——— —— —— — —— — — draratatart t rarunhnhnhnhr ar Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches, Kr. „„ franz. od. engl., Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Blcher: 2 Bücher: ———— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. fl. 8 Kr. 1 fl. 12 Kr. arararuranhrhrurhnhnhrhrhnunuurununhnunhnhrhnhrunht Herr Martin, d er Roman von 3 Pigault⸗Lebrun. Aus dem Franzoſiſchen uͤberſetzt von Ernſt Augu ſt. Zweiter Theil. Berlin, 1821. In der Schleſingerſchen Vuch⸗ und Muſik⸗Handlung. Heirathen! nichts als Heirathen! „Zehn Uhr, rief der Prinz, als er erwachte; ich „habe geſchlafen, als ob ich gar nichts zu thun haͤtte. „Doch muß Erich ſogleich in Freiheit geſetzt wer⸗ „den, und die Bedeutung erhalten, Frankreich zu „verlaſſen. Seine Ausſagen helfen jetzt zu nichts „mehr, koͤnnten vielleicht gar ſchaden. Zuerſt muß „ich zum Geſandten und dann fort mit den geſtick⸗ „ten Kleidern, den Orden und nach Acheres zuruͤck. „Es giebt Leute, die in den Vorzimmern gaͤhnen, „aber dennoch drinnen bleiben,— ich halte es mit „der freien Luft.“ „Sobald als moͤglich, will ich meinem Inten⸗ „danten ſchreiben, mir alle Bediente, Pferde, Equi⸗ „pagen nach Paris zu ſchicken, denn wenn Obinski „vor ſeinen Feinden geſichert iſt, ſeh ich gar nicht ein, warum wir uns noch laͤnger verbergen ſollten?“ Der Fuͤrſt klingelt. Er wird bedient, angekleidet nach al⸗ 4 len Regeln der Etikette, er ſchreibt nach Warſchau, verlangt ſeinen Wagen und faͤhrt aus. „Mein Herr, ſagte er zum Polizeichef, es iſt ge⸗ „ſtern im Walde von St. Germain ein Bediente „der Fuͤrſtinn Berloff arretirt worden. Die Fuͤr⸗ „ſtinn iſt verwichene Racht nach Petersburg gereiſt „und hat mich gebeten, ihren Domeſtiken zuruͤck zu „begehren und ihr denſelben nach Bruͤſſel zu ſen⸗ „den, wo ſie ihn erwarten wird.“ Der Magiſtrat ließ ſich die Akten uͤber dieſen Vorfall bringen, und erwog alles ſo genau, als ob Herr Martin den Bedienten reklamirte. Er ſah, daß der Bediente als Vagabund arretirt war, lobte die Wachſamkeit der Herrn Maire, fuͤgte aber zu⸗ gleich die Verſicherung hinzu, daß das Zeugniß Sr. Durchlaucht jeden Argwohn vernichtete und Erich alſo in Freiheit zu ſetzen ſey. Der Fürſt wuͤnſchte den Gefangenen zu ſprechen, er wurde ſogleich ge⸗ holt. Das Geſicht des Fuͤrſten uͤbt auf jeden Schul⸗ digen eine eigene Gewalt. Erich war wie nied⸗e gedonnert, und ſah ſich im Geiſte gewiß ſchon auf den Galeeren. Der Prinz, aus Furcht, er moͤchte mehr geſtehen, als nöthig ſey, nahm das Wort. „Statt bei Deiner Fürſtinn die ſchuldigen „Dienſte zu verſehen, haſt Du Dich unterſtanden, „den Wald von St. Germain zu durchſtreiſen, „wahrſcheinlich um zu botaniſiren. Wenn die Fuͤr⸗ „ſtinn Berloff einen Profeſſor der Botanik be⸗ „darf, wird ſie Dich nicht dazu erkieſen; Du „haſt kein Geld, um einen Pflanzenkram anzulegen, „aber vielleicht noch genug, um die Fuͤrſtinn in „Bruͤſſel, wo ſie Dich erwartet, einzuholen. Der „Herr Polizeichef iſt ſo guͤtig, Dir auf meine Fuͤr⸗ „ſprache die Freiheit zu geben; fort auf die Dili⸗ „gence und nach Bruͤſſel!“ Erich war froh wie ein Vogel, was ſollte er in Frankreich ohne die Furſtinn, ohne Geld, ohne Verhaltungsregeln? Der Fuͤrſt konnte verſichert ſeyn, daß er ſobald wie moͤglich die Grenze zu er⸗ reichen trachten wuͤrde. Palowski dankte dem Ma⸗ giſtrat fur ſeine Guͤte, dieſer ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, dem Fürſten einen Dienſt erwieſen zu haben und alles war zur Zufriedenheit beendigt. Der Beſuch bei dem Geſandten war in der Form. Wenn man ohne Einladung einem Balle beiwohnt, muß man wenigſtens dem Wirth danken. Dergleichen Viſiten dauern eine Viertelſtunde; man kann ſich indeſſen nicht immer anſehen, man muß einige Worte ſprechen. Die ſchleunige Abreiſe der Furſinn war der Gegenſtund der Unterhandlung. Der Prinz, welcher die Gewandheit beſaß, dem Ins 6 tereſſe derjenigen Perſonen, denen er einen Dienſt leiſten wollte, die feinſte Wendung zu geben— ließ den Geſandten in einer gaͤnzlichen Unwiſſenheit. „Endlich iſt alles abgemacht, und ich habe nicht „laͤnger mehr noͤthig, durch fuͤrſtlichen Glanz die „Leute zu blenden, die am Ende nicht einmal wiſ⸗ „ſen, wie laͤſtig alle dieſe Nebendinge fuͤr einen ver⸗ „nuͤnftigen Mann ſind.— Nach Acheres, um wie⸗ „der vergnuͤgt zu ſeyn!“ Der Fuͤrſt beurlaubte ſeine Domeſtiken, ſein Wagen wird in die Remiſe geſchoben, die ſchönen Kleider geduldig in den Schrank verſchloſſen. Er verlaͤßt zu Fuß ſein Hotel, geht durch die Champs elysées, um der Spur der Neugierigen zu entkom⸗ men, fruͤhſtuͤckt ganz buͤrgerlich bei einem Reſtaura⸗ teur und befindet ſich recht wohl dabei. „So leicht glaubt' ich nicht die Fuͤrſtin zu uͤber⸗ „reden, dachte er bei ſich ſelbſt; mir bleibt nicht „einmal Zeit, Cognard in Hinſicht meines Wa⸗ „gens zu benachrichtigen. Ei, wozu habe ich zwei „geſunde Beine! Soll ich mich wie ein Schwaͤchling „ſchleppen laſſen? Jetzt bin ich wieder Herr Mar⸗ „tin und gehe meine Straße von St. Germain „nach Acheres, wie ein ehrlicher Buͤrgersmann, oder „wie ein Philoſoph, oder ein Freund der ſchoͤnen „Natur, zu Fuß.“ — „ * Herr Martin geht nach der Bruͤcke Ludwigs des ſechszehnten zu, und nimmt den erſten Wagen, welcher nach St. Germain abzugehen bereit iſt. Zwei huͤbſche Damen ſitzen im Fond, ein dicker Herr bereits vorne; ich werde freilich nicht zum be⸗ „ſten ſitzen, indeſſen man kann nicht verlangen, daß „alles in der Welt ſich nach unſerm Willen fuͤgen „ſoll.“ Herr Martin beobachtete die huͤbſchen Damen im Fond und ſtieg ein. Wie will aber Herr Martin die Damen ſehen, er dreht ihnen vermoͤge ſeines Sitzes den Ruͤcken zu, und den Kopf beſtaͤndig zu wenden, wuͤrde unanſtaͤndig und unbequem fuͤr den dicken Nachbar ſeyn.—„Ein „Geſicht kann ohnmoglich ſchoͤn ſeyn, ohne daß der „Mund nicht auch ſchoͤn ſey, und ein weiblicher „Mund ſpricht gern, ich werde alſo hoͤren und „dann und wann nur ſehen. Freundinnen ſcheinen „es zu ſeyn, mein Nachbar ſchlaͤft bereits und ich „imponire ſo wenig, daß ſie ſich meinethalben kei⸗ „nen Zwang anthun werden.“ Kaum war man abgefahren, ſo fing auch das Geplapper an; der halbe Weg war noch nicht voll⸗ endet und Herr Martin wußte, woran er war. Er ſaß ſo eng und unbequem, daß er ſich entſchloß, zu Nanterre die Damen zum Ausſteigen zu zwingen. Er fuͤhlte wohl, daß es von ihm nicht galant ſey, 3 wenn man indeſſen auf der einen Seite zwiſchen den Stoßen eines dicken Herrn gegen eiſerne Kram⸗ ven und Naͤgel, und einer Unaufhoͤflichkeit, die auf der andern Seite niemand bemerken wird, die Wahl hat, ſo war nicht lange zu balanciren. „Herr Condukteur, kennen Sie St. Germain?“ — Wie meine Taſche.—„So werden Sie mir die „Wohnung der Madame Delatre ſagen koͤnnen,“ fnhr Herr Martin fort.— Rue de Paris Mo. 60.— Bei dem Namen Delatre ward im Fond alles ſtill. Herr Martin fuhr fort. „Zwei junge Damen ſind heute fruͤh von Pa⸗ „ris abgefahren, die eine hat ihrem Manne einen „Beſuch bei ihrer Tante vorgegeben, und die an⸗ „dere, daß ſie ſich eine Bewegung machen und ihre „Freundinn begleiten wolle. Wenn die Bewillkom⸗ „mungskomplimente bei der Tante geendet ſind, werden „ſie gern ein wenig ſpatzieren zu gehen wuͤnſchen, „die Dante kann ſie nicht begleiten, denn ihre Fuͤße „tragen ſie kaum von einem Zimmer in das andere, „und allein können ſie doch nicht gehen. Der Tuch⸗ „haͤndler in der Rue St. Honors, mit dem ich alle „Abend eine Parthie Dame im Café ſpiele, denkt „an alles, und hat, da er erfahren hat, daß ich nach „St. Germain fahren wollte, mich gebeten, den Da⸗ „men Geſellſchaft zu leiſten. Ich habe die Adreſſe 8 „der Madame verloren, und daher meine Frage. „Richt wahr, ich habe es gut gemacht, Ihnen das „alles zu erzaͤhlen? Ja ich plaudere gern, und bin „ich einmal im Zuge, finde ich kein Aufhoͤren.“ Herr Martin bemerkte, daß beide Damen mit einander fluͤſterten, und mancherlei kleine Bewe⸗ gungen zeugten deutlich ihre Unruhe. Man langte gluͤcklich zu Nanterre an. Der Condukteur ließ ſein Pferd ein wenig verſchnaufen, und eine Kuchenbaͤ⸗ ckerinn kam wie gewohnlich mit ihren Waaren an den Wagenſchlag. Die jungen Damen wollten ein wenig ausſteigen, aber wie? ihre huͤbſchen Geſichter, welche fruͤher frei und offen unter dem Strohhute hervor laͤchelten, ſind dicht verſchleiert. Herr Mar⸗ tin beobachtete alles. Die Damen bezahlten den Kutſcher, und gingen zu einem andern Wagen, der ſich, um nach Paris zuruͤck zu fahren, bereits gewen⸗ det hatte. Er hoͤrte ihr Kichern und Lachen beim Einſteigen, und lachte ſeinerſeits ebenfalls. Alle drei hatten auch Urſach dazu.„Sie lachen uͤber „die laͤcherliche Figur, die ich bei Madam Delatre „machen werde, wenn ich zwei Stunden vergebens „der beiden Damen geharrt, und ich, uͤber die bei⸗ „den Stutzer, welche auf der Terraſſe den lockren „Gegenſtand ihrer Zaͤrtlichkeit diesmal nicht ſinden „werden.“ Kaum zu St. Germain angelangt, ging Herr Martin durch die Straße, wo Madame De⸗ latre in No. 60. wohnte. Dieſe Dame ſaß in ei⸗ nem großen Lehnſtuhl, den ſie vollkommen ausfullte, dicht am Fenſter, und ſtrickte mit vornehmer Miene einen Strumpf. Fuͤr die beiden luftigen Niecen iſt dieſe Tante ehrbar genug, dachte Herr Martin. Es thut mir leid, ihr Vergnuͤgen geſtört zu haben, aber ich konnte es nicht laͤnger in dem Wagen aus⸗ halten, und beide werden ſich morgen ſchon dafuͤr ſchadlos halten. Heute werden es dieſe Damen bei einem Spaziergange in den Tuillerien bewenden laſſen, die Maͤnner glauben es, ſie nehmen dort et⸗ was Milch zu ſich, ſpeiſen vielleicht— da habe ich einen herrlichen Einfall! Ich bin kein Gourmand, aber doch Ltebhaber von einem guten kraͤftigen Tiſch und Dubourg iſt der elendeſte aller Speiſewirthe; wie, wenn ich hier eine Kochinn fuͤr uns miethete und mitnaͤhme? Wo aber eine ſolche ſinden? beim Gaſt⸗ wirth, wo wir geſchlafen haben, als wir vor kurzer Zeit die Füͤrſtinn belauern wollten? nein! denn wenn der Wirth eine gute Koͤchinn wuͤßte, wurde er ſie nehmen, er fuͤhet herzlich ſchlechten Tiſch. Daß ich nicht fruher daran dachte! Habe ich nicht hier eine Tante entdeckt, die mir zur Erreichung meines Zweckes die beſten Dienſte leiſten kann? 11 Herr Martin kehrt um,— richtig, hier iſt No. 60.— er laͤutet, man oͤffnet, er tritt hinein. Er gruͤßte Madam Delatre ſehr ehrerbietig und ſie dankte mit einem kleinen Nicken des Kopfes. Der Ruͤckgrad ſchien die Gelenkigkeit bereits verlo⸗ ren zu haben. Herr Martin hat den Auftrag er⸗ halten, der Tante vielfaͤltig angenehmes von der lieben Nichte zu berichten, und er ſelbſt ſchaͤtzt ſich ſehr gluͤcklich, bei dieſer Gelegenheit die Ehre ihrer Bekanntſchaft zu machen Madam giebt ein Zei⸗ chen— und eine alte Frau ruͤckt Herrn Martin einen Lehnſtuhl. Alles iſt altvateriſch zu St. Ger⸗ main, die Stadt, die Einwohner, man will ſogar behaupten, daß die Kinder bereits mit Runzeln auf die Welt kommen. — Von welcher Niece belieben Sie zu ſpre⸗ chen? ich habe deren zwei.—„Von der Inhaberin „des Tuchlagers in der Rue St. Honoré.“— Ach, von Madam Griſel.—„Richtig von Madam „Griſel.“— Ich bin ihr recht zugethan, es iſt eine huͤbſche und verſtaͤndige Frau.—„Madam ha⸗ „ben ſehr Recht und ihr Gemahl iſt der beſte Mann „von der Welt, ſie fuͤhren eine ſehr gluͤckliche Ehe.“ Das Geſpraͤch fuͤhrt auf das ruhige ſtille Le⸗ ben zu St. Germain, auf die Whiſt⸗ und Boſton⸗ parthien der Madam Delatre, welche bis ſpaͤt 12 9 Uhr dauern, erſtreckt ſich ſogar bis auf die Maͤgde und Köchinnen, welche mit der Laterne in der Hand die alten Freunde abholen und nach Hauſe geleiten, Dieſen letzten Punkt häͤlt Herr Martin feſt. Eine Koͤchinn hatte der Madam Lefevve gekuͤndigt. Ma⸗ dam Lefevre iſt eine herrliche Frau, aber ihre Hitze! ihre Hitze iſt unertraͤglich, ich ſage Ihnen unertraͤglich, und dann muͤſſen Sie annehmen, ſie iſt lange nicht ſo gut zu Fuß wie ich. Marie reicht ihr was zu trinken, laͤßt das Glas fallen, Du lieber Gott, das kann uns allen geſchehen! Madam Lefevre geraͤth in Wuth, nimmt ihre Kruͤcken, wirft ſie der armen Marie zwiſchen die Fuͤße, Marie fallt, und hat ſich den Arm ganz zerſchla⸗ gen, wie ich Ihnen ſage, ganz zerſchlagen.—„Wer „iſt Madam Lefevre?“— Wie geſagt, eine her⸗ zensgute Frau, aber hitzig und, gerade heraus ge⸗ ſagt, wenig Lebensart, ſehr wenig Lebensart. Sie iſt die Tochter eines Advokaten und der Mann war Rath. Herr Martin ſprach noch einiges uͤber unbe⸗ deutende Gegenſtaͤnde und empfahl ſich der Madam Delatre. Sein Vorſatz war, Madam Lefevre auf⸗ zuſuchen, um eine ſo herrliche Köchinn, wie die arme Marie, ſobald wie möglich zu finden. Es iſt zu be⸗ greifen, daß eine Dame, die Wittwe eines Raths, — —————— 13 in St. Germain wohl auszufragen war. Herr Martin ging zum Kanzelliſten des Collegiums, der Kanzelliſt ſchickte ihn zum Praͤſidenten, der Praͤſident zum Prokurator, er wußte endlich Straße und Hausnummer und begab ſich ſogleich dahin— aber zu ſpaͤt! Madam Lefevre hatte das Geſchehene bereut und einige Entſchuldigungen hatten eine Verſoͤhnung mit Mademoiſelle Marie zur Folge gehabt. Ma⸗ demoiſelle Marie hatte dies in dem Auge ihrer Gebie⸗ terin bemerkt und war dienſtſchuldigſt geruͤhrt wor⸗ den; der Vergleich war unter der Bedingung zu Stande gekommen, daß: wenn Madam Lefepre in ihrem Lehnſtuhl ſaͤße, die Kruͤcken auf der entgegen⸗ geſetzten Seite des Zimmers ihren Platz haben ſollten und die Dame im Lehnſtuhl ruhig die Nachhauſe⸗ kunft der Mademoiſelle Marie vom Markte oder aus der Meſſe abwarten mußte, ohne eine Veraͤn⸗ derung ihres Platzes vornehmen zu können. Ich haͤtte das vorausſehen ſollen, dachte Herr Martin, alte Herren und alte Bedienten zanken ſich, gehen aber nicht ſo leicht von einander. Herr Martin iſt indeſſen zu genau mit Ma⸗ dam Griſel und Madam Delatre bekannt, als daß Marie ihn ſollte ohne Koͤchinn weggehen laſſen. Sie hat ehenfalls eine Nichte, eine Schuͤlerinn, die 14 a'les gehorig verſteht, durch ſie in der Kuͤche der Ma⸗ dam Lefevre eingefuͤhrt worden iſt, und dort nicht ewig bleiben kann. Mademviſelle Marie noͤthigt Herrn Martin, einzutreten, fuͤhrt ihn in das Zim⸗ mer der Madam Lefevre, welche eben in einem Kalender die Witterung ſtudirte. Sie brachte her⸗ aus, daß der Oktober ſehr feucht ſeyn, und ſie alſo den ganzen Monat hindurch ihr Bett nicht verlaſ⸗ ſen wuͤrde. Pelagie, die Nichte, erſcheint, es wurde ihr an⸗ gedeutet, Herrn Martin zu folgen. Eine Koͤchinn in St. Germain bekoͤmmt jaͤhrlich zweihundert Fran⸗ ken, Herr Martin gab noch einmal ſo viel, und doch war das junge Maͤdchen unſchluͤſſig. Madam Lefevre beſtand darauf, Marie ebenfalls, Herr Martin drang in ſie, und Pelagie ſenkte den Kopf, als Zeichen ihrer Einwilligung. Eine Ser⸗ viette war hinreichend, ihre Habſeeligkeiten einzu⸗ packen„in fuͤnf Minuten war alles fertig, und ſie folgte Herrn Martin. Beide gelangten auf die Stelle, wo Herr Mar⸗ tin Roſalien begegnet war, und noch hatten ſie kein Wort mit einander geſprochen. So geſpraͤchig das Milchmaͤdchen geweſen, ſo einſlybig war Pela⸗ gie. Herr Martin ließ ſich durch den Ernſt des Maͤdchens nicht abſchrecken, ſie naͤher zu beobachten. 15 Das Maͤdchen ſchien ihm halb zu traͤumen, er be⸗ merkte ſogar einen Seufzer. Zur Sache alſo:„Wie alt iſt er?“— Zwei und zwanzig Jahr, gnaͤdiger Herr!—„Sein Ge⸗ „werbe?“— Ein Liſchler.—„Ein angenehmes „Gewerbe, Pelagie, und ſeine Auffuͤhrung?“— Ach! gnaͤdiger Herr, Sie haben mich ertappt!— „Ruhig, mein Kind, es hat noch miemand bereut, „mir ſein Vertrauen geſchenkt zu haben. Seine „Auffͤhrung?“— Muſterhaft.—„Arbeitſam?“— Er verliert keinen Angenblick; wenn er bei mir iſt, ausgenommen.—„Du biſt ein beſcheidenes Kind. „Aber wie brachtet Ihr Eure Zeit zuſammen zu? „Du wirſt roth? Pelagie, ſage, biſt Du ſchon beim „dritten Grade der Liebe, he?“— Gnaͤdiger Herr, ich verſtehe Sie nicht.—„Laß hoͤren. Wenn Ihr „beiſammen waret, wie drachtet Ihr Eure Zeit zu?“ — Er wiederholte mir, daß er mich liebe, mich ganz allein liebe!—„Weiter.“— Nun dann ſagte ich ihm, daß ich ihn wieder liebe.—„Und „dann?“— Und dann, ich muß es geſtehen,— gingen wir auseinander und— kuͤßten uns.— „Und hernach? ich—„Wie alt biſt Du?“ Sechs⸗ zehn Jahr. In einem ſolchen Alter unterliegt man, ohne zu ahnen, dachte Herr Martin. Der junge Tiſch⸗ lergeſell muß alſo ein Burſche von guten Grund⸗ ſätzen ſeyn, und die ſind heut zu Tage ſelten. War⸗ um ſeyd Ihr noch nicht verheirathet“— Die Tante ſchickte mich blos nach Acheres, um mich von Vin⸗ eent zu trennen.—„Das kann wohl ſeyn, warum „will ſie aber nichts von Vincent wiſſen?““— Weil er bis jetzt nur Geſelle iſt.—„Mein Kind, „hat er ein Patent, ſo iſt er Meiſter, wie viele an⸗ „dere, die beſſer gethan haͤtten, Geſellen zu bleiben.“ — Vincent iſt ein trefflicher Arbeiter; aber mit der Geſchicklichkeit allein iſts nichts gethan, ein Patent koſtet entſetzlich viel! jn wenn er ſich erſt wird tau⸗ ſend Franken erſpart haben!—„Tauſend Franken 3 wiſt in nicht alle Welt! hoffe, Pelagie, laſſe den „Muth nicht ſinken!“— Freilich, gnädiger Herr; 3 hofft man nicht beſtaͤndig?—„Bis ans Grab.. „Ja wohl, indeſſen diefmal wird der Sommer nicht „voruͤber gehen, ohne Euch verheirathet zu ſehen.“ — Ach lieber Gott, wer wuͤrde ein ſolches Wunder thun?— Es ſind ſchon groͤßere Wunder geſchehen, „mein Kind.“ Fange man nur an mit einem jungen Maͤd⸗ chen von der Liebe zu ſchwatzen, ſo wird ſie kein Ende finden. Pelagie verſchwieg nichts und er⸗ klaͤcte breit und weitlaͤuftig, wie ihre Liebe und ihre erſte Bekanntſchaft entſtanden ſey. Sie uͤberging nicht 17 einmal die kleinen Auftritte der Eiferſucht und die fuͤßen Verſoͤhnungen. Einem jungen Maͤdchen, das von ihrer Liebe ſpricht, entſchwindet die Zeit frei⸗ lich ſchneller, als dem, der zuhört; jedoch entlaͤuft ſie auch den letzteren, wenn ſein Herz nicht ganz unempfindlich iſt, und Herr Martin mit ſeiner jungen Köchinn gelangte, ehe er es ſich verſah, zu Acheres an. Pelagie wird in dem Wirthshauſe neben dem gelben Zimmer einquartirt. Sie geht nicht ohne ſeinen Befehl aus, und bleibt ſie zu Hauſe, iſt ſie mit weiblicher Arbeit beſchaͤftigt. Er hielt es fuͤr Fflicht, Vaters Stelle zu vertreten und wollte durch⸗ aus nicht, daß ſie die groben Spaͤße, welche in ei⸗ nem Wirthshauſe dfters von den Gaͤſten getrieben werden, mit anhoͤren ſollte. Bertrand und Sophie waren hereits in ihre neue Wohnung eingezogen. Der Vater trieb den Mahler, den Tapezierer, Sophie kieß mehrere kleine Staͤbe zu Spalieren ſchneiden und leitete die Arbeit im Garten. Sie pflanzte und zeichnete dem Gaͤrtner die Gaͤnge nach engliſcher Art vor. Die Mauern wurden mit Blumentoͤpfen und Raſen be⸗ deckt. Jeden Augenblick erſindet Sophie etwas Veues von allem, was vorgenommen wird, ſelbſt M. E die Gaͤrtner gehorchen dem ſchoͤnen geſcheidten Maͤd⸗ chen mit Vergnuͤgen. Herr Martin trat ein, und auf einmal wur⸗ den alle Arbeiter im Stich gelaſſen. Wo gber ſoll man ſich ohne Zeugen ſprechen? Dort in der klei⸗ nen Kammer, welche Pelagie bewohnen ſoll. Herr Martin trug alles vor, was ſich ſeit geſtern bis heute Abend zugetragen hatte, und Bertrand und Sophie freuten ſich, daß alles ſo gluͤcklich abge⸗ laufen wyr. Alle wuͤnſchten ſich gegenſeitig Gluͤck, und nur von dieſem Tage an konnte man ſich vol⸗ lig in Sicherheit glauben. Die entſchwundene Gefahr ihres Vaters hatte indeſſen dem Gedaͤchtniſſe Sophiens nicht den Ge⸗ genſtand ihrer Herzenswuͤnſche entzogen. Der Na⸗ me Stanislaus gleitete uͤber ihre Lippen, und ihre Angen fragten ſchuͤchtern Herrn Martin. „Sophie, es iſt mir nicht moglich, mein Ehren⸗ „wort zu brechen. Die Art, wie ich daſſelbe gege⸗ „ben, mich nemlich in die Angelegenheiten der Fa⸗ „milie Berloff gar nicht miſchen zu wollen⸗ iſt „Ihnen bekannt.“— Alſo auch Sie verlaſſenmi ch⸗ Sie meine einzige troͤſtende Stuͤtze Sie, auf deſ⸗ ſen Fuͤrſprache ich ſo viel gehofft hatte?—„Ich „habe Ihnen zu Dieppe geſagt, daß ich kein Recht „habe, eine Mutter Ihres Sohnes zu berauben. ——————————— — 19 „Es iſt gegen alle Schicklichkeit, daß Sie mit einer „Familie, welche Sie zuruͤckſtoͤßt, ſich verbinden „wollen. Stanislaus und Sie ſtehen noch beide „an der Pforte des Lebens und koͤnnen warten. „Hoffen Sie alles von der Zeit, warten Sie mit „Geduld, mit Ergebung, und rechnen Sie bei allen „Gelegenheiten auf mich; nur verlangen Sie keine „Handlung von mir, die den Geſetzen der Ehre zu⸗ „wider iſi.“— Zn Tiſche! Pelagie wartet auf und nimmt ſich ſehr gut, es fehlt nichts, als daß ſie morgen in der Kuͤche ihr Probeſtuͤck ablege, um zu beweiſen, daß ſie die wuͤrdige Schuͤlerinn der Jungfer Marte ſey. Nach Tiſche kehrten Bertrand und Sophie zu ihren Arbeiten zuruͤck. Die Meubeln langen ſo eben von Poiſſi an, einfach aber doch elegant. Herr Martin iſt mit allem ſo zufrieden, daß er gern noch einmal ſein Abentheuer an Herrn von Pol⸗ mont und Cognard erzahlt. Er geht zu dem letzteren. Da haͤngt der Himmel voll Geigen! Ueber⸗ morgen iſt Hochzeit und die Mutter, die Tochter, Roſalie, wiſſen nicht, was ſie beginnen ſollen. Seit einer Stunde berathſchlagen ſie uͤber eine Sa⸗ che von der aͤußerſten Wichtigkeit. Roſalie hat nemlich einen ſchoͤnen Schrank von Nußbaumholz ausgewaͤhlt. Beim herunter nehmen vom Wagen 90 iſt durch ungeſchicklichkeit das Hintertheil ruinirt und zerbrochen worden. Die Mutter Cognard will, daß man den Schrank austauſche, die alten Leute halten es in der Regel mit dem ſoliden, die jungen Leute denken nicht ſo, und Roſ alie und die kleine Cognard brennen vor Begierde, dieſen Schrank im Brautgemach paradiren zu ſehen und behaupten, daß wenn derſelbe mit geſchloſſenen Thuͤren an die Wand geruͤckt wird, niemand den durchbrochenen Boden gewahren konne. Bert Martin, welcher zwei Partheien zu ver⸗ ſohnen wuͤnſcht, ſchlaͤgt ein drittes Mittel vor, nemlich: den Schrank ausbeſſern zu laſſen!— Aber wie? kein Tiſchler iſt hier zu finden.—„Nichts „weiter, rief Herr Martin, den wollen wir bald „bekommen.“ Er geht nach den Geſhof zum muthigen Hahn, ſchließt ſich ein und ſchreibt wie folgt. „Beim Empfange des Gegenwaͤrtigen hat der Empfaͤnger nichts eiligeres zu thun, als ſich ſo⸗ gleich alle Gerathſchaften, welche zu ſeiner Hand⸗ thierung gehbren, zu kaufen, und ſolche auf den bei⸗ kommenden Wagen aufzupacken. Ich etablire den⸗ ſelben als Tiſchlermeiſter zu Acheres, und denke, daß ſeine neue Lags die Jungfer Marie in Hin⸗ ——————— 21 ſicht ſeiner Wuͤnſche etwas gefaͤlliger und was biger machen wird.“ Herr Martin fuͤgt eine Bantnote von tau⸗ ſend Franten dem Billette bei, ſiegelt es und geht ins Nebenzimmer, wo Pelagie ihren Sonntags⸗ ſtaat ſo eben ein wenig in Ordnung bringt.„Brav⸗ „mein Kind! Du biſt arheitſam; das iſt recht, Ar⸗ „beitſamkeit ziemt einem jungen Maͤdchen.“— Er laͤßt kaum ein Wort von St. Germain fallen, und Pelagiens zweites Wort war, Vincent. Ohne viel Muͤhe erfaͤhrt Herr Martin, daß Vincent bei dem Meiſter Maigret arbeite. Er kehrt zu Cognard zuruͤck.„Guter Freund, „beſorge mir einen braven tuͤchtigen flinken Mann, „mit Wagen und Pferd. Derſelbe ſoll ſogleich nach „St. Germain fahren und morgen fruͤh wird ein „Tiſchler hier in Acheres anlangen. Aber wo laſ⸗ „ſen wir ihn?“— Ich weiß wahrhaftig nicht, Herr Martin.—„Vor der Hand in jenem Schober, „und hernach wird ſich ſchon ein Platz fuͤr ihn ſin⸗ „den, nicht wahr?“— Gut, gut! Hier koſtet es Muͤhe, ſagte Herr Martin, im Zuhauſegehen zu ſich ſelbſt, um einen Theil meiner Revenuen zu verzehren, und dennoch wird mein Andenken dieſen Leuten theuer bleiben. Geh ich einmal zu dieſem Dorfe hinaus, werden mir die 22 Seegenswunſche ſeiner Einwohner folgen, und beim Hinausgehen aus der großen Oper habe ich 30 nur Ellenbogenſtoße bekommen. Herr Martin geht fruh ſchlafen, ſteht aber in der Regel mit Tageganbruch auf. Es war noch nicht 5 uhr und ſchon ſtand er am Fenſter.— „Sollte das nicht unſer Wagen ſeyn?— Richtig, „er iſts und alles aufgepackt. Da ſieht man, was „die Liebe nicht thut! Die balbe Racht hat Vin⸗ „eent unterwegs zugebracht. und der gute Fuhr⸗ „mann hat ſich auch geduldig zu allem hingegeben⸗ „nun es ſoll ihm nicht unvergolten bleiben.“— Der Wagen fuhr vorbei und nahm ſeine nach dem Parke zu. Jeder andere, als Cognard, t vielleicht dem Fuhrmann befohlen, vor dem Wirthshauſe zu halten und meine Befehle zu empfangen. Nun, er weiß freilich nicht, daß hier eine Pelagie iſt und daß ich mich fur ihren kleinen Vincent inte⸗ reſſire. Sollte er nicht aus meinen Mienen gemerkt haben, daß ich, indem ich einen Tiſchler kommen laſſe, einen doppelten Zweck dabei verbinde? Er überlaͤßt mir, nach meinem Willen zu handeln. Ich bleibe dabei: Cognard iſt ein Beobachter! Wie werden ſich die beiden jungen Leute verwundern! 25 welche Freude wird das geben! an allem dieſen iſt doch eigentlich Madam Griſel ſchuld. Herr Martin war mit ſeinem Fruͤhſtuͤck bald fertig; hatte er einen guten Einfall, ruhte er nicht eher, als bis er ausgefuͤhrt war.„Pelagie, Du „weißt nicht, wo Cognard wohnt?“— Nein, gnaͤ⸗ diger Herr.—„Komm, ſiehſt Du jene Mauer, rechts „in dieſer Straße.“— Ja wohl.—„Dieſe Mauer „gehört zu dem Park des Herrn von Polmont, „dicht dabei wirſt Du die Einfahrt finden. Du „gehſt hinein, den großen Hof zu Ende, und wirſt „links einen Schober neben einem Stalle bemerken. „Dort bleibſt Du. Nimm einen Korb, lege dieſes „Huhn, Brod und dieſe Flaſche hinein, und gieb „es demjenigen jungen Burſchen, der fuͤr Dich das „angenehmſte Geſicht hat.“— Ach, gnädiger Herr, Sie ſpaßen? wem ſoll ichs geben?—„Ich habe es „Dir ja eben geſagt.“— Das iſt aber wahrlich eine „eigne Art von Befehl.—„Jeder hat ſo ſeine Weiſe, „thue was ich Dir befohlen habe, und damit holla!“ Herr Martin machte ein ſo ernſthaftes Ge⸗ ſicht, daß Pelagie furchtſam ſchwieg.— Der Herr „iſt ſonderbar, ſprach ſie, indem ſie den Korb packte, „ei, ich werde nicht lange waͤhlen, ich gebe das „Fruhſtuck dem erſten beſten, den ich dort tefen „werde.“ Sie gelangt zur Hofpforte und laͤntet.— Vin⸗ eent öffnet.— Der Korb fiel zur Erde; Vincent tritt vier Schritt zuruͤck, beide ſtarren ſich an, rei⸗ ben ſich die Augen, naͤhern ſich— nein, es iſt kein Traum, ſie werden roth, und Freude und Entzuͤcken laͤßt ſie keine Worte finden. Roſalie bemerkt, daß ihr Schrank liegen bleibt und will doch ſehen, was der Tiſchler eigentlich be⸗ ginnt. Sie lieht auch, und erraͤth alles auf den erſten Blick.—„Mein liebes Kind, ſagte ſie zu „Pelagie, ich heirathe morgen und habe heute „keine Zeit zu verlieren, Du kannſt mit Deiner „Liebe noch huͤbſch warten, geh⸗ und halte mir den „Tiſchler nicht von der Arheit ab, verſtehſt Du?“ Pelagie war ein wenig betroffen, verlor aber nicht den Kopf.— Ich will niemand abhalten und habe nur gusgerichtet, was Herr Martin mir be⸗ fohlen hat, verſtehen Sie?—„Woher kennſt Du „Herrn Martin?“— Ich bin in ſeinem Dienſt.— „Seit wann denn?“— Seit geſtern.—„und ge⸗ „ſtern hat er dieſem jungen Manne Geld geſchickt, um ſich Handwerkszeug zu kaufen.“— Wer? ruft Pelagie, Herr Martin?— Er hat ſich gar nicht einmal unterzeichnet, antwortet freudig Vincent, ich wohlte es gar nicht glauben, und Herr Maigret mußte mich erſt helehren, daß die Banknote gut —— nn 26 und guͤltig war!—„Alſo wiederum zwei junge „Leute, die ihr Gluͤck Herrn Martin verdanken, „und wir wollten ihn verbrenneu, Herrn Martin „wollten wir verbrennen!“ „Wo iſt erz“ rief Vincent. Pelagie nahm ihn hei der Hand, ließ den Korb im Stich und zog ihren Geliebten mit ſich fort. Roſalie vergißt ihren Schrank und laͤuft ebenfallg fort, um die bei⸗ den Gluͤcklichen zu begleiten. Herr Martin ſtand am Fenſter und harrte der kommenden Dinge. Alle drei kamen außer Athem herbeigelaufen. Halt, dachte er, ſie ſind erkenntlich, mein Geld iſt gut angewandt. Sie ſpringen hinauf, ſie ergreifen die Haͤnde des Herrn Martin und kuͤſſen und druͤcken ſie, Herr Martin ſah Thraͤnen in beider Augen, auch er ward bewegt und ſeine Augen verriethen die Stim⸗ mung ſeines Herzens. B „Ja, liebe Kinder, ein reines Vergnuͤgen in die⸗ „ſer Welt iſt viel Werth.“— Alles, rief Pelagie. —„Es iſt nur dann erlaubt, wenn man allen ſei⸗ „nen Pflichten genuͤge gethan hat. Geh jetzt und „bereite das Mittagseſſen, Du, Vincent, geh an die „Arbeit. Verliert nicht den Preis, den Eure frü⸗ „here Auffuͤhrung verdient hat. Seyd klug, ver⸗ „Kaͤndig und Ihr werdet belohnt werden. Du rem Geliebten und fragte den Vater, wie er nur ¹ „liebe Kleine, ſiehſt, daß das Wunder, von welchem „Du geſtern noch ſprachſt, nicht ſo ſchwer hervorzu⸗ „bringen war.“ Roſalie hat gar kein Geld zu verſchenken; aber ſie will doch auch hinter Herrn Martin nicht zuruͤckbleiben. Sie ſucht in Dubvurgs Hauſe fuͤr Vincent aus und ſieht ſich nach einem Platze um, wo er ſeine Werkſtatt anlegen konne. Sie geht bald hier und bald dahin, vom Schrank nach Hauſe und ruht nicht eher, bis ſie etwas ausfindig gemacht hat. Ein gutes Beiſpiel vermochte fruher, daß man eine Menuett nach der Melodie, o Filii tanzte, jetzt erweckt es den Trieb etwas Gutes zu thun. Die Eſſenszeit hatte Bertrand und Sophien zu Herrn Martin ins Gaſthaus gerufen. Sie ſpra⸗ chen mit der herzlichſten Vertraulichkeit zuſam⸗ men. Sophie nuͤrde ſogern das Geſpraͤch auf Stanislaus gelenkt haben, aber ſie traute ſich kaum mehr, den Ramen auszuſprechen, Vater und Tochter wollten nicht die Guͤte eines Mannes miß⸗ brauchen, der ſo viel fuͤr ſie gethan hatte. In ih⸗ rer kleinen Wohnung entſchädigte ſich indeſſen So⸗ phie fuͤr das aufgedrungene Schweigen, ſie ſprach beſtändig von Stanislaus und der Vater hoͤrte ſie an; ſie berechnete die weite Entfernung von ih⸗ glauben könne, daß zu Acheres das gewuͤnſchte Gluͤck einer Verbindung jemals zu Stande kommen tonnes Der Vater zerbrach ſich den Kopf, um ſein geliebtes Kind zu uͤberzeugen, daß nur in der Ent⸗ fernung die Ausfuͤhrung dieſer Sache zu beſchleu⸗ nigen ſey. Er ſah freilich wohl ein, daß er nicht uͤberzengte, aber natuͤrliche Zärtlichkeit und Liebe“ mußte oft die Stelle der Vernunftgruͤnde vertreten. Söphie tröſiete ſich mit dem Glauben, daß Herr Martin ſich bald in Acheres langweilen wuͤrde. Die Fuͤrſtinn war nicht mehr zu fuͤrchten, es war alſo wahrſcheinlich, daß alle drei bald ihren Auf⸗ enkhalt in einer großen Stadt nehmen wuͤrden, wo doch weüigſtens eine Möglichkeit abzuſehen war, ei⸗ nige Erkundigungen vvn zu koͤnnen. Alle drei ſchwatzten nun im muthigen Hahne von Pelagie und Vincent.„Wie glucklich ſind „diejenigen, ſprach Sophie, die zu ihrer Verbin⸗ „dung nur ihrer Liebe und eines Beſchuͤtzers „beduͤrfen“— und glücklich ſind die, antwortete Herr Martin, welche niemals der Zeit vorgreifen wollen, ſondern die alle troſtende Hoffnung rufen, in ihrem Herzen zuruͤckrufen.— Dieſe Antwort war ſehr philoſophiſch richtig, aber Sophie verlangte keine Philoſophie zu hoͤren. „ Sie ſchwieg und war in Rachdenken verſunken, als die Thuͤre aufging, und Cognard, ſeine Mutter und Roſalie geputzt eintreten, um Herrn Mar⸗ tin, Bertrand und Sophien zur Hochzeit ein⸗ zuladen. Sophie ſeufzte, Bertrand nahm die Einladung an und Herr Martin fragte, wer die Ehre haben wuͤrde, Roſalien, welche eine Waiſe war, zum Altar zu fuͤhren,„Wenn Sie ſo guͤtig „ſeyn wollen, mir dieſe Ehre“— Ob ich will? herz⸗ lich gern.—„Die Unterſchrift unter unſern Hei⸗ „rathskontrakt braͤchte uns gewiß Gluͤck und See⸗ „gen, ich habe mit Cognard daruber geſprochen, „aber er hat mir nichts darauf geantwortet.“— Ja, Roſglie, ich muß ebenfalls daruͤber ſchweigen. Roſaſ ie ſchien ein wenig mißvergnuͤgt dar⸗ uͤber; das gute Kind bedachte nicht, daß Herr Mar⸗ tin in dieſem Falle einen ſahch Namen zeichnen muͤßte. Herr von polmunt ſein Verſprechen, das Hochzeitsmahl zu geben, nicht vergeſſen, und er trat ſo eben ins Känmte um die drei Freunde dazu einzuladen. „Das wird ein heetliche Tag—„ „Herr Martin.“— Ihnen allein danken mir ihn, lieber Herr Martin! ſo riefen Cognard und Ro⸗ ———— ſalte.— Wann werde auch ich ſo rufen können? dachte die arme trauernde Sophie. „Um uns wuͤrdig auf den folgenden Tag vor⸗ „zubereiten, denk ich, wir endigen den heutigen froh „und guter Dinge.“— Hetzlich gern.—„Cog⸗ „nard und die Damen bleiben ebenfalls hier, ich „habe ein junges Maͤdchen in meinen Dienſt ge⸗ „nommen, welches die edle Kochkunſt in der erſten „Kuͤche von St. Germain erlernt hat. Heute ſoll „ſie ihr Meiſterſtuͤck machen, und ich wette, ſie Alle „werden ihrem Talente Gerechtigkeit wiederfahren „laſſen.“ „Pelagie, Pelagie!— Vier Gedecke mehr! „nimm bei Dubourg, was Du gebrauchſt. Sie „muͤſſen es heute wie wir machen, Herr von Pol⸗ „mont, und mit dem hieſigen Wein vorlieb neh⸗ „men. Es iſt wenigſtens der beſte, den Dubourg „im Keller hat.“ Der erſte Gang iſt aufgetragen, man ſetzt ſich zu Tiſch, um das Meiſterſtuͤch Pelagiens zu ver⸗ zehren. In der Regel nimmt ein junges Maͤdchen ſchon im Voraus ein.— Herr von Polmont machte indeſſen ein ſehr langes Geſicht, Bertrand legt einen Taubenfluͤgel bei Seite, Sophie aß, ohne zu ſchmecken, Cognard, Roſalie, ſchienen nicht geneigt der nenen Koͤchin ihren Beifall ſchen⸗ 30 ken zu wollen. Herr Martin, nachdem er Allen vorgelegt, verſuchte ebenfalls und der erſte Biſſen blieb ihm faſt im Munde ſtecken. Er blickte die Gaͤſte, dieſe ihn an, am Ende ſprach er zu Pela⸗ gie, welche wenigſtens ein kleines Compliment zu erwarten ſchien:„Pelagie, was haſt Du gemacht, „verſuche dieſe Sauce;“— Pelagie hatte kaum eine Meſſerſpitze davon zum Munde gefuͤhrt, als ſie ausrief:„Ach, lieber Gott! das iſt nicht meine „Sauce! nein, das iſt nicht meine Sauce!“ Herr Martin brach in ein lautes Gelaͤchter aus.„Das iſt wahr, man ſollte nicht glauben, wo „die Eitelkeit uberall zu finden ſey.— Dubourg, „Dubourg!“ „Wir ſind alſo durch Euch verdammt, nicht zu „ſpeiſen, und dies alles, weil ich ein Maͤdchen „mitgebracht, die beſſer kocht, als Ihr alle zuſam⸗ „men hier im Hauſe?“— Aber Herr Martin! wer kann das ſagen?—„Still, Ihr wißt, daß ich alles „leicht durchſchaue.“— Ja, es kann aber auch fuͤr einen Wirth, der ſeit vier Jahren ehrlich und red⸗ lich ſeiner Hauswirthſchaft vorgeſtanden hat, nicht angenehm ſeyn, ſich mit eimenmale ſo mir nichts, Dir nichts in der Kuͤche muͤſſen befehlen zu laſſen. —„Weil Ihr alſo nicht zu kochen verſteht, glaubt „Ihr ein Recht zu haben, uns zu vergiften? Ihr 51 „wolltet mich dadurch bewegen, Pelagien als „ungeſchickt aus meinem Dienſte zu verweiſen? Das „geſchieht nicht, ich nehme immer die Parthie des „Schwächeren. Pelagie bleibt mir und ich ziehe „aus. Bertrand, ſey ſo zut und bezahle alles, was „wir ſchuldig ſind.“ „Ich bin indeſſen doch wohl ein wenig zu raſch „geweſen, ſagte Herr Martin, als Dubourg „hinaus gegangen war. Das Maͤdchen iſt geraͤcht, „aber wir ſind jetzt ohne Obdacht.“— Mit dem großten Vergnuͤgen ſteht Ihnen mein Haus zu Be⸗ fehl, antwortete Herr von Polmont, ich haͤtte es „Ihnen ſchon eher angetragen, aber Sie ſelbſt wuͤnſchten ganz buͤrgerlich zu leben.—„Gut, ich „nehme es an, aber ohne zu eſſen kann ich nicht „ſchlafen gehen.“— Gut, gut, das findet ſich al⸗ les bei mir; kommen Sie, folgen Sie mir, ich bitte. Iſt der Herr nicht zu Hauſe, haben die Be⸗ dienten in der Regel Feiertag, und Herr von Pol⸗ mont findet zu Hauſe niemand, als ſeinen Kammer⸗ diener, der ſich indeſſen herablaͤßt, Pelagien das nothige in der Kuͤche zu zeigen. Dieſe faͤngt von friſchem zu kochen an, und verdoppelt ihren Eifer, um alles wieder gut zu machen. Sie bläſt das Feuer an, ſetzt die Topfe, die Kaßerolen bei, feuch⸗ tet den Salat, und ſindet doch noch Zeit genug⸗ 32 den Tiſch gehörig zu decken. Die Goͤſte luſtwan⸗ delten im Park, Herr Martin allein blieb im Garten, und die Ellenbogen auf das Fenſterkreuz geſtuͤtzt, beobachtete er Pelagien, nickte ihr laͤchelnd ſeine Zufriedenheit zu, und die Kleine kannte in dieſem Augenblicke keine Muͤdigkeit. Es giebt indeſſen im Leben wahre Ungluͤcks⸗ tage. Die Geſellſchaft hatte ſich kaum zu Tiſche geſetzt, als eine dicke alte Frau ins Zimmer trat und geifernd mit Herrn Martin zu ſprechen ver⸗ langte. Herr Martin erkannte Marien und Pe⸗ lagie ihre Tante. Unſere Kleine ſprang zum Fen⸗ ſter hinaus. „Ei, Sie ſind es, Sie? Sie unterſtehen ſich „und beluͤgen die wuͤrdigſte Dame von ganz St. „Germain? Sie ſprechen von einer Richte, die Sie „in Ihrem Leben noch nicht geſehen haben und ent⸗ „fuͤhren mir die meinige?“— Ich haͤtte nicht Ma⸗ dam Griſel geſehen? das iſt ein wenig ſtark; ich habe ſie vorgeſtern den ganzen Morgen nicht ver⸗ laſſen.——„und was hat ſie gemacht, he! was „hat ſie gemacht?“— Sie hatte ſich mit ihrer Freundinn vorgenommen, nach St. Ger⸗ main zu fahren, es ward aber nichts daraus, und die Reiſe ward gegen ein Fruͤhſtuͤck in den Champs ausgetauſcht.—„Das iſt meiner „Treue wahr. Das hat uns auch Madam Griſel „heute fruͤh erzaͤhlt.“— Und dieſen Morgen wird ſie mit ihrer Freundinn in St. Ger⸗ main angekommen ſeyn.—„Eben wollte ich „es erzahlen.“— Sie werden heide einen klei⸗ nen Spatziergang im Schloßgarten gemacht haben.—„Mein Gott!“— Nach zwei oder drei Stunden werden ſie roth wie die Kir⸗ ſchen wieder nach Hauſe gekommen ſeyn, nicht wahr?—„O mein Gott, mein Gott!“— Ich ſehe alles, ohne aus dieſem Zimmer zu gehen. Die Boſtonparthien formiren ſich; Madam Delatre, Madam Lefevre und noch zwei Perſonen, die ich nicht kenne.— Die jungen Damen machen ſich reiſefertig, um nach Paris zuruͤck zu kehren.— Jungfer Ma⸗ rie machte 32 Kreuze und Herr Martin lachte laut auf, eben ſo Herr von Polmont. Ber⸗ trand, der indeſſen ſchon eine zweite Zauberſcene ſah, ſagte Marien gerade heraus, daß Herr Mar⸗ tin einen Spaß machen wolle.—„Spaß? er ſagt „ja alles, wie es iſt, ich bitte Sie um Gotteswil⸗ „len!“— Er erraͤth alles.—„Das muß ſeyn, „hm! das iſt das erſtemal, daß man mir ſo unter „die Naſe lacht.“— Jedes Ding muß einen Anfang haben.— n.[31 „Uebrigens fuͤhrt mich das allein nicht her, „meine Niece mag ſich gut oder ſchlecht befinden, „das iſt mir gleich; aber ich höre, daß Vincent ſeinen „Herrn verlaſſen hat und hierher gefahren iſt. Er, „oder meine Nichte, eins von beiden muß fort.“ „Horen Sie, Jungfer Marie, dieſer Vin⸗ „eent iſt ein huͤbſcher Burſche.“— Allerliebſt, o ja!—„Arbeitſam, und iſt ſeit heute morgen Mei⸗ „ſter zu Acheres.— Meiſter? Meiſter?—„Ja, liebe „Tante, ich bin Meiſter.“— Ja, Jungfer Marie, ich bin Meiſter.—„Kommen Sie, liebe Tante, „ſehen Sie nur ſein Handwerkszeug, und die hub⸗ „ſche Werkſtatt, welche ihm Mademviſelle Roſalie „veſorgt hat.“— Was ſind das fuͤr Hiſtorien! Pelagie war erſt davon gelaufen⸗ hatte ſich aber doch beſonnen, daß ihre Sachen zu vortheilhaft ſtuͤn⸗ den, um nicht die Tante beſchwichtigen zu können, nahm alſo ihren Vincent bei der Hand und ſchlich, die Entwickelung ſolchergeſtalt ſchneller herbeifuͤh⸗ rend, ins Zimmer zuruͤck. Das Reſultat war, daß Marie, welche im Grunde kein boͤſes Herz hatte, bei ſo bewandten umſtänden nachgab. Sie bat ſich die Erlaubniß aus, Herrn Martin umarmen zu dürfen und meinte, man muͤſſe die Hochzeit beſchleunigen.„Sie ſind „noch jung, freilich, aber ein Ende muß werden; 35 „die Maͤnner ſind heut zu Tage gar unbeſtaͤndig— „ach, ich weiß ein Lied davon zu ſingen.“ Alles war ruhig, ausgenommen der Magen von unſern Gaͤſten, und mgn ging wieder zu Tiſch; waͤhrend man aber lachte und ſich verſohnte, waren indeſſen die Saucen, die Braten kalt geworden.„Wir ſollen „heute nicht zu Mittag ſpeiſen, ſprach Herr Martin, „das Geſetz der Nothwendigkeit hat es ſo gewollt. „Marie hat in Erfahrung gebracht, daß Vincent „nicht mehr in St. Germain iſt, und um ihre Unruhe „zu ſtillen, kommt ſie nach Acheres. Pelagie hatte „zu wichtige Dinge im Kopf, um uns nicht zu ver⸗ „geſſen, und wir ſierben beinah vor Hunger. Das „iſt freilich nicht angenehm.“ — Ich indeſſen, Herr Martin, muß auch dem Geſetz der Nothwendigkeit weichen; mir muß mehr, wie jedem andern, daran liegen, das koſtbare Leben eines Mannes, der ſo Vielen Gutes thut, zu erhal⸗ ten; wie geſagt, ich bin durch die Nothwendigkeit gezwungen, Sie zu bitten, noch heute unſere morgenden Hochzeitſchinken und Gefluͤgel zu ver⸗ zehren. „Recht, Cognard, ſprach Herr Martin, freund⸗ „lich angeboten undherzlich angenommen. Auf, meine „Freunde! alles ſetzte ſich, dem kleinen Hauſe Cog⸗ nards zu, in Bewegung. Was wuͤrde wohl das 36 Geſetz der Nothwendigkeit uns vorſchreiben, wenn auch in Cognards Hauſe nichts zu eſſen waͤre? ſprach Herr Bertrand. Ohngefaͤhr das zu thun, was der Vater Johann von Domfront in den afrikaniſchen Wuͤſten gethan hat, wir koͤnnten von einem Stuͤcke unſers Bonifaz ein Rosbeef berei⸗ ten, denn dieſer Burſche hat durchaus nichts menſch⸗ liches.— Ja ſo; bei dem Namen Bonifaz faͤllt mir ein, mein Wagen und meine Pferde muͤſſen ge⸗ holt werden, ich werde ſehen, ſie im Dorfe wo un⸗ terzubringen. Uebermorgen iſt Bertr ands Woh⸗ nung fertig, und wir richten uns ein.—„Wo wer⸗ „den Sie aber bleiben, Herr Martin?“— Im Speiſeſaal, Vincent kann einen Altkoven herrichten, und zwei Thuͤren verbergen ihn aller Augen. Der junge Mann muß beſchaͤftigt werden, und ich muß ſeine erſte Kundſchaft ſeyn.— Hezrlich! dachte Sophie, je mehr er ſich wird genirt fuͤhlen, um deſto eher wird er auf unſere Abreiſe denken. Das Geſetz der Nothwendigkeit dachte der Mutter Cognard dieſen Abend freilich eine große Ehre zu, ſie haͤtte auch gern ihr Blut fuͤr Herrn Martin hingegeben, aber die Schinken, das Ge⸗ fluͤgel einen Tag vor der Hochzeit verzehren zu laſ⸗ ſen und morgen fruͤh nichts den Goͤſten vorzuſetzen 37 zu haben, ſiel ihr ſchwer aufs Herz.„Schon gut, „Muͤtterchen, ſchon gut, dieſen Abend ſchicke ich „nach Poiſſt, und unſere Schinken und Huͤhner „ſollen erſetzt ſeyn.“ Man ſpeiſt zu Mittag, oder vielmehr zu Abend, und recht gut, lacht des gehabten Ungluͤcks, das bald eine ſtrenge Diät zur Folge gehabt hätte. Die aͤlteſte Cognard ſingt, freilich ohne Methode, aber mit einer allerliebſten Stimme, und Herr Martin dachte ſehr richtig, daß man auf dem Lande weni⸗ ger kritiſirt, als in der großen Oper zu Paris. Setzt einen Menſchen in den Mittelpunkt aller Zerſtreuungen, und er wird ihrem Gewicht erlie⸗ gen; bringt ihn in eine Wuͤſte, und der Ton einer Schalmei wird ihn entzuͤcken. Alles trennt ſich zufrieden und mit Ungeduld erwartet man den folgenden Tag. Cognards Hochzeit. Roſalie war noch vor dem Morgenroth auf⸗ geſtanden. Sie hatte in ihrer Huͤtte alles in Ord⸗ nung gebracht und dieſe Ordnung und Reinlichkeit war auch der einzige Zierrath derſelben. Sie hatte 3 0¹ ſich mit den Geſchenken des Mannes, dem ſie von nun an alle ihre Tage widmen wollte, geſchmuͤckt, und ihre Freundinnen hatten ihre beſcheidene Woh⸗ nung mit Bluͤthen und Blumen geziert. In einer großen Stadt will eine Heirath nicht viel ſagen, es giebt deren alle Tage. Der Gleich⸗ guͤltige geht voruͤber und ſieht hoͤchſtens, ob die Braut huͤbſch oder haͤßlich ſey, und das iſt nicht. einmal ſo gauz leicht, weil ſich dort alles in zuge⸗ machten Wagen einkerkert, um die ſchmutzigen Stra⸗ ßen bis zur Kirche zu durchrollen. In einem Dorfe iſt es ein ander Ding. Die Braut erhaͤlt dort die Genugthuung, recht lange geſehey zu werden, und fuͤr ein ſchoͤnes junges Maͤdchen iſt ſo etwas nicht ohne Werth. Die Einwohner haben ihrerſeits die Freude, den Zug und die froͤhlichen Geſichter der Eltern und Freunde der beiden Brautleute zu ſe⸗ hen. Man freut ſich, daß die jungen Leute, nach⸗ dem ſie vielleicht ſo manche ſtuͤrmiſche Fahrt gehabt, welche die Uneinigkeit ihrer Familie oder Eigennutz verurſacht hat, glucklich in der Ehe angelangt ſind. Einmal hat man die Braut geſehen, man iſt be⸗ gierig, ſie noch zum zweitenmale zu ſehen, denn nie war ſie ſo ſchoͤn. Dieſe Schoͤnheit ſchreibt man natuͤrlich dem Kleide, dem Kopfputz zu, und uͤber⸗ legt nicht, daß es das Feuer der gekroͤnten Liebe — ———— S 39 iſt, welches ihren jungfraͤulichen Wangen entſtrah⸗ let. Herr Martin nimmt indeſſen ein Kleid und eine Haube fuͤr nichts anders, als was beide in der That ſind. Auch er iſt fruͤh auf. Er hat freilich weder ein geſticktes Kleid, noch Orden angelegt, eben dieſe Dinge haben ihn ja auch hier nicht beliebt gemacht. Bonifaz hat von ihm eine Schachtel bekommen, wo⸗ rinnen ein herrlicher Strauß fuͤr die Braut, weiße Handſchuhe fur ſie und fuͤr die Familie Cognard enthalten ſind. Herr Martin befahl dem Bonifaz⸗ dieſe Schachtel der Jungfrau des heutigen Tages zu uͤberreichen. Tags vorher war man uͤbereingekommen, ſich um 9 Uhr zu verſammeln, und die alte Thurmuhr kuͤndigte dieſe Stunde des Vergnuͤgens an. Herr von Polmont in uniform und Schärpe, Herr Martin in einfachem grauen Frak und ſchwarzen unterkleidern, Bertrand wie am erſten Jaͤnner gekleidet, und Sophie mit ihren achtzehn Jahren geſchmuͤckt, traten aus dem Schloſſe und begaben ſich zu Cognard. Die Gaͤſte ſammeln ſich von allen Seiten und Herr Martin beobachtete einen Herrn in ganz ſchwarzem Kleide und gepuderten Haaren. Er hatte nur zwei Worte mit der rechthabenden Miene ge⸗ 40 ſprochen, uls Herr Martin in ihm gleich den Pro⸗ curator erkannte, bei welchem Cognard fruͤher ge⸗ arbeitet hatte. Alles ßeellte ſich in Ordnung, um die Braut abzuholen. Der Prveurator glaubte, den Herrn Martin ausgenommen, weiter ſeines Glei⸗ chen nicht zu finden, ſtellte ſich alſo an die Spitze des Zuges und ließ aus beſonderer Artigkeit den Maipe obenan gehen. Roſalie ſtand an der Thuͤrſchwelle und gab ſich alle Muhe, ihre ungeduld zu verbergen, aber ihre Augen ſtraften ſie Luͤgen. Sie empfing die Gaͤſte mit einer herzlichen Freimuͤthigkeit, wie ohngefoͤhr die ſchoͤne Rahel den jungen Jakob wuͤrde em⸗ pfangen haben, wenn ſie keinen Vater gehabt haͤtte. Herr Martin bemerkte, daß ihr Herr mit na⸗ tuͤrlichen weißen Roſen geziert war, und vermuthete daher, daß ihr der uͤherſandte Kopfputz zu praͤchtig geſchienen. Sie wird ihn als Andenken aufbewah⸗ ren. Herr Martin war weit entfernt, die eigent⸗ liche Beſtimmung ſeines Geſchenkes zu ahnen, und was die weißen Handſchuhe betraf, ſo weiß man, daß ein Paar wie das andere ausſieht. Roſalie nahm die Hand des Herrn Martin mit einem be⸗ zaubernden Laͤcheln an, Cognard nahm die Hand ſeiner Mutter und der Herr Prokurator war dies⸗ mal gezwungen, in der dritten Reihe zu gehen. — 41 Man langte bei dem kleinen abgelegenen Haͤus⸗ chen an. Cognards Schweſtern hatten glles an⸗ gerichtet und waren ſo zu ſagen die Wirthinnen. Die öftere Gegenwart des Herrn Maire gab dem Herrn Verwalter in dem Dorfe kein kleines Anſe⸗ hen, man hatte Roſalien immer mit einer gewiſ⸗ ſen Aufmerkſamkeit gegruͤßt, dieſen Abend wird man ſich endlich vor Madam Cognard beugen. Alles begab ſich in die Municipalcapelle, welche in einem Sasle des Schloſſes errichtet war. Herr von Polmont wollte dieſer Ceremonie jene Wichtig⸗ keit geben, welche ſie verdient, und war nicht der neueren Meinung, welche in einem Eheverbuͤndniß nichts weiter, als einen abgeſchloſſenen Contrakt er⸗ blicken will. In der Kirche ſelbſt, war alles mit einem nicht gonz gewoͤhnlichen Lurus bereitet. Der Pfarrer, der Kuͤſter, die Wache, alles war in weißen Hand⸗ ſchuhen. Dubourg und noch vier andere ſonder⸗ bare Schelme, welche Sonntags ohngefaͤhr wie Chorſaͤnger ausſehen, die Vermietherinn der Kirchen⸗ ſtuhle, alles glaͤnzte in weißen Handſchuhen. Welche Menge weiße Handſchuhe! dachte Herr Martin; nun, es iſt die erſte Hochzeit, der ich in Frankreich beiwohne, es mag die Sitte hier mit ſich bringen. Viel fehlte indeſſen nicht, daß Herr 42 * Martin in ein gewaltiges Luchen ausgebrochen waͤre, nur der ernſte und heilige Ort bezaͤhmte ſeine Luſt. Was konnte ihn aber ſo zum Lachen bewe⸗ gen? Er erblickte nemlich eine hoͤlzerne Statue der buͤßenden Magdalena, deren Haͤnde ebenfalls mit wei⸗ ßen Handſchuhen geſchmuͤckt waren und uͤber dem Alter einen Madonnenkopf, welcher mir der koſtba⸗ ren Guirlande geziert war, whe er Roſalien zum Geſchenk beſtimmt hatte. Herr Martin ſchwleg ſehr kluͤglich, als bald darauf der Pfarrer dem Herrn von Polmont fuͤr die 25 Lonis und fuͤr den Kranz und die Handſchuhe dankte, welche er ſo ſinnreich verwendet zu haben glaubte. Der Herr Pfarrer ſteckte ſeine weißen Handſchuhe in die Taſche, und die Feierlichkeit begann. Daß Bonifaz ein Dummkopf iſt, dachte Herr Martin, iſt mir bekannt, wie aber kommen Roſaliens Ge⸗ ſchenke hier in die Kirche her? oho! der Herr Pro⸗ kurator verwendet kein Auge von Sophien, er wird doch mit ſeinen vierzig Jahren keine Anſpruͤ⸗ che mehr machen wollen? Er fuͤr ſeine Perſon ſcheint in dieſem Angenblick bei dem erſten Grade der Liebe zu ſeyn, und wird hoffentlich da halt machen. Mit welchem Entzuͤcken ſprechen doch zwei Liebende das Woͤrtchen ja am Altar aus; ach, 45 warum waͤhret dieſer ſuͤße Taumel nicht ewig! Warum folgen oft ſo bittere Schmerzen, wenn die Beſinnung zuruͤckkehrt! Wir haben alle unſere Feh⸗ ler; allein die Sucht, zu gefallen, laͤßt ſte uns gern bemaͤnteln, und wenn ſie ja bei dem geliebten Ge⸗ genſtande den man vergoͤttert, hie und da durchbli⸗ tzen— ſo will man ſie mit Gewalt nicht ſehen. So wie aber die Liebe ſich abkuͤhlt, wird man gleich⸗ guͤltiger und aufmerkſamer gegen„ſich ſelbſt, die Maͤngel treten gegenſeitig hervor, und man erſtaunt uͤber ſeine fruͤhere Blindheit, indem man ſich nun⸗ mehr unertraͤglich findet.— Dieſe Bemerkungen ſind an einem Hochzeittage nicht an ihrem Platze, fort damit! Nieder mit ſorgenvollen Traͤumen, ath⸗ men wir den Duft der jungen Roſe, welche auf dem Punkte ſteht, ſich zu entfalten! Die Ceremonie war kaum geendet, als ſich älles mit ſeinen Gluͤckwuͤnſchen an die junge Vermaͤhlte dräͤngt. Jeder hat einen Kuß in Bereitſchaft und ſucht das Recht eines ſolchen Tages mit Freuden geltend zu machen. Herr Martin geht mit gutem Beiſpiele voran, und ſprach ohngefaͤhr folgendes: „Der Ring, liebe Roſalie, den Du jetzt empfan⸗ gen, war ein Pfand der Liebe und Treue, nimm von mir einen Ring, als Pfand meiner aufrichtigen Freundſchaft an.“ 44 Dieſes zweite Beiſpiel fand keine Nachahmer. Man ſchickte ſich an, die Kirche zu verlaſſen, und der Herr Prokurator, ſeines hohen Ranges vergeſ⸗ ſend, naͤherte ſich Sophien und bot ihr mit einer lächerlichen Herablaſſung den Arm.„Kommen Sie, „Kleine, geben Sie mir Ihren Arm.“— Sophie, welche dergleichen Hoͤflichkeiten nicht gewohnt war, beeilte ſich, den Arm ihres Vaters zu nehmen. Herr Martin ward durch das Benehmen des Herrn Pro⸗ kurators ein wenig betrofen, und ſagte ihm:„dieſe „Dame nennt ſich Sophie und nicht Kleine. „Glauben Sie mir, wenn man alles gehorig er⸗ „waͤgen wollte, duͤrfte dieſe Kleine groͤßer ſeyn, als „mancher andere, der ſich uͤber ſie erhaben glaubt.“ — Ich weiß ſehr wohl, daß ſich eine Frau hinſichtlich ihres Geſchlechts mit jedem vergleichen kann.—„Selbſt mit einem Proku⸗ „rator. Ach, Sie werden beſcheiden, und ich wuͤn⸗ „ſche Ihnen Gluͤck dazu.“ Wer Teufel muß dieſer Menſch ſeyn? fragte ſich der Herr Prokurator. Der einen ſchenkt er ei⸗ nen praͤchtigen Ring, und fuͤr die andere intereſſirt er ſich auf die lebhafteſte Weiſe. Gewiß einer der neuen Emporkoͤmmlinge, welcher hier auf Koſten ſeines Geldes glaͤnzen will. Wie er das iunge Banermaͤdchen, welche er ſo gern zur Dame ma⸗ chen moͤchte, anſchaut!— Ich habs, ich habs! Mein voriger Schreiber heirnthet eine Wittwe, aber dieſe Kleine bleibt dennoch die Goͤttinn dieſes Tages!— Endlich gelangte man zum Park, ſpielte, huͤpfte, ſang und Thomaſſeau ſuchte ſich Sophien zu naͤhern. Dieſe, den Herrn Prokurator in dem Maaß verwerfend, als Stanislaus liebend, druͤckte ſich feſt an ihren Vater, und Herr Thomaſſeau, wel⸗ cher ſolchergeſtalt die Unmoͤglichkeit einſah, ihr die Empfindung ſeines Herzens ſchildern zu koͤnnen, nahm Cognard bei Seite, um wenigſtens etwas naͤheres uͤber Sophien erfahren zu können. Cognard war durch das lacherliche Benehmen des Prokurators beim Hinnusgehen aus der Kirche in Verlegenheit geſetzt worden, und ſprach daher in Hinſicht des Herrn Martin, Bertrands und So⸗ phiens auf eine Art, welche zwar ganz geeignet war, Herrn Thyomaſſeau von ſeinem Glauben zu⸗ ruͤck zu fuͤhren, aber zugleich Sophien in ſeinen Augen neue Reize zu verleihen. Die Tochter eines Bedienten kann indeſſen keine Welt koſten! Die Frau eines Prokurators hat doch ſchon etwas zu bedeuten, und es liegt etwas angenehmes in dem Gedanken, ein junges unerfahrenes Herz auf die Probe ſtellen zu koͤnnen. Man weiß ja, was das in der großen Welt ſagen will, ein Herz! und der 46 Herr Prokurator wollte doch zur großen Welt ge⸗ hoͤren. Er entſchloß ſich alſo, dem Vater Sophiens einige klingende Vorſchlaͤge zu machen. Herrn Martin, welcher, die Haͤnde in den Rock⸗ taſchen, an einen Baum gelehnt ſtand, entging nichts von allem, was im Innern des Hervn Pro⸗ kurators vorging. Er dreht ſich gegen den Herrn Prokurator, zupft ihn leiſe am Rockzipfel und ſagt ihm ſehr ernſt:„Nehmen Sie ſich in Acht! Herr „Prokurator, ſehen Sie ſich vor, Sie ſind im Begrif „eine große Lächerlichkeit zu begehen.“— Was ſoll das bedeuten? was wollen Sie?—„Ich „muß Ihnen zuvor noch ſagen, daß Bertrand ein „Grenadier der alten Garde und gar nicht aufge⸗ „gelegt zum ſcherzen iſt. Die Kleine erhaͤlt an ih⸗ „rem Hochzeittage hundert tauſend Franken „Ausſteuer, und Sie begreifen, daß ein ſolches „Maͤdchen, eben ſo wenig wie der Vater, mit ſich „ſpaßen laͤßt.“— Was ſagen Sie? hundert tauſend Franken?—„Vielleicht noch mehr, Herr „Thomaſſeau““— und wer wird ihr dieſe Summe gebe?—„Ich.“ Der Prokurator bleibt einen Augenblick ſtehen und geht dann gerade auf Bertrand zu. Er grußt ihn mit vieler Artigkeit, und ſchlaͤgt Sophien 47 eine Parthie Dame vor. Sophie antwortet, daß ſie niemals ſpiele.— Lange Pauſe!—!— Bonifaz fuͤhrte einſtweilen ſeine Pferde zur Schwemme, und ſchaute mit ſeinen aufgeriſſenen Augen dem ganzen Treiben und Wefen zu. Er ſtand wie ein Polyp da, ohne Vergnuͤgen, ohne Verdruß zu empfinden. Herr Martin ward mit einemmale durch das thieriſche Lachen dieſes Bur⸗ ſchen, welcher hinter ihm ſtand, aufgeruͤttelt. Er ſchaute ſich um, und erkannte ſeinen Commiſſaͤr von heute fruͤh.—„Gut, daß Du da biſt, Bonifaz, „was haſt Du mit dem Korbe gemacht?“— Nichts, habe ich da mit gemacht.—„Wo haſt Du ihn gelaſ⸗ „ſen?“— Auf einen Tiſch hab ich ihn hingeſtellt.— „Wo haſt Du ihn hingetragen?“— Wo Sie be⸗ fohlen haben.—„Zu Roſalien?“— Sie haben mir nichts von der Fran Cognard geſagt, Herr Martin.—„Was habe ich alſo geſagt, „Dummkopf?“— Ich ſollte ihn der Jungfrau des Tages bringen; die hohen Feſttage feiern ſich den Tag vorher, und da wir morgen Maria— „ha, ha, ha!“— Aha, Herr Martin lachen, nicht wahr, ich habs gut gemacht?—„Vortreff⸗ „lich.“— Es vergingen nicht 5 Minuten, ſo wuß⸗ ten Bertrand, Sophie, Herr von Polmont den luſtige Hergang der Sache. 48 Herr Thomaſſean wandte ſich wieder zu Herrn Martin, und der letztere ſah daraus, daß ein Prokurator auch in der Liebe ſich nichts, was ihm etwas eintragen konnte, entſchluͤpfen läͤßt. Herr von Thomaſſeau begann.—„Nicht wahr, „Herr Martin, dieſer Mann war mehr als Be⸗ „dienter bei Ihnen?“— Er hatte mein ganzes Vertrauen und beſitzt es noch.—„Es waͤre „unrecht von mir, wenn ich einen gewiſſen Stolz „merken ließe, ich bin nicht von Adel.“— Weil Sie' nicht wollen. Heute ſind wir alle Grafen und Barone.—„Indeſſen muß ich „Ihnen gerade heraus ſagen, ich wuͤnſchte nicht „mit einem Exlakaien an einer Tafel zu ſitzen.“ — Freilich, ein Prokurator!—„Und ein an⸗ „geſehener Prokurator, ich bitte Sie, dies zu erwaͤ⸗ „gen, wie geſagt, ich bitte darum.“ Alle Welt kann nicht Herr ſeyn, dachte Herr Martin bei ich ſelbſt, einer muß den andern be⸗ dienen, und ein treuer Bedienter iſt wahrlich nicht zu verwerfen,— beſonders wenn er Geld hat. Herr Thomaſſeau nahm die Gelegenheit wahr, ſich neben Sophien zu ſetzen. Die Lecker⸗ biſſen bei Tafel waren fuͤr ſie, und das Glas des Herrn Bertrand war nie leer. Der Prokurator machte Sophien nicht geradezu den Hof, er ſagte ihr —— 49 ihr aber doch der ſtudirten Complimente genug, und um beim Vater einen kleinen Stein im Brette zu bekommen, erwaͤhnte er geſpraͤchsweiſe unter andern der Laufbahn des General Stofflet, welcher ein unbedeutender Bedienter geweſen, und ſich ſpaͤter eine ausgezeichnete Achtung erworben und zu erhal⸗ ten gewußt haͤtte. Sophie antwortete ſehr einſylbig, Bertrand lächelte und Herr Thomaſſeau konnte nicht umhin, dieſes Laͤcheln guͤnſtig fuͤr ſich auszu⸗ legen. Die Vergnuͤgungen von St. Germain ka⸗ men nun an die Reihe. Es iſt nicht Paris, dachte der Prokurator, aber genug fuͤr ein ſimples Land⸗ maͤdchen, die ſo eben ihre Schgafe im Stich gelaſ⸗ ſen. Hierauf erwaͤhnte er des Staates und Putzes, auf welchen die Gemahlinn eines Prokurators An⸗ ſpruͤche machen duͤrfte, und da er doch einmal en⸗ den mußte, ſo endigte er mit einem Seufzer, wel⸗ cher indeſſen mehr den hunderttauſend Franken, als der ſchoͤnen Sophie ſelbſt zu gelten ſchien. Herr Thomaſſeau hatte ganz die Geſchäftig⸗ keit eines Prokurators, und die Mitgift ſpornte ihn noch mehr an. Er war alſo entſchloſſen, keine Zeit zu verlieren. Kaum war man von Tiſch aufge⸗ ſtanden, ſo ſuchte er Cognards habhaft zu werden, der freilich heute andere Sachen im Kopfe hatte, u. 4] 50 aber ſeinem ehemaligen Herrn doch nichts abſchla⸗ gen konnte. „Cognard, ſprach Herr Thomaſſeau, ich „finde Mademviſelle Sophie recht huͤbſch.“ — Das muß wohl wahr ſeyn, denn es geht vielen Leuten ſo.—„Sie hat Verſtand.“— Mir kam es vor, als haͤtte ſie nur wenig mit Ihnen geſpro⸗ chen und geantwortet.—„Eben deshalb; eine „andere haͤtte geplappert, in die kreuz und „quer, ſie nicht. Ueberdem will es verlau⸗ „ten, als habe ſie hunderttauſend Franken „Ausſteuer?“— Das will ich glauben, denn Hert Martin ſtattet ſie aus, und, der iſt ungeheuer reich.—„Wahrhaftig! Ich finde ſie ausge⸗ „eichnet liebenswuͤrdig.“— Solchergeſtalt ruͤckte der Herr Prokurator immer naͤher und naͤ⸗ her und verlangte am Ende von Cognard, daß er in ſeinem Namen den Vater Bertrand um die Hand ſeiner Tochter anſuchen ſolle. Es iſt zu begreifen, daß Cognard nicht lange mit dem Herrn Prokurator ſprechen konnte, ohne daß Roſalie nicht zugegen geweſen waͤre. Sie hatte auch bereits ihren runden Arm unter Cog⸗ nards Arm geſchoben und die kleine Hand ruhte in der ſeinigen; eine ſolche Stellung mußte der Aufmerkſamkeit Cognards natuͤrlich etwas ſchaden. —————— 51 — Sie antworten nicht, lieber Cognard?— „Ich muß offenherzig geſtehen, ich mag mich nicht „gern in ſolche Heirathsangelegenheiten miſchen.“ — Und warum nicht? ſprach Roſalie. Der Herr Prokurator iſt ein Mann bei der Stadt und So⸗ phie iſt ſo gut, ſo ſanft, ſo ſchoͤn.— Der Leſer muß ſich erinnern, daß Roſalie nichts von dem vornehmen Herkommen Bertrands weiß. Es iſt etwas gewöhnliches, daß man vor ſeiner Frau ein Geheimniß hat; aber vor ſeiner Geliebten in ſolchen Augenblicken ſich zu verſchließen, 6 ein Be- weis von großer Staͤrke. Cognard weigerte ſich, den Antrag zu machen. Ro ſalie beſtand darauf, und Herr Thomaſſeau wuͤrde, wenn ſie es nur geſtattet hätte, ſie in die⸗ ſem Augenblicke noch lebhafter gekußt haben, als er es fruͤher gethan hatte. Die Einigkeit ſing an, un⸗ ter den beiden Eheleuten ein wenig zu wanken, und Roſalie, ungeduldig, kein Recht von Cognard zu bekommen, verließ ihren Gemahl, um ſelbſt zu Bertrand zu laufen und ihm den Wunſch des Herrn Prokurators zu verkuͤnden. Cognard ward durch dieſe Uebereilung beunruhigt und lief ſeiner Frau nach, Herr Thomaſſeau rannte hinter Cog⸗ nard her, um ihn von ſeiner Frau zuruͤckzuhalten, und ſämmtliche Hochzeitgaͤſte liefen neugierig herbei, 52 um den Grund zu wiſſen, warum die andern liefen. Roſalie begegnete Herrn von Polmont und er⸗ zaͤhlte ihm in 4 Worten, was ſich begeben wuͤrde. Herr von Polmont lachte ihr ins Geſicht. Sie ließ ſich nicht irre machen und wandte ſich zu Herrn Martin, Herr Martin lachte ihr ins Geſicht, ſie endete bei Herrn Bertrand und Bertrand lachte ihr ins Geſicht. Herr Thomaſſeau, welcher ſol⸗ chergeſtalt ſein Geheimniß vor beinahe dreißig Per⸗ ſonen verrathen ſah, glaubte der Sache ein Ende machen zu moͤſſen, und erklaͤrte ſich ſtolz und breit und weitläuftig uͤber die Wuͤrde ſeines Standes, und uͤber das, was Sophie durch ihn werden konne. Statt eine Antwort zu bekommen, lachen ihm Herr von Polmont, Bertrand, Martin ins Geſicht, Cognard beißt ſich in die Lippen, Roſalie ſteht ſtarr wie eine Saͤule da.—„Für⸗ „wahr, ſchrie Herr Thomaſſeau, ich haͤtte mich „nicht für ſo lächerlich gehalten,“ und mit dieſen Worten lief er fort, und in wenig Minnten war er der Geſellſchaft aus dem Geſichte entſchwunden. „Sieh, mein liebes Kind, ſprach Cognard zu „Roſalien, mit ein wenig mehr Gelaſſenheit wuͤr⸗ „deſt Du Dir die Unannehmlichkeit erſpart haben, „Dich ietzt uͤber Dich ſelbſt luſtig machen zu muͤſ⸗ „ſen.“— Ja, mein lieber Herzens⸗Cognard, ich 53 ſehe ein, ſolche Sachen werden beſſer gehen, wenn wir Weiber ſtets den Maͤnner folgen.—„Komm, „meine liebe ſchoͤne Frau, gieb mir den Verſoͤh⸗ „nungskuß, und noch einen Kuß der Liebe. Die „Liebe iſt mehr werth, als alles hin und herreden, „und ſie geleite uns durchs Leben.“— Roſalie bing an ſeinem Halſe, und uͤberhaͤufte ihn mit ihren Liebkoſungen. Er blickte nach der Sonne,„noch „zwei Stunden, ſagte Cognard, und es iſt Abend.“ Roſalie erroͤthete und ſchlug die Augen nieder.— So antwortet ſtets die jungfraͤuliche Scham. „Oho! wer kömmt dort angefahren? Das Mit⸗ „tageſſen iſt voruͤber, er kömmt zu ſpaͤt!— Es iſt dex Herr Prokorator, welcher ſein Cabriolet beſtie⸗ gen, und dem endlichen Trott ſeines Pferdes durch einige Peitſchenhiebe zu Huͤlfe gekommen war. „Meine Herrſchaften, ſprach er, ein Mann von „meinem Stande, welcher ſelbſt im Magiſtrate „eine Stelle hat, und eine Equipage ſich halten „kann, bleibt nicht in einer Geſelſchaft, welche die „ſchuldige Achtung gegen ſeine Perſon verletzte. Ich „fahre nach Hauſe, und uͤberlaſſe ein junges Maͤd⸗ „hen und ihre Eltern, welche die Vortheile einer „Verbindung mit mir, nicht zu beurtheilen ver⸗ „ſtehe— ihrem ſich ſelbſt bereiteten traurigen „Schickſale.“ Gluͤckliche Reiſe, ſagte Herr Martin leiſe, und gluͤckliche Reiſe wiederholte alles, die Fa⸗ milie Cognard ausgenommen. Thomaſſeau wurde noch wuͤthender, ſchwor, der Geſellſchaft einen Prozeß zu machen, und peitſchte ſein Pferd, um es in Golopp zu bringen mit dem umgekehrten Peit⸗ ſchenſtock. Dieſer zerbrach, und das Pferd, welches, der thaͤtigen Zurede zu lieb, wirklich einen kleinen Trab begonnen hatte, ließ allmaͤhlig von ſeinem Eifer ab, ſtand am Ende ganz ſtill und war im Be⸗ griff, der friſchen gruͤnen Weide ſich zu frenen. Herr Thomaſſeau mußte alſo unter allgemeinem Ge⸗ laͤchter ſtill halten. „Jetzt iſt es an mir, Ihnen ein Prozeß zu ma⸗ „chen, rief Herr von Polmont. Wie können Sie „Ihr Pferd in meinem Parke weiden laſſen?“ Cognard bat fuͤr ſeinen Prokurator; Herr Thomaſſeau ſprang auf und wollte Herrn Ber⸗ trand, der ihn ruhig und feſten Blickes anſah, zu Leibe. Er fehlte in der Hitze, gleitete aus, ver⸗ ſtauchte ſich den Fuß und ſetzte ſich ziemlich derb beim Hinabſpringen ins Gras. Jetzt nahm ſich al⸗ les ſeiner an, hob ihn auf, rieb ihn, dieſer bot ihm Salz, der andere holte den Schmidt des Dorfes, denn die Einwohner von Acheres waren noch ſo gluͤcklich, keinen Doktor zu beſitzen. 5. 55 Der Herr Schmidt, zugleich Barbierer, langt an, und erklaͤrt gleich anfangs, daß es nothig ſey⸗ eine Bittſchrift bei der Kammer einzureichen, die Guillotine abzuſchaffen, weil dieſes Inſtrument die Entwickelung des ſogenannten Galgenfettes verhin⸗ dre, ohne welches man keine Verſtauchung heilen koͤnne. unterdeſſen waͤſcht er den Fuß mit Kam⸗ pferſpiritus, und huͤllt ihn in einen ſchwarzen Man⸗ tel der Madame Cognard ein. Solchergeſtalt eingewickelt, ſpricht er es aus: daß Herr Thomaſ⸗ ſeau die Stoße des Cabriolets vertragen, und in den Wagen zur Heimreiſe gebracht werden könne. Geſagt, geſchehn, er wird in den Wagen ge⸗ bracht, ſein Fuß auf ein Strohkiſſen gelegt, und Herr von Polmont giebt ihm einen Bedienten, welcher den Auftrag erhalten, alle moͤgliche Sorg⸗ falt fuͤr den Patienten zu tragen, zur Begleitung mit. Zum zweitenmale wuͤnſchte man ihm eine gluͤckliche Reife. „Nun, Bertrand, rief Herr Martin, wirſt „Du jetzt laͤugnen, daß Herr Thomaſſeau noth⸗ „wendigerweiſe ſich zu Acheres den Fuß verſtauchen „mußte? Haſt Du bemerkt, wie ein Ereigniß das „andere draͤngte, daß alles ſo und nicht anders „kommen konnte? Eine Kugel rollt, wenn eine „andere ſie treibt, aber ſie rollt nicht allein, nein, 56 ſie rollt mit der Schnelligkeit und in der Rich⸗ „tung fort, welche beide mit dem Stoße in Ver⸗ „haͤltniß ſtehen, welchen ſie empfangen hat. Du „wirſt das auf einem Billard am beſten bemerken „konnen.“ — Ich weiß ſehr wohl, daß eine Kugel laͤuft, wohin ich ſie ſtoße, aber der Vergleich iſt nicht richtig. Denn wie, wenn Cognard nicht bei dem Prokurator in Dienſt geſtanden waͤre? wenn Herr Thomaſſeau ein munteres raſches Pferd gehabt, und keine Frau mit einer reichen Mitgift geſucht hatte? wie dann?— ſo hötte alſo, ein zufaͤlliger Umſtand weniger, die Verſtauchung verhindert. alt! rief Herr Martin. Was Du immer KHufaͤlligen Umſtand nennſt, nenn ich Glied der „großen, nie zu zerſtoͤrenden Kette. Wenn ich Dir „ſage, das die Vegetation ein Ding der Nothwen⸗ „digkeit iſt, willſt Du mir alſo beweiſen, daß es, „wenn man die Sonne wegnehmen könnte, keine „geben könne?— Der Sonnenſchein iſt kein „zufaͤlliger umſtand?— und wer kann das „feſt behaupten? Biſt Du ſo gewiß, daß dieſe alle „hervorrufende Lebenswaͤbme, welche von ihr auszu⸗ „gehen ſcheint, nicht am Ende ihr mitgetheilt wird⸗ „Aber laſſen wir die Sonne und kommen wir auf „den Grund unſerer verſchiedenen Anſichten zuruͤck. 57 „Knuͤpfen wir den Faden, welcher die Verſtauchung „herbeifuhrte, ſo weit an, als wir wollen.“ „Im Blute des Vaters Cognard, nehmen „wir an, lag Ehrgeiz. Es lag in ſeinem Verſtande, „nicht weit hinausſehen zu können. Konnte er ſein „Weſen aͤndern, oder ſeiner Organiſation entgegen „handeln?“— Nein.—„Es war alſo nothwendig, „daß ſein Sohn erſter Schreiber bei einem Proku⸗ Hrator wurde. Der Vater ſtirbt. Sein Sohn „kann ſeine Mutter und Geſchwiſter nicht dem „Willen ſeinen Eitelkeit St er verlaͤßt den „Prokurator und greift zum Pug. Heißen Blu⸗ „„tes, wie er iſt, folgt er dem Spruche: wachſet „und mehret euch. Roſalie gefaͤllt ihm, er „mußte ſein Geſchick an das ihre feſſeln und ſie „heirathen.“ „Seine kleine Ste bewog ihn, ſeinen „Prokurator an ſeinem Gluͤcke Antheil nehmen zu „laſſen. Der Prokurator glaubte, eitel genug, hier „eine große Rolle zu ſpielen und freute ſich deſſen „im Voraus. Fleiſchliche Luͤſte zwicken ihn auf „der einen Seite eben ſo, wie ihn auf der andern „die Begierde nach Geld reizt. Sophie mußte „ihm den Kopf verdrehen. Er benahm ſich, eine „Folge ſeines Charakters, laͤcherlich genug, wir „mußten alſo lachen. Sein gekraͤnkter Stolz, mußte 66 „ihn noch hitziger machen, das ſatiriſche Laͤcheln „Bertrands mußte ihn auf das hochſte treiben, „es trieb ihn zum Sprunge und das Verſtauchen „des Fußes war eine Folge ahſolut nothwendiger „Begebenheiten.“— Wenn er aber zur Seite hinausgeſprungen waͤre?—„Ein Menſch im „Zorne uͤberlegt nicht, ſieht nicht, folgt blindlings „ſeinem Willen. Alles haͤngt unaufloͤslich zuſam⸗ „men, er mußte ſo und nicht anders und zwar auf „„ienen Kieſelſtein ſpringen/ und ſc den Fuß ver⸗ „ſtauchen.“ Waͤhrend dieſe Herren ſch in der Phyſik und Metaphyſik mit Gruͤnden erſchoͤpften, war die Sonne untergegangen, wie es Cognard vorher ſo ſehnlich gewuͤnſcht hatte. In ſeinem Sinne hielt er die ganze Welt umfangen. Mit ſuͤßer Trunkenheit tritt er in die Hochzeitskammer und Roſalie theilt ſein Entzuͤcken Dieſe jungen Leute fragen nicht, ob es nothwendig oder nicht ſey, daß ihre Herzen für ein⸗ ander ſchlagen. Sie ſinden in ſich eine Quelle un⸗ nennbarer Freuden, und ſie genießen, ohne Genuß zu zergliedern. . 59 Ein unerwartetes Begegnen. Ein Monat war verſloſſen. Cognard und Roſalie fanden ihr Gluͤck in ihrer Heirath, Vin⸗ cent und Pelagie hatten ſo eben Hochzeit gehal⸗ ten. Die kleine Frau hatte ihren Ruf als Koͤchinn, welcher durch Dubourg ſo gelitten, vollkommen wieder gerechtfertigt. Die Werkſtatt des Tiſchlers war reichhaltig gefuͤllt, die Arbeit kam von allen Seiten und Herr Martin, Bertrand und So⸗ phie wohnten bereits in ihrem kleinen Hauſe. Herr Martin ſpielte entweder mit ſeinem Freunde Schach, oder mit Herrn von Polmont eine Parthie Billard, zu Hauſe las er in irgend ei⸗ nem philpſophiſchen Werke, oder troſtete die zaͤrtlich ſchoͤne Sophie, und verſicherte ſie ſeiner unwan⸗ delbaren Freundſchaft. Bertrand hatte ein großes Werk, eine Ge⸗ ſchichte der polniſchen Revolution unternommen. Er wartete der Blumen, welche Sophie gepflanzt, und hielt nebenbei auf einen guten Keller, den Herr Martin nicht ermangelt hatte, gehorig zu verſehen. Sophie hatte Stanislaus zu Ehren einen jungen Kaſtanienbaum gepflanzt. Die Sonne mochte noch ſo heiß brennen, ſie ſtickte, ſie ſang, ſie lächelte zuweilen, ſie ſeufzte recht oft unter die⸗ 60 ſem Baume. Sie lernte eine Wirthſchaft fuͤhren, und hielt keine Arbeit unter ihrer Wuͤrde. Von Zeit zu Zeit ſprach wohl ein ungluͤckticher bei dem Hauſe an, doch war dies ſelten der Fall, Herr Martin liebte die Arbeitſamkeit und unterſtutzte jeden, der Luſt und Liebe ſich zu naͤhern hatte. Faſt war keine Straße mehr in Acheres, wo nicht irgend jemand ihm ſein Gluͤck zu danken hatte und der Ruf:„Es lebe Herr Martin!“ ſchmeichelte oft genug ſeinen Ohren. Dieſer Ruf ging warlich von Herzen, und im ganzen Dorfe war niemand, der 30 Sous, um ihn zu bewerkſtelligen, bezahlt haͤtte. Indeſſen hatte Herr Martin warlich des Gu⸗ ten genug gethan, und er fand ſich auf das Schach⸗ ſpiel, Billard, ſeine Buͤcher und die Unterhaltung mit ſeinem Freunde beſchränkt. Solche unterhal⸗ tungen ſind in der Regel etwas einfoͤrmig, aus der Einförmigkeit entſpyringt die Langweile und wenn man erſt der Langweile gedenkt, ſo iſt man nicht weit von dem eigentlichen ſich langweilen mehr entfernt. Meine lieben Freunde ſagte er eines Tages zu ſich ſelbſt, unterhalten ſich hier eben ſo wenig, wie ich, ſie ſind indeſſen zu beſcheiden, um es mir zu geſte⸗ hen, weil der Aufenthalt in einer großen Stadt meine Ausgaben verdoppeln wuͤrde. Ich muß ih⸗ ——————— 61 nen zuvorkommen und ſie belehren, daß es nicht Sparſamkeit von meiner Seite iſt, welche ſie hier noch laͤnger zuruckhaͤlt, da die Gruͤnde, welche vor⸗ handen waren, ſie zu verbergen, nicht mehr beſte⸗ hen. Wie Sophie es voraus geſehen, ſo geſchah es. Herr Martin hatte keine Urſach, mit ſeinem Gedanken hinter dem Berge zu halten, er ſprach alſo laut:„Die Fuͤrſtinn, Matiska und Erich „ſind jetzt in Petersburg, und Ihr, meine lieben „Freunde, ſeht Euch nur durch Eure traurigen „Gluͤcksumſtaͤnde zuruͤckgehalten. Es iſt Zeit, daß „Ihr unabhaͤngig von allem werdet. Die Freund⸗ „ſchaft lehrt mich meine Schuldigkeit und ich er⸗ „fulle ſie mit einem ungemeinen Vergnuͤgen. Mor⸗ „gen will ich nach Paris, wo ich Geſchaͤfte habe, „und ich werde Euch ſogleich in Beſitz eines an⸗ „ſtaͤndigen Einkommens ſetzen. Mein Vermogen „gehoͤrt nach meinem Tode Sophien, waͤhlt Euch „einen Ort, wo Ihr glaubt angenehm leben zu „koͤnnen, ich ziehe mit. Mein Herz bedarf Eurer, „ich. kann mich nicht von Euch trennen. Das waͤre „alſo abgemacht, nicht wahr?“— So werden wir Ihnen alſo fortwaͤhrend zur Laſt fallen?—„Zur „Laſt fallen, nennſt Du das, Bertrand? Sage mir, „wenn ich Bertrand und Du Martin woͤreſi, „was wuͤrdeſt Du thun?“— Ich wuͤrde daſſelbe 629 thun.—„Alſo, Bertrand, nur keinen Stolz „zur unrechten Zeit.“— Recht, mein einziger wah⸗ rer Freund, ſprechen wir nicht weiter davon.— Sophie laͤchelte, rieb ſich die Haͤnde und ſagte kein Wort. Ich verſtehe, ſprach Herr Mar⸗ ℳtin, wenn es nach Ihnen ginge, ſo lebten wir zu „Paris, oder London, oder Wien, nur an einem „Orte, wo es eine ruſſiſche Geſandtſchaft giebt, „und wo Sie(der Gefahr des Vaters vergeſſend), „einige Nachrichten von dem Gegenſtande erfahren „konnten, der Sie ſo ausſchließlich beſchaͤftizt. „Werden Sie nicht roth, liebes Kind, das Geſetz „der Rothwendigkeit will, daß Sie alles auf den „Gegenſtand Ihrer theuerſten Wuͤnſche beziehen „muͤſſen.“ „Ob ich meinen Bonifaz mit mir nehme? „bei meiner fruͤheren Fahrt ſtand ich an, doch jetzt „iſt nichts mehr zu fuͤrchten. Will ich ſchwatzen, „ſo werde ich uber ſeine albernen Antworten lachen; „will ich zu Fuß gehen, ſo bleibt er bei den Pfer⸗ „den, und von Neully ſchick ich ihn zuruͤck.“ Herr Martin ſitzt im Wagen, und ſchlaͤgt den Wes nach Paris ein. Er ſieht rechts und links und vor und hinter ſich, ob ihn denn auch gar nichts aufſtoßen will, was Stof zu neuen Beobach— tnngen gehen könne. Man iſt nicht alle Tage ſo 63 gtucklich, und er ſah nichts, als zwei oder drei Wa⸗ gen, die den ſeinigen kreutzten. Seine Einbildungs⸗ kraft war unbeſchaͤftigt; die Hitze druͤckend und der Schlaf uͤberraſchte ihn. Auf der Reiſe ſchlsfen, iſt freilich ein ſicheres Mittel, um den Weg weni⸗ ger lang zu finden, jedoch dem nicht anzuempfeh⸗ len, der beſtimmt iſt, die Zuͤgel der Pferde zu re⸗ gieren. Auf dem Wege lagen einige große Steine; die Pferde welche freilich nicht ſchliefen, aber von der Natur, ich weiß nicht warum, weniger Urtheils⸗ kraft empfangen haben, bemuͤhten ſich ſo lange, den Wagen bald rechts bald links ſchiebend, daruͤber wegzuziehen, bis Herr Martin endlich an einem Sandhuͤgel umgeworfen wurde. Nichts war natuͤr⸗ licher, als daß er plotzlich erwachte, und der erſte Gegenſtand, der ihm ins Auge fiel, war Bonifaz, welcher hinter dem Wagen ſtand, und Herrn Mar⸗ tin mit ſeinen gewohnlichen Buͤchlingen bewill⸗ kommte.—„Was machſt Du hier?“— Ich habe die Ehre zu verſichern, daß Sie umgeworfen haben.—„Wirklich— aber warum gingſt Du „hinter dem Wagen?“— Ich ſah nach, von welcher Seite er fallen wollte; ich merkte gleich, daß er links heruͤber ſchwankte.—„Gieb mir „die Hand.“— Ei beileibe, der Reſpekt!—„Gieb „mir die Hand, ich kann doch hier nicht 6. „liegen bleiben.“— Wie es Ihnen gefaͤllig ſeyn wird.—„Ich muß wahrhaftig allein aus „dem Wagen kriechen.— So—, das war „ein Sturz, deſſen ich nie in meinen Me⸗ „moiren, wenn ich ie welche ſchreiben „ſolkte, erwaͤhnen werde. Kein zerbroche⸗ „nes Glied, kein geſchwollenes Auge, nicht „einmal eine einfache Quetſchung. Aha! „wer iſt denn das große dicke Maͤbchen?“— He, he! das iſt Suſette.—„Und was ſoll ſie „hier.“— Hab's Ihnen ja immer geſagt, daß ich ſie mitnehmen werde, wenns einmal nach Paris ge⸗ hen ſollte.—„War das nothwendig?“— Seht nothwendig, ſie iſt ſtark und ſoll uns helfen, den Herrn Martin ſeinen Wagen wieder in die Höhe zu richten.—„Der Kerl war nicht ſo dumm.“ Waͤhrend Bonifaz und Suſette alles an⸗ wenden, den Wagen wieder in die Hoͤhe zu bringen⸗ zogen einige reiſende Muſikanten voruͤber. Dieſe Leute durchſtreifen das Land nicht auf Koſten derer, die da hören, ſondern hauptſaͤchtlich derer, die da zahlen wollen. Sie wurden kaum den Wagen des Herrn Martins anſichtig, als ſie ſich um ſei⸗ nen Beſitzer verſammelten, und, feſten Glaubens auf ſeine Freigebigkeit, ihre Inſtrumente bereits zu ſtim⸗ men verſuchten, waͤhrend Bonifaz und Suſette beim 65 beim Hinaufbringen des Wagens Blut und Waſſer ſchwitzten. Ungluͤcklicher Weiſe aber wollte das Ge⸗ ſchick, daß dieſe Leute mit beginnen mußten. Bo⸗ nifaz und Suſette ließen getroſt den Wagen in die vorige ſchiefe Richtung zuruͤckfallen und began⸗ nen, mitten auf die breite Landſtraße zu ſpringen und zu tanzen. Anfangs lachte Herr Martin, am Ende aͤrgerte er ſich, er gebot den Muſikern Still⸗ ſchweigen. Dieſe glaubten aber die erhaltenen 5 Franken retten zu muͤſſen, und blieſen wuͤthend darauf los. Bonifaz und Suſette hoͤrten kaum; je ſtaͤrker man blies, je hoͤher ward geſprungen, und Herr Martin erlaubte ihnen endlich, ſo lange zu tanzen, als es ihnen gefallen wuͤrde, und ihm Wa⸗ gen und Pferde nach dem weißen Roß zu St. Ger⸗ main nachzufuͤhren. Er ſelbſt ging zu Fuß voraus, um den herzzerſchneidenden Toͤnen zu entgehen. Von einem Huͤgel, den er ſchnell genug zu er⸗ ſteigen ſuchte, blickte er zuruͤck. Bonifaz und Suſette ſchienen nichts weniger, als ermuͤdet. Halb lachend, halb aͤrgerlich ging er weiter, und gelangte ſo zum weißen Roß. Er beorderte jemand aus dem Wirthshauſe, gut aufzupaſſen und ſeine 4 Thiere ſogleich anzuhalten, waͤhrend er ſelbſt einige Erfri⸗ ſchungen zu ſich nahm, und die philoſophiſche Be⸗ n.[656 66 merkung machte, daß Ungeduld und Zorn am Ende zu nichts helfen. Eine Stunde, zwei Stunden gehen voruͤber, der Wagen koͤmmt nicht an.„Sie koͤnnen doch un⸗ möglich jetzt noch tanzen.“ Eine ſolche Bewegung hielie ein Herkules nicht aus. Was iſt aus ihnen und aus meinen Pferden geworden? Dem Wirthe ward befohlen, fuͤr Wagen und Pferde zu ſorgen und ſie ſobald wie möglich nach Acheres zuruͤck zu ſenden; Herr Martin nahm in einem Miethswa⸗ gen Platz, fuhr ab, und kam zu Paris an. Der Leſer wird nicht vergeſſen haben, daß Herr Martin fruͤher einmal nach Warſchau geſchrieben, und ſeinem Intendanten befohlen, ihm Pferde, Equi⸗ pagen und Bedienten zu ſenden. Alles war ſeit 4 Tagen angekommen, und ſeit 2 Tagen hatte be⸗ reits keiner der Dienerſchaft einen Sous mehr in ſeiner Taſche. Die Herren Intendanten verſtehen zu rechnen, und ie weniger ſie den Leuten geben, je mehr bleibt natuͤrlich ihnen. Die Livree des Fuͤr⸗ ſten ward indeſſen im Hotel der Sultaninnen an⸗ genommen, und zwanzig ſchoͤne Pferde, fuͤnf bis ſechs elegante Wagen, ſagten von ſelbſt fuͤr die Auslagen gut. Der Maitre d'Hotel, welcher kredi⸗ tirt hatte, ermangelte nicht, auf eine ſehr feine Art ſein vermeintliches Verdienſt bei Sr. Durch⸗ 67 laucht geltend zu machen, und legte die Auslagen in Unterthaͤnigkeit vor. „Was Teufel, wofur haͤlt man mich, rief Fuͤrſt „Palowsky, funfzehn hundert Franken in vier „Tagen?“— Ich erſuche Ew. Durchlaucht nachzu⸗ rechnen.— Fuͤr Logis, Stallung, Tiſch und Futter, zwei hundert Franken.—„Das geht an.“— Da indeſſen meine Staͤlle und Remiſen und mein Logis gerade in dem Augenblick, gls die Equipagen von Ew. Durchlaucht ankamen, beſetzt waren, ſo ſah ich mich genoͤthigt, um nicht die Livree von Ew. Durch⸗ laucht zuruͤck zu weiſen, meine Herren Miether ſammt und ſonders zu delogiren; ich bin daher ge⸗ zwungen, mich ein wenig dafuͤr ſchadlos zu halten. „Ich zahle, was recht iſt, laſſe mich aber nicht be⸗ „truͤgen; Friedrich, zum Polizeikommiſſaͤr, ich laſſe „ihn herbittten.“— Ew. Durchlaucht, es iſ voͤllig unndͤthig, daß die Polizei ſich hier ins Mittel ſchlage.—„Ich will, daß ſie es „thue.“— Lieber will ich das abſtreichen, was Ew. Durchlaucht fuͤr gut befinden ſoll⸗ ten.—„Die Rechnung wird durch den Kommiſ⸗ „ſär geſtrichen werden.“— Ich ſetze die Rech⸗ nung auf No. Null hergb.—„Hoho! ich gebe „wohl Geſchenke, nehme aber nie welche an. Laſſen „wir das!“ 68 Der Kommiſſär kam, im Voraus ſchon Willens, zu Gunſten des Fürſten zu ſprechen, und ließ ſich ſogleich die Fremdentabelle zeigen. Aus derſelben ging hervor, daß die Bedienten Zimmer bewohnten, welche keine Zimmer waren, und daß ſeit 14 Tagen keine herrſchaftliche Wagen eingekehrt waren. Der Magiſtrat bewilligte die erſte Forderung des Wir⸗ thes und ſtrich alles andere mit Vorbehalt, ihn noch obenein zu ſtrafen, rein weg. Der Fuͤrſt und Herr Martin halten beide gleich Wort. Augenblicks verließ er den Gaſthof und ſein erſtes Geſchaͤft, nachdem er in dem Hotel Perou eingezogen, war, ſich die nothigen Schreib⸗ materialien bringen zu laſſen. In zehn Linien faßte er einen muntern und einzigen Artikel ab, ließ ihn eopiren und ſandte Friedrich damit fort, um ihn in die verſchiedenen Journale einruͤcken zu laſſen. Mich zu raͤchen, iſt unter meiner Wuͤrde, aber mei⸗ nen reiſenden Rachfolgern, welche vielleicht einmahl meine Stelle bei den Sultaninnen einnehmen könn⸗ ten, bin ich doch einen kleinen Fingerzeig ſchuldig. Nachdem er gut zu Abend gegeſſen, kleidete er ſich aus, und legte ſich diesmal, ohne der Dienſie eines Kammerdieners zu bedurfen, zu Bette. Dieſer lief von einer Redaktion zur andern. Die Journaliſten ſind ſtets bereit, ein Epigramm abzudrucken, das einen großen Herrn, der noch dazu ſeinen Namen nicht verſchweigen will, zum Verfaſſer hat. Dieſes kam gerade noch zu rechter Zeit, um den Leſer von den langweiligſten Aufſaͤtzen, die kein Ende neh⸗ men wollten, abzuziehen und ein wenig zu zerſtreuen. Den Morgen darauf laß man in allen Winkeln von Paris den Artikel des Fuͤrſten, in wenig Tagen wird man ihn in ganz Frankreich leſen, die Reiſen⸗ den werden ſich vor den Sultaninnen huͤten, und dieſen Gaſthof wie eine Scylla und Charybdis zu meiden wiſſen. Werden ſie anderswo aber beſſer be⸗ handelt werden? Hierauf mochte die Antwort ſchwer werden. Friedrich erhielt den Auftrag, dem Fuͤr⸗ ſten ein geſchmackvolles und elegantes Logis zu miethen, es ſogleich zu meubliren und Se. Durch⸗ laucht beſtimmten beim Fruͤhſtuͤck, was ſie alles wäͤhrend dem Laufe des heutigen Tages vune⸗ men gedachten. Zuletzt gedachte der Fuͤrſt zu einem Notar zu gehen, um alles, was er hinſichtlich der Familie Obinskis beſchließen wollte, in Ordnung zu brin⸗ gen. Von dem Notar zum ruſſiſchen Geſandten, von dieſem, zu den Mentagnes russes, von denen er ſo viel gehoͤret hatte, und welche ſo wenig dem Simplon oder dem Mont blanc gleichen ſollten, als eine kleine Huͤtte dem Straßburger 70 Munſter. Dieſes beendigt, wollte er das Logis, wel⸗ ches Friedrich für ihn gemiethet haben wuͤrde, beſehen, alles anordnen und morgen fruͤh als Herr Martin nach Acheres zuruͤckkehren, um ſeine Freunde abzuholen, und ſie in die neu bereitete Wohnung einzufuͤhren. Palowski empfand ſeit einigen Tagen das Vergnuͤgen, welches jede angenehme neue Lage in der Regel hetvor zu bringen pflegt. Er war mit Orden und Sternen bedeckt, ſein Wagen von aͤußer⸗ ſter Eleganz, wie die Livree ſeiner Bedienten, und er konnte daher nicht umhin, ſich innerlich daruͤber zu freuen, daß er ein Gegenſtand der Aufmerkſam⸗ keit und vielleicht des Neides war. War er denn nicht eben ſo glücklich, als er fruͤher in ſeinem ein⸗ fachen grauen Rocke unter Gottes freiem Himmel umherwandelte, und Abentheuer auf Abentheuer ſuchte? Er beſorgte alles, wie er ſich vorgenommen hatte. Der Notar belehrte ihn, daß iede Schen⸗ kungsakte nur rechtskraͤftig guͤltig waͤre, wenn ſie von dem Empfänger angenommen und unterzeichnet ſey und Obinski war nicht zugegen; derFuͤrſt kannte freilich keine Hinderniſſe, hier mußte er indeſſen dennoch nachgeben. Die Stivulirung des Teſta⸗ mentz hatte keine Schwierigkeiten, Palowski dik⸗ S tirte in wenig Worten:„Ich uͤberlaſſe all das mei⸗ „nige dem Herrn Grafen zum Rießbrauch und mein „ganzes Vermoͤgen, Hab und Gut nach meinem „Tode der jungen Graͤfinn. Beide wiſſen, daß es „Ihnen, ſo lange ich lebe, an nichts fehlen wird, „alſo wird eine Schenkungsakte nicht weiter von „nothen ſeyn.“ Die eben beendigte Sache hatte ein Fuͤrſten mehr als eine Stunde auf eine ziemlich ernſthafte Weiſe beſchaͤftigt; er glaubte ſich alſo bei dem Ge⸗ ſandten auf eine angenehme Weiſe zu unterhalten. Der Geſandte konnte ihn nicht gleich annehmen, Palowski ſpatzierte beinah eine halbe Stunde in einem großen Saale auf und nieder, gaͤhnte, beſah vald den Plafond und bald den Fußboden. Die Kabinetsthuͤr bffnete ſich endlich, und eine Schau⸗ ſpielerinn, welche gerade ſehr en vogue war, ver⸗ ließ ſo eben die Exeellenz, welche freilich ein wenig verlegen, aber doch zu gewandt war, um nicht gleich ein Geſpraͤch anknuͤpfen zu können.——. Auf den Rutſchbergen ſieht der Fuͤrſt eine Menge junger Wagehaͤlſe, welche alles mogliche thun, um ſich den Hals zu brechen, Nymphen, wel⸗ che in ihren luftigen Kleidern den Stutzern an Kuͤhnheit nichts nachgeben wollen. Weiber, welche zwar einige Vernunft und urtheilskraft blicken laſ⸗ 72 ſen, die aber von den Maͤnnern wahrſcheinlich dez⸗ halb zuruͤckgeſetzt werden, weil ihre Lehren hier nicht her gehoͤren. In einem Narrenhauſe ge⸗ faͤllt ſich nur der Narr! In Wahrheit, dachte der Fuͤrſt, es giebt eine Zeit, wo Paris fuͤr den, der nichts zu thun hat, hoͤchſt ſchaal und abgeſchmackt erſcheint. Acheres iſt mir warlich angenehmer, dort iſt zum wenigſten alles wahr, hier erſcheint alles verfaͤlſcht und hinter ausgeſuchten Larven. Wenn die arme Paula nicht vor ungeduld in einer großen Stadt zu leben vbrennte, wenn es möglich waͤre, ihre Bildung auf dem Lande zu vollenden, oder ich ohne den Grafen und ſie leben koͤnnte, warlich ich bliebe auf dem Lande. Ich wuͤrde oft, ſehr oft gaͤhnen, aber vor⸗ trefflich ſchlafen und heiteren ruhigen Geiſtes auf⸗ ſtehen. Friedrich iſt ein gewandter Burſche, der ſich alles merkt, was man ihm ſagt und ſich aus dem Gehorten ſeine eigene Schlußfolge zieht. Das geheimnißvolle des Prinzen, die Vorſicht, die er beobachtet, um nicht gefolgt zu werden, alles hatte den Kopf des Kammerdieners beſchaͤfftigt. Er ver⸗ glich die jetzige Lebensweiſe des Fuͤrſten mit eini⸗ gen Erinnerungen, welche ihm noch von Petersburg her geblieben waren, und glaubte daher weiſe zu 7⁵ handeln, wenn er den Fuͤrſten bei dem, was er ihm zu erdffnen hatte, Zeit ließe, uͤber das, was er be⸗ ginnen wolle, nachzudenken. Friedrich erwartete alſo den Wagen ſeines Herrn vor der Hausthuͤr des Hotels; kaum hatte er ihn wahrgenommen, als er ihm entgegen rannte, den Kytſcher anhalten ließ, mit einer ſehr geheimnißvollen Miene einſtieg und ſeinen Herrn um das Wort bat. Der Fuͤrſt hort ihn an, ganz ſtarr vor Erſtau⸗ nen laͤßt er ſich das nemliche zum zweitenmal wie⸗ derholen, und endlich ruft er aus:„das iſt aͤrger⸗ „lich, aber ich kann nicht dafuͤr, ich bin diesmal „ſchuldlos, v gelaͤng es mir, die Rechte einer Mut⸗ „ter mit denen der Liebe vereinigen zu konnen!“ Er geht hinauf, tritt in ſein Zimmer.— Sta⸗ nislaus liegt in ſeinen Armen. „Wie kommen Sie hierher? Stanittauß wie „konnten Sie die Unvorſichtigkeit begehen, mich auf⸗ „zuſuchen, da Ihnen bekannt iſt, wie ich mit Ihrer „Mutter geſpannt bin!— Wen ſollt' ich anders ſu⸗ chen, als Sie, Sie, der Sie mir immer vaͤterliche Zaͤrtlichkeit bewieſen haben, der mich allein uͤber das Schickſal Obinskis und meiner Paulg beru⸗ higen können.—„Sein Sie deshalb unbeſorgt, „beide ſind in Sicherheit.“— Und das iſt alles, alles was Sie mir ſagen? Wollen Sie mir nach ſo 34 viel Leiden und Gefahren die ſuͤße Belohnung rau⸗ ben, zu Paulas Fuͤßen ſtuͤrzen zu duͤrfen? Wollten Sie ſo grauſam wie meine Mutter ſeyn, Sie mein zweiter Vater! ach wenn Sie mich verſtoßen, ſo fuͤhl' ich mich in dieſer Welt ganz verlaſſen.— „Stanislaus, mein Herz hat ſich nicht geaͤndert, „ich liebe Sie noch, ich habe indeſſen Ihrer Mutter „heilig verſprochen, mich in nichts zu miſchen.“— Mußten Sie das?—„Paulas Ruhe erforderte „es.“— So iſt es alſo mein trauriges Lvos, mich von den Weſen verfolgt zu ſehen, welche mir das theuer⸗ ſte ſind!—„Stanislaus, Ihre Worte koͤnnen „mich nicht beleidigen, die Leidenſchaft ſpricht allein „aus Ihnen, glauben Sie mir, ich liebe Sie, ich „beklage Sie, aber ich gehe ruhig den mir vorge⸗ „eichneten Weg; von ihm abweichen, hieße von „meinen Grundſaͤtzen, von meinen Verſprechungen, „alſo von der Bahn der Ehre abweichen.“ 64 Stanislaus bittet, fleht, beſchwoͤrt den Fuͤr⸗ ſten, Thraͤnen benetzen Palowskis Hand, nur ei⸗ nen Augenblick, eine Minute, eine Sekunde wuͤnſcht er Paula zu ſehen, dann will er in allem ge⸗ horchen.—„Sie werden Ihr Wort nicht halten „Stanislaus, denn Sie koͤnnen es nicht halten, „Sie werden zu Paulas Fuͤßen bleiben, und die „Gewalt allein wuͤrde ſie trennen muͤſſen. Denken . 75 „Sie an mein gegebenes Wort, gedenken Sie Ih⸗ „res Vaters, meines Freundes; wenn er uns hoͤrt, „ſo wird er mein Verfahren billigen.“ Stanis⸗ laus wurde durch nichts uͤberzeugt, er begann von neuem zu bitten, von Thraͤnen ging er zu jener Aufreizung uͤber, welche der Wiederſtand jederzeit in einem jugendlichen Herzen erzeugt, er droht, er bittet um Verzeihung, aber umſonſt, Palowski bleibt feſt.— In ſeinem Innern war der Letzte in⸗ deſſen doch zu bewegt, um dem jungen Stanit⸗ laus jede Art don Troſt verweigern zu können. Er ſagte ihm, daß Paula ihn noch liebe, und ihm treu geblieben waͤre. Dieſe Verſicherung vermochte ihn etwas zu be⸗ ruhigen, der Gedanke, ſeiner Paula noch theuerer zu ſeyn, verſcheuchte plotzlich ſeine Verzweiflung, und rief ein Laͤcheln auf das ſonſt ſo freundliche Antlitz des Juͤnglings zuruͤck. Der Fürſt hielt dieſen Augenblick fuͤr geeignet, um von ihm Aufſchluß uͤber ſeine Lage er⸗ warten zu koͤnnen. Er fragte ihn, wo man ihn feſt⸗ gehalten, wie er entkommen, und auf welche Art er hierher nach Frankreich gekommen ſey. Stanis⸗ laus begann ſeine Erzaͤhlung, welche er freilich hun⸗ dertmal unterbrach, um nur von Paula ſprechen zu duͤrfen. Hiermit folgt das weſentliche. Stanislaus ward in jener ungluͤcklichen Nacht nach Oranienbaum gebracht. Der Weg bis zu dieſem Schloſſe iſt mit Landhaͤuſern der ruſſiſchen Großen in den letzten Zeiten ſo angenehm verſcho⸗ nert worden, daß die Verweiſung nach einem feſten Schloſſe, in welchem uͤberdem Reichthum und Ge⸗ ſchmack herrſcht, mehr als ein Exil, denn als ein Kerker betrachtet werden durfte. Stanislaus indeſſen waͤre lieber nach Siberien gegangen, wenn er nur ſeine geliebte Paula dort gewußt hätte, und hätte jene Wuͤſten den Zerſtreuungen aller Art vorgezo⸗ gen, welche man Befehle hatte, ihm in Oranienbaum zu gewaͤhren. Der Kommandant hatte ihn mit der ſchuldigen Achtung empfangen, ihm ſelbſt die Wahl ſeiner Zim⸗ mer, ſeiner Bedienung uͤberlaſſen, und zu gleicher Zeit die Gaͤrten des Schloſſes, wie die Bibliothek, ganz ſeinem Gebrauche frei geſtellt. Sein Geld mußte er indeſſen ihm abgeben. Eine Compagnie Invaliden bewachten die Waͤlle der Feſtung und man bat Stanislaus, einem Soldaten zu erlau⸗ ben, in ſeinem Vorzimmer ſchlafen zu duͤrfen; Sta⸗ nislaus konnte in ſeiner Lage nur Bitten ge⸗ währen, nicht verweigern. Mitten im Ueberfluſſe lebend, freute ihn nichts, ſeine Gedanken waren bei Paula, und die erhitzte Einbildungskraft wußte nicht 77 auf welchem Punkte der Erde ſie die Geliebte ſu⸗ chen ſollte. Der Kommandant gewann den jungen Mann vald lieb, der Name Paula unterrichtete ihn von dem Herzenszuſtande ſeines Gefangenen; er ſuchte ihn zu troſten, und ward bald der Freund, und in⸗ nige Vertraute deſſelben. Sie aßen, ſpielten, la⸗ ſen zuſammen. Stanislaus hatte ſich ſelbſt einen Waͤchter geſchaffen, der ihn nicht mehr verließ. Mehrere Tage waren verfloſſen. Es war 10 Uhr Morgens und der junge Fuͤrſt hatte den Komman⸗ danten nicht geſehen. Er ſeufzte: Paula!— nie⸗ mand antwortete ihm. Er ging zum erſtenmale zu Herrn Makline, die Thuͤren waren offen, er, trat in ſein Zimmer, aber der Kommandant war nicht zu ſinden. Er hielt eine Revue uͤher die Ve⸗ teranen. Ein Papier liegt auf ſeinem Tiſche. Sta⸗ nislaus iſt nicht unbeſcheiden, aber ſein Name vefremdet ihn, er ließt, oder entziffert vielmehr ei⸗ nen Rapport des Kommandanten an ſeine Mutter, und ſieht mit Erſtaunen, daß derienige, auf wel⸗ chen er ſein ganzes Vertrauen, den Arm ſeiner Mutter zu entwaffnen, geſetzt hatte— ihn ſelbſt ver⸗ räth und von ſeiner Liebe zu Paula wie von einer Krankheit ſpricht, welche mit jedem Tage mehr um 75 ſich griffe, und ohne ſtrengere Mittel den Fuͤrſien zu verzweifelten Schritten verleiten konne. Roch nie hatte Stanislaus Verſtellung ver⸗ ſucht, hier ſchien ſie ihm zum erſtenmale nothwen⸗ dige Gegenwehr. Er entſchloß ſich, dem Herrn Mg⸗ kline fortan Freundſchaft zu heucheln, und beſchloß ſeine Flucht. Wie aber dieſe bewerkſtelligen? Die Waͤlle waren freilich an mehreren Stellen ſchadhaft, allein man hatte an die Brechen Schildwachen ge⸗ ſtellt. Nachts konnte er nicht aus ſeinem Zim⸗ mer. Pikoff, ein alter Soldat, dem die Subordi⸗ nation uͤber alles ging, ſchob ſein Bett jedesmal dicht vor die Thuͤr. Pikoff hatte freilich ein hol⸗ zernes Bein, aber das Seil einer Laͤrmglocke iſt um ſeine Hand geſchlungen, deren Schall alles verei⸗ teln konnte. Stanislaus hatte keinen Rubel in der Ta⸗ ſche, an Beſtechung war alſo nicht zu denken. Ge⸗ laͤnge es ihm auch, zu entkommen, wo ſollte er Panla, ihren Vater und Palowski ſuchen? Dem⸗ ohnerachtet verlor er nicht den Muth und ſeine Phantaſie arbeitete Tag und Nacht an dem Plane ſeiner Flucht. Der Kommandant war ein Mann, welcher in ſeinem Zimmer das Wohl der Staaten auf ſeinen Schultern wog, und den kleinſten Wink ſeines Souverains zu durchſchauen und aus⸗ — ————— — 79 zulegen ſuchte. Er bekam die Zeitungen von Pe⸗ tersburg, theilte ſie aber nur ſeinem Gefangenen mit, wenn er ſie vorher geleſen hatte. Eines Tages las Stanislaus zufaͤllig.„Den erſten Juli gab unſer Geſandter am franzoſiſchen Hofe zu Paris ein glaͤnzendes Feſt; die Beſchrei⸗ vung folgte lang und breit. Unter den ausgezeich⸗ neten Ruſſen befanden ſich die Fuͤrſtin Berloff und Fuͤrſt Palowski. „Sie ſind in Frankteich! ſie ſind in Frankreich, „rief Stanislaus. Der Fuͤrſt und ſie— ſind „unzertrennlich! Wie aber iſt es moͤglich geworden, daß meine Mutter und der Fuͤrſt auf einem Balle „ſich zuſammen befunden haben? das kann ich mir „nicht entraͤthſeln— was liegt daran, ſie ſind in „Frankreich!— Vielleicht verfolgt meine Mutter „Paulg! oder— Sie ſind in Frankreich! dort will „ich ſie ſuchen.“ Stanislaus hatte von dieſem Augenblick an keine Ruhe mehr. Vier und zwanzig Stunden, acht und vierzig Stunden verfließen, und Stanislaus weiß noch nicht, wie er ſeine Flucht ins Werk rich⸗ ten ſoll. Mitternacht kam heran. Der junge Fuͤrſt wollte ein Fenſterkreuz durchbrechen, ſein Bettzeug zu einem Seile drehen und ſich ſo in den Garten herablaſſen. Was aber weiter?— Er gedachte, die — 80 Mauern hinanzuklettern und hinunterzuſpringen, präche er ſich ein Bein, ſo wollte er der Mutter ſchreiben, ſich nicht eher heilen zu laſſen, als bis ſie ihre Einwilligung in ſeine Heirath mit Paula gegeben haͤtte. Stanislaus hatte Romane gele⸗ ſen, das wird der Leſer doch geſtehen muͤſſen, und eben gelangte er in Gedanken zur Entwickelung des ſeinigen, als er den alten Pikoff auf eine fuͤr ihn heunruhigende Art klagen und ſiohnen hoͤrte. Paula wurd einen Augenblick vergeſſen, das klingt freilich nicht romanhaft, aber wenigſtens— wahrhaft. Stanislaus redete Pikoff an, und der Alte ſtöhnte noch mehr. Er ſteht auf, ſtoßt die Thuͤr mit Heftigkeit auf und drängt das Bett des Inva⸗ liden zuruͤck. Sogleich zuͤndete er Licht an, holte Kölniſch Waſſer, und leiſtete dem Alten auf alle mögliche Art Beiſtand. Ppikoff war ein altes Leckermaul und hatte ſich die neberbleibſel von dem Abendeſſen des Für⸗ ſten zu gut ſchmecken laſſen. Eine Truͤffelpaſtete, welcher er zu ſpoͤt habhaft geworden, hatte ſeinem uberfuͤllten Magen den Reſt gegeben und er litt an einer fieberhaften Uebelkeit. Stanislaus reichte ihm kaltes Waſſer. Pi⸗ koff, welcher ſeit dreißig Jahren an einer foͤrmli⸗ chen Waſſerſchen litt, begann dagegen auf den Bran⸗ tewein 31 tewein eine Lobrede, welche nur durch Schlukſen und Aufſtoßen unterbrochen wurde, und ſchloß mit der beſtimmten Bitte um Schnaps oder Wein. Stanislaus, ohne arges im Sinn zu haben, brachte ihm eine Flaſche Porto. Pikoff ſtuͤrtzte ſie hinun⸗ ter, und eine foͤrmliche Trunkenheit geſellte ſich zu ſeinem fruͤheren Zuſtande.— Ein Blitzſtrahl fuhr durch Stanislaus Geiſt. Der Gedanke, kaum entſtanden, war auch ſchon ausgefuͤhrt. Er ſchnitt das Seil der Glocke durch, und nahm die Kleider des Kranken. Der Liebende verkleidete ſich als In⸗ valide, Stanislaus nimmt das Bandelier Pi⸗ koffs, ſteckt es wie das abgeſchnittene Seil der Glocke in ſeine Rocktaſche, das holzerne Bein ward leiſe emporgehoben und der Zimmer⸗ und Haus⸗ ſchluͤſſel gluͤcklich gefunden. Er ſchließt Pikoff ein und gelangt ungeſtört auf den Wall. Da er die Plaͤtze kennt, welche von den Wachen beſetzt ſind, ſo vermeidet er ſie ſorgfaͤltig und erreicht eine Stelle, an welcher die Feſtungswerke ihm noch am beſten erhalten ſcheinen. Bandelier und Strick werden be⸗ feſtigt, er gleitet hinab, iſt noch zehn Fuß entfernt — ruft den Namen Paula! laͤßt die Hand los, und faͤllt auf den Raſen des Feſtungswalles nieder. Er ſteht auf, faßt ſich an, nicht das mindeſte fehlt; ſo eilt er dichten Buͤſchen zu, welche M.[6] den Weg von Petersburg nach Oranienbaum um⸗ geben. Es war Zeit, mit ſich zu Rathe zu gehen; wie ſollte er mehr als 300 Meilen ohne Geld zuruͤckle⸗ gen? wo ſich am Tage verbergen? Gluͤcklicherweiſe erinnerte er ſich eines Jugendgefaͤhrten, eines Gra⸗ fen Milow, mit welchem er ſtets in den beßten Verhaͤltniſſen gelebt hatte. Vielleicht, dachte er, hat dieſer, gleich den uͤbrigen Großen, denen er an Ge⸗ burt und Gluͤck gleich iſt, auf dieſer Straße einen Sommerpallaſt. Der Tag bricht an, lange durfte er freilich nicht verweilen. Die Invaliden ſtehen gar nicht allzuzeitig auf, ſind auch nicht raſch zu Fuß; wenn ſie indeſſen einmal marſchiren und fortmarſchiren, waͤhrend er ſtehen bleibt, ſo könnte hier leicht die Fabel vom Haſen und der Schildkröte Anwendung finden. Stanislaus ging weiter und behielt die Richtung nach Petersburg bei. Ein Bauer begeg⸗ nete ihm; er fragt ihn aus, und erfaͤhrt, daß Graf Milow wirklich in dieſer Gegend eine reizende Wohnung beſitze. Stanislaus ſeufzte, als er horte, daß der Graf in Petersburg ſey, ſchoͤpfte in⸗ deſſen von neuem Hoffnung, als er erfuhr, daß die Graͤfinn in ihrem Sommerpalais ſich aufhalte. Ein ſchoner junger Mann hat ſiets zu einer Frau viel 35 Vertrauen, ſey es aus natuͤrlichem Triebe oder aus Eitelkeit.— Der Leſer mag daruͤber entſcheiden. Stanislaus gelangt zum Schloſſe, klopft an, man offnet, er wuͤnſcht die Graͤfinn zu ſprechen, der Bediente lacht ihm ins Geſicht; ein invalider Sol— dat verlangt Morgens um 5 Uhr die Graͤfinn zu ſprechen!„Ich komme von Petersburg und habe „Briefe vom Grafen!“ — Vom Grafen!— Der Herr Graf hat ja ſeinen Courier, wo ſind die Briefe?— Hier kommt Stanislaus etwas in Verlegenheit, der Bediente will ihn hinaus ſchieben, er wiederſteht, die Hunde bellen, eine Kammerfrau ſieht aus dem Fenſter, be⸗ merkt ein junges freundliches Geſicht unter dem In⸗ validenhute, laͤuft hinab und nimmt, indem ſie ſich zwiſchen den jungen Veteranen und den Bedienten ſtellt, die Parthie des Fuͤrſten. Sie ſchloß die Thuͤre und lud den huͤbſchen Invaliden ein, ſich zu erklaͤren. Und wenn es auch nur eine muͤndliche Beſtellung iſt, ſo muß man ihn hoͤren, erwiederte ſie dem Bedienten.—„Freilich⸗ „ſprach Stanislaus, iſt ſie muͤndlich!“— Hm, hm! dachte der Bediente, daß iſt eine Liebſchaft der Jungfer Mirza,— und ging brummend davon. Plotzlich ließ ſich die Laͤrmglocke von Oranien⸗ baum vernehmen, ein Schuß ſiel. Stanislaus 34 erblaßte.—„Gott, rief Mirza, Du biſt ein De⸗ „ſerteur?—„Nein, ich bin ein Gefangener und „gluͤcklich entſprungen.“— Ein Gefangener und aus Oranienbaum? dort glaubt man, daß Fuͤrſt Berloff ſich befinde.—„Ich bins.“— Fuͤrſt Berloff! iſt es moglich!— Sie!— Ew. Durch⸗ laucht, wie freue ich mich daruͤber! Das Invaliden⸗ coſiuͤm mußte mich bei einem jungen Mann, ſchon wie ein Engel und ſchlank wie unſre Tanne, wohl beunruhigen, kommen Sie herein, o kommen Sie. Piemand ſoll Sie finden! Niemand! Niemand! Stanislaus hatte alſo ohne Studium, ohne vorher lange uͤherlegt zu haben, die Weiber ſehr richtig beurtheilt. Mirza fuͤhrte ihn in ihr Zimmer und ver⸗ wandelte den Invaliden in kurzer Zeit in eine recht artige Bruͤnette.— Jede Furcht war bei dem le⸗ bendigen Kammermaͤdchen verſchwunden; es war freilich einer der bedeutendſten Fuͤrſten, den ſie be⸗ ſchuͤtzte, und ihr genuͤgte dieſe ſtille Bemerkung. Das Intereſſe, welches ein vornehmer Mann bei ſolchen Gelegenheiten einem jungen Maͤdchen ein⸗ ſioßt, erſtreckt ſich auf alles. Mirza verbrannte die Kleider des jungen Stanislaus, indem ſie mit ihnen die Flamme unter dem Badekeſſel vergro⸗ ßerte. Sie brachte ſogleich ein Fruͤhſtuͤck, und 35 wahrlich, Staniskauns hatte deſſen nothig; ſie be⸗ diente ihn, lud ihn ein, zu eſſen, zu trinken, ſprach mit ihm uͤber alles, nur nicht von dem, was doch nur fuͤr ihn allein Werth haben konnte. Endlich bat ſie ihn, einige Stunden zu ruhen. Aber wo?— Hier auf meinem Bette.— Das Bette eines ſchoͤ⸗ nen Maͤdchens hat fuͤr einen jungen Mann, er ſey noch ſo keuſch oder treu, gerade nichts abſchrecken⸗ des, zumal wenn er es allein einnehmen darf. Ob Mirzs bei ihm geblieben oder ihn allein gelaſſen⸗ hieruͤber ließ ſich Stanislaus gegen den Fuͤrſten Palowski nicht aus, und das brauchte auch nie⸗ mand zu wiſſen. Mirza war geſonnen, alles mog⸗ liche fuͤr den Prinzen zu wagen, um ihn den Rach⸗ ſuchungen des Kommandanten Makline zu entzie⸗ hen. Die junge Graͤfinn hoͤrte waͤhrend dem Bade von nichts anderem, als von dem ſchoͤnen Fluͤchtling ſprechen. Anfangs wollte ſie nicht die Ehre ihres Gemahls in einer ſolchen Sache auf das Spiel ſe⸗ tzen, aber die Reugierde, den jungen Mann mit dem ſanften ausdrucksvollen Geſicht zu ſehen, ſiegte, und ſie befahl ihrer Kammerfran, ihn in ihre Zimmer zu fuͤhren. Die Graͤfinn fand die Schilderung Mirzas nicht uͤbertrieben, ſie geſtand dem Fuͤrſten, daß ſie ſich gluͤcklich ſchaͤtze, ihm dienen zu koͤnnen, und rieth ihm, hier einige Tage zu verweilen, bis 36 die Nachſuchungen, welche man ſeinetwegen ange⸗ ſtellt, geendet ſeyn wuͤrden. Stanislaus fuͤhlte die Wichtigkeit dieſes Rathes und blieb. Die Graͤfinn wollte ihn beſtaͤndig um ſich ha⸗ ben, das iſt natuͤrlich, ſie war ſanften gefuͤhlvol⸗ len Herzens. Sie laſen, plauderten, ſpielten zu⸗ ſammen, die Gafffreundſchaft konnte, um nichts zu verabſaͤumen, keine Grenzen finden, das war natuͤr⸗ lich; man mußte doch denijenigen zerſtreuen, den man einmal in ſeinem Hauſe aufgenommen hatte. Dieſes ſind freilich nur Vermuthungen, denn Sta⸗ nislaus hat ſich uͤber dieſen Punkt nie recht aus⸗ fuͤhrlich vernehmen laſſen. Mirza forſchte in der Gegend umher, hinterbrachte, was ſich in dem Schloſſe Oranienbaum zugetragen hatte, es mußten alſo, der Nothwendigkeit gehorchend, mehrere Tete a töte zwiſchen der Gräfinn und dem Fürſten ge⸗ halten werden. Am vierten Tage ſagte die junge Graͤfinn zu Stanislaus.„Heute kommt mein Gemahl, ich „halte es fuͤr unnothig, daß Sie ihn erwarten, „denn ich kann daſſelbe fuͤr Sie thun, was er in „dieſem Falle thun wuͤrde. Mirza hat einen Kof⸗ fer mit ihren Kleidern, welche Ihnen ſo gut ſte⸗ „hen, bereits gepackt, und der Wagen erwartet Sie „am Gartenthor, um Sie nach Cronſtadt zu ge⸗ 37 „leiten, von wo es Ihr Wille iſt, nach Frankreich „zu ſegeln. Gehen Sie, geliebtes Kind! Die Liebe „beſchuͤtze und geleite Sie!“— Sprach ſie von „Paulas Liebe?— Sie umarmte den Fuͤrſten, ſteckte unbemerkt eine volle Goldboͤrſe in ſeine Ta⸗ ſche, und uͤberließ es Mirza, ihn zum Wagen zu geleiten. Stanislaus ſaß alſo foͤrmlich als Frauenzimmer gekleidet, und wollte nach Cron⸗ ſtadt. Aber ohne Paß?— Die ſchoͤne Graͤfinn hat die Liebe angerufen, und dieſe wird mich nicht“ verlaſſen. Der junge Reiſende kam an und ſtieg in einem Gaſthofe dicht beim Hafen ab. Hier logirte ein dicker grober Hamburger Capitain, welcher nach Havre ſegeln wollte, und im Begriff zu lichten ſtand. Es war einer von den Meerwoͤlfen, welche allen Gefahren trotzen, alles mitnehmen und von allem Vortheil ziehen. Ein junges Maͤdchen, welches ohne Begleitung eine Seereiſe machen will, ſieht ſo ziemlich einer Abentheuerin gleich, und der Capitain fing ſeine Liebkoſungen mit einem freund⸗ lichen Streicheln unter dem Kinne unſerer Schoͤ⸗ nen an. Stanislaus, ſeiner Rolle als ſittſame Jungfrau gedenkend, gab ihm eine derbe Ohrfeige. „Bravo! rief der dicke Seebaͤr, bravo! das ge⸗ 86 „faͤllt mir, mein Engel, aber Du ſchlägſt zu ſtark, „Du ſchlanke Fregatte!“ Das Geſpraͤch hatte alſo ſolchergeſtalt ſeinen Anfang genommen. Capitain Canning erfuhr, daß das junge Maͤdchen zu ihrem Vater nach Frankreich wolle, und keinen Paß habe.„Gut, gut! ich ver⸗ „ſtehe, man hat in der Regel ſolche Väter leicht „in Bereitſchaft, uͤbrigens geht mich das nichts an, „ich frage Euch nicht um das, was geſchehen iſt, „moch will ich wiſſen, was da geſchehen wird, ich „halte es mit dem, was da iſt! Du haſt hier mit „niemand geſprochen, mein Kind, alſo können wir „uns beide zu unſerm Vortheil einigen. Du biſt „meine Frau, Du haſt mich in Petersburg aufge⸗ „ſucht, wo ich 3 Monate, meiner Geſchaͤfte halber, „brach lag. Du biſt meine Frau, verſtanden?“— Vollkommen.—„Jetzt gehe nur auf die Admi⸗ „alität, dort wird man Dir ohne Umſtaͤnde, wenn „ich dabei bin, einen Paß geben; denn wenn man „bezahlt, ſo iſs dem Gouvernement ganz „gleich, ob man ſeine eigene, oder die Frau „eines andern mit an Bord nimmt. Ueber⸗ „morgen fahren wir ab. Iſt Dir das recht?“— Ganz recht.— Canning erzaͤhlt dem Sekretair, welcher die Paͤße ausfertigt, eine ziemlich wahrſcheinliche Hi⸗ ———— 39 ſtorie. Der Paß wird gegeben, und Canning geht mit ſeiner jungen Frau getroſt nach Hauſe. Er verlangt einen Kuß, Madam weigert ſich in⸗ deſſen und will ihn nicht eher, als auf offenem Meere erlauben.—„Und was ſoll ich hier alſo „lange machen?“— Was Euch beliebt. Kommt mir nicht zu nahe, oder ich wiederhole die Ohrfeige von vorhin.—„Das iſt ein Teu⸗ „felskind! Das große Frauchen hat den Sa⸗ „tan im Leibe! Glaubſt Du, daß ein Dreimaſter, „wie ich, mit ſolcher Brigg kange Umſtande ma⸗ „chen wird?“ Die zwei folgenden Tage vergingen unter einem ewigen Streite des Capitains mit ſeiner jungen Frauz dann und wann wurde ein Kuß genommen, und nicht ſelten flog die Peruͤcke Cannings zum Fenſter hinaus. Die einzigen ruhigen Augenblicke waren die bei Tafel, denn der Capitain liebte ſein Beef steak und ſeine Flaſche Portwein. Endlich ging man unter Segel und Madame Canning fuͤhlte ſich mit jeder Stunde, welche ſie von dem Hafen entfernte, um ein betraͤchtliches er⸗ leichtert. Makline und Pikoff waren jetzt nicht mehr zu fuͤrchten, dagegen aber war die Verlegen⸗ heit vvrauszuſehen, in welche ſie ein ſo rauher, un⸗ umſchraͤnkt gebietender Gemahl bald genug ſetzen . 90⁰ wuͤrde. Madante hielt es alſo fuͤr das beſte, das geheimnißvolle Abentheuer zu entdecken Canning ſtand auf dem Verdeck, ſeine Frau neben ihm. Die letztere ſreichelte ihn freundlich unterm Kinn, und ſtieg in die Cajuͤte hinab. C anning folgte freu⸗ dig nach. Die Thuͤre ward geſchloſſen, aber, o Er⸗ ſtaunen, o Schmerz, ein ſchoͤner holder Juͤngling ſteht vor ihm und ein eiskalter Schrecken folgte ſeiner gluͤhenden Begierde. Stanislaus erzahlt ihm von ſeiner Geſchichte, was er fuͤr gut befindet, und ruft ſein Mitleiden an. Er zeigt ihm ſeine Börſe und verſpricht ihm das doppelte, wenn er ihn zu ſeiner Rettung be⸗ huͤlſtich ſeyn wollte. C anning war gerade keiner der beſten und gemuͤthlichſten Menſchen, indeſſen uͤberlegte er, daß fluchen und ſchimpfen aus einem Buben kein Maͤdchen machen wuͤrden, und es alſo beſſer ſey, Geld, als gar nichts, in der Hand zu haben. Der Friede ward geſchloſſen, man gab ſich die Hand, und zu Havre waren beide die beſten Freunde. Stanislaus bat den Capitain, ihm ſo⸗ gleich Maͤnnerkleider zu verſchaffen, nahm Abſchied, verließ das Schiff und langte auf der Diligence gluͤcklich in Paris an. Die Hoffnung laͤßt einen Liebenden an nichts verzweifeln, und doch wußte er im Anfang nicht, 9¹ was er thun oder unterlaſſen ſolle, und fand ſich jetzt in Paris faſt um nichts ſeinem Ziele näher, als fruͤher zu Oranienbaum, wo er noch unter Pikoffs Aufſicht ſtand. An wen ſollte er ſich wenden, um den Prinzen Palowski aufzuſuchen? Bei der ruſſiſchen Geſandſchaft haͤtte er freilich viel erfahren koͤnnen, er uͤberlegte indeſſen die Gefahr, deren er ſich ausſetzte, vielleicht freundlich und wohlwollend empfangen und heimlich einer beſorgten Mutter ausgeliefert zu werden. Man erzaͤhlt ihm von einem Almanach, von 25000 Adreſſen allein dieſes nuͤtzliche Buch iſt nur auf Perſonen anwendbar, die Neuigkeiten herumzu⸗ tragen haben, die ſich ſchämen, in der Straße zu betteln und gleich gewohnt ſind, mit einer edlen Freimuͤthigkeit in die Zimmer zu treten. Stanis⸗ laus blaͤtterte dieſen Almanach durch, glaubte doch vielleicht irgend jemand zu finden, der in Geſchaͤfts⸗ verbindung mit dem Fuͤrſten ſtehen konne, gllein umſonſt. Er beſuchte die Oper, das Theater fran- cais, Feydeau, St. Roch, St. Euſtache,— alles war umſonſt. Das Geld, welches ihm die Graͤfinn gegeben, konnte nicht ewig vorhalten und er machte eben im Palais Royal bei einem Café dieſe weiſe Bemerkung, als ihm eines derienigen Journale in die Haͤnde ſiel, in welchen der Prinz Palowski 92 das bewußte Epigramm auf den Wirth der 3 Sultaninnen hatte einruͤcken laſſen. Er warf das Journal weg, ließ die Chokolade ſtehen, und rannte nach dem genannten Hotel. Er erfuhr von einem Maͤdchen, welche ſo eben die Bet⸗ ten in Ordnung(oder heſſer in Unordnung) brachte, daß der Fuͤrſt dies Hotel verlaſſen und mit dem Hotel Peron vertauſcht habe. Kaum hatte er dieſe Worte vernommen, ſo ſturzte er die Treppe hinun⸗ ter, und iſt, wie der Leſer weiß, jetzt in den Armen ſeines Freundes. Wird man noch ſagen, daß die Journale von keinem Nutzen ſind? Licht gegen Licht. So wie Stanislaus ſeine Erzaͤhlung, welche gegen das Ende wahrſcheinlich viel von ihrem Pa⸗ thetiſchen verloren haben wird, geſchloſſen hatte, kam er wieder auf ſeine Liehe, ſeine Leiden und auf ſeine Hoffnung zuruͤck. Er bat und flehte von neuem, der Fuͤrſt verweigerte, wie fruͤher, und an eine Vereinigung konnte deshalb nicht zu denken ſeyn. Palowski ſann auf Mittel, dem iungen Stanis⸗ 93 laus zu entkommen, und dieſer auf Gruͤnde, welche ſtark genug ſeyn konnten, um den Fuͤrſten zu uͤber⸗ reden, ihn bei ſich zu behalten, ohne ſich ſelbſt ungluͤcklich zu machen. Keine Bewegung in dem Innern des jungen Stanislaus blieb dem Fuͤr⸗ ſten verborgen, und er ſah die Nothwendigkeit ein, einige Bedingniſſe zu machen, um wenigſtens etwas von dem Verliebten zu erhalten. Nachdem er, um ihm zu beweiſen, daß er ſeine Heirath nicht beguͤn⸗ ſtigen konne, glles, was Liſt, Gewandheit und Scharfſinn vermogen, erſchoͤpft hatte, ſchloß er mit folgenden Worten:„Stanislaus, Sie ſind hier vin Paris nicht in Sicherheit, ich rathe Ihnen, rei⸗ „ſen Sie nach England, dort hat die Willkuͤhr we⸗ „niger Einfluß. Ein junger Mann, wie Sie, muß „eingezogen leben, ich ſetze Ihnen zwolf tauſend Franken jahrlich aus, welche Sie monatlich hier „auf Ihre Quittung von meinem Banquier bezie⸗ „hen konnen. In Ihrem Alter kennt man die Ruhe „nicht, Sie muͤſſen alſo Beſchaͤftigung haben, fol⸗ „gen Sie meinem Rathe, ſtudiren Sie die Mathe⸗ „matik. Dieſe Wiſſenſchaft ſchaͤrft den Verſtand „und bildet ein richtiges urtheil. Gluͤcklichere Tage „werden fuͤr Sie und Paula dereinſt glanzen, ich „hoffe es, und ſeyn Sie uͤberzeugt, daß ich jeden „Schritt fuͤr Sie, den die Ehre mir erlaubt, 94 „mit Freude und Vergnuͤgen thun werde; meine „Freundſchaft fuͤr Ihren Vater laͤßt mich dieſe „Worte ſprechen, und ſie wird meine Handlungen „leiten.“ „Ich bin nicht unbillig, ich weiß, ich verlange „viel, ich bin Ihnen eine Entſchaͤdigung ſchuldig. „Schreiben Sie an den Grafen Obinski, ich bin „Ihnen Buͤrge, morgen ſoll er Ihren Brief haben „und Sie die Antwort, ſobald ich Ihre Adreſſe in „London wiſſen werde. Alle acht Tage werd ich „nach Paris kommen, um Ihre Briefe zu empfan⸗ „gen, und die des Grafen Ihnen zu beſorgen.“ Der Fuͤrſt wußte recht gut, daß Obinskis Adreſſe genugt haben wuͤrde, um den Grafen zu be⸗ wegen, aus Liebe zu Paula, den Aufenthalt ſeiner Tochter dem jungen Stanislaus zu nennen. Er wußte auch, daß er in einem kleinen Punkte von ſeinem, der Fuͤrſtinn gegebenen, Verſprechen ab⸗ gewichen war, fragte ſich aber: was wuͤrde ein Anderer an meiner Stelle wohl gethan haben? Palowski beobachtete Stanislaus fortwäh⸗ rend. Der erſte Theil ſeiner Rede hatte ſeine Ge⸗ ſichtszuͤge bedeutend veraͤndert; aber ſie erheiterten ſich bei der Folge derſelben, welchen Umſtand der Fuͤrſt der angenehmen Ausſicht zuſchrieb, mit dem 95 geliebten Gegenſtande ſeiner Wuͤnſche wenigſtens ſchriftlich ſich unterhalten zu duͤrfen. Er beeilte ſich indeſſen nicht, zu ſchreiben, und dieſe Langſam⸗ keit ſtimmte weder mit ſeinen Geſinnungen, noch mit ſeinem Charakter. Er ſprach von gleichgulti⸗ gen Sachen, und fing an, der zurückerſtcttung der von der Grafinn Milom geliehenen Summe zu erwaͤhnen. Palowstt erwiederte lächelnd: „Sie ſollen ſie zurück geben aber wann werden „ſie dieſe Dame ſehenz Daß ſie zu ihrem Gemahl „Ihres Aufenthaltes etwaͤhnt hat, glaub' ich, denn ſie wird nicht die ausſige der Bedienten abwar⸗ „ten; ob ſie aber Ales ihm geſtanden, bezwei⸗ „fele ich, und ein galanter Mann muß eine Frau, „der er veyfickungen ſchuldig iſt, ein wenig „ſchonen.“ Stanislaus niligte am Ende in den vorge⸗ ſchriebenen Aufenthalt zu London mit einer Ruhe und Gleichguͤltigkeit ein, welche den Fuͤrſten ganz erſtaunen ließ. Wollte er mit ſeiner geringen Er⸗ fahrung mit dem Fuͤrſten zu ſpielen wagen? Die Liebe iſt ein großer Lehrmeiſter, und der ſchaͤrfſte Beobachter denkt zuweilen nicht an alles. Sta⸗ nislaus beurlaubte ſich vom Fuͤrſten, um, wie er ſagte, den Brief zu ſchreiben. „Warum mich ſobald verlaſſen, mein liebes „Kind, antwortete dieſer, in dieſem Pulte finden „Sie alles noͤthige.“— Aber es iſt 6 uhr.— „Aha, Sie uͤberzengen ſich, daß die Liebe allein nicht „ſatt macht; wenn man einen Freund ſo lange nicht „geſehen hat, ſo ſpeißt man wenigſtens mit ihm.“ — Ich wollte indeſſen..— Alles ſteht auch hier zu Ihrem Befehl.— Einen Platz auf der Di⸗ ligence nach Calais beſtellen.—„Waͤhrend wir „ſpeiſen, wird mein Bedienter auf die Meſ⸗ „ſagerie gehen. Hier ſind 60 Louis, die reichen „fuͤr den erſten Monat zu London bin, ich htte „bald das wichtigſte vergeſſen!“ Was konnte aber Stanislaus jetzt bewegen, den Fuͤrſten plötzlich verlaſſen zu wollen? Hatte er einen neuen Plan entworfen? Die Folge wird es lehren. Stanislaus ſchrieb, und der Fuͤrſt bemerkte die hohe Roͤthe, welche ſein Geſicht belebte und ver⸗ ſchonerte. Das arme Kind hat guten Willen, dachte Palowski, er reiſt, ohne zu murren, druͤckt ſeiner Geliebten den Schmerz aus, ſie nicht geſehen zu haben, und ſchildert die Hoffnung, bald mit ihr vereinigt zu ſeyn. Ei, ei! Herr Beobachter, man merkt, daß Sie nicht mehr ganz jung ſind, man ſpricht nie kalt von ſeiner Liebe, und ſchreiben heißt ſprechen,— haben ſie das vergeſſen? Die 97 Die Diligenee, mit welcher Stanislaus rei⸗ ſen ſollte, ging Abends 6 Uhr ab, und es blieb ihm kaum ſo viel Zeit, ſeine nöthigſten Anordnungen zu machen. Palowski ſagte ihm, daß es als Ruſſe ihm leicht ſeyn wuͤrde, zu Calais einen Paß zu er⸗ halten; er umarmte ihn herilich und wuͤnſchte ihm gluͤckliche Reiſe. Der Fuͤrſt rief ſeinen Kammerbiener, befahl ihm, dem Wirth ſeines neuen Quartiers einen Ter⸗ min vorgus zu bezahlen, und das Logis zuruͤck⸗ zugeben. Ich muß mich ſchon noch zu Acheres eine Zeitlang mit dem Schachſpiel unterhalten, und die arme traurige Paula wird ſich ebenfalls etwas langweilen muͤſſen. Ihr dortiger Aufenthalt hat ſie fruͤher den Verfolgengen der Mutter entzogen, ietzt ſoll er dazu dienen, ſie den Rachforſchungen ibres Sohnes zu verbergen. Es iſt ein eigenes Ding um das Geſetz der Npthwendigkeit; wir glaubten uns hier ruhig und ſich einem anſtaͤndigen Vergnuͤgen widmen zu konnen, allein Pikoff mußte ſich den Magen verderben, und ſo Ceins auf das andere folgend) fuͤhrt dieſe unverdaulichkeit Ste⸗ nislaus nach Paris. Ein Bedienter meldete einen Schornſeinfeg än, welcher durchaus mit Sr. Durchlaucht ſprechen wolle. Stanislaus habe es ihm befohlen. Pa⸗ I. 1 7 1 9⁵ tzri befiehlt, ihn anzulnſen, der Schvrnſteinfe⸗ ger läßt ſeine Schuh im Votzimmer und übergiebt dem Fůrſen ein Billet, welches den letzten Abſchied des jungen Stanislaus enthielt. Palowskt fragte den Schornſeinfeger dies und jenes, dieſer aber antwortete, indem er ſeinen großen weißen Augen, welche die Schwaͤrze noch mehr hob, auf den Prinzen heftete, ſo vtehtt, duß er ihn bald gehen ließ. Es wat zehn uhr Wends.„Mein guter Freund „ſitzt im Wagen und ich will ſchlafen gehen. 30 „werde ruhiger liegen, wie er, daß weiß ich.“ Der Leſer wird wiſſen, daß der Fürſt, wenn nicht die umſtaͤnde ihn zwingen, aus der Nacht den Tag zu machen, ein großer Freund der Drdnung iſt. um 6 Uhr mußte Friedrich ihn ankleiden. Das graue Kleid und die Nuninpintilon vürden vor⸗ geſucht. „Friedrich„ Du befiehiſt meinen Bedienten, „bis um 10 Uhr zu Hauſe zu bleiben; um Deiner „Sache gewiß zu ſeyn, ſchließ ſie ein, und Du „ſelbſt unterſteh Dich nicht, vor dem angeſetzten „Termin die Hausſchwelle zu verlaſſen. Wunderſt „Du Dich? Bisweilen hefällt es mir wohl, den „großen Herrn zu ſpielen, aber ich bin im Ganzen „herzlich froh, n wenn ich dieſe Orden, veche euch 99 „ſo viel Achtung einflößen, ablegen, und als „Privatmann eine Zeitlang leben darf. „Die Leute, wo ich meine Tage zubringe, ſollen „nicht wiſſen, wo ich bin, und ich gab Dir blos des⸗ „halb, um jeden Reugierigen abzuhalten, mir zu fol⸗ „gen, ſo ſtrenge Befehle.“— Ew. Durchlaucht kön⸗ nen verſichert ſeyn, daß ſich niemand unterfaͤngt, Sie zu bevbachten; die Befehle eines ſo großen er⸗ habenen Herrn ſollen puͤnktlich befolgt werden.— „Großer erhabener Herr! hm! wenn ich weiter „nichts, als meinen Namen und dieſe Enden Band „beſaͤße, wuͤrde ich verzweifelt wenig ſeyn. Meine „Grdoͤße beſteht in 40 Dorfſchaften, in den Vaſallen, „die mich lieben, weil ich ſie beſchuͤtze; in ih⸗ „nen iſt meine Große, wenn es überhaupt eine „giebt, zu finden. Glaube aber nicht, daß Du des⸗ „halb uͤberhoben biſt, mir treu zu dienen. Ich „habe Geld, Du nicht; ich bedarf Deiner Dienße, „Du meiner Eriſtenz. Wir machen einen fortwah⸗ „renden Tauſch, zwiſchen Deinen Beduͤrfniſſen und „meinem Ueherfluſſe; wir befinden uns dem Anſcheine „nach beide wohl dabei, alſo huͤte Dich, den „Handel zu brechen, und gieb Acht, daß niemand „vor 10 Uhr ausgehe.“ Fuͤrſt Palowski war wieder Herr Martin geworden. Ja, ja, ich habe ſehr wohl gethan, mei⸗ 100 nem Bedienten ein wenig das Gewiſſen zu ruͤhren. Sie ſind die natuͤrlichen Spione ihrer Herren, ſie ſuchen gern die Fehler derſelben auf und raͤchen auf dieſe Weiſe ihren untergeordneten Stand. Ich glaube gerade keinen weſentlichen Fehler zu beſitzen, aͤber dieſe Entfernung nach Acheres waͤre allein hin⸗ reichend, ein uͤbles Licht auf mich zu werfen. Ueber⸗ dem, Stanislaus kann in 60 Stunden uͤber kurz oder lang zuruͤck kommen, und wie leicht wuͤrde einer meiner Bedienten, durch Bitten und Geld be⸗ ſiochen, meinen Aufenthalt verrathen, und in wel⸗ che ſchreckliche Verlegenheit wuͤrde ich geſetzt wer⸗ den, wenn Stanislaus unverhofft in unſerer Wohnung anlangte. Der Sicherheit halber will ich diesmal den moͤglichſt weiteſten Umweg nehmen. Herr Martin vernachlaͤßigte nichts, er ſprach hei dem Hotel, wo Stanislaus gewohnt hatte, an, und erfuhr, daß er Abends vorher, wirklich in Begleitung ſeines beſcheidenen Gepaͤckes, abgereiſt ſey. Herr Martin war alſo hieruͤber ruhig. Er nahm bis zur Straße Jean Beauſire einen Fiaker und von da einen andern bis Charenton. In die⸗ ſem Dorfe fruhſtuͤckte er und entſchloß ſich, um je⸗ der Nachſpuͤrung nuszuweichen, zu Fuß nach Bourg la Reine zu gehen. Von dort fuhr er in einem Cabriolet nach Verſailles. Die Runde um Paris ———————— —.————— 101 iſt vollendet, und niemand wird wiſſen, von wo ich komme, noch wohin ich wolle. Herr Martin war zum erſtenmale in Verſail⸗ les; Aufforderung genug, um ſich recht umzuſehen⸗ Jeden Augenblick ſtieg ſeine Bewunderung. Alle Kuͤnſte ſcheinen ſich bei Verſchoͤnerung dieſes Ortes den Rang ſtreitig gemacht zu haben. Wel⸗ cher Reichthum, welche Pracht, welcher Ueberfluß muß an einem Orte geherrſcht haben, der jetzt einer Einode gleicht, welche mit unendlichen Koſten un⸗ terhalten wird! Welche Meinung giebt Verſailles von dem Konige, der es gebaut, von⸗ ſeinem Hofe ſtaate, von den großen Männern, die die Natur fuͤr ihn zu haben ſchien, und die er mit liebevoller Ma⸗ ieſtät an ſich zu feſſeln wußte? Welche Trauer ge⸗ ſellt ſich aber zu dieſen verfuͤhreriſchen Erinnerun⸗ gen. Der Mann, deſſen Ruhm Frankreich und das uͤbrige Europa erfullte, der unumſchraͤnkteſte Mo⸗ narch, unterlag entehrenden Leidenſchaften. Unmaͤ⸗ ßige Liebe zum Krieg, falſcher Religionseifer beherrſchten ihn, und die Tage von Cevennes rie⸗ fen die Mordſcenen von Barthelemy zuruͤck. Ver⸗ langte der Himmel Blut? Bedurfte er der Menſchen⸗ um es zu vergießen? Gebietet Gott nicht den Wettern? Verlaſſen wir indeſſen den Himmel und endi⸗ „ 102 gen unſere Betrachtungen mit der einfachen Bemer⸗ kung, daß, wenn die Summe, welche das jetzt leer ſtehende Verſailles gekoſtet hat, den Unterthanen zu gut gekommen waͤre, ſo wuͤrden nicht drei⸗ mal hundert tauſend Familien in dem ſchrecklichen Winter 1709 Hungers geſtorben ſeyn. Andern Morgens ſah Herr Martin einen Wa⸗ gen, welcher Tags vorher jemand aus Paris hieher gefuͤhrt hatte. Er ſtieg ein und freute ſich ſeines Gluͤckes, nicht zweimal ein und daſſelbe Geſicht vor ſich, hinter ſich, oder nehen ſich ſehen zu duͤrfen. Dieſer Kutſcher iſt wahrſcheinlich in dem Glau⸗ ben aufgeſtanden, nach Paris zuruͤck zu kehren. Die Nothwendigkeit einem Fuͤnf⸗Frankenſtuͤcke gehorchen zu muͤſſen, zwingt ihn jetzt nach St. Germain zu fahren, und wenn man von Ort zu Ort die funf Franken vervielfaͤltigen wollte, ſo wuͤrde man ihn biß ans Ende der Welt fuhren können, ohne daß er eine ſolche Reiſe anfangs geahnet haͤtte.— Was wuͤrde Bertrand dagegen einwenden koͤnnen? Am Fuße eines Berges ſtieg Herr Martin aus, erklimmte zu Fuß die Hohe und war mitten in St. Germain, noch ehe der Wagen die Hälfte des Weges nach Acheres zuruͤck gelegt hatte. Bald war der Wald erreicht. Noch einen Blick zuruͤck.— Die Gegend und Feld und Stadt ſind verſchwun⸗ 103 den, und heiteres Gruͤn umfaͤngt unſere Reiſenden. „Was verlier' ich denn an Paris?— Eine Stadt, wo man nicht ſelten ein Monument dicht neben einem Kloak ſinden kann, einen herrlichen Platz, den ſchmu⸗ tzige Straßen umguͤrten, mehr Kaufmannsgewolbe als Kaͤufer, eben ſo viel Freudenmaͤdchen, als ehr⸗ bare Frauen, eine gleiche Zahl Betruͤger, als ehrbare Maͤnner, eben ſo viel Schauſpielhäuſer, als Kirchen, eine Stadt, in welcher man hier eine Beerdigung und dort eine Taufe zu gleicher Zeit ſehen kann, in welcher man ſich im vollen Sinn des Wortes treutzt, in der man weder fahren, noch reiten, noch gehen kann, ohne befuͤrchten zu muͤſſen, bei ſchonen Tagen im Staube zu erſticken und bei Regenwetter mit Koth uͤberladen zu werden, in deren eleganten Zirkeln nur Muͤßiggänger, Kabaliſten oder Frauen, die ihr Geld und ihre Zeit nicht ſchnell genug ver⸗ ſchwenden konnen, anzutreffen ſind. Es giebr Aus⸗ nahmen! aber ſie ſind ſelten. Fort auf das Land! um dieſer Stickluft zu entgehen. Das Landleben hat indeſſen auch ſein unangenehmes, ſelbſt fuͤr die, welche uuf dem Lande geboren und erzogen ſind. Was folgt daraus?— Daß die Alten im Grunde nicht ſo unrecht hatten, einen guten und boſen Ge⸗ nius anzunehmen, welcher uͤberall unſere Tage lei⸗ tet. Aber alle Wetter, was iſt das?— Irre ich 104 mich?— nein! da ſteht ja mein Wagen, aber wo ſind meine Pferde?— Was damit angeſtellt haben!“ Herr Martin ging naͤher und ſah Bonifaz und Suſette am Graben ſitzen, und plump mit einander ſchaͤkern.—„Ei, ei! rief Herr Martin, „die Haͤnde muͤſſen Euch bei dieſem Spiele ver⸗ „zweifelt warm werden.— Geben's Achtung, Herr Martin, wir ſpielen ſeit ſechs Uhr ſo mit einan⸗ der— und haben uns noch nicht einmal geirrt!— „Warum haſt Du meinen Wagen nicht nach Ache⸗ res gefüͤhrt, was iſt aus meinen Pferden gewor⸗ „den?“— Aus den Pferden? he, he! Herr Mar⸗ tin wird einmal lachen!—„Ich will' s wuͤn⸗ ſchen, wo ſind ſie?“— Herr Martin hat uns beim Tanz dazumal verlaſſen, nicht wahr?—„Ja, „a, ich erinnere mich; weiter.“— Ach, das waren brave Leute, ich meine die Muſikanten, ſie haben uns ſo lange aufgeſpielt, bis wir alle beide vor Muͤdigkeit umſtelen, und forderten uns keinen Sous ab.—„Ich glaube, ich hatte ſie gut „genug bezahlt.“— Daos iſt noch nicht alles, hierauf ſagten die guten Leute, ſie wollten uns ein Kunſtſtuͤck machen, wie wir noch in unſerm Leben keins geſehen haͤtten; ich muß Ihnen ſagen, wie man z. B. ein Meſfer aus der Naſe zieht, ein 105 Schnupftuch durchſchneidet und ohne Nath wieder zuſammen naͤht.—„Alſo das Ende!“— Ja, nun kommt das Ende; ſieh, ſagten die Muſikanten, hier vor dieſem Wagen ſiehen zwei Pferde, willſt Du wohl glauben, daß dieſe Pferde in Suſettens Dreh dich um, und Du auch, Suſette, rieſen die Muſikanten, und legt euch beide mit euerem Ge⸗ ſicht in den Sand— ſo, ſeht ihr, die Pferde ſind abgeſchirrt! Richtet euch auf! jetzt werden wir mit diefen Pferden fortveiten, und wenn ihr uns nicht mehr ſehen werdet, ſo werden dort von der andern Seite eure Pferde ganz allein einhertraben, und in Sufettens Schuh kriechen.— Hierauf ſtreuten ſie den Pferden Goldſtaub in die Ohren, und ſie ſind richtig fortgelaufen.— Aber noch nicht wieder⸗ „gekommen?“— Rein, Herr Martin, ich ſitze nun hier mit Suſetten ſeit 3 Tagen, und ſchaun Sie, dort ſtehen ihre Schuhe, alles iſt da, blos die Pferde nicht.— „Dummkopf, weber Pferde noch Reiter werden „wiederkommenm; ſiehſt Du nicht ein, daß dieſe Kerle „Spitzbuben waren, die Deine Einfalt benutzt ha⸗ „ben? Die Pferde ſind vielleicht laͤngſt verkauft!“— Ach, mein Gott! alſo waͤren es Diebe geweſen?— „Nichts anders!“— Herr Rartin! ich bitte 106 Sie um alles in der Welt willen, glauben Sie nur nicht, daß ich mit dieſen Kerlen unter einer Decke ſtecke!—„Dazu biſt Du zu dumm. Wo willſt „Du hin?“— Ich laſſe nicht nach, bis ich ſie gefunden; ich laufe, und ſchaun Sie, wie die Su⸗ ſette gut zu Fuß iſt; recht, Suſette, nimm die Schuhe unter den Arm, friſch auf!—„Bonifaz, „wirſt Du hoͤren?— Bonifaz! Suſette! um⸗ „Kſonſt!“ Da rennen ſie und wiſſen nicht, was ſie thun ſollen. Wie konnt ich dieſem Eſel das mindeſte Vertrauen ſchenken? Wer Teufel haͤtte aber auch einen ſolchen Vorfall ahnen können? Dennoch greift alles gehoͤrig in einander. Meine Pferde mußten geſtohlen werden, und ich und mein Wagen auf der Landſtraße in einem Walde ganz verlaſſen ſtehen bleiben. Was iſt jetzt zu thun? Herr Martin ſah einen Reiter des Weges kommen, welcher indeſſen den Schritt ſeines Pſer⸗ des anzuhalten ſchien, je mehr er ſich uaͤherte. Herr Martin hatte nicht viel Geduld, er ging gerade auf ihn zu, es war ein Geiſtlicher; deſto beſſer, hier wird er Gelegenheit finden, ein chriſtliches Werk zu thun Er erzaͤhlte dem Herrn Abbe die Geſchichte ſeiner Leiden, und obgleich dieſer Spaß Herrn Martin wenigſtens gegen tauſend Thaler koſten konnte, ſo lachten heide dennoch von ganzem Her⸗ — „—— 107 zen. Der Herr Abbe bietet unſerm Verlaſſenen wil⸗ lig ſeine Dienſte an, und verſpricht, ihn an Ort und Stelle zu bringen.—„Wird der Umweg nicht „zu groß ſeyn?“— Meine Pflicht iſt, jedem nach meinen Kraͤften nuͤtzlich zu ſeyn, uͤberdem will ich zu meinen Verwandten nach Marines, und ob ich ein paar Stunden fruͤher oder ſpaͤter ankomme, iſt mir gleich.—„So nehme ich ihre Huͤlfe mit Dank⸗ „barkeit und Erkenntlichkeit an“— Gluͤcklicherweiſe liegt hier noch ein Theil des Geſchirres. Sie mochten noch keine Stunde zuruͤck gelegt haben, als unſer Beobachter bereits erfahren hatte, daß ſein neuer Reiſegefaͤhrte ein junger Seminariſt ſey, der wenig im Vermogen habe, aber durch ſei⸗ nen Geiſt und Kenntniſſe ſich vorwaͤrts zu bringen gedenke. Eine Bemerkung war indeſſen Herrn Martin nicht entgangen. Der Herr Abbe kam öfter auf die tiefe Achtung zuruͤck, die ihm wahres Verdienſt einfloße, und bat am Ende um die Er⸗ laubniß, ihn in ſeiner Behauſung bei ſeiner Ruͤckreiſe beſuchen zu duͤrfen. Wenn dieſer Menſch ſich mit Liebesangelegenheiten beſchaͤftigen ſollte, ſo moͤchten es wohl ſeine eigenen ſeyn, denn er ſiebt mir zu munter aus, um einen bloßen Vertrauten abgeben zu können. Er weiß bereits meinen Namen, woher ich komme, warum ſoll ich ihm alſo nicht meinen Wohnort ſagen. Er befriedigte den Abbe und das Geſpraͤch nahm eine andere Wendung. Der Geiſt⸗ liche trug viel zu einer launigen und gewitzten un⸗ terhaltung bei, und einige wohlangebrachte Schmei⸗ cheleien, welche dem Mann von Verdienſt gal⸗ ten, mußten die Einladung zu einem Mittageſen nothwendig zur Folge haben. Der Herr Abbe er⸗ mangelte nicht, die freundliche Einladung anzuneh⸗ men, und ſo kam man zu Acheres an. Bertrand und Sophie zaͤhlen die Stunden bereits, und eilen ihrem Freunde entgegen. Sie umarmen ihn, Frage folgt auf Frage, Herr Mar⸗ tin weiß nicht, wem er zuerſt antworten ſoll. Er waͤhlte alſo das ſicherſte Mittel, die Neugier zu ſtillen, zog den Brief von Stanislaus aus der Taſche und uͤbergab ihn Bertrand. Sophie er⸗ kannte die theuren Zuͤge und ein Freudenruf entfuhr ihren Lippen.„Er hat mir nicht ſchreiben duͤrfen! „mein Stanis laus! ja, ich erkenne ſeine Hand.“ — Nun und einem Liebenden? ſtehen ihm nicht hun⸗ dert Meilen, um ſich verſtaͤndlich zu machen, zu Ge⸗ bote? darf er nicht einer Göttinn ſeine Verſe wei⸗ hen? einer Romanze die Seufzer ſeiner Liebe ver⸗ trauen? Was der Menge gleichguͤltig ſcheint, rath das Herz der Geliebten. 4 Sophie zog ihren Vater in ihr Zimmer und 109 Herr Martin befahl der kleinen Pelagie, das Eſſen zu beſchleunigen, weil der Herr Abbe noch einige Stunden zuruͤckzulegen wuͤnſchte. Der Herr Abbe erwiederte, daß er die Schuldigkeit gegen ſeine Verwandten recht gut mit dem Genuſſe einer ſo ſeltenen und reinen Freude vereinen konne, und daß er nie dieſe Augenblicke vergeſſen wuͤrde, welche Jn⸗ gend und Schoͤnheit, Offenheit und wahre Herzens⸗ bildung fuͤr immer ſeinem Gedaͤchtniſſe eingepraͤgt haͤtten. Herr Martin antwortete durch einen Wink, und druckte dem kleinen Abbe fur dieſe Verbindlich⸗ keiten freundlich die Hand. Es iſt nicht genug, daß man einen ſieben Brief, auf den man gar nicht gerechnet, nicht gehofft hatte, und der die Wuͤnſche der ſchuͤchternen Schoͤnheit kroͤnt, einmal durchlieſt, man muß einen ſolchen Brief bfter leſen, jedes Wort wiegen, gehorig aus⸗ legen und erklaren, obgleich alles klar genng iſt. Der Tiſch war gedeckt und man konnte Bertrand und Sophie kaum aus ihrem Zimmer bringen. „Sie haben ihn alſo geſehen? Sie haben ihn geſpro⸗ chen!“ Dies waren die Worte des Tertes, welcher uͤber Tafel abgehandelt wurde, und dieſer Tert gab natuͤrlich zu andern Fragen Anlaß.„Wo hatte „man ihn eingekerkert? wie iſt er entkommen? Herr Martin wiederholte Wort fuͤr Wort, was ihm 110 Stanislaus erzählt hatte, gleitete aber nicht ohne urſache uͤber die Abentheuer im Hauſe der Graͤfinn Milow leicht hinweg. Sophie lächelte, ſeufzte; der Abbe merkte alles, Herr Martin hatte alſo weislich jeden Namen verſchwiegen, ein ehrli⸗ cher Buͤrger ſprach von einem andern Buͤrgersmann. Leſer kann ſich vorſtellen, daß Sophie nichts aß. Die Liebe hat im sten Jahre keine Ruhe und keine Raſt. Der Abbe war kaum fortgeritten, als Sophie Herrn Martin fragte, ob man ſchon morgen nach Paris reiſen wuͤrde? Er antwortete indeſſen, daß jetzt mehr als ein Grund vorhanden waͤre, ſich in Acheres ſtreng verborgen zu halten. Man kann ſich denken, daß Sophie geneigt war, alle Gruͤnde zu widerlegen, welche Herr Martin fuͤr ſich vor⸗ bringen wuͤrde; ſie fragte warum? Er fuͤhrte nur einen an. Stanislaus könnte nach Paris zuruͤck⸗ kommen, und das Zuſammentreffen der beiden jun⸗ gen Leute leicht als ſein Wert, und er als wortbruͤ⸗ chig angeſehen werden. Er habe ſchon gefehlt, in⸗ dem er dieſen Brief angenommen, und der Beſor⸗ gung einer Antwort ſich unterzogen,— weiter ſolle man indeſſen von ihm nichts verlangen. Sophie blieb naturlich in den Grenzen des iieni welche Erziehung und Jungfraͤulich⸗ 111 keit ſo lieblich bezeichnen; aber ihr Geſicht und ihre Bewegungen ſtimmten nicht mit ihren Worten uͤber⸗ ein. Herr Martin beobachtete ihre Unruhe. Er war bewegt, betruͤbt, bereute, daß er ſein Wort der Furſtinn gegeben habe; aber das Gefuͤhl ſeiner Ehre konnte nicht durch die Qualen dieſer Liebe aufge⸗ wogen werden.„Wir bleiben zu Acheres, ſagte „er feſt. Bertrand antwortete dem jungen Stanislaus und in 4 Tagen werde ich ſebſt den Brief in Paris auf die Poſt geben.“ Er ging aus, um Cog nard zu ſprechen, und mit Hrn. v. Polmont eine Parthie Billard zu ſpielen. Den Brief, dachte er bei ſich ſelbſt, muß ich offnen, denn Paula wird nicht umhin konnen, an Stanis⸗ laus ihren Wohnort zu ſchreiben, und ich werde gezwungen ſeyn, alles das, was er nicht wiſſen ſoll, auszukratzen. Darf ich indeſſen das Vertrauen des gnten Kindes mißbrauchen?— ich verbrenne den Brief!— Nachdem, was ich ihr und ihm verſpro⸗ chen, darf ich das auch nicht,— empfaͤngt Sta⸗ nislaus keine Antwort, ſo kömmt er nach Paris zuruͤck,— warlich, ich weiß nicht, was ich hier thun ſoll.— Jetzt muß ich mich ein wenig zerſtreuen, in 4 Tagen findet ſich wohl eine Gelegenheit, So⸗ phien gefaͤllig zu ſeyn, ohne daß ich nöthig mir daruͤber Vorwuͤrfe zu machen.. 118 Herr Martin bemerkte den Abend und den andern Tag, daß Bertrand und Sophie Gele⸗ genheit ſuchten, allein mit einander zu bleiben, und ſich ſogar in ihr Zimmer einſchloſſen. Sie wollen mich uͤberfallen, dachte er, und dem muß man zu⸗ vorkommen. Er klopfte an, nennt ſich, und ſieht vor ihnen. „Bertrand, ich zu Dir, denn der Geiſes- „und Herzenszuſtand Deiner Tochter erlaubt ihr „nicht, mich zu verſtehen. Dein Alter aber muß „Dein Blut abgekuͤhlt, Deine Vernunft gereift ha⸗ „ben; konnteſt Du, der Du den Werth der Freund⸗ „ſchaft zu ſchaͤtzen verſtehſt, in ein Liebescomplott „eingehen, deſſen Folgen mich nothwendig in ein „zweideutiges Licht ſiellen muͤſſen: Denke nach⸗ „mein lieber alter Freund, uͤberlege Deine Antwort⸗ „taͤuſche mich nicht, und Deine Lippen mögen nur „die Wahrheit reden; huͤte Dich ſelbſt, in der Ach⸗ „tung Deines Kindes zu ſinken, die ſpaͤt oder fruͤh „die Sache nach ihrem wahren Werthe wiegen „wird. Du willſt mich hintergehen?“— Ich be⸗ kenne es, ja, komm mein Kind, ſtehe ab von dem gefaͤhrlichen Plane, ſey offen und wahr.— „und dieſer Plan war?“— Nach London zu gehen.—„Großer Gott, ſolchen Plan konnteſt Du faſſen, und an ſeine Ausfuͤhrung denken? Ein beſchei⸗ 113. „beſcheidenes Maͤdchen von der edelſten Herkunft „koͤnnte ſich erniedrigen, einem jungen Manne nach⸗ „zureiſen, deſſen Beſitz ihm die Familie verweigert? „Sie koͤnnten Ihren guten Namen, Ihr einziges „Gut ihm aufopfern?“— Kann eine Tochter nicht ihrem Vater folgen, ohne ſolche Aus⸗ legung zu befuͤrchten?—„Ja, Sophie, Sie „koͤnnen reiſen, wohin Sie wollen, nur nicht dahin, „wo Stanislaus ſich aufhaͤlt. Moͤchte Ihr Herz „auch auf einen Augenblick ſchweigen, und Ihre „Vernunft ſprechen, ſo wuͤrden Sie einen Freund „in mir erkennen, der nie Ihren Verirrungen bei⸗ „ſtimmen kann; Sie wuͤrden mir den bittern Ver⸗ „druß erſparen, in welchen jede Uebereilung mich „ſtͤrzen muß. Sophie, wenn Sie mir gut ſind, „vertrauen Sie mir; geben Sie meinen dringenden „Bitten nach. Verſprechen Sie mir, ſo lange als „ich es nothwendig finden werde, hier zu bleiben.“ — Wohlan, lieber Freund, ich verſpreche es Ihnen.—„Schwoͤren Sie kbei Ihrer Ehre.“ — Ich opfere mich dieſer Freundſchaft, ſie verlangt es, ich ſchwoͤre!—„Jetzt bin ich „ruhig.“ Sophie ſollte Stanislaus nicht ſehen, aber ſie durfte ihm wenigſtens ſchreiben. Ihr Herz fuͤhrte die Feder, und ſie fuͤhlte ſich erleichtert. H.[81 11 ½ Offen gab ſie Herrn Martin ihren Brief, und die⸗ ſer Beweis ihres Zutrauens geſiel ihm außerordent⸗ lich. Er las ihn, nichts konnte Stanislaus Auf⸗ ſchluß uber den gegenwaͤrtigen Aufenthalt der trau⸗ ernden Familie geben. Martin umarmte So⸗ phien mit vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit. 1 Er kannte zu gut das menſchliche Herz, um nicht zu wiſſen, daß nuch die Freundſchaft ihre ſie⸗ gende Gewalt hat, und daß dergleichen Kämpfe nur geeignet ſind, um ihre Rechte mehr und mehr zu befeſtigen. Er wußte aber auch, daß ein ſolcher Enthuſiasmus einer heftigeren Leidenſchaft, welche alles ſchweigen heißt, weichen muß. Sophie hatte ſich offen ihm vertraut und ſeiner Leitung unterwor⸗ fen; ſie hatte geſchworen: Was konnte er noch mehr verlangen? Friede und Einigkeit waren aufs neue in die kleine Wohnung eingekehrt, und Herr Martin nahm ſich vor, alles, um ſie zu erhalten, beizutragen. Waͤhrend dem Eſſen ſuchte man ſich gegenſeitig zu er⸗ heitern, als plotzlich ein Wagen vor der Hausthuͤre ſtill hielt. Herr Martin hatte nicht einmal Zeit, ans Fenſter zu treten. Ein Mann ſteigt aus, fliegt ins Haus, er liegt zu Sophiens Fuͤßen, Sophie ſchreit auf, faͤllt in Ohnmacht, Bertrand kann 115 vor Erſtaunen nicht zu ſich ſelber kommen, und Herr Martin erkennt Stanislaus. Wie ſoll man dieſe unerwartete, ruͤhrende und zerreißende Scene ſchildern? Der Mahler des Aia⸗ memnon, an ſeiner Kunſt, den Schmerz eines Va⸗ ters im Augenblick des Opfers ſchildern zu koͤnnen, verzweifelnd, bedeckt das Geſicht des Vaters mit einem Schleier. So luͤfte der Leſer den Schleier, der ſich uͤber die ebengenannten Perſonen ausgebrei⸗ tet, und ſeine eigene Einbildungskraft komme mei⸗ ner ſchwachen Feder zu Huͤlfe. Nachdem die erſten Augenblicke verfſoſſen wa⸗ ren, nahm Herr Martin jene ernſthafte Miene an, welche jedem und beſonders jungen Leuten eine tiefe Achtung einfioͤßen mußte.„Stanislaus, ein Mann „von Ehre! wie— ſie haben das jetzt gethan!“ Sta⸗ nislaus horte nicht, ſeine Geliebte hatte ſich er⸗ holt, er war nur Auge und Ohr fuͤr ſie. Aber ſie ſprachen beide nicht, ſie erlaubten ſich beide nicht das geringſte, was der Anſtand nur zu verbie⸗ ten Urſach gehabt haben koͤnnte.„Stanislaus, „hoͤren Sie, ſprach Herr Martin, mit einem Tone, „welcher Aufmerkſamkeit und Furcht erwecken „konnte: ich nehme den Himmel zum Zeugen, daß „ich Ihre Ankunft nicht vorausgeſehen habe, mund „es außer meiner Macht lag, ſie zu verhindern. 116 „Aber ich erklaͤre Ihnen feierlich, daß ich feſt dar⸗ „auf beſtehe, daß Sie augenblicklich in dieſer Mi⸗ „nute abreiſen.— Reiſen Sie, mein Geliebter, erwiederte Sophie mit einer bezaubernden Stimme, reiſen Sie, dieſer Angenblick wird uns beiden eine ſuͤße Erinnerung bleiben.— Ich ſollte Sie verlaſ⸗ ſen, jetzt, da ich Sie nach ſo viel Qual und Angſt wiedergefunden habe? ich ſollte Sie jetzt verlaſſen? lieber ſterben.— Vergeſſen Sie nicht, Stanislaus, „daß der Graf Herr in ſeinem Hauſe iſt.“— Zum Gluͤck, Ew. Durchlaucht, giebt es hier Gaſthaͤuſer.— „Bleiben Sie die Nacht uͤber hier, ſo gehe ich „morgen zu unſerm Geſandten, und werde Ihre „Auslieferung betreiben; verlaſſen Sie ſich darauf, „Sie werden nach Rußland und dort in eine Fe⸗ „ſtung gefuͤhrt werden, deren Werke in beſſerem „Stande ſeyn duͤrften, und wo kein Pikoff Ihre „Flucht beguͤnſtigen wird.“— Ach, mein Fuͤrſt, rief Sophie, Sie könnten eine ſolche Härte gegen Ihn uͤben.—„Ich werde der Fuͤrſtinn beweiſen, „daß ich nicht im Einverſtaͤndniſſe mit ihm gehan⸗ „delt habe.“ Wenn man ſo, wie jetzt der Fuͤrſt, in der Hitze ſpricht, ſo merkt man nicht auf das, was man ſagt. Pelagie, welche ab und zu ging, hatte einige Worte, als: Rußland, Fuͤrſtinn, Ew. Durchlaucht vernom⸗ 117 men, ſie hatte Stanislaus zu den Fuͤßen So⸗ phiens geſehen, was Wunder alſo, daß fuͤnf Mi⸗ nuten ſpaͤter Vincent benachrichtigt wurde, daß der Kaiſer von Rußland in dieſem Hauſe wohne, und daß ſein Sohn eine Prinzeſſinn, unter dem Namen Sophie verborgen, heirathen wolle! Vincent plauderte gern und ſo breitete ſich dieſe Reuigkeit von Mund zu Mund durch das ganze Dorf aus. Herr Martin ward nach und nach etwas ru⸗ higer und ſchlug einen Vergleich vor, welchen Freundſchaft und vielleicht auch eine kleine Furcht ſchneller annehmen ließen, als er gehofft hatte. Stanislaus gab nemlich ſein Ehrenwort, andern Morgens ſehr fruͤh nach London abreiſen zu wol⸗ len, und Sophie ſchwur, daß Sie ihn nie wieder⸗ ſehen wolle, wenn er von ſeinem Verſprechen ab⸗ wiche. Unter dieſer Bedingung willigte Herr Mar⸗ tin ein, daß Stanislaus Theil an dem kalt ge⸗ wordenen Mittageſſen nehmen duͤrfe, und erlaubte ihm, dieſen Abend ſeiner Geliebten widmen zu duͤr⸗ fen, erklaͤrte ihm aber nochmals, daß, wenn von dem geſchloſſenen Traktat auch nur ein haarbreit abge⸗ wichen wuͤrde, er ihn fuͤr immer verließe, und keine Betheuerungen ihn je vermogen koͤnnten, wieder an ſein Wort zu glauben. 118 Die Erfüllung der Kapitulation hatte nur ei⸗ nen ſchwierigen Punkt. Der arme Stanislaus hatte faſt nichts mehr von den 50 Louis in der Ta⸗ ſche, welche ihm Herr Martin gegeben hatte.„Und „was haben Sie mit dem Gelde angefangen?“— „Ein Schornſteinfeger brachte Ihnen das bewußte „Billet.“— Uebergehen wir dieſen umſtand, der Ihnen weiter keine Ehre macht.— Ein Schiffer ſchlug Ihnen eine Lufffahrt in Chaſenton vor.— Nun?— Ein Huſar ging kaum 50 Schritt von Ihnen entfernt im Garten zu Verſailles ſpatzie⸗ ren, ein Muͤller ſaß vor der Thuͤr Ihres Gaſthau⸗ ſes, ein junger huͤbſcher Abbe machte im Walde von St. Germain Ihre Bekanntſchaft.— Wer hat Ihnen dies alles geſagt?— Der Abbe, der Muͤller, der Huſar, der Schiffer und der Schorn⸗ ſteinfeger ſind ein und dieſelbe Perſon; ein junger Student, welcher in Paris in meinem Hotel wohnte, dem ich mein Uungluͤck vertraute, und der mir mit ſeinen beſten Kraͤften gedient hat.— So, ſo, und da mußten freilich die Kleider und das Pferd ge⸗ kauft werden, welches meinen Wagen hierherſchleppte. Alſo ich reiſte unter Ihrer Obhut? Die Eigenliebe des Herrn Martin war ein wenig gekraͤnkt. Ein ſo gewandter Mann, von ſo durchdringendem Verſtande, ſah ſich durch zwei 119 Kinder uͤberliſtet; das konnte er ſich gar nicht ver⸗ zeihen. Er runzelte die Augenbraunen und ſtand eben im Begriff, dem jungen Manne eine ſchoͤne Lehre uͤber die Achtung, welche Kinder dem reiferen Alter ſchuldig ſind, zu geben, als Bertrand laut zu lachen anfing.„Ich ſehe hier nichts Laͤcherliches.“ — Iſt es nicht nothwendig, daß ein huͤbſches Mäd⸗ chen und ein ſchoͤner Mann ſich lieben? daß die Na⸗ tur nach ihren ewigen Geſetzen ſie zwingt, ſich ein⸗ ander zu naͤhern, und daß der junge gefuͤhlvolle Abbe nothwendig den Bitten gehorchen mußte, welche auf ein Herz wirkten, das ſeine Jugend in Rapport mit dem des Liebenden geſetzt hatte? Da haben Sie das wahre Fatum, dem ſelbſt die Gotter unterlagen, und nun unterwerfen Sie ſich auch ein⸗ mal dieſer Nothwendigkeit.— „Es iſt nicht zu lengnen, daß Stanislaus. „und ſein Abbe beide ein paar arge Spitzbuben ſind, „ha, ha! Vor der Hand iſt es indeſſen am noth⸗ „wendigſten, daß wir zu Tiſch gehen.— Nun, ihr „lieben jungen Leute, ſetzt Euch beide nebeneinander, „ich wills noch erlauben.“ Herr Martin und Bertrand ließen ſich ihr Mittagsmahl recht wohl ſchmecken. Sophie und Stanislaus benutzten ihre Zeit beſſer. Sie glaub⸗ ten ſie gefeſſelt zu haben, ſo waren ſie dem Augen⸗ 120 blicke hingegeben. Welche Blicke, welches ſüße Hin⸗ neigen, ſeeliger Rauſch! Kein geſuchtes Wort, je⸗ der Ton kam aus einem gluͤhenden Herzen, und ſo die Gegenwart mit vollen Zuͤgen genießend, ſchie⸗ nen ſie zu vergeſſen, daß ſie nach Verlauf von zwei Stunden ſich wieder trennen mußten. Bertrand ſah ſeine Kinder mit Entzuͤcken an, er ſtieß Herrn Martin heimlich ans Knie.„Ich „ſehe ſchon, ich verſtehe, erwiederte dieſer, oh, es „waͤre ein allerliebſtes Paar. Aber leider haͤngt das „weder von Ihnen, noch von mir ab.— Das Ge⸗ „ſetz der Nothwendigkeit kann indeſſen viel herbei⸗ „beifuͤhren und viel veraͤndern.“ Herr von Polmont und Cognard traten kachend ein.„Heute iſt ein gluͤcklicher Tag, rief „Herr Martin, hier lacht man, dort freuet man „ſich und genießt; aber darf man die urſach Ihrer „Freude wiſſen?“ — Die ſollen Sie gleich ihnn antwortete Herr von Polmont. Sie haben zum zweitenmale das ganze Dorf in Aufruhr geſetzt.—„Wie das?“ — Den Zauberer, den man eines Tages braten wollte, den lieben braven Mann, den man andern Morgens verehrte, will man heute, ich weiß nicht aus welchen Gruͤnden, zum Kaiſer von Rußland er⸗ heben.—„Rich?“— Ja, Sie,— Ah, die gu⸗ 121 1 „ten Rarren! ha, ha!“ Die beiden fremden Zeu⸗ gen hatten die Liebenden geſtört. Die Unterhaltung Sophiens mit Stanislaus ward einen Augen⸗ blick unterbrochen, und ſie hoͤrte Herrn von Pol⸗ mont zu.— Da man Sie hier fuͤr großer haͤlt, als Sie ſind, ſagte Sophie zu Herrn Martin, indem ſie die ſchoͤnen Angen ſenkte, ſo koͤnnten Sie ja jetzt Ihr Inkognito ablegen, welches doch nur zum Zwecke hatte, uns den Nachforſchungen von Stanislaus zu entziehen; wir haben jetzt kein Geheimniß mehr vor ihm.— „Ich verſtehe, wir reiſen nach Paris, nicht „wahr? Die Stadt und ihre Vergnuͤgungen ziehen „Sie nicht an, aber die Briefe von London kom⸗ „men dort einen Tag fruher, als zu Acheres an. Hab „ich's errathen?“ Ja, jal ſo iſt's! ſo iſts! rief la⸗ chend Sophie, rieb ſich die kleinen Haͤnde und kuͤßte Herrn Martin auf beide Wangen. „Ja ſo, meine Herren, ſprach dieſer, ich ſtelle „Ihnen hier den jungen Fuͤrſten Berloff vor, deſ⸗ „ſen ich ſo vielfaͤltig zu Ihnen erwaͤhnt habe. Er „iſt ein Wildfang, indeſſen verzeih ich ihm ſeine „Liſt, da er mir Beſſerung gelobt hat.“— Und er wird ſein Verſprechen halten, erwiederte Sophie, er hat es mit mir gelobt. Es muß ihm minder 122 ſchwer wertem. da ich ihm mit anteß Beiſpiele vorangegangen bin.— Herr von Polmont und Cognard wuͤnſch⸗ ten dem jungen Fuͤrſten von Herzen Gluͤck und Stanislaus zaͤhlte ſchon die Minuten, welche eine nothwendige Formalitat ſeiner Liebe entzog. Die Komplimente wechſelten indeſſen ſchnell, indem der Tambour, der Geiger und der Freudenruf:„Es lebe „der Kaiſer!“ ſich vor dem Hauſe horen ließ. Jetzt war es vicht jene gerade und volle Freude allein, welche damals Herrn Martin von einem Zauberer in Reih und Glied der gewohnlichen Men⸗ ſchen wieder einzuſetzen ſuchte, nein, es war alles aufgeboten, was Unterthaͤnigkeit und Ehrfurcht bei ſolchen Gelegenheiten hervorzurufen weiß. Der Aktugrius der Munieipalitat eroffnete den Zug. Er war in ſchwarzem Gallarock, weiß gepu⸗ dert, das Jabot, ſteif wie ein Brett, ſtreifte ihm die Naſenſpitze und die Manchetten verbargen die Fin⸗ gerſpitzen. In der einen Hand hielt er ein Blatt, auf welchem wahrſcheinlich eine Bewillkommungs⸗ rede geſchrieben ſtand. Die Gemahlinn folgte und trug auf einem Kiſſen eine Krone, groß genug, um den Kopf eines Elephanten einzufaſſen. Sonnen⸗ blumen und Mohn ſchmuckten ihre Windungen und der Zwiſchenraum war mit aufgeblaſenen bunten 123 Eiern geziert. Buben und Maͤdchen trugen maͤch⸗ tig große Blumenſtraͤuße. Der ganze Zug ſtellte ſich unter dem Schalle der Inſtrumente rund um die Tafel. Zwei Zeugen ſetzen die Verliebten in Verlegenheit, ich ſagte es ſo eben; aber im Gewuͤhl iſt man allein, wenn man allein ſeyn will, und Stanislaus und Sophie ſuchten einen Winkel des Saales aus, um ſich fuͤr den Zwang ſchadlos zu halten, den ſie der Form nach noch vor wenig Minuten zu befuͤrchten hatten. Der Tambour ſchlägt an. Es war das Sig⸗ nal, daß ſich alles auf ein Knie werfen ſollte. Der Tambour ſchlaͤgt zum zweitenmale, die Köpfe duck⸗ ten nieder, der dritte Schlag erſcholl und alles ſtand auf. Herr Martin blieb in ſeinem Lehnſtuhl und hochſt ernſthaft. Er beantwortete die tiefen Gruͤße mit einem Laͤcheln und einem wohlwollenden Zeichen ſeiner Hand. Die Gemahlinn des Herrn Aktugrius war etwas in Verlegenheit, ſie kannte wahrſcheinlich die Fabel von den Staͤben, welche auf dem Waſſer ſchwimmen.„Von weitem ſieht es „nach etwas aus, nahe bei beſehen, iſt es „nichts!“ Sie hatte naͤmlich geglaubt, daß ein Kopf, nach Maßgabe ſeiner Macht, auch eine ver⸗ haͤltnißmaͤßige Groͤße haben muͤßte. Sie war ganz 124 verwirrt, als ſie bemerkte, daß der Kopf von Sr. Majeſtaͤt nicht um ein Haar größer, als alle andere Menſchenkoͤpfe war. Was ſollte ſie jetzt mit der Krone anfangen? Sie war indeſſen nicht ohne Er⸗ findungsgeiſt. Sie bat ganz ergebenſt um Erlaub⸗ niß, auf den Tiſch ſteigen zu duͤrfen. Ein zweites Zeichen mit der Hand geſtand die Bitte zu. Sie nahm ihr Kopfzeug ab, loſte von dieſem Haupt⸗ ſchmucke das Band, ſchlang es um den Mittel⸗ punkt der Krone, und hing dieſelbe an einem Na⸗ gel, welcher ſich in der Mitte des Plafonds be⸗ fand, an. Der Tiſch ward zuruͤckgeſchoben, man bat den erlauchten Potentaten, huldreichſt zu erlauben, daß man ſeinen Lehnſtuhl unter die bewußte Krone vol⸗ en duͤrfe, und da es demſelben an Radern mangelte, ſo trug man Se. Majeſtaͤt nebſt Stuhl auf den al⸗ lergnaͤdigſt vorher erbetenen und jetzt zugeſtandenen Platz. Der Aktugrius naͤherte ſich ehrfurchtsvoll, er zupfte Krauſe und Manſchetten, raͤusperte ſich, nahm die bei ſolchen Gelegenheiten uͤbliche dritte Po⸗ ſition an, und begann ſein Kompliment mit einer feinen Sopranſtimme; leider ſtanden ihm keine an⸗ deren Toͤne zu Gebot, und dieſer Mangel hatte ihm ſchon manche bitteren Späße von Seiten der ſtattli⸗ 125 chen Gemahlinn zugezogen, welche in der That noch keine Kinder aufzuweiſen hatte. Es war der große Peter zu Saardam Wohl einem Staͤdtchen bei Rotterdam, So wie es ſchien, war er ohne Sorgen, und glaubte ſich ſicher dort verborgen. Und doch muß ich mit Ehren ermelden, Es kannte jeder den nordiſchen Helden. So glaubt auch jetzt ſein Urenkel vielleicht, Daß unſer Verſtand nicht vollig hinreicht, So wie in Paris, auch hier Ihn zu kennen! O kommt, laßt Schutzpatron Ihn uns nennen! O moͤcht es unſern Bitten gelingen, Durch Ihn unſre Bruͤcke ins Gerade zu bringen! Mehr als ein Monarch hat ſchon in ſeinem Leben ſo ſchlechte Verſe anhoͤren muͤſſen; Herr Martin mufßte lachen, der Dichter zweifelte keinen Augenblick, daß der Zauber ſeiner Poeſie dieſe Freude hervorgebracht und ſah mit triumphirender Miene auf Herrn von Polmont herab, mit einer Miene, welche deutlich ſprach: Seht! ſolch eine Gelegenheit habt ihr euch entſchluͤpfen laſſen. Der Dichter entſchuldigte ſich und flehte um Nachſicht, die Zeit war zu kurz geweſen, es hatte 126 nicht in ſeiner Macht geſtanden, die letzte Feile an ſein Werk zu legen, der Sinn müſſe die Art, wie er denſelben verſtaͤndlich zu machen geſucht, in Schutz nehmen.„Ei, die Ausdruͤcke ſind richtig „gewaͤhlt, die Form herrlich beobachtet, Klang und „Rhythmus darinnen, der Sylbenfall gar nicht in „Zweifel zu ziehen, und das Erhabene des letzten „Gedanken kront das Ganze! „Durch Ihn unſere Bruͤcke ins Gerade zu „bringen! Es iſt keins von den Gedichten, welche „nur die Heuchelei der Dichter beurkundet! Es iſt „eine heilſame Lehre, die Ihr den Monarchen gebet, „ihre Gegenwart ſtets durch Wohlthaten kund zu „machen.“ 3 „Durch Ihn unſere Bruͤcke ins Gerade zu „bringen! Es iſt ein herrlicher Gedanke, und vor⸗ „trefflicher Vers zugleich!“— Wenn Ew. Majeſtaͤt mir erlauben moͤchten, dieſes Gedicht in einen Mu⸗ ſenalmanach einruͤcken zu duͤrfen?—„Ob ich es „erlaube? Ich bitte darum, ich befehle es.“ Der arme Dichter wollte vor Freuden aus der Haut ſpringen. Er wagt, zu antworten, der Mo⸗ narch unterhaͤlt ſich mit ihm, plötzlich aber ver⸗ ſtummen ſeine Lippen. Das Band nemlich, deſſen die theure Gemah⸗ hRnn, um die Krone zu hefeſtigen, ſich auf Koſten des „ 127 theuern hohen Kopfzeuges bediente, hatte bereits der Kopfzeuge mehrere ſeit einigen Jahren geziert. Es war etwas abgenutzt, und das Gewicht einer Krone von wenigſtens 10 Pfund war ſeinen Kraͤften nicht mehr angemeſſen. Gerade in der beſten Unterhal⸗ tung riß das Band und der Kaiſer war mit einemmale wie in einer Laube, ganz mit gruͤnen duftenden Hecken umringt. So viel es in ſeinen Kraͤften ſtand, machte er mit den Haͤnden ein wenig Raum guckte mit dem Kopfe ein wenig hervor, und parlementirte aus dem gruͤnen Fenſter mit dem erſchrockenen Dich⸗ ter. Se. Majeſtaͤt wollen ſich nemlich ſogleich be⸗ quemen, formlich der Krone zu entſagen, in ſo fern es dagegen den Anweſenden geßiele, ihm die Laſt der Krone von ſeinem Koͤrper zu nehmen. Als er wieder an die friſche Luft kam, fing er an, von neuem zu lachen. Der Herr Maire, Ber⸗ trand und Cognard lachten ebenfalls, Sophie und Stanislaus hatten nichts geſehen und nichts gehbrt. „Wiſſes Sie, liebe Herren, ſprach Herr Mar⸗ „tin, welchen Unterſchied ich zwiſchen dem heutigen „Auftritte und aͤhnlichen Seenen, denen ich heige⸗ „wohnt habe, finde?— Der heutige iſt eine Poſſe, „die andern waren mehr oder weniger nur Luſtſpiele n nennen.“ 128 „Wer Teufel, Herr Aktuarius, hat Ihnen denn „weiß gemacht, daß ich der ruſſiſche Kaiſer bin?“ — Pelagie und Vincent und das ganze Dorf.—„Wenn eine Million Soldaten es eben⸗ „falls glaubten, ſo wuͤrd' ich es ohnfehlbar ſeyn; „Bajonette machen einen Koͤnig, aber keine Worte. „Kommen Sie davon zuruͤck, ich bin wahrlich nicht „der Kaiſer.“ — Aber, Sire, warum ſich laͤnger ver⸗ bergen?—„Ich bin es nicht, und damit holla. „Ihr Zweck war, die zuſammen gefallene Bruͤcke „wieder mit guter Manier ins Gleichgewicht zu „bringen. Das ſoll geſchehen und kann geſchehen, „ohne daß ich deshalb brauche Kaiſer zu ſeyn. Der „Tag nimmt Abſchied und ich habe vor der Hand „noch nothigere Sachen zu thun, als mich mit mei⸗ „nem Reiche und meinen Regierungsgeſchaͤften zu „befaſſen. Jetzt, liebe Kinder, laßt mich.“ Die Liebe hört und vernimmt alles, was auf ſie Bezug hat. Der Tag nimmt Abſchied, ſprach Stanislaus, und ließ den Kopf auf ſeine Bruſt ſinken. Der Tag nimmt Abſchied, ſeufzte Sophie, und trocknete ihre Thraͤnen.„Ja, meine Kinder, „der Augenblick iſt da, wo Ihr Euch trennen muͤßt, „und ich erwarte von Euch beiden Muth und Er⸗ „gebung.“ Muth! 129 Muth! das iſt bald geſagt. Herr Martin glich in dieſem Augenblicke den Lenten, die dem Kranken, waͤhrend der heftigſten Schmerzen, eine baldige Geneſung wuͤnſchen. Wos liegt daran, ob ein Verſprechen mit kaltem Stvicismus oder mit geruͤhrtem üͤberſließenden Herzen erfuͤllt werde? Wenn es nur erfullt wird. Stanislaus hatte anfangs ſeine geliebte Paula nur einen Augenblick ſprechen, und dann Herrn Martin, den er liebte und ehrte, gehorchen wollen. Jetzt waren Stunden verfloſſen, ihre Hand hatte faſt beſtaͤndig in der ſeinigen geruht, ihr Athem ſich gemiſcht; Stanislaus hatte mehr er⸗ halten, als er ſich getraͤumt, und doch konnte er ſich nicht von Paula trennen; ſo wirkt die ſuͤße Ge⸗ wohnheit des Gluͤckes! Herr Martin ſprach von neuem und mit dem Ernſie, welchen er in der Regel bei wichtigen Gele⸗ genheiten zu gebrauchen pſtegte. Sophie entzog ihre Lilienhand dem Geliebten, trat um einige kleine Schritte zuruͤck, weinte und warf ſich in einen Stuhl, Stanislaus lag zu ihren Fuͤßen. Bertrand fuͤhlte die Schmerzen ſeiner Kin⸗ der, Herr von Polmont und Cognard waren ebenfalls geruͤhrt.„Stanislaus, wenn Sie Ihre „Ehre lieben, ſo hoffe ich, Sie werden jetzt reiſen, I. 691 130 „ſprach Herr Martin. Sind die Fürſten deshalb „an die Spitze der Nationen geſtellt, um die Un⸗ „terthanen ihre Schwachheiten blicken zu laſſen? „Wollen Sie blos den ererbten Namen zur Schau „tragen, ſtatt ihn durch glaͤnzende Tugenden, wie „Ihr braver Vater, zu verherrlichen?“ Das war alles ſehr richtig, allein fuͤr Sta⸗ nislaus hatte ein glaͤnzender Name in dieſem Augenblicke am wenigſten großen Reiz, auch glaubte er nicht, daß die Ehre darin beſtehe, eine Geliebte verlaſſen zu muͤſſen. Er hielt den Saum von Paulas Kleide in ſeiner Hand, er druͤckte ihn an ſeine Lippen, und es ſchien unmoͤglich, ihn davon zu trennen.„Sehen Sie, junger Mann, wie Ihr Maͤd⸗ „chen leidet; haben Sie Mitleiden mit ihrer Lage! „Iſt es Ihnen gleichguͤltig, ſie in Schmerzen zu „wiſſen, waͤhrend Sie noch einen glücklichen Augen⸗ „blick erhaſchen wollen? Lieben Sie ſie nicht mehr?“ Dieſe Worte machten einen furchterlichen Ein⸗ druck.„Nein, ich lebe nur fuͤr ſie, und nur fuͤr „ſie will ich mich aufopfern“— Er reißt ſich los, ſpringt auf und füuͤrzt hinaus. Von London, von London aus!(rief Sophie ſchluchzend) wirſt Du uns ſchreiben! Sie ſtreckte ihre Arme noch ein⸗ mal nach dem Geliebten aus, welcher bereits ihren Blicken entſchwunden war. Bertrand, Polmont und Cognard folgten Stanislaus. Herr Martin wuhte, daß er die rechte Seite des jungen Mannes getroffen hatte, er war uͤberzeugt, daß er nicht zuruͤckkehren wuͤrde, und blieb daher bei Sophien, welche ſeines guͤ⸗ tigen Troſtes ſo ſehr bedurfte. „Ja, ja, ſagte Stanislaus, ich will nach „London, Palowski will es, und er hat Recht, „ich kehre nur zuruͤck, um ſie als Gemahl zu um⸗ „armen. Noch ein Auftritt wie dieſer— wuͤrde „unſer beider Kraͤfte uͤberſteigen!“ Der Wagen war indeſſen fruͤher von ihm zu⸗ ruͤck geſandt worden, es war 9 Uhr und von Ache⸗ res bis Paris iſt ein weiter Weg. Herr von Pol⸗ mont nahm den jungen Mann liebevoll beim Arm und zog ihn mit aufs Schloß. Sogleich ward ein Cabriolet angeſpannt. „Mein Gott! rief Bertrand, Palowski hat „vergeſſen, Dir die 50 Louis zuruͤckgegeben, ach, was „vergißt man nicht in ſolchen Augenblicken! Da „nimm meine Boͤrſe!“ Lange, lange haͤlt er ihn, an ſein Herz gedruͤckt, beider Thraͤnen fließen, er hilft ihm in den Wagen.— Er faͤhrt davon. 132 Die Entwickelung naht ſich. Die Schlafloſigkeit, welche die gluͤckliche Liebe verurſacht— iſt groͤßtentheils ſehr angenehm; die, welche ein betruͤbtes Herz hervorbringt, iſt qualend und bang. Erſt gegen Morgen ſchloß Sophie die ſanfteu Augen, und als ſie in der Fruͤhe vor Herrn Martin erſchien, waren ſie noch geſchwollen, und uͤber ihr ganzes Weſen eine fuͤße Melancholie ver⸗ breitet. unſchuld, Anmuth, Schoͤnheit und Jugend kann durch nichts entſtellt werden. „Wir beduͤrfen alle drei der Zerſtreuung, ſprach „Herr Martin. Der junge Menſch hat mich an⸗ „gegriffen, aber ich bin mit ihm zufrieden. Häͤtte „der ungeſchickte Bonifaz nicht meine Pferde ſteh⸗ „len laſſen, ſo wuͤrde ich eine Landparthie nach „Poiſi oder Pontviſe vorſchlagen. Die Gegend iſt „dort reizend.“— Glauben Sie,(ſprach die ſchone blaſſe Sophie, indem ſie die Blicke ſenkte), daß die Luft in Paris uns nicht eben ſo put bekommen würde?—„Ich habe meinem Kammerdiener be⸗ „fohlen, mein Logis zurückzugeben.“— Sollte kein Platz im Hotel Peron ſeyn?—„Ich „glaube nicht.“— In zwei Stunden koͤnnten wir das wiſſen. Herr von Polmont wird gewiß ſo guͤtis ſeyn, uns ſeinen Wagen zu 135 leihen.—„Meine liebe Sophie laßt ſich durch „nichts in Verlegenheit ſetzen. Aber wo iſt Ihr „Vater?“— Er ſieht nur nach, ob der Be⸗ diente, welcher Stanislaus begleitet hat, noch nicht zuruͤck iſt.—„Ah ſo! ich dachte nicht „daran; er muß wiſſen, ob die Nachtluft unſerm „Freunde nicht geſchadet hat, wie oft er den Ra⸗ „men ſeiner Geliebten noch genannt hat.“— Und ob er nicht vielleicht noch vier kleine Ab⸗ ſchiedszeilen geſchrieben hat.—„Der Tau⸗ „ſend! ſo weit dacht' ich nicht einmal voraus! und „ich vergeſſe doch ſelten etwas. Gut, gut, ſo wie „Bertrand zu Hauſe koͤmmt, wollen wir ſehen, ti „zu thun ſeyn wird.“ Stanislaus hatte ſich nicht auf die ʒendiſch⸗ ten vier Zeilen beſchräͤnkt. Bertrand kam mit einem ganzen Paket. Welch ein Frühſtuͤck fuͤr ein Maͤdchen von 18 Jahren einen Brief, von dem Ge⸗ liebten an ihr Herz druͤcken zu duͤrfen. Sophie ſchloß ſich in ihr Zimmer ein.„Bertrand komm, „laß uns beide fruͤhſtuͤcken, wir ſind nicht verliebt!“ Waͤhrend dem Eſſen beſprachen ſich nun beide Herren uͤber die Gegenwart und Zukunft. Es iſt gewiß, daß ein laͤngeres Inkognito ganz unnutz ſeyn wuͤrde. Herr Martin war jederzeit geneigt, die Wuͤnſche ſeines Freundes zu erfuͤllen, und Ber⸗ 134 trand kannte nur den Willen ſeines lieben Kindes. So ward alſo beſchloſſen, nach Paris zu fahren, nach Paris, von wo Herr Martin noch vor kur⸗ zem ſo hochſt nothig ſich zu entfernen hatte. So ſprach Meiſter Fuchs einſt, als die Trauben ihm zu hoch hingen. Herr Martin dachte, daß man in einer Stadt allenfalls ſchon leben könne, welche einen Louvre, Thuillerien, ein Luxembourg, einen koniglichen Garten, belebte Boulevards, ein Pantheon und Pa- lais royal zur gerſtreuung darböte, in welcher herr⸗ liche Plaͤtze, eine Rue Richelieu, Grenelle, St. Louis, Dominique, oͤffentliche Baͤder, ungeheure Bibliotheken, die erſten Mahler und Muſiker, Thea⸗ ter und reizende Weiber, angenehme Maͤnner und Lebensuͤberfluß, ausgeſtattet mit allem, was Eleganz und Grazie zu erſinden im Stande ſind— ange⸗ troffen werden. Man hatte freilich keine Pferde; aber wie So⸗ vhie ſehr richtig bemerkt hatte, Herr von Pol⸗ mont wird die ſeinigen mit Vergnuͤgen leihen. So ſtand man auf, nahm Abſchied von ihm, und die kleine Reiſe von Acheres nach Paris ſollte ſich ins Werk ſetzen. Es wurde beſchloſſen, von Zeit zu Zeit Herrn von Polmont zu beſuchen, und eine Adreſſe des Hotels Perou auf ſeinen Kamin gelegt. Bei Cognard ward ebenfalls angeſprochen, und ihm die Verſicherungen fortdauernder Achtung und Theilnahme erneuert. Roſalie ward umarmt und man lud ſich zur Kindtaufe ein. Hatte man bei Herrn von Polmont die Merkmale die Freund⸗ ſchaft empfangen, ſo ward man hier beim Abſchiede mit Segenswuͤnſchen uͤberhäuft. Als man in ſeine Wohnung kam, wurden Pe⸗ lagie und Vincent gerufen. Sie erhielten die buͤrgerliche Garderobe, die Meubeln und den Nies⸗ brauch des Haͤuschens bis Ablauf der Pacht, zum Geſchenk, und zugleich die Verſicherung, in vorkom⸗ menden Foͤllen auf bereite Huͤlfe rechnen zu duͤrfen. Die Ausbruͤche ihrer Dankbarkeit waren grenzenlos und Herr Martin machte mit ſeiner gewohnlichen Weisheit die Bemerkung, daß ſie mehr als alle Komplimente gaͤlten. Damit nichts vergeſſen wuͤrde, ließ man den Mauermeiſter kommen, um den Koſtenanſchlag hin⸗ ſichtlich der verfallenen Bruͤcke zu wiſſen. Herr Martin, der Wuͤrde eines Souverains eingedenk, bezahlte die Haͤlfte der unbedeutenden Forderung voraus. Die Abreiſe des Herrn Martin war indeſſen im Dorfe ruchbar geworden. Zu feierlichen An⸗ ſtalten war keine Zeit mehr vorhanden, und der Tambour und Geiger ließen ſich diesmal nicht 136 vernehmen. Saͤmmtliche Einwohner umringten das Haus und wollten Herrn Martin, Bertrand und Sophien ihre Dankbarkeit und Erkenntlich⸗ keit fuͤr empfangene Wohlthaten ausdruͤcken. Wie ſuͤß muß die Erinnernng ſo ungeheuchelter Beweiſe der Liebe ſeyn! Aber, rief der Herr Pfarrer, wo iſt die junge ſchoͤne Dame, die von aller Welt ſo geliebt wird, und die ſich jetzt nuſern Huldigungen entzieht?— Alle Wetter, rief Herr Martin, gut, daß Sie an „unſere Sophie denken, ſie hat noch nicht einmal „gefruhſtuͤckt!“— Er lief ſogleich nach ihrem Zim⸗ mer und fand ſie eben bei der ſiebenten Seite ih⸗ rer Antwort auf das heute fruͤh empfangene Pa⸗ ket.—„Liebes Kind, warum ſchon jetzt einen ſo „langen Brief ſchreiben, da Sie noch nicht einmal „wiſſen, wohin Sie ihn adreſſiren werden?“— Dem ſchreiben zu duͤrfen, den man liebt, heißt ſo viel, als mit ihm ſprechen!—„Recht gut, „mein lieber Engel, aber jetzt folgen Sir mir, um „den Abſchied unſerer guten Dorfbewohner zu em⸗ „pfangen, nachher ſollen Sie fruͤhſtuͤcken, und glau⸗ „ben Sie mir, ein Fruͤhſtuͤck ſchadet ſelbſt den Al⸗ „lerverliebteſtennicht. Alles war beendigt. Jeder war wiederum an ſeine Arbeit gegangen. Die Pferde des Herrn Pol⸗ 3 137 mont kamen an, die Reiſenden waren bereit zum Einſteigen, und Vinecent und die huͤbſche Pela⸗ gie verließen ihre Wohlthaͤter nicht bis auf den letzten Augenblick. Wer ſprengt aber dort in vol⸗ „lem Galopp herbei? Reuter und Pferd ſind mit „Staub und Schweiß bedeckt. Ein Brief wird „Herrn Martin uͤbergeben. Sie werden ſehen, „lieben Freunde, daß der Menſch ein gehorſamer „Diener der gebietende Zufaͤlle iſt; wir rechneten „darauf, nach Paris zu fahren, wir waren feſt ent⸗ „ſchloſſen, uns durch nichts abhalten zu laſſen, und „jetzt—— fahren wir nach Meulan.“— Nach Meulan?—„Bonifaz und ſeine Suſette ſitzen „dort im Gefaͤngniß und berufen ſich auf mich.“— Das ſind Einfaltspinſel.—„Ich weiß, liebe „Sophie, und deshalb beduͤrfen ſie meines Schuz⸗ „zes. Verzeihung, Bertrand, das Mißgeſchick er⸗ „druͤckt den Willen meines Herzens auf einen Au⸗ „genblick. Fort nach Meulan, um den beiden Un⸗ gluͤcklichen zu helfen.“ Herr Martin gab So⸗ phien einen Kuß, alles ſtieg ein, der Kutſcher des Herrn von Polmont ſchnalzte mit der Peitſche und man verließ den Aufenthalt der Ruhe und des Friedens.— Wird man es anderswo beſſer finden? Kaum hatte man eine Meile zuruͤckgelegt, als Herr Martin ausrief:„Wir glauben nach Meulan « 138 „zu kommen, ich wette, wir muͤſſen nach Acheres „zuruͤck. Wer wird den Gerichten zu Meulan fuͤr „unſere Perſon Gewaͤhr leiſten? und wir haben vergeſ⸗ „ſen, uns von Polmont ein Atteſt geben zu laſſen. Es war jetzt nicht anders moglich; der Noth⸗ wendigkeit mußte gewichen werden, man klagte ſich wechſelſeitig der Unvorſichtigkeit an und lenkte ver⸗ druͤßlich um. „Das Gluͤck ruht auf einem Rade, unſere Be⸗ „ſtimmung ebenfalls; wir mogen uns ſtemmen, wir „muͤſſen uns mit umdrehen.“— Ach! ihr Syſtem „iſt gar nicht troͤſtend!— Warum, Sophie, was „liegt daran, ob wir in krummer oder gerader Linie „vorwaͤrts gehen? haben wir unſer Ziel erreicht, „muͤſſen wir doch halt machen. Genug, genug! rief „Bertrand, laſſen wir die Metaphyſik bei Seite, „freuen wir uns unſers Lebens und berunruhigen „uns nicht um das Warum wir leben!“ „Welch' ein zweiter Sancho koͤmmt uns deun „dort, Arm und Bein in die Luft geſtreckt, auf ſei⸗ „nem Eſel entgegen geritten: Ah— Vincent! „Nun, was will der uns Neues verkuͤnden?— Ha! „ein Brief von Polmont.“ Polmont hatte erfahren, was unſere Reiſende nach Meulan rief, und da er den Gang der Gerichte kannte, ſo ſandte er ſogleich das bewußte Certiſikat, 139 welches die Nothwendigkeit auszufertigen und dort vorzuzeigen befahl. „Seyd Ihr noch der Meinung, daß man in die⸗ „ſer Welt ſeinem Willen folgen kann? Wir wollen „nach Paris, fahren nach Meulan, kehrten um nach „Acheres und wenden jetzt zum zweitenmale nach „Meulan.“ Bertrand, welchen in der Regel der⸗ gleichen philoſophiſche Bemerkungen wenig unter⸗ hielten, antwortete nichts, ſondern wandte ſich zum Kutſcher mit dem einfachen Befehle: umzukehren. um die verlorene Zeit möglichſt einzuholen, ging es in vollem Trabe vorwaͤrts. Herr Martin uͤberlegte, Bertrand gaͤhnte und Sophie huͤtete ſich, ihre kleine uUngeduld, aus Furcht, neue Lehren zu bekommen, zu aͤußern. Plotzlich ſprang jemand ſeitwaͤrts auf den Wagen zu und hielt die Pferde auf. Bertrand, welcher bei ſolchen Gelegenheiten kdinen Spaß verſtand, zog ein Piſtol, und ſchwur, dem Verwegenen eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Er hat keins, rief Herr Martin laͤchelnd.“ Es war Bonifaz⸗ und nicht lange, ſo erkannte man ebenfalls Suſettten, welche ſich mit acht oder zehn Kniren dem Wagen naͤherte und großen dummen Auges in das liebe blaue hineinlachte.„Jetzt „werden wir nicht nach Meulan fahren. Wen⸗ „den wir, weil es das Rad nicht anders will. Du 140 „biſt alſo nicht mehr Gefaͤngniß? Warum hat „man Dich eingeſperrt⸗“— Nun darum.— „Dummkopf!“— Aufzuwarten.—„Noch ein⸗ „mal, warum hat man Dich feſtgehalten?“— Weil „ich Ihren Pferden nachgelaufen bin.—„Der Kerl „wird nicht fertig.“— Ich antworte ja auf alles. „Etzaͤhle, was iſt geſchehen.“ Nun, Herr Martin weiß, wie wir beide, nem⸗ lich ich und Suſette, gelaufen ſind, und nach⸗ dem wir eine Stunde gelaufen waren, wußten wir nicht mehr, wohin wir laufen ſollten. Da aber die Pferde eben ſo gut zu unſerer Rechten als zu unſever Linken, als vor uns angetroffen werden konnten, ſo dachten wir beide, daß wir nicht verge⸗ bens gelaufen wären, und uns keinen Vorwurf zu machen haͤtten, indem niemand wiſſen konnte, wo⸗ hin die Diebe mit den Pferden gelaufen waren. „Fahre fort.“— Den gnaͤdigen Herrn?—„Nein, „Deine Erjthlung. Wie iſt das Ende?“— Nun, daß Ende iſt, daß ich Herrn Martin wieder getrof⸗ ſen habe! he, he, he! Bertrand rief ungeduldig. Sie ſind gefan⸗ gen worden, ſind fortgelaufen und damit iſts vor⸗ bei.—„Halt, ich muß wiſſen wie? Weiter.“— Nun, Herr Martin kann begreifen, daß wir end⸗ lich muͤde wurden und ſo kamen wir nach Meulan 141 und wollten uns da recht ausruhen. Als wir uͤber den Markt gingen, hoͤrten wir Muſik. Sapperment! es waren unſere Muſikanten. Ich pakte den einen Kerl bei der Gurgel, und meine Suſette hielt die andern zwei, ſie riefen um Huͤlfe, und die Gens⸗ d'armen fuͤhrten uns alle fort. Die Muſikanten ſagten uns, ich hatte ihnen ein Sacktuch geſtohlen, und als man meine Taſchen durchſuchte, fand man, hohl mich der Henker, ein Tuch, das mit einen Buchſtaben gezeichnet war, wie ſie es ausgeſagt hat⸗ ten.—„Dem Himmel ſey Dank! jetzt wird die „Sache klar. Man hat Euch alſo eingeſetzt, wie „ſeyd Ihr aber herausgekommen?“— Durch die Thuͤr, Herr Martin. Ein ſchwarzer Herr hat uns beide hin und her gefragt, und hernach kamen die vier Muſikanten vor, und er fragte ſie auch, ſie ſollten ſagen, wo ſie die Pferde gelaſſen haͤtten. Da kam ein kleiner dicker Herr, der ſagte, die Muſikanten haͤtten ſie ihm verkauft, und er haͤtte ſie nach Pa⸗ ris an einen Herrn mit einer ſilbernen Naſe ver⸗ kauft. Jetzt aber konnten die Muſikanten nicht ſa⸗ gen, wovon ſie die Pferde gekauft hatten, und da fragte man mich wieder, und las mir etwas vor, was ich und Suſette indeſſen nicht verſtanden ha⸗ ben, und nun ließ man uns laufen, und ſagte ung, wir waren beide wie das liebe Vieh ſo dumm. 142 „Meine Pferde waͤren alſo wieder gefunden? „Ich werde indeſſen dieſen Fund doppelt bezah⸗ „len muͤſſen. Denken wir nicht weiter daran. Wovon habt Ihr aber ſo lange gelebt?“— Von der Gnade Gottes.—„Ach, Ihr habt gefaſtet, arme „Teufel.“— Ei, wo denken Herr Martin hin, gefaſtet! Gefaſtet ſeit 4 Tagen, wie waͤr denn das möglich?—„Wo und wie offenbarte ſich denn die „Gnade Gottes?“— An der Thuͤr einer Meierei. Wir bettelten um Brod, und erhielten es, und manchmal ein wenig Speck dazu.—„Ein ſcho⸗ „nes Handwerk! Ja, die Noth will, daß der „Wenſch eſſe, und wenn er nichts hat, ſo iſt er „gezwungen, zu betteln, oder zu ſtehlen.— Wol⸗ len wir nicht weiter fahren? fluſterte Sophie leiſe.—„Nur noch eine Minute.“— Fort, fort, rief Bertrand, hier Bonifaz, nimm zwei Louis, und Du, Suſette, ebenfalls; macht, was Ihr wollt. Der Himmel lohn es, der liebe Gott bezahl es wieder! Das Engelsgeſicht der lieben Sophie erhei⸗ terte ſich, denn man befand ſich endlich auf der Straße nach Paris. Auch Bertrand war vergnügt; denn er ſah das Laͤcheln ſeiner geliebten Tochter. Herr Martin dachte uͤber die Verſchiedenheit der Geſichtszuͤge, der Organe und der geiſtigen Fä⸗ 143 higkeiten uͤberhaupt nach.„Nicht wahr, Ber⸗ „trand, die Verſchiedenheit der Menſchen, groß „oder klein, huͤbſch oder haͤßlich, ſtark oder „ſchwach, naͤrriſch oder klug, kann man recht „gut erklaͤren, wenn man ſich dem Pflanzenle⸗ „ben vertrauter machen will, wo mehr oder weni⸗ „ger Saft dieſelben Verſchiedenheiten hervorbringt. „Wo ſoll man aber dieſe Unaͤhnlichkeit desjenigen, „was wir Geiſt nennen, herleiten, wenn dieſer „Geiſt oder dieſe Seele nicht das Reſultat der mehr „oder minder lebhaften Gefühle iſt, je nachdem die „Organe mehr oder weniger Faſſungskraft beſttzen, „oder die Rerven unſers Gehirns mehr oder we⸗ „niger reizbar ſind?; Meine Seele, welche unſterb⸗ „lich iſt, iſt die Materie, und folglich meinem Köͤr⸗ „per fremd. Warum uͤbte dieſe Seele ihre Denk⸗ „kraft nicht ſchon in meiner Mutter Leib? warum „nahm ihre Faſſungskraft erſt mit Entwickelung drr „Kraͤfte meiner Organe zu? Warum verliert ſie ihre „Denkkraft jetzt, da ich 50 Jahr alt bin? Warum „irrt die Seele eines Wahnſinnigen mit ſeinem „Koͤrper? Warum konnte die Seele des Herrn Ak⸗ „tuarius zu Acheres nicht in hundert Jahren auch „nur vier Verſe, denen in der Athalie gleich, zu „Stande bringen? Am Ende ſollte doch der Geiſt „ein gleich beſtehendes Weſen ſeyn, unveraͤnderlich, 144 „ſo wie ein Sonnenſtrahl immer und ewig ein „Sonnenſtrahl bleiben wird.“ Oh, antwortete Bertrand, man koͤnnte uͤber dieſes Kapitel ein dickes Buch ſchreiben, welches dennoch die Velt nicht uberzeugen wuͤrde. Da wir indeſſen viel Gutes uͤber dieſen Punkt in alten Buͤ⸗ chern von guten alten und verehrten Autoren ſin⸗ den, ſo rath' ich Ihnen nicht die Feder deshalb in die Hand zu nehmen. Die Menſchen ſind, trotz Jahr⸗ hunderten, in welchen ſie in Trauer und Finſterniß irrten, nicht von der Mediein zuruͤck gekommen.— „Ich verſtehe, ich verſtehe, Gott ehre die Doktoren, „und werfen wir die Kraͤuter zum Fenſter hinaus.“ Dem Himmel ſey Dank, wir ſind in St. Ger⸗ main. Ihre unterhaltung, meine Herren, war nicht ſehr intereſſant.—„Ich glaube ſogar hie und da ein kleines unterdrucktes Gaͤhnen bemerkt zu haben. Sprechen wir von Stanislaus!“— Ja ja! lie⸗ ber Herr Martin, ſprechen wir von Stanislaus! und von dieſem Angenblick, bis zu dem, wo man vor dem Gaſthauſe zum weißen Pferde hielt, ſprach man nur von dem innig Geliebten. Bertrand ſprach beinah eben ſo gern von ihm, als ſeine Doch⸗ ter, und Herr Martin hoͤrte mit vieler Guͤte zu. Suͤße, koͤſtliche Taͤuſchung! dachte er, die Du das Entzuͤcken der Gegenwart und den Himmel der Zukunft 145 Zuknuft mahlſt. Warum mußt du dereinſt ver⸗ ſchwinden? Weil alles, was einmal angefangen hat, auch enden muß. Eine betruͤbte Wahrheit, die man den Gluͤcklichen verbergen muß. Genießen Paula und Stanislaus auch nur ein Jahr ei⸗ nes ganz ungetruͤbten Gluͤckes, ſo ſind ſie ſchon ge⸗ nugſam zu beneiden. Wie viele Ungluckliche ſind zum Leiden geboren, und erlangen die letzte Stunde erſt nach Entbehrungen aller Art und grauſamen Schmerzen. Sollen ſie mit der Natur allein rech⸗ ten? nicht mit den buͤrgerlichen Verhaͤltniſſen? mit der Willkuͤhr?— aber ſtill. Ein weiſer Client ver⸗ dirbt es nicht mit ſeinem Patron, wenn er auch noch ſo unzufrieden iſt: es koͤnnte doch noch ſchlech⸗ ter ſeyn. Man ſpeiſte zu Mittag und ſetzte ſeine Reiſe weiter fort. Sophie ward von Minute zu Mi⸗ nute aufgeraͤumter, je mehr und mehr man ſich dem Orte naͤherte, wo Stanislaus noch geſtern geathmet, und wo er ſeine letzten Zeilen geſchrieben hatte.— Glauben Sie wohl, Herr Martin, daß er jetzt in Calais ſeyn kann, und wird er wohl morgen ſchon in London eintreffen? Nicht wahr, in zwei Tagen koͤnnen wir Briefe von ihm haben? Aber freilich, ehe er ein Logis haben wird! Das Paket⸗ bvot geht auch wohl nicht gleich nach Dower ab. II,[10 1 —— —— —— 146 Das waͤre ein großes ungluͤck!—„Liebe Sophie, „Sie waren beinah ein Jahr ohne Nachricht von „ihm, und waren ruhig, Sie waren es geſtern, und „heute ſind Sie es nicht mehr. Macht das Gluͤck „ſo ungerecht und ſo unmaͤßig?“— Ich habe un⸗ recht, lieber Herr Martin, aber ich liebe ihn, ich bin ihm gar zu gut!—„Lieben Sie ihn, So⸗ „phie, nur bleiben Sie Herrinn Ihrer Vernunft! „Wahre Liebe erhebt die Seele und iſt ſelten die „Mutter der Reue. Unſinnige Leidenſchaft ernie⸗ „drigt den Menſchen, den ſie beherrſcht.“ Wahrhaftig, antwortete Bertrand, der Herr Pfarrer zu Acheres hatte vollkommen recht; Sie wuͤrden wie ein Engel predigen!—„Ich gebe zu, „daß ich eben nicht ſehr launig ſeyn mag, aber wir „naͤhern uns Paris, und der ſchluͤpfrige Boden die⸗ „ſer Stadt, die betaͤubenden Zerſtreuungen fordern „von ſelbſt auf, ernſthafte Gegenſtaͤnde leicht zu ver⸗ „geſſen.“— Ach, lieber Freund, Paris wird mich nichts vergeſſen laſſen!— Da ſind wir an der Barriere!„Legen wir hier „den Herrn Martin und Bertrand und So⸗ „phie ab und geben uns uns ſelbſt wieder zuruͤck.“ — Werden wir ſo gluͤcklicher ſeyn?—„Ich „weiß es nicht, Paula, ich halte aber fuͤr gut, den „Ring feſt zu halten, den das Gluͤck und die Vor⸗ 147 „ſicht bezeichnet haben. Der Burger, welcher mit „vielem Gelde nach Titeln ſtrebt, tauſcht ſein Ver⸗ „mögen mit Albernheiten. Der Fuͤrſt, welcher „ohne Grund von ſeiner Höhe herabſteigt, wird na⸗ „tuͤrlich ſeinen Untergebenen gleich. Richt mehr „gewuͤrdigt von ſeinem Hofe, ſieht er ſich auch der „geziemenden Achtung bernubt. Jeder bleibe, was „er iſt, und thue alles zur gehorigen Zeit. Ein jun⸗ „ger Menſch, der fruhzeitig mehr wiſſen will, als er „noͤthig hat, iſt ein unbaͤrtiger Pedant zu nennen, „und ein Greis, der mit einem Knaben um die „Wette ſchaͤkern wollte, wuͤrde ſich dem Gelaͤchter „preis geben.“ Im Hotel Peron ward abgeſtiegen. Der Fuͤrſt hat ſein Zimmer beſtellt. Wo wird Obinski und ſeine Tochter wohnen, da Klles beſetzt iſt? Ein gro⸗ ßer Herr kann, ohne ſich etwas von ſeiner Wuͤrde zu vergeben, ſchon auf ein paar Zimmer Verzicht lei⸗ ſten, uͤberdem iſt der Wirth ein gefaͤlliger Mann und der Gewinn wird ihn vermdgen, ein paar Mie⸗ thern aufzukuͤndigen, um ſo hohe Gaͤſte ihrem Range gemaͤß, aufzunehmen. Waͤhrend matt alle dieſe Vorkehrungen traf, verwandte Friedrich kein Auge von dem Grafen und ſeiner Tochter. Er hatte ſie zu Petersburg ge⸗ ſehen, von ihrem Ungluͤck, ihrer Verbannung ge⸗ 148 hort, und ſie jetzt in Geſellſchaft ſeines Herrn, und in ſo einfacher laͤndlicher Kleidung zu ſehen, war ihm unbegreiflich.„Nein, nein! gieb Dir keine „Muͤhe, ſagte der Fuͤrſt Palowski, Du wirſt „michts von alle dem begreifen, und es iſt auch micht nothig, daß Du etwas begreifſt, aber wohl „moͤthig, puͤnktlich Deine Schuldigkeit zu thun. Der „Herr Graf und ſeine Tochter wuͤnſchen ſich ihrem „Stande gemaͤß zu kleiden, Du haſt Dich lange ge⸗ „mug ausgeruht, jetzt eile, lauf, was Du kannſt. „Bis zum Lever muß ein Schneider, eine Mode⸗ „haͤndlerinn in meinem Vorzimmer ſeyn. Und daß „mir dieſe Kuͤnſtler vom erſten Range ſind! „Waͤhrend der langen Conferenz welche die Graͤfinn „mit ihnen haben wird, ſuchſt Du fuͤr den Grafen „einen flinken tuͤchtigen Bedienten, brav, wie Du, verſtanden! Du ſiehſt, daß ich das Hofleben „noch nicht vergeſſen, und, wo es Noth thut, zu „ſchmeicheln verſtehe. Aber verlaß Dich nicht zu „viel darauf.“ 6 „Die Graͤfinn bedarf einer Kammerfrau, welche „ebenfalls die erforderlichen Eigenſchaften beſitzen „muß. Nimm Dich in Acht, die Wahl iſt nicht „ganz leicht. Uebrigens befehle ich Dir, eine haͤß⸗ „liche Kammerfrau auszuſuchen.“— Haͤßlich, Ew. Durchlaucht?—„Haͤßlich! Ich kenne Dich, Du ——— 149 „biſt ein durchtriebener Schelm, und ich mag keine „Liebesintriguen und Vertrauchlichkeiten in meinem „Hauſe haben. Eine haͤßliche Kammerfrau iſt in der „Regel launiger und aufgeweckter, als eine andere, „und ſolche Lebendigkeit hindert Erklaͤrungen zwi⸗ „ſchen der Gebieterinn und der Dienerinn, Erklaͤ⸗ „rungen, die uͤberhaupt jederzeit uͤbel angebracht „ſind. Fort, fort!“ Der Fuͤrſt machte ſichs in ſeinem kleinen Lokal ſo beqnem, als möglich; Panla endigte den Brief an Stanislaus, welchen ſie zu Acheres angefan⸗ gen hatte. Der Fuͤrſt ging, wie Herr Martin ebenfalls gethan haben wuͤrde, ohne die geringſte Bedienung zu Bette. Ach, dachte er, ein Fuͤrſt und ein Landmann in ſeinem blauen Hemde haben doch verzweifelt viel Aehnlichkeit. Den andern Morgen war alles im Hotel in Bewegung. Die bewußten Kuͤnſtler, Tuchhaͤnd⸗ ler, Seiden⸗ und Sammetfabrikanten Modehaͤndler, alle hatten ihre Waaren, Stickereien, Huͤte von al⸗ len Gattungen, Kleider, Schuhe, Baͤnder von allen Farben mit vieler Sorgfalt und Geſmack, und er⸗ warteten die hohen Kaͤufer mit der tiefen Ergeben⸗ heit, welche eine gewohnliche Begleiterinn der Hoff⸗ nung, viel Geld zu verdienen, iſt. Der Fuͤrſt erſcheint in ſeinem Morgenkleide, ——————— ————— — 15% für die Kaufleute die Morgenröthe eines goldenen Tages! Friedrich zweifelt keinen Augenblick, daß dieſe Leute nicht die einmal angenvmmenen Ge⸗ braͤuche bei ſolchen Gelegenheiten kennen ſollten, und ermangelt daher nicht, Sr. Durchlaucht alles ſelbſt zu entfalten und zu zeigen. Er giebt ſeine Gruͤnde an, warum er dieſes oder jenes, dieſen oder jenen, oder dieſe und jene, und keine an⸗ dere gewaͤhlt und hierher gebracht habe.„Brav, „Friedrich! ſagte ihm der Fuͤrſt leiſe ins Ohr, „Du machſt Deine Sachen gut, fuͤnf Prorent ſind „fuͤr Dich! was iſt das?— Ein Schmuckkaſtchen?— „Schoͤn, ſolche Spielereien ſtehen einem jungen „Mäaͤdchen gut.“— Gerade recht.—„Brav, Frie⸗ „drich.“ Palowski klopft an des Grafen Thuͤre und bittet ihn, mit ſeiner Tochter heraus zu kommen. Obinski waͤhlte die beſcheidenſten Muſter, Paula ſchien ganz gleichgultig.„Oh, rief der Furſt aus, „ietzt merk' ich, daß unſere arme Kleine ſehr liebes⸗ „krank ſeyn muß, nicht einmal der Zauber einer „Toilette vermag ſie zu erheitern. Da hilft nichts, „Obinski, wir muͤſſen ſie verheirathen; aber wie „fangen wir's an, ich kann wahrhaftig nicht helfen. Palowski waͤhlte fuͤr die Graͤfinn und ſuchte und kramte unter den ſchoͤnen Sachen; dann und N 151 wann gleitete ein ſtilles beſcheidenes Wortchen Frie⸗ drichs ſo zwiſchen ein, und der Fuͤrſt geſtand ſich, daß ſein Kammerdiener, mehr Geſchmack als er ſelbſit beſitze. „Jetzt, meine Herren und Damen, ſagte der „Fuͤrſt zuden Kaufleuten, uͤbergeb' ich Ihnen die ge⸗ „waͤhlten Sachen; verlange aber, daß alles bis um „5 Uhr Abends fertig abgeliefert werde.“— Ew. Durchlaucht? bis um 5 uhr? wie ſollte das moͤg⸗ lich ſeyn?—„Das iſt Ihre Sache, ich will es „durchaus.“— Wenn Ew. Durchlaucht befehlen. —„Die Rechnung bitte ich beizufuͤgen.“— Ew. Durchlaucht beſeitigen alle Hinderniſſe. Waͤhrend dem Dejeuner ſtellte Friedrich einen Bedienten und eine Kammerfrau den hohen Rei⸗ ſenden vor. Palowski beachtete den erſten wenig. Taugt er nichts, dachte er, ſo wird ihn der Graf fortiagen; er ließ ſich aber mit der zweiten uͤber verſchiedene Punkte in ein Geſpraͤch ein, um aus der Art ihrer Antworten auf ihre Aufrichtigkeit ſchließen zu konnen. Sie hat bei der Frau eines Beamten gedient, und legte ein gutes Zeugniß vor.„Warum haben „Sie den Dienſt dieſer Dame verlaſſen?“— Sie hat mich nicht laͤnger behalten wollen.—„War⸗ „um?“— Meine Art, mich zu kleiden und mich zu 152 benehmen, war ihr nicht vornehm genug.—„Nicht „vornehm genug fuͤr die Frau eines einfa⸗ chen Beamten, der heute oder morgen ab⸗ „gedankt werden kann? Das iſt zum Lachen, „uͤbrigens bin ich auch der Meinung, daß „ein wenig Sorgſamkeit in der Kleidung „hie und da der Natur zu Huͤlfe kommen „kann. Warum erzeigten Sie Ihrer Herr⸗ „ſchaft dieſen Gefallen nicht?“— Meine Mutter iſt arm und duͤrftig.— Genug, liebes „Kind, Sie ſind angenommen.“ „Jetzt, meine Freunde, denk ich, machten wir „eine Spatzierfahrt in Freie. Paula traͤgt zwar „noch die Kleider der ſchoͤnen Sophie, aber „Sophie gilt ſo viel als Paula, und ein alter „Schwaͤtzer ſagt: man muß auf das koſtliche Ge⸗ „traͤnk und nicht auf den Becher ſehen. Frie⸗ „drich, auſpannen!“ „Nun, meine liebe Freundinn, geſtern, als wir „uns Paris naͤherten, waren Sie heitern und ver⸗ „gnuͤgten Blickes.“— Stanislaus war hier durchgekommen!—„Heute ſind Sie verdrieß⸗ „lich.“— Er iſt nicht mehr hier.—„Darum „muß man Sie zerſtreuen, wir wollen ins Freie. „Die Natur ſoll uns die Formen des geſellſchaftli⸗ „chen Lebens, denen wir ſo oft gehorchen muͤſſen, 165 „vergeſſen machen.“— Die Natur einigt ſich die Herzen, aͤußere Verhaͤltniſſe trennen Sie.—„Auch ſie werden endigen, und Ihre und „des Geliebten Wuͤnſche gekroͤnt werden. Zeit und „Ausdauer ſind zwei feſte Saͤulen. Muth, Hoff⸗ „nung und vor allen Dingen Frohlichkeit! Steigen „Sie ein.“ Man faͤhrt nach Sevres, St. Cloud, geht ſpa⸗ zieren, ſchwatzt, und aller Bemuͤhungen des Fuͤrſten ungeachtet, behielt die Unterhaltung einen Anſtrich von Sentimalitat. Sie ſtiegen wieder ein, wechſel⸗ ten die Oerter des Vergnuͤgens, aber Paula ver⸗ lor nirgends ihre Schwermuth. So gelangt man wieder zu Hauſe, und kaum war die Tafel aufge⸗ hoben, als auch Friedrich ſeine Kuͤnſtler anmel⸗ dete. Julie nahm als Kammerfrau alles an ſich, was ihrer ſchoͤnen Gebieterinn gehoͤrte, und uͤber⸗ reichte es derſelben mit jener Guͤte und herzlichen Dienſtfertigkeit, welche mehr als die lebloſe Schoͤn⸗ heit einnimmt. Obinski zog ſich an, und Paula war geſchmuͤckt, ohne daß ſie es einmal gewahr ge⸗ worden. Man fuhr nach der großen Oper.— Ich verſtehe kein Wort ſagte Paula, hat der Kompo⸗ ſiteur blos fuͤr das Orcheſter gearbeitet?— Der Fuͤrſt bot ihr den Arm, man eilte nach dem Thea- tre frantais. Zaire ward gegeben, das liebe gute 164 Kind, verſtand nur zu gut den Dichter, ſie zerſchmolz in Thraͤnen; Znire iſt ein Trauerſpiel furs Herz. Heut zu Tage ruͤhrt es weniger, weil der Ritter Boufflers die Herzen der Zuſchauer auf ſeltſame Art in Beſchlag genommen hat. Palowski entfuͤhrte unſere ſchöne Paula zum zweitenmale und geleitete ſie ins Vaudeville. Lantara ward dargeſtellt, Paula hörte aufmerk⸗ ſam zu. Ein leichtes Laͤcheln irrte dann und wann uͤber die ſchuͤchternen Lippen. Halt, dachte der Fuͤrſt, hier werde ich eine Loge miethen. Den andern Morgen fuͤhrte er ſie nach den be⸗ wußten Bergen aller Art. Sie ſah hier nur Toll⸗ heiten. Er eilte mit ihr in die konigliche Biblio⸗ thek.— Alles iſt hier! gluͤcklich, wer Ruhe genug beſitzt/ um leſen zu koͤnnen.— Sie ſah das Pan⸗ theon.— Iſt das recht, lieber Freund, daß man eine Inſchrift*), welche die Todten verewigte und die Lebenden ermuthigte, eingehen ließ?—„Mein „Kind, der Begriff und das Wort: großer Mann, „aͤndert ſich nach den Umſtaͤnden.— Gglileus war „in den Kerkern der Ingquiſition ein Ketzer, Chri⸗ „ſtoph Kolumbus galt, bis er die neue Welt ent⸗ „deckt hatte, fuͤr einen Rarren. Die Inſchrift *) Aux grands hommes la patrie reconnoissante. ——— 165 „könnte freilich wieder hergeſtellt werden, aber in „welchem Sinne? Ich wuͤßte nicht, vielleicht wuͤrde „ſie die Aſche eines Jeſuiten oder Kapuzinergeneals „bezeichnen.“ Paula ward nach Hauſe begleitet, und der Fuͤrſt fuhr auf einen Augenblick beim Geſandten vor. Das arme Kind, dachte er, wird durch eine heftige Leidenſchaft aufgerieben. Die Liebe wird ſie verzehren, wie die Sonne eine Blumever ſengt. Ach, daß ich ſie verheirathen könnte! — Gut, daß Sie kommen, rief ihm der Ge⸗ ſandte entgegen, ſchon ſeit 3 Tagen liegt hier ein Paket unter Ihrer Adreſſe.— Palowski wirft ei⸗ nen Blick auf die Aufſchrift, es iſt die Hand Ma⸗ tiskas.„Dies Paket koͤmmt von der Fürſtinn, „wenn Ew. Execellenz mir erlauben moͤchten. — Ich bitte Ew. Durchlaucht, leſen Sie!— Palowski offnet, durchfliegt die erſten Zeilen, endet, greift nach ſeinem Hute; er vergißt daß der Geſandte vor ihm ſtieht, fluͤrzt die Stfuen hinab. „Nach Hauſe, nach Hauſe! was die Pferde nur ja⸗ „gen koͤnnen!“ „Große Reuigkeiten, große neiihen rief „er ſchon unten an der Treppe! Große Reuigkei⸗ keiten!“ und mit dieſen Worten flog er durch ſein gimmer, und zog Obinski und Paula in ſein —— ——— Kabinet!—„Kommen Sie, kommen Sie!— Ho⸗ „ren Sie!“ er war ganz außer Athem. Er ſaß und vor ihm lagen die entfalteten Pa⸗ piere. Paula und Obinski harrten mit ſteigen⸗ der Ungeduld. Palowski las folgenden Brief der Fuͤrſtinn: Mein Fürſt, was Sie vorausgeſehen, iſt leider eingetrofen. Vom Gipfel des Gluͤckes bis zur Verbannung iſt nicht ſo weit, als ich mir getraumt hatte. Eine Hofintrigue, welche ich, um meinem Anſehen nichts zu vergeben, mich fuͤr verpflichtet hielt, zu beguͤnſtigen, hat mich auf immer vielleicht geſtuͤrzt. Ich bin nach Archangel verwieſen⸗ von wo ich Ihnen ſchreibe. Hier hab' ich Zeit, uͤber die Wandelbarkeit der Groͤße nachzudenken, hier erhebt ein belaſtetes Ge⸗ wiſſen ſeine Stimme, und mit marternder Treue haͤlt es mir im Spiegel meine Fehler, meine harten Ungerechtigkeiten vor. Buͤßen kann ich die erſten, aber es iſt außer meiner Macht, die zweiten wieder gut zu machen. Was ich Obinski genommen habe, kann ich ihm hienieden nicht wieder geben. Gefoltert durch die Vergangenheit, habe ich nicht vergeſſen, daß ich Mutter bin, und daß ich auch die Rechte auf die Liebe meines Sohnes ein⸗ gebuͤßt habe. Alles will ich thun, um dieſe wieder ————— 157 zu erlangen, denn ihm hoffe ich noch ertraͤgliche Tage meines Daſeyns verdanken zu koͤnnen. Stanislaus iſt aus Oranienbaum entſprun⸗ gen, Sie muͤſſen es wiſſen, denn er konnte nur ei⸗ nen Gedanken haben, nemlich den: Sie, ſeinen beſten Freund zu finden, und der Ingend und Liebe ſind keine Hinderniſſe unuͤberwindlich. Sagen Sie ihm, daß ich ihm die Guͤter ſeines Vaters uͤbergebe, daß ich in ſeine Heirath willige, weil er darin ſein Gluͤck findet, und Paula aufhoͤren wird, die Mut⸗ ter ihres Gemahles zu haſſen. In dieſem Paket ſinden Sie alles, um dieſe Verbindung zu beſchleunigen. 6 Wenn es wahr iſt, daß das Gluͤck alles andere vergeſſen macht, ſo werd' ich nur fuͤr Stanislaus und Paula noch leben, beide werden ſich indeſſen erinnern, daß in Archangel, eine Mutter das Ver⸗ gangene bereut. Den Grafen Obinski bitte ich noch fuͤr alles Uebel, was ich ihm zugefuͤgt habe, um Verzeihung. Moͤchte es ihm gefallen, mir zu ſchreiben, daß meine Reue bei ihm Erhoͤrung gefunden hat. Und Sie, mein Fuͤrſt, der Sie alle Ihre Hand⸗ lungen ohne Errdthen in Ihr Gedaͤchtniß zuruͤckru⸗ fen konnen, ſeyn Sie großmuͤthig und ſchenken mir Ihr Mitleid. Die Ihre. 153 Mehr wie zwanzigmal war Palowski im Le⸗ ſen unterbrochen worden. Die Ausrufungen Pau⸗ las und Obinskis folgten einander unaufhörlich. — Iſt es wahr?— Kann ich es glauben?— Sie willigt in unſere Heirath!— Ja, ja, ſie ſoll meine Mutter ſeyn, ich bin ihr Kind!— Ich verzeihe, ich verzeihe! rief Obinski, ſie hat recht, das Gluͤck der Gegenwart vertilgt jede Spur der Vergan⸗ genheit! Jetzt fragte man ſich wechſelſeitig, und ließ ſich ſelbſt keine Zeit, die Antwort zu vernehmen. Gluͤck⸗ wuͤnſche, Umarmungen von allen Seiten. Die Freude ſtrahlte aus allen Augen, klopfte in Aller Herzen!. „Lieben Freunde, ich war gegen dieſe Heirath, „weil ich dagegen ſeyn mußte. Die Fuͤrſtinn giebt „ihr Jawort, jetzt muß ich, will ich Eure Ver⸗ „bindung beſchleunigen. Ein Tag, der meinen Kin⸗ „dern verloren ginge, wuͤrde mein Herz zentner⸗ „ſchwer belaſten. Paula, ſo wie wir Nachricht „von Stanis laus haben, reiſen wir nach Lon⸗ „don. An der Seite Ihres Vaters und Ihres be⸗ „ſten Freundes koͤnnen Sie diesmal ſchon Ihrem „Braͤutigam entgegen gehen.“ — Ja, ja, mein Fuͤrſt nach London! wir thei⸗ len mit ihm unſer Entzuͤcken. Seine Freude wird —— ——— 169 die unſere noch erhöben. Die engliſchen Briefe wrrden heut um 3 Uhr ausgetheilt. Julie weiß es.— Gewiß bekommen wir noch heute einen Brief! und morgen, nicht wahr morgen, morgen koͤnnen wir in Calais ſeyn? „Ja, mein Kind, wenn wir heute noch Rach⸗ „richt erhalten, ſind wir morgen in Calais.— Mein einziger Freund! welchen Dank bin ich Ihnen ſchuldig!— Das gute Kind kuͤßte dem Fuͤrſten die Hand, Obinski hielt die andere und benetzte ſie mit Thraͤnen. Der Fuͤrſt ſchellte.„Friedrich, wir brauchen „hier weiter kein beſonderes Logis. So bald wie „moͤglich reiſen wir nach London. Daß alles ge⸗ wackt und bereit iſt. um 6 uhr Poſtpferde.“— Ehe wir nicht einen Brief von Stanislaus ha⸗ ben, iſt es unmoͤglich, etwas vorzunehmen. Wir wollen indeſſen unſere Zeit nicht verlieren. In Ar⸗ changel.—„Recht lieber Freund! ja, wir ſind die⸗ „ſer Frau Troſt und Erkenntlichkeit ſchuldig. Wir „wollen alle drei ſchreiben und jetzt gleich.„Ich „werde ſie zum erſtenmale Mutter, liebe Mut⸗ ter! nennen.“ Sogleich ward Briefpapier hierhin und port⸗ hin auf den großen Tiſch ausgeſtreut. Feder und Tinte waren im Nu da. Der Vater, die TDochter 160 und ihr vortrefflicher Freund ſitzen bereits. Feder und Federmeſſer ſind in aller Haͤnden, die Zeilen ſießen mit Leichtigkeit, ach das Herz wagt ſeine Ausdruͤcke nicht, und fehlt irgendwo das wahre Wort, ſo wird es durch ein Wort reinen Gefuͤh⸗ les erſetzt und das moͤchte leicht, das rechte Wort ſeyn. Einer ließt dem andern ſeinen Brief vor und jeder iſt zufrieden. Paula hatte vor allem ohne es zu wollen, jene fromme kindliche Sprache gewaͤhlt, welche der ungluͤckliche ſo leicht verſteht, und wel⸗ che ihn troͤſtend ins Leben zuruͤck ruft. Die Zeit verfloß unbemerkt. Paula ſah nach der Uhr. Vier Uhr, ſagte ſie traurig. Julie mußte nachſehen, ob der Brieftraͤger bereits da ge⸗ weſen war, denn es wohnten einige Englaͤnder im Hotel.„ Er iſt da geweſen! Alſtnoch einen Tag in Paris, ach, wie wird mir die Zeit lang werden. „Die junge Fürſtinn Berloff wird indeſſen „bedenken, daß ſie in vierzehn Tagen nichts mehr „wird zu wuͤnſchen haben und alſo einige Stunden „leicht voruͤber fließen werden.“— Ich habe un⸗ recht! ich fuͤhl es, und werde von heute an bis morgen mich nur dem Vergnuͤgen und der Hoffnung uͤberlaſſen.—„Der Hoffnung? jetzt konnen Sie Gewiß⸗ 161 „Gewißheit ſagen. Aber ſtreiten wir nicht. Spei⸗ „ſen wir, und uͤberlaſſen uns der Annehmlichkeit „des Abends!“— Gut, aber kein Schauſpiel. Keine Taͤuſchung mehr! Von unſerer wahren Liebe wol⸗ len wir plaudern.—„Es ſey.“— Sie verſtehen mich, Sie werden mir antworten.—„Wie gern, „mein Kind! Wenn man ſich mit dem Gluͤcke An⸗ „derer beſchaͤftigt, theilt man es!“ Eir uhr! ſagte Sophie, indem ſie wieder nach Hauſe kam. Jetzt noch ſechszehn Stunden, eh der Brieftrager.—„Grauſames Kind, werden Sie „nicht aufhoren, ſich zu quälen? rief der Fuͤrſt. Ju⸗ „lie, fuͤhre ſie ſchlafen. Nimm ein Buch und lies „ihr ſo lange vor, bis ihr die Augen zufallen. Sie wird nicht ſchlafen, ſprach Obinski, die glückliche Liebe ruht eben ſo wenig, wie die ver⸗ folgte Liebe. Die Natur ſollte uns nur die Freund⸗ ſchaft kennen gele haben; aber ſie wollte mehr thun, und nahm keine Ruͤckſicht auf unſere Kraͤfte. Scchluß. Die gluckliche Liebe ſchlaͤft eben ſo wenig, wie die verfolgte. Das Herz Paulas hielt ihre Au⸗ n.[111 gen bis an den Morgen geffnet; aber dieſes Herz war befriedigt und eine Nacht waͤhret nicht lange, wenn man ſie durch Geſpraͤche von dem Geliebten tuͤrzen darf. Die arme Julie, welche weder ge⸗ liebt war, noch liebte, war am meiſten dabei zu be⸗ klagen. Haͤtte ſie wenigſtens leſen können! aber alle Augenblicke ward ſie unterbrochen, und mußte Din⸗ gen ihr Ohr leihen, die ſie nun einmal nicht ver⸗ ſtand. Wenn man noch nie Herzweh empfunden, ſo bekuͤmmert man ſich nicht um Herzenstheorien. Der Fuͤrſt ſuchte bis Mittag hin Paula zu zerſtreuen; von dieſer Zeit an war es indeſſen un⸗ moglich, ſie laͤnger zu feſſeln. Sie ſah nach ihrer uhr, nach der Wanduhr, eine von beiden mußte na⸗ turlich zu ſpaͤt gehen, und taugte nichts. Sie ging ant Fenſter, verließ es, um Julien hinabzuſchicken, denn es waͤre nicht das erſtemal geweſen, daß die Briefe eine Stunde fruͤher angekommen waren, und eine Stunde war viel werth. Welcher neuer Joſun haͤlt heute die Sonne in ihrem Laufe auf! ſagte ſie laͤchelnd, und barg ihre verliebte ungeduld an dem Buſen ihres Vaters. Sie ſteht ſeit fuͤnf Minuten, daß ich ſie anſehe, auf einem und demſelben Fleck ganz ſtill.— Ganz gewiß ſteht ſie ſtill, und ſeitdem Joſun dies Wunder gethan hat, dreht ſich die Erde um die ————— —— Sonne. Das haͤtte Galileus ſeinen weiſen und menſchlichen Richtern antworten ſollen, aber man denkt nicht an alles. Sie mochte ſich nun drehen oder feſt auf dem Punkte ſtehen, den Paula beobachtet zu haben glaubte, es ſchlug endlich zwei Uhr, und jetzt war an ein Weggehen vom Fenſter gar nicht mehr zu denken. Alles, was in der Entfernung mit einem blauen Kleide wahrgenommen wurde, mußte ein Brieftraͤger ſeyn. Der Blaurock kam naͤher— ging voruͤber, und die Hoffnung verſchwand mit ihm. Endlich blitzten die Strahlen der aufgehenden Sonne auf einen Hut von Wachsleinewand, die Farbe des Rocks war blau, der Kragen roth, eine lederne Taſche konnte deutlich unterſchieden werden. — Er iſt es! Er iſt es! rief Paula!— er geht ins Haus! liebe Julie!— Julie flog zum Zimmer hinaus und Paula, etwas unuͤberlegt, hinter ihr drein; ſie war ſchon unten, hatte den Brief bereits in der Hand, und dem Fuͤrſten uͤbergeben, eh noch Julie dem Brieftraͤger das Porto bezahlen konnte. — Mein Gott, ſagte ſie, der Brief iſt an Sie adreſſirt, der Stempel iſt von Calais und es iſt nicht die Hand von Stanislaus. Der Prinz lieſt, ſteckt den Brief zu ſich.„Fort in den Wagen! „fort, fort!“ 16 Aber dieſer Brief kömmt ja nicht von London! —„Nein, von Calais, Stanislaus iſt zu Calais!“ — Und es iſt nicht ſeine Hand!—„Morgen, mor⸗ „gen, werden wir ihn ſehen.“— Von wem iſt die⸗ ſer Brief?—„Im Wagen werde ich Ihnen alles erklaͤren, fort, fort“— Aber, mein Fuͤrſt!—„Paula, „es giebt Falle, wo man die Minuten zaͤhlen muß, „fort in den Wagen!“ Schon war man unterweges. Paula beobach⸗ tete mit forſchenden Blicken beſtaͤndig den Fuͤrſten. Seine zweideutigen Antworten, ſein Schweigen in Hinſicht dieſes Briefes, alles war geeignet, ihre Furcht noch mehr rege zu machen.— Er iſt krank, gewiß, er iſt krank.— In Wahrheit, er iſt nicht „ganz wohl!“— Richt ganz wohl, ſagen Sie, und er hat nicht einmal ſelbſt geſchrieben, er iſt zum Sterben krank!—„und wenn dem „ſo waͤre, Paula, rechnen Sie nicht auf Ihre Ge⸗ „genwart?“— Ach, er iſt todt, Sie wollen es mir verhehlen! Dieſes Wort erwartete der Fuͤrſt. Glaubt man an den haͤrteſten Schlag des Schickſals, ſo troſtet der fernſte Schein der Hoffnung. um Gotteswillen, reißen Sie mich aus dieſer Angſt! von wem iſt die⸗ ſer Brief?—„Von ſeinem Arzte.“— Gehen 165 Sie ihn mir.—„Laſſen Sie mich ihn leſen, ich bin weniger erſchuͤttert.“ „Der junge Prinz Berloff kam krank und ſchwach und aͤußerſt ermuͤdet in dem Gaſthauſe zum ſilbernen Lowen an. Dennoch beſtand er dar⸗ auf, ſich einzuſchiffen, um, wie er ſagte, ſein Ver⸗ ſprechen zu erfuͤllen. Der Gaſtwirth hielt ihn zu⸗ ruͤck, und ich ward geholt. Das Fieber zeigte ſich deutlich, und das Blut ſchien mir erhitzt. Alles ward nach beſten Kraͤften von mir angeordnet, um ihn zu beruhigen.“ — Er wird ſterben, er iſt todt! ſchrie Paula. Seine Liebe, die Strenge ſeiner Mutter!—„Keine „Vorwuͤrfe, Paula, ſie helfen hier nicht, hoͤren „Sie, mein Kind, horen Sie weiter.“ Der Fuͤrſt las.— „Ich habe ihn die ganze Racht nicht verlaſſen. Gegen Morgen nahm das Fieber betraͤchtlich zu, und er fing an, zu fantaſiren.“ — Er iſt todt!—„Er iſt es nicht!“ erwie⸗ derte der Fuͤrſt mit einem ſo feſten Tone, daß er Paula uͤberzeugen mußte.„Hdren Sie.“ „In ſeinem hochſten Schmerze hoͤrte er nicht auf, die Namen Paula, Obinski, Palowski, zu rufen. Es haͤlt nicht ſchwer, ſeinen Zuſtand zu durchſchauen, er liebt und liebt ungluͤcklich. Heute 166 hut ſich ſeine Krankheit entſchieden, ein hitziges Fieber hat ihn uͤberfallen, die Krankheit iſt gefaͤhr⸗ lich, jedoch glaub' ich, daß die Gegenwart der jun⸗ gen Dame mehr als aͤrztliche Huͤlfe dienlich ſeyn wird.“ — Wir werden zu ſpaͤt kommen, ſchluchzte Paula.—„Ein hitziges Fieber, Paula, haͤlt den „Kranken mehrere Tage an ſeinen Zuſtand gefeſſelt. „Ihre Gegenwart, die Hoffnung, Sie zu beſitzen, „wird ihn ins Leben rufen.“— Daß der Him⸗ mel Sie und mich erhören moͤchte! Der Fuͤrſt verſuchte vergebens alle Gruͤnde der Vernunft. Obinski weinte mit ſeinem Kinde, und ſeine Thraͤnen erleichterten ihr Herz. Worte hel⸗ fen dem Ungluͤcklichen nicht, Schweigen und Thraͤ⸗ nen verlangt der Tiefbetruͤbte!“ Bei der erſten Station rief der Furſt Frie⸗ drich zu:„beſtreue mit Gold den Weg, wenn „wir guch nur eine Stunde gewinnen!“ Von dieſem Augenblicke an war alles ſtill im Wagen. Man gelangte auf die Hoͤhe. Der Fuͤrſt zeigte Paulg die Thuͤrme von Calais.„In einer „halben Stunde ſind wir bei ihm, mein Kind, und „er wird ſich erholen.“ Paula ſtarrte unbeweglich zum Wagenfenſter hinaus. Sie ſieht die Thuͤrme der Stadt, welche — 167 ihren Geliebten birgt; ihre Einbildungskraft uͤber⸗ fliegt die hohen Mauern, ſie ſieht ihn wirder und ſterbend wieder! Endlich fuhr man in den Hof des Gaſthauſes. Palowski ſpringt aus dem Wagen, um den Kranken vorzubereiten; Paula und Obinski folgen ſeinen Schritten; er bittet ſie nur um einen Angenblick Verzug. Paula irrt hier hin, Obinski dort, nie⸗ mand weiß, wohin er die Schritte wenden ſoll, um den geliebten Kranken zu finden. Der Wirth und ſeine Leute wußten gar nicht, was ſie von dieſer Eile und Beſtuͤrzung denken ſoll⸗ ten; der elegante Reiſewagen und die vier Pferde davor berechtigten indeſſen die Reiſenden, von dem Wirthe die feinſte Aufnahme fordern zu durfen. Er fragte,— Stanislaus! war die einzige Antwort, und da der ungluͤckliche nur unter dem Namen Verloff bekannt war, ſo ging wiederum einige Zeit verloren, bis man ſich verſtaͤndigen konnte. Wie geht es mit dem Kranken? fragte der Wirth den Arzt, welcher ſo eben in den Korridor trat.— Schlecht, ſehr ſchlecht, war die Antwort. Paula nahm die Hand des Arztes. Fuͤhren Sie mich zu ihm, mein Herr, ich— ich bin Paula. Mein Vater und der Fuͤrſt Palowski ſind ſo eben mit mir angekommen.—„Nur einen Au⸗ 163 „genblick.“— Ich muß ihn retten, oder mit ſterben, kommen Sie! Haben Sie Erbarmen! —„Sie werden ihn vielleicht retten, aber Ihr plötz⸗ „liches Erſcheinen konnte ihm das Leben koſten.“— Ich gehorche ſchon, ich bleibe hier, ſagen Sie ihm, ſeine Gattinn waͤre da! ſagen Sie ihm.— Der Arzt war bereits ins Krankenzimmer zuruͤck gegangen und hatte die Thuͤre abgeſchloſſen. Paula, ihrer ſelbſt nicht maͤchtig, war mit dem Kopf bewußtlos gegen die Thuͤr geſunken,— ſie horcht, hort ſprechen und unterſcheidet nicht die Worte. „Gelaſſen, Madam, gelaſſen, ſagte der Arzt, in⸗ „dem er zuruͤck kam, wir wollen ihn nach und nach „auf Ihre Ankunft vorbereiten. Er genießt in die⸗ „ſem Augenblick einige Ruhe, und habe ihm den „Fuͤrſten Palowski...— Wo iſt der Fuͤrſt Palowski, rief Paula, wo iſt er?—„Ich weiß es „nicht.— Gott! holen Sie ihn! Palowski, Palowski!—„Leiſer, um Gotteswillen, leiſer, „Madame!“ Eine Waͤrterin kam aus dem Krankenzimmer und ſagte zum Arzte: alle laͤngere Vorſicht iſt un⸗ nutz, er hat die liebe Stimme bereits erkannt, und will Paula ſehen. Paula ſtuͤrzt an ſein Bette. Sie haͤlt den Geliebten in ihren Armen, — 169 Palowski und Obinski waren ihr gefolgt, und erſchraken uͤber den Anblick des jungen Mannes. Der Tod lag in ſeinen Zuͤgen. Paulas Augen ſchwammen in Thraͤnen, ſie ſah nichts. „Ich ſehe Dich wieder, Du biſt mein! ſagte „Stanislaus mit ſchwacher Stimme— jetzt ſterb' ich ruhig.“— Du ſollſt leben, mein Stanislaus! leben fur Dich und mich, fur alles, was uns beiden theuer iſt. Deine Mutter willigt in unſere Hei⸗ rath!— Gott! iſt es moglich!“— Deine Gattinn, Deine Paula ruft Dich ins Leben.—„Ach, zu „ſpaͤt!“ Der Arzt beſchwor Paula, ſich zuruͤck zu zie⸗ hen. Der Vater und Palowski lagen zu ihren Fuͤßen. Nein! nein! Liebe und Pflicht be⸗ zeichnen mir dieſe Stelle, und ich weiche nich t.—„Madame, die Entzuͤndung!— Er er⸗ hole ſich in meinen Armen, oder ſein letz⸗ ter Seufzer trage auch meine Seele jen⸗ ſeits mit hinuͤber. Palowski war wieder zu ſich gekommen. Er nimmt die ungluͤckliche in ſeinen Armen und traͤßt ſie ins Nebenzimmer. Stanislaus rief: Paula! — Seine Kraft kehrt zuruͤck, laſſen Sie mich zu ihm, rief Paula! Palowski hielt inne.— Ach! nur der heftigſte Fieberanfall konnte dieſe augen⸗ blickliche Anſtrengung des Kranken hervorbringen. Er umfaßte Paula aufs neue, trug ſie fort, und befahl den Frauen, auf das Strengſte fuͤr die Arme Sorge zu tragen und ſie nicht aus dem Zimmer zu laſſen. Das Fieber nahm zu, Obinski ſaß am Fuß des Bettes und verhuͤllte ſein Geſicht mit bei⸗ den Haͤnden. Der Arzt hatte zwei ſeiner Kollegen rufen laſ⸗ ſen, ſie berathſchlagten im Zimmer des Kranken, deſſen Zuſtand ihn nichts konnte vernehmen laſſen. Palowski verwandte kein Auge von den Aerzten. Sie wurden ſtill und er ging zu ihnen.—„Ich „bin gefaßt, und der einzige, der noch zu handeln „vermag, und muß große Maßregeln treffen. Wird „er noch bis morgen leben?“— Wir zweifeln.— „Ich verſtehe.“ Palowski ging Er ließ Friedrich kommen.„Pferde, ſo ſchnell als möglich; Vater „und Tochter muͤſſen fort, um dieſem Anblicke zu „entgehen.“— Er trat ins Krankenzimmer. Eine der Frauen, welche Paula bewachte, er⸗ klaͤrte, daß nichts mehr vermoͤchte, die junge Dame zuruͤck zu halten. Ihre Heftigkeit, welche der be⸗ fohlne Wiederſtand aufgereizt hatte, ſey auf den hoͤchſten Grad geſtiegen, und ließe fuͤr nichts mehr gut ſtehen.—„So eben ſoll ſie abreiſen.“— Sie ——* — — 7— ſtirbt, wenn Sie ihr das ſagen!—„So kom⸗ „men Sie und beſchleunigen Ihren eigenen Tod!“ „Paula trat verſtoͤrt ein. Ihre Lippen und Wangen waren mit Todtenblaͤſſe bedeckt, ihre Au⸗ gen eingefallen und ſtarr. Sie wußte nicht, was ſie ſprach, ſie eilte an das Krankenbette, ſah Sta⸗ nislaus an, und ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus! Erſchoͤpft ſank ſie auf den Geliebten hin, den der Tod ihr entreiſſen wollte, und den ſie vergebens an das Leben zu feſſeln verſuchte. Auch Palowski verlor den Muth, auch ihm mangelte am Ende die Kraft, dem zunehmenden Ungluͤck, das ihm das liebſte und theuerſte zu ent⸗ reiſſen ſchien, laͤnger wiederſtehen zu koͤnnen. Er wankte zu einem Lehnſtuhl, und ſchloß die Augen, um nichts zu ſehen,— er haͤtte ſo gern auch nichts vernommen. Die Aerzte, die Frauen, alle ſtanden der armen Paula bei; ihre Huͤlfe rief ſie nur grauſam genug ins Leben, um ſie dem hoͤchſten Schmerze wieder zu⸗ ruͤck zu geben. Das Fieber des Kranken ließ end⸗ lich nach, der Name Paula ward nach wie vor von ihm gerufen, beider Arme hielten ſich umſchlun⸗ gen, ihr Athem miſchte ſich, und ihre Lippen be⸗ ruͤhrten einander. Paula wollte ihren Geliebten mit der Lebenskraft, die ihr noch uͤbrig blieb, erhal⸗ 179 ten, und ihn wenigſtens noch einige Augenblicke der Ewigkeit entziehen. Die ſchwere Stunde ſchlug. Stanislaus hauchte ſeinen letzten Seufzer aus. Paulas Mund ſog ihn gierig ein. Es war der Hauch des Todes, ſie fuͤhlt' es, und ein wuͤſtes Laͤcheln flog uͤber ihr Geſicht. Sie ſteht auf, ſie weint nicht eine Thraͤne: „Erwarte mich, Geliebter! morgen, morgen bin Palowski, ihr Vater wollen ſie umſonſt ent⸗ fernen. Sie windet ihre Arme um ihren Geliebten. „Der Haß hat uns getrennt, der Tod ſoll uns ver⸗ „einen! hier, hier will ich ſterben.“ Die umſtehenden wiſſen nicht, was ſie beginnen ſollen. Sie von dem Gegenſtande ihrer Liebe ent⸗ fernen, hieße ſie toͤdten, ſie hingegen an dem Ster⸗ bebette zu laſſen— raubte wenigſtens nicht ganz die Hoffnung, daß ihre Jugend und Natur ſie noch retten koͤnne.„ Beſtuͤrzung und Schmerz hatte alle befangen. Todtenſtille herrſchte in dem Zimmer, und das ver⸗ glimmende Licht einiger Kerzen vermehrte das Schreckliche dieſes Bildes. Palowski ſprach zuerſt.„Paula, er nahm „ihre Hand, hier ſteht Ihr Vater, Ihr Vater, der „Sie innig liebt, Ihr Freund, der nur fuͤr Ihr —— — —— 173 „Gluͤck lebte, wollen Sie gar nichts fuͤr uns thun?“ — Mein Vater! Wo iſt mein Vater? Obinski oͤffnete ihr ſeine Arme, ſie ſtuͤrzte an ſeinen Hals und ihr Kopf ſank auf die Bruſt des gebeugten Vaters. Dieſen Augenblick wollte Palowski benutzen, um ihr den Anblick des Todten zu entziehen. Er hatte indeſſen nicht bemerkt, daß ſie noch mit der einen Hand die Hand des Geliebten hielt. Aufge⸗ regt rief ſie aus: Er bleibt! er bleibt da und ich bei ihm. Ein ſchwaches gefuͤhlvolles Maͤdchen konnte ei⸗ nem ſo grauſamen Geſchick nicht wiederſtehen. Ihr Blut erhitzte ſich, ihr Mund ward trocken, brannte und kaum vermochte ſie mehr zu lallen. Das Fie⸗ ber, welches ſie mit dem Tode ihres Geliebten ein⸗ geathmet hatte, mahm neberhand und verwirrte ihre Sinne. Solch ein Zuſtand machte es möglich, den Tod⸗ ten wegzuſchaffen; alle Kunſt der Aerzte ward bei Paula aufgeboten und alle Kunſt verzweifelte. Zwei Tage harrte man in der bangſten Erwar⸗ tung, bald hoffte man, oder verſuchte vielmehr zu hoffen, und gleich darauf verfiel man wiederum in die vorige Troſtloſigkeit zuruͤck. Plotzlich ſteht Paula auf, Ausdruck und Schritt 174 haben etwas feierliches, ſie geht in das Zimmer, in welchem indeſſen der Koͤrper ihres Geliebten ſich nicht mehr befand. Paula ſtarrte auf das Bett hin, ſie zitterte, und bewegte den Zeigeſinger der rechten Hand. Palowski erraͤth ſie, er giebt ihr die Haare ihres Geliebten. Sie kuͤßt ſie und birgt ſie in ihrem Buſen. Sie laßt ſich in ihr Zimmer zuruckfuͤhren, um es nicht eher zu verlaſſen, als— Koͤnnte ſie wenigſtens weinen, ſprachen die Aerzte, die Thraͤnen fallen ihr aufs Herz und muͤſ⸗ ſen ſie erſticken. Weinen? antwortete Paula, warum ſollte ich weinen, da ich mit ihm vereint bin!— Dieß waren ihre letzten Worte. .—„— Ein und derſelbe Schlag traf zwei junge zarte Blu⸗ * ⸗ „So wären wir allein in der Welt, ſprach der Furſt „zu Obinski, und gehoͤren uns fuͤr immer an. Es „giebt Schlaͤge des Schickſals, deren Schmerzen die „Freundſchaft nicht zu heilen, aber zu lindern ver⸗ „mag. Obinski, habe Mitleid mit mir, werde 175 „Meiſter Deines Ungluͤcks. Wenn ich auch Dich „verliere, was bleibt mir in der Welt dann noch „uͤbrig?“ Obinski nahm die Hand ſeines Freundes und druͤckte ſie an das Herz.— Mein einziger Freund, Du kannſt mir freilich nicht erſetzen, was ich ver⸗ loren habe, aber unſere Trauer wollen wir theilen. „Sie iſt in unſerm Herzen, erwiederte der Fuͤrſt. „Die Pracht bei Beerdigungen iſt ein Tribut, wel⸗ „chen die Hinterbliebenen ihrer eigenen Eitelkeit be⸗ „ahlen. ünſere Liebe ſey die einzige Begleitung, „welche die beiden Kinder nach den Gefilden der „Ruhe geleitet.“ Das Begraͤbniß war einfach und ruͤhrend. Die gefuͤhlvollen Einwohner folgten ohne Einladung den beiden Liebenden, welche, kaum einmal geſehen, ſchon aller Herzen durch ihr ungluͤck eingenommen hat⸗ ten. Ein Sarg umſchloß beider Leichen und ein Stein ruft dem Voruͤbergehenden die Schmerzens⸗ worte Paulas zu:„Der Haß hat ſie getrennt, der „Tod vereinte ſie.“ Vielleicht lieſt die Fuͤrſtinn eines Tages dieſe Inſchrift, und dies ſey dann ihre letzte Strafe. „Fort, Obinski! fort aus dieſer Stadt, wo ein „laͤngerer Aufenthalt fuͤr Euch gefaͤhrlich werden „önnte. Reiſen wir nach Italien, dort finden wir 176 „Monumente des Ruhmes, wie der Trauer. Sie „ſagen uns, daß jene Marmorſaͤulen die einzigen „neberbleibſel einer Zeit ſind, welche die Welt noch „ietzt bewundert. Daß die Maͤnner, welche dieſe „Zeit verherrlichten, verſchwunden ſind, weil alles „hienieden enden muß; ſo auch unſer Gram, ſo wie „ſelbſt, um neuen Menſchen den Raum zu uͤberlaſ⸗ „ſen, Menſchen, deren Leben, wie das unſere, durch „Freude und Kummer wird hin werden. Fort, „reiſen wir!“ Fort, aber nach Acheres zuruͤck, und unſer klei⸗ nes Haus nehme uns auf. Dort werde ich glau⸗ ben, die Schatten meiner lieben Kinder um mich herum irren zu ſehen, ich werde die Sprache des Herzens hoͤren, mit welcher ſie ſich trennten, um ſich am Rande des Grabes wieder zu finden. Wir werden beide mit ihnen ſprechen, Palowski, und ihre Antwort— traͤumen. 76 Gedruckt in der Leſſing ſchen Buchdruckerei. —— i 3— 7 8 9 10 11 12 1 14 15 16 1 8 7