x . —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher 6 franzöſiſcher Literatur Ednurd Otlmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 SLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:*„ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf „— 6 4 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuröckſendung der e auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz e Ganzen verpflichtet. 7. Ausleibezeit. Dieſelbe iſt auf 14 S feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— A. — ———— 2 — Die Pouranier. Von Paul du Plessis. Aus dem Franzöſiſchen von Adolf Dup. — Erster Band. 0(—) ½ 0— ——— Q— Preßburg. Druck und Verlag von Carl Friedrich Wigand. 1854. Einleitung. Die Exiſtenz der Flibuſtier, dieſer verlornen Söhne aller Civiliſation, die von der Geſellſchaft geächtet, und, durch ge⸗ meinſchaftliches Intereſſe vereint, während eines großen Theiles des 17. und 18. Jahrhunderts den Anſtrengungen des oft ge⸗ gen ſie vereinigten ganzen Europa's ungeſtraft trotzten, bieten ſicherlich die ſeltſamſte und wunderbarſte Geſchichte, die man ſich denken kann. Meine Kindheit wurde ſo zu ſagen eingewiegt durch die Erzählungen von ihren phantaſtiſchen Abenteuern, und einige Jahre ſpäter, als ich kaum aus der Schule getreten war, warf mich der Zufall auf die berühmteſten Plätze der Flibuſterie; der erſte Boden, den ich nach meiner Abreiſe von Europa be⸗ trat, war die Inſel Tortue. Der für mich ſo neue blendende Anblick der prächtigen tropiſchen Natur friſchte meine Jugenderinnerungen wieder auf, und ſie überkamen mich mit ſolcher Gewalt, ſie regten meine Einbildungskraft und meinen Enthuſiasmus ſo ſehr auf, daß ich mich während mehrerer Stunden ganz ernſtlich mitten in das 18. Jahrhundert zurückverſetzt glaubte, in die ſchönſten Zeiten der Flibuſterie. In den düſtern Wäldern ſah ich in grobe lederne Kleider gehüllte Männer von energiſchem, ſtolzem Weſen, mit geſchmei⸗ digen hagern und nervigen Gliedmaßen, die Bewohner der Wälder, welche die Spanier nur durch Ueberrumplung oder des E 4 Nachts, während die Flibuſtier ſchliefen, anzugreifen wagten; denn ſie konnten deren Anblick nicht ertragen, da ſie aus Er⸗ fahrung wußten, daß die Flibuſtier ihren Feind, ſobald ſie ihn einmal erblickt, keine Minute weiter leben ließen. Ich vernahm das Geheul der wie Tiger blutdürſtigen Meuten vom lauttönenden vielfältigen Echo unzählige Mal wie⸗ derholt, ich hörte das Krachen der Karabiner, das Gebrüll der gehetzten Stiere, das Thriumphgeſchrei der Jäger. In dieſen Lärm miſchte ſich bald der Schlachtruf. Die von einem ſpaniſchen Trupp überraſchten Flibuſtier, in einem Thalkeſſel eingeſchloſſen, wie der Löwe in ſeiner Höhle, brachen dennoch ſiegreich hervor und traten mit den Sohlen ihrer dicken und ſchweren Fußbekleidung die Leichen der Lanzenträger. Ach, könnt' ich dieſem Traum, den ich wachend geſehen, Geſtalt und Form geben! Könnte ich die lärmvollen, ſchreckli⸗ chen, zärtlichen und leidenſchaftlichen Scenen, die vor meinem geblendeten entzückten Auge dahinzogen, auf dem Papier feſt⸗ bannen! Aber wozu dieſe Wünſche? Iſt es denn Jedem gege⸗ ben, ein Meiſterwerk zu liefern? Als ich Sanct⸗Domingo verließ, um noch fernere Länder zu beſuchen, nahm ich mir vor, wenn ich Frankreich je wieder ſehen ſollte, mich ſogleich an eine Geſchichte der Flibuſtier zu machen und von dem Augenblick an begann ich auf meinen Rei⸗ ſen alle die wirren und zerſtreuten Materialien, die mir bei Ausführung meines Vorhabens von einigem Nutzen ſein konn⸗ ten, ſorgfältig zu ſammeln. Fünf Jahre ſpäter, ich war erſt ſeit einem Monat wieder in Paris, begab ich mich in die königl. Bibliothek, immer noch an meine Flibuſtier denkend, und faſt bewegt von dem Gedan⸗ ken, daß ich nun die myſteriöſe Odyſſée von den Gründern St. Domingo's beginnen ſollte. Aber ach, wie waren meine Hoffnungen enttäuſcht! Ein „— Bibl nacht einen ſtund ergr ande Zeil eine ere Pu vie zun ſten leg ein ein Reg man nit hen den roſe In Flit Un ern Fin — ₰. Bibliothekbeamter, an den ich mich gewendet hatte, ſchrieb, nachdem er mich höflich angehört, ſtillſchweigend eine Zeile auf einen Streifen Papier, und hieß mich warten. Eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter überreichte er mir einen Band, den ich mit Haſt ergriff; es war ein„Handbuch des Glaſers.“ Das war augenſcheinlich ein Verſehen; ich verlangte ein anderes Buch. Der ſtets höfliche Beamte ſchrieb wieder eine Zeile auf einen neuen Streifen Papier; ich wartete abermals eine Viertelſtunde, und man übergab mir wieder einen Band, er enthielt eine„Vorbereitung zum Baccalaureat.“ Ein dritter Verſuch gelang nicht beſſer; ich erhielt die„Geſchichte Karls I.“ Da ich es nicht wagte den ſo höflichen Beamten noch ein viertes Mal zu ſtören, ging ich ſehr übellaunig fort, traf aber zu meinem Glücke G. v. N..., den beſcheidenſten und gelehrte⸗ ſten Bücherkenner unſrer Zeit. Ich beeilte mich ihm meine Ver⸗ legenheit mitzutheilen. — Sie ſind im Unrecht, antwortete er mir, und haben keineswegs das Recht ſich zu beklagen. Um in der Bibliothek ein Buch zu erhalten, muß man eben ſo, wie wenn man von der Regierung eine Anſtellung erhalten will, genau angeben, was man will. Die Beamten der Miniſter ſind viel zu ſehr beſchäftigt mit dem Bewilligen der Stellen, als daß ſie Zeit hätten dieſel⸗ ben anzubieten. Welches Buch wünſchen Sie denn? — Ich weiß es nicht. Ich möchte ein Buch, welches von den Flibuſtiern der Antillen handelt. gibt deren mehrere: der Engländer Baſil Ring⸗ roſe, der Holländer Joſef Esquemeling, und die Franzoſen Franz Ravenau de Luſſan und Olivier Oexmelin, alle ehemals Flibuſtier, haben authentiſche Memoiren hinterlaſſen. — Schreiben Sie mir dieſe Namen auf, ich bitte Sie. Und welches von dieſen Werken iſt nach Ihrer Meinung das beſte, das heißt das genaueſte? 1* —— — Ohne Zweifel das von Oexmelin, welches im Jahre 1775 von der Compagnie in Trévour herausgegeben wurde. Alle Verfaſſer, die ſeitdem denſelben Gegenſtand bearbeitet ha⸗ ben, plünderten es ſchamlos, ſelbſt J. V. Archenholz, deſſen Geſchichte der Flibuſtier überſetzt worden und im Jahre 1804 in Frankreich erſchienen iſt. Folgen Sie mir, und nehmen Sie Oexmelin. Ich ließ mir das nicht zweimal ſagen, ſondern beeilte mich und ſchrieb nun meinerſeits auf einen jener Papierſtreifen, deren ſich der Bibliothekbeamte mit ſo vieler Höflichkeit bediente, den Titel, welchen mir G. v. N. dictirt hatte. Zehn Minuten darauf brachte man mir die vier Bände der„Geſchichte, Leben, Sitten und Gebräuche der Flibuſtier, mit geographiſchen Karten und feingeſtochenen Bildern.“ Ich muß geſtehen, daß mir der Anblick der geographiſchen Karten und der feingeſtochenen Bilder, naive Verſuche der Kunſt, eine wahrhafte Freude verurſachte. Ein Flibuſtier mit dem Helm auf dem Kopf, mit einem von den Schultern herabwallenden Mantel, im Gürtel ein gan⸗ zes Arſenal von Piſtolen, das Handbeil in der Fauſt, und an den Füßen den antiken Cothurn, hätte mir Mißtrauen einge flößt; aber die durch Oermelin's unerfahrenen und getreuen Griffel dargeſtellten Heroen hatten eine ſo gewöhnliche Phyſio nomie, ihre Tracht war ſo proſaiſch, ſo bar alles dramatiſchen Flitters der Romanfiguren, daß ich an der Wahrhaftigkeit des Werkes keinen Augenblick zweifeln konnte. Ohne Säumniß be⸗ gann ich den erſten Band zu leſen. Oermelin's Feder gleicht ſeinem Pinſel; er hat keinen Styl. Dieſe Entdeckung freute mich, denn ich verſprach mir in Folge derſelben anſtatt ſchriftſtelleriſchen Werthes, um den ich mich nicht kümmerte, Enthüllungen und Thatſachen, die ich ſo ſehr und ſeit ſo langer Zeit kennen zu lernen wünſchte. 5 G Seite tribn iußer eit, dener G. lioth ich S Beſ ſier Aus von buſti irre Kem de erfün nut wer grei Flit Pa ſig mei den ſ ſo inen ir i nith h ſo Aber ach! und dreimal ach! kaum hatte ich an ſechzig Seiten geleſen, als ich dieſe Geſchichte der Flibuſtier mit Be⸗ trübniß von mir ſtieß, ſie war nicht zu leſen. Keine Daten, die äußerſte Verwirrung, zahlloſe Wiederholungen, eine Eintönig⸗ keit, die zur Verzweiflung bringt, das waren die Fehler, von denen jede Seite wimmelte. — Mein theurer Freund, ſagte zu mir der Büächerkenner G. v. N..., als ich ihm meinen erfolgloſen Verſuch in der Bib⸗ liothek erzählte, wenn Oexmelin Sie nicht befriedigt, ſo erſuche ich Sie Ihre Forſchungen aufzugeben, denn Sie werden nichts Beſſeres finden. Alle Encyelopädiſten, welche über die Flibu⸗ ſtier geſchrieben haben, ſelbſt Voltaire, begnügten ſich damit, Auszüge aus Oexmelin zu geben. Die vielen Romanſchriftſteller, von Piequenard bis Van der Velde, welche die Thaten der Fli⸗ buſtier von St. Domingo beſungen haben, könnten Sie nur irre führen; die meiſten von ihnen haben ohne irgend eine Kenntniß ſelbſt der bedeutendſten Thatſachen von der Geſchichte der Flibuſtier ihrer Phantaſie freien Lauf gelaſſen und Epiſoden erfunden, die aller localen Färbung bar ſind, und nicht den Schein einer Aehnlichkeit haben. — Sie bringen mich in Verzweiflung, ohne mich zu ent⸗ muthigen! Eine Ahnung ſagt mir es, d ich das Werk finden werde, welches ich ſuche. — Und ich bewundere Ihre Standhaftigkeit, ohne ſie be⸗ greifen zu können. Welches Intereſſe feſſelt Sie denn an die Flibuſtier? — Ein beinahe perſönliches Intereſſe. Ich habe in den Papieren meines Großvaters, des Marquis von Caduſch, ſo zu ſagen des letzten Gouverneurs von St. Domingo, und in denen meines Großoheims, des Admirals de Bruix, Documente gefun⸗ den, welche ich vervollſtändigen muß. — Mit andern Worten, Sie haben ein Werk zu leſen begonnen, das Ihre Aufmerkſamkeit lebhaft feſſelt, das, wie es einem oft paſſirt, an den intereſſanteſten Stellen unterbro⸗ chen iſt, und deſſen endliche Entwickelung Sie nothwendiger⸗ weiſe kennen müſſen. — So iſt es. — Nun gut, ſo bleibt Ihnen nur ein Ausweg aus Ih⸗ rer Verlegenheit. Gehen Sie zu der Witwe Cardinal. Wenn Sie bei ihr nicht finden, was Sie ſuchen, ſo können Sie jeder Hoffnung Lebewohl ſagen. Der Rath des Herrn v. N.. war gut, ich ſäumte nicht, ihn zu befolgen. Es gibt wol kein einziges Mitglied des gelehrten oder literariſchen Paris, das nicht Madame Cardinal und ihr ſchau⸗ derhaftes kleines Leſekabinet Rue Canettes⸗Saint⸗Sulpice kennt. Madame Cardinal hat, Gott möge es ihr verzeihen, drei Vier⸗ tel unſerer heutigen Feuilletoniſten zu dem gemacht, was ſie ſind; ein lebendiger und unerſchöpflicher Katalog aller Pro⸗ ducte der Preſſe, liefert ſie denen, welche ſie ſuchen, Ideen, und ſie erkennt dabei die Anlagen, den Geiſt und das Temperament derjenigen, welche alte, völlig unbekannte Romane ſuchen, die geeignet ſind, wieder aufgefriſcht zu werden, mit dem feinſten unfehlbarſten Takt. Ihr anfangs ſo unſcheinbares kleines Leſe⸗ kabinet hat nach und nach das ganze Haus eingenommen, und iſt nicht mehr und nicht weniger geworden, als die erſte Biblio⸗ thek von Paris. Man ſieht alſo, daß das Geſchlecht der Feuille⸗ toniſten überflüſſig mit Stoff zur Ausbeute verſehen iſt, und ſich noch lange zu erhalten droht. Madame Cardinal ſchüttelte bei den erſten Worten, die ich an ſie richtete, das Hanpt mit einigem Aerger. — Ich habe das Werk nicht, welches Sie ſuchen, ſagte ſie, und zweifle ſogar ſehr, ob es exiſtirt. Das thut übrigens nichts, ——— andet denn nehr genbl bitten habe als findli ſchni erſte diy und iſt, ſ ſchen Bich wird men nach ß ſe als de verti nichts, ich will mir Ihren Wunſch merken und ihn, ich verſpreche es Ihnen, nicht aus den Augen verlieren. Nach dieſem letzten und fruchtloſen Schritt blieb mir nichts anderes übrig als mein Vorhaben aufzugeben; dieß that ich denn auch. Zwei Jahre waren ſeitdem verfloſſen, und ich dachte nicht mehr an meine Flibuſtier, als Madame Cardinal in einem Au⸗ genblick, wo ich mich deſſen am wenigſten verſehen hätte, mich bitten ließ, nach ihrem Leſecabinet zu kommen. — Sie ſehen, mein Herr, daß ich Sie nicht dergeſſen habe, ſagte ſie mit einer triumphirenden und freudigen Miene, als ſie mich erblickte; ich habe endlich gefunden, was ſie ſuchen. Madame Cardinal brachte ſodann aus ihrem unten be⸗ findlichen Comptoir ſechs Bände in Duodez in ein Paket ge⸗ ſchnürt, über und über mit Staub bedeckt. — Schlagen Sie dieſe Memoiren, verſetzte ſie, an der erſten beſten Stelle auf, und ſehen Sie, ob ſie Ihnen anſtän⸗ dig ſind. Was mich betrifft, ich habe dieſelben durchgeleſen, und ich bin vollſtändig überzeugt, daß es außerordentlich leicht iſt, ſie mit einigen Federſtrichen zu einem neuen Werke aufzufri⸗ ſchen. Einige Tage werden Ihnen genügen den Stil dieſer alten Bücher nach dem heutigen Geſchmack herzurichten. Dieſe Arbeit wird Sie kaum eine Woche koſten; Sie werden dann Ihren Na⸗ men hinſtellen, und— Sie wiſſen, daß ich mich darauf verſtehe — der Verfaſſer eines Romans werden, der Ihnen viel Ehre machen wird. Madame Cardinal hätte, ich bitte ſie für dieſes Geſtänd⸗ niß um Vergebung, lange weiter ſprechen können, ohne daß ich ſie gehört hätte. Kaum hatte ich einen dieſer Bände geöffnet, als ich auf einer Seite wol fünf oder ſechsmal den Namen Louis de Morvan fand, und er erfüllte mich mit ſolcher Freude, daß ich, vertieft in meine Lektüre, ſowol Madame Cardinal, als auch den ⸗ — 6— Ort, wo ich mich befand, und alles, was in dem engen und fin⸗ ſtern Leſecabinet um mich her vorging, vergaß. Dieſer Louis de Morvan, von dem in den meiſten Briefen die Rede war, welche mein Vater und mein Großoheim, der Mar⸗ quis de Caduſch und der Admiral Bruir, die beiden Schwäger, einander geſchrieben, war gerade diejenige Perſon, die meine Neu⸗ gierde ſo lebhaft erregt, und mich veranlaßt hatte die Geſchichte der Flibuſtier zu ſchreiben. Der Fund der Madame Cardinal ſchien mir aus dieſem Grunde ſo wunderbar, ſo außerordentlich, daß ich mich nicht entſchließen konnte daran zu glauben. Die Nacht war hereingebrochen, als ich noch an eine Etagere gelehnt ſtand und las. Vier volle Stunden hatte ich in dieſer Stellung geleſen und drei Bände mit gierigem Auge ver⸗ ſchlungen, als die Dame des Hauſes mich aufmerkſam machte, es ſei für mich Zeit zum Diner zu gehen. Feſt umſchloß ich die ſo glücklich gefundenen Bände, und fragte Madame Cardinal, um welchen Preis ſie mir dieſelben geben wolle, ſagte ihr aber ehrlich, daß dieſes in Holland er— ſchienene Werk, wie der Verfaſſer in der Vorrede bemerkt, nur in hundert Exemplaren gedruckt worden ſei, und deßhalb weit theu⸗ rer bezahlt werden müſſe, als alle ſeine zeitgenöſſiſchen Romane. Die Bücher der Madame Cardinal ſind ihre Kinder. Ihre Antwort auf meinen am unrechten Ort angebrachten Vorſchlag war voll Stolz und Entrüſtung. Nachdem ich mich jedoch entſchuldigt hatte, vergaß die Frau, welche die Güte ſelbſt iſt, ihren gerechten Zorn und ant⸗ wortete mir lächelnd: — Fürchten Sie nichts, mein Herr, und wenn wunder⸗ barerweiſe noch Jemand nach dieſem Buche verlangen ſollte, ſo verſpreche ich Ihnen es vor drei Jahren keinem andern Menſchen zu leihen. 6 Blch geheu ren furch et n das ges jüng das zo9 den „ Fan wele icht Madame Cardinal, die, wie geſagt, die Mutter ihrer Bücher iſt, iſt zugleich der Beichtvater der Literaten. Welch un⸗ geheure unverſchämte Plagiate, die nur ihr bekannt ſind, paſſi⸗ ren Dank ihrer Diskretion für neue Werke! Was mich betrifft, ſo macht mir es mein ſchwächliches und furchtſames Gewiſſen zur Pflicht dem Leſer laut zu erklären, daß er mir gar keinen Dank ſchuldig iſt, wenn ihm, wie ich hoffe, das Leſen der Flibuſtier einiges Intereſſe einflößt; mein einzi⸗ ges Verdienſt wird das ſein, ein völlig unbekanntes Werk ver⸗ jüngt, oder wie Madame Cardinal ſagt, aufgefriſcht zu haben, das mich durch ſein unnachahmliches Gepräge der Wahrheit an⸗ zog und das für mich noch authentiſcher und ergreifender gewor⸗ den iſt durch die Bekräftigung desſelben, die ich in meinen Familienpapieren gefunden habe. Vielleicht werde ich ſpäter den Titel mittheilen, unter welchem dieſes wahrhafte und ſeltſame Werk ehemals veröffent⸗ licht wurde. Nen kleir aus aus Reiſ ein ſern wor Lehr Che ſind mit ſern tagn ſchr Sta Ruf ſend u * Im Jahre 1695 exiſtirte, ungefähr zwanzig Meilen vom Meere und eine Viertelmeile vom Dorfe Penmark entfernt, ein kleines Bauernhaus von ziemlich armſeligem Ausſehen. Roh aus Erde, Kalk und Bruchſteinen wie dieſe einſame Wohnung ausgeführt war, war ſie doch geeignet die Aufmerkſamkeit des Reiſenden auf ſich zu lenken. An einer von den Außenſeiten des Daches drehte ſich ſtolz ein Wetterhahn, über welchem ſich eine Grafenkrone befand; ferner ſtand ein neugebauter Stall, der eben ſo feſt als elegant war und auch zu einem Schloſſe hätte gehören können, mit der Lehmhütte, zu welcher er gehörte, in ſeltſamem Widerſpruch. Ehe wir in dieſes Haus oder vielmehr Trümmerwerk eintreten, ſind einige Worte der Erklärung unumgänglich nothwendig, da⸗ mit wir dem Leſer von dem Schauplatz, wo die erſte Szene un⸗ ſerer Erzählung vor ſich gehen ſoll, eine Idee geben können. Uebrigens verdient die Küſte von Penmark, oder die Bre⸗ tagne und Bisthum von Quimper, die Ehre einer kurzen Be⸗ ſchreibung. Penmark war im Jahre 1694, und ſeitdem hat ſich der Stand der Dinge dort ſehr wenig geändert, ſowol wegen des Rufes ſeiner Bewohner, als auch weil es damals wenig Rei⸗ ſende gab, gar nicht beſucht. Wild und blutgierig, gewinnſüchtig, herzlos, bereit zu Raub und Diebſtahl, gewährten die Penmarker, die ſich in =——— — dieſem Punkte von den anderen Bretagnern gar ſehr unter⸗ ſchieden, dem Fremden, den ſein böſer Stern dahin geführt, die Gaſtfreundſchaft nicht anders als mit dem geheimen Gedanken an Mord und Verrath. Die Exiſtenzmittel, welche dieſen Elenden im 17. Jahr⸗ hundert zu Gebote ſtanden, waren äußerſt beſchränkt; ſie lebten von Fiſchfang und Schmuggel, zudem war dieſe letztere Hilfs⸗ quelle durch ihre bekannte Treuloſigkeit und unzähmbare Heftig⸗ keit beinahe verſiegt, denn man ſcheute ſich mit ſolchen Ban⸗ diten in Verbindung zu treten. Ihre vorzüglichſte oder beſſer einzige Hilfsquelle, ein ihrer Sitten würdiger blutiger Erwerb, war das Strandrecht. Die Trümmer, welche der Sturm dieſem ungaſtlichen Lande zutrieb, gehörten ihnen von Rechtswegen. Aber die Strandbewohner dehnten dieſes Privilegium weiter aus, und betrachteten auch die ganzen Schiffe die an die Küſte geworfen wurden, als Trümmerwerk; da dieſe von Klippen ſtarrenden Ufer, wo immer heftige und conträre Winde toſen, äußerſt ge⸗ fährlich und fruchtbar an Schiffbrüchen ſind, ſo zogen die Be⸗ wohner von Penmark von ihrem niederträchtigen Gewerbe ein immer erziebiges ziemlich großes Einkommen. Ich werde mich, da hierüber genügende Details bekannt ſind, auf die hölliſchen Ränke, die ſie um der Wuth der Stürme zu Hilfe zu kommen, anwendeten, nicht weiter einlaſſen. Wie es bekannt iſt, ermangelten ſie niemals beim Herannahen eines Gewitters, in der Nacht längs des Ufers einige Kühe auf⸗ und abgehen zu laſſen, denen zwiſchen den Hörnern brennende Fackeln aufgebunden waren, und deren Vorderfüße, damit ſie hinken, zuſammengebunden waren; ein ſolcher Aufzug iſt von der Ferne geſehen, dem Gange eines Schiffes bis zur Täuſchung ähnlich. Die unglücklichen Schiffer ſteuerten, von dieſem An⸗ blick getäuſcht, dem Ufer zu und ſtrandeten. U w h j g ei —— e — „ — Ich will nichts weiter ſagen, denn die maßloſe Grauſam—⸗ keit, mit welcher ſie ſich gegen die Schiffbrüchigen betrugen, bietet zu ſcheußliche Einzelnheiten, als daß unſere Feder ſich dabei aufhalten könnte. Niemals waren ſie barmherzig gegen das Unglück, und Menſchen, welche die Woge ihnen lebendig zugetragen hatte, warfen ſie ſtets als Leichen wieder in's Meer. Der Anblick von der Küſte Penmarks ſtimmt mit dem Charakter der Bewohner vollkommen überein. Die Einbildungs⸗ kraft könnte ſich, ohne die Grenzen der Möglichkeit zu über⸗ ſchreiten, kein wilderes, düſtereres Land vorſtellen. Ueberall Felſen, unfruchtbare Gegend, ſchäumende Wellen; auf der Landſeite düſtere troſtloſe Steppen. Jetzt wollen wir in das kleine Bauernhaus treten, deſſen ich am Anfang dieſes Kapitels erwähnt habe. Zu ebner Erde befanden ſich eine Küche nebſt Waſchhaus, und im erſten Stockwerk war ein Schlafzimmer und ein Salon. Das Wort Salon iſt vielleicht nicht geeignet, um das eine der beiden Gemächer, welche das erſte und einzige Stock⸗ werk des einſamen Hauſes ausmachten, zu bezeichnen; wir ge⸗ brauchen es nur aus Mangel an einem andern Ausdruck. In dieſem äußerſt dürftig eingerichteten Gemach ſaß ein junger Mann, nachdenkend, das Haupt zurückgelehnt, in einem großen Armſeſſel vor einem eichenen Tiſch, der mit bunt unter⸗ einander liegenden Landkarten bedeckt war. Dieſer junge Mann, der zwei bis fünf und zwanzig Jahre alt ſein mochte, hatte nicht jenes weibiſche, blaſſe, zarte Ausſehen, das in den Salons ſo ſehr geſchätzt wird; ſein vom Wetter gebräuntes knochiges Geſicht, mehr viereckig als oval, zeigte vielmehr eine ſeltene Energie; dichtes ſchwarzes Haar fiel über ſeine mehr breite als hohe Stirne; ſeine ſchwarzen ausdrucksvollen Augen mußten, man ſah es ihnen an, den An⸗ blick eines Feindes oder die Gegenwart einer Gefahr ruhig an⸗ „ 4 ſehen können. Sah man ihm aber aufmerkſam in's Auge, ſo konnte dem Beobachter ein Ausdruck von Falſchheit, oder beſſer Liſt, oder um recht genau zu ſein, von Klugheit nicht entgehen. Sicher floß in den Adern dieſes jungen Mannes bre⸗ tagniſches, normänniſches Blut. Seine von einem ziemlich dichten, ſchwarzen, zurückgeſtrichenen Schnurrbart bedeckte Ober⸗ lippe war lebhaft roth, und hob die wunderbare Weiße einer doppelten Reihe kleiner eng nebeneinander ſtehender Zähne noch mehr hervor. Sein Wuchs— er war ungefähr fünf Schuh, drei Zoll hoch— war wol nicht ſo zierlich ſchlank, wie es am Hofe beliebt iſt, trug aber das Gepräge von außerordentlicher Kraft; übrigens ermangelte die Erſcheinung dieſes jungen Mannes, trotz ſeiner breiten, etwas erhobenen Schultern, trotz der erwähnten Hagerkeit ſeiner Gliedmaßen und trotzdem er zu⸗ weilen das Haupt nachdenklich vorwärts neigte, weder des Adels noch der Anmuth. Dieſer junge Mann, wir ſtellen den Helden unſerer Geſchichte ohne den geringſten dramatiſchen Flitter dem Leſer vor, nannte ſich Ritter Louis de Morvan. Es war am Anfang des Monats Juni gegen fünf Uhr Nachmittags; es war den ganzen Tag außerordentlich warm geweſen, und die ſchwere mit Elektrizität geladene Luft pro⸗ fezeite ein nahendes Gewitter. Bald ließ ſich ein vom Echo vielfach wiederholter Donner⸗ ſchlag hören, gleich dem Krachen der Kanonen, und prallte von Felſen an Felſen. Louis de Morvan ſtrich, gleich als wollte er einen un— willkommenen Gedanken verſcheuchen, mehrmals mit der Hand über die Stirne, und begab ſich, nachdem er ſich lebhaft von ſeinem Sitze erhoben hatte, zu dem Fenſter, das nach dem Meer hinausging. Kaum hatte er ſich auf den groben Balken, der als Bruſtwehr diente, geſtützt, als ſich ein ſeltſamer Lärm, der das hö ſte me M ke ſe ni Toſen der Brandung übertönte, in den Lüften hören ließ, der Ton glich dem fernen erſtickten Gebrülle eines wüthenden Löwen. Der junge Mann erblaßte ein wenig und ging, ſich die Lippen faſt blutig beißend, mit kurzen haſtigen Schritten in ſeinem Gemach auf und nieder. So oft er vor einem Paar reich verzierter, in Manns⸗ höhe an der Wand aufgehängter Piſtolen vorüberging, blieb er ſtehen und betrachtete ſie einen Augenblick, ehe er ſeine Pro⸗ menade fortſetzte; man konnte es an ſeinen zuſammengezogenen Augenbrauen ſehen, daß er über Gedanken von Gewaltthätig⸗ keit brütete. Endlich ſchien er einen Entſchluß zu faſſen, er öffnete die Thüre des Gemaches, welche nach einer ſchmalen hölzernen wurm⸗ ſtichigen Treppe ging, und rief mit wolklingender Stimme, die ſeine Neigung zum Herrſchen verrieth, zweimal den Namen: Alain. Faſt in demſelben Augenblick erzitterte die Treppe unter dem Druck zwei ſchwerer Holzſchuhe, und Alain, der Diener Louis de Morvan's trat ein. Der Diener, ungefähr im Alter ſeines Herrn, war im ſtrengſten Sinne des Wortes ein Bre⸗ tagner. Klein, unterſetzt, muskulös, außerordentlich vernach— läſſigt in der Kleidung wie er war, hätte man ihn für einen Kelten gehalten, der nach einem zweitauſendjährigen Traum ſeine Höhle verließ. Gleichwol lüpfte er, in das Gemach tre⸗ tend, ein wenig die Kopfbedeckung und ſchien wie ein wohl⸗ geſchulter Diener zu warten, daß de Morvan ihn zuerſt anrede. — Iſt die Barke bereit in See zu gehen? fragte ihn endlich der Letztere. — Wenn Ihr befehlt, ſo wird ſie es vor einer Stunde ſein, verſetzte Alain, indem er ſich verlegen hinterm Ohr kratzte, aber ich möchte gern glauben, daß Ihr Euch derſelben heute nicht bedienen werdet—— — Und warum ſollte ich es nicht, Herr Alain? — Das Wort Herr ſchien den Bretagner ſtark zu beleidigen, und er antwortete mit barſcher Offenheit: — Weil man den Verſtand verloren haben muß, wenn man ſich einſchiffen will, während der Mönch Seufzer ausſtößt, die man ſechs Meilen in der Runde hört!... Das hieße die Güte Gottes und der Jungfrau verſuchen! Bleibt! Folgt mir!.. Alain hatte ſeine Rede nicht beendet, als ſich die ſelt⸗ ſamen bereits erwähnten Töne, die wie geſagt, dem fernen er⸗ ſtickten Gebrüll eines Löwen glichen, auf's Neue und mit ver⸗ ſtärkter Gewalt vernehmen ließen. Herr und Diener blickten ſich einen Augenblick ſtill⸗ ſchweigend an. — Was habt Ihr hierauf zu antworten? ſprach letzterer wieder. — Ich habe darauf zu antworten, daß wenn ich meine Abreiſe noch einen Augenblick verſchiebe, die Küſte von Penmark den nächſten Morgen mit Trümmern und Leichen bedeckt ſein wird.—— Ein freudiges Lächeln, das vom Ritter de Morvan be⸗ merkt wurde, glitt über das Geſicht des Dieners. — Weißt Du, ſagte er, daß ich Dich, wenn ich Dich nicht für einen guten und rechtſchaffenen Burſchen hielte, für dieſes Lächeln hart züchtigen würde? Elender! ſchämſt Du Dich nicht, mit der Wuth des Meeres gemeinſchaftliche Sache zu machen, und grauſamer noch als das Ungewitter, die unglück⸗ lichen Schiffbrüchigen, welche es Dir zuwirft, mit Mord und Diebſtahl zu empfangen!—— Welchen Vorwand findeſt Du für Deine Grauſamkeit.... Alain entgegnete auf dieſe heftige Anrede mit vollkom⸗ mener Ruhe: — Ihr werdet mich nicht ſchlagen, ſprach er mit ruhiger Stimme, weil Ihr zu edel ſeid, um die Kraft, von der Gott Euch Euch für m wenn Edel Dir, tief dieß nüß Euch Euc Got Ihr ſra In ein hal abe der M gu ott Euch mehr gegeben hat, als mir, zu mißbrauchen; Ihr würdet Euch Eures Sieges ſchämen. Wie ich die Sache anſehe, iſt es für mich unnütz, mit Euch zu ſtreiten, denn Ihr ſeid wüthend, wenn Ihr die Wahrheit hört. Das Phlegma des bretagniſchen Bauern entwaffnete den Edelmann, und er entgegnete mit beſänftiger Stimme: — Du kannſt ohne Furcht reden, Alain, ich verſpreche Dir, daß ich Dich ohne Zorn anhören will. — Nun gut, weil Ihr mir's befehlt, ſo will ich reden, rief der Diener, indem er ſich die Hände rieb; ich habe ohne⸗ dieß ſchon lange Luſt, Euch die Wahrheit zu ſagen. Vor Allem müßt Ihr wiſſen, daß es keinen Burſchen in Penmark gibt, der Euch nicht von ganzem Herzen verachtet!— man verwünſcht Euch!—— — Mich? ſagte Morvan mit einer gewiſſen Bewegung, und was habe ich denn gethan, um dieſen Haß zu verdienen? — Ihr habt es niemals verſtanden, die Gebräuche des Landes zu reſpectiren.—— Ihr habt Euch der Theilung der Gottesgabe immer widerſetzt! So nennt man längs der Küſte von Saint⸗-Pol⸗de⸗Leon die ausgeworfenen Trümmer der geſtrandeten Schiffe. — Aber dieſer Gebrauch iſt grauſam, Alain! — Nein, er iſt es nicht, antwortete der Bretagner, denn Gott will es ſo. Zudem behaupten die Männer des Dorfes, daß Ihr in der Schule zu Nantes, wo Ihr erzogen worden ſeid, franzöſiſche Sitten angenommen habet. Ihr, der mit vierzehn Jahren der geſchickteſte Stockwerfer war, und der eine Ente in einer Entfernung von hundert Schritten ſchoß,— Ihr unter⸗ haltet Euch jetzt nicht anders als mit Euren Piſtolen. Nun ſind aber die Piſtolen eine am franzöſiſchen Hof beliebte Spielerei, deren ſich ein rechter Bretagner gar nicht bedienen ſoll.— Und dann... aber Ihr werdet Euch ärgern—— 2. 15 — Ich habe Dir befohlen, mir nichts zu verhehlen. Fahre fort. — Man behauptet, daß Ihr den Freitag nicht fürchtet, daß Ihr Euch über die Währwölfe luſtig macht, und über die verdammten Seelen, welche auf den Steppen und in den Mo⸗ räſten umgehen. — Es iſt wahr, daß ich an die Währwölfe nicht glaube, antwortete Morwan ſehr ernſthaft; aber ich bin ein zu guter Chriſt, um auch ebenſo vom Freitag zu denken.... Du mußt ſchon bemerkt haben, Alain, daß ich mich an einem Freitag oder an einem 13. niemals einſchiffte, wenn an dem Tag ein Ge⸗ witter drohte. — Ja, das iſt wahr; inſofern muß ich Euch Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen; aber was die Währwölfe betrifft...— — Was willſt Du, Alain, ich wiederhole Dir's, daß ich daran nicht glaube, aber dafür kann ich nicht. — Ich weiß es wol. Indeß bleibt es immerhin ein Mangel an Religion! Zudem bin ich verſucht zu glauben, daß die Männer von Penmark es Euch gern verzeihen würden, daß Ihr Euch in vielen Beziehungen verwälſcht habt, wenn Ihr nur die Gottesgabe reſpectiren wolltet, und wenn Ihr den bedrängten Schiffen, wie Ihr es oft thut, nicht zu Hilfe kämet. — Es thut mir leid um die Liebe der Penmarker, aber ſie werden ſich ſchon an meinen Gebrauch gewöhnen müſſen. Ich werde niemals freiwillig durch feige Unthätigkeit der Mitſchul⸗ dige ihrer Mördereien werden. Wenn ſie mir auf mein Beneh⸗ men etwas zu erwidern haben, ſo mögen ſie kommen und mir's ſagen, ich werde ſie nach Gebühr empfangen. — Ich fürchte nicht, daß ſie es je wagen werden, Euch ihre Meinung in's Geſicht zu ſagen. Wenn Ihr zu einem Men⸗ ſchen ſagt:„du haſt geſündigt, du wirſt beſtraft werden“— ſo muß er ſich glücklich ſchätzen, wenn er Eurer Hand nur mit einer Pen nich ret bem werf ters als Pi ſtre deck der wei hei wer ein pün hat ber na ſchi nen St en. Fahre t fürchtet, d über die den Mo⸗ ſt glaube, zu guter Du nußt itag oder g ein Ge⸗ herechtig⸗ terhin ein ben, duß den, duß wenn Ihr Ihr den fe kimet. er, aber üſſen. Ich Nitſchu⸗ in Beneß⸗ und nirs nen Mel⸗ etden“— d nur nit ſ5 — 0 einer einzigen gebrochenen Rippe entkömmt. Das wiſſen die Penmarker ſehr gut. Aber Ihr werdet ſehen, an einem der nächſten Tage ſpielen ſie Euch einen Streich.. Seid auf Eu⸗ rer Huth! — Das bin ich ſchon, Alain. Seit geraumer Zeit ſchon bemerke ich die wilden Blicke, welche die Penmarker auf mich werfen, wenn wir, ich und Du, beim Herannahen eines Gewit⸗ ters in See gehen. Von nun an werden wir uns nicht anders als bewaffnet einſchiffen. Du wirſt das Beil, und ich meine Piſtolen mitnehmen. — Ihr wollt es alſo nicht aufgeben, das Glück des Meeres zu verſuchen? fragte Alain mit unzufriedener Miene. — Weniger als je. Ich werde jetzt die Gegend durch⸗ ſtreifen, um zu ſehen, ob ich nicht am Horizont ein Segel ent⸗ decke. Daß die Barke bei meiner Rückkehr bereit ſei! — Welch ein Unglück, Herr, rief Alain mit dem Ton der Verzweiflung, daß Ihr, der Ihr doch ſo gelehrt und ſo weiſe ſeid, nicht begreifen könnt, daß die Gottesg abe eine heilige Sache iſt. — Willſt Du mir etwa nicht folgen?—— Gut, ſo werde ich mich allein einſchiffen. — Herr! rief Alain mit bewegter Stimme, was habe ich denn verbrochen, daß Ihr ſo mit mir redet? Bin ich nicht ein ehrlicher Burſche, und diene ich nicht dem treu, der mich pünktlich bezahlt? Seht, ſeitdem Ihr bei den Franzoſen gelebt habt, verdrießt es Euch, die Wahrheit zu hören... Ich bin bereit, Euch zu begleiten. Nur bitte ich Euch, wenn die Pen⸗ marker, wie ich vermuthe, es verſuchen ſollten, ſich unſerer Ein⸗ ſchiffung zu widerſetzen, und wenn Ihr den Legallec unter ih⸗ nen bemerkt, ſo tretet auf ihn vor allen andern;— denn der Schurke iſt es, welcher das Dorf gegen Euch aufhetzt! — 20 — Und Du haſt niemals daran gedacht, ihn zum Schwei⸗ gen zu bringen? — Um Vergebung, Herr Ritter; ich habe mich deßwegen ſchon ſechsmal mit ihm geſchlagen; aber da wir leider beide gleich gewandt und gleich ſtark ſind, ſo habe ich ihn noch nicht todt ſchlagen können. Und wenn ich behaupte, daß ich ſo ſtark bin, wie er, ſo prahle ich nicht; denn in den ſechs Schlägereien, die wir mit einander gehabt, habe ich nur drei Zähne verloren, ihm habe ich aber viere ausgeſchlagen; darum hoffe ich noch zum Ziele zu kommen. — Unnützes Gerede, unterbrach der Ritter ſeinen Die⸗ ner; gehen wir! Schau Du zur Barke, und ich will mich indeß umſehen, ob ſich in der Ferne kein Segel zeigt. Das Wetter wird binnen einer Stunde losbrechen. Alain blieb trotz dieſer Verabſchiedung unbeweglich ſtehen. — Nun! haſt Du mich nicht verſtanden? fragte ihn der Herr. — Ganz wohl, entgegnete er; aber bevor ich an die Einſchiffung denke, habe ich noch eine Pflicht zu erfüllen, und ich bitte Euch, mir deßwegen noch einen Augenblick zu gönnen. — Welche Pflicht iſt dieß, Alain? — Ich möchte für das Gelingen unſeres heutigen Unter⸗ nehmens in der Kirche zu Penmark ein Wachslicht anzünden laſſen. — Schwörſt Du mir, daß Du die Wahrheit ſagſt? — Ja, Herr, ich ſchwöre es! — Gut, ſo gebe ich Dir eine halbe Sinpe Zeit; da haſt Du einen halben Thaler zur Ausführung Deines frommen Vorhabens. Mach', daß Du fortkommſt! Der Bretagner empfing begierig das kleine Silberſtück, und in zwei Sätzen über die wurmſtichige Treppe ſpringend, lief er ſeine Holzſchuhe in der Hand, nach dem Dorfe Penmark. Obſchon dieſes Dorf, wie bereits erwähnt, von de Mor⸗ ns Alain undb den. drei. ſeinen Knie, ftau Hen einf hob Vas er, i frau Her Abei ſih, frau an mich ſt triſt nit Do mSchwei⸗ deßwegen eider beide noch nicht ich ſo ſark hlägereien, e verloren, e ich noch tinen Die⸗ will nich igt. Das lich ſtehen. ſte ihn der ich an die üllen, und zu gönnel⸗ gen Unte⸗ den laſen⸗ fwonmel Silberſüs, end lief er n. n de Met — vans baufälligem Haus eine Viertelmeile entfernt war, ſo brauchte Alain doch nicht mehr als zehn Minuten, um hinzugelangen. So wie er angekommen war, begab er ſich in die Kirche und bat den Sacriſtan, ihm ein einfaches Wachslicht anzuzün⸗ den. Dieſes Wachslicht, dünn wie ein Bindfaden und kaum drei Zoll hoch, koſtete ſechs Liards. Der Sacriſtan beeilte ſich, ſeinem Wunſche nachzukommen, und Alain warf ſich auf die Knie, bekreuzte ſich andächtig und ſprach halblaut: — Gib, mein guter Gott, und auch Du, heilige Jung⸗ frau von Auray, daß uns kein Unglück zuſtoße, wenn wir, mein Herr und ich, uns heute einſchiffen. Kaum hatte der Bretagner dieſe Worte beendigt, als das einfache Wachslicht ausgebrannt und erloſchen war. Alain er— hob ſich ſogleich, und befahl dem Sacriſtan, zwei doppelte Wachslichter anzuzünden, zu drei Sous das Stück; dann betete er, indem er ſich abermals auf die Knie warf: — Gib, mein guter Gott, und auch Du, heilige Jung— frau von Auray, daß ein unvorhergeſehenes Ereigniß meinen Herrn, den Ritter Louis de Morvan verhindere, ſich heute Abends, wie er beabſichtigt, einzuſchiffen. Alain betrachtete die doppelten Wachslichter, und als er ſah, daß ſie noch mit lebhafter Flamme brannten, fuhr er fort: — Gib, mein guter Gott, und auch Du, heilige Jung⸗ frau von Auray, daß der Sturm heute Abend mehrere Schiffe an die Küſte ſchleudere, und daß ich dem Legallec, ſobald ich mich wieder mit ihm ſchlage, das Rückgrat zerbreche. Endlich, als die Wachslichtér zwei Minuten ſpäter er— loſchen, erhob ſich Alain mit freudiger Miene, zahlte dem Sa— eriſtan, und ſtürzte aus der Kirche mit demſelben Ungeſtüm fort, mit welchem er hineingekommen war. Um eine Hecke biegend, ungefähr mitten zwiſchen dem Dorf und dem Hauſe ſeines Herrn, mußte der Bretagner plötz⸗ unter die Beine zu gerathen; dennoch ſtieß er ſo heftig an das lich ſtille halten, um nicht einem Pferde, das ihm entgegen kam, Pferd, daß es ſcheu zur Seite ſprang, und den Mann, welcher darauf ſaß, beinahe abgeworfen hätte. Der Reiter und Alain ſtießen zu gleicher Zeit einen Zornruf aus. Jeder glaubte ſich über den andern beklagen zu müſſen. — Dummes Vieh, rief der erſtere, den Zügel wieder er⸗ greifend, indem er dabei einen Blick auf den Bretagner warf. — Ungeſchickter! brummte Alain, indem er ſich die Schul⸗ ter, mit der er an das Pferd geſtoßen war, rieb. — Ich glaube, Gott verzeih' mir's, Du beklagſt Dich noch, Du Schurke! rief der Reiter, und fuhr mit der linken Hand nach dem Gürtel, in welchem ſeine Piſtolen ſtaken. Alain beſaß, wie alle Bretagner, einen verſtändigen Muth, wenn ich mich dieſes Ausdruckes bedienen darf; bevor er handelte, ſah er erſt, ob er auch einen Erfolg hoffen könnte. Fehlte ihm dieſe Ausſicht, ſo duckte er ſich und wartete geduldig die Stunde der Vergeltung ab, ſicher, daß er, wenn dieſe Stunde ſchlägt, ſeinen Zorn noch eben ſo friſch und lebhaft in ſeinem Herzen vorfinden werde, als da er darin erwachte. Wie er alſo ſah, daß der Reiter den glänzenden Kolben einer ſeiner Piſtolen hervorzog, ſo bedachte er ſogleich, daß ihm da ſein Penbas lein mit Eiſen beſchlagener Stock) von keinem großen Nutzen ſein könne; er dämpfte daher das Feuer ſeines Blickes, nahm die Miene eines blöden Tölpels an, und gaffte ſeinen Gegner mit weitgeöffneten, ausdrucksloſen Augen an. Dieſer lächelte. — Burſche, ſagte er, den Ton ändernd, ich ſehe, daß Du ein Bretagner von reinem Blute biſt. Es nützt Dir nichts, daß Du Dich ſtellſt, als ob Du mich nicht verſtändeſt. Ich kenne dieſe Verſchmitztheit, reden wir lieber freundlich mit einander. Ich habe mehrere Fragen an Dich zu richten. wollte mehr und ſ wasd zog w deme niſch ſagi und ich w bede Vil Zwe ihn in( Eil ſegen kan, ig an das n, welcher und Alain aubte ſich vieder er rwarf. ie Schul agſt Dich der linken ſtändigen rf; bevor nkönnte. geduldig venn dieſe lebhaſt in hte. n Kolben daß ihm on keinen ter ſeines nd gufte ugen ahe ſche, duß ir nichtö 3 kenne einandel. 6 — 238— Alain, obwol durch dieſe Worte innerlich irre geworden, wollte nichts deſto weniger ſeine Rolle fortſetzen; er nahm noch mehr die Miene der Blödheit an, ſtierte noch dümmer drein, und ſtellte ſich als ob er kein Wort von dem verſtanden hätte, was der Fremde zu ihm ſagte.. Bei dieſer Gebärde brach der Reiter in helles Lachen aus, zog aus ſeinem Bruſtlatz einen Thaler, und reichte ihn, ſich auf dem Sattel vorbeugend, Alain hin, der ihn nach kurzer Un⸗ entſchloſſenheit mit der äußerſten Lebhaftigkeit annahm. — Ach, ich ſehe, daß Dir der Verſtand zurückkömmt, ſagte der Reiter. — Was wollt Ihr noch? fragte Alain mit barſchem Ton, und ſchickte ſich an, ſeinen eiligen Lauf wieder fortzuſetzen. — Dein„Noch“ gefällt mir außerordentlich, Burſche; ich will nicht viel, Du ſollſt mir nur, wie geſagt, auf einige un⸗ bedeutende Fragen antworten. — Und dafür gebt Ihr mir einen Thaler! Wenn das Euer Wille iſt, ſo redet, ich höre Euch an. — Du biſt aus dem Dorfe Penmark, und kennſt ohne Zweifel den Ritter Louis de Morvan; nicht wahr? — Ja, ich kenne den Ritter de Morvan, wie alle Welt ihn kennt, antwortete er nach kurzem Stocken. — Ganz wol; und was iſt er für ein Menſch? — Er iſt ein Menſch wie alle Menſchen ſind. — Mit ſolchen Antworten kommſt Du ganz gewiß nicht in Gefahr, Dich zu verreden. — Dam! was wollt Ihr! Ich antworte, wie Ihr fragt. Ich begreife nichts, als worauf man die Finger legt! Ich habe Eile, ich muß Euch verlaſſen. — Du thuſt nicht Recht, antwortete ganz ruhig der Fremde, ich wollte Dir eben einen zweiten Thaler geben.— — Gut, ſo gebt mir ihn, ich habe noch Zeit, ihn zu nehmen. rakter? — Nein, ich habe mirs überlegt, ich behalte dieſen Tha⸗ ler, und gebe ihn dem erſten Burſchen, dem ich auf meinem Wege begegne, und der mir über den Ritter de Morvan genauere Aus⸗ kunft geben wird, als Du es kannſt. Alain zögerte einen Augenblick, dann ſprach er entſchloſſen: — Niemand kann den Ritter de Morvan ſo gut kennen, wie ich, ich bin ja ſein Diener. Macht, meine Minuten ſind gezählt. — Ah Du biſt Morvan's Diener und haſt mir es nicht gleich geſagt, Du Schalk! — Dam! Ihr habt mich ja nicht darnach gefragt. — Das iſt wahr! Was hat Dein Herr für einen Cha⸗ — Mein Herr iſt ein guter Chriſt! — Der Reiter runzelte die Stirn, und ſprach mit harter Stimme: — Erkläre Dich deutlicher. Was willſt Du mit dieſen Worten ſagen? — Ich nenne die Dinge bei ihrem Namen. Ich ſage, daß der Herr Ritter ein guter Chriſt iſt, denn er iſt gut und groß⸗ müthig gegen die Akmen“ Lai gegen die Kinder, und ſchrecklich wie ein wüthender Wolf gegen die Böſen. Dieſe Antwort ſchien dem Unbekannten ein lebhaftes Vergnügen zu machen; er lächelte. — Alſo iſt der Ritter, fuhr er fort zu fragen, ein ehren⸗ feſter Burſche, der vor nichts zurückſchrickt? — Wenn Ihr nach Penmark gekommen ſeid, um mit ihm Händel zu beginnen, ſo könnt Ihr mir noch zwei Thaler reichen für den Rath den ich Euch gebe: Euch ſobald als mög⸗ lich aus dem Staub zu machen. Ihr werdet Euer Geld niemals vortheilhafter ausgegeben haben, als für dieſen Rath. — Iſt er alſo ſtark, der Ritter? — Ob der ſtark iſt, du gute Mutter Gottes! Sechs Meilen nemlich aber al hen wo Knoche kennte, gezogen eine ge Herm ur me Gott) ſchr al von, ſ gehört ler, de ſehen, beſe eſen Tha⸗ em Vege uere Aus⸗ ſchloſen: t kennen, dgezählt. res nicht R. inen Cho⸗ nit harter nit dieſen ſage, daß und groß⸗ e Kinder, lebhaftes in ehren⸗ in nit vei Thalet als möß⸗ d nienals 1 Seih Meilen in der Runde gibt es nicht ſeinesgleichen! Wir zwei, nemlich ich und Legallec, ſind die feſteſten Burſche in Penmark; aber als ich einmal mit dem Herrn Ritter rang, weil er es ha⸗ ben wollte, da drückte er mich mit ſolcher Gewalt, daß mir alle Knochen im Leibe krachten; und wenn ich den Reſpect nicht kennte, den ich ihm ſchuldig bin, und wenn ich nicht ein wohl⸗ gezogener Burſche wäre, ſo hätte ich damals aufgeſchrien wie eine gebrühte Katze. — Sag mir, hat der Ritter mehrere Geliebten? Bei dieſer Frage wurde Alain roth, und indem er den Reiter mit funkelnden Augen betrachtete, ſagte er zu ihm: — Wenn Ihr glaubt, für einen Thaler vor mir meinen Herrn beſchimpfen zu dürfen, ſo täuſcht Ihr Euch. Ich habe nur meinen Penbas gegen Eure Piſtolen; aber, ſo wahr mir Gott helfe, redet nicht mehr ſo, ſonſt beginn' ich den Kampf.. Der Zorn des Bretagners mußte ſehr groß ſein, da er ſo ſehr aller Klugheit vergaß. übrigens ſchien der Reiter fern da⸗ von, ſich über dieſe Drohungen zu ärgern, von dem, was er eben gehört, vielmehr ſehr erfreut zu ſein.„ — Hält, Buſghe, Bahhen, dahaſt Du den Tha⸗ ler, den ich Dir verſprochen. Du kannſt deinen Weg weiter fort⸗ ſetzen, ich halte Dich nicht mehr... Doch halt! welche iſt die beſte Herberge in Penmark? — In Penmark gibt es keine Herberge. — Und wo wohnt Dein Herr? — In jenem einſamen Hauſe, welches Ihr dort gegen den Strand hin ſeht. — Dank, und auf Wiederſehen! Da es hier keine Her⸗ berge gibt, ſo werde ich wohl in der erſten Hütte wohnen, die ich finde. — Wollt Ihr dem Rath eines ehrlichen Burſchen folgen, ſo wohnt nirgends, und bringt in Penmark keine Nacht zu! Ein F. 3. 3 —— —— —— —— Mann, der wie Ihr auf ſeinem Wege Thaler ausſtreut, ſollte gar nicht in dieſe Gegend kommen. — Oh, ich kenne die gaſtfreundlichen Sitten der Pen⸗ marker vom Hörenſagen, antwortete der Unbekannte, bei dem Alains Worte gar kein Bedenken zu erregen ſchienen. Ich werde auf meiner Huth ſein. Ein heftiger Donnerſchlag unterbrach nun das Geſpräch der beiden Männer, und ſie trennten ſich, der Eine um wahr⸗ ſcheinlich eine Unterkunft zu ſuchen, der Andere um zu ſeinem Herrn zu eilen. Da der Bretagner in die Wirkſamkeit ſeiner Wachslichter volles Vertrauen geſetzt hatte, ſo war er gar nicht überraſcht, als ihm ſein Herr am Strande ſagte, er habe kein Schiff geſe⸗ hen, und ſie würden auch deßhalb nicht die Barke beſteigen. Algin war voller Freude und dachte, wenn ſein erſter Wunſch ſo ſchnell in Erfüllung ging, das werde auch mit dem zweiten der Fall ſein, und der Sturm werde in dieſer Nacht reichlich Trümmer an den Strand treiben; er beeilte ſich daher das Haus vor dem Ausbruch des Wetters zu erreichen. Große Regen⸗ tropfen, die in ungleichen eiträumen niederfielen, verkündeten, daß es bald losbrechen werde. In der That, kaum hatten der Ritter de Morvan und ſein Diener die Schwelle ihres Hauſes überſchritten, als das Ge⸗ witter mit unerhörter Stärke losbrach; es war damals ſechs Uhr. Louis de Morvan ſtand am Fenſter ſeines Salons und blickte mit traurigen melancholiſchen Augen auf das zugleich er⸗ habene und ſchreckliche Schauſpiel des wüthenden Meeres hin; die Gedanken des jungen Mannes waren düſter. — Dieſes Meer, ſagte er halblaut und zu ſich ſelber, iſt das Bild meines Herzens; es iſt vom Hauch des Sturmes ge⸗ hoben, wie mein Herz vom Hauch der Leidenſchaften. Ihr un⸗— ſinnigen Träume, ihr tollkühnen Projekte, ihr Wünſche meines Alters, einand auf ein ich nic kann ich, er Allein des le Geſtll Fohne wine Und 39 der N ich be Und als e nacht die V denß eintr für ſi den, ſthit eteb digt, reut, ſollte der Pen e, bei dem Ich werde Geſpräch um wahr⸗ zu ſeinem „ achölichter übetraſcht. Schiff geſe⸗ beſteigen. er Wunſch m zweiten ht reichlich tdas Haus ſe Rn erkündeten, mn und ſein s das Ge⸗ als ſechs alons und zugleih er⸗ Neeres hinz ſelbet, iſt tumes ge Ihr Un⸗ ſhe neints —— Alters, und du, mein grenzenloſer Ehrgeiz, die ihr mich nach⸗ einander berauſcht und niedergeworfen habt, habt ihr es nicht auf einen Schiffbruch meiner Seele abgeſehen? Wie viel habe ich nicht ſchon gehofft und geduldet! Aber der entfeſſelte Ozean kann wenigſtens Spuren ſeines Zornes hinterlaſſen; während ich, erdrückt von der Niedrigkeit meiner Stellung, von meinem Alleinſein, nicht einmal mächtig genug bin für das Schickſal des letzten der Menſchen von Gewicht zu ſein; ich bin in der Geſellſchaft, was ein Sandkorn in der Schöpfung, ein Atom ohne Beſtand! Welches menſchliche Weſen beſchäftigt ſich mit meinem Leben? Wer würde meinen Tod beweinen? Niemand! Und doch bin ich fähig mit Leidenſchaft zu lieben und zu haſſen! Ich fühle in mir die unbezwingliche Macht, die Unbekannte aus der Menge hervorragen läßt und ſie zur Macht führt. Ja, aber ich bedarf eines Anhaltspunkts, einer Ermuthigung, eines Raths. Und wer intereſſirt ſich für mich? Ich wiederhole es, Niemand! Der Ritter de Morvan murmelte eben dieſe letzten Worte, als ein heftiger Schlag an die Thüre ſeines Hauſes ihn erbeben machte. Abergläubiſch, wie die meiſten Bretagner, glaubte er, die Vorſehung Kntworte ihm auf ſeine Wünſche, und ſchicke ihm den Freund, nach welchem er ſich ſehnte. Er ſah daher Alain nicht ohne ein gewiſſes Herzpochen eintreten. — Herr, ſagte dieſer, ein Fremder bittet um Herberge für ſich und ſein Pferd. — Bringe das Pferd in den Stall, und ſage dem Frem⸗ den, daß ich ihm zu Befehl ſtehe... doch nein, halt... es ſchickt ſich beſſer, daß ich ihn ſelber empfangen gehe. — Es iſt unnütz Euch weiter zu bemühen, denn da kommt er eben ſelbſt herauf. In der That hatte der Diener ſeine Worte kaum been⸗ digt, als der uns ſchon bekannte Reiter in den Salon eintrat. 3* — 28— Im Eintreten warf er einen flüchtigen Blick um ſich, grüßte ſodann den Ritter leicht, und ſagte, indem er ihm ſeine triefenden Kleider zeigte: — Ich dachte, mein Herr, daß der erbärmliche Zuſtand, in dem ich mich befinde, genügen werde, mich bei Euch einzu⸗ führen, und hier bin ich. Dieſe derbe Manier ſich einzuführen überraſchte den Ritter; indeß ließ er ſein Erſtaunen nicht merken, und be⸗ gnügte ſich, mit kalter Höflichkeit zu antworten: — Ihr habt keine Einführung nöthig, mein Herr; ich betrachte es als Pflicht und Ehre zugleich, mein Haus Den⸗ jenigen zu öffnen, die bei mir Gaſftfreundſchaft ſuchen. — Eine Pflicht, wohl; aber eine Ehre, das iſt eine andere Sache, ſagte der Fremde, indem er ſeinen vom Regen durchtränkten Filzhut ſchwenkte. Ihr lauft Gefahr mitunter ſchlechte Geſellſchaft zn empfangen. Uebrigens wird die Gegend von Penmark von Fremden ſo wenig beſucht, daß Ihr wohl ſelten Gelegenheit haben müßt, Eure Großmuth in Anwendung zu bringen. Was für ein ſchreckliches Gewitter! Erlaubt Ihr, daß ich mich niederſetze?— Man möchte glauben, das Chaos komme wieder... Horch! Woher kommt jener dumpfe Ton, der die Wuth der Wogen und des Sturmes übertönt? — Von der Mönchsgrube, antwortete Morvan mit einem Anflug übler Laune; denn die Ungenirtheit und das ge⸗ meine Benehmen ſeines Gaſtes begannen ihn uhgeduldig zu machen. — Waos iſt das, die Mönchsgrube? — Ein natürlicher Brunnen zwiſchen den Felſen, am Eingang von Penmark, den das Meer bei ſteigender Fluth an⸗ füllt. Der Sage nach wäre ein Mönch dort hinein geſtürzt, als er ein Mädchen verfolgte, und ſeitdem ſtöhnt und ſeufzt er, ſo oft ein Gewitter naht. Die Wahrheit iſt, daß es dort große unterird hinabſti erſchein ſetzte d nuß 9 Lächerl nicht n bringe indeß ſteund als er wie es hunder Uuffl lerg im) ſhien fünfe Frend ſein Mowe nich deren die3 geleg ſthen umn ſich, ihm ſeine Zuſtand uch einzu⸗ ſchte den und be⸗ Herr; ich us Den⸗ iſt eine m Regen mitunter e Gegend Iht wohl nwandung laubt Iht, us Chuos Ton, der rwan nit d das Re⸗ 1 elſen, an ßlut th an⸗ ſtürit t als ſt er ſ rt große — 29— unterirdiſche Höhlen gibt, und jenes Geheule kommt von den hinabſtürzenden Meereswogen, die unten einen Ausgang ſuchen. — Ich ſtaune, daß Ihr, ein Bretagner, einer Natur⸗ erſcheinung eine natürliche und logiſche Erklärung gebt, ver⸗ ſetzte der Fremde mit unmanierlichem Gelächter; denn man muß geſtehn, daß ihr Armorikaner abergläubiſch ſeid bis zur Lächerlichkeit. Der Ritter de Morvan mußte ſich, um auf dieſe Worte nicht nach Gebühr zu entgegnen, die Pflichten in Erinnerung bringen, die ihm in ſeiner Eigenſchaft als Gaftfreund oblagen, indeß konnte er nicht umhin, den Mann, der für ſeine Gaſt⸗ freundſchaft ſo wenig erkenntlich war, genauer zu beobachten, als er es bisher gethan hatte. Ungefähr im Alter von fünfzig Jahren, und gekleidet wie es die wohlhabenden Pächter und Kaufleute im 17. Jahr⸗ hundert waren, bot der Fremde in ſeiner Erſcheinung nichts Auffallendes darz er war ſonnverbrannt, ſein Blick zeigte den allergewöhnlichſten Verſtand, ſein großer etwas viereckiger Kopf ſtand auf einem Stiernacken, ſeine dicke Geſtalt, wenigſtens ſchien ſie es unter dem weiten Wamms, war nicht höher als fünf Schuh; ſein Geſicht bartlos. Der Geſichtsausdruck des Fremden war mehr ſanft und luſtig, als frech und grob, wie ſein Geſpräch es eigentlich vermuthen ließ. — Das iſt ein braver ſchlecht erzogener Mann, ſagte Morvan zu ſich ſilber, ich würde übel daran thun, wollte ich mich über ſeinen Mangel an Taet aufhalten. — Der Fremde erhob ſich, ohne die Prüfung zu ahnen, deren Gegenſtand er war, von ſeinem Stuhl, und vertrieb ſich die Zeit damit, indem er im Salon auf und ab ging, und gelegentlich vor jedem Möbel, vor jedem einzelnen Gegenſtand ſtehen blieb. — Parbleu! mein theuerer Wirth, rief er, vor einer — langen an zwei Nägeln an der Wand aufgehängten Flinte ſtehen bleibend, das iſt eine ſeltſame Waffe, wie ich in meinem Leben noch keine geſehen habe. Zu was Teufel braucht man ſie? Wahrſcheinlich um Enten zu ſchießen. Ihr erlaubt doch? fügte er hinzu, indem er, ohne den Satz zu beendigen, die Flinte herabnahm, die er aufmerkſam und mit Kennerblicken betrachtete. — Dieſe Waffe iſt von Gélin aus Nantes, antwortete Morvan, der in Bezug auf den Fremden nunmehr ſeinen Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte; ſie trägt ſehr weit, und iſt in Eurvpa nicht gebräuchlich. — Wie, in Europa nicht gebräuchlich, und wo denn? — Zweitauſend Meilen weit von hier, auf den Inſeln. — Ah, ich weiß; ſchöne Länder das, wo die Ernte von ſelber den Boden bedeckt, ohne daß ſich ein Menſch damit ab⸗ zugeben braucht. — Seid Ihr auf den Inſeln geweſen? fragte Morvan mit großem Erſtaunen. — Ich! Ihr ſcherzt. Ich bin ein Roßhändler und kenne von der ganzen Welt nichts als die Bretagne und die Nor⸗ mandie! Doch einer meiner Vettern hat ſich zehn Jahre in ienen Ländern aufgehalten, und mir viel davon erzählt. Es ſcheint dort gut leben zu ſein, und daß mas dort viel ge⸗ winnen kann, wenn man eine ſtarke Fauſt, einen ſichern Blick, und keine Furcht vor dem Teufel hat. — Ah! Ihr habt einen Vetter, der ſich zehn Jahre auf den Inſeln aufgehalten hat! wiederholte Morvan langſam, wie von wichtigen Gedanken zerſtreut; und ſagt, fuhr er fort, den Fremden anblickend, hat Euer Vetter Glück gehabt? — Ob er Glück gehabt hat! Du mein Gott, ja das glaub' ich. Als er fortging, war ein Thaler ſein ganzes Ver⸗ mögen, und Kleider hatte er am Leibe, die nicht dreißig Sous werth n und fih Vorte lle A würde mein das P bleu! warun ſuche haufi Glick ſogar Mein 35 werde Mnſ Leben Lufe wie e Stell nigſe undn zune und Mes ken e en Flinte in meinem ucht man ubt doch? digen, die nnerblicken antwortete inen Ent⸗ ropa nicht denn! n Inſeln. rnte von amit ab⸗ Morwan und kenne die Nor⸗ Jahre in ihlt. Es viel ge⸗ ern Blick zahre auf ſum wie fort, den ja das nzes Ver⸗ ig Sous „ werth waren. Jetzt beſitzt er mehr den hunderttauſend Thaler, und fährt in einem ſchönen Wagen. Er hat Glück gehabt, ſagte Morvan maſchinenmäßig, ſeine Worte mit einem Seufzer begleitend. — Gewiß, er hat Glück gehabt! Aber es ſcheint, daß alle Welt dort Glück hat. Seht, wenn ich jung wäre, ſo würde ich keinen Augenblick anſtehn, mich einzuſchiffen, wie mein Vetter es vor zehn Jahren gethan hat, und ſollte ich gleich das Paſſagiergeld mit meiner Hände Arbeit bezahlen. Par⸗ bleu! fuhr der Pferdehändler nach kurzem Stillſchweigen fort, warum ſolltet Ihr in der Kraft des Alters das Glück nicht ver⸗ ſuchen!— Ich kenne Euch zwar nicht, aber beim Anblick Eures baufälligen Hauſes läßt es ſich leicht errathen, daß Euch das Glück nicht mit Gütern bedacht hat,.. ich glaube es Euch ſogar anzuſehn, daß Ihr in recht miſerablen Umſtänden lebt!... Mein Gott, werdet nicht ſo roth, und zürnt nicht ſo ſehr!... Ich habe ganz gewiß nicht die Abſicht Euch unangenehm zu werden, und Euch zu demüthigen!... Ich bin ein offenherziger Menſch, und ſage rund heraus, was ich mir denke. Taugt das Leben, das Ihr führt, für die Thatkraft Eures Alters? Den Teufel! Wenn man 25 Jahre alt iſt, ſo niſtet man ſich nicht, wie eine Eule, in altes Gemäuer ein! Wäre ich an Eurer Stelle, ſo wolbe ich ja lieber ein Einſiedler werden.— We⸗ nigſtens wüßte man, woran man ſich bei Euch zu halten hat, und man fände ein Wort, um Euer Gewerbe bei einem Namen zu nennen. — Ich bin ein Edelmann, ſagte Morvan mit Hoheit, und glaubte durch dieſe Antwort die Bemerkungen des Roßkam⸗ mes abzubrechen. Aber er täuſchte ſich, denn letzterer rief lachend: — Parbleu! Das Gegentheil hätte mich mehr in Erſtau⸗ nen gebracht! Iſt nicht jeder in der Bretagne ein Edelmann? Euer Freiherrnſitz iſt übrigens etwas recht hübſches! Vier zerſprungene Mauern, und ein Dach, das den Einſturz droht— Wenn Euer Kaſtell Euren Vaſallen Reſpekt einflößt, ſo müſſen dieſe braven Leute..... — Ich bitte Euch, mein Herr, abzubrechen, ſprach Mor⸗ van mit Kälte und herrſchendem Tone, und erhob ſich blaß vor Anſtrengung, den Zorn, der in ihm kochte, nicht zum Ausbruch kommen zu laſſen. Ich trage der Gaſtfreundſchaft, die ich Euch gewähre, genug Rechnung, wenn ich Euch bei Eurem vollſtän⸗ digen Mangel an Erziehung einfach bitte, nicht mehr zu reden.. Ihr werdet die Güte haben, ſo lange Ihr noch in meinem Hauſe verweilet, mich mit Eurer Anſprache zu verſchonen, ausgenom⸗ men ich finde es für gut, Euch zu fragen. Wie heißt Ihr,“ mein Herr? — Mathurin, antwortete der Roßkamm, ohne daß er von der Rede des jungen Mannes im geringſten berührt ſchien. — Gut, Herr Mathurin, begebt Euch in die Küche hin⸗ ab, da findet Ihr meinen Diener, der Euch geben wird, weſſen Ihr bedürft, ich wünſche allein zu ſein. Der Roßkamm Mathurin folgte dieſer Verabſchiedung, und ging gehorſam zur Treppe, ohne daß irgend etwas an 4 Zorn oder Scham verrathen hätte. Dieſe Reſignation ließ Morvan ſeine Härte bedauern; er ſagte ſich, daß er ſich gegen einen Menſchen nicht hätte ſollen hinreißen laſſen, deſſen ganzer Fehler Mangel an Erziehung war. Er nahm ſich daher vor, die barſche Weiſe, mit der er gehandelt, durch Zuvorkommenheit wieder gut zu machen. Als eine Stunde ſpäter Alain kam ihn zu benachrichtigen, daß das Abendeſſen bereit ſei, ging Morvan nach der Küche, die zugleich als Speiſeſaal diente, und ſagte zu Mathurin, in⸗ dem er ihm die Hand reichte: — Mein Herr, ich empfehle das ſchlechte Mahl, das Euch etwarte duß Il und ſi Sitte vergeb ſpräch Mann vong 6ware Fleiſt große unter dieſe halb nung Alai nur inder nit erle ir droht— ſo miſſen rach Mor⸗ blaß vor Ausbruch ich Euch vollſtän⸗ zu reden.. en Hauſe usgenom⸗ eißt Ihr aß er ven ien. üche hin⸗ d, weſſen ſchiedung⸗ an ihm edauern; te ſollen ung war. chandelt, tichtigen⸗ er Küche⸗ rin, in⸗ das Euch erwartet, Eurer Nachſicht. Ich bitte Euch, nicht zu vergeſſen, daß Ihr mir unvorhergeſehen gekommen ſeid. Der Roßkamm drückte dem Edelmann gutmüthig die Hand und ſetzte ſich ſchweigend nieder; Alain nahm nach bretagniſcher Sitte ſeinen Platz am obern Ende des Tiſches ein. Der erſte Gang war unter tiefem Stillſchweigen verzehrt; vergebens hatte ſich Morvan zwei oder dreimal bemüht, das Ge⸗ ſpräch einzuleiten; Mathurin vernahm die Worte des jungen Mannes jedesmal mit einem zuſtimmenden Nicken, begleitet von gutmüthigem Lächeln; aber er ſprach kein Wort. Ziemlich übler Laune, weil ſeine Bemühungen vergebens waren, machte ſich Morvan daran das vor ihn hingeſtellte kalte Fleiſch zu zerlegen, als Alain, der eben beſchäftigt war einen großen Napf mit Brühe von Heidekorn zu leeren, ſich im Eſſen unterbrach, und ſeinen Herrn erſchrocken anblickend, fragte: — Habt Ihr gehört, Herr Ritter? — Dieſen letzten Donnerſchlag? Ja wol! aber wozu dieſe Frage? — Zu nichts, ſagte Alain, indem er den Kopf wieder halb in ſeinen Napf ſteckte. — Zeigt dieſer Donnerſchlag das Ende oder die Erneu⸗ rung des Gewitters an? Wie meinſt Du? — Ich, Herr Ritter, ich meine gar nichts, antwortete Alain, einen großen Löffel voll Brühe hinabſchlürfend. Ich habe nur geredet, um zu reden. — Kaum war eine Minute verfloſſen, als der Ritter, indem er ſeinen Teller von ſich ſtieß, dem Lärm des Gewitters mit beſonderer Aufmerkſamkeit zu horchen ſchien. — Aber das iſt nicht Donner! rief er haſtig ſeinen Sitz verlaſſend und nach der Thüre eilend, das ſind Kanonenſchüſſe. — Ich wußte es, murmelte Alain, meine Wachslichter * — 3 erfüllen meinen Wunſch. Dank, heilige Jungfrau von Auray, ich werde Dir das vergelten...— — Alain! rief Morvan, der an der Thüre horchend eben einen zweiten Kanonenſchuß vernommen hatte, ſchnell die Ruder zur Hand, Burſche! Ein Schiff gibt Nothſignale!.... Ge⸗ hen wir! — Jetzt geh'n, ſagte der Bretagner traurig; aber da könnten wir ja uns lieber gleich kopfüber in die Mönchsgrube ſtürzen, wenn wir bei dem Wetter auf die See wollen. — Wenn Du Dich fürchteſt, Alain, ſo kannſt Du zurück⸗ bleiben.— — Bei meiner Seligkeit, ja, ich fürchte mich. — Du fürchteſt Dich erſtens zu ertrinken, zweitens Le⸗ gallec zu begegnen, der ſich vielleicht unſerer Einſchiffung wider⸗ ſetzen wird. — Ich mich fürchten vor Legallee! ah nicht deßwegen; habe ich ihm denn nicht vier Zähne in den Hals geſchlagen! Die Erinnerung an ſein heutiges Gebet, als er der hei⸗ ligen Jungfrau von Auray ſeine Wachskerzen opferte, brachte ihn nun auf den Gedanken, das bedrängte Schiff ſei vielleicht das Mittel, deſſen ſich ſeine heilige Schutzpatronin bediente, um ihm Gelegenheit zu bieten, dem Legallec das Rückgrat zu zerbrechen; und voll Enthuſiasmus ſtürzte er auf die ſchweren Ruder, welche in einer Ecke der Küche ſtanden, lud ſie auf ſeine Schultern, und wandte ſich an ſeinen Herrn mit den Worten: — Ich bin bereit, Herr Ritter, geh'n wir! — Laß mich zuvor meine Piſtolen und meinen Mantel nehmen, ſagte Morvan, der ſchnell die Treppe emporſtieg, und ebenſo ſchnell zurückkam, jetzt, auf den Weg! Der Roßkamm Mathurin, der ſich bisher nicht gerührt hatte, verließ nun ſeinen Platz, und ſprach, indem er ſich vor ſeinem Wirthe tief verneigte, mit ernſtem Tone: N zuſprec horcht. Unſtin die Eh zwor handhe Batke urſacht vuhel er m verkan hene handi Men 5 ſane Pech Schi bigle den enyf Aurah, nd eben eRuder Gl⸗ aber da hsgrube zurüc⸗ ens Le⸗ wider⸗ wegen; en! det hei⸗ hrachte ielleicht ediente, grat ju chweren uf ſeine orten! Mantel g. und gerihrt ſih vr — Herr Ritter, Ihr habt mir befohlen, Euch nicht an⸗ zuſprechen, bis Ihr mich fragen werdet, und ich habe Euch ge⸗ horcht. Werdet Ihr mir in Rückſicht auf die Wichtigkeit der Unſtände erlauben, Euer Verboth zu übertreten? Ich bitte um die Ehre, Euch auf Eurem Gange begleiten zu dürfen. Ich bin zwar kein Schiffsmann, aber ein Ruder kann am Ende Jeder handhaben, und bei dem Wetter ſind auf einer gebrechlichen Barke zwei Arme mehr nicht zu verachten. Dieſe Bitte, deren er ſo wenig gewärtig geweſen, ver— urſachte dem jungen Manne tiefe Rührung, die er auch nicht verhehlte. — Ich nehme Euren Antrag an, mein Herr, antwortete er nur, Ihr habt ein edles Herz, das ich unverſtändiger Weiſe verkannt habe; habt die Güte, ich bitte Euch darum, das Geſche⸗ hene zu vergeſſen, und vergebt mir meine thörichte Lebhaftigkeit. — Pah, hier wird ſich's wol noch um das Geſchehene handeln! Jede Minute, die wir hier verſchwenden, kann einem Menſchen das Leben koſten. Vorwärts! ſprach der Roßkamm. I. — Als die drei Männer ausgingen, um dem bedrängten Schiffe zu Hilfe zu eilen, bot die Küſte von Penmark ein ſelt⸗ ſames und trauriges Schauſpiel dar. Die klaſſiſche Kuh mit der Pechpfanne zwiſchen den Hörnern, welche dazu diente, die Schiffer auf dem Meere zu täuſchen, ging hinkend auf und ab, begleitet von einer ſcheußlichen Menge von Weibern mit fliegen⸗ den Haaren und zerrütteten Kleidern, und vor Raubgier un⸗ empfindlich gegen die Rauheit des Wetters. Männer mit Säbeln — 36— und mörderiſchen Bootshacken bewaffnet, irrten gleich ſchwarzen Phantomen längs der Felſenküſte auf und nieder. Hie und da bemerkte man einen Penmarker auf den Knieen liegend und Gott bittend, daß er ihm zahlreiche Opfer ſchicke; es ſchien eine ganze Bevölkerung von Kannibalen und Henkern. Obſchon die Nacht finſter war, ſo wurde der Gang des Ritters de Morvan und ſeiner beiden Begleiter den Bewohnern von Penmark durch das Licht des Blitzes doch bald verrathen. Nach und nach rotteten ſie ſich zuſammen, folgten den drei Män⸗ nern, und als dieſe bei ihrer Barke angelangt waren, fanden ſie ſich von der Menge umzingelt. De Morvan benahm ſich, das war das Klügſte was er thun konnte, als bemerkte er das Treiben der Leute nicht, und ſchickte ſich, unterſtützt von Alain, ganz ruhig an, die Barke, die hinter einem Felſen in Sicherheit lag, herbeizuzie⸗ hen. Obwol er bei dieſem Geſchäfte alle ſeine Kraft anzuwenden hatte, ſo hörte er doch nicht auf, die Menge, die ſich ihm immer mehr nahte, zu beobachten; als er endlich ſah, daß mehrere Penmarker ſchon beinahe ſeine Kleider berührten, ſprang er in die Barke, und rief, indem er ſeine Piſtolen ergriff: — Burſche, ſagte er zu den Penmarkern, ich fürchte, ei⸗ nige von euch wollen eine Sünde begehen. Glaubt mir, es iſt beſſer, ihr beſchäftigt euch mit euren eigenen Angelegenheiten, als mit den meinigen.... Ihr kennt mich, und wißt, daß ich das ausführe, was ich ſage; und ich ſchwöre euch, ſo wahr ich Morvan bin, den Erſten unter euch, der es wagt, einen Schritt vorwärts zu machen, erſchlage ich, wie einen Hund! Dieſe mit energiſcher Ruhe geſprochenen Worte bewirkten, daß die Bretagner ſich zurückzogen, aber ſie hinderten nicht, daß dieſe murrten. — Ritter de Morvan! rief eine Stimme aus der Menge, Ihr, der Ihr vom Adel ſeid, ſolltet die Rechte des gemeinen —— — Polfes reſperti — nicht an galler. Schlin einande gefihrd reden, es hi hlicte in den in der ſeines ſ den Schui und de fihrten Menge jeichne letlor ſhien beſuß, Jar ni N Bgall weun chwarzen nKnieen rſchicke; Henkern. jang des wohnern rrathen. ei Män⸗ fanden ſte was te nicht, un, die eizuzie⸗ wenden immer wehrere ng er in hte, ei⸗ „es iſt nheiten, duß ich ahr ich Schritt virkten, ht daß Menge⸗ meinen ¹ — — e Volkes reſpectiren; ſonſt wird man auch Eure Privilegien nicht * „ „ 1 reſpectiren! Die Gottesgabe iſt unſer Eigenthum, rührt es nicht an! — Herr Ritter, flüſterte Alain ihm in's Ohr, es iſt Le⸗ gallec. Seid auf Eurer Huth, dieſer Kerl da hat immer was Schlimmes im Sinne. Morvan wollte eben antworten, aber drei neue ſchnell auf einander folgende Donnerſchläge, das Verzweiflungsſignal eines gefährdeten Schiffes, drängten ihn, lieber was zu thun, als zu reden, und er machte ſeine Barke vollends bereit. Alain, der an der Haltung der Penmarker ſah, daß es hier wahrſcheinlich bald zu Thätlichkeiten kommen werde, blickte um ſich, um für dieſen Fall zu wiſſen, wo er Legalles ſich in den Wurf ſollte kommen laſſen. Er ſah ſeinen Feind mitten in der Menge. Dieſe Entdeckung beſtimmte ihn, dem Beiſpiele ſeines Herrn zu folgen; er ſprang in's Meer, und eilte, bis zu den Knieen im Waſſer, zum Fahrzeug, das etwa dreißig Schritte vom Strand entfernt war. Dieſe Flucht ermuthigte die Anmaßung der Penmarker; und der Roßkamm Mathurin ſah ſich, als er ſeinen beiden Ge⸗ fährten folgen wollte, von einer drohenden und wüthenden Menge umringt. Mathurin, der in dem kleinen Drama, das wir eben ge⸗ zeichnet, bisher mehr Zuſchauer als Mitſpielender geweſen war, verlor nichts von ſeiner gutmüthigen und friedlichen Miene. Er ſchien entweder aus Mangel an Verſtand oder, weil er echten Muth beſaß, die feindſeligen Abſichten der Strandbewohner gegen ihn gar nicht zu berückſichtigen. — Dieſer da wenigſtens wird ſich nicht einſchiffen, rief Legallec, indem er ihn am Wamms faßte. Der mag ſich hüten, wenn uns die Gottesgabe heut' entgeht! — Mein Freund, ſprach der Roßkamm zu Alain's Feinde — ruhig, es nützt Euch nichts, daß Ihr mir die Kleider zerreißt; erklärt mir dieſes Recht, und ich werde zurückbleiben, ohne mich erſt darum bitten zu laſſen; wenn Ihr aus eigener Willkühr handelt, dann iſt es was anderes, dann nehmt Euch in Acht, denn ich werde böſe ſein. — Mathurin! ſo kommt doch, rief in dieſem Augenblick Morvan, der von der kritiſchen Lage ſeines Gaſtes nichts wußte. — Lieber Freund, ſagte der Roßkamm, indem er ſich wieder zu Legallee wandte, Ihr hört, daß man mich ruft. Schnell, ich habe keine Zeit zu verlieren, erklärt mir, mit welchem Recht Ihr mich zurückhaltet, oder laßt mich gehen. — Mit dem Rechte des Stärkern! erwiderte Legallec ſeinen Penbas erhebend. — Dann iſt es ganz natürlich, daß ich mich desſelben Rechtes bediene, um fortzukommen, rief der friedliche Mathurin, indem er mit dem Ungeſtüm des Tigers auf den eiſenbeſchlags⸗ nen Knüttel des Bretagners losſprang. ihn deſſen Händen ent⸗ riß und über die Menge herſtürzte. Die Bretagner handhaben den Penbas mit einer ſeltenen Geſchicklichkeit; doch übertraf die merkwürdige Art, mit welcher Mathurin den ſeinigen ſchwang, an Geſchicklichkeit Alles, was ſie bisher geſehen hatten. In weniger Zeit als wir brauchen, um es zu ſchreiben, das iſt in einigen Secunden, lagen drei Penmarker halbtodt zu den Füßen des Roßkamms; es iſt überflüſſig zu ſagen, daß die drohende und heulende Menge, die ihn eben noch ungeben hatte, wie durch einen Zauber zerſtreut wurde. — Ich bedaure, daß ich mich zum Zorn habe hinreißen laſſen, ſagte Mathurin zu den Flüchtigen, denn Sanftmuth iſt der Grundzug meines Charakters. Die Schuld iſt an Euch, ich habe Euch gewarnt. Der Roßkamm, immer noch mit Legallec's Penbas be⸗ . waffnet, ſch ſu Mowan fragte Gewerb hleibe a welche welcher über u Nung uſch den2 Schwi für ie gen di Lootſ ſine Lunde uhe f n hit, elſin zerreißt; hne mich Willkühr in Wht, genblic s wußte. er ſich Schnell, nRecht Legalle ſelben hurin, ſchlage— en ent⸗ ſeltenen welcher 8, was reiben, albtodt n, daf ugeben nreißen nuth iſt uch, ich bas be⸗ — 80— waffnet, ging nun auch in's Meer, und ſäumte nicht, doch ohne ſich hiebei zu beeilen, zu der Barke zu gelangen, in welcher Morvan und Alain ſchon ſaßen. — Wünſcht Ihr, daß ich mich an's Steuerruder ſetze? fragte er den Ritter. — Verſteht Ihr's alſo, eine Barke zu ſteuern? — Bei meiner Treu, nicht allzugut, es iſt nicht mein Gewerbe. — So nehmt ein Ruder, und helft Alain rudern. Ich bleibe am Steuer. Mathurin erzählte dem jungen Manne weder die Gefahr, welcher er eben entkommen war, noch die unerſchrockene Art, mit welcher er ſich derſelben entzogen, ſondern ſetzte ſich Alain gegen⸗ über auf die Bank, ließ ſein Ruder fallen und ſagte: — Ich bin bereit. Mathurin entſchädigte durch ſeinen Ernſt für ſeinen Mangel an Erziehung; er verſtand es, je nach den Umſtänden, zu ſchweigen oder zu handeln. Die Einſchiffung der drei Schickſalsgenoſſen hatte, außer dem Widerſtande der Penmarker, bis dahin keinen ernſtlichen Schwierigkeiten zu begegnen. Aber die Gefahr wurde ſchrecklich für ſie, ſobald ſie aus der Art von Bucht, welche durch Felſen ge— gen die Wuth des Sturmes geſchützt war, hinausgekommen waren. Nie hatte das Meer ein ſchrecklicheres Anſehen. Ein Lootſe wäre vor einem ſolchen Sturm zurückgewichen, und hätte ſeine Pflicht verſäumt. Der Wind, der von der hohen See dem Lande zuwehte, machte die Anſtrengungen der drei Männer bei⸗ nahe fruchtlos. Immer zurückgeſtoßen, kamen ſie auf zwanztg Ruderſchläge nicht weiter, als um die Länge ihrer Barke. 6— Nehmt Euch in Acht, Herr Ritter, ſprach Alain leb⸗ haft, ich bemerkte ſoeben beim Schein des Blitzes auf jenem Felſen einen Mann, der eine Muskete trägt. —— — Pah, die Nacht iſt zu finſter und der Blitz zu flüchtig, als daß die Kugel dieſer Muskete, die übrigens auch ein Boots⸗ haken ſein kann, mich erreichen könnte, erwiderte Morvan ſorglos. — Ohe! Ihr unten im Kanot, rief in dieſem Augenblick der von Alain bemerkte bewaffnete Mann vom Felſen herunter; ohe! Ihr unten im Kanot, glückliche Reiſe, wenn Euch ein Unglück paſſirt, ſo vergeßt nicht, daß heute Freitag iſt. Dieſe Worte brachten auf den Ritter de Morvan und auf deſſen Diener einen ſolchen Eindruck hervor, daß der erſtere das Steuer und der andere ſein Ruder losließ, ſo daß die Barke von einer ungeheuren Woge gehoben, beinahe umſchlug, und ſich halb mit Waſſer füllte. — Wenn Ihr ſo zu Werke geht, ſagte Mathurin mit der ruhigſten Stimme, ſo iſt es unnütz, daß Ihr weiter daran denkt, Jemanden Hilfe zu bringen; ich bin vielmehr der Mei⸗ nung, wir ſollten nach dem Lande zurückkehren. — Es iſt doch wahr! es iſt heute Freitag, ſagte Alain, erdrückt von dieſer ſchauderhaften Entdeckung. — Schwachkopf! verſetzte Mathurin, biſt Du alſo zwei⸗ undfünfzig Mal des Jahres unglücklich? Nein! Alſo was be⸗ klagſt Du Dich über den Freitag. — Ah! was bin ich doch für ein dummes Vieh! rief Alain ſogleich wieder mit Freude. Ich vergaß, daß ich eine Münze mit dem Bilde der heiligen Jungfrau von Auray um den Hals trage. Dieſe Medaille iſt mächtiger als der Freitag; man hat niemals erfahren, daß Einem, der ſie beſitzt, ein Unglück widerfahren ſei. Alain, der durch dieſen Gedanken neu belebt war, und der Ritter de Morvan, der in Mathurin's Gegenwart keine Schwäche zeigen durfte, nahmen der Eine ſein Ruder, der An⸗ dere das Steuer wieder zur Hand, und die Barke begann auf den Wogen zu tanzen. * Nur Shif, wel ſinetten k fiſter, un ber die G ſheiden. ſtend ein ſten Kalit ihurin ſt dur letzte verſt eit, die 5 ſoft ret nüßigen lich ſchien D Standha ſie hatte ungekän iin weni ſih nit ſit den ſchiede U tine drl ihnen, d un der Ruen vrientirt — thuin, flüchtig, Boots⸗ ſorglos. genblick erunter; uch ein und auf erſtere Parke g, und in nit daran r Mei⸗ Alain, o zwei⸗ s he⸗ rief ch eine m den man nglück t, und t keine er An⸗ n auf =— Nur von den Kanonenſchüſſen geleitet, die ſich von dem Schiff, welches ſie retten wollten, von Zeit zu Zeit hören ließen, ſteuerten die Abentenrer dem Zufall nach. Die Nacht war ſo finſter, und das Meer ſo bewegt, daß es nicht möglich war, über die Entfernung einer halben Kabellänge etwas zu unter⸗ ſcheiden. Der Ritter de Morvan entwickelte am Steuerruder ſitzend eine wunderbare Geſchicklichkeit, gepaart mit der äußer⸗ ſten Kaltblütigkeit; ſein Diener Alain und der Roßkamm Ma⸗ thurin ſtanden ihm würdig zur Seite, beſonders bediente ſich der letztere, obſchon er erklärt hatte von der Schifferei nicht viel zu verſtehen, des Ruders mit einer Genauigkeit und Geſchicklich⸗ keit, die unbegreiflich waren. Zwanzigmal waren ſie in Gefahr unterzufinken, und eben ſo oft retteten ſie ſich durch ihre vereinten energiſchen und zweck⸗ mäßigen Anſtrengungen von einer Kataſtrophe, die unvermeid⸗ lich ſchien. Das Glück ſchien endlich ſie für ihre heldenmüthige Standhaftigkeit belohnen zu wollen; um zwei Uhr Morgens, ſie hatten bereits ſechs Stunden gegen die Gewalt des Sturmes angekämpft, legte ſich der Wind, und das Meer beſänftigte ſich ein wenig; Morvan benützte dieſe Art von Waffenſtillſtund um ſich mit ſeinen Gefährten ein wenig zu berathen, denn er hatte ſeit dem Abend kein einziges Wort an ſie gerichtet. — Ich bedaure, meine Freunde(nichts hebt alle Unter⸗ ſchiede und Entfernungen zwiſchen den Menſchen ſo ſehr auf⸗ als eine drohende Gefahr), ich bedaure, meine Freunde, ſagte er zu ihnen, daß Ihr mich nicht am Steuer erſetzen könnt, Ihr müßt von der Anſtrengung ganz ermattet ſein!... Ruht auf Euren Rudern etwas aus, ich will es verſuchen, mich ein wenig zu orientiren. — Ich verſtehe mich nicht auf die Schifferei, verſetzte Ma⸗ thurin, und ich mache meine Sache wahrſcheinlich ſchauderhaft 4. —— ſchlecht; aber müd bin ich nicht. Ich wollte nur, daß ich einen Schluck Brantwein hätte. — Nichts leichter, ſagte Morvan, indem er ſeinen Nan⸗ tel zurückſchlug, in welchem er die Piſtolen gegen die Näſſe in Sicherheit gebracht hatte, ich habe gerade eine Flaſche mitge⸗ nommen. Nehmt. — Euer Cognae iſt ein wenig leicht, aber thut nichts, er erfriſcht doch, rief der Roßkamm, der dem Ritter die Flaſche bald wieder halb geleert zurückgab. Nun, Herr Ritter, habt ihr Euch orientirt? Wenn ich es wagen dürfte trotz meiner Unwiſſenheit eine Meinung auszuſprechen, ſo würde ich ſagen, daß wir nicht weiter als eine halbe Meile weſtlich von Penmark gekommen, und daß wir höchſtens fünfhundert Schritte von der Küſte ent⸗ fernt ſind. — Ihr habt es ganz genau getroffen! — Ei, erwiderte der Roßkamm mit breitem Gelächter, es ſcheint, daß ich, ohne es zu vermuthen, Anlagen zur Schif⸗ ferei beſitze. Dieſe Entdeckung erweckt meinen Eigendünkel, und ermuthigt mich, an Euch, Herr Ritter, eine Frage zu richten. Welche Abſicht hattet Ihr, ich bitte, als Ihr Euch einſchifftet? — Ihr wißt es ja ſo gut als ich: den Unglücklichen, die unſer Mitleid erflehen, und die auf unſern Muth rechnen, Hilfe zu bringen. — Ja, das weiß ich wohl, esiſt auch nicht das, warum ich Euch frage. Ich möchte nur wiſſen, auf welche Weiſe Ihr hofft Euch den armen Teufeln nützlich zu machen. — Auf eine ſehr einfache Weiſe: indem ich ihnen als Pi⸗ lot diene, und ſie verhindere, in die Hände der Penmarker zu fallen. — Ihr verſteht es alſo, Schiffe zu lenken? — Ich habe ſchon zwei Fahrten nach Island gemacht, und die Küſte von Penmark iſt mir vollkommen bekannt. Ich bitte Gott mur deck des g Venn es iſt ſo ve Sichethei De hen die 2 Shif, di ſin letzte De gung, wdern, vor eine los verlo D Anblic; den W Verzwei ſihts venn ten. Wi Nutes weiß, ol heute der Gihurſtn iiſs e inige) ich einen en Nan⸗ Niſſe in he nitge⸗ ichts, er ſche bald ihr Euch iſſenheit wir nicht kommen, iſte ent⸗ elächter, Schif⸗ el, und nrichten. ſchiftet? hen, dir warum zeiſe Ihr i⸗ nals Pi enmer genaht. 56h bitte * —— Gott nur um die einzige Gnade, daß ich den Fuß auf das Ver⸗ deck des gefährdeten Schiffes ſetzen könne, bevor es untergeht. Wenn es keine größere Havarie gelitten hat und noch zu ſteuern iſt, ſo verwette ich meinen Kopf, daß ich es ohne Unfall in Sicherheit bringe. Der Ritter de Morvan ſprach noch, als ein heftiges Kra⸗ chen die Barke in Erſchütterung brachte. Es war das bedrängte Schiff, das kaum eine Kabellänge von den Rettern entfernt, eben ſein letztes Nothſignal gab. Der Ritter ſetzte das Steuer mit erneuter Kraft in Bewe⸗ gung, Mathurin und Alain begannen mit erneutem Eifer zu rudern, und nicht fünf Minuten waren verfloſſen, als ſie ſich vor einem großen Dreimaſter befanden. — Verdammt! rief Morvan, dieſes Schiff iſt rettungs⸗ los verloren, es iſt auf dem Teufelskopf feſtgerannt. Der ſchiffbrüchige Dreimaſter bot einen ſchauderhaften Anblick; nach der Seite des Steuerbords geneigt, drohte es je⸗ den Augenblick verſchlungen zu werden, und wiederhallte vom Verzweiflungsſchrei der Mannſchaft. — Ich glaube, ſagte Mathurin zu Morvan, es bleibt uns nichts anderes übrig als uns zurückzuziehen. Dieſes Schiff iſt in verzweifelter Lage, keine menſchliche Macht vermag es zu ret⸗ ten. Wäre es nicht beſſer, das bischen augenblicklicher Ruhe des Meeres zu benützen, damit wir das Land wieder gewinnen? Wer weiß, ob wir es in einer Stunde noch im Stande wären! — Ja, Herr, gehn wir, fügte Alain hinzu, der die Aus⸗ beute der Gottesgabe kaum mehr erwarten konnte. — Still! rief der junge Mann, ich verlange von Euch Gehorſam, und keinen Rath. Ich weiß es ſo gut wie ihr, daß dieſes Schiff nicht zu retten iſt; aber vielleicht gelingt es uns, einige Menſchen dem Tode zu entreißen⸗ — Ihr wißt doch, Herr, daß unſere Barke nicht mehr „ als ſieben Perſonen zu tragen vermag, wagte Alain ſchüchtern dreinzuſprechen. — Nun, und wir ſind nur drei; zählt Ihr das Leben von vier Menſchen für nichts? — Das iſt nicht viel, ſagte Mathurin ruhig; indeß, um nicht mit leeren Händen zurückzukommen, müſſen wir allerdings einige Schiffbrüchige retten.— Das wird uns Haltung geben. Ein Ruck am Steuer wendete die Barke, und ſie befand ſich Bord an Bord vor der abwärts geneigten Seite des Schiffes. Als die Mannſchaft des Dreimaſters dieſe unerwartete Hilfe ankommen ſah, drängte ſie ſich gegen die Barke, um da Zuflucht zu finden. — Entfernen wir uns, rief Mathurin. Dieſe Narren wären im Stande unſer Fahrzeug zu füllen und zum Unſchlagen zu bringen. Der Rath war gut; Morvan beeilte ſich, ihn zu befolgen. Dann ging eine jener ſchauderhaften und erhabenen See⸗ nen vor ſich, die aber im Seeleben gewöhnlich ſind. Ein kleiner, hagerer Mann, von gelbem, gallichtem Teint, von ſchwächlichem Anſehen, der gar keine Leibeskraft zu beſitzen ſchien, ſtürzte, das Beil in der Hand, mitten unter die Matro⸗ ſen, und herrſchte ihnen zu, ſich zu zerſtreuen. — Elende, rief er ihnen mit Macht zu, ſeit wann fliehen Schiffer, und laſſen gleich Feiglingen, Weiber und Paſſagiere, die ſich auf die Ehre des Schiffers verließen, zurück? Ihr habt nicht das Recht, an Euer Heil zu denken, als bis der Graf und ſeine Tochter gerettet ſind! Beim Barte Karls des Fünften, ich ſpalte dem erſten unter Euch den Schädel, der es verſuchen wird, die Barke zu beſteigen. Kommt, mein Fräulein, fuhr der kleine Mann, nach dem Verdeck gewendet, fort, kommt, es iſt keine Zeit zu verlieren. An ſeinem Benehmen erkannten Morvan und Alain in ihn de ſtanden Aufmer dacht Erfau gegang tunzelt und ein fenen kenne Vorte der ſis etſchei eines ihmt Höhe auf's Vort Man ihn mein habt, ſihlt Erkl Mn üchteen Lehen deß, um etdings ben. hefand chiffes. wartete um da Narren chlagen efolgen. en Sce⸗ nTeint, heſitzen Matto⸗ fliehen ſagiere, zhr habt rof und ften, ich en wird, erkleint, iſt keine llain in 4 — ihm den Kapitän des geſtrandeten Schiffes; ſeine Worte ver⸗ ſtanden ſie nicht, denn er ſprach ſpaniſch. Wenn der bretagniſche Edelmann und ſein Diener in der Aufmerkſamkeit, die ſie dem Dreimaſter zuwendeten, daran ge⸗ dacht hätten, ihren Gefährten Mathurin anzuſehen, ſo wäre ihr Erſtaunen groß geweſen über die Veränderung, die in ihm vor⸗ gegangen war: die blitzenden Augen, der düſtere Blick, die ge⸗ runzelte Stirn, weitgeöffnete Naſenlöcher, der vorgeſtreckte Hals, und ein unbeſchreiblicher Ausdruck des Haſſes an der aufgewor⸗ fenen Oberlippe machten, daß der Roßkamm nicht mehr zu er⸗ kennen war. Die Matroſen des geſtrandeten Schiffes hatten bei den Worten ihres Chefs ihre Abſicht lautlos aufgegeben, als Morvan, der ſich dem Dreimaſter genähert hatte, den Capitän auf's Neue erſcheinen ſah, aber diesmal nicht allein, ſondern in Begleitung eines jungen Mädchens. Der bretagniſche Edelmann begriff ſogleich, was man von ihm begehrte, und indem er eine Woge, die ſein Fahrzeug zur Höhe des Schiffes erhob, benützte, ergriff er ein Tau und ſprang auf's Verdeck. Der Capitän richtete in lebhafter Weiſe einige ſpaniſche Worte an ihn, die er nicht verſtand, als ein ſchwarz gekleideter Mann mit grauem Bart und ſtolzer, hochmüthiger Miene ſich ihm näherte, und ihm ruhig und in franzöſiſcher Sprache ſagte: — Der Capitän bittet Euch, mein Herr, vor Allem meine Tochter zu retten, und dann, ſobald Ihr das Land erreicht habt, uns Hilfe zu ſenden. Jede Seeunde hatte den Werth einer Stunde. Morvan fühlte, daß er ſeine Rückkehr auf's Spiel ſetzte, wenn er ſich in Erklärungen einließ, und antwortete dem ſchwarz gekleideten Manne ſchnell: — Helft mir alſo, mein Herr, Eure Tochter zu retten. — Somit umfaßte er die Taille der jungen Dame mit ſeinem linken Arm, umklammerte mit der rechten Hand das Tau und wartete, bis eine neue Woge ſein Fahrzeug zur Höhe des Schiffes erhob. — Mein Vater, rief das arme edelmüthige Kind, indem es ſich dem Arme Morvan's zu entziehen verſuchte, ich will mich nur mit Euch retten. Wenn Ihr bleibt, ſo bleibe ich auch. — Ich folge Dir, Nativa, fürchte nichts! antwortete er ihr; aber im Namen Deiner Mutter, widerſetze Dich nicht den Bemühungen dieſes edelmüthigen Fremden. Der Vater des jungen Mädchens ſprach noch, als Morvan den günſtigen Augenblick, der ſich eben darbot, benützend, mit ſeiner koſtbaren Bürde in die Barke ſprang. Die ſchiffbrüchige Mannſchaft vergaß einen Augenblick ihre ſchreckliche Lage, um ſich nur mit der Kühnheit des Ritters, und der Gefahr, in welcher das junge Mädchen ſchwebte, zu beſchäf⸗ tigen. Ein zweifacher Schrei, anfangs des Entſetzens und dann der Freude, wurde von dreißig Menſchen zugleich ausgeſtoßen, als Morvan die Barke erreichte, und dort diejenige ohne Unfall niederlegte, welche von dem ſchwarz gekleideten Herrn Nativa genannt wurde. — Vater! rief das junge Mädchen, indem ſie die Arme gegen ihn ausſtreckte, kommt, kommt, ich beſchwöre Euch! Der Mann mit der ſtolzen Miene und dem grauen Haar that, was eben Morvan gethan hatte; er klammerte ſich außer⸗ halb des Schiffes an ein Tau, und ſchnellte ſich, als ihm das Fahrzeug nahe genug zum Sprunge war, ab. Der Roßkamm Mathurin ſtieß, entweder aus Ungeſchick⸗ lichkeit, oder weil ein unſeliger Zufall es wollte, das Fahrzeug ab, indem er das Ruder an die Flanke des Schiffes ſtemmte, und der unglückliche Vater der eben Geretteten fiel ins Meer. Ein Schrei des Entſetzens, und Nativa lag ohnmächtig im Boote. . full fol über de ſeinen kamn dahin nicht( ſen un ller G begeh nit de det re ſein ſelten Unbe der le undt duß hatte leblo Aur ſeln fützt nem und des dem mich e et den van mit ihre und häf⸗ ann ßen, nfall ſtiva lrme ar ßer⸗ das — Die wenigen Secunden welche dieſem ſchauderhaften Zu⸗ fall folgten, waren feierlich. Morvan, der im erſten Augenblick über den Entſchluß, den er faſſen ſollte, zu zweifeln ſchien, warf ſeinen Mantel ab, und ſprang, ehe ſein Diener oder der Roß⸗ kamm daran denken konnten, ihn zurückzuhalten, ins Waſſer. — Tauſend Donner, rief Mathurin, indem ihn die bis dahin bewieſene Kaltblütigkeit zum erſten mal verließ, das iſt nicht Edelmuth, das iſt Wahnſinn. Schon legte der Roßkamm, indem er ſich das Unglück, deſ⸗ ſen unwillkührlicher Urheber er ohne Zweifel war, vorwarf, in aller Eile die Kleider ab, um wahrſcheinlich dieſelbe Thorheit zu begehen, die er eben verdammt hatte, als er ſah, wie der Ritter mit der linken Hand den Fremden an den Haaren haltend, mit der rechten ein Seil erfaßte, das vom Schiffe niederhing. — Courage, mein Sohn, rief er ihm zu, indem er ihm ſein Ruder hinreichte, Courage, Ihr ſeid gerettet. In der That hatte der Ritter das dargebotene Ruder mit ſeltener Geiſtesgegenwart erfaßt, und bald befand er ſich mit dem Unbekannten, der ihm nun das Leben verdankte, im Boot; doch der letztere hatte das Bewußtſein verloren. Dieſe Scene hatte kaum fünf Minuten gedauert. — Friſch auf, rief der Roßkamm, rudern wir mit aller Macht, und trachten wir ans Ufer zu kommen, ehe der Sturm losbricht. Alle dieſe Ereigniſſe waren ſo ſchnell aufeinander gefolgt, daß Morvan noch nicht einmal das Geſicht Nativa's geſehen hatte; als er aber ſpäter bei größerer Ruhe das Mädchen, das leblos zu ſeinen Füßen lag, betrachtete, entſchlüpfte ihm ein Ausruf der Bewunderung und des Erſtaunens. Bei dieſem Ausruf zuckte der Roßkamm Mathurin die Ach⸗ ſeln mit dem Ausdruck der Verachtung und des Zornes, und ſtützte ſich auf ſein Ruder mit ſolcher Gewalt, daß es ſich bog. II. Nativa war zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte be⸗ ginnt, ſiebzehn Jahre alt. Unter der heißen Sonne der Tropen geboren, und daher äußerſt frühreif, befand ſie ſich, der Kind⸗ heit kaum entwachſen, doch ſchon im vollen Glanze der ent⸗ wickelten Schönheit. Niemals hatte Morvan, ſelbſt in den unſinnigſten Träu⸗ men ſeiner Einſamkeit ein Bild geſehen, das der anbetungs⸗ würdigen Vollkommenheit Nativa's gleichkam. Kaum war ſein Blick über die zaubervollen Linien ihrer Geſtalt geglitten, als er wie von einer wunderſamen Offenbarung ergriffen war; er hatte einen neuen Geſichtskreis gefunden, er begriff, daß ſeine rauhe neblige Bretagne nur ein verlorner Punkt in der großen Welt ſei, brennende Reue fühlte er, als er der ſchönen Jahre gedachte, die er an der Küſte von Penmark zwiſchen öden Felſen zugebracht hatte. Das ereoliſche Weib iſt durch die Erzählungen der euro⸗ päiſchen Romanſchriftſteller beinahe immer entſtellt worden; wir bitten daher den Leſer um Erlaubniß ihm dieſelbe darzu⸗ ſtellen wie ſie iſt, mit ihren Fehlern und ihren Vorzügen. Die Creolin iſt nicht, wie leichtgläubige Schriftſteller auf den Glauben der Reiſenden, die niemals gereiſt ſind, nach⸗ erzählen, eine nach Schande begierige Meſſaline, eine ver⸗ langende Geliebte, welche die ſchwindende Liebe des Freundes mit der Dolchſpitze aufſtachelt, eine grauſame Kokette, welche die Leiden ihrer Opfer verſpottet; nichts von dem Allen. Die wahrhafte Creolin iſt vorherrſchend gut und mitleidig; leicht⸗ gläubig und naiv wie ein Kind, verwirrt ſie die tiefblickendſten Seelenforſcher durch die Einfachheit und Reinheit ihres Charak⸗ ters, die jene nicht begreifen und daher auf dramatiſche Weiſe klär inm ihret Stlo ſie k überl das räu⸗ ngs⸗ ſein „als ſeine roßen ahre elſen euro⸗ den; arſ⸗ r uf nach⸗ ver⸗ undes velche Die leicht⸗ ndſten onk⸗ erklären zu müſſen glauben. Mit einer Treue, die gegen ihr anmutiges Sichgehnlaſſen abſticht, macht die Creolin aus ihrer Liebe ihre Religion; mit der Selbſtverläugnung der Sklavin verbindet ſie die verſtändige Hingebung des Weibes; ſie kann einen Thoren lieben, ohne zu merken, daß ſie ihm überlegen iſt, und eine einzige ſüße Täuſchung genügt ihr für das ganze Leben. Nun— ſo erkläre ich mir den Irrthum der Reiſenden, die wirklich Reiſen gemacht haben— ſtelle man ſich eine Creo⸗ lin vor, die am Beginn ihres Lebens unwürdiger Weiſe ge⸗ täuſcht worden iſt: ſie hört auf, ein Weib zu ſein, ſie wird eine Tigerin an Wuth, einmal aus ihrem ſanften, ſorgloſen Weſen herausgeriſſen, unterſcheidet ſie nicht mehr zwiſchen Gut und Böſe; ſie muß ſich rächen und ſollte darüber die Welt zu Grunde gehen, dann geht ſie auf ihr Ziel los, grade aus, Alles, Fa⸗ milie, Religion, Dankbarkeit, Tugend mit Füßen tretend, wenn es ſie auf ihrem Wege hindert. Aber, wie geſagt, eine ſolche Creolin bildet eine Ausnahme, und es wäre ſehr Unrecht, in ihr die echte Ereolin zu ſehen. Doch kehren wir zu Nativa zurück. Die Flechten ihres ſchwarzen, feinen, ſehr glänzenden und dichten Haares hingen herab und bildeten um ihr Geſicht einen vollkommen ovalen Rahmen; man kann ſich nichts denken, was ſo verſtändig, ſo ſanft und ſo energiſch zugleich wäre, wie der Blick dieſer Augen mit ihrem dunkeln ſammtartigen Blau; ihre Naſe war tadellos geſtaltet, und hatte keine jener feinen Kanten, welche oft die hübſcheſten Geſichter entſtellen und ihnen den Ausduck von Entſchloſſenheit und Härte geben, die mit der weiblichen Schüchternheit und Schwäche, dieſen beiden unwider⸗ ſtehlichen Grazien, in Widerſpruch ſtehen. Ihr Mund war der eines Kindes; nur hatten ihre Lip⸗ pen ein ſo lebhaftes Roth und ſo ſchwellende tadelloſe Formen, wie ſie der Kindheit nicht eigen ſind. — In dem Augenblick jedoch, in welchem Moru Nativa zuerſt ſah, war das junge Mädchen nicht ſo, wie wir ſie eben gezeichnet haben: die heftige Gemüthsbewegung, welche ſie zu erleiden hatte, als ſie ihren Vater in's Meer ſtürzen ſah, bannte die Bläſſe und Unbeweglichkeit des Todes auf ihr anbetungs⸗ würdiges Geſicht. Uebrigens war ihre Schönheit dadurch nicht verſchwunden, ſie war nur verändert; ſtatt einer ſiegreichen war ſie eine rührende geworden. Der erſte Gedanke des bretagniſchen Edelmannes war, das Steuerruder zu verlaſſen und dem jungen Mädchen zu Hilfe zu eilen; ohne eine wüthende Woge, die eine heilſame Mah⸗ nung, ihn an ſeine jetzige Pflicht erinnerte, hätte er vielleicht dieſe Thorheit begangen, die in ihrer kritiſchen Lage ihr Unter⸗ gang hätte werden können. — Tauſend Donner! rief der Roßkamm Mathurin, dem Morvan's Abſicht ohne Zweifel nicht entgangemwar; tauſend Donner! Herr Ritter, gebt doch Acht, Alles zu ſeiner Zeit! Auf dieſe, wenn auch nicht grobe, doch geſchmackloſe An⸗ rede, erröthete Morvan und ſchwieg. Faſt in demſelben Augenblick kam Nativa wieder zur Be⸗ ſinnung. — Vater, mein guter Vater, ſagte ſie, indem ſie ſich auf dem Boden der Barke aufrecht ſetzte und den Kopf des ſtolzen graubärtigen Mannes in ihren Schooß legte, ich bin es, Eure Tochter Nativa, die Euch ruft.... Warum antwortet Ihr mir nicht?.. Mein Herr, fuhr das arme Kind fort, indem ſie ſich an Morvan in franzöſiſcher Sprache wandte, denn ihrem Vater gegenüber hatte ſie ſich der ſpaniſchen bedient, mein Herr, ich beſchwöre Euch, kommt mir zu Hilfe! O, Eure Dienſte ſollen Euch großmüthig belohnt werden; mein Vater iſt reich, ſehr reich, er ſieht nicht auf's Geld... — Ne ſol rin zu l Nativa ſie eben e ſie zu bannte etungs⸗ ch nicht en war s war, Hilfe Mh⸗ ielleicht Untet⸗ in, dem tauſend eit! oſe Un⸗ ur Be⸗ ſich uf ſtolzen „Eure hr mir ſi ſich Vater m, ich ſollen ſeht Wei dieſen Worten Nativa's fühlte Morvan, wie er auf's Neue erröthete, er war von einer tollen, zweckloſen Wuth erfüllt. — Setzt Euch der Gefahr aus zu ertrinken, um Euch ſolche Complimente an den Kopf werfen zu laſſen! ſagte Mathu⸗ rin ruhig. Verdammte ſpaniſche Rare, ſprach er leiſer und wie zu ſich ſelbſt, Race ohne Großmuth und ohne Herz, die nichts als die Macht des Goldes erkennt, die weder die Selbſt⸗ verläugnung, noch die Ergebenheit begreift, wann wirſt du von der Erde verſchwinden? — Fräulein, ſprach Morvan, indem er ſich bezwang, um ſeine Bewegung zu verbergen, Ihr verkennet in ſeltſamer Weiſe den Charakter und die Stellung Derjenigen, die in dieſem Augen⸗ blick die Ehre haben, ihr Leben zur Rettung des Eurigen auf's Spiel zu ſetzen. Ich bin ein Edelmann, und dieſe beiden Män⸗ ner, die mich begleiten, ſind mir aus Ergebenheit gefolgt. — Ich bitte Euch um Verzeihung, ſagte das junge Mäd⸗ chen, indem ſie nun ihrerſeits erröthete, ich dachte, an Euern Kleidern zu ſehen— — Ich begreife Euren Irrthum, verſetzte Morvan, indem er ſie unterbrach; in der That, ich unterſcheide mich wahrſchein— lich weder durch Sprache, noch durch mein Benehmen, noch, wie Ihr es eben bemerkt habt, durch meine Kleidung von dem Vaga⸗ bunden, der ſeinen ſchändlichen Müßiggang von einem Pacht⸗ hof zum andern ſchleppt.... Meine Erſcheinung iſt die eines Menſchen, welcher dem Himmel für den guten Fund dankend, das Almoſen begierig hinnehmen muß, das ihm die Barmherzig⸗ keit oder die Laune des Reichen hinwirft!... Ihr ſeht es, Fräu⸗ lein, Ihr braucht Euch nicht zu entſchuldigen!——— Nativa merkte an der Bitterkeit des Tones, mit welcher der junge Mann dieſe Antwort ſprach, wie ſehr ſie ihn verletzt haben mußte; ſie wollte eben ihre Entſchuldigungen mit ver⸗ mehrtem Nachdruck wiederholen, als eine ungeheure Woge an 5* die Barke ſtieß, und dieſe beinahe umſchlug. Der Kopf des Un⸗ bekannten fiel durch dieſen Stoß aus dem Schooß ſeiner Toch⸗ ter und ſchlug mit großer Heftigkeit an die Wand der Barke. Dieſer Stoß weckte ihn aus ſeiner Ohnmacht. Er ſtotterte anfangs einige zuſammenhangloſe Wörter; hierauf erkannte er bald ſeine Tochter, lächelte ihr ſanft zu, brachte ſich von ſelbſt in die Lage, die er vor dem Stoß ein⸗ genommen hatte, zurück, und ſprach mit ſchwacher Stimme: — Ich bin ganz zerbrochen, ich kann nicht weiter—— Ueber das Schickſal ihres Vaters beruhigt, erhob die junge Spanierin ihre großen, ſchönen, blauen Augen zu Mor⸗ van und ſagte zu ihm mit zärtlichem Tone: — Glaubt Ihr, mein Herr, daß Eure Hingebung von Erfolg gekrönt ſein wird? Haben wir noch einige Ausſicht auf Rettung? — Wir werden durch die Fluth unterſtützt, und wenn der Wind noch fortfährt, landwärts zu wehen, ſo werden wir den Strand vor einer halben Stunde erreicht haben. — Welch großen Dank bin ich Euch ſchuldig, ſprach Nativa träumeriſch. — Keinen, mein Fräulein, entgegnete kalt der junge Mann. Nicht weil Ihr in Gefahr wart, bin ich Euch zu Hilfe geeilt, denn ich kannte Euch nicht; ich habe nur der Stimme der Menſchlichkeit und meines Gewiſſens gehorcht. Was ich für Euch gethan habe, hätte ich für Jedermann gethan. — Aber mein Vater, Perr, mein armer Vater, der ohne Euren Heldenmuth nicht mehr wäre! — Mein Fräulein, ich hätte mich auch in's Meer geſtürzt, um einen Matroſen zu retten. Dieſe trockenen und kalten Antworten brachten auf zwei Perſonen, welche ſich in der Barke befanden, einen ſehr ver⸗ ſchiedenen Eindruck hervor: ein Anflug von Traurigkeit gleich jen U des ren kan ner Toch⸗ er Var. WVorter; ſanft zu, Stoß ein⸗ mme: chob die zu Mor⸗ un von ſicht auf nd wenn den wir „ſprach r junge u Hilfe Stimme ich für er ohne eſtürzt⸗ uf zwei hr ver⸗ gleich jenen leichten Wolken, welche im Sommer kaum gebildet, im Azur des Himmels wieder verſchwinden, glitt über das Geſicht des jungen Mädchens; ſie blieb in Gedanken verſunken, wäh⸗ rend ein freudiges zuſtimmendes Lächeln um die Lippen des Roß⸗ kammes ſpielte. Der bretagniſche Edelmann hatte ſich in ſeiner Berech⸗ nung nicht getäuſcht. Kaum waren ſeit der Frage Nativa's zwanzig Minuten verfloſſen, als die Barke nicht mehr als hun⸗ dert Schritte vom Strande entfernt war. Noch einige Secunden und die Füße der Schiffbrüchigen konnten den Boden betreten, als Morvan durch eine heftige Wendung des Steuerruders dem Fahrzeug eine andere Richtung gab. — Habt Ihr denn Luſt eine neue Seefahrt zu beginnen? fragte ihn der Roßkamm Mathurin mit der ſpöttiſchen Kälte, die ihm eigen zu ſein ſchien. — Nein, antwortete der junge Mann, aber ich habe kei⸗ neswegs Luſt erſchlagen zu werden. Seht doch einmal, welcher Empfang uns am Strande bereitet wird. — Wahrhaftig, rief Mathurin, indem er den Blick hin— wandte, ſie ſind doch voll Ausdauer dieſe braven Penmarker! Es iſt wirklich hübſch ſo unſere Rückkunft zehn volle Stunden ab⸗ zuwarten ohne ſich entmuthigen zu laſſen. Wenn dieſe Burſche Geiſt hätten, ſo könnten ſie auf alles Anſpruch machen. Don⸗ nerwetter, welche Verſchwendung von Ruderſtangen und Boots⸗ haken, und alles uns zu Ehren. Man könnte damit zehn Wall⸗ fiſche zerlegen. — Wir ſind verloren, ſagte Nativa, die leicht erblaßte, aber ruhig und ſtolz in ihrer Haltung blieb. — O, fürchtet nichts, Fräulein, rief Morvan; ich habe, Gott ſei Dank, die Vorſicht gebraucht mich mit Waffen zu ver⸗ ſehen, ich verfüge über das Leben von zweien dieſer Elenden, — 5— und ich werde meine Macht benützen. Ein Beiſpiel wird genü⸗ gen, um dieſe Wilden ihre Pflicht zu lehren. Der junge Mann zog ſodann aus dem Innern ſeines Mantels ſeine Piſtolen hervor, die er dort bewahrt hatte, um ſie gegen das Meerwaſſer zu ſchützen, und lud ſie, nachdem er das Zündpulver aufgeſchüttet hatte. In dieſem Augenblick erhob ſich ſchnell ein Mann, der auf einem nicht mehr als fünfzehn Schritte von der Barke ent— fernten Felſen gelegen war, und richtete gegen Morvan den Lauf ſeiner Muskete. — Legallec! rief Alain, indem er auf die Bank ſprang, um ſeinen Herrn mit ſeinem Leib zu decken. Allein ehe der Diener Zeit gewonnen hatte, ſein edel— müthiges Vorhaben auszuführen, war der Schuß gefallen. — Getroffen? fragte Mathurin lakoniſch. Bevor er antwortete, zielte der Ritter mit einer ſeiner Piſtolen nach Legallec, und gab Feuer; der Mörder wankte, und fiel mit herabhängenden Armen, kopfüber in das Meer. — Ja, an der Schulter! antwortete er erſt. dann dem Roßkamm, aber es iſt nichts. Es handelt ſich jetzt nicht um mich, ſondern um die Art und Weiſe, wie wir uns jetzt zube— nehmen haben. — Wenn wir allein wären, ſo würde ich Euch vorſchla⸗ gen unſern Weg fortzuſetzen, ohne daß wir uns um den Zwiſchen— fall, der eben ſtatt hatte, zu kümmern brauchten; aber die Gegenwart dieſes jungen Mädchens und ihres halbtodten Vaters würden unſere Bewegungen hindern, und der Energie, mit der wir uns beim Landen zu benehmen hätten, ſchaden. Wäre es nicht beſſer längs der Küſte hinzufahren, und bei der erſten Hütte, die wir bemerken, zu landen? — Zwei Meilen von hier befindet ſich das Schloß der herr in di Ritt dan gui no D —— geni⸗ ſeines un ſi er das t det fe ent⸗ n den prang, edel⸗ 1. ſeiner vankte, er. n dem ht un 1 be⸗ ſchla⸗ ſchen⸗ er die zaters it der äre es erſten —— Herrn Leguillour von Pennenroſe, ſagte Alain, indem er ſich in das Geſpräch mengte. — Das wäre was für uns! Was meint Ihr dazu, Herr Ritter? Morvan blickte unwillkührlich nach der reizenden Creolin; dann ſprach er ſeufzend: — Sei es ſo, begeben wir uns nach dem Schloſſe Le⸗ guilloux de Pennenroſe; vorausgeſetzt, daß Eure Kräfte Euch noch erlauben zu rudern, fuhr er mit einem fragenden Blick auf Mathurin und Alain fort, denn Ihr ſeid matt vor Anſtrengung. — Vor Kurzem noch hab' ich nicht mehr weiter können, Herr, aber Legallec's Sturz hat mir eine ſolche Freude gemacht, daß ich mich jetzt ſtark fühle, wie ein Löwe, und leicht, wie ein Vogel. — Mich, fügte der Roßkamm hinzu, unterhält es ſo ſehr, die Schifferei zu lernen, daß ich noch bis zum Abend auf offener See bleiben möchte, wenn ich nicht fürchtete, daß Eure Wunde ſchwerer ſei, als Ihr glaubt. Der Ritter ergriff ſodann das Steuer mit der linken Hand, denn er hielt die Rechte im Bruſtlatz, und gab der Barke die Richtung nach dem Schloß von Leguilloux de Pennenroſe. ährend der erſten halben Stunde nach dieſem Rückzug, oder nach dieſer Flucht wurde kein Wort geſprochen: jeder ſchien mit ſeinen Gedanken beſchäftigt. Mehrmals heftete Morvan ſeine Blicke auf das junge Mädchen; jedes Mal begegnete er ihrem Auge, das auf ihm mit einem ſo ernſten gedankenvollen Ausdruck ruhte, daß er den Kopf ſenken mußte. Der junge bretagniſche Edelmann, der in Gefahren ſo unerſchrocken war, war ſchüchtern, verwirrt, und zitterte vor der ſchönen Spanierin; er glaubte lächerlich zu ſein, und hätte zehn Jahre ſeines Lebens darum gegeben, wenn er damals nur auf eine Stunde die Sicherheit eines Höflings von —* Verſailles beſeſſen hätte, oder nur die unverſchämte Albernheit jener Glücksritter, die ihm ehemals in Nantes ſo thöricht er— ſchienen waren, die er aber jetzt gleich Helden bewunderte. Alain war der Erſte, der das Stillſchweigen brach. — Herr Ritter, ſagte er, ich glaube ſo eben, als ich den Kopf zurückwandte, um zu ſehen, ob uns die Burſche von Pen⸗ mark längs des Strandes folgen, in der Richtung, wo Euer Haus ſteht, eine Rauchſäule geſehen zu haben. Der Bretagner wartete eine Weile vergebens, daß ihm der Ritter antworte, dann ſchrie er aus Leibeskräften: — Herr Ritter, die Burſche amüſiren ſich damit Euer Haus anzuzünden! — Deſto beſſer! antwortete Morvan zerſtreut. — Wie! Deſto beſſer! Habt Ihr mich denn nicht ver⸗ ſtanden? Ich ſage Euch, daß man Euer Haus anzündet! — Ich habe Dich vollkommen gut verſtanden, und ich ſage es noch einmal, deſto beſſer! — Wie beliebt? verſetzte Alain, indem er ſeinen Herrn mit einer Miſchung von Staunen und Schrecken anblickte, denn er glaubte, dieſer habe den Verſtand verloren. Aber, Herr Ritter, Euer Haus war ſchön, es war wenigſtens ſechshundert Livres werth. Und nun, wo werden wir jetzt wohnen? — Dieſes RNeſt verdient nicht, daß man ſich darum kümmere, ſagte Morvan, indem er ſeinem Diener antwortete, und dabei Nativa verſtohlen anblickte; es war nicht werth einem Edelmann als Wohnort zu dienen, und ich begreife wahr⸗ lich nicht, wie ich ſo lange habe darin bleiben können. — Es ſchützte den Ritter doch vor Regen und Kälte, murmelte Alain. Und dann ſind ſechshundert Livres in Rauch aufgegangen. Man möchte darüber Ströme von Thränen ver⸗ gießen. — Was das Wiederaufbauen betrifft, ſo denke ich gar * ermheit icht er⸗ . 3 ich den nPen⸗ o Euer aß ihm t Ever ht ver⸗ 1 ind ich Helr e, denn Hert undert darm wortete, werth wahr⸗ Rauch en ver⸗ „ nicht daran, fuhr Morvan fort. Wenn mein Haus wirklich brennt, ſo werde ich es wie eine Mahnung des Himmels betrachten, daß ich dieſes Land verlaſſen ſoll, und ich werde es ohne Murren thun; ich habe ſchon genug lange Zeit in ſchändlicher Unthätig⸗ keit verbracht.... Ein Edelmann iſt kein Leibeigener, der an die Scholle gebunden iſt; ſein Blut gehört dem König und der Ehre ſeines Geſchlechts.... Ich werde mich einſchiffen um gegen die Engländer zu kämpfen. — Mein Gott, Herr, lispelte Nativa, und ſchien bei jedem Wort, das ſie ausſprach, zu ſtocken, mein Gott, wenn Euer Haus in Brand geſteckt wurde, ſo ſind wir, mein Vater und ich, die ein⸗ zige Urſache dieſer Kataſtrophe. Wenn Ihr anſtatt uns zu retten⸗ es vorgezogen hättet, an uns das Strandrecht auszuüben——— — Das heißt, wenn ich ein Mörder und Dieb geweſen wäre. Und dann mein Fräulein? fragte er mit einer Kälte und einem Stolz, die mit ſeiner bisherigen Schüchternheit in ergrei⸗ fendem Gegenſatz ſtanden. Ich bitte Euch, fortzufahren,—— Ihr ſchweigt? Warum dieſe Verlegenheit, dieſe Scham? Es iſt doch ſo leicht einem Menſchen zu ſagen:„Ihr ſeid ein Bettler, ein armer Teufel; ich will Euch mit einigen Handvoll Dukaten belohnen für die Ergebenheit, die Ihr uns bewieſen, und für den Verluſt, den Ihr dafür erlitten habt. Da, mein Freund, nehmt; mög' es Euch wol ergehn, und vergeßt nicht Gott zu danken für Euer Glück. Wir ſind wenigſtens quitt; wir ken⸗ nen uns nicht mehr!“ Ich wiederhole es Euch, es iſt ſo leicht mit einem armen Teufel ſo zu ſprechen, daß ich wahrhaftig nicht begreife, warum Ihr nicht ſo zu mir redet. Morvan war durch den Gedanken ſeiner beſchimpften Ehre in Eifer gerathen; nachdem er geſprochen hatte, warf er ſeine ſchwarzen Haare, die ihm der Wind in die Augen geweht hatte, in wahrhaft ſtolzer und ein wenig wilder Weiſe zurück, und Na⸗ tiva konnte ſich nicht enthalten ihn mit jener naiven Dreiſtheit, — 58— welche den ſpaniſchen Frauen eigen iſt, anzublicken und ſeine männliche Schönheit zu bewundern. — Das heiße ich in der That recht geſprochen, rief Ma⸗ thurin mit ſtrahlendem Geſicht. Es iſt nur Schade, daß dieſe Worte an ein Weib gerichtet ſind. Wären ſie an einen Hidalgo gerichtet, ſo würden zwei Degen aus der Scheide gezogen wer⸗ den, und Spanien hätte, ich bin deſſen gewiß, Herr Ritter, um einen Kämpfer weniger gezählt, und das würde mich freuen. Dieſe ſeltſame, im Munde des Roßkammes unerklärliche Betrachtung, rief Morvan wieder zur Beſinnung; er fühlte ein lebhaftes Bedauern, daß er ſich einem jungen Mädchen gegen⸗ über vom Zorn ſo ſehr hatte hinreißen laſſen, und indem er ſich mit dem Steuer ſehr ſtark zu beſchäftigen ſchien, wandte er den Kopf weg, und ſchwieg. Eine Stunde darauf hielt die Barke am Strande vor dem Schloſſe Leguilloux de Pennenroſe ſtill, und die Schiffbrüchigen konnten ohne Unfall ausſteigen. — Ich fühle mich glücklich, ſagte Morvan zu Nativa gewen⸗ et, daß der Zufall mir es nicht erlaubt hat, Euch Gaſtfreund⸗ ſchaft anzubieten; unter meinem elenden Dache wärt Ihr auf Entbehrungen und Jammer geſtoßen, während Ihr in dieſem Schloſſe eine prachtvolle Unterkunft, wol unterrichtete Diener zu Eurer Bedienung, und reiche und galante junge Herrn fin⸗ den werdet, die bereit ſind den geringſten Eurer Wünſche mit blindem Gehorſam zu erfüllen. — Was ich aber ſicherlich nirgends finden werde, antwor⸗ tete Nativa, das ſind, mein Herr, ein Adel der Geſinnung, und ein Muth, wie der Eure. Aber wie, fügte ſie mit Haſt hinzu, als ſie ſah, daß Morvan ſich nach leichter Begrüßung gegen die Barke wandte, begleitet Ihr uns denn nicht? — Nein, mein Fräulein, antwortete er erblaſſend und mit dumpfer Stimme, ich habe nicht die Ehre die Herrn von Pen hleit nit wie die iſt ſeit ha Pi nun ſch eſt M ſeine Ma⸗ dieſe dalgo wer⸗ üitter, reuen. rliche te ein gehen⸗ er ſich rden rdem chigen wen⸗ reund⸗ hr auf dieſem iener nſin⸗ e mit itwol⸗ und hinzu n die d und von 5— Pennenroſe perſönlich zu kennen.. ich wünſche ihnen frend zu bleiben... und—— — Jeſus Maria, was fehlt Euch? rief Nativa, indem ſie mit einer haſtigen Bewegung zu dem jungen Manne hinſtürzte, wie um ihn zu halten. — Nichts. mein Fräulein, ich danke Euch... Es iſt die Kugel in der Schulter.... und der Blutverluſt... Das iſt nichts.. — Ihr ſeid ſchwer verwundet, unterbrach ihn Nativa. Und ſeit den zwei Stunden, ſeit welchen die Kugel Euch getroffen hat, habt Ihr den Muth gehabt, unempfindlich auf Eurem Poſten zu bleiben, ohne Euch zu beklagen, ohne Eure Leiden nur im Geringſten zu verrathen. Ach, Herr, wenn alle franzöſi⸗ ſchen Edelleute Euch gleichen, ſo iſt der franzöſiſche Adel der erſte in der Welt. Morvan wollte antworten, allein Schmerz und Er—⸗ mattung übermannten ihn, und wenn Alain nicht zu ihm hin⸗ geſtürzt und ihn in ſeinen Armen aufgefangen hätte, ſo wäre er umgeſunken. Der Diener legte ihn ſanft auf den Sand des Strandes nieder. — Trage Sorge für Deinen Herrn, während ich auf's Schloß gehe, um Hilfe zu ſuchen, ſagte Mathurin zu Alain, aber letzterer ſtieß, wie von einer plötzlichen Idee ergriffen, ei⸗ nen Schrei aus und hielt den Roßkamm am Arme zurück. — Könntet Ihr mir nicht früher ſagen, fragte er ihn, wer Ihr ſeid? Wer verſichert mich, daß Ihr Euch nicht aus dem Staube machen wollt, und daß ich Euch wieder ſehe, wenn ich Euch fortgehen laſſe? Euer Benehmen ſcheint mir nicht frei zu ſein, nichts beweiſt mir, daß Ihr nicht ein Helfershelfer Le⸗ gallec's ſeid!... Ich weiß wohl, daß Ihr unſere Gefahren thei⸗ len wolltet, aber vielleicht nur, um Euer Spiel zu verbergen; warum ſeid Ihr, nachdem Ihr mir zwei Thaler gegeben hattet, * — um mich über den Herrn Ritter auszufragen, dann gekommen, um bei ihm Herberge zu begehren? Was wollt Ihr von ihm, von meinem Herrn? — Ihm meine Dienſte anbieten, ich will ihm nämlich ein Pferd verkaufen. — Laßt mich in Ruhe; glaubt Ihr, ich ſei ein vollſtän⸗ dig dummes Vieh, weil ich keine Erziehung genoſſen habe? ich nehme es für baare Münze, daß Ihr ein Roßkamm ſeid? Ihr, ein Roßkamm, das iſt doch gar zu närriſch! Im ganzen Breſter Hafen gibt es keinen Schiffer, der es mit Euch im Rudern auf⸗ nehmen könnte; noch nie habe ich das Ruder ſo handhaben ge⸗ ſehen, wie von Euch!.. Und Ihr wollt mir glauben machen, daß Ihr ein Roßhäudlir ſeid! Poſſenſpieler, wer ſeid Ihr? — Ich habe ein wenig Eile in dieſem Augenblick, ſprach Mathurin lächelnd, faßte den Diener um den Leib, hob ihn in die Höhe ſo leicht wie ein Kind, und ſchleuderte ihn fünf Schritte weit von ſich in den Sand. Während Alain ſich, mehr erſtaunt als durch den Fall erſchüttert, langſam erhob, eilte Mathurin mit ſchnellen Schrit⸗ ten fort. Ich bedürfte eher eines Pinſels als der Feder, um den Ausdruck von Haß zu zeichnen, der in Mathurin's Mienen ſicht⸗ bar ward, als er vor dem im Sande liegenden Grafen vor⸗ überging. — Welch unerhörtes Begegniß, murmelte er, indem er die Fäuſte ballte und ſich die Lippen blutig biß. Und Louis hat ihn gerettet! Ah, Sandoval, Graf von Monterey, da Dich das Schickſal mir wieder in den Wurf gebracht hat, nimm Dich in Acht! —— in ten lou im mmen, nihm, ich ein lſtin⸗ ich Ihr, Breſter nauf⸗ en ge⸗ nachen, hr? ſprach ihn in chritte en Fall Schrit⸗ m den n ſicht⸗ en vor⸗ dem er lis hat ſch das Dich IW. In einem großen, reich möblirten gothiſchen Zimmer lag in einem Himmelbett ein blaſſer, junger Mann mit abgemager⸗ tem Geſichte: es war Morvan, der nach dem Schloſſe Legouil⸗ loux de Pennenroſe gebracht, hier ſeit bereits vierzehn Tagen im Fieber und Delirium lag. Der Ritter war ſehr ſchwer verwundet; er mußte eine außerordentliche Willenskraft beſitzen, da er damals, als er ver— wundet wurde, es über ſich vermochte, ſein Boot noch zwei Stunden zu lenken, ohne ſeinen Schmerz zu verrathen. Sobald er aber ſeine Pflicht erfül und Nativa in Sicher⸗ heit gebracht hatte, ging eine heftige Reaction in ihm vor, und er fiel, wie wir es im letzten Kapitel geſehen, beſinnungslos zur Erde. Er wurde, ſo wie auch der Vater Ncktiva's, von den Dienern der Herrn Legouilloux von Pennenroſe in's Schloß ge⸗ bracht, und hatte ſeit vierzehn Tagen die Beſinnung nicht wie⸗ dererlangt: ſeiner dem Scheintod ähnlichen Lage hatte er es zu verdankfen, daß er nicht ſtarb, als der Chirurg ihm die tief in der Schulter ſteckende Kugel herauszog. Am Morgen des Tages, von dem an wir unſere Erzäh⸗ lung wieder aufnehmen, hatte der Doetor eben zum erſten Mal erklärt, daß der Zuſtand Morvan's ein befriedigender ſei, und daß er für deſſen vollſtändige Herſtellung mit ſeinem Leben einſtehe. Alain ſtand vor dem Bette ſeines Herrn und ſpähte mit einer zärtlichen Sorgfalt, die ſeiner etwas wilden Natur wider⸗ ſprach, nach dem Schlafe des Kranken. — Wenn ſich der Frater getäuſcht hat, ſo werde ich ihm, er mag deſſen gewiß ſein, für die falſche Freude die er mir ge— macht hat, den Rücken mit meinem Penbas kitzeln... ja, aber das würde die Lage meines Herrn nicht verbeſſern!... Welches Un⸗ *6 glück, daß Herr von Morvan, indem er Legallec erſchlug, mir jede Gelegenheit nahm, mich an dieſem Elenden zu rächen.. Es hätte mir ſo viel Freude gemacht, auf ihm herumzutreten. Ah, der Herr Ritter ſpricht.... Herr, ich bin es, Alain, Euer Diener!... Er erkennt mich nicht... Er ruft ſchon wieder Na⸗ tiva!... Muß man erſt verrückt werden, um ſich mit ſo einer Fliege von einem Mädchen zu beſchäftigen, das nicht einmal hundert Pfund wiegt, und das man in der Hand zerbrechen könnte!... Es wird ihn weidlich lachen machen, meinen Herrn, wenn ich ihm ſpäter erzählen werde, daß er ſich während ſeiner ganzen Krankheit mit dieſer kleinen blaſſen Figur beſchäftigt hat... Er wird mir's gar nicht glauben wollen.... Was das für eine drollige Sache iſt, das Delirium! man möchte glauben, er ſei behert. Alain hatte, während er dieſes Alles ſprach, das Bett ſeines Herrn verlaſſen, und ging mit ungleichen Schritten in dem großen Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er ſtehn und ſchlug ſich mit der Fauſt auf die Stirn, daß ein Ochs davon betäubt worden wäre. — Vieh, das ich bin! Warum habe ich nicht früher daran 2 gedacht! Mörder, Canaille, ja, hundert Mal ja, meine Schuld, meine Dummheit iſt es, daß mein Herr noch nicht hergeſtellt iſt! Ich war ganz von Sinnen; es wäre ja ſo leicht geweſen, dop⸗ pelte Wachslichter für ſeine Herſtellung zu opfern. Meine gute, heilige Jungfrau von Auray hätte ihn ſchon längſt aus der Patſche gezogen!... Vergib mir, heilige Jungfrau von Auray, fuhr der Bretagner nach kurzem Stillſchweigen fort, wenn ich ſeit vierzehn Tagen vergeſſen habe, zu Dir zu beten; ich dachte nicht, daß ich Dich brauche, aber ſei ohne Sorgen. Ich werde mich, und das gleich heute, meiner Schuld gegen Dich entledi⸗ gen.... Ich bin Dir ſchon nicht wenig ſchuldig dafür, daß Du uns bei unſerer letzten Seefahrt nicht untergehen ließeſt! Ich — we tio me un g, mir he. utreten. Euer der Na⸗ o einer einmal brechen Herrn, d ſeiner ſchäftigt Bas dus lauben, as Bett itten in ehn und 8 davon er daran Schuld, ſtelt ſt n, dop⸗ ne gute⸗ aus der Aurah⸗ enn ich dachte hwerde entledi⸗ dß Du werde Alles zuſammen abzahlen: das muß eine ganze Illumina⸗ tion werden! Du wirſt ſehr zufrieden ſein.... Alain, der begierig war, in der Ausführung ſeines from⸗ men Vorhabens keine Minute zu verlieren, nahm ſeinen Penbas und ſeinen breiten Filzhut, die beide in einem Winkel am Bo⸗ den lagen, und ging nach der Thür; aber in dem Augenblick als er hinausgehen wollte, hielt ihn ein neuer Gedanke zurück. — Es iſt unmöglich, murmelte er, daß ich meinen Herrn ſo ganz allein laſſe. Was würde er denken, wenn er, wie der Doktor prophezeit, heute wieder zu ſich käme und mich nicht bei ſich fände!... Daß ich ihn niederträchtiger Weiſe verlaſſen habe, und er wäre im Stande mir vierzehn Tage Lohn zurückzuhal⸗ ten. Ach, Du heilige Jungfrau von Auray, Du kannſt auf unſern Handel rechnen, wie wenn er ſchon abgemacht wäre. Heile den Herrn Ritter. Und was ſchadet's Dir, wenn ich etwa mein Wort nicht halten würde, den Herrn Ritter auf die Beine gebracht zu haben! Du riskirſt nichts, denn wenn ich mein Wort nicht halte, ſo kannſt Du ihn ja wieder krank machen! Der Bretagner, überzeugt, daß ſeine Schutzpatronin den ſo vortheilhaften Handel gar nicht ausſchlagen könne, wollte eben wieder zum Bette ſeines Herrn zurückkehren, als die Thüre. des Schlafgemachs ſich öffnete und Nativa eintrat. Das junge Mädchen, nach ſpaniſcher Sitte ſchwarz geklei— det, war nicht mehr diejenige, wie wir ſie dem Leſer bereits vorgeſtellt haben, ſie hatte ihre gebieteriſche Schönheit wieder erlangt. Man kann ſich nichts Ernſteres und dennoch zugleich Anmuthigeres denken als ihren Gang, nichts ſo ruhig und tief zugleich, als ihren Blick, nichts ſo ſüß und bezaubernd, wie das ſeltene und flüchtige Lächeln, das zuweilen ihre roſigen Lip⸗ pen erſchloß. Ihr blaſſer Teint, der aber keineswegs der krankhaften Geſichtsfarbe glich, wie ſie in großen Städten vorherrſchend iſt, 3 — 6 hatte ſeinen verführeriſchen Glanz wieder erlangt. Ein Dichter von Genie und Gewiſſenhaftigkeit hätte beim Anblick dieſes jun⸗ gen Mädchens geſtehen müſſen, wie unzulänglich die Kunſt ſei. Alain war kein Poet, nur ein Bretagner, darum begriff er, als er Nativa erſcheinen ſah, nur eines, nämlich: daß ſie ihn am Krankenbette ſeines Herrn erſetzen, und es ihm möglich machen könnte, nach der Kirche ſeiner Schutzpatronin zu eilen. Er ging ihr lebhaft entgegen und zupfte ſich, da er den Hut eben nicht aufhatte, zur Begrüßung an einem Büſchel Haare: — Fräulein, ſprach er ohne Umſchweife, pflegt den Herrn Ritter während meiner Abweſenheit; wenner aufzuſtehen wünſcht und von Euch ſein Sms begehrt, ſo findet Ihr es dort auf jenem Armſeſſel; der Trank ſteht auf dem Tiſch... Wenn mein Herr Euch fragt, v ich ſei, ſo vergeßt nicht, ihm nach der Wahrheit zu ſagen, daß ich ihn während ſeiner ganzen Krank⸗ heit nicht verlaſſen habe, und daß ich auch jetzt für ihn aus bin. Da er fürchtete Nativa könnte ihm ſeine Bitte abſchlagen, ſo ſtürzte der Bretagner, nachdem er ſeine Worte angebracht hatte, fort aus dem Zimmer. Die Entfernung des Dieners und dieſes gezwungene und unvorhergeſehene Alleinſein mit dem kranken Ritter ſchienen Nativa gar nicht zu befremden; ſie ging langſam vorwärts zu dem Bette desſelben, und nachdem ſie auf einem Stuhl Platz genommen hatte, begann ſie das blaſſe Geſicht des Verwundeten mit ſeltener Aufmerkſamkeit zu betrachten. Es iſt ſeltſam, während der ganzen Zeit dieſer Prüfung drückten Nativa's Mienen keines jener Gefühle aus, das man von ihr hätte erwarten können, weder Mitleid noch Dankbarkeit. Sie zog vielmehr wiederholt ihre Augenbrauen zuſammen, ohne jedoch auf ihrer elfenbeinglatten Stirn eine Falte hervor⸗ zubringen, und ein Blitz leuchtete aus ihren Augen. Eine halbe Stunde war ſeit Alains Flucht verfloſſen, Dichter es jun⸗ nſt ſei. begrif daß ſie nöglich teilen. er den Haare: Hemn wünſcht ort auf nmein ach der Krank⸗ us bin. hlagen, ghracht ne und ſchienen ärts zu Platz undeten zrüfung s man barkeit. ammen, hewol⸗ rfloſſ en, —— als Morvan ſeine Arme ausſtreckte, einige unverſtändliche Worte ſtammelte und die Augen öffnete; die Profezeiung des Arztes war eingetroffen. Der erſte Gegenſtand, welcher dem Kranken in die Augen fiel, war Nativa. — Immer dasſelbe Bild, murmelte er ohne eine Spur des Erſtaunens zu zeigen, immer nur ſie!— So entdeckte er dem jungen Mädchen ſelbſt, wie ſehr ihre Erſcheinung ihm in ſeinem Fieberwahnſinn eine alltägliche geworden ſei. Dieſes erſte Mal ſchien Nativa einem Gefühl von Mit⸗ leid nachzugeben. — Armer junger Mann, ſagte ſie. Nach kurzem Stillſchweigen ſprach ſie mit lauterer Stimme: — Nun, Herr Ritter, fühlt Ihr Euch heute ſchon ganz wohl? Bei dieſer Frage ſtrömte dem Kranken vor Freude das Blut in die Wangen. — Erkennt Ihr mich denn nicht? fuhr Nativa fort; muß ich Euch daran erinnern, daß ich Eurem Muth und Eurer Ergebenheit das Leben zu verdanken habe?. Morvan wollte antworten, allein er war ſo bewegt, daß er eine Weile ſeine Kräfte ſammeln mußte, um zu ſtammeln: — O, Fräulein, ich beſchwöre Euch, verlaßt mich noch nicht. Die Spanierin ſchien die Verwirrung des armen Ver⸗ wundeten gar nicht zu bemerken; ſie erhob ſich, bereitete einen vom Arzt vorgeſchriebenen beruhigenden Trank, und reichte die Labung dem Ritter: — Eure Schwäche iſt noch zu groß, Herr Ritter, ich fürchte das Sprechen könnte Euch zu ſehr ermüden. — Ihr täuſcht Euch, rief der junge Mann ſie lebhaft 6. — 66— unterbrechend, ich habe mich nie kräftiger gefühlt, als in dieſem Augenblick. Und ich habe Euch ſo viel zu ſagen! — Mir? fragte Nativa mehr mit Kälte, als erſtaunt. So ſprecht. — Ich wünſche zu wiſſen, fuhr der Kranke mit bewegter Stimme fort, ob Euer Vater nicht mehr in Gefahr iſt, ob die Mannſchaft des verunglückten Schiffes ſich gerettet hat,— und ob Ihr, ſetzte er ſtotternd hinzu, die Blicke und Huldigungen der jungen Herren von Pennenroſe auf Euch gezogen habt? — Mein Vater iſt bis auf eine große Schwäche, die ihm jener Stoß verurſacht hat, vollkommen hergeſtellt; unſere unglückliche Mannſchaft, deren Boote beim Schiffbruch zer⸗ ſchmettert worden ſind, wurde von den Penmarkern erbarmungs⸗ los niedergemetzelt. Was die Herren des Schloſſes betrifft, ſo würde es mir ſchwer werden über ſie ein Urtheil abzugeben, denn ich habe ſie kaum geſehen. Dieſe letzten Worte ſchienen dem Ritter eine lebhafte Freude zu verurſachen; er ſeufzte auf, als ob ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre. Er wollte eben wieder ſprechen, als Nativa den Finger auf ihren anbetungswürdigen kleinen Mund legte; lächelnd und mit gebieteriſcher Miene ſprach ſie: — Wenn Ihr darauf beſteht, Herr Ritter, Eure Ge⸗ neſung ſelbſt zu verzögern, ſo ſage ich Euch, daß ich an Eurer Unklugheit keine Mitſchuld tragen will, und Euch allein laſſe. — O geht nicht von hier weg, ich beſchwöre Euch darum, rief der junge Mann mit wahrhaftem Schrecken. — So ſchlaft, ſprach Nativa mit gebietender Sanftmuth. Morvan gehorchte wie ein Kind, und ſchloß die Augen; aber es war an ſeinem unregelmäßigeh Athmen leicht zu merken, daß er nur ſcheinbar nachgab, und daß der Ritter niemals mehr wach geweſen als in dieſem Angenblick. dieſem ſtaunt. ewegter ob die — und gungen bt? he, die unſere e e nungs⸗ ifft, ſo ugeben, ebhofte n Stein Finget nd und ure Ge⸗ nEurer in laſſe⸗ ſmuth⸗ Augen; nerken, s nehr —— So verging beinahe eine Stunde; aber plötzlich erhob ſich Morvan im Bette, und ſprach zu Nativa: — Fräulein, ich glaube ein Geräuſch zu hören, daß ſich dieſem Gemache nähert!... Vielleicht würdet Ihr es ungern ſehen, daß man Euch hier begegne? — Warum das, mein Herr? fragte ſie ihn mit hoch⸗ müthigem faſt hartem Ton. Glaubt Ihr etwa, daß Nativa de Sandoval durch ihr Mitleid compromittirt werden könnte? — O Fräulein, murmelte Morvan ſchmerzhaft und ließ den Kopf auf ſein Kiſſen zurückſinken, Ihr ſeid für einen armen ermüdeten und leidenden Geiſt ſehr grauſam. Der Ritter ſprach noch, als Alain ins Zimmer trat; beim Anblick ſeines nun wieder zu ſich gekommenen Herrn zeigte der Bretagner weder Freude noch Staunen; er begnügte ſich damit Nativa zu ſagen: — Ich hoffe, mein Fräulein, daß ſich der Herr Ritter über Euch nicht zu beklagen hat, und daß Ihr ihn gewiſſenhaft gepflegt habt. — Ich habe mein Beſtes gethan, antwortete ſie lächelnd. — Das iſt wol das Geringſte, was Ihr ihm ſchuldig ſeid; aber ſagt mir, da Ihr doch den Ritter nicht verlaſſen habt, wann ungefähr iſt er wieder zu ſich gekommen? — Gleich nach Eurem Fortgehn.. — Das iſt ſonderbar, rief Alain mit einem Tone des Bedauerns; ich ſehe, daß ich mich zu ſehr beeilt habe, ich hätte mit den Wachskerzen ein wenig ſparen können. Nach kurzer Ueberlegung fügte er hinzu: aber er hätte wieder krank werden können! Und dann habe ich ja das Opfer mit dem Worte eines ehrlichen Mannes verſprochen; ich hoffe nun, heilige Jungfrau von Auray, daß Du meine Ehrlichkeit erkennſt, und daß Du, wenn ich Dich ein anderes Mal um etwas bitte, mir Credit ſchenken werdeſt. — Nativa, die Alains Betragen ſehr zu unterhalten ſchien, fand ſich genöthigt dem Ritter, den die Unmanierlichkeit ſeines Dieners entrüſtete, durch einen Blick Schweigen zu gebieten. — Auf Wiederſehen, Herr Ritter, ſagte ſie dann zu ihm, und zankt Euren Diener, der Euch ſehr anhänglich zu ſein ſcheint, nicht aus; ich nehme ihn unter meinen Schutz. Ich werde morgen wieder kommen um zu ſehen, wie Ihr Euch be⸗ findet. Noch einmal, auf Wiederſehen! Der dankbare Blick, mit welchem Morvan auf dieſe Worte entgegnete, drückte mehr aus als eine lange Rede; dieſe ſtumme Beredtſamkeit des Herzens konnte dem Scharfblick Nativa's nicht entgehen. — Wie, ſie nimmt mich unter ihren Schutz, dieſe Fremde! rief Alain, nachdem die ſchöne Spanierin fort war. — Schweige! — Bei Gott, Herr, wenn Ihr wieder ſo zornig ſein könnt, ſo iſt das ein gutes Zeichen; Ihr müßt vollkommen her⸗ geſtellt ſein. — Komm näher, Alain, und erzähle mir, was während meiner Krankheit vorgegangen iſt. Seit wann liege ich im Bett? — Seit zwei Wochen, Herr; ich will Euch nicht ſchmei⸗ cheln, aber Ihr müßt ſolid gebaut ſein, da Ihr während dieſer Zeit nicht geſtorben ſeid. Es iſt erſtaunlich, wie nahe Ihr daran war't draufzugehn. Was die Nachrichten betrifft, die Ihr zu hören verlangt, ſo hätte ich Euch vor zwei Stunden noch keine geben können, denn ich habe Euch immer gepflegt, und bin während Eurer ganzen Krankheit von Eurem Bette nicht gewichen; aber jetzt komme ich von Penmark... — Und was ſpricht man dort? — Das weiß ich nicht, aber ſo viel weiß ich, daß man Euer Haus angezündet hat, und daß davon kein Stein mehr über dem andern liegt. ſei we ſchien, t ſeines ielen. zu ihn, zu ſein 6 39 uch be⸗ eVorte ſtumme Rtivo's dieſe Wal. ſig ſein nen her⸗ während nBett! t ſchwei⸗ nd dieſer ghe Ihr ifft, die Stunden geyſegt n Bette daß mal ein mehr Die Beſtätigung dieſes vorhergeſehenen Unglücks ſchien Morvan gar nicht zu berühren. — Und der Roßkamm Mathurin? fuhr er fort ohne über ſeinen Verluſt das geringſte Bedauern auszudrücken. — Ein ſeltſamer Schalk das, man hat von ihm nichts weiter gehört. Wißt Ihr, Herr, was ich glaube? — Nun, was glaubſt du, Alain? — Daß der Mann der Teufel in Perſon geweſen ſei. Je⸗ den Tag erwart' ich, daß ſich die beiden Thaler, die er mir ge⸗ geben hat, in dürre Blätter verwandeln... Wenn Einer ein gu⸗ ter Chriſt iſt, ſo verſchwindet er nicht ſo. — Sein Benehmen iſt in der That ſonderbar. Und ſage mir, fuhr Morvan nach einigem Zaudern fort, hat ſich Fräulein Nativa zuweilen nach meinem Befinden erkundigt? — Freilich hat ſie das! — Aber ſie iſt nie gekommen mich zu beſuchen; nicht wahr? — Inm Gegentheil, es iſt kein Tag vergangen, ohne daß die Kleine wenigſtens zwei Stunden in Eurem Gemach geblie— ben wäre. Dieſes bleiche Ding! Sie hat Euch mit ihren heim⸗ tükiſchen großen Augem oft ſo lange angeblickt, daß ich darüber ungeduldig wurde. Aber mit Reſpect, mein Herr, ſagt mir doch, was wir beginnen werden, jetzt, da man Euer Haus nieder⸗ gebrannt hat? Das macht mich unruhig. — Was wir machen werden, rief Morvan mit einem Aus⸗ bruch der Freude, daß Alain fürchtete ſein Herr ſei wieder in's Delirium verfallen, wir werden reiſen, wir werden uns ſchlagen und reich und mächtig werden, wir werden Millionen beſitzen, verſtehſt Du, und mächtig werden wir ſein, wie die Marſchälle von Frankreich. — Ah, iſt das wahr! Dann werdet Ihr meinen Lohn erhöhen. Aber wie werden wir es anfangen, Herr Ritter, um ſo reich und ſo mächtig zu werden? — — Das weiß ich nicht; aber ich ſchwöre dirs bei meiner Ehre, daß ich dahin gelange, wenn man mir nicht den Kopf zerſchmettert. — Und ich werde Euch folgen, das werde ich immer thun. Der Edelmann ließ von der Anſtrengung ermattet, ſein Haupt bald wieder auf's Kiſſen zurückſinken, und verfiel in einen wohlthätigen Schlaf. Die letzten Worte, die er noch ſprach waren: — Mein Gott, wie ſehr liebe ich ſie, und wie bin ich glücklich! V. Seitdem Nativa und Morvan ſich geſehen hatten, war kaum eine Woche verfloſſen, und dieſe kurze Zeit hatte hinge⸗ reicht den letztern vollſtändig herzuſtellen. Die reizende Spanie⸗ rin kam ihrem Verſprechen getreu jeden Tag um ſich über ſein Befinden zu erkundigen. Nach jedem dieſer Beſuche ſtellte ſich zum Erſtaunen des Arztes bei dem Kranken eine außerordentli⸗ che Beſſerung ein; der Frater, wie Alain ihn nannte, wußte nicht, daß die Freude das ſchätzenswertheſte und mächtigſte Heil⸗ mittel ſei, das die Natur beſitzt. Nun war aber Morvan ſo glücklich, daß ſein Herz unter der Laſt der Freude faſt erlag. Nativa's Erſcheinen war für den jungen Mann, wie be⸗ reits geſagt, die Entdeckung einer neuen Welt; man wird alſo nicht erſtaunen zu erfahren, daß in ihm die Bewunderung ſich bald ohne eine Art von Uebergang in die heftigſte Liebe verwandelte. Mit ſeiner lebhaften Einbildungskraft, die durch ſeine bisherige Einſamkeit nur mehr gereizt worden war, übertrug der junge Edelmann ſeine unbeſtimmten berauſchenden Träume, die Anſprüche ſeiner Leidenſchaft, das ungeſtüme Verlangen ſeines Herzens, das bis dahin ohne Ziel geweſen war, auf Nativa; meiner n Kopf t thun. t, ſein neinen waren: bin ich n, war inge⸗ panie⸗ ber ſein At ſich rdentli⸗ wußte e Heil⸗ van ſo lag. wie be⸗ 1d alſo ich hald ndelte. ſeine rug der ne, die ſeines Nativa; ſein Leben, das ſich ins Leere verloren hatte, fand endlich einen Haltpunkt. Seitdem er Nativa kannte, hatte er kein einziges Mal daran gedacht ſich über den ſonderbaren Charakter der Spanierin Rechenſchaft zu geben; bald lächelte ſie ihm und dann fürchtete er für ſein Glück, denn es ſchien ihm zu groß, bald betrachtete ſie ihn mit hochmüthiger und ſpöttiſcher Miene, und dann gingen ihm verwirrte Ideen von Selbſtmord durch den Kopf. Hätte er ſie nicht mit jener Heftigkeit der erſten Liebe geliebt, die oft an Tollheit grenzt, ſo wäre Morvan über die Wunderlichkeit dieſes Mädchens mehr als einmal erſchrocken; alles in ihr war Widerſpruch, Eigenſinn, Geheimniß. Zuweilen verfiel ſie in Träumereien, die eine ereignißreiche und leidensvolle Vergangenheit vermuthen ließen; plötzlich wich ihre Betrübniß der tollſten Luſtigkeit, die durch nichts begründet ſchien. Und Morvan theilte dieſe Leiden und Freuden, die ihm völlig un⸗ bekannt waren. Eines Morgens als der Ritter nach einer Nacht voll der köſtlichſten Schlafloſigkeit in den Park hinabging, um ſeine aufgeregten Geiſter ein wenig zu beſänftigen, bemerkte er Na⸗ tiva, die mit zur Bruſt geſenktem Haupte in Gedanken vertieft auf einer Bank ſaß. — Ah, ſeid Ihr es, Herr von Morvan, ſagte ſie, nach⸗ dem er ſie ſtillſchweigend lange betrachtet hatte, denn er war nicht ſogleich von ihr bemerkt worden; ich bin dem Zufall recht dankbar, der mir Euch ſendet, ich habe mit Euch zu ſprechen. Der junge Mann hätte gern geantwortet, allein er fühlte ſich ſo bewegt, daß er ſich nur tief verneigte. Sein Herz ſchlug heftig. Das junge Mädchen lud ihn mit einer anmuthigen Be⸗ wegung ihres Kopfes ein, neben ihr Platz zu nehmen; nachdem er ihrer Einladung gefolgt war, fuhr ſie vollkommen ruhigen Tones fort. — Mein Vater hat mir geſtern angekündigt, daß er ſich ſtark genug fühle um weiter zu reiſen: und es iſt wahrſcheinlich daß wir heute oder morgen von hier aufbrechen. Bis jetzt, Herr von Morvan, habe ich aus Furcht unſere kurze Vertrautheit zu trüben, es nicht gewagt vor Euch von meiner Dankbarkeit zu ſprechen; indeß kann und will ich mich nicht von Euch trennen, ohne Euch meinen tiefſten Dank auszudrücken; glaubt mir, Herr Ritter, mein Vater und ich, wir werden Eure edle Aufopferung niemals vergeſſen, und Euer Name wird täglich in unſern Ge⸗ beten einen Platz finden. — Uns trennen! wiederholte Morvan nach einigem Stillſchweigen mit dumpfer Stimme. Das iſt unmöglich, Fräu⸗ lein, was ſoll ich denn ohne Euch beginnen! Die Betrübniß des unglücklichen jungen Mannes war ſo aufrichtig, er war ſo blaß, ſein Leiden ſo ſichtbar, daß Nativa ihm dieſen Schrei ſeines Herzens nicht übel nehmen konnte. — Da Ihr mir einige Dankbarkeit ſchuldig zu ſein glaubt, fuhr Morvan mit von Aufregung erſtickter Stimme fort, ſo hört mich an, ich beſchwöre Euch darum, ohne mich zu unterbrechen, und ohne daß es Euch verdrieße; dieſe Erlaubniß wird mich hun⸗ dertfach für das wenige belohnen, was ich ſo glücklich war für Euch thun zu können. — Morgen reiſe ich, mein Herr; heute geſchehe Euer Wille. Morvan bereute nun ſeine Kühnheit; er hätte zehn Jahre ſeines Lebens darum gegeben um die Erklärung, nach welcher er früher eine ſo glühende Sehnſucht gehabt, aufſchieben zu können; indeß war er ſchon zu weit gegangen, als daß es ihm möglich geweſen wäre zurückzutreten, ohne ſich lächerlich zu machen; er fuhr daher mit vor Zittern faſt unverſtändlicher Stimme fort: — Fürchtet nicht, mein Fräulein, daß meine Kühnheit ſich bis zu unfinnigen Anſprüchen erheben werde. Ihr habt mir mit⸗ getheilt daß Ihr ungeheure Schätze beſitzt, ich weiß daß Euer erſich cheinlich t, Hert theit zu rkeit zu trennen, ir, Herr pferung ern Ge⸗ einigen h, Fräl⸗ war ſo Nativa inte. . glubt, ſo hört brechen⸗ nich hun⸗ war für erVill hn Jhrt velcher er können n nglich ſchen; er efort: hnheit ſich nit nit⸗ duß Euer Name unter den erlauchteſten des hohen Adels von Spanien glänzt, und ich bin nichts als ein armer namenloſer Edelmann ohne Vermögen, ohne Protection, ohne Zukunft. Ihrſeht, daß ich ohne wahnſinnig zu ſein, nicht daran denken kann unſere Ge⸗ ſchicke ſich einander begegnen zu laſſen. Was ich Euch ſagen will, iſt daß ich Euch mit einer ſo achtungsvollen und hingeben⸗ den Freundſchaft liebe, daß ſie an Anbetung grenzt; meine Exiſtenz iſt für immer geſtört, wenn Ihr meine Ergebenheit zurückweiſt; Ihr könnt mich verderben oder erheben! Was ich von Euch bitte, mein Fräulein, iſt daß Ihr mir erlaubet, Euch von Ferne zu folgen, damit ich immer bereit ſein könne Eure Befehle entgegen zu nehmen. Fürchtet nicht, daß Ihr über dieſe Verbin⸗ dung je werdet zu erröthen haben; ich werde Euch niemals ſpre⸗ chen, Euer Name, in der tiefſten Tiefe meines Herzens begraben, ſoll nie über meine Lippen kommen. Ich werde Euer Sklave ſein, Ihr ſollt mir befehlen. Morvan hielt inne, er war zu bewegt, als daß er hätte weiter ſprechen können. Große Thränen floſſen ihm über die Wan⸗ gen. Nativa hatte von ihrer Ruhe, von ihrer Kaltblütigkeit nichts verloren; ſie ſchien nur nachzudenken. — Herr Ritter, ſagte ſie nach einer kurzen Weile, ich glaube an Eure Freundſchaft; aber ich weiſe die Ueberſchwäng⸗ lichkeit derſelben, die ich mit Recht Eurer momentanen Schwäche, der Folge Eurer Krankheit, zuſchreibe, zurück. Abgeſehen von der Uebertriebenheit in Eurer Sprache habe ich an dem, was Ihr mir eben geſagt habt, noch etwas zu tadeln, es iſt die Entfernung, die Ihr wegen der Verſchiedenheit unſerer Glücksgüter zwiſchen mir und Euch aufſtellt; ein Edelmann, mein Herr, undich weiß daß auch Ihr aus einem der vorzüglichſten Häuſer ſtammt, iſt je⸗ dem gleich; er trägt einen Degen und Niemand hat ein Recht ſeinem Muth und ſeinem Zorn ein Hinderniß entgegen zu ſetzen, ſobald er für den Ruhm ſeines Vaterlandes und für die Ehre F. —— ſeines Namens ficht!... Meine Sprache ſcheint vielleicht den Gewohnheiten Eurer Landsleute zu widerſtreiten, fuhr Nativa nach einer kleinen Pauſe und mit verändertem Tone fort; Ihr müßt mir ſie vergeben. Wir Spanierinnen ſind nicht gewohnt alltägliche Huldigungen hinzunehmen; ein ernſtes Wort, das ein Mann von Ehre an uns richtet, nehmen wir ernſt auf, und wir antworten darauf nicht mit unſerem Geiſt, ſondern mit unſerer Ehrlichkeit, mit unſerem Herzen. Nativa's Antwort war ein wenig unbeſtimmt, aber ſie er⸗ füllte Morvan nichts deſto weniger mit großer Freude. Indeß be⸗ ſaß er Charakterſtärke genug um ſein Entzücken nicht zu verra⸗ then. Die Liebe lehrte ihn ſchon die Kunſt der Lebensart. Was die junge Spanierin betrifft, ſo hätte ein Beobach⸗ ter, der außerhalb ihres Einfluſſes geſtanden wäre, an der Starr⸗ heit ihres Blickes, an ihrem offenbar unter der Wucht eines Ge⸗ dankens geſenkten Kopfe, an ihrer ſorgenvollen Stirne, an der Zerſtreutheit mit welcher ſie mit ihrem kleinen Füßchen einen Takt ſchlug an den ſie gar nicht dachte, ſicher errathen können, daß ie ſich mit einem wichtigen Gedanken beſchäftigte. Plötzlich erhob das reizende Kind, deren augenblicklichen Zuſtand der Ritter den Folgen ſeines Geſtändniſſes zuſchrieb, den Kopf in etwas barſcher Weiſe, und fragte ohne Umſchweif: — Herr Ritter, ſeid Ihr abergläubiſch? Dieſe Frage überraſchte den jungen Mann lebhaft, und er antwortete lächelnd: — Ich bin Bretagner, Fräulein; das iſt genug um Euch zu ſagen, daß ich an Alles glaube, was über meinen Verſtand geht. — Ritter, Ihr habt Recht. — Darf ich Euch fragen, mein Fräulein, warum Ir dieſe Frage an mich gerichtet habt? — Gewiß dürft Ihr. Ich überlege eben, daß mein Be⸗ geg Ein kein Vo Ih nir ich cht den Nativa tz Ihr ewohnt das ein ind wir unſerer ſie er⸗ deß be⸗ vetr⸗ 1 eobach⸗ Starr⸗ nes Ge⸗ an der neinen nen duf icklichen ſchweif: lebhaft, ug un meinen um Ihr ein Be⸗ — 75— gegnen mit Euch mir beweiſt, daß Ihr unter einem glücklichen Einfluß geboren ſeid. Betheuert mir nichts, und macht mir keine falſchen Complimente. Ihr mißverſteht den Sinn meiner Worte, fuhr das Mädchen mit einer Art von Feierlichkeit fort; Ihr ſehnt Euch nach Ruhm und Glück? Nun wol, wenn Ihr mir in Ausführung eines edlen und großartigen Projektes, das ich vorhabe, behilflich ſein wollt, und wenn der Erfolg Eure Bemühungen krönt, ſo wird, merkt Euch, daß ich es ſage, in ganz Frankreich kein Menſch ſein, der ſich nicht vor Eurem Reichthum und Eurem Ruhme beugen wird. — Kein Menſch, der ſich nicht vor meinem Reichthum und meiner Macht beugen wird? ſagt Ihr, ſprach der Ritter mit unverholenem Erſtaunen. Ich verſtehe Euch nicht, ich bitte Euch, mir das näher zu erklären. — Ich kann Euch ein Geheimniß, das nicht mein eignes iſt, nicht enthüllen. Ihr habt mir unbedingten Gehorſam zu⸗ geſagt, und Ihr werdet mich ſehr verbinden, wenn Ihr in Be⸗ zug auf dieſe Sache nicht weiter in mich dringen wollt. Und wer weiß, fuhr Nativa nachdenklich fort, ob dieſes Projekt, von dem ich Tag und Nacht träume, nur zum Theil zur Aus⸗ führung kommen wird? Nehmen wir Frauen unſere thörichten Hoffnungen nicht immer für Gewißheit an? Wir geben uns über Hinderniſſe und Unmöglichkeiten keine Rechenſchaft, wir ſind blind. Für den Augenblick iſt das Wichtigſte zu wiſſen, daß Ihr, ſobald ich Euch ſage: geht!— fortgehn werdet ohne zu zaudern, ohne zu wanken, ohne Euch unzuſchauen, kurz, wie ein echter Edelmann, der ſein Wort gegeben hat, und der nicht anſteht ſein Leben ſeiner Ehre zum Opfer zu bringen. — Ich bin zu glücklich, rief Morvan mit Feuer, wenn es mir gelingt Euch durch das Opfer einer elenden und dunkeln Exiſtenz nur den geringſten Verdruß zu erſparen. — Ich glaube Euch. 7* — g — 76— Die ſchöne Spanierin verharrte einige Augenblicke im Schweigen; die Beweglichkeit und Lebhaftigkeit, die ihr eigen zu ſein ſchien, und die ſie ſo reizend machte, erlaubte es ihr aber bald die Art von feierlichen Ernſt, der ihr Geſicht ver⸗ düſterte, durch eine heitere Miene zu erſetzen, und ſo verändert wandte ſie ſich aufs Neue an den jungen Mann. — Wißt Ihr, Ritter, daß Ihr ſeit zwei Monaten meine Neugierde aufs Lebhafteſte reizt? — Ich, Fräulein! und wie ſo, wenn ich fragen darf? — In Allem, ich ſuche vergebens den Schlüſſel zu dem Räthſel Eurer Exiſtenz. Wie kommt es, daß Ihr in Eurem Alter daran denken konntet, Euch in die ſchauderhafte Einſam⸗ keit von Penmark zurückzuziehen? Daß Ihr, ein Edelmann voll Geiſt und Muth, Eure Jugend in Geſellſchaft von rohen und grauſamen Bauern zubringen konntet, daß Ihr kaum ins Leben eingetreten, für die Welt ſchon wie geſtorben ſeid? Ich wollte mir glauben machen, daß ein großer Schmerz auf Euch laſtet und Euer Leben verdüſtert. — Ihr täuſcht Euch, Fräulein, antwortete Morvan me⸗ lancholiſch, es hat ſich Niemand für mein Leben ſo ſehr inter⸗ eſſirt, um mir es zu verkümmern. Ich bin immer gleichgiltig empfangen und in vollkommener Vereinſamung gelaſſen worden. — Aber Eure Eltern, Eure Verwandten! — Mein Vater war meine Familie, und ſeit ſiebzehn Jahren weiß ich von ihm nichts. Meine Verwandten ſind zu reich und zu mächtig, als daß ich ihnen zum Zeichen der Freund⸗ ſchaft die Hand bieten dürfte; ſie würden wahrſcheinlich glau⸗ ben, ich wolle um Almoſen betteln. — Und Eure Mutter, Herr Ritter? — Ich habe ſie niemals gekannt, meine Geburt war ihr Tod. — Vergebt, daß ich in meinen Fragen fortfahre, ent⸗ licke in eigen es ihr cht ver⸗ erändett n weine ndarf? zu dem Erem Einſan⸗ emann n rohen um ins d7 Jc uf Euch wan ne⸗ hr intet⸗ ichgili worden. ſibzehn ſind zu Frund⸗ glau⸗ urt wor — 77— gegnete das Fräulein nach einigem Stillſchweigen mit einem ſo ſanften und liebevollen Tone, daß er dem jungen Manne bis in das Innerſte ſeines Herzens drang; da wir einen Freund⸗ ſchaftsvertrag geſchloſſen haben, ſo iſt es wol das Geringſte, was ich thun kann, wenn ich mich um Eure Schmerzen kümmere, und wenn ich mich bemühe, die Wunden Eurer Seele kennen zu lernen. — Beliebt es Euch, mich nach meiner Lebensgeſchichte zu fragen? Mein Gott, ſie iſt ſehr einfach und Eurer Aufmerk⸗ ſamkeit nicht werth. Einige Worte werden genügen. Mein Vater, der Graf von Morvan, einer der mit Recht geachtetſten Herren unſerer Provinz, hatte das Unglück an der letzten Er⸗ hebung, welche die Bretagne mit Blut bedeckt hat, betheiligt zu ſein; auf ſein Leben wurde ein Preis geſetzt, ſeine Güter wurden eonfiscirt, und er ergriff die Flucht. Seitdem iſt er für mich verſchollen. Einer meiner Verwandten, der Marquis von Ploeuc, nahm ſich meiner an, und ließ mich in die Schule für junge Edelleute eintreten; es ſcheint, daß ich Jenen, die mich lieben, Unglück bringe, denn kurze Zeit darnach ſtarb der Mar⸗ quis von Ploeuc. Sobald meine Erziehung vollendet war, wollte ich es verſuchen, mir die Kenntniſſe, die ich erlangt hatte, zu Nutz zu machen; aber ach, ich machte bald die Erfahrung, daß ziemlich gut reiten und den Degen gut führen, wenigſtens rühmte man dies an mir, noch bei weitem nicht zu einer ergiebigen Ernte führen. Man hatte mich die Künſte gelehrt, die ſich im Gefolge des Glückes befinden, aber man hatte mich nicht gelehrt, mir mein Brot zu erwerben. Da andererſeits mein Name bei Hof nicht gut angeſchrieben war, und ich mich deßhalb nicht um ein Amt bewerben durfte, ſo wollte ich eben voll Verzweiflung als ge⸗ meiner Soldat in die Armee eintreten, als ich von dem berühm⸗ ten Wechsler und Rheder zu Breſt, dem Herrn Cointo, einen Brief erhielt, in welchem er mich aufforderte, ihn zu beſuchen. Denkt Euch mein Erſtaunen, als der Banquier mir, nachdem er ſich von der Identität meiner Perſon überzeugt hatte, eine Rolle von fünfzig Louisdors überreichte und mir ſagte: „Herr Ritter, dieſes Geld wurde mir von den amerikani⸗ ſchen Inſeln für Euch überſchickt. Man bittet mich, Euch jeden Monat eine Penſion von fünfzig Livre's auszuzahlen. Da nun die Perſon, welche mir dieſen Auftrag ertheilt hat, mir voll⸗ kommen bekannt iſt, und mir in jeder Beziehung vollſtändige Sicherheit gewährt, ſo könnt Ihr verſichert ſein, daß Euch Eure Penſion pünktlich ausgezahlt werden wird in der Wohnung, die Ihr ſo gut ſein werdet, mir anzugeben.“ Dieſes geheimnißvolle Anerbieten widerſtrebte meinem Zartgefühl; ich ſchlug es aus. „Ich ſchwöre Euch bei der Ehre eines rechtſchaffenen Man⸗ nes und bei dem Heil meiner Seele,“ ſagte hierauf der Rheder, „daß Ihr das Anerbieten ohne Furcht annehmen könnt; dieſe Penſion kommt von einem Eurer Verwandten, und hat für Eure Eigenliebe nichts Beleidigendes.“ Vergebens bat ich den Herrn Cointo, mir den Namen dieſes Verwandten zu nennen, er wollte es durchaus nicht thun, denn dieſes Geheimniß war nicht ſein eigenes. Vielleicht hätte ich auf meine Weigerung beharren ſollen, aber ich war ſo verlaſſen von aller Welt, ſo unglücklich, und die ſprichwörtliche Rechtlichkeit des Rheders flößte mir ein ſol⸗ ches Vertrauen ein, daß ich nachgab. Für meine fünfzig Louisdor's kaufte ich mir ein kleines einſames Haus, das in Musketenſchußweite vom Dorfe Pen⸗ mark entfernt war, und beſchloß, meine Verlaſſenheit würdig zu ertragen, ohne einer Geſellſchaft entgegenzukommen, die mich zu verſtoßen ſchien, als ob ich ihrer nicht würdig wäre. Seit damals habe ich nur zwei Fahrten nach Island als —— beſuchen. nachdem tte, eine merikani⸗ uch jeden Da nun mir voll⸗ ſändige uch Eure ung, die meinem len Man⸗ Rheder, ſt; dieſe für Eue nNamen ht thun, n ſollen, ich, und ein ſol⸗ nkleines i er würdig die nich and als — Volontär mitgemacht, um einen meiner Freunde, einen braven Schiffskapit än zu begleiten; übrigens befand ich mich immer in der troſtloſen Einſamkeit, in der Ihr mich getroffen habt. Nativa ſchenkte dem Anfang von Morvans Geſchichte, obwol ſie ihn ſelbſt aufgefordert hatte, dieſelbe zu erzählen, nur geringe Aufmerkſamkeit; aber von dem Momente an, wo er ihr von der ſo unerwarteten Hilfe, die ihm von Amerika aus geworden war, erzählte, war das Benehmen der reizenden Spanierin wie durch ein Wunder verändert; ſie erblaßte ſicht⸗ lich, ihr Auge erglänzte von ſeltſamen Feuer, und ſie mußte, um ihre Bewegung nicht zu verrathen, das Wogen ihres Buſens mit den Händen zurückpreſſen. Morvan, der von ſeinen trauri⸗ gen Jugenderinnerungen eingenommen war, bemerkte dieſe eben ſo heftige als flüchtige Bewegung nicht, denn als Nativa ein wenig ſpäter zu ſprechen begann, war ihre Stimme ruhig und beſänftigt. — Meine Neugierde, Ritter, hat mich, Dank Eurem Freimuth, in den Stand geſetzt, den ganzen Adel Eures Cha⸗ rakters zu würdigen. Bei Erwähnung Eurer Verlaſſenheit habt Ihr noch vergeſſen hinzuzufügen, daß Ihr Euch für die Un⸗ gerechtigkeit, welche die Geſellſchaft gegen Euch begangen hat, auf edle Weiſe zu rächen wußtet, indem Ihr Euer Leben preis⸗ gabt, um das der unglücklichen Schiffbrüchigen zu retten. Die Herren von Pennenroſe haben mir von dem Muth und der Auf⸗ opferung erzählt, die Ihr an den Tag legt, um den in Noth befindlichen Schiffen zu Hilfe zu eilen. — Wenn ich ſo handle, ſo habe ich weit weniger Ver⸗ dienſt dabei, als Ihr vorauszuſetzen die Güte habt; ich bin ein Chriſt und betrachte den Selbſtmord als ein Verbrechen und eine Todſünde, antwortete Morvan mit dumpfer faſt unverſtänd⸗ licher Stimme. — Und welche Richtung gedenkt Ihr Eurem Leben jetzt zu geben? 5— — Jetzt, entgegnete er, indem er auf dieſes Wort einen beſondern Nachdruck legte, jetzt erwarte ich Befehle, denn ich gehöre nicht mehr mir ſelber an. — Aber wenn ich zu Euch ſagen würde?„Ritter, ich will, daß Ihr Euer Glück machet, daß Ihr mächtig und reich werdet“.. was würdet Ihr thun? — Ich würde ein Unternehmen ausführen, das ſchon ſeit langer Zeit meine Einbildungskraft quält und die Ruhe meiner Nächte ſtört; ich würde mich einſchiffen, ich würde Frankreich verlaſſen und unter einem andern Himmelsſtrich das Glück ſu⸗ chen, welches mein Vaterland mir verſagt. — Ihr würdet in ein fernes Land reiſen? Gut, aber in welches? Die Welt iſt groß, hat ſich Eure Einbildungskraft nicht mit einem beſtimmten Punkt der Erde beſchäftigt? — Ja, mein Fräulein, dieſer Punkt iſt jene Inſel, welche in Spanien Hiſpaniola heißt, und die wir Franzoſen St. Domingue nennen. Dieſe Antwort brachte bei Nativa eine außerordentliche Wirkung hervor; ein nervöſes Beben, das ſie nicht verhehlen konnte, erſchütterte ihren Leib, ihre Lippen entfärbten ſich. Morvan glaubte einen Augenblick, daß ſie einer Ohnmacht nahe ſei. — Um Gottes Willen! was fehlt Euch, Fräulein? rief er außer ſich und ergriff dabei, ohne daß er es ſelbſt merkte, ihre damals feuchte Hand. Wünſcht Ihr, daß ich nach Hilfe rufe? — Nein, ich danke Euch, es iſt nur ein vorübergehendes Unwohlſein... Ich fühle mich ſchon beſſer. Alſo, fügte ſie leb— haft hinzu: nach Hiſpaniola wollt Ihr? — Ja, Fräulein, nach St. Domingue. — Das Schickſal iſt ſonderbar, rief die Spanierin mit einer Exaltation, die Morvan in Erſtaunen ſetzte, wie wäre es möglich, die Vorherbeſtimmung zu leugnen und die Abſichten der Vorſehung in Zweifel zu ziehen, wenn ſo außerordentliche That⸗ ſichen danke Und! duß i und verg hen wir wiet ſo P ſta ein — — ort einen denn ich ttet, ich und rich ſchon ſeit e meinet rankreich lück ſu⸗ „aber in ngskrft e Inſel, ranzoſen dentliche erhehlen ten ſich nahe ſii. in? rief merkte, fe nfe! ehendes ſie leb⸗ erin mit wäre es hten der Lhat⸗ — ſachen, wie die, welche mir vorkommen, meinen geheimſten Ge⸗ danken entſprechen? Ein Schiffbruch entfernt mich von Breſt und wirft mich in eine öde Gegend der Bretagne; ich verzweifle, daß dadurch die Ausführung meines Vorhabens verzögert wird, und in dieſer unbekannten Gegend finde ich, was ich anderswo vergebens geſucht hätte. Ach, Herr von Morvan, fuhr das Mäd⸗ chen mit immer ſteigender Aufregung fort, ich glaube jetzt, daß wir uns begegnen mußten, und daß wir berufen find, uns wiederzuſehen. — Möge Gott Euch erhören! entgegnete der Ritter eben ſo erſtaunt als erfreut. Aber erklärt mir gütigſt, wie ſo meine Worte Euch ſo ſehr erregen konnten? — Herr von Morvan, die Ergebenheit gehorcht, aber ſie fragt nicht, ſagte Nativa, indem ſie die Härte dieſer Worte durch ein reizendes Lächeln milderte. — Ihr habt Recht, war die einfache Entgegnung des Bretagners. Ein kurzes Stillſchweigen unterbrach ſodann das Geſpräch der beiden jungen Leute; Nativa brach es zuerſt. — Herr von Morvan, wenn Ihr eine lange Reiſe unter⸗ nehmen müßtet, würdet Ihr nicht durch Geldmangel aufgehal— ten ſein? — Ich habe mir einiges Geld erſpart, entgegnete er er⸗ röthend. — Ja, wol nur einige hundert Thaler. — Weit weniger, mein Fräulein. — So erlaubt mir... — Ich beſchwöre Euch, den Satz nicht zu vollenden, ſagte Morvan, der trotz ſeiner Liebe vor Scham und Zorn erblaßte. Wir bretagniſchen Edelleute können unſer Blut und unſere Seele auf's Spiel ſetzen, aber niemals verkaufen wir unſere Ehre. — Ich liebe und begreife Eure Antwort, ſo würde auch ein ſpaniſcher Edelmann ſprechen, entgegnete Nativa, indem ſie auf den jungen Mann einen unſäglich freundlichen Blick warf. Aber nachdem ich mein Unrecht erkannt habe, erlaubt Ihr mir demnach auf die Schwierigkeiten, die ſich darbieten, zurückzukom⸗ men. Was werdet Ihr thun, wenn Eure Erſparniſſe nicht ge⸗ nügen, um die Reiſekoſten zu decken? — Ich werde thun müſſen, wozu mich meine Armuth zwingt: ich werde Geld zu leihen nehmen. — Zu leihen!... aber Ihr kennt Niemanden! — Ihr laßt mich den Kelch der Beſchämung bis zur Hefe leeren, ſprach Morvan ſchmerzhaft. Seid gewiß, daß ich mir jede Demüthigung werde gefallen laſſen, um Euren Befehlen zu gehorchen. Ich werde den Rheder Cointo bitten, mir meine Penſion auf ein Jahr voraus zu bezahlen, und ich bin über⸗ zeugt, daß er mir meine Bitte nicht abſchlagen wird. Morvan erwartete, daß ihm das Mädchen für ſeine Er⸗ gebenheit mit einigen Worten danken werde, aber er wurde in ſeiner Hoffnung getäuſcht. Nativa, die von dem ſie beſchäftigenden Gedanken völlig eingenommen war, antwortete ihm kalt: — Dieſer Schritt ſcheint mir in der That unfehlbar; und da Ihr entſchloſſen ſeid ihn zu thun, ſo müßt Ihr längſtens morgen nach Breſt reiſen, die Zeit iſt koſtbar. — Wenn es ſo iſt, ſo werde ich heute Abend reiſen. — Das wäre in der That noch beſſer. Das junge Mädchen ſtand von ihrem Sitze auf, und ſchickte ſich an fortzugehn, Morvan hielt ſie durch einen flehen⸗ den Blick zurück. — Auch Ihr werdet morgen reiſen, ſagte er mit beweg⸗ ter Stimme, und Ihr vergeßt mir zu ſagen, wann ich die Ehre haben werde Euch wieder zu ſehen. — Ich könnte dieſe Sorge dem Zufall überlaſſen, ſo ſth jden ſihte Ihr um lomn wert nen dar erl mi in ſche N Fr hu li ndem ſie ck warf. Ihr mir czukom⸗ nicht ge⸗ Armuth ur Hefe ich nir Befehlen ir meine in über⸗ eine Er⸗ vurde in en völig ar; und ingſtens iſen. uf und nſlehen⸗ tbeweg⸗ ie Ehre ſſen ſo — ſicher bin ich, daß er uns binnen Kurzem zuſammenführen wird; jedenfalls muß ich, um Euch nicht irrig zu berichten, die Ab⸗ ſichten meines Vaters in Erfahrung bringen. In Breſt werdet Ihr einen Brief von mir finden. — Eine letzte Frage erlaubt mir noch, fuhr Morvan fort um den Augenblick der Trennung zu verzögern. Sagt mir, wie kommt es, daß Ihr die franzöſiſche Sprache ſo bewunderns⸗ werth ſprecht? — Ich bin zwar in Amerika geboren, aber bis zu mei⸗ nem zwölften Jahre am ſpaniſchen Hof erzogen worden. Ich ver⸗ danke die Kenntniß des Franzöſiſchen meiner ausgezeichneten erlauchten Pathin, der Königin Marie Louiſe, die mich ſehr liebte, mich immer bei ſich behielt, und ſich in ihren Mußeſtunden wie in ihren Stunden des Kummers mit meiner Erziehung be⸗ ſchäftigte. Morvan verneigte ſich und Nativa entfernte ſich in der Richtung des Schloſſes. Die Spanierin hatte kaum dreißig Schritte gemacht, als der Ritter ein rothes Band, das ihr ſchwarzes Haar zierte, und das der Wind ihr wahrſcheinlich entriſſen hatte, fallen ſah; er eilte hin um es aufzuheben. So wie er dieſe Liebesreliquie in der Hand hatte, wandte ſich Nativa raſch um, und lächelte; dann lief ſie weiter und ver⸗ ſchwand gleich einem aufgeſchreckten Reh hinter einem grü⸗ nen Buſch. Dieſer koſtbare Fund, durch ihr Lächeln geheiligt, ſchien Morvan ein Geſchenk und ein Geſtändniß; eine ausgelaſſene Freude, groß wie er noch keine gefühlt, ja ſelbſt nicht vermuthet hatte, erfüllte ſein Herz. Wie wenig an ſeinem Platz und lächerlich wäre der ehr⸗ liche leidenſchaftliche junge Mann am Hofe geweſen! Wie viel hatte er noch zu lernen! — 34— Eine halbe Stunde ſpäter gab Morvan, der ein Sklave ſeines Wortes war, ſeinem Diener Befehl alles zur Abreiſe be⸗ reit zu machen; Alain riß die erſtaunten Augen weit auf, ſtreckte den Hals aus, runzelte die Stirn, und ſchien ganz verwirrt. — Was ſoll dieſes Geſichterſchneiden bedeuten? rief der Edelmann, der endlich die verzweifelten Geberden ſeines Bre⸗ tagners bemerkte. — Das bedeutet, daß ich mich ſehr anſtrenge um Euch zu verſtehen; aber es iſt bei Gott! verlorne Mühe, denn ich ver⸗ ſtehe Euch doch nicht. Gut, Ihr werdet wieder böſe ſein! Es iſt zum Erſtaunen, was Ihr für ein ſchlechter Charakter werdet! Was ſoll ich zur Reiſe vorbereiten? Ihr habt doch nichts mehr! Es iſt aber nicht mein Fehler, wenn Euch die Penmarker das Haus angezündet haben. Wenn Ihr mir wenigſtens den Legal⸗ lec nicht erſchlagen hättet, ſo hätte ich mich rächen können, aber was ſoll ich jetzt thun, da er hin iſt? — Du haſt Recht Alain, antwortete Morvan traurig. Ich wollte meinen Nächſten helfen und bin für meine guten Ab⸗ ſichten mit dem Verluſt meines Vermögens beſtraft worden. Ich habe nichts mehr. — Bei all meinem Reſpect vor Euch, muß ich Euch doch ſagen, daß Ihr Unrecht hattet, die Burſche der Gottesgabe be⸗ rauben zu wollen; Ihr ſeht, was Ihr davon für Unglück habt. Uebrigens habt Ihr noch Euer Pferd Bijou, welches Ledu ge⸗ rettet hat. — Mein Pferd gerettet! rief Morvan voll Freude. — Sammt Sattel und Zeug. — Das iſt eine gute Nachricht, Alain; du wirſt ſogleich dem Ledu zwei Thaler hinbringen, und mein Pferd herführen. — Aber, Herr, nach Allem, was ich gehört habe, hat Ledu das Pferd nicht für Euch ſondern für ſich gerettet; er wird mir es nicht zurückgeben wollen. ler hem wirſ ver brin h ke ſi au w ſe w w m w Sklave eiſe be⸗ ſtreckte virt. rief der es Bre⸗ m Euch ich ver⸗ Es iſt werdet! s mehr! ker das Legal⸗ n, aber raurig. ten Ab⸗ en. Ic ch doch abe be⸗ habt. edu ge⸗ ſogleich fihren. be, hat er wird . 5— — Höre, erſt wirſt Du Ledu, wie geſagt, die zwei Tha⸗ ler anbieten; wenn er markten ſollte, ſo wirſt Du ihm höflichſt bemerken, daß ſeine Handlungsweiſe nicht rechtſchaffen iſt, und wirſt ihm einen Thaler mehr bieten; wenn er es aber völlig verweigert, ſo ſchlägſt Du ihn mit dem Penbas nieder, und bringſt Bijou zurück. Haſt Du verſtanden? — Ja, Herr! aber Ihr habt noch nicht Alles geſagt. — Was ſollt' ich denn noch ſagen? — Ihr ſollt mir ſagen, was ich mit den zwei Thalern thun ſoll, wenn Ledu ſie nicht nimmt, und ich genöthigt bin, ihn lendenlahm zu ſchlagen. — Behalte ſie für Deine Mühe. — Nun bei Gott, rief Alain ſtrahlend vor Freude, ich kenne Ledu, er iſt eigenſinnig wie ein Eſel, ich kann Euch ver— ſichern, daß er ſich durchbläuen läßt, und daß die Thaler nicht aus meiner Taſche kommen. — Das geht mich nichts an, das iſt Deine Sache; thu' was Du willſt. In der That war die Zeit, welche ſich der Bretagner für ſeine Expedition erbeten hatte, noch nicht verfloſſen, als er ſchon wieder zurück war; Bijon kam mit. — Nun? fragte Morvan, ſobald er ihn erblickte. — Ledu hat die Schläge den Thalern vorgezogen, ant⸗ wortete Alain, deſſen Stirn mit Beulen, und deſſen ganzer Leib mit blauen Flecken bedeckt war. Das hat mich ein wenig in Unordnung gebracht, aber es iſt geſchehen, weden wir nicht weiter davon. VI. Morvan widmete den Reſt des Tages der Entwerfung ei⸗ nes Planes, durch welchen es ihm möglich werden ſollte, Nativa noch einmal zu ſehen; allein der Erfolg krönte ſeine Bemühun⸗ gen nicht, die reizende Spanierin war unſichtbar. Gedrängt durch die Zeit, denn der Ritter hatte, wie der Leſer ſich erinnert, ſein Wort gegeben, daß er noch an demſel⸗ ben Tage reiſen wolle, ging er, um von den Herrn von Pennen⸗ roſe Abſchied zu nehmen und ihnen für die Gaſtfreundſchaft zu danken; dann ſuchte er Alain, aber dieſer war abweſend und es war unmöglich, ihn zu finden. Morvan ging dann in ſein Zimmer, lud ſeine Piſtolen, hüllte ſich in ſeinen Mantel und glitt wie ein glücklicher Verführer längs der Mauern fort und entfernte ſich ſachte aus dem Schloß. Sobald er draußen war, ſchaute er nach dem Himmel; große ſchwarze Wolken, die daran hingen, hüllten die Gegend in dichte Finſterniß. Morvan lächelte zufrieden, und ſeinen Schritt verdoppelnd, verſchwand er bald in der Richtung von Penmark. Eine Stunde darauf, denn der Weg, der vom Schloß nach Penmark führte, war zu Land um die Hälfte kürzer als zur See, erreichte Morvan den Platz, wo noch vor drei Wochen ſein Wohnhaus geſtanden, und der jetzt von einer Lage verkohlter Trümmer bedeckt war. Nachdem er einige Secunden umhergeſchaut und die Lage der Oertlichkeiten erkannt hatte, wandte ſich der junge Mann nach der rechten Seite gegen eine Gruppe dicht am Meer ſtehen⸗ der Felſen.. Er blieb ſtehn, horchte einen Augenblick, und da er nichts als das Stöhnen der am Strande erſterbenden Wellen hörte, kniete er nieder, taſtete auf der Erde umher, bis er eine jener breiten Muſcheln fand, die an den Küſten der Bretagne ſo häu⸗ fig ſind, und begann mit freudiger Haſt im Sande zu graben. Kaum hatte Morvan dieſe ſonderbare Arbeit begonnen, als er ſich unterbrach; ſein gegen den Boden geneigtes Ohr wurd tes E ein2 brach ien Vir das ſch gel tuh er der Ha bel bei die d emühun⸗ wie der ndenſel⸗ Pennen⸗ ſchaft zu ſend und Piſtolen, Perführer Schloß. Hinnel; Gegend id ſeinen tung von n Schloß et als zur ochen ſtin erkohltet die Lagt ge Mann er ſtehen⸗ er nichts en hörte, ine jener ſo hil⸗ gruben. egonuen, gus dh — 87— wurde von einem ſeltſamen Geräuſch berührt, es war wie erſtick⸗ tes Seufzen. Unſer Ritter war gewiß ein muthiger Mann, aber er war ein Bretagner, und folglich außerordentlich abergläubiſch; darum brachte dieſes Stöhnen, das er für das Klagen einer verdamm⸗ ten Seele hielt, auf ſeine Einbildungskraft eine außerordentliche Wirkung hervor und lähmte ſeine Kräfte. Nachdem jedoch ſeine erſte Bewegung vorüber war und das übernatürliche Weſen aufgehört hatte zu klagen, ſchämte ſich Morvan ſeiner Schwäche und ging wieder an ſeine Arbeit. Faſt in demſelben Augenblick erdröhnte ein Schlag, der gegen einen nahen Felſen geführt und von einem kräftigen bre⸗ tagniſchen Fluch begleitet wurde; ſo erfuhr denn der Ritter, daß er es nur mit einem Menſchen zu thun hatte, und erlangte wie— der alle ſeine Geiſtesgegenwart. Morvan ſpannte ſogleich an einer ſeiner Piſtolen den Hahn, und rief, indem er nach der Richtung, wo der Un⸗ bekannte ſich aufhielt, hinſtürzte: — Wenn Du Dich rührſt, ſo biſt Du des Todes; hier⸗ bei richtete er den Lauf ſeiner Waffe gegen eine dunkle Maſſe, die an einen Felſen geduckt ſchien. Der Ritter hatte kaum dieſe Worte beendigt, als ein heftiger Windſtoß die dichte Wolkenhülle zerriß, die den Him⸗ mel verfinſterte, und jetzt den hellen Mondſchein durchließ. Ein doppelter Ausruf des Erſtaunens ließ ſich hören. — Herr Ritter! — Mein Diener Alain! In der That ſtanden ſich Herr und Diener gegenüber. — Was machſt Du in dieſer Stunde hier? fragte Mor⸗ van nach kurzem Stillſchweigen. — Ihr ſeht es, Herr Ritter, antwortete Alain nicht ohne WVerlegenheit, und indem er auf die Hacke wies die er in der Hand hatte; ich arbeite. — Parbleu! das wäre ſonderbar, rief der Ritter lachend. Warum denn aber nicht? Zwei Köpfe können oft einen und denſelben Gedanken haben. Willſt Du, daß ich Dir den Beweg⸗ grund ſage, der Dich hergeführt hat? — Das iſt unnütz, Herr Ritter, antwortete der Diener verdrießlich; ich weiß ihn, und das iſt genug. — Du biſt hergekommen, um einen Schatz auszugraben. — Ja, einen Schatz, antwortete Alain ganz aus der Haltung gebracht, was das für Redensarten ſind! — Werde nicht ſo roth und ſo verwirrt, ſieh, ich habe ja auch was aus dem Sande zu nehmen. Wir treiben ein und dasſelbe Spiel. — Nichts weiter!—— Nun, beim Himmel, mich freut, was Ihr mir da ſagt; ich hatte bisher immer geglaubt, daß Ihr Euer Ueberfläſſiges den Dorfjungen gebt, es freut mich daß ich mich getäuſcht habe. — Warum das, Alain? — Weil ein junger Mann, der nicht ſpart, zu nichts kommt, er mag ſich abmühen wie er will. — Und Du glaubſt daß ich zu etwas kommen werde? — Dam! das iſt natürlich, ich begleite Euch ja! — Die Zeit vergeht, und ich ſollte ſchon abgereiſt ſein, leihe mir Deine Hacke. Der Diener beeilte ſich zu gehorchen. Der Ritter nahm das eiſerne Geräth, ging nach der Stelle, an welcher er zuerſt ſtehn geblieben war, und grub ein ungefähr zwei Fuß tiefes Loch. Hierauf bückte er ſich, nahm einen kleinen Sack von grauer Leinwand heraus, ſchüttelte den Sand, der ihn bedeckte ab, und ſteckte ihn in die Taſche ſeines Wammſes; dieſer Sack * 4 nth pot nis w — 5 er in der t lachend. inen und n Beweg⸗ er Diener zugraben. aus der „ich habe nein und nich freut, ubt, daß frent nich zu nichts werde! ja ereiſt ſein⸗ der Stele nungefiht Sack von hub hedecte dieſet Su enthielt fünf und zwanzig Louisd'ors, das heißt das ganze er⸗ ſparte Vermögen des Edelmannes. — Jetzt iſt an Dir die Reihe, ſagte er, indem er ſeinem Diener die Hacke hinreichte. Der Bretagner blieb unbeweglich ſtehen wie eine Statue. — Verſtehſt Du mich nicht? — Ich bitte Euch um Vergebung, Herr, aber ich kann nichts thun, Ihr ſeht mir zu. — Haſt Du kein Vertrauen zu mir, Du Narr? — O Du guter Gott im Himmel! wie wagt Ihr es ſo was zu ſagen? rief Alain mit Thränen im Auge. Ihr wißt, Herr Ritter, wenn ich alles Gold der Chriſtenheit und ſelbſt das der Türken dazu beſäße, zum Beiſpiel mehr als zehn Tau⸗ ſend Livres, ſo würde ich es Euch mit geſchloſſenen Augen hin⸗ geben, und ohne darüber eine Schrift zu verlangen. — Nun, warum darf ich Dir jetzt nicht zuſehen? — Das iſt was Anderes; ich habe es nicht gern, daß man meine Geſchäfte kenne. Morvan, der mit den Wunderlichkeiten des bretagniſchen Charakters bekannt, und vielleicht ſelbſt von ihnen nicht ganz frei war, begriff die Empfindlichkeit ſeines Dieners und gab dem Verlangen desſelben nach. Sobald Alain ſich allein ſah, begann er, nicht wie ſein Herr ein Loch zu graben, ſondern eine ganze mit Caſematten verſehene Feſtung abzutragen, die eben ſo feſt als künſtlich erbaut war. Und nach der anſtrengenden Arbeit, die länger als eine Viertelſtunde gedauert hatte, nahm er nicht einen Sack aus Leinwand heraus, ſondern einen großen alten Schuh, der mit Eiſen beſchlagen war, und dieſe ſeltſame Art von Kaſſen ent⸗ hielt das Erſparniß von drei Jahren, die große Summe von ſechs Thalern. Herr und Diener begaben ſich hierauf mit ihren Schätzen nach dem Schloß zurück. Bijou harrte geſattelt und gezäumt der Ankunft ſeines Herrn. Morvan ſetzte ſich auf, und gab dem Stalljungen, der ihm den Bügel gehalten, mit der unbefangenſten Miene der Welt, obſchon ihm dieſes Opfer hart ankam, zwei Thaler, denn er wollte vor den Herren von Pennenroſe nicht den Anſchein eines armen Teufels haben, der aus Barmherzigkeit aufgenom⸗ men wurde; hierauf gab er dem Pferde die Sporen, und ritt in kurzem Galopp davon. Alain, der ein unvollſtändig ausgerüſteter Stallknecht, aber ein treuer und eifriger Diener war, lief zu Fuß hinten nach, und hielt dabei, wie es ſeine Gewohnheit war, die Schuhe in der Hand. Sobald der Ritter auf Flintenſchußweite vom Schloß entfernt war, blieb er ſtehen, wandte ſich nach dem in einigen Fenſtern erleuchteten Gebäude um, und richtete, ehe er ſeinen Weg weiter fortſetzte, ein leidenſchaftliches Lebewohl an ſeine vielgeliebte Nativa. Von Penmark bis Breſt zählte man zwanzig Meilen. Morvan brauchte drei Tage und eine Nacht, um dieſen Weg zurückzulegen, der zwar nicht über eine völlig unfahrbare, aber doch ſehr ſchlechte Straße führte. Sein Pferd Bijou konnte nicht weiter; aber zum Erſatz dafür war Alain nicht mehr müde, als wenn er einen einfachen Spaziergang gemacht hätte. Dieſer bretagniſche Diener war ganz gewiß für die Rolle eines unberittenen Stallknechts ge⸗ boren, die ihm durch die Armuth ſeines Herrn auferlegt war. Es iſt unnütz zu ſagen, daß Nativa's Bild während die⸗ ſer drei Tage Morvan fortwährend vor Augen ſchwebte. Der junge Mann rief ſich die geringfügigſten Einzelnheiten ſeiner Zuſammenkünfte mit der reizenden Spanierin ins Gedächtniß Schitzen ft ſeines gen, der iene der er, denn Anſchein fgenom⸗ dritt in alltnecht, hinten eSchuhe eite vom h dem in e, che er ewohl an Meilen. ſen Weh e, aber um Erſtz einfachen iener war ſechts ge⸗ gt wal rend di⸗ bn. Der ten ſin dihtniß —— zurück; vermittelſt der Einbildungskraft und der Liebe ſetzte er ſich alle ihre Unterredungen wieder zuſammen, und die Täuſchung war für ihn manchmal ſo groß, daß er von Nativa gehört zu werden glaubte, und zu den frühern noch neue Be⸗ theurungen ſeiner Ergebenheit hinzufügte. Da aber der Ritter auch praktiſch war, ſo fing er nach langen leidenſchaftlichen Schwärmereien an nachzudenken. Er erſchrack über die Armuth von Liebesbeweiſen, die ihm geworden waren; denn nachdem er ſich ſelbſtgefällig eingebildet hatte, die reizende Creolin habe ihm ihre ganze Seele geſchenkt, erinnerte er ſich erſt, daß die einzige Gunſt, und zwar auch dieſe nur indirekt und zufällig, die ſie ihm gewährt hatte, in nichts beſtand als in dem Bande, das der Wind ihren Haaren ent⸗ riſſen, und welches er ſeitdem immer am Herzen trug. Von einem Verſprechen, einer Verpflichtung oder nur von einer entfernten Hoffnung war niemals die Rede geweſen, und Morvan geſtand ſich endlich, daß Nativa ſeine Ergebenheit zwar angenommen, ſich ſelbſt aber volle Freiheit behalten habe. Einmal im Nachdenken begriffen, blieb der Geiſt des Edelmanns nicht ſtehn. Indeß ſuchte er vergebens ſich die Widerſprüche und wirklich außerordentlichen Wunderlichkeiten zu erklären, die er zu wiederholten Malen in den Reden und Handlungen des jungen Mädchens bemerkt hatte; er fühlte, hier gebe es ein Geheimniß, das ſein Scharfſinn nicht zu dringen vermochte. Endlich legte er ſich noch die letzte Frage vor, nämlich ob Nativa ein edelmüthiges oder böſes Herz habe, und wie ſehr er auch verliebt war, ſo wagte er es dennoch nicht ſich dieſe Frage zu beantworten. Uebrigens zog er aus allen ſeinen Reflexionen den Schluß, daß es nichts Bezaubernderes, nichts Liebenswürdigeres, nichts Vollkommeneres gebe als Nativa, und daß er ſich nur zu glück⸗ lich ſchätzen müſſe, ihr ſeine Zukunft widmen und ihr Sklave werden zu dürfen. Die Verliebten räſonniren, wie wir ſehen, oft richtig, aber leider ſind ihre Schlüſſe auch oft falſch. Als Morvan in Breſt anlangte, war ſeine erſte Sorge ſich einen Degen zu kaufen; der ſeinige war beim Brande ſeines Hauſes verloren gegangen, und er hielt es für nöthig vor dem Manne, von welchem er Geld leihen wollte, ſtandesgemäß zu erſcheinen. Es ſchlug eben zwei Uhr als er vor dem großen reichen Hauſe des Rheders Cointo ankam. Das Herz pochte ihm gewaltig, denn es war das erſte Mal, daß er um eine Ge— fälligkeit bat; aber die Erinnerung an Nativa beſänftigte bald ſeine Aufregung, und er fühlte ſich glücklich bei dem Gedanken, daß er ſeiner Geliebten nun ſeinen Stolz zum Opfer bringen werde. Nachdem er durch eine große Menge von Seeleuten, Pack⸗ trägern und Commis, welche den Hofraum vom Hauſe des Wechslers bedeckten, gedrungen war, ſtieg Morvan eine ſteinerne Treppe hinan, und gelangte in die Bureaux. — Kann ich mit Herrn Cointo ſprechen? fragte er einen Beamten, der vor einem Tiſche ſaß, und mit großem Eifer mehrere von den Kapitäns der Handelsmarine erwartete Mani⸗ feſte ausfertigte. Der Beamte ſah den Edelmann mit einem Seitenblick zerſtreut an, und da er an ihm wahrſcheinlich nichts bemerkte, was ſeine Aufmerkſamkeit verdiente und ihn zur Dienſtfertigkeit drängte, ſo ſetzte er ſeine Beſchäftigung fort, ohne dem Fragen⸗ den zu antworten. Morvan wiederholte im Andenken an Nativa ſeine Frage dreimal mit Geduld und Höflichkeit, aber immer ohne Erfolg. Wenn ich ſage ohne Erfolg, ſo habe ich etwas zu berich⸗ tigen; denn nach dem dritten Male murmelte der Commis etwas Str For Cor ſit dah def ni hr Stlave ſt richtig, tſte Sorge nde ſeines g vor den sgemäß zu n großen erz pochte neine Ge⸗ ſtigte bald Gedanken, er bringen ten, Pac⸗ Hauſe des ie ſteinerne te er einen ſem Eifer tete Mani⸗ geitenblic bemerkte⸗ Fragen⸗ eine Frage Erfolg⸗ nis etw zwiſchen den Zähnen, wie ein alter Hund, der böſe werden will. Streng genommen konnte dieſes Zeichen von Zorn für einen Fortſchritt genommen werden, es bewies wenigſtens, daß der Commis die Anweſenheit des jungen Mannes endlich bemerkt habe. Wenn Morvan einerſeits geduldig war, ſo hielt er anderer⸗ ſeits viel auf Höflichkeit. Die Grobheit des Commis machte ihn daher empfindlich, und brachte ſeine Rerven in Bewegung. Nichts⸗ deſtoweniger überlegte er, daß ein Menſch, der ſich Geld aus⸗ leihen will, ſchlecht daran thäte, wenn er ſich verdrießlich zeigen würde; er bezwang ſich daher, ſtimmte ſeine Worte ſo ſanft als er ohne Selbſterniedrigung thun zu dürfen glaubte, und wandte ſich mit ſeiner Frage zum vierten Mal an den Commis. — Hol Euch der Teufel, Ihr Schwätzer! rief der letztere mit einem Ton, der nicht weniger hart war als die Worte ſelbſt. Dieſe Beſchimpfung war für Morvan ſo unerwartet, ſo bedeutend, daß er einen Augenblick völlig niedergedonnert war. Indeß blieb er nicht lange unthätig. Er ergriff den Commis mit ſeiner Eiſenfauſt, hob ihn von ſeinem Stuhl, und ſchleuderte ihn mit großer Kraft gegen die Wand. — Beim jüngſten Gericht,— rief er bleich vor Zorn— ſterben ſoll er, dieſer Grobian! Dieſer Vorfall ging ſo ſchnell vor ſich, daß keine von den zahlreichen Perſonen, die ſich in dem Bureaur befanden, daran denken konnte ſich zu widerſetzen. Nur als Morvan die Hand an den Griff ſeines Degens legte, dachte man, der junge Ritter möchte ſeine Drohung ausführen, und trat vermittelnd zwiſchen ihn und ſein Opfer. Es iſt wahrſcheinlich, daß ſich der Bretagner bei jeder andern Gelegenheit um dieſe Dazwiſchenkupft wenig gekümmert hätte, allein diesmal befand er ſich in einer ſo falſchen Lage, daß er bald ſeinen Zorn beſänftigte, und den Degen, ohne erſt dazu aufgefordert zu werden, von ſelbſt wieder in die Scheide ſchob. — Was wünſcht der Herr? fragte ihn dann ein alter Mann, der in dem Handlungshauſe des Wechslers eine wich⸗ tige Stellung einzunehmen ſchien. — Mit Herrn Cointo zu ſprechen, antwortete der Edel⸗ mann; wollet Ihr ihm gefälligſt den Ritter Louis de Morvan melden. — Mit Vergnügen würde ich mich Eures Auftrags ent⸗ ledigen, Herr Ritter; aber unglücklicher Weiſe iſt unſer Patron in dieſem Augenblick verreiſt. — Wie! Cointo iſt nicht in Breſt? — Nein, Herr Ritter; er iſt vor vierzehn Tagen nach Dün⸗ kirchen gereiſt, und wird vor einer Woche nicht zurückkommen. Uebrigens, fuhr der Alte mit ausgeſuchter Höflichkeit fort, wenn der Herr Ritter eines Geſchäftes wegen gekommen iſt, ſo wird es ihm leicht ſein ſich mit derjenigen Perſon zu verſtändigen, der unſer Patron die Vollmacht gegeben hat. — Ich bin in der That eines Geſchäftes wegen gekom⸗ men, ſtammelte Morvan ganz aus der Haltung gebracht; und wer iſt die Perſon, die Herrn Cointo's Stelle vertritt, und an die ich mich, wie Ihr ſagt, wie an ihn ſelbſt wenden kann? — Seine Frau, Herr Ritter. Durch dieſe Antwort war Morvan niedergedonnert. Be⸗ vor er noch beſchloſſen hatte, ſich an den Rheder zu wenden, mußte er ſeinen innerſten Widerwillen bekämpfen, endlich war er aus dieſem Kampf ſeiner Eigenliebe als Sieger hervorgegan⸗ gen, und in dem Augenblick wo er die Pein, als Bittſteller auf⸗ zutreten, auf ſich nehmen wollte, wurde aus dieſer Pein eine Schande. 4 Denn mit dem ſchnellen Verſtändniß, das die Nähe der Gefahr gibt, ſah er ſich in Gegenwart einer Frau, die er nicht lam hen be dan ſere ng rin die ein alter ne wich⸗ er Edel⸗ Morvan rags ent⸗ t Patron ach Din⸗ iommen. ort, wenn ſo wird tändigen, n gekon⸗ cht; und und an kann? werden, lich war orgegan⸗ ellet uf⸗ Pein eine Nihe der e er nicht — kannte, gedemüthigt, ſchüchtern, ohne Muth ein Wort zu ſpre⸗ chen, bis er endlich gedrängt ſein Schweigen zu brechen, eine überſtürzte Bitte um Geld ausſprechen würde; bei dieſem Ge⸗ danken fühlte er faſt ſeine Kräfte ſchwinden. — Nun, mein Herr, wünſcht Ihr, daß ich Euch zu un⸗ ſerem Fräulein führe? Man nannte zu jener Zeit alle Frauen, die nicht dem Adel angehörten, Fräulein. Morvan ſtand auf dem Punkt, Nein zu ſagen; aber zwei Rückſichten hielten ihn zurück: erſtens dachte er ſein Rückzug werde nach dem ärgerlichen Auftritt mit dem andern Commis einer Flucht ähnlich ſehen, zweitens, daß Nativa ſeine große Er⸗ gebenheit, mit der er geprahlt hatte, in Zweifel ziehen würde, wenn er ſich von dem erſten Hinderniß einſchüchtern läßt. Er mußte ſich ſchnell entſchließen, denn längeres Zaudern hätte ſeine Lage verſchlimmert; und Morvan verbrannte, wie furchtſame Menſchen oft thun, ſeine Schiffe, um ſich jeden Rück⸗ zug unmöglich zu machen. — Geh'n wir zum Fräulein Cointo! antwortete er. Der Beamte ging vor dem Ritter her, um ihm den Weg zu zeigen, und nachdem ſie mehrere Bureaux durchſchritten hat⸗ ten, öffnete er, ohne anzuklopfen, eine Thüre. — Fräulein, ſagte er, indem er ſich ſogleich wieder ent⸗ fernte, ein junger Edelmann wünſcht Euch zu ſprechen. Morvan, der in lebhafter, unangenehmer Aufregung war, verneigte ſich tief vor der Bevollmächtigten des Rheders, tiefer noch als er unter allen andern Umſtänden gethan hätte. Fräulein Cointo, ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt, war eine kleine, dicke Perſon von gemeinem, ausdrucksloſen Weſen und gemeinen Manieren. Beim Eintritt des Ritters mit dem Zuſammenzählen gro⸗ — 96— ßer Additionspoſten beſchäftigt, wandte ſie einen fragenden Blick nach ihm und ſagte nach kurzer Verneigung: — Womit kann ich dienen, und mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen? — Ich bin der Ritter Louis de Morvan aus Penmark, antwortete der junge Mann, indem er hoffte, daß Cointo mit ſei⸗ ner Frau von ihm geſprochen habe, und daß ſein Name der Letz⸗ tern nicht fremd ſein werde. — Kenne den Herrn nicht, antwortete die Wechslerin lakoniſch. — Ich brauche Geld, mein Fräulein, und wünſche, daß Euer Mann die Penſion, die er mir jeden Monat auszuzahlen beauftragt iſt, mir auf ein ganzes Jahr vorausgebe; es macht ſechs Hundert Livres. — Ich weiß von dieſer Sache kein Wort. Kommt in zwei Wochen wieder, Cointo wird bis dahin zurück ſein. — Ich habe eine große Reiſe vor mir und es wäre mir unmöglich, bis dahin zu warten. — Seid Ihr denn ſo ſchlecht mit Geld verſehen oder habt Ihr keine Freunde, daß Ihr dieſe ſechs Hundert Livres nicht entbehren könnt? — Ich bin in dieſer Lage. — Dann werdet Ihr mich ſehr verpflichten, wenn Ihr nicht weiter in mich dringt. Ihr begreift, daß man ſechs Hun⸗ dert Livres nicht ſo ohne Weiteres einem Menſchen leiht, den man nicht kennt, der eine weite Reiſe unternimmt, und der es ſelbſt geſteht, daß er weder etwas beſitzt, noch einen Bürgen ſtellen kann. Bei dieſer harten Antwort, die übrigens ohne böſe Ab⸗ ſicht geſprochen wurde, empfand Morvan einen Augenblick einen wahrhaften Schwindel; er bereute es bitter, den Commis nicht erſchlagen zu haben, und ſtand ſchon im Begriff, die Frau Cointo nit des eine drüc w di K iden Blick be ich die Penmart, o nit ſei⸗ der Letz⸗ zechslerin nſche, daß szlzahlen es mocht t in zwei wire mir oder habt wenn Ihr chs Hun⸗ eiht, den nd der es nBürgen höſe Ab⸗ lick einen mis nicht an Coint mit einer von jenen Impertinenzen zu bedenken, die wie glühen⸗ des Eiſen weh thun; dieſer Zuſtand in ihm dauerte jedoch nur eine Secunde, und dann wandte ſich der arme Edelmann, er⸗ drückt von der Wucht ſeiner Schande, langſam zur Thüre. In dem Augenblick, als er hinausgehn wollte, öffnete ſich die Thüre raſch, und Morvan konnte einen Ausruf des Erſtau⸗ nens und der Ueberraſchung nicht zurückhalten, als er plötzlich dem Roßkamm Mathurin gegenüber ſtand. — Mathurin! rief er. — Er ſelbſt, Euch zu dienen, mein Herr. Meiner Treue, ich erwartete nicht das Vergnügen, Euch in Breſt wieder zu ſe⸗ hen. Wie es ſcheint, ſeid Ihr von Eurer Wunde vollſtändig wieder hergeſtellt. Der Roßkamm näherte ſich ſodann dem Fräulein Cointo, die ſich ſogleich beeilte aufzuſtehen und ihn mit der anmuthigſten Bewegung und dem liebenswürdigſten Lächeln, die in ihren Kräften ſtanden, begrüßte. — Ihr kennt alſo den Herrn? fragte ſie den Roßkamm beunruhigt, und als empfände ſie Reue über die etwas zu leicht⸗ fertige Weiſe, mit welcher ſie Morvan behandelt hatte. — Ganz genau, mein theures Fräulein. Der Herr Rit⸗ ter war vor Kurzem ſo gütig, mir das Vergnügen einer kleinen Seefahrt zu gewähren. Hieraufwandte ſich die Wechslerin zu dem Ritter und ſagte: — Warum habt Ihr alſo eben behauptet, Ihr hättet keine Freunde? Wenn Herr Mathurin für Euch bürgen will, ſo bin ich gern bereit, Euch die ſechs Hundert Livres zu leihen, die Ihr verlangtet, und die ich Euch abgeſchlagen habe. 5 Dieſe letzte Demüthigung hatte dem jungen Manne noch gefehlt; ſie vollendete ſeine Verwirrung. Mathurin warf die Oberlippe mit ſpöttiſchem zweideutigen Lächeln auf und betrachtete den jungen Mann mit einer Starr⸗ K. 9 — 35 heit, welche dieſem die Schweißperlen auf die Stirne trieb. Morvan hätte gern zehn Jahre ſeines Lebens darum gegeben, wenn er in dieſem Augenblick gegen einen ſeiner würdigen Geg⸗ ner hätte den Degen ziehen oder einen Menſchenerſchlagen können. — Der Herr Ritter weiß ſehr gut, daß die Pferdehänd⸗ ler gewöhnlich keine Millionäre ſind, antwortete Mathurin nach einer Pauſe von einigen Secunden, die Morvan eine Stunde zu dauern ſchien; doch bin ich nicht ohne einiges Geld, und wenn er mir die Ehre anthun will, zu den gewöhnlichen In⸗ tereſſen die ſechs Hundert Livres von mir zu nehmen, ſo werde ich mich glücklich ſchätzen, ihm dieſen kleinen Dienſt erweiſen zu können. — Ich danke Euch, Herr, antwortete Morvan trocken, der nun, da er entſchloſſen war das Anerbieten auszuſchlagen, allen ſeinen Stolz wieder erlangt hatte; da mich die Abweſen⸗ heit meines Banquiers Cointo verhindert hier das Geld zu be⸗ kommen, deſſen ich eben benöthige, ſo werde ich mich an einen andern Geſchäftsmann wenden. — Ach! jetzt fällt es mir ein, rief nun Frau Cointo, habt Ihr mir nicht geſagt, daß Ihr Euch Morvan nennt? — Ja, Fräulein! — Wie verwirrt ich nur bin! Ein Courier hat heute Morgen einen Brief für Euch überbracht. Der junge Mann beeilte ſich das Billet zu entſiegeln, welches ihm die Wechslerin einhändigte, und las im Augenblick die folgenden Zeilen:„In vierzehn Tagen werde ich in Paris ſein. Meine Adreſſe werdet Ihr beim Prinzen d'Harecourt finden. Kommt ſchnell, ich bedarf Eurer. Glaubt an Euren guten Stern. Kommt! kommt!... Nativa.“ — Nun, itter ſprach der Roßkamm auf's Neue zu Morvan, ſchlagt Ihr mein Anerbieten noch aus? — Noch immer! entgegnete Morvan durch den ſonder⸗ har unn gun ent die tne trieb. gegeben, igen Geg⸗ enkönnen. erdehänd⸗ urin nach e Stunde eld, und chen In⸗ ſo werde eweiſen ntrocken, ſchlagen, Abweſen⸗ d zu be⸗ an einen Cointo, nt? at heute tſiegeln, ugenbli n Paris t finden⸗ Stern. Neue zu ſonder⸗ — 99— baren Nachdruck, welchen Mathurin auf dieſes Noch legte, be⸗ unruhigt. Der Ritter begrüßte ſodann mit einer einzigen Vernei⸗ gung des Kopfes die Wechslerin und den Roßkamm, und dann entfernte er ſich langſam mit einer affektirten Gleichgiltigkeit, die ſeinem Herzen ſehr fern war. Morvan war bei ſeiner Ankunft in Breſt aus ökonomiſchen Rückſichten in einer kleinen unbeachteten Herberge abgeſtiegen, die„Zum goldenen Wagen“ hieß. Hieher begab er ſich nach dem unglücklichen Erfolg ſeiner Bemühungen. Er ging ſchnell, denn er glaubte, alle Vorübergehenden müßten auf ſeiner Stirn die Erniedrigung leſen, die er eben erlitten hatte. — Ich dachte niemals an die Schande, ſagte er zu ſich ſelber, welche die Armut und der Einfluß des Geldes nach ſich ziehen. Dieſer Roßkamm wird mit offenen Armen empfangen, während ich, der Ritter von Morvan, mit der jämmerlichſten Gleichgiltigkeit behandelt werde! Und warum das? Weil dieſer Mann kein Geld brauchte, und weil ich kam, mir es auszulei⸗ hen. Nativa hat Recht; ich hätte mich ſchon längſt mit der Zu⸗ kunft beſchäftigen und nicht meine ſchönſten Jahre in öder Einſamkeit verbringen ſollen. Aber jetzt will ich die verlorene Zeit mit Ausdauer und Kühnheit wieder einbringen. Ich fühle allen Ehrgeiz und alle Sehnſucht, die in dieſem Herzen ſchliefen, mit unwiderſtehlicher Gewalt und unter guten Vorzeichen er⸗ wachen. Ja, ja, es wird mir gelingen! Nachdem er auf die Wunde ſeines ſo grauſam mitgenom⸗ menen Stolzes dieſen Hoffnungsbalſam geträufelt hatte, dachte Morvan wieder an Nativa; zehnmal überlas er das Billet, das er von ihr erhalten hatte, er erklärte ſich es nach ſeinen Wün⸗ ſchen und gelangte zu dem Schluße, daß ihm das Mädchen in dieſen zwei Zeilen ein vollſtändiges Geſtändniß abgelegt habe. 9* v Dieſe Gewißheit that ihm ſehr wohl; und als er die Her⸗ berge„zum goldenen Wagen“ erreichte, empfand er gar nichts in mehr von der Entmutigung, die ihn beim Fortgehen von der Wechslerin noch gedrückt hatte. Die erſte Perſon, der er beim Eintritt in die Herberge ſu begegnete, war ſein Diener Alain, der damit beſchäftigt war, Bijou zu putzen. Der Anblick ſeines Herrn ſchien dem Bre⸗ ſ tagner eine große Freude zu verurſachen, der, erſchrocken vor der großen Anzahl von Gaſſen in Breſt und aus Furcht, ſich zu de verlieren, ſich nicht herausgewagt hatte. — Braver Alain, ſagte Morvan außerordentlich gütig,. der wußte, daß er auf die Ergebenheit ſeines Dieners blind⸗ lings rechnen könne, und dem der Gedanke, von einem armen unwiſſenden Wildling geliebt zu werden, in dieſem Augenblick zl ſehr wohlthat; braver Alain, das Geſchäft, das mich hieher geführt, iſt beendigt; wenn Du nicht zu müde biſt, ſo werden te wir morgen mit dem Anbruch des Tages unſere Reiſe fortſetzen. 3 — Meiner Treue, Herr, ich wünſche nichts Beſſeres; mir ſind die Landſtraßen weit lieber als die großen Städte. — Was wirſt Du erſt ſagen, wenn wir in Paris ſein werden. — Oh, das iſt was Anderes, da wir nur reiſen, um Geld zu gewinnen, ſo werden mir die großen Städte bald lieber ſein als die Landſtraßen. Das Geld geht vor Allem. Der junge Mann ſeußzte, als er ſeinen Diener dieſen Grundſatz ausſprechen hörte, und kam mit ſich überein, daß Alain nicht ohne Verſtand ſei und zuweilen recht gut ſpreche. Nachdem Morvan dem Bretagner befohlen hatte, ihm ein beſcheidenes Mahl zu bereiten, ging er in ſein Zimmer hinauf. Kaum war er eingetreten, als Jemand an ſeine Thür pochte; der Edelmann dachte, der Beſuch gehe irre, rief aber jedenfalls: Herein! er die Her⸗ gat nichts n von der eHerberge iſtigt war, dem Bre⸗ rocken vor ht ſich zu lich gütig, ers blind⸗ e men Augenblic ſich hirher ſo werden fortſetzen. ſſeres; mir te. Paris ſein un Geld liebet ſein ner diſen daß Alin eihm ein er hinauf. ür pochtej edenfuls⸗ — 0 Man denke ſich ſein Staunen, als der Roßkamm Mathu⸗ rin eintrat. — Ihyr hier! — Dam! warum nicht? Ihr habt mich eintreten gehei⸗ ßen und da bin ich. — Parbleu! wenn ich es bedenke, entgegnete Morvan, ſo freut mich der Zufall, der Euch hergeführt hat. — Sehr verbunden. Nur hat mich nicht, wie Ihr glaubt, der Zufall hergeführt. Ich will Euch ein Geſchäft vorſchlagen. — Wir werden darauf ſogleich zurückkommen. Vor Allem aber wünſche ich zu wiſſen, wer Ihr ſeid und welches Intereſſe Ihr habt, den Roßkamm zu ſpielen? Denn ich ſetze voraus, daß Ihr mir genug Einſicht zutraut, um an Eure Verkleidung nicht zu glauben. — Das iſt gut, entgegnete Mathurin mit lautem Geläch⸗ ter, ich ſehe, daß mich Euer Diener Alain bei Euch recht an⸗ geſchwärzt hat. Und wer Teufel ſollte ich denn ſein? Etwa ein verkleideter Prinz, der incognito reiſt? Ach, mein Herr, ich bin nur zu ſehr ein armer Roßkamm, und der Beweis hiervon iſt, daß ich eben komme, um Euch Euer Pferd abzukaufen. Mathurin's Geſicht war hierbei ſo gutmüthig, ſeine Rede ſo offen, daß Morvan's Vermuthungen erſchüttert waren. Uebri⸗ gens wollte er nicht ſogleich den Anſchein haben, nachzugeben, und verſetzte: — Der ſeltene Muth, den Ihr an den Tag legtet, als Ihr mich bei meinem Verſuch, jenes Schiff zu retten, begleite⸗ tet, ferner die ſonderbare Weiſe, mit der Ihr Euch entferntet, ſcheinen mir mit dem Beruf, den Ihr zu haben vorgebt, in Widerſpruch zu ſtehen. — Ich geſtehe es ein, daß ich eine Tracht Schläge erhal⸗ ten habe, wenn ich Eure Gründe verſtehe, antwortete Mathurin, indem er wie der lachte. Uebrigens ſind Eure Gründe recht hübſch! — 10— Und warum ſollte ein Roßhändler nicht wie andere Menſchen Mitleid und Muth im Herzen haben?„Dam! ſagte ich damals zu mir, wenn dieſer junge Edelmann ſein Leben auf's Spiel ſetzt, um den unglücklichen Schiffbrüchigen zu Hilfe zu eilen, ſo ſehe ich nicht ein, was mich hindern ſollte, ihm nachzuahmen, um auch ein wenig meine Haut zu riskiren;“ und ſo folgte ich Euch. Was die wenig höfliche Weiſe betrifft, mit der ich Euch ſpäter verlaſſen habe, ſo beweiſt ſie nur, daß wir Roßkämme nicht immer vollkommen gut erzogen ſind, wir kennen wenigſtens den Werth der Zeit; ich hatte damals anderswo zu thun, und reiſte ab, ohne mich weiter um Euch zu kümmern; das iſt Alles! — Aber warum habt Ihr Euch, als Ihr in Penmark ankamt, bei meinem Diener über mich erkundigt und ihm zwei Thaler gegeben? — Ich habe Euren Diener ausgefragt und ihm zwei Thaler gegeben, weil ich Euch ein Geſchäft vorzuſchlagen hatte, und weil ich den Bretagner in mein Intereſſe ziehen wollte. Leute meines Berufes verſtehen es, wie bekannt, zu ſäen, um ſpäter zu ernten. — Und was für ein Geſchäft hattet Ihr mit mir? — Dasſelbe, welches mich in dieſem Augenblick zu Euch führt. Nur werde ich mir, bevor ich mich in eine Erklärung einlaſſe, erlauben Euch zu bemerken, daß Ihr fehlgreift, wenn Ihr meine Mittheilungen zu mißbrauchen hofft. Auch ich weiß, was ich aber damals als ich nach Penmark kam, nicht wußte, daß Ihr Geld braucht, und unſere Wünſche begegnen ſich. Die Sache iſt, fuhr der Roßkamm nach kurzer Pauſe fort, kurz ge⸗ ſagt, folgende: ein ſehr reicher Reiſender hat Euer Pferd Bijou geſehen, und mich beauftragt es um jeden Preis zu kaufen. Wie viel wollt Ihr dafür? — Mein Pferd iſt nicht zu verkaufen, antwortete Mor⸗ van trocken und erhob ſich von ſeinem hinkenden Stuhl; aber Ner Ve ſch Pe nic Ge de —— Menſchen ich damals if's Spiel eilen, ſo der Roßkamm hatte den Abſchied, den ihm der Ritter auf dieſe Weiſe gegeben, wahrſcheinlich nicht verſtanden, denn er rührte ſich nicht vom Platze und fuhr ruhig fort: Herr Ritter, ich will offen mit Euch ſprechen, die hzuahmen, i Perſon, die mich beauftragt hat, Euer Pferd zu kaufen, wird nicht auf den Preis ſehen. Wir beide können da ein recht gutes rich C 8 fſi 6 Geſchäft machen; zum Teufel! die Thaler findet man nicht auf oßkämme der Straße. Nur Thoren und hochmüthige Leute ſtoßen ein gutes Geſchäft zurück. Reden wir kurz, aber gut. Wie theuer hun, habt Ihr Euer Pferd bezahlt? i Mes— Mit vier Hundert Livres, antwortete Morvan, der v überlegte, daß ihm der Zufall vielleicht Gelegenheit gebe, das i Geld das er bei Cointo nicht bekam, dennoch zu erlangen. — Vier Hundert Livres! rief Mathurin erſtaunt. venigſtens ihn zui Meiner Treue, Herr Ritter, mein Beruf bringt es mit ſich, gen hat, daß ich die Leute betrügen muß; guten Ruf genießt ein Roß⸗ n wullt. händler am wenigſten, aber fern ſei es von mir Eure Unſchuld ſien, un zu mißbrauchen. Euer Pferd iſt acht Hundert Livres werth wie einen Heller. ir?— Würdet Ihr mir dieſe Summe auszahlen? fragte zu Euch Morvan eine Gleichgiltigkeit ſpielend, die aber fern von ihm rklärung war, denn dieſe Summe von acht Hundert Livres, die ihm ſo ſt, wenn gelegen kam, blendete ihn. ich weiß,— Ja und nein! Wenn Ihr wollt, ſo zahle ich Euch t wußte, ſechs Hundert Livres baar aus, und gebe Euch anſtatt des ich. Die Uebrigen zwei Pferde, die zwar nicht ſchön ſind, die aber ganz fun ge⸗ geeignet ſind, die Strapazen einer langen Reiſe auszuhalten. n Bijon— Das nehme ich an, antwortete Morvan. en. Vie— Geſchloſſener Handel; ich habe Euer Wort als Edel⸗ mann! ete Mor⸗— Ja, mein Herr, ich gebe es Euch. hlz abet— Nun gut, rief dann der Roßkamm freudig, ich kann —— — 104— Euch jetzt geſtehn, daß Bijou nicht acht Hundert, ſondern we⸗ nigſtens zwölf Hundert Livres werth iſt. — Mich freut es, daß Ihr einen guten Handel ge⸗ macht habt. — Parbleu! Eure Rechtlichkeit entzückt mich, und Nie⸗ mand ſoll ſagen, daß ich mich an Großmuth übertreffen laſſe; ich werde Euch das Pferd Eures Dieners ganz angeſchirrt über⸗ liefern. Herr Ritter, hier ſind Eure ſechs Hundert Livres, fuhr Mathurin fort, indem er auf dem Tiſch einen ledernen Gürtel ausbreitete, der mit Goldſtücken gefüllt war, und zählte die ausgemachte Summe ab. Erlaubt Ihr mir Bijou gleich fort⸗ zuführen? Fürchtet Euch nicht, man kennt mich in Breſt; morgen mit dem Anbruch des Tages ſchicke ich Euch die beiden Pferde, die Ihr von mir zu bekommen habt. — Nehmt Bijou mit Euch, entgegnete Morvan. Sobald Mathurin fort war, überließ ſich der junge Mann ganz der Freude, welche ihm der glückliche und ſo unerwartete Handel verurſachte. Alain, dem er von dem guten Geſchäft 2 zählte, zeigte mehr Mißtrauen als ſein Herr. — Dieſer Roßkamm iſt zwar nicht der Teufel, wie ich Anfangs glaubte, denn die beiden Thaler, die er mir gegeben hat, haben ſich nicht in dürre Blätter verwandelt; aber bevor ich mich freuen ſoll, will ich erſt die beiden Pferde ſehen—— wenn er ſie Euch nur ſchickt. Der mißtrauiſche Bretagner war den andern Tag ſehr er⸗ ſtaunt, und der Ritter theilte ſeine Verwunderung, als er im Hofe ein wahres Prachtſtück von einem Reitpferd, und einen kräfti⸗ gen anſtändig geſchirrten Klepper ſah, welche beide der Roß⸗ kamm hergeſchickt hatte. — Jetzt auf! rief der Ritter, er in aller Eile einen Biſſen gegeſſen hatte, und war mit einem Sprung im Sattel, das iſt ein glücklicher Anfang unſerer Reiſe. ie Si ein die ndern we⸗ Alain nahm ſeinen Klepper ſtolz zwiſchen die Beine, und die beiden Abenteurer(ich wende dieſes Wort im ehrenwerthen ondel ge⸗ Sinne an) brachen auf. Als Morvan aus der Stadt hinauskam, wurde er von und Nie⸗ einem Bürger angeſprochen, der ihn ſehr artig fragte, wann er fen laſe; dieſes Pferd gekauft habe. irrt übet⸗— Dieſen Morgen, antwortete der Ritter ſehr beun⸗ vres, fuhr ruhigt über die Frage, die ihm die Ehrlichkeit des Roßkammes en Gürtel verdächtig erſcheinen ließ. zählte die— Nun, Herr Ritter, entgegnete der Bürger, Ihr könnt eich fort⸗ Euch rühmen ein ſchönes und gutes Thier zu beſitzen; ich habe in Breſ dieſes Pferd geſtern um achtzehn Hundert Livres verkauft, und die heiden kann Euch verſichern, daß es noch mehr werth iſt. 1. nge Mann nerwartete VII. eſchſt t⸗ Während des ganzen Tages nach ihrer Abreiſe von Breſt unterhielten ſich der bretagniſche Edelmann und ſein Diener von Mathurin. Trotz der zahlloſen Vermuthungen, denen ſie ſich hingaben, konnten ſie ſich doch niemals ſein Betragen erklären. Alain zweifelte keinen Augenblick, daß Mathurin ein Zauberer ſei. Der Ritter, der weniger abergläubiſch war als ſein Diener, theilte dieſe Meinung nicht, die aber die Frage noch immer nicht löſte; denn zugegeben, daß Mathurin eine übernatürliche Macht beſeſſen hätte, ſo blieb doch immer noch der Beweggrund ein Räthſel, der ihn veranlaßte ſich in Mor⸗ van's Angelegenheiten mit ſolcher Ausdauer einzumiſchen. Der junge Mann nahm ſich daher vor, wenn ihn der Zu⸗ fall je wieder mit. Mathurin zuſammenführen ſollte, dieſe ge⸗ heimnißvolle Perſon nicht eher zu verlaſſen, als bis er über das wie ich r gegeben ber bevor g ſehr et⸗ erin Hofe en krifti⸗ der Roß⸗ aler Ei ung in 45 —————— 06 räthſelhafte Betragen derſelben eine genügende vollſtändige Er⸗ klärung erhalten haben würde. Der Anfang der Reiſe war für unſere beiden Abenteurer hu traurig; überall begegneten ihre Blicke nur zuſammenſtürzenden Hütten, verlaſſenen Dörfern. Seit vielen Jahren hatte man in Frankreich kein ſolches Elend unter dem Volke geſehen, als jetzt, den Geſchäften fehlte das Capital, der Feldarbeit die Hände, der Krieg hatte das Land an Geld und Menſchen er⸗ ſchöpft. Ludwig's XV. Unterthanen mußten ſeinen unerſättlichen Stolz und ſeinen dahin geſchwundenen Ruhm theuer bezahlen. d Jeden Augenblick ſahen Morvan und ſein Diener ganze Familien, die von der unverſöhnlichen Gier des Fiscus aus ihren armſeligen Wohnungen vertrieben waren; dieſe Unglück⸗ fi lichen, blaß, in Lumpen gehüllt, mit blutigen Füßen gingen 1* aufs Geradewohl fort, nährten ſich größtentheils von Wurzeln, ſchliefen unter freiem Himmel, und ſchleppten ſich zuletzt zu einem Graben, um da zu ſterben. Andere Unglückliche, die ſich noch kräftig fühlten, nahmen die Noth, zu der ſie getrieben wurden, nicht ohne Kampf an; auch hörten Morvan und Alain wol zwanzig Mal des Tages von Mordthaten, Räubereien und anderen Gewaltſcenen ſprechen. h Im Vorbeigehn wollte der Ritter zu Pontivy für Alain zwei Piſtolen und einen Degen kaufen; aber bei dieſer Idee 1 empörte ſich der Bretagner trotz der Ergebenheit, mit der er ſich gewöhnlich dem Willen ſeines Herrn unterwarf. — Was ſoll ich mit dem Degen und den Piſtolen thun? 1 Ich bin, Gott ſei Dank, kein Franzoſe, und verſtehe mich auf ſolches Zeug nicht. Wenn Ihr mir eine Hacke kaufen wollt, b ſo iſt das was Anderes, Beſſeres wünſche ich mir nicht. Eine b Hacke wiegt doch etwas in der Hand, ſchlägt einen Mann nie⸗ ſ der, und zerbricht nicht, wenn man damit an einen Wamms⸗* 9 knopf ſtößt. ⸗„* ndige Er⸗ lbenteuret fürzenden atte man hen, als rbeit die ſchen er⸗ ſättlichen bezohlen. ner gonze scus aus Anglick⸗ ngingen Purzeln, zu einem nahnen mpf anz 8 Tages ſprechen⸗ ir Aloin ſer Pe er er ſch n thun? nih auf n wollt, t. Eine ann nie⸗ Bamns⸗ „ — Aber Alain, Deine Hacke würde mich lächerlich machen; man würde glauben, ich hätte um Aufſehen zu machen einen Holzhauer als Diener gemiethet. — Nun, ſo genügt mir mein Penbas. Nach vielem Hin- und Herreden, denn Alain, der Mor⸗ van's Milchbruder war, genirte ſich nicht mit ihm zuweilen zu disputiren, kamen ſie überein anſtatt der Hacke und der Piſtolen ein Stutzrohr zu kaufen. Alain konnte ſich doch nicht enthalten, als Morvan ihm das Feuergewehr einhändigte, mitleidig die Achſeln zu zucken, und zu ſagen: — Mein Gott! was doch die Franzoſen mit ihren Er⸗ findungen dumm ſind! Iſt es möglich, eine Muskete ſo zu ver⸗ derben, und in der Mitte abzuſchneiden! — Du bedenkſt nicht, daß eine Muskete für einen Reiter zu lang und zu ſchwer iſt. — Kann ſein, entgegnete Alain, aber ich muß doch ſagen, daß die Franzoſen dumm ſind. Es iſt nicht unſere Abſicht, die Schrecken, Verdrießlich⸗ keiten und Entbehrungen, welche unſere Reiſenden zu erdulden hatten, Schritt für Schritt zu verfolgen; wir haben Eile nach Paris zu kommen. Doch ſind wir genöthigt ein Abenteuer zu erwähnen, das ihnen im Dorfe Nort zuſtieß, denn es iſt mit dem Fortgang unſerer Erzählung innig verbunden. Ungefähr Mittags begegneten Morvan und Alain einer dicht geſchloſſenen Kutſche, die mit zwei Ackergäulen beſpannt war, derſelben folgten zwei große Lakaien, zerlumpt wie ver⸗ bannte ſpaniſche Hidalgo's, und mit unendlich langen Degen bewaffnet. Als die Lakaien unſere Reiſenden erblickten, zogen ſie ſogleich vom Leder und ſtellten ſich mitten in der Straße auf, wie um ihnen den Weg zu verſperren. Morvan merkte ſogleich an der Art, wie ſich die Hidalgos — 105 im Sattel hielten, an dem Zwang, mit welchem ſie ihre Degen handhabten, und an der jämmerlichen Abgezehrtheit der Klep⸗ per, die ſie ritten, daß die Gefahr nicht zu groß ſei; darum ſetzte er, den Degen in der Scheide und die Piſtolen in den Halftern laſſend, ſeinen Weg ruhig weiter ſort, ohne daß er die Feindſeligkeiten, mit denen er bedroht wurde, zu mer⸗ ken ſchien. Als er von ſeinen beiden Gegnern nur noch zehn Schritte entfernt war, ſpornte der Eine derſelben ſeinen Klepper, und ſchien ihm entgegen reiten zu wollen; aber das ſtörrige Thier, das wahrſcheinlich über die lächerlichen Anforderungen ſeines Reiters empört war, ſchlug einige Mal hinten aus, und machte keinen Schritt vorwärts. — Wenn Ihr einen Schritt weiter macht, rief der Reiter Morvan zu, ſo renne ich Euch meinen Degen durch den Leib. — Ich zweifle, daß der Degen ſo gut ſticht, wie meine Peitſche, rief Morvan, ſprang in zwei Sätzen auf ſeinen Gegner los, und umzingelte ihm den Leib mit ſeiner Peitſchenſchnur. Der Hidalgo ſchrie ohne Bemühungen zur Gegenwehr vor Schmerz auf, warf ſeinen Degen von ſich, und faltete 5i tend die Hände. — Ich ergebe mich, mein Herr, und erkenne Euch a6 Sieger an. Um des Himmels willen tödtet mich nicht! Der andere Hidalgo, der von ſeinem Klepper beſſer be⸗ dient war, ergriff die Flucht. Es wäre ſchwer geweſen beim ſpaßigen Anblick des ge⸗ züchtigten Reiters ernſt zu bleiben; auch konnte ſich Morvan nicht enthalten in lautes Gelächter auszubrechen. — Warum haſt Du mich bedroht? fragte er den Reiter mit dem langen Degen. — Ach, Monſeigneur, ich habe den Kampf mit Euch nur aus Ergebenheit für meinen Herrn unternommen. gen we 0 d „ da en ihre Degen der Klep⸗ ſei; damm len in den ohne daß e, zu ner⸗ Schritte pper, und ige Thier, gen ſeines und wachte der Reiter n Leib. wie meine en Gegner nſchnur. hegenwehr tete bit⸗ N beſſet be⸗ k des ge⸗ Mowan n Reitet mit buch 109 — Wie, aus Ergebenheit für Deinen Herrn? Wer iſt Dein Herr, und worin habe ich ihm denn ſchaden wollen? — Mein Herr, Monſeigneur, befindet ſich in dem Wa⸗ gen, den Ihr da vor Euch ſeht. Er hat ſeine Coufine entführt, welche man ins Kloſter geben wollte, und die ihn zur Hilfe rief. Jasmin und ich, wir begleiten die armen Kinder, wir glaubten, daß Ihr uns verfolgt und thaten unſere Pflicht. — Dein Herr hat wohl daran gethan, ſeine Couſine zu entführen, weil er ſie liebt, und weil man ſie verfolgte, ant⸗ wortete Morvan; nur hätte er ſeine Vertheidiger beſſer wäh⸗ len ſollen. — Monſeigneur, in ſolchen Dingen kann man ſich nicht auf Jedermann verlaſſen; man wendet ſich nur an Perſonen, die man genau kennt, und wir, nämlich ich und Jasmin, ſind ſchon zehn Jahre im Dienſte unſeres Herrn. — Und wie heißt Dein Herr? — Es iſt der Vicomte von Chamarande. — Nun ſo richte dem Vicomte von Chamarande aus, daß man ſein Vertrauen nicht ſchlechter anwenden könne, als bei Jasmin und Dir. Wie! Du weißt nicht, wer ich bin, und verräthſt bei der erſten Aufforderung den Namen Deines Herrn! — O, Monſeigneur, Euer Vorwurf iſt ungerecht. Ich habe Scharfſinn genug um die Menſchen gleich beim erſten An⸗ blick zu beurtheilen. Es iſt unmöglich, daß ein Cavalier von ſo gutem Ausſehen wie Ihr nicht ſchon reizenden Damen gefal⸗ len habe, und daß er nicht aus Erkenntlichkeit dafür ein wenig verliebt ſei, da aber die Verliebten gut und mitleidig ſind, ſo—— — Halt' ein mit den dummen Reden, entgegnete Morvan erröthend. Eile den Vicomte von Chamarande und ſeine Couſine zu beruhigen, und verſichere ihnen, daß ſie mich unendlich ver⸗ binden werden, wenn ſie über mich verfügen, falls ich ihnen in irgend etwas dienen kann. 0 — Ihr ſeht, Monſeigneur, daß ich mich nicht getäuſcht habe, wenn ich ſagte, daß Ihr die Großmuth in Perſon ſeid. — Zu viel Geplauder! Mache daß Du fortkommſt, und richte aus, was ich Dir aufgetragen habe. Der Diener verneigte ſich tief vor dem Ritter; nachdem er ſich hierauf einige Tropfen Bluts, die ihm Morvan's Peitſche aus dem Geſicht gezogen, abgewiſcht hatte, ſpornte er kräftig ſeinen Klepper, der diesmal ſo gefällig war, ſich in Trab zu ſetzen. Alain hatte das kurze Geſpräch zwiſchen ſeinem Herrn und dem Diener des Vicomte von Chamarande mit großer Auf⸗ merkſamkeit mitangehört. Als er ſich mit Morvan allein ſah, lachte er nach Art der bretagniſchen Bauern, halb dumm, halb pfiffig, und ſprach mit gedämpfter Stimme: — Wenn Ihr mir glauben wollt, Herr Ritter, ſo werdet Ihr Euch mit dieſen Leuten in nichts einlaſſen. — Ich danke Dir, Alain, daß Du Dir die Mühe gibſt, mir Rathſchläge zu ertheilen, antwortete der junge Mann lachend. — Dam! Herr Ritter, man hat mir erzählt, daß dumme Leute, wie ich, manchmal etwas Geſcheites ſagen, und daß wie⸗ der Leute von Geburt und Erziehung, wie Ihr, manchmal ſehr dumme Streiche begehen. — Was findeſt Du denn tadelnswerth in dem Benehmen dieſes Edelmannes? — Vor Allem, Herr, liebe ich die Leute nicht, welche Mädchen rauben. Sie ſind ſchamlos. Dann ſcheint es mir ſehr närriſch, daß dieſer Vicomte, der ſich verfolgt glaubt, es nicht für gut gefunden hat, ſeine Naſe aus dem Wagenſchlag zu ſte⸗ cken; das zeugt nicht für ſeinen Muth. Endlich, wie ſtattlich Ihr immer auch ausſeht, gehört es ſich doch nicht, Euch mit Monſeigneur zu tituliren, wie es der Lümmel von einem Bedien⸗ ienf ſtn nir das halt mo do der Ae t getüuſcht ſon ſeid. mnſt, und nachden 6Peitſche er kräftig zu ſetzen. em Herrn oßer Auf⸗ c Art der prach nit ſo werdet ühe gibſt, nlachend. ß dumne daß wie⸗ mal ſehr enehmen „welche nir ſehr es nicht gzu ſie⸗ ſtattlich uch nit Bedien⸗ ten fortwährend gethan hat; und ich mißtraue denen, die Euch ſchmeicheln. — Ich ſehe, Alain, daß Reiſen den Geiſt bildet. Sage mir nun, was hältſt Du von dem Vicomte von Chamarande? — Ich meine, Herr Ritter, daß er keineswegs ſeine Couſine entführt. — Parbleu! rief Morvan und lachte aus vollem Herzen, das iſt eine originelle Antwort, deren ich dich nie für fähig ge— halten hätte. Und warum glaubſt Du, daß der Vicomte von Cha⸗ marande nicht ſeine Couſine entführt? — Wenn man ein junges Mädchen entführt, ſo muß man doch erwarten, verfolgt zu werden; nicht wahr? — Gewiß; auch haſt Du den Schrecken bemerken können, den unſer Erſcheinen Jasmin und ſeinen Kameraden verurſachte. — Nun, wenn man erwartet verfolgt zu werden, fuhr Alain fort, ſo ſpannt man nicht Ackergäule vor die Kutſche, die langſam ſind wie Schnecken, und nicht mehr als drei Meilen im Tage zurücklegen können... Das iſt, wie wenn man leichte Cavallerie auf Ochſen ſetzen möchte! Morvan hatte einen einfachen geraden Sinn, und nahm die Wahrheit an, von wo ſie immer kommen mochte; der ver— ſtändige Schluß ſeines Dieners brachte ihn auch zum Nachdenken. — Ich muß in der That geſtehen, antwortete er nach ei⸗ ner Weile, daß in dem Allen etwas Geheimnißvolles iſt. Ich werde auf meiner Huth ſein. Als der Ritter fünf Minuten ſpäter vor dem Wagen des Vicomte von Chamarande vorbeikam, konnte er ſich nicht enthal⸗ ten, einen neugierigen Blick hineinzuwerfen. Die Schläge waren dicht geſchloſſen, und Morvan mußte den Weg fortſetzen, ohne etwas bemerkt zu haben. Das Dorf Nort, wo unſere Reiſenden übernachten muß⸗ ten, und wo ſie um drei Uhr ankamen, zählte damals drei Häu⸗ * — 113— ſer; zwei derſelben dienten als Herbergen, und das dritte war eine Schmiede. Sie ſtiegen beim Zauberer Merlin ab. Während Alain die Pferde abſchirrte, um ſie dann zur Tränke zu führen, durchforſchte Morvan die Localitäten der Herberge und warf einen traurigen und fragenden Blick auf den feuerloſen Herd in der Küche. Das Innere der Herberge zum Zauberer Merlin be⸗ ſtand aus drei Gemächern: die Küche in der Mitte und an jeder Seite ein Zimmer. Da dieſe beiden Zimmer gleich ſchlecht oder vielmehr gar nicht möblirt waren, warf Morvan ſeinen Mantel, gleichſam als Zeichen der Beſitzergreifung, in das erſte beſte, es befand ſich links, und ging dann um einen Imbiß zu ſuchen. Nach vielem Hin- und Herreden und einem großen Auf⸗ wand von Beredſamkeit, erhielt er ein halbes Huhn und ein viertel Pfund Speck. Seines Mahles gewiß, ging er dann nach ſeiner täglichen Gewohnheit in den Stall, um ſich zu überzeu⸗ gen, daß ſeinem Pferde nichts mangle. Gegen fünf Uhr befand ſich der Ritter in Geſellſchaft ſei⸗ nes Dieners in ſeinem Zimmer vor einem wurnſtichigen Tiſch, der ihr kärgliches Mahl trug, als die geheimnißvolle Kutſche vor der Herberge zum Zauberer Merlin anhielt. Morvan ſtand auf und eilte zum Fenſter. Diesmal, dachte er, könnte die Flüchtige ſeiner Neugierde nicht entgehen; ſeine Erwartung wurde jedoch zur Hälfte getäuſcht. Die Couſine des Vicomte von Chamarande ſtieg in der That aus dem Wagen, aber ihr Geſicht war mit einem ſchwarzen Schleier ſo ſehr ver— deckt, daß Morvan ihre Züge nicht ſehen konnte. Ihre Haltung war ſo jugendlich ſchlank, ihr Gang ſo ge⸗ ſchmeidig und frei, daß ſie nach ſeinem Urtheil ſchön ſein mußte. Ihr Couſin, der Entführer Chamarande, bewachte ſie mit iner eni Vat das ſtch Der dai hen ſi ritte war dann zut täten der auf den erlin be⸗ dan jeder lmehr gar ichſan als efand ſch oßen Auf⸗ nund ein dann nach u überzel⸗ utſche vor al, dachte ſen; ſine ufine des n Vagen⸗ ſehr ver⸗ ung ſo ge⸗ in mufte. ie ſi ni 3 einer unruhigen Aufmerkſamkeit, die mehr Eiferſucht als Liebe verrieth. Er hielt ſie am Arm, und folgte ihr wie ihr Schatten. Was dem Ritter an der Perſon des Vicomte am meiſten auffiel, das war die Verſchwendung an Bändern von lebhaften und ſtechenden Farben, die an ſeinen Kleidern angebracht waren. Der Ritter dachte, dieſer Anzug ſei eine neue Mode, und ging da ihn nichts mehr an das Fenſter feſſelte, zu ſeinem unterbro⸗ chenen Mahle zurück. um acht Uhr Abends begab ſich Alain, nachdem er ſeinem Herrn eine gute Nacht gewünſcht hatte, eine Förmlichkeit, welche der Bretagner um keinen Preis der Welt unterließ, auf den Boden, wo er die Nacht zubringen ſollte. Sobald er allein war, legte Morvan ſein Wamms ab, ſchnallte den ledernen Gürtel ab, den er zu Breſt gekauft hatte, um ſein Geld hineinzuthun, ſchloß die Zimmerthüre mit dem Schlüſſel, legte den Gürtel unter ſein Kopfkiſſen, die Piſtolen auf einen zum Bett gerückten Stuhl, und warf ſich angekleidet auf's Bett. Gegen zehn Uhr lag der junge Mann in tiefem Schlaf, als Jemand an ſeine Thüre pochte und ihn plötzlich weckte. — Wer iſt da? fragte er. — Im Namen des Himmels, öffnet, antwortete eine ſchwache, erſtickte Stimme durch das Schlüſſelloch. Morvan ſprang ſogleich vom Bett, nahm eine ſeiner Pi⸗ ſtolen und ging zur Thüre. Da die Thüre nach innen aufging, ſprang der Ritter, nachdem er den Schlüſſel umgedreht hatte, einen Schritt zurück, um nicht umgeworfen zu werden, wenn man mit Gewalt ein⸗ dringen ſollte. Man denke ſich das Erſtaunen des Edelmannes, als er durch die halbgeöffnete Thüre ein halbbekleidetes Frauenzimmer 10. mit fliegenden Haaren gleiten ſah, die ſich vor ihm auf die Knie warf und mit von Furcht erſtickter Stimme ſprach: — Herr, ich vertraue mich Eurer Ehre und Eurem Muth an. Rettet mich.. rettet mich! Der Ritter hatte, als er ſich niederlegte, aus Vorſicht und nach ſeiner Gewohnheit das Licht brennen laſſen; während der zwei Stunden ſeines Schlafs hatte ſich aber der Docht ſo verlängert und verkohlt, daß er nur ein ſchwaches Licht gab, unfähig die Finſterniß der Nacht vollſtändig zu beſiegen. Morvan wollte eben an die Unbekannte eine Frage rich⸗ ten, als er Schritte hörte, die ſich von der Küche nach ſeinem Zimmer richteten. — Schließt die Thüre, ſchließt ſie, Herr, oder es iſt ge⸗ ſchehen um uns, ſprach die nächtliche Beſucherin leiſe und mit Schrecken. — Meine Dame, ich ſehe nicht, was Ihr zu fürchten habt, antwortete der junge Mann, ich bin da. Und um mich braucht Ihr nicht beſorgt zu ſein; wir bretagniſchen Edelleute haben, wie man ſagt, harte Hirnſchalen und ſtarke Fäuſte. Weh dem Erſten, welcher eintritt! Die Unbekannte ſtürzte, ohne die Worte des Ritters zu beachten, zur Thüre, und ſchloß dieſelbe, indem ſie den Schlüſſel umdrehte; hierauf kam ſie bleich wie der Tod und mit wanken⸗ dem Schritte zurück, und fiel halb liegend halb ſitzend am Fuß des Bettes nieder. Der Ritter ſtand unbeweglich vor ihr, be— trachtete ſie mit großem Staunen, und fragte ſich, ſo ſonderbar ſchien ihm dieſes Abentener, ob er nicht von einem Traume ge⸗ täuſcht werde. — Ach, Herr, fuhr die Unbekannte fort, indem ſie zuerſt das Stillſchweigen brach, ich verdanke Euch mein Leben. — Ihr ſeid mir vor Allem eine Erklärung ſchuldig, ent⸗ gegnete Morvan, indem er die Kerze durch Schütteln von dem ſih ſch die Ft uf die Knie rem Muth 1s Vorſcht während t Docht ſo Licht gab, en. Frage tich⸗ nach ſeinen es iſt ge⸗ e und nit u fürhten dum nich nCdelleute rke Füuſt. Ritters zu Schlüſſel it wanken⸗ dan Fuß rihr, be⸗ ſonderbar raume ge⸗ en. udig, en⸗ nvon den — 115— überhängenden Docht befreite und ihr ſo eine größere Helle gab. — Ich bitte, mein Herr, ſchont meine Schamhaftigkeit, fuhr die Unbekannte fort, indem ſie mit anmuthigem Schreck ſich die Bruſt mit ihrem langen ſchwarzen Haar bedeckte. Dieſe mit rührender Stimme geſprochenen Worte lenkten die Aufmerkſamkeit des Ritters auf das Geſicht des jungen Frauenzimmers; er konnte einen Ausruf des Erſtaunens und der Bewunderung nicht zurückhalten, als er die ſchönſte Geſtalt vor ſich ſah, die man ſich denken kann. Vor und nach ſeinem Be⸗ gegnen mit Nativa hatte ſein Auge keine ſo reizenden Züge geſehen. — Wollt Ihr die Güte haben, meine Dame, ſprach er nach ziemlich langem Schweigen und nit unſicherer Stimme, mir zu ſagen, welche Gefahr Ihr lauft und wie ich Euch nützlich ſein kann. Ich bin von der Gerechtigkeit Eurer Sache überzeugt; ich beſchwöre Euch, meiner Ehre und meinem Degen zu vertrauen. — Oich glaube an nichts mehr, mein Herr, antwortete die Unbekannte in Thränen ausbrechend, ich bin ſo unwürdig betrogen worden! Nein, ich glaube an nichts mehr! — Das Mißtrauen wird Thatſachen nicht widerſtehen, meine Dame, antwortete Morvan nach einiger Ueberlegung; befehlt, ich werde gehorchen. Dieſe mit ſo offenherzigem, entſchloſſenem Tone geſpro⸗ chenen Worte ſchienen die Furcht und den Schmerz des jungen Frauenzimmers zu beſänftigen; ſie hörte bald auf zu weinen und ſchlug ihre noch thränenfeuchten aber ſchon lächelnden gro⸗ ßen Augen zu dem Ritter auf. Sei es, ob Morvan's Schönheit oder ob ſeine achtungs⸗ volle Haltung die ſchöne Unbekannte ermuthigten, genug, ſie ſchien nachdem ſie den Ritter eine Weile verſtohlen angeblickt hatte, Vertrauen zu faſſen. — Ihr habt mich ſo eben um eine Erklärung gebeten, ſagte ſie zu ihm, nichts iſt natürlicher. Ihr müßt wol zu wiſſen wünſchen, wer die Unglückliche ſei, die Ihr beſchützt. — Ich bitte Euch, zu glauben, unterbrach ſie Morvan, daß ich Euch meinen Schutz nicht unter Bedingungen anbiete; die Neugierde hat keinen Theil an meinem Verlangen; ich dachte nur, daß ich Euch vielleicht eher helfen kann, wenn ich Euer vergangenes Unglück und Eure gegenwärtige Lage kenne. — Ich danke Euch, Herr, für Eure edelmüthigen Ab— ſichten, aber ach! meine Vergangenheit vernichtet meine Zu⸗ kunft, ich ſehne mich nur darnach die Welt zu vergeſſen und mein Leben in der Einſamkeit des Kloſters hinzubringen. Nichts⸗ deſtoweniger möchte ich Euch, fuhr die ſchöne Unbekannte nach kurzem Schweigen lebhaft fort, keinen ungünſtigen Eindruck zurücklaſſen, und dann bedarf ich mehr als je Eures Muthes. Während die ſeltſame Beſucherin dieſe Worte mit ſanfter und durchdringender Stimme ſprach, betrachtete Morvan ſie mit einer ſo naiven und aufrichtigen Bewunderung, daß ſie ſich wol ſchwerlich darüber hätte aufhalten können, wenn ſie es be⸗ merkt hätte. — Ich heiße Ismerie, fuhr ſie fort, und bin die Tochter des Grafen von Blinval, deſſen berühmter Name Euch ohne Zweifel nicht unbekannt ſein wird. — Ich bitte um Vergebung, mein Fräulein, entgegnete Morvan. — Wie! Ihr hättet von meinem Vater nichts gehört! Es iſt doch keine Perſon bei Hofe, die nicht den Reichthum und den hohen Adel des Grafen von Blinval kennt. — Ich bin auch nicht vom Hofe, mein Fräulein, ich komme aus dem Innerſten der Bretagne. — Ihr macht mich ſtaunen; Ihr ſcheint doch ein vollen⸗ deter Cavalier zu ſein. Morvan verneigte ſich erröthend und die Tochter des be⸗ mihn ing var hin nich und vot tien Che bar um ab zu wiſſen eMorwan, nabiete; ich dachte nich Euer ine. higen Ab⸗ neine Zu⸗ geſſen und n. Nichts⸗ annte nach Eindruck Muthes. nit ſanfter an ſie nit ie ſich wol ſie es be⸗ ie Tochter Fuch ohne entgegnete 18 gehört hthum und ich komme tin vollen⸗ er des be —— — rühmten Grafen von Blinval fuhr nach dieſer leichten Bemer⸗ kung in ihrer Erzählung fort: — Die einzige Tochter, und als Erbin ungeheurer Güter war ich fortwährend von Männern umgeben, die um meine Hand warben. Es verging kein Tag, ohne daß mein Vater für mich einen Heiratsantrag erhielt; aber da ich ein launenhaftes und durch Schmeicheleien verwöhntes Kind war, ſo erſchrack ich vor der Idee einen Herrn zu bekommen und ſchlug alle Par⸗ tien aus. Es ſind ungefähr zwei Monate, daß der Vicomte von Chamarande, der wegen ſeiner Ausſchweifungen vom Hof ver⸗ bannt wurde, in unſre Provinz kam und meinen Vater beſuchte, um ihn um ſeinen Schutz und ſeinen Credit zu bitten. Der Vi⸗ comte von Chamarande iſt von ſehr guter Familie, beſitzt aber dagegen alle möglichen Fehler; gewaltthätig, grauſam, lügne— riſch, ein Spieler und Wüſtling ohne Glauben und Treue, iſt er einer edelmüthigen Handlung vollkommen unfähig; wenn aber ſein Intereſſe oder ſeine Leidenſchaften im Spiel ſind, dann ſchrickt er vor keinem Verbrechen, vor keiner Niederträchtigkeit zurück. Nie hat ein Ungeheuer, das ſo heuchleriſch, ſo verfüh⸗ reriſch geweſen wie er, das menſchliche Geſchlecht beſchimpft. Der Vicomte ſtellte ſich uns als ein Opfer dar; er ſpielte den Reinen, den Tugendhaften, ſtreute auf dem Lande einige Al⸗ moſen aus und wurde dafür von den leichtgläubigen Bauern bald angebetet. Von allen Seiten wurde er einſtimmig gelobt. Was ſoll ich Euch weiter ſagen! Ich ließ mich von dieſer Heuchelei blenden, und dankbar dem Vicomte, daß er mich mit jenen thörichten Schmeicheleien verſchonte, mit welchen die An⸗ dern mich ſtets überhäuften, fühlte ich für ihn bald ſchweſter⸗ liche Freundſchaft. Vor acht Tagen ging ich im Park am Schloße meines Va⸗ ters ſpazieren, als ich mich beim Ausgang aus einer Allee dem Vicomte gegenüber befand, der bleich, mit zerſtörter Kleidung 18 und beinahe athemlos in außerordentlicher Bewegung ſchien. „Ach Fräulein, rief er ſobald er mich erblickte, und ohne daß er mir Zeit ließ ihn zu fragen, der Himmel ſchickt Euch mir!“— Hierauf nahm er mich, ſo groß war ſeine Verwirrung, am Arm und zog mich mit ſich fort. Immerwährend rief er dann: „ach die Unglückliche, die Bejammernswerthe! werden wir auch zur rechten Zeit hinkommen, um ſie zu retten!“ Wis oft ich ihn auch fragte, er antwortete mir nicht; ſeine Aufregung wuchs von Augenblick zu Augenblick. Endlich nach⸗ dem wir eine Minute gegangen waren, kamen wir aus dem Park durch eine geheime Thüre, welche auf die Landſtraße ging. „Mein Fräulein, ſagte dann der Ritter, verwirrt und auf den Knien vor mir, Ihr, die Ihr ein Engel an Güte ſeid, wer⸗ det meine Schweſter nicht hilflos ſterben laſſen; ach die Un⸗ glückliche! dahin hat ſie endlich die thörichte Liebe gebracht, welche ich ſo oft beklagt habe! Elender Verführer! Und ſollte ich dich bis ans Ende der Welt verfolgen müſſen, ich werde dich finden!“ Während der Ritter ſo ſprach, drängte er mich zu einer Kutſche, die mitten in der Straße ſtand. „Darin iſt ſie, da iſt ſie! O, ich wage es nicht ſie zu ſe⸗ hen! Mein Anblick würde ihr weh thun, ſagte er, den Kutſchen— ſchlag öffnend. Steiget ein, ich beſchwöre Euch darum, und verſichert ihr, daß mein Bruderherz ihr vergibt.“ Ich war ſo verwirrt und ſo bewegt, daß ich keinen Wider⸗ ſtand leiſtete, keinen Einwurf machte, und ſtieg in die Kutſche. Niederträchtiger Verrath! Der Vicomte ſtürzte mir nach⸗ und rief indem er einen Dolch gegen mich zückte:„Wenn Ihr ſchreit, wenn Ihr nur ein Wort hören laßt, ſo ſeid Ihr des Todes!“ Dann ſchloß er den Kutſchenſchlag und rief:„Fahr zu, Kutſcher!“ Und die Kutſche raſte fort mit Blitzesſchnelle. — wel len n ing ſchien. und ohne ſchickt Euch erwitrung, efer dann: nwir auch licht; ſeine lich nach⸗ zden Park ging. rtt und auf ſeid, wer⸗ h die Un⸗ gebracht, Und ſollte werde dich ch zu einer t ſie zu ſe⸗ Kutſchen⸗ arum, und len Wider⸗ ie Kuſſhe⸗ nir nuch Venn Iht d Ihr des ef: Fahr — Es ſcheint, daß ſie damals nicht mit den Ackergäulen, welche ich geſehen habe, beſpannt war, unterbrach ſie Morvan. — Nein, beeilte ſich die unglückliche Ismerie zu antwor⸗ ten, indem ſie faſt unmerklich erröthete, die Kutſche wurde bei meiner Entführung von zwei prächtigen Rennern gezogen. — Die ohne Zweifel der Anſtrengung erlegen ſind—— — Ja, mein Herr, nach einem raſenden Lauf von zwölf Stunden.— Ich endige meine Erzählung. Meine Furcht, mein Schrecken und meine Betäubung waren ſo groß, daß der Vi⸗ comte nicht nöthig hatte mir Schweigen zu gebieten; ich war vernichtet. Der Elende benützte meinen Zuſtand mich anfangs zu knebeln und dann mir die Hände zu binden. Ich verlor das Bewußtſein. Die unglückliche Ismerie hielt inne; Seufzer erſtickten ihr die Stimme. Morvan ballte die Fäuſte mit Wuth, ſo ſehr war er ent⸗ rüſtet und bewegt; endlich brach er das Schweigen: — Und als Ihr wieder zu Euch kamt? — Als ich wieder zu mir kam, fuhr Ismerie fort, indem ſie den Kopf verwirrt ſenkte, erklärte mir der Vicomte von Cha⸗ marande, daß er mich nicht liebe, daß er aber, da er von ſei⸗ nem Vermögen keinen Heller mehr beſaß, ſein Vermögen um jeden Preis wieder herſtellen wolle, und mich daher compromit⸗ tire um eine Heiratzwiſchen mir und ihm unvermeidlich zu machen. — Aber, Fräulein, dieſes Verbrechen darf nicht ungerächt bleiben! rief Morvan mit aller Energie ſeiner fittlichen Entrü⸗ ſtung. Da Ihr mich gewürdigt habt, mir die Vertheidigung Eurer Intereſſen anzuvertrauen, ſo gehe ich dieſen Chamarande aufzuſuchen und— — Hüthet Euch vor dieſem Schritt, er könnte meine Lage nur verſchlimmern, rief Ismerie, indem ſie vor den Ritter hin⸗ ſtürzte, der den Degen unter dem Arm ſchon nach der Thüre ging. — Wie! rief Morvan, Ihr wolltet zu dieſem Ungeheuer zurückkehren! — Dieſes Opfer bin ich meiner Ehre ſchuldig. Wer könnte mich rechtfertigen, wenn Ihr dieſen niederträchtigen Cha⸗ marande in Eurem edlen Zorn opfert? Niemand, man würde mich für ſeine Mitſchuldige halten. Sein Leben iſt, wie Ihr ſeht, zu meiner Rechtfertigung nothwendig. — Worin kann ich Euch alſo denn behilflich ſein? — Indem Ihr über meine Sicherheit wacht! Ihr werdet meinem beweglichen Gefängniß von ferne nachfolgen, und ſo bald wir in Nantes ſind, die Juſtiz in Kenntniß ſetzen und den Vicomte verhaften laſſen. — Ich werde Euern Willen befolgen, wie viel es mich auch koſtet, antwortete Morvan traurig; es iſt mir peinlich zu ſehen, wie ein Elender ſo zu ſagen vor meinen Augen ein Weib beſchimpft, das aller Bewunderung, aller Achtung werth iſt, und dabei meinen Degen in der Scheide zu laſſen. — O glaubet, daß ich Eure Ergebenheit und Euern Muth nach ihrem Verdienſt würdige, ſprach Ismerie mit tiefer Rührung und ſchloß dabei voll Dankbarkeit die Hände des jungen Man⸗ nes in die ihrigen. Bei der ſo unerwarteten Berührung dieſer weichen und zar⸗ ten Hand ſenkte ſich ein Flor auf Morvans Augen; ſein Herz pochte hörbar. Ismerie vergaß in ihrer Freude, einen Verthei⸗ diger gefunden zu haben, ohne Zweifel die Unordnung ihrer Toilette, erhob ſich und blieb einige Augenblicke voll Hingebung und Anmuth vor dem Ritter ſtehen. — O Herr, lispelte ſie endlich, wie wird es mir je ge⸗ gönnt ſein, mich für Euren bewundernswerthen Edelmuth dank⸗ bar zu bezeigen. Morvan bebte, entzog mit gewaltiger Selbſtbeherrſchung Ungehener ldig. Wer htigen Cha⸗ man wurde ſ, wie Ihr ſein? Ihr werdet en, und ſo zen und den iel es mich peinlich zu en ein Veib tth iſt, und uern Mith er Rührung ngen Man⸗ en und zun⸗ en Verthei⸗ nung ihrer hingebung nir je ge⸗ nuth dun⸗ chenſchuns — ſeine Hand denen des jungen Mädchens und trat haſtig einen Schritt zurück. — Ich habe Euch im Namen Derjenigen, die ich liebe, ſagte er hierauf mit dem unbeſchreiblichen Tone leidenſchaftli⸗ cher Schwermuth, meine Dienſte angeboten. Wer weiß, ob nicht auch ſie eines Tages der Rechtlichkeit und des Muthes eines herzhaften Mannes bedarf. Bei dieſen Worten erhob die Tochter des Grafen von Blin⸗ val ihr Auge zum Himmel, ging zur Thür, die ſie öffnete, und entfernte ſich nachdem ſie den jungen Mann mit einem Nicken ihres Kopfes begrüßt hatte. — O Nativa! rief dann Morvan, indem er einer zurück⸗ gehaltenen Bewegung Luft machte, ich habe dir bisher nur das Leben gerettet, jetzt erſt habe ich das Recht zu ſagen, daß ich dich liebe! Zu lebhaft bewegt von der eben vorgegangenen Scene, konnte der junge Mann nicht daran denken, ſich dem geſtörten Schlaf wieder zu überlaſſen, und ging im Zimmer auf und ab. Das abſcheuliche Betragen des Vicomte von Chamarande entrüſtete ihn und er bedurfte eines großen Aufwands an Wil⸗ lenskraft um der Verſuchung, ihn im Augenblick zum Zwei⸗ kampf zu fordern, zu widerſtehen. — Vielleicht hätte ich, dachte er, meine Küſte von Pen⸗ mark nicht verlaſſen ſollen. Kaum habe ich mich von meinen Fel⸗ ſen entfernt, ſo begegne ich ſchon der Erniedrigung und Treu⸗ loſigkeit. In Breſt hat mich der Empfang der Frau Cointo ge⸗ lehrt, wie wenig der Adel der Geburt und der Geſinnung be⸗ achtet wird, wenn er nicht vom Glücke begleitet iſt; jetzt ſehe ich zu welchem Grade der Niederträchtigkeit die Sucht nach Gold einen Edelmann hinabſinken laſſen kann. Wer ſagt mir, daß ich nicht mit jedem Schritt, den ich in der Geſellſchaft vorwärts thue, eine Täuſchung verlieren werde! Ich kann mir Erfahrungen 11. — 132— ſammeln, ich kann mein Glück machen! Gut. Aber was nützt es mir, wenn ich mein Ziel mit ſo gealtertem Herzen erreiche, daß ich jedem edleren Gefühle, der Liebe ſelbſt abgeſtorben ſein werde!— YNein, fuhr Morvan mit Feuer fort, ich habe Unrecht wenn ich dieß befürchte; der Gedanke an Nativa wird, ich fühle es, genügen um meine Seele zu retten. Der junge Edelmann fuhr noch eine Stunde fort ſein Zimmer der Länge und Breite nach zu meſſen, dann ward er ruhiger, fühlte den Schlaf ſich auf ſeine Lider ſenken, und warf ſich auf ſein Bett. Kaum war er eingeſchlafen als ein ſchauderhaftes herz⸗ zerreißendes Schreien ihn weckte; Morvan ſprang nach ſeinem Degen, nahm eine Piſtole und ſtürzte hinaus. Diesmal wenigſtens wußte er, woran er ſich zu halten habe: er zauderte auch nicht und war nicht überraſcht; nur ein ſchrecklicher Gedanke machte ihn erblaſſen, er fürchtete nämlich zu ſpät zu kommen. — Hier bin ich! Muth, Ismerie! rief er. Er eilte durch die Küche und ſtürzte nach dem vom Vi⸗ comte von Chamarande und deſſen unglücklichem Opfer beſetzten Zimmer. Zu ſeinem Erſtaunen wich die Thüre ohne Widerſtand, er trat ein. Das Zimmer war leer. Morvan war einen Augenblick unentſchloſſen, und über⸗ legte was er jetzt zu thun habe, als der Ruf:„Mord! Zu Hilfe!“ ſich lauter als früher hören ließ; diesmal kam das Ge⸗ ſchrei vom Felde her. Der junge Mann eilte wieder in die Küche, kam mit einem Sprung über den Hof, rief am Stalle ohne ſeinen Lauf anzuhalten, ſeinen Diener Alain, und eilte in der Richtung fort, von welcher er den Angſtruf vernahm. In dieſem Augenblicke glitt ein Mann, der in dem fin⸗ t was nitzt en erteiche, abgeſtorben t, ich habe ativa wird, fort ſein in ward er nken, und aftes herz⸗ ach ſeinen zu halten t; wur ein te ninlich nvom Vi⸗ beſetzten iderſftund⸗ und ſbet⸗ ord! Zu das Ge⸗ fam nit inen Lauf Richtung den fin⸗ — ſtern Kamin der Küche verborgen geweſen, auf leiſen Sohlen in das Gemach des Ritters, und begab ſich ſchnell wieder daraus zurückkommend, indem er vorſichtig längs der Mauer hinſchlich, in den Stall, in demſelben Augenblick in welchem der von ſei⸗ nem Herrn geweckte Alain daraus hervorkam. Die Umgebung des Dorfes Nort iſt mit Dornſträuchern und Geſtrüppe bedeckt; deßhalb brauchte Morvan, obſchon heller Mondſchein war, längere Zeit um ſich zurecht zu finden. Endlich bemerkte er, ungefähr hundert Schritte vor ſich“ eine fliehende Perſon; es war Ismerie. Er holte ſie ſogleich ein. — Beruhigt Euch, Fräulein, Morvan iſt's, Euer Ver⸗ theidiger. Ihr habt nichts mehr zu fürchten. Das junge Mädchen war dem Anſchein nach ſo erſchrocken, daß ſie den Ritter nicht ſogleich erkannte. — Gnade, Vicomte, ſprach ſie verwirrt, tödtet mich nicht; — ich werde Euch nicht verrathen,—— ich werde mich als Eure Mitſchuldige angeben,—— ich will Eure Sklavin ſein. Nur mit Mühe und Zeitverluſt gelang es dem Ritter, der Tochter des Grafen von Blinval begreiflich zu machen, daß ſie nicht in die Hände ihres Verfolgers gefallen, daß vielmehr der Freund, der ſie beſchützt, anweſend ſei. — Ach, der Himmel ſei geprieſen, rief Ismerie mit leiden⸗ ſchaftlicher Dankbarkeit aus, Ihr ſeid mein Schutzengel! Seufzer erſtickten die Stimme des jungen Mädchens. — Folgt mir, Fräulein, und habt keine Furcht. Bei Gott! dieſer Vicomte von Chamarande wird Euch nicht mehr verfolgen. Er hat geſündigt, er iſt ein todter Mann. Wenn Morvan von Jemanden ſagte:„Er hat geſündigt“, ſo war das, wie wir am Anfange dieſer wahrhaftigen Geſchichte durch Alain erfahren haben, ein unfehlbares Zeichen ſeines ſchrecklichen Zornes. In ſolchen Augenblicken fühlte der Ritter eine ſo große 44* Kraft, daß er die Ausführung ſeiner Drohung nicht im Gering⸗ ſten bezweifelte, und man hätte auch Unrecht ihn der Prahlerei zu beſchuldigen; er ſprach mit vollſtändiger und aufrichtigſter Ueberzeugung. Als er dann zum Fräulein von Blinval ruhig und ohne alle Ueberſchwänglichkeit ſagte:„Bei Gott dieſer Vicomte von Chamarande wird Euch nicht mehr verfolgen. Er hat geſündigt, er iſt ein todter Mann!“— da erſchrack das junge Mädchen und ward blaß. In der That iſt es für ein Frauenzimmer, und wenn ſie ſich über einen Mann noch ſo ſchrecklich zu beklagen hätte, immer ein trauriger und ſchauderhafter Anblick dem Tode dieſes Mannes beizuwohnen. Wir erſtaunen daher nicht, wenn Fräulein von Blinval es verſuchte, die Wuth des Ritters zu mäßigen. Morvan hörte ihr, ſo lange es die Achtung gebot, mit ſichtlicher Ungeduld zu, und dann unterbrach er ſie: — Mein Fräulein, mein Gehorſam hätte Euch beinahe das Leben gekoſtet. Es gibt harte Nothwendigkeiten, vor wel⸗ chen man niemals zurückſchrecken darf. Ihr habt mir Eure An⸗ gelegenheit anvertraut, ſo krönt denn noch Eure Güte und laßt mich nach meiner Weiſe handeln. Nach dieſer Antwort entwand ſich der junge Mann der Hand des Fräuleins, die ihn am Arm zurückhalten wollte, und ging entſchloſſen und feſten Schrittes nach der Herberge zurück, wo er den Vicomte von Chamarande zu treffen hoffte. Zwanzig Schritte vor derſelben begegnete er Alain, der ſein Stutzrohr am Lauf haltend, als ob es ein Penbas geweſen wäre, eben vom Felde zurückkam, das er durchſucht hatte. — Ah, Herr Ritter, rief der Bretagner mit Haſt, wie froh bin ich, Euch wiederzuſehen. Ich glaubte, als Ihr mich rieft, daß Ihr es mit einem neuen Legallec zu thun habt, und ich ſtürzte Euch nach, ohne Euch einholen zu können. Was geht denn vor? Gering⸗ Prahlerei tichtigſtet und ohne omte von eſündigt, Mädchen met, und beklagen den Tode ht, wenn itters zu chot, nit beinahe vor wel⸗ Eure An⸗ und laßt Nann der llte, und e zurict liin, det geweſen tte. ie froh ich rieft ch ſtürzte enn vr — 125— — Ein Menſch hat geſündigt, Alain. — Dann iſt ſeine Rechnung fertig; ich folge Euch. — Ich verbiete Dir's, Du wirſt im Gegentheil bei dem Fräulein bleiben und über ihre Sicherheit wachen. Alain betrachtete nun das unglückliche Opfer des nieder⸗ trächtigen Chamarande genauer, und ſagte, indem er bis in's Weiße ſeiner Augen erröthete: — Mit Reſpect, Herr Ritter, ich glaube das Fräulein thäte beſſer, ſich, anſtatt des Nachts auf den Feldern herumzulaufen, ein wenig beſſer und anſtändiger aufzuputzen. Ich bleibe nicht bei ihr! Morban hätte den Diener bei jeder andern Gelegenheit hart angefahren, aber jetzt war die Zeit zu koſtbar; er ant⸗ wortete ihm nicht. — Ich beſchwöre Euch, Herr Ritter, ſprach Fräulein von Blinval lebhaft, mich hier allein zu laſſen.— Verlangt nicht von mir, daß ich der blutigen Szene, die bevorſteht, beiwohne. Und wer weiß, ob der Vicomte von Chamarande, außer ſich darüber, daß ſein Opfer ihm entkommen, nicht ſeine Wuth gegen mich wenden wird.— Er iſt mit Piſtolen bewaffnet, und.. — Ihr habt Recht, Fräulein, unterbrach ſie Morvan. Es iſt beſſer, daß Ihr die Züchtigung des Schuldigen in Sicher⸗ heit abwartet. 5 — Näamlich den Ausgang dieſes Kampfes, den ich be⸗ klage, und den ich doch nicht im Stande bin zu verhindern; denn der Herr von Chamarande iſt, ich muß ihm dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, tapfer und wird ſich wie ein Löwe vertheidigen. — Ich wünſche dieß von ganzem Herzen, denn ſeine Feigheit wäre mir läſtig. Alſo, Fräulein, ich werde Euch hier wieder treffen? — Ja, mein Herr, ja, mein großmüthiger Vertheidiger; — ich flüchte mich in dieſen Schoppen, und werde da beten, daß Gott Euch beſchütze, antwortete die Tochter des Grafen von Blinval, und ging in den Stall. Morvan verneigte ſich tief vor dem jungen Mädchen, dann wandte er ſich zu Alain, und ſagte: — Jetzt folge mir! — Das iſt mir lieber. Einige Minuten ſpäter befand ſich der Ritter in der Küche der Herberge, wo dichte Finſterniß herrſchte. — Ei, Herr, ſagte Alain mit leiſer Stimme und tupfte ihn dabei an der Schulter, da der, den Ihr ſucht Piſtolen hat, ſo könnte es ihm nicht ſchwer ſein, Euch ungeſtraft eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Laßt mich die Kerze holen, die in Eurem Zimmer brennt. Wenn Ihr ſeht, ſo habt Ihr keinen Verrath zu fürchten und könnt den Schurken ſicher beſtrafen. Der Rath des Bretagners war ſehr verſtändig, und Mor⸗ van nahm ihn dankbar an. — Hole die Kerze. Alain beeilte ſich zu gehorchen, und bald mit der bren⸗ nenden Kerze zurückgekommen, ging er zuerſt entſchloſſen in das Zimmer des Vicomte von Chamarande. Herr und Diener ſtießen zu gleicher Zeit einen Ausruf des Erſtaunens aus. — Niemand da! Er iſt fort! rief Morvan. — Seht, er hat auch ſein Gepäck mitgenommen. Beide betrachteten ſich einander. — Um Gottes Willen, Herr Ritter, rief Alain, habt Ihr Euer Geld bei Euch? — Nein, warum dieſe Frage? — Weil ich, als ich die Kerze holte, auf dem Boden Eures Zimmers zwei Louisd'ors geſehen habe!— Man hat uns beſtohlen! ſi M ten, daß afen von en,dann er Küche id tyfte olen hat, ne Kugel „die in t keinen afen. d Mor⸗ er bren⸗ in das Ausuf n, hbt Boden Man hat Dem Ritter ward es dunkel vor den Augen, und er ſtürzte in ſein Zimmer. Ach! Alain hatte nur zu richtig ver⸗ muthet. Der Gürtel, welcher das ganze Vermögen des jungen Mannes enthielt, war verſchwunden. Dieſe Entdeckung machte auf den unglücklichen Edelmann einen ſolchen Eindruck, daß er einige Augenblicke hindurch ſtehen blieb, ohne ein Wort hervorbringen zu können. — Nein, es iſt unmöglich, ſagt er dann, ich werde ſchlecht geſucht haben. Mit zitternder Hand warf er die kleine Matratze vom Bett auf die Erde, der Gürtel fand ſich nicht vor. Sein Un⸗ glück war gewiß. Ich bedürfte eines Pinſels, um die komiſche Ver⸗ zweiflung, die ſich auf Alain's Geſicht zeigte, wiederzugeben; der arme Junge war buchſtäblich vernichtet. — Friſch auf Burſche, ſagte Morvan, es iſt nicht alle Hoffnung verloren; es iſt faſt gewiß, daß wir dieſen Chama⸗ rande einholen; wir ſind gut beritten, und er zu Fuß; Muth!— — Tauſend Teufel! rief der Bretagner, die Schelmin wenigſtens ſoll mir für ihn büßen. — Von wem ſprichſt Du? Von Fräulein von Blinval? —— Alain, der Schmerz macht Dich verwirrt! Dieſe Un⸗ glückliche iſt noch mehr zu beklagen als wir—— — Zu beklagen! eine ſo ſchamloſe Dirne!— Geht, Herr Ritter!— ich erſticke vor Wuth,— dieſes Wei meiner Treue!— um ſo ſchlimmer— Alain ſtürzte außer ſich vor Wuth aus dem Zimmer; Morvan folgte ihm. Kaum hatten unſere beiden unglücklichen Reiſenden den Fuß aus der Herberge geſetzt, als ſie von der einen Seite den Vicomte von Chamarande und Fräulein Ismerie von Blinval, und von der andern Seite Jasmin und deſſen Kameraden aus 125 dem Stalle kommen ſahen, alle wohlberitten, nämlich die beiden erſten auf dem prächtigen Renner des Ritters, und die beiden andern auf Alain's kräftigem Klepper. Sie ritten im Galopp davon. — Auf Wiederſehn, Herr Ritter! rief die treuloſe Isme⸗ rie mit vor Lachen erſtickter Stimme. Dieſer Chamarande iſt ein Ungehener, aber ich liebe ihn! Bei dieſer ſo unwiderſtehlichen und unerwarteten Beſtäti⸗ gung ſeines Unglückes, das noch durch den Verluſt ſeines Pfer⸗ des erſchwert wurde, blieb Morvan trotz ſeiner Energie und ſeiner Geiſtesgegenwart unbeweglich mit offenem Munde und wie vom Schlage getroffen ſtehen. Anders verhielt es ſich mit Alain. — Ich kann auch gut rennen, rief er. Heilige Jungfrau von Auray, drei Wachslichter, wenn ich die Diebe einhole! Der Bretagner nahm ſomit ſeinen Anlauf und verfolgte die Flüchtigen mit allen ſeinen Kräften. Es war ſeit der Entfernung ſeines Dieners keine Minute vergangen, ſo hörte Morvan, der noch immer unbeweglich auf ſeinem Platze ſtand, einen Schuß. Indem er fürchtete, daß ſein treuer Alain das Opfer ſeiner Ergebenheit geworden ſei, ſtürzte nun auch er in aller Eile nach der Richtung hin, von welcher der Schuß gekommen war. Glücklicher Weiſe war, was er be⸗ fürchtet hatte, nicht eingetroffen, denn bald gewahrte er Alain, der mit geſenktem Kopf, trauriger Miene und mit ſchleppendem Gange von ſeiner fruchtloſen Expedition zurückkam. — Nun? fragte ihn Morvan. — Jetzt habe ich's erfahren, Herr Ritter, daß die Pferde beſſer laufen als die Menſchen. — Und der Schuß, den ich gehört habe? — Ja, redet mir noch von dieſem Schuß, entgegnete Alain noch trauriger. Ich hatte doch Recht, als ich ſagte, daß hſ nu au ef a der di die beiden die beiden in Galopp lloſe Jsme⸗ unde iß ein en Beſtäti⸗ ines Pfer⸗ nergie und Nunde und nit Alcin. Jungftau inhole! dverfolgte ine Minute weglich uf e, daß ſein ſei, ſtürzte on welcher was er be⸗ et Alain, leppenden die Pſerde nigegnett ſagte daß 29 dieſe geſtutzten Musketen nur gut ſind, um damit Flauſen zu machen, und zu nichts taugen. — Haſt Du Deinen Mann verfehlt? — Das heißt, ich habe beide verfehlt oder, wenn ich ſie auch getroffen habe, ſo müſſen die Kugeln dieſes Stutzens nicht gefährlich ſein; denn die beiden Kerle haben ihren Weg fort⸗ geſetzt als wäre nichts geſchehen, und ich habe ſie doch gut auf's Korn genommen. — Jetzt iſt alle Hoffnung dahin, murmelte Morvan nach der Herberge zurückkehrend. — Warum habt Ihr Euch auch in die Angelegenheiten dieſer Leute gemiſcht? ſagte Alain, ich habe Euch gewarnt. — Das iſt wahr, meiner Treue, aber man vermag nichts gegen das Schickſal. — Das iſt nicht bewieſen, daß man gegen das Schickſal nichts vermag. Drei Wachslichter zur rechten Zeit geopfert, ändern gar Vieles!— Welches unglück, daß es hier keine Kirche gibt! Die heilige Jungfrau von Auray und ich, wir ver⸗ ſtehen uns ſo gut. Bei ihr würde Alles ohne Anſtand durch⸗ gehen; vor einer Stunde hätten wir unſere Pferde und unſer Geld wieder. — Was nun beginnen, Alain? Was ſoll aus uns wer⸗ den? Wie können wir ohne einen Sou in der Taſche unſere Reiſe fortſetzen? Bei dieſer Frage ſeines Herrn erhellte ein zufriedenes und triumphirendes Lächeln das ſauertöpfiſche Geſicht des Bretagners. — Wir ſind noch nicht ſo unglücklich und ſo aller Hilfe bar, wie Ihr glaubt, Herr Ritter, antwortete er mit ſchelmi⸗ ſchem Lächeln. — Welche Hilfsquellen haben wir denn noch? — Dam! ich bin nicht ſo arglos, wie Ihr! Wo ich bin, — 530— da iſt auch mein Geld. Wir verlaſſen uns niemals. Ich habe mein Erſpartes. — Aber was Du Dir erſpart haſt, gehört nicht mir; es würde mir weh thun, darüber zu verfügen, ſelbſt wenn Du einwilligſt. — Warum das? — Weil wir nicht gleichen Standes ſind. — Das iſt wahr! So werdet Ihr mir denn, was ich Euch leihe, doppelt zurückzahlen, ſobald Ihr Geld habt. — Unter dieſer Bedingung nehme ich's an, Alain; nur fürchte ich, werden Deine Erſparniſſe nicht groß genug ſein, um damit bis Paris auszureichen. — Um Vergebung, Herr, antwortete Alain, der einen Augenblick ſtehen blieb, um ſeiner Enthüllung mehr Feierlichkeit zu geben. Dann ſprach er mit Wichtigkeit: Herr Ritter, ich be⸗ ſitze fünf Thaler! Der Bretagner verleugnete den ſechſten Theil ſeines Reich⸗ thums, nämlich einen Thaler; aber er dachte, es ſei beſſer, die⸗ ſes Stück Geld für die Noth aufzubewahren als es ſeinem Herrn zu geben. Er war jedoch ſehr verblüfft, als Morvan ihm traurig lächelnd ſagte, daß ihm dieſe fünf Thaler von keinem Autzen ſein könnten, ſobald er nur ein Pferd kaufen möchte. — Seht, Herr Ritter, ich glaube, das Vernünftigſte was wir thun könnten, wäre, nach Penmark zurückzukehren. Ihr werdet leicht Credit finden, um unſer Haus wieder herzuſtellen; Ihr müßt Euch bemühen, Euch Eure Gedanken von Glück aus dem Kopf zu ſchlagen, müßt dieſe Reiſe vergeſſen, und wir werden unſer früheres Leben wieder von vorne anfangen. Man begreift wol, daß dieſes Projekt dem verliebten jungen Manne wenig zuſagte. Auch würdigte er es nicht einmal einer Widerlegung, und begnügte ſich Alain zu antworten: 3. Jh habt ſicht mir; es ſt wenn Du n, was ich habt. Alin; mur iug ſein, un „der einen Feierlichkeit iter, ich be⸗ eines Reich⸗ beſſen die⸗ inem Herm hm traurig em Nutzen miünfügſte ehren. Ihr uzuſtellen; Glick aus „und wir gen. verliebten icht einmal orten — Du biſt frei, mein Burſche, Du brauchſt Dein Schick⸗ ſal nicht an das meine zu knüpfen, und kannſt, wenn es Dir gut dünkt, nach Penmark zurückkehren. Ich werde meinen Weg verfolgen, und follte ich mich barfuß und bettelnd nach Paris ſchleppen müſſen. — So werden wir mitſammen gehen; glaubt Ihr denn, daß ich ein ſo abſcheulicher Schurke bin, Euch jetzt zu verlaſſen? Aber es wird ſpät und Ihr bedürft der Ruhe; kehrt zurück und ſucht zu ſchlafen. Morgen werden wir, wenn es Euch beliebt, mitſammen plaudern, was wir zu thun haben. Man ſagt, daß guter Rath oft über Nacht kommt. Morvan konnte, trotz der vortrefflichen Empfehlung ſei⸗ nes Dieners, die ganze Nacht kein Auge ſchließen. Das Un⸗ glück, welches ihn ſo unvermuthet betroffen, hatte ſolche Fol⸗ gen, daß der junge Mann an den Ausgang zu denken gar nicht wagte. Das größte Unglück dünkte ihn, daß er, wenn nicht ein wahrhaft wunderbarer Zufall hälfe, und ſolche Zufälle ſind äußerſt ſelten, wahrſcheinlich nicht zur rechten Zeit nach Paris tommen werde, um Nativa dort zu treffen. Dieſer Gedanke fol⸗ terte ſein Herz ſo ſehr und machte ihn ſo wüthend, daß er dar⸗ über den Verſtand zu verlieren fürchtete. Ohne Anſtand hätte er für eine Hand voll Gold zehn Jahre ſeines Lebens hingegeben., Die tiefe Verworfenheit der angeblichen Tochter des chimä⸗ riſchen Grafen von Blinval verwirrte ihn nicht minder; er konnte ſo viel Verſchmitztheit und Schlechtigkeit nicht begreifen. — Ach! ſagte er ſich entmuthigt, ich habe mir vielleicht zu viel zugetraut, indem ich es verſuchen wollte, mir eine Stel⸗ lung zu gründen, mein Glück zu machen. Wenn es ſchon am Beginn meiner Reiſe einer niedrigen Schelmin gelingt, mich auf ſo lächerliche Weiſe hinter's Licht zu führen, was wird erſt dann kommen, wenn ich den Laſtern der großen Herrn und der Hinter⸗ liſt der unter Ränken ergrauten Höflinge entgegentreten werde? — 131—* Man wird ſich mit mir nicht einmal ernſtlich einlaſſen wollen, man wird auf mich wie auf eine armoricaniſche Curioſität mit Fingern deuten. Aber bei Gott, das ſoll nicht geſchehen; man betrügt einen Morvan, aber man verſpottet ihn nicht.— Auf ſchlechte Späſſe werde ich mit meinem Degen antworten.— Beim Anblick des Blutes vergeht einem das Lachen.. Ja, aber Nativa iſt reich, ſehr reich, hat ſie mir geſagt. Ich brauche da⸗ her viel Geld, um ihresgleichen zu werden. Ohne das könnte irgend ein großer Herr... nein! fügte er erblaſſend hinzu, ich würde ſie eher tödten! Als drei Stunden ſpäter die Sonne aufging, maß der junge Mann, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, noch immer ſein Gemach mit kurzen haſtigen Schritten. Bald ſtellte ſich Alain ein. — Herr, ſagte er eintretend, ich komme, um Eure Be⸗ fehle zu vernehmen und Euch einen Gedanken mitzutheilen, der mir während der Nacht gekommen iſt. — Befehle habe ich Dir nicht zu geben. Laß Deinen Gedanken hören! — Er iſt ganz einfach. Unſere Diebe haben vier Pferde und einen Wagen im Stall zurückgelaſſen. Wer hindert uns, für unſere zwei Pferde die zwei zu nehmen, welche Jasmin und ſein Kamerad geritten haben, und die beiden andern ſammt dem Wagen dem Wirth zu verkaufen? Auf dieſe Weiſe kommen wir viellcicht noch zu einem Theil unſeres Geldes. — In der That, antwortete Morvan nachkurzer überlegung, ich ſehe nicht, was uns da hindern könnte. Hole mir den Wirth. — Seit einer Stunde ſchon laufe ich vergebens nach allen Seiten herum, und ſinde ihn nirgends. Es iſt ſonderbar, daß wir dieſen Menſchen ſeit geſtern nicht wieder geſehen haben, und daß er ſich gar nicht zeigte, als die freche Dirne aus Leibes⸗ kräften: Mord und Räuber! rief. Vielleicht iſt er mit unſern Dieben einverſtanden. un 6 et ft gehri vor ſchr ſh lige ihn, zihl die laſ aſſen wollen, urioſität mit ſhehen; mn cht.— Auf tworten.— Jt, aber brauche da⸗ e das könnte nd hinzu, ich ing, miß der c inmer ſtin ich Main ein. un Eure Be⸗ utheilen, der Luß Deinen nvier Pferde hindert uns⸗ Jusnin und n ſannt den kommen wir tüberlegung, it den Virth. nh de erbur, diß ſchen halt aus Leibes⸗ er nit unſern — 16 Alain hatte dieſe Worte kaum beendigt, als der Wirth am Eingang des Zimmers erſchien. — Gott zum Gruß, Herr Ritter, ſagte er mit wohlklingen⸗ der freundlicher Stimme; ich hoffe, daß Ihr die Nacht gut zu⸗ gebracht habt. Ich komme um zu ſehen, ob Ihr nicht vielleicht vor Eurer Abreiſe noch einen Abſchiedstrunk begehrt. Obwol der Ritter ſeit ſeinem beklagenswerthen Abenteuer ſehr mißtrauiſch geworden war, ſo konnte er doch nicht umhin ſich zu geſtehen, daß in der Haltung des Wirthes nichts von Ver⸗ legenheit oder Befangenheit zeugte. Nichtsdeſtoweniger fragte er ihn, nachdem er ihm den Betrug, deſſen Opfer er geworden, er⸗ zählt hatte, warum er als Herr der Herberge nicht herbeieilte, als die falſche Tochter des Grafen von Blinval um Hilfe rief. — Du guter Gott, entgegnete der Wirth lachend, wenn ich mich von jedem Geräuſch in meiner Herberge ſollte ſtören laſſen, ſo würde ich unter vier Nächten nicht einmal ſchlafen. Es vergeht keine Woche, ohne daß hier einige Diebereien vor⸗ fielen. Aber mich geht das nichts an, ich bin nicht die Polizei. Abends vor Schlafengehen laſſe ich mir von den Reiſenden die Zeche bezahlen, dann verſchließe ich mein Geſchirr und ziehe mich in meine Bodenkammer zurück; unterdeſſen mögen die Leute zanken, ſich beſtehlen und erſchlagen. Die Herberge„zum Zau⸗ berer Merlin“ iſt wegen der grenzenloſen Freiheit, welche die Reiſenden da genießen, vortheilhaft bekannt. Auf dieſe Gründe ließ ſich nichts antworten. Um die koſtbare Zeit nicht durch eitle Reden weiter zu verlieren, ſchlug Morvan dem Wirth vor, die Kutſche und die beiden Pferde, welche die Diebe zurückgelaſſen, zu kaufen. Auf dieſen Vorſchlag brach der Wirth in ein helles Gelächter aus. — Was Teufel ſollte ich mit einer Kutſche beginnen, ich bin nicht reich genug um mir Livréebedienten zu halten. Und wenn mir, was aber unmöglich iſt, die Idee käme mich auf — 134— einen großen Fuß einzurichten, ſo wäre ich nicht ſo dumm mit meinem guten Gelde eine Kutſche zu bezahlen, die wahrſcheinlich geſtohlen iſt, und die man mir jeden Tag abfordern könnte. Daraus wird nichts. Dieſe Worte klärten den Ritter auf. Er begriff, daß er, wenn er ſich der beiden von dem angeblichen Grafen von Blinval zurückgelaſſenen Pferde bemächtigte, in eine häßliche Geſchichte verwickelt würde. Hierauf ſagte er zu Alain: — Mein Junge, der Zufall raubt Dir in Nort den Klep⸗ ver, welchen er Dir in Breſt geſchenkt hat; Gottes Wille ge⸗ ſchehe. Als wir Penmark verließen, folgteſt Du mir zu Fuß, ich hoffe, Du wirſt mir jetzt, da ich ebenfalls zu Fuß gehe, Deine Geſellſchaft nicht verſagen. — Ihr geht zu Fuß, Herr Ritter! rief Alain entrüſtet aus; unmöglich! — So ſehr möglich, mein Junge, daß ich die Reiſe ſchon antrete, entgegnete Morvan, und entfernte ſich nachdem er den Wirth gegrüßt, mit haſtigen Schritten, und ohne den Kopf umzuwenden. Ungefähr eine Viertelmeile von der Herberge glaubte der Ritter hinter einem Buſche einen Menſchen ſtöhnen und ſeufzen zu hören; er verließ daher die Landſtraße und eilte dahin, woher die Klagetöne kamen. Wie erſtaunte er, als er auf der Erde einen Menſchen in den letzten Zügen und im Blute ſchwim⸗ mend ſah. — Gott ſei gelobt! rief Alain freudenvoll, die Franzoſen ſind doch nicht ſo dumm, wie ich geglaubt habe. Ihre Stutzen ſind eine ſehr ſchöne Sache. Der Bretagner hatte in dem verwundeten Manne Jas⸗ min's Kameraden erkannt. — ſo dumn nit wahrſcheinlich dern könnte. egrif, daß er, nvon Blinval iche Geſchichte ort den Klez⸗ tes Wille ge⸗ nir zu Fuß, zu Fuß gehe⸗ lain entrüſtet ich die Reiſe ſich nachden nd ohne den eglaubte der und ſeußen dahin, woher uf der Erde lute ſchnin⸗ die Franzſen Sjn Siten Nanne Jus⸗ VIII. Morvans Erſcheinen verurſachte dem Helfershelfer des an⸗ geblichen Vicomte von Chamarande keinen Schreck; der Elende fühlte ſich dem Tode ſo nahe, daß er keine Rache, keine Züch⸗ tigung mehr befürchtete. — Um des Himmels Willen, ſprach er röchelnd, gebt mir zu trinken—— meine Kehle brennt—— unerträglicher Durſt verzehrt mich—— Waſſer—— Waſſer—— ich beſchwöre Euch!—— Morvan bedeutete ſeinem Diener, denn dieſer trug eine Kürbisflaſche mit gewäſſertem Wein um den Hals gehängt, den Wunſch des Sterbenden zu willfahren. Alain kniete neben dem Sterbenden nieder, hob ihm mit der einen Hand den Kopf in die Höhe, und ſagte indem er ihm mit der andern die Flaſche zeigte: — Ich gebe Dir nicht eher zu trinken als bis Du meine Fragen aufrichtig beantworteſt. — Waſſer— zu trinken—— wiederholte der Verwun— dete röchelnd und faſt unverſtändlich. — Wirklich, es fehlt mir an Charakterſtärke, ich bin zu gut. Da haſt Du die Flaſche. Der Elende ergriff ſie mit Haſt, aber kaum hatte er zwei oder drei Züge gethan, als ihm Alain die Flaſche wieder raſch entriß und ſagte: — Für den Augenblick iſt's genug! Jetzt mußt Du reden können. Wenn ich mit Deiner Aufrichtigkeit zufrieden ſein werde, ſo ſollſt Du noch einmal ſo viel bekommen! Wer iſt der Vicomte von Chamarande und wer iſt die Schelmin, die ihn begleitet? — Chamarande, Jasmin und ich, wir ſind Deſerteurs — 136— vom Regiment d'Anjou. Ismerie iſt— Alles was Ihr wollt— eine verlorne Creatur. — Woher ſind Euer Wagen und Eure Pferde? — Geſtohlen— wir hatten ſie Tags zuvor einer wan⸗ dernden Komödiantentruppe weggenommen. Aber zu trinken!— o noch ein wenig Waſſer!— — Ich werde Dir genug geben, wenn Du auf meine letzte Frage eben ſo offen antworteſt, wie Du es bisher gethan zu ha⸗ ben ſcheinſt. Welche ſind die wahren Namen von Jasmin und Chamarande, welchen Weg haben ſie eingeſchlagen und wo könnten wir ſie wieder finden? — Chamarande heißt Rigaut und Jasmin Picou.— Welchen Weg ſie eingeſchlagen haben, das ſchwöre ich Euch nicht zu wiſſen. Als Eure Kugel mich traf, flohen wir auf's Geradewohl—— Jetzt habe ich Euch Alles geſagt, was ich weiß—— Waſſer!—— zu trinken! Der Deſerteur verdiente gewiß kein Mitleid; doch hatte Morvan Erbarmen mit ſeinen qualvollen Schmerzen. — Gib dem armen Teufel Deine Flaſche und laß ihn nach Luſt trinken, ohne ihn mehr mit Deinen Fragen zu quälen. Er hat jetzt kein Intereſſe uns zu täuſchen; er hat uns Alles geſagt was er weiß. Der Bretagner gehorchte. Er reichte die Flaſche auf's Neue dem Sterbenden hin, der ſich derſelben mit Haſt bemächtigte; aber kaum hatte er ſie an die Lippen geführt als er ſie fallen ließ. Ein convulſiviſches Beben ſchüttelte ſeinen Körper, er ſtreckte die Glieder, bewegte ſich einige Augenblicke, dann blieb er un⸗ beweglich liegen: er war todt! — Entfernen wir uns, ſagte Morvan nachdenklich. — Ihr ſeht ganz traurig aus, Herr. — Ich bin es auch wirklich. Iſt es nicht beklagenswerth Un wo w n to einer wan⸗ trinken!— meine letzte than zu he⸗ Jusmin und en und wo Picou.— re ich Eich n wir auf's t, ws ich doch hatt . und laß ihn nju quälen. t uns Alls e ufs Neut Gigtche fullen litß. r er ſredte hlib et un nllich. genunt zu ſehen, daß ſich ein Menſch für ſeine Goldgier elendiglich er⸗ ſchlagen läßt? — Dam! Das Gold iſt eine ſchöne Sache, rief Alain be⸗ geiſtert; mein Ehrzeig war es immer einen Louisdor zu beſitzen. DerRitter und ſein Diener verließen ſodann die Leiche des Deſerteurs und ſetzten ihren Weg weiter fort; aber kaum waren ſie hundert Schritte gegangen, als Alain plötzlich ſtehen blieb, und zu ſeinem Herrn ſagte: — Seid ſo gut einen Augenblick zu warten; ich habe et⸗ was Wichtiges vergeſſen. — Was kannſt Du denn vergeſſen haben, Alain? — Dem Verſtorbenen die letzte Ehre zu erweiſen, ant⸗ wortete der Diener, und lief davon ohne die Einſtimmung ſei⸗ nes Herrn abzuwarten. Fünf Minuten darauf kehrte der Bre⸗ tagner ſtrahlend vor Freude zurück: — Seht, Herr Ritter, was ich in den Taſchen des Tod⸗ ten gefunden habe, ſagte er, indem er die Hand öffnete und zehn Piſtolen in Gold vorzeigte; man darf doch wohl das Seinige nehmen, wo man es wiederfindet. — Du ſiehſt, Alain, daß man an der Güte der Vor⸗ ſehung niemals zweifeln darf, antwortete Morvan, der dieſe ein wenig ungeſetzliche Entſchädigung kühnlich als berechtigt er⸗ klärte, da ihm ſeine Lage ohne dieß nicht erlaubte, ſie zurück⸗ zuweiſen. — Ohne zu rechnen, fügte Alain hinzu, daß ich meiner guten heiligen Jungfrau von Auray diesmal nichts verſprochen habe. Da ſind noch drei Wachslichter erſpart. Gegen Abend bemerkten unſere beiden Fußgänger nach einem langen und beſchwerlichen Marſch die erſten Häuſer von Ancenis, wo ſie übernachten ſollten; da hörten ſie den Trab eines hinter ihnen her galoppirenden Pferdes. Sie wandten ſich um und ſtießen gleichzeitig einen Ruf des Erſtaunens aus. Der 12. 1 Roßkamm Mathurin, einen prächtigen ſpaniſchen Hengſt rei⸗ tend, war nur noch einige Schritte von ihnen entfernt. Entweder aus Gleichgiltigkeit oder weil er mit Gedanken beſchäftigt war, ſchien Mathurin ſeine alten Bekanntſchaften von Penmark nicht zu bemerken; er ritt weiter, bis Morvan ihn anrief: — Mathurin, wollt Ihr nicht ein wenig ſtill halten? Nur auf einige Worte! Mathurin zog den Zügel an, und blieb ſtehen. — Was wollt Ihr mein Freund? fragte Mathurin. Wie! Ihr ſeid es, Herr Ritter? Ihr zu Fuß, und in dieſem erbärm⸗ lichen Zuſtande! Meiner Treu! Ich wäre hundertmal vor Euch vorübergegangen ohne Euch zu erkennen. Was iſt denn aus dem prächtigen Pferde geworden, das ich Euch zu Breſt in Folge eines kläglichen Irrthums geliefert habe? — Dieſes Pferd iſt mir in vergangener Nacht geſtohlen worden; aber von welchem kläglichem Irrthum redet Ihr denn? — Von einem Irrthum, den mein Stallknecht begangen hat, und den ich ſehr empfinde. Der Tölpel hat mir zwei Pferde, die ſchon verkauft waren, mit denen verwechſelt, welche ich Euch als Aufgeld für Bijou ſchicken wollte. — Alſo das Pferd, welches mir in dieſer Nacht ge⸗ ſtohlen wurde—— — War keineswegs für Euch beſtimmt. Kaum hatte ich den Irrthum gewahrt, als ich nach Eurer Herberge eilte; aber Ihr wart vier Stunden zuvor ſchon abgereiſt, und es war mir unmöglich Euch einzuholen. Tauſend Livres habe ich verloren. —— Ich denke, Herr Ritter, Ihr ſeid zu gerecht um mir die⸗ ſen Schaden nicht zu erſetzen, den Irrthum könnt Ihr mir nicht anrechnen.. Die Antwort des Roßkammes warf den ſtolzen Bau von Vermuthungen, welche Morvan und Alain über das geheimniß⸗ ℳ Hengſt ri⸗ . tGedanken chaſten von ihn amief: ill halten? . urin. Wie! ſen ewbäm⸗ al vot Euch nn aus den Folge eines ht geſtohlen Ihr denn? ht begangel zwei Pferde, che ich Euch Nacht ge⸗ um hatte ich rilte; aber es war nir ich verlotel⸗ um nir die⸗ hr nir nicht zen Bau von 6 ghemiß⸗ — 139— volle Benehmen Mathurin's aufgeſtellt hatten, um, wie der Hauch eines Kindes ein Kartenhaus. In der That war die vermeintliche Großmuth des Roß⸗ kammes durch die Ungeſchicklichkeit eines Dieners genügend er— klärt; Mathurin's Forderung brachte die Sachlage vollends ins Reine. 6 — Herr, antwortete Morvan verlegen, ich verhehle Euch nicht, daß ich erſtaunt war, als ich die Schönheit des Pferdes, das Ihr mir ſchicktet, ſah, aber ich gebe Euch mein Wort, daß ich den Werth desſelben nicht kannte. Was die Entſchädigung für den Verluſt betrifft, den ich Euch unfreiwillig verurſachte, ſo iſt ſie mir in dieſem Augenblicke ganz unmöglich. Ich bin, wie ich Euch ſchon geſagt habe, in dieſer Nacht von einigen Gaunern ganz ausgeſackt worden; es bleibt mir kaum das Nö⸗ thigſte, um meine Reiſe fortzuſetzen.— Ich hoffe, daß Ihr meine Aufrichtigkeit nicht in Zweifel zieht. Uebrigens kann mir mein erbärmlicher Zuſtand, wie Ihr Euch ausdrückt, das Weiter⸗ reden erſparen. Alles, was ich thun kann, iſt, Euch zu ver⸗ ſprechen, daß ich Euch für den Verluſt entſchädigen werde, ſobald das Glück mich begünſtigt. — Das genügt mir, Herr Ritter; denn wenn wir es endlich bedenken, ſo ſeid Ihr mir eigentlich nichts ſchuldig. Uebrigens ſetze ich, ich weiß nicht warum, in Eure Zukunft großes Vertrauen. So wie ich Euch zum erſten Mal erblickte, ſagte ich zu mir: das iſt ein junger Mann, der ſein Glück ma chen wird. — Möge Gott Euch erhören, mein Herr! — Indeß muß ich geſtehen, daß ſich meine Hoffnungen bisher noch nicht verwirklicht zu haben ſcheinen. Ihr macht ja gar keine Fortſchritte; als Eigenthümer habe ich Euch kennen gelernt, obwol Euer Haus, im Vorbeigehen geſagt, gar nicht ſchön war, und jetzt ſeid Ihr eine Art Vagabund ohne Herd — — 140— und Heimath geworden.— Ich fürchte, daß Euch der traurige Anfang ein wenig entmuthigt habe. Morvan war ſchon einmal in der Lage geweſen, den voll⸗ ſtändigen Mangel an Erziehung beim Roßkamm zu würdigen; auch machten ihn dieſe Worte, mit denen ihn jeder Andere tief beleidigt hätte, weder empfindlich noch zornig, da ſie von Ma⸗ thurin kamen; er antwortete ihm ſogar: — Es iſt wahr, daß ich Anfangs ein wenig entmuthigt war, als ich mich ſo erbärmlich ausgeſackt ſah, aber das dauerte nicht lange; jetzt nehme ich mein Mißgeſchick ſchon ganz ruhig hin. — Dieſe Philoſophie iſt ein gutes Vorzeichen, ſie be⸗ weiſt, daß Ihr ein ſtarkes Herz habt. Wollt Ihr mit mir einen neuen Handel ſchließen? Ein Etwas ſagt mir, daß ich von Euch Nutzen ziehen muß. — Laßt hören, Mathurin. — Da ich in Euren Augen als rechtſchaffen erſcheinen will, ſo müſſen wir vor Allem unſere gegenſeitige Stellung feſt⸗ ſetzen: ich bedarf Eurer nicht, Ihr aber könnt jetzt meiner nicht entbehren; der Vortheil iſt alſo auf meiner Seite. Wenn Ihr mir einen Schuldſchein über fünf Hundert Piſtolen in Gold unterſchreiben wollt, ſo händige ich Euch im Augenblick den zehn⸗ ten Theil dieſer Summe ein. Morvan überlegte einen Augenblick, und dann fuhr Ma⸗ thurin fort: — Nun, was entſcheidet Ihr? Ich bitte Euch noch zu bemerken, daß es ſich hier nicht um Wucher handelt. Der Wu⸗ cherer iſt ein vorſichtiger Dieb, der ſeine Gelder nur bei voll⸗ ſtändiger Sicherheit vorſtreckt; ich hingegen bin ein kühner Spe⸗ culant, der ſein Geld für eine problematiſche Zukunft auf's Spiel ſetzt. Uebrigens habe ich bemerkt, daß mir derlei Glücksſpiele immer beſſer glückten als meine klügſten Combinationen. Ueber⸗ leg n it ſie w ta der traurtige en den voll⸗ würdigen; Andere tief ſie von Ma⸗ entmuthigt das dauerte ſzuhig hin. hen, ſie be⸗ it nir einen ich von Euch n eiſcheinen Stelung fiſ⸗ neiner nicht Venn Ihr len in Gold lic den zehn⸗ m ſiht No⸗ 6uch noqh zu ſt Der Vu⸗ nn bei vel⸗ fihner Sye⸗ tufs Syil 6litsvul onen. Ub — 14— legt meinetwegen, aber entſchließt Euch ſchnell. Meine Zeit iſt knapp, ich habe keine zu verlieren. — Mein Herr, antwortete Morvan, ich danke Euch ſehr für die gute Meinung, die Ihr von mir habt; aber ich werde ſie nicht benützen. Geld zu leihen nehmen, wenn man nicht weiß, wie und wann man es wird zahlen können, hat mir immer tadelnswerth, ja ehrlos geſchienen. Ich bin reſignirt genug, um mein Elend ſtolz zu ertragen, aber ein zu guter Edelman, um meine Ehre auf's Spiel zu ſetzen. Ich nehme Euern Antrag nicht an. — Habt Ihr gut überlegt? Iſt Eure abſchlägige Ant⸗ wort unwiderruflich? — Unwiderruflich! — Sodann lebt wohl, Herr Ritter, und viel Glück! — Lebt wohl, Mathurin. Der Roßkamm grüßte, ſpornte ſein Pferd und ritt in kurzem Galopp davon; aber kaum war er hundert Schritte ent⸗ fernt, ſo hielt er ſtill und wandte ſich zu dem jungen Manne zurück: — Es iſt noch Zeit; wollt Ihr? Morvan ſchüttelte den Kopf verneinend. Der Roßkamm verſchwand bald hinter der Wolke, welche der raſche Galopp ſeines Pferdes aufwirbelte. Alain, der aus Reſpect vor ſeinem Herrn an dem eben mitgetheilten Geſpräch keinen Antheil genommen hatte, machte ihm nach der Entfernung des Roßkammes lebhafte Vorwürfe über die Weigerung. — Ihr habt Unrecht, Herr Ritter, ſagte er. Ihr werdet niemals Euer Glück machen, wenn Ihr ſo vor aller Welt den Stolzen ſpielt. Saperlot! Geld nimmt man immer an. — Alſo würdeſt Du für Geld Deine Seele verkaufen? — Ihr habt in der That ein wenig Recht, antwortete Alain, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Ein Morvan kann ſich einem Roßkamm nicht verpflichten. Die beiden Reiſegefährten machten in Ancenis unerwar⸗ teter Weiſe einen guten Fund; ſie trafen da nämlich reiſende Handelsleute, die ſich nach Paris begaben und aus Furcht vor den Gefahren des Weges ihnen anboten, ſich ihnen anzuſchlie⸗ ßen und für hundert Livres zwei Pferde zu miethen. Morvan willigte ſogleich ein. Vierzehn Tage darauf waren der Ritter und ſein Diener am Ziele ihrer Reiſe glücklich angelangt, und ſtiegen gegen ſie⸗ ben Uhr Abends am Eingang der Straße Arbre⸗Sec im Gaſt⸗ hof zum„Schimmel“ ab. Auf Alain, der von der Größe der Stadt Breſt erſchrocken war, ſchien Paris nur einen mittelmäßigen Eindruck zu machen. Der Bretagner wollte, ſeinem patriotiſchen Stolze getreu, das tiefe Erſtaunen oder vielmehr die wahrhafte Verblüffung nicht merken laſſen, welche ihm der für ihn ſo neue Anblick der gro⸗ ßen Stadt verurſachte. Hätte er es gethan, ſo würde er gewiſſer⸗ maßen die Oberherrſchaft Frankreichs anerkannt haben. Morvan war kaum abgeſtiegen, ſo war es ſeine erſte Sorge, ſich zu erkundigen, wo das Hotel Harecourt ſei. Sobald er die gewünſchte Auskunft erhalten hatte, ließ er ſich von einem Diener des Gaſthofes in ſein Zimmer führen. Er mußte ſeinen durch die Reiſeſtrapazen ernſtlich zerrütteten Anzug ſchnell in Ordnung bringen, um nur ſogleich wieder aus⸗ gehen zu können. Da erſt gewahrte er, was er in ſeiner Ungeduld Nativa wiederzuſehen bisher völlig überſehen hatte, was aber eine ernſt⸗ liche Erwägung verdiente, nämlich, daß ſeine abgenützten und zerriſſenen Kleider ihm eher das Anſehen eines Vagabunden als das eines jungen Mannes von gutem Hauſe gaben. Unmöglich daß er ſo in Lumpen gehüllt vor der Tochter I de Norwan kann ſis unerwar⸗ lich reiſende s Furcht vor nanzuſchlie⸗ n. Morwan ſein Diener en gegen ſie⸗ Zet in Gaſt⸗ ſ erſchrocken kzn nachen. getreu, dos fung nicht lick der gro⸗ et geviſer⸗ ben. ſeine erfte hatte, liß ner führen. zerrüttelen wiedet us⸗ duld Nativn ein emſt nützten und abunden ils der Lochter — des Grafen von Monterey erſcheinen konnte, ein vollſtändiger Anzug war ihm unerläßlich. Dieſe Entdeckung brachte Morvan natürlich auf die Idee ſeine Börſe zu unterſuchen; ſie enthielt ſiebzehn Livres. — Was thut's! ſagte er, gute Miene zum böſen Spiel machend, wenn Nativa mich liebt, ſo wird es ihr immer Ver⸗ gnügen machen mich bei ihr zu ſehen, und ſie wird nicht daran denken zu unterſuchen ob ich nach der letzten Mode ausſtaffirt ſei. Morvan fühlte ſich trotz ſeiner vermeintlichen Gleichgiltig⸗ keit in Bezug auf ſeine Kleider dennoch ſehr übler Laune und ſehr verlegen; mancher Mann erträgt ruhig einen Hieb mit dem Säbel, bebt aber vor Zorn und Schmerz, wenn er anhaltend mit einer Stecknadel geſtochen wird. Um ſich ſeine Schwäche zu verbergen ging der Ritter mit gleichgiltiger Miene vor einem der im Zimmer befindlichen Spie— gel vorüber; aber ein Fluch und ein heftiger Schlag mit dem Fuß auf den Boden bewieſen, wie wenig er bei ſeiner Selbſt⸗ ſchau ruhig zu bleiben vermochte, er fand ſein Ausſehen ſchauderhaft. — Parbleu! rief er nach einiger Ueberlegung, ich bin gerettet! Warum iſt mir dieſe Idee nicht früher gekommen! Morvan langte nach ſeinen Piſtolen, die auf dem Bette lagen, prüfte ſie, als ob er ſie zum erſten Mal ſähe, nahm ſie unter den Arm, nachdem er ſich den Mantel über die Schultern geworfen hatte, und lief aus dem Zimmer und die Treppe hinab. Auf der Straße mäßigte der Ritter ſeine Lebhaftigkeit, regelte ſeinen Schritt nach dem Gang der Pflaſtertreter, und ſchlenderte fort mit einem Anſchein von Langweile wie Einer, dem die Wunder von Paris etwas Alltägliches ſind. Zehn Minuten hindurch behielt Morvan dieſen Gang bei; erſt in der Mitte der Straße Saint⸗Honoré, nicht weit vom Palais⸗Royal blieb er vor dem Laden eines Büchſenmachers ſtehen; nach einigem Zaudern ſtieg er über die zwei Stufen, welche ſich vor der Thür des Ladens befanden, und trat ein. — Herr, ſagte er zu dem Büchſenmacher, der beſchäftigt war einen Degen herzurichten, ich komme ſoeben von der Reiſe und möchte mich eines Paars vortrefflicher Piſtolen entledigen, die ich nicht mehr brauche. Wolltet Ihr ſie kaufen? — Ich kaufe keine Waffen unter der Hand, antwortete der Büchſenmacher ohne ſich in ſeinem Geſchäfte ſtören zu laſſen. Wenn Ihr Geld braucht, ſo geht zu einem Trödler. Dieſe Unmanierlichkeit trieb dem jungen Manne das Blut in's Geſicht; aber entſchloſſen Alles zu ertragen, damit er Nativa wiederſehen könne, ließ er ſich nicht entmuthigen, und mit dem Anſchein von Gleichgiltigkeit, obſchon er vor Zorn bebte, ſagte er: — So ſeid ſo gut, mir anzugeben, wo ich einen Trödler finden könne. Da mein Piſtolen von Gelin de Nantes und ſehr werthvoll ſind, ſo wünſchte ich—— — Ah! Eure Piſtolen find von Gelin! unterbrach ihn der Büchſenmacher, der nun erſt aufblickte; das iſt was Anderes. Habt die Güte mir ſie zu zeigen. Der Ritter beeilte ſich dem Händler zu willfahren. — In der That, fuhr der Letztere fort, nachdem er die Piſtolen nach allen Seiten umgedreht und die Hähne probirt hatte, ſie ſind nicht ſchlecht. Dieſer Gelin verdient in gewiſſer Hinſicht ſeinen Ruf. Leider ſind dieſe Waffen nicht mehr in der Wode; es wäre mir unmöglich ſie an den Mann zu bringen. Wie viel verlangt Ihr dafür? — Dieſe Piſtolen haben mich drei Hundert Livres gekoſtet. — Drei Hundert Livres! wiederholte der Bſchſenmacher, und maß den jungin Mann vom Scheitel bis zur Zehe mit einem Gemiſch von Zweifel und Jronie, es ſcheint, mein Herr, daß Ihr auf's Geld nicht viel haltet. p ei Stufen, trat ein. beſchäftigt nder Reiſe entledigen, antwortete nzu laſſen. Ranne das en, damit er thigen und Jorn bebn, nen Trödler es und ſehr terbrach ihn as Anderes. hren. dem er die hne prbit in geviſet nehr in der z hringen. ns glloſet. hſtnnuher Zehe nit nein Hert, — Dieſe Piſtolen ſind mir um denſelben Preis verkauft worden, mit welchem die Boucanier von der Inſel Tortue ſie be⸗ zahlen, entgegnete der Ritter, der um ſeine Kaltblütigkeit zu be⸗ halten es für nöthig fand, ſich mit aller Macht Nativa's Bild in Erinnerung zu bringen. — Parbleu, das wundert mich nicht, die Boueanier ſind bekannt dafür, daß ſie das Geld auf die Gaſſe werfen, aber Ihr— — Ich, antwortete Morvan, indem er ſich bis auf's Blut in die Lippen biß, habe Eile und erwarte von Euch ein Ja oder Nein. — Mein Gott, ich will ja gern ein Geſchäft mit Euch machen; nicht als ob ich dabei irgend einen Vortheil zu erwar⸗ ten hätte, ſondern bloß weil ich dieſe Waffen als Curioſität be⸗ halten will. — Und wie viel bietet Ihr mir für die Piſtolen? fragte Morvan, der das Geſchäft gern ſchnell abgemacht hätte. — Laßt mich vor Allem ſehen, ob ſie in gutem Zu⸗ ſtande ſind. In dem Augenblicke, als der Händler dieſe Worte ſprach, traten zwei mit großer Eleganz gekleidete junge Leute in den Laden, und verlangten Degen zu ſehen; der Büchſenmacher legte die Piſtolen auf ſein Pult, und beſchäftigte ſich, ohne ſich bei Morvan weiter zu entſchuldigen, bloß mit den Neuangekommenen. — Ganz wie bei Fräulein Cointo! ſagte ſich der Ritter mit Wuth. Dieſe Stutzer ſind gut gekleidet; ich trage Lumpen an mir, ſie ſtehen alſo über mir, und ich muß vor ihnen zurück⸗ weichen. Bei Gott! obwol ich Kleider brauche, ſo würde ich doch gern meine Piſtolen umſonſt hingeben, wenn einer dieſer Laffen den Einfall hätte mich ſcheel anzublicken! Ohne ſich über ſeine Handlungsweiſe Rechenſchaft zu geben, ſtellte ſich Morvan knapp vor die beiden jungen Leute hin, und firirte ſie mit einem Blick voll Hochmuth, den ſie nicht ertragen konnten, denn beide ſenkten die Köpfe. 43 — 6— Der Ritter begriff, daß er, wenn dieſe jungen Leute ſeine Herausforderung hätten annehmen wollen, ſie unter der Wucht ſeines Zornes zu Staub zermalmt hätte; dieſes Gefühl der Uebermacht that ihm wohl, und ſeine Entrüſtung ward wie durch Zaubermacht beſänftigt. — Es iſt unſtreitig viel, ſprach er zu ſich ſelber, elegant gekleidet zu ſein und Geld im Beutel zu haben; aber es gibt etwas, was noch mehr iſt: nämlich ein braves und furchtloſes Herz, dem ein ſtarker waffengeübter Arm zu Gebote ſteht. Friſch auf, ich brauche nicht zu verzweifeln! Seit Morvan die jungen Elegants mit Muth und Ent— rüſtung angeblickt hatte, fühlten ſie ſich ſehr beengt, obſchon ſie ſich bemühten die Stimme zu erheben und eine imponirende Stellung anzunehmen; ſie kauften, ohne zu markten, die erſten zwei Degen, die ihnen hingereicht wurden, gaben ihre Adreſſen ab und machten ſich ſchnell davon. Der Büchſenmacher ſchrieb, nachdem er das Geld ein⸗ geſtrichen hatte, einige Zeilen in ein dickes Buch, und geruhte ſich zu erinnern, daß noch Jemand auf ihn warte. Er nahm Morvan's Piſtolen wieder auf, erhob ſie zu ſeinem Auge, ſtrich mit einer Feile darüber, prüfte die Ein⸗ gravirung von Gelin's Namen durch ein Vergrößerungsglas, und wandte ſich dann an den Ritter: — Mein erſtes und letztes Wort! Wollt Ihr 80 Livres? — Aber dieſe Waffen haben mich, wie ich Euch ſchon geſagt habe, drei Hundert Livres gekoſtet—— — Ich beſtreite Euch das nicht. Ich frage nur, wollt Ihr oder nicht? — So nehmt ſie, antwortete Morvan, der fürchtete, daß er vielleicht nicht den Muth hätte, in einen andern Laden zu treten. — Jetzt, junger Herr, ſprach der Büchſenmacher, nach— dem er ihm das Geld gegeben hatte, wendet Euch rechts; vier Leute ſeine der Vucht Gefühl der ward wie ber, elegant ber es gibt furchtloſes tbote ſteht. h und Ent⸗ obſchon ſe nponirende die erſten re Adreſſe Geld ein⸗ und gerhte chob ſie zu te die Ein⸗ rungöglas⸗ 80 Lins! Euch ſchoh mur, wolt tete, duß er zu treten⸗ chet, nach⸗ hts; vit Thüren weiter wohnt ein Trödler, der ſehr anſtändige Kleider verkauft, die faſt noch in der Mode ſind. Vierzehn Tage vorher hätte dieſer Scherz dem Büchſen⸗ macher von Seite des jungen Mannes eine harte Züchtigung zugezogen; diesmal begnügte ſich Morvan zu antworten: — Ich danke Euch, Herr, für Eure Anweiſung, ich werde ſie benützen. Es war entſchieden, der Ritter begann ſich in's Leben zu ſchicken, er war im Fortſchritt begriffen. Die Kleiderhändler ſind zu bekannt, als daß ich es nöthig hätte, die Szene wiederzugeben, die zwiſchen dem Trödler und dem Bretagner ſtattfand. Der Leſer möge nur erfahren, daß der letztere einen vollſtändigen ſehr hübſchen Anzug für hundert Livres an ſich brachte. Als Morvan ſeine Börſe leerte und nur ſiebenundneunzig Livres zum Vorſchein kamen, willigte der Trödler darein, ihm gegen Zurücklaſſung ſeiner alten Kleider die drei Livres, die noch fehlten, nachzulaſſen. Der rechtſchaffene Mann verdiente bei dieſem Handel nicht mehr als fünfzig Prozent. Alains Verblüffung, als er eine halbe Stunde ſpäter ſeinen Herrn, den er nicht ſogleich erkannte, eintreten ſah, konnte nur mit ſeiner großen Freude verglichen werden. — Ach, ſüßer Jeſus und heilige Jungfrau von Auray, rief er die Hände vor Verwunderung zuſammenſchlagend, wie ſchön ſeid Ihr! Nur ein Bretagner kann in franzöſiſchen Klei⸗ dern ſo gut ausſehen. Gott! Gott! was Ihr für ein prächtiger Stutzer ſeid! Dieſe Complimente ſeines Dieners, ſie waren die erſten, welche Morvan in ſeinem Leben erhielt, verurſachten dem jungen Mann ein lebhaftes Vergnügen, denn ſie brachten ſeine Gedanken auf Nativa. — Sagt mir, Herr, fuhr Alain fort, es ſcheint, daß wir 13 in gutem Zuge ſind? Ich ſehe, daß man in Penmark von Paris zu ſchlecht denkt. Wenn Ihr ſchon bei Eurem erſten Ausgang in weniger als einer Stunde ſo ſchöne Kleider gewonnen habt, ſo werdet Ihr in vierzehn Tagen ohne Zweifel eine Kutſche be⸗ ſitzen, und Ihr werdet Euch das Vergnügen verſchaffen können meinen Jahreslohn um zwei Thaler zu vermehren. Die Hoffnungen, welche Alain äußerte, machten bei Mor⸗ van kein ſolches Glück, wie ſeine Complimente; ſie erinnerten den Ritter an ſeine Noth und an die Hinderniſſe, die noch zu überwinden waren. Er konnte ſich nicht enthalten zu ſeufzen. Die Traurigkeit ſeines Herrn ſchien den Bretagner ſehr zu befremden, denn nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, näherte er ſich ihm und ſtammelte verlegen: — Herr Ritter, ich bitte Euch um die Erlaubniß, einen Augenblick vor Euch keinen Reſpekt zu haben. — Was meinſt Du? rief Morvan, der ſchlecht verſtan⸗ den zu haben glaubte. — Ich ſage daß ich Euch um die Erlaubniß bitte, einen Augenblick vor Euch keinen Reſpekt zu haben. — Biſt Du verrückt? Was verſtehſt Du damit? — Ich meine, Herr Ritter, daß ich Euch ſo freundſchaft⸗ licher Weiſe einen guten Rath ins Ohr raunen möchte. — Iſt das Dein Mangel an Reſpekt? Ich willige ein, rede! Alain näherte ſich ſeinem Herrn noch mehr, ſenkte die Au⸗ gen, erröthete tief, zauderte und nahm endlich einen Anlauf und ſagte lebhaft und beinahe athemlos: — Herr Ritter, mißtraut den Weibern, ſeht ſie nicht an, und wenn ſie mit Euch reden, ſo antwortet ihnen nicht. Die beſte unter ihnen iſt, wie Ihr ſeht, keinen rothen Heller werth. — Dummkopf! ſchrie Morvan mit Ingrimm, denn er hatte eben an Nativa gedacht. Alain war wie begoſſen, entfernte ſich traurig und —(2 on Paris Ausgang ten habt, tſche be⸗ nkönnen bei Mor⸗ rinnerten e noch zu ufzen. guer ſehr cht hatte, iß, einen t verſtan⸗ tte, einen 7 undſchaft ein rede! e die M⸗ n Anlanf enicht an icht. Die ler werth· denn er urig brummte in den Bart: Heilige Jungfrau von Auray, mache daß mein Herr nicht ein Franzoſe werde. Morvan war bei ſeiner Ankunft von dem Wirthe zum Schimmel mit Mißtrauen und Kälte empfangen worden; ſein Reiſecoſtüme war aber auch in der That eine ſchlechte Empfeh⸗ lung. Als jedoch der Wirth ihn nach einer kurzen Abweſenheit ſo koſtbar gekleidet zurückkommen ſah, dachte er daß er ſich über die geſellſchaftliche Stellung des jungen Mannes getäuſcht ha⸗ ben müſſe, und beeilte ſich zu ihm einen Diener zu ſenden mit der Frage, ob er nicht ein Abendeſſen befehle. Der Ritter konnte, wie delikat er auch in Betreff des Schuldenmachens war, dennoch nicht geſtehen, daß er keinen Son beſitze oder gar daß er nicht Luſt habe zu eſſen; mit einem ſolchen Geſtändniß wäre er verloren geweſen. Er beſtellte daher ein beſcheidenes Mahl. Ermuthigt durch die Unterwürfigkeit, welche der Kellner ihm bewies, und weil er inſtinktmäßig errieth, daß ihm ſein neuer Anzug manchen Leuten gegenüber ein gewiſſes Anſehen gab, fragte er den Kell⸗ ner, ob kein Laufburſche da ſei, der ihm einen Brief nach dem Hotel Harcourt trüge. Da die Prinzen und Herzoge d'Harcourt eines großen Anſehen genoſſen, ſo antwortete der Diener mit einem unterthänigen Bückling, daß er, wenn der Herr Ritter die Güte haben wolle, ihm dieſen Brief anzuvertrauen, ſich alle Mühe geben würde, ihn noch vor einer Stunde an den Ort ſei⸗ ner Beſtimmung zu bringen. Morvan ließ ſich Papier und Feder bringen und ſchrieb folgende Worte:„Ich komme ſo eben in Paris an. Wenn Ihr morgen meines Lebens bedürft, ſo werde ich morgen Abend nicht mehr auf der Welt ſein.“ Dann ſiegelte und adreſſirte er das Billet und gab es dem Kellner. Letzterer kam, ſeinem Verſpre⸗ chen getren, ehe eine Stunde vergangen war, zurück und über⸗ brachte eine Antwort. Man kann ſich vorſtellen, wie bewegt — 150— Morvan war als er den Brief entſiegelte und die Worte las: „Dank! Morgen kann ich Euch nicht ſehen, übermorgen ſtellt Euch um drei Uhr bei dem Traiteur Renard ein und fragt nach der Fremden, ich werde dort ſein.“ Der Ritter fuhr hingeriſſen vor Freude mit der Hand nach der Taſche, um dem gewandten Boten einen Louisdor zu geben, aber er beſann ſich und hielt inne. — Mein Junge, ſprach er zu ihm mit einer gewiſſen Verlegenheit, denn dieſe Art vou Lüge that ſeinem Stolz weh, ich werde Dich wahrſcheinlich noch brauchen; wir werden dann die Rechnung zuſammen abmachen, und Du wirſt zufrieden ſein. Der Kellner machte einen noch tiefern Bückling als zuvor und entfernte ſich, rückwärts gehend wie vor einer Majeſtät. Der junge Mann konnte ſeine Freude Nativa bald zu ſehen kaum verhehlen, ſein Glück erdrückte ihn, und einen Augenblick fühlte er ſich ſogar verſucht Alain in ſein Stelldichein einzuweihen. Plötzlich verfinſterte ſich ſeine Stirne, er erblaßte; als er Nativas Billet überlas, bemerkte er erſt daß ſie ihm die Adreſſe des Traiteurs Renard gar nicht angegeben habe. — Pah! dachte er ſich nach einiger Ueberlegung, dieſer Menſch iſt wahrſcheinlich in ganz Paris bekannt, ſonſt hätte Nativa einen ſolchen Fehler gar nicht begangen. Die Nacht brach an, der Tagsmarſch war lang geweſen, Morvan legte ſich nieder. Wie groß aber ſeine Müdigkeit auch war, ſo konnte er doch weder die Augen ſchließen, noch einen Augenblick der Ruhe genießen; es marterte ihn erbärmlich, daß Nativa vergeſſen hatte ihm die Adreſſe des Traiteurs Renard anzugeben. Es war ſchon lange wieder Tag geworden, als Morvan es endlich dahin brachte einzuſchlafen. Um zehn Uhr Morgens erwachte er, kleidete ſich in aller Haſt an, und eilte hinab um die ihm ſo ſehr nöthige Adreſſe in Vorte las: orgen ſellt ftagt nach Hand nach zu geben, gewiſſen Stolz weh, den dann ieden ſein. als zuvor jeſtät. bald zu ind einen telldichein erblaßte; eihm die 9, dieſet nſt hätte geweſen, onnte er der Ruhe vergeſen Es war h dahin in aller reſſe in Erfahrung zu bringen; auf der Treppe begegnete er einem jener Kaufleute, mit denen er nach Paris gekommen war. — Mein lieber Herr, ſagte er ohne ihm erſt einen guten Morgen zu bieten, Ihr ſeid doch ſchon mehrmals in Paris geweſen, könnt Ihr mir vielleicht ſagen, wo ein gewiſſer Traiteur Renard zu finden ſei? — Parbleu! Euch das zu ſagen, iſt nicht ſchwer; alle Welt kennt Renard. — Alle Welt kennt ihn! entgegnete der junge Mann mit eindiſcher Freude; und wo wohnt er denn, dieſer Renard, den, mich ausgenommen, alle Welt kennt? — Inm Garten der Tuilerien!— Ei! ei! Herr Ritter, fuhr der Kaufmann lachend fort, ich möchte zwanzig Louisd'ors gegen einen Thaler wetten, daß Ihr dort ein Stelldichein habt. Empfangt meine aufrichtigſten Glückwünſche, denn die Frauen, welche Renards Etabliſſement beſuchen, gehören ſämmtlich ent⸗ weder dem hohen Adel oder dem Theater an. Eine Griſette oder eine Bürgerliche würde es niemal wagen ſich dorthin zu begeben. Empfangt daher, wie geſagt, meine aufrichtigſten Glückwünſche; erlaubt mir nur, da Ihr Renard nicht kennt, Euch im Vorbei⸗ gehen einen guten Rath zu geben, nämlich daß Ihr Eure Ta⸗ ſchen gut mit Geld verſehet. Bei Renard macht die geringſte Ausgabe eine fabelhafte Summe aus. Dort wird Alles für ſein Gewicht an Gold verkauft. Wenn ich Zeit hätte, ſo könnte ich Euch über dieſes Etabliſſement ſeltſame Geſchichten erzählen; aber ich habe Eile, man erwartet mich in Verſailles, und ich habe mich ſchon verſpätet. Viel Vergnügen, Herr Ritter! Der Kaufmann grüßte den jungen Mann, und verſchwand. Morvan ſchwankte zwiſchen Freude und Troſtloſigkeit. Wenn er nun auch ſchon wußte, wo Renard wohnte, ſo hatte er doch auch erfahren, daß er viel Geld brauchte, um ſich dahin zu be⸗ geben, und ſein ganzes Vermögen war eine ſchauderhafte Null! — 152— Die Lage des armen Cavaliers war, wie wir ſehen, fern davon ſich zu verbeſſern. Als er in ſein Zimmer zurückkam, warf er ſich auf's Bett mit völlig entmuthigter Seele. Alain, den weder Ehrgeiz noch Liebe quälten, hatte die erſte Nacht ſeit ſeiner Ankunft in Paris in tiefem Schlaf verbracht; da er mit Tagesanbruch aufgeſtanden war, ſo verſpürte er gegen zehn Uhr— der arme Burſche hatte ſeit dem vorigen Tage nichts gegeſſen— einen gewaltigen Hunger. Als er nun ſeinen Herrn mit verzweifelter Miene und ohne eine Erwähnung des Frühſtücks ſich aufs Bett werfen ſah, konnte er einen ſchweren Seufzer der Entmuthigung nicht zurückhalten. — Was haſt Du mein Junge? fragte ihn der Ritter mit jener Sympathie, welche edle Naturen, die ſelber leiden, für die Leiden Anderer empfinden. — Hunger! antwortete der Bretagner. Pflegt man in Paris vielleicht nicht zu eſſen? — Wie glücklich biſt Du, wenn Du noch an dergleichen Dinge denken kannſt, entgegnete ihm Morvan. Nun! beſtelle beim Kellner ein Frühſtück. — Dam! Herr, ich kenne die Gebräuche der Hauptſtadt nicht. Ich denke indeß, daß die Pariſer die Buchweizenſuppe kennen werden.— Wünſcht Ihr vielleicht, daß ich Euch einen Löffel voll bringen laſſe? — Dank, mein Burſche, ich bin 8 ich werde nicht frühſtücken. — Ihr werdet nicht frühſtücken! antwortete Net, Aa tt lau hab M oh ne en, fern uf's Bett die erſte erbracht; er gegen ge nichts und ohne „konnte halten. r Rittet r leiden, nan in leichen beſtelle uytfadt enſuppe ch einen werde Bretog⸗ — 153— ner, indem er ſeinen Herrn verblüfft anſah. Seid Ihr denn krank? — Ich weiß es nicht. — Wie, Ihr wißt's nicht?— Seht, Herr Ritter, fuhr Alain bekümmert fort, Ihr habt ein muthiges Herz, und fürch⸗ tet Euch nicht, die Wahrheit zu hören. Wollt Ihr mir die Er⸗ laubniß geben, Euch eine Idee mitzutheilen, die ich über Euch habe? Ich fürchte, Ihr habt geſtern, um Euch die ſchönen Klei⸗ der zu verſchaffen, einen Handel mit dem Teufel gemacht, oder daß ein Teufel von Weib Euch behert habe. Dieſe Worte machten den jungen Mann erröthen; er murmelte: — Wenn ich an den Teufel glaubte, ſo würde ich ihn ohne Zögern zu Hilfe rufen und ihm gern ein ganzes Jahr mei⸗ nes Daſeins um zwanzig Thaler verkaufen. — Ach, heilige Jungfrau von Auray! rief Alain, indem er das Zeichen des Kreuzes machte, ſchenke den Läſterungen des Herrn Ritters keine Aufmerkſamkeit!— er iſt krank,— er re⸗ det irre. Er iſt es nicht ſelbſt, der ſo ſpricht. — Ja, Alain, ich bin wahnſinnig, ſagte Morvan auf⸗ ſtehend, und lief aufgeregt und mit haſtigen Schritten im Zim⸗ mer auf und ab. Möge mir Gott die abſcheulichen Reden ver⸗ zeihen, die mein Mund ausſprach und mein Herz nicht billigt. — Ich war in der That wahnſinnig, ich wiederhole es! aber, ſieh mein Burſche, ſich jung, ſtark, muthig und verſtändig fühlen und wegen einer Handvoll Thaler auf ein namenloſes Glück verzichten müſſen, auf ein Glück, für welches man gern ſein Leben auf's Spiel ſetzen würde; kann ein ſolcher Gedanke nicht den ſtärkſten Geiſt verwirren! Morvan war ſich nicht einmal bewußt, daß er zu Alain ſpreche; ſeine Worte waren ein Aufſchrei ſeines gequälten Her⸗ zens. Was den Diener betrifft, ſo begriff er von Allem, was ſein Herr ſagte, nur Eines, nämlich: daß der junge Mann — zwanzig Thaler brauchte, und daß die Unmöglichkeit, ſich die⸗ ſelben zu verſchaffen, ihn ſo unglücklich und läſtern machte. Wenn wir nicht die Erklärung in der grenzenloſen Er⸗ gebenheit gegen ſeinen Herrn ſuchen, ſo könnte es uns unglaub⸗ lich erſcheinen, daß Alain ſich ſogleich anſchickte, nachzugrübeln, wie er die für das Glück ſeines Herrn ſo unentbehrlichen zwan⸗ zig Thaler auftreiben könnte. Die Löſung dieſer Aufgabe war ſchwer, auch hielt es Alain für vernünftig, vor Allem ſich nach dem Frühſtück um— zuſehen. — Ach, Herr Ritter, rief er, als er nach einer Weile zurückkam, aus Leibeskräften lachend, denkt Euch, die Pari⸗ ſer, die ſich für ſo geiſtreich halten und ſo pfiffig ſein wollen, kennen nicht einmal die Buchweizenſuppe. Und alle Leute in Penmark eſſen ſie doch, und Penmark iſt doch keine große Stadt. Gleich darauf brachte ein Kellner auf einer Platte ein ſehr anſtändiges Frühſtück. — Nun, Herr, rief Alain, indem er die vor ihm hinge⸗ ſtellten Speiſen mit gierigen Augen verſchlang, Speiſen, die er zum erſten Male ſah; nun, Herr, ſchläft Euer Appetit noch im⸗ mer? Dieſe Speiſen riechen wahrhaftig ſehr gut. Uebrigens iſt es kein ſo großes Verdienſt, kochen zu können, und die Franzo⸗ ſen müſſen doch etwas für ſich haben.— Sie kochen gut, ſeht her! Alain's Verdruß war groß, als er ſah, daß ſein Herr ſich wieder auf's Bett warf und kopfſchüttelnd ein Zeichen gab, daß er an dem Imbiß keinen Antheil nehmen wolle. Wie gequält aber auch der Bretagner von der Traurig⸗ keit ſeines Herrn war, ſo machte er dennoch von dem appetitlich dampfenden Frühſtück einen ausgezeichneten und gewiſſenhaften Gebrauch; in weniger als zehn Minuten waren die Teller ihres Inhaltes ledig und rein wie abgewaſchen. — Das war nicht ſchlecht, ſagte er dann, indem er ſich den Kin obſc fel G Vin antn Koh Nrſ Fel mer der Un ſich die⸗ achte. loſen Er⸗ unglaub⸗ zugrübeln, hen zwan⸗ h hielt es hſtück um⸗ ner Weile die Pari⸗ in wollen, eVute in ſe Stndt. Platte ein hn hinge⸗ ſen, die er tnoch in⸗ rigens iſ e Franzo⸗ ſeht her! Hent ſich gab⸗ daß Trurig⸗ ppetitich ſenhoften ler ihres em er ſich den Mund mit der Hand abwiſchte, nur ſcheinen dieſe Biſſen für Kinder zugeſchnitten. Es war kaum zum Koſten. Thut nichts, obſchon all dieſer Firlefanz nicht ſo viel werth iſt, wie ein Löf— fel Suppe, ſo fühle ich mich doch jetzt viel beſſer als vor einer Viertelſtunde. Morvan, der von ſeinen Gedanken eingenommen war, antwortete nicht. Der Diener folgte bald dem Beiſpiel ſeines Herrn, ſtützte ſeinen Ellbogen auf den Tiſch, ſeinen viereckigen Kopf auf die breite Hand, und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken. — Ach, Herr, rief er bald, indem er vom Stuhl wie mit Federkraft aufſprang, ich glaube, daß mir ein Gedanken gekom⸗ men iſt, und daß Ihr Eure Thaler haben werdet! — Was haſt Du vor, Alain? fragte Morvan gleichgiltig, denn er fürchtete mit Recht, der brave Penmarker, der das Pa⸗ riſer Leben nicht kannte, ſei das Spielzeug einer Täuſchung und habe irgend eine Unmöglichkeit ausgeſonnen. — Ich möchte Euch auf Eure Frage nicht antworten. Ich habe bemerkt, daß es einem immer eine Tracht Prügel einträgt, wenn man das Triumphlied vor der Schlacht ſingt. Könnt Ihr mir nur auf einen Tag Urlaub geben, und meine Dienſte bis zum Abend entbehren? — Du kommſt meinen Abſichten entgegen; ich wollte Dich eben fortſchicken, Dir die Merkwürdigkeiten von Paris an⸗ zuſehen. Nimm Dich nur in Acht, daß Du Dich nicht verirrſt, merke Dir den Namen unſerer Gaſſe und unſeres Gaſthofes. — Arbre⸗Sec und Gaſthof zum„Schimmel“! O, das merk ich mir ſchon! Was aber die Merkwürdigkeiten von Paris betrifft, fügte er hinzu, indem er mit Verachtung die Achſeln zuckte, ſo iſt es nicht der Mühe werth davon zu reden. Was laßt ſich von einem Volk erwarten, das nicht einmal den Ge⸗ 56 brauch der Buchweizenſuppe kennt? Alſo kann ich gehen? Wil⸗ ligt Ihr ein? — Ja, mein Burſche, Du kannſt gehen, und das gleich, wenn Du willſt. — Ich will es nicht, ich muß. Lebt wohl! Alain drückte ſich dann ſeinen breitkrämpigen Hut über die Augen, zerrte einigemal an ſeinem Kleide, ſtrich ſich wieder⸗ holt mit den Fingern durch die Haare, und ſeine Toilette war fertig. Dann ging er, den Penbas in der Hand, mit der Miene des Selbſtvertrauens auf die Straße hinab. Wenn der Bretagner ſich rühmte, daß ihm die Merkwür⸗ digkeiten von Paris gleichgiltig ſeien, ſo war das viel zu über⸗ trieben; kaum hatte er den Fuß auf die Gaſſe geſetzt, als ihn eine Art von Schwindel erfaßte, und er war ſo verblüfft, daß er ſich an ein Haus lehnen mußte, um nicht zu wanken; nie hatte der brave Burſche ſo was nur geträumt, was er jetzt mit den Augen ſah. Als er ſo viele von ſechs Pferden gezogene Ka⸗ roſſen, ſo viel mit Straßenkoth beſchmutzte Miethwagen und eine ſolche Menge von Fußgängern durch die Straße ſtrömen ſah, glaubte er Anfangs, es ſei ein Feſttag. Seine Verwunderung ſtieg beim Anblick der reichen und luxuriöſen Kleidung der Vorübergehenden auf's Höchſte; überall nichts als Seide, Bänder, ſchöne Röcke, Mäntel, Degen, Fe⸗ dern, große umgehängte Uhren, Spazierſtöcke mit Brillant⸗ knöpfen. Mehrmals pflanzte ſich Alain mit offenem Munde und, ſeinen Augen nicht trauend, vor Menſchen auf, die mitten in der Straße ſtehen blieben, ſich in einem Taſchenſpiegel betrach⸗ teten und mit unerſchütterlicher Ruhe die Perrücke oder den dün⸗ nen Schnurbart kämmten. Dieſe Art, vor aller Welt Toilette zu machen, imponirte dem Penmarker außerordentlich; er dachte, das müſſen große Herren ſein, die es wagten, ſich ſolche Kühnheit zu erlauben, — vaei hin nen von den hen! Vil⸗ das gleich, Hut über ich wieder⸗ vilette wat der Miene Nerkwir⸗ el zu über⸗ 1, als ihn lüfft, duß anken; nie rjett mit ogene Ke⸗ ogen und ße ſrömen eichen und ſe; iberil Ngen, Fi⸗ Brillaut⸗ ſunde und, nitten in el betrach⸗ r den dün⸗ inynirt ſſen große etlauben⸗ — es waren aber größtentheils Advocatenſchreiber, Tanzmeiſter, vacirende Ladendiener und gut gelaunte Lakaien aus großen Häuſern Die große Anzahl koketter Abbé's mit kurzem Rock, klei⸗ nem Ueberſchlag und blonder Perrücke, die ſich durch ihre Tracht von den Stutzern wenig unterſchieden, und denen man auf je— den Schritt begegnete, brachten Alain ebenfalls zum Staunen. Er fand ſie alle bezaubernd. Nach einer halben Stunde des Staunens und der Ver⸗ blüffung erlangte Alain allmälig ſeine Kaltblütigkeit wieder und dachte an die Ausführung ſeines Vorhabens, durch welches er die für Morvan ſo nöthigen zwanzig Thaler erhalten wollte. Er fragte einen Bettler, wo ſich die nächſte Kirche befinde. — Geht nur hundert Schritte weiter, ſo werdet Ihr die Jakobiner⸗Kirche finden, antwortete ihm der Bettler; ſeht Ihr, dort, wo eben die zwei Kutſchen ſtehen bleiben, es iſt grade die Meſſe der ſchönen Welt. Alain wollte nicht den Anſchein haben, als kennte er die Gebräuche von Paris nicht, und dankte dem Bettler nur, ohne ſich in eine Erörterung einzulaſſen; aber er war ſehr neugierig. — Was will dieſer Menſch, fragte er ſich, mit den Wor⸗ ten ſagen:„Es iſt gerade die Meſſe fürdie ſchöne Welt?“ Gibt es alſo hier Meſſen für die ſchöne Welt und für die häßliche Welt? In der That, warum denn nicht? Die Franzo⸗ ſen ſind laſterhafte Leute, ſie beten wahrſcheinlich mehrere Götter an. Der Bretagner kam, Dank ſeinem erbärmlichen Ansſehen, in die Kirche, ohne von der Menge angeblicher Krüppel, die ſich an der Thüre hielten, mit ihren näſelnden und monotonen Betteleien beläſtigt zu werden. Alain war, wie der Leſer ſchon bemerkkhaben muß, außer⸗ ordentlich fromm und beſcheiden. Man denke ſich daher ſein Er⸗ — 158— ſtaunen und ſeine unerhörte Entrüſtung, als er die ganze Kirche von einem Schwarm von Weibern erfüllt ſah, die noch mehr dekolletirt als koſtbar gekleidet waren; und dieſe Frauen waren von einer Menge Stutzer umgeben, die lachten und plauderten, und ſich weder um die Heiligkeit des Ortes noch um das er⸗ habene Myſterium kümmerten, das eben vorging. Die Jakobiner⸗ kirche war im Jahre 1695 eine Filialanſtalt des Oeil⸗de⸗Boeuf. Alain mußte ein beſonderes Intereſſe haben zu bleiben, eine mächtige Idee mußte ihn feſthalten, denn er ergriff nicht die Flucht; im Gegentheil er ging durch die ganze Kirche, indem er ſich nach allen Seiten mit der größten Aufmerkſamkeit umſah. Bald aber entſchlüpfte ihm ein Ausruf der Freude, denn er ent⸗ deckte was er mit Ausdauer geſucht hatte: nämlich ein eiſernes Dreieck mitzahlreichen Spitzen, auf denen Wachslichter brannten. Hinter dieſem Dreieck ſaß ein Weib, die den Gläubigen Auskunft zu geben hatte. Alain ſchielte nach dieſem Weibe hin, und da ſie ihm von mehr als reſpectablem Alter ſchien, ſehr häßlich und decent ge⸗ kleidet war, ſo entſchloß er ſich ſie anzuſprechen. — Madame, ſagte er, wollt Ihr ſo gefällig ſein und mir drei Wachslichter zu Ehren der heiligen Jungfrau von Auray anzünden? — Damit Ihr Eure Geliebte ſehen könnt, mein Junge? Ihr habt Recht. Das iſt ein unfehlbares Mittel. — Ich habe nichts und will nichts von dem, was Ihr da ſagt, Madame, antwortete Alain, ſchauderhaft geärgert. Ihr verkauft die Wachslichter, nicht wahr? So zündet mir drei davon an, nehmt Euer Geld und plaudert nicht mit mir; meine Abſichten gehen Niemanden was an. Die alte Frau hatte Anfangs Luſt ſich zu ärgern, aber ſie opferte ihren Zn ihrem Intereſſe und ſchwieg. — Das macht ſechsunddreißig Sous, ſagte ſie. nac das Uſ 1 ganze Kirche e noch neht tauen waren plauderten, um das er⸗ Jakobiner⸗ lde⸗Boeuf. zu bleiben, ergrif nicht irche, inden nkeit unſah. denn et ent⸗ in eiſernes rbrannten. en Auskunſt ſi ihn von deeent ge⸗ in und nit von Aurah in Junge nns Iht geiren. et wir drei it; meine — Wie, ſechsunddreißig Sous? rief Alain erſchrocken aus. — Gewiß! Drei Wachslichter zu zwölf Sous das Stück, machen zuſammen ſechsunddreißig Sous. — Ah! die Wachslichter koſten alſo hier zwölf Sous das Stück? fragte Alain, indem er die Händlerin feſt anſah, um ihr zu imponiren. — Das weiß ja die ganze Welt, fragt den erſten beſten— — Euer Wort genügt mir, antwortete Alain; er ſah neben ſich eine alte Magd knieen, klopfte ihr ſanft auf die Schulter, und fragte ſie, indem er ſich bemühte ſie graziös zu grüßen: Iſt es wahr, Madame, daß die Wachslichter in Paris zwölf Sous koſten? — Hol Euch der Teufel! Stört mich der mitten in mei⸗ nem Gebet mit einer ſo dummen Frage! Ja, die Wachskerzen koſten hier zwölf Sous das Stück, Dummkopf! Alain nahm ſeufzend ſeinen letzten Thaler aus der Taſche, den er bis zu dieſem Tage ſo ſorgfältig verwahrt hatte, und gab ihn der Händlerin; aber bald veränderte ſich der Geſichts⸗ ausdruck des Bretagners wie durch einen Zauber, er ſtrahlte vor Freude. — Waos bin ich doch für ein Vieh! Die Wachslichter, die zwöf Sous koſten werden ja mehr ausrichten, als die, welche nur drei koſten! Der Herr Ritter muß die zwanzig Thaler be⸗ kommen! Nachdem er ſich ſo getröſtet hatte, kniete Alain nieder, und ſprach ſein Gebet: — Heilige Jungfrau von Auray, murmelte er mit In⸗ brunſt, Du ſiehſt daß ich keine Koſten ſcheue, um Dir angenehm zu ſein. Du biſt zu rechtſchaffen, um einen armen Unglücklichen wie ich unnützer Weiſe in Unkoſten zu verſetzen; das wäre weder edel noch billig von Dir. Laß mich daher die zwanzig Thaler finden, welche mein Herr benöthigt; Du wirſt mich da⸗ — 160 durch ſehr verpflichten und ich werde Dir ſehr dankbar ſein. Soll es dann Jemand wagen, vor mir Deine Macht zu leug⸗ nen; ich ſchwöre Dir, daß ich ihm den Schädel einſchlage! So ſei es. Alain kniete ſeiner Gewohnheit gemäß ſo lange bis die drei Wachslichter ausgebrannt waren, dann ſtand er auf, ver⸗ langte von der Händlerin, was ihm von ſeinem Thaler noch herauskam, zählte es, verbarg es ſorgfältig in ſeiner Taſche, und ging mit ſtolz erhobenem Kopfe und leichten Schrittes aus der Kirche. Sobald er ſich auf der Gaſſe befand, war es ſeine erſte Sorge umherzublicken, ob nicht irgendwo auf dem Boden ein Geldbeutel liege. Daß ſein Wunſch in Erfüllung gehen werde, bezweifelte er keinen Augenblick. Er war innig überzeugt, die heilige Jungfrau von Auray würde es übernehmen, ihm die er⸗ betenen zwanzig Thaler noch vor dem Ende des Tages zu ver⸗ ſchaffen. Voll von dieſem Vertrauen ging Alain auf's Geradewohl vorwärts. Er ging in die erſte Gaſſe, die er vor ſich ſah, kam auf die Quais, und befand ſich bald darauf am Pont⸗Neuf. Der Zufall lenkte, wie wir ſehen, den Schritt des Bre⸗ tagners in eine ſchlechte Richtung; der Pont⸗Neuf, der zu jener Zeit von den geſchickteſten Gaunern in Paris ſo gewiſſenhaft ausgebeutet wurde, war gewiß der unter allen am wenigſten ge⸗ eignete Platz, wo man zwanzig Thaler finden konnte. Dafür bot dieſer Platz, der durch ſeine Charlatane, ſeine veſchäftigungsloſen Menſchen, durch Vagabunden und Leute aller Art, die dort Abenteuer ſuchen, durch Soldaten und Be⸗ dienten, die ſich dort erluſtigten, der Unerfahrenheit des wilden Penmarkers die gefahrvollſten Klippen dar. Von ſeinen Gedanken zerſtreut, und eingeſchüchtert von dem Gewimmel, wo er jeden Augenblick einen Rippenſtoß erhielt, — be w ha 5 nkbar ſein. ht zu leug⸗ einſchlage! uge bis die r auß, ver⸗ Thaler noch iner Taſche, chrittes aus ſeine erſt n Boden ein ehen wede, erzeugt, dir ihn die er⸗ ges zu vet⸗ Geradenohl ſch ſih kon nt⸗Neuf. itt des Br⸗ der ju jener geuiſenhnt venigſten ge te. latane, ſeine nund Leute ten und Be⸗ t des wilden nſoß echielb 6 bemerkte Alain nicht gleich das belebte und wunderliche Bild, welches der Pont⸗Neuf damals darbot. Erſt als er ſich kühn mitten in die Menge hineingewagt hatte und nur mit Mühe vorwärts kam, ſuchte er ſich über das Rechenſchaft zu geben, was um ihn herum vorging. — Sieh, ſagte er zu ſich, was iſt das für ein großer Herr, der ſich anſchickt, das Volk von ſeinem Pferde herab an⸗ zuſprechen? Hören wir ein wenig. Gott, Gott! iſt der mit Gold und ſchönen Federn bedeckt! Das muß ein Prinz von Geblüt ſein. Man ſchweigt; er wird anfangen. Die von Alain mit dem Titel eines Prinzen beehrte Perſon war ein damals ſehr berühmter Zahnreißer, Namens Galimard. Er begann von ſeinen Reiſen in China und Arabien zu ſprechen, von ſeinen außerordentlichen Erfolgen an mehreren frem— den Hofen, beſonders an jenem des Sultans; ſchließlich ver⸗ kündigte er, wie ſein gutes Herz ihn dränge, das Wohl der Menſchheit ſeinem eigenen Vortheil vorzuziehen, und zeigte ſich bereit, zwanzig Zähne zu fünf Sous das Stück zu reißen. — Braver Herr das! ſagte ſich Alain; da iſt wenigſtens Einer, der nicht ſtolz iſt und das gemeine Volk liebt. Der Bretagner wohnte, gefeſſelt von der Neuheit des Schauſpiels, mit vorgeſtrecktem Halſe und offenem Munde den erſten vier Operationen bei; der Charlatan riß, um ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit noch beſſer hervorzuheben, die Zähne mit verbunde⸗ nen Augen aus, was den leichtgläubigen und unſchuldigen Pen⸗ marker zugleich erſchreckte und bezauberte. Indeß verſpürte er bald Gewiſſensbiſſe: — Fort von hier, ſagte er ſich, ich fürchte, daß dahinter Zauberei ſteckt. Einige Schritte weiter blieb Alain vor der Bude eines berühmten Mechanikers ſtehen, der mit unnachahmlicher Geſchick⸗ 14. 6 lichkeit— er rühmte dies ſelbſt— gläſerne Augen und hölzerne Beine fabrizirte. Da zu jener Zeit in Frankreich ſchon ſeit mehreren Jah⸗ ren ein blutiger Krieg wüthete, ſo war die Bude des Mechani⸗ kers von einer großen Menge umſtanden. Alain hörte die bewunderswerthen Reden deſſen, der die Beine anſetzte, und bedauerte faſt einen Augenblick, nicht ver⸗ ſtümmelt zu ſein; aber ſein geſunder Sinn ſiegte bald über ſein Staunen, und er entfernte ſich, indem er brummte: — Der Franzoſe hat gut reden, er wird mir nie einreden, daß ſeine Stücke Holz beſſer ſind, als die Beine, welche der liebe Gott gemacht hat. Das find lauter Aufſchneidereien, durch die man nur Dummköpfe fangen kann.— Gehen wir anders⸗ wo hin! Anderswo, das heißt zehn Schritte weiter, hörte der Bre⸗ tagner viel Wunderbareres als die Reden des Zahnreißers und des Mechanikers. Ein Mann, der auf einer von Muſikanten umgebenen Bühne ſtand, verkündigte, daß er nach zwanzigjährigen For⸗ ſchungen gewiſſe Pflanzen entdeckt habe, welche die unglaubliche Kraft beſitzen, das Ausſehen eines Menſchen in fünf Minuten zu verändern; es genüge, ſich das Geſicht mit dem wunderbaren Saft dieſer Pflanzen zu waſchen, und man werde, wie häßlich man auch geweſen, wenn auch nicht außerordentlich, doch immer⸗ hin ziemlich ſchön. Der Mann mit dem Schönheitswaſſer ver⸗ ſicherte, daß er durch ſein koſtbares Mittel ſchon mehr als zehn Tauſend Heirathen geſtiftet habe. — Lügner! ſagte Alain für ſich. Erwollte ſich eben entfernen, als der Charlatan hinzufügte: — Ich bemerke, meine Herren, daß Ihr die Ankündi⸗ gung meiner unvergleichlichen Entdeckung mit vollſtändigem Miß⸗ trauen aufnehmt; es gibt Sachen, die man nicht glauben kann, —— nd hölzerne ſreren Juh⸗ es Mechani⸗ en, der die nicht ver⸗ ld über ſein ie einreden, „welche der reien, durh wir anders⸗ rte der Bre⸗ reißers und ungebenen hrigen For⸗ nglaubliche uf Minuten underbaren wie hůßlich doch inmer⸗ waſſer ver⸗ hr als zehn hinzufügte Ankü di⸗ Anfind digen iß⸗ uben kann, wenn man ſie nicht ſieht. Nun wohlan! Ich will Euch einen unwiderlegbaren Beweis von der Wahrheit meiner Ausſagen liefern. Ich werde vor Euren Augen handeln. Möge ſich der Häßlichſte von der ganzen Geſellſchaft vorſtellen, ſo werde ich ihn in weniger als fünf Minuten unkenntlich machen. Wohlan! Ich warte! Wer unter Euch iſt der Unglückliche, der mit dem unangenehmſten, lächerlichſten, dümmſten und ſchauderhafteſten Geſicht geſchlagen iſt? Er möge ohne Furcht herkommen! ich bin da! Wie zu erwarten war, ging Niemand hin. Alain, deſſen Neugierde außerordentlich erregt war, blieb ſtehen, um zu ſehen, ob das Experiment gelingen werde. Der Charlatan ſchien ſeiner Sache ſo gewiß, und es war ſo leicht, ihn Lügen zu ſtrafen, daß der Bretagner in Zweifel ſtand. — Nun! Niemand ſagt ein Wort, fuhr der Mann mit dem Schönheitswaſſer nach einer kleinen Pauſe fort. Ich ver⸗ ſtehe dieſes Schweigen, es bedeutet daß ſich Jeder unter Euch für einen Adonis hält. Im Gegentheil, meine Herren, ich be⸗ merke unter Euch mehrere häßliche Geſichter. Jeder ſah ſeinen Nachbar an, und der Charlatan fuhr nach einer neuen Pauſe fort. — Da es Niemand wagt ſich dem Glücke von Seines⸗ gleichen zu weihen, ſo werde ich den Allerhäßlichſten von der ganzen Geſellſchaft auswählen. Die Muſik, zwei Blinde und ein kaſtilianiſcher Herr im Coſtüme aus der Zeit Karls V., machte einen Tuſch, während der Charlatan, der die Rechte über die Stirne hielt wie einen Augenſchirm, mit halbgeſchloſſenen Augen die Gaffer muſterte, welche ihn umringten. Alain, deſſen mißtrauiſcher Geiſt in all dieſem Zaudern eine Schlinge ſah, ſchickte ſich diesmal ernſtlich an fortzugehen, als ein prächtig gekleideter junger Herr, der anſtatt des Degens — 164— einen Pallaſch trug, ihn mit der Fingerſpitze an der Schulter berührte, und ſich mit großem Anſtand vor ihm verneigend, ſprach: — Mein Herr ſchickt mich zu Euch und läßt Euch bitten ihm die Ehre einer Unterredung zu gewähren. Seid ſo gut und folget mir. — Ihr irrt Euch, Herr, antwortete Alain ganz verwirrt; ich kenne Niemanden in Paris, und Euer Herr kann Euch nicht zu mir geſchickt haben. — Ich verſichere Euch, Herr, daß ich mich nicht täuſche— — Aber was gibt es denn, was will Euer Herr von mir? — Mein Herr iſt der größte Gelehrte von der ganzen Welt. Er will Euch, wie ich glaube, einen Beutel voll mit Tha⸗ lern zurückſtellen, den er einen Dieb Euch aus der Taſche ſtehlen ſah, und den er dieſem Elenden abnahm. Seht doch nach, ob Ihr nicht beſtohlen worden ſeid. Dieſe Worte verurſachten dem Bretagner zuerſt großes Erſtaunen, dann aber eine tolle Freude. — Ich begreife Alles, dachte er bei ſich, es iſt meine gute heilige Jungfrau von Auray, die mir dieſe Thaler ſchickt. Er wandte ſich hierauf mit freiem Tone an den Boten, und ſagte zu ihm: — Geht voran, ich folge Euch. Der junge Herr mit den ſchönen Kleidern und dem präch⸗ tigen Pallaſch ließ ſich das nicht zweimal ſagen, wandte ſich ſchnell nach dem Gerüſte, auf welchem der Verkäufer des Schön⸗ heitswaſſers ſtand, und zeigte Alain die Leiter, auf welcher man hinaufgehen mußte: — Wollet Euch die Mühe nehmen und da hinaufgehen. — Was? rief Alain, indem er meinte falſch verſtanden zu haben. — Ich ſage, Ihr möget Euch die Mühe nehmen, da hinaufzuſteigen. ſur Schulter d, ſprach: uch bitten o gut und verwirtt; Euch nicht täuſche— von vit! der ganzen l nit The⸗ che ſehlen nach, ob rft großes iſt meine ler ſchidt den Boten⸗ den prih⸗ vandte ſih des Sihn⸗ elcher man nufgehen verſtanden — 165— — Was! Euer Herr iſt der Spaßmacher, der behauptet—? — Ja, er ſelbſt, antwortete der Bote, und drängte Alain ſanft zu der Leiter hin. Aber der Bretagner breitete die Beine auseinander, run⸗ zelte die Stirn, blieb unbeweglich ſtehen, und betrachtete den Helfershelfer des Charlatans in einer Weiſe, daß dieſer anſtatt weiter in ihn zu dringen zu ihm ganz kalt ſagte: — Alſo kann mein Herr über die zwanzig Thaler, weſche der Beutel enthält, mit gutem Gewiſſen zu Gunſten der Armen verfügen? Dieſe„zwanzig Thaler“, welche den Gedanken und Wün⸗ ſchen des Bretagners ſo genau und ſo außerordentlich entſprachen, zerſtreuten allen Verdacht, der in ihm aufgeſtiegen war. — Keineswegs! antwortete er lebhaft; ich brauche dasGeld. — Nun ſo holt es Euch, entgegnete der Mann mit dem Pallaſch ungeduldig. Alain ſtieg über zwei Sproſſen und wandte ſich dann zu ſeinem Führer: — Ich warne Euch, wir Bretagner treten auf denjenigen feſt herum, die es verſuchen ſich über uns luſtig zu machen. Dann ſtiez er weiter hinan. Die Menge begrüßte Alain's Erſcheinen auf der Bühne mit einem Freudengeſchrei und ſpöttiſchem Lachen, aber als er in der Hand des Charlatans einen Geldbeutel ſah, ſchenkte er der allgemeinen Heiterkeit keine Theilnahme, ſondern ging haſtig zu dem Mann mit dem Schönheitswaſſer, der ihn mit Blick und Haltung einzuladen ſchien, daß er näher komme. Ach! kaum war Alain dem Charlatan nahe gekommen, als dieſer ſich an die Menge wandte, und mit mächtiger Stimme rief: — Seht hier, meine Herren, den häßlichſten Menſchen von der ganzen Geſellſchaft, der ſelbſt herbeieilt um die Wir⸗ kung meines Schönheitswaſſers zu erproben! Das Ungeheuer — 166— wird ſich über ſein Vertrauen auf meine Einſicht nicht zu be⸗ klagen haben! Sobald er aus meinen Händen hervorgekommen ſein wird, werden alle Weiber ſeinetwegen verrückt ſein und ihn zum Geliebten haben wollen. Betrachtet ſein abſchreckendes Geſicht; in fünf Minuten ſoll die Metamorphoſe ſo vollſtändig ſein, daß Ihr ihn nicht mehr erkennen werdet!—— Mufik! Der Charlatan, unterſtützt von ſeinen drei Dienern, unter welchen ſich auch der Herr mit dem Pallaſch befand, ergriff ſo⸗ dann Alain beim Kopf und zog ihn ſo mächtig am Ohr, daß der unglückliche Penmarker einen Schmerzensſchrei ausſtieß und ſchauderhafte Geſichter ſchnitt. Die Menge hörte den Schrei nicht, da er von der lärmenden Muſik der Blinden und des an⸗ geblichen Kaſtilianers übertönt wurde, aber ſie ſah Alain's Grimaſſen und antwortete darauf mit homeriſchem Gelächter. Der Unglückliche, der vor Ueberraſchung und Zorn ge⸗ lähmt war, blieb einen Augenblick ruhig ohne zu athmen oder ſich zu bewegen; er glaubte in die Krallen des Teufels gefallen zu ſein; er hatte den Kopf verloren. Der Charlatan benützte dieſe Unbeweglichkeit um an ſeine Toilette zu gehen. Zuerſt entwirrte er ihm die langen Haare und legte ſie ihm über die Stirne. Dann bedeckte er ihm das Geſicht ſo ſtark mit Weiß und Roth, daß der wettergebräunte Bretagner in weniger als drei Minuten einen Teint wie Milch und Blut hatte. — Geſchehen iſt's! rief der Charlatan indem er ſich ſtellte als ob er eine Flaſche zuſtopfte, deren er ſich gar nicht bedient hatte. Was denkt Ihr, meine Herrn, von dieſer Metamorphoſe? Iſt ſie nicht wunderbar? Und bemerkt, daß ich keine Schwierig⸗ keit ſcheute, ich habe mir das häßlichſte Subjekt ausgewählt. Da nun der Bretagner, gekämmt und geſchminkt, in der Ferne eben nicht ſchlechter ausſah als andere Menſchen, ſo applaudirte die Menge anſtatt zu lachen. icht zu be⸗ orgekommen it ſein und ſchreckendes vollſtindig — Muſik! nern, unter ergriff ſo⸗ hr, daß der usſtieß und den Schrei und des an⸗ n Main' elöchter. d Zorn ge⸗ hmen oder es gfallen um an ſeine igen Haare er ihn das rgebriunte vie Milh ſich ftelle cht bedient motphoſet Schwierig⸗ ewihlt. it, in der nſchen, — Friſch auf, möge jetzt ein Anderer kommen, rief der Charlatan, indem er Alain zurückſtieß. Dieſer Stoß riß den unglücklichen Penmarker aus ſeiner Lethargie; eine Röthe, die noch lebhafter war als der ihm auf— gelegte Karmin bedeckte ſein Geſicht. — Bei Gott, heulte er ſeinen Penbas ſchwingend, ich hätte nicht gedacht, daß ein Franzoſe es je wagen würde ſich über mich ſo luſtig zu machen. Ah, Ihr lacht gern, Ihr Dumm⸗ köpfe! Nun, ſo lacht! Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als Alains eiſen⸗ beſchlagener Knüttel mit einem Moulinet von wunderbarer un⸗ widerſtehlicher Schnelligkeit, und pfeifend auf die Schultern der Diener, auf den Kopf des Charlatans, und auf die Flaſchen mit Schönheitswaſſer niederſchlug. Beim erſten Schlag fiel der Charlatan blutend zu Boden, die Diener hatten dasſelbe Schickſal; es folgte eine unbeſchreib⸗ liche Verwirrung, und das Publikum, das einer unter den Poſſenreißern abgemachten Seene beizuwohnen glaubte, lachte aus vollem Halſe. — Nun iſts geſchehen, ſagte Alain, als er die fatale Leiter hinabſtieg, die ihm einige Minuten früher dazu gedient hatte auf den Pranger zu kommen; wenn ich jemals nach Pen⸗ mark zurückkomme, ſo werde ich erzählen, wie ich die Pariſer durchgebläut habe, die ſich über mich luſtig machten; das wird meinen Landsleuten Vergnügen machen. Alain entfernte ſich mit ſchnellen Schritten, als ihm ein Bürger nachlief, und ihn am Aermel feſthielt. — He, Freund, auf ein Wort, wenns gefällig iſt, ſprach er zu ihm. Wenn Ihr mich das Stückchen lehrt, das Ihr eben ausgeführt habt, ſo gebe ich Euch einen Thaler. Ich werde meiner Frau Furcht machen, indem ich mich anſtellen werde, als — 66 ob ich meine beiden Lehrjungen durchprügelte, und alles in mei⸗ nem Laden zerſchmetterte.— Das wird recht drollig ſein. — Ich verſtehe Euch nicht, ſagte Alain der ſich in Acht nahm, weil er glaubte daß er es mit einem neuen Betrüger zu thun habe. — Ich bitte Euch, fuhr der Bürger fort, mir die Streiche zu erklären, die den Anſchein haben alles zu zerſchmettern und in kleine Stücke zu zerſchlagen. — Das iſt keine große Kunſt. Nehmt nur einen harten und feſten Stock und ſchlagt kräftig drein. — Wie! rief der Bürger, habt Ihr denn in allem Ernſt drein geſchlagen? — Zweifelt Ihr daran? Nun ſo geht, und ſeht Euch den Schönmacher an. — Ich kann von meinem Erſtaunen nicht zurückkommen. Und darf ich Euch fragen, lieber Freund, warum Ihr den Char⸗ Jatan und ſeine Helfershelfer ſo ſchrecklich mitgenommen habt? — Habt Ihr denn nicht geſehen, wie ſie mich ſchön ge⸗ macht haben? entgegnete Alain, der bei der Erinnerung an den Schimpf, der ihm angethan wurde, ſeinen Zorn wieder er⸗ wachen fühlte. — Ja, ich habe Eure Metamorphoſe mit angeſehen und finde ſogar, daß Ihr dadurch viel gewonnen habt! Ihr ſeht jetzt weit beſſer aus. — Herr, rief Alain, da ich nicht ſo viel Witz habe, wie die Franzoſen, ſo antworte ich ihnen mit meinem Penbas. Ich rathe Euch daher, denn ich bin im Grunde nicht ſo böſe und wünſche nicht den Tod meines Nächſten, daß Ihr aufhöret Euch über mich luſtig zu machen, und daß Ihr mich in Ruhe laſſet. — Ich verſichere Euch, Freund, Ihr irrt Euch in Betreff meiner Abſichten ſehr, rief der Bürger, den Alain's Sonderbar⸗ keit, welche ihm völlig neu war, unterhielt; der Beweis iſt, daß les in mei⸗ ſein. ſch in Aht Betriger zu ie Streiche tettern und nen harten gllem Ernſt 1 Euch den ückktommen. den Char⸗ man habt? h ſchön ge⸗ ung an den vieder er⸗ eſehen und habe, vie nbas. 36 ſ biſe ud ſönt bu he laſſt. in Benf Zonderbar⸗ es iſ di 669— Ihr mir ein Vergnügen macht, wenn Ihr mit mir heute ſpei⸗ ſen wollt. Dieſer Vorſchlag— jeder Menſch hat ſeine ſchwache und verwundbare Seite war dem Bretagner ſehr angenehm. — Ich will gern mit Euch ſpeiſen, antwortete er, aber ich ſage Euch im Voraus, daß ich meinen Theil nicht bezah⸗ len werde. — Das verſteht ſich. Ich bin heute ausgegangen, um zweifelhafte Schulden einzukaſſiren und habe meiner Frau gleich geſagt, daß ſie mich nicht zu erwarten braucht. Da ich nun ver⸗ loren geglaubtes Geld zurückerhalten habe, ſo iſt es wol das Wenigſte, daß ich mir einen guten Tag mache. Zudem wird meine Frau von meinen Ausgaben nichts wiſſen. Gehen wir ſpeiſen. Von Allem, was der Bürger geſagt hatte, verſtand Alain nur die drei letzten Worte. — Gehen wir ſpeiſen! wiederholte er. Die zwei neuen Bekannten gingen über die Brücke und gelangten auf den Dauphine⸗Platz. Dieſer Platz, der heukt durch ſeine Netz⸗ und Jagdhundhändler bekannt iſt, war damals noch berühmter durch das Etabliſſement eines Garkochs, das „zumgalanten Bachus“ hieß und im Jahre 1695 jeden Tag von Soldaten Abenteurern und Bürgern häufig beſucht wurde. Die beiden neuen Freunde kehrten alſo beim„galanten Bachus“ ein. — Mein Junge, ſagte der Bürger zum Bretagner, ich bin ein Tuchhändler, und heiße Buhot; und Ihr? — Ich bin der Diener des Herrn Ritters von Morvan, und heiße Alain. — Ein drolliger Name! Speiſen wir. Buhot und Alain ſetzten ſich zu einem Tiſch mitten im Saale und begannen ihre Mahlzeit. Der Bürger erlaubte ſich ſelten etwas Außergewöhn⸗ 15. — 170— liches. Nun wollte er die verlorne Zeit einbringen, denn Dank dem einkaſſirten, verloren geglaubten Gelde konnte er ſeinem Weibe den Seitenſprung verheimlichen, und begann die Wein⸗ flaſchen, die ihm hingeſtellt wurden, mit glänzendem Muthe zu attakiren. 5 Es war kaum eine Stunde vergangen, als der Kopf des vortrefflichen Buhot ſo heiß zu werden begann, daß er auch zu den Gäſten hinüber ſprach, die an den andern Tiſchen ſaßen, und ſo eine allgemeine Converſation einleitete. Buhot hatte ein gutes Herz, aber vor Allem war er ein Pariſer Kind, ſomit geſchwätzig und ſpöttiſch. Er widerſtand daher nicht lange der Luſt, ſeinen Tiſchgenoſſen vor der ganzen Geſellſchaft lächerlich zu machen. Vor Allem erzählte er die Prügelei vom Pont⸗Neuf, hier⸗ auf, daß ſein Freund, der ein Bretagner iſt, ſich einbilde, kein Franzoſe zu ſein. Seine Erzählung hatte einen großen Erfolg. — He, Freund, rief ein Unteroffizier, der gern einen Triumph der Beredſamkeit feiern mochte, he, Freund, gehört denn die Bretagne nicht dem König von Frankreich? — Gewiß nicht, ſagte Alain auf dieſe Frage, die Bre⸗ tagne gehört ihm nicht; und der Beweis iſt, daß er unſer Her⸗ zog nicht iſt! und wenn er ſich in unſere Angelegenheiten miſcht, ſo iſt's nur ein Betrug, nichts weiter. Dieſe Antwort Alain's entſchied über ſein Geſchick für den ganzen Abend; er ſtellte ſich dadurch in den Vordergrund, und wurde ſtillſchweigend von der ganzen Geſellſchaft zur Ziel⸗ ſcheibe angenommen. Alain verſtand ſich nicht viel auf die Feinheiten der franzö⸗ ſiſchen Sprache; das Pariſer Franzöſiſch, eine Art Rothwälſch, das nach Zeiten wechſelt, aber niemals ſtirbt, war ihm völlig unbekannt, dennoch vermuthete er, durch das fanatiſche Bravo⸗ rufen auf ſeine Antworten und durch gewiſſe alberne Fragen, denn Dank te er ſeinen Ndie Wein⸗ n Mihe zu er Kopf des ßeer auch zu ſchen ſaßen, war er ein rwiderſtand rder ganzen Neuf, hier⸗ obilde, kein ſen Erfolg. gern einen und, gehött e, die Bre⸗ unſet Her⸗ eiten wiſcht, Feſchic flr ordergund, t zu iel nderftunö⸗ othwülſch⸗ ihm völl ſche Brvo⸗ me ſingen⸗ — 171— die an ihn gerichtet wurden, aufmerkſam gemacht, bald die trau— rige Rolle, die er im Speiſeſaal des„galanten Bachus“ ſpie len mußte. Buhot öffnete ihm vollends die Augen, indem er zu ihm ſagte„Junge, Du unterhältſt mich, ich würde dieſen Abend nicht für zwanzig Thaler hingeben...“ Wenn auch der Bretagner ſehr empfindlich war, ſo ver düſterte ihn dieſe Entdeckung doch nur vorübergehend; es ſcheint ſogar, daß er, vielleicht vom Wein des„galanten Bachus“ er⸗ heitert, ſeinen Entſchluß faßte, und ſich mit einer Art von Ver gnügen den Späſſen hingab, und der allgemeinen Heiterkeit ſeine Selbſtliebe und ſeine Nationalität zum Opfer brachte. Buhot war entzückt, ſtand jeden Augenblick vom Tiſch auf und umarmte ihn und ſagte: — Freund, niemals hat mich Boboche ſo ſehr unterhalten, wie Du; ſo oft ich disponibles Geld haben werde, müſſen wir mitſammen ſpeiſen! Da haſt Du meine Adreſſe; wenn mein Weib nicht da ſein wird, ſo kommſt Du in meinen Laden, und wir beſtimmen unſer Rendez⸗vous. — Seid Ihr gewiß, daß ich Euch mit dieſem Fetzen Pa⸗ vier werde finden können? fragte Alain. — Was Du doch dumm biſt— das iſt ja meine Adreſſe. — Gut, ſagte der Bretagner und verbarg das beſchmierte Papier, das ihm der Tuchhändler gegeben hatte, bald in ſeiner Taſche, bald im Gürtel. Um acht Uhr hatte Alain vierzig Adreſſen. Was Buhot betrifft, ſo hatte er ſeinen Hieb und ſprach jetzt ernſtlich davon, daß er ſein Weib herholen laſſen und ſie öffentlich abkanzeln wolle wegen ihrer Knickerei, und weil ſie ſich zu Hauſe die Ober⸗ herrſchaft anmaße. Es iſt bekannt, bis zu welchem Grade die großen Herren und die reichen Pächter im 17. Jahrhundert von der Leiden⸗ 15* ſchaft des Spieles beſeſſen waren. Das Beiſpiel, das von oben gegeben wurde, hatte bald ſeine traurigen Folgen. Bürger, Rentiers, Künſtler, Abbé's, Soldaten verſuchten mit Wuth das Glück der Hazardſpiele. Es gab kein Haus, wo man nicht Kar⸗ ten und Würfel in ſolcher Anzahl hielt, daß ſelbſt die größten Geſellſchaften damit verſehen werden konnten. Man darf ſich da⸗ her nicht wundern, wenn der Tuchhändler Buhot, um ſeinem gu⸗ ten Tag die Krone aufzuſetzen, eine Würfelpartie vorſchlug. Da andererſeits der brave Mann dem Zuſtand der Trunken⸗ heit ſehr nahe war, und mit ſeinen Piſtolen und Thalern in der Taſche klapperte, ſo erhoben ſich zugleich zehn Perſonen und boten ſich zu der Partie an. Alain lehnte mit halbgeſchloſſenen Augen und die Hände über den Bauch gefalten an der Wand und ſchien in einen Halb⸗ ſchlummer voll Reiz und Seligkeit verſunken zu ſein; auch ſchenkte er dem, was rings um ihn vorging, gar keine Aufmerkſamkeit. Sobald aber das Spiel im Gange war und die Thaler auf dem Tiſche zu tanzen anfingen, richtete Alain ſeinen Körper auf, rieb ſich die Augen, und ſchien an der Partie lebhaften An⸗ theil zu nehmen. Buhot hatte Anfangs Glück, oder beſſer, man ließ ihn Glück haben; aber bald wandte ſich das Blatt, und in fünf Minuten verlor er Alles, was er in einer Viertelſtunde gewon⸗ nen hatte. — Freund, murmelte ihm Alain in's Ohr, ich glaube, wir thäten wohl daran, wenn wir fortgingen. — Fortgehen mitten in einer Partie, nie!— rief Bu⸗ hot, hältſt Du mich denn für einen armen Schlucker, oder für Einen, der nicht zu leben weiß? — Ich bemerke etwas, entgegnete Alain ihm leiſe, was nicht zu Euren Gunſten iſt, Freund Buhot, und was mir eine ſchlechte Idee gibt von dem, was vorfallen wird. von oben Bürger, Wuth das nicht Kar⸗ ie größten arf ſich da⸗ einem gu⸗ ſchlug. Trunken⸗ ern in der rſonen und die Hünde inen Hulb⸗ uh ſchenkte erkſunkeit. die Thalet nen Körpet haften An⸗ n ließ ihn nd in fünf de gewon⸗ ich gloube⸗ rief Bu⸗ oder fit leiſe ns nir ine 173— — Was bemerkſt Du denn, Du theurer Raufbold mei⸗ nes Herzens? — Ich bemerke, daß während Ihr ſprecht, ſingt, lacht und flucht für Viere, die andern Spieler kein Wort reden, dem Spiel die größte Aufmerkſamkeit zuwenden, und von Zeit zu Zeit zuftieden und ſpöttiſch lächeln. Freund Buhot, ich will ge⸗ hängt ſein, wenn man Euch jetzt nicht wie einen Truthahn rupft. — Saprebleu! willſt Du ſchweigen und mich in Ruhe laſſen, Du dummes Thier, rief der Bürger wüthend über einen Wurf, auf den er zwei Piſtolen auf einmal verlor. Rabe, Dein Gekrächze bringt mir Unglück!— Noch einmal, ſchweige oder ich bläue Dich durch. — Ich ſchweige, ſagte Alain, der die Drohung des Tuch⸗ händlers nicht übel aufzunehmen ſchien. Der Erfolg gab dem Bretagner bald Recht; Buhot verlor in Kurzem Alles, was er vor ſich liegen hatte, und mußte zu dem, was er noch in der Taſche hatte, ſeine Zuflucht nehmen. — Hütet Euch, warnte Alain auf's Neue. Buhot gab ihm ſtatt aller Antwort einen wüthenden Stoß in die Bruſt; der Tuchhändler war ein ſchlechter Spieler. Was den Bretagner betrifft, ſo empfing er den Fauſtſchlag mit der⸗ ſelben Ruhe, mit welcher er die Drohung aufgenommen hatte; er runzelte nicht die Stirne, und zeigte keine Spur von Ent⸗ rüſtung oder von Ungeduld. Fünf Minuten ſpäter hatte Buhot nur noch einen Thaler vor ſich liegen und war wieder genöthigt, in die Taſche zu greifen. — Wie viel Geld bleibt Euch noch? fragte ihn Alain dann, indem er ihn Kit ſolcher Gewalt am Arm erfaßte, daß der Tuchhändler erblaſſend ſchrie: — Nimm Dich in Acht, Vieh, Du zerbrichſt mir die Knochen. — Wie viel Geld bleibt Euch noch? wiederholte Alain. — Zwanzig Thaler!— Aber laß mich los, Duwirſt ſehen— — — Ich will nicht, daß Ihr mehr ſpielet! Verſteht Ihr? entgegnete der Bretagner mit einem Tone der Autorität, der den Tuchhändler erbitterte. — Ah, Du willſt nicht!— ſeht, das iſt doch ſpaßig—! e — Wenn Ihr mir nicht gehorcht, fuhr Alain fort, ſo ſchwöre ich Euch, daß ich Euer Weib herrufe— Dieſe Drohung brachte auf den unglücklichen Buhot eine 6 außerordentliche Wirkung hervor. — Ah, Du biſt alſo nicht mein Freund, ſagte er mit Thränen in den Augen. — Und ich werde ihr erzählen, daß Ihr Euch über fie vor aller Welt luſtig gemacht habt; daß Ihr ſie habt wollen rufen laſſen um ſie vor aller Welt abzukanzeln—! — Schweig!— Schlange, die ich an meinem Buſen er⸗ wärmt habe,— ſprich leiſer— Aanaſtaſia könnte Dich hören, und ich wäre verloren,— ſie würde mich nie mehr allein aus⸗ gehen laſſen. — Wenn Ihr wollt daß ich ſchweige, ſo ſteht auf und laßt uns gehen—— — Und Du fürchteſt nicht, elender Zeuge meiner Aus⸗ ſchweifungen, daß ich Dich erſchlage, ſobald wir allein auf der Gaſſe ſind? ſagte Buhot mit komiſcher Wuth. — Wenn es Euch beliebt, ſo erſchlagt mich; für jetzt will ich nichts, als daß Ihr mir folgt—— — Ich folge Dir, Henker, aber Du wirſt ſehen— — Gut— ich werde ſehen. Gehen wir. Buhot ſtand auf und folgte, ein unfreiwilliges Opfer, dem grauſamen Alain. Als der Tuchhändler und der Bretagner aus der Schenke zum galanten Bachus traten, war die Nacht ſehr finſter, ein fei⸗ ner Regen fiel nieder und verdichtete noch die Finſterniß. Dieſer feine Regen und die friſche Nachtluft nach der er⸗ teht Ihr!? it, der den ſpaßig—! n fort, ſo Buhot eine gte er nit h übet ſie abt wollen Buſen er⸗ ich hören, llein aus⸗ ht auf und iner Aus⸗ in auf der ſin jeht yfer, dem Scheke r ein fi⸗ — ſtickenden Athmosphäre der Schenke, vermehrten Buhots Trun⸗ kenheit; er mußte ſich auf Alain ſtützen um nicht umzuſinken. Der Bretagner war bleich, ſeine verſtörten Augen, das convulſiviſche Zittern ſeiner Hände, das gewaltige Pochen ſei⸗ nes Herzens zeigten, daß er heftig mit ſich kämpfte. — Ich will nicht, daß der Herr Ritter läſtere und ſeine Seele in's Verderben bringe, murmelte er mit erſtickter Stimme, ich muß das Geld dieſes Franzoſen haben. Und ſchickt mir es nicht meine liebe heilige Jungfrau von Auray? Alain ging einige Schritte vorwärts, und hielt dabei den immer mehr berauſchten Buhot fortwährend am Arme feſt; aber bald blieb er ſtehen und erfaßte den Tuchhändler an der Gurgel: — Gib mir deine zwanzig Thaler! ſagte er zu ihm mit zitternder Stimme. — Was beliebt? rief Buhot erſchrocken, den dieſer un⸗ vermuthete Angriff theilweiſe wieder nüchtern machte. — Schnell, dein Geld, oder ich ſchlage Dich nieder. Haſt Du nicht hundertmal geſagt, ſeitdem wir beiſammen ſind, daß Du dieſen Tag nicht für zwanzig Thaler hingäbeſt? Ich nehme Deine Thaler, und laſſe Dir das Vergnügen dieſes Ta⸗ ges, wir ſind quitt. Alain griff bei dieſen Worten mit der linken Hand nach der Taſche des Tuchhändlers, und nahm ihm den Geldbeutel. — Elender! Dieb! Räuber!— Du ſiehſt die Patrouille die eben ankömmt, ich werde rufen, man wird Dich hängen! Buhot ſprach die Wahrheit, man hörte den gemeſſenen Schritte einer Patrouille. — Wenn Du einen Laut von Dir gibſt, ſo erſchlag' ich Dich, entgegnete Alain, indem er die Hand feſter ſchloß, welche die Gurgel des unglücklichen Tuchhändlers umfaßte. — Gnade!— ich werde ſchweigen— Du erdroſſelſt mich! S murmelte dieſer mit faſt unverſtändlicher Stimme. DiePatrouille näherte ſich; es warkeine Minute zu verlieren. Alain faßte ſeinen Entſchluß ſchnell, er ſteckte den Geld⸗ beutel in den Gürtel, ließ den unglücklichen Tuchhändler halbtodt vor Schrecken liegen, und ſtürzte aus Leibeskräften auf's Ge⸗ radewohl fort. Eine halbe Stunde rannte der Bretagner mit derſelben Schnelligkeit, endlich ſank er matt, athemlos, und mit blutunterlaufenen Augen auf den Boden. Ohne es zu wiſſen war er über eine Brücke gekommen. — Ich kann hier eben ſo gut bleiben, wie anders wo, ich werde da den Tag erwarten. Es war damals nahe an Mitternacht; bis vier Uhr, als die Sonne ſtrahlend aufging, blieb Alain liegen, und weinte fortwährend wie ein Kind, er ſchämte ſich ſeines Benehmens. — Dennoch, ſagte er, konnte ich nicht zugeben, daß ſich mein Herr um die Seligkeit bringe!— Und dann ladet mich dieſer Buhot ohne mich zu kennen zum Speiſen ein; er wieder⸗ holt mir hundertmal, daß er den Tag nicht um zwanzig Thaler hingäbe, und gibt mir ſeine Adreſſe; gewiß, es iſt meine liebe heilige Jungfrau von Auray, die mir ihn ſchickte um mich aus der Verlegenheit zuziehen. Wenigſtens habe ich es ſo verſtanden. Ja, wenn ich mich aber getäuſcht hätte.— Am Ende wird man dieſem Buhot ſeine Thaler zurückgeben!— Und hätte er ſie ohne mich nicht im Spiel verloren? Mit Tagesanbruch erhob ſich Alain, und machte ſich auf den Weg. Er war nahe der Baſtei, die zum Thor de la Confe⸗ rence führt, das heißt einige Schritte von den Tuilerien., Alain getraute ſich nicht nach dem Weg zu fragen, und ging gerade fort, bis er eine Kirche ſah; da ging er hinein. Er kniete in einer dunkeln Ecke hinter einem Pfeiler nie⸗ der, bekreuzte ſich andächtig, und murmelte: — Heilige Jungfrau von Auray, Du weißt, was in die⸗ ſer Nacht vorgegangen iſt, genire dich nicht mich zu beſtrafen, wel verlieren. den Geld⸗ ler halbtodt auf's Ge⸗ tagnet nit oo, und nit zu wiſſen anders wo, rUhr, als und weinte ehmens. n, diß ſih ladet nich er wieder⸗ nzig Thuler meine liebe m nich aus verſtanden⸗ ewird mau er ſie ohne zt ſih uf la bunf⸗ rien. gen, und hinein. Pfeiler nie⸗ ubefſin wenn ich ſchuldig bin.— Sieh, ſo wahr ich Alain heiße, fuhr er nach einer kleinen Pauſe mit Inbrunſt fort, laß mich im Au⸗ genblick ſterben, wenn ich nicht geglaubt habe, daß Du mir dieſen Buhot ſchickſt. Alain hielt nach dieſem ſchauerlichen Gelöbniß ſprachlos inne. Da er aber ſah, daß ihn kein Blitz niederſchlug, ſo erhob er ſich freudig, und murmelte: — Ich wußte ja recht gut, daß ich den Befehlen meiner guten Patronin gehorche. Was ich doch ein Narr war, die ganze Nacht ſo zu verzweifeln! Alain fühlte, als er die Kirche verließ, ſein Gewiſſen völlig unbelaſtet, und hatte alle ſeine Ruhe und Kaltblütigkeit wieder erlangt. Jetzt ſtand er auch nicht mehr an, nach dem Weg zu fragen. Als er im Gaſthof anlangte, fand er Morvan in außerordentlicher Aufregung. — Herr Ritter, ſagte er, läſtert nicht mehr, und ſeid ohne Sorgen. Hier ſind die zwanzig Thaler, die Ihr benöthigt. Ich bitte Euch nur, fuhr Alain fort, indem er in dem Staunen des jungen Mannes ſah, daß er mit zahlloſen Fragen bedroht ſei, ich bitte Euch nur mich nichts zu fragen. Ich habe nichts Schlechtes verübt, um mir dieſes Geld zu verſchaffen. Ich habe es mir ausgeliehen, und Ihr werdet es zahlen. Morvan verſuchte es trotz Alains Bitten ihm die Geſchichte ſeiner Abenteuer zu entlocken. Aber der Bretagner verharrte halsſtarrig bei ſeinem Schweigen. — Pah! ſagte Alain, als er den Ritter gegen zwei Uhr ganz freudig ausgehen ſah, um ſich zu dem Stelldichein mit Nativa bei Renard zu begeben, ich muß geſtehen, daß ich ein ſchönes Vieh war, indem ich mich die ganze Nacht ſo ſehr mit Gewiſſensbiſſen abquälte. Uebrigens iſt ja dieſer Buhot nur ein Franzoſe! X. Während Morvan trunken von Liebe und Freude zu ſeinem Rendezvous eilt, bitten wir den Leſer um Erlaubniß in unſerer Erzählung um vierundzwanzig Stunden zurückzugehen. Einen Tag bevor Alain auf dem Pont⸗Neuf ſo ſeltſame Abenteuer er⸗ lebte, hielt eine Kutſche, die zwar nicht mit einem Wappen ge⸗ ſchmückt war, noch von einem Kutſcher in Livrée geführt wurde, beim Anbruch der Nacht vor einem kleinen Hauſe der Rue Bé⸗ thiſy, nicht weit vom ehemaligen Hotel des Admirals Coligny. Ein kleiner unterſetzter Mann ſtieg oder ſprang vielmehr aus der Kutſche, und klopfte am Thor des gothiſchen Hauſes. Dieſer Mann, der ungefähr fünfzig Jahre alt zu ſein ſchien, war nach der letzten Mode gekleidet: er trug einen mit Schnüren und Federbuſch geſchmückten Hut, einen galonirten Rock, weite Halbärmel, eine kurze Weſte, Degenknopf und Quaſte, und die Kravate à la Steinkerque, gewirkte Strümpfe und ſpaniſche Beinkleider. Der Ritter von Morvan wäre gewiß hundertmal vor dem Unbekannten vorübergegangen, ohne an Mathurin zu denken, und doch war dieſer Mann niemand anderer als unſer alter Freund, der Roßkamm. Kaum hatte Mathurin den Hammer fallen laſſen, ſo er— ſchien ein Lakai in prächtiger Livrée. — Melde dem Herrn Grafen den Baron Legoff. — Der Herr Baron ſollten früher fragen, ob der Herr Graf zu ſprechen ſei, antwortete der Diener mit einer affektirten Höflichkeit, die an Frechheit ſtreifte. Mathurin runzelte ein wenig die Stirne, nahm den Be⸗ dienten ohne ein Wort zu ſagen bei der Kravate, und ſchleuderte ihn drei Schritte von ſich. wattet alö nö ju ſol welcht undn Minde hühre gel ei ii Hlh geno lih zl ſeinem in unſeret n. Einen nteuer er⸗ aypen ge⸗ rt wurde, Rue Be⸗ Colignh. vielmehr Hulſſes. t zu ſein einen nit alonirten nopf und Strinyfe lvor dem u denken, ſer altet n, ſo er⸗ der Hert fiktirten den Be⸗ leuderte — 9— Der Diener hatte einen ſo kräftigen Akt gewiß nicht er⸗ wartet und machte ſich, ſobald er aufgeſtanden war, ſo ſchnell als möglich davon. Es war keine Minute vergangen, ſo war er wieder zurück. — Wollen ſich der Herr Baron die Mühe nehmen, mir zu folgen! Der Herr Graf erwarten Sie. Der Roßkamm, der trotz der energiſchen Behandlung, welche er dem Bedienten hatte angedeihen laſſen, das gutmüthige und ruhige Ausſehen, das wir an ihm bereits kennen, nicht im Mindeſten verloren hatte, nickte bejahend und ging hinter ſeinem Führer her. Im erſten Stock öffnete der Diener die beiden Flü⸗ gel einer mit Sammet überzogenen Thüre, und rief: — Der Herr Baron Legoff! Dann entfernte er ſich. Das Zimmer, in welches Mathurin— oder der Baron Legoff— eintrat, war mit außerordentlicher Koſtbarkeit möblirt; übrigens fehlte dem Luxus wegen der Unordnung, welche da herrſchte, die Würde. Vor einem mit untereinander geworfenen Papieren be⸗ deckten Tiſch ſaß ein Mann in koſtbarem aber zerrütteten Anzug; das Geſicht dieſes Mannes, der ungefähr ſechzig Jahr alt war, bot ein auffallendes Gemiſch von Schlauheit, Sorglofigkeit, Gutmüthigkeit, Hochmuth und Unverſchämtheit. Als er den Baron Legoff eintreten ſah, erhob er ſich von ſeinem großen Fauteuil, grüßte unſern alten Bekannten und begann ſogleich das Geſpräch. — Mein Diener hat mir von der etwas barſchen Weiſe erzählt, mit welcher Sie, Herr Baron, Ihren Einlaß erwirkten. Habe ich vielleicht die Ehre vor einem meiner Gläubiger zu ſtehen? — Keineswegs, Herr Graf, antwortete Mathurin, aus⸗ genommen etwa, daß Einer meiner Agenten, was übrigens leicht ſein könnte, einige Ihrer Schulden an ſich gebracht hätte. — 180— Ich hatte Eile; Ihr Diener ſchien Willens mich den Zauber ſeiner Converſation genießen zu laſſen, und ich bin weiter ge⸗ gangen; das iſt Alles. — Ich bin ſehr erfreut darüber, daß Sie Eile haben, mein Herr, denn auch ich habe Eile. — Ich bitte tauſend Mal um Vergebung wenn ich Sie ſtöre, aber ich habe ziemlich lange mit Ihnen zu ſprechen, und ich zweifle, daß Sie dieſen Abend werden ausgehen können. Sie thäten wohl daran, wenn Sie ausſpannen ließen. — Ah, Parbleu! rief der Graf in helles Lachen aus⸗ brechend, das iſt mir einer der neueſten Späße. Es ſcheint, Herr Baron Legoff, deſſen Namen ich, im Vorbeigehen geſagt, heute zum erſten Mal ausſprechen höre, daß Sie gewohnt ſind über den Willen der Leute zu verfügen, ohne ſie früher zu befragen. — In der That, Herr Graf, beſitze ich in Geſchäften einen unglaublichen Eigenſinn. Wenn ich übrigens Jeden erſt fragen wollte, was ihm beliebt, ſo würde ich nie weiter kommen. Der Graf betrachtete Mathurin, während dieſer ſprach, mit großer Aufmerkſamkeit; er wollte ſich vergewiſſern, ob er es nicht mit einem Verrückten zu thun habe. — Herr Legoff, ſagte er plötzlich aufſtehend, wiſſen Sie vor wem Sie ſich in dieſem Augenblick befinden? — Ganz wohl, Herr Graf; vor einem Manne, den viele Leute nicht nach ſeinem wahren Werth zu würdigen wiſſen, der Madame de Maintenon zittern macht, über den Zorn des gro⸗ ßen Königs lacht, General⸗Lieutenant, Großcordon, Provinz⸗ gouverneur iſt und d'Aubigné heißt. — Nun, Herr, rief der Graf d'Aubigné, da Sie ſo vieles wiſſen, ſo wird Ihnen auch nicht unbekannt ſein— — Erlauben Sie mir Sie zu unterbrechen, lieber Graf, ſagte Mathurin ruhig; Sie wollen mir drohen: das iſt erſtens — geſchn nithi vir fr. glube fihig lig, einen wotz ſ Still der ſ den i Ver Vir ine drir int wel Lit wir ſn hen Pe en Zauber weiter ge⸗ ile haben, nn ich Sie chen, und n können. . achen aus⸗ Es ſcheint, hen geſagt, wohnt ſind früher zu Geſchiften Jeden erſt er kommen⸗ eſer ſyrcch ob er es viſen Sie den viele wiſen, der n des gro⸗ Prorinz⸗ in— eber Gruf, iſ erſtens — geſchmacklos, und zweitens würden Sie ſich dadurch die De⸗ müthigung zuziehen, ſich bei mir entſchuldigen zu müſſen. Reden wir freundſchaftlich miteinander. Sagen Sie mir, lieber Graf, glauben Sie nicht, daß der Boden Oeſterreichs jeder Cultur fähig iſt? Auf dieſe Frage, die ganz außerhalb des Geſpräches lag, die durch nichts begründet ſchien, und auf welche Mathurin einen beſondern Nachdruck legte, erblaßte der Graf d'Aubigné trotz ſeiner großen Unverſchämtheit und wurde ſichtlich unruhig. — In der That, Baron, antwortete er nach kurzem Stillſchweigen, Gott ſegnet die Bemühungen des Landmannes, der ſein Feld gewiſſenhaft bebaut. — Die Orange, Herr Graf, iſt köſtlicher als alle Früchte. — Und die Granate, Herr Baron, die ſchönſte von allen Blüthen, fügte d'Aubigné hinzu, deſſen Bläſſe zunahm. — Herr Graf, Sie ſind wirklich der beſtunterrichtete Mann, den ich kenne. Ich kann Ihnen nicht ſagen, welch' ein großes Vergnügen ich darin finde, mich mit Ihnen zu unterhalten! Wären Sie jetzt nicht ſo gütig ausſpannen zu laſſen? — Wie Sie wünſchen!— Der Graf klingelte, und gab einem Bedienten Befehl ausſpannen zu laſſen. — Jetzt, ſagte Mathurin, da uns nichts mehr zur Eile drängt, erlauben Sie mir, Herr Graf, unſere Unterhaltung mit einet Frage zu beginnen, die ganz außerhalb der Intereſſen liegt, welche wir ſogleich beſprechen werden. — Laſſen Sie hören, entgegnete der Graf, der eine Leichtigkeit des Tons und der Manieren affektirte, die im gegen⸗ wärtigen Augenblick fern von ihm war, wie ſehr ſie ihm auch ſonſt zu Gebote ſtand. — Meine Frage iſt vielleicht ein wenig indiscret; ſchrei⸗ ben Sie ſie aber nur dem lebhaften Intereſſe zu, das Ihre Verdienſte mir einflößen, und ſeien Sie überzeugt, daß ich ſie — nicht aus Neugierde ſtelle. Herr Graf, alle Welt kennt die eben ſo ſchändliche als unerklärliche Sparſamkeit, deren ſich Lud⸗ wig XIV. gegen Sie befleißt. — Reden Sie nir davon nicht, theurer Baron, unter⸗ brach ihn d'Aubigné ſeufzend; man ſollte wahrhaftig meinen, mein theurer Schwager halte nichts auf die Ehre einer Verbin⸗ dung mit mir.— Zum Teufel, meine Schweſter könnte, was die Vorzüge der Geburt betrifft, auch ſonſt hohe Anſprüche machen. — Und, wenn ſein Stolz nicht im Spiele iſt, muß er ein großer Geizhals ſein. — Ach, Sie errathen den Charakter meines Schwagers nur zu wohl; nur die Scham hält mich zurück, denn es wäre unanſtändig, Familienſpaltungen der Welt bloßzugeben; ſonſt hätte ich meinem Schwager ſchon längſt den Kopf gewaſchen. Nun, theurer Baron, laſſen Sie mich Ihre Frage hören! — Ihre Offenherzigkeit erleichtert mir die Sache; be⸗ finden Sie ſich in dieſem Augenblick nicht ein wenig in Geld⸗ verlegenheit, theurer d'Aubigné? — Ein wenig! Sie ſind ein großer Optimiſt! Sagen Sie in ſchauderhafter, qualvoller Geldverlegenheit, und Sie werden noch immer nicht genug geſagt haben. — Ich hingegen bin im Beſitz gewiſſer Capitalien, mit denen ich nichts anzufangen weiß und die ich gern anlegen möchte. — Ach, Sie wollen Ihr Geld anlegen? fragte d'Aubigné mißvergnügt. — Ich habe wohl einen Augenblick daran gedacht, ent⸗ gegnete der angebliche Legoff, mich an irgend einen Schelm von Finanzier zu wenden, aber ich geſtehe Ihnen, daß mir dieſe Gattung Leute zuwider iſt, und ich habe beſchloſſen, dieſe An⸗ gelegenheit als Edelmann mit einem Edelmann abzumachen. — Eine vortreffliche Idee! rief d'Aubigné, deſſen Ent⸗ nuth wie!k wahr eine hert he Vor Ver die gne daf nüf Gel Si zud da me lie nt die eben ſich Lud⸗ on, unter⸗ tig meinen, er Verbin⸗ unte, was Anſprüche ſt, muß er Schwagers in es wäre ben; ſonſt gewaſchen. ren! Soche; be⸗ g in Geld⸗ 1 Sagen „und Sie glien, nit zen möchte. dNubign acht, ent⸗ ſchelm von nir dieſe n nachen⸗ eſſen Ent⸗ 63 muthigung ſogleich einem freudigen Lächeln Platz machte. Und wie könnte ich Ihnen in dieſer Angelegenheit dienen? — Wenn Sie die Güte hätten, mein Geld in Ihre Ver⸗ wahrung zu nehmen. — Sehr wohl, ſagte d'Aubigné mit ernſter Miene; nach einer kleinen Pauſe fuhr er fört: Unter welchen Bedingungen, Herr Baron? — Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß ich dieſe Sa⸗ che als Edelmann, und nicht als Philiſter abmachen möchte. Vor Allem, keine Schreiberei! — Angenommen; ich haſſe Dinte und Feder! Aber um Vergebung, Sie haben bisher vergeſſen anzugeben, wie ſtark die Summe ſei, die Sie anlegen möchten. — Fünf Tauſend Louisd'or, Herr Graf. — Ein hübſches Sünmmchen, ſagte d'Aubigné mit erzwun⸗ gener Gleichgiltigkeit. Fahren Sie fort, ich bitte, Sie ſagten daß Sie keine Schreiberei wollen. — Worüber haben wir uns denn noch zu verſtändigen? — Vor Allem, wann das Geld zurückgezahlt werden müſſe, ferner mit welchen Intereſſen. — Ah, lieber Graf, Sie machen da ein vollſtändiges Geldgeſchäft mit mir; in hätte von Ihnen ſo was nie erwartet. — Wie! ich mache ein Geldgeſchäft? — Gewiß, reden ſie denn nicht von Intereſſen? Können Sie, ein Edelmann, Generallieutenant, Gouverneur, Geld ſchwitzen? Pfui! — Das iſt wahr, ſagte d'Aubigné. Dieſe Art mich aus⸗ zudrücken habe ich dem Umgang mit meinem Schwager zu ver⸗ danken. Beruhigen Sie ſich— keine Intereſſen— angenom⸗ men. Bleibt noch übrig, die Zeit det Rückzahlung feſtzuſetzen. — Beſtimmen wir dreißig Jahre, wenn Sie's erlauben, lieber Graf. — 184— — Dreißig Jahre, das iſt ſehr lang, lieber Baron. Sie legen mir da eine ſchreckliche Verantwortlichkeit auf. Einen ſol⸗ chen Termin kann ich Ihnen nicht bewilligen. — Alſo fünfundzwanzig Jahre! — Gut, fünfundzwanzig Jahre! Das iſt Alles, was ich für Sie thun kann. Nach einer kleinen Pauſe fuhr der Bruder der Madame de Maintenon wieder fort: — Und wann werden Sie mir dieſe fünf Tauſend Louis⸗ d'or einhändigen, lieber Baron Legoff? — Sogleich, wenn Sie erlauben, antwortete der Baron Legoff, indem er ein Portefeuille aus der Brufttaſche nahm, es öffnete und dem Grafen ein zuſammengefaltenes Papier hinreichte. — Ach, Papier, rief d'Aubigné mit komiſcher Verzweif⸗ lung; was Teufel ſoll ich damit machen! Seitdem der Schatz erſchöpft iſt, haben die Generalpächter Frankreich mit einer ſol⸗ chen Menge von Scheinen über alle Zweige ihrer Einkünfte über⸗ ſchwemmt, daß ihr ſchwarzes Papier nicht einmal ſo viel werth iſt, wie weißes. — Iſt ein Wechſel auf Sicht auf den Banquier Bernard, und von ihm acceptirt, ohne Werth? — Ah, iſt es ſo! rief vauigne, indem er das Papier entfaltete, welches der Baron Legoff ihm hingereicht hatte; er warf einen Blick hinein, lächelte mit freudenvollem Ausdruck, verneigte ſich vor Mathurin, und ſagte: — Lieber Baron, ich kenne Niemanden auf der Welt, der in Geſchäften ſo viel Takt hätte, wie Sie. Ich bin in der That bezaubert von Ihrer Bekanntſchaft. Ich beſchwöre Sie, über meine Perſon und meinen Kredit zu verfügen. Wenn Sie wie⸗ der Geld anzulegen haben,— wahrhaftig ich hätte nicht die Kraft Ihnen die Annahme zu verweigern. — Ich nehme Ihre Bereitwilligkeit zur Notiz, lieber —— aron. Sit Einen ſol⸗ 6, was ich Madame end Louis⸗ der Baron nahm, es hinreichte. Vrrzweif⸗ der Schatz einet ſol⸗ ünſte über⸗ viel werth rBeruard⸗ haſtig das hingericht udenvollen der Velt bin in der eSie, über nSi u t die Knft liebet tiz/ „ — 65 Graf, denn dieſes erſte Geſchäft iſt ſo zu ſagen nur ein Ver⸗ ſuch.... Ich habe noch ſo viele verfügbare Gelder— D'Aubigné betrachtete Mathurin mit großer Bewunde⸗ rung, und ſagte: — Sie ſind wohl ſehr reich? — Ach, ich kenne mich nicht aus vor Millionen. Aber da Sie ſo gütig waren, mir Ihre Dienſte auzubiethen, ſo bitte ich Sie mir einige Fingerzeige zu geben, deren ich benöthige. — Geniren Sie ſich nicht, lieber Baron; Sie wiſſen, ich habe ausſpannen laſſen. — Was ich jetzt zu wiſſen wünſche, iſt nicht ſehr wichtig. An welchen Tagen und in welchen Stunden arbeitet der König mit ſeinen Miniſtern? — Fingerzeige über das häusliche Leben meines Schwa⸗ gers! Nichts leichter: die Arbeit des Königs mit ſeinen Staats⸗ ſekretären beginnt jeden Morgen nach dem Frühſtück und der Neunuhrmeſſe; gewöhnlich arbeiten ſie im Cabinet meiner Schwe⸗ ſter; der Statsrath kömmt Sonntag, Donnerſtag, Mittwoch und Montag von vierzehn zu vierzehn Tagen zuſammen. An zwei Montagen des Monats verſammelt ſich der Depeſchenrath zum Behuf der innern Angelegenheiten des Landes; dieſem Rathe wohnen die Brüder des Königs, der Kanzler, die Titular- und die Exſpectanz⸗Staatsräthe bei; am Dienſtag verſammelt ſich der Finanzrath; er beſteht aus den Prinzen und Secretären die noch Beiräthe dazu nehmen. Am Freitag hält mein Schwager Gewiſſensrath mit ſeinem Beichtvater und dem Erzbiſchof von Paris; da werden die Wohlthätigkeitsmaßregeln getroffen. Je— den Abend endlich— — Um Vergebung, lieber Graf, unterbrach ihn Mathu⸗ rin, Sie ſagen mir ja nichts vom Secretär der Marine. — Von dieſem Schulfuchs Pontchartrain? 6 — 186— — Nennen Sie ihn Schulfuchs, wenn es Ihnen beliebt; gerabe über ihn muß ich das Meiſte erfahren. — Pontchartrain arbeitet jeden Abend, und zwar manch⸗ mal bis eilf Uhr mit dem König, meinem Schwager. Dieſer Pontchartrain, der wie Sie wiſſen Seignelay's Nachfolger, iſt ein widerliches Original. Es macht ihm Vergnügen ſich Schwierig⸗ keiten zu ſchaffen, um ſie beſiegen zu können, er ſcheint die ge⸗ heime Abſicht zu haben die Marine zu Grunde zu richten. Sein größtes Vergnügen iſt, denjenigen unangenehm zu ſein die ſeiner bedürfen können, und man muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ihm das vollſtändig gelingt. Er iſt der ſtrengſte Staatsmann in ſeinem Cabinet, den es jemals ge⸗ gegeben hat. Gegen ihn war Louvois, unangenehmen An⸗ denkens, die Sanftmuth ſelbſt. Uebrigens entſpricht Pont⸗ chartrain's Aeußeres der Liebenswürdigkeit ſeines Charakters. Stellen Sie ſich ein übermäßig langes von Blatternarben be⸗ decktes Geſicht vor, inmitten desſelben ein Paar große abſcheu⸗ liche Lippen, die dem Rachen eines Ungeheuers gleichen. Der letzte Zug von Schönheit, der ſeiner Anmuth die Krone aufſetzt, iſt, daß Pontchartrain ſchielt, und ein gläſernes Auge hat. — Und was ſeine Fähigkeiten betrifft, lieber Graf? — Er iſt nicht ohne Verſtand, er verſteht ſeine Sache ziemlich gut;— haben Sie zu thun mit ihm? — Ach, ich zähle ſogar auf Ihre Güte, mir morgen bei ihm eine Audienz zu verſchaffen. — Eine Audienz für Morgen! wiederholte der Bruder der Madame de Maintenon lachend; glauben Sie denn, daß man über einen ſolchen Bären nach Belieben verfügen kann? — Ich beſtreite nicht, daß Sie in dieſer Sache rigkeiten zu überwinden haben, erwiederte Mathurin kalt; i wünſche nur den Miniſter Pontchartrain morgen zu ſprechen. — Gut, entgegnete d'Aubigné mit einer Ergebenheit, — die gen Fot l A lön M un Go ſi ſ lic gel uu Un ſe ga zu le do ge en beliebt; var manch⸗ r. Dieſer hfolger, iſt Schwietig⸗ int die ge⸗ ten. Sein u ſein die erechtigkeit Er iſ der jenals ge⸗ ehmen M⸗ icht Pont⸗ hanten. marben be⸗ ße abſchel⸗ ichen. Der ne auſſeht ge hat. Graf! ſeine Suche ———— notgen bei der Bnder denn, daß nkn he Schwie⸗ n lalt i ſorchen igtbenhei, — 187 die ſeinem unabhängigen Charakter gewiß ſehr fern war, mor— gen werden Sie die Audienz haben. D'Aubigné, der durch ſeine Unverſchämtheit und endloſen Forderungen ſeine Schweſter ſehr beläſtigte, war gewiß unter allen Höflingen derjenige, der ſich beim Reden am wenigſten in Acht nahm. Die Kühnheit ſeiner Vorſchläge reſpectirte ſogar die königliche Majeſtät nicht. Wüthend darüber, daß er nicht den Marſchallſtab von Frankreich erhalten, hatte er es— ein damals unerhörtes Verbrechen— ſogar gewagt, ſich öffentlich in der Gallerie von Verſailles darüber zu beklagen, was er eine Rück⸗ ſichtsloſigkeit gegen ſein Recht nannte.„Ich begreife nicht, ſagte er bei jener Gelegenheit, daß der König mich, ſeinen leib— lichen Schwager, nicht ernannt und den Marſchallſtab Vivonne gegeben hat, gegen den er doch nur vorübergehende Verpflich⸗ tungen hatte.“ D'Aubigné war, weil er Vieles ungeſtraft wagen durfte, und beſonders weil er ſo eyniſch war, am Hofe wenn auch nicht ſehr beliebt, doch wenigſtens ſehr gefürchtet. Die Miniſter ſelbſt gaben ſich mit ihm ab, obſchon ſie ſeinen Charakter gar nicht zu ſchätzen vorgaben, und ſtellten ſich zuweilen um ihn nicht zu reizen, als ob ſie's mit ihm ernſt meinten. Die Fügſamkeit, mit welcher er Mathurin's gebieteriſches Wort aufnahm, war daher eine völlig neue Thatſache, und hätte, wäre ſie bekannt geworden, in Verſailles großes Aufſehen gemacht. — Lieber Graf, fuhr Mathurin nach längerem Schwei⸗ gen fort, vielleicht wird Pontchartrain die Größe der Plane, die ich ihm vorſchlagen will, nicht begreifen. Man hat nicht inmer das Glück einem Schulfuchs von Genie, wie Colbert, zu begegnen. Ich muß Sie daher, damit Sie Ihre Maßregeln im Voraus treffen können, benachrichtigen, daß Sie, wenn meine Pläne an der Schwachköpfigkeit oder Kleinlichkeit des Staats⸗ ſeeretärs einem unüberwünderlichen Hinderniß begegnen wür⸗ — 65 den, mir auch bei Ihrer Schweſter der Marquiſe de Maintenon Zutritt verſchaffen müßten. — Ah, Sie wollen auch die Königin beſuchen, Baron Legoff, rief d'Aubigné mit einem Unmuth, den er nicht verbergen konnte. Meiner Treue, ich verabſcheue es, meine Familie zu mißbrauchen. Sie werden mich daher unendlich verpflichten, wenn Sie anderswo Jemanden ſuchen, der Sie zu meiner Schwe⸗ ſter führt. — Sie ſind mir in jeder Beziehung viel zu anſtändig, lieber Graf, als daß ich daran dächte, mich an Jemand Andern zu adreſſiren.— Apropos! habe ich Sie ſchon gefragt, was Sie von der Fruchtbarkeit des öſterreichiſchen Bodens halten? Bei dieſem„Apropos“ ward d'Aubigné verwirrt; aber er ſchien ſich bald wieder zu faſſen und ſagte: — Parbleu, Herr Baron, laſſen Sie doch den öſterrei⸗ chiſchen Boden und ſeine Fruchtbarkeit, und die Granate, welche die ſchönſte der Blüthen, wie die Orange, welche die ſchönſte der Früchte iſt, aus dem Spiele! Ich weiß, daß Sie einer der Unſeren ſind! Machen wir's nicht wie die Kinder, die ſich ver⸗ brennen, wenn ſie mit dem Feuer ſpielen wollen. Und welchen Vortheil glauben Sie gibt Ihnen die Kenntniß dieſes Geheim⸗ niſſes? Glauben Sie vielleicht, mich in Ihrer Gewalt zu haben? — Gewiß, antwortete der Baron Legoff ruhig, ich habe Sie in meiner Gewalt. — Parbleu! Sie ſcherzen. Möchten Sie ſich wol deut⸗ licher erklären? — Das iſt ja klar! Sie verſchwören ſich, wenn nicht ge⸗ gen die Perſon, doch gegen die theuerſten Intereſſen des Königs; ich kenne Ihre Pläne, und kurz: ich kann Sie in's Verderben ſtürzen. — Und wenn Sie das famöſe Wort geſprochen haben, werde ich ohne Zweifel ſchweigen. Voll Erkenntlichkeit für Ihren — wobl tiren nit iſt Sy ein ein Sie Re nic f nis he Maintenon n, Baron verbergen Familie zu hten, wenn er Schwe⸗ anſtändig, nd Andern tagt, was holten! irrt; abet en öſterei⸗ ate, welche ie ſchönfte ie einer der ie ſich ver⸗ nd welchen es Gehein⸗ tzu heben wol deut⸗ m nicht ge⸗ es Königs; Verderben zen hulen t fin In 5 noblen Charakter, werde ich es vermeiden, Sie zu compromit⸗ tiren, nicht wahr? Sehen Sie, Baron Legoff, fügte d'Aubigné mit ſpöttiſchem Mitleid hinzu, Sie verſtehen ſich beſſer auf Geld⸗ geſchäfte als wie auf Politik. Verlegen Sie ſich bloß auf die Specialität der Geldgeſchäfte. Mathurin lachte: — Wahrhaftig, Herr Graf, ich hätte nie gemeint, daß ein Mann, der ſo ſehr an die Intriguen des Hofes gewöhnt iſt, ein ſo ſchlechter Beobachter wäre. Was feiner iſt, entgeht Ihnen, Sie begreifen nur das Derbe, Handgreifliche; decken wir daher die Karten auf. Ich habe Ihnen eine enorme Summe geſchenkt, nicht wahr? — Sie wollen ſagen, anvettraut? — Erlauben Sie, wir ſind übereingekommen, die Karten offen auf den Tiſch zu legen, ich muß alſo ſagen: geſchenkt und nicht anvertraut. Was habe ich von Ihnen für dieſe fünf Tau⸗ ſend Louisdor verlangt, die Ihnen ſo gelegen kommen, da Sie heute Morgen im Spiel acht Hundert Piſtolen ſchuldig geblie⸗ ben ſind, zu denen Sie nicht den erſten Thaler beſitzen? Nichts, weder einen Dienſt noch einen Empfangſchein. Sie werden mir aber doch zugeben, daß man, wenn man nicht ein Narr iſt, oder ein Menſch, der über dem Gewöhnlichen ſteht, Hundert fünf⸗ undzwanzig Tauſend Livres nicht zum Fenſter hinauswirft! — Ich geſtehe, Baron, ſagte d'Aubigné mit dem Aus⸗ druck ruhiger Ueberlegung, vor welcher ſein früherer Sarcasmus zurückgewichen war, ich geſtehe in der That, daß Ihnen Ihre Großmuth einen Vortheil über mich einräumt. — Nun wohl, da ich mich ſtark genug fühle, um nih nicht eines Vortheiles zu bedienen, ſo will ich Ihnen meine Großmuth erklären. Nichts iſt einfacher. Ich wollte Ihnen be⸗ weiſen, daß ich unermeßlich reich bin! Verſtehen Sie? — Meiner Treue nein, ich verſtehe Sie nicht. — 090— — Wie! Sie begreifen nicht, daß ein Mann, der Ihnen, um bei Madame Maintenon eine Audienz zu erhalten, Hundert fünfundzwanzig Tauſend Livres gibt, auch eine Million opfern könne und wolle, ſobald es ſich um ein wirklich wichtiges Inter⸗ eſſe handelt? — Ich halte Sie deſſen für fähig, Baron. — Und Sie bilden ſich kindiſcher Weiſe ein, daß ich, der eine Million weggibt, um das Geheimniß einer Verſchwörung zu erkaufen, thöricht genug wäre, meine Million zu behalten, und mein Leben auf's Spiel zu ſetzen? In der That, lieber Graf, Sie haben eine abſcheuliche Meinung von mir; Sie trauen mir weder Feinheit noch Größe des Geiſtes zu. — So? entgegnete d'Aubigné, der ſeit einer Minute auf glühenden Kohlen zu ſtehen ſchien. — Wenn mir morgen die Luſt käme, Sie oder jeden an⸗ dern Ihrer Mitſchuldigen in's Verderben zu ſtürzen, ſo würde ich nicht nur Ihr Mißgeſchick nicht theilen, ſondern im Gegen⸗ theil für den Dienſt, den ich Sr. Majeſtät geleiſtet hätte, noch Lohn und Dank erhalten. Es iſt mir daher erlaubt, lieber Graf, nicht wahr? darauf zu rechnen, daß Sie ſo gefällig ſein werden, mir bei der Marquiſe de Maintenon eine Audienz zu verſchaffen, wenn ich das, was ich wünſche, vom Miniſter Pontchartrain nicht erlange? Legoff ſagte dieſes ruhig und ohne alle Spur des Siegerſtolzes.. — Ihre Frage, entgegnete d'Aubigné, beweiſt mir Ihre Großmuth. Glauben Sie mir, ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie bitten, während es Ihnen ſo leicht wäre, zu fordern. Hierauf ſchwieg d'Aubigné, und ſchien gegen ſeine Ge⸗ wohnheit mit ernſten Gedanken beſchäftigt zu ſein. — Wiſſen Sie, lieber Graf, rief Mathurin plötzlich, daß der Plan, über den Sie in dieſem Augenblick brüten, weder wen Lor Sie ohn ſhe teu lie Ih ich wi tre der Ihnen, n, Hundert lion oyfern iges Inter⸗ 1, daß ich, rſchwörung alten, und ieber Graf, trauen mir ner Minute jeden an⸗ ſo würde in Gegen⸗ häte, wch ſieber Gruf. ein werden, verſchftn⸗ ntchartruin Spur des ſt nir In bar dafür, zu ſordem⸗ ſeine Ge⸗ 91 zu Gunſten Ihrer Großmuth noch Ihrer Dankbarkeit zeugt? Die Undankbarkeit iſt ein zu natürliches Gefühl, als daß man ſie ſtark tadeln könnte, nur darf ſie gewiſſe Grenzen nicht über⸗ ſchreiten, und nicht bis zur Rache geſteigert werden. Bei dieſen von Mathurin ganz ruhig ausgeſprochenen Worten wurde der Bruder der Marquiſe de Maintenon ganz verwirrt. Er verſuchte es aber trotzdem ruhig zu erſcheinen. — In der That, Baron, entgegnete er mit erzwungenem Lächeln, ich denke ſchon nicht mehr daran! — Mein lieber d'Aubigné, fuhr Mathurin mit vollkom⸗ mener Gutmüthigkeit fort, behalten Sie die fünf Tauſend Louisd'or, die Ihnen vom Himmel gefallen find, und denken Sie nicht daran, Meuchelmörder zu bezahlen, deren Bemühungen ohnedies vergebens wären! Man ermordet nicht einen Men⸗ ſchen, der mit Millionen gepanzert iſt. — Parbleu, rief d'Aubigné, indem er von ſeinem Fau⸗ teuil aufſprang, und wie wahnſinnig im Zimmer auf- und ab⸗ lief, Baron Legoff, Sie müſſen ein Zauberer ſein! Möge mir Ihr Schutzpatron der Teufel den Hals ſagleich umdrehen, wenn ich es je verſuche, den Kampf mit Ihnen aufzunehmen. Ich will mich lieber Ihrer Großmuth anvertrauen als Ihrer Macht trotzen. Ich gebe mich gefangen; befehlen Sie, ich gehorche. — Tauſend Dank, lieber Graf, für dieſe freundſchaft⸗ lichen Worte, antwortete Mathurin, der ſich nun ebenfalls erhob und auf die Thüre zuging; er grüßte leicht, und entfernte ſich ohne weiter ein Wort zu ſagen. DAubigné ſchlief die ganze Nacht nicht. Am andern Morgen erhielt Mathurin die Einladung zu einer Audienz bei Pontchartrain, die an demſelben Tage ſtatthaben ſollte. Als der Baron Legoff— wir laſſen dem Roßkamm die⸗ ſen Namen bis zu weitern Aufklärungen— in das Cabinet des Miniſters trat, ſchien Pontchartrain, der mit dem Leſen von Depeſchen beſchäftigt war, die Anweſenheit ſeines Beſuchs gar nicht zu merken, und ſetzte ſeine Arbeit fort als wäre Nie⸗ mand ſonſt im Zimmer. Erſt nach einer Viertelſtunde bemerkte er oder ſchien er die Anweſenheit des Beſuchs zu merken. — Wer ſind Sie und was wollen Sie? fragte er mit faſt grober Barſchheit. — Der Schweizer hat Ihnen den Baron Legoff gemel⸗ det, antwortete Mathurin kaltblütig, und der Baron Leoff e erin⸗ nert Sie, daß Sie mit einem Edelmann ſprechen. Dieſe kühne Antwort wich ſo ſehr von den Gewohnheiten der Bittſteller ab, daß Pontchartrain davon verblüfft war. — Welchen Rang nehmen Sie in der Marine ein, und was wünſchen Sie? — Ich nehme, Gott ſei Dank! in der Marine keinen Rang ein, und weit entfernt Ihr Wohlwollen zu ſuchen, komme ich vielmehr um Ihnen meine Dienſte und meine Unterſtützung anzubiethen. Jetzt war Pontchartrain ſo ſehr erſtaunt, daß er einen Augenblick gar nicht zu antworten wußte. — Ich verfüge über beträchtliche Seekräfte, fuhr Legoff immer mit derſelben Kalthlütigkeit fort; die Flotte, die ich com⸗ mandire, hat zwar keine geſchickten Verwalter, iſt aber dennoch gefürchtet und fürchterlich; ſie könnte ohne großen Nachtheil der des Königs die Spitze bieten. — Das iſt unverzeihlich von d'Aubigné! Das heißt doch alle Grenzen des Reſpekts überſchreiten, wenn man Einen in die Lage bringt, einen ſolchen Narren zu empfangen, murmelte Pontchartrain; ich werde mich bei ſeiner Majeſtät über dieſen Leichtfinn beklagen. — Ich warte, Monſeigneur, fuhr Legoff fort.. — Sie können ſich zurückziehen, antwortete Pontchar⸗ train, indem er ſich wieder an ſeine Arbeit machte. habe nich, nes Beſuchs s wite Nie⸗ de bemerkte rken. ragte er nit goff gemel⸗ Legof erin⸗ ewohnheiten ſt war. ne ein, und tint keinen hen, komme nterftützung uß et einen führ Legof die ich con⸗ ber dennqh chtheil der inen in die mumelte übet dieſen . Pontchar⸗ — Nicht bevor Sie, Monſeigneur, Kenntniß genommen haben von dem Briefe, den ich Ihnen zuzuſtellen beauftragt bin. — Ziehen Sie ſich doch zurück, mein Herr, Sie beläſtigen mich, rief der Staatsſekretär heftig werdend. — Dieſer Brief iſt von einem meiner Lieutenants, von Ducaſſe, fuhr Mathurin ruhig fort. — Von Ducaſſe! rief Pontchartrain, lebhaft nach dem Briefe langend, den er ſogleich entſiegelte und mit ſehr ſicht⸗ lichem Intereſſe las. Ducaſſe, Herr Baron, fuhr der Miniſter nit einem bei ihm ungewohnten höflichen Tone fort, ſagt mir, daß er unter Ihrem Oberbefehl gedient habe, daß er Sie als den größten Seemann unſerer Zeit ſchätzt, und bittet mich, ge⸗ wiſſe Vorſchläge, die Sie mir zu machen haben, mit vollkom⸗ menem Vertrauen anzuhören. Ich verhehle Ihnen nicht, daß ich Ducaſſe beſonders hochachte; ſeine Empfehlung iſt bei mir von außerordentlichem Gewicht. Was wünſchen Sie? Wenn Pontchartrain mit ſolcher Offenherzigkeit ſprach, ſo hatte dies keinen andern Grund, als weil er überzeugt war, daß Legoff den Inhalt des von ihm überbrachten Briefes kenne. — Monſeigneur, antwortete Legoff, ich wünſche Ihnen drei Dinge anzubieten, die Ihnen in dieſem Augenblick fehlen: Geld, Menſchen und Ruhm. — Ich begreife nicht, daß Ducaſſe mir von Ihnen als von dem größten Seemann unſerer Zeit ſpricht, ſagte Pont⸗ chartrain, indem er ſich anſtellte, als hätte er die Antwort nicht gehört. Legoff! Legoff! ich kenne dieſen Namen nicht. — Jean Bart, der eben im baltiſchen Meere fünf hol⸗ ländiſche Kriegsſchiffe und die fünfzig Schiffe, welche ſie be⸗ gleiteten, weggenommen hat, war vor einigen Jahren am Hofe noch gar nicht bekannt. Uebrigens verhehle ich Ihnen nicht, daß Legoff nicht mein wahrer Name iſt. . 47 — 19— — Wie! Sie wagen es ſich mir unter einem Namen vor⸗ zuſtellen, der nicht der Ihrige iſt? — Ich habe in meinem Leben ſo viel gewagt, Mon⸗ ſeigneur, und das Glück hat meine Kühnheit immer ſo ſehr be⸗ günſtigt, daß ich jetzt Alles thue, was mir anſtändig oder ge⸗ fällig iſt. — Gut! heißen Sie meinetwegen Legoff, ſagte Pont⸗ chartrain, der während Mathurin ſprach, den Brief aufs Neue überlas. In der That thut der Name nichts zur Sache. Sie ſind alſo einer von jenen famöſen Boucaniern oder Flibuſtiern der Antillen, von denen man ſo viel Aufhebens gemacht hat? — Ja, Monſeigneur, ich bin ihr Oberhaupt. — Ihr Oberhaupt, ſagen Sie! entgegnete Pontchar⸗ train, der ſich nicht enthalten konnte Legoff mit der größten Neugierde zu betrachten; aber ich glaubte, daß dieſe Leute kein Oberhaupt oder vielmehr deren hundert haben. — Es iſt wahr, daß die Boucanier bei ihren gewöhn⸗ lichen Expeditionen wen ſie wollen zum Befehlshaber wählen; jedoch über allen dieſen zufälligen Befehlshabern ſteht eine ge⸗ heime permanente Macht, deren Autorität ſich über das ganze Meer der Antillen erſtreckt. Ich brauche nur den Finger zu er⸗ heben und ein Wort auszuſprechen, ſo ſtehen mir binnen acht Tagen zehn Tauſend Mann zu Gebote. — Ich habe es alſo in Ihnen mit einer kleinen Macht zu thun! ſagte Pontchartrain halb ernſthaft halb ſpöttiſch. — Ja, Monſeigneur, eine Macht mit der andern, ant⸗ wortete Legoff, der ſogleich einen Stuhl nahm und ſich Pont⸗ chartrain gegenüberſetzte. Ein kurzes Stillſchweigen folgte hierauf. Legoff war mit ſeiner ruhigen Miene, mit dem feſtblicken⸗ den und leuchtenden Auge, mit ſeiner ſichern faſt gebieteriſchen Haltung nicht mehr die Perſon mit dem nichtsſagenden gut⸗ mů Me Li ſte üb A gt ſel do ar amen vor⸗ gt, Mon⸗ o ſehr be⸗ oder ge⸗ te Pont⸗ ufs Neur che. Sie libuſtiern ht hat Pontchar⸗ t größten Leute kein wöhn⸗ rwihlen eine ge⸗ as gane er zu et⸗ nnen acht en Mocht tiſch. ern, ant⸗ ich Pont⸗ iſbliken⸗ ieteriſchen den gu 195 müthigen Geſicht, die wir in ihm bereits kennen; wenn man dieſen Menſchen ſah, ſo ahnte man in ihm eine Willenskraft und Sine Tiefe des Geiſtes, beſtimmt die Menge zu beherſchen. Pontchartrain, der es ſo gewohnt war mit den bedeutend⸗ ſten Officiren barſch umzugeheu, fühlte ſich dem Boucanier gegen⸗ über befangen; Legoff's magnetiſcher Blick, wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf, laſtete auf dem Staatsſekretär, und genirte ihn. Sei es, daß Legoff die Macht, die er auf den Staats⸗ ſekretär ohne Zweifel ausübte, nicht mißbrauchen wollte, ſei es daß es ihn drängte ihm ſeine wichtige Frage vorzulegen, genug an dem, er war der erſte der das Geſpräch wieder aufnahm. — Monſeigneur, ſagte er mit ehrfurchtsvollem und zu⸗ gleich feſtem Tone, da von der Unterredung, die Sie mir zu ge⸗ währen ſo gütig waren, kein Wort über dieſes Cabinet hinaus⸗ kommen darf, ſo bitte ich Sie um die Erlaubniß mich ohne Um⸗ ſchweife erklären und Ihnen meine Gedanken nakt hinſtellen zu dürfen. — Sie kommen meinen Wünſchen zuvor, Herr Legoff, aber vor Allem ſagen Sie mir, ſeit wann Sie Ducaſſe kennen. — Ich wiederhole Ihnen, Monſeigneur, daß Ducaſſe unter meinem Commando gedient hat. Wir ſind bereits ſeit fünf⸗ zehn Jahren vertraut miteinander. — Und wurde Ihr Verhältniß fortgeſetzt, ſeit Ducaſſe in die königliche Marine eingetreten iſt? — Unſere gegenſeitigen Beziehungen ſind wie immer intim geblieben. Ich darf ſogar hinzufügen, daß meine Rath⸗ ſchläge ihm ſeit jener Zeit bei verſchiedenen Gelegenheiten von dem größten Nutzen geweſen find. — Ihre Rathſchläge! wiederholte Pontchartrain erſtaunt. Ducaſſe's Fähigkeiten ſtehen doch weit über dem Alltäglichen. — Ich bin Ihrer Meinung, Monſeigneur! Mein Freund 17 — 96 beſitzt einen erprobten Muth, große Kaltblütigkeit, bedeutenden Scharfblick, und ſeltene Erfahrung und Ausdauer; kurz, alle Fähigkeiten, die einen großen Menſchen ausmachen. — Und dennoch behaupten Sie, daß Dueaſſe nur Ihrem Rathe folgt! Somit geſtehen Sie, daß Sie Ihre Fähigkeiten über die ſeinigen ſtellen. — Gewiß! antwortete der Boucanier ruhig. Pontchartrain war von der Sicherheit oder vielmehr von der vollkommenen, alles Stolzes baren Ueberzeugung, mit welcher Legoff dieſes einfache Wort ausſprach, betroffen; er konnte ſich nicht enthalten, ſeinen ſeltſamen Beſuch auf's Neue mit faſt furchtſamer Neugierde zu betrachten. Der Staatsſekretär war, im Vorbeigehen geſagt, und um unſeren Leſern begreiflich zu machen, von welcher Wichtig⸗ keit der von Legoff überbrachte Brief für ihn ſein mußte, damals beſchäftigt, zwiſchen einem ſeiner Schwäger, Schiffkapitän, und der einzigen Tochter des früheren Bouecaniers Ducaſſe, der jetzt Millionär und ein ausgezeichneter Offizier der königlichen Ma⸗ rine war, eine Heirath zu Stande zu bringen; eine Heirath, die in der That auch ſtattgefunden hat. Der von Legoff mit⸗ gebrachte Brief war alſo die beſte Empfehlung für ihn. Doch bald ſagte der Miniſter, als ſchämte er ſich des Vor— theils, den Legoff bereits über ihn gewonnen hatte, barſch: — Ich habe nun ſchon zu viel Zeit mit leeren Reden verloren! Was wünſchen Sie, Herr Boucanier? Ich bitte Sie, ſich kurz und klar zu faſſen. Mich nehmen weit wichtigere Ge— ſchäfte als die, mit welchen Sie kommen, in Anſpruch. — Ich zweifle, Monſeigneur; mein Plan iſt eben ſo groß⸗ artig als einfach; wenig Worte genügen, um ihn Ihnen zu er⸗ klären. Frankreich iſt, eine Thatſache, die Sie nicht leugnen können, in den letzten Zügen. Erſchöpft an Geld und Menſchen, legt es ſich grauſame Opfer auf, um den Kampf, in welchen es ver Gel St mn Eh vol we ni I ge qn hedeutenden kurz, alle nur Ihren Fihigkeiten r vielmehr ugung, nit ttroffen; er auf'd Neue eſugt, und er Vichtig⸗ fte, danals npitän, und ſe, drr jetzt glichen Mo⸗ ine Heirath, Legof nit⸗ hn. ſch des Vol⸗ harſch: eren Reden bitte Sie htigen Ge⸗ ch. en ſo gruß⸗ hnen zu er iht lugnen Munſchen⸗ welchen 4 verwickelt iſt, fortzuſetzen. Was es benöthigt, iſt Geld, viel Geld; die Steuern können hier nicht mehr helfen, denn die Steuerkraft iſt über alle Grenzen der Gerechtigkeit und Klugheit angeſpannt, und zum Raub und Diebſtahl geworden——. — Herr Boucanier, Sie vergeſſen, vor wem Sie die Ehre haben, ſich zu befinden. — Vor einem Miniſter, dem ich verſprochen habe, die volle Wahrheit zu ſagen, und dem ich ſie folglich auch ſagen werde. Sie, dem es aufgetragen iſt, über die Intereſſen Frank⸗ reichs zu wachen, dürfen einen Menſchen nicht zurückweiſen, der Ihnen, um unſer Mißgeſchick abzuwenden, eine dem Feinde ab⸗ genommene jährliche Einnahme von zwei Hundert Millionen — Ach! handelt es ſich um zwei Hundert Millionen, rief Pontchartrain die Achſeln mitleidig zuckend. In dem Falle iſt es unnöthig, daß Sie ſich in weitere Erörterungen einlaſſen. Mein Herr, ich beſtreite nicht Ihre Geſchicklichkeit, ſpaniſche Schiffe zu beraubenz aber Sie ſcheinen mir, was den Geſchäfts⸗ ſinn betrifft, jener leider allzuzahlreichen Kategorie von wachen Träumern anzugehören, die mir jeden Morgen zehn Mittel vor⸗ ſchlagen, die ſie erſonnen haben, um die Stadt Paris in einen Seehafen umzuwandeln. Wenn Sie Ducaſſe ſchreiben, ſo ſagen Sie ihm, daß ich aus Freundſchaft für ihn Ihnen eine Stunde Zeit gewidmet habe.— Adieu, Herr Boucanier! — Monſeigneur, ſagte Legoff ernſt, indem er trotz die⸗ ſem förmlichen und ironiſchen Abſchied in ſeinem Fautenil ſitzen blieb, was Colbert ſo groß gemacht und ihm in der Geſchichte eine ſo glänzende Stellung verſchafft hat, iſt, daß er den niedrig⸗ ſten Menſchen anzuhören wußte, und das Genie niemals zurückwies, wenn ein Genie es nöthig hatte, ſich auf ſeine Macht zu ſtützen. — Elender!— dieſe Frechheit!— ſchrie Pontchartrain bleich vor Wuth. . „ — Iſt einfach die Kühnheit eines Mannes, der nichts fürchtet als den Zorn Gottes, und der ſich ſeiner Kraft zu ſehr bewußt iſt, als daß er ſich jemals vor dem kindiſchen und un⸗ angemeſſenen Scherz eines Miniſters beugen ſollte, der untreu ſeiner Miſſion und an ſeinem König ein Verräther iſt! — Was wagen Sie da zu behaupten!— Ich ein Ver⸗ räther an Sr. Majeſtät! entgegnete Pontchartrain, der von ſei⸗ nem Sitz aufſprang und ſich, ohne zu bedenken was er that, vor Legoff, der immer ruhig ſitzen blieb, hinſtellte. — Ja, Monſeigneur, entgegnete Legoff mit beſonderer Ruhe und Langſamkeit, ich wiederhole es Ihnen jetzt, ſo wie ich es morgen Sr. Majeſtät ſelbſt ſagen werde, daß Sie ein Verräther an Ihrem König ſind. Indem der Boucanier ſo ſprach, betrachtete er den Staats⸗ ſekretär mit einem befremdenden ſtarren Blicke; ein kaum merkli⸗ ches Lächeln, das dem kühnen Manne über die Lippen flog, be⸗ wies wie ſehr er ſich ſeinem Gegner überlegen fühlte. In der That dauerte der Anfangs ſchreckliche Zorn Pont⸗ chartrains nicht lange; er verſchwand ohne ſichtliche Urſache. — Wiſſen Sie, mein Herr, ſagte er nach kurzem Still⸗ ſchweigen, daß Sie ohne meine Freundſchaft für Duecaſſe ſchon auf dem Weg nach der Baſtille wären? — Obwohl ich die Freiheit, Monſeigneur, über alle menſch⸗ lichen Dinge ſtelle, ſo kann mich die Ausſicht auf vierundzwanzig Stunden Gefangenſchaft doch nicht von der Erfüllung meiner Pflicht zurückſchrecken. — Vierundzwanzig Stunden, ſagen Sie? Wiſſen Sie nicht, Herr Legoff, was die Baſtille iſt? — Möglich, Monſeigneur; aber ich weiß, daß es keine Gefängnißthür gibt, die nicht weicht oder fällt, wenn man mit einem Mauerbrecher, wie fünfmal hundert Tauſend Livres, Bre⸗ ſche geſchlagen hat. Guter Gott, Monſeigneur! Blicken Sie nich hin iſ. Nil ſi me So füh det nichts taft zu ſehr en und un⸗ der untreu ſt! ch ein Ver⸗ er von ſei⸗ et that, vor beſonderer etzt, ſo wie aß Sie ein en Staats⸗ gum murkli nſog, be⸗ gorn Pont⸗ Urſache. ren Stl⸗ ucaſſe ſchon alemenſch⸗ undznaniig ung neiner Bſn Si aß es keine in man nit res, Bre⸗ glicken Sie — 190— mich nur ſo verlegen an; Sie werden das Gold doch niemals hindern eine Macht zu ſein, die allen andern Mächten überlegen iſt. Glauben Sie mir, wenn mir morgen der Einfall käme zehn Millionen zu opfern um Sie zu ſtürzen, und dieſes Opfer über⸗ ſteigt meine Kräfte nicht, ſo wären Sie in acht Tagen nicht mehr Miniſter. Legoff ſprach dieſe Antwort ſo ruhig und ſchien ſeiner Sache ſo gewiß, daß Pontchartrain ſich von Schauder befangen fühlte. Fügen wir noch hinzu, daß dieſer ſo ſtrenge unbarm⸗ herzige despotiſche Miniſter noch niemals einem Widerſtand be⸗ gegnet war, gleich dem, welchen der Boucanier ihm leiſtete. — Meine ganz beſondere Freundſchaft für Ducaſſe, ent⸗ gegnete der Miniſter, hat Sie bereits, ich kann es Ihnen nicht genug wiederholen, von einer ſchlimmen Affaire gerettet; im Namen dieſer Freundſchaft will ich Ihnen noch einen Augenblick meine Aufmerkſamkeit ſchenken. Ich hoffe und fordere ſogar, daß Sie bevor wir unſere Unterredung aufnehmen, ſich für die unverantwortlichen Worte entſchuldigen werden, die Sie eben aus⸗ geſprochen haben, Worte, für die ich Sie zwar in Rückſicht auf Ihre ſchlechte Erziehung und auf die Umgebung, in welcher Sie fich ſo lange befunden haben, entſchuldigen, die aber nicht ohne Genugthuung bleiben können. — Auf welche Worte ſpielen Sie an, Monſeigneur? — Auf die abſcheuliche Behauptung, die Sie in einem Augenblick von Geiſtesabweſenheit ausgeſprochen haben; daß ich ein Verräther am König ſei! — Monſeigneur, ich habe durch die Gewohnheit zu be⸗ fehlen mir es eigen gemacht, meine Gedanken ſchnell auszu⸗ drücken; aber ſeien Sie überzeugt, daß ich bei aller Haſt meiner Antworten doch nur immer das ſage, was ich will, und niemals, ohne überlegt zu haben. Ich bleibe bei meiner Behauptung. Pontchartrain, ſei es, weil die ſeltſame Kühnheit des Boucaniers ihm imponirte oder aus einem andern Grunde, hü⸗ tete ſich vor den Folgen, zu denen dieſe Antwort führen mußte; da er aber ſeine Würde und Macht nicht beſchämen laſſen konnte, ſo begnügte er ſich damit, bei ihm etwas Unerhörtes, laut auf⸗ zulachen. — In der That, rief er mit einer ſeinen Gewohnheiten fremden guten Laune, ich ſehe, daß es einen unmöglich iſt, über Ihre Manieren ernſtlich böſe zu ſein. Uebrigens war ich ſchon lange ſehr begierig, einen von jenen famöſen Boucaniern zu ſehen, von denen man ſo viel ſpricht; ich danke dem Zufall dafür, daß er mir in Ihnen eines der ſeltſamſten und vollſtän⸗ digſten Muſter der Boucanerie ſchickt. Sie ſind für mich ein Gegenſtand des Studiums und der Neugierde. — Zu viel Ehre für mich, Monſeigneur. — Und worin, fuhr Pontchartrain nach einigem Zaudern fort, bin ich an Sr. Majeſtät zum Verräther geworden? — Sie ſind ein Verräther am König, Monſeigneur, weil Sie einen Sureurs von zwei Hundert Millionen jährlicher Ein⸗ künfte zurückweiſen, die ich Ihnen zur Herſtellung der erſchöpf⸗ ten Finanzen Frankreichs anbiete. — Das iſt wahr! rief Pontchartrain immer noch mit ſpöttiſchem Tone, ich verdiene Beil und Block. Aber glauben Sie, Herr Boucanier, daß ich ein bußfertiger Sünder bin; zei⸗ gen Sie mir, wie wir es anzufangen haben, um uns die zwei Hundert Millionen zu verſchaffen, die uns Ihre Freigebigkeit anbietet. — Sie ſcheinen zu ſpotten, Monſeigneur, aber ich ſchwöre Ihnen beim Heil meiner Seele, daß Sie meine Antwort mit ängſtlicher Ungeduld erwarten; in der That wird noch die Ver— rücktheit des Boucaniers die Gunſt verdoppeln, die Sie beim König, Ihrem Herrn, genießen. verſ nur gue hie h an nit P jed de no runde, hi⸗ ren mufte; ſſen fonnte, laut auf⸗ wohnheiten möglich iſt, ens war ich Poucaniern den Zrfall d vollſtn⸗ fir nich ein en Zaudetn en igneir weil rlicher kin⸗ er erſchöpf⸗ noch nit ber glauben er binz k⸗ s die wei rigebigltit 6 ſnin untwort nit die Ver⸗ Sie beim — 201 — Immer beſſer, murmelte Pontchartrain, indem er es verſuchte zu lächeln; erklären Sie ſich deutlicher, Herr Boucanier. — Monſeigneur, Sie wiſſen, daß Spanien ſeine Größe nur den unermeßlichen Produkten und unverſiegbaren Hilfs⸗ quellen verdankt, welche ihm ſeine überſeeiſchen Beſitzungen bieten. Eben dieſe Produkte und Hilfsquellen ſind es, die ich Ihnen anbiete. Die vorzüglichſten Häfen, welche dem großen amerikaniſchen Continent als Ausgangspunkte dienen, und ihn mit dem europäiſchen Handel, den großen Ozean und das ſtille Meer mitinbegriffen, verbinden, ſind zehn an der Zahl. Mit jedem dieſer Häfen unterhalte ich geheime Verbindungen: möge der König ſeine Macht mit jener der Boucanier vereinigen, und ich ſchwöre Ihnen, daß Frankreichs Fahne binnen ſechs Mo⸗ naten in dieſen zehn Häfen ſiegreich flattern wird. — Herr Legoff, Sie verlangen da die Kleinigkeit von fünf Hundert Schiffen und zweimalhundert Tauſend Mann. — Colbert hätte mich mit dieſem Scherz nicht unter⸗ brochen, Monſeigneur, ſagte Mathurin kalt; ich fahre fort: die zehn Tauſend Mann und die zwanzig Schiffe des Königs wür⸗ den, vereinigt mit den zwölf Tauſend Mann, über welche ich verfüge, zur Ausführung des Planes mehr als genügen. Ein⸗ mal des amerikaniſchen Küſtenlandes Meiſter geworden, wäre mir nichts leichter als die eroberten Forts uneinnehmbar zu machen. Dann würde das glorreiche und in der Geſchichte ohne Gleichen daſtehende Ereigniß eintreten, daß mehr als dreißig Millionen Menſchen durch eine Handvoll Soldaten tributpflichtig gemacht, wider ihren Willen den Ruhm und die Macht ihrer Beſieger vergrößern helfen müßten. Im Durchſchnitt gerechnet würden ſich die Tranſito⸗ und die Ein⸗ und Ausfuhrzölle, die Spanien uns zahlen müßte, auf jährlich zwei Hundert Millionen belaufen. Wer könnte dann der Größe und den Siegen Frank⸗ reichs Schranken ſetzen, wenn Ludwig XIV. vom Geld ſeiner — 202— Feinde unterſtützt, von ſeinen Unterthanen nur Tapferkeit und Blut zu verlangen hätte! Die Einbildungskraft ſcheint von der Einfachheit und Größe des Planes, den ich Ihnen vorſchlage, geblendet zu ſein. Legoff hatte ſich begeiſtert; mit dem tiefen und leuchten⸗ den Blick, mit der Miene der Begeiſterung, mit einem von Muth und Kühnheit ſtrahlenden Antlitz ſchien er dem Schauſpiel von Frankreichs Siege beizuwohnen. Pontchartrain ſelbſt konnte, trotz der Beſchränktheit ſeiner Anſichten und trotz ſeiner ängſtlichen Neigung zu Kleinlichkeiten, einen Schauer der Begeiſterung von ſich nicht abwehren; übri⸗ gens war dieſe Empfindung, die ſo ſehr außer ſeiner Natur lag, nicht von langer Dauer. — Herr Boucanier, antwortete er barſch, Ihre Vor⸗ ſchläge find nicht ſo gemeinverſtändlich, wie ich es meine. Sie nehmen Spanien den Beſitz ſeines amerikaniſchen Küſtenlandes mit einer Leichtigkeit und Willkühr, die mir beweiſen, wie wenig Sie die Regeln des großen Krieges kennen. Sie glau⸗ ben ohne Zweifel, einen ſorgfältig befeſtigten und tapfer ver⸗ theidigten Hafen wegnehmen, biete nicht mehr Schwierigkeiten als einen Küſtenfahrer zu entern. Ich bin überzeugt, daß Ducaſſe trotz der Verehrung, die er, wie Sie ſagen, für Ihren hochfliegenden Geiſt hegt, ſich über Ihren Plan luſtig machen würde, wenn Sie ihm denſelben mittheilten. — Sie täuſchen ſich, Monſeigneur, antwortete Legoff ohne in ſeiner Haltung eine Spur von Verdruß oder Zorn zu zeigen. Nicht nur kennt und billigt Ducaſſe meinen Plan, ſondern dieſer Plan, deſſen urſprüngliche Idee übrigens von mir ſtammt, iſt zwiſchen ihm und mir bis in ſeine kleinſten Einzelnheiten ge⸗ meinſam beſprochen worden. Dieſe Arbeit hat uns drei Jahre voll Sorge, Gefahren und Opfer gekoſtet. Ich bedaure und be⸗ greife nun, Monſeigneur, daß Sie von Ihrem Cabinet aus den von nöge groß daß pec von wert ich und inz reic uf füe ſeh Me ſein pferkeit und eint von der vorſchlage, nd leuchten⸗ u von Muth auſpiel von ktheit ſeiner einlichkeiten, hren; übri⸗ tNatur lag, Ihre Vor⸗ meine. Sie tüſtenlandes wiſen, wie Sie gla⸗ tyfer ver⸗ wierigkeiten zeugt⸗ nß ſit Ihren ſig nachen Legof ohne nzu zeigen. ndern dieſer ſunnt⸗ iſ nheiten ge⸗ i Jhre un und be⸗ net us den — 20 von unſerer Kühnheit erfaßten Horizont nicht zu überſchauen ver⸗ mögen. Was, wie Sie es nennen, meine Unerfahrenheit im großen Kriege betrifft, ſo erlauben Sie mir Sie zu erinnern, daß Panama, La⸗Vera⸗Cruz, Gibraltar, San⸗Pedro, Cam⸗ peche, Nicaragua, Port⸗au⸗Prince und zehn andere Städte von minderer Wichtigkeit, die zu nennen ich nicht für der Mühe werth halte, in meiner Gewalt geweſen ſind; daß überall, wo ich Spaniens Flagge wehen ſah, eine Schlacht geliefert wurde, und daß nie, Monſeigneur, nie ſage ich Ihnen, ſei es in ver⸗ einzelten Affairen oder in wirklichen Seeſchlachten, eines meiner Schiffe die Flagge geſtrichen hat. Ich habe die Ehre Frank⸗ reichs überall ſtolz und aufrecht zu erhalten gewußt! Die Worte des Boucaniers waren bei dieſem Rückblick auf ſeine glänzende Vergangenheit mehr von Freude und Be⸗ friedigung als von Stolz beſeelt; Pontchartrain konnte, wie ſehr auch ſein Herz verhärtet und verſchrumpft war, dieſem Menſchen, der in ſeinen perſönlichen Triumphen nur den Ruhm ſeines Vaterlandes ſah, die Bewunderung nicht verſagen. — Herr Legoff, ſagte er faſt freundlich zu ihm, wenn ich die Ausführung Ihres großen Planes nicht als möglich aner⸗ kennen kann, ſo folgt daraus nicht, daß ich Ihren Werth nicht zu ſchätzen weiß. Wenn Sie mir einen minder koloſſalen Plan als die Eroberung Weſtindiens vorlegen könnten, ſo würde ich Sie mit all der Aufmerkſamkeit anhören, die Ihre Erfahrung verdient. — Ich gebe meine Pläne niemals auf, aber ich verſtehe zu warten. Da Sie nun ſo gütig ſind mich zu ermuthigen, ſo bleibt mir noch übrig mit Ihnen von einem Unternehmen zu ſpre⸗ chen, das in die leeren Kaſſen Frankreichs mehr als hundert Millionen abwerfen würde. Ich beeile mich noch hinzuzufügen, daß ich in dieſem Augenblick in Ducaſſe's Namen ſpreche, dem meine Freundſchaft gerne die Ehre des Gelingens von dieſem 204— Projekt überläßt. Was Ducaſſe betrifft, ſo handelt es ſich für ihn dabei um den Gewinn einer Million. Es war ſehr geſchickt oder gelungen, daß Legoff den Na⸗ men Ducaſſe ausſprach und mit demſelben die„Million“ in Verbindung brachte. Pontchartrain wurde beinahe liebenswürdig. — Es thut mir ſo leid, Herr Legoff, Ihren ftüheren Plan nicht berückſichtigen zu können, daß Sie mich ganz geneigt finden, den andern, den Sie mir vorſchlagen wollen, günſtig aufzunehmen, vorausgeſetzt daß er irgend eine Ausſicht des Gelingens biete. Reden Sie! — Das Unternehmen, das ich Ihnen zur Würdigung unterbreiten will, hängt mit meinem Plane zur Eroberung Weſtindiens zuſammen. Sie betrachten die vollſtändige Ausfüh⸗ rung meines Wunſches als unmöglich, vielleicht werden Sie ſich von einer vereinzelten Thatſache nicht zuruͤckziehen. Wollen Sie, Monſeigneur, jetzt nicht vergeſſen, daß Ducaſſe aus mir redet. Pontchartrain bedeutete Legoff fortzufahren, und der Bou⸗ canier ſprach: — Ich hatte ſoeben die Ehre, Sie zu erinnern, daß die vorzüglichſten Häfen, welche Spanien in den beiden Ozea⸗ nen beſitzt, zehn an der Zahl ſind; jetzt füge ich noch hinzu, daß der reichſte, wichtigſte und beſtgelegene der von Carthagena iſt. — Wie ich ſehe glauben Sie, daß ich in den Geſchäften meines Departements völlig unbewandert ſei, ſagte Pontchar⸗ train lachend; Sie täuſchen ſich ſehr, Herr Legoff. Mir iſt keine der Einzelheiten unbekannt, die Sie mir da näher bezeichnen wollen; ich kenne Carthagena vollkommen und Sie brauchen ſich bei den Details nicht aufzuhalten. Ich bitte Sie zur Sache zu kommen. — Da Sie kennen, ſo wiſſen Sie von wel⸗ cher Wichtigkeit dieſes Fort in ſtrategiſcher und commercieller Bezi wohr nehr verh nit einf beei ein die He gro thi ebe bli keit der d hen es ſih für f den Na⸗ illion“ in früheren nz geneigt n günſtig sſicht des Pürdigung Eroberung Ausfih⸗ en Sie ſich zollen Sie, nir redet. ddet Bol⸗ nem, duß iden Ozen⸗ hinz duß ßagen iſ. Geſchiften Ponthar⸗ Rir iſt feine bezeichnen bruchen zur Sache ie von vel nnenieler Beziehung iſt, und welch unerhörte Reichthümer deſſen Ein⸗ wohner beſitzen? — Ja, Herr Legoff. Und dann? — Nun, Monſeigneur, ich ſchlage Ihnen im Einver— nehmen mit Ducaſſe vor, ſich Carthagena's zu bemächtigen. Pontchartrain dachte ziemlich lange nach, ehe er antwortete. — Herr Legoff, ſagte er endlich mit ernſtem Ausdruck, ich verhehle mir nicht, daß dieſe Wegnahme Carthagena's, die Sie mit einer ſolchen Verachtung der ſpaniſchen Tapferkeit als die einfachſte Sache hinſtellen, große Schwierigkeiten bietet; indeß beeile ich mich hinzuzufügen, daß Ihr und Ducaſſe's Vorſchlag eine weitere Beſprechung verdient. — Nun gut, Monſeigneur, beſprechen wir ihn! — Die erſte große Schwierigkeit, welche die Ausführung dieſes Projektes darbietet, eine Schwierigkeit, an welche Sie, Herr Legoff, ohne Zweifel nicht gedacht haben, beſteht in den großen Ausgaben, welche durch die zu dieſem Unternehmen nö⸗ thige Ausrüſtung verurſacht würden. Nun aber ſind, wie Sie eben ſelbſt geſagt haben, Frankreichs Finanzen in dieſem Lugt blick verſchuldet; nehmen Sie noch dazu daß unſere Feindſelig keit gegen Europa uns ſo viele Opfer auferlegt, daß wir außer der Vertheidigung unſeres Gebietes nichts Koſtſpieliges unter⸗ nehmen können. — Ich danke Ihnen aufrichtig, Monſeigneur, für Ihre und Ihr Vertrauen; erlauben Sie mir nur zu bemorken, daß Sie, wie ich in Ihnen den Staatsmann ſchlecht beuertheilt habe, in mir eben ſo wenig den Boueanier begriffen h ben. Mein Metier beſteht nicht, wie Sie zu vermuthen ſchei⸗ ten, bloß darin mich zu ſchlagen und Schiffe zu entern: die ungeheure Laſt, welche ich ſeit zehn Jahren zu tragen habe, die ſchreckliche Verantwortlichkeit, die auf meinen Schultern laſtet, nußten nothwendiger Weiſe meine Ideen vermehren und mein — 206— Urtheil reifen. Ich wußte daher, als ich Ihnen die Affaire von Carthagena vorſchlug, recht gut, daß die Regierung jetzt nicht in der Lage iſt, die zu dieſer Expedition nöthigen Ausgaben zu beſtreiten. — Und wer ſollte es denn thun? — Ich, Monſeigneur, antwortete Mathurin ruhig. Diesmal konnte ſich der Staatsſekretär nicht enthalten den Boucanier mit einem wirklichen Gefühl von Bewunderung zu be⸗ trachten. Dieſer Abenteurer, deſſen Plane ſo groß waren, der eine ſo uneigennützige und glühende Liebe für den Ruhm Frank⸗ reichs an den Tag legte, der endlich mit einem Miniſter Lud⸗ wigs XV. wie mit Seinesgleichen umging, dieſer Abenteurer ſchien Pontchartrain weit über jenen mit Sternen beſäten Offi⸗ zieren zu ſtehen, die jeden Morgen vor der Thüre ſeines Cabinets antichambrirten. — Haben Sie annäherungsweiſe eine Idee von dem Betrag der Ausrüſtungskoſten, die zur Erpedition nach Cartha⸗ gena nöthig wären, Herr Legoff? — Ich habe den Ueberſchlag mit ſerupulöſer Genauigkeit gemacht. Das Ganze, wenn wir viermalhunderttauſend Livres zu unvorhergeſehnen Ausgaben dazurechnen, würde ſich auf die Summe von fünf Millionen und zweimalhundertfünzigtauſend Livres belaufen. ₰ — Und Sie ſind im Stande dieſe enorme Summe herzu⸗ geben? — Glauben Sie mir, Monſeigneur, ich würde nicht ſo unverſchämt ſein Ihnen eine Stunde Zeit zu rauben, wenn ich über eine ſolche Bagatelle nicht ohne mir weh zu thun verfügen könnte. Möge morgen Sr. Majeſtät Ducaſſe zum Chef dieſer Expedition ernennen, ſo lege ich eine Stunde ſpäter die fünf Mil⸗ lionen zweimalhundertfünfzigtauſend Livres in Ihre Hände. Pontchartrain beſaß trotz ſeinem unruhigen eiferſüchtigen Affaire von gjetzt nicht usgaben zu ruhig. thalten den tung zu be⸗ woren, der uhm Frank⸗ iniſtet Lud⸗ Abenteurer eſülen Off⸗ es Cobinets ee von den ah Cartha⸗ Genauigkeit ſend Livres ſich auf die injigtuſen unn herl⸗ ide ntſ n, venn ih un verfügen hef diſſt fufIi e Hindt. eſtrichtin Geiſt, welcher der franzöſiſchen Marine ſo nachtheilig geweſen, nichtsdeſtoweniger gewiſſe gute Eigenſchaften; wenn ihm nicht Leidenſchaft den Geiſt umflorte, ſo war er von durchdringendem Scharfblick und verſtand es die Menſchen nach ihrem wahren Werthe zu beurtheilen. Er begriff daher durch die Art, wie ſich Legoff ausdrückte, leicht, daß der berühmte Boucanier die Macht und die Hilfs⸗ quellen, über welche er verfüge, in nichts übertrieb; daß er im Stande war, ſein Verſprechen zu erfüllen, und daß man auf deſſen Wort zählen könne. Bevor er ihm antwortete, ſchwieg er fünf Minuten, in Nachdenken verſunken; er wußte, wie wichtig nun jedes Wort ſei, das er an einen Mann von Legoff's Ver⸗ ſtand richtete. — Herr Legoff, ſagte er endlich, nehmen Sie die Be⸗ merkung, die ich noch zu machen habe, nicht übel auf. Da Sie ſich in Geſchäften auskennen, ſo werden Sie wiſſen, daß man ſich nur zahlloſe Schwierigkeiten ſchafft, wenn man eine wichtige Frage in einem Punkte dunkel oder zweifelhaft läßt. — Reden Sie kühn, Monſeigneur, antwortete der Bou⸗ canier, der nun die Rollen wechſelte und ſich über den Staats⸗ ſekretär ſtellte. — Ich möchte Ihnen nicht unangenehm ſein, Herr Legoff, fuhr Pontchartrain mit einer Höflichkeit fort, die er bis dahin gewiß vor Niemanden in Anwendung gebracht hatte; ich beſtreite nicht, daß die Boucanier Großes vollführt haben, aber Sie haben, ob mit Recht oder Unrecht, was die Moralität betrifft, einen abſcheulichen Ruf. — Es iſt wahr, Monſeigneur, daß viele Leute aus Neid üͤber unſere Erfolge und Reichthümer ein kindiſches Vergnügen darin finden, uns zu verſchreien. — Ich wiederhole Ihnen, Herr Legoff, daß ich da nicht ſtreiten will; ich ſpreche nur von der einfachen Thatſache. Nun 18** — fürchte ich, daß eine Expedition der Boucanier, die von der Regierung unterſtützt, anerkannt, ja ſogar geleitet wird, auf die öffentliche Meinung in Europa einen beklagenswerthen Ein⸗ druck machen würde. — Sie haben Recht, Monſeigneur; ich habe mir auch dieſen Einwurf ſchon ſelber gemacht. — In der That! rief der Miniſter, ohne daß er die Ueberraſchung, welche ihm dieſe Antwort verurſachte, zu verheh⸗ len ſuchte. Herr Legoff, ich erkenne, daß ſich zu Ihrem Geiſte, Ihrer Kühnheit auch die Weisheit geſellt! Und was haben Sie ſich dagegen geſagt? — Daß es in der That vorzuziehen wäre, wenn man dieſe Expedition wenigſtens dem Scheine nach von dem Handels⸗ ſtand zu St. Malo und Dünkirchen ausgehen ließe. Das würde dem Unternehmen das Gepräge der Moralität und der Legali⸗ tät geben. — Ihre Idee iſt vortrefflich, Herr Legoff; aber wenn der Handelsſtand die Koſten dieſer Expedition auf ſich nimmt, welchen Vortheil wird dann die Regierung von der Einnahme Carthagena's haben? — Die Regierung, Monſeigneur, kann dem Handels⸗ ſtand ihre Marine⸗Offiziere und ihre Schiffe leihen, und daher auf den Gewinn großen Anſpruch machen. Ich ſchlage die Sum⸗ me, die ihr zukommen wird, auf zwei Hundert Millionen an. — Und welche Rolle werden die Boucanier dabei ſpielen? — Die Boucanier, antwortete Legoff mit ſchmerzhafter Ironie, ſind Elende, deren man ſich bedient, wenn ſie einem zufällig in den Wurf kommen, die man aber weiter nicht berück⸗ ſichtigt. Wenn die Expedition bei St. Domingo anlangen wird, ſo wird ſie zehn meiner Schiffe mit zwölf Hundert Mann vorfin⸗ den, die ſegelfertig auf ſie warten werden. — Ein letzter Einwurf, Herr Legoff, oder vielmehr eine die von der wird, auf erthen Ein⸗ be nir auch duß er die zu verheh⸗ rem Geiſt, haben Sie wenn man n Handels⸗ Das würde det Agali abet wenn ſich nimnt, Einnahne n Hendels⸗ „und daher ge die Sun⸗ ionen an⸗ abei pielen ſhnthaft nn ſi einen nicht berick⸗ langen wird, Nunn vorfin⸗ itluehr eine — 200— letzte Frage: Welches perſönliche Intereſſe haben Sie bei der Einnahme von Carthagena? — Ohne Zweifel ein ſehr lächerliches und kleinliches, Monſeigneur; aber das menſchliche Herz iſt oft von räthſelhaf⸗ ter Wunderlichkeit. Ich haſſe Spanien und liebe glühend den Ruhm Frankreichs.* Pontchartrain ſtand auf ud grüßte Legoff. — Herr Baron, ſagte ek ihm dabei, ſeien Sie überzeugt, daß ich den Gegenſtand, welchen wir beſprochen haben, ſehr berück⸗ ſichtige. Ich werde ihn reiflich überdenken, und binnen Kurzem ſollen Sie von mir Nachricht erhalten. Es iſt, denke ich, unnütz⸗ Ihnen gewiſſenhaftes Schweigen zu empfehlen. Legoff lächelte, und ſein Lächeln hatte die Bedeutung langer Betheuerungen Der Staatsſekretär war bereits wieder bei ſeiner Arbeit, als der Boucanier, der ſchon F Thüre nahe war, zurückkehrte. — Monſeigneur, ſagte er, noch ein Wort. Erlauben Sie mir mit dem König von Dueaſſe's Project zu ſprechen? O fürchten Sie nichts, fuhr Lego fort, indem er die Bewegung des Miniſters merkte; ich werde nicht nur den Ruhm, der von dem Gelingen des Unternehmens auf Sie fallen wird, nicht an⸗ greifen, ſondern ich werde auch Sr. Majeſtät keine Spur von dem Intereſſe verrathen, das Sie dieſer Audienz mir zuzu⸗ wenden ſo gütig waren. ₰ — Aber, Herr Legoff, Sie reden davon, daß Sie mit dem König ſprechen werden, als ob Sie Zutritt bei Hofe hätten! — Monſeigneur, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen beim Schluß dieſer Unterredung das wiederhole, was ich beim Be⸗ ginn derſelben bereits geſagt habe, nämlich: daß das Glück meine Kühnhrit immer ſo ſehr begünſtigt hat, daß ich jetzt Alles thue, was ich will. Es iſt wahr, ich habe nicht Zutritt bei Hofe, aber ich will den König ſprechen, und werde es glſo thun. 21 — Gut! ich habe nichts dawider, ſagte Pontchartrain nach kurzer überlegung. Ich geſtehe Ihnen daß es mich freuen würde zu erfahren, ob Sie nicht eine zu gute Meinung von ſich haben, und ob es Ihnen gelingen werde. die Schranken zu über⸗ ſteigen, die einen Unbekannten von den Stufen des Thrones fernhalten. 1 Legoff beſtieg, als 1 war, ſeine Kutſche und ließ ſich nach der Straße Böthiſy zum Gafen d'Aubigné fahren. Das Vorzimmer fand er mit Bürgern angefüllt, die ſehr zornig drein ſahen. Kaum hatte ihn der von ihm kürzlich ſo hart mit⸗ genommene Bediente bemerkt, als dieſer ſich tief vor ihm ver⸗ neigte und ihn zu ſeinem Herrn führte. — Ah, ſind Sie es, thlurer Baron“ rief der Bruder der Favoritin, ſein Sie mir taufendmal willkommen! D'Aubigné ging dem Baron mit aller Lebhaftigkeit ent⸗ gegen, die ihm ſeine Glcht und umärmte ihn zu wieder⸗ holten Malen.*„ — Haben Sie ueße wieder Geld anzulegen? — Nein, theuer Grafzzich komme, um mir von Ihrer unerſchöpflichen Güte einen Dienſt zu erbitten. Uebrigens habe ich Sie, als ich Sie geſtern verließ, ahnen laſſen... — Ah, ſehr wohl! Sie wünſchen, meiner Schweſter Ihre Aufwartung zu mgꝗhen!— Sie wiſſen, daß ich Ihnen nichts abſchlagen ℳ wünſchen Sie von der Königin empfangen zu werden— — Sobald afs möglich; morgen zum Beiſpiel. — Morgen! wiederholte d'Aubigné mit dem Tone der lebhafteſten Ueberraſchung, ſind Sie verrückt? Doch, warum denn nicht, fügte er gleich hinzu, indem er ſich beſann. Ich ſehe nicht ein, warum ich eine Schweſter, die ſich ſo abſcheulich gegen mich benimmt, viel ſchonen ſoll. Gut; ich werde dieſer theuren Schweſter morgen einen freundſchaftlichen Beſuch machen, und .— ntcharttain da ich zufällig bei⸗Geld bin und von ihr keines zu verlangen nich freuen. brauche, ſo werde ich die augenblickliche Unabhängigkeit meiner g vn ſch Lage dazu benützen, um für die zahlloſen Demüthigungen, die en zu über⸗ ſie mir in der letzten Zeit angedeihen ließ, Revanche zu nehmen. s Thrones Ich ſchwöre es, daß ſie weinen ſoll vor Reue, dieſe gute Schwe⸗ ſter! Sie können ſich gar nicht denken, theurer Baron, wie uſſhe un heiter mein-Geiſt iſt, wenn ich Beld in der Kaſſe habe. Ich ne fihun. fühle mich ſeit geſtern um zehn Jahre verjüngt. ſhr zomig— Da iſt meine Adreſſe, theurer Graf, ſagte Legoff, in⸗ o hut nit⸗ dem er ihm ein zuſammengefaltenes Papier überreichte; wollen or ihn ver⸗ Sie mir es ſogleich zu wiſſen machen, ſobald Sie die Audienz für mich erhalten haben. Pnderder— Was, Si gehen ſchon! — Ich könnte Sie vielleicht ſtören, wenn ich bliebe. Ihr igkt ent Vorzimmer iſt voll von Leuten, die warten—— unie⸗— Ahf ein vortrefflicher Spaß das, rief d'Aubigné laut lachend; ich wette hundert Louisdor, Hörr Baron, Sie wiſſen b nicht, wer die Leute ſind, die da draußen warten. von Ihrt— Bittſteller, ohne Zweifel, ſagte Legoff. igen be— Bittſteller? Gehen Sie doch! Man weiß zu gut, daß ich alle meine Zeit darauf verwende, um die Pedanterie meines Stuſe Schwagers zu bekämpfen, als daß ich ihm zum Vermittler dienen ih Ihun ſollte. Wetten Sie hundert Louisd'or? Aber nein, das wäre zyi Sie beſtehlen. Ich will Ihnen lieber MSache einfach erklären. B D'Aubigné wandte ſich in ſeinem Fauteuil um, begann auf's Neue hellauf zu lachen, und drehte ſich dann zu Legoff . zurück: — Die Menge, theurer Baron, die jetzt mein Vorzimmer . ſch erfüllt, beſteht nur aus meinen Gläubigern, die ich habe kom⸗ ſ. 0 n men laſſen— u en— Um ihnen zu zahlen? Ich ſehe darin nichts Spaßhaftes. — un ihnen zu zahlen! rief d'Aubigné mit wahrhafter achen — 2 Entrüſtung; für was halten Sie mich denn, theurer Baton? Hätten mich mein Schwager und meine Schweſter ſchon ſo ſehr gedemüthigt, daß ich bis zu der Schwäche hinabgeſunken ſein ſoll, ſchreiende Gläubiger zu befriedigen! — Wozu haben Sie alſo dieſe braven Leute denn rufen laſſen? fragte Legoff lächelnd. — Dieſe braven Leuke! Die nennen Sie brave Leute? — Dan! theurer Graf, ich kenne Ihre Gläubiger nicht. — Sie find alſo kein Zauberer mehr! Was! Sie wiſſen nicht, daß man dem Schwager des Pedanten, bei den böſen Gerüchten, die in Verſailles über mich ausgeſtreut ſind, nur mit der Hoffnung Geld leiht, Tauſend für Hundert zu bekom⸗ men? Dieſe Geldmäkler find infame Spekulanten, die bei mir in die Lotterie ſetzen. — Haben Sie ſie alſo kommen laſſen, um ihnen Vor⸗ würfe zu machen?* 5. — Verſchrumpfte 2 wie die ihrigen ſind keinem edlen Gefühle ezugänglich; ich würde nur in der Wüſte predigen. Sie ſehen, ich hatte Recht zu behaupten, daß Sie es nicht er⸗ rathen, warum dieſe Menge in meinem Vorzimmer wimmelt. Nun, ſo hören Sie, theurer Baron! Ich habe dieſe Leute kom⸗ men laſſen, um ihnen die fünf Tauſend Louisd'or, die Sie bei mir angelegt haben, zu zeigen. — Sie räthſelhafter. — Es gibt im Gegentheil nichts Klügeres als mein Benehmen in dieſem Umſtande. Meine Gläubiger hatten mir, weil ſie überall ausſchrieen, daß ich keinen Sou beſitze, meinen Credit verdorben, und mich dahin gebracht, daß ich von den Moralpredigten meiner Schweſter leben mußte, die ſie mit eini⸗ gen Piſtolen begleitete. Wenn nun dieſe Schurken heute bei mir Ihre fünf Tauſend Louisd'or ſehen, ſo werden ſie in aller Welt ausſchreien, daß ich mit Geld überhäuft ſei. Das Uebrige Baton? ſo ſehr ken ſein nrufen Leute? nicht. wiſſen nböſen nd, nur bekon⸗ hei nir en Vot⸗ keinem wedigen. nicht er⸗ vimnelt. ute kon⸗ Sie bei ls mein ten nir meinen von den nit ini⸗ eut hei in aller Uehrige — — macht ſich dann von ſelbſt. Der Schwager wird wüthen, die undankbare Schweſter wird jammern, und was das Beſte an der Sache iſt, mein Credit wird wieder hergeſtellt ſein, und alle Kaufleute werden mich mit Anerbietungen überlaufen, weil ſie ſehen, daß ich bei Geld bin.— Es ſind wahrhaftig ſchon viele Jahre her, ſeitdem ich nicht ſo heiter und zufrieden ge⸗ weſen bin, wie heute. Zählen Sie darauf, theurer Baron, daß ich nicht undankbar ſein werde. Morgen werde ich meiner Schweſter den Kopf waſchen, und übermorgen ſpäteſtens ſollen Sie bei Hof empfangen werden. Ende des erſten Bandes. ——— —— * — — „— SGrey Conrtrol Sreen vellow