Wohlthat, die Gott dem Menſchen nach dem Le⸗ ben erweiſen kann. Manchesmal gedachte er noch traurig der Ver⸗ irrungen dieſer Welt, die ihn verſchmäht hatte, und be⸗ dauerte ſeufzend gewiſſe große Gedanken ſeines todten Buches; doch geſchah dies nur in ſeltenen Zwiſchen⸗ räumen, und dieſe Erinnerungen erloſchen allmälig in 269 ſeinem Geiſte, als er ſich dem Abende ſeines Lebens näherte, wie die Sterne, wenn der Morgen kommt. Oefters dachte er noch an Genofeva, aber was er für ſie fühlte, war nicht mehr Liebe, es war ein reineres Gefühl, wie die Erinnerung an eine im Traume erſchie⸗ nene Madonna, wie eine flüchtige Offenbarung der heili⸗ gen Schönheit unſterblicher Jungfrauen. Valentin kam nach La Trappe wie ein Verbrecher an eine Zufluchtsſtätte, und befolgte, anfänglich von den Dingen eingenommen, die er in der Welt zurückließ, die Uebungen des Kloſters maſchinenmäßig, arbeitend, wenn man arbeitete, und ſich zu beten bemühend, wenn man betete, aber dem Juden Andreas fluchend in den Stun⸗ den des Schlafes und der Betrachtungen. In Maiſon⸗Dien ſpricht Alles zum Herzen, aber Valentin hatte ein finſteres froſtiges Herz. Doch wenn er wieder dieſes ſtille Glück ſah, deſſen ſich ſeine Um⸗ gebung zu erfreuen ſchien, wurde er neidiſch und wollte es auch zu koſten verſuchen. Von der Frömmigkeit unter⸗ ſtützt, verſuchte er demnach, die böſen Gedanken, deren ſein Herz voll war, zu verjagen; aber ſein Herz war noch zu voll von Verderbniß, als daß der Glaube darin hätte Platz finden können, und die Frömmigkeit verſagte ihre Hülfe. Er zweifelte noch immer, und ſeine Gebete ſtiegen nicht weiter hinab, als vom Gehirne zu den Lip⸗ pen, ſein Herz blieb eiſig. Eines Tages, an einem jener ſonnenloſen Tage, wo die Seele ſich der Trauer öffnet, wo der Körper an ſei⸗ ner Kraft verliert, wo der Himmel gran iſt und die Wieſen ohne Blumen ſind, an einem jener blaſſen Tage, wo man ſagen könnte, daß Gott ſich von unſerer Welt abwendet, um für eine andere zu wachen, waren die Mönche in der Kirche in zwei Reihen aufgeſtellt, um wechſelweiſe Pſalmverſe zu ſingen. Valentin, der Bruder Andreas geworden war, ſtimmte zuerſt jene Klage des 270 Königs David an:„Pomine, ne in furore tua aruas me; neque in ira tua corripias me.“ Ihm gegenüber erwiederte Richard, der Bruder Am⸗ broſius geworden war:„Ouoniam sagittae tuae infixae sunt mihi: et confirmasti super me manum tuam.“ Beide erhoben die Augen gen Himmel, Bruder Am⸗ broſius, um Gott ſeine Leiden darzubieten, Bruder An⸗ dreas, um ihn um Glanben zu bitten. Und beide Brüder erkannten ſich. Der Pſalm dauerte fort, und Richard war den gan⸗ zen Tag glücklich, denn er dachte, daß ſein Bruder, hier angekommen, dasſelbe Glück hier genießen müſſe, wie er und Valentin war während dieſes Tags zerſtreut und träumeriſch. Als die Nacht kam, und alle Brüder eingeſchlafen waren und man kein Geränſch mehr in der Abtei ver⸗ nahm, fühlte ſich Richard leicht am Arm berührt; er er⸗ wachte und richtete ſich auf; dann ſah er einen Mönch vor ſich auf den Knien und hörte eine ſchwache Stimme ſagen: „Verzeihung, mein Bruder!“ Richard legte einen Finger an den Mund, um ihn an das unverletzliche Schweigen zu erinnern, zu welchem ſie ſich verpflichtet hatten. Volentin ſing wieder an: „Mein Bruder, verzeihe mir und ſegne mich!“ Richard ſtreckte fromm die Hand über ſeinen immer noch knieenden Bruder aus; dann ſtand dieſer auf und Schluchzen und Küſſen umarmte. In Bruder Ambroſius Augen war die ganze Ver⸗ gangenheit verſchwunden; er erinnerte ſich nicht mehr an Amiens, wo er für Valentin von Henkershand gebrand⸗ markt worden war; nicht mehr an Breſt, wo er für Va⸗ lentin fünf Jahre lang das ſchreckliche Leben der Stäf⸗ ſuchte ſchweigend ſein hartes Lager wieder zu erreichen als ihn Richard am Arm zurückhielt, und einer unwider⸗ ſtehlichen Macht weichend, ihn an ſich zog und unter 271 linge erlitten; nicht mehr an Paris, wo ihn Valentin verläugnet und ihm ein Aſyl verweigert hatte; nein, dieſer Mann des Himmels hatte alles Irdiſche vergeſſen; er ſah nur vor ſich und in Thränen ſeinen Zwillings⸗ bruder, ſeinen Freund von der Wiege, ſeiner Mutter Kind, deſſen einziges Wort, als er ihm zu Füßen fiel: Verzeihung! geweſen war!... und er hatte verziehen. So hatten alſo dieſe beiden Menſchen das Leben mit einander begonnen, ſie hatten die Muttermilch ge⸗ theilt, die Sorgen für ihre Schwäche, und die erſten Eindrücke des Lebens; dann war ein Tag gekommen, wo beide für ein granſames Schickſal gezeichnet ihr Leben trennten und ſich entzweiten. Der Eine, ein tiefer Egviſt, war lange einen glänzenden Pfad gewandelt, Abgründen entlang, und hatte im Augenblicke des Triumphs das wunderbare, von ſeinem Stolze und ſeiner Begierde er⸗ richtete Gebäude unter dem Worte eines armſeligen Ju⸗ den in faſt Nichts zuſammenbrechen ſehen; der Andere, ein gekrenzigter Dichter, hatte das Leben, ein ſchweres Kreuz auf der Schulter, durchwandert, und konnte nur in einem Grabe unter der Sonne Troſt finden. Dann fanden ſie ſich wieder, beide gealtert, entkräftet und lebensmüde. Wie ſie einſt ihre kinvlichen Freuden ver⸗ mengt hatten, ſo vermengten ſie in dieſer Stunde die Thränen, der Eine aus Reue, der Andere aus Mitleid; wie ſie einſt ihre Arme verſchlangen, um zu den Spielen der Kindheit zu eilen, ſo hielten ſie ſie jetzt wieder, aber wie um zu ſterben, und wie einſt waren ſie endlich nun vereinigt, nicht mehr unter dem Auge ihrer Mutter, aber unter Gottes Ange. Als die Glocke zur Frühmette in der Kloſterkirche läutete, weinten die Brüder noch, Einer in den Armen des Andern. Einige Zeit darauf wurde Bruder Andreas krank, und bald ergriff dieſelbe Krankheit Bruder Ambroſius; dieſer empfand das Weitergreifen des Uebels in ſüßer 272 Hoffnung, für ihn war der Tod ein Augenblick der Dämmerung, welche die Nacht des Daſeins vom großen Tage der Cwigkeit ſcheidet. Valentin ſah mit Schrecken den Tod herankommen; er zweifelte noch immer, und der Zweifel am Ende des Lebens iſt eine Vorempfindung der Hölle. Endlich ſtarben beide Brüder au demſelben Tage, zur ſelben Stunde, und ſich wie Einem Beſchluſſe Gottes unterwerfend. Sie waren zur ſelben Zeit auf die Welt gekommen, ſie verließen ſie zugleich. Vielleicht trennten ſie ſich, als ſich die Pforten der Cwigkeit für ſie öffneten vielleicht ging der Eine dem Lohne— der Andere der Strafe entgegen!. Vielleicht, und dies möge der Glaube chriſtlicher Seelen ſein, blieben ſie wieder ver⸗ einigt zu Gottes Füßen! des gerechten und gütigen Gottes, der die Märtyrertugend liebt und verherrlichet, der aber den Schuldigen freiſpricht, wenn er in ſeiner Buße Thränen der Reue vergoß. Schluß. Wenn Sie an Winterabenden in die Oper gehen, werden Sie wahrſcheinlich in der vierten Vorderloge eine hinreißende Frau in vollem Glanze ihrer Schönheit be⸗ merken; wenn Sie den Logenſchließer fragen, wird er Ihnen antworten, daß ſie ſich Marquiſe von St.⸗Saulien dennt. Ihr Vater, der Baron von Loſtranges ſtarb vor drei Jahren in Hligny, nachdem er ſie mit einem Neffen des Herrn von Lagérividre, der im Beſitze eines guten Namens und großer Hoffnungen iſt, vermählt hatte. Die 273 ſorgloſe Genofeva hat keinen Gedanken von der Liebe eines Taglöhners, der Richard hieß, Dichter wurde, dann Trappiſt, und dann noch ſterbend für ſie betete.. das wird ihr nie einfallen. Julian, der alte Kammerdiener des Barons, hat ſich vom Dienſte zurückgezogen, nachdem er ſich auf eine etwas zweideutige Weiſe im Dienſte ſeiner verſchiedenen Herren bereichert hat; er hat eine Frau aus der Kauf⸗ mannswelt geheirathet und lebt nun ſehr ehrbar, ohne jemals von Gewiſſensbiſſen, bezüglich eines armen Hand⸗ langers gequält zu werden, der ihm einen ſo großen Theil ſeiner Pein verdankte. Coupard hat ſich aufs Verkaufen von Sicherheits⸗ ketten rue Vivienne verlegt, nachdem er einen Theil der Summen, die er dem Chevalier von Beaumont in Oligny ſtahl, der Juſtiz zurückgegeben und den Reſt verthan hatte; ſeit ſeiner letzten Freilaſſung hat er die Bekannt⸗ ſchaft des Chevaliers von Ally gemacht, der in dieſem Momente eine heimliche Lotterie hält. Von Richard dem Dichter iſt auf der Welt nichts übrig geblieben, als ſein Name, der im Regiſter eines Gefängniſſes eingetragen iſt. Plou vier, Erzählungen für Regentage. 18 Der Blutlohn. Spaniſche Legende. Was liegt am Jahre in welchem die Begebenheiten dieſer Erzählung vorfielen? Man kann darüber nur ſo viel ſagen, daß es ſchon lange her iſt. Wenn man Biscaya verläßt, um nach Alteaſtilien zu gehen, iſt die erſte Stadt die man auf der Straße nach Modrid trifft, Miranda am Ebro; um einige Stun⸗ den weiter kommt man in die Gebirge von Occa, ein Zweig der Iberiſchen Berge, der großen Kette, die ganz Spanien durchzieht. Dieſe langen, hohen Gebirge bilden entſetzliche Schluchten, ſchroffe Felſen und tiefe Klüfte, deren armſelige Pflanzen niemals von einem Sonnen⸗ ſtrahl geliebkoſt wurden. An einem lauen Herbſtabende waren zehn bis zwölf Männer, die man nach ihrer Kleidung als Gebirgsräu⸗ ber erkennen konnte, in einer Höhle vereinigt, die ſich in einem Felſen in einer Tiefe von ungefähr vierzig Fuß öffnete, und deren Zugang, durch hohe Felſen, die ſich vereinigen zu wollen ſcheinen, geſchützt, ſo unwegſam iſt, daß er vielleicht nur dieſen Räubern und Gott bekannt iſt. Unter dieſen Männern befindet ſich einer, deſſen wilde Majeſtät ſeiner ganzen Perſönlichkeit ihn über die Andern zu erheben ſcheint; dieſer Menſch iſt ihr Anführer, der 275 wackere Manoöl Aguila. Sein Wuchs iſt hoch, obwohl ein wenig gebengt, ſeine Glieder ſind noch kräftig; er hat den Blick des Adlers, deſſen Namen er führt, ſeine pechſchwarzen Haare fangen an, an einzelnen Stellen zu erbleichen; ſein gebräuntes und gewöhnlich fröhliches Ge⸗ ſicht ſcheint dieſen Abend durch irgend einen peinlichen Gedanken gefurcht. Er hat einen Bruſtlatz von rothem Tuche an, und eine Weſte und eine Hoſe von ſchwarzem Sammt, mit ſilbernen Knöpfen und Stickereien geziert; um den Körper trägt er einen breiten ledernen Gurt, um Dublonen oder Patronen darin zu bewahren; als Kopf⸗ bedeckung hat er einen breiten, grauen Sombrero, um⸗ ſchlungen von einem rothen Sammtbande, vorn iſt ein Bild der heiligen Jungfran daran befeſtigt; zur Fußbe⸗ deckung Halbſtiefeln mit ledernen Riemen umbunden, die vom Knöchel bis zum Knie gehen; dann endlich um nichts zu verſchweigen, hat er am Halſe eine kleine Figur in Gold hängen, St. Jago di Campoſtella, die ihn ſeit fünfzig Jahren noch keine Minute lang verlaſſen hat. Im Momente, wo die Erzählung beginnt, ſitzt Aguila auf einem Felsblock. Mit der einen Hand hält er die an ſein linkes Bein gelehnte Stutzbüchſe kräftig feſt, mit der andern ſtützt er, den Ellbogen am Knie, ſeine düſtere, nachdenkliche Stirne; in vielen Abſätzen drückt er con⸗ vulſiviſch ſeine Waffe, hebt den Kopf und ſendet Blicke voll Bitterkeit um ſich, dann, als er alle dieſe Menſchen ſtumm und unbeweglich ſieht, die die Augen an ſeine Lip⸗ pen geheftet, die Befehle zu erwarten ſchienen, die ſie er⸗ gehen laſſen würden, wendet er das Auge lebhaft ab und nimmt ſeine düſtere Stellung wieder ein, trauriger noch und niedergeſchlagener als vorher. Plötzlich, und nach langem Schweigen, während deſſen man nur das dumpfe Rauſchen eines Gießbachs, der ſich wenige Schritte von da in einen Abgrund ſtürzt, vernimmt, ſahen die Ban⸗ diten, wie ihr Führer den Kopf ungeſtüm erhebt und 276 hören ihn mit erſtickter Stimme murmeln mit einer Art von Wuth:„Man muß zu Ende kommen!“ Sodann fährt Manoöl raſch mit der Hand über die Augen und ſagt kurz abgebrochen mit ſonorer Stimme, deren Befehle niemals mißachtet worden waren, zu den aufmerkſamen Banditen: „Meine Kinder, es ſind nun fünfundzwanzig Jahre, daß ich mich zu Eurem Haupte gemacht; wir haben zu⸗ ſammen Vortreffliches geleiſtet, Wunder der Kühnheit: wir haben prächtige Gefahren beſtanden, nie wußten wir in der einen Stunde unſeres Banditenlebens, ob wir die nächſte noch ſchlagen hören werden, und niemals ſeit fünf⸗ undzwanzig Jahren, handelte es ſich auch um die ſchreck⸗, lichſten Gefahren, hatten wir den Verluſt eines unſerer Brüder zu beklagen, eine bittere Pein für uns arme Ge⸗ ächtete, eiſerne Herzen.. niemals, noch nie hattet Ihr an mir dieſe düſtere nachd enkliche Miene geſehen: das kommt von Augenblicken, Kinder, in denen es nicht mehr möglich iſt, ſich zurückzuhalten. Höret mich wohl au. „Geſtern griffen wir auf der Höhe von Pancorvo die Wägen des franzöſiſchen Geſandten an, der von Madrid kam; als wir im Begriffe waren, uns derſelben zu be⸗ mächtigen, wurden wir von königlichen Truppen über⸗ raſcht, die uns auflauerten; ſodann begann ein blutiger Kampf, in welchem Ihr Euch, meine Tapfern, wacker hieltet, denn Ihr bliebet Herren des Schlachtfelds und einer reichen Beute. Ich meinerſeits mußte mit dem Lieutenant, der dieſe Truppen commandirte, perſönlich kämpfen und, ich muß es Euch geſtehen, Kinder, ich wurde faſt beſiegt.. Ja, wenn mir Joſepho nicht zu Hülfe gekommen wäre, wäre ich vielleicht getödtet wor⸗ den. „Dieſen Morgen hielten wir die Sänfte des Priors vom Kloſter San⸗Hieronymo an; da ich dieſem heiligen Manne nicht ans Leben wollte, ſchleppte ich ihn in einige Entfernung von ſeinem Wagen, um mich mit ihm 277 zu unterhalten, indeſſen Ihr denſelben von den Piaſter⸗ ſäcken befreitet, die er enthielt. Könnt Ihr es glanben, meine Kinder? Der Prior, voll Liebe für ſein Geld, wollte es vertheidigen und warf mich um. Das erſchreckt Euch, nicht wahr? Manoöl Aguila von einem Mönche zu Boden geworfen! Das iſt unwürdig! Ach, Ihr könnt Euch meiner ſchämen, ich habe es vor Euch gethan, denn wahrlich, es iſt genug Urſache zum Erröthen, um dieſe Röthe von der Stirne mit einer Piſtolenkugel zu ver⸗ jagen! denn bei Gott und der Jungfrau, bei San Jago und San Manvöl, bei meiner Mutter, um die ich ge⸗ weint, und bei meinem Vater, den ich nicht gekannt! bei dem einzigen Weibe, das ich geliebt, und bei meinem Kinde, das geſtorben iſt! ich bin Eurer unwürdig, Brü⸗ der, ich verdiene Eure Verachtung, ich bin ein Feiger! Ihr könnt mir ins Geſicht ſpeien und mich von den Bergen jagen!“ In dieſem Augenblicke ſtrecken alle dieſe Männer, die ihn anhören, ihre Hände gegen ihn aus; er ſteht mit Mühe auf, drückt unter einander alle dieſe brüderlichen Hände mit naſſen Augen, ſodann... dann fällt er wieder auf ſeinen Sitz zurück, verbirgt eine Zeit lang ſein Geſicht mit beiden Händen und beginnt wieder mit gerührter Stimme und ſchmerzlicher Melancholie: „Alles dies erklärt ſich, meine Kinder, durch meine ſechzig Jahre, wenn der Muth und der Wille auch noch glühend in mir ſind, meine Kraft weicht von mir, ich verliere die Gewandtheit und die Friſche meiner Glieder, meine Haare erbleichen, meine Knie beben, und bald ohne Zweifel wird auch mein Wille und mein Muth inne halten wie meine Kraft, und mir fliehen... in die Vergangenheit. Ich bin ſechzig Jahre alt, und deßhalb wurde ich geſtern von einem Mönch zu Boden geworfen. — Ich habe genug gethan, um berühmt zu werden; man hat einen Preis auf meinen Kopf geſetzt, und hat dem, der mich lebend oder todt nach Madrid bringen 278 würde, lauſend Dukaten verſprochen. Nun bin ich ſchwach, alt und unfähig, mich zu wehren. Wenn wir eines Tags von der Miliz Seiner katholiſchen Majeſtät angegriffen werden, werde ich der Zahl nicht mehr widerſtehen kön⸗ nen, und werde wie ein gemeiner Dieb gefangen. Dann wird man mir die Hände binden und wird mich, die Schmach auf der Stirne, durch alle dieſe Gegenden führen, deren Herr ich geweſen; dann werde ich in Madrid vor einer gierig gaffenden und ſtupiden Menge gehängt! Das ſoll nicht ſein, Tod und Donner!. Manoöl Aguila darf nicht ſo enden! Ihr begreift das, Brüder. Und jetzt, nicht wahr, werdet Ihr nicht mehr erſtaunt ſein, daß Ihr mich ſo betrübt und ſinnend ſeht, und werdet mich beklagen, denn ich leide viel.“ Es folgte hierauf ein kurzes Schweigen; der älteſte Bandit unterbrach es zuerſt: „Manosl,“ ſagte er,„warum ſo muthlos? Biſt Du nicht mit einer übermenſchlichen Kraft begabt, die ſtärker iſt, als unſere vereinigt! Sagteſt Du nicht oft, und wir glaubten es immer, und glauben es noch, daß Du mit einer göttlichen Macht begabt biſt, ſo lange Du dieſes Bildniß des San Jago an Deinem Halſe trägſt, und daß, ſo lange Du das Bild der Mutter Gottes bewahrſt, Du weder getödtet noch verwundet werden kannſt! Viele Kämpfe haben uns Deine Macht bewieſen, Manoöl, warum zweifelſt Du nun heute zuerſt an Dir?“ „Ich habe Euch getäuſcht, meine Kinder, dieſe Fi⸗ gur des heiligen Jakob gab mir meine Mutter im Ster⸗ ben, als ich zehn Jahre alt war. Dieſe heilige Jung⸗ frau iſt ein Geſchenk von meiner armen Innita, und ich habe dieſe koſtbaren Reliquien immer bewahrt, weil ſie mich an Alles, was mir am Liebſten auf der Welt ge⸗ weſen, erinnerten. Dieſe Macht, die Ihr mir zutraut, lag in meiner Willenskraft, und ich werde ſie nun ver⸗ lieren. Der himmliſche Schutz, der mich unverwundbar machte, war mein Arm, ich habe ihn verloren. Ich muß mich nun entſcheiden; bleibe ich an Eurer Spitze, ſo falle ich vald in die Hände der Alguazilen und veran⸗ laſſe vielleicht Euren Tod; wenn ich mich von Euch trenne, entgthe ich einer ſichern Entehrung und gebe Euch Eure Schwüte und Eure Freiheit zurück.“ „Du dentſt daran, Manoöl, uns zu entfliehen! und was wird aus uns ohne Dich?“ „Wollt Ihr demnach, daß ich gehängt werde?“ „Capitän,“ fegte einer der Jüngſten,„warnm wollt Ihr nicht in dieſem unzudringlichen Schlupfwinkel blei⸗ den, wo Ihr keine Gefahr lauft. Ihr dürft uns nicht verlaſſen; jeden Abend legen wir Euch Rechenſchaft von unſeren Tagsoperationen ab, und Ihr gebt uns Euere Rathſchläge...“ „Ja, nicht wahr? und höre von hier das Pfeifen der Kugeln, von denen uiht eine aus meinem Stutzer gekommen ſein wird!... Junger Thor! der glaubte, daß ein Adler im Hintergrunde einer Höhle, fern von der Sonne, leben und ſterben önute! Rein, nein, meine Herren, ich bin entſchloſſen, und ich habe Euch geſagt, daß ich immer meinen Willen hotte. Eine Nacht noch in dieſen Bergen; morgen mit Tagesanbruch werde ich mich in irgend einer Verkleidung und mit meinem Beute⸗ antheil verſehen, nach Valencia, miiner lachenden Hei⸗ math, zuwenden. Seht, dort erwartet mich Jemand; dort werde ich eine Hütte kaufen und den Boden bepflü⸗ gen, und unter dem duftigen Himmel rubig ſterben.“ Der Ton, in welchem Aguila dieſe letzten Worte ausſprach, zeigte, daß ſein Entſchluß unwandelbar war; auch fügten die Banditen kein Wort mehr hinzu. Einer unter ihnen ſchien den Capitän in gewiſſen Momenten mit gieriger Anfmerkſamkeit anzuhören; er verfiel nach deſſen letzten Worten in tiefes Nachſinnen: er iſt ein junger Mann von dreißig Jahren, im erleſenen Coſtume, mit regelmäßigen Zügen und tiefen und finſtern Blicken. 280 Er wurde aus ſeinem Sinnen durch folgende Worte Manvöls gezogen: „Ehe ich dieſen Schlupfwinkel morgen verlaſſe, habe ich Dir Einiges zu ſagen, Joſepho.“ „Capitän, ich ſtehe immer zu Eurem Befehle!“ Die Banditen machten noch einmal den vergeblichen Verſuch, Aguila's Entſchluß zu ändern und verzichteten dann darauf; ſie wählten den Aelteſten unter ſich zum Hauptmann, und unter ſeinen Befehlen ſollten ſie am nächſten Tag ihren abenteuerlichen Krieg gegen große Herren, zu ſchwer beladene Mönche, reiche Geizhälſe und Soldaten des Königs fortſetzen. Mitternacht iſt vorüber, die düſtere Stunde hat ſo eben in den Kapellen der auf dem Lande zerſtrenten Klöſter geſchlagen, und die Banditen liegen im tieſſten Schlafe. Selbſt Aguila, ermüdet von ſeiner letzten Aufregung, hat ſich zum ketztenmal auf ſein Bett von trockenen Blättern ausgeſtrect und ſchläft feſt. Nur Ein Bandit wacht, es iſt Joſerho, der hübſche junge Mann, von dem ich geſprochen, und mit dem Manoöl noch vor ſeiner Abreiſe reden wih. Auf einem Steine ſitzend, den Kopf in den Händen, hat er ſeinen Geiſt verfluchten Gedanken eröffnet. Satan ſitzt unſichtbar am Boden feſt zwiſchen ſeinen Beinen und wacht mit ihm; er heftet ſeine Augen an die des BZanditen, und läßt, wenn er dieſelben im Wiederſchein eines guten Gedankens, der in ſeiner Seele ſtrahlt, erglänzen ſieht, tanſend Verſuchungen der Hölle an ihnen vorüberziehen. Gleichfalls unſichtbar ſchwebt Joſepho's guter Engel über ſeinem Haupte und ſcheint ihn mit ſeinen Fittigen zu beſchützen. Die reinen Seelen, denen Gott einen un⸗ endlichen Blick bewilligt, können die Thränen in den Augen des Schutzengels und den Kummer auf deſſen ſinnender Stirne erkennen; er iſt es, der in die Seele des jungen Mannes Gedanken gießt, ſanſt wie Gebete, Worte, rein wie Thränen. Indem ſich Gabriel und 281 Satan mit allen Kräften bekämpften, indem ſie der Reihe nach, der Eine die himmliſche Anziehung der Tugend, und der Andere die blendende Verlockung des Laſters an⸗ wendete, wollten ſie bis auf den Grund des Herzens des Banditen grlangen, um ſich der mächtigſten Waffe zu bemächtigen, die Gott in den Menſchen legt, und die man Willenskraft nennt, und die auf der Velt Alles vermag! Und Joſeph fühlt alſo, zwiſchen den Engel und den Dämon geſtellt, zwiſchen Himmel und Hölle, ſeinen Willen unentſchieden ſchwanken, denn er hat ihn niemals lenken, niemals ſich zum Herrn darüber machen können. Ohne Zweifel ſieht Gott, der Jedem ſeinen Willen gab, ſtill und unergründlich dieſem feierlichen Kampfe von der Höhe ſeines Thrones der Gerechtigkeit zu. Satan ſagte zum jungen Manne: „Manoöl Aguilas Kopf iſt tauſend Dukaten werth! tauſend Dukaten! eine ſchöne Summe! klingt Dir dieſe Ziffer nicht im Herzen wieder? Wenn Du dieſes Ver⸗ mögen in Händen hätteſt, könnteſt Du nach Frankreich gehen, in das ſchöne Land, das Du ſo oft zu ſehen wünſchteſt. Dort wirſt Du von keiner Juſtiz ob Deiner Vergangenheit beunruhigt, von keiner argwöhniſchen In⸗ quiſitivn, auch nicht von eiferſüchtigen Gefährten; aber ein luſtiges Land, das! mit Turnieren, königlichen Feſten und berauſchender Liebesluſt. Du wirſt dort ein großer Herr werden, denn Du biſt jung, reich und ſchön!. jeder Tag Deines Lebens wird ein Vergnügen ſein, und jede Nacht ein Glück. Gabriel ſagte: „Freund, Du warſt nackt und ſterbend vor Hunger und allein auf der Welt, als Dich Manvöl in einer eiſi⸗ gen Winternacht im Lande Catalonien aufraffte: ſeitdem hat er Dich wie ein Kind geliebt, und Du haſt ihm oft verſprochen, ihn wie einen Vater zu lieben.“ Joſepho ſtand auf, ſein guter Engel wollte ihn bei 282 der Hand nehmen, indem er mit dem Finger auf das Bett hindeutete, wo ihn ein erfriſchender Schlaf voll ſüßer Tränme erwartete; er machte einige Schritte, um ſich darauf zu werfen, aber der Dämon hielt ihn an der andern Hand zurück, und indem er ihn gewaltſam zu⸗ rückzog, ließ er ihn wieder auf ſeinen Sitz fallen; dann hob er wieder mit honigſüßer verführeriſcher Stimme an: „Aber höre! was hoffſt Du, wenn Du unter dieſen Räubern bleibſt? Iſt einmal die Bande der Liſt, Kraft und Gewandtheit Aguila's beraubt, ſo wird ſie bald be⸗ ſiegt, gefangen und ins Gefängniß geſchleppt ſein, und Ihr Alle werdet gehenkt. Denk daran.“ Und wieder ſagte der Engel: „Bis jetzt haſt Du Dich in den verſchiedenen Kämpfen, an welchen Du betheiligt warſt, nur verthei⸗ digt, Joſeph; Du biſt der Einzige unter Deinen Ge⸗ noſſen, deſſen Hände rein vom Morde geblieben ſind. Wenn Du nun dieſen da begehen würdeſt, ſiehſt Du, ſo würdeſt Du keinen Angenblick mehr Ruhe haben. Du weißt, was es heißt, mein Freund, mit einem Morde auf der Seele zu leben: es iſt die Hölle in dieſem Leben, während man die andere in der Ewigkeit erwartet. Dein Verbrechen bleibt unbeſtraft vom Geſetze, weil es ge⸗ boten iſt: aber der Menſch hat in ſich ein Tribunal und einen Richter, der unverſöhnlicher iſt, als alle Richter der Welt: dieſes Tribunal iſt die Seele, und der Richter iſt das Gewiſſen. Freund, denke wohl daran.“ Der Dämon begann wieder: „Anſtatt der düſteren Zukunft des Galgens ſieh dieſe tauſend Frenden, die Dir aus jedem dieſer tauſend Du⸗ katen zulächeln. „Joſepho, denk an Gott!“ „Joſepho, denk an die Luſt!“ „Manoöl hat Dir das Leben gerettet; er wird ſo⸗ gleich, wenn es Tag wird, mit Dir ſprechen, und Dich 283 mit jenem liebevollem Tone, den er nur für Dich hat, ſeinen Sohn nennen!“ „Eile, ſchöner Jüngling, ſchnell verfließt die Stunde, um nie wiederzukehren. Bald wird der Herr erwachen, und es wird zu ſpät ſein. Eile und ſchneide dieſen koſtbaren Kopf mit Deinem Dolche ab und wirf den Leichnam in die Schlucht; Alles wird gethan ſein und Dein Glück ge macht.“ „Freund, hörſt Du den Donner nicht? Gott ſelbſt ſcheint Dich mit dieſer gewaltigen Stimme zu warnen, die die Welt bewegt.“ Es brach in dieſem Momente ein ſchreckliches Ge⸗ witter aus; das Rollen des Donners wiederhallte in den Bergen, der Regen fiel in Strömen, der Wind durch die Bäume vrüllend, deren Stämme er krachen ließ, verfing ſich brauſend in den Abgründen, und Donner, Regen und Wind machten ein Getöſe, deſſen entſetzliche Gewalt den Kühnſten erſchreckt hätte. Von Moment zu Moment zer⸗ riſſen weite Blitze die Seiten des Himmels und erleuch⸗ teten im blutigen Glanze das Unendliche; die Elemente verſuchten ſich zu vereinigen, und man hätte glauben können, der jüngſte Tag ſei angebrochen, ſo ſehr war die Natur untereinander. Die Räuber, die an dieſe Ge⸗ witter gewohnt waren, ſchliefen noch immer; Joſepho war verſtört, und neben ihm weinte Gabriel und lachte Satan. Es gibt Menſchen, die allein deßhalb Verbrechen begingen, weil ſie thörichter Weiſe glaubten, daß ſie da⸗ zu beſtimmt ſeien. Joſepho ſtand auf und ſagte: „Das Verhängniß treibt mich fort!“ Und er wendet ſich der Stelle zu, wo der Haupt⸗ mann ruht. Der gute und der böſe Engel hängen ſich an ihn, der Eine, um ihn hinzuziehen, der Andere, um ihn zurückzuhalten: aber ſein Wille hat geſprochen, er ſteht vor Manoöls Lager. Beim zitternden Schimmer einer eiſernen Lampe, 284 die ſich im Höhlengewölbe wiegt, betrachtete Joſepho noch einen Augenblick den Mann, für den er am Mor⸗ gen noch ſein Leben gewagt hätte; aber jetzt iſt das Verbrechen in ſeinem Geiſte begangen, und nichts kann ihn mehr hindern, und er ſieht Manoöl nur an, um die rechte Stelle zu ſuchen, wo er ihn treffen will. Doch zittert ſeine Hand noch, Satan führt ſie, ſie erhebt, ſie ſenkt ſich.. Dann vernimmt man einen entſetzlichen Donnerſchlag, der Himmel öffnet ſich in einem ungeheuren Blitze; der Engel ſtößt einen Schmerzeusſchrei aus und entfliegt, Joſepho fällt ohnmächtig zuſammen, und Satan ſtößt ein ſeltſames Hohngelächter aus, das bis zur Hölle wisdethalt Als der Mörder wieder zu ſich kam, war das Ge⸗ witter vorüber und Alles wieder ruhig geworden, durch die Felſenöffnungen bemerkte er das ſchwankende Licht der Morgendämmerung; ſein Blick wandte ſich nach ſei⸗ nem Opfer: mit dem Finger dentete Satan auf einen ledernen Sack, der am Boden lag. Joſepho nahm ihn und warf Aguila's Kopf hinein. Dann ſchleppte er mit übernatürlicher Kraft den Körper bis zur Schlucht und ſtürzte ihn hinab... Die Fluthen ziſchten einen Augen⸗ blick, und Alles war zu Ende. Der Bandit raffte ſo⸗ dann eilig ſeine Waffen und einige Piaſter zuſammen, ergriff dann mit einer Hand den ledernen Sack und be⸗ trat den Pfad, der aus der Schlucht führt... Bald befand er ſich auf dem Wege nach Burgos. Satan war ihm gefolgt. Wenn man durch die Gebirge von Occa und das in einem benachbarten Thale liegende Städtchen Bribiesca gekommen iſt, findet man zwei tiefe Seen, deren jeder nur einen Umfang von fünfzig Schritten hat; man nannte ſie den weißen und den ſchwarzen See(pozo blanco, pozo negro). Aus Bribiesca kommend, wird das Ange von einem bezaubernden, bevölkerten und 8 285 fruchtbaren Thale angezogen; dann gelangt man ins Dörfchen Monaſterio. Auf ſeinen verſchiedenen Excour⸗ ſionen für die Bedürfniſſe der Genoſſenſchaft war Joſepho niemals weiter auf der Madrider Straße gekommen! Da es noch ſehr früh war und er Niemanden begegnete, ſo war der Mörder, der ſich beeilte, aus den Bergen zu kommen, unangenehm überraſcht, als er Monaſterio hinter ſich gelaſſen hatte, ſich drei Wegen gegenüber zu finden, von denen er nicht wußte, welcher von ihnen nach Madrid führt. Er blieb ſtehen und ſetzte ſich auf einen Stein, um das Vorübergehen eines Landmannes zu erwarten, an den er ſich um Auskunft wenden konnte. Schon wartete er eine Stunde und ſah die Sonne ſich erheben, da fluchte er ungeduldig und ergriff ſeinen ledernen Sack, um nach Zufall einen der Wege einzuſchlagen, als er folgende Worte hörte: „Geh die mittlere Straße.“ Joſepho erbebte, ein eiſiger Schweiß verbreitet ſich über ſeinen ganzen Leib, ſeine Haare ſträuben ſich, ſeine Zähne klappern heſtig zuſammen, denn er hat ſoeben die ſo wohl bekannte Stimme des Manoöl Aguila erkannt. Durch eine maſchinenmäßige Bewegung wenden ſich ſeine Blicke um ſich herum, nur Satan, der lacht und den der Mörder nicht ſehen kann, iſt da. „Ich bin toll,“ denkt er,„meine Ohren haben mich getänſcht.“ Aber in demſelben Augenblick läßt ſich die Stimme wieder vernehmen, und Joſepho iſt wie gegen ſeinen Willen ſtarr vor Erſtaunen. „Gehe die mittlere Straße,“ wiederholte ſie,„Du wirſt bald vor Burgos ſein. Halte Dich dort nicht auf, denn Du mußt eilen, um heute Abend noch in Villadrigo zu ſein, das Du erreichen wirſt, wenn Du dem Ufer des Arlanzon entlang gehſt und wo Du die Nacht in der Po⸗ ſada⸗del⸗Emgerandor zubringen kaunſt. Von Villadrigo haſt Du ungefähr noch fünfundvierzig Stunden nach Madrid; 286 aber marſchire gut und ſei guten Muths, am Ziele des Wegs winken Dir tauſend Dukaten.“ Joſepho wird von einem convulſiviſchen Zittern er⸗ griffen; er will das Haupt laſſen, dem Gottes Gerechtig⸗ keit eine ſchreckliche Stimme verlieh, aber ſeine Nerven ſind derartig zuſammengezogen, daß er ſeine Hand nicht aufmachen kann, die den Lederſack feſthält. Es iſt ihm auch aufänglich nicht möglich, einen Schritt vorwärts zu thun, aber Satan ſtößt ihn gewaltſam weiter, und der Mörder eilt, nachdem er einmal im Schwunge iſt, raſch auf Madrid zu. Und wieder beginnt die Stimme: „Vorwärts, eile, denke an die Dukaten! morgen wirſt Du, ohne Dich aufzuhalten, durch Tornemada, Venta⸗de⸗Trigueros und Cubegon kommen, und wirſt in Valladolid übernachten. Das iſt eine ſehr alte und ſehr prächtige Stadt, mit ihren vierzehn ſteinernen Brücken über den Esguera, mit ihrem alten düſtern Palaſte der ſpaniſchen Könige, und ihrem Crampo⸗Grande von fünf⸗ zehn Kirchen umgeben; was liegt daran, Du wirſt Dich nicht dort aufhalten. Du wirſt am andern Morgen den Duero paſſiren und Adaja, dann Valdeſtillas, und dann Olwedo. Am andern Tage wirſt Du durch die Gebirge von Guadarrama kommen und Neu⸗Caſtilien betreten; vor Ende des Tags wirſt Du in Madrid ſein. Gehe ſofort zum Ober⸗Alcade, er wird Dir den Lohn Deines — Verbrechens zahlen. Eile, eile, Dein Weg iſt Dir vor⸗ gezeichnet, gehe und denke an die tauſend Dukaten!“ Und ohne Aufenthalt vorwärts eilend, kam Joſepho, durch den Dämon vorwärts geſtoßen, wenn er ſtehen bleiben wollte, außer ſich, von Gewiſſensbiſſen zerfleiſcht, und nachdem er das Bewußtſein ſeines Handelns faſt ganz verloren hatte, in Madrid an. Als er vor dem Alcaldemayor ſtand, gab ihm die Gewißheit, bald den Preis für den Kopf des Räubers zu erhalten und ſich deſſelben zu eutledigen, ein wenig Kraft, und als er den Sack öffnete, nahm er mit einer 287 gewiſſen Feſtigkeit Manoöls Kopf bei den Haaren heraus und ließ ihn eine Zeitlang ſo herabhangen, damit ihn der Alcade mit dem Signaiement vergleichen konnte, das er über das Ausſehen des Banditenchefs hatte. Der Beamte erkannte ihn vollkommen und zögerte nicht, an Joſepho die verſprochene Belohnung zu be⸗ zahlen. Als dies geſchehen, wollte dieſer ſeine ſchreck⸗ liche Laſt auf einem Tiſche im Cabinette des Alcade nie⸗ derlegen, aber in dieſem Momente ſagte der Kopf, der ſeit Monaſterio ſtumm geblieben war: „Oh! nein, Joſepho, Du kannſt mich nicht hier laſſen wir dürfen uns nicht ſobald trennen, ich habe Dir noch Vieles zu ſagen.“ Der Alcade war erſtaunt, denn er hatte geſehen, daß ſich Manvöls Lippen bewegten, und er konnte nicht 8 zweifeln, daß er es war, der jene Worte aus⸗ prach. „Junger Mann!“ rief er, ſich gegen Joſepho wen⸗ dend, ſchafft ſchnell dieſen Kopf fort;„und entfernt Euch ſogleich von hier, geht und hütet Euch vor der In⸗ quiſition!.. Joſepho, deſſen entſetzliche Angſt wieder erwacht war, legte den Kopf wieder in den Lederfack und eilte raſch davon. Er eilte, ſich in einem reichen Hotel der calle dcl Caballero-de-Garcia, einer der ſchönſten Straßen von Madrid, einzumiethen; und als er hier ein Zimmer erhalten hatte und ſich allein befand, ſagte er ſich, daß er nun ſchnell das Leben eines Verdammten endigen müſſe, das er ſeit einigen Tagen geführt, und da ihn Satan unterſtützte, ſammelte er all ſeinen Muth und wendete ſich, nachdem er zwei Flaſchen Keres geleert⸗ dem Kopfe zu und ſagte zu ihm: „Manoöl Aguila, antworte mir, da ſich Dein ganzes Sein in Dein Gehirn geflüchtet zu haben ſcheint, um Dich an meinem Verbrechen zu rächen, und Du Deinen vollen Verſtand behielteſt: wie weit wirſt Du mich ver⸗ folgen? was willſt Du mit mir machen?“ Und der Kopf antwortete: „An jenem Abend, Joſepho, als ich meinen Braven Lebewohl ſagte, indem ich ihnen meinen Entſchluß ver⸗ kündete, habe ich hinzugefügt, Du mußt Dich daran er⸗ innern, daß ich mein Leben in meiner Heimath, im Kö⸗ nigreiche Valencia beſchließen wolle; denn dort, ſagte ich, erwartet man mich ſeit vielen Jahren. Nun denn! nach Valencia ſollteſt Du mich bringen; Du kannſt Dich meiner nicht entledigen, hoffe nicht darauf. Du weißt, wie ver⸗ geblich es war, als Du es in Monaſterio verſuchteſt, verſuche es nicht mehr; es exiſtirt zwiſchen uns, Joſepho, ein geheimes verhängnißvolles Band, welches jetzt keine Macht zu zerreißen im Stande wäre, und käme ſie vom Himmel, und käme ſie von der Hölle! Verzichte alſo dar⸗ auf und bringe mich dorthin, wohin ich lebend gegangen wäre. Fort, fort, verliere keine Zeit, gehe, gehe; ich habe Eile, hinzukommen, und Du mußt ſie haben, um mich zu verlaſſen. Geh, die Todten gehen ſchnell.“ Vier Tage ſpäter ging Joſepho dem Gualadavier entlang, der das Königreich Valencia durchſchneidet, immer noch mit ſeiner ſchrecklichen Laſt beladen. Er war abgemagert und gealtert; beſonders war ſein rechter Arm, der Manoöls Kopf trug, ganz abgezehrt; ſein Geſicht und ſeine Kleider waren ſtaubbedeckt; die ihm begegneten, flohen vor ihm, indem ſie das Zeichen des Kreuzes machten. Dieſer vor einigen Tagen noch ſo friſche, ſo muntere und ſchöne Joſepho war ein ſcheußlicher Greis geworden; jede Stunde von Gewiſſensvorwürfen koſtet ein Lebensjahr, eine Furche auf der Stirne und eine Falte im Herzen. „Muth! Joſepho,“ ſagte der rächende Kof.„Muth, wir kommen vorwärts; dieſen Abend noch werden wir in Levia ſein; die letzten Stunden ſcheinen immer die läng⸗ 289 ſten, nicht wahr! Willſt Du, daß ich, um ſie abzukür⸗ zen, Dir eine alte Geſchichte erzähle?“ Der Mörder hatte keine Stimme mehr zum Ant⸗ worten „Ehe ich damit zu Ende komme, werden wir ohne Zweifel angekommen ſein, denn ich athme bereits den Duft der Orangen und Citronen, die die Stelle umge⸗ ben, die ich wiederſehen will. Fort, Muth; höre mir zu und gehe immer weiter: „Vor dreißig Jahren hatte ich Dein Alter; wie Du war ich ein ſchöner junger Mann mit langen ſchwarzen Haaren, mit flammenden Augen und mit einem friſchen lächelnden Munde; wie Du hatte ich auch ein glühendes Herz, und einen raſchen, hellen, gedankenvollen Geiſt, und wie Du, wenn Du auf den Feſten der Dörfer, die die Gebirge umgeben, Sequidillos tanzteſt, ſah ich oft die Augen eines ſchönen Mädchens mit dem ſüßen Aus⸗ drucke der Liebe auf mir ruhen. Ich war damals kein Bandit, und lebte frei, ſorglos und glücklich, nachdem ich die Erde in dieſer reichen Gegend von Valencia be⸗ baute. Am Tage arbeitete ich; am Abend ſtreckte ich mich aufs Gras und bewunderte die Sterne, von denen mir meine Mutter ſagte, daß ſie ebenſoviele Blicke Got⸗ tes ſeien; oder ich legte mich auch wohl an den Ufern des Guadalawier nieder und überließ mich beim Anblicke des fließenden Waſſers langen Träumereien. Am Sonn⸗ tag erwartete ich die Liebe meiner ſchönen Valencianerin und dachte oft, daß es in ganz Spanien keinen Men⸗ ſchen gebe, der ſich glücklicher nennen könnte, als Manoöl Aguila. Eines Abends, es war, wie ich mich erin⸗ nere, am Feſte San⸗Murillo, tanzte ich einige Boleros mit einem Mädchen, deren Augen ſüßer waren, als die der Jungfrau in unſerer Kircheß ſie hieß Iuanita. Am folgenden Sonntag tanzte ich nur mit ihr, und am näch⸗ ſten San⸗Murillo führten wir die beſte Haushaltung, Plouvier, Erzählungen für Regentage. 19„ * 290 die der Himmel je geſegnet. Nichts fehlte unſerem Glücke. Juanita ſchenkte mir einen Sohn, auf deſſen Kopf ich die Hälfte meiner glücklichen Hoffnungen ſetzte, die andere Hälfte ruhte auf Juanitas Stirne. Einige Jahre ſpäter mußte ich nach Madrid, um einige Ge⸗ ſchäfte zu ordnen: ich reiſte ab und empfahl mein Kind ſeiner Mutter, und ſeine Mutter Gott an. Doch ehe ich Juanitas Gatte wurde, ward ſie von einem reichen, häßlichen und boshaften Pächter geliebt; als er mich vor⸗ gezogen ſah, ſchwur er, ſich zu rächen, und wenn ein Spanier ſich zu rächen ſchwört, Joſepho, ſo geht die Sonne eher im Weſten auf, als daß er ſein Wort vergißt⸗ Riccardo rächte ſich; während meiner Entfernung tödtete er Juanita, und am Tage, wo ich zurückkam, begegnete ich der Leiche des unglücklichen Opfers. Mein Kind hatte Riccardo nach ſeinem Verbrechen fliehend mit fort⸗ geſchleppt. Meine Rache war entſetzlich, Joſepho; aber ich werde ſie Dir nicht erzählen, denn wir ſind zur Stelle. Es war plötzlich Nacht geworden; auf die letzten Worte, die aus Manoöls Munde kamen, blieb Joſepho ſtehen. Er beſand ſich mitten in einem kleinen Gehölze von Orangen⸗-, Oliven⸗ und Citronenbänmen, die berau⸗ ſchende Düfte ausſtrömten. Vor ſich ſah der Mörder eine kleine Anhöhe, worauf ſich ein altes, ſchwarzes, halbzerbrochenes Kreuz befand; der Mond, der durch die Blätter drang, erhellte mit melancholiſchem, feierli⸗ chem Glanze dieſe letzte Zufluchtsſtätte eines irdiſchen Engels. „Joſepho,“ ſagte die unerbittliche Stimme,„ziehe mich aus dem Sack. Der Mörder gehorchte. „Dieſes Grab,“ fuhr die Stimme fort,„iſt das meiner Juanita, an der Seite dieſer armen Taube wollte der Adler niederſtürzen und rufen: er iſt nun hier; danke, Joſepho, Du haſt meinen letzten Willen vollzogen⸗ 291 Aber es iſt noch nicht Alles; grabe dieſe Erde auf, lege mich dann hinein und Deine Aufgabe iſt vollendet. Zum Tauſche für das Leben, das Du mir genommen, iſt es wohl das Wenigſte, daß Du mir einen ruhigen ſanften Tod giebſt. Das iſt geſchehen, nicht wohr? Endlich, meine Juanita, werden wir wieder vereinigt ſein.“ „Oh, ich bin deſſen ſicher, unter meinem letzten Hauche erbeben Deine Gebeine; wir werden endlich den⸗ ſelben Schlaf zu ſammenſchlafen, um an demſelben Tage mit einander zu erwachen. Noch, Joſepho, einen letzten Dienſt; lege mich in dies Grab... Wohl, dank.. Nun, bücke Dich ein weuig, denn ich fühle, daß meine Stimme erliſcht... „An jenem Abend im Gebirge ſagte ich Dir, daß ich Dir Etwas anzuvertrauen habe; ich will es Dir in dieſer Nacht mittheilen, was ich Dir damals habe an⸗ vertrauen wollenz bücke Dich ein wenig mehr, noch mehr: ſo, gut, höre: „Ich habe Dich in Catalonien aus Riccardos Woh⸗ nung genommen, Du biſt mein Sohn! Sei verflucht! Vatermöder! von Deinem Vater und von Gott!“ Joſepho fiel ſchwer ins Grab und die Stimme ſchwieg. Dann warf ſich Satan, der ſeine Beute nicht ver⸗ laſſen hatte, ſeinerſeits über ihn, indem er ſich ein wenig gegen das Herz des Räubers anlehnte, ließ er eine kleine röthliche Flamme daraus hervor flackern,— ergriff ſie und verſchwand unter die Erde. Das war die Seele des Verdammten, die er dem Engel Gabriel abgeſtritten hatte. Eine Furche auf einem See. Eine Shizze. . Sie waren beide jung, ſchön und voll Kraft und Feuer und beteten ſich an. Er hieß Fabius, ſie Stenia. Fabius war Dichter und verehrte unter den Dichtern die Todten und liebte die Lebenden, was von einer'großen Seele und ernſtem Verſtändniß zeugt. Sein Charakter hielt ſich in der reizenden Mitte zwiſchen Keckheit und Sanftmuth. Fabius hatte Geſchmack an der Arbeit, weßhalb die Faullenzer manchmal an ſeiner poetiſchen Natur zweifel⸗ ten. Aber wie die großen Ariſtarche anſingen, ſeine Verſuche zu beſprechen, und die kleinen kritiſchen Hunde ſchon die Jamben ſeiner Proſa oder die Flügelſchläge ſeiner Verſe beklafften, konnte man in ihm einen Mann von wahrem Talente vermuthen, vielleicht einen Mann von Genie. Fügen wir noch hinzu, daß er ſeines Gleichen nicht fand in der Beherrſchung des materiellen Lebens, und daß ſich in ihm zugleich das Gefühl für auserleſene Gegenſtände und die Anſchauung idealer Vollkommenheiten im Culminationspunkte befand. Er — 293 hatte übrigens Beweis von dieſem Gefühle und dieſer Anſchauung durch Stenia's Wahl gegeben, deren Ver⸗ ehrung er ſich widmete. Reden wir nun von der Schönheit ſeines Antlitzes, non der Feinheit ſeiner Hände, von ſeiner Anmuth z. 7 — Nein. Wir könnten Veranlaſſung geben, daß eine zu große Anzahl von Schönen grün vor Eiferſucht würde; was unſere Leſerinnen betrifft, ſo möge ihre Einbildungs⸗ kraft Fabius Bild nur ſchnell durch das ihres Geliebten erſetzen. Ich halte Ihren Geliebten, meine Damen für ſo ſchön und Ihrer ſo würdig, daß Fabius dadurch nur gewinnen kann. Stenia war ſchön! aber ſchön um Raphael zu er⸗ wecken, um ſie ein Kind in den Armen abzubilden! ſo ſchön, doß wir wohrhaft toll ſein müßten, wenn wir davon einen entfernten Gedanken geben wollten!.. Und dennoch, oder Verſchwendung einer noch jungen Fe⸗ der, wollen wir es verſuchen. Her nun zu uns, gewöhnliches Geräthe der Schil⸗ derungen vollkommener Weiber! her zu uns Alabaſter, Schmelz, Korallen, Azur, Ambra, Lilien, Seide, Sam⸗ met, Perlenmutter, Roſen und Opale! her zu uns über⸗ ladene Paletten der Romanmaler! Wir brauchen hier ein übermenſchliches Meiſterwerk, eine Schönheit ohne Nebenbuhler im Himmel wie auf der Erde, die uns alle Gymnaſiaſten zu Männern machen und allen Greiſen ihren letzten Athemzug entreißen könnte! Doch jetzt, wo anfangen? Nach dreitägiger Unterbrechung fanden wir, daß es klug ſei, auf die Schilderung von Stenias Schönheiten zu verzichten. Und wir verzichten darauf. Obwohl Stenia unbegreiflich ſchön war, war ſie nichtsdeſtoweniger aus einem alten edlen Hauſe, eine Sache, die ſeltener iſt, als man glaubt und wenig Be⸗ „ 294 achtung findet!... Und obwohl ſie ſo ſchön war und aus ſo edlem Hauſe abſtammte, hatte ſie doch unendlich viel Geiſt. Die glücklichen Zufälle treffen bisweilen zu⸗ ſammen. Aber indeſſen wir die Vollkommenheiten dieſes himm⸗ liſchen Paars beſchreiben, iſt die Sonne hinabgegangen und der Abend gekommen. Mit verliebt raſchem Fuße eilt nun Fabius ins Eldorado Stenias. Mit einem Sprunge erklettert er zwanzig Stufen von Sandelholz, die in ihr Bondoir führen, und ohne an die Thüre zu ſcharren, dreht er einen kleinen vergoldeten Schlüſſel her⸗ um und tritt ein. II. (Das Theater ſtellt Stenias Boudoir dar.— Ta⸗ peten von weißem Cachemir, mit Seidenbouquets be⸗ ſtickt, geſchmückt mit grünatlaßenen Franzen. Ein orientali⸗ ſcher Teppich von ſeitener Zeichnung.— Die beiden Fen⸗ ſter ſind mit dichten Spißzen verhängt.— Ein Titian und ein Paul Veroneſe.— Die vergoldeten Leuchter ſind mit meergrünen, angezündeten Wachskerzen beladen.— An der Einfaſſung des Kamins, die von vergoldetem Erz iſt, erhellt das Feuer einen bewundernswerth ciſe⸗ lirten Kampf der Salamander.— Eine Canſeuſe und zwei Ducheſſen.— Ein Divan von weicher Form, vor welchem neben Stenia ein Band von Muſſet liegt.— Zwei Blumentiſche, worauf ſich die Blumen der nächſten Jahreszeit entfalten.— Auf dem Kamine, eine Uhr von Muſivarbeit von Ladrotti, und zwei Vaſen Gedichte 295 von Benvenuto. Auf einer Etagdre von Kryſtall hundert tauſend Franks von Thorheiten.— Auf dem Boden. Stenias Taſchentuch, einige dicke Polſter von weißem Cachemir, und einige Räuchervaſen von indianiſcher Form.) Stenia. Fabius. Zugleich mit dem Vorhange erhebt ſich Stenias bisher gebeugte Stirne, und ihre ſchönen ſchwarzen Au⸗ gen, die trauriges Grübeln verſchloſſen hielt, öffnen ſich mit der Thüre des Boudvirs. Stenia.— Sie!... Fabius.— Ich ganz und gar! Und warum denn Sie, theure Liebe? (Er nähert ſich Stenien. Er nimmt ihren Kopf ſanft in ſeine Hände und küßte ihr fröhlich Stirn und Augen. Stenia läßt ihn ziemlich unwillig gewähren; nur als Fabius mehr will, wendet ſie, mit vieler Ge⸗ wandtheit den Kopf rechts und links, ſo daß der Freund immer nur zwei friſche, ſpöttiſche Wangen trifft.) Ste⸗ nia, was haſt Du denn?“ Stenia.— Aber... Nichts. Ich freue mich⸗ Sie zu ſehen. Sonſt nichts. Fabius.— Wiederum„Sie“! Sieh einmal Kleine, ſprich mit mir; rede ordentlich mit mir. Biſt Du ver⸗ drießlich? Was gab es für Verdruß, ſage? Stenia.— Ich bin wirklich nicht verdrießlich. Seben Sie denn nicht, daß ich fröhlich, glücklich und hingeriſſen bin!(Schmerzliches, neckendes Schweigen, das aber nicht lange dauern kann.) Was haſt Du heute gethan, Fabius? Fabius.— Oh, Vielerlei, geh! Ich habe gearbei⸗ tet wie ein Vandevillenverfaſſer! Zuerſt mit einiger An⸗ ſtrengung, dann mit Liebe und endlich mit Begeiſterung! 296 Stenia.(Ohne viel Vertrauen)— Oh, oh! oh? Weßhalb denn? Fabius.— Höre an. Es handelte ſich darum aus dem Schatten der Vergangenheit in den Rahmen eines Romans oder vielleicht eines Drama's eine große, ſeit vielen Jahrhunderten vergeſſene Figur an das Tageslicht zu bringen, Aſterins von Cappadocien, den der heilige Athanaſius den Advokaten der Arianer nannte. Dieſer Mann war Rhetor unter Kaiſer Conſtantin, nämlich im vierten Jahrhundert, und verließ eines Tags ſein Ketzerthum um Chriſt zu werden, dann kehrte er zum Schisma zu⸗ rück, um zuletzt wieder zu Jeſus zurück zu kommen. In dieſen Wandlungen handelte er im erhabenen guten Glau⸗ ben. Nun, in meinen Augen ſind alle dieſe Ketzereien große Dinge und ihre Geſchichte kann nur von einem wahren Philoſophen behandelt werden. In deſſen Er⸗ wartung wollte ich bloß den Kampf des Aſterius mit dem Biſchof von Ancyra, Marcell... Ach, ich bin ein häßlicher Quälgeiſt, daß ich Dir dieſe Dinge vom Ende des pont des arts*) verkanfe!... Doch nun, meine liebe Stenia, umarme mich! Stenia.—(die öfters leiſe für ſich wiederholt.) Ninette hat ihn doch auf dem Bonlevard geſehen!(und die nichts vernommen als ihre eigenen Gedanken). Und Sie haben bis jetzt gearbeitet, wenn Sie beim Anblick dieſes ſchönen Sonnenſcheins denken konnten und ſollten, daß ich Sie erwartete, um ein wenig auszugehen! Ach! quälen Sie Ihre Kenntniſſe nicht mehr um eine Lüge darein zu kleiden. Es hat heute außer der Ihrigen keine Ketzerei gegeben. Heute haben Sie mich getäuſcht. Schon ſeit heute frühe hatte ich dieſe Ahnung. Fabins.— Welch bewundernswerthe Vorwände für *) Dort befindet ſich die Akademie der Wiſſenſchaften und Künſte. Anm. d. Ueberſ. 297 Ihre Launen ſind doch dieſe Ahnnngen! Stenia, ſagen wir uns nichts Boshaftes, ich bite Dich darum. Ich habe bis jetzt gearbeitet, ich ſchwöre es Dir. Wenn Du ausgehen wollteſt, hätteſt Du zu mir ſchicken ſollenz ich war nicht zu Hauſe, das iſt wahr.. Stenia.— Sie waren nicht zu Hauſe! Sie geſtehen nun endlich! Mein Herr verlaſſen Sie mich! Fabius.— Ich ſollte... 2„Stenia.— Lügen, unwürdige Lügen! Schweigen ie! Fabius.— Stenia, ich gieng ans.. Stenia,(die auf das Bezauberndſte lebhaft wird.) — Ich ſage Ihnen, ich will nichts hören. Alle Dichter ſind Lügner: ſie belügen ihre Liebe, ihren Glauben, die Maulaffen die ſie leſen, und ſich ſelbſt! Favius.(dem Borne nabe.)— Und erſt die Frauen! Es liegt in ihrer Natur zu lügen. Stenia.— Eine Beleidigung! Ich habe nichts zu erwiedern; ich habe mich dem ausgeſetzt als ich Ihnen nicht den Platz überließ...(Mit vollendeter Güte.) Gehen Sie fort, Fabius, morgen werden Sie ſich rechtfertigen; dieſen Abend will ich allein bleiben; ich bitte Sie da⸗ rum, verlaſſen Sie mich! Fabius. Ghne irgend welche Sanftmuth.) Adien alſo, Madame. (Er entfernt ſich ohne Stenia zu küſſen.— Der Vorhang fäüt.) III. Läßt ſich die Moral dieſer Scene, die täglich auf von Theatern geſpielt wird, nicht ſo formu⸗ liren: „Wenn die Liebe den Leuten, die von Natur aus dumm ſind, Geiſt giebt, ſo macht ſie die Leute die Geiſt haben, dumm.“ IV. Fabius durchſchreitet die Boulevards in großen Schritten ohne folgende faſt wüthende Selbſtgeſpräche zu unterbrechen:— Mit welchem Advokaten hat ſie heute zu thun gehabt? fragte er ſich unter andern. Sollte ſie eine Seite von Herrn Berthaud oder von Herrn Berthet geleſen haben, daß ſie die Langweile ſo wild machte! Ich habe bei Gott den ganzen Tag mit meinem Aſterius don Cappadocien zugebracht und bin nicht allzu ſchuldig. — Fort, ich will zurück zu ihr.— Rein, ich gehe in die Oper! In der Galerie du Barometer rief Fabius: Ich will lieder Melinque ſehen— Und er ſchlägt einen an⸗ dern Weg ein; als er aber an der Porte St. Martin ankam, fagte er zu einer alten Dame, an die er ſtößt, „ich will lachen; ich gehe in die Varietés.“ Im Augenblicke, wo ſich der Vorhang über einem 299 Stücke von Foral hebt, verläßt Fabius ſeinen Sperrſitz und ſtürzt ſich wieder aufs Boulevard. Dort ruft er ein Cabriolet herbei und läßt ſich zu Stenia fahren:— Kutſcher, ſagt er auf halbem Wege, ich will ihr lieber ſchreiben.— Mein Herr?...— Fahr mich ſchnell nach Hauſe. Fabius an Stenia. Madame! Nach der Scene die ſich heute zwiſchen uns ereig⸗ nete, halte ich mich verpflichtet, Ihnen ein vollſtändiges Geſtändniß abzulegen. Ich unterwerfe mich im Voraus der Entſcheidung Ihrer Gerechtigkeit. Ich werde die Wahrheit ſagen... Ja, ich bin heute ausgegangen. Ja, ich habe eine Geliebte beſucht. Und von dieſer Ge⸗ kiebten will ich Ihnen nun erzählen. Das Lob das ſie verdient und das ich ihr halten will, ſei Ihre Strafe für alle kleinen Leiden, durch die Sie mich ſo oft be⸗ trübten. Dieſe Geliebte, die ich liebte ehe ich Sie kannte, hat mich ſeit unſerer Vereinigung oft feſt gehalten. Ich widmete ihr ſonſt alle Zeit, die mir Ihre phantaſtiſche Liebe übrig ließ; heute hat ſie mich den ganzen Tag über feſtgehalten; und während dieſer Zeit hat ſie ununter⸗ brochen meine Verlangen erfüllt. Sie verbirgt in ihrem Buſen ſo viele Schätze! Ich geſtehe zu, daß ſie nicht 300 mehr ganz jung iſt, aber um ſo milder und manchfalti⸗ ger in ihren Zaubern, verlockender und kurz um ſo voll⸗ kommener iſt ſie! Es iſt eine Geliebte wie ſie für junge Leute paßt. Ich geſtehe auch ein, daß ich nicht der Einzige bin, den ſie mit Wohlwollen empfängt, und ich weiß eine große Zahl unter meinen Freunden die ihre Gunſtbe⸗ zengungen mit mir theilen.... Aber Niemand wird da⸗ durch in ſeinem Anthetle geſchmälert und niemals erhebt ſich unter uns der Haß der Nebenbuhlerſchaft. Ich ſage Ihnen noch mehr, daß nämlich dieſe ſo gelehrte Buhlerin, die wie die Gattin im Hohenliede, „immer dem Geliebten willig iſt“, für einen Mann von meiner Natur, von meinem Charakter und wenn Sie wollen, von meinem Berufe überaus koſtbar iſt.— Sie beſitzt die ausgebreitetſten Kenntniſſe von der Welt. Sie kann mir auf Dinge von geſtern erwiedern, wie auf Be⸗ gebenheiten von vor tauſend Jahren; ich kann ſie ſogar in allen Sprachen fragen.— Alltäglich erwartet ſie mich, ohne jemals bei meiner Ankunft in Zorn gegen mich aus⸗ zubrechen, wenn ich— dank Ihnen— Madame, ein wenig ſpät zu ihr komme. Wenn ich hinzufüge, daß ſie einen heitern, immer gleichen launenloſen Humor hat, ſo habe ich noch nicht den hundertſten Theil ihrer Verdienſte aufgezählt, und habe ihr noch nicht den Dank bewieſen, den ich ihr ſchulde, aber ich glaube genug geſagt zu ha⸗ ben, daß Sie annehmen können, daß ſie mich zu tröſten wiſſen würde, falls Sie mich in Folge einer grauſamen Laune verlaſſen. Ihr verletzter Freund Fabins. 301 VI. Nachdem dieſer Brief, der die Richtigkeit der im Abſchnitte III enthaltenen Aphorisme beweiſt, vollendet war, war es ſaſt ein Uhr nach Mitternacht. Fabius ſetzte es ſich in den Kopf den Brief ſogleich an ſeine Adreſſe bringen zu laſſen. Um dies zu erzielen, gieng er hinab, um den Portier zu wecken, dem er ſofort ein bereites Geſchenk gab, worauf dieſer nun weggieng, um den Portier Stenias zu wecken. Das Ergebniß des nächt⸗ lichen Zuſammentreffens beider Portiers war folgendes: um fünf Uhr morgens las Stenia beim matten Schim⸗ mer einer verhüllten Allabaſterlampe die im Alcoven hieng, weinend Fabius Brief. Sie weinte lange. End⸗ lich trocknete fie die durch die Verletzung ihrer Seele und er⸗ wachte Wuth hervorgebrachten Thränen. Sie ſann auf Rache. Wir ſagten, daß wir Stenia für eine erhabene Frau hielten. Sie hatte zu viel Geiſt, um zu ſchreiben; aber unter dieſen Umſtänden konnte ſie ſich nicht enthalten und ergriff gegen neun Uhr eine Feder, die bisher noch un⸗ berührt von jeder Tinte war und ein Velinblatt von un⸗ befleckter Weiße, und bewies, um der Aphorisme im dritten Abſchnitte noch einmal recht zu geben, die Wahr⸗ heit derſelben. 302 VII. Fabius! Ihr Freimuth hat den meinigen erweckt. Sie wa⸗ ren ſchuldig und ich war es nicht minder als Sie. Ich kann es Ihnen heute geſtehen, da das Bewußtſein Ihrer Schuld Sie weniger ſtreng gegen meinen Fehler machen wird. Da von heute an zwiſchen uns nur noch von Freundſchaft die Rede ſein kann, ſo iſt es gut, daß die unſrige mit gegenſeitiger Nachſicht beginnt. Dennoch zögere ich ein wenig: die Erinnerung an unſern ſo zärtlichen und ſo oft geſegneten Bund macht mir dies Geſtändniß ſchwieriger als ich geglaubt habe... Doch, Muth! und um die Möglichkeit des Rückzugs kurz abzuſchneiden, wollen wir ſchnell ohne die Feder neu einzutauchen und ohne Athem zu ſchöpfen, das entſchei⸗ dende Wort ſchreiben. Es war eine Stunde, da drang ein Freund bis in dieſes Zimmer, wo Sie allein einzutreten glaubten und ſchwang ſich in Einem Schwunge bis auf dieſes Bett, von dem ich Ihnen ſchreibe, Fabius, um dieſe liebende Stenia zu umarmen, die Sie ſo egoiſtiſch verriethen! Dieſer Freund kömmt nun öfters am Morgen, leb⸗ haft, fröhlich und kühn. Heute war meine Thüre ver⸗ ſchloſſen, er nahm ſich nicht die Mühe, Ninette zu bitten, ihm zu öffnen: er ſtieg durchs Fenſter herein. Wenn Sie, der ſo oft die Treue Ihrer Freunde gegen Sie rühmt, wiſſen wollen, wie hoch man die Freundſchaft achten müſſe, ſo will ich Ihnen ſagen, daß dieſer Freund einer der Ihrigen iſt; Sie haben mir ihn oft auf's Wärmſte gelobt. Habe ich mich dadurch fangen laſſen?„ Sie ſollen darüber urtheilen. 2 2 303 Dieſer Freund iſt jung, blond, ſchlank und von einer Anmuth und einem Glanze ohne Gleichen auf der Wett. Er iſt Dichter wie Sie, mehr wie Sie, wiſſen Sie es wohl; und er hat ſchon mehr producirt, als Sie ohne Zweifel jemals produciren werden. Wie reizend er eben war in dieſem Alcoven, den er durch ſein Lächeln bezauberte! wie anmuthig er mit mei⸗ nen aufgelösten Haaren ſpielte! wie ſüß er meine nack⸗ ten Schultern und Arme liebkoste! Ach! als er ſchön wie der Frühling, glück⸗ und liebesathmend kam, empfing ich ihn wie einen vom Himmel kommenden Troſt. Auf dieſe Geſtändniſſe überlaſſe ich Ihren Gedanken alle Freiheit, Fabius; vermuthen Sie was Ihnen be⸗ liebt, ich werde nichts abläugnen, und überhäufen Sie mich mit Vorwürfen und Verwünſchungen, Sie werden ohne Zweifel Ihr Unrecht ſehr bald einſehen, da ich die⸗ ſelben Vorwürfe1 und Verwünſchungen gegen Sie richten könnte. Leben Sie alſo glücklich mit Ihrer koſtbaren Geliebten, mit dieſer gelehrten Buhlerin! Ich werde ſehr glücklich mit meinem jungen Freunde ſein, der ſeine Lau⸗ nen immer vergeſſen zu laſſen weiß. Wenn Sie noch manchmal Verlangen tragen ſollten, Madame Stenia zu beſuchen, ſo kommen Sie, ich bitte Sie, des Tags und in den Stunden meiner Geſellſchaft. Ich empfange Freitags, aber man kann mich gewöhnlich einen Augenblick am Morgen zwiſchen zwei und drei Uhr ſehen. Sie können nicht an dem Vergnügen zweifeln, mein Herr, das wenn ſie Sie ſieht, immer empfinden wird Ihre getröſtete Freundin Stenia. VIII. Stenia befahl, dieſen liebreichen Brief, nachdem er einmal unterzeichnet, zuſammengefaltet und geſiegelt war, durch den Portier ſelbſt wegtragen zu laſſen. Sie wollte Ninette nicht zu Fabius ſchicken, damit ſich dieſer keine indiscrete Fragen erlauben könne. Fabins öffnete zitternd den Brief. Als er ihn ge⸗ leſen, rief er nicht, wie ein jeder Andere vielleicht gethan hätte, daß in dieſem Brief die Gleichgiltigkeit, die Härte, die Unverſchämtheit auf das Papier niedergelegt ſeien. Er kleidete ſich raſch und mit ſinnloſem Geſchmacke an, ſprang, auf ſeinen und Stenias Portier, die vom Ertrage Ihrer Gänge planderten, ſtoßend, in die Straße und eilte zu Stenia. IX. Fabius geht ſo ſchnell, daß wir kaum noch Zeit haben werden, unſer Theater wieder einzurichten, um die letzte Scene bei Stenia darin zur Darſtellung zu bringen.— Doch hier iſt es ſchon fertig. Man darf nur den Vorhang in die Höhe ziehen. Nur fehlen uns⸗ da Fabius ſchon auf der neunzehnten Stufe der kleinen Stiege iſt, die Angenblicke, wie geſchickt wir auch ſein mögen, Stenia auzukleiden. Wir bitten deßhalb unſere 305 Leſer, uns nicht wegen dieſer Unſchicklichkeit übel zu wollen, und darin etwa einen Grund zu finden, um den Abſchuitt auszuwiſchen.* ₰7 E* (Das Theater ſtellt St Schläfzimmer vor.— Tapeten von ſehr feiner und ſehr durchſichtiger weißer Monſſeline, mit blauen Seidenblumen beſtickt; unter der Monſſeline iſt eine andere Tapete von weißem Atlaß mit unbeſtimmten ſanften Reflexen. Teppiche à 1a Jacounisre von weißem Grunde, wie ſie einſt von Ludwigs XV. Ge⸗ liebten betreten wurden.— Pompadours Toilette, mit venktianiſchem Glaſe geſchmückt mit dichten Spitzen, mit großen und kleinen Bouillard.— Ein Andrea del Sarto und ein Correggiv.— Das Möbel von weißem Cache⸗ mirgrund, mit blauem Atlaß durchwirkt.— Zwei Chanſſeu⸗ ſen mit gepolſterter Lehne.— An einem der beiden Fen⸗ ſter ein herabgelaſſener Vorhang, auf dem ein mit Blu⸗ men untermengter Wald ſehr poetiſch gemalt iſt.— Das andere Fenſter iſt gegen den Garten zu offen. Ein Aka⸗ zienzweig mit Blüthen dringt gemüthlich in's Zimmer.— Zwei Blumentiſche, mit Fflanzen beladen, die Zephyr untren machen würden, und denen der Künſtler, der ſie ausgewählt, einen fanften, ſchwachen Duft verlieh.— Auf dem Kamine keine Uhr, aber zwei ünſterbliche Vaſen von Bernard von Paliſſy.— Das Bett, deſſen wenig diserete Atlaßdecke Tücher von feinſter holländiſcher Lein⸗ wand ſehen läßt, iſt von duftigem Holze, überall mit Plouvier, Erzählungen für Regentage. 20 306 weißem Schmelz belegt, überſäet mit Bouqueten von blauen Blättern und Silberblumen; es hat die Form einer mythologiſchen Mnſchel.— Vor dem Bette Herme⸗ lin. Man kann noch zwei kleine Pantoffeln von blauem Sammt beifügen, deren jeder mit einem Brillant ge⸗ ſchmückt iſt.— Und um den Beweis zu geben, daß Ste⸗ nias Schönheit ſtolz die gefährlichſte Vergleichung heraus⸗ fordern darf, iſt in der Mitte des Kamins eine Venus Callyzipe von weißem Marmor in verkleinertem Maß⸗ ſtabe; und auf zwei Conſolen, deren Tabletten von Lapis⸗ Lazuli ſcheinen, Zieb Venus von Milo und die Venus Anadyomene.) Stenia. Fabins. (Im Augenblicke, wo der Vorhang in die Höhe ge⸗ zogen wird, iſt Stenia noch im Bette. Zum Beweiſe der Kämpfe, die ſie ſeit fünf Uhr in der Früh bewegen, liegen die Tücher am Rande des Bettes. Dieſer Zufall erlaubt einen Blick auf ein weißes volles Füßchen. Wenn man im Herzen von China dieſen wunderbar kleinen Fuß ſehen könnte, würden ſich alle Weiber des himmliſchen Reichs in den gelben Fluß ſtürzen. In dieſem Augen⸗ blicke kann der Zuſchauer, der eine gute Lorgnette hat, auch eine ſoeben von Stenia vergoſſene Thräue ſehen⸗ die von den unmerklichen Flammen an der Oberlippe aufgehalten wurde.) Fabius.(Aus dem Boudoir kommend.)— Ach⸗ Stenia! Stenia machen Sie mich nicht wahnſinnig, haben Sie Mitleid mit meiner Angſt! Ihr Brief, Ihr Brief lügt, nicht wahr? Sehen Sie mich zu Ihren Füßen!“ Stenia(ſchon beruhigt durch dieſen Anfang).„Se⸗ tzen Sie ſich doch, mein Herr!“ Fabins.„Stenia, ſei Du ſelbſt, ich leide! Du n es ſehen. Es iſt nicht wahr, was Dein Brief agt?“ 307 Stenia„Es iſt wahr.“ Fabius.„Rein, nein, aber rede doch mit mir, mein Gott!“ Stenia.„Warum ſollte ich nicht gethan haben, was Sie thaten? Haben Sie nicht eine Geliebte und. Fabius.„Ich eine Geliebte! Ach! ja, ich vergaß! mein Brief, nicht wahr? Ich ſagte dies in meinem Briefe. Meine Stenia, und das haſt Du glauben können? Aber es war ja nur ein Scherz, ein, Scherz! Verzeihung! Dieſe Geliebte iſt. Stenia Iſt Fabins(in Stenia's Arme ſtürzend):„Es iſt die Bibliothek.“(Er bemerkt die Thräne, die wir den Leſer haben ſehen laſſen, und trinkt ſie gierig.) Stenia(ſelig aufathmend).„Welche Grauſamkeit! mich zu zwingen alſo zu handeln wie ich gethan.... Ach! Fabius! Fabius!“ Fabius. Aber, was haſt Du gethan, großer Gott! War es alſo wahr? Nein, unmöglich, was Du mir ſchriebſt iſt falſch!“ Stenia(den Kopf ſenkend).„Es iſt die Wahrheit.“ Fabius(außer ſich).„Die Wahrheit?“ Stenia.„Ja.“ Fabius.„Du mußt es mir ſchwören, oder ich werde es Dir niemals glauben... Schwöre, Stenia!“ Stenia.(Fabius ſo blaß ſehend, nimmt ihn bei der Hand und ſagt):„Fabins verlaſſe mich hente nicht.“ (Leiſer.)„Verlaſſe mich bis morgen nicht... Und⸗ morgen in der Frühe wirſt Du ihn ſelbſt zu dieſem Fen⸗ ſter hereinkommen ſehen.“ Fabius(faſt wahnſinnigt):„Wie? 4 Stenia.„Ja, es iſt ein Sonnenſtrahl!“ (Der Vorhang fällt.) — o 0 ſſ 9 10 11 12 13 14 15 16