Schloßgaſſe 2 SLeiß und 1 Ofensein der Bibliothek. Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der eden Tag vo 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗„ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Puches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 6 für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 6 Mr.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Vet.— P 5 8 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganſen verpflichtet. 7. Ausſeihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Pigault⸗Lebrun's Humoriltiſche Romane. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt. 19. bis 21. Bändchen. Die heilige Ligue oder der Spion. Vierter Band. —,— Leipzig, 1846. Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. Einunddreißigſtes Kapitel. Joſephs Hochzeit. Statiſtik des Cantons von Uri. Wir ließen den guten Pfarrer in den ſtattlichſten von allen unſeren Karren einſteigen; André und ich ſetzten uns zu ſeinen beiden Seiten nieder, und der Hochzeitszug ſetzte ſich nun in Bewegung. Die jungen Burſche und die jungen Mädchen des Dorfes begleiteten uns, und erfüll⸗ ten die Luft mit ihren Zurufungen.„Er hat geſchworen, ſie haben geſchworen!“ riefen ſie aus,„und wir wollen auch ſchwören.“ Und dabei küßten und umarmten die jun⸗ gen Mädchen, welche um die Zukunft ihrer zärtlichen Freunde beſorgt waren, dieſelben, um ſich ihrer zu ver⸗ ſichern, mit der ganzen Offenheit guter ſchweizer Bauern. Auf dieſe Art nun werden künftighin die Gemſen der be⸗ nachbarten Berge in Frieden leben, und ſich mit Sicher⸗ heit vermehren können; und ſo waren die ganzen Ge⸗ wohnheiten der Bewohner des Thales von Goſchenen in Biblioth. 386 Boch. 1 — einem Augenblicke verändert worden, weil einer von ihnen Soldat geworden war. Die vereinigten Mundvorräthe unſerer beiden ſchwei⸗ zer Familien beſchränkten ſich auf ſehr Weniges; wir hatten ſchon das Frühſtück gegeben, das Mittagsmahl ward daher auch aus unſerer Vorrathskammer genommen. Es gab nun nicht ein Weſen in unſerem Kreiſe, welches nicht zufrieden geftellt geweſen wäre, entweder durch das Gute, welches ihm zu Theil ward, oder durch dasjenige, welches es Anderen erwieſen hatte; die Zufriedenheit, ich wiederhole es noch ein Mal, erzeugt die Heiterkeit, und doch entſchlüpfte Niemandem auch nur ein Wort, welches dem guten Pfarrer hätte mißfallen können: es giebt einen gewiſſen Inſtinkt der Wohlanſtändigkeit, welcher in den Menſchen, ſobald ſich nur ihre Begriffe etwas zu entwickeln beginnen, zu erwachen ſcheint. Vielleicht lernen wir zum Beiſpiel auf eben dieſelbe Art die Rückſichten kennen, welche wir Denjenigen ſchuldig ſind, die von unſern Eltern rück⸗ ſichtsvoll behandelt werden; die Kinder ſind immer von etwas nachahmender Natur. Der Pfarrer fand unſern Rhonewein ſehr gut und trank denſelbenmit Mäßigung, unſere andern Gäſte beherrſchten ſich in dieſer Beziehung weniger; die alte Mut⸗ ter, welche zwiſchen ihrem Enkel und deſſen junger Frau ſaß, umarmte dieſelben jeden Augenblick, aber man wird am Ende Alles überdrüſſig, ſelbſt der Liebko⸗ ſungen ſeiner theuerſten Weſen. Sie begann mit zittern⸗ der Stimme zuerſt ein Lied auf die Schlacht bei Granſon, —— — und dann eines auf die bei Murten zu ſingen, nach dem Ende jeder Strophe ſangen alle Gäſte mit Begeiſterung Chorus; der gute Wein und die Liebe zur Freiheit began⸗ nen die Köpfe zu erhitzen, und wenn jetzt ein neuer Herzog von Burgund in dieſem Thale erſchienen wäre, ſo hätten Werdaff, Makleer und Joſeph gewiß nicht verfehlt, ihn augenblicklich anzugreifen: und in der That, ich glaube faſt, daß ich auch von der Partie geweſen wäre. Marianne beſaß ziemlich viel Eitelkeit, und einige Gläſer Wein hatten ihr Vertrauen zu ſich ſelbſt verliehen; ſie hatte wirklich eine ſehr hübſche Stimme, aber ſie kam auf den ſeltſamen Einfall, das Klagelied auf die Sanct⸗ Bartholomäusnacht zu beginnen, vielleicht weil ſie keine anderen Lieder kannte. Schon bei der dritten Strophe hielt der Pfarrer ſie auf:„Mein Fräulein,“ ſagte er zu ihr,„ich weiß, daß dieſes traurige Ereigniß in Rom durch feierliche Aufzüge und durch Artillerieſalven gefeiert wor⸗ den iſt; wir haben die tiefſte Ehrfurcht vor unſerm heiligen Vater dem Papſt, aber wir halten ihn nur dann für un⸗ fehlbar, wenn er an der Spitze eines Conciliums ſteht. Wir ſehen in den Reformirten nur Chriſten gleich uns, und wir rufen den Fluch nur auf das Haupt Derer herab, die ſie verfolgen; Gott allein ſteht das Recht und die Macht zu ſie zu richten.“ Ich glaube in der That, daß dieſer Pfarrer da, wenn er ſich in Paris befände, die An⸗ hänger der heiligen Ligue bekehren könnte. Marianne erröthete und ſah mich an, meine Züge drückten ohne Zweifel Unzufriedenheit aus; ſie ſchlug die 1* Augen zu Boden und ſagte kein Wort mehr: ich habe es ſoeben ſchon geſagt, die Köpfe begannen ſich zu erhitzen, und der Pfarrer bemerkte das. Er ſtand auf und ergriff die Hände von Joſeph und Jutta:„Seid glücklich,“ ſagte er zu ihnen,„und möget Ihr lange leben unter den Kin⸗ dern, welche der Himmel Euch beſcheren wird. Joſeph, wenn Sie einen ſo unwiderſtehlichen Hang zur Jagd haben, ſo jagen Sie Murmelthiere, dieſes Vergnügen wird Sie keiner Gefahr ausſetzen; ich gehe ſehr häufig Freitags einen Murmelthierbau aufzuſuchen, und biswei⸗ len finde ich auch wirklich meinen Sonntagsbraten in dem⸗ ſelben. Holen Sie mich dazu ab, wir werden uns mit ein⸗ ander unterhalten und ich will Ihren Verwandten dann für Alles gut ſtehen.“ Er zog ſich zurück und ich folgte ym nach; ich hatte noch niemals von der Jagd auf Murmelthiere ſprechen gehört, und ich hatte keine Ahnung davon, daß man die⸗ ſelben eſſen könne: ich habe es gern, wenn ich meinen Geiſt mit neuen Begriffen bereichern kann, und ſo befragte ich denn den guten Pfarrer. Er war eben nicht ſehr wortreich, und ſein Latein nicht allzu richtig; indeſſen gelang es mir doch ſo ziemlich, die Aufſchlüſſe, welche ich von ihm wünſchte, zu erhalten. Wir haben gewiß ſchon Alle Murmelthiere geſehen, und ſind wohl Alle der Anſicht, daß dieſes Thier der Natur eben nicht viel Dank ſchuldig ſei; es hat in ſeiner Geſtalt viel von dem Bären und von der Ratte, zwei Thierarten, welche eben nicht die find, die wir kennen. ——————————————————— — Nichtsdeſtwweniger iſt es ſehr wahrſcheinlich, ſogar mehr als wahrſcheinlich, daß das weibliche Murmelthier für Den, welcher nicht beſſer geformt iſt als vaſſelbe, ſehr viel An⸗ ziehungskraft hat. Wir wiſſen ferner noch, daß die kleinen Savoyarden uns verſichern, die Murmelthiere tanzen; dieſe unſchul⸗ dige Lüge hat nur den Zweck, von dem Vorübergehenden ein kleines Geldſtück zu erhaſchen. Die Talente des Mur⸗ melthieres beſchränken ſich in der Wirklichkeit nur darauf, aufzuſtehen und ſich, mit den Vordertatzen auf den Stock ſeines jungen Gebieters geſtützt, aufrecht zu erhalten; die⸗ ſer iſt es, der eigentlich für daſſelbe tanzt, indem er dazu ſingt und ſeinen Takiſtock in die Höhe hebt, und wieder ſenkrecht herabfallen läßt. Das aber, was ich nicht wußte, war, daß das Murmel⸗ thier eigentlich der wahre Lehrer der kleinen Savoyarden iſt. Wenn es frei iſt, ſo klettert es auf alle Gegenſtände, welche es gewahrt, hinauf; beſonders aber gefällt es ſich darin, zwiſchen zwei Felswänden, welche ſehr nahe an ein⸗ ander liegen, hinanzuklimmen: zu dieſem Zwecke klam⸗ mert es ſich mit ſeinen Tatzen feſt, und hält ſich mit dem Rücken an. Es iſt ausgemacht, daß die Savoyarden nur von dem Murmelthiere allein die nützliche Kunſt, die Ka⸗ mine zu fegen, erlernen; aber das, was nichts weiter als nützlich iſt, wird wenig beachtet und ſchlecht bezahlt. Wir haben es wenigſtens noch niemals geſehen, daß die Sa⸗ voyarden von ſchönen Damen geliebkoſt wurden, oder ſonſt ihr Glück machten. Sollte dem Menſchen der Hang zur Undankbarkeit denn wirklich angeboren ſein? Der kleine Savoyarde miß⸗ handelt gewöhnlich das Murmelthier, welches er nach Frankreich bringt, und wenn er dann in ſeine Berge zurückgekehrt iſt, ſo verfolgt er ſeine Lehrer mit tüch⸗ tigen Stockſchlägen, denn man bedarf keiner anderen Waffen, um ſich bei dieſer Art von Jagd unſterblich zu machen; aber ich bemerke ſoeben, daß ich durchaus nicht in methodiſcher Weiſe verfahre: ich habe immer von dem civilifirten Murmelthier geſprochen, und ich mußte doch damit beginnen, das Murmelthier im Naturzuſtande zu ₰ ſchreiben. Das ſchöne Geſchlecht tiebt die kleinen Hunde und die kleinen Katzen, es verachtet aber das Murmelthier, welches nichtsdeſtoweniger mit ihm eine Eigenſchaft gemein hat, auf welche die Männer einen ſehr großen Werth legen: nämlich eine außerordentliche Reinlichkeit. Es gräbt ſich wie das Kaninchen ein, und ſeine Höhle iſt ſehr kunſtvoll austapezirt; ſie iſt ringsumher mit Heu und einer ſehr dichten Art von Moos belegt, von welchem ſich die Mur⸗ melthiere noch zur Sommerszeit einen gehörigen Vorrath verſchaffen. Die einen ſchneiden das feine Gras ab, die andern ſammeln es ein; einige von ihnen legen ſich auf den Rücken, ſtrecken ihre Tatzen in die Luft empor und bil⸗ den auf dieſe Art gewiſſermaßen einen Frachtkarren. Ihre Gefährten beladen ſie nun, und ſchleppen ſie bei dem Schwanze bis zu dem Baue hin. Wenn dieſe Thatſache wirklich feſtſteht, ſo wird man zugeben müſſen, daß die Murmelthiere wenigſtens ebenſo erfinderiſch als die Bi⸗ ber ſind. Die Wärme ihres Blutes beträgt nur zehn Grad, und nichtsdeſtoweniger leben ſie doch mitten unter Schnee und Reif; daher ſchließen ſie ſich auch bei Annäherung der böſen Jahreszeit in ihre Behauſung ein, ſie verſtopfen dann den Eingang zu derſelben ſo feſt und dicht, daß es leichter iſt, die Erde an jeder andern Stelle ringsumher, als gerade an dieſem Punkte zu durchbrechen; da liegen ſie nun zehn bis zwölf über einander gerollt, wie ein Ro⸗ ſenkranz, den man in eine Schachtel eingepackt hat. In dieſe ihre Wohnung nun haben ſie durchaus keine Mundvorräthe mitgenommen, die Natur hat ſie ſo orga⸗ niſirt, daß ſie derſelben gar nicht bedürfen; ſie ſchlafen den ganzen Winter über, und zwar oft einen ſo tiefen Schlaf, daß die Jäget ſie mit ſich nach Hauſe tragen, ohne daß ſie erwachen. Sie ſind zu dieſer Zeit immer ſehr fett, und es giebt deren, welche bis zu zwanzig Pfund wiegen; ihr Fleiſch, obgleich ölicht und voll von Faſern, wird doch von den Bergbewohnern, die nicht allzu verzärtelt ſind, ſehr gern gegeſſen; ihr Fett iſt ein mächtiges mediciniſches Mittel gegen rheumatiſche Schmerzen, ihr Fell hat aber ſehr wenig Werth. Die milde Wärme der Aptilſonne erweckt ſie, jedoch ſind ſie dann von außerordentlicher Magerkeit; ihr Fett hat ſie während der vier oder fünf Monate ernährt; dann verlaſſen ſie ihre Höhlen, aber entfernen ſich doch nicht ſehr weit von ihrem Baue. Während ſie weiden, ſteht eines von ihnen auf Wache; wenn dieſes nun einen Men⸗ ſchen, einen Adler oder einen Hund bemerkt, ſo ſetzt es die Heerde durch eine Art von Pfeifen davon in Kenntniß; fie beeilen ſich dann wieder in ihre Höhlen zurückzukehren, und die Schildwache iſt es, die den Marſch beſchließt. Sie gebären nur ein Mal im Jahre, und ihr Wurf find vier bis fünf Junge; diejenigen, welche der Beharr⸗ lichkeit der Jäger dennoch entgehen, leben neun bis zehn Jahre. Wir waren jetzt an der Thüre des Pfarrhofes ange⸗ langt; der Pfarrer lud mich ein, hineinzutreten.„Ich glaube nicht,“ ſagte er zu mir,„daß Sie eben ſehr große Eile haben in Appenzell anzukommen; der Canton von Uri, obgleich er nur einen ſehr beſchränkten Umkreis ein⸗ nimmt, iſt doch der Beobachtung der Reiſenden nicht un⸗ werth.“—„Ja, ebenſo beſchränkt wie Ihr Dorf und ſeine Hütten.“—„Es iſt auch nicht nöthig, daß die Hütten un⸗ ſerer Landleute groß ſeien, weil ſie ſich in denſelben, außer in der Nacht, faſt gar nicht aufhalten; ihre geringe Feſtig⸗ keit ſetzt Sie auch in Erſtaunen, das iſt wohl nur die Wir⸗ kung davon, daß Sie es gewohnt ſind, in ſchönen ſteiner⸗ nen Gefängniſſen oder gar in Feſtungen ſelbſt zu leben: in denſelben waren Sie von Allem, was Sie umgab, ab⸗ hängig gemacht. Dieſe Hütten dagegen ſcheinen Denjeni⸗ gen, welche ſie bewohnen, ſchön, weil ſie keinen erhabene⸗ ren Bauſthl kennen und weil ſie in denſelben frei leben. Wenn ein Krieg zwiſchen Deutſchland und der Schweiz ent⸗ brennen würde, ſo würden ſie ohne Bedauern eine Woh⸗ 3 nung verlaſſen, die ſie in vierzehn Tagen gebaut haben, und ſich in ihre Feſtungen zurückziehen. Da ſtehen ſie, dieſe Feſtungen! Dieſe Berge ſind es, welche unſere Kraft aus⸗ machen und welche Denjenigen, die gekommen ſind um uns anzugreifen, noch immer verderbenbringend geworden ſind. „Ich wiederhole Ihnen die Einladung, den Canton von Uri nicht zu verlaſſen, ohne Das, was er Bemerkens⸗ werthes varbietet, geſehen zu haben, nämlich: Altdorf, den Geburtsort Wilhelm Tells, die Kapelle, welche ihm die Dankbarkeit des Volkes errichtet hat, den Sanct Gotthard, den Mönchsſprung, die Teufelsbrücke und das Thal von Urſern.“ Wir ſchieden von einander, Einer mit dem Andern zu⸗ frieden, und ich beeilte mich Makleer wieder aufzuſuchen; ich hörte ſchon von Weitem den Schall eines Dudelſackes, und ahnte daher ſchon voraus, was ich zu ſehen bekom⸗ men würde. Die jungen Burſche und die jungen Mädchen des Dor⸗ fes waren gekommen, um Joſephen und Jutta'n Glück zu wünſchen und an ihrer Spitze zog der Dorfmuſikant ein⸗ her, für ſie ein unerſetzlicher Menſch, weil er der Einzige war, der ſie tanzen laſſen konntez der Pfarrer unterſagte ihnen auch dieſes Vergnügen nicht, weil er nicht glaubte, daß fröhliches Umherſpringen Sünde ſei, und weil übri⸗ gens hauptſächlich auf dieſen ländlichen Bällen alle Ehen ſich vorbereiten. Man tanzte alſo; Jutta und Joſeph ſahen ſich an!.. — 0— und ſie tanzten dazu, wie wenn ſie nichts Beſſeres zu thun 3 gehabt hätten. Marianne hatte ſich auch in dieſe Spiele gemiſcht und machte ſich in denſelben bemerkbar; die jungen Mädchen ſchienen mit ihr zufrieden zu ſein, weil ſie ihnen Freund⸗ ſchaftsbezeigungen erwies und weil die Frauen ſich überall gern ſchmeicheln laſſen; die jungen Leute beeilten ſich, ihr ihre zwar ſehr reinen, aber auch ſehr harten Hände zu bie⸗ ten, weil ſie hübſch war und ſehr gut tanzte. Die ruhigere Clara ſaß auf einem Schemel, hielt auf jedem ihrer Kniee eins der Kinder und betrachtete dieſes lachende Gemälde; ich dachte, daß ſie vielleicht noch niemals getanzt habe, außer mit André. „Ah! weil ich gerade an André denke, wo iſt erdenn?“ Marianne verließ ihren Tänzer, kam zu mir und ſagte mir, indem ſie mir eine kleine zierliche Verbeugung machte, daß er ſich in dem Hauſe befinde; ich trat in daſſelbe ein. Hier hatte ſich das Schauſpiel verändert: Makleer, Wer⸗ daff und einige andere Greiſe, welche gekommen waren und ſich an dieſelben angeſchloſſen hatten, begannen ſchon zu wanken; die Großmutter ſchlief in einer Ecke, ſie hatte keinen ſo ftarken Kopf als eine Bacchantin; Gertrude und Bertrand ſaßen noch feſt bei Tiſche: ich ſah André nicht. Er kehrte aber bald mit einem Kruge von unſerem ſchlech⸗ ten Wein von Sanet⸗ Gingolph in der Hand in das Zim⸗ mer zurück; er hatte Alles, was von dem Rhonewein noch in der Hütte übrig geblieben war, aufgehoben und in Si⸗ cherheit gebracht.„In dem Zuſtande, in welchem ſie ſich — 11— jetzt befinden, iſt Alles für ſie gut; ich will nicht, daß ſie die beſſeren Vorräthe, welche wir noch beſitzen, erſchöpfen und uns den ſchlechten Landwein übrig laſſen.“—„Vor⸗ züglich gedacht, mein lieber Freund André!“ Ich kehrte zurück, um dem Tanze zuzuſehen; Marianne kam zu mir und batmich, ihr die Ehre zu erweiſen und mit ihr zu tanzen. Wie konnte ich Mariannen Etwas verwei⸗ gern? Ich hatte noch in meinem Leben nicht getanzt, und zog mich ſchlecht aus dieſer Sache, das fühlte ich wohl; die jungen Bauern ſahen einander an und lächelten.„Stellen Sie ſich, als ob Sie ſich den Fuß verrenkt hätten,“ ſagte Marianne zu mir,„das iſt das einzige Mittel, um dieſer ganzen Geſchichte da ein Ende zu machen.“ Ein Mann, der ſich den Fuß verrenkt hat, bedarf eines hilfreichen Ar⸗ mes; Marianne gab mir den ihrigen, ich hinkte ſehr be⸗ deutend und ſie führte mich— ich weiß ſelbſt nicht wohin — in ein dichtes, grünes Geſträuch, welches ihr ohne Zweifel ſchon im Laufe des Tages aufgefallen war. Als wir dort waren, richtete ich mich auf und zwar ganz voll⸗ ſtändig. da ſehe man nur, wohin eine Verrenkung füh⸗ ren kann. Der Tag begann ſchon zu ſinken, als wir wieder hin⸗ gingen, um uns mit der fröhlichen Schaar zu vereinigen; man ſprach ſchon davon, ſich zurückzuziehen, um morgen wieder recht zeitig an die Arbeit gehen zu können. Man ſchlug vor, hinzugehen und das Bett der Neuvermählten zu machen; die Neuvermählten ſelbſt dachten aber nur an den gegenwärtigen Augenblick. — Unſere alten Silenen hatten der Gewalt der bacchan⸗ tiſchen Nebel ganz nachgegeben, und ſie lagen auf der Erde über einander ausgeſtreckt, wie die Murmelthiere in ihrem Baue; André hatte Joſephen am Morgen verſprochen, daß er Abends auf dem Bärenfell ſchlafen werde, und Jutta war geneigt jedes Bett gut zu finden, welches ſie mit dem Jüngling ihres Herzens theilen ſollte. André und ich waren zu der ehrenvollen Stelle von Feſtordnern ernannt worben, wir hoben alſo das Bären⸗ fell auf und nur mit Mühe gelang es uns, daſſelbe fort⸗ zutragen; dieſer Bär da mußte ein Rieſe der Alpen ge⸗ weſen ſein. Der Dudelſackpfeifer ſchritt an der Spitze des Zuges einher, das iſt ebenſo gut ein Privilegium der Mufikan⸗ ten als der Tambours; wir Alle folgten ſpringend und hüpfend dem ländlichen Inſtrumente. So gelangten wir bis zu der Hütte Werdaffs; die Thüre derſelben war offen: wir haben ſchon ein Mal bemerkt, daß man in der Schweiz keine Diebe fürchtet. Das Bärenfell wurde nun auf einen Strohhaufen ge⸗ legt, und die jungen Mädchen überſtreuten es mit Blu⸗ men; wir wünſchten den Neuvermählten eine glückliche Nacht, denn eine gute Nacht kann man nur Denjenigen wünſchen, welche das Bedürfniß zu ſchlafen fühlen. „Das iſt eine Hochzeit,“ ſagte André zu mir,„welche unſere Mundvorräthe bedeutend vermindert hat.“—„So werden wir dieſelben wieder ergänzen.“—„Wann aber?“ —„Sobald es uns möglich ſein wird.“—„Aber inzwi⸗ ſchen werden wir wohl nur ſchwarzes Brot und Käſe eſſen müſſen.“—„Wir werden dieſelben köſtlich finden, wenn wir daran denken, wie viele Glückliche wir durch unſere Entſagung hinter uns zurücklaſſen.“ Wir ſtanden im Begriffe abzureiſen; die beiden Fami⸗ lien erwarteten unſer Erwachen, um uns zu begrüßen, uns zu danken und uns zu ſegnen.„Findeſt Du nicht, André, daß das ſchwarze Brot jetzt ſchon für uns weiß zu werden beginnt?“ Wir bemerkten bald den Sanct⸗Gotthardsberg; er iſt, wie man ſagt, höher als der Montblane und der Simplon: aber wenn unſere Einbildungskraft ſchon zwei Mal er⸗ ſchüttert worden iſt, ſo iſt es ſchwer, daß noch ein dritter Gegenſtand von derſelben Gattung einen Eindruck mache. Wir betrachteten dieſen Berg, ohne eine wirkliche Ge⸗ müthsbewegung zu empfinden; André hatte ſogar ge⸗ hört, daß ſich derſelbe über eilftauſend zweihundertund⸗ funfzig Fuß über die Meeresfläche erhebe.„Sieh doch, welche ungeheure Menge von Waſſer während jener vier⸗ zig Tage von dem Himmel herunterfallen mußte, damit der Gipfel dieſes ungeheuren Berges bedeckt werden konnte; ohne Zweifel iſt es dieſer Berg, auf welchem zu⸗ letzt die Arche ſtehen blieb.“—„Nein, mein Herr, das geſchah, wenigſtens wie ich glaube, auf den Gebirgen Ar⸗ meniens.“—„Und ſind denn jene Gebirge dort mit die⸗ ſem hier zu vergleichen?“—„Meiner Treu, davon weiß ich Nichts; Alles, was ich weiß, iſt, daß Das, was ich ſagte, geſchrieben ſteht.“—„Aber konnte ſich denn der Verfaſſer — 14— der heiligen Bücher, verſtehe mich recht, nicht in geographi⸗ ſcher Beziehung irren?“—„Aber ich glaube, daß Sie jetzt in der That anfangen ketzeriſch gefinnt zu werden.“— „Der Himmel bewahre mich davor.“—„Sie wären nicht der Erſte, den man von dem einen Extreme zu dem andern übergehen geſehen hat.“—„Laß uns lieber trachten Alles mit einander zu vereinigen. Haſt Du bei Deinen Jeſuiten auch Griechiſch gelernt? Biſt Du in den Wurzel⸗ wörtern ſtark?“—„Ah! Sie wollen alſo plötzlich einen Sprachforſcher aus mir machen? Auch gut. Laſſen Sie einmal ſehen: wir wollen nachdenken, unterſuchen. nun, beim Teufel! es eriſtirt eine unverkennbare Analogie zwi⸗ ſchen den beiden Worten Gotthard und Armenien, denn man findet ſowohl in dem einen als in dem andern das R und das A.“—„André, ich glaube gar, daß Du Dich über mich luſtig machſt.“—„Aber, haben Sie mir denn nicht ſelbſt das Beiſpiel dazu mit Ihren griechiſchen Wur⸗ zelwörtern gegeben?“ Ein Bauer, welcher jetzt eben vorbei kam, machte un⸗ ſerm Streite ein Ende; wir befragten ihn nicht über ety⸗ mologiſche Gegenſtände, ſondern über die Erſcheinungen, welche der Sanct⸗Gotthard darbietet. Wir hielten uns nicht bei der Namensbezeichnung der Felſenkuppen auf, welche den Hauptberg umgeben, noch bei der der kleinen Wieſen, welche die Hirten auf ſei⸗ nen Abhängen findenz Das, was uns in Erſtaunen ſetzte, war, daß dieſer Bergesgipfel von achtundzwanzig kleinen Seen gekrönt iſt, welche niemals zufrieren und neben X welchen ſich nicht weniger als acht Eisgletſcher befinden. An dieſen Stellen nun entſpringen die Quellen des Teſſino, der Reuß, der Rhone und des Rheins. Die Benedictiner haben gedacht, daß es beſſer ſei, ſich den Menſchen nützlich zu machen, als ſein Leben über alten Manuſcripten zu verbringen; ſie haben ihre Mitbrüder verlaſſen, find hierher gekommen und haben ein Hospi⸗ tium auf einem ſehr hohen Abhange dieſes Berges ge⸗ gründet. Sie wiſſen in demſelben Richts von Ueberfluß, aber ſie theilen das Wenige, was ſie beſitzen, mit noch är⸗ meren Reiſenden; dieſe find ſicher, hier gut aufgenommen zu werden, und wenigſtens gute Betten, Brot und Wein daſelbſt zu finden. Wenn ſich das ſchreckliche Gebrüll ſtürzender Lawinen vernehmen läßt, ſo verlaſſen dieſe guten Väter, mit lan⸗ gen Stangen bewaffnet und von großen Hunden, deren Geruchsſinn ein ſehr ſcharfer iſt, gefolgt, ihre ſicheren Mauern; ſie unterſuchen an den Stellen, wo die Hunde ſtehen bleiben, und ſcharren den Schnee mit ihren Stan⸗ gen fort. Häufig retten ſie noch durch die angeſtrengteſte Arbeit die Unglücklichen, welche die Lawine verſchlungen hat, aus dieſen Abgründen; ſie heben dieſelben dann auf ihre Schultern und tragen ſie in das Hospitium, wo ſie ihnen alle nur mögliche Hilfe zu Theil werden laſſen. O! welche guten und ehrwürdigen Prieſter, die auf alle An⸗ nehmlichkeiten des Lebens verzichtet haben, um Andern das Leben zu erhalten. Sie verlangen von Niemandem Etwas, aber die Rei⸗ — chen wiſſen es ſehr wohl, vaß das Hospitium ſich nur durch Almoſen erhalten könne; ſie ſpenden daher ſowohl für ſich ſelbſt als auch für die Armen. „O!“ riefen wir unwillkürlich und gleichzeitig aus, „wie ſehr find dieſe guten Väter über unſere Franciscaner und Jeſuiten erhaben!“ In der That, was haben wir auch bis jetzt beſtändig an ihnen kennen gelernt? Parteigeiſt, Sucht zu Intriguen und Herrſchbegierde. Ich erinnerte mich an Poitiers, an Pouſſanville und an den Pater Guignard; die Anſichten dieſes Jeſuiten über die Könige waren weit davon entfernt, rechtgläubig zu ſein. Er hatte den Satz: Gebet dem Kaiſer, was des Kai⸗ ſers iſt, ganz vergeſſen. Wir ließen endlich die eiſigen Gipfel dieſer Berge und die traurigen Fichtenwälder, die man von Zeit zu Zeit auf den Abhängen derſelben entdeckt, hinter uns zurück; wir zogen nun in das Thal von Urſern ein. Hier war Alles lachend, belebt, bezaubernd; hier kündigte Alles Wohlha⸗ benheit und Glück an. Die Natur malt aber in der Schweiz nur ſelten ſolche lachende, glückliche Bilder; ſehr raſch gelangten wir wieder aus dieſem Thale des Lebens an Orte der Finſterniß und des Todes. Die Felſen des Teufelsberges ſchienen, wenig⸗ ſtens von dieſer Seite her, dieſes glückliche Thal von der übrigen Welt abgeſchnitten zu haben; der Menſch hat hier der Natur Gewalt angethan, er hat durch unermüvliche Arbeit einen Weg mitten durch dieſe Felſen eröffnet. Dieſe Art von Galerie hat zweihundert Fuß der Länge, und — zwölf der Höhe und Breite nach; wir drangen ent⸗ ſchloſſen in dieſe ſchwarze und feuchte Wölbung ein, und wir verließen dieſelbe nur, um von einer andern Art von Schrecken überraſcht zu werden. Wir gelangten nämlich jetzt an die Teufelsbrücke, welche jedoch, wie ganz gewiß ermittelt iſt, der Teufel nicht gebaut hat; aber ſie beſteht aus einem einzigen Bo⸗ gen von ſiebenundfunfzig Fuß Weite, und wenn die Ein⸗ bildungskraft des Menſchen einmal aufgeregt iſt, ſo gefällt ſie ſich in Märchen. Die Brücke ſelbſt iſt nur ein kleiner Theil des Gemäl⸗ des, welches ſich hier dem Reiſenden erſchließt, und welches ihn in Erſtaunen, in Beſtürzung, in Schrecken verſetzt. Die Reuß fällt hier von hundert Fuß Höhe mit einem entſetzlichen Gebrülle herab; dieſer Bergſtrom durchläuft, von der Ungleichheit der Felſen nach verſchiedenen Rich⸗ tungen hin getrieben, einen Raum von dreihundert Schrit⸗ ten, bevor er in das Bett fällt, welches er ſich gewühlt hat, dann fließt der Strom in demſelben ruhig weiter. Das Gebrülle dieſes Waſſerfalles verwirrt und er⸗ ſchreckt den Reiſenden; die Heftigkeit ſeines Sturzes bringt die Luft in raſche Bewegung und erzeugt einen örtlichen Sturm, welcher ſo lange dauern wird als die Felſen, die die Haupturſache deſſelben ſind. Wir zitterten, als wir über dieſe Brücke ſchritten; wir fürchteten einen Augen⸗ blick lang, daß der Wind uns in dieſen Schlund hinab⸗ ſtürzen würde: aber wir lachten über unſeren Schrecken, Biblioth. 383 Boch. 2 — 8— ſobald wir das andere Ufer erreicht hatten. So iſt nun einmal der Menſch. Wir ſchienen beſtimmt zu ſein, dieſen ganzen Tag über den Gegenſatz von Furcht und dem Gefühle der Sicherheit durchzumachen, denn wir gelangten jetzt in jene eiſigen Schluchten, welche man die Schollenen nennt. Hier ſcheint die Natur ihre Thätigkeit und ihr Leben verloren zu haben, keine menſchliche Wohnung, kein vorüberfliegender Vogel zerſtreut die tiefe Traurigkeit, welche ſich hier des Men⸗ ſchen bemächtigt; hier iſt Alles ſchweigend, Alles erſtor⸗ ben: Kreuze, welche hier und da aufgepflanzt ſind, erin⸗ nern uns daran, daß ſich der Voden, auf welchem wir wandeln, plötzlich unter unſeren Füßen öffnen, daß eine Lawine uns vielleicht für ewig verſchlingen könnte. Wir zogen mit vieler Vorſicht weiter; wir ſuchten durch eigentlich unüberlegte, aber doch mit jenem ange⸗ bornen Inſtinkte, welcher uns niemals ganz verläßt, be⸗ 3 rechnete Bewegungen, das Gewicht unſeres Körpers zu verringern. Wir glichen vollkommen Leuten, welche über einen zugefrornen Fluß ſetzen müſſen, und welche die Dicke des Eiſes, das venſelben bedeckt, nicht kennen;z ſie treten mit einem Fuße vor, treten zuerſt aber nur ſehr leicht auft: bald wird der Druck ſtärker und erſt, wenn das Eis auch dieſem widerſteht, treten ſie auch mit dem zweiten Fuße vor. Sie gewinnen ſo das andere Ufer zitternd, und fort⸗ während von dem Gedanken in Schrecken gehalten, daß ſie von dem Tode nur durch eine dünne Eisdecke, welche jeden Augenblick zerbrechen kann, getrennt ſind. Auf eben — dieſelbe Art verließen auch wir, fortwährend von dem Ge⸗ brülle der Reuß begleitet, dieſe ſchauderhafte Schlucht; der Philoſoph André, welcher doch ſonſt über Alles lacht, fand hier auch nicht Ein Wort: wir waren fortwährend von dieſem verwünſchten Fluſſe, der ſich gleichſam an unſere Ferſen zu heften ſchien, aufgehalten. Neue Waſſerfälle, ob⸗ gleich weniger furchtbar als der erſte, ermüdeten uns fort⸗ während mit ihrem Geräuſche; unſere Augen ſuchten ver⸗ gebens eine angenehme Ausſicht, auf welcher ſie gleichſam hätten ausruhen können; ſchwarze Tannenwälder, deren Gipfel ſich in den Wolken verloren, kahle Felsblöcke, ganze Berge, die ſich aus ſolchen Trümmern gebildet hatten, und nun nach und nach in die Reuß hinunter ſtürzten, tiefe Rinnen, welche die neuen Waldbäche gewühlt haben, dar⸗ aus beſtand das Schauſpiel, welches uns unaufhörlich ver⸗ folgte. Ich dachte an dieſes Frankreich, welches ich verlaſſen hatte, und verſank in tiefe Träumereien; ich konnte aber auch nicht Einen Gedanken hegen, welcher meinem treuen André entgangen wäre.„InFrankreich,“ ſagte er zu mir, „wiederholen ſich die Gefahren für uns jeden Augenblick, hier ſind ſie nur vorübergehend; wie viele Andere haben nicht ſchon vor uns dieſe traurigen Strecken durchzogen, und ſind in den ſicheren Hafen gelangt: warum ſollte es uns nicht auch ſo gut wie ihnen gelingen?“ Wir erblickten bald wieder eine Brücke, welche noch außergewöhnlicher zu ſein ſchien als die erſte; ſie mußte auch nicht gerade ebenſo ſchwer zu erbauen geweſen ſein, 2* vor Allem ein Obdach; der Weg war zwar ſchwierig, abet — 0— obgleich ſie ebenfalls nur aus einem einzigen Bogen be⸗ ſteht, der aber neunzig Fuß Breite zählt. Die Teufels⸗ brücke wurde über Abgründe hingewölbt, deren Tiefe das Auge kaum zu meſſen wagt; dieſe da hat ein feſtes und zu⸗ ſammenhängendes Erdreich zur Grundlage, auf welchem ſich die Geſchicklichkeit der fleißigen Arbeiter leichter ent⸗ wickeln konnte. Ich habe ſchon etwas früher einige Bemerkungen über die Benennung»Teufelsbrücke« gemacht, ich werde die⸗ ſelben hier nicht wiederholen, ſondern will nur ganz ein⸗ fach ſagen, daß dieſe zweite Brücke der Mönchs ſprung heißt. Bevor dieſelbe errichtet war, ſoll nämlich ein Mönch, welcher mit einem Mädchen, das er entführt hatte, ent⸗ floh, an dieſer Stelle durch den Strom aufgehalten wor⸗ ven ſein; er hob das Mädchen auf ſeine Schultern und fetzte mit einem Sprunge über die Reuß. Was muß das für ein Sprung geweſen ſein! Man möge ſich wohl hüten gegen die Eingebornen zu äußern, daß dieſe Erzählung erdichtet ſein müſſe; ſie würden Einen zwar nicht ſteinigen, aber ſie würden ſich vor Einem zurückziehen, wie man früher vor den Ausſätzi⸗ gen floh. Als wir an das andere Ende der Brücke gelangt waren, blieben wir ſtehen; wir ſahen gerade vor uns hin, und zur Rechten und zur Linken, ſo weit als der Blick des Menſchen nur immer dringen kann. Wir ſuchten lebende Weſen, was für welche es auch immer ſein mochten, und — 21— doch gebahnt, er mußte endlich doch einmal zu einer be⸗ wohnten Stelle führen. Sowohl geiſtig als auch körper⸗ lich auf's Aeußerſte abgeſpannt, waren wir voll Ungeduld, nur wieder einmal Menſchen zu ſehen; wir fühlten auf's Lebhafteſte das Bedürfniß irgend einer Unterſtützung. In ſolchen Lagen ſieht man ein, wie ſehr der Menſch im Na⸗ turzuſtande unglücklich geweſen ſein muß, und wie ſehr unſere Urahnen wohl daran gethan haben, ſich zu geſell⸗ ſchaftlichen Verbindungen zu vereinigen. Der gegenwär⸗ tige geſellſchaftliche Zuſtand bietet ohne Zweifel ſchwere Mißſtände dar, aber es iſt doch eine zu ſchreckliche Sache um eine vollkommene Vereinzelung. Marianne war bis jetzt ganz ſtillſchweigend geblieben, aber nun ſtieß ſie mit einem Male einen Ruf aus, welchen wir Alle wiederholten:„Ein Dach! Ein Dach!“ Wir konn⸗ ten freilich bis jetzt noch Nichts als den Rauch ſehen, aber es mußte ſich unzweifelhaft in der Nähe eine Sennhütte oder irgend eine andere Hütte erheben. Wir begannen wieder einmal frei aufzuathmen, um⸗ armten uns Alle wie Unglückliche, welche ſoeben dem Schiffbruche entgangen ſind, und unſere Kräfte lebten wieder auf; wir gingen unaufhaltſam immer weiter, bald aber wurden unſere Meinungen getheilt.„Es iſt Nebel,“ ſagte der Eine,„es iſt Rauch,“ ſagte der Andere,„es iſt eine Wolke,“ fügte ein Dritter hinzu. So glaubt der ver⸗ irrte Schiffer ſchon den ſicheren Hafen zu erreichen, und kann noch gegen eine Klippe zerſchellenz der Hintergrund —— des Gemäldes konnte nämlich unſeren Blicken doch Nichts weiter als Felſen darbieten. Ein leichter Windſtoß reinigte jetzt etwas die Luft, und wir ſahen nun den Rauch deutlich in Schlangenwindungen in die Höhe ſteigen; wir ſtießen Alle mit einander einen Schrei der Freude aus, und gingen nicht mehr, ſondern liefen. Bald entdeckten wir die Spitzen der Rauchfänge, hun⸗ dert Schritte weiter bemerkten wir ſchon die Dächer, und endlich ſahen wir auch die Fenſter und die Thüren. Wir zogen, vor Freude ſtrahlend, in das Dorf Waſen ein, die Bewohner deſſelben erriethen uns ſogleich; un⸗ ſere Anzüge waren zwar ſchweizeriſch, aber aus verſchie⸗ denen Cantonen, und wir hatten auch nicht einen einzigen aus dem Canton von Uri. Dieſe guten Dorfbewohner ſahen ein, wie viele Beſchwerden wir als Fremde erlitten haben, von wie großer Angſt wir gefoltert worden ſein mußten, und ſie kamen daher in Maſſe heran, um uns ihre Hilfsleiſtungen anzubieten; in einem Augenblicke waren unſere Maulthiere ausgeſpannt, und wir wußten ſelbſt nicht wohin geführt. Liebkoſende Hände erfaßten uns je Zwei zu Zweien und führten uns in die Hütten, welche am verſprechendſten ausſahen; unſere Karren blieben auf dem freien Platze des Dorfes ſtehen, ſie waren da ſo gut aufgehoben, als bei uns zu Hauſe. Man beeilte ſich uns Butter, Eier, Käſe und Molken anzubieten; wir hatten uns zwar feſt vorgenommen, dieſen guten Schweizern niemals wieder zur Laft zu fallen, aber 1 —— wir waren ſo froh, uns nur wieder einmal unter Menſchen zu befinden. Wir entſchädigten unſere Wirthe dadurch, daß wir ihnen einige Flaſchen von unſerem beſten Weine anboten; ſie tranken nur ſehr ſelten Wein, und deshalb machte ihnen das Geſchenk auch ſehr großes Vergnügen. Sie wollten uns durchaus nicht auf unſeren großen Karren ſchlafen laſſen. Ehe man eine Hand umdrehen konnte, hatten ſie unſere Betten von denſelben herunterge⸗ nommen und in ihren Hütten aufgeſchlagen. O, wie gut man ſchläft, wenn man müde iſt, wenn man beſorgt ge⸗ weſen iſt und ſich endlich wieder einmal in Sicherheit be⸗ findet. Wir gelangten den Tag darauf bis nach Silenenen, und den zweiten Tag darauf kamen wir in Altdorf, dem Hauptorte von Uri an. Dieſer Marktflecken iſt ziemlich beträchtlich; er iſt der Mittelpunkt des kleinen Tauſchhandels, welchen die Be⸗ wohner dieſes Cantons unter einander treiben, und es eirculirt in demſelben auch ein wenig Geld von geringer Währung. Man findet daſelbſt noch die Trümmer von Befeſtigungswerken, welche während des ſchweizeriſchen Unabhängigkeitskrieges errichtet worden ſind. Altdorf liegt in einem Thale, und ſeine Lage mußte Leuten, welche die Wiege Wilhelm Tells retten wollten, dieſe Maßregel zu einer unumgänglichen machen. Von allem Dem iſt freilich Nichts übrig geblieben als ein Thurm, welcher ihm ge⸗ weiht iſt und auch ſeinen Namen trägt; dieſer wird mit der größten Sorgfalt immer in gutem Stande erhalten. — 21— Auch zeigte man uns noch den Platz auf welchem die Eiche ſtand, an die dieſer ſchweizer Held ſeinen Sohn angebun⸗ den hatte, um den Apfel herunterzuſchießen, welchen die Tyrannei auf dem Haupte deſſelben befeſtigt hatte; dieſer Baum blühte noch zweihundertundfunfzig Jahre nach dem Tode Tells fort wie man uns ſagte. Man führte uns auch nahe an die Felſenſpitze hin, von welcher aus Lell den Tyrannen erſchoſſen, nach⸗ dem er erſt mit ſeinem Fuße das Boot deſſelben wieder mitten in die Fluthen hineingeſtoßen hatte; wir kannten verſchiedene Lesarten über dieſes Ereigniß, aber in Alt⸗ dorf giebt es deren nur eine, und man muß ſich wohl hüten, die Authenticität derſelben anzugreifen. Dann führte man uns an den Fuß des Selisberg; wir ſahen daſelbſt drei Quellen, welche man heilig nennt, weil ſie gerade in dem Augenblicke aus der Erde ſprangen, in welchem ſich die erſten Verſchworenen durch einen feierlichen Eid zu Gunſten der Freiheit verbanden; das Volk muß nun ein⸗ mal Märchen haben, wie wir ſchon geſagt haben, und je unglaublicher dieſelben ſind, um ſo feſter glaubt es ge⸗ wöhnlich daran. Ein wahrhaft ſehenswürdiges Denkmal iſt die go⸗ thiſche Kapelle, welches die öffentliche Dankbarkeit zum Gebächtniſſe Tells einunddreißig Jahre nach dem Tode deſſelben errichtete.. wie man uns ſagte; er war unbe⸗ ſtreitbar einer der Begründer der ſchweizer Freiheit, und verdiente daher wohl dieſe Huldigung. Im Jahre 1388, am Tage nach dem Chriſti Himmel⸗ — W— fahrtsfeſte, feierte man die erſte Meſſe in dieſer Kapelle, und man zählte dabei noch hundertundvierzehn Greiſe, welche Tell gekannt hatten; man fährt fort in dieſer Ka⸗ pelle noch alljährlich eine Meſſe zu leſen, und dann iſt der Raum derſelben zu klein, um alle die Andächtigen zu faſſen, welche zu derſelben hinftrömen. Wir beteten vor der Thüre der Kapelle für die Aufrechterhaltung der ſchweizer Frei⸗ heit; ſie wird ſo lange unangreifbar bleiben, als die Schweizer ihre einfachen und reinen Sitten beibehalten werden. Wir kehrten wieder in den Marktflecken zurück, und man enthüllte uns das Bild des großen Mannes, welches in grober Manier nach der Natur gearbeitet war; das iſt für die Bewohner von Altdorf das koßbarſte aller Denkmale, welche dem Andenken Tells gewidmet ſind, und aus eben dieſem Grunde iſt es auch das letzte, welches ſie den Fremden zeigen. Unſere Führer näherten ſich demſelben mit den Mützen in der Hand; wir nahmen auch unſere Hüte ab, und ſie lächelten uns dafür freundlich zu. Clara hatte dieſe verſchiedenen Gegenſtände mit ihrer gewöhnlichen Kaltblütigkeit betrachtet; Marianne, immer guter Laune, genoß Alles mit ihrem gewöhnlichen Ueber⸗ muthe, ſie lobte oder tadelte friſch heraus und auf gut Glück: zum größten Glücke hörte man nicht auf dieſelbe, davon war ich überzeugt. Sie erlaubte ſich ſogar das Bildniß Tells zu kritiſiren. Sie verfehlte niemals mich anzuſehen, wenn ſie einen Gedanken ausſprach, welcher über ihren gewöhnlichen Geſichtskreis hinausgingz ich be⸗ zeigte ihr auf das Deutlichſte meine Mißbilligung. Der Landamman, die erſte obrigkeitliche Perſon des Cantons, hatte ſich ſoeben zu uns geſellt, und er konnte vielleicht einige Worte Franzöſiſch verſtehen; die arme Kleine machte nun vor dem Bildniſſe eine tiefe, bis zur Erde reichende Verbeugung, und der Landamman bat ſie um die Er⸗ laubniß, ſie umarmen zu dürfen: er war ein feiner Kenner. „Alle Welt begeht Fehler,“ ſagte er zu ihr in ſehr gutem Franzöſiſch,„und es iſt immer ſchön, dieſelben we⸗ nigſtens wieder gut zu machen.“ Wir blieben alle Beide ſtumm vor Erſtaunen daſtehen.„Sie haben ſich ohne Zwei⸗ fel ſchon eine Wohnung gemiethet?“ Wir waren in einem Wirthshauſe von ziemlich gutem Ausſehen abgeſtiegen und hatten, nachdem wir ein leichtes Mahl zu uns genommen, den Marktflecken und ſeine Umgebungen in Augenſchein genommen. Es iſt ein äußerſt günſtiges Geſchick in einem fremden Lande, Jemanden zu finden, welcher unſere Sprache ver⸗ ſteht, daher knüpfte ſich alſo auch ſogleich ein Geſpräch an; der Landamman fragte uns, wer wir ſeien, woher wir kämen und wohin wir gingen.„Dieſe Fragen,“ fügte er hinzu,„ſind bei mir die Sache der bloßen Neugierde; ZJe⸗ dermann hat hier die vollkommene Freiheit zu thun, was er will, vorausgeſetzt, daß er ſich den Geſetzen des Landes unterwirft und die Anſichten der Einwohner nicht vor den Kopf ſtößt.“ Dieſe letzteren Worte richtete er hauptſäch⸗ — lich an Mariannen, indem er ihr zulächelte; ſie erröthete und ſchlug den Blick zu Boden. Als er erfuhr, daß André den Herrn Caspar von Co⸗ ligny perſönlich gekannt habe, daß ich in vertrautem Um⸗ gange mit dem Marſchall von Biron gelebt, dann, daß ich mich Heinrich dem Dritten und dem Könige von Navarra nähern gedurft, auch, daß ich in mannigfachen Beziehun⸗ gen zu dem Herzoge von Guiſe geſtanden habe, war er nun ſeinerſeits ſehr erſtaunt; indeſſen ſchien er ohngefähr ſech⸗ zig Jahre alt zu ſein, und dieſes Alter iſt nicht mehr das des unbedingten Vertrauens. Er richtete daher viele auf Einzelnheiten hinzielende Fragen an uns, weil er, wie er ſagte, ſehr gern von Frankreich ſprach; wir ſahen deut⸗ lich, daß dies nur ein Vorwand war, den er hervorgeſucht halte, um ſeinen Wunſch, ſich davon zu überzeugen, ob wir lügenhafte Abenteurer ſeien oder nicht, damit zu be⸗ mänteln. Unſere Antworten waren ſehr klar und deutlich; wir theilten ihm ſogar Dinge mit, von welchen er, ſo klug er war, gar keinen Begriff haben konnte, welche ſich aber doch ganz natürlich an die Thatſachen, die wir ihm erzählten, anſchloſſen; von nun an behandelte er uns mit der außer⸗ ordentlichſten Hochachtung, und begann jetzt auch ſeiner⸗ ſeits zu erzählen: das war auch nicht mehr als billig. Katharina von Medicis ſetzte bald die Proteſtanten den Katholiken, bald die Katholiken den Proteſtanten entge⸗ gen; ſie wollte keine von den beiden Parteien ganz ver⸗ nichten, weil die Zwiſtigkeiten derſelben ſie ihrem Sohne — 2— Karl dem Neunten ganz unentbehrlich machten und ihr An⸗ ſehen aufrecht erhielten: ſo entſcheiden die Privatabſichten und Leidenſchaften der Großen oft über die Schickſale ihrer Völker. Im Jahre 1566 commandirten Condé und Coligny zahlreiche und furchtbare Truppen, eine einzige gewonnene Schlacht konnte dieſelben ſehr gefahrbringend machen; Katharina beſchloß aber den bürgerlichen Krieg wieder an⸗ zufachen und ſuchte daher bei fremden Mächten um Unter⸗ ſtützungen nach. Sechstauſend Schweizer zogen unter den. Befehlen des Generals Pfiffer in Frankreich einz Herr Zambeck, unſer Landamman, war Hauptmann in einem dieſer Regimenter geweſen. Er erzählte uns, wie die Schweizer den König und die Königin⸗Mutter, welche Condé und Coligny eben im Be⸗ griffe ſtanden zu Monceaur aufzuheben, befreiten und nach Paris führten; er verbreitete ſich mit wahrem Beha⸗ gen über ihre Tapferkeit und über die wohlberechneten Manövers Pfiffers, welche die Schlacht von Saint⸗De⸗ nis entſchieden. Der Sieg der Königlichgeſinnten war zwar von keinen ſehr großen Reſultaten gefolgt, weil die Königin Eliſabeth von England dem Prinzen von Condé Geld und Truppen zuſchickte; die Wage ſtand aber nun beinahe ganz gleich zwiſchen den Katholiken und den Re⸗ formirten, Katharina hatte nicht mehr nöthig weder Co⸗ ligny noch die Guiſen zufürchten, und unterzeichnete daher den Frieden zu Longjumeau im Jahre 1568. Die Schwei⸗ zer kehrten nun wieder in ihre Berge zurück. — Herr Zambeck hatte zwei Jahre in Frankreich gewohnt, und es war daher ganz natürlich, daß er ſo ziemlich gut Franzöſiſch ſprach; aber man mußte eben alle dieſe Ein⸗ zelnheiten da kennen, um zuzugeben, daß die ſtaunenerre⸗ gendſte Sache endlich auf die natürlichſte Art und Weiſe erklärt werden könne. Der Landamman ſchloß endlich damit, uns mit Herz⸗ lichkeit einzuladen bei ihm zu wohnen, und wir nahmen ſeinen Vorſchlag mit großem Vergnügen an; was man auch immer für Gründe habenmag, ſich aus ſeinem Vater⸗ lande zu entfernen, man bleibt doch immer und überall Franzoſe, und es ſchmeichelte uns, einen Fremden zu hören, welcher mit Lobeserhebungen von Frankreich ſprach. André ging hinaus, um Bertrand dort ſeine Befehle zu ertheilenz Herr Zambeck bot Mariannen, wie er ſagte nach franzöſiſcher Sitte, ſeinen Arm und führte uns in ſeine Wohnung: Marianne trug nun ihren Kopf ſehr hoch und ſchien zu den Vorübergehenden zu ſagen: Eure erſte obrigkeitliche Perſon behandelt mich mit großer Hochach⸗ tung, mithin habe ich auch ein Recht an die Eure; die Ei⸗ telkeit iſt ein den Frauen aller Zonen und aller Stände an⸗ gebornes Gefühl. Das Haus des Herrn Zambeck war ſehr reinlich, ohne jedoch einen geſuchten Luxus zu entfalten; ſeine Einrich⸗ tung war die eines Schweizers, welcher ziemlich wohl⸗ habend iſt, aber eine Pariſer Spießbürgerin würde ſich doch ſchämen, ſich derſelben zu bedienen. Der Canton von Nri iſt ziemlich eng begrenzt, gber Zambeck iſt die erſte —— obrigkeitliche Perſon in demſelben und Cäſar ſagt ja, daß es beſſer ſei, in einer Hütte der Erſte als in Rom der Zweite zu ſein. Nach dieſer Behauptung wäre unſer Landamman über alle unſere großen Herren weit erhaben, und er war deshalb doch nicht halb ſo ſtolz als ſie; ſeine Beſcheiden⸗ heit und ſeine einfachen Sitten haben mindeſtens ebenſo viel als ſeine adminiſtrativen Talente dazu beigetragen, ihm die Ehre der Wahl zu verſchaffen, einer Wahl, die ihn für zwei Jahre zum Oberhaupte ſeiner kleinen Republik machte: die Schweizer ſehen zwar die Nothwendigkeit ein, regiert zu werden, aber ſie wollen doch keinen Herrn haben. Die vollkommenſte Gleichheit herrſcht zu Altdorf; der Landamman und der Bürgermeiſter gelten daſelbſt nur in dem Augenblicke Etwas, in dem ſie gerade mit Erfüllung ihrer Amtspflichten beſchäftigt find, und wenn ſie ſich ſelbſt dann eine willkürliche Handlung erlauben wollten, ſo würde der Name Wilhelm Lells ſie augenblicklich aufhalten. Er hat nämlich in der Schweiz, und namentlich in Altdorf, faſt dieſelbe Macht, wie das alte Kriegsgeſchrei„Harald!“ in der Normandie. 6 Zambecks gaſtfreie Thür iſt ſtets für Jedermann ge⸗ öffnet, ſowie die aller Bewohner des Marktfleckens; dieſe Letzteren treten frei bei ihm ein, laſſen ſich, ihre Pfeife im Munde, an ſeinem Herde nieder und beſprechen ſich mit ihm über ihre Angelegenheiten, wie ein Sohn ſich von ſeinem Vater Raths erholen würde. Die einzige Auszeichnung, welche ſie ihm zugeſtehen, iſt die, daß ſie, wenn ſie eintre⸗ ten und wenn ſie wieder fortgehen, ihre Mütze vor ihm abnehmen. Madame Zambeck empfängt ſie, welche Beſchäftigung ſie auch immer in Anſpruch nehmen mag, mit Herzlichkeit; ſie rückt ihnen einen ſehr reinlichen Stuhlzurecht, erkundigt ſich bei ihnen nach dem Befinden ihrer Frauen und ihrer Kinder, und kehrt dann wieder zu ihrer Arbeit zurück. Sie ließ uns Alle ohne Ausnahme an ihrem Tiſche Platz nehmen. Hier eſſen nämlich die Dienſtleute mit ihrem Gebieter zuſammen; da ſie Gefährten ihrer Mühen und Arbeiten ſind, ſo ſind ſie auch die Theilnehmer an ihren Genüſſen. Der einzige Unterſchied, der unter ihnen be⸗ merkbar wird, iſt das ſtrenge Stillſchweigen, welches die Dienſtleute während der Mahlzeit beobachten.„Das iſt aber auch,“ dachte ich mir,„ein ziemlich bemerkbarer Un⸗ terſchied, der durch das Syſtem einer vollkommenen Gleich⸗ heit wohl füglich ausgeſchloſſen ſein müßte.“ Zambeck bemerkte, daß ich ſeine Dienſtleute anſah und über Etwas nachzudenken ſchien: er war ſehr ſcharfſichtig. „Wir regieren dieſe Leute da väterlich,“ ſagte er zu mir, „und in der Schweiz ſprechen die Kinder bei Tiſche nie⸗ mals, außer wenn ſie die Erlaubniß ihres Vaters oder ihrer Mutter dazu erhalten haben.“ Dieſe guten Schwei⸗ zer haben doch auf Alles eine Antwort. Wir thaten der Butter, welche Madame Zambeck ſelbſt geſchlagen hatte, alle Ehre an und ſtärkten uns an den friſchen Eiern, welche fie hatte ausnehmen, und ſämmtlichen Hammel⸗Cotelettes, die ſie hatte braten laſſen. Dieſes leben zu laſſen. So erſtreckt ſich die Wohlhabenheit 3 —— arme hier da mußte bei dieſem Mittagsmahle eine große Rolle ſpielen, eine ſeiner Keulen erſchien, um das Mahl zu beſchließen.„Wir nehmen uns wohl in Acht,“ ſagte Zam⸗ beck zu mir,„Nichts aufzutragen, welches beſonders aus⸗ gewählte Leckerbiſſen darſtellen könnte; aber wenn wir ein Stück Geflügel haben, ſo zerlege ich es, die Schüſſel mit demſelben geht im Kreiſe herum, und Zeneinenn nimmt ſich, was ihm gerade am beſten zuſagt.“ Der Herr Landamman beſaß einen ziemlich guten Wein, obgleich derſelbe in dieſem Lande ziemlich ſelten iſt und man ihn hier nur immer für beſonders feierliche Ge⸗ legenheiten aufſpart. Dieſe oberſte Gerichtsperſon leerte nun eine Flaſche von demſelben mit André und mir, als ſich die Dienſtleute zurückgezogen hatten; dieſe hatten Ho⸗ nigmeth, und unſere Damen Molken getrunken. Man plaudert nothwendigerweiſe, wenn man nicht in einem Grade trinkt, der ſchon allein zur Aufheiterung ge⸗ nügt.„Sie haben bemerken gekonnt,“ ſagte André zu uns,„daß die Gaftfreundlichkeit zu Altdorf nicht mit eben demſelben Eifer und der offenen Herzlichkeit ausgeübt wird, die Sie bis hierher angetroffen haben. Die Mehr⸗ zahl der Bewohner dieſes Ortes betreiben einen Handel, welcher zwar eben nichts Glänzendes an ſich hat, der aber doch nichtsdeſtoweniger einträglich iſt; ſie theilen noth⸗ wendigerweiſe ihren Wohlſtand mit den Arbeitern, welche ſie beſchäftigen, und tragen auch dazu bei, die Landbebauer Handels von dem Größten bis zu dem Geringſten, und F — 33— wenn man erſt einmal dahin gelangt iſt, ſo beginnt die Habſucht aufzukeimen, und man bekümmert ſich dann wenig mehr um die Anderen; vielleicht iſt der Wunſch, mit Ih⸗ nen von Frankreich zu ſprechen, für mich wohl der mäch⸗ tigſte Beweggrund geweſen, Sie bei mir aufzunehmen.“ „Es iſt gewiß,“ ſagte André,„daß Bertrand und Ger⸗ trude ſehr gewählte Mundvorräthe zuſammengebracht, aber ſie haben ſie auch ſehr theuer bezahlen müſſen.“ „Ach,“ ergriff Zambeck wieder das Wort,„es iſt un⸗ glücklicherweiſe nur zu wahr, daß Alles aus der Art ſchlägt; wir find weit von den Zeiten entfernt, in welchen ein Schweizer einen der ſchönſten Diamanten, den es giebt, um einen Gulden verkaufte. Wie ſoll es erſt werden, wenn der zunehmende Wohlſtand die künſtlichen Bedürfniſſe, und die Leidenſchaften, welche von denſelben hervorgerufen werden, vervielfältigen wird? Die Frauen werden den Luxus zuerſt einführen, und um ihnen zu gefallen, wird man ſie nachahmen müſſen; man wird Diejenigen lächer⸗ lich zu machen ſuchen, welche unſere Aufwandsgeſetze noch beobachten, und vielleicht werden die obrigkeitlichen Per⸗ ſonen die Erſten ſein, welche ſie verletzen. Aber der Luxus trocknet die Herzen aus und erſtickt den Gemeinſfinn; man iſt nicht mehr frei, man iſt nicht einmal mehr würdig es zu ſein, wenn man Launen unterthan iſt, auf welche man ſich gewöhnt hat Wichtigkeit zu legen. Dieſer Zeitpunkt iſt zwar noch ziemlich weit entfernt, aber die Macht der Um⸗ ſtände wird ihn hald genug herbeiführen. „Nichtsdeſtoweniger werden die Schweizer, wie ſehr auch Biblioth. 383 Boch, 3 — 34— vie Sittenverderbniß um ſich greifen ſollte, doch die Inte⸗ grität ihres Gebietes zu bewahren wiſſen; unſere Gebirge werden uns ſowohl gegen Deutſchland, als auch gegen Piemont und Frankreich zur Schranke dienen. Dieſe Mächte ſelbſt werden niemals zugeben können, daß eine von ihnen vieſe Schranke überſchreite.“— Herr Zambeck iſt ein Mann voll von geſunder Vernunft und Beurthei⸗ lungskraft. Er hätte ohne Zweifel dieſe traurigen Wahrheiten nicht ausgeſprochen, wenn außer uns noch Andere dieſelben yätten hören können; übrigens wird die ſchweizeriſche Freiheit doch ſowohl uns, als auch unſere Kinder über⸗ dauern: die Nachkommen dieſer Letztern werden dann ihren Entſchluß zu faſſen haben.. Aber, ach! wie ſehr bin ich nicht ſelbſt ſchon verweichlicht und eigennützig; ſollte ich in Altvorf ſchon ein neues Capua für mich gefunden haben? Ohne Zweifel iſt es ein ſolches, wenn man es mit den Wüſten vergleicht, welche die Teufelsbrücke und den Mönchsſprung umgeben. Während ſie indeſſen die Sittenverderbniß erwarten⸗ welche die ſchweizer ſche Freiheit zu Grunde zu richten droht, gehen die Schweizer zeitig zu Bette, und auch wir zogen uns demnach jetzt in die Gemächer zurück, welche uns angewieſen waren.„Wer hat mir denn mein Zimmer angewieſen?“—„Ich war es, mein Herr,“ erwiverte mir Marianne mit einerkleinen Verbeugung und einem Lächeln auf den Lippen, welches ſie ſo verführeriſch zu machen wußte.—„Ahl Du warſt es alſo?“—„Ja, mein Herrz ℳ das iſt Ihr Zimmer, es iſt das ſchönſte im Hauſe, und die anſtoßende Kammer iſt für mich.“ Das iſt doch der Ver⸗ ſucher in eigener Perſon, dieſes kleine Mädchen da;. ein Donnerſchlag, eine Höble, eine Verrenkung, eine Woz⸗ nung, alles Das aber fie iſt doch ſo hübſch. Tags darauf, am früheſten Morgen, nahmen wir von unſeren Wirthen Abſchied und reiſten ab; Herr Zambeck hatte uns von dem Canton Glarus, von ſeinen Thä⸗ lern, von ſeinen Waldbächen, von ſeinen Bergen und von ſeinen Eisfeldern geſprochen, aber ich hatte ſchon genug von alle Dem geſchen. Bis auf die Vorſprünge und die Vertiefungen, welche bis in's Unberechenbare verſchieden find, ſehen ſich alle dieſe Gegenſtände ganz gleich; ſie haben eine gewiſſe Familienphyſiognomie, und ein einförmiger Anblick ermüvet. Es giebt zwar, wie man ſagt, Reiſende, deren Bewunderung für dieſelben unerſchöpflich iſt; nun deſto beſſer für ſie: ich ſchloß mich feſt in meinen Karren ein, und fiel daſelbſt in einen tiefen Schlaf, deſſen ich ſo ſehr bedurfte. Uebrigens fing uns aber unſer Nomadenleben auch ſchon an läſtig zu werden; es dauerte ſchon ſeit ziemlich langer Zeit, und man zähit die Tage, wenn man ſie lang findet. Wir beſchloſſen, uns durch keine Sehenswürdigkei⸗ ten mehr, welche es auch immer ſein möchten, von unſe⸗ rem Wege ablenken zu laſſen, und die geradeſte Linie zu verfolgen, inſoweit uns dies nämlich die Felſenſpitzen, die Bergwände und die Waldbäche nur immer geſtatten würden. — 55— Wir blickten nur noch maſchinenmäßig rings um uns herumz nichtsdeſtoweniger fand André noch immer Gele⸗ genheit zum Philoſophiren, ſei es, daß er wirklich etwas Bemerkenswerthes ſah, ſei es, daß das ſchlechte Wetter uns nöthigte, uns in unſere Karren einzuſchließen:.. freilich gab es keine Donnerſchläge mehr. Wir zogen in den Canton von Glarus hinein; André ließ alle unſere Wagen halten, um mir bemerklich zu machen, daß, wenn furchtbare Umwälzungen die Berge ge⸗ bildet haben, Erderſchütterungen in weniger entfernten Zeiten, wenigſtens zum Theile, das Werk der erſteren wie⸗ der vernichtet haben. In der That zeigte er mir auch vie 1 Trümmer von Felsblöcken, welche die Abhänge eines Ber⸗ ges bedeckten, deſſen Gipfel ſich in den Wolken verlor; ein Vorübergehender ſagte uns, daß dieſer Berg die Sand⸗ Alpe heiße, und daß ſeine Höhe ungefähr die Länge von vier Meilen zuſammengenommen betrage.„Sie werden nun doch wohl einſehen, mein Herr, daß dieſe Maſſen, welche Theile des großen Ganzen ausgemacht haben, ſo nicht von ſelbſt losreißen konnten.“—„Ich ſehe ein, daß Du Dich mit Wohilgefallen bei dem Bilde des Chaos auf⸗ hältſt, während ich es nicht liebe, mich traurig zu ſtim⸗ men, wenn es nicht unumgänglich nothwendig iſt; Ber⸗ trand, vorwärts, Marſch!“ und damit wandte ich mich zu Mariannen: dieſe gewährte mir nun freilich einen lachen⸗ deren Anblick als wüſte Felſenmaſſen, die wirr über ein⸗ ander aufgehäuft ſind. Wir kamen in Glarus an, dem Hauptorte dieſes Can⸗ Sre — tons, welcher freilich ſchon ziemlich nahe an der Grenze deſſelben auf der Seite gegen Sanct⸗Gallen zu liegt, und wir erneuerten in demſelben unſere Vorräthe. Das Gebiet von Sanct⸗Gallen iſt in die Schweiz hin⸗ eingezwängt, macht aber keinen Theil derſelben aus; es ſteht unter der unumſchränkten Herrſchaft eines Abtes. Dieſes Gebiet erſtreckt ſich von dem von Griſons bis zu dem See von Conſtanz, und von dem Züricher See bis zu den Grenzen von Deutſchland, von dem es nur durch den Rhein getrennt iſt; dieſes Gebiet hat daher ebenſo viele Ausdehnung als der Canton von Bern. Im Jahre 630 kam ein Schotte, Namens Gall, in die Berge der Schweiz, um das Evangelium daſelbſt zu pre⸗ digen; nachdem er viel, bald fruchtlos, bald mit Erfolg, gereiſt war, kam er in die Gegend, von der wir ſoeben geſprochen haben, ließ ſich daſelbſt nieder und erbaute ſich eine Einfiedelei an den Ufern der brauſenden Steinach. Er warb daſelbſt Anhänger, welche nach ſeinem Tode einen Heiligen aus ihm machtenz und das war auch ganz na⸗ türlich. Achtzig Jahre ſpäter wollten ſich ſchottiſche und eng⸗ liſch⸗ſächfiſche Benedictiner der Einſiedelei bemächtigen, welche Gall geheiliget hatte, und von der jetzt auch nicht die geringſte Spur mehrübrig iſt; man kann annehmen, daß ſie ſich einen bequemen und ſicheren Ort in der Umgebung ausſuchten und dort ein Haus hinbauten. Aus dieſem Hauſe entſtand im Verlaufe der Zeit die Stadt Sanct⸗Gallen. Dieſe eben ſo gelehrten als fleißigen Geiſtlichen grün⸗ — 3— deten eine Schule, welche ſehr bald berühmt wurdez die angeſehenſten Perſonen, vorzüglich die deutſchen großen Herren, ſchickten ihre Söhne auf dieſelbe: ſie erlernten da⸗ ſelbſt das Griechiſche, das Lateiniſche, die Mathematik und die Grundregeln der Poeſie und der Muſik. Dieſen ehrwürdigen Mönchen verdanken wir das We⸗ nige, was uns von Quintilian noch übrig geblieben iſt, die Sathre des Petronius, den Silius ltalicus, den Vale- rius Flaccus, die beiden Abhandlungen Cicero's De legi- pus und De finibus, das Werk des Ammianus-Marcelli- nus und die Erhaltung von vielen deutſchen Gedichten aus dem zehnten, eilften und dreizehnten Jahrhundert. 3 Wälder wurden niedergehauen, Gebiete von ſehr gro⸗ ßer Ausdehnung urbar gemacht und die beſcheidene Zu⸗ fluchtsſtelle der Wiſſenſchaften wurde bald der Aufenthalts⸗ ort von Reichthümern und Vergnügungen; Alles ſchlägt mit der Zeit aus der Art, wie unſer guter Landamman Zambeck ſchon einmal ſo ſehr richtig bemerkt hatte. Deutſche ehrgeizige und kriegeriſche Mönche ſchielten ſchon lange nach dem äbtlichen Krummſtab von Sanct⸗ Gallen und bemächtigten ſich auch endlich deſſelben; ſie un⸗ terjochten zuerſt die der Abtei zunächſt gelegenen Dörfer, und mit der Freiheit verſchwanden auch die Muſen. Auf vie letzten Aebte folgten nun deutſche Herren, und dieſe dehnten ihre Eroberungen aus; erſt die Grenzen, welche wir ſoeben angegeben haben, ſteckten denſelben endlich ein Ziel. Der kleine Canton von Appenzell hatte lange Zeit mit zu dem Gebiete der Abtei von Sanct⸗Gallen gebört; das nebermaß der Unterdrückung hatte endlich ſeine Bewohner dahin gebracht, daß ſie das unerträgliche Joch, welches auf ihnen laſtete, abzuſchütteln verſuchten: ſie empörten ſich im Jahre 1407. Der Abt ließ nun zwar Truppen gegen ſie anrücken, aber die Soldaten der Kirche ſind niemals ſehr zu fürchten geweſen, und die Bewohner von Appen⸗ zell ſchlugen dieſelben daher auch und erklärten ſich für un⸗ abhängig; und ſie waren es auch in der That geworden, weil ſie feſt entſchloſſen waren es zu werden, oder mit den Waffen in der Hand zu ſterben. Im Jahre 1489 verſuchte der regierende Abt es noch ein Mal, ſie zu unterwerfen, und ſo groß war ſein Reich⸗ thum, daß er deutſche Truppen beſolden und ſie in das Gebiet von Appenzell einrücken laſſen konnte. Der Kampf ward ein langer und furchtbarer; die Bewohner von Ap⸗ penzell verrichteten Wunder der Tapferkeit und verjagten denn endlich auch die Feinde von ihrem Gebiete: dann ver⸗ einigten ſie ſich mit dem Schweizer Bunde, und die andern Cantone drohten dem Abt von Sanct⸗Gallen damit, ihn aus ſeinen Staaten zu verjagen, wenn er es nur noch ein Mal wagen würde, die Freiheit Appenzells anzugreifen. Nun erſt erkannte der Abt die Unabhängigkeit dieſes Can⸗ tons an. Ich hatte den unglücklichen Leibeigenen des Abtes von Saint⸗Claude noch nicht vergeſſen, welcher um eines un⸗ bedeutenden Vergehens willen mit Peitſchenhieben zer⸗ fleiſcht worden war, und ich fragte daher André'n, ob es 40 für uns unumgänglich nothwendig ſei, durch die Stadt Sanct⸗Gallen zu reiſen; er war aber auch eben kein beſſe⸗ rer Geograph als ich, und erkonnte doch nicht Alles wiſſen. Wir hielten einen Bauer an, welcher mit ſeinem Grab⸗ ſcheit auf der Schulter an uns vorüber ging; er ver⸗ neigte ſich tief und zu wiederholten Malen vor uns: was hätte er erſt gethan, wenn er uns wieder mit unſern Hof⸗ kleidern angethan geſehen hätte. Der Despotismus greift Glied für Glied weiter um ſich, und der verächtlichſte ſei⸗ ner Sclaven kann noch einen Mann zittern machen, der weit mehr werth iſt, als er; dieſer arme Leibeigene theilte uns nun mit, daß wir von der Hauptſtadt noch ziemlich entfernt ſein würden, wenn wir die Grenzen des Cantons Appenzell erreicht hätten. Ich ſchenkte ihm einen Silber⸗ thaler, und er dankte mir auf ſeinen Knieen dafür. Wir ſollten dieſe Nacht zu Wildhaus zubringen, und am nächſten Morgen ſchon ſehr zeitig in das gelobte Land einziehen, oder wenigſtens in das, welches wir uns als das gelobte vorſtellten; aber werden wir es auch erreichen? Der Abt von Saint⸗Claude iſt den Geſetzen Spaniens unterworfen, der von Sanct⸗Gallen iſt unabhängig. Wenn wir von einigen ſeiner Schergen angehalten wür⸗ den„Bertrand, ſetze unſere Waffen in Stand!“ Ma⸗ rianne hielt mir den Mund, wie es mir ſchien, mit ihrer kleinen Hand zu, und drückte mich in ihre Arme; ich weiß nicht, wie ſie das Alles ſo eingerichtet hat, aber ſeit zwei Tagen reiſt ſie mit mir in demſelben Karren; nun, das iſt wenigſtens nicht meine Schuld. — Zweiunddreißigſtes Kapitel. Unſere Nomadenſchaarzieht in den Canton von Appenzell ein. Wir betraten endlich dieſen Boden, nach dem wir uns ſchon ſeit ſo langer Zeit geſehnt hatten; wir begrüßten dieſe Erde, welche uns ernähren ſollte, und auf welcher wir frei leben und ſterben ſollten, inſoweit es nämlich dem Menſchen nur immer möglich iſt, mit Beſtimmtheit auf Etwas zu zählen. Wir ſprachen ein Deutſch, welches freilich nicht allzu correct und ziemlich ſtark mit Gallicismen untermiſcht war; aber wir konnten doch das, was man zu uns ſagte, verſtehen, und uns auch Anderen mit Leichtigkeit verſtänd⸗ lich machen. Unſer Freund aus Saurigny ſchien in Allem der Erſte ſein zu wollen; er hatte ſchon Fortſchritte gemacht, welche uns ſtaunenerregend ſchienen, die aber, wenn man alle Umſtände in Erwägung zog, doch eben nichts Außerge⸗ wöhnliches waren: er hatte oft lange und einſame Téte-A- Tete's mit ſeiner Frau gehabt, und die innigſten und zärt⸗ lichſten Eheleute haben einander doch nicht immer etwas Neues zu ſagen. André dachte daher immer nach, wäh⸗ rend Clara gähnte oder gar ſchlief. Wir hatten nun keines Dolmetſchers mehr nöthig, daher wurde beſchloſſen, daß der Bereich Gertrud's von nun an blos auf die Küche beſchränkt ſein ſolle. So wirft — man, ſo wie ver letzte Stein einer Brücke fertig iſt, die Hilfspfeiler, die ſie bis dahin gehalten haben, in's Waſſer. O Undank! Wir beſchloſſen, noch zur Mittagszeit nach Appenzell, dem Hauptorte des Cantons, zu reiſen, und das war auch nicht ſchwer auszuführen. Dieſes Land hat nämlich nur zehn Meilen im Durchmeſſer von Oſten nach Weſten, und ungefähr ſechs bis ſieben von Süden nach Norden zu; es grenzt an keinem einzigen Punkte an die Schweiz, wird von den Staaten des Abts von Sanet⸗ Gallen und von Schwaben eingeſchloſſen, und doch iſt es frei und keine Macht wagt es, einen Unterdrückungsverſuch gegen daſſelbe zu unternehmen, denn die zwölf andern Cantone würden augenblicklich zu ſeiner Vertheidigung herbeieilen. Wir hielten auf dem Hauptplatze des Fleckens an und ſprangen fröhlich von unſeren Wagen herunter; vier Kar⸗ ren und ſechs Maulthiere beiſammen ſind in dem Canton von Appenzell ein großes und wichtiges Ereigniß, und die guten Bewohner umringten uns daher auch alſogleich. Sie boten uns ihre Dienſte an, und während ſie auf un⸗ ſere Antwort warteten, ſpannten ſie unterdeſſen unſere Maulthiere aus und führten unſere Wagen in ihre Re⸗ miſen. Mitten unter dieſer thätigen und gefälligen Bevölke⸗ rung befanden ſich zwei Männer, welche ſich durch Nichts auszeichneten, als durch ihre Unthätigkeit; und doch waren gerade dieſe der Landamman und der Bürgermeiſter, ſie ſchienen mit einander über Etwas Rath zu halten. — Endlich redeten ſie uns mit der gebräuchlichen Formel: „Den freien Männern Heil!“ an, da unſer ſchweizeriſcher Anzug zu unſeren Gunſten ſprach. Auf dieſe Art begrüßen ſich nämlich immer zwei Bewohner von Appenzell, welche fich, gleichviel wo, begegnen; der Sinn dieſes Grußes iſt folgender: Wir wollen uns immer an das erinnern, was wir ſind und was auch unſere Kinder ſein ſollen. Zwiſchen Leuten, von denen die Einen neugierig ſind und die Andern Rathſchläge und Unterſtützung bedürfen, entſpinnt ſich leicht ein Geſpräch; wir mußten auch dieſen Gerichtsperſonen die lange Geſchichte wiederholen, welche wir ſchon dem Landamman von Altdorf und einigen An⸗ deren erzählt hatten. Wir rechneten auf Beweiſe von Zu⸗ neigung oder doch wenigſtens von Wohlwollen, aber die Geſichter dieſer beiden obrigkeitlichen Perſonen verzerrten ſich; ihre Blicke drückten die Verlegenheit aus, welche recht⸗ liche Leute immer empfinden, wenn ſie Anderen etwas Un⸗ angenehmes ankündigen müſſen. André und ich, wir ſahen uns gegenſeitig mit dem ſehr natürlichen Erſtaunen an, in welches uns eine Aufnahme verſetzen mußte, die wir weit entfernt waren zu erwarten; was werden ſie uns ver⸗ kündigen? Sollten wir im Begriffe ſtehen, die Frucht ſo vieler Beſchwerlichkeiten und Entbehrungen zu verlieren 2 Der Landamman ergriff endlich das Wort:„Sie wer⸗ den ſogleich einquartiert werden, und Ihre Wirthe werden Alles, was ſie beſitzen, mit Ihnen theilen; gehen Sie nur erſt zu Tiſche, dann wollen wir vernünftig mit einander reden.“—„Welch' ein Anfang!“ ſagte ich auf franzöſiſch — zu meinem Philoſophen.„Er iſt eben gerade nicht ſehr heiter,“ erwiderte er mir;„wenn wir uns übrigens hier ſchlechter befinden ſollten, ſo muß uns ja der Weg, welcher uns hierher geführt hat, auch überall, wohin wir wollen, zurückführen.“ Wir wurden in vier verſchiedene Häuſer einquartiert, und unſere Wirthe empfingen uns mit jener offenen Herz⸗ lichkeit, welche uns auch, ſeitdem wir die Schweiz betreten hatten, zur ſüßen Gewohnheit geworden war; wie kommt es, daß ſo gute Leute ſich obrigkeitliche Perſonen von einem ſo harten und trockenen Charakter gewählt haben? Wir hatten noch überall, wohin wir gekommen waren, unſere Mundvorräthe mit unſeren Wirthen getheilt und ſie ſchienen uns auch für dieſes Verfahren dankbar zu ſeinz wir hielten es für unſere Pflicht fortzufahren, die Freund⸗ ſchaftsbezeigungen, mit welchen man uns überhäufte, auf dieſe Art zu vergelten, Bertrand vertheilte überall Brot von reinem Hafer, einmarinirte Fiſche und Rhone⸗Wein: Alles dies wurde ausgezeichnet befunden. Die Männer brachten aufrecht ſtehend und mit entblößtem Haupte un⸗ ſere Geſundheit aus; wir unſererſeits ſtanden nun eben⸗ falls mit dem Hute in der Hand auf, und behielten dieſe Stellung bei, bis daß Diejenigen, welche uns auf dieſe Weiſe begrüßten, aufgehört hatten zu trinken. Wir hatten dadurch eine Höflichkeit durch eine andere zu erwiedern geglaubt, und hatten damit den Gebrauch in dieſem Lande vollkommen errathen; ſie nahmen uns bei der Hand und — —— ſchüttelten uns dieſelbe auf's Kräftigſte, das hieß ſo viel als: wir find mit Euch zufrieden. Der Wein machte die Runde: die Männer vergaßen ihre nachmittägliche Arbeit, die Frauen hatten ihr Spinn⸗ rad verlaſſen; Marianne ſang gerade ein deutſches Lied, welches ſie von Gertruden gelernt hatte, als der Land⸗ amman und André eintraten. 3ch finde hier,“ ſagte die obrigkeitliche Perſon,„die⸗ ſelbe Regelloſigkeit, welche mich ſchon in den drei andern Hütten verletzt hat; man hat Ihnen in den anderen Can⸗ tonen, durch welche Sie blos durchgereiſt find, keine Be⸗ merkungen darüber gemacht, aber in dieſem hier wollen Sie ſich häuslich niederlaſſen, und Sie fangen damit an, die Sittenverderbniß hierher zu bringen? Da ſind nun Männer, welche ihre Feldarbeit vernachläſſigen, Frauen, welche ihre häusliche Beſchäftigung und die Sorge für ihr Wirthſchaftsweſen im Stiche laſſen. Dieſe unpaſſende Le⸗ bensweiſe kann nur in einem ſclaviſchen Lande geduldet werden, denn der Sclave muß das Gefühl ſeiner Lage zu übertäuben ſuchen; hier iſt Alles dies unpaſſend und ge⸗ fährlich: die Aufwandsgeſetze des Landes würden in ihrer ganzen Strenge gegen Sie angewendet werden, wenn Sie aber, ſo wie Alles, muß auch ſie ihre Grenzen haben, und ich kann nicht zugeben, daß Sie in einer Woche das ver⸗ zehren, was die unter meiner Verwaltung Stehenden im Laufe des ganzen Jahres ſich im Schweiße ihres Angeſich⸗ tes erworben haben: Sie müſſen morgen abreiſen.“ „Aber, mein Herr,“ erwiderte André,„wir wollen ja Niemandem zur Laſt fallen, wir wollen arbeiten.“— „Und für wen wollen Sie denn arbeiten? Jedermann be⸗ baut hier ſelbſt ſein kleines Beſitzthum, und wenn ſeine Arme dazu nicht ausreichen, ſo hat er Dienſtleute, denen er nicht ihr Brot entziehen wird, um es Ihnen zu geben.“ —„Wir werden uns aber ein Grundftück kaufen; wir haben auf einem unſerer Karren nicht weniger als vierundvier⸗ zigtauſend Livres in Gold liegen.“—„Sie wollen ſich ein Grundſtück kaufen, Sie wollen die Habſucht in Herzen anfachen, welche dirſelbe noch nicht kennen? Geblendet durch den Anblick Ihres Goldes würden dieſe guten Leute auf die Erbſchaft, welche ihnen ihre Väter hinterlaſſen haben, verzichten, und wenn ſie den Erlös derſelben ver⸗ zehrt hätten, was würde dann aus ihnen werden? Vaga⸗ bunden, die man aus dem Canton jagen müßte. Dieſes Uebel würde nun ſtufenweiſe immer mehr um ſich greifen, denn mit Ihren vierundvierzigtauſend Livres würden Sie endlich alle unſere Beſitzungen ſich zu eigen gemacht haben; die Freiheit würde zu Grunde gehen, weil ſie bei einem verdorbenen Volke nicht gedeihen kann. Die Bewohner von Appenzell würden die Beute des Abts von Sanct⸗ Gallen, oder einiger ſchwäbiſcher Ritter werden; ſie wür⸗ den dann ihre Knechtſchaft und ihre Erniedrigung drei oder vier Franzoſen zu verdanken haben, welche von Freiheit träumten, dieſelbe aber nicht kannten. Ich erkläre Ihnen, — 47— daß, wenn Sie von dieſem Augenblicke bis zu dem Ihrer Abreiſe Ihr Gold irgendwie ſehen laſſen ſollten, ich dafſelbe mit den von dem Geſetze vorgeſchriebenen Formalitäten in die Sitter werfen laſſen werde.“ Damit ging er hinaus. „Da wären wir nun gut angekommen,“ ſagte ich zu Andr6.—„Nun, allzuſchlecht ſteht es voch auch noch nicht mit uns; wir wollen nach Genf zurückkehren; man ißt da⸗ ſelbſt ſehr gut, und wir werden dort überhaupt Vieles von den Sitten und Gebräuchen Frankreichs wiederfinden.“ —„Aber Calvin!“—„Aber die Nothwendigkeit, und dann ſind Sie ja doch auch nicht mehr ſo gar fromm.“— „Und wenn nun der Herzog von Savoyen ſich des Staa⸗ tes von Genf bemächtigte?“—„Das wäre der ſchlimmſte Fall; dann würden wir die Freiheit in Holland ſuchen gehen, dort können wir dann mit Zimmetrinde, mit Ing⸗ wer und mit Häringen Handelsgeſchäfte machen.“ Man kam, um uns anzukündigen, daß der Landamman ſoeben den Kleinen Rath verſammelt habe.„O mein Gott!“ rief ich aus,„ſie wollen uns jetzt gewiß verhaften laſſen.“—„Sie haben nicht das Recht dazu,“ ſagte unſer Wirth zuuns,„und dann, wozu ſollte man Sie verhaften, da Sie doch morgen abreiſen?“ Ob man es thun durfte oder nicht, gleichviel; Marianne drückte ſich feſt an mich an, ſie ſeufzte, ſie betrachtete mich mit gerührter Miene. Andié ſang das Lied, welches wir zuſammen zu Montereau verfaßt hatten, Bertrand pfiff, Clara gähnte; ich meinerſeits ſchmollte; die Gefahr hatte uns Alle hier verſammelt. Es ſchien uns ausgemacht, daß der Kleine Rath ſich mit uns beſchäftige und die Sitzung dauerte ſchon zwei Stunden lang.„Sie werden ſehen,“ ſagte André,„daß ſie darüber ſich berathſchlagen, ob wir morgen bevor oder erſt nachdem wir gefrühſtückt haben, abreiſen müſſen.“— „O Du, Du lachſt über Alles.“—„Es giebt aber auch wirklich kein Ereigniß, welches nicht ſeine komiſche Seite hätte, und dieſe muß man ihm abzugewinnen wiſſen, wenn man ohne Sorgen leben will.“ Ein Bürger und Mitglied des kleinen Rathes kam, um uns anzukündigen, daß die Verſammlung uns vor ſich be⸗ rufe. Wir folgten ihm, André, indem er Liedchen vor ſich hinſummte, ich, indem ich kummervolle Betrachtungen über unſere Lage anſtellte. Wir traten in einen weiten von Rauch ganz geſchwärz⸗ ten Saal ein, deſſen Mauern keine andere Verzierung als ein Cruzifix hatten. In der Mitte ſtand ein großer Tiſch von Eichenholz, der von der Zeit ſchwarz gefärbt worden war, und auf welchem ſich ein Regiſter Federn und ein bleiernes Schreibzeug befanden. Der Landamman war der Präſident dieſer Verſammlung und die Geſichter vvn allen Mitgliedern derſelben hatten einen ernſten Ausdruck, der eben nicht ſehr geeignet war, mich fröhlich zu ſtimmen. André, welcher ſeine Bequemlichkeit ſehr liebte, be⸗ merkte einen Fußſchemel in ſeiner Nähe und bemächtigte ſich deſſelben. Der Landamman ſagte mit ſehr vieler Würde zu ihm:„Die unumſchränkte Gewalt liegt in dem Volke. Der kleine Rath, deſſen Mitglieder von demſelben gewählt, — beſitzt einen Theil dieſer Unumſchränktheit. Stehen Sie auf, und hören Sie das, was ich Ihnen zu ſagen habe, auf⸗ merkſam an. „Treten Sie mit mir hier näher zu dieſem kleinen Fen⸗ ſter heran. Das iſt der Ebenalp, einer der höchſten Berge des Cantons. Sehen Sie dort zur Linken dieſe uner⸗ meßliche Menge von Trümmern?“ André und ich ſahen uns gegenſeitig mit einer Miene an, welche ſagen zu wol⸗ len ſchien: Wo zum Teufel will er damit hinaus?„Wir ſehen dieſelben ganz deutlich“ erwiverte ich.—„Dort befand ſich einſt ein ungeheurer Fels, doſſen hervorſprin⸗ gende Spitze die Ebene ſchon ſeit Jahrhunderten bedrohte. Endlich ſtürzte dieſelbe, es ſind jetzt ungefähr vierzig Jahre her, mit einem furchtbaren Gepolter herunter. Ihre Trüm⸗ mern haben einen ſchönen ebenen Bergabhang von ſechzig Morgen Wieſen, welcher von einem Bache bewäſſert würde, in ziemlicher Höhe verſchüttet. Sehen Sie dort die Quelle dieſes Baches, welche aus der Vertiefung jenes Felſens da oben ein wenig zur Rechten entſpringt? Sie ſickert nun langſam durch dieſe Trümmer und verliert ſich dann ohne nützlich zu werden in einen kleinen See, welcher ſich hinter jener Gebirgskette befindet.“—„Wenn es dem Herrn Landamman doch gefällig wäre, zur Sache zu kommen... —„Die Franzoſen ſind, wie man behauptet, lebhaft und ungeduldig, und Ihr liefert den Beweis dafür. So hört mich doch nur ruhig an.“—„Wir ſind ganz Ohr.“ —„Dieſe ſechzig Morgen waren früher ein Gemeinde⸗ Beſitzthum. Unſere Landsleute, welche keine eigenen Grund⸗ Biblioth. 383 Boch. 4 —— ſtücke beſaßen, konnten dort ihre Kühe und ihre Ziegen weiden laſſen. Die Vernichtung dieſes Gebietes hat dieſel⸗ ben in die größte Beſtürzung verſetzt. Aber die Zeit mil⸗ dert Alles, ſowohl Freuden als Leiden, und jetzt denkt man nicht einmal mehr an jenen Bergabhang.“—„Aber ge⸗ ſtrenger Herr Landamman, welcher Zuſammenhang exiſtirt denn zwiſchen uns und dieſen Ereigniſſen da?“—„Sie errathen denſelben noch immer nicht? Sie haben doch ſonſt eine ſehr lebhafte Einbildungskraft. „Sehen Sie dort jenen einwärtsſpringenden Winkel, welcher ſich bis zu den Seitenabhängen dorthin verlän⸗ gert. Man kann ziemlich leicht jenen Wuſt von Trümmern dorthin ſchaffen und ſo die Wieſe von demſelben befreien.“ —„Nun, und warum haben denn die Bewohner dieſes Landes dies nicht ſchon lange gethan?“—„Die Ausfüh⸗ rung dieſes Planes fordert eine beſtändige Arbeit von vierzehn Tagen, und hundert Männer ſind nöthig, um die⸗ ſelbe in dieſem Zeitraume zu vollenden. Hier aber trägt nur der Schweiß jedes Tages das tägliche Brot ein, und der öffentliche Schatz iſt nicht reich genug, um Diejenigen zu ernähren, welche man zu dieſer Arbeit verwenden müßte.“—„O ich habe es nun, ich habe es,“ rief André aus.„Wir ſind es wohl, welche jenen Bergabhang wieder urbar machen ſollen? Aber unter welchen Bedingungen?“ Der Landamman führte uns wieder in den inneren Theil des Saales zurück. Wir hörten daſelbſt aufrecht ftehend und mit entblößtem Haupte die Vorleſung des Ent⸗ — wurfes zu dem Beſchluſſe an, welchen der Kleine Rath faſſen wollte. „Ihr werdet morgen ſchon Euer Geld in die Stadt Sanct Gallen tragen; wir wollen dieſes beſtechende Me⸗ tall nicht hier haben. Sie werden es daſelbſt gegen Kupfer⸗ münzen, oder gegen anderes Geld von geringerer Wäh⸗ rung auswechſeln. „Ihr werdet zugleich die Ueberbringer eines Briefes des Kleinen Rathes an den Abt von Sanct Gallen ſein, in welchem wir ihn um eine militairiſche Sicherheitswache für Euch, welche Euch bis an die Grenze des Cantons von Appenzell geleiten ſoll, erſuchen wollen; denn in ſchlecht regierten Ländern giebt es ſehr viele Dürftige und folg⸗ lich auch ſehr viele Diebe, und mehrere mit Geld beladene Karren find doch ganz geeignet, die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. 9 „Nach Eurer Rückkehr hierher werden Euch ſogleich vorläufige Urkunden über Eure Naturaliſation übergeben werden. „Ihr werdet alſogleich Eure Arbeiten beginnen. Je mehr Arbeiter Ihr annehmen werdet, deſto eher werden dieſelben natürlich beendet ſein. „Ihr werdet dieſe Arbeiter ernähren und jedem von ihnen täglich ſechs Sols zahlen, welche zum Unterhalte ihrer Familien dienen ſollen.“—„Aber, Herr Landamman, wo⸗ mit ſollen wir ſie denn ernähren?“—„Die Bewohner die⸗ ſes Cantons betreiben jedes Jahr gegen Ende des Monats December einen kleinen Tauſchhandel mit Schwaben und 4 ½ — dem Gebiete von Sanct Gallen. Sie verhandeln dorthin den Ueberſchuß ihres Hornviehes, ihres Leders, ihres Käſes und ihrer Butter. Sie tauſchen dafür Wollenſtoffe und an⸗ dere Gegenſtände ein, welche hier zu Lande nicht erzeugt werden. Ihr müßt Ihnen nun dieſe überſchüſfigen Lebens⸗ mittel abkaufen, und mit dieſem Gelde werden ſie dann die Gegenſtände bezahlen, welche ſie von unſeren Nachbarn, den Leibeigenen, zu nehmen gezwungen ſind. „Sobald als es Euch nur immer möglich ſein wird, müßt Ihr entweder mittelſt des Grabſcheits, oder mittelſt Kanonenpulvers einen bequemen Weg von dem Bergab⸗ hange nach der Ebene herſtellen. Ihr werdet denſelben bis nach Weißbad führen, welches Euer Kirchſpiel ſein wird, und von da weiter bis nach Appenzell, dem Hauptorte des Cantons. „Ihr werdet auch noch einen anderen Weg von Appen⸗ zell bis zu der Sitter, welche die beiden Theile dieſes Can⸗ tons trennt, bahnen laſſen. Jetzt ſetzt man auf einem Boote über dieſen Fluß, was ein langſames und folglich unan⸗ genehmes Transportmittel iſt. Ihr werdet an dem Ueber⸗ gangspunkte eine hölzerne Brücke aufführen laſſen.“ —„Aber, mein Herr Landamman, unſere Geldmittel werden zu alledem nicht ausreichen.“—„Im Gegentheile. Es wird Euch noch immer mehr Geld übrig bleiden, als nöthig iſt, um ſich die Annehmlichkeiten des Lebens zu ver⸗ ſchaffen, um einen guten Tiſch zu führen, worauf Ihr, wie ich bemerkt zu haben glaube, ſehr viel haltet.“—„Aber, mein Herr Landamman, Sie haben ſich nun ſchon lange — und mit Wohlgefallen über die Laſten verbreitet, wäre es denn nun nicht auch einmal an der Zeit, von den Vorthei⸗ len zu ſprechen?“—„Eben komme ich dahin. „Die ſechzig Morgen Wieſen werden Ihnen auf hun⸗ dert Jahre abgetreten; nach dieſem Zeitraume fallen ſie jedoch wieder an die Gemeinde zurück.“—„Das läßt ſich ſchon hören.“ —„Durch zehn Jahre werden Sie den Nießbrauch derſelben ganz unentgeldlich haben.“—„Nur durch zehn Jahre? So, alſo es giebt doch noch einige Laſten?“ —„Im elften Jahre und in allen folgenden werden Sie der Gemeinde ein Pachtgeld von dreißig Livres be⸗ zahlen, welches unter die vom Glücke amwenigſten begün⸗ ſtigten Bürger vertheilt werden ſoll. Auf dieſe Art werden Sie noch immer für Schweizer reich genug ſein; Ihre Ar⸗ beit ſowohl als Ihr Pachtgeld werden ſowohl zum allge⸗ meinen Nutzen, als auch zum Wohlſein Ihrer Mitbürger beitragen. Wenn man aller Welt Gutes erweiſt und Nie⸗ mandem ſchadet, hat man nur Freunde, und es iſt ja ſo ſüß, geliebt zu werden. Wenn Ihnen dieſe Bedingungen an⸗ nehmbar erſcheinen, ſo unterzeichnen Sie dieſen vorläufi⸗ gen Vertrag, und betrachten Sie die Sache als abgemacht. „Freilich wird dann dieſem Vertrage noch immer die Beſtätigung des Großen Rathes fehlen, aber dieſer ver⸗ ſammelt ſich am ſechszehnten October, und wir find ſchon z'emlich nahe daran. Und dieſe Körperſchaft, weit entfernt, Maßregeln, welche auf das allgemeine Beſte hinzielen, hindernd in den Weg zu treten, wie das, wie man wenig⸗ ſtens behauptet, in vielen Staaten zu geſchehen pflegt, be⸗ günſtigt vielmehr mit ſeinem ganzen Einfluſſe die Ausfüh⸗ rung derſelben.“ „Wir müſſen nun entweder unterzeichnen oder abrei⸗ ſen,“ ſagte André zu mir.—„Abreiſen? Aber, um wo⸗ hin zu reiſen?“—„Wohin Sie wollen. Ich bin bereit, Ihnen überall hin zu folgen.“—„Aber es ſcheint mir, daß wir uns hier ſehr wohl befinden würden. Wir wollen doch lieber unterzeichnen.“—„Gut! ſo wollen wir unter⸗ zeichnen.“ 4 Der Landamman richtete noch eine letzte Frage an uns: „Gehören dieſe vierundvierzigtauſend Livres nur Einem von Ihnen?“—„Uns Beiden zuſammen,“ erwiderte ich. Nun bat er uns noch um unſere Namen und Vornamen. „So, mein lieber André, jetzt iſt unſere Gütergemeinſchaft feſt begründet.“ Der Landamman hatte nun in ſeiner Eigenſchaft als obrigkeitliche Perſon Nichts mehr mit uns zu verhandeln. Er faßte André und mich jeden unter einem Arm, und wir gingen fort, alle Drei ſehr zufrieden, er über die Wohl⸗ that, welche er der Gemeinde zugewendet hatte, wir dar⸗ über, daß wir endlich einmal unſer Geſchick feſt begrün⸗ det ſahen. Wir erzählten allen Denjenigen, welche uns begegne⸗ ten, Das, was ſoeben im Kleinen Rathe vorgegangen war. Die Einen lächelten uns zu, die Andern faßten uns bei der Hand, Alle ſagten zu uns:„Den freien Männern Heil!“ und wir richteten uns hoch auf, indem wir ihnen ihren — Gruß zurückgaben. Es ſchien uns, als ob wir wirklich ge⸗ wachſen wären. Wir fanden unſere Damen und Bertrand in der Woh⸗ nung André's verſammelt. Wir beeilten uns, ſie zu Theil⸗ nehmern an unſerer Freude zu machen. Clara billigte alles Geſchehene nur durch eine leichte Kopfbewegung, Marianne ſang, tanzte und umarmte uns alle Drei.„Und ich,“ ſagte Bertrand,„bin ich denn jetzt auch ein freier Mann 20— „Ganz gewiß,“ erwiderte ihm HerrHeilberg, unſer Land⸗ amman. Er that nun einen Freudenſprung; aber was für einen Sprung! Er warf mit demſelben die Hälfte eines Schweines, welche an einem Balken aufgehangen war, über den Haufen und ſie rollten zuſammen bis an die Thüre der Hütte. Es iſt ſowohl zum Verſtändniſſe deſſen, was ſchon vor⸗ ausgegangen iſt, als auch deſſen, was noch nachfolgen wird, nothwendig, daß ich auf einige Einzelnheiten näher eingehe. Der Canton iſt in zwei Theile geſchieden, welche durch den Strom Sitter von einander getrennt ſind. Das Ge⸗ biet, welches beinahe ganz an Schwaben grenzt, iſt das ausgedehntere und heißt das der äußeren Rhone. Es iſt ausſchließlich von Reformirten bevölkert. Der andere Theil, welcher durchaus katholiſch iſt, iſt bekannt unter dem Namen des Gebiets der inneren Rhone. Dieſe beiden kleinen Länder find von einander vollkommen unabhängig; aber ſie werden von denſelben Geſetzen re⸗ giert. An beiden Ufern des Fluſſes beſitzt das zu General⸗ verſammlungen vereinigte Volk die unumſchränkte Ge⸗ walt. Dieſe Verſammlung wird in dem katholiſchen Theile in dem Markiflecken Appenzell, in freier Luft an dem letz⸗ ten Sonntage des Monats April gehalten. Die Reformirten verſammeln ſich an dem erſten Sonn⸗ tage deſſelben Monates zu Grognen, zu Urach oder zu Heriſau. In beiden Theilen des Cantons werden alle jungen Leute, welche das Alter von ſechszehn Jahren erreicht ha⸗ ben, zu den Generalverſammlungen zugelaſſen. Dieſe ernennen nun nach Stimmenmehrheit für den katholiſchen Theil einen Landamman, die erſte obrigkeit⸗ liche Perſon, welche zwei Jahre lang in ihrem Amte bleibt; dann einen Statthalter oder Lieutenant, einen Schatzmei⸗ ſter, einen General⸗Capitain des Diſtrictes, einen Com⸗ mandanten der militairiſchen Uebungen, einen Aedilen, einen General⸗Inſpector der Kirchen, einen Bannerträger und die betreffenden Bürgermeiſter. Die Verſammlung giebt nun dieſen Würdenträgern noch zwölf Bürger bei. Dieſe nun bilden den Kleinen Rath und verſammeln ſich ein Mal in jeder Woche. Sie urthei⸗ len nur über gewöhnliche Civil⸗Streitigkeiten ab und ha⸗ ben die niedere Polizei⸗Verwaltung unter ſich. Die Verſammlung ſchreitet dann zur Bildung des Großen Rathes vor. Dieſer beſteht aus hundertachtund⸗ zwanzig Mitgliedern, in welcher Zahl auch die des Kleinen Rathes mitbegriffen find. — Der Große Rath urtheilt über die wichtigeren, ſowohl Civil⸗als Criminal⸗Sachen ab. In einem Zeitraume von funfzig Jahren fällt jedoch nicht Ein Verbrechen vor. Er controllirt auch die Verwendung der öffentlichen Gelder. Er verſammelt ſich im Jahre zwei Mal; amVorabende des Tages der Zuſammenberufung der Generalverſamm⸗ lung und am ſechszehnten October. Die natürliche geſunde Vernunft ſcheint dieſe ſo einfache Einrichtung eingeflößt zu haben. Der Große Rath verſammelt ſich nur zwei Mal im Jahre, aber die Mitglieder des Kleinen, welche einen Theil des erſteren bilden, machen ihn in kurzer Zeit mit allen laufenden Geſchäften bekannt. Es muß aber auch nur ſehr wenige verwickelte Geſchäfte geben, da man nicht mehr als eines Tages bedarf, um den Bericht, welcher Tags darauf der Generalverſammlung vorgelegt werden ſoll, abzufaſ⸗ ſen. Glückliches Volk. Das Parlament von Paris verſam⸗ melt ſich alle Tage. Das reformirte Gebiet hat den nämſichen Verwaltungs⸗ modus, mit dem einzigen Unterſchiede, daß es dort we⸗ gen der größeren Gebietsausdehnung nöthig wird, zwei Landammans, zwei Statthalter u. ſ. w. zu wählen. Ein aus Bürgern beider Gebietstheile zuſammengeſetz⸗ tes Tribunal, welches Conſiſtorium genannt wird, urtheilt über Eheſtreitigkeiten und alle diejenigen Dinge ab, welche auf die öffentliche Sicherheit Bezug haben. Es beßteht zum Theil aus Geiflichen, zum Theil aus Laien. Den Vorſitz führt abwechſelnd ein Geiſtlicher und ein Laie. Die Laien S 6 machen überhaupt zwei Drittheile von der Anzahl der Mitglieder des Confiſtoriums aus. Die Schweizer wollen nicht, daß ihre Prieſter in was immer für einer Beziehung die Herrſchaft in die Hände bekommen ſollen. Je theurer man die Freiheit hat bezahlen müſſen, um ſo mehr Vor⸗ ſichtsmaßregeln ergreift man, um ſie ſich zu erhalten. Endlich wacht ein letztes Tribunal, welches das der Wiederherſtellung genannt wird, über die genaue Beobach⸗ tung der Aufwandsgeſetze. Diejenigen, welche dieſelben überſchreiten, werden zu einer größeren oder geringeren Geldbuße verurtheilt, je nachdem ſie ſich mehr oder weniger vom Buchſtaben des Geſetzes entfernt hatten. In dieſem Canton iſt ein Bürger, welcher Zeuge eines Streites wird, ſchon dadurch allein mit einer öffentlichen Vollmacht beklei⸗ det. Er gebietet den beiden Parteien Stillſchweigen, und bei dem Klange ſeiner Stimme iſt der Friede ſogleich wie⸗ derhergeftellt. Diejenigen, welche es wagen würden, ihm zu widerſtehen, würden als Widerſpenſtige gegen das Ge⸗ ſetz behandelt werden. „Aus alle Dem geht hervor,“ ſagte André,„daß der Kleine Rath den Großen, und der Große die Generalver⸗ ſammlung leitet. Denn dieſe iſt aus allen dieſen braven Leuten da zuſammengeſetzt, welche unſerem Landamman zulächeln, und ſie wird daher gewiß zu unſern Gunſten entſcheiden. „Aber Sie, mein Herr, ſind ein ſehr zierlicher und ſehr galanter Herr, und hier wird man Sie wegen des gering⸗ ſten kleinen Aergerniſſes vor das Conſiſtorium ſtellen. Wenn Ihnen die Laune in den Kopf kommt, eines Sonn⸗ tags einmal ein ſeidenes Gewand anzuziehen, ſo wird man Sie einladen, ſich auf den Weg zu machen, um daſſelbe vor dem Tribunal der Wiederherftellung ſehen zu laſſen. Hören Sie, wir hätten uns doch in Genf viel beſſer befunden, dort giebt man auf derlei Kleinigkeiten nicht Acht; man ißt dort Forellen und Lachs, und trinkt ziemlich guten Wein dazu.“—„Aber warſt Du es denn nicht ſelbſt, der mir den Canton von Appenzell vorgeſchlagen hat?“— „Ich kannte denſelben ja nur aus den Büchern, und ich ſehe jetzt, daß die Herren Schriftſteller Reiſen machen, ohne auch nur ihr Zimmer zu verlaſſen. Nun, ſo laſſen Sie uns denn jetzt noch Alles, und zwar auf's Reiflichſte überlegen; denn es wäre dann, wenn wir drei Karren mit Kupfermünzen beladen haben, zu ſpät dazu. Wie wollten wir dieſelben auf dieſen verteufelt ſchlechten Wegen vor⸗ wärts bringen? Der Schifffahrer wirft ſeine Waaren in das Meer, um ſein vom Sturme bedrohtes Schiff zu er⸗ leichtern; ſo würden auch wir uns genöthigt ſehen, da oder dort unſer Geld über Bord zu werfen, wenn wir nicht an dem Fuße irgend eines Felſens ſtecken bleiben wollten.“ Die kleine Marianne ſah den großen Berg Ebenalp an, und ihre Augen drückten Zufriedenheit aus; ſie ſchienen zu ſagen, daß die ſchönen Genferinnen hier ihre heitere Ruhe nicht ſtören könnten.„Und dann, mein Herr, immer dieſer Wein des Rheinthals.“—„Was iſt denn das für ein Wein?“—„Das iſt derſelbe, den man Ihnen hier vor⸗ geſetzt hat; man gewinnt ihn auf dieſen Felſen da unten, welche den Canton von den Staaten des Abts von Sanct⸗ Gallen trennen; ſehen Sie dort?“—„Er iſt eben nicht ſehr gut, dieſer Wein da.“—„Und dann immer nur die⸗ ſes ſchwarze Brot, um ihn doch durch die Gurgel hinab⸗ zubringen.“ Marianne that vier Sprünge, und kam dann mit einem 1 Stücke von dieſem Brote in der einen, und einem Glaſe von dieſem Weine in der andern Hand zurück; fie tunkte ihr Brot in den Wein ein, und kaute es wie Biscuit hin⸗ unter; ich errieth ſie ſogleich.„Mein lieber André, ich muß freilich zugeben, daß ich der Religion die häßliche Larve abgeriſſen habe, mit welcher gewiſſe Leute ſie ver⸗ hüllen; aber je reiner und heiliger ich ſie einmal wieder⸗ ſehe, um ſo mehr fühle ich mich dann zu ihr hingezogen. Ich werde ihr hier mitten unter meinen Mitbürgern frei huldigen dürfen, während ſie in Genf verfehmt iſt.“— „Nun meinetwegen, meinetwegen! So wollen wir denn den Ebenalp bewohnen, und uns aus ſchwarzem Brote Biscuits machen.“ Von dem Marktflecken Appenzell bis nach Sanct⸗Gallen beträgt der Weg nicht mehr als ſechs bis ſieben Meilen; wir beſchloſſen aber nichtsdeſtoweniger ſehr zeitig aufzu⸗ brechen, um noch im Laufe dieſes Tages unſer Gold in Kupfer umſetzen zu können. Das war wirklich eine höchſt drollige Finanzoperation, die wir da vorzunehmen hatten, aber der Kleine Rath wollte es nun einmal ſo. „Ah! unter Anderem, André, wer wird über unſere Frauen während unſerer Abweſenheit wachen?“—„Die — 6— öffentliche Meinung.“—„Ja, das iſt ganz gut; aber wenn ſie bei unſeren Wirthen ſchlafen ſollten ſo wird es ja in der Nacht dort keine Oeffentlichkeit geben.“—„Sie müſſen wohl auch bei denſelben ſchlafen, da wir nothwen⸗ digerweiſe alle unſere Karren mit uns nehmen müſſen.“— „Aber André.—„Aber mein Herr, die Frauen find ja das ſchwache Geſchlecht; die Gelegenheit, eine Ueber⸗ raſchung, gefolgt von einer Gewiſſenscapitulation, nicht wahr, das ſind die Dinge, die Sie fürchten? Sie kennen die Macht einer Gewiſſenscapitulation, Sie haben ja ſelbſt Gebrauch von einer ſolchen gemacht: Er iſt nicht da. Des Nachts find alle Kühe ſchwarz. Ich ſchlief, ich träumte.. Ich habe geglaubt, er ſei es: ich habe mich getäuſcht; aber das iſt nicht meine Schuld. „Mein Herr, der Verdacht iſt ein Kind des Laſters; ich habe geglaubt, daß Sie alles Das ſo wie die Grenzen der Franche⸗Eomté mit dem Staube von Ihren Füßen geſchüttelt haben.“—„André, alle dieſe Grundſätze find in der Theorie ſehr gut.“—„Nun wohl, mein Herr, ſo nehmen Sie ſie mit ſich, und wenn ſie ſich unterwegs lang⸗ weilt, ſo kann ſie Jagd auf die Murmelthiere machen; man finvet nicht bei jedem Schritte eine Höhle, ein Lilien⸗ geſträuch, einen weit offenen Kaninchenbau oder „Aber ich glaube nun wahrlich, daß Du jetzt zum la Mouche geworden biſt.“—„Ah! da kommt eben unſer Landam⸗ man.“—„Erkommt zu ſehr gelegener Zeit, nicht wahr?“ —„Ja, aber für Sie, mein Herr.“ Meiſter Heilberg kam, um uns vorzuſtellen, daß der — — Augenblick noch ſehr weit entfernt ſei, in welchem wir uns auf unſeren Beſitzungen einrichten könnten, daß wir nicht einen ganzen Monat hindurch auf unſeren Karren ſchla⸗ fen, und ebenſo wenig unſere Wirthe ſo lange beläſtigen könnten; er hatte den angeſehenſten Stellmacher des Marktfleckens bei ſich, der auch für den Nothfall ein wenig Architect und daher bereit war, uns auf der Stelle ein pölzernes Haus von der Ausdehnung zu bauen, welche wir ihm ſelbſt angeben würden. Dieſes Haus ſollte nur von Holzpflöcken geſtützt werden; nichts war daher leichter, als es ſpäter einmal abzubrechen und auf unſern Bergabhang hin zu verſetzen. Blecker ſchlug uns dann vor, er wolle auch die Her⸗ ſtellung der Brücke über die Sitter übernehmen, und das Alles zu ſehr annehmbaren Bedingungen.„Ich bin ſein Bürge,“ ſagte Herr Heilberg,„und ich ſtehe Ihnen dafür, daß, wenn er ſeine Arbeiten beendigt hat, wenn ſeine Le⸗ bensbedürfniſſe und die ſeiner Familie davon abgezogen, und ſeine Auslagen vergütet ſind, ihm gewiß nicht mehr als zwanzig Livres übrig bleiben werden.“—„Aber, mein lieber Mitbürger, Sie verſtehen alſo Alles zu ver⸗ fertigen?“—„Ich will Ihnen auch Schubkarren machen, Sie werden derſelben bedürfen, um den Schutt des alten gelſens wegbringen zu laſſen. Wenn Sie ein Stück von Ihrer Kleidung auszubeſſern, oder Honigmeth zu bereiten haben, ſo bin ich dazu wieder Ihr Mann, und bei alle Dem habe ich noch dazu die Mühe, für die phyſiſche und mora⸗ liſche Erziehung von ſechs Kindern zu ſorgen, welche meine 3 Frau mir gegeben hat.“—„Pah! er iſt alſo auch zugleich Arzt und Seelſorger.“—„Und ein freier Mann, was beſſer als dies Alles mit einander iſt.“—„Sagen Sie mir, mein lieber Herr Doctor, wären Sie wohl im Stande, uns ſchon morgen Abend in Ihrem hölzernen Hauſe auf⸗ zunehmen?“—„Warum das nicht? Ich habe Blöcke und Planken von Eichenholz, aber ich werde genöthigt ſein, Leute anzunehmen, um mich dabei unterſtützen zu laſſen, wenn ich dieſelben aufſtelle.“—„Nun wohl, ſo wollen wir auch nicht einen Augenblick Zeit verlieren; Du lachſt, André, Du würdeſt beſſer daran thun, einen Plan zu unſe⸗ rer neuen Wohnung zu entwerfen: das ſchlägt in Dein Fach, Du Mathematicus!“—„Einen Plan?“ ergriff Blecker jetzt wieder das Wort,„ich würde ſo gut wie gar nichts davon verſtehen; ſagen Sie mir nur, wie viele Perſonen untergebracht werden müſſen.“—„Drei Männer und drei Frauen.“—„Und ſie wollen doch zu Zweien und Zweien beiſammen wohnen?“—„So antworten Sie doch, mein Herr; man braucht eben kein großer Rechen⸗ meiſter dazu zu ſein, um das herauszubringen.“—„Herr André hat, wie ich ſehe, heute gerade ſeinen ſpaßhaften Tag.“—„So will ich für Sie antworten. Ein geräumi⸗ ges Zimmer für mich, meine Frau und zwei Kinder; ein anderes bequemes Zimmer für meinen Freund, zur Seite deſſelben ein Schlafkämmerchen für das Fräulein: er lei⸗ det, beſonders während der Nacht, häufig an Herzklopfen, und ſie pflegt dann beruhigende Mittel bei ihm anzuwen⸗ den.“—„3ch ſehe darin gar nichts Böſes,“ ſagte der — 61— Stellmacher und Baukünſtler.—„Endlich werden Sie noch, ſo gut es eben gehen wird, unſern vertrauten Die⸗ ner und unſere Köchin unterbringen, aber, wie ſich von ſelbſt verſteht, in gehöriger Entfernung von einander.“— „Zch begreife, ich begreife! Alles dieſes ſoll in einem klei⸗ nen Stockwerke von ſechs Fuß Höhe, vom Erdboden an ge⸗ rechnet, angebracht werden; man wird mittelſt einer feſt⸗ gebauten Leiter da hinaufſteigen, und Ihr werdet dann das Dach unmittelbar über Euren Köpfen haben.“—„Aber, mein lieber Freund Stellmacher, es fängt ſchon an Abends kalt zu werden, und die Zugwinde ſind eben auch nicht allzu angenehm.“—„Hm! Sie werden doch wohl ein⸗ ſehen, daß man ein ſo anſehnliches Haus nicht mit Stroh, welches mittelſt Steinen feſtgehalten wird, deckt; das hieße vaſſelbe entehren. Ich werde die Balken mit Harz unter einander verbinden, das ſchmilzt im Winter nicht, und im Sommer iſt ohnedies ein wenig friſche Luft ganz ange⸗ nehm.“—„Aber die Küche, welche ein ſo weſentlicher Theil jeder Wohnung iſt, und die Ställe unſerer Maul⸗ thiere!“—„Sie werden alles Das zu Ihren Füßen haben, und wenn die Maulthiere des Nachts unruhig zu werden anfangen ſollten, ſo werden Sie nur zwei Sprünge zu thun haben, um hinunterzukommen und ſie zur Ruhe zu bringen.“ Marianne hielt ſich immer in der nöthigen Entfernung, um mich zu hören, folglich verlor ſie auch kein Wort von Dem, was meine Mitſprechenden äußerten; ich hatte ſie er⸗ hlaſſen, erröthen, lächeln geſehen, aber dabei hatte ſie * immer das tiefſte Stillſchweigen beobachtet; und in der That, man mußte auch über die Sticheleien André's ent⸗ weder böſe werden, oder ſich den Anſchein geben, als habe man ſie gar nicht verſtanden.. Am folgenden Tage war ſie des Morgens zu allererſt aufgeſtanden; ſie weckte Bertrand auf und hieß ihn unſere kleinen Beſitzthümer auf einen der Karren aufladen, ſie ließ an jeden der drei anderen Karren zwei Maulthiere anſpannen, und als ich in den Hofraum hinuntergeſtiegen war, kam ſie mir mit einem Spaten auf der Schulter ent⸗ gegen.„Was willſt Du mit dieſem Werkzeuge da thun?“ —„Auf die Jagd nach Murmelthieren gehen.“— Wir lach⸗ ten alle Beide; ſie erröthete auch wieder, aber wenn ſie nur mit mir allein iſt, ſo deutet ihr Erröthen keineswegs auf Zorn hin. Unſere Karren waren jetzt noch leer, und wir waren nicht ſo dumm, unſern Weg zu Fuße zurückzulegen; es war ſchlimm genug, daß wir auf dem Rückwege gehen mußten. André führte den erſten Karren, Bertrand den zweiten und ich den dritten; ſie war da, immer da bei mir. Uebrigens hatten ſich unſere Schweizer in neuerer Zeit auch ſchon daran gewöhnt, ſie daſelbſt zu ſehen; wir kamen noch vor Mittag in Sanct⸗Gallen an. Dieſe Stadt iſt eigentlich eine Feſtung; drei Wächter, welche ſehr gut gekleidet waren, aber einen ſehr unbedeu⸗ tenden Geſichtgausdruck hatten, fragten uns, was wir hier wollten. André, welcher niemals den Kopf verlor, erwi⸗ derte, daß wir von dem Kleinen Rathe zu Appenzell hier⸗ Biblioth. 63 Bpch. 5 her zu Monſeigneur geſandt ſeien, und daß wir ihm De⸗ peſchen zu übergeben hätten; bei dieſen Worten traten die drei Wachen vor uns in's Gewehr, und Einer von ihnen verließ ſeine Gefährten, um uns zu dem Palaſte des Abtes zu geleiten.„O!“ ſagte ich zu Martannen,„man erweiſt ja hier Bauern des Cantons von Appenzell militäriſche Ehrenbezeigungen; Monſeigneur ſcheint noch nicht ver⸗ geſſen zu haben, daß die Bewohner von Appenzell ſeine Vorgänger geſchlagen und ſie gezwungen haben, ihre Un⸗ abhängigkeit anzuerkennen: dieſer da will alſo wahrſchein⸗ lich in gutem Einverſtändniſſe mit denſelben leben. Der Abt von Saint⸗Claude hatte uns einige Achtung erwieſen, der von Sanct⸗Gallen empfing uns mit Herz⸗ lichteit; er hatte übrigens ebenfalls ſeine kleine Krone auf ſeinem Krummſtab, jedoch ließ er dieſelbe ſogleich herab⸗ nehmen, wahrſcheinlich aus Furcht, daß dieſer Anblick freie Männer beleidigen könnte: das nenne ich doch Rückſichten haben. Er las dann die Depeſchen, welche wir ihm zu übergeben beauftragt waren.„Das iſt gut, ganz gut,“ ſagte er hierauf zu uns,„Alles wird ſich ſo ordnen laſſen, wie es die Herren vom Kleinen Rathe wünſchen; laſſen Sie nur vor Allem Ihr Gold in mein Kaſſenamt tragen und dort zählen, in drei Tagen wird man Ihnen dieſe Summe dann in Kupfermünzen zurückbezahlen.“—„Erſt in drei Tagen, Monſeigneur?“—„Sie werden doch wohl einſehen, daß ich dieſe Finanzoperation nicht mit meinem eigenen Gelde ausführen kann; ich werde eine neue Steuer erheben, und da ſind denn doch wohl drei Tage zum Ent⸗ —— wurf derſelben, zur Unterzeichnung der Decrete und zur Eintreibung nöthig.“ Wonſeigneur ſchien mir mit den techniſchen Ausdrücken der niederen Finanzkunde ſehr vertraut zu ſein; ich ſchloß daraus, daß er ſchon häufig zu derlei unſchuldigen Mittel⸗ chen ſeine Zuflucht genommen haben mochte, um ſich Geld zu verſchaffen. Der Abt von Saint⸗Claude läßt ſein ſehr beſchränk⸗ tes Gebiet von ſeinen Leibeigenen bebauen und hält ſie mittelſt Peitſchenhieben zur Arbeit an; der Abt von Sanct⸗ Gallen, der unumſchränkte Beherrſcher einer ganzen Pro⸗ vinz, kann ſich nun freilich auf ſo kleine Einzelnheiten nicht einlaſſen, aber dafür läßt er ſeinen Unterthanen gerade nur ſo viel, als ſie brauchen, um nicht vor Hunger zu ſter⸗ ben, und das kommt am Ende doch auch aufdaſſelbe hinaus. Auri sacra fames ſcheint der Wahlſpruch dieſer beiden Herren da zu ſein; nach dieſem Verfahren müſſen dieſe Unglücklichen dem Kaiſer nicht Das geben, was des Kaiſers iſt, ſondern Das, was er verlangt. „Meine Herren,“ nahm der Monſeigneur von Sanct⸗ Gallen jetzt wieder das Wort,„wer iſt dieſe junge und hübſche Dame, welche Sie begleitet; die Herren vom Klei⸗ nen Rathe haben verſelben in ihrem Schreiben an mich mit keiner Sylbe erwähnt.“ Zch dachte ſogleich an die Antwort, welche Abraham dem König der Wüſte gegeben hatte, eine Antwort, welche Jenen auf drei Tage der ſchö⸗ nen Sara beraubte, die er für ſeine Schweſter ausgegeben hatte; ich beeilte mich daher zu erwidern, daß Marianne — 6— meine Frau ſei. Ich war durch gebieteriſche Nothwendig⸗ keit gezwungen worden, zu lügen: das war doch wirklich nicht meine Schuld. „Ihre Frau Gemahlin iſt reizend, und ich wünſche Ihnen viel Glück zu dem Beſitze derſelben; ich werde durch⸗ aus nicht zugeben, daß die Deputirten meiner Freunde von Appenzell irgendwo anders als in meinem Palaſte wohnen. Laſſen Sie Ihr Gold und Ihr Gepäcke hierher bringen, ich will unterdeß die nöthigen Befehle ertheilen, damit dieſe Sache ſo ſchnell als möglich geordnet ſei.“ Wir hatten durchaus keine Gründe, um dieſes Aner⸗ bieten auszuſchlagen; wir antworteten daher ſehr höflich darauf und ſtanden dann auf.„Ich hoffe doch, daß Ihre Frau Gemahlin bis zu Ihrer Zurückkunft bei mir bleiben wirdz ich will ihr in der Zeit mein Leſezimmer und meine Bibliothek zeigen.“—„Monſeigneur, ich liebe die Lec⸗ türe eben nicht allzuſehr, und außerdem trenne ich mich auch niemals von meinem Gemahle.“ Sie nahm meinen Arm, und wir gingen fort.„Man iſt nicht dazu verpflich⸗ tet,“ ſagte ſie zu mir,„ſein Herz für irgend Einen, den man noch gar nicht kennt, aufzubewahren; aber man ſetzt ſein ganzes Glück darein, es demſelben, wenn man ihn gefunden hat, zu erhalten.“ Der Abt von Sanct⸗Gallen hat doch Recht: dieſes Mädchen da iſt wirklich reizend; fie liebt mich wahrhaft, und ihre Eitelkeit fühlt ſich dadurch geſchmeichelt, daß ſie Gelegenheit hat mir einen Fürſten zu opfern. André, Bertrand und ich trugen leicht und auf einem einzigen Gange unſer Gold in die Schatzkammer des Abtes; der Herr Groß⸗Schatzmeiſter empfing uns mit der größ⸗ ten Freundlichkeit, der Anblick dieſes Metalls ſcheint wirk⸗ lich eine verführeriſche Kraft zu beſitzen: wir halfen ihm daſſelbe zuzählen, und er ftellte uns darüber einen Em⸗ pfangſchein aus.„Das genügt aber noch nicht,“ ſagte der vorſichtige André zu ihm,„Sie müſſen uns auch noch über⸗ dies einen Schein unterzeichnen, durch welchen Sie ſich verpflichten, uns dieſe Summe ſpäteſtens binnen heut und drei Tagen in kleinem Gelde wiederzubezahlen.“—„Paoh! und wenn es nun Monſeigneur einfallen ſollte, ſich zu wei⸗ gern dieſe Verpflichtung zu erfüllen, an wen würden Sie ſich dann wenden?“—„An den Canton von Appenzell,“ erwiderte ich ſtolz,„an dieſen Canton, welcher ſogleich zehntauſend Mann hierher ſenden würde, um unſer Geld mit Hilfe von Musketenkugeln zurückzufordern.“ Der Großſchatzmeiſter ſchlug die Augen zu Boden, ſchrieb und unterzeichnete. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Eine große Kataſtrophe. Unſere häusliche Einrichtung. Wir machten uns nun auf, um einen Gang durch die Stadt zu thun; das Volk befand ſich in tiefſter Niederge⸗ ſchlagenheit; man hatte ſoeben bei Trompetenklang eine gezwungene Anleihe verkündigt, welche nach dem freien 5 Ermeſſen Monſeigneurs zahlbar ſein ſollte, jedoch läng⸗ ſtens binnen drei Tagen geleiſtet ſein mußte.„Das iſt ein ungeſchickter Menſch, dieſer Prieſter,“ ſagte ich zu meinem Philoſophen,„er ſollte lieber die entfernteren Bezirke un⸗ terdrücken und dafür die Bewohner ſeiner Hauptſtadt, welche mit ſeiner Perſon in unmittelbarer Berührung ſtehen, ſchonenz aber der Despotismus überlegt niemals Etwas.“—„Die Regierung der Türkei iſt ein durch den Sultansmord gemilderter Despotismus; wer weiß, was dem Monſeigneur von Sanct⸗Gallen noch für ein Schick⸗ ſal bevorſteht!“ Wir kehrten zur gebräuchlichen Stunde des Abend⸗ eſſens zurück, welches uns auch mit großer Pracht undFrei⸗ gebigkeit aufgetragen wurde; Monſeigneur hatte meine Dame an ſeiner Seite Platz nehmen laſſen: er erwies ihr eine Aufmerkſamkeit um die andere, und richtete die lie⸗ benswürdigſten Schmeicheleien an ſie, was mir freilich durchaus nicht ſehr gefallen konnte. Nichtsdeſtoweniger muß ich doch zugeben, daß es ein ſehr geiſtvoller Mann war dieſer Abt von Sanct⸗Gallen. Wir waren ſchon bis zu dem damals bei jedem Nach⸗ tiſche unerläßtichen Crambambuli gelangt; die Bedienten zogen ſich zurück, Monſeigneur fing bereits an ſehr heiter zu werden. Sein Beiſpiel griff nach und nach immer wei⸗ ter um ſich; die vorzüglichſten Mitglieder ſeines Domka⸗ pitels hatten die Ehre genoſſen, zuzuſehen, wie ihr Abt zu Abend aß. Eingeladen, mit uns das wohlthätige Naß des Crambambuli zu ſchlürfen, benahmen ſie ſich als ächte —— deutſche Evelleute, d. h. ſie tranken davon, und zwar ſehr viel; bald fingen ſie nun an abwechſelnd ein Duett, ein Terzett oder auch ein Quartett zu ſingen, und Monſeigneur ließ ſich ſogar bisweilen ſo weit herab, im Chorus mitzu⸗ ſingen. Die Fröhlichkeit hatte alle Köpfe wirbeln gemacht, und wenn der Abt Mariannen nur nicht gar ſo feſt an ſich gedrückt hätte, ſo wäre ich ſelbſt ebenfalls ſehr guter Laune geweſen. Plötzlich änderte ſich die ganze Scene. Ein furchtbarer Lärm ließ ſich zuerſt auf der Treppe, bald darauf aber auch im Vorſaale vernehmen; die Thüre des Speiſeſaales wird aufgeriſſen, ein Mann ſtürzt herein.. Er hat ein bluttriefendes Meſſer in der Hand,.. ſtößt damit nach Monſeigneur, durchbohrt ihn... und der Kopf des Abtes ſinkt André'n auf die Kniee herab. Wir ſchrieen Alle laut aufz Marianne fiel in Ohnmacht. „Ich habe den Tyrannen getödtet,“ ſagte kalt der Mörder und eilte hinaus. Ich eile Mariannen zu Hilfe, André macht ſich von ſeiner Laſt frei; er und die Chorherren vom Domkapitel ſehen zu, unterſuchen... Monſeigneur iſttodt. Sie heben ihn jetzt auf, müſſen ihn nun aus dem Saale hinausbringen, um ihn auf ein Bett zu ſchaffen; plötzlich wanken ſie und fallen mit ihm zu Boden die Leichen von drei ermordeten Dienern hatten den Weg geſperrt. Marianne war endlich wieder zu voller Beſinnung gekom⸗ men; ich führte ſie in das erſte beſte Zimmer, welches ich gerade in der Nähe und leer vorfand, und ſchloß ſie in daſſelbe ein. Ich ſteige dann hinab und rufe Niemand — antwortet mir; ich ſtürze auf die Straße hinaus.. Freudengeſchrei ertönt von allen Seiten.„Der Tyrann iſt todt!“ riefen die Einen aus;„die gezwungene Anleihe iſt bezahlt!“ ſchrieen die Andern. Ich war erſtaunt, ver⸗ wirrt, unfähig einen Entſchluß zu faſſen; was konnte ich übrigens auch gegen einen Vorfall thun, welcher jetzt nicht mehr gut zu machen war. Ich hoffte etwas Näheres über ein Ereigniß zu hören, welches für mich unerklärlich war, miſchte mich daher in die Menge und horchte auf. „Die Wachen am Stadtthore haben Bellesk verhaften wollen, aber wir waren bei ihm.“—„Wir haben ihm ſeine Frau wieder zugeführt...“—„Sie haben mitein⸗ ander Sanct⸗Gallen verlaſſen..“—„Und in einer Stunde werden ſie in Sicherheit ſein.“—„Mehr Zeit iſt ja nicht nöthig, um die Grenze des Gebietes der äußeren Rhone im Canton von Appenzell zu erreichen.“—„Laßt uns Freudenfeuer anzünden!“ Ich verlor mich faſt in meinen Muthmaßungen; ich blieb bei dem Gedanken ſtehen, daß die gezwungene An⸗ leihe den Bellesk zur Verzweiflung gebracht und ihm die Mordwaffe in die Hand gedrückt habe; dieſer unerträgliche Zuwachs zu den ohnedies ſchon drückenden Abgaben hatte ihn vielleicht in ſeinem Vorhaben noch mehr beſtärkt, aber ſchon ſeit drei Monaten trug er ſich, wie man mir ſagte, mit Racheplänen umher. Er liebte ein ſehr hübſches junges Mädchen auf's Lei⸗ denſchaftlichſte, und ſeine Liebe wurde von ihr in demſelben — Maße erwiedert. Ueberall, wo nur überhaupt ein junger Mann und ein junges Mädchen leben können, kommen Heirathen zu Stande; dieſe Vereinigung wird aber von Denjenigen, welche im Joche des Elends ſeufzen, ſehr ge⸗ fürchtet. Nichtsdeſtoweniger nöthigten die Folgen eines zu vertrauten Umganges unſere jungen Liebenden, ihre Schwäche unter dem Schutzmantel der Geſetzlichkeit zu verbergen; ſie wurden getraut. MWonſeigneur hielt ſehr viel auf die Aufrechthaltung ſeiner Feudalrechte, beſonders auch deſſen, welches in der Gerichtsſprache unter dem Namen jus primae noclis be⸗ kannt iſt; die jungen Gatten kannten dieſes unmenſchliche Geſetz ebenfalls, und vielleicht waren ſie nur durch daſſelbe beſtimmtworden, ihre Liebe und Ehe ſo lange zu verbergen. Monſeigneur ließ ſich Edeza durch ſeine Wachen zufüh⸗ ren, von denen auch nicht Ein Mann ſich in dieſem Augen⸗ blicke ſeinen entrüſteten Mitbürgern zu zeigen wagte; Edeza weinte, Monſeigneur blieb aber erbarmungslos. Am nächſten Tage kam Bellesk in tiefſter Verzweiflung ſchon am frühen Morgen, um ſeine Frau zurückzufordern. Der Abt ließ ihm ſagen, daß er, was eine Jungfrau be⸗ treffe, freilich nur das Recht auf Eine Nacht habe, daß aber in Bezug auf junge Ehefrauen, die dies nicht mehr ſind, ſein Vorrecht unbeſchränkt ſei. Bellesk, wüthend über dieſe Antwort, ſtößt die, welche ſich ihm in den Weg ſtellen, zur Seite und dringt bis in das Schlafzimmer Mon⸗ ſeigneurs vor; er findet ihn bei ſeinem weinenden Weibe, die ſich, ſo wie ſie ihren Mann ſieht, in ſeine Arme ſtürzt. —— „Monſeigneur,“ ruft Bellesk aus,„ich bin Ihnen Ehrfurcht ſchuldig, und die zolle ich Ihnen auch; aber auf meine Frau haben Sie kein Recht, und das ſollen Sie auch nicht haben!“ Der Abt, aufgebracht über dieſe Frechheit, läßt ihn durch ſeine Schergen verhaften, verurtheilt ihn zu drei Monaten Gefängniß und behält ſeine Frau. Dieſen Morgen erſt war Bellesk wieder in Freiheit ge⸗ ſetzt worden, ſeine Rache iſt ſchnell und fürchterlich geweſen. „Wir kennen dieſes Geſetz,“ ſagten einige Frauen, wir haben uns demſelben auch unterwerfen müſſen; aber zwei, drei, vier Nächte; das iſt doch zu unerträglich!“ So erbittert ſich der Sclave nur über den Grad der Er⸗ niedrigung, in welchen ihn ſein Herr, der noch verächt⸗ licher als er ſelbſt iſt, verſetzen kann. Ich kehrte in den Palaſt zurück; Alles befand ſich vort in einer Unordnung und Verwirrung, die man ſich leicht vorſtellen kann; aber auch nicht Ein Mann aus dem Volke war in gen eingedrungen. Die Bewohner von Sanct⸗ Gallen wollten die That ihres Rächers nicht entehren. Die Mitglicder des Domkapitels, der Großſchatzmei⸗ ſter und die Diener, welche noch übrig geblieben waren, hatten die Flucht ergriffen; Bertrand rauchte ruhig ſeine Pfeife neben dem Leichnam, den man ihm zur Bewachung anvertraut hatte. Derjenige, deſſen Name allein noch eine Stunde zuvor zweimalhunderttauſend Leibeigene zittern gemacht hatte, war jetzt verlaſſener als der letzte ſeiner Sclaven. Ich ſuchte André auf; er befand ſich in der Schatzkam⸗ mer.„Nun, mein lieber André?“—„Nun, mein Herr?“ —„Was wollen wir jetzt thun?“—„NRichts.“—„Wie ſo Nichts?“—„Wir wollen warten. Iſt jetzt Etwas weiter zu thun?“—„Ah! Du willſt alſo warten, aber auf was denn eigentlich? Unſer Gold iſt da; laß uns daſſelbe wie⸗ der nehmen und dann in die Stadt gehen, um es zu wech⸗ ſeln. Die Bewohner derſelben müſſen doch wohl kleines Geld haben, da ſie durch Stockſchläge oder auf irgend eine andere angenehme Art gezwungen werden ſollten, binnen drei Tagen vierundvierzigtauſend Livres zu bezahlen.“— „Dieſe Kaſſe iſt aber mittelſt eines Slüſſels zugeſperrt.“ —„Nun wohl, ſo wollen wir ſie aufbrechen.“—„Ein ſchöner Ausweg das!“—„Er iſt ſehr einfach.“—„Aber das Domkapitel würde uns dann, was wir auch immer thun würden, beſchuldigen, den Schatz geplündert zu haben. Man muß warten.“—„Dieſer verdammte Menſch hat doch auch immer Recht.“—„Gehen Sie, um ſich davon zu verſichern, daß Marianne an Nichts Mangel leive, und kommen Sie dann mit Bertrand hierher zurück; Sie ſind zwei tüchtige Haudegen, und werden nicht zuge⸗ ben, daß man aus dieſer Kaſſe Etwas entnehme, außer auf eine ſchriftliche Anweiſung des Domkapitels.“—„Aber wir haben ja keine Waffen!“—„Jedoch dieſen Empfangs⸗ ſchein des Großſchatzmeiſters, und dieſe Verpflichtung, uns unſer Gold binnen drei Tagen in kleinem Gelde wieder⸗ zuerſtatten; wenn Sie übrigens glauben, daß Sie in die Lage kommen könnten fechten zu müſſen, ſo gehen — Sie in die Küche hinunter und nehmen Sie ſich dort Brat⸗ ſpieße.“ Mein erſtes Geſchäft war alſo, Marianne aus ihrem Gefängniſſe zu befreien; aber wo iſt ſie denn eigentlich nur? Dieſer Palaſt iſt ungeheuer groß, und ich kenne nicht alle Gänge und Schleichwege deſſelben. Zum größten Glücke brennen noch hier und da einige Fackeln in demſel⸗ ben, aber der Wind löſcht ſie eine nach der andern aus. Ich irrte aus einem Gange in den andern, ich probirte meinen Schlüſſel an allen Thüren; keine öffnete ſich. Wie hatte nur ein Mann, der Nichts fürchtet, ſeinen Weg ſo vergeſſen können! Ichfürchte auch in der That Nichts, aber dieſer Mord, der vor meinen Augen begangen worden war, hatte doch alle meine geiſtigen Fähigkeiten in Ver⸗ wirrung gebracht. So irrte ich in dieſem unermeßlichen Palaſte, meine Fackel in der Hand, wie eines jener Geſpenſter umher, welche in der Nacht erſcheinen, um die Sterblichen in Schrecken zu verſetzen; das tiefſte Stillſchweigen herrſchte rings um mich her, und alle dieſe Umſtände flößten mir endlich eine Beklemmung ein, deren ich nicht Herr werden konnte. Bald floß kalter Angſiſchweiß aus allen Poren meines Körpers; ich wollte mich niederſetzen, aber ich be⸗ nahm mich ungeſchickt dabei und löſchte ſo meine Fackel aus: ich wollte ſchreien, aber die Stimme erſtarb inir auf den Lippen. Ich tappte mit meinen beiden Händen rings um mich her; da fühlte ich plötzlich eine Waffe es war eine Muskete, welche eine der Wachen weggeworfen hatte, ohne Zweifel um deſto ſchneller fliehen zu können. Nun hatte ich jedoch keinen Gegner zu bekämpfen, und bediente mich daher derſelben nur, um mich an ihr wieder aufzu⸗ richten; man thut Alles ſchlecht, wenn man einmal Furcht hat: einer meiner Finger rückte maſchinenmäßig an dem Drücker; der Schuß ging los. Alſogleich wurden meine Augen von einer lebhaften Helle geblendet; dieſelbe ſchien nur vier Schritte von mir entfernt ihren Urſprung zu nehmen. Ein Mann von rieſi⸗ gem Körperbau näherte ſich mir mit einem Lichte in der Hand, ſein Ausſehen war drohendz er trug eine Partiſane in der Rechten, und ich war ganz waffenlos. Nun rief ich meinen Schutzheiligen an, den ich ganz vergeſſen hatte, ſeitdem André mich tolerant gemacht hatte; und wirklich veränderte ſich auch Alles ſogleich: der Rieſe war nur ein Mann von meiner Größe, ſeine Partiſane ſchien mir nur ein Stock zu ſein.. es war Bertrand.„Auf wen haben Sie denn Feuer gegeben?“—„Hilf mir, mich aufzurich⸗ ten.“ Er führte mich in das Zimmer, in welchem er einen Körper bewachte, der dieſer Sorgfalt gar nicht mehr be⸗ durfte; dort fand ich ein Weihbecken, bekreuzte mich, indem ich Seine verſtorbene Herrlichkeit mit Weihwaſſer be⸗ ſprengte. Wie die Furcht fromm machen kann, ich war wieder ganz zum kleinen Bruder Anton geworden. Ich erzählte Bertrand, was mir begegnet war, ſeitdem ich mich aus dem Schatzamte entfernt hatte.„Ich meiner⸗ ſeits ſchlief ganz ruhig,“ ſagte er zu mir,„erſt Ihr Mus⸗ ketenſchuß hat mich aufgeweckt.“—„Zünde meine Fackel wieder an, nimm die Deinige in die Hand und laß uns zuſammen Mariannen ſuchen.“—„Fräulein Marianne? Die iſt ja da.“—„Wo da?“—„In dieſem offenen Zim⸗ mer.“—„Aber ich trage ja den Schlüſſel zu ihrem Zim⸗ mer bei mir!“—„Sie haben freilich den Schlüſſel im Schloſſe herumgedreht, aber die Thüre war dabei nicht zugeſtoßen.“—„In der That, ſeit zwei Stunden weiß ich ſelbſt nicht mehr, was ich thue.“ Ich ſtürzte ſogleich in dieſes Zimmer hinein.„Warum ſind Sie hier geblieben?“—„Weil Sie mich hierher ge⸗ bracht haben.“—„Aber dieſer Musketenſchuß?“—„Er hat mich zwar erſchreckt, ich glaubte jedoch nicht, daß er mich berechtige fortzugehen.“—„Nimm meinen Arm, Ma⸗ rianne, und laß uns alle Drei in die Küche hinuntergehen; wir wollen uns dort mit dem erſten Beſten, was uns in die Hände fallen wird, bewaffnen.“ Wir ſahen uns nicht einmal genöthigt ſo weit zu gehen; hier fanden wir Musketen und eine Patrontaſche voll Mu⸗ nition, dort Degen und ein Hackbeil. Die Tyrannen hal⸗ ten ſehr viel darauf, daß ihre Schergen gut bewaffnet ſeien: und doch, wozu find ihnen dieſe Feiglinge gut? Dieſe hier hatten zum Beiſpiel ſchon aus Furcht vor einem Feinde, der ſich nicht einmal zeigte, die Flucht ergriffen. Man ſieht weit beſſer, wenn man zu Dreien iſt, und ſo fanden wir denn ganz leicht das Schatzamt wieder. Hier bot ſich eine andere Scene unſeren Blicken dar; An⸗ dré fürchtete nur Eiſen und Feuer, und ſchüttelte daher — ganz derb den Herrn Großſchatzmeiſter, welcher ſich ver⸗ ſtohlener Weiſe, ohne Zweifel auf Schleichwegen, die ihm allein bekannt waren, hereingeſchlichen hatte. Erſtaunt, André da anzutreffen, hatte er ihm den Vorſchlag gemacht, uns unſere vierundvierzigtauſend Livres zurückzugeben, aber unter der Bedingung, ihn ſonſt frei ſchalten und wal⸗ ten zu laſſen; er wollte der Kaſſe einen kleinen Aderlaß beibringen, und dann ſtatt Rechenſchaft abzulegen Ferſen⸗ geld geben. André hatte ſich dieſem ſaubern Plan wiver⸗ ſetzt; der Großſchatzmeiſter war darauf beſtanden, und der Wortſtreit hatte ſich zuletzt in einen Fauſtkampf verwandelt. Wir warfen dieſen Menſchen hinaus, ſchloſſen uns dann ſorgfältig ein und ſchliefen den übrigen Theil der Nacht ruhig; Marianne auf der Geldkiſte, und wir auf der Erde. Mit Tagesanbruch hörten wir ein großes Geräuſch, welches von dem Klange aller Glocken, die geläutet wur⸗ den, von den Leuten, welche in dem Palaſte ab⸗ und zu⸗ gingen, und von den Chorkindern, die ihre kreiſchenden Stimmen vernehmen ließen, herrührte. Wir gingen hin⸗ aus, jedoch ſchloſſen wir drei oder vier Thüren hinter uns ab und verbarricadirten die letzte mittelſt einer Menge Brennholz, welches ſich gerade da befand; dann verſicher⸗ ten wir uns davon, daß es gewiß keinen anderen Weg gebe, um zum Schatze zu gelangen, und machten uns end⸗ lich auf den Weg, um zu ſehen, was vorgehen ſollte. Wir begegneten zuerſt den Herren Wachen in großem Parade⸗Aufzuge; ſie waren alſogleich zurückgekommen, — 60— um ihre Poſten wieder einzunehmen, ſo wie ſie es ohne Gefahr thun zu können glaubten.„Gebt mir meine Mus⸗ kete wieder,“ ſagte der Eine von ihnen zu uns;„gebt mir meinen Degen zurück!“ rief der Andere.—„Soldaten, welche ihre Waffen wegwerfen,“ erwiderte ich ihnen,„ſind unwürdig ſie zu tragen.“—„O, über die Feiglinge!“ riefen ihnen ihre Kameraden zu, und ſie waren doch eben ſo ſchnell wie Jene geflohen. 6 Bald beeilte man ſich Monſeigneur feierlich zu beſtat⸗ ten; das iſt doch ein und daſſelbe Ende, welches ſowohl die Großen als die Kleinen nehmen: das iſt recht der Mühe werth ſo ſtolz zu ſein! Dieſe Eile ſetzte uns übrigens An⸗ fangs ſehr in Erſtaunen, jedoch bald genug erfuhren wir die Urſache derſelben. Das Domkapitel kam in großer feierlicher Proceſſion an; man ſang ſo laut und ſo viel, daß man Tauben das Gehör hätte wiedergeben können, und dann verſenkte man Seine Herrlichkeit in das kleine Gewölbe, welches er nicht mehr verlaſſen ſollte, und wohin auch Niemand kommen wird, um ihm einen Beſuch abzu⸗ ſtatten. Die Herren Chorherren ſchloſſen ſich dann auch alſo⸗ gleich zu einer Art von Conclave ein, ohne ſich auch nur Zeit zu gönnen, ihre prieſterlichen Kleider auszuziehen. Eine Stunde ſpäter rief man den Grafen Ulrich beim Klange der Glocken und dem Donner der Kanonen als neuerwählten Abt aus; wir glaubten zu bemerken, daß die Kanoniere jedesmal regelmäßig den Kopf wegdrehten, wenn ſie ihre Geſchütze abfeuerten. Der Graf Urich war ein Mann von ſechzig Jahren, der wohl nicht mehr die kleinen artigen Frauen liebte, vielleicht aber dafür ſein Volk lieben wird; möge es ſo kommen! Er bezeichnete ſeine Amtsergreifung ſogleich dadurch, daß er die gezwungene Anleihe aufhob, und ſeine Leib⸗ eigenen ſegneten ihn dafür; aber ſo fangen alle ſowohl gute als ſchlechte Regierungen an. André und ich gingen alsbald hin, um ihm Glück zu wünſchen, und wir erzählten ihn dabei den Raubüberfall, welchen der Großſchatzmeiſter im Sinn gehabthatte.„Das ſetzt mich nicht in Verwunderung,“ ſagte er zu uns,„ich habe ſchon immer meine Verdachtsgründe gegen dieſen Mann gehabt, aber mein Vorgänger rechnete niemals mit Jemandem, ja ſogar nicht einmal mit ſich ſelbſt ab; übri⸗ gens billige ich das Verfahren, welches Sie eingeſchlagen haben, vollkommen. „Ich werve Ihnen Ihr Gold zurückgeben laſſen; Sie werden es gewiß leicht in der Stadt wechſeln können, wenn man daſelbſt erfahren haben wird, daß Nichts dabei zu verlieren iſt. Diejenigen, welche ſich Erſparniſſe ge⸗ macht haben, werden ſögar ſehr froh ſein, dieſelben in Gold umwechſeln zu könnenz denn das nimmt weniger Platz ein, obgleich ich hoffe, daß, ſo lange als ich den Krummſtab führen werde, Niemand in die Verſuchung kommen wird, ſeine Reichthümer einzuſcharren.“ O welch' ein würdiger Mann, dieſer Abt! Wenn dieſe Anſichten da auch nur bis an ſein Ende ausdauern. Biblioth. 385 Bdch. 6 Ich haite die Ehre gehabt, gegen Ende dieſes Abend⸗ mahles, deſſen Entwickelung ſo unerwartet und ſo ſchreck⸗ lich geweſen war, mit Seiner Herrlichkeit anzuſtoßen; daher nahm ich mir jetzt die Freiheit, einige Fragen über die drängende Eile der Ereigniſſe, welche ſoeben ſtattge⸗ funden hatten, an ihn zu richten. Die angeſehenſten adeligen Familien Schwabens laſſen ihre jüngeren Söhne in geiſtliche Orden eintreten, ie machen aus denſelben Aebte, Biſchöfe, Cardinäle; die un⸗ geheuren Einkünfte der Abtei von Sanct⸗Gallen ſind der Grund, daß dieſelbe einem Erzbisthume weit vorgezogen wird. Bei der erſten Nachricht von dem ſchweren Erkran⸗ ken eines Abtes fangen daher alle Fürſten Schwabens zu intriguiren an, ſie ſchonen weder Gold, noch Verſprechun⸗ gen, noch auch Drohungen; Truppen erſcheinen an den Grenzen, und das Domkapitel von Sanct⸗Gallen wird genöthigt, ſich ihrem Willen zu fügen.„Das ſind alſo,“ dachte ich mir,„ungefähr ebenſo freie Wahlen, wie die Deputirtenwahl von Arpajon.“ „Um alſo wenigſtens für Ein Mal dieſem Mißbrauche zu entgehen,“ fügte Monſeigneur hinzu,„haben wir uns ſo beeilt, einen Abt zu erwählen. Die adeligen Herren Schwabens werden keine Einwendungen zu machen haben, denn wir find Alle von ebenſo gutem Adel wie ſie, da man in das Domkapitel von Sanct⸗Gallen nicht aufgenom⸗ men werden kann, es ſei denn, man habe eine zwölffache Ahnenprobe, ſowohl von väterlicher als auch von mütter⸗ licher Seite abgelegt.“—„Aber, Monſeigneur, der große — Sirxtus der Fünfte iſt ja ſelbſt nicht von Adel.“—„Andre Länder, andre Sitten!“ Er ernannte alſogleich einen andern Schatzmeiſter, auf den er ſich verlaſſen zu können glaubte, inſofern man ſich überhaupt auf einen Schatzmeiſter verlaſſen kann. Wir erhoben unſer Gold wieder und gaben dafür unſere Pa⸗ piere zurück, und begannen nun mit unſern Geldſäcken auf den Armen die Stadt zu durcheilen; die kleine Ma⸗ rianne wollte ebenfalls ihren Geldſack tragen. Wir gingen von Thüre zu Thüre, und alle Geldbeutel waren für uns geöffnet;z ſo wie wir einen Theil gewechſelt hatten, warfen wir das Kupfergeld in unſere Querſäcke und kehrten zum Schatzamte zurück, um es dort niederzu⸗ legen. Der neue Schatzmeiſter drückte immer das Siegel WMonſeigneurs darauf; eine ſehr unnütze Vorſichtsmaß⸗ regel, denn wir hatten einen Schatzmeiſter nicht zu fürch⸗ ten, der es erſt ſeit zwei Stunden war, der noch in Nichts eingeweiht ſein konnte und der es unmöglich darauf an⸗ kommen laſſen konnte, ſich durch irgend eine Ungeſchicklich⸗ keit bloszuſtellen. Der Monſeigneur von geſtern Abend hatte uns mit Freundſchaftsbezeigungen überhäuft, weil Marianne ihm ſehr gefallen hatte; der Monſeigneur von heute forderte uns weder auf dazubleiben, noch fortzugehen. Marianne trat wenigſtens für einen Augenblick wieder in ihr altes Amt ein; ſie bereitete uns ein Frühſtück nach franzöſiſchem Geſchmacke in einem Wirthshauſe.„Ich dachte es wohl,“ 6* ———— ———— ſagte ſie, indem ſie ihre Küchengeſchirre umdrehte,„ich vachte es wohl, daß ihr meiner bedürfen würdet.“ Man kennt die Gaſtfreundſchaft in der gefürſteten Abtei von Sanct⸗Gallen kaum dem Namen noch. Das „Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte“ iſt der Wahlſpruch jedes geknechteten Volkes; unſer Gaſtwirth ließ ſich ſehr theuer bezahlen: nun, dafür iſt es auch ſein Handwerk. 3 Der größte Theil des Tages war verfloſſen, nichts⸗ deſtoweniger hatten wir noch immer mehr Zeit übrig, als nöthig war, um nach dem Canton von Appenzell zurückzu⸗ kehren; wir waren voll Ungeduld, wieder einmal die Luf der Freiheit einzuathmen, beluden daher unſere Karren und machten uns dann auf, um Abſchied von Monſeigneur zu nehmen. Er bot uns dem Wunſche zu Folge, welchen der Kleine Rath ausgedrückt hatte, eine Escorte anz wir dankten ihm aber vafür, erſtens weil es ſehr unwahrſcheinlich war, daß Leute, welche wir uns dadurch, daß wir ihnen unſer Gold gaben, verpflichtet hatten, daran denken ſollten uns zu beſteh⸗ len, und zweitens weil Bertrand und ich allein mehr werth waren, als die ganze Miliz des Abtes zuſammengenommen⸗ Die drei Mann, welche auf Wache bei dem Stadtthore waren, ehrten uns durch einen militäriſchen Abſchieds⸗, gruß. Deputirte des Cantons von Appenzell! Wir ga⸗ ben ihnen ihren Gruß mit den Musketen ihrer Kamera⸗ den, welche mit drei Kugeln geladen waren, zurück; aber ſie thaten, als ob ſie dieſelben nicht wieder erkannt hätten⸗ Unſere Wagen waren ſehr ſchwer beladen; wir gingen — 85— daher alle Vier zu Fuße, aber wir mußten Mariannen doch etwas ſchonen. Sie ging an der Spitze des Zuges, ihren Spaten auf der Schulter tragend; ihre wehenden Haar⸗ flechten, ihr Strohhut, mit dem ein ſanftes Lüftchen ſein loſes Spiel trieb, ihre ſchalkhafte Miene, wenn ſie ſich um⸗ drehte, um zu ſehen ob wir ihr folgten, machten ſie wahr⸗ haft reizend. Sie war eine kleine Amazone.. zwar keine von denjenigen, welche die Männer verabſcheuten, welche ſie flohen, und denen Alexander, den man den Großen nannte, die Ehre anthat ſie zu bekämpfen. Gegen Sonnenuntergang gelangten wir in das Dorf Seriſau, das erſte, welches von der Seite von Sanct⸗ Gallen her im Canton von Appenzell liegt. Der Bürger⸗ meiſter deſſelben empfing uns hier alſogleich; wir hatten uns um ganze vierundzwanzig Stunden verſpätet, und er war deshalb nicht ohne Beſorgniſſe. Bellesk und Edeza waren am Abende zuvor hier angekommen; ſie hatten das tragiſche Ereigniß erzählt, welches im Schloſſe von Sanct⸗ Gallen ſtattgefunden hatte und deſſen Opfer wir ſehr leicht hätten ſein können. Wir erzählten nun unſererſeits die ſpäteren Nebenumſtände, welche Bellesk noch nicht wiſſen konnte. „Dieſer Mann,“ ſagte der Bürgermeiſter zu uns,„iſt würdig ein Schweizer zu ſein, und wenn die Bewohner von Sanct⸗Gallen nur irgend einige Thatkraft beſäßen, ſo würden ſie das große Beiſpiel befolgen, welches Wil⸗ helm Tell allen Unterdrückten gegeben hat. „Ich habe geſtern den Kleinen Rath verſammelt; die N —— Anſichten ſind jedoch getheilt geweſen und es iſt Richts be⸗ ſchloſſen worden. Wenn wir dieſen Mann und ſeine Frau nach Schwaben ziehen laſſen, ſo können ſie von dort aus dem neuen Abte ausgeliefert werden; ihnen zu erlauben, ſich hier häuslch anzuſiedeln, hieße vielleicht einen Bruch zwiſchen Sanct⸗Gallen und uns herbeiführen: wir haben dieſe Selaven zwar ſchon geſchlagen und wir würden ſie wieder ſchlagen, aber es liegt in dem Intereſſe Aller, un⸗ nützes Blutvergießen zu vermeiden.“ Wir haben ſchon öfters Gelegenheit gehabt zu bemer⸗ ken, daß Nichts im Stande war, André in Verlegenheit zu bringen.„Man muß Bellesk dem Abt von Sanct⸗ Gallen nicht ausliefern,“ ſagte er,„wenn er deſſen Aus⸗ lieferung nicht fordert, und er wird nicht vergeſſen haben, daß er, ohne jenen Meſſerſtoß, Nichts weiter als einfacher Chorherr des Domkapitels wäre. Wenn wir aber auch annehmen wollen, daß der Graf Ulrich, wenigſtens zum Scheine, einen Verſuch machen wird ſeinen Vorgänger zu rächen, muß dann nicht die Freuve, welche der Tod deſſel⸗ ben dem Volke eingeflößt hat, müſſen dann dieſe öffent⸗ lichen Luſtbarkeiten nicht die Befürchtung erregen, daß die Maſſe ſich empören würde, wenn fie Bellesk zum Richtplatz führen ſähe? Und warum ſollte ſich übrigens der neue Abt dieſen doch immer ungewiſſen Wechſelfällen ausſetzen? Verſteht dieſer Mann hier ein Handwerk?“—„Er iſt, wie er wenigſtens ſagt, ein ſehr guter Schuſter.“— „Nun, Schuhe und Stiefel braucht man überall; er möge die nächſte Nacht von hier mit ſeiner Frau fortreiſen und —— Genf zu gewinnen ſuchen: ſie werden auf dem ganzen Wege auch nicht einen Sou auszugeben brauchen. Wir werden ihnen einen Brief an unſeren Freund Simon, den Fiſchermeiſter zu Coppet, und auch etwas Geld mitgeben, damit ſie ſich, wenn ſie in Genf ankommen, wenigſtens Leder kaufen können. Wer Teufel wird wohl dort hinkom⸗ men, um ſie zu ſuchen?“ Ich umarmte André; der Bürgermeiſter umarmte ihn ebenfalls und ſtellte uns dann die jungen Ehegatten vor. Eveza war wirklich hübſch, und der Umſtand, daß ihr ihr Mieder zu enge wurde, machte ſie nur noch intereſſanter; wir ſchütteten ein paar Hände voll kleiner vollwichtiger ſchwäbiſcher Silbermünzen in die Schürze der kleinen Frau, und der Bürgermeiſter empfahl ihnen ſich bereit zu halten abzureiſen, ſobald ſie unſern Brief an Simon em⸗ pfangen hätten. „Kommen Sie und ſchreiben Sie bei mir,“ ſagte er zu uns,„Sie ſollen auch daſelbſt wohnen, und ich will Sie ſo gut einquartieren, als es mir nur immer möglich ſein wird.“ Wir ließen unſer ganzes Hab und Gut auf dem öffentlichen Platze ſtehen, und folgten dem Bürgermeiſter; Andrs ſchrieb ſeinen Brief, Bellesk nahm ihn, dankte uns ſo ſehr und ſo oft, daß er uns endlich damit langweilte, und Madame Budenn lud uns ein, uns zu Tiſche zu ſetzen. Wir thaten den Kartoffeln, dem Hammelfleiſch, der ſauren Milch und dem Honigmeth alle Ehre an, und ſtanden dann auf, um uns zur Nachtruhe auf die mit Haferſtroh gefüll⸗ ten Säcke zu werfen, welche man für uns hergerichtet hatte. —— Am nächſten Tage früh Morgens machten wir uns fer⸗ tig abzureiſen; André ſchien mir ein wenig nachdenkend und träumeriſch zu ſein, und ich fragte ihn um die Urſache dieſes Zuſtandes.„Ich denke an meine armeClara; ſie iſt zwar äußerlich ſehr kalt, aber ſie beſitzt ein Herz, ein aus⸗ gezeichnetes Herz, und ſie muß jetzt den lebhafteſten Be⸗ 1 ſorgniſſen preisgegeben ſein.“—„Tröſte Dich, in fünf bis ſechs Stunden wirſt Du bei ihr ſein.“—„Ja, aber bis dahin...—„Was mich betrifft,“ ſagte Marianne, „wenn ich in Appenzell geblieben, ſo wäre ich ſchon vor Angſt geſtorben.“ 5 Wir machten uns auf den Weg. Als wir den Canton durchzogen hatten, um nach Sanct⸗Gallen zu reiſen, waren 3 unſere Gedanken anderswo geweſen. Wir dachten an die Angelegenheit, welche uns dorthin führte, und das, was dort vorging, rechtfertigte unſere Betrachtungen; wir waren vollkommen ruhig, als wir nach Appenzell zurück⸗ 1 kehrten, und ſo betrachteten wir uns denn das Land ge⸗ nauer; André beobachtete mit uns, wenn der Name Cla⸗ ra's nicht ſeinen Lippen entſchlüpfte. Dieſes undankbare Land, deſſen Natur die Menſchen zurückſtoßen zu wollen ſcheint, beſteht aus Bergen, die mehr oder weniger beſteigbar find, aus Eisfeldern, Wald⸗ bächen, Seen und Wieſen, welche von kleinen Flüſſen und Bächen bewäſſert werden. Wir hielten dafür, daß die Temperatur dieſes Landes im Winter kalt und im Som⸗ mer veränderlich ſein müſſe; ein ſolches Klima kann nur 86— entweder von freien Männern, oder von Sklaven, welche man durch Gewalt hier feſthält, bewohnt werden. Madame Budenn hatte uns verſichert, daß der refor⸗ mirte Gebietstheil achtunddreißigtauſend Bewohner hat, während der katholiſche Theil deren nur dreizehntauſend zählt, was, Alles zuſammengenommen, einundfunfzigtau⸗ ſend Seelen macht; eine außerordentlich große Bevölkerung für ein ſo beſchränktes Gebiet: aber die Wohlhabenheit, deren hier Jever genießt, und die Freiheit tragen hierzu viel bei. Im Falle eines Krieges müßten die Reformirten ſechs⸗ tauſend dreihundert, und die Katholiken nur zweitauſend ſiebenhundertundachtzig Mann Bewaffnete ſtellen; André hatte nach dieſen Vorlagen den Unterſchied der Gebiets⸗ ausdehnung beider Diſtricte berechnen wollen, aber die Erinnerung an Elara hatte ihn in ſeinen Berechnungen immer wieder geſtört. Die großen Schweizer⸗Cantone ſind in Landgerichte eingetheilt, und der Landrichter iſt zugleich das Oberhaupt eines ſolchen Gebiettheils; der Canton von Appenzell je⸗ doch iſt zu beſchränkt, um noch der Unterabtheilungen zu bedürfen. Wir hatten ſchon zwei Drittheile des Weges zurückge⸗ legt, ohne es auch nur bemerkt zu haben; die Zeit verfließt raſch, wenn man beobachtet, wenn man nachdenkt und dis⸗ cutirt. Plötzlich bemerkten wir einen Mann und eine Frau, welche uns mit raſchen Schritten entgegen kamen; wir ſahen ſehr bald, daß Jedes von ihnen ein Kind auf den Armen trug.„Es iſt Clara!“ rief André aus, und er —— ſtürzte ſich ihr entgegen.„Es iſt unſer Landamman,“ rief Marianne gleichfalls aus,„er trägt Antoinette!“ und auch ſie lief ihm entgegen. Bertrand und ich verdop⸗ pelten unſere Schritte, und Marianne legte mir mein Kind in die Arme. Gutes, kleines Mädchen! Clara hatte geweint, aber André hatte ſie ſchon wieder zum Lächeln gebracht; wir umarmten uns Alle, dann kam eine aus⸗ führliche Erzählung alles Deſſen, was in Appenzell und in Sanct⸗Gallen ſeit drei Tagen vorgegangen war: und das war auch wohl ganz natürlich. Clara war ſchon gegen Ende des zweiten Tages in die tiefſte Betrübniß verſunken; der Landamman wußte gleich⸗ falls nicht, welchem Umſtande er unſere Verſpätung zu⸗ ſchreiben ſolle: ſie beſchloſſen zuſammen aufzubrechen und bis nach Heriſau zu gehen, wenn ſie uns nicht früher be⸗ 1 gegnen ſollten. Gertrude war zu Hauſe zurückgeblieben, un uns für den Fall, daß ein günſtiges Geſchick es uns überhaupt geſtatten würde zurückzukehren, ein Mittags⸗ eſſen zuzubereiten. „Ihr Haus iſt fir und fertig,“ ſagte Meiſter Heilberg zu uns,„es iſt ſogar, und zwar vollſtändig, eingerichtet.“ —„Wie, eingerichtet?“—„Ja! Vertiefungen, um Ihre Matratzen hineinzulegen, Fußſchemel, hölzerne Bänke und zwei große Tiſche, an welchen an Feſttagen oder ſonſtigen. feierlichen Gelegenheiten zwanzig Perſonen Platz finden könnten; das ſind die Gegenſtände, die Sie oben in Ihrem Hauſe erwarten. Unten werden Sie eine Küche mit den nöthigen Geräthſchaften verſehen finden, zur Seite einen * Stall für Ihre Maulthiere, und der Heuboden befindet ſich über Ihren Köpfen; es iſt in der That ein wahrer Palaſt. „Ich hatte Zuneigung zu Ihnen gefaßt, aber auch ab⸗ geſehen von dieſem Gefühl, hatte ich mein Intereſſe dabei Sie wiederzufinden; denn ich habe Auslagen gemacht, die für mich verloren geweſen wären, wenn Sie nicht zurück⸗ gekommen wären. „Weil wir von den Auslagen ſprechen: zwanzig Schub⸗ karren ſind bereits fertig, in vier Tagen werden Sie deren noch zwanzig bekommen, und ich habe hundert Mitbürger gedungen, welche bereits morgen zu arbeiten anfangen, da Sie voch im Beſitze der nöthigen Geldmittel ſind.“ Wir zogen in unſern Palaſt ein und luden den Land⸗ amman ein, mit uns in unſerm Familienkreiſe zu Mittag zu eſſen; er begann damit, uns die vorläufigen Naturali⸗ ſationsurkunden zu übergeben. Sie befanden ſich in einer kleinen Schachtel von Pappe, auf welche das Wort„Frei⸗ heit“ mit rothen Buchſtaben geſchrieben war.„Dieſe Farbe,“ ſagte er zu uns,„ſoll Ihnen ankündigen, daß Sie bereit ſein müſſen, Ihr Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen, um unſere Unabhängigkeit zu vertheidigen.“ Er führte uns dann in unſerem Hauſe herum, aber dieſer Spaziergang war in Zeit von fünf Minuten beendigt. Ma⸗ rianne kam zu mir, um mir in's Ohr zu ſagen:„Blecker iſt ein herrlicher Menſch, er hat auch das Herzklopfen nicht vergeſſen.“ So wie unſer Haus jetzt eingerichtet war, fanden wir es weit beſſer, als das der erſten obrigkeitlichen Perſon „ ——— des katholiſchen Gebiettheiles, und ich machte ihm auch eine Bemerkung darüber.„Das iſt ja doch ganz natür⸗ lich,“ erwiderte er mir,„da Sie reicher ſind als ich; aber dafür ſind Sie auch für immer von den öffentlichen Ehren⸗ ämtern ausgeſchloſſen, und darin liegt gewiſſermaßen eine Ausgleichung. Wenn die Schweizer erſt die großen und wichtigen Staatsämter den Wohlhabenden übertragen würden, ſo würde die Freiheit darüber zu Grunde gehen.“ Darauf ließ ſich nun freilich Nichts entgegnen. Wir begannen unſer fröhliches Mahl damit, daß wir zuerſt, Alle aufrecht ſtehend und mit entblößtem Kopfe, auf das Wohl des Landammans und auf die Dankbarkeit anftießen; er brachte ein Lebehoch der Freiheit und unſerer Geſundheit aus. Als er ſich entfernt hatte, prüften wir Alles bis in die kleinſten Einzelheiten; Gertrude hatte ſchon überall eine faſt wunderbare Ordnung hergeſtellt, wir bezeigten ihr unſere Zufriedenheit damit, und Bertrand lächelte, was ſonſt bei ihm ſelten der Fall war. Ich ſah dieſe Holzdielen an, welche für uns jetzt die Stelle der Mauern vertraten, betrachtete die hölzernen Löffel, die Teller von gewöhnlicher Thonerde und ſagte zu André:„Das da iſt freilich nicht mein Schloß zu Latour.“ —„Nein,“ erwiderte er,„aber dafür haben Sie hier auch nicht zu fürchten, daß die Soldaten der Ligue kom⸗ men, um Ihnen mit der Muskete in der Hand Ihre Le⸗ bensmittel ſtreitig zu machen; und auch darin liegt eine Art Ausgleichung.“ —— Wir wurden durch eine ſehr ſtarke Exploſion aufge⸗ weckt; wir ſtanden auf, es war ſchon helllichter Tag. Dieſer Lärm zeigte uns an, daß unſere Arbeiter ſchon ſeit der Morgendämmerung am Werke waren; und es iſt ſehr natürlich, daß man die Zufluchtsſtätte, die man ſich er⸗ worben hat, kennen lernen will. Wir empfahlen es Ger⸗ truden an, ſich mit uns zu beſchäftigen, aber dieſe Auffor⸗ derung war überflüſſig; wir trugen es Bertrand auf un⸗ ſere Karren abzuladen: es war nicht nöthig, daß er das Geld zählte, da es während der Nacht auf dem öffentlichen Platze ſtehen geblieben, und ſomit unter dem Schutze der Bürger geweſen war. Wir machten uns nach dem Dorfe Weißbad auf, welches unſer Pfarrbezirk ſein ſollte, und das ſich gerade auf unſerem Wege befand. Wir beeilten uns den Bürgermeiſter zu begrüßen; er hackte ſoeben in ſeinem Garten, und ſeine kleine Tochter brachte ihm ſein Frühſtück in einer hölzernen Schale. Er fragte uns, wer wir ſeien; als wir ihn mit unſeren Verhältniſſen bekannt ge⸗ macht hatten, bot er uns alle Dienſtleiſtungen, die nur immer in ſeiner Macht ſtänden, an und fuhr dann fort ſeinen Garten umzugraben. Wir traten bei dem Pfarrer ein, und fanden ihn, wie er eben ganz freundſchaftlich mit einem proteſtantiſchen Paſtor plauderte, welcher eigens über die Sitter herüber gekommen war, um ihm einen Beſuch abzuſtatten; es ſchien ihm, daß dieſe freundſchaftliche Annäherung uns in Er⸗ ſtaunen ſetze.„Zwei achtungswerthe Männer,“ ſagte der Pfarrer zu uns,„begegnen ſich immer; wir beten denſel⸗ — 94— ben Gott an, das genügt uns, und übrigens ſprechen wir niemals über Religionsangelegenheiten.“ Er lud uns zu einem Glaſe Honigmeth ein, welches wir auch annahmen, unſern Frauen und unſern Kindern ſetzte er gute Molken vor; dieſe erſteren ſetzten Anton und Antvinetten auf den Erdboden nieder, um dem guten Pfarrer die Mühe zu er⸗ ſparen, bis zu ihnen vorzutreten, und vann auch, um ihre Arme ein wenig ausruhen zu laſſen. Man hat Recht, wenn man ſagt, daß der Menſch, wenn er einmal ſein Haus verläßt, nicht weiß wo er hinkommen wird; wir hatten gehofft, um acht Uhr ſchon an dem Fuße . des Ebenalp zu ſein, und wir waren zur Mittagszeit noch nicht dort. Wir hatten, als wir fortgegangen waren, nicht daran gedacht dem Bürgermeiſter und dem Pfarrer unſere Aufwartung zu machen, dieſer gute Einfall war uns erſt auf dem Wege in den Sinn gekommen; wir wollten jedoch auch nur im Vorbeigehen dort einſprechen, aber ein neuer intereſſanter und rührender Zwiſchenfall hielt uns bei dem Pfarrer zurück. Der kleine Anton ſaß auf der Erde; plötzlich ſtürzte er ſich auf ſeine kleinen Händchen, drehte ſich auf ſeinen Knieen herum und verſuchte es aufzuſtehen; ſein rundliches Geſichtchen berührte dabei faſt den Erdboden. Ein natür⸗ licher Inſtinkt leitete ihn an, ſeine Hände in die Nähe ſeiner Kniee zu bringen, und er machte eine Bewegung nach vorwärts; ſo ſtand er aufrecht da und lächelte ſeine Mutter, welche faſt athemlos vor Vergnügen war, an, dann ging er langſam, ſehr langſam auf ſie zu, indem er — 95— einen Fuß immer nur erſt dann aufhob, wenn ihm der an⸗ dere auch wirklich ſchon feſt genug zu ſtehen ſchien: er er⸗ hielt ſich aufrecht, indem er aus ſeinen kleinen Armen Ba⸗ lancirſtangen machte. Clara war außer ſich vor Ent⸗ zücken; wir wünſchten ihr Alle Glück und umringten das Kind, um, wenn es nöthig ſein ſollte, einem Falle zuvorzu⸗ kommen; André erklärte, daß ſein Sohn ein großer Mann werden würde, da er ſchon mit funfzehn Monaten die Kraft des Hebels und die Geſetze des Gleichgewichts kenne. Clara hatte ihren kleinen Anton auf den Schooß genom⸗ men und erdrückte ihn faſt mit Liebkoſungen; er machte aber hier Bewegungen, welche deutlich ausdrückten, daß er wieder herabſteigen wolle: ſeine Mutter ſtellte ihn daher wieder auf ſeine Füßchen, er ging auf uns zu und ſuchte ſich mit ſeinen kleinen Händen durch uns Platz zu machen. Marianne ſtößt jetzt einen Freudenſchrei aus: Antvinette ſteht ebenfalls aufrecht, aber ſie geht nicht; Anton nähert ſich ihr und nimmt ſie lächelnd bei einer Hand, ſie hatte das Bedürfniß einer Stütze gefühlt und machte auch ſo⸗ gleich, wie ſie ſich unterſtützt fühlte, auf den Weg. So kamen ſie Beide zu Clara heran, indem ſie ſich das Gleich⸗ gewicht hielten, wohl auch bisweilen ein wenig ſtrauchel⸗ ten, und ſie ſtießen zugleich einen Freudenſchrei aus, als ſie die Kniee ihrer guten Amme berührten: ich meinerſeits weinte vor Freude und Rührung. Ich hob Antvinette auf meine Arme emporz ſi ſie ſagte zu mir:„Papa!“ Ob dieſes Wort nun an mich oder an André gerichtet war, ſo gab es doch jetzt kein Mittel mehr, 3 6 1 es von mir abzulehnen; ich benetzte ihre roſigen Wangen mit meinen Thränen, auch der Pfarrer und der Paſtor weinten, und doch war Jedermann glücklich dabei. Wir beiden Väter entſchieden, daß man Kinder, welche ſchon zu laufen beginnen, auch entwöhnen kann; Ma⸗ rianne bat mich um die Erlaubniß, ſich Antvinettens be⸗ ſonders anzunehmen. O, mit welchem Vergnügen ertheilte ich ihr dieſelbe! Endlich gelangten wir an den Fuß des Ebenalp. Bis zu welcher Höhe hat doch die Natur dieſe finſteren Felſen, die alt wie die Schöpfung ſind, aufgerichtet! Gruppen 3 von Knieholz krönten von Entfernung zu Entfernung ihre Gipfel, und der kahle nackte Fels blickte in den Zwiſchen⸗ räumen hindurch; wir kamen auch ganz nahe zu jener Ouelle heran, welche wir von dem Fenſter des Verſamm⸗ 33 lungsſaales des Kleinen Rathes aus nicht hatten beur⸗ tcheilen können. Sie entſprang ungefähr in der Dicke eines 2 Armes, rieſelte ſeit vierzig Jahren durch dieſe Trümmer hindurch und verlor ſich envlich jenſeits des Gebirges, wie ich es ſchon geſagt habe, in einen kleinen See oder eigent⸗ licher ein Alpenmeer, welches der Seealp genannt wird und das ſeinen Abfluß in die Sitter hat. Dort fanden wir auch unſern Freund Heilberg, welcher übrigens wenigſtens eben ſo ſehr der Freund aller ſeiner Landsleute war; ich fragte ihn, ob er hierher gekommen ſei, um unſere Arbeiter zu beaufſichtigen: er verſtand aber dieſe Frage gar nicht. Ich ſagte ihm, daß in Frankreich hundert Arbeiter wenigſtens zwei Aufſeher hätten, die — 97—. beauftragt wären ſie zur Arbeit anzuhalten.„Freund An⸗ ton, wenn hier nur ein einziger Aufſeher erſchiene, ſo würden dieſe braven Leute ihre Hacke und ihr Grab⸗ ſcheit auf die Schulter werfen und nach Hauſe zurückkeh⸗ ren; wenn ein Schweizer ſich einmal verpflichtet hat, ir⸗ gend Etwas zu thun, ſo arbeitet er mit ebenſo vielem Eifer, als ob es für ihn ſelbſt geſchähe.“—„Und wenn er ſich aber anders benehmen würde?“—„Die Andern würden ihn einen Faulpelz nennen, und das iſt einer der empfindlichſten Vorwürfe, den man nur immer an einen Schweizer richten kann.“—„Aber wenn der Geſchimpfte darüber böſe werden würde?“—„So würde einer von Denjenigen, welche keinen Antheil an dem Streite genom⸗ men haben, den Parteien im Namen des Geſetzes Still⸗ ſchweigen auferlegen; Alle würden nun ſtill ſein, und der Faulpelz würde jetzt nur um ſo rüſtiger an ſeine Arbeit gehen. „Sie haben dieſen Morgen eine Stunde dazu ange⸗ wendet, um das Arbeitsgebiet unter einander zu verthei⸗ len, aber dieſe Zeit da iſt gewiß keine verlorene geweſen. Nachdem dieſe Angelegenheit in Ordnung gebracht war, hat Jeder von ihnen ſeine Hacke ergriffen; ſehen Sie, wie ſich die Arbeiterkette dort bis in die Ebene erſtreckt: ſie find damit beſchäftigt, dieſen abſcheulichen Weg, welcher von Ebenalp nach Appenzell führt, breiter und ebener zu machen. „Ich bin nur hierhergekommen, um ihnen den Ort anzugeben, wohin ſie dieſe Trümmer ſchaffen ſollen; ich habe ihnen die Spitze eines hervorſpringenden Felſens be⸗ Biblioth. 386 Boch. 7 — 56— merkbar gemacht, welcher ſie in ihrer Arbeit aufgehalten hätte. Sie haben denſelben in die Luft geſprengt und Sie ſelbſt müſſen wohl den Knall der Explofion gehört haben; gegenwärtig iſt der Weg frei, und Sie ſehen, daß man ſchon die Schubkarren zu beladen beginnt. Ich bin hier ge⸗ blieben, um ihnen zu antworten, wenn ſie mich um Rath fragen ſollten, aber ich werde mich wohl hüten ihren Fra⸗ gen zuvorzukommen, denn das würde ihren Stolz verletzen. „Meine lieben Freunde Anton und André, es iſt jetzt Mittag, und das iſt die Stunde, in welcher dieſe braven Leute zu Mittag zu eſſen pflegen.“—„Wollen Sie, daß ich ſie auffordere, ſich indeſſen auszuruhen?“—„Sie würden Ihnen in's Geſicht lachen und mit ihrer Arbeit 3 ruhig fortfahren; es gebührt ihnen nur eine Stunde Raſt⸗ zeit, und nie würden ſie ſich mehr als dieſe geſtatten.“— „Ich bin der Jüngſte und der Leichteſte; ich will nach Ap⸗ penzell laufen und zuſehen, was die Urſache dieſer Ver⸗ ſpätung iſt.“—„Eilen Sie, lieber Freund Anton.“ Auf dem halben Wege begegnete ich dreißig bis vierzig Frauen, welche mit Tragkörben beladen waren, in denen ſich mehrere irdene ſehr reinliche und ſehr ſorgfältig zuge⸗ deckte Gefäße befanden, das war der Mundvorrath unſe⸗ rer Arbeiter; ich glaubte ihnen eine kleine Entſchädigung ſchuldig zu ſein und wollte zwei oder drei von dieſen Frauen, denen ich einige Flaſchen Wein anbot, deshalb nach Appenzell zurückkehren laſſen.„Die Woche über,“ ſagte mir die Aelteſte von ihnen,„muß man ſich mäßig halten und arbeiten; wenn Sie aber am Sonntage auf vie Wieſe kommen und Ihren Wein dorthin bringen laſſen, ſo wollen wir recht gern mit Ihnen anſtoßen, ja ſogar tanzen.“—„O warum nicht!“ Einige von ihnen waren ſehr hübſch. Ich ging weiter bis nach Appenzell; hier fand ich die arme Gertrude in größter Verzweiflung.„Sie haben mir ja dieſen Morgen keine Befehle ertheilt, und man kann ein Mittagsbrot für hundert Leute nicht ſo leicht herſtellen, als ein Diner für zehn Perſonen. Ohne dieſen guten Ber⸗ trand wäre ich verloren geweſen; aber Ihr Geld iſt draußen ſtehen geblieben.“—„Nun wohl, gute Gertrude, es iſt dort ebenſowohl in Sicherheit als anderswo.“—„Es iſt unmöglich, daß ich allein Alles beſorgen kann. Sie ſehen, daß ich ſchon angefangen habe, mich mit dem Abendmahle zu beſchäftigen, aber wann wird es fertig werden? Zwei Frauen haben ſich mir ſchon zur Hilfe angeboten, aber ich habe es nicht gewagt, dieſelben ohne Ihre Erlaubniß auf⸗ zunehmen.“—„Nimm deren meinetwegen drei oder auch vier, aber verliere keinen Augenblick mehr!“— Sie lief ſo ſchnell fort, als es ihr ihre dicke Leibesbeſchaffenheit nur immer geſtattete; Bertrand nahm eine Butte und ging gleichfalls fort, um Lebensmittel herbeizuſchaffen. Ich trat in unſere Küche ein; ein großer Keſſel war an einem langen Holzſtücke aufgehangen, welches nach dem landesüblichen Gebrauche in einer Art von drehbarer Angel befeſtigt war; das Waſſer war zwar ſchon am Sie⸗ den, aber es war tvrt eben noch Jichts als Waſſer: ich ging wieder fort. 7 ½ — 100— Drei Frauen, von denen jede einen Spieß auf der Schulter trug, kamen an; ſie pflanzten dieſe Spieße auf dem öffentlichen Platze in einer gewiſſen Entfernung von 1 einander auf, an den Spitzen verbanden ſie dieſelben durch einen Strick und befeſtigten an letzterem einen ungeheuren 3 Keſſel, welchen Bertrand auf ſeinem Rücken herangeſchleppt brachte. Dieſer kehrte dann wieder zurück, um ſeine Butte zu holen, und kam mit derſelben, nachdem ſie ganz mit Gerſte, Gemüſe und Kartoffeln angefüllt worden war, bald wieder; ſo unternahm er mehrere derlei Entveckungsreiſen, und bald hatten wir Alles beiſammen, was nöthig war, um ein Abendmahl für Anachoreten zu bereiten. Ich habe es ſchon ein Mal geſagt: Männer, welche ſich mit ſo We⸗ nigem begnügen, ſind unüberwindlich. Es war zwei Uhr, und ich hatte noch Nichts gegeſſen; ich nahm ein Haferbrot und Butter.. aber André und unſere Frauen hatten ja auch noch nicht gefrühſtückt: kann ich, darf ich mich nur mit mir allein beſchäftigen? „Bertrand, ſattle mir ein Maulthier und fülle mir einen Korb.“ Ich ritt in geſtrecktem Galopp fort. Ich brauchte keine zehn Minuten Zeit, um bis an den Fuß des Berges zu gelangen; die Frauen mit ihren Trag⸗ körben waren ſchon angekommen, die Arbeiter ſaßen im Kreiſe am Boden, jeder von ihnen mit ſeinem Teller und einem hölzernen Löffel bewaffnet. Ich ſuchte André, unſere Frauen und Kinder, ſie ſaßen mit in dem Kreiſe der Ar⸗ beiter und aßen Alle mit denſelben. Man hatte ſie mit Herzlichkeit eingeladen, das gemeinſchaftliche Mahl zu — 101— theilen, und ſie hatten dieſe Einladung mit großem Ver⸗ gnügen angenommen; ſie griffen herzhaft bald zur Linken, bald zur Rechten zu, und die guten Leute, deren Gäſte ſie waren, waren entzückt. Ich verging faſt vor Hunger, und doch wußte ich nicht, was ich mit meinem Korbe anfangen ſollte; Bertrand hatte denſelben mit ausgeſuchteren feineren Sachen, ange⸗ füllt, und dieſe Art von Luxus konnte hier leicht mißfallen. Ich war in großer Verlegenheit, aber nichtsdeſtoweniger wollte ich eſſen; der Landamman rief mich zu ſich, ſeine Frau hatte ihm ſchon früher ſein Mittagsmahl gebracht, aber er hatte daſſelbe nicht eher berühren wollen, bis ſeine Mitbürger auch das ihrige erhalten hätten. Welche Sit⸗ ten! Er theilte Das, was er hatte, mit mir, und der Korb wurde demnach nicht geöffnet; Bertrand hatte in denſelben auch Wein gepackt, und ich ging mit den Andern an die Quelle trinken, welche auf dem Abhange des Berges ent⸗ 1 ich fühlte mich jetzt erſt würdig ein Schweizer zu ein. „Freund Anton,“ ſagte Meiſter Heilberg zu mir,„ich habe jetzt Nichts mehr hier zu thun, und ich will daher nach Hauſe zurückkehren; vergeſſen Sie nicht, daß Sie Schulden haben.“—„Sie ſehen uns bereit, dieſelben zu bezahlen.“—„Ich habe Auslagen gemacht und bin nichts weniger als reich; Blecker hat ſeine Arbeiter zu bezahlen, und Sie ſind auch noch die Mundvorräthe ſchuldig, welche Ihre Leute in dem Dorfe genommen haben.“—„Erwei⸗ ſen Sie mir das Vergnügen, und verlangen Sie das Geld — 402— nur von Bertrand.“—„Ohne daß Sie ſich auch nur um die Summe bekümmern?“—„Ich verlaſſe mich ganz auf Sie.“ Er drückte mir die Hand.„Und Sie geſtatten auch, daß Bertrand aus Ihrer Kaſſe ſchöpfe?“—„Es iſt ein muthiger Mann, dem ich das Leben verdanke, und dann, iſt er denn jetzt nicht ein Schweizer?“ Meiſter Heilberg umarmte mich. Wir blieben noch einige Zeit lang hier und betrachteten unſere Umge⸗ bungen.„Siehſt Du,“ ſagte ich zu André,„dieſe große Höhle da, welche gerade neben der Quelle liegt, und deren Grundlage unter den Trümmern verborgen warz wir wollen aus derſelben einen Stall für unſere Maulthiere machen.“—„Ja, aber wir werden erſt die vierzig Fuß hohen Trümmer wegſchaffen müſſen, und dann wirv Ihre Höhle noch vielleicht ſo gut wie im Monde liegen.“— „Nun wohl, ſo werden wir einen Sommerſalon aus der⸗ ſelben machen; wir werden mittelſt einer Leiter hinaufſtei⸗ gen.“—„Und ich werde das Innere mit Moos auspol⸗ ſtern,“ ſagte Marianne zu mir,„denn ich liebe die Höh⸗ len ſehr.“ Wir blieben den Abend über zu Hauſe und fanden ein Weihbecken an unſerer Thüre, unſer guter Freund Heil⸗ berg war es, der daſſelbe hatte hinſchaffen laſſen. Wir hatten, während wir das Gebiet der äußern Rhone durchzogen, bemerkt, daß die Reformirten zwar auch an ihrer Religion feſthalten, jedoch ohne Begeiſte⸗ rung. Die Katholiken dagegen ſind ihrem Cultus ſehr er⸗ geben, er folgt ihnen überall hin; ſie beten ſowohl in ihren — 103— Hütten, als auch auf den Feldern und auf den Gebirgen. Sie tragen faſt alle einen Roſenkranz an ihrem Gürtel, den ſie abbeten, ſobald ſie ſich genöthigt ſehen einen Au⸗ genblick ſtill zu ſtehen; man findet an der Thüre jedes Hauſes ein Weihbecken, und der Hausherr beſpritzt mit⸗ telſt ſeiner Fingerſpitzen Diejenigen mit Weihwaſſer, welche es beim Eintreten unterlaſſen haben vies ſelbſt zu thun, und ſich dabei zu bekreuzen. Weit entfernt von jeder Ab⸗ hängigkeit, Ehrgeiz oder Habſucht, ſtammt ihre Frömmig⸗ keit einzig und allein aus ihrer Ueberzeugung; wenn ich dieſe Leute da getroffen hätte, als ich noch Novize bei den Franciscanern war, wäre ich anbetend zu ihren Füßen niedergeſunken. Indeſſen treten dieſe Gebräuche, welche mitunter nur zu ängſtlich beobachtet werden, doch zuweilen vor dem Vergnügen, der Liebe, ja zuweilen ſogar vor der Fröhlich⸗ keit zurück, welche der Wein des Rheinthals erzeugt; die Natur läßt ſich nie ganz ihre Rechte entreißen. Wir gingen nach Ebenalp ab und zu, gingen in dem Marktflecken ſpazieren, erzogen unſere liebenswürdigen Kinder und machten mit unſeren Nachbaren Bekanntſchaft. Ich beobachtete Alles; ich wurde wieder ganz la Mouche, aber diesmal nicht, um mich in die Angelegenheiten Ande⸗ rer einzumiſchen, ſondern um die Gebräuche kennen zu ler⸗ nen, denen wir uns unterwerfen ſollten. Der übrige Theil der Woche verfloß auf dieſe Art, und wir wußten ſchon ſo ziemlich viel. Die Bewohner von Appenzell ſind kräftig gebaut, — 104— wohlthätig, tapfer, offen, voll von Rechtlichkeit und be⸗ ſitzen einen geſunden Verſtand, welcher durch Unterricht noch mehr entwickelt wird; ihr Geiſt iſt lebhaft, und ihꝛe Erwiederungen ſind vſt beißend. Man ſieht unter ihnen Greiſe, welche noch kräftiger ſind als viele junge Leute unſerer großen Städte; das iſt auch eine ganz natürliche Folge eines mäßigen, arbeitſa⸗ men und vollkommen ſorgenfreien Lebens. Die Frauen ſind heiter, friſch und einige von ihnen ſind ſogar ſehr hübſch; im Allgemeinen liegt eine gewiſſe An⸗ muth in ihrem Gange und ſelbſt in ihren gleichgiltigſten Handlungen. Die Bewohner von Appenzell wollen, daß ihnen ihre Kinder eines Tages gleichen, und beſonders, daß ſie die Freiheit ebenſo ſehr lieben ſollen wie ſie. Sie üben ſie daher auch ſchon ſehr zeitig im Wettlaufen, im Ringen, im Werfen von Steinen, die im Verhältniß zu ihrem Alter ein ſehr großes Gewicht haben; das heißt, ſie lehren ſie ſich zu vertheidigen, wie es ihre Ahnen zu Morgarten, zu Granſon und zu Murten gethan haben. Sie verachten die Feſtungen, welche, wie ſie ſagen, nichts Anderes ſind, als Mittel zur Unterdrückung; ihre Berge ſind ihre Feſten. Man findet in dem ganzen Can⸗ ton von Appenzell nur zwei oder drei Marktflecken, einige Dörfer und Pfarrſprengel, welche durch zerſtreut liegende Häuſer gebildet werden; dieſe ſind faſt alle aus Holz ge⸗ baut, die Umzäunungsmauern find aus getrockneten Stei⸗ nen aufgeführt. 1 — 5— Hier, ſo wie in der ganzen Schweiz, iſt das Eigenthum geheiligt. Die Freiheit, die Aufhebung jeder willkürlichen oder drückenden Laſt, die Genugthuung, durch ihr Votum an der Geſetzgebung Theil nehmen zu können, entſchädi⸗ gen die Schweizer für ihre Armuth; dieſelbe iſt auch ſo groß, daß die Bewohner von Appenzell ſtatt aller Abga⸗ ben nur einen Livre in Geld oder in Lebensmitteln bezah⸗ len, welche letztere nach Schwaben oder in das Gebiet von Sanct⸗Gallen ausgeführt werden. Auf dieſe Weiſe iſt Keiner reich genug, um ſeinem Rachbar ſein Gebiet abzu⸗ kaufen, und Keiner ſo arm, daß er es verkaufen müßte. Die vollkommenſte Gleichheit hält den Muth Aller auf⸗ recht, und facht die Neigung zur Arbeit und zur Betrieb⸗ ſamkeit an, durch welche die Natur gezwungen wird, ſelbſt in einem undankbaren Lande fruchtbar zu ſein. Vierunddreißigſtes Kapitel. Gebräuche, Spiele, Arbeiten, Hirten, Ereigniſſe. Wie war doch am Sonntage Alles ſo verändert! Ein Tag des Vergnügens iſt immer kurz, wenn er auf ſechs Tage angeſtrengter Arbeit folgt; man fürchtet auch nur Einen Augenblick von demſelben zu verlieren. Schon mit Anbruch der Morgenröthe beſchäftigte ſich Jedermann damit, entweder ſeine athletiſchen Formen„oder die An⸗ — 106— muth ſeines Geſchlechtes in's hellſte Licht zu ſetzen. Alle Häuſer waren geöffnet; man ging ab und zu, man faßte ſich bei der Hand.„Den freien Männern Heil!“ hörte man es von allen Seiten erſchallen. Ein junges Mädchen bemerkt, daß ihr eine Elle Band fehle, ſogleich eilt ſie, ſich dieſelbe heimlich von ihrer Nachbarin auszuborgen; das junge Weib ſchmückt das Kind, welches ſie ihrem Gatten nur um ſo theurer macht. Man ſucht ſich, man nähert ſich, man beginnt mit einem füßen Lächeln, und bald wird das Wort„Liebe“ mit halb⸗ lauter Stimme geflüſtert; mit welchem ſüßen Klange tönt es in das Ohr der jungen Geliebten, mit welchem ſüßen 3 Klange in das ihres glücklichen Liebhabers! Haben ſie doch eine Woche lang gelebt, ohne es auszuſprechen. 3 Hier ſtiftet die Liebe allein die Heirathen, und dieſe ſind alle glücklich. Die Ausſchweifung iſt einzig und allein ¹ eine Tochter des Müßigganges, und dieſer iſt in der Schweiz kaum dem Namen nach bekannt. Auch verſam⸗ melt ſich hier das Conſiſtorium nur äußerſt ſelten; dieſer Gerichtshof hat nur väterliche Ermahnungen an Diejeni⸗ gen zu richten, welche er vor ſich erſcheinen läßt, aber man weiß doch, daß er da iſt, und der Tadel deſſelben würde ein unauslöſchbarer Flecken ſein.. Bald verſammelten ſich auch die Mufiker; ſie waren zwar keine Schüler Zampini's, aber ſie muſicirten für Ohren, welche gewöhnt waren ſie zu hören. Alle Bewohner machten ſich nun auf den Weg. Die jungen Leute und die jungen Mädchen rückten in zwei ge⸗ — 107— ſchloſſenen Reihen vorz nun konnte man freilich nicht mehr mit einander ſprechen, aber man ſah ſich wenigſtens und die Augen können ja ſo viele Dinge ausdrücken. Dann kamen die verheiratheten Leute, und die Kinder liefen zwi⸗ ſchen den beiden Reihen hindurch; die Greiſe beider Ge⸗ ſchlechter beſchloſſen den Zug, welcher an der Thüre des Pfarrers ſtill hielt. Dieſe guten Leute kamen hierher, um ihn abzuholen und nach der Kirche zu führen; ſie gaben ihm dadurch einen Beweis ihrer Verehrung, und erinnerten ihn zu gleicher Zeit daran, daß die letzten Tage des Septembers eben nicht allzu lange ſind. Der Pfarrer war bereit; er trat heraus, grüßte und ſegnete ſeine Pfarrkinder, dann begann er ein geiſtliches Lied: die Zunächſtſtehenden ſetzten daſſelbe unter der Be⸗ gleitung der Muſik fort. Man bewegte ſich mit Samm⸗ lung vorwärts und nahm in der Kirche Platz, die Männer auf der einen Seite und die Frauen auf der andern; der Prieſter verrichtete ſein Amt mit Würde und Frömmig⸗ keit, er flößte den Seelen ſeiner Pfarrkinder diejenigen Gefühle ein, von denen er ſelbſt durchdrungen war. Er ſtieg nun auf die Kanzel; ſeine Predigt war kurz, weil er nur die Tugend predigte, und weil es leichter iſt, dieſelbe zu beſitzen, als ſie in Worten auszudrücken; er verbot den Tanz durchaus nicht, er wünſchte zwar, daß ſeine Pfarrkinder fromm ſeien, wollte aber keine Maſchinen aus denſelben machen. In dieſem kleinen Canton von Appenzell iſt auch dieſe — 108— ſüße und zugleich ſchwermüthige Weiſe entſtanden, welche unter dem Namen des Kuhreigens ſo berühmt geworden iſt; die Schweizer lieben dieſelbe leidenſchaftlich. Diejeni⸗ gen von ihnen, welche in den Dienſt fremder Mächte ge⸗ . ce treten ſind, können dieſelbe nicht hören ohne zu erzittern, und dieſes Lied iſt für ſie zur Urſache häufigen und zahl⸗ reichen Deſertirens geworden. Unſere Muſiker führten, während man die Kirche verließ, dieſes Lied mit der größten Präcifion aus; die Wimpern von Einigen ſchienen mir feucht zu ſein: war das die Wirkung des Kuhreigens oder der Frömmigkeit? „Mein Freund,“ ſagte ich zu André,„das hier iſt die wahre Religion; ſie iſt erhaben und einfach.“—„Und ihr Glanz wird auch nirgends verdunkelt, außer dort, wo Prieſter herrſchen wollen.“ Wir führten den Pfarrer wieder in ſeine Wohnung zurück; er grüßte und ſchloß dann ſeine Thüre, und das war der Augenblick, auf den man wartete. Die fröhliche Truppe verwirrte ſich, theilte ſich, ſang, ſprang, und Ze⸗ dermann ging nach Hauſe, um ſich die kleinen Mundvor⸗ räthe für den Tag zu holen.„Nach der Wieſe! Nach der Wieſe!“ riefen die jungen Leute einander zu, als ſie auf⸗ gehört hatten von ihren Herzensangelegenheiten zu ſpre⸗ chen; ſie machten eine wohlwollende Bewegung mit der Hand gegen einander, wenn ſie ſchon zu weit entfernt waren, um mit einander zu ſprechen. Eine vor Kurzem gemähte Wieſe empfing die Freunde des Vergnügens, welche ſich von allen Seiten dorthin le⸗ — gaben, mit ihrer angenehmen Friſche. Es gab hier ebenſo⸗ viele Feſtmahle als Familien, und die Tafel wurde auf dem noch grünenden Graſe gedeckt; Jeder von ihnen hatte das Beſte, was er beſaß, mitgebracht, denn es war Sonn⸗ tag: Einige hatten auch ein wenig Honig mit. Diejenigen, deren Beſitzthümer vor den Winden ge⸗ ſichert ſind, beſchäftigen ſich etwas mit Bienenzucht; mit dem dabei gewonnenen Honig bereiten ſie dann jenen Ho⸗ nigmeth, welcher ſo ſehr geſucht wird. Aber an Feſttagen bringt die Hausfrau ihren kleinen Topf mit Honig gefüllt herbei, und die ganze Familie erquickt fich daran. Durch das Abenteuer mit meinem Korbe, der ſo gut gefüllt geweſen war, und dann ſo unbenutzt und übel zu⸗ gerichtet zurückkehren mußte, klug gemacht, hatte ich Ber⸗ trand anempfohlen, ſeine Einrichtungen ſo einfach als möglich zu treffen. Sieben bis achtFlaſchen Wein machten allein einigen Unterſchied zwiſchen uns und unſeren Mit⸗ bürgern bemerkbar; aber wir brachten es dahin, daß der⸗ ſelbe zu unſerem Vortheil ausſchlug. Die Greiſe eſſen wenig, und ein Glas Molken oder Honigmeth hält ſie nicht lange Zeit an ihrem Platze feſt; ſie kamen und gingen um unſern Platz herum, und ſahen uns mit Wohlwollen an. Marianne verfehlte dann niemals aufzuſtehen, und ihnen mit einer reizenden Verbeugung ein Glas Wein anzubie⸗ ten; Herr und Madame Heilberg gingen vorbei: diesmal nun ſtanden wir Alle auf, um mit ihnen anzuſtoßen. Bald ließ ſich der Klang von Liedern, von einer Art von Flöte und eines Hornes, welches den Bewohnern der Alpen eigenthümlich iſt, von allen Seiten vernehmen; die jungen Leute beiderlei Geſchlechts ſaßen immer je Zwei und Zwei bei einander, und bildeten einen Kreis, der ebenſo ausgedehnt war, als die ganze Wieſe: der Kampf ſollte beginnen. Zwei junge Leute treten auf den Kampfplatz vor: die Kraft und das Spiel ihrer Muskeln verkündigen, daß der Angriff und die Vertheidigung gleich energiſch ſein werden. Sie meſſen ſich zuerſt mit den Augen, dann nähern ſie ſich einander und faſſen ſich; alle ihre Bewegungen kündigen Leichtigkeit und Gewandtheit an, ſie drücken ſich an einan⸗ der, umſchlingen ihre Glieder: es ſind zwei in einander gerollte Schlangen, eine in die andere verſchlungen, ſo daß das Auge ſie kaum unterſcheiden kann. Kann wohl die Sucht nach dem Ruhme allein ſo mäch⸗ tige Anſtrengungen erzeugen?... Nein, nein! denn dort ſehe ich zwei Mädchen, welche zwar auch den Kreis nicht verlaſſen haben, deren Kopf aber merklich vorgebeugt iſt; ein feuriges Roth wechſelt mit tiefer Bläſſe auf ihren in⸗ tereſſanten Geſichtern ab, je nachdem der geliebte Gegen⸗ ſtand eben im Vortheile oder im Nachtheile iſt. Sie ſchei⸗ nen Freundinnen zu ſein, und doch wiſſen ſie es, daß Einer befiegt werden muß: und in der That, einer der beiden Kämpfer fällt jetzt eben zu Boden; wie wird man ihn für dies Mißgeſchick tröſten können? Der Sieger umarmt ihn. Der glückliche Sterbliche durchfliegt den Kreis mit einem einzigen raſchen Blicke. Er hat Sophien gefunden; ſie lächelt ihm zu und er empfängt den Siegespreis aus * — S — ihren Händen: es iſt eine einfache Feldblume, welche ſie auf ſeinem Hute befeſtigt, und er raubt ihr zum Danke dafür einen Kuß. Die Inſtrumente laſſen ſich vernehmen. Der Tanz wird alſogleich beginnen; Marianne flellt ſich mit in die Reihe, aber jeder Burſche hat ſchon ſein Liebchen. Sie hatte ſich unvorſichtigerweiſe vorgewagt, und ihre Lage begann wirklich unangenehm zu werden; ich fühlte mich verſucht ihr meine Hand anzubieten, aber ich tanze ja ſo ſchlecht. Sophie hat Alles dies geſehen; fie ſchiebt Abdonn ſanft nach der Seite, wo Marianne ſteht, nachdem ſie ihm ihre Wange zum Kuſſe gereicht hatte, wofür er ihr als Ent⸗ ſchädigung dieſen Gehorſam ſchuldig war; aber ſie, ſie verzichtete auf das Vergnügen, zum erſten Male mit ihrem Geliebten, mit dem Sieger zu tanzen, und das nur, weil die arme Freundin verlaſſen daſtand. Welche von Euch, meine ſchönen und feinen Pariſer Damen, wäre eines ſol⸗ chen Opfers fähig? Sophie war für dieſen Tag wenig⸗ ſtens die tonangebende Dame des Balles. Das Beiſpiel, welches ſie gegeben hatte, ward von mehreren ihrer Ge⸗ fährtinnen nachgeahmt, und Marianne unterhielt ſich ſehr gut. Aber dieſer Auftritt durfte ſich doch unmöglich an jedem Sonntage wiederholen; André tanzte eben auch nicht beſſer als ich, und es war auch vernünftiger Weiſe nicht zu verlangen, daß er es noch im Alter von fünfundvierzig Jahren zu lernen beginne. „Sophie,“ ſagte Marianne zu mir,„iſt eine Nähte⸗ terin, und wir haben deren ſonſt keine hier.“—„Nun — 112— wohl, meine Kleine, ſo wollen wir ſie beſchäftigen.“— „Ich wollte es Ihnen ſoeben vorſchlagen.“—„Sage doch Abdonn, er möge jeden Abend, ſo wie er ſein Tage⸗ 13 werk vollbracht hat, zu mir kommen, um mir Unterricht im Tanzen zu ertheilen.“—„O, wie ſehr danke ich Ihnen dafür!“ 3 An einem Sonntage wird in Appenzell auch nicht Ein Augenblick verloren. Der Tanz ermüdet ebenſo ſehr wie alle andern anhaltenden körperlichen Uebungen, wenn nämlich die Eitelkeit die Tänzer nicht aufrecht erhält. Mehrere Gruppen bildeten ſich. Junge Burſchen und junge Mädchen drehten ſich beim Klange von Liedern im Kreiſe herum; dieſes ſehr einfache Spiel iſt indeſſen doch nicht ohne alle Annehmlichkeit. Ein Burſche oder ein Mädchen verläßt abwechſelnd den Kreis, und berührt Diejenige oder Denjenigen, der gerade die meiſte Theilnahme in dem Berührenden erregt. Man läuft nun Demjenigen, von welchem man berührt worden iſt, nach; wenn er nun ſeinerſeits berührt wird, bevor er wie⸗ der den Platz, den er verlaſſen, erreicht hat, ſo wird er als ½ Gefangener in die Mitte des Kreiſes geführt. Wenn er jedoch wieder dahin gelangt, ohne daß er eingeholt wor⸗ den iſt, ſo wird Derjenige, welcher ihn nicht hat einholen können, Gefangener und das Spiel fängt von Neuem an. Es wird nun ſo lange fortgeſetzt, bis nicht mehr genug Leute da find, um die Gefangenen zu umringen; Marianne und ich zeichneten uns in dieſem Spiele beſonders aus, bald jedoch begann der Tanz wieder. — Glänzende Abendunterhaltungen, Pariſer Bälle enden erſt mit dem nächſten Morgen; vieſes ländliche Feft mußte aber mit Sonnenuntergang beſchloſſen werden. Man be⸗ gann jetzt das Eierſpiel; dieſes deutet an, daß der Sonn⸗ tag bald Richts mehr darbiete als einen leichten Traum. Drei junge Leute, welche von ihren Gefährten ſelbſt gewählt werden, erſchienen, ganz weiß gekleidet; ſie legten in einer geraden Linie hundert Eier niever, ſo daß jedes von dem anderen gerade zwei Fuß weit entfernt war. Einer von den Dreien muß eine lange feſtbeſtimmte Strecke durchlaufen, während ſein Nebenbuhler die Eier aufheben, und ſie in einen mit Kleie gefüllten Korb, welchen ihm der Dritte hinhält, legen muß. Derjenige, welcher zuerſt ſeine Aufgabe gelöſt hat, wird für den Sieger erklärt; die Eier gehören dann ei⸗ gentlich ihm, aber er giebt ſie doch gewöhnlich Denjenigen zurück, welche ſie geliefert haben. Außerdem hat er auch noch das Recht, ſeine Geliebte zu umarmen, und darauf verzichtet er gewiß niemals. Man kehrt nun nicht etwa auf dem kürzeſten Wege in das Dorf zurück, denn Schüler und Liebende ziehen von jeher die längſten Wege vor; ſie haben ſich noch ſo viele und intereſſante Dinge zu ſagen. Zuweilen vergeht wohl ſo auch noch ein Theil der Nacht in zärtlichen Unterhal⸗ tungen, welche jedoch immer ohne alle Folgen find; man hat ein paar Stunden an Schlaf verloren, aber man hat ſie dafür an Glück wieder gewonnen; das iſt Alles. Am Montag früh kehrt Alles wieder in ſeine gewöhn⸗ Biblioth, 383 Boch. 8 liche Ordnung zurück, und die Herzen ſchlagen nicht mehr, bis auf den nächftfolgenden Sonntag. Die Winterabende ſind jedoch nicht ganz ſo heiter; die Trauer der Natur ſcheint ſich auch den Liebenden mitzu⸗ theilen. Die Schweizer gleichen den Vögeln, ſie fingen nur im Frühjahre von Liebe; die Müßiggänger in den großen Städten Frankreichs fingen dieſes Lied das ganze Jahr hindurch. Gleich einem feurigen Renner, deſſen fort⸗ währende Genüſſe ſeinen Beſitzer bereichern, bereiten ſie ſich dadurch ein frühreifes, ſchmerzensvolles Alter, und ihre Erinnerungen ſind eben auch nicht geeignet, ihrer Reue Stillſchweigen aufzuerlegen. Während des Winters gehen die jungen Mädchen und die jungen Burſchen mit Sonnenuntergang zu Bette: ſie haben ja nichts Beſſeres zu thun; die Männer, die Frauen und die Greiſe verſammeln ſich aber in den geräumigſten und wärmſten Hütten. Dieſes Zuſammenkommen bildet Das, was ſie eine Abendunterhaltung nennen; man hat zwar ſeine Toilette dazu nicht zu einer wichtigen Angele⸗ genheit erhoben, man verſammelt ſich daſelbſt nicht, wie anderswo; die Frauen, um ſich bewundern zu laſſen, und die Männer nicht, um zu bewundern; man geht nicht beim Klang eines vollſtändigen Orcheſters einher, man ſpielt keine Hazardſpiele, man läßt keine Erfriſchungen herumreichen, welche nur durch die Habſucht der Kaufleut⸗ erfunden, und von der Einfalt der Betrogenen angenom⸗ men ſind. Die Frauen ſtricken oder ſpinnen Hanf dabei, die Männer machen Schöpfeimer und andere kleine Ge⸗ — 115— räthſchaften aus Holz; ſie ſprechen dabei von Religion, von Politik: die Frauen hören zu. Gegen das Ende einer ſolchen Verſammlung bietet die Herrin des Hauſes oder der Hütte ein kleines Abendbrot an, welches aus wilden Aepfeln, die unter der Aſche ge⸗ braten worden ſind, und einem Kruge Waſſer beſteht. Es giebt hier ſehr wenig Kranke, dagegen trifft man aber ziemlich häufig auf Verwundete. Stürze, die oftziem⸗ lich gefährlich find und durch die Steilheit der Felſen verur⸗ ſacht werden, Verletzungen durch ſchneidende Inſtrumente, welche nicht immer geſchickt genug gehandhabt werden, zwingen die guten Schweizer zuweilen, einige Tage hin⸗ durch ihre Hütte zu hüten; aber man muß nicht glauben, daß ſie etwa daſelbſt der ärzttichen Sorgfalt entbehren: das Samenkorn des Hippokrates hat ſich überall hin ver⸗ breitet, und wir haben hier auch einen Arzt. Dieſer Arzt iſt nämlich eine alte Frau, welche bereits ſeit zehn Jahren gelähmt und folglich in die Unmöglichkeit verſetzt iſt, zu arbeiten; ſo gerieth ſie auf den Einfall, die Botanik zu ſtudiren, und dies iſt ihr auch vollſtändig ge⸗ lungen. Sie kennt die lindernde Macht der Kräuter, aus denen ſie Wundpflaſter bereitet, ſie dreht Pillen, welche den Schweiß nach der Hautoberfläche treiben; ſie ſpricht ſehr viel, aber ſie ſchreibt ſehr wenig Heilmittel vor. Ihr großes Univerſalmittel iſt die Ruhe und das Waſſer, und ſie heilt damit alle Kranke; nichtsdeſtoweniger giebt es doch eine Krankheit, gegen welche ſie Nichts vermag, und die heißt das Alter. 8* — 116— Dieſer Arzt hier würde ſehr böſe werden, wenn man ihm Geld anböte. Zedermann ſorgt für ihre Bedürfniſſe, und ſie erhält ihre kleinen Mundvorräthe, weil ſie ja leben muß, um Gutes zu thun; dieſe gute Frau wird allgemein geliebt und geachtet: ſie nimmt hier dieſelbe Stelle ein, welche mein Vater in la Rochelle hatte. Nach drei Monaten, voll von ermüdenden Luſtpartien und Beſorgniſſen, boten uns unſere Arbeiten endlich einen erfreulichen Anblick dar. Dieſe Arbeiter, welche ſo nüch⸗ tern leben, ſo karg bezahlt werden und ſo viel arbeiten, hatten die Trümmer gänzlich hinweggeſchafft, und einen gewundenen und leicht fahrbaren Weg gebaut, der von der Ebene zu unſerem luftigen Beſitzthum führtez ſchon verlängerte ſich dieſer Weg von dem Dorfe Ebenalp bis zu dem Dorfe Weißbad, welches unſere Pfarrgemeinde, unſer Adoptiv⸗Vaterland geworden war. Das Gebiet, welches uns abgetreten worden, war nackt wie ein kahler Felſen; es war vierzig Jahre hindurch mit Trümmern überdeckt geweſen, ſo daß auch nicht mehr ein Hälmchen Gras darunter keimte, aber wir beſaßen voch eine Erdſchicht von zwölf Fuß Dicke. Unſer Düngen mußte dieſelbe noch mehr erhebenz freilich, es war noch Alles zu thun, aber wir wollten ja gern arbeiten. Anvré hat, wenigſtens in vielen Dingen, einen Takt, eine Art von angebornem Inſtinkt, welcher ihn ſehr ſelten täuſcht. Dieſe Höhle, aus der ich einen Stall hatte machen wollen, war richtig, wie er es vorausgeſagt hatte, in der Luft geblieben. — 117— Der Eingang zu derſelben fand ſich funfzig Fuß vom Erdboden entfernt, und es wäre doch ein wenig ſchwierig geweſen, Maulthiere dort hinaufklimmen zu laſſen. Unſer erſtes Geſchäft war, dieſe Höhle in allen ihren Einzeln⸗ heiten zu unterſuchen; ſie hat an ihrem Eingange vierzig Fuß Breite, ungefähr ebenſo viel Tiefe und ihre Höhe beträgt von dem Fußboden bis zu der Wölbung, die feſt wie die Alpen ſelbſt iſt, ſechzig Fuß. Sie hat den vergan⸗ genen Jahrhunderten getrotzt, und ſie fordert die zukünf⸗ tigen heraus. „Nun wohl, mein lieber Freund André, was werden wir mit dieſer Höhle anfangen?“—„Ich liebe große Eingebungen, mein Herr, und ich kann mich den meinigen um ſo bequemer überlaſſen, als wir mehr als genug Geld haben, um dieſelben allenfalls auszuführen. „Vor Allem wollen wir alſo die rauhen Felſen, welche dieſe Grotte umgeben, in die Luft ſprengen laſſen, da ſie uns fortwährend bedrohen würden.“—„Unübertrefflich ausgedacht!“—„Dann muß uns Blecker zwei Fußböden, von denen der eine zehn Fuß Höhe von dem andern ent⸗ fernt iſt, anfertigen.“—„Und dann?“—„Das Eben⸗ erdgeſchoß iſt den täglichen Lebensbedürfniſſen gewidmet; das erſte Stockwerk ſoll unſer Sommerſalon werden...“ —„Und ich werde denſelben mit Moos austapeziren,“ ſagte die Kleine,„ich habe mich ſchon dazu anheiſchig ge⸗ macht.“—„Wir wollen unſer Geſellſchaftszimmer im zweiten Stockwerke einrichten, die Winterabende ſind lang, und die wilden in Aſche gebratenen Aepfel liebe ich durch⸗ — 6— aus; über uns wird unſere Vorrathskammer.“—„Aber wie wollen wir denn dort überall hinaufkommen?“— „Nichts einfacher: gewiß doch mittelſt einer Stiege.“— „Nein, mittelſt einer Leiter, die man allenfalls nach ſich hinaufziehen kann,“ ſagte Marianne. Dieſes ſchöne Kind iſt immer unklug und übermüthig, wenn ſie ſich in meiner Rähe befindet; ſie läßt dann immer allen ihren Launen den Zügel ſchießen, aber wenn ſie eine Bewegung von Un⸗ geduld von meiner Seite bemerkt, ſo reicht ſie mir Antvi⸗ nette dar, und ich lächle wieder. Als wir wieder nach Appenzell zurückgekehrt waren, gingen wir ſogleich zu unſerem Freunde Blecker, um ihm unſere großen Pläne mitzutheilen. Dieſer hatte ſoeben ſeine Brücke über die Sitter vollendet; er hatte freilich nicht die Talente eines Vitruvius, aber er war dafür um ſo ſchneller. Vier Pfähle, welche, je zwei und zwei neben einander ſtehend, in das Flußbett geſchlagen wurden; zwei Balken, feſt einer an den andern liegend und ſicher auf den Pfählen befeſtigt, und nun darüber Bretter gelegt, ſo iſt ſeine Brücke fertig: ſie wird gerade ſo lange ſtehen blei⸗ ben, als es der Zeit gefallen wird ſie ſtehen zu laſſen. Blecker war ſehr froh, als er erfuhr, daß er uns eine Wohnung von einer Art herſtellen ſolle, welche in dem Can⸗ ton noch gänzlich unbekannt war. Als er die Einrichtung unſerer Stockwerke vollkommen aufgefaßt hatte, that er eine Frage wegen der Treppe.„Blos eine Leiter,“ ſagte Marianne; dies Mal aber gebot ich ihr Stillſchweigen. Andrs beſchrieb die Treppe, wie er ſie haben wollte; der — 119— Baumeiſter ſchüttelte den Kopf.„Eine Wendeltreppe,“ ſagte er,„ich habe noch niemals eine ſolche geſehen, und ich würde mich ſehr ungeſchickt dabei anſtellen; ich werde Ihnen eine von außen heraufführende, offene, ſehr feſte und ſehr reinliche Treppe herſtellen, welche mit den betref⸗ fenden Zimmern in Verbindung ſteht, dieſe werde ich dann von innen aus bis zu Ihrer Vorrathskammer fortfüh⸗ ren. In jedem Stockwerke werden die letzten Stufen der Treppe, welche einen Vorſprung bilden, ſich an die Fläche des Fußbodens anſchließen; wenn Sie eintreten wollen, ſo werden Sie daher nur einen kleinen Halbkreis zur Rechten oder zur Linken zu machen haben, indem Sie ſich feſt an das Treppengeländer anhalten.“—„Aber dazu werden Handhaben nöthig ſein.“—„Nun wohl, ſo werde ich Ihnen welche hinmachen. „Eine derartige Treppe wird Ihnen auch zugleich einen unſchätzbaren Vortheil gewähren. Ihr Haus iſt der Mit⸗ tagsſonne ausgeſetzt, und eine ſolche Treppe wird Ihren Ziegen während der Hitze des Tages Schatten gewähren. — Wißt Ihr auch wohl, meine Freunde, daß Ihr dann prächtig wohnen werdet:— wenn ein fremder Fürſt hier durchreiſt, wird er ſich glücklich ſchätzen müſſen, bei Euch einquartiert zu werden.“ Wir mußten den Plan zu einer ſolchen Treppe wohl oder übel genehmigen, da Blecker keine beſſere herftellen konnte. Tags darauf ließen wir unſer hölzernes Haus abtra⸗ gen und auf unſern Bergabhang hinüberſchaffen. NRichts — 120— iſt in der That bequemer als dieſe Art von Häuſern; ſie folgen uns überall nach, ſo wie die Schale der Schnecke nachfolgt. Wir kauften uns nun die zum Ackerbaue nöthigen Werk⸗ zeuge, und begannen unſere Arbeiten. Die körperliche An⸗ ſtrengung verlieh unſerem Gemüſe und unſern Kartoffeln einen Wohlgeſchmack, den wir an ihnen gar nicht vermu⸗ thet hatten; und dann erſt unſere Molken, welche Friſche, welch' herrlicher Geſchmack! Auf alles Das noch ein klei⸗ nes Glas Honigmeth geſetzt, und man greift wieder mit Luſt nach der Hacke und dem Spaten. Heinrich IV. iſt nicht ſo glücklich als wir; er ſchlägt ſich herum, während wir hier genießen.. Unſer Ingenieur André regelte den Lauf unſers klei⸗ nen Gebirgsbaches; wir mußten denſelben in zwei Haupt⸗ arme theilen, welche unſer Haus ringsum einſchließen, und welche ſelbſt wieder in kleinere Bächlein abgetheilt ſein ſollten: dieſe Letzteren ſollten ſich durch unſer ganzes Be⸗ ſitzthum in Schlangenwindungen hinziehen und es frucht⸗ bar machen. Wir lieben die Fiſche ſehr, und es giebt deren viele in der Sitter; alſo werden wir auch einen Fiſchbe⸗ hälter haben. Alle dieſe Waſſer nun ſollten ſich am Rande des Bergabhanges vereinigen, in Waſſerfällen über die Spitzen unſerer Felſen hinabſtürzen, und dann wieder ihren früheren Lauf ruhig weiter verfolgen, um ſich end⸗ lich in einem kleinen See, der ſich jenſeits des Berges be⸗ findet, zu verlieren. Es wurde beſchloſſen, daß vierzig Joch Land zu Wie⸗ — 121— ſen verwendet, und daß die Hälfte von dem übrigen Theile unſers Gebietes zu einem Küchengarten umgewandelt werden ſollte, der Gemüſe jeder Art hervorbringen mußte; man findet in dem ganzen Canton ja Richts als Bohnen und Kartoffeln, und es kann einem freien Manne doch un⸗ möglich verboten ſein, ſeine Genüſſe zu vervielfältigen. Andre machte folgende Bemerkung gegen mich, die von vielem Scharffinn zeigt: daß nämlich der Abt und die Chorherren von Sanct⸗Gallen einen wohlbeſetzten Tiſch und weißes Brot ſehr lieben, und daß Bertrand folglich dort die Samenkörner von allen Gemüſearten finden müßte. Aus dem letzten Theil unſers Beſitzthumes werden wir Weizenmehl ziehen, und folglich an Sonntagen einen guten Weizenkuchen haben; Marianne verſteht es ausge⸗ zeichnet, denſelben zu bereiten. Ein guter Einfall führt immer deren mehrere herbei; der Menſch ſtrebt immer mehr nach Vervollkommnung. „Wir ſind der Mittagsſonne ſehr ausgeſetzt,“ ſagte André zu mir,„ich will Rebenſtöcke aus dem Rheinthale hierher verpflanzen; auf dieſe Art werden wir Wein haben, und wir werden es nach und nach lernen, denſelben immer mehr zu veredeln. Freilich werden wir erſt unſere Freunde zu Weißbad und zu Appenzell über ihre Anſicht in dieſer Sache befragen müſſen.“ Es war unmöglich, daß drei Männer alle dieſe Arbei⸗ ten da allein verrichten konnten; wir nahmen daher Ge⸗ hilfen an. Abdonn war der Erſte, der dazu erwählt wurde; er ſollte mir ja am Abende Tanzunterricht erthei⸗ — len, und dann war er es geweſen, der Mariannen zum Tanze aufgefordert hatte. Das größte Vergnügen, welches man ihm verſchaffen konnte, war das, auch Sophien bei uns zu beſchäftigen; es iſt ſo ſüß, ſich mehrere Male im Tage zu begegnen. Marianne behauptete, daß es ſehr nöthig ſei, unſere Wäſche wieder in Stand zu ſetzenz na⸗ türlich, hatte ihr Sophie doch ihren erſten Tanz aufge⸗ opfert. Alles ging gut, ja ſogar vortrefflich, Jedermann hatte ſeine Aufgabe und führte ſie fröhlich aus; die ruhige und phlegmatiſche Clara theilte ihre Zeit zwiſchen ihrem Kinde und einem Spinnrade, welches ihr Mann ihr einmal mit⸗ gebracht hatte: dieſe Arbeit da ermüdet weder den Geiſt noch die Beine. Plötzlich unterbrach ein, wenigſtens für uns, ganz neuer Zwiſchenfall unſere Arbeiten; der Eben⸗ alp war eines Tages auf einmal ganz von Heerden be⸗ deckt: dieſer Tag war der erſte October. Die Gebirgshirten bilden eine Claſſe von Menſchen, welche während des Sommers ihren Landsleuten ganz entfremdet ſind; ſie bringen dieſe Jahreszeit ganz auf jenen ſteilen Felſen zu, wo ſie in Gemeinſchaft mit ihren Heerden leben. Sie bereiten ſich ſelbſt eine Art von Brot aus Hafer⸗ mehl, Salz und Waſſer, preſſen dann das Waſſer durch ein einfaches Linnenſieb heraus, und nähren ſich von die⸗ ſem Breie, nachdem er eine gewiſſe Feſtigkeit angenommen hat. Sie eſſen das Fleiſch von den Schöpſen oder Ziegen, welche dadurch zu Grunde gehen, daß ſie in Felſenab⸗ — 123— gründe, oder in die Riſſe ſtürzen, welche durch das furcht⸗ bare Berſten der Eisfelder gebildet werden; ſie ſchlafen in den Höhlen, welche die Macht der Jahrhunderte überall gegraben hat. 2 Ihr Gebiet iſt völlig uneingeſchränkt; ſie halten ſich dort auf, wo ihre Heerden weiden können, und entfernen ſich Einer von dem Andern, um jenen eine reichlichere Nahrung zu verſchaffen, ſo daß ihre Vereinzelung voll⸗ ſtändig wird. Wenn das Futtergras an einer Stelle erſchöpft iſt, ſo ſuchen ſie ſich eine andere aus; wenn die Wolken ſich bis zu ihnen erheben, ſo entgehen ſie ihnen dadurch, daß ſie noch höher hinaufrücken. Sie trotzen der Kälte, welche in dieſen hohen Regionen herrſcht, indem ſie ſich in ihre Hammel⸗ felle einhüllen. Von der Höhe ihrer Bergesgipfel herab betrachten ſie die Erde, der ſie völlig fremd geworden find; Nichts von Allem, was dort unten geſchieht, entgeht ihren durchdrin⸗ genden Blicken; ſie ſehen die Gewitter unter ihren Füßen ſich zuſammenballen und auf die Bewohner der Thäler herabſtürzen. Sie lieben die Jagd, ftellen den wilden Thieren Fall⸗ ſtricke, ja bekämpfen dieſelben ſogar bisweilen Leib an Leib. Die Gewohnheit läßt ſie eine Lebensweiſe ſogar ange⸗ nehm finden, welche nur eben für ſie erträglich genannt werden kann; und nur mit Bevauern verlaſſen ſie endlich wieder ihre Berge, um zu Menſchen zurückzukehren. Nichtsdeſtoweniger erwarten ſie doch hier wieder neue — 124— Genüſſe. Hier finden ſie ihre Geliebten, ihre Frauen, ihre Kinder wieder; während ſie ſich dort oben mit der Vered⸗ lung des Viehes beſchäftigt, haben die Bewohner der Thä⸗ ler unten gearbeitet, um ihnen ihren Lebensunterhalt wäh⸗ rend des Winters zu ſichern. Der Tag, an welchem ſie in ihre Dörfer zurückkehren, iſt ein Feſttag, und wir gingen nach Weißbad hinunter, um die Zeugen eines ſolchen zu ſein. Die Liebe allein trägt alle die Koſten dieſes Tages, und der Verſtand iſt niemals ſehr wähleriſch, wenn es Eingebungen des Herzens gilt. Die Einen waren glücklich durch ihre eigene Zufriedenheit, die Andern dadurch, daß ſie dieſelbe theilten; dieſe Zufrie⸗ denheit drückte ſich durch die offenen, faſt wilden Lieb⸗ koſungen der Bergbewohner, durch das liebenswürdige Erröthen ihrer Frauen, durch das laute Geſchrei ihrer Kinder und durch den Geſang ihrer Nachbarn aus. Die ſchüchterne Jungfrau ſcheut ſich zwar ein Wort auszuſpre⸗ chen, aber ſie hat doch Augen, und dieſe ſprechen für ſie; ein dienſtfertiger Freund ſtößt Peter an den Ellbogen an, er nähert ſich nach und nach, und ein Geſpräch wird bald angeknüpft ſein.. Was geht denn da unten vor an der Thüre dieſer Hütte? Es giebt keinen heitern Tag ohne Wolken, hört man überall wiederholen. Dieſer Vergleich wird niemals abgedroſchen werden, weil man in jedem Augenblicke die Nutzanwendung deſſelben machen kann. Ein Mann, mit einem Bärenfell beladen, will in eine niedere Hütte eindringen; eine Frau verwehrt ihm den — 125— — Eintritt in dieſelbe. Klopp behauptet, der Mann Grettle's zu ſein; Grettle betheuert, daß ſie ihn nicht wiedererkenne. Klopp ſchwört, daß ein Tatzenſchlag des Bären, den er getödtet hat, ihn unkenntlich gemacht habe. Grettle erwi⸗ dert, daß ihr Mann kein ſolches Geſicht wie dieſes gehabt habe, und daß ſie ſich nicht einem Irrthume ausſetzen wolle, der ſie für ihr ganzes übriges Leben demüthigen müßte. Die Zeugen dieſer Unterredung find ungewiß, unent⸗ ſcchloſſen; ſie glauben zwar allerdings, daß dieſer Mann wirklich Klopp ſei, nichtsdeſtoweniger wagen ſie doch nicht, es für gewiß zu behaupten.„Wenn ich nicht Dein Mann bin, warum haſt Du denn Deine Heerde hineingehen laſſen?“—„Weil jedes Stück Vieh mein Zeichen trägt.“ —„Aber wer hat ſie Dir denn zurückgebracht?“—„Das ſind ohne Zweifel Sie geweſen, aber was ſoll denn damit bewieſen ſein?“—„Nun, zum Teufel! wer bin ich denn, wenn ich nicht Dein Mann bin, denn irgend Jemand muß ich doch wohl ſein?“—„Das geht mich gar Richts an!“ —„So, ſo, Du ſpaßeſt wohl?“—„Ich habe auch nicht die geringſte Luſt dazu.“—„Du fängſt an, mir den Kopf warm zu machen!“—„Das iſt mir ſehr gleichgiltig.“— „Ich werde eintreten!“—„Sie werden nicht eintreten!“ Die Zuſchauer dieſes Auftrittes begannen ſchon heim⸗ lich unter einander zu flüſtern und zu lachen; der Bürger⸗ meiſter dagegen war in ein tiefes Nachdenken verſunken. Klopp war etwas roh, und es war möglich, daß Grettle die verunſtaltenden Wirkungen des Schlages der Bären⸗ tatze nur zum Vorwand nahm, um ihn los zu werdenz — 1— es war wenigſtens ausgemacht, daß das Geſicht, welches Klopp aus den Bergen zurückgebracht hatte, häßlich und zurückſtoßend war, und man hält doch auf das Geſicht, mit welchem man einen Mann geheirathet hat. Der Bür⸗ germeiſter zog Klopp bei Seite, und ſie ſprachen einige Zeit lang leiſe mit einander; die obrigkeitliche Perſon nahm dann auch mit Grettlen ein geheimes Verhör vor. „Herr Bürgermeiſter, die meinem Geſchlechte eigenthüm⸗ liche Zurückhaltung erlaubt mir nicht, das Alles ſo genau zu unterſuchen.“—„Sie leugnen alſo dieſen Mangel?“ —„Ich leugne ihn weder noch beſtätige ich ihn.“—„Sie erröthen, Grettle!“—„Und wie ſollte man denn da auch nicht erröthen?“—„Da bin ich hun in großer Verle⸗ genheit.“ „Verlegen oder nicht,“ ſagte Klopp,„ich muß Etwas zu Abend eſſen und mich dann ſchlafen legen.“—„Ich will Sie für dieſe Racht bei mir beherbergen, und morgen wollen wir ja weiter ſehen.“—„Nun meinetwegen, ich will's ſo zufrieden ſein.“ „Was war denn mit dieſem Mangel gemeint?“ fragte mich André.—„Meiner Treu, ich weiß gar Nichts davon; aber nothwendigerweiſe handelt es ſich hier nicht um ein Mehr, ſondern um ein Weniger. Sollte Klopp nur ein halber—„Das iſt ſehr leicht möglich.“—„Gewiß, gewiß! er hat nur die Einheit.“ Grettle ſtritt ſich am Eingange zu ihrer Hütte leb⸗ haft mit dem neuen Hippokrates.„Ich aber, ich ſage Ihnen, daß ich deren drei allein in dieſem Dorfe kenne.“ — 127— —„Nun, und was ſoll das beweiſen?“—„Daß Klopp ſehr leicht der Vierte ſein kann.“—„Nun, und wenn er es auch wäre, kann Der, welcher jetzt gekommen iſt, nicht ebenſo gut der Fünfte ſein?“—„Grettle, die Natur er⸗ ſchafft nicht alle Tage derartige ſeltſame Abweichungenz geſtehen Sie es ein, Ihr Mann war ſchön, der Bär hat ihn häßlich gemacht, und Sie wollen ihn deshalb nicht mehr haben.“—„Nun, und was ſollte das wieder be⸗ weiſen? Höchſtens, daß ich weder die Bären, noch ihre Werke liebe.“ Eine Schwatzgevatterin, deren es überall welche giebt, hatte ſich zu der Thüre hingeſchlichen und Alles gehört; ſie ſchrie nun laut, daß Grettle ſoeben eingeſtanden habe, daß dieſer Mann ihr Gatte ſei. Die alte Pflanzenſammlerin behauptete gleichfalls daſſelbe; ſie wiederholten die eige⸗ nen Ausdrücke, welche Grettle gebraucht hatte; alle Frauen des ganzen Dorfes erklärten ſich gegen ſie. Sie befand ſich nun in einer wahrhaft gefährlichen Lage; ich fand ſie hübſch, und ich hätte ſie gern davon befreit, einen ſolchen Gemahl anzunehmen: ich warf mich daher zu ihrem Anwalt auf.„„Nun, und was ſollte das wieder beweiſen?« iſt nur ein hypothetiſcher Ausdruck, und folglich noch bei weitem kein Geſtändniß.“—„Hypo. was?— Es giebt hier gar nichts Pathetiſches!— Sprechen Sie doch deutſch, Meiſter Anton.“ Und das Ver⸗ dammungsurtheil Grettle's wurde im Chore von allen weiblichen Lippen ausgeſprochen. Der Bürgermeiſter erſchien jetzt wieder auf dem Schau⸗ — 128— platze.„Der Weiſe,“ ſagte er,„verläßt ſich niemals auf ſeine Geiſteskräfte ganz allein; ich habe das Conſiſtorium auf morgen Vormittags um zehn Uhr zuſammenberufen. Grettle, Sie werden vor dieſem Gerichtshofe erſcheinen müſſen; inzwiſchen mögen aber die Sachen ſo bleiben, wie ſie für den Augenblick geordnet ſind. „Meine Kinder, jetzt muß ich Eich aber auffordern, nicht länger die öfſentliche Ordnung zu ſtören, und Euch ruhig nach Hauſe zu begeben; Ihr wißt, daß ich der Die⸗ ner des Geſetzes bin.“ Dieſes letzte Wort machte alle Zungen ſogleich verſtummen, und dieſer ganze Schwarm zerſtreute ſich in einem Augenblicke. Geht doch nach Frank⸗ reich, und verſucht es dort, funfzig ſchwatzende Gevatte⸗ rinnen mit einem Worte verſtummen zu machen. „Meiner Treu,“ ſagte ich zu André,„ich werde mor⸗ gen gewiß nach Appenzell gehen.“—„Und ich cbenfallsz dieſer Proceß da verſpricht ſehr intereſſant zu werden.“— „Eine gerichtliche Feſiſtellung des Thatbeſtandes, ein Un⸗ terſuchen durch eine alte Frau...—„Zeugen, Procu⸗ ratoren, Advocaten...— Dabei wollen wir auch einmal ſehen, wie man in der Schweiz die Gerechtigkeit handhabt.“ —„Aber wie nun, wenn dieſe Angelegenheit bei ver⸗ ſchloſſenen Thüren verhandelt würde?“—„Zum Teufel! das wäre doch ſehr ärgerlich.“—„Nun, wir wollen ſchon ſehen.“ In der That hatte ſich am nächſten Tage ſchon am frü⸗ hen Morgen eine ziemliche Maſſe Menſchen vor der Thüre verſammelt, welche nicht geöffnet wurde. Jedermann ſprach 2— von der Angelegenheit, über welche geurtheilt werden ſollte, und äußerte ſich je nach ſeinen perſönlichen Anſich⸗ ten verſchieden darüberz ich ſchloß daraus, daß die Richter ſehr in Verlegenheit gebracht werden würden, und dieſer Gedanke verſtärkte noch einen Wunſch, der mich ſchon lange quälte, nämlich den, die Thüre geöffnet zu ſehen. Ich fragte einen Mann, der neben mir ſtand, ob dieſelbe denn geſchloſſen bleiben würde? Dieſe Frage ließ ihn laut auflachen.„Wie ſollten denn die Richter ihren Mit⸗ bürgern für ihre Urtheile verantwortlich ſein, wenn die Proceſſe nicht öffentlich geführt würden?“ Die Thüre wurde endlich geöffnet. Die Richter ſaßen ſchon auf ihren Plätzen, und ſchienen ſich auch ſchon unter einander berathſchlagt zu haben; wie groß war unſere Ueberraſchung, als wir in dem Präſidenten dieſes Ge⸗ richtshofes unſern Baumeiſter Blecker erkannten. Aber jetzt war er nicht mehr dieſer folgſame und nachgiebige Arbeiter, welcher bereit war Alles zu thun, um nur ſeine kleine Familie zu ernähren; jetzt war er ein Mann, der von der hohen Würde ſeines Amtes durchdrungen iſt, und den dieſes Gefühl gewiſſermaßen über ſich ſelbſt erhebt. Die Fremden ſollten in der Art und Weiſe, in welcher ſie mit den Bauern umgehen, ſehr vorſichtig ſein; ſie ſprechen ſehr häufig, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, mit einem Manne, welcher vielleicht zwei Stunden darauf ihr Richter ſein kann. Wir ſuchten vergebens nach jenem ganzen Rüſtzeuge von Rechtsgelehrſamkeit, an welches wir gedacht hatten. Biblioth. 386 Boch. 9 —— — 130— Grettle ſtand ganz allein vor den obrigkeitlichen Perſonen, der Präſident richtete das Wort an ſie: „Frau, Sie ſind eine Schweizerin und frei; vergeſſen Sie nicht, während ich mit Ihnen ſprechen werde, daß die Tugend die einzige Grundlage der Freiheit iſt. Wenn Sie innerlichſt überzeugt ſind, daß der Mann, welcher geſtern zu Ihnen eindringen wollte, nicht Ihr Gatte iſt, ſo können Sie ihn zurückweiſen. Uebereilen Sie ſich nicht mit der Antwort; ſehen Sie dort über meinem Haupte das Bild⸗ niß Ihres Erlöſers, und vergeſſen Sie nicht, daß er die Lüge beſtraft. „Erinnern Sie ſich, daß Sie Klopp an dem Fuße des heiligſten Altars verſprochen haben, ihn Ihr ganzes Le⸗ ben hindurch zu lieben, und ihn, er möge nun krank oder geſund ſein, zu pflegen; was würden Sie dazu ſagen, wenn er Sie deshalb verſtoßen wollte, weil ein unglück⸗ licher Zufall Sie entſtellt hätte? Würden Sie denn dann nicht auch fordern, daß er gegen Sie die Verpflichtungen erfülle, welche er übernommen hat? „Wenn Ihnen aber dieſer Menſch wirklich ganz fremd iſt, ſo iſt er ein Verbrecher, welcher Ihre Frauenehre an⸗ taſten und ſich Ihres Vermögens bemächtigen will, und unſere Geſetze werden ihn mit dem Tode beſtrafen. Wollen Sie nun, daß er lebe oder daß er ſterbe?“ Thränen be⸗ gannen ſchon aus Grettle's Augen zu fließen. „Weinen Sie, gute Frau, weinen Sie! Wir find Alle ſchwach und ſündhaft, aber es iſt immer ſchön, wenn man noch bereut„Sie umarmen Ihre Kinderz Sie werden — 131— ihnen ihren Vater wiedergeben.. Erſcheinen Sie, Kloppz Sie haben Ihr Weib und Ihre Familie wiedergefunden.“ Klopp hat hinter dem mit Stroh ausgeflochtenen Lehn⸗ ſtuhl des Präſidenten geſeſſenz er ſprang jetzt hervor und ſtürzte ſich in die Arme Grettle's: dieſe Frau, tief bewegt, vergaß gänzlich ſeine Häßlichkeit. Wir hatten auf Scherzreden, auf Sarcasmen gerech⸗ net, und in Frankreich hätten wir dieſelben auch im Ueber⸗ fluſſe zu hören bekommen. Die Worte des Präſidenten hatten ebenſo auf vie Verſammlung, wie auf Grettlen ſelbſt gewirkt; man führte die beiden Gatten wie im Triumphe nach Hauſe zurück. „Welche einfache und erhabene Gerechtigkeit!“ ſagte ich zu André.—„Und welche Art und Weiſe ſie zu hand⸗ haben!“ Drei Tage darauf vermehrte noch ein neuer Proceß die hohe Achtung, welche wir für die Schweizer hegten. Ein gewiſſer Franz ſuchte Casparn auf, den er gerade fand, als er ſeine Wieſe abmähte;„mein Freund,“ ſagte er zu ihm,„wir haben einen Streit über eine Wieſe, wir wiſſen nicht, wem von uns ſie angehört, und nun naht ſich ſchon die Zeit, in welcher das junge Gras gemäht werden muß: wir müſſen daher ein Ende damit machen. Ich habe für morgen früh den Kleinen Rath von Appenzell zuſam⸗ menberufen laſſen, Du mußt deshalb mit mir vor demſel⸗ ben erſcheinen.“—„Du ſiehſt, Franz, daß ich noch dieſen Abend damit fertig werde, dieſen Wieſenfleck abz umähen; das Wetter iſt unſicher, ich muß deswegen morgen dieſes 9* — 132— . Gras unter Dach bringen und kann mich daher nicht von 1 hier entfernen. Weißt Du aber, was wir thun wollen? Gehe Du morgen nur nach Appenzell; ſage den Richtern ſowohl meine als auch Deine Gründe, und dann wird es nicht nöthig ſein, daß ich ſelbſt vor Gericht erſcheine.“ Franz übernimmt es auch wirklich, ſowohl für als auch gegen ſich zu plädirenz er ſetzt den Richtern in der That nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen, ſowohl ſeine Gründe, als auch die Caspar's auseinander; die Richter fällen das Urtheil. Franz kehrt zu ſeinem Freunde zurück.„Das Urtheil iſt zu Deinen Gunſten ausgefallen,“ ſagt er zu ihm,„und ich wünſche Dir Glück dazu.“ Wahrlich, das ſchwarze Brot muß köſtlich ſchmecken, wenn man es mit ſolchen. Menſchen theilt. „André,“ bemerkte ich,„als Gott den erſten Menſchen ſchuf, war es ein Schweizer; aber ſein Weib hat Alles verdorben.“ Am zwölften October waren die Wege von Weißbad nach Appenzell, und von Appenzell nach der Sitter fertig. Unſere Arbeiter und wir ſchieden von einander, wie Leute, welche ſich gegenſeitig achten, und wir dachten auch nicht mehr daran, unſere Beſitzthümer in Geld umzuſetzen. Bertrand und André reiſten in einem unſerer Karren nach Sanct⸗Gallen, verſehen mit einem Verzeichniſſe derje⸗ nigen Gegenſtände, welcher wir bedurften, und dieſes Verzeichniß war ziemlich lang. Unſere Aecker waren be⸗ ſellt; ich hatte Nichts mehr dabei zu thun, und ſo beſchäf⸗ — 133— tigte ich mich denn zwei Tage hindurch damit, unſer inne⸗ res Hausweſen in Ordnung zu bringen, und die Vortheile und Nachtheile der verſchiedenen Theile unſerer Wohnun⸗ gen zu ſtudiren. So bemerkte ich gleich Anfangs, daß unſer hölzernes Haus im Sommer zum Verbrennen heiß, und im Winter zum Erfrieren kalt ſein werde. Die Schweizer arbeiten den ganzen Tag über, und wärmen ſich nur am Abende; das iſt ganz gut, aber was werden wir anfangen, wenn auf unſeren Aeckern die Saat ausgeſtreut ſein wird? Die Kinder, André und ſeine Betrachtungen, Marianne und ihre Reize werden zwar genügen, um unſere Zeit ange⸗ nehm auszufüllen, aber das Alles wärmt noch nicht, und hier hat man Nichts als Strauchholz, welches man auf den Bergen abſchneidet und deſſen Wurzeln man noch dazu ſchonen muß: wir wollen einmal unſere Höhle in Augen⸗ ſchein nehmen. Unſer Präſident Blecker hat Recht: man bedarf Hand⸗ haben und anderer Vorrichtungen, um in dieſe Gemächer einzutreten; aber wir haben alles Dieſes, wie er es uns verſprochen hat. Marianne, Sophie, Abdonn, Gertrude und Ihr ergebenſter Diener kletterten ungefähr wie die Kotzen da hinauf, Clara war mit den Kindern unten ge⸗ blieben, da ſie, wie ſie ſagte, Alles nur mit unſern Augen ſehen wollte. Welch' ein Salon! Großer Gott, welch' ein Salon! Vierzig Fuß Tiefe auf dreißig Fuß Breite. In ganz Paris giebt es keinen ſolchen wie dieſen! In der That iſt es zwar — 134— im Hintergrunde deſſelben nicht ganz hell, aber eine tüch⸗ tige Lampe, oben an der Wölbung befeſtigt, wird ſchon das Sonnenlicht erſetzen. Und ſein Kamin? werdet Ihr fragen. Ihr habt ja gehört, daß unſer Salon keine Thüre hat, folglich wird der Rauch ſchon ſeinen Ausweg finden. Vielleicht freilich werden wir von Zeit zu Zeit ein wenig huſten, aber ein kleines Glas Molken wird das ſchon hin⸗ abſpülen; und dann, huſtet Ihr nicht auch in Euren Sa⸗ lons zu Paris? Und ſchwitzt Ihr daſelbſt nicht ſo, daß Ihr in Gefahr ſeid die Lungenſucht zu bekommen, wenn Ihr hinaustretet? Wir gingen bis in den Hintergrund unſers prächtigen Zimmers und empfanden dort eine ſo ange⸗ nehme Wärme, daß wir einen Frendenſchrei ausſtießen; wir gelangten zu der Gewißheit, daß unſer Salon im Winter warm ſein werde, und daraus ſchloß ich nun wirklich mit vielem Scharfſinne, daß er im Sommer kühl ſein werde. Inzwiſchen hatte Marianne eine Tanzmelodie zu ſingen angefangen, und faßte mich bei der Hand; Abdonn ergriff die Hand Sophiens und wir fingen an zu tanzen. Ich hatte ſchon zwanzig Unterrichtsſtunden genommen, Marianne verſicherte mir, daß ich ſchon ein ganz guter Tänzer ſei, und ich verließ mich in dieſer Bezichung auf ſie, denn ſie war in dieſem Fache eine Kennerin. Wir ſtiegen dann in das Cabinet hinauf; dort ſtellten wir dieſelben Betrachtungen an. Der ganze Unterſchied zwiſchen dieſem Zufluchtsorte und dem Salon der Herren Gelehrten beſteht darin, daß erſterer weniger breit und tief iſt. — 135— Endlich überzeugten wir uns auch, daß unſer Futter⸗ boden geräumig genug ſei, um ſo viel zu enthalten, als unſer Viehſtand in mehr als drei Monaten bedurfte. Als wir wieder hinuntergeſtiegen waren, machten ſich Sophie und Gertrude ſogleich wieder an ihr Werk, und Abvonn ſagte zu mir:„Seit dieſen Morgen ſchon habe ich Nichts gethan; ich brauche Geld, aber ich möchte mir daſſelbe auch gern verdienen.“—„Nun, und meine Un⸗ terrichtsſtunden im Tanze?“—„Das iſt ein Freund⸗ ſchaftsdienſt, und ich kann mir derlei nicht bezahlen laſſen.“ —„Nun wohl, ſo gehe denn nach Appenzell und ſage dem Präſidenten Blecker, er ſolle uns Tiſche, Bänke, Fußſche⸗ mel und einige Stühle machen, und zwar, wenn es ihm möglich iſt, in hinreichender Anzahl, um unſere beiden Zimmer damit einzurichten. Ah! aber Abdonn, daunten am Fuße der Höhle wird unſer Hauptmagazin ſein, und dieſe Treppe ſcheint weit eher dazu gemacht zu ſein, um Turnern Gelegenheit zu geben, ihre Geſchicklichkeit zu zei⸗ gen, als um von beladenen Männern benutzt zu werden: Du wirſt Blecker zugleich bitten, hierher zu kommen und dies zu unterſuchen.“—„Wollen Sie vielleicht auch, daß ich Ihnen bei der Gelegenheit zugleich Futter einkaufe?“ —„Du wirſt mir einen Gefallen damit erweiſen.“ Und ſogleich beginnt nun mein junger Freund die Maulthiere vor zwei unſerer Karren anzuſpannen, und die Dächer von denſelben wegzunehmen.„Wozu thuſt Du das, Abdonn?“—„Dieſer einzige Auftrag kann nicht meinen ganzen Tag ausfüllen; ich werde Futter kaufen, 3 — 136— werde es auf dieſe Wagen laden und wir Beide werden es dann zuſammen da oben unterbringen.“—„Wie ſo wir Beide zuſammen?“—„Nun ja! ich werde es auf meinem Kopfe hinauftragen, Sie werden es dort oben in Empfang nehmen, und es aufſchichten; das iſt das Ganze.“ Sophie iſt eben ſo arbeitſam wie er; ſie ſprechen den ganzen Tag über nicht vier Worte mit einander, aber die Nadelarbeit hindert ja nicht am Plaudern, und ſie liebt das ſo ſehr. O! Clara, Marianne und Gertrude kennen jetzt ſchon beide Theile des Cantons von Appenzell ſo gut, als ob ſie in demſelben geboren wären. Am Abende kehren die beiden jungen Leute Arm in Arm mit einander nach Hauſe zurück, um am nächſten Morgen ebenſo wiederzu⸗ kommen. Sophie iſt hübſch; Abdonn iſt auch ein ſchöner Junge und vielleicht.. O nein, nein! Die Sitten find dort überall rein, wo es keine Ueberwachung giebt: und dann iſt ja das Conſiſtorium dafür da. „Sie ſind alſo mit Ihrer Treppe nicht zufrieden?“ ſagte Blecker zu mir.—„Ich, mein lieber Präſident... — Pſt! Stille! Hier bin ich nichts weiter als Blecker, Stellmacher, Zimmermann und Arbeiter.“—„Eine Treppe von ſechszig Fuß Höhe...—„Die ſchönſte, die ich in meinem Leben gemacht habe.“—„Perpendiculair in die Höhe gehend—„Ol ich ſehe ſchon, was das zu be⸗ deuten hat; Sie brauchen in Ihren großen Städten Trep⸗ pen, welche man mit Wagen befahren kann: der Müßig⸗ gang iſt erfinderiſch darin, ſich Bedürfniſſe zu ſchaffen.“ — 137— —„Aber, aber.—„Aber, aber! ich will Ihnen das Alles ſchon einrichten.— Abdonn, laß uns das Futter ab⸗ laden!“ Unter dem Heu waren die Geräthſchaften unſers Herrn Präſidenten aufbewahrt.„Sie ſollen zur Linken einen feſten Strick, von oben nach unten zu, aufgeſpannt be⸗ kommen, an welchem Sie ſich mit einer Hand anhalten können.“—„Ah! das iſt etwas Anderes!“—„Rechts will ich Ihnen außen an jedem Stockwerke ein Viereck von Dielen herſtellen, damit Sie nicht die Handhaben gebrau⸗ chen müſſen; Sie werden dann nur ein Bein auszuſtrecken haben, um ſogleich ſo feſt wie auf einer Wieſe Fuß zu faſſen.“—„Ganz vortrefflich!“—„Aber man wird ſich über Sie luſtig machen; man wird Sie fragen, ob Sie denn ſo ſchwach und ungeſchickt ſind.“—„Bringen Sie nur immer Ihre Verbeſſerungen an.“ André kam erſt an dem Abende des nächſtfolgenden Tages nach Hauſe; er fand nun hier eine Treppe vor, auf welcher es zwar ſchwer geweſen wäre mit einem Wagen hinaufzufahren, aber auf welcher man wenigſtens nicht mehr in Gefahr war ſich den Hals zu brechen. André hatte uns ohne alle Hilfsquellen zurückgelaſſen, wie Unglückliche, welche auf eine wüſte Inſel verſchlagen worden ſind: jetzt breitete er vor unſeren Augen die Hoffnung zu einer reich⸗ haltigen und verſchiedenartigen Ernte aus.„Was für kleine Fruchtkörner ſind denn die da?“ fragte Blecker. Es waren Erbſen, Linſen und Bohnen.„O! wenn unſere Weiber dieſe Leckereien da zubereiten müßten, was ſollte — 138— da aus unſern Kindern, was aus der Reinlichkeit unſrer Hütten werden? Wer würde dann die Kühe oder die Zie⸗ gen melken, wer den Käſe bereiten, und wer uns unſer Mittagsbrot auf die Wieſen oder in das Gebirge hinaus⸗ tragen? Waſſer, eine Hand voll Salz, Bohnen, Kartoffeln und etwas Hafermehl in einen Keſſel geworfen, das Alles kocht dann ganz von ſelbſt. Daraus werden dann freilich nicht Ihre Linſen, Ihre Erbſen und Ihre feinen Bohnen, die Sie noch vor das Tribunal der Wiederherſtellung bringen werden, obgleich Niemand in Verſuchung kommen wird Ihr Beiſpiel darin nachzuahmen: mit Einem Worte, Sie bedürfen Leckereien und wir derber, kräftiger Speiſen. „Aha, aha! Feines Kornmehl!“—„Es iſt doch nicht verboten, am Sonntage ein Stück Kuchen zu eſſen?“— nein, nein!“ ſagte Marianne,„und ich will denſelben nnachen.—„Und ich werde nächſtes Jahr hierherkom⸗ men, um denſelben zu koſten. Sieh da, auch Weinſtöcke! 3 das iſt wirklich ausgezeichnet gedacht; wenn man tüchtig gearbeitet hat, ſo iſt ein Glas Wein eben ſo nützlich, als es angenehm iſt. Aber, mein lieber Freund André, Sie„ 1 haben ſich bis jetzt immer nur erſt mit dem Ueberflüſſigen beſchäftigt, gehen denn die Launen in Frankreich den wirk⸗ lichen Bedürfniſſen vor?“—„O ja, wenigſtens zuweilen, Freund Blecker.“—„Hühner, Ziegen, Hammel, Kühe, das allein iſt der wahre Reichthum.“—„Er hat Recht.“— „Aber wir haben ja Nichts, womit wir dieſelben ernähren. könnten.“—„Pah! in zwei Tagen werden Abdonn und unſer Freund Bertrand Mittel gefunden haben, vom näch⸗ — 139— ſten Dorfe aus Ihren Vorrathsboden mit Hanfſamen für Ihre Hühner, und mit anderen Samen, um Ihren Wie⸗ ſengrund damit zu beſäen, zu füllen.“—„Und dann wird er auch wohl noch vor dem Winter grünen.“ „Die Jahreszeit iſt jetzt günſtig, um Wein zu pflan⸗ zen,“ ſagte Freund Bertrand.„Beim Teufel! das muß ich doch wiſſen, denn ich bin Weinpflanzer zu Surenne ge⸗ weſen.“—„Zu Surenne, das mag ſein;z aber wo wollen Sie denn hier Ihre Weinpflanzung anlegen?“—„Welch' eine ſonderbare Frage das! Da unten, unſern Felſen ent⸗ lang.“—„Das iſt wahr, das iſt ganz richtig, Freund Bertrand!“ Wir zahlten Das, was wir ſchuldig waren, gaben dann Bertrand Geld, um die Einkäufe fortzuſetzen, welche Ab⸗ donn begonnen hatte, und aßen endlich wie Spartaner zu Abend. „Nun, mein lieber Freund André, wie regiert denn der Graf Ulrich ſeine Unterthanen?“—„Wie ſeine Vor⸗ gänger, Freund Anton. Die Bewohner von Sanct⸗ Gallen arbeiten viel, verdienen wenig und müſſen ihm viel bezahlen.“—„Aber es iſt mir doch, als ob Mon⸗ ſeigneur ihnen ſehr viele und ſchöne Sachen verſprochen hätte.“—„Je nun, das koſtet ja Nichts.“ „Meiner Treu, André, es iſt ein wahres Glück, daß wir daran gedacht haben, uns hierher zurückzuziehen.—„Mein Herr, dieſer Gedanke iſt der meinige.“—„Glaubſt Du, André?“—„Sie wiſſen es auch ganz wohl, mein Herr.“ eman kann hier Etwas von uns verlangen, außer 1 — 140— im Namen der Geſetze; dieſelben aber find einfach, wie die Menſchen, welche ſie geſchaffen haben, wie die länd⸗ liche Natur, welche dieſe umgiebt. Die vollkommenſte Freiheit herrſcht hier mit Ausnahme der gerichtlichen Ver⸗ höre, in welchen die obrigkeitlichen Perſonen Alles gelten; unſere Schweizer hier begreifen die Rangverſchiedenhei⸗ ten, welche in den Monarchien eingeführt ſind, gar nicht; wenn Einer von ihnen es wagen würde ein Anſehen von Ueberlegenheit anzunehmen, ſo würden die bitterſten Spöt⸗ tereien dieſe Anmaßung rächen. Aber ſie find ſtolz auf die Lage, in welche ſie ſich durch ihre geſellſchaftlichen Einrich⸗ tungen gebracht haben, und das iſt der Grund, warum ſie in ihrem Betragen gegen einander ſo rückſichtsvoll ſind; wenn eine ſolche Freiheit in Frankreich hergeſtellt wäre, ſo glaube ich, würde ich dorthin zurückkehren: gebt leiden⸗ ſchaftlichern Menſchen eine ſolche Regierungsform und ſie werden große Dinge vollbringen. Unſere Ausſaaten waren beendigt, die Pflanzungen gediehen, ſchon hatten wir vier Linden, die gerade vor der Thüre unſers Hauſes emporſproßten; ſie werden uns Schatten geben, wenn ſie groß geworden ſein werden. Unſer Viehhof bevölkert ſich mit jedem Tage mehr, Blecker iſt beſtändig daſelbſt gegenwärtig; er hat ſchon einen großen Hühnerſtall errichtet, und er beſchäftigt ſich jetzt damit, den unteren Theil der Höhle, welchen ich zu einer allgemeinen Waarenniederlage machen wollte, für zwei⸗ hundert Schöpſe zugänglich zu machen. Es iſt entſchieden, daß unſere vier Kühe ſammt den Maulthieren in dem — 141— an das Haus ſtoßenden Stalle untergebracht werden ſollen. Alles iſt Bewegung, Alles iſt Leben bei uns. Jeder⸗ mann hat ſeine angewieſenen Verrichtungen und führt ſeine täglichen Aufgaben aus. André, Bertrand, Abdonn und ich haben die groben Arbeiten auf uns genommen, ein junger Hirt wacht einſtweilen über die Schafe bis zu dem Zeitpunkte, in welchem er ſie wird in das Gebirge führen können. Eine ſtarke Viehmagd hat die Leitung des Hüh⸗ nerſtalles, der Ziegen und der Kühe übernommen; Ma⸗ dame André, in ihrer Eigenſchaft als die Gemahlin mei⸗ nes Miteigenthümers, führt die Oberaufſicht über Alles und miſcht ſich eigentlich in Nichts. Marianne theilt auf allen Punkten von ihrer Thätigkeit, von ihrer Einſicht und von ihrer Fröhlichkeit mit, ſie ertheilt lächelnd ihre Befehle und man führt ſie ebenſo aus; ſie iſt die Seele unſerer ganzen Anſiedlung. Es war der ſechszehnte October. Unſere Angelegen⸗ heit ſollte unwiderruflich feſtgeſtellt werden, wir ſtellten uns dem Großen Rathe vor; hundertundachtundzwanzig Mitglieder, welche Alle ſehr einfach gekleidet waren und unter welchen wir Einige von unſeren frühern Lohnarbei⸗ tern erkannten, hatten ſich eingefunden und ſaßen mit all' dem Adel da, welcher dem Menſchen durch das innere Ge⸗ fühl ſeiner Würde mehr oder weniger verliehen wird. Dieſe hier ſchienen mir Alle gleichſam größer geworden zu ſeinz ich glaubte den Senat von Rom bei der Einfüh⸗ rung der Republik zu ſehen; die Armuth, die Liebe zur — 142— Freiheit, zum Vaterlande und zu der Gerechtigkeit waren wenigſtens dieſen beiden Körperſchaften gemeinſam. Unſere Angelegenheit war ſehr bald zu Ende gebracht; ſchon ſeit lange waren die Gemüther günſtig für uns ge⸗ ſtimmt, die Urkunden wurden unterſiegelt. „Ihr habt Eure Feſſeln jetzt ganz abgeſchüttelt,“ ſagte der Präſident Heilberg zu uns,„beweiſt jetzt, daß Ihr wür⸗ dig ſeid freie Männer zu heißen; Ihr habt jetzt Antheil an allen Vorrechten der Schweizer, aber vergeßt niemals, daß Ihr damit auch alle Verpflichtungen derſelben über⸗ nommen habt. Euer Leben gehört jetzt nicht mehr Euch, ſondern es gehört von nun an Eurem neuen Vaterlande; leihet der Stimme deſſelben immer ein aufmerkſames Ohr, und haltet Euch immer bereit, beim erſten Trommelwir⸗ bel für daſſelbe in den Kampf zu ziehen. „Wir verlangen keine Schwüre von Euch, nur der Argwohn fordert dieſelben, und der Betrug leiſtet ſie; wir beurtheilen uns Alle nach unſerm eigenen Maßſtäbe.“ 3¹ Der Tag unſerer aufnahme in die ſchweizer Staatsge⸗ meinſchaft mußte durch ein Feſt verherrlicht werden; der Gebrauch befiehlt, daß die Einwohner unſers Dorfes die Koſten deſſelben tragen: wir widerſetzten uns dem nicht,„ aus Furcht ihrem Stolze zu nahe zu treten. Am nächftfolgenden Sonntage begaben wir uns Alle nach der Wieſe; wir lebten zwar daſelbſt nicht ſo gut als bei uns zu Hauſe, aber Offenheit, Herzlichkeit und Froh⸗ finn verſchönerten dieſen Tag: denn Luxus und Ueberfluß — 143— ſind nicht immer die Dinge; welche ein Feſt ausmachen. Ich tanzte mit Mariannen, und tanzte ſehr gut, wie ſie mir wenigſtens verſicherte; ſie war auch die Einzige, welche mir dazu Glück wünſchte, denn Jedermann tanzt nur für ſich allein, wenn das Vergnügen ihn im Wirbel fortreißt. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Fortſetzung der Lebensweiſe unſrer Helden in derSchweiz. Nachrichten aus Frankreich. Zwei Jahre waren ſo verfloſſen. Unſere Kinder waren reizend herangeblüht; Marianne, noch immer jung, noch immer hübſch, noch immer liebenswürdig, war die zweite Mutter meiner Antvinette geworden. André hatte ſich ebenſo wenig wie ich verändert, wir hätten Beide dadurch nur verlieren können; unſere Dienſtleute waren tüchtig und uns ſehr ergeben: wir bildeten wirklich nur eine Ge⸗ ſellſchaft von Freunden. Unſere neuen Landsleute liebten uns, weil wir allen ihren Wünſchen, inſoweit es uns möglich war, zuvorka⸗ men, da wir ihnen alle Dienſte erwieſen, welche nur immer in unſrer Macht ſtanden, und wir keine Ehrſucht an den Tag legten. Zwei Generalverſammlungen waren zuſam⸗ men berufen worden; wir ſtimmten in denſelben mit, und das, was Meiſter Heilberg uns vorherverkündigt hatte, traf jetzt ein: wir bekamen nicht Eine Stimme, aber Aller — 144— Herzen gehörten uns. O! und warum ſollten wir denn auch ehrſüchtig ſein? Was ſind die Beweggründe, aus welchen man überall, in der Schweiz ausgenommen, nach Aemtern dürſtet? Die Habſucht und der Stolz; denn welche Laſt iſt es doch eigentlich, Menſchen zu regieren, die faſt immer unzufrieden ſind, und die auch faſt immer Ur⸗ ſache haben es zu ſein. Heilberg hatte ſeine Stelle nicht mehr, aber er war noch immer unſer Freund; er war durch Freuden, den Hufſchmied des Orts, erſetzt worden, einen Mann voll von geſunder Vernunft und Urtheilskraft, der in ſo ho⸗ hem Grade ſtolz auf ſeine Eigenſchaft als freier Mann war, daß er nicht umhin konnte den Kopf höher zu er⸗ heben, wenn er das Wort Schweiz ausſprechen hörte, und Demjenigen freundlich zuzulächeln, welcher es mit dem Ausdrucke von Hochachtung oder von Wohlwollen aus ſprach. Die Mehrzahl dieſer braven Leute bewahren dieſes heiße Freiheitsgefühl bis zu ihrem letzten Athemzuge. Ein Mann aus Weißbad hatte ſich mit einem andern, der be⸗ leidigende Reden an ihn gerichtet hatte, unwiderruflich überworfen; da wurde er plötzlich gefährlich krank. Unſer Pfarrer kam, um ihn zu beſuchen, zu tröſten, ihm die Beichte abzunehmen, und predigte ihm nun die Verzeihung aller Beleidigungen; Broug weigerte ſich zu verzeihen, der Pfarrer beſtand darauf, aber der Kranke verweigerte es hartnäckig. Endlich verlor der Pfarrer die Geduld und ſagte zu ihm;„Nun wohl, wenn Sie nicht verzeihen, ſo * — 145— werden Sie zur Hölle fahren!“—„Ich bin ein freier Mann, und werde hinfahren, wohin ich will.“ Wir beſitzen alle Dinge im größten Ueberfluſſe. Wir beginnen jetzt ſchon unſern Wein zu keltern, haben zwar von demſelben dieſes Jahr ziemlich wenig geerntet, aber dafür iſt er ſehr gut; Bertrand verſteht ſich vortrefflich darauf. Alle Wochen wandert er nach Sanct⸗Gallen, um dort den Ueberſchuß von unſrer Butter, von unſern Eiern, von unſerm Käſe und von unſern Gemüſen, welche wir mit einem bemerkenswerthen Erfolge pflanzen, zu verkaufen; man arbeitet immer gut, wenn man gut arbeiten will und genug Einſicht beſitzt. Der Leſer wird wohl ſchon bemerkt haben, daß es André'n und mir an derſelben nicht fehlt; Bertrand brachte dafür Kleiderſtoffe für uns Alle, und Bänder für unſere Damen zurück, welche letztere Sophie, die inzwiſchen Madame Abdonn geworden war, kunſtreich verarbeitete. Außerdem blieben uns auch noch achttauſend Livres übrig, deren wir nicht bedurften und welche daher ganz ruhig in einem Wandſchranke ſchliefen. Wir hatten auch noch überdies eine Art von Luxus⸗ Käſe, deſſen Verfertigung die Magd des Viehhofes Ger⸗ truden gelehrt hatte; dieſer Käſe wird in dem Walliſer Dialecte Seret genannt, eine Benennung, die ich beibehalten will, umungewohnte Augen nicht durch den Anblick von all⸗ zuvielen auf einander gehäuften Conſonanten zu verletzen. Wir hatten freilich den unſrigen noch nicht gekoſtet, weil er erſt achtzehn Monate alt und daher noch weit ent⸗ fernt war, fertig zu ſein. Biblioth. 386 Bdch. 10 — 146— Wenn die Maſſe tüchtig geknetet iſt, ſo machen die Frauen eine Art Mühlſtein⸗Formen daraus, welche acht bis zehn Zoll dick find, und ein Gewicht von zehn bis funf⸗ zig Pfund haben; ſie legen dieſelben dann zwiſchen Wei⸗ dengeflechte, die ſie mit Steinen belaſten, um die Waſſer⸗ theile aus ihnen herauszupreſſen. Man ſalzt ihn nicht, ſein eigener Gährungsſtoff reicht hin, um ihm einen Geſchmack zu verleihen, den er nicht ver⸗ liert; es iſt dieſes derſelbe Geſchmack, welchen die Düfte hervorbringen, von denen die Gebirgskräuter geſchwän⸗ gert ſind. Wenn dieſe Käſe nun die nöthige Feſtigkeit erlangt haben, ſo ſpeichert man ſie an einem Orte auf, wo ſie vor Feuchtigkeit und Kälte geſchützt ſind; dort werden ſie erſt vollkommen feſt und hart. Der Seret nimmt mit der Zeit die Farbe von gelbem Wachs an, dann iſt er aber ſchon ſo hart geworden, daß man ihn ohne große Anſtrengung nicht ſchneiden kann; er läßt ſich durch fünf Jahre und auch noch länger aufbewahren. Sein Geſchmack iſt ſehr pikant, jedoch hatten wir An⸗ fangs viele Mühe, uns daran zu gewöhnen; es gelang uns endlich, ſo wie der Branntweintrinker zuletzt in dem Fuſel einen feinen und köſtlichen Geſchmack findet. Die Bewohner von Appenzell glauben, daß der Seret ein mächtiges Verdauungsmittel ſei. Sie bereiten bei jedem merkwürdigen Ereigniſſe ihres Lebens einen ſolchen Käſe. Gertrude bereitete einen am Tage ihrer Hochzeit mit Bertrand: ſie mußten nämlich — 1— endlich das Conſiſtorium fürchten; ſie ſchrieben auf ihren Seret, dem Gebrauche zufolge, ihre Namen und das Da⸗ tum ihrer Verbindung. Einem andern Gebrauche gemäß ſalzten ſie ein Schwein auf eine Art und Weiſe ein, daß es ſich ſo lange als eine Mumie halten mußte; man genießt davon nur bei den feierlichſten Gelegenheiten, zuwejlen wird es ſogar eine Erbſchaft für die Enkel. Während der Trauungsceremonie ſah mich Marianne ohne Unterlaß mit einem gewiſſen Blicke an ich ver⸗ ſtand ſie ganz gut, aber das wird niemals geſchehen — Alles, nur dieſes nicht! Wir hatten die Wintertage in dem Salon und in dem Cabinet unſerer Höhle zugebracht; wir verkrochen uns immer weiter in dieſelbe hinein, je kälter es draußen wurde, und befanden uns ganz wohl und zufrieden. Die Frauen arbeiteten im untern Raume, André und ich tauſch⸗ ten oben unſre geiſtreichen Gedanken aus; er verfaßte ein ſehr philoſophiſches, ſehr ſcharffinniges Tagebuch, welches jedoch verflucht nach Ketzerei riecht: daher theilte er es auch Niemandem außer mir mit, und wird es ſeinen Sohn erſt leſen laſſen, wenn derſelbe zwanzig Jahre alt ſein wird. Der Rauch unſerer Lampe hat den Plafond unſers Cabinets ganz ſchwarz gefärbt, was letzterem ein durch⸗ aus feierliches Ausſehen verleiht. Garnier würde hier be⸗ wundernswerthe Tragödien ſchreiben können; ich, der ich meine Anſprüche nicht ſo hoch ſtelle, verfertige hier Lied⸗ chen für Mariannen, die nach Melodien zu ſingen ſind, welche zur Zeit Ludwigs des Eilften in der Mode waren, 10* ¹ 3 1 1 da ich leider keine anderen kenne. Sie ſingt dieſelben den ganzen lieben Tag lang, und läßt die Refrains derſelben auch Antvinetten wiederholen; zuweilen jedoch iſt die Kleine auch widerſpenſtig, Marianne kirrt ſie dann mit einem Stückchen Sonntagskuchen. Der Frühling erblüht wieder, Alles belebt ſich; die Vögel fangen wieder an ihre Liebeslieder zu ſingen; un⸗ ſere Forellen ſpielen auf der Oberfläche unſers kleinen Sees, und die Kinder tollen muthwillig auf dem feinen Graſe umherz ſie laufen, greifen einander an, ſtürzen ein⸗ ander zu Boden, und zu allem Dem lachen ſie laut: fie kön⸗ nen keinen Augenblick Eines ohne das Andere leben, und die Freude ſtrahlt aus den Augen Desjenigen, welcher ſei⸗ nem Geſpielen einen kleinen Dienſt erweiſen kann. Wie ſie ſich ſchon lieben! O, und wie ſie ſich erſt noch lieben werden! Und dann, was für unterhaltende, was für naive kleine Geſpräche ſie uns erzählen; ſie nehmen unſere ganze Theilnahme in Anſpruch, und unterhalten uns dabei ſo ſehr. Sie fangen ſchon an gut zu leſen; Antoinette iſt darin weiter vorgeſchritten, aber Anton iſt dafür um ſo geſchickter in allen körperlichen Uebungen. Er verſteht Euch Steine zu werfen und wenn er ſie nicht aufzuheben vermag, ſo rollt er ſie wenigſtens fort.„Der gilt dem Kaiſer von Deutſchland, der dem Herzog von Savoyen und ver dem Abt von Sanct⸗Gallen!“ ruft er dabei aus. Für⸗ wahr, ein ächter Schweizer ſteckt in dieſem kleinen Jungen. Die großen Kinder haben ebenſo gut ihre Spiele als die kleinen, freilich ſind die der erſtern nicht ſo unſchuldig — 149— und die Gewohnheit macht ſie zuweilen ein wenig lang⸗ weilig. Die kleinen Kinder finden den größten Reiz in dem Wechſel der Dinge;z die großen haben durch Erfahrung ge⸗ lernt, daß der Schein trügt, und daß man, wenn auch unter einer andern Hülle, doch nur immer dieſelben Dinge findet. Ich habe Mariannen in mehreren Frauen wieder⸗ gefunden, ich könnte ſie in noch vielen wiederfinden, aber mein Gott! die Sorgen, die Verlegenheiten, der Kummer! wenn man ſich nur halbwegs wohl befindet, ſo muß man damit zufrieden ſein. Die Vegetation iſt den lebenden Weſen eben ſo gut wie den Pflanzen eigenthümlich; Alles gährt rings um uns herum, und auch wir fühlen uns jünger: dieſe Rückkehr der Jugend verleiht Allem den Reiz der Neuheit. Die Rebe glüht und verſpricht uns eine reichliche Ernte, und auch unſere Lindenbäume wachſen emporz frei⸗ lich ſind ſie noch ſchwach, aber das Gefühl des Beſitzthums läßt ſie uns größer und ſtärker erſcheinen: bald werden wir uns unter ihre ſpärlichen Blätter niederſetzen, und dabei träumen, daß wir im Schatten ſitzen. Ein wenig Liebe macht auch die Freundſchaft unentbehrlich; das Freundſchaftsband, welches André und mich verbindet, iſt zwar unzerreißbar, aber es ſcheint doch, daß Oreſtes und Pylades, Nyſus und Eurialus ſich immer etwas Neues zu ſagen hatten. Wir unſrerſeits empfanden Augenblicke der Leere, die wir übrigens bald ſo klug waren zu vermeiden. Nach einigen Stunden eines fremden Umganges kehrt man mit doppeltem, erneutem Vergnügen zu ſeinem Freunde — 150— zurück; wir ſtiegen von unſern Felſen herab, beſuchten unſere Freunde in Weißbad und Appenzell, unſer Pfarrer ſagte uns ſehr ſchmeichelhafte Sachen, und der Bürgermeiſter war ein großer Spaßvogel, der uns ſehr viel zu lachen machte. Der geſunde Menſchenverftand, die Urtheils⸗ fähigkeit, die Einſicht Heilbergs und Freudens, des neuen Landammans, alles Das bot uns ſehr vielen Stoff zum Nachdenken; der Präſident Blecker war ein drolliger, vri⸗ gineller Kauz, wenn er nämlich nicht zu Gerichte ſaß. Wir gingen eben alle Fünf auf dem großen Platze von Appenzell ſpazieren, als plötzlich ein lauter Lärm unſer Ge⸗ ſpräch mächtig unterbrach. Es waren Pferde, welche einen großen Herrn, der von Gold ftarrte, und Diener, welche faſt ebenſo reich gekleidet waren, dahin zogen. Dann kamen ein Dutzend Maulthiere, die das Gepäck des großen Herrn tru⸗ gen, und auf deren Decken ſich gleichfalls ſein Wappen be⸗ fand. Es war gerade die Raſtſtunde, und das Raſſeln der Räder, das Knallen der Peitſchen verſammelte daher in einem Augenblicke alle Bewohner; eine Art von Stallmei⸗ ſter wandte ſich jetzt an Freuden ſelbſt:„Mein Freund, ſagen Sie dem Landamman, er möge hierherkommen, um mit Monſeigneur zu ſprechen.“—„ZIch bin nicht Ihr Freund, da ich Sie ja gar nicht kenne, und was den Landamman betrifft, ſo wird er nicht hierher kommen, um mit Jemand, wer es auch ſei, zu ſprechen. Sagen Sie Ihrem Herrn, er möge da gegenüber vor dieſer Thüre warten, in einer Viertelſtunde wird ſie geöffnet werden und der Landam⸗ man wird ihn dann empfangen.“ Der Stallmeiſter zuckte — 151— die Achſeln:„Erfahren Sie, daß man einem Schweizer ge⸗ genüber nicht die Achſeln zuckt und daß man ſich hier übri⸗ gens gar nicht darum bekümmert, mit wem man ſpricht.“ Freuden verließ uns, um einige Mitgliever des Klei⸗ nen Rathes zu verſammeln, und ich folgte ihm. Ich war neugierig zu erfahren, wer dieſer eingebildete Menſch ſei, der ſo ſchlechthin glaubte, daß wir und unſere erſten obrig⸗ keitlichen Perſonen uns vor ihm demüthigen würden. An⸗ dré beſaß alle nöthigen Eigenſchaften, um den Herrn Stallmeiſter zum Schwatzen zu bringen und ſo ſchloß er ſich denn an ihn an. Die Thüre öffnete ſich eine Viertelſtunde ſpäter in der That und der Landamman trat ein, gefolgt von ſieben bis acht Mitgliedern des Kleinen Rathes. Der Stallmeiſter mochte jetzt einſehen, daß er eine Dummheit begangen habe, und grüßte baher jetzt Freuden mit einer Verbeu⸗ gung, die faſt bis an ſeine Fußſpitzen reichte. Monſeigneur trat nach uns ein und wollte ſich wahrſcheinlich neben den Landamman niederſetzen. Aber der Thürhüter hielt ihn an und bot ihm einen Fußſchemel dar.„Wenn dieſer Sitz da Ihnen nicht anſteht, ſo ſteht es in Ihrer Macht aufrecht ſtehen zu bleiben; nehmen Sie auch gefälligſt den Hut ab, denn Sie ſtehen vor einem Stellvertreter der ſouverainen Volks⸗ macht.“ Monſeigneur biß ſich in die Lippen und nahm den Hut ab. „Ich bin der Graf von Würtemberg.“—„Das küm⸗ mert uns wenig; was wollen Sie hier?“—„Ich bin von Sr. Majeſtät dem Kaiſer beauftragt, mit Ihnen zu unter⸗ — 152— handeln.“—„Mit mir? Nit der Schweiz. Sie müſſen das Gebiet der äußeren Rhoden durchzogen haben, da Sie von Schwaben herkommen. Haben Sie die beiden Land⸗ ammans in dem andern Theile des Cantons geſehen?“ —„Ich wußte gar nicht, daß es dort welche gäbe.“— „So? Sie kennen nicht einmal die Regierungsformen Ihrer Nachbarn?“—„Ihr Marktflecken hat dem ganzen Canton ſeinen Namen gegeben und ich glaubte daher, ge⸗ raden Weges hierher kommen zu müſſen.“—„Freilich darin kann ich durchaus nichts Böſes finden. Ich muß Sie nur, und zwar jetzt zum zweiten Male, fragen, was der Kaiſer von uns wünſcht.“—„Das kann ich Ihnen nur unter vier Augen auseinanderſetzen.“—„Dann können Sie ſogleich wieder abreiſen. Was würden meine Mit⸗ bürger dazu ſagen, wenn ich mich mit einem Manne ein⸗ ſchlöſſe, welcher Herr von dem größten Theile Schwabens iſt; auch wir haben unſeren Tarpejiſchen Felſen.“—„Sie ſetzen mich in eine große Verlegenheit.“—„Das thut mir ſehr leid.“ —„Der Kaiſer, mein reichsoberherrlicher Gebieter... —„Gehen Sie über ſeine Titel hinweg, ich kenne dieſel⸗ ben.“—„Iſt mit dem Könige Philipp II. von Spanien verwandt.“—„Ja, Rudolph iſt der Sohn Maximi⸗ lians II. und Enkel Ferdinands l., des Bruders von Karl V., welcher der Vater Philipps iſt. Wir wiſſen dies Alles. Kommen Sie doch gefälligſt einmal zur Sache.“ —„Philipp herrſcht über ein Viertheil der bekannten Erde—„Und er will zu dieſen Beſitzungen auch noch Frankreich hinzufügen; wir wiſſen auch Dieſes.“—„Es liegt im Intereſſe Deutſchlands, ihn in der Ausführung die⸗ ſer ungeheuren Pläne aufzuhalten.“—„Ich verſtehe, der Kaiſer will gegen ſein Geſchwiſterkind Krieg führen und wünſcht, daß die Schweizer ſeine Bundesgenoſſen werden. Dieſe Angelegenheit kann übrigens nur auf der allgemei⸗ nen Tagsſatzung verhandelt werden.“—„Ich weiß dieſes auch, ich komme blos hierher, um zu ſehen, welches die Stimmung der Gemüther in dieſer Sache iſt.“—„Um das zu erfahren, iſt es unnütz, daß Sie alle dreizehn Can⸗ tone durchreiſen; ich will es Ihnen ſagen. „Die Freiheit wird nicht die Reiſe um die Erde machen; es kann uns deshalb wenig daran gelegen ſein, wem ſie angehört, vorausgeſetzt, daß ſie doch immer Gebieter hat. Wir ſeufzen über die Uebel, mit welchen ſie manche Ehr⸗ geizige überhäufen; aber wir ſehen deshalb nur um ſo beſſer die Vortheile unſerer Lage ein. Der Despotismus haßt die Freiheit, aber wir fürchten denſelben nicht; ſeine Macht würde an dem Fuße unſerer Gebirge zerſchellen. „Wir haben alſo durchaus kein Intereſſe dabei, uns in dieſe Streitigkeiten des Ehrgeizes und der Habſucht einzu⸗ laſſen. Die Schweiz wird Ihrem Gebieter ganz zuverläſſig kein Heer ſtellen. Sie wird ihre Kräfte zu ihrer eigenen Vertheidigung aufbewahren; aber ſie wird fortfahren, Ih⸗ nen ſowohl, als auch andern Mächten für Ihr gutes Geld einige Soldaten zu ſtellen. Wenn die feſtgeſetzte Dienſt⸗ zeit derſelben abgelaufen iſt, ſo kehren ſie wohlunterrichtet und disciplinirt in ihr Vaterland zurück, ſtets bereit, daſ⸗ — ſelbe gegen Diejenigen, denen ſie treu gedient haben, zu 3 vertheidigen, wenn ſie wagen würden, es anzugreifen. „Die Audienz iſt aufgehoben.“ 3 Freuden redete den Grafen von Würtemberg mit einer Art von Vertraulichkeit an, welche ich von ihm, einem ſo großen Herrn gegenüber, nicht erwartet hatte; er ſagte ihm, daß die Gemeinde für alle ſeine Bedürfniſſe Sorge tragen werde, und daß er daher dieſelben nur zu erkennen zu geben brauche. Der Graf nahm ein leichtes Mahl an, welchem er jedoch nicht allzuviel Ehre erwies: ſein Magen war noch nicht ſtark genug, um die Nahrungsmittel freier Männer zu verdauen. Er ſtieg dann ſogleich wieder zu Pferde und kehrte nach Schwaben zurück. Das Merkwürdigſte übrigens, was in dieſem Zuſammentreffen war, iſt der Umſtand, daß die Antwort eines ſchweizer Bauern den Kaiſer davon abhielt, Spanien den Krieg zu erklären. Ich erzählte dieſes Alles André'n, welcher feinerſeits den Herrn Stallmeiſter zum Schwatzen gebracht hatte; die Wahlfürſten wollten nicht zugeben, daß Deutſchland von Mannſchaft entblößt werde, blos um dem Ehrgeize ihres kaiſerlichen Oberherrn zu genügen. Rudolph war daher nur auf die Kräfte beſchränkt, welche ihm ſein Erbherzog⸗ thum Oeſterreich liefern konnte, und das war der Grund, weshalb er mit den Schweizern eine Offenſiv⸗ und De⸗ fenſiv⸗Allianz hatte ſchließen wollen. Es war ganz natürlich, daß dieſer Fürſt ſich genau von der Lage Frankreichs unterrichtet hatte; die Schweizer konnten an ſeinen Geſandten Fragen darüber ſtellen, und es war natürlich, daß dieſer auf Alles antworten mußte; der Graf war alſo von Allem vollkommen gut unterrich⸗ tet. Es ſcheint, als ob ſich ſein Stallmeiſter gegen ihn ſo benommen hätte, wie ich es gegen die Bevollmächtigten Heinrichs des Dritten während ihrer Reiſe nach Bergerac gethan hatte: dieſer Stallmeiſter war wirklich ein würtem⸗ bergiſcher La Mouche. Ich hörte André'n mit großer Aufmerkſamkeit zu; man hält doch immer Etwas auf ſein urſprüngliches Vaterland. „Sie kennen Mayenne ebenſo gut, als ich; Sie wiſſen wohl auch noch, mein Herr, daß wir ihn ebenſowohl, als ſeinen Secretär Pericard in Stücke gehauen hätten, wenn die Umſtände es erforderten. „Er verlor ſeine koſtbare Zeit in der Bourgogne, und die Unruhe führte ihn endlich nach Paris zurück, wo die Partei der Sechszehn ihn zittern machte. „Heinrich der Vierte dagegen verlor auch nicht einen Augenblick Zeit; er warf ſich nach Dieppe, wo die Städte der niedern Normandie ihm auf dem Meere Mundvor⸗ räthe zuführten. Er befeſtigte die Vorſtadt, welche das Pollet genannt wird, und das Schloß von Arques, das eine Meile von Dieppe entfernt liegt; es lag ihm ſehr viel daran, dieſen Hafen, in welchem die Engländer Hilfstrup⸗ pen landen konnten, zu behaupten. „Mayenne war tapfer, aber er war auch eben Nichts weiter als das; nichtsdeſtoweniger ſah er die Nothwendig⸗ keit ein, ſich durch irgend eine glänzende That auszuzeich⸗ — 156— nen, welche ihm die Zuneigung und das Vertrauen ſeiner Partei verſchaffen müßte: er verließ alſo Paris an der Spitze von zwanzigtauſend Mann. „Die Mittelmäßigkeit iſt immer anmaßend. Mahenne ſchrieb daher dem Papſt und dem Könige von Spanien, daß er den Bearner ſchon ganz in ſeinem Netze halte, und daß derſelbe ihm nicht anders entgehen könne, als wenn er in das Meer ſpringe. „Der Bearner erwartete mit ſeinen ſiebentauſend Mann, welche aber wie er ſelbſt den Teufel im Leibe hatten, ruhig die zwanzigtauſend Mann des Feindes. Mayenne griff tapfer an, wurde aber auch ebenſo tapfer empfangen; er wurde von der Vorſtadt Pollet und von dem Schloſſe von Arques aus zurückgeworfen, und endlich ſogar in der Ebene von Arques in offener Feldſchlacht beſiegt.“ „Siebentauſend Mann deren zwanzigtauſend zu ſchla⸗ gen, das iſt ſehr ſtark, mein Herr!“ „Mapenne läßt zu Paris bekandt machen, daß er bei Arques geſiegt habe, und daß Heinrich der Bearner in dem Handgemenge geblieben ſei. Richtsdeſtoweniger erſcheint Heinrich noch an demſelben Tage in der Ebene von Mont⸗ Rouge, und zwar an der Spitze ſeiner kleinen, aber ſieg⸗ reichen Schaar, welche indeß freilich durch viertauſend Engländer und ſiebentauſend Reformirte, die ihm der Graf von Soiſſons, der Marſchall von Aumont und der Herzog von Longueville zugeführt hatten, verſtärkt wor⸗ den war. „Heinrich vertrödelte ſeine Zeit nicht damit, lange Kriegsrath zu halten, ſondern er griff ſogleich an und er⸗ oberte, den Degen in der Fauſt, fünf Vorſtädte von Paris. „O, mein Herr, wie richtig haben Sie doch dieſen Für⸗ ſten da beurtheilt! Man kann dergleichen Heldenthaten un⸗ möglich vollbringen, wenn man nicht die hölliſchen Mächte zu Bundesgenoſſen hat.“—„Stille doch! ſtille davon.“ —„Sie haben das gedacht, Sie haben das geſagt, Sie haben das geſchrieben, Sie haben das ſogar drucken laſſen.“ —„Ich war damals ganz angeſteckt von jenem mönchi⸗ ſchen Fanatismus, jetzt aber bin ich auf vernünftigere Ge⸗ danken zurückgekommen.“—„Das Letztere habe ich auch ſchon lange zu bemerken geglaubt. „Mayenne beeilte ſich, ſich mit den Trümmern ſeines Heeres nach Paris hinein zu werfen; er rückte in dieſe Stadt durch die nördlichen Vorſtädte ein, welche der König bei der ſo geringen Anzahl von Truppen, die er beſaß, nicht hatte angreifen können. Mayenne fand ſich nun auf einmal wieder ziemlich ſtark, weil der größte Theil der Bevölkerung ſeiner Sache ergeben war. Der König, eben⸗ ſo klug als tapfer, beſchloß ſich zurückzuziehen, und er⸗ kämpfte ſich ſeinen Rückzug durch die Vorſtadt St. Jac⸗ ques; dort fand man, bis an die Zähne bewaffnet, den be⸗ rüchtigten Prior Bourgoing, den vorzüglichſten Urheber der Ermordung Heinrichs des Dritten. Heinrich IV. über⸗ ſandte denſelben der königlichgefinnten Partei des Parla⸗ mentes von Paris, welches zu Tours ſeine Sitzungen hielt, und der Königsmörder wurde geviertheilt.“ „Er verdiente nichts Anderes.“—„Ja, aber doch — 155— werden Sie zugeben müſſen, daß das die Gunſt des Fräu⸗ leins von Montpenſier doch ein wenig zu theuer bezah⸗ len hieß. „Der König hatte ſich nach der Loire zurückgezogenz er nahm Städte weg, dafür nahm man auch ihm welche. Es wurden Menſchen getödtet, aber ohne auch nur das ge⸗ ringſte Reſultat dadurch zu erlangen. Ein unvorhergeſe⸗ hener Zwiſchenfall brachte in den Angelegenheiten Hein⸗ richs eine günſtige Wendung hervor: die Republik von Venevig erkannte ihn in ſeiner Eigenſchaft als König von Frankreich an.“—„Sie that ſehr wohl daran, André, und alle Herrſcher in Europa ſollten ihrem Beiſpiele fol⸗ gen.— Ich liebe ſelbſt Heinrich IV. ſehr, ſeitdem ich jene mordbrenneriſchen Predigten nicht mehr höre.“ „Die politiſch⸗ſcharfſichtigen Leute bearbeiteten überall die Gemüther zu Gunſten dieſes Fürſten; in Paris ſelbſt eirculirten Schriflen, deren Tendenz dahin ging, ihm die Thore von Paris öffnen zu machen. Wenn er den Calvi⸗ nismus abſchwüre, ſo würde er von ganz Frankreich an⸗ erkannt werden.“—„Wenn er zum Katholicismus über⸗ ginge, ſo würde ich ihn anbeten.“—„Mein Herr, gerade ſein Widerſtand dagegen iſt ſein ſchönſter Lobſpruch; ein Mann von Ehre unterhandelt nicht mit ſeinem Gewiſſen. Nichtsdeſtoweniger glaube ich aber ſelbſt, daß die Macht der Umſtände ihn endlich dazu nöthigen wird, ſich vor dem Papſte zu demüthigen.“—„Ah! dann wird er ein ganz vollkommener Fürſt ſein.“—„Ja, ſeine Liebſchaften frei⸗ lich abgerechnet; da iſt eine gewiſſe Gabriele d'Eſtrées, die er ſchon bis an die Stufen des Thrones erhoben hat.“ —„O André, eine abſolute Vollkommenheit iſt ja für den Menſchen gar nicht erreichbar.“—„Sie vertheidigen ihn jetzt ſogar? tantum mutatus ab illo!“—„Mein lie⸗ ber Freund, Uebertreibungen, welcher Art ſie auch ſein mögen, find niemals von langer Dauer.“ „Mayenne fürchtete, und zwar mit Recht, die militäri⸗ ſchen Talente Heinrichs des Vierten; ſeine Langſamkeit und ſein Rückenwenden machten ihn nach und nach das Zu⸗ trauen der Ligue und der ſpaniſchen Truppen, welche Phi⸗ lipp II. in Frankreich hatte einrücken laſſen, verlieren. Bald war der Herzog die Zielſcheibe boshafter Spöttereien geworden, und er erkannte daher die Nothwendigkeit, ſich in der guten Meinung der Franzoſen und der Verbündeten, die er gezwungenerweiſe anerkennen mußte, wieder aufzurich⸗ ten; er beeilte ſich den König in der obern Normandie, in der Gegend von Nonancourt, aufzuſuchen. „Der König zog in die Ebene von Jvry hinunter, und ſtellte dort ſein Heer in Schlachtordnung auf.„Wenn Ihr Eure Feldzeichen verlieren ſolltet,“ ſagte er zu ſeinen Sol⸗ daten,„ſo ſchaart Euch um meinen weißen Federbuſch; Ihr werdet denſelben immer auf dem Wege der Ehre und des Ruhmes finden.“ Hierauf ließ er zum Angriff blaſen. Mayenne konnte gegen einen ſolchen Gegner freilich nicht aufkommen, er ließ ſeine Schlachtordnung vom Feinde in der Flanke angreifen, und von dieſem Augen⸗ blicke an war er ſchon geſchlagen; er verlor ſeine Artille⸗ rie, ſein Gepäck und drei Viertel von ſeinem Heere; die — 160— Deutſchen und die ſpaniſche Cavallerie wurden beinahe ganz vernichtet. „Jetzt aber wurde dieſer weiße Federbuſch, der wäh⸗ rend der Schlacht ſo furchtbar geweſen war, ein Pfand der Güte und Milde. Heinrich ftürzte ſich nämlich mitten in ſeine Bataillone, er durchflog dieſelben in allen Richtun⸗ gen, indem er dabei fortwährend rief:»Rettet die Fran⸗ zoſen! Rettet die Franzoſen!«“ „O welch' ein tapferer, welch' ein guter, welch' ein herrlicher Fürſt!“—„Ich habe es ſchon immer vorher⸗ geſehen, mein Herr, daß Sie ſich noch eines Tages mit ihm ausſöhnen werden.“—„André, wenn ich nicht frei und ein Schweizer wäre, würde ich hingehen, die Zahl ſei⸗ ner Untergebenen vermehren zu helfen.“ „Mayenne eilte ſich in Paris einzuſchließen, und er brachte die tiefſte Beſtürzung mit ſich dahin. Wenn der König jetzt vor dieſe Stadt gerückt wäre, ſo hätte er un⸗ ſtreitig ſie ſogleich mit bewaffneter Hand eingenommen, aber er fürchtete die Wuth und die Habſucht ſeiner Solda⸗ ten; er wollte dieſe Stadt zwar erobern, aber doch zugleich erhalten: er rückte alſo vor dieſelbe und belagerte ſie, um ſie zur Uebergabe zu zwingen. „Er bemächtigte ſich zu dieſem Zwecke aller Verbin⸗ dungslinien ebenſo wie des Laufes der Seine. Bald machte ſich die Hungersnoth in dieſer Stadt fühlbar; der Hunger iſt in der Regel taub für alle Vernunftgründe, aber der religiöſe Fanatismus kann denſelben doch wenigſtens für einige Zeit übertäuben. „Man fachte den Fanatismus der Poriſer durch alle nur möglichen Mittel, welche die Charlatanerie und Be⸗ trügerei zu erſinnen im Stande iſt, immer von Neuem wieder an. Die Prediger ließen alle Kanzeln von ihrem lauten Geſchrei wiederhallen; Gastani, der päpſtliche Le⸗ gat, erließ Mandate, welche alle Diejenigen, die auch nur im Entfernteſten daran dächten mit einem ketzeriſchen Für⸗ ſten zu unterhandeln, mit der ewigen Verdammniß bedroh⸗ ten. Die Sorbonne erließ zerſchmetternde Decrete, die in demſelben Sinne abgefaßt waren. Die Folge davon war, daß man alle Diejenigen, welche, vom Hunger zur Ver⸗ zweiflung getrieben, von Uebergabe ſprachen, als Begün⸗ ſtiger der Ketzerei aufhing oder ertränkte. „Das Mönchsvolk, von der Ueberzeugung ausgehend, daß man die Menſchen durch die Augen beſticht, bildete ein Regiment und paradirte in den Straßen von Paris um⸗ her. Sie hatten ihre Kutte aufgeſchürzt, ihre Kapuze zu⸗ rückgeworfen, einen Czako auf dem Kopfe, einen Panzer auf dem Rücken, den Degen an der Seite, eine verroſtete Muskete auf der Schulter und eine Hellebarde in der Hand. Roſe, Biſchof von Senlis und Präſident des Comité's der Sechszehn, marſchirte an der Spitze des burlesken Regi⸗ ments. Hamilton, Pfarrer von Saint⸗Come, war der Oberſt⸗Lieutenant deſſelben. „Die Hungersnoth nahm indeſſen in einem ſolchen Grade zu, daß ſie unerträglich wurde. Man hatte ſchon alle Haus⸗ thiere verzehrt. Jetzt grub man die Leichname und die Knochen auf dem Kirchhofe des Innocens aus. Dieſe Nah⸗ Viblioth. 366 Boch. 11 — 162— rung koſtete Tauſenden von Menſchen das Leben. Diejeni⸗ gen, welche ſie überlebten, ſtrebten nach der Palme des Märtyrerthums, welche die Sorbonne feierlich allen Den⸗ jenigen verſprochen hatte, welche den Muth haben würden, vor Hunger zu ſterben. Auf dieſe Artgelang es jener Corpo⸗ ration verbrecheriſcher Prieſter, den Fanatismus noch auf⸗ recht zu erhalten. Iſt denn der Menſch nur dazu geboren, der Spielball des Irrthums und des Verbrechens zu ſein? „Heinrich erkannte dieſe furchtbaren Leiden und wollte ihnen ein Ziel ſetzen. Er ließ daher einige Wagen mit Lebensmitteln nach Paris hineinfahren, unternahm aber zu gleicher Zeit einen allgemeinen Sturm auf die Vor⸗ ſtädte und eroberte ſie alle mit bewaffneter Hand. Er hatte jetzt alſo nur noch die Beſatzung der Feſtung aus⸗ zuhungern. „Das Unglück macht ſehr leicht mißtrauiſch. Man be⸗ merkte bald, daß die Mönche von Paris nichts von ihrer körperlichen Rundung und Friſche verloren. Man hielt demzufolge in allen Klöſtern Hausſuchungen, und man fand dieſelben auch wirklich mit Lebensmitteln jeder Gattung aufs Reichlichſte verſehen. Man vertheilte nun dieſelben natürlich unter das Volk; aber auch dieſe letzte Hilfsquelle reichte kaum für einige Tage aus. „Mayenne ließ die Greiſe, die Weiber und die Kinder aus Paris hinausziehen. Dieſe Unglücklichen kamen nun in das Lager zu Heinrich IV. und flehten ihn um Brot an. Er gab ihnen welches und ließ ſie dann ihres Weges ziehen. „Inzwiſchen war aber das Volk von Paris zur äußer⸗ — 163— ſten Verzweiflung gebracht wordenz es hatte auf die Palme des Märtvrerthums verzichtet und verlangte wit lautem Geſchrei entweve Frieden oder Lebensmittel. Mayenne ſah jetzt ein, daß dieſe Stadt aller Anſtrengungen für ihn verloren ſei, und beſchloß deshalb mit Feinrich zu un⸗ terhandeln. „Nur noch einige Tage und dieſer Fürſt zog in die Hauptſtadt ein. Der Herzog von Parma, Statthalter der Niederlande, hatte von Philipp den Befehl erhalten, die heilige Ligue zu unterſtützen, und mit ſeiner ganzen Macht zum Entſatze von Paris heranzurücken. Er erſchien gerade in dem Augenblicke im Angeſichte dieſer Stadt, als ſich das Herz Heinrichs der ſüßen Hoffnung hingab, endlich einmal dieſen grauſamen Krieg zu beendigen, da nämlich Paris immer die Provinzen mit ſich fortriß. „Heinrich zog ſchnell wieder alle ſeine Truppen zuſam⸗ men, und bot dem Herzoge von Parma eine Schlacht an. Aber dieſem war es verboten, eine ſolche anzunehmen; er ließ daher nur einen anſehnlichen Zug mit Lebensmitteln nach Paris bringen, übergab dem Herzoge von Mayenne achttauſend Mann, und zog ſich dann gegen die Grenzen der Picardie zurück. Heinrich folgte ihm dorthin, zwar mit geringerer Macht, aber es lag nicht in ſeiner Art, ſeine Feinde zu zählen. Er hoffte ſich irgend einen Fehler des Feindes zu Nutze machen zu können, aber ver Herzog von Parma beging keinen Fehler. „Heinrich kehrte zurück, um in der Normandie auf die Unterſtützungen an Truppen und Geld zu warten, 11* — 164— welche ihm die Königin Eliſabeth von England, die Hol⸗ länder und die proteſtantiſchen Fürſten Deutſchlands zu⸗ ſandten. Rouen hielt allein in dieſer ganzen Provinz an der Ligue feſt. Der König befahl unſerem Marſchall von Biron, dieſen feſten Platz zu belagern, und kam bald ſelbſt dorthin, um ſich mit dieſem unerſchrockenen General zu vereinigen. Der Herzog von Parma rückte wieder in Eil⸗ märſchen in Frankreich ein, und rettete Rouen, ſo wie er Paris gerettet hatte. „Nach hin und herſchwankendem Kriegsglücke wurde un⸗ ſer tapferer Biron unter den Mauern von Epernay von einer Kanonenkugel getödtet.“ Hier unterbrach André ſeine Erzählung. Wir weihten dem Andenken dieſes großen Ge⸗ nerals reichliche Thränen, wenn er mich auch in der letzten Zeit ſchlecht genug behandelt hatte. „Heinrich erkannte die Verdienſte des Vaters dadurch an, daß er ſeine Zuneigung auf den Sohn übertrug, und dieſem einen Theil der Ehren und Aemter verlieh, welche der Marſchall bekleidet hatte. „Ach, der Brief, welchen mir Letzterer für ſeinen Sohn dictirt hatte, war unglücklicherweiſe ein prophetiſcher ge⸗ weſen. Nachdem dieſer nämlich einige Jahre ſpäter zum Marſchall von Frankreich erhoben worden war, ſtiftete er eine Verſchwörung gegen ſeinen Wohlthäter an. Der Kö⸗ nig wollte ihm verzeihen und forderte von ihm Nichts da⸗ für als das Eingeſtändniß ſeines Verbrechens. Aber er eugnete es hartnäckig und Heinrich hatte ſchriftliche Be⸗ — 165— weisſtücke in Händen. So legte er ſeinen Kopf auf das Schaffot. „Heinrich näherte ſich Paris wieder. Er eroberte Städte, befeſtigte dieſelben und nahm überhaupt eine ſolche Stellung ein, daß er denjenigen von ſeinen Genera⸗ len, welche vom Feinde allzuſehr gedrängt wurden, ſo⸗ gleich zu Hilfe eilen konnte. „Schon vor langer Zeit hatte Rosny zu ihm geſagt: »Es iſt am paſſendſten, daß ich Hugenott bleibe und daß Sie Papiſt werden.« Er hatte aber eine unbeſiegbare Ab⸗ neigung, ſeiner Religion zu entſagen. Sie diente damals ſeinen Feinden zum Vorwande, um ihn vom Throne ent⸗ fernt zu halten. Endvlich ergab er ſich den Vitten ſeiner Freunde und beſchloß, ſein Gewiſſen dem Wohle des Staa⸗ tes zum Opfer zu bringen. Er ſchwur ſeine Religion in der Kirche von Saint⸗Denis ab.“ „Mein lieber André, ich liebte Heinrich IV. ſchon als Proteſtanten, als Katholiken bete ich ihn jetzt an.“ „Dieſer Fürſt glaubte nun keine Hinderniſſe mehr fürchten zu dürfen. Aber der Clerus und die Mönche glaubten nicht an ſeine aufrichtige Bekehrung. Sie fürch⸗ teten, den Calvinismus trotzdem in Frankreich herrſchen und ihnen ihre ungeheuren Güter entreißen zu ſehen. Sie hatten aufgehört, auf die heilige Ligue zu zählen, und ſie beſchloſſen daher, ſich des Dolches zu bedienen. „Aubry, Pfarrer von Saint⸗André⸗des⸗Arcs, und Varade, Rector des Jeſuiten⸗Collegiums, trieben einen ge⸗ wiſſen Pierre Barriere zu dieſem Verbrechen. Er wurde —— enideckt, verurtheilt und hingerichtet. Er nannte in dem Augenblicke, in welchem er ſeinen letzten Gang antreten ſollte, ſeine Anſtifter. Dieſe hatten ſich aber zu dem päpſt⸗ lichen Legaten geflüchtet und waren dieſem nach Rom ge⸗ folgt.“—„Die Elenden!“ „Heinrich belagerte jetzt Paris zum dritten Male. Un⸗ ter den Fürſten des Hauſes Lorraine hatten ſich Streitig⸗ keiten erhoben. Briſſac, der Gouverneur dieſer Stadt, be⸗ nutzte als geſchickter Mann ſogleich dieſen Umſtand. Er gewann die einflußreichſten Perſonen der Bevölkerung für ſich und öffnete dem Könige die Thore der Haupt⸗ ſtadt.“—„Owelch ein Ehrenmann, André.“—„So wie Heinrich in Paris erſchien, gewann er Aller Herzen und Aller Gemüther für ſich. Die Herzen einer großen Mehr⸗ zahl der Franzoſen hatte er ſich ohnedies ſchon erobert.“— „Donnerwetter! das will ich gern glauben!“ „Ein anderer Elender ward nun wiederum von den Jeſuiten fanatiſirt. Jean Chätel, achtzehn Jahre alt, ſchlich ſich in das Louvre, gerade in dem Augenblicke, in welchem Heinrich IV. in daſſelbe zurückkehrte. Dieſer Fürſt beugte ſich gerade nieder, um Montigny zu umarmen, den er ſeit langer Zeit nicht geſehen hatte, und der eben auf den Knieen lag. Der Dolchſtoß wurde geführt. Er verwundete jedoch den König nur an dem Munde. Auch dieſer Ver⸗ brecher wurde augenblicklich verhaftet. Er prahlte aber noch mit ſeinem Verbrechen und erklärte eine gute That verrichtet zu haben. „Nichtsdeſtoweniger brachte man doch Geſtändniſſe aus —— — 167— ihm heraus. Er hatte ſeine Studien bei den Jeſuiten ge⸗ macht, und die verſtehen ſich auf die traurige Kunſt, die Einbildungskraft zu erhitzen. „Chätel gab zu, daß er oft bei den Jeſuiten ſagen ge⸗ hört hatte, daß es verdienſtlich ſein würde, Heinrich von Bourbon zu ermorden. Am Vorabende jenes Tages, an welchem er ſein Verbrechen beging, hatte er einem dieſer Väter, den er jedoch nicht nennen wollte oder konnte, ge⸗ beichtet. Dieſes Ungeheuer hatte ihn zu dieſem Vater⸗ morde noch aufgemuntert, und ihm den Himmel für ſich geöffnet gezeigt, wenn er in dieſer heiligen Unternehmung als Opfer fallen ſollte. So wird die Beichte, die eingeſetzt iſt, um Sünden zuvorzukommen, oder dieſelben wenigſtens abbüßen zu laſſen, oft zum Werkzeuge von Verbrechen. Der Urheber dieſes Verbrechens erlitt eine ſchreckliche Strafe. „Das Parlament von Paris wollte das Gehäſſige, welches ſein Benehmen gegen den König an ſich getragen hatte, dadurch vergeſſen machen, daß es ihm jetzt eine grenzenloſe Ergebung bezeigte. Nach den Ausſagen Chü⸗ tels befahl es die ſtrengſten Nachſuchungen in dem Hauſe der Jeſuiten an. „Man fand daſelbſt zuerſtein Zimmer, welches das des Rachdenkens genannt wurde. Die jungen Leute, welche da⸗ ſelbſt eingeſchloſſen wurden, genoſſen nur ves Lichtes einer Grabeslampe, welches ſie die Teufelsfratzen, die Flammen, die unglücklichen Gemarterten, welche grob an die Wand gekleckſt waren, in halbdunkler Beleuchtung ſehen ließ. — 168— Das Faſten entflammte noch vollends ihre Einbildungs⸗ kraft. Man ließ ſie nun daſelbſt über die Grundſätze nach⸗ denken, welche man ihnen tief eingepflanzt hatte, und Einige von ihnen verließen dieſen ſchrecklichen Kerker, bereit, Alles zu unternehmen. „Man fand in den Papieren des Profeſſors Guignard —„Guignard, dieſer Jeſuit, welchem Pouſſanville in den Straßen von Poitiers begegnete?“—„Und von dem der Marſchall von Biron ſagte, daß er eines Tages eine große Rolle ſpielen werde, wenn er nicht früher ge⸗ hängt würde. „Man fand in ſeinen Papieren folgende von ſeiner eigenen Hand geſchriebenen Worte:»Weder Heinrich III., noch Heinrich IV., noch die Königin Eliſabeth, noch der König von Schweden, noch der Kurfürſt von Sachſen ſind wahrhafte Souveraine. Heinrich war ein Sardanapal, der Bearner iſt ein Fuchs, Eliſabeth eine Wölfin, der König von Schweden ein Geier und der Kurfürſt von Sachſen ein Schwein. Clemens hat, begeiſtert von dem hei⸗ ligen Geiſte, eine Heldenthat vollführt. Wenn man den Bearner im Kriege befiegen kann, ſo möge man es thun. Wenn man es nicht kann, ſo muß man ihn ermorden.« Guignard wurde aufgehangen. „Das Parlament hatte ſich die Schriften von Polet, von Bellarmin, von Mariana, von Sa, von Susars, von Salmeron, von Molina und von den Zeſuiten zu Neapel verſchafft. Alle dieſe ſtellen den Königsmord unter gewiſſen von ihnen näher angegebenen Umſtänden als Grundſatz auf. — 169— „Das Parlament hat ſoeben einen Entſchluß gefaßt, welcher die Jeſuiten aus dem Königreiche verbannt; dieſer Befehl enthält unter Anderem folgende Stelle:»Der Hof hat dieſe Geſellſchaft von ganz neuer Art und von teuf⸗ liſchem Aberglauben, welche den Jean Chätel zu dieſem ſchrecklichen Vatermorde beſtimmt hat, verbannt.« 2 „Mein lieber André, ihr feiger und ſchändlicher Plan iſt ihnen nicht gelungen; ſie ſind aus Frankreich verjagt. Möchte es ihnen doch niemals gelingen, dahin zurückzu⸗ kehren!“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Erpedition nach dem Gipfel des Ebenalp. Wie kommt es doch, daß die natürlichſten und einfach⸗ ſten Gedanken vft erſt lange Zeit nach dem Augenblicke in uns entſtehen, welcher ſie eigentlich hätte in's Leben rufen müſſen? Wir fordern von unſerm, oft widerſpenſtigen Ge⸗ dächtniſſe eine Thatſache oder ein intereſſantes Wort, welches vergeſſen haben zu können uns ganz in Erſtaunen ſetzt, und es bietet uns Dinge dar, die wir ſeit vielen Jah⸗ ren ganz aus unſerm geiſtigen Geſichtskreiſe verloren und welche zu dem, was wir ſuchen, in gar keiner Beziehung ſtehen. Alles in uns iſt unerklärlich; warum haben wir denn alſo den lächerlichen Ehrgeiz, uns kennen zu wollen? Wie zum Beiſpiele kam es, daß noch Niemand von — — 170— uns ſeit ſechs Jahren daran gedacht hatte, dieſen Berg kennen zu lernen, welcher uns vor dem rauhen Nordwinde ſchützt, und deſſen Fuß uns in reichlichem Ueberfluſſe einen Wein gewährt, ſo gut, wie ihn dieſes Klima überhaupt hervorbringen kann? Es war ein ſchöner Sommertag, wir hatten ſoeben unſere Feldarbeiten beendigt und erwarteten auf unſerer Wieſe ein Abendbrot, welches uns unſere Kräfte für den nächſten Tag wiedergeben ſollte; André und ich philoſo⸗ phirten, Marianne ſang die Lieder, welche ich für ſie ver⸗ faßt hatte: Clara hatte ihr Spinnrad verlaſſen und ging ſtillſchweigend auf dem Raſen umher. Die Kinder ſpielten, neckten ſich, liefen Eines dem Andern nach, umarmten ſich, und kündigten ſchon ein lebhafteres Gefühl an, als die Freundſchaft, ein Gefühl, welches über kurz oder lang zur Liebe werden wird.„Aber, meine Herren,“ rief plötz⸗ lich Bernhard aus,„dieſes Geſträuch von Knieholz da oben, welches wir ſchon ſeit ſo langer Zeit mit Gleichgil⸗ tigkeit betrachten, täuſcht gewiß unſere Augen durch ſeine ungeheure Höhe: dieſes Knieholz iſt vielleicht ein Wald.“ Die Einbildungskraft arbeitet raſch, wenn man ſie nur erſt einmal geweckt hat.„Dieſer Wald beſteht vielleicht aus Obſtbäumen.“—„Oder wenigſtens aus kräftigen Fichten...—„Welche uns vortrefflich zur Heizung die⸗ nen könnten.“—„Dieſer Wald muß auch wahrſcheinlich Wildpret enthalten, und vielleicht von einer Art, welche wir noch gar nicht kennen.“—„Und auch Blumen, die uns hier noch unbekannt ſind,“ ſagte Marianne.„Wir — 171— werden ſie aber hier zu naturaliſiren ſuchen und Ihnen zu Ihrem Namenstage Sträuße daraus binden, Herr Anton.“ —„Und dann,“ ergriff jetzt André wieder das Wort, „welch' ein Vergnügen, eine noch ganz unbekannte Welt zu entdecken, und fie, ohne auch nur Einen Tropfen Blut ver⸗ gießen zu müſſen, zu unſerm Vortheile ausbeuten zu dür⸗ fen.“—„Freund André, das iſt ein ſchöner Traum; ſei⸗ ner Ausführung ftellt ſich nur Eine Schwierigkeit entge⸗ gen, aber dieſe iſt unüberſteiglich: es iſt unmöglich, dieſen Theil des Ebenalp zu erklettern.“—„O mein Herr, warum wollen Sie das für unmöglich halten, was auszu⸗ führen noch nicht verſucht worden iſt?“—„Nun wohl,“ ſagte Bertrand,„ich werde es verſuchen.“—„Nein, mein Freund, Du allein würdeſt dabei umkommen,“ergriff jetzt Abdonn das Wort,„und wir wollen, daß Du lebeſt; ich bin jung und kräftig, ich habe Beweglichkeit und Gelen⸗ kigkeit, ſowie auch die größte Luſt, einmal zu ſehen, was da oben vorgeht: ich werde Bertrand wenigſtens dort hin⸗ auf begleiten.“ Gertrude und Sophie erhoben ihre Stimmen kräftig gegen dieſen Plan, ihre Gatten bekämpften jedoch mit Vor⸗ theil ihre Beweisführungen; ſie ſchloſſen mit folgendem Grunde, welcher jede weitere Erwiderung unmöglich machte:„Sobald wir ohne Gefahr nicht höher hinauf kommen können, kehren wir um.“ Die beiden Frauen ſetzten ſich zwar noch zur Wehre, aber ihre Gatten beharrten auf ihrem muthigen Ent⸗ ſchluſſe; ſie riefen André und mich zu Schiedsrichtern auf, ——— — 172— und wir erklärten, nachdem wir mit einander über dieſe Sache berathſchlagt hatten, daß wir, da ſie ſich verpflichtet hatten, Hinderniſſen, welche überſteigen zu wollen ihnen gefährlich ſcheinen würde, zu weichen, wir ſie nicht davon abhalten zu dürfen glaubten, das Abenteuer wenigſtens zu verſuchen. Ihre Gattinnen ließen nun ihren Kopf auf die Bruſt niederſinken, und erwiderten auch nicht Ein Wort mehr. Am Vorabende des Tages, an welchem Abdonn und Bertrand es verſuchen ſollten, der Natur Gewalt anzu⸗ thun, beſchäftigten ſie ſich ernſtlich mit den Vorbereitun⸗ gen zu ihrer Expedition. Schon mit Anbruch der Morgenröthe hatte Abdonn ſeinen Querſack, der die Mundvorräthe enthielt, auf ſei⸗ nem Rücken; er trug in ſeinem Gürtel Piſtolen und eine Hacke, um Felſen und Eis zu durchhauen, ebenſo wie auch Eiſenklammern, um an den unzugänglichſten Stellen eine Art von Leiter zu errichten. Bertrand, weniger erfahren in dieſer Art von Wanderung, hatte nur den mit Eiſen beſchlagenen Stock, welchen wir zu Coppet gekauft hatten, und Stricke, deren Anwendung noch nicht genau beſtimmt war. Wir wünſchten ihnen allen möglichen guten Erfolg, den ſie ſich nur ſelbſt wünſchen konnten; ihre Weiber um⸗ armten ſie, fielen dann auf die Kniee und baten den Himmel, ſie ihnen wieder unverletzt zurückzuführen. Sie gehen fort; ſie dringen gegen die Höhen vor, welche vor ihnen vielleicht noch Niemand zu erklettern ver⸗ ſucht hat. Wir folgen ihnen mit den Augen, wir halten — 173— unſern Athem an uns, wenn wir ſie über Abgründe ſchwe⸗ ben ſehenz es ſcheint uns, als bedürfe es nur eines Athem⸗ zuges, um ſie in dieſelben hinabzuſtürzen. Abdonn, jünger und gewandter als Bertrand, ſchritt voran und rückte in gerader Linie vor; ſein Gefährte, we⸗ niger an das Bergſteigen gewöhnt, glaubt wahrſcheinlich ſoeben einen gangbaren Fußpfad gefunden zu haben, wel⸗ cher ihm die Mühen und Gefahren erſparen ſoll, denen ſich der junge Menſch ausſetzt. Er lenkt ſeine Schritte nach dieſer Seite zu, er trennt, er entfernt ſich von Abdonn, welcher mit Hilfe ſeiner Hacke und ſeiner Eiſenklammern langſam und mit Beſchwerden die ſteile Eiswand empor⸗ klimmt, welche ſich gerade ſenkrecht vor ihm erhob. Er kommt auf dem Gipfel des Gletſchers an, und grüßt uns mit ſeinem wehenden Schnupftuchez er ſchien uns jetzt nur noch drei Fuß hoch zu ſein. Wir verlieren Bertrand aus dem Geſichte; er iſt ohne Lebensmittel, und er hat auch überhaupt keine anderen Hilfsmittel, als ſeine Stricke, die er doch über ſich nicht befeſtigen kann. Auch ſeine Piſtolen werden unnütz für ihn ſein, denn die Bären haben dieſe furchtbaren Felſen un⸗ möglich emporklimmen können, und die Gemſen, wenn es dort welche giebt, werden nicht daran denken ihn anzugrei⸗ fen. Aber wie ſoll er nun fortfahren emporzuſteigen? Wie ſoll er nun ſeine eigenen Spuren wiederfinden, wenn er ſich entſchließen ſollte umzukehren? die hilfreichen Arme Abdonns find für ihn verloren, und allein wird er ſich wohl nicht an den hervorſpringenden Felſenmaſſen an⸗ 7— 174— klammern können, an welchen er ſeine Stricke befeſtigen mußte. Dieſe Vorſtellungen entriſſen Gertruden einen markdurchdringenden Schrei; unſer Aller Herzen waren zuſammengepreßt, wir Alle waren von denſelben Gedan⸗ ken gefoltert, wir leiden vielleicht ſogar noch mehr als der Unglückliche ſelbſt, den wir nicht wiederzuſehen hoffen, und den vielleicht ſeine Thätigkeit wenigſtens für den Augen⸗ blick noch aufrecht erhält. Wir richteten auch nicht Ein Wort an einander, und hatten übrigens auch kaum mehr die Kraft, ein Wort ordentlich auszuſprechen. Nachdem Abdonn die Eismauer, die ihn aufhielt, über⸗ ſtiegen hatte, ſchwang er ſich auf ein Felsſtück empor, an welchem er ſich mit Händen und Füßen feſthielt; André eilt fort, um unſer Vergrößerungsglas zu holen. Als er zurückkam, war Abdonn eben auf einer Felſen⸗ ſpitze angelangt, welche nicht zwei Fuß in der Breite ent⸗ hielt; zur Rechten und Linken trotzen ihm finſtere Felſen⸗ ſpitzen, furchtbare Abgründe gähnen zu ſeinen Füßen. Die Ermüdung und vielleicht auch die ſtrenge Kälte bewirken, daß er eine von ſeinen Händen losläßt; er ſchlägt einen Viertel⸗Kreis um ſich ſelbſt herum... Wir werfen uns mit dem Geſichte platt auf die Erde nieder, um dieſen Un⸗ glücklichen nicht zerſchmettert in die Tiefe der Abgründe 3 ſtürzen zu ſehen; André und ich verfluchen auch ſchon un⸗ ſere verderbliche Nachgiebigkeit. Endlich erheben wir uns wieder. Alles iſt ver⸗ ſchwunden. Wir ſehen Nichts mehr als den furchtbaren Berg, welcher Jeden, der den Verſuch wagen würde ihn — 175— zu erklimmen, mit demſelben Schickſale bedroht. Sophie und Gertrude waren von einem Anfalle von Verzweiflung ergriffen worden; nichtsdeſtoweniger war ihnen aber doch noch ſo viel Zartgefühl geblieben, daß ſie uns keine Vor⸗ würfe machten; wir führten dieſelben in das untere Stock⸗ werk unſerer Höhle, und begruben uns mit ihnen in den Eingeweiden des Felſens: da werden wir doch wenigſtens Nichts ſehen. Ach! wird uns denn überhaupt noch Et⸗ was zu ſehen übrig bleiben?. Hier brachten wir nun einen Theil des Tages in einer ängſtlichen Gemüthsſtim⸗ mung zu, die ſich unmöglicherweiſe beſchreiben läßt. Die Eindrücke der Kindheit bewegen ſich immer in Ex⸗ tremen, und ſind daher nicht eben von ſehr langer Dauer. Der kleine Anton und die kleine Antoinette hatten ſich ebenfalls mit uns betrübt, aber ein natürliches und gebie⸗ teriſches Bedürfniß zwingt die Kinder oft ihre Stellungen zu verändern; dieſe Bewegung trägt dazu bei, alle ihre Organe zu entwickeln und zu ſtärken: unſere Kinder waren ſchon wieder auf die Wieſe hinausgelaufen. Plötzlich kehrten ſie wieder in die Höhle zurück, indem ſie aus Leibeskräften ſchrieen:„Es iſt Feuer auf dem Gi⸗ pfel des Berges, wir haben es ganz deutlich mit dem Ver⸗ größerungsglaſe geſehen!“ Wir ſtoßen Eines das Andere zur Seite, wir ſtürzen hinaus, entreißen Einer dem An⸗ dern das Vergrößerungsglas und ſind endlich wirklich überzeugt, daß auf dem oberſten Gipfel des Ebenalp eine Flamme kniſtert. Zum wenigſten iſt Einer unſerer Berg⸗ ſteiger gerettet. Aber welcher? Gertrude und Sophie ftür⸗ — 176— zen auf die Kniee, um zu beten; Gott kann Eine nicht er⸗ hören, ohne die Andere zu vernichten. O! wie ſcharf man ausblickt, wenn man ein Intereſſe dabei hat, gut zu ſehen. Wir bemerkten, daß das Feuer einige Secunden lang verſchwand, ſich dann aber wieder in ſeiner ganzen Lebhaftigkeit zeigte.„Er iſt es, ſie ſind es vielleicht, welche vor dieſem Feuer, das ſie angezündet haben, hin und hergehen.“—„Wie ſie nur bis dort hin⸗ auf gelangt ſein mögen!“—„WVie ſie ſich dort nur wie⸗ dergefunden haben mögen, denn ſie ſind es alle Beide!“ riefen Gertrude und Sophie aus. Sie hatten ebenſo gut wie wir einen ſchwachen Licht⸗ ſchein bemerkt, welcher in ſehr kurzen Pauſen vier Mal aufgeleuchtet hatte. Jeder von ihnen hatte ein Paar Pi⸗ ſtolen, und ohne Zweifel hatten ſie ihre vier Schüſſe abge⸗ feuertz den Knall hatten wir jedoch nicht gehört. Welche ungeheure Laſt fühlten wir von uns genom⸗ men; man hörte bei uns nur noch die Worte:„Sie find Beide dort oben!“ Wir wiederholten dieſelben mit einem Entzücken der Trunkenheit, reichten uns die Hände, um⸗ armten uns und unſere Kinder, denen wir das ſchon ſo frühzeitige Ende unſerer Seelenfolter verdankten. Giebt es wohl hier auf Erden ein ungetrübtes Glück? Traurige Betrachtungen erſtickten bald unſere Freude wie⸗ der.„Auf wen haben ſie geſchoſſen?“ fragten wir uns ge⸗ genſeitig,„vielleicht auf irgend ein wildes Thier? Wenn ſie es nicht getroffen haben, find ſie ohne Vertheidigung ſeinen mörderiſchen Krallen verfallen.“—„Abdonn!“ ſagte — 177— Sophie mit ſchwacher Stimme,„hat Patronen in ſeinen Querſack gethan.“— Werden ſie auch Zeit gehabt haben ihre Waffen wieder zu laden? Endlich verglichen wir die Schwierigkeiten des Herab⸗ ſteigens mit denjenigen, welche ſie beim Hinaufſteigen ſchon überwunden hatten: man glaubt Dasjenige leicht, was man fürchtet. Wir ſahen vorher, daß ſich ihrer Rückkehr faſt unüberwindliche Hinderniſſe in den Weg ſtellen wür⸗ den.„Pah! Pah!“ ſagte André,„das Eine ſcheint mir eben nicht ſchwieriger als das Andere.“—„Aber wenn auch nur ihr Fuß ausgleitet...“—„Nun, aber warum ſollte er denn ausgleiten? Sie werden über die ſchwieri⸗ gen Stellen rückwärts hinunterrutſchen; das wird ihnen ein Paar Hoſen koſten, und damit Hollah! Ich bin es jetzt müde, mich immer im Voraus zu ängſtigen, und erwarte feſten Blickes das Kommende.“ Dieſe Beweisführung ſchien uns eben nicht ſehr überzeugend; unſere Aengßtlichkeit ſtieg von Minute zu Minute, das Vergrößerungsglas ging fortwährend aus einer Hand in die andere. Wir glaubten endlich eine Bewegung unterhalb des Bergesgipfels zu bemerken; bald wurde ſie auffallender. Eine Stunde ſpäter unterſchieden wir zwei unförmliche Maſſen, welche langſam aufuns zuherabrollten.„O!“ rie⸗ fen wir Alle mit einander aus,„das ſind keine Menſchen; aber was mag es denn ſein?“ Ein Augenblick darauf waren dieſe räthſelhaften Gegenflände verſchwunden, und wir ſanken wieder in unſere alte Verzweiflung zurück. Viblioth. 385 Bdch. 12 — 178— „Sie werden mich endlich noch verrückt machen!“ rief jetzt wieder André.„Wie! merken Sie denn nicht, daß ſie zu dem Fußſtege, zu dem Bergpfade gelangt ſind, bei welchem wir Bertrand aus dem Geſichte verloren ha⸗ ben, und daß ſie dieſe Richtung eingeſchlagen, weil ſie ihnen weniger Schwierigkeiten darbietet?“—„Aber, lieber Freund André, giebt es denn wirklich einen ſolchen Fußſteg, einen ſolchen Bergpfad?“—„Sie haben ja das ſelbſt vorausgeſetzt, Freund Anton, und wie wäre ohne einen ſolchen der plumpe Bertrand ſo hoch hinaufgekom⸗ men?“—„Aber dieſe beiden Maſſen ſcheinen mir ſehr wenig Menſchen zu gleichen.“—„Nun, wenn es keine Menſchen find, was kann Ihnen daran liegen, was aus denſelben geworden iſt? Verzweifeln Sie, betrüben Sie ſich, ängſtigen Sie ſich, ich werde Ihnen auch kein Wort mehr antworten. Es iſt ſchon vier Uhr, und wir haben noch Nichts gegeſſen. Gertrude, bringe uns Eiwas zu eſſen hierherz Diejenigen, die von der Angſt ſatt werden, mögen weitere Beobachtungen darüber anſtellen, was da oben vorgeht.“ —„Da find ſie, da ſind ſie!“—„Das ſind ſie ganz gewiß— ſie erſcheinen an dem Punkte, wo Bertrand frü⸗ her verſchwunden iſt.“—„Aber was iſt denn das, was ihre ganze Geſtalt alſo verunſtaltet?“—„Sie ſind vorn und rückwärts bucklig,“ ſagte André, welcher ſchon bei den erſten Ausrufungen raſch aufgeſtanden war...—„Ah! ſie ſind wahrſcheinlich mit dem Wildpret beladen, welches ſie mittelſt ihrer vier Schüſſe erlegt haben. Bertrand macht jetzt ſein Päckchen mit Stricken auf, er befeſtigt einen — 179— Strick an dem erſten Eiſenhaken, welchen Abdonn in den Fuß dieſer Eismauer, die er ſo muthig erſtiegen, einge⸗ ſchlagen hat.“ Freude und Furcht bewegten uns abwechſelnd; wir folg⸗ ten mit den Augen allen ihren Bewegungen. André ſelbſt ahmte dieſelben ſich ſelbſt unbewußt nach, wenn ihre Lage beunruhigend zu werden anfing; endlich gelangten ſie an den Ort, wo ſie ſich früher getrennt hatten; ſie befeſtigten ihre Stricke von Fels zu Fels, und von dieſem Augenblicke an blieb uns nur noch die Erinnerung an ihre Gefahr übrig: eine Stunde ſpäter lagen ſie in unſern Armen. O! wie wir ſie liebkoſten, wie wir ſie bewirtheten!— Es war eine förmliche Wiedergeburt, die wir feierten. Bertrand trug auf ſeinen Schultern ein Gemsweib⸗ chen, welches er erlegt hatte; er legte daſſelbe in der Küche ab. Abdonn hatte ſich an ſeiner Bruſt das Junge des ge⸗ tödteten Thieres, welches höchſtens vierzehn Tage alt war, angebunden; die Augen deſſelben ſprühten ſchon helles Feuer, und die Anſtrengungen, die es machte, um ſeine Freiheit wieder zu erlangen, verkündeten Kraft und Ge⸗ wandtheit. Die ſchweizer Ehemänner begnügen ſich nicht damit ihre Weiber blos zu lieben, beſonders wenn dieſelben noch jung ſind; ſie haben für dieſelben auch Aufmerkſamkeiten und Zuvorkommenheiten, welche wir Franzoſen kaum un⸗ ſern Geliebten zugeſtehen: Abdonn machte ſeine junge Gemſe Sophien zum Geſchek⸗ und ſie umarmte ihn zum hundertſten Male. 12* — 180— Marianne, noch immer dankbar für das Opfer eines Tanzes, welches der Zeit nach ſchon ſo weit von uns ent⸗ fernt war, ermangelte niemals eines Vorwandes, um die junge Frau bei uns zurückzuhalten; es war übrigens aus⸗ gemacht, daß wir dieſelbe ſtets beſchäftigt fanden. Ma⸗ rianne hatte nach und nach die Oberhand in unſerer Wirth⸗ ſchaft gewonnen; die Frauen geben ſich alle, wie man ſagt, viele Mühe, das an Anſehen wieder zu gewin⸗ nen, was ſie mit der Zeit an Jugend und Friſche ver⸗ lieren. Das Reich Mariannens beſtand übrigens mehr in der Ueberredung als in der Macht; es war ſanft wie ſie ſelbſt, und jedermann liebte es. Sophie, auch ihrerſeits dankbar, bat ſie nun, die junge Gemſe als Geſchenk anzu⸗ nehmen; Marianne bot ſie wieder der kleinen Antoinette an. O, war das eine Freude!„Wie ſchön es iſt! welche herrlichen Augen! aber es muß Hunger haben.“— „Lege es,“ ſagte der kleine Anton zu ihr,„unter Blan⸗ chette;“ das war der Name unſrer Lieblingsziege. Sie will die Gemſe aufheben, aber ſie hat nicht die nöthige Kraft dazu.„Hilf mir doch, mein lieber Anton, Du weißt es ja, daß Alles, was ich beſitze, uns Beiden gehört.“ Sie hoben mit vereinten Kräften das kleine Thier auf und leg⸗ ten es unter Blanchette. O welches Glück, welche Freudel es begann mit Begierde zu ſaugen; die Kinder ſangen und tanzten um daſſelbe herum.„Anton, wie wollen wir es denn nennen?“—„Robin,“ ſagte ihnen Marianne.“— „Ach ja! Robin! Robin!“ Nachdem Robin geſättigt war, verließ er ſeinen Platz — 181— unter der Ziege, und wandte ſich gegen das Gebirge zu. Er ſieht es mit ausdrucksvollen Blicken an, macht einen langen Hals, geht vorwärts, ſpringt etwas an, und bleibt dann wieder ſtehen. Seine Kräfte ſcheinen ihm unzurei⸗ chend zu ſein, er geht, um ſich wieder traurig zu den Fü⸗ ßen der Blanchette zu legen.„O verlaß uns nicht, Robin! Du wirſt es bei uns ſo gut haben!“ Und der Gedanke, vas kleine Thier zu verlieren, lockt Thränen in die Augen ſeiner kleinen Beſitzer. Werden ſie es wohl noch in acht Tagen ebenſo lieben? Der Leſer weiß, daß man den Seret und den in eine Mumie verwandelten Schweinebraten nur in ganz außerordentlichen Fällen anrührt. Gab's wohl einen ſchö⸗ neren Tag für uns, als den, der uns unſere Freunde wie⸗ der zurückgab? Ja, unſere Freunde. Wir behielten uns zwar das Recht vor, die Arbeiten, welche wir mit einan⸗ der theilten, zu leiten; aber ſeit längerer Zeit bildeten wir nur Eine zahlreiche Familie. Gertrude hatte kaum vom Seret ſprechen hören, und ſchon war ſie mit der Hacke dabei. Das Schwein wider⸗ ſtand ihren Anſtrengungen; der kräftige Arm Bertrands zertheilte es von vben bis unten und die Ehepaare mein⸗ ten, daß es nicht eher genießbar ſein werde, als bis es achtundvierzig Stunden im Waſſer gelegen haben wird. Unterdeſſen wünſchten André und ich eine Art von klei⸗ nem Feſt zu arrangiren.„Meine Herren,“ ſagte Gertrude, „ſo wollen wir denn heute die Gemüſe und Kartoffelſuppe — 18— bei Seite laſſen: ich habe friſche Eier, kleine Erbſen und grüne Bohnen, welche ich zum morgigen Sonntag herge⸗ richtet hatte, ein paar Flaſchen Ihres alten Weines wer⸗ den die Seretſchnitte hinunterſpülen, und was dann mor⸗ gen wird, wollen wir weiter ſehen.“—„Gut gedacht, ſehr gut gedacht. Kommt zu Tiſche, kommt zu Tiſche.“ Nichts fehlt einem ſchweizer Feſte, wenn nur der Seret dabei iſt. Wir waren Alle vergnügt und zufrieden geſtellt von unſerer guten Küche und von unſerer Wiedervereini⸗ gung, an der wir ſchon fünf bis ſechs Stunden hindurch gezweifelt hatten. Bertrand behielt uns für den Nach⸗ tiſch eine Ueberraſchung vor. Er nahm den Querſack Abdonns und legte ihn mit einer ganz feierlichen Miene in die Mitte des Tiſches. Die Vor⸗ räthe, welche derſelbe enthalten hatte, waren bei dem Feuer auf dem Bergesgipfel verzehrt worden. Bertrand zog wilde Kirſchzweige aus demſelben, welche noch mit ihrer grünen Frucht belaſtet waren. Wir betrachteten die⸗ ſelben anfänglich nur als Gegenſtände reiner Seltenheit. „Der Ihnen guten Wein giebt,“ ſagte Bertrand mit Begei⸗ ſterung,„wird Ihnen auch Kirſchwaſſer bereiten; aber man muß auf den Berg zurücktehren, und ich werde nicht wie⸗ der mit ſo geringen Hilfsmitteln hinaufſteigen, wie wir dieſen Morgen in Anwendung brachten.“—„Die Kirſch⸗ bäume,“ ſagte Abdonn,„find durch jene ungeheure Felſen⸗ ſpitze, welche Sie dort an dem Seitenabhange des Berges ſehen, und welche Ihnen Bertrand unſichtbar machte, ver⸗ ſteckt. Sie find alle von Zeit zu Zeit und in Strecken von — 183— ungefähr ſechzig zu ſechzig Schritten, ſo von Felſenpar⸗ thien durchſchnitten, daß das Hinaufſteigen zu ihnen mehr als ſchwierig iſt. Mittelſt Kanonenpulver und Steinhauen könnte man nach Bedürfniß Stufen in den Felſen an⸗ bringen.“—„Und wir werden ſo,“ergriff André jetzt das Wort,„mit leichter Mühe die neue Welt, welche wir ent⸗ deckt haben, ausbeuten können.“—„Mein Freund, wir haben dort in einem Winkel achttauſend Livres, welche uns hier zu Nichts nützen können. Wollen wir dieſel⸗ ben in Kirſchwaſſer und Fichtenholz verwandeln?... —„Over auch in Wildpret?“ fügte Marianne hinzu. Wir werden dann hier ganz wie große Herren leben. „Nun, meine Freunde,“ nahm André das Wort,„er⸗ zählt uns nun Eure Abenteuer; aber ahmt nicht jenen Rei⸗ ſenden nach, welche die Wahrheit durch Uebertreibungen verſchönern zu müſſen glauben.“ Wir wiſſen, daß Bertrand kein großer Redner iſt. Ab⸗ donn wollte eben das Wort ergreifen, als wir ungefähr dreißig wohlbewaffnete Einwohner von Weißbad ankom⸗ men ſahen. Der Glöckner, der im Glockenthurme zufällig zu thun gehabt hatte, glaubte zwei Menſchen geſehen zu haben, welche den Berg herabſtiegen. Er glaubte ſeinen Augen nicht trauen zu vürfen; er rieb ſich dieſelben zu ver⸗ ſchiedenen Malen, und endlich, als er an einer Sache nicht mehr zweifeln konnte, die ſich von Augenblick zu Augenblick immer mehr beſtätigte, ſtieg er ſchnell wieder herunter, und ſchrie durch das Dorf, daß dieſer Theil des Ebenalps von Leuten bewohnt ſei, die ein ganz eigenthümliches Aus⸗ — 184— ſehen hätten, und die eben im Begriff ſeien, in die Ebene hinabzuſteigen; er wollte deutlich den Vortrab, ungefähr in der Höhe unſerer Höhle, unterſchieden haben. Man kann ſich leicht den Eindruck vorſtellen, welchen eine ſolche Neuigkeit auf die Bewohner des Dorfes machen mußte. Der Bürgermeiſter rief die Räthe zuſammen. Dieſe beſchloſſen, daß man die Waffen ergreifen und den Bedrängten zu Hilfe eilen müſſe. Ein Kriegsruf erſcholl überall und man ſchickte einen Boten, um Unterſtützung zu erbitten, nach Appenzell. Während man ſich dort rüſtete, uns zu Hilfe zu ziehen, nahmen wir ganz ruhig unſer Abendbrot ein. Die Feurigſten und Thätigſten kamen nun eben hier an, als Abdonn ſeine Erzählung beginnen wollte. Dieſe ſo unbegreifliche, ſo außerordentliche und fabel⸗ hafte Erſcheinung zweier Menſchen auf dem Gebirge er⸗ klärte ſich auf eine ganz natürliche und einfache Weiſe, und laute Fröhlichkeit folgte auf die kriegeriſche Stimmung, welche noch einige Augenblicke zuvor unſere braven Lands⸗ leute belebte. Bald hörten wir den Schall einer Trommel. Es war der Bürgermeiſter von Weißbad, welcher an der Spitze von wenigſtens zweihundert Mann, die in der beſten Ord⸗ nung marſchirten, vorrückte. O ihr guten und würdigen Schweizer! André entfernte ſich von uns und ſtieg in die Ebene hinab, um ihnen die Mühe zu erſparen, bis zu uns herauf⸗ zuſteigen. Die Trommel verſtummte, aber freie Männer find eben ſo gut neugierig, als Sclaven. Dieſe hier ſetzten — 185— ihren Weg fort, um aus dem Munde Abdonns das zu er⸗ fahren, was André ihnen nicht mittheilen konnte. Bald ſchloß ſich auch der Landamman an ſie an, da das Geſetz ihm vorſchreibt, ſich auf die bedrohten Punkte zu begeben, um ſelbſt die Maßregeln anzuordnen, welche zu treffen nothwendig ſein dürften. Er kam, was nur ſein Maulthier rennen wollte, heran, er lachte ſo gut wie ſeine Landsleute, und ſtieg dann mit ihnen auf unſere Bergebene herauf. Arme Wieſe! in welchen Zuſtand wurdeſt du verſetzt. Aber wie kann man gegen Leute eine üble Laune zeigen, die ihren Herd verlaſſen haben, vollkommen bereit, ſich für uns tödten zu laſſen? Es war Nacht; aber der Mond war ſoeben in ſeinem ganzen Glanze aufgegangen. Ungeachtet der hohen Achtung, welche wir für unſere Gäſte hegten, hielten wir es doch für paſſend, uns derſelben ſo⸗ bald als möglich zu entledigen. Wir forderten daher Ab⸗ donn auf, ſeine Erzählung zu beginnen. Aber wie ſoll er es anfangen, um von zweihundert Menſchen, die noch dazu ihre Reihen verlaſſen haben, ge⸗ hört zu werden? André iſt niemals in Verlegenheit zu bringen. Er ladet unſere Gäſte ein, ſich im Kreiſe nieder⸗ zuſetzen. Er bittet Bertrand und Abdonn, die Standleiter, welche zum Beſchneiden der Bäume dient, in die Mitte des Kreiſes zu ſtellen; er ladet den Redner ein, auf die Höhe dieſer neuen Art von Tribüne zu ſteigen, und ſich dort mit ineinandergeſchlungenen Beinen feſtzuhalten. Abdonn ſprach mit Leichtigkeit und Geläufigkeit; aber — 186— ſein Deutſch war nicht ganz rein. Tags darauf übertrug er ſeinen Bericht in den Styl der Homilien, welche ich zu la Rochelle für die Frau Marſchallin von Biron geſchrieben hatte: „Bertrand und ich gingen von hier fort, feſt entſchloſſen, alle Hinderniſſe zu überwinden. Wir ſtiegen mit Beſchwer⸗ den bis an den Fuß einer Eismauer, welche uns eine un⸗ überſteigbare Grenze zu ſtellen ſchien. Eine Art, ein paar Eiſenhauen und eine hartnäckige Ausdauer brachten mich endlich auf den Gipfel dieſes Eisberges, der vielleicht ſo alt wie die Welt iſt. Dort empfand ich eine unausſprech⸗ liche Genugthuung, denn ich hatte die Natur überwunden. Ich hielt mich für mehr als einen Menſchen, und rief die Bewunderung Derjenigen hervor, die wir in der Ebene zu⸗ rückgelaſſen hatten, indem ich von einem Punkte aus, den noch kein Sterblicher vor mir erreicht hatte, mein Schnupf⸗ tuch in der Luft flattern ließ. „Ich ſuchte Bertrand mit den Augen; ich ſah ihn aber nicht mehr: ich glaubte, er ſei in die Tiefe der Abgründe, welche mich umgaben, hineingeſtürzt. Ich ſandte ihm einen Seufzer nach, und entſchloß mich, meine glorreiche Unter⸗ nehmung zu vollbringen, oder ſo zu enden, wie er. „Ich ſchwang mich auf einen Felſen hinauf, welcher mir kaum zwei Fuß Breite darbot, in der Gegend, in welcher ich ihn zu erreichen hoffen durfte. Ich hatte ſowohl zur Rechten als zur Linken hervorſpringende Felſenſpitzen, welche keine menſchliche Kraft zu überſteigen im Stande war, und hinter mir Abgründe, deren Tiefe mein Auge —,— — 187— kaum zu meſſen wagte. Ich klammerte mich mit Händen und Füßen an dieſen Felſen, vor welchem meine Hoffnung zu erlöſchen begann. Ich machte unendliche Anſtrengungen, kam aber doch nur wenig vorwärts. Bald durchdrang mich der Froſt, und die Müdigkeit, welche von einer ſolchen Lage unzertrennlich iſt, brach meinen Muth. Ich fühlte es, daß meine letzte Stunde geſchlagen hatte, und entſchloß mich zum Tode mit der Feſtigkeit eines Schweizers aus Ap⸗ penzell. „Ich blickte hinter mich und ſah mit einer Freude, die etwas Wildes an ſich hatte, daß mein Körper lange Zeit früher in Trümmer gehen würde, bevor er den Boden des Abgrundes erreichte. Ein Unglücklicher, zu Qualen Ver⸗ urtheilter, berechnet ſtets die Dauer ſeiner Agonie; die meinige ſollte nicht lange dauern. „Ich wollte mich ſchon ganz fallen laſſen. aber in welcher Lage man ſich auch befinden mag, man hält doch noch immer am Leben feſt. Ich ſah die Unmöglichkeit ein, das meinige zu retten, aber nichtsdeſtoweniger ließ ich nur die rechte Hand los. Dieſe Bewegung bewirkte, daß ich einen Halbkreis um mich ſelbſt beſchrieb, und dieſe Hand, die meinen völligen Untergang vorbereiten ſollte, griff maſchinenmäßig nach einer Felsſpitze, die ſie ganz erfaſſen konnte. Das Bildniß Sophiens ſchwebte meinem geiſtigen Auge vor und ich dachte daran, doch noch für ſie zu leben. Dieſer Gedanke fachte meinen ſchon erloſchenen Muth wie⸗ der von Neuem an. „Meine linke Hand folgte der rechten nach, und alle beide — hatten nun eine Felsſpitze erfaßt, die ſie leicht und mit einer Feſtigkeit hielten, welche von Secunde zu Secunde den Wunſch, mein Leben zu erhalten, in mir vermehrte. Aber meine Füße befanden ſich noch in derſelben Lage. Sie mußten nothwendig der Richtung folgen, welche der Ober⸗ theil meines Körpers eingeſchlagen hatte. Wenn ſie keinen Stützpunkt fanden, ſo mußte ich mich blos mit meinen Händen feſthalten, und meine Arme konnten nicht länger als höchſtens ein paar Augenblicke das Gewicht meines ganzen Körpers tragen. „Ich blickte unter mich v unausſprechliche Freude! eine Höhlung ſchien gleichſam meine Füße zu erwarten ich machte eine letzte und heftige Anſtrengung; ich ſützte mich auf meine Hände; die Schenkel, die Beine und die Füße wandten ſich, und ich hatte feſten Fuß gefaßt. Ich ſprach den Namen Sophiens mit ebenſo großer Genug⸗ thuung aus, als an dem Tage, an welchem ich ſie zum Al⸗ tare geführt hatte. „Ohne Zweifel, ich hatte ſchon viel gethan; aber ich mußte mich auch noch weiter aus dieſer Sache ziehen. Ich ſah unter mich und erkannte die Möglichkeit hinabzuſtei⸗ gen. Die Hoffnung gab mir Kräfte, und ich kam endlich an dem Fuße dieſes Felſens an, auf deſſen Gipfel ich den Tod zu finden geglaubt hatte. Ich fiel auf die Kniee und dankte Gott im Gebete. Dann öffnete ich meinen Quer⸗ ſack, nahm einige Nahrung zu mir und betrachtete die Ge⸗ gend, die mich umgab. „Ich bemerkte eine Art von ſchlängelndem Fußpfad, den — 189— ich ſpäter wieder fand und der mich auf den Gipfel des Ebenalp führen zu müſſen ſchien. Ich hielt ihn für gang⸗ bar und rückte mit einem Muthe, den nichts mehr zu er⸗ ſchüttern vermochte, vor. „Jetzt erſt dachte ich wieder an meinen unglücklichen Gefährten. Ich hielt ihn für todt; ich hatte aufgehört, für mich ſelbſt zu fürchten, und empfand nun für ihn alle jene peinlichen Gefühle, die mich zwei Stunden hindurch ge⸗ martert hatten. Meine Augen füllten ſich mit Thränen. „Ich hatte ihn an dem Fuße der Eismauer aus dem Geſicht verloren.„Ach,“ dachte ich,„er hat um dieſelbe herumgehen und folglich den furchtbaren Felſen zu ſeiner rechten Hand liegen laſſen müſſen, den zu erklimmen ich die Tollkühnheit beſeſſen hatte. Er hat unbedingt dieſen Fußpfad aufgefunden, iſt demſelben nachgegangen und iſt daher jetzt ohne Zweifel ſchon viel weiter vorgerückt als ich. „Die Intenfivität der Kälte nahm in dem Maße zu, als ich höher hinaufklomm. Ich glaubte Bertrand ſchon todt und vor Kälte erſtarrt unter den Fichten hingeſunken zu ſehen, welche den Gipfel des Berges krönen. Ich faßte den Plan, ihn wieder in's Leben zurückzurufen und be⸗ ſchleunigte daher möglichſt meine Schritte. „Endlich kam ich, athemlos und von Unruhe verzehrt, auf dem Gipfel des Verges an; ich rief: Bertrand! aber er antwortete mir nicht. Ich ſuchte ihn, und fand ihn end⸗ lich, wie ich es vorausgeſehen hatte, unter den Fichten hin⸗ geſtreckt, welche von hier aus nur ſchwaches Geſträuch zu ſein ſcheinen. Ich ſetzte mich hinter ihm zu Boden, ich hob den Obertheil ſeines Körpers in die Höhe und ſtützte den⸗ ſelben gegen meine Bruſt, um ihm einige Wärme wieder⸗ zugeben; ich flößte ihm Wein in den Mund ein und hatte endlich die Genugthuung zu ſehen, wie er wieder ſeine Augen aufſchlug. Ich zog ihn zu der ſtärkſten der Fichten hin, und lehnte ihn an dieſelbe. Ich zog meinen Rock aus, und auf die Gefahr hin, ſelbſt vor Froſt umzukommen, deckte ich ihn mit demſelben zu. Endlich verſuchte ich es, Feuer zu machen. Ich hatte mich mit Sachen beladen, die ich durchaus nicht unbedingt nöthig hatte, aber ich vergaß ein Feuerzeug mit mir zu nehmen. Ich brach einen Kieſel⸗ ſtein, vermittelſt eines anderen noch größeren, entzwei. Funken ſprühten und fielen auf die dürren Blätter. Wir mußten nothwendig Feuer haben, oder Einer wie der An⸗ dere elend umkommen. Ich wiederholte deshalb dieſen Verſuch einige Male; ich blies leicht darein, endlich erhob ſich die Flamme. Trunken vor Freude rannte ich hin und her, ſuchend, um dürre Blätter und Geſträuch zuſammen⸗ zuraffen. Ich gab meinem Feuer eine ſolche Nahrung, daß man es von hier aus ſehen konnte. Ich nahm meinen Rock wieder; ich half Bertrand ſich bis an das Feuer hin zu ſchleppen, welchem wir unſer Leben verdanken ſollten. „Er gewann bald den Gebrauch ſeiner Glieder und ſei⸗ ner Sinne wieder, er erkannte mich; noch hob er ſich nicht empor, aber er ſtreckte mir ſeine Arme entgegen; ich ſtürzte mich in ſeine Umarmung. Ich hatte ſeine faſt ganz erloſchene Wärme zurückgerufen; jetzt galt's, ihm ſeine Kräfte wiederzugeben. Alles, was mein Querſack enthielt, — — 191— außer dem Weine, war gefroren. Welches Glück alſo, daß ich im Stande geweſen war, Feuer anzumachen! Wir hielten eine ausgezeichnete Mahlzeit, und die Leiden ver⸗ geſſend, welche wir zu ertragen gehabt hatten, gaben wir uns völlig unſerer gewöhnlichen Fröhlichkeit hin. Ber⸗ trand warf ſich wieder in meine Arme, und ſchwur mir ewige Dankbarkeit.„Hätteſt Du nicht eben daſſelbe auch für mich gethan?“—„Du darfft nicht daran zweifeln.“— „Folglich biſt Du nicht in meiner Schuld.“ „Wir wollten nun auch den Zweck unſers gefährlichen Unternehmens erfüllen; wir unterſuchten in allen ihren Einzelnheiten die neue Welt, in die wir einzudringen im Begriffe ſtanden. „Wir ſahen zuvörderſtzu unſerer Linken ungeheure Ab⸗ gründe, die zu überſteigen dem Sterblichen unmöglich iſt. Auf der andern Seite waren zwei Gebirgshirten, welche in ihre Schafsfelle eingehüllt waren. Wir gaben ihnen Zeichen der Freundſchaft. Unbeweglich und voll Erſtau⸗ nen ſahen ſie uns mit Bewunderung an. Wir wandten uns dann gegen drei Fichtenſtände von einer fabelhaften Größe. Sie ſind von einander durch kleine Raſenplätze, deren Gras uns abgenagt zu ſein ſchien, getrennt. Es war leicht zu erkennen, daß eine Axt nie dieſe Urbäume be⸗ rührt hatte. Es waren ihrer vierzig bis funfzig in jedem dieſer Stände vorhanden. Wir durchwanderten alle drei nach allen Richtungen. Wie groß war unſer Erſtaunen, dort ungefähr dreißig Gemſen anzutreffen, welche bei un⸗ ſerem Erſcheinen keineswegs die Flucht ergriffen; ohne — 192— Zweifel hatten ſie nie Menſchen geſehen, und fürchteten uns deshalb nicht. Ohne Zweifel auch find ſie nicht von dem andern Theile des Gebirges hierhergekommen; ſie würden ſonſt die Hirten und die Fallſtricke derſelben kennen und würden ſich bei unſerer Annäherung zerſtreut haben.“ „Die Natur erzeugt überall, wo die Hand des Menſchen ihr nicht hindernd in den Weg tritt,“ ſagte André,„und es wird ihr nicht ſchwerer eine Gemſe zu ſchaffen, als eine Blume.“—„André,“ rief ich aus,„das iſt wieder einer Deiner ketzeriſchen Einfälle, welche mich ſo oft verletzt ha⸗ ben!“—„Das große Weſen ſchuf und belebte Alles, und gab der Natur die erzeugende Kraft, welche nur eine Fort⸗ ſetzung der Schöpfung iſt. Ich glaube, mein lieber Anton, dieſer Gedanke iſt ein ganz rechtgläubiger.“ Abdonn ſetzte ſeine Erzählung fort: „Wir machten uns zum Herabſteigen und zur Erreichung uuſerer Wohnungen bereit, die ein Aſyl des Friedens und des Glückes ſind. Eine Betrachtung hielt uns jedoch noch zurück; wir wollten nicht ohne ein Zeichen, daß unſer Ver⸗ ſuch gelungen, zu Hauſe erſcheinen. Thiere, die wir nicht kannten, welche aber eine große Aehnlichkeit mit Kaninchen hatten, liefen fortwährend an uns vorüber; wir ſchoſſen auf dreie von ihnen; unſere Piſtolen waren zwar mit Kugeln geladen, aber unſere Schüſſe trafen ſie nicht. Eine Gemſe zeigte ſich ſeitwärts von uns, und ich erlegte ſie. Es iſt zu bemerken, daß dieſe vier Schüſſe die unſchuldigen Bewoh⸗ ner des Ebenalps nicht erſchreckten; ſie müſſen an das — 193— Feuer des Blitzes und an den Schall des Donners ſchon gewöhnt ſein. „Ich näherte mich meinem Opfer. Es war ein Weibchen, deren Brüſte noch voll Milch waren. Wir beſchloſſen, das lebende Junge zu fangen. Wir hoben hierauf die Mutter auf ihre vier Füße, ſtützten ſie ſodann gegen eine Fichte, und befeſtigten ſie an dieſelbe. Ich verſteckte mich unter ihrem Bauche und Bertrand entfernte ſich*). „Das Junge erſchien bald. Es bemerkte mich, trotzdem ich alle Vorſichtsmaßregeln, mich zu verſtecken, getroffen hatte. Der Hunger drängte es ohne Zweifel; dennoch ſchien es einige Augenblicke unentſchloſſen zu ſein; endlich ſprang es vorwärts, und legte ſich an die Bruſt ſeiner Mutter. Ich warf ihm einen laufenden Knoten um das Hinterbein, und es gehörte uns. Wir befeſtigten denſelben auf eine Weiſe, welche ihm die wenigſten Schmerzen bereitete; Bertrand lud die Mutter auf ſeine breiten Schultern, und wir be⸗ gannen hinab zu ſteigen. Es war auch wirklich die höchſte Zeit dazu, denn die Kälte begann ſich ſchon wieder mit einer Beſorgniß erregenden Heftigkeit fühlbar zu machen. „Wir gingen ſo ſchnell, als es uns die Bürden, mit denen wir uns belaſtet hatten, erlaubten, und wir bemerk⸗ ten, daß die Temperatur wirklich von Viertelftunde zu Viertelſtunde erträglicher wurde. Wir kamen endlich an dem Fuße dieſes furchtbaren Felſens an, von deſſen Gipfel 0Auf dieſe Art fangen die ſchweizer Jäger die jungen Gemſen wirklich. Biblioth. 385 Voch. 1³ — 194— herab ich dem Tode in's Auge geſehen hatte. Das Ueber⸗ maß der Beſorgniß und der Müdigkeit hatte mir damals nicht erlaubt, mir die Umgebungen deſſelben näher zu be⸗ trachten. Jetzt erſt erkannten wir die neuen Genüſſe, welche uns die Natur verſpricht. Da, auf einer Plateform von vier oder fünf Joch Ausdehnung, wachſen dieſe wilden Kirſchbäume, welche der Felſen vor den Nordwinden ſchützt. Wir ſchnitten dieſe Zweige ab, welche Bertrand Ihnen dargereicht hatte. „Wir gingen um dieſen furchtbaren Felſen herum, und nun erſt bemerkten und erkannten Sie uns. Meine Erzäh⸗ lung iſt hier natürlich zu Ende.“ Der Redner hätte noch lange Zeit fortſprechen können, ohne daß man daran gedacht hätte, ihn zu unterbrechen. Die Neuheit und Verſchiedenartigkeit der Gegenſtände, ebenſo wie das Intereſſe, welches ſie einflößten, hielten die Aufmerkſamkeit geſpannt. Indeſſen war es zehn Uhr des Abends geworden, eine ganz außergewöhnliche Stunde, und wir konnten unſere guten Freunde nicht nach Hauſe gehen laſſen, ohne ihnen einige Erfriſchungen anzubieten. Unſer Brot, unſere Molken, vdie Butter, die Eier, der Seret, die Kartoffeln, welche zu unſerm Abendbrote be⸗ ſtimmt waren, und ein Faß Wein, alles dies verſchwand in einem Augenblicke, und doch konnte Niemand ſich ſeinen Magen überladen haben. — 195— Siebenunddreißigſtes Kapitel. Die kleine Colonie erſteigt den Ebenalp. Wir übrigen Bewohner der Ebene träumten von nichts Anderem als von Kirſchbäumen, Fichten und Gemſen. Bertrand und Abdonn hatten ſich ſchon an's Werk gemacht, als wir unſre Hütte verließen. Wir überhäuften ſie einen großen Theil des Tages hindurch mit Fragen. Je nach ihren Antworten überlegten und beſtritten wir, und wir brannten vor Begierde, mit unſeren eigenen Augen den Gipfel dieſes bis jetzt für unerſteigbar gehaltenen Berges zu ſehen. Aber wir mußten dieſe Reiſe ohne alle Gefahr unternehmen können, und zu dieſem Behufe mußten Stu⸗ fen gehauen werden. Abdonn behauptete, daß nur vier Arbeiter daran arbeiten könnten, und daß eine größere Zahl ſich nur ſelbſt im Wege ſtehen würde. Der kleine Anton und die kleine Antvinette jauchzten ſchon vor Freude bei dem Gedanken, unſere Gemsheerde zu ſehen und unter unſeren Fichten ſpazieren zu gehen. Sie trieben Abdonn an:„So gehe doch, ſo gehe doch ſchnell und hole Arbeiter.“ Es war übrigens überflüſſig, ihn ſo zu drängen: er ſah ein, daß er in Weißbad und zu Appenzell eine große Rolle ſpielen würde. Er kehrte daher auch nicht vor dem Abende zurück. Er war den ganzen Tag über von Neugierigen und Bewunderern umgeben geweſen, welche den Höflin⸗ gen Ferdinands und Iſabellens glichen, welche gleichfalls mit Begierde dem Chriſtoph Columbus zuhörten, als er von ſeiner erſten Reiſe nach der neuen Welt zurückkehrte. 13* — 196— „Aber,“ ſagte ich zu André,„wie kommt es denn, daß dieſe Gemſen da oben, welche nicht von benachbarten Ber⸗ gen hinkommen konnten, doch nur in ſo kleiner Anzahl dort vorhanden ſind?“—„Der Grund davoniſt ſehr einfach: die Gattungen vermehren ſich nur in dem Verhältniſſe, als Nahrung für ſie vorhanden iſt. Die Jungen gehen zu Grunde, wenn die Brüſte ihrer Mütter vertrocknet ſind.“ Abdonn hätte hundert Arbeiter gefunden, wenn er deren bedurft hätte. Tags darauf, ſchon mit Sonnenauf⸗ gang, langten die vier Auserwählten an, glücklich darüber, zugleich ihre Neugierde befriedigen und ihren Tagelohn verdienen zu können. Das Springen jeder Mine kündigte uns durch ſeinen Knall an, daß wir jetzt ſchon ein Hinderniß weniger zu überwinden hatten, und machte Anton und Antoinetten vor Freude herumhüpfen. Antoinette verſprach Robin, der ſich ganz beſonders an ſie angeſchloſſen hatte, daß ſie ihm bald einen Gefährten geben wolle. Robin ſchien ihre Lieb⸗ koſungen zu fühlen; aber er wandte ſich öfters nach der Seite des Gebirges zu, hüpfte und ſprang zehn oder zwölf Fuß weit. Er ſetzte fort, ſeine zunehmenden Kräfte zu prüfen. Und wirklich— o Tag des Kummers und der Trauer!— eines Morgens war er verſchwunden. Es ſcheint, daß dieſes Thier ein ungemein heißes Blut habe, und daß es ihm nothwendig ſei, eine Eisluft einzuathmen, welche allein im Stande iſt, ſeine Hitze zu mäßigen. Viel⸗ leicht hängt es auch zu leidenſchaftlich an der Freiheit, und ſucht dieſelbe weit von den Menſchen. — 197— N Die armen Kinder waren in Verzweiflung. Antvinetie vergoß Thränen, während ſie Robin rief, der ſie freilich nicht mehr hören konnte. Wir verſprachen ihr eine andere junge Gemſe. Die Kindheit hat ſtets Eile, wenn ſie ſich freuen ſoll.„Aber wann werden wir ſie denn bekom⸗ men?“ fragte Anton.—„O,“ ſagte Antvinette,„dieſe nächſte will ich an einem Bande feſtbinden; ſie ſoll mir nicht wieder entkommen.“—„Meine Tochter, es iſt viel⸗ leicht die Furcht vor Sclaverei, die Robin zur Flucht be⸗ ſtimmte. Die Thiere wollen eben ſo gut wie der Menſch frei ſein.“—„Mein Sohn, die Thiere, die wir uns unter⸗ worfen, haben ihren natürlichen Inſtinct verloren; es ſind entartete Weſen.“ Das Räſonnement dieſer beiden Väter mochte wohl ſehr richtig geweſen ſein; aber es in⸗ tereſſirte Anton und Antvinette nur wenig. Dieſe ſuchten eine Linderung ihres Grames in ihrer gegenſeitigen Um⸗ armung, und neue Geſühle ſchienen ſich in ihnen zwent⸗ wickeln. „Freund André, dieſe Kinder ſind zwölf Jahre alt, find noch ganz unſchuldig; aber dieſe Zärtlichkeiten wer⸗ den ſie unbewußt an das Ziel führen, welches die Natur aufgeſtellt hat, und der Tag, den wir beſtimmt haben, iſt noch weit von uns entfernt.“—„Mein Sohn iſt bereits ein großer Philoſoph.“—„Ja, ſie wiſſen wohl ziemlich Beide alles Das, was wir ſie lehren konnten; aber erin⸗ nere Dich daran, daß Dich Deine Philoſophie nicht in dem kleinen Hauſe von Arpajon feſthielt.“—„Ich war in der vollen Kraft meines Alters.“—„Wäreſt Du der Vater — 198— Antoinettens, dann würdeſt Du die Sache von einer an⸗ dern Seite betrachten.“—„Nun denn, lieber Anton, welchen Entſchluß ſollen wir denn faſſen?“—„Wir wollen uns wohl hüten, ihnen Vorwürfe zu machen, denn das hieße ſie aufklären. Wir wollen ſie von einander trennen, ohne daß ſie unſere Gründe dafür erfahren.“—„Und wie wollen wir dies anfangen?“—„Ich werde Antoi⸗ netten ſagen, daß ſie für ihr Alter zwar wohlunterrichtet ſei, daß dies aber nicht ausreiche; daß es nothwendig ſei, daß ſie die Stelle Mariannens in unſerer Hauswirth⸗ ſchaft einſt einnehme, und daß ich es gern ſähe, wenn ſie ſich ihr jetzt ſchon anſchlöſſe; daß ſie in ihren Muße⸗ ſtunden bei Sophien lernen ſolle, diejenigen Arbeiten zu machen, welche für eine Frau ſo nützlich find.“—„Und ich werde Anton ſagen, daß es ſchimpflich für einen Schweizer von zwölf Jahren ſei, noch keinen Spaten angerührt zu haben. Ich werde ihm als Muſter diejenigen Kinder ſeines Alters vorführen, welche er alle Tage arbeiten ſieht. Ich werde ihm Werkzeuge geben, welche ſeiner Kraft ange⸗ meſſen ſind, und das Uebrige möge das gute Glück für uns thun.“ Alles, was neu iſt, ergötzt die Jugend. Antvinette, Ma⸗ rriannen zugeſellt, folgte ſehr pünktlich allen Einrichtungen des Hausweſens. Ihre Lehrerin brachte einigen Wechſel in ihre Beſchäftigungen und führte fie von Zeit zu Zeit zu Sophien. Dort nahm ſie eine Nadel und eine Scheere, und verdarb gute Leinwand. Sie wurde zwar Anfangs bald verdrießlich darüber, aber man ermuthigte ſie wieder * — 199— durch die Verſicherung, daß ſie es das nächſte Mal beſſer machen würde; man gab ihr zu erkennen, wie nothwendig es ſei, ihre Ungeſchicklichkeit zu überwinden, um in dieſer Art von Arbeiten, welche eine jede Frau kennen muß, nicht mehr von Andern abhängig zu ſein. Derartige Arbeiten beſchäftigen jedoch unglücklicher Weiſe nur die Finger, feſſeln aber die Einbildungskraft nicht; die Einbildungskraft Antoinettens blieb ſtets in voller Thätigkeit, und man wird leicht errathen können, von wem ſie ſtets ſprach. Anton ging mit uns ſchon am früheſten Morgen fort; er ging ſtolz, ſeinen kleinen Spaten auf der Schulter, ein⸗ ber und dünkte ſich ein Mann. Er arbeitete ebenſo unge⸗ ſchickt wie Antoinette, aber er arbeitete muthig, und die körperliche Ermüdung läßt das Herz ausruhen; er früh⸗ ſtückte und nahm auch das Mittagsmahl mit uns auf dem Raſen oder auf einem Garbenbündel ein; aber wir mußten Abends zurückkehren. Antoinette verfehlte niemals uns entgegenzukommen; ſie umarmte Anton, reichte ihm ihren Arm, und wir traten in die Hütte, ihren Liedern zuhorchend. Sie ſangen mit einem ſolchen Ausdrucke, daß derſelbe die beiden Väter beunruhigte; ſie wußten nicht, welchen Gedanken ſie feſt⸗ halten ſollten. Etwas Neues ſchien einige Tage hindurch ihre Kinder ganz in Anſpruch zu nehmen. Die Stufenarbeiten waren beendigt, und man ſprach von Richts mehr als vom Er⸗ — 200— ſteigen des Berges; vort hofften ſie Robin wiederzufinden; aber man mußte ſich gegen die Kälte gut vexwahren. An⸗ dré nahm ſeinen Sohn mit ſich; ſie gingen nach Appenzell, um Schaffelle, recht viele Schaffelle zu kaufen, an denen noch die Wolle hing. Antvinette warf in dem Augen⸗ blicke die Arbeit von ſich, wo ſie ihre Rückkehr erwartete; ſie lief auf den Bergabhang. André und ſein Sohn kamen von Weißbad her, der Vater hatte Anton ſeinen Kräften angemeſſen beladen. Antvinette lief mit der Leichtigkeit einer Gemſe von uns fort; ſie rennt und iſt endlich da, ſie trocknet den Schweiß, welcher ſtromweiſe von dem Ge⸗ ſichte ihres Freundes rieſelt, ab. Sie nimmt ihm die Hälſte; ſeiner Laſt ab, und bürdet ſie ſich ſelbſt auf... Teufel! Teufel! Es war beſtimmt worden, daß Jeder ſeinen Gebirgs⸗ anzug ſelbſt verfertigen müſſe: das war wieder ein neues Mittel, die Finger und Köpfe der Kinder zu beſchäftigen. Sie hatten durchaus keinen Begriff von der Arbeit, die ſie übernahmen, ſie gaben dem Reize der Neuheit nach; ſie ar⸗ beiteten mit Eifer, aber ſie waren Beide gleich gebaut und nahmen daher einander das Maß. Antvinette hatte einigen Unterricht von Sophien erhalten, und ſie wollte daher die ſchwere ungeſchickte Nadel Antons leiten. Wir ſaßen im Kreiſe auf dem Raſen umher, und lachten viel über die grotesken Erſcheinungen, die wir in unſern neuen Anzü⸗ gen abgeben würdenz aber es entging mir trotzdem Nichts. Ich gab Sophien ein Zeichen; ſie nahm darauf zwiſchen den jungen Leuten Platz, unter dem Vorwande, ihre Ar⸗ — 201— peiten zu leiten; man widerſpricht ſeiner Lehrerin nicht, deshalb machte Antvinette auch Sophien ſogleich Platz. Scheeren, große Nadeln und Zwirn waren nun unſere einzigen Werkzeuge; man wird leicht begreifen, daß eine ſo grobe Arbeit uns nicht länger als einen Tag hindurch beſchüftigen kon te. Bereits hüllten wir uns in unſere Schafspelze, und lachten einander aus; Antvinette nimmt mit einem Stricke das Kopfmaß Antons. Was iſt ſie denn im Begriffe zu thun? Ein Schaffell iſt zerſchnitten, zu⸗ ſammengelegt und genäht, und Anton beſitzt einen Capu⸗ chon, welcher ihm über Schultern und Bruſt fällt; Löcher für Augen und Mund ſind in demſelben angebracht.„An⸗ dré,“ rief ich,„Du, der Du ſo viele ſchöne Sachen erfun⸗ den haſt, die Dir ganz unnütz waren, Du haſt den Capu⸗ chon nicht erfunden!“ Und Jeder von uns beginnt ſich ein ähnliches Kleidungsſtück zu verfertigen, und unſere Fröh⸗ lichkeit nimmt dabei immer mehr zu. Wir verkündigen An⸗ toinetten als die einzige Erfinderin eines Theiles unſerer Bekleidung, welche bis jetzt noch keinem Hirten des Gebir⸗ ges bekannt war; wir beglückwünſchten ſie, und Anton huldigte ihrer Erfindungskraft, indem er ſie zärtlich um⸗ armte: Antoinette wurde roth vor Freude... Teufel! Teufel! Der folgende Tag wurde mit Vorbereitungen zu der großen Reiſe, welche wir zu unternehmen im Begriffe ſtanden, zugebracht; Jeder machte ſich noch aus einem Schaffelle einen Querſack, indem wir unſere Schafpelze vabei fortwährend umhatten: wir hofften, daß dieſe Quer⸗ — 202— ſäcke unſere Speiſen vor dem Gefrieren ſchützen würden. Die Einen trugen die Lebensmittel, die Andern die Werk⸗ zeuge, welche wir nöthig zu haben glaubten; wir hatten Jeder einen mit Eiſen beſchlagenen Stock in der Hand, als wir uns auf den Weg machten. Es wird wohl ſchwer ſein, ſich von dem grotesken Schauſpiele einen Begriff zu machen, und einen poſſirlicheren Anblick als den, den wir uns gegenſeitig gewährten, zu genießen; beſonders war der Anblick der Frauen zum Todtlachen. Abdonn führte die Karawane an: er war Chriſtoph Columbus, ſeine zweite Reiſe beginnend und die Truppen anführend, welche die Neugierde vorwärts trieb, und die von Allem in Er⸗ ſtaunen verſetzt wurden. Anton und Antoinette fanden ſich ſtets unter ihrer Kapuze. Die Wege waren gangbar, aber ſie trafen jeden Augenblick ſchwierige Stellen an. Sie freuten ſich aber ge⸗ rade darüber, um ſich gegenſeitig unterſtützen und ſich ein⸗ ander die Hände reichen zu können, die, wenn auch von der Länge der Aermel verſteckt, einander doch ſtets fanden. Die Temperatur war immer noch mild, und wir waren gezwungen, uns von unſerer ſchweren Bekleidung zu be⸗ freien und gelangten ſo uneingehüllt bis zu den wilden Kirſchbäumen; es waren ihrer ungefähr funfzig, und ihre Früchte waren jetzt bereits reif: es wurde feſigeſetzt, ſie den nächſten Tag ſchon zu ſammeln. Wir waren endlich in den Gebirgen, welche wir ſeit unſerer Ankunft in dem Canton von Genf nur von fern geſehen hatten; der erſte dieſer Berge machte uns durch — 203— ſeine fabelhafte Höhe ſtaunen: diejenigen, welche wir in der Folge entdeckten, machten auf uns keinen bemerkens⸗ werthen Eindruck, weil wir Richts als unförmliche Maſſen unterſcheiden konnten. Hier waren wir mitten im Schooße einer todten Natur, wo jeder Gegenſtand für uns neuwar; das Eine rief unſere Bewunderung und unſer Erſtaunen hervor, das Andre gab Veranlaſſung zu Abſchweifungen, wie ſie dem vorherrſchenden Geſchmacke André's zuſagten. Während wir uns unterhielten, füllten Marianne und die Kinder ihre Querſäcke mit in der Ebene unbekannten Pflan⸗ zen, welche unſern Wohnſitz zieren helfen ſollten. André meinte, daß ſie vort nicht fortkommen würden. „Die Natur zeugt überall,“ ſagte er uns,„aber nur auf eine dem Erdreiche und der Temperatur angemeſſene Weiſe.“ Der Erfolg rechtfertigte auch wirklich ſeine Pro⸗ phezeihung.„Sehen Sie,“ fügte er hinzu,„jene großar⸗ tigen, umgeſtürzten, in Unoronung über einander liegen⸗ den Maſſen; es iſt unbeſtreitbar, daß ſie in dieſer Geſtal⸗ tung nicht erzeugt worden ſind. Bemerken Sie nicht auf einigen derſelben unzweifelhafte Spuren von Feuer, wel⸗ ches ſchon vielleicht ſeit Tauſenden von Jahren ausgelöſcht iſt; hier zu unſern Füßen haben Vulcane ſich befunden, die nach und nach Berge ausſpien. Denken Sie an die ungeheuren Höhlen, welche davurch im Schvoße der Erde entſtanden ſind, und Sie werden dann nicht mehr über die geringe Thätigkeit erſtaunen, welche heut zu Tage das un⸗ terirdiſche Feuer zu haben ſcheint;z das Schießpulver macht nur dann Exploſionen, wenn es zuſammengedrückt wird.“ — 204— Indem wir ſo disputirten oder vielmehrUnſinn ſchwatz⸗ ten, waren wir ungefähr zu einer Höhe von zweihundert Klaftern gelangt. Die Kälte begann jetzt ſo fühlbar zu werden, daß wir uns eiligſt in unſre Schafpelze einhüll⸗ ten; zwei Stunden darauf waren wir auf dem Gipfel des Berges angekommen. Von unſerer Wohnung aus geſehen ſchien derſelbe ganz nadelſpitzig zuzulaufen; nichtsdeſto⸗ weniger befanden wir uns hier auf einer Plateform, welche wenigſtens funfzig Quadratacker Flächenraum enthielt. Unſer erſtes Geſchäft war Feuer anzumachen. Abdonn hatte beim erſten Male Mühe gehabt, ein ſolches zu ent⸗ zünden; wir Andern hatten uns aber Alle ſeine Unerfahren⸗ heit zu Nutze gemacht. Jeder von uns hatte ſein Feuerzeug und ſeine Zündhölzchen; wir zündeten drei Wachtfeuer an, welche Jeder der Reihe nach unterhalten mußte; wir ſchon⸗ ten die Fichten, aber verbrauchten eine große Menge der welken Blätter und des Geſträuches, welches ſich mit der Zeit auf dieſem Punkte angehäuft hatte. Wir ſaßen rings⸗ herum um dieſe Feuer, und zogen unſre Wundportihe aus ihren Behältniſſen. Man iſt immer guter Laune, wenn man endlich an das Ziel einer langen und beſchwerlichen Reiſe gelangt iſt. Wir wünſchten uns gegenſeitig Glück, und hielten uns für wich⸗ tige Perſonen. Wie ungerecht doch der Menſch iſt! Ber⸗ trand und Abdonn hatten ſich allen Gefahren ausgeſetzt und ihnen getrotzt, uns hatten ſie nur die Genüſſe vorbehalten. Wir frühſtückten fröhlich, und Jeder ſprach ſeine Mei⸗ nung aus.„O!“ ſagte Anton,„wenn der Glöckner von — 205— Weisbad jetzt wieder auf dem Glockenthurme iſt, ſo wird er glauben, der Berg ſtehe in Flammen.“—„Er würde Sturm läuten,“ ſetzte Antoinette hinzu,„und die ganze Einwohnerſchaft würde kommen, die Feuersbrunſt zu lö⸗ ſchen.—„Womit denn?“ erwiderte Marianne.„Scherz bei Seite,“ ſagte André,„die Leute wiſſen, daß wir gang⸗ bare Wege angebracht haben, und ſie werden nicht böſe ſein einen Vorwand zu finden, um auch große Reiſen zu machen.“—„Nun denn, ſo mögen ſie kommen.“—„Aber ſie mögen ſich auch ſelbſt ihr Mittagsbrot mitbringen.“ Wir erfuhren Abends, daß ſie wirklich die größte Luſt dazu gehabt hatten; aber ſie hätten durch unſer Gebiet ziehen müſſen, und ſo groß iſt die Achtung, die man in der Schweiz für das Eigenthum hegt, daß ſie es nicht gewagt hatten, das unſre ohne unſre Genehmigung zu durchziehen. Wir waren wieder zu Kräften gekommen, und es wurde uns nun heiß; wir ſtanden auf, um unſer erobertes Land zu durchſtreifen. Wir fanden die Erzählung Abdonns in allen Stücken, einen einzigen Punkt ausgenommen, der Wahrheit gemäß; dieſe Gemſen, welche an das Feuer des Himmels gewöhnt waren und welche die vier Piſtolen⸗ ſchüſſe nicht in die Flucht getrieben hatten, ergriffen nichts⸗ deſtoweniger bei unſerer Annäherung die Flucht: wir müſſen es aber den Reiſenden ſchon zu Gute halten, wenn ſie ein wenig lügen, wir verdanken ihnen ja ſo viel, wir, die wir an unſerm friedlichen Herde die Früchte ihrer fernen und gefährlichen Entdeckungen genießen. Man wird leicht begreifen, daß der Anblick der Gemſen — 206— ſogleich die Erinnerung an Robin wieder weckte. Antoi⸗ nette rief ihn, und er erkannte ihre Stimme; er kam zu ihr heran und ließ ſich von ihr liebkoſen. Anton machte ſich bereit ihm eine Schlinge um die Beine zu werfen, aber die Thiere ſind nicht ſo dumm als man glaubt; Robin erin⸗ nerte ſich vielleicht daran, daß Abdonn ihm durch daſſelbe MWittel ſeine Freiheit geraubt hatte: er wandte ſich um, zu fliehen; aber Anton hatte Zeit genug gehabt eines ſei⸗ ner Hinterbeine zu erfaſſen. Robin hatte an Kräften zu⸗ genommen, und ſchleifte das liebe Kind mit ſich fort; der wackere kleine Schweizer wollte ſeine Beute nicht loslaſſen, ſeine Ellbogen und Kniee wurden auf der harten und ge⸗ frorenen Erde hingeſchleift, Antoinette und Clara ſtießen ein lautes Geſchrei aus. Wir Alle eilten herbei; die Mü⸗ digkeit und der Schmerz hatten Anton endlich gezwungen loszulaſſen: Robin entfloh in das Gebüſch und erſchien nicht wieder. Der Schafpelz und die Oberhaut Antons waren an den Ellbogen und an den Knieen ganz durchgerieben; er litt große Schmerzen, und Antvinette litt faſt ebenſo ſehr als er. Wir führten ihn zu einem unſerer Feuer undfachten daſſelbe lebhaft an; Bertrand hatte Branntwein in ſeinem Querſacke, aber es mangelte uns an Wäſche; Antvinette zog ihren Schafpelz aus und zerriß ihr kattunenes Unter⸗ leibchen. Wir unterſuchten die Verwundungen Anton's; ſie waren ungefähr eine Viertellinie tief. Antoinette ſchwamm in Thränen.„Was!“ rief Anton,„die zärtliche Freundin eines Schweizers weint? Glaubt ſie, daß er nicht ² — 207— im Stande ſei Schmerzen zu ertragen! Ich habe nur einen Schmerz, meine liebe Antoinette, und das iſt der, daß ich Dir Deinen Robin nicht wiedergeben konnte.“ Er weinte nicht, aber er ſchnitt, als der Branntwein zu wirken begann, ſo entſetzliche Geſichter, daß es Einem in die Seele drang. Antoinette ſtürzte ſich auf ihn, und be⸗ deckte ihn mit Küſſen und Thränen; nur mit unendlicher Mühe brachte ich ſie zu einem Anſtande zurück, den ſie nicht kannte, weil ſie noch nicht wußte, daß es Sünden gebe. Wir dachten über die Mittel nach, Anton in unſere Wohnung zurückzubringen; er erklärte mit Feſtigkeit, daß er gehen wolle: er erhob ſich zwar, aber fühlte ſogleich, daß er doch nicht im Stande ſei auch nur Einen Schritt zu thun. Wir ſetzten feſt, daß ihn jeder der vier Männer der Reihe nach abwechſelnd tragen ſolle, und zwar auf ſei⸗ nem Querſacke ſitzend; André bemerkte noch, daß Einer von uns ſtets vor dem Träger gehen müſſe, damit ſich der⸗ ſelbe mit den Händen auf ſeine Schultern ſtützen könne. Clara ſchnitt den Querſack ihres Sohnes entzwei, und be⸗ reitete daraus Verbände, welche ſie dem lieben Kinde um Ellbogen und Kniee, ſo gut es eben gehen wollte, legte. André erklärte, daß er ſeinen Sohn zuerſt tragen wolle; er hatte dazu auch das unumftößlichſte Recht. Aber er war ſechszig Jahre alt, er konnte nicht weit gehen; Bertrand lud ſich nun daher die theure Bürde auf, und ſtieg mit der⸗ ſelben bis zu den Kirſchbäumen hinab: hier übernahm Ab⸗ donn dieſelbe und brachte ihn bis in unſere Hütte. Antoi⸗ nette ging dem Verwundeten ſtets zur Seite, ungeachtet — 208— der Einwendungen, die ich dagegen machen mochte; hätte ich Gewalt anwenden wollen, ſo würde ein Sprung zur Rechten oder Linken ſie in die Abgründe geſtürzt haben. So endigte eine Expedition, welche mit ſo viel Eifer und mit ſolcher Freude unternommen wurde. Kann der Menſch ſicher ſein, daß eine angenehme Empfindung einen Tag, eine Stunde, ja auch nur eine Minute lang dauere? Ich lief nach Weißbad, um die alte Thecla, den Arzt des Ortes, zu holen. Sie nahm ihre kleine Hausapotheke mit ſich und folgte mir. Sie erklärte, daß der Branntwein ein reizendes Mittel ſei, und daß wir dem Verwundeten die lebhaften Schmerzen hätten erſparen können, wenn wir ihn heruntergetragen hätten, ohne ihn zu verbinden. Sie legte beruhigende Mittel auf ſeine Wunden und er⸗ klärte, daß er vierzehn Tage das Bett werde hüten müſſen. Antoinette verſicherte, daß ſie ihn weder bei Tage noch bei Nacht verlaſſen werde. Anton ſchwur bei ſeinem Schutz⸗ heiligen, daß er ſeinen Verband ſogleich wegreißen würde, ſobald ſie ſich entfernte. Er war wirklich im Stande, dieſe Drohung auszuführen, und ſein Vater und ich wußten nicht, wozu wir uns entſchließen ſollten. Clara verſprach uns, ſo lange bei den Kindern zu bleiben, bis wir einen unabänderlichen Entſchluß gefaßt haben würden. Es war ihr am Ende gleich, ob fie hier oder dort weiter nähte, und ſie war ja auch Mutter. Wir beſchloſſen, Anton aufzuklären, ihm die Unſchuld Antvinettens anzuvertrauen, und ihn dafür verant⸗ wortlich zu machen. Ach! auf dieſelbe Art hatte ich zu — W— la Rochelle meine arme Colombe vor miunp vor ihr ſelbſt geſchützt. Ich ſchlug André vor, die Religion zur Unterſtützung der Moral in Erwähnung zu bringen. Unſer Pfarrer war fromm, nicht fanatiſch; ſtets bereit, ſich ſeine Pfarrkinder zu verpflichten, und Nichts als ihre Achtung zum Lohne für ſeine Bemühungen in Anſpruch nehmend. Die Prieſter werden ſich überall ſo benehmen, wenn ſie den Pflichten ihres Amtes treu bleiben wollen. Herr Wimmen folgte mit Vergnügen unſerer Einla⸗ dung. Wir fanden Antoinetten, als ſie ihrem jungen Freunde eben eine ſehr rührende Geſchichte vorlas. Es war die Geſchichte von dem Kinde, das den Tod ſeines Vaters herbeiführte, weil es ihm vielen Kummer bereitete. Dieſe Geſchichte diente dem Pfarrer zum Terte ſeiner folgenden Vemerkungen. Er ſprach zu unſeren jungen Leuten mit einer wahrhaft evangeliſchen Einfachheit und mit Grün⸗ den, die nicht zu widerlegen waren. Aber er mußte ſie erſt belehren, damit ſie die Kraft ſeiner Worte verſtehen konn⸗ ten. Wie groß war ihr Erſtaunen, als er ihnen erklärte, daß das Gefühl, welches ſie an einander kette, die Liebe ſei, und zwar eine unerlaubte Liebe, weil ſie bei ihrer zar⸗ ten Jugend noch nicht vereinigt werden könnten.„Wann wird man uns aber denn verheirathen?“ fragte Antvi⸗ nette mit ſchüchternem Tone.—„Wenn Du das ſechszehnte Jahr wirſt erreicht haben,“ antwortete ich.—„Vier Jahre noch müſſen wir warten!“ rief Anton aus.—„Und wenn Ihr Euch den kleinſten Fehler zu Schulden kommen laſſet,“ Biblioth. 383 Boch. 14 — 210— bemerkte der Pfarrer,„ſo habe ich es ſchon bereits geſagt, daß Ihr den Tod Eurer Eltern herbeiführen würdet, wie jener böſe Antoni den Tod ſeines Vaters verurſachte.“ Die Augen der armen Kinder füllten ſich mit Thränen. Antvinette zog langſam ihre Hand aus der Antons zurück. Sie ſah mich mit flehendem Blicke an.„Iſt es uns denn wirklich verboten, uns zu lieben?“—„Nein, meine Toch⸗ ter.“—„Es uns einander zu geſtehen?“—„Nein, durch⸗ aus nicht; aber die langwierigen Unterhaltungen und jede Art von Liebkoſungen ſind Euch aufs Strengſte verboten.“ —„Wir müſſen alſo leiden, und zwar im Stillen leiden.“ —„Antvinette, ein Schweizer iſt ſeinem Vaterlande ſein Blut ſchuldig, aber erſtrecken ſich ſeine Pflichten nicht auch noch weiter? Muß er nicht auch ſeinem Vater Opfer brin⸗ gen? Du liebſt nicht glühender als ich, und ich habe mich ſchon darein ergeben. Wollteſt Du weniger ſtark als Dein Freund ſein?“ Welch ein Mann verſpricht doch einſt dieſer Knabe zu werden! André und ich wir umarmten ihn Beide mit einer außerordentlichen Zärtlichkeit. Antoinette drängte ſich mit zu Boden geſenkten Augen hinzu, und wir gaben ihr den Kuß des Friedens. Sie entfernte ſich, indem ſie ihre Augen abtrocknete, und ging Sophie wieder aufzuſuchen. Gertrude trat ein, um uns zu ſagen, daß das Mittags⸗ eſſen bereit ſei; wir luden den würdigen Pfarrer ein, daſ⸗ ſelbe mit uns zu theilen. Die Kinder aßen jedoch gar Nichts. Und in der That, das Hauptgericht unſeres Mah⸗ les beſtand aus einem Viertheil jenes unglückſeligen Schwei⸗ 8— — 211— nes, welches uns einen unüberwindlichen Ekel einflößte. Und Anton und Antoinette hätten auch nicht die beſte un⸗ ſerer gebratenen Ziegen angerührt. Der Pfarrer ſprach ihnen Vernunft ein. Er führte ihnen mehrere junge Leute aus dem Dorfe an, welche die zärtlichſte Liebe für einan⸗ der hegten, aber ruhig den glücklichen Augenblick abwarte⸗ ten, ohne weder mit der Arbeit auszuſetzen, noch den Ap⸗ pelit zu verlieren. Wir boten unſeren Kindern die beſten Speiſen, die wir hatten, an und ſie fügten ſich endlich un⸗ ſeren Bitten. Sie werden zwar fortfahren, ſich zu lieben; aber ſie find gut und zartfühlend und werden daher jede Gelegenheit, uns Kummer zu verurſachen, vermeiden. Am Morgen des nächſten Tages erſchienen die vier Arbeiter, welche uns den Weg nach dem Berge geebnet hatten, mit ihren Butten auf dem Rücken und bereit unſere Kirſchen pflücken zu gehen. Bertrand und Abdonn gingen mit ihnen fort. Wir beobachteten unſere Kinder. Anton langweilie ſich, aber darauf mußten wir ja gefaßt ſein. Antvinette verließ Sophie nicht und führte mit ihr geordnete Geſpräche. Wir erfuhren im Laufe des Tages, daß die gute junge Frau ihr erzählt hatte, wie Abdonn und ſie ſich drei Jahre geliebt hätten, bevor ſie ſich heiratheten, obgleich ſie ſchon in dem Alter waren, es zu können, und daß ſie es vielleicht noch nicht wären, wenn wir ihnen nicht die Mittel ver⸗ ſchafft hätten, ſorglos leben zu können. Kleine Urſachen, große Wirkungen: das Glück dieſer beiden jungen Leute war der Lohn eines Contretanzes, den Sophie Marian⸗ 14* — 212— nen geopfert hatte. Wir hatten eine gute Handlung ge⸗ than, ohne auch nur bis jetzt daran gedacht zu haben. Der Tag verfloß und unſere Kirſchenpflücker erſchienen noch immer nicht. Die Arbeiter hatten dieſen Berg ſehen wollen, deſſen Erſteigung ſie uns möglich gemacht hatten, und dieſer Wunſch war ein ſehr natürlicher. Sie kamen mit Sonnenuntergang zurück, nachdem ſie ganz nahe daran geweſen waren, vor Kälte umzukommen; aber dafür hat⸗ ten ſie auch jetzt ihren Weibern und Kindern eine lange Geſchichte zu erzählen. Und das macht einen Abend ſo an⸗ genehm verfließen. Sie waren ebenſo wie Vertrand und Abdonn mit unſe⸗ rer Kirſchenernte beladen. Es iſt doch eine ſchöne Sache um die Vorſicht, eine ſo ſchöne, daß man ſie nicht genug ſchätzen kann.„Da find Kirſchen, da ſind Kirſchen!“ ſagte ich zu Bertrand,„das iſt ganz gut; aber wie willſt Du denn daraus Kirſchwaſſer bereiten? Wir haben keinen De⸗ ſtillirkolben, und alle Handwerker des ganzen Cantons zu⸗ ſammengenommen ſind nicht im Stande, uns einen ſolchen zu verfertigen, weil ſie niemals einen geſehen haben.“— „Teufel, Teufel!“ ſagte Bertrand, indem er ſich hinter den Ohren kratzte.—„Sage Teufel, Teufel, ſo viel Du willſt, das heißt ja doch nicht antworten; was ſollen wir nun mit unſeren Kirſchen anfangen?“—„Wein daraus machen,“ ſagte Einer.—„Ja, der wird gerade gut genug dazu ſein, um unſeren Maulthieren die Füße damit zu waſchen.“—„Eingemachtes,“ ſagte Mariannez„wir ha⸗ — 213— ben ja Honig.“—„Aber der ganze Honig aller Cantone zuſammengenommen würde dazu nicht ausreichen.“ „ArmeLeute, die Ihr ſeid,“ rief André aus,„habt Ihr denn auch nicht ein bischen Erfindungsgabe? Wenn man keinen Deſtillirkolben hat, ſo verſchafft man ſich einen oder auch zwei und drei. Morgen wird Bertrand dieſe Kirſchen in eine Kufe einſtampfen, und Anton und ich werden uns auf den Weg nach Sanct⸗Gallen oder nach Schwaben machen.“—„Du weißt es doch, André, daß in den von Prieſtern regierten Ländern keine Induſtrie vorhanden iſt. Jeder ſtrebt dort darnach, ſelbſt Prieſter zu werden, denn die Leute ſind der Meinung, es ſei beſſer Bedrücker zu ſein, als Bedrückter. Die Liqueure ſind zwar zu Sanct⸗Gallen im Ueberfluſſe vorhanden, aber ſie kommen ſchon fertig in die Keller des Abtes und ſeiner Chorherren. Das Manna fällt dort bei jenen Herren vom Himmel, und Diejenigen, die nicht ein wenig Latein gelernt haben, müſſen Waſſer trinken.“—„Das, was Sie da ſagen, mein lieber Freund Anton, iſt wohl wahr; aber würden Sie dieſelben Bemer⸗ kungen an jenem Tage gemacht haben, an dem Sie auf den Knieen das Schlachtfeld von Montcontour durchrutſch⸗ ten?“—„Mein lieber André, manchmal verdecken dichte Wolken die Sonne; dieſe aber dringt früher oder ſpäter mit ihren Strahlen doch hindurch, und Diejenigen, die das Licht unter den Scheffel zu ſtellen glauben, müſſen für ſehr beſchränkt gehalten werden. „Ich werde morgen nach Schwaben reiſen und auch meine Antvinette mitnehmen. Der Anblick von neuen — 214— Gegenſtänden gewährt nothwendigerweiſe Zerſtreuung; dieſe kleine Reiſe wird dem Mädchen wohl bekommen.“ Ich wiederhole es: wir wiſſen ſtets Alles, was wir thun wollen, wiſſen aber nie Das, was wir thun werden. André und ich wurden vor den Großen Rath gefordert, welcher ſich am anderen Täge verſammelte. Nun denn! die Kirſchen werden eingeſtampft bleiben und wir werden vor unſere Richter mit der Feſtigkeit von Leuten treten, die ſich nichts Böſes vorzuwerfen haben. „Der Große Rath,“ ſagte uns der Landamman,„hat Euch den Erdſtrich zugeſtanden, welchen Ihr urbar gemacht, aber nicht auch den Berg, an den ſich derſelbe anlehnt. Deſſenungeachtet habt Ihr Beſitz von demſelben ergriffen, obſchon Ihr wißt, daß er Euch nicht gehört. Was habt Ihr zu Eurer Rechtfertigung zu ſagen?“ Dieſe Argu⸗ mentirung war ſehr bündig, und wir waren auf dieſelbe nicht gefaßt. Man hat doch nicht vergeſſen, daß ich ſtets der Advocat bei wichtigern Angelegenheiten bin. Ich war auf den An⸗ griff nicht gefaßt, und mußte aus dem Stegreife eine Ver⸗ theidigungsrede halten: „Der Herr Landamman giebt uns zu verſtehen, vaß der Theil des Ebenalpes, an den ſich unſere Felder lehnen, ein Communalgut ſei, welches von dem Dorfe Weißbad abhängt. Ich frage ihn, was ein Communalgut iſt, wel⸗ ches unzugänglich iſt, und ohne unſere Arbeiten es auch noch jetzt ſein würde? Wir haben alſo annehmen können, daß dieſer Berg, welcher Niemandem nützte, von Denen — 215— ausgebeutet werden dürfte, welche die Schwierigkeiten der Natur beſiegt haben. Wenn wir auf den geringen Ertrag dieſes Sieges, welcher unter die Einwohner des Dorfes getheilt faſt Nichts ausmachen würde, Verzicht leiſten woll⸗ ten, ſo würde es doch immer nöthig ſein, um denſelben zu ſammeln, unſere fruchtbaren Felder zu durchſchreiten. Nur auf dieſem Wege können Sie auf den einzig gangbaren Steg gelangen, welcher dort hinaufführt; man würde dann unſere Saaten mit Füßen treten, und unſere Hoffnungen auf eine gute Ernte vernichten. Nun, das Eigenthums⸗ recht iſt in der Schweiz heilig, und wir verwahren uns im Voraus gegen Jedermann, wer es auch ſei, der das unſre anzutaſten wagen ſollte.“ Da wäre denn alſo eine Angelegenheit, in welcher es ſich um den Beſitz eines Armes der Alpen handelt, in ſehr wenig Worten entwickelt und vertheidigt; das kommt wohl daher, weil es in der Schweiz weder Advoca⸗ ten noch Procuratoren giebt. Der Landamman kündigte uns an, daß unſere Richter zur Berathſchlagung übergehen wollten, und ertheilte uns den Befehl uns zurückzuziehen. André und ich berath⸗ ſchlagten ebenfalls untereinander, was wir dann thun würden, wenn dieſer Handel zu unſern Gunſten ausfallen ſollte, was uns auch ziemlich wahrſcheinlich erſchien. Man rief uns zurück, bevor noch eine Viertelſtunde verfloſſen war, und der Landamman verkündigte uns die Entſcheidung im Namen der General⸗Verſammlung. „Die Verſammlung läßt Euch den Ertrag des Ber⸗ — 216— ges, aber als bloßen Nießbrauch und ohne daß Ihr jemals ein Eigenthumsrecht darauf beanſpruchen könntet.“ Da wäre denn ein Prozeß von hoher Wichtigkeit in weniger als einer Stunde beendigt; das kommt wohl da⸗ her, weil die Richter in der Schweiz keine Zeit haben wäh⸗ rend der Audienz zu ſchlafen. Ich ergriff nun wieder, der zwiſchen mir und André getroffenen Verabredung gemäß, das Wort: „Um unſern Landsleuten zu beweiſen, daß wir nur von jenem Rechtsfinne, der einen guten Schweizer nie verläßt, und nicht von jener Habſucht, welche den Menſchen in den ſogenannten civiliſirten Ländern erniedrigt, bewegt wor⸗ den ſind, ſo verpflichten wir uns ſowohl für uns wie für unſere Nachkommenſchaft zu Folgendem:„Bei jeder Hoch⸗ zeit, welche in dem Bezirke von Weißbad gefeiert werden wird, werden wir für das Hochzeitsmahl eine Gemſe, einen Krug Honigmeth und zwei Flaſchen Kirſchwaſſer liefern. „Der junge Gatte ſoll das Recht haben, ſich auf dem Berge eine Fichte zu fällen, die ihm zu den Verbeſſerungen, welche er an ſeiner Hütte anzubringen für nöthig halten wird, dienen ſoll. Dieſes Zugeſtändniß iſt nur unter der ausdrücklichen Bedingung gemacht, daß die Fichte nurunten an ihrem Fuße abgehauen und nicht entwurzelt werde, damit der Sohn, welcher aus dieſer Ehe erſprießen wird, ſie zwanzig Jahre ſpäter ſchon wieder emporgewachſen finden möge; auf dieſe Art wird jede Familie da oben ihr — 217— kleines Beſitzthum haben, welches ſie mit ihrem Namen bezeichnen mag. „Herr Landamman, wir bitten Sie, dieſe unſere Ver⸗ pflichtung in das Regiſter unſers großen Rathes eintra⸗ gen zu laſſen, und wir werden daſſelbe dann unter⸗ ſchreiben.“ Nachdem dieſe letzte Formalität erfüllt war, hob der Landamman die Sitzung auf. Die Hochachtung vor dem Geſetze hatte bis jetzt die Zuhörer zurückgehalten. Nun aber wetteiferte man darum, wer uns am meiſten Achtung und Zuneigung bezeigte. Man faßte uns bei den Hän⸗ den, man umarmte uns, manerklärte uns für würdig der früheren ſchöneren Zeit der Schweiz, und endlich führte man uns im Triumphe nach unſerer Wohnung zurück. Achtunddreißigſtes Kapitel. Die Deſtillirkolben. Neuigkeiten aus Frank⸗ reich. Alles nützt ſich mit der Zeit ab. Drei unſerer Wagen waren in Stücke gehauen und von Gertruden als Brenn⸗ material verbraucht worden. Der vierte befand ſich da⸗ gegen, Dank ſei es der Fürſorge unſeres Freundes Blecker! noch in gutem Zuſtande. Unſere Maulthiere hatten ihre Kraft verloren, und endigten ruhig im Stalle ihre mühe⸗ volle Laufbahn, indem ſie ſich das unabweisbarſte Recht — 218— auf eine ehrbare Zurückgezogenheit erwarben. Wir kauf⸗ ten ein friſches Maulthier, welches für unſere kleinen Rei⸗ ſen ausreichte. Antvinette hatte nur noch eine ſehr undeutliche Erinne⸗ rung an Frankreich erhalten. Nur Weißbad und Appen⸗ zell kannte ſie genau. Ich ſchlug ihr vor, mich zu beglei⸗ ten. Ihr Auge wandte ſich zuerſt nach dem Zimmer hin, wo ihr junger Freund ruhte. Ich reizte ihre Neugierde, indem ich ihr erzählte, welche neue Gegenſtände ſich ihren Blicken darbieten würden. Sie lächelte mich an, und er⸗ bat ſich die Erlaubniß, von Anton Abſchied nehmen zu dürfen. Ichfführte ſie an ſein Lager. Ihre Augen ſprachen; aber ihre Ausdrücke waren von der ſtrengſten Zurückhal⸗ tung eingegeben, und das war ſchon viel. Wir reiſten ab. Wir legten noch vor Sonnenuntergang den Weg durch den Canton von Appenzell und über den Conſtanzſee zu⸗ rück; die Herbergen ſcheinen ſich überall zu vermehren. Wir fanden eine ziemlich gute in Buchhorn, und dort be⸗ gann auch das Erſtaunen Antoinettens und ihre vielfälti⸗ gen Fragen.„Gut,“ dachte ich,„ihr Herz fängt an ſich zu beruhigen.“ Sie begriff es nicht, daß unſer Wirth, ſtatt uns die Hand zu reichen, ſich ſo tief vor uns verbeugte; daß die Wirthin ihr, einem noch ſo kleinen Mädchen von zwölf Jahren, tiefe Bücklinge machte, daß ſie uns fragten, was uns zu Befehle ſtünde, als wären ſie nicht Herren in ihrem eigenen Hauſe. Ich antwortete ihr, daß in knechtiſchen Ländern die Gewinnſucht an die Stelle der erhabenen Ge⸗ fühle, welche die Freiheit einhaucht, getreten ſei; und daß die Gewohnheit, ihren Vorgeſetzten die Zeichen ihrer Ach⸗ tung zu gewähren, ſich natürlicherweiſe auch auf Diejenigen erſtrecke, welche ihnen Geld zu verdienen geben, und daß der Reiz des Gewinnes ſie für ihre Demüthigung entſchädige. Hierauf begriff ſie nicht, daß wir unſer Abendbrot und unſer Nachtlager bezahlen mußten.„Wennin der Schweiz,“ fügte ſie hinzu,„ein Fremder ſich an dem Eingange einer Hütte zeigt, ſo geht man ihm entgegen, grüßt ihn zwar nicht, aber lächelt ihm freundlich zu, bittet ihn einzutreten, und ſetzt ihm das Beſte, was man beſitzt, vor. Sein Abend⸗ brot iſt zwar nicht ſo ausgeſucht wie das, welches man uns hier aufträgt; das Lager von friſchem Stroh, auf welchem er einen geſunden Schlaf genießt, iſt zwar nicht mtt dieſen Betten, von vier Säulen getragen und mit großen Gardinen verſehen, zu vergleichen; aber am Morgen darauf umarmteer ſeine Wirthe und ſie ſind be⸗ zahlt. Der Reiſende findet in der Schweiz Herzlichkeit, wenn auch nicht unbedingte Achtung. Wozu ſollte das auch?“—„Das kommt daher, weil die Schweizer nur der Tugend und den Geſetzen Achtung zollen.“ Es kam nun noch ganz anders, als wir uns Stutt⸗ gart näherten.„Was iſt denn das, Vater?“—„Das iſt eine Stadt, mein Kind.“—„Das iſt ein großar⸗ tiges Gefangenhaus. Sieh' mal dieſe doppelte Mauer⸗ einfaſſung, dieſe Terraſſen, dieſe auf eiſernen Ketten hängende Brücken, welche man vielleicht jeden Abend aufzieht. Das iſt ein Gefangenhaus! Das iſt ein Gefan⸗ — 220— genhaus!“—„Das iſt die Reſidenz des Grafen von Wür⸗ temberg, welcher, als er vor ein paar Jahren nach Appen⸗ zell kam, vor unſerm Landamman ſo demüthig auftrat.“ 5 Ich erklärte ihr, was ein feſter Platz zu bedeuten habe, und warum man die Außenſeite der Städte befeſtige. „Aber warum giebt es denn im Canton von Appenzell, welcher an das Schwabenland grenzt, keine Feſtungen?“ Ich machte ſie mit den Vertheidigungsmitteln, mit denen die Natur die Schweiz verſehen hat, bekannt. Sie bebte, als wir unter den Wölbungen, deren Echo das Geräuſch unſerer Räder vervielfältigte, hindurchfuh⸗ ren.„Vater,“ rief ſie aus,„Du führſt mich ja in die Ge⸗ fangenſchaft! Haſt Du denn keine andern, milderen Mittel, mich von Anton zu trennen?“ Ich umarmte ſie zärtlich, beruhigte ſie, und verſprach ihr feierlichſt, daß ſie vereinigt verden ſollten, wenn ſie erſt ihr ſechszehntes Jahr erreicht haben werden. Jetzt war es an ihr, mich zu umarmen, und ſie that es auch. Nachdem wir ein Gaſthaus gewählt hatten, führte ich ſie in der Stadt ſpazieren. Der erſte Gegenſtand, der ſich uns darbot, war der Graf von Würtemberg, welcher zu Pferde und von ſeinem kleinen Hoſſtaate umgeben, in den Straßen einherritt. Sie waren Alle prächtig gekleidet, und ſahen ſehr ſelbſtzufrieden aus. Diejenigen, denen ſie begegneten, grüßten ſie ehrerbietigſt.„Dieſer Luxus, dieſe Aufzüge,“ ſagte ich zu Antvinetten,„blenden das Volk; der aufgeklärte Beobachter findet den Menſchen in dieſer Hülle verächtlich und llein.“ Die Einfachheit und der Schnitt unſerer Kleidung ſtanden auf eine grelle Weiſe mit der Kleidung der meiſten Stadtbewohner im Widerſpruche. Der Graf ſah uns, als er an uns vorbeikam, mit einer ziemlich verächtlichen Miene an. Antoinette fühlte ſich dadurch verletzt.„Der⸗ jenige, welcher nur über Selaven zu herrſchen hat,“ ſagle ich ihr,„iſt unfähig, freie Menſchen zu würdigen.“ Die Kleivung der Schweizerinnen hat einen gewiſſen reizenden und anmuthigen Anſtrich, welcher ſie überall, wo ſie nicht ſchon bekannt iſt, auffallend macht. Ein Hut von gelbem Stroh, deſſen breite, dem Lufthauche preisgege⸗ bene Ränder ein manchmal verführeriſches Geſicht abwech⸗ ſelnd bald verſtecken, bald enthüllen; lange Haarflechten, welche von Bändern durchzogen ſind, und zuweilen bis auf die Kniekehlen herabfallen; ein Mieder von lebhafter Farbe, durch ein ſcharf abſtechendes Band zuſammen⸗ geſchnürt; ein kurzer Rock, welcher den weißen Strumpf mit rothen Zwickeln ſehen ließ, das war der Anzug meiner Antvinette. Man blieb ſtehen, man ſah ſie an, und man ſagte ihr ſehr ſchmeichelhafte Dinge, die ſie auch ohne Zwei⸗ fel verdiente. Sie ſchien einen für ſie noch ganz neuen Triumph zu genießen. „Meine Tochter,“ ſagte ich zu ihr, laut genug, um auch von ihren Bewunderern vernommen zu werden,„ein Mann, welcher ein Mädchen ohne Zurückhaltung nur um ihrer Schönheit willen belobt, gibt ihr dadurch deutlich zu verſtehen, daß er kein anderes Verdienſt in ihr vorausſetzt; ſie muß daher ihn ſelbſt für ſehr oberflächlich halten, und —— glauben, daß er ſich mit dieſem da allein begnüge. Mein Gott, was iſt denn eigentlich die Schönheit? Ein Ge⸗ ſchenk des Zufalls, welches ſich mit dem Alter entwickelt, aber auch mit der Jugend verſchwindet. Was bleibt dann Derjenigen übrig, welche außer derſelben Nichts beſeſſen hatte? Die Reue, ihren Verſtand nicht ausgebildet, ihre Urtheilskraft nicht entwickelt, und ſich keine achtungs⸗ werthen Eigenſchaften erworben zu haben, welche Alles überdauern.“ Auf dieſe Art hatte ich ihr nun eben ein Gegengift ein⸗ gegeben, deſſen ſie mir ſehr zu bedürfen geſchienen hatte. Es brachte übrigens auch ſeine Wirkung auf die übrige 3 Zuhörerſchaft hervor. Dieſe Herren zogen ſich etwas ver⸗ wirrt zurück, und wir ſetzten unſern Weg ruhig weiter fort. Wir blieben vor einem Laden ſtehen, welcher uns Das darbot, was wir wünſchten. Wir kauften zwei De⸗ ſtillirkolben, welche wir nach unſerm Gaſthauſe bringen ließen. 1 Wir kehrten dann ſelbſt dahin zurück.„Vater, wer ſind denn dieſe Leute beiderlei Geſchlechtes, welche langſam durch die Straßen gehen, ohne daß ſie einen beſtimmten Zweck zu verfolgen ſcheinen?“—„Mein Kind, das ſind 33 reiche Leute, welche Nichts zu thun haben.“—„Nichts zu thun haben? o, wie unglücklich müſſen ſie ſein!“— „Sie ſind weit entfernt davon, dies zu glauben.“— „Aber wie füllen ſie denn nur ihre Tage aus?“—„Sie 1 ſpielen, gehen ſpazieren, ſie gähnen, ſie tanzen, fſie unter⸗ —— — 223— halten ſich.“—„Aber, lieber Vater, langweilt man ſich denn nicht, wenn man ſich immer unterhält?“— Wir wollten unſer Geſpräch noch fortſetzen, als der Stallmeiſter des Grafen, derſelbe, welcher mit ihm nach Appenzell gekommen war, mich erkannte und uns anredete. Ich dachte, daß der La Mouche von Würtemberg vielleicht etwas von Dem wiſſen könnte, was in Frankreich vor⸗ ging; ich ſuchte ihn zum Schwatzen zu bringen, und das war eben nicht ſchwer. Er wollte gleichfalls Neuig⸗ keiten aus der Schweiz erfahren; er drang in uns, ihm die Ehre zu erweiſen, ihn in ſeine Wohnung zu begleiten, dort ſetzte er uns ein ſehr glänzendes Frühſtück vor, wel⸗ ches wir die Ehre hatten anzunehmen.„Dürfteiches wagen, Sie zu fragen...“—„Wagen Sie nur Alles, was ſie wollen.“—„Was Sie hierher nach Stuttgart geführt hat?“—„Wir ſind hierher gekommen, um De⸗ ſtillirkolben zu kaufen.“—„Zwanzig Meilen zu machen, um Deſtillirkolben zu kaufen? O, das iſt nur der Vorwand!“ —„Die Art und Weiſe, auf welche der Landamman von Appenzell mit dem Herrn Grafen geſprochen hat, hätte Sie überzeugen ſollen, daß die Schweizer niemals zu Vorwänden ihre Zuflucht nehmen, weil ſie derſelben nicht bedürfen. Die Despoten ſind häufig genug gezwungen Schleichwege einzuſchlagen, freie Männer gehen den gera⸗ den Weg; wir find hierher gekommen, um Deſtillirkolben zu kaufen, weil wir dieſelben brauchen. „Ich bin von franzöſiſcher Abſtammung, und denke ſehr oft an mein urſprüngliches Vaterland zurück; Sie haben — 224— lange Zeit meinem Freunde André von dem Zuſtande er⸗ zählt, in dem ſich damals Frankreich befand, und blieben. in Ihrer Erzählung bei der Vertreibung der Jeſuiten ſte⸗ hen: Sie würden mir einen Gefallen erweiſen, wenn Sie. Ihre Erzählung aus vieſer Epoche wieder aufnähmen und ſie bis zum gegenwärtigen Zeitpunkte fortführten.“—„Es wird mir äußerſt ſchmeichelhaft ſein Ihnen das zu gewäh⸗ ren, was Ihnen angenehm ſein kann: „Der gute König, in dem ſich auf wunderbare Weiſe Tapferkeit mit Milde, Offenherzigkeit, Fröhlichkeit und Verwaltungstalent vereinigten, ift nicht mehr.“—„Hein⸗ rich der Vierte iſt todt?!“—„Er iſt von der Hand eines Meuchelmörders gefallen.“—„Welches Unglück für Frank⸗ reich!“—„Heinrich hat große Fehler begangen; aber ſein Andenken bleibt dem Volke, welches er glücklich ge⸗ macht hat und welchem alle Hofintrigue fremd blieb, ſtets theuer. Greifen wir den Ereigniſſen nicht vor. „Nach der Hinrichtung Zean Chätels nahm die Sor⸗ bonne eine ganz andere Sprache an; dieſe heuchleriſche, habſüchtige und verſteckt ehrgeizige Corporation hat Hein⸗ rich den Vierten gerade in dem Augenblicke in die Acht er⸗ klärt, als er auf die Macht und den hohen Schutz der Ligue und Spaniens rechnete. Sie ſah Heinrich die Provin⸗ zen des Königreichs ſchnell unter ſeiner Botmäßigkeit ver⸗ einigen; ſie verdammte die Lehren der Jeſuiten, und ſie ſchärfte allen Mönchen ein, Heinrich IV. anzuerkennen. „Die Großen des Reichs heuchelten dieſem Fürſten eine Anhänglichkeit, welche die Mehrzahl von ihnen nicht fühlte; —— . ſie hätten, ſagten ſie, während der Unruhen Schulben ge⸗ macht, und der König ſei daher verpflichtet, mit ihnen zu unterhandeln: ein Theil der Auflagen kam in ihre hab⸗ ſüchtigen Hände. Indeſſen muß man ihnen Recht wider⸗ fahren laſſen, da ſie dem Könige, nachdem ſie Das, was ſie Ausgleichungen nannten, erhalten hatten, mit er⸗ probter Treue dienten. „Mayenne hatte ſeine Ausgleichung noch nicht zu Ende geführt; er mußte aber nothwendigerweiſe die Sache bald in's Reine bringen, oder ſich den Spaniern in die Arme werfen, denen Heinrich bereits den Krieg erklärt hatte. Immer daran gewöhnt, Alles dem Zufall zu über⸗ 4 laſſen, entſchied er ſich für das Zweite; er ſah nicht vor⸗ aus, daß Philipp einem Manne ſein Zutrauen nicht ſchen⸗ ken konnte, der die Hauptmitglieder des Comité's der Sechszehn aufknüpfen ließ, welches offen für Spanien in⸗ triguirte. Indeſſen bediente er ſich des Herzogs von Mayenne als eines Mittels die Unruhen zu unterhalten. „Der Herzog war noch Herr der feſteſten Plätze der Bourgogne; eine ſpaniſche Armee hatte bereits die Pyre⸗ näen überſchritten und war in die Franche⸗Comté einge⸗ drungen: Mayenne vereinigte ſie mit den Truppen, die er nur immer hatte aufbringen können. Heinrich rückte mit raſchen Schritten gegen ſeine Feinde, er erreichte ſie an den Grenzen der Franche⸗Comté, zwiſchen Dijon und Gray, in der Ebene von Fontaine⸗Frangaiſe; er gab dort wunderbare Beweiſe ſeiner Tapferkeit und ſeiner kriegeri⸗ ſchen Talente: achtzehnhundert Reiter konnten ihm blos Biblioth. 385 Boch. 1 —— — 226— folgen, und mit dieſer Handvoll Soſpaten ſchlug er zwö tauſend Spanier und Burgunder. Er drang in die Franche Comié ein, verwüſtete das Land, und erhob zu Beſangon große Kriegsſteuern.. „Dies letzte Unglück fürzte Mapenne nieder. Als Gipfel; des Mißgeſchicks verweigerte ihm der ſpaniſche General die Truppen, die er zur Vertheidigung der Bourgogne nöthig hatte, und er ſah ſich gezwungen, jetzt doch ſeine Ausgleichung mit dem Könige zu treffen. Heinrich fürch⸗ tete ihn perſönlich nicht aber der Papſt weigerte ſich, dieſem großen Manne die Abſolution zu ertheilen, und deshalb konnte Mayenne ihm immer noch gefährlich werden, und zwar durch ſeinen Einfluß, welchen er über den Clerus und die Trümmer der Ligue ſich erhalten hatte. ₰ „Unterdeſſen überhäuften die Cardinäle den Papſt Cle⸗ mens Vlll. mit Vorſtellungen, ſie erinnerten ihn daran, daß Clemens VII. England verloren hatte, und erklärten ihm, daß er auf ähnliche Weiſe Frankreich verlieren könnte. Der Papſt gab endlich nach, aber nur unter Bedingungen ½ welche für den König entehrend waren; er zeichnete ihm eine Ordnung ſeines Verhaltens, ſeiner Gebete und ſeiner Faſten vor, welche mehr als eines Mönches würdig ge⸗ weſen wären: er verlangte ſogar, daß der König ſich einer öffentlichen Buße unterwerfe. Heinrich wollte den Frieden; in Frankreich wiederherſtellen, und nahm deshalb alle dieſe Bedingungen an. „Seine beiden Geſandten und Repräſentanten zu Rom, Du Perron und D'Oſſat, leiſteten in ſeinem Namen öffentliche Abbitte; ſie legten ſich ſodann auf den Bauch, und man ſchlug ſie während der ganzen Dauer eines Mi⸗ ſerere, eines ſehr langen Pſalmes, welcher von den Chor⸗ ſängern des Papſtes geſungen wurde, mir Ruthen. Einer der größten Könige, welche Frankreich je beſeſſen hat, ge⸗ peitſcht an der Thüre der Peterskirche. Weſche Erniedri⸗ gung, ſowohl für den Thron als auch für die Nation! Welcher Triumph für einen Pfaffen! „Nach der Verſöhnung Heinrichs mit der Kirche blieb den Kätholiken kein Vorwand mehr, ihn nicht anzuerken⸗ nenz es bevurfte blos noch eines Befehles, um Truppen auszuheben, und Philipp zu bekriegen. Eine große Menge von Spaniern unter dem Befehl des Erzberzogs Albert, Statthalters der Nieverlande, aus denen ſie kamen, machte mnerkliche Fortſchritte in der Picardie; der König bot allen ſeinen Feinden die Stirne und eroberte die Provence, wo der Herzog von Cpernon herrſchte; die Unterwerfung die⸗ ſer Provinz führte auch die des Herzogs herbei. „Heinrich nahm bald die feſten Plätze, welche ihm die Spanier entriſſen hatten, wieder ein, und das Blut fuhr fort ohne Erfolg zu ſtrömen; der ſtolze Clemens, welcher ſich varin gefiel, Könige zu demüthigen, geruhete endlich ſich daran zu erinnern, daß er der oberſte Prieſter des Gottes des Friedens ſei: er trug den kriegführenden Mäch⸗ ten ſeine Vermittelung an, und der Friede wurde endlich zu Vervins unterzeichnet. Kurze Zeit darauf ſtarb Philipp der Zweite; alle Fürſten des Hauſes von Lorraine unter⸗ warfen ſich nun, und Heinrich 1V. befeſtigte ſich immer — 228— mehr auf ſeinem Throne. Er hatte das Verdienſt, die ſelte⸗ nen Talente eines Sully zu entdecken, und ſchenkte ihm ſein ganzes Vertrauen. Heinrich 1V. war ohne Zweifel ein großer König, aber er bedurfte auch eines Miniſters wie er einen hatte; ſeine Lebhaftigkeit mußte oft im Zaume gehalten werden, beſonders in Bezug auf die Frauen. „Die Reformirten hatten ihre guten Gründe, auf den Schutz und ſelbſt auf die Wohlthaten des Königs zu rech⸗ nen; er beſaß unbegrenzte Machtvollkommenheit und hatte bis jetzt noch Nichts von Belang für ſie gethan, ſie murr⸗ ten daher laut. Heinrich, unter ihnen auferzogen, hatte lange Zeit an ihrer Spitze gekämpft; er liebte ſie aufrich⸗ tig, nichtsdeſtoweniger mußte er ihre Intereſſen mit denen der katholiſchen zu vereinigen ſuchen, und das war nicht leicht. „Heinrich erließ jenes Geſetz, welches unter dem Namen des Edicts von Nantes bekannt iſt. Es befiehlt, daß die Reformirten den Katholiken die Kirchen zurückgeben, welche ſie ihnen entriſſen hatten; aber es geſtattet auch den Pro⸗ teſtanten überall, Paris allein ausgenommen, die öffent⸗ liche Ausübung ihres Cultus.. „Der Clerus und die Mönche thaten noch immer, als zweifelten ſie an der Aufrichtigkeit der Bekehrung des Kös nigs; ſie glaubten in dem Edict von Nantes Beweiſe ſei⸗ ner Anhänglichkeit an ſeine früheren Irrthümer zu finden. Sie fürchteten ſehr, daß der Einfluß, den die Calviniſten jetzt genießen ſollten, ihre Privilegien und vor Allem ihre Gü⸗ ter antaſten könntez ſie wagten es zwar nicht, den König — 229— direct anzugreifen, aber ſie führten eine angeblich Beſeſſene vor, welche in den Straßen von Paris laut ſchrie, daß es außerhalb der katholiſchen Religion kein Heil gebe. Es fonnte freilich ein wenig ſonderbar erſcheinen, daß eine Ausgeſandte des Teufels es verſuchte, die Proteſtanten wieder auf den Pfad des Heiles zurückzuführen. „Katharina, die Schweſter Heinrichs, hatte den refor⸗ mirten Cultus noch nicht abgeſchworen, und ſie hielt zu Paris in ihrem Palaſte eine öffentliche Kanzel, was durch das Edict von Nantes ausdrücklich verboten war. Dreißig bis vierzig Fromme, aufgehetzt von ihren Beichtvätern, durchzogen deshalb alle Theile der Hauptſtadt mit Cruci⸗. fixen und Roſenkränzen bewaffnet; ſie blieben an den Pforten der Kirchen ſtehen, verſammelten dort die Vor⸗ übergehenden um ſich und predigten. Endlich zogen ſie zu dem Präſidenten von Harlay, um von ihm Gerechtigkeit wegen des Attentats der Prinzeſſin Katharina zu verlan⸗ gen.„Ich werde Ihnen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, meine Damen; Ihre Gatten werden vor den Gerichtshof beſchieden werden, und es wird ihnen befohlen werden, Sie eingeſperrt zu halten.“ Die Frommen kehrten nach Hauſe zurück. „Aber die Beſeſſene trieb ihr Weſen fort. Duval, Doc⸗ tor der Sorbonne zu Paris, beſtärkte ſie noch in ihrer Tollheit; die Capuziner führten die Beſeſſene von Diözeſe zu Diözeſe umher. Das Parlament leitete einen Prozeß gegen ſie ein; ſie antworteten auf die Vorforderung, die ihnen übergeben wurde, daß die päpſtliche Bulle in coena — 230— Domini, welche von Pius V. veröffentlicht worden war, ihnen verbiete weltlichen Richtern zu gehorchen; das Par⸗ lament ließ dieſe Antwort verbrennen, erklärte die be⸗ treffende Bulle für ungiltig und verbot den Capuzinern zu predigen. Einige Jahre früher hätte ein ſolches Verbot die Blitze der Kirche auf das Haupt Heinrichs IV. herabbe⸗ ſchworen, aber Philipp II. beherrſchte nicht mehr den Hof von Rom, und der Papſt fing an den König von Frank⸗ reich zu fürchten; die Zeit iſt ja vie Beherrſcherin der Welt. „Um dieſe Zeit war es, als jene berühmte, anerkannte Maitreſſe Gabriele d'Eſtrées ſtarb, welche einen ſo großen Einfluß auf das Gemüth des Königs gehabt hatte, daß ſie die Anerkennung ihres Sohnes, des Herzogs von Ven⸗ döme, von ihm erwirkt hatte; der König Heinrich be⸗ 6 trauerte ſie ungeachtet ſeiner häufigen Untreue auf's Tieſſte. Bald jedoch verfiel er unter die Herrſchaft Henriettens d'Entragues, eines ränkevollen und boshaften Weibes, 4 welches ihm die Ruhe ſeines noch übrigen Lebens trübte; er hatte die Schwachheit, ihr ein ſchriftliches Eheverſpre⸗ chen zu geben, und Sully den Muth es zu zerreißen. „Dieſer bürgerliche Miniſter beſtimmte Heinrich, ſeine Ehe mit Margaretha von Valvis aufzulöſen. Seit län⸗ gerer Zeit überließen ſich dieſe Eheleute einem ärgerlichen Zwieſpalte: ſie hatten einander verlaſſen und dann ſich wiedervereinigt, um ſich bald von Neuem zu verlaſſen; einander vollkommen überdrüſſig, waren Beide bereit eine Trennung zu verlangen, welche in der Wirklichkeit bereits beſtand: der Papſt erklärte dieſe Ehe für ungeſetzlich voll⸗ — 231— zogen. Das hieß die Zuvorkommenheit denn doch wirklich weit treiben; er erlaubte den beiden Theilen, nach ihrem Wunſche ſich wieder zu vermählen. „Das Wohl des Staates verlangte es, daß Heinrich einen Erben zurücklaſſe; ſein Miniſter und Freund be⸗ ſtimmte ihn dazu, Maria von Medicis, die Tochter Fran⸗ zens, ves Großherzogs von Toscana, zu heirathen. Dieſe Prinzeſſin beſaß Schönheit und ein gutes Herz, ſie war fortwährend unglücklich durch die Quälereien, welche ihr die zur Marquiſe von Verneuil erhobene Henriette d'En⸗ tragues bereitete. „Nach der Geburt des Dauphins, jetzt Ludwigs Klll., wurde der neue Marſchall von Biron nach Brüſſel ge⸗ ſchickt; dort zettelte er mit dem Hofe von Madrid jene ſchwarzen Ränke an, welche ihm ſein Leben koſteten, wie wir es ſchon weiter vorn erzählt haben. Heinrich V. hatte ſeine Verdienſte und die ſeines Vaters nicht ver⸗ geſſen, er wollte ihm verzeihen, der Schuldige hatte Nichts weiter als Ein Wort zu ſagen. Er leugnete dieſem Fürſten gegenüber eine Verſchwörung hartnäckig ab, von welcher der König ſchriftliche Beweiſe in Händen hatte.»Leben Sie wohl, Herr Baron von Biron!« ſagte Heinrich entrüſtet zu ihm; dieſe letzten Worte des Königs waren auch zugleich ſein Todesurtheil. „Die treuloſe Marquiſe von Verneuil und ihre ehrgei⸗ zige Familie hatten ſich mit in dieſe Verſchwörung einge⸗ laſſen. Der König ließ ſie verhaften, und vas Parlament leitete den Prozeß gegen dieſelben ein; ſie wurden zur — 28— grauſamſten Todesſtrafe verurtheilt. Aber ſo groß war der bedauernswerthe Einfluß der Frauen auf Heinrich W., daß er, welcher der Gerechtigkeit gegen den Marſchall von Biron freten Lauf gelaſſen hatte, ſich die Schwachheit zu Schulden kommen ließ, die d'Entragues zu begnadigen. „Die Päpſte haben niemals freiwillig ſich bereit er⸗ klärt, irgend Etwas von'ihrer Machtvollkommenheit auf⸗ zugeben. Clemens bedauerte die Vertreibung der Zeſui⸗ ten, deren Statuten ſie unmittelbar und ausſchließlich unter den Befehl des Kirchenoberhauptes ſtellten; es giebt alſo dem zu Folge für die Könige kein gefährlicheres kirch⸗ liches Heer als dieſes. „Clemens hörte nicht auf an dem Hofe von Frankreich zu intrigniren, um die Zurückberufung der Zeſuiten durch⸗ 6 zuſetzen. Seine Legaten gaben zu bedenken, daß Frankreich nur der päpſtlichen Vermittelung ſeine innere Ruhe und den Frieden mit ſeinen Nachbarn zu verdanken habe, und das war auch wahr; er hatte ferner der proteſtantiſchen Prinzeſſin Katharina die Heirathserlaubniß zu ihrer Ehe mit dem katholiſchen Herzoge du Bar ertheilt, und Hein⸗ rich war niemals undankbar. „Nichtsdeſtvweniger fürchtete er aber doch die Mönchez er hatte nicht vergeſſen, daß ſie Pierre Barrieère, den Kar⸗ thäuſermönch Ouin, die Dominieaner Arger und Ridicovi, und endlich Jean Chätel dazu aufgereizt hatten, Attentate gegen ſein Leben zu unternehmen. Die Zeſuiten haupt⸗ ſächlich waren die Anſtifter Jean Chätels geweſen, und er hielt ſie für ebenſo ſehr zu fürchten zu Rom wie zu Paris; — 233— er ſchmeichelte ſich, daß ein Akt der Großmuth ſie vielleicht an ſeine Perſon feſſeln könnte, und er beſchloß, ſie zurück⸗ zurufen. „Sully widerſetzte ſich dieſem Plane auf's Heftigſte; er erinnerte den König an alle die Verbrechen, deren ſich vieſe Geſellſchaft ſchuldig gemacht hatte, vom Jahre 1545 bis zum Jahre 1593. Heinrich ſchloß ſeinem Miniſter durch folgende merkwürdige Worte den Mund:»Ich will mich ihnen lieber ein Mal ganz überliefern, als ſie fort⸗ während zu fürchten haben.« „Sie wurden zurückberufen. „Sully ſorgte für den äußeren Wohlſtand des König⸗ reichs; die Finanzen befanden ſich in einem glänzenden Zu⸗ ſtande, der Druck der Auflagen wurde von Jahr zu Jahr immer leichter, neue Zweige des Handels wurden dem Gewerbsfleiße eröffnet: der Ueberfluß begann unter allen Volksklaſſen zu herrſchen, das Volk ſegnete den König und ſeine Miniſter. „Die immer habſüchtigen Maitreſſen und Höflinge wur⸗ den von Sully ſtets zurückgewieſen; ſie haßten ihn, und beſchloſſen daher ihn in der guten Meinung des Königs zu Grunde zu richten. Der Jeſuit Coton, der Beichtvater des Königs Heinrich, ließ ſich mit in dieſe Art von Verſchwö⸗ rung ein; er verleumdete Sully, betheuerte die Exiſtenz von Briefen, die dieſer Miniſter an verſchiedene Corpo⸗ rationen geſchrieben, und in welchen er ihnen verboten haben ſollte, den Befehlen des Königs zu gehorchen. Dieſer Fürſt war jedoch zu gerecht, um auf unbeſtimmte Behaup⸗ — 234— tungen hin Etwas zu unternehmen, er befahl Coton, dieſe Briefe vorzuzeigen; ſie waren jedoch gar niemals geſchrie⸗ ben worden. Heinrich befahl nun daher ſeinem Beichtvater, Sully ausdrücktich um Verzeihung zu bitten, und Jener mußte wirklich ſeinen jeſuitiſchen Stolz ſo weit demüthigen. „Nichtsdeſtoweniger hatten doch die Intriguen dieſer Elenden düſtere Wolken in dem Geiſte des Königs zurück⸗ gelaſſen. Sully rächte ſich für die Kälte, mit der ihn jetzt der König behandelte, dadurch, daß er fortfuhr ſeine Pflichten auf's Strengſte zu erfüllen; er vernichtete ſeine Verleumder dadurch, daß er den ungeheuerſten und nützlichſten Plan, den er während ſeines ganzen Miniſteriums entworfen batte, veröffentlichte: den Plan nämlich, einen Canal zu bauen, der das mittelländiſche Meer mit dem Ocean verbinde: eine ungeheure Arbeit, an deren Ausführung der König nur durch ſeinen ſo frühzeitigen Tod verhindert wurde. „Heinrich der Vierte war edelmüthig, und er verhehlte es ſich nicht, wie viel er ſeinem Miniſter verdanke. Dieſer Zuſtand von Zwang, in dem fie mit einander lebten, fing ihm endlich an unerträglich zu werden; er hatte mit ihm eine ehrliche, offene, vollkommene Erklärung, und die Rechtfertigung Sullp's ward durch dieſelbe vollſtändig. Der König umarmte ihn mit einer Zärtlichkeit, die er nur zu lange Zeit ſchon in ſich zurückgehalten hatte; der Mi⸗ niſter machte eine Bewegung, als ob er ſich ihm zu Füßen werfen wollte.»Thun Sie das nicht,« ſagte er zu ihm, »Diejenigen, welche da unten ſind, könnten glauben, daß Sie mich um Gnade bitten.« Er nahm ihn bei der Hand, — 333— führte ihn mitten unter ſeine Höflinge, und ſagte zu ihnen: „Meine Herren, ich liebe Rosny mehr als je, und unſere gegenſeitige Freundſchaft iſt auf Leten und Tod befefligt.« „Zu dieſem Zeitpunkte wurde Henriette Charlotte von Montmorencp, Tochter des Connetable, von der Madame von Montpenfier ihrer Tante, bei Hofe vorgeſtellt; jung und von glänzender Schönheit hefteten ſich Aller Blicke auf ſie, Alle brachten ihr ihre Huldigungen dar, und ſie flößte dem König jene wahnſinnige Liebe ein, welche den Reft ſeiner Tage vergiſtete. „Verſchiedene Heirathsanträge wurden ihr gemacht, und der Connetable gab dem Condé, dem erſten Prinzen von Geblüt, den Vorzug; es war natürlich, daß dieſer Prinz die Bemühungen des Königs bemerkt hatte, und er zauderte daher dieſe Ehe zu ſchließen. Heinrich ließ ihn zu ſich rufen und ſagte zu ihm:»Sie können ſie heirathen, ohne in Bezug auf mich irgend einen Verdacht hegen zu müſſen.« Wir wollen zum Ruhme dieſes Monarchen glau⸗ ben, daß er aufrichtig war, als er dieſe Worte ausſprach; wenn er dem Prinzen von Condé hätte einen Fallſtrick legen wollen, ſo hätte er ja aufgehört, ein Mann von Ehre zu ſein: die Heirath fand Statt. „Von dieſem Augenblicke an beunruhigten die Bemü⸗ hungen, die Belagerungen, ja ſelbſt die Unklugheiten des Königs den jungen Gatten mit Recht; der König glaubte ihm dadurch die Augen ſchließen zu können, daß er ihn mit Ehrenbezeigungen und Geſchenken überhäufte; Condé ent⸗ — 236— floh in einer Nacht mit ſeiner Gattin und ging in die Nie⸗ derlande, um ſich dort eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen. „Der König ließ dem Erzherzoge ſagen, daß er mit einem Heere in Flandern einrücken würde, wenn er ihm nicht den Prinzen und die Prinzeſfin von Condé ausliefere, Der Erzherzog wurde durch dieſe Drohungen, deren Aus⸗ führung Deutſchland, Spanien und England unbedingt gehindert hätten, durchaus nicht erſchreckt; er bchielt die beiden Gatten an ſeinem Hofe, und Heinrich verſuchte es, jedoch ohne Erfolg, die Prinzeſſin von dort entführen zu laſſen. „Dieſer Fürſt, wahnſinnig gemacht durch eine unbeſieg⸗ bare Leidenſchaft, beſchloß, um dieſelbe zu befriedigen, Europa in Feuer und Flammen zu ſetzen. Er hatte noch er⸗ ſparte Millionen in der Baſtille aufgeſpeichert; er wandte ſie dazu an, die furchtbarfte Armee, die er noch jemals be⸗ fehligt hatte, auszuheben: wenn er noch längere Zeit ge⸗ lebt hätte, würde er ſich ſelbſt beſchimpft haben. „Condé, den lebhafteſten Beſorgniſſen zur Beute, ent⸗ floh mit ſeiner Frau nach Italien. „Es iſt jedoch dabei zu bemerken, daß die Verwaltungs⸗ Angelegenheiten durch dieſe Verirrungen des Königs auch nicht das Geringſte litten, und daß der Wohlſtand ſeines Volkes fortwährend der Gegenſtand ſeiner zärtlichſten Be⸗ ſorgniß war. „Das Herz der Königin war durch dieſe ärgerlichen Un⸗ treuen ihres Gatten tief verletzt; ſie beklagte ſich laut, und gewiß, ſie hatte auch ein Recht dazu. Aber ihre Klagen er⸗ — 237— muthigten die Mißvergnügten zum Ausbruche; aufrühre⸗ riſche Prediger, vorzüglich ein gewiſſer Pater Gontieri, wagten es, den König von der Kanzel der Wahrheit herab ims Lächerliche zu ziehen: ſie ſpotteten über Liebſchaften, welche ſo wenig zu ſeinem Alter paßten, ſie gaben ſich den Schein, als bedauerten ſie das traurige Schickſal der Kö⸗ nigin, welche der Liebe ſo würdig war, die ihr Gemahl an geſunkene Weiber verſchwendete. Heinrich wollte zuweilen dieſe Unverſchämten beſtrafen, aber bald behielt ſeine na⸗ türliche Güte die Oberhand.»Ach!« ſagte er mit dem Ausdrucke der tieſſten Traurigkeit zu Sully,»erſt wenn ich nicht mehr ſein werde, wird man einſehen, was ich werth war.« Dieſe Worte waren prophetiſche. „Maria war ſeit neun Jahren verheirathet, und war noch nicht gekrönt worden; dieſe Ceremonie kam allen Königinnen von Frankreich zu, ſie glaubte daher, daß der König dieſelbe nur aus Verachtung gegen ſie aufſchiebe: ſie ließ ihm keine Ruhe, bis er envlich ſeine Einwilligung zu ihrer Krönung gegeben hatte. Der König benahm ſich bei derſelben mit ſeiner gewöhnlichen Traurigkeit, und kehrte davon zurück von ſchwarzen Vorahnungen gefoltert, die ihn nicht mehr verließen und die nur allzubald in Er⸗ füllung gehen ſollten. „In der That ſtieg er Tags darauf, am 14. Mai 1610, in ſeinen Wagen mit noch einigen Herren, und befahl ſei⸗ nem Kutſcher, ihn nach dem Arſenal, wo Sully wohnte, zu fahren; er wollte ſeine Befürchtungen in den Buſen dieſes treuen Freundes ausſchütten. Das Wetter war prächtig, — 238— und er ließ die Vorbänge ſeiner Kutſche aufziehen: wenn ſie doch dieſen Tag geſchloſſen geblieben wären, ſo wäre er an demſelben nicht ums Leben gekommen. „Der Wagen wurde in der Straße de la Feronnerie durch ein Zuſammentreffen mit mehreren kleinen Wagen aufgehalten. Ein Nichtswürdiger, ein Böſewicht, ein Un⸗ gebeuer, Ravaillac, war dem Könige vom Louvre aus ge⸗ folgt; er ſtieg auf das kleine Rad an der linken Seite. An den Wagenſchlägen ſowohl, als auch in dem Grunde und auf dem Kutſchbocke hatten ungefähr ſieben Herren Platz genommen, welche Heinrich begleiteten. Der Nichts⸗ würdige mußte ſeinen Arm bis in die Mitte des Wagen⸗ grundes ausſtrecken; er traf den Fürſten mit zwei Meſſer⸗ ſtichen, von denen der zweite ihm das Leben raubte. „Die Wiſſethat wurdemit Blitzesſchnelle vollführt. Man würde nicht gewußt haben, wem ſie zuzuſchreiben ſei, wenn der Schuldige das Meſſer weggeworfen und ſich in der Menge verloren hätte; er blieb aber, das Meſſer in der Hand und mit wildem Blicke, am Wagen ſtehen: er wurde ſogleich verhaftet. Bald darauf trug man den blutenden Körper des unglücklichen Königs nach dem Louvre zurück. „Heinrich war ein geborner Soldat und Generalz ver⸗ pflichtet, die Aufrührer, welche Frankreich verwüſteten, zu vernichten, bekriegte er ſie wie ein Held, und war, wenn auch ſtets Sieger, doch zugleich immer mild. „Er hatte von der Natur ein geſundes Urtheil, einen lebendigen, durchdringenden, fruchtbaren Geiſt erhalten, der angenebm war, ohne affectirt zu ſein.— Seine edle Offenherzigkeit gewann ihm die Herzen Aller. „Er war mitllerer Größe, aber gut gebaut; er hatte eine ſchöne Geſichtsfarbe, eine Avlernaſe, große und leb⸗ hafte Augen, eine hohe und breite Stirne, und ſein Haar war in der Jugend braun geweſen: der Geſammtein⸗ vruck ſeiner Geſichtszüge war ein angenehmer und maje⸗ ſtätiſcher. „Seine Regierung war ſtets väterlich geweſen; ſeine größte Freude war das Glück ſeines Volkes, und dieſe Freude zieht keine Unruhe und keine Reue nach ſich. „Die Nachricht von ſeinem Tode breitete über ganz Frankreich einen Trauerſchleier aus; derſelbe Schmerzens⸗ ſchrei wurde überall vernommen:»Wirhabenunſern Vaterverloren!« „Ein übereinſtimmender Beſchluß wurde von allen Thei⸗ len Frankreichs gefaßt; Heinrich lv. wurde von allen Fran⸗ zoſen einſtimmig als der Große verkündigt. Welcher Un⸗ terſchied zwiſchen dieſem Tribute des Dankes, der aus dem Herzen kam, und demjenigen, den die Schmeichelei leben⸗ den Monarchen zollte, welche verächtlich, Verſchwender, ruhmſüchtig und verfolgungsſüchtig waren!“ Der Stallmeiſter hielt hier in ſeiner Erzählung inne; ich war ein freier Mann, und konnte mich deſſen ungeach⸗ tet nicht erwehren, dieſem unumſchränkten Herrſcher Thrä⸗ nen zu weihen, einem Herrſcher, den ich lange Zeit ver⸗ fluchte, und veſſen große Eigenſchaften ſeine Schwächen weit überſtrahlten. —— Ich erſtaunte darüber, daß der Stallmeiſter ſo gut un⸗ terrichtet war, ſeine Antwort hierauf war einfach:„Die letzte Rüſtung Heinrichs IV. bedrohte Deutſchland; Wür⸗ temberg, von der Schweiz und von dem übrigen Deutſch⸗ land gedeckt, fürchtete Frankreich wenig. Indeſſen inter⸗ eſſirte es den Grafen doch ſehr, das zu erfahren, was dort vorgingz er hätte ſtets in Paris ſeine Späher, welche ihm von allen Begebenheiten Nachricht ertheilen mußten. Er unterhielt ſich und disputirte dann darüber mit ſeinen hö⸗ heren Ofſicieren; und ich, ich horchte; das iſt die Auf⸗ löſung des Räthſels.“ Wir nahmen Abſchied von ihm; wir banden unſere De⸗ ſtillirkolben unter dem Wagen feſt, ſetzten uns in denſel⸗ ben und reiſten ab. Neue Gegenſtände ergreifen die Einbildungskraft er⸗ wachſener Menſchen, um wie viel mehr noch vie Einhil⸗ dungskraft eines zwölfjährigen Kindes. Meine Antoinette war nur mit dem beſchäftigt, was ſie geſehen hatte; ſie ſprach fortwährend mit mir davon, ſie machte über die Verſchiedenheit der Regierung, der Sitten und Gebräuche Würtembergs und der Schweiz Beobachtungen, welche ein frühreifes Urtheil ankündigten, und welches durch ihre naiven und unſchuldsvollen Ausdrücke nur noch um ſo mehr hervorgehoben wurde. Es freute mich ſie ſprechen zu laſſen, ſie unterhielt mich und vergaß wenigſtens auf Au⸗ genblicke ihre Liebe. — 241— Neununddreißigſtes Kapitel. Leicht zu errathende Entwickelung. Das Erſtaunen und die Bewunderung find Nichts als Erſchütterungen der Seele; ſie hören auf, ſobald ſie nicht durch neue Gegenſtände und Eindrücke unterhalten werden. Ungeachtet meiner Schlauheit und meiner An⸗ ſtrengungen wurde der Näme Antons ausgeſprochen, be⸗ vor wir noch die Herberge erreichten, in der wir die Nacht zubringen wollten. Wir waren übereingekommen, und hatten feſtgeſt lit und verſprochen, kein Wort von Liebe zu erwähnen; aber es war ja ganz einfach, daß Antvinette ihrem Anton die Geſchichte ihrer Reiſe erzählen mußte. Mit welcher Freude wird ſie es thun! Mit welcher Auf⸗ merkſamkeit wird er die Erzählung anhören! Wie wird ſich ſein ſchönes Beſicht bei dem oder jenem in der Er⸗ zählung beleben! Ja, dieſe beiden Kinder ſind liebens⸗ würdig. Antvinette, voll ähnlicher Gedanken, wollte gar nicht aufhören; ſie hatte Stuttgart vergeſſen, um nur von An⸗ ton zu ſprechen, und der Ausdruck ihres Geſichtes, der weiche Ton ihrer Stimme, ihre Bewegungen ſelbſt, Alles trug das Gepräge tiefer Empfindung: ich ſtörte ſie manch⸗ mal in ihrem Nachdenken.„Mein Vater, ich habe das Wort»Liebe« nicht ausgeſprochen.“—„Aber Du fühlſt es.“—„Sie haben mir aber nicht verboten zu fühlen.“— „In vier Jahren will ich Dir keine Bemerkungen dieſer Biblioth. 386 Boch. 16 Art mehr machen.“—„Vier Jahre, ach! vier Jahre find ſehr lang!“—„Sie waren aber eine der Hauptbedin⸗ gungen, die Du dem Herrn Pfarrer zu beobachten gelobt haſt.“—„Der Herr Pfarrer hat nie geliebt, und wird nie lieben!“—„Er hat ſehr wahrſcheinlich ſein Herz beſiegt. Ahmt ſein Beiſpiel nach, meine lieben Kinder.“ Sie ließ ihr Köpfchen auf die Bruſt fallen, und antwortete gar Nichts mehr. Am Abend des nächfifolgenden Tages erreichten wir wieder das Gebiet des Cantons von Appenzell ein; Tags darauf fand ſich Antoinette mit Sonnenaufgang wieder mitten unter den alten Gewohnheiten der Heimath, was ihr Stoff zu verſchiedenen Bemerkungen gab. Jene Frau, die ſchön und anſpruchslos ausſah, vertrat bei ihr ihre gute Mutter Clara; Diejenige, welche Lebhaftigkeit zeigte, war ihre gute Marianne. Ich ſah wohl ein, wo das hinaus wollte.„Und dieſer hübſche Junge da unten, wel⸗ cher ſo gut und ſo fleißig zu ſein ſcheint?“—„O, lieber Vater, Anton iſt noch weit hübſcher als der!“—„Glaubſt Du das?“—„O, ſieh nur einmal ſelbſt recht genau hin!“ Sie war im Begriffe, die Geſichter Beider Zug für Zug zu zerlegen und zu vergleichen, und das hätte ge⸗ wiß gar kein Ende genommen. Zum größten Glücke für mich bemerkten wir gerade jetzt unſre Wohnung und unſre Freunde in voller Bewegung; ſie ſtieß einen Schrei aus: „Da iſt er, da iſt er!... Er kommt uns in vollem Laufe entgegen gerannt!“ Ich ſah mich nach allen Seiten um, aber ich bemerkte Nichts: das Geſicht verliert ungemein 5 — 243— viel von ſeiner Kraft, wenn man aufgehört hat verliebt zu ſein. Endlich mußte ich Anton denn doch bemerken, er war ja keine hundert Schritte mehr von uns entfernt. Antoi⸗ nette machte eine Bewegung, ich wollte ſie zurückhalten; es war zu ſpät, ſie war ſchon auf dem Wege: bald lagen ſie einander in den Armen. Dieſer Anblick verurſachte mir ein großes Vergnügen, nichtsdeſtoweniger mußte ich mich aber doch unzufrieven ſtellen:„Meine Kinder, Ihr verletzt den Vertrag, und das iſt nicht ſchön von Euch.“ —„Lieber Vater, man ſagt ja gewöhnlich, daß man ſeine Freunde umarmt, wenn man von einer langen Reiſe zu⸗ rückkehrt.“—„Seine Freunde! Und wer hat das ge⸗ ſagt?“—„Nun, meine gute Marianne.“—„Ihre gute Marianne würde beſſer daran thun, ſich um ihre eigenen Angelegenheiten zu bekümmern!“—„Du haſt ja nicht Deine geſagt, mein lieber Vater?“—„Weil ich nicht guter Laune bin, meine Tochter.“—„Und Du haſt auch Grund ſchlechter Laune zu ſein, lieber Vater,“ ſagte offen⸗ herzig dieſer gute Anton zu mir,„aber ein Vater verzeiht ja ſo gern.“ Ich verzieh auch wirklich: es war das Beſte und Einzige, was ich thun konnte. Bald näherten ſich uns auch unſere andern Freunde und Freundinnen, und wir umarmten uns herzlich:„Siehſt Du wohl, Vater, daß man ſeine Freunde umarmt, wenn man von einer Reiſe zurückkehrt!“ Der kleine Schlaukopf: ich konnte ihr darauf kein Wort erwidern. Nachdem der Wagen abgeladen worden war und wir 16* viel von Kirſchwaſſer geſprochen hatten, nahmen wir unſer gemeinſchaftliches Mittagsbrot ein; ich ſah es Antoinetten an den Augen an, daß ſie vor Begierde brannte, der gan⸗ zen kleinen Anſiedlung die Geſchichte ihrer Reiſe zu erzäh⸗ len, aber als wohlerzogenes Mädchen wartete ſie erſt das Ende des Mahles ab, bevor ſie uns mit ſich zu beſchäftigen wagte. Kaum war der letzte Tropfen von Honigmeth hin⸗ abgetrunken, da erhob ſie ſich und bat mich um die Erlaub⸗ niß zu ſprechen; ſie wußte wohl, daß ich ihr dieſelbe nicht abſchlagen würde; erzählen iſt ja ganz etwas Anderes als umarmen. Ihre Zuhörerſchaft reihte ſich um ſie herum, Anton näherte ſich auf eine Art und Weiſe, welche uns glauben machen konnte, er wolle in die Seitentaſche ihres Kleides hineingreifen; er wollte, wie er ſagte, auch nicht eines ihrer Worte verlieren. Ihre Ellbogen und Knice berühr⸗ ten ſich, und der junge Minn hatte gut hörenz ich ließ mir Platz machen und ſetzte mich zwiſchen Beide, es war das einzige Mittel zu verhindern, daß die Rednerin den Faden ihrer Erzählung nicht verliere, und ein Vater ſieht ja ſeine Tochter ſo gern glänzen. Die meinige hatte einen wirk⸗ lich fabelhaften Erfolg; ich hatte es erwartet, faſt alle Zu⸗ hörer waren bereit ſie zu bewundern. Aber Freund André, als feiner Kenner, erklärte dies erſte Auftreten Antoinettens für lebhaft, gedrängt und rein; er lobte die Richtigkeit ihrer Beobachtungen, und der Vergleich, welchen ſie zwiſchen deutſchen Knechten und freien Schweizern machte, ſchien ihm von der geſundeſten Philoſophie eingegeben zu ſein. —— — 245— Potz Tauſend! Wie war ich trunken vor Stolz; man mußte es mit anſehen. Dieſer kleine Schelm von Anton war auch ganz außer ſich vor Freude, Marianne ſtrei⸗ chelte ſich mit Selbſtgefälligkeit das Kinn und nannte An⸗ toinetten ihren Zögling; was die phyſiſche Erziehung be⸗ trifft, hatte ſie allerdings Recht. Ein Vater bleibt Vater; der Philoſoph Andrs wollte ſeinen Sohn glänzen laſſen, obwohl die Philoſophie und die Eitelkeit nicht gut zuſammenpaſſen. Er ſchlug vor, zwiſchen den Kindern eine Art von Disputation zu veran⸗ laſſen über die natürlichen menſchlichen Rechte, und über den Kettenzwang, mit weſchen der Despotismus dieſelben belaſtet. Ein Bischen Nachdenken würde ihn überzeugt haben, daß das weniger ein Gegenſtand der Erörterung für Kinder, als für Arioſt und Seneca ſei; auch ver⸗ wickelten ſich die unſeren in dieſem Geſpräche auf's Drol⸗ ligſte, und Eines ſchwatzte mehr Unſinn als das Andere. Ich ließ ein lautes Gelächter erſchallen; Anton und Antovi⸗ nette endeten ihre Unterhaltung mit Sang und Tanz; ſie hatten Tanzſtunde bei dem großen Tanzmeiſter Abdonn erhalten, und ſie tanzten wirklich recht gut. André zog ſich auf gute Art aus dieſer Sache; er gab zu, daß er einen närriſchen Einfall gehabt habe:„So mögen ſie tanzen,“ ſagte er,„und ſich nicht wieder in die Metaphyſikmiſchen.“ Wir ſprachen dann über den Zwang ihrer jetzigen ge⸗ genſeitigen Stellung; wir kamen darüber überein, daß wir ihnen einige Zugeſtändniſſe machen müßten, damit ſie ſich unſerem Einfluſſe nicht ganz entzögen. Die Feſte auf * der Wieſe wiederholten ſich ſchon ſeit zwei Monaten jeden Sonntag, und wir hatten ſie noch nicht dorthin geführt;. wir ſchlugen ihnen vor hinzugehen, um ihre Talente dort 1 glänzen zu laſſen. Mit welchem Enthuſiasmus wurde die⸗ 3 ſer Vorſchlag aufgenommen! Antvinette erfaßte meine Hand, Anton zog ſeine Mutter vom Spinnrade fort, Ma⸗ rianne ſang, Abdonn ſchlug den Takt dazu und wir hatten ſo jetzt ſchon einen improvifirten Ball: ſie wollten, wie ſie ſagten, für den nächſten Sonntag Probe halten. O, am Sonntage entwickelten ſie ihre Tälente und ihre Anmuth! Sie entzückten die Zuſchauer, und Jeder ſagte: „Welch' ein ſchönes Ehepaar wird das werden!“— „Wir werden uns in vier Jahren heirathen!“ rief Anton aus, und ſeine Augen funkelten dabei. Antvinette ſenkte die ihrigen, aber ſie hob ſie wieder, wenn ſie mit Anton tanzte, und ſie tanzte nur mit dieſem. Es liegt im Weſen des Menſchen, immer und immer 3 zu wünſchen; dieHitze ſeines Blutes theilt ſich ſeiner her⸗ 14 umſchweifenden und wandelbaren Einbildungskraft mit; das Heute iſt für ihn Nichts, er wünſcht das Morgen her⸗ bei, und beſchuldigt die Zeit fortwährend der Langſamkeit: ſpäter freilich erſtaunt er über die Blitzesſchnelligkeit, mit* der ſechszig Jahre verfloſſen ſind. Der von mir und André feſigeſetzte Zeitpunkt, dieſer Zeitpunkt, welcher von unſern Kindern ſo heiß herbeige⸗ ſehnt wurde, rückte endlich heran. Sechs Monate nur noch, und ihre Wünſche ſollten in Erfüllung gehen; ſie — ſtrahlten von Jugend und Geſundheit, ſie waren ſchön wie Amor, und ihre Liebe war ebenſo feſt: jeder Blick, jede ihrer Bewegungen, jedes ihrer Worte verrieth ihre Unge⸗ duld. Ehrfurchtsvoll, zuvorkommend, gegen ihre Eltern gehorſam, liebten ſie dieſelben ſo ſehr, als ihnen eine hef⸗ tige und ausſchließliche Leidenſchaft nur immer geſtattete. Den Sommer über hatten ſie kein regelmäßiges Zuſam⸗ mentreffen, außer Sonntags auf der Wieſe, wo ſich alle Bewohner verſammelten, und wo ſie jene Beiſpiele von reiner und geduldiger Liebe, die man in der Schweiz ſo häufig antrifft, vor Augen hatten. Der Winter nöthigte uns unſre Grabſcheite niederzulegen, nun wurden die Tage entweder in unſerm Salon oder in unſerm Arbeitszimmer zugebracht; da befanden ſie ſich denn immer unter unſern Augen, und wir waren deshalb ziemlich ruhig. Indeſſen, nachdem ich in den Hauswirthſchaften von Etampes bei großen Herren, bei Biſchöfen und Köni⸗ gen La Mouche geweſen war, ſpielte ich jetzt dieſe Rolle bei unſern Kindern; ein kluger Vater muß Alles vorher⸗ ſehen können, denn das, was nur irgendwie möglich, er⸗ eignet ſich zuweilen. Sie hatten nicht eine Neigung, nicht ein Gefühl, welches mir entgangen wäre; die Un⸗ ſchuld und Reinheit ihres Gemüthes trat ſelbſt bei ihren geringſten Handlungen an den Tag: ich verglich ſie mit jenen Roſenknospen, welche noch nicht die Kraft haben ihren Kelch zu ſprengen und ſich halb zu erſchließen. Manchmal überraſchte ich auch bei ihnen eine fliegende Röthe, feurige Seufzer und eine unbeſtimmte und verzeh⸗ — 248— rende Unruhe; ich ſchützte gegen Anton irgend eine Arbeit vor, nahm ihn mit mir hinaus in die freie Luft und führte ihn dann erſt zu meiner Tochter zurück, wenn ich ihn wie⸗ der vollkommen ruhig glaubte: Antoinette ward dann auch ruhig, wenn es Anton war. Man kann die Natur eine Zeit lang hinhalten, aber man erſtickt ſie niemals. Eines Tages war eine heftige Kriſe auf dem Punkte hervorzubrechen; ich nahm Anton mit mir hinaus, ich hatte die Grauſamkeit oder vielmehr den Muth, ihn den Berg hinanklimmen zu laſſen; ich zog ihn bis zu unſern Kirſchbäumen mit fort, zeigte ihm die Erde, welche da unten dreihundert Klafter tief unter uns lag, machte ihn auf die ewige Weltordnung, die überall herrſcht, aufmerkſam und fragte ihn dann, ob es ſich wohl für zwei ſchwache Menſchenkinder gezieme, die Weltord⸗ nung ſtören zu wollen?„Es giebt keine ewige Weltord⸗ nung, wenn zwei von Liebe verzehrte Herzen ſich nicht in einander ergießen können; es iſt ein Frevel, dieſelben ge⸗ trennt zu halten. Was ſind wir übrigens dem unermeß⸗ lichen Weltall gegenüber, als zwei faſt unbemerkbare Punkte der Schöpfung?“—„Anton, Du betrübſt mich wirklich“—„O, mein Vater, vermehrt nicht noch mehr das G wicht meines Leidens!“—„Denke daran, daß Dein Vater und ich nur für Euch leben, daß unſer Glück feſt an das Eurige gekettet iſt, daß dieſe Beſtimmungen, welche Euch ſo ſehr quälen, uns durch die lebyafteſte Theil⸗ nahme eingegeben ſind; und daß Ihr endlich nur noch ſechs Monate zu warten habt.“—„Dieſe ſechs Monate, ——PÜñÜGF⅛F— 7 — 249— mein Vater, werden uns ebenſo viele Jahrhunderte zu ſein ſcheinen.“— —„Unfinniger, Du willſt Gatte, Du willſt Vater ſein! Zittere bei dem Gedanken an die Gefahren, welche Dich ſelbſt noch in ſechs Monaten erwarten; Deine erſchöpften Kräfte, Deine zerrüttete Geſundheit, Dein ganzes vernich⸗ tetes Glück werden die verbrecheriſche Gefälligkeit ankla⸗ gen, die uns bewogen hat einen Zeitpunkt feſtzuſetzen, der Deinen Wünſchen noch zu weit hinausgeſchoben zu ſein ſcheint.“—„Ich, ich ſollte Ihnen Vorwürfe machen! nie⸗ mals. O mein Gott! und worüber ſollte ich mich denn be⸗ klagen? Was liegt daran, wie lange ein Leben dauert, wenn es nur in einem Gluthſtrome von Glückſeligkeit da⸗ hinfließt?“—„Elender, was wagſt Du zu ſagen! Du liebſt alſo Antoinetten gar nicht?“—„Großer Gott! ich ſollte ſie nicht lieben?!“—„Nein, da Du ſie dazu ver⸗ dammen willſt, Dich in der Blüthe ihres Alters zu verlie⸗ ren, und dann den übrigen Theil ihres Lebens in Schmerz und Trauer um Dich zuzubringen!“ Dieſe letzten Worte brachten einen völligen Um⸗ ſchwung in der Gemüthsſtimmung des guten jungen Man⸗ nes hervor; er fiel mir zu Füßen, erklärte ſich für ſchuldig und bat mich um Verzeihung: ich hob ihn auf und um⸗ armte ihn mit der lebhafteſten Zärtlichkeit. Der Herbſt rückte heran und die Kälte, welche uns ihre Macht fühlbar zu machen begann, brachte auf Anton we⸗ nigſtens ebenſo viel Wirkung hervor, als meine Bered⸗ ſamkeit; nichtsdeſtoweniger konnte ich ihn aber doch nicht — 250— erfrieren laſſen, um ihn in dieſer glücklichen Stimmung zu erhalten. Ebenſo wenig war ich geneigt mit ihm zu er⸗ frieren; wir ſtiegen hinab und traten in unſern Salon, wo die ganze Niederlaſſung verſammelt war. Wie groß war aber mein Erſtaunen! Anton erzählte Alles, was zwiſchen uns vorgefallen war; er gab dieſelben Worte wieder, deren wir uns bedient hatten, er erklärte ſich zum zweiten Male für ſchuldig, ſank vor Antvinetten auf die Kniee und bat ſie um Vergebung; es war unmöglich, eine größere Offenherzigkeit und Unſchuld zu erblicken. Meine Antoinette näherte ſich mir; ſie verſuchte es nicht, ihren jungen Freund zu rechtfertigen, ſie wiederholte die Verſprechungen, deren Ausführung ſie jetzt vor drei Jah⸗ ren beſchworen hatte. Anton geſellte ſich zu ihr, und ſie wiederholten Beide ihre Schwüre; ich drückte ſie Beide an mein Herz, und in den nächſtfolgenden zwei Monaten ging Alles auf's Beſte. Es blieben ihrer jetzt nur noch vier zu überſtehen; aber manchmal bedurfte es nicht einmal ſo vieler Zeit, um ein ganzes Reich umzuſtürzen. Sie gewannen dem Leſen Geſchmack ab, und ich wünſchte mir Glück dazu. Wie ſchwer hatte ich mich ge⸗ täuſcht! Sie laſen einander die Werke vor, welche André aus Sanct⸗Gallen und Schwaben mitgebracht hatte; es waren belehrende und unterhaltende Bücher, welche aber ganz den Leidenſchaften fremd blieben. Ich glaubte gewiß, daß Derjenige, welcher das Buch in den Händen hielt, mit der größten Aufmerkſamkeit angehört würde; aber ich be⸗ merkte ſehr bald, daß ſie einzeln laſen, und daß ihre Ge⸗ — 251— ſichter einen ſehr beunruhigenden Ausdruck annahmen. Ich hütete mich wohl, mich ihnen zu nähern, das hieße ſie aus ihrem Taumel erwecken; aber eines Tages, wäh⸗ rend der Mittagsmahlzeit, ging ich hinaus, ſtieg in den Salon hinauf, und ſchlug ihre Bücher auf. Es waren die Werke der heiligen Thereſe, dieſelben Werke, welche meine zarte Colombe und ich mit größter Begierde ver⸗ zehrt hatten, und in denen unter dem Deckmantel der Frömmigkeit Alles Liebe und Wolluſt war. Ich ſchauderte zuſammen. Wie ſollte ich es nun anfangen, ihnen das Leſen eines Buches zu verbieten, welches ſie ſeit ihrer zarteſten Ju⸗ gend in unſerer kleinen Bibliothek geſehen hatten? Das hieße uns ſelbſt anſchuldigen. Daſſelbe ihnen wegnehmen, hätte eine neue Erklärung herbeiführen geheißen, und eine ſolche war ſtets ſtürmiſch geweſen; ich befand mich in der größten Verlegenheit und zog meinen Philoſophen André zu Rathe.„Wenn es Nichts weiter iſt als das,“ ſagte dieſer erfinderiſche Kopf zu mir,„ſo werde ich dieſen Abend die Sache in Ordnung bringen.“ Die Kinder laſen gewöhnlich an einem Tiſche, welcher unter der großen Lampe, die das ganze Jahr hindurch den Hintergrund unſers Salons erleuchtete, ſeinen Platz hatte die fünf Bände der heiligen Thereſe lagen auf dem⸗ ſelben aufgeſchlagen. Am nächſten Tage nach dem Frühſtücke ſtiegen wir, unſerer alten Gewohnheit gemäß, in die Höhle hinauf; dort blieben wir ein Stündchen, ehe wir zur Ar⸗ beit zurückkehrten. O welches Staunen, welcher Kummer! — 5— Als wir in den Saal traten, war die Lampe herunterge⸗ gefallen, und die heilige Thereſe ſchwamm in einem See von Oel; es war unmöglich ſie anders als mit Zangen anzufaſſen, und wanderte daher vom Salon in den Ofen Gertrudens. Man begreift leicht, daß André die Eiſen⸗ ketten, welche die Lampe hielten, durchgefeilt hatte. Ab⸗ und zugehend gewahrte ich binnen Kurzem, daß immer Eines von den beiden jungen Leuten während un⸗ ſerer Ruheſtunden öfters hinausging; ich hatte ſie nie anders als zuſammen beobachtet. Indeſſen erregte dieſes grundloſe wiederholte Hinausgehen meine Aufmerkſam⸗ keit; eines Tages folgte ich Antvinetten, indem ich es ſo einzurichten wußte, daß ſtets irgend ein umfangreicher Gegenſtand ſich zwiſchen ihr und mir befand. Sie trat in den Stall. Was konnte ſie da zu ſchaffen haben? Sie trat hinter eine Futterraufe, nahm ein Buch und las eine kleine Viertelſtunde lang darin; ſie legte das Buch wieder weg, ich ſah nicht wohin, und entfernte ſich. Ich hatte zwiſchen zwei Säcken Hafer Platz genommen, und nahm mich wohl in Acht dieſen vortheilhaften Poſten zu verlaſſen. Bald kam Anton ſeinerſeits und that pünktlich daſſelbe, was Antoinette gethan hatte; die Glocke, welche uns zur Arbeit rief, wurde vernommen, und der junge Mann ver⸗ ſchwand. Was muß das für ein Buch ſein, welches ſie in dieſem Grade intereſſirt, und wo mögen ſie daſſelbe wohl verſtecken? Ich fand es in einer Höhlung, welche das eine Ende der beiden Rahmentheile, die die Futterraufe aus⸗ — 253— machten, bildete.. Es waren die Briefe Helviſens und Abälards!!! Ich nahm das Buch in Beſchlag. Ich konnte mich von meinem Erſtaunen kaum erholen. Woher hatten ſie ſich ein ſolches Werk verſchaffen können? Die Sitten unſerer Dorfbewohner find dermaßen ein⸗ fach, daß keiner von ihnen daſſelbe kennen konnte; man liebt und tanzt zwar in der Schweiz, aber man lieſt Nichts als die Bibel. Ich zerbrach mir den Kopf dar⸗ über, fand aber Nichts, was mir hätte Aufklärung dar⸗ über verſchaffen können.. Ah!. während wir in den Straßen Stuttgarts ſpazieren gegangen ſind, wird ſie wahrſcheinlich an einem Schaufenſter die Helviſe ge⸗ ſehen haben. Die lange Erzählung des Stallmeiſters und die Aufmerkſamkeit, welche ich derſelben ſchenkte, werden ihr die Möglichkeit gegeben haben, mir auf einen Augen⸗ blick zu entſchlüpfen und hinzulaufen, um ſich das Buch zu kaufen aber wie konnte ſie nach dem einfachen Titel daſſelbe beurtheilen?.. Ich hab'es, ich hab's! André und ich hatten ſie Alles gelehrt, was wir wußten, und Abä⸗ lard war ebenſo berühmt durch ſein vieles Unglück, als durch ſeine Gelehrſamkeit und ſeine Rednergabe; es iſt vorauszuſetzen, daß wir uns über den erſten Theil ſeines Lebens etwas genauer ausgeſprochen hatten. „Nun, Freund Andr6?“—„Nun, Freund Anton?“ —„Was ſagſt Du dazu?“—„Daß ſie uns überliſten müſſen, wenn ſie nicht ſtark genug ſind uns offen zu be⸗ kämpfen.“—„Ueberliſten, das heißt, einem Zwecke ent⸗ gegenſtreben, welchen man nicht laut einzugeſtehen wagt.“ . —„Ohne Zweifel.“—„In dieſem gegenwärtigen Falle alſo iſt die Liſt verdammenswerth.“—„Ohne Zweifel!“ —„Und was ſollen wir nun beginnen?“—„Alles, was wir thun konnten, iſt geſchehen; das Buch iſt weggenom⸗ men, und ſie werden es ſicherlich nicht zurückverlangen.“ „Sie ſind erfinderiſch.“—„Das iſt ganz natürlich, weil ſie ſich lieben.“—„Sie werden irgend eine Entſchä⸗ digung dafür zu finden ſuchen.“—„Sie lieben ſich.“— „Sie werden eine Entſchädigung auch wirklich finden.“— „Sie lieben ſich.“—„Man wird alſo einen Theil des Tages damit zubringen müſſen, ſie zu überwachen?“— „Das iſt der Beruf der Väter und Mütter.“—„Du be⸗ ſitzeſt eine unverwüſtliche Ruhe!“—„Wozu ſollte ich mich auch ereifern?“—„Ach, wäreſt Du der Vater des jungen Mädchens, Du würdeſt anders denken.“—„Wohl möglich.“ Ich kehrte ihm den Rücken zu. Sie ſehen einander an und ſcheinen erſtaunt zu ſein; ſie werden wahrſcheinlich ſich zu ſprechen verſuchen, um ſich ein Geheimniß zu erklären, welches ihnen wahrſchein⸗ lich unbegreiflich ſcheint: Heloiſe konnte doch unmöglich von ſelbſt weggekommen ſein, uns hielten ſie nicht für Die, welche ſie gefunden haben, weil wir nicht mit ihnen davon ſprachen. Ah! Antoinette ſchleicht wieder um die Futterraufe herum; ſie bückt ſich, erhebt ſich wieder, ſtampft ungeduldig mit dem Fuße; ſie iſt voll von Wuth und Aerger, kommt aber trotzdem ſingend zurück: der kleine Schlaukopf!. Anton löſt ſie ab; er kehrt die Krippe um und ſtreut das Futter, das ſich darin befindet, — über ſeinen Kopf. Die Glocke tönt;z er nimmt ſeine Hacke und wir gehen hinaus. Ich ſtützte mich von Zeit zu Zeit auf meine Harke, und betrachtete bald Anton, bald das, was um das Haus herum vorging; der junge Menſch war nicht zu durch⸗ ſchauen, und Antoinette verließ das Haus nicht. Die Bergwieſe, welche der Hütte gegenüber liegt, wird von mehreren Fußpfaden durchſchnitten, welche das Hinan⸗ klimmen erleichtern und uns zugleich zu Spaziergängen dienem An dem äußerſten Ende derſelben befinden ſich mehrere Blumenhecken von Alproſen, Lilien und Tulpen; Antvinette ermangelt in der Regel nicht, während unſerer Arbeitsſtunden dort mit ihrer Strickerei in der Hand ſpazieren zu gehen; ſie fieht dabei ihren Freund, und zu⸗ weilen pflückt ſie zwei Sträuße. Sie bietet mir einen der⸗ ſelben an, um das Recht zu haben, den andern, man kann leicht errathen wem, zu geben. Und heute kommt fie nicht ſie kommt nicht. Seit langer Zeit ſchon iſt die Unterhaltung mit Ma⸗ riannen und Sophien ohne Reiz für Antvinetten; was kann ſie alſo in ihrer Wohnung zurückhalten? Die Liebe iſt er⸗ finderiſch und ſie wird irgend eine neue Liſt erſonnen ha⸗ ben. Ich werde ihr ſo nahe als möglich folgen. Da iſt ſie, da iſt ſie! Sie will den Anſchein haben, als käme ſie ohne alle Abſicht; ſie glaubt ihren Bewegungen einen Schein von Nachläſſigkeit und„von ſich gehen laſſen“ geben zu müſſen, und ihr Gang wird dadurch gezwungen; ſie hat irgend einen Plan, aber La Mouche durchſchaut Alles. Sie ſetzt ſich in das Gras nieder, doch iſt ſie hier von allen Punkten ſichtbar; hier wird ſie alſo Nichts unter⸗ nehmen, dieſer Ruhepunkt iſt nur ein vorbereitender. In der That ſteht ſie bald auf, und ſtreicht um unſere Hollun⸗ derbüſche herum; das iſt das eigentliche Ziel, welches ſie im Auge hat. Sie geht von einem zum andern, um mich irre zu machen, wenn ich ſie beobachten ſollte; ſie ſetzt ſich hinter einem großen Buſche nieder, aber ſie ſteht faſt ſo⸗ gleich wieder auf, um ſich auch zur Seite und hinter an⸗ dern wi der niederzulaſſen. Auf dieſe Art konnte ſie meine Nachſuchungen lange und ſchwierig machen, aber ich hatte ſie nur hinter dem erſten Geſträuch ganz aus dem Auge verloren; in dieſem allein werde ich nur nachſuchen. O, ich verſtehe mein Handwerk! fragt nur den Herrn Bi⸗ ſchof von Limoges, wenn er noch lebt. Wir kehrten, um zu Mittag zu eſſen und auszuruhen, zurück; ich ging an der Seite Antons, welcher in jedem Augenblicke einen Vorwand fand zurückzubleiben: er iſt mit ihr im Einver⸗ ſtändniſſe, ſagte ich zu mir ſelbſt. Ich änderte nun meinen Kriegsplan, ich ging raſch vorwärts und blieb nur zehn Schritte von dieſem Ge⸗ ſträuch, welches ich durchſuchen wollte, entfernt ſtehen; Anton war dadurch gezwungen vorbeizugehen, jetzt bildete ich alſo den Nachtrab. Antvinette holte uns mit lachender Miene ein; ſie bot mir einen Strauß dar, dick wie ein Beſen, für Anton aber hatte ſie keinen. Kleine Ungeſchickte! Die beiden jungen Leute verloren mich nicht aus dem Geſichte: ſie hielten mich wahrſcheinlich in dieſem Augen⸗ blicke ſchon für den Entführer Helviſens, und hatten noch etwas Anderes vor meinem Scharfblicke zu verbergen. Man war im Beßriff in die Hütte einzutreten; ich nahm André unter den Arm, theilte ihm meinen Verdacht mit und zeigte ihm mit der Fingerſpitze das gefällige Geſträuch. „Du biſt eben kein ſehr ſcharfer Beobachter.“—„Sehr verbunden.“—„Du weißt beſſer was in der Sonne vor⸗ geht, als das, was vor Deiner Naſe geſchieht.“—„Das gleicht die Dinge wenigſtens wiever etwas aus.“—„Die Kinder haben keinen Verdacht auf Dich: entſchlüpfe, ſo⸗ bald es Dir möglich iſt, auf eine geſchickte Weiſe und hole das, was Antvinette in dieſem Geſträuche verborgen hat.“ Es war die höchſte Zeit, daß unſere Berathung en⸗ digte. Die Kinder erſchienen ſoeben auf der Schwelle, ihre Mienen drückten Beſorgniß aus; ich trat mit ihnen ein, und Jedermann ſetzte ſich zu Tiſche. Antvinette liebkoſte, Anton ſagte mir ſehr ſchmeichelhafte Dinge: ſie wollten mir Vertrauen einflößen; André ging hinaus, die i Leute bemerkten es kaum. Verliebte gehen ebenſowohl zu Bette wie att Leute, obwohl ſie nicht immer Luſt zum Schlafen haben. Das tiefſte Stillſchweigen herrſchte im Hauſe, als André und ich in unſer Arbeitszimmer hinaufſtiegen; ich brannte vor Begierde zu erfahren, was er in dieſem Strauche ge⸗ Biblioth. 388 Bdch. 17 — 258— funden habe Papiere!.. Briefe! Es ſind deren zehn bis zwölf. Ah, es ſind ja zweierlei Handſchriften! Das iſt alſo eine regelmäßige Correſpondenz, ſie haben dieſen Gedanken den glühenden Briefen Helviſens und Abälards zu verdanken. Oh, wie ſehr hatte doch der Vater der Literatur, Franz der Erſte, Recht, die Buch⸗ druckerkunſt zu unterdrücken! Wie viele Väter, Mütter und Gatten würden ruhig ſchlafen können, wenn ſie nicht wäre wieder eingeführt worden. „André, aber das Alles haſt Du doch nicht in dem Strauche gefunden.“—„Das hier iſt der einzige Brief, der dort niedergelegt worden war.“—„Laß uns denſel⸗ ben leſen:»Alles wohl überlegt, iſt mein Vater der Einzige, der uns unſre theure Helviſe hatteentreißen können; wennerunſre Corre⸗ ſpondenzfindet, ſind wir verloren.«„O, mein Gott!“»Ich habeeben alle unſre Briefeunter der Wäſche Deiner Mutter verſteckt, wir ha⸗ ben Beide freien Zutritt in ihr Zimmer, und ſie kümmert ſich nicht um das, was wir dort machen.«„Welche Dreiſtigkeit! Das in dem Zimmer ihrer künftigen Schwiegermutter zu verſtecken, unter ihrer Wäſche!“—„Der Verſteck war gut erſonnen.“—„Ich lache nicht darüber, André, laß uns dieſe Briefe leſen. Eine tiefgefühlte Liebe ſpricht aus jeder Zeile dieſer Briefe, aber ich finde kein einziges Wort darin, welches nicht voll Unſchuld wäre; der Styl iſt rein und fließend: wer hat ſie ſo ſchreiben gelehrt?“—„Derſelbe, der ſie lieben lehrte.“ — „Freund André, es iſt peinlich und betrübend, ſie ſo fortwährend überwachen zu müſſen.“—„Es iſt grauſam für ſie, in einem fortwährenden Zwange zu leben.“— „Was thun einige Monate mehr oder weniger ihrer Ehe für Schaden?“—„Junge Leute, welche man nicht ver⸗ heirathet, heirathen einander öfters ſelbſt.“—„André, wir wollen ſie verheirathen.“—„Verheirathen wir ſie, Anton, ich glaube, es iſt ſchon Zeit dazu.“ „Was höre ich, wer nähert ſich uns?“—„Ach ja! ja! verheirathet uns.“ Es iſt Herr Anton, welcher wahr⸗ ſcheinlich Verdacht gefaßt, welcher wieder aufgeſtanden, uns gefolgt war und uns belauſcht hatte.„Ach, verhei⸗ rathet uns! Verheirathet uns!“—„Ganz gewiß, es ſoll geſchehen, und zwar in künftiger Woche.“ Anton ſpringt, ſchlägt Purzelbäume; er liegt bald zu unſern Füßen, bald in unſern Armen. Auf einmal läuft er vorwärts, ſpringt die Stufen der Leiter, welche Blecker eine Treppe nennt, hinunter, und läuft aus vollem Halſe rufend:„Antoinette, man verheirathet uns, man verheirathet uns!“ fort. Wir folgten ihm in einiger Entfernung nach. Als wir wieder in's Zimmer traten, fanden wir Alle auf den Bei⸗ nen, die Männer im Hemde, die Frauen halb angekleidetz Anton hatte einen allgemeinen Aufſtand erregt. Als ſie ganz wach geworden waren, verſtanden ſie ihn erſt und lachten. Antoinette kam, um mich zu umarmen und mir zu danken, und zwar mit einer ſehr feierlichen Miene. Tags darauf gingen wir nach Appenzell, und vollzo⸗ 17* — 260— gen die von den Geſetzen und der Religion vorgeſchrie⸗ benen Förmlichkeiten; das reizende Brautpaar ſtrahlte vor Glück. André und ich hatten zuerſt im Sinne, ihnen eine für die Erhaltung ihrer Kräfte und ihrer Geſundheit nützliche Enthaltſamkeitsregel vorzuſchreiben:„Sie werden Alles verſprechen,“ ſagte André,„und ſie werden ſelbſt an ihr Verſprechen glauben; ſie werden aber dieſe Verſprechun⸗ gen ebenſo wenig wie die anderen halten, weil die Natur ſie mit ſich fortreißen wird. Wir wollen Anton viel arbei⸗ ten laſſen, und wollen die Sachen übrigens gehen laſſen, ebenſo wie wir den Lauf unſers Bächleins nicht ſtören.“ Die Hochzeit war für eine Schweizerhochzeit ſehr prachtvoll; die jungen Eheleute waren trunken vor Glück. Unſere guten Freunde theilten ihre und unſere Freude. Ach! wie macht doch das Glück der Kinder uns ſelbſt ver⸗ gnügt und glücklich! Wie raſch vergeht doch die Zeit; ſie vergeht uns um ſo ſchneller, je weniger Widerwärtigkeiten wir erfahren. Vier Jahre ſpäter hatten wir zwei Enkel, welche die Ab⸗ götter der Familie waren; es waren wieder ein Anton und eine Antvinette. Der Luxus fing an ſich in den Canton einzuſchleichen. Die Frauen tragen jetzt Mieder von Seide, und der Ge⸗ richtshof der Reform ſchweigt, weil die Frauen der Mit⸗ glieder, die denſelben ausmachen, die Erſten ſind, welche die Geſetze übertreten. In hundert Jahren werden wohl — 261— die Regierungsformen noch dieſelben ſein, aber die Frei⸗ heit wird Nichts mehr ſein, als ein leeres Wort. Der Luxus ſchmeichelt dem Reichthum, welcher allein ihn er⸗ halten kann, und wo die Wohlhabenheit Alles ausmacht, da hat das Volksbewußtſein aufgehört. Wir ſind reich, unſere Nachkommen werden alſo Landammänner werden. Ende des vierten und letzten Bandes. 8 6 n Inhalt der Unterhaltungsbibliothet 1. bis 43. Bändchen. 4. Bd. Die ſchöne Magd, von C. Herloßſohn. 2. ⸗ Jenny, von Paul de Kock. 3 Lucy, von Oettinger. 5. ⸗„ Der Albaneſe, von Heller. 6—9.„ Kleine Erzählungen v. C. Herloßſohn. 10—13.„ Das Kind des Carnevals, v. Pigault Lebrun. 14— 22.„ Der Venezianer, von C. Herloßſohn. Onkel Botte, von Pigault Lebrun. Eine Steppenreiſe von R. Heller. 29— 40. ⸗ Die heilige Ligue oder der Spion, von Pigault Lebrun. 41— 43.„ Saint Germain, von Oettinger. ſſſſrſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18