— = 7 — 6 6ð 5 r Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † 6 Cdnard Oftmunn in Gieſſen, . Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Teſebedingungen. I. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines S Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun —, den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennabme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Il. wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und⸗t beträgt: 5. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.——f. 1 Mk. 50 Pf. M Mk.— Pf.. „ 3 3—— ſ Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zuräckſendung der Püuo auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden. Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz Ganzen verpflichtet. Werkes ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 —— Die Pouranier. Von Paul du Plessis. Aus dem Franzöſiſchen von Adolf Dup. vierter Band. Preßburg. Druck und Verlag von Carl Friedrich Wigand. 1854. A D D ge H a ga M wa Fl ſpi ſol St tri Lip fen ſot it F Nichts iſt impoſanter und ergreifender zugleich, als der Anblick zweier Schiffe, die kampfbereit einander entgegenſegeln. Das durch die letzten Befehle des Chefs kaum geſtörte Schwei⸗ gen laſtet auf dem Muthe der unerſchrockenſten Matroſen. Die Herzen ſchlagen heftig, allen vergeht beinahe der Athem. Jeder⸗ mann, ſelbſt der mit Gefahren Vertrauteſte, wirft auf ſein ver⸗ gangenes Leben einen melancholiſchen Blick, und fragt ſeine Ahnungen, ob er ſich freuen ſollte oder auf das Leben verzichten. Alain, der zu den Füßen ſeines Herrn lag, hatte noch niemals einer Seeſchlacht beigewohnt; auch hatte er das pein⸗ liche Gefühl, das der Schlacht vorangeht, in ſeiner ganzen Stärke. Ein Gedanke erhielt ihn jedoch aufrecht. — Meiner Treu! Herr, ſagte er leiſe, ich begreife nicht, warum der Kapitän Laurent die Schlacht annimmt, anſtatt die Flucht fortzuſetzen.. Seitdem ich hunderttauſend Livres beſitze, ſpüre ich in mir eine Feigheit ohne Gleichen.— Ich, Alain, ſoll hunderttauſend Livres beſitzen! Dieſe Idee macht mir Schwindel, und zuweilen bin ich verſucht zu glauben, daß ich träume.— Wie viel macht das aus, Herr, hunderttauſend Livres? Wenigſtens zwei oder drei Tauſend Thaler, nicht wahr? Zu denken, daß ich genug reich bin um ganz Penmark zn kau⸗ fen— daß ich jetzt den ganzen Tag friſchen Speck eſſen kann, ſo viel ich will, daß ich einen Diener halten kann, und in der nächſten Minute vielleicht ſchon todt bin!— Das drückt mir 1 das Herz zuſammen, daß ich aufſchreien möchte!— Herr, ſa⸗ 3 gen Sie doch Ihrem Matroſen, er ſoll nicht ſo verſeſſen darauf ſein den Ruhmreichen zu ſpielen, denn das iſt eine Sünde, er ſoll lieber die Flucht fortſetzen. — Wie willſt Du, Alain, antwortete ihm der Ritter ebenfalls leiſe, daß wir einem Schiffe entkommen, das uns ſo ſchnell eingeholt hat?— Muth, Alain! Vergiß nicht, daß wir beide, Du und ich, hier die Bretagne repräſentiren, daß wir unſer Vaterland durch feiges unverzeihliches Benehmen nicht entehren dürfen!— — So zwingen uns denn die Spanier uns zu ſchlagen? — Freilich, Alain. — Dann, bei Gott! mögen ſie ſich hüthen! Schurken, Ihr wollt mir mein Vermögen ſtehlen!— Iſt es Euch nicht genug die armen Indianer geplündert und gemartert zu haben, fangt Ihr nun auch mit Chriſten an?—— Jetzt kann ich es kaum erwarten, daß die Schlacht beginne, ich fühle in mir die Wuth eines hungrigen Wolfs— Morvans Geſpräch mit ſeinem Diener wurde durch Lau⸗ rents Stimme unterbrochen, der die Vorbereitungen zum Kampf befahl. Dasſelbe geſchah auf der Admiralgallione. In Laurents Geſicht zeigte ſich ein ſtolzes verachtungsvolles Lächeln. Er ſprang zum Geländer des Verdecks vor, und rief mit ſtolz erhobenem Kopf den Spaniern zugewendet mit metalliſcher, weittönender Stimme: — Ich bin der Kapitän Laurent!— Seiner Mannſchaft rief er zu: Alles ſoll aufſtehen und feuern! Ein Flammengürtel umgab die Flanke des Schiffes. Die Entgegnung der Gallione ließ nicht lang auf ſich warten: ſie war ſchrecklich; alle ihre dreißig Kanonen ſpieen Feuer und Eiſen. Es glich dem gewaltigen Ausbruch eines Vulkans. Dieſe einzige Salve, wenn ſie nur getroffen hätte, wäre genügend geweſen die Fregatte tampfunſchig zu machen. Glück⸗ * liche die! hohe und dien körb dami eilt ſoll von hrif Blis Kali kom die ſiß aſ ihre als Fiu Die zu v druc firc und glau lufe hört Stn licher Weiſe hatte das ſpaniſche Schiff einen hohen Bord, und die mörderiſche Salve ging über den Feind hinweg; nur das hohe Tauwerk wurde hie und da von den Kugeln durchriſſen, und einzelne Stücke davon fielen aufs Verdeck nieder. — Stellt das Kanonenfeuer ein! rief Laurent.— Be⸗ dient Euch nur der Musketen!— Ihr oben in den Maſt⸗ körben! Granaten! immer nur Granaten!— Ueberſchwemmt damit das Verdeck des Feindes!— Muthig, Kinder!— über⸗ eilt Ench nicht! Nehmt Euch Zeit zum Zielen; jeder Schuß ſoll treffen!— Laurents Befehl die Kanonade einzuſtellen war ein Zug von Kühnheit, eine Eingebung des Genie's. Der Flibuſtier be⸗ griſſ mit ſeiner raſchen Faſſungsgabe, mit ſeinem unfehlbaren Blick ſogleich, daß er mit ſeinen acht Kanonen von ſchwachem Kaliber gegen die dreißig Feuerſchlünde des Feindes nicht auf⸗ kommen könnte. Die Havarien desſelben wären für die durch die Bedienung der Stücke zurückgehaltene Mannſchaft kein Er⸗ ſatz geweſen. Dieſelben Männer konnten vom Tauwerk, den Maſtkörben, der Schaluppe aus den Spaniern mit den Kugeln ihrer furchtbaren Flinten hundertmal mehr Schaden verurſachen, als mit ihren Kanonen. Eine halbe Stunde hindurch wurde das Feuer von beiden Seiten mit bedeutender Erbitterung fortgeſetzt. Die Flibuſtier ſchienen, von Laurent aufgeſtachelt, ſich an Zahl zu vermehren. Die Spanier, obſchon es einen lebhaften Ein⸗ druck auf ſie machte, als ſie vernahmen, daß ſie es mit dem fürchterlichen Laurent zu thun hätten, waren ſo zahlreich, und ſo trefflich ausgerüſtet, daß ſie an eine Niederlage nicht glaubten, und voll Eifer blieben. Man muß ſich an die wunderbare Kaltblütigkeit und die unfehlbare Geſchicklichkeit der Flibuſtier erinnern, um die uner⸗ hörte Verheerung zu begreifen, welche ſie während dieſer halben Stunde bei dem Feinde anrichteten.— Zwei Hundert Spanier waren tödtlich getroffen; die Kanoniere waren, da die Batterie unverdeckt war, den feindlichen Schüſſen wehrlos ausgeſetzt und fielen, ſo oft ſie es verſuchten die Kanonen zu laden. Was die⸗ jenigen betrifft, welche bei den Batterien des Zwiſchendecks ſtan⸗ den, ſo wurden ſie für ihre Kühnheit mit einer Kugel geſtraft, ſo oft ſie ſich an den Schießlöchern zeigten. Uebrigens war es ein ſeltſames und ergreifendes Schauſpiel, dieſes mächtige Schiff von einem ſo ſchwachen Gegner ermüdet und erfolgreich ange⸗ griffen zu ſehen: ein Schauſpiel, das nur die Flibuſtier zu bie⸗ ten im Stande waren. Morvan, den Karabiner in der Hand, half Laurent im Commando und kämpfte wie ein einfacher Matroſe. Was Alain betrifft, ſo entwickelte er, nachdem der erſte Moment der Ueber⸗ raſchung vorüber war, eine Intelligenz und eine Lebhaftigkeit, deren er ſich nie für fähig gehalten hätte; die durch die Gefahr bewirkte Aufregung hatte ihn ganz zum Flibuſtier gemacht. — Ah, Ihr Schurken von Spaniern, Ihr wollt mir mein Vermögen rauben! Ihr habt ehemals Tauſende von In⸗ dianern, die ebenfalls Kinder des lieben Gottes ſind, maſſa⸗ krirt! Jetzt ſollt Ihr ſehen!— brummte er, ſein Gewehr wie⸗ der ladend; und jedesmal ſchmetterte er einen Feind nieder. Das mit Blut überſtrömte Verdeck der Fregatte bewies, daß der angebliche Sieg oder vielmehr der Widerſtand der Fli⸗ buſtier ihnen theuer zu ſtehen kam; mehr als zwanzig von ihnen waren ſchon erlegen. — Matroſe, ſagte Morvan, ſich an Laurent wendend, wäre es nicht beſſer zu entern, als uns ſo decimiren zu laſſen? Wer weiß, ob uns dieſe letzte Kraftanſtrengung nichtretten könnte? — Mir gefällt Deine Ungeduld, Matroſe, antwortete Laurent; allein die Verantwortlichkeit, die auf mir laſtet, ver⸗ hindert mich ſie zu theilen. Was ſollen fünfzig oder ſechzig Mann gegen zwölf bis vierzehnhundert beginnen? ſit wir Die Sal riße ſo v Pul Mo Sch ichd ſchaf iſt men ihn Ged Flib gen Kur dem beſt hn — So ſind wir denn verloren! erwiederte Morvan leiſe. — Ja, wenn das Gewitter, auf welches ich zähle, zu lange ausbleibt! — Du vermutheteſt den Ausbruch desſelben nicht vor drei Stunden? — Das iſt wahr; aber der Zuſtand am Himmel hat ſich ſeit dem geändert. Halten wir uns nur noch eine Stunde und wir ſind gerettet. — Eine Stunde, Laurent! das läßt ſich nicht hoffen. Die erſte Salve, die wir erhalten, bohrt uns in den Grund. — Man wird auf uns ſchießen, aber es wird uns keine Salve ganz treffen; unſere braven Boucanier ſind den Artille⸗ riſten zu hinderlich. Und was das in den Grund bohren betrifft, ſo vergißeſt Du, daß ſich Meerwolf mit brennender Lunte in der Pulverkammer befindet. — Ich komme dennoch auf's Entern zurück, entgegnete Morvan; um ſo mehr, da die Spanier ſeit dem Beginne der Schlacht immer geſtrebt haben, einer Enterung auszuweichen. — Parbleu! das iſt nicht erſtaunlich! Sie wiſſen, daß ich da bin!— Wenn ich über dieſes Schiff und ſeine Mann⸗ ſchaft verfügen könnte, ſo würde die Fregatte lange nicht mehr eriſtiren. Rede mir nicht von dieſen Kanzleikreaturen; fie kom⸗ men entweder durch Protektion, oder weil eben die Reihe an ihnen iſt, zu wichtigen Poſten, aber der Rang gibt ihnen keinen Gedankenflug, noch den Inſtinkt des Krieges! Unter unſern Flibuſtiern iſt kein einziger, der uns nicht ſchon lange gezwun⸗ gen hätte, uns in die Luft zu ſprengen! Laurent ſtand auf ſeiner erhöhten Bank, und obſchon die Kartätſchen rings um ihn pfiffen, ſo antwortete er dem Ritter dennoch mit ſo ruhiger Stimme, als ob er ſich in einem Salon befunden hätte. Herr ſeines Willens, wußte er ſogar ſeiner Kampfluſt zu widerſtehen. — Ah, ah! fuhr er ſogleich fort, der Spanier läßt ſein Schiff in den Wind kommen.— Er will uns eine Salve in's Hintertheil geben: das iſt eine gute Taktik, obwohl ein wenig abgedroſchen! Matroſe—— Laurent wollte weiter ſprechen, als er von ſeiner Erhö⸗ hung auf's Verdeck herabfiel; das fabelhafte Glück, das ihn bis dahin beſchützt hatte, verließ ihn jetzt. Der Moment war kritiſch; aber Morvan erfaßte ihn ſogleich. — Matroſen! rief er, auf den von Laurent eingenom— menen Platz ſpringend, ein Mann weniger iſt noch keine Nieder⸗ lage!— Alles geht gut!— Verzweifelt nicht! Ich bin es werth, Euch zu commandiren!— Muth, ſteht feſt!— Geben wir uns nicht gefangen! Machen wir es, wie die Spanier und gewinnen wir ebenfalls den Wind! Dem Sturze Laurent's folgte ein Augenblick allgemeiner Verzweiflung und des Staunens; die Flibuſtier kamen jedoch, von den kräftig betonten Worten des Ritters neu belebt, von ihrem Erſtaunen bald zurück. Glücklich, in dem Augenblick, in welchem ſie deſſen ſo ſehr bedurften, ein Oberhaupt gefunden zu haben, führten ſie Morvan's Befehl mit bemerkenswerthem Eifer aus. Der Kampf wurde unter allen Segeln fortgeſetzt. — Die Ungeſchickten, murmelte Morvan, auf das Admi— ralſchiff einen verachtungsvollen Blick werfend; ſie öffnen die Hand, die uns feſthielt! Wie viel Zeit ſie verlieren! Mehrere Flibuſtier eilten, als ſie ihren Kapitän ſtürzen ſahen, ihm zu Hilfe; kaum hatten ſie ihn aufgehoben, ſo öffnete er die Augen und drängte ſie mit Energie zurück. — Zurück! Kinder, ſagte er lächelnd, ich habe nur eine leichte Schramme erhalten.— Es hat mich ein Stück Holz am Ko getröffen.— Können die Kugeln Laurent tödten? — Kehrt auf Euren Poſten zurück! Hierauf wiſchte er ſich mit dem Taſchentuch das Blut, das — feſte fand anz Mor hera Dei Mei muf jung erl hat ſen Dir unb Che am kan ſah weh ſe ⸗ ihm in die Augen floß und ihn blendete, ab, und ging mit feſtem und ſichern Schritt auf ſeinen Commandopoſten. — Ah, rief er, als er Morvan bereits auf dieſem Platze fand, Matroſe, Du haſt keine Zeit verſäumt, meine Erbſchaft anzutreten. Ein kalter, hochmüthiger Blick begleitete dieſe Worte. Morvan hielt ihn würdig aus. — Matroſe, ſagte er zu ihm, von dem Commandopoſten herabſteigend, Dein ungerechter Vorwurf iſt mir ein Zeichen Deiner Schwäche. Ach, ich habe mir von Dir eine zu große Meinung gebildet. Du biſt ein außerordentlicher Menſch, das muß ich geſtehen, aber Du biſt nur ein Menſch. Auf dieſe Antwort erröthete Laurent, und indem er den jungen Mann mit forſchendem und ſinnendem Auge anſah, ſagte er langſam: — Jetzt begreife ich es, daß Waldblume Dich liebt. Ich hatte Dich gut beurtheilt. Du taugſt mehr als ich,— ja, tau⸗ ſendmal mehr; Du haſt auch jetzt die Fregatte gerettet, was ich Dir aber niemals vergeben werde. Während der Stunde, die auf dieſes von den Uebrigen unbemerkte Geſpräch folgte, nahm der Kampf einen ſo ernſten Charakter an, wie er ihn bisher noch nicht erreicht hatte; die am Leben gebliebenen Flibuſtier(es waren nur noch zwanzig kampffähige Männer) hielten es, da ſie ſich jedenfalls verloren ſahen, nicht einmal für der Mühe werth, ſich hinter einer Schutz⸗ wehr zu halten; in ihrer auf's höchſte geſtiegenen Wuth heulten ſie wie Tiger und begehrten Enterung. Laurent, immer noch ruhig und unbeweglich, hörte nicht auf, nach dem Horizont zu ſchauen; mit dem Gewitter, der letzten Hilfe, auf die er zählte, hatte er ſich verrechnet. Wenn die Lage der Flibuſtier eine bei⸗ nahe verlorene war, ſo mußten die Feinde ihren Sieg theuer bezahlen. Es iſt eine unerhörte und wunderbare Thatſache, die man nicht glauben würde, wenn nicht die Geſchichte ſie beſtätigte: fünfhundert Spanier waren erlegen! Auf dem Verdeck, und ne⸗ ben der untern Batterie der Gallione lagen Haufen von Leichen, das Blut ſtand zwei Zoll hoch auf dem Boden! Nach einer den letzten Salven, welche dem Admiralſchiff gegen die Fregatte gelang, und dieſe nicht verfehlte, wurde der Ausgang des Kam⸗ pfes völlig unzweifelhaft. 8 — Matroſe, ſagte Laurent kalt zum Ritter, jetzt müſſen wir ſterben. Deine Hand— Adien! — Wo gehſt Du hin, Laurent? — Um Meerwolf das Signal zu geben, welches er erwartet. — Ein Kapitän muß auf ſeinem Poſten bleiben, bis der Tod ihn erreicht. Meerwolf wird mir eben ſo gut gehorchen wie Dir. Bleibe Du hier. Adieu! Morvan entfernte ſich bereits, als Laurent ihm nach⸗ ſpringend ihn aufhielt. — Ich errathe, was Du willſt, ſagte er zu ihm. Du willſt Waldblume noch einmal ſehen, und an ihrer Seite ſterben. Ich werde es nicht dulden— — Wer wird mich hindern? — Ich, verſtehſt Du? ich! — Seht mir doch! ſagte Morvan mit dumpfer Stimme, eine Drohung! — Ein Befehl! rief Laurent. Die beiden Waffengefährten maßen ſich mit blutgierigen Blicken, und traten jeder einen Schritt zurück um Diſtanz zu nehmen. Ohne ein Wort auszuſprechen, hatten ſie ſich verſtanden. Beide waren mit Säbeln bewaffnet.— Welche traurige Ge⸗ danken hätte es bei einem Denker hervorgerufen, wenn er ge⸗ ſehen hätte, wie dieſe beiden von feindlichen Geſchoſſen bedrohten, auf einem Vulkan ſtehenden Männer— aus Eiferſucht bereit u aufge und wihr und ſehr dern einan Säb Put viel! heide lauf Puu Ln Mor hech Eiſen aus Kurl Die Lau tödt ſch zurü begn über dan waren ſich auch der wenigen Minuten zu berauben, die ihnen noch zum Leben vergönnt waren. Die Flibuſtier kämpften mit ſolcher Wuth, waren ſo ſehr aufgeregt, daß ſie nicht bemerkten, was zwiſchen ihrem Kapitän und Morvan vorging. Die beiden Nebenbuhler blickten ſich während eines Zeitraumes von vier bis fünf Secunden ſtarr und finſter an. Dieſe drohende Unbeweglichkeit bewies, wie ſehr jeder von ihnen die Tapferkeit und Geſchicklichkeit des An⸗ dern ſchätzte. Plötzlich und zu gleicher Zeit ſtürzten beide auf⸗ einander los mit wildem Ungeſtüm. Funken ſprangen von ihren Säbeln. Nicht ein Wort wurde geſprochen. Wie groß auch die Wuth der beiden jungen Männer war, ſo beſaßen ſie doch zu viel wahren Muth um ihren Kampf einem Zufall zu überlaſſen; beide hatten, ſo zu ſagen, ihren Zorn geregelt. Der erſte An⸗ lauf hatte auch kein Reſultat. Jeder Angriff begegnete einer Parade, jede Ripoſte wurde in voraus errathen und vermieden. Laurent entwickelte ſeine tigerhafte Beweglichkeit, während Morvan alle Geheimniſſe ſeiner gründlichen Kenntniß von der Fechtkunſt in Anwendung brachte, um ſich mit einem Netz von Eiſen zu umgeben und unverwundbar blieb. Man hätte geglaubt einen jener berühmten Zweikämpfe aus den Zeiten des Ritterthums zu ſehen, den zwei Paladine Karls des Großen auf Tod und Leben mit einander ausfochten. Dieſer erſte Gang dauerte beinahe eine halbe Minute. Indem Laurent und Morvan ſo nahe bei einander ſtanden, daß ſie ſich tödtlich hätten treffen können, ſo traten ſie in Folge eines ſtill⸗ ſchweigenden Uebereinkommens Jeder noch um einen Schritt zurück; aber der Kampf wurde nun heftiger als zuvor wieder begonnen. Der von den reißend ſchnellen Angriffen Anfangs überraſchte Ritter, begriff bald ſeines Gegners Art zu fechten; dann vertheidigte er ſich bloß und erwartete den günſtigen Mo⸗ ment zum Angriff. Dieſe Gelegenheit ergab ſich bald. Ein mit — der Schnelligkeit einer Kugel ausgeführter Streich, während der Flibuſtier durch zwei zu ungeſtüme Finten eine Blöße gab, traf dieſen mitten in die Bruſt; eine Rippe hemmte das Eiſen in der Vollendung des Todeswerks. — Sie ſind verwundet! rief Morvan zurückſpringend. — Was thut das, wenn ich Dich nur tödte! und ich— werde Dich tödten! heulte der unbezähmbare Laurent. Erbittert durch die Hartnäckigkeit ſeines Gegners, erhitzt vom Kampfe, beſchloß Morvan unverſöhnlich zu ſein; aber kaum hatte er Zeit gewonnen, wieder in die Stellung zu gehen, als er wankte und dann zurückſank: eine feindliche Kugel hatte ihn im Schenkel getroffen. Laurent's erſter Gedanke, und dieſer verrieth ſich in der Wildheit ſeines Blickes, war, den Vortheil, den ihm der Zufall in die Hand gab, zu benützen, und ſeine Drohung auszuführen. Uebrigens dauerte dieſe frevelhafte Ver⸗ ſuchung nicht lange. Er warf den Säbel weg, ſtürzte zu ſeinem Matroſen hin und ſprach, indem er ihm die Hand drückte: — Ritter, niemals hat mich außer Dir eine Perſon an mir ſelbſt zweifeln gemacht. Das einzige Mittel, mich von meiner Niederlage zu erheben, iſt, Dir ſie laut zu geſtehen. Matroſe, geh zu Waldblume! Du haſt Recht, ein Kapitän darf ſeinen Poſten niemals verlaſſen. Sobald Du Abſchied genommen haſt, es genügt ja nur eine Minute, um einem Weibe in's Ohr zu flüſtern, daß man ſie liebe, wirſt Du dem Meerwolf befehlen, ſeine Todesmiſſion zu erfüllen und das Pulver anzuzünden. Adieu! Kaum hatte Laurent dieſe Worte geſprochen, als Wald⸗ blume auf dem Verdeck erſchien. Ihren erſten Blick warf ſie auf Morvan, ſie eilte zu ihm.* — Lebt er? Dank, meine gute heilige Jungfrau! rief ſie mit dem Ausdruck leidenſchaftlicher Inbrunſt, die wie ein Heiligenſchein ihr Geſicht umleuchtete. Mein Gott! wie blaß tiſ biſt bald gute etgri heil reiß inm ein Ve gab ſein ihr Ge nur noc ein das wun iön — biſt Du, mein Ritter Louis! fuhr ſie dann erſchrocken fort; Du biſt verwundet! — Ja, Jeanne, aber was macht das? Werden wir nicht bald alle todt ſein! — Was ſagſt Du? Iſt unſere Lage ſo verzweifelt? Waldblume überflog das Verdeck mit ihren Blicken, und als ſie überall Leichen und Blut ſah, erbebte ſie. — Laurent, ſagte ſie, wie kommt es, daß Du, ein ſo guter Kapitän, wie man ſagt, uns nicht retten kannſt? Warum ergreifſt Du vor dem Feinde nicht die Flucht? Der Flibuſtier lächelte mit ſanftem Mitleid. — Meine arme Jeanne, antwortete er, wenn Deine heilige Anna von Auray ſelbſt uns aus den Krallen der Spanier reißen möchte, ſo wäre ſie es nicht im Stande. — O, welch eine ſchauderhafte Läſterung, Laurent! Ich erinnere mich eines Tages geſehen zu haben, wie ein Adler auf eine Taube niederſchoß. Lederhaube ſtand neben mir. Bei dem Verzweiflungsſchrei, den ich ausſtieß, erhob er ſeine Flinte und gab Feuer. Dem Adler war der Flügel zerſchmettert und er ließ ſeine Beute los, die Taube war gerettet. — Nun, was ſchließeſt Du daraus, Waldblume? — Daß, wenn eine von einem Adler ergriffene Taube ihre Freiheit wieder erlangt hat, wir, die wir noch nicht in der Gewalt der Spanier ſind, nicht alle Hoffnung verlieren dürfen. — Dein Gleichniß hinkt, Waldblume. Lederhaube brauchte nur zu ſchießen, um die Taube zu befreien; hingegen würde ein noch ſo gut gezielter Kanonenſchuß unſere Lage in nichts ändern. — Ich bin nicht Deiner Meinung, Laurent!— Wenn eine Kugel den großen Maſt der Gallione umſtürzte, ſo würde das Schiff ſein wie der Adler, dem der Flügel zerſchmettert wurde; unfähig zu manövriren, würde es uns nicht verfolgen können, und wir, wir werden die Taube ſein. — Laurent mußte, wenn er mit Waldblume ſo plauderte anſtatt auf ſeinem Poſten zu wirken, von der Nutzloſigkeit aller ſeiner Bemühungen und von dem ſichern Untergang der Fre⸗ gatte ſtark überzeugt ſein.— Dieſe Gruppe von drei Perſo⸗ nen, die mitten unter dem Pfeifen der Kugeln ruhig mit ein⸗ ander ſprachen, bildete ſicherlich eine der ſeltſamſten Epiſoden dieſes denkwürdigen Kampfes. — Waldblume, rief der Flibuſtier, die Vorſehung ſelbſt ſpricht aus Deinem Munde. Warum iſt dieſe einfache Idee mir noch nicht gekommen? Ich weiß es nicht. Matroſe, nimm mei⸗ nen Platz im Commando ein! Meerwolf braucht nun ſeinen Befehl nicht zu erhalten. Laurent ſtürzte mitten durch die Ueberreſte ſein Mann⸗ ſchaft fort, riß fünf Männer mit ſich und ließ eine Kanone laden. Morvan und Waldblume folgten der geringſten ſeiner Bewegungen mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit. Beide flehten zu Gott, daß nicht eine ſpaniſche Kugel den Flibuſtier in dieſem letzten Verſuche hindere. Sie ſahen Laurent mit vorgebeugtem Körper, und unbeweglich wie ein Marmorbild, die Kanone richten. Ein Blitz, und Laurent hatte ſeine letzte Karte ausge⸗ ſpielt. Der Ruf von dem wunderbaren Blicke des Flibuſtiers war ſo verbreitet, ſo unbeſtritten, daß Morvan den großen Maſt der Gallione ſchon vom Fuße bis zum Gipfel zittern zu ſehen glaubte. — Noch einmal laden! rief Laurent. Dann ſagte er zu dem Ritter und Waldblume gewendet: — Der Flügel des Adlers iſt angegriffen, Jeanne; dieß⸗ mal wird er fallen! Laurent prahlte nicht, indem er mit dieſer Sicherheit ſprach. Fine halbe Minute ſpäter hörte man ein ſchauderhaftes Krachen, begleitet vom Geſchrei der Verzweiflung, der Wuth und der Angſt; der Maſt, fünf Schuh über dem Verdeck abge⸗ bro nier. den Fein tern ſeine Vin derſ rief an neh Ga neu nen und Gen eti Za er ſein Der Lau hin fiet tent — — brochen, ſtürzte auf die vom höchſten Schreck befallenen Spa⸗ nier. Am Bord der Fregatte ertönte ein Hurrah, das bis zu den Wolken drang. Die Flibuſtier hatten von ihrem mächtigen Feinde nichts mehr zu fürchten. — Der Feigling, der es nicht gewagt hat, uns zu en⸗ tern! ſagte Laurent. Kein Mitleid für ihn; er möge die Strafe ſeiner Schande tragen. Ein wenig ſpäter wandte ſich die Fregatte mit günſtigem Winde gegen das Hintertheil der Gallione, und die Mannſchaft derſelben wurde durch mehrere Dechargen ſtark gelichtet. — Wenn ich noch fünfzig unverwundete Männer hätte, rief Laurent, ſo würde das Admiralſchiff ſeine Flagge ſchmählich an ſeinen Vordermaſt gebunden ſehen, es wäre in meiner Gewalt. Die Zahl der waffenfähigen Flibuſtier betrug jetzt nicht mehr als ſechzehn Mann. — Freunde, ſagte Laurent, jetzt gilt es kühn ſein. Die Gallione des Vice⸗Admirals nähert ſich uns ſichtlich. Einen neuen Kampf gegen fünfzehn hundert Mann und ſechzig Kano⸗ nen zu beſtehen, daran läßt ſich nicht denken. Unſere würdige und feſte Haltung allein kann uns aus der Verlegenheit helfen. Gewinnen wir dem Viceadmiral den Wind ab, zum Glück hat er ihn jetzt gegen ſich, und bieten wir ihm die Schlacht.— Zeuge der Kataſtrophe, welche der Admiral erlitten hat, wird er den Kampf nicht aufzunehmen wagen. Laurents Vorherſagung ging pünktlich in Erfüllung; ſein kühnes Manöver hatte ganz den Erfolg, den er erwartete. Der Spanier ergriff die Flucht*). *) Der ſpaniſche Admiral wurde, weil er es nicht gewagt hatte, Laurent anzugreifen, zum Tode verurtheilt, und mit dem Schwert hingerichtet. Ludwig Xlv., von der großartigen Waffenthat des Flibu⸗ ſtiers in Kenntniß geſetzt, ſchickte ihm einen Naturaliſationsbrief; Lau⸗ rent war bekanntlich kein Franzoſe, und von unbekannter Herkunft. — Waldblume, ſagte Laurent mit einer Rührung, die er trotz ſeinen Bemühungen nicht zu verbergen vermochte— Du biſt immer der Schutzgeiſt der Flibuſtier. Himmliſches Kind, nicht nur meine Fregatte, ſondern auch meine Seele haſt Du gerettet!— Die wunderbare Dazwiſchenkunft der Vor⸗ ſehung war bei dieſer Gelegenheit ſo klar, daß es mir trotz dem Stolz meines Geiſtes nicht möglich iſt, das Daſein einer höch⸗ 6 ſten Macht in Zweifel zu ziehen. Laurent ſchwieg, gedemüthigt durch dieſes Geſtändniß, welches ihm die Macht der Wahrheit wider ſeinen Willen ent⸗ riſſen hatte; dann murmelte er mit einem leidenſchaftlichen Blick auf Waldblume: — Thut nichts, ich werde nicht nachgeben. Sie wird meine Maitreſſe!— Matroſe, ſagte er nach kurzem Still⸗ ſchweigen, unſere Prüfung iſt noch nicht beendigt. Jetzt müſſen wir noch mit der Wuth der Natur kämpfen. Das Gewitter bricht aus, und die zerſchoſſene Fregatte füllt ſich auf allen Seiten mit Waſſer. Ein ſchrecklicher Donnerſchlag ertönte, und der entfeſſelte Sturm drohte der Fregatte mit dem Untergang. Laurent nahm, trotz dem er aus zwei Wunden ſtark blutete, ſein Sprachrohr, und eommandirte mit ſolcher Kraft und Klarheit, wie je zuvor. II. Der Reſt des Tages und die Nacht, welche auf den gro⸗ ßen Kampf folgten, boten den Flibuſtiern ſehr trübe Stunden. Das Gewitter nahm mit jedem Moment an Stärke und Hef⸗ tigkeit zu. Das Innere der Fregatte bot einen ſchauderhaften An⸗ blic. Das Jammern der Verwundeten, die vor Verzweiflung und S des L hafte Schla einan ihre d Pun Minu tiefet lich ſch e in L in die Gleic MWeif Mn ſ rhig Pog Vin Vo wied den, — und Schmerzen aufſchrien, und um den Tod baten, das Heulen des Windes, das Krachen des Kieles bildeten ein ſchauder⸗ haftes Gemiſche von Tönen. Die ſechzehn Männer, die in der Schlacht glücklich davon gekommen waren, zu wenig, um ſich einander abzulöſen, fielen vor Müdigkeit um und verrichteten ihre doppelte Arbeit: die Fregatte zu bedienen und an den Pumpen zu arbeiten— nur unvollkommen; von Minute zu Minute nahm das Waſſer in der Fregatte zu, ſie ſank immer tiefer und ſegelte immer langſamer. Laurent ſah nun, daß ohne Wunder keine Rettung mög⸗ lich ſei. Am andern Tage gleich nach Sonnenaufgang lagerte ſich eine enorme Maſſe von dunkelfarbigen mit Purpur umſäum⸗ ten Wolken zwiſchen das Licht und die Flibuſtier und hüllte dieſe in dichte Finſterniß. Gegen zehn Uhr verlor die Fregatte das Gleichgewicht und ging auf der einen Seite tiefer. Ein ver⸗ zweifelter, herzzerreißender Schrei ertönte gleichzeitig aus dem Munde Aller, die ſich auf dem Schiffe hefanden. Nun hielten ſie ſich für verloren. Mitten in dieſer ſchrecklichen Lage war Laurent ruhig geblieben, und mit einer Stimme; welche das Toſen der Wogen übertönte, rief er: — Faſſet Muth, Kinder und ſchweigt; wir ſtenern im Winde und noch ſind wir nicht verloren! In der That erhielt die Fregatte, nachdem ſie von den Wogen mehrmals gehoben und geſenkt worden, ihr Gleichgewicht wieder. Unter zehn Schiffen, die ſich in der gleichen Lage befin⸗ den, hat kaum eines dasſelbe Glück. Da das Schiff bei dieſem Sturme nicht im Stande war, dem Winde die Seite zu bieten, ſo mußte Laurent auf die Fahrt nach Jamaica verzichten und ſich vom Winde treiben laſſen. Dieſe Aenderung der Fahrt, welche die Umſtände gebieteriſch erheiſchten, ſetzte die Fregatte noch immer der Gefahr aus, das Gleichgewicht auf's Neue z ver⸗ lieren; aber auf eine abermalige wunderbare Rettung zu zählen 2. —— wäre Thorheit geweſen, und die Flibuſtier waren nun überzeugt, daß ihre letzte Stunde geſchlagen habe. — Mein Ritter Louis, ſagte Waldblume, die trotz der Gefahr, von einer Woge weggeſpült zu werden, an dem Schiffs⸗ geländer ſtand, diesmal, ich ahne es, iſt es um uns geſchehen; Laurent iſt ein guter Schiffsmann, ich geſtehe es, aber was ver⸗ mag er gegen den Zorn des Himmels? Nichts! Warum ſo trau— rig und verzweifelt, mein Ritter Louis? Fürchteſt Du etwa den Tod? — Meine geliebte Schweſter, antwortete Morvan tief bewegt, Gott iſt mein Zeuge, daß ich aufrichtig ſpreche: nicht nur fürchte ich den Tod nicht, ſondern ich wünſche mir ihn ſogar! Was aber meine letzten Augenblicke trübt, das iſt der Gedanke, daß ich Dich in meinen Fall mitreiße.— Wäreſt Du mir nicht begegnet, ſo würdeſt Du jetzt freudig und ſorglos im Schatten der ſchönen und duftigen Wälder ruhen, welche Du ſo ſehr liebſt! Dein Mitleid mit mir, dem Unglücklichen, Verlaſſenen, hat Dich ins Verderben geſtürzt. — Rede nicht ſo, mein Ritter Louis, entgegnete Wald⸗ blume mit dem Tone des ſanften Vorwurfs, ich verſichere Dich, Du biſt im Irrthum. Als Du in die Wohnung meines Vaters kamſt, da war ich nicht mehr ſo glücklich, wie in meiner Kind⸗ heit!— Ich langweilte mich— ich war traurig, entmuthigt. — Ich weinte wohl oft, ohne daß ich mir über meine Thränen Rechenſchaft geben konnte!— Wenn ich allein war, fühlte ich oft eine unerklärliche Entmuthigung, und dennoch war mir die Gegenwart des armen, mir ſo guten Lederhaube läſtig; es ſchien. mir, als gäbe es außerhalb der Städte und der Einſamkeit eine andere Welt, in der mich das Glück erwartete. Mache Dir daher über meinen Tod keinen Vorwurf. Du haſt mir wohl Leiden ver⸗ urſacht, aber ohne Deine Schuld. Und dann, wenn Du wüßteſt— Jeanne ſchwieg, verwirrt und erröthend. tief dige mit br Unt wei hül wei wi ic vit ſo ge bli ver nie ni nie erk — — Waldblume, meine geliebte Schweſter, ſagte Morvan tief gerührt, warum willſt Du meinen Schmerz über unſere bal⸗ dige Trennung durch den Tod durch edle Lügen vermehren, die mir beweiſen, wie groß Dein Zartgefühl iſt! — Ich und lügen! entgegnete Waldblume lebhaft; Du vergißeſt, daß ſich Niemand mit mir beſchäftigt hat, daß ich ohne Unterricht aufgewachſen bin. Lügen! das iſt ja ſo ſchwer. Ich weiß nicht, wie ich es anfangen ſollte, meine Gedanken zu ver⸗ hüllen. Man würde mich über meine Ungeſchicklichkeit verſpotten. Ich wiederhole Dir's, mein Ritter Louis, Du haſt Dir über meinen Tod gar keine Vorwürfe zu machen. Du haſt mir wohl, wie ich Dir bereits geſagt habe, Leiden verurſacht; aber es war nicht Deine Schuld. Und, wenn Du wüßteſt!— Jeanne ſprach dieſe Worte, welche ſie ſchon einmal ſo ver⸗ wirrt gemacht hatten, mit faſt unverſtändlicher Stimme, ſo ſehr zitterte ſie; Morvan fühlte darüber, ohne ſich davon Rechenſchaft geben zu können, eine ungemeſſene Freude; auf einen Augen⸗ blick vergaß er den ſtechenden Schmerz, welchen ihm ſeine Wunde verurſachte und die ſchreckliche Lage, in der er ſich befand. — Was willſt Du denn mit den Worten:„Wenn Du wüßteſt!“ ſagen, meine Schweſter? flüſterte er Waldblume in's Ohr. Das liebliche Kind zauderte. — Mein Ritter Louis, ſagte ſie endlich, richte dieſe Frage nicht mehr an mich— ſie verwirrt mich, ich kann Dir darauf nicht antworten. — Warum verwirrt Dich dieſe Frage? — Mein Gott! wie ſoll ich das wiſſen? Ich weiß es nicht. Es ſcheint mir, Du würdeſt meiner ſpotten, wenn ich mich erklärte, und ich ſchweige lieber. Das iſt Alles. — Schweigen iſt verhehlen und beinahe lügen; liebſt — 2 Du mich denn nicht, daß Du mir Deine Gedanken verheimlichſt? — Siehſt Du denn nicht mehr Deinen Bruder in mir? — Ich ſollte Dich nicht lieben, mein Ritter Louis! er⸗ wiederte Waldblume mit anbetungswürdiger und naiver Entrü⸗ ſtung. Wie böſe iſt es doch, daß Du ſo was von mir voraus⸗ ſetzeſt! Mein Gott, wenn Du es durchaus willſt, ſo werde ich Dir es ſagen. Du biſt auch wirklich zu, edelmüthig und zu gut, um mich für meine Unwiſſenheit und Thorheit zu beſchämen! Sieh, mein Ritter Louis, ich habe kürzlich entdeckt, daß mein Daſein, bis ich mit Dir bekannt wurde, einem ruhigen und tiefen Schlafe geglichen habe! Aber von jenem Augenblick an wurde ich mir erſt bewußt, daß ich ein Herz habe! Von da an hat alles in der Natur für mich ein anderes Anſehen bekommen; die Blumen enthüllten mir Düfte, die ich an ihnen nicht gekannt hatte; der Geſang der Vögel bekam für mich eine ſüße Bedeu⸗ tung. Ich empfand, welch ein Glück es ſei, zu leben!— Du lächelſt, mein Ritter Lauis! fügte Waldblume hinzu, ohne daß ſie es wagte, das Auge zu erheben; Du ſpotteſt meiner, nicht wahr? — Fahre fort, Jeanne, fahre fort! ſagte Morvan, von einer unbeſchreiblichen Bewegung hingeriſſen. Sterben, wäh⸗ rend man ſolche Worte hört, heißt nur die Erde verlaſſen, um in den Himmel zu kommen. — Mein Ritter Louis, erwiderte Jeanne, nach einer abermaligen Pauſe und wie von einer höhern Macht gedrängt, Du haſt Dir alſo über meinen Tod keine Vorwürfe zu machen, weil ich, bevor ich Dich gekannt habe, nicht wußte, was das Leben ſei. Soeben ſagte ich Dir, daß Du mir Leiden verurſacht haſt, nicht wahr? Und warum das? Du weißt es nicht, ohne Zweifel? Ich weiß es auch nicht. Wahrſcheinlich, weil ich Angſt hatte, Dich zu verlieren, weil ich nicht vernünftig war.— Kurz, Du biſt nicht ſchuld an meinen Schmerzen.— Ich muß Dit w nit 1h es mit ren, d der N ihnrr huno hilfe alu ſih d wüth zuſn Jaſte Kuat pen! die A Lich Lie Bew einm Stu ſiem den! dß aus — Dir wohl thöricht ſcheinen.— Die vergangenen Leiden ſind mir theuer, die Erinnerung daran iſt mir ſüß.— Jetzt ſcheint es mir, daß es ein Glück ſei, ſo zu leiden.— Waldblume beſaß, wie alle geraden und einfachen Natu⸗ ren, die ſich ſelbſt überlaſſen und mitten in der erhabenen Pracht der Natur aufgewachſen ſind, eine Poeſie der Sprache, die mit ihrer rührenden undunwiderſtehlich reizenden Schönheitwunderbar harmonirte. Auch mußte Morvan alle ſeine edlen Gefühle zu Hilfe rufen, um Jeanne's keuſche Unwiſſenheit nicht durch ein allzu lebhaftes Licht zu verletzen. Zu Thränen gerührt, außer ſich vor Entzücken, dachte er über eine Antwort nach, als zwei wüthende Wogen, ſich im Laufe begegnend, über der Fregatte zuſammenſchlugen, die vom Kiel bis zum Gipfel des großen Maſtes erzitterte. Alle am Bord hielten ſich für verloren. — Waldblume, ich liebe Dich! rief Morvan, der, über⸗ zeugt, daß ſein letzter Augenblick gekommen ſei, das Mädchen mit Leidenſchaft an ſeine Bruſt drückte und ihr mit heißen Lip⸗ pen den erſten Kuß gab. Bei dieſer für ſie neuen Berührung ſchloß Waldblume die Augen; ein krampfhaftes Zittern durchbebte ihren Körper, Leichenbläſſe bedeckte ihr Geſicht; ihr Kopf neigte ſich wie eine Lilie, deren Stengel vom Sturme geknickt iſt, ſie verlor das Bewußtſein. In dieſem Augenblick erhob ſich die Fregatte noch einmal und Laurent's Stimme, die mitten im Wüthen des Sturmes oder der Schlacht immer ruhig blieb, gab den Flibu⸗ ſtiern ihren Muth, faſt die Hoffnung wieder. — Kinder! ſagte er zu ihnen, Euer Herz iſt zu ſtark, um den Tod zu fürchten; aber ihr ſollt auch hoffen und ich glaube, daß wir in fünf Minuten gerettet ſind. Und in der That fand ſeine Genie Mittel durch Anord⸗ nungen, die von ſeinen tapfern Flibuſtiern faſt eben ſo ſchnell ausgeführt, als von ihm anbefohlen wurden, das Schiff in's Gleichgewicht und in die Richtung des Windes zu bringen. Sobald dieſes zu Wege gebracht war, begab ſich Laurent zu Morvan, und eben als er hinkam, ſchlug Waldblume die Augen auf. — Wo bin ich? Was iſt vorgegangen? fragte ſie irr um ſich blickend. O, ich erinnere mich!— Eine ungeheure Woge— die Fregatte im Sinken— Die Wogen riſſen mich fort— ich fühlte mich ſterben.— Du, mein Ritter Louis, haſt mich gerettet.— Du thateſt Unrecht.— Wenn Du wüßteſt wie ſüß es ſei zu ſterben! ⸗ Morvan ſenkte den Kopf, und wagte nicht zu antworten. — Matroſe, ſagte Laurent zu ihm mit ruhiger und feſter Stimme, ich fühle mich kaum fähig, der Schwäche, die mich niederdrückt, noch zwei Minuten zu widerſtehen.— Ich habe zu viel Blut verloren, ich kann nicht mehr.— Du mußt im Commando meine Stelle einnehmen.— Da haſt Du meine Inſtruktionen. Laurent erklärte ihm dann kurz und klar was er zu thun habe; dann ſagte er, indem er ſich niederlegte: — Ich befinde mich nicht wohl; wirf Deinen Mantel auf mich,— komm mir nicht zu Hilfe.— Die Mannſchaft muß meinen, ich ſei eingeſchlafen. Morvan nahm die Ohnmacht des Flibuſtiers, die ihm eine ſo große Verantwortlichkeit aufbürdete, zum Vorwand, um Waldblume zu bewegen, daß ſie ſich nach ihrer Kabine begebe; die Gegenwart des reizenden Kindes verwirrte ihn, es drängte ihn allein zu ſein, damit er ſeine Ideen in Ordnung bringe. Waldblume willfahrte ſeiner Bitte mit einer Gelehrig⸗ keit und einer Haſt, die ihn in Erſtaunen ſetzte. — Auf Wiederſehen, mein Ritter Louis, ſagte ſie mit ſanftem, faſt ſchüchternem Tone, ohne daß ſie es wagte die Augen aufzuſchlagen; wenn die Gefahr wächſt, ſo wirſt Du mich wohl davon in zugehen — hur noch— brochen, den mit ſuch; nicht zu Bedürf die erſ als ſe nicht v hatten! pochen! Sulei bmte e hellen dem W Shrit mltet un du mir in dulder hinde fle ſtihr 3hi haben duß ic davon in Kenntniß ſetzen, nicht wahr? Der Gedanke allein unter⸗ zugehen erſchreckt mich, während der Tod an Deiner Seite— — Kurz, ich rechne auf Dich, mein Ritter! Auf Wiederſehen, noch— Ach ich ſinke um vor Schmerz— meine Kraft iſt ge⸗ brochen, ein wenig Ruhe wird mir ſehr wohl thun. Jeanne's Röthe und Verlegenheit bei dieſen Worte ſtan⸗ den mit der gewöhnlichen Offenheit ihrer Sprache in Wider⸗ ſpruch; das arme Kind hatte ganz Recht, als ſie ſagte, ſie verſtehe nicht zu lügen. So wie Morvan fühlte auch ſie das gebieteriſche Bedürfniß ſich mit ihren Gedanken allein zu befinden, um ſich die erſtaunliche Bewegung zu erklären, welche in ihr vorging, als ſie zu ſterben glaubte. Ruhen, ſchlafen! ſie hätte es gar nicht vermocht, ſie dachte nicht einmal daran——— Nie hatten lebhaftere, ſtürmiſchere Empfindungen ihr Herz heftiger pochen laſſen. Ihre durch die Leidenſchaft aufgeregte unſchuldvolle Seele kämpfte gegen ein undurchdringliches Geheimniß; ſonder⸗ bare Streiflichter, die ſie erſchreckten und entzückten zugleich, er⸗ hellten unbeſtimmt die Finſterniß ihrer Unwiſſenheit.—— Nach⸗ dem Waldblume fort war, ging Morvan mit ungleichen haſtigen Schritten am Verdeck auf und ab. — In welch ſonderbarer Lage befinde ich mich! mur⸗ melte er ohne ſich um die Wogen, die auf's Verdeck fielen, noch um den Lauf der Fregatte zu kümmern. Die heftigſte Liebe glüht mir im Herzen, ich werde wiedergeliebt, und muß dennoch die gehäſſigen, verbrecheriſchen Bemühuͤngen eines Nebenbuhlers dulden! Und welch ein Nebenbuhler! Ein Mann, der keine Hinderniſſe kennt, den in ſeinen Vorſätzen nichts aufhält. O fataler Eid, der mich bindet! Warum habe ich es nicht ſchon früher bemerkt, daß ich einen falſchen Weg eingeſchlagen habe? Ich hätte begreifen ſollen, daß Nativa für mich nur Werth zu haben ſchien, weil ich ſie in meiner Einſamkeit erblickte, und daß ich ſie nicht wahrhaft liebte. Ich hätte mich ihr nicht ganz und . 1 —— gar mit gebundenen Händen überliefern ſollen, wie ich es ge⸗ than habe! Und iſt denn der Eid, den ich ſo bitter bereue, genügend um mich in meiner Jugend zu hemmen und zu binden? Muß ich denn meine ganze Zukunft, das Glück meines ganzen Lebens einer einzigen Minute der Verirrung, der Thorheit opfern? Wer hindert mich denn Nativa ihre Freiheit zurückzugeben und meine Unabhängigkeit wieder zu gewinnen? Die Ehre! Die Morvans haben nie ihr Wort gebrochen. Alle haben den edlen Grundſatz befolgt:„Thue was Du mußt, komme was mag.“ Ich bin ein Morvan, ich werde zu dulden wiſſen!— Ueberhaupt, fuhr der junge Mann traurig lächelnd fort, wird mein Opfer von kürzerer Dauer und weniger ſchmerzhaft ſein, als meine Einbildungskraft mir es darſtellt!— Wie thöricht iſt doch der Menſch zuweilen!— Ich denke an die Zukunft, während mich allenthalben der Tod umgibt!— Thut* ich muß meine Pflicht erfüllen! Morvan drängte die Gedanken, die ihn beſtürmten, mit Gewalt von ſich, und beſchäftigte ſich mit der Fregatte. Obſchon der Wind noch immer ſo heftig war, ſo bemerkte der junge Mann dennoch, daß der Lauf des Schiffes langſamer geworden ſei. — Geht kräftig an die Pumpen, Freunde! rief er laut. Bei dieſem Commando blieben die Flibuſtier unbeweglich. — Meiner Treu, Kamerad, antwortete ihm einer von ihnen, ſterben müſſen wir jedenfalls, und wir ziehen die Ruhe der Mühſal vor!— WVir erkennen Dich für einen tapfern, kühnen und verſtändigen Offizier; aber der Teufel ſoll mir ſo⸗ gleich den Hals umdrehen, wenn wir uns im Mindeſten ſtören um Dir zu gehorchen!— Wie willſt Du, daß ſechzehn ent⸗ kräftete Menſchen ohne andere Hilfe eine Fregatte lenken ſollen, in die von allen Seiten das Waſſer eindringt?— Wahnſinn! Mit zweiſtündiger Arbeit vermindern wir das Waſſer im unter⸗ ſten Schiffsraume nicht einmal um einen Zoll! Das Beſte iſt, *. wir laſſer er ſchläft was Du unſeren auf di 5 iſcen den Rau und uner auf ſie nänlich davonge kenen 3 hutt von Aut vom St hen; Bettele es ſoglei A die nit Mlſ ſehr dr huray] ju bem uninm ſiht; de get wir laſſen es gehen, wie es eben geht!— Sieh Laurent an, er ſchläft!— Das gibt Dir im Voraus Antwort auf Alles, was Du uns ſagen könnteſt!— Ahme uns lieber nach, folge unſerem Beiſpiel—— Trink auf's Vergeſſen der Gegenwart, auf die Zufälle der Zukunft!— In der That hatten die Flibuſtier, völlig entmuthigt, ein Fäßchen Branntwein geöffnet, um ſich die Verzweiflung durch den Rauſch zu erleichtern. Ihre trüben Blicke, ihre ſchweren und unentſchiedenen Bewegungen bewieſen dem Ritter, daß er auf ſie nicht mehr zählen dürfe. Ein einziger gehorchte ihm, nämlich Alain. Der aus der Schlacht ohne eine einzige Schramme davongekommene Bretagner näherte ſich ſeinem Herrn mit wan⸗ kendem Schritte. — Herr Ritter, ſagte er, die Kameraden ſind dumm. Ich hatte gut ihnen ſagen, daß ich meiner guten heiligen Anna von Auray zwei ſilberne Leuchter verſprochen habe, wenn ſie uns vom Schiffbruch rettet, und daß wir alſo nichts zu fürchten ha⸗ ben; ſie glauben mir nicht. Das ſind wahre Heiden, dieſe Bettelleute! Ich begebe mich an die Pumpe, ich; Sie werden es ſogleich ſehen. Alain, der überzeugt wat, daß er allein im Stande ſei die mächtige Maſchine in Bewegung zu ſetzen, war über die Nutzloſigkeit ſeiner Beſtrebungen gewaltig erſtaunt. — Seht einmal! das geht nicht! rief er; das iſt doch ſehr drollig. Ah, ich begreife ſchon; meine heilige Anna von Auray will mir damit nur ſagen, daß ich nicht nöthig habe mich zu bemühen, daß ſie den Handel mit den ſilbernen Leuchtern annimmt. — Setze Dich zu mir, Alain, ſagte Morvan. Ich will nicht, daß ein rechtſchaffener Burſche wie Du, in der Sünde der Betrunkenheit ſterbe.— Alain, obwohl es ihm ſchmeichelte neben ſeinem Herrn W 3. —— — 26— zu ſitzen, konnte doch nicht umhin lüſtern nach dem Branntwein⸗ fäßchen zu ſchielen, dem die Flibuſtier unaufhörlich und maßlos zu⸗ ſprachen. Von der Nutzloſigkeit ſeiner Vorſtellungen, Drohungen oder Bitten überzeugt, drang Morvan nicht weiter in die Mann⸗ ſchaft; im Grunde geſtand er ſich's ſelbſt, daß die Flibuſtier nicht Unrecht hatten, indem ſie die Arbeit verweigerten; ihre Mühe konnte ja zu nichts mehr führen. Eine Stunde verfloß, und dieſer kurze Zeitraum genügte, um die Lage des Schiffes außerordentlich zu verſchlimmern; der Ritter berechnete, daß die Fregatte gegen Abend unterſinken werde. — Laurent, ſagte er, ſich zu dem auf dem Verdecke lie⸗ genden Flibuſtier hinabneigend, ich bedarf Deiner. Bei dieſem leiſe geſprochenen Worte erhob ſich der Fli⸗ buſtier, obwohl er ſich in tiefer Ohnmacht zu befinden ſchien. — Was gibt es, Matroſe? fragte er den jungen Mann mit derſelben Ruhe und Kaltblütigkeit, als ob er in einem längſt begonnenen Geſpräche begriffen wäre. — Die Mannſchaft iſt betrunken, ſie will nicht an den Pumpen arbeiten, und wir ſinken. — Was ſoll ich da thun? Es war nicht der Mühe werth mich wegen dieſer Kleinigkeit zu wecken. Die Mannſchaft hat Recht. — Werden wir es nicht wenigſtens verſuchen die Bar⸗ ken ins Meer zu laſſen? ſagte Morvan; es iſt keine Zeit zu verlieren. — Das verſteht ſich— verſuchen wir's! Obwohl Laurent ſich Mühe gab, weder ſchlechte Laune noch Schwäche zu zeigen, ſo wurde es Morvan doch klar, daß der Flibuſtier von der Natur beſiegt, mit ſeinen Kräften zu Ende gekommen, und nicht mehr im Stande war thatkräftig aufzutreten. — Laurent, ich wünſche nur, daß die Mannſchaft Deine Stimme höre, das Uebrige überlaſſe mir.— Noch ein Wort!— Ps ſell hetumlie ſollen wi jetzt iſ giſtht w N nit Paſ gleich au Midche er in iſtijt in Pee buſit an, un un Eut Fighei Puluer An ſch, un Was ſoll mit den Verwundeten geſchehen, welche bei der Batterie herumliegen? Wir haben zwanzig tödtlich Verwundete— wie ſollen wir ſie mit uns einſchiffen? doch wir werden ſehen,— für jetzt iſt die Hauptſache die, daß die Schaluppe ins Meer geſetzt werde. Morvan ging dann in die Kammer hinab, die ſich ſchon mit Waſſer zu füllen begann, und rief Waldblume. — Da bin ich, mein Ritter, antwortete Jeanne, die ſo⸗ gleich aus ihrer Kabine hervorkam. — Haſt Du geſchlafen, Jeanne? — Ja, mein Ritter, ich habe geſchlafen, antwortete das Mädchen verlegen. — Schnell auf's Verdeck, meine Schweſter, die Fregatte wird ſogleich ſinken!— Man ſetzt die Barken ins Meer. III. Morvan war ſehr erſtaunt, als er ſeinen Matroſen, den er in gänzlicher Ermattung zurückgelaſſen zu haben glaubte, beſchäftigt fand, den Eifer und die Thätigkeit der Mannſchaft in Bewegung zu ſetzen. In ihrer Trunkenheit hörten die Fli⸗ buſtier die ſonſt ſo mächtigen Worte ihres Kapitäns zerſtreut an, und ſchienen gar nicht geneigt ihm zu gehorchen. — Kinder, ſagte Laurent, ich fühle noch genug Energie, um Euch die ſchauderhafte Todesſtunde zu erſparen, die Eure Feigheit Euch vorbereitet!— Meine Freunde, ich zünde das Pulver an!— Adieu! Dieſe feierlich ausgeſprochenen Worte machten auf die Mannſchaft einen lebhaften Eindruck; zwei Flibuſtier erhoben ſich, und ſchienen Laurent zurückhalten zu wollen! — Wehe demjenigen, der es verſucht ſich der Ausführung 3 meines Planes zu widerſetzen, rief er und fuhr mit der Hand nach ſeinen Piſtolen, ich zerſchmettere ihm das Gehirn! Hierauf entfernte ſich der Abenteurer langſamen und ma⸗ jeſtätiſchen Schrittes. — Mache, als hätteſt Du Furcht und bäteſt um Gnade für die Mannſchaft, ſagte Laurent leiſe und ſchnell, als er vor dem Ritter vorbeiging. Morvan begriff ſogleich die Abſicht ſeines Matroſen, und fügte ſich derſelben mit ſeltener Geiſtesgegenwart. — Kapitän, rief er gegen Laurent vorſtürzend, ich bitte Sie, warten Sie noch. Ich habe Ihnen doch den Gehorſam nicht verweigert! Ich verdiene es daher nicht das Schickſal die⸗ ſer elenden Feiglinge zu theilen! Bevor Sie dieſen verderblichen Entſchluß ausführen, erlauben Sie mir, daß ich einen Kahn ins Meer zu ſetzen und mich zu retten verſuche! Laurent ſchien zu ſchwanken, und Morvan ſprach mit gut geſpielter ſteigender Wärme: — Kapitän, das Leben iſt zu ſchön, als daß man es ohne Kampf auf's Spiel ſetzen ſollte. Wer verſichert mich, daß ich nicht einem Schiffe begegne?— daß ich nicht in einem Monat an der Spitze einer tapfern Mannſchaft irgend eine reiche ſpaniſche Gallione plündere?— Welche Freude werde ich dann haben, wenn ich mit Gold, Weibern und Sklaven vollauf verſehen, im Stande ſein werde meine geringſte Laune zu befriedigen; ich werde mir ſagen können:„Nur meinem Muthe allein verdanke ich mein Glück!——“ Zum letzten Mal, Kapitän, ich beſchwöre Sie, bevor Sie Ihren ſchrecklichen Ent⸗ ſchluß ausführen, erlauben Sie, daß ich mich ausſchiffe!— — Laſſen Sie mich Sie begleiten, Herr! ſagte dann Alain. Laurent ſchien nachzudenken, während der Ritter mit dem Anſchein einer lebhaften Angſt ihn mit den Blicken bat, ihm die Bitte zu gewähren. Deine Bi einen Ka S Launnt; hußier mi werden, bucht ſin, m ſchaften ſie ſch Pulbere geweſen D D luype, nuß be a denn ſie liche K wn nel uz nieder. einen drübe lichen nier a nit ein und in — Matroſe, antwortete ihm endlich der Flibuſtier, Deine Bitte iſt gerecht. Ich bewillige Dir zehn Minuten um einen Kahn ins Meer zu ſetzen. Sogleich ſtürzte ſich die Mannſchaft auf die Barken; Laurent zuckte unmerklich mit den Schultern und ſah die Fli⸗ buſtier mit dem Ausdruck verachtungsvollen Mitleids an. — Alle Menſchen müſſen wie kleine Kinder behandelt werden, murmelte er. Um ſie zu beherrſchen und zu leiten, braucht man ihnen nicht an Kraft und Verſtand überlegen zu ſein, man muß nur ihre Schwäche, ihre niedrigen Leiden⸗ ſchaften kennen.— Dumme Teufel! die mir gehorchen, weil ſie ſich fürchten, und die in ihrer Furcht vergeſſen, daß die Pulverkammer unter Waſſer ſteht, und daß es daher unmöglich geweſen wäre meine Drohung auszuführen! Die Fregatte beſaß eine Schaluppe und zwei Kähne. Die Mannſchaft dachte natürlich vor Allem an die Scha⸗ luppe, welche ſich zwiſchen dem großen Maſt und dem Beſans⸗ maſt befand; aber ach! kaum waren die Hißtaue einen halben Schuh hoch gezogen worden, als die Schaluppe in Stücke ging, denn ſie war durchwegs zerſchoſſen. Der am Steuerbord befind⸗ liche Kahn hatte nicht weniger gelitten, als die Schaluppe; von mehreren Kugeln getroffen war er ganz außer Stande be⸗ nützt zu werden. Dieſe Entdeckung ſchmetterte die Mannſchaft nieder. Dieſelben Menſchen, die ſich vor Kurzem noch weigerten einen letzten Rettungsverſuch zu machen, waren jetzt troſtlos darüber, daß ſie ihrem Schickſal nicht entgehen konnten. Morvan eilte zu dem am Hintertheil des Schiffes befind⸗ lichen Kahne, der während des ganzen Kampfes mit den Spa⸗ niern außerhalb des Feuers geblieben und deshalb völlig unbe⸗ ſchädigt war. In weniger als fünf Minuten war dieſer Kahn mit einem Fäßchen Waſſer und einigem Mundvorrath belaſtet, und ins Meer geſetzt. Obſchon die Wuth der Wogen dieſem 35 Werke große Schwierigkeiten entgegenthürmte, ſo gelang es dennoch vollſtändig. Zwei Flibuſtier ließen ſich an einem Tau in das Fahr⸗ zeug hinab, und brachten das Steuer und die Ruder in Ordnung. — Komm, Waldblume, ſagte Laurent, die Zeit iſt koſt⸗ bar; Dein Ritter Louis hat ein Zugſeil anbringen laſſen um Deine Einſchiffung zu erleichtern, um Dich meiner Liebe zu erhalten... Eile! Waldölume zauderte, ehe ſie ſich auf den Stuhl ſetzte, auf welchem ſie in den Kahn hinabgelaſſen werden ſollte. — Und die unglücklichen Verwundeten, die in der Bat⸗ terie ſind! ſagte ſie. — Schweige! rief Laurent. Siehſt Du nicht, daß die⸗ ſer Kahn ſchon zu klein iſt um uns alle zu erhalten! Die An⸗ ſprüche des Krieges ſind oft ſchrecklich unerbittlich!— Wir dürfen an dieſe Unglücklichen nicht denken, und müſſen uns zu übereden ſuchen, ſie ſeien in der Schlacht gefallen. Laurent faßte Jeanne hierauf am Arm, und zwang ſie beinahe mit Gewalt in dem Stuhle Platz zu nehmen. Morvan zitterte, als er ſah, wie das arme Kind mehrmals in Gefahr war, von den Wogen weggeſpült und ins Meer geſchleudert zu werden. Sie hingegen heftete ihren Blick mit ſanftem heitern Ausdruck fortwährend auf den jungen Mann. Sie errieth die Angſt ihres Ritters Louis, und obwohl ſie der Furcht ihren Tribut zollte, ſo fühlte ſie ſich dennoch glücklich. Sie erreichte den Kahn ohne Unfall. Eine Stunde ſpäter waren nur zwei Männer an Bord: Laurent und Morvan. — Ich fürchte, Matroſe, ſagte der Flibuſtier kalt, daß ehe unſere Einſchiffung vollbracht iſt, die Fregatte ſinken und den Kahn mit ſich reißen werde. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo: die Einſchiffung, welche durch die Wuth des Meeres und die Vorſicht, die man beachten der Seite der Schif Di ren erſchö ihr Wun weriget bet zehn ſer Zeit! Stlbſim Jächſen brechen, D lindet h wit iner entfernt L Dich un ohn di Unglic heldenn ige De ingewt 4 ind ril lbuſi ſinn ſi ſieße — 3 beachten mußte, damit der gebrechliche leichte Kahn nicht an der Seite des Schiffes zerſchmettert werde, nahm bei jedem der Schiffbrüchigen zehn Minuten weg. Die beiden jungen Männer konnten, in Rückſicht auf ih⸗ ren erſchöpften Zuſtand und auf die Lähmung, welche ihnen ihre Wunden verurſachten, nicht hoffen zu ihren Gefährten in weniger als einer halben Stunde zu gelangen. Man konnte aber zehn gegen eines wetten, daß die Fregatte vor Ablauf die⸗ ſer Zeit untergehen werde. — Matroſe, ſagte Morvan, die Religion, welche den Selbſtmord verbietet, gebietet die aufopfernde Liebe für die Nächſten. Wenn wir dieſes thun, ſo begehen wir kein Ver⸗ brechen, wir erfüllen nur unſere Pflicht. Der junge Mann neigte ſich dann über das Schiffsge⸗ länder hinaus, und rief, indem er alle Kraft zuſammennahm, mit einer Stimme, welche das Gewitter übertönte: — Holla! Ihr im Kahn, ſtoßt ab, die Fregatte ſinkt, entfernt Euch! Waldblume, lebe wohl! Dann wandte er ſich zu dem Flibuſtier. — Matroſe, ſagte er mit erhabener Einfachheit, ich bitte Dich um Vergebung, daß ich über Dein Leben verfügt habe, ohne Dich um Rath zu fragen; die Zeit drängte. — Ritter Morvan, antwortete Laurent, indem er ſeinem Unglücksgenoſſen mit Rührung die Hand reichte, Du biſt ein heldenmüthiger junger Mann, ein edles Herz!— Ich bil⸗ lige Deine That!— Wir beide werden zu ſterben wiſſen! Du im Bewußtſein Deiner Tugend, ich mit meinem Lebensüberdruß!.. Während Laurent ſprach, ging im Kahne eine ſchreckliche und rührende Scene vor. Kaum hatten die darin befindlichen Flibuſtier Morvans Worte vernommen, als ſie ſich beeilten ſeinem Befehl zu gehorchen und ſeinen Rath zu befolgen— ſie ſtießen von der Fregatte ab. Schon waren ſie von den Wo⸗ gen fortgetragen, und befanden ſich zwei Kabellängen von der Fregatte entfernt, als Waldblume, vor Schmerz und Ueber⸗ raſchung einen Augenblick ohnmächtig, ſich von ihrer Bank, an die ſie ſich ſitzend geklammert hatte, erhob, und zu den Flibuſtiern mit aller Energie der Verzweiflung ſprach: — Meine Freunde, ich beſchwöre Euch, kehrt zur Fre⸗ gatte zurück! Wie! wäret Ihr ſo grauſam, ſo gefühllos, Den ſterben zu laſſen, der nicht anſtand ſich für Euch zu opfern? Das wäre eine Schande, von der-Ihr Euch nie rein waſchen könntet, die Euch überall hinfolgen würde. Auf! zur Fregatte! Gebt den Brüdern der Küſte nicht das Recht, von Euch, wenn Ihr vorübergeht, zu ſagen:„Das ſind die Feiglinge, die ihren Kapitän verlaſſen haben. 4 Muth! Zur Fregatte! Waldblume hatte ſich mit der rührendſten Energie ausge⸗ drückt, aufrechtſtehend in der Barke, und in Gefahr von den Wogen fortgeriſſen zu werden, zeigte ſie einen Muth, der ſo ſehr über die Kraft ihres Geſchlechtes ging, vor allem war ſie ſo wunderbar und blendend ſchön, daß die Flibuſtier von ihr ge⸗ bannt, unterjocht, die Ruder anhielten. — Waldblume, antwortete einer von ihnen, Du weißt, daß wir alle Dich lieben, und Du haſt uns oft genug im Feuer geſehen, um an unſerem Muth zu zweifeln. Wenn wir Dir aber jetzt Deine Bitte abſchlagen, ſo iſt es, weil deren Aus⸗ führung ſinnlos iſt— — Bruder der Küſte, rief Jeanne, den Flibuſter unter⸗ brechend, Du nuß es doch auch wiſſen, daß die heilige Jungfrau meine Bitten erhört, daß ich Glück bringe. Ihr weigert Euch, mir zu gehorchen; gut denn, ſo werde ich ſie bitten, daß ſie uns zu Grunde gehen laſſe. Ich werde Euch alle verfluchen! — Keiner von Euch, ich prophezeihe es, wird das Verbrechen überleben! Die Flibuſtier, dieſe mitten im Kugelregen des Feindes 1 ſowhige baren gläubiſ druck al ſirs wi und ſein der ſcho ſenkt ſi zu war wird e an wel unſchlü Stell fchun hlune zererg nit ge buing undr ich Er um ke daß e ufi ſir —— ſoruhigen, dieſe im Sturme ſo ſchrecklichen und ſtets ſo unbezähm⸗ baren Menſchen waren, wie alle Seeleute, außerordentlich aber⸗ gläubiſch; Jeanne's Worte machten daher einen lebhaften Ein⸗ druck auf ſie. — Aber Waldblume, Du weißt ja, daß wir nichts Beſ⸗ ſeres wünſchen, venn es nur menſchenmöglich wäre, als Laurent und ſeinen wackem Matroſen zu retten! antwortete der Flibuſtier, der ſchon früher das Wort genommen hatte. Sieh! die Fregatte ſenkt ſich augenſaeinlich. Das Beſte, was wir thun können, iſt, zu warten, bis je völlig untergegangen ſein wird, vielleicht wird es uns dam möglich, Laurent und den Ritter zu retten. Auf dieſe, von ihrem Kameraden ausgeſprochene Ausſicht, an welche zu glaulen ſie ſich anſtellten, hörten die Flibuſtier auf, unſchlüſſig zu ſein. Bis dahin waren ſie ruhig auf der einen Stelle geblieben, irſofern es ihnen die Wogen erlaubten; jetzt fuhren ſie weiter in die hohe See. — O, die Feiglinge! Wie viel Zeitverluſt, ſagte Wald⸗ blume, und ſank halb ohnmächtig auf ihre Bank zurück. Alain ſaß wehrend der ganzen Szene, die in weit kür⸗ zerer Zeit vor ſich ging, als wir brauchten, um ſie zu beſchreiben, mit geſenktem Kopf und gerunzelter Stirne da, ohne Jeanne im Geringſten zu unterſtützen. Plötzlich ſtieß er den neben ihm ſitzenden Flibuſtier nieder und rief, ein Beil ſchwingend: — Wenn Ihr nicht zur Fregatte zurückkehrt, ſo ertränke ich Euch Alle! Die Geberde des Bretagners war ausdrucksvoll genug, um keiner Erklärung zu bedürfen. Es war leicht zu begreifen, daß er dem gebrechlichen Fahtzeug durch einen einzigen Streich mit dem Beile den Boden eirſchlagen und ſo ſeine Drohung ausführen könnte. In dieſer kritiſchen Lage konnten die Flibu⸗ ſtier nicht zaudern, ſie gaben rach. Als die Barke bei dem unterſinkenden Schiffe anlangte, hatten ſich Laurent und Morvan, einer auf den andern geſtützt, auf den Kranz geflüchtet. — Komm, mein Ritter! rief Jeanne mit leidenſchaftli⸗ chem Drängen. Die Lage der Fregatte, die zwei Drittil unter Waſſer ſtand und deßhald jetzt weniger ſchwankte, mahte die Einſchif⸗ fung leicht. Laurent und Morvan fanden ſich kcum einen Schuh über dem Kahne und konnten deshalb leicht hirunterkommen. — Dank, meine Kinder, ſagte der Flibuſtier, der von Jeanne's und Alain's Dazwiſchenkunft nicht wußte, und deßhalb ſeine Rettung der Ergebenheit der Mannſchaft verdanken zu müſſen glaubte. — Waldblume, ſagte Morvan, der neben Jeanne ſaß und ihre Hand in der ſeinen hielt, mein letzter Gedanke gehörte Dir; aber Gott hat uns nicht trennen wallen! Er hat es in ſeiner unendlichen Güte erlaubt, daß wir mtſammen ſterben. — Mein Ritter Louis, antwortete Jeanne, wir ſind beide zu jung, um ſchon zu ſterben!— Warum ſollten wir nicht hoffen? Jeanne ſprach noch, als die Flibuſtier einen ſchmerzhaften Schrei ausſtießen. Die Fregatte, von welcher der Kahn kaum eine Piſtolenſchußweite entfernt war, riß die im Kampfe mit der Gallione verwundeten Unglücklichen und die in Granada geraub⸗ ten Schätze mit ſich in den Abgrund. — Kräftig gerudert! ſprach Laurent, der am Steuer ſaß, mit ruhiger Stimme. Wer weiß, Kinder, ob es nicht bald mit uns ſo weit kömmt, daß wir unſere Kameraden um ihr Schickſal beneiden! Sie haben Alles überſtanden; ſie ſind todt und wer⸗ den nicht mehr die Qualen des Hingers und des Durſtes erlei⸗ den. Bedauern wir ſie nicht. Eine halbe Stunde nach den Untergang der Fregatte hüllte die Nacht dichte Fi L ters gele Wehnutt — 2 wor füͤr zulegen zelh dro 6 weder N die Pur Rbung aher j die nit Schun Der ju udintli drück, Enyfn henden Fene Ds ⁊ welnun Siuſel ſundes lih ni die Nacht das auf den Wogen tanzende gebrechliche Fahrzeug in dichte Finſterniß. Waldblume fühlte, ihren Kopf an die Schulter des Rit⸗ ters gelehnt und ihre Hand in der ſeinen, ſolches Glück, ſo ſüße Wehmuth, daß ſie an die heilige Jungfrau Dankgebete richtete. Die Nacht, welche auf den Untergang der Fregatte folgte, war für unſere Schiffbrüchigen ſchauderhaft. Weit entfernt, ſich zu legen, ſchien der Sturm an Heftigkeit zuzunehmen. Das Fahr⸗ zeug drohte jeden Augenblick umzuſchlagen. Einmal mit ihrer Lage vertraut, ließen die Flibuſtier weder Murren noch Klagen hören; die Gewohnheit der Gefahr, die Verachtung des Lebens erſetzten bei ihnen die chriſtliche Er— gebung, die ihnen fehlte; ſie hatten nur den Muth des Thieres, aber ſie beſaßen ihn bis zum höchſten Grade. Bei jeder Woge, die mit Wuth über die Barke ging und ſie mit Waſſer und Schaum erfüllte, drückte Waldblume ſanft die Hand Morvans. Der junge Mann gerieth durch dieſen Händedruck in außer⸗ ordentliche Bewegung; von Müdigkeit und vom Wundfieber er⸗ drückt, klügelte er nicht mehr, ſondern überließ ſich bloß ſeinen Empfindungen. Da ſchien es ihm, daß die ſchwarzen und dro⸗ henden Wolken, welche den Horizont verdunkelten, ſich in der Ferne zerſtreuten und dem azurnen ſternbeſäten Himmel wichen! Das Toſen des wüthenden Ozeans ſchien ihm ein ſanftes Mur⸗ meln und das Pfeifen des Windes klang in ſeinem Ohre wie das Säuſeln eines Abendlüftchens. Wäre Morvan übrigens vollſtändig im Beſitz ſeines Ver⸗ ſtandes und ſeiner Kaltblütigkeit geweſen, ſo hätte er doch ſchwer⸗ lich mit ſeiner Unglücksgenoſſin ſprechen können. Das Heulen — 6— des Sturmes war betäubend. Nach Mitternacht ſchlummerte er, von ſeinem Zuſtand übermannt, ein. — Wie ſeltſam! murmelte Waldblume; dieſer ſanfte Schlaf bringt mir Ruhe, als ob ich ſelber ſchliefe. Ich bemerke ſeit einiger Zeit, daß ich mehr durch meinen Ritter, als durch mich lebe. Hätte er mir meine Seele genommen? Es iſt gewiß, daß ich ſeinen Tod nicht überleben würde! Wie wenig habe ich doch bis jetzt nachgedacht! Jeden Augenblick ſehe ich Erſcheinun⸗ gen, deren Daſein ich noch nie vermuthet habe. Am andern Morgen, als auf die Finſterniß der Nacht ein trüber Tag folgte, bot die Barke einen ſeltſamen Anblick dar: Waldblume, deren Geſichtsfarbe von blendender Friſche war, lächelte, war ruhig und heiter, während die Flibuſtier, dieſe abgehärteten, kräftigen, energiſchen, gegen alle Mühſeligkeiten und Entbehrungen geſtählten Männer in ihren Geſichtern die Spuren großer geiſtiger und phyſiſcher Niedergeſchlagenheit tru⸗ gen. Die Einſchiffung war mit ſolcher Haſt, unter ſo ſchlimmen Umſtänden, das heißt, als das Meer ſchon einen Theil der Fre⸗ gatte verſchlungen hatte, vor ſich gegangen, daß die Flibuſtier nicht daran denken konnten, ſich mit Proviant zu verſehen. Lau⸗ rent hatte Recht, als er am vorigen Abend bei Gelegenheit der Verwundeten, welche ertranken, ſagte:„Wer weiß, Kinder, ob es mit uns nicht bald ſo weit kömmt, daß wir unſere Kamera⸗ den um ihr Schickſal beneiden!“ Seit dem vorigen Tage ohne Nahrung, dachten die Fli⸗ buſtier, man merkte es an ihren düſtern Blicken, an die ſchauder⸗ haften Qualen des Hungers, welche ihrer warteten. Dennoch beklagte ſich keiner! Gegen Mittag ſtrömte ein reichlicher Regen nieder, der ihnen bedeutende Erleichterung verſchaffte und ihre Hoffnungen belebte; dieſer Regen verkündete das Ende des Sturmes. Gegen drei Uhr hörte der Sturm auf an Gewalt zu⸗ zunehmen; allmälig verminderte ſich ſeine Heftigkeit, und obſchon das Me woran! zu lenk Heren 6 unſchlu Flibuft hinter den Ht hinder ſo z Freude eſchla ließ, e durch ine ge auf de le S Unerh Du! etzwr wenn Lriu — das Meer immer noch unruhig blieb, ſo wurde es doch möglich, woran man bis dahin noch nicht hatte denken können, die Barke zu lenken. Plötzlich machte der Ruf:„Ein Schiff im Winde!“ alle Herzen lauter pochen. Jeder erhob ſich mit Fieberhaſt, ſo daß die Barke beinahe umſchlug. In der That erſchien kaum eine Viertelſtunde von den Flibuſtiern eine Brigantine mit vollen Segeln, die den Wind hinter ſich hatte. Die Höhe der Wogen, welche den Flibuſtiern den Horizont auf einige Toiſen beſchränkte, hatte ſie bisher ver⸗ hindert, das Schiff zu bemerken. Beim Anblick der Rettung, welche die Vorſehung ihnen ſo zu rechter Zeit ſandte, brachen die Flibuſtier in lebhafte Freudenäußerungen aus; aber bald wich dieſe Freude der Nieder⸗ geſchlagenheit, als ein alter Flibuſtier die Bemerkung fallen ließ, es könnten Spanier ſein. — Wir haben noch unſere Säbel, wir werden das Schiff durch Enterung nehmen! entgegnete Meerwolf. — Fürchtet nichts, Kinder! ſagte Laurent, die Brigan⸗ tine gehört nicht unſern Feinden. Es gibt nur einen Menſchen auf der Welt, der es bei ſolchem Wetter ungeſtraft wagen darf alle Segel auszuſpannen. Und dieſer Menſch iſt Montbars! Bei dem Namen Montbars gab ſich auf dem Kahne ein unerhörter Enthuſiasmus kund. — Montbars!— wriederholte Morvan; Waldblume, Du biſt wirklich unſer guter Engel! — Wer weiß? ſagte Laurent, dieſen Zweifel mit einem erzwungenen Lächeln begleitend, es wäre gar nicht erſtaunlich, wenn er uns nicht bemerkte!— Man darf noch nicht das Triumphlied anſtimmen! Die Art, wie der Flibuſtier dieſe Worte ausſprach, ſetzte Morvan in Erſtaunen. —— — — Wirklich, Matroſe, entgegnete er ihm, man ſollte glauben, Du wünſcheſt daß Deine niederſchlagende Vermuthung wahr wäre!— — Ich! und warum?— ich wünſche es, antwortete der Flibuſtier nach kurzem Stillſchweigen und mit dem Ausdruck eines tiefen Haßes. Warum ſollte ich mich zur Lüge ernie⸗ drigen? fuhr er fort, bevor Morvan in ſeinem Erſtaunen eine Antwort finden konnte; warum ſoll ich meinen Neid verhehlen, da ich den, der mir ihn einflößt, nicht fürchte?— Die Inſel St. Domingo iſt nicht groß genug um uns beide zu erhalten. Montbars und mich!— Am Himmel glänzt nur eine Sonne; entweder Montbars oder ich, einer von beiden muß fallen! Der Flibuſtier ſprach mit leiſer Stimme, aber hätte er dazu auch alle ſeine Kraft angewendet, ſo hätte doch keiner der andern Flibuſtier ſeinen Worten nur die allergeringſte Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt. Alle ihre Aufmerkſamkeit war der Bri⸗ gantine zugewendet. An den Bewegungen dieſes Schiffes wurde es den Flibuſtiern bald erſichtlich, daß ihr Kahn dort bemerkt worden ſei. Die Brigantine ſteuerte gerade auf ſie los. Da brachen dieſe Männer, die im Angeſicht des Todes nicht das leiſeſte Murren hören ließen, in frenetiſches Jauchzen aus. In dieſem Augenblick war Montbars für ſie der erſte Seemann der Flibuſtier, der größte Kapitän aller Meere, er war ein allmächtiges Genie, ein übernatürliches Weſen, ein Halbgott! In der That bot die durch den Erfolg gekrönte Kühnheit, welche der Chef der Boucanier an den Tag legte, indem er es wagte mit ausgeſpannten Segeln einem ſolchen Sturm zu trotzen, ein Wunder dar, das allerdings geeignet war auf Seeleute ei⸗ nen großen Eindruck zu machen, beſonders zu jener Zeit, da die Schifffahrt noch nicht zu ſolcher Vollkommenheit gediehen war, wie in unſern Tagen. Kaum war ſeit der Signaliſirung der Brigantine eine halbe Stunde verfloſſen, als die Schiffbrü⸗ igen ſi tiefgefül prieſen! Leiden noch me 1 ließ, we Höflich Letztere daß ic viel Gi iber de lachen. Stern ohne! im Ge Deinen ie in nen N — Gl buhle zwar( lhaf kigen ſie die nit ein biſ D ſcheden chigen ſich auf dem Verdeck derſelben und außer Gefahr befanden. — Du biſt es, mein Kind! rief er mit wahrhafter, tiefgefühlter Freude, als er Morvan erblickte. Gott ſei ge⸗ prieſen! Dieſe Gunſt der Vorſehung macht mich alle meine Leiden vergeſſen! Umarme mich. Ich bemerke, daß ich Dich noch mehr liebe, als ich es bisher gedacht habe! Der Empfang, den der alte Boucanier Laurent angediehen ließ, war ein ganz verſchiedener; er grüßte ihn mit ausgeſuchter Höflichkeit, und wandte ihm dann barſch den Rücken; aber Letzterer rief ihn zurück, und ſagte ironiſch: — Montbars, geſtehe es, wenn Du gewußt hätteſt, daß ich unter den Schiffbrüchigen ſei, ſo hätteſt Du nicht ſo viel Eifer entwickelt um uns zu Hilfe zu kommen.— Ich muß über den Verdruß, den Dir dieſer ſeltſame Zufall verurſacht, lachen. Du haſt mich retten müſſen!— Es ſcheint, daß Dein Stern im Erblaſſen ſei; das Glück verläßt Dich. Montbars hatte die Spötterei des Flibuſtiers ruhig und ohne Unterbrechung angehört. — Laurent, antwortete er ihm dann mit ernſtem Tone, im Gegentheil, ich danke Gott aufrichtig, daß er mich auf Deinen Weg gebracht hat. Heuchle nicht eine Heiterkeit, die in Deinem Herzen keinen Wiederhall hat, und nur auf Dei⸗ nen Lippen grinſt. Warum ſollte ich Deinen Tod wünſchen? — Glaubſt Du, daß ich in Dir einen Feind, einen Neben⸗ buhler ſehe?— Dein Hochmuth verwirrt Dich!— Du beſitzeſt zwar eine ſeltene Unerſchrockenheit, erprobte Geiſtesgegenwart, lebhafte Einbildungskraft und einen ſichern Blick; alle dieſe Eigenſchaften müſſen Dir zuerkannt werden. Aber wozu können ſie dienen? Ein kühnes Unternehmen glücklich auszuführen, mit einem an Zahl überlegenen Feind zu kämpfen. Außerdem biſt Du zu nichts gut; Dein Ungeſtüm, Deine Leidenſchaften ſchaden der Tiefe Deiner Einſichten. Du biſt unfähig einen Plan —— — ——— — für die Zukunft zu faſſen, eine große Idee zu verfolgen. In der Ausführung eines Planes biſt Du mir gleich; im gewöhnlichen Leben wirſt Du zum Werkzeug, deſſen ich mich bediene wenn ich es eben brauche, nichts mehr. Folge mir, laſſe dieſe lächerlichen, ohnmächtigen Prahlereien, die zu nichts führen, bei Seite; ſie dienen Dir höchſtens dazu Deine Eiferſucht rege zu machen, Deinen Charakter herabzuwürdigen. Die Hand aufs Herz gelegt, weißt Du wohl, daß ich Dich nicht fürchte. Montbars ſprach mit außerordentlicher Ruhe und Würde. Man ſah es ihm an, daß er fühlte, was er ſagte. Laurent ſchien zu wiederholten Malen ihn unterbrechen zu wollen; aber immer hielt er ſich zurück. Der Tiger war wider Willen genöthigt, die Ueberlegenheit des Löwen anzuerkennen. — Montbars, ſagte er zu ihm, als der Chef der Flibuſtier aufgehört hatte zu ſprechen, ich erſtaune, daß Du nicht ge⸗ fürchtet haſt, mich mit Deiner gewohnten Klugheit zu reizen. 3 Nimm Dich in Acht! Du verläſſeſt Dich darauf, daß zwiſchen mir und Dir jeder Kampf unmöglich iſt; aber Du weißt, wel⸗ ches Gewicht meine Anklage haben könnte, wenn wir uns gegen⸗ überſtehen werden— Du weißt ſchon, wo!— Man wird nicht ſagen, daß Du thörichter Weiſe unſer Geld verſchwendet, unſere Hilfsquellen und unſere Zukunft auf's Spiel geſetzt ha⸗ beſt, ohne daß eine Stimme von Dir Rechenſchaft verlange! Ich ſage Dir's voraus, daß Du in mir einen unbarmherzigen Ankläger finden wirſt! — Da wirſt Du dann Gelegenheit haben, Deine Bered⸗ ſamkeit zu üben! Danke dem Zufall, der Dich auf meine Bri⸗ gantine gebracht hat; ich ſegle in dieſem Augenblick nach dem Aſyl! Dieſe geheimnißvolle Antwort, die für jeden Andern als für einen eingeweihten Flibuſtier unverſtändlich war, ſchien Laurent ein lebhaftes Vergnügen zu machen. gen, das daß ih D und entf uſch bi nicht für in die( Vufen des reize jez die nomne beſund Du hei den! L bum, hn, de bars d ben zei duck Nota buts ſe iltge Shen berihr eſn — Du ſiehſt, rief er, daß ich vorhin Recht hatte zu ſa⸗ gen, das Glück ſei gegen Dich, Dein Stern erbleiche! — Unfinniger! ſprach Montbars ruhig, Du vergißeſt, daß ich Dich zerbreche, ſobald Du für mich ein Hinderniß wirſt! Der Chef der Flibuſtier grüßte Laurent zum zweiten Male, und entfernte ſich ohne eine Antwort abzuwarten. — Es bleibt doch wahr, murmelte der Flibuſtier, indem er ſich bis auf's Blut in die Lipßen biß, daß dieſer Menſch mich nicht fürchtet. Nachdem Montbars Laurent verlaſſen hatte, begab er ſich in die Cabine, in welcher Morvan war. Er fand ihn auf einer Waffenkiſte liegen; Waldblume kniete neben ihm. Der Anblick des reizenden Kindes machte den alten Boucanier lächeln. — Nun, Kind, ſagte er zu ſeinem Neffen, Du haſt alſo jetzt die Feuertaufe erhalten? Die Stimme der Kanonen ver⸗ nommen? Wie es ſcheint, habt Ihr einen großartigen Kampf beſtanden? Ich frage nicht, wie Du Dich dabei benommen habeſt; Du heißeſt Morvan und das ſagt Alles! Du biſt getroffen wor⸗ den! Laß doch Deine Wunde ſehen.— Meine ſchöne Wald⸗ blume, ſei ſo gut und hole mir aus meiner Cabine ein Fläſch⸗ chen, das ſich in meinem Schrank befindet. Während der Abweſenheit des Mädchens unterſuchte Mont⸗ bars die Wunde des jungen Mannes. Bei dem Anblick derſel⸗ ben zeigte ſich auf dem Geſichte des Flibuſtier⸗Chefs der Aus⸗ druck des Schreckens, faſt der Verzweiflung. Jedoch, bevor Morvan dieſe Bewegung wahrnehmen konnte, gewann Mont⸗ bars ſeine gewöhnliche Ruhe wieder und mit ſcheinbarer Gleich⸗ giltigkeit ſprach er: — Das wird nichts ſein; die Kugel, welche Dich am Schenkel getroffen hat, hat glücklicher Weiſe den Knochen nicht berührt; einige Tage in Ruhe hingebracht, werden Dir Deine Geſundheit wieder geben. Leideſt Du? — Ungeheure Schmerzen, Montbars! — Ja, das läßt ſich denken; die Strapazen haben die Wunde ein wenig verſchlimmert.— Du bedarfſt der Ruhe; ein guter Schlaf wird Dich wieder herſtellen. Montbars trug dann den jungen Mann wie ein Kind auf den Armen in ſeine Cabine, legte ihn auf ein Bett und ent⸗ fernte ſich dann, indem er mit tiefer Rührung murmelte: — Armer Louis! ich fürchte, Deine Wunde ſei unheil⸗ bar!— Er ſcheint mir verloren! V. Fünf Tage waren verfloſſen, ſeitdem Montbars' Brigan⸗ tine die Schiffbrüchigen aufgenommen hatte. Es war gegen An⸗ bruch der Nacht; ein friſcher und günſtiger Wind blies in die Segel des leichten Schiffes, das zwei Meilen in der Stunde zurücklegte. Morvan lag auf der Bank und durchflog von der Höhe des Verdeckes den grenzenloſen Horizont mit zerſtreutem Blicke. In dem Ausſehen des armen jungen Mannes war eine große Veränderung vorgegangen. Seine eingefallenen Augen leuchteten von Fiebergluth, ſein abgemagertes Geſicht war mit außerordentlicher Bläſſe bedeckt; Alles an ihm verrieth Leiden und Niedergeſchlagenheit. Zu ſeinen Füßen ſitzend, betrachtete ihn Waldblume mit ſchmerzhafter Unruhe; ſo oft der Ritter ſie anblickte, verſuchte das reizende Kind zu lächeln,— aber die⸗ ſes erzwungene Lächeln war herzzerreißender als ein Seufzer. Montbars ging, die Arme gekreuzt und den Kopf zur Bruſt geneigt, mit unruhigen Schritten auf dem Verdeck der Länge und Breite nach umher. Was den ſchönen Laurent betrifft, ſo hatte er ihn die deshalb, als ſein recht ge In we deren abgeht. wieder ſehung blät das fe ſchtbn dn Sung nicht Side wort Nunt Vort bezti Vun — 43— hatte er ſich ſeit fünf Tagen nicht blicken laſſen; vielleicht, weil ihn die Gegenwart des Flibuſtier⸗Chefs genirte, vielleicht auch deshalb, weil ſeine Wunde ihn nöthigte, der Ruhe zu pflegen. Als eine Wache„Land!“ ſignaliſirte, erwachte der Ritter aus ſeinem ſchlummerähnlichen Zuſtande. — Waldblume, ſagte er mit ſchwacher Stimme, habe ich recht gehört? Hat man nicht eben Land ſignaliſirt? — Ja, mein Ritter Louis— noch ein wenig Geduld! In wenigen Stunden wirſt Du der Ruhe genießen können, deren Du bedarfſt und die Pflege erhalten, die Dir am Bord abgeht. Mein Gott! wie froh bin ich, meine Inſel St. Domingo wieder zu ſehen!— Meine Rückkehr ſcheint mir eine Aufer⸗ ſtehung zu ſein! Waldblume näherte ſich dann dem Schiffsgeländer und blickte nach der von der Wache bezeichneten Richtung hin. — Es iſt ſonderbar, ſprach ſie mit Erſtaunen, ich erkenne das ferne Geſtade nicht, das doch am Horizont ſchon vollkommen ſichtbar iſt und unſere Inſel ſein ſoll. — Das beweiſt, Waldblume, ſagte Montbars, der ſich dem Mädchen genähert hatte, daß Du das geübte Auge eines Seemanns haſt. Die Brigantine nimmt ihren Lauf in der That nicht in der Richtung der Inſel Tortuga, ſondern nach dem Süden des ſpaniſchen Antheils von St. Domingo. Morvan und Waldblume erſtaunten ſehr über dieſe Ant⸗ wort; Traurigkeit umwölkte die Stirne des jungen Mannes. — Haben wir uns alſo verirrt? fragte er. — Kind, antwortete ihm der Oheim lächelnd, kann ſich Montbars verirren? Wir gehen dahin, wohin ich kommen will. — Erkläre Dich, Montbars, ich beſchwöre Dich. Deine Worte wie Deine Handlungen ſind für mich Räthſel.— Ich begreife Dein außerordentliches Benehmen durchaus nicht.— Warum ſollten wir uns ſo den Händen unſerer Feindeüberliefern? — — Fürchte nichts, Louis; wir ſind hier ſo in Sicherheit, als ob wir uns im Hafen der Inſel Tortue befänden.— Spä⸗ ter, bald vielleicht, wirſt Du die Aufklärung erhalten, die Du verlangſt; ſchon läßt ſich der Donner des Wirbels vernehmen, und das Schiff verlangt jetzt alle meine Aufmerkſamkeit. Montbars entfernte ſich ſogleich und ließ Morvan und Waldblume in tiefem Staunen zurück. Kaum hatte das berühmte Oberhaupt der Flibuſtier ſie verlaſſen, als der Ritter und Wald⸗ blume durch eine ſeltſame Erſcheinung überraſcht wurden. Ob⸗ ſchon das Meer ſehr ruhig und der Wind eher ſanft als heftig war, nahm die Brigantine plötzlich und ohne augenſcheinliche Urſache, eine unerhörte Schnelligkeit der Fahrt an. Zu gleicher Zeit gelangte ein tiefer, andauernder Ton, ähnlich dem fernen Geheule eines wüthenden Tigers, zu ihrem Gehör; dieſes Ge⸗ heule erinnerte Morvan an den„Mönchsbrunnen“ in ſeiner Heimath. Er ſchloß die Augen und ſo groß war die Täuſchung, daß er ſich einen Augenblick an die Küſte von Penmark verſetzt glaubte. Eine Bemerkung, welche der junge Mann ſodann machte, und die ſein Erſtaunen noch vermehrte, war, daß die Mannſchaft der Brigatine dieſen ſchaurigen und ſo unerklärlichen Tönen keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien, während ſeine früheren Gefährten, die Schiffbrüchigen von der Fregatte, gleich ihm er⸗ ſtaunt und überraſcht ſchienen. Er erhob ſich mit Anſtrengung von ſeiner Bank und blickte über das Geländer hinab; der Lauf des Schiffes war ſo reißend ſchnell, daß er davon geblendet war; augenſcheinlich war die Brigantine in eine reißende Strömung gerathen. Ohne das unbegrenzte Vertrauen, welches Montbars dem jungen Manne einflößte, hätte er das Schiff als verloren betrachtet. In der darauf folgenden Stunde fuhr das Schiff immer ſchneller dahin. Der Vordertheil war rechts nach der Küſte gerichtet, und welche Küſte war das!— nichts als ſtarrende Klippen, glich ſoj finnes, van eine tlſchten rickehrt ih ſche ſcheinli ſin und ſch Nieſen ihr fi ſtehen udern ſilße bedar ſch de nit fab der Pr es unſ indtu ietn de 5 Klippen, unnahbare Granitfelſen. Montbars' Tollkühnheit glich ſo ſehr dem Selbſtmord oder einer Handlung des Wahn⸗ ſinnes, ſie lag ſo ſehr außer Allem, was denkbar iſt, daß Mor⸗ van einen Augenblick der Meinung war, daß ſeine Sinne ihn täuſchten. — Nun, mein Freund, ſagte ſein Oheim, der jetzt zu⸗ rückkehrte, was denkſt Du von unſerer Art zu landen? — Nichts, Montbars, als daß ich Alles bezweifle, was ich ſehe, und mir einbilde, ich ſei das Spielzeug eines Traumes! — Dein Erſtaunen wird ſich binnen kurzer Zeit wahr⸗ ſcheinlich noch vermehren. Bemerkſt Du jene beiden ungeheuren Felſen, die verlorenen Poſten, die ſich mitten im Meere erheben und ſich an einander zu lehnen ſcheinen? — Sehr gut, Montbars. — Wir werden zwiſchen dieſen Felſen durchfahren. — O, das iſt unmöglich! Zwiſchen dieſen granitenen Rieſen hat ja kaum eine ſchmale Pirogue Platz. — Die Entfernung täuſcht Dich, dieſe Felſen ſind unge⸗ fähr fünfzig Schuh von einander entfernt.— Doch muß ich geſtehen, daß unſere Brigantine in Stücke geht, wenn das Steuer⸗ ruder nur einen falſchen Stoß erhält; auch werde ich es jetzt ſelbſt ergreifen.— Keine Fragen mehr, lieber Freund; ich bedarf aller meiner Aufmerkſamkeit, all meiner Kaltblütigkeit. Während Montbars ſich ans Steuerruder begab, näherte ſich das Geheul, das man Anfangs in der Ferne gehört hatte, mit fabelhafter Schnelligkeit; bald wurde es unmöglich am Bord der Brigantine ſein eigenes Wort zu vernehmen. Unter allen Perſonen, die ſich am Bord befanden, war es unſtreitig Alain, auf den dieſe ergreifende Scene den meiſten Eindruck machte. In einem Winkel des Verdeckes knieend be⸗ tete der Bretagner andächtig zur heiligen Anna von Auray. — Meine gute theure Frau, ſprach er, ich beſchwöre — 6— Dich, glaube nicht, daß ich an all dieſem Teufelswerke einen Antheil habe! Wenn es mir nur möglich wäre von hier fortzu⸗ gehen, ſo ſei überzeugt, daß ich ſchon längſt am Lande wäre! Wenn mich ein Wunder von dieſer neuen Gefahr errettet, ſo. verſpreche ich Dir, zu den zwei Leuchtern, welche ich Dir bereits ſchuldig bin, noch ein Geſchenk hinzuzufügen— Ach, meine gute heilige Anna! da rennt die Brigantine im vollen Lauf gegen dieſe zwei großen Felſen. Wir ſind verloren! In der That war der Augenblick, in welchem das Schiff zwiſchen den beiden Felſen hindurchglitt, einer jener feierlichen Momente, die im Leben eines Menſchen eine tiefere Spur zu⸗ rücklaſſen, als eine ganze Vergangenheit. Das Schweigen des Todes herrſchte am Bord der Brigantine; nur Montbars lä⸗ chelte. Sein Werk war zum Verwundern gelungen. Kaum hatte das leichte Schiff dieſes furchtbare Hinderniß hinter ſich, als es ſich vor einer Art von Grotte oder großen Oeffnung befand, die entweder durch das unaufhörliche Ein⸗ wirken der Wogen oder durch einen vulkaniſchen Ausbruch zu Stande gebracht war. Das Meer ſtürzte mit unerhörter Wuth in dieſe tiefe Höhlung, aus welcher ſo dichte Schwefeldämpfe emporſtiegen, daß Morvan, der ohnehin durch ſeine Krankheit entkräftet war, beinahe in Ohnmacht fil. — Das iſt der Eingang zur Hölle! rief Alain. Ach, meine gute heilige Anna, habe Mitleid mit Deinem unglück⸗ lichen Diener; entreiße mich den Krallen des Teufels! Der Anblick, welchen die von einer fantaſtiſchen Natur und von erhabenen Schrecken umgebene Brigantine in dieſem Augenblick darbot, war ſo außerordentlich, daß man ihn nicht beſchreiben kann. Von heulenden Wogen fortgetragen, ſchien ſie in weiten Sprüngen dahin zu eilen, und verſchwand zuletzt in dichter inſterni und die tiefen un Springe Montbar ſii das unſern7 brauche in eine nehnen auch no dem ſog ſen Zu den S dus hei hören, Eufen ein d igse dringt ſih au der ei her ge reich a kaſban hih Dine ſhifen ficht — Finſterniß. Plötzlich hellte ein ſanftes Licht das Verdeck auf, und die Brigantine blieb unbeweglich ſtehen; ſie war in einen tiefen unterirdiſchen See gekommen; das Licht drang durch weite Sprünge, die ſich an der Decke der Grotte befanden. — Was hältſt Du von dieſem Orte, lieber Louis? ſagte Montbars; ich zweifle daß die Einbildungskraft je im Stande ſei das zu ſchaffen, was die Natur in dieſem Augenblicke vor unſern Augen ausbreitet! — Wo ſind wir, Montbars? fragte Morvan; miß⸗ brauche nicht meine Leichtgläubigkeit, denn mein Geiſt iſt jetzt in einem Zuſtande, daß ich Deine Erklärungen blind hin⸗ nehmen werde. — Wir befinden uns, mein Freund, an einem wenn auch noch nicht durchforſchten, doch ſchon bekannten Orte, in dem ſogenannten Waſſerſchlund.— Dieſer Schlund, zu deſ⸗ ſen Zugängen reißende Strömungen führen, verurſacht nicht bloß den Spaniern, ſondern auch den nicht eingeweihten Flibuſtiern, das heißt denjenigen, welche nicht unſerer Genoſſenſchaft ange— hören, ſolchen Schrecken, daß die Schiffe ſich nur bis in eine Entfernung von 10 Meilen demſelben zu nähern wagen. So oft ein Erdbeben nahe iſt, kömmt aus dieſem Schlunde ein gewal⸗ tiges Stöhnen und Heulen, das bis nach Port⸗au⸗-Prince dringt und dort Schrecken verbreitet. Dieſer Schlund befindet ſich auf der ſüdlichen Küſte, einige Meilen vom Fluße Naiba, der einer der bedeutenſten der Inſel iſt. Das Land ringsum⸗ her gehört den Spaniern; aber es iſt nicht bewohnt. Es iſt reich an einer wunderbaren Vegetation, und bietet uns einen koſtbaren Ankerplatz; wir verſehen uns da mit Waſſer und Holz, da jagen wir den Eber und wilde Stiere.— Da jetzt Deine Neugierde zum Theil befriedigt iſt, wollen wir uns aus⸗ ſchiffen! Sogleich, wenn wir keinen indisereten Zuhörer zu fürchten haben werden, ſollſt Du auch den Beweggrund erfahren, — der mich hierher geführt hat, und die Geheimniſſe, welche die⸗ ſer Schlund einſchließt. Mit Fackeln verſehene Matroſen ſtiegen in einen Kahn, und führten Montbars, Morvan und Waldblume an das Ufer des unterirdiſchen See's. — Jeanne, ſagte Montbars, indem er dem Mädchen in einem Felſen eine natürliche Aushöhlung zeigte, hier iſt das Ge⸗ mach des Ritters. Befiehl, daß man von der Brigantine alles herbringe, deſſen er benöthigen kann. Wir werden ſogleich zurückkehren. Montbars hob ſeinen Neffen mit den Armen empor und trug ihn durch die Finſterniß ſichern Schrittes, wie Einer, der ſeines Weges gewiß iſt. — Setze Dich auf dieſes Moos, ſagte er ihm nach einem Gang von einer Minute; dann zündete er eine Fackel an, be⸗ feſtigte ſie an einem Felſen, daß ſie eine Strecke ringsumher leuchtete und eine Ueberraſchung verhinderte. Mein lieber Louis, ich habe Dich von der Exiſtenz jener geheimnißvollen Aſſociation in Kenntniß geſetzt, deren Oberhaupt ich bin, und in welche Du Dich geweigert haſt einzutreten; unſere Ankunft in dem Schlunde ſteht mit dieſer Aſſociation in Beziehung. Vergiß vor Allem nicht, daß Du Dich mir gegenüber durch einen feierlichen Eid verpflichtet haſt, von all den Mittheilun⸗ gen, die ich Dir vertraue, nichts zu verrathen. O, ich bedarf keiner neuen Betheuerungen, ich kenne Dich—— Dieſer Schlund, welcher die Bewohner der Inſel St. Domingo ſo ſehr in Schrecken ſetzt, iſt eines unſerer bedeutendſten Hilfsmittel. Wir haben ihn das Aſyl genannt. Er dient uns nicht nur oft dazu, wenn aller Widerſtand unmöglich iſt, den ſpaniſchen Kreuzern zu entwiſchen, ſondern bietet uns auch Gelegenheit unſere Erſparniſſe hier ſicher aufzubewahren. Das Aſyl enthält ungeheure Reichthümer, beinahe alle Capitalien unſerer Aſſo⸗ tiatior meine gen z uns d und1 einen wihre Venn ſo wi Gige liche geſch dilion inde Geno Sot der Schl daß! Nitte ben mach ſes habe brich Gege Gen tit Az ciation. Zur größern Vorſicht— das wiſſen nicht einmal meine Genoſſen— habe ich dahin, wo unſer Schatz ruht, ge⸗ gen zehn Tauſend Pfund Pulver gelegt. Wenn die Spanier uns durch einen übrigens unwahrſcheinlichen Zufall entdeckten, und uns zu verfolgen wagten, ſo müſſen ſie ihre Kühnheit mit einem ſchrecklichen Tode büßen. Einzelne Boucanier wachen fort⸗ während im benachbarten Lande über den Eingang des Aſyls. Wenn ſich in dieſer Gegend ein feindliches Schiff blicken ließe, ſo würde es mir ſogleich ſignaliſirt werden. Meine heutige Gegenwart an dieſem Orte bedeutet, daß wir eine außerordent⸗ liche Verſammlung haben, wie ſie in unſeren Statuten vor⸗ geſchrieben iſt, und in welcher es ſich um eine wichtige Expe⸗ dition handelt, die ich vorſchlage. Alle Matroſen der Brigantine ſind eingeweihte Flibuſtier, die mich begleiten. Mehrere meiner Genoſſen ſind bereits im Aſyl! Das ſetzt Dich in Erſtaunen? So erfahre denn, daß der Schlund ſich durch die ganze Länge der Inſel hinzieht, und an der Nordſeite an den Tag kommt! — Wir ſelbſt kennen nicht alle ſeine Verzweigungen, alle ſeine Schlupfwinkel! Ich habe Dir nun nichts mehr zu ſagen, als daß Dein Matroſe Laurent aller Wahrſcheinlichkeit nach kein Mittel unverſucht laſſen wird, um mich meiner Popularität zu berauben, und mich in den Augen unſerer Brüder verdächtig zu machen. Es iſt möglich, daß der Ehrgeiz und der Hochmuth die⸗ ſes Menſchen mir eine Kataſtrophe bereiten; darum, Louis, habe ich auch mein Teſtament gemacht. Ich bitte Dich, unter⸗ brich mich nicht; Du verbindeſt mich, wenn Du auf dieſen Gegenſtand nicht mehr zurückkommſt; ich verlaſſe Dich um meine Genoſſen von meiner Ankunft zu benachrichtigen. Montbars entfernte ſich und ſchoß, nachdem er ſich orien⸗ tirt hatte, mit einer Piſtole in die Luft. Eine ungeheure Anzahl von Echo's wiederholten den Schuß bis in die letzten Tiefen des Aſyls. W. 5. — 650— VI. In einem der maleriſcheſten Theile dieſer wunderbaren Grotte, welche von den Flibuſtiern in ſo unerſchrockener Weiſe erforſcht worden war, und die ihnen ſeit einer langen Reihe von Jahren zum Zufluchtsorte diente, ging am andern Tage nach Montbars' Ankunft eine wahrhaft ſeltſame Scene vor. Möge ſich der Leſer die Eindrücke und Träume ſeiner Kindheit in Erinnerung zurückrufen, und ſich das Innere eines jener bezauberten Paläſte, die aus Rubinen, Diamanten, Smaragden und Opalen erbaut ſind, vorſtellen, und er wird noch immer nicht den großartigen und erhabenen Anblick errei⸗ chen, welchen der Berathungsſaal der Flibuſtier darbot. Es war eine ausgedehnte natürliche Höhle, die ohne Zweifel vor Jahrhunderten durch eine vulkaniſche Eruption entſtanden war, und eine Länge, Breite und Höhe von je ungefähr hundert Fuß hatte. Unzählige Tropfſteinbildungen und Kriſtalliſationen, die an der Decke und den Wänden hin⸗ gen, und vom Boden emporſtarrten, boten dem geblendeten Auge eine unglaubliche Verſchiedenheit von Geſtaltungen, und glichen, von dem rothen Lichtſchein der Fackeln beleuchtet, bald rieſenhaften Diamantenblöcken, bald dem Regen eines ſchmel⸗ zenden Metalles. Mehrere tiefe und ſchmale Höhlungen in den Felſen umrahmten dieſe blendende Maſſe von Licht und Feuer mit geheimnißvollem Dunkel. Von den hundertundfünfzig ein⸗ geweihten Flibuſtiern, aus welchen dieſe gefürchtete und ge⸗ heimnißvolle Aſſoeiation beſtand, fanden ſich achtzig zu dieſer von den Statuten feſtgeſetzten jährlichen Verſammlung ein. Die bis an die Zähne bewaffneten Flibuſtier waren in dieſem unterirdiſchen Saale maleriſch verſtreut. Alle ſtanden auf ihre langen Flinten geſtützt, und beobachteten ehrfurchts⸗ volles Stillſchweigen; Montbars ſprach: wlchen der Pe im Sch legen. noch fi inen eine N unterſt nittel niß w der K wi I ner kauſt, ihn g wird nehm ausge mandi der i hohe meine laſſe werde in un ullſt nuhr heißt zriſch einge it, — Brüder der Küſte, ſagte er, der Augenblick iſt da, in welchem wir aufhören müſſen, ruhmloſe Abenteurer, Werkzeuge der Politik der Könige zu ſein!— Bis jetzt iſt unſere Macht im Schatten groß geworden; wir müſſen ſie endlich' an den Tag legen. Die Rolle der Seeräuber paßt weder für unſere Würde, noch für unſern Muth.— Man behandelt uns verächtlich als einen Haufen von Abenteurern; zeigen wir, daß wir ein Volk, eine Nation ſind!— Dank meinen durch Eure Unerſchrockenheit unterſtützten Beſtrebungen verfügen wir über ungeheure Hilfs⸗ mittel; unſerem Golde und unſerem Eiſen muß jedes Hinder⸗ niß weichen, das wir zu beſeitigen wünſchen; Jedes! Brüder der Küſte! ich komme von Fraukreich an; ich habe mit Lud⸗ wig XIV. dem großen König unterhandelt. Ich bin ihm in ſei⸗ ner Noth beigeſprungen; ich habe die moraliſche Autorität er⸗ kauft, die wir durch ein Bündniß mit ihm erhalten; ich habe ihn gezwungen unſern Intereſſen zu dienen. Binnen kurzer Zeit wird er im Verein mit uns eine bedeutende Expedition unter⸗ nehmen, die den Zweck hat Carthagena zu erobern! Ich habe ausgewirkt, daß unſere Kräfte von einem der Unſerigen com⸗ mandirt werden; daß unſere Oberhäupter mit den Offizieren der königlichen Marine im gleichem Range ſtehen; mir ſelbſt habe ich unbedingte Vollmacht vorbehalten. Brüder der Küſte! meine Abſicht iſt nicht, Euch Euer Vaterland verleugnen zu laſſen, Euch ſeines geſchichtlichen Ruhmes zu berauben! Wir werden Frankreich tributpflichtig bleiben; aber ich will, daß wir in unſerer Unterwerfung, wie willig und patriotiſch ſie auch ſei, vollſtändige Unabhängigkeit und unbehinderte Freiheit be⸗ wahren! Sobald wir einmal Herren von Carthagena, das heißt Beſitzer der Küſte von Südamerika ſind, muß Jamaica, zwiſchen der Inſel St. Domingo und unſerer neuen Eroberung eingezwängt, in unſere Gewalt fallen. Jamaica, vergeßt dieß nicht, iſt der Schlüſſel zu den Antillen! Dann, Brüder, wird 5* 3 — keine menſchliche Macht im Stande ſein uns zu vernichten, ſich unſern Fortſchritten wirkſam entgegenzuſetzen, unſeren Ero⸗ berungen Einhalt zu thun! Vor dem Ablauf von zehn Jahren wird der ſpaniſche Theil Amerika's uns angehören; in einem Jahrhundert vielleich werden unſere Nachkommen die europäiſche Civiliſation nach den Tropengegenden verpflanzen! Meine Blicke ſind geblendet, wenn ich an dieſe wahrſcheinliche Zu⸗ kunft, an den Glanz, der uns vorbehalten iſt, denke! Ein letztes Wort, Brüder der Küſte! Dank meinen unausgeſetzten, tiefen Studien, vielleicht auch in Folge glücklicher Zufälle habe ich die Taktik zur See bedeutend verbeſſert; ich habe, wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf, eine neue Marine geſchaffen. Ich fordere alle vereinigten Mächte heraus uns auf der See zu ſchlagen. Die Herrſchaft des Oceans gehört uns ungetheilt und unbeſtritten.— Ihr zweifelt?— Vergeſſet nicht, was die Ruhmliebe im Verein mit der Freiheitsliebe auszurichten im Stande ſind.— Iſt Euch die Einfahrt meiner Brigantine in den Schlund nicht eine genügende Thatſache um Euch von meiner Erfindung einen Begriff zu geben?— Wer unter Euch, ich wiederhole es, könnte anders als mit einem leichten Fahrzeug, einer Pirogue oder einem Kahne ungefährdet in den Schlund gelangen? Wer unter Euch iſt derjenige, der es wagen würde, meine Brigantine, die jetzt unter den Gewölben des Aſyls vor Anker liegt, trotz der Heftigkeit der Strömung zu⸗ rück auf die hohe See zu bringen? Er möge vortreten, das Werk unternehmen, und zu Ende führen. Ich werde mich vor ſeinem Genie beugen; ich werde ihn als meinen Meiſter aner⸗ kennen! Brüder der Küſte, ich komme zum Ende. Seitdem Ihr mich zum Oberhaupt unſerer Genoſſenſchaft gewählt habt, habe ich bei Euch immer vollſtändige Dienſtfertigkeit und Ergebenheit gefunden. Heute verlange ich noch mehr von Euch: unbedingten Gehorſam und pollſtändige Selbſtverleugnung! Dagegen mache ich nich buch z geßt de imner ich uf Silbſt ſirt wa Brnvo noch, ſpruch Volls rühmt ſileit nacha Rde der K dring ſpricht Vas Unſu Frul hein einer will, Von biſ, Dein nita werde Eur ich mich anheiſchig, Euch die Herrſchaft des Ozeans zu verſchaffen, Euch zu einem großen Volke zu machen! Ich habe niemals, ver⸗ geßt das nicht, mein Wort gebrochen, ich habe mein Verſprechen immer gehalten; wozu ich mich verpflichte, das thue ich! Kann ich auf Euch rechnen? Montbars' Rede athmete ſolche Begeiſterung und ſo tiefes Selbſtvertrauen, daß die eingeweihten Flibuſtier davon electri⸗ ſirt waren. Sie antworteten ihm mit frenetiſchem anhaltendem Bravorufen. Der lärmende Ausdruck ihrer Zuſtimmung dauerte noch, als eine klangvolle ironiſche Stimme ſich erhob, um Ein⸗ ſpruch zu thun; es war die Stimme des ſchönen Laurent. Die Volksthümlichkeit, oder beſſer geſagt, der Ruf, deſſen dieſer be⸗ rühmte Flibuſtier genoß, war ſo groß, daß ſich das Schweigen ſogleich wie durch Zauber herſtellte. — Freunde! rief Laurent, ich werde Montbars nicht nachahmen; ich werde nicht eine lang bedachte und vorbereitete Rede an Euch halten; wenig Worte werden mir genügen: Brü⸗ der Küſte, nehmen wir uns in Acht! Man will uns in eine Bahn drängen, die unſeren Neigungen, unſerem Geſchmack nicht ent⸗ ſpricht. Was ſind wir? Freudige, unerſchrockene Abenteurer! Was wollen wir? Krieg, Gold und Weiber! Warum ſetzen wir unſer Leben auf's Spiel? Um uns die Genüſſe des Lurus, die Freuden der Orgie zu verſchaffen!— Was gehen mich die Ge⸗ heimniſſe der Zukunft an! Was habe ich nöthig der Gründer einer künftigen, völlig zweifelhaften Macht zu werden! Was ich will, das iſt ein kurzes, angenehmes Daſein.— Parbleu! Montbars, ich bewundere Dich.— Wie! weil Du ehrgeizig biſt, weil Du nach Ruhm trachteſt, ſchlägſt Du uns vor, uns Deinen perſönlichen Projekten zu widmen! Du wagſt es, uns mit aller Unverſchämtheit Deines Hochmuths zu ſagen:„Freunde, werdet die blinden Werkzeuge meines Rufes, ich geruhe mich Euer zu bedienen, um meinen Namen auf die Nachwelt zu ver⸗ erben.“ Wahrhaftig, das iſt doch zu unverſchämt! Und was bieteſt Du uns zum Erſatz für die Opfer, welche Du von uns verlangſt? Unſere koſtbare Unabhängigkeit gegen eine ſchmäh⸗ liche Knechtſchaft zu vertauſchen! Deine Unterthanen zu werden! — Du verachteſt uns alſo? Laurent ſchwieg ein wenig; dann änderte er den Ton und ſprach feierlich: — Montbars, ich weiſe nicht nur die erniedrigende Skla⸗ verei, welche Du uns vorſchlägſt, mit allem Stolze meiner Un⸗ abhängigkeit zurück, ſondern ich gehe noch weiter: ich klage Dich hiermit in Gegenwart Aller laut an, unſer Vertrauen un⸗ würdiger Weiſe mißbraucht, unſere Intereſſen Deinen perſön⸗ lichen Rückſichten geopfert zu haben!— Du magſt Dich in den Mantel Deiner Größe hüllen, Deine Heuchelei täuſcht mich nicht! Ich werde Dir die Maske abreißen, mit welcher Du Dich zu bedecken ſtrebſt. Montbars, ich will Dir ſagen, was Dein Zweck iſt: aus Frankreich verbannt, weil Du Dich einmal gegen das Anſehen des Königs verſchworen haſt, willſt Du uns, an Händen und Füßen gebunden, dem Hof überliefern und ſelber den Beſitz Deiner confiscirten Güter wieder antreten.— Ich weiß auch, was Du in Frankreich gethan haſt: Du haſt unſer beſtes Gold verſchwendet, Ludwig XIV. zehn Millionen gegeben! Was lag Dir daran! Das Gold, welches Du auf dieſe Weiſe verſchwendet haſt, gehörte nicht Dir, und indem Du uns zu Grunde richteteſt, gelangteſt Du wieder zum Beſitz Deines Ver⸗ mögens. Das war für Dich ein guter Handel!— Brüder der Küſte! Ihr habt meine Anklage vernommen; Montbars iſt durch⸗ aus nicht verhindert, ſich zu vertheidigen. Ich fordere ihn her⸗ aus, ſeine Unſchuld zu beweiſen! Laurents mit ſeltener Geſchicklichkeit berechneter Angriff machte auf die Eingeweihten einen unbeſchreiblichen Eindruck, Indem der Flibuſtier ſich auf ihre rohen, regelloſen Neigungen, uf ihr ſinn b geweſ denn enifer zehn ein B tion. Vorſ den! lon2 „me Mon hab neh trüſ vielg tetn henl Lic die ihn, kan var etwe nit Flit de on rif . en, auf ihre Habgier und Genußſucht, auf ihren Rnabbinigkeite ſinn berief, traf er den rechten Fleck. Montbars, der einige Minuten vorher noch ſo populär geweſen, erſchien ihnen als Verräther und als Feind. — Brüder der Küſte! rief er, ohne Zeit zu verlieren, denn er begriff die Schwierigkeit ſeiner Lage, ich bin weit davon entfernt, Euch zu verhehlen, daß ich dem König von Frankreich zehn Millionen vorgeſtreckt habe. Dieſes Darlehen iſt nicht nur ein Ruhm für uns, ſondern auch eine ſehr vortheilhafte Opera⸗ tion. Durch die Einnahme von Carthagena wird uns dieſer Vorſchuß fünffach zurückerſtattet werden! — Die Expedition nach Carthagena wird nicht ſtattfin⸗ den! unterbrach ihn Laurent heftig. Auch ich habe Nachrichten von Verſailles, obwohl ich nicht ungeheure Summen verſchwende, um eine vermeintliche Polizei zu unterhalten. Es iſt kaum ein Monat verfloſſen, ſeitdem ich die förmliche Verſicherung erhalten habe, daß Monſeigneur de Pontchartrain ſich gegen dieſes Unter⸗ nehmen ganz kategoriſch ausgeſprochen hat. Brüder der Küſte, tröſten wir uns; wir haben zehn Millionen verloren, aber unſer vielgeliebtes Oberhaupt wird den Beſitz ſeiner Würden und Gü⸗ ter wieder erlangen. Es lebe Montbars! Auf dieſen ironiſchen Ausruf erſcholl ein drohendes Ge⸗ heule, gleich einem Orkan. Ein trauriges, verachtungsvolles Lächeln ſpielte um die Lippen des Oberhauptes und bewies, daß die Undankbarkeit und Ungerechtigkeit der Eingeweihten gegen ihn, wie unvorhergeſehen ſie auch kamen, ihn nicht überraſchten. Er kannte die Menſchen. Den Kopf erhoben und die Arme gekreuzt, wartete er, bis der durch Laurents gehäſſige Perfidie gegen ihn erweckte Sturm ſich legte, da erſcholl mitten im Tumult das mit ſeltener Würde ausgeſprochene Wort:„Ruhe!“ Die Flibuſtier, die entweder eine neue Anklage gegen ihr Oberhaupt oder einen neuen Zwiſchenfall erwarteten, ſchwiegen. Dann —= 56— ſchritt ein Mann, der ſich während der ganzen Berathung der Eingeweihten in einem der dunkeln Winkel der Grotte aufge⸗ halten hatte, langſam in die Mitte der Menge. Beim Erſcheinen des Neuangekommenen zeigte ſich eine lebhafte Bewegung der Neugierde, mit Staunen und Ehrfurcht gemiſcht, bei den Fli⸗ buſtiern. — Derkönigliche Gouverneur auf der Inſel St. Domingo, Ducaſſe! murmelte Laurent. Obſchon die königliche Autorität bel den Flibuſtiern nicht von beſonderem Gewicht war, ſo war ſie doch nicht ohne Ein⸗ fluß auf ſie. Die Macht Ludwigs XIV. wurde im 17. Jahrhun⸗ dert als göttliche Macht angeſehen. Auch war es den Abenteu⸗ rern von St. Domingo nicht unbekannt, daß der König im Stande war, ihnen die Freiheit, die er ihnen ließ, zu nehmen. Daher zeigten ſie ſich den Statthaltern, welche man ihnen ſchickte, ſtets ergeben. Beſonders erfreute ſich Ducaſſe, der ſich, bevor er in die königliche Marine eingetreten und Statthalter von St. Domingo geworden war, als Flibuſtier ein ungeheures Vermögen und einen ſehr ſchönen Ruf erworben hatte, bei den Abenteurern eines fabelhaften Credits. Seine Rechtſchaffenheit und Charakterfeſtigkeit ward von Niemanden beſtritten; man wußte, daß er der Reue und Unterwürfigkeit gegenüber eben ſo duldſam und barmherzig war, wie ſtreng und unverſöhnlich ge— gen den Widerſtand. — Meine Herren, ſagte Ducaſſe, während Alle tiefes Stillſchweigen beobachteten, ſeht jetzt in mir nicht den von Sr. Majeſtät Ludwig XIV. ernannten Statthalter. Ich bin hieher gekommen, um die Erinnerungen meiner Jugend wieder zu be⸗ leben, um mir die ſchönſte Zeit meines Lebens ins Gedächtniß zurückzurufen! Wenn Montbars es jemals verſuchen ſollte, die Ehrfurcht, die er dem König ſchuldig iſt, zu verletzen, ſo würde ich entweder meine Entlaſſung einreichen oder ihn unbarmherzig wederl Küſte! bewie ein R Dieſe eiferſi lerlor und it gena nit ins( — E wiede ſehr nich der 1 tnp Mor benh dara von Vor verli würd — 55— verderben!— Das geht nur mein Gewiſſen an. Brüder der Küſte! Ihr habt jetzt eine Ungerechtigkeit, eine Undankbarkeit bewieſen, die mich peinlich berührt haben.— Montbars hat ein Recht auf Eure volle Achtung, auf Eure ganze Dankbarkeit! Dieſe zehn Millionen, welche verſchwendet zu haben ihm eine eiferſüchtige Nebenbuhlerſchaft zum Vorwurf macht, werden nicht verloren ſein. Ludwig XIV. kann ſeinem Wort nicht untreu ſein; und ich verpfände meine Ehre, daß die Expedition nach Cartha⸗ gena ſtattfinden wird, bevor ein Jahr zu Ende geht! — Selbſt gegen den Willen des Königs? fragte Laurent mit Hoheit. Ducaſſe überlegte, dann erwiderte er ihm, indem er ihm ins Geſicht ſah: — Ja, Laurent, ſelbſt gegen den Willen des Königs! — Eine einfache Unterſchrift genügt, daß ich meine Freiheit wieder erlange, und meine alte Boucanierflinte iſt noch nicht ſo ſehr von Roſt zerfreſſen, daß ich nicht zuweilen Luſt verſpüre, mich ihrer zu bedienen! Dieſe von Ducaſſe mit jener kalten Entſchloſſenheit, welche der Menge immer imponirt, ausgeſprochenen Worte veränder⸗ ten plötzlich die Stimmung der Flibuſtier; ſie drängten ſich um Montbars und Jeder verſicherte ihn ſeiner unbegrenzten Erge⸗ benheit. — Dank, Matroſe, ſagte Montbars eine halbe Stunde darauf, als er mit Ducaſſe allein in der Grotte war; ich habe von Dir nichts weniger erwartet! Weißt Du, daß Du Dein Wort jetzt ſchwer verpfändet haſt!— Wenn Ludwig XIV. uns verließe? — Dann, Matroſe, würde ich dem König ſchreiben: „Sire, Sie haben einen Ihrer guten Diener gemordet.“ Ich würde mir das Gehirn zerſchmettern. — Du willſt ſagen: wir würden uns das Gehirn zer⸗ ſchmettern. Als Montbars zu Morvan zurückkehrte, war der junge Mann von einem heftigen Fieber befallen. Ein bei den Flibu⸗ ſtiern angeſtellter Arzt wachte bei ihm. — Nun, fragte Montbars unruhig, was halten Sie von dem Kranken? — Zu der Wunde hat ſich der Brand geſchlagen, die Amputation kann jetzt nur mehr auf Leben oder Tod vorgenom⸗ men werden. Waldblume ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus; ſie ſtürzte gegen den Arzt und den Ritter vor, als ob der junge Mann bedroht wäre und als ob ſie ihn vertheidigen wolite. — Niemand darf meinen Ritter Louis berühren! rief ſie. Dann fiel ſie auf die Knie nieder und ſprach ſchluchzend: — Heilige Jungfrau! Du wirſt ihn retten, denn Du willſt meinen Tod nicht! VII. Zwei Tage nach der geheimnißvollen Verſammlung der eingeweihten Flibuſtier im Aſyl ſegelte Montbars' Brigantine, nachdem ſie die ſieben Arme des Flußes Naiba paſſirt hatte, vor Petit⸗Trou und der Spitze von Monyon, den erſten franzöſiſchen Beſitzungen am ſüdlichen Theile der Inſel St. Domingo, vor⸗ über. Einige Stunden darauf war ſie gegen die ſpaniſchen Kreu⸗ zer, welche in dieſe feindlichen Gewäſſer nur nächtlicher Weile und mit Piroguen zu kommen wagten, vollkommen in Sicherheit. Ducaſſe, Morvan, Waldblume und Alain befanden ſich auf Montbars' kleinem Schiffe. Montbars ſaß am Hamae, in welchem der unglückliche Ritte ger2 Ver ſtier chen duß er fü ausz ſame liche ehrt vich eine ſuc ner zu wüt ich bit oh gel ſch che Ve in den den gro ein Ritter ruhte, und ſah ſehr beſorgt aus; ſein düſterer, unruhi⸗ ger Blick wollte ſich von dem farbloſen abgemagerten Geſicht des Verwundeten gar nicht abwenden; vergebens ſuchte der Flibu⸗ ſtier ſich ſelbſt zu täuſchen, jeden Augenblick kam ein neues Zei⸗ chen eines ſo ſichern, unabwendbar nahen Todes zum Vorſchein, daß es ihm unmöglich war länger zu zweifeln. — Armer Louis! murmelte er, endlich aufſtehend, denn er fühlte nicht mehr die Kraft, dieſen traurigen Anblick länger auszuhalten, armer Louis!— Warum habe ich ihn ſeinem ein⸗ ſamen und friedlichen Leben entriſſen!— ihn in ein abenteuer⸗ liches Leben geſchleudert, für welches er nicht geboren war!— Es war mir ſo leicht ihm ein ſchönes Vermögen zu ſichern, eine ehrenvolle Unabhängigkeit zu begründen! Der Egoismus hat mich verleitet. Ich bedurfte eines Herzens, das mich liebte, eines Armes, auf den ich mich verlaſſen konnte. Mein Bruder, fluche mir nicht. Wenn Du von der Höhe des Himmels in mei⸗ ner Seele lieſeſt, ſo mußt Du wiſſen, daß ich, um Deinen Sohn zu retten, gern die wenigen Jahre meines Lebens hingeben würde, die mir noch beſchieden find. Unfinniger Wunſch! Bringe ich nicht Unglück? Werden nicht Alle, die mich umgeben, die Opfer meines unſeligen Einflußes? Ich allein gehe unverwund⸗ bar, und verflucht durch die Kataſtrophen und die Gefahren, ohne daß mich der Tod nur mit dem äußerſten Ende ſeines Flü⸗ gels berührte! Soll denn nie die Stunde der Ruhe für mich ſchlagen? Welches Verbrechen habe ich begangen, um ein ſol⸗ ches Schickſal zu verdienen? Ich weiß es nicht! Wenn meine Vergangenheit mit Blut befleckt iſt, ſo iſt dieſes Blut wenigſtens immer in gerechtem Kampf und muthiger Weiſe vergoſſen wor⸗ den.— Schrecklich bin ich in der Schlacht, wenn es gilt für den Ruhm Frankreichs zu kämpfen, doch im Siege war ich immer großmüthig und gnädig.— Ja, meine Vergangenheit iſt die eines Soldaten, fuhr Montbars nach einigem Nachdenken fort, — 655 aber meine Gedanken ſind nicht die eines Chriſten. Nicht der Erhaltungstrieb, noch die Nothwehr bewaffnet meinen Arm, ſon⸗ dern der Geiſt der Rache! Wenn ich einen Spanier zu meinen Füßen niederſinken ſehe, ſo fühle ich eine wilde Freude, da freue ich mich über ſeine Qualen. Das Schmerzgeſchrei meines un⸗ glücklichen, mit dem Tode ringenden Bruders, als ihn Mon⸗ terey's Sklaven peitſchten, wiederhallt mir fortwährend in den Ohren und macht mich unverſöhnlich.— Ich weiß wohl, mein Gott, daß ich meine Erinnerungen verbannen, Dir meinen Haß zum Opfer bringen ſollte. Allein ich kann nicht; nein, ich kann es nicht! Montbars betrachtete den unglücklichen Verwundeten, der in einem unruhigen Schlafe lag, noch einige Secunden, dann entfernte er ſich, halblaut ſprechend: — Ich habe Unrecht, mich ſelber anzuklagen. Louis' Tod iſt im Gegentheil eine Warnung vom Himmel, eine Züchtigung dafür, daß ich ſo lange zögerte, den Frevler zu beſtrafen. Die Entfernung, welche den Fluß Naiba vom Cap trennte — das Oberhaupt der Flibuſtier ſchlug den Weg nach dieſer Stadt ein— betrug mehr als hundertundfünfzig Meilen. Mont⸗ bars brauchte, von ſeiner kühnen Gewandtheit und dem günſti⸗ gen Winde unterſtützt, kaum drei Tage, um dieſen Weg zurück⸗ zulegen. Dieſer kurze Zeitraum genügte jedoch, daß ſich der Zu⸗ ſtand des Ritters außerordentlich und in ſichtlicher Weiſe ver⸗ ſchlimmerte; es bedurfte großer Vorſicht, um ihn ans Land zu bringen. In Cap beſaß Montbars eine Wohnung, um welche ihn die reichſten Anſiedler von St. Domingo beneideten; dahin ließ er Morvan bringen. Kaum hatte er ſeinen Neffen in ſeinem eigenen Zimmer untergebracht, als Montbars die drei Aerzte, welche damals in Cap anſäſſig waren, berufen ließ. Wir müſ⸗ ſen nämlich bemerken, daß viele Aerzte ohne Kundſchaft, da ſie wußte durft Glüc nach hier unde daß i ſein der die als melt ſche nor das gere dieſ wen übe 3) ſo mü ber aus von Ne wußten, wie oft die Boueanier und Flibuſtier ihrer Dienſte be⸗ durften, von Europa auswanderten um in St. Domingo ihr Glück zu machen. Die Berathung der Aerzte dauerte nicht lange; ſie kamen nach einer kurzen Unterſuchung des Verwundeten überein, daß hier zu einer ſchleunigen Amputation geſchritten werden müſſe; und auch bei dieſem äußerſten Mittel ſtanden ſie nicht gut dafür, daß der unglückliche junge Mann mit dem Leben davon komme. Für Montbars, deſſen raſtloſer und mächtiger Organismus ſein Element nur in der Gefahr fand, war dieſer Beſchluß, der den Ritter zur Unthätigkeit verdammte und unfähig machte die Laufbahn des Krieges weiter zu verfolgen, weit ſchrecklicher als der Tod ſelbſt. — Meine Herren, ſagte er zu den im Salon verſam⸗ melten Aerzten, der Verwundete, den ſie ſoeben beaugen⸗ ſcheinigt haben, iſt Blut von meinem Blute und mein ange⸗ nommener Sohn! Ueberlegen Sie noch. Es gibt kein Opfer, das ich nicht zu bringen entſchloſſen wäre, wenn er nur dadurch gerettet wird. Derjenige unter Ihnen, der dem Ritter ohne die ſchreckliche Verſtümmelung, welche Sie für unungänglich noth⸗ wendig halten, ſeine Geſundheit wieder gibt, ſoll das Recht haben über mein ganzes Vermögen zu verfügen! Ich wiederhole es Ihnen daher, überlegen Sie noch!— Montbars' Großmuth war ſo bekannt, ſein Vermögen ſo ungeheuer, daß die Aerzte von der Erfolgloſigkeit ihrer Be⸗ mühungen ſehr ſtark überzeugt ſein mußten, wenn ſie es nicht verſuchten Morvan zu heilen. Sie verharrten bei ihrer bereits ausgeſprochenen Meinung. — Wir müſſen noch hinzufügen, erwiderte der Aelteſte von den drei Aerzten, daß da kein Augenblick zu verſäumen iſt. Morgen wird dieſe Operation, die ſchon heute ſo gefährlich iſt, 6 vielleicht gar nicht mehr möglich ſein. Eine Stunde verſäumt, und die Wiſſenſchaft muß ſich zurückziehen! — Gut, meine Herren, antwortete Montbars kalt, in⸗ dem er ſich große Gewalt anthat, um ſeine Verzweiflung nicht zu verrathen, da die Amputation einmal nothwendig iſt, ſo muß ſie ſo ſchnell als möglich ausgeführt werden. Wer von Ihnen übernimmt es den Ritter von dieſer traurigen Nothwendigkeit in Kenntniß zu ſetzen? Die Aerzte, durch ihren Beruf an Unempfindlichkeit ge⸗ wöhnt, erhoben ſich alle drei zugleich. — Haltet ein! rief Waldblume, die ſchweigand dieſer Be⸗ rathung beigewohnt hatte, der Ritter Louis iſt mein Bruder, mir allein kommt das Recht zu, ihm die traurige Botſchaft zu bringen. Indem Waldblume dieſes ſprach, leuchtete ihr Blick, und ihr Geſicht war geröthet. Montbars betrachtete ſie mit Unruhe. — Meine gute Jeanne! ſprach er liebevoll, ich fürchte, daß dieſe Sendung über Deine Kräfte gehe!— Seit den acht Tagen, während welcher Du am Bette unſeres unglücklichen Verwundeten wachſt, haſt Du keinen Augenblick Ruhe genoſſen. Folge mir, ſetze Dich keiner Aufregung aus, die über Deine Kräfte geht! Ueberlaſſe es dem Arzte den Ritter auf das Opfer vorzubereiten, welches man von ihm erwartet.— — Nein— nein— niemals! unterbrach ihn Jeanne mit Energie. Mein Ritter Louis liebt mich, das weiß ich. Montbars, ſage mir nichts dagegen. Ich will ihn ganz allein, ohne die Gegenwart eines Andern ſprechen. — Aber, Jeanne, was hoffſt Du denn? — Begreifſt Du denn nicht, Montbars, ſagte Wald⸗ blume leiſe und ſchnell, das Oberhaupt der Flibuſtier auf's Neue unterbrechend, daß wenn mein Ritter Louis Furcht zeigt, kein Fremder Zeuge ſeiner Schwäche ſein darf? ſchwe Vom nennf Und ſchlech iſtm nicht über entſt ih ſ uil; laſſ ſop ſev wohl duri zeug * — 69— Dieſe Antwort überraſchte Montbars über allen Ausdruck. — Ein ſonderbares Kind, ſagte er nach kurzem Still⸗ ſchweigen. Nie hätte ich von Dir dieſes Zartgefühl erwartet. — Wie konnte Dir dieſe Idee kommen, die doch ſo ſehr zu den Vorurtheilen der Welt gehört? — Montbars, ich weiß nicht, was Du Vorurtheil nennſt. Ich liebe die muthigen Menſchen, das iſt Alles.— Und dann verſichere ich Dich, daß Du mich mit Unrecht ſo ſchlecht beurtheilſt. Seitdem ich meinen Ritter Louis kenne, iſt mit mir eine große Veränderung vorgegangen.— Ich bin nicht mehr das, unwiſſende Boucaniermädchen von früher. Ich überlege, ich vergleiche. Sonſt war ein Gedanke kaum in mir entſtanden, als er mir ſchon über die Lippen flog. Heute habe ich ſchon meine Geheimniſſe; ich rede nur dann, wenn ich reden will; fürchte nichts, Montbars; habe Vertrauen zu mir, und laſſe mich meinem Ritter die Nachricht bringen. — Möge Gott Dir die Worte eingeben, meine ſüße Waldblume! antwortete der Boucanier mit tiefer Rührung. Ja, Du haſt Recht, es iſt beſſer Louis erfahre ſeinen ver⸗ zweifelten Zuſtand aus Deinem Munde, als aus dem eines Fremden. Gehe, Jeanne; wir werden Dich hier erwarten. Niemand ſoll Deine Unterredung ſtören. — Ja, Gott wird mir die Worte eingeben! ſagte Jeanne, und entfernte ſich ſogleich. Als Jeanne in das Zimmer des Ritters trat, ſchlief er. Sie blieb vor dem Bette ſtehen, und mit geſenktem Kopf, herabhängenden Armen und gefaltenen Händen blieb ſie vor dem Verwundeten wie in Verzückung ſtehen. S— — Wie ſchön er iſt! flüſterte ſie voll Leidenſchaft; ob⸗ wohl ſeine Züge vom Leiden verzerrt, blaß vom Fieber, und durch den Mangel an Nahrung abgezehrt ſind.— Ich bin über⸗ zeugt, wenn Nativa ihn in dieſem Zuſtande ſähe, ſie würde ihn —— nicht ſo bewundern, wie ich. Warum? Ohne Zweifel, weil Nativa eines von jenen Mädchen aus den Städten iſt, welche die Schönheit nur dann begreifen, wenn ſie zum Auge ſpricht. Ja, das iſt es.— Ich ſehe in dieſem Ausdruck von Güte und Adel, welcher das Geſicht meines Ritters beſeelt, ſeine Seele. Muth! Waldblume legte ihre Hand auf's Herz um dem gewaltigen Pochen deſſelben Einhalt zu thun, dann ſprach ſie flüſternd: — Mein Ritter Louis, i54 bin es! Jeanne! Willſt Du mir nichts ſagen? Obſchon Waldblume ſehr leiſe geſprochen hatte, öffnete Morvan doch ſogleich die Augen; ſanftes Lächeln zeigte is auf ſeinen entfärbten Lippen. — Ich träumte von Dir, meine Schweſter, ſagn er. Jeanne fühlte, wie ihr die Thränen ins Auge drangen⸗ Aber mit einer Feſtigkeit, deren wenig Frauen fähig wären, beherrſchte ſie ihre Rührung.. — Mein Ritter Louis, ſagte ſie, indem ſie ſich auf einen neben dem Bette ſtehenden Armſtuhl niederließ, ich komme mit einer ſchlechten Nachricht zu Dir— ich muß mich ſelbſt an⸗ klagen, daß ich Dich getäuſcht habe. — Erkläre Dich, Waldblume. — Ja, ich habe Dich getäuſcht, fuhr Jeanne mit Zwang fort, ich habe Unrecht gethan!— Seit dem Schiffbruch der Fregatte haſt Du mich unaufhörlich lächeln geſehen! Nie iſt ein Wort der Entmuthigung über meine Lippen gekommen. Dennoch war die Verzweiflung in meinem Herzen!— Ich wartete, bis Du ſchliefeſt um mich ausweinen zu können!— Mein armer Ritter Louis! wie ſtelle ich es nun an, daß ich Dir die Wahr⸗ heit geſtehe? — Sprich ohne Furcht, Waldblume, ſagte Morvan trau⸗ rig, ich bin nicht eines jener Kinder, die durch das Glück ſo ſehr verdorben ſind, daß eine kleine Widerwärtigkeit in ihren Auger wächſt er h u — 72) — — die u blun dann wiede dih Sch theil ſpuuc min über wen ich ſcho ſoll dahi zud ſchei den * — 65— Augen zu den Verhältniſſen eines wahrhaften Unglückes heran⸗ wächſt. Mein Daſein iſt bisher zu viel geprüft geweſen, als daß der Schmerz meine Reſignation oder meinen Muth übermanne. Ich habe leiden gelernt. Welche iſt die ſchlimme Nachricht, die Du mir anzuvertrauen zauderſt? — Es handelt ſich um Deine Wunde, mein Ritter! Morvan lächekte. — Ich weiß, daß ſie tödtlich iſt, antwortete er ruhig. — Und Du haſt mir davon nichts geſagt! rief Jeanne, die unfähig, ſich länger zu halten, in Schluchzen ausbrach. — Warum ſollte ich Dich betrüben, meine ſüße Wald⸗ blume?— Ich wollte meine letzte Stunde abwarten, um Dir dann Lebewohl zu ſagen! Weine nicht ſo! Dein Schluchzen wiederhallt ſchmerzlich in meiner Bruſt. Jeanne, ich beſchwöre Dich, weine nicht! — Wir haben uns beide getäuſcht, mein Ritter. — Weil wir uns lieben und weil wir einunder den Schmerz erſparen wollten. Die Aerzte haben mir alſo das Ur⸗ theil gefällt, nicht wahr? Wie lange kann ich nach ihrem Aus⸗ ſpruch noch leben? An welchem Tag, in welcher Stunde wird mein Tod eintreffen? — Nein, mein theurer Ritter, die Aerzte verzweifeln nicht über Dich!— Sie ſtehen ſogar für Dein Leben ein.— Nur, wenn Du wüßteſt— — Das Opfer, welches ſie von mir verlangen, werde ich nicht bringen!— Es iſt ſchon zu viel, Waldblume, es iſt ſchon genug, daß mein Herz in meinem Alter abgeſtorben iſt, ſoll auch mein Körper wie ein Galeerenſklave ein elendes Daſein dahinſchleppen! Ich bin ein zu guter Chriſt, um an Selbſtmord zu denken; aber wenn ich den ungewiſſen Erfolg einer wahr⸗ ſcheinlich nutzloſen Operation vor mir habe, ſo bin ich berechtigt, den Tod vorzuziehen. — 66 Während Morvan ſo ſprach, ſchien Waldblume, in tiefes Nachdenken verſunken, ihn gar nicht zu hören. — Mein Ritter Louis! rief ſie plötzlich und hörte auf zu weinen, willſt Du mir bei unſerer Patronin, der heiligen Anna von Auray ſchwören, daß Du Deinen Entſchluß nicht ändern wirſt? daß Du, wenn ich fort bin, bei Montbars' Bitten un⸗ erſchütterlich bleiben wirſt? — Gern, Waldblume; aber erkläre mir dieſe Aenderung. — Die Augenblicke ſind koſtbar, lebe wohl! Auf Wieder⸗ ſehen, mein Ritter Louis.— Ich habe es nicht gewagt Dir zu rathen, daß Du dem Vorſchlag der Aerzte widerſteheſt, ich kann Dir nicht ſagen, wie glücklich mich Dein Entſchluß macht. — Auf Wiederſehen, mein Ritter, mein Bruder— auf Wie⸗ derſehen! Mit ſtrahlendem, begeiſtertem Geſichte entfernte ſich Jeanne ſogleich und ließ Morvan in außerordentlichem E Erſtau⸗ nen zurück. VIII. Es war Mitternacht. Eine ſchwere von Electrizität erfüllte Luft laſtete auf dem Cap. Der Abendwind wehte nicht, kein Lüft⸗ chen erfriſchte die Luft. Montbars wachte in einem großen Arm⸗ ſtuhl halbliegend bei Morvan, als ein gewaltiger Donnerſchlag, der einer ganzen Artillerieſalve glich, krachte und ihn aus ſeiner Ruhe aufrüttelte. — Wie befindeſt Du Dich, Louis? fragte er den jungen Mann, wünſcheſt Du nichts? — Ich befinde mich ganz wohl, antwortete Morvan mit trockener, kurzathmiger Stimme, die einen heftigen Fieberanfall andeu Ruhe iſt,! ja vo nichts ſark? ich b vieln näcki ner zu „Du ſat Pi mo Dol Sch gend nied Lon bul ind Ric die Ge wy en nit andeutete; ich wünſche nur eines, Montbars, daß Du Dich zur Ruhe begebeſt. Seit den vier Tagen, ſeitdem Waldblume fort iſt, haſt Du mein Bett noch keine Minute verlaſſen; Du nußt ja von Müdigkeit ganz gebrochen ſein. — Du vergißeſt, Kind, daß Strapazen meinem Körper nichts anhaben können; ach warum iſt mein Herz nicht auch ſo ſtark? Warum iſt es nicht unempfindlich! Wirklich, lieber Louis, ich begreife Deine Hartnäckigkeit nicht, oder ich fürchte mich vielmehr ſie zu begreifen!— Ja, dieſe unüberwindliche Hart⸗ näckigkeit, mit welcher Du das einzige mögliche Mittel zu Dei⸗ ner Rettung zurückweiſeſt, iſt nicht natürlich! Ich weiß, daß Du zu muthig biſt, um mich mit der armſeligen Entſchuldigung: „Du fürchteſt eine Operation“ zu befriedigen; Du biſt lebens⸗ ſatt und willſt ſterben! — Nun, und wenn dem ſo wäre? rief Morvan mit Wärme, weſſen könnte man mich anklagen? Habe ich denn den menſchlichen Leiden nicht ſchon genug meinen Tribut gezahlt? Darf ich mich nicht ſchon nach dem ewigen Schlaf ſehnen? Welche Schmerzen habe ich noch nicht erlitten? Ich habe den erniedri⸗ genden Druck des Elendes kennen gelernt. Meine Liebe iſt mit niederträchtigem Verrath vergolten worden. Ein einziger Menſch, Laurent, hat mir die Hand gereicht, und dieſer iſt mein Neben⸗ buhler geworden! — Und Waldblume? fragte Montbars mit Sanftmuth, indem er hoffte, den Gedanken des jungen Mannes eine andere Richtung zu geben. — Waldblume war ein Sonnenſtrahl, der nur dazu diente, mich die Schrecken des Gewitters beſſer ſehen zu laſſen. Geſegnet ſei auch ihre Abweſenheit!— Sie war das einzige Band, das mich noch an's Leben knüpfte.— Ich fürchtete, unſere Trennung werde ihr ſchwer fallen! Ich Unſinniger! Ich war das Opfer, das Spielzeug aller Arten von Heuchelei, und — 68— ſterbe knieend vor einem Weſen, an das ich glaube!— Wald⸗ blume kam zu mir, weil ihr ihre Einſamkeit läſtig war. Sie langweilte ſich, das iſt Alles. Jetzt, da mein Fuß die Schwelle der Ewigkeit berührt, geht ſie fort und würdigt mich nicht ein⸗ mal den Kopf nach mir umzuwenden. Sie iſt ohne Zweifel fort⸗ gegangen, um den ſchönen Laurent aufzuſuchen. Trotz der Ironie, mit welcher Morvan dieſe Worte aus⸗ ſprach, errieth Montbars doch leicht an dem Beben ſeiner Stimme, daß der unglückliche junge Mann ihn über den Zuſil ſeines Herzens täuſchen wollte. 5 — Kind, antwortete er ihm ernſt, läſtere nicht ſo. Ich gebe zu, daß Jeanne's Abweſenheit in dieſem Augenblick wirk⸗ lich zum verwundern iſt. Es muß ihr ein Unglück zugeſtoßen ſein. Du weißt, welche traurige Meinung ich von der Menſchheit habe, und doch ſage ich Dir, Waldblume iſt der reinſte Ausdruck von Hingebung und Reinheit; ich glaube an ſie. Eher möchte ich meinen Muth bezweifeln, als ihre Tugend verdächtigen. Doch ich begreife, daß Du, vom Fieber verwirrt, falſch urtheilſt, und deßhalb ungerecht biſt. Undankbarer! haſt Du nicht ſoeben, als Du von der Verlaſſenheit ſprachſt, in welcher Du lebteſt, be⸗ hauptet: daß Dir nur ein Einziger, nur Laurent, die Hand gereicht habe?— Und ich, Louis, ich, der ich für Dich die Liebe eines Vaters fühle, verdiene ich von Dir keine freundliche Entgeltung meiner Liebe? — Es iſt möglich, daß Waldblume durch ein wichtiges Ereigniß von mir ferngehalten ſei, antwortete Morvan. Was Deine Liebe betrifft, Montbars, ſo will ich Dich nicht täuſchen, ich glaube nicht daran, fügte er traurig hinzu. Mein Freund, ſei über meine Offenheit nicht böſe. Meine Seele iſt ſo nahe daran zu Gott zurückzukehren, daß ſie eine übermenſchliche Divi— nationsgabe beſitzt. So wie eine Lampe im Erlöſchen, flackert ſie noch zum letzten Mal mit hellem Lichte auf. Ich beſchuldige Dich fühle buſi Nehn Grim bin ſ ditſe Du nich Du Ehr heute du! wir eine eanie ſunke hätt dur vom gege ges rütte öne die Dich nicht, Montbars. Du ſagſt mir rechtſchaffen, was Du zu fühlen glaubſt, aber Dein Herz täuſcht Dich. — Soeben haſt Du geläſtert, Louis, antwortete der Fli⸗ buſtier traurig, jetzt redeſt Du irre. Ich liebe Dich nicht, ich? — Nein, Montbars, ich wiederhole Dir es!— Meine Aehnlichkeit mit meinem Vater mag ſchmerzhafte und zärtliche Erinnerungen in Dir geweckt haben, das iſt möglich.— Ich bin ſogar überzeugt davon.— Aber das iſt Alles.— Du haſt dieſe flüchtige Aufwallung für ein dauerndes Gefühl genommen. Du haſt Dich getäuſcht.— Siehſt Du, Montbars, man geht nicht ungeſtraft die Bahn, welche Du eingeſchlagen haſt.— Du haſt Dich mit Leib und Seele dem Ehrgeiz überliefert; der Ehrgeiz hat Dein Herz vertrocknet!— Nicht wahr, Du glaubſt heute an dem Glanz der Flibuſtier zu arbeiten? Nichts davon; Du beſchäftigſt Dich mit Deinem eigenen Ruhm. Was Du an mir bedauerſt, das iſt nicht der Sohn Deines Bruders, ſondern eine ergebene Seele, welche Dir abgehen wird. Dieſe Antwort des Sterbenden machte auf den alten Bou⸗ canier einen lebhaften Eindruck; er blieb in tiefes Sinnen ver⸗ ſunken. Endlich raffte er ſich auf aus ſeiner Träumerei. — Louis, ſagte er, Gott gebe, daß Du Dich getäuſcht hätteſt!— Ich fürchte, Du habeſt Recht! Eine Stunde verging in tiefem Schweigen, das kaum durch einige Donnerſchläge unterbrochen wurde. Morvan, der vom Fieber immer heftiger befallen wurde, kämpfte mit Energie gegen das Delirium; jeden Augenblick wandte ſich ſein unruhi⸗ ges Auge nach der Thür des Zimmers; ein krampfhaftes Beben rüttelte ſeinen Körper, dann ließ er den Kopf entmuthigt auf das Kiſſen ſinken und verſuchte es vergebens zu ſchlafen. — Montbars, murmelte er, Luft, ich erſticke! Der Flibuſtier beeilte ſich die breiten und hohen Fenſter zu öffnen, die in den Garten gingen; die Athmosphäre war erſtickend. 5 — Noch ein wenig Geduld, mein lieber Louis, und das Gewitter, das eine Fortſetzung desjenigen iſt, welches Du am Bord der Fregatte erlebt haſt, wird ausbrechen!— Der Regen wird uns Erfriſchung bringen. — Hebe mich ein wenig in die Höhe und wende meinen Kopf nach dem Fenſter, fuhr Morvan fort; mich drängt's den erſten Windhauch zu athmen, der ſich regen wird. Montbars mußte, als er ſeinen Neffen in die Arme nahm, ſeufzen; die Aenderung, welche ſich ſeit vier Tagen in dem Zu⸗ ſtand des unglücklichen Verwundeten fühlbar machte, war er⸗ ſchreckend; die am Tage zuvor auf's Neue zu Rath gezogenen Aerzte hatten erklärt, daß nicht einmal ein Wunder der Natur im Stande ſei, den jungen Mann zu retten. Eine Operation zu verſuchen, wenn etwa Morvan jetzt einwilligte, ſich derſelben zu unterziehen, wäre durchaus nicht mehr denkbar, denn ſie wäre nur eine nutzloſe Grauſamkeit. Montbars' Vorherſagung ging bald in Erfüllung; ſchreckliche Blitze bedeckten bald den Himmel mit Flammen, und Donnerſchläge krachten, von denen ſelbſt das gewaltigſte Gewitter in Europa keine annähernde Idee geben kann. Man hätte geglaubt, die Natur gehe ausein⸗ ander und wolle wieder ein Chaos werden. Faſt in demſelben Augenblick ſtrömte jener ſündfluthliche tropiſche Regen herab, der die hundertjährigen Rieſen der Urwälder beugt und bricht, wie gebrechliche Getreidehalme, und vervollſtändigte, ſich mit dem Feuer des Himmels mengend, das Gewitter. — Nicht wahr, Montbars, man ſoll an Ahnungen glau⸗ ben? ſagte Morvan, von der Friſche der Luft belebt. Als Na⸗ tiva mir zum erſten Mal in Penmark erſchien, war es, Du er⸗ innerſt Dich noch, zur Zeit eines ſchrecklichen Gewitters; die Hölle ſchien wie in der heutigen Nacht, wüthend über die Erde hinſtürzen zu wollen. Warum habe ich jene Mahnung verkannt? Warum bin ich nicht taub geblieben bei der Stimme des Gewit⸗ ſanfte man hring Delir Geiſt pen; ſtarke jung weht bildu . würd betul as wan ſrah Rerſ lirit ſein Stin gelä lung wun Fin in de — — 71— ters? Nur bei dem frommen Schein der Wachslichter, bei dem ſanften Licht der Sterne, die am reinen Himmel glänzen, ſoll man ſeine Seele verloben. Das grelle Leuchten der Blitze bringt Unglück! Bei dieſen Worten Morvans, die ohne ein vollſtändiges Delirium anzudeuten, doch ſchon eine große Schwächung des Geiſtes verkündeten, biß ſich der Flibuſtier mit Wuth in die Lip⸗ pen; bei dem Gedanken ſeiner Ohnmacht verzweifelte dieſer ſtarke Mann; er ſah nunmehr die Todesſtunde des unglücklichen jungen Mannes. — Du thäteſt beſſer, mein lieber Louis, ſagte er mit be⸗ wegter Stimme, Du verſuchteſt zu ruhen, anſtatt Deiner Ein⸗ vildungskraft ſo freien Lauf zu laſſen. Eine Stunde Schlaf würde Dir unendlich wohlthun. Sei verſtändig! nimm dieſen beruhigenden Trank ein, den die Aerzte angeordnet haben. Der Flibuſtier hielt den jungen Mann in ſeinen Armen, als Morvan einen Schrei ausſtieß, und ſich mit dem letzten Auf⸗ wand ſeiner Kräfte in ſeinem Schmerzensbett aufrecht ſetzte. — Armer Louis, murmelte Montbars, er ſtirbt! Der Flibuſtier täuſchte ſich! Morvan ſchien mit freude⸗ ſtrahlendem Geſicht und glänzenden Augen, von einem tiefin⸗ nerſten Entzücken bewegt. Das war nicht der Ausdruck des De⸗ liriums, es war der eines übermenſchlichen Glückes, das ſich auf ſeinem Geſichte abſpiegelte. — Blicke hin, Montbars! ſagte er endlich mit zitternder Stimme, und die Arme ausſtreckend, Du hatteſt Recht. Ich habe geläſtert! Da iſt ſie! Der Boucanier wandte ſich nach der Richtung, welche der junge Mann ihm andeutete; auch er ſtieß einen Schrei der Be⸗ wunderung und der Ueberraſchung aus, er hatte Waldblume am Fenſter geſehen. Die unaufhörlichen Blitze, welche den Horizont in Flammen ſetzten, verliehen der Erſcheinung von Graubarts — 72— Dine Tochter etwas Wunderbares, Uebernatürliches. Mit ihrem bott prachtvollen, von der Heftigkeit des Windes aufgelöſtem Haare, vde ihrer vom Laufen belebten Geſichtsfarbe, mit ihrem weißen Mouſ⸗ ſelinkleide, das vom Regen durchnäßt, die wunderbare Vollkom⸗ Nuſſ menheit ihres Wuchſes errathen ließ, glich Waldblume einer dirn Sylphide Oſſians.* imn — Mein Ritter Louis, Du haſt mich erwartet, haſt mich onnte vielleicht verdammt, ſagte ſie zu Morvan hinſtürzend. Klage mich retten nicht an; wenn Du wüßteſt, wie ich mich beeilt habe!— End⸗ lte G lich komme ich noch rechtzeitig an;— mein Gott, wie biſt Du geleif verändert!— Thut nichts, ich werde Dich retten! man Morvan war ſo bewegt, daß er einige Augenblicke hin⸗ einm durch nicht im Stande war, ein Wort hetvorzubringeh. Nur drz ſeine Augen drückten dem Mädchen die überſchwängliche Freude it aus, die ihm ihre Gegenwart verurſachte. iihn — Waldblume, ſagte er endlich, ich wartete nur auf Dich, ügl um dann zu ſterben. Jetzt, da ich Dich geſehen habe, kann ich zu aus meinem Vater gehen. das — Du ſollteſt ſterben! rief Jeanne mit Schrecken; nein, und mein Ritter Louis, Du wirſt nicht ſterben. Glaubſt Du, ich Ih! hätte mich vier Tage lang von Dir fern gehalten, wenn nicht le Dein Leben in Frage geſtanden wäre?— Aber, ich wiederhole Kin Dir es, ich werde Dich retten!— Montbars, fuhr Jeanne zu ſaml dem Flibuſtier gewendet fort, wecke Deine Diener, Deine Sela⸗ wär ven,— man ſoll ein großes Feuer machen,— ich brauche ſie⸗ ligke dendes Waſſer!— Du biſt noch nicht fortgegangen!— Eile ben doch, eile!— Mein Ritter Louis, fuhr ſie fort, und nahm ne⸗ hen. ben ihm den von Montbars verlaſſenen Platz ein, ich muß Dich uner beruhigen. Höre mich an, Du verſtehſt mich doch, nicht wahr? von — Seit Du bei mir biſt, Waldblume, ſcheint es mir, ben daß meine Kräfte zurückgekehrt ſind. Ich athme aus voller Bruſt. heiß Keine Wolke verdunkelt mehr meinen Geiſt. Rede, rede! Jedes 4 em Deiner Worte hat für mich den Werth eines Jahres. Möge mir Gott nur noch eine halbe Stunde des Daſeins gönnen, und ich werde genug gelebt haben. — Mein Ritter Louis, ich komme von den Ufern des Maſſacrefluſſes!— Unterbrich mich nicht— es drängt mich, Dir meine Reiſe mitzutheilen.— Jener Fluß gehört den Spa⸗ niern.— Ja, ich weiß es, daß ich ihnen in die Hände fallen konnte,— daß ſie mich getödtet hätten. Doch es galt Dich zu retten.— Zürne mir nicht!— Nahe an dem Fluſſe wohnt eine alte Spanierin, der ich vor einem Jahre einen großen Dienſt geleiſtet habe— ich habe ihren Sohn entwiſchen laſſen, als man ihn eben erſchießen wollte!— Ich werde Dir das ſpäter einmal erzählen!— Mein Gott, ich bin ſo glücklich, Dich wie⸗ der zu ſchen, daß ich wahrhaftig nicht mehr weiß, was ich ſage — ich bin wahnſinnig.— Dieſe alte Spanierin, berühmt durch ihre tiefe Kenntniß von den Eigenſchaften der Pflanzen, bewirkt täglich wunderbare Curen. Man behauptet, es gebe keine Wunde, ausgenommen im Herzen, die ſie nicht zu heilen vermag— und das iſt wahr, mein Ritter Louis! Ich ging deshalb hin zu ihr, und ihr Sohn erkannte mich. Weinend umarmte ſie mich. Ich habe ſie von Deiner Lage in Kenntniß geſetzt, ich habe ihr alle Symptome Deiner Krankheit beſchrieben.„Mein liebes Kind, antwortete ſie mir, nachdem ſie mich mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit angehört hatte, wenn dieſer Mann nicht ein Franzoſe wäre, ſo würde ich mich bei meinem Antheil an der ewigen Se— ligkeit anheiſchig machen, ihn zu retten!— Die Franzoſen ha⸗ ben kürzlich meinen Mann getödtet— dieſer Menſch muß ſier⸗ ben.“ Ich habe mich vor ihr auf die Knie geworfen, ſie blieb unerbittlich! In der Verzweiflung meines Herzens, verwirrt vom Schmerz, rief ich dann:„Wenn Du Dich weigerſt, das Le⸗ ben meines Bruders zu retten, ſo ermordeſt Du mich!— Ich heiße Waldblume; alle Welt weiß, daß die heilige Jungfrau IV. 26 — meine Bitten erhört. Ich habe Deinen Sohn gerettet, und Du wollteſt meinen Bruder ſterben laſſen! Das würde Dir Unglück bringen! Dein Sohn ſei verflucht!“ Dieſe Worte machten auf die Spanierin großen Eindruck.—„Ich wußte nicht, mein Kind, daß es ſich um Deinen Bruder handelt, antwortete ſie mir zit⸗ ternd; nimm Deinen Fluch zurück, und ich werde thun, was Du willſt.“— Du begreifſt, mein Ritter, wie groß meine Freude geweſen ſei, als ich die Pflanzen in der Hand hatte, welche Dich heilen ſollen! Ohne eine Minute, eine Seeunde zu verlieren habe ich mich auf den Rückweg begeben,— und endlich bin ich da! Jeanne hatte ihre Erzählung kaum beendigt, als Mont⸗ bars eintrat. — Deine Befehle ſind ausgeführt, Waldblume, ſagte er. — Gut, mein Freund. Nimm dieſe Handvoll Pflanzen, und laſſe ſie in zehn Gläſern Waſſer ſieden; ich bleibe bei mei⸗ nem Ritter. Montbars beeilte ſich ihr zu gehorchen, obwohl er Jean⸗ ne's Benehmen nicht begriff. Er ahnte, daß ſich hier etwas Selt⸗ ſames, Außerordentliches begeben würde; die Hoffnung kehrte bei ihm wieder ein. — Waldblume, ſagte Morvan, die Augen voll Thränen der Dankbarkeit, ich möchte Deine Hingebung durch meine Zwei⸗ fel nicht beleidigen,— indeß, folge mir, ſchenke der Kunſt der alten Spanierin nicht zu viel Vertrauen. Vor Allem kann ſie Dich getäuſcht haben; ferner iſt meine Wunde ſehr bedeutend, und wird der Heilkraft dieſer Pflanzen trotzen, wie groß dieſe auch immer ſein möge.— Gewöhne Dich lieber an den Gedanken einer Trennung, als an den meiner Heilung. — O, was die Trennung von mir betrifft, ſo fürchte ſie nicht, ſagte Waldblume. Die Spanierin verſteht ſich auch auf Gift, und ſie hat mir eines gegeben, das unfehlbar wirkt. einer hrach Glſp heite ſo w kenn kehrt gene Vu getr deſto der Kll win Ma ſoe voll Lra den her lief laſſ nar n war Du ück auf d, hte uf X. Als Montbars mit einem Sklaven zurückkehrte, der in einer rothen Schale den von Waldblume angeordneten Trank brachte, fand er den Ritter und das Mädchen in einem lebhaften Geſpräch begriffen. Die Einbildungskraft ſpielt in den Krank⸗ heiten eine ſo große Rolle, Zerſtreuung thut der geſtörten Seele ſo wohl, daß Morvan ſeit Jeanne's Ankunft nicht mehr zu er⸗ kennen war. Die Lebensfarbe war auf ſeine Wangen zurückge⸗ kehrt, das Fieber hatte ihn verlaſſenz ſein ſonſt ſo niedergeſchla⸗ gener düſterer Blick ſtrahlte jetzt von Hoffnung; die Hälfte des Wunders, deſſen Möglichkeit die Arzte läugneten, war ſchon ein⸗ getroffen, man ſah bereits die Möglichkeit einer Heilung. Nichts⸗ deſtoweniger war Montbars entſchloſſen, abzuwarten, ehe er ſich der Freude hingab; die glückliche Anderung in Morvans Zuſtand erklärte er ſich vollkommen durch Jeanne's plötzliche und ſo er⸗ wünſchte Erſcheinung; andererſeits war die Wunde des jungen Mannes von ſolcher Bedeutung, das Ubel hatte ſo reißende und ſo erſchreckende Fortſchritte gemacht, daß der Flibuſtier an die vollſtändige Verwirklichung des Wunders nicht glauben mochte. Waldblume nahm dem Sklaven die mit dem wolthätigen Trank angefüllte Schale haſtig aus den Händen, und reichte ſie dem Ritter hin; aber kaum hatte dieſer ſie ſeinem Munde genä⸗ hert, als das Mädchen einen leiſen Ausruf des Schreckens hören ließ, und den Kranken am Arm feſthielt. — Ritter Louis, ſagte fie, indem ſie ſich zu lächeln zwang, laſſe mich vorerſt verſuchen, ob der Trank richtig bereitet wurde. Ohne eine Antwort abzuwarten, und als ob ſie fürchtete, man werde ſie verhindern wollen, führte ſie die Schale ſchnell an ihren Mund und trank ungefähr ein Drittheil des Inhalts. — Dieſer Trank iſt zu heiß, ſagte ſie dann, man muß warten. 7 — Waldblume, ſagte Montbars, der ſie mit beſonderer Aufmerkſamkeit betrachtete, wenn Du zu der Unfehlbarkeit der Spanierin ein ſo großes Vertrauen hegſt, wie Du vorgibſt, warum ſäumſt Du unter einem ſo nichtigen Vorwand dem Ritter Hilfe zu bringen? — Der Trank hat nur dann ſeine Heilkraft, wenn er kalt genommen wird, antwortete Jeanne erröthend und in ſichtlicher Verlegenheit. Montbars ſchüttelte zweifelnd den Kopf, aber er drang nicht weiter in ſie. Während der Viertelſtunde, welche auf dieſe kleine, dem Anſchein nach unbedeutende Scene folgte, ſchien Jeanne von irgend einem Gedanken ſehr eingenommen zu ſein. Mehrmals merkte Montbars, wie ſie bebte und dann erblaßte. Bald aber verklärte ſie ein himmliſches Lächeln, und dem Ver⸗ wundeten den Trank auf's Neue hinreichend, ſagte ſie: — Jetzt, mein Ritter Louis, kannſt Du ohne Furcht trin⸗ ken, es iſt keine Gefahr mehr vorhanden!— — Was willſt Du damit ſagen; es iſt keine Gefahr mehr vorhanden? fragte Montbars das Mädchen, während Morvan die Schale leerte. — Daß Du mit Deinen Fragen boshaft biſt! antwortete Waldblume halb verſchämt, halb launig. Du weißt wohl, daß ich meiſtens rede ohne zu überlegen. — Ich weiß auch, Waldblume, wie linkiſch Du Dich beim Lügen benimmſt. Das armeKind ſenkte ganz verwirrt den Kopf und ſchwieg. — Was gibt es denn? fragte Morvan, Jeanne's Ver⸗ legenheit bemerkend. — Nichts, antwortete der Boucanier kalt, als daß Wald⸗ blume ſo eben ihr Leben für Dich auf's Spiel geſetzt hat!— — Jeanne hat für mich ihr Leben auf's Spiel geſetzt! wiederholte der Ritter mit tiefem Erſtaunen; ich begreife Dich hiit ſch ery de Go blu unt — nicht, Montbars! Waldblume, ich beſchwöre Dich, mir dieſes Räthſel zu erklären! — Mein Gott! wie viel unnütze Worte werden da für eine ſolche Kleinigkeit verſchwendet! antwortete Jeanne, unfähig einer Bitte des jungen Mannes zu widerſtehen; da Du die Wahrheit wiſſen willſt, mein Ritter Louis, ſo muß ich ſie Dir ſagen. In meiner Haſt zu Dir zurückzukehren, in der Freude, ein Mittel zu Deiner Heilung zu beſitzen, habe ich die Pflanzen, welche mir die alte Spanierin gegeben hat, untereinander ge⸗ mengt. Nun befand ſich aber unter den Pflanzen auch das Gift, wovon ich Dir geſagt habe. Du begreifſt, daß ich büßen mußte, da ich den Fehler begangen habe. Und deshalb wollte ich den Trank eher verſuchen, ehe ich ihn Dir gab. Ich fürchtete, er ſei vergiftet. Das iſt ſehr häßlich von Dir, Montbars, daß Du mich gezwungen haſt, meinem Ritter meine Dummheit zu geſte⸗ hen. Er wird kein Vertrauen mehr zu mir haben. Ein anderes Mal verrathe mich nicht wieder, wenn Du meine Gedanken er⸗ räthſt. Siehſt Du, das iſt nicht rechtſchaffen von Dir, daß Du Deinen Geiſt dazu benutzeſt, meine Einfalt zu beſchämen. Während Waldblume ſich für das, was ſie ihre Dumm⸗ heit nannte, entſchuldigte, betrachtete Morvan ſie mit unbe⸗ ſchreiblicher Bewegung. Von Bewunderung und Dankbarkeit erpreßte Thränen zitterten in ſeinem Auge und verdunkelten ihm den Blick. — Jeanne, rief er mit ausbrechender Leidenſchaft, vor Gott, der mich hört, ſchwöre ich Dir— — Halt ein, mein Ritter Louis, unterbrach ihn Wald⸗ blume, indem ſie ſich blaß und wankend von ihrem Sitz erhob, und ihren Arm gegen den jungen Mann ausſtreckte„als möchte ſie die Worte, die ſeinem Munde entſchlüpfen wollten, erſticken; ich will, daß Du ein rechtſchaffener Mann bleibeſt. Du vergiſ⸗ ſeſt, daß Du ſchon durch einen Eid gebunden biſt, mein Bruder! — Waldblume, was ſagſt Du?— Es iſt wahr! ſprach Morvan bewegt. Der junge Mann ſtieß einen Angſtſchrei aus und ließ ſein Haupt ſchwer auf das Kiſſen ſinken; er war ohnmächtig. Eine ganze Woche verließ Waldblume beinahe nicht die Ruheſtätte des Verwundeten; Montbars mußte faſt Gewalt an⸗ wenden, um das reizende Kind zu zwingen, daß ſie ſich von Zeit zu Zeit einige Stunden Ruhe gönnte. Ubrigens machte Mor⸗ vans Geſundheit von Tag zu Tag außerordentliche Fortſchritte; die Pflanze der alten Spanierin bewirkte, als Trank und in Um⸗ ſchlägen angewendet, Wunder; die Arzte konnten von ihrem Er⸗ ſtaunen nicht zurückkommen. Nach einer Woche erklärten ſie, daß Morvan bereits außer Gefahr ſei; nur ſagten ſie vorher, daß er ſich lange zu erholen haben werde. Einen Monat ſpäter ging der junge Mann in Jeanne's Begleitung zum erſten Mal aus. — Jeanne, ſagte er traurig zu ihr, wie werde ich Dir je erkenntlich ſein können! Jetzt retteſt Du mir bereits zum zwei⸗ ten Mal das Leben.— Und ich Unglücklicher habe nicht einmal das Recht, Dir meinen Namen anzubieten, mein Daſein Deinem Glücke zu widmen.— Meine Zukunft gehört nicht einmal mirſelbſt! — Mein Ritter Louis, antwortete Jeanne nachdenklich, ich habe über unſere Lage viel nachgedacht, und finde, daß wir ſehr Unrecht hätten, wenn wir uns beklagen wollten. — Wie! Jeanne, der unſelige Eid, der mich bindet— — Wozu verpflichtet Dich dieſer Eid, mein Ritter Louis? Dich nie zu verheirathen, nicht wahr? Nun, willſt Du mir ver⸗ ſprechen, daß Du Dich über mich nicht luſtig machen wirſt, ſo will ich Dir etwas geſtehen: daß ich nemlich niemals begriffen habe, was die Ehe ſei. Warum heirathet man ſich? Um ſich niemals zu verlaſſen, um mit einander leben zu können. Ver⸗ bringen wir unſere Tage nicht in trautem Beiſammenſein? Wohnen wir nicht unter einem Dache? Wahrhaftig, Nativa hat ſch ſ Hind nur ich, an D jett viſe folge Jeon und Jud die arn neh Si ein wa zer de ſich ſehr getäuſcht, indem ſie ſich einbildete, unſerem Glück ein Hinderniß entgegen zu ſetzen. Sind wir nicht ſo glücklich wie nur möglich? Was ſollen wir mehr wünſchen? Nichts! Auch ich, mein Ritter Louis, war vor Kurzem noch troſtlos, wenn ich an Deinen Eid dachte. Heute habe ich mir's wohl überlegt, und jetzt lache ich über meinen vergangenen Wahn. Mach's wie ich. Morvan antwortete nicht; er mußte Jeanne's keuſche Un⸗ wiſſenheit ſchonen, aber er konnte nicht umhin zu ſeufzen. Der folgende Monat brachte Morvan's vollſtändige Heilung herbei; Jeanne beſtand darauf, daß er ihrer Pflege noch immer bedürfe, und verließ ihn nicht mehr. Morvan wurde immer trauriger. Indem er ſich zuweilen zu ſchwach fühlte, um die Leidenſchaft, die ihn beherrſchte, zu zähmen, ſo verließ er ſie raſch und das arme Kiud blieb dann in Thränen zurück, weil ſie ſich ſein Be⸗ nehmen gar nicht zu erklären wußte. Cap, welches in wenigen Jahren die reichſte, luxuriöſeſte Stadt von St. Domingo werden ſollte, war ſchon damals von einem glänzenden Adel beſucht, der aus Frankreich gekommen war, um ſein Glück zu verſuchen. Cap zählte unter den Pflan⸗ zern meiſtens jüngere Mitglieder hochadeliger Familien; die d'Osmont, die d'Erlange, de Parchie, de Bruix, de Grus, de la Garenne u. ſ. w. hatten daſelbſt bedeutende Anſiedelungen ge⸗ gründet, die noch zu wachſen verſprachen. Dieſe gewählte Ge⸗ ſellſchaft hatte, obwohl durch den weiten Ozean von Europa ge⸗ trennt, die Tradition des guten Tones dennoch unverfälſcht be⸗ halten, und um ihren Umgang zu genießen, hatte ſich Montbars in Cap ſein Wohnhaus errichten laſſen. Der frühere Boucanier liebte es, wenn er aus der Schlacht kam, ſich durch den Contraſt der feinen Sitte, von der Roheit der Flibuſtier zu erholen. Die Beziehungen, in welchen die adeligen freiwillig Ausgewanderten mit dem Hof verblieben waren, gab ihm noch Gelegenheit werth⸗ volle Nachrichten zu erhalten, und immer genau zu wiſſen, was — 60— am Hofe von Frankreich vorging. Unter dieſer Jugend, die mehr nach Vergnügen als nach Reichthum jagte, hatte Waldblume eine wahrhafte Senſation gemacht; geblendet von der wunder⸗ baren Schönheit des Boucaniermädchens, dachte der größte Theil der Anſiedler an nichts, als an die Mittel, mit ihr ein Liebesverhältniß anzuknüpfen. Es iſt unnütz hinzuzufügen, daß Keiner den Schatz von Keuſchheit und Zärtlichkeit ahnte, den ihr Herz bewahrte. Morvan's Gegenwart, der das junge Mädchen immer be⸗ gleitete, hatte den Huldigungen, mit welchen Waldblume unbe⸗ wußt bedroht war, noch immer ein unüberwindliches Hinderniß entgegengeſetzt. Eines Tages, als Morvan fürchtete, die Verzweiflung, die ihn erdrückte, vor Jeanne zum Ausbruch kommen zu laſſen und ſie mitten in einem Spaziergang verlaſſen hatte, wurde Waldblume von einem ihrer zahlreichen und ihr unbekannten Anbeter angeſprochen. Es war ein junger Mann von fünfund⸗ zwanzig Jahren, von angenehmen Aeußern, leichtfertigen Gei⸗ ſtes und voll jener Geckenhaftigkeit, die niemals zu ſiegen zwei⸗ felt. Ueberraſcht von einer Sprache, die ſie zum erſten Male hörte, begriff Jeanne gar nichts von den ausgeſuchten Compli⸗ menten, die der junge Mann ihr machte; ſie begnügte ſich, ihm nit einigen unbedeutenden Worten zu entgegnen und wollte ſich entfernen; er hielt ſie zurück. — Nicht ſo wild, meine Schöne, ſagte er ſpöttiſch. Zum Teufel! dieſe Sprödigkeit paßt durchaus nicht zu Ihrer Stellung in der Welt. Jedermann weiß, daß der Ritter Morvan Ihr Geliebter iſt. — Das iſt wahr, ſagte Jeanne einfach; ich bin auch ſehr glücklich. Dieſe Antwort ermuthigte den Gecken. — Nun, theures Kind, legen wir die Karten offen auf wei M Iht ehr ume der⸗ ßte ein daß den den Tiſch. Morvan iſt nicht reich; er muß ſich gegen Sie in ſehr unwürdiger Weiſe benehmen. Ich beſitze eine Anſiedelung, die, wie mein Geſchäftsführer ſagt, mehr als hunderttauſend Livres werth iſt!— Würde es Ihnen gefallen mit mir von meiner An⸗ ſiedelung zu zehren? Dieſer Vorſchlag, von einer Anſiedelung zu zehren, ſchien Waldblume, welche die Redensart in ihrer wörtlichen Bedeutung nahm, ſo komiſch, daß ſie trotz der Traurigkeit, welche ihr Mor⸗ van's Entfernung verurſacht hatte, ſich nicht enthalten konnte zu lächeln; ſie glaubte es mit einem Wahnfinnigen zu thun zu haben. — Vortrefflich, ich ſehe, daß Sie weniger grauſam und weit geiſtreicher ſind, als ich mir es vorgeſtellt habe, erwiederte der junge Mann; Sie nehmen meinen Vorſchlag an; es gilt? Nun, offenherzig geſprochen, ſo thun Sie, was das Intereſſe Ihres Geliebten betrifft, wohl daran, ihn zu verlaſſen. Sie können ſich gar nicht vorſtellen, wie lächerlich ſeine Verbindung mit Ihnen den Ritter gemacht hat, und wie viel er dadurch an Werth verlor. Er hing an Ihnen mit einem Platonismus und einer Unverſchämtheit, die recht kläglich waren. Keiner von uns hätte mit ihm anbinden mögen; man verachtete ihn. Von der ganzen Rede des jungen Mannes begriff Wald⸗ blume nur das Eine, daß ihre Verbindung mit Morvan dieſem zum Schaden gereichte. Jetzt erklärte ſie ſich die Traurigkeit des jungen Mannes, die Entfremdung, die er ihr gegenüber zuwei⸗ len zeigte. Dieſe vermeintliche Entdeckung verurſachte ihr einen tiefen Schmerz. und wenn nicht die Gegenwart des Fremden ſie zurückgehalten hätte, ſo würde das arme Kind laut geſchluchzt haben; ihr feiner Inſtinkt ſagte ihr aber, daß ſie einen Frem⸗ den nicht zum Zeugen ihrer Verzweiflung machen dürfe. — Ach, mein Ritter Louis, murmelte ſie, wie unglücklich habe ich Dich machen müſſen; wie gut biſt Du gegen mich ge⸗ weſen! Mit welcher Geduld haſt Du meine Gegenwart ertragen! Thörin, die ich war! Wie kommt es nur, daß ich nicht ſchon früher bemerkt habe, daß die Geſellſchaft eines Mädchens wie ich für Dich nicht paßte!— Welch eine Laſt mußte meine Un⸗ wiſſenheit für Dich ſein, wie mußte ſie Dich demüthigen! O, ich werde Muth haben!— ich werde mich Deinem Glücke zu opfern wiſſen!— ich werde darüber ſterben, ich weiß es, aber was thut es! Du wirſt doch glücklich ſein!. Jeanne nahm ſich jetzt zuſammen, eilte fort, und ließ ihren Anbeter ganz verblüfft ſtehen. Nachdem ſie einige Minuten gelaufen war, ſank die Unglückliche zu Boden, ſie war außer ſich vor Verzweiflung. Jeanne weinte lange Zeit; ihre Seufzer erſtickten ſie beinahe. Endlich erhob ſie ſich, und einen letzten thränenfeuchten Blick nach Montbars“ Wohnung werfend, ent⸗ fernte ſie ſich, ohne den Kopf umzuwenden. Beim Anbruch der Nacht ging Morvan, unruhig über Jeanne's längeres Ausbleiben, aus, um ſie zu ſuchen. Verge⸗ bens lief er in den Umgegenden der Stadt herum, welche er mit Waldblume gewöhnlich beſucht hatte, vergebens fragte er die Sklaven und die Bewohner, denen er begegnete, er entdeckte nichts, erhielt gar keine Nachweiſung. Aur ein Gedanke beru⸗ higte den jungen Mann bald; er dachte nemlich, Jeanne werde zurückgekehrt ſein, während er aus war, um ſie zu ſuchen; er eilte alſo wieder nach Hauſe. Am Hafen vorübergehend, ſah Morvan zufällig auf's Meer hin; er bemerkte ein kleines Küſten⸗Fahrzeug, das fort⸗ ſegelte; auf dem Verdeck zeigte ſich eine nebelhafte weiße Ge⸗ ſtalt. Morvan blieb ſtehen, eine traurige Ahnung beſchlich ſein Herz. — Jeanne! meine Schweſter, rief er mit aller Kraft ſeiner Lunge, biſt Du es? Einige Secunden verfloſſen, ohne daß der Ritter eine Antwort erhielt. Er wiederholte ſeine Frage, und vom Winde getrag ſeinen Stim kleine Stra ſehen zu we dos! lang wir das ech Tho doch neh mn er Ver zut blu Zi nit Au leb ein ein Ve hon wie Un⸗ O, ber ieß ten ßer er ten getragen, gelangten die Worte:„Lebe wohl für immer!“ zu ſeinem Ohr. Kein Zweifel war mehr möglich; es war Jeanne's Stimme, ſie verließ ihn. In demſelben Augenblick begann das kleine Schiff ſich ſchneller zu entfernen. Morvan durchflog den Strand mit ſchnellem Blick, doch nirgends war eine Barke zu ſehen; einen Augenblick hatte er die tolle Idee, ſich in's Meer zu werfen und Jeanne nachzuſchwimmen. Unbeweglich, vernichtet blieb er am Strande ſtehen, bis das Küſtenfahrzeug in der Finſterniß verſchwand; dann ging er langſam nach der Wohnung des Flibuſtiers zurück. — Dieſer Schmerz, dieſe letzte Täuſchung fehlte noch meiner Seele, ſagte er zu ſich, indem ihm der Kopf brannte und das Herz in namenloſer Bewegung war. Hätte Laurent doch Recht?— Lieben und glauben, heißt das nicht die Rolle des Thoren ſpielen und ſich ſelbſt opfern?— Wie thöricht bin ich doch bis zu dieſem Tage geweſen, Alles im Leben ſo ernſt zu nehmen!— Ja, Laurent iſt ein hoher Geiſt.— Das, was man Glück nennt, exiſtirt nicht auf Erden. Das Ziel, das ein verſtändiger Menſch vor Allem zu erreichen ſtreben muß, iſt die Vernichtung ſeiner Empfindungen, damit er dann nichts weiter zu thun habe, als die Befriedigung ſeiner Launen.— Wald⸗ blume konnte mich ſo verrathen!— Bin ich wohl bei Sinnen? Bin ich nicht das Spielzeug einer Täuſchung, eines Traumes? Als Morvan zu Hauſe anlangte, konnte Montbars, der mit dem Abendmahl auf ihn wartete, bei ſeinem Anblick einen Ausruf des Erſtaunens nicht zurückhalten. — Was iſt Dir zugeſtoßen, Kind? fragte er ihn mit lebhaftem Intereſſe. Du biſt blaß und niedergeſchlagen, wie ein Menſch, der ein Verbrechen begangen hat, oder der von einem großen Schmerz befallen wurde. — Du täuſcheſt Dich, Montbars; ich bin weder zum Verbrecher, noch zum Opfer geworden. Seitdem ich Dich ver⸗ laſſen habe, hat ſich nichts zugetragen, was für mein Leben be⸗ merkenswerth wäre. — Wo iſt denn Waldblume? fragte ihn Montbars. — Ich glaube, ſie iſt abgereiſt, antwortete der junge Mann, eine Gleichgiltigkeit erzwingend, welche das Zittern ſeiner Stimme Lügen ſtrafte. Dam! Du begreifſt doch, Mont⸗ bars, daß ihr Aufenthalt hier nicht ewig dauern konnte! Sie hat ſich gelangweilt! Sie iſt ohne Zweifel fort, um zu dem ſchönen Laurent zu kommen. — Ja, Du haſt Recht, ſagte Montbars kalt, ſo muß es ſein. Indem Morvan Waldblume angriff, hoffte er, daß der Boucanier ſie vertheidigen werde; Montbars' gleichgiltige Ant⸗ wort erbitterte ihn. — Waldblume ſollte Laurent aufſuchen! rief er mit hef⸗ tiger Entrüſtung, das iſt eine niederträchtige Verleumdung, eine gehäſſige Lüge! Eben ſo gut könnte man behaupten, die Taube ſuche die Geſellſchaft des Sperbers, die Gazelle laufe dem Tiger nach.— Montbars, Waldblume iſt ein Engel an Hingebung, Reinheit und Schönheit. Nie haſt Du die Schönheit ihrer Seele geahnt! Die ganze Menſchheit hält mit ihr den Vergleich nicht aus! Von ihr ſo ſprechen, wie von einem gewöhnlichen Weibe, heißt einen Frevel begehen! — Armer Louis, ſagte Montbars kalt, wie unglücklich mußt Du ſein! Faſſe Muth, Kind!— Ich begreife die Qua⸗ len, welche Du erduldeſt, obwohl ich ſelbſt ſie nie gefühlt habe. Waldblume iſt meiner Ueberzeugung nach Deiner Liebe würdig. Warum hat ſie ſich entfernt? Ich weiß es nicht, und es geht mich wenig an. Das Weſentliche iſt, daß es zwiſchen Dir und Dei⸗ ner Zukunft keine feige Zukunft mehr gibt, die Dich in Deiner Laufbahn hemmt und Deinen Muth verweichlicht!— Niemals hätte ich daran gedacht, Waldblume zu entfernen, denn Du ver⸗ dankſt 35 Glaul fühl, Jahr ſchuld heift, iſt, u wird, taſe das mach Sch gehe zu w von wot wie zu det die Lou geli Rie ſer es nich brn inn thei dan he⸗ nge ern nt⸗ Sie em uß dankſt ihr das Leben; aber ich habe ſie ungern hier geſehen.— Ich betrachte ihre Abreiſe als ein unſchätzbares Glück für Dich! Glaube mir, Kind, die Liebe iſt ein tiefes, aber flüchtiges Ge⸗ fühl, das zum Selbſtmord des Verſtandes führt. In einigen Jahren, wenn Waldblume, ihrer poetiſchen und reizenden Un⸗ ſchuld entkleidet, ein Weib wie alle Weiber geworden wäre, das heißt, ein gewöhnliches Geſchöpf, das der Eitelkeit zugänglich iſt, und von den niedrigen Leidenſchaften der Welt beherrſcht wird, dann wäreſt Du, gebrochen und gealtert, von Deiner Ex⸗ taſe erwacht, und hätteſt mit dem Ungeſtüm der Jugend auch das heilige Feuer der Begeiſterung verloren, das große Männer macht.— Eine energiſche Natur wie die Deinige kann großen Schmerzen trotzen und aus harten Prüfungen ſiegreich hervor⸗ gehen, aber ſie iſt nicht im Stande der tödtlichen Erſchlaffung zu widerſtehen, die unſeliger Weiſe nach jeder Liebe folgt, welche von ſelbſt erliſcht und an Sättigung ſtirbt!— Louis, ich möchte Dich nicht täuſchen, ich liebe Dich zu ſehr, um Dich, wie ſehr Du es auch behaupten magſt, zu einem Werkzeuge zu machen, das zur Ausführung meiner Pläne diene; Du biſt der Sohn meines Bruders, das einzige Band, das mich an die Menſchheit knüpft, ich rede mit Dir von ganzem Herzen. Louis, auf Erden gibt es nur dann ein Glück, wenn es einem gelungen iſt, ſich ein Lebensziel zu ſchaffen, ſeiner Thätigkeit Richtung und Nahrung zu geben. Du haſt mich unlängſt des Ehrgeizes beſchuldigt und ich verhehle Dir nicht, daß mich die⸗ ſer Vorwurf für den Augenblick tief berührte. Gut, ich geſtehe es Dir, ich bin ehrgeizig! Was wäre das Daſein für mich, wenn nicht Ehrgeiz mich in dem Kampf ermunterte, in welchen ich verwickelt bin? Eine unerträgliche Qual. Folge mir, gehe ein in meine Anſichten, ereifere Dich für die Größe meines Werkes, theile meine Mühſal, meine Arbeiten, meine Gefahren, und dann, nur dann wirſt Du wiſſen, was Leben iſt! — Die Begeiſterung iſt ein anſteckendes Gefühl. Von Mont⸗ bars' Worten gefeſſelt, glaubte Morvan in dem ihm eröffneten Wirkungskreiſe eine Erleichterung für ſeine Verzweiflung, eine Zerſtreuung für ſeinen Schmerz zu ſehen; er wieß daher die Zu⸗ muthungen des berühmten Flibuſtier⸗Chefs nicht von ſich. — Montbars, ſagte er, ich beuge mich vor Deiner Er⸗ fahrung und bin bereit, Deinen Rath zu befolgen. Sprich, was willſt Du von mir? — Daß Du Dich verpflichteſt, Waldblume nicht zu ſehen. — Waldblume nicht mehr zu ſehen! wiederholte Morvan, entrüſtet und erſtaunt zugleich; Du verlangſt zu viel, Montbars! — Warum verlangſt Du nicht lieber mein Leben? Der Flibuſtier hobdie Schulter mit mitleidsvoller Miene; dann ſagte er nach kurzem Stillſchweigen: — Die Wunde ſitzt tiefer, als ich es vermuthet habe; Deine Schwäche bedarf außerordentlicher Schonung. Sehen wir denn, bis zu welchem Grade derErniedrigung Deine Liebe Dich hat ſinken laſſen; ich frage Dich, ob Dir, da Dein Muth ſo ſehr erſchlafft iſt, noch genug Stolz übrig geblieben ſei, um Dich vor einem Schimpf nicht demüthig zu beugen. — Ich verſtehe Dich nicht, Montbars, was willſt Du ſagen? — Ich wünſche zu wiſſen, ob Du, der Graf von Mor⸗ van, um Gnade bitten werdeſt, wenn Waldblume ſich gleichgiltig zeigt, Dich vergißt, verachtet?— Wenn Jeanne nicht zu Dir kommt, wirſt Du zu ihr gehen? Antworte! Der junge Mann zauderte; aber vom Verdruß berathen, in der Erinnerung an die zahlloſen unwiderleglichen Beweiſe von Hingebung und Liebe, welche Jeanne ihm gegeben hatte, und überzeugt, daß ſie ihre Flucht bald bereuen werde, ant⸗ wortete er: ſehen will und! mein mung Gabe außer einen bars Bon bewe worde flgzt Win neue begr zwei herht dent Tag in d ſein Mat auf kihr nch itre danr Et⸗ s ehr an, rs! ne be; hen itbe uth um Nor⸗ iltig Dir hen, iſe atte⸗ ant⸗ —— — Montbars, ich verpflichte mich, Jeanne nie wieder zu ſehen, wenn ihr eigener Wille ſie von mir fern hält. Aber ich will Deiner Offenheit gegenüber keine Hintergedanken haben und beeile mich, Dir zu ſagen, daß Waldblume, ſobald ſie um meine Liebe wieder bittet, dieſelbe, und zwar durch die Entbeh⸗ rung vergrößert, wieder finden wird. — Das genügt mir, Louis. Die Weiber beſitzen die Gabe der Vergeſſenheit und haben nach neuem Unbekannten eine außerordentliche Sehnſucht. Wenn Jeanne auf ihrem Wege einem neuen Geſichte begegnet, ſo wird ſie nicht wieder kommen. Morvan lächelte bloß, aber er verſuchte es nicht, Mont⸗ bars' Meinung zu bekämpfen. Sein Herz ſagte ihm, daß der Boucanier ſich täuſche, daß Waldblume bald zurückkehren und beweiſen werde, wie ungerecht ihre Beſtändigkeit beurtheilt worden ſei. Während der erſten Tage, die auf dieſes Geſpräch folgten, hielt ſich Morvan noch ziemlich gut; der ungünſtige Wind, die längere Dauer der Reiſe, die Schwierigkeit, eine neue Gelegenheit, einen Küſtenfahrer zu finden, erklärten und begründeten Jeanne's Säumen zur Genüge. Ein Monat, dann zwei vergingen, ohne in der Lage der Dinge eine Aenderung herbeizuführen; Morvan begann zu zweifeln. Traurig, nach⸗ denkend und ſchweigſam verbrachte er den größten Theil des Tages am Strande, und ſah begierigen und verzweifelten Blickes in die See hinaus. Bei jedem Segel, das er erblickte, ſchlug ſein Herz heftiger. Bald wurde das Schiff größer, die luſtigen Matroſen oder die kühnen Flibuſtier ſchifften ſich aus, das Lied auf den Lippen oder die Flinte auf dem Rücken; doch Jeanne kehrte nicht wieder. In der Nacht kehrte der unglückliche junge Mann traurig nach Montbars' Wohnung zurück, ſetzte ſich zu dem reichlich auf⸗ getragenen Abendmahl nieder, aß einige Früchte und zog ſich dann ſchweigend in ſein Gemach zurück. Vielleicht aus Berechnung, vielleicht auch aus Zartgefühl ſchonte der Boucanier den Schmerz des Ritters und richtete nie⸗ mals ein Wort an ihn, das ſich auf ſein Verhältniß mit Wald⸗ blume bezog; er ſchien in der Ueberzeugung, daß dies ſo kom⸗ men müſſe, zu warten, daß dieſe Leidenſchaft aus Mangel an Nahrung ſich ſelbſt verzehre. Eines Tages— der Morgen war kaum angebrochen— wurde Morvan durch einen heftigen Schlag an die Thüre ſeines Zimmers geweckt, nachdem er nach einer langen ſchlafloſen Nacht, von Müdigkeit übermannt, eben eingeſchlafen war. Faſt in dem⸗ ſelben Augenblick trat Graubart ein. Beim Anblick des Vaters ſeiner geliebten Waldblume fühlte Morvan eine große Freude und zugleich wahrhafte Gewiſſensbiſſe. Was wollte Graubart? Der Boucanier ließ ihn nicht lange in der Ungewißheit. — Ritter Louis, ſagte er zu ihm mit jenem ſchleppenden Ton, der ihm immer eigen war, ich komme, um Sie zu benach⸗ richtigen, daß Waldblume ſtirbt.— Wenn Sie ſie wiederzu⸗ ſehen wünſchen, ſo iſt kein Augenblick zu verlieren. Morvan ſtieß einen fürchterlichen Schrei aus und war mit einem Sprunge aus dem Bette. — Ich bitte Sie, ſprechen Sie, rief er, den Boucanier am Arm ergreifend; was iſt geſchehen?— was iſt vorgefallen? — Aber reden Sie doch! — Nichts iſt vorgefallen, antwortete Graubart mit ſeinem gewöhnlichen Phlegma und ohne die geringſte Bewegung zu zei⸗ gen. Jeanne iſt verliebt in Sie, Sie haben ſie verſtoßen,— das hat ihr weh gethan und ſie iſt darüber krank geworden, und die Krankheit hat große Fortſchritte gemacht; das iſt Alles!— Vergebens würden wir verſuchen, die verſchiedenartigen und heftigen Empfindungen zu ſchildern, welche die Antwort des Boucaniers in Morvan erregte; das war überſchwängliche Freude mit ſchrecklicher Verzweiflung gemengt. kleid niht ege den ziige und ihl ie⸗ ld⸗ — 30— — Werden Sie kommen? fragte ihn Graubart ruhig. — Gehen wir! rief Morvan, der ſich in der Eile ange⸗ kleidet hatte und zur Thüre hinſtürzte. Graubart hielt ihn zurück. — Ich bin hungrig und müde, ſagte er; ich werde mich nicht eher auf den Rückweg begeben, als bis ich ausgeruht und gegeſſen habe. Der Boucanier ſchwieg einen Augenblick, dann klopfte er dem jungen Mann, der vor ihm herging, um ihm den Weg zu zeigen, ſanft auf die Schultern, und fragte ihn kalt: — Lieben Sie alſo Waldblume?* — Ob ich ſie liebe! rief Morvan mit einem Ton, der aus ſeinem Herzen kam und blieb dann ſtehen. Er erinnerte ſich, daß er mit dem Vater ſeiner Geliebten ſpreche. — Wenn Sie ſie lieben, fragte ihn Graubart ruhig, warum haben Sie ſie verſtoßen? Sie hätten ſie zu Ihrer Mai⸗ treſſe nehmen ſollen, dann hätten Sie ihr eine Krankheit und mir eine Reiſe erſpart. Dieſe Antwort von Graubart überraſchte Morvan, der einen Augenblick verſucht war zu glauben, man lege ihm eine Falle. Er wußte noch nicht, bis zu welchem unerhörten Grad das rohe und einſame Leben, welches die Boucanier führten, die Erinnerungen ihrer Jugend in ihnen verwiſcht habe. Er wußte nicht, daß die geheiligten Geſetze der Geſellſchaft, die Wohl⸗ thaten der Civiliſation dieſen wilden Bewohnern der Wälder nur als lächerliche und läſtige Hinderniſſe erſchienen; daß ſie ſich der rohen Natur ſo weit als möglich genähert hatten. Graubart liebte ſeine Tochter aufrichtig, aber wenn er ſie geſund und lächelnd ſah, ſo genügte ihm dieſes; um die Gedanken, Träume und Wünſche ſeiner Tochter kümmerte er ſich nicht. Befand ſie ſich wohl, ſo dachte er, ſie müſſe glücklich ſein. Jeanne hatte, von tiefem, inſtinktivem Schamgefühl zurückgehalten, ihrem 8. Vater ihre Liebe nicht geſtanden; auf Graubart's Fragen über die Abnahme ihrer Geſundheit hatte ſie nur mit nichtsſagenden Redensarten geantwortet. Lederhaube, welchem die Eiferſucht vorübergehend einen Scharffinn verlieh, der über ſeine gewöhn⸗ lichen ſchwachen Geiſtesfähigkeiten ging, errieth Jeanne's gehei⸗ mes Uebel zuerſt. — Parbleu! ſagte er roh zu Graubart, wenn der Stutzer mit den ſchönen Kleidern da wäre, ſo würde Waldblume ihre frühere Heiterkeit bald wieder gewinnen. Dieſe durch Jeanne's Erröthen und ihre Verlegenheit be⸗ ſtätigte Enthüllung ließ dem Boucanier ein Licht aufgehen. Er putzte ſeine Flinte, verſah ſich reichlich mit Pulver und Blei, um⸗ armte Jeanne, pfiff ſeinen Lieblingshunden, und begab ſich, ohne ein Wort weiter zu ſagen, auf den Weg. Was war, da ſeine Toch⸗ ter unglücklich war, weil ſie ſich nach einem Geliebten ſehnte, einfacher, als daß er fortging, um ihr dieſen Geliebten zu holen? Dieſer Gedanke erſchien Graubart ſo vernünftig und ſo natürlich, daß er ſich nicht einmal die Mühe nahm ihn zu un⸗ terſuchen. Da die Küſtenfahrer aus Furcht vor den ſpaniſchen Kreuzern ſelten zu haben waren, entſchloß ſich Graubart ſeine Reiſe zu Land zu machen. Die Entfernung von ſeiner Anſiede⸗ lung bis zur Capſtadt betrug ungefähr ſechzig Meilen, und er mußte über die große Savanne gehen; die Ausſicht auf die Mühſal und Gefahren, denen er begegnen werde, hielten ihn nicht zurück; der Boucanier war in ſeiner Weiſe ein vortreff⸗ licher Vater. Trotz der unerhörten Herrſchaft, welche Montbars über ſich ſelber beſaß, konnte er ſich dennoch nicht den Verdruß ver⸗ hehlen, den ihm die Ankunfk ſeines alten Freundes Graubart verurſachte. Mehrmals während des Frühſtücks verſuchte er es Morvan zurückzuhalten; vergebens wandte er Ironie, Zärtlich⸗ keit, Liſt an,— der junge Mann blieb unerſchütterlich. Was Grn kräft ſuch Mon unni ſin Mor ſich Mü den erd hit der ſchie das Yo ihn balt Du nich bin allei übet nden ſucht öhn⸗ chei⸗ tzer ihre be⸗ 6r un⸗ ohne och⸗ nte, en dſo hen ber er⸗ art ich⸗ 6 i Graubart betrifft, ſo miſchte er ſich, mit der Befriedigung ſeines kräftigen Appetites beſchäftigt, nicht in das Geſpräch, und ver⸗ ſuchte es nicht einmal, die Einwendungen zu bekämpfen, die Montbars ſeinem Neffen machte, und durch welche ſeine Reiſe unnütz geworden wäre, wenn der Letztere ſich dadurch hätte be⸗ ſtimmen laſſen. Erſt als er vom Tiſch aufſtand, ſagte er ruhig zu Morvan: — Ich bin ſehr erfreut, mein junger Freund, daß Sie ſich von Montbars nicht überreden laſſen, das—rſpart mir die Mühe, Ihnen das Gehirn zu zerſchmettern!— Glauben Sie denn, fuhr der Boucanier immer mit gleichem Phlegma fort, als er das Erſtaunen des Ritters bemerkte, daß ich mich von Ihnen hätte abweiſen laſſen? Gewiß nicht!— Ich hätte Sie getödtet! Ohne Hoffnung Sie je wieder zu ſehen, hätte ſich Jeanne mit der Zeit getröſtet. übrigens iſt es mir weit lieber, Sie lebend zu haben. Jeanne wird ſogleich glücklich ſein. Eine Stunde darauf nahm Morvan von Montbars Ab⸗ ſchied, als Alain in Reiſekleidern ſich ſeinem Herrn vorſtellte. Der Penmarker ſtrahlte vor Freude. — Jetzt werde ich alſo wieder Apfelmoſt trinken, und das Bild meiner guten heiligen Anna von Auray ſehen! ſagte er. Vevor er ſich von ſeinem Neffen trennte, ſchenkte ihm Montbars einen wundervollen Karabiner, und ſagte, indem er ihn zärtlich umarmte:. — Auf Wiederſehen, Louis! glaube mir, wir werden uns bald wieder zuſammenfinden! O ſgge mir nichts dawider!— Du kennſt meine Pläne nicht!— Binnen Kurzem wirſt Du mich bitten, unter meinem Commando dienen zu dürfen!— Ich bin meiner Sache gewiß.— Adieu!— Jetzt bin ich wieder allein—! — Nein, Montbars, antwortete der junge Mann, ich laſſe Dich ja mit Deinem Ehrgeiz zurück! — Mit meinem Ehrgeiz und meiner Rache, ſagte der Fli⸗ buſtier, indem er ſich raſch entfernte; Ritter, lebe wohl! X. Graubarts Anſiedelung war von der Capſtadt, wie bereits geſagt wurde, ungefähr ſechzig Meilen entfernt. Dieſer weite Weg war für den kühnen Fußgänger, der es wagte ihn zu un⸗ ternehmen, nicht nur voll bedeutender Hinderniſſe, ſondern er bot auch große Gefahren. Die Schwierigkeit, ſich in dieſem wil⸗ den und menſchenleeren Lande zurecht zu finden, ungerechnet, hatte man, was die Hinderniſſe betrifft, da mit Hunger und Durſt zu kämpfen; die Gefahren beſtanden in den ſpaniſchen Streifcorps. Morvan wußte von dem Allen nichts, aber wäre es ihm auch be⸗ kannt geweſen, ſo wäre ſein Eifer dennoch nicht erkaltet: Wald⸗ blume war dem Tode nahe, was lag ihm noch weiter daran, dem Durſt oder einer ſpaniſchen Lanze zu erliegen? Was Graubart betrifft, ſo hatte er von dem Augenblick an, als er es für nothwendig fand und ſich entſchloß, den Mann aufzuſuchen, deſſen Gegenwart ſeine Tochter retten ſollte, ſtoiſch auf ſein Leben verzichtet. Wenn die Liebe des Boucaniers für Waldblume des Zartgefühls ermangelte, ſo war ſie wenigſtens, ſobald ſie ſich zeigen mußte, ſo ſtark, wie die Natur ſie ihm in's Herz gepflanzt hatte. Alain war nur mit dem Gedanken beſchäftigt, daß er in kurzer Zeit das Bild der heiligen Anna von Auray ſehen und Aepfelmoſt nach Belieben trinken werde, und ließ ſich von den Gefahren und Entbehrungen, durch welche er dieſe glücklichen Momente erkaufen ſollte, nicht beunruhigen. Zudem folgte er ja ſeinem Herrn, das allein hätte ihm genügt. Reiſe ſane würd unde tnt i nals ſen! von welch und wach Thal auch Her ein beh Une ſuht nön diß zern nen ert ſied hall aus päer reie ſh den Nach einem Marſch von einem Tage erreichten die drei Reiſegefährten einen Platz, welcher den Namen Coupe⸗de⸗Plai⸗ ſane führte; Graubart erklärte, daß ſie hier die Nacht zubringen würden. Es war eine obwohl bergige doch fruchtbare Gegend, und enthielt eine große Anzahl neuer Anſiedelungen. Graubart trat in die geräumigſte Hütte ein. Die Gaſtfreundſchaft war da⸗ mals auf St. Domingo heilig. Der Wirth, den der Zufall un⸗ ſern Reiſenden beſchied, war ein armer Bauer aus Poitu, der von der königlichen Marine deſertirt war. Einer der Erſten, welche auf die Inſel gekommen waren, hatte er ſich angeſiedelt und ſein Vermögen war binnen zwanzig Jahren ſo ſtark ange⸗ wachſen, daß er zu jener Zeit ein Einkommen von zehn Tauſend Thalern hatte. Graubarts Name war ihm vollkommen bekannt; auch empfing er die Reiſenden trotz ſeiner Roheit mit biederer Herzlichkeit. übrigens hegten die Pflanzer für die Boucanier ein Gemiſch von Schrecken und grenzenloſer Bewunderung, und behandelten dieſelben ſo gut ſie konnten; ſie wußten, daß dieſe unerſchrockenen Jäger, die zwiſchen ihrem Reichthum und der Raub⸗ ſucht der Spanier eine lebendige Scheidewand bildeten, von möglichſt heftigem, zornigem und rachgierigein Charakter waren; daß ſie jede Beleidigung rächten und zu dieſem Zwecke eine Pflan⸗ zerwohnung leicht in Brand ſteckten. Trotzdem Morvan von ſei⸗ nen Gedanken an Waldblume völlig eingenommen war, ſo konnte er doch nicht umhin, ſeinen Wirth über die Entſtehung dieſer An⸗ ſiedelung, wie über die Sitten, die in dieſen einſam und außer⸗ halb der königlichen Autorität liegenden Pflanzungen herrſchten, auszufragen. — Jetzt, da die fortwährende Auswanderung der Euro⸗ päer nach der Inſel St. Domingo den Werth der guten Lände⸗ reien vermehrt hat, antwortete ihm der ehemalige Deſerteur, der ſich Petit⸗Jean nannte, muß man ſich an den Statthalter wen⸗ den, um eine Conceſſion zu erlangen; außer dieſem Umſtande — hat ſich nichts geändert, die Zuſtände und die Sitten ſind ge⸗ iſde blieben, wie ich ſie bei meiner Ankunft getroffen habe, nemlich Fui wie ſie vor zwanzig Jahren geweſen ſind. Wenn zwei Indivi⸗ ind, duen, die etwas Geld haben, eine Anſiedelung gründen wollen, und ſo verbinden ſie ſich miteinander; die beiden Genoſſen nennen Nun ſich einander Matroſen, ſo wie es bei den Boucaniern üblich Bub iſt, dann machen ſie einen Vertrag, welchem zufolge Alles, was int ſie beſitzen, ihnen gemeinſchaftlich angehört. Wenn während der Ver Dauer ihrer Verbindung einer von ihnen ſtirbt, ſo bleibt der Uſe überlebende Matroſe Beſitzer des ganzen Gutes zum Nachtheil auög aller Verwandten, die etwa aus Europa kämen, um das Eigen⸗ Gehi thum des Verſtorbenen in Anſpruch zu nehmen. Sobald der dit Vertrag unterzeichnet iſt, ſo iſt es nemlich heutzutage der Ge⸗ zure brauch, verlangen die beiden Genoſſen vom Statthalter Land, Iſi und dieſer ſchickt einen Quartiersbeamten ab, und läßt ihnen Diſ eine Beſitzung abmeſſen. Sobald dieſe Formalität ausgeführt Anſi iſt, fällen die Pflanzer die hochſtämmigen Bäume, welche hab ihre Beſitzung bedecken, und laſſen die Zweige davon an der in Sonne trocknen. Sechs Wochen ſpäter überhebt ſie eine Feuers⸗ fin brunſt der Mühe ihr Land umzuackern, und ſetzt ſie in den klage Beſitz eines Feldes, das geeignet iſt bebaut zu werden. An⸗ hör fangs bebauen die beiden Genoſſen das improviſirte Feld mit über Erbſen, was eine Art von Vorbereitung iſt; dann kommen der dert Manioc, Bananas, Feigenbäume, deren Früchte in der erſten Sch Zeit ihre einzige Nahrung ausmachen. Sobald ihre materielle der, Erxiſtenz auf dieſe Weiſe bis zu einem gewiſſen Grade geſichert nge iſt, erbauen die Pflanzer anſtatt ihres erſten Nothdaches ihr uße Wohnhaus. Sie gehen dabei in der einfachen Weiſe zu Ves Werke, nach welcher man die gewöhnlichen Blockhäuſer aus † Rein Baumſtämmen erbaut. Mit Palmenblättern oder getrocknetem ſchön Zuckerrohr wird das Dach gedeckt; die mit Palmenrinde, welche dus mit Rohr verbunden wird, bedeckten Wände nennen ſie Pal⸗ dge⸗ mlich divi⸗ llen, nnen blich was der der theil igen⸗ dder Gl⸗ and, nen ihrt elche der ers⸗ den An⸗ mit der rſten ielle hert ihr zu aus tem che al⸗ liſaden. Die Bedürfniſſe der ſo eingerichteten Genoſſen ſind gedeckt, und ſobald ihre erſten nothwendigen Arbeiten abgethan ſind, beginnen ſie ſich mit dem Tabakbau zu beſchäftigen. Wäh⸗ rend der Tabak im Wachſen begriffen iſt, erbauen die beiden Matroſen neue Blockhäuſer, die zu Magazinen beſtimmt ſind. Bald naht die Ernte heran; die Genoſſen ſchicken einen Theil ihres Erträgniſſes nach Frankreich, für den andern tauſchen ſie Werkzeug und andere nothwendige Gegenſtände ein, wie Hauen, Meſſer, Stiefeln. Im zweiten Jahre, wenn die Ernte reichlich ausgefallen iſt, geht oft einer der Genoſſen in's Vaterland, um Gehilfen zu ſuchen. Um geringen Preis dingt er arme Teufel, die auf dem Lande Hungers ſterben, und ſich, um ihre Familien zu retten, für ein Stück Brot verkaufen, oder Leute, die von der Juſtiz verfolgt und genöthigt ſind, aus ihrer Heimath zu fliehen. Dieſe Elenden heißen Engagé's; ſobald ſie den Boden unſerer Anſiedelungen betreten haben, werden ſie unſer Eigenthum; wir haben das Recht über ſie zu verfügen, wie es uns gutdünkt: wir können ſie verkaufen, wenn dieſes uns Vortheil bringt, wir dür⸗ fen ſie tödten, wenn wir glauben, daß wir uns über fie zu be⸗ klagen haben. Sobald die Genoſſen ſolche Leibeigene haben, hören ſie auf ſelbſt zu arbeiten, und begnügen ſich damit jene zu überwachen. Wenn dieſe Ueberwachung ſie in ihrer Muße hin⸗ dert, ſo beauftragen ſie damit einen Aufſeher, der dafür 2000 Schuh Tabak Jahreslohn erhält. Mehrere Pflanzer, welche auf der Inſel St. Domingo eine ziemlich geraume Zeit nach mir angekommen ſind, haben ihre Beſitzungen zu hohen Preiſen ver⸗ äußert, und leben jetzt in Europa glücklich und in Reichthum. Was mich betrifft, ſo habe ich nur einen Wunſch: nemlich, daß mein Sohn, der jetzt in Paris ſeine Studien beendigt, den ſchönſten Wagen in der Hauptſtadt habe, und ein Haus führe, das die der vornehmſten Herren an Glanz übertreffe. — Und wie behandeln Sie Ihre Leibeigenen? fragte — 950— Morvan, den dieſe für ihn neuen Mittheilungen ſehr inte⸗ reſſirten. — Sie ſind ſehr glücklich, antwortete der Pflanzer unbe⸗ fangen. Jeden Morgen, wenn ſie ſich zur Arbeit begeben, iſt es ihnen erlaubt, ihre Pfeife zu rauchen. Zweimal des Tages be⸗ kommen ſie Erdäpfel mit Kraut, des Abends gehacktes Fleiſch und Erbſen. Am Sonntag erlauben wir ihnen einen halben Tag ſpazieren zu gehen. Das iſt bei uns einmal der Brauch, und man muß ihn halten, obwohl ſich die Schelme dadurch an Trägheit gewöhnen.— Würden Sie's glauben, daß kein Juhr vergeht, in welchem wir nicht zehn von dieſen Leuten verlieren? Sie geben vor das Fieber, den Skorbut zu haben, und ſtellen ſich, wohl wiſſend, daß ſie einen Werth ausmachen, als ob ſie über kurz oder lang ſterben ſollten. Das ſind abſcheulich un⸗ dankbare Leute, ſchamloſe Bettler, nnverbeſſerliche Faullenzer, welche die Ruhe des Grabes der Bebauung des Feldes vorziehen! Aber was ſoll man mit ſolchen Leuten anfangen, die nichts Beſ⸗ ſeres wünſchen als daß man ſie niederſchieße!— Man macht auch von Zeit zu Zeit einige todt. Dieſe Antwort des alten Pflanzers ntüſtete Morvan, und er wollte eben energiſch darauf entgegnen, als ſeine ganze Aufmerkſamkeit von einem ſchauderhaften Anblick in Anſpruch genommen wurde. Ein unglücklicher Engagé, der mager, blaß und mit allen Anzeichen von Krankheit behaftet war, ſank unter der Laſt eines Tabakballens, mit dem er beladen war, zuſammen; der Aufſeher ſchlug den Unglücklichen mit einer dicken, biegſamen Liane ſo heftig, daß auf jeden Streich Blut hervorquoll! Beim Anblick dieſer ungeheuren Grauſamkeit ſtürzte Morvan außer ſich auf den Henker los, faßte ihn an der Gurgel und warf ihn halb er⸗ droſſelt zu Boden. — Was haben Sie gethan, Unglücklicher! Ergreift den Nör wend ul Hen fuhr aber det Peti ſchi hit nic te 3 nie 6o ab zu fre m ſü mu Er nte⸗ nbe⸗ ſtes — Mörder! rief der Pflanzer Petit⸗Jean zu ſeinen Engagé's ge⸗ wendet, die eben von ihren Feldarbeiten zurückkehrten. Welche traurige Entſittlichung hat die Sklaverei zur Folge!— Die Elenden ſäumten nicht, als ſie den Ruf ihres Herrn hörten, und ſtürzten ſich auf ihren Rächer!— Die Ge⸗ fahr, welche der junge Mann lief, war nicht groß, ſie machte aber Graubart's Dazwiſchenkunft dennoch nöthig. Schnell wie der Gedanke lud er ſeinen Karabiner, und rief, indem er auf Petit⸗Jean zielte, den Sklaven zu: — Wenn einer von Euch einen Schritt weiter geht, ſo ſchieße ich Euern Herrn nieder wie einen wilden Stier. Bei dieſer Drohung, deren Ausführung ſie mit Freude hätte erfüllen ſollen, hielten die Unglücklichen inne. — Sie ſehen, Ritter, fuhr der Boucanier fort, wie tief dieſe Leute geſunken ſind.— Glauben Sie mir, ſie verdienen nicht, daß man ſich für ſie intereſſire. Ein Menſch, welcher die Sklaverei ſo erträgt, iſt nicht zu beklagen, man muß ihn verach⸗ ten! Was Dich betrifft, Petit⸗Jean, ſo verdienſt Du eine ſtrenge Züchtigung, weil Du es gewagt haſt, die Würde eines Bouca⸗ niers zu verletzen.— Ritter, wünſchen Sie, daß man unſern Gaſt ein wenig geißle? Ich muß Ihnen geſtehen, ich wäre nicht abgeneigt, ihm eine kleine Lection zu geben, und ein Exempel zu ſtatuiren! Er wagte es, während Sie mit mir ſind, ſeinen Sklaven zu befehlen, daß ſie Sie ergreifen!— Das iſt doch zu frech!— Meiner Treu, möge es Ihnen belieben oder nicht, er muß geſtraft werden! — Ich willige ein, ſagte Morvan. — Nimm Deine Liane, und gib Deinem Herrn damit fünfundzwanzig Streiche, fuhr der Boucanier mit ſeinem ewig ruhigen Tone zu dem Aufſeher gewendet fort, der eben von der Erde aufgeſtanden war. Der Schreck, welchen der Boucanier einflößte, war ſo IV. S — groß, daß weder der Pflanzer noch der Aufſeher Widerſtand zu leiſten wagte. Blaß vor Wuth über ſeine Demüthigung legte Petit⸗Jean ſein Kleid ab und bot ſelbſt dem Aufſeher ſeinen Rücken dar. — Schlage tüchtig drauf los! ſagte Graubart. Die Execution begann ſogleich und wurde auch bis zu Ende ausgeführt. Der Aufſeher that ſeine Pflicht mit Gewiſ⸗ ſensqualen. — Jetzt, Petit⸗Jean, ſagte Graubart, laſſe uns ein gu⸗ tes Abendmahl auftragen. Am frühen Morgen des andern Tages ſetzten der Bouca⸗ nier, Morvan und Alain ihren Weg weiter fort, begleitet von den geheimen Flüchen und dem erzwungenen Abſchiedsgruß des Pflanzers. Hinter Atalaye, dem letzten bewohnten Ort, wo ſie noch am Abend deſſelben Tages anlangten, befanden ſich unſere drei Reiſegefährten vor den ungeheuren Savannen von Goave.— Wer es nicht ſelbſt an ſich erfahren hat, kann ſich keinen Begriff machen von der feierlichen Stimmung, in welche einen der An⸗ blick einer öden Savanne verſetzt: dieſe ungeheuren, mit hohen Gräſern bedeckten Wieſen, die einem grenzenloſen Ozean glei⸗ chen, worauf die hie und da verſtreuten Baumgruppen als kleine Inſeln erſcheinen, und die Täuſchung vollenden. — Das iſt wohl ein ſtilles Land, ſagte der Boucanier zu Morvan, nicht wahr? Man möchte glauben, Ruhe und Frie⸗ den herrſchten hier unaufhörlich; dennoch iſt kein Theil der In⸗ ſel St. Domingo ſo ſehr mit Menſchenblut befleckt worden, wie dieſer. Dieſe Savanne, welche die franzöſiſchen Beſitzungen vom ſpaniſchen Boden trennt, hat den Kämpfen zwiſchen den beiden feindlichen Nationen immer zum Schauplatz gedient. Noch kom⸗ men da jeden Tag wüthende Scharmützel, ſchauderhafte Mörde⸗ reien vor; in der ganzen Steppe von Goave iſt die milde Scho⸗ N eine nier nung unbekannt, man metzelt ſich da unbarmherzig nieder!— Wenn Waldblume Ihrer Anweſenheit nicht bedürfte, ſo würde ich Sie den kürzeſten Weg führen; ich würde die Savanne rechts in gerader Linie durchſchneiden, ohne mich um die überfälle, denen wir ausgeſetzt wären, im Geringſten zu kümmern.— Aber Sie ſind zu Jeanne's Wiederherſtellung nothwendig; ich muß daher mit Klugheit vorgehen, und Sie der Gefahr ſo wenig als möglich ausſetzen! Obwohl dieſes unſern Weg bedeutend in die Länge zieht, müſſen wir doch längs des Ufers des Fluſſes Arti⸗ bonite fortgehen. Der Ritter verſuchte es, in der Ungeduld Waldblume wieder zu ſehen, den Beſchluß des Boueaniers zu bekämpfen; allein es war verlorene Mühe, Graubart ging von ſeinem Plane nicht ab. Die drei Männer waren kaum fünf Stunden in der Wüſte, und die Sonne begann ſchon zu verſchwinden, als Graubart, der voraus ging, ſtehen blieb und aufmerkſam zu horchen ſchien. — Was gibt es? fragte Morvan, der ihn einholte. — Es ſind eben zwei Schüſſe gefallen, antwortete der Boueanier. — Und was bedeutet das Ihrer Meinung nach? — Noch nichts! Bis jetzt bedeutet es nur ſo viel, daß die Savanne nicht ganz menſchenleer iſt; da aber unter allen Thieren der Menſch das wildeſte und grauſamſte iſt, ſo müſſen wir auf unſerer Hut ſein. — Ich glaube, ſagte Alain, es wäre gerathen zurückzu⸗ gehen. Es iſt dumm, ſich ſchlagen zu laſſen, wenn man davon keinen Nutzen hat. Der Boucanier zuckte die Schultern, und ging vorwärts, ohne zu antworten; Graubart liebte ſeine Tochter, die Wald⸗ blume, gewiß, und der beſte Beweis hiervon war, daß er auf einen Augenblick ſeinen Nationalhaß zum Opfer brachte; aber 9⸗ — von dem Augenblick an, da er trotz ſeiner großen Vorſicht die Gelegenheit vor ſich hatte, den Spaniern zu begegnen, erwachte ſein Boucaniertrieb mit unwiderſtehlicher Gewalt, und beherrſchte in ihm jedes andere Gefühl. Bald darauf hörten die drei Reiſegenoſſen, durch den Wind unterſtützt, andere Schüſſe genauer. — Nun? fragte Morvan abermals, den Karabiner la⸗ dend, den ihm Montbars zum Geſchenk gemacht hatte. — Das ſind leider Freunde!— antwortete Graubart mit Bedauern. — Freunde!— woher vermuthen Sie das? — Glauben Sie, daß man ſich beim Schall eines Bra⸗ chin oder eines Gélin(beide berühmte Büchſenmacher, welche meiſtens für die Boucanier arbeiteten) täuſchen könne? Das ſind Brüder der Küſte, die jagen. In der That erreichten die Reiſenden nach kaum einer halben Stunde am Ufer des Fluſſes Artibonite eine improviſirte Boucanierhütte. Morvan, der ſo etwas noch nie geſehen hatte, betrachtete die rohe Bauart mit außerordentlicher Neugierde. Die Hütte war ungefähr dreißig Schuh lang und zwanzig Schuh breit, und mit fächerförmig gelegten Palmenblättern gedeckt. Aus dieſer Hütte drang ein dichter Rauch von außerordentlich unangenehmem Geruch. Graubart ging ſogleich in den Boucan(die Hütte) hinein; der Ritter folgte ihm. Rings um den Boucan waren an quer gegeneinander geſtellten Stäben große Stücke von Wildſchwein⸗ fleiſch aufgehängt, welche am Feuer einer auf dem Boden aus⸗ gebreiteten Kohlengluth gebraten oder vielmehr von dem Rauch gebeizt wurden. Dieſe mit Knochen und Wildſchweinhäuten ge⸗ nährte Gluth brachte einen Rauch hervor, der Morvan ſogleich nöthigte, ſich wieder aus dem Boucan zu entfernen. lege In Ge der lun ſlei unſ t die achte iſchte den r la⸗ bart Bra⸗ elche Das einet ifirte atte, rde. choh ect. tlich ein guer ein⸗ us⸗ auch ge⸗ tich — 101— — Warum, fragte er Graubart, bedienen ſich Ihre Col⸗ legen nicht des Holzes zu ihrem Feuer? — Weil das Fleiſch durch den Rauch, welcher von den Knochen und den Fellen empordringt, einen ſehr angenehmen Geſchmack erhält. Meiner Treu, es iſt mir nicht unlieb, Brü⸗ dern begegnet zu ſein. Nichts ſtärkt nach den Strapazen eines langen Marſches ſo ſehr als ein Stück geräuchertes Wildſchwein⸗ fleiſch. Wollen Sie, daß ich dem Engagé befehle, uns ſogleich unſer Mahl zu bereiten? — Von welchem Engagé ſprechen Sie? — Nun von dem, welcher im Boucan die Aufſicht führt. — Wie! in dieſer Rauchgrube befindet ſich ein Menſch! Ich habe ihn nicht bemerkt! Wie kann es denn der Unglückliche in einer ſolchen Atmosphäre aushalten, ohne am Schlag zu ſterben? — Wenn ein Menſch von einem feſten Willen beherrſcht und geleitet wird, ſo gewöhnt er ſich an Alles, antwortete Grau⸗ bart ruhig. Wir haben eine Manier, unſere Engagé's zu erzie⸗ hen, die ſie gegen alle Mühſeligkeiten abhärtet, und zu Al⸗ lem, was wir von ihnen verlangen, geeignet macht. — Und was iſt das für eine Methode? — Wir halten ihre Kräfte fortwährend in übung, näh⸗ ren ſie ſehr gut, und ſchlagen ihnen den Kopf mit einem Mus⸗ ketenkolben ein, wenn ſie zaudern, uns zu gehorchen. Kaum eine halbe Stunde nach der Ankunft der drei Rei⸗ ſenden am Boucan kehrten die Brüder der Küſte von der Jagd zurück. Graubart's Anweſenheit ſchien ihnen ſehr angenehm zu ſein und große Freude zu verurſachen. — Seit wann beſucht Ihr dieſe Gegenden? fragte der Vater der Waldblume. — Seit vierzehn Tagen. Wir haben uns unſer Zehn vereinigt, um die Wälder am Fluß Artibonite zu durchforſchen, — 102— und haben uns bis jetzt nicht zu beklagen gehabt. Es wurden dreihundert wilde Stiere und die doppelte Anzahl von Wild⸗ ſchweinen erlegt. Morgen Abend werden wir das Lager aufhe⸗ ben und in die Savanne weiter vordringen! Du kommſt ohne Zweifel, um Dich uns anzuſchließen? — Nein, ich bin auf einer Reiſe begriffen. — Allein? fragte ihn der Boucanier mit bedeutendem Erſtaunen. — Yicht eigentlich, dieſe beiden jungen Leute begleiten mich, antwortete Graubart, auf Morvan und Alain deutend. — Bloß zu Dreien durch die Savanne reiſen iſt eine zu kühne Verſuchung des Schickſals, ſagte der Boucanier. Glaube mir, Graubart, wenn Du mit heiler Haut davon kommen willſt, ſo mußt Du bis übermorgen bei uns bleiben. In der Umgegend ſtreift eine ſpaniſche Compagnie mit böſen Abſichten umher. übermorgen kommen wir gerade in die Gegend Deiner Anſiede⸗ lung; und wenn Du mit uns reiſeſt, ſo haſt Du keine Gefahr zu befürchten. Die andern bei dieſem Geſpräch anweſenden Boucanier unterſtützten die von ihrem Gefährten aufgeſtellten Gründe mit ſolchem Nachdruck, daß Graubart nachgeben mußte; er wußte, daß die Brüder der Küſte keine Leute waren, die ſich leicht ein⸗ ſchüchtern ließen, und daß das Wort Gefahr in ihrem Munde einen beinahe unvermeidlichen Tod bedeutete. Morvan, den die⸗ ſer Aufſchub ſehr ärgerte, widerſetzte ſich demſelben mit aller Kraft; aber es wurde ihm unmöglich, Graubart anders zu be⸗ ſtimmen, der ihm bloß antwortete: — Jeanne bedarf Ihrer Gegenwart zu ſehr, als daß ich Sie Ihr Leben auf's Spiel ſetzen ließe. Nachdem ich mich, um Sie abzuholen, ſo ſehr geſtört habe, iſt es wohl das Wenigſte was ich thun kann, daß ich Sie lebend erhalte!— Als der Ritter einſah, daß er gegen Graubart's Hart⸗ nick mer übe ſcht ſein des Her ini Die tra tül Al T St au ſp rden ild⸗ ufhe⸗ ohne dem e ju aube ilſſt, end ede⸗ nier nit ßte, ein⸗ unde die⸗ allet hi⸗ un gſte näckigkeit nichts auszurichten vermochte, wandte er alle ſeine Auf⸗ merkſamkeit den Boucaniern zu, um ſeine traurigen Gedanken über den ſo nothwendigen Aufſchub zu zerſtreuen. Dieſe uner⸗ ſchrockenen und unermüdlichen Jäger glichen jenen, welche bei ſeiner Ankunft auf der Inſel Tortue mit Montbars an Bord des Schiffes gekommen waren. Zwiſchen ihnen herrſchte große Herzlichkeit und der Ton außerordentlicher Offenheit, auch lag in ihrer Haltung ein Ernſt, der den jungen Mann überraſchte. Die Boucanier ſchienen ihm, vom Punkt der Sittlichkeit be⸗ trachtet, weit über den eigentlichen Flibuſtiern zu ſtehen; er täuſchte ſich auch nicht. Bevor ſie zu dem ihnen ſo angenehmen Abendmahl gingen, ſpannten die Boucanier die Häute der den Tag über erlegten und von ihren Engagé's herbeigeſchafften Stiere aus. Die Haut wurde mit der innern Seite nach außen auf die Erde gebreitet, mittels vierundſechszig Nägel feſt ausge⸗ ſpannt, und dann mit einer Miſchung von Aſche und Salz ab⸗ gerieben. Sobald dieſe Arbeit gethan war, begann das Abend⸗ mahl. Aus einem Keſſel, das einzige Kochgeräth, welches die Boucanier auf ihren Expeditionen mit hatten, zog ein Engagé mittels eines zugeſpitzten Holzes ein ungeheures Lendenſtück von einer Kuh, das ſeit dem Morgen geſotten hatte. Nachdem dieſes Stück Fleiſch auf Palmenblätter gelegt worden war, goß der Engagé das brodelnde Fett aus dem Keſſel in eine große Kale⸗ baſſe, preßte in dieſe natürliche Sauce den Saft mehrerer Zi⸗ tronen, und warf dann eine Handvoll gehackten Krauts darein. Die Boucanier, die mit ihren Meſſern und zugeſpitzten Hölzern anſtatt der Gabel verſehen waren, ſetzten ſich rings um die un⸗ geheure Fleiſchportion, und griffen wacker zu. Sobald ihr Ap⸗ petit zur Hälfte befriedigt war, machten ſie ſich an ein Stück geräucherten Wildſchweinfleiſches. Alain konnte beim Anblick der roſigen Farbe dieſes auf ſo ſonderbare Weiſe zubereiteten Fleiſches, und bei dem ſeinen 104— feinen Sinnen ſo angenehmen Geſchmack einen Ausruf der Be⸗ wunderung nicht zurückhalten; in der That waren dieſe Spei⸗ ſen köſtlich. Nach beendetem Mahle zündeten die Boucanier ihre Pfei⸗ fen an und machten den Engagé's Platz; hierauf errichteten ſie, während die Diener ſich ſtärkten, eine Zielſcheibe und ſchoßen darnach. Morvan war über ihre wunderbare Geſchicklichkeit ganz erſtaunt, und ſie erklärte ihm vollkommen, warum die Spanier vor ihnen eine ſo große Furcht hatten. Als endlich die Nacht herangebrochen war, zog ſich jeder Boucanier entweder allein oder mit ſeinem Matroſen in ein Leinwandzelt zurück, das ſein Engagé während des Scheiben⸗ ſchießens aufgeſchlagen hatte. Die Diener und die Hunde lager⸗ ten ſich rings um die Zelte; Schildwachen, die von zwei zu zwei Stunden abgelöſt wurden, ſorgten für die Sicherheit des Lagers. Am Anbruch des folgenden Tages, etwas vor vier Uhr, ſtand Alles auf und man begab ſich auf die Jagd. Es handelte ſich darum, in den Wäldern, welche den Fluß beſäumten, eine letzte Jagd abzuhalten. Morvan, den dieſes für ihn ſo neue Schauſpiel ſehr intereſſirte, hielt ſich an einen Boucanier, wel⸗ chen Graubart ihm als einen der erfahrenſten und berühmteſten in ſeinem Beruf bezeichnete. Dieſer Jäger, Namens Desroſiers, beſaß ſechs Engagé's und fünfundzwanzig Hunde. Sobald der Saum des Waldes erreicht war, ging er mit geladener Flinte und bereit abzufeuern, in gerader Richtung vorwärts; ſeine Diener, welche die Hunde an einer ledernen Schnur hielten, folgten ihm einzeln nach; nur der Windhund war frei und lief umher, um einen Stier aufzuſpüren. Bald ſchlug das, ungefähr dreihundert Toiſen von den Jägern ent⸗ fernte verſtändige Thier an; es hatte eine Beute entdeckt. So⸗ bald die andern Hunde dieſen Ruf hörten, begannen ſie wüthend zu ſpringen. Rie ten dert iom er ur he de ni ſa Be⸗ Syei⸗ Pfei⸗ en ſie, hoßen chkeit ndie jeder nein iben⸗ lager⸗ zwei gets. Uhr, delte eine neue wel⸗ eſten ſiers, 1 nit tun men hund Bald ent⸗ So⸗ hend 105 — Laßt die Meute los! ſagte der Boucanier Desroſiers. Die Diener beeilten ſich zu gehorchen, und den ledernen Riemen, der ihnen als Leibgürtel diente, feſter ſchließend, rann⸗ ten ſie den wüthenden Hunden nach. Kaum hatte Morvan hun⸗ dert Schritte gemacht, als er den gehetzten Stier auf ſich los⸗ kommen ſah. — Stellen Sie ſich hinter einem Baum, rief ihm ein Diener zu. Der junge Mann beeilte ſich dieſen Rath zu befolgen. Der Stier wandte ſich von Zeit zu Zeit zurück, um die hinter ihm her heulende Meute zurückzudrängen, und zeigte ſich, obwohl er den Jägern ausweichen zu wollen ſchien, mehr zornig als er⸗ ſchreckt; ſeine langen, ſpitzen Hörner, ſeine breite Bruſt, ſein kurzer nerviger Hals bewieſen, daß er kein zu verachtender Gegner war, und daß es gefährlich ſein werde, ihn niederzumachen. Der Boucanier Desroſiers folgte den Bewegungen des Thieres mit großer Kaltblütigkeit; mehrmals ſah Morvan ihn ſeinen Karabiner erheben; unglücklicher Weiſe begegnete der Jäger, ſo oft er ſchießen wollte, einem ſeiner Diener oder ſeiner Hunde, der ſeinem Gewehr vor dem Korn ſtand. Nachdem der Stier die Verfolgung ſeiner Feinde beinahe eine Minute lang erduldet hatte, änderte er die Stellung und wurde der angrei⸗ fende Theil. Das war nun ein feltſames Schauſpiel: die Engagsé's und die Hunde wagten es nicht unter Desroſier's Augen zu flie⸗ hen, weil er ſie dieſe Schwäche ſtreng hätte büßen laſſen, und entwickelten eine außerordentliche Behendigkeit, um den Angriffen des Stieres auszuweichen, ohne ſich zu ſehr von ihm zu entfernen. — Warum ſchlägt denn dieſer Mann das Ungeheuer nicht nieder? fragte Morvan einen Engagé, auf einen ſeiner Colle⸗ gen hinweiſend, der kaum fünf Schritte von dem Stier ent⸗ fernt war. — 106— Bei dieſer Frage zeigte der Diener des Boucaniers ein Stor außerordentliches Erſtaunen; man hätte geglaubt, er habe eben ds U eine abſcheuliche Läſterung anhören müſſen. en n — Vor dem Herrn ſchießen! antwortete er endlich; was denken Sie, Herr Ritter? niht — Indeß ſcheint es mir natürlicher, dem Herrn einmal den Reſpekt zu verſagen, als ſich den Bauch aufſchlitzen zu laſ⸗ gbk ſen, ſagte Morvan; beſonders in einem ſolchen Falle. — O man ſtirbt nicht immer von einem Ptoß mit dem Bou Horn, während man ſich hingegen von einer Kugel im Kopfe 63 niemals erholt. — Was, Desroſiers würde denjenigen Engagé, der wort auf den Stier ſchöße, tödten? Ag — Ja, Herr, er würde ihn ſtrafen; das iſt gewiß. — Und ſeine Methode zu ſtrafen iſt, ihn zu erſchießen? e6rf Der Engagé ſprach noch, als Morvan den Stier auf ſich loskommen ſah. Der junge Mann zauderte nicht; er erhob ſei⸗ dur nen Karabiner und feuerte ab. Das ſchreckliche Thier blieb, ihn mitten in der Bruſt getroffen, einen Augenblick ſtehen; aber bedi bald wuchs ſeine Wuth durch den ungeheuren Schmerz, den ihm hun ſeine Wunde verurſachte; es brüllte auf und mit blutunterlau⸗ Kar fenen Augen, mit ſchäumender Schnauze und bebendem Körper pelt ſtürzte es mit unwiderſtehlicher Gewalt auf den Ritter zu. ten Morvan, dem die erſten Regeln der Stierjagd unbekannt waren, ergriff die Flucht, anſtatt rings um den Baum zu gehen, die der ihm zum Schutze diente. Durch ſeine Flucht, das Gefähr⸗ bek lichſte was er unternehmen konnte, ſetzte er ſich einem beinahe Bei gewiſſen Tode aus; er merkte auch bald den Fehler, den er be⸗ ſhe gangen hatte. Aufgehalten in ſeinem Lauf durch die Lianen und nur das Geſtrüppe, Hinderniſſe, welche der Stier, ohne ſie zu beach⸗ ten, mit ſeinem breiten Leibe niederdrückte, war er in jedem En Augenblick von ſeinem ſchrecklichen Feinde weniger entfernt. zi ers ein be eben was einmal u laſ⸗ it den Kopfe , der eßen? uf ſic b ſi⸗ hlieb, aber nihn erlau⸗ örper kannt ehen, fihr⸗ inahe be⸗ und euch⸗ jeden ſemt⸗ Schon fühlte der junge Mann den warmen und feuchten Hauch des Ungeheuers in ſeinem Nacken, als ein Gebrüll ertönte und ein wuchtvoller Körper ſchwer zu Boden fiel. — Es iſt überflüſſig, daß Sie ſich weiter zu laufen be⸗ mühen, ſagte der Boucanier Desroſiers, die Sache iſt abgethan. Morvan wandte ſich um; der Stier lag am Boden und gab kein Zeichen des Lebens mehr. — Dank, mein Herr, ſagte der junge Mann, ſich an den Boucanier wendend, Sie haben mir einen Dienſt geleiſtet, den ich Ihnen niemals vergeſſen werde! — Es iſt nicht der Mühe werth, davon zu reden, ant⸗ wortete Desrofiers; was ich für Sie gethan habe, bin ich jeden Augenblick bereit für einen Hund von meiner Meute zu thun. — Wie gelang es Ihnen den Stier niederzuſchlagen? Er fiel wie vom Blitz getroffen! — Ganz einfach; ich habe ihm vor Allem das Kniee durchhauen, und ſobald er einmal am Boden lag, machte ich ihm mit einem Bajonettſtoß in den Schädel den Garaus. Ich bediene mich lieber des blanken Degens als der Muskete; von hundert Stieren, die ich erlege, fallen kaum zehn durch meinen Karabiner. Dieſe Art zu Werke zu gehen, bietet mir den dop⸗ pelten Vortheil, daß ich erſtens mein Pulver ſchone und zwei⸗ tens den Werth der Haut nicht vermindere. Desroſiers prahlte nicht, indem er ſo ſprach; die Häute, die ſein Zeichen trugen, waren auf den europäiſchen Märkten bekannt und geſucht. Uebrigens ahmten viele Boucanier dieſes Beiſpiel nach, griffen die durch das Geheul der Hunde aufge⸗ ſcheuchten Stiere im Lauf an und bedienten ſich ihrer Karabiner nur bei unvorhergeſehenen Fällen. Sobald das Thier einmal todt war, warf ſich einer der Engagé's darüber her, weidete es aus, zog die Knochen aus den Füßen und überreichte ſie Desroſiers. Der Boucanier behielt 08 zwei davon für ſich und übergab die andern Morvan, der dieſe etwas wilde Galanterie nicht verſtand, und mit einer Geberde des Abſcheu's zurück trat. Desroſiers lächelte. — Das kommt von dem ſtädtiſchen Leben, junger Mann, ſagte er; man nimmt in den Städten abgeſchliffene Sitten an und wird alt, ohne daß man erfahren hat, was gut ſei. Der Boucanier zerſchlug dann die Knochen und verſchlang das darin enthaltene noch warme Marks dieſe Speiſe ſchien ihm außerordentlich angenehm zu ſein. Die Jagd wurde fortgeſetzt. So oft der Boucanier einen Stier erlegte, deckten die Engagé's das Thier mit wunderbarer Geſchicklichkeit ab, wickelten die Haut zuſammen, damit ſie nicht an den Bäumen hängen bleibe, legten ſich dieſelbe auf die Schultern und folgten mit dieſer, we⸗ nigſtens hundert Pfund ſchweren Laſt bepackt, ihrem Herrn auf's Neue. Gegen fünf Uhr Abends hatte jeder der ſechs Diener eine Haut zu tragen und Desroſiers kehrte nach ſeinem Lager zurück. Am andern Morgen begaben ſich die Boucanier auf den Weg, um neue Jagdplätze aufzuſuchen. Da ſie ihrer Mehrere waren, ſo beſchloßen ſie, ſich bei ihrem Marſch durch die große ſpaniſche Savanne bis in die ſpaniſchen Beſitzungen zu wagen. Dieſe Expedition war, wie Morvan durch Graubart erfuhr, von außerordentlicher Kühnheit. Seit fünf Jahren hatte es Niemand, außer Graubart, gewagt, die Steppe in ihrer ganzen Ausdeh⸗ nung gerade zu durchwandern. Die kleine Karavane, welche, die Engagé's mit einge⸗ rechnet, aus ungefähr ſechzig Menſchen beſtand, war bereits fünf Stunden auf dem Marſch, als ſie den Saum eines kleinen, mitten in der Savanne gelegenen Waldes erreichte. Die Hitze war drückend; die Boucanier beſchloßen hier Halt zu machen. Mehrere von ihnen unternahmen es, während die Diener die Zelte errichteten, den Wald zu durchſtreifen, um zu ſehen, ob ſich hier nicht Fährten von wilden Stieren vorfänden; Mor⸗ van f Mam ten n welch Schr des( zuric weſen bei, wur feſhu liche Hun nich zug ſein das ſelt Be ein gen zwe ſche den beſ der dieſe Geberde rMann, itten un ſchlang ien ihm tgeſetz. ngag6“ ten die bleibe, ſet, we⸗ nauf's ter eine zuric. auf den Mehrere große wagen. hr, von emand, lusdeh⸗ einge⸗ t fif leinen⸗ Hite hen. Diener ſchen⸗ Nor⸗ van folgte ihnen, von Graubartbegleitet, der, ſeitdem der junge Mann beinahe das Opfer der Jagd geworden wäre, deſſen Schat⸗ ten wurde und ihn nicht mehr verließ. Kaum war der Boucanier, welcher an der Spitze der kleinen Expedition ging, etwa hundert Schritte weit in dem Walde vorgedrungen, als er einen Ausruf des Erſtaunens hören ließ, und ſich zu den Gefährten lebhaft zurückwendend, zu ihnen ſagte: — Freunde, in dieſem Walde ſind heute Menſchen ge⸗ weſen!— Da ſeht dieſe Spuren! Die Boucanier prüften den Boden, riefen Graubart her⸗ bei, deſſen ausgezeichnete Erfahrung von allen hochgeſchätzt wurde, und fragten ihn um ſeine Meinung. Graubart bedurfte nur eines Blickes, um ſeine Meinung feſtzuſtellen. — Brüder der Küſte! ſagte er, ich finde hier unerklär⸗ licher Weiſe die Spuren eines Menſchen, dem eine Meute von Hunden und zwei Wildſchweine nachfolgten. Ich täuſche mich nicht— ſo iſt es!— Aber es iſt unbegreiflich. Die Abenteurer hatten von Graubart's Erfahrung eine zu große Meinung, als daß ſie es wagten, die Unfehlbarkeit ſeines Urtheils in Zweifel zu ziehen; nichts deſtoweniger war das, was der alte Boucanier behauptete, ſo außerordentlich, ſo ſeltſam, daß es erlaubt war, dieſe Behauptung mit Zaudern als Wahrheit anzunehmen. Wie ſollte man auch vorausſetzen, daß ein menſchliches Weſen in einem, mitten in der Savanne gele⸗ genen Walde, in Geſellſchaft einer Meute von Hunden und zweier Wildſchweine lebe? — Kamerad Graubart! rief Desroſiers, wenn Du nicht ſcherzeſt, wenn Du im Ernſt redeſt, ſo mußt Du uns bis an den Ausgang der Spuren führen; denn Niemand verſteht es beſſer einer Fährte zu folgen als Du. — Ich ſpreche immer im Ernſt, Desroſiers. — 50 — Alſo gehen wir an's Suchen!— Doch noch ein Wort! glaubſt Du, daß dieſe Spuren, die uns ſo neugierig machen, mehrere Tage alt oder ganz friſch ſeien? — Sie ſind ganz friſch und nicht älter als eine Stunde. Graubart, welcher das lange Reden nicht liebte, ſtellte ſich ſogleich an die Spitze der Boueanier und begann, die Blicke aufmerkſam auf den Boden geheftet, ſeine Forſchungen. Der alte Jäger war das Waldleben ſo gewohnt, in die Geheimniſſe der Waldeinſamkeit ſo eingeweiht, daß er, obſchon die von ihm bezeichneten Spuren kaum ſichtbar waren, denſelben mit raſchen Schritten und ohne anzuhalten folgte. Von Zeit zu Zeit hörte der mit dichtem Raſen bedeckte Boden auf dem alten Jäger die zum weitern Suchen nöthigen Andeutungen zu bieten; dann blieb er immer einige Seeunden ſtehen, blickte um ſich und fand immer ein neues Zeichen, etwa einen zerbrochenen Zweig oder ein Büſchel niedergedrücktes Gras, und ſetzte dann ſeinen Weg mit einer Sicherheit fort, die bewies, wie überzeugt er war, keinen falſchen Schritt zu machen. Es war noch keine halbe Stunde verfloſſen, als Grau⸗ bart befriedigt lächelte und ſeinen Gefährten ein Zeichen gab, ſtillſchweigend vorwärts zu gehen; die Boucanier beeilten ſich dieſer ſtummen Aufforderung nachzukommen. — Seht, Kameraden, ſagte Graubart mit leiſer Stimme und ſtreckte ſeine Arme in der Richtung einer etwa vierundzwan⸗ zig Schritte von ihm entfernte Waldlichtung aus, da ſind ſchon die beiden Wildſchweine. — Meiner Treu, es iſt wahr! erwiederte Desroſiers in demſelben Tone; aber aus dem Umſtande, daß wir einem Eber begegneten, folgt noch nicht, daß wir auch einen von einer zahlrei⸗ chen Meute begleiteten wilden Menſchen finden müſſen.— Ein im Walde umherſchweifendes Wildſchwein iſt keine ſo ſeltene, außerordentliche Sache! nerkſ Dest Selt kein asſp der G wöhn . weni ten hein in be ten wer fehll ſo! Vhie höre Die fen die wel ſen, Kih Ein ein Wort! gmachen, Stunde. e, ſtellt ie Blicke n. Det eimniſſe von ihm raſchen eit hörte iger die nz dann nd fand ig oder en Veg er wat, Grau⸗ en gab ten ſih Stimne dan⸗ d ſihon ſers in n Eber ahlri⸗ — Ein ſelten⸗ — Wenn Du die Spuren dieſes Wildſchweines mit Auf⸗ merkſamkeit betrachtet hätteſt, ſo würdeſt Du nicht ſo ſprechen, Desroſiers! Betrachte doch die Sicherheit dieſes Schrittes, die Seltſamkeit dieſer Bewegungen!— Dieſes Wildſchwein iſt kein gewöhnliches Thier! Die Ueberzeugung, mit welcher Graubart dieſes Urtheil ausſprach, imponirte Desroſiers. — Das iſt meiner Treue wahr, ſagte er; Du haſt Recht; der Gang dieſes Wildſchweines hat in der That etwas Unge⸗ wöhnliches, Seltſames an ſich.— Vielleicht iſt es verzaubert. — Ja, ſo iſt es, da iſt eine Hexerei vorhanden!— Warte ein wenig.— Wir werden ſogleich wiſſen, woran wir uns zu hal⸗ ten haben.— Ich habe glücklicher Weiſe eine ſilberne Kugel bei mir. Die Boucanier, abergläubiſch wie es die unwiſſenden und in beſtändiger Gefahr lebenden Menſchen gewöhnlich ſind, glaub⸗ ten feſt daran, daß ein Zauber durch eine ſilberne Kugel gelöſt werden könne. Kaum hatte Desroſiers das werthvolle und un— fehlbare Projectil in den Lauf ſeines Karabiners gleiten laſſen, ſo legte er an und feuerte ab. Das mitten im Körper getroffene Thier machte einen Sprung und ließ ein klagendes Grunzen hören, dann ſtürzte es zu einem Gebüſch hin und verſchwand. Die Boucanier eilten ihm nach. Plötzlich kam, düſter und ergrei⸗ fend, ein rauher ſchrecklicher Ton aus der Tiefe des Waldes. Die Boucanier blieben erſchreckt ſtehen. Dieſe bei einer Gefahr, welche ſie ſahen und begriffen, und wäre ſie noch ſo groß gewe⸗ ſen, ſo ſorgloſen Menſchen verloren ihren Muth und ihre Kühnheit, ſobald ſie an die Möglichkeit eines übernatürlichen Einflußes dachten. Das Wunderbare übte auf ihre rohe Ein⸗ bildungskraft eine erſtaunliche Herrſchaft aus. Dießmal hatten ſie nicht Zeit ſich mit Vermuthungen ab⸗ zugeben, die Erklärung des Schrei's, der ſie mit Schrecken er⸗ — 112— füllt hatte, ließ nicht auf ſich warten: ein faſt nackter, nur mit wenigen Lumpen bedeckter Mann, deſſen Geſicht mit einem rothen langen Bart verdeckt war, ſtürzte, mit einem knotigen Stock bewaffnet, aus der Tiefe der Waldlichtung hervor und ging auf ſie zu. Das von Desroſiers' Kugel getroffene Wild⸗ ſchwein ſchleppte ſich mit Mühe hinter ihm her. Dieſe Erſchei⸗ nung war ſo unerwartet, ſo ſeltſam, der Anblick des mit dem Knotenſtock bewaffneten Weſens trug ſo ſehr den Stempel der Verwilderung an ſich, ſeine Bewegungen waren ſo haſtig und ſo kräftig, ſeine Augen blitzten ſo gefahrdrohend, daß die Bou⸗ canier trotz ihrem erprobten Muth einen Augenblick erſchreckt zurückwichen. Graubart allein behielt ſeine Kaltblütigkeit und legte den Karabiner an; Morvan hielt ſeine Hand, die ſchon den Hahn gefaßt hatte. — Halten Sie ein, ſagte er zu ihm, wir ſind zu zahl⸗ reich, als daß wir etwas zu befürchten hätten, Sie begehen unnützer Weiſe ein Verbrechen. — Ihre Bemerkung iſt richtig, antwortete Graubart ruhig. Dieſer nackte Knotenträger könnte in der That dem Men⸗ ſchengeſchlechte angehören. Die Boucanier waren nicht die Leute, die lange unter dem Bann der Furcht blieben; ſobald der erſte Moment der Ueberraſchung vorüber war, das heißt, einige Secunden nach der Erſcheinung, bemerkten ſie, daß ihr ſeltſamer Gegner ſelbſt ſehr unruhig und über ihre Anweſenheit ſehr erſtaunt war; ſie eilten hin um ihn zu fangen. Der wilde Menſch ſprang Anfangs mit einer Leichtigkeit fort, die ihn bald außer dem Bereiche ſei⸗ ner Gegner gebracht hätte; aber bald beſann er ſich, kehrte zu⸗ rück und kniete neben dem Wildſchwein nieder, deſſen Blut in Stromen aus der erhaltenen Wunde floß. In weniger als einer halben Minute waren der Menſch und ſein Thier von den Bou⸗ caniern umringt. finde Mar Zau ſeine nen ende nich Va ein Ju De wi zu nit einem otigen vund Vild⸗ ſſchei⸗ den el der gund Bou⸗ chret it und ſchon zahl⸗ gehen aubart Men⸗ unter nt det nh ſelbſ n ſe fungs e ſi⸗ te zl lut in einer Bol⸗ — Wer biſt Du? Wie kommt es, daß wir Dich hier finden? ſagte Graubart, ſich an die ſeltſame Perſon wendend. Auf dieſe Frage riß der mit dem Knotenſtock bewaffnete Mann die Augen weit auf; dann antwortete er nach einigem Zaudern mit einer Stimme, deren rauhe Töne ſich mit Mühe ſeiner Kehle entwanden: — Ich bin ein früherer Engagé! Warum habt Ihr mei⸗ nen Freund Jacques verwundet? Er hat Euch doch nichts Böſes gethan! — Dieſer Menſch iſt ein Marron!*) ſagte Desroſiers. Er muß erſchoſſen werden! Dieſe Drohung machte auf den entflohenen Engagé kei⸗ nen Eindruck; vom Schmerz, den ihm der Anblick ſeines ver⸗ endeten Wildſchweines verurſachte, übermannt, ſchien er an nichts, was rings um ihn her vorging, Intereſſe zu nehmen. Bald darauf rollten ihm zwei Thränen über die Wangen und ein krampfhafter Seufzer entwand ſich ſeiner Bruſt: ſein Freund Jacques war nicht mehr! Die Neugierde der Boucanier war ſo ſtark erregt, daß Desroſiers' blutiger Vorſchlag gar keinen Anklang fand; alle wünſchten lebhaft die Geſchichte des entflohenen Engagé kennen zu lernen. Graubart fragte ihn zuerſt: — Wie heißeſt Du? Seit wann bewohnſt Du die Sa⸗ vanne? — Wie ich heiße? wiederholte der Engagé, der nachzu⸗ denken ſchien. Ach ja!— ich erinnere mich!— Man nannte mich Anton Perin.— Die Zahl der Jahre, welche ich in der *) Die Boucanier bezeichneten mit dem Worte Marron diejenigen Engagé's, welche, um ihrer Grauſamkeit zu entkommen, nach den öden Gegenden der Inſel flohen, um von da auf das ſpaniſche Gebiet zu gelangen. 10. 6 ₰ ½ — Savanne zugebracht habe, kann ich Ihnen nicht angeben.— Wie könnte ich das wiſſen! Auf dieſe Antwort des Flüchtlings näherte ſich ihm ein Boucanier und ſagte, indem er ihn mit großer Aufmerkſamkeit betrachtete: — Dieſer Mann lügt nicht; es iſt mein ehemaliger En⸗ gagé; ich erkenne ihn jetzt. Vor drei Jahren hat er mich ver⸗ laſſen.— — Ich wußte wohl, daß es ein Marron ſei, rief Des⸗ roſiers erfreut. Der ehemalige Herr des armen Anton Perin zauderte; Graubart, der ſeine Verlegenheit bemerkte, ſagte ernſt zu ihm: — Freund, Du weißt, daß es unter uns als ein Ver⸗ brechen betrachtet wird, wenn einer ſeine Brüder täuſcht! Iſt es wahr, daß dieſer Anton ein Marron iſt? — Nein, antwortete der Boucanier, dieſer Mann iſt un⸗ ſchuldig; ich will Euch mit wenigen Worten ſagen, was zwi⸗ ſchen ihm und mir vorgefallen iſt. Anton kam hilflos nach St. Domingo und willigte ein mein Engagé zu werden.— Unglücklicher Weiſe begann er, da er unfähig war das Wald⸗ leben zu ertragen, meine Geduld zu ermüden, und ich wurde ſeiner bald überdrüſſig. Eines Tages, er war damals kaum drei Wochen in meinem Dienſt, gab ich ihm zwei Stierhäute zu tra⸗ gen; Anton gehorchte, nur ſank er, nachdem er zehn Minuten gegangen war, zu Boden, und erklärte mir, er ſei unfähig, den Weg weiter fortzuſetzen. Wüthend, erbittert, und indem ich ihn zwingen wollte, ſich zu erheben, gab ich ihm mit dem Flinten⸗ kolben einen Streich auf den Kopf.— Anton ließ ein dumpfes Stöhnen hören und blieb unbeweglich. Ich legte meine Hand auf ſein Herz, es ſchlug nicht mehr.— Ich glaubte, daß ich meinen Engagé erſchlagen habe und entfernte mich, nachdem ich ihm die Waffen abgenommen hatte. Ich muß erklären, daß die⸗ ſer au hn ein ſmkeit er Er⸗ ch ver⸗ uderte; ihn: n Ver⸗ t Iſ iſt un⸗ s zwi⸗ s nuc Wald⸗ wyrde un dni zu tro⸗ Ninuten ig⸗ den ich ihn jlinten⸗ unyfes e Hand daß ih unit ß di⸗ ſer Vorfall ſich in einem der Urwälder ereignet hat, welche ſich am Fluße Artibonite befinden und daß es nicht unmöglich, daß Anton wieder zu ſich gekommen ſei und den Rückweg nicht mehr gefunden habe. — Jetzt erkläre Du Dich, mein Freund, ſagte Graubart zu Anton, der noch immer vom Schmerz über das tragiſche Ende ſeines Freundes Jacques tief ergriffen war. Sage uns, was Du nach Deiner Ohnmacht gethan haſt. — Als ich wieder das Bewufßtſein erhielt, antwortete Anton, indem er ſich mehrmals unterbrach, um die Worte zu ſuchen, die ihm jeden Augenblick fehlten, befand ich mich allein und verlaſſen, und war Anfangs in großer Verzweiflung.— Die Nacht verbrachte ich in Fieberwahnſinn. Am andern Tag gelang es mir, obwohl ich vom Blutverluſt ſehr geſchwächt war, mich zu erheben und ich machte mich auf, um meinen Herrn zu ſuchen. Erſt dann bemerkte ich, daß einer der Hunde von der Meute bei mir geblieben ſei; das brave Thier leckte mir die Hände und ſchien mich einzuladen, daß ich ihm folgen ſollte; ich vertraute mich ſeinem Inſtinkt an und ging, ſo lange es meine Kräfte mir erlaubten.— Es kam die Nacht und mit ihr alle Qualen des Hungers. Mein Herr hatte mir zu meinem Glück ein Stück Kuhfleiſch gelaſſen, das ich zu ſeinem Abend⸗ mahl bei mir trug. Ich theilte dieſes rohe Fleiſch mit dem Hunde. Dieſe Nahrung, obſchon ſie mir außerordentlich widerlich war, brachte mich wieder ein wenig zu Kräften.— Am folgenden Tage gelang es mir auf einen der höchſten Bäume des Waldes zu klettern; ich ſah das Meer! Dieſer Anblick gab mir allen meinen Muth wieder. Ich wußte, daß mein Herr die Ergebniſſe ſeiner Jagd einſchiffen mußte, und hoffte ihn wieder zu finden, wenn ich ſo glücklich ſein ſollte, bis zum Strande zu gelangen. Ich orientirte mich ſo gut als es mir möglich war, und ſtieg vom Baum herab. Ach! kaum hatte ich zehn Schritte gemacht, als 6 ich die Nutzloſigkeit meiner Bemühung einſah; es war mir un⸗ möglich, in dem Labyrinth von Geſtrüppen den Weg zu finden! Mehrmals glaubte ich, wenn ich Fährten der Wildſchweine und Stiere fand, daß ich endlich aus dem Walde herauskommen werde und folgte dieſen Stegen, die mich noch mehr in die Irre führten. Morvan, der über die Eleganz, mit welcher ſich der arme Anton ausdrückte, erſtaunt war, unterbrach ihn. — Darf ich Sie fragen, mein Freund, ſagte er, warum Sie Europa verlaſſen haben, was für eine Stellung Sie in Frankreich einnahmen? — Ich war Muſiklehrer, mein Herr, antwortete Anton, und eine unglückliche Liebe veranlaßte mich mein Vaterland zu fliehen. Morvan erfuhr nun, daß dieſer Unglückliche eine gewiſſe Erziehung genoſſen habe und nicht durch einen unfittlichen Lebens⸗ wandel genöthigt geweſen ſei, ſeine Heimath zu fliehen; dieß vermehrte das Intereſſe, welches er für den armen Anton be⸗ reits hegte; er bat ihn in ſeiner Erzählung fortzufahren. — Einen Tag, nachdem mich mein Herr, in der Mei⸗ nung, daß ich todt ſei, verlaſſen hatte, fuhr der ehemalige En— gagé fort, fing mein Hund, den der Hunger quälte, an Wild zu ſuchen, kam dabei einer Sau auf die Spur und erdroſſelte zwei ihrer Friſchlinge. Ich verſuchte es dann nach Art der Ka⸗ raiben Feuer anzumachen, das heißt, indem ich zwei trockene Zweige aneinander rieb, aber es gelang mir nicht, und ich mußte mich entſchließen, an dem blutigen Mahl meines Hundes Theil zu nehmen. Der ſchauderhafte Ekel, den ich Tags zuvor beim Genuß des unzubereiteten Fleiſches verſpürte, war dießmal nicht ſo groß; ich begann mich an das wilde Leben zu gewöhnen, das ich ſeitdem führe. Indem ich meinen Verſtand mit dem Inſtinkt meines Unglücksgenoſſen, des Hundes, vereinigte, begann ich die Gewohr genden die ſie dem S eignetßt gertod Ruhun ichtig hereits zwei le und zu ſolg il Sie ge Vir li gegen vſich trockn das o ſo hut größet lunge ziehu ſachte Freun anm auch durch ordent die w me um on, und ſſe ns⸗ ieß — 117— Gewohnheiten der Wildſchweine zu ſtudiren; ich lernte die Ge⸗ genden kennen, welche ſie vorzugsweiſe beſuchten, die Pflanzen, die ſie am meiſten liebten, den Augenblick, in welchem ſie ſich dem Schlafe überließen und die Stunde, in welcher es am ge⸗ eignetſten war, ſie zu überfallen. Von da an hatte ich den Hun⸗ gertod nicht mehr zu fürchten; ich war ſicher, mir meine tägliche Nahrung im Ueberfluß verſchaffen zu können. Inwiefern ich mich richtig erinnere, führte ich dieſes Leben eines wilden Thieres bereits vier oder fünf Monate, als mir mein Hund eines Tages zwei lebende Friſchlinge brachte. Ich beſchloß ſie zu erziehen und zu Genoſſen meines einſamen Lebens zu machen. Der Er⸗ folg übertraf meine Erwartung. Der arme Jacques, welchen Sie getödtet haben, war eines von dieſen beiden Friſchlingen. Wir liebten uns mit außerordentlicher Zärtlichkeit; ſeine Treue gegen mich grenzte ans Wunderbare. Sein Verſtand glich, ich verſichere Sie, dem eines Menſchen. Nach dieſen Worten hielt der ehemalige Engagé inne, trocknete ſich eine Thräne ab, warf einen trauervollen Blick auf das todte Thier und fuhr mit bewegter Stimme fort: — Mein Freund Jacques und deſſen Bruder Pierrot— ſo hatte ich meine beiden Zöglinge genannt— wurden ſichtlich größer und artiger, als ich eines Tages auf der Jagd mehrere junge wilde Hunde fand, die ich gleichfalls aufnahm. Die Er⸗ ziehung derſelben gelang mir ebenfalls wunderbar und verur— ſachte mir viele Freude. Ich war nicht mehr allein. Ich hatte Freunde. Von dieſem Augenblick an begann ich nicht nur mich an mein neues Leben zu gewöhnen, ſondern ich muß Ihnen auch geſtehen, daß ich mich dabei ſehr glücklich befand. Mein durch die ſtete Uebung abgehärteter Körper hatte eine außer⸗ ordentliche Kraft und Geſchmeidigkeit gewonnen, ſo daß mir die wildeſte Jagd nur eine einfache Erholung wurde. Ich erinnere mich nicht, daß ich in den letzten Zeiten ein Reh ver⸗ — 6 gebens verfolgt hätte. Sobald ich ein Thier gewahre, betrachte ich es als ſichere Beute, wie weit es auch von mir entfernt wäre. Sie kennen nun meine Geſchichte. Soll ich mich über mein Zu⸗ ſammentreffen mit Ihnen freuen oder ſoll ich darüber verzweifeln? Ich weiß es nicht. Bis jetzt hat es mir nur einen großen Schmerz verurſacht, nemlich den Verluſt meines geliebten Jacques. Dieſe einfache Erzählung Anton's machte auf die Bou⸗ canier einen wahrhaften rührenden Eindruck; man ſah an ihren rohen Geſichtern die Sympathie ausgedrückt, die ſie für Anton hatten. Desroſiers war der erſte, der das Wort nahm. — Kameraden, ſagte er, es handelt ſich hier nicht dar⸗ um, daß wir die Empfindlichen ſpielen! Vor Allem müſſen wir unſere Rechte und Gewohnheiten unverletzt zu erhalten wiſſen! Ich gebe nicht zu, daß Anton im Verlauf von drei Jahren nicht zu einem unſerer Lager hätte gelangen können. Unſere Pflicht iſt daher, ihn als Marron zu betrachten und als ſolchen zu erſchießen! Morvan erwartete dieſen grauſamen und ſchauderhaften Vorſchlag des alten Jägers mit Entrüſtung zurückgewieſen zu ſehen; dem war jedoch nicht ſo. Die Tradition machte die Stärke der Boucanier aus, und war ihnen heilig. — Meine Freunde, erwiederte Graubart, ich theile die Meinung unſers Bruders Desrofiers nicht; aber ich gebe zu, daß ſie beſprochen zu werden verdient. Was mich betrifft, ſo be⸗ haupte ich, daß es Anton, der ſich in der Savanne verirrt hatte, unmöglich war, den Rückweg zu finden. Meine Behauptung wird dadurch bekräftigt, daß Viele kurze Zeit, nachdem ſie auf der Inſel angelangt waren, in den Wäldern— ſelbſt in der Nähe der Küſte— ſich verirrten und vor Hunger umkamen. Ich ſchlage vor, daß man abſtimme. Die Mehrheit ſoll entſcheiden! Graubart's Vorſchlag, der in jeder Beziehung dem Ge⸗ brauche entſprach, wurde einſtimmig angenommen. Deinet der ar pfeifen graben ſitzen, würde. in Si ten kurze nen eine der Ich kein einen neue Rin unte nich der Alai den tet und Gra trachte t wre. in Zu⸗ eifeln? Schmet 8. e Bou⸗ ſch an ſie für nahn. cht dar⸗ ſen wir wiſen! icht zu licht iſt hießen! erhuften eſen zu Stirke ile die che zu⸗ , ſobe⸗ hatte⸗ uytung ſie auf in det en. J heiden! en Ge⸗ — Freund, ſagte der alte Boucanier zu Anton, pfeife Deiner Meute und folge uns. — Ich weigere mich nicht, Euch zu folgen, antwortete der arme Engagé, aber ich werde meiner Meute ſo lange nicht pfeifen, ſo lange der Körper meines geliebten Jacques unbe⸗ graben daliegen wird; ich will Pierrot nicht dem Schmerz aus⸗ ſetzen, den ihm der Anblick der Leiche ſeines Bruders verurſachen würde. Endlich, wozu ſoll ich den Aufenthalt, wo meine Brüder in Sicherheit ſind, verrathen, wenn man mich erſchießt! Die Boucanier begannen, ſobald fie zu ihrem improviſir⸗ ten Lager zurückgekehrt waren, ihre Berathung, die nur ſehr kurze Zeit dauerte: Anton wurde durch die Mehrheit aller Stim⸗ men gegen Eine für unſchuldig erklärt. — Jetzt, meine Freunde, ſagte Graubart, bleibt uns noch eine Förmlichkeit zu erfüllen übrig: nemlich Anton als einen der Unſrigen zu erklären. Ihr wißt, daß jeder Engagé nach drei Jahren die Rechte eines Boucaniers erhält. Anton hat, da er kein Marron iſt, ſeine Zeit erfüllt; ſein Herr iſt verpflichtet, ihm einen Karabiner, drei Pfund Pulver, ſechs Pfund Blei, einen neuen Anzug, zwei Paar Schuhe und drei Hunde zu geben. Darauf war nichts zu erwidern; der Herr, der ſonſt ge⸗ gen Anton ſo grauſam gehandelt hatte, mußte ſich dem Gebrauch unterwerfen. Gegen Abend richtete ſich die kleine Karavane für ihren nächtlichen Aufenthalt ein. Sie befand ſich gerade mitten in der Savanne. Am andern Morgen trennten ſich Graubart, Morvan und Alain von den Boucaniern, und ſetzten ihren Weg allein fort; denn ſie hatten den gefährlichſten Theil der Steppe bereits hin⸗ ter ſich. Vier Tage darauf kamen die drei Abenteurer geſund und wohlbehalten an das Ziel ihrer Reiſe. Beim Anblick von Graubarts Wohnung, welche ihm ſo ſüße Erinnerungen wach —— — 120— rief, mußte Morvan ſtehen bleiben, ſo heftig waren die Gefühle, welche ihn bewegten! Wenn ihn einerſeits das Herz zu Wald⸗ blume hinzog, ſo bannte ihn andererſeits die Furcht an die Stelle, auf welcher er ſtand. Er fürchtete einem unerſetzlichen Verluſte zu begegnen. — Ich beſchwöre Sie, Graubart, ſagte er mit zitternder Stimme, gehen Sie voraus, und ſetzen Sie Jeanne von meiner Ankunft in Kenntniß. — Wozu? fragte Graubart. Ach, ich errathe, fuhr der alte Boucanier nach einiger Kberlegung fort, Sie wünſchen zu wiſſen, ob Jeanne nicht inzwiſchen geſtorben ſei? — Graubart, um des Himmels Willen, ſprechen Sie nicht ſo! — Warum? entgegnete der alte Jäger mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Kaltblütigkeit. Wenn Jeanne geſtorben iſt, ſo wird das nicht unſere Schuld ſein; wir werden nicht weiter daran denken. — Herr Ritter! rief Alain hocherfreut, da iſt das Fräu⸗ lein, ſie kommt uns ſelbſt entgegen. Sieht man ihren raſchen Gang, ſo würde man wahrhaftig nicht ahnen, daß ſie ſo ſchwer krank geweſen ſei. Morvan ſtieß einen Schrei wahnſinniger Freude aus, und ſtürzte Waldblume entgegen. Aber ach! wie groß war die Ver⸗ zweiflung des jungen Mannes, als er ſich nicht Jeanne, ſondern einem jungen, ihm völlig unbekannten Weibe gegenüber befand. — Jeanne! wo iſt Jeanne? fragte er mit dumpfer, faſt unverſtändlicher Stimme. Kaum hatte die Unbekannte auf Morvan einen Blick ge⸗ worfen, als ſie einen Ausruf des Erſtaunens hören ließ. — Sie hier, Herr Ritter von Morvan? ſagte ſie; ich hätte es niemals erwartet, Sie hier zu treffen; ich bin entzückt, Sie wieder zu ſehen! Ver w über ſ kannte eine v Geſcht her de nehr eine ve kokett. daß ie erkenn ter des die vo betr bergt würfe Orie hat! Nn E haube 39hf van Vahr efühle, Vald⸗ an die hlichen ernder neiner der hen zu nSie r ge⸗ wird daran hrin⸗ ſchen chwer und Ver⸗ ndern find⸗ nfſ 19. ih 121— Einen Augenblick glaubte der junge Mann zu träumen. Wer war dieſes Weib, das ihn bei ſeinem Namen nannte, und über ſeine Ankunft ſo erfreut war? Er betrachtete die Unbe⸗ kannte mit tiefem Erſtaunen. Sie war ein reizendes Geſchöpf, eine vollendete Schönheit; nur fand man in ihrem etwas matten Geſicht einen Ausdruck von Frechheit und Unverſchämtheit, wel⸗ cher der wunderbaren Zartheit ihrer Züge Eintrag that. Je mehr Morvan die Fremde betrachtete, deſto mehr erwachte in ihm eine verwirrte Erinnerung. — Ich muß mich wohl ſehr verändert haben, ſprach ſie kokett.“ Ubrigens war unſer Beiſammenſein von ſo kurzer Dauer, daß ich es Ihnen nicht verübeln kann, wenn Sie mich ſo ſchwer erkennen. Undankbarer! haben Sie alſo die unglückliche Toch⸗ ter des Grafen von Blinval vergeſſen, die unglückliche Ismerie, die von dem niederträchtigen Vicomte von Chamarande ſo arg betrogen wurde!— Haben Sie das Dorf Nort und die Her⸗ berge zum Zauberer Merlin vergeſſen?— Ritter keine Vor⸗ würfe, ich beſchwöre Sie darum! Meine Gegenwart an dieſem Orte zeigt Ihnen, daß das Schickſal Sie zur Genüge gerächt hat! Wenn Sie wüßten, welchen Namen ich jetzt trage, ſo wür⸗ den Sie mich beklagen!— Ach, ich bin jetzt Madame Leder⸗ haube! Was Jeanne betrifft, ſo beruhigen Sie ſich, ſie lebt noch! Ich fürchte aber, daß ſie hoffnungslos verloren ſei. Von der ganzen Antwort der Abenteurerin, die ſeine Leichtgläubigkeit ſo unwürdig mißbraucht hatte, verſtand Mor⸗ van nur, daß Jeanne dem Tode nahe ſei. Er eilte wie ein Wahnſinniger in's Haus. 5— XI. Graubart's Wohnung übertraf die mißgeſtalteten Hütten der Pflanzer bei Weitem an Größe und Eleganz; mit ganz be⸗ ſonderer Sorgfalt erbaut, glich ſie einer Schweizer Sennhütte und hatte bloß ein Stockwerk. Morvan ſprang in zwei Sätzen über die hölzerne Treppe, welche nach dem obern Stockwerk führte; aber kaum war er vor einer halbgeöffneten Thür ange⸗ kommen, als er plötzlich ſtehen blieb,— es war die Thüre von Jeanne's Zimmer. Der junge Mann begriff, daß er, ehe er vor Walbblume erſchien, ſeine Kräfte zuſammennehmen und ſeine Haltung feſti⸗ gen mußte, um dem armen Kinde die ſchmerzhafte Ueberraſchung nicht zu verrathen, welche ihm ihre durch die Krankheit bewirkte Veränderung ohne Zweifel verurſachen würde. — Mein Ritter Louis, ſagte nun eine Stimme, deren ſanfter und reiner Ton dem jungen Manne in's Herz drang, warum ſäumſt Du ſo lange, die Schwelle dieſer Thüre zu überſchreiten?— Ich habe mich ſo ſehr geſehnt Dich wieder zu ſehen! Bei dieſen Tönen, die, ſeit dem Jeanne ſich entfernt hatte, ihm fortwährend im Ohre wiederklangen, vergaß Morvan alle Klugheit; von einer Bewegung, die ſeinen Willen beherrſchte, getrieben, ſtieß er einen Schrei aus, und ſtürzte in's Zimmer. Jeanne lag, weißgekleidet, ihr wunderſchönes Haar mit natür⸗ lichen Blumen durchflochten, halb ausgeſtreckt in einem Hamac. Es wäre unmöglich, die natürliche Grazie, dieſe keuſche und rei⸗ zende Hingeſchmolzenheit ihrer Lage wiederzugeben; ſie ſchien ein Engel, bereit, wieder gen Himmel zu ſteigen. Morvan ergriff, unfähig, ein Wort hervorzubringen, ihre Hand, und führte ſie begierig nach ſeinen Lippen; er weinte wie ein Kind. — Warum verzweifelſt Du ſo ſehr, mein Ritter? ſagte — Valdl gleite Dun fließe noch e wort ich D fortge vannt ſiche und einen hatte hen nun blieb Dein iſhl Aber nicht derſ van Blut Du wen ichd behr Hitten anz be⸗ nnhütte Sitzen ockwerk ange⸗ re von ſbolume g fiſi⸗ aſchung ewirkte „deren drang⸗ hüre zu wieder hatte, an olle rrſchte⸗ inner mtür⸗ Homu nd re⸗ ien ein ergrif, hrte ſt ſegt — 123— Waldblume, dieſe Frage mit anbetungswürdigem Lächeln be⸗ gleitend. Wenn Du wüßteſt, wie glücklich ich bin, ſo würdeſt Du mich nicht beklagen; deine Thränen würden aufhören zu fließen.— Wie gut biſt Du doch, daß Du gekommen biſt, mich noch einmal zu ſehen.— Mein Gott, wie gut biſt Du doch! Der junge Mann war ſo heftig bewegt, daß er keine Ant⸗ wort hervorbringen konnte. Jeanne fuhr fort: — Du kannſt Dir nicht vorſtellen, mit welcher Ungeduld ich Deine Rückkehr erwartete! Seitdem Du von der Capſtadt fortgereiſt biſt, bin ich Dir Schritt für Schritt durch die Sa⸗ vanne gefolgt.— Du zweifelſt an meinen Worten.— Ich ver⸗ ſichere Dich, daß ich die Wahrheit ſpreche!— Es iſt ſonderbar und ſeltſam, was mit mir vorgegangen iſt.— Ich war wie in einen tiefen Schlaf verſunken, und dennoch ſchlief ich nicht; ich hatte das Bewußtſein von Allem, was an meiner Seite vorging! — Das iſt wohl außerordentlich, nicht wahr, daß man ſo wa⸗ chend träumen kann?— Soeben noch, als Du in unſere Woh⸗ nung kamſt, ſah ich Dich über die Treppe herauf eilen; dann bliebſt Du vor der Thür meines Zimmers ſtehen, und preßteſt Deine beiden Hände an Dein Herz.— Ich hatte die Augen geſchloſſen, und verlor dennoch keine Deiner Bewegungen!— Aber ſprich doch, mein Ritter, es drängt mich zu wiſſen, ob ich nicht den Klang Deiner Stimme vergeſſen habe, ob es wohl derſelbe ſei, den ich in der Stille der Nächte wiederhallen höre! — Jeanne, meine vielgeliebte Jeanne, antwortete Mor⸗ van mit leidenſchaftlichem Ausdruck, welcher der Kranken das Blut ein wenig in die entfärbten Wangen trieb; Jeanne, wenn Du ſtirbſt,— ſo werde ich Dich nicht überleben! Nur meine Liebe zu Dir erhält mich am Leben!— oder meine Freundſchaft, wenn Du ſie vorziehſt.— Wenn Du im Himmel biſt, was ſoll ich dann weiter auf der Erde machen?... Meine Kraft zu ent⸗ behren und mein Muth ſind zu Ende.— Meine angebetete 44 — 2 Jeanne, es iſt noch nicht lange her, nemlich damals, als Alles vermuthen ließ, daß meine Wunde unheilbar ſei,— da dachteſt Du daran, Dich durch das Gift zu tödten, welches die alte Spanierin Dir gegeben hatte.— Ich wiederhole es Dir— und Du haſt kein Recht Dich meinem Entſchluß zu widerſetzen: ich werde mich tödten, wenn Du ſtirbſt! Die Worte des jungen Mannes trugen ſo ſehr das Ge⸗ präge der Entſchloſſenheit und Aufrichtigkeit, daß Jeanne ſie nicht bezweifeln konnte. Die Verſicherung, daß Morvan über ihre Lage einen ſolchen Schmerz fühlte, wie er ihn ſchilderte, ſchien bei ihr eine lebhafte überraſchung und eine ungeheure Freude zu bewirken. — Aber, mein Ritter Louis, liebſt Du mich denn wirk⸗ lich ſo, wie ein Geliebter ſeine Geliebte liebt? fragte ſie mit anbetungswürdiger Naivheit; ich weiß wirklich nicht mehr, was ich denken, was ich glauben ſoll.— Ich bildete mir im Gegen⸗ theil ein, daß ich Dir Schande mache, daß Du meine Gegenwart nur aus Mitleid duldeſt... Du liebſt mich als Deine Geliebte! Nein, das iſt unmöglich! Waldblume ſchwieg, heftig bewegt, und blieb einige Augenblicke in tiefes Nachdenken verſunken. — Ich begreife jetzt Alles, mein Ritter Louis, fuhr ſie nach kurzem Stillſchweigen fort, Du bildeſt Dir ein, mich zu lieben, weil Du gut biſt, und weil Du mich ſterbend ſiehſt!— Ja, ſo iſt es! Aber, wenn ich— was Gott ſei Dank nicht wahrſcheinlich iſt, meine Geſundheit wieder erlange, wenn Du nicht mehr für mein Leben zu fürchten haſt, dann wirſt Du mich wieder als das anſehen, was ich bin, als ein thörichtes, unwiſ⸗ ſendes Geſchöpf. Meine Gegenwart wird Dir zur Laſt ſein, Dich langweilen! Ich werde, um Deine Zukunft nicht zu comprom⸗ mittiren, und Dich in den Augen der Stadtleute nicht lächerlich zu machen, genöthigt ſein, Dich zu fliehen, wie ich es bereits „ gethan hen w recht! Rede bin, v inmer wurde ſch ſei das Ehre daßd Dich bon 9 Junz dank daß Man nen wrd nes Ve wel folt gun ich! tete ich Va ls Alles dachteſt die alte Dir— erſetzen: dus Ge⸗ nne ſie un über hilderte, geheure nn virk⸗ ſie nit hr, was Gegen⸗ genwurt eliebte! einige fuhr ſi nich ju ehſt!— n nicht em Du du nich umwi⸗ nen berits — 125— gethan habe!— Wer weiß, ob ich dießmal dazu die Kraft ha⸗ ben werde!— Siehſt Du, mein Ritter Louis, wenn wir es recht bedenken, ſo iſt es für uns Beide beſſer, daß ich ſterbe!— Rede mir nicht dawider! Ich verſichere Dich, daß ich ſo glücklich bin, wie man es nur ſein kann, und daß ich keine Furcht habe! In dem Maße als Waldblume ſprach, wurde es Morvan immer unmöglicher, ſeine Bewegung zu bemeiſtern, und endlich wurde er von derſelben gänzlich übermannt. Seufzer entwanden ſich ſeiner gepreßten Bruſt. — Jeanne, rief er und bedeckte die zierliche Hand, welche das reizende Kind ihm überlaſſen hatte, mit Küſſen, bei meiner Ehre als Edelmann, bei meinem Heil als Chriſt ſchwöre ich Dir, daß das Mitleid an meiner Zärtlichkeit keinen Theil hat! Ich liebe Dich mit einer Leidenſchaft, die mich verzehrt!— Ich liebe Dich von ganzem Herzen und nit aller Kraft meiner Seele! In der ganzen Natur ſehe ich nichts als Dich!— Dein Bild, der Ge⸗ danke an Dich erfüllen mein Herz!— Ich liebe Dich ſo ſehr, daß ich, wenn morgen ein junger, reicher, mächtiger und ſchöner Mann Dir ſeinen Namen anbieten und Dich bitten würde, ſei⸗ nen Reichthum mit ihm zu theilen,— dieſen Mann erdolchen würde, und ſollte Dich mein Verbrechen auch um das Glück Dei⸗ nes Lebens bringen! Antworte mir, Jeanne! Heißt das ein Weib aus Mitleid lieben? Ach Du wirſt es niemals erfaſſen, welche Qualen mir Deine Abweſenheit verurſacht hat, welche folternde Eiferſucht, welche blutige Gedanken, welche Entmuthi⸗ gung mich nach Deiner Flucht überkam!— wie viele Nächte ich damit zugebracht habe, mir Deinen Namen zu wiederholen — welche Gefühle mich durchtobten!— Eine Zeitlang fürch⸗ tete ich, daß ich den Verſtand verlieren würde; was ſage ich? ich hatte ihn verloren, denn ich zweifelte an Dir!— Und Du, Waldblume, beſchuldigſt mich, daß ich für Dich nur ein alltäg⸗ liches Mitleid fühle, ein Mitleid, das verſchwinden werde, ſo⸗ ———— 1 — 126— bald Dir Gott Deine Kraft und Deine Geſundheit wieder gibt? — Das iſt eine Läſterung— ach, Jeanne, heiße mich ſchwei⸗ gen,— mein Herz geht über, und ich rede eine Sprache, welche Du nicht verſtehen darfſt, welche Deiner und meiner unwürdig iſt. Vergib mir, Jeanne, ich bin wahnſinnig vor Verzweiflung und Glück zugleich! Während Morvan, ſeiner lange bemeiſterten Leidenſchaft nachgebend, ſein Herz ſich ausſchreien ließ, ſchien Jeanne einer übermenſchlichen Leidenſchaft hingegeben, und in einer wahrhaf⸗ ten Verzückung zu ſein. Das Eeſicht des jungen Mädchens ſtrahlte von einem himmliſchen Ausdruck; ihre ſo poetiſche, ſo reine Seele, die ſich dem Rauſch der Liebe mit aller Unbefangen⸗ heit der Unſchuld ohne Nebengedanken hingab, ſah den Himmel offen, ſie fühlte ein Gluͤck, das ſie erhob und erdrückte zugleich; ſie ſchwebte in einer ihr unbekannten Athmosphäre, zwiſchen Himmel und Erde. — Warum ſollte ich Dich ſchweigen heißen? ſagte ſie mit bebender Stimme; worin iſt Deine Sprache Deiner und meiner unwürdig? Wenn Du nur im Gegentheil wüßteſt, wie glücklich ſie mich macht! Ich kann Dir nicht ausdrücken, was in mir vorgeht! Ich weine, aber vor Freude! Mein Gott! wie wohl haſt Du doch gethan, daß Du gekommen biſt; wie gut iſt es von Dir, mir zu ſagen, daß Du mich liebſt! Denn Du liebſt mich wirklich, mein Ritter Louis! O jetzt zweifle ich nicht mehr daran! Ach ich möchte, daß Du jetzt von mir ein Opfer verlang⸗ teſt! Was kann ich für Dich thun? — Leben, meine geliebte Jeanne! — Leben, ſagſt Du? bin ich denn in Gefahr?— Nein — das iſt nicht möglich!— Ich fühle mich ſo glücklich!— Es iſt unmöglich, daß man ſterbe mit ſo viel Freude im Herzen! — Ich ſollte Dich verlaſſen! O nein!— nie!— blaſſe was klage nehr nan det G iſt be Du! ufgi Dan blit ſunt weil Alſ Rit iſte mit rgibt? ſchwei⸗ „welche würdig riflung nſchaft e einer hrhaf⸗ idchens e, ſo fungen⸗ hinmel gleich; wiſchen agte ſe er und ſt, wie wos t wie gut iſt u liebſt t nehr erlang⸗ Nein h— huen Waldblume ſchwieg, lebhaft bewegt, und fuhr dann er⸗ blaſſend fort: — Wenn ich dennoch ſterben würde, mein Ritter Louis, was thäteſt Du dann? Mein Gott, wie wäreſt Du da zu be⸗ klagen!— — Jeanne, Du haſt es ſelbſt geſagt, wir dürfen uns nie mehr verlaſſen!— Ich werde Dir folgen! — Du hätteſt Recht, mein Ritter Louis! Nicht wahr, man findet ſich im Himmel wieder? Was ſollteſt Du auch auf der Erde ohne mich machen, da Du mich ſo ſehr liebſt!— Es iſt beſchloſſen, mein Ritter, wenn ich nicht aufkomme, ſo nimmſt Du dir das Leben! Jeanne hatte dieſe Worte kaum beendigt, als die Thüre aufging. Graubart trat ein. — Guten Tag, Jeanne, ſagte er ruhig zu ſeiner Tochter. Dann küßte er ſie auf die Stirne, und ſagte mit derſelben Kalt⸗ blütigkeit: Ich hoffe, Du werdeſt jetzt ſo ſchnell als möglich ge⸗ ſund werden, da Du Deinen Geliebten haſt. — Warum ſollte ich ſchneller geſund werden, mein Vater, weil mein Ritter Louis zurückgekommen iſt? — Weil Dich ſeine Abweſenheit krank gemacht hat. — Wie, Vater, Du glaubſt! — Ich bin deſſen gewiß, Jeanne! — Dann ſei meine Krankheit geprieſen! rief Jeanne. Alſo darum ſchien mir mein Leiden zuweilen ſo ſüß!— Mein Ritter Louis, ich litt für Dich!— Heilige Jungfrau, wie ſüß iſt es doch zu lieben! Bei dieſem Ausruf zuckte Graubart mitleidigen Ausdrucks mit den Schultern. — Wie wenig ſich doch die Charaktere gleichen, ſagte er. Ich habe niemals ſo geliebt. Jeanne, Du bedarfſt der Ruhe, Dein Wiederſehen mit dem Ritter Louis hat Dich angegriffen. 6 Verſuche es, einige Stunden zu ſchlafen, das wird Dir wohl thun. Auf Wiederſehen, ſobald Du erwacht ſein wirſt, werde ich Dir den Ritter wieder herſchicken. — Haben Sie bemerkt, junger Mann, ſagte Graubart zu Morvan, ſobald ſie aus dem Zimmer kamen, wie erfreut meine Tochter ausſieht? Wahrhaftig, ſie iſt bis zur Verrucktheit in Sie verliebt. Ich möchte meinen beſten Karabiner gegen ein Pfund Pulver wetten, daß Waldblume binnen vierzehn Tagen vollkom⸗ men hergeſtellt ſein wird!— Die jungen Mädchen ſind doch drollige Geſchöpfe! Sie dem Lederhaube vorzuziehen, einem wahrhaften Rieſen, der um einen halben Schuh höher iſt, als, Sie? Ein Burſche, der räuchert, wie kein Menſch auf der Welt, und aus einer Entfernung von mehr als hundert Schritt einem Stier eine Kugel in's Auge jagt!— Der ſcharfſinnigſte Geiſt vermag es nicht, die Launen der Weiber zu ergründen! Als Morvan in eines der ebenerdigen Gemächer kam, das als Speiſeſaal diente, ſah er ſeinen Diener Alain vor einem reichlichen Mahle ſitzen, und warten, bis der alte Boucanier kommen würde. — Setzen wir uns zum Eſſen, ſagte Graubart. Halt, wo iſt Ismerie, Lederhaube's Weib? — Ich habe ſie ſoeben am Saum des Waldes mit einem jungen Manne geſehen, antwortete Alain; ſie ſchien ſehr verdrieß⸗ lich, als ſie mich erblickte. — Wie thörichte Geſchöpfe ſind doch die Weiber, mur⸗ melte Graubart, indem er ein ungeheures Stück geräucherten Wildſchweinfleiſches abſchnitt; meine Tochter wäre bald vor Schmerz geſtorben, weil ſie ſich freiwillig von ihrem Geliebten entfernte, und Ismerie, die den ſchönſten Mann von der ganzen Inſel St. Domingo hat, ſpielt ein Spiel, wobei ſie das Leben verlieren kann— und für wen? Für einen miſerablen Zaun⸗ „ könig, begrei Mahl Derj dring ſinen hatte, zun in die die K ſes L vorau lilgn ſeine wirtt ſollt Gar ſch junge Reiſ ſcho zu z Nor ich n von Chn daß mein wun war ir wohl erde ich bart zu t meine in Sie Pfund ollkom⸗ d doch inen iſt, als rWVelt, teinen e Geiſt am, das reinem ucanier alt, wo teinen erdrieß⸗ mul⸗ cherten d vor liebten ganzen Leben Zuun⸗ — 129— könig, den Lederhaube im Handumkehren zermalmen könnte! Ich begreife nicht, wozu Gott die Weiber in die Welt geſetzt hat! Graubart und Alain waren kaum noch in der Mitte ihrer Mahlzeit, als Morvan vom Tiſch aufſtand und hinausging. Der junge Mann, dem Kopf und Herz brannten, fühlte ſich ge⸗ drängt, ſich von allen fremden Einflüſſen loszureißen, und mit ſeinen Gedanken allein zu ſein. Seitdem er ſeine Liebe bekannt hatte, fühlte er Gewiſſensbiſſe; er machte ſich ſeine Schwäche zum Verbrechen, denn er fühlte es, daß er, ſobald er ſich einmal in die gefährliche Bahn der Leidenſchaft geworfen, nicht mehr die Kraft beſitzen werde, zurückzukehren. Sollte er fliehen? Die⸗ ſes Opfer wäre über ſeinen Muth gegangen; und wenn er auch vorausſetzen konnte, daß ſein Pflichtgefühl ihm dieſe Selbſtver— läugnung möglich machen würde, ſo mußte er doch fürchten, daß ſeine Abreiſe auf Waldblume eine tödtliche Wirkung hätte. Ver⸗ wirrten Geiſtes, und ohne zu wiſſen, welchen Entſchluß er faſſen ſollte, eilte er mit ungleichen und haſtigen Schritten durch den Garten, als er ſich beim Namen rufen hörte; er blickte auf und ſah Ismerie. Ein ſpöttiſches Lächeln flog über die Lippen des jungen Weibes. — Wiſſen Sie wohl, Herr Ritter, ſagte ſie, daß das Reiſen bei Ihnen gar nichts gefruchtet hat? Seit einer Stunde ſchon verſuche ich es vergebens, Ihre Aufmerkſamkeit auf mich zu ziehen; Sie waren wohl galanter, als wir uns im Dorf Nort in der Herberge zum Zauberer Merlin trafen!— Obſchon ich mich damals gegen Sie unwürdig benommen habe, weil ich von meiner Leidenſchaft für jenen niederträchtigen Vicomte von Chamarande beherrſcht war, ſo dürfen Sie mir dennoch glauben, daß ich für die herriſche Art und Weiſe, mit welcher Sie ſich in meinem Intereſſe benahmen, noch immer eine unverlöſchliche Be⸗ wunderung und Dankbarkeit hege. Als ich Sie vorhin erkannte, war auch meine Freude größer als meine überraſchung. — 136 — Madame, ich bin Ihnen für Ihre wohlwollenden Au⸗ ßerungen außerordentlich verbunden, antwortete Morvan trocken. Wäre es übrigens nicht beſſer, wenn wir das Vergangene der Vergeſſenheit übergeben, und nicht mehr auf eine Zeit zurück⸗ kommen würden, welche—— — Welche mich Ihnen als eine niedrige Schelmin gezeigt hat! unterbrach ihn Ismerie kalt. Mein Gott! Ritter, ich habe meine Irrthümer ſo theuer gebüßt, das Schickſal hat Sie für meine Niedrigkeit ſo grauſam gerächt, daß ich jetzt glaube, ich ſei quitt mit Ihnen! Wie ſeltſam iſt es doch, daß wir uns auf dieſer wilden Inſel wieder treffen! Das Leben iſt doch voll wun⸗ derlicher Zufälle! — Ich verhehle es Ihnen nicht, Madame, daß mir Ihre Anweſenheit an dieſem Orte in der That tiefes Staunen verur⸗ ſacht. Iſt es mir erlaubt, Sie zu fragen, durch welches ſonder⸗ bare Zuſammentreffen von Umſtänden Sie ſich hier befinden? — Ach! meine Geſchichte iſt eben ſo einfach als kläglich. Es wird Ihnen nicht unbekannt ſein, daß die Herren von der weſtindiſchen Compagnie von Sr. Majeſtät, Ludwig XIV. das Recht erhalten haben, ihre Beſitzungen mit ſolchen Frauenzim⸗ mern zu bevölkern, deren Aufführung etwas zu wünſchen übrig zu laſſen ſcheint. Die Herren von der Compagnie benutzen dieſes Recht mit ſchändlicher Unverſchämtheit! Es vergeht kein Monat, in welchem ſie nicht eine Ladung arme, unſchuldige Opfer nach den Colonien expediren. Zahlreiche Agenten beſchäftigen ſich mit dieſer neuen Art von Rekrutirung. Dieſe Elenden wenden in der Ausübung ihrer gehäſſigen Miſſion die verdammenswertheſten Mittel mit hölliſcher Hinterliſt an. Gelingt ihnen die Liſt nicht, ſo nehmen ſie ihre Zuflucht zur Gewalt. Fürchtet eine reiche Fa⸗ milie den Einfluß einer Mätreſſe auf ihren Sohn, ſo ſtürzen dieſe, von den Verwandten dafür bezahlten Ungeheuer über die Unglückliche hin, knebeln ſie, überliefern ſie der Juſtiz unter dem erſen b ſich da Ich w Voche gehebe Ende d tinnen Kamet Viſtl unde gen di hingeg Oyfet diente Yord an di wenn nicht un Uu⸗ trocken. ene der zuric⸗ gezeigt ich habe Sie für be, ich uns auf oll wun⸗ nir Ihre vert⸗ ſonder⸗ den! klglch von der IV das uenzin⸗ n übrig ndieſes Monat, fer nach ſih nit n in der utheſten ſ nicht, iche o⸗ ſtirzen ber die nter den — 131— erſten beſten Vorwand, und ehe ein Monat vergangen iſt, befindet ſich das unglückliche Opfer dieſes feigen Complotts auf der See. Ich wurde von Betrügern in ein Spielhaus gelockt, und eine Woche darauf in Havre eingeſchifft. Die von der Tochter des vorgeblichen Grafen von Blinval gegebenen Erklärungen waren nicht aller Wahrheit bar; gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden viele rechtſchaffene Arbeite⸗ rinnen deportirt, weil ſie die freie und naive Liebe eines jungen Kameraden der üppigen und verbrecheriſchen Laune eines alten Wüſtlings vorzogen. Dieſe Fälle der gemeinſten Rache kamen ſo häufig vor, und erregten endlich ein ſolches Argerniß, daß Ludwig XV. ge⸗ gen die Werkzeuge derſelben mit Strenge verfahren mußte. Was hingegen Ismerie betrifft, ſo war ſie weit davon entfernt, das Opfer eines gehäſſigen Mißbrauchs der Gewalt zu ſein; ſie ver⸗ diente das Exil vielmehr zehnfach. — Ihre Einſchiffung ſetzt mich nicht in Erſtaunen, ſagte Morvan. Was ich mir aber nicht erklären kann, iſt Ihre Gegenwart an dieſem Orte, und Ihre Verheirathung mit Lederhaube; denn wenn ich nicht irre, ſo ſind Sie das Weib des Rieſen Lederhaube, nicht wahr? — Ach Sie irren nicht, Ritter! Man hat mich mit die⸗ ſem Ungeheuer ernſtlich verheirathet. Ich werde meine jammer⸗ volle Geſchichte mit wenigen Worten beendigt haben. Kaum waren wir auf der Inſel Tortue angelangt, ſo erklärte uns, nem⸗ lich meinen Kameradinnen und mir, der Statthalter, daß dieje⸗ nigen unter uns, die nicht binnen vierundzwanzig Stunden einen Mann gewählt haben würden, als Sklavinnen in das Innere der Inſel geſchickt werden. Damals redete mich Lederhaube an: „Madame, ſagte er zu mir, wenn Sie meine Hand annehmen, ſo werde ich Sie nur ſo viel arbeiten laſſen, als Ihre Kräfte Ihnen erlauben, auch werde ich Sie gut ernähren! Glauben — 132 Sie mir, es iſt ein Glück für Sie, daß Sie mir begegnet ſind, dieſe Heirat iſt für Sie ein gutes Geſchäft; ich bin ein Bou⸗ canier und zwar ein ausgezeichneter Boucanier und kein Engagé. Es iſt für mich ſchlechterdings nothwendig mich heute zu verhei⸗ raten,— machen Sie keine Umſtände: ja oder nein!“ Die Zeit drängte, ich willigte ein. Noch an demſelben Abend führte mich Lederhaube zur Kirche; ich war die vierhundertundzwanzigſte unter den eben Getrauten. Nach dieſer Zeremonie ſchlug mein Mann auf den Lauf ſeiner Muskete und ſagte zu mir mit aller Galanterie, deren er fähig iſt:„Madame, Ihre Vergangenheit geht mich nichts an, aber Ihre Zukunft gehört mir; wen Sie Ihre Pflichten je verletzen, ſo wird Ihnen das hier nicht aus⸗ bleiben!“— Jeder Neuvermählte ſagte dasſelbe zu ſeinem Weibe; ich denke aber, daß es damit nicht ſo ernſt gemeint ſei. Das, Ritter, iſt die wahrhaftige Geſchichte meines Unglücks; ich hoffe, ſie werde mich mit Ihnen wieder ausſöhnen. — Und der Vicomte von Chamarande, Madame? fragte Morvan lächelnd. — Der Vicomte von Chamarande, Ritter, iſt weit weni⸗ ger zu beklagen, als ich. Man hat ihn nicht mit Gewalt ver⸗ heiratet; er hat, wie es ſcheint, in Leogane eine vortheilhafte Anſtellung gefunden. — Wie! der Vicomte iſt in St. Domingo! — So ſagt man, Ritter; doch muß ich Sie dringend bitten, Lederhaube davon nichts zu ſagen! Mein Herr und Mei⸗ ſter iſt ein Wilder, den ich noch nicht Zeit hatte zu zähmen; er iſt fähig, wenn er einen Verdacht hegte, ſich bis zu gewiſſen übertriebenen Handlungen zu vergeſſen, die für ihn entehrend und für mich unangenehm wären. Plaudern wir lieber von Ihrer Liebe, Ritter. Und vor Allem erlauben Sie mir, Ihnen meine aufrichtigſten Complimente zu machen. Ich habe nie eine ſo wun⸗ bhan detbar thut n der di dieſen legenhe higt u ich vo ein V Jerin undt in 3 ben S ein S Fuj efih über fehl theil leicht theil freut Vit Erl Pul net find, in Bou⸗ Engags. nvechei⸗ Die d führte anzigſte ug mein nit aller ngenheit Sie icht aus⸗ Veibe; Das ch hoff, it weni⸗ alt ver⸗ heilhafte dringend m M men; geniſen utehrend on Ihret en meine ſwn er derbare Schönheit geſehen, wie Waldblume! Wenig Geiſt— thut nichts! ich werde ſie bilden— — Madame, ſagte Morvan mit einem Ton der Strenge, der die Abenteuerin zittern machte, ich bin ſehr erfreut, daß Sie dieſen Gegenſtand berührt haben; Sie geben mir dadurch Ge⸗ legenheit, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. — Erklären Sie ſich, Ritter, erwiderte Ismerie beru⸗ higt und lächelnd. — Die Gefälligkeit, um welche ich Sie bitte, ja, welche ich von Ihnen fordere, iſt, daß Sie mit Waldblume niemals ein Wort ſprechen. Ich benachrichtige Sie, daß ich bei Ihrem geringſten Verſuch ſich ihr zu nähern, ernſtlich böſe ſein werde, und daß ich ſchrecklich und ohne alle Rückſicht wüthe, wenn ich in Zorn bin!— Habe ich mich deutlich erklärt, Madame, ha⸗ ben Sie mich wohl verſtanden? — Dieſer Zweifel von Ihrer Seite, Ritter, ſcheint mir ein Scherz zu ſein. Wenn man Jemanden mit einem ſchrecklichen Fauſtſchlag niederſchlägt und ihn dann fragt:„Haben Sie's gefühlt, daß ich Sie geſchlagen habe?“ ſo iſt das eine Naivheit, über die man weiter nichts ſagen kann! Ich werde Ihrem Be⸗ fehl gehorchen. — Dieſer Ausdruck, Madame, iſt bezeichnend; ich er⸗ theile Ihnen in der That einen Befehl. Morvan grüßte ſodann Madame Lederhaube mit einem leichten Kopfnicken und entfernte ſich. — Wie ſchlecht habe ich doch dieſen jungen Mann beur⸗ theilt und wie mit Unrecht habe ich mich über ſeine Ankunft ge⸗ freut! murmelte Ismerie mit einem Verdruß, der beinahe an Wuth reichte. Ah, ſo behandelt er mich! Ich werde mich rächen! Er liebt die dummen Weiber, dieſer geſtrenge Morvan! Ich will Chamarande nie wiederſehen, wenn ich dieſe liebe Unſchuld von Waldblume nicht binnen Kurzem aufgeklärt habe! Welch ein 13 thörichterjunger Mann! Alles hätte ſo ganz anders werden können. Während der erſten acht Tage nach Morvan's Ankunft* hatte Jeanne's Geſundheit ſo ſchnelle Fortſchritte gemacht, daß das reizende Kind, völlig außer Gefahr, auf den Arm ihres Ritters geſtützt, im Garten ſpazieren gehen konnte. Dieſe wahr⸗ haft wunderbare Geneſung, welche Morvan bewies, wie ſehr er geliebt ſei, machte auf ſeinen Geiſt einen tiefen Eindruck und vermehrte, wenn dies noch möglich war, ſeine Verehrung für Waldblume; die Gewißheit, daß er die Liebe des anbetungs⸗ würdigen Kindes ausſchließlich und ohne daß eine Nebenbuhler⸗ ſchaft möglich war, beſaß, hatte auch zur Folge, daß er ſeine glühende Leidenſchaft mit mehr Leichtigkeit und größerem Muth ertrug. Er wußte nicht, welches Gefühl in ſeinem Herzen das mächtigere ſei: die ideale Anbetung oder die ungeſtüme Liebe. Die Zeit verfloß für die beiden jungen Leute mit der reißenden Schnelligkeit eines angenehmen Traumes!— Sie fühlten ſich ſo glücklich, daß ſie ſich um das Leben gar nicht mehr kümmer⸗ ten. Der Tag war für ſie eine Plauderſtunde; in der Morgen⸗ dämmerung kamen ſie zuſammen und verließen ſich nicht, bevor es Nacht geworden. Graubart und Lederhaube, welche durch ihre Arbeiten faſt immer von der Wohnung entfernt gehalten waren, ſtörten die⸗ ſes ſüße Beiſammenſein faſt niemals durch ihre Gegenwart. Ismerie hatte bis dahin, ihrem Verſprechen getreu, an Wald⸗ blume kein Wort gerichtet, ausgenommen, wenn es die Noth⸗ wendigkeit erhelſchte. Kein Wölkchen trübte daher Morvan's Horizont; zuweilen fühlte er ſich weit glücklicher, als man es auf Erden ſein kann; manchmal fürchtete er für ſein Glück. Waldblume war vollkommen wieder hergeſtellt und hatte bereits mit ihrer Geſundheit auch alle ihre früheren Kräfte wieder er⸗ halten; ihre Energie war ihr wieder gekommen. — Mein Ritter Louis, ſagte ſie eines Morgens zu dem junge lönner wie ie Tage ſehne muhen Stidt Die R ſihle Kräſt undſ Geſit der! ſem firn gehei übri hutte daß ls f Aby Die vern es und Euq einer dara eine nkönnen. Alunſt cht, daß rm ihres ſe wahr⸗ e ſehr er uck und rung für detungs⸗ nbuhler⸗ et ſeine n Nuth tzen das te Liebe. ißenden lten ſich kümmel⸗ Yorgen⸗ , hevor iten faf ten die⸗ genwort nVald⸗ ie Notß⸗ owan' nan es nGlüc· e berit itdet er 6 zu den — 135— jungen Manne, ich habe die ganze Nacht kein Auge ſchließen können; ich träumte wachend von meinen geliebten Wäldern, wie ich während Deiner Abweſenheit geträumt habe. Wie viel Tage ſind verfloſſen, ſeit ich ſie nicht durchſtreift habe!— Wie ſehne ich mich wieder darnach in ihrem balſamiſchen Schatten zu ruhen!— WMein Ritter Louis, ich bin nicht eine Tochter der Städte, Du weißt es! Ich bedarf der Freiheit und der Luft! Die Ruhe erdrückt mich! Jeden Abend, wenn wir uns trennen, fühle ich mich zerbrochen, wie wenn ich mich mehr als meine Kräfte erlauben, angeſtrengt hätte! Mein Blut kreiſt brennend und ſchwer in meinen Adern!— Funken ſchweben mir vor dem Geſicht, ich falle in einen Zuſtand unüberwindlicher Erſchlaffung, der mich ſchrecklich ermüdet und dennoch den Schlaf von mir fern hält! Mein Ritter Louis, dieſes müßige Leben taugt nicht für mich! Nimm Deinen Karabiner und gehen wir auf die Jagd. Bei dieſem Vorſchlag Jeanne's ward Morvan durch einen geheimen Inſtinkt gemahnt, daß er nicht einwilligen dürfe; übrigens aber war des Mädchens Bitte eine ſo vernünftige, er hatte ſo ſchlechte Gründe, um ſich ihrem Wunſche zu widerſetzen, daß er nachgeben mußte. Die beiden jungen Leute begegneten, als ſie ſich vom Hauſe entfernten, Madame Lederhaube, deren Abweſenheit, im Vorbeigehen geſagt, ſich immer öfter wiederholte. Die Abenteuerin lächelte in ſonderbarer Weiſe, ſo daß Morvan verwirrt wurde und Waldblume erröthete; warum? Sie wußten es Beide nicht. — Viel Glück, Ritter, ſagte ſie mit ſpöttiſcher Miene, und Dir, Waldblume, wünſche ich viel Vergnügen!— Entfernet Euch nicht zu ſehr und nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht in einen ſpaniſchen Hinterhalt fallet! Vielleicht thätet Ihr beſſer daran, Alain mitzunehmen! — Das iſt ein guter Gedanke, erwiderte Morvan, warte— einen Augenblick, Waldblume, ich gehe meinen Diener holen. — 136— — Wozu? rief Jeanne ungeduldig. Vor Alains Ankunft war ich ſehr oft mit meinem Vater oder mit Lederhaube allein auf der Jagd. Warum ſollte heute die Gefahr größer ſein als damals? Komm, mein Ritter, Alain's Gegenwart würde uns nur geniren; außerdem bin ich noch niemals ſo glücklich gewe⸗ ſen, als wie wenn ich mit Dir allein bin.— Gehen wir! — Das kann man doch ein aufrichtiges Geſtändniß nen⸗ nen, Ritter! ſagte Ismerie mit ſpöttiſcher Miene. Ich ſehe nicht, daß Fräulein Waldblume ſo unwiſſend ſei. Peſt! welch ein freier Ton, welche Leichtigkeit des Ausdrucks! Man möchte glauben am Hof zu ſein!— Aber ich halte Sie auf, das iſt böſe von mir. Viel Glück, und ich wiederhole es Ihnen, beſon⸗ ders viel Vergnügen! — Welch ein drolliges Weib iſt doch Madame Leder⸗ haube, nicht wahr, mein Ritter? ſagte Waldblume zu Morvan, der ſich vor Wuth in die Oberlippe biß; wenn ſie lange ſpricht, ſo bringe ich es niemals dahin, ſie zu verſtehen. Jetzt ſchien ſie ſich über uns luſtig zu machen. Warum denn, was haben wir Uebles gethan? — Sie iſt ein böſes Weib und dabei verrückt, ſo daß ſie faſt immer irre redet, antwortete Morvan; man muß auf ihre Worte nicht achten. Der junge Mann begann ſchneller zu gehen, damit Wald⸗ blume keine neuen Fragen an ihn richte. Eine Viertelſtunde ſpäter gelangten die beiden jungen Leute in den Wald. XII. Während der erſten Stunden, die nun folgten, gab ſich Waldblume, glücklich, ſich wieder in ihren Wäldern zu befinden ganz dem Vergnügen der Jagd hin. So oft ſie ein Perlhuhn oder ei und ei junge Glück Rh; hunde Gehiſ nit gi des B Strol abz i nit d Mor lihe vöhnt Hind unbe Or buch Jen van kſt be allein ſein als ürde uns ch gewe⸗ wir! niß nen⸗ ſehe i welch n nöchte dus iſt n beſon⸗ e Leder⸗ Morvan, eſpcht, ſchien ſt aben wir daß ſie auf ihre it Pald⸗ ulſunde gab ih befdm penhih oder eine Holztaube niederſchoß, ſchlug ſie fröhlich in die Hände und eilte ſogleich, um Morvan ihren Triumph anzuzeigen. Der junge Mann wünſchte ihr mit verlegener erzwungener Miene Glück, dann ſtellte er ſich, als glaubte er einen Eber oder ein Reh zu ſehen, und entfernte ſich ſogleich; aber kaum war er hundert Schritte weit gegangen, ſo verbarg er ſich hinter einem Gebüſch und folgte da, unbeweglich und mit gepreßter Bruſt, mit gierigem und glühendem Auge den geringſten Bewegungen des Boucaniermädchens. Ihre prachtvollen, unter dem breiten Strohhut halb aufgelöſten Haare floßen auf die Schultern her⸗ ab; ihr von dem Jagdeifer belebter Teint war ſo friſch, daß er mit der Farbe der Roſen ſiegreich wetteifern konnte. Aber was Morvan am meiſten bewunderte, das war Jeanne's unnachahm⸗ liche Leichtigkeit. Von Kindheit auf an die Leibesübungen ge⸗ wöhnt, bewegte ſich das reizende Kind mit der Leichtigkeit der Hindin, womit ſie zugleich eine unbeſchreibliche Anmuth und unbefangenſte Kühnheit verband. Wie lächerlich und wenig am Ort die europäiſchen Frauen find, ſobald ſie von ihren herge⸗ brachten und gezierten Gewohnheiten abweichen, ſo ſchön war Jeanne in ihrer Freiheit zu ſehen. Nach einer Jagd von mehreren Stunden machte ſie Mor⸗ van den Vorſchlag Raſtlager zu halten. — Sieh, mein Ritter Louis, ſagte ſie, indem ſie ihm eine Art von natürlicher Wiege wies, die von mehreren, durch zahlreiche Lianen verbundenen und herabgedrückten Sträuchern gebildet wurde, ſieh, mein Ritter, welch ein prächtiger Platz da für uns zum Niederſetzen iſt. Von dem grünen Dache gegen die Sonnenſtrahlen geſchützt, werden wir uns da an der kühlen Luft erfreuen, bis die Hitze vergangen ſein wird. Welch ein ſanfter Raſenteppich! Komm doch an meine Seite! — Aber Jeanne, antwortete Morvan verwirrt, ich habe, ſeitdem wir vom Hauſe fortgegangen find, noch nicht ein einziges 12. —— Stü ildbret erlegt; ich muß das einbringen. Schlafe ohne Futcht, meine angebetete Jeanne; während ich rings um Dein Lager ſtreife, werde ich auch über Deinen Schlummer wachen. — Du vergiſſeſt, mein Ritter Louis, antwortete Jeanne, daß Alles in der Natur in dieſem Augenblick ruht; die Eber, die Rehe liegen in ihren dunkeln Schlupfwinkeln verborgen und kommen nicht in den Wald heraus; Du würdeſt Dich nur vergebens bemühen. Benütze dieſen reizenden Platz, den uns der Zufall ſo gelegen zubereitet hat; ſetze Dich zu mir. Morvan zauderte, aber nur eine ſehr kurze Weile, dann nahm er neben Jeanne Platz. Das junge Mädchen hatte Recht zu ſagen, daß Alles in dieſem Augenblick ruhte. Dumpfes Schweigen lag auf dem Walde, kein Lufthauch regte ſich, die von den heißen Liebkoſungen der Sonne ermatteten Blumen hatten die Köpfe geſenkt; dieſer Schlummer der Natur ſchien ein feierliches Geheimniß zu ſein. — Welche erdrückende Hitze! ſagte Waldblume. Ich er⸗ innere mich nicht eine unbarmherzigere Sonne geſehen zu haben, dieſe Strahlen ſcheinen geſchmolzenes Blei zu ſein, es iſt ein wahrer Feuerregen. Jeanne erhob ſich und pflückte ein Palmenblatt. — Mein Ritter Louis, fuhr ſie fort, nachdem ſie ihren früheren Platz eingenommen hatte, da iſt ein Fächer, der uns dazu dienen wird, unſern grauſamen Feind zu bekämpfen. Waldblume löſte ſich dann die Schärpe ab, an welcher ihre Pulverbüchſe hing und ſie am Halſe genirte, übergab Morvan das Blatt und lehnte ihren Kopf an die Knie des jun⸗ gen Mannes. Wenn Jemand, ſelbſt ein Gleichgiltiger, den Ritter in dieſem Augenblick hätte ſehen können, ſo würde er ihn aufrichtig bemitleidet haben, ſo ſehr trug ſein Geſicht die Spu⸗ ren der Verzweiflung an ſich. — Nun, ſagte Jeanne, nach kurzem Stillſchweigen, und —— inder van' mein jun ſhwe hlaß! Du digt mit zu er weil vert nen herb bliel kehr Jog jun her Mo ein hen ſigte bekl liſt fe ohne um Dein wachen. Jeanne, ie Ebet, erborgen ich nur den uns le, dann tte Recht Dunyfts ſich, die Blumen t ſchien u haben⸗ iſt ein ibegub des jun⸗ ger, den de et ihn gen un indem ſie ihren Leib wie geſchmeidiges Rohr krümmte, um Mor⸗ van's Geſicht ſehen zu können; biſt Du ſchon eingeſchlummert, mein Ritter? — Gehen wir wieder auf die Jagd, Jeanne! rief der junge Mann und erhob ſich mit einer barſchen Bewegung. — Mein Gott! Was haſt Du denn? ſagte Jeanne er⸗ ſchrocken; Deine Augen glühen wild, Du biſt außerordentlich blaß!— Was bedeutet dieſe Aufregung?— Wie böſe ſiehſt Du aus, mein Ritter!— Habe ich Dich unwillkürlich belei⸗ digt? Ich bitte Dich um Vergebung.— Du machſt mir Furcht! — Ja, gehen wir fort! — Ich bin ein elender Feigling, Jeanne, ſagte Morvan mit erſtickter Stimme; ein Feigling, weil ich nicht ein Unglück zu ertragen vermag, das ich nicht verſchuldet habe; ein Elender, weil ich das Glück, welches mir Gott durch Dich verliehen hat, verkenne. Ohne ein Wort weiter hinzuzufügen, nahm Morvan ſei⸗ nen Karabiner und entfernte ſich haſtig. Jeanne rief die Meute herbei und folgte ihm ſinnend nach. Den Reſt des Tages über blieb Jeanne traurig und ſchweigſam. Zerſtreut und in ſich ge⸗ kehrt fand ſie nicht mehr den Enthuſiasmus, mit welchem ſie die Jagd begonnen hatte. Es war beinahe Nacht, als die beiden jungen Leute das Wohnhaus erreichten. Die erſte Perſon, wel⸗ cher Morvan begegnete, als er über die Schwelle trat, war Montbars. Der Anblick des berühmten Boucaniers verurſachte ihm ein peinliches Gefühl, wovon er ſich keine Rechenſchaft zu ge⸗ ben vermochte. — Du hatteſt mich bereits vergeſſen, nicht wahr, Louis? ſagte Montbars zu ihm mit liebevollem Vorwurf. Doch warum beklage ich mich und beſchuldige Dich der Gleichgiltigkeit? Du biſt verliebt! — 140— — Deine Vorwürfe ſind ungerecht, Montbars, antwor⸗ tete Morvan; im Gegentheil, ich habe ſehr oft an Dich gedacht, doch werde ich Dir nicht verhehlen, daß mich Deine unerwartete Erſcheinung überraſcht hat. — Und geärgert! ich habe es ſehr wohl bemerkt. Du fürchteſt, ich werde Dich aus Deinem ſüßen berauſchenden Mü⸗ ßiggang reißen! Nun wohl, mein Kind, wenn Du das dachteſt, ſo haſt Du gut errathen. Keine Fragen, ich bitte Dich; Grau⸗ bart erwartet uns bei Tiſche, gehen wir zu ihm. Wir werden während des Abendmahles plaudern. Vollkommen beruhigt, daß die Rathſchläge, Bitten und ſelbſt die Befehle von Montbars ſeinem Willen nichts anhaben konnten, legte Morvan auf die Zumuthung ſeines Oheims kein be⸗ ſonderes Gewicht. In den Speiſeſaal eintretend, erblickte der Ritter Graubart und Alain, die ſich am Tiſche einander gegen⸗ über ſaßen; Lederhaube und Ismerie waren abweſend. — Nun, Montbars, ſagte er, nachdem er ſich niederge⸗ ſetzt hatte, Du biſt gekommen, um mich zu holen? Willſt Du denn eine neue Expedition unternehmen? — Ja, mein Kind, und zwar eine Expedition, welche, wie ich hoffe, eine der glänzendſten Seiten in der Geſchichte Frankreichs einnehmen wird. Seit vierzehn Tagen bereits reiſe ich in der Inſel umher, um Kämpfer zu werben; da meine Rund⸗ reiſe beendigt iſt, ſo werden wir uns morgen auf den Weg machen. — Was verſtehſt Du unter„uns“, Montbars? — Dich und mich! — Du heaſt alſo über meine Perſon verfügt, ohne mich zu fragen, ohne meine Willfährigkeit in Zweifel zu ziehen? — Gewiß, mein lieber Louis! — Nun, da haſt Du Unrecht gethan, denn ich werde Dich nicht begleiten! — Es gibt viele junge Leute, antwortete Montbars lä⸗ hund ſens daß D Dein zubrin gen auf's hiet beſitze gewo wird hen eines von iſte rers Vir hat nat iſt and wih kän nigl unſe ſein Ad neh antwor⸗ gedaht, wartete rlt. Du en Mi⸗ dachteſt, Grau⸗ werden tten und anhaben kein be⸗ ichte der gegen⸗ niederge⸗ gilſ Du welche, eſchichte its riſſ ne Fund⸗ nachen⸗ ne nich en! de dii bus li — — 141— chelnd, die ohne zu überlegen einen Entſchluß faſſen, und mei⸗ ſtens nicht wiſſen, was ſie geſagt haben! Ich verſichere Dich, daß Du mir morgen ohne Zaudern folgen wirſt. Möchteſt Du Dein Leben hier in verdammenswerthem feigen Müßiggang zubringen? — Gewiß, Montbars, der Kampf iſt mir bis zum heuti⸗ gen Tag nicht ſo ſehr gelungen, daß ich verſucht wäre, mich auf's Neue in ein abenteuerliches Leben zu ſtürzen; ich habe hier mein Glück gefunden, und hier will ich auch bleiben. Ich beſitze noch neuntauſend Livres von der Summe, die ich in Paris gewonnen und aus Europa mitgebracht habe. Dieſe Summe wird mir genügen, um eine Plantage zu gründen. — Eine ehrenwerthe Art, um Dein Vermögen wieder herzuſtellen, und Deinem Namen ſeinen Glanz zu erhalten. — Mein Name, ſprach Morvan mit Bitterkeit, iſt der eines Verbannten.— Wer erinnert ſich deſſen noch? — Louis, erwiderte Montbars ernſt, Dein Name iſt Dir von Deinem Vater hinterlaſſen worden, ſeine Wiederherſtellung iſt eine heilige Schuld, welche Du dem Andenken eines Märty⸗ rers ſchuldig biſt. Höre mich jetzt an, ohne mich zu unterbrechen. Wir ſtehen am Vorabend eines großen Ereigniſſes. Ludwig XV. hat ſeinem mir gegebenen Verſprechen getreu, ein Geſchwader nach unſerem Meer abgeſchickt, die Eroberung von Carthagena iſt beſchloſſen! Du weißt, Kind, welchen glorreichen Antheil wir an dieſem Kampfe nehmen werden! Von Chefs, die wir uns ſelbſt wählen, commandirt, werden wir unter unſern eigenen Fahnen kämpfen! Zwiſchen unſern Kapitäns und den Offizieren der kö⸗ niglichen Marine wird die vollkommenſte Gleichheit herrſchen; unſere Vollmacht, unſere Vorrechte werden den ihrigen gleich ſein; mit einem Worte, der König behandelt uns als eine Macht. Ludwig Xv. legt, ich weiß es, auf das Gelingen unſeres Unter⸗ nehmens das größte Gewicht; ſeine Erkenntlichkeit gegen dieje⸗ —— nigen, welche ſich auszeichnen werden, wird grenzenlos ſein. Ludwig XIV., man muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen, kennt ſeine Stellung als König! Er feilſcht nicht mit dem Ruhm! Sei kühn der Erſte auf den Zinnen bei einem Sturme, und das Andenken Deines Vaters, meines edlen und unglück⸗ lichen Bruders wird wieder hergeſtellt ſein. Was thut es, wenn Du erliegſt? Du wirſt wenigſtens Deine Pflicht gethan haben. Du wirſt ſterben, wie die guten Edelleute zu ſterben lieben: den Degen in der Fauſt, das Geſicht dem Feinde zugekehrt.— Ant⸗ worte, Louis! weigerſt Du Dich noch, mir zu folgen? Morvan zauderte, als Waldblume, die, ſo lange Mont⸗ bars ſprach, ſchweigend auf der Schwelle geſtanden hatte, lang⸗ ſam vorwärts kam, und zu dem jungen Manne mit feſter Stim⸗ me ſagte: — Mein Ritter Louis, Du mußt einwilligen! Dieſe Dazwiſchenkunft, die zu erwarten er weit entfernt war, überraſchte den jungen Mann, aber ſie bewog ihn nicht. — Nein, Jeanne, ſprach er mit Kraft, ich werde nicht einwilligen! Ich begreife Dein edelmüthiges Opfer, und danke Dir dafür. Du glaubſt meiner Zukunft hindernd in den Weg zu treten.— Du täuſcheſt Dich, Jeanne.— Ich bin von allen ehrgeizigen Gedanken ſo weit zurückgekommen, die Nichtigkeit, die ſich unter dem Ruhm und dem Reichthum verbirgt, begreife ich jetzt ſo leicht, daß ich, ſelbſt wenn der Himmel Dich mir nicht entgegengeführt hätte, die Zumuthungen meines Oheims ſo zu⸗ rückweiſen würde, wie ich es eben gethan habe. Auf dieſe mit Feuer geſprochenen Worte hob der Flibu⸗ ſtierchef mit mitleidiger Miene die Schultern, und ſagte zu ſeinem Neffen gewendet: — Louis, es wäre mir hundertmal lieber geweſen, Dich der Stimme des Ruhmes, als derjenigen der Pflicht gehorchen zu ſehen; allein da Du die überlieferungen Deines Geſchlechtes 6 kerlä lalt b geden dece Gruf welch emor Schm Dege hobe hat ling und dac bege unſe zuf Gli und mic ſelb züch Dei vor nein hem es nlos ſein. uhren laſ⸗ ſt mit dem Sturme, dunglüc⸗ es, wenn n haben. ben den — Ant⸗ ge Mont⸗ tte, lang⸗ ſer Stin⸗ tentſernt nicht. erde nicht nd danke en Weg on allen chtigkeit, begrife nir nihht ns ſo jl Flibu⸗ ſeinen ſeil n Dit ehorh leht — 143— verläugneſt, da Dein Herz bei der Ausſicht auf eine Schlacht kalt bleibt, da Du Deinen Degen in einen Pflug zu verwandeln gedenkſt, ſo muß ich Dir zur Ermuthigung ein Geheimniß ent⸗ decken, das ich Dir eigentlich als Belohnung mittheilen wollte. Graf von Morvan, der Statthalter der Stadt Carthagena, welche wir angreifen werden, iſt jener Henker, der Deinen Vater ermordet hat, der ihn zu Tode peitſchen ließ! Auf dieſe Enthüllung ſtieß Morvan einen Schrei des Schmerzes und der Wuth aus, und inſtinktartig den Griff ſeines Degens erfaſſend, rief er tief bewegt, und mit zum Himmel er⸗ hobenen thränenfeuchten Augen: — O mein vielgeliebter Vater, vergib mir!— Die Liebe hat mich die Rache vergeſſen laſſen. Von dem, was er eben erfahren hatte, zu bewegt, um länger beim Abendeſſen bleiben zu können, ſtand Morvan auf, und ſtellte ſich an eines der Fenſter des Speiſeſaales. — Welch ein ſeltſames Schickſal iſt doch das meinige, dachte er, die Landſchaft, welche im Abenddunkel zu verſchwinden begann, mit zerſtreutem Auge überblickend; es iſt klar, daß ein unſeliges Geſchick hartnäckig darauf beſteht, meine Ruhe immer zu ſtören. Ja, ich bin unter einem böſen Stern geboren. Das Glück iſt nicht für mich!— Was thue ich! Beklage ich feiger und verbrecheriſcher Weiſe mein Geſchick?— Wie! ich wage es mich in dem Augenblick zu beklagen, wo mich die Vorſehung ſelbſt dem Mörder meines Vaters entgegenführt, damit ich ihn züchtige! Armer und edler Graf von Morvan, wie traurig war Dein Loos!— Die Einbildungskraft bleibt erſchreckt ſtehen vor der Grauſamkeit, mit welcher Du hingerichtet wurdeſt. O mein Vater! der mich ſo ſehr geliebt hatte, ich habe es bei Dei⸗ nem verehrten Andenken geſchworen, Dich zu rächen, und ſollte es auch nur durch eine Mißethat möglich ſein: ich werde meinen Schwur zu halten wiſſen! — 144— Der junge Mann wurde in ſeinen düſtern Gedanken durch Waldblume unterbrochen. — Mein Ritter Louis, ſagte die Reizende, nachdem ſie ſich ihm, ohne daß er es merkte, genähert hatte, Du weißt, daß bei Montbars dem Worte die That bald nachfolgt. Ich wäre nicht erſtaunt, wenn er ſchon heute Abend aufbrechen würde. Verſprich mir, nicht abzureiſen, ehe Du mich noch einmal ge⸗ ſehen haſt. Die leichte Reſignation, mit welcher Waldblume den Ge⸗ danken einer Trennung aufzunehmen ſchien, verurſachte Morvan ein ſchmerzliches Erſtaunen. — Jeanne, ſagte er traurig, ich liebe Dich zu innig, um Dir meine Gedanken verhehlen zu wollen. Nicht mein Mund, ſondern mein Herz ſpricht mit Dir. Ich geſtehe Dir, daß Du mir ein peinliches Erſtaunen verurſachteſt, indem Du mir rie⸗ theſt, mich von hier zu entfernen, und mit Montbars zu gehen. Du wußteſt doch nicht, daß es ſich für mich um die Erfüllung einer heiligen Pflicht, nemlich darum handelte, meinen Vater zu rächen. Iſt es Dir denn in Folge einer plötzlichen Veränderung, welche in Dir vorgegangen, und die ich nicht zu unterſuchen wage, ſo läſtig geworden, mich hier zu ſehen, daß Du Dich für meine ſchnelle Abreiſe intereſſirſt?— — Du irrſt, mein Ritter Louis, antwortete Jeanne, den Kopf verwirrt ſenkend, ich habe Dich nie ſo ſehr geliebt, wie ich Dich jetzt liebe! Denn erſt ſeit einer Stunde begreife ich, wie zart Dein Benehmen gegen mich geweſen iſt. Du biſt ein edles großmüthiges Herz, mein Ritter Louis, aber wir dürfen nicht Jänger beiſammen bleiben. Ich beſchwöre Dich, keine Frage mehr an mich zu richten: zum erſten Male, ſeit ich Dich kenne, würde ich Dir nicht antworten. In den Worten des jungen Mädchens lag eine ſo tiefe, reſignirende Traurigkeit, daß Morvan darüber die Thränen in's uge der ſie w hleib ſtürm wurd ſcen Bßſ wahr und — am) in di rief nich ihm wen nicht habe Var ſti? Mt ken durch chdem ſie eißt, daß Ich wite nwürde. mal ge⸗ den Ge⸗ Morvan nnig, un 1 Mund, daß Dl nir rie⸗ u gehen. rfüllung Vaterzl derung, erſuchen dich fir nne, den ie ich ich, wie in edles fen ſicht Frage fenne, ſo tieft, nen in — 145— Auge kamen. Obſchon er den Beweggrund nicht errathen konnte, der Jeanne's Entſchluß veranlaßt hatte, ſo begriff er doch, daß ſie wichtige Rückſichten haben mußte und daß ſie unerſchütterlich bleiben würde. Trotz ihrer Bitte wollte er ſie mit Fragen be⸗ ſtürmen, als die Thür des Speiſeſaals mit Heftigkeit geöffnet wurde, und Lederhaube eintrat, der einen ſich ſträubenden Men⸗ ſchen mit Gewalt hereinzerrte. — Matroſe, ſprach der Rieſe mit ſeiner fürchterlichen Baßſtimme zu Graubart, ich bringe Dir ein Thier, das Du wahrſcheinlich noch nie geſehen haſt, und das auf unſerem Grund und Boden jagte.— Dieſes Thier nennt man einen Verführer! — Sieh ihn an, wie häßlich er iſt! Der Rieſe ergriff, während er ſo ſprach, den Unbekannten am Rücktheile ſeines Wammſes, hob ihn mit ausgeſtrecktem Arm in die Höhe, und präſentirte ihn ſo ſeinem Matroſen. — Er iſt in der That ſehr häßlich! antwortete Graubart ruhig. Was zum Teufel ſoll ich mit ihm anfangen? Wirf mir dieſes närriſche Ding zum Fenſter hinaus, es iſt nicht der Mühe werth, daß man ſich mit ihm beſchäftige. — Dieſem Elenden ſoll die Freiheit gegeben werden! rief Lederhaube, indem er ſein Opfer in der Luft mit einer Leich⸗ tigkeit ſchüttelte, als wäre es ein kleines Kind geweſen; noch nicht, Matroſe! Ich muß ihn zuerſt in's Verhör nehmen, und ihm dann eine Züchtigung angedeihen laſſen. Ach, Graubart, wenn Du wüßteſt, was ich geſehen habe! Du kannſt es gar nicht ahnen! — Ich weiß, daß die Weiber zuweilen drollige Launen haben, ſagte der alte Boucanier mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe.⸗ Warum ſollte Ismerie eine Ausnahme ihres Geſchlechtes ſein? — Wie konnteſt Du errathen, daß von Ismerie die Rede ſei? rief Lederhaube mit wahrhafter Verblüffung. Es iſt wahr, Matroſe.— Verſtehſt Du die Aufführung dieſer Niederträchtigen? IV. 13. 6 — Vollkommen, mein armer Lederhaube. — Aber betrachte doch dieſen Zaunkönig mit Aufmerk⸗ ſamkeit— dieſe kleinen dürren Gliedmaßen, dieſes bartloſe Ge⸗ ſicht, dieſes blaſſe, krankhafte Ausſehen— ein einziger Fehler der Natur! Der Unglückliche, den Lederhaube ſo derb behandelte, zit⸗ terte am ganzen Leibe; indeß nahm er ſich zuſammen, und ſprach mit von Furcht erſtickter Stimme: — Mein Herr, Ihr Benehmen gegen mich iſt nicht das eines ehrenhaften Mannes! Es iſt nicht loyal, ſeine Kraft ſo zu mißbrauchen! Wenn Sie glauben, daß Sie ſich über mich zu beklagen haben— ich werde Ihnen aber beweiſen, daß das Un⸗ recht ganz auf Ihrer Seite iſt— ſo brauchen Sie von mir nur Rechenſchaft zu fordern! Ich bin bereit, die Sache mit Ihnen ſogleich auszufechten. Zum Teufel! ich bin ein Edelmann! Ich bin der Vicomte vnn Chamarande! Dieſe Antwort, welche Lederhaube mit großem Gelächter aufnahm, ſchien auf den phlegmatiſchen Graubart einen lebhaf⸗ ten Eindruck zu machen. — Matroſe, ſagte er, wenn dieſer Menſch ſeiner Behaup⸗ tung gemäß wirklich dem Adel angehört, ſo iſt Dein Benehmen tadelnswerth, und Du biſt ihm Rückſichten ſchuldig. — Dieſer Mann, rief nun Alain, ſich in das Geſpräch miſchend, iſt ein Betrüger und ein Dieb. Ich rede von ihm als Zeuge. Er hat meinen Herrn in Frankreich beraubt und beſtohlen. Auf dieſe ſo kategoriſche und ſo belaſtende Anklage wollte der vorgebliche Vicomte mit Keckheit antworten. Aber der be⸗ ſchimpfte Gatte verbot ihm mit einer gebieteriſchen und drohen⸗ den Geberde das Reden. — Mein Ritter Louis, flüſterte Waldblume mit außeror⸗ dentlicher Verlegenheit, die Morvan in Erſtaunen ſetzte, es iſt leider nur allzuwahr, daß dieſer Menſch ſchuldig iſt! Indeß muß Man Jean nicht Leide ſ2 hir nicht des verg gehe eine Val eine ſür der i Di Aufnerk⸗ ttloſe Ge⸗ er Fehler delte, zit⸗ nd ſprach nicht das Kraft ſo r nich zu dus Un⸗ mir nur it Ihnen nn! Jh Grlächter n lebhif⸗ Behaup⸗ enehmen nihn als beſohlen⸗ ge wollte rdur be⸗ droheſ⸗ außiurt te, esit ndeß m 147— man Lederhaube verhindern, ihn zu tödten! Laß mich machen. Purpurroth im Geſicht und geſenkten Auges näherte ſich Jeanne dem Boucanier mit einer Furchtſamkeit, die man an ihr nicht gewohnt war. — Lederhaube, ſagte ſie, Du möchteſt mir doch nichts zu Leide thun? Nun ich bitte Dich, laß dieſen Chamarande los, er iſt Deines Zornes nicht würdig!— Du zauderſt!— Biſt Du mir denn gar nicht gut? Liebſt Du Deine Schweſter Jeanne nicht mehr, mein guter Lederhaube? Der Rieſe wandte den Kopf ab, um ſich von dem Blick des lieblichen Mädchens nicht treffen zu laſſen; allein es war vergebens: die Gewohnheit, Jeanne's Befehlen unbedingt zu gehorchen, beherrſchte ihn auch in dieſem Augenblick. Er blieb einen Augenblick gerade und unbeweglich wie eine Eiche vor Waldblume ſtehen; dann rief er dem angeblichen Vicomte mit einer Art von Geheul zu: — Pack Dich fort! Dieſer ließ ſich den Befehl nicht wiederholen, ſondern ſtürzte mit Haſt zur Thüre und verſchwand. — Was Ismerie betrifft, brummte der Rieſe mit drohen⸗ der Miene, ſo iſt das was Anderes; ihre Angelegenheit werde ich ſpäter in Ordnung bringen!— Waldblume, ich beſchwöre Dich, lege für ſie keine Bitte ein; unſere Sitten ſind uns Boucaniern heilig; ich wäre genöthigt, Dir Deine Bitte abzu⸗ ſchlagen, und Du weißt, daß es Unglück bringt, Dir nicht zu gehorchen! An der Art, wie Lederhaube dieſe Worte ſprach, begriff Jeanne, daß es vergebens wäre, in ihn zu dringen; ſie ſagte ihm bloß: — Vergiß nicht, mein Freund, daß Ismerie, ſo lange ſie ſich unter unſerem Dache befindet, von Dir nichts zu fürchten haben kann! 13* — 8 — Das iſt wahr, Waldblume, aber es beunruhigt mich nicht. Jsmerie iſt kein Weib, das ſich einſchließt. Sie liebt das Herumlaufen zu ſehr, als daß ſie ſich freiwillig ein Gefängniß auflegen ſollte. Ich werde ſie ſchon auf neutralem Gebiete zu treffen wiſſen. Reden wir nicht weiter davon. Waldblume begann nachzudenken, dann ſchien ſie nach kurzer Weile einen Entſchluß zu faſſen und ging aus dem Speiſe⸗ ſaale. Zehn Minuten ſpäter glaubte Morvan, der noch immer am Fenſter ſtand, durch die Finſterniß zwei nebelhafte weiße Ge⸗ ſtalten gleiten zu ſehen; er dachte, Waldblume müſſe Ismerie von der Gefahr, welche letztere bedrohte, in Kenntniß geſetzt haben. Der Gedanke einer augenblicklichen Berührung zwiſchen der Buhlererin und dem jungen Mädchen machte einen pein— lichen Eindruck auf ihn. — Ach mein Gott, murmelte er dann erblaſſend, jetzt begreife ich Alles; Jeanne's Verlegenheit, ihre ſo plötzliche und außerordentliche Veränderung, ihre Befangenheit mir gegenüber, ihr Rath, daß ich abreiſen ſollte— ja, ſo iſt es,— Jeanne wird bei unſerer Rückkehr von der Jagd das Geheimniß von dem Rendezvous dieſer Elenden erfahren haben.— Armes Kind, wie hat ſie leiden müſſen, als ſie den Schleier ihrer keuſchen Unwiſſenheit ſo roh zerreißen ſah.— Verdammt! Dieſes Unglück fehlte mir noch!— Genöthigt zu ſein, auf dieſe heilige und koſtbare Vertraulichkeit, die mich mit ſo reinen Freuden be⸗ rauſchte, zu verzichten!— Dieſes Opfer geht über meine Kräfte! — Ja, aber wie iſt es zu vermeiden?— Ach, Jeanne, die von ihrem Zartgefühl berathen iſt, hat Recht mich für immer aus ihrer Gegenwart zu verbannen. Wie muß ſie mich verachten und haſſen, wenn ſie ſich erinnert, mit welchem Feuer ich vor Kurzem ihr meine Zärtlichkeit ſchilderte! Eine Weile, nachdem Waldblume ſich entfernt hatte, und während Morvan mit fieberhafter Ungeduld die Minuten zählte, ie e an ende äufn ner 6hre dahei lich Man blit ſich hen tung Va reiz offe und ten, und ſpr unt ben tuhigt wich e liebt das Gefingniß Gebiete zu n ſie noch m Speiſe⸗ och immer wiße Ge⸗ ſe Jönerie iß geſett g zuiſchen inen pein⸗ end, jebt hliche und egeniber — Jeanne imniß von nes Kind, keuſchen Unglic eilige und euden be⸗ ne Krift e, die von nner aus chten und or Kurzen hatte un en zihle — 149— die es Ismerie möglich machten, ihr unſeliges Aufklärungswerk an Jeanne durch unverſchämte und eyniſche Geſtändniſſe zu voll⸗ enden, ging auch Lederhaube ſort, nachdem er ſeinen Karabiner aufmerkſam unterſucht hatte. Was Graubart und Alain betrifft, ſo waren ſie noch im⸗ mer bei Tiſche, und kämpften mit glänzendem Muth um die Ehre eine größere Menge Vpfelmoſt vertilgen zu können; und dabei kümmerten ſie ſich durchaus nicht um das, was um ſie vorging. Nach einer Stunde qualvollen Wartens ſah Morvan end⸗ lich Waldblume zurückkehren. Der erſte Gedanke des jungen Mannes war, ihr entgegen zu ſtürzen; doch beſann er ſich, und blieb an ſeinem Platze. Er blieb ſchweigend ſtehen, als Jeanne ſich ihm genähert hatte, und wagte es nicht, ſie zuerſt anzuſpre⸗ chen. Er glich einem ſchuldbewußten Verbrecher. Die Verände⸗ rung, oder beſſer geſagt, die gänzliche Umwandelung, die mit Waldblume vorgegangen war, grenzte an's Wunderbare; das reizende Kind war nicht mehr zu erkennen. Ihr gewöhnlich ſo offenes und freudiges Lächeln war einem Ausdruck von Trauer und Inſichgekehrtheit gewichen; an die Stelle ihres ſo leich⸗ ten, freien, lebhaften Ganges, ihrer anmuthigen Bewegungen und kindlichen Geberden war eine befangene Haltung getreten. — Ritter von Morvan, ſagte ſie, ich rechne auf Ihr Ver⸗ ſprechen. Sie werden nicht abreiſen, ohne von meinem Vater und mir Abſchied genommen zu haben. — Wie, Jeanne, Du ſagſt zu mir„Sie“! Biſt Du denn böſe? Betrachteſt Du mich nicht mehr als Deinen Bruder? Auf dieſe Frage, welche der junge Mann mit ſchmerzlich bewegter Stimme an ſie richtete, erbebte Waldblume. — Ich ſollte gegen Dich böſe ſein, mein Ritter Louis! rief ſie aufwallend; ach, wie kannſt Du nur ſo was denken! Jeanne hielt inne. Dieſer Aufſchrei ihres Herzens war ihr wider ihren Willen entſchlüpft, denn kalt fuhr ſie fort: — 150— — Ritter, Ismerie hat mir geſagt, daß ein Weib nur ihren Vater oder ihren Gatten mit Du anſprechen darf. — Und ihren Bruder, Waldblume? — Ja, mein Ritter, Du haſt Recht, man darf auch einen Bruder mit Du anſprechen.— Mein Bruder, auf Wiederſehen bis Morgen. Jeanne entfernte ſich haſtig, um ihren Thränen freien Lauf laſſen zu können.— Am andern Morgen ging Montbars, kaum als es dämmerte, aus ſeinem Zimmer. — Du biſt ſchon da, Waldblume? rief er aus, als er Waldblume im Garten auf- und abgehen ſah, Du biſt heute ſehr früh aufgeſtanden! — Ich bin die ganze Nacht im Garten herumgegangen, antwortete Jeanne zerſtreut, und ohne ſich von dem, was ſie ſagte, Rechenſchaft zu geben. Montbars, fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort, weißt Du, was aus der ſchönen Nativa geworden ſei? — Ja, Kind, ſagte der Flibuſtierchef lächelnd. — Ah— und wo iſt ſie? — Es iſt mir für den Augenblick nicht iethh Deine Neugierde zu befriedigen.— Ich fürchte, Du wäreſt nicht genug verſchwiegen. — Ich ſchwöre Dir, Montbars, keinem Menſchen auf der Welt von dem etwas mitzutheilen, was Du mir anvertrauen wirſt. Ich bitte Dich, ſage mir, wo iſt Nativa? — Armes Kind, erwiderte Montbars ſanft, es geſchehe nach Deinem Willen, denn ich glaube Deinem Verſprechen. Ach, meine Antwort wird Dir das Herz zerreißen: Nativa wohnt jetzt in Carthagena. Waldblume erblaßte ſo ſehr, daß Montbars einen Augen⸗ blick fürchtete, ſie werde in Ohnmacht fallen. Indeß dauerte die⸗ ſer Anfall nur kurze Zeit. nit volle an d ihn will tre Ko au Weib nur . uch einen ederſehen n freien lontbars, 3, als et biſt heute egangen, was ſie ch einer n Nating Deine ht genug ſchen u vertrauen ſhiht hen⸗ Mch wohnt Augen“ uerte it⸗ — Montbars, ſagte Jeanne mit Nachdruck, willſt Du mir das Leben retten? — Dir das Leben retten, Kind? Wer bedroht Dich denn? — Der Schmerz, Montbars. Lächle nicht, ich rede in vollem Ernſt!— Ich bin von dem, was ich ſage, überzeugt. — So ſprich doch endlich, was verlangſt Du von mir? — Daß Du meinen Vater aufſucheſt und ihn bewegeſt an der Expedition nach Carthagena theilzunehmen. Ich werde ihn begleiten.— Schlage mir die Bitte nicht ab. Was Du willſt, vermagſt Du auch; alle Welt weiß das. — Graubart hat keinen biegſamen Willen, ſagte Mont⸗ bars; er iſt in der That einer unſerer beſten Schützen und ſeine Theilnahme nicht zu verachten. Aber wie ſoll ich ihn bewegen? — Ah, jetzt fällt mir was ein.— Ja, ſo iſt es.— Dieſes Mittel ſcheint mir unfehlbar!— Gut, kleine Jeanne, ich ge⸗ horche Dir. — Wie gut biſt Du, Montbars! rief Waldblume ſtrah⸗ lend vor Freude aus; dann nahm ſie den Flibuſtierchef bei der Hand und zog ihn eilig nach Graubarts Zimmer. XIII. Als Montbars und Waldblume in Graubarts Zimmer traten— ein Zimmer, das nur mit einem Hamac und einem Koffer eingerichtet war— fanden ſie den alten Boucanier ſchon aufgeſtanden und bereit auf die Jagd zu gehen. — Graubart, ſagte Montbars, ich habe Wichtiges mit Dir zu reden. — Rede, erwiderte der Jäger lakoniſch, ich höre. — Mein alter Freund, ſagte der Flibuſtier, mit einem ſo praktiſchen Mann wie Du biſt, braucht man nicht viel Worte — 52— zu machen: ich ſchlage Dir vor an der Expedition nach Cartha⸗ gena theilzunehmen. ⸗— Wozu ſollte mir das? fragte Graubart nach einiger Ueberlegung; welchen Vortheil hätte ich von dieſer Angelegenheit? — Den Vortheil, in vielleicht weniger als einem Monat das Fünffache deſſen zu gewinnen, was Dir ein Jahr voll Müh⸗ ſeligkeiten einbringt. Carthagena ſtrömt über von unſere Beute wird ungeheuer ſein. — Was ſoll mir Vermögen? ſagte Graubart, den Kopf gleichgiltig ſchüttelnd. Bringt mir die Jagd nicht mehr ein als ich brauche, um meine Bedürfniſſe zu decken? Warum ſollte ich meine glückliche Unabhängigkeit gegen Sklaverei vertauſchen? — Die Disciplin des Krieges würde ſich mit meinen Gewohn⸗ heiten wenig vertragen. Ich nehme Deinen Vorſchlag nicht an. — Deine Voreiligkeit, Graubart, ſetzt mich in Erſtau⸗ nen; ich hielt Dich für beſonnener, überlegter. Kannſt Du denn nicht mehr hören, ehe Du antworteſt? — Du haſt mir Gold angeboten, und da ich Gold nicht brauche, ſo habe ich es ausgeſchlagen, antwortete der Boucanier ohne daß er auf Montbars' Vorwurf das geringſte Gewicht zu legen ſchien; worin hätte ich mich denn gegen den geſunden, logiſchen Sinn verſündigt? — Wenn Du mich nicht unterbrochen hätteſt, mein alter Freund, ſo würdeſt Du geſehen haben, daß mich nicht Dein Geldintereſſe allein bewegt, Dich für uns zu gewinnen. Ich laſſe mich da von einer weit wichtigeren Rückſicht leiten. — Nun, ſo erkläre Dich deutlicher. — Graubart, erwiderte der Flibuſtier, indem er den Boucanier ſtarr und forſchend anblickte, es gibt auf dieſer Welt keinen Menſchen, der nicht in den geheimſten Falten ſeines Herzens einen Wunſch verbirgt, eine Chimäre hegt. Du magſt Dein Leben noch ſo ſehr vereinfacht haben, indem Du es der Jatur ſri vo der Ge Hem ſchligt, witd w den Ad tionirt Lebhr wenn! dir 9 ſtelſt dern zurick Bedin Fltu Reſent Stul doch nicht den 6 ing den 1 heit, d rice rtha⸗ einiger enheit! Monat Müh⸗ mern; Kopf ein als llte ich ſchen ewohn⸗ cht an. rſtal⸗ udenn 5 nicht eunier icht zu unden, n alter tDein loſe r den Velt ſeins nogft es der — 153— Natur ſo viel als möglich genähert haſt, Du biſt dennoch nicht frei von den menſchlichen Leidenſchaften. Du hängſt noch mit der Geſellſchaft durch Deinen innigſten Wunſch zuſammen. — Ich verſtehe Dich nicht, Montbars. — Ich erkläre mich. Se. Majeſtät Ludwig XIV. hat den Herrn Baron de Pointis, welcher das königliche Geſchwader be⸗ fehligt, mit ſeiner Vollmacht bekleidet. Was Pointis thun wird, wird wohlgethan ſein. Wenn dieſer Admiral zum Beiſpiel Dir den Adelsbrief bewilligt, ſo würde dieſer von dem König ſane⸗ tionirt werden. — Glaubſt Du, Montbars? fragte Graubart mit einer Lebhaftigkeit, die bei ihm nicht gewöhnlich war. — Ich ſpreche mit Ueberzeugung. Jetzt denke, Graubart, wenn Du Deinen Einfluß bei den Boucaniern benützeſt und es Dir gelingt ſie zu vereinigen, wenn Du Dich an ihre Spitze ſtellſt und Du dem Baron de Pointis nicht Deine Dienſte, ſon⸗ dern einen Handel anbieteſt: glaubſt Du wohl, daß er Dich zurückweiſen würde? Nein, mein alter Freund, er wird Deine Bedingungen annehmen. Graubart war in tiefes Sinnen verloren und hörte den Flibuſtierchef nicht mehr. Endlich hob er ſeinen auf die Bruſt geſenkten Kopf in die Höhe und ſagte mit dem Tone wilden Stolzes, der nicht ohne Würde war: — Einen Augenblick haben Deine Worte mich geblendet, doch jetzt iſt mein Entſchluß unwiderruflich gefaßt, ich willige nicht ein. — Aber mein Vater, ſagte ſchüchtern Waldblume, welche dem Geſpräch der beiden Freunde, ohne daran theilzunehmen, ängſtlich gefolgt war, ſeit dreißig Jahren ſchon wünſcheſt Du dem Adel anzugehören; warum willſt Du die ſo ſchöne Gelegen⸗ heit, die ſich Dir zur Erfüllung Deines Wunſches darbietet, zu⸗ rückweiſen? — 54— — Weil ich keine Almoſen annehmen kann! rief Grau⸗ bart aus. Was ich ſeit mehr als dreißig Jahren begehre, iſt nicht eine Gnade, es iſt ein Recht, das mir gebührt!— Ich bin ein Kerjean; ichs würde es behaupten, ſelbſt wenn mein Hals auf dem Block läge! man ſoll mir geben, was mir gebührt, ich verlange nicht mehr. — Die Gerechtigkeit, welche von den Mächtigen abhängt, nennt man eine Gnade, ſagte Montbars. Ich halte Dich für unfähig eine Lüge hervorzubringen und ziehe Dein Recht, den Namen Kerjean zu führen, gar nicht in Zweifel. Wo iſt dann das Almoſen? Ich rathe Dir ja nicht, um den Adelsbrief zu bitten, ſondern Dein rechtmäßiges Erbe anzutreten, ein Gut wiederzugewinnen, deſſen man Dich ungerechter Weiſe beraubt hat. Ich will Dir noch ein letztes Wort ſagen, Graubart: wenn Du Dich entſchließeſt mit uns zu gehen, ſo mache ich mich an⸗ heiſchig, die Einwilligung des Admirals zu erlangen. Der Ba⸗ ron hat in Betreff meiner Inſtruktionen erhalten, die mir es erlauben, Dir die Erfüllung Deines Wunſches zu verbürgen. Die Zeit drängt, ich will abreiſen, antworte, ja oder nein. — Dein Wort gilt mir ſo viel, wie eine vollbrachte That⸗ ſache, ſagte Graubart. Bevor der Tag zu Ende geht, werde ich mehr als zwanzig Boucanier beiſammen haben; in einer Woche komme ich zu Dir, an der Spitze von zweihundert Mann!— Wo iſt der allgemeine Zuſammenkunftsort? — Da, wo wir uns immer verſammeln, nemlich in Petit⸗Goave. — Gut, lebe wohl, oder beſſer geſagt, auf Wiederſehen! Graubart drückte Montbars kräftig die Hand, hängte ſich den Karabiner um und entfernte ſich ſchnell aus dem Hauſe. Er wollte ohne Zeitverluſt ſeine Rekrutirung beginnen. — Dank, Montbars, ſagte Waldblume, voll Freude über den Entſchluß ihres Vaters. Wenn mein Bruder Louis Nativa iſtbeii Inter tets, heditio war da ſehr v eine) Loga ſemte Duraſ ſchen dung denn ſein dacht Reiſt mung Veg er el wirkl Vos Stin She f Grau⸗ ehre, iſt Ich bin in Hals ihrt, ich bhängt, Dich für cht, den iſt dunn brief u ein Gut beraubt t wenn mich an⸗ Der Bl⸗ ie nir es rbürgen⸗ nein. te That⸗ vurde ich 5 Voche ann!— nlich in nſchen auſ⸗ 6 . Frude er Louis Nativa wiederſieht, ſo wird er unglücklich ſein; meine Pflicht iſt bei ihm zu ſein und ſeine Qual zu theilen— noch einmal Dank! — Aber ſage mir, Waldblume, fragte Montbars mit Intereſſe, wozu brauchſt Du denn die Gegenwart Deines Va⸗ ters, um Dich einzuſchiffen? Haſt Du nicht ſchon mehrere Ex⸗ peditionen allein mitgemacht? — Das war Unrecht, ſtammelte Jeanne erröthend, ich war damals ſo unwiſſend. Nach dieſer Antwort entfernte ſich das junge Mädchen mit ſehr verlegener Miene. Montbars, der Ritter und Alain ſtiegen eine halbe Stunde ſpäter zu Pferde, und ſchlugen den Weg nach Leogane ein. In dieſer von Petit⸗Goave nur ſieben Meilen ent⸗ fernten Stadt befand ſich in dieſem Augenblick der Statthalter Ducaſſe. Morvan, der wußte, daß er Waldblume bald wieder ſehen werde— denn Montbars hatte ihn von ſeiner Unterre⸗ dung mit Graubart in Kenntniß geſetzt— war überaus erfreut; dennoch glitt von Zeit zu Zeit eine Wolke über ſeine Stirne, ſein Geſicht verdüſterte ſich, Wuth blitzte aus ſeinen Augen: er dachte, daß er endlich ſeinen Vater rächen werde.— Die drei Reiſenden kamen durch einen eine Meile von Graubarts Woh⸗ nung entfernten Wald, als Montbars, der voran ritt, weil der Weg für zwei Reiter zu ſchmal war, ſein Pferd anhielt. — Guten Tag, Lederhaube, rief er dem Rieſen zu, den er eben bemerkt hatte, Du biſt ſchon auf der Jagd! — Ja, antworte Lederhaube mit düſterer Miene, ich jage. — Wie ſonderbar Du mir das ſagſt. Parbleu! das iſt wirklich ſeltſam; Du biſt allein, ohne Meute? ohne Diener? Was haſt Du denn? Du ſcheinſt ja ſehr bewegt? — Bewegt, ich? erwiderte der Boucanier mit dumpfer Stimme, indem er ſich an einen Baumſtamm lehnte, welch ein Scherz! ich bin wie immer. — 156— — Lederhaube, erwiderte Montbars gemeſſen, Deine Angelegenheiten gehen mich nichts an; erlaube mir jedoch Dir einen Rath zu geben: nemlich, wenn Du Dein Geheimniß be⸗ wahren willſt, ſo komme an dieſen Ort niemals in Geſellſchaft eines Andern! Du verſtehſt mich, nicht wahr? — Nein, ich verſtehe Sie nicht, rief der Rieſe mit ver⸗ wirrter Miene; welches Geheimniß meinen Sie? Ich habe kein Geheimniß! — Deine auf die friſch aufgeworfene Erde hinſtarrenden Augen ſtrafen Deine Worte Lügen. Lederhaube, lehre mich doch, da Du die Geheimniſſe der Wälder kennſt, woher jener kleine Hügel zu Deinen Füßen kommt!— man möchte meiner Treu die Form einer menſchlichen Geſtalt zu ſehen glauben... Biſt Du wohl ſicher, daß man hier nicht eine Leiche fände, wenn man den Raſen wegnähme? Auf dieſe ſeltſame Frage glühten die Augen des Rieſen von Unglück verkündendem Feuer. — Nun, und wenn dem ſo wäre, ſagte er nach kurzem Schweigen. Wer iſt ſchuld daran? Ein rechtſchaſſener Bonca⸗ nier muß am Gebrauche feſt halten. Wer meineidig iſt, frevelt, und wer den Frevler beſtraft, erfüllt eine Pflicht. — Alſo Deine Frau Ismerie— — Laſſen wir den Todten ihre Ruhe! unterbrach ihn Lederhaube mit wildem Ton. Ich wiederhole es, der Gebrauch wollte es ſo. Dieſe Szene machte auf Morvan einen traurigen Eindruck. — Wie! rief er Montbars zu, als er ſah, daß dieſer ſein Pferd in Trab ſetzte und ſich von einem Ort entfernte, an welchem ein ſo ſchauderhaftes Verbrechen begangen wurde, wer⸗ den wir den Mörder ſtraflos ausgehen laſſen? Müſſen wir uns nicht ſeiner bemächtigen und ihn der Gerechtigkeit überliefern? — Deine Entrüſtung iſt natürlich, antwortete Montbars, indem ken ihr als we gethan loren wenig licklie Inue Hause Perac ihn Parig nißach Jur ni würde den aufhö die vr ſtand „Le Cayi N. L4 ſut; len Cyit Erdli nn Diine och Dir niß be⸗ ſllſchaft nit ver⸗ be kein mrenden ich doch, r kleine — — = e — e Rieſen urem Bolhea⸗ ftevelt, ruch ihn ebrauh indm. hüſt nte, al e, we vir uns liefun! onb indem er ſeinen Weg fortſetzte, allein Du darfſt nicht daran den⸗ ken ihr Folgen zu geben. Lederhaube hat nichts Anderes gethan, als was ſchon oft vor ihm geſchehen iſt. Er hat, wie er ſagte, gethan, was üblich iſt. Die über die Vergangenheit der ver⸗ lornen Frauenzimmer, welche das Vaterland ihnen herſchickt, ſo wenig ſerupulöſen Boucanier ſind unverſöhnlich gegen die Un⸗ glücklichen, wenn dieſe, einmal mit ihnen getraut, die eheliche Treue verletzen. Ein Boucanier würde, wenn er ſeine verletzte Hausehre nicht rächte, für ſeinen Gefährte ein Gegenſtand der Verachtung werden. Alles würde ihm ausweichen, man würde ihn zu keiner Expedition zulaſſen; man würde ihn wie einen Paria behandeln. — Und die Gerechtigkeit des Königs? — Die ſchon in gewiſſen Provinzen Frankreichs ſo kühn mißachtete Gerechtigkeit des Königs vermag in St. Domingo gar nichts, beſonders in Privatfällen. Sobald ſie es verſuchen würde, die auf der Inſel eingeführten Sitten anzugreifen, wür⸗ den wir alle zu den Waffen greifen, und das Lilienbanner würde aufhören auf unſern Feſtungen zu wehen. Als die Reiſegenoſſen in Leogane anlangten, ſahen ſie die von Baron de Pointis befehligte Flotte im Hafen; ſie be⸗ ſtand aus folgenden Schiffen:„Le Sceptre,“ das Admiralſchiff; „Le Saint-Louis,“ Capitän Monſieur de Lévy;„Le Fort,“ Capitän Vicomte de Coetlegon;„Le Vermandois,“ Capitän M. du Boiſſon;„Le Furieux,“ Capitän la Mothe⸗Michel; „L Apollon,“ Capitän Gombaud;„La Mutine,“ Capitän Maſ⸗ ſiat;„Le Saint-Michel,“ Capitän Marolle;„LAvenant,“ Ca⸗ pitän Francine;„La Galiote,“ Capitän de Monts;„La Pro- vidence,“ Corvette, Capitän du Bouchel;„La Dieppoise,“ Capitän Tanberlan;„La Ville dAmsterdam,“ Capitän Monier. Endlich vier kleinere Schiffe, die von Matroſen⸗Offizieren com⸗ mandirt wurden. — 158— Beim Anblick dieſes wunderbar in Schlachtordnung auf⸗ geſtellten Geſchwaders fühlte ſich Morvan von Enthuſiasmus durchbebt. — Montbars, ſagte er, jetzt danke ich Dir, daß Du meiner gedacht haſt! Jetzt werde ich endlich unter dem Banner des Königs und für die Ehre Frankreichs kämpfen! DerFlibuſtier⸗Chef lächelte mit der Miene ſanften Mitleids. — Kind, ſagte er, Dein Enthuſiasmus beſtärkt mich in der in meinem Geiſte ſchon lange feſtgeſtellten Meinung, daß die Menſchen für die Freiheit nicht gemacht ſind. Dein Herz hüpft vor Freude, weil Du knechtiſch geſinnte Sklaven in glän⸗ zender Livree ſiehſt, die bereit ſind, ſich beim erſten Zeichen des Herrn auf diejenigen zu ſtürzen, welche man ihnen als Feinde bezeichnen wird. Was findeſt Du denn ſchön an dieſem comman⸗ dirten Muth, an dieſem ſinnloſen Wüthen? Dieſe Leute, welche alle Welt als Helden behandelt, ſchlagen ſich meiſtens für per⸗ ſönliche Rückſichten Anderer, die ſie nichts angehen und mit dem Ruhme des Landes gar nichts zu thun haben. Sie ſtellen den oft ungerechten Zorn des Souveräns, zuweilen die Laune einer Courtiſane vor, deren Tabouret ſich hart an den Stufen des Thrones befindet. In der That, das iſt eine ſchöne Miſſion! Wie hoch hingegen ſtehen wir Flibuſtier über dieſen Söldlingen! Wenn wir uns ſchlagen, ſo ſchlagen wir uns wenigſtens mit einem Feinde, den wir mit aller Kraft unſerer Seele haſſen! mit einem perſönlichen Feinde, an dem wir uns zu rächen haben, den wir uns ſelbſt erwählten. Die Disciplin und die Taktik, dieſe beiden Kräfte der unverſtändigen Maſſen, zählen nichts gegen den Ausdruck unſeres Muthes, gegen die kühnen und glücklichen Eingebungen unſeres Genies. Wir haben das Recht Verſuche zu machen. Uns, den Freien, iſt Alles erlaubt. Von dieſem Standpunkt aus iſt uns nichts unmöglich. Bald, Louis, werden unſere Kräfte im Verein mit denjenigen des Königs hundeh Ih yr Du ni die an ſasm fa im hen ſih einen Inſtin der ſei bricht. zu tr nih d ein Ve Enthu ner w ſichz nigſer ſie zu Alnin ſo fol müſſe nehme Munn folgt als er uſcht den 6 ung auf⸗ uſiasuus daß Du Banuer Nitleids. nich in ng, duß Nin Hen in glin⸗ ichen des s Feinde omman⸗ welche fir per⸗ nit dem llen den ne einet fen des Miſſion! dlingen! ſens ni e haſen n haben⸗ Laktit mnicht uen und s Rct bt. Vo d, Lolis, ni handeln, und Du wirſt den für uns glorreichen Unterſchied ſehen. Ich prophezeie Dir dieß mit Gewißheit.— Dann, Kind, wirſt Du mit Stolz ein Flibuſtier ſein; und mit einer Verachtung, die an Größe wenigſtens Deinem jetzigen unbeſonnenen Enthu⸗ ſiasmus gleichkommt, wirſt Du die glänzenden Uniformen, die faſt immer ſo traurige Rullitäten bedecken, vor Dir vorüber ge⸗ hen ſehen. — Ich mache keine Schlüſſe, Montbars; ich nehme nur einen Eindruck auf, antwortete Morvan; ich glaube mehr an den Inſtinkt des Menſchen, als an jenen kritiſchen, grübelnden Geiſt, der ſeine Ziel überſchießt, und dem die überfeine Spitze oft ab⸗ bricht. Ich fühle, daß ich mir, die Uniform eines Marineoffiziers zu tragen, zu einer ſo großen Ehre anrechnen würde, daß ich mich derſelben nicht genug würdig machen könnte!— Wenn ein Vorurtheil in einem rechtſchaffenen Herzen einen ſolchen Enthuſiasmus erregt, ſo ſcheint mir dieſes Vorurtheil nach mei⸗ ner unmaßgeblichen Meinung einen gewiſſen Keim der Größe in ſich zu tragen! Dieſe Antwort Morvans ſchien Montbars zu ärgern; we⸗ nigſtens konnte man darauf ſchließen, denn er ſprach nichts bis ſie zum Gouvernement angelangt waren. Montbars übergab Alain die Pferde und ſagte zu ſeinem Neffen: — Lieber Louis, da Du die Uniformen ſo gern ſiehſt, ſo folge mir, ich werde Dich Ducaſſe vorſtellen. Seine Salons müſſen mit Offizieren überfüllt ſein. Du wirſt ein Paar ange⸗ nehme Augenblicke haben. Somit ging Montbars, ohne die Einwilligung des jungen Mannes abzuwarten, in den Hof des Gouvernements. Morvan folgte ihm. Kaum hatte der Ritter die Schwelle überſchritten, als er von der ſeltſamen Erſcheinung des ſchönen Laurent über⸗ raſcht wurde, der mit einem prachtvollen von Edelſteinen blitzen⸗ den Coſtume angethan, das Großkreuz des h. Ludwig⸗Ordens 0 trug, und ſtolz und hochmüthig mitten in einer Gruppe von Of⸗ fizieren ſtand. XIV. Die Sitten haben ſich ſeitdem ſo geändert, daß man ſich heute ſchwerlich von dem hohen Werth einen Begriff machen könnte, der damals auf den Orden des h. Ludwig gelegt wurde. Ein Edelmann, der nach vierzig Jahren eines harten und loya⸗ len Militärdienſtes bei ſeinem Austritt das einfache Ordenskreuz erhielt, ſah albe ſeine Wünſche erfüllt, ſeinen Ehrgeiz befriedigt. Dieſer Auszeichnung, die der Betreffende zuweilen mit dem Preiſe von zwanzig Wunden und dem größten Theil ſeines in den Lagern verſchwendeten Vermögens bezahlt hatte, verdankte er in ſeiner Provinz eine außerordentliche Beachtung und ein glück⸗ liches und ehrenvolles Alter. Das Erſtaunen, welches der Anblick von Laurent's Com⸗ mandeur⸗Großkreuz dem Ritter verurſachte, grenzte an Verblüf⸗ fung. Montbars ſelbſt, den nichts überraſchte, oder der wenig⸗ ſtens ſeine Empfindungen ſo gut zu verbergen wußte, konnte einen Ausruf der überraſchung nicht unterdrücken. Was die um Laurent herumſtehenden Offiziere der königlichen Marine betrifft, ſo konnte man an ihren ſtaunenden Blicken leicht abſehen, wie ſehr dieſes Commandeurskreuz, das ein Flibuſtier trug, in ihren Augen eine unerhörte, unerklärliche Thatſache war. — Parbleu, Matroſe, Du kommſt ſehr gelegen, rief Laurent, dem Ritter entgegen gehend; ich habe dieſen Herren ſoeben von Dir erzählt. — Von mir, Matroſe? Und in welcher Beziehung, wenn ich fragen darf? dieſe lung v lauter ſih ni liche Un ſimtzi wiben. laſſen, gelom Doni Geiſ, mit de di Punkt iwse fel,7 mir de nit D geſuc des 8 behor ches i neſſer Schi benu erfolg fihtt von Of⸗ man ſich f machen nu und loy denskrelz efriedigt⸗ nit den ſeines in dankte er ein glůc⸗ 15 Gom erblüſ⸗ r wenig⸗ konnte 6 die un e hetrfft hen vie in ihren gen, ri n bi an ng v — 61— — Von Deiner Tugend; denke Dir, theurer Freund, dieſe Herren ſind mit der irrthümlichſten, abſcheulichſten Mei⸗ nung von uns hier angekommen. Sie ſtellten ſich vor, in uns lauter rohe Trunkenbolde zu finden, die beſtändig fluchen und ſich mit Fauſtſchlägen traktiren, die mit einem Worte abſcheu⸗ liche Ungeheuer ſind. Die Flibuſtier wären ihrer Meinung nach ſchmutzige zerlumpte Kerle, halb rohe Matroſen, halb wilde Ka⸗ raiben. Ich muß aber den Herren die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie von ihrer erſten Meinung zum Theil ſchon zurück⸗ gekommen ſind. Jetzt will ich ihnen beweiſen, daß die Inſel St. Domingo Perſönlichkeiten beſitzt, die in jeder Beziehung: an Geiſt, an Muth, an Geburt hervorragend ſind, und den Vergleich mit den Berühmtheiten des Hofes unſtreitig aushalten. Ich habe Dich daher als Muſter von Zartgefühl und Beſtändigkeit im Punkt der Liebe angeführt. Dieſe Antwort trieb dem jungen Manne die Schamröthe in's Geſicht. — Ich ſehe, Du wirſt böſe, fuhr Laurent fort. Zum Teu⸗ fel, Matroſe, Du weißt, daß ich Alles im Scherz nehme. Gib mir den Arm, und laß uns ein Bischen herumgehen; ich habe mit Dir zu reden. Der ſchöne Laurent grüßte ſodann die Offiziere mit aus⸗ geſuchter Höflichkeit, und entfernte ſich in Begleitung des Ritters. — Louis, fuhr er fort, ſobald ſie ſich am äußerſten Ende des Hofes befanden, das heißt, wo ſie kein neugieriger Lauſcher behorchen konnte, Du haſt vielleicht das lange Schweigen, wel⸗ ches ich Dir gegenüber beobachtet habe, ſeltſam und unange⸗ meſſen gefunden. Als Dein Matroſe hätte ich mich um Dein Schickſal bekümmern, Dich über meine Angelegenheiten ſtets benachrichtigen ſollen, ich hätte Dir vorſchlagen ſollen, an den erfolgreichen Operationen, die ich ſeit unſerer Trennung ausge⸗ führt habe, Theil zu nehmen, das iſt wahr! Indeß, theurer 14. — 62 Freund, kannſt Du mir darüber nichts anhaben, im Gegentheil! Ich habe bloß in Deinem Intereſſe mit Dir gebrochen!— Ich bitte Dich, laſſe mich ohne Unterbrechung weiter reden; ich werde Dich ebenfalls ruhig anhören.— Ich fahre fort: Als ich mich von Dir trennte, Matroſe, war es für mich unbeſtreitbar, daß Du für Waldblume eine glühende, aufrichtige Liebe hegteſt!— Es iſt Dir nicht unbekannt, da ich Dir oft genug wiederholt habe, daß dieſes anbetungswürdige Geſchöpf auf mein Herz einen tiefen Eindruck gemacht hat!— Als ich Dich verwundet, dem Tode nahe ſah, da fühlte ich, ich erinnere mich deſſen noch, eine edle Regung; ich wollte dem Plan, Waldblume zu meiner Mätreſſe zu makhen, entſagen, Dir freies Feld laſſen!— deßhalb haſt Du von mir nichts gehört. — Und jetzt, Laurent? — Jetzt, Matroſe, habe ich die Gewißheit erlangt, daß die Tugend zu meinem Temperament durchaus nicht paßt. Je mehr ich Waldblume vergeſſen wollte, deſto mehr iſt meine Lei⸗ denſchaft für ſie gewachſen; ohne die Ankunft des königlichen Geſchwaders hätte ich mich ſchon zu ihr begeben; die hinge⸗ bungsvolle Liebe iſt entſchieden eine tolle Sache. Wenn man an nichts mehr glaubt, ſo bleibt einem, um nicht in die Schmach des Selbſtmordes zu verfallen, nichts weiter übrig, als in der Befriedigung der geringſten Wünſche, die man hat, gerade vor⸗ wärts zu gehen, und zwar ohne den Kopf umzuwenden, und ohne auf den thörichten Edelmuth des Herzens zu achten. Auf Erden gibt es nur eine Wahrheit: die Gewalt. Jedes Zuge⸗ ſtändniß, das man den Empfindungen eines andern macht, iſt ein Akt der Schwäche: man muß das Glück mit Sturm nehmen. — Laurent, erwiderte der Ritter mit ernſter, bewegter Stimme, ich werde ſo offen ſein, wie Du. Ich bitte nun auch Dich, mich nicht zu unterbrechen. Meine Liebe für Waldblume hat den höchſten Grad der Leidenſchaft erreicht. Graubart's Iochte lehen hald mein ich wi den! in werde, Deine müthi heri nicht hoch eine ſ iber Meme ſchi den, dieß ſcheu nicht wahr buſti tuge und huſt nic ben; Eige füller egentheil! — 30 ich werde ls ich nich thar, daß egteſt!— wiederholt nein Herz etwundet, eſſen noch, zu meinet — Und ngt, duß yoßt. Je neine Lei⸗ föniglichen die hinge⸗ n man an Schnuch ls in der ernd nden, und ten. Auß des Zug⸗ nacht/ ſ nnehnn beweg nun auh zollu hrnbn Tochter iſt für mich der Inbegriff der ganzen Welt. Mit ihr zu leben iſt mein einziger Traum, mein einziger Wunſch!— So⸗ bald ich dem Glück ihrer Gegenwart entſagen müßte, würde mein Geiſt ſeinen Willen, mein Körper ſeine Kraft verlieren; ich würde eine wandelnde Leiche, ein erbärmliches Weſen wer⸗ den!— Nach dieſem Geſtändniß wird es wohl überflüſſig ſein, hinzuzufügen, daß ich nichts ſchonen, vor nichts zurückbeben werde, um Deinem gehäſſigen Unternehmen entgegen zu treten, Deine Abſichten zu verhindern.— Laurent, ein ſtolzer, hoch⸗ müthiger Geiſt wie der Deinige verachtet die Lüge; Deine Of⸗ herzigkeit wird zu allgemein gerühmt, als daß Du dieſen Ruhm nicht wirklich verdienen ſollteſt; endlich hat jeder Menſch, wie hoch er ſich auch über die ganze Menſchheit ſtellen möchte, immer eine ſchwache oder eine edle Seite: Du beſitzeſt, ich bin davon überzeugt, die Religion des Eides, Du haſt Dein Wort noch niemals gebrochen. Im Namen Deines Stolzes, Laurent, be⸗ ſchwöre ich Dich, mir zu antworten: wirſt Du Gewalt anwen⸗ den, wenn Waldblume Dir Widerſtand leiſtet?— Wenn dieß der Fall iſt, ſo ſage ich Dir es im Voraus, daß ich nichts ſcheuen werde, um Dich zu ermorden, da ich Jeanne's Ehre nicht dem Zufall eines Duelles preisgeben möchte. Und, ſo wahr Gott lebt, ich glaube, daß der Mord mir gelingen werde! — Du biſt immer derſelbe, Matroſe, antwortete der Fli⸗ buſtier mit vollkommener Ruhe: rechtſchaffen und gewaltthätig, tugendhaft mit Wuth! Deine Energie entbehrt der Originalität und ſtreift an Monotonie; thut nichts, ſie iſt immerhin ſo leb⸗ haft und ſo jugendlich, daß ſie mir gefällt. Deine Drohung, mich zu ermorden, wird auf meine Antwort keinen Einfluß ha⸗ ben; ich beſitze, wie Du ſelbſt geſagt haſt, zu viel Stolz, um der Eigenliebe zugänglich zu ſein; es wird Dir wohl niemals ein⸗ fallen, daß Dein Dolch meine Offenherzigkeit könnte! — Nie! Laurent. — 164— — Nun, lieber Freund, ich werde Dir heute daſſelbe antworten, was ich Dir bereits geantwortet habe, ich beſitze ein gutes Gedächtniß: daß ich nemlich, die Gewalt ausgenommen, alle möglichen Mittel anwenden werde, um Jeanne's Geliebter zu werden. Ich füge noch, wie damals, hinzu, daß ich vom Ge⸗ lingen meines Vorſatzes vollkommen überzeugt bin. Du wirſt mich fragen, worauf meine Hoffnung gegründet ſei? Auf das Glück, das die Kühnen begünſtigt, welche an ihren Stern glauben! Auf die Antwort des ſchönen Laurent lächelte Morvan mit ſpöttiſcher und zuverſichtlicher Miene; in der That brauchte er ſich gar nicht weiter zu beunruhigen, ſobald es ſich darum han⸗ delte, Jeanne's Tugend zu beſiegen. In dieſem Augenblick wurde das Geſpräch der beiden Waſſengenoſſen durch Trommelſchall unterbrochen: Ducaſſe, der Stellvertreter des Königs auf der Inſel St. Domingo, kehrte in Begleitung des Admirals Baron de Pointis nach dem Gouvernement zurück. — Wollen wir jetzt in den Salons erſcheinen? ſagte Laurent. Ich muß Dir geſtehen, daß ich den Offizieren des Ge⸗ ſchwaders gern meine Diamanten und meinen Orden zeigen möchte. Dieſe Art auf ihre Verwegenheit zu antworten wäre mir lieber als die Mittel, welche ich in den erſten Tagen nach der Ankunft des Geſchwaders angewendet habe. — Welches Mittel, Laurent? — O eines der gewöhnlichſten! Ich habe mich geſchlagen. Man ſagt, ich hätte vier Offiziere im Duell getödtet. Das iſt eine große Uebertreibung. Es ſind nur drei auf dem Platze ge⸗ blieben. — Gut, gehen wir in die Salons hinauf. Uebrigens möchte ich, da wir noch allein find, von Dir erfahren, wie es kömmt, daß Du das Commandeurkreuz beſitzeſt. Weißt Du wohl, Laurent, daß oft die größten Herren, ſelbſt Marſchälle und Miniſter, nach dieſer Ehre vergebens ſtreben? Es iſt unmöglich, hß D tegeln Owe Kühn nige anto nit n ſeht! es w des bein tng. ein u lonie halt uf det ihn glau wie Kan eine hun gerü Vaf das e duſſelbe beſitze ein enomnen, Geliebter von Ge⸗ Du wirſt Auf das gluben! orvan nit raucht er run han⸗ lick wurde nelſchall auf det ls Baron en ſigt des Ge⸗ n zeigen wire nir nach der eſchlagel⸗ Das iſ Plahe ge Uebrigen 1, vie 4 Du wohl bilt u nniglic — 165— daß Du, der noch ſo jung iſt und der in der Welt eine ſo wenig regelmäßige Stellung einnimmt, ſchon ein einfacher Ritter des Ordens, geſchweige Commandeur ſeieſt.— Ich kann mir die Kühnheit, ja das Verbrechen Deiner Verkleidung nicht erklären. — Das Band, welches an meiner Bruſt glänzt, iſt we⸗ nige Tage nach meiner Geburt auf meine Wiege gelegt worden, antwortete Laurent ernſthaft; Ludwig Xlv. ſtand, wie es ſcheint, mit meiner Familie auf ſehr gutem Fuße.— Du wirſt mich ſehr verbinden, wenn Du keine weiteren Erklärungen verlangſt; es wäre mir unmöglich ſie Dir zu geben. Der Eintritt des ſchönen Laurent machte in den Salons des Gouvernements eine große Senſation. Ducaſſe erblaßte beim Anblick des Commandeurkreuzes, welches der Flibuſtier trug. Er fürchtete, dieſe Entweihung werde, bei Hof berichtet, ein unauslöſchliches Aergerniß erregen und die Zukunft der Co⸗ lonie von St. Domingo verderben. Die Verlegenheit des Statt⸗ halters wurde noch vermehrt, als der Baron de Pointis ihn, auf Laurent deutend, fragte, wer dieſer Mann ſei. — Admiral, antwortete er ihm, das iſt nächſt Montbars der berühmteſte und populärſte unſerer Flibuſtier; man nennt ihn den ſchönen Laurent. Er iſt es, der vor Knrzem jenen un⸗ glaublichen und großartigen Kampf beſtanden hat, deſſen Ruf, wie Sie mir geſagt haben, bis zum Throne gedrungen iſt, ein Kampf, in welchem er mit einer Fregatte von ſechzehn Kanonen eine ſpaniſche Admiralgallione und deren Geleitſchiff, zwei mit hundertundzwanzig Feuerſchlünden und dreitauſend Mann aus⸗ gerüſtete Schiffe, in die Flucht gejagt hat. — Es handelt ſich jetzt nicht um jene bewundernswerthe Waffenthat, ſagte de Pointis; warum trägt denn dieſer Laurent das Großkreuz des Ordens? — Ich muß geſtehen, daß ich es nicht weiß, ich ſehe ihn heute zum erſten Mal mit dieſer Decoration. 166 — Glauben Sie nicht, Herr Gouverneur, daß hier eine Erklärung nothwendig ſei? — Gewiß meine ich das; wenn Sie es erlauben, ſo werde ich ihn ſogleich darum befragen. Ducaſſe näherte ſich hierauf dem Flibuſtier und ſagte ihm leiſe: — Laurent, möchten Sie mir eine kurze Unterredung gönnen? — Mein lieber Ducaſſe, mit dem größten Vergnügen. — Nun ſo gehen wir in mein Cabinet. Die von allen Anweſenden bemerkte Entfernung Ducaſſe's und Laurent's machte großes Aufſehen. Es wurden die verſchie⸗ denſten Vermuthungen aufgeſtellt. Die Offiziere der königlichen Marine waren erbittert über die Frechheit dieſes Abenteurers, der es wagte den Orden des h. Ludwig zu entweihen, und äu⸗ ßerten ihre Entrüſtung darüber mit lauter Stimme. Laurent's Waffengenoſſen, nemlich die Flibuſtierkapitäne, billigten ſein Benehmen mit nicht minderer Energie, als mit der es angegrif⸗ fen wurde. — Kurz, rief einer von ihnen, Namens Pierre, wenn es den ſchönen Laurent amüſirt, dieſen rothen Fetzen zu tragen, warum will man ihn verhindern? Wer von den Ordensmitglie⸗ dern kann ſich rühmen dieſe Auszeichnung beſſer verdient zu haben? Wer weiß noch, ob der ſchöne Laurent damit nicht hat an⸗ deuten wollen, daß unſere Marine dieſelbe Beachtung verdient, wie die königliche?— Er hat Geiſt, unſer Laurent!— Parbleu, es iſt wahr, daß wir ſo viel werth ſind, wie Ihr, meine Herren! fügte Pierre hinzu, die Stimme erhebend. Seid daher ſo gut und redet von Laurent mit etwas mehr Reſpekt; wenn Ihr noch fortfahrt ihn zu beſchimpfen, ſo werden die Piſtolen und die Säbel ihr Spiel ſpielen! Pierre ſprach den anweſenden Flibuſtiern aus dem Her⸗ ſn; Fürt Abre keit St. Nhe ju tr Pier ſelbſ aus von derſ Me Adn ern u Cal Du juri da La erft ten ſteh hab Ge jurt hier eine „ſo werdt ind ſugte terredung gnügen. Ducaſes e verſchie⸗ öniglichen nteurers, und iu⸗ Lauten's igtn ſein angehri⸗ re, weun u tragen⸗ nsnitgli⸗ erdient z thum⸗ dient, vit Publel e huren her ſo gut Ihr noch und ie den bo — 167— zen; die Säbel wurden aus der Scheide, die Piſtolen aus dem Gürtel gezogen. Der Admiral de Pointis, der ſchon bei ſeiner Abreiſe von Frankreich von der leicht entzündbaren Empfindlich⸗ keit der Verbündeten in Kenntniß geſetzt wurde, welche er auf St. Domingo finden und deren Beiſtand ihn von ſo großem Nutzen ſein ſollte, beeilte ſich kraft ſeiner Autorität dazwiſchen zu treten. — Nicht wir haben Sie zum Admiral ernannt, ſagte Pierre ihn unterbrechend, und wir gehorchen nur den von uns ſelbſt gewählten Chefs. Miſchen Sie ſich nicht in dieſen Streit, ausgenommen inſofern er Sie perſönlich angeht. Wer wagt es von Laurent Uebles zu reden? Wenn ich einen ſolchen nicht nie⸗ derſchieße, ſo möge mich der Teufel gleich in den Abgrund des Meeres hinabziehen! Die Marine-Offiziere nahmen, von der Gegenwart des Admirals zurückgehalten, dieſe Herausforderung, welche für ſie die ernſtlichſten Folgen hätte haben können, glücklicherweiſe nicht an. Faſt in demſelben Augenblick ging die Thüre von Ducaſſe's Cabinet auf; Aller Augen waren auf den Gouverneur geheftet. Ducaſſe wich, den Hut in der Hand, vor Laurent ehrerbietig zurück, um ihm den Vortritt zu laſſen. — Herr Gouverneur, ſagte der Flibuſtier, Sie vergeſſen, daß ich auf der Schwelle dieſer Thüre wieder der Abenteurer Laurent werde. Die hohe Meinung von Rechtlichkeit, deren ſich Ducaſſe erfreute, ſein ſo ehrenhafter Charakter, ſein tiefer Geiſt, erlaub⸗ ten nicht vorauszuſetzen, daß er die Leichtgläubigkeit der Um⸗ ſtehenden mißbrauchen wolle oder daß er ſich von Laurent habe täuſchen laſſen. Auch zweifelten der Admiral und ſein Generalſtab, ſobald ſie Ducaſſe vor dem Flibuſtier ehrerbietig zurückweichen ſahen, um ihm den Vortritt zu laſſen, keinen Augenblick mehr an dem Rechte Laurents das Commandeursband — 168 ₰ des Ordens zu tragen. Uebrigens ſaäumte Ducaſſe nicht, ſein Benehmen durch ſeine Worte zu rechtfertigen. — Meine Herren, ſagte er mit jener Sicherheit, den Menſchen eigen iſt, die wiſſen, daß man ihr Zeugniß nicht in Zweifel ziehen kann, ich erkläre hier öffentlich auf meine Ehre und mein Gewiſſen, daß Laurent in der That Commandeur des Ordens iſt. Nachdem ich ihm verſprochen hatte, das Geheim⸗ niß heilig zu halten, hatte er die Gnade mir den Beweggrund anzuvertrauen, der ihn bis heute verhindert hatte, ſich ſeines Rechtes zu bedienen; ich bin von der Wichtigkeit dieſes Grundes überzeugt; ich füge noch hinzu, daß ich an der Stelle des Herrn Laurent nicht anders gehandelt hätte. Während der Gouverneur Ducaſſe dieſe ſeltſame Erklä⸗ rung mit männlicher und zugleich bewegter Stimme ſprach, waren Aller Blicke dem Flibuſtier zugewendet; der ſchöne Laurent, den Kopf zurückgeworfen, kalten und hochmüthigen Blickes und ſiche⸗ rer Haltung, ſchien durch die Aufmerkſamkeit, deren Gegenſtand er war, nicht im Geringſten befangen zu ſein; er hatte die Hal⸗ tung einer Perſon, die ſchon lange gewohnt iſt Huldigungen zu empfangen und die Neugierde der Menge zu erregen. Sowie Ducaſſe zu ſprechen aufgehört hatte, ſprach Laurent, zu den Offizieren gewendet, mit ironiſchem Lächeln: — Meine Herren, ich wollte Ihnen beweiſen, daß es unter dieſen Piraten und Banditen, die Sie in Ihrer Unwiſſen⸗ heit mit ſo hochmüthiger Verachtung behandeln, Leute gibt, die durch Würde und Geburt höher ſtehen als Sie; ich hoffe, der Beweis ſei mir gelungen. Jetzt aber werde ich in meinem Stolz noch weiter gehen! Mögen Ketten noch ſo ſehr vergoldet ſein, ſo bleiben ſie doch immer Ketten; wie glorreich auch gewiſſe Hemmniſſe in den Augen der Welt ſeien, ſo hören ſie doch nicht auf, Hemmniſſe zu ſein!— Dieſes Band, deſſen Beſitz Sie ſelbſt in Ihren ausſchweifendſten ehrgeizigen Gedanken nicht inma ! drick Tige hing Kette Bou Enth Aufn ftngt tuſch Dein zehn Lein dieſe Das Du 1 die h Gold theil den) und üſt nicht ſein it, welche gniß nicht auf meine mmandeur s Gehein⸗ weggrund ſih ſines s Grundes des Hern me Erlli⸗ ch, waren rent, den und ſiche⸗ genfund ldigungen Sowie den zu de daß es Umiſen⸗ gibt, die oft, der en Stol det ſein gnſ och nift gſtß Si ten itt — 169— einmal zu erſtreben wagen, reiße ich freiwillig für immer von mir ab!— Die Livree ſitzt Männern meiner Art ſchlecht; das drückende Joch der Hausthiere taugt nicht für die Löwen und Tiger der Wüſte. Ich brauche ein Kleid, das mir meine Unab⸗ hängigkeit läßt, und deſſen Anblick nicht im Entfernteſten an Ketten und Banden erinnert!— Ich brauche das Kleid eines Boucaniers! Auf dieſe Antwort des ſchönen Laurent durchſchauerte Enthuſiasmus die Reihen der Küſtenbrüder. — Gut, ſehr gut! rief Montbars mit edelmüthiger Aufwallung. Laurent näherte ſich dann dem Kapitän Pierre, und fragte ihn: — Villſt Du Deine Kleidung gegen die meinige ver⸗ tauſchen, Pierre? — Aber, Laurent, ſagte der erſtaunte Flibuſtier⸗Kapitän, Deine Kleider gleichen einer Reliquie; ſie ſind wenigſtens fünf⸗ zehn Tauſend Livres werth, während mein Rock aus grober Leinwand nur zwei Thaler gekoſtet hat!— Du würdeſt bei dieſem Tauſch zu ſehr verlieren! — Dein Rock, Pierre, hat die Feuertaufe erhalten: Das Eiſen und Blei der Spanier durchlöcherten ihn, als Du während der Schlacht auf Deiner Bank ſtehend dem Feinde die heitere und unerſchrockene Stirne zuwendeteſt! Ich gebe Dir Gold und Du gibſt mir ein glorreiches Banner! Im Gegen⸗ theil, ich gewinne bei dieſem Handel. Laurent legte dann ſein prachtvolles Wamms ab, und den Rock des Flibuſtiers an. Lärmende Acclamationen erſchollen, und ohne ſich um die Gegenwart des Admirals von Pointis und ſeines Generalſtabs zu i riefen die Brüder der Küſte: Es lebe Laurent! — Nun, Montbars, ſagte Morvan leiſe zu ſeinem IV. 15. — 16b— Oheim, Du mengſt Deine Stimme nicht mehr in dieſen Applaus. Sollte Laurent's Triumph Dich verdrießen? — Ich habe Laurent vor einer Weile applaudirt, ant⸗ wortete Montbars, als er in ſeinem Stolze aufrichtig war; er hatte eine ſchöne Regung. Was er jetzt geſagt hat, denkt er nicht in ſeinem Innern! Von einer Idee, die ich errathe, veran⸗ laßt, ſpielt er eine Komödie, welche dazu beſtimmtiſt, ſeine Zuhörer zu feſſeln!— Ich gebe zu, daß ſeine Heuchelei taktvoll iſt, und ſeine vollkommene Geiſtesgegenwart beweiſt!— Er konnte ſich an keinen beſſern wenden als an Pierre, der in dieſem Augen⸗ blick unter den Brüdern der Küſte der Zerlumpteſte und Armſte iſt.— Ja, er iſt ſehr liſtig zu Werke gegangen!— Pah! wo⸗ zu mich beunruhigen? Der ganze Vorfall lehrt mich nichts Neues. Ich habe Laurent immer als einen unendlich geiſt⸗ reichen Jungen erkannt, beſonders in den Details. Thut nichts, ſein Zahn ſoll mich nur an der Ferſe berühren— — Aber wenn dieſer Zahn giftig iſt, Montbars! Das Gift ſteigt bald von der Ferſe zum Herzen!—— — Ja, wenn die Ferſe, bevor ſie gebiſſen iſt, nicht das Gewürm zertritt! Nachdem er durch Montbars dem Gouverneur vorgeſtellt worden war, der ihn mit herzlichſter Freundlichkeit empfing, entfernte ſich Morvan aus dem Gouvernement und ging in der Stadt ſpazieren. Kaum war er in der Straße hundert Schritte weit gegangen, als mehrere Marine-Offiziere auf ihn zukamen, die wahrſcheinlich von ihm Nachrichten über die Flibuſtier zu erhalten hofften, und ſich deßhalb bemühten mit ihm ein Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen. Morvan antwortete ihnen bereitwilligſt auf alle ihre Fragen, und es war noch kein Tag verfloſſen, ſo war er mit ſeinen neuen Bekannten ſchon intim. — Wahrhaftig, Herr Ritter, ſagte ein Fähnrich vom Schiffe Roland zu ihm, Sie können ſich gar nicht vorſtellen, hun ſulli ſiche ſhe und wirke gutte Und i ſeine ihn! uih in dieſen Udirt, ant⸗ htig war; „denkt er he, veran⸗ te Zuhörer woll iſt, Er konnte ſen ge⸗ nd Amſt Pah! wo⸗ ich nichts ich geiſ⸗ ut nichts, ars! Drs iß, nicht vorgeſtelt enyfing ing in der Schritte zukmen⸗ bufiet ſ nein Ge⸗ iligt uf loſſen ſo mich wn rorftlle wie groß unſer Erſtaunen ſeit unſerer Ankunft iſt! Wir waren weit entfernt zu erwarten, daß wir hier Leute treffen, die in jeder Beziehung ſo ausgezeichnet wären, wie diejenigen, auf die wir jeden Augenblick ſtoßen. Bis jetzt haben wir die wun⸗ derbaren Waffenthaten, die man den Küſtenbrüdern zuſchreibt, für müßige Märchen gehalten. Geſtehen Sie's unter uns— die Frage kann Sie doch nicht beleidigen, da Sie, wie Sie ſelbſt uns ſagten, der Flibuſterie nur zeitweilig angehören— ſind Ihre Kameraden wirklich ſo tapfer, wie man ſagt? — Ich habe erſt zwei Affairen beigewohnt, einer zu Land, der andern zur See, aber die Unerſchrockenheit, welche ich ſie bei dieſen beiden Gelegenheiten an den Tag legen ſah, genügten, daß ich mir von ihrer Tapferkeit die höchſte Mei⸗ nung bildete. — Welche waren dieſe beiden Affairen, Ritter, wenn ich Sie fragen darf? — Die Einnahme der Stadt Granada, die wir mit hundert und zwanzig Mann in einer einzigen Nacht bewerk⸗ ſtelligten, und ein Kampf, bei welchem wir eine Fregatte mit ſechzehn Kanonen und neunzig Mann hatten, gegen zwei ſpani⸗ ſche Schiffe, welche mit hundert und zwanzig Feuerſchlünden und drei Tauſend Mann ausgerüſtet waren. — Wie! Sie find bei dieſer Affaire einer der Mit⸗ wirkenden geweſen? — Ich war Laurents, des Commandanten der Fre⸗ gatte, Adjutant. Dieſe Antwort, welche Morvan mit großer Einfachheit und in einem Tone gab, der bewies wie wenig Wichtigkeit er ſeiner Rolle bei dieſem wunderbaren Kampfe beimaß, erwarb ihm bei ſeinen neuen Bekannten eine hohe Beachtung. — Meiner Treu, Ritter, ſagte der Fähnrich des Roland zu ihm, ich ſehe, daß uns Offizieren, um die Ehre der könig⸗ 15* — lichen Marine aufrecht zu erhalten, nichts übrig bleibt, als uns dem Tode zu weihen. Der Fähnrich des Roland ahnte vielleicht nicht, daß er mit dieſen Worten ſein eigenes Schickſal prophezeite. Einen Monat ſpäter verrichtete er Wunder von Tapferkeit, wurde dabei am Schenkel verwundet, und ſtarb zwei Tage darauf an den Folgen einer Amputation. Als die Stunde des Mittagmahles gekommen war, ba⸗ ten die Offiziere Morvan, ihre Mahlzeit am Bord mit ihnen zu theilen, als Montbars eben in die Straße kam, und auf ſei⸗ nen Neffen mit lebhaften Schritten zuging. — Ritter Louis, ſagte er zu ihm, ich ſuchte Dich; der Baron von Pointis verſammelt heute bei einer Mahlzeit die vorzüglichſten Kapitäne der Flibuſterie; Ducaſſe, der mit den Einladungen beauftragt iſt, hat mir zweimal anempfohlen Dich nicht zu vergeſſen. Möge Dich dieſe bündig angebrachte Ein⸗ ladung nicht beleidigen; wir ſind hier nicht am Hofe von Verſailles. Morvan verabſchiedete ſich von den Marine⸗Offizieren, und folgte ſeinem Oheim. Zwei Stunden darauf befand ſich der junge Mann an der Tafel des Admirals. Dieſes Diner, welches der Baron von Pointis impro⸗ viſirt hatte, um ſeine Verbündeten kennen zu lernen, ihre Neigungen und Charaktere zu ſtudieren, bot ein ſeltſames Schauſpiel dar. Die Flibuſtier, die im Speiſeſaal des Admirals eben ſo unbefangen waren, wie am Bord ihres Schiffes, boten in der Verſchiedenheit ihrer Trachten einen ſonderbaren An⸗ blick. Das Gold, die Seide und die Edelſteine Derjenigen, welche noch nicht Zeit gewonnen hatten die Ergebniſſe ihrer letzten Priſen zu verſchwenden, ſtanden mit dem abgeſchabten Leder und der beſchmierten Leinwand, mit den groben Stoffen mit welchen diejenigen, die das Glück in letzterer Zeit weniger * begin behen auch der Pien den( gew ihrs s entw hör zu, Mi dem Geſt nicht bean ſnc tiſe ſung denn Lur iu in( leibt, als ht, daß er te. Einen it, wurde darauf an wor, ba⸗ t ihnen zu nd ui ſi⸗ Dich; der hlzeit die mit den hlen Dich Hofe von Offieren efand ſich is impto⸗ nen, ihre ſelſins Mninls ſ, hoten aren W eijenigen iſe ihrer ſchablen nEStfen t wenige! 3— begunſtigte, bekleidet waren, in großem Gegenſatz. Uebrigens behandelten ſich alle mit vollkommener Gleichheit, wie groß auch der Unterſchied ihrer gegenwärtigen Lage war. Laurent, der in ſeinem Hochmuth die zerlumpten Kleider des Kapitäns Pierre trug, ſaß zur Linken des Admirals; Montbars nahm den Ehrenplatz an der rechten Seite des Barons ein. An Un⸗ gezwungenheit gewöhnt, ſprachen die Flibuſtier den Weinen ihres Wirthes wacker zu; auch war kaum eine Stunde vergangen, als die Converſation ſehr laut geworden war; Jedermann entwickelte in ſeinen Reden die vollkommenſte Freiheit. Der Admiral von Pointis, ein Mann von Verſtand, hörte ſeinen Verbündeten mit außerordentlicher Aufmerkſamkeit zu, welche bewies, für wie wichtig er es hielt ſich über ſie eine Meinung zu bilden. — Brüder der Küſte, rief ein Flibuſtier⸗Kapitän, in⸗ dem er ſein Glas in die Höhe hob, ich trinke auf Laurents Geſundheit!— Es lebe Laurent!— Der Toaſt— dieſes Wort war übrigens damals noch nicht gebräuchlich— wurde mit andauerndem frenetiſchen Zuruf beantwortet. Laurent erhob ſich, grüßte mit tadelloſer Feinheit, und ſprach mit auf Montbars geheftetem triumphirenden und ſpöt⸗ tiſchen Blick: — Auf die Geſundheit der Küſtenbrüder! Auf die Hoff⸗ nung einer reichen Beute! Montbars lächelte ihm in der freundlichſten Weiſe zu; dennoch grollten Zorn und Wuth in ſeinem Herzen. Man hatte Laurent vor ihm zugetrunken. Er ergriff nun auch ſeinerſeits das Wort: — Auf die gegenwärtige Unabhängigkeit, auf die künf⸗ tige Größe und den Ruhm unſerer Genoſſenſchaft! g Dieſer Wunſch, der ſo zu ſagen nur einen abſtrakten — 174 * Gedanken ausdrückte, und die gierigen und heftigen Leiden⸗ ſchaften der Küſtenbrüder wenig berührte, ging faſt unbemerkt vorüber. Montbars lächelte noch mehr, ſetzte ſich nieder, und ſah ganz heiter aus. Der Admiral von Pointis hörte die verſchiedenen von ſeinen Gäſten ausgebrachten Toaſte mit lebhaftem Intereſſe an; ſie enthielten für ihn koſtbare Enthüllungen. Plötzlich erhob ſich am andern Ende des Tiſches eine Stimme, die ihn elektriſch berührte; dieſe vibrirende, faſt gebieteriſche Stimme trug, wenn der Ausdruck erlaubt iſt, ſo ſehr das Gepräge der überzeugung und der Würde, daß ſie den lärmenden Geſprächen der Flibuſtier ein Ende machte. Morvan war's, der das Glas in der Hand, ſprach: — Meine Herren, auf die Geſundheit des Königs, deſſen gehorſame Unterthanen wir ſind! Auf den Ruhm der franzöſiſchen Marine! Sei es, daß die Kühnheit des Ritters ſie überraſcht hatte, ſei es, was bei einer Menge oft vorkömmt, daß ſie mit dem Redner augenblicklich in magnetiſchen Rapport kamen, genug an dem, die Flibuſtier nahmen die von Morvan aus⸗ gebrachte Geſundheit mit Auszeichnung auf. — Wer iſt der junge Mann? fragte der Admiral ſich zu Montbars' Ohr neigend. — Es iſt der einzige Sohn des letzten Grafen von Mor⸗ van, deſſen Güter durch Ludwig XlV. confiſcirt worden ſind, der, zum Tode verurtheilt, entkam, und im Exil eines elenden Todes ſtarb, ſagte Montbars bewegt. Auf dieſe Antwort betrachtete der Baron von Pointis gerührt den Ritter. — Das iſt ein edles Herz! ſagte er. Ich wäre glücklich ihn unter meinen Offizieren zu zählen, ſtolz ihn meinen Sohnzu nennen. Nach beendeter Mahlzeit näherte ſich der Admiral dem Ritter, und zog ihn in eine Fenſterbrüſtung. rlau Ihre urſac werd votk ſhee derſel nir ſih Anth ſien ſch die 1 eine 66 Con einen mehr üſt und war. die i volle ten z Poi Audn ken, en Leiden⸗ unbemerkt edet, und enen von ereſſe an; echob ſich dlktriſch rug wenn etzeugung buſtier ein dſprnch: Königs, zuhm der ibenſt uß ſi nit rt kamen⸗ van aus⸗ al ſich zu von Not⸗ rden ſind, s elenden ointis iclih ihn nen⸗ u nel iral den — 175— — Herr Graf, ſagte er, ihm freundlich die Hand drückend, erlauben Sie mir Ihnen einen Rath zu geben, der, wenn er Ihren Tod herbeiführen ſollte, mir einen ewigen Schmerz ver⸗ urſachen würde. Suchen Sie, wenn wir vor Carthagena ſein werden, alle Gelegenheit auf, ſich auszuzeichnen. Beben Sie vor keiner Kühnheit zurück. Sie dürfen ſelbſt den Tod nicht ſcheuen, um eine glänzende That zu vollbringen!— Auf Wie⸗ derſehen, Graf; ich bitte Sie, überzeugt zu ſein, daß Sie in mir einen ergebenen und aufrichtigen Freund gefunden haben. Nachdem er dieſe Worte ausgeſprochen hatte, entfernte ſich der Admiral haſtig von dem jungen Mann, ohne ihm zur Antwort Zeit zu laſſen und ließ ihn in großem Erſtaunen zurück. Vier Tage nach dem vom Admiral von Pointis den Flibu⸗ ſtiern gegebenen Diner, das iſt am 30. März 1697, befanden ſich die von Montbars ſeit ſo langer Zeit vorbereiteten Kräfte, die zur Expedition nach Carthagena beſtimmt waren, vereinigt zu Petit⸗Goave, dem gewöhnlichen Zuſammenkunftsort, wenn eine gemeinſchaftliche Unternehmung ausgeführt werden ſollte. Es handelte ſich darum, die Capitäne und Vice⸗Capitäne zum Commando der Flibuſtierflotte zu ernennen. Dieſe Wahl wurde einem unabänderlichen Gebrauch gemäß mittels der Stimmen⸗ mehrheit ausgeführt. Die Flibuſtier, die ſich der Wahl der Küſtenbrüder darboten, gehörten ſämmtlich der geheimnißvollen und furchtbaren Genoſſenſchaft an, deren Oberhaupt Montbars war. Dieſer letztere, der mit der königlichen Charte⸗Blanche, die ihm die höchſte Vollmacht verlieh, verſehen war, beſchloß, um vollkommen frei bleiben und den Admiral in der Nähe beobach⸗ ten zu können, ſich auf dem„Sceptre,“ welches der Baron von Pointis ſelbſt befehligte, als einfacher Volontär einzuſchiffen. Die Schiffe, welche Montbars ſeinem Verſprechen getreu Ludwig XV. lieferte, um das königliche Geſchwader zu verſtär⸗ ken, waren dreizehn an der Zahl. Davon waren acht bloß von — 176— Küſtenbrüdern, drei von Boucaniern und zwei von der Neger⸗ compagnie bemannt. Die einſtimmige Acclamation, denn die Abenteurer kann⸗ ten ſich zu gut untereinander, um in ihrer Wahl zu zaudern, ergab folgendes Reſultat:„La Serpente,“ Capitän Laurent; „La Cracieuse,“ Cap. Godefroy;„Le Pembroke,“ Cap. Gale; „Le Cerf-Volant,“ Cap. Pierre;„La Mutine,“ Cap. Pays; „LAnglais,“ Cap. Colony;„Le Jersé,“ Cap. Macary;„Le Briganlin,“ Cap. Jalos. Die drei von den Boucaniern bemannten Schiffe waren befehligt:„Le Cap-Poury“ von Capitän Leſſan;„Le Cap- Limade“ von Grenier;„Le Port-Paix“ von Pin. Die Negercompagnien wählten zum Capitän des„Leo- gane“ Janot; zu dem des„Cap“ Guimba. Bei der Wahl der Vice⸗Capitäne wurde Morvan, der den Flibuſtiern bereits durch ſein tapferes Benehmen in dem Kampf mit den beiden ſpaniſchen Gallionen bekannt war, ſeinem Ma⸗ troſen beigegeben und zum Vice⸗Capitän des ſchönen Laurent ernannt. Endlich erhielt Ducaſſe, das war im Vorhinein be⸗ ſtimmt, den Titel: Admiral der Flotte der Flibuſtier und Bou⸗ canier. Ein Herr Paty wurde zum Chef der Negercompagnie ernannt, weil er die Farbigen gut kannte und auf ſie großen Einfluß hatte. Sämmtliche Kräfte der Abenteurer beſtanden aus 1650 Kämpfern; die des königlichen Geſchwaders zählten 2638 Ma⸗ troſen und Schiffszimmerleute, 130 Marine⸗Garden, 45 höhere Offiziere und 1890 Soldaten. Die beiden vereinigten Flotten zählten alſo 6353 Kämpfer auf 29 Schiffen. Graubart war, ſeinem Verſprechen getreu, am 25. März mit einem Trupp von hundertundfünfzig Boucaniern angekom⸗ men. Durch Montbars dem Admiral von Pointis vorgeſtellt, ſetzte er ihm klar und bündig den Preis auseinander, um wel⸗ hen igle det gere ihn Mie rfuh Jean Bed das heit bepe gere die als Con lons fihr ande von iſt Kön com det Mger⸗ urer kann⸗ zaudern, Laurent; p. Gale; . Pays; aw;„e iffe warn „Le lh 6„Leo- der den n anpf nen Na⸗ nLaurent inein be⸗ nd Bou⸗ nyagnit ie grofen u8 165⁰ 636 M s ſn n Flotten ngekon⸗ reſell, in wel — 27— chen er ſeinen Beiſtand leiſtete, nemlich, daß man ihm Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſe, und ſein Recht, Namen und Wappen der Kerjean zu führen, anerkannt werde. Der Admiral nahm in gerechter Würdigung der großen Dienſte, welche die Boucanier ihm zu leiſten im Stande waren, dieſe Bedingung an. Es iſt überflüſſig zu erwähnen, daß Waldblume ihren Vater begleitete. Die Offiziere, die von den Flibuſtier⸗Capitäns erfuhren, welchen abergläubiſchen Reſpect und welches Vertrauen Jeanne den Küſtenbrüdern einflößte, mußten zu ihrem größten Bedauern der Hoffnung entſagen, ein ſo köſtliches Geſchöpf, das nach ihrem auftichtigen Geſtändniß die berühmteſten Schön⸗ heiten von Paris und Verſailles übertraf, zu verführen. Am Morgen des 1. April ging die Expedition unter Segel. XV. Der Admiral von Pointis hatte eben ſo wie die Flibuſtier, bevor er ſich ſegelfertig machte, das Commando ſeiner Kräfte geregelt. Er hatte die Compagnie auf fünfzig Mann beſchränkt und die Zahl der Offiziere vermehrt, indem er die Marine⸗Garden als ſolche verwendete; dann hatte er ein aus fünf Grenadier⸗ Compagnien beſtehendes Bataillon und ſechs gewöhnliche Batail⸗ lons gebildet. Der älteſte Infanterie⸗Capitän wurde zur An⸗ führung dieſer Landtruppen beſtimmt. Der Vicomte von Coetlogon war Artillerie⸗General; die andern Schiffshauptleute dienten unter den Befehlen des Admirals von Pointis als Stabs⸗Offiziere. Als für jene Zeit charakteriſtiſch iſt beſonders zu erwähnen, daß dieſes Geſchwader, welches vom König gewählte und dem Marine⸗Miniſter unterſtehende Chefs commandirten, von reichen Breſter Privatleuten gegen einen im — 178— Voraus beſtimmten Antheil an Gewinn der Unternehmung aus⸗ gerüſtet wurde. Die Flotte, welche am 1. April von Petit⸗Goave fort⸗ ſegelte, brauchte fünf Tage, um die dreißig Meilen zurückzule⸗ gen, welche ſie vom Cap Tiburon trennten. Am 6. hatte ſie einen ſtarken Wind zu beſtehen, welcher ſie nöthigte, ſich bei den von Carthagena dreizehn Meilen entfernten San⸗Blas⸗In⸗ ſeln vor Anker zu legen. Vom 6. bis zum 12. wüthete das Ge⸗ witter mit Heftigkeit; am 12. April warf die Flotte endlich vor Carthagena Anker. Die von Klippen geſchützte Nordſeite der Stadt war unzugänglich. Das Schiff„Le Saint⸗Louis,“ das an der Spitze des Geſchwaders war, näherte ſich nichtsdeſtoweniger beinahe auf Kanonenſchußweite und begann zu feuern. Sein aus zu großer Entfernung gegebenes Feuer brachte keine Wirkung hervor. Die Autzloſigkeit eines ſolchen Feuerns einſehend, wollte ſich der Capitän M. de Lévy der Stadt nähern; aber er war ſogleich wieder genöthigt ſein Schiff zu wenden, denn es war auf eine Sandbank gerathen, und der Commandant betrachtete ſich als ſehr glücklich, ſich ohne bedeutendere Havarien zurückziehen zu können. Das ganze Geſchwader hatte dieſem Verſuch ſeine Auf⸗ merkſamkeit zugewendet. — Matroſe, ſagte der ſchöne Laurent, ſcheint es Dir nicht, daß jetzt die ſchönſte Gelegenheit da ſei, dieſen Herren von der königlichen Marine eine Lection zu ertheilen? — Wie verſtehſt Du das, Laurent? — Parbleu! ich meine, daß wir das ausführen müſſen, was M. de Lévy vergebens verſucht hat; die Ehre, auf Car⸗ thagena den erſten Streich geführt zu haben, muß uns gehören. Ich kenne dieſe Gegenden vollſtändig; ich mache mich anheiſchig, mit der Serpente, die weniger tief geht als der Saint-Louis, bis zu den ſchrecklichen Klippen zu gelangen, welche der Stadt als Schutzwehr dienen. Vielleicht wird unſer Schiff ſtranden, aber was thut's! Meine Beharrlichkeit wird mir eine Zerſtreu⸗ ung von zehn Minuten verſchafft haben; ſich unterhalten, das iſt der Kernpunkt des Lebens, der einzige Zweck, wonach ein vernünftiger Menſch ſtreben muß. — Nimm Dich in Acht, Laurent, antwortete der junge Mon ner iſt, ein Koy das ſehe anwe iti auf“ ſo, ken ſon den Rul Ste den lig nic nich unſ hie nung aus⸗ oave fort⸗ iriczul⸗ hatte ſie „ſich bei Blas⸗In⸗ das Ge⸗ dlich vor dſeite der pite des inahe auf zu gwfer wor. Die ſich der ſogleich auf eine e ſch us tziehen zu eine Auf⸗ erren von nniſſn, guf Car⸗ gehören. nheiſchig, t⸗Luuis er Sudt ſranden⸗ er reu⸗ n nach ein er junge Mann, Du kennſt den kritiſchen und unabhängigen Geiſt Dei⸗ ner Leute! Dieſes Mannöver, das ebenſo gefährlich als unnütz iſt, wird ſie vielleicht verdrießen. Dieſelben Flibuſtier, die auf ein Zeichen von Dir nicht anſtehen würden ſich über Hals und Kopf einer Kartätſchen⸗Batterie entgegenzuſtürzen, wenn ihnen das Opfer nützlich erſchiene, werden vielleicht murren, wenn ſie ſehen, daß Du ihren Muth zur Befriedigung Deiner Launen anwendeſt!— Es wäre nicht das erſte Mal, daß ſie einen Ca⸗ pitän abſetzen würden. Folge mir, ſetze Deine Popularität nicht auf's Spiel. — Eben um meine Popularität zu verſuchen handle ich ſo, ſagte der ſchöne Laurent. Ich will das Maß des Einfluſſes kennen, den ich auf die Küſtenbrüder ausübe. — Aber Laurent, bedenke doch! — Wenn ich einen Wunſch habe, ſo bedenke ich nicht, ſondern ich handle, unterbrach ihn Laurent. Matroſe, ich errathe den Grund Deiner Einwendungen: Du biſt auf das Bischen Ruhm eiferſüchtig, das meine Kühnheit mir einbringen könnte! Steige mit mir auf den Commandopoſten, wir werden uns in den Ruhm theilen. Obwohl Morvan das Projekt ſeines Matroſen nicht bil— ligte, ſo klang ihm dieſer Vorſchlag doch ſo angenehm, daß er nicht daran dachte, ihn zurückzuweiſen. Er verfügte ſich eilends nach dem Commandopoſten. — Ein letztes Wort, Matroſe, ſagte er; meinſt Du nicht, daß es beſſer wäre, die Mannſchaft zu Mitſchuldigen an unſerer Tollkühnheit zu machen? Einige Worte werden Dir hierzu genügen. — Der Rath iſt nicht ſchlecht; ich danke Dir. Laurent verſammelte ſogleich die Mannſchaft im Hinter⸗ theile des Schiffes. — Küſtenbrüder, ſprach er zu ihnen, wir alle haben das⸗ ſelbe Ziel; unſer Eifer bei der gemeinſchaftlichen Sache iſt aber ſo groß, daß wir hoffentlich mit Vergnügen jede Gelegenheit benützen werden, um zu zeigen, wie weit wir über den Herren von der königlichen Marine ſtehen!— Ihr habt es eben mit⸗ angeſehen, wie der Saint⸗Louis unverrichteter Sache zurückkeh⸗ ren mußte. Wollt Ihr, daß wir unter den Augen der ganzen — 180— Flotte dasſelbe verſuchen, was dieſem Schiff mißlungen iſt?— Das wird uns vielleicht ein Paar Tropfen Blut koſten.— Ja, aber welche Freude wäre es, dieſen Herren eine Lektion zu ge⸗ ben, ihnen zu zeigen, was wir im Stande ſind!— Den Ver⸗ luſt unſeres Schiffes braucht Ihr nicht zu fürchten; ich kenne dieſes Waſſer und ſtehe für das Heil der Serpente mit meinem Kopf ein! Die Zeit drängt, antwortet! Sollen wir die könig⸗ liche Flotte demüthigen, ja oder nein? — Ja, ja, demüthigen wir die königliche Marine! riefen die Flibuſtier mit einſtimmigem Enthuſiasmus. Laurent, der dieſen Eifer nicht erkalten laſſen wollte, machte ſogleich ſeine Anordnungen, welche mit einer Raſchheit und Bereitwilligkeit ausgeführt wurden, die von guter Vorbedeutung waren. Die Serpente ſetzte ſich ſogleich in Bewegung und glitt leicht aus den Reihen der Flibuſtierſchiffe gegen Carthagena hin. Morvan, der damit beſchäftigt war, ſeinem Matroſen Hilfe zu leiſten, merkte nicht, daß Waldblume, welche ſeiner Un⸗ terredung mit Laurent beigewohnt hatte, mit ihm auf den Com⸗ mando⸗Poſten geſtiegen war. — Du hier, Jeanne! rief er mit dem Tone ſanften Vor⸗ wurfs, als er ſie bemerkte; entferne Dich, meine Schweſter, ich beſchwöre Dich! — Du dringſt vergebens in mich, mein Ritter Louis, antwortete Jeanne mit kalter Feſtigkeit; die Flibuſtier vertrauen meinem Stern, und es iſt meine Pflicht, ſie in ihrem tollkühnen Wageſtück zu unterſtützen. Ich bleibe da. Waldblume näherte ſich hierauf Morvan und ſagte lächelnd zu ihm: — Zuwiſchen mir und Dir, mein Bruder, iſt kein Platz für eine Kanonenkugel. Die Bewegung der Serpente hatte bald die Aufmerkſam⸗ keit der ganzen Flotte auf ſich gezogen; alle Fernröhre waren auf das Schiff gerichtet und folgten allen Bewegungen desſelben. Die Anweſenheit der Waldblume, deren Schärpe im Winde flatterte, erhöhte das Intereſſe der Scene. Tiefes Stillſchweigen, das kaum von den durchfurchten Wogen geſtört wurde, herrſchte am Bord der Serpente. — Die Kanoniere zu ihren Stücken, der Reſt der Mann⸗ ſuf Sch Fil aus woll werl ſeltſ ber nitt weit Sc reg wer in den erſe nen lief ter ter ihne Zuf Geſ Lau Sy ſo! von lich und dur en iſ?— .— Jo, on zu ge⸗ Den Ver⸗ ich kenne meinem ie könig⸗ eriefen n wollte, hheit und edeutung und glitt enn hin⸗ Matroſen iner Un⸗ n Con⸗ len Vor⸗ ſter ich Louis, rrauen lkühnen lchelnd n Pla eriſun⸗ waren ſelben⸗ we in urchten — 181— ſchaft auf's Verdeck auf den platten Bauch! befahl Laurent. In dieſem Augenblick erſcholl von der ganzen Flotte ein Schreckensruf. Die Serpente fuhr im raſchen Lauf gegen die Felſen hin, welche die Stadt Carthagena vertheidigten; es ſah aus, als ob die ganze Mannſchaft einen Selbſtmord begehen wollte. Die Spanier betrachteten von der Höhe ihrer Feſtungs⸗ werke mit tiefem Erſtaunen, faſt abergläubiſchem Schrecken die ſeltſame und unglaubliche Evolution des Flibuſtierſchiffes. Sie begriffen dieſe Tollkühnheit nicht. Indeß, als die Serpente ſich mitten zwiſchen den Klippen und nur mehr eine Flintenſchuß⸗ weite von der Stadt befand, ſchüttelten die Artilleriſten ihren Schreck von ſich und eilten mit brennender Lunte zu ihren Stücken. Eine halbe Minute darauf ſchlug ein Eiſen- und Feuer⸗ regen, begleitet von ungeheurem Gekrache, von den Feſtungs⸗ werken nieder und hüllte das Schiff mit der kühnen Mannſchaft in dichte Wolken ein. Einige darauf folgende Seeunden ſchienen den Mannſchaften des Geſchwaders lang wie Stunden. Bald erſcholl ein freudiges Jauchzen, enthuſiaſtiſcher Beifallsruf dröh⸗ nend von allen Schiffen. Der Wind hatte den Rauch zerſtreut und ließ die Serpente wieder ſehen; die Schärpe der Waldblume flat⸗ terte noch immer auf dem Verdeck. — Feuert Alle! rief Laurent. Die Salve der Serpente krachte und blitzte wie der Kra⸗ ter eines Vulkans. Die Flibuſtier erwiderten den Spaniern die ihnen von denſelben erwieſene Höflichkeit reichlich, und ſei es Zufall, ſei es die Geſchicklichkeit der Schützen der Serpente, dieſe Salve war den Feinden verderblich, denn zwei ihrer Geſchütze wurden demontirt und mehrere Männer getödtet. Laurent benützte die Verwirrung, welche hierdurch unter den Spaniern verurſacht wurde, ſegelte längs der Klippen mit eben ſo vieler Geſchicklichkeit als Glück fort und kam mit heiler Haut von ſeinem kühnen Unternehmen davon. Dieſe Fahrt war ein Triumph; mit gemeſſener und feier⸗ licher Geberde den Hut abnehmend, grüßte Laurent die Stadt, und rief mit feſter und weithin ſchallender Stimme: — Auf baldiges Wiederſehen! Dieſes von Schiff zu Schiff wiederholte Wort machte durch die ganze Flotte die Runde und wurde überall mit andau⸗ — 182— erndem und einſtimmigem Applaus aufgenommen. Die Offiziere der königlichen Marine begannen nun die fabelhaften Erfolge der Flibuſtier zu begreifen. Der Admiral von Pointis, der nun eiferſüchtig war, auch ſeinerſeits Ruhm zu erwerben, ließ das Geſchwader außerhalb der Kanonenſchußweite vor Carthagena Anker werfen, und be⸗ fahl der vom Capitän de Monts befehligten Galliotte das Bom⸗ bardement der Stadt zu beginnen. Dieſes aus zu großer Ferne unternommene und die ganze Nacht andauernde Bombardement verurſachte den Spaniern mehr Schrecken als Schaden. Am 13. verbrachte man den Tag damit den Angriffsplan feſtzuſetzen. Von Zeit zu Zeit ſchleuderte die Galliote einige Bomben, um die Bewohner von Chartagena in Schrecken zu erhalten. Am 14. ging das Geſchwader wieder unter Se⸗ gel, und fuhr drei Meilen längs der nackten und drohenden Klippen, die ſich von der Stadt bis zum Eingang der Rhede ausdehnten; gegen Mittag warf ſie vor dem Fort Boca⸗Chica Anker. Dieſes Fort(Boca⸗Chiea bedeutet in der ſpaniſchen Sprache: enger Mund) hatte ſeinen Namen von dem ſchmalen Eingang zum Golf von Chartagena, den es beherrſchte. In der That ließ dieſer Eingang, der in der Mitte noch durch eine ungeheure Klippe getheilt war, nur ein Schiff allein durchfahren. Boca-Chica zu erhalten war für die Spa⸗ nier von großer Wichtigkeit; denn es war gewiſſermaßen der Schlüſſel von Carthagena. Einige beſchreibende Zeilen ſind hier unumgänglich nothwendig: Boca⸗Chica beſaß vier Ba⸗ ſtionen in gutem Zuſtande; im Weſten wurde es vom Meer beſchützt, welches bis an den Fuß ſeiner Mauern reichte, und von den andern drei Seiten durch einen mit Waſſer gefüllten Graben, der in die Feſen gehauen und deſſen Glacis eben⸗ falls planirter felſiger Boden war. Die Befeſtigungswerke von Boca⸗Chica, wegen der Solidität ihres Baues in ganz Weſtindien berühmt, konnten allen Anſtrengungen der Artillerie kühn Trotz bieten. Selbſt eine Dreißigpfünder⸗Kugel ließ da keine Spur zurück. Dieſes Fort hatte bei der Ankunft der fran⸗ zöſiſchen Streitkräfte eine aus dreiunddreißig Stücken beſtehende Batterie. Wieder war es der Saint⸗Louis, der von der Galliote und den beiden kleineren Schiffen unterſtützt, den Angriff begann. det d hinde lang Bode ſch ſ liren ſiß biet berſa unſe meh der weri laſt daß lrſa eine Po Vo ſiht und giſti bieti Con daß Poi Man ſilb Boe iſi iſ e Ofiziere en Erlge war auch außerhalb „und be⸗ das Bon⸗ ßer Fetne bardement . gtiföyln ote einige hrecken i nter Se⸗ drohenden der Rhede oca⸗Chie ſponiſchen ſchnabn ſchte die Spo⸗ naßen der ilen ſnd vier Be⸗ on Meer hte, und gefilun cis eben⸗ unguerke in gui nilui ließ da der fral⸗ eſehende Gullote fbegaln Auf Dueaſſe's Befehl, und unterſtützt von dem Feuer der drei Schiffe, welches die Spanier an einem Ausfall ver⸗ hinderte, beſtiegen die Flibuſtier die Barken und machten einen langen Umweg um ans Land zu ſteigen. Kaum hatten ſie den Boden berührt, als ſie ſich in Schlachtordnung ſtellten, und ſich ſo dem Fort bis auf eine Viertelmeile näherten, um die regu⸗ lären Truppen während ihrer Landung vor jedem Ueberfall zu ſchützen. Ein wenig vor dem Anbruch der Nacht befanden ſich vier Tauſend Bewaffnete auf dem ſpaniſchen Ufer; die Offiziere verſammelten ſich zu einem Kriegsrath. — Meine Herren, ſagte der Admiral von Pointis, unſere Ankunft iſt dem Feinde bekannt, und wir haben nicht mehr den Vortheil einer Ueberraſchung; indeß denke ich, daß der durch unſere Gegenwart hervorgebrachte Schrecken benützt werden muß. Meine Meinung iſt, den Spaniern keine Zeit zu laſſen, und auf das Fort gerade los zu marſchiren. Ich weiß, daß dieſer haſtige und offene Angriff uns große Verluſte ver⸗ urſachen wird; aber dieſe Verluſte ſind doch immer beſſer als eine langwierige Belagerung Boca⸗-Chicas. Man war ſchon im Begriff den Vorſchlag des Baron von Pointis anzunehmen, als Ducaſſe und Montbars zugleich das Wort ergriffen. Der Commandant der Flibuſtier lächelte, und ſagte zu ſeinem Matroſen gewendet: — Montbars, ich beuge mich vor Deiner Erfahrung, und unterſchreibe im Voraus Deine Meinung. Montbars dankte ſeinem wackern Matroſen für dieſes Zu⸗ geſtändniß mit einem Blick, und erwiderte ihm mit ehrer— bietigem Tone: Herr Gouverneur, Sie haben die Autorität des Commando's; ſprechen Sie. Es iſt übrigens wahrſcheinlich, daß wir gleicher Meinung ſind. — Meine Herren, ſagte nun Ducaſſe, der Admiral von Pointis vergißt, daß er Flibuſtier zur Seite hat, und daß man mit einem ſo erfolgreichen Element in der Hand nicht die⸗ ſelbe Taktik zu befolgen brauche, wie mit regulären Truppen. Boca⸗Chica offen von der Meerſeite angreifen, wo die Be⸗ feſtigungen am furchtbarſten ſind, heißt die Colonne, welche dieſe Tollkühnheit wagte, einer beinahe gewiſſen Vernichtung — 184— preisgeben. Weil die Flibuſtier mit geringen Kräften die Spanier oft beſiegt haben, ſo iſt das noch kein Grund den Muth unſerer Feinde zu gering anzuſchlagen. Ich kenne dieſes Volk ſeit langer Zeit, und verſichere Ihnen, daß die Garniſon von Boca⸗Chica, welche Sie ſich von Furcht betäubt vorſtellen, uns mit Energie empfangen, und unſere Unklugheit theuer büßen laſſen wird. — Ich bitte Sie zu Ende zu kommen, Herr Gouverneur, unterbrach ihn der Baron von Pointis trocken; wir verlieren die koſtbare Zeit. — Herr Admiral, erwiderte Dueaſſe mit Hoheit, einige Minuten die dazu verwendet werden, um einer ſchmählichen Niederlage vorzubeugen, ſind keine„verlorne Zeit!“ Ich fahre fort: Das einzige vernünftige Mittel Boca⸗Chica anzugreifen, iſt, durch die Urwälder, von welchen es umgeben iſt, zu dringen, und da zu ſeiner ſchwachen Seite zu gelangen. — Durch die Urwälder! unterbrach ihn der Admiral von Pointis auf's Neue; wo denken Sie hin, mein Herr? Dieſe Wälder ſind unwegſam, und man müßte Monate ver⸗ wenden, um dort einen Weg zu bahnen. — Sie irren, Herr Admiral; wo die Sonne hindringt, da dringen auch meine Boucanier hin.— Ich mache mich an⸗ heiſchig bis morgen an die Rückſeite des Forts zu gelangen. Ihre Soldaten haben weder einen Hinterhalt zu fürchten, noch Hinderniſſe zu überwinden, und können zu uns ſtoßen. Der Ton der Sicherheit, mit welchem Ducaſſe ſprach, machte auf den Kriegsrath einen tiefen Eindruck; ſeine Meinung wurde zur Abſtimmung zugelaſſen, und einſtimmig angenommen. Eine Viertelſtunde darauf drangen die Flibuſtier, mit Beilen und Fackeln bewaffnet, kühn in den Wald. XVI. Trotz der hohen Stellung, welche der Gouverneur Du⸗ caſſe zur Zeit der Expedition von Carthagena einnahm, hielt er dennoch viel auf ſeinen alten Ruf als Flibuſtier. Immer mit neuem Vergnügen erzählte er die Odyſſee ſeiner Jugend⸗ da er arm, als Abe Mat ſelb heut dur Gede Vuf Der beſe ſtie ſag ſen har ein bre S zn de Re ſel le en die nd den dieſts arniſon arm, bar aller Hilfe, ohne Beſchützer, und indem er auf nichts als auf ſeinen Muth und ſeine Ausdauer zählen konnte, ſich als Abenteurer in dieſes Seeleben ſtürzte, das ihn zu Glück und Macht bringen ſollte. Obwohl Statthalter des Königs auf der⸗ melen ſelben Inſel, welche der Schauplatz ſeines mühſeligen und un⸗ theuer beachteten erſten Auftretens war, ſo verleugnete er doch nicht, durch ſeine Größe geblendet, ſeine Vergangenheit; er nahm im erneur⸗ Gedanken noch einmal an den Unternehmungen ſeiner früheren rlieren Waffengefährten Theil und erntete mit ihnen Sieg und Ruhm. Der Ausgang der Unternehmung, zu welcher er gerathen hatte, „ige beſchäftigte ihn auch ſehr; er wollte nicht, daß ſich die Flibu⸗ ihlichen ſtier ſchlechter zeigten, als ſein ihnen ertheiltes Lob, indem er ch ſiht ſagte, wo die Sonne hindringe, könnten auch ſie hingelangen. greifen⸗— Montbars, ſagte er, indem er ſeinen früheren Matro⸗ ringen ſen bei Seite zog, ich fürchte mit tadelnswerther Voreiligkeit ge⸗ handelt zu haben, als ich behauptete, den Küſtenbrüdern genüge ldmiral eine Nacht, um für die Armee durch dieſen Wald eine Bahn zu hen?! brechen. Erzeige mir den großen Dienſt, ſtelle Dich an ihre ate ver⸗ Spitze und leite ihre Arbeiten. — In der That, Dueaſſe, antwortete Montbars, ich ndringt zweifle, daß ein ſolches Werk in ſo kurzer Zeit ausgeführt wer⸗ nich u den könne. Dennoch darf der Baron von Pointis wider Dich nicht langen Recht behalten!— Parbleu, da iſt Graubart, der Himmel n noch ſelber ſchickt ihn uns; er allein iſt im Stande uns aus der Ver⸗ legenheit zu ziehen. Graubart, fuhr Montbars zu dieſem gewen⸗ prnc, det fort, kommſt Du vom Walde? Neinng— Ja, ſoeben komme ich von dort. nommen.— Was hältſt Du von den Arbeiten, die man dort ausführt? 5 nit— Es thut mir immer weh, antwortete der Boucanier, wenn ich die Menſchen Bäume fällen ſehe, welche zuweilen ein halbes Jahrhundert gebraucht haben, um aufzuſchießen.— 1 Dieſe Manier Gottes Werk ohne Grund zu zerſtören, ſcheint mir eine wahrhafte Tempelſchändung.— Was nützt Dir das, Du⸗ caſſe, unſere Brüder in Holzhauer verwandelt zu haben?* u Dr⸗— Es iſt um jeden Preis nothwendig, daß die Armee zült e durch den Wald dringe, damit die Pann des Forts nn nit Boca⸗Chieca ſich umwende. — Nun ſind denn die Fl ibuſtier weniger geſcheit als die — 186— Eber, daß ſie es nothwendig haben, ſich erſt eine Bahn zu bre⸗ chen, wo die Thiere frei durchgehen? Befiehl Deinen Holzhauern das Beil auf die Seite zu legen und ich mache mich anheiſchig unſere Brüder dahin zu führen, wohin Du willſt. — Graubart, biſt Du ſicher dieß thun zu können? fragte Ducaſſe lebhaft. 6 — Parbleu, wenn ich es ſage! — Aber, erwiderte der Gouverneur, wie willſt Du das ausführen? — Auf eine ſehr einfache Weiſe; ich habe ſoeben einen Steg entdeckt, und dieſem Stege werde ich folgen. — Einen Steg in dem Urwald! wiederholte Ducaſſe, der es nicht wagte au den glücklichen Zufall zu glauben. — Gewiß. Uebrigens iſt dieſer Steg nicht breit; es kann nur ein einziger Menſch auf demſelben vorwärts gehen. Du be⸗ greifſt, daß ſich die Wildſchweine nicht damit abgeben, breite Straßen zu bauen. — Aber wenn die Spanier, welche dieſen Weg doch gleichfalls kennen müſſen, ihn ſchon mit Soldaten beſetzt haben. — So wird man über das ſpaniſche Corps hinübergehen. — Aber wenn ſie ſich im Walde in den Hinterhalt ge⸗ legt haben? — Um ſo ſchlimmer für ſie! Dann wird man ſie in Stücke hauen. — Graubart, ſagte Ducaſſe, ich verlaſſe mich auf Deine Erfahrung. Folge Montbars, er wird Dich den Küſtenbrüdern als Chef der Expedition vorſtellen. Der alte Jäger, dem dieſe Ehre völlig gleichgiltig war, entfernte ſich ohne ein Wort zu ſagen. Ducaſſe lenkte, von einer großen Sorge befreit, ſeine Schritte zum Strande, wo die Truppen bivouakirten. — Ah, ſind Sie es, mein junger Freund, ſagte er, als er Morvan bemerkte, der in den vorderſten Reihen allein auf und ab ging, wie traurig und nachdenkend ſehen Sie aus! Iſt Ihnen denn ein Unglück paſſirt? — Keineswegs, Herr Gouverneur, antwortete der Ritter, ſein Haupt entblößend, ich denke nach. — Und Ihre Gedanken ſind nicht heiter, ſo viel ich ſehe. Ohn Her von auf ſu Fall meh ſch daß Di vor zu bre⸗ zhauem heiſchig frngte u das einen ſſe, der es kann Du be⸗ breite gdoch pi. r rgehen. halt ge⸗ ſie in Deine brüdern ig wal, on einet wo die als er und ob Ihnen Ritte⸗ i ſeht ——— OhneZweifel ein Liebeskummer. Das kommt in Ihrem Alter oft vor. — Sie täuſchen ſich über den Grund meiner Traurigkeit, Herr Gouverneur. — Und welchen Grund haben Sie denn, Herr Ritter von Morvan? — Herr Gouverneur, ich bitte Sie um die Erlaubniß, auf dieſe Frage nicht zu antworten; der Reſpekt, den ich Ihnen ſchuldig bin, legt mir Schweigen auf. — Handelt es ſich um mich? ſagte Ducaſſe. In dem Falle, Ritter, bitte ich Sie, ſich zu erklären, da Sie mir noch mehr Gehorſam als Reſpekt ſchuldig ſind. — Wenn Sie es befehlen, Herr Gouverneur— — Ich wiederhole es Ihnen, ich bitte Sie darum! Men⸗ ſchen wie Sie ſind, befiehlt man nicht. „WMorvan verneigte ſich und ſprach mit feſter Stimme: — Herr Gouverneur, mein Herz blutet, wenn ich denke, daß ich dem Adel angehörend und werth, mein Blut im Dienſte des Königs zu verſpritzen, dennoch in eine Truppe von— in eine irreguläre Truppe eingereiht bin. Der An⸗ blick der königlichen Uniformen macht mir meine falſche Stel⸗ lung noch fühlbarer. Ich beneide den letzten Offizier des Ge⸗ ſchwaders um ſein Schickſal.— Glauben Sie mir übrigens, daß ich die Ehre, unter Ihren Befehlen zu dienen, ſehr hoch ſchätze. Wenn mich nicht Ihre Gegenwart an der Spitze der Flibuſtier ein wenig von meiner Erniedrigung erheben würde, ſo bliebe ich mit dem Degen in der Scheide ein unthätiger Zu⸗ ſchauer des Kampfes und würde daran keinen Antheil nehmen, ausgenommen vor Carthagena's Thoren. Ducaſſe hatte den Ritter mit beſonderem Intereſſe — Herr von Morvan, antwortete er ihm mit väterlicher Miene, ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen; ich begreife Ihre Empfindungen, ſie entſprechen Ihrem Alter und Ihrer Stellung durch Geburt. Laſſen Sie mich Ihnen indeß die Bemerkung machen, daß Sie gegen die Flibuſtier ungerecht ſind. Die Küſtenbrüder verdienen es nicht mit ſolcher Strenge behandelt zu werden; ihre Vergangenheit bildet eine der glänzendſten Seiten in der Geſchichte Ludwig's XIV. Dieſe Inſel St. Domingo, welche ſie zu erobern und zu behalten wußten, wird vielleicht — 188— eines Tages für Frankreich die Quelle des Wohlſtandes und des Ruhmes werden!— Indeß geſtehe ich ein, daß die Flibuſterie heute nicht mehr das iſt, was ſie früher geweſen, daß ſie aus der Art geſchlagen hat!— Ihre zahlreichen Triumphe, die ſie bereicherten, haben in ihr den Haß gegen die Spanier durch Gold⸗ gier erſetzt!— Früher kämpften die Flibuſtier nur für den Ruhm, heute greifen ſie beim Anblick der Beute zu den Waffen! — Sie ſehen, daß ich eben ſo offen bin wie Sie!— Indeß beſitzt die Flibuſterie noch edle Herzen, kühne Geiſter und um⸗ faſſende Intelligenzen!— Ihr Freund Montbars iſt ein Be⸗ weis davon. Das iſt ein wahrhaft bedeutender Menſch, der auf einen großen Schauplatz geſtellt, die Welt mit ſeinem Namen erfüllen würde! Um aber auf das, was Sie betrifft, zurückzu⸗ kommen, ſehe ich nur ein Mittel Ihre Stellung bis zu einem gewiſſen Punkt zu regeln: Wollen Sie mir die Ehre erweiſen, ſich mir als Adjutant anzuſchließen? Auf dieſen Antrag, den er gewiß nicht erwartete, wurde Morvan roth vor Freude, und mit bewegter Stimme ſagte er: — Ich danke Ihnen und nehme Ihren Antrag mit gan⸗ zem Herzen an; ich werde mein beſtes thun, damit Sie Ihre Wahl nicht zu bereuen haben! — Das iſt nun abgemacht, ſagte Ducaſſe; jetzt kehren wir zum Lager zurück. Ich denke, der Admiral werde meine An⸗ weſenheit wünſchen. Er hat an mir Revanche zu nehmen, und er iſt ein Mann, der dieſe Art von Schulden mit ſtrenger Genauig⸗ keit zahlt. Ducaſſe täuſchte ſich nicht; kaum hatte der Baron von Pointis ihn bemerkt, als er ihm lebhaft entgegenging. — Herr Gouverneur, ſagte er, wenn ich mich auch einer allgemeinen Meinung, die mir Unrecht gibt, niemals wider⸗ ſetze, ſo bin ich trotz dem in meinen einmal gefaßten Ideen außerordentlich hartnäckig! Der Kriegsrath hat erkannt, daß es beſſer ſei, das Fort Boca-Chica von rückwärts anzugreifen, und ich habe nachgegeben; der Erfolg wird zeigen, wer Recht hat, der Kriegsrath oder ich. Da es indeß möglich wäre, daß ich Recht habe, und man dann auf meinen urſprünglichen Plan zurückfommen müßte, ſo denke ich, daß es nützlich wäre die Strandſeite zu recognoſeiren. Auf dieſe Art werden wir, wenn det gen nich nen nit hie un und des ibuſterie ſie aus „die ſie h Gold⸗ für den Poffen! Indeß nd un⸗ ein Be⸗ der uf Namen uriczu⸗ einem tweiſen, wurde gte er nit gan⸗ ie Ihre kehren ine An⸗ und er enaig⸗ ron von ich einer wider⸗ Peen it, daß fen, und cht hat, daß ich Plan wenn — 189— der in dieſem Augenblicke aufgegebene Angriffsplan wieder auf⸗ genommen werden ſollte, im Stande ſein mit der Ausführung nicht zu ſäumen. Wäre es Ihnen gefällig mich auf meiner klei⸗ nen Exeurſion zu begleiten? — Mit dem größten Vergnügen! — Herr von Lévy wird von der Partie ſein. — Ich bitte Sie um die Erlaubniß meinen Adjutanten mitzunehmen, den Herrn Ritter von Morvan, den ich Ihnen hier vorzuſtellen die Ehre habe. Er hat Luchsaugen, und wird uns von großem Nutzen ſein. Der Admiral wandte ſich zu Morvan mit dem freund⸗ lichſten Lächeln, und ſagte dann zu Ducaſſe: — Ich habe ſchon das Vergnügen gehabt mit dem Herrn beiſammen zu ſein, und ſchätze ſeinen Charakter wie ſeine Verdienſte; er iſt willkommen! Gehen wir! Obſchon der Baron von Pointis und Dueaſſe gleiche Voll⸗ macht hatten, und keiner von beiden höher ſtand als der andere, ſo trat doch der Gouverneur von St. Domingo, ſeinem europäiſchen Collegen in der neuen Welt die Honneurs machend, vor ihm zurück, und ließ ihn vorangehen. Der Vollmond erfüllte Alles mit ſeinem hellen Schein, und machte dieſe Recognoſcirung, die ſchon in einer dunkeln Nacht voll Gefahren geweſen wäre, zu einer Tollkühnheit. Der Gouverneur errieth, es ſei die Ab⸗ ſicht des Barons von Pointis dieſe Recognoſcirung ſo weit als möglich zu treiben, um die im Kriegsrath erhaltene Scharte auszuwetzen; er lächelte in den Bart und nahm ſich vor, ihm dieſe Satisfaktion nicht zu laſſen. Nach einem halbſtündigen Marſche längs des Strandes näherte ſich Ducaſſe dem Admiral: es begann gefährlich zu werden. In der That war kaum eine halbe Minute verfloſſen, als ein von einem Knall begleiteter Blitz aufleuchtete, faſt in demſelben Augenblick flog fünfzehn Schritte von dem kleinen Trupp eine Kugel pfeifend vorüber. — Es ſcheint, daß die Spanier auf ihrer Huth ſind, ſagte de Pointis kalt. — Pah! wer weiß? Vielleicht üben ſie ſich nur im Schießen, antwortete Dueaſſe ruhig. Kaum hatte der Gouverneur dieſe Worte geſprochen, als ———— — 190— ein Kanonenſchuß fiel; dießmal fiel ſchon der von der Kugel aufgewühlte Sand auf die vier Franzoſen. — Jedenfalls ſind es ſchlechte Schützen, ſagte von Poin⸗ tis immer ruhig. — Was wollen Sie, Admiral, ſie thun ihr beſtes! Und dann müſſen wir geſtehen, daß wir noch ſehr weit von ih⸗ nen entfernt ſind! Wäre es Ihnen gefällig ſchneller zu gehen? — Ich wollte Ihnen eben dieſen Vorſchlag machen. Fünf Minuten darauf war die Entfernung, welche die drei Stabsoffiziere und Morvan von Boca⸗Chica trennte, nur mehr ſo gering, daß nun auch ſchon die Musketen nebſt den Kanonen angewendet wurden. Die Stellung war nicht haltbar; länger da zu bleiben wäre einem Selbſtmord gleich gekommen. — Herr Gouverneur, ſagte von Pointis, der, dieſe Ge⸗ rechtigkeit muß man ihm widerfahren laſſen, eben ſo wie der Herr von Lévy, vollkommene Ruhe und Kaltblütigkeit bewahrt hatte, ſcheint es Ihnen nicht, daß wir über die Stellung des Feindes genug in Kenntniß geſetzt ſind? — Ach Admiral, antwortete Ducaſſe, ich muß Ihnen geſtehen, daß ich abſcheulich kurzſichtig bin, ich habe die Fe⸗ ſtung noch nicht einmal unterſcheiden können. Erlauben Sie mir weiterzugehen. Der ehemalige Flibuſtier, der einen Augenblick ſtehen ge⸗ blieben war, ſetzte ſich auf's Neue in Bewegung. Der Admiral folgte ihm etwa hundert Schritte weit. Ohne einen Felſen, der ſich glücklicher Weiſe zwiſchen ihnen und den Kartätſchen befand, wäre keiner der vier kühnen Männer den letzten Dechargen der Spanier entgangen. — Parbleu! rief Ducaſſe mit freudigem Tone, es ſcheint, daß wir endlich näher kommen! Ich glaube ſchon eine Feſtungs⸗ mauer zu ſehen. Meiner Treu, nein, es iſt ein Felſen! Wir gehen falſch. Wir müſſen uns rechts halten, Baron, immer nur rechts, auf die Seite des Meeres, ſonſt wird uns dieſer Stein⸗ block fortwährend die Ausſicht verſperren. 5 Der Admiral von Pointis ergriff Ducaſſe am Arm. — Bis wohin wollen Sie denn noch gehen? fragte er ihn. — Aber, Baron, bis zu den Gräben. Meine abſcheuliche ——— — ————— Kugel nPoin⸗ beſtes! von ih⸗ gehen? n. ſche die e hſt den hleiben ſe Ge⸗ ie der ewahrt ng des Ihnen di Fe⸗ en Sie en Re⸗ dniral n, der hefand⸗ en der ſcheint, ſung⸗ Vir ſet nur Stein⸗ et ihn. euliche — 191— Kurzſichtigkeit, die ich Ihnen eben erwähnt habe, hat mich zu einem wahrhaften heiligen Thomas gemacht. Um an die Dinge zu glauben, muß ich ſie anrühren; ſonſt fürchte ich immer, mich zu täuſchen. — Gouverneur, ſagte von Pointis, hinter dem Felſen hervorzugehen, der uns gegen einen gewiſſen Tod ſchützt! Die Armee bedarf Ihrer und meiner zu ſehr, als daß wir das Recht hätten unſer Leben ſo auf's Spiel zu ſetzen! Die Pflicht eines Generals, vergeſſen Sie das nicht, iſt, ſich ſo viel als möglich außerhalb der Gefahr zu halten. — Herr Baron, antwortete Ducaſſe, von dem Augen⸗ blick an, wo ich Sie, den Chef und Admiral eines Geſchwaders geſehen habe ſich wie ein einfacher Spion ohne Bedeckung auf die Recognoſeirung begeben, da dachte ich, Sie hätten eine ganz beſondere Methode Krieg zu führen, und ich folgte Ihnen im Vertrauen auf Ihre Einſicht, ohne von Ihnen eine Er⸗ klärung zu fordern!— Ich bin der Meinung, daß wir jetzt, da wir unſere Rolle ſchon ſo ſehr hintangeſetzt haben und hier⸗ her gegangen ſind, nun auch weiter gehen müſſen. Wer weiß ob die Spanier, von Furcht bethört, wie Sie vorhin geſagt haben, uns nicht Boca-Chica durch Ueberfall nehmen laſſen! Das wäre wahrhaftig eine hübſche Waffenthat, die mich an die Zeiten erinnern würde, in welchen ich noch Flibuſtier war. Folgen Sie mir, Admiral, gehen wir vorwärts. Der Baron von Pointis, der Ducaſſes Spott wohl verſtand, war ſchon im Begriff die Herausforderung anzunehmen; indeß ſiegte ſein Pflichtgefühl und er trat den Rückweg an. Als die vier Männer außerhalb der Tragweite der ſpaniſchen Kanonen waren, ließ der Gouverneur die Entfernung, die ihn vom Ad⸗ miral trennte, ſich vergrößern, und blieb mit Morvan allein zurück. — Ritter, ſagte er zu ihm, ſich fröhlich die Hände rei⸗ bend, der Baron will noch immer ſeine Revanche nehmen, nicht wahr? Wir werden aber unſer Möglichſtes thun, um ihm die Gelegenheit dazu nicht zu laſſen. Was den Baron von Pointis betrifft, ſo wüthete er im Innern, obſchon er es nicht merken ließ. — Ah, mein Herr Ducaſſe, dachte er, Sie ſind ohne Zweifel überzeugt, über mich einen großen Vortheil errungen zu — 192— haben! Wenn Sie wüßten, was ich für Inſtruktionen habe und was für eine Zukunft Sie erwartet, ſo würden Sie nicht ſo ſehr triumphiren. Ihre Stunde iſt gekommen! Der Streich, der gegen Sie geführt wird, wird auch die ganze Flibuſterie tödtlich treffen! Der Reſt der Nacht verging ohne ein bemerkenswer⸗ thes Ereigniß. Die Truppen hatten ſich in Erwartung eines Angriffs hinter improviſirten Befeſtigungen verſchanzt; indeß wurde ihre Ruhe durch keinen Verſuch von Seiten des Fein⸗ des geſtört. Beim Anbruch des Tages meldete ein von Grau⸗ bart abgeſchickter Bote, daß die Flibuſtier durch den Urwald gedrungen und vor dem Fort Boca⸗Chica glücklich angelangt ſeien. Die Armee trat ſogleich den Marſch an; zu Mittag be⸗ fanden ſich die viertauſend Mann, die ausgeſchifft waren, auf Kanonenſchußweite vor dem Fort. Bald brachte ein Detachement zwei Gefangene, einen Mönch und einen Indianer, die in dem Augenblick gefangen genommen wurden, als ſie es verſuchten, durch den Wald nach Carthagena zu gehen, um dort Succurs zu verlangen. — Wer weiß, ſagte der Baron von Pointis, der noch immer auf ſeine erſte Idee zurückkam, ob die Spanier ſich nicht ergeben werden. Man muß ihnen dieſen Mönch als Parlamentär ſchicken. — Das verpflichtet uns zu nichts, fügte Ducaſſe hinzu, alſo ſchicken wir den Mönch. Ich mache Sie nur aufmerkſam, Admiral, daß die Spanier außerordentlich ſtolz ſind und die Waffen nicht ſobald niederlegen werden. Der Mönch, dem ein Tambour und ein Trompeter vor⸗ angingen, begab ſich ſogleich auf den Weg; er war beauftragt, dem Gouverneur von Boca⸗Chica zu ſagen, daß, wenn er ſich nicht ergibt, die Franzoſen ſeine Garniſon über die Klinge ſprin⸗ gen laſſen und keinen Pardon geben werden. Der Mönch kam nach einer halben Stunde mit der Ant⸗ wort zurück, daß man in Boca⸗Chica von einer Ergebung nichts wiſſen wolle. — Meine Herren! rief hierauf der Baron von Pointis, ſich an die anweſenden Offiziere wendend, in einer Stunde werden wir ſtürmen! Ende des vierten Bandes. —————— be und ſo ſehr gegen reffen! nswer⸗ eines indeß ßein⸗ Grau⸗ rwald elangt g be⸗ 1 auf ement ndem chten, eeurs immer geben hicken. hinzu, lſam, d die vor⸗ tragt⸗ ſich ſprin⸗ Ant⸗ nichts tunde — . . — Srey Gorſtrol Shart Green ellow Red Magenta