Cdnard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leihbiblivthet cLeih und eſebedingungen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird 2 5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. CQuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet rd. wi 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ beträgt: 6 für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ afz Monat: 1 F Pf 1 M. 5 P 2 Ff 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene unt defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis er n. das, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, eindem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. s—— Herr Nartin, der Beobachter. Roman von Pigault⸗Lebrun. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von Ernſt Augu ſt. Erſter Theil. Berlin, 1921. In der Schleſingerſchen Vuch⸗ und Muſik⸗Handlung. Herr Martin. Herr Martin war weder jung, noch alt, weder groß, noch klein, weder fett, noch mager, weder huͤbſch, noch haͤßlich. Herr Martin war, ſein Aeu⸗ keres betrefend, einer von den Alltagsmenſchen, welche, indem ſie jedermann zu gleichen ſcheinen, auch deshalb ſchwer bemerkt werden. Klug, ver⸗ ſchlagen, ſichren Blickes ſiel er darum weniger auf, weil er, aus Furcht jemandem wehe zu thun, ſelten ſagte, was er dachte; war er aber aufgelegt, ſo plauderte er gern und druͤckte ſich leicht und an⸗ genehm aus. Schon in ſeinem Zoſten Jahre wußte er recht gut, daß ſich um eine Stelle oder Amt bewerben und dieſem Amte hernach gehörig gewachſen zu ſeyn, zwei ganz verſchiedene Dinge ſind. Ein Amt dient oft erſt recht, das NRichts ſeines Bewerbers (nachdem er es erhalten) zur Schau zu tragen,— I.. 6 4 das hatte Herr Martin vielfaͤltig bemerkt; ſo war er nuch feſt uͤberzeugt, daß Geduld und Beharrlich⸗ keit zu jedem noch ſo fernen Ziele fuͤhren. Er wußte, das Kleid macht leider den Mann; daß das einzelne Glied irgend einer Corporation ſehr liebenswuͤrdig fuͤr ſich allein beſtehend ſeyn konne, daß alle Glieder vereint indeſſen nach einem und demſelben Ziele ſrreben, und unaufhorlich trach⸗ ten, den jungen Anfängern, welche dermaleinſt ihre Stelle einnehmen ſollen, dieſelbe Richtung zu geben. Aus allem dieſem geht hervor, daß Herr Mar⸗ tin keine beſondere Achtung fuͤr die Menſchen ha⸗ ben konnte. Er war weder Humoriſt, noch Kopf⸗ haͤnger, und gleichen Sinnes wie Figaro, lachte er gern uͤber alles, aus Furcht, nicht gezwungen zu ſeyn/ dermaleinſt daruͤber zu weinen. Mit dieſer Art in der Welt alles zu ſehen und zu hoͤren, konnte Herr Martin nicht fuͤglich ver⸗ heirathet ſeyn, auch war er ſehr vorſichtig in der Wahl ſeiner Freunde, mit einem Wort ein Cosmo⸗ polit, welcher die Menſchen gern von fern ſah, um keinen Grund zu haben, ſie zu verkennen. Sein Leben verſtrich unter fortwaͤhrendem Rei⸗ ſen, geſchah es nun aus Grundſatz odef Luſt, oder um zu nuͤtzen. Ver iſt aber dieſer Herr Martin? Wo ſe e 5 geboren? Wer ſind ſeine Verwandte? Wie ſind ſeine Vermogensumſtaͤnde? Teufel! viel Fragen auf einmal, ich mag darauf antworten konnen oder nicht, der Leſer wird die Gruͤnde ehren, die mich ſchweigen laſſen; am Ende des zweiten Bandes wird alles klar vor Augen liegen. Herr Martin luſtwandelte an einem ſchonen Sommerabend auf dem Wege von St. Germain nach Pontviſe. Sein Wagen, mit zwei guten Pfer⸗ den beſpannt, folgte ihm auf hundert Schritt. Bertrand, ſein Bedienter, nahm den Sitz ſeines Herrn einſtweilen im Wagen ein und ſchlief, wäh⸗ rend Herr Martin die ſchoͤne Natur beobachtete, ruhig fort. Warum, begann Herr Martin zu philoſophi⸗ ren, ſind dieſe armen Landleute, welche im Schweiß ihres Angeſichts dieſen Weinberg bebauen, nicht ſicher, ſich einer gluͤcklichen Erndte erfreuen zu koͤnnen? Ein Froſt im Mai, ein Hagel im Au⸗ guſt, neue Abgaben, vernichten vielleicht ihre Hoffnung: dergleichen Ungluͤcksfaͤlle ſind nicht ſel⸗ ten. Warum alſo arbeiten, warum ein elendes Leben, was man ſo oft verwuͤnſcht, noch laͤnger zu erhalten ſuchen? Warum ſich verheirathen? ſei⸗ nen Kindern Plagen zu vermachen, die unſere Kin⸗ deskinder erben muͤſſen? Wahrlich, es lohnt nicht der Mühe! Warum widerſpricht ſich ſelbſt die Na⸗ tur ſo oft? Warum regnet es im Ocean, wo oh⸗ nedem Waſſer genug iſt? warum nicht in den Sandwuͤſten Afrikas, wo das Waſſer mangelt und der Reiſende verdurſtet? Warum erzeugt die Erde giftige Pflanzen und Thiere? Warum ſtolzirt das bewußte Thier ohne Federn und mit zwei Fuͤßen auf unſerm Planeten einher, giebt ſich Muͤhe, eine Freude zu erhaſchen, die ſeine Vernunft verdammt, warum lernt es nicht einmal die goldne Lehre, daß der Stolz nur zum belachen, der Ehrgeiz eine Nartheit iſt: Warum begreift es nicht, daß es ſelbſt das wildeſte aller Thiere iſt, das heuchleri⸗ ſcheſte dazu, und daß der Hund, der zu ſeinen Fuͤ⸗ ßen kriecht, in der Regel beſſer als ſein Herr iſt?— Warum nicht? Weil die Sachen einmal ſo und nicht anders in der Welt ſind und weil, wenn ſie nicht ſo waͤren, ſie anders ſeyn muͤßten, und wenn ſie nicht ſo und nicht anders waͤren— ſo wuͤr⸗ den ſie wahrſcheinlich gar nicht ſeyn. Ich bin ein rechter Narr, mir den Kopf zu zerbrechen. Herr Martin lachte! Seine Bemerkungen waren gar nicht laͤcherlich, warum lachte er? warum? Ein huͤbſches junges Milchmaͤdchen, nachlaͤßig zwiſchen den beiden kupfernen Milchkannen auf — 7 ihrem Pferde hingeworfen, ritt ſingend und frohen Muthes voruͤber. Ein Pferd, welches trabt, laͤßt einen Philoſophen zu Fuß bald hinter ſich. Das Milchmaͤdchen mochte, gerad in einer Linie mit Herrn Martin eben im Begriff ſeyn, ihn zuruͤck zu laſ⸗ ſen, als ein Eichhoͤrnchen, welches luſtig von einem Aſt zum andern ſprang, das Gleichgewicht verlor und zwiſchen zwei ſchoͤne Halbkugeln fiel, welche ein buntſeidenes Tuch ſorgfaͤltig jedem luͤſternen Auge verbarg. Das Milchmaͤdchen ſchreit, greift mit furchtſamer Hand nach dem Thierchen, das ſich ganz wohl befand. Das Eichhoͤrnchen biß dem Madchen in den kleinen Finger und ein noch hef⸗ tigerer Schrei, als der erſte, entfuhr dem armen Kinde. Herr Martin bot lachend ſeine Vermitt⸗ lung an und war bereits im Begriff, das Buſen⸗ tuch ein wenig in Unordnung zu bringen. Eine andere Dame waͤre ehrenhalber doch wenigſtens in Ohnmacht gefallen. Das Milchmädchen, anſtatt Herrn Martin zu antworten, ſpringt vom Pferde, loͤßte ihre Schnuͤrbruſt und das Eichhoͤrnchen, das von oben den Eingang erffuͤrmt hatte, ergriff un⸗ terhalb die Flucht. Zwei Spruͤnge, und es war auf dem naͤchſten Baume. Wie aber wird Roſalie aufs Pferd kommen? Ohne Steigbuͤgel, ohne zaͤrtlichen Fuͤhrer. Herr 8 Martin bietet zum zweitenmale ſeine Dienſte an⸗ Roſalie lehnte ſie mit einer Artigkeit ab, welche das Aeußere des Herrn Martin gebot; ſie beſtand darauf, bis zum noaͤchſten Meilenzeiger zu Fuß zu gehen. Wenn man neben einem ſchonen jungen Maͤdchen geht, bleibt man nicht ſtumm. Roſalie ſprach recht verſtaͤndig, und Herr Martin warf ihr einige von den Blicken zu, die hinreichend ſind, um ein Milchmaͤdchen bis in den Himmel zu er⸗ heben. Die Unterredung ſpann ſich an, Roſalie planderte viel und Herr Martin hoͤrte, nach ſeiner Weiſe nicht ohne Grund, recht aufmerkſam zu. Der Meilenzeiger iſt endlich da, Roſalie nimmt die Hand des Herrn Martin an, ſpringt auf den Stein und ſchwingt ſich vom Stein aufs Pferd. Sie dankt mit einem ſehr freundlichen und einneh⸗ menden Laͤcheln, das geduldige Pferd fängt an zu traben, und Herr Martin hat das liebliche Milchmaͤdchen leider nur zu ſchnell aus den Augen verloren. Am Ende werde ich doch läͤnger zu Acheres blei⸗ ben, als ich mir vorgenommen hatte, ſo ſprach Herr Martin. Ich kann dort nuͤtzlich werden und das iſt mehr werth, als ſeine Zeit mit truͤbem Phi⸗ loſophiren zuzubringen. So nur lebt man; ange⸗ nehm ſich beſchoͤftigen, iſt eine billige rechtliche Er⸗ 9 holung. Er ſing an, aufs neue ſo herzlich zu la⸗ chen, daß man fuͤglich haͤtte glauben ſollen, alle Eichhörnchen des ganzen Waldes und alle Milch⸗ maͤdchen von Acheres waͤren um ihn verſammelt geweſen.„Einen ſchon oft gehabten Auftritt,“ rief er aus,„will ich mir erneuern! Die Leute in Acheres ſollen die Augen aufmachen, ſie ſol⸗ len ſich meiner mit Vergnuͤgen erinnern, und ein gluͤcklicher Einfall fuͤhrt oft munches herrliche Aben⸗ theuer herbei.“ Herr Martin ruht ruͤckwaͤrts an dem Graben gelehnt aus, zieht ſeine Schreibtafel heraus, merkt ſich dies und jenes, was ihm Roſnlie geſagt hatte, und erwartet die Ankunft ſeines Wagens. „Bertrand! Bertrand auf! muntet, guter Freund, halt.“— Bertrand wollte ausſteigen und ſeinen beſcheidenen Sitz ruͤckwaͤrts einnehmen. „Bertrand bleib da! er ſchlaͤft noch halb und „halb und könnte mir das Gleichgewicht verlieren, „bleib! bleib! indeſſen druͤcke dich mehr in die „linke Ecke,— ſo.“ Man glaube nicht, daß Herr Martin muͤde war. Er ging dfters einen ganzen Tag und dachte nicht an ſeinen Wagen. Sein Wille war, bald in Acheres einzutreffen, er hatte ſeinen Plan entwor⸗ 10 fen und ſah ſich dieſerhalb gezwungen, vortheilhaft zu erſcheinen. Eitelkeit, dachte er, nichts als Eitelkeit; tauſend andere wuͤrden ſich gluͤcklich ſchätzen, wenn ſie, um zu reiſen, ein paar tuͤchtige Schuhe beſaßen, und der Zweck ihrer Reiſe iſt vielleicht eben ſo wichtig fur ſie, als der meinige fuͤr mich. Da wir Men⸗ ſchen indeſſen alle unſere Fehler haben, ſo bin ich zufrieden, keine ſchlimmern zu beſitzen. Der Stell⸗ macher, der Mahler, der Schmidt, der Landmann lebt am Ende von meiner Eitelkeit und gewinnt durch ſie. Wie oft nahm ich nicht eine Reiſende in meinen Wagen, wenn der ihrige zerbrochen iſt, und in einer halben Stunde kenn ich meine Schoͤne ſo genau, als ob ich ſechs Monate mit ihr verplau⸗ dert haͤtte. Ein alter Geiger auf der Landſtraße meldet mir ein Feſt des benachbarten Dorfes, ich pflanze mich neben die große Linde, beobachte und zeige die Heirathen an, die ſich ſtiften wollen, un⸗ terſcheide, ohne mich zu irren, die, welche die Liebe leitet, von denen, welche Geldgier zuſammentreibt. Ein Wirthshaus gefaͤllt mir und Dank meinem ſchoͤnen Wagen, das beſte Bett, das beſte Eſſen, das beſte Ziwmer bekommt Hert Martin. Herr Bertrand verfehlt nicht, der Wirthin von meinem Gelde, von meiner Freigebigkeit vorzuſchwatzen, 3 ———— „ 11 und die gute Frau leuchtet mir nicht nach meinem Zimmer, ohne mich nicht mit irgend einer kleinen Aufmerkſamkeit zu erfreuen, die mir mehr oder weniger angenehm erſcheint, je nachdem die Wir⸗ thin jung oder alt iſt. Ey, es iſt eine herrliche Sache um einen guten Wagen! Die Pferde des Herrn Martin philoſophirten gerade nicht, fuͤhlten aber ebenfalls das Beduͤrfniß, zu fruͤhſtuͤcken, ſetzten ſich in einen ſtarken Trab und hielten von ſelbſt vor dem Wirthshauſe„zum muthigen Hahne“ an, indem ſie vorher mehreren Ausſpannungen ſtolz den Ruͤcken gekehrt hatten. Roſalie erkannte ſogleich Herrn Martin. Sie ging aͤngſtlicher und beſorgter, als fruͤher im Waͤld⸗ chen, auf den Schlag des Wagens zu, zwang ihre freundlichen Zuͤge zu einem gewiſſen ſchuͤchternen Ernſte, reichte Herrn Martin die Hand und konnte denn bei dieſer Gelegenheit nicht umhin, auf ihre Purpurlippen das liebliche Läͤcheln zuruͤckzu⸗ zaubern. Herr Martin nahm den gutmuͤthigen Dienſt des Maͤdchens mit gleicher Herzlichkeit an. Bertrand war wiederum eingeſchlafen, er empfand auch weiter keinen beſondern Appetit. Herr Martin verſah auf Reiſen ſeinen Wagen hinlaͤng⸗ lich mit Eßwaaren, welche bereits ſeit langer Zeit ein Gemeingut unter ihnen waren. Bertrand 12 welchet bei der Abfahrt von St. Germain bereits das Seinige zu ſich genommen, uͤberließ ſich gleich nach der Ankunft zu Acheres aufs neue einem tie⸗ fen Schlafe, ob er gleich die urſach vieler ſchlafloſen Naͤchte war. Nichts ſchien ihn zu beunruhigen, er hatte hart an der Hausmauer eine ſteinerne Bank bemerkt und ſich dieſelbe ſogleich zur Ruheſtaͤtte erkoren. Aber iſt das ein Aufſehen! Eine Eauipage, deren Eigenthuͤmer dem Anſehen nach einige Ausgaben nicht zu ſcheuen verſpricht, ſetzt den ganzen Gaſthof zum muthigen Hahn in Bewegung. Der Wirth in einer Nanquinjacke, wei⸗ ßen Nachtmuͤtze, tie Wirthin im nieblich gefalteten Haͤubchen, ſchwarzen Schuͤrzchen und ſo wohlbe⸗ leibt, daß ihr Zuſtand deutlich bewies, daß der Mann trotz der Nachtmuͤtze nicht immer ſchlafe, der Stalliunge mit der Hengabel auf der Schulter, die Magd, welche ſich nicht einmal die Zeit ge⸗ nommen, ein Geſchirr, das ich nicht nennen mag⸗ an den rechten Platz zu ſtellen, alle liefen vor die Thuͤre und gruͤßten tief, bis zur Erde. Herr Mar⸗ tin dankte fein und artig, ſprach aber kein Wort. Roſalie(ſo dachte er) iſt eine kleine Plauderin, ſie will die Gelegenheit ein wenig zu ſchwatzen und ihre Bekanntſchaft mit dem Herrn der Eguipage bemerkbar zu machen, ſich nicht gern entwiſchen —,— 13 laſſen. Solchem huͤhſchen Maͤdchen muß man keine Freude verderben. Acht Stunden zu Acheres. „Nun, mein lieber Dubourg, wie geht es?— „noch immer wohl auf?“— Sapperment, der Herr weiß meinen Namen?—„Das macht eure gute Laune! und wie gehts eurem Kinde?“ — Ei, der Herr war ſchon bfters in Ache⸗ res?—„Mein Lebtag nicht, und eure Stimme „hat doch nichts verloren, ſie erſchuttert fortwaͤh⸗ „rend die Kuͤchenfenſter?“— Der gnaͤdige Herr kennen mich alſo ganz genau.—„Ganz „und gar nicht.“— Das iſt ein wenig ſtapk!— „Und der große Hund? faͤllt er noch immer des „Nachts die Leute an?“— Auch meinen Hund kennt er.—„Kommt, fuͤhrt mich ins gelbe „Zimmer.“— Ich habe aber noch ein ſchone⸗ res.—„Das gelbe Zimmer will ich haben, fort „fort, hinauf!“— Hal ha! der gnaͤdige Herr war ſchon einmal bei mir und lacht jetzt auf des Wirths Unkoſten.—„Ich bin gern „luſtig, ich geſtehe es, aber ich verſichere dem „Herrn Dubourg, daß ich noch nie hier war, 14 „daß mir das ganze Haus unbekannt iſt.“— Ich darf mich nicht unterſtehn, zu ſtreiten, und doch— ich kann mich gar nicht von meinem Erſtaunen erholen!—„FJa ja! es „haben ſich ſchon ganz andere Leute verwundert!“ Dubourg fuͤhrte Herrn Martin nach dem gelben Zimmer, ſtieg herab, rieb ſich die Stirn und war eben im Begriff, das Fruͤhſtuͤck zu beſor⸗ . gen.„Das iſt außerordentlich, es iſt nicht zu be⸗ greifen! Ein Menſch der alles weiß und vorher nichts von mir wedet geſehn noch gehort hat!“ In der Kuͤche fand er Roſalie und ſeine Ehehaͤlfte mit der Hausmagd, welche alle drei ebenfalls von dem hohen Reiſenden ſprachen. Du⸗ bourg erfaͤhrt, daß Roſalie bereits im Walde ſeine Bekanntſchaft gemacht;„ſo iſts, ſo iſts! Ro⸗ „alie hat ihm von uns erzählt!“— Gewiß nicht, Herr Dubvourg.—„Teufel, er iſt doch kein Zau⸗ „berer, er ſieht wenigſtens nicht darnach aus. „Sprich, Roſalie, habt ihr beide nicht von dem „Gaſthauſe zum muthigen Hahn geſprochen?“ — Rein, nein, zum hundertſten male, nein! nein!—„Schwoͤre bei deiner Heirath mit „Cognard.“— Von Herzen gern!—„Komm „her, Frau, komm, erklaͤre mir, wie haͤngt das alles „zuſammen?“— Was ſoll ich dir erklaͤren?— — ——————— 15 „He dal auf ein Wort!— Her“— Dubourg redete Bertrand an, welcher auf der ſteinernen Bank ſich ausruhte, und das Signal zur Bedie⸗ nung ſeines Herrn erwartete.— Was beliebt?— „wie nennt ſich der Herr?“— Herr Martin— „was treibt er?“— er reiſt—„wer iſt er?“ — das weiß ich nicht.—„Er kennt ſeinen „Herrn nicht? wo iſt er geboren?“— das weiß ich nicht.—„Iſt er reich“— Er bezahlt uͤberall gut und giebt mir ſo viel als ich brauche, ſo viel weiß ich, und mehrbrauch ich nicht zu wiſſen.—„Iſt er ſchon lang in „ſeinen Dienſten:“— Ohngefaͤhr 20 Jahre— „Und mehr hat er in dieſen zwanzig Jahren nicht „herausbekommen?“— Nein.— „Dahinter ſteckt etwas; ſag' liebes Weibchen, „was ſoll man von dieſem Manne denken? rede, „mein Engel; er kommt an, weiß meinen Namen, „weiß, daß ich munter und geſund bin, kennt mein „Kind, weiß, daß mein Pompeius alle Nacht die „Leute anfaͤllt, kennt mein gelbes Zimmer.“ — Was? das alles hat er dir bereits ge⸗ ſagt?—„Ja freilich. Erklaͤre das ein anderer, „ich werde mir meinen Kopf nicht daruͤber zerbre⸗ „chen. Hoͤr' an, auf einen großen Aſt gehoͤrt ein großer Klotz; Roſalie haͤlt Herrn Martin 16 „nicht fuͤr einen Zauberer, aber ein Spitzbube hat „zuweilen das ehrlichſte Geſicht.“ Unſere kleine Frau nimmt die Gießkanne, wo⸗ mit ſie gewoͤhnlich die Leinwand zu naͤſſen pflegte, fuͤllt ſie mit geweihtem Waſſer, und ſolchergeſtalt den boͤſen Geiſt bannend, durchlaͤuft ſie ihr Haus vom Boden bis zum Keller, auf und nieder. Das gelbe Zimmer wagt ſie nicht zu betreten, ſie be⸗ gnuͤgt ſich, einen Tropfen Waſſers durch das Schluͤſ⸗ ſelloch zu ſpritzen. Die Thuͤr geht auf, Herr Mar⸗ tin tritt heraus, und das junge Weib laͤuft ſo ſchnell, als es ihre Umſtaͤnde geſtatteten, davon. Hellaufſchreiend verbirgt ſie ihre kleinen ſchwarzen Augen hinter der gelben Nanquinweſte des Herrn Gemahles.“„Siehſt du! ich hab ihn gebannt! er „kann es nicht laͤnger in dem gelben Zimmer aus⸗ „halten, uͤberall wird er das geweihte Waſſer wit⸗ „tern und davon gehen.“ Herr Dubvurg! Herr Dubunngt wiederholte Herr Martin mit einer Stimme, die freilich jetzt ſchon einen durchaus teufliſchen Klang haben mußte. „Hier, gnaͤdiger Herr.“— Kommen ſie zu mir, plaudern wir ein wenig.—„Ich weiß „nicht, darf ichs wagen?“— Nur naͤher, friſch gewagt, hab⸗ich auch den Teufel im Leibe, es der beſte Teufel von der Welt. Setzen 17 Setzen Sie ſich, lieber Wirth.—„ach!“— Setzen Sie ſich—„ſo“— Sie haben ſich warlich ein huͤbſches junges Weibchen aus⸗ geſucht—„o—(der Schweiß perlte ihm auf der Stirn..„Ich— ich liebe aber auch meine „Frau,“— doch nicht ſo wie zu Anfang eurer Verheirathung!—„Ja ja, ich liebe ſie noch „eben ſo— der Herr kennt vielleicht das alte „Sprichwort: Vielerlei Speiſen erhalten den Appe⸗ „tit zum eſſen“— Dubourg, ganz offen, was haltet Ihr von der Ehe?—„Wahrhaftig, gna⸗ „diger Herr““— YNicht wahr, es iſt eine Ver⸗ bindung, die eigentlich der Natur und ih⸗ ren Geſetzen ganz wiederſpricht?— Manch⸗ „mal freilich— hm:— ſo ganz unrecht haben Sie „nicht.“— 8Z. E. wenn urſula Euch mit den lieben Schelmaugen anblickt, he?—„ur⸗ „ula, urſula— ach! er kennt die urſula, es „iſt nicht anders moglich, es iſt der Teufel“ Du⸗ bourg ſpringt auf und will davon; Herr Mar⸗ tin ſchloß die Thuͤr ab, und ſieckte die Schluͤſſel zu ſich.„Guter Freund, ihr muͤßt mich anhoͤren, bis zu Ende. Der Menſch, welcher fuͤr ſich im Freien lebt, gehort ſich allein an, iſt niemandem „verpflichtet; in geſellſchaftlicher Verbindung hinge⸗ „gen muß er die Vortheile und Verpflichtungen ge⸗ . 141 ——— ————————— —— ————— —————— 18 „ſellſchaftlicher Einrichtungen tragen. Eine Geſell⸗ „ſchaft, ſie ſey, welche ſie wolle, kann nur durch „Geſetze beſtehen, welche den beſtrafen, der dieſe „uͤbertritt. Die Ehe iſt entſtanden, genehmigt, um „die Familien zu unterſcheiden, das Eigenthum und „die kuͤnftige Wohlfahrt der Kinder zu ſichern. „Dubvurg, was denkt Ihr davon? habt Ihr daran „gedacht, als Ihr Euch verheirathetet?“— Ja, ja, der Herr Pfarrer hat mir ohngefaͤhr das nemliche ge⸗ ſagt.—„Nun ſo habt Ihr etwas von dem Geſag⸗ „ten vergeſſen, denn Urſula wird Euch von Eurer „Pflicht entfernen, die Urſula wird Euer werden, „ganz gewiß; aber wißt Ihr, was die Folge davon „ſeyn wird?“— Nein, der gnaͤdige Herr leſen alſo die Zukunft?—„Alles Wort fuͤr Wort wie „Gegenwart.“— Herr Dubourg wiſchte ſich aufs neue den Schweiß von der Stirn.„Urſula wird „ſich Ench bald in ihrer wahren Geſtalt zeigen,— „ein Maͤdchen, leichtſinnig, nur ihrer Luſt folgend. „Ihr werdet ſie verlaſſen wollen, ſie wird Euch „quaͤlen, und viele verdrießliche Augenblicke werden „ſie euch verhaßt machen. Ungeduldig, uͤberdruͤßig „dieſes Treibens, werdet Ihr Euch trennen wollen, „aber zu ſpaͤt. Eure Frau wird Euch beide heim⸗ „lich beobachtet, geſchwiegen, und im Stillen viel „gelitten haben. Der Verdruß, ſich nur eines un⸗ 9 „bedeutenden Mädchens willen zuruͤckgeſetzt zu ſehen, „wird in ihr den Wunſch, ſich zu raͤchen, rege ma⸗ „chen. Solcher Wunſch iſt bei einer Frau ſehr ge⸗ „faͤhrlich; bis zu dem Augenblick, wo die Reue Euch „zuruͤck fuͤhren wird, werdet Ihr zwei Kinder mehr „um Euch ſehen, von denen Ihr nicht Vater ſeyd. „Das iſi noch nicht alles!“— Was koͤnnt“ es noch aͤrgeres geben?—„Indem Ihr beide nur Eu⸗ „ren Leidenſchaften nachhaͤngt, werdet Ihr Eure „Wirthſchaft vernachlaͤßigt haben, und Glaͤubiger „werden Euch auaͤlen, jeder frohe Augenblick wird „fliehen, und Ihr werdet gezwungen ſeyn, dies Dorf „zu verlaſſen und fremdes Mitleid anzuſprechen.“ — Aber, gnaͤdiger Herr, nein, ſolch ein Bild, wie hier, mir in dieſem Augenblick vor die Augen fuͤh⸗ ren! ich? nicht Vater von meinen Kindern? „Still! nicht ruͤhren darfſt du dich, haſt du nicht „gleiche Fehler begangen?— Und meine Wirthſchaft „werloren?“— Denkt nach, Herr Wirth, denkt nach, Herr Wirth, denkt nach und wenn ein Teufel in dieſem Augenblick mit euch geſprochen hat, ſo glaubt, der Teufel iſt Euer Freund; mein Fruͤhſtuͤck wird anbrennen, fort in die Kuͤche.— Sollte das Fruͤhſtuͤck wirklich nicht verbrannt ſeyn: Waͤhrend Herr Mattin den armen Du⸗ bourg feſt hielt, lief die Frau und Magd jede ih⸗ 20 res Wess. Ein Zauberer kehrt nicht alle Tage ein, ſolchen Vorfall muß die gute Freundin Frau Ge⸗ vatterin wiſſen. Dubourg war durch die teufli⸗ ſche Weisheit unſers Helden ganz ſtutzig gemacht. Er konnte nicht umhin, Herrn Mattin recht zu geben. Rein, ſagte er zu ſich ſelbſt, und koſtete dabei, was in ſeinen Kaßerolen uͤbrig geblieben, ich laſſe die Urſuls; ſo weit bin ich noch nicht ge⸗ kommen, daß ſie mir Vorwuͤrfe machen duͤrfte, ich bleibe bei meiner Frau, ſo braucht ſie mich nicht bei der Urſula zu ſuchen; hm! es iſt als ſollte es heute nicht ſeyn, immer kommt etwas dazwiſchen und haͤlt mich zuruͤck. Herr Martin, den die Langeweile guaͤlte, ſetzte ſich auf den Balkon, berechnete ſeine Agenda, Schreibtafel und Bleiſtift in der Hand. So ver⸗ tieft, wie er auch in ſeinen Rechnungen und Ge⸗ danken verſunken war, ſo hoͤrte er doch die Worter „ſeht, da ſitzt er und lieſt ſein Regiſter,“ deutlich ausſprechen. Herr Martin ſah hinab und er⸗ blickte ſieben bis acht Weiber dicht unter ſeinem Fenſter.„So ganz uͤbel iſt er nicht, ich hatte ihn „mir ſchrecklicher vorgeſiellt; ein Zauberer ſollte „gruͤne oder rothe Augen haben, eine Bocksnaſe, „gelbe große Zähne, rothe Haare. Aber Frau Ge⸗ „vatterin, ſprach eine andre, wiſſen Sie denn nicht, 21 „aß ſich der Teufel nach Belieben verwandeln kann? „bald als ſchoͤne große Frau, um den heiligen An⸗ „ton zu verſuchen, bald“— Herr Martin laͤ⸗ chelte. Bertrand ſaß noch auf ſeiner Bank und da die Geduld nicht ſeine Haupttugend war, ſo ſchalt er die Weiber tuͤchtig aus, hieß ſie nach Hauſe gehen und ihren Maͤnner die Suppen kochen. Die Frau Gevatterin ihrer Seits nicht faul, ſtemm⸗ te die Haͤnde in die Seiten und begann mit lauter Stimme und einer ſpartaniſchen Kuͤrze ſich alſo ausdruͤcken:„Man verbrennt die Zauberer, „folglich muß es welche gebenz da ſitzt einer „und wir wollen ihn betrachten. Dies iſt „die Landſtraße, die Landſtraße gehoͤrt fuͤr „Jedermann, und folglich werden wir ſiehn „bleiben.“ Beide Theile wurden hitzig, ein, zwei, drei Maͤnner blieben ebenfalls ſehen; Bertrand hatte bis jetzt acht Weibern ſtandhaft wiederſtanden, nunmehr aber ſing der Kampf an, ungleich zu wer⸗ den, und er zog ſich kluͤglich zuruͤck. Herr Mar⸗ tin beluſtigte ſich freilich gern; aber er war Feind van allem Zank und rief daber Bertrand zu ſich herauf. ſ5pin Die Zahl der Zuſchauer ward indeſſen mit je⸗ dem Angenblicke größer, man vernahm ſogar einige Stimmen, welche lgut das Erſcheinen des Zauberers 22 verlangten. Herr Martin ſah auf der andern Seite des Weges einige Steine liegen, welche zur Verbeſſerung der Landſtraße dienen mogten, er be⸗ fuͤrchtete/ daß nach gerade aus dem Spaße Ernſt werden und dieſer Scherz mit einer foͤrmlichen Belagerung des Wirthhauſes zum muthigen Hahne enden konne, öffnete alſo weislich das Fenſter, und rief den Herrn Maire, den er unter dem Haufen gewahrte, zu ſich ſehr hoͤftich herauf. „Es iſt kein Zauberer, er kennt den Herrn „Maire recht güt; ach, lieber Gott! rief ein ande⸗ „rer, der Herr Maire geht hinauf, er ſteht am „Ende mit dem Teufel im Bunde. Das iſt kein „Wunder, ſprach ein dritter, darum wiſſen wir auch „nicht, wo unſre Abgaben bleiben!“ Der Herr Majre trat dreiſt genug ins gelbe Zimmet, er war einer von den ſogenannten ſtarken Geiſtern. Einen großen Theil der gehorten Wun⸗ derdinge ſchrieb er dem Nachleſen des Herrn Mar⸗ tin in ſeinen Papieren und Rechnungen zu. Doch befremdete es ihn, daß Herr Martin ihn ſogleich als Maire erkannt hatte.„NRichts natuͤrlicher, als „Schaͤrpe in der Rocktaſche, die Frangen ſahen vor, „das, entgegnete Herr Martin. Ich erblickte Ihre „meine Augen ſagten mir alſo Ihren Stand. Ich „verſichete Sie, Herr Maire, der ganze Zuſammen⸗ —— 23 „hang dieſes Abentheuers iſt ſehr einfach“— Ich bin ſehr begierig, die Moglichkeit zu erfahren, wie man in ſo kurzer Zeit die Koͤpfe des ganzen Dorfs auf dieſe Art in Aufruhr bringen kann.—„Wiſſen „Sie nicht, daß es ein Leichtes iſt, die Menſchen al⸗ „les glauben zu machen, wenn es einem bereits ge⸗ „lungen iſt, ihrer Einbildungskraft einen gewiſſen „Stoß zu geben? Sie bleiben bei ihrer Meinung „und die geſunde Vernunft hat keine Macht mehr.“ „Indem ich aus dem Wagen ſteige, las ich auf „dem Schild des Hauſes: Dubourg, Gaſthaus um muthigen Hahne, und Dubvurg ver⸗ „wundert ſich, daß ich ſeinen Namen weiß. Sein „Aeußeres iſt frei, offen, friſch, lebhaft und er kann „begreifen, daß dieſe Lebendigkeit die Frucht einer „orgloſen Munterkeit ſeyn muß. Seine Frau iſt „jung, es iſt zu vermuthen, daß ſie nicht langer „als zwei Jahr verheirathet ſind, folglich nur ein „Kind haben konnen. Die Windeln, die ich im Hofe „aͤngen ſahe, buͤrgen fuͤr die Exiſtenz dieſes Kin⸗ „des. Ein freilich etwas abgetragenes Chorhemde „beweißt mir, daß Dubourg Vorſaͤnger im Kirch⸗ „ſpiel ſeyn muß. Seine Stimme iſt voll und rund⸗ „er ſingt alſo Baß, da man, um auf einem Dorfe gut „zn ſingen, aus vollem Halſe ſchreien muß, ſo iſt „es begreiflich, daß die Kirchenfenſter beben muͤſ⸗ 24 „ſen. Ein großer Hund liegt an der Kette; da „man ihn bei Cage anbindet, laͤßt man ihn wahr⸗ „ſcheinlich des Nachts los, ſolche Hunde ſind in „der Regel ſehr ſchlimm, und ein Blatt, das der „Wind vom Baume weht, ermuntert ſie und laßt „ſie anſchlagen. Daß das Zimmer gelb ſeyn „miißte, habe ich errathen, weil das halbgesffnete „Fenſter mich die Farbe der alten Tapeten erken⸗ „nen ließ. Ich verſichre Sie, Herr Maire, wenn „man im zwoͤlften Jahrhundert den Zauberern er⸗ „laubt haͤtte, ſich zu rechtfertigen, es waͤre nicht „einer verbrannt worden. Dem ſey nun wie ihm „wolle, ich hoffe nicht daß man mich an den Spieß ſtecken wird.“— Das nicht, aber dieſe Volksbewe⸗ gung haͤtte fuͤr Sie ſchlimm ablaufen konnen, glau⸗ ben Sie mir, mein Herr, uͤbernehmen Sie nie wieder die Rolle eines Zauberers in einem Dorfe, in wel⸗ chem man an Zaubereien glaubt. Herr Martin dankte fuͤr die gute Lehre und bat den Maire zum Fruͤhſtuͤck. Die Einladung ward herzlich angenom⸗ men. Der Maire trat zum Balkon, beſänftigte die Leute und hieß ſie an ihre Arbeit gehen. Ein Theil blieb, der andere gehorchte; der Maire band ſeine Schaͤrpe um, und ſprach mit voller Amtsmiene. Man ging murrend aus einander. Es war gber guch vom Herrn Maire him⸗ melſchreieud, die zu ſchuͤtzen, die man ſonſt braten ließ; gar huͤbſch waͤre das Schanſpiel eines bren⸗ nenden Zauberers fuͤr die guten Bewohner geweſen, die umliegenden Dörfer waͤren bei dieſem Feſte nicht ausgeblieben, die Wirthe haͤtten ihren Schnitt gemacht; aber ſo geht es! die beſten Verordnungen kommen heut zu Tage in Verfall. Bertrand befand ſich, um das Eſſen zu be⸗ ſchleunigen, in der Kuͤche. Dubourg ging nun mit Zittern zum gelben Zimmer, deſſen Reinigung er ſich gleich nach der Abreiſe des unholden Gaſtes vorgenommen hatte. Er oͤffnete, ſeine Fuͤße waren noch außerhalh der Thuͤr, als ſeine Arme, welche das Eſſen nieder zu werfen dachten, bereits den Tiſch erreicht hatten. Er ſetzte alles hin und druckte ſich ruͤckwaͤrts zur Thuͤr hinaus. Herr Martin lachte aufs neue,„dieſer junge Mann wird nicht „n vekehren ſeyn; ich habe ihm etwas geſagt, was „er nur gllein bisher wiſſen konnte.“— Er allein nur, rief der Maire⸗—„Ja, nuro allein; ich bin „ein ziemlich richtiger Beobachter, und taͤuſche mich „ſelten. Gefaͤllt es Ihnen, Herr Maire, ſo folgen „Sie meinen Bemerkungen. Ich habe in der Liebe, „ſo zu ſagen, drei Nuͤancen bemerkt, die ſich ſehr „beſtimmt ausſprechen, und ich bin keine Stunde in „einem Saale, ohne alle geheimen Liebesverſtändniſſe 26 „und den Grad, bis zu welchem ſie gediehen ſind, „zu errathen.“ „Die erſte Liebe macht ſich durch eine gewiſſe „Sorgfalt kund, welche die Furcht, zu mißfallen, „veranlaßt, durch Blicke, deren Lebhaftigkeit „das Mißtraun in Schranken haͤlt, durch hin⸗ „geworfene Worte, die niemand auffallen, die „aber von den Ohren der Liebenden recht gut ver⸗ „nommen werden. Der Gegenſtand unſerer Wuͤn⸗ „ſche iſt weit entfernt, unempfindlich zu ſeyn, aber „die ſchuͤchterne Schoͤnheit eilt nicht mit der Ant⸗ „wort, ſie ſtellt ſich vielmehr, als habe ſie nichts „gehört und doch entflieht ein kaum bemerkbares „Lächeln den geliebten Lippen. Sie ertappt ſich „und gleich lenkt ſie das Geſprach auf irgend einen „gleichgultigen Gegenſtand, ſpricht von Moden, „Spatziergängen, glaubt die unbefangene zu „ſpielen und bemerkt nicht, daß der leine ſie „verraͤth.“ „Die Liebe“ bey der es ſchon zu einem gegen⸗ „ſeitigen Geſtaͤndniſſe gekommen, geht einen andern „Weg. Der Geliebte denkt nur an die Frucht ſei⸗ „ner Bemuͤhungen. Jede Bewegung erfuͤllt ihn „mit Argwohn, jede conventionelle Gunſtbezeugung „beunruhigt ihn. Er kann ſich ganz gewöhnlich „ausdruͤcken, ſo wird in ſeinen Worten wenigſiens „Leben und Feuer ſehn. In einem Cirkel, im Thea⸗ „ter, auf Baͤllen, Promenaden giebt es! nur ein „Veſen fur ihn; er weiß die Geliebte zu finden, „auch ohne daß ſie ihn benachrichtigt. Die Ge⸗ „liebte antwortet ihm jetzt, aber oft nur durch ein⸗ „elne Sylben und das Wörtchen: Nein/ wird gern „von ihr gebraucht. Glauben Sie daß den Gelieb⸗ „ten dieſes Rein verzweiſſen laͤßt? Es wuͤrde es, „aber die ſchönen Augen ſtrafen den Mund, der es „lispelt, Luͤgen. Ihre Blicke ſind der Ausdruck „der Liebe, ſie iſt Herrin ihrer uͤbrigen Bewegun⸗ „gen, ihrer Worte, nur nicht maͤchtig genug, uns „Stillſchweigen gebieten zu konnen, wenn wir mit „allem Feuer der Leidenſchaft von unſerer Liebe „ſprechen. Sonſt drangen verliebte Blicke durch „die Staͤbe eines Fächers zu uns, heut zu Tage birgt „eit Hut den lieblichen Kopf vor läſtigen Zeugen. „Der Beobachter ſelbſt wird durch die Wendung des Hutes getauſcht, und der Geliebte, den er viel⸗ „leicht wie fern glaubt, benbet ſich in gleicher „Linie mit ihm.“ „Aber warum nein ſagen, wenn unſte unge⸗ „duld das ja nicht erwarten kann? Iſt das Grund⸗ „ſatz, iſt es ein kleiner Betrug? weder das eine „noch das andere. Man iſt entſchloſſen, ſich zu „ergeben, weiß aber auch zu gleicher Zeit, daß der —— ——— —————— — 28 „Sieger einen Preis nach Maßgabe des ge⸗ „fundenen Widerſtandes fordern wird. „Das Maͤdchen ſchmeichelt ſich, daß der Geliebte „ſo viel Eigenliebe beſitzen wird, um uͤberzeugt zu „ſeyn, nur er koͤnne ſie von ihrer Pflicht entfer⸗ „nen, und daß dieſer Widerſtand, welcher zugleich „der letzte ihrer ſterbenden Staͤrke iſt, nicht die „Achtung des Siegers ſchmaͤlern, ſondern ſeine Er⸗ „kenntlichkeit zu dem abehh Gegenſtande ſei⸗ ern wird⸗ i* „So weit hat man pin und heruͤber; „mit faſt gleichem Vortheil; aber die gluͤckliche ader „ungluͤckliche Stunde hat geſchlagen und alles „nimmt eine andere Geſtalt an. Der Geliebte be⸗ „fuͤrchtet von einer Frau, die er bereits zu Thraͤ⸗ „nen gezwungen hat, keine Untreue mehr. Er „ſchlaft ſeines Gluͤcks gewiß auf den Myrthen ru⸗ „hig ein, welche die geliehte Hand fur ihn gepfluͤckt, „und womit ſie immer bereit ſeyn wird, ihn zu „krdnen. Seine Hitze iſt abgekuͤhlt, er genießt ſein „Gluͤck mit Ruhe und Sicherheit. Die Schoͤnheit, „welche ſich dem Liehenden einmal hingegeben hat, „macht ſich im Stillen Vorwuͤrfe, zu viel gethan „zu haben, und mochte doch ſo gern noch mehr „thun. Sie fuͤrchtet die gewohnlichen Folgen eines „heißen Entzuckens; iedes Frauenzimmer ſcheint ihe ³9 „gefaͤhrlich. Sie hat ihre Gunſtbezeugungen frei „bewilligt, vermehrt ſie jetzt um für immer zu „feſſeln und bedenkt nicht, daß ſie gerade ihr Reich „erſtört. Die kleinſte Vernachlaͤßigung bringt ſie „zur Verzweiflung, ſie hat nun nach einer wieder⸗ „holten Liebesverſicherung ihres Geliebten einige „Ruhe, welche ſie zwar nicht uͤberzeugt, aber wor⸗ „an ſie gezwungen glaubt. Sie wird ihren Ge⸗ „liebten nicht aus den Angen laſſen, ihn fortwaͤh⸗ „rend begleiten. Mit ihren Augen folgt ſie jeder „ſeiner Bewegungen; ſpricht er mit einer Dame, „errothet ſie, ſteht auf, zwingt ſich, wo anders hin⸗ „zuſehen, ſpielt die Gleichguͤltige, waͤhrend ihr Bu⸗ „ſen pocht; ſie kennt nur ein Gluͤck: nemlich in ei⸗ „nem Seſſel an ſeiner Seite ſich zu wiegen, wo ie vielleicht die Langeweile wiegt. „Das nenne ich weit ausholen, um zum Ziele „zu kommen, nicht wahr, Herr Maire; kein Wort „war indeſſen vergebens.“ „Ich ſtand vorhin ans Fenſter gelehnt. Ein „junges Bauermaͤdchen ging voruͤber, und eine „Nachbarin nannte ſie, einen guten Tag wuͤnſchend, „beim Namen. Daſfelbe Maͤdchen ging zwei⸗, drei⸗ bis viermal voruͤber, und jedesmal warf ſie einen „forſchenden lebhaften Blick hier ins Haus hinein. „Dem Stalljungen konnte dieſer nicht gelten, alſo 30 „— Herrn Dubourg. Ihre Furchtſamkeit bei aller „Begierde, ihn zu ſehen, läßt mich ſchließen, daß ſie „ſeiner noch nicht ganz gewiß iſt, doch muͤſſen ſeine „Erklaͤrungen von der Art gegen das Maͤdchen ge⸗ „weſen ſeyn, daß ſie nicht ohne Hoffnung liebt und „ſich nicht auf das Ohngefaͤhr dem Augenmerk der „jungen Frau ausſetzen und ſich laͤcherlich machen „wuͤrde. Beide ſind alſo mit ihrer Liebe noch bei „dem erſten Punkte; ich habe Herrn Dubourg „hier auf dieſer Stelle vorgenommen, und darf mir „ſchmeicheln, daß ihn ſeine Frau zuruckfuͤhren wird.“ — Herr Martin, ſprach der Maire, Ihr durch⸗ dringender Beobachtungsgeiſt entzuͤckt mich, und Sie erlauben, ihn bei einer Wahl, die ich vornehmen muß, zu Rathe zu ziehn.—Ich weiß, was Sie ver⸗ „langen; Sie haben eine große ſchoͤne Domaine, ha⸗ „ben einen Verwalter, der Sie beſtohlen, fortgeiagt, „und ſuchen einen neuen. Sie ſehen mich an, ſie „glauben doch nicht, daß der Teufel hier auch im „Spiele ſey?“ Bertrand trat in dieſem Augenblick herein,— die bewußte Dame faͤhrt eben durch das Dorf.—„Gut, gut, wir holen ſie ſchon zu Pon⸗ „toiſe ein.“— Sie wird indeſſen in zwei Stunden dort ſeyn.—„Ich weiß aber auch⸗ — 31 „daß ſie ſich dort aufhalten wird.— Laß uns ei⸗ „einen Augenblick.“ — Wer iſt dieſe Dame? ſeggte der Maire, als Bertrand gegangen war.—„Das iſt mnin Ge⸗ „heimniß.“— Wie iſt es aber moglich, die Gruͤnde im Voraus zu wiſſen, welche dieſe Dame zu Pon⸗ toiſe aufhalten werden?—„Ich wage nichts, wenn „ich Ihnen die Gruͤnde ſage; dieſe Dame hat woͤ⸗ „chentlich ein regelmaͤßiges heftiges Kopfweh, ſeit „zehn Tagen war ſie davon befreit, es muß alſo „nach dieſer heftigen Bewegung nothwendig mit „groͤßerer Gewalt losbrechen. Wo blieben wir „ſtehn? ja— bei unſerm Verwalter, Sie ſind, Herr „Maire, die erſte und wichtigſte Perſon der ihnen „anvertrauten Domaine, ein Theil Ihres Anſehns „faͤllt natuͤrlich auf den Verwalter. In gewiſſen „Faͤllen muß er in Ihrem Namen handeln, es iſt „mit einem Worte eine Stelle, die von Kundigen „und Unkundigen geſucht wird. Keiner Ihrer bis⸗ „herigen Candidaten gefaͤllt Ihnen, geben Sie dieſe „Stelle dem jungen Cognard.“— Wer iſt die⸗ ſer Cognard?— Der Sohn eines kleinen Paͤch⸗ „ters aus der Nachbarſchaft.“ „Wenn Sie vielleicht zufaͤllig die Menſchen be⸗ „obachtet haben, Herr Maire, ſo kann Ihnen die „Bemerkung nicht entgangen ſeyn, daß die meiſten 32 „Väter gern ihre Sohne über ihren angebornen „Stand erheben mochten. Dies Verfahren halte „ich fuͤr den eigentlichen Keim aller politiſchen „Revolutionen. Der eine Theil will alles nieder⸗ „ruͤcken, was hinaufzuklimmen geſonnen iſt, der „andere will ſich nicht verdraͤngen laſſen, wodurch „beide Theile ſich aufreiben. Doch ich verliere mich „zu weit“ „Der alte Cognard gab ſeinen Sohn als Lehr⸗ „ling zu einem Advokaten. Er ſelbſt brachte einen „Theil ſeiner Zeit in Spanien mit Bauten aller Art „zu, einen andern Theil in Paris, um einige Memvi⸗ „ren uͤber mancherlei gluͤcklich behandelte Gegen⸗ „ſtande zu redigiren. Eine goldene Medaille, welche „er fuͤr einen Vorſchlag der nie zur Resliſirung „kommen konnte, erhalten, verdrehte ihm etwas den „Kopf. Er bemerkte, daß ſeine haͤuslichen Umſtaͤnde in „Unordnung waren; gut von Herzen, liebte er Weib „und Kind, der Kummer nahm uͤberhand; und et „ſtarb, nachdem er lange Zeit der Spielball ſeiner „Eitelkeit geweſen war. Sein Sohn war unterdeſ⸗ „ſen erſter Schreiber geworden. Er ſtand indeſſen „nicht einen Augenblick an, ſeinen Vortheil ſeiner „Pflicht zu vpfern, er zog ſein blaues Oberhemde „wieder an, ſuchte ſeine Holzſchuhe, den Pflug wie⸗ „derum vor, und ſeit 2 Jahren erhaͤlt er Mutter und 35 „und Schweſter von ſeiner Haͤnde Arbeit. Das „nenne ich erprobte Ehrlichkeit. Cognard ver⸗ „ſteht ſeine Sache und iſt der Mann, den Sie brau⸗ „chen.“— Aber ſeine Pacht?—„Laͤuft in 8 Mo⸗ „naten zu Ende, bis dahin wird er einen tuͤchti⸗ „gen Burſchen ſeiner Mutter zur Seite geben, und „ſo viel Zeit wuͤrde ſich ja hier finden, um dann „und wann dort ein wenig nach dem Rechten zu „ſehen.“ — Herr Martin, Sie geben mir einen vortreſſ⸗ lichen Rath, ich werde mir ſogleich dieſen Cog⸗ nard holen laſſen; aber ich bitte Sie um des Him⸗ melswillen, woher wiſſen Sie das alles?—„Ich „habe mehr, als eine Stunde Wegs in Geſellſchaft „Roſaliens gemacht, eines allerliebſten jungen „Milchmaͤdchens.“— Ich daͤchte, Herr Martin, wir machten, bis unſer Cognard kommt, eine kleine Promenade in meinem Park oder ſpielten eine Parthie Billard?—„Von Herzen gern.“ Beide gingen vors Dorf— ein Gemurmel laͤßt ſich aus einem der Haͤuſer vernehmen, ſie hor⸗ chen guf. Es waren die vornehmſten des Dorfes, welche ſich zu einer Bittſchrift an den Prafekten vereinigt hatten, um den Maire ſeines teufli⸗ ſchen Verkehrs halber abzuſetzen.—„Gehen wir „weiter, ſprach Herr Martin, ſie wollen, ihre .[3] 34 „Vorgeſetzten ſtüͤrzen, und jeder denkt im Stillen, „er könne ſie erſetzen. Sie werden alles aufbieten, „um die Ruhe herzuſtellen, um hernach mit ihren „weiſen Maßregeln prahlen zu koͤnnen, die Sonne „wird untergangen ſeyn, die Nacht ſie noch un⸗ „eins beim Schreibtiſch finden, und morgen fruͤh „wird der Präfekt ſich uͤber ihre Dummheit luſtig „machen.“ Herr Martin traf vor der Wohnung des Herrn Maire, Bertrand, Wagen und Pferde, welche der Wirth ſammt und ſonders verjagt hatte. Bertrand zeigte die Rechnung:„Zahlung vom Kutſcher richtig erhalten.“ Der Maire war von der Unterhaltung des Herrn Martin ſo erbaut, daß er nicht ein einziges⸗ mal daran dachte, nach der Uhr zu ſehen; die Zeit bis zu der Ankunft Cognards ward ihm denn doch zu keid.—„Er wird jetzt eſen, antwortete „Herr Martin, muͤde von der fruͤhen Arbeit „nimmt er ſich in Geſellſchaft ſeiner eben Ver⸗ „wandten ein wenig geit. nebrigens muß ich Ih⸗ nen frei geſtehen, ich zweifle ſogar, daß er die an⸗ „gebotene Stelle annehmen wird.“— Und warum nicht? haben Sie mir doch ſelbſt dieſen Rath gege⸗ ben?—„Ich bin nicht unfehlbar und uͤberdem ge⸗ reicht es mir zum Vergnuͤgen, ihnen beiden dienen 35 „zu können. Ich habe waͤhrend unſeres Geſpraͤches „hin und her gedacht, und nach der Vorſtellung, die „ich mir von ſeinem Charakter entworfen habe— „ſag ich— nein! er nimmt die Stelle nicht „an.“ Endlich war Cognard da. Ein ruͤſtiger Burſche von 25 Jahren, Vohlgebaut und flink. Er ſtellte ſich mit Feinheit und ohne Verlegenheit den Herren vor. Der reiche Beſitzer eines Schloſ⸗ ſes ſchreckte ihn nicht und er gab ihm nur die Ehre, die ihm ſeiner Meinung nach gebuͤhrte. Der Maire erklaͤrte ſich ihm, wie er ſeinen vorigen untergehuͤl⸗ fen entfernt habe und geſonnen ſey, einen tuͤchtigen Mann an ſeine Stelle zu ſetzen, einen Mann, der, richtigen und geſunden Blickes, Kenntniß genug be⸗ ſaͤße, vorkommende Prozeſſe einzuleiten, und die Faͤ⸗ higkeiten der kleineren Unterpaͤchter bei Beſetzung der Pachtungen zu beurtheilen. Cognard war ſtumm; der Maire, welcher glaubte, er habe ſich nicht verſtaͤndlich genug ausgedruͤckt, wollte zum zweitenmale beginnen, als Cognard folgenderma⸗ ßen antwortete:„Herr Maire, ich bin Ihnen ſehr „verbunden; ich weiß und kenne das mit dieſer „Stelle verknuͤpfte Einkommen, welches meinen je⸗ „tzigen Verdienſt bei weitem uͤberſteigt; aber ſo, wie „ich jetzt lebe— haͤnge ich von niemand ab. Ich „habe mich nun einmal meiner jetzigen Arbeit un⸗ 36 „terzogen, theils um meine Mutter zu ernaͤhren, „theils um meine Schweſter dermaleinſt auszu⸗ „ſteuern. Es wird mird mir ſauer, aber mein Un⸗ „terhalt, und der meiner Familie, iſt geſichert. Ich „ann unmoglich das Gluͤck meiner Verwandten „einer augenblicklichen Laune vertrauen, die, man „kann nicht wiſſen, mir morgen nehmen kann, was „ſie mir heute giebt.“— Sie ſind ein wenig ſiolz.— „Gewiß nicht, Herr Maire, ich halte nur etwas auf „mich und kann mich nie verſiellen.“ — Was hab'ich geſagt, rief Herr Mar⸗ tin aus. Brav, brav, Cognard! ich bin zu⸗ frieden, wir wollen indeſſen alle drei die Sache ein wenig kälter uͤberlegen. Ihre Pacht geht zu Ende und noch iſt keine neue da.—„Ich ſtehe indeſſen bereits in Unterhand⸗ „lung.“— Woraus nichts wird.—„Warum?“ — Veil Severin pachten wird.—„Ich weiß „es leider.“— Er wird Sie uͤb erbieten.—„Aber „wie konnen Sie das wiſſen?“— Ich gebe auch zu, daß viel verſprechen und nachher hal⸗ ten, zweierlei iſit aber Herr Durand rech⸗ net in die Zukunft, bis jetzt iſt er immer bezahlt worden. Freilich hat er oft das gruͤne Korn verkauft und den armen Land⸗ mann ruinirt; aber ſeine Kaſſe iſt ſtets ge⸗ fuͤllt und mehr verlangt er nicht.— Cognard rieb ſich die Stirn.„Ja ig! Herr „Durand iſt ſo, es iſt wahr! Sie kennen ohunn —Freilich, ich kenne die halbe Velt. Alſo, Cognard, huͤbſch uͤberlegt, was ſoll wer⸗ den, wenn keine Pacht ſich findet? Eine Mutter, zwei Schweſtern und kein Brodt. Sie wollen ein Milchmädchen heirathen.— „Und warum nicht? Sollte ich in meiner Lage ein „eingebildetes Buͤrgermaͤdchen, das meiner Mutter „und Schweſter die Naſe ruͤmpfte, nehmen? dieſes „Milchmaͤdchen iſt ſo gut, ſo anſtaͤndig, ſo ſchon „und liebenswuͤrdig!“— Gut, Sie werden ſie nehmen, guter Freund, und hernach darben. —„Wie koͤnnen Sie mich aber ſo ängſtigen und „quaͤlen? ich wuͤrde einen ungluͤcklichen beklagen „und troſten.“— Sie troͤſten, beklagen, Cog⸗ narde ich werde etwas Beſſeres thun.— — Hätten Sie die Stelleohne umſtande angenommen, waͤren Sie in meinen Augen nur ein gewoͤhnlicher Menſch, wie man ſie haufenweife trifft, geweſen; ich haͤtte die Sache ihren Gang laufen laſſen. Ihre Veigerung hat Ihnen meine Achtung ge⸗ wonnen, und dieſe ſoll nicht blos in lee⸗ 38 ren Worten beſtehn. Der Herr Maire er⸗ laubt mir gutig, alles zu arrangiren. Sie ſind Verwalter dieſer herrlichen Guͤter.— und fuͤgte der Maire hinzu: ich gebe Ihnen die „Verſicherung, daß Launen und Eigenſinn nie meine „Handlungen leiten; fragen Sie jeden meiner Die⸗ „ner und alle werden Ihnen eine erfreuliche Beru⸗ „higung geben.“ Herr Martin fuhr fort:„ie „Waiden des Herrn Maire ſind mit anſehnlichen „Viehtriften bedeckt, Ihre Mutter verſteht die Land⸗ „wirthſchaft, hier kann ſie ſie uͤben; die Schweſter „wird die Wäſche und die Spinnereien des Schloſ⸗ „ſes uͤbernehmen, in der Folge wird ihr die kleine „Margaretha huͤlfreiche Hand leiſten; Herr „Moire, ſind Sie mit dem allen zufrieden?“— Ob ich es bin? von ganzem Herzen.—„Dieſe Stellen, „erwiederte Cognard, ſind aber doch alle beſetzt; „wo bleiben denn nun die bisherigen Verwalterin⸗ „nen? Wir wollen ſie nicht veriagen.“— Sie ſind zu gleicher Zeit mit dem abgedankten Verwalter erledigt. Was iſt alſo noch einzuwenden, he Cog⸗ nard?— Antwort!—„Ich kann nur ſchweigen „und danken.“— So iſis recht; jetzt, Herr Maire, geben Sie dem neuen Verwalter Ihre Befehle. Der Maire wollte, daß Cognard gleich zu ihm zoͤge, weil ein großer Theil der Arbeiter ohne Auf⸗ 59 ſicht ſey und manche eintraͤgliche Geſchaͤfte brach laͤgen, und zeigte ihm zu dem Ende das niedliche Wohn⸗ haus am Ende des Parks, mit Garten und Feld, das zu ſeiner Aufnahme gleich in Stands geſetzt werden koͤnne. Cognard aber wollte nicht in dieſe augen⸗ blickliche Veraͤnderung willigen, indem er noch zu Hauſe zu viel in Ordnung zu bringen hatte, und verlangte 8 Tage Zeit. Der Maire ſtraͤubte ſich laut dagegen. Herr Martin brachte glles in Ord⸗ nung.„Bis zur Erndte, Cognard, giebt es nichts „zu thun, nehmt den erſten beſten und ſetzt ihn in „die verlaſſene Wohnung, um die Aehren zu be⸗ „ſchauen. Keine Einwendung, heute Abend ſchlaͤft „man in der nenen Wohnung, morgen werden Mut⸗ „ter und Schweſter ebenfalls eingefuͤhrt. ueber „Tag findet ſich ſo viel Zeit, um einen Ritt nach „den verlaſſenen Feldern machen zu koͤnnen, und „euren Vortheil nicht zu vernachlaͤßigen. Fort, „meine Herren, jetzt wollen wir die neue Wohnung „beſehen.“ Cognard folgte ſeinen Beſchützern und der erſte Gegenſtand, der ihnen ein paar Schritte vom Schloſſe begegnete— war Roſalie. Cognard hatte ihr in der Eile keinen guten Tag gewuͤnſcht, und das arme Maͤdchen wußte nicht, was ſie 40 davon denken ſollte. Sie ſchlug die Augen nieder, ſah auf und ward feuerroth. Sie kuͤßte Herrn Martins Hand.— Ich weiß nicht, ſagte er, ein verliebtes Maͤdchen muß ein paarfeine Ohren haben.—„Nicht das mindeſte hab ich „gehort, und nicht gehorcht, nein.“— So ſo, nun, ich habe mich alſo geirrt; ſo will ich dir erzahlen, was wir alle drei abgemacht ha⸗ ben. Cognard iſt Verwalter, heirathet dich in 14 Tagen und ladet dich hiermit ein, mit uns ſeine neue Wohnung zubeſchauen. Wenn du nichts fruͤher gehoͤrt, woher kaͤme denn diefe plötzliche Bewegung; du kannſt ja kaum reden!—„Ach, gnaͤdiger Herr, dieſe „Banknote.“— Aha, ich habe mir vorgenom⸗ men, ſie dir ſelbſt zu geben, da es aber Ber⸗ trand gethan, ſo iſt mirs ſchon recht und es freut mich, daß mein Beobachtungsgeeiſt wohlthaͤtig auf ihn wirkt.—„Eine Note „von tauſend Franken.“— Sie muͤſſen nicht glauben, Herr Maire, daß ich alle Tage verſchenke, ich ſchaue mir ſchon meine Leute an. Bertrand kennt meine Geſin⸗ nungen und urtheilte ſehr richtig, daß es dem Herrn Braͤutigam ein doppeltes Ver⸗ gnuͤgen machen muͤſſe, mein Geſchenkdurch ½1 Roſaliens Hand zu bekommen; brav, Ber⸗ trand! Kommt her, liebe Kinder, macht nicht viel Worte, dieſe Note iſt ein Hoch⸗ zeitgeſchenk.—„Ich uͤbernehme die Ausſtattung „und alle Koſten.“— Recht, Herr Maire!— „Meine Herren, das iſt zu viel! rief Cognard mit „Augen voll Waſſer, ich darf das nicht annehmen!“ — Schon wieder ein Ruͤckfall von Stolzz noch ein Wort und wir erzuͤrnen uns.— „Machen Sie nicht viel Worte, der Herr kann zau⸗ „bern, ja, ja, er iſt ein Zauberer!“— Ein Zaube⸗ rer?— Und von der beſten Gattung, da ſind wir; jetzt wollen wir das Haͤnschen be⸗ ſehen.— Man ging Zimmer fuͤr Zimmer durch. Frei⸗ lich iſt hier alles freunblicher, als in dem Hauſe des Herrn Proecurators, wo Cognard fruͤher gear⸗ beitet hatte. Cognard und Roſalie ſind außer ſich vor Entzuͤcken. Der junge Mann blickt mit einem zufriedenen Laͤcheln diejenige an, die all ſein Gluͤck fortan mit ihm theilen wird.„So iſts recht, „ſprach freudig Herr Martin, das iſt die Sprache „des Herzens, und er mmarmte Cognard.“ Der letztere, deſſen Inneres bereits aufgeregt war, ward vdllig durch die Liebe beſiegt, und ſich an ſein Gluͤck nach und nach gewöhnend, ſing er ſchon mit 42 der Eintheilung ſeines Hauſes an.„Siehſt du, „liebe Roſalie, hier werden wir ſchlofen.“ Das junge Maͤdchen nickte ſchweigend mit dem Kopf und ward roth bis uͤber die Ohren;„hier wohnt deine „Mutter, ſprach Roſolie, und hier deine Schwe⸗ „ſter; aber was fangen wir mit der großen Stube an Mit Erlaubniß, Kinder, dieſes Zimmer behalt' ich mir vor und werde es in Stand ſetzen. —„Ach, gnaͤdiger Herr, riefen beide, alles, alles ge⸗ „hort Ihnen! Komm, Cognard, komm nach Hauſe, „deine Mutter muß alles wiſſen, die alte Frau „wird vor Freuden weinen, wenn ſie unſer Gluͤck „erfaͤhrt,“ und mit dieſen Worten nahm ſie Cog⸗ nard unter den Arm, und ſprang und ſang und lachte in einem fort.„Herr Cognard, dieſen „Abend erwarte ich Sie,“ ſprach der Maire. „Herr Martin, fuhr er fort, ich bin Ihnen vie⸗ „len Dank ſchuldig; Sie haben eine Hoffnung erfuͤllt, „die ich bis dahin nur in der Bluͤthe ſah, und ich „wuͤnſche von Herzen, daß Sie Herrn von Polmont „unter die Zahl Ihrer Freunde aufnehmen.“ „Herr von Polmont, dieſes Wort iſt leicht „ausgeſprochen, die damit verknupfte Pflicht ſchwe⸗ „rer zu erfuͤllen. Man nennt faſt jeden Fremden „Freund, druckt ihm die Hand, verſchließt ihm aber „ſeinen Geldbeutel; man verfuͤhrt die Frau ſeines 45 „Freundes.— Herr von Polmont, Sie haben oͤfters falſche Muͤnze geſehen?—„Ja, Herr „Martin, leider oft genug.“— Ihnen gleicht die alltagliche Freundſchaft.—„Sie ſagen „mir keine Schmeichelei.“— Niemals.—„ch „ſtand im Begriff, Sie zu einem Mittagsmahle ein⸗ „zuladen, das die Freundſchaft anbietet; ver⸗ „wandeln wir den Namen in Erkenntlichkeit.“ — Das haͤngt von der Stunde ab— vier Uhr; es iſt Zeit, um zur Schlafenszeit in Pontoiſe einzutreffen, und ich bin ein Mann nach der Uhr.— Die Tafel war bereitet, man aß, anfaͤnglich ſtill, wie das gewohnlich der Fall iſt. Herr von Polmont dachte des Vorgefallnen und brannte vor Neugierde, das Nähere uͤber ſeinen Gaſt zu er⸗ fahren. Herr Martin ſah ihn durch.„Sie wollen „mir eine Menge Fragen vorlegen, Herr Maire— hab ich recht? Nun, ich heiße Martin, wie Sie „wiſſen, bin ein ehrlicher Mann und lebe ganz „ohne Geſchaͤft. Was liegt Ihnen daran, den Stand „meines Vaters zu wiſſen, ob er ein Edelmann „oder Landmann geweſen, und ob ich tauſend oder „hundert tauſend Franken Einkuͤnfte habe? Mehr „mag ich nicht ſagen.“— Sie ſind freilich ſehr 44 verſchloſſen—„und aus gutem Grunde, Herr „von Polmont.“— Werd' ich das Vergnuͤgen haben, Sie wieder zu ſehen?—„Vielleicht gerade „hier.“— Und wann?—„Vielleicht in eini⸗ „gen Tagen; ah! eh ich vergeſſe, Bertrand! „gieb dem Herrn Maire 25 Louisdor. Sie „gehdren Cognard, um mir mein Zimmer „zu meubliren. Was ſchwebt Ihnen aufder „Zunge? ſie wollen mich um etwas fragen, „Herr von Polmont?“— Ja, ich wundere mich, daß Sie Ihr Geld einem Bedienten uͤberlaſſen, Sie, der Sie doch ſo reich an Erfahrungen ſeyn muͤſſen.— „Sehen Sie, Herr Maire, Bertrand wird „mich nie verlaſſen, es iſt unmsglich.— und warum?—„Das iſt vor der Hand noch „mein Geheimniß. Jetzt leben Sie wohlz „haben Sie Dank fuͤr Ihre guͤtige Aufnah⸗ „me, wir werden, hoffe ich, noch oͤfters zu⸗ „ſammen ſpeiſen, hier oder wo anders.“ Als Herr Martin in den Wagen geſtiegen, ſagte er zu ſi ſich ſelbſt:„Ich habe mich freilich hier „in Acheres 3 Stunden aufgehalten; aber dieſe 8 „Stunden waren nicht verloren, warlich nicht, und „ſo mocht ich immer meine Zeit zubringen. ——————————— 45 Die fremde Dame zu Pontolſe. „Wir haben das Dorf ganz aus dem Geſicht „verloren, ſo ſprach Herr Martin, indem er die „Pferde anhielt; Bertrand, ſetze dich hieher,— „druͤcke dich mehr zuſammen, du wirſt mich am „Ende zum Wagen hinauswerfen— du haſt ſchlecht „gegeſſen, nicht Wahr? Es thut mir leid, daß ich „daran ſchuld bin.“ „Wenn es mir moglich waͤre, zu lachen, lachte „ich warlich aus vollem Halſe.“— Woruͤber?— „Ueber der dortigen Bedienten Erſtaunen, als ſie „gewahr wurden, daß ich Sie nicht bediente, uͤber „ihre Vetiunderung, als ich ihr Mittagseſſen ver⸗ „ſchmaͤhte und mich mit einem kalten Huhne und „etwas Brod in Ihrem Wagen begnuͤgte.“— Wie der Herr, ſo der Knecht, werden ſie ge⸗ dacht hahen; eine eigne Meinung haben wir von uns zuruͤckgelaſſen. Nun, mein lie⸗ ber Bertrand, heute Abend wirſt Du Dich in Pontviſe ſchadlos halten. Schlaͤfſt Du ſchon wieder?—₰ch habe die vorige Nacht kein „Auge zugethan, und die Natur hat ihre Rechte.“ — Am Ende wuͤrde es nothig ſeyn, daß ich auch Nachts bei Dir ſchliefe, um Dich zu zerſtreuen! Bertrand, der Kummer ver⸗ 46 mehrt das Uebel, nur Beharrlichkeit und Muth beſiegt jedes ungluͤck.—„Was aber „der Fuͤrſtin entgegenſtellen?“— Uns ſelbſt und alle ehrliche Leute; es ſind deren freilich wenige, allein ihre geringe Anzahl wird ſtark durch die Kraft ihres Bewußtſeyns. —„Aber ihr Stand?“— Sie befleckt ihn.— „Ihre Reichthuͤmer?“— Sie mißbraucht ſie und dieſer Mißbrauch iſt ein Zeichen ihres nahen untergangs. Der Menſch, ſo wie er geboren wird, iſt gut, die Vatur hat in ihn den Keim zu ſeinem Gluͤcke ge⸗ legt, aber Ehrgeiz und Begierde erregen ſeine Leidenſchaften, Intereſſe ſchaͤrft ſie; in der verfeinerten Ausbildung muß man die Urſach aller nebel ſuchen. Schlaf wohl, Dir fallen die Augen zu⸗ Herr Martin hielt mit der einen Hand die Zuͤgel, mit der andern einen Theil von La Bruͤyeres Werken worin er blaͤt⸗ terte. Solch ein Buch, dachte er, ſollten alle Menſchen auswendig wiſſen. Es wuͤrde weniger Dummkopfe und folglich auch weniger Spitzbuben geben. Der unterſchied zwiſchen Rochefaucault und La Bruͤyere iſt nicht ſchwer zu finden. Der erſte ſtellt ſeine Grundſatze mit mehr Witz, als Be⸗ 47 obachtungsgeiſt auf, der zweite hingegen uͤberzengt durch Einfachheit und ſtrenge Wahrheit. Der erſte Wagen hatte bereits die erſten Haͤu⸗ ſer von Pontviſe erreicht.—„Kaum haͤtte ich mich „ſchon ſo nahe geglaubt, Bertrand, ermuntre Dich; „ſuch Deine falſche Naſe hervor, wir können ſie „hier ebenfalls gebrauchen. Die Rolle, die Du „ſpielſt, wird Dir vielleicht eine Unterredung mit „Matiska verſchaſſen, ich werde mich an die Fur⸗ „ſtin halten, und ich bin gewiß, wir kommen hin⸗ „ter ihre Schliche.“ Gewiß wird der Leſer dieſe Dame, welcher Herr Martin ritterlich und abentheuerlich folgt, ſchoͤn, jung, liebenswuͤrdig glauben. Gefehlt.— Sie iſt funfzig Jahr alt, gelb, hohlen Blickes, welk, die Stirn voll Runzeln. Wenn man mit ſeinem Gewiſſen nicht ganz auf dem Reinen iſt, al⸗ tert man ſchnell. Herr Martin war in Pontoiſe ganz und gar unbekannt; er fragte alſo nach dem beſten Gaſthauſe; denn es ſtand zu vermuthen, daß dort die Fuͤrſtin ihrer Ruhe pflegen wuͤrde. Der große Hirſch wird ihm genannt, er faͤhrt vor, ſieht ein Zimmer an, quartirt ſich ein. „Liebes Kind, ſo ſprach Herr Martin zu dem „Maͤdchen, welches das Bett uͤberzog, iſt nicht etwa 48 „gegen 4 Uhr eine große Dame mit ihrem Ge⸗ „folge, beſtehend in einigen Kammerfrauen, Be⸗ „dienten und zwei Vorreitern, hier angekommen?“ — Zu Befehl.—„Die Dame iſt krank und ruht. „Nicht wahr?“— Woher wiſſen Sie das?— „Man hat es mir geſagt.“ Ich habe keine Luſt, hier ebenfalls den Zauberer zu machen, dachte er hei ſich ſelbſt, es mochte mich vom Ziele fuͤhren.— „Wo ſind die gimmer der Dame?“— Neben den Ihrigen.—„So ſag ihr, daß ein Fremder ſie zu „ſprechen wuͤnſche.“— Der Herr weiß, daß ſie krank iſt und alſo keine Beſuche annehmen wird.— „Eine ſehr richtige Bemerkung, mein Kind.“— „Rufe mir Matiska, die erſte ihrer Frauen.“— Dieſe darf nicht vom Bette der Fuͤrſtin fort.— „Sapperment, welch eine Menge vyn Hinderniſſen „iſt hier zu beſeitigen Herr Martin ging auf das Zimmer der Prin⸗ zeſſin zu, Surette ſtemmte ſich mit Gewalt ent⸗ gegen, ſie loͤuft am Ende hinein, ſchreit, daß ein fremder Herr den Eingang erzwingen wolle und Matiska erſcheint mit einer Kammerwuͤrde, wel⸗ che Herrn Martin herzlich zu lachen machte. Sie firirt den unverſchaͤmten Fremden,— weicht einige Schrite zuruck, wird leichenblaß, will reden, ſtottert indeſſen nur einige Worte ohne Zuſammenhang her. Surette 49 Surette, welche nichts von alledem verſtand, ging hinaus, und Herr Martin befand ſich neben dem Bette der Fuͤrſtin.—„Madam, Sie haben „bereis fuͤnf Stunden Ihrem Kopfweh gewidmet, „ich hoffe, Sie werden mir fuͤnf Minuten ſchenken.“ — Matiska, ſprich Du ſtatt meiner mit dem Herrn.— Dieſer Herr ſpricht nur mit Dienern, wenn er ihrer Dienſte bedarf. Die Fuͤrſtin ſtrengte ſich an, drehte ſich muh⸗ ſam zu Herrn Martin, oͤffnete ihre Augen und ſah ihn groß an.— Ich bins; zweifeln Sie nicht, ich bins.—„Was verlangen Sie, grauſamer Menſch?— Grauſam nennen Sie mich, mich? und wie ſollen Sie die ungluͤckli⸗ chen Opfer Ihres Haſſes nennen? Die Vollmacht ihrer Rechte, welche Sie auf das eine der bewußten Opfer haben, deh⸗ nen Sie warlich bis zur Emporung ab⸗ ſchreckend aus; das andere werd'ich Ihrer Macht zu entziehen wiſſen. Wo iſt ſie?— „Ich ſage nichts.“— Madam, ich habe Ihren Gemahl geliebt, geachtet, wie ich wenige Menſchen geſchaͤtzt habe.—„Deshalb fuͤrcht „ich Sie nicht.“— Aus Achtung fuͤr ſein An⸗ denken hab ich mich bisjetzt blos beſchränkt, Ihnen von Berlin bis hieher ſtill zu fol⸗ I. 50 gen, in der Hoffnung, in Guͤte zu erlangen, was Sie mir noch jetzt verweigern. Beden⸗ ten Sie aber, daß wichtigerePflichten und Ruͤckſichten meiner Mäßigung ein Ende machen koͤnnen, und daß Ihre heutigen Maßregeln Einfluß auf Ihr uͤbriges Leben haben werden.—„Wer Sie nicht furchtet, „fuͤrchtet auch nicht Andere..“— Ich verſtehe, Sie glauben an dem Hofe von Rußland ſich ganz ſicher geſtellt. Freilich ſind die Fuͤrſten oft durch ihre umgebungen ge⸗ taͤuſcht, bisweilen aber oͤffnen ſie ihre Au⸗ gen, und vvm Throne des Kaiſers bis nach Siberien iſt nicht ſo weit, als Sie glauben. Ueberdem, gnädigſte Frau, Sie haben Deutſchland, ſelbſt Frankreich, indem Sie iede große Landſtraße ſorgfaͤltig vermieden, durchreiſt; alle Ihre Anſtalten beweiſen, daß Sie einen Plan ausfuͤhren wollen, den Sie urſach haben, jedem Auge, und vor⸗ zuͤglich meinen Blicken, zu verbergen.— „Ich habe einen Plan, ja, ich leugne es nicht, aber „Sie und Riemand anders ſind Schuld an meiner „Reiſe. Glauben Sie mich ſo wenig von Ihren „Bewegungen unterrichtet: Ich wußte, daß Sie mir folgten, nahm deshalb auf der Poſt zu Troyes 51 „alle Pferde in Beſchlag, um Ihnen die Mittel zu „benehmen, mir zu folgen. Weiter will ich Ihnen „nichts ſagen.“— Und gerade zu Troyes ver⸗ lor ich den bewußten Wagen aus dem Ge⸗ ſichte, der ſtets dem Ihrigen vorfuhr; ich frage nicht, was dieſer Wagen enthielt, ich weiß es, ſo gut wie Sie. Zwanzigmal ſtand ich im Begriff, ihn anhalten zu laſ⸗ ſen, und jederzeit hielt mich die Achtung fuͤr Ihren Stand zuruͤck; wo iſt dieſer Wa⸗ gen hingekommen?—„Ich ſchweige.“— Sie wiſſen, daß ich mich ſelten in meinen Ver⸗ muthungen taͤuſche, Ihre Reiſe deutet auf die Normandie, auf die ufer des Meeres; Sie werden ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht einſchiffen. Bei dieſen Worten fixirte Herr Martin die Prinzeſſinn, welche ſich bedeu⸗ tend veraͤnderte.— Sie ſcheinen ſich milder mir erklaͤren zu wollen, ſprechen Sie, Ma⸗ dame! Es liegtetwas Großes in der Hand⸗ lung, ſeine Fehler zu bekennen, es iſt noch Zeit, dieſe Fehler wieder gut zu machen.— „Ich bin nunerſchutterlich in meinen Entſchluͤſſen. 3 Hieher, ſchrie eine Stimme, die Hert Martin recht gut kannte. Er ſprang auf und ſtog hinun⸗ ter. Bertrand zog ihn in die Ecke des Hofes. 52 „Matiska ſprach in der Dunkelheit mit einem „Bedienten der Fuͤrſtinn, ſie ſahen mich nicht, und „ich druͤckte mich hinter jene Thuͤre, nur einige „Worte konnte ich leider verſtehen. Matiska „ſagte eilig und leiſe: Fort, fort, nach Dieppe⸗ „nimm Pferde, Bolesko, ſo ſchnell wie „mbglich, nach Dieppe!“— Gut, Bertrand, eilig auf die Poſt, beſtelle Pferde, man heeilt ſich nun, das teufliſche Proiekt auszufuͤhren, wir muͤſ⸗ ſen dem zuvorkommen, fort, auf die Poſt, ich be⸗ ſorge meinen Koffer! Herr Martin gab ſeine Be⸗ fehle, ließ ſeine Pferde im Gaſthauſe, und nahm ſich vor, ſie bei ſeiner Zuruͤckkunft abzuholen. Bertrand kam zuruͤck. Er und Martin halfen dei Poſtillon, im Augenblick war alles fer⸗ tig/ ſechs Franken dem Poſtillon, er ſitzt im Wa⸗ gen, und iſt in wenig Minuten auf freiem Felde. Schon hoͤr ich die Kritik mich unterbrechen, wie konnte aber Herr Martin der Prinzeſſin, die mit Ertrapoſt reiſte, mit eigenen Pferden folgen Darauf muß ich autworten: Herr Martin war von Berlin bis Paris ebenfalls mit Poſtpferden ge⸗ reiſt. Die Prinzeſſinn, welche ihn irr machen wollte, blieb einige Zeit in der Hauptſtadt Frankreichs und hielt ſich ſehr zuruͤckgezogen. Bekanntlich giebt es indeſſen in Paris eine Menge Leute, welche die Li⸗ N ſten ſaͤmmtlicher Hotels garnis beſitzen, und die ein Geſchenk an Geld nicht von der Hand weiſen. Die Leute der Fuͤrſtin durften freilich keinen Fuß auf die Gaſſe ſetzen; ihre Begleitung war indeſſen zu zahlreich, als daß Herr Martin nicht in den er⸗ ſten vier und zwanzig Stunden gewußt haben ſollte, daß die Prinzeſſin ihre Wohnung im Hotel des Princes der Straße Richelien genommen hatte. Bertrand mit ſeiner falſchen Naſe logirte ſich ebenfalls, obgleich ſehr beſcheiden, in dieſem Hu⸗ tel ein. Er unterließ nicht, ſich mit der jungen Eliska, der geſprächigſten der Kammerfrauen, ein wenig bekannt zu machen. um ſich indeſſen nicht zu verrathen, ſprach er nur vom Regen, vom ſchö⸗ nen Wetter und dergleichen gleichguͤltigen Gegen⸗ ſtäͤnden. Eine junge huͤbſche Kammerjungfer hat in der Regel manche kleine Angelegenheiten, die der Dienſt der Herrſchaft nie ganz vergeſſen laͤßt. So auch hier. Elisba hatte zu Petersburg den Jaͤger eines dortigen großen Herrn, welcher jetzt ruſſiſcher Geſandter in Paris war, gekannt. Ohte alſo vor⸗ her den Gegenſtund ihrer Liebe geſprochen zu ha⸗ ben, wollte ſie nicht gern weiter reiſen. Das Hotel durfte ſie nicht verlaſſen, ein Briefchen ſollte der Jaͤger erhalten, und zwar in ſeine eigene Hand, weil er dumm genug geweſen, ſich zu verheirathen, 54 und den dummſten Streich dadurch begangen hatte, daß er ſeiner Frau erlaubt, ihm zu folgen. Eliska hatte ſich Bertrand zu ihrem Vertrauten erkoren, und ihm ward der Auftrag gegeben. Bertrand ellte ſich durch dieſes Vertrauen ſehr geehrt, nahm den Brief, eroͤffnete ihn aber an der erſten Quer⸗ ſtraße, was freilich nicht recht, aber ohne Schwie⸗ rigkeiten war, die Oblate war noch feucht, und die ſpaͤtern Ereigniſſe werden dieſe Handlung entſchul⸗ digen. Eliskawußte eigentlich nichts beſtimmtes uͤber den Plan der Prinzeſſinn, horchte indeſſen ein Wort nach dem andern, theils von der Fuͤrſtin ſelbſt, theils von Matiska auf. Der Jaͤger ward unterrichtet, und zugleich von ihrer nahen Abreiſe, welche in drei Tagen erfylgen ſollte, in Kenntniß geſetzt. Von Paris ſollte es nach der Normandie, und von da, durch die Niederlande und Preußen zuruͤck, nach Hauſe gehen. Bertrand ſiegelte den Brief wie⸗ der zu und uͤbergab ihn, lief eilig zu Herrn Mar⸗ tin, theilte ihm alles mit, dieſer trug ihm auf, ſo⸗ gleich 2 Pferde zu kaufen, und nach St. Germain damit aufzubrechen. Sein Plan war ebenfalls ge⸗ macht; er brach einen Tag fruͤher als die Prinzeſ⸗ ſin dahin auf, und Bertrand mir ſeiner falſchen Raſe pflanzte ſich als Spion auf die Landſtraße vyn Paris nach St. Germain. Die Prinzeſſinn kam 55 an, ſchlief, Herr Martin ſaß bei ihrem Lever ſchon im Wagen,— das uͤbrige iſt bekannt. Die Sonne wollte eben aufgehn, als unſere Reiſende nach Dieppe kamen. Was zu thun war, hatten ſie bereits uͤberlegt, und ſo ging jeder gleich ſeines Weges, um ſein Vorhaben auszufuͤhren. Bertrand eilte zum Commiſſaͤr, um von ihm die Reiſenden zu erfahren, welche abzuſegeln dachten, der Commiſſaͤr war im Begriff aufzuſtehn und hieß un⸗ ſern Herrn Bertrand ein wenig auf und abgehn. Dieſem dauerte die Zeit zu lange, er wollte in das Schlafgemach des Commiſſaͤrs dringen, und be⸗ theuerte dem Dienſtmaͤdchen, daß ein Augenblick Verzoͤgerung fuͤr ihn von unerſetzlichem Verluſte ſeyn könne. Die Köchin pflanzte ſich gebieteriſch ihm entgegen, und waͤhrend beide Aug in Aug ſich anblickten, war Herr Martin bereits am Geſtade des Meeres. Die Seeleute ſtehen gerne fruͤh auf, er traf alſo uͤberall auf Menſchen, die ihm Rede geben konnten. In einer Stunde war er von der Fahrt ſaͤmmtlicher Schiffe unterrichtet. Eins ging auf den Heringsfang, das andere hatte Wein gela⸗ den, ein drittes Brandtwein fuͤt Jerſey, andere nach Amerika u. ſ. w. Er dachte nach. Man muß ſich an die Stelle deſſen ſetzen, dachte er bei ſich ſelbſt, deſſen Vorhaben man errathen will. Hat 56 die Prinzeſſinn vielleicht Bolesko den Auftrag ge⸗ geben, auf den Heringsfang zu gehen?— nein. Nach Paris?— nein. Jerſey— waͤre zu nahe— Amerika?— Amerika iſt ein unermeßliches Land, man iſt dort der ganzen Welt verborgen, es iſt alſo moglich, daß dieſe hier vor Anker liegende Brigg Bolesko aufnehmen wird. Herr Martin beob⸗ achtete die Schiffsmannſchaft der Schwalbe,(ſo hieß das Schiff) alles kuͤndigt eine nahe Abreiſe an, er geht an Bord, gruͤßt den Capitain und er⸗ fährt, daß man mit der Fluth unter Segel gehen will.„Sie haben gewiß viel Paſſagiere?“— Keinen einzigen.— Dieſer Capitnin iſt vielleicht mit dem Spitzbuben Bolesko einverſtanden, ich werde nicht von der Stelle gehen. Indem er ſo auf und nie⸗ der ging, ſtuͤrtzte Bertrand außer Athem und voller Freude auf ihn zu.„Sie ſind hier, Sie „ſfind hier! rief er, ſo bald er Herrn Martin an⸗ „ſichtig wurde. So wie ich den Commiſſaͤr ver⸗ „ließ, ſah ich den Bedienten, den Matiska ge⸗ „ſtern Abend verſandte und welcher dicht bei mir „voruͤberging.“ Du biſt ihm doch gefolgt?— „Verſteht ſich, folgen Sie mir ins Wirthshaus, „wir werden dort mit einemmale den Knoten des „Geheimniſſes, das uns ſo lange quaͤlt, zerhauen.“ Kaum hatte er dieſe Worte geendet, als der nem⸗ eee 57 liche Bediente, deſſen Bertrand fruͤher erwaͤhnte, ſichtbar wurde. Er fuͤhrte einen Wagen, mit Kof⸗ fern und Effekten bepackt, dem Schiffe zu, das nach Jerſey beſtimmt war.„Ich habe mich geirrt, ſagte „Herr Martin, ſie wollen nach Jerſey und von „dort alſo weiter; jetzt, Bertrand, laß uns handeln. Er ging gerade auf den Bedienten zu und klopfte ihm hart auf die Achſel.„Erich, gelt, Du „vermutheſt mich heute nicht hier; Der Bediente hielt ſtill und Schrecken und Angſt mahlten ſich in allen ſeinen Zuͤgen; er bringt muͤhſam ſeine Ent⸗ ſchuldigung vor, daß er die Befehle ſeiner Herr⸗ ſchaft befolgen muͤſſe.—„In Rußland ſtraft man „olche Folgſamkeit mit der Knute, hier ſchickt „man ſolche Burſchen aufdie Galeeren. Du „weißt, es ſteht in meiner Macht, gehorche ſchwei⸗ „gend, ſonſt biſt Du verloren. Wende Deinen Wa⸗ „gen und folge uns zum Gaſthauſe.“ Sie waren kaum zum Thore hinein, als Ber⸗ trand Bolesko erblickte, der nach dem Meere zu hinabzugehen ſchien. Ein junges Frauenzimmer hatte ihm den Arm gegeben, und ihr Benehmen ließ kaum eine Art von Gewalt und Zwang ver⸗ muthen. Bertrand ſeckte ſeine falſche Naſe in die Taſche, eilte auf ihn zu, und rjef ihn an: 655 „Erkenne mich und zittere! Das junge Mad⸗ chen warf ſich in Bertrands Arme. „Hier nicht der Ort, ſprach Herr Martin, um „es zu Erklaͤrungen kommen zu laſſen. Fort nach „dem Wirthshauſe Bolesko, geh' voraus, der Wa⸗ „gen folgt uns.“ Bolesko ſenkte den Kopf und ging ſchweigend durch die Stadt. Vor dem Gaſt⸗ hauſe hielt man ſtill, und ſchloß ſich in feine Zim⸗ mer ein. Die junge Dame warf ſich von neuem in die Arme Bertrands.„O mein Vater! mein „lieber Vater, konnt' ich glauben, Dich ſo bald „zu umarmen!“ Thraͤnen floſſen aus ihren Augen und vermiſchten ſich mit denen des Vaters.„Bo⸗ „lesko, ich hatte Deinen Tod geſchworen, aber „dieſe unausſprechliche Freude erſtickt meine Wuth.“ Mit dieſen Worten umarmte Bertrand aufs neue ſein Kind. Herr Martin theilte zwar beider Entzucken, aber blieb ruhiger. Er bemerkte, daß Bolesko ſeine Augen auf das Fenſter richtete.„Du waͤrſt „im Stande, Dich hinab zu ſturzen, ſprach er, thu „es, ich halte Dich nicht; verſprichſt Du indeſſen „Folgſamkeit, ſo erlaube ich Dir zu Deiner Gebie⸗ „terin zuruͤck zu kehren, die Deine Klugheit beloh⸗ „nen wird. Sprich, wohin wollteſt Du „Paula fuͤhren?“— Nach Jerſey,—„und ———— ——— 59 „weiter?“— Von da nach Braſilien.—„Ich „verſtehe, man ſtuͤtzte ſich auf die Inqui⸗ „ſition, Du wuͤrdeſt dort willige Haͤnde „gefunden haben, jeden zu feſſeln, die ge⸗ „trachtet haben wuͤrden, dieſe Dame zu be⸗ „freien. Watz wollteſt Du aber am ufer „beginnen, da das Schiff noch nicht zum „Abſegeln bereit iſt?“— Dieſe Nacht brachte mir Erich den Befehl, um jeden Preis mich an Bord zu hegeben. Ich war einig mit dem Schiffs⸗ vatron und eine Barke haͤtte uns aufgenommen und nach dem St. Peter gebracht, welcher ſogleich ge⸗ lichtet haben wuͤrde.—„Du biſt ein arger „Spitzbube.“— Mir gleich.—„Hier iſt Fe⸗ „der und Tinte, ſchreib, ſchreib, oder wirf „Dich zum Fenſter hinab.“— Ich habe weder zu dem Einen noch zu dem Andern Luſt.—„Ich „werde dietiren, es iſt geit, daß Du be⸗ „kennſt, wie Du das Vertrauen des Herrn „Grafen in den Augenblicken benutzt haſt, „wo er verfolgt und verbannt wurde, „ſchreib.“— Aber, gnaͤdigſter Herr, welchen Ge⸗ brauch denken Sie davon zu machen?—„Fuͤrch⸗ ℳteſt Du meine Rache, daruͤber kann ein „ſolcher Wicht ruhig ſeyn; Dein Bekennt⸗ „niß will ich den Akten beifuͤgen, welche 60 „gegen die Prinzeſſinn zeugen ſollen, in ſo „fern dieſe noch das mindeſte gegen die „Ruhe dieſer Familie unternimmt. Sage „ihr das, rathe ihr Gutes.“— Ich will gern geſtehen, daß ich ein arger Spitzbube bin, ich— „Schreib!“— Ich erklaͤre mich ſelbſt fuͤr einen großen Spitzbuben.—„Haſt Du geſchrieben? gut.“ 1) Weil ich Geldes wegen den niedrigſten und ge⸗ haͤßigſten Leidenſchaften und einem ganz fremden Intereſſe gedient. 2) Weil ich mich verſtellt, und dem Grafen Obinski einen Abſcheu gegen ſeine Verfolger geheuchelt habe, blos um ſein Vertrauen zu gewinnen, und ſeine Tochter ihm rauben zu koͤnnen. 3) Daß ich, um das Maaß meiner ſchlech⸗ ten Streiche voll zu machen, ihm einen Brief an ſeine ungluͤckliche verborgene Tochter zu entlocken gewußt habe. „Paula, haben Sie noch dieſen Briefs“— Er iſt nie von meinen Herzen gekommen, gnadig⸗ ſter Herr.—„Erlauben Sie— ſchreib ſeinen „Inhalt.“ „Mein geliebtes, ungluͤckliches Kind. Ein gu⸗ „ter Menſch iſt endlich gefunden, der mit unſern „Leiden Mitleid hat. Das Betragen der Prinzeſ⸗ „ſin empoͤrt ihn, er hat ihren Dienſt verlaſſen, um „uns zu dienen. Möge Gott ihn dafuͤr lohnen.“ 6 ½ — 60 Spitbube, wenn Dich Gott dereinß nuch Deinen Thaten richten ſollte— weiter!„Alle Au⸗ „gen, mein Kind, ſind guf mich gerichtet, ich kann „mich Dir nicht naͤhern, vertraue Dich dem Ueber⸗ „bringer, dem braven Bolesko an. Er wird Dich „aus Pohlen in ein fremdes Land fuͤhren. Leb „wohl, ich ſegne Dich, geliebte Tochter, laß uns „auf gluͤcklichere Tage hoffen.“— Haſt Du ge⸗ ſchrieben? Weiter.—„Ich bin ein doppelter Spitz⸗ „bube, weil dieſer Brief mich in meinem ſchlech⸗ „„ten und nichtswuͤrdigen Vorhaben beſtaͤrkte, ſtatt „mich guf die Bahn der Rechtlichkeit zuruͤck zu „fuͤhren.“— So zeichne. „Ich frage jetzt nichts mehr; ich nich in⸗ „deſſen hinſichtlich Deiner anders beſonnen. Du „ſiehſt die Fuͤrſtin nicht mehr wieder, denn Du wuͤr⸗ „deſt nothwendig mit in den Prozeß verwickelt wer⸗ „den, zu welchem ſie mich vielleicht zwingen wird. „Geh, ſchiff Dich nach Jerſey ein, verzehr dort das „Geld der Prinzeſſin, Du biſt dort ſo gut wie hier, „Duhbiſt unwiſſend, fanl, haͤngſt Deinen Sinnen nach. „Um ſie zu befriedigen, wirſt Du neue Streiche „begehren und mit dem Galgen Deine Lanfbahn „enden fort!„Paula, ich habe Sie ſeit langer „Zeit geſucht, ich verdiene auch wohl einen Kuß.“ — Ach, gnaͤdigſter Herr, ich danke Ihnen mein Le⸗ 62 ben, Sie haben mich dem Untergang entriſſen.— „ch hoffe, daß der Spitzbube Sie mit An⸗ „Ktand behandelt hat, doch dazu war er ge⸗ „zwungen, denn eine einzige Unuͤberlegt⸗ heit wuͤrde Sie in Kenntniß ſeines Vor⸗ „habens geſetzt haben. Ha, ha, ha!“— Wor⸗ über lachen Sie, gnaͤdigſter Herr?—„Ich muß „uber die Prinzeſſinn lachen, ſie macht viele „hundert Meilen, um ſich Paula am Ende „bor ihren Augen entfuͤhren zu laſſen. Ein „boͤſes Gewiſſen laͤßt keine Ruhe, man „traut ſeinen Handlangern nicht, und die „Dame wollte ſich ſelbſtvon der Ausfuͤhrung „ihrer Maßregeln uͤberzeugen. Sie muß „um wenigſten 60 bis 80000 Rubel verlie⸗ ren, denn Bolesko wird ſeine Dienſte „nicht umſonſt angetragen haben, ha, ha, „ha! unterdeſſen, mein lieber Graf, Du „haſt weder zu Acheres zu Mittag, noch zu „Pontoiſe zu Abend gegeſſen, dieſe Lebens⸗ „weiſe muß geändert werden. Wir wollen uſammen fruͤhſtuͤcken und unſere Froͤh⸗ „lichkeit wird den Mangel der Speiſen er⸗ „ſetzen. Unſer Incognito hat uns treffli⸗ che Dienſte geleiſtet, wir muͤſſen es wieder „ergreifen, denn wer kann die Machinativ⸗ 63 „nen der Prinzeſſinn durchſchauen? Du biſt „Bertrand, ich Martin und Paula er⸗ „haͤlt hiermit den Namen Sophie. Die⸗ „ſer Name klingt nicht fremd und iſt ge⸗ „woͤhnlich. Jugend, ein auslaͤndiſcher Wa⸗ „me und Schoͤnheit mit ihm verbunden, „onnte zu leicht Gelegenheit zu allerlei „Fragen geben. Hab ich Recht?“— Ja, ja! Herr Martin!. Herr Martin klingelte und erkundigte ſich nach dem Fruͤhſtuͤck; das Mädchen trat ein.„Mein „Kind, wir ſind nach Dieppe gekommen, lediglich „um Auſtern zu eſſen, ſind welche da? friſch, liebe „Kleine, den Tiſch gedeckt.“ Waͤhrend dies ge⸗ ſchah, ſprachen Sophie und Bertrand in einer Ecke des Zimmers mit einander, und hatten ſich, wie es ſchien, tauſend Sachen zu ſagen. Herr Martin ging auf und nieder, ſprach einiges mit ih⸗ nen, dachte nach, ſprach mit ſich ſelbſt, und lachte uͤher alles.„Wahrhaftig, ich habe manches Gute in „meinem Leben gethan, aber eine großere Frende, wie „die heutige, habe ich noch nie empfunden, ha, ha! „die Prinzeſſinn, ihre drei hundert Meilen, und „Bolesko, der dem Galgen nicht entlaufen wird!“ Sophie hatte ihrem Herzen freien Lauf ge⸗ laſſen, ſie kußte und herzte ihren Vater, aber bei 66 einer Tochter von Jahren beſitzt der Vater nie al⸗ lein das Herz derſelben. Jedes ſchoͤne junge Maͤd⸗ chen iſt weichgeſchaffen und empfindſam; Sophie ließ den Namen Stanislaus fallen und ſchlug da⸗ pei die Augen nieder. Sie erhob ſie wieder, ſah bald Bertrand und bald Herrn Martin an. Der letzte errieth ſie und entdeckte mit ſeinem Beobachtungs⸗ geiſte die geheimſte Falte ihres Herzens.„Liebes „Kind, in jeder Lage des menſchlichen Lebens er⸗ „fährt man Gutes und Schlimmes. Die Freude „wuͤrde keinen Reiz haben, wenn ſie nie könnte ge⸗ „truͤbt werden. Sie waren vor einigen Augenbli⸗ „cken gluͤcklich, der Name Stanislaus ſcheint „Sie zu betruͤben; aber gerade Ihre Liebe zu ihm „wird Sie Ihre Trauer um ihn beſiegen helfen. „Stanislaus iſt jetzt ein und zwanzig Jahr, Ihr „önnt alſo alle beide noch warten. Die Prinzeſſinn „halt ihn in einer Feſtung verborgen, ich zweifle „nicht daran, aber Hinderniſſe ſteigern eine wahre „Liebe, Strenge empoͤrt; der Kopf erhitzt ſich „und wenn er will, was das Herz begehrt, ſo ſpre⸗ „chen beide allen Gefahren Hohn, und ſiegen den⸗ „moch fruͤh oder ſpaͤt. Stanislaus wird die⸗ „ſer Art von Verfolgung fuͤr immer verweigern, „was er dem guͤtigen Zureden einer zaͤrtlichen Mh „ter pielleicht zugeſtanden haͤtte“ Er 65 Er iſt alſo gefangen— ach, gnaͤdiger Herr!— Herr Martin, Herr Martin, Sie werden doch fuͤr ihn daſſelbe thun, was Sie fuͤr mich gethan haben?—„Ich haͤbe eine Tochter, um ſie ihrem „Vater wieder zuruͤck zu fuͤhren, raͤuberiſchen Haͤn⸗ „den entriſſen, alle Welt wird meine That billigen. „Was wuͤrde man aber ſagen, wenn ich, die Rechte „einer Mutter verkennend, ihr den Sohn raubte, „raubte, um eine Verbindung zu ſtiften, die die „Prinzeſſinn verwirft? Sophie, wollten Sie einer „Familie, die Sie zuruͤck ſtdßt, ſich verbinden? „Koͤnnten Sie geſtatten, daß die Welt Ihrem Va⸗ „ter ein eigennuͤtziges Intereſſe vorwuͤrfe? In Ih⸗ „rem Alter taͤuſcht man ſich nur zu oft; in den „meinigen uͤberlegt man. Ich liebe Sie, und Sie „werden dieſe Worte nicht bezweifeln, glauben Sie „mir, ich denke ununterbrochen an Ihr kuͤnftiges „Gluͤck, ich kann es aber nicht auf Koſten meiner „Ehre foͤrdern. Folgen Sie mir.“ „Nach einem ſolchen Fruͤhſtuͤck kann mah die „noch uͤbrige Tageszeit zu Fuß gehen, nicht wahr „Bertrand?“— Gewiß, Herr Martin.—„Ein waar Stunden Schlaf wuͤrde uns freilich beiden „ienlich ſeyn; ich bin aber der Meinung, wir ver⸗ „ſparen ſie auf die Nacht. Es iſt unnuͤtz, hier die „Fuͤrſtinn abzuwarten, oh es mir gleich nicht unan⸗ [51 * 66 „genehm waͤre, ſie zu ſprechen; ich wuͤrde ihr den „bittern Spott, den ein heftiger Verdruß jederzeit „vermehrt, zuruͤck geben; es waͤre eine gerechte Ra⸗ „che. Indeſſen halte ich für geſcheidter, unſern „Weg ihr zu verheimlichen. Sie iſt reich, und „man kann hier, wie uͤberall, viel mit dem Gelde „ausrichten, wir muͤßten in ewiger Beſorgniß „ſchweben.“ „Wir kamen uͤber Gournay und Neufchatel an; fahren wir uͤber Aumale und Beauvais zu⸗ „ruͤck. Meine Pferde finden wir in Pontviſe, und „dort uͤberlegen wir, wo Bertrand, fuͤr immer, „bleiben koͤnnte. Ja, liebe Freunde, die Umſtaͤnde „ketten Euch an dieſes Inkognitv. Ertragt dieſe „Zeitverhaͤltniſſe mit Geduld, und erwartet baldige, „beſſere Tage. Bertrand, beſtelle die Poſtpferde.“ Unſere Reiſende machten ſich auf den Weg, und man kann ſagen, daß diesmal die Grazie der Jugend, Anmuth und Liebenswuͤrdig⸗ keit den Wagen ſchmuͤckte. . Herr Martin war anfangs der Witn daß Bertrand mit ſeiner Tochter in einer großen Stadt am wenigſten bemerkt leben könnte; indeſ⸗ ſen uͤberlegte er jetzt, daß Bertrand nicht fort⸗ wahrend ſeine falſche Naſe tragen, daß ihm zufal⸗ lig iemand von der ruſſiſchen Geſandtſchaft begeg⸗ 67 nen, und der Fuͤrſtinn Nachricht geben könne. In Paris leben fortwaͤhrend eine Menge Leute, die des Morgens aufſtehen, und die nicht wiſſen, wo⸗ von und wo ſie den Mittag eſſen werden, aber dennoch ihr Mittagsmahl halten. Die kleinen Städte haben andere unannehmlichkeiten dort weiß man nicht, wovon den ganzen Tag reden; folglich ergreift man jede Gegelegenheit, um die gewohn⸗ ten Zungen nicht aus der Uebung kommen zu laſ⸗ ſen. Ein Dorf ſchien ihm am zweckmaͤßigſten ge⸗ eignet, um Bertrand anzuſiedeln; die Leute ha⸗ ben dort ihre beſtimmten Geſchaͤfte, und die erſte Neugier iſt gewohnlich den erſten Dag befriedigt. Alſo zu Acheres! „Aber bedenken Sie nicht Ihre Zauberei? er⸗ „wiederte Bertrand.“— Meine Zauberei? Die Leute werden eben ſo leicht davon zu— ruͤck kommen, wie ſie ſich ſchnell dadurch haben fangen laſſen. Endlich langte man zu Beauvais an, ſpeiſte zu Nacht und legte ſich zu Bette. Den andern Morgen ſtand man friſch und ge⸗ ſtarkt auf.„Bertrand, ich traute Dir doch einen „beſſeren Beobachtungsgelſt zu,“ ſprach Herr Mar⸗ tin.— Wie ſo?—„Sophie iſt gerade nicht eich, aber doch als Dame von Stande gekleidet, 68 „und die Einwohner von Acheres haben gute Au⸗ „gen. Was ihnen heute entgeht, duͤrfte morgen „auffallen.“— Teufel! Sie haben recht; ich will ſogleich die kleine Stadt durchſtreichen, um andere, ſo z. B. fuͤr den Buͤrgerſtand zu ſuchen. Es iſt nicht ſchwer, dieſe zu finden, aber frei⸗ lich bald zu groß, bald zu klein; er lief zu Hauſe, probirte, lief zu den Kaufleuten zuruͤck, bezahlte, verlor natuͤrlich bei jedem Gange, gelangte aber endlich doch zum Ziele und Sophie hatte, was ſie bedurfte. „So daͤchte ich auch, Herr Martin, wir leer⸗ ten unſere Koſſer und verbrennten alles, was zu „Acheres nicht geſehen werden ſoll, denn der Ver⸗ „kauf aller dieſer Sachen konnte Verdacht erregen.“ — Brav, Bertrand, Du formirſt Dich, ich 6½ tulire.— Herr Martin ließ Feuer machen, ihn fror, und alles ward, wie Herr Bertrand angegeben hatte, ausgefuͤhrt. Die Koffer wurden um etwas leichter wieder aufgebunden, man ſtieg in den Wagen, fuhr ab und glaubte zu Pontviſe zu Mittag zu eſſen. unterwegs ſprach Herr Martin wie folgt: „Ich mache eine Bemerkung, die ich bis jetzt immer „bewaͤhrt gefunden habe, daß nemlich die großen ———— 69 „glaͤnzenden Toiletten den Weibern nachtheilig ſind. „Man koͤnnte ſie fuͤglich Masken der Jugend und „Schoͤnheit nennen Kann es etwas niedlicheres „geben, als eine huͤbſche Hand, und was ſieht man, „wenn die Finger mit Ringen bedeckt ſind? Jeder „Sieg der Eitelkeit geſchieht auf Koſten der einfa⸗ „chen Natur. Sieht Sophie nicht allerliebſt in „ihrem Haͤubchen aus, das ſo ſittſam unter dem „Kinn gebunden iſt? So wie ſie jetzt, wird ſie „nun durch ihre Schoͤnheit auffallen, und dieſe uͤber⸗ „ſtrahlt den Glanz der Diamanten. Jeder Menſch „ſollte ſich nach ſeinen Mitteln kleiden, aber dieſes „Streben der Weiber, reicher zu ſcheinen, als ſie „ſind, hat ſchon viel Familien ruinirt. So ſchwatzte man hin und her, und langte zu Pontoiſe bereits an, als man noch weit davon ent⸗ fernt zu ſeyn glaubte. Unſre Reiſende erfuhren, daß die Prinzeſſinn Tags vorher um 2 Uhr abgereiſt ſey. „Iſt ſie die Nacht gefahren, ſprach Herr Ber⸗ „trand, kann ſie kaum 10 Stunden von Pontviſe „ſeyn, und langt ſie zu Dieppe an, und erfaͤhrt „dort ihr Mißgeſchick, ſo wird ſie ſich und alle „Welt verwuͤnſchen, in ihren Wagen ſteigen und „umkehren; Bertrand, ich halte es nicht fuͤr rath⸗ „ſam, hier zu ſpeiſen; ich denke, wir nehmen unſere „Pferde und ſuchen je eher, je lieber, den Wald von „St. Germain zu erreichen. Wir ſchlagen einen „Feldweg ein, ſuchen einen dichten verſteckten Win⸗ „kel im Walde aus, bleiben dort uͤber Nacht und „langen mit Tagesanbruch zu Acheres wenigſtens „mit der Bernhigung an, daß man uns nicht ver⸗ „folgen konnte. Unſer Mundvorrath ſey unſer „heutiges Mittagsmahl, der Wein wird freilich ein „wenig aufgerührt und warm ſeyn, indeſſen wird „er uns beſſer ſchmecken, als der, den wir in einem „Wirthshauſe, wenn er gleich friſch aus einem Kel⸗ ler kame, mit Angſt herunter ſtuͤrzen muͤßten.“— Geſagt, gethan. Sie erreichten den Wald, ſtiegen aus, und Herr Martin fuͤhrte die Pferde am Zuͤ⸗ gel. Bertrand ging hinter dem Wagen und ſah ſich fleißig um, ob er nichts bemerkte, das Verdacht erregen könnte. Ein Reh zog ihre Aufmerkſamkeit an, es blutete, und zog einen Fallſtrick an ſeinen Hinterlaͤufen, welcher das Thier bis auf den Kno⸗ chen geſchnitten hatte. Endlich fand man nach vie⸗ lem Suchen einen kleinen Platz, den dichtes Ge⸗ buͤſch, mit dunklem Gruͤn umwolbte und hohe Ei⸗ chen, alt wie das Schloß zu St. Germgin, um⸗ zaͤunten. Die Pferde wurden ausgeſpannt, an den erſten beſten Baum gebunden, und man hob die Eßwaaren aus dem Wagen. Weder Serviette, noch Gabel, noch Glaͤſer waren zu finden; das Tiſchge⸗ ſchirr beſtand aus einem Meſſer und einem Becher, welcher die Runde gehen mußte, und jeder zog ſein Sacktuch aus der Taſche. Sophie machte graße Augen und ſtellte ſich hart an die gruͤne Tafel, welche ſie wundernd betrachtete.„Ich ſehe freilich, „liebe Sophie, Sie ſind nicht an dergleichen Ta⸗ „feln gewoͤhnt; indeſſen habe ich nur eine Frage zu „thun— haben Sie Hunger?“— Ja, Herr Mar⸗ tin.—„So ſtehe ich dafuͤr, daß alles vortrefflich „ſchmecken wird; was noͤthig iſt, iſt hier, Poreel⸗ „lain, Silber und Kriſtall ſind uͤberfluͤſſig.“ Bertrand legte vor, und jeder nahm, was ihm beliebte; dergleichen Tafeln, wenn man obenein nicht ohne unruhe iſt, ſied in der Regel bald auf⸗ gehoben, ſo auch hier. Was aber jetzt bis Sonnen⸗ untergang beginnen? Das Schachbrett wurde vor⸗ geſucht, Bertrand und Martin ſpielten und So⸗ phie ſchlief ein. Als es Abend wurde, packte man das Brett wieder in den Wagen, ſchirrte die Pferde an, ſchlang die Zuͤgel um die Hand, rief den Schlaf herbei, der in der Regel in ſolchen Fällen ſchlechte Ohren hat. Bertrand dachte eben uͤber ſeine Angelegenheiten nach, als ein kuͤhler Wind ihn zwang, die Augen zu bffnen; Hebr Martin wachte, fand die Zeit lang, ließ alle Augenblicke ſeine Uhr 72 repetiren, und Sophie ſchlief, wie man in ihrem Alter noch zu ſchlafen pflegt. Es war Mitternacht, und Herr Martin glaubte in der Entfernung ein Licht zu ſehen. Er ſchaut, horcht, und es iſt außer Zweifel, daß es ſich dieſem Platze naͤhere. Er ſtößt Bertrand an und macht ihn darauf aufmerkſam.„Was es iſt, ſprach „er leiſe, weiß ich nicht, ober wohl was es nicht „iſt, Jäger oder Raͤuber wuͤrden ſich hoͤten, Licht „zu gebrauchen.“— Was wird man jetzt beginnen? Sophie aufzuwecken, hieße ſie ohne Zweck beunru⸗ higen. Gerade darauf losgehen, iſt ebenfalls nicht rathſam. Alſo entſchloß man ſich, die Sache ab⸗ zuwarten, und im ſchlimmſten Falle ſich ſeiner Pi⸗ ſtolen zu bedienen. Das Licht kam naͤher, ein zwei⸗ tes und ein drittes ebenfalls, und die Trager lie⸗ ſen bereits Gefahr, uͤber die Beine unſerer Reiſen⸗ den zu fallen. Ein Hund, der voraufging, hielt und ſchlug an. Das Licht verſchwand. Der Hund war indeſſen ſtill geworden, weil er die Truͤmmer des Mittagmahls gefunden, und beide Partheien bevbachteten ſich in dieſer unangenehmen Lage wechſelsweis. Herr Martin rief indeſſen mit ſtarker Stimme zuerſt:„Werda!“— Werda! war die Antwort.—„Wir ſind Reiſende und ha⸗ „ben uns in dieſem Walde verirrt.“— Bleibt 75 ſtehen. Der Fremde pfif ſeinem Hunde, den indeſ⸗ ſen nichts von ſeinem Knochen zu trennen ver⸗ mochte; neugierig, zu wiſſen, warum das Thier nicht gehorchte, ſpionirte er in die Runde des gruͤnen Platzes. Die Dunkelheit hinderte ihn, einen ge⸗ nauen Zirkel zu beſchreiben und er ſtieß mit ſeiner Stirn an die des einen Pferdes.—„Ach lieber „Gott, das ſind Gensd'armes.“— Nein, ſag ich Euch, wir ſind verirrte Reiſende, kommt naͤher, ich will Euch mit der Hand zu un⸗ ſerm Wagen fuͤhren.— Dieſer dumpfe Laͤrm weckte Sophien auf;„was geſchieht⸗“ fragte ſie. — Die Gensd'armen fuͤhren nicht ihre Weiber bei dergleichen Expeditionen mit ſich, dachte der Fremde und athmete freier.„Aber wie kommt Ihr auf den „Gedanfen, um dieſe Stunde, mitten im Walde „Gensd'armen finden zu wollen?“ fragte Herr Martin.— Wenn man Furcht hat, uͤberlegt man nicht viel.—„Wer ſeyd ihr denn, guter „Freund?“— Ich folgte mit Huͤlfe meiner La⸗ terne einem Wild, das meine Falle durchbrochen und mit ſich fortgezogen hat.— Aha! Ihr ſeyd „ein Wilddieb; fveilich ein beſchwerliches „Amt, kommt, trinkt ein Glas Wein.“ Der Fremde zog ſeine Laterne aus der Taſche, um das dargebotene Glas und Herrn Martin zu beleuch⸗ 74 ten. Er ſchreit laut auf, wirft die Laterne hin⸗ läͤuft fort, faͤllt, rafft ſich auf, und rennt von neuem uͤber Stock und Block davon.—„Teufel, wir ſe⸗ „hen doch nicht ſo ſchrecklich aus, rief Herr „Martin.“— Erklaͤren Sie mir jetzt, fragte Bertrand, wie haͤngt das zuſammen?— Dies⸗ „mal bin ich wirklich in Verlegenheit. Der „Wilddieb iſt fort, laſſen wir ihn und neh⸗ „menunſreeigenen Angelegenheiten wahr.“ Sophie war aͤngſtlich geworden und bat und ſtehte, daß man ſich doch ſo bald wie möglich von einem Orte entfernen moͤchte, wo man gezwungen ſey, ſich gegen Feinde zu vertheidigen, die man erſt bemerken koͤnne, wenn ſie dicht am Wagen ſtuͤnden⸗ Bertrand hatte nicht nothig, dieſen Wunſch zu un⸗ terſtuͤtzen, denn Herr Martin gehorchte gern dem ſchönen Maͤdchen; er nahm die Laterne auf, ohne welche man gezwungen geweſen waͤre, den Anbruch des Tages abzuwarten, ging vorauf, Bertrand leitete Wagen und Pferde, ſo gut er es bei dem ſchwachen Scheine vermochte, und Sophie ging zwiſchen beiden. Plotzlich blieb Herr Martin ſte⸗ hen, horcht,— er vernimmt deutlich Seufzer. Er geht naher, in der einen Hand die Laterne, in der andern eine Piſtole, Sophie zittert wie ein Es⸗ venlanb, bis am Ende Herr Martin laut auf⸗ 75 lachte; es war das arme Reh, welches vor Muͤd' und Mattigkeit ausruhte, und vor Schmerzen ſiöhnte.„Halt, ſprach Bertrand, wir wollen da⸗ „mit die vornehmſten Einwohner zu Acheres rega⸗ „liren, wir werden einen Stein bei ihnen erlangen „und man kann nicht wiſſen, ob dieſes Reh mich „nicht dereinſt zum Adjunkten des Maires oder zum „Mitgliede der Municipalitaͤt macht. Fort damit „in den Wagen „Es iſt ein eignes Ding um den Zufall, ſprach „Herr Marſtin. Ein armer Teufel ſiellt eine „Falle, ein Wild faͤngt ſich, er ſucht es, um es zu „verkaufen, wir finden es, und verſchenken es, „wir, die wir gar nicht daran gedacht haben!“ * Herr Martin wollte eben weiter fortfahren, und darthun, daß man mit dem Worte Zufall alle dieienigen Dinge, von denen man keinen Grund an⸗ zugeben wiſſe, zu benennen pflegte, als plotzlich zwei Stimmen halt! riefen. Noch ein Abentheuer, dachte er, unſere Reiſende gingen naͤher, und er⸗ kannten zwei Jaͤger, welche die Aufſicht uͤber das Revier hatten.—„Wer ſind die Herren?“— Ver⸗ irrte, wie Sie ſehen, die gern den rechten Weg finden mogten.—„Wilddiebe ſeyd Ihr.“ — Wilddiebe, warum nicht gar, wir wer⸗ den des Nachts, mit Wagen und Pferde 76 jagen, und noch eine Dame mit uns fuͤhren, die lieber in ihrem Zimmer, als hier waͤre. —„Alle Vortheile gelten, wir kennen das.— Frei⸗ „lich ſind es Wilddiebe, Thomas, komm her, ſieh „ein Reh mit der Schlinge, komm her! Fort. Alle „fort, ohne Ausnahme, fort.“— Meine Her⸗ ren, ſprach Bertrand, wir werden den Geſetzen gehorchen, maͤßigen Sie indeſſen Ihre Art von Be⸗ handlung; Sie kennen uns nicht, uͤberdem ſind wir auch unſer zwei. Ob Sie gleich jeder eine Flinte haben, ſo wuͤrde dennoch ein Kampf in Zweifel ge⸗ zogen werden konnen, da wir, wie Sie ſehen, nicht ohne Waffen ſind. Herr Martin traͤgt ebenfalls zwei Piſtolen.—„Herr Martin! Herr Mar⸗ „tin! ſchrieen die Jaͤger und verſchwanden im Aü⸗ „genblick.“ „Wir ſind beſtimmt, lieber Bertrand, alle „Welt durch unſern Anblick in die Flucht zu ſchla⸗ „gen; dieſe Nacht vergeß ich in meinem Leben nicht; „wie werden wir daruͤber lachen, wenn wir ausge⸗ „ſchlafen haben, und wie freu' ich mich, einen Kno⸗ „ten bald zu loͤſen, der mir bis jetzt unaufloslich „ſcheint.“ Indem man ſo hin und her ſprach, kam man auf einen Kreuzgang. Zwei Tafeln waren mit folgenden Worten angebracht: Weg nach Pon⸗ toiſe, Weg nach St. Germain.„Jetzt ſind wir 77 „bald am Ziel, wir fahren nunmehr ruhig unſre „Straße, doch daͤcht' ich, wir ließen das Reh, wel⸗ „ches uns noch manchen unangenehmen Auftritt „verurſachen könnte, hier zuruͤck. Sein Fatum will „es vielleicht nicht, in Acheres gegeſſen zu werden. „Ha! die Sonne geht auf, ihre erſten Strahlen „vergolden die Wipfel der Baͤume. Balſamiſcher „Duft dringt durch die jungen Blaͤtter, und die „Saͤnger des Hains begruͤßen die erwachte Flur. „Der Tag verſcheucht jede Sorge, und der Wande⸗ „rer athmet frei,auch in dem dunkelſten Waldez nichts „lenkt ſeine Sinne von dem Gennſſe, den die Natur „bietet; er bewundert ihre Schoͤnheiten, und ich be⸗ „wundere ſie in einer ihrer ſchoͤnſten Schoͤpfungen.“ Herr Martin ſah bei dieſen Worten Sophie an, Sie ſchlug den Blick nieder; er kuͤßte ihre Hand mit einer Achtung, die ſich genugſam ausſprach. Ein Feſt— aber durchaus kein Auto da fé. Sie gelangten unbemerkt an Cognards Haus. Alles war im Dorfe ſtill; Herr Martin dachte bei ſich ſelbſt— entweder ſind die Leute bereits an die Ar⸗ 73 beit aufs Feld gegangen, oder ſie liegen noch im Bette. Eins war ſo gut moͤglich, als das andere, es war Montag und der Sonntag endet gewoͤhn⸗ lich nie.— Diesmal taͤuſchte ſich indeſſen Herr Martin. Man klopfte an Cognards Thuͤr. „Kommen Sie herein, ſchnell herein,“ rief der junge Mann,„verbergeu Sie ſich.“— Warum denn verbergen?—„Ich bitte, kommen „Sie in mein Haus.“ Cognard zog den Wa⸗ gen in den Hof, ſchloß das Thor doppelt zu, fuͤhrte die Pferde in den Stall, und kehrte zu unſern Rei⸗ ſenden zuruͤck, die ihn groß anſahen, und um Er⸗ klärung ſeiner Aengſtlichkeit baten. „Ich glaube keinesweges all den laͤcherlichen Erzaͤhlungen, welche man auf dem Markte, wo das „ganze Dorf in dieſem Augenblicke verſammelt iſt, „ausſprengt. Ich bin Herrn Martin viel zu viel Dank ſchuldig, als daß ich nicht alles fuͤr ſeine „gefaͤhrdete Sicherheit thun ſollte, ſelbſt dann, wenn „ich dieſe Meinungen von ihm, die immer mehr um „ſich greifen, je theilen koͤnnte. Dieſe verwichene „Nacht hat den Eindruck, den Sie vorgeſtern zu⸗ „ruͤck gelaſſen haben, noch vermehrt.“— Wie, daß, wir ſind die Nacht im Walde von St. Ger⸗ main geblieben.—„Ich weiß; Sie koͤnnen ſich „vorſtellen, daß unſte glten Weiber nicht unterlaſ⸗ „ſen haben, zu unſerm Pfarrer von dem fremden „Zauberer zu ſprechen. Unſer Pfarrer, ein recht „braver Mann, hat aber ſeine eigene Meinung, die „ihm nun einmal niemand nehmen kann. Geſtern „hat er einen langen und breiten Sermon uͤber die „Zauberei gehalten, die Exiſtenz der Zauberer aus „alten Buͤchern bewieſen; das ganze Dorf ſperrte „die Ohren auf, man legte ſich an Zauberei den⸗ „kend zu Bette, hat wahrſcheinlich davon geträumt „und iſt mit dieſen Gedanken auch heute aufgeſtan⸗ „den. Das ſchlimmſte kommt indeſſen. Kaum iſt „es eine Stunde, daß ein Menſch leichenblaß und „keuchend hier ins Dorf rennt, durch alle Gaſſen „ruft, daß die Zauberer des ganzen Departements „ihren Sabbath im Walde von St. Germain hiel⸗ „ten! Er ſelbſt habe Herrn Martin und ſeinen „Bedienten mit einer jungen Hete des Nachts ge⸗ „ſehen; dieſer hake ihm einen Trunk angeboten, den „er aber als ein guter Chriſt ausgeſchlagen haͤtte. „Richt lange darauf kommen zwei Revierjäger, und „ſagen aus: daß die Zauberer dem Wilde Fallſtricke „legen und es in ihre Schlingen bannten; ſie ſelbſt „haben geſehen, wie ſie einen Rehbock mit Rägeln „gezwickt, das Herz ausgeriſſen, guf einen Roſt ge⸗ legt, und es dem Gebrauche nach gersſtet, ohne „Zweifel blos in der Abſicht, um Hagelſchlag uͤber 7 80. „das arme Dorf zu bringen, oder ein Viehſterben „zu veranlaſſen. Alles drangt ſich zu, läßt ſich „dieſe Albernheiten vier, fuͤnfmal erzaͤhlen, der Auf⸗ „lauf dauert ſeit vier kleinen Stunden und wird, „Gvott weiß wann, enden. Uebrigens bin ich von „Herzen erfreut, Ihnen einen Dienſt als Beweis „meiner Dankbarkeit leiſten zu tönnen.“ — Noch eine Fatalitaͤt! antwortete Herr Mar⸗ tin. Roſaliens Kuͤhe werden am Ende auch heute keine Milch geben, weil ſie die Neugierde auf dem Markte zuruͤck haͤlt, ha, ha, ha!— „Es iſt wahrlich nicht zum lachen, ſprach Cog⸗ „nard, ich bitte Sie, bis Anbruch der Nacht hier „zu bleiben, und alsdann einen ſicherern Zufluchts⸗ ort, als dieſes Dorf zu ſuchen.“— Mir faͤllt kein anderer ein. Dieſer Ort wuͤrde mir gerade behagen; Cognard, man läutet.— Cognard laͤuft hinaus, dffnet nur halb ſeine Thre, hort, antwortet, nimmt ein Wildprett hin⸗ ein, traͤgt es in die Kuͤche, und eilt zum Schrank, um das noͤthige Geld heraus zu nehmen.—„Herr „Martin! rief Bertrand, hier iſt unſer Reh, „ich erkenne es an der Wunde im Hinterlauf.“— Wir haben wahrlich, um zu verhuͤten, daß es nicht in Acheres verzehrt werde, das unſere redlich ge⸗ than,— da haben wir das Fatum. Iſt der Strick 81 Strick und das Eiſen noch am Thiere?— „Nein, Herr Martin.“— Cognard geht, bit⸗ tet den Mann, der dieſes Reh doch in der Hoffnung, daß es Herr von Polmont theu⸗ rer, wie gewohnlich, bezahlen wuͤrde, hier⸗ her gebracht hat, daß er Euch die Falle mit verkaufe; hier ſind zwei Louis. Der Bauer, welcher nur auf 12 Franken ge⸗ rechnet hatte, war froh, noch vierzig dazu verdienen zu koͤnnen, und Cognard kam mit Strick und Ei⸗ ſen zuruͤck. — Jetzt, lieber Cognard, noch einen zweiten Dienſt.—„Befehlen Sie.“— Geh zum Pfarrer und bitte ihn unter dem Vor⸗ wande, daß ein Fremder ihn zu ſprechen wuͤnſche, hierher zu kommen.—„Gnodiger „Herr, Sie wollen mit dem Pfarrer, der gegen Sie „geeifert hat, ſelbſt ſprechen?“— Willſt Du nicht hingehen, ſo geh ich ſelbſt.—„Ich gehe, Herr „Martin! ich gehe.“ „Das Volk, ſagte Herr Martin zu Bertrand, „gleicht den Meereswellen. Der geringſte Wind „bewegt es, und ein Sonnenſtrahl beruhigt es „Gelingt es mir, die Raͤdelsfuͤhrer zu beſchwichti⸗ „gen, ſo wird man, um ſein Unrecht wieder gut zu „machen, keine Grenzen finden können, und Du 1.[61 82 „wirſt hier mehr als irgendwo anders geſichert „ſeyn.“ Bertrand beharrte in ſeiner Unerſchrockenheit, nur ſeine liebe Tochter lag ihm am Herzen. Er ſah ſie mit ſchmerzhafter Unruhe an.„Ich leſe in „Deinem Herzen, Bertrand, Du überlaͤßt Dich „ſeinen Wallungen, und bedenkſt nicht, daß Du da⸗ „durch den Kummer des armen Kindes vermehrſt. „Beruhigen Sie ſich, Sophie, ich ſtehe Ihnen „fuͤr alles ein. Her Pfarrer kam, und ſeine Neugierde, durch Cognards Reden geſteigert, ſpiegelte ſich in ſei⸗ nen Blicken. Herr Martin empfing ihn mit der feinſten Achtung und Leutſeeligkeit. Die Nothwen⸗ digkeit erforderte, den Pfarrer zu bewegen, ihn an⸗ zuhdren; es war alſo, um dieſen Zweck zu erreichen, ein umweg noͤthig. Herr Martin fing das Ge⸗ ſpraͤch damit an, daß er ſich nach der Armenkaſſe erkundigte; da er hoͤrte, daß ſie in kläglichem Zuſtande ſey, ſchenkte er derſelben zehn Louis. Der Armen waren freilich nicht viele, aber doch der Kraͤfte zu wenige, um ihrem Ungluͤck zu ſteuern; Herr Martin gab abermals zehn Louis. Der Pfarrer wußte nicht, wie er ihm ſeine Erkenntlich⸗ keit bezeigen ſollte. Herr Martin ſtellte ihm Sophien vor.— 83 „Dies junge Maͤdchen vertraue ich Ihrem Kirchſpiel „an, und empfehle ſie Ihrer Sorgfalt und Freund⸗ „ſchaft.“— Sie kann darauf ſicher rechnen.— „Ja, was ich ſagen wollte, wovon iſt denn eigent⸗ „lich hier in Acheres die Rede? man ſchwatzt von „Zauberei und dergleichen.“— Ach, mein Herr, das ganze Dorf iſt in Aufruhr.—„Die „heilige Schrift beſtaͤtigt freilich einige Fakta.“— Ich habe geſtern daruͤber gepredigt.„Gewiß „haben Sie Ihre Kinder uͤberzeugt, daß dergleichen „Wunder dazumal, vom Glauben an Gott unzer⸗ „trennlich, ſich jetzt nicht mehr geſtalten.“— Sie geſtalten ſich, mein Herr, aber lediglich durch Einwirkung des boͤſen Geiſtes; wir haben jetzt das Beiſpiel.—„Der Schein „truͤgt, Herr Pfarrer.“— Diesmal nicht, es iſt alles klar und gewiß.—„Es bedarf nnr „eines Wortes, um bereits aufgeregte Gemuͤther „noch mehr zu erhitzen, wird dieſes Wort noch da⸗ „zu von geachteten und ihrer Kenntniſſe wegen ge⸗ „ſchaͤtzten Perſonen ausgeſprochen, ſo gewinnt es „durch den Glauben faſt unnatuͤrliche Kraft, und „die Schrecken von St. Barthelemy und Ce⸗ „vennes ſind ſo und nicht anders entſtanden.“— Dieſe Elende waren Hugenotten.—„Gut⸗ „Herr Pfarrer, waren ſie nicht genug durch den 34 „Verluſt kuͤnftiger Seeligkeit geſtraft; mußte man „ſie ermorden? Jeſus Chriſtus ſagte ſterbend zu „ſeinen Henkern: Gott, vergieb ihnen, und ſeine „Lehren deuten auf Liebe zum Naͤchſten hin; was „ionnen ſeine Prieſter beſſeres thun, als ſeinem Bei⸗ „ſpiele Folge leiſten?“ „Sie ſind ein ehrwuͤrdiger und aufgeklaͤrter „Mann, Herr Pfarrer, es iſt nur Eine Stimme dar⸗ uͤber, aber glauben Sie nicht, daß Ihr redlicher „Eifer Sie vielleicht geſtern zu weit gefuͤhrt hat?“ Zelus domus iuae comedit me.—„Gut, welche „Gewiſſensbiſſe wuͤrden Sie aber foltern, wenn Sie einen ruhigen vorwurfsfreien Menſchen Mißhand⸗ „lungen ausgeſetzt, Gewaltthaͤtigkeiten, die Sie ein⸗ „mal begonnen, nicht mehr haͤtten verhindern „konnen? Omnis homo mendax. Der große Fe⸗ „nelon hat ſich bekehrt, und wenn Sie ſich geirrt, „wurden Sie ſich weigern, ſeinem erhabenen Bei⸗ „ſpiele zu folgen?— Es iſt meine Schuldig⸗ keit, die Stimme der Vernunft zu hhren.— „So geb ich Ihnen mein Wort, Herr Pfarrer, der „Menſch, welcher ganz Acheres aufrütelt⸗ iſt eben „ſo wenig Zanberer, als Sie und ich.“— Be⸗ weiſe, nur Beweiſe!—„Ich gebe ſie Ihnen „hiermit.“ Herr Martin erzaͤhlte hierauf in der dritten 85 Perſon ſeine Geſchichte, von dem Augenblick ſeiner Ankunft in dem Wirthshaus zum muthigen Hahn an, bis auf den jetzigen Augenblick. Er erzaͤhlt, was ſich zwiſchen ihm und Dubvurg zugetragen, er fuͤhrt den Geiſtlichen in die Kuͤche und zeigt ihm das Reh, laͤßt ihn bemerken, daß die Haut nicht beruͤhrt, folglich das Herz noch nicht gebraten ſeyn konne; er bittet ihn, Sophien zu betrach⸗ ten, ob ſie geeignet ſeyn konne, Schrecken ein⸗ zuflößen.—„Im Gegentheil, antwortete er, nur Vertrauen und Theilnahme.—„Run denn, Herr „Pfarrer, Sie ſehen die Here des Waldes „hier vor ſich, und hier ſteht der Zauberer.“ — Sie?—„Ja, erwiederte Cognard, ein Zau⸗ „berer, wie es noch keinen gegeben hat; ihm ver⸗ „dank ich mein Amt und meine Roſalie und „alles!“ 7 „Nur noch zwei Worte, Herr Pfarrer, ſprach „Martin; dieſes junge Maͤdchen iſt die Tochter „eines braven Mannes; ich will ſeine langen Dien⸗ „ſte belohnen, und ihn irgendwo anſiedeln, am lieb⸗ „ſten hier. Ich holte Sophien von Dieppe ab, „wo ich ſie erziehen ließ; auf dem Ruͤckweg verirr⸗ „ten wir uns in dem bewußten Walde, und wir „mußten die Nacht darin zubringen. Jetzt wiſſen 35 „Sie alles, und Ihrer Einſicht iſt es vorbehalten, „die Gemuͤther zu beruhigen.“ — Mein Herr, ich weiß nicht, ich kann doch ohnmoglich auf einem Platze das Volk zu beſchwichtigen ſuchen, wo in der Regel nur Zahnbrecher und Gaukler figuriren.— „Sind wir nicht alle mehr oder weniger Marivnet⸗ „ten, die an unſichtbaren Faͤden gezogen werden, „und bereiten wir uns nicht leider nur zu oft ſelbſt „Pillen, welche unſer Leben verbittern? Glauben „Sie mir, heut zu Tage predigt man hyrall und „gerade auf dieſe Art gewinnt man Zuhorer und „Geld.“— Ja, in, ſo ſagt man!—„Warum „wollten Sie nicht eben ſo handeln, die Welt iſt „der Tempel Gottes, der Himmel iſt das Zelt.“— Sie haben recht, und ich muß Ihnen ge⸗ ſtehen, weit entfernt, Sie laͤnger fuͤr einen Zauberer zu halten, glaub ich vielmehr, daß Sie ein ganz 6ite Prediger ſeyn wuͤrden. Der Pfarrer ging, um das Volk zu beruhigen. Man muß das Eiſen ſchmieden, ſo lange es gluͤht, dachte Herr Martin, und rief dem Pfarrer nach. „Wenn glles beruhigt und in die Grenzen der „Vernunft zuruͤck getreten ſeyn wird, ſo wuͤnſchte „ich den Gemeindevorſtehern und den Vornehmſten 37 „des Dorfes hier in dieſem Park ein Mittagsmahl „zu geben. Herr von Polmont wird mir das „ſchon erlauben, und ich uͤbertrage Herrn Du⸗ „bourg das Arrangement des Feſies. Herr Pfar⸗ „rer, Sie werden die Gute haben, mein Gaſt zu „ſeyn, und einen Platz zwiſchen Herrn von Pol⸗ „mont und mir annehmen. „Jetzt iſt unſere ſchone Sophie ruhig; Cog⸗ „nard, wie ſieht es mit meinem Zimmer aus; iſt „es meublirt?“— Gewiß, Herr Martin.—„So. „Jetzt, Bertrand, fuͤhre Deine Tochter zur Ruhe.“ Cognard konnte das Ende des ganzen Vor⸗ falls vor Reugierde nicht abwarten, und wollte ſich nach dem Platz begeben.„Gut, Cognard, geh „und hilf dem Pfarrer ein, wenn er ſiecken bleiben „oder etwas weſentliches vergeſſen ſollte.“ Herr Martin, welcher bis zu Cognards Ruͤckkunft nichts zu thun hatte, ſtreckte ſich in einen Lehnſtuhl, und im Vertrauen, alles recht gut ge⸗ macht zu haben, ſchlief er ein. Bertrand hatte ſein Lager auf ebener Erde genommen, ſich in ſei⸗ nen Mantel gehuͤllt, und verſuchte zu ſchlafen, drehte ſich rechts und links, und ſchlief endlich ein. Der Herr Pfarrer ſeinerſeits hatte diesmal nicht ſo viel Muͤhe, wie geſtern, um ſein Audi⸗ torium erſt zu uͤberfuͤhren, daß es Zauberer gabe, 88 im Gegentheil ſchwitzte er Blut und Waſſer, um es zu uͤberzengen, daß nichts von alle dem ge⸗ ſtern ihm gepredigten auf Herrn Martin anzuwenden ſey. Er waͤre im vollen Verſtande ein rechtglaͤubiger Chriſt, und den ſicherſten Be⸗ weis lieferten die zwanzig Louis, die er den Fabri⸗ ken und den Armen beſtimmt habe. Cognard un⸗ terſtuͤtzte den Herrn Pfarrer, ſtellte Dubvurg zur Rede, fragte ihn, ob ſein Name nicht auf ſeinem Schilde geſchrieben ſtaͤnde? ob man nicht vom der Straße die Farbe ſeines Zimmers bei halb geoffne⸗ tem Fenſter ſehen koͤnne? ob in ſeinem Hofe nicht die Windeln ſeines Kindes getrocknet worden waͤren, mit einem Worte, rief ihm alles in ſein Gedaͤchtniß zuruͤck. Dubourg ſperrte den Mund auf, ſo weit es ſeine Kinnladen nur erlauben woll⸗ ten, und die Zuhoͤrer thaten ein Gleiches. Der Wildſchuͤtz ward bei Strafe gezwungen, zu geſtehen, daß er und kein anderer die Falle gelegt habe; der Pfarrer betheuerte, den Rehbock ungeoͤffnet bei Cog⸗ nard geſehen zu haben, es koͤnne alſo das Herz dieſes Thieres nicht gebraten worden ſeyn; er ſchloß amm Ende mit der Einladung des Herrn Martin zu einem Mittagsmahle, und mit der Verſicherung, daß er ſelbſt daran Antheil nehmen wuͤrde. Der 89 Mund der Zuhorer oͤffnete ſich jetzt zu einer bewun⸗ drungswuͤrdigen Größe! Herr von Polmont war gehennrn und ſtand im Begriff, im Fall guͤtige Zuredungen nichts gefruchtet hätten, ſeine Gensd'armen, welche nur ſeinen Wink erwarteten, agiren zu laſſen. Er ſah bald, daß ſich alles beruhigen wuͤrde, und ſetzte die Rede des Pfarrers, welche Cognard geendet hatte, ohngefaͤhr mit dieſen Worten fort: 6 „Es iſt nicht genug, meine Freunde, daß Ihr „Euren Irrthum jetzt einſehet, Ihr muͤßt auch ei⸗ nem ehrlichen Manne die Genugthuung geben, „auf welche er Anſpruͤche machen kann. Herr „Martin hat lediglich durch Eure Schuld hier „alles in Allarm geſetzt; den Erſatz, den er fur ſeine „Leiden erhalte, ſey eben ſo oͤffentlich, als es die „erlittene Beſchimpfung war. Der Tambour der „Garde haͤnge die Trommel um, der Baͤnkelſaͤnger „nehme die Vivline, die jungen Maͤdchen ziehen „ihre Sonntagskleider an, ſchmuͤcken ſich mit Blu⸗ „men, und begruͤßen den ſchuldloſen Mann. „Mein Wille iſt, daß dieſen Dag(der ſo trau⸗ „rig ſich anließ) die Froͤhlichkeit beſchließe⸗ „Herr Martin giebt daschrittagsmahl, ich werde „einen Ball in meinem Park veranſtalten. Wah⸗ „rend die Alten den Wein kredenzen, ſollen die 9⁰ „jungen Leute tanzen, es ſoll an nichts mangeln. „Geht jetzt nach Hauſe und holt mich ſpaͤter ab.“ Der beruͤhmteſte Redner zu Rom oder Athen kann ohnmoͤglich einen ſo guͤnſtigen Eindruck durch die Suade ſeines Mundes hervorgebracht haben, als der Herr Maire,(welcher beilaͤufig geſagt, ſeinen Platz unter der großen Linde genommen hatte) in dieſem Augenblick durch die eben geendeten Worte zu bewerkſtelligen wußte. Alle Geſichter waren heiter, alle Lippen laͤchelten, die jungen Maͤdchen gingen huͤpfend Arm in Arm nach Hauſe, und tanz⸗ ten bereits im Voraus. Die jungen Buben gingen zum Schmidt, der nebenbei auch die Stelle eines Barbiers verſah. Die Krämerin verkaufte ſieben Ellen ſeidenes Band und zwei paar weiße Hand⸗ ſchuh, die Weſcherinn mußte zwei Gehuͤlfinnen annehmen, um die Halstuͤcher und in Ord⸗ nung zu bringen. Cognard belehrte Dubourg, daß er die Be⸗ ſorgung des Mahles habe, und dieſer rieb vor Freuden die Haͤnde. Der Rehbock ſollte in ſeine Wohnung gebracht werden, und das Herz deſſelben in Dubourgs Kuͤche braten. Bald ſammelt ſich alles wieder auf dem Ple,, der Herr Pfarrer glaubte doch auch etwas fuͤr die zwanzig Louis thun zu muͤſſen,— und was? was wird der Herr Pfar⸗ 9 ½ rer thun? Wird er die zehn Louis den Armen ge⸗ ben? die andere zehn den Fabrikanten?— Er ließ die große und einzige Glocke im Kirchſpiele laͤnten, läuten zu Ehren des Herrn Martin! Der Tambour und der Geiger gingen vorauf und man begab ſich ruhig und in Ordnung aufs Schloß. Herr von Polmont erſchien in Uniform und Schaͤrpe, den Degen an der Seite. Solcher⸗ geſtalt ſetzte man ſich nach Cognards Haͤuschen zu in Bewegung. Kaum angelangt, begannen der Tambour und der Geiger ihre Muſik, und einige der edlen Dorfjugend, welche in den ſchoͤnen Kuͤn⸗ ſten nicht ganz unerfahren waren, begleiteten mit Pfeifen und Schalmeien. Bertrand erwachte ſogleich, und zupfte Herrn Martin am Fuße.„Oh, oh! das ſind ja andere „Tone, als wir erwartet haben, Tambour, Muſet⸗ „ten, Freudenruf, allerliebſt! herrlich! Bertrand, „komm hinaus.“ Herr Martin ſien der Herr Maire em⸗ pfing ihn mit einer ſchmeichelhaften Anrede, welche eben ſo artig beantwortet wurde, die Bauern klatſchten in die Haͤnde, und es ſchallte(eine Folge der kraͤftigen Haͤnde) maͤchtiglich; Herr Martin ward beinahe von der frohlichen Menge erdruͤckt, und Roſalie und Cognard hatten genug abzu⸗ 9² wehren, um den edlen Gaſt nicht erſticken und der Freude erliegen zu laſſen. „Meine Freunde, ich kenne keine andere Ver⸗ „ſohnung, als die, mit dem Glaſe in der Hand;z „alle kann ich leider nicht ſpeiſen, aber gehen wir „zu Dubvurg, und das groͤßte Faß von ſeinem „beſten Wein ſoll—“— Bravo, bravo, Herr Martin! „Roſalie, Du bleibſt bei Sophien, und biſt „ihr nach ihrem Erwachen, wenn ſie dies oder je⸗ „nes verlangen ſollte, ein wenig behuͤlflich. Ber⸗ „trand, Du wirſt Buͤrger und Einwohner von „Acheres, ich ſpreche Dich von meinen Dienſten „los, Du haſt nicht mehr noͤthig, mir zu folgen, „fort Kinder, fort zu Dubourg! „Madam Dubvurg, Sie ſehen hier eine „Menge durſtiger Leute, die ſich an einem Faſſe „Ihres beſten Weines laben wollen. Wo liegt das „Faß?“ Zwanzig bis dreißig Bauern treten vor, ſteigen obne Licht in den Keller, und„ein Gott, „ein Wein!“ Das Faß wird ans Tageslicht, ohne den mindeſten Unfall, gebracht.—„Ohne zu eſſen „geht das nicht, Schinken, Eier, Brod, her mit al⸗ „lem, was die Kuͤche vermag!, Bravo, bravo, Herr Martin! — Beſter Herr Martin, Sie machen mir — 95 meine Leute zu Lrunkenbolden, ſprach der Maire.— „Ein frohlicher Rauſch ſchadet nie.“— Aber wie iſt Ihnen es gelungen, den Pfarrer umzuſtimmen?— „Einem Narren widerſprechen, hieße ihn reizen, in „ſeine Schwaͤchen eingehen zu ſcheinen, iſt das ein⸗ „zige Mittel, ihn, wohin man will, zu lenken. Ich „wette, ich bringe ihn heute Abend dazu, ein „Taͤnzchen zu wagen.“— Es gilt.—„Fuͤnf und „zwanzig Lonis.“— Es gilt. „Und dieſe Leute, die mit einemmale von oß⸗ „fenbarer Wuth zu einem Freudentaumel uͤberge⸗ „hen?— Herr Maire, der tarpejiſche Felſen iſt „nicht weit vom Kapitole. Ein Augenblick zu „rechter Zeit ergriffen, iſt hinlaͤnglich, ein „Volk ſo oder ſo zu ſtimmen. Ich haͤtte vor. „zwei Stunden unbemertt abreiſen koͤnnen, ich bin „geblieben, und habe nichts gethan, um Sie zu „uberzeugen, was Ihrem und der Bauern Vor⸗ „theile nachtheilig ſeyn konnte.“— Sie ſind ein eigner Mann, wann werde ich Sie ganz kennen!— „Herr Maire, Sie erlauben mir, ein Mahl in Ih⸗ „ren Park zu gehen, und nehmen neben mir oben „an der Tafel Platz, nicht wahr?“— Ich werde Ihrer guͤtigen Einladung folgen, und erſuche Sie hier, wie in Ihrem Eigenthume zu ſchalten.— 94 Zwei und dreißig Schinken, funfzehn Koͤrbe Eier und Brod langen gluͤcklich in Dubourgs Hofe an. „Madam Dubvurg, ich denke wir kochen und „ſieden alles auf dieſem Hofe, und richten einige „Dutzend Eierkuchen am— ſo, den Schinken in „feine Scheiben geſchnitten, es lebe die Freude“— Herr Martin lebe hoch! ſchrien die Gaͤſte. Jeder hilft, man rennt und laͤuft hin und her, lacht und ſchaͤkert, das Feuer brennt lichterloh, die Butter perlt in den Kaßerolen und Tiegeln, man ſetzt ſich hin, wo man zukömmt, auf den Hof, auf den Flur, ſelbſt das gelbe Zimmer blieb nicht frei. Herr Martin trank auf aller Geſundheit, und alle tranken auf die Geſundheit des Herrn Martin, der ſo herablaſſend und ſo gut iſt. Der Arme iſt ſtets erkenntlich, wenn es dem reichen Mann beliebt, einen Menſchen in ihm erblicken zu wollen, und das iſt ſo ſelten der Fall. Herr von Polmont und Martin gingen auf und nieder. — Joch eins, ſagte der Maire, Sie haben al⸗ len Vorrath aufgekauft, und morgen wird der Hun⸗ ger hier einkehren.—„Wer wird jetzt an eine Sa⸗ „che denken, die nicht einmal von dieſen frohlichen „Leuten beobachtet wird. Wenn das Volk an die „Zukunft daͤchte, wuͤrde es dem Gefuͤhle ſeines 95⁵ „Elends die Sorgen, welche den Reichen quaͤlen, „hinzufuͤgen. Es wuͤrde aus Furcht, Kinder in die „Welt zu ſetzen, die am Ende kein Brod haben, „nicht heirathen; das Volk vermehrt ſich, aber weil „die Hochzeit eine Sache iſt, die fuͤr den erſten „Augenblick viel Vergnuͤgen macht, und nicht alle „Welt koſtet. Das Kind wird geboren, der Vater „ſieht, ob es mit geſunden Gliedern auf die Welt „gekommen, nimmt getroſt ſeine Hacke und Beil, „geht an die Arbeit, und kommt auf den Abend „froh nach Hauſe. Er ſchlaͤft ein, und ſo feſt, daß „ihn kein Kanonenſchuß, am wenigſtens das Ge⸗ „ſchrei des Kindes zu erwecken im Stande ſeyn „wuͤrde. Die Mutter leidet, ergiebt ſich indeſſen „in ihr Schickſal, weil ſie weiß, daß es Klagen „nicht aͤndern werden. Nichts iſt in der Welt „ganz gut, aber es koͤnnte doch noch vieles ſchlim⸗ „mer yn. Alſo warum uns heute den Kopf zer⸗ „brechtl die Leute werden morgen ſchon zu eſſen „finden.“ Der Maire ging ins Schloß, Herr Martin zu Cognard. Ein gutes Fruͤhſtuͤck wartete hier in Sophiens Zimmer. Ro ſalie hatte alles angeord⸗ net; er lud ſie ein, daran Theil zu nehmen, und wieß Bertrand ſeinen Platz zwiſchen Sophien und dem huͤbſchen Milchmaͤdchen an.—„Nur „keine Umſtaͤnde, Bertrand, Du biſt Buͤrger zu „Acheres und fuͤr ehrliche Leute gehoͤrt ein ehr⸗ „licher Platz. So, liebe Kinder, jetzt langt zu, ich „denke, es ſoll uns Allen ſchmecken.“ Cognard brannte vor Luſi, ſeine Mutter und ſeine Schweſter Herrn Martin vorzuſtellen, und dieſer wuͤnſchte ſelbſt ihre Bekanntſchaft, um So⸗ phien in der Folge nicht ganz allein zu laſſen. Roſalie ſollte ſie alſo zum Witgseſ en laden und guffuͤhren. „Hoho! ſagte Herr Martin, ich hove nur „noch verzweifelt wenig baar Geld in der Taſche. „Bertrand, gieb Cognard eine Banknote von „tauſend Franken, er wird ſie wechſeln, und Du⸗ „bourg davon zahlen, was die Kinder Noah bei „ihm getrunken und geſchmaußt haben.“ Ber⸗ trand zog ein Portefeuille hervor, und Cognard erſtaunte uͤber die Menge Banknoten im Htillen. Als er zum Wechsler ging, dachte er ſo ſich ſelbſt über alles nach,— es ſteckt etwas dahin⸗ ter; mit dem Herrn Martin und blos Herrn Martin iſts nicht abgethan!— Er iſt mehr— nun, er iſt ein braver ehrlicher Mann, laſſen wir ihn hei ſeinem Herrn Martin. Unterdeſſen ſtrichen Herr Martin und Ber⸗ trand, den Werth der Zeit achtend, das Dorf durch, um 97 um den Ort ihres kuͤnftigen Aufenthaltes naͤher kennen zu lernen. Dort bei Cognard konnten ſie nicht woh⸗ nen bleiben, und Cognard konnte nur dies eine Zimmer miſſen. Sophie mußte ein Maͤdchen ha⸗ ben, mit einem Worte, Bertrand bedurfte eine kleine Wohnung fuͤr ſich und ſeine Tochter allein. Der Anblick des Geldes hilft bei ſolchen Gelegen⸗ heiten, und bald iſt gefunden, was ſie ſuchen. Eine Wittwe, welche ein niedliches Haͤuschen bewohnt, will in vier und zwanzig Stunden ausziehen, und es gern vermiethen; es enthaͤlt eine Kuͤche, eine Speiſekammer, zwei kleine Zimmer unten und ein huͤbſches Dachſtuͤbchen. Ein kleiner Garten(frei⸗ lich nicht beſonders gehalten) welcher am Fuße ei⸗ nes Weinberges endet, iſt dabei. Bertrand ent⸗ ſchließt ſich ſogleich die Menbeln, welche ſich bei Cognard befanden, hierher tragen zu laſſen, und zu Pontviſe die fehlenden zu kaufen. Ein Tape⸗ zier ſoll ſogleich die Waͤnde bekleben, ein Gaͤrtner den Garten mit huͤbſchen Blumen bepflanzen.— Sophie wird freilich unter ihnen die Schoͤnſte bleiben.— Ein Notar brachte das Geſchaͤft in Ordnung. Das Haͤuschen lag mitten im Dorfe, Bertrand waͤre alſo vor aller Verfolgung ſicher, und das ganze Dorf wuͤrde ihnen im ſchlimmſten Falle beiſtehen. Die Miethe betrug in allem jaͤhr⸗ 1. 7 93 lich achthundert Franken. Bis alles zur Aufnahme bereit ſeyn wuͤrde, entſchloß man ſich bei Dubourg zu wohnen. Herr Martin behielt ſich das be⸗ ruͤchtigte gelbe Zimmer vor, in welchem er ſo be⸗ wundernswuͤrdige Talente ſeines Beobachtungsgei⸗ ſtes, der indeſſen bald ſehr ſchlimme Folgen gehabt, entwickelt hatte. Dubvurg hatte nicht unterlaſſen, das Mit⸗ tags bevorſtehende Feſt, und den Abends beſtellten Ball, auf eine Art auszupoſaunen, daß die Fama bis auf die umliegenden Doͤrfer gedrungen war. Die Dorfjugend, Maͤnner und Frauen, ſetzten ſich ſchaarenweiß in Bewegung und begannen den Gaͤn⸗ ſemarſch unter Schalmeien und Geigen. Es ſchlug 2 Uhr: die Reſtore von Acheres ſchoben ſich dem Parke zu. Madame und die beiden Mamſells Cog⸗ nard werden Herrn Martin vorgeſtellt. Herr Martin ſtellt Sophien vor, und empfiehlt ſie ihrer Freundſchaft. Der Herr Maire und der Herr Pfarrer erſchienen zuletzt— große— laſſen in der Regel auf ſich warten. Die Tafel war herrlich ſervirt, und das war Cognards und Roſaliens Werk. Herr Mar⸗ tin lud die Geſellſchaft ein, Platz zu nehmen. Die fuͤnf eben genannten Damen waren die einzigen Frauenzimmer bei Tiſche. Herr Martin war zwar 99 der Meinung, daß alle Menſchen einander gleich ſind, in ſo fern ſie es ruͤckſichtlich ihrer Geſtalt und verſchiedenen Kraͤfte ſeyn koͤnnen— Jjedoch hielt er auf der andern Seite wieder auf einen gewiſſen Anſtand. Ueberdem waren der Maire und der Pfarrer nicht verheirathet, konnten alſo gegen dieſe Damen, die doch immer ein kleines Anſehen im Dorfe genoſſen, durchaus nichts einwenden. Eine Mahlzeit ohne Frauen iſt nur eine be Mahlzeit und hoͤchſt langweilig. Sechs große Burſche harren des Winkes. Die Glocke ſchlaͤgt und im Augenblick ſtehen vier große Suppenſchuͤſſeln, eine Reiß⸗, eine Wein⸗, eine Nu⸗ del⸗ und Milchſuppe auf dem Tiſche. Eine Rinds⸗ keule praͤſentirt ſich auf einer ſtattlichen Schuͤſſel, deren breiter Rand mit Collets von einem Kalbe und kleinen Paſteten garnirt iſt. Der Kopf, des Kalbes mit brauner Sauce uͤbergoſſen, fuͤllt die vierte Entree aus. Ein zweiter Gang erſcheint; der bewußte Rehbock haͤlt gebraten ſeinen Einzug, neben ihm die Keulen des Kalbes; und ſechs junge Enten fuͤllen die vielleicht noch vorhandenen leeren Stellen des Tiſches aus. Die Entre mets fehlten, Dubourg war nie in einer großen Stadt; dagegen war ein Ueberfluß an dem kſlichſten S Pfir⸗ ſichen und Aprikoſen. 100 Beim Anblick des erſten Ganges konnten Herr v. Polmont, Herr Martin, Cognard und Ber⸗ trand nicht umhin, laut aufzulachen. Der Herr pfarrer, dem die urſache dieſer plotzlichen Fröhlich⸗ keit ein Raͤthſel war, wußte im erſten Augenblicke nicht, ob er ernſthaft bleiben oder mitlachen ſolle. Er uͤberlegte und fand nach einigem Erwaͤgen, daß Herr Martin zwar zehn Louis fuͤr die Armen, ehen ſo viel fur die Fabriken, aber noch nichts fuͤr den Tiſch des Herrn gethan; dies bedenkend, ent⸗ ſchloß er ſich alſo, zu lachen, und lachte auch wirk⸗ lich, aus bloßer Gefälligkeit, ausgelaſſen mit. Ein ſo gezwungenes Lachen konnte Herrn Mar⸗ tin nicht entgehen; er fluſterte dem Maire ins Ohrt „Wollen Sie wetten, unſer Pfarrer weiß nicht, „warum er lacht, Sie ſollen ſich öberzeugen.— „Richt wahr, Herr Pfarrer, man konnte dieſes „Mahl im vollen Sinne ein patriarchaliſches Mahl nennen.“— Fllerdings, Herr Martin, ſehr patriarchaliſch. Wenn in früͤheren Zeiten Jakob und ſeine Rachkömmlinge einen Verwandten oder Fremden empfingen, ſo ward eine Ziege geopfert, man hat hier ein Kalb abgeſtochen! Man mußte mehr als ſonſt thun, denn es geſchah Herrn Martin 5 zu Ehren. 101 Herr Martin beugte ſich tief, und biß ſich in die Lippen. Er ſchwatzte noch hin und her mit dem Herrn Pfarrer, oder vielmehr er ſprach allein, denn der Herr Pfarrer hatte einen recht geſunden Appetit, und ließ ſich nicht ſtören, und beantwortete die meiſten Fragen mit lakoniſcher Kuͤrze. Herr Martin ermangelte nicht, ihm fleißig einzuſchen⸗ ken; die andern Gaͤſie tranken auch ihr Glaͤschen, und folgten dem Zureden des Herrn Martin, wel⸗ cher wohl wußte, daß ein Glas Wein die Vertrau⸗ lichkeit, und die Vertraulichkeit die Gefaͤlligkeit her⸗ beifuͤhrt, in die Ideen derijenigen einzugehen, welche Verſtand genug beſitzen, die gewoͤhnlichen maſchinenmaͤßigen Menſchen zu leiten. Die Violinen ließen ſich vernehmen. Die edle Dorfjugend ruͤckte an. Herr Martin beobachtete unſern Pfarrer; er war lebhaft und ſeine Augen blitzten. Er war, obgleich ſeiner Sinne maͤchtig, auf dem Punkte, etwas zu wagen. Es bedurfte nur einer herzhaften Zuſprache. „Herr Pfarrer, ſagte Herr Martin, die Kir⸗ „che eifert nicht umſonſt gegen den Tanz, die Un⸗ „ſchuld iſt warlich nicht dieſem Vergnügen hold, „zum Exempel der Walzer“— Ja, freilich, der Walzer iſt eine Erfindung des Deufels, der die Sinne beſechen will. Ein Mäd⸗ 12 chen wirft ſich einem jungen Burſchen in den Arm, deſſen Augen auf ihrem Buſen ruhen. Wie leicht koͤnnen beide ſtrancheln, fallen, und in einer nnanſtändigen Stel⸗ lung auf dem Fußboden liegen.—„Wie „lieb' ich Ihren frommen Eifer!“— O⸗ ich habe von der Kanzel gegen den Tanz herunter⸗ gedonnert; aber das Vergnuͤgen entkraͤf⸗ tet bei dem jungen Volke meine Worte! „Wenn wir indeſſen das Abentheuer citiren „wollten, Herr Pfarrer, glaub' ich doch beweiſen zu „konnen: daß Muſik und Tanz aus einer gottlichen „Quelle entſprungen ſind.“— Die Engel ſangen⸗ und werden bis in alle Ewigkeit ſingen⸗ Herr Martin, von ihnen kommt die Muſik und der Menſch hat aus Dankbarkeit gegen Gott ſeine erſten Toͤne, welche der Mund gebildet, dem hochſten Weſen geweiht. Die Kirche iſt ſo durchdrungen von dieſer Wahr⸗ heit, daß ſie die Toͤne der Orgel geſchaf⸗ fen hat, daß ſie ſelbſt an hohen Feſttagen erlaubt, Meſſen zu ſingen, welche zu hoͤren, nur die Loſung eines Entreebillets geſtat⸗ tet.—„Leſen wir die heilige Schrift, Herr Pfar⸗ „rer, wir werden finden, daß die Toͤchter Sions „tanzten.“— Sie tanzten, ja Herr Martin, 103 aber unter ſich.—„Sie ſchwangen ſich auf, und „tanzend glaubten ſie ſich dem Himmel naͤher zu ſehn; „was iſt uͤberhaupt der Tanz anders, als ein Kraft⸗ „aufwand, um uns von der Erde, der wir fremd ſind, „nach dem Uurquell des Lichtes hinaufzuſchwingen? „Iſt es nun nicht moglich, eingewurzelte Uebel ganz „zu tilgen, ſo daͤchte ich doch, Herr Pfarrer, daß es „einem Manne von Ihrem Wiſſen, von Ihrer Wuͤrde, „beſchieden ſeyn koͤnnte, den Tanz zu ſeiner alten „edlen Einfachheit zuruͤck zu fuͤhren.“— Aber wie? wie ſoll ich?—„Man muß daruber nach⸗ „denken. Nehmen wir z. B., Herr Pfarrer, die „Melodie des Halleluja; es erweckt eine begeiſternde „Fröhlichkeit; koͤnnten die Maͤdchen nicht unter „ſich, die Burſche ebenfalls für ſich eine Menuet „nach dieſer berrlichen Melodie tanzen; die Menuet „iſt ein edler, wuͤrdevoller Tanz.“— Ja, alles gut, wie ſoll man dieſe Leute dahin brin⸗ gen?—„Wodurch? durch Beiſpiele. Dadurch, „daß Sie z. B. den Anfang machten.“— Herr Martin, wo denken Sie hin, ich— ich ſollte mich hier zum Gelaͤchter! ei, ei!— „Haben nicht die edelſten Kloſterfamilien die Verſe „der Athalie geſprochen? und rechtfertigt nicht „der gute Wille jedes Mittel?“— Aber, Herr Martin, mein Amt, ich bitte.—„Sind Sie 104. „uͤber Konig David erhaben? und erinnern Sie ſich „nicht, daß David tanzte, nach dem Schalle der „Harfen? o mein Herr Pfarrer, dieſer heutige Tag „kann ein mertwuͤrdiger Tag in der Geſchichte „werden! Geben Sie meiner Bitte Gehor, predigen „Sie durch Veiſpiele und ich will das gute Werk „und die Muͤhe redlich mit Ihnen theilen.“— Aber, Herr Martin.—„Kommen Sie.“— Zie⸗ hen Sie mich nur nicht ſo, die Leute konn⸗ ten glauben, ich gehorchte dem Zwange, und das gute Beiſpiel ginge verloren.— „Das war eine Bemerkung, welche Ihre Weisheit „beurkundet. Ohne zu denken, entfließen dem „Munde die koſtlichſten Reden; laſſen Sie uns frei „neben einander durch die Reihen gehen.“— O, ich tanzte vor 30 Jahren meine Menuet, daß es eine Luſt war; Herr Martin, mir fällt etwas ein.—„Reden Sie, Herr Pfarrer.“ — Ich werde dieſe fromme Heerde ein we⸗ nig auf meinen Tanz vorbereiten, ich will zu ihnen ſprechen,— ſeyn Sie ruhig, ich mache nicht viel Worte.— Er ſtieg auf eine Bank.— Meine frommen geliebten Kinder; da ich dermalen Euren Tanz nicht hindern kann, ſo ſoll mein Beiſpiel Euch wenig⸗ 105 ſtens lehren, wie man das Vergnuͤgen ei⸗ nes wahrhaftigen Tanzes, auf andere Weiſe, als auf die Eure, welche wild die Haͤnde und Fuͤße durcheinander theilhaftig werden kann. Zum großen Erſtaunen aller be⸗ gann die bekannte Mennett nach der Melodie:„O Fili!“ und die Art und Weiſe, wie der Pfarrer dieſe Menuett tanzte, ſetzte alles noch mehr in Verwunderung.„Ach, unſere Taͤnze muͤſſen doch „recht verwerflich ſeyn, da ein ſo guter Zaͤnzer als „Sr. Hochwuͤrden ſie nicht erlauben will.“ Jeder beeilte ſich jetzt, Menuet o Filii! zu tanzen; der Pfarrer tanzte friſch drauf los und trocknete ſich die hellen Freudenthraͤnen, welche die Folgſam⸗ keit ſeiner Schaͤfchen ihm entlockte, mit dem gro⸗ ßen weißen Tuche ab; er umarmte Herrn Martin und nahm ſeinen Platz wieder neben ihm ein. Aber, o Wandelbarkeit aller menſchlichen Dinge! Bald fand man die Menuet zu lang, und murrte im Tanzen, daß dieſes doch nicht die rechte Art und Weiſe ſey. Die Liebenden wollten ſich die Tren⸗ nung und Abſonderung, welche dieſer Tanz bezeich⸗ net, nicht laͤnger gefallen laſſen, und es dauerte nicht lange, und alles war wieder beim Alten. Der Contretanz ließ ſich vernehmen und alles jnbelte 106 laut auf, und die guten Lehren des Herrn Pfarrers waren vergeſſen. Der Maire hatte kaum ſeinen Augen getraut.— „Wahrlich, Herr Martin, ich ſollte eigentlich das „Doppelte zahlen, denn ich glaubte meiner Sache „ganz gewiß zu ſeyn.“— Und ich der meinigen; das Geld, warum wir gewettet, gehört alſo weder Ihnen, noch mir, ich daͤchte, Sie ſendeten es dem Herrn Pfarrer, welcher ſo eben mit dem tanzte, den er noch heute fruͤh wollte braten laſſen. Es iſt indeſſen Zett, zu Bertrand, Sophien und Cognard zuruͤck zu kehren. Sophie hatte bei ihrem Erſcheinen durch ihre Schönheit allen ge⸗ fallen, alles war entzuͤckt.— Ihr Herz war indeſ⸗ ſen nur mit Stanislaus beſchaͤftigt, nur fuͤr ihn wollte ſie ſchon ſeyn. Freude und Vergnuͤgen mahl⸗ ten ſich in Cognards und Roſaliens Blicken und die Heiterkeit vermehrte die Trauer Sophiens. „Glucklich ſind die, ſagte ſie zu ihrem Vater, die „in einem Stande grboren ſind, welcher den Ton „und die Gebraͤuche und Formen der großen Welt „ausſchließt, welche ihr Herz, ihre Hand verbin⸗ „den können.“ Wenn man nachdenkend und trau⸗ rig iſt, hat man in der Regel keine Luſt zum Tan⸗ zen. Sophie hatte alle Einladungen der jungen Burſchen von ſich abgelehnt. Sollte ſie ſich viel⸗ 107 leicht ihres wahren Standes erinnern, und ein klei⸗ ner Stolz die Urſach ihrer Weigerung ſeyn; doch dies konnte nicht der Fall ſeyn, denn ſie war ja nur von ihrem Vater und Herrn Martin gekannt. Man begnuͤgte ſich alſo nur damit, daß man es gar nicht begreifen konnte, wie ein junges ſchoͤnes Maͤdchen keine Luſt zum Tanzen haben koͤnne, und die Anmuth und Grazie, mit welcher ſie die Auf⸗ forderungen abgeſchlagen, gewann dem ſuͤßen Kinde alle Herzen. Cognard war nur mit Roſalien beſchäftigt. Er hoͤrte und ſah nur ſie, er tanzte nur mit ihr. Bei Tiſche hingegen gab es die Ge⸗ legenheit, daß er auch mit Sophien ſprechen mußte. Ihre Antworten waren von der Art, daß er auf den erſten Blick gewahrte, daß Sophie nicht die Tochter eines Bedienten ſeyn koͤnne; er bezweifelte alſo Bertrands Stand, und dachte bei ſich ſelbſt, daß irgend ein wichtiges Geheimniß die⸗ ſen drei Perſonen Stillſchweigen auferlegte. Der Leſer wird den richtigen Beobachtungsgeiſt unſers einfachen Cognard loben. Uum ſo mehr hatte er alſo Grund, die ſchoͤne Sophie ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter zu empfehlen. Ein ſo liebevoller Sohn, wie Cognard, mußte eine gute gefuͤhlvolle Mutter haben. Sie ließ Sophien, wenn Bertrand nicht bei ihr war, 108 keinen Augenblick allein⸗Dann und wann vernahm ſie einen Senfzer. Sie wunde dadurch geruͤhrt und ließ ihrem Herzen freien Lauf. Die Herzensſprache verfehlt nie ihre Wirkung, Sophie fuͤhlte ſich zu ihr hingezogen, und obwohl die gute Frau alles, was ſie ſagte, nicht ſo ſchnell auffaßte, als ihr Sohn, ſo fand ſie doch, daß das Herz von 13 Jah⸗ ren in einem gewiſſen Einklang mit dem ihrigen ſtand und das war hinreichend. Man wird am Ende auch das Tanzen uͤberdruͤſ⸗ ſig; uͤberdem war der Boden, auf welchem die Taͤn⸗ zer ihre Talente entwickelten, nicht elektriſch. Die Ruhe folgte dem Vergnuͤgen; morgen fruh mußte man an die Arbeit gehen, und mit einem Worte, Abends um zehn Uhr war der vor einer Stunde noch ſo lebhafte Park zu einer ſtillen Eindde ge⸗ worden.„So verweht der Rauſch des geſellſchaftli⸗ chen Vergnuͤgens, ſagte Herr Martin zu Ber⸗ „trand, und am andern Morgen bleibt uns nur die „Erinnerung an die Augenblicke, die Tags vor⸗ „her vielleicht unſern Geiſt oder unſer Herz „angeſprochen haben. Wie herrlich iſt der Anblick „eines praͤchtigen Feuerwerks, die Raketen ſteigen, „zerplatzen, und mit dem letzten ſterbenden Funken „verliert ſich unſer Entzuͤcken. Was iſt es alſo, was „uns aufregt? Ein Stoß, der uns einige Minuten 109 „unſerm gewoͤhnlichen Zuſtande gewaltſam entruͤckt, „um uns hernach in ein truͤbes Nachdenken, uͤber „das Truͤgeriſche aller Taͤuſchungen verſinken zu „laſſen. Jede Handlung, die nicht nuͤtzlich oder „preislich genannt zu werden verdient, jedes Ver⸗ „gnuͤgen, welches nicht dem Herzen entſpruͤht, iſt „Trug, Blendwerk, Taͤuſchung! Wie viel giebt „es alſo nicht ſolcher!“ Cognard begleitete Herrn Martin, Bertrand und Sophien bis zum Wirthshanſe. Er wuͤnſchte ihnen eine gute Nacht mit einer Art, welche ſeine gemachten Beobachtungen ihm vorzuſchreiben ſchien. Roſalie bekam eine traulichere gute Nacht, und da er doch nicht konnte die vier Frauen bis zu ſei⸗ ner alten Pachtung in der Nacht allein gehen laſ⸗ ſen, ſo nahm er ſeinen Wagen und langte gluͤcklich mit ihnen vor dem Haͤuschen an, welches ihm nicht nur das Herz ſeiner Roſalie, ſondern auch die freundliche Theilnahme des Herrn Martin gewon⸗ nen hatte, und von dem er ſich jetzt ſo bald, bald fuͤr immer entfernen ſollte. 110 Der Schleier wird gehoben. Es war Morgens 5 uhr. Cognard fuhr langſam zu Hauſe, und da die Einbildungskraft ſelten ihre Thaͤtigkeit verliert, ſo dachte auch er an ſeine Roſalie, und Herr von Polmont an die Verbeſſerung der ihm anvertrauten Grundſtuͤcke, welche durch die Nachlaͤßigkeit ſeines Vorgaͤngers ſo verfallen waren. Von dieſen Gegenſtänden kam er auf Herrn Martin, und ſeine Gefaͤhrten zuruͤck. Er rief ſich einige ihm dunkelgebliebene Worte ins Gedaͤchtniß zuruͤck, Worte, die ein Geheimniß ah⸗ nen ließen, das er ſich vergebens bemuͤhte zu ent⸗ raͤthſeln, Dem Betragen dieſer 3 Perſonen nach zu ſchließen, konnte dies Geheimniß indeſſen durch⸗ gus nichts beunruhigendes fuͤr das bffentliche Leben haben; denn wer Gutes thut, will das Gute nicht ſioren. So beſchloß denn auch Cognard das Ende ſeiner Beobachtungen damit: daß man diejenigen, ſo uns gutes thun, lieben ſollen, wie uns vor⸗ geſchrieben iſt, die Vorſehung zu lieben, deren Wal⸗ ten man nie durchſchaut. So vertieft, bemerkt er erſt in dieſem Augen⸗ blick einen Menſchen, der dicht neben ſeinem Wa⸗ gen ging. Der Fremde wollte einige Worte ſagen, ſah ihn an, dffnete den Mund, um zu reden, ſchloß 111 ihn wieder und ein gezwungenes Laͤcheln ſchlich uͤber ſeine Lippen und wiederhohlte ſich von Zeit zu Zeit. Am Ende fing er das Geſpraͤch mit den ge⸗ wöhnlichen Redensarten an, deren man ſich, wenn man mit Unbekannten ſpricht, zu bedienen pflegt. — Ein herrlicher Morgen.—„Herrlich!“— Wir werden einen heißen Tag haben.— „Sehr heiß.“— „Der Unbekannte ſchwieg, knuͤpfte indeſſen aufs neue das Geſpraͤch mit einer Verlegenheit an, wel⸗ che Cognard verdaͤchtig ſchien.— Der Herr iſt wahrſcheinlich hier aus dieſem Lande.— „Ja, und der Herr ebenfalls.“— Verzeihung, ich bin von Paris.—„So? und der Herr reiſt „alſo zum Vergnuͤgen zu Fuß?“— Zum Ver⸗ gnuͤgen gerade nicht, ich trachte einige Perſonen, denen ich große Verpflichtungen habe und die mit vielen Verdruͤßlichkei⸗ ten bedroht werden, aufzufinden.—„Die⸗ ſen Verdrießlichkeiten wuͤnſcht der Herr vorzuben⸗ „gen?“— Wenn es mir gelaͤnge, ſie abzu⸗ wenden, ich wuͤrde unausſprechlich gluͤck⸗ lich ſeyn!—„und die Namen?“— Sie rei⸗ ſen unter angenommenen Namen.—„Alſo „wohl gar nebelthaͤter?“— Keinesweges.— „Und Ihr habt gar keine Spur.“— Sie ſind 112 vorgeſtern von Pontviſe abgereiſt und ſind nicht durch St. Germain durchgekommen, ſie muͤſſen ſich alſo in irgend einem Dorfe der Gegend aufhalten.—„Das iſt moglich.“ Sie reiſen noch dazu mit eigenen Pferden, es ſind ihrer drei.—„8wei Maͤnner und „ein huͤbſches junges Maͤdchen.— Sind ſie Ihnen begegnet? fragte der Unbekannte, und die Freude, welche ſeine Zuͤge ausſprachen, ward Cognard noch verdaͤchtiger.— Nein, erwiederte er.— Aber Sie haben von ihnen gehoͤrt?— „Viel, ſehr viel.“— und wo ſind ſie jetzt?— „Etwas gewiſſes hab' ich nicht daruͤber vernom⸗ „men; aber ein junger Mann, ein Freund von mir, „kann Euch daruͤber Auskunft geben. Wenn Ihr „wirklich ſo herzlichen Antheil an dieſen Perſonen „nehmet, ſo rathe ich Euch, nach Loges zu gehen; „das Dorf liegt in jenem Walde, eine gute Stunde „von hier. Dieſer Weg fuhrt hin. Bleibt im „Wirthshauſe zur Sonnenuhr, ſo lange bis mein „Freund kommt; in zwei Stunden iſt er da, er hat „vom Wirthe Geld zu empfangen.“— und ſein Name?—„Firmin.“ Der Unbekannte wollte von neuem zu fragen anfangen, Cognard gruͤßte ihn indeſſen, peitſchte ſein Pferd an, und trabte davon. Dieſer Kerl iſt ein 115 ein Spitzbube, dachte er denn— Herr Martin?— nein, es waͤre ſraͤflich, von ihm zu denken, daß er Verbrechen des Wohlthuns verbergen ſollte. Dieſe ruhige Munterkeit, dieſe heitere Freimuͤthigkeit ſind immer die Begleiterinnen einer edlen Seele. Die⸗ ſer Spitzhube hat ſich verrathen, ſeine Reden ſtimm⸗ ten nicht zu ſeinem Geſichte; am Ende iſt er das Haupt einer Bande, die Herrn Martin heimlich verfolgt, und dieſe Armen zu dieſem Inkognito zwingt. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, wo du ihm deine Dankbarkeit beweiſen, und vielleicht ohne neugierig zu ſcheinen, ihre Verhaͤltniſſe entdecken kannſt. Es ware mir ſchon recht, ich kann es nicht bergen. Cognard beeilte ſich, und faͤhrt gerade zu nach Dubvurgs Hauſe. Herr Martin war noch nicht auf, Cognard beſtand indeſſen darauf, ihn zu ſprechen, und da ein Wirth ſelten einem Verwalter von ſo großen Guͤtern etwas abſchlaͤgt, ſo war es ihm geſtattet, an die Thur des gelben Zimmers zu klopfen. Herr Martin war in einem Zuſtande, den man fuͤglich zwiſchen Schlaf und Wachen benennen könnte, wo die Einbildungskraft noch nicht ihre volle Thaͤtigkeit erlangt hat, und ſich gefaͤllig mit Gegenſtaͤnden beſchaͤftigt, welche das Gedaͤchtniß, das uns ſo oft, wenn wir es benoͤthigt, aufrufen, .[81 114 verlaͤßt, in ſolchen Augenblicken willfahrig vor unſere Sinne fuͤhrt. Herr Martin fragt,„wer „klopft?“ Cognards Stimme wird ſogleich er⸗ kannt, und er ſelbſt gebeten, neben dem Bette Platz zu nehmen. Cognard erzaͤhlt ihm, Wort fuͤr Wort, alles, was ſich zugetragen hat, und beobachtet Herrn Martin. Der Friede, eine Folge jedes ruhigen Schlafes, ſpiegelte ſich in ſeinen Zugen und in ſei⸗ nen Augen. Er bat Cognard, ihm den Mann naͤher zu beſchreiben.„Ohngefaͤhr 30 Jahr,— nicht „ganz blonde Haare, lange Beine, ſonſt wohl und „ſtark gebaut.“ „Es iſt kein Zweifel, es iſt der Syibube „Srich! rief Herr Martin. Cognard, Du haſt „mir jetzt einen Beweis Deiner Klugheit und Dei⸗ „ner Anhaͤnglichkeit gegeben, ich werde Dir den Ge⸗ „genbeweis liefern, wie ich Aufrichtigkeit zu ſchaͤtzen „weiß. Der Augenblick iſt da, wo ich ſprechen „will, ſogleich werde ich mich anziehen, und mit „Dir zum Herrn Maire gehen. Dort ſollſt Du al⸗ „les erfahren, und den Mann kennen lernen, der „alles aufbieten wird, um den Unterſchied, den „Name und Geburt erheiſchen, vergeſſen zu ma⸗ „chen. Den Aufſchluß den Du uͤber alles erhalten „wirſt kann uns allen nützlich ſeyn, indem Du mit 115 groͤßerer Zuverſicht alle Umſtaͤnde benutzen kannſt, „die uns Vortheile bringen koͤnnen. Wer iſt aber „dieſer Firmin?“— Der Brigadier der Gensd'armen, der hier wohnt.—„Ich ver⸗ „ſtehe, er wird ſich verkleiden, und den Buben fan⸗ „gen?“— So habe ich mir's gedacht!— „Dieſer Plan vermehrt mein Vertrauen zu Dir. „Komm jetzt, ich bin fertig.“ Herr Martin wußte zum Voraus, daß man ihm beim Herrn Maire die⸗ ſelben Schwierigkeiten machen wuͤrde, die man Cognard bei Dubvurg entgegen ſtellte, indeſſen entſchloſſen, ſie zu beſeitigen, es koſte was es wolle, drang er bis zu dem Bette des Herrn Maire. „Herr Maire, unvorhergeſehene umſtaͤnde zwin⸗ „ℳ%en mich, das Inkognito abzulegen, das ich bis „ietzt hier beobachtet habe. Ich wuͤnſche indeſſen, „ich habe ſogar das Recht, es zu verlangen, daß das, „waß ich Ihnen entdecken werde, unter uns dreien „verborgen bleibe, damit der Graf Obinski und „ſeine Tochter nichts von den Maßregeln erfahren, „die wir, wie ich hoffe, nehmen werden, um dadurch „die Ruhe, deren ſie jetzt genießen, zu ſichern. Fuͤr „Sie, fuͤr Cognard, fuͤr das ganze Dorf bleiben „ſie Bertrand und Sophie, ſo wie ich nichts „weiter, als Martin ſeyn will. Ihnen will ich mich indeſſen nennen, ich bin derFuͤrſt Palowski.“ 116 Serr von Polmont war der großen Welt nicht fremd, dennoch aber war es wohl zu entſchul⸗ digen, daß ihn ein Fuͤrſt, von dem er im Bette uberraſcht, und den er fruͤher, ohne große Umſtaͤnde, aufgenommen hatte, ein wenig in Verlegenheit ſez⸗ zen mußte. Er wollte klingeln, Herr Martin ver⸗ hinder es.„Ich bleibe hier Martin⸗ lnichts „mehr und nichts weniger. Die Augenblicke ſind „oſtbarer, keiner darf verloren gehen. Kleiden Sie „ſich an, waͤhrend ich Ihnen alles erzaͤhle. „Der Plan, das Konigreich Pohlen als Mauer „zwiſchen Rußland und Deutſchland wieder herzu⸗ „ſtellen, war eines der Projekte des Mannes, der „eben ſo große Thaten, als große Fehler begangen „hat. Jedoch ſollte nicht zu Moskau dieſer Plan „mit meinem PVaterlande realiſirt werden. Unter⸗ „deſſen befreite die Hoffnung der verſprochenen Un⸗ „abhaͤngigkeit alle Gemuͤther, und Frankreich konnte „in dieſem Angenblick auf eben ſo viel Soldaten „rechnen, als Pohlen exiſtirten.“ „Von meiner fruͤhſten Jugend an, war wich mit „dem Preinzen Berloff verbunden⸗ welcher an „dem Hofe zu Petersburg eine glaͤnzende und ehren⸗ „volle Rolle ſpielte. Berloff, ſeinem Kaiſer ganz „ergeben, bot alles auf, um den Plan Frankreichs „ſcheitern zu laſſen. Ich hingegen, Herr von mehr — 117 „als 40 Dörfern, waffnete meine unterthanen, gab mich ganz der Sache meines Landes hin, und der „Graf Obinski, obgleich weniger reich, folgte „meinem Beiſpiele. Wir gingen unter der Fahne des beruͤhmten und ungluͤcklichen Pontatsoski uͤber „den Riemen und die Berezina. Dieſer ungluͤckliche Feldzug ließ mich die kriegeriſchen Talente des „Obinsti wahrnehmen, und ich widmete ihm un⸗ weraͤnderliche Freundſchaft.“ „Berlvff und ich, obgleich berſchiedenem In⸗ „tereſſe dienend, blieben dennoch Freunde. Liebe, „welche ſich auf Achtung gruͤndet, welche die „Gewohnheit gewährt hat, vewöhrt ſich trotz „allen poliſchen Stuͤrmen. Als die Sieger des „Schickfal Pohlens beſtimmt hatten, ſchrieb Ber⸗ off an mich, und beſchwor mich feierkich, eben ſo viel Kraͤfte und Bemuͤhungen aufzubieten, um meine Mitbuͤrger der jetzigen Ordnung der Dinge „geneigt zu machen, als ich verſchwendet hatte, um „die Unabhängigfeit meines Vaterlandes zu be⸗ „haupten. Ich ſah es ein, der Wiederſtand war „vergebens, und um dem Blutvergießen ein Ende u machen, entſchloß ich mich, Berloff zu un⸗ „terſtuͤtzen. Mein Rang, mein Vermsgen, gaben „mir einen bedeutenden Einfluß, und ich benutzte Fihn nur, um die Ruhe zuräckzufuͤhren. Obinsti 118 „dachte anders, ſeine Vaterlandsliebe konnte den „Gedanken nicht ertragen, jetzt einem Lande dienen zu muͤſſen, das fruͤher ſeinem Volke gedient hatte. „Er ging einen andern Wea⸗ ſuchte das Volk auf⸗ „zuwiegeln, ſein Verſtand ließ ihn das Unverms⸗ %gen ſeiner Nation in dieſem Augenblick zwar er⸗ „kennen, er wollte indeſſen mit den Waffen in der „Hand den Tod finden, und ſich unter den Truͤm⸗ „mern ſeines Vaterlandes begraben. Er hat ſein „Ziel nicht erreicht, ich habe es ihm voraus ge⸗ „ſagt, aber ſein— kettet mich noch feſter an ihn“ n „Berloff hatte meiner 6 vielfältig und in „der Art erwaͤhnt, wie ich einen großen Antheil an „der Unterwurfigkeit Pohlens gehabt, daß ich eine „ſehr ehrenvolle Einladung an den Hof erhielt, wo⸗ „hin Obinski, pbgleich aus andern Gruͤnden, eben⸗ „falls beſchieden wurde. Man bot mir Orden und „Ehrenſtellen an. Ich nahm die erſien an, und er⸗ „laͤrte, daß ich kuͤnftig in Ruhe den Wiſſenſchaf⸗ „en zu leben wuͤnſchte. Obinski bekam harte „Vorwuͤrfe, und indem man ihn fuͤr ſehr verdaͤch⸗ „tig hielt, erlaubte man ibm nicht, nach Pohlen „zuruͤckzukehren.“ „Zu Petersburg ſahen wir zum erſtenmale die „Fuͤrſtin Berloff, und dieſe Zuſammenkunft ent⸗ 119 „ſchied ſehr bedeutend uͤber die Zukunft. Die Fuͤr⸗ „ſtin war vicht mehr jung, jedoch noch weit von „dem Alter entfernt, wo die Leidenſchaften ſchwei⸗ „gen. Obinski war dazumal 0 Jahr, aber „ſeine Figür, ſein edler ausdrucksvoller Blick, ſein „freies maͤnnliches Benehmen entzuckte die Weiber.“ „Alles lud ihn ein, in den Zirkeln der Fuͤrſtin „ſich fuͤr die Unannehmlichkeiten die er erfahren, „zu entſchaͤdigen. Seine einzige Tochter Paula, „von der er ſich nicht trennen wollte, ward mit „Guͤte uͤberhaͤuft. Die Fuͤrſtin hatte einen Sohn, „einen Juͤngling von 18 Jahren, ſchon und gefuͤbl⸗ „voll, er ſuchte Paula's Herz zu gewinnen, und „es gelang ihm. Seine Mutter, welche nur Augen „fuͤr Obinski hatte, begünfigte Meſe Liebe ohne „zu wollen.“ „Paula hatte gerade kein betrůchtliches Ver⸗ „mögen, ihr Herkommen war indeſſen ausgezeich⸗ net, die Fürſtin haͤtte in dieſe Verbindung willi⸗ „gen können; denn in allem, was nicht Geſchaͤfts⸗ „ſaͤche war, beherrſchte ſie ihren Gemahl. „Sie ließ indeſſen dem Grafen Obinski den Preis Hahnen, den ſie als Belohnung fuͤr dieſe Guͤte er⸗ „wartete. Alles hing von ihm ab. Das Herz ei⸗ „nes ehrgeizigen Mannes iſt indeſſen nicht gleich „der Liebe gebffnet, die Fuͤrſtin war hinſichtlich ih⸗ 1 120 „rer Schoͤnheit auch nicht geeignet, um einen feſten „Mann, wie Obinski, in ſeinen Grundſaͤtzen irre zu „zu machen. Er war deshalb ſo oft an ihrer „Seite, weil ſie mit hohem Intereſſe, ſeinen bit⸗ „teren Klagen, ein geneigtes Gehör lieh, Klagen, „die ſie bald veraͤndert haben wuͤrden, wenn ſie „micht den Klaͤger bevuͤckſichtiget haͤtten. Der ſchein⸗ „bare Antrag der Fuͤrſtin war empoͤrend, er vermied „das Palais des Fuͤrſten und fragte nicht um Rath, „was dabei zu thun ſeyn koͤnne.“ „Ich antwortete ihm, daß eine Frau dem, vx „ihr Herz und ihre Liebe verwirft, nie verzeiht. „Wenn ſie ſich micht raͤcht, ſo mangelt es ihr an „Gewalt dazu, indeſſen wirſt Du uͤberzeugt ſeyn, „daß die Gemahlin eines Mannes, wie Borloff⸗ „der dem Staat ſo ausgezeichnete Dienſie geleiſtet „hat, bei Hofe ſehr viel gelten muß. Ihr Geſicht „läßt mich die Fuͤrſtin als intrigant vermuthen. „Geh nach Pvhlen zuruͤck, weyn man dtr die Er⸗ „laubniß giebt, lebe dort deiner Tochter, und bleibe „ruhig, wir haben von unſerer Freiheit getraͤumt, „der Traum iſt nicht in Erfuͤllung gegangen, die „Zeit iſt da, wo wir dulden und gebosn „muͤſſen.“ „Die Fuͤrſtin, durch das Ausbleiben des Gra⸗ „ſen ſehr beleidigt, ſchrieb ihm mehrere Briefe⸗ 191 „welche eine Leidenſchaft beurkunden) die den An⸗ „ſchein hatte, ſich durch Hinderniſſe bis zur Ver⸗ „zweifiung ſteigern zu koͤnnen. Dieſe Briefe erklaͤ⸗ „ren ihren jetzigen Haß gegen den Grafen. Sie „ſind in unſern Haͤnden, es ſind Waffen, deren man „ſich in der Noth bedienen wird.“ Wunt „Der Graf hielt es nicht der Muͤhe werth dar⸗ „auf zu antworten, und hatte unrecht in Peters⸗ „burg zu bleiben. Ich habe im Angeſicht einer „ruſſiſchen Armee nicht gezittert, ich werde jetzt micht vor dem Weibe eines einzelnen Ruſſen „hen.— Dies waren ſeine Worte.“ Stanis laus war indeſſen tief betrubt, „Pauln nicht mehr ſehen zu können, und Pukla. „trauerte ebenfalls daruͤher. Der junge Mann kam „oͤfters in mein Hotel; ich nahm ihn aber mie „an, indem ich vornus ſah, daß die Mutter, ein „Einverſtaͤndniß merkend, im ſchlimmſten Falle ge⸗ „rechten Grund zur Klage haben wuͤrde Obinski „„dachte anders; er liebte ſeine Tochter uͤber alles, „und war ſchwach genug, in meiner Abweſenheit „Stanislaus anzunehmen. Die Liebe dieſer „iungen Leute wuchs, jemehr ſich die Hin⸗ „derniſſe thuͤrmten, und Stanislaus bat ſeinen „Vater um Paula's Hand. Berloff ſprach mit „der Fuͤrßinn, dieſe, über einen ſolchen Antrag nach 122 „derm vorhergegangenen doppelt aufgebracht, ſchlug „alles, und mit einer Art ab, welche Ber⸗ „off bewog, nie wieder auf dieſen Gegenſtand zu⸗ ruck zu kommen. Die Fuͤrſtin ließ jetzt ihrem „Sohne aufpaſſen, ſie wußte ſeinen geheime Zuſam⸗ „menkuͤnfte, ihr Haß unh ihre Furcht, daß Sta⸗ „nislaus vielleicht mit ihnen nach Pohlen ſuͤch⸗ „ten und eine Ehe nach den n Geſetzen ſchlie⸗ „ßen mochte/ vermehrte ſich.“ 4 ut „Sie enthuͤllte alles, was Obinsti ihr in „ſruͤheren Stunden geſagt hatte, vergiftete die „Worte des Grafen, und ſtellte den laͤngern Auf⸗ „enthalt eines Mannes, der ſo ſchon als verdach⸗ „tig' bekannt war, von der gefaͤhrlichſten Seite „dar. Der Befehl, den Grafen zu arretiren, ward „ſogleich gegeben. Berloff handelte vielleicht zum „erſtenmale wider ſeine Pflicht, aber ſein Edel⸗ „muth entſchuldigt ihn. Er liebte mich und wußte, wie viel ich auf Obinskiß hielt er ſtellte mir ein „Billet durch ſichere Hand zu, welchem zu Folge „mir nur noch 4 Stunden uͤbrig blieben, um den „Grafen zu retten. Ich ſah, daß kein Augenblick „zu verlieren war, rief meine Bedienten und be⸗ „fahl ihnen, alle meine Pferde in kleinen Tahereiſen „bis nach Warſchau zu fuͤhren; Obinski empfing „ſogleich meine Inſtruktivnen, und ich eilte, vom 123 „Hausherrn Abſchied zu nehmen. Ich wandte „Briefe, welche meine nothwendige Abreiſe erheiſch⸗ „„ten, vor, und jedermann glaubte mir.“ Dadurch, daß ich alle Bedienten entfernt „hatte, war ich Herr uͤber alle Anordnungen. „Obinski mußte ſich verkleiden, ſeine Tochter „ebenfalls. Er, unkenntlich durch eine falſche Naſe, „war mein Bedienter, ein Franzoſe, der einen „Theil ſeines Geſichtes in Moskau erfroren hatte, „und Paula nahm als Jockey vorne auf dem Wa⸗ „gen ihren Sitz. Wir fuhren an hellem Tage von „Petersburg ab; wer gewinnen will, muß wagen.“ „Bei der Barriere hielt man uns au. Ein „Mann, wahrſcheinlich ein Agent der Polizei, hielt wein Papier in der Hand, vielleicht das Signale⸗ „ment Obinskis; er dffnete den Wagen und ſah „mich eine Zeitlang bedentend an. Es bedurfte keiner „langen Pruͤfung, um zu ſehen, daßnich nicht der „ſeyn konnte, den er ſuchte. Er verbeugte ſich als⸗ „dann tief, eine Folge meiner Orden, und ſchloß „den Wagen. Wir fuhren den ganzen Tag und „gegen die Nacht nahm ich Paula in meinen Wa⸗ „gen. Wir hielten uns in Pohlen nicht laͤnger „auf, als ndͤthig war, um uns Geld auf alle dieje⸗ „nigen Orte anweiſen zu laſſen, an welchen ich mich „mit Obinski und ſeiner Tochter aufhalten wollte. 124 „Ich nahm kurze Rückſprache mit meinen Vetwal⸗ „tern, und alles war ſchnell abgemacht. Wir reiſe⸗ „ten Tag und Nacht, his wir die ruſſiſche Graͤnze „im Ruͤcken hatten. Wir ſchöpften freier Athem „und umarmten uns mit der Innihkeit, welche na⸗ „tuͤrlich unſere Herzen dieſer entronnenen Ge⸗ „fahr erfuͤllen mußte.“ „In Berlin machten wir halt; ich glaubte, der „Graf wuͤrde hier nichts zu befürchten baben, und „rieth ihm ſelbſt, ſeinen Namen und Stand wieder⸗ um anzunehmen, waͤhrend ich ſelbſt zuruͤck nach „Petersburg eilte, um die mißliche Angelegenheit „meines Freundes wo möhlich zum Guten beizu⸗ „legen. Der Graf, ein Wagehals, wenn es nur „ſein Leben betraf, aber furchtſam, wenn es das „Schictſal ſeiner Tochter galt, glaubte ſie in Ber⸗ „lin nicht ſicher genug, ſondern verbarg ſie unter „andern Namen in einer Art Penſion, nicht weit von „Potsdam. IFch ſelbſt hatte meine Hoffnung auf „Berloßf geſetzt, er allein konnte mich retten,— „ich traf ihn ſierbend und— tetten „Seufzer.“ „Die Schicklichkeit evforderte,— Wittwe ei⸗ „nen Condolenzbeſuch abzuſtatten; ſie empfing ihn „mit Kalte; weniger betruͤbt uͤber den Tod ihres „Gatten, als aufgebracht, ſich an Obinski zu raͤ⸗ 125 chen, traf ſie alle Anſtalten, um ihn zu verderben. „Seine Flucht ward der Regierung als hochſt ver⸗ „aͤchtig geſchildert, ſie verſuchte alles, um dieſel⸗ „ben begreiflich zu machen, daß ſein Auftreten in „Pohlen neue Unruhen zu Wege bringen koͤnne, „daß es durchaus nothwendig ſey, ihn aller Mittel, „welche zu Aufwiegeleien fuͤhren koͤnnten, zu berau⸗ „ben, und ſeine Guͤter conſiscirt, er ſelbſt aber ver⸗ „bannt werden muͤßte. Man wußte, daß ich Obin⸗ „ki's Freund und Waffengefaͤhrte war, konnte in⸗ „deſſen gegen mich nicht ſo verfahren, wie gegen „ihn. Meine Strafe war, den Hof fuͤrs erſte mei⸗ „den zu muͤſſen, Orden, Guͤter und Geld behielt „ich; Obinski ward verbannt, und all ſeines Ver⸗ „moͤgens verluſtig erklaͤrt. Ganz zu entſchuldigen „war des Grafen fruͤheres Betragen; nicht, als „Opfer eines rachſuͤchtigen Weibes war er indeſ⸗ „ſen zu bedauern, ſo gewiß auch vorans zu ſehen „war, daß ſein Schickſal gemildert werden wuͤrde, „wenn der gerechte und verehrte Monarch dieſes „Landes nach ſeiner Ruͤckkunft von allem zur Kennt⸗ „niß gelangen ſollte. Gluͤck und Vermoͤgen „theilte ich von dieſem Augenbiick an mit „Obinski.“ „Stanislaus beſuchte mich. Sein Zuſtand „war beklagenswerth; nie hat ungluͤchliche Liebe ge⸗ 126 „waltſamer auf einen Korper gewirkt. Ich bin es „ihm indeſſen ſchuldig,— kein beleidigendes Wort „gegen ſeine Mutter entfuhr ihm. Er wollte „Obinski raͤchen, ſelne Gluͤcksumſtande auf Ko⸗ „ſten der Seinigen wieder herſtellen, und glles „Mißgeſchick ihm durch die Verbindung mit ſeiner „Tochter verguͤten. Alles dies war aber ſchwer „auszufuͤhren. Seine Rache war ohnmaͤchtig zu „nennen, wenn man die Zahl der Feinde Obin⸗ „kis mit ihm allein zuſammenſtellen wollte. In „der Hoffnung, ſeinen heftigen Schmerz zu ſtillen, „hielt ich ihn zuruͤck, aber vergebens, er ſtuͤrtzte fort, „um mit ſeinen Klagen das Herz einer armen Mut⸗ „ter zu erweichen und drohete im aͤußerſten Falle, „ohne Ruͤckſicht der Perſon, Gewalt mit Gewalt „zu vertreiben.“ „Viele Liebende haben ſchon auf dieſe Art ge⸗ „droht, allein es blieb beim Drohen. Sein Zu⸗ „ſtand ließ indeſſen das Gegentheil fuͤrchten und „ich folgte ihm, um neuem Ungluͤck vorzubeu⸗ „gen und alles anzuwenden, was in meinen Kraͤften „ſtand, ihn zu uͤberzeugen und zur Beſonnenheit „zuruck zu fuͤhren. „Der Zutritt ins Palais Berloff, der vor „wenigen Tagen ſo bereitwillig mir geofnet ſtand, „ward mir diesmal verweigert. Ich hoͤrte im 127 „obern Zimmer einen großen Laͤrm, ich vernahm „die Stimme Stanislaus und ſchloß daraus, „daß er weit entfernt war, meinem Rathe mit Ge⸗ „laſſenheit zu folgen. Die Fuͤrſtin, obgleich rach⸗ „uͤchtig, ungetreu ihrem Gemahle, war aber den⸗ „noch Muteer genug, um nicht alles anzuwenden, „ſich ihren einzigen Sohn zu erhalten; das wußte „ich, und mit dieſer Beruhigung verließ ich das „Palais, wo meine Gegenwart nutzlos war. In der „Nacht ſchrieb ich an Obinski und meldete ihm „alles. Den Morgen, als ich kaum aufgeſtandeu „war, erhielt ich den Befehl, mich durchaus nicht „in die Angelegenheiten der Familie Berloff zu „miſchen. Ein Schwachkopf rennt gegen eine „Mauer und zerſtoßt ſich fruchtlos den Kopf. Die „Mittel, die ich, Obinski zu retten, anwenden „wollte, pruͤfte zuerſt meine Vernunft. Eine form⸗ „lich ſcheinbare Gleichguͤltigkeit ſchien mir vor der „Hand das allerrathſamſte zu ſeyn.“ „An dem Hofe durfte ich nicht erſcheinen, das „Palais Berloff war mir verſchloſſen, mein Auf⸗ „enthalt in Petersburg war alſo unnuͤtz, und den⸗ „noch blieb ich, ohne zu irgend einem Entſchluß, „das Schickſal meines Freundes betreffend, kommen „zu können.“ „Dieſer Zuſtand von Seelentraͤgheit, in welchem 128 „nur mit Muͤhe des ihm zunaͤchſtliegende gleichguͤl⸗ „tig auffaßte, und die Unmoglichkeit fuhlte das ge⸗ „ringſte unternehmen zu konnen, dauerte zwei volle „Tage. Ich ging hin und her, blos um etwas zu „thun, eine Folge meiner inneren Unruhe. So „kam ich, mir ſelbſt unbewußt, auf die Inſel Baſil. „Ich befand mich in dem abgelegenſten Theile des „Quais, ſetzte mich einen Augenblick nieder und „ſtutzte den Kopf in die Hand. Woran ich dachte, „weiß ich ſelbſt nicht; es giebt Augenblicke in wel⸗ „chen man fuͤr alles abgeſtorben iſt. Meine Stel⸗ „lung ermuͤdete mich, ich hob den Kopf in die „Hohe, und erblickte eine ältliche Frau dicht an „meiner Seite. Gott ſey's gelobt, endlich bin ich „ſo gluͤcklich, Sie allein zu ſprechen; Ew. Durch⸗ „laucht ſehen hier die Amme des jungen Stm „nislaus. 4 „Ich kenne zu gut die Menſchen, um nicht uf „meiner Hut zu ſeyn, ich war es alſo auch hier. „Dieſe Frau konnte eben ſo gut von der Fuͤrſtinn ab⸗ „geſendet ſeyn, ich ſah ſie ſehr aufmerkſam an. Ihr „Geſicht bot die Spuren einer tiefen Betruͤbniß „und Offenheit dar, ihre Reden ſchienen aus dem „Herzen zu kommen; es war nichts vorher uͤberleg⸗ „tes darin. Ich naͤherte mich ihr und bald waren „wir mit einander ganz vertraut. Sie erzaͤhlte mir, 129 „mir, daß nach dem wuͤthenden Auftritte, wo Sta⸗ „nislaus anfangs alle Mittel kindlicher Bered⸗ „ſamkeit erſchoͤpft hatte, ſich derſelbe zornig nach „ſeinem Zimmer begeben. um ſeine Freiheit war „es ietzt geſchehen; Bediente, auf die man rechnen „Konnte, bewachten jeden Ausgang. Die Fuͤrſtinn „hatte unterdeſſen Bolesko zum Poſt⸗Direktor ge⸗ „ſchickt und ſich erkundigen laſſen, ob niemand von „hier an Obinski geſchrieben, und wie und wo⸗ „hin die Adreſſe in ſolchem Falle zu machen ſey. „Bolesko iſt von jeher, mancherlei Gruͤnde hal⸗ „ber,mehr der Fuͤrſtin, als ſeinem verſtorbenen Herrn Hergeben geweſen. Die Fuͤrſtinn erklaͤrte ihrem „Sohne, daß ihre Maßregeln ſo getroffen waͤren, „daß er nie Paula wiederſehen wuͤrde, und er⸗ „mahnte ihn, ſeine thorichte Leidenſchaft zu unter⸗ „druͤcken. Stanislaus antwortete nicht, warf ſich „in einen Stuhl, und rief einmal uͤber das andere, „Palowski, Palowski! nur ein Wort zu Dir!“ „Ich war in ſeinen Vorzimmer, fuhr ſie fort, „horte alles mit an und weinte. Man ließ mich „nicht hinaus, weil man mich wahrſcheinlich eben⸗ „alls fuͤrchtete. Der Poſt⸗Direktor konnte eine ſo „einfache Bitte nicht einer ſolchen Dame abſchla⸗ „gen, und ein ungluͤcklicher, ein Verbannter kann „nie auf große Schonung Anſpruͤche machen; Bo⸗ 1.[91 130 „lesko kam zuruͤck und meldete, daß ein bedeuten⸗ „des Paket an den Grafen nach Berlin, Hotel de „Rome, abgegangen ſey.— Man ſprach von mei⸗ „nem Briefe.“ 6 „Die Fuͤrſinn befahl Bolesko, ſogleich nach „Preußen abzureiſen; ſie gab ihre Verhaltungsbe⸗ „fehle, welche die Amme nicht erfahren konnte, da „beide ſich in ein anderes Zimmer entfernten, wel⸗ „ches auf dem andern Fluͤgel des Schloſſes lag. „Die Fuͤrſtinn fuhr aus und kam zwei Stunden „nachher erſt zuruͤck. Die Nacht brach an, Mitter⸗ „nacht ſchlug, das Thor des Palais ging auf, und „ein Wagen, den einige Reiter begleiteten, fuhr „hinein. Ein Offizier von Bedeutung ſtieg hinauf, „und eroͤffnete dem jungen Stanislans, mit der „großten Schonung, den Befehl, den er hoͤheren „Orts habe, ihn nach einer Feſtung abzufuͤhren, wo er ſo lange bleiben wuͤrde, bis ſeine Mutter auf „ſeinen Gehorſam rechnen koͤnne. Der junge un⸗ „gluͤckliche Mann antwortete keine Sylbe, folgte „dem Offizier, und indem er durch das Vorzimmer „ging, warf ſich ſeine Amme ſchluchzend in ſeine „Arme; man war zu menſchlich, um beide zu tren⸗ „nen, und Stanislaus ſtuͤſterte ihr heimlich die „Bitte zu, mich aufzuſuchen, und mir alles Vorge⸗ fallene mitzutheilen.“ — 131 „Der Wagen fuhr fort, die Wache ward zu⸗ ruͤckgeſandt, die Thuͤre des Palais wurde ſo⸗ „gleich geſchloſſen, niemand durfte hinaus gehen, „und dieſe Vorſicht hatte wahrſcheinlich den Zweck, uns allen, und vorzuͤglich mir, die Möglichkeit zu „benehmen, den Ort ſeines kunftigen Aufenthalts „erfahren zu koͤnnen.“ 6il *„Die arme Frau wußte meinen Fall bei Hofe, „deshalb hatte ſie nicht gewagt, in mein Hotel „zu kommen, war aber in der Straße ſo lange auf „und nieder gegangen, bis ſie mich ausgehen ſah „und in dieſem abgelegenen Viertel anredete. Ich „wollte ſie belohnen, ſie ſchlug alles aus; ich um⸗ „armte die gute Frau, und ihre Thraͤnen ſtoſſen; „ſie empfahl mir ihr liebes Kind, und betrachtete „mich als ſeinen Retter. Wir verließen uns und „nahmen jeder unſern eigenen Ruͤckweg.“ „um die Handlungsweiſe eines Menſchen zu „ergruͤnden, giebt es kein ſichereres Mittel, als ſich „an ſeine Stelle zu ſetzen und ſich zu fragen, was „wuͤrdeſt du jetzt thun? ich rief mir alles, was die „Amme mir geſagt, zuruͤck, und glaubte das Ver⸗ „fahren der Fuͤrſtinn zu durchſchauen.“ „Die Fuͤrſtinn hatte ihren Sohn in Sicherheit „gebracht, damit nicht mehr auf ihn und ſeine un⸗ „Hluͤckliche Liebe eingewirkt werden könnte. Was „zur möglichen Annehmlichkeit in einer Feſtung ge⸗ „liefert werden kann, ſtand ihm zu Gebote, ſie hatte „alſo eben ſo wenig im Sinne, ihn den ſchoͤnſten „Theil ſeiner jugendlichen Jahre dort einzuſchlie⸗ „Fen, als ſie gegentheils immer noch muͤtterliche „Liebe genug fuͤr ihr einziges Kind empfand. Sie „haßte einzig und allein Paula, weil Obinski „ihr Vater war. Ihm ein geliebtes Kind und die „Hoffnung einer Verbindung, welche ſeinem Ehr⸗ „geitze ſchmeicheln mußte, zu entreißen, die Aus⸗ „führung eines ſolchen Plans war fuͤr ſie doppelte „Rache. Es ſchien mir klar, daß Paula allein „bedroht war. Was aber ſollte Bolesko in Ber⸗ „lin? Sollte er die Tochter entfuͤhren, in einem „Lande entfuͤhren, wo die Geſetze ihn beſtraft ha⸗ „ben wuͤrden und im Full es ihm gelaͤnge, wohin „ſollte er Pauln fuͤhren? Gelaͤnge es ihm nicht, „ſie ganz feſt einzuſchließen, wuͤrde ſie halb Europa „zum Mitleid aufrufen. unter welchem Vorwand „wird er alſo das junge Maäͤdchen ihrer Freiheit zu „berauben verſuchen? Ihre Jugend, Schoͤnheit, An⸗ „muth und ihre Lage ſelbſt, wurden ſie nicht je⸗ „den unpartheiiſchen Richter entwaffnen? Die Fuͤr⸗ „ſtinn war eine rachſuͤchtige Frau genug, um viel⸗ „leicht einen Plan geſchmiedet zu haben, deſſen blo⸗ „ßer Gedanke mich zittern machte, ſo wie ich ſie 133 „aber kannte, fehlte ihr Wille und Kraft, ihn aus⸗ „zufuͤhren.“ „Ein Plan mußte von meiner Seite gefaßt „werden. Anfangs wollt' ich nicht eher abreiſen, „als bis ich den Aufenthalt von Stanislaus er⸗ „fahren; das waͤre nicht unmoglich geweſen, aber „die Gefahr, in welcher Obinski und ſeine Toch⸗ „er ſchwebten, war dringender, ich reiſte alſo ſo⸗ „leich nach Berlin ab.“ „Obinski war nicht mehr in dem Hotel de „Rome zu finden. Was konnte ihn bewogen ha⸗ „ben, in einer Stadt, wo er doch nichts zu befuͤrch⸗ „ten harte, ſich zu verbergen? Daß Bolesko zwei „TDage Vorſprung hatte, wußte ich, und in zwei „Tagen konnte ein ſolcher Kerl viel ausrichten; „eins wunderte mich nur, daß Obinski mir nicht „ein Wort geſchrieben hatte. Ich fragte den Wirth, „dieſer erzaͤhlte mir: daß die Tochter des Grafen „ſchon fruͤher fort, und vor einigen Tagen ein „Mann angelangt ſey, der mit dem Grafen Unter⸗ „redung gehabt. Dieſe geendet, habe er ſogleich „Poſtpferde verlangt, ſeinen Wagen packen laſſen „und den Weg nach Oranienburg eingeſchlagen.“ „Von Oranienburg kann man ſich weiter nach „allen Welttheilen begeben, wo ſollt' ich alſo „meinen Freund ſuchen? und wo hat er ſeine Toch⸗ 134 „ter gelaſſen?— Hier ſtand das Talent des Beob⸗ „achters ſtill. Das Reſultat meines Nachdenkens „war folgendes. Er war geflohen, konnte alſo nicht „in Prenßen. bleiben; die Grenze von Meklenburg „iſt eine der naͤchſten, von Oranienburg aus, konnte „er dort bald ſeyn. Ich reiſte alſo unverzuͤglich „dahin ab und hoffte im Poſthauſe, wenn auch nur „gleichgultige Andeutungen, uͤber meinen Freund zu „erhalten.“ „Unterweges erinnerte ich mich eines Freun⸗ „des, eines Baron Hollinder, welcher in Ora⸗ „nienburg wohnte. Ich hatte ihn wahrend des ruſ⸗ „ſiſchen Feldzuges in Willna kennen gelernt, und er, „Obinski und ich ſtanden auf einem ziemlich ver⸗ „trauten Fuß. Vielleicht, dacht' ich, hat Obinski „ſeinen Wagen in Hranienburg gelaſſen, und den „Baron auf ſeinem Gute zu Fuß heimgeſucht. Am „Ende erfuhr ich von ihm das Naͤhere, oder gar „einen Brief; ach! Obinski dachte nicht daran, mir „zu ſchreiben! Ich langte bei dem Baron an, ein „Freudenruf begruͤßte mich, ich fuhlte, ich war bei „einem Freunde. Er umarmte mich, und ſeine erſie „Frage war, wie ich meinem Gefaͤngniſſe entſprun⸗ „gen ſey. Ich war nie darin, antwortete ich. In⸗ „dem er mich in ein Seitenzimmer fuͤhrte, ſagte „er mir folgendes: 155 „Bbinski war bei mir und hat ſich einen „Dag aufgehalten. Er iſt nach Wismar abgereiſt, „und hat mich gebeten, ihm dorthin unter dem Na⸗ „men Zaski zu ſchreiben. Er bat mich, alles anzu⸗ „wenden, um uͤber ihr Lvos etwas zu erfahren. „Ich verſtand den Baron nicht, und bat ihn, ſich „mir naͤher zu erklaͤren. „Er ſagte mir, daß ein achtungswerther Mann, „den Obinski lange Zeit falſch beurtheilt und „fuͤr ſeinen Feind gehalten hatte, vor einigen Ta⸗ „gen in Berlin angelangt ſey, und ihn ſogleich aufge⸗ „ſucht habe. Er ſagte dem Grafen, daß er die „Dienſte der Fuͤrſtinn verlaſſen habe, und ihre Un⸗ „gerechtigkeiten gegen Obinski, ſeine Tochter „und ihren Sohn die Veranlaſſung ſeines Ent⸗ „ſchluſſes geweſen waͤren. Er wollte die Vergehen „wieder gut machen, die er begangen, bat ihn mit „Thraͤnen in den Augen, ſeine Dienſte anzunehmen, „und uͤber ſein erſpartes Geld, welches ſich gegen „zehntauſend Rubel belief, zu disponiren. Durch⸗ „ihn erfuhr der Graf, daß Stanislaus auf eine „Feſtung gebracht worden ſey, daß man aber nicht „wuͤßte, auf welche, daß ich ebenfalls arretirt, und „geheimer Zuſammenkuͤnfte mit dem jungen Fuͤr⸗ „ſten beſchuldigt worden ſey, daß die Fuͤrſtinn es „endlich dahin gebracht, einen Verhaftbefehl aus⸗ 136 „zuwirken, dem zu Folge Obinski und ſeine Toch⸗ „ter in Berlin durch den ruſſiſchen Geſandten feſt⸗ „genommen, und nach Siberien transportirt wer⸗ „den ſollten. Er bat den Graſen, ſo ſchnell wie „möglich zu fliehen, that ihm aber auch zugleich „die Gefahr dar, die er liefe, wenn er ſeine Toch⸗ „ter mit ſich naͤhme, indem ſeine Flucht doch ruch⸗ „har werden wuͤrde. Er, Bolesko, ſey im Ge⸗ „gentheil gar nicht verdaͤchtig, er ſolle ihm ein „paar Zeilen an ſeine Tochter geben, und einen „Ort beſtimmen, wo er ſein Kind zu treffen wuͤn⸗ „ſche, und wo alle drei außer Gefahr ſeyn koͤnnten. „Der Graf gab den Brief, Bolesko eilte, das Fraͤu⸗ „lein nach Dresden zu fuͤhren, wo der Vater ſie „treffen wuͤrde, ſobald er etwas beſtimmtes uͤber ihr „Schickſal erfuͤhre.“ „Ich konnte mich nicht laͤnger halten und er⸗ „goß mich in Verwuͤnſchungen uͤber Bolesko. „Alſo nach Sachſen verſpricht er das arme Kind „zu fuͤhren, man muß ſie von der entgegengeſetzten „Seite ſuchen; Bolesko iſt ein Spitzbube, und „Obinski kennt alſo ſo wenig die Menſchen, daß er „glauben kann, ein ſolcher Boͤſewicht wuͤrde nur „einen Augenblick anſtehen, einen eintraͤglichen Po⸗ „ſten zu verlaſſen, um ſich eines Verbannten anzu⸗ „nehmen? Dieſe Leichtglaͤubigkeit zeigt von ſeiner 137 „freien und vßenen Denkungsart, ich begreife nur „nicht, wie er auf Dresden gefallen iſt, als ob dort „kein Geſandter Rußlands exiſtire?“ „Laͤnger wollte ich mich nicht aufhalten, denn Lich zitterte, daß eine neue Buͤbevei den Grafen ver⸗ „mogen koͤnne, Wismar vor meiner Ankunft zu ver⸗ „laſſen. Ich hielt mich unterweges nur ſo lange „auf, als noͤthig war, um die Pferde zu wechſeln. „Bei meiner Ankunft fand ich Ohinski unter der „vorgeſchriebenen Adreſſe.“ „Sein Erſtaunen glich dem des Barons. Als „ich ihn ſo kraͤftig wie moͤglich von der vorgebli⸗ „chen Sinnesaͤnderung Boleskos zuruͤckgefuhrt, „gerieth er in eine ſchreckliche Wuth. Ich ſuchte „ſie zu ſtillen und ihm zu beweiſen, daß jetzt nicht der „Augenblick zu klagen, ſondern zu handeln ſey. „Aber, rief er aus, wo ſoll ich mein ungluͤckliches „Kind ſuchen? Es iſt möglich, faſt mochte ich ſa⸗ „gen, gewiß, erwiederte ich ihm, daß Bolesko den „Befehl hat, mit ihr zu Schiff zu gehen; mein „Rath waͤre, uns nach dem naͤchſten bedeutenden „Hafen in der Naͤhe Berlins zu begeben; fahren „wir nach Stettin, alle Tage gehen dort Schiffe „ab. Wir mochten kaum 8 Stunden von Wismar „entfernt ſeyn, als wir einen zu eleganten Reiſewa⸗ „gen einholten, als daß er nicht unſere Aufmerk⸗ 133 „ſamkeit gefeſſelt haben ſollte. Zwei Bedienten rit⸗ „ten vorauf und ich erkannte die Livree der Für⸗ „ſtinn. Stanislaus konnte nicht in dem Wagen „ſeyn, zwei Glieder der Familien waren nur, es „mußte alſo die Furſtin ſeyn. Was bewog ſie aber, „ein Land zu durchreiſen, wohin ſie weder Ge⸗ „ſchaͤfte, noch Vergnuͤgen gelockt haben konnte, „und ihren Weg nach den Kuͤſten des Meeres zu „richten? Meine Vermuthungen hinſichtlich Pau⸗ „la's waren alſo nur zu gegruͤndet, und man „konnte nichts beſſeres thun, als dem Wagen der „Fuͤrſtinn folgen, um zu Paula zu gelangen. Ich „bewog Obinskt, ſeine falſche Naſe wieder vorzu⸗ „nehmen und befahl meinen Poſtillons, den Wagen „nicht aus den Augen zu verlieren.“ WVir bemuͤhten uns unterweges, das Verfahren der „Fuͤrſtinn zu entziſſern. Ich durchſchaute ſie und ihre „Handlungen. Meine Abreiſe von Petersburg hatte „ſie erfahren, meine Freundſchaft füͤr Obinski, die „mich alles fuͤr ihn thun laͤßt, kannte ſie. Sie „fuͤrchtete, ich moͤchte Bolesko treffen, ihn gewin⸗ „nen, und ſo, wie ein Verräther nie dem andern „traut, ſo wollte ſie ſich ſelbſt von den Maßre⸗ „geln uͤberzengen, die ſie erſonnen, und Bolesko „ausfuͤhren ſollte. War Paula fuͤr immer verlo⸗ „ren, dann konnte ſie mit Ruhe ihrem Sohne die 159 „Freiheit geben, und ihn zu den hohen Stellen em⸗ „pfehlen, zu welchen ihn ſeine perſönlichen Eigen⸗ „ſchaften berechtigten.“ „Dadurch, daß wir kaum auf hundert Schritt „Entfernung ihrem Wagen folgten, erregten wir „die Aufmerkſamkeit der Fuͤrſtinn; Erich, ein an⸗ „derer Schurke, der Cognard begegnet iſt, tum⸗ „melte mit ſeinem Pferde um unſern Wagen her⸗ „um, ich verbarg mich nicht, und ſah ihn gerade „an. Er erkannte mich ſogleich, ſprengte zum Wa⸗ „gen der Fuͤrſtinn, und ich bemerkte, wie er alles „rapportirte. Ich wollte das, denn ein Reiſege⸗ „faͤhrte, wie ich, konnte die Dame ſchon etwas be⸗ „unruhigen, und dadurch manchen Plan vereiteln. „Der Wagen hielt auf der naͤchſten Station.“ „Ich ſtieg aus und redete die Fuͤrſtinn an. Es „iſt mir zwar verboten, ſagte ich, mich in Ihre „Angelegenheiten zu miſchen, und ich erklaͤre Ihnen „hiermit feierlich, daß, ſo lange Ihre Maßregeln ſich „in den Schranken der Liſt halten, ich aus Ach⸗ „tung fuͤr Ihren verſtorbenen Gemahl und Ihren „Sohn, blos durch gleiche Liſt derſelben begeg⸗ „nen werde; ſollte indeſſen irgend einer Ihrer „Schritte durch Gewalt bezeichnet werden, ſo „werde ich mit Gewalt Ihrem Unternehmen die „Spitze zu bieten wiſſen. Erich und ein paar an⸗ 140 „dere Bedienten ſahen mich drohend an, ich fuhr „fort und hetheuerte ihr, daß ich und mein Be⸗ „dienter Manns genug waͤren, um ſechs ſolcher „Buben zu widerſtehen, und daß die Obrigkeit je⸗ „den Ortes uns huͤlfreiche Hand, zur Verhinde⸗ „rung eines Verbrechens, bieten werde.“ „Sie antwortete mir nichts und ſetzte ihre „Reiſe ununterbrochen fort, ich folgte, und zu Pon⸗ „tviſe geſtand ſie mir, daß ſie alle umwege, um mir „zu entgehen, eingeſchlagen habe. Wir fuͤhrten „beide einen ganz neuen Keieg. Jeden Tag aͤn⸗ „derte ſie ihre Richtung und ich folgte; ihr Kopf⸗ „ſchmerz hielt ſie in einem Dorfe zuruͤck, ich blieb „guch, ich folgte wie ihr Schatten. Mit einemmale „wandte ſie der Oſiſee den Ruͤcken und reiſte der „Mitte Deutſchlands zu. Sie hatte ohne Zweifel „Nachrichten erhalten, und wir den Brieftraͤger „nicht bemerkt. So gelangten wir an die franzdſi⸗ „ſche Grenze, als ein kleiner Wagen dem ihren „vorauf fuhr. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß „Paula und Bolesko ſich in der kleinen Chaiſe „befaͤnden, vermied indeſſen alle Gewalt aus fol⸗ „gendem Grunde. Die Fuͤrſtinn konnte, vermoge ih⸗ „res Ranges, auf eine gewiſſe Maͤßigkeit, in allem „was man gegen ſie unternehmen wollte, Anſprüͤ⸗ „che machen, um ſo mehr, da ihr Sohn, trotz aller 141 „Hinderniſſe, dennoch der Schwiegerſohn Obinski's „werden konnte. Wir entſchloſſen uns indeſſen, den „Wagen nicht aus dem Geſicht zu verlieren.“ „Wir waren in Frankreich. Einige Meilen „von Troyes zerbrach uns eine Kleinigkeit am Wa⸗ „gen. Die Poſtillone, Obinski und ich arbeiteten „aus allen Kraͤften, um es wieder in Ordnung zu „bringen, aber die verlorne Zeit laͤßt ſich nie wie⸗ „der einholen. Als wir wieder einſtiegen, hatten „wir die Chaiſe und den großen Wagen aus dem „Geſichte verloren. Trotz aller Muͤhe konnten wir „die Fuͤrſtinn nicht wieder einholen. Wir waren in „Verzweiflung, um indeſſen endlich meine Erzaͤh⸗ lung zu ſchließen, ſo diene Ihnen zur Nachricht, „Herr Maire, daß ich nach langem Hin⸗ und Her⸗ „reuzen ſo gluͤcklich war, zu Dieppe Paula „den Haͤnden ihrer Raͤuber zu entziehen.“ „Die Furſtinn beharrte auf ihrem Vorhaben mit „einer eiſernen Feſtigkeit. Erich iſ jetzt von uns „erkannt worden, ein anderer Bediente hat ſie zu „Paris verlaſſen, ich weiß nicht warum, Bolesko „iſt auf der Flucht. Erich haͤlt ſich hier in dieſem „Canton auf, er ſucht uns und ich habe Sie, Herr „Maire, deshalb mit allem ſo vertraut gemacht, da⸗ „mit Sie deſto leichter die Wichtigkeit einſehen, die⸗ ſen Buben, der uns ſo gefaͤhrlich werden kann, zu 12„ „fangen. Ich bin uͤberzeugt, es iſt mir gelungen, „Ihnen einiges Intereſſe fuͤr dieſe ungluͤckliche Fa⸗ „milie, welcher Sie Ihren Schutz entziehen „werden, einzufloͤßen.“ — Gewiß nicht, Ew. Durchlaucht!— Mar⸗ „tin, Herr Martin und nichts weiter, ich bitte „Sie, ſetzen Sie allen Unterſchied des Standes bei „Seite/ eine Uebereilung konnte die Fruͤchte aller „muͤhſamen Arbeiten fuͤr immer darnieder ſchlagen. „Schicken Sie einige Gensd'armes verkleidet nach „Loges. Erich erwartet dort einen gewiſſen Fir⸗ „min, und es iſt nicht ſchwer, ihn zu erkennen. Die „Gensd'armes werden ihm ſeine Papiere abfordern „und man wird ihn als Vagabund nach Paris ab⸗ „führen. Aber eilen Sie, ich habe Sie mit meiner „Erzoͤhlung uͤber eine halbe Stunde aufgehalten, „und wir hahen nur ei Stunden zu unſerer Dis⸗ „Fpoſition. Nicht wahr, Cognard?“ Herr von Polmont klingelte. Er ſandte einen Bedienten zu Firmin und befahl ſeinem Kut⸗ ſcher, anzuſpannen. — Ich darf auf einem fremden TDerritorium nicht jemand eunns Maire arretiren laſſen.—„Wenn aber der dortige Maire „anders denkt, wie Sien— Haben Sie keine Sorge, er wird mir mit Vergnuͤgen huͤlfteiche Hand bieten und einen Gegendienſt gern erzeigen. Seine Un⸗ tergebenen haben bei mir Holz ſchlagen laſſen und er hat mich um eine Verlaͤngerung des Zahlungs⸗ termines in ihrem Namen gebeten.— Alles iſt fer⸗ tig.— Herr von Polmont gab Firmin ſeine Befehle, ſtieg in den Wagen und fuhr nach Loges. Wer da leſen will, wird das Naͤ⸗ here erfahren. Erich entfernte ſich keinen Schritt von Loges. Bertrand und Sophien ſinden, war fuͤr ihn ein goldener Fund, und Firmin, hoffte er, wuͤrde ihn auf ihre Spur bringen. Mit Sonnenaufgang war er aufgeſtanden; ein Spitzbube fruͤhſtuͤckt oft beſſer, als ein ehrlicher Mann, und Erich hatte in einem Wirthshauſe ſelten Langeweile. Die zwei Stunden waren noch nicht abgelau⸗ fen, als die beiden Bauern als Gensd'armen ver⸗ kleidet ins Wirthshaus traten. Erich verzehrte eben eine Hammelkeule und trank eine Bouteille Wein dazu. Sie forderten ebenfalls Wein und ſprachen unter ſich von ganz gleichguͤltigen Dingen, * 144 doch verfehlte der Gensd'arme nie, ſeinem Brigadier mit ja oder nein, Herr Firmin, zu antworten. Bei dem Namen Firmin ſpitzte Erich die Ohren und ſuchte ſich ins Geſpraͤch hinein zu draͤn⸗ gen. Firmin faßte ihn waͤhrend dem Sprechen gut ins Auge und dachte bei ſich ſelbſt,„das iſt „unſer Mann, dreißig Jahr, die Haare mehr roth „wie blond, rundes rothes Geſicht, er iſt es!“ Sind die Gensd'armen einmal ihrer Sache getiß⸗ ſo ma⸗ chen ſie in der Regel wenig Worte.— Wer ſeyd ihr?— fragte Firmin trotzig.—„Ein Rei⸗ „ſender.“— Wo ſind Eure Papiere?—„Mit „welchem Nechte duͤrft Ihr mich um meine Pa⸗ „piere fragen?“— Mit dem Recht des Stär⸗ teren, hier ſahen zufallig zwei Piſtolen aus der Taſche hervor.— Her mit Euren Papieren.— „Ich habe keine.“— Prretirt.—„Aber wer ſeyd „Ihr?“— Brigadier der Gensd'armerie.— „Nehmen Sie ſich in Acht, und uͤberlegen Sie, was „ſie thun, ich bin Kammerdiener der Fuͤrſtin Ber⸗ „loff.“— und wenn der Deufel Dein Herr waͤre, Du marſchirſt mit, her mit den Haͤn⸗ den.— So wie ſie ſich ſeiner Haͤnden verſichert hat⸗ ten, ſingen ſie an, ſeine Taſchen zu durchſuchen. Ein Schnupftuch, eine Doſe, und 25 Lonis. Eine Brieftaſche von rothem Maroquin. Herr von P ol⸗ mont — 145 mont hatte Firmin befohlen, nichts zu leſen, ſon⸗ dern die Papiere unter Siegel zu nehmen. Fir⸗ min, ein puͤnktlicher Befolger der empfangenen Befehle, druͤckte ſein Pettſchaft darauf und fing ein muͤndliches Gericht von neuem an. Er fragte den Gefangenen um ſeinen Namen; er nannte ſich Erich Powl; was ihn fuͤr Geſchaͤfte hierher gefuͤhrt⸗ der Gefangene verwies auf ſeine Brieftaſche, aber Firmin huͤtete ſich wohl, das geringſte zu dffnen und zu leſen. Ein Gens'darme von Loges trat ein und mel⸗ dete, daß der Herr Maire des Kantons, und der Maire von Acheres alles zu beendigen wuͤnſchten, weshalb die Papiere und der Gefangene der Polizei⸗ praͤfektur uͤberliefert werden ſollten.—„Gut, ſprach „Firmin, unterdeſſen trinken wir eins.— Hier, „dies Portefeuille gebt dem Herrn von Polmont. „Wir haben unſre Kleider bei der Dorfwache, einen „kleinen Buͤchſenſchuß von hier, gelaſſen, holt ſie „bei Eurer Ruͤckkehr, ſindet ihr einen guten Eier⸗ „kuchen und noch ein Glas Wein, nicht wahr Muͤt⸗ „terchen?“— Von Herzen gern, Herr Firmin. Alſo doch Firmin, dachte Erich, der Schelm heute fruͤh war alſo kluͤger, als ich, und uͤberlie⸗ ferte mich den Gensdarmen. Wie koͤmmt er aber dazu? Sollte es vielleicht ein Spion des Grafen 1.[10] 146 Obinski ſeyn, der mich beobachten ließ? Genug, die Furſtinn muß mir helfen, es koſte was es wolle, ich werde warlich nicht umſonſt von hier nach Pa⸗ ris gehen, ohne einmal ſo viel Zeit zu haben, eine Prieſe Taback nehmen zu konnen. Beide Herren Maire hatten den wahren Grund der Verhaftung Erichs nicht angegeben, der Maire von Loges war uͤberhaupt nicht unterrichtet, es war indeſſen der Verdacht allein hinreichend, einen Vagabonden, deſſen Subſiſtenz fuͤr den Augenblick ſo in Zweifel zu ziehen war, zu arretiren und einer ſtrengen Aufſicht und aufmerkſamem Verhore zu em⸗ pfehlen. Erich ward erſucht, ſich auf den Weg zu ma⸗ chen von jeder Seite ein wohlberittener Gensd'ar⸗ me, welche indeſſen ſeiner Bitte, einer wenig lang⸗ ſam zu reiten, nachgaben. Herr Martin war zum muthigen Hahne zu⸗ ruͤckgekehrt, und erwartete mit ungeduld die Ruͤck⸗ kunft des Herrn Maire, um den Verlauf der gan⸗ zen Sache zu vernehmen. Ein ungeduldiger Menſch bleibt nicht lange auf einem Flecke. Herr Mar⸗ tin ſprach mit ſeinen Freunden, ging ins Freie, ſahl nach der Gegend, wo alles herkommen mußte, vegab ſich auf das Schloß, kehrte wieder nach Hauſe zuruͤck, und ging eben ſo ſchnell wieder zum Zim⸗ 147 mer hinaus. Endlich gewahrte er die Equipage des Maire, ſie kam naͤher, Herr von Polmont la⸗ chelte im Voruͤberfahren; jetzt war Herr Martin ruhig und ging ins gelbe Zimmer zuruck. „Aber was iſt Ihnen heute? fragte endlich „Bertrand, Sie ſind in beſtaͤndiger Bewegung?— NRichts, nichts, aber ſage mir, willſt Du hier 4 Wo⸗ chen bleiben und nichts beginnen; Nimm einen Wagen, fahre nach Poiſſ y und kaufe die Meubles und alles, was Du zur Einrichtung gebrauchſt, ein, nimm gllenfalls Sophien mit, die Bewegung wird ſie ein wenig aufheitern.—„Wie, ich ſollte So⸗ „phien mitnehmen?“— Fuͤrchte nichts mehr, ich ſtehe fuͤr alles—„Sie ſtehen fuͤr alles?“— Ja, jetzt verwunderſt Du Dich; Du weißt doch, ſo gut als ich, daß die Fürſtinn nach Paris zuruͤckge⸗ kehrt iſt, und ich ſage Dir jetzt noch, daß Erich, der uns auflauren wollte, ſich in den Häͤnden der Gensd'armen befindet, die ihn, der Himmel weiß i welches Gefaͤngmß fuͤhren werden. Der Weg Poiſſy iſt frei fuͤr Dich und Jedermann.—„Erich „arretirt? woher wiſſen Sie das?“— Dieſen Mor⸗ gen, als Du noch ſchliefeſt, hab ich fur Dich ge⸗ wacht! ha, ha, ha! Herr Martin erzaͤhlte Bertrand jetzt alles, was ſich zwiſchen ihm, dem Maire und Cognard 148 zugetragen hatte; er woklte nicht eher mit ſeinem Freunde davon ſprechen, als bis Erich in eine Lage verſetzt worden war, die ihn fuͤr die Folge un⸗ ſchäͤdlich machte.„Sollte ich Dir, ſagte er, eine „unnuͤtze Angſt machen, beſſer ich ſchwieg und han⸗ „delte. Gieb mir jetzt dir Briefe der Fuͤrſtinn, ich „werde ſie der Ausſage Baleskos zu verbinden „wiſſen, und waͤhrend Du nach Poiſſy faͤhrſt, reiſe „ich nach Paris, um zu ſehen, was jetzt und fuͤr „die Zuknnft zu thun iſt.“ Herr Martin hatte indeſſen noch wichtigere Eile; er ahnete eine Moͤg⸗ lichkeit, daß Erich Sachen entdeckt haben koͤnnte, die in der Folge gegen die Fuͤrſtinn zeugen könnten. Er verließ Bertrand, als dieſer eben ſeine Reiſe⸗ zuruͤſtungen begann und flog zu Herrn vvn Pol⸗ mont. „NRun, Herr Muaire, n wir haben ihn! ha, ha, ha!“ — Wer hat Ihnen das geſagt?—„Sie ſelbſt, ha, — Ich habe Sie ja nicht geſprochen, ſondern b mit ungeduld auf Ihre Gegenwart gewartet.— „Wenn Erich davon gekommen waͤre, ſo hatten „Sie mich vorhin im Voruͤberfahren ebenfalls an⸗ „geſehen, aber mit einer Miene, die den Kummer „eines ehrlichen braven Mannes ausdruͤckt, dem „ein gutes Werk mißgegluͤckt iſt.— Sie laͤchel⸗ 149 „ℳten, und Ihr Auge ſprach, wir haben ihn, wir „haben ihn! Herr von Polmont erzaͤhlte den Hergang, und zeigte Herrn Martin das Portefeuille, das er nun in ſeiner Gegenwart dffnen wollte.„Ach, „Herr von Polmont, jetzt muß aller Argwohn „unter uns ſchwinden!“ er brach es auf und 5 „folgende Worte: „O binski muß auf jeden Fall zwiſchen Pon⸗ „tviſe und St. Germain irgendwo geblieben ſeyn. „Erich, durchſtreife alſo die Gegend und ſuche ſei⸗ „nen Aufenthaltsort auszumitteln.“ „Er laſſe es ſich an nichts fehlen, jedoch ver⸗ „meide Er jede Ausſage die Ihn bemerkbar machen „könnte.“ „Hat er den Aufenthalt des Grafen ausgemit⸗ „telt, ſo wird Er ſogleich einen Boten an die Fuͤr⸗ „ſtinn mit dieſer Vachricht abſenden. Er wird dem „Grafen, wohin er auch reiſe, unbemerkt folgen „und Tag fuͤr Tasg der Füͤrſtinn, von ſeinen Bewe⸗ „gungen, Meldung machen.“ „Teufel, Herr Maire! ſagte Herr Martin, das „ſind angemeſſene Inſtruktionen, es iſt nur ſchlimm, „daß ich nicht die Hand kenne; ich vermuthe, Ma⸗ „tisks hat alles geſchrieben. Ich habe ebenfalls ein 150 „Portefeuille, und wir wollen die Haͤndſchriften ſpä⸗ „ter mit einander vergleichen“ Die unterhaltung war froh und lebhaft, von Zeit zu Zeit entwiſchte dem Herrn Maire das Wort Durchlaucht und Herr Martin ſprang jedesmal dabei vor Angſt hoch auf, bat den Maire um alles in der Welt willen, behutſamer zu ſeyn, und ihn nicht durch Unvorſichtigkeit von Acheres zu entfer⸗ nen.„Jetzt, ſprach er, fuͤrchte ich die Fuͤrſtinn „nicht mehr, im Gegentheil, ich will ſie uͤberra⸗ „ſchen, will ſie treßfen, gleichviel wo. Mein Plan „iſt gemacht, und er wird ſchneller gelingen, als „der Ihrige. Damit wir indeſſen mit einander „vertrauter werden, Herr Maire, ſo daͤcht ich, aͤßen „wir heute mit einander, trinken von dem Wein „welcher geſtern den Pfarrer tanzen machte und ſe⸗ „tzen eine Strafe auf das erſte Wort, das Ihnen „hinſichtlich meiner— Ja, ja, Ew. Durchlaucht!— „Schon wieder, ſapperment, wenn das noch einmal „geſchieht, ſo mache ich Sie zu einer Hoheit oder „zu einer Maieſtat.“ „Ja, noch eins, ich fahre heute Abend nach „Paris und muß Cognard noch manchen Auftrag „geben. LebenSie wohl, um 3 Uhr bin ich hier, da „ſpeiſen wir miteinander.— Auf Wiederſehen, „Ew. Hoheit!— Auf Wiederſehen Herr Mar⸗ 151 tin.—„So iſt's recht; um Ihnen meinen Namen „immer im Gedaͤchtniß zu halten, erlauben Sie mir „ſchon einen kleinen Potentaten aus Ihnen zu ma⸗ „chen. Es geht nicht anders in der Welt, mein lie⸗ „ber Herr von Polmont, der eine ſteigt, der an⸗ „dere faͤllt, und wenn der Vorhang niederrollt, ſo „findet jeder ſeinen Platz. Der Stanb desjenigen, „der die Rolle eines Koͤnigs, und deſſen, der die „ſeines Dieners geſpielt hat, iſt nichts mehr, als „Staub! Sie werden mir einwenden, daß der eine „ſich in der Geſchichte uͤberlebt, waährend der an⸗ „dere vergeſſen wird, und ich antworte: gluͤcklich iſt „der, der keines Geſchichtſchreibers bedarf. „Alerander von Macedonien und Ihr Cartouche „haben beide deren gehabt, aber es gilt von den „Maͤnnern, wie von den Frauen: Im allgemeinen „ſind diejenigen, von welchen man am wenigſten „ſpricht, die beſten. Herr Martin ging zu Cognard.„Der heu⸗ „tige Tag hat gut begonnen, und ſieh, mein Sohn, „das dank ich Dir, Du mußt mir indeſſen noch ei⸗ „nen Dienſit erweiſen.“— Sie haben zu befehlen, „Herr Martin.—„Das iſt recht, Cognard, Du „haſt ein beſſer Gedaͤchtniß, als der Herr Maire; „das Gedaͤchtniß iſt eine geſchichtliche Tabelle des „Vergangenen und des Gegenwaͤrtigen, welche der 152 „Menſch ſtets mit ſich herumtraͤgt. Uns iſt die Fa⸗ „higkeit gegeben, Vergleiche anzuſtellen, und indem „wir vergleichen, ordnen wir unſer Urtheil. Der „Verluſt des Gedaͤchtniſſes zieht alſo das Unvermb⸗ gen, ferner zu denken, nach ſich. Das Gedaͤchtniß „iſt demnach das nuͤtzlichſte aller Faͤhigkeiten, und „ihm verdankſt Du alſo Deine Klugheit und Dein „verſtaͤndiges Benehmen.“ „Ich fahre heute nach Paris, werde meinen „Wagen nehmen, ihn zu St. Germain laſſen und „mich dort des erſten beſten Fuhrwerks bedienen. „Bin ich in Paris, miethe ich einen Fiaker „und ſteige einige hundert Schritt vor meinem „Hotel ab; es wird alſo niemand ahnen können, „duß ich von Acheres komme. Dem ohngeachtet be⸗ „darf ich eines Bedienten, der mich und meinen „Wagen von St. Germain hierher zuruͤck fuͤhrt, „wenn Du ihm dazu den Befehl ertheilen wirſt. „Natuͤrlich werde ich nicht unterlaſſen, Dir Nach⸗ „richt zu geben, denn ich will auf Deiner Hochzeit „ſeyn“— Ich hoffe auf das Vergnuͤgen, Herr Martin; aber was für einen Bedienten wünſchen Sie?—„Einen ganz gewöhnlichen Burſchen, der „mit Pferden umzugehen weiß.“— Ich verſtehe. Alſo wenig Verſtand, noch weniger fein und durch⸗ trieben, ein Burſche, dertalles anſehen kann, ohne X 153 daß ihn irgend etwas aus ſeinem Gleichmuth bringt. Solche Leute ſind freilich nicht ſo ſelten, als die ſogenannten Genies, aber ſie ſind doch auch nicht ſo gewohnlich. Roſalie, die hier bekannt iſt, wird einen ſolchen Fuhrmann zu finden wiſſen. Cognand hat nie nothig, Roſalien außzuſu⸗ chen, er weiß auf die Minute, wo ſie iſt, und was ſie treibt. Herr Martin flicht ihr die Brautkrone, man kann ſich alſo leicht denken, mit welchem Ei⸗ fer ſie jede Gelegenheit ergreift, um dem edlen Manne gefaͤllig ſeyn zu konnen. Es dauerte nicht lange, ſo trat ſie laͤchend bei Cognard ein und brachte einen kurzen dicken Jungen, der den Kopf auf die linke Schulter haͤngen ließ, waͤhrend ſein Blick in den Geſtirnen zu leſen ſchien.— Herr Martin, dieſer Burſche muß fuͤr Sie beſtellt ſeyn!—„Warlich, Roſalie, ich glaube es ſelbſt, „Wie nennſt Du Dich?“— Ich nenne mich niemals, wenn mich aber andere nennen, ſo nennen Sie mich bei meinem Namen.— „So? und wie iſt Dein Name?“— Bonifaz! aufzuwarten.—„Der Name paßt recht gut zu „Deinem ganzen Weſen.“— O ja, es iſt ein huͤbſcher Name.—„WVillſt Du mit Pferden „umgehen?“— Wie mit mir ſelbſt, gnaͤdiger Herr.—„Anſchirren, ſtriegeln, futtern?“— Auf⸗ 154 zuwarten⸗ gnaͤdiger Herr.—So geh zu Du⸗ „bourg, ſage ihm, daß Du mir bereits angehoͤrſt.“ — Nein.—„Warum nicht?“—„Weil ich Su⸗ ſetten angehdre.—„So, ſo, alſo Suſette be⸗ „ſiehlt Dir?“— Nein.—„Wer denn?“— Ich vefehle mir ſelbſt.—„Du willſt alſo weder „Bedienter noch Kutſcher ſchn, und auch mit mir „nicht nach Paris fahren?“— Ei warum nicht? wenn Suſette mit faͤhrt.—„Was willſt Du „aber mit ihr unterweges anfangen.“— Wir plaudern zuſammen, was der liebe Gott will, ich gebe ihr eins auf die Achſel, ſie ſtoßt mich tuͤchtig mit dem Fuß, he⸗ be he! da vergeht die Zeit.— Dieſer Kerl hat alſo eine Suſette, in die er verliebt iſt, und aller Wahrſcheinlichkeit nach, ein regelrechtes Seitenſtuͤck zu ihm iſt. Das beweiſt, daß die Liebe ein Beduͤrfniß der Natur iſt, und uberall in jedem Weſen ihre Wurzel ſchlaͤgt und vorwaͤrts treibt. Verfeinerte Gefuͤhle und Geſin⸗ nungen ſind dem Herzen, was dem Körper ein ele⸗ gantes Kleid iſt. Es birgt die Rauhheit der For⸗ men, der Menſch iſt aber immer darunter. Ich werde einen Bauer nehmen, um meinen Wagen zuruͤck zu fuͤhren. Große Dummheit kann eben ſo gefaͤhrlich werden, als große Verſchlagen⸗ 155 heit. Die letzte handelt, die erſte laͤßt alles mit ſich machen.„Komm her, Bonifaz, hier ſind ℳ5 Franken, plaudere mit Suſetten, gieb ihr ei⸗ „nen Schlag auf die Achſel und laß Dir einen „Fußtritt zur Belohnung geben.“ Herr Martin hat geſpeiſt und iſt unterweges. Punkt vor Punkt gegu nach ſeinem Plane han⸗ delnd, langt er in ſeinem Hotel an. Jetzt war er nicht mehr der einfache Buͤrgers⸗ mann von Acheres; ein großer Herr, dem man huldigt, ſchmeichelt, ſeinen Winken gehorcht, und der mit Anſtand den Gehorſam anzunehmen ver⸗ ſteht, trat ins Haus. Der unterſchied des Standes, dachte er, iſt doch keine bloße Chimaͤre, weil die Menſchen das Beduͤrfniß fuͤhlen, ihm zu huldigen. Sie geben ſich nicht immer von ihrem Betragen wiſſen aber doch ſehr wohl, daß ein Gebaͤude hedroht wird, wenn man das Gewk e zerſtört, und daß ein Gewolbe ſturzt, wenn man die mittelſten Steine losbricht. In bin feſt uͤberzeugt, daß der Lumpenſammler ſeine Augen bis zu dem hoͤchſten Sterblichen emporwirft, daß es aber dieje⸗ nigen Menſchen ſind, deren Stand er dterpuvfen muͤßte, welche ihn von ſeinem Vorhaben, vorwaͤrts zu ſteigen, abhalten, und ſeinen Lumpenkarren aufs neue weiter fuͤhren laſſen. vit die große 156 Kette durch heftige Stuͤrme einmal zerriſſen, ſteht freilich Alles einen Augenblickzſtill. Es findet ſich aber doch wohl irgend ein geſchickter Schmidt, welcher die einzelnen Ringe der Kette wieder zuſammenfuͤgt und befeſtigt. Da iſt in vier Worten die Geſchichte und das Reſultat aller politiſchen Revolu⸗ tionen. Se. Durchlaucht gebrauchte vier Lohnbediente, einen brillanten Wagen, alles iſt daher in Bewe⸗ gung und alles iſt in Ordnung. Der Kammerdie⸗ ner beſorgt die Tvilette, ein Wink, den der Fuͤrſt mit dem Finger thut, bezeichnet das Stastskleid. Die Livreen werden aus dem Schranke hervorge⸗ ſucht und den Bedienten ſie anzulegen befohlen. Der Wagen haͤlt unter dem Thore. Se. Durch⸗ laucht ſitzen bereits darin und ſechs bis acht Orden blitzen dnrch die Wagenfenſter. Die Bedienten ſnvingen ſich auf, und der Kutſcher hat den Be⸗ fehl erhalten, bei dem Hotel des Princes anzu⸗ fahren. Die Füͤrſtinn iſt nicht zu Hauſe, Matiska aber zugegen. Der Prenz, in allem Beobachter, zieht daraus moglichſten Vortheil, geht hinauf, und ſetzt Matiska durch ſeinen Beſuch in keine geringe Verlegenheit. Dennoch benahm ſie ſich klug genug; ſie erwartete die Anrede, die Fragen des Fuͤrſten, 7 —— 157 um ihre Antwort nach Beſinden der umſtaͤnde ein⸗ richten zu koͤnnen. Der Fuͤrſt bedauert, die Fuͤrſtinn nicht zu Hauſe zu finden, er köͤmmt nicht, ſie zu beunruhigen, viel⸗ mehr ihr einen weſentlichen Dienſt zu leiſten. Ma⸗ tiska antwortet durch einzelne Silben. Am Ende kann ſie doch nicht umhin, dem Fuͤrſten zu melden, daß ihre hohe Gebieterin einem praͤchtigen Balle, welchen der ruſſiſche Geſandte gebe, beiwohne. Sie glaubte dadurch nichts zu wagen, denn kein in Uugnade gefallener Fuͤrſt wird ſich bei dem Geſand⸗ ten ſeines Monarchen zeigen, und morgen kann die Fuͤrſtinn befehlen, wie ſie es weiter mit dem Be⸗ ſuchenden halten will. — Ich komme gerade von Dieppe, Ma⸗ tiska.—„Ew. Durchlaucht ſind lange unterwe⸗ „ges geweſen.“— Ich habe an meinem rech⸗ ten Arm ein wenig Schaden genommen; bis dieſen Augenblick iſt es mir noch nicht moͤglich, zu ſchreiben.— Nimm eine Feder, und ſchreibe, was ich Dir ſagen werde. „Madame, wichtige Dinge zwinge n, Sie „um eine Unterredung zu bitten. bin ich „wieder hier und werde hoffentlich keine urſach ha⸗ „ben, mich uͤber meinen Empfang beklagen zu dur⸗ 2 „ 155 „fen. Perſonen von unſerm Range ſollten wenig⸗ „ſtens den Schein beobachten.“ „Ew. Durchlaucht nehmen mir das Papier „weg?“— um zu ſehen, was Du geſchrieben haſt.—„Sie ſtecken es ein?“— Zu ſeiner Zeit werde ich ſchon Gebrauch davon machen. Ein Maͤdchen, das mit einer ſolchen Be⸗ ſtimmtheit und Genauigkeit ihre Befehle dem getreuen Erich zu ertheilen gewußt hat, ein ſolches Talent..— Doch genug, ich bin uͤberzeugt, dieſe Befehle kommen von Dir, Du haſt ſie geſchrieben. Jetzt iſt es mir klar, warum Erich alles ſo verborgen hielt, er kennt die Wichtigkeit von allem, was aus Matiskas Feder fließt, ha, ha!— Adien, Matiska, ich glaubte Dich doch ein wenig gewandter, Du biſt aber ein ganz gewoͤhnliches Kammermaͤdchen, und mich verwundert jetzt nicht weiter, daß mein Sieg mir ſo leicht geworden iſt.— Matiska war wie vernichtet. Was aber jetzt beginnen? Soll ich die Fuͤr⸗ ſtinn bei Geſandten ſuchen? fragte ſich der Fuͤrſt, indem er die Treppe hinabſtieg. Das ſchlimm⸗ ſte, was mir begehnen kann, iſt kalt empfangen zu werden, ich will mich dem ausſetzen. Ueberdies * 6 — —— — — ————— 159 ziehe ich zu einer Zuſammenkunft mit der Fuͤrſtinn einen Ball jedem andern Orte vor. Der Anſtand erfordert und gebietet dort eine gewiſſe Mäßigkeit in allem, was man ſpricht.— Zum Geſandten! Er ward beſſer empfangen, als er geglaubt. „Sie ſind freilich vom Petersburger Hofe verbannt, „ſagte Se. Excellenz, aber hier ſind wir in Paris, ich bin erfreut, einen Mann von Ihren Verdienſten kennen zu lernen, nur muß ich bitten, daß Sie ſich der Vorſchriften erinnern, die man Ih⸗ nen hinſichtlich der Familie Berloff gege⸗ ben hat. Die Fuͤrſtinn iſt hier.—„Ich weiß „es.“— Schonen Sie dieſe Dame.—„Ich ge⸗ „ſtehe Ihnen, ich komme in der Abſicht, ſie „u ſprechen her. Wenn Sie Ihrem Hofe „etwas zu berichten haben, ſo befehlen Sie, „daß man die Depeſchen ſchließe. Die Fuͤr⸗ „Kſtinn kann ſie mitnehmen, denn ſie reiſt „morgen nach Petersburg.“— Wer hat Sh⸗ nen das geſagt?—„Niemand, aber ich glaube, „daß⸗die hieſige Luft ihr nicht laͤnger be⸗ „hagen wird.“— Prinz, bedenten Sie, was Sie thun.—„Ew. Excellenz duͤrfen ruhig ſeyn; „wenn ich mit ihr ſpreche, werde ich nur „von den Angelegenheiten Anderer reden, „und auf ſolche Art kann ich ohnmöglich 160 „den Befehl verletzen, nach welchem ich mich verhalten ſoll.“ Beide Herren wechſel⸗ ten mit einander eine Menge Schmeicheleien, wel⸗ che die große Welt erfordert, und welche einen ge⸗ wiſſen Preis erhalten wuͤrden, wenn man ihnen Glauben beimeſſen duͤrfte. Der Ball war noch nicht recht lebhaft, es war erſt halb zwoͤlf Uhr. Wie viel Weiber ſah ich hier, dachte Polawki, die ſich um die Stunde, wo andere vernuͤnftige Leute auf⸗ zuſtehen pflegen, erſt niederlegen und ſchlafen wer⸗ den, und die, der Natur entgegen, ihre Nerven ſchwaͤ⸗ chen und ihrem Koͤrper Kopfſchmerzen und Kraͤmpfe einimpfen! Welche Pracht, welche Verſchwendung! hier wird man nicht gewahr, daß das Brod dieſes Jahr ſo theuer iſt; der heutige Abend koͤnnte hun⸗ dert Familien ein ganzes Jahr lang erhalten. Frei⸗ lich, ein Geſandter muß Aufwand machen, die Fournale zu Petersburg muͤſſen, gleich de⸗ nen zu Paris, von einem ſolchen Feſte ſprechen, das iſt in der Ordnung. Unter ſolchen Betrachtun⸗ gen ging der Fuͤrſt auf und nieder, um die Fuͤrſtinn Berloff zu ſuchen. Anfänglich glaubte er ſie unter der Zahl derienigen Damen ſuchen zu muͤſſen, wel⸗ chen der bloße Anblick eines Balles, ohne daß ſie daran Theil nehmen, genuͤgt; allein dort war ſie nicht zu finden. Glaͤnzen, aus Gefaͤlligkeit den um⸗ ſtaͤn⸗ 161 ſtaͤnden nach langem Bitten, mit Anſtand weichen, iſt eine Art von Koketterie, welche den etwas be⸗ tagten Damen eigen iſt. Der Contredanz endigte, und der Fuͤrſt war nicht wenig erſtaunt, ſeine Da⸗ me an der Hand eines jungen Taͤnzers nach ihrem Platze flattern zu ſehen. Er betrachtete ſie verſtoh⸗ len, Locken verſteckten die Runzeln, der gelbe Teint war bei Licht weiß, und die Schminke faͤrbte, dick aufgetragen, ihre Wangen. Eine kuͤnſtliche Blume welche ohngefaͤhr einer aufgebluͤhten Roſe nachkom⸗ men will. Der junge Herr verließ ſie nicht, er mußte ihr Suͤßigkeiten ſagen, denn ſie hörte ihm wohlgefaͤllig zu. Ich glaube ihn zu errathen, ein junger Narr der ſich ruinirt hat, und der durch eine alte Dame ſeine Kaſſe wieder zu fuͤllen gedenkt. Er verdient ſein Geld redlich, zumal wenn er jemals Gelegen⸗ heit haben ſollte, ſeine Dame in einem aͤhnlichen Zuſtande zu ſehen, als ich dieſelbe in Pontviſe an⸗ getroffen habe. Iſt das Herz nicht im Spiele, ſo dauern ſolche Unterredungen nicht gar lange, und ich werde folglich auch an die Reihe kommen. un⸗ terdeſſen will ich mir die Damen muſtern. Hier tanzt eine allerliebſte Dame, aber nicht um zu tanzen, nein, um durch ihren Tanz Bewun⸗ derer zu erwecken. Sie wuͤrde ohne Ausdruck blei⸗ 169 hen, wenn die Eitelkeit, zu gefallen, nicht ihre Zuͤge befeuerte, ihren Augen einen kleinen Ausdruck gäbe, Augen die verfuͤhren könnten, wenn Seele aus ihnen ſpraͤche. Ich bedaure ihren Mann und ihre Kinder, wenn ſie deren hat. Dieſer Mann gefaͤllt ſich hier im Auf⸗ und Riedergehen, er ſpricht mit niemand, lächelt aber allen ſchoͤnen Damen, die voruͤbergehen, mit einem großen ſelbſtzufriedenen Weſen zu. Er kennt viel⸗ leicht nicht eine einzige derſelben. Es iſt einer der⸗ jenigen Maͤnner, welche bei kaltem Herzen den Kopf voller Schwaͤrmerei haben; ohne einmal das Beduͤrfniß zu fuͤhlen, zu genießen, will er gern fuͤr vermoͤgend gelten; er wuͤrde jeden glauben machen, daß er mit allen Weihern im Einverſtaͤndniß waͤre, wenn nicht der verachtende Blick der Damen das Gegentheil verriethe. Zweideutig ſprechen wird er indeſſen noch von mancher, und zwar, vor Endi⸗ gung dieſes Balles; ſolche Leute ſollte man fortjagen. Dieſe kleine Bruͤnette giebt ſich ganz ihrem Vergnuͤgen hin. Die Muſik elektriſirt ſie, die Luſt blitzt aus ihren Augen, und nichts um ſie herum feſſelt ihre Blicke.— Ich verſtehe, ſie ſieht ihren Taͤnzer und er ſieht ſie mit einem Ausdruck an, der mich ſchließen läßt, daß beide beim zweiten Grade 163 der Liebe ſind.— Nicht weiter, es— ſey denn, der folgende Schritt waͤre eine Heirath. O weh! wie linkiſch iſt dieſer Mann, er haͤlt keinen Takt, er ſieht ſeine Taͤnzerinn nicht ein ein⸗ ziges mal an, und doch iſt er mit ihr zufrieden und wie zufrieden!— Aha! er traͤgt ein rothes Band; er ſcheint Werth auf dergleichen Sachen zu legen. Ein Ellenlanges Band macht dieſen Parren, den man ſonſt uͤberſehen haben wuͤrde, erſt recht be⸗ merkbar. Jene Dame folgt mit entzuͤckenden Blicken ei⸗ ner jungen Taͤnzerinn, die einer Schwalbe gleich den Boden ſtreift. Dieſe Dame kann hoͤchſtens 36 Jahr alt ſeyn und ſchon jetzt lebt ſie nur fuͤr ihre Tuch⸗ ter. Ein genugſam haͤußlicher Mann ſpricht mit ihr, und ſie hort ihn mit ſcheinbarem Intereſſe zu. Es iſt der Chevalier Clainville, der ſeinen Kre⸗ dit bei Hofe gern uͤberall moͤchte geltend ma⸗ chen, der mit Verſprechungen, dienen zu wollen, Gunſtbezengungen bezahlt, welche ſonſt mit Diamanten und einer Equipage aufgewogen werden. Er iſt gefaͤhrlich, Madame, huͤten Sie ſich, Sie wollen etwas von ihm, er wird bei Ihnen, Sie nicht bei ihm zum Ziele kommen. Der Prinz wollte ſeine Beobachtungen weiter fortſetzen, allein „ der junge Hert verließ ſeinen Platz und er nahm denſelben bei der Fürſtinn ein. Mit dem feinſten Anſtande gruͤßte er die Fuͤr⸗ ſtinn.„Madame; ich habe die Ehre gehabt, Sie „tanzen zu ſehen, und bin erſtaunt uͤber Ihre Le⸗ „bensphiloſophie. Einen Sohn im Gefaͤngniſſe, einen „Vertrauten in Ketten zu wiſſen und unter ſolchen „Umſtaͤnden noch tanzen zu konnen, heißt ſich uͤber „das alltaͤgliche emporſchwingen. Sehen Sie mich „nicht ſo ſtrenge an. Ein ſolcher Blick verdirbt „das Anlitz, welches Matiska ſo kunſtvoll ver⸗ „ſchonert hat. Hier muß man luſtig ſeyn und die „wichtigen Sachen mit Laune behandeln.“— Sp ott 3 ſchlechte Spaͤße, und ſie ſtehen Ihnen nicht im geringſten.—„Mir, wie jedem andern, frei⸗ „lich; in ſo gewaltſamen Mitteln, wie Sie deren, „Madam, angewandt haben, bin ich noch Reuling — werden Sie nicht boͤſe Fuͤrſtinn, bedenken Sie, „Sie zögen im Augenblick die Aufmerkſamkeit von „zwei bis dreihundert Perſonen auf ſich.“— Und wie nannte ſich der Vertraute, den man ar⸗ retirt?— Ah, Sie haben denn alſo mehrere? „Ich ſpreche von dem, der Ihre Auftraͤge durch „Matiska ſchriftlich empfangen hat.“— Sollte Erich Albernheiten vielleicht begangen ha⸗ ben?—„Im Gegentheil, er hat nur gethan, was „ihm befohlen ward.“— Ich merke, Sie wer⸗ den mir wieder von dem bewußten Maͤd⸗ chen ſchwatzen wollen.—„Bieſes bewußte „Mädchen, Madame, kann dereinſt eine ſehr große „Dame werden.“— Wollen Sie ſich erinnern, daß dies Geſpräch unmittelbar meine Fa⸗ 165 milie betrifft und daß Ihnen verboten iſt, ſich in meine Angelegenheiten zu miſchen —„Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich mich „nie gerade zu in die Heirath Ihres Sohnes mit „der ſchoͤnen Paula miſchen werde, und daß ich „uur mit Ihnen ein Geſpraͤch angeknuͤpft habe, um „Ihnen einen wichtigen Dienſt zu leiſten, zu wel⸗ chem mich meine Achtung fuͤr Sie auffordert.“— Sie?—„Ja, Madame, ich bitte Sie, betrachten „Sie die Gefangennehmung Erichs nicht ganz „leicht.“— Was hab ich damit zu ſchaffen. —„Wie? und in ſeiner Brieftaſche ſind Ihre Be⸗ „fehle vorhanden.“— Ich habe ſie nicht ge⸗ ſchrieben, ich weiß von nichts, welchen Dienſt wollen Sie mir leiſten? Ich will diesmal Ihrer Aufrichtigkeit glauben.— „Obinskt haßt Sie und warlich nicht ohne Grund, „in ſeinen Haͤnden befinden ſich Briefe von Ihnen, „die Sie ihm geſchrieben, als Sie ihn liebten.“ — Dieſe Briefe beweiſen nichts.—„Ein⸗ „eln nichts, aber zuſammengenommen füh⸗ „ren ſie auf Vermuthungen, bei welchen öfters „die Gerichte aus ganz einfachen Gruͤnden ver⸗ „weilen.“— Sie wollen einer Dame von N meinem Range ein Tyibunal entgegen⸗ ſtellen?—„Nicht ſo hoch, Madame! Obinski „hat in ſeinen Haͤnden vas Bekenntniß Boleskos, von ihm zu Dieppe aufgeſchrieben; er iſt Hert der „Papiere Erichs.“— Alles dies ſind Baga⸗ teklen.— Zu Petersburg, ich gebe zu, hier in „Pnris koͤnnten Sie indeſſen dieſe Bagatellen in „Verlegenheit ſetzen. Erich ſitzt, wird heimlich 166 „verhoͤrt, niemand kann ihn unterrichten und ſeine „Ausſage wird dieſen Bagatellen ein eignes Gewicht „geben. Sie ſchenken mir jetzt etwas mehr Auf⸗ „merkſamkeit, Sie thun wohl daran, denn es ware „traurig, wenn eine ſolche Dame hier ihre Frei⸗ „heit verlbre.“— Wer wuͤrde es wagen?—„Es „giebt hier einen Generalinſpektor, den man „ſchon kennt, Obinski vringt ihm ſeine Klagen „vor, und morgen fruͤh— Der Geſandte wird mich ſchuͤtzen. ₰„Er wird nicht gehort, der Ge⸗ „neralinſpektor wird ihn ausgezeichnet artig em⸗ „pſangen, und Sie werden verhaftet werden, „ganz Paris wird zum Verhor fliegen, um eine „Dame zu ſehen, die einen Mann ruinirt hat, „weil er ſie nicht lieben konnte, die die Toch⸗ „ter dieſes Mannes nach Braſilien ſchicken will, „weil ihre Liebe nicht ihren Beifall hat. Sie ſchei⸗ „nen bewegt, und ſind ſiill.“— Palowski, ich liebe Sie nicht, ich bekenne es.—„Das weiß „ich, Madame, ich Sie eben ſo wenig.“— Ich will Ihnen glauben, Sie ſind hier⸗ her gekommen, um mir Vorſchlaͤge zu ma⸗ chen, laſſen Sie horen.—„Hier iſt die Kapi⸗ „tulation.— Die Fuͤrſtinn wird ſogleich ein Kopf⸗ „weh vorgeben und die Geſellſchaft verlaſſen, mei⸗ „nen Wagen annehmen, mir die Ehre erlauben, Sie „nach Hauſe zu begleiten und dort alle Befehle ge⸗ „ben, ſo ſchnell wie moglich einzupacken. Noch vor „Sonnenaufgang wird ſie abreiſen, den Weg nach „Bruͤſſel einſchlagen, und von dort aus gehen wo⸗ „hin ſie will, Frankreich ausgenommen. Ich ver⸗ „lange, Frankreich betreffend, nicht ihr Ehrenwort, 167 „denn ich hoffe, Furcht und Gewalt werden ſie „von der Ruͤckkehr abhalten.“— Und vor mei⸗ ner Abreiſe wird man mir doch alle Pa⸗ piere zuruͤck erſtatten?—„Auf keinen Fall, „Sie wuͤrden dann nicht reiſen. Alles bleibt in un⸗ „ſern Haͤnden, um gegen Sie zu zeugen, wenn es „Ihnen noch einmal einfallen konnte, gegen Obinski „zu handeln.“ „Ich habe mich nicht in die Angelegenheiten „Ihrer Familie gemiſcht, doch könnten Sie vielleicht „zu Petersburg Ihren Einfluß geltend machen, und „es dahin bringen, daß ich wie Obinski verbannt „wuͤrde. Wenn das geſchieht, ſo ſchwor ich Ihnen; „wird mich Obinski anders raͤchen, als ich ihn. „Dieſe Papiere werden hier in Frankreich gedruckt „werden, und tauſende von Exemplaren ſollen „Rußland uͤberſchwemmen. Unſer Souvergin iſt „gerecht, der Gedanke, daß man ſeine Guͤte gemiß⸗ „braucht hat wird ihn aufbringen, und der Weg „bis nach Tobolsk iſt fuͤr jedermann geoffnet. — Geſetzt, ich verlaſſe Frankreich, wer buͤrgt mir, daß man keinen Mißbrauch von meinen Papieren machen wird?—„Mein Eh⸗ „renwort und die Achtung, die ich dem Andenken „Ihres Gemahls widme, die mich nur, auf das aͤu⸗ „Ferſte gezwungen, gegen ſeinen Willen wuͤrde han⸗ „deln laſſen. — Wenn man mich aber durch dieſe Pa⸗ piere ſpaͤterhin zu meiner Einwilligung in dieſe Heirath zwingen wollte?—„Sie wiſ⸗ „ſen, wie viel ich uͤber Obinski vermag, und ich „gebe Ihnen mein Wort, es wird nicht geſchehen.“ — Aber Erich:—„Er wird verhört werden, Sie „ſind bereits fort, man wird ihn laufen laſſen und „uͤber kurz oder lang werden Sie den treuen Die⸗ „ner, von dem Sie ſich ungern zu trennen ſcheinen, „wiederſehen.“— Aber Palowski.—„Kein Aber „mehr, entweder in zwei Stunden auf dem Wege „nach Bruͤſſel, oder morgen ins Gefaͤngniß. Alſo ich bitte, bekommen Sie diesmal Kopfweh.“ Die Fuͤrſtinn nahm jene leidende Miene an, welche die Damen ſo vollkommen in ihrer Gewalt haben. Jedermann ſieht, daß Palowskis Arm ſie kaum erhalten konnte. Der junge Herr, welcher ihr vor einer Viertelſtunde ſo lebhaft die Cvur machte, nähert ſich, und ſchien geneigt, einen zweiten Arm zu bieten.„Sie ſollten ihm Muth machen, fuͤſterte „ihr der Fuͤrſt zu, er wird gern auf Ihre Koſten und ſeine Gegenwart uͤberhebt Sie ei⸗ „nes langweiligen Tete a 1ete mit Matiska.“— Kommen Sie, fort nach Hauſe, ſagte die Fuͤrſtinn. Die zwei Stunden waren noch nicht vollendet, und ſchon rollte der Wagen durch die Pforte St. Martin. Wiederum ein gut angewendeter Tag, ſagte der Prinz zu ſich ſelbſt. Auf dem Ball habe ich nichts mehr zu thun, alſo zu Bette. Morgen will ich der Etikette halber dem Geſandten einen Beſuch machen. Ende des erſten Theils. ſſ ſ 14 15 1 . 8 9 10 11 12 13 6 17 —