————— —— —2 — = 7 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher bih franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Leſebedingungen. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werth deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bi Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. Mk.— Pf. „ 3 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und 34 ückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes ſo iſt ver Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch? van ſtehen haben. — —— Die PBounranier. Von Paul du Plessis. Aus dem Franzöſiſchen von Adolf Dup. Zweiter Band. FPreßburg. Druck und Verlag von Carl Friedrich Wigand. 1854. dann 1697 es de Nur! von( nent Zeit hyf do lonn Obſchon das Etabliſſement, welches Renard, erſt Lakai, dann Kammerdiener des Biſchofs von Beauvais, mit Bewilligung der Königin Mutter in den Tuilerien gegründet hatte, im Jahre 1695 nicht mehr ſo ſehr im Schwunge war, wie früher, ſo wurde es doch vom Adel und der Haute⸗Finanee noch ſtark beſucht. Nur beobachteten Standesperſonen, die Freunde des Herzogs von Chartres ausgenommen, wenn ſie ſich in dieſes Etabliſſe⸗ ment begaben, immer einige Vorſichtsmaßregeln; denn zu jener Zeit war eine gewiſſe äußerliche Ehrbarkeit nothwendig, um bei Hof zu reuſſiren. Als Morvan vor dem Hauſe ankam, wo ſich, wie er dachte, das Glück oder Unglück ſeines Lebens entſcheiden ſollte, da konnte er ſich einer lebhaften Bewegung nicht erwehren. Er wollte eben eintreten, als ein helles Gelächter, das nicht weit von ihm erſcholl, ihn veranlaßte den Kopf umzuwenden. Er ſah ein Frauenzimmer mit einem ſehr hohen Kopfputz, mit da⸗ maſtenem Falbelrock und weit offenem Schnürleib; mehrere leichtſinnige junge Männer umringten ſie und folgten ihr. Ob⸗ chon das Geſicht dieſes Frauenzimmers mit einer Larve von ſchwarzem Sammt vollkommen verdeckt wurde, ſo merkte Mor⸗ van dennoch an der Geſchmeidigkeit ihres Ganges, daß ſie jung ein müſſe, er ſetzte auch noch voraus, daß ſie ſchön ſei. Trotz der unvorhergeſehenen Begleitung von jungen Herren, welche der Zufall der Unbekannten beſcherte, ſchien ſie II. 4. ———— doch weder verwirrt noch verlegen; ſie that als merkte ſie nicht die etwas lebhaften und leichtſinnigen Huldigungen, die ihr dar⸗ gebracht wurden. — Reizende Dame, ſagte einer ihrer Verfolger, Ihre auffallende Art ſich zu einem Rendezvous zu begeben und Ihr beſcheidenes Schweigen machen Sie in meinen Augen zu dem koſtbarſten Räthſel. Wer mögen Sie wol ſein? Eine große Dame? Das iſt unmöglich, Sie wären zu ſehr an derartige Unternehmungen gewöhnt, um an dieſen Ort in Gala zu kom⸗ men. Eine Griſette? Auch nicht; wir hätten Sie mit unſeren Reden wol ſchon zehnmal lachen oder zornig gemacht. Schönes Kind, quälen Sie unſere Neugierde nicht länger! Ich bin der Marquis de la Fare, da ſind Broglie, Canillac, Nocé, Brancas! — Wir ſind alle ſehr discret und galant. Während der Marquis, einer der intimſten Freunde des Herzogs von Chartres, ſo ſprach, ſetzte die Unbekannte ihren Weg ſtillſchweigend fort. Als ſie Morvan erblickte, legte ſie die verachtungsvolle Gleichgiltigkeit, die ſie bis dahin gezeigt hatte, ab, und ſchien wahrhaft erfreut zu ſein. — Herr Ritter, ſagte ſie lebhaft auf ihn zugehend, ich bitte um Ihren Arm. Dieſe Stimme drang ihm in's Herz, und er konnte einen Ausruf nicht zurückhalten, der Zorn und Entzücken zugleich ausdrückte: er hatte Nativa erkannt. Was Nocé, Canillac, Broglie, de la Fare und Brancas betrifft, ſo merkten ſie an dem herausfordernden Blick, den Morvan auf ſie warf, daß ſie bei dem erſten Wort, das ſie fal⸗ len ließen, mit einem tapfern Degen in Streit kämen; da ein Duell im Garten der Tuilerien ihnen ernſthafte Unannehm⸗ lichkeiten zugezogen hätte, da ſie ihr Unrecht gewiſſermaßen ſelbſt erkannten, und da ihnen endlich Morvan völlig unbekannt war, ſo entfernten ſie ſich alſogleich. Der junge Mann hatte ſich heeil Ein einer cabin nich Wei vor wir üh un beeilt Nativa ſeinen vor Aufregung zitternden Arm zu bieten. Ein Lakai des Etabliſſements führte ſie über eine Treppe in einen koſtbar eingerichteten Salon. — Bringen Sie uns einen Imbiß, ſagte Morvan. Fünf Minuten ſpäter waren auf dem in einem Seiten⸗ cabinet des Salons befindlichen Tiſche Früchte, Zuckerwerk und Liqueure aufgeſtellt; die Lakaien zogen ſich discreter Weiſe zu⸗ rück, und Morvan befand ſich mit der Tochter des Grafen von Monterey allein. — Herr Ritter, ſagte Nativa, indem fie ihre Larve ab⸗ nahm und ihm ihre gebieteriſche und glänzende Schönheit zeigte, ich bin Ihnen vor Allem eine Erklärung über meine Gegenwart an dieſem Orte ſchuldig!— Eine Zofe im Hotel d'Harcourt, der ich mich anzuvertrauen genöthigt ſah, hatte die Ungeſchicklich⸗ keit mir Renards Haus als ſicher und bequem anzuweiſen; ſie, die wahrſcheinlich an ein Rendezvous der Liebe dachte, iſt ſchuld daran, daß ich den Beleidigungen leichtſinniger Thoren ausgeſetzt war, die bei Ihrem Anblick davon flohen. Reden wir nicht weiter davon! Zu größerem Verdruß mußte ich, um vor meinem Vater meine Entfernung zu begründen, einen Beſuch vorgeben und mich ankleiden laſſen. Durch das Zuſammen⸗ wirken all dieſer Unannehmlichkeiten bin ich an einem verdäch⸗ tigen Ort in lächerlicher Weiſe angekommen. — Was ſchadet der Ort, an welchem Sie ſich befinden, Fräulein; ſtehen Sie nicht unter dem Schutz meiner Achtung und meiner Ehre? Ich hätte es freilich, zwar nicht um meinet⸗ willen, ſondern um Ihretwillen vorgezogen, daß Sie mich im Hotel d'Harcourt empfangen hätten. — Das wäre mir unmöglich geweſen, entgegnete Nativa lebhaft. Mein Vater verdankt Ihnen ſein Leben, und dennoch würde er Paris, wo er doch von ſo wichtigen Angelegenheiten feſtgehalten iſt, lieber binnen vierundzwanzig Stunden verlaſſen, 1. ehe er zugäbe, daß ein Franzoſe die Schwelle ſeines Hauſes übertrete. — Und warum das, Fräulein? — Weil, ich bedaure es ausſprechen zu müſſen, aber ich muß Ihnen die Wahrheit geſtehen, weil mein Vater gegen Ihre Nation einen tiefen Abſcheu, einen unüberwindlichen Haß hegt. Obwohl Morvan in ſeinen Träumen von der Zukunft es niemals gewagt hatte, die Kluft zu überſpringen, welche ihn von Nativa trennte, ſo lebte doch Dank ſeinem Jugendmuth, in ſei— nem Herzen eine entfernte Hoffnung; dieſe Antwort der jungen Spanierin, die nun neue Schranken zwiſchen ihm und ihr erhob, verurſachte ihm daher eine peinliche Empfindung. — Wie konnte ſich alſo, ſprach er entmuthigt, der Graf von Monterey dazu entſchließen, mit ſolchen Geſinnungen nach Frankreich zu kommen? — Der Haß meines Vaters iſt in dieſem Augenblick wenn nicht eingeſchläfert, doch beherrſcht durch die Ausführung eines Planes, den er mit aller Energie ſeiner Rechtſchaffenheit und ſei⸗ ner Entrüſtung anſtrebt. — Und dieſer Plan ſoll mir ohne Zweifel unbekannt blei— ben?— Was bin ich auch für Sie? fügte Morvan nach kurzem Sillſchweigen traurig hinzu. Ein Unbekannter, den der Zufall Ihnen in den Weg geſchleudert hat, ein armer Teufel, den Sie aus Mitleid beſchäftigen wollen, aber den Sie mit Zorn von ſich weiſen würden, ſobald er es wagte um Ihr Vertrauen zu bitten. — Sie ſind ungerecht, Herr Ritter, antwortete Nativa kalt. Beweiſt Ihnen meine Anweſenheit an dieſem Orte nicht mein grenzenloſes Vertrauen zu Ihrer Loyalität? — Ein ſchönes Vertrauen das! ſagte Morvan mit Bit⸗ terkeit; ein ſchönes Vertrauen in der That, welches höchſtens be⸗ weiſt, daß Sie mich nicht für einen elenden niederträchtigen Menſchen halten. der 1 ing blieb wenn ohne Aben daß Sie Unt Bey Sch die ve ſort Fra Ihr hin Bal ſten Dit iſt Lig zwn f Der junge Mann, der vor dem Tiſche ſaß, auf welchem der unberührte Imbiß ſtand, erhob ſich bei dieſen Worten und ging bewegt auf und ab; bald aber ſchien er ſich zu faſſen und blieb vor Nativa ſtehen. — Fräulein, ſagte er mit ſchmerzhaft erregter Stimme, wenn es ſich blos um meinen Tod handelte, ſo würde ich mich ohne Klage opfern: nicht ein Laut ſollte mein Leiden verrathen. Aber die Qualen die ich leide, haben einen ſolchen Grad erreicht, daß ich ſie nicht länger ſtillſchweigend ertragen kann. Vergeben Sie mir, was ich jetzt ſagen werde; aber ich will, daß dieſe Unterredung über mein Schickſal entſcheide. Morvan hielt einen Augenblick inne: doch ſeine ſichtliche Bewegung verrieth den Sturm, der in ihm vorging, und ſein Schweigen war der beredteſte Ausdruck der vielfachen Gefühle, die in ihm auf einmal tobten. Nativa wartete, kalt und unbe⸗ weglich wie eine Statue. — Fräulein, fuhr Morvan mit losbrechender Heftigkeit fort, lieben Sie mich? — YNein! antwortete Nativa ruhig, welche durch dieſe Frage des jungen Mannes weder erſtaunt noch entrüſtet ſchien. — Ach, Sie lieben mich nicht, ſagte Morvan mit von Thränen erſtickter Stimme; alſo keine Liebe, ſei es! fügte er hinzu gleich dem Ertrinkenden, der ſich an einen ſchwimmenden Balken anklammert; empfinden Sie aber für mich nicht wenig⸗ ſtens wahre Freundſchaft? — Weder Freundſchaft noch Liebe! Sie haben meinem Vater und mir das Leben gerettet; ich bin Ihnen dankbar, das iſt Alles! — Gut! mir iſt dieſe Offenheit lieber als Heuchelei und Lüge, ſagte Morvan, indem er ſich unbefangen zu lächeln zwang; er merkte aber nicht, daß ihm große Thränen über die Wangen rollten. Ich fühle mich frei, die Frage iſt klar er⸗ 6— ledigt! Und wer weiß, ob Ihre Gleichgiltigkeit nicht ein Glück für mich iſt? Ich hätte mich unnützerweiſe für Sie in's Ver⸗ derben geſtürzt. Sehen Sie, Nativa, der Streich war hart, aber ich danke Ihnen dafür. Ich habe Ihnen das Leben ge⸗ rettet, und Sie haben mich zu Verſtand gebracht; wir ſind quitt! Wollen Sie nicht, daß wir ein Glas Liqueur und etwas Obſt nehmen? Wir werden von gleichgiltigen Dingen plau⸗ dern, von den letzten Moden oder von Hofneuigkeiten. Morvan's Ausſehen erregte Mitleid; indem er ſich an⸗ ſtrengte ruhig zu erſcheinen und ſeine Verzweiflung zu unter⸗ drücken, vermehrte er ſeine Leiden. Einen Augenblick fürchtete er den Verſtand zu verlieren. Vielleicht wird der Leſer meinen, dem jungen Mann habe es an Kraft und Charakter gefehlt; es ſei uns jedoch erlaubt zu bemerken, daß Morvan noch niemals geliebt worden, daß Nativa's Erſcheinen in ſeiner öden Ein— ſamkeit für ihn die berauſchende Offenbarung einer dunkel ge⸗ träumten Welt, daß endlich ſeine Leidenſchaft für die reizende Spanierin durch die Opfer, die er ihr gebracht, ſeitdem bedeu⸗ tend vermehrt worden war: und ſo wird man es denn begreifen, daß der Ausbruch dieſer ſtarken und ſo lange verſchloſſen geblie⸗ benen Natur ſo heftig war, daß er beinahe an Wahnſinn grenzte. Die erzwungene Gleichgiltigkeit und vorgebliche Heiter⸗ keit des unglücklichen jungen Mannes dauerte indeß nur kurze Zeit. Erdrückt, überwunden von einem Schmerz, der über ſeine Kräfte ging, konnte er ſich bald der Seufzer nicht erwehren und ſagte mit gebrochener Stimme: — Meine Aufopferung mit ſolchem Verrath zu belohnen! Ach, das iſt ſchauderhaft! Ich glaube an nichts mehr! — Ritter, erwiderte ihm darauf Nativa mit beſonderer Sanftmuth, der Aerger macht Sie ungerecht. Ich bitte Sie, mich anzuhören, denn ich wünſchte nicht, daß Sie von mir eine Meinung mitnehmen, die ich nicht verdiene.* wiede nir l fann Ausg wir ſich licher nicht Mien werd nich ſein, rakte nir in G Fral Unſt ben fen Neu klei fühl Liel Vo fine — Es iſt unnütz, Fräulein, daß Sie Ihr Geſtändniß wiederholen. Verderben Sie die unſchätzbare Offenheit, die Sie mir bewieſen haben, nicht durch eine großmüthige Lüge. Was kann ich mehr erfahren als Sie mir ſchon geſagt haben? Nichts! Ausgenommen, Sie geben mir Ihren Haß zu erkennen. Brechen wir ab davon! Morvan ſchwieg einen Augenblick ſtill, dann wandte er ſich auf's Neue an die reizende Spanierin, und ſprach mit ängſt⸗ licher Ungeduld: — Nun, erklären Sie ſich doch, Fräulein. Sagten Sie nicht, daß Sie mit mir zu ſprechen haben? Ich höre! — Herr Ritter, ſprach Nativa geſammelt und mit ernſter Miene, ich bitte Sie, die Erklärung, die ich Ihnen jetzt geben werde, anzuhören ohne daß Sie mich unterbrechen. Dieſe für mich peinliche Erklärung wird Ihnen wenigſtens ein Beweis ſein, welche beſondere Hochachtung ich für den Adel Ihres Cha⸗ rakters hege, und wie ſehr ich Ihnen für den meinem Vater und mir geleiſteten Dienſt dankbar bin. Wenn meine Sprache Sie in Erſtaunen ſetzt, ſo erinnere ich Sie, daß wir ſpaniſchen Frauen nicht zur Lüge erzogen werden, und daß wir es für unſere Pflicht halten bei den wichtigen Umſtänden unſers Le⸗ bens und in Gegenwart eines rechtlichen Mannes unſere Gedan⸗ ken frei und ohne Rückhalt auszudrücken. Nach dieſer Art von Einleitung, durch welche Morvans Neugierde auf's Höchſte geſpannt wurde, machte Nativa eine kleine Pauſe und fuhr dann mit bewegter Stimme fort: — Möge ſich weder Ihr Herz noch Ihr Stolz beleidigt fühlen, weil ich Ihnen geſagt habe, daß ich für Sie keine Liebe fühle. Ich beſchwöre Sie, auf die Bedeutung meiner Worte wohl zu merken! ich habe auf die Liebe eines rechtſchaf⸗ fenen Mannes kein Recht mehr, ich bin deren unwürdig... — Fräulein, was ſagen Sie da? rief Morvan mit 5 einer Empfindung, daß ihm beinahe das Herz zerſpringen wollte. — Ich habe Sie gebeten mich nicht zu unterbrechen, entgegnete Nativa, und blickte den unglücklichen jungen Mann, der bei der eben gemachten Entdeckung beinahe das Bewußtſein verlor, mit unverhohlenem Mitleid an. Ein Unbetheiligter, der dieſer Scene beigewohnt hätte, wäre bei den Leiden des jungen Mannes nicht unempfindlich ge— blieben; der Unglückliche ſah Mitleid erregend aus. Der Streich, der ihn jetzt getroffen hatte, war auch ſo unvorhergeſehen, daß er ihm die ſchmerzlichſte Wunde ſchlug. Wenn er eben niedergeſchlagen war, hatte Morvan Na⸗ tiva's Liebe für ihn zwar zuweilen bezweifelt; aber niemals wäre er auf die Vermuthung gekommen, daß ein Hinderniß aus der Vergangenheit der reizenden Spanierin ſich hemmend zwi⸗ ſchen ſeine und ihre Exiſtenz ſtellen könnte. Ein ſolcher Ver— dacht hätte ihm eine abſcheuliche Entweihung geſchienen. Und plötzlich geſteht ihm dieſes junge Mädchen, das er über die ganze Menſchheit geſtellt hatte, kalt und ruhig, daß ſie ein gefallener Engel ſei; daß ſie auf die Liebe eines rechtſchaffenen Mannes kein Recht mehr habe, daß ſie ſeiner Liebe unwürdig ſei!— Zu dieſer niederſchlagenden Entdeckung geſellte ſich für Morvan noch das peinliche Gefühl der Eiferſucht. Einige Secunden erlitt Morvan ſo große Qualen, daß er ſich vor nahendem Wahnſinn fürchtete; aber endlich gelangte er, Dank jener plötzlichen und geheimnißvollen Reſignation, die gerade oft mit dem größten Schmerz kommt, wieder zur Beſin⸗ nung, und beſchloß mit der grauſamen Wolluſt der Menſchen, die ſich verloren ſehen, ſeine Wunde zu erweitern und den Kelch der Bitterkeit bis auf den Grund zu leeren. — Fräulein, ſprach er zu Nativa, ich beſchwöre Sie vor keiner Demüthigung zurückzubeben, und mir Ihre Vergangen⸗ heit aufrichtig zu erzählen. Vielleicht verdiene ich durch den harſch vielle unſin glau ſcwi von enteh zitte bey kelte volle wie Eut der br Gy mei dur uf une Ve win bet ſn ———— barſchen Freimuth, den ich Ihnen jetzt beweiſe, Ihr Vertrauen; vielleicht werden mich die Schrecken Ihrer Erzählung von der unſinnigen und ſchmachvollen Liebe, die mich quält, heilen. Ich glaube, es ſei nicht nöthig Ihnen zu betheuern, daß ich ver⸗ ſchwiegen ſein werde; ich begreife, daß man ein geliebtes Weib, von dem man getäuſcht wurde, tödten, aber nicht daß man ſie entehren kann. Morvan machte eine Pauſe, und ſprach dann mit dumpfer zitternder Stimme weiter: — Wie heißt Ihr Geliebter, Fräulein? Nativa, die dem jungen Manne bis dahin kalt und un⸗ beweglich zugehört hatte, bebte jetzt vor Zorn, ihr Auge fun⸗ kelte, und ein lebhaftes Roth bedeckte ihre Wangen. — Ritter, entgegnete ſie mit ſtolzem und verachtungs⸗ vollem Blick, haben alſo die Edelleute Ihrer Nation wirklich, wie mein Vater behauptet, ſo wenig Zartgefühl, daß ſie die Entehrung nur dann erkennen, wenn ſie den niedrigſten Grad der Entſittlichung erreicht hat? Sie fragen, wie mein Gelieb⸗ ter heiße; Sie glauben alſo, daß ich es wagen würde, mit dem Grafen von Monterey unter einem Dache zu leben und den Blick meines Vaters zu ertragen, wenn ich die Ehre unſeres Hauſes durch einen unverbeſſerlichen Fehlttitt befleckt hätte? Dieſe mit ergreifender Entrüſtung und überzeugender Aufrichtigkeit ausgeſprochenen Worte machten auf Morvan einen unerhörten Eindruck, und gaben ſeinen Gefühlen eine plötzliche Wendung. — So ſind Sie doch der Liebe eines rechtlichen Mannes würdig? rief er mit ausgelaſſener Freude. — Ich habe Sie beim Beginn unſerer Unterredung ge⸗ beten mich nicht zu unterbrechen. Ich wiederhole meine Bitte. Die reizende Spanierin ſchwieg eine Weile um ſich zu ſammeln und fuhr dann mit gewiſſer Feierlichkeit fort: ⸗ — Vor einem Jahre begab ich mich mit meinem Vater von Carthagena nach St.⸗Domingo, als wir von den Bouca⸗ niern der Inſel Tortue angegriffen wurden. La Conception, ſo hieß unſer Schiff, hatte zwanzig Kanonen und ſechzig Ma⸗ troſen an Bord, commandirt wurde das Schiff von einem der tapferſten und erfahrenſten Kapitäne der königlich ſpaniſchen Marine. Die Flibuſtier waren ihrer achtzehn und fuhren in einem Boot, das an allen Seiten leck war. Der Ausgang die⸗ ſes Kampfes ſchien ſo wenig zweifelhaft, daß unſer Kapitän, als er die Tollkühnheit unſerer Gegner ſah, vor allem an die heilige Jungfrau ein Dankgebet richtete. In dieſem tollen An⸗ griff ſah er nichts weiter als die Gelegenheit, einige der für unſere Nation ſo fürchterlichen Räuber ohne Gefahr zu vernich⸗ ten. Das ſchwache Boot der Flibuſtier war kaum einige Schritte von der Conception entfernt, als unſer Kapitän auf ſie feuern ließ. Unſere erſten Schüſſe bohrten ihr Fahrzeug in den Grund. — Und ſie gingen alle zu Grunde! unterbrach Morvan. — Eine halbe Stunde ſpäter, fuhr Nativa erbleichend fort, hatten die Boucanier, nachdem ſie ſchwimmend auf unſer Schiff gelangt waren und zwei Drittel unſerer Mannſchaft ge⸗ tödtet hatten, uns in ihrer Gewalt. — Aber das iſt ja wunderbar, unmöglich! — Sie müſſen wiſſen, Herr Ritter, daß den Boucaniern nichts unmöglich iſt, als das Gute. Jeden Tag führen Sie deß⸗ gleichen aus, was ich Ihnen erzählt habe, und was Sie für wunderbar halten. Ich fahre fort. Mein Vater, der ſich wäh⸗ rend des Kampfes tapfer benommen hatte, erhielt am Ende des⸗ ſelben eine ſchwere Wunde und ſank bewußtlos in einen Haufen von Leichen. Armer Vater! Warum war er nicht lieber bei mir geblieben! Wenn er den Sieg der Boucanier geſehen hätte, ſo hätte er mir ohne Zaudern den Dolch in die Bruſt geſtoßen, und ic unerbi halten und f gewiß kann. lichkei durch Gefe fult, worte nem doß dieſe ner Mein nit verſt bew nuß hein ihn gro den Liel ſun wer ſein ſul — und ich brauchte heute nicht die Qual einer ſchmachvollen und unerbittlichen Erinnerung von mir abzuwehren. Nativa konnte ſich bei dieſen letzten Worten nicht ent⸗ halten zu ſeufzen; jedoch bald überwand ſie ihre Bewegung, und fuhr ruhiger geworden in ihrer Erzählung fort: — Der Chef der Boucanier, die uns beſiegt hatten, war gewiß der außerordentlichſte Menſch, den man ſich vorſtellen kann. Er bezeugte mir mit ausgezeichneter Lebensart und Höf⸗ lichkeit all jene zarten Aufmerkſamkeiten, an die man ſich nur durch langjährigen Umgang mit der beſten Geſellſchaft gewöhnt. Gefeſſelt von ſeiner Ehrerbietung, und dankbar für die Sorg⸗ falt, die er meinem Vater gegenüber an den Tag legte, ant⸗ wortete ich ihm gern, wenn er mich anredete. Um Ihnen mei⸗ nem Verſprechen gemäß alles zu geſtehen, muß ich Ihnen ſagen, daß meine Einbildungskraft von dem außerordentlichen Weſen dieſes Mannes bezaubert war; ich ahnte ein Geheimniß in ſei⸗ ner Vergangenheit, das meine Neugierde aufs Höchſte erregte; meine Gedanken beſchäftigten ſich mit ihm. „Was ſoll ich Ihnen weiter ſagen! Dieſer Elende, der mit hölliſchem Geiſt und einer Liſt ohne Gleichen begabt iſt, verſtand es, ohne ſich von der Ehrerbietung, die er mir immer bewies, zu entfernen, mir ſeine Liebe zu geſtehen; dieſer Mann muß, wie mein Beichtvater mir verſichert hat, von einer ge⸗ heimen böſen Macht unterſtützt geweſen ſein. Denn ich wies ihn nicht zurück! Er gab mir zu verſtehen, daß er von einem großen Hauſe, und durch einen Familienverdruß genöthigt wor⸗ den ſei, ſich in ein abenteuerliches Leben zu ſtürzen; aber ſeine Liebe zu mir hätte ihm die Augen geöffnet, er ſehe ſeine Ge⸗ ſunkenheit ein und beklage die Fehler ſeiner Vergangenheit, er werde nunmehr alle ſeine Kräfte anſtrengen, um die Irrthümer ſeiner Jugend durch Reue und durch ein edles Beſtreben aus⸗ zulöſchen. Er malte mir dann ſeine neue Zukunft mit ſo leb⸗ haften und verlockenden Farben, eine ſchöne Zukunft, die er, wie er ſagte, mir allein zu verdanken habe: daß ich ſtolz und glücklich war, weil ich eine ſolche Bekehrung zu Stande ge⸗ bracht, ſo viel Glück geſtiftet zu haben glaubte. — Von dieſem Glauben an ſein Geſtändniß, unterbrach Morvan Nativa, gab es nur einen Schritt zu— — Sie ſind ſtreng, Herr Ritter, antwortete das junge Mädchen, den Kopf ſenkend, aber Ihre Strenge iſt durch mein unverzeihliches Benehmen gerechtfertigt; ich habe ihm auch ein Geſtändniß gemacht! — Wie? Unter welchen Umſtänden? Was iſt hierauf erfolgt? entgegnete Morvan, der ſich, leichenblaß, bis auf's Blut in die Lippen biß. — Einen Tag, bevor uns die Boucanier, ohne Löſegeld zu verlangen, auf ſpaniſchen Boden brachten, näherte ſich mir der Elende mit rührender Stimme, die aus dem Herzen zu kom⸗ men ſchien, und ſprach:„Senorita, wenn der Boucanier, den Sie von der Schande errettet haben, eines Tages als Wieder⸗ geborner vor Sie hintreten ſollte, und wenn er von den Be⸗ weiſen, daß er einer der berühmteſten Familien Europa's an— gehört, unterſtützt wäre, würden Sie Anſtand nehmen, die hohe Sendung, die Sie übernommen haben, zu vollenden? Würden Sie den Unglücklichen mit Verachtung in ſeinen Abgrund zurückſtürzen?“ „Nein“, antwortete ich. „Ach, Sie ſind mein guter Engelgrief er, mein Schutz⸗ engel!“ und hingeriſſen von Dankbarkeit führte er, ehe ich mich deſſen verſah, meine Hand an ſeine Lippen, und ent⸗ fernte ſich dann in größter Aufregung. Den andern Tag blickte ich traurig der davonſegelnden Conception nach, als mir eine meiner Zofen einen Brief überbrachte, den der Boucanier für mich zurückgelaſſen hatte. Ich war ſo ſchwach dieſen Brief zu = ffnen, Fehler, ſchrieb den ich nüthige Deine Venn hegte, atig! Pouca digung Ruf. ten ha betun ne a dieſes Vund geſchla ju ftel einen beufu ſeinen — öffnen, deſſen Inhalt, eine gerechte Züchtigung für meinen Fehler, mir unbarmherzig im Gedächtniß blieb. Der Bandit ſchrieb mir Folgendes:„Liebes Kind, ich bin auf den Sieg, den ich über Dich davon getragen habe, über Dich, Du hoch⸗ müthiges Mädchen, weit ſtolzer als auf alle meine Siege über Deine Landsleute. Wenigſtens hat Dein Herz ſich vertheidigt. Wenn ich gegen die Weiber nicht eine grenzenloſe Verachtung hegte, ſo hätte ich faſt die Laune Dich zu lieben. Du biſt ſehr artig und drollig! Wenn man in Deiner Gegenwart von uns Boucaniern Böſes ſprechen wird, ſo wirſt Du unſere Verthei⸗ digung übernehmen: Du weißt, daß wir beſſer ſind als unſer Ruſ. Sei nicht böſe auf mich, weil ich Dich nicht zur Gelieb⸗ ten haben wollte; Du hätteſt mich ermüdet, und mir binnen vierundzwanzig Stunden mißfallen, während ich heute von Dir eine angenehme Erinnerung mitnehme. Adien!“ Durch den Ausdruck, mit welchem Nativa den Inhalt dieſes Briefes wiederholte und betonte, begriff Morvan die tiefe Wunde, welche der ſtolzen Tochter des Grafen von Monterey geſchlagen worden ſei, und welche noch blutete. Uebrigens konnte der junge Mann nicht umhin ſich ſehr zu freuen. Nativa's Gewiſſensbiſſe bewieſen ihm, wie zart ihre Gefühle waren. Und gab ihm nicht das Mitleid, das ſie für einen Abenteurer gehegt hat, indem ſie ſich zu deſſen Rettung berufen glaubte, ein Recht zu der ſchönſten Hoffnung? Nativa, die nun wieder zu ſprechen begann, entriß ihn ſeinen Gedanken. — Sie werden nün begreifen, Herr Ritter, daß ich auf die Liebe eines Mannes von Herz kein Recht habe. — Nein! tauſendmal nein, mein Fräulein, auf Ihnen haftet keine Schuld. Man müßte eben ſo ungerecht als grau⸗ ſam und finnlos ſein, wollte man Sie in dieſer Sache anklagen. Sie waren nur das Spielzeug Ihrer Großmuth; und was iſt die ganze Vergangenheit, die nach Ihrer Behauptung auf Ihrer Gegenwart ſo ſehr laſtet? Ein unbedeutendes Geſtändniß an einen Mann gerichtet, den Sie nicht wiederſehen müſſen. Er⸗ lauben Sie mir zu bemerken, daß Sie die Wichtigkeit einer folgenloſen Thatſache nur mit Fleiß ſo hochanſchlagen; Sie brauchen da nur zu vergeſſen. — Ritter, Ihre Worte beweiſen mir entweder die be⸗ klagenswerthe Meinung, die Sie von mir hegen, oder daß Sie ſich ſelber ſehr wenig achten. Wie! Sie ein Edelmann, wür⸗ den Ihren reinen Namen einem Weibe ſchenken, das einem an— dern Manne ſeine Liebe geſtanden hat! — Aber, Fräulein—„ — Wenn dieſer Mann, fuhr das Mädchen mit Bitter⸗ keit fort, jeden Tag zurückkommen und Ihnen ein entehrendes Wort ins Geſicht ſchleudern kann!— Ach Ritter, ich ſehe daß mein Vater Recht hat, wenn er die franzöſiſche Jugend ver— achtet. Hören Sie mich nun ohne weitere Unterbrechung an! Ich, die mit anderen Ideen und anderen Grundſätzen, als welche hier zu Lande gebräuchlich ſind, erzogen wurde, ich habe geſchworen, daß ich, ſo lange dieſer Boucanier auf der Welt ſein wird, ſo lange es auf der Erde einen Mann gibt, vor dem ich zu erröthen habe, die Huldigung keines Mannes annehmen, und mit meiner verdienten Schande, mit meinem Schmerz allein bleiben werde. Dieſe mit würdevoller Energie ausgeſprochenen Worte brachten auf Morvan einen außerordentlichen Eindruck hervor. — Sie haben Recht, Fräulein, dntwortete er nach kur⸗ zem Stillſchweigen. Die Freude zu erfahren, daß die Schranken, die mich von Ihnen trennen, nicht unüberſteiglich ſeien, daß der Fehler, deſſen ſie ſich in ſo edler Weiſe anklagen, die von mei⸗ ner Verzweiflung geträumte Grenze nicht erreicht habe, alles dies hat meine Augen über die Größe des Schimpfes, der Ih⸗ — nen a Ihnen wiede bretag vor de ſenken denn müſſe noch Sie hebte Fehlt daru Syll ſpuc leid nem ters daue ſe zaud nige daß Shl Stl ſn den nen angethan wurde, geblendet. Ich bewundere Sie, ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich an die Ehre erinnert haben, und wiederhole es Ihnen, daß Sie Recht haben: das Weib eines bretagniſchen Edelmannes darf nicht der Gefahr ausgeſetzt ſein, vor den verachtenden Blicken eines Mannes das Haupt demüthig ſenken zu müſſen. Sie brauchen zwar nicht gerächt zu werden, denn dieſer Boucanier konnte Ihnen nicht nahe treten, aber Sie müſſen vor jedem Schimpf geſichert werden. Ich muß Sie daher noch um den Namen dieſes Elenden fragen, der ſich zwiſchen Sie und Ihr Glück geſtellt hat. Nativa ſchwieg, und blieb in Gedanken verſunken. — Fräulein, fuhr der junge Mann mit Feuer fort, Sie bebten nicht vor dem Geſtändniß deſſen zurück, was Sie Ihren Fehltritt nennen, und jetzt ſcheinen Sie zu zaudern, da es ſich darum handelt mir den Namen des Schuldigen zu überliefern! Sollte Ihr Herz, während Ihr Mund ein Todesurtheil aus⸗ ſprechen muß, in unverzeihlicher Schwäche ein unwürdiges Mit⸗ leid hegen? Zweifeln Sie an meinem Wort oder an mei⸗ nem Muth? — Ich kann den Muth, dem ich das Leben meines Va⸗ ters zu verdanken habe, nicht in Zweifel ziehen; aber Ihre Aus⸗ dauer kenne ich nicht, da ich noch nicht Gelegenheit gehabt habe ſie zu würdigen. Und warum ſoll ich es Ihnen verhehlen? Ich zaudere Ihre Hilfe anzunehmen. Es gibt Opfer, welche denje— nigen, denen man ſie bringt, eine ſolche Dankbarkeit auferlegen, daß ein edles Herz anſteht ein ſolches Opfer anzunehmen. — Muß ich Ihnen denn wiederholen, was ich Ihnen im Schloß Leguilloux de Pennenroſe geſagt habe? Ich bin der Sklave Ihres Willens, und finde mein Glück in dem Gehor— ſam, den ich Ihnen leiſte! Ich beſchwöre Sie noch einmal mir den Namen jenes Mannes zu entdecken. — Aber dieſer Mann, Herr Ritter, iſt von Ihnen in dieſem Augenblick durch die zwei Tauſend Meilen des großen Ozeanes getrennt! Wollen Sie ſich einſchiffen um ihn aufzuſuchen? — Ja, Fräulein! — Ritter, Sie haben ein großes und edles Herz, ſprach Nativa mit einer Bewegtheit, die ſie dem jungen Manne gegen⸗ über noch niemals gezeigt hatte. Je mehr ich unſer wunderbares Begegnen überlege, deſto mehr bin ich überzeugt, daß nur die Vorſehung Sie mir geſendet hat. Dieſe aus voller Seele kommenden Worte verurſachten dem jungen Manne eine Freude, die weit größer war, als jemals ſeine größte Verzweiflung es geweſen. — Ritter, fuhr Nativa fort, Ihre Worte entheben mich jeder Aengſtlichkeit; ich will Sie in meine Plane einweihen, und vor Ihnen nichts verborgen halten. Da aber das Geheim— niß, das ich Ihnen anvertrauen werde, nicht mein eignes iſt, ſo fordere ich von Ihnen einen feierlichen Eid, daß Sie es nie⸗ mals verrathen werden. — Mein Wort als Edelmann iſt der feierlichſte Eid, den ich kenne; ich ſchwöre Ihnen bei der Ehre meines Namens und bei dem Heil meiner Seele, daß— und ſollte es mir das Leben koſten— niemals meinen Lippen ein Wort entſchlüpfen wird, welches Ihr Geheimniß enthüllen könnte. — Dank, Herr von Morvan; jetzt rede ich ohne Furcht. Nativa fuhr nach einer kleinen Pauſe fort: — Ich weiß nicht, Ritter, obIhnen einige geheimniß⸗ volle Worte, die ich in dem Schloß Leguilloux in Bezug auf Ihre Zukunft ausgeſprochen haben, im Gedächtniß geblie— ben ſeien. — Vollkommen, mein Fräulein. Sie ſagten, Sie ken⸗ nen ein Unternehmen, deſſen glücklicher Ausgang mich, was Macht und Reichthum betrifft, den Mächtigſten und Reichſten gleichſtellen würde. —,———————— — — jeztn Scha tillen hen; Menſ Veiſt Sch die ſ der( dem Oyft — Das iſt es! Von eben dieſem Unternehmen will ich jetzt mit Ihnen ſprechen.— Sie können ſich ſchwerlich von dem Schaden eine Vorſtellung machen, den die Boucanier der An⸗ tillen dem Handel und dem Wohlſtand meiner Nation verurſa⸗ chen; die Nachbarſchaft dieſer unternehmenden und ſchrecklichen Menſchen, welche der Entwickelung unſerer Größe in ſo fataler Weiſe ſchadet, iſt für die kaſtilianiſche Ehre eine unerträgliche Schmach. Nicht nur ſcheuen ſich die kühnen Banditen nicht die ſpaniſche Flagge zu inſultiren, ſondern leider krönt auch der Erfolg ihre Kühnheit in unerklärlicher Weiſe; mit je⸗ dem Tage wächſt ihre Macht, mit jedem Tage wird unſere Flagge mehr gedemüthigt. Unſere Regierung hat unermeßliche Opfer gebracht, um die Boucanier zu vernichten, und dieſe Opfer haben uns vieles Gold und unſer beſtes Blut gekoſtet. — Ich begreife aber nicht, unterbrach Morvan Nativa, daß eine ſo mächtige Nation wie Spanien mit einer Handvoll Banditen, die weder Hilfsquellen noch Disciplin haben, nicht fertig werden kann. Ich habe über dieſe ſonderbare Thatſache ſchon oft nachgedacht, und mir ſie niemals erklären können. — Sie irren ſehr, Herr Ritter; die Boueanier ſind keine undisciplinirten Banditen, die ihre Unternehmungen in den Tag hinein beginnen; das eben macht ihre Stärke aus, daß ſie eine mächtige Organiſation beſitzen, und mit einer fanatiſchen Ergebenheit, welche keine Grenzen kennt, dem Willen eines geheimnißvollen Oberhauptes gehorchen, das eine ſchrankenloſe Macht beſitzt. Die ſpaniſche Regierung hat dieſe Ueberzeugung erlangt, nur konnte ſie noch nicht in Erfahrung bringen, wer ihr Oberhaupt ſei, und was für eine Organiſation ſie haben. Vergebens hat man die in unſere Hände gefallenen Boucanier den ſchrecklichſten Qualen unterworfen; entweder kannten dieſe Elenden das Geheimniß ihrer politiſchen Exiſtenz ſelber nicht, oder ſie fanden in ihrem wilden Enthuſiasmus für das Böſe die 2. — 15 Kraft, die größten Schmerzen zu ertragen; genug an dem, niemals hat einer von ihnen die Urſache ihrer Macht enthüllt, alle ſtarben ſie, indem ſie uns noch mit ihrem letzten Athemzug herausforderten und beſchimpften. — Wie ſehr iſt es zu bedauern, ſprach Morvan mit un⸗ willkührlicher Bewunderung, daß ſolche Naturen den Weg des Laſters betreten haben! Welch große Dinge hätte man mit ſolchen Menſchen ausführen können. Aber vergeben Sie mir, Fräulein, wenn ich Sie noch einmal unterbreche, fuhr der junge Mann fort; ich kann mir über das directe Intereſſe, welches Sie an der Vernichtung der Voucanier nehmen, keine Rechenſchaft geben. — Das iſt eben das Geheimniß, welches ich Ihnen uoch anzuvertrauen habe. Mein Vater, der Graf von Monterey, welchen die Freundſchaft und das grenzenloſe Vertrauen unſerer unglücklichen Königin Marie Louiſe für ihn vor der Augsburger Liga verdächtig gemacht haben, mußte nach dem gewaltſamen Tode dieſer vortrefflichen Fürſtin den Hof verlaſſen. Seit jener Zeit, das iſt etwa vor ſechs Jahren, benützte mein Vater ſeinen Aufenthalt in Hispaniola, wohin er ſich zurückgezogen hatte, das Weſen und die Thaten der Boucanier mit unausgeſetztem Fleiß zu ſtudieren. Dank ſeinen tiefen Kenntniſſen von den Sitten dieſer Banditen, von ihrer Art zu kämpfen, und von den Schlupfwinkeln, wo ſie ſich aufhalten, hat er die unerſchütter⸗ liche Ueberzeugung erlangt, daß dieſe ſchändliche Macht, die in der Geſchichte ohne gleichen da ſteht, binnen einem Jahre ſpur⸗ los verſchwunden wäre, wenn er das Band entdecken könnte, welches ſie unter ſich zuſammenhält. Mein Vater, der ſeit ſechs Monaten an den ſpaniſchen Hof zurückgekehrt iſt, hat Sr. Majeſtät Karl II. ſeine Hoffnungen und Pläne vorgelegt, und von ihm die mit unbegrenzter Vollmacht verbundene geheime Miſſion erhalten, ſeinen Gedanken zur Ausführung zu bringen. Deßhalb befinden wir uns jetzt auch am franzöſiſchen Hofe. Anſicht whr, Exreße find u Macht von S lange gegne Graf Syn ong hen Bon und hatt ez wen en in, nn an en. len ey, ger nen ner en tte, tem den den tet⸗ ein pur⸗ nte, ſeit und eime gel —— — Glauben Sie Fräulein, daß ſich Ludwig XIV. den Anſichten des Königs von Spanien anſchließen werde? Es iſt wahr, daß die Boucanier abſcheuliche Banditen ſind; aber ihre Erceße, die Spanien unaufhörliche Verlegenheiten bereiten, ſind unſerer eigenen Sicherheit nützlich, und vermehren unſere Macht. Ich darf daher zweifeln, daß der Graf von Monterey vom König von Frankreich die Unterſtützung und die Hilfe er⸗ langen werde, die er da erwartet. — O was den guten Willen Ludwig XIV. betrifft, ent⸗ gegnete Nativa lächelnd, ſo iſt mein Vater deſſen gewiß. Der Graf von Monterey beſitzt ein ſicheres Mittel, zwar nicht ſeine Sympathie zu erwecken, aber ſeinen Willen zu lenken. Uns mangeln weder Geld, noch Muth, noch Verbündete; wir brau⸗ chen nur das geheimnißvolle Band zu entdecken, welches die Boucanier unter ſich zuſammenhält, und ihnen zu unſerer Schmach und unſerem Schaden eine ſo unüberwindliche Macht verleiht. Wie intereſſant ihm auch dieſes Geſpräch geweſen ſei, ſo hätte Morvan mit der reizenden Spanierin doch weit lieber von Liebe als von Politik geſprochen, und in dieſem Sinne ſagte er zu ihr: — Ich begreife nicht, wie dieſes Alles mit dem zuſam⸗ menhängt, was Sie mir zu ſagen haben— — Ich komme ſchon zu dem, was Sie betrifft; ich habe Ihnen bereits geſagt, daß mein Vater von Karl Il. mit un⸗ begrenzter Vollmacht bekleidet iſt; nehmen Sie dieſes Wort in ſeiner ganzen Bedeutung an. Der Graf von Monterey hat das Recht nach ſeinem Gutdünken Rang und Würde zu verleihen. Ein von ihm unterzeichnetes Brevet, das Jemanden zum Ge⸗ neral und Granden von Spanien ernennt, mit einem Jahres⸗ gehalt vdn hundert Tauſend Piaſtern, ungefähr eine halbe Mil⸗ lion Ihres Geldes, würde vom König anerkannt werden. Ver⸗ ſtehen Sie mich? — — Vollkommen, mein Fräulein; nur ſehe ich nicht ein, wie ſich das auf mich beziehe. ſhwe — Wie! Sie begreifen nicht, daß Sie als Franzoſe, niede als ruinirter Edelmann, und vorzüglich durch Ihren glänzenden Muth das Vertrauen der Boucanier gewinnen, und zu ihren nn Geheimniſſen gelangen könnten! Um Sie beſſer täuſchen zu zuve können, würden Sie an ihren Expeditionen theilnehmen. Sie ul wären einer der ihrigen. Ich weiß es, daß Ihr Zartgefühl dabei zu leiden hätte; aber der Gedanke Spanien zu dienen, ng und daß hoher Rang und ein beneidenswerthes Glück Ihr Lohn heil würden, dieſer Gedanke müßte Sie aufrecht halten. doß Nativa hatte ſich bei dieſen Worten begeiſtert; aber in uni dem Maße als der Enthuſiasmus des jungen Mädchens wuchs, wurde der junge Mann immer bläſſer. niß — Fräulein, ſagte er nach kurzem Stillſchweigen und ner ohne ihre bezaubernden Blicke zu beachten, ich bemerke mit einer ver Entmuthigung, die ich Ihnen nicht verhehlen will, daß Sie bis⸗ ʒur her von meinem Charakter eine abſcheuliche Meinung gehegt haben. bee — Ich, Herr Ritter! rief Nativa mit dem größten Er⸗ ſtaunen. Was ſagen Sie da? zn — Wären die Boucanier die grauſamſten Mörder, die nit abſcheulichſten Banditen, ſo würde Derjenige, der ſich ihnen u anſchließt, mit ihnen zu Tiſche geht, und ihre Gefahren theilt, w um ſie heute oder morgen ungeſtraft zu verkaufen, in den Augen U aller rechtlichen Menſchen als Spion und Verräther gelten! Er zu würde niederträchtig bleiben und wenn er noch ſo viel Gold und ho Würden beſäße! Und ich, ein ruinirter Edelmann, wie Sie ſich auszudrücken beliebten, würde mit einem ſolchen Menſchen ſe meinen Degen nicht kreuzen, und wäre er auch ein Grand von nſt 2 n— 5.. Spanien und beſäße er Millionen! Ich würde ſeinen Beleidi⸗ gungen mit Verachtung, ſeinen Gewaltthätigkeiten mit dem zn Stocke begegnen!——* ein, zoſt, nden hren Auf dieſe Antwort Morvan's erfolgte ein langes Still⸗ ſchweigen. Nativa ſchien trotz ihrer gewöhnlichen Sicherheit wie niedergedonnert. Der junge Mann ergriff zuerſt wieder das Wort. — Fräulein, ich habe Sie ohne Zweifel beleidigt, ſagte er mit ſanfter und gerührter Stimme; ich beſchwöre Sie mir zu vergeben. Warum haben Sie auch das Opfer meiner Liebe verlangt! — Ich hätte von Ihnen das Opfer Ihrer Liebe ver⸗ langt? entgegnete Nativa erſtaunt. Habe ich nicht im Gegen⸗ theil Ihrem Ehrgeiz eine Ausſicht eröffnet, und Ihnen gezeigt, daß Sie Hinderniſſe und Klüfte überſteigen können, die Sie für unüberſteiglich gehalten haben? — Fräulein, ſagte Morvan, indem er zweifelnd und mißmuthig den Kopf ſchüttelte, heißt das nicht das Opfer mei⸗ ner Liebe verlangen, wenn Sie mir rathen niederträchtig zu werden? Ich ſehe, Sie haben für mich weder Sympathie noch Zärtlichkeit. Ein Weib wie Sie muß vor Allem für die Liebe desjenigen beſorgt ſein, den ſie liebt. — Ich verſichere Sie, Ritter, verſetzte Nativa mit einer gewiſſen Rührung, daß ich über die Rolle, die Sie zurückweiſen, mit Ihnen nicht einer Meinung bin. Ich glaube, daß die Liſt erlaubt ſei, wenn es ſich darum handelt der Menſchheit einen großen Dienſt zu leiſten, ſchauderhaften Räubereien ein Ende zu machen und grauſame Ungeheuer zu beſtrafen. Uebrigens be⸗ greife ich Ihre Skrupel; ich füge noch hinzu, daß ſie meine Hochachtung für Sie vermehren. Nativa ſchwieg hierauf einige Augenblicke, dann ſprach ſie mit jener naiven kindlichen Grazie lächelnd, welche die ſpa⸗ niſchen Frauen bis zu fieghafter Coquetterie erheben: — Sie ſind jetzt von einer großen Reiſe ohne Mühe zurückgekehrt. — Keineswegs, mein Fräulein, entgegnete der junge — 2— Mann ernſthaft; aus meinen Anſichten folgt noch nicht, daß ich mich weigere dem Vorhaben des Grafen von Monterey beizu⸗ treten, und daß ich mein Ihnen gegebenes Wort zurücknehme. Ich verpflichte mich ſogar Sie von dem Elenden zu befreien, deſſen Tod zu Ihrem Glücke nöthig iſt, ich hoffe auch mein Unternehmen mit Gottes Hilfe auszuführen. Erlauben Sie mir daher, daß ich Sie wiederholt bitte, mir den Namen des Mannes mitzutheilen, den Sie verurtheilt haben. — Das kann ich noch nicht, antwortete Nativa nach einiger Ueberlegung; ich wünſche, daß Sie früher von dieſem Manne, welcher der berühmteſte unter den berühmten Bouca⸗ niern iſt, auf dem Schauplatz ſeiner Thaten ſelbſt reden hören. Nur dann, wenn Sie nämlich ſelbſt erkennen werden, wie fürchterlich er iſt, werde ich Ihnen ſeinen Namen ſagen; wenn Sie auch dann noch auf Ihrem edlen Entſchluſſe beharren, ſo werde ich Ihr Wort annehmen. Bis dahin, vergeſſen Sie das nicht, halte ich Sie durch kein Verſprechen gegen mich per⸗ pflichtet. Aber es wird ſpät, fügte Nativa hinzu, ich muß Sie verlaſſen. Ritter, Ihren Arm. Als das junge Mädchen vom Fortgehen ſprach, bemerkte Morvan, aber zu ſpät, daß er von all den Dingen, mit welchen er Nativa zu unterhalten gedachte, ihr noch kein Wort geſagt hatte; dieſer Gedanke verwirrte ihn, ſtatt ſeine Geiſtesgegen⸗ wart zu wecken; er dachte an das Dringendſte was noch zu thun ſei, und das war, zu bewirken daß Nativa ſich nicht mit einem ſchlimmen Eindruck von ihm entferne.—* — Ein Wort noch, ich beſchwöre Sie, Fräulein, ſprach er, indem er es wagte die reizende Spanierin ſanft am Arme zurückzuhalten. Ich habe es zwar verweigert und werde es im⸗ mer verweigern die Rolle eines Verräthers zu ſpielen; aber ich habe damit nicht geſagt, daß ich mich dem Grafen von Monte⸗ rey nicht anſchließen wolle. Die Boucanier gehören allen Na⸗ tionen yfen. und ich füt ein ſoeben dieſer es nie der F iſ. dafür Mowe lerien von bew zu 6 Rgar Cani Stn ven Aug ucht hinf inn ſin, tenn hih rkte hen ſut en⸗ nit rch me in⸗ tich onte⸗ N — 23— tionen an; gegen ſie kämpfen heißt nicht gegen Frankreich käm⸗ pfen. Möge mich der Graf als einfachen Volontär mitnehmen, und ich werde mir eine Ehre und ein Vergnügen daraus machen⸗ für eine ſo gerechte Sache mein Blut zu vergießen. — Nein, Ritter, das iſt nicht möglich. Sie haben mich ſoeben angeklagt, daß ich für Ihre Ehre nicht beſorgt ſei, und dieſer Vorwurf war mir außerordentlich empfindlich; ich werde es niemals zugeben daß Sie, ein franzöſiſcher Edelmann, in der Fremde eine Stellung einnehmen, die unter Ihrer Würde iſt. Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten und werde Ihnen ewig dafür dankbar bleiben. Das junge Mädchen erhob ſich nach dieſen Worten, nahm Morvans Arm und ging mit ihm hinab in den Garten der Tui⸗ lerien. In dem Moment, in welchem der Ritter die Schwelle von Renards Etabliſſement überſchritt, überreichte ihm ein La⸗ kai die Rechnung über den unberührt gebliebenen Imbiß, ſie betrug 44 Livres; der junge Mann gab dem Lakai 8 Thaler zu 6 Livres, und entfernte ſich. Kaum waren Morvan und Nativa hundert Schritte fort⸗ gegangen, als ſie denſelben jungen Herren, nämlich Broglie, Canillac, de la Fare und anderen begegneten, welche zwei Stunden vorher die Tochter des Grafen von Monterey mit ſo wenig Ehrerbietung angeſprochen hatten. — Du guter Gott! rief einer von ihnen, deſſen glänzende Augen und glühendes Geſicht zu vermuthen erlaubten, daß er recht wacker getafelt habe; Ihr lieben Freunde, der Zufall be⸗ günſtigt uns. Da iſt unſer Räthſel vom Vormittag. Lachen wir ein wenig! — Herr, ſagte Morvan, es würde mir ſehr unangenehm ſein, meinen Degen einem wehrloſen Manne durch den Leib zu rennenz jetzt kann ich mich nicht aufhalten, da ich die Dame am Arm habe, aber ich werde das Unvermeidliche thun müſſen, wenn Sie es noch einmal wagen werden... O tröſten Sie ſich! Nehmen Sie ſich die Mühe zu warten; in fünf Minuten werde ich zurück ſein. — Sehen Sie, das macht mich lachen, entgegnete der junge Mann, und grüßte Morvan graziös. Sie ſcheinen mir gut zu ſprechen, und noch beſſer zu fechten. Entſchuldigen Sie mich bei der Dame, und beeilen Sie ſich nicht. Ich werde Sie erwarten, und ſollte ich bis zum Abend da ſtehen müſſen. — Welche Thorheit, Ritter! ſagte Nativa leiſe. So ohne Grund ſein Leben auf's Spiel zu ſetzen. — Ich danke Ihnen für dieſes Intereſſe, entgegnete Morvan, indem er Nativa in die Kutſche ſteigen half, welche auf dem Platze de la Conference gewartet hatte. Aber fürchten Sie nichts; die bretagniſchen Degen taugen mehr als die der Stutzer von Paris und Verſailles. Dieſes Duell ſetzt mich kei⸗ ner Gefahr aus. — Das thut nichts, in einer Stunde ſchicke ich nach Ihrem Hotel, um von Ihnen Nachricht zu erhalten. Denken Sie an mich— auf Wiederſehen! Die Kutſche fuhr ab und Morvan blieb, hocherfreut daß Nativa eine Gefahr für ihn befürchtete, ſo lange auf dem Platze ſtehen, bis der Wagen ihm aus dem Geſicht gekommen war. — Jetzt will ich meinen Stutzer aufſuchen, ſagte er; dann eilte er nach dem Garten der Tuilerien zuück, wg er ſei⸗ nen unbekannten Gegner gelaſſen hatte. II. Der junge Mann, welcher Nativa ſo unhöflich angeredet hatte, als Morvan ſie am Arm führte, war zwanzig Jahre alt, hatte vierzigtauſend Livres Renten, und war ein Hausfreund — von Geyri gab er alle n geuden gleich Muth nitzen Natu wegen as ſ linge vorhi daher wies den heln die ig triel es 9 wen erd Geſ Rut Pro woll i Inele chter el 1at mien vom Bruder des Königs. Der Vicomte von Chatillon trug das Gepräge eines Roué der Regentſchaft. Unwiſſend wie er war, gab er ſich den Schein an nichts zu glauben, und nahm ſich zugleich alle mögliche Mühe ſein Vermögen und ſeine Geſundheit zu ver⸗ geuden. Er war frech und ſpöttiſch, weil er es ſeinen Freunden gleich thun mußte, beſaß aber dennoch natürlichen Geiſt und Muth; Wort und Waffen wußte er bei Gelegenheit gut zu be⸗ nützen: er war mit einem Wort im Grunde eine vorzügliche Natur. Brancas und der Marquis de la Fare ſtellten ihn eben wegen ſeiner Lebhaftigkeit ſanft zur Rede, ſchwiegen aber ſogleich als ſie Morvan ankommen ſahen. — Meine Herrn, ſagte der Bretagner mit von den Höf⸗ lingen erwiederter Höflichkeit, ich war ſehr zerſtreut, als Sie vorhin ſo gütig waren ſich mit mir zu beſchäftigen, und habe daher denjenigen nicht bemerken können, der mir die Ehre er⸗ wies mich hier erwarten zu wollen. — Ich bin es, mein Herr, antwortete der Vicomte, in⸗ dem er vortrat. Sie ſehen mich noch ganz verblüfft von den Fal⸗ beln Ihrer Göttin.— Du guter Gott! das iſt doch ein Weib, die mit Pomp und Aufſehen zu lieben verſteht. Ich würde fünf⸗ zig Piſtolen dafür geben, wenn ich ſie kennen lernen könnte. Dieſe mit ſeltener Unverſchämtheit hingeworfenen Worte trieben Morvan das Blut ins Geſicht; übrigens begriff er daß es geſchmacklos wäre, und daß er ſich lächerlich machen würde, wenn er ſich hinreißen ließe; Kraft ſeines Willens unterdrückte er daher ſeine Wuth ſo, daß ſich keine Spur davon in ſeinem Geſichte verrieth. — Ich verhehle Ihnen nicht, mein Herr, ſagte er an⸗ muthig, zum Vicomte von Chatillon gewendet, daß ich aus der Provinz komme, und von den Pariſer Gebräuchen wenig kenne; wollten Sie ſo gütig ſein mir den Ort zu nennen, wohin ich mich begeben muß um Ihnen die Gurgel abzuſchneiden? II. 3. — Die Gurgel abzuſchneiden! wiederholte der Vicomte mit lautem Gelächter; Parbleu! wenn man ſich ſolcher Aus⸗ drücke bedient, ſo braucht man es nicht erſt anzuzeigen, daß man aus der Provinz kömmt. Die Gurgel abſchneiden! Ich glaube meinen Urgroßvater zu hören! — Ihr Urgroßvater, ſagte Morvan, indem er ſeine Kalt⸗ blütigkeit fortbehielt, hätte meiner Ueberzeugung nach auf meine Frage mit einem einzigen Worte entgegnet; er hätte „hier“ geſagt. Heute iſt es, wie ich ſehe, erſt Mode zu plau⸗ dern; plaudern wir alſo, wenn es Ihnen angenehm iſt. Die Hauptſache bleibt immer die, daß Sie mir nicht entkommen. — Ah mein Herr aus der Provinz, was zum Teufel haben Sie denn für eine Meinung in Ihren Kaſtellen von den jungen Leuten am Hofe! Seien Sie überzeugt, daß wir, aus⸗ genommen in der Liebe, unſer Wort halten, wenn wir auch nicht ſo ſehr ernſt ſind. Ich habe mir vorgenommen, Sie mit meinem Degen zu treffen, und Sie können ſo gewiß ſein, als hätten Sie ſchon die Wunde. Aber Parbleu! weil ich eben vom Degen rede, betrachtet einmal, was für ein ſchönes Roland⸗ ſchwert der edle Junker beſitzt! — Mein Degen wäre freilich für Ihre Hände zu ſchwer, welche ſchon von Ihren Handſchuhen und Ihrem Spazierſtock ermüdet ſind; mich beläſtigt mein Degen nicht mehr als ein leichtes Rohr. Aber um Vergebung, mein Herr, wir verlieren ſchon zu viel Zeit; ich bin verblüfft von Ihrem Geiſte, wie Sie es von den Falbeln der Dame waren; wollen Sie nun, nach⸗ dem Sie ſich nach Luſt ausgeſprochen haben, erlauben, daß wir uns ein wenig damit beſchäftigen uns die Gurgeln abzuſchnei⸗ den, wie Ihr Urgroßvater geſagt hat? — Sogleich, mein Herr! antwortete der Vicomte ruhig. Laſſen Sie mich Ihnen vor Allem ſagen, wie ſehr mir Ihr Charakter gefällt, wie ſehr ich erfreut bin Ihre Bekanntſchaft genat Edehn fir di ver Schu Chat de la nicht ſchen Es ſ bein ſein wi wur ohn den daf iſt ni ig. Ihr aft gemacht zu haben. Sie müſſen erhalten werden, ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich tödte Sie nicht, ausgenommen aus Verſehen. — Und ich, mein Herr, verpflichte mich aus Dankbarkeit für die Unterhaltung, welche Sie mir verſchaffen, Sie bloß zu verwunden!— Es würde Ihnen mißfallen, wenn ich Ihnen die Schulter durchſtäche? — Gut! Durchſtechen Sie mir die Schulter! antwortete Chatillon ruhig. — Chatillon, genug des Scherzes! ſagte nun der Marquis de la Fare, indem er ſich in das Geſpräch miſchte. Du haſt nicht ſchlecht angegriffen, und der Herr hat ſich für einen Men⸗ ſchen, der aus der Provinz kommt, tapfer genug vertheidigt. Es ſei genug! Bis dahin hatte Morvan, der kaum ſicher war, ob er beim Sprechen nicht im Nachtheil ſei, die ſchlechten Späße ſeines Gegners ruhig genug ertragen. Aber als de la Fare da⸗ zwiſchen trat, um dem Streit einen friedlichen Ausgang zu ver⸗ ſchaffen, zeigte ſich dem Ritter der Schimpf, der ihm angethan wurde, in ſeiner ganzen Bedeutung, und er überließ ſich nun ohne Rückhalt ſeinem Zorne. — Wie heißen Sie, mein Herr? fragte er den Gegner barſch. — Viecomte von Chatillon. Ihnen zu dienen. — Nun bei Gott, wenn Sie noch fünf Minuten zö gern den Degen zur Hand zu nehmen, ſo rufe ich es überall aus, daß der Vicomte von Chatillon ein Grobian und ein Feigling iſt! rief Morvan mit bebender Stimme. Bei dieſem blutigen Schimpf griff der Vicomte ſogleich nach ſeinem Degen; aber de la Fare fiel ihm in den Arm. — Lieber Freund, ſagte er, Du vergiſſeſt zwei wichtige Dinge: erſtens, daß ein ärgerlicher Auftritt in den Tuilerien Renard's Etabliſſement ſchaden könnte, das uns doch zuweilen 3 ſo nützlich iſt; zweitens mußt Du den Herrn um ſeinen Namen fragen— — Und wäre dieſer Menſch ein Lump, ein gemeiner Co⸗ mödiant, ein Ladenſchwengel, antwortete der Vicomte, indem er auf Morvan mit hochmüthiger Miene deutete, ſo würde ich nichtsdeſtoweniger mich mit ihm ſchlagen! — Nach Deinem Belieben, antwortete der Marquis de la Fare kalt; nur wäre es mir in dem Falle unmöglich, Dein Secundant zu ſein. Alles was ich für Dich thun könnte, wäre, dem Duell als Neugieriger beizuwohnen. — Ich heiße Ritter Louis von Morvan, rief jetzt der Bretagner. — Morvan?— ich kenne nur den Grafen Morvan, der ufruhr der Bretagne im Jahre 1675 mit verwickelt war, und von welchem ſeitdem niemals wieder die Rede geweſen iſt. — Das war mein Vater, mein Herr! unterbrach ihn der Ritter mit Stolz. im A Auf dieſe Antwort grüßten ihn die jungen Herren höflich⸗ und de la Fare ſprach: — Mein Herr, wenn man einen Namen trägt, wie der Ihrige, ſo hat man ein Recht im Punkt der Ehre kitzlich zu ſein. Ich bin überzeugt, daß mein Freund, der Vicomte von Chatillon, es jetzt bereut, Sie leichtfertig behandelt zu haben. — Das heißt, ich bin in Verzweiflung darüber, ſagte der junge Mann. Morvan war durch dieſe Worte aus der Haltung gebracht, und wußte nicht, wie er ſich zu benehmen habe; aber der Vi⸗ comte zog ihn ſogleich aus der Verlegenheit, indem er fortfuhr: — Jetzt, Herr Ritter, da meine Entſchuldigungen jede Erklärung unmöglich, und den Zweikampf unvermeidlich machen, jetzt muß ich Ihnen ſagen, daß ich mein Möglichſtes thun werde, um Sie zu tödten; wenn Sie ſich die Mühe nehmen nir zu Grand den S wurde Namet werde das! ten E Vorf eines war dige ieri gen den Her ſre borz Kle daß geh —— mir zu folgen, ſo werden wir binnen fünf Minuten auf dem Grand⸗Cours ſein. Im Jahre 1695 bezeichnete man mit dem Grand⸗Cours den Spazierplatz, der an den Cours de la Reine ſtieß; ſpäter wurde der Grand⸗Cours mit Bäumen bepflanzt, und erhielt den Namen der elyſäiſchen Felder, welchen er noch heute trägt. — Fürchten Sie nicht, meine Herrn, daß wir da geſtört werden? fragte Morvan die jungen Herrn, als ſie an dem für das Duell beſtimmten Orte anlangten; ich ſehe auf allen Sei⸗ ten Spaziergänger. — Beruhigen ſie ſich, antwortete de la Fare, unſere Vorſichtsmaßregeln ſind bereits getroffen. Der Marquis pochte bei dieſen Worten an die Thüre eines Häuschens, vor welchem er eben ſtand; dieſes Häuschen war ſammt dem Garten, welcher dazu gehörte, von einer leben⸗ digen dichten Hecke umgeben, durch welche die Blicke der Neu⸗ gierigen nicht dringen konnten. Die Thüre ging ſogleich auf und die jungen Leute traten ein. — Anton, ſagte der Marquis de la Fare zu dem Hü⸗ ter des Häuschens, einem alten Bauer mit ruhigem ſanftmüthi⸗ gen Geſicht, bereite das Bett und rufe einen Arzt. Anton war, wie es ſchien, an derlei Affairen gewöhnt, denn er vernahm den Auftrag ohne Ueberraſchung. Die jungen Herrn gingen ſogleich in den Garten. Eine breite, gut geſtampfte und ſorgfältig mit Sand be⸗ ſtreute Allee durchſchnitt den Garten in der Mitte, und bot ein vorzügliches Terrain zum Fechten. Morvan beeilte ſich, ſeine Kleider abzulegen, ſein Gegner that dasſelbe. — Herr Ritter, ſagte der Vicomte, ich erkläre Ihnen, daß es ernſtlich meine Abſicht iſt, Ihnen hart auf den Leib zu gehen. Sie ſind von zu gutem Adel und Sie gefallen mir zu ſehr, als daß ich daran denken ſollte Sie zu ſchonen. — — Ich bin Ihnen unendlich verbunden für Ihre wohl⸗ antwortete Morvan; was mich betrifft, ſo bitte ich Sie um Erlaubniß, als ein hartnäckiger Bretagner bei wollenden Abſichten, meiner erſten Abſicht zu bleiben— — Welche Abſicht, Herr Ritter? — Ihnen die Schulter zu durchſtechen. — Ach ja, ganz wohl! Ich habe den verſprochenen Stich vergeſſen. Nocé und Canillac ſtellten ſich in Folge eines ſtillſchwei⸗ genden Uebereinkommens an die Seite Morvans, der ihnen mit einer Neigung des Kopfes für dieſen Dienſt dankte; la Fare und Broglie gingen auf Chatillons Seite. Die beiden Gegner nahmen ſogleich ihre Degen zur Hand, und fielen aus. — Fangen Sie an, meine Herren, ſagte der Marquis de la Fare. Der Kampf begann. Morvan galt, wie er uns am Anfang dieſer Geſchichte ſelbſt mitgetheilt hat, für einen geſchickten Fechter; und gewiß, er verdiente dieſen Ruf. Er verband mit einer unerhörten Be⸗ hendigkeit jene Ruhe und Geiſtesgegenwart, die nichts dem Zu⸗ Sfall überläßt, und von dem geringſten Umſtand den größten Vortheil zu ziehen weiß. Griſier, der beſte Fechter unſerer Zeit, würde zehn Jahre dafür geben, könnte er einen ſolchen Schü⸗ ler ausſtellen. Da übrigens der junge Edelmann wider Willen und ohne es einzugeſtehen den Pariſer Stutzern in allen Dingen einen Vorzug über die Edelleute der Provinz zuerkannte, ſo ging er am Anfang des Kampfes mit einer klugen Zurückhaltung vor und hielt ſich nur defenſiv; es kam ihm vor als ſtünde er in dieſem Augenblick für ſeine geliebte Bretagne ein, und er wäre lieber eine Stunde ſpäter getödtet als jetzt nur unbedeutend verletzt worden ſein. Der Vicomte von Chatillon war ein fleißi⸗ ger Be halbe terliche haſt zu von ein net E Ihres ſoglei ſenſ wege nes( gbe nicht wen wor ken, Res der gln vate hat ſ ger Beſucher der Fechtakademien; es genügte ihm auch nur eine halbe Stunde um von der wirklich hervorragenden und fürch⸗ terlichen Geſchicklichkeit ſeines Gegners überzeugt zu ſein. — Bei meiner Ehre, Ritter, rief er indem er ſich leb⸗ haft zurückwarf, um einer Ripoſte auszuweichen, die auf eine von einem Degagement begleitete Finte folgen mußte; bei mei⸗ ner Ehre, Ritter, ich leugne Ihnen nicht, daß mich die Länge Ihres Degens ein wenig ſtört, das iſt ja eine wahre Lanze! — Ihre Bemerkung iſt ſehr richtig, antwortete Morvan, der ſogleich ſeinen Degen ſenkte, und ſich vonCanillac den ſeinigen erbat. Der Kampf begann auf's Neue. Bald wurde es den Zeugen des Duells klar, daß Chatillon im Nachtheil ſei. Dennoch hielt ſich Morvan nnerſchütterlich de⸗ fenſiv; nur entfernte ſich die Spitze ſeines Gegners niemals wegen einer unnützen Parade nur einen Zoll weit vom Leib ſei⸗ nes Gegners, deſſen Anſtrengungen dadurch vergeblich wurden. — Ich weiß nicht, was mir heute fehlt, ſagte Chatillon, aber ich fühle mich nicht ſo kräftig wie gewöhnlich; wären Sie nicht ſo gefällig, Herr Ritter, mich ein wenig zu Athem kom⸗ men zu laſſen? — Wie Vicomte!— aber wir haben ja keine Eile, ant⸗ wortete Morvan. — Ich danke Ihnen. Ich bitte Sie übrigens zu bemer⸗ ken, daß der Waffenſtillſtand, den Sie mir bewilligen, zu meinen Rechten gehört. Ich habe Sie erſucht, um Ihnen das Verdienſt der Gefälligkeit zu laſſen, aber ich hatte das Recht zu fordern— — Ah, Vicomte, rief Morvan mit vorwurfsvollem Tone, glauben Sie denn, ich ſei ſo ſehr ein Zeitgenoſſe Ihres Urgroß⸗ vaters, daß ich nicht die Sprache unſerer Zeit verſtehe? Sie hatten es nicht nöthig mir die Höflichkeit zu erklären, die Sie ſo gütig waren mir zu erweiſen, ich habe Ihre Galanterie ſehr wohl verſtanden——— —— — Gut geantwortet! ſagte der Vicomte, indem er ſich mit ſeinem reich geſtickten Taſchentuch den Schweiß von der Stirne wiſchte. Ritter, ich ſage Ihnen das nicht, um Ihnen zu ſchmeicheln, aber Sie gewinnen, je mehr man Sie kennen lernt. — Vicomte, Sie ſind zu gütig, entgegnete Morvan, der von dieſem Lob bezaubert war. — Nein, nein, ich ſage in der That, was ich denke. Als ich Sie zuerſt ſah, indem Sie die Dame mit den Falbeln be⸗ gleiteten, da ſchienen Sie mir völlig unbedeutend zu ſein. Später als Sie vom Leder zogen, fand ich Sie ſo ſpaßig als möglich. Jetzt... — Nun jetzt? — Jetzt bin ich wieder vollkommen hergeſtellt. Ich bitte Sie, laſſen Sie uns wieder unſere Stellungen einnehmen. Dieſer zweite Gang unterſchied ſich von dem erſten da⸗ durch, daß Morvan ſeinen Gegner zwar noch nicht offen anzu⸗ greifen, doch in die Enge zu treiben begann. Wüthend über den unerhörten Widerſtand, und begierig dem Zweikampf ein Ende zu machen, wagte der Vicomte mehrere tollkühne Ausfälle, von denen einige beinahe geglückt wären. Die Zeugen begannen Morvan's Benehmen nicht mehr zu begreifen. — Tauſend Donner! ſchrie endlich der Vicomte mit wahrer Wuth, es ſcheint mir, Herr Ritter, Sie wollen ſich den Anſchein geben, michezu ſchonen. — Ich ſchwöre Ihnen, daß ich dies nicht will; ich warte nur den rechten Augenblick ab. — Und wie es ſcheint, kommternicht, dieſer rechte Augenblick. — Um Vergebung, da iſt er ſchon! Morvan lenkte bei dieſen Worten das Eiſen ſeines Gegners nüt einer kunſtvollen Finte ab, und machte mit wunderbarer Schnelligkeit ſeinen Ausfall. —— wes v verhehl ſen Si in Ga etſten ſchwer welche lih Jieon aufzuf m comte doch ban hatt Lerſ dieſe tend doch ine —— Chatillon ließ ſeinen Degen fallen, dann ſprach er, indem er es verſuchte dabei zu lächeln: — Ich verſtehe dieſen Stoß nicht, aber ich kann es nicht verhehlen, daß er gelungen iſt; an einem der nächſten Tage müſ⸗ ſen Sie mir ihn erklären. Ihr Spiel iſt ein wenig wild, aber im Ganzen nicht ohne Vorzüge. Ich erkenne Sie für einen der erſten Fechter. Eine vortreffliche Idee, daß ich Sie Ihr Roland⸗ ſchwert ablegen hieß; Sie hätten mich entzwei geſpalten. Der junge Mann erblaßte; der Blutfleck an ſeinem Hemd, welcher die von Morvan getroffene Stelle verrieth, wurde ſicht⸗ lich größer. Die Herren de la Fare und Broglie fürchteten, der Vieomte werde unfallen, und eilten hin um ihn in ihren Armen aufzufangen. Chatillon drängte ſie ſanft zurück. — Gott ſei Dank, ich bin noch nicht ohnmächtig. Dann ſagte er zu Morvan gewendet: — Erlauben Sie mir, Herr Ritter, Sie herzlich zu um⸗ armen und eine Frage an Sie zu richten? — Von Herzen gern, rief Morvan, und küßte den Vi⸗ comte. Was wollen Sie fragen? — Warum haben Sie mich nicht getödtet, was Ihnen doch ſo leicht geweſen wäre? — Wollen Sie durchaus eine Antwort? entgegnete Mor⸗ van verlegen und zaudernd. — Gewiß! ich bitte Sie darum! — Nun, antwortete Morvan, weil ich Ihnen verſprochen hatte, Sie an der Schulter zu verwunden, und weil ich mein Verſprechen halten mußte. — Ritter, ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr mich dieſer letzte Zug Ihres Zartgefühls rührt! Zu ſchweigen, wäh—⸗ rend Sie uns dieſes Geſtändniß zu machen hatten! Das iſt doch das Neueſte und Schönſte! Solche Beſcheidenheit und eine ſolche Fauſt! Das iſt erhaben! Und dann haben Sie auch nicht mehr meinen Urgroßvater erwähnt, während der Scherz doch auf der Hand lag.— Wenn Sie es annehmen, ſo werden wir Freunde werden bis in den Tod. Der Vicomte, der ſeine Kräfte ſchwinden fühlte, und ſeine Schwäche nicht verrathen wollte, verließ den Garten und ging in das Häuschen. — Laſſen Sie ſich durch mich nicht aufhalten, meine Herren, ich würde mich nie tröſten, wenn ich Ihnen einen Abend raubte. Gehen Sie Ihren Vergnügen nach. Ach, la Fare, ſei ſo gut und ſchicke mir eine Krankenwärterin, zum Beiſpiel die kleine Olympia von der Oper.— Dieſes Mädchen iſt unermeßlich dumm, ſie wird mich einſchläfern. Sobald Chatillon im Bett war, enfernten ſich ſeine Freunde. — Ich hoffe, Ritter, ſagte de la Fare, daß Sie uns nicht verlaſſen werden; wir wollen den Tag zuſammen beendigen. Wir kehren zu Renard zurück, wo Geſchöpfe, denen wir dort Rendezvous gegeben haben, uns erwarten; wir werden den Abend mit einem Landsknecht beendigen. Morvans erſter Gedanke war, eine abſchlägige Antwort zu geben, allein der Wunſch, das Treiben der Pariſer jungen Herren, von denen er zu Nantes ſo viel hatte ſprechen hören, ſo recht in der Nähe mit anzuſehen, ließ ihn ſeinen Entſchluß ändern; er nahm daher den Antrag des Marquis de la Fare an. Vier Stunden ſpäter ſetzte ſich Morvan, nachdem er an einem prächtigen Abendmahl theilgenommen hatte, erheitert von mehreren Gottheiten der Oper, und den Kopf ein wenig von Wein eingenommen, zu einen Tiſch, wo Landsknecht geſpielt wurde. — Was ſetzen Sie? fragte Brancas, der die Bank hielt. Von den zwanzig Thalern, welche Alain, wie der Leſer weiß, auf eine etwas leichtfertige Weiſe ſich verſchafft hatte, waren acht für Nativa's Imbiß ausgegeben; Morvan hatte alſo nur noch zwölf Thaler, oder zweiundſiebenzig Livres. denn er keinen k und ſcho finfig hen, d Livtes Piſtl er eing livres. Als ih ador rfteu bihn tic, ig Ihr( ſol Gwi Er ſe hay in ninn te d ſo — Fünf Piſtolen, antwortete er auf Brancas Frage, denn er wollte, nachdem er ſich ſo gut aus dem Duell gezogen, keinen kleinſtädtiſchen Geiz zeigen. — Sie haben gewonnen! ſagte Brancas kurz darauf, und ſchob ihm neunzig Livres hin. — um Vergebung, ich habe nur fünf Piſtolen, das heißt fünfzig Livres geſetzt. — Ach, ich verſtehe, ſagte Brancas lachend, Sie glau⸗ ben, daß man in Paris wie in der Bretagne Piſtolen zu zehn Livres kennt. Sie irren! lieber Ritter, wir kennen hier nur Piſtolen in Gold, das iſt zu achtzehn Livres. Der junge Mann war überraſcht mehr zu bekommen als er eingeſetzt hatte, und ſetzte beim nächſten Spiel ſeine neunzig Livres. Er gewann wieder. — Hundert und achtzig Livres! ſagte er bald darauf, als ihn der Banquier wieder fragte, was er ſetze. Der Bretagner hatte auch diesmal Glück. Unter allen andern Umſtänden wäre Morvan über dieſen guten Fang hoch erfreut, und mit dieſem Gewinnſt wahrſcheinlich zufrieden ge⸗ weſen, allein die Furcht ſeine Armuth zu verrathen hielt ihn zu⸗ rück, und beim nächſten Spiel ließ er ſeine dreihundertundſech⸗ zig Livres in der Bank; die Bank verlor wieder. — Junger Freund! ſagte der Marquis d'Effiat, wenn Ihr Glück anhält, und Sie den Muth haben es zu benützen, ſo können Sie binnen Kurzem die ganze Bretagne kaufen. Dieſer Scherz verhinderte Morvan, einen Theil ſeines Gewinnſtes, wie er ſich's vorgenommen hatte, zurückzuhalten. Er ſetzte ſiebenhundertundzwanzig Livres. — Abermals gewonnen! rief d'Effiat. Ritter, man be⸗ hauptet, daß Ihr Edelleute aus der Provinz klug und ſparſam im höchſten Grade ſeid; was nehmen Sie von Ihrem Ge⸗ winnſt zurück? —„ 36— — Nichts, antwortete Morvan mit gleichgiltiger Miene. Eine halbe Minute ſpäter hatte der Ritter ein Kapital von zweitauſendachthundertundachtzig Livres vor ſich. Die Damen der Oper, welche bis dahin Morvan keine große Aufmerkſamkeit geſchenkt hatten, fingen an ihn ernſtlich zu prüfen und näherten ſich ihm. Er erhielt Bedeutung für ſie. Was würde Alain geſagt haben, wenn er ſeinen Herrn vor einem großen Haufen Gold ſitzen und von jungen Frauen⸗ zimmern mit ſcandalös entblößtem Nacken umgeben geſehen hätte? Es iſt nicht unſere Abſicht unſere Leſer mit den Einzeln⸗ heiten dieſer Landsknechtpartie zu ermüden. Um eilf Uhr beſaß Morvan zehntauſend Livres. Die Damen der Oper hefteten ſich beinahe an ſeine Ferſen, und eine von ihnen legte ſogar ihren weißen runden Arm auf ſeine Schulter. Man übergab Morvan die Karten, an dem jetzt die Reihe war die Bank zu halten, als ſich die Thüre öffnete und ein Mann mit müdem welkem Geſicht eintrat. Ein Freudenruf er⸗ tönte rings um den Spieltiſch; die Damen der Oper verließen Morvan auf einen Augenblick, und eilten den Neuangekomme⸗ nen zu umarmen, der, obſchon mit unverkennbarer Blaſirtheit, doch nicht ohne Anmuth ihre überſchwängliche Freundlichkeit entgegennahm. — Setze Dich zu mir, lieber Freund, ſagte Brancas; wir haben Dich ſchon hundert Jahre, wenigſtens vierzig Stun⸗ den nicht geſehen. Es hatte ſich bereits das Gerücht verbreitet, Du ſeieſt nach Rom gereiſt, weil der Papſt Dich dahin berufen habe. Was gibt's denn Neues? — Nichts, antwortete der eben Angekommene, indem er dieſes Wort mit ſeltſamem Lächeln begleitete. Man behauptet nur, daß der Herr Herzog von Chartres verliebt ſei bis über die Ohren. ßure la L ſagte er Spielti Grufen die kof tiſigen Qubo ſohn d Duboi geſpie vwi bolle Dien ie S nan zu de uv 3u Laur Stin heid lbho et a dirtt lute ital men eit ten — — Wer kann das beſſer wiſſen als Du? erwiederte de la Fare lachend. — Ich!— gehen denn derlei Dinge mich an? Der eben Angekommene ſchwieg einen Augenblick; hierauf ſagte er, indem er ſeine Blicke rings herum auf die vor dem Spieltiſch ſitzenden jungen Leute ſchweifen ließ: — Wer von Ihnen, meine Herren, kennt Sandoval, den Grafen von Monterey, und kann mir etwas über deſſen Tochter, die koſtbare Nativa, ſagen? Auf dieſe ſo unerwartete Frage fühlte Morvan einen eiſigen Schauer über ſeinen Rücken rieſeln. Der Mann, der dieſe Frage geſtellt hatte, war der Abbé Dubvis, ehemals Hofmeiſter des Herzogs von Chartres, Bruders⸗ ſohn des Königs. Alle Welt kennt die gemeine Rolle, welche Dubois am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts geſpielt hat; die bedeutenden Ereigniſſe, in welche dieſer Menſch verwickelt war, haben ihm einen Platz in der Geſchichte gegeben. In ſeinem zwölften Jahre kam Wilhelm Dubois in das Collegium von St.⸗Michel, wo er Anfangs die Stellung eines Dieners hatte; nach Beendigung ſeiner Studien erhielt er zuerſt die Stelle eines Hofmeiſters bei einem gewiſſen Maroy, Kauf⸗ mann am Petit⸗Pont; von dort kam er in derſelben Eigenſchaft zu dem Präſidenten de Gourgues, und endlich zum Marquis de Ruvan, Garderobier bei Monſieur, dem Bruder des Königs. Zu jener Zeit machte Dubois die Bekanntſchaft von Saint⸗ Laurent, dem zweiten Hofmeiſter des Herzogs von Chartres. Saint⸗Laurent, der eben krank war, beauftragte Dubois, ihn bei dem jungen Prinzen zu erſetzen. Dubois begriff mit ſeinem lebhaften durchdringenden Geiſt ſogleich, welch' großen Nutzen er aus dieſer vorübergehenden Stellung ziehen könnte; er ſtu⸗ dirte die geheimen Neigungen ſeines Zöglings, ſchmeichelte ihm, unterhielt ihn, flößte ihm das größte Vertrauen ein, und machte ſich endlich unentbehrlich. Nach dem Tode ſeines Protectors Saint⸗Laurent wagte es Dubois, der ſich mittlerweile die Gunſt des Ritters von Lorraine und des Marquis d'Effiat zu verſchaf⸗ fen gewußt hatte, die beide in Monſieurs Hauſe von großem Einfluß waren, um die Stelle eines Hofmeiſters beim Herzog von Chartres zu bitten, und erhielt ſie. Sobald Dubois dieſe erſte Stufe zu ſeiner künftigen Größe erſtiegen hatte, ſetzte er ſein finſteres Werk mit vollſtändigem Erfolg und mit einer ſeines unreinen Charakters würdigen Ausdauer fort. Ein eifriger Lehrer und von niederträchtiger Gefälligkeit zugleich, beförderte er die Studien und die Vergnügungen des Herzogs bedeutend. Am Tag ließ er ſeinen Zögling vor dem Hof ein glänzendes Examen ablegen, und in der zunächſt folgenden Nacht führte er heimlich in das Palais⸗Royal arme junge Mädchen, welche durch groß⸗ artige Vorſpiegelungen getäuſcht und geblendet, und in Schande geſtürzt wurden. Nach einem ſolchen Betragen hätte beſonders unter der Regierung Ludwig's Xlv., da der Schein der Ehrbar⸗ keit Alles galt, Dubois mit Schande fortgejagt werden ſohen; aber es geſchah das Gegentheil. Der Abbé, deſſen Einfluß auf den Geiſt ſeines Zöglings damals ſehr wohl bekannt war, wurde von dem großen König beinahe ſchmeichelhaft behandelt; denn dieſer wollte ſeine natürliche Tochter, Fräulein von Blois, mit dem Herzog von Chartres verheirathen, fand aber vor Allem beim jungen Herzog ſelbſt, dann aber auch bei deſſen Mutter, der hochmüthigen und ſtrengen Charlotte⸗Eliſabeth, den größten Widerſtand; er m daher ſeine Größe ſoweit erniedrigen und ſich mit dem ehemaligen Bedienten des Vorſtehers vom Collegium Saint⸗Michel in's Einverſtůnbhſehen Sobald die Heirath beſchloſſen war, und da der Herzog von Chartres zu der Toch⸗ ter der Frau von Montespan keine Neigung hatte, ſetzte Dubois, der vom Hof mit Gunſtbezeugungen überhauft wurde, ſeine ſchänd⸗ lichen geheimen Lieferungen mit noch größerer Unverſchämtheit fort. L zu dieſe det Zuſ 1 ſätke a dringte, tidn ſtä des Ge nicht g ſinem noch i in 6h wäß, dieh übt genon Beiſ wahr enpfi liches ſilbſt ders inen — 630— Das war der Abbé Dubvis, von welchem Morvan bis zu dieſem Tage niemals hatte ſprechen hören, und mit welchem der Zufall ihn jetzt in ſo ſeltſamer Weiſe zuſammengeführt hatte. Der bretagniſche Edelmann mußte alle ſeine Charakter⸗ ſtärke aufbieten, damit er der Luſt widerſtehen konnte, die ihn drängte, den Abbé zu fragen, in welcher Beziehung er zu Na⸗ tiva ſtände. Uebrigens hoffte er dieſe Aufklärung im Verlauf des Geſpräches zu erhalten; und ſeine Hoffnung wurde auch nicht getäuſcht. — Sage doch, Dubois, rief der Marquis d'Effiat, der ſeinem frühern Schützling gegenüber die vertraute Protectormiene noch immer beibehielt, iſt Monſeigneur diesmal ernſtlich verliebt? — Man behauptet es, erwiederte Dubois. — Das iſt unmöglich! riefen die Damen von der Oper im Chor. — Warum unmöglich? fuhr der eyniſche Abbé fort. Ich weiß, meine lieben Harpyen, daß alle Weiber gleich ſind, daß diejenige die beſte iſt, welche am beſten zu heucheln verſteht; es gibt gar keinen Grund, weßhalb man für die eine mehr ein⸗ genommen ſein ſoll als für die andere, und ein Mann, der Geiſt hat, muß ſie alle gleichermaßen verachten. Das iſt alles wahr. Aber Ihr vergeßt, daß der Geiſt gerade ſo wie der Körper empfänglich iſt für Krankheiten; es genügt qur ein augenblick⸗ liches Leiden, zum Beiſpiel eine Erweichung des Gehirns, und ſelbſt ein Mann von Herz und Geiſt ſieht diePinge ganz an— ders als ſie wirklich ſind, und bildet ſi in einem Weibe einen Phönir zu ſehen. Wer verſichep uns, daß der Geiſt des Herzogs von Chartres in dieſ Augenblick nicht krank ſei? Ich möchte zwanzig Louisd'or 6 2 einen Thaler wetten, daß zum Beiſpiel Du, Cöleſtine, ſchon einem Manne begegnet biſt, der an Deine Treue geglaubt hat. — Ich habe deren ſchon zehn getroffen, antwortete Ma⸗ demoiſelle Cöleſtine mit Stolz. In der That, Herr Dubois, Sie könnten Recht haben; es iſt doch drollig zu denken, daß Mon⸗ ſeigneur verliebt ſei. — Genug, Cöleſtine! Du verſtehſt es nicht, meine Phraſe zu beendigen, und kommſt, wenn Du fortfährſt, zu einem ſchauderhaften Unſinn.— Trink' und ſchweige! — Wer iſt denn dieſe Nativa, die Sie, Herr Abbé, als ſo verführeriſch bezeichnen? fragte Brancas. Verdient ſie dieſes Beiwort, das in Ihrem Munde ſo wichtig iſt? — Ich habe dieſes junge Mädchen nur im Vorbeigehen geſehen? antwortete Dubois; aber ich muß, und ſollten Sie mich dafür gleich des ſchmählichſten Platonismus beinzichtigen, offen geſtehen, daß mir ihre blendende Schönheit, ihre ſtolze Miene, die würdig und kindlich zugleich iſt, ihr unvergleichlicher Gang und ihre wunderbare Haltung, eine tiefe Bewunderung, ja beinahe Rührung verurſachten. Ich würde gar nicht ſtaunen, wenn Monſeigneur ſie vierzehn Tage hintereinander liebte. — Herr Abbé, ich bin ſehr begierig dieſes Wunder zu— ſehen! rief der junge Broglie. — Ein wenig Geduld! ich werde es einrichten, das heißt, niän wird es ſo einrichten, daß ſie bei dem Feſte erſcheinen wird, welches Se. Majeſtät am nächſten Montag in Verſailles ver⸗ anſtalten wird. — Und Sie behaupten, Monſieur, ſagte nun Morvan, der es kaum vermochte ſeine Bewegung zu verbergen, daß Na⸗ tiva den Herzog wieder lieben werde? — Ich! keineswegs. Ich bin im Gegentheil überzeugt, daß die Frauen nicht lieben; ſie laſſen ſich bloß lieben, ant⸗ wortete Dubvis, der nun Morvan, den er zum erſten Mal ſah, mit Neugierde betrachtete. — Nach Ihrem Dafürhalten muß alſo Fräulein Sandoval unfehlbar die Geliebte des Herzogs werden, fuhr der Bretagner vit ein ßiuer ſe ſraſt w 4 forſchen Mann Gelieb ohwohl ſüch und in halb ſ böſe, vit W zuße ſhw nuth Mo icht mit einer erzwungenen Gleichgiltigkeit fort, welche durch das Feuer ſeines Blickes und die Bläſſe ſeines Geſichtes Lügen ge⸗ ſtraft wurde. Bei dieſer neuen Frage blickte Dubois den Ritter noch forſchender an als zuvor. — Ich behaupte das nicht, ſagte er, indem er den jungen Mann unverwandt anſah; wenn dieſe kleine Nativa ſchon einen Geliebten hat, und zwar einen neuen Geliebten, ſo kann ſie, obwohl auch dieſes unwahrſcheinlich iſt, Monſeigneurs Anträge zurückweiſen. — Notiva einen Geliebten! rief Morvan ausbrechend, und indem er von ſeinem Sitze aufſprang, Sie lügen, Elender! — Ah, Ritter! ſagte der Marquis d'Effiat halb ernſt, halb ſcherzhaft, nehmen Sie ſich in Acht, Sie machen Dubvis böſe, und ich will Sie nur ſchnell davon in Kenntniß ſetzen, daß wir Alle auf die Geſellſchaft unſeres vortrefflichen Abbé viel halten. Morvan's heftiger Ausfall hatte unter den jungen Herren große Senſation gemacht; Geſpräch und Spiel ſtockten. Der Abbé Dubois war der Erſte, welcher das Still⸗ ſchweigen unterbrach: — Tauſend Dank, Marquis, ſagte er zu d'Effiat. Hierauf ſprach er zu Morvan mit freundlichem Lächeln: — Junger Mann, Sie möchten in uns gern die Ver⸗ muthung erregen, daß Sie bei der Tochter des Grafen von Monterey in Gnade ſtehen, während Sie dieſelbe wahrſcheinlich nicht einmal vom Sehen kennen; dieſe Taktik wäre ſehr ge⸗ ſchickt, wenn ſie nicht ſchon abgenützt wäre. Sie find wahr⸗ haftig jung und ſtattlich genug, um ſich auch ohne ſolche ver⸗ brauchte Kunſtſtückchen bemerkbar zu machen. Prahlerei iſt eine alte Mode, die nicht mehr üblich iſt. Sie kennen die heutige Art nicht. Dieſe geſchickte und impertinente Antwort brachte Morvan 4. —— in eine ſchlechte Lage. Aergerte er ſich, ſo ſchrieb man ſeinen Zorn dem Verdruß ſich entlarvt zu ſehen zu; andererſeits konnte er die Stichelreden des Abbé nicht geduldig anhören: er be⸗ ſchloß daher zu warten, bis ein Vorwand ihm erlauben würde ſich zu rächen. — Abbé, laß Dir von dieſen Damen Champagner ein⸗ ſchenken, und ſpiele mit uns Landsknecht, ſagte d'Effiat; ſpielen iſt beſſer als ſtreiten. — Sie vergeſſen, Marquis, daß ich nichts anderes trinke als Waſſer, und daß ich in meinem ganzen Leben keine Karte berührt habe, antwortete Dubois. Machen Sie ſich meinet⸗ wegen keine Mühe. Ich bin nur gekommen um Brancas etwas zu ſagen, und werde gleich wieder fortgehen. — Geht man um Mitternacht fort, Abbé? — Wenn man Morgens um drei Uhr aufſtehen muß um zu arbeiten, ſo ſcheint mir das kein zu großes Opfer, das man dem Gott Morpheus bringt. — In der That, Abbé, du biſt das außerordentlichſte Weſen, das ich kenne. Du findeſt Gelegenheit an allen Feſtlich⸗ keiten, an allen Partien theilzunehmen, ohne daß Dich das in deinen ernſten Beſchäftigungen ſtört. Du biſt wohl der zerſtreuteſte Arbeiter und der arbeitſamſte Müßiggänger in ganz Frankreich. — Das verſteht ſich, Marquis, ſagte Dubois lachend— Da ich mir immer eingebildet habe, daß ich jung ſterben werde, ſo richte ich mir es ſo ein, daß ich an jedem Tage doppelt lebe; ich bin neununddreißig Jahre alt, und habe wohl ſchon ſechzig gelebt. Als Morvan die Partie wieder beginnen ſah, und er die Hoffnung verlor, daß er Gelegenheit haben werde ſich an Du⸗ bois für ſeine Impertinenz zu rächen, ſo wandte er ſich zu einer der Operndamen, und fragte ſie flüſternd: — Was iſt denn das für ein unverſchämter und ſchlecht erzogener Abbé? . — . gus. S Mowan riſet Le gefunde hen en Worte die H einen ihn ke Ihn der1 Mo juſan gun len Bu eſ Auf dieſe Frage brach die Tänzerin in ein helles Gelächter aus. Sie blickte den jungen Mann aber ſehr zärtlich an, denn Morvans Unwiſſenheit verrieth ihr, wie wenig er noch im Pa⸗ riſer Leben bewandert ſei, und ſie hoffte in ihm einen Menſchen gefunden zu haben, den ſie ausbeuten könne. Nach langem La⸗ chen entgegnete ſie ihm endlich: — Was, Ritter, Sie kennen Dubois nicht? Dann neigte ſie ſich zu ihm hin, und ſagte ihm einige Worte ins Ohr. Morvan erröthete und erblaßte nacheinander. — Das iſt unmöglich, ſagte er. Männer von Adel, wie die Herren de la Fare, von Brancas, d'Efficat, würden ſich mit einem ſolchen Menſchen nie in vertrauten Umgang einlaſſen. — Ach Ritter, wenn Sie den Adel ſo kennten, wie ich ihn kenne, fuhr die Tänzerin noch immer lachend fort, ſo würde Ihnen dieſer vertraute Umgang als die natürlichſte Sache von der Welt erſcheinen. Uebrigens iſt dieſer Dubois ein braver Mannz ich verſichere, daß man manchmal recht froh iſt mit ihm zuſammenzukommen. — Ritter, rief jetzt Nocé, man hat Sie irriger Weiſe über⸗ gangen, die Reihe iſt an Ihnen. Was für eine Bank machen Sie? — Ich bedaure, da ich im Vortheil bin, nicht weiter ſpie⸗ len zu können, antwortete Morvan aufſtehend; ich muß fortgehen. — Ja wohl, Sie ſind in Ihrem Recht, Ritter, ſagte Broglie. Die Spieler die ihren Gewinn erhalten, werden ſehr geſchätzt; man nennt ſie charactervolle Menſchen. — Ich bitte Sie zu glauben, mein Herr, daß ich nicht deßhalb aufhöre zu ſpielen um meinen Vortheil zu benützen. — Ah, ah! ein Rendezvous, ohne Zweifel mit der ſchönen Nativa, fügte Dubois ſpöttiſch hinzu. Saerebleu, junger Mann, Sie ſind ein glücklicher Sterblicher. Dieſe von dem Abbé ſo ungelegen ausgeſprochenen Worte trieben Morvans Entrüſtung auf's Höchſte. —— — Herr, ſprach er zu ihm gemeſſen und mit verachtungs⸗ vollem Blick, wenn Sie meines Standes oder wenigſtens ein rechtſchaffener Bürger wären, ſo würde ich Sie für Ihre Im⸗ pertinenz mit meinem Degen beſtrafen; aber wie ſchamlos Sie auch ſind, ſo werden Sie doch begreifen, daß es mir unmöglich iſt, mich einer ſolchen Perſon wie Sie zu nähern. Wenn ich mich weigere das Spiel fortzuſetzen, ſo geſchieht dies nur deß⸗ halb, weil ich ſo eben erfahren habe, was für eine ſchamloſe Bedientenſeele Sie find; ich würde mich für entehrt halten, wenn ich länger in Ihrer Geſellſchaft bliebe. Dieſer heftigen Anſprache folgte ein tiefes Stillſchweigen; die jungen Herren begriffen, daß Morvan Recht habe, und dach⸗ ten keineswegs daran, obwohl ſie eigentlich indirekt auch belei⸗ digt waren, Dubois' Beleidigung zu rächen. Sie fühlten ſich in peinlicher Lage. Was den elenden Abbé betrifft, ſo bewieſen ſeine Leichenbläſſe, ſeine vom Zorn weitaufgeriſſenen Augen⸗ lider, ſeine geballten Fäuſte, wie ſehr er trotz ſeiner Scham⸗ loſigkeit den Schimpf empfand, der ihm öffentlich in's Geſicht geſchleudert wurde. — Tauſend Donner! rief er, und ließ noch zehn Flüche nachfolgen; Sie Krautjunker, Sie ſollen mir dieſe Impertinenz nicht ungeſtraft in's Paradies mitnehmen! Sie wollen gegen mich den Prahler und Großſprecher ſpielen? Laſſen Sie doch ſehen, mein liebes Herrchen, würden Sie es wohl wagen mir Ihre Adreſſe zu geben? — Ich wiederhole es Ihnen, daß wir miteinander nichts gemein haben können! Wenn ich Sie noch nicht mit meinem Stock ſchweigen gelehrt habe, ſo geſchah dies nur aus Reſpect für die Perſonen, die gegenwärtig ſind. Was meine Adreſſe betrifft, ſo bin ich weit entfernt davon ſie zu verhehlen, ich wohne.. — Es iſt unnütz, daß Sie dem Abbé Ihre Adreſſe geben, unterbrach ihn Nocé lebhaft. Was ſoll er damit machen? blicte. del nit zulegen tuugſt nit D det, i Fnin und nicht men a Pun und nhn Golz Uer vardr hende Mch hin hen — 45— — Herr Graf! rief Dubois, indem er Nocé zornig an— blickte. — Ei Abbe, entgegnete ihm dieſer, willſt Du nicht Hän⸗ del mit mir ſuchen, weil ich mich beſtrebe die Sache gütlich bei⸗ zulegen? Im Grunde hat der Ritter Recht, lieber Freund. Du taugſt nicht viel, und wir müſſen wirklich ſehr ſchlecht ſein, wenn wir Deine Freunde find. — Das iſt gut! Nocé geht zum Feinde über, ſagte Dubois, der, indem er plötzlich Ton und Ausſehen änderte, die brutale Freimüthigkeit des Stuzers für einen Scherz zu nehmen ſchien, und ſich zu lächeln zwang. Nocé! bei Gelegenheit werde ich mich daran erinnern. Der Elende ſprach die Wahrheit: Nocé mußte ſein Beneh⸗ men an dieſem Abend zwanzig Jahre ſpäter, als Dubois zum Premierminiſter ernannt wurde, mit der Verbannung büßen. Morvan wollte fortgehen, als d'Effiat ſich an ihn wandte. — Herr Ritter, ſagte er kalt, da Sie nicht am Hofe ſind und wir nicht die Ehre haben von Ihnen gekannt zu ſein, ſo nehmen Sie die zehntauſend Livres mit, die Ihnen zukommen. D'Effiat nahm von ſeinen Nachbarn fünf Rollen mit Goldſtücken, jede zu 2000 Livres, und händigte ſie Morvan ein. — Bei meiner Ehre, ſagte Nocé, dieſer Streit, der unſer Vergnügen ſo ungelegener Weiſe unterbrach, hat mir die Laune verdorben. Meine Herren, auf Wiederſehen! ich gehe ſchlafen. — Ohne Groll, nicht wahr? rief Dubois dem fortge⸗ henden Nocé lächelnd nach. — Groll gegen Dich, Abbé? Gott ſoll mich bewahren! Macht es Dich nicht glücklich die ſchwärzeſte Seele und den glänzendſten Geiſt des ganzen Königreichs als Genoſſen zu ha⸗ ben? Ich bin ganz der Deine! Nocé und Morvan entfernten ſich zu gleicher Zeit. — Ritter, ſagte der Erſtere, wenn man zehntauſend Li⸗ — vres bei ſich trägt und es eben Mitternacht iſt, ſo iſt es nicht klug durch die Straßen von Paris zu Fuß zu laufen. Wollen Sie mir die Ehre erweiſen in meinem Wagen Platz zu nehmen? — Ich werde Sie im Vorüberfahren bei Ihrer Wohnung ab⸗ ſetzen. Nocé machte ihm den Antrag mit ſolcher Liebenswürdig⸗ keit, daß Morvan nicht umhin konnte denſelben anzunehmen. — Ritter, fuhr der junge Graf fort, als ſie neben ein⸗ einander im Wagen ſaßen, wiſſen Sie was ich thue, wenn ich in Verlegenheit bin, wie ich ein Geſpräch beginnen ſoll? Ich falle mit der Thüre ins Haus! Sie haben mir bei Ihrem Duell beſonders gefallen, und die Entrüſtung, welche Sie vorhin an den Tag gelegt haben, war mir ſehr angenehm, obſchon ſie einen derben Tadel meiner leichtſinnigen Aufführung enthielt! — Ich ſehe den Adel gern auf ſeinem Platz. Wir Höflinge ma⸗ chen uns zuweilen einer beklagenswerthen Nachläßigkeit ſchuldig. Wenn es ſich nicht um einen Vorrang handelt, wenn wir nicht eiferſüͤchtig ſind, weil der König einem von unſersgleichen den Vorzug gibt, ſo verſchleudern wir unſre Eigenſchaften und un⸗ ſere Perſon ſehr wohlfeil. Wir laſſen uns mit dem erſten beſten Emporkömmling in Vertraulichkeiten ein!— Dieſer elende Abbé Dubois iſt eine Macht; man legt Werth auf ihn! Folgen Sie mir, wenn Sie ſich für einige Zeit von Paris entfernen können, ſo zaudern Sie nicht abzureiſen. Dieſer Menſch ver⸗ dient durchaus keine Achtung, aber man darf ihn nicht verachten. Er beſitzt Geiſt, Verſchmitztheit und Kühnheit wie ein Teufel; noch mehr, er iſt gewaltthätig und feige bis zum äußerſten Grade, alſo ſehr zu fürchten. Ich wiederhole es Ihnen, trachten Sie ihm aus dem Wege zu gehen. — Ich danke Ihnen, Graf, ſagte Morvan ganz gerührt von dem aufrichtigen Intereſſe, welches Nocé für ihn an den Tag legte. Sie konnten es an meinem heutigen Benehmen nerken, Ihren) ih nö wenn Thor vechre mne ſo jn Verttu Hriel und ſ Siit bede denn kann hufte Hit inde hut —— merken, daß es mir nicht an Offenheit fehlt, ich bin Ihnen für Ihren Rath ſehr dankbar... — Pah! es handelt ſich hier nicht um Dankbarkeit, ſondern ich möchte wiſſen, ob Sie meinen Rath befolgen werden—— — Nein, Graf, ich werde ihn nicht befolgen. — Ich tadle Sie und ſchätze Sie. Aber zum Teufel, wenn man es mit einer Viper zu thun hat, ſo muß man ein Thor ſein, um ihr die Ferſe zum Biß hinzureichen. Das Gift verbreitet ſich ſo ſchnell von der Ferſe zum Herzen!— Wenn man einem ſo böſen Thier nicht gleich den Kopf zertreten kann, ſo kann man nichts Beſſeres thun, als ſich vor ihm hüten.— Vertrauen Sie mir, Ritter, hüten Sie ſich! Nocé ſprach noch, als der Wagen vor dem Thore des Hotels zum Schimmel hielt. Morvan und Nocé umarmten ſich, und als der Bretagner ausgeſtiegen war, hörte er noch, wie ihm ſein neuer Freund aus dem Wagen heraus zurief: — Vertrauen Sie mir, Ritter, hüten Sie ſich vor der Beſtie. Alain erwartete ſeinen Herrn mit lebhafter Ungeduld. Seit ſeinem Abenteuer mit Buhot hatte ſich ſein ohnehin ſchon bedeutendes Mißtrauen vermehrt. — Wenn in Paris die rechtſchaffenen Leute ſtehlen— denn eigentlich habe ich geſtohlen, ſagte er zu ſich ſelbſt— wem kann man dann noch trauen? Niemanden. Morvan's Ankunft verurſachte dem Diener eine wahr⸗ hafte Freude. — Sind Sie auf der Gaſſe nicht beunruhigt worden? Hat man Sie nicht berauben wollen, Herr? — Im Gegentheil, Alain. Sieh her, antwortete Morvan, indem er die ihm vom Marquis d'Effiat überreichten Rollen auf⸗ brach, und Alain's geblendeten Blicken einen Haufen Goldes zeigte. — Mein Gott! rief Alain erbleichend und mit bewegter Stimme, Sie auch!—— — — Was, ich auch? fragte Morvan, denn der Diener ſtockte. — In der That, das iſt zu viel, murmelte Alain, ohne ſeinem Herrn zu antworten. Und ich ſchwöre bei meiner Selig⸗ keit, daß der Herr Ritter ſich lieber eine Kugel durch den Kopf ſchießt, ehe er ſelbſt einem Franzoſen um einen rothen Heller Unrecht thut.. WMoran legte ſich, müde von der Begebenheit des Tages, nieder, konnte aber kein Auge ſchließen. Er hatte Nativa wieder⸗ geſehen, und beſaß zehntauſend Livres; wie ſollte er da ſchlafen können! Wir müſſen aher dem Ritter die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß ihm Dubois die ganze Nacht hindurch nicht ein einziges Mal in den Sinn kam. Was den Abbé betrifft, ſo blieb er, ſobald er zu Hauſe angekommen war, die ganze Nacht hindurch wach, und beſchäf⸗ tigte ſich mit Racheplänen. Von einer Seite bereitete man ſich alſo zum Angriff, auf der andern dachte man gar nicht an die Vertheidigung. III. Am nächſten Morgen nach dem für Morvan an Abenteuern ſo reichen Tage, der für ihn ſo gut und ſo ſchlimm zugleich endigte, indem er ihm einen Gewinn von zehntauſend Livres und den Haß des Abbé Dubois brachte, ſtieg der uns bereits bekannte Graf d'Aubigné, ungefähr um acht Uhr, im Ehrenhof des Pallaſtes zu Verſailles vom Wagen. Die erſte Perſon, welcher d'Aubigné bei ſeinem Eintritt ins Schloß begegnete, war Bontemps, der erſte Kammerdiener Sr. Majeſtät. — Guten Tag, Bontemps, ſagte er zu ihm mit der Fami⸗ liarität eines Herrn gegen ſeinen Diener. 4 — ( an Hof es war Künig Anblick inner fort, ihm il ſragte niht Schwe lih m iſ ein ſtten bſen M gerat hen die liſt ilig wein thut Geld er nih n — 4— Eine Familiarität, die keiner von all' den großen Herren am Hofe einer ſo wichtigen Perſon gegenüber, wie Bontemps es war, anzuwenden wagte, denn jeder wußte, wie ſehr der König ſeinen erſten Kammerdiener liebte und ſchätzte. Bontemps verneigte ſich tief, faſt mit Schrecken; der Anblick des Bruders der Madame Maintenon verurſachte ihm immer ein peinliches Gefühl. — Wie befindet ſich die Familie heute? fuhr d'Aubigné fort, der ſich anſtellte, als ob er Bontemps' Befangenheit, die ihm übrigens ſehr viel Vergnügen machte, gar nicht merkte. — Von welcher Familie will der Herr Graf ſprechen? fragte der erſte Kammerdiener des Königs, der that, als hätte er nicht verſtanden. — Porbleu! von meiner Schweſter und von meinem Schwager! Ich hätte mich in der That etwas weniger bürger⸗ lich ausdrücken ſollen; aber, braver Bontemps, mein Schwager iſt ein ſolcher Filz gegen mich, es koſtet ihm eine ſo große An⸗ ſtrengung mir ein Paar verroſtete Piſtolen in die Hand fallen zu laſſen, daß ich meinem Rang entſagen und aufhören mußte den Adel zu frequentiren? Ich bin ſo in gewiſſe andere Geſellſchaft gerathen.— Du ſiehſt ja, wie ich ſpreche. Man würde glau⸗ ben einen Krämer von der Straße Saint⸗Denis zu hören. — Ich bedaure ſehr, Herr Graf, ſagte Bontemps bis an die Ohren erröthend, daß ich Ihnen nicht länger Geſellſchaft leiſten kann, aber meine Pflicht ruft mich jetzt zum König. — Das heißt, murmelte d'Aubigné, als Bontemps ſich eiligſt entfernte, Du gehſt um meine vielgeliebte Schweſter von meiner Ankunft in Kenntniß zu ſetzen. Meinetwegen! Was thut das auch? Ich bin, Dank meinem Freunde Legoff, mit Geld überhäuft. Zwei Monate lang kann ich die Almoſen mei⸗ ner geliebten Franziska entbehren. Sie ſoll es nur verſuchen mich nicht zu empfangen, und man wird. einen ſchönen Lärm II. 5. hören!— Ich werde der Skandal des Tages ſein.— Das wird mich in die Mode bringen. Mit ſolchen guten und brüderlichen Vorſätzen gelangte der Graf bis zu den Gemächern ſeiner Schweſter; zu ſeinem großen Erſtaunen wurde er ſogleich eingeführt. — Ah, ah, dachte er, nicht ohne gewiſſe Furcht, wenn ſich meine Schweſter ſo ſehr beeilt mich zu empfangen, ſo muß ſie mir eine ſchlimme Nachricht mitzutheilen, etwas Unangeneh⸗ mes zu ſagen haben! Aber was ſchadet mir das? Bernard hat mir die von Herrn Satanas⸗Legoff auf ihn auf Sicht gezogene Tratte von fünftauſend Louisd'or baar ausgezahlt. Das Gold befindet ſich in meiner Kaſſette; ich habe fünfzig Tage Unab⸗ hängigkeit vor mir... Welche Nachricht könnte mir in dieſem Augenblick unangehm ſein? Keine! Wer kann mich hindern, mich ein wenig in die Bruſt zu werfen? Niemand! Die Frau Marquiſe von Maintenon hatte zu jener Zeit eben ihr ſechzigſtes Jahr erreicht; man hätte ihr aber, Dank der wohlſtudirten Toilette, ein ſo hohes Alter nicht zuerkanntz man war verſucht zu glauben, daß ſie noch jünger ausgeſehen, wenn ſie ſich etwas jugendlicher gekleidet hätte. — Madame, ſagte d'Aubigné, der ſich vor ſeiner Schwe⸗ ſter mit um ſo größerem Reſpekt verneigte, je feinbſeliger ſeine Abſichten waren, als ich Bontemps vor mir die Flucht ergreifen ſah, glaubte ich einen Augenblick, daß ich heute der Ehre und des Glückes beraubt ſein werde Ihnen meine Huldigung darzubringen. — Warum dieſer Vorwurf, d'Aubigné? entgegnete ihm die Marquiſe mit außerordentlicher Sanftmuth. Habe ich mich jemals geweigert Sie zu ſehen? Kommen Sie nicht beinahe je⸗ den Tag um mir von Ihrem Unglück beim Spiel zu erzählen, und auch um Hilfe zu bitten? Reden Sie, fuhr die Marquiſe nach einigem Stillſchweigen fort, was wünſchen Sie heute? Welchen Verluſt von geſtern haben Sie heute zu erſetzen? ihn di ingirt habe, wir mi er der Legof ſonder Falle net Geri Stren Sie i verker Mw ieh. 16 Auf dieſe Frage ſtockte der Graf; einen Augenblick kam ihm die Idee, da er ſeine Schweſter ſo gut aufgelegt fand, eine fingirte Schuld zu geſtehen, die er beim Landsknecht gemacht habe, und ſo von ſeinem Beſuch Nutzen zu ziehen; aber bald, wir müſſen dieß zum Lobe d'Aubigné's bemerken, widerſtand er der Verſuchung, nicht weil er die Intereſſen ſeines Freundes Legoff nicht gern für Tauſend Piſtolen in Gold geopfert hätte, ſondern weil ihm der ſanfte Ton der erlauchten Marquiſe eine Falle zu enthalten ſchien, und weil er es für klug hielt auf ſei⸗ ner Huth zu ſein. — Liebe Schweſter, ſagte er mit ſchlecht dargeſtellter Gerührtheit, werden Sie mich denn immer mit jener grauſamen Strenge beurtheilen, die mich an Ihrem Herzen zweifeln läßt? Sie überhäufen mich mit Vorwürfen, während Sie mein Recht verkennen, und mich in der traurigſten Hilfloſigkeit verlaſſen. — Sind Sie gekommen um von mir den Marſchallſtab zu verlangen? ſagte die Schweſter, die es vorzog das Gewitter lieber früher ausbrechen zu laſſen, als es lange grollen zu hören. — Nein, antwortete d'Aubigné, nicht den Marſchallſtab... — Alſo ohne Zweifel Geld? — Auch nicht, ſagte der Graf nach einigem Zaudern; ich bin mit Geld verſehen. — Ah! antwortete die Margquiſe mit aufrichtigem Stau⸗ nen. Ich habe geſtern mein Geſtüt verkaufen laſſen. — Das haben Sie gethan! und warum das, liebe Schweſter? — Um mit dem Beiſpiel der Aufopferung voranzugehen, und den erſchöpften Finanzen nach meinen Kräften zu Hilfe zu kommen. — Wie! Der Staat wäre ſo weit herunter gekommen! rief d'Aubigné mit dem Tone des ſchmerzhaften Vorwurfes, und Sie haben mir davon nichts geſagt, theure Franziska! Es wäre 5* für mich ein großes Glück geweſen Ihnen nützlich zu ſein, denn ich wiederhole es Ihnen, ich bin mit Geld verſehen! Bruder und Schweſter müſſen ſich ja einander unterſtützen und mit ein⸗ ander theilen! Und darf ich Sie fragen, meine gute und theure Schweſter, was Ihnen der Verkauf Ihres Geſtütes einge⸗ bracht hat? — Ungefähr fünfmalhundert Tauſend Livres. — Du guter Gott! das iſt ein hübſches Geld!— Meine geliebte Franziska, fuhr der Graf nach einigem Schweigen fort, wollen Sie mir erlauben Ihnen zu ſagen, was ich denke? — Ich wüßte nicht, Agrippa, daß Sie ſich vor mir ge— nirten; reden Sie! — Nun theure Schweſter, vor allen Neigungen, und vor allem vor den politiſchen, geht die Neigung für die Familie; wenn Sie mich wahrhaft liebten, ſo würden Sie anſtatt Ihre Pferde dem Staat zu opfern, was ohnehin ein Tropfen im Meere iſt, Ihre fünfmalhundert Tauſend Livres mir gegeben haben. Mit dieſer Summe wäre ich für immer glücklich! — Dieſe Summe hätte bei Ihnen zwei Monate gedauert. — Das iſt möglich! Aber während dieſer zwei Monate hätten Sie jeden Tag das Vergnügen gehabt, ſich ſagen zu können:„Dank meiner Güte wird mein Bruder heute wieder einen ſchönen Tag verbringen!“ Aber nein, Sie haben es vor⸗ gezogen—— Thor, der ich bin, rief der Graf ſich mitten in ſeinem Satz unterbrechend, ich begreife jetzt Alles. Sie wagten es nicht, meinem Schwager zu entdecken wie weit es mit ihm gekommen ſei, und Sie haben Ihre Pferde verkauft, um ſich dieſe Entdeckung zu erleichtern. Ach, Franziska, mir fünfmal⸗ hundert Tauſend Livres vorenthalten um ein Geſpräch zu ver⸗ meiden, das Ihnen doch ſo leicht geweſen wäre, das Sie mit Ihrem hohen Geiſt um ſo viel wohlfeiler hätten anſpinnen kön⸗ nen!— heißt das als gute Schweſter handeln? etes nit w lerin, chen Bude eiſcht tt etwa Mach wirkl Da daß i Giji der ſr very ſod ſin lin Ver Bie ſich ſin —„Dieſer Verkauf der Pferde, dachte d'Aubigné, indem er es zugleich laut ausſprach, erklärt mir die freundliche Haſt, mit welcher Franziska mich heute empfing. Ah, liebe Heuch⸗ lerin, dieſe Bosheit ſollſt Du mir büßen.“ Die Marquiſe von Maintenon fragte ſich ihrerſeits, wel⸗ chem Beweggrund ſie die ſcheinbar ſo uneigennützige Viſite ihres Bruders zu verdanken habe; d'Aubigné's ungewohnte Mäßigung erſchreckte ſie, ſie verſuchte es daher noch einmal ihn auszuholen: — Lieber Graf, ſagte ſie, Sie wiſſen, daß ich Sie zu gut kenne um von Ihnen einen bloßen Freundſchaftsbeſuch zu erwarten. Ich beſchwöre Sie meiner Ungewißheit ein Ende zu machen: Was wollen Sie heute von mir? — Welche tiefe Kenntniß des menſchlichen Herzens! wirklich liebe Schweſter, Ihr Scharfſinn ſtreift an Genialität. Da man Ihnen nichts verbergen fann, ſo geſtehe ich Ihnen, daß ich in der That nur gekommen bin, um Sie um eine kleine Gefälligkeit zu bitten. Die Sache iſt folgende: Ich habe einen Freund, was ſage ich da! esiſt mein beſter, mein einziger Freund, der von meinem Schwager eine geheime Audienz wünſcht. Die⸗ ſer Freund hat mir einen ſo großen Dienſt erwieſen, daß ich verpflichtet war ſeinen Auftrag zu übernehmen, und ich bin ihm ſo dankbar, daß ich, bei meiner Ehre! viel Gewicht darauf lege, ſeine Bitte gewährt zu ſehen. — Wie heißt dieſer Freund, d'Aubigné? — Liebe Franziska, er heißt Baron Legoff. — Wer iſt er? Was will er? Was fir eine Stellung nimmt er ein? — Das ſind drei kleine Fragen, die mich aber in große Verlegenheit bringen. Sie fragen, wer dieſer Baron Legoff ſei? Vielleicht der leibhafte Teufel. Was er will? Das weiß ich nicht. Was ſeine Stellung ſei? Die eines Millionärs, der auf ſeinem Weg das Gold mit vollen Händen ausſtreut! — — Aber dieſer Menſch iſt ja, wie Sie geſagt haben, Ihr intimſter Freund; Sie müſſen ihn doch kennen? — Verſtändigen wir uns, liebe Schweſter. Ich habe denz“ Baron Legoff nur zweimal in meinem Leben geſehen; nur war ſein Auftreten beim erſten Mal ſo großartig, daß er mich ein für allemal für ſich gewonnen hat. Uebrigens bin ich der Freund aller derjenigen, die mir Geld leihen. — Und Sie ſchämen ſich nicht, d»Aubigné, rief die Marquiſe roth vor Zorn, mir den Vorſchlag zu machen, daß ich einen Menſchen zur Privataudienz vorſchlage, deſſen Ab— ſtammung und Stellung Sie nicht kennen! der vielleicht ein Abenteurer oder noch etwas Schlimmeres iſt! Welche Idee haben Sie denn von der königlichen Majeſtät, mein Bruder? — Eine traurige Idee, Franziska, antwortete d'Aubigns unverſchämt. — Hören Sie auf, fiel die Marquiſe ihrem Bruder in's Wort; ich habe nur noch eine halbe Stunde Zeit um mich zur Meſſe vorzubereiten, ich bitte Sie, Graf, ſich zurückzuziehen. — Es iſt mir unmöglich, Ihren Wunſch zu erfüllen, Fran⸗ ziska! Sie müſſen mich anhören, und Sie werden es! — Aber, Graf, ſprach die Marquiſe mit Hoheit, wenn ich bitte— — Hier gibt es keinen Grafen, unterbrach ſie d'Aubigné. Da gibt es einen Bruder und eine Schweſter, Franziska und Agrippa!—— Du lieber Gott, muß ich denn ſchreien, muß ich ſchwören und fluchen! Madame de Maintenon hatte bereits die traurige Er— fahrung gemacht, daß es am klügſten ſei ihren Bruder ruhig anzuhören, wenn er einmal im Zorn war. — Sprechen Sie, ſagte ſie zu ihm reſignirt und mit Thränen im Auge. — Franziska, fuhr d'Aubigné fort, es handelt ſich in * hieſen Ihr Ihrige wohl! beginn Schwe bieſ klagen hatten dit wns Er ge Geld, ſchwö V Si ug und Shn ſolln lübe erkli Dot Bar ſchen den nenn Jaj fn nit 56— dieſem Augenblick nicht blos um mich, ſondern auch um Sie. Ihre Macht iſt in Frage geſtellt!— Mein Sturz würde den Ihrigen nach ſich ziehen.— Sie erbleichen, Franziska! Sehr wohl! Dann kann ich auf Ihre Aufmerkſamkeit zählen. Ich beginne. Es iſt Ihnen nicht unbekannt, meine vortreffliche Schweſter, wie ſchmutzig ſich mein Schwager immer gegen mich bewieſen, wie oft er mich übergangen hat. Ich will nicht an⸗ klagen, ich erzähle nur. Dieſer Geiz und dieſe Uebergehungen hatten es nothwendig zur Folge, daß mein Herz erbittert wurde, und ich in die ſchauderhafteſte Noth gerieth. Nun wiſſen Sie, was ein Menſch vermag, der in Noth iſt und an Rache denkt. Er gehört dem erſten Beſten an, der zu ihm ſagt:„Hier iſt Geld, hilf mir Deinen Feind und Verfolger angreifen.“ — Sie erſchrecken mich, d'Aubigné, hätten Sie— — Mich verſchworen? Ja, und was noch mehr, ich ver⸗ ſchwöre mich noch immer.— Jetzt weinen Sie, Sie ſtarkes Weib! Ich weiß wohl, daß dies Thränen der Wuth ſind, die Sie da vergießen.— Ich fahre fort. Die gekrönten Leiter der Augsburger Liga glaubten, daß ich ihnen nützlich ſein könne, und haben in ihrem Intereſſe für mich das gethan, was mein Schwager aus Pflicht und ſeiner Würde gemäß hätte thun ſollen; ſie haben mir geholfen meine Schulden zu bezahlen. Liebe Schweſter, Sie ſehen alſo in mir, wenn nicht einen erklärten, doch eifrigen Parteigänger des Hauſes Oeſterreich. Doch um mich von meinem Gegenſtand nicht zu entfernen, der Baron Legoff, mein intimer Freund, den ich ſchon zweimal ge⸗ ſehen habe, kennt dieſen Umſtand. Er hat in ſeinen Händen den Beweis deſſen, was Sie meinetwegen meine Verrätherei nennen können, was ich aber meine Rache nenne. Wenn Se. Majeſtät ſich weigert morgen meinen intimen Freund zu em⸗ pfangen, ſo wird er erfahren, daß der Bruder ſeiner Gattin ſich mit ſeinen Feinden verſchworen habe. Ich bin zwar nicht ſo ſcharfſinnig wie Sie, aber nichts kann mir die Meinung nehmen, daß mein Unglück auf Sie zurückwirken wird. — Ach, d'Aubigné, rief die Marquiſe mit herzzerreißen⸗ der Betrübniß, und ohne daß Sie es verſuchte, ihre Thränen zurückzuhalten, wie traurig iſt doch das Menſchenleben. Wäre ich doch geſtorben! Dieſer wirklich aus dem Herzen kommende Jammerruf rührte den herzloſen d'Aubigné nicht. — Geſtorben! wiederholte er mit ironiſchem Tone, und indem er ſeine Schweſter ſpöttiſch anblickte. Haben Sie etwa das Wort, daß Sie im Himmel ein anderer Mann erwartet? Ein langes Stillſchweigen folgte auf dieſe grauſamen Worte des Grafen; die hochmüthige Marquiſe war gebrochen. — Mein Bruder, ſagte ſie zu ihm, Ihr Wunſch ſoll er⸗ füllt werden. Führen Sie morgen gegen drei Uhr dieſen Baron Legoff her, ich werde ſchon dafür ſorgen, daß er dem König vor⸗ geſtellt werde. Madame de Maintenon war mit ihrer Geduld zu Ende gekommen und ſtand auf. — Noch ein Wort, liebe Schweſter, ſagte d'Aubigné und nöthigte ſie ſich wieder niederzuſetzen. Sie begreifen, daß ich, welche Freundſchaft ich auch für dieſen guten und edel⸗ müthigen Baron Legoff empfinde, nicht immer ſein Damokles⸗ ſchwert über meinem Haupte ſchweben laſſen kann. Darf ich hoffen, daß Sie mir ohne Zeitverluſt, etwa morgen gleich, einen Verhaftsbefehl gegen ihn verſchaffen? — Sie haben Recht, d'Aubigné. Es iſt in der That nothwendig, daß dieſer Menſch verſchwinde. Morgen werden Sie den Verhaftsbefehl erhalten. Auf Wiederſehen! Agrippa ergriff dann die Hände ſeiner Schweſter, und ſagte, indem er ſie mit Zärtlichkeit anblickte: — Ach, arme Marquiſe, wir haben beide auf dieſer Erde kein gr Leben ſnden nich ü neinen haben einen mit J von d ſehne Non ohne das jisſe, weite Freu Nn) oh Jit Iro Brr aus fieln lüc Uhe Gel n kein großes Glück angetroffen. Wir haben ein abenteuerliches Leben geführt, mit dem Unterſchiede, daß Sie es immer ver⸗ ſtanden das Vergnügen Ihren Kräften anzumeſſen, während ich mich über Hals und Kopf darein geſtürzt habe. Ich bin bei meinem Geſchmack und meinen Gewohnheiten geblieben, Sie haben einen andern Weg eingeſchlagen; aber beide ſind wir auf einen falſchen Weg gerathen, ich mit meiner Beharrlichkeit, Sie mit Ihrem Wechſel. Angeekelt von der Ergebenheit, verzehrt von der Langweile, und erdrückt unter der Wucht Ihrer Größe ſehnen Sie ſich wol zuweilen nach den guten Zeiten des armen Narren Scarron zurück; ich, ich fühle, gelähmt von der Gicht, ohne Freund, ohne Glauben, gehetzt von meinen Gläubigern, das Herannahen des ſchauderhaften Alters. Sehen Sie, Fran⸗ ziska, ſprach d'Aubigné nach einer kleinen Pauſe mit Rührung weiter, warum verſuchen Sie es nicht, in meinem Glück Ihre Freude zu finden? Ueberhäufen Sie mich mit Gold, mit Wür⸗ den und Wohlthaten! Sie werden dann wenigſtens einen Freund haben, mit welchem Sie offenen Herzens von den vergangenen Zeiten werden ſprechen können. Wenn man in unſerem Alter iſt, Franziska, ſo findet man ſein Glück nur im Rückblick auf die Vergangenheit! Die erſte Perſon, welcher d'Aubigné begegnete, als er aus dem Schloſſe kam, war der Baron Legoff. — Sie hier, lieber Baron, rief er indem er ihm um den Hals fiel und ihn mehrmals küßte; welcher gute Wind führtSie denn her? — Der Wunſch zu wiſſen, ob Ihre Unterhandlung ge— glückt ſei. — Vollkommen. Der König wird Sie morgen empfangen. Aber ſagen Sie mir, lieber Baron, hätten Sie nicht noch etwas Geld anzulegen?— Ich weiß eine vortreffliche Gelegenheit. — Im Augenblick nicht. — Das iſt Schade. Auf Wiederſehen! Ich muß noch mehrere Viſiten machen, und habe mich verſpätet.— Erlauben Sie mir Sie zu verlaſſen. Im Ganzen, ſagte d'Aubigns zu ſich ſelbſt, indem er in ſeinen Wagen ſtieg, iſt dieſer Legoff nicht ſo klug als ich Anfangs geglaubt habe. Er hätte mir, anſtatt mir fünftauſend Louisd'or an den Kopf zu werfen, eine Leibrente, durch ihn ſelbſt zahlbar, anweiſen ſollen. Dieſe Vorſicht hätte ihn vor meinem Verhaftsbefehl gerettet. * Wir führen den Leſer in dasſelbe Cabinet, in welchem ſich die eben erzählte Szene zwiſchen d'Aubigné und deſſen Schweſter ereignet hat. Der König durchſchritt nachdenklich und mit gerunzelter Stirne das große reichmöblirte Zimmer, mit langſamen unglei⸗ chen Schritten. Von Zeit zu Zeit blieb er Rehen und diktirte der Marquiſe, die vor einem mit Papieren überhäuften Tiſche ſaß, einige Sätze eines Briefes, deſſen Abfaſſung ſeine Auf⸗ merkſamkeit in hohem Grade in Anſpruch zu nehmen ſchien. Obſchon die Marquiſe ein vortreffliches Gehör hatte, und Ludwig XV. jedes Wort mit größter Genauigkeit ausſprach, ſo that ſie zuweilen dennoch als ob ſie es nicht recht verſtanden hätte, und wiederholte die Worte, die ihr wahrſcheinlich als nicht geeignet erſchienen, mit Variationen und wie fragend; der König dachte ein wenig nach, und nahm faſt immer den von Madame Maintenon unterſchobenen Ausdruck an. Ludwig XlV. hatte eben ſein ſiebenundfünfzigſtes Jahr angetreten; ſeine faltenreiche Stirne und die eingefallenen Wan⸗ gen verriethen ſein Alter. Nur ſein Blick hatte noch das Feuer der Jugend. Was an ſeiner königlichen Geſtalt vor Allem auf⸗ fiel, war die Würde und Großartigkeit ſeiner Bewegungen; lin Mo der For hiit di ie Eti jnen gewiß higte auftich wliſe worde Vilf die ob der N achtu ſind Sih nd) Rit ſine find zun Pfr es n nöth jſit und bron Rüß inſ kein Monarch hat je den Reſpekt vor ſich ſelbſt und den Cultus der Form ſo weit getrieben als Ludwig XIv. Selbſt die Frei⸗ heit, die er den ihm vertrauten Perſonen gewährte, war durch die Etikette geregelt. Von all' den Maitreſſen, die er bis zu jenem Tage gehabt hatte, war die Marquiſe von Maintenon gewiß am meiſten in ſein Vertrauen gedrungen; Ludwig XV. hegte für den Geiſt und das Urtheil der Wittwe Searron die aufrichtigſte Hochachtung, die ihm aber zuweilen läſtig wurde. Indem er den Perſonen ſeiner Familie, welche die Mar⸗ quiſe ſo behandelten, als ob ſeine Ehe mit ihr feierlich erklärt worden wäre, im Grunde dankbar war, rechnete er ihnen ihre Willfährigkeit gut an; wenn aber eine Prinzeſſin von Geblüt die obſchon wohlbegründete, aber dennoch zweifelhafte Stellung der Madame de Maintenon mißbraucht und dieſelbe mit Ver⸗ achtung behandelt hätte, ſo würde er die arme Frau nach Um⸗ ſtänden unbarmherzig verlaſſen haben. Ludwig XV. ſtellte den Stolz auf ſeine Gebhrt über Alles; oft liebte er es ſogar, wenn er durch die Ueberlegenheit der Marquiſe, die ſie übrigens nach Kräften zu verbergen ſuchte, gereizt war, und wenn er ſich über ſeine Verehelichung mit ihr ärgerte, ihr den unermeßlichen Ab⸗ ſtand fühlbar zu machen, der ſie vom Throne trennte. — Sire, ſagte die Marquiſe, als der König bei einem zum Theil bereits diktirten Satze ſtockte, der Verkauf meiner Pferde, der mir fünfmalhunderttauſend Thaler einbrachte, mocht es möglich die zwanzigtauſend Thaler abzuſenden, die wir be⸗ nöthigen, um Amirante in unſer Intereſſe zu ziehen. Ew. Ma⸗ jeſtät wiſſen, daß Amirante in ganz Spanien der der Königin und dem Hauſe Oeſterreich ergebenſte Menſch iſt. Ihn zu com⸗ promittiren und mit Gewalt für uns zu gewinnen, iſt von der größten Wichtigkeit. — Sie haben immer Recht, Madame, ſchicken Sie zwanzig⸗ tauſend Thaler. Ludwig XV. ging eine Weile ſchweigend auf und ab, dann näherte er ſich unbemerkt dem Fauteuil, in welchem die Marquiſe ſaß: — Waos iſt denn das für ein Verkauf Ihrer Pferde, von welchem Sie eben geſprochen haben, Madame? fragte er ſie ziemlich trocken. — Sire, antwortete die Marquiſe mit verſtellter Demuth, ich bedaure, daß ich mir unwillkührlicher Weiſe das Wort habe entſchlüpfen laſſen—„ — Sie wiſſen doch, Madame, wie ſehr ich auf das Ver⸗ trauen derjenigen zähle, die mir theuer ſind und meiner Perſon nahe ſtehen. — Ach, Sire, ich bebe vor dem Geſtändniß, das Ew. Majeſtät betrüben könnte. Die Staatskaſſe iſt leer; der Staats⸗ controllor der Finanzen kann in dieſem Augenblick über keine nur einigermaßen bedeutende Summe verfügen. — Ach, ſagte der König, der nun wieder auf⸗ und ab⸗ ging, Herr von Pontchartrain ſoll in ſolche Noth gekommen ſein! Indeß hat er doch, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht, erſt geſtern angegeben, daß ſich in der Staatskaſſe dreihundert Millionen befinden. — Ihr Gedächtniß täuſcht Sie niemals, Sire, und Pont⸗ chartrain hat die Summe unſerer Reſſourcen genau angegeben. Nur hat er die neue Kopfſteuer des erſten Halbjahres, die noch nicht angegriffen wurde, als bereits eingegangen angenommen. Dieſe mit Traurigkeit ausgeſprochenen Worte verurſach⸗ ten, daß ſich die Stirn des Königs umwölkte; faſt fünf Minu⸗ ten blieb er ſchweigend und in Gedanken vertieft ſtehen. — Madame, ſagte er endlich, Sie hätten, bevor Sie ſich zu einem ſo auffallenden Schritt entſchloſſen, jedenfalls mich erſt fragen ſollen, was mein Wille ſei. Ich kann übrigens nicht umhin Ihre Ergebenheit anzuerkennen. Da dieſes Beiſpiel von ob ſeinr! ſch be ſie bee ſhiſtig ſch w ſproch ten, Gem eingef mirn zukon einige Goh von tenon brin nigk det! ſeine glau ter begl Her ( ſus von e e von oben kömmt, ſo wird es nicht ohne Nachahmung bleiben— Nachdem ſie dem König einmal den traurigen Zuſtand ſeiner Finanzen enthüllt hatte, wünſchte die Marquiſe, daß er ſich bei dieſem unangenehmen Gedanken nicht lange aufhalte; ſie beeilte ſich daher ihn mit einem andern Gegenſtand zu be⸗ ſchäftigen, und ſagte: — Da Ew. Majeſtät nichts vergeſſen, ſo werden Sie ſich auch erinnern, daß Sie dem Grafen von Monterey ver— ſprochen haben ihn heute zu empfangen. — Ganz wohl, Marquiſe! Bontemps hat Befehl erhal⸗ ten, ihn hierher kommen zu laſſen, ohne daß er erſt durch die Gemächer zu gehen habe, denn es iſt unnöthig, daß der Graf eingeführt werde. Meine Stellung Spanien gegenüber erlaubt mir nicht, Monterey die ſeinem Titel als Grand erſter Klaſſe zukommenden Vorrechte zu gewähren.— Ich werde ihm darüber einige Worte ſagen, denn Monterey iſt ein Mann von großen Geiſtesgaben, den man ſchonen muß; er kann uns in der Folge von beträchtlichem Nutzen ſein. — Er iſt das Muſter eines Spaniers, fügte die Main⸗ tenon hinzu; er hängt an den Grundſätzen, Sitten und Ge⸗ bräuchen und an der Etikette ſeiner Nation bis zur letzten Klei⸗ nigkeit, er beſitzt eine ſeltene Charakterſtärke, und entwickelt in der Ausführung ſeiner Pläne eine Ausdauer ohne gleichen. Um ſeiner Mittheilung den Anſchein geringerer Wichtigkeit zu geben, glaubte ich ihn auffordern zu dürfen, daß er ſich von ſeiner Toch⸗ ter Nativa, der Pathe der unglücklichen Königin Marie⸗Louiſe, begleiten laſſe— — Sie handelten weiſe, Madame. Geſtern habe ich den Herzog von Chartres von dieſer jungen Perſon mit Enthuſias⸗ mus ſprechen hören. Ich wäre nicht unwillig ſie zu ſehen. Eine Viertelſtunde nach dieſem Geſpräch trat der Graf von Monterey mit Nativa in dasCabinet derMadame de Maintenon. Der Senor Sandoval, den der Leſer erſt einmal geſehen hat, war nach ſpaniſcher Sitte dunkel gekleidet. Zur Beſtätigung ſeines Rechtes, das ihn den franzöſiſchen Herzogen gleichſtellte, und das damals ſtreitig gemacht und erſt einige Jahre ſpäter anerkannt wurde, trug er keinen Mantel.— Nativa hatte, dem Beiſpiel ihres Vaters folgend, ihre Nationalkleidung beibehalten; ſie war von anbetungswerther Schönheit. Als der Graf in's Cabinet trat, verneigte er ſich vor dem König tief, und ſetzte dann den Hut wieder auf. Dann wandte er ſich gegen Madame de Maintenon um, grüßte ſie mit vollen⸗ deter Höflichkeit, und blieb mit bedecktem Haupte ſtehen. Durch dieſes Benehmen, wozu ihm das Recht zuſtand, erinnerte er den König, daß er, Monterey, Grand von Spanien und caballero cubierto(Ritter, der das Recht hat das Haupt bedeckt zu halten) ſei, und bezeugte der Marquiſe zugleich ſeine Ergebenheit. Ludwig XlV., der in Fragen über den Vorrang ſo ſeru⸗ pulös war, begriff es beſſer als irgend Jemand, daß dieſe Kühnheit und Galanterie von gutem Geſchmack ſei; und faßte von dem Spanier ſogleich eine ſehr gute Meinung. — Graf von Monterey, ſagte er zu ihm, ich fühle mich glücklich in meinem vertrauteſten Kreiſe einen Mann zu em⸗ pfangen, zu welchem meine theure Nichte Marie⸗Louiſe alles Vertrauen, und den zu loben ſie ſo oft Urſache gehabt hat. Seien Sie verſichert, ich werde es niemals vergeſſen, daß mir die letzten Briefe Ihrer Königin, die in ihren Familienneigungen von den Feinden meines Hauſes ſo grauſam überwacht worden iſt, durch Ihre Vermittelung zugekommen ſind. Der Grand von Spanien verneigte ſich auf's Neue vor dem König, und ergriff mit ernſtem faſt feierlichem Tone das Wort: — Sire, ſagte er, ich habe die Ehre gegen den Gebrauch und trotz dem Kriege zwiſchen Frankreich und Spanien zu Ew. ſaune annu ſen w ges, ſehr ſogle träge jeſti Fun die iſn Re Hen gei den Geg Ale Fpl in die Beſ tue Majeſtät von meinem Herrn, dem König Karl II., in der Eigen⸗ ſchaft eines Geſandten hergeſchickt worden zu ſein. Dieſe Erklärung verurſachte Ludwig XIV. wahrhaftes Er⸗ ſtaunen, jedoch er ließ es nicht merken. — Mein geliebter Couſin von Spanien, antwortete er anmuthig, konnte keine Wahl treffen, die mir angenehmer gewe⸗ ſen wäre. Nur, Herr Graf, iſt ein Geſandter zur Zeit des Krie⸗ ges, wenn nicht eben von Friedensvorſchlägen die Rede iſt, ſo ſehr gegen alles Herkommen, daß es mir nicht erlaubt iſt, ihn ſogleich anzunehmen. Ich kann in Ihnen nur einen Geſchäfts⸗ träger ſehen, der mit einer perſönlichen Angelegenheit Sr. katho⸗ liſchen Majeſtät betraut iſt. Nehmen Sie dieſe Stellung an? — Ja, Sire, antwortete der Graf. — So reden Sie! — Sire, mein Herr, der König Karl I. bittet Ew. Ma⸗ jeſtät Ihre Beſtrebungen trotz dem Krieg zwiſchen Spanien und Frankreich mit den ſeinigen zu vereinen, die zum Zweck haben, die Piraten zu vernichten, welche die Antillen beunruhigen. Das iſt nicht eine Frage der Politik, ſondern der Humanität und der Rechtlichkeit. Ich habe noch hinzuzufügen, daß der König, mein Herr, das größte Gewicht darauf legt, daß hier Gerechtigkeit geübt werde. — Graf von Monterey, antwortete Ludwig XIV., nach⸗ dem er die Marquiſe fragend angeblickt hatte, ich finde im Gegentheile, daß dieſe Frage rein politiſcher Natur iſt. Vor Allem handeln die franzöſiſchen Flibuſtier der Antillen nur in Folge der Aufträge, weſche ſie von mir erhalten; ferner bin ich in Folge des Gewichtes, welches mein Couſin von Spanien auf die Vernichtung der Flibuſtier legt, zu glauben verſucht, daß ihre Beſtrebungen, wenn auch nicht für den Ruhm, doch für die In⸗ tereſſen des Staates, nicht zu verachten ſeien. — Sire, ſagte hierauf der Graf von Monterey, wenn Ew. Majeſtät mir erlauben weiter zu ſprechen, ſo könnte ich Ihnen die gewichtigen Rückſichten mittheilen, welche meinen Herrn beſtimmt haben, mich zum König von Frankreich zu ſenden. Der Graf ſchwieg, und da ihm Ludwig Xlv. durch ein be⸗ jahendes Kopfnicken erlaubte fortzufahren, ſo ſagte er: — Dieſe Rückſichten beziehen ſich auf das Heiligſte, was es gibt, auf die Religion. Die Boucanier oder Flibuſtier der Antillen begehen jeden Tag die ſchrecklichſten und ſchauderhaf— teſten Frevel. Wenn der König eine eben ſo unparteiiſche als wahrheitsvolle Denkſchrift, die in dieſer Beziehung verfaßt wor⸗ den iſt, zu berückſichtigen geruht, ſo wird er ſich leicht von der Wahrheit der Thatſachen überzeugen, die ich erzählen will. Nicht nur berauben und plündern die Flibuſtier unſere Kirchen, ſon⸗ dern ſie verfolgen auch die Diener des allmächtigen Gottes mit einer Wuth und einer Blutgier, von der kein Ausdruck eine Idee geben kann. Ein in ihre Hände gefallener Biſchof wurde kürzlich von ihnen mit der raffinirteſten Grauſamkeit ermordet.. Mein Herr, der König Karl II., wendet ſich alſo an Ew. Maje⸗ jeſtät nicht in Rückſicht auf perſönliche Intereſſen, ſondern im Intereſſe der ſo unwürdiger Weiſe verkannten und gefährlich bedrohten Religion. Dieſe Antwort des Grafen von Monterey ſchien auf Lud⸗ wig XIV. wie auf Madame de Maintenon einen ſehr großen Ein⸗ druck zu machen. — Graf, erwiederte der König, die ganze Welt kennt die grenzenloſe Ehrfurcht, die ich vor Allem hege, was die Religion betrifft. Mein Couſin von Spanien hat ſehr wohl daran gethan, ſich an mich zu wenden. Jedenfalls wünſche ich, bevor ich Ihnen eine beſtimmte Antwort ertheile, dieſe Angelegenheit mit Muße zu prüfen, um die Denkſchrift kennen zu lernen, die Sie mir unterbreiten. — Möge jetzt der König mir erlauben, zu den Bemer⸗ lungen, hatte,7 ſhize: Ihnen nes Lo des Ki ſolger vorgeſ ſchein hinne redun erbiet inig 31 N ben, Ding und beſte vilge Sie; diene heur Rog einer uih — kungen, welche ich im Namen meines Herrn zu machen die Ehre hatte, noch einige eigene Worte hinzuzufügen. — Ich wiederhole es Ihnen, Graf, daß ich Sie hoch⸗ ſchätze und daß ich mich immer glücklich fühlen werde, wenn ich Ihnen angenehm ſein kann. Reden Sie! — Sire, ich glaube ohne Nachtheil für die Intereſſen mei⸗ nes Landes hinzufügen zu dürfen, daß es auf die Verfügungen des Königs, meines Herrn, in Bezug auf die Wahl ſeines Nach⸗ folgers von großem Einfluß wäre, wenn Ew. Majeſtät den Ihnen vorgeſchlagenen Plan annehmen würden; es iſt ſogar wahr⸗ ſcheinlich, daß er ſich in dieſem Falle ſehr ſtark zu Frankreich hinneigen würde. Da der König auf dieſe wichtige Wendung der Unter⸗ redung nicht vorbereitet war, ſo antwortete er nicht. Er näherte ſich Nativa und richtete an ſie mit jener ehr⸗ erbietigen Anmuth, die er Damen gegenüber immer anwendete, einige freundliche galante Worte und wandte ſich dann wieder zu Monterey: — Graf, ich hoffe binnen Kurzem das Vergnügen zu ha⸗ ben, Sie wiederzuſehen. Wir werden uns dann über alle dieſe Dinge längere Zeit beſprechen. Ich bitte Sie, ſich von der Art und Weiſe, in welcher Sie zu mir geführt worden ſind, nicht befremden zu laſſen. Ich konnte einen Geſchäftsträger meines vielgeliebten Coufins von Spanien nicht empfangen und wollte Sie dennoch mit dem Wohlwollen behandeln, welches Sie ver⸗ dienen und das ich für Sie hege, ſeitdem Sie ſich bei meiner theuren Nichte, Ihrer Königin, in ſo ſchönem Lichte gezeigt haben. Sobald ſich der Graf von Monterey und Nativa zurück⸗ gezogen hatten, wandte ſich Ludwig XIV. an die Marquiſe mit einer Lebhaftigkeit, die man bei gewöhnlichen Vorfällen niemals an ihm erblickte. — Was denken Sie von dem Allen, Madame, ſprach er. 6. —— Scheint es Ihnen nicht, daß dieſer Kreuzzug gegen die Flibu⸗ ſtier, welchen mir König Karl II. ſo heimlich vorſchlagen läßt, ſehr wichtig und der ſorgfältigſten Prüfung würdig ſei? — Ich bin ganz Ihrer Meinung, Sire. — Das wreſtindiſche Meer von den Boucaniern befreien, fuhr Ludwig XV. fort, während meine halbzerſtörte Marine den feindlichen Mächten nicht mehr mit Vortheil die Spitze zu bie⸗ ten vermag, wäre von unſerer Seite eine Thorheit. Indem die Flibuſtier von St. Domingo Spanien nöthigen in ſeinen Colo⸗ nien mehr als zwanzigtauſend Mann zu erhalten, erweiſen ſie uns einen wahrhaften Dienſt oder ſind uns vielmehr von unbe⸗ ſtreitbarem Nutzen. — Das iſt auch wahr, Sire. Wäre es indeſſen nicht nöthig auch die wichtigen Vortheile in Erwägung zu ziehen, welche der Graf von Monterey durchblicken ließ? Wenn dieſe Expedition, wie er verſichert, dem König Karl II. ſo ſehr am Herzen liegt, wäre es dann nicht möglich, jeden Ihnen hinder⸗ lichen Einfluß zu beſeitigen? Wenn man durch Nachgiebigkeit in dieſem Falle dahin wirken könnte, daß die ſpaniſche Thron— folge auf einen Prinzen Frankreich's fiele, würde dann Ew. Majeſtät nicht einen Erſatz finden, der unſtreitig weit höher an⸗ zuſchlagen iſt, als die Vernichtung einiger gottloſen Piraten? — Sie entfalten da eine Gediegenheit des Urtheils, er⸗ wiederte Ludwig XIV. ernſt, die mich bei Ihnen gar nicht in Er⸗ ſtaunen ſetzt, und für die ich Ihnen Glück wünſche. Vergeſſen Sie aber nicht, daß von den acht Mitgliedern, aus denen der Rath der Krone von Spanien wahrſcheinlich beſtehen wird, vier ſchon auf unſerer Seite ſind: Porto-Carrero, Villa⸗Franca, San⸗Eſteban und Ubilla. Die zwanzigtauſend Thaler, welche wir unſerem geheimen Agenten in Madrid durch einen Courier überſenden werden, ſichern uns den Beiſtand des der Königin ergebenen Amirante. Was Veraga, Maneera und Arias betrifft, ſo viſ auf ſi eeſſion König einem egenh an! ſchein ſo ſc „das Lone wehr eſſen v wen wit Zor ausf inz feiet ſo wiſſen Sie, daß ſie ſich dem Einfluß, welchen ihre Collegen auf ſie ausüben, nicht entziehen können; die Sache der Sue⸗ ceſſion iſt alſo in gutem Zuge. — Sire, ſagte die Marquiſe, als ſie merkte, daß der König ſchwieg, um ihr Gelegenheit zu einer Bemerkung oder zu einem Einwurf zu geben, es gibt noch etwas, das in der Ange⸗ legenheit der Boucanier berückſichtigt werden muß, nämlich, ob man nicht verſucht, Ew. Majeſtät eine Falle zu legen. Ludwig XIV. überlegte einen Augenblick, und da er wahr⸗ ſcheinlich die Falle nicht ſah, auf welche die Marquiſe anſpielte, ſo ſchüttelte er langſam das Haupt, als hätte er ſagen wollen: „das iſt möglich,“ dann forderte er die Margquiſe mit ernſtem Tone auf fortzufahren. — Sie wiſſen, Sire, fuhr dieſe fort, daß Oeſterreich ſchon mehrmals verſucht hat, Se. Heiligkeit den Papſt ſeinen Inter⸗ eſſen günſtig zu ſtimmen. Wäre es nun nicht möglich, daß man es verſuchen würde am römiſchen Hof daraus Vortheil zu ziehen, wenn Sie ſich weigern würden, die Boucanier zu vernichten, die, wie es ſcheint, der Religion ſo viel Schaden bringen und den Zorn des Himmels jeden Tag durch ſchauderhafte Frevel her⸗ ausfordern? Die Taktik wäre in der That ſehr klug. — Ich bin wieder ſo glücklich mit Ihrer Einſicht über— einzuſtimmen, antwortete der König mit halb liebevoller, halb feierlich ernſter Galanterie. Es iſt bekannt, daß Ludwig XIV., wenn er die Marquiſe in Gegenwart ſeiner Miniſter um Rath fragte, dieß immer mit den Worten that:„Was denkt Ihre Gediegenheit? Was ſagt der Verſtand?“ — Vor jedem Entſchluſſe, fuhr der König nach kutzem Stillſchweigen fort, wird es nöthig ſein ſich zu vergewiſſern, ob der Graf von Monterey in dieſer Frage nicht aus perſönlichem Intereſſe eine beſondere Stellung einnimmt. Sobald ich in 65 dieſer Beziehung Gewißheit erlangt habe, werde ich das Anſuchen König Karl's II. näher ins Auge faſſen. Der König ſchwieg auf's Neue einige Secunden und wandte ſich dann an die Marquiſe: — Ach, Madame, ſagte er dann mit tiefer Rührung und Thränen im Ange, iſt mein armes Volk in ſolche Noth gerathen, daß Sie genöthigt waren, Ihre Pferde zu verkaufen, damit wir im Stande ſeien unſerem Agenten in Madrid die zwanzigtauſend Thaler zu ſchicken? Ludwig XIV. war trotz dem erhabenen Stolz, der ihm die Kraft verlieh, mitten im ſchrecklichſten Unglück auf das ganze ihm feindſelige Europa mit hochmüthiger Verachtung herabzu⸗ ſehen, im vertrauteſten Kreiſe leicht zum Weinen zu bringen. Die Marquiſe erhob ſich ſodann, ging mit auf den König gehefteten Blicken zu ihm hin, ergriff ſeine Hände mit einer Miene, die wohl die Mitte hielt zwiſchen der feinſten weltlichen Coquetterie und religiöſem Myſticismus, und flüſterte ihm mit unausſprechlicher Sanftmuth ins Ohr: — Ludwig, Sie ſind der Abglanz von der Allmacht Gottes auf Erden. Ihre Geduld kann geprüft werden, aber Ihr Ruhm wird nie verloren gehen. Die vorübergehenden Wider⸗ wärtigkeiten, die Sie treffen, werden Ihnen vom Ewigen ge⸗ ſendet, damit Sie ſich an Ihre Sterblichkeit erinnern. Mein Herz und mein Verſtand ſagen es mir, daß Sie für Ihre helden⸗ müthige Reſignation bald durch glänzende Siege belohnt werden. Der König, der mehr als irgend ein Anderer für die Idee, ſich geliebt zu wiſſen, empfindlich war, wurde durch dieſe mit verführeriſchem Geberdenſpiel begleiteten Worte tief gerüht er ließ ſeinen Thränen freien Lauf: — Ach, Madame, ſagte er, nachdem er auf ihre Stirne einen langen Kuß gedrückt hatte, Sie müſſen ſtolz und eiferſüchtig ſein auf meine Größe, denn Sie find es, die mich dazu begeiſtert hat. 4 den S verunſ größte verſchl achtun hatten Köni Geli Noch j des ſeine Maj es7 Juſ zue woll ſre kon wig Die Marquiſe mußte all' ihre Willenskraft anwenden, um den Stolz und die Freude zu verbergen, die ihr dieſe Worte verurſachten. In der That war die Antwort des Königs die größte Gunſt, die er gewähren zu können glaubte. Ludwig XV. verſchwendete gern Millionen für ſeine Maitreſſen; aus Selbſt⸗ achtung hielt er ſogar darauf, daß die Frauen, welche die Ehre hatten, ihm zu gefallen, mit ihrer Stellung den Glanz aller Königinnen von Europa verdunkelten; aber ſeinen königlichen Gelüſten gegenüber bewahrte er doch immer ſeine Individualität. Noch niemals hatte er einer ſeiner Maitreſſen geſagt, daß ſie ihn zur Größe begeiſtere. — Sire, ſagte die Marquiſe, indem ſie der Rührung des Königs ein Ende machen wollte, damit er ſich nicht ſpäter ſeiner Schwäche ſchäme und gegen ihre Verführung wahre; Eure Majeſtät vergeſſen, daß Sie heute ein wenig leidend ſind. Wäre es nicht an der Zeit ſtatt der ernſten Geſchäfte ein wenig an Zerſtreuung zu denken? Die Frage genügte, um den König ſeinem großen Schmerz zu entziehen. — Sie wiſſen, Madame, ſagte er ihr, daß ich jagen wollte, daß ich aber die Jagd widerrufen habe. — Ich rathe Ihnen auch nicht zur Jagd, dieſe Zer⸗ ſtreuung iſt zu heftig. — Hätten Sie einen Plan, Madame? — Ja, Sire, Ihnen eine Perſon vorzuſtellen. — Welche, Madame? — Das, Sire, ſagte die Marquiſe mit ſchmeichelndem Lon, während ſie unmerklich erröthete, ſollen Sie nicht erfahren. — Seinem Ich muß man vertrauen, antwortete Lud⸗ wig Nlv. galant. Es handelt ſich alſo um eine Ueberraſchung? — Ja, Sire, um eine wirkliche Ueberraſchung. — Nun, wir wollen ſehen, erwiederte der König, der — 70— als ein zu ſtrenger Beobachter der Etikette das Unerwartete zwar nicht aufſuchte, es aber nicht zurückwies, wenn es ſich im ver⸗ trauten Kreiſe ihm darbot. Die Marquiſe gab ſogleich einem der ſogenannten blauen Bedienten, die ſich in allen Gemächern des Palaſtes befanden, Befehl, die ſo geheimnißvoll angemeldete Perſon hereinzuführen. Fünf Minuten darauf erſchien Legoff im Cabinet der Mar⸗ quiſe, und verneigte ſich tief, aber voll Ruhe und Sicherheit vor dem König. Ludwig XV. hatte die Gewohnheit, diejenigen, die er zum erſten Mal oder bei feierlichen Gelegenheiten ſah, feſt an⸗ zublicken. Gelang es ihm, den in ſeine Gegenwart zugelaſſenen Menſchen aus der Haltung zu bringen oder einzuſchüchtern, ſo war ſeine Eigenliebe angenehm geſchmeichelt, und er war dem unglücklichen Sterblichen, der vom Glanz der Sonne ſich blen⸗ den ließ, ſogleich günſtig. Die Hofleute, welche dieſe Schwäche des Königs kannten, zogen großen Vortheil daraus. Einige trieben ihre Schmeichelei ſogar bis zu einer verſtellten Ohnmacht. Sei es, daß Legoff dieſe Eigenheit Ludwigs Xv. nicht kannte, oder wollte er ſich dieſem kleinlichen und kindiſchen Triumph der Eigenliebe nicht fügen: er hielt nach ſeiner unterthänigen Begrüßung das Haupt aufrecht, und ertrug den Blick des Kö⸗ nigs feſt und ruhig. — Was wünſchen Sie, mein Herr? fragte Ludwig Xlv. mit leichtem Stirnrunzeln. Legoff ſchlug die Augen nieder, denn nachdem er ſeine Geiſtesruhe bewieſen hatte, konnte er dem königlichen Anſehen dieſe Huldigung ſchon darbringen, und ſprach mit feſter Stimme: — Sire, ich wünſche und habe ſogar den Willen, ge⸗ ruhen Sie mir dieſen Ausdruck zu verzeihen, Ihrem Ruhm einen ſolchen Horizont zu erſchließen, daß ſelbſt Ihr Adlerblick deſſen ungehe Nnan Jiht Ludwi uſach ſz dieſe was ine Sir und ſeine nich ſow Yo von Erf un e6 die in — ungeheure Ausdehnung nicht ermeſſen könne! Ich will der Fer⸗ dinand Cortez Ihres Reiches ſein, und meinen Namen mit dem Jahrhundert vereinigen, welches die Nachwelt das Jahrhundert Ludwig's XV. nennen wird. Dieſes Gemenge von Kühnheit und Schmeichelei ver⸗ urſachte dem König eine wahrhafte Ueberraſchung; er wandte ſich zur Marquiſe um, und warf einen fragenden Blick auf ſie; dieſe befand ſich in lebhafter Aufregung, denn ſie wußte nicht, was vorgehen werde, und lächelte den König freundlich an, mit einer Miene, die ſagen ſollte:„Ich habe es Ihnen wohl geſagt, Sire, daß dieſer Mann Sie zerſtreuen werde.“ — und wer ſind Sie, mein Herr? fragte der König, und ſah die ſeltſame Perſon mit einer Neugierde an, bei der er ſeine Würde ein wenig aus den Augen ließ. — Sire, ich wünſche unbekannt zu bleiben, und laſſe mich Baron Legoff nennen. Der Name, unter welchem ich be⸗ kannt, und ich darf hinzufügen, geachtet und gefürchtet bin, iſt Montbars der Vernichter. Die Marquiſe erbleichte, und Ludwig XIV. wiederholte, von der Seltſamkeit der Situation hingeriſſen, mit unverholenem Erſtaunen: — Montbars der Vernichter! aber das iſt ja der Name des berühmten Flibuſtiers, der vor zehn Jahren geſtorben iſt. Legoff lächelte und ſprach mit ernſter Stimme und ſcharf betontem Ausdruck: — Montbars iſt, möge mir Ew. Majeſtät den Vergleich verzeihen, wie der König von Frankreich. Der König iſt todt, es lebe der König! Montbars iſt todt, es lebe Montbars! Ludwig Xlv. wandte ſich auf dieſe räthſelhafte Antwort, die ſo ſehr von aller Möglichkeit abwich, daß ſie ihm wie Wahn⸗ ſinn erſchien, wieder an die Marquiſe; aber Madame de Main⸗ tenon vermied ſeinen Blick. Die arme Frau wäre in dieſem * — Augenblick, ſo ſehr war ſie über die Unſchicklichkeit, zu welcher ſie die königliche Würde gebracht hatte, erſchrocken, im Stande geweſen das Todesurtheil ihres Schelm's von Bruder zu unter⸗ zeichnen, der allein am Empfang des Barons Legoff die Schuld trug. — Erklären Sie ſich deutlicher, ſagte endlich Ludwig XV., indem er ſich zu dem Boucanier wandte. — Sire, erwiederte Legoff, das Leben Ew. Majeſtät war immer ſo ſehr von Ihren wunderbaren Plänen erfüllt, daß Sie vielleicht niemals Zeit gefunden haben, ſich über die Boucanier der Antillen zu unterrichten, welche den Namen Ludmig's des Großen ſo ſehr verehren, und die ohne Nebengedanken an Be⸗ lohnung oder Ehrgeiz ihre Kräfte der Vermehrung ſeines Ruhmes widmen. Die Boucanier ſind keineswegs, wie man gewöhnlich glaubt, vereinzelte Banditen, die keinen andern Beruf kennen, als ſpaniſche Schiffe zu plündern.— Die Boncanier bilden eine geheime und mächtige Geſellſchaft, deren Oberhaupt, ein abſoluter Tyrann, zum Andenken an den berühmten Gründer der Boucanerie den Namen Montbars führt. Dieſes Oberhaupt bin ich. Wenn meine Stunde gekommen ſein wird, wenn ich in der Schlacht oder getroffen von einer ſpaniſchen Kugel falle, ſo erbt mein Nachfolger meinen Namen und meine Waffen; er wird den Degen eines tapfern und rechtlichen Edelmannes füh⸗ ren, und Montbars heißen. 0 Ludwig XIV. hörte dieſe Erklärung mit leb tter⸗ eſſe an; wie Pontchartrain blickte auch er mit großer Reugierde dieſen kühn und friedfertig ausſehenden Mann an, dein Muſter jener berühmten Flibuſtier darſtellte, über welche man ſich ſo fabelhafte Dinge erzählte. — Herr Montbars, ſagte er gemeſſen, denn Ludwig XIV. liebte es auch den außerhalb der Geſellſchaft ſtehenden Klaſſen Bewunderung für ſeine Perſon einzuflößen, Sie haben Unrecht, wenn 6 was in Thun neine Frevel für we ſtafen in de Rede, in gegen kenne fürh gien den er erve iett hab den whi malt ſiine ber Rin — wenn Sie glauben, daß dem König das Mindeſte von Allem, was in ſeinem Reiche vorgeht, unbekannt ſei. Ich kenne die Thaten der Flibuſtier vollſtändig. Weil der Zufall Sie eben in meine Gegenwart bringt, muß ich Sie ſogar gleich über gewiſſe Frevel gegen die Religion befragen, die man Euch vorwirft und für welche ich, wenn fie ſich beſtätigen ſollten, Euch ſtreng be⸗ ſtrafen werde. — Sire, rief Legoff und unterbrach den König mit einer in den Annalen des Hofes unerhörten Kühnheit mitten in ſeiner Rede, Leute, welche wie wir den Namen Ludwigs XIV. mit Stolz im Herzen tragen und laut anrufen, ſind unfähig einen Frevel gegen die Religion zu begehen. Diejenigen, welche die Ehrfurcht kennen, die ſie dem König ſchuldig ſind, kennen auch die Ehr⸗ furcht vor Gott. Dieſe Kühnheit, die auf eine glückliche Schmeichelei aus⸗ gieng, gefiel dem König beſonders; es war ihm angenehm zu denken, daß die Flibuſtier, dieſe Männer mit eiſernem Leib und ehernem Herzen, für ſeine Perſon die Bewunderung hegten, die er verdiente. Was die Marquiſe betrifft, ſo fand ſie ihren Bruder jetzt weniger ſchuldig. — Herr Montbars, erwiederte Ludwig XIV. bald, Sie haben uns ſoeben geſagt, daß Ihr Nachfolger bei Ihrem Tode den Degen eines tapfern und rechtlichen Edelmannes erbenwerde; gehören Sie dem Adel an? — Ja, Sire, dem beſten, jenem Provinzadel, der nie⸗ mals den uß an den Hof von Frankreich ſetzen wollte und der ſeine feudalen Privilegien immer vertheidigt hat. — Das waren Rebellen, die ihr Blut auf dem Schaffot vergoſſen haben! — Möge mir. Ew. Majeſtät erlauben, die Meinung des Königs nicht zu theilen, erwiederte Legoff mit einer ehrfurchts⸗ 2. vollen Haltung, welche die Kühnheit ſeiner Worte milderte. In meinen Augen ſind dieſe Rebellen Opfer und Märtyrer. Ludwig XV. erſtaunte über die ruhige Kühnheit des be⸗ rühmten Boucanier's und wollte ſeine Würde nicht durch einen Streit mit demſelben herabſetzen; darum beachtete er dieſe Ant⸗ wort nicht und ſagte: — Da Sie ein Edelmann ſind, mein Herr, ſo kann ich Ihnen nicht das erlauben, was ich der niedrigen Herkunft des Flibuſtier's erlaubt hätte. Wären Sie von niedriger Abkunft, ſo hätte mich Ihr Name nicht gekümmert; da Sie aber ein Edelmann ſind, ſo iſt es weder ſchicklich noch möglich, daß Sie vor mir unter einem Namen erſcheinen, der Ihnen nicht angehört. — Sire, antwortete Legoff mit unerſchütterlicher Ruhe, wenn ich Ihnen meinen Namen ſage, ſo überliefere ich Ihnen meinen Kopf. Ich werde nicht anſtehen zu gehorchen, Mnn E Ew. Majeſtät es durchaus fordern; aber der König iſt zu groß und zu großmüthig, um das Vertrauen eines Unterthanen zu miß⸗ brauchen. Was Ew. Majeſtät Gott nahe ſtellt, das iſt die Macht Gnade zu üben. Die huldvolle Güte macht den König fur die Nachwelt groß; die Geſchichte würde das Andenken desjenigen beſchimpfen, welcher dem Henker zu Hilfe käme! — Sind Sie alſo ein in Abweſenheit Verurtheilter? fragte Ludwig XIV. mit einem Gemiſch von Schrecken und Abſcheu. — Ja, Sire, ich bin durch das Schwert des Henkers in elligie enthauptet worden— ganz ſo wie ein Montmoreney, fügte Legoff nach einer kleinen Pauſe hinzu. Auf dieſe Antwort des Boucanier's erbleichte die Main⸗ tenon, und begann auf's Neue den unverzeihlichen und frevel⸗ haften Leichtſinn ihres Bruders innerlich zu verfluchen, während Ludwig XIV., gereizt von dem Geheimniß, in welches ſich die ſeltſame Perſönlichkeit Legoff's oder Montbars' hüllte, ſeine Fragen fortſetzte: des Do Ner köt lleber nacht W deut nen Sie über w ih ſpur wer Mut Na das n — — — Wegen welches Verbrechen ſind Sie verurtheiltworden? — Weil ich die Privilegien des Adels und die Rechte des Volkes gegen das vertheidigte, was ich für einen Mißbrauch der königlichen Gewalt anſah. — Alſo für Majeſtätsverbrechen und Rebellion? — So haben die Richter ihr Urtheil begründet. — Herr, fuhr Ludwig XIV. nach einem Augenblick der Ueberlegung fort, die Macht, welche die Könige Gott ähnlich macht, iſt, wie Sie eben geſagt haben, das Recht der Gnade. Aus Ehrerbietung und Wohlwollen für Madame— der König deutete auf die Marquiſe hin— verlangte ich nicht Ihren Na⸗ men zu wiſſen. Es iſt möglich, daß ich Sie jetzt begnadige, wenn Sie mir das Geſtändniß Ihres Verbrechens und die Reue dar⸗ über zu Füßen legen. — Mich begnadigen, Sire! erwiederte der Boucanier mit bebender Stimme; ich bitte den König unterthänigſt, mir, ich will nicht ſagen dieſen Schimpf, aber dieſen Schmerz zu er⸗ ſparen. Ich ſoll wie ein niedriger ſchwacher Verbrecher begnadigt werden! Wohin würde es dann mit meiner Energie, mit meinem Muth kommen? Nein, nein, keine Gnade, Sire; ich bitte Ew. Majeſtät anf den Knieen darum;— möge mir der König bloß das Andenken der Schande laſſen, die mir hätte angethan wer⸗ den ſollen, und dieſes Andenken wird meine Kraft ſein und meinen Geiſt anſpornen. Legoff ſchwieg einen Augenblick, dann benützte er das Staunen, in welches er Ludwig XIV. durch ſeine Antwort verſetzt hatte, und fügte mit einer Energie hinzu, die nur durch ſeine Ehrerbietung ein wenig gemildert wurde: — Sire, zerſtören Sie den Traum nicht, der ſeit zwanzig Jahren der Grund aller meiner Anſtrengungen iſt, nämlich meine Rache in das Buch der Geſchichte einzuſchreiben. 7* — — Was bedeuten dieſe Worte, mein Herr? ſprach Lud⸗ wig XIV. gemeſſen und mit Stirnrunzeln. — Ich will zum Ruhme Ew. Majeſtät beitragen und be⸗ weiſen, daß ich mit Unrecht angeklagt wurde, die Rechte der Krone angegriffen zu haben, als ich die Privilegien des Adels und die Sache der Gerechtigkeit vertheidigte, und daß ich nie⸗ mals aufgehört habe ein treuer Unterthan zu ſein. Ludwig XIV. begriff mit jenem Takt, mit welchem er, wenn ſein Geiſt nicht eingenommen war, die Menſchen beurtheilte, daß die Natur des Boucaniers eine großartige, der Prüfung würdige Seite aufzuweiſen habe, von welcher er vielleicht Nutzen ſchöpfen könnte; deßhalb dachte er gar nicht daran, dieſe Unter⸗ redung, welche ſchon eine Viertelſtunde gedauert hatte, zu unter⸗ brechen und fuhr fort: — Herr Montbars, ich will Ihnen gern erlauben hinter dieſem Namen in Sicherheit zu bleiben; ich berückſichtige die Geſinnungen der Ehrerbietung und der Ergebenheit, die Sie ſoeben ausgedrückt haben. Was haben Sie zu bitten? — Daß mir Ew. Majeſtät erlauben, mich Ihrer Größe zu weihen; geruhen Sie die unermeßlichen Hilfsquellen, die ich mitbringe, anzunehmen und mir unter den Größten Ihres Rei⸗ ches einen Platz anzuweiſen. — Erklären Sie ſich deutlicher, Herr Montbars. Es iſt die Pflicht des Königs die Unterthanen, die ihm zum Wohle des Staates behilflich ſind, zu empfangen und anzuhören. Bis⸗ her iſt Ihre Sprache dunkel, geheimnißvoll geweſen; reden Sie klar. Legoff ſammelte ſich einige Augenblicke, dann entwickelte er mit Klarheit, Energie, und ſtellenweiſe mit gelungenem Aus⸗ druck den Plan zur Eroberung von Spaniſch-Indien, den wir ſchon aus ſeiner Unterredung mit dem Miniſter Pontchartrain kennen. Nur ging er, vielleicht weil ihn die Gegenwart des Köni einen und der! ſon ausd den gro gu Au ter I) bu die W Königs anregte, oder weil er dieſen Moment erwartet hatte, um einen entſcheidenden Streich zu führen, in Auseinanderſetzungen und Details ein, welche er ohne Zweifel für den Staatsſekretär der Marine und der Finanzen nicht für geeignet hielt. Zuweilen wechſelten Ludwig XIV. und Madame Mainte⸗ non Blicke, in denen ſich Erſtaunen und Bewunderung zugleich ausdrückte. In der That verriethen die kühnen, ſeltſamen und dennoch ſo logiſchen Anſichten des Boucanier⸗Oberhauptes eine große Kühnheit und ſeltene Tiefe des Geiſtes. — Herr Montbars, ſagte Ludwig XV., nachdem Legoff aufgehört hatte zu reden, ich habe Sie, wie Sie ſehen, mit der Aufmerkſamkeit angehört, welche ein von guten Abſichten beſeel⸗ ter Unterthan verdient, denn ich glaube an die Aufrichtigkeit Ihrer Begeiſterung; ich werde den Plan, den Sie mir unter⸗ breitet haben, reiflich überlegen. Ich bitte Sie ſogar, mir über dieſen Gegenſtand eine Denkſchrift zu überreichen. Haben Sie mir nichts mehr zu ſagen? — Ich habe noch eine peinliche Angelegenheit zu berüh⸗ ren, Sire! Ich beeile mich hinzuzufügen, daß ich, wenn ich in dieſem Augenblicke nicht die Ehre hätte vor dem größten König zu ſtehen, mich wohl hüten würde zu reden, wie ich es vorhabe. Sire, wie entfernt wir Boucanier auch von unſerem Vaterlande leben, ſo ſteht Frankreich unſern Herzen doch ſo nahe, daß ſie laut pochen vor Stolz und Freude, wenn es Triumphe feiert, und bei ſeinem Unglück leiden. Mitten in unſerem abenteuer⸗ lichen Leben kümmern wir uns um das, was jenſeits des Oceans vorgeht, und wir wiſſen, wie ſehr der Staat jetzt erſchöpft iſt. Möge mir Ew. Majeſtät die Kühnheit verzeihen, die mir durch meine glühende Vaterlandsliebe eingeflößt wurde.— Ich dachte unſern Finanzen zu Hilfe eilen zu müſſen, und bin gekommen— — Mir Ihre Unterſtützung anzubieten, Montbars! unter⸗ brach ihn Ludwig XIV. ironiſch. — — Ja, Sire, meine Unterſtützung, wiederholte der Bou⸗ Sum eanier mit ruhigem feſten Tone. Ew. Majeſtät ſteht zu ſehr über bat, a der Menſchheit, um nicht zu der grenzenloſen Allmacht Gottes herau blindes Vertrauen zu hegen. Ew. Majeſtät haben ſchon zu viele deten Unglücksfälle erlebt, um den direkten Einfluß der unerforſchlichen Vorſehung auf die menſchlichen Ereigniſſe in Zweifel zu ziehen. Warum alſo ſollte der König nicht glauben, daß Gott ſich eines t niedrigen und unſcheinbaren Werkzeuges bedient, um ihm Hilfe zu ſenden? und daß ich dieſes niedrige und unſcheinbare Werk⸗ zu zeug ſei?„ lein Dieſe mit dem Eifer der Ueberzeugung ausgeſprochenen bege Worte waren ſehr geſchickt und glücklich gewählt; die Marquiſe nich nahm dieſelben mit beiſtimmendem Kopfnicken auf und LudwigXlv. dieſtt ſchien ſie tief zu fühlen. — Ich verhehle Ihnen nicht, Montbars, ſagte er, daß⸗ kit ich erſtaunt und erfreut zugleich bin, dieſe Sprache aus Ihrem Munde zu vernehmen. Das Vertrauen auf Gott und die Aus⸗ wei übung der Religion ſtelle ich in der That über alle irdiſche Dinge. i Erklären Sie ſich, ohne Furcht, mir zu mißfallen. In welcher an Weiſe wollen Sie den erſchöpften Finanzen meines Königreichs hr zu Hilfe kommen? z — Indem ich Ihre Majeſtät, vor Allem bitte dieſe zehn i Millionen anzunehmen, antwortete Legoff, und zog aus ſeinem ub Mantel ein verſiegeltes Papier hervor; Millionen, die nach meinen Anſichten augewendet, ſich binnen fünf Monaten zweimal L verzehnfachen müſſen. nn Als der König dieſe enorme Summe nennen hörte, die un ihm ſo gelegen kam, mußte er einen Augenblick ſchweigen, um p nicht ſeine Bewegung zu verrathen. d. — Was enthält dieſer Brief? fragte er den Boucanier in mit gut geſpielter Gleichgiltigkeit. m — Zehn Tratten, jede zu einer Million, von dem Banquier v Samuel Bernard acceptirt und einen Monat nach Sicht zahl⸗ bar, antwortete Legoff, indem er das Couvert zerriß, die Tratten herausnahm und ſie auf einen maſſiven ſilbernen und vergol⸗ deten Gueridon legte. — Reden Sie, ſagte Ludwig XIV. — Sire, rief der Boucanier, mein Plan iſt: die mächtige und blühende Stadt Carthagena zu erobern. Nach dieſem Eingang, durch welchen er mitten in die Frage gekommen war, entwickelte Legoff dem König, indem er kein Detail ausließ und im Voraus allen möglichen Einwürfen begegnete, den Plan ſeines großen Vorhabens. Er hatte noch nicht zu ſprechen aufgehört, als Ludwig XV. von dem Gelingen dieſes kühnen Projektes ſchon überzeugt war. — Herr, antwortete er ihm, ich glaube an die Möglich⸗ keit deſſen, was Sie ſagen; und die Ernennung Ducaſſe's, den ich ſehr ſchätze, zum Commandanten der Flibuſtier würde zu meiner Entſcheidung genügen, wenn ich nicht durch eine wichtige Rückſicht zurückgehalten wäre. Es find mir, ich habe es Ihnen am Beginn dieſer Unterredung geſagt, über die Gottloſigkeit Ihrer Leute und über die Verbrechen, die ſie begehen, Klagen zu Ohren gekommen! Wer ſteht mir gut dafür, daß die Plün⸗ derung Carthagena's nicht auf's Neue Anlaß zu ſo gehäßigen und verdammenswerthen Thaten Anlaß geben werde! — Mein Wort, Sire! rief Legoff mit Stolz. Was die Verläumdungen betrifft, der König möge mir dieſen Ausdruck verzeihen, den ich in meiner Entrüſtung nicht zurückhalten kann, was die über die Flibuſtier verbreiteten Verleumdungen betrifft, ſo kommen ſie von einem gegen Ew. Majeſtät gerichteten Plan Oeſterreich's. Man ahnt die Vortheile, welche Ew. Majeſtät von einer geregelten Verwendung der Boucanier hätten, und deßhalb wurde von Spanien ein Mann nach Frankreich geſendet, um durch alle möglichen Mittel die Ausführung dieſes Planes zu verhindern. Sire, wenn man Millionen zu verſchwenden hat, ſo wird es Einem leicht, alles zu wiſſen, alles zu erfahren. Wenn Ew. Majeſtät, um jeden Zweifel über meine Loyalität zu beſeitigen, wünſchen, daß ich Ihnen den geheimen Geſandten nenne, der ſeine Aufträge von Oeſterreich hat, ſo bin ich im Stande dieſem Wunſche nachzukommen. — Das wäre! ſagte Ludwig XIv. in Gedanken vertieft. Herr Montbars, hüten Sie ſich durch ein gewagtes oder un⸗ geſchicktes Wort die gute Meinung zu zerſtören, welche ich von Ihrem Scharfſinn habe. — Ich kenne die grenzenloſe Ehrfurcht, die ich Ew. Ma⸗ jeſtät ſchuldig bin, zu gut, um vor dem König ein gewagtes Wort auszuſprechen. Ich bin, wie geſagt, bereit dieſen Men⸗ ſchen zu nennen. — Sie beharren darauf, es ſei! Wie heißt alſo dieſer geheime Geſandte? — Senor Sandoval, Graf von Monterey, Grand von Spanien erſter Klaſſe, und Cabaliero euberto, ſprach Legoff mit feſtem Tone. Dieſe Antwort machte auf Ludwig XIV. tiefen Eindruck, und verurſachte ihm beinahe einen abergläubiſchen Schreck. Dieſer Montbars wußte, was ihm, dem König unbekannt war, verſchwendete Millionen, ſprach mit anſteckender Ueber⸗ zeugung von großartigen Projekten, die der Macht eines Monar⸗ chen würdig waren, und unterhandelte endlich, trotz der ehr⸗ furchtsvollen Form, in die er ſeine Anträge hüllte, mit ihm, Ludwig XlV., wie mit Seinesgleichen! Dieſer Menſch, dachte er, kann ſich nicht täuſchen. — Herr Montbars, fuhr der König mit einem Blick auf die von Samuel Bernard, dem Rothſchild jener Zeit, acceptir⸗ ten Tratten fort, nehmen Sie dieſe Papiere zurück; der König von Frankreich kann von einem ſeiner Unterthanen kein Geld anneh ſene noch e nögli gebe, denen doßt der iug kein ſeht daß wert neh Fn ihn wü in ſch Lu em N die annehmen. Wenden Sie ſich an Herrn von Pontchartrain, un⸗ ſern Staatsſeeretär der Marine und der Finanzen. Zum Schluſſe noch ein Wort; was verlangen Sie, wenn ich, was nicht un⸗ möglich iſt, zur Erpedition von Carthagena meine Einwilligung gebe, für die mir vorgeſtreckten zehn Millionen? — Drei Dinge, Sire: erſtens, daß meine Offiziere mit denen der königlichen Marine in gleichem Range ſtehen; ferner, daß der von Ew. Majeſtät zu ernennende Commandant im Falle der Noth, der ſich aber wahrſcheinlich nicht einſtellen wird, mir zu gehorchen habe. Jedenfalls verpflichte ich mich dieſem Admiral keinen Befehl zu geben, welchen Ducaſſe, den Ew. Majeſtät ſo ſehr ſchätzen, nicht zuvor gebilligt hat. Endlich verlange ich, daß meine Flibuſtier von der Beute, die in Carthagena gemacht werden wird, ein Drittel bekommen. — Würden Sie Geiſtliche auf die Schiffe Ihrer Flotte nehmen, Montbars? fragte Ludwig XIV., ohne ſich über die Forderungen des Boueaniers auszuſprechen. — Mit dem größten Dank, Sire! Der Gedanke, in ihren letzten Momenten den Beiſtand der Religion zu erhalten, würde den Muth meiner Flibuſtier verdoppeln. Wir gehen nie in eine Schlacht ohne früher den allmächtigen Gott der Heer⸗ ſchaaren um ſeine Hilfe anzuflehen! Dieſe Antwort war mit ſerupulöſer Genauigkeit gegeben; ſie entſchied vielleicht bei Madame de Maintenon, ſomit auch bei Ludwig XlV., über das Schickſal der Expedition nach Carthagena. — Auf Wiederſehen, mein Herr, ſagte der König. Ich ermächtige Sie zu Herrn von Pontchartrain zu gehen. Legoff verneigte ſich tief vor Ludwig XlV. und Madame de Maintenon, und entfernte ſich rückwärts ſchreitend, wie ein Hofmann, ohne daß ſein Geſicht ſeine Siegesfreude verrieth; die Freude war aber in ſeinem Herzen. Sobald er im Ehrenhof des Palaſtes war, ging Legoff — 82— ruhig zu einer außerhalb des Gitters ſtehenden Kutſche, als ein Ruf des Erſtaunens ihn ſeinen Gedanken entriß, und ihn ver⸗ anlaßte den Blick zu erheben. Er befand ſich dem Ritter von Morvan gegenüber. — Sie hier, mein junger Herr, ſagte Legoff mit Sanft⸗ muth, und indem er ſeine gewhhnliche gutmüthige Miene an⸗ nahm. Parbleu, es ſcheint, daß wir beſtimmt ſind uns ein— ander immer zu begegnen. — Dieſe Begegnung iſt mir um ſo angenehmer, Herr Mathurin, als ſie mir Gelegenheit gibt, mich gegen Sie meiner Schuld zu entledigen. Wollen Sie mir die Summe des Ver⸗ luſtes, welchen Sie durch einen Irrthum Ihres Stallknechtes bei unſerem Pferdehandel erlitten haben, genau angeben; ich bin bei Geld, und es wird mir ein wahrhaftes Vergnügen ſein Ihnen zu zahlen, was ich Ihnen ſchuldig bin. — Sie ſehen, junger Herr, daß ich Recht hatte, als ich auf Ihren guten Stern zählte. Es ſcheint, daß Sie das Glück endlich erreicht haben. Deſto beſſer! Sie hatten es ſo nöthig! Du lieber Gott! Wie Sie gekleidet ſind! Wiſſen Sie, junger Herr, daß dieſes Wamms allein mehr werth iſt, als Ihr Kaſtell in Penmark! Das Leben iſt doch was Eigenes. Erinnern Sie ſich noch, wie arm Sie vor kaum einigen Monaten noch geweſen ſind? Und heute—— — Es iſt in dieſem Augenblick nicht von meinen An⸗ gelegenheiten die Rede, Herr Mathurin, unterbrach ihn der Ritter erröthend; es handelt ſich um eine Schuld, die ich Ihnen abzutragen wünſche. — Immer dieſelbe Lebhaftigkeit! rief der Boucanier laut lachend. Sehen Sie, Herr Ritter, fügte der angebliche Mathu⸗ rin die Hand des jungen Mannes ergreifend hinzu; ich weiß, welcher Abſtand zwiſchen Ihrer und meiner Stellung iſt, aber das hindert mich nicht Sie zu lieben und eine wahrhafte Freude zu enp weinen berm iel G ſtzt d liß,! ſant die d ſigt ſhift Men gen! Ihn uz dieſ nich Ihr ſau hur Iht ine hön vn — 163— zu empfinden, ſo oft uns der Zufall zuſammenführt. Wollen Sie, daß wir Freunde ſeien? Dam! Ich weiß, daß ich oft durch meinen Mangel an Erziehung und durch meine Manieren fehle; aber mein Herz iſt gut, und das iſt etwas. Die Worte des Boucaniers athmeten ſo viel Güte, ſo viel Gefühl, daß der junge Bretagner gerührt war; er rief ſich jetzt die beſcheidene und ſeltene Unerſchrockenheit ins Gedächt⸗ niß, welche Mathurin bei Nativa's Rettung zeigte, wie verein⸗ ſamt er, Morvan, auf der Erde ſtand, und indem er Mathurin die dargebotene Hand mit hingebender Freundſchaft drückte, ſagte er zu ihm: — Bei meiner Ehre, ich nehme den Antrag Ihrer Freund— ſchaft mit ganzem Herzen an. Sie ſcheinen mir ein vortrefflicher Menſch zu ſein. — Enpfindſam wie ein junges Mädchen, und verſchwie⸗ gen wie ein Beichtiger. Wir werden von ihr ſprechen, ſo oft es Ihnen belieben wird. Dieſe Antwort brachte den jungen Mann in Verlegenheit, er zauderte ſich dieſelbe von Mathurin erklären zu laſſen, als dieſer hinzufügte: — Wollen Sie mich nach Paris begleiten, wenn Sie nichts mehr in Verſailles zurückhält? Mein Wagen ſteht zu Ihrem Befehl. — Ah Sie haben einen Wagen! erwiderte Morvan er⸗ ſtaunt, dem erſt jetzt die ſtrenge und tadelloſe Eleganz von Ma⸗ thurin's Toilette auffiel, wiſſen Sie, daß auch Sie mir ſcheinen Ihr Glück gemacht zu haben? Was iſt das für eine Pracht für einen Roßkamm! Sie ſcheinen ja vom Hof zu kommen? — Ich habe in der That eine Stunde lang mit dem König geplaudert, antwortete Mathurin einfach, und ließ den verwunderten jungen Mann in ſeinen Wagen einſteigen. P Wenn man ſich den religiöſen Nimbus vorſtellt, in wel⸗ chem das Königthum zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte vor⸗ geht, ſtand, ſo wird man das große Staunen begreifen, welches Mathurins Antwort bei Morvan verurſachte. — Sie haben ſich eine ganze Stunde mit Sr. Majeſtät Ludwig XIV. unterhalten? erwiederte der junge Mann, indem er ſeinen Gefährten wiederholt anblickte, um ſich zu verſichern, ob dieſer nicht einen Anfall von Wahnſinn habe. — Gewiß; finden Sie das ſo außerordentlich? Der König und ich, wir hatten ein Geſchäft miteinanderz wir mußten über unſere gegenſeitigen Intereſſen ziemlich ſtark unterhandeln. Morvan dachte nun, da ſein Geſellſchafter ſo wenig Er⸗ ziehung und Lebensart beſaß, an einen geſchmackloſen Scherz; aber Mathurin ließ ihn nicht lang im Irrthum. — Herr Ritter, ſagte er zu ihm, indem er plötzlich den Ton änderte, ich bin Ihnen kaum begegnet; aber die kurze Zeit genügte mir, Sie zu würdigen, wie Sie es verdienen. Die Familieneigenſchaften, welche nicht erſt der Berührung mit der Welt bedürfen, um zu vollſtändiger Entwickelung zu gelangen, wie Muth, Redlichkeit, Achtung ſeines Namens uns ſeines Wor⸗ tes finden ſich bei Ihnen in hohem Grade vor. Um aber das zu werden, was man in höherem Sinne einen Mann nennt, bedür⸗ fen Sie noch einer Sache, die man ſich erwirbt, die Einem Natur und Inſtinkt nicht verleihen, die Erfahrung meine ich. Wenn Ihr blutendes Herz ſeine ſchönen Täuſchungen am Ge⸗ ſtrüppe des Weges zurückgelaſſen haben wird; wenn Ihr Geiſt nicht mehr erſtaunen, Ihre Seele nicht mehr zürnen und leiden wird über einen Verrath oder eine Treuloſigkeit; wenn Sie hinter dem verlockenden und berauſchenden Lächeln das Inter⸗ eſe, det werden theilen Ihnen ſi nun Rde,! und de 3h he Ihner ausſ nen! zu di Geſil trieb Leich ſeine Zor mir, derh zu wie erlo ſoſi nete Zir ſin liebt hr ig el⸗ hes en Die der en, eſſe, den Ehrgeiz oder die Begierde bemerken werden: dann erſt werden Sie einen Menſchen wie ich ohne Täuſchung zu beur— theilen vermögen. Der Augenblick iſt gekommen, in welchem ich Ihnen gegenüber meine wirkliche Geſtalt annehmen muß. Es ſei nun nicht mehr von dem ſchlecht erzogenen Roßkamm die Rede, welchem Sie in Penmark Gaſtfreundſchaft gewährt haben, und der Ihnen durch Zufall in den Weg gekommen zu ſein ſchien. Ich heiße Baron Legoff und habe ſeit längerer Zeit Pläne mit Ihnen. Die würdige und ruhige Art, in welcher Legoff dieſe Worte ausſprach, ließ in Morvan über die Wahrhaftigkeit derſelben kei⸗ nen Zweifel auffommen. Sein Staunen war außerordentlich, und zu dieſem Staunen geſellte ſich ein geheimer Verdruß, faſt ein Gefühl der Demüthigung, das ihm die Schamröthe ins Geſicht trieb. Der junge Mann bedachte, wie ſehr der Roßkamm ſeine Leichtgläubigkeit mißbraucht und ihn in die Lage gebracht habe, ſeine Unwiſſenheit an den Tag zu legen und hatte Mühe ſeinen Zorn in Zaum zu halten. — Herr Baron Legoff, antwortete er ihm, erlauben Sie mir, Sie zu erinnern, daß Ihre nur zu gut geſpielte Rolle eines derben Roßkamms Sie in die Lage gebracht hat, von mir Worte zu hören, die ein Edelmann nicht dulden kann. Sollte die Art, wie ich Sie in Penmark behandelte, in Ihrem Gedächtniß nicht erloſchen ſein und ſollten Sie mir dafür Rechenſchaft abfordern, ſo ſeien Sie überzeugt, daß ich trotz unſerer jungen Freundſchaft— — Nehmen Sie ſich in Acht, mein lieber Louis, entgeg⸗ nete ihm der Boucanier mit einer Stimme voll Melancholie und Zärtlichkeit, und umfaßte die Hand des jungen Mannes mit den ſeinigen, nehmen Sie ſich in Acht! Von Ihrer verletzten Eigen⸗ liebe berathen wollen Sie da einen Menſchen herausfordern, der Ihren Schimpf ohne Entgegnung ertragen und Ihre Hef⸗ tigkeit mit ſeiner Beſcheidenheit beſchämen wird. Zwiſchen mir — 86— und Ihnen iſt jeder Streit unmöglich, jede heftige Aufwallung ein Unfinn.— Schlagen Sie mir in's Geſicht und ich bleibe ruhig uud unbeweglich, und doch iſt Sanftmuth nicht der Grund⸗ zug meines Charakters, fügte Legoff mit drohend leuchtendem Blicke hinzu. Wehe dem Sinnloſen, der es wagt meinen Zorn zu reizen. Mein Arm iſt ſchnell wie der Gedanke, unwiderſtehlich wie das Schickſal. Wenn ich ſchlage, ſo gibt es immer eine Leiche u Bei der wilden Energie, mit welcher der Boueanier dieſe Worte ausſprach, fühlte Morvan einen Schauder über ſeinen Rücken rieſeln; er glaubte das Brüllen eines Tigers zu hören. — Das Geſtändniß der unerhörten Toleranz, mit dem Sie auf meine Herausforderung antworten, iſt mir unbegreiflich, und ich werde Sie bitten, es mir zu erklären. Jedenfalls bitte ich Sie jetzt um eine vollſtändige und rückhaltloſe Erklärung Ihres Benehmens gegen mich. Welches Intereſſe hatten Sie mich auszuſpioniren? Was haben Sie mit mir für Pläne? — Mein lieber Louis, antwortete der Boucanier, Sie ſind das einzige Weſen auf der Welt, das ich liebe, das einzige Band, das mich mit der Menſchheit noch zuſammenhält.— Mein Gott, werden Sie nicht ſo ungeduldig! Ein einziges Wort wird Ihnen meine Zärtlichkeit und grenzenloſe Ergeben⸗ heit für Sie erklären; ich war der innigſte Freund, der Matroſe, wie man auf den Inſeln ſagt, oder wenn Sie wollen der Waffen⸗ bruder des Grafen von Morvan, Ihres Vaters!—— — Sie haben meinen Vater gekannt? unterbrach ihn Morvan mit Haſt und in Thränen ausbrechend. Welche Gnade! — reden Sie! kann ich noch hoffen?—— — Der Graf von Morvan iſt ermordet worden und in meinen Armen geſtorben, antwortete Legoff langſam und tief bewegt. Seine letzten Worte, die er an mich richtete, waren: „Mein Louis, n ſch ruhet Lihhen un! erſte habe ſchen verbe ſah liebt Lou ſein path 39 her Dein her eic hl „Mein Freund, ich empfehle Deiner Zärtlichkeit meinen armen Louis, meinen Sohn.— Werde ſein Vater.“ Beide ſchwiegen auf dieſe Antwort des Boucaniers; Mor— van ſchien vom Schmerz ganz vernichtet. Plötzlich ergriff er die rauhe und ſchwielige Hand des Boucaniers, führte ſie zu ſeinen Lippen und küßte ſie inbrünſtig, indem er ſagte: — Dieſe Hand hat meinem Vater die Augen geſchloſſen! Dann ſchluchzte er und warf ſich hingeriſſen vom Schmerz dem Waffenbruder des Grafen von Morvan um den Hals. — Ach mein Herr, fuhr der junge Mann, nachdem der erſte Moment der Verzweiflung vorüber war, fort, auch Sie haben geweint! In der That ſtrömten Thränen über die von der tropi⸗ ſchen Sonne gebräunten Wangen des Boucaniers. — Ja ich weine, antwortete Legoff, ohne ſeine Schwäche verbergen zu wollen, denn Dein Vater, mein braver Louis, be⸗ ſaß ein Herz, wie man es nicht mehr auf Erden findet; und er liebte mich, ach er liebte mich, wie man nie mehr lieben wird! — Ich werde mein Beſtes thun, um ihn bei Ihnen zu erſetzen. — Ja, Du biſt ein braver und rechtſchaffener Junge, Louis, ich weiß es. Du wirſt mir für meine Freundſchaft dankbar ſein; aber es gibt im menſchlichen Herzen unerklärliche Sym⸗ pathieen, welche durch Handlungen nicht erſetzt werden können. Ich würde gern mein Leben opfern, um das Deinige zu retten; aber ich fühle es, Du wirſt meiner Zärtlichkeit nie das ſein, was Dein unglücklicher Vater geweſen iſt! Legoff ſchwieg einen Augenblick, bald aber ergriff er wie⸗ der das Wort, aber diesmal mit einer kreiſchenden Stimme, gleich dem Geräuſch der über eine dürre Grasfläche kriechenden Schlange: — Weißt Du, was mich noch weinen macht? Daß ſeit — 86— den fünfzehn Jahren, ſeit welchen Dein Vater todt iſt, mein Arm ſeinen Mörder noch nicht hat erreichen können!— Daß ich bis zu dieſem Tage das Blut meines Matroſen habe un⸗ gerächt laſſen müſſen! Begreifſt Du nun, warum ich Dich brauche? — Ja, rief Morvan, und ich ſchwöre es vor Gott, daß ich zu jeder Zeit, möge ich mich in was immer für einer Lage befinden, Liebe, Glück, Vergnügen verlaſſen werde, um Ihrer Stimme zu gehorchen, ſobald Sie mich gegen den Mörder des⸗ Grafen von Morvan aufrufen werden. — Ich nehme dieſen Eid zur Kenntniß, ſprach der Bou⸗ canier feierlich. Vergiß nicht, Louis, daß Du Dir den Fluch Deines Vaters zuziehſt, wenn Du dieſen Eid verletzeſt. Legoff überließ dann den jungen Mann beinahe eine halbe Stunde hindurch ſeinen Gedanken. Erſt in Sevres ſetzte er das Geſpräch wieder fort. — Mein lieber Graf, ſagte er zu Morvan, erlauben Sie mir Ihnen eine vielleicht indiscrete Frage zu ſtellen, die Sie ſicher in Verlegenheit bringt, wenn Sie dieſelbe offen beant⸗ worten ſollen. Wie kommt es, daß ich Sie in Verſailles getrof⸗ fen habe? — Ich war in Verſailles um da eine junge Perſon nur vorüberkommen zu ſehen, die ich von ganzem Herzen liebe, ant⸗ wortete der junge Mann erröthend, aber glücklich, daß er endlich einen Freund hatte, mit dem er von der Tochter des Grafen von Monterey ſprechen konnte. — Nativa von Sandoval, nicht wahr? — Dieſelbe, ſagte Morvan mit unverholenem Erſtaunen. Erlauben Sie mir nun Sie zu fragen, Baron Legoff, wie ſo Sie dieſen Namen errathen? — Lieber Graf, es iſt mir unmöglich Ihre Neugierde in dieſer Beziehung zu befriedigen. Ich weiß alles, was vorgeht; ich frage viel, aber ich antworte nie. Wenn Sie übrigens dieſe . Nuchri zwii ſiht h hörte, ſe fi in a ſoſt vor der tiva vern niß des No ſi luc Zei ihn Si huß tric Ne hin Nachricht freut, ſo kann ich Ihnen ſagen, daß ich Nativa ſeit zwei Jahren kenne. — Sie kennen Nativa ſeit zwei Jahren? — Eigentlich ſeit achtzehn Monaten! Dieſe Kleine iſt ſehr hübſch und voll Liebe. Als ich das erſte Mal von ihr reden hörte, war es bei Gelegenheit einer heftigen Leidenſchaft, die ſie für einen der berühmteſten Boucanier der Inſel Tortue hatte, ein ausgezeichneter verdienſtvoller Junge, und bei meiner Ehre ſo ſchön als ein Mann es nur ſein kann. Nativa war närriſch vor Liebe. — Ich kenne dieſe Geſchichte, Baron, antwortete Morvan, der große Mühe hatte ruhig und gleichgiltig zu erſcheinen; Na⸗ tiva hat mir ſie ſelbſt erzählt. — Wirklich? Dann iſt dieſes Kind weit ſtärker als ich vermuthet hätte.— Sie ſelbſt hat Ihnen alſo dieſes Geſtänd⸗ niß gemacht? Das zeigt, daß ſie eine Kühnheit und Tiefe des Geiſtes ohne gleichen beſitzt. Und hat Ihnen Nativa auch das geſagt, daß ſie dieſem jungen Manne vor ungefähr ſechs Monaten, wenn auch nicht ihr Vermögen, denn ihr Vater hätte ſie enterbt, doch ihre Hand angeboten hat? — Dasiſt eine niederträchtige Verläumdung! rief Morvan. — Sie beleidigen mich da ganz ohne Grund, ſagte Legoff lachend. Sind die Verliebten nicht in der That drei Viertel ihrer Zeit Narren, daß man ſie binden ſollte? Was kann man von ihnen Vernünftiges erwarten? Wenn übrigens Nativa, die gegen Sie ſo offen war, Ihnen von dieſem Brief nichts geſagt hat, ſo muß er ohne Zweifel gar nie exiſtirt haben. — Ich wiederhole es Ihnen, Baron, das iſt eine nieder⸗ trächtige Verläumdung! — Bei Ihrer Sicherheit wäre ich ſehr geneigt, Ihre Meinung zu theilen, wenn mich nicht etwas daran hinderte, nämlich, daß ich Nativa's Brief ſelbſt in den Händen des Bou⸗ 8. caniers geſehen habe, an den er gerichtet war. Vielleicht hat dieſer Boucanier ſich einen falſchen Brief angefertigt, um in unſern Augen zu glänzen und ſich auf unſere Koſten luſtig zu machen. Wenn Sie übrigens meiner Erfahrung glauben wollen, ſo werden Sie mit Nativa ſo ſchnell als möglich brechen. In dem Blick dieſes jungen Mädchens iſt etwas Tiefes, das für ihr Alter nicht paßt und mir von ihr eine ſchlechte Meinung bei⸗ bringt. Sie antworten nicht? Ich verſtehe Ihr Stillſchweigen. Es bedeutet, daß der geradeſte Geiſt, das ſtärkſte Herz der Liebe gegenüber, Klarheit und Kraft verlieren. Reden wir davon nicht mehr. — Ich werde Ihnen wirklich dafür verbunden ſein, wenn Sie von etwas Anderem reden werden; kommen wir auf das zu⸗ rück, was uns betrifft. Wie kommt es, daß Sie ſeit den fünfzehn Jahren, ſeit welchen mein Vater todt iſt, nie daran gedacht haben, mir dieſe traurige Nachricht mitzutheilen? — Lieber Louis, ich weiß nicht, ob die Ideen, mit wel⸗ chen Sie auferzogen wurden und unter deren Einfluß Sie ohne Zweifel noch ſtehen, Sie in den Stand ſetzen meine Antwort zu begreifen; thut nichts! Ich werde offen mit Ihnen reden. Als mein unglücklicher Matroſe ermordet wurde, waren Sie kaum fünf oder ſechs Jahre alt. Welchen Eindruck hätte damals die Nachricht von dem ſchauderhaften Unglück auf Sie gemacht? Beinahe keinen, er hätte ſich von Stunde zu Stunde verwiſcht und am nächſten Tag keine Spur zurückgelaſſen. Wären Sie dann zum Alter der Kraft und des Verſtandes gekommen, ſo wäre Ihnen das tragiſche Ende Ihres unglücklichen Vaters be⸗ reits ein vertrauter Gedanke geweſen, der in Ihnen weder Schmerz noch Rachegefühl erweckt hätte. Ich habe es daher vor⸗ gezogen zu warten. Jetzt haben Sie in Ihrem Herzen noch einen Vorwurf für mich, den Sie aber vielleicht nicht auszuſprechen wagen: Sie finden es ohne Zweifel ſeltſam, daß ich Sie während hat in zu en, In ihr en. ebe von enn der vor⸗ inen chen rend — 5— Ihrer Jugend in Verlaſſenheit und Elend ließ? Ich verhehle Ihnen nicht, daß ich in dieſer Handlungsweiſe einer Berech⸗ nung folgte. Ich fürchtete, daß Sie im Genuß des Reichthums und Luxus Ihre ſittliche und phyſiſche Männlichkeit verlieren, daß Sie verweichlicht und unfähig werden einen großen Ent— ſchluß zu faſſen. Ich begnügte mich daher damit, Sie bloß der Armuth zu entreißen, denn auch dieſe hätte Sie geſchwächt. Auf meine Anweiſung hat Ihnen der Rheder Cointo monatlich fünfzig Livres ausgezahlt. Möge ſich Ihr Stolz nicht entrüſten bei der geringen Hilfe, die ich Ihnen zukommen ließ. Ich habe Ihnen nur Vorſchüſſe gemacht. Wenn Sie meinem Rathe fol⸗ gen wollen, ſo wird Ihnen eine Stunde der Kühnheit genügen, um mir Alles und noch mehr zu zahlen, was Sie mir ſchuldig ſind. Um übrigens auf dieſen Gegenſtand nicht weiter zurück⸗ zukommen, muß ich Sie jetzt im Namen Ihres Vaters, der ein ſo großes Vertrauen zu mir gehabt hat, bitten, mich nichts mehr zu fragen. Ich bin gewohnt für mich ſelbſt zu handeln; jede fremde Dazwiſchenkunft, und wäre ſie noch ſo gut gemeint, könnte meinem Vorhaben nur ſchaden. — Indeß muß ich doch wiſſen, Baron Legoff, durch wel— ches Mittel Sie den Mörder meines Vaters zu entdecken hoffen? — Ich kenne dieſen Mörder, Louis! — Und er lebt noch!— Ach, Sie haben den Grafen von Morvan nicht ſo geliebt, wie Sie vorgeben! rief der junge Mann mit dem bittern Tone des Vorwurfs. — Wenn der Mörder noch lebt, Louis, antwortete der Boucanier, ſo iſt es weil ſeine Züchtigung der Größe ſeines Verbrechens nicht gleich gekommen wäre. Ich will nicht nur ſeinen Tod— der Tod iſt nichts— ich will Ihren Vater rächen.— Jetzt, ich bitte Sie wiederholt darum, keine Fragen mehr! Verfügen Sie über mich, ſo wie es Ihnen gutdünkt. — Ich habe Credit, Geld, Muth!— Alles dieſes gehört Ihnen! — Wünſchen Sie nichts? — Nichts, ich danke Ihnen. — Auch nicht zu dem Feſt geladen zu werden, welches Montag bei Hofe ſtattfinden wird? fragte ihn der Boucanier lächelnd. Das iſt nicht recht, mein lieber Louis, fuhr Legoff fort, als er die Verlegenheit des jungen Mannes bemerkte; Sie haben kein Vertrauen zu mir. Der Boucanier hatte dieſe Worte noch nicht beendigt, als der Wagen in der Rue Arbre⸗ſec vor dem Hotel zum Schimmel ſtehen blieb. — Alſo Montag, nicht wahr? ſagte Legoff, indem er Morvan mit Zärtlichkeit umarmte. Seien Sie bereit; ich werde Sie um neun Uhr abholen; iſt's abgemacht? — Montag, antwortete der Ritter erröthend. Am Tage nach ſeinem Duell mit dem Vicomte von Cha⸗ tillon erhielt Morvan einen Brief von Nativa; die reizende Spanierin bat ihn, da ſie in einer Stunde mit ihrem Vater nach Verſailles fahren müſſe, ſie ohne Zeitverluſt durch ein Wort von dem Ausgang des Zweikampfes in Kenntniß zu ſetzen. Sie fügte noch hinzu, daß der Graf von Monterey den König beſuche, und daß von dieſer Unterredung die unmittelbare Aus⸗ führung des Planes, von welchem ſie mit dem Ritter geſprochen hatte, abhänge. Trunken vor Freude über dieſes Billet, welches ſtreng genommen für ein Geſtändniß gelten konnte, übergab Morvan der Botin Nativa's, einer Kammerfrau im Hotel d'Harcourt, folgenden Brief, den er mit einem Louisd'or begleitete: Innn wundt ben. ſein ſens verth nir bou ihn ſecht Zuſ Ne ſch bra ſh we im jwe Ent Je wa Yo ni ten! ches nier zf fte; als mel ha⸗ nde ater ein gen. zig us⸗ chen reng wan urt, „Fräulein, ſo lange ich die Hoffnung behalten kann, in Ihnen Liebe für mich zu erwecken, ſo lange werde ich unver⸗ wundbar ſein. Mein Gegner wird an ſeiner Wunde nicht ſter⸗ ben. Ich eile nach Verſailles. Ich weiß, daß es mir unmöglich ſein wird, mit Ihnen zu ſprechen, aber ich werde Sie wenig⸗ ſtens ſehen; Ihr Anblick, wie kurz er auch ſei, wird mir ſo viel werth ſein, wie ein ganzer Tag des Glücks!— Ich bitte Sie, mir noch eine Unterredung zu gewähren.“ Das war die Urſache, wegen welcher Morvan und der Baron Legoff ſich in Verſailles begegneten. Am nächſten Montag, nämlich drei Stunden ſpäter, ſtand Lonis um vier Uhr auf, und beſchäftigte ſich mit unendlicher, bei ihm ungewohnter Sorgfalt mit den Details ſeiner Toilette. Um ſechs Uhr dachte er ſchon, Legoff ſei wortbrüchig geworden. Alain wohnte den Vorbereitungen ſeines Herrn bloß als Zuſchauer bei, nicht weil es ihm an gutem Willen, ſondern an der Kenntniß fehlte. Er begriff nicht, daß ein ſo vernünftiger Menſch, wie ſein Herr, ſo viel Zeit verſchwenden konnte, um ſich zu putzen; das machte ihn traurig. Uebrigens war der brave Bretagner ſeit ſeinen Abenteuern auf dem Pont⸗NReuf ſehr ſchweigſam geworden. Das ein wenig gewaltthätige Darlehen, welches er beim Tuchhändler Buhot gemacht hatte, ſchwebte ihm immer vor Augen und laſtete auf ſeinem Gewiſſen. Zuweilen zweifelte er an ſeiner Unſchuld; er fürchtete ein Verbrechen be⸗ gangen zu haben. — Herr Ritter, ſagte er, nachdem er zaudernd ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, ſeit mehreren Tagen kämpfe ich mit der Idee mit Ihnen über eine gewiſſe Sache zu ſprechen, aber ich wage es niemals. — Da thuſt Du nicht Recht, mein Junge, antwortete Morvan; zu wem willſt Du dann noch Vertrauen haben, wenn nicht zu mir? 94„„ — Herr, ich habe aber zu keinem Menſchen Vertrauen, rief Alain lebhaft, den dieſe Zumuthung zu verdrießen ſchien. Was ich Ihnen zu ſagen habe, bringt mich ſehr in Verlegen⸗ heit.— Ich fürchte Sie zu demäthigen. — Dieſe Furcht möge Dich nicht zurückhalten! Laß ſehen, rede! — Sie befehlen mir zu ſprechen, Herr? — Ja, ich befehle Dir's. Erkläre Dich! — Nun, murmelte Alain, indem er die Augen nieder⸗ ſchlug, ich glaube, daß Sie mir, ſeitdem Sie ſo reich ſind wie der König ſelbſt, die zwanzig Thaler hätten zurückgeben können, die ich Ihnen geliehen habe. — Du haſt Recht, antwortete Morvan in Verlegenheit. — Ich bitte Sie nicht böſe zu ſein, erwiederte Alain lebhaft; ich verſichere Sie, wenn ich dieſes Geld nicht zurück⸗ geben müßte, ſo hätte ich vielleicht noch eine Woche gewartet, bevor ich dieſe Sache mit einem Wort berührt' hätte! In dieſem Augenblick wurde an die Thüre gepocht, und Legoff trat ein. Der Boucanier trug ein Coſtüme von unver⸗ gleichlichem Reichthum, obſchon es verhältnißmäßig ſehr einfach war; jeder Knopf ſeiner Kleider war ein Diamant; die Quaſte ſeines Degens, die aus einer zuſammengelegten Schnur der wunderbarſten Perlen beſtand, war allein vielleicht zwanzig⸗ tauſend Livres werth. — Ich war überzeugt, daß ich Sie bereit und ohne Zweifel auch ungeduldig finden werde, ſagte Legoff, nachdem er Morvan umarmt hatte. Und dennoch iſt acht Uhr kaum vorüber. — Gehen wir, lieber Baron! rief der junge Mann. Legoff ſchuͤttelte leiſe den Kopf wie mitleidig, und ging, indem er den Ritter unter den Arm nahm, auf die Thüre zu. — He! Herr, rief Alain, Morvan nachſtürzend, Sie vergeſfen meine Thaler! glu nöhlit Duſßo Dine Auge ins( na Nu geh und Joß die ni end ufi en, hien. egen⸗ Laß eder⸗ wie nen un wet fach laſte der tzig⸗ ohne el ber ing⸗ U. — Nimm Dir ſie aus dem Koffer, welchen ich geſtern gekauft habe, da haſt Du den Schlüſſel. Gehe ſo wenig als möglich aus dem Hotel, und ſchließe die Thüre ſorgfältig, wenn Du fortgehſt. — Beſonders, lieber Junge, fügte Legoff hinzu, laſſe Deine Geliebte nicht da her kommen! Bei dieſer ſo unnöthigen Erinnerung leuchteten Alain's Augen vor Entrüſtung; und indem er dem Boueanier gerade ins Geſicht ſah, ſagte er zu ihm: — Herr, das iſt kein Grund, weil ich— Ach, Du liebe Jungfrau von Auray, iſt das möglich! rief der Bretagner, in⸗ dem er ſich mitten in ſeinem Satz unterbrach, ſind Sie es, Freund Mathurin, der ſo ſchön iſt! Ich will gerädert werden, wenn ich Sie bei Ihrem Eintreten erkannt habe! Was Sie da für ſchöne gläſerne Rockknöpfe haben! Das muß theuer ſein, nicht wahr? Wenigſtens zehn Livres? Es ſcheint, daß der Pferdehandel in Paris nicht ſchlecht geht! Jeder macht hier ſein Glück; nur ich— — Baron, kommen Sie! ſagte Morvan, dem jede Mi⸗ nute des Aufſchubs eine Stunde ſchien. Der Boueanier und der Ritter gingen fort. Alain blieb wie niedergedonnert zurück. — Bei Gott! murmelte er, ſobald er ſich allein befand, man nuß einen famöſen Kopf haben, um in Paris nicht ein Narr zu werden. Alles was in dieſer franzöſiſchen Stadt vor⸗ geht, ſieht wie Hexerei aus. Mein Herr, der ſonſt ſo einfach und ſtolz war, putzt ſich auf wie ein Weib, und macht einen Roßkamm zu ſeinem Freund! Ein Roßkamm! Was ſag' ich da? Dieſer Mathurin muß ein Baron ſein. Meiner Treu, ich möchte den ſehen, der dieß Alles begreift! Narrheiten ohne Ende! Die Penmarker werden glauben, ich mache mich über ſie luſtig, wenn ich ihnen alle dieſe Geſchichten erzählen werde. Alain öffnete, während er dieſe Sätze ſtückweiſe vor ſich — 6— hinmurmelte, den Koffer, zu welchem ihm ſein Herr den Schlüſ⸗ ſel anvertraut hatte, nahm daraus zwanzig Thaler, ergriff ſeinen Penbas und ging fort, nachdem er die Thüre ſorgfältig ge⸗ ſchloſſen hatte. Eine halbe Stunde ſpäter befand ſich Alain, nachdem ihm ein Bürger gewiſſenhaft den Weg gezeigt hatte, in großer Verlegenheit vor dem Laden des Tuchhändlers Buhot. — Was will ich ihm ſagen? ſprach der Bretagner zu ſich ſelbſt, indem er ſich, ſo gut es anging, hinter einem Pfeiler verbarg, denn im Grunde begreife ich jetzt, daß ich einen Dieb⸗ ſtahl begangen habe. Indeß konnte ich doch nicht zugeben, daß mein Herr ſeine Seele verläſtere! Wenn dieſer Buhot böſe wird, und mich einſperren läßt! Pah! ich habe meinen Penbas, ich werde mich vertheidigen!— Gut, aber gegen hundert Perſonen kann ich doch nicht Stand halten! Das Beſte iſt, wenn ich mit ihm artig rede, und ihm die Sache auseinander ſetze. Ja, ſo wird's gehen!— Nun verließ Alain ſeinen Pfeiler, nahm einen Anlauf, eilte nach dem Laden des Tuchhändlers, und ſchritt kühn über die Schwelle. Unglücklicher Weiſe verließ den Bretagner ſeine Kalt⸗ blütigkeit, ſobald er ſich in Gegenwart ſeines Opfers befand. Was Buhot betrifft, ſo blieb er vor Staunen und Schrecken über die ſo unerwartete Erſcheinung ſeines Diebes mit offenem Munde, mit aufgeriſſenen Augen und vorgeſtrecktem Halſe ſtehen, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Alain begriff, daß der Kauf⸗ mann, ſobald er zu ſich käme, vor Allem um Hilfe rufen würde. — Hier ſind die zwanzig Thaler, die ich Ihnen ſchuldig bin, ſagte er. Damit warf er das Geld auf das Pult, und lief über Hals und Kopf davon, bis er den Athem verlor. — Uff! ſagte er, als et endlich mit ſchweißtriefender — Stir behe nir und! Dieſi ich he Uuch vah! wen M vor üß inen ge⸗ dem oßer ſih eiler ieb⸗ daß ird, ich nen nit „ſo —— Stirne und keuchend ſtehen blieb, man möchte glauben, daß ich behert ſei. So oft ich den Fuß auf die Straße ſetze, komme ich mir vor, wie ein von Hunden gehetzter Hirſch; ich laufe, laufe, und laufe.— Das thut nichts, ich bin nun doch ſehr zufrieden! Dieſe Geſchichte mit den zwanzig Thalern hat mich ſehr gequält, ich habe Schlaf und Appetit darüber verloren. Ich hätte dem Tuchhändler Buhot meine Erklärung beſſer herſagen können; pah! was bedeutet das am Ende? Ein Paar Worte mehr oder weniger! Das Wichtigſte bleibt doch immer, daß er ſein Geld hat. Nachdem ſich Alain auf's Neue nach der Richtung erkun⸗ digt, die er einzuſchlagen hatte, wandte er ſich ſeiner Wohnung zu. Nach ſeiner Gewohnheit ging er mit geſenktem Haupte, und ganz in Gedanken vertieft. — Es bleibt doch immer wahr, ſprach er zu ſich ſelbſt, daß ich einen Diebſtahl begangen habe. Ich weiß, daß dadurch Niemand zu Schaden gekommen iſt, doch Diebſtahl bleibt Dieb⸗ ſtahl. Aber hätte mich meine brave heilige Jungfrau von Auray nicht niedergeſchmettert, wenn ich geſündigt hätte? Ei! ſie hätte mich nicht niedergeſchmettert, fügte Alain nach einiger Ueberlegung hinzu; ſie hätte geſagt:„Alain hat gefehlt, aber meiner Treu, er iſt im Grunde kein ſchlechter Junge, und dann iſt er mir ſo ergeben, und opfert mir ſo viele Wachskerzen.— Laſſen wir ihn leben.— Er wird ſpäter Reue fühlen.“ Das hätte die gute Heilige geſagt.— Ich glaube faſt, ich höre ſie ſo reden.— Es iſt entſchieden, ich muß für meine Sünde büßen. Suchen wir eine Kirche. Der Zufall willfahrte dem Wunſche des Bretagners, denn als er die Augen erhob, bemerkte Alain die St.⸗Rochuskirche vor ſich. Er ging hinein. Morvan's Diener beſaß als vollſtändiges Vermögen den Reſt jenes Thalers, von welchem er ſechsunddreißig Sous für l. 3 —— die zu Gunſten ſeines Herrn geopferten drei Wachslichter aus⸗ gegeben hatte: alſo vier Livres und vier Sous. — Liebe Frau, ſagte er zu der Wachslichterverkäuferin, nehmen Sie all' dieſes Geld, und illuminiren Sie mir die Kirche, als ob ein Prinz heirathen ſollte. Bald waren alle für die frommen Opfer der Gläubigen beſtimmten Spitzen des eiſernen Dreiecks mit zahlreichen Wachs⸗ lichtern beſteckt, und Alain ſah ſie kniend und mit verzweifeln⸗ dem Herzen brennen. — Das iſt doch hart, ſprach er zu ſich, vier Livres und vier Sous ſo in Rauch aufgehen zu ſehen! Du Lump, das wird Dich lehren, ein anderes Mal nicht mehr zu ſündigen! Du ver⸗ dienſt es nicht beſſer. Sobald das Opfer vollbracht war, erhob ſich Alain, ſtieß einen tiefen Seufzer aus, und ging aus der Kirche. In demſelben Augenblick kam der Ritter Morvan in Ver⸗ ſailles an. Der erſte Wagen, dem er begegnete, enthielt den Grafen von Monterey, Nativa und den Abbé Dubois. Bei dieſem Anblick konnte der junge Mann einen Schrei des Erſtaunens und der Wuth nicht zurückhalten. Nativa und der Abbé Dubois! War dieſes Beiſammen⸗ ſein nicht geeignet allen Glauben Morvan's umzuſtürzen! Der elende Schmeichler des Herzogs von Chartres ver⸗ folgte alſo ſein finſteres Werk der Corruption mit Erfolg, da er Mittel gefunden hatte, ſich in das Vertrauen des Granden von Spanien einzuſchleichen. Durch ſeine Liſt und Unverſchämt⸗ heit nahm er bei Nativa einen Platz ein, den er, Morvan, mit allen Opfern und Gefahren bezahlt hätte.. Bei dieſem Gedanken wurden die Augen des jungen Mannes mit Blut unterlaufen, und unwillkührlich führte er die Hand nach dem Griff ſeines Degens. — Mein lieber Louis, ſagte ihm Legoff, geberden Sie ſchn jimn hun Cine in ſ buch Eit Bre Ver Die wo e ditſ in M Fle nit Be m fei hal nen daß ih nei ſn ſich nicht ſo heftig; Sie zerſtören Ihre Toilette, und die Frauen⸗ zimmer, vergeſſen Sie das nicht, halten auf die äußerliche Ele⸗ ganz des Mannes mehr als auf die Rechtlichkeit ſeines Herzens. Eine zerknitterte Feder, eine ſchlecht angebrachte Degenquaſte, ein ſchlechter Knopf ſind in ihren Augen unverzeihliche Ver⸗ brechen; zum Teufel! aus nationaler Eigenliebe will ich, daß Sie bei dieſer kleinen Nativa keine traurige Figur ſpielen.— Brechen Sie ihr aus Eiferſucht einen Arm, wenn Ihnen das Vergnügen macht; aber halten Sie Ihre Toilette in Ordnung. Die Frauen nehmen es nicht ungern hin, wenn man ſie ein wenig mißhandelt; aber, ich wiederhole es Ihnen, ſie hegen gegen ſchlecht gekleidete Leute eine ſouveräne Verachtung. — Aber, begreifen Sie, Baron, daß der Abbé Dubois, dieſe gemeine Perſon, die Sie vorn im Wagen ſitzen ſehen, ſich in das Vertrauen des Grafen von Monterey eingeſchlichen hat? — Vollkommen! Dieſer Menſch verſteht ſein Handwerk. Muth, Ritter! Tauſend Donner! werden Sie vor Spanien die Flagge ſtreichen?— Ich will nicht, verſtehen Sie mich, ich will nicht, daß Sie in Nativa's Augen lächerlich erſcheinen! — Ach, lieber Baron, wenn Sie wüßten, wie ſehr ich ſie liebe! — Parbleu! ich weiß es nur zu gut, antwortete der Bonecanier lächelnd. Obſchon Legoff in ſeinem Geſpräch mit Morvan vollkom⸗ mene Ruhe und Heiterkeit des Geiſtes heuchelte, ſo hätte ein feiner Beobachter an ſeinen haſtigen Bewegungen, an der ver⸗ haltenen Fronie ſeiner Stimme und an der Bläſſe, die trotz ſei⸗ nem gebräunten Teint ſein Geſicht bedeckte, dennoch bemerkt, daß er innerlich die Beute einer heftigen Aufregung ſei; es läßt ſich nur annehmen, daß der Boucanier, der ſich immer zu be⸗ meiſtern wußte, wenn er einem feinen Beobachter gegenüber ſtand, ſich viel mehr Mühe genommen hätte, ſeine Be⸗ 9. — 100— „. wegung zu verbergen, als er es vor Morvan für nöthig fand. Zwei Stunden nach dem eben mitgetheilten Geſpräch gingen Legoff und Morvan Arm in Arm in den prachtvollen Gärten des Palaſtes in Verſailles ſpazieren. Man macht ſich heute gewöhnlich einen falſchen Begriff von der damaligen Schwierigkeit bei Hof empfangen zu werden. Der erſte beſte Strohjunker aus der Provinz, der einen Federhut, einen geſtickten Mantel und Spitzen hatte, konnte in die Ge⸗ mächer des Schloſſes eintreten, und ſich auf den Weg des Kö⸗ nigs ſtellen; nur konnte der Strohjunker gewiß ſein, daß ihn Se. Majeſtät Ludwig Xv. niemals bemerken würde. Zu Hofe gehen hieß noch nicht dort empfangen werden; das war ganz was Anderes. Was die Erlaubniß, an den kleinen Reiſen des Königs nach Fontainebleau oder nach Marly theilzunehmen betrifft, ſo war dieſe weit ſchwieriger; man betrachtete es als eine beſon⸗ dere Gunſt vom König zur Begleitung eingeladen zu werden. Er diktirte ſelbſt die Liſte, und man wurde nicht eher zugelaſſen, als bis man deshalb ein förmliches Geſuch eingereicht hatte; ſogar die höheren Offiziere und Diejenigen, welche durch ihre Chargen unumgänglich verpflichtet waren, ſich dabei einzufinden, mußten vor jeder Reiſe erſt ein Geſuch darum einreichen. Bon⸗ temps, welcher dem Leſer bereits bekannt iſt, brachte dann die eingeladenen Höflinge je zwei in jedem Pavillon unter. Dieſe Reiſen dauerten nur drei Tage, von Mittwoch bis Samſtag. Die Gärten von Verſailles wimmelten von Edelleuten aller Grade und Eigenſchaften, als Legoff und Morvan daſelbſt eintraten. Gegen zwei Uhr, ein wenig vor dem Diner des Königs, kam dieſer ſelbſt in den Garten. Er führte die Marquiſe von Maintenon am Arm, zu ſeiner Linken ging Monſieur, und hinter ihm folgten der Herzog von Maine und der Graf von Toulouſe. — — geſti Lon nit louſe ſein zogi her Ga gin mit far Ba pu R la and. räch llen 0— Der König trug einen Rock aus Goldbrocat mit Silber geſtickt; der junge Herzog hatte einen aus ſchwarzem Gros de Tours, ſein Mantel, ſein Wamms und die Beinkleider waren nit goldenen Arabesken beſät. Der Anzug des Grafen von Tou⸗ louſe war aus hellgrauem Tuch mit kleinen Anemonen aus Edel⸗ ſteinen, Gold und Silber geſtickt. Unter dem königlichen Gefolge bemerkte man die Her⸗ zogin von Bourbon, die ein Leibchen aus weißem Atlas mit Sil⸗ ber geſtickt, und einen Rock aus roſenfarbenem Atlas mit einer Garnitur aus Smaragden, Topaſen und Rubinen anhatte. Die Robe der Prinzeſſin von Conti, die an der Seite der Herzogin ging, war aus amaranthfarbenem Atlas mit Silber geſtickt, und mit diamantenen Spangen verziert; ihr Rock aus jonguille⸗ farbenem Atlas war ebenfalls mit Silber geſtickt. Morvan ſah dieſen König, der das Todesurtheil ſeines Vaters unterſchrieben und ihn gezwungen hatte aus Frankreich zu fliehen, mit ſchmerzhafter Neugierde vorübergehen. Uebrigens verurſachte der Anblick Ludwigs XV. dem jun— gen Manne weder Bewunderung noch Verlegenheit noch Ueber⸗ raſchung; er fand den König ſo, wie er ſich ihn vorgeſtellt hatte. — Parbleu! lieber Ritter, ich bin entzückt Sie wieder⸗ zuſehen, ſprach in dieſem Augenblick ein prächtig gekleideter Höf⸗ ling, der dem Bretagner um den Hals fiel. — Herr von Nocé! rief Morvan. — Derſelbe, Ihnen zu dienen, lieber Herr; ich hätte es in der That nicht erwartet, Sie hier zu ſehen. Es ſcheint, daß Sie es nicht für gut befunden haben, meinen Rath zu befolgen. — Welchen Rath, Graf? — Sich vor der Beſtie zu hüten! Dubvis iſ hier. — Ach, dieſer liebe Abbé iſt hier! wiederholte Morvan erblaſſend; und wo iſt er denn, ich bitte? — Ich bin ihm in dieſem Augenblick begegnet, er be⸗ — 102— gleitete eines der reizendſten Geſchöpfe, die ich je geſehen. Wahr⸗ ſcheinlich hat er mit ihr ein Geſchäft zu Ende zu machen. — Vortrefflicher Abbé! Wiſſen Sie, lieber Graf, daß ich es bereue, ihn ſo behandelt zu haben? Wenn ich wüßte, daß er es annimmt, ſo würde ich mich unterthänigſt bei ihm ent⸗ ſchuldigen. — Es wäre beſſer ihn nicht zu ſehen, ſagte Nocé; da Sie übrigens darauf beharren in Paris zu bleiben, ſo würde dieſe Entſchuldigung, vorausgeſetzt, daß Sie dieſelbe anſtändig zu Wege bringen, ein Schritt ſein, der verſucht werden darf. — Wie, wenn ich mich anſtändig entſchuldige? wieder⸗ holte Morvan; Sie ſehen mich zu jeder erdenklichen Erniedri⸗ gung bereit! Wenn es nöthig iſt, will ich ſogar das Knie beu⸗ gen! Sagen Sie mir doch, lieber Graf, wo ich dieſen vortreff⸗ lichen Abbé finden kann; ich fühle mich eben zur Demuth auf⸗ gelegt und möchte dieſe Angelegenheit ſo ſchnell als möglich zu Ende bringen. Während Morvan ſo ſprach, prüfte ihn Nocé mit Auf⸗ merkſamkeit. — Ritter, ſagte er ihm endlich, es nützt Ihnen nichts, mich länger täuſchen zu wollen! Ihnen fehlt unſere Gewohnheit; Sie ſind noch ein rechtſchaffener Menſch und verſtehen es nicht zu lügen. Ich errathe es an Ihrem Mienenſpiel, an Ihren zornfunkelnden Augen, an Ihren Händen, welche die Hand⸗ ſchuhe zerknittern und zerreißen, daß Sie hundert Meilen weit davon entfernt ſind ſich bei Dubois zu entſchuldigen. Sie wollen nur, daß ich Ihnen ſage, wo er ſich befindet—— — Ich verſichere Sie, lieber Graf— — Ach, Ritter, Sie vergeſſen, daß ich, obſchon noch jung, ein alter Höfling bin.— Sie wollen mich täuſchen!— Uebri⸗ gens erkläre ich Ihnen frei, daß ich es kaum zugegeben hätte, — ürde ndig hts, eitz icht ren eit len g, tte, — 0— daß Sie ſich erniedrigen!— Nehmen Sie's als Curioſität an, ich liebe es, Edelleute zu finden, die ſich achten. Wenn ich nicht ſo ſchrecklich verdorben wäre, ſo möchte ich ſo feſt, rechtſchaffen, energiſch und ſtolz ſein wie Sie!— Aber kommen wir auf unſern Gegenſtand zurück, auf Dubois! Ihre Abſicht iſt, wenn ich nicht irre, ihn abzukanzeln und ein wenig am Ohr zu zupfen! Nun, gerade herausgeſagt, ſo wie Sie ſich weigern zu fliehen, iſt das das Einzige, was Sie thun können. Vielleicht wird Ihr Ungeſtüm dieſem lieben Abbé imponiren und ihn nachdenk⸗ lich machen! Man behauptet— ich gebrauche mein neuliches Gleichniß— daß die Vipern einen Löwen nicht beißen,— ſeien Sie ein Löwe! Was den Abbé betrifft, ſo verſichere ich Ihnen, daß er ein Viper iſt. — Mit dem Allen, lieber Graf, rief Morvan ſchäumend vor Ungeduld, denn er zweifelte nicht, daß die junge Dame, mit welcher Nocé den Abbé geſehen hatte, Nativa ſei, mit dem Allen ſagen Sie mir noch immer nicht, wo ich Dubois treffen kann. — Wollen Sie mir folgen, ich führe Sie hin. Nur bitte ich Sie um die Erlaubniß, mich entfernen zu dürfen, ſobald ich Ihnen den Weg gezeigt habe. Nicht als ob ich dieſen Dubois fürchtete, Gott weiß es, daß ich mich gar nicht geniren würde, wenn er ſich zwiſchen mich und mein Vergnügen ſtellen wollte, ihm einen Rippenſtoß zu geben. Aber ich möchte mich, indem ich ſcheine, Ihre Partei zu nehmen, mit dem Herzog von Chartres nicht überwerfen. Ich kenne nichts Langweiligeres, als einen derartigen Verdruß zwiſchen Prinzen und Edelleuten. Die Diplo⸗ matie miſcht ſich darein, und die Angelegenheit wird in's Große getrieben, das iſt unerträglich! Ihren Arm, und gehen wir dem Feinde entgegen! — Auf baldiges Wiederſehen, Ritter, ſagte Legoff, wel⸗ cher unbemerkt das Geſpräch der beiden jungen Leute angehört hatte. Sie werden mich beim Baſſin des Neptun finden. — 10— Nach einem Gang von zehn Minuten ſtellte ſich Nocé hin⸗ ter einen Baum und ſagte: — Sehen Sie den Mann, der uns den Rücken kehrt? das iſt Dubois. Viel Glück! Der Ort, nach welchem Nocé hinwies, war der Saum eines kleinen Wäldchens, das beim Eingang des Kanals beginnt, und den ganzen Lauf desſelben durch den Park beſchattet. In demſelben Augenblick, in welchem Nocé zum Feſt zu⸗ rückkehren wollte, während Morvan auf der entgegengeſetzten Seite forteilte, erſchien eine neue Perſon auf dem Schauplatze. Es war ein junger Mann von ſehr intereſſantem Aus⸗ ſehen, mit ſchlankem Wuchs und freier und leichter Bewegung, im reichſten und eleganteſten Anzug, den man ſich denken kann. — Biſt Du's, Nocé, ſagte er, als er den jungen Höf— ling bemerkte. Bei meiner Ehre, lieber Freund, ich habe nicht Zeit mich aufzuhalten und mit Dir zu plaudern! Dubois er⸗ wartet mich in Begleitung der Liebe! — Viel Glück, Monſeigneur! antwortete Nocé kalt. Bei meiner Ehre, ſagte er, indem er ſich entfernte, dieſer arme Ritter erregt mein Mitleid. Er iſt ein Junge voll Herz und Rechtſchaf— fenheit, er muß aufrichtig lieben. Und wer weiß, fügte Noeé mit einem unwillkührlichen Seufzer hinzu, die wirkliche Liebe bietet vielleicht, wie man behauptet, Süßigkeiten, die ich nicht kenne. Als Morvan nur noch zwanzig Schritte von Nativa und Dubois entfernt war, begriff er, trotz ſeinem Zorn, daß er die lächerliche Rolle wüthender Eiferſucht ſpielen würde, wenn er nicht die Lebhaftigkeit ſeines Ganges mäßigte und eine ruhigere Haltung annähme. Er blieb daher einen Augenblick ſtehen, brachte ſeine zerſtörte Toilette ſo gut als möglich in Ordnung, und ging mit der gleichgiltigen und zerſtreuten Miene eines Müßiggängers vorwärts. Kaum hatte er dieſen Schritt angenommen, als er merkte, vi Dil ben ge vot, u Nidche und die NMtva ds A bliä ſ kunft auf de antwo vorzu Ritte ſorn Syn wiſſ gewe ſen Vei d ige it, wth 1 in⸗ rt wie Dubois Nativa etwas in's Ohr ſagte. Da vergaß er ſeinen eben gefaßten Entſchluß, ſtürzte mit dem Ungeſtüm eines Tigers vor, und gelangte in fünf oder ſechs Sprüngen zu dem jungen Mädchen und Dubois. Das Ausſehen des jungen Mannes mußte den Schmerz und die Wuth verrathen, die ihm das Herz zernagten, denn Nativa ſtieß einen Schrei des Schreckens aus und die Wangen des Abbé's bedeckten ſich mit Todtenbläſſe. — Fräulein, wiſſen Sie, mit wem Sie in dieſem Augen⸗ blick ſprechen? rief Morvan, ohne ſeine plötzliche Dazwiſchen⸗ kunft erſt zu erklären, und indem er mit Verachtung und Wuth auf den früheren Hofmeiſter des Herzogs von Chartres hindeutete. — Mit dem Abbé Dubois, welchen mein Vater hochſchätzt, antwortete Nativa. Was Ihre Manier mich zu fragen und ſich vorzuſtellen betrifft, ſo erlauben Sie mir Ihnen zu bemerken, Ritter von Morvan— — Hier handelt es ſich wohl um Höflichkeit und Alltags⸗ formeln? erwiederte der Ritter heftig, indem er die reizende Spanierin unterbrach; Fräulein, hier handelt es ſich um Ihre Ehre! — Um meine Ehre, ſagen Sie, Ritter? — Ja, Nativa, ich wiederhole es, um Ihre Ehre! Sie wiſſen nicht, daß ein einziges Wort mit dieſem elenden Dubois gewechſelt, genügt, um eine Dame für immer zu entehren. — Ritter, ſagte Nativa mit Stolz, Sie glauben in die⸗ ſem Augenblicke einen Mann zu beleidigen, indeß iſt es ein Weib, das Sie beſchimpfen.— — Gott behüte mich davor! Ich rette Sie: das iſt Alles. — Mein Herr raſender Roland, ſagte Dubois mit ſpitzem und ſpöttiſchem Tone, ich muß Ihnen ſagen, wenn ich von der Tugend des Fräuleins von Sandoval eine geringere Meinung hätte, ſo würde mich Ihre Uebertriebenheit zu ſonderbaren Ver⸗ muthungen verleiten. — 406— — Schweige, Lakai! rief Morvan mit einer ſolchen Energie, daß Dubois trotz der Reizbarkeit ſeines Charakters es nicht wagte etwas zu erwidern. Der Ritter wandte ſich dann auf's Neue an Rativa““ — Fräulein, ſagte er ihr mit Trauer und Ehrerbietigkeit, ich bitte Sie im Voraus um Vergebung für das, was ich ſagen werde. So groß und ſo aufrichtig iſt die Achtung, die ich für Sie hege, daß ich gern mein Leben opfern wollte, wenn ich nicht in die Details einzugehen brauchte, die zu hören Ihnen ſehr unangenehm ſein wird. — Ritter, Ihre Uebertriebenheit, wie der Abbé eben ſagte, iſt ſchon zu weit gegangen; der einzige Beweis von Ach⸗ tung, den Sie mir geben können, iſt, wenn Sie dieſe unſchick⸗ liche Unterredung unterbrechen.— Ich will Sie nicht weiter anhören. Nach dieſer Antwort wollte ſich Nativa entfernen, aber Morvan hielt ſie am Arm zurück und ſagte ihr, indem er ſeinen glühenden Blick auf ſie heftete: — Ich will, daß Sie mich anhören, Nativa, rief er, und Sie werden mich anhören.— Ach, mein Benehmen ſetzt Sie in Staunen und Entrüſtung! Sie ſind gewohnt, mich bei Ihren Worten erröthen und erblaſſen, bei Ihrem Anblick zittern zu ſehen, und deßhalb können Sie ſich meine Kühnheit, was ſag'ich? meine Rohheit jetzt nicht erklären. Der Grund iſt, weil, ich wiederhole es Ihnen, Ihre Ehre in Gefahr ſchwebt und weil ich vor nichts zurückbeben werde, um Ihren Ruf vor jedem Angriff zu bewahren; ich werde um dieſen Preis ſelbſt Ihren Haß nicht ſcheuen. Dieſer Elende, fuhr Morvan mit wachſender Energie und unwiderſtehlich gebieteriſchem Tone fort, iſt kein Menſch, der, wie man ſagt, bei den Frauenzimmern Glück hat. Dann wäre er für Sie nicht gefährlich. Er iſt ein Lakai, der für Geld dient, verſtehen Sie mich? der den Leibesgelüſten ſeines hn das Di itert Ihten Güſ tüben nit, e or de liebte Ful entſc dß Enßj grin er ſch ſolchen ters es . igfeit, ſagen ch für hnicht nſehr eben Ach⸗ ſchic⸗ weiter aber ſeinen ef en h bei ittern was weil, und jedem hren ender kein hat. et für eines 10— Herrn für Geld dient! Es gibt kein verlorenes Frauenzimmer, das Dubvis nicht dutzt; keine rechtſchaffene Mutter, die nicht zittert und ihr Kind verbirgt, wenn ſie ihn vorübergehen ſieht. — Das Herz blutet mir, Fräulein, weil ich genöthigt bin, vor Ihren Augen einen ſo ſcheußlichen Abgrund zu enthüllen, Ihren Geiſt durch das eckelhafte Gemälde ſolcher Schändlichkeiten zu trüben! Ich muß aber meine Pflicht erfüllen! Glauben Sie mir, eine Frau würde ihren Ruf unbefleckter erhalten, wenn ſie vor dem ganzen Hof von Verſailles erklärte, daß ſie einen Ge⸗ liebten hat, als wenn man ſie mit Dubois ſehe. In dem erſten Fall würde eine ſolche Frau wenigſtens durch ihre Leidenſchaft entſchuldigt ſein, während man im andern Fall vermuthen würde, daß ſie wie Buhldirnen mit ihrer Gunſt einen Handel treibt.— Entferne Dich, Lakai, fügte Morvan zu Dubois gewendet hinzu. Dieſer wurde immer bläſſer, zwang ſich jedoch zu einem grinſenden Lächeln. — Du lieber Gott, mein ſchöner Ritter, ſagte er, indem er ſich anſtellte, als ob er ſcherzte, Sie reden, wenn auch nicht ſehr geſchmackvoll, doch mit beſonderer Energie. — Fräulein, rief Morvan, ich beſchwöre Sie, ſich zu entfernen! Meine Entrüſtung, ich fühle es, ſteigert ſich zur Wuth, und ich wäre mein ganzes Leben hindurch in Verzweif⸗ lung, wenn ich mich in Selbſtvergeſſenheit vor Ihnen zu einer Gewaltthat hinreißen ließe. — Merken Sie nicht, Herr Ritter, daß ich keinen Degen trage? ſprach Dubois lebhaft, der ſich wirklich beunruhigte, aber noch immer verſuchte, den ſcherzhaften Ton beizubehalten. Ein ſchöner Triumph das, das Collet eines Abbé zu durchſtechen. — Du glaubſt, ich würde mich bei Dir des Degens be⸗ dienen? ſeht mir doch! rief Morvan mit dem Tone unbeſchreib⸗ licher Verachtung; habe ich denn nicht einen Stock? Dubois ſah, daß ihm jedes weitere Wort eine ernſthafte Unannehmlichkeit zuziehen würde, und wollte ſich eben entfer⸗ nen, als ihm eine Hilfe kam, an welche er in ſeinem Schrecken bisher gar nicht gedacht hatte; es war nämlich der junge Herr, welchen Nocé einige Augenblicke vorher mit Monſeigneur be⸗ titelt hatte. — Ich muß geſtehen, mein lieber Abbé, ſagte der eben angekommene, daß Du in dieſer Woche kein Glück haſt. Du kömmſt ſeit drei Tagen ſchon zum zehnten Mal übel an. Man möchte glauben, daß ſich alle Stöcke von Paris gegen Dich ver⸗ ſchworen haben. Ich komme zur rechten Zeit her! — Ich glaube es wohl, Monſeigneur, ſagte Dubois, in⸗ dem er ſich vor dem jungen Manne tief verneigte, ich wäre ſonſt von einem Orkan aus der Provinz davongetragen worden. Der, welchen Dubvis als Monſeigneur anſprach, näherte ſich nun Nativa und grüßte ſie mit bezaubernder, wenn auch etwas zu familiärer Anmuth. — Wenn Sie meinen Arm nehmen wollen, ſo führe ich Sie weit weg von dieſem blutigen Schauſpiel. Dann wandte er ſich zu Morvan, blickte ihn über die Schulter an, und ſagte ihm mit trockenem und gebieteriſchem Tone: — Sie, mein Herr, entfernen ſich. Der bretagniſche Edelmann war ſo wenig gewärtig, ſich ſo angeredet zu ſehen, daß er einen Augenblick unbeweglich ſtand, als wäre er vom Blitze gerührt worden. Dieſe Verblüfft⸗ heit dauerte aber nur einige Augenblicke. — Herr, ſchrie er, bleich vor Zorn, Ihrem Anzuge nach ſind Sie ein Edelmann; aber Ihre Verbindung mit Dubois und Ihr Benehmen verrathen einen Flegel. An welchen von den beiden ſoll ich mich wenden?* — An den Neffen des Königs, den Herzog von Chartres, mein Herr! antwortete der junge Mann mit Würde. Dieſe Worte trafen den Bretagner wie ein Blitz, denn er ſihlt, Kanyf 3050 hehu churb hunde Bdie die H ducch auf' van neh biſi Ve Ge N tro lu 6 fab luh bele hit 09— fühlte, daß er in dieſem, in Nativa's Gegenwart begonnenen Kampfe nicht einen Finger breit weichen und ſich um des Her⸗ zogs Geburt und Rang nicht kümmern werde, wenn dieſer darauf beharren ſollte, ihm die Spitze zu bieten. — Monſeigneur, ſprach er dann mit feſtem und zugleich ehrerbietigem Tone, ich verdiene nicht von Ihrer Hoheit ſo be⸗ handelt zu werden, wie Sie es mir gethan haben, weil ich einem Bedienten ſeinen Platz anwies. Ich bitte Sie daher demüthigſt, die Härte, zu welcher Sie ſich gegen mich haben hinreißen laſſen, durch ein Wort des Bedauerns zu mildern. Der Herzog von Chartres zuckte mit den Achſeln und bot auf's Neue Nativa ſeinen Arm, die jedoch einen Schritt zurücktrat. — Kommen Sie, Fräulein! ſagte er zu ihr, ohne Mor⸗ van zu antworten. — Monſeigneur! rief der Ritter, deſſen Augen um ſo mehr glänzten, je bläſſer ſein Geſicht wurde, Monſeigneur, ich beſchwöre Sie, zwingen Sie mich nicht durch eine unverdiente Verachtung Sie daran zu erinnern, daß ich, ſo gut wie Sie, ein Edelmann bin!— — Was bedeutet das? fragte der Herzog von Chartres, deſſen Ungeduld ſich zu regen begann. — Das bedeutet, Monſeigneur, entgegnete Morvan, der trotz ſeinen Anſtrengungen ſeine Ruhe zu behalten, die Stimme lauter erhob, daß ein Edelmann ſeinen Degen trägt, um ſeine Ehre zu vertheidigen oder zu rächen. Ich bin ein Edelmann, ich habe einen Degen, und meine Ehre iſt angegriffen. — Ein Duell mit mir!— unterbrach ihn der Neffe Ludwig XIV mit Hochmuth und Zorn. — Warum nicht, Monſeigneur? Auf die würdige, faſt herausfordernde Feſtigkeit, mit welcher Morvan dieſe Antwort ſprach, betrachtete ihn der Herzog nit einer Aufmerkſamkeit, deren er ihn bisher nicht gewürdigt hatte. — 110— — Da Sie ſo ſprechen, ſo müſſen Sie entweder ſehr kühn oder ſehr ſchlecht erzogen ſein, ſagte er zu ihm. — Monſeigneur, ich wage zwar viel, aber mein Vater, der Graf von Morvan, hat mich, als ich noch ein kleines Kind war, gelehrt, daß ein Edelmann eine Beleidigung niemals ungerächt hingehen laſſen darf. Und je älter ich wurde, deſto mehr hat ſich die Lehre meines Vaters meinem Geiſte eingeprägt. Heute iſt ſie für mich Religion geworden! — Genug! ſagte der Herzog von Chartres. — Monſeigneur, Sie werden ſich von hier nicht ent⸗ fernen, bevor Sie mir die Genugthuung gewähren, um welche ich Ihre Gerechtigkeit demüthig bitte, antwortete Morvan, in⸗ dem er ſich zwiſchen den Neffen Ludwigs XlV. und Nativa ſtellte. Ich beſchwöre Sie darum mit flehend erhobenen Händen, zwin⸗ gen Sie mich nicht die Ehrerbietung zu vergeſſen, die ich Ihnen ſchuldig bin. — Ah, parbleu! das iſt doch zu ſtark! Was denkſt Du hievon, Abbé? ſagte der Herzog, der, tapfer und heftig wie er war, ſeinen Zorn erglühen fühlte. Ich weiß nicht, was mich hindert dieſen impertinenten Menſchen zu prügeln! — Gott im Himmel! Sie haben geſündigt, Sie müſſen ſterben! ſchrie Morvan außer ſich vor Wuth. Wählen Sie, mein Herr, den Degen aus der Scheide oder meinen Handſchuh Ihnen in's Geſicht geworfen! Bei dieſem Ausbruch der ſo lange verhaltenen Wuth, der blutig zu enden drohte, erblaßte auch der Herzog von Chartres. Dennoch ſchien dem jungen Prinzen ein Duell mit einem Land— junker und in den Gärten von Verſailles, ſo zu ſagen unter den Augen des Königs, ſo ungeheuerlich, daß er zauderte. — Wie? Monſeigneur, hätten die Zeitungsſchreiber in Betreff Ihres Benehmens in Mons, Steinkirchen und Neerwin⸗ den ſo ſehr gelogen, daß Sie nicht einmal wiſſen, wie man inen D wit ze Adem brnucht nn D iſh wonn hen Stey nes e kün ds nöh Une hunn Ihne Schn Sie kähn uter, war, rächt hat eute belche win⸗ hnen einen Degen hält? Oder iſt die Entartung in Ihrer Familie ſo weit gekommen, daß Ihnen kein Tropfen edlen Blutes in den Adern geblieben iſt? Der Ungeſtüm und der Muth des Herzogs von Chartres brauchten nicht ſo ſehr aufgeſtachelt zu werden um auszubrechen. — En garde, Monſieur! rief er, indem er haſtig ſei⸗ nen Degen ergriff. Morvan machte es wie der Prinz. Dubois wollte ſich zwiſchen die Kämpfenden ſtürzen, aber bevor er dazu Zeit ge⸗ wonnen hatte, kam eine neue Perſon aus dem kleinen Wäld⸗ chen, an deſſen Saum dieſe in Verſailles öfter vorgekommene Scene vorging, undſtürzte ſich zwiſchen den Herzog und den Ritter. — Halt ein! rief er, indem er den Arm des jungen Man⸗ nes ergriff. Es war der Baron Legoff. — Zurück, mein Herr! rief der Herzog von Chartres. — Ich bedaure, Monſeigneur, Ihnen nicht gehorchen zu fönnen, antwortete der Boucanier, indem er vor dem Reffen des Königs ehrfurchtsvoll ſein Haupt entblößte; es iſt mir un⸗ möglich ein Verbrechen begehen zu laſſen. — Ein Verbrechen! wiederholte der Herzog. — Gewiß, Monſeigneur, ein Verbrechen! Wie wollen Sie die That eines Edelmannes anders bezeichnen, der es wagt, das königliche Blut zu bedrohen? — Ich räche eine empfangene Beleidigung! rief Morvan. Aber Legoff unterbrach ihn ſogleich: — Ritter, ſagte er zu ihm mit ernſtem, beinahe feierlichem Tone, ein Prinz von Geblüt beleidigt einen Eedelmann nur dann, wenn er ihn entehrt. Wenn Sie verheirathet ſind und er Ihnen Ihre Frau mit Gewalt raubt; wenn er Ihnen Ihre Schweſter entreißt, dann würde ich zu Ihnen ſagen:„Ermorden Sie den Schuldigen, aber ſchlagen Sie ſich nicht mit ihm!“ 12 *nußet dieſen zwei Fällen ſehe ich keinen, der Sie rechtfertigen könnte.— Muth, mein armer Louis, auf die Knie vor Mon⸗ ſeigneur und übergeben Sie ihm Ihren Degen! — Ich auf die Knie! ich ſoll meinen Degen übergeben! rief Morvan, indem er Legoff zurückſtieß. — Louis, antwortete der Boucanier mit tiefer Rührung, deren Aufrichtigkeit ſich nicht bezweifeln ließ, ich halte auf die Ehre des Sohnes meines alten Waffenbruders, wie auf meine eigene! Im Namen Ihres Vaters, des Grafen von Morvan, auf die Knie, Louis, und übergeben Sie ihm Ihren Degen! In den Worten des Boueaniers lag ſo viel Ueberzeugung, Sanftmuth, Feſtigkeit, die Erinnerung, die er in dem jungen Edelmann hervorrief, machte auf deſſen Geiſt ſo viel Eindruck, daß Morvan, beſiegt von einer Macht, die ſtärker war als ſein Wille und ſein Stolz, nachgab.„ — Monſeigneur, ſtammelte er, indem er vor dem Herzog von Chartres das Knie beugte und ihm ſeinen Degen mit vor⸗ geſtrecktem Griff überreichte, ich bekenne, daß ich einen Augen⸗ blick vom Wahnſinn hingeriſſen war, ich erwarte Ihre Befehle. — Erheben Sie ſich, mein Herr, und nehmen Sie Ihren Degen, deſſen Frankreich bedarf, antwortete der Herzog von Chartres mit Würde; man beklagt die Wahnſinnigen, aber man verdammt ſie nicht. — Das iſt hart, mein Kind. Aber was willſt Du? Adel verpflichtet! flüſterte der Boucanier Morvan ins Ohr. Der Herzog von Chartres grüßte die beiden Edelleute höflich, und entfernte ſich in Begleitung des Abbé's. — Man verdgmmt die Wahnſinnigen nicht! Gut, dachte der Abbé, aber mun ſperrt ſie ein. Dieſer Morvan iſt ſehr ſtark wahnſinnig, darum muß er auch ſehr ſtark eingeſperrt werden. — Ich werde es ſchon bewerkſtelligen. —— Mow Mide bewu ode wiß Aiht iun mei liel M be in we ha vo hei un ſei ſih zur Ral hitt weſſ ertigen MNon⸗ geben! hrung, uf die meine orvan, degen! gung, jungen druck, ſein eto t vor⸗ fehle. Ihren on t nan Adel lleute achte ſurk rden⸗ — 113— Sobald der Herzog von Chartres ſich entfernt hatte, bot Morvan Nativa den Arm. — Warum ſo traurig und beſchämt? fragte ihn das junge Mädchen. Ich habe ſie in Ihrem Zorn und in Ihrer Demuth bewundert, und— jetzt— liebe ich Sie! VII. Unter allen Hofleuten, die aus Neugierde, aus Ehrgeiz oder Pflicht dem Feſte beiwohnten, war Louis von Morvan ge⸗ wiß der Glücklichſte. Er beſaß weder einen Orden, noch eine einträgliche glänzende Stellung, noch einen reichen Hausſtand, kurz nichts von all' den Gütern und Würden, welche für die meiſten Edelleute jener Zeit das Glück ausmachten; aber er liebte Nativa mit der Begeiſterung einer einfachen und ſtarken Natur, und Rativa hatte ſich ihm endlich mit einem Geſtändniß verbunden, das für das rechtſchaffene Herz eines jungen Mannes einem unlöslichen Eide gleich gilt. Zur unerwarteten Vervollſtändigung dieſes Glückes, an welches er eine Stunde vorher gar nicht gewagt hätte zu denken, hatte er Nativa eine halbe Stunde lang am Arm, indem er ſie von ſeinen künftigen Plänen, von den Leiden ſeiner Vergangen⸗ heit und von ſeinem gegenwärtigen Freudenrauſch unterhielt; und die anbetungswürdige Spanierin ſchien, wiit entfernt über ſeine Kühnheit böſe zu ſein, ihn durch berauſchende Blicke und ſüße Worte zu ermuthigen. Morvan war auch, nachdem er Nativa zu ihrem Vater zurückgeführt hatte, berauſcht von Freude. Wenn Jemand da⸗ mals die gewöhnlichſte und einfachſte Fragé an ihn getichtet hätte, ſo wäre der junge Mann ganz gewiß außer Stande ge⸗ weſen darauf zu antworten; er wußte nicht, wo er war, noch 10. was er machte; er blickte an ohne zu ſehen, er hörte zu und vernahm nichts; nur ein Gedanke erfüllte ihm die Seele, der Gedanke geliebt zu ſein. Außer ſeiner Nativa exiſtirte für ihn nichts in der ganzen Natur. Legoff entriß ihn dieſer Art von Extaſe. — Nun, mein lieber Louis, ſagte der Boucanier, der die ganze Zeit, während welcher der junge Mann mit der Spa⸗ nierin ging, ihm in einiger Entfernung gefolgt war; nun, mein lieber Louis, ich hoffe, Sie werden es nicht bereuen zu dem Feſte gekommen zu ſein. Du lieber Gott! welches Entzücken! — Wiſſen Sie, daß der große Amadis durch Sie ver⸗ dunkelt worden wäre? Wenn Ihre Beſtändigkeit ſo groß iſt, wie Ihre Leidenſchaft, ſo iſt das eine Liebe, die Sie bis zum Grabe begleiten wird. — Sagen Sie, lieber Legoff, bis zum Himmel! — Peſt! Sie brauchen die Ewigkeit!— Ein Glück, liebes Kind, daß die Ewigkeit der Liebe in Ihrem Alter zu einer Treue von drei Monaten zuſammenſchrumpft—— auch das iſt ſchon ſehr viel! — Ach, Baron, können Sie ſo reden! — Dam, ich ſpreche aus Erfahrung! Ich habe niemals länger geliebt als vierzehn Tage. Es iſt daher nur reine Ge⸗ fälligkeit und um Ihrem Enthuſiasmus nicht weh zu thun, daß ich Ihnen drei Monate bewillige. Sprechen wir ein wenig ver⸗ nünftig, wenn es möglich iſt. Im Leben iſt ſiegen nicht das Schwerſte; der ſchlechteſte General kann, wenn ihm eine Laune des Glücks hilft, den größten Feldherrn ſeiner Zeit ſchlagen. Das Weſentliche iſt, den Sieg benützen zu können, und von dem zufälligen Vortheil Nutzen zu ſchöpfen. Nur dann bekundet ein begabter Menſch ſein Genie und ſeine Macht. Was haben Sie für Pläne? — Was ich für Pläne habe? erwiederte der junge Mann hitt. von i brlaß Entn Sie Mach ſe f wit nich jl Fre ne zu zu en gent Ve uf M und det ihn nals Ge⸗ duß ver⸗ das une gen. von ndet aben unge — 15 Mann mit Staunen, als ob er dieſe Frage nicht begriffen hätte. Ich habe keinen, Baron. Ich liebe Nativa, ich werde von ihr wieder geliebt, die Zukunft iſt mein! Das iſt Alles. — Mein lieber Louis, die Leute, die ſich auf die Zukunft verlaſſen, und die Gegenwart vernachläſſigen, kommen zu nichts. Entweder, oder!— entweder Nativa liebt Sie oder ſie liebt Sie nicht; im erſten Fall kann ſie Ihnen nichts abſchlagen, machen Sie ſie dann zu Ihrer Geliebten; im andern Fall wird ſie ſich über Sie luſtig machen. Dann ſtoßen Sie ſie kalt und mit Verachtung zurück, und laſſen Sie mit Ihrer Leidenſchaft nicht ungeſtraft ſpielen. Dieſe von Legoff mit jener gutmüthigen Miene, die er ſo gut anzunehmen wußte, ausgeſprochenen Worte thaten Morvan ſehrweh. — Baron, antwortete er ihm mit ernſtem Ton, die Freundſchaft, die Sie an meinen Vater geknüpft hat, heiligt Ihre Perſon in meinen Augen, und ſichert Ihnen meine Freund⸗ ſchaft und meine Achtung. Es wäre Mangel an Edelmuth, wenn Sie dieſe Stellung dazu mißbrauchten meine theuerſten und innigſten Gefühle zu verletzen. Ich beſchwöre Sie daher im Na⸗ men des Grafen von Morvan, Ihres Waffenbruders und Matroſen, an meine Liebe zu Nativa nicht zu rühren. — Da Sie über dieſen Gegenſtand nicht gern ſprechen, mein lieber Louis, fo verpflichte ich mich gern ihn von nun an aus unſeren Geſprächen zu verbannen. Nur bitte ich Sie mir zu erlauben, daß ich Ihnen ein für allemal ſage, was ich denke. — Unter dieſer Bedingung will ich Sie gern anhören. — Mein armes Kind, fuhr der Boucanier fort, ich ſehe es mit Kummer an, daß Sie einen falſchen Weg einſchlagen. Es genügt daß ein junger Mann am Anfang ſeiner Lebensbahn einem Weibe begegne, das mit ſeiner Liebe ſpielt, und ſeine ganze Zu⸗ kunft iſt getrübt. Nun ſage ich Ihnen aber auf mein Gewiſſen, Nativa liebt Sie nicht. O, Sie haben gut lächeln, Ihr Selbſt⸗ — 116— vertrauen wiegt meine Erfahrung nicht auf. Nativa iſt, ich be⸗ kenne es, mit vielen Reizen ausgeſtattet. Man findet unmöglich eine größere Schönheit, vollkommenere Grazie, und einen bezau⸗ bernderen Blick. Zum Teufel! ich bin weder blöde noch blind; was da iſt, das ſehe ich. Aber zu dieſen phyſiſchen Vorzügen, die ich nicht zu beſtreiten ſuche, geſellt ſich unverſöhnliche Grauſam⸗ keit, eine Willensſtärke, die aller Hinderniſſe ſpottet, und uner⸗ hörte Hartnäckigkeit. Glauben Sie mir, lieber Louis, dieſes Weib bedient ſich Ihrer als eines Werkzeuges, wenn Sie ſich ihr ſo an Händen und Füßen gebunden überliefern; ſie macht aus Ihnen einen Hebel oder Dolch; ſie wird Sie benützen um ein Hinderniß wegzuräumen oder einen Feind zu vernichten; aber, ich wiederhole es Ihnen, ſie wird Sie niemals lieben. — Ich halte mein Verſprechen, ich höre Sie an, ſagte Morvan mit Ruhe. Fahren Sie fort, Baron. — Ein Weib, lieber Louis, liebt den Mann nie, der ſich von ihr täuſchen läßt; ſie fühlt ſich ihm zu ſehr überlegen, ſie verachtet ihn. Wenn Sie ſich gegen die Leidenſchaft, die Sie unter ihr Joch beugt, nicht ſtemmen, ſo ſehe ich in Ihrer Zukunft ſchreckliche Kataſtrophen. Sehen Sie, Louis, ich ſollte mit Ihnen vielleicht nicht ſo reden, wie ich es thue, aber ich empfinde für Sie, was ich für mich noch niemals em⸗ pfand, ich habe Furcht! Louis, im Namen Ihres Vaters, des einzigen Weſens, das ich je geliebt habe, im Namen Ihres Vaters, den mein Herz immer beweinen wird: entſagen Sie dieſem Weibe; zwiſchen ihr und Ihnen gibt es eine unüber⸗ ſteigliche Schranke, die Euch auf ewig trennt!—— Ihr Auge blitzt vor Stolz, Sie zählen auf Ihre Jugend, Ihren Muth. — Ach, Louis, nicht Ihr Mangel an Vermögen bildet die Kluft zwiſchen Nativa und Ihnen! Wenn es ſich nur um eine Million handelte um Sie glücklich zu machen, ſo würde ich Ihnen dieſe Million im Augenblick geben. Aber nein, Louis, h be⸗ öglich ezau⸗ lind; igen, ſam⸗ ner⸗ ieſes e ſich nacht nun hten e ich ouis, — 117— es—— Sehen Sie, fuhr der Boucanier nach kurzem Schweigen fort, ich ließ Sie vielleicht mit Unrecht ahnen, daß der Name Ihres Vaters auf meinen Rath Einfluß hat; ich beſchwöre Sie aber doch noch einmal im Namen Ihres Vaters, entſagen Sie Nativa! — Baron Legoff, antwortete der junge Mann kalt, Sie waren Zeuge der Verehrung, die ich für das Andenken meines Vaters hege; denn in ſeinem Namen habe ich meine Knie gebeugt, und meinen Degen übergeben. Ich beſchwöre Sie, mißbrauchen Sie doch nicht ein ſo geheiligtes Andenken, um auf meinen Willen zu wirken. Wenn mein Vater noch lebte, ſo würde er, ich bin deſſen gewiß, meine Wahl billigen, und eine Liebe ſegnen, die mein Glück ausmacht, die ich niemals verrathen werde! — Dein Vater würde Deine Liebe für Nativa ſegnen! rief der Boucanier laut, und unbekümmert daß die Leute ihn hören könnten; ach Unglücklicher, wenn Du wüßteſt!... Legoff hielt inne, indem er es wahrſcheinlich bereute, daß er ſich zu ſolcher Lebhaftigkeit hatte hinreißen laſſen; nach einer kurzen Pauſe fuhr er fort: — Was im Himmel beſchloſſen wurde, muß auf Erden in Erfüllung gehen, murmelte er. Wozu gegen das Schickſal ankämpfen, wenn es ſeinen Willen auf ſo klare und außerordent⸗ liche Weiſe kund gibt!— Wer weiß noch, ob dieſe Liebe, die ich ſo ſehr fürchte, meinen Abſichten nicht zu Hilfe kömmt! Sind die Wege der Vorſehung nicht unerforſchlich? Und wird das Verbrechen nicht früher oder ſpäter von der Strafe ereilt? Zwanzig Schritte hinter Legoff und Morvan plauderten zwei Männer, die Arm in Arm gingen, und ihnen zu folgen ſchienen; dieſe beiden Männer waren der Graf d'Aubigné und der Abbé Dubois. Sie waren ſich vor einer halben Stunde be— gegnet und hatten ſich ſeitdem nicht verlaſſen. — 103— — Parbleu! Abbé, ſagte d'Aubigné zu dem Günſtling des Herzogs von Chartres, als ſie ſich begegneten, es ſcheint, Sie betrachten die unterſetzte Perſon, die in ſchwarzen Sammet gekleidet und mit Diamanten bedeckt iſt, und dort vor uns geht, mit beſonderer Aufmerkſamkeit. Kennen Sie den Mann viel⸗ leicht genauer? In dem Fall würde ich Sie bitten, mir über ihn einige Auskunft zu geben. — Ich beobachte nicht den Mann mit den Diamanten, ſondern ſeinen Gefährten, antwortete Dubois. Wie finden Sie dieſen Edelmann? — Man mag ſich auf Phyſiognomien noch ſo gut aus⸗ kennen, ſo genügt der Rücken einer Perſon doch noch nicht, um ihren Charakter zu errathen. — Das iſt wahr! Nun, ſo ſage ich Ihnen, Graf, daß dieſer junge Mann nicht mehr und nicht weniger iſt, als ein ent⸗ feſſelter Tiger! Er hätte mich vor Kurzem beinahe verſchlungen. — Dieſer Tiger muß ſehr hungrig ſein, Abbé, denn offen geſagt, er hätte eine beſſere Wahl treffen können, als Sie ſind. — Ich war für ihn auch nichts weiter als ein Biſſen, ein Hors⸗d'oeuvre! O dieſes Ungeheuer fürchtet ſich auch nicht vor großen Stücken! Hat er nicht auch Si den Herzog von Chartres, verſchlingen wollen! — Pah! was für ein Märchen erzählen Sie mir da, Abbé? — Dieſes Märchen iſt wirkliche Geſchichte! Es iſt noch keine halbe Stunde, ſeitdem dieſer Edelmann den Herzog nöthigte den Degen zur Vertheidigung ſeines Lebens zu ziehen. — Und dieſer Edelmann iſt nicht verhaftet worden? — Was wollen Sie, Monſeigneur iſt ſo gut! Die Kühn⸗ heit, oder vielmehr die Wildheit dieſes Tigers hat ihn gerührt, und wenig hätte gefehlt, ſo hätte er ihm ein Compliment ge⸗ macht! Alles, was nicht gewöhnlich iſt, gefällt dem Herzog. — Aber Sie, Abbé, Sie ſind wohl nicht wie Monſeigneur? hois, perre weite Edel in! fra ge ( ße in Du Ur ling eint, met eht, iel⸗ iber ten, Sie aus⸗ um daß ent⸗ en. fen ind. ein vor og bö! loch hu⸗ hrt, ge⸗ ur? — 19— — Sie ſehen wohl, daß ich anders bin, antwortete Du⸗ bois, indem er dieſe Antwort mit boshaftem Lächeln begleitete. — Sie wollen vor Allem wol wiſſen, wer er ſei, und dann— — Keineswegs, lieber Graf, vor Allem will ich ihn ein⸗ ſperren laſſen, und dann— vermuthen Sie was Sie wollen! — Aber man läßt doch einen Edelmann nicht ſo ohne weiteres einſperren, Abbé? — Warum nicht, Herr Graf, wenn man gegen dieſen Edelmann einen Verhaftsbefehl hat! — Sie haben einen Verhaftsbefehl gegen ihn? — Seit geſtern, lieber Graf, ich hatte mich ſchon früher über dieſen Tiger zu beklagen. — Das iſt doch ſpaßig, bei meiner Ehre! rief d'Aubigné in Lachen ausbrechend. — Darf ich Sie um den Grund Ihrer Heiterkeit be⸗ fragen? ſagte Dubois ſehr erſtaunt. — Das iſt drollig, in der That ſehr drollig, antwortete d'Aubigné, deſſen Heiterkeit ſich vermehrte. Dubois begann unruhig zu werden, und zu bereuen, daß er geſprochen hatte. — Intereſſiren Sie ſich vielleicht für den jungen Mann? ſagte er. — Ich! antwortete d'Aubigné, ich habe Ihnen ja ſchon geſagt, daß ich ihn gar nicht kenne. Ich lache, weil ich, während Sie dem Tiger folgen, um ihn arretiren zu laſſen, mich an die Ferſen ſeines Gefährten in gleicher Abſicht hefte. Auch ich habe einen Verhaftsbefehl in der Taſche. — Das iſt in der That ein reizendes Geſchichtchen, ſagte Dubois, ſtrahlend vor Freude. Da wir nun beide denſelben Weg verfolgen, ſo erlauben Sie mir, lieber Graf, Ihnen meinen Arm zu bieten. — Mit um ſo größerem Vergnügen, Abbé, antwortete — 120— d»Aubigné, weil mein Schwager Sie wegen Ihres jämmerlichen Rufes verachtet, und weil es ihn wüthend macht, wenn er er⸗ fährt, daß wir miteinander geſehen worden ſind. — Ach, ſagte Dubois, indem er ſich anſtellte als hätte er dieſe Antwort nicht verſtanden, unſere Feinde gehen dem Ausgangshofe zu. Sobald ſie außerhalb des Gartens ſind, können wir ſie faſſen laſſen. Ich weiß, wo ich einige Gefreite treffen kann.— Verdoppeln wir unſere Schritte, lieber Graf. Fünf Minuten ſpäter folgten Dubois und d'Aubigné aus Furcht die beiden Edelleute zu verlieren ihnen beinahe auf den Ferſen nach, als ſie ſahen, wie der Staatsſecretär, Monſeigneur de Pontchartrain, der eben aus dem Schloſſe kam, vor dem Boucanier ſtehen blieb⸗ihm zulächelte, und ihn durch eine freund— liche Geberde zu einem Geſpräche einlud. — Teufel! lieber Graf, es ſcheint, daß Ihr Mann mit den Diamanten bei Hof nicht in üblem Anſehen ſteht. Betrach⸗ ten Sie nur, wie lebhaft und freundlich Pontchartrain mit ihm ſpricht. Ich habe den Generalcontrollor der Finanzen noch nie ſo freundlich geſehen. Ich begreife in der That nicht, daß Sie Ihren Verhaftsbefehl erlangen konnten. — Unſtreitig würde man ihn mir in dieſem Augenblick abſchlagen, wenn ich ihn nicht ſchon glücklicher Weiſe in der Taſche hätte. Und wenn ich ſage glücklicher Weiſe, ſo habe ich vielleicht Unrecht, fügte d'Aubigné nach einiger Ueberlegung hinzu. Dieſer Mann mit den Diamanten, wie Sie ihn nennen, iſt nicht mehr und nicht weniger als der leibhafte Satan. Ich bin beinahe verſucht zu glauben, daß er meine Abſichten in Be⸗ zug auf ihn ſchon kennt, und ich würde keineswegs erſtaunt ſein, wenn er wüßte, was wir geſprochen haben. Ich habe in der That beinahe Luſt meinem Vorhaben zu entſagen, um mich mit der Hölle nicht in einen Kampf einzulaſſen! Wozu ſollte man ihn auch einſperren, dieſen Teufel? Wenn er mit Pont⸗ hart beu biſ Sie nich hil J de — 121— chartrain ſo gut iſt, ſo wird er ihm aus dem Gefängniß ſchrei⸗ ben und morgen frei ſein. Ich glaube, Abbé, wir thun beide beſſer daran, wenn wir unſere Verhaftsbefehle zerreißen. Wenn Sie ſeinen Freund verhaften laſſen, ſo läßt ihn mein Luzifer nicht lange ſchmachten. Anſtatt d'Aubigné zu antworten, begann Dubois zu über⸗ legen, dann ſprach er leiſe: — Graf, iſt es für Sie von großer Wichtigkeit, daß dieſer Menſch verſchwinde? — Parbleu! ſagte der Bruder der Marquiſe ebenfalls leiſe, glauben Sie, daß ich mir ſonſt die Mühe genommen hätte, einen Verhaftsbefehl zu begehren? — Nun wohl, entgegnete Dubvis, wenn Sie mir be⸗ hilflich ſein wollen, und das iſt Ihnen leicht, ſo verſpreche ich Ihnen, daß Ihr Luzifer nicht allein verhaftet werden ſoll, ſon⸗ dern auch, daß Sie niemals von ihm werden ſprechen hören. — Ich weiß, Abbé, daß Sie ein außerordentlich erfin⸗ deriſcher Geiſt ſind; was muß ich thun? — Eine Kleinigkeit: machen Sie mir einen Unteroffizier außer Dienſt ausfindig, der ſich vergebens um eine Stelle be⸗ wirbt, ein wüthender Spieler und ein armer Teufel iſt, der nichts zu eſſen hat, und der übrigens mit der Juſtiz keine zu ſtarken Händel noch gehabt hat. — Nichts leichter als das, Abbé, Sie haben da drei Fünftel meiner Bekanntſchaft gezeichnet. Nur werde ich Ihnen anſtatt eines Unteroffiziers einen Capitän geben. — Deſto beſſer! — Und Sie verſprechen mir, daß mein Mann mit den Diamanten aus dem Gefängniß nicht entkommt? Bedenken Sie ein wenig, wie wüthend er ſein wird— — Meine Ahnungen täuſchen mich niemals, unterbrach ihn Dubois mit Böſes verkündendem Lächeln, und ſie ſagen 11. — 122 mir, daß wir dieſe zwei Feinde jetzt zum letzten Mal ſehen. Da es aber möglich iſt— man muß an Alles denken— daß Pontchar⸗ train morgen Ihren Satanas zu ſich rufen läßt um dieſe unter freiem Himmel gehaltene Conferenz zu beenden, ſo werden wir ihn und ſeinen Gefährten erſt übermorgen verhaften laſſen. In⸗ deß will ich ſchon dafür ſorgen, daß man ihn nicht aus dem Geſichte verliere. Sie ſuchen mir heute noch den in Rede ſtehen⸗ den Capitän auf, und ſchicken ihn mir ins Palais⸗Royal. Dubois grüßte nun den Grafen d'Aubigné zum Abſchied, glitt unter die Menge wie eine Schlange, und eilte zu einem Spion, der ſeine Befehle erwartete. Der Abbé hatte ſehr klug gehandelt, indem er Morvan's und Legoff's Verhaftung auf den andern Tag verſchob, denn die letzten Worte, welche der Staatsſecretär zum Boucanier ſprach, indem er ſich von ihm entfernte, waren:„Nun, Baron, die Sache iſt abgemacht, Sie werden die Nacht in Verſailles zu⸗ bringen, und mich morgen um ſieben Uhr unfehlbar beſuchen.“ Wie ſehr Morvan auch von ſeiner Liebe eingenommen war, ſo konnte er doch nicht umhin zu bemerken, welches Auf⸗ ſehen und Erſtaunen die öffentliche Unterredung des Staatsſecre⸗ tärs und des Boueaniers bei den anweſenden Hofleuten bewirkte. — Wer iſt denn dieſer ſo häßliche Mann, den Jeder ſo demüthig grüßt, und mit welchem Sie eben geſprochen haben? fragte Morvan den Boucanier. — Es iſt Monſeigneur de Pontchartrain! — Der mächtige Miniſter? — Derſelbe, lieber Ritter! gehi Pr nu Po ſh gl Da char⸗ untet wir — 2 em — hen⸗ hied, inem — 2 — Und Sie haben ihn eine Viertelſtunde hindurch auf⸗ gehalten, und mit ihm in vertrautem Tone geſprochen! — Warum nicht? Herr von Pontchartrain iſt ein ehemaliger Präſident des bretagniſchen Parlaments und ich bin ein Edel⸗ mann. Er bedarf meiner, und ich könnte ihn entbehren. Der Vortheil iſt alſo auf meiner Seite; es war daher nicht unver⸗ ſchämt, ſondern eine Gefälligkeit, wenn ich mich mit ihm auf gleichen Fuß ſtellte. — Wiſſen Sie, Baron Legoff, daß Sie das außerordent⸗ lichſte Räthſel ſind, das man ſich vorſtellen kann! Wenn ich mir das Erſcheinen des Roßkammns Mathurin in meinem baufälligen Hauſe zu Penmark in Erinnerung rufe, und Sie heute am Hofe den beliebten Miniſter Ludwig's KlV. als Ihresgleichen behan⸗ deln ſehe, ſo glaube ich zu träumen. Haben Sie denn, der Freund meines Vaters, kein Vertrauen zu meiner Rechtlichkeit und Verſchwiegenheit, daß Sie mir gegenüber in Geheimniß gehüllt bleiben? — Liebes Kind, ich vertraue Ihnen wie mir ſelbſt; nur iſt eine Indiseretion ſchnell begangen, und ein Geheimniß, das drei Perſonen kennen, wird früher oder ſpäter bekannt. Uebri⸗ gens, ſeien Sie deſſen gewiß, werde ich Ihnen binnen Kurzem nichts mehr geheim halten. — Sie ſagen, ein Geheimniß, das drei Perſonen ken⸗ nen; haben Sie denn ſchon einen Vertrauten? — Ja, es iſt der Rheder Cointo zu Breſt; aber Cointo iſt ein Mann von erprobter Rechtſchaffenheit; er verdankt mir ſein Glück, und ich kann auf ihn zählen. Der Reſt des Tages verging für die beiden Freunde auf ſehr angenehme Weiſe, nicht weil ſie etwa an dem Feſte theil⸗ genommen hätten, ſondern weil beide ihr Glück im Herzen tru⸗ gen. Morvan dachte an Nativa's ſüßes Geſtändniß, und Legoff an ſeinen Sieg über Pontchartrain, denn der Staatsſecretär 11* nahm ſeine Bedingungen an, und erwartete ihn den andern Tag, um ihm die Ernennung Ducaſſe's zum Commandanten der Fli⸗ buſtier zu übergeben. Ludwig XlV. und Madame Maintenon fühlten ſich durch die zehn Millionen, welche Legoff gleich her⸗ gab, und deren ſie ſo ſehr benöthigten, veranlaßt die Expedi⸗ tion nach Carthagena zu bewilligen. In der That nahm der Boucanier am nächſten Morgen aus dem Cabinet des Staatsſeeretärs den geheimen Vertrag mit, den er verlangt hatte, und welcher drei Punkte enthielt: nämlich erſtens, daß die Offiziere des Boucaniers mit denen der königlichen Marine in gleichem Range ſtehen; zweitens, daß der vom König ernannte Commandeur in einem gegebenen Falle den Befehlen Montbars' zu gehorchen habe; endlich, daß die Fli⸗ buſtier ein Drittel der in Carthagena zu machenden Beute er⸗ halten ſollen. Zu dieſen dem Leſer bereits bekannten drei Punkten ließ Madame de Maintenon einen vierten hinzufügen: nämlich, daß auf jedes Schiff ein Geiſtlicher zugelaſſen werde. Kaum hatte Montbars ſeinen Vertrag, der ihm in doppel⸗ ter Abſchrift übergeben wurde, als er ſich beeilte, ihn dem Rhe⸗ der Cointo durch einen Courier zu überſenden. — Nun, Baron, ſind Sie von Ihrer Unterredung mit Monſeigneur Pontchartrain befriedigt? fragte ihn Morvan, der erſt bei Legoff's Rückkunft vom Miniſter aufſtand, da er die ganze Nacht damit zugebracht hatte an Nativa zu denken. — Ich habe alles erlangt, was ich wollte, aber ich bin nicht befriedigt. — Und warum das, Baron? — Weil es mir zu leicht gelungen iſt. Ein Sieg ohne blutigen Kampf hat für mich keinen Werth. Kehren wir nach Paris zurück. — Bei meiner Ehre, antwortete Morvan verlegen, ich a enon her⸗ edi⸗ gen ttag elt — 125— geſtehe Ihnen frei, daß ich als Landjunker gern noch einen Tag in Verſailles zubrächte. Alles was ich hier ſehe, ſcheint mir ſo großartig, ſo wunderbar. — Mein lieber Louis, unterbrach ihn Legoff mit Sanft⸗ muth, haben Sie denn ſo wenig Vertrauen zu mir, daß Sie um mich zu täuſchen zur Lüge Ihre Zuflucht nehmen. Unter allen Wundern in Verſailles, um die Sie ſich vernünftiger Weiſe nicht kümmern, gibt es für Sie nur eines, das Sie als ſolches betrachten, Nativa! Die Spanierin bleibt heute noch am Hof, darum wollen Sie erſt morgen abreiſen. Das iſt klar, und ohne großen Scharfſinn leicht zu errathen. Gut, nichts fordert meine Anweſenheit in Paris; bleiben wir! Während dieſes Tages, den ſie miteinander zubrachten, zeigte ſich Legoff dem Ritter unter einem neuen Lichte, nämlich als ein ausgezeichneter Seefahrer. Er fragte den jungen Mann über ſeine zwei Fahrten nach Island aus, und zeigte in ſeinen Fragen eine tiefe Kenntniß der nautiſchen Kunſt. Seinerſeits war der Boucanier von den allen Bretag⸗ nern eigenen natürlichen Anlagen, welche Morvan für die Marine zu haben ſchien, bezaubert. — Mein lieber Louis, ſagte er zu ihm, Sie werden das Glück und die Unabhängigkeit, wovon Sie träumen, nur am Bord eines Schiffes finden. Richten Sie daher all Ihre Sorgen dahin, ſo ſchnell als möglich ein Seefahrer zu werden. Nach Ihren Antworten auf meine Fragen zu urtheilen, glaube ich mich ſogar nicht zu täuſchen, wenn ich ſage, daß Sie ſchon im Stande wären ein Schiff zu befehligen. Uebrigens hoffe ich bald zu erfahren, woran ich mich in dieſer Sache zu halten habe. Vergebens fragte nun Morvan den neuen Freund über ſein vergangenes Leben und ſeine gegenwärtige Stellung aus; Legoff bat ihn, nicht weiter in ihn zu dringen, er müſſe auf die Befriedigung ſeiner Neugierde Verzicht leiſten. Am dritten Tag nach ihrer Ankunft in Verſailles fuhren Morvan und Legoff in einer glänzenden, mit vier Pferden be⸗ ſpannten Kutſche nach Paris zurück. — Wollen Sie mir erlauben, Sie nach Hauſe zu beglei⸗ ten, mein lieber Louis? fragte Legoff. Ich muß einen Brief ſchreiben und bitte Sie um Herberge. Als der Ritter vor der Thüre des beſcheidenen Zimmers, das er im Hotel zum Schimmel einnahm, anlangte, klopfte er mehrmals an ohne eine Antwort zu erhalten. Endlich hörte er ein Geräuſch, wie wenn man eine Piſtole ſpannt, dann Alain's Stimme, welcher rief: — Wer iſt da? was will man? — Ich bin's, Alain, öffne! Nun wurde ein Schlüſſel zweimal umgedreht und der Bretagner öffnete vorſichtig die Thüre: 3. — Ah, ſind Sie es wirklich, mein Herr? Ich habe ge⸗ fürchtet, daß Jemand Ihre Stimme nachahmt; die Franzoſen ſind ſo hinterliſtig. Alain zog ſich zurück und ſtellte eine Muskete, mit der er ſich bewaffnet hatte, an die Wand. — Parbleu! rief Legoff lachend, das iſt ein Diener ohne gleichen, er iſt ſein Gewicht an Gold werth. — Was haſt Du denn mein Junge? fragte Morvan den Diener; Du biſt ſo blaß, ſo niedergeſchlagen. — Ich bin hungrig, antwortete Alain lakoniſch. — Wie kommt's, daß Du hungerſt. — Dam! das wird mir doch erlaubt ſein, wenn ich ſeit zwei Tagen nichts gegeſſen habe! — Du haſt ſeit zwei Tagen nichts gegeſſen? Biſt Du denn krank geweſen? — Vor Hunger, ja, und ich bin es noch! Hatte ich denn Geld, um mir etwas zum Eſſen zu kaufen? hren be⸗ glei⸗ rief ers, e er ſtole oſen ter — 127— — Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich von dem Allen, was Du da ſagſt, ein Wort verſtehe. Du beklagſt Dich, daß Du kein Geld haſt, während ſich in meinem Koffer, von dem ich Dir den Schlüſſel gab, nahe an neuntauſend Livres befinden? — Haben Sie mir denn geſagt, daß ich das Geld an⸗ rühren darf? Nichts von dem! Sie haben mir es bloß anver⸗ traut, alſo hatte ich kein Geld. Das hindert aber nicht, daß Sie mir noch immer fünf Thaler ſchuldig ſind, die ich Ihnen geliehen habe, als Sie beſtohlen wurden. Wenn Sie mir wenig⸗ ſtens dieſe fünf Thaler gezahlt hätten, ſo wäre ich nicht beinahe Hungers geſtorben. e — Armer Junge! rief Morvan halb lachend, halb ge⸗ rührt, Deine Treue verdient Belohnung. Es iſt nichts mehr als billig, daß Du mein Glück mitgenießeſt, ich werde Dir dreißig Thaler geben. — Dreißig Thaler! mir! und ſogleich! rief Alain ganz roth vor Freude; iſt es möglich? — So ſehr möglich, daß Du ſie ſchon haſt, ſagte Mor⸗ van, indem er zu dem Koffer ging, der ſein Geld enthielt. — Warten Sie, Herr, warten Sie! rief Alain. Laſſen Sie mich früher die Thüre ſchließen, es könnte Jemand kommen. Man muß nicht wiſſen, daß Sie Geld haben, die Franzoſen ſündigen ſo gerne, daß Ihr Koffer ohne dieſe Vorſicht morgen leer wäre. In dem Augenblick, in welchem Alain den Schlüſſel um⸗ drehte, ließ ſich auf der Treppe Waffengeklirre hören, dann wurde heftig an die Thüre gepocht und eine ſtarke gebieteriſche Stimme rief: — Im Namen des Königs, öffnet! Legoff, Morvan und Alain blickten ſich einander erſtaunt an. — Das iſt dAubigné, der wieder Geld will, dachte der Boucanier. . 3 2 — Dasiſt Dubois, derſich rächt, murmelte der junge Mann. — Ritter, ſagte Legoff ſchnell, ohne ſeine Kaltblütigkeit zu verlieren und ohne daß ſein Geſicht irgend eine Bewegung verrieth, befehlen Sie Alain, daß er ſich zwiſchen der Wand und Ihrem Bett niederducke und unbeweglich bleibe, als ob er todt wäre. — Du hörſt, Alain, thu' es, ſagte der Ritter leiſe. Alain ging ſogleich in das Schlafgemach; auf's Neue wurde heftig an die Thüre gepocht, und dieſelbe gebieteriſche Stimme rief: — Im Namen des Königs, öffnet! Der Boucanier gehorchte. — Seien Sie willkommen, mein Herr, da Sie ſich im Namen des Königs anmelden, ſagte er, indem er den eintreten⸗ den Offizier begrüßte. Was befiehlt der König? — Daß Sie mir Ihren Degen ausliefern und mir folgen. — Es iſt doch wenigſtens ſchicklich, daß Sie mir zeigen, in Folge welches Auftrags Sie handeln, antwortete Legoff ruhig; ſonſt würde ich mich in die harte Nothwendigkeit verſetzt ſehen, Ihnen den Schädel zu zerſchmettern. Der Offizier zeigte, ohne daß er dieſe Drohung im Ge⸗ ringſten zu beachten ſchien, zwei Verhaftsbefehle vor; der eine betraf Legoff, der andere Morvan. — Vollkommen in der Ordnung, erwiederte der Bouca⸗ nier; da iſt mein Degen, ein Paradedegen, den ich erſt geſtern gekauft habe und der noch nicht aus der Scheide gezogen wurde. Wenn es derſelbe wäre, der mir ſo oft half die Ehre Frankreichs aufrecht zu erhalten, ſo hätte ich ihn Ihnen nicht gegeben. Ich hätte ihn zerbrochen!— Hier iſt auch ein Paar Doppelpiſtolen, fuhr der Boucanier fort, indem er die Waffen aus ſeiner Taſche zog; man kann ſich den Befehlen des Königs gegenüber nicht genug ergeben zeigen, wenn auch dieſe Befehle durch Liſt erpreßt wdet Toile ſukt nier! inft Ent ſter Ihr zu in ho Ni N ann. gkeit gung Band ber Mue iſche im ten⸗ gen. gen hio⸗ hen, Ge⸗ eine uca⸗ ern rde. ichs len, ſche icht reßt — 120— wurden. Erlauben Sie mir jetzt, mein Herr, einige Effekten zur Toilette zu nehmen? — Thun Sie das, antwortete der Offizier, meine In⸗ ſtruktionen verbieten es nicht. Legoff ging mit Morvan in deſſen Schlafzimmer; der Offizier folgte ihnen. — O fürchten Sie nichts, mein Herr, ſagte der Bouca⸗ nier lächelnd, unſere bewieſene Ergebung bürgt Ihnen für unſere künftige Unterwürfigkeit. Und dann iſt dieſes Zimmer einem Entkommen gar nicht günſtig; es hat nur ein vergittertes Fen⸗ ſter zum Ausgang und dieſes geht in den Hof hinaus, der von Ihren Leuten beſetzt iſt. Der Boucanier wandte ſich dann zu Morvan, und ſprach zu ihm in bretagniſchem Dialekt: — Ritter, zeigen Sie ſich nicht erſtaunt, daß ich mit Ihnen in Ihrem Dialekt ſpreche, und Du, Alain, höre zu, und be⸗ halte das gut, was man Dir ſagen wird. Von Deinem Ge⸗ dächtniß hängt unſere Rettung ab. Legoff ſtellte ſich dann, als ob er einige Kleidungsſtücke unterſuchte, dann wandte er ſich mit der Miene, als ob ihm plötzlich etwas eingefallen wäre, an den Offizier. — Herr, ſagte er zu ihm mit freundlichem Lächeln, Ihr Ausſehen verkündigt mir, daß Sie ein Edelmann ſind. Da es nun zwiſchen Leuten von Stande gewiſſe Rückſichten geben muß, ſo können Sie mir wohl ſagen, was Sie in Betreff meiner und meines Freundes für Inſtruktionen haben! — Sie mit Niemanden weder mündlich noch ſchriftlich in Verbindung treten zu laſſen. — Und ohne Zweifel uns nach dem Ort unſerer Beſtim⸗ mung zu bringen? — Ja, Baron. — Glauben Sie, daß ich die Strenge, deren Opfer ich — bin, minder fühle, wenn ich denke, daß ich das Vergnügen und die Ehre Ihrer Geſellſchaft haben werde. Aber erlauben Sie mir eine Frage? — Fragen Sie, Baron, antwortete der Offizier, der ganz erfteut war über die Sanftmuth ſeines Gefangenen, den man ihm als ſo ſchrecklich und gefährlich wie nur möglich geſchildert. — Man hat Sie beauftragt meinen Degen zu nehmen, aber wie ich vermuthe, nicht auch die Perlenquaſte, die daran hängt; nicht wahr? Nun ſo erlauben Sie mir Ihnen die Quaſte als Andenken anzubieten, aus Dankbarkeit für Ihr taktvolles und freundliches Benehmen gegen uns. Während der erſtaunte Offizier ſich auf eine Antwort beſann, löſte Legoff die Perlenſchnur ab, und überreichte ſie ihm. — Aber, mein Herr ſtammelte der Offizier, denn er be⸗ griff das Benehmen des Boucaniers nicht, dieſer Gegenſtand ſcheint mir koſtbar zu ſein, und ich kann nicht—— — Dieſe Quaſte, unterbrach ihn Legoff, würde in der That für einen armen Schlucker, der ſie verkaufen wollte, zwanzigtan⸗ ſend Livres werth ſein; für Sie, mein Herr, der Sie als wohl⸗ erzogener Menſch dieſen Gegenſtand als Andenken aufbewahren werden, wird dieſe Schnur nur eine Zierde ſein.— Sie werden mir nicht den Schimpf anthun eine ſolche Bagatelle auszu⸗ ſchlagen, während ich meinerſeits mich Ihren Befehlen ſo er⸗ geben zeige.— Zum Teufel! machen wir uns doch gegenſeitig Conceſſionen! Ich habe Ihnen meine Piſtolen gegeben, die Sie mir nicht einmal abgefordert haben— Der von Dubois zur Verhaftung Legoffs und Morvans gewählte Offizier war ein entſchloſſener, pflichtgetreuer, aber nicht ſehr gewiſſenhafter Mann. Seine Inſtruktionen lauteten nicht dahin, daß er einen ſo werthvollen Gegenſtand ausſchlage. Auch vermochte er nicht lange zu widerſtehen; die magiſchen Worte„zwanzigtauſend Livres“ blendeten ihn. 6 ihn vorbie welhe nter Ritt uns gar ſerer det gin gug wo na jet tol da vo n und n Sie rganz mn ildett. hmen, daran Aunſte volles wort eihn.. er be⸗ nſtand Thot hw⸗ wohl⸗ ahren erden uszl⸗ ſo er⸗ ſeitig 5 die vans abet tteten lage⸗ ſchen — Ich denke, mein Herr, fuhr Legoff fort, ohne daß er ihm Zeit ließ zu danken, daß Ihre Inſtruktionen Ihnen nicht verbieten mir und meinem Freunde zu ſagen, welcher Ort oder welche Feſtung zu unſerem Gefängniß beſtimmt ſei. — Aber, Baron— ſagte der Offizier zaudernd. — Erlauben Sie, rief Legoff, indem er ihn aufs Neue unterbrach, da wir Niemanden mündlich oder ſchriftlich eine Mittheilung machen dürfen, und da wir, ich und mein Freund, uns verpflichten dieſen Befehl nicht zu überſchreiten, ſo iſt es gar nicht unangemeſſen, daß wir erfahren, welches der Ort un⸗ ſerer Beſtimmung ſei. — Das iſt in der That richtig, antwortete der Offizier, der ſich fürchtete, daß er den Baron Legoff durch ſeine Wei⸗ gerung böſe machen, und ſich ſo den Beſitz der koſtbaren Degen⸗ quaſte gefährden könnte, die für ihn ein ganzes Vermögen aus⸗ machte; Ihre Bemerkung iſt richtig. Nun, ich habe Befehl Sie nach dem Fort Saint⸗Michel zu bringen. — Tauſend Dank für Ihre Gefälligkeit, ſagte Legoff; jetzt wiſſen wir, wohin wir kommen, und können unſere Garde⸗ robe dem gemäß einrichten.— Dam! Sie begreifen doch, daß das nördliche Klima nicht dem ſüdlichen gleicht. Legoff wandte ſich nun mit unbefangener Miene zu Mor⸗ van, und ſagte im bretagniſchen Dialekt: — Alain, höre, und verliere kein Wort von dem, was ich ſagen werde, es handelt ſich um das Heil deines Herrn! Sobald wir fort ſind, nimmſt Du alles Gold des Ritters, klei⸗ deſt Dich wie ein Bürger, kaufſt einen Wagen, und zahlſt für die Pferde und den Kutſcher den doppelten Preis, der verlangt wird, und begibſt Dich, indem Du Tag und Nacht reiſeſt, nach Breſt. In Breſt fragſt Du nach dem Rheder Cointo, und ſagſt ihm, was mir begegenet iſt. Behalte den Namen Cointo! Jetzt, — 132— Ritter, fügte Legoff hinzu, ſagen Sie Ihrem Diener, daß er mir zu gehorchen habe! Legoff ſchien, indem er ſo ſprach, mehrere Kleidungs⸗ ſtücke zu unterſuchen; Morvan ahmte ihm nach, und ſagte: — Alain, im Namen Deiner Anhänglichkeit an meine Per⸗ ſon, führe die Anordnung des Herrn Legoff genau aus; ſieh nicht auf das Geld, das Du ausgeben mußt; je mehr Du verſchwen⸗ deſt, deſto beſſer wird es ſein. Reiſe noch dieſen Abend weg. Auf Wiederſehen. Legoff und Morvan erklärten dem Offizier, daß ſie be⸗ reit ſeien ihm zu folgen. Ein dicht verſchloſſener Wagen erwartete ſie am Thor des Hotels; alle drei ſtiegen ein, der Wagen fuhr, von zehn Reitern begleitet, im Galopp ab, und ließ die ganze Straße Arbre⸗ſec in großer Bewegung. Was Alain betrifft, ſo kroch er, kaum daß ſein Herr dem Offizier gefolgt war, aus ſeinem Verſteck hervor. — Ach, meine gute heilige Jungfrau von Auray, rief er mit Inbrunſt, gib mir den nöthigen Verſtand um die Befehle meines Herrn zu vollführen! Alain ſteckte dann, die Augen voll Thränen, gegen neun Tauſend Livres zu ſich, die ſich im Koffer ſeines Herrn befan⸗ den. Wie aufrichtig und tief übrigens der Schmerz des Bre⸗ tagners war, ſo lächelte er doch freudig, als er ſich die dreißig Thaler bei Seite legte, die ſein Herr ihm geſchenkt hatte. Am Tag vor der Verhaftung der beiden Freunde kam ein Capitän in's Palais⸗Royal, und fragte nach dem Abbé Dubois. Dieſer Capitän war durch d'Aubigné geſchickt, und nannte ſich Chaveignac. Er reiſte noch an demſelben Abend mittels Poſt ab, um das Commando des Forts Saint⸗Michel zu übernehmen. A Norvan L Benerke und ſol worz 1 inmer. Abſchi nehnen hat Si nen C und v doßm duß i leund hit hat. ha un Frieh ſoh eine ite wetde, z ner, daß er Kleidungs⸗ ſagte: meine Per⸗ sz ſieh nicht verſchwen⸗ Abend weg. daß ſie he⸗ m Lher von zehn nze Straße Herr den rh ß ie Befehle zegen nen emn befan⸗ des Bre⸗ die dreißig hatte. de lum ein 6 Dubois. unnte ſich Pocb ehmen⸗ IX. Am eilften Tage nach ihrer Verhaftung kamen Legoff und Morvan bei ſinkender Nacht im Fort Saint⸗Michel an. Während ihrer langen und langweiligen Reiſe fiel nichts Bemerkenswerthes vor. Legoff zeigte einen ſolchen Gleichmuth und ſolche Sanftmuth, daß der Offizier davon ganz bezaubert war; Morvan, von ſeiner Liebe ganz eingenommen, ſchwieg faſt immer. — Wirklich, Baron, ſagte der Offizier, als er von ihm Abſchied nahm, ich komme von meinem Erſtaunen über Ihr Be⸗ nehmen gar nicht zurück, auch bin ich darüber hoch erfreut; man hat Sie mir als einen gewaltthätigen und außerordentlich küh⸗ nen Charakter dargeſtellt, und ich finde, daß Sie freundlich und von bezaubernder Laune ſind. Glauben Sie mir, Baron, daß mir unſere Reiſe immer in gutem Andenken bleiben wird, und daß ich Ihre baldige Befreiung mit Vergnügen vernehmen werde. — Wenn man Feinde hat, ſo muß man erwarten ver⸗ leumdet zu werden, antwortete Legoff; die Art, wie man von mir geſprochen hat, beweiſt mir, welche Wuth man gegen mich hat. Ich kenne kein Weſen auf der Welt, daß einen ſanfteren harmloſeren Charakter hätte als ich; ich liebe die Ruhe und den Frieden ſo ſehr, daß ich oft in Schwachheit verfalle, um nur An⸗ ſtoß und Streit zu vermeiden. Der Herr Gouverneur wird mit meiner Ueberwachung keine Mühe haben. — Seien Sie überzeugt, Baron, daß ich in meinem Be⸗ richt an den Gouverneur die vortreffliche Meinung ausſprechen werde, die ich von Ihnen gefaßt habe. Was Ihren jungen und ſchweigſamen Gefährten, den Ritter von Morvan betrifft, ſo iſt das ganz was Anderes; in ſeinen Augen— — Ach, Herr Offizier, unterbrach ihn Legoff, Sie täu⸗ — 48— ſchen ſich ſehr in Bezug auf meinen Freund; zwei Worte genü⸗ gen, um ihn zu entſchuldigen:„er iſt verliebt!“ Nun werden Sie begreifen, daß ein Liebender, den man gewaltſam von einer Braut trennt, die zu heiraten er eben auf dem Punkte ſtand, nicht heiter ſein kann!— Er ſieht ſich von Nebenbuhlern be⸗ droht, von ſeiner Schönen verlaſſen. — Wie das zuweilen ſo vorkommt, ſagte der Offizier lachend. 6 — Immer, mein Herr, erwiderte Legoff. So lange die Weiber Weiber ſind, wird ein gegenwärtiger Buckliger über einen abweſenden wie immer ſchönen und jungen Mann den Sieg davon tragen!— Das iſt ſogar eine der ſchönſten Seiten der Menſchheit— die Vergeſſenheit. — Armer Ritter, ſagte der Offizier mit einem Blick auf Morvan, der düſter und in Gedanken vertieft, am andern Ende des Saales, in welchem dieſes Geſpräch ſtattfand, ugbeweglich ſaß. Da er ſo unglücklich iſt, ſo werde ich über ihn* einen gün⸗ ſtigen Bericht abſtatten. — Dank, mein Herr, entgegnete Legoff, indem er dem Offizier die Hand drückte. Herr von Morvan iſt Ihres Wohl⸗ wollens würdig. Er iſt in der That ein vollendeter Cavalier, der es nicht verdiente, daß ihm ein Buckliger vorgezogen werde. Der Offizier lachte, dann grüßte er den Baron, und entfernte ſich. Faſt in demſelben Augenblick erſchien ein Gefängnißwärter, und erſuchte die beiden Edelleute ziemlich höflich, ihm zu folgen. Zwei Minuten ſpäter fanden ſich Morvan und Legoff in einer großen für ein Gefängniß ziemlich anſtändig eingerichteten Kammer eingeſchloſſen. — Nun, Ritter, ſagte Legoff, was denken Sie von die⸗ ſem Abenteuer? — Ich denke, antwortete Morvan, daß wir nur vierund⸗ dreißig Stufen geſtiegen ſind, um in unſer Gefängniß zu kom⸗ — — —— men, ur pwanſig Munl in unl Sie che Mur ho rißig übetra Gidor lichet in den Sonn Liche Mb geſte Yſet heit, Ohn erträ ein 2 worſe Ine i61 iht hp mun Vorte geni Nun werden am von ein zunkte ſtand nbuhlern be der Offizier So lange die uckliget über Mann den nſten Stiten w Blick au andern Ende unbewegl *, 1 e el dW res Wob hres er Cavalle en werd oen ntfernte ſ nißwärt u zu folgen. Lof in d Le off i gzoten ingerichtete ie von die⸗ Zi r viemnd⸗ kon⸗ nu niß zu men, und daß alſo unſer vergittertes Fenſter nicht mehr als zwanzig Fuß über dem Erdboden ſich befinden muß. — Louis! rief Legoff freudig und indem er dem jungen Mann liebevoll die Hand drückte, das iſt eine Antwort, die mir ein unbeſchreibliches Vergnügen macht, denn ſie beweiſt, daß Sie eben ſo viel Entſchloſſenheit als Geiſtesgegenwart beſitzen. Nur haben Sie ſich um eine Stufe geirrt; es ſind fünfund⸗ dreißig und nicht vierunddreißig— — Sie haben alſo auch gezählt, Baron? ſagte der Ritter überraſcht. Es iſt erſtaunlich genug, daß wir beide denſelben Gedanken hatten; dieſes Zuſammentreffen ſcheint mir von glück⸗ licher Vorbedeutung zu ſein. — Kind, entgegnete Legoff, glauben Sie denn, daß der in dem Käfig eingeſchloſſene Adler darauf verzichtet gegen die Sonne zu fliegen? Ich hege heute nur zwei Gefühle, meine Liebe zu Ihnen und die Rache gegen den Mörder meines armen Matroſen, des Grafen von Morvan, Ihres Vaters. Nun, ich geſtehe es Ihnen, daß ich dieſe beiden Gefühle ohne Anſtand opfern würde, um meine Freiheit zu erhalten. Außer der Frei⸗ heit, lieber Louis, gibt es auf Erden nichts vollkommen Schönes. Ohne Freiheit wird das Daſein für beſſere Naturen eine un⸗ erträgliche Qual; denn ein der Freiheit beraubter Menſch iſt ein Thier, welchem Gott als gerechte Züchtigung für die Ver⸗ worfenheit und Feigheit eine Seele läßt zum Leiden. Der Boucanier ſprach dieſe Worte mit ſo begeiſtertem Tone, mit einem ſo glühenden und reinen Enthuſiasmus, daß ſich Morvan elektriſirt fühlte. — Legoff, rief er, ein Menſch, der ſich ſo ausdrückt, kann nicht der Bewohner eines Gefängniſſes bleiben. Befehlen Sie, ich werde gehorchen—— Wir werden bald frei ſein!— — Das weiß ich, antwortete Legoff kalt. Was für ein trauriges Ding iſt doch der Menſch, und wie leicht werden ſeine — 136— Berechnungen zerſtört! erwiederte der Boucanier nach kurzem Stillſchweigen; ich brauchte alſo auf meinem Wege nur dem ſchamloſen und geldgierigen Bruder einer glücklichen Buhlerin zu begegnen, und meine großartigen Pläne ſind vernichtet. Zu denken, daß ich ein Gefängniß bewohnen muß, während meine Freiheit Frankreichs Ruhm und Freiheit vermehren würde!— Legoff ſchwieg beim Geräuſch einer Thüre, die geöffnet wurde. Kurz darauf hörten die beiden Gefangenen einen ſchwe⸗ ren und gleichmäßigen Schritt, der ſich ihnen zu nähern ſchien; bald knarrte ein Schlüſſel im Schloß, und ſie ſahen einen Ge⸗ fängnißwärter eintreten. — Meine Herren, ſagte er, indem er auf den Tiſch mehrere mit Servietten ſorgfältig verdeckte Schüſſeln niederſetzte, ich bringe Ihnen Ihr Mittagmahl. Ich werde Ihnen ſogleich durch einen meiner Diener einen Korb mit ausgeſuchten Weinen ſchicken. Sollte Ihnen Ihr heutiges Mahl nicht anſtändig ſein, ſo belieben Sie nur es mir zu bemerken, ich werde mich darnach richten. Ich habe vom Herrn Gouverneur den Auftrag erhalten Sie mit aller möglichen Achtung und Rückſicht zu behandeln. Legoff antwortete nicht; als aber der Gefängnißwärter fortgegangen war, ſagte er zu Morvan: — Man muß den Zuvorkommenheiten eines Feindes, der einen in ſeiner Gewalt hat, immer mißtrauen; wir müſſen da vorſichtig ſein. Speiſen wir. Ein Monat, ein ganzer langer Monat verging, ohne in die Lage der beiden Gefangenen eine Veränderung zu bringen. Während dieſes Jahrhunderts, denn man weiß, wie un⸗ endlich lange die Stunden der Gefangenſchaft ſcheinen, verlor Legoff ſeine unveränderliche Heiterkeit keinen Augenblick. Was den Ritter betrifft, ſo ſtand er jeden Tag, gefoltert von Eifer⸗ ſucht und ſchäumend vor Ungeduld, mit einem neuen Plan zur Flucht auf, den er während der Schlafloſigkeit der Nacht aus⸗ geda p 9 nach kurzem e nut den n Buhlein nichtet. Zu rend meine würde— die geöffnet einen ſchwe⸗ hern ſchien; einen Ge⸗ ſſch nehrere rſetzte, ich uich durh n WVeinen tändig ſein⸗ ic dawah ag erhalten unbeln. gnißirt indes, der niſen du g, ohne in z hringen⸗ , wie un⸗ en, verlor lit. Pu von bifer nPln zur Nuqt u⸗ — 137— gedacht hatte. Legoff hörte den Plan ſtets geduldig an, dann ſagte er: — Ritter! Ihr heutiger Plan iſt nicht beſſer als der geſtrige. Morvan begriff dieſe Gleichgiltigkeit nicht, und beſchul⸗ digte ſeinen Unglücksgenoſſen des Mangels an Energie und Willenskraft. Legoff vertheidigte ſich hiergegen niemals,— er lächelte bloß. Am zweiunddreißigſten Tage ihrer Gefangenſchaft blieb der Gefängnißwärter, nachdem er die Diener, welche das Mittagmahl gebracht, fortgeſchickt hatte, bei ſeinen Gefangenen allein zurück. — Baron, ſagte er zu Legoff, ich habe vernommen, daß Sie außerordentlich reich und großmüthig ſeien. Wenn ich auf Ihre Verſchwiegenheit rechnen dürfte, ſo würde ich Ihnen viel⸗ leicht ein großes Vergnügen verſchaffen. — Welches Vergnügen, mein Freund? — Ich würde Ihnen einen Zettel übergeben, den ich für Sie erhalten habe— von Ihrer Geliebten ohne Zweifel! — Ah, Du haſt einen Zettel für mich erhalten, er⸗ wiederte der Boucanier mit vollkommener Gleichgiltigkeit; mein Junge, Du mußt dieſen Zettel ſogleich zum Gouverneur brin⸗ gen;— das wird zu Deinen Gunſten ſprechen, und kann Dir zu Deiner Beförderung verhelfen! — Sehen Sie, ſagte der Gefängnißwärter, ich hätte eine ſolche Antwort von Ihnen niemals erwartet!— in der That, das iſt eine ſolche Jdee—— ich gehe ſogleich zum Herrn Gouverneur. — Gehe, mein Junge, viel Glück! Der Gefängnißwärter wandte ſich mit ſichtlichem Verdruß nach der Thüre; aber in dem Augenblick als er ſie öffnen ſollte, ſchien er ſich zu beſinnen, und ſagte indem erzurückkehrte, zu Legoff: — Es iſt mir nicht möglich zum Herrn Gouverneur zu gehen, denn er würde mich fragen, warum ich dieſen Zettel ſo 12. — 3— lange behalten hätte, ohne ihn davon zu benachrichtigen, und anſtatt mich zu belohnen würde er mich vielleicht meiner Stelle entſetzen! — Haſt Du denn dieſen Zettel ſchon lange? — Seit geſtern Abend. — Es war Unrecht von Dir, daß Du mit der Erfüllung Deiner Pflicht ſo lange gewartet haſt. — Dam! Herr Baron, ich muß geſtehen, daß ich auf Ihre Großmuth rechnete— — Verdankſt Du's alſo Deiner guten Meinung von mir, daß Du die Gelegenheit Deinen guten Eifer zu bezeigen ver⸗ ſäumteſt! Gewiſſenhaft genommen verdienſt Du Entſchädigung! Da haſt Du zehn Piſtolen in Gold! — Und hier iſt der Zettel! ſagte der Gefängnißwärter das Gold einſteckend. Ich bitte Sie nur denſelben, ſobald Sie deſſen Inhalt kennen gelernt haben, zu zerreißen oder beſſer noch zu verbrennen— — Das iſt nicht nöthig, mein Freund, ich will dieſen Zettel gar nicht leſen; nimm ihn mit, Du wirſt ihn ſelbſt ver⸗ nichten. Ich möchte Dich um keinen Preis der Welt in irgend eine Gefahr bringen, denn ich kann mich über Deine Zuvor⸗ kommenheit gegen uns nur lobend ausſprechen— — Muß ich Ihnen alſo Ihre zehn Piſtolen zurück⸗ bringen?— — Du haſt in der That Recht. Du kannſt ein Geſchäft machen, aber Dein Zartgefühl verbietet Dir ein Almoſen an⸗ zunehmen. Laß ſehen, gib mir doch dieſen Zettel. Der Boucanier entſiegelte nun das ſo klein zuſammenge⸗ faltene Billet, daß es in der hohlen Hand Platz hatte, warf einen flüchtigen Blick darauf und zerriß es, lächelnd und mit⸗ leidig die Achſel zuckend, in ganz kleine Stückchen. Baro nich wert chte treff ſo ſi Lege nich ant und Di get voe ein ſo tigen, und inet Stelle Erfüllung a ich uf g von mir, zeigen ver⸗ ädigung! gnißwirtet obald Sie ober beſet vidiſ ſelbſ ver⸗ in irgend ne 3uvol⸗ n jurid⸗ n Geſtift moſen an⸗ ammenge⸗ atte, warf dund nit — 139— — Das ſcheint Ihnen kein Vergnügen zu machen, Herr Baron? fragte der Gefängnißwärter. — Meine Geliebte ſchreibt mir mit Geheimſchrift, um mich zu verſichern, daß ſie mir treu iſt! Es war wohl der Mühe werth wegen einer ſolchen Kleinigkeit ſo viele Vorſicht zu beob⸗ achten und ſo geheimnißvoll zu ſein. Sollte es ſich wieder einmal treffen, daß man Dich bittet ein Billet für mich zu übernehmen, ſo ſchlägſt Du's aus, mein Freund, verſtehſt Du mich? ſagte Legoff zu dem Gefängnißwärter; ich kann ſolche Narrheiten nicht leiden. — Ganz wohl, mein Herr, ich werde es ausſchlagen, antwortete der Gefängnißwärter verdrießlich und entfernte ſich. — Louis, rief Legoff, ſobald die Thüre geſchloſſen war und Schritt und Schlüſſelgeklirre ſich entfernten, Louis, Dein Diener Alain iſt ein braver Junge; er hat den Rheder Cointo getreulich benachrichtigt. Ein Schiff erwartet uns.— Jetzt an's Werk! Bevor vierzehn Tage vorüber ſind, müſſen wir todt oder frei ſein. Bei dieſer Erklärung ſeines Gefährten konnte Morvan einen Freudenſchrei nicht unterdrücken. — Jetzt begreife ich Ihre ſcheinbare Reſignation, die mir ſo unerklärlich war, ſagte er; Sie warteten!— — Ja, mein lieber Louis, ich wartete, und obſchon jede Minute, die verfloß, meinem Herzen eine grauſame Wunde ſchlug, ſo blieh ich dennoch ruhig, um Sie nicht durch den Anblick meiner Leiden noch mehr zu entmuthigen. Da wir jetzt eine Nachricht von draußen und im Fall des Entkommens eine ſichere Zuflucht haben, ſo werde ich an Ihren Hoffnungen und Arbeiten mit grenzenloſem Eifer theilnehmen. — Vor Allem eine Frage, lieber Legoff, ſagte der junge Mann, indem er den Boucanier unterbrach, warum wollten Sie von dem Billet, deſſen Inhalt für uns doch ſo wichtig war, nicht gleich Kenntniß nehmen? — Ich wollte mir einen Zweifel löſen und einen Verdacht begründen. Ich habe die verdächtige Gefälligkeit unſeres Gefäng⸗ nißwärters ſchon ſeit langer Zeit bemerkt; dieſer Menſch nimmt, ſowie er die Schwelle unſeres Gefängniſſes übertritt, eine andere Haltung an, verſtellt ſein ganzes Weſen und hört, mit einem Wort, auf, er ſelbſt zu ſein. Ich weiß nicht, welche Abſichten er hat, aber gewiß ſind ſie ſchlecht gegen uns. Bemerken Sie, wie ſein irrender und unruhiger Blick den unſerigen zu begegnen fürchtet! wie verwirrt er manchmal iſt! Ich war überzeugt und die Folge wird mir Recht geben, daß dieſer Menſch ein Intereſſe daran fand, mich dieſes Billet leſen zu laſſen. Was für ein In⸗ tereſſe dieſes nun ſei? Ich weiß es nicht!— — Mein Gott, ein ganz einfaches, lieber Legoff, nämlich einige Piſtolen zu gewinnen. — Das glaube ich nicht. Ein Gefängnißwärter ſetzt ſich für ſo wenig nicht der Gefahr aus, nicht allein ſeine Stelle zu verlieren, ſondern auch noch ſtreng beſtraft zu werden. In dem Ganzen liegt ein Geheimniß, das ich zwar nicht errathen habe, das ich aber unfehlbar errathen werde. Da Sie nun meine Meinung kennen, ſo geben Sie auf das Benehmen unſeres Hüters genau Acht. Sobald er wieder kömmt, werde ich an ihm meine Experimente fortſetzen. Die beiden Mitgefangenen begannen nach dieſem Geſpräch ihr Gefängniß auf's Genaueſte zu unterſuchen; dieſe Unter⸗ ſuchung war übrigens bald beendigt und koſtete ihnen wenig Mühe: der Ort, in welchem ſie eingeſchloſſen waren, beſtand aus vier aus Quaderſteinen aufgeführten Mauern, und aus einem Fenſter, das mit ſchweren Eiſengittern verſehen und zwölf bis fünfzehn Schuh über den Fußboden erhöht war. Legoff wollte, nachdem er eine Weile überlegt hatte, Mor⸗ wn the wohl d niß kn wöhnli ws it in Na iſtol und f ſeIh bleib ſo gr —1 ſchw 36 ich Hyn will war, nicht en Verdacht res Gefing⸗ nſch nimnt, eine andere „mit einem he Abſichten nerken Sie, zu begegnen erzeugt und in Intereſe ür ein In⸗ of rinic er ſezt ſch e Stelle zu In den ithen habe⸗ nun meine en unſeres ich an ihm nGeprich iſe Unr znen wents n, beſtand aus einem vöf bis hatt⸗ Nor⸗ — van eben ſeine Pläne mittheilen, als der Gefängnißwärter, ob⸗ wohl dieſe nicht ſeine gewöhnliche Stunde war, in das Gefäng⸗ niß kam. — Herr Baron, ſagte er zu Legoff, man bildet ſich ge⸗ wöhnlich ein, daß die Gefängnißbeamten kein Erbarmen kennen; was ich thue, ſoll Ihnen das Gegentheil beweiſen. Ich komme im Namen meiner armen kranken Frau, Ihnen für die zehn Piſtolen zu danken; dieſes Geld war ihr Hilfe in der Noth, und ſie hat mir den Auftrag gegeben, Ihnen zu verſichern, daß ſie Ihnen ihr ganzes Leben hindurch für dieſe Wohlthat dankbar bleiben und jeden Tag für Sie beten wird. — Deine Frau braucht auf ein ſo kleines Geſchenk kein ſo großes Gewicht zu legen. — ZehnPiſtolen machen für ſo arme Leute wie wir ſind, — denn wir haben vier Kinder, die ich mit meinem Amt nur ſchwer ernähren kann— ein ganzes Vermögen aus. — Warum haſt Du mir Deine Noth nicht früher geklagt? Ich hätte mir ein Vergnügen daraus gemacht, Dir zu helfen. — Ach, Herr Baron, wie bettelarm ich auch bin, ſo habe ich doch meinen Stolz! Da mich der König den Qualen des Hungers ausgeſetzt läßt, ſo muß der Dienſt dafür büßen. Ich will ihn verrathen, aber nicht Almoſen annehmen! — Zum Teufel! Weißt Du mein Freund, daß das ſehr ſtark iſt, was Du da ſagſt? — Ich weiß, was ich denke, Herr Baron, ſagte der Ge⸗ fängnißwärter verlegen. — Finden Sie nicht, Ritter, ſprach Legoff zu Morvan, daß man uns nicht mehr und nicht weniger als unſere Frei⸗ heit anbietet? — Ja! rief der Gefängnißwärter mit Nachdruck, Ihre Frei⸗ heit!— Der Hunger, der die Wölfe aus den Wäldern treibt, macht den rechtſchaffenen Menſchen taub gegen die Stimme der — — 142— Pflicht! Und, die Hand auf's Herz gelegt, niß Ihnen frei geſtehen, daß ich glücklich wäre, wenn ich Ihnen meine Dank⸗ barkeit beweiſen könnte. Morvan, dem das Herz gewaltig ſchlug, wollte eben ſpre⸗ chen, als ihm Legoff zuvorkam. — Mein Freund, ſagte er zu dem Gefängnißwärter, ich danke Dir herzlich für Deine gute Abſicht; auf Dein Vertrauen muß ich mit einem Geſtändniß antworten, ich bin bei weitem nicht ſo reich wie man allgemein glaubt, und es würde mir ſehr ſchwer fallen die Summe aufzutreiben, auf welche Du rechneſt. — Aber ich habe ja keine Summe beſtimmt, Herr Baron. — Das iſt wohl wahr; Du müßteſt jedoch viel fordern, da Du durch unſer Entkommen um Deine Stelle kömmſt. Ich wiederhole Dir aber, daß ich nicht genug reich bin, um Deine gerechten Anſprüche befriedigen zu können. Ich muß daher, wie ſehr ich mich auch nach der Wiedererlangung meiner Freiheit ſehne, auf Deinen Antrag Verzicht leiſten. — Mein Gott, antwortete der Gefängnißwärter mit ver⸗ legener Miene, nichts beweiſt, daß ich wegen Ihres Entkom⸗ mens entſetzt würde! Jeden Tag entwiſchen Gefangene!— Endlich könnten Sie mir doch ſagen, über wie viel Sie ver⸗ fügen könnten! — Ich ſchäme mich Dir das zu ſagen, mein Freund, aber tauſend Livres wären für mich ſchon ein viel zu großes Opfer! — Tauſend Livres! Das iſt ein hübſches Sümmchen, rief der Gefängnißwärter voller Freude. — Findeſt Du das! Du würdeſt uns alſo für vierzig Louisd'or das Entkommen erleichtern. — Gewiß, Herr Baron; bekomme ich doch vom König in volle vier Jahren nicht mehr als tauſend Livres! Ja, tauſend⸗ mal ja, ich nehme es an. Und um gleich den Anfang zu machen, gebe ich Ihnen dieſe Feile da, welche ich mitgebracht habe, denn ich wo Sie ſ und ve nißwit den. was Siet gerad Bohe uſc uns niſſe gewi ſ ine gene ſien hut vhn uhe hf h Ihnen frei neine Dank⸗ e eben ſpre⸗ wärter, ich n Prrtrauen hei weiten irde nir ſeht Du rehneſt. Her Baron. iel fordern, zumſt. Ich „un Deine ß daher, wie iner Freiheit rier nit ver⸗ es Entiom⸗ ngene! ein Frund⸗ ſer! oßes Oyfer Simhen⸗ ſir viri on Körig in Jo uuſend zu nachen⸗ thbe⸗ — 5 ich war berheugt daß wir uns verſtändigen würden; ſetzen Sie ſich gleich heute ohne zu ſäumen ans Werk. Der Baron prüfte die Feile, ſie ſchien ihm vortrefflich und vom beſten Stahle. — Ich verlaſſe Sie jetzt, meine Herren, ſagte der Gefäng⸗ nißwärter, denn mein längeres Ausbleiben könnte bemerkt wer⸗ den. Morgen werden wir über die Sache weiter ſprechen, und was noch nöthig iſt, beſtimmen. Sobald es Nacht iſt, beginnen Sie die Gitter zu zerfeilen; aber arbeiten Sie vorſichtig, denn gerade unter dem Fenſter Ihrer Kammer befindet ſich eine Wache. — Was halten Sie von dem Allen, Louis? fragte der Boucanier Morvan, ſobald fie ſich allein befanden. — Ich denke, mein theurer Legoff, daß Sie ſich niemals täuſchen! es iſt mir jetzt klar, daß dieſer Gefängnißwärter mit uns Komödie ſpielt; wie haben wir uns da zu benehmen? — Vor allem zerfeilen wir die Gitter unſeres Gefäng⸗ niſſes. Wenn wir dabei nur ein wenig friſche Luft und Licht gewinnen, ſo iſt unſere Zeit nicht verloren. — Morvan rückte den Tiſch an die Wand, ſtieg auf den Tiſch und ſagte zu Legoff, indem er ihm ſeine Schultern darbot: — Fangen Sie an, Baron! In zwei Sprüngen war der Boueanier auf ſeinem Poſten. Legoff zeigte dabei die Geſchwindigkeit und Leichtigkeit eines Tigers. Als der Gefängnißwärter am andern Tag den Gefan⸗ genen ihr Frühſtück brachte, waren zwei Stangen des Gitters ſchon ſo weit angefeilt, daß es nur noch einiger Feilenſtriche be⸗ durfte um ſie völlig loszulöſen. Die Wache hatte gar kein Geräuſch vernommen, oder wenn dies auch der Fall geweſen wäre, ſo mußte ſie nicht er⸗ rathen haben, woher es gekommen ſei; denn Morvan und Le⸗ goff wurden in ihrer Arbeit nicht geſtört. — 144— — Mein Freund, ſagte der Boucanier zum Gefängniß⸗ wärter, Du biſt ein ſo braver und gutherziger Junge, daß ich mir ein Gewiſſen daraus machen würde, Dich zu täuſchen. Ge⸗ ſtern habe ich, verlockt von der Idee meine Freiheit wieder zu erlangen, Dein Vertrauen unwürdiger Weiſe mißbraucht. Ich habe Dir 1000 Livres verſprochen, nicht wahr? Aber wenn ich mein Geld zu dem des Ritters lege, ſo bringe ich nicht mehr als 20 Louisd'or zuſammen. — Zwanzig Louisd'or! wiederholte der Gefängnißwärter. — Leider nicht mehr! Du ſiehſt, daß wir uns nicht ver⸗ ſtändigen können! Wir müſſen alſo, der Ritter und ich, jeder Hoffnung entſagen! — Keineswegs, mein edler Herr, erwiderte der Gefängniß⸗ wärter. Ihr Zartgefühl rührt mich zu Thränen, und man ſoll nicht ſagen können, daß ich an Edelmuth ſo tief unter Ihnen ſtehe wie an Geburt! Zudem ſind fünfhundert Livres eine enorme Summe für mich. — Du möchteſt uns alſo für dieſen Preis zu unſerem Entkommen verhelfen? — Hier meine Antwort, ſagte der Gefängnißwärter und nahm aus einer verdeckten Schüſſel eine Strickleiter. — O die hübſche Arbeit! rief Legoff. Wie fein und feſt iſt dieſer Strick! — Dieſe Leiter kann zehn Menſchen ertragen, fuhr der Gefängnißwärter fort. Es iſt keine Gefahr, daß ſie reiße. Sie iſt zweiunddreißig Schuh lang, das iſt etwa um vier Schuh mehr als die Entfernung zwiſchen Ihrem Fenſter und dem Erd⸗ boden... Haben Sie heute Nacht ein wenig gearbeitet? — Wir haben an unſerem Gitter wüthend gefeilt, ſagte Legoff; da es aber ſtark iſt, und wir die Aufmerkſamkeit der Wache fürchteten, ſo konnten wir nicht zum Ziel kommen. Es iſt jedoch wahrſcheinlich, daß wir unſer Geſchäft heute zu Ende bringen. dacht Gefü Chare wünſt Sie Kom nirs Coin ſich heit ſth um ern weiſ ſch hat vie U Ih vig diß ſige ſne lui Gefingniß⸗ nge, daß ich uſchen. Ge⸗ it wieder zu raucht. Ich her wenn ich icht meht ingnißwärter. uns nicht ver⸗ nd ich, jeder Gefüngniß⸗ und min ſill unter Ihnen Lipres eine 3 zu unſetem ißwiner ind — ſein und fii en, ſiht de i rie S nvier Su n den bi⸗ beitet? gfit jut ti drbuie Ende hringen⸗ — Muth, meine Herren! Ich eile fort, um keinen Ver⸗ dacht zu erwecken. — Nun, Louis! ſagte Legoff, ich hoffe, daß dieß ein Gefängnißwärter mit empfindſamem Herzen und geſchmeidigem Charakter ſei. Er ſcheint unſere Freiheit mehr als wir ſelbſt zu wünſchen. — In der That, Baron, das Ganze iſt ſehr ſonderbar! Sie hatten Recht, als Sie ſagten, daß dieſer Menſch mit uns Komödie ſpielt. — Und uns eine Falle legt! — Ja; aber welche Falle? — Parbleu! Das werden wir ſchon erfahren! Warten wir's ab. — Aber, Baron, das eine ſetzt mich in Erſtaunen, daß Cointo anſtatt einen ganzen Monat zu warten und uns ein Schiff zur Verfügung zu ſtellen, nicht lieber daran gedacht hat ſich an Herrn von Pontchartrain zu wenden, um uns in Frei⸗ heit zu ſetzen. Da Sie mit dem Miniſter auf ſo gutem Fuß zu ſtehen ſcheinen, ſo hätte mir dieſer Schritt genügend geſchienen um uns die Thore vom Fort Saint⸗Michel zu öffnen. — Cointo kennt die Menſchen, mein lieber Louis, und er weiß daß die Mächtigen auf die Dienſte, die man ihnen er— weiſt, faſt immer mit Undankbarkeit antworten. Wer weiß, ob nicht gerade Pontchartrain ſelbſt meine Verhaftung veranlaßt hat? Vielleicht kommt mein Unglück von noch höherem Orte, vielleicht iſt der Blitz, der auf mein Haupt niederſchlug, von Jupiters Hand ſelbſt geſchleudert worden! Ich habe mir Lud⸗ wig XIV. zu Dank verpflichtet. Wer ſteht mir nun gut dafür, daß nicht der große König in einem Augenblick der Schwäche ſeinen Stolz vergaß, und von Eigenliebe geleitet, den Dank zu ſchwer auf ſich laſten fühlte, den er mir ſchuldig iſt? Mein Louis, unſere Unabhängigkeit und Würde erheiſchen es, daß I 13. wir unſere Freiheit Niemanden zu verdanken haben, und ſie nur durch unſere Energie und unſern Muth erringen. Am andern Tag kam der Gefängnißwärter früher als gewöhnlich. — Ich war unruhig, ſagte er zu Legoff. Hat die Wache nichts gehört? Haben Sie das Gitter durchfeilt? — Ja, mein Freund. — Alſo wann entwiſchen Sie? fragte der Gefängniß⸗ wärter mit dringender Haſt. Heute Nacht? — Nie, antwortete Legoff ruhig. Der Ritter und ich, wir vertrauen auf die Gerechtigkeit des Königs und entſagen jedem Fluchtverſuch. — Das iſt unmöglich! rief der Gefängnißwärter mit einem Anflug von Zorn und Verdruß, die er nicht verbergen konnte, das iſt unmöglich! Sie wiſſen ſehr wohl, mein Herr, daß die Unſchuld eines Gefangenen deſſen Gefangenſchaft nie⸗ mals auch nur um einen Tag verkürzt hat. Es gibt vollkommen unſchuldige Menſchen, ja ſogar ſolche, welche den Grundeihrer Verhaftung niemals errathen konnten, und die dennoch zehn Jahre hier zubringen mußten! Reden Sie mir nicht mehr von der Gerechtigleit des Königs!— Das iſt eine ſchlechte Ausrede! — Ich bin überzeugt, daß Sie Ihren Entſchluß aus einem andern Grunde geändert haben. — Nun wohl, mein Freund, ich geſtehe Dir's, daß wir einen andern Grund haben. — Nun ſehen Sie! Und was für ein Grund wäre das, wenn ich fragen darf? — Du biſt Schuld daran, daß wir unſern Entſchluß änderten.— — Ich? Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr! Erklären Sie ſich deutlicher. — Nichts leichter! Haſt Du uns nicht zweimal empfoh⸗ n —— len, d Aufm regen gwoße auch ewar indd dieſe berul und 3 ntfe Jun Cha ten Mu Pe kan lin wi ſin wir tl ut Uon U a en, und ſie früher als die Wache Gefingniß⸗ er und ich, d entſagen värter mit verbergen mein Hert, ſchaft ni⸗ volltomnen rund ihret moch hn mehr von Austede! zus einen daß wil nir du, Entſchluß Erlren al myſh⸗ 2 len, daß wir ohne Geräuſch arbeiten ſollten, damit wir nicht die Aufmerkſamkeit der unter unſerem Fenſter ſtehenden Wache er⸗ regen? Uns ſcheint dieſe Wache, auf die wir Anfangs kein ſo großes Gewicht legten, ſehr bedenklich. Zum Teufel! Wie ſüß auch die Freiheit iſt, ſo verliert ſie doch an Reiz, wenn man erwarten muß, mit Musketenkugeln empfangen zu werden. Wir ſind daher entſchloſſen, jedem Fluchtverſuch zu entſagen, ſo lange dieſe Wache unter unſerem Fenſter ſtehen wird. — Wenn das der einzige Grund iſt, der Sie abhält, ſo beruhigen Sie ſich, meine Herren. Ich bin genug rechtſchaffen, und nicht thöricht genug, Sie einer ſolchen Gefahr auszuſetzen. Ich werde es ſo einrichten, daß die Wache am Tage Ihrer Flucht entfernt werde. — Das heiße ich eine ordentliche Sprache führen, mein Junge! Da es ſich aber treffen könnte, daß der Gouverneur Chaveignac die Wache dennoch auf ihrem Poſten ließe, ſo möch⸗ ten wir, der Ritter und ich— die Klugheit, ſagt man, iſt die Mutter der Sicherheit— Waffen beſitzen. Wenn Du uns zwei Paar Piſtolen, Pulver und Blei und zwei Dolche verſchaffen kannſt, ſo iſt die Sache ganz anders; wir zaudern dann nicht länger und fliehen ohne zu ſäumen. — Sie ſollen das Verlangte haben! antwortete der Gefängnißwärter nach einiger Ueberlegung. Ich gehe, um mich mit dieſer Sache ohne Zeitverluſt zu beſchäftigen! — Du lieber Gott! rief Legoff lachend, nachdem ſich ſein Helfershelfer entfernt hatte, es kann kaum einen Gefängniß⸗ wärter geben, der mehr Luſt hat, ſich ſeiner Gefangenen zu entledigen. Welchen Eifer, welches Feuer er für unſere Freiheit an den Tag legt! Wir ſind ganz gewiß nicht von einer, ſondern von zwei Fallen bedroht. Uebrigens, was liegt uns daran? Wenn wir einmal bewaffnet ſind, können wir uns ganz gewiß aus der Affaire ziehen, nicht wahr, Louis? 13* — 1481— — Wir werden unſer Beſtes thun. Kaum hatte der Ritter dieſe Worte geſprochen, als der Gefängnißwärter zurückkam. — Hier ſind Waffen, meine Herren, ſagte er, zwei Paar Piſtolen, Munition und zwei Dolche.— Alles, was Sie von mir begehrt haben.— Morgen? — Morgen! antwortete Legoff. Sobald der Gefängnißwärter fort war, ergriffen der Bou⸗ canier und Morvan haſtig die Waffen und begannen dieſelben freudig und mit ſorgfältiger Aufmerkſamkeit zu unterſuchen. — Das ſind vortreffliche Läufe, ſagte Legoff. Sehen wir die Hähne an— vortrefflich! Hat man nicht Blei in's Zündloch gegoſſen?— Keineswegs.— Die Luft geht leicht durch.— Und dieſer Dolch? Eine prächtige Klinge mit vorzüglichem Griff. Verſuchen wir ihn einmal. Der Boucanier legte einen Thaler auf den Tiſch, und hieb, ohne daß er darauf hinzuſehen ſchien, mit dem Dolch auf den Rand des Geldſtückes. Der Dolch zerſchnitt den Thaler und fuhr noch einen Zoll tief in die eichene Platte des Tiſches. Morvan machte denſelben Verſuch und erzielte dieſelben Reſultate. — Wir haben da den edelmüthigſten und prächtigſten Gefängnißwärter, den man ſich nur denfen kann, ſagte Legoff lachend. Für fünfhundert Livres, mit denen wir ihm unſere Freiheit bezahlen, gibt er uns noch Waffen, die wenigſtens ihre fünfzig Louisd'or werth ſind. Aber ich habe vergeſſen das Pulver zu verſuchen—— Der Boucanier ſchüttete auf eine der Piſtolen Zündkraut auf und gab Feuer. Das Pulver entzündete ſich ohne eine Spur zurückzulaſſen. — Das Pulver iſt ganz ſo gut wie die Waffen, ſagte er, es iſt von vorzüglicher Qualität. Nun, mein lieber Louis, iſt es en, als der zwei Poar 1 Sie von en der Bou⸗ n dieſelben ſuchen. Sehen wit „gündloch durch.— hen Grif. Liſch, Und Dolch auf Thaler und ſches. dieſelben prichtiſen gte Legof re ßuiheit hn fünſiz Pulver iu gindtrut eine Syhr n, ſigle el, entſchieden: morgen liefern wir die Schlacht!— Es wird dabei vielleicht ein wenig hart hergehen, aber was liegt daran, ich habe ſchon andere Schlachten geſehen, und ich bin doch noch da!— Sehen Sie jetzt die Schlinge, welche man uns legen will? — Ganz gut ſehe ich ſie. Dieſe Schlinge entſchuldigt den großen König in meinen Augen. Der Schurke von Dubois und der Prahlhanns d'Aubigné ſind allein an unſerm Unglück Schuld. Sie fürchten ohne Zweifel, daß Ludwig XIV. unſere Gefangen⸗ ſchaft zu Ohren komme.— Was die Schlinge betrifft, die man uns gelegt hat, ſo wird ſie wahrſcheinlich in einer Patrouille beſtehen, die man uns in den Weg ſtellen wird, etwa zehn ſchlaftrunkene Soldaten; es iſt nicht der Mühe werth, davon zu reden, in fünf Minuten werden wir ſie niedergehauen haben. Zwei Löwen, mit Zähnen und Krallen bewaffnet, haben von einigen Hündchen nichts zu fürchten. X. Es war ſechs Uhr Abends; die Luft war ſchwer und ge⸗ witterſchwanger, der Himmel düſter und mit dichten Wolken bedeckt. Legoff und Morvan ſaßen vor einem Tiſch, auf welchem ſich noch die Ueberreſte ihres Mittagsmahles befanden, und ſchienen in einem ernſten Geſpräch begriffen. — So iſt es denn entſchieden und beſchloſſen, mein lie⸗ ber Louis, ſagte der Boucanier, um Mitternacht bewirken wir unſere Flucht. — Ja, um Mitternacht, Baron, antwortete der junge Mann. Unſere Waffen ſind bereit, der Gefängnißwärter hat uns den Weg genau bezeichnet, das Gitter unſeres Fenſters haben wir abgefeilt; wir ſind bereit! — 9150— Legoff überlegte eine Weile, dann ergriff er wieder das Wort: — Mein liebes Kind, ſagte er, ich habe ein unerſchütter⸗ liches Vertrauen auf meinen Stern und bin innig überzeugt, daß wir unſer Unternehmen mit Ehren ausführen werden. Da ich mich indeß täuſchen könnte, weil die Wege der Vorſehung unerforſchlich ſind und zuweilen ein Sandkorn genügt, um einen Rieſen in ſeinem Laufe aufzuhalten und ihn zum Falle zu brin⸗ gen, ſo will ich, ſo muß ich Ihnen ſagen wer ich bin. Wenn der Tod mich treffen ſollte und Sie glücklicher denn ich ſich ret⸗ ten können, ſo iſt es wenigſtens nothwendig, daß Sie den Namen desjenigen kennen, der Sie zum Erben ſeines ungeheuren Ver⸗ mögens einſetzt.— Graf Louis, fuhr Legoff fort, indem er ſich erhob, umarmen Sie in mir den Bruder Ihres Vaters, Ihren Oheim, den Ritter Ranulph von Morvan. Bei dieſer ſo unerwarteten Entdeckung konnte der junge Mann, verwirrt und gerührt bis in's Innerſte ſeines S nur ſtammeln: — Wie, mein Herr, Sie ſind mein Oheim Ranulph, den ich für todt hielt? — Ja Kind, ich bin der Bruder Deines Vaters, um⸗ arme mich! Der Boucanier, der eben ſo gerührt war, wie Louis von Morvan, umarmte den jungen Mann und drückte ihn feſt an ſeine Bruſt. — Wie Du Deinem Vater gleichſt, ſagte er, indem er ihn mit unausſprechlich zärtlichem Ausdruck anblickte. Armer Bruder, den ich ſo ſehr geliebt habe! 6 Zwei große Thränen rollten über die gebräunten Wangen des Boueanier's. — Friſch auf Kind, ſagte er kalt, und als ſchämte er ſich ſeiner Schwäche, da Du jetzt weißt, wer ich bin, ſo mußt Du talſe wir zu d niß, wah Ra har vieder das erſchütter⸗ g überzeugt, erden. Da Vorſehung gt, un einen alle zu hiin⸗ hin. Wenn ich ſich re⸗ eden Namen heuren Ver⸗ dem er ſih ters, Ihnn le der junge es Herzens, Ranyh⸗ aters, um⸗ eLouis von ihn ſeſt Wn , inden er cki. Amet ten Wangen — 51— tauſend Fragen an mich zu richten, unzählige Erklärungen von mir zu fordern haben. Setze Dich zu mir und höre mich an. Der Boueanier ſammelte ſich einen Augenblick und ſagte zu dem erſtaunten Neffen: — Vor allem, Louis, muß ich Dich bitten, das Geheim⸗ niß, welches ich Dir eben anvertraut habe, ſorgfältig zu be⸗ wahren. Für die Welt, für Dich ſelbſt bin ich nicht der Ritter Ranulph von Morvan, ich heiße Montbars, verſtehſt Du? Mont⸗ bars, der Flibuſtier von St.⸗Domingo! — Ach, mein Oheim, rief Morvan, der ſich von ſeinem Erſtaunen ein wenig erholt hatte, warum haben Sie es mir bis zu dieſem Tage geheim gehalten, daß Jemand auf der Welt iſt, der mich liebt. — Das war nothwendig, Louis! der Mann wird nur dann ſtark, wenn er der Sohn ſeiner eigenen Werke iſt; nichts fördert eine begabte Natur ſo ſehr, als wenn ſie allein und ver⸗ laſſen iſt! Du mußteſt Dich ſelbſt bilden, denn ich bedurfte, um Deinen Vater zu rächen, eines unerſchrockenen Herzens und eines tapferen Armes! Wenn ich Dich als dieſer heiligen Sen⸗ dung unwürdig gefunden hätte, ſo hätte ich mich Dir niemals zu erkennen gegeben! Ich hätte mich bloß damit begnügt, Dich mit Geld zu verſehen, um Deinen Wohlſtand und Deine Un⸗ abhängigkeit zu ſichern; aber niemals hätte ich Dir die Hand gedrückt! — Und mein Vater iſt in Ihren Armen geſtorben, mein Oheim? — Louis, ich heiße Montbars! Ja, Dein Vater iſt in meinen Armen geſtorben, ermordet von einem Ungeheuer! Höre mich. Als die Empörung im Jahre 1675 ausbrach, welche in der Bretagne ſo viel Blut fließen machte, und Dich der Liebe Deines Vaters beraubte, mußten wir, mein Bruder und ich, fliehen. Der Graf Morvan war ſo ſtark compromittirt, daß er — 152— keine Gnade hoffen durfte. Zudem war Dein Vater einer jener nenz gerechten, unbeugſamen und ſtolzen Männer, die, wenn ſie von Bute der Gewalt beſiegt ſind und das Recht auf ihrer Seite ſehen, enn ihr Haupt lieber dem Henker überliefern als ſich vor der ſie⸗ loſen genden Gewalt beugen. Ich hatte daher alle Mühe der Welt ſellt um meinen armen Bruder zur Flucht zu bereden; und ich ver⸗ mochte ihn nur dann dazu zu bewegen, als ich mit ihm von den gehra Dienſten ſprach, die er noch einſt der Unabhängigkeit ſeiner ertlä treuen Bretagne leiſten könnte.— Es ging eben ein Schiff nach höre den Colonien; wir fuhren mit. Unſere Reiſe war ſchon ihrem Ende nahe, ſchon ſahen wir die franzöſiſchen Antillen vor uns, Ly als ſich eine ſpaniſche Fregatte unſerer bemächtigte. Dein Vater Syi und ich, wir wurden nach der Inſel Cuba gebracht, und dort Erei als Sklaven verkauft! liche — Armer Vater! ſagte Louis. ich — Da begann für uns ein Leben, das Du Dir nicht Sye vorſtellen kannſt. Ich muß Dir jedoch hinzufügen, daß unſer ev Stolz größer war als unſer Elend, und daß er es uns möglich nen machte, trotz unſerer verworfenen Lage unſere Würde zu be⸗ haupten. Man las es in unſeren Blicken, in unſerer Haltung, Vu daß wir keine Beſchimpfung ertragen würden; ſo daß der Haus⸗ Va hofmeiſter, von welchem wir abhingen, es niemals wagte, ſich zu uns gegenüber ſeiner wilden Rohheit zu überlaſſen, mit der er unſere Unglücksgenoſſen nicht verſchonte. nit Ein ganzes Jahr hindurch, während deſſen wir in unſerer Sklaverei ſchmachteten, beriethen wir, mein Bruder und ich, einen Plan zur Flucht, und wir waren nahe daran, ihn gelingen 66 — zu ſehen, als ein furchtbares Ereigniß vorfiel. int Die Gattin unſeres Herrn, das ſchönſte und niederträch⸗ un „tigſte Weib, welches je exiſtirt hat, hatte einen Seeretär ihres i Gatten zum Geliebten. Als ſie in einer Nacht bei einem Rendez⸗ du vous ertappt wurde, gelang es ihr ihren Mitſchuldigen entkom⸗ ſh t einer jener venn ſie von Seite ſehen, vor der ſi⸗ e der Velt nd ich ver⸗ ihm von den igkeit ſeiner Schif nuch ſchon ihrem len vor uns, Dein Vater und dort u Dir nicht daß unſut uns nüglich we be⸗ rHaltung, der Haus⸗ wagte, ſih nit der er in unſeret er un ich hn gelingen riedertrich⸗ en Rendez⸗ zn iton men zu laſſen, und ſie klagte, um ſich zu entſchuldigen Deinen Vater an, daß er ſie in einen Hinterhalt gelockt habe. Unſer Herr, ein vornehmer Spanier von unbezwinglichem Stolz und mitleid⸗ loſem Herzen, wußte ganz gut, daß ſeine Gattin log; aber er ſtellte ſich, als ob er es glaubte, denn ſo konnte er ſeine Ehre retten. Dein Vater wurde ſogleich gefeſſelt und vor unſern Herrn gebracht. Vergebens wollte er ſich vertheidigen, ſein Benehmen erklären, ſeine Unſchuld beweiſen; man weigerte ſich ihn zu hören, man knebelte ihn. Da warf ich mich unſerem Herrn zu Füßen, verſtehſt Du Louis? auf die Knie fiel ich vor ihm; man knebelte auch mich. Später einmal werde ich Dir, wenn Du es wünſcheſt, dieſes Ereigniß mit allen ſeinen Einzelnheiten erzählen; das Weſent⸗ liche iſt, daß Du heute das Verbrechen kennſt, welches Du zu rächen haſt. Um die Ehre ſeiner Frau zu retten, ſtellte ſich der Spanier als glaubte er an die Schuld Deines Vaters, und obwohl er vom Gegentheil überzeugt war, opferte er ihn dennoch, und verdammte ihn dazu, daß er zu Tode gegeißelt werde. — Mein Vater! rief Louis mit einem Ausdruck von Wuth und Schmerz, der an Geiſtesabweſenheit grenzte; mein Vater, ſagen Sie, iſt verurtheilt worden, durch die Peitſche zu ſterben!— O das iſt unmöglich! unmöglich! — Sobald das Urtheil gefällt war, fuhr der Boueanier mit ſchrecklicher Kälte fort, wurde es auch ausgeführt. Montbars ſchwieg, und Morvan ſchluchzte. — Mein Oheim! rief der junge Mann nach kurzem Schweigen, den Namen des Mörders! Seinen Namen! Ich beſchwöre Sie darum!— O jetzt bin ich ſicher, daß ich mich werde retten können.— Keine Kugel kann mich treffen, denn ich muß meinen Vater rächen!— Gott wird mich beſchützen! Den Namen des Mörders, mein Oheim, den Namen, ich be⸗ ſchwöre Sie darum! — 154—„ Montbars ſchien zu zaudern. 1. nuß — Der Augenblick iſt noch nicht gekommen, ihn Dir zu ſchul ſagen, antwortete er ihm. Bevor wir fliehen, werde ich Dir Brfe heute Nacht einen Brief geben, der alle zu Deiner Rache nö⸗ les1 thigen Anweiſungen enthält. Wenn ich getödtet werde, was ich Shhn aber nicht glaube, ſo wirſt Du dieſen Brief öffnen; wo nicht, iſt wirſt Du mir ihn zurückgeben. Eige — Gut, mein Oheim, ich werde gehorchen. ung Der Reſt des Tages verging für die Gefangenen wie virſ eine Stunde. Morvan hörte nicht auf zu fragen, und Monbars erzählte immer von ſeinem Bruder! Endlich ſchlug es Mitter⸗ nit nacht; es war der zur Flucht beſtimmte Augenblick. ſan — Louis, ſagte Montbars, umarme mich, und gehen wir! nahn Der Boueanier ſtellte zwei Stühle übereinander auf den das Tiſch, und dann befeſtigte er die Strickleiter an die unberührt ihn gebliebenen Stangen des Fenſtergitters. Do — Jetzt, Louis, auf die Knie, und bitten wir Gott um bta ſeine Hilfe und Unterſtützung. Die beiden Morvan knieten nieder; nachdem ſie ge— Go betet hatten, erhoben ſie ſich zu gleicher Zeit und eilten zum ſi, Fenſter. 1h — Halt! Louis, ſagte der Boucanier, indem er den Ve Ritter am Arm ergriff, ich muß vorangehen. den — Nein, mein Oheim. Wenn wir in die Falle gerathen, ze welche man uns gelegt hat, ſo iſt es billig, daß ich das erſte lin Opfer ſei. Sie ſind mächtig; ich bin nichts, die Rache für noo — meinen Vater wäre daher in Ihren Händen beſſer aufgehoben als in den meinigen! ſiſ — Louis, antwortete der Boucanier, merke Dir ein für Pe Hallemal das: Du biſt die einzige Perſon auf Erden, die mir zum un Herzen ſpricht; aber ſo wie Du mir Widerſtand leiſteſt, zer⸗ zu breche ich Dich ohne Erbarmen! Was willſt Du Kind! Man ſu ihn Dir erde ich Dir er Rache u⸗ rde, was ich nz wo nicht, angenen wie nd Monbars g es Rittet⸗ dgehen wir! ſder auf den ie unberührt wir Gott Wn em ſie R⸗ eilten zum dem er den le gerothe⸗ ich das erſte e Rufe fir r uſgehoben Dir ein für die nir zun ſeißeß, zer gind! Man muß einen Freund mit allen ſeinen Fehlern lieben können. Ent⸗ ſchuldige meine Heftigkeit, die Gewohnheit des Handelns und Befehlens hat mir eine andere Natur gegeben; es muß ſich al⸗ les vor meinem Willen beugen. Drehe Dir nicht ſo Deinen Schnurbart, fuhr der Boucanier mit Sanftmuth fort; Teufel! zwiſchen mir und Dir iſt keine Beleidigung möglich, und die Eigenliebe darf bei uns nicht exiſtiren.— Louis, laß mich vor— angehen, ſage ich Dir! Wenn man mich tödtet, nun gut, ſo wirſt Du mich rächen! Legoff verſicherte ſich ſodann, ob ſeine Piſtolen, die er mit einem Strick an ſeinem Leib befeſtigt hatte, in gutem Zu⸗ ſtand ſeien, drückte ſeinem Neffen zum letzten Mal die Hand, nahm ſeinen Dolch zwiſchen die Zähne, und verſchwand durch das abgefeilte Gitter in den äußern Raum; Morvan beeilte ſich ihm zu folgen. In dieſem Augenblick erdröhnte ein mächtiger Donnerſchlag, und das Gewitter, das lange gedroht hatte, brach aus. Montbars und Morvan vernahmen den Ausbruch des Gewitters mit Freude; die Wuth der Natur müßte ſie, dachten ſie, vor dem Verrath der Menſchen ſichern. Es war auch in der That nicht wahrſcheinlich, daß man ihre Flucht bei ſolchem Wetter erwartet hätte. Obſchön der Kerkermeiſter ihnen mit den feierlichſten Eiden betheuert hatte, daß er die unter ihrem Fenſter poſtirte Wache entfernt habe, ſo glaubten die Flücht⸗ linge dem Elenden, deſſen Doppelzüngigkeit ſie kannten, den⸗ noch kein Wort; und als Morvan dem Erdboden nahe zu ſein glaubte, hielt er einen Augenblick inne, um den Dolch zu er⸗ faſſen, den er zwiſchen ſeinen Zähnen hatte. Unglücklicher Weiſe brachte ein wüthender Windſtoß die Leiter ins Schwan⸗ ken, und der Boucanier ließ, indem er ſich, um nicht das Gleich⸗ gewicht zu verlieren, mit beiden Händen feſt hielt, den Dolch fallen. Fürchtend, daß der Fall ſeiner Waffe Aufmerkſamkeit — 56— errege, wollte Montbars ſchon die Leiter verlaſſen und hinunter⸗ ſpringen. Da aber einige Secunden verfloſſen und er kein Geräuſch vernahm, ſo ſtieg er wieder hinab. Morvan folgte ihm. Der Boucanier erreichte bald das unterſte Ende der Strickleiter; Verrath! ſeine Füße begegneten nicht dem Boden. Im Augen⸗ blick ſtellte ſich ſeinem Geiſte ein ſchauderhafter Gedanke dar; er nahm ſeine mit Goldſtücken gefüllte Börſe und ließ ſie hinab⸗ fallen. Mehrere Seeunden, faſt eine Viertelminute verfloß, bis er das Geld auf die Felſen fallen hörte. Sein Verdacht wurde nun zur Gewißheit. — Louis! nimm Dich in Acht, rief er lebhaft, wir hän⸗ gen über einem Abgrund! Morvan, wozu es wiederholen? war mit ſo großem Muth ausgeſtattet, als es die Schwäche der menſchlichen Natur zuläßt. Dieſe Worte aber klangen ihm wie Todtengeläute und verur⸗ ſachten ihm einen tödtlichen Schrecken. — Muth mein Freund, fuhr Montbars fort, als hätte er den Zuſtand des jungen Mannes errathen. Muth, ſteige wie⸗ der hinauf! — Ich kann nicht, ſagte Morvan, deſſen Stirn ſich mit kaltem Schweiß bedeckte. Ich kann nicht! — Haſt Du denn Furcht? — Ja, ſagte der junge Mann, indem er ſich mit aller Kraft ſeiner Muskeln an die Leiter anklammerte, ja, ich habe Furcht! O verachten Sie mich nicht, mein Oheim! Mein Herz iſt ruhig und ich fürchte nicht den Tod. Aber mein Arm verſagt meinem Willen den Gehorſam. — Halte Dich feſt, mein Kind, halte Dich feſt— hier bin ich, antwortete der Boucanier, der nun mit übermenſchlicher Kraft den Raum hinanſtieg, der ihn von Morvan trennte. Jetzt umfaſſe meinen Hals mit Deinen Armen. — Nein, Montbars! ich will dieſe edelmüthige und un⸗ nütze nich; dann! fihle, ſge — da ſen bring du! werde nüt nit gltt dieſe ſ gebe die h und hen; den being hri Ihn im ige und hinunter⸗ und er kein an folgte ihn. Strickleiter; In Augen⸗ edanke dar; ieß ſi hinab⸗ verfloß, bis racht wurde ſt, wir hin⸗ roßem Muth atur zulißt. e und verut⸗ t, als hätte h ſrige vi⸗ tirn ſih nit ſch nit aller a, ih hbe Mein Herz Am vurſagt nenſhihu ennte. tt ige und — 157— nütze Hilfe nicht annehmen, die Sie in's Verderben ſtürzt, ohne mich zu retten! Suchen Sie in's Gefängniß zurückzukommen, dann werden Sie die Leiter zu ſich hinaufziehen! Eilen Sie, ich fühle, daß meine Kräfte mich verlaſſen! — Mein Gott, wie viel verlorene Zeit!— Schnell, ich ſage Dir, Deine Arme um meinen Hals— und fürchte nichts — das iſt für mich nur ein Spiel! — Nein! Nein! Montbars. Sie müſſen leben, um mei⸗ nen Vater zu rächen und Nativa mein letztes Lebewohl zu über⸗ bringen, meinen letzten Liebesgedanken! — Verdammt ſei Dein Edelmuth! rief der Boucanier. Du begreifſt alſo nicht, Louis, daß ich Dich nicht verlaſſen werde— daß jede Seeunde, die vorübergeht, mich ſchrecklich ermüdet!— Im Namen Deines Vaters, umfaſſe meinen Hals mit Deinen Armen und laß mich nur machen. Der Boneanier ließ ſeinen Worten die That folgen, und glitt zwiſchen die Strickleiter und den jungen Mann, ſo daß dieſer entweder loslaſſen oder gehorchen mußte. Nun fand eine Szene ſtatt, welche die Einbildungskraft ſich nicht vorſtellen und die unmächtige Feder nicht wieder— geben kann. Die vom Sturm heftig geſchüttelte Leiter ſchleuderte die beiden Flüchtlinge über dem Abgrund heftig hin und her, und an die Mauer des Gefängniſſes. Kein Wort wurde geſpro⸗ chen; man hörte nur den gepreßten Athem zweier Menſchen, die dem Tode nahe ſchienen. Dieſer ſchauderhafte Kampf dauerte beinahe zwei Minuten. — Montbars, ſagte Morvan endlich, indem er die Leiter ergriff, mein Schwindel iſt vergangen.— Dank, ich verdanke Ihnen mein Leben! Der junge Mann kletterte dann den Raum von vier bis fünf Schuh, der ihn noch vom Fenſter trennte, mit Leich⸗ tigkeit hinan. „ — 1581— — Jetzt gib Du mir die Hand, ſagte der Boucanier mit dem ruhigſten Tone, ſonſt iſt es um mich geſchehen. Ich falle! Morvan ſchlug ſeinen Arm um die Gitterſtangen und bot den rechten ſeinem Oheim. Eine Seeunde ſpäter befanden ſich die Flüchtlinge wieder in ihrem Gefängniß. — Nun, mein Junge, ſagte Montbars ruhig, was hältſt Du von dieſer kleinen Falle? Das war nicht gar ſo ſchlecht aus⸗ gedacht. Wie Teufel kommt es, daß ich das nicht errathen habe! Ich hatte meine Idee vom Hinterhalt im Kopf, und ſo bin ich auf den Irrthum verfallen.— Ah Schurke von einem Gefäng⸗ nißwärter!— Halt! ich vernehme Schritte, die herannahen. Montbars ergriff ſogleich eine der Stangen, die ſie ab⸗ gefeilt hatten, ſtellte ſich mit Morvan vor die Thüre, und ſagte, mit leiſer Stimme:+ — Deinen Dolch zur Hand, und gib Acht, Louis! Kaum war der Boucanier auf ſeinem Poſten als ein Schlüſſel im Schloß knarrte, und die Thüre aufging. Ein Licht 4 erhellte das Gefängniß; der Gefängnißwärter trat mit einer Blendlaterne ein. — Niemand da! ſie ſind fort, der Streich iſt gelungen! rief der Elende mit freudigem Tone. Herr Gouverneur, Sn kön⸗ nen kommen! Kaum hatte der Gefängnißwärter dieſe Worte geſprochen, als er zur Erde ſtürzte; Montbars hatte ihm mit ſeiner Eiſen⸗ ſtange die Hirnſchale zerſchmettert. In demſelben Augenblick trat der Gouverneur des Gefängniſſes ein; der Boueanier erhob ſodann die Blendlaterne des Erſchlagenen und ſtellte ſich zwiſchen die Thüre und den Herrn Chaveignac, während Morvan ihn an der Gurgel faßte, ihm den Dolch an die Bruſt ſetzte und ſagte: „— Kein Wort, keinen Laut, keine Bewegung, oder Sie ſind ein Mann des Todes! Dieſe Anempfehlung war übrigens unnöthig; der Elende war ſo Vort! zittern Siimn Min die M Das her die U nüge ſtrtie ewa Stre vot G winh ſpan und eanie Clen oucanier mit Ih falle! gen und bot efanden ſich nns hilt ſchleht aus⸗ rathen habt! ſo bin ich en Gefüng⸗ rannahen. die ſie al⸗ und ſagte, Louis! en als ein Ein Licht t nit einer gelungen r, Sie kön⸗ geſprochen⸗ iner Eiſen⸗ augenlit aniet chob ſc zwiſchen van i und ſt „ Sie oder per blende hn an — 1590— war ſo verblüfft, daß er nicht die Kraft gefunden hätte, ein Wort hervorzubringen. Seine weit aufgeriſſenen Augen, ſeine zitternden Beine, ſeine Leichenbläſſe bekundeten ſeine Schwäche. — Gnade! murmelte er endlich mit faſt unverſtändlicher Stimme, und auf die Knie fallend. — Und ein Feigling, wie dieſer da hätte über zwei Männer wie wir beinahe triumphirt! ſagte Montbars, indem er die Achſeln mitleidig zuckte; übrigens iſt die Liſt auch eine Kraft. Das Gift der Schlange tödtet, wie die Kralle des Löwen. Herr Gouverneur, fuhr der Boucanier nach einer Pauſe fort, die Unbeweglichkeit Ihres Kerkermeiſters beweiſt Ihnen zur Ge⸗ nüge, wie ſchnell wir, der Ritter und ich, mit unſeren Leuten fertig werden; Sie können ſich denken, welches Schickſal Sie erwartet. Ich möchte gerne glauben, daß Sie ſich über unſere Strenge nicht beklagen werden. — Gnade! Gnade! wiederholte Chaveignac halbtodt vor Schrecken. — Herr Gouverneur, Sie haben von unſerer Großmuth wirklich eine zu gute Meinung. Montbars nahm dann eine ſeiner Piſtolen, lud ſie, und ſpannte den Hahn. Der Gouverneur ſchleppte ſich zu ihm hin, und umfaßte ſeine Knie. — Sie lieben alſo Ihr Leben? fragte ihn der Bou⸗ canier, indem er den Lauf ſeiner Piſtole gegen die Stirn des Elenden hielt. — O, o! Gnade!— ich bin ein Mörder, es iſt wahr, aber ich bereue es. — Ich ſchäme mich über Deine Feigheit, ſagte Mont⸗ bars. Ritter, ſoll man dieſen Menſchen ſchonen? — Dam! wenn er bereut, und uns gehorchen will.„ — Ich werde Ihr Sklave ſein, rief der Gouverneur, be⸗ fehlen Sie, Sie werden ſehen. — 160— — Du wirſt uns von hier hinausführen? — Sogleich! ich ſchwöre es Ihnen! — Nun, ſo gehen wir, ſagte Montbars ruhig. Chaveignac athmete erleichtert auf, und wäre vor Freude beinahe in Ohnmacht gefallen. — Höre, ſagte Montbars; mein Freund und ich, wir werden Dich jeder an einem Arme faſſen; bei dem geringſten Zeichen des Verrathes von Deiner Seite wird Dir der Ritter ſeinen Dolch in die Bruſt ſtoßen, und ich werde Dir in den Kopf ſchießen. Ich zweifle, daß Du auf ſolche Weiſe niedergeſtreckt, wieder aufſtehſt. Gehen wir! Der von den beiden Flüchtlingen geführte Gouverneur leitete ſie durch ein Labyrinth von Sälen, Thüren und Gängen bis außerhalb des Forts Saint⸗Michel. So oft ſie einer Wache oder einer Patrouille begegneten, drückte der Ritter ſeinen Dolch ein wenig ſtärker an die Bruſt des Gouverneurs, und Montbars ließ den Hahn ſeiner Piſtole ein wenig knacken; auch beeilte ſich der Gouverneur ſich zu erkennen zu geben und auf das Loſungs⸗ wort zu antworten! Eine halbe Stunde ſpäter befanden ſich die beiden Flüchtlinge am Strande. — Mein Freund Chaveignac, ſagte Montbars zum Gou⸗ verneur, möchteſt Du wohl ſo gefällig ſein uns zu ſagen, wer der Erfinder jener Falle ſei, die ich die Falle mit dem Abgrund nennen möchte, und deren Opfer wir bald geworden wären? — Es iſt der Abbé Dubois! antwortete Chaveignac. — Und wie viel hätteſt Du bekommen, wenn der Streich gelungen wäre? — Nichts, Baron. Ich hätte meine Gouverneursſtelle behalten, das iſt Alles. — Haſt Du denn eine Frau und Kinder, die in Noth ſind? — Nein, Baron, aber ich habe Spielſchulden, was noch etwas Heiligeres iſt. . — men thei tr g. vor Freude nd ich, wir n geringſten t der Ritter in den Kopf dergeſtrekt, Gouvernelt nd Gängen iner Wache einen Doli dNontbars beeilte ſich us buſung den ſich die zun Go ſugen, wer n Abyrund wiren! weignae⸗ per Strih th ind was noch — — 161— — Alſo nur um Deinen Pflichten in Ehren nachzukom⸗ men haſt Du an dem gegen uns gerichteten charmanten Complott theilgenommen? — Ja, Herr Baron, aus Ehrliebe—— — In dieſem Falle hörſt Du auf in meinen Augen ſchul⸗ dig zu ſein!— Auf Wiederſehen, mein Herr Chaveignac! Wir halten Sie nicht mehr. Montbars hob bei dieſen Worten ſeinen Arm in die Höhe und ließ ſeine fürchterliche geballte Fauſt auf den Kopf des Gouverneurs mit ſolcher Gewalt niederfallen, daß dieſer einen Augenblick wankte und dann zu Boden ſank. — Ich habe dieſen Schurken ſo geſchlagen, daß er eine gute Stunde betäubt ſein wird, wenn ich ihn nicht gar erſchla⸗ gen habe, ſagte er ruhig zu Morvan; bis er wieder zu ſich kömmt haben wir mehr Zeit als nothwendig iſt, um ein Aſyl zu ſuchen. — Wenn wir nur nicht ausſpionirt und verfolgt werden, antwortete der junge Mann, denn ich bemerkte ſchon mehrmals den Schatten einer menſchlichen Geſtalt zwiſchen den Felſen gleiten. Sehen Sie!— eben iſt er wieder da! Beim Leuchten eines Blitzes, denn das Gewitter hatte noch nicht aufgehört, ſah Montbars in der von Morvan angege⸗ benen Richtung einen Mann, der es verſuchte, ſich hinter einem Felſen zu verbergen. — Friſch auf, mein Freund! rief er, indem er mit aller Kraft vorſtürzte. Es verfloſſen keine zwei Minuten und Morvan umarmte mit aufrichtiger Freude ſeinen Diener Alain. — Wie kommt es, daß wir uns hier in dieſer Stunde treffen? — Herr, Sie hätten mich geſtern wie heute und morgen ſowie vorgeſtern hier angetroffen, antwortete Alain. Herr Cointo 14. — hat mir geſagt, daß Sie ſich retten werden, und ſeitdem ſtreife ich jede Nacht am Strande herum. Ach, du lieber Gott, wie bin ich jetzt zufrieden! Als hätte mir Einer einen Sack voll Thaler geſchenkt. Ich kenne mich nicht aus vor Freude! Weil ich eben von Thalern rede, Herr; ich habe nicht mehr als tau⸗ ſend Livres ausgegeben.— Aber kommen Sie, das Schiff wartet auf Sie. Während der Ueberfahrt fragte Morvan nach langem Zaudern ſeinen Diener, ob er nichts von Nativa vernommen habe. — Ah! der kleine Bleichfiſch von Penmark; jawohl habe ich von ihr gehört, ſie war ſogar bei Ihnen um Sie zu beſuchen. — Nativa kam, um mich zu beſuchen! rief der junge Mann hingeriſſen vor Freude, das iſt unmöglich! — Aber doch! Zum Beweis hat ſie mir einen Brief für Sie übergeben. Zwei Stunden nach ihrer Flucht befanden ſich die beiden Flüchtlinge am Bord des Schiffes, welches der Rheder Cointo für ſie gemiethet hatte und welches längs der Küſte lavirend auf ſie wartete. Morvan's erſte Sorge war, Nativa's Billet zu leſen. Die reizende Spanierin berichtete ihm, daß ihr Vater vom König Befehl erhalten habe, Frankreich zu verlaſſen, und daß der Graf von Monterey mit ihr zuerſt nach Spanien und von dort nach St. Domingo reiſen werde. — Montbars, ſagte er, als er den Boucanier auf ſich zukommen ſah, wo ſoll uns Ihr Schiff hinbringen? — Nach St. Domingo! antwortete der berühmte Chef der Flibuſtier freudig. Morvan küßte Nativa's Billet entzückt, und mit einem dankbaren Blick gen Himmel ſagte er: — Dank, mein Gott, du beſchützeſt meine Liebe! ſe N 5 n ſt b in itden ſtreife rGott, wie n Sack voll eude! Weil eht als tau⸗ das Schif ach langem onmen hobt. jawohl hobe zu beſuchen. f der junge en Brief für die beiden der Coint ſvirend uf leſen. Die von hnig nd duß der id von dort nier uf ſih ihnte bhf nem mit e iebe Am andern Morgen entfernte ſich das Schiff unter günſti⸗ gem Winde von der franzöſiſchen Küſte. — Adieu, mein Heimatsland, wo ich keinen Freund zu⸗ rücklaſſe, wo meine Abreiſe keinen Kummer erregt! ſagte Mor⸗ van, indem er einen letzten Blick auf das Land warf, das ſich am Horizonte ſchon mit dem Himmel zu verſchmelzen begann;z adieu! — Betrübe Dich nicht unnützer Weiſe, mein lieber Louis, fügte Montbars hinzu; das undankbare Land, welches Du ver⸗ läſſeſt, hat für Dich weder Glück noch Liebe gehabt!— Es hat Dich in Deinem Elend ein kümmerliches Leben führen ge⸗ ſehen. Dein Fuß ſoll den heimatlichen Boden erſt dann wieder betreten, wenn Du reich und als Sieger heimkehrſt!— Sei munter und denke an den neuen ungeheuren, unendlichen Wir⸗ kungskreis, der Dich erwartet. — O, ſagte Morvan, wie könnte ich mich nach Frank⸗ reich zurückſehnen, da ich Nativa wieder ſehen werde. Xl. Am 20. April 1696 ſegelte ein ſchöner Dreimaſter von 150 Tonnen durch den Kanal der Inſel Tortue. Am Bord die⸗ ſes Schiffes, das eben von Frankreich ankam, befanden ſich Montbars, Morvan und Alain. Es war ſieben Uhr Abends; der im Abendroth glühende Horizont bot ein Bild jenes wunderbaren unbeſchreiblichen Son⸗ nenuntergangs, der nur in den tropiſchen Gegenden zu finden iſt und wovon weder die Feder noch der Pinſel eine Idee ge⸗ ben kann. — Nun, lieber Louis, ſagte Montbars zu ſeinem Neffen, indem er die vom Lande her wehende Luft mit gehobener Bruſt einathmete, wie gefällt Dir Dein neues Vaterland? Sieh' dieſe — 166— üppige Pflanzenwelt, dieſe düſtern Wälder, dieſen glühenden Himmel, dieſe Miſchung von Gluth und Gold.** — Ich ſuche vergebens nach Worten, die meine Bewun⸗ derung ausdrücken könnten, antwortete der junge Graf Morvan; die menſchliche Sprache bleibt vor dieſer erhabenen Pracht der Natur ſtumm und ohnmächtig; mein Herz ſingt eine Hymne zum Preiſe Gottes. Ja, dieſes Land iſt das Land meiner Träume. Der ungefähr zwei Meilen breite Kanal, welcher die Inſel Tortue von der Küſte St.⸗Domingo trennt, bietet in der That einen Anblick, welcher den Europäer überraſchen muß. Mitten im Ozean gelegen, wie ein Blumenbeet in einem Garten, gleicht die Inſel Tortue, welche von allen Seiten mit dichten Wäldern und nur im Süden mit einer furchtbaren Felſen⸗ kette Namens Cote⸗de⸗Fer bedeckt iſt, einem ungeheueren in Stahl gefaßten Smaragd. Im Süden dehnt ſich die große Inſel St.⸗Domingo aus, mit ihren düſteren Wäldern und ihren ma⸗ leriſchen Oertlichkeiten, die im Zorn der Natur entſtanden zu ſein ſcheinen; im Oſten und Weſten verliert ſich der Blick in die Unermeßlichkeit des Ozeans. — Alſo, ſagte der junge Mann, indem er ſich der Betrach⸗ tung dieſes großartigen Schauſpiels mit Mühe zu entziehen ſchien, das Land, an deſſen Küſte wir vorüberfahren, iſt die Inſel Tor⸗ tue, welche durch die Thaten der Boucaniers ſo berühmt ge⸗ worden iſt? — Sie iſt es, mein Freund, dieſe im 20 und 30— 40“ vom Aequator gelegene Inſel, die nicht mehr als 16 Meilen im Umfang hat, läßt die Macht Karl's Il. erbeben, und wirft auf die Sonne Spaniens einen Schatten. Auf der Inſel Tortue ſind nur ſechs bewohnte Plätze: la Baſſe⸗Terre, Cayorme, la Montagne, le Milplantage, le Ringot und la Pointe⸗au⸗Maſſon. Die elenden Hütten dieſer Plätze haben unter ihren Dächern aus Palmblättern mehr Gold glänzen geſehen, als je nach dem Ver klei Rei wide mit neh auf Erd ſei ken nglühenden „ eine Bewun⸗ tuf Morwan; Pracht der Hymne zun ner Triume. her die Jel in der That uß. eet in einen Seiten nit aren ßelſen⸗ theurten in große Inſil nd ihren ma⸗ ntſtanden zu der Blick in der Betrac⸗ iehen ſchien, eInſel Lor herihnt ge⸗ nd 30— 40 316 Milen n und virt nſil Tortue la Fahome⸗ au⸗Nuſſn⸗ nen dithen je nch dh — 165— Verſailles Ludwig's XIV. gekommen iſt. Die Geſchichte dieſer kleinen Inſel wäre wunderbar und würde alle nach Abenteuern und Reichthum begierigen jungen Leute zur Auswanderung bewegen. — Aber wenn dieſe Inſel Spanien ſo furchtbar iſt, er⸗ widerte Morvan, wie kommt es denn, daß es ſie noch nicht mit Waffengewalt bezwungen hat? — Spanien hat dieſes Unternehmen oft verſucht und mehrmals iſt es ihm auch gelungen, antwortete der Boucanier; auf dieſen ſechzehn Quadrat⸗Meilen befindet ſich nicht Ein Zoll Erde, der nicht mit Menſchenblut benetzt worden iſt; aber Gott ſei Dank, wir ſind Sieger geblieben, und unſere Feinde den⸗ ken noch immer an die letzte Niederlage, welche ihnen der brave Roſſey beigebracht hat. Heute wäre eine ganze Armada nicht im Stande dieſen ſo tapfer vertheidigten und ſo theuer be⸗ zahlten Boden uns zu entreißen. Montbars und Morvans Geſpräch wurde durch die An⸗ kunft eines Kahnes, welcher beim Schiffe anlegte, unterbrochen. Bald kletterten fünf Männer mit der Gelenkigkeit des Affen aufs Verdeck; dieſe waren Boucanier und Morvan betrachtete ſie mit lebhafter Neugierde. Die Angekommenen trugen als Kleidung zwei Hemden, Beinkleider, und einen weiten Rock, alles aus grober Leinwand; ihr Kopf war mit einer Art von Filzkappe bedeckt, die vorn einen Schirm hatte. Schuhe aus Kuhhaut oder aus der Haut eines Ebers bewahrten ihre ner— vigen Füße vor den Stichen der Dornen. Die zuſammenge—⸗ rollte Leinwand eines kleinen Zeltes trugen ſie wie Schärpen über die Schulter gebunden; dieſes Zelt diente ihnen bei ih— rem Aufenthalte in den Wäldern. An der linken Seite des Gürtels trugen ſie ein Beſteck aus Krokodillshaut, das vier Meſſer und ein Bajonett enthielt, an der rechten Seite trugen ſie eine Kürbisflaſche voll Pulver. Endlich hatte jeder eine ſtarke Flinte, mit außerordentlich feſtem und dickem Kolben und — a— einem vier und ein halb Schuh langem Lauf, in deſſen Mün⸗ dung Kugeln paßten, wovon ſechszehn auf ein Pfund gingen. Dieſe eigens für die Boueaniers von Brachie zu Dieppe und Gelin zu Nantes verfertigten Flinten trugen ſehr weit und ſehr gut; ſie koſteten drei bis vier hundert Livres das Stück. Die Ankunft dieſer ſeltſamen Beſucher ſchien Montbars ein großes Vergnügen zu machen.* — Der Anblick dieſer mit Blut getränkten Röcke, dieſer widerhaarigen Geſichter und dieſer langen Musketen perjüngt mich um zwanzig Jahre, ſagte er zu Morvan, indem er ihn ver⸗ ließ um den Boucaniers entgegen zu gehen. Der berühmte Chef der Flibuſtier mußte ſehr popylär ſein, denn kaum hatten ihn die Leute, die auf dem Nachen ge⸗ kommen waren, bemerkt, als ſie die lebhafteſte Freude lautäußerten. — Nun meine Freunde, ſagte Montbars zu ihnen, was giebts Neues? Verſuchen es die ſpaniſchen Piroguen noch im⸗ mer die Niederlaſſungen an der Küſte zu plündern? Habt Ihr viele Beute gemacht? Iſt das Wildbret ausgiebig? — Die Spanier werden geboren und ſterben als Diebe, antwortete einer der Boucaniers; wie ſollten ſie die franzöſiſche Niederlaſſungen in Ihrer Abweſenheit, Montbars, geachtet ha⸗ ben, während ſie es gewagt haben dieſelben in Ihrer An⸗ weſenheit anzugreifen! Was das Wildbret betrifft, ſo vernich⸗ ten es dieſe verdammten zerlumpten Hidalgos mit Blutgier, um uns dem Hunger preis zu geben. Wenn das ſo fortgeht, ſo wird kein einziger Eber mehr übrig bleiben, und die letzten Bou⸗ caniers werden, um nicht Hungers zu ſterben, genöthigt ſein auf Euere Schiffe zu kommen und Flibuſtier zu werden. — Es iſt ſchon lange her, meine Freunde, daß Ihr dieſen Entſchluß hättet faſſen können, entgegnete Montbars. Auch ich habe Euer Waldleben geführt, ich kenne die Entbehrungen, die es auferlegt und weiß wie wenig Nutzen man davon im All⸗ deſſen Mün⸗ fünd gingen. Dieppe und eit und ſehr Stüc. n Montbars Röcke, dieſer ten verjüngt et ihn ver⸗ ſehr popnlir Nachen ge⸗ utäußerten. ihnen, was nen noch in⸗ hut Ir nals Diebe⸗ runziſſche geachtet hi. Ihnt U⸗ ſo wmit⸗ utgier, un fortgeht. ſo lezen bol⸗ igt ſein auf . Auh ic 8 hrungen⸗ die won in M — 67— gemeinen hat. Sechs Monate voll harter Arbeit, wenn Ihr auch fortwährend glücklich ſeid, bringen Euch nicht den zwanzigſten Theil von dem Gewinn, den eine Stunde einer Meerfahrt bringt. — Das iſt wahr, antwortete ein anderer Boucanier; aber bietet unſere Exiſtenz, wenn ſie auch ihre harten Seiten hat, nicht auch köſtliche Genüſſe? Welche Freude kann mit der⸗ jenigen verglichen werden, die wir empfinden, wenn wir den wilden Stier, von unſerer Kugel niedergeſchmettert, fallen ſehen; wenn wir das Geheul unſerer Hunde hören, die ſo wild ſind wenn ſie den Feind wittern, und ſo ſanft und gehorſam wenn ſie unſere Stimme vernehmen! Das Meer bietet gewiß einen ſchö⸗ nen Anblick; aber wie tief iſt er unter dem unſerer Wälder, wenn die Sonne aufgehet! Es gibt Augenblicke, in denen man ſich ſo glücklich fühlt, daß man weinen muß um nicht zu leiden! Ich habe oft auf der Inſel Tortue zu Port⸗Pair oder zu Leo⸗ gane mit ſpaniſcher Beute beladene Flibuſtierſchiffe ankommen ſehen; im Gedanken an die Schwelgereien, welche das Gold ihnen verſchaffen wird, begrüßten die Matroſen das Ufer mit lautem Geſchrei, aber ich kann Ihnen ſchwören, Montbars, daß mir niemals der Neid in den Sinn gekommen iſt. Ich dachte, wie entfernt iſt doch der ſinnliche Rauſch dieſer Flibuſtier von dem innigen, tiefen, unausſprechlichen Glück, das ich empfinde, wenn ich nach einer langen, mühevollen und gefährlichen Expe⸗ dition, die dünne Rauchſäule ſehe, die über dem Dache meiner armen Hütte ſchwankt! Mit welch' ſüßer Wolluſt denke ich an den Empfang derjenigen, die mich erwartet und mich liebt, an die Ruhe, die ich endlich genießen werde! Glauben Sie mir, Montbars, ich würde meine niedrige Stellung nicht gegen die Ihrige vertauſchen, die ſo ſehr beneidet und ſo glänzend iſt. Als Morvan dieſe Sprache aus dem Munde eines Bou⸗ caniers vernahm, konnte er von ſeinem Erſtaunen nicht zurück⸗ kommen, um ſo mehr, da der Mann, welcher ſo ſprach, in ſeiner Per⸗ — 168— ſon den Anſchein einer wilden Energie und großen Rohheit hatte. — Wer iſt denn dieſer Boucanier, fragte er Montbars, ſobald die Jäger in ihrem Nachen wieder fortgefahren waren. — Das iſt ein ehemaliger Profeſſor der ſchönen Wiſſen⸗ ſchaften. — Iſt es möglich? Sie wollen ſcherzen! — Keineswegs; ich ſpreche ſehr im Ernſt. Die Bevölke⸗ rung von St.⸗Domingo gleicht in nichts dem, was anderswo exiſtirt. Du wirſt hier Menſchen finden, welche den berühmteſten Familien Europa's angehören, und die aller Hilfsquellen bar, und in größter Noth, das Almoſen, das Du ihnen anbieteſt, dankbar annehmen; neben dieſen herabgekommenen Mächtigen wirſt Du wieder Leute ſehen, die aus den niedrigſten Stufen der Geſellſchaft hervorgegangen ſind, und hier einen Luxus ent⸗ wickeln, Reichthümer beſitzen und Anſehen genießen, die uner⸗ hört ſind. In St.⸗Domingo gibt es nur einen Unterſchied zwi⸗ ſchen den Menſchen, nämlich den der Kühnheit, der Unerſchrocken⸗ heit und des Erfolges! Ein Flibuſtier, deſſen Ruf befeſtigt iſt, findet immer, wenn ihm auch das Glück nicht günſtig war, einen Speculanten, der ihm Geld vorſchießt, um ein anderes Schiff zu kaufen, und hundert entſchloſſene Männer, die bereit ſind unter ſeinem Commando zu ſterben. — Auf dieſe Weiſe kriegt man deſto mehr, je beſſer man darauf los driſcht; ſagte Alain, indem er ſich in das Geſpräch miſchte. — Ja, mein Junge, ſo iſt es! — Gott! rief der Bretagner die Fäuſte ballend, mich juckt es mit den Spaniern handgemein zu werden, und die armen z Indianer zu rächen, welche von ihnen ſo ſehr mißhandelt worden ₰ ſind, wie Sie mir es erzählt haben!— Dieſe guten Indianer! Arme unſchuldige Creaturen, die ſie wie Kaſtanien röſteten. Wenn ich nur daran denke, ſo kommen mir ſchon die Thränen Rohheit hatte. r Montbars, ren waren. önen Viſen⸗ Die Bevölke⸗ as anderswo herühmteſen ögnellen bar, en onbieteß, en Michtigen gſten Stufen n Luns ent⸗ en, die uner⸗ terſtitd zui nerſchtoen⸗ fbefeſigt iſ⸗ ig war, einen nderes Sif bereit ſind beſet mu huern in das ni üt ddie umen ndelt worden en Idiune rien rſeten⸗ die Lhrinen — 159— in die Augen. Ah, Ihr Schurken von Spaniern, Ihr ſollt ſehen! — Sagen Sie mir, Montbars, ſprach Morvan, wel⸗ cher Unterſchied beſteht denn zwiſchen dem Boucanier und dem Flibuſtier? — Vor vierzig Jahren hatte die Inſel St. Domingo nur franzöſiſche Bewohner, Jäger der wilden Stiere und Eber. Dieſe kühnen von ihrem Vaterland entfernten Männer mußten in ihrer Jagdbeute, die für ihre Nahrung zu viel war, ein ge⸗ winnreiches Verkehrsmittel ſuchen, um ſich die zu ihrem Noma⸗ denleben unentbehrlichen Gegenſtände, wie Pulver, Hausgeräthe, Kleidung u. ſ. w. zu verſchaffen. Sie begannen daher das Fleiſch der Eber zu räuchern und die Stierhäute zu gerben, die Schinken und das Leder verkauften ſie ſodann auf den be⸗ nachbarten Inſeln. Da nun die Karalben, die erſten Bewohner der Antillen, die Gewohnheit hatten, ihre Kriegsgefangenen in Stücke zu zerſchneiden und dieſe ſchauderhafte Nahrung nach einer Art von Speiſe zu bereiten, welche Barbacoa und in ihren Hütten Boucan heißt, ſo wurden unſere Landsleute, welche die Bewohner des Waldes ſo behandelten, wie die Ka⸗ raiben die Menſchen,„Boucaniers“ genannt. Seitdem iſt ihnen dieſer wilde Spitzname geblieben und heute iſt er ein⸗ gebürgert. „Lange Zeit blieb die Exiſtenz der Boucaniers den Spa⸗ niern ein Geheimniß, erſt als ſie zahlreicher wurden und auf ihren Jagden bis auf die Prairien und in die Nähe der Woh⸗ nungen kamen, begannen die Anſiedler ſie kennen zu lernen. Erſchreckt durch eine ſolche Nachbarſchaft riefen ſie vom Conti⸗ nent und von den Nachbarinſeln zahlreiche Truppen zu Hilfe und begannen unſere Landsleute auf's Aeußerſte zu verfolgen. Mein lieber Louis, ich habe ſeit zwanzig Jahren gewiß vielen Schlach⸗ ten beigewohnt und bin Zeuge vielfacher Kataſtrophen geweſen; aber ich entfinne mich nicht, je etwas ſo wildes geſehen zu haben, *ſ 15. — 170— wie dieſen blutigen Kampf; er war unerbittlich, ſchrecklich; ſo lange er dauerte, gab es kein einziges Beiſpiel von Pardon oder Gnade. „Die Spanier verzweifelten endlich uns zu beſiegen und hörten auf, uns zu verfolgen; ſie beſchränkten ihre Wuth blos darauf, wie Du es eben von einem jener Boucanier gehört haſt, das Wildbret der Inſel zu vernichten. Sie hofften dadurch uns dem Hunger preiszugeben und uns zu zwingen, daß wir die Inſel St. Domingo verlaſſen. Der Zufall verhinderte jedoch dieſen Plan und ihre Liſt wurde unſere Stärke; gezwungen die Wälder zu verlaſſen, um Lebensmittel zu finden, vereinigten wir uns, von der Noth und der Verzweiflung gedrängt, mit den Seeräubern oder engliſchen Flibuſtiern, denen wir begegneten. Von jener Zeit an begann unſere Macht aufzublühen. Unſere Erfolge zur See waren ſo groß, daß Frankreich, welches uns bis dahin mit ſolcher Verachtung behandelt hatte, ſich beeilte uns anzuerkennen, und daß der König unſere Exiſtenz dadurch ſanktionirte, indem er uns einen Gouverneur ſchickte, der den Zehnten unſerer Beute einnahm. Der Name Boucanier blieb alſo den Franzoſen, welche zuerſt nach St. Domingo kamen. Wir halten auf dieſen Titel ſehr viel; aber wir vergeben es den Leuten, wenn ſie uns aus Unkenntniß mit den Flibuſtiern ver⸗ wechſeln. — Ich danke Ihnen, Montbars, für dieſe Details. Ich bitte Sie mir noch zu ſagen, welche Stellung Frankreich heute St. Domingo gegenüber einnimmt. — Eine für uns ſehr günſtige, mindeſtens die Hälfte der Inſel gehört uns. Wir beſitzen das Gebiet, welches ſich vom Cap Lobos im Süden der Inſel bis zum Cap Samana im Norden, gegen den Oſten hin ausdehnt. Dieſes Gebiet, welches größer iſt, als zwei der ausgedehnteſten Proninzen von Frankreich, ent⸗ hält ſchöne und reiche von großen Flüßen durchſchnittene Prairien. hrecklich; ſo on Pardon ſiegen und Wuth blos gehört haſ, dadurh uns duß wir die derte jedoch zrungen die vereinigten gt nit den begegneten. hen. Unſere welches uns ſih beeilte ſenz ddurh iie, der den niet blich ngo kamen⸗ ben tö din uſtiern ver ditils. 3c nich ut hit der itnön in Torden lches zrßer nkteich n unhuinn — 171— „Vom Cap Lobos bis zum Cap Tiburon befinden ſich ſehr ſchöne Buchten mit genügender Tiefe; in denſelben haben ganze Flotten Platz. Sie heißen: Jaquin, die Bai von Sanct⸗George, die Bai aur Haments und der Hafen von Congon. In der Nähe dieſes Hafens befindet ſich eine Inſel, welche drei oder vier Meilen lang iſt und acht Meilen im Umfang hat, ſie heißt die Kuhinſel. Auf der andern Seite, nämlich in nördlicher Richtung, gelangt man zu der„großen Bucht.“ Dieſe Gegend iſt eine der köſtlichſten, die man ſich vorſtellen kann; von drei Flüſſen be⸗ wäſſert und fruchtbar gemacht, bietet ſie die ſchönſte Vegetation der Inſel. Unſere reichſten und ſchönſten Beſitzungen ſind Port⸗ Paix. Cap und Leogane. Endlich trennt eine ungeheure Prairie oder Savanne den franzöſiſchen Theil von dem ſpaniſchen Theil St. Domingo's. Dieſe Savanne dient noch jeden Tag zum Schauplatz blutiger Kämpfe, in denen wir neunmal unter zehn Fällen Sieger bleiben. Montbars wollte eben in ſeinen Erklärungen fortfahren, als das Schiff im Hafen der Inſel Tortue Anker warf. — Vor Allem ſteigen wir ans Land, lieber Louis, ſagte er, ich ſehne mich darnach meine Waffengefährten wiederzuſehen! Wir werden heute Abend dieſes Geſpräch fortſetzen. Uebrigens muß ich noch eine lange und ernſte Unterredung mit Dir haben; ich bin Deiner Ehre eine wichtige vertrauliche Mittheilung ſchuldig. Montbars' Ausſchiffung zu Baſſe⸗Terre, einem Flecken am Fuße des Forts, welches den Eingang der Rhede vertheidigte, war ein wahrhafter Triumph. Da die Boucanier ohnedies an unerwartete Ereigniſſe und an außerordentliche Bewegungen ge⸗ wöhnt, nicht leicht zum Staunen zu bringen waren, ſo mußte ihr berühmter Chef, den ſie jetzt mit ſo großem Enthuſiasmus em⸗ yfingen, eine bis ans Wunderbare gränzende Popularität unter ihnen genießen. Wie ſehr ſich auch Montbars zu beherrſchen vermochte, ſo konnte er doch dieſen ungeheuchelten Beweiſen von 15* — 152— Anhänglichkeit gegenüber, eine gewiſſe Rührung nicht verbergen. Was Morvan betrifft, ſo war er in der Betrachtung dieſer ſo bizarren und maleriſchen Menge von Abenteurern ganz verſun⸗ ken. Die Einen waren mit einem Luxus gekleidet, deſſen Ueber⸗ triebenheit ans Lächerliche gränzte; ſie trugen Kleider, die an allen Nähten mit Gold geſtickt waren, Hüte mit Federbüſchen und Halsketten aus Edelſteinen, die Anderen boten, von elen⸗ den Lumpen kaum bedeckt, das Bild der ſchauderhafteſten Noth dar; zwiſchen dieſen beiden Extremen gab es kaum einige Ausnahmen. In der That hatten es die Boucanier zur unwandel⸗ baren Regel angenommen, alles für die Gegenwart zu verſchwen⸗ den, um an die Zukunft gar nicht zu denken. Jeden Augenblick einem vorzeitigen und gewaltſamen Tode ausgeſetzt, beeilten ſie ſich ihre Reichthümer zu verſchwenden, damit ſie ſich, wenn eine ſpaniſche Kugel ſie in der Schlacht niederſtrecken ſollte, in ihren letzten Augenblicken nicht vorzuwerfen hätten: eine Leidenſchaft nicht geſättigt, eine Freude nicht genoſſen zu haben. Da ſie damit bedroht waren nur kurze Zeit zu leben, ſo verlegten ſie ſich darauf ſchnell zu leben. Mögen übrigens ihre Kleider reich oder arm geweſen ſein, ſo ſah man doch im erſten Augenblick, wie ſicher ihre Haltung war, und welche natürliche Unerſchrockenheit und kalte Entſchloſſenheit ſich auf ihren männlichen ehernen Ge⸗ ſichtern ausdrückte. Hundert Schritte vom Fort erhob ſich ein ſchönes Wohn⸗ haus, welches Montbars' Eigenthum war; dahin begab er ſich. — Mein lieber Louis, ſagte er kine Stunde nach ſeiner Ankunft, und nachdem er die zahlreichen von allen Seiten ge⸗ kommenen Beſucher fortgeſchickt hatte, da der Gouverneur ab⸗ weſend iſt, und ich über den heutigen Abend verfügen kann, ſo ziehen wir uns, wenn es Dir gefällig iſt, in meinen traulichen Salon zurück; denn wie geſagt, ich muß mich mit Dir lange und ernſthaft unterreden. —.—— ht verbergen. ung dieſet ſo ganz verſun⸗ eſſen Ueber⸗ ider, die an Federbiſchen n, von elen⸗ zen Noth dar; Ausnahnen. t unwendel⸗ zu vurſchwen⸗ nAugenbli berilten ſie h, wenn eine llte, in ihren Leidenſchft Da ſie danit e ſih nuf ch obet arm 1 wie ſicher denheit und hernen Ge⸗ znes Vohn⸗ egab er ſich. nh ſeintt geitn ge werneut ab⸗ en kann⸗ ſo n truulihen it Dir lange —— Der im Hintertheil des Gebäudes gelegene Salon ging in einen köſtlichen Garten hinaus, und bot ein Retiro dar, das einen König hätte eiferſüchtig machen können. Dieſes Gemach vereinigte alles, was die zarteſte und unerſättlichſte Einbildungs⸗ kraft erträumen konnte; Morvan war geblendet, obwohl er nicht den ganzen Werth aller Gegenſtände, die er vor Augen hatte, verſtand. — Wirklich, Montbars, wenn Sie mir von dem, was ich jetzt ſehe erzählt hätten, ſo hätte ich mich trotz meinem Ver⸗ trauen zu Ihnen nicht enthalten können, Sie heimlich der Uebertreibung oder der Lüge zu beſchuldigen! Man muß da beinahe ſeinen Sinnen mißtrauen. — Ja, mein Cabinet iſt nicht ſchlecht arrangirt, ant⸗ wortete der Boucanier mit vollkommener Gleichgiltigkeit, ich habe da Bilder und andere Kunſtgegenſtände, die mehr werth ſind als eine Million. Man muß doch, damit die europäiſchen Beſu⸗ cher keine ſchlechte Meinung von uns bekommen, ihrem Geſchmack gewiſſe Conceſſionen machen! Lege Dich in dieſe Hängematte, zünde Dir eine Pfeife an und höre mich. Mein lieber Louis, fuhr Montbars fort, nachdem er ſich eine Weile geſammelt, ich muß Dir erklären, daß ich von Deinem Benehmen ſeit unſerer Abreiſe von Frankreich außerordentlich befriedigt bin. Du haſt während der ganzen Fahrt einen Eifer und eine Lernbegierde gezeigt, die mich auf's Angenehmſte berührten und welche die vortreffliche Meinung, die ich mir von Dir gebildet hatte, ſehr befeſtigten. Heute erkläre ich Dir mit meiner gewohnten Offenheit und als ein Mann, der ſich durch kein Gefühl beirren läßt, daß Du ein ausgezeichneter Seefahrer biſt und eben ſo fähig ein Schiff zu befehligen wie der erſte unſerer Boucanier. Pu brauchſt nur noch die Kanonentaufe. Ich beeile mich noch hinzuzufügen, daß ich dafür bürge, daß Dein Muth dem Meinigen gleicht. — Ich danke Ihnen, Montbars, ſagte der junge Mann, — roth vor Freude über dieſe Worte, welche aus dem Munde eines Flibuſtiers von ſo großem Gewicht waren; ich werde mein Beſtes thun, um Ihre gute Meinung von mir zu rechtfertigen. — Unterbrich mich nicht; ich komme zu der wichtigen Mittheilung, welche ich Dir verſprochen habe. Vor Allem, Louis, verpflichteſt Du Dich doch, das Geheimniß, das ich Dir an⸗ vertraue, niemals zu verrathen? O, nimm mir dieſe Frage nicht in Uebel; ſie wurde mir durch meine Stellung und meine Pflicht diktirt. — Ich ſchwöre es, Montbars, reden Sie! — Mein Kind, Du weißt, welche ungeheure Macht die Boucanier auf den Antillen befſitzen; aber unbekannt iſt Dir die Anzahl der eigentlichen Boucanier, welche unſere Verbindung ausmachen; ſie beträgt nicht mehr als hundertundfünfzig Per⸗ ſonen. Unterbrich mich nicht, ſage ich Dir!— Ja, Louis, hun⸗ dertundfünfzig durch unzerreißbare Bande vereinigte Männer find es, welche die beträchtliche Macht Spaniens in Schach halten, und die morgen, wenn ſie eben Luſt dazu bekämen, ſich von der Autorität des Königs von Frankreich, Ludwig XIV., ſelbſt befreien würden! Mittels unſerer Aſſociation, die es uns möglich gemacht hat, fabelhafte Reichthümer anzuhäufen, ver⸗ fügen wir nach unſerm Belieben über alle Flibuſtier des Oceans, und dieß mit einer um ſo größeren Leichtigkeit und Gewißheit, daunſere unbekannte Macht den Unabhängigkeitsſinn derjenigen, die ich meine Unterthanen nennen kann, nicht ſcheu macht. Ich bin das ſouveräne abſolute Oberhaupt dieſer hundertundfünfzig Verbündeten! Wenn Einer oder Mehrere von uns im Kriege fallen, ſo wählen wir unter den Abenteurern, deren Fähigkeiten uns die meiſten Garantien bieten, die Nachfolger derjenigen, die todt ſind. Bevor jedoch der begünſtigte Neuling mit uns den gleichen Rang einnimmt, muß er eine dreijährige Probe beſte⸗ hen!— und welche Probe! die ſchrecklichſte!— Wir verlangen von ihm nicht nur den größten phyſiſchen Muth, ſondern auch eine Seelenſtärke und einen Charakter, die über die Alltäglich⸗ keit weit hinausragen. Wir reizen ſeine Leidenſchaft mit Fleiß, und ſtreuen ihm Klippen und Fallen in den Weg!— Spiel, Weiber, Wein, nichts wird für ihn geſchont. Unterliegt er der Verſuchung, das heißt, vernachläßigt er, von der Begierde verlockt, nur das Geringſte von einem ihm gewordenen Auf⸗ Munde eines e mein Beſtes igen. der wichtigen Allem, Louis, ich Dir an⸗ Frage nicht in Pflichtdiktirt. re Macht die nt iſt Dir die Verbindung fünfig Per⸗ Louis, hun⸗ zte Minner in Shhach belänen, ſih ewnig U die es uns häufen, ver⸗ des Oreans, nderjenigen⸗ ertundfinfig s in Kriege ßiſigtn ejinigen di nit uns bu Pwbe beſt⸗ zir verlunge ſondem auq ie Altglt⸗ tnit Fli Syiel⸗ 5 trag, dann verſtoßen wir ihn unbarmherzig und für immer— — Und fürchtet Ihr nicht die Indiskretion eines ſol⸗ chen Menſchen, der Euer Geheimniß kennt? — Die Todten ſprechen nicht, Louis! Das Grab iſt ſtumm. — Wie! rief Morvan mit Schrecken; Ihr tödtet die Unglücklichen, Ihr werdet zu ihren Mördern! — Kind, antwortete der Boucanier langſam, bevor Du Dich ſo hinreißen laſſeſt, warte bis Du das Leben kennſt. Dein Blut iſt noch zu warm, Deine Haare noch zu ſchwarz, als daß Du Männer beurtheilen und verdammen könneſt, die wie Du, jung und edelmüthig geweſen. Die Erfahrung iſt eine oft ſtrenge aber unfehlbare Rathgeberin. Du vergiſſeſt auch die Welt, in welcher wir leben.— Da wir außerhalb der Geſell⸗ ſchaft leben, müſſen wir, um unſere Exiſtenz zu ſichern, zu Mit⸗ teln unſere Zuflucht nehmen, welche ſie von ſich weiſen kann und muß. Unſere Stärke liegt in der Gewalt, und nicht in der Sittlichkeit! Aber davon iſt nicht die Rede; ich fahre fort. Unter den Vortheilen, die mir in der Eigenſchaft als Oberhaupt ge⸗ währt ſind, beſitze ich auch ein Recht, welches Dich betrifft, nemlich ohne alle Probe auch einen Mann in unſere Reihen ein⸗ treten zu laſſen, den ich nach meinem Gewiſſen für dieſer Ehre würdig halte.— Willſt Du an unſerer Aſſociation theil⸗ nehmen? Morgen wirſt Du unſere gegenwärtigen Hilfsquellen und Pläne kennen lernen; Du wirſt in unſere Geheimniſſe ein⸗ geweiht werden. Nur, Louis, merke Dir das Eine wohl: ich fordere, daß Du, wenn Du die ungeheure Gunſt, welche ich Dir anbiete, benützeſt, mein Ding, mein Eigenthum werdeſt. Mein Wille zerbricht jedes Hinderniß! Was ich will, das muß geſchehen!— Wenn ich Dir in einer Stunde ſage:„Louis, da iſt ein Weib, welches Du von Dir ſtoßen mußt“— ſo mußt Du mir ohne Zaudern gehorchen, und wäre dieſes Weib auch der Traum Deines Lebens.— Du ſiehſt, daß ich mit rück⸗ ſichtsloſer Offenheit ſpreche. Ich liebe Dich zu ſehr um Dich zu täuſchen. Ueberlege, bevor Du Dich verpflichteſt, bevor Du mir antworteſt. Sobald Du einmal Deine Annahme oder Deine Weigerung ausgeſprochen haſt, iſt kein Rückſchritt mehr möglich. — Montbars, ich danke Ihnen aufrichtig für das Ver⸗ trauen, das Sie mir bewieſen haben, antwortete der junge * — 176 Mann mit dem Ton des Ernſtes, ich habe es keineswegs noth⸗ wendig, mich erſt zu ſammeln; mein Entſchluß iſt bereits ge⸗ faßt; er iſt unwiderruflich. Die heiligſte Liebe, welche Gott nach der Liebe zu den Eltern in das menſchliche Herz gepflanzt hat, iſt die Liebe zur Freiheit!— Mein Vater iſt todt; nur die Freiheit iſt mir geblieben; ich ſchlage den Vertrag, den Sie mir vorſchlagen, aus.— Ich bitte Sie nun, fuhr Morvan fort, da er merkte daß Montbars ſprechen wolle, mich auch ohne Unter⸗ brechung anzuhören!— Meine Offenherzigkeit wird der Ihrigen gleichen!— Ich glaube an Ihre Freundſchaft, und komme Ihnen mit gleicher Geſinnung entgegen; ich werde Ihnen aber nicht verhehlen, daß Sie etwas an ſich haben, was mich zurück⸗ ſtößt, und meine Zärtlichkeit mitten in ihrem Drange aufhält! Als Bruder meines Vaters haben Sie Ihren Namen ver⸗ leugnet und gefordert, daß ich Sie Montbars nenne. Ich habe gehorcht; aber von dem Augenblick an iſt der Oheim aus meinen Augen verſchwunden, und ich ſehe nichts mehr als den Freund, den Waffengefährten des Grafen von Morvan. „Heute habe ich nur einen Wunſch: nämlich mir durch meinen Muth eine Zukunft zu gründen, und dabei meine Un⸗ abhängigkeit zu bewahren. Ihren Rath werde ich ſtets dankbar entgegennehmen; Ihre Unterſtützung ſchlage ich aus. So wie Sie mir einmal ſagen:„Morvan, dort verbirgt ſich der Mör⸗ der Deines Vaters, auf dieſe Weiſe mußt Du Dich rächen“ — werden Sie mich Ihren Befehlen völlig ergeben finden, ich werde Ihr Sklave ſein. Außer dieſem feierlichen Umſtande wünſche ich völlige Freiheit zu behalten. Die freie und muthige Sprache des jungen Mannes ſchien dem Boucanier, fern davon ihm zu mifallen, vielmehr eine lebhafte Freude zu verurſachen. — Gutes Blut verleugnet ſich nicht, ſagte er indem er Morvan zärtlich anblickte; es kömmt mir vor, lieber Louis, als hätte ich eben meinen armen Bruder gehört. Nun wohl! ſei es nach Deinem Willen. Du haſt in der That vielleicht Recht meine Hilfe auszuſchlagen. Für einen Mann von Herz iſt das Glück nur dann etwas Edles und Großes, wenn er es ſich ſelbſt durch Muth und Mühſal errungen hat. Graf von Morvan, Dein Vater, hat Dir nichts zum Erbe gelaſſen als die Ehre ſeines Namens; gs noth⸗ reits ge⸗ he Gott epflanzt dt; nur den Sie an fort, e Unter⸗ Ihrigen kemme nen abet hzrc⸗ en ver⸗ ch habe meinen Freund, ir duch eine Un⸗ dankbar So wie er Mör⸗ richen“ den, ich mſtande es ſchien ehr eine nden e ſü ht meine hli bſ duch nVater, anens — 1 gut denn, werde Dein eigenes Werk. Das iſt das einzige Mittel ſein Andenken zu ehren. Den Tag nach dieſer Unterredung befanden ſich Mont⸗ bars, der Ritter und Alain abermals auf dem Meere und zwar auf demſelben Schiff, welches ſie von Frankreich herübergebracht hatte. Sie fuhren nach Leogane. In dieſer damals mächtigſten Stadt der Inſel hielt ſich der franzöſiſche Gouverneur auf. — Mein lieber Louis, ſagte der Boucanier, indem er den Arm ſeines Neffen in den ſeinigen nahm, ich halte es für nützlich Dir, bevor wir uns trennen und Du mit Deinen eigenen Flügeln davon fliegſt, einige Anweiſungen über Dein neues Leben mitzutheilen, die Dir noch fehlen.— Da es entſchieden iſt, das Du in unſere Aſſociation nicht eintreten willſt, ſo mußt Du doch wenigſtens die Flibuſtier kennen, unter welchen Du einen Platz einnehmen wirſt.— Diejenigen, deren Gefährte Du ſein wirſt, haben von ihrer Unabhängigkeit eine hohe Idee. Außer dem Dienſt folgt ein Jeder nur ſeiner Laune, ohne ſich um das Urtheil eines Andern zu kümmern. Dieſe Art von Lizenz tragen ſie ſogar am Bord ihrer Schiffe zur Schau. Jeder be⸗ ſchäftigt ſich nur mit ſich ſelbſt, ohne an ſeinen Nachbar zu den⸗ ten. Wenn ein Flibuſtier Luſt hat zu ſingen, während ſein Nachbar im ſüßeſten Schlaf liegt, ſo liegt ihm wenig daran; der Schläfer wird geweckt, und hat kein Recht ſich zu beklagen. — Alle Widerwärtigkeiten, welche die Geduld ſtärken, die Kraft üben und Einen an Entbehrungen gewöhnen, müſſen ohne Mur⸗ ren ertragen werden. Dieſe Reſignation iſt der weſentliche Theil ihrer Grundſätze.— Die Flibuſtier ſind unter ſich durch eine unerſchütterliche Treue verbunden; wer dieſe verletzt— was aber ein höchſt ſeltener Fall iſt— und ſeine Kameraden um einen Theil ihres Gewinnes betrügt, hat eine ſtrenge Züchtigung zu gewärtigen. Er hat den Namen und die Eigenſchaft eines Fli⸗ buſtiers verloren, und wird ohne Lebensmittel und ohne Klei⸗ dung auf einer öden Inſel ausgeſetzt. Um jeder Eiferſucht und jeder Urſache eines Streites zuvorzukommen wird am Bord des Schiffes kein Weib geduldet. Wer dieſes Verbot mißachtet, wird, wie ein Deſerteur während der Schlacht, mit dem Tode beſtraft. Der jeweilige Chef, welcher das Schiff befehligt, hat bei ſolchen Gelegenheiten nicht das Recht der Gnade. Und wäre — 116— der Schuldige der beſte Matroſe und der gefürchtetſte Kämpfer unter der ganzen Mannſchaft, ſo wird er dennoch ohne Erbar⸗ men hingerichtet. „Sobald ſie einmal an Bord ſind, dürfen ſich die Flibuſtier ihren Geſetzen zufolge nicht ſchlagen. Erhebt ſich ein Streit, ſo wird er vertagt bis man wieder am Lande iſt; dann findet das Duell mit Feuerwaffen und blankem Degen ſtatt. Solche Affairen endi⸗ gen gewöhnlich mit dem Tode des einen der beiden Kämpfer. „Jeder Flibuſtier iſt verpflichtet ſeine Flinte, ſeine Pi⸗ ſtolen und ſeinen Säbel im beſten Zuſtand zu erhalten. Das iſt für ſie der Gegenſtand eines wahren Wetteifers. Nach ihren Geſetzen muß auf ihren Schiffen während der Fahrt um acht Uhr Abends Licht und Feuer ausgelöſcht werden; in demſelben Augen⸗ blick auch müſſen die Trinker auf dem Verdeck ihre Flaſchen ge— leert haben; während einer Kreuzung iſt es auch verboten, Würfel oder Karten auf Geld zu ſpielen. Ich muß indeß hin⸗ zuſetzen, daß dieſe beiden Geſetze ſehr ſchlecht befolgt werden. — Wenn ein Flibuſtier, der eine Barke oder ein Schiff beſitzt, eine Expedition unternimmt, ſo verpflichten ſich die Männer, die unter ihm Dienſte leiſten wollen, ihm zu gehorchen, wo nicht erhalten ſie am Ende der Expedition keinen Antheil an der Beute. Hierauf wird demjenigen, welcher die Vorſchüſſe zur Erpedition gemacht hat, ein Gehalt beſtimmt, der eine enorme Summe beträgt, und von der Beute genommen wird. Außer⸗ dem bekommen auch der Chirurg und der Zimmermann an Bord eine Entſchädigung. „Das, lieber Louis, find die für Dich intereſſanteſten An⸗ deutungen, die ich Dir zu machen hatte; die Einzelnheiten wirſt Du bald ſelbſt genauer kennen lernen. „Dir etwas von dem Muthe oder vielmehr von der Uner⸗ ſchrockenheit derjenigen zu ſagen, deren Gefähte Du ſein wirſt, iſt unnütz; ſtelle Dir das vor, was die außerordentlichſte Kühn⸗ heit zu leiſten im Stande iſt und Du wirſt von der Kühnheit, welche dieſe Leute an den Tag legen, noch immer keinen voll⸗ ſtändigen Begriff haben,— Viele Spanier ſind ernſtlich über⸗ zeugt, daß die Flibuſtier der Hölle angehören und unverwundbar ſeien. Dieſer Aberglaube befördert unſere Erfolge ſehr. kämyfer Erbar⸗ libuſtier ſowird 3Duell n endi⸗ pfet. ine Pi⸗ Das iſt h ihren ht Uhr Augen⸗ en ge⸗ rboten, eß hin⸗ werden. beſtt Ninner, en, wo heil an iſſe zur enorme Aufer⸗ n Vord en An⸗ n wirſt Uner⸗ n wirſe, Kühn⸗ ihnheit, en vl⸗ über⸗ undbat * Srey Gontrol Chart Sreen Nello Red Mag