Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo.* Ednard Gltmann in Cieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennähme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wet.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und efecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene vder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Cauſen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Pigault⸗Lebrun's Humoriltiſche Romane. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt. 16. bis 18. Bändchen. Die heilige Ligue oder der Spion. Br e Leipzig, 1846. Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. t Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Einzelnheiten des Hausweſens. Herr de la Tour wird Deputirter bei den General⸗ Staaten. Dieſer Tag war ein großer Tag für André, für Clara und ſelbſt für uns. Clara hatte ſich mit einer eleganten Einfachheit angezogen; André hatte gleichfalls Sorgfalt auf ſeine Toilette verwendet; Colombe erſchien mit allen ihren Reizen ausgeſtattet, und ich hatte mich mit einer ganz eigenthümlichen Geſuchtheit geſchmückt; es ſchmei⸗ chelte mir ſehr, rings um mich die Frage: wer ich ſei, und die Antwort: es iſt der Seigneur de la Tour, zu ver⸗ nehmen. Wir begaben uns mit dem größten Pompe nach Ar⸗ pajon. Wir und die zukünftigen Gatten ſaßen in meinem Wagen; unſere Bedienten, mein Pächter und ſeine Fa⸗ milie hatten Alle, ſehr reinlich angezogen, in dem offenen char à banc des Pachthofes Flatz genommen. Zwei Mu⸗ Biblioth. 359 Boch. 1 ſiker aus Arpajon gingen an der Spitze dieſes Zuges ein⸗ her. Der Klang ihrer Inſtrumente lud die Liebhaber von derlei ſchönen Aufzügen ein, ſich um uns her zu gruppiren. Die Kirche war mit Blumenkränzen ausgeſchmückt und der meſſeleſende Prieſter erwartete uns am Altare, mit ſeinem ſchönſten damaſtenen und mit Gold verbrämten Meßgewande angethan. Gewiſſe Brautleute würden ſehr in Verlegenheit kom⸗ men, wenn ſie ihren Vater und ihre Mutter nennen ſoll⸗ ten. Nichtsdeſtoweniger bedürfen ſie aber deren doch, we⸗ nigſtens für dieſen Tag da. Ich vertrat alſo die Stelle von Clara's Papa und meine reizende Colombe die von André's Mama. Der Pfarrer hielt, wie es der Gebrauch will, eine Rede über die Pflichten der Gatten. Er blieb auch nicht einen Augenblick in derſelben ſtecken, und das zwar aus einem ſehr einfachen Grunde: er wiederholte ſie vielleicht ſchon zum tauſendſten Male. Man hat nicht alle Tage Geiſt, ja es giebt ſogar Leute, die deſſen niemals welchen haben, und wenn man einmal eine Rede, ſo gut als man ſie nur im⸗ mer machen kann, gefunden hat, ſo thut man wohl, dabei ſtehen zu bleiben. Ich beobachtete die Mienen der Brautleute. Ich fand in denſelben keine Spur von jenem Fieber, welches eine heftige Liebe ankündigt, und welches ſo viel Freude und ſo viel Schmerz verurſacht. Es giebt ſo viele Beweggründe, welche ſowohl den großen Herrn, als auch den Schuhflicker zur Ehe beſtimmen können: bei den Einen iſt es der Ehr⸗ — geiz, die Nothwendigkeit ihre Gläubiger zu befriedigen, der Wunſch ihr Haus neu einzurichten; bei den Andern ein Stückchen Wieſe oder eine Kuh mehr; zuweilen tritt auch ein natürliches Bedürfniß beſtimmend hinzu. Aber dieſe Empfindung iſt bald abgenutzt, wenn ſie nicht durch ein be⸗ rauſchendes ausſchließliches Gefühl aufrecht erhalten wird, welches man mit keinem von allen denen, die man im Laufe ſeines Lebens ſchon empfunden hat, vergleichen kann. Ein ſolches Gefühl war dasjenige, welches mich mit Colomben verband. Ich ſehe infaſt allen andern Eheleuten Nichts als Leute, welche nicht für einander paſſen, welche ſich gegenſeitig ſtören und vermeiden, welche auswärts Genüſſe ſuchen, die ſie in ihrem Hauſe nicht finden, und denen ihr Daſein oft unerträglich ſcheinen würde, wenn ſie nicht häufig, der Gatte an das Amt oder die Stelle, welche der Preis ſeiner Hand war, die Gattin an den Rang, welchen ihr die Ehe verliehen hat, dächten. Eine Musketenſalve begrüßte uns, als wir die Kirche verließen. Das iſt eine ſehr gebräuchliche Art, den jungen Eheleuten die Theilnahme, welche man für ihr wenigſtens vorauszuſetzendes Glück hegt, zu beweiſen, und ihnen zu⸗ gleich Geld aus der Taſche zu locken. André benahm ſich in dieſem Falle ſehr großmüthig, aber ein Ungeſchickter ſchoß meinem ſchönſten Maulthiere ein Auge aus. Es iſt ausgemacht, daß man an einem Hochzeitstage Nichts be⸗ rechnet; den Tag darauf iſt es eine ganz andere Sache. Ich war zwar heute nicht der junge Ehemann, aber der Seigneur de la Tour durfte ſich über ein Auge mehr oder 1* weniger nicht aufhalten. Nichtsdeſtoweniger mußte man das arme Thier ausſpannen. So bezahlen die Kleinen im⸗ mer die Vergnügungen der Großen. Ein Hufſchmied von Arpajon bemächtigte ſich meines Maulthieres und mein Pferd befand ſich zu Latour; es war nur noch eines vor den char à bane des Pächters ge⸗ ſpannt, und ſo mußten die Neuvermählten und der Herr und die Dame des Schloſſes zu Fuße zurückkehren, was geradezu einen von der Zeit geheiligten Gebrauch ver⸗ letzte; man muß ſich im Wagen in die Kirche begeben und ebenfalls aus derſelben zurückfahren und ſollten auch die Neuvermählten am Tage darauf keinen Biſſen Brot zu eſſen haben. Die Koſten, welche das Fahren verurſacht, find zwar ziemlich unbedeutend, aber das Hochzeitsmahl! Das iſt es, was die Börſe des Armen erſchöpft; aber in allen Klaſſen der Geſellſchaft will man Etwas vorſtellen. Der Herr und ſeine Frau Gemahlin gingen mit der Würde, welche ihrem Range zukam; die Neuvermählten hüpften zu dem Klange der beiden Vivlinen; die Bewoh⸗ ner des Dorfes tanzten Rundtänze um ſie herum. Ich ſah vorher, daß es über den Keller des Herrn de la Tour hart hergehen werde, aber ich dachte mir zu meinem Troſte, vaß ſich André doch wahrſcheinlich nicht noch ein Mal ver⸗ heirathen werde. Es war Mittag, als wir auf mein Schloß zurückgelangt waren. Was das Hochzeitsmahl betrifft, ſo bemerkten wir, daß durchaus Richts vorbereitet war. Niemand von uns hatte auch nur daran gedacht. An einem Hochzeitstage nicht zu Mittag eſſen: das iſt hart. Clara murmelte, daß ihr Vater, der Laſtträger, und ihre Mutter, die Fiſch⸗ verkäuferin, am Tage ihrer Hochzeit ein prächtiges Mahl gehalten hätten, von welchem ſie noch an den Tagen, an denen ſie ſich nicht prügelten, mit Enthufiasmus ſprachen, und Madame André konnte Herrn und Madame de la Tour nicht einmal ein gebratenes Huhn vorſetzen. Der Herr des Schloſſes und ſeine Gemahlin antworteten ihr, daß ſie in Bezug auf Das bereits zur Reſignation gelangt ſeien. Aber ungefähr dreißig Perſonen und die Muſiker er⸗ warteten das Hochzeitsmahl. André hatte aber immer ein Auskunftsmittel zu ſeiner Verfügung. Er nahm vier der Kräftigſten aus dem Haufen, ließ ſie einen Eimer Wein aus dem Keller heraufholen, half ihnen denſelben in das Wäldchen rollen und dort aufſtellen. Er öffnet das Faß mit einem Kolbenſchlag und läßt Krüge für die Zög⸗ linge des Silenus ünd Gläſer für die Mäßigeren herbei⸗ ſchaffen.„Tanzt und trinkt eine Weile,“ ſagte er zu ihnen, „indeſſen wird man das Mahl zubereiten. Ich glaube, es wird ungefähr zwei Uhr werden, bis man ſich zu Tiſche ſetzen wird; ihr werdet deshalb nur einen um ſo beſſeren Appetit haben. Um zwei Uhr,“ ſagte er zu mir,„werden ſie betrunken ſein, und wer ſchläft, denkt nicht daran, zu Mit⸗ tag zu eſſen. Auf dieſe Art wären wir die Leute da nun los.“ Ich hatte mich zu Limoges auf eine außergewöhnliche Art verheirathet. Herr Dupont hatte uns eine Zufluchts⸗ ſtätte gewährt, und die ganze Stadt konnte ſich doch nicht 5— bei ihm einladen; übrigens waren wir durch Monſeigneur getraut worden und ein Biſchof läuft nicht einem Mittags⸗ mahle nach. Es exiſtirte ein alter Gebrauch, von dem ich eben ſo wenig als André eine Ahnung hatte. Der Prieſter, welcher das ego vos conjungo ausſpricht, wohnt von Rechtswegen dem Hochzeitsmahle bei, nach deſſen Beendi⸗ gung er das Brautbett ſegnet. Hier wäre dieſer ſein Segen ſehr überflüſſig geweſen, da die Neuvermählte, welche mit dem jungfräulichen Kranze geſchmückt war, ſchon im dritten Monat ihrer Schwangerſchaft ſtand. Der Herr Pfarrer von Arpaſon erſchien in dem Augen⸗ blicke, in welchem wir amwenigſten an ihn dachten.„Das iſt zum Teufelholen,“ ſagte André zu mir. Er fand uns alle Viere im BVegriffe, eine reichliche Eierſpeiſe mit Salat vazu zu verzehren. Er ſchnitt ein Geſicht; aber was für ein Geſicht! Auf ein Feſtmahl zu rechnen und Nichts als Eier zu finden!„Mein Herr,“ ſagte André zu ihm,„wenn eine Köchin heirathet, ſo hat ſie natürlich nicht Zeit, ſich um das Mittagsmahl zu bekümmern; übrigens befolgen wir, wie Sie ſehen, die prieſterliche Ermahnung, die Sie uns mit ſo viel Salbung ertheilt haben. Wir fangen an, unſere Ehe dadurch zu heiligen, daß wir heute faſten, aber es wäre nicht billig, die Kirche ihre Rechte verlieren zu laſſen; haben Sie die Güte dieſe ſpaniſche Dublone anzu⸗ nehmen. Morgen würde das Hochzeitsmahl verdaut ſein und mit dieſem Goldftück kann ein nüchterner Mann, wie Sie, den ganzen übrigen Theil der Woche leben.“—„Sie haben in der That Recht, Herr André. Künftighin will ich — von den Neuvermählien, je nach ihren Vermögensumſtän⸗ den und der Pracht, welche ſie mit der Trauung verbun⸗ den wiſſen wollen, Geld erheben. Nicht, als ob ich geſon⸗ nen ſei, ein Sacrament zu verkaufen, aber ich werde den feſtgeſtellten Preis unter dem Titel eines Honorars ein⸗ nehmen. Wie Schade, daß Herr de la Tour ſchon verhei⸗ rathet iſt. Sein Hochzeitstag hätte mir wenigſtens zwanzig Livres eintragen müſſen.“ Der Herr Pfarrer entfernte ſich vollkommen zufrieden⸗ geſtellt; ich begleitete ihn bis zum Thore hinab, wo er mich mit Artigkeiten und Verbeugungen überhäufte.„Ich fürchte ſehr,“ ſagte André zu uns,„daß ich dem Klerus einen neuen Erwerbszweig eröffnet habe.“ Und in der That, das Beiſpiel des Herrn Pfarrers von Arpajon wurde von ſeinen Herren Amtsgenoſſen in der Umgegend raſch be⸗ folgt. Bald wurde eine Erhebung von Geld in ganzFrank⸗ reich gebräuchlich, und in dem Augenblicke, in welchem ich Das ſchreibe, handelt man in der Sacriſtei um eine Hoch⸗ zeit oder um ein Begräbniß, wie um ein Huhn auf dem Markte. „André!“—„Mein Herr?“—„Du mußt eine neue Köchin für uns zu finden ſuchen.“—„Warum das, mein Herr? weil Sie vielleicht geſtern ſchlecht zu Mittag ge⸗ geſſen haben?“—„Nein, André, ſondern darum, weil die Frau meines Freundes, meines innigſten Vertrauten von nun an nicht mehr in der Küche erſcheinen darf, als höchſtens, um dort Befehle zu ertheilen.“—„Mein Herr, Niemand wird daran denken, meine Frau dort aufzuſuchen, * und ſo hat denn in dieſer Beziehung Ihre Eigenliebe keine Verletzungen zu fürchten.“—„Aber die Perſonen von un⸗ ſerer Bekanntſchaft werden ja erfahren.—„Ich will ſie lieber ſagen hören, daß Madame André eine gute Kö⸗ chin iſt, als eine ungeſchickte und folglich lächerliche Bürgers⸗ frau.“—„Aber ihre Eitelkeit..“—„Die Tochter eines Laſtträgers muß ſich damit zufriedengeftellt finden, die Rolle der erſten Dienerin im Schloſſe de la Tour zu ſpie⸗ len.“—„Aber Du ſelbſt.—„JIch, mein Herr, ich kenne nur zwei Klaſſen von Frauenzimmern, die, welche hübſch ſind, und die, welche es nicht ſind. Nun gehört aber Madame André unbeſtreitbar zu der erſten Klaſſe und ge⸗ rade mir kann nun am wenigſten daran gelegen ſein, ob ſie ihre ſchönen Formen unter Seide oder unter Linnen verhüllt. „Sehen Sie, mein Herr, man begegnet in der Welt nur deshalb ſo viel gequälten oder unglücklichen Leuten, weil ſich Jeder über ſeinen Stand erheben will. Wenn jeder Wunſch erfüllt werden könnte, ſo würden alle Men⸗ ſchen zu den höchſten Würden gelangen und weder Bäcker noch Weinbauer hinter ſich zurücklaſſen. Die Chineſen find um ſehr Vieles weiſer als wir: ſie erlauben den Kindern nicht das Gewerbe ihres Vaters zu verlaſſen. Daraus er⸗ giebt ſich nun, daß Jeder ſein Gewerbe gut betreibt, und dann ſind, wie ein altes Sprichwort ſagt, die Kühe wohl gehütet. Clara ſoll Köchin bleiben.“ —„Aber, André, was würde denn nach Deinem Sp⸗ ſteme aus dem edlen Wetteifer werden?“—„Epler Wett⸗ — eifer, mein Herr? Sagen Sie doch lieber Eitelkeit, Stolz, Chrſucht. Das ſind die Hebel, welche unglücklicherweiſe heutzutage alle Menſchen in Bewegung ſetzen. Ein Schuh⸗ flicker will, daß ſein Sohn Schuhmachermeiſter werde; der Bauer will ſeinen Sohn zum Mönche machen; dem Mönche gelüſtet nach dem Krummſtabe; der Marquis faßt ein Herzogthum, der Herzog von Guiſe einen Thron ins Auge. Niemand iſt zufrieden, wir vielleicht ausgenommen, die wir wirklich glücklich ſind, und das nur aus dem einzigen Grunde, weil wir aufgehört haben, in der Zukunft zu leben, und friedlich der Güter genießen, welche das Schickſal in unſere Hand gegeben hat. Clara ſoll Köchin bleiben.“ —„Meiner Treu, mein lieber André, ich glaube, daß Du ſchon wieder Recht haſt. „Unter Anderem, was iſt denn aus den Trinkern und Tänzern von geſtern geworden?“—„Sie ſind mit ihrer Lage nicht eher zufriedengeſtellt geweſen, als bis ſie voll⸗ kommen betrunken waren. Das Ergebniß davon war, daß ſie heute Morgen krank und vor Kälte erſtarrt in ihre Häuſer zurückgekehrt ſind.“ Unſere Tage floſſen nun ſo friedlich hin. Unſere Glück⸗ ſeligkeit konnte nicht mehr zunehmen, da wir Nichts mehr zu hoffen hatten. Ich wagte es nicht, André zu fragen, ob nicht das Hoffen, ſelbſt wenn es auf Dinge gerichtet iſt, von denen man weiß, daß man ſie nicht wird erlangen kön⸗ nen, nicht ſchon an ſich ein Genuß iſt. Colombe hatte die Königin Brunhilde im Stiche ge⸗ laſſen, um ſich ausſchließlich mit ihrem Wickelzeuge zu —65 beſchäftigen. Was wird ſie beginnen, wenn daſſelbe fertig ſein wird? Clara arbeitete an dem ihrigen, wenn ſie Zeit dazu hatte, und zwar an der Seite Colombe's. André hatte die allgemeine Leitung meiner Angelegenheiten, ſo wie die Einzelnheiten des Hausweſens über ſich. Er war immer beſchäftigt, und langweilte ſich daher faſt niemals. Ich meinerſeits ſchrieb eine Erzählung für meinen Sohn, zerriß ſie, begann ſie wieder und empfand oft eine ermü⸗ dende Leere. Ich fand eines Tages André, als erſich gerade bemühte, einen jener Erzählungsentwürfe, die ich ſo häufig in irgend eine Ecke warf, zu entziffern.„Mein Herr,“ ſagte er zu mir,„der Mann kann ſich in der Kraft ſeiner Jahre nur mit Dem mit Erfolg beſchäftigen, was man übereingekom⸗ men iſt ernſthafte Dinge zu nennen. Der menſchliche Geiſt trägt in ſich eine natürliche Reigung vorwärts zu ſchrei⸗ ten; er ſchreitet niemals zurück. Das Werk, über welchem Sie brüten, kann nur von einem glücklich begabten Jüng⸗ linge von funfzehn bis ſechszehn Jahren wirklich gut ge⸗ ſchrieben werden; in dieſem Alter iſt man noch voll von den Erinnerungen der Kindheit und hat noch keinen von den Ausdrücken verloren, die ihr eigenthümlich find. Das Kind, welches Das, was es lieſt, nicht recht verſteht, wirft bald ſein Buch weg und läuft ſeinem Balle oder ſeinem Kreiſel nach. Glauben Sie mir, mein Herr; hören Sie auf, jenem Manne zu gleichen, welcher nach dem Monde hinaufſprang und ihn mit den Zähnen erfaſſen wollte. Verſuchen Sie nicht das Unmögliche.“—„Was ſoll ich 1— aber denn machen, André? denn am Ende muß ich doch irgend Etwas thun.“ Der Spitzbube lächelte.„Mein Herr,“ ſagte er zu mir,„Sie richteten zu Limoges dieſe Frage nicht an mich.“ Der Ungeſchickte. Ich drehte ihm den Rücken zu. Ich kam zuweilen in Verſuchung, wieder zu Richour zurückzukehren.„Pah,“ dachte ich mir,„ich würde mich dort doch auch langweilen. Ein Mann, welcher über Richts ſprechen kann, als über Politik, eine Frau, welche über Alles, was man ihr ſagt und zuweilen ſogar über Das, was man ihr nicht ſagt, lacht, zwei erwachſene Töchter, die dumm wie die Gänſe ſind... Nein, ich werde nicht zu Richour gehen.“ Ich brachte eine Stunde bei Colomben zu. Sie ſprach von Richts mit mir als von ihrem Wickelzeug und von ihrem Sohne. Ich Undankbarer! hieß es denn nicht von Liebe mit mir ſprechen, wenn ſie mich von dieſen Gegen⸗ ſtänden da unterhielt? Ich umarmte ſie zärtlich und ging auf den Fiſchfang. Ich trat eines Tages in das Betzimmer des heiligen Anton ein. Meine Verehrung dieſer höchſt wichtigen Per⸗ ſon hatte ſich ausnehmend vermindert, ſeitdem ich Nichts mehr von ihr erwartete. Ich bemerkte mit Erſtaunen einige Spinnen, welche ihre Netze in der Wölbung des Bogens ausgeſpannt hat⸗ ten. Ich lief ſogleich hin, um die dicke Küchenmagd gehörig auszuzanken; das macht uns einen Augenblick hinbringen. Sie nahm einen großen Beſen und folgte mir weinend. „Du weinſt, mein Kind? Ich war zornig geworden und habe das größte Unrecht dabei gehabt. Der Zorn iſt eine der ſieben Todſünden, nimm dieſen Thaler und verzeihe mir.“ Ich ſah ein, daß ich eine gute Handlung begangen habe, und fühlte mich dadurch erleichtert. Ich glaube, daß der Menſch von Natur aus zum Guten geneigt iſt und daß ſeine Leidenſchaften allein ihn davon entfernen. Als Javotte das Betzimmer verlaſſen hatte, betete ich. Ich wußte nicht, was ich von meinem Schutzheiligen ver⸗ langen ſolle, und ſobald man kein beſtimmtes Ziel hat, iſt man Zerſtreuungen unterworfen. Ich betrachtete maſchi⸗ nenmäßig den Gefährten des großen heiligen Anton.„Der Meiſter lebte in der Wüſte,“ ſagte ich zu mir ſelbſt.„Es iſt wahrſcheinlich, daß ein Eber, welchen er gefüttert hat, ſich an ihn gewöhnte ein Eber!.. Die Großen fin⸗ den doch ſo viel Vergnügen daran, dieſe Art von Wildpret zu jagen. Warum ſollte nicht auch ich jagen?“ Es iſt unbeſtreitbar, daß jeder glückliche Gedanke uns von Oben kommt, und ich dankte meinem Schutzheiligen für dieſen, den er mir ſoeben eingeflößt hatte. Ich lief zu Colomben.„Meine theure Freundin, man bedarf unter Deinen Umſtänden kräftiger aber leichter Nahrungsmittel; ein Rebhuhn, eine Wachtel würden etwas Abwechſelung in die Gerichte, die man Dir aufträgt, bringen. Ich will jagen gehen.“—„Du wirſt wohl daran thun, mein Freund.“ Sie wollte nun ihrerſeits, daß ich ein kleines Häubchen bewundere, welches ſie ſoeben fertig gemacht hatte. Es war auch in der That ſehr niedlich. Um nun meinen augenblicklichen Plan zur Ausführung zu bringen, blieb mir nur noch übrig, zu erfahren, ob es überhaupt Wild auf meinem Gute gebe. Ich fragte Thomas.„Mein Herr,“ ſagte er zu mir, „es würde hier Rebhühner und Kaninchen im Ueberfluſſe geben, wenn die Bewohner von Arpajon nicht immer in der günſtigen Jahreszeit wilddieben hierherkämen.“— „Elende Bauern wagen es, Das mit Füßen zu treten, was noch von der Feudalherrſchaft, einer bewunderungswürdi⸗ gen Herrſchaft, die man wieder in ihrem ganzen Glanze herſtellen ſollte, übrig geblieben iſt? Ich werde aus mei⸗ nem Stallknechte einen Waldhüter machen und werde ihm befehlen, einen Jeden, der es wagt, mit einer Muskete in ver Hand auf meinem Gebiete zu erſcheinen, ins Gefäng⸗ niß zu ſchleppen.“—„O mein Herr, dieſe Wilddiebe ha⸗ ben auch nicht Einen Schuß auf Ihrem Gebiete gethan, ſeitdem Sie hier wohnen; übrigens ſind es Unglückliche, welche hierherkommen, einige Stück Wildpret zu tödten, um ſie auf dem Markte zu verkaufen und ihren Weibern und Kindern dafür Brot zu ſchaffen.“—„Das ändert die Lage der Dinge freilich weſentlich. Ich bin ſtolz, Thomas, aber ich bin nicht unempfindlich gegen die Pflichten, welche mir die Menſchlichkeit auferlegt. Die Armenmögen immer⸗ hin auf meinem Gebiete jagen, aber ſie ſollen mir erſt ein Zeugniß ihrer Armuth vorlegen und zwar eines, welches nicht von dem Landrichter, ſondern von dem Pfarrerunter⸗ zeichnet ſein muß. Die Pfarrer kennen die Gewiſſen ihrer Pfarrkinder aufs Genausſte, und ſie bllein ſollten sigentlich — ihre Gemeinden regieren. Das wird vielleicht mit der Zeit noch kommen. Und ſo geſchehe es. „Gut,“ dachte ich,„ich werde der erſte Gutsbeſitzer ſein, welcher ſeinen Rechten entſagt hat. Das wird mich bei dem Volke beliebt machen. Ich werde den Pfarrer einige Male zu Tiſche bitten; ich glaube, daß er ſchon mein Freund iſt, und dann werde ich erſt recht aus ihm machen können, was mir beliebt. Der Herzog von Guiſe zwingt den König wieder zum zweiten Male die General⸗ ſtaaten zu Blois zu verſammeln; ich ſehe keinen Grund, warum ich nicht auch zum Abgeordneten für dieſelben ge⸗ wählt werden ſollte. Der Herzog wird dieſe Verſamm⸗ lung aus ſeinen Anhängern zuſammenſetzen. Ich habe ihm Dienſte erwieſen, welche ihn an meine Ergebenheit glauben machen können, und ſomit wird er meiner Er⸗ wählung keine Hinderniſſe in den Weg legen. Gut! ich werde Deputirter werden. Unterdeſſen wollen wir jagen. „André, gehe nach Paris. Kaufe daſelbſt Alles, was zu einem beſcheidenen Jagdzuge gehört. Wir wollen uns zuſammen unterhalten.“—„Mein Herr, ich ſage es Ihnen im Voraus, daß ich nur mit geſchloſſenen Augen ſchießen werde.“—„Nun wohl, ſo wirſt Du Nichts tref⸗ fen.“—„Vielleicht eben ſo wenig wie Sie mit Ihren of⸗ fenen Augen.“—„Wir werden uns zuſammen einüben. Der Menſch thut Das immer gut, was er feſt entſchloſſen iſt, gut zu thun. Ebenſo werde ich auch Deputirter bei den Generalſtaaten werden.“—„Sie, mein Herr?“— 6 mein Herr, ich ſelbſt.“—„Und was werden Sie dabei —„ — 15— machen?“—„Meiner Treu; ich weiß es ſelbſt noch nicht. Ich werde es machen wie ſo viele Andere, welche gewählt ſein wollen, und ſich um das Uebrige einſtweilen wenig bekümmern.“—„Es iſt ausgemacht, daß der Titel eines Deputirten Glanz und zuweilen Vermögen verleiht; aber man muß die Partei zu wählen wiſſen, für welche man ſtimmen will.“—„Ich liebe und achte den Herzog von Guiſe nicht, und werde daher für den König ſtimmen.“— „Das wird ſehr weiſe gehandelt ſein, wenn der Herzog unterliegt.“—„Spute Dich, und gehe Jagdflinten kaufen.“ Ich begab mich zu Colomben mit dem Gange, welchen ich für die hohe Würde, um die ich mich bewarb, für an⸗ gemeſſen erachtete, und theilte ihr meine hohen Pläne mit. Sie hatte darein gewilligt, daß ich jage, durfte ſie mich dabei doch faſt gar nicht aus dem Geſichte verlieren; aber nach Blois zu gehen, während ihr gegenwärtiger Zuſtand ihr nicht erlaubte, mir dahin zu folgen..„Es gab eine Zeit,“ ſagte ſie zu mir,„wo Du Dich auch nicht einen Au⸗ genblick von mir entfernen konnteſt. Dieſe Zeit iſt nicht mehr,“ und ſie brach in Thränen aus. Clara weinte auch. Ich fühlte mich nahe daran mit ihnen zu weinen. Indeſſen beherrſchte ich mich doch noch. Ich ſtellte Colomben den neuen Glanz vor, welchen die Würde der Frau eines De⸗ putirten auf ſie werfen würde.„O,“ erwiderte ſie mir, „ich will Nichts ſein, als die Frau Antons.“ Ich forderte ſie auf, dieſen bürgerlich beſchränkten Anſichten zu ent⸗ ſagen, und daran zu denken, daß ich im Begriffe ſtehe, = 6— ihrem Sohne den Weg der Größe und bes Reichthums zu bahnen. Ich ſprach mit Wärme, und ſo ſprach ich gut. Sie lächelte, wenn ſie an ihr Kind dachte, wie es in einer prächtigen Kutſche dahin fuhr, wie es von in alle Farben gekleideten Dienern umgeben war, ſich die Spitze ſeines Bartes ſtrich, und auf den demüthigen Fußgänger mit Ver⸗ achtung herabſah. Ein beſcheidenes Glück genügte Co⸗ lomben; bei dem Namen ihres Sohnes erfaßten ſie ehr⸗ geizigere Gedanken. Das iſt die Geſchichte aller Mütter. Sie fragte mich, wie ich es anſtellen wolle, um ge⸗ wählt zu werden. Ich ſetzte ihr meinen Plan mit allen ſeinen Nebenumſtänden und Einzelnheiten auseinander. Ich ſchrieb in ihrer Gegenwart einen Einladungsbrief an den Herrn Pfarrer, den Landrichter und die Grundbeſitzer von Arpajon. Ich vergaß ſelbſt Richoux nicht.„Kein Hebel,“ hatte der Herzog von Guiſe geſchrieben,„iſt ſo winzig, daß er nicht nützlich werden kann.“ André kam mit Geräthſchaften an, deren Anblick allein mich ſchon in Verlegenheit brachte. Das, was mir von Allem am beſten gefiel, war ein ſchöner Jagdhund von ausgezeichneter Erziehung, wie man wenigſtens André'n verſichert hatte. Wir zogen die Jagdkleider an, und ver⸗ tieften uns, von Caſtor geleitet, in meine Wälder. Caſtor jagte aus Leibeskräften; in einer halben Stunde durch⸗ ſuchte er alle Schlupfwinkel meines kleinen Gehölzes, und er machte auch nicht Ein Rebhuhn aufſteigen. „Oh,“ ſagte ich zu André,„ich wundere mich jetzt nicht mehr, daß die Wilddiebe aufgehört haben, hierher zu —— kommen. Die Spitzbuben haben hier Nichts mehr zu ſchießen übrig gelaſſen.“—„Indeſſen, mein Herr, lacht man die Jäger doch zu ſehr aus, welche ohne Wildpret nach Hauſe zurückkehren. Sie müſſen durchaus irgend Etwas tödten„Halt, ſehen Sie dieſen Häher, welcher ſich auf der Höhe dieſer Sycomore wiegt?“—„Schieße ihn, André.“—„Nein, mein Herr, Ihnen gebührt der Vorrang.“ Ich betrachtete den Häher feſt, aber nicht die Mündung meiner Flinte. Ich ſchoß, und ich tödtete Caſtor, welcher vom Laufen ermüdet ſich zu meinen Füßen hingeſchmiegt hatte. André brach in ein lautes Gelächter aus.„Der Menſch thut Das immer gut, was er feſi entſchloſſen iſt gut zu thun,“ ſpottete er mir nach,„und Sie waren feſt entſchloſſen, ein großer Nimrod vor dem Herrn zu werden. Mögen Sie ein beſſerer Deputirter werden.“ Ich war gereizt, aber ich ſprach nicht ein Wort. André hätte ſonſt gar nicht aufgehört, mich zu necken. Ich kehrte mit geſenktem, tief geſenktem Ohre in das Schloß zurück. Colombe fragte mich, wo die kräftigen und zugleich leichten Speiſen ſeien, die man ihr auftragen ſolle. Clara fragte mich, was aus Caſtor geworden ſei.„Andrs, laß unſeren Jagdzug auf den Boden bringen, und möge nie mehr die Rede davon ſein.“ Colombe wollte Einzelnheiten erfahren, und ich fügte mich endlich ziemlich gutwillig darein, ſie ihr zu erzählen. Sie macht ſich über mich luſtig, Clgra neckt Mann; Biblioth. 355 Boch. man lacht ſehr viel, und das iſt doch immer beſſer als gähnen. Wir erfuhren am Abende, daß ein ganzer Schwarm von Miſſionären die Hauptſtadt mit dem Befehle verlaſſen habe, ſich über ganz Frankreich auszubreiten. Diejenigen, welche ſich zu Arpajon aufgehalten haben, ſollten am näch⸗ ſten Morgen predigen. Ich habe die Predigten von jeher ſehr geliebt, und dieſe da waren gewiß ſehr geeignet, mich zu meinen frommen Gedanken, von denen ich mich nur ſchon zu weit entfernt hatte, wieder zurückzuführen. Colombe und ich begaben uns mit allem Pompe, den wir zur Schau tragen konnten, nach Arpajon; man muß ſich in den Kirchen bemerkbar machen, wenn die Partei des Klerus die herrſchende iſt. Mit welchem Eifer, mit welcher Wärme, mit welchem Haſſe gegen die Hugenotten, und mit welcher Verachtung gegen den König drückten ſich die ehr⸗ würdigen Väter aus. Ich war in allen Punkten, mit Aus⸗ nahme des letzteren, ganz mit ihnen einverſtanden. Ich verhehlte aber meine Denkungsart: Schweigen heißt ja nicht lügen. Ich lud die Miſſionäre ein, die zahlreiche und glän⸗ zende Geſellſchaft, welche ich zu Mittag erwartete, zu ver⸗ mehren. Wenn man Deputirter werden will„ muß man aller Welt ſchmeicheln. Der Pater Polycarpus fragte mich, ob ich der Herr de la Tour ſei, welchen der Herzog von Guiſe mit wichtigen Aufträgen beehrt hatte. Ich ſchloß aus dieſer Frage„daß die ehrwürdigen Väter eine Liſte von Leuten haben„welche ſie, Jeden in ſeinem De⸗ —— —— partement, den Wählern vorſchlagen ſollten, und zog ſomit ein günſtiges Vorzeichen daraus. Clara übertraf ſich an dieſem Tage ſelbſt. Sie ſetzte uns ein eben ſo reichliches, als wohlſchmeckendes Mahl vor. André hatte, ich weiß ſelbſt nicht wo, feine Weine aufge⸗ trieben, welche die beſte Wirkung hervorbrachten. Ich be⸗ merkte, daß meine Miſſionäre, ungeachtet ihrer zu Boden geſchlagenen Augen und des hölzernen Kreuzes, welches ſie an ihtem Gürtel trugen, Allem ſein Recht widerfahren ließen. Das war ſehr natürlich. Sie hatten ſich am Morgen ermüdet, und guter Wein iſt für die Reinheit des Magens und die Kraft der Lungen, welche zwei Eigen⸗ ſchaften einem Prediger ſo nothwendig ſind, ſehr vienlich. Von Zeit zu Zeit erhob der Pater Polycarpus einen verſtohlenen Blick ſogar bis zu Colomben. Es iſt ja nicht verboten, den gemeinſchaftlichen Vater in dem ſchönſten ſeiner Geſchöpfe zu bewundern. Gegen Ende des Mahles brachte ich, ein volles Glas in der Hand, die Geſundheit des Herzogs von Guiſe aus. Man muß ſich wohl zu Dem bequemen, was man nicht gut umgehen kann, und dann hatte ich ja auch wirklich keine Gründe zu wünſchen, daß der Herzog krank werde. Uebri⸗ gens hatte ich recht gut meinen innerlichen Vorbehalt, und trank mein Glas, auf einen Zug, auf das Wohl des aller⸗ chriſtlichſten Königs aus. Es iſt doch eine bewunderns⸗ werthe Sache um einen innerlichen Vorbehalt; der bringt Alles ins Gleiche. Zu Ende des Mahles verſicherten die Miſſionäre mei⸗ 2* — W— nen übrigen Gäſten, daß ich eine der Säulen der heiligen Ligue wäre, und daß ſie ja nicht unterlaſſen ſollten, mir ihre Stimmen zu geben. Alle ſchwuren es, indem ſie noch ein kleines Glas Krambambuli genoſſen. Die Miſſionäre ſollten noch an dieſem Abende über die Verworfenheit gewiſſer Männer predigen, welche ſich mit Töchtern der Hugenotten verbänden, und dieſe Ehe für eine giltige hielten. Man mußte ſich trennen, aber meine Gäſte verſprachen mir, ſich nach vier Tagen wieder bei mir zu vereinigen. Ich hatte bemerkt, daß man die Menſchen mittelſt Mittagstafeln regieren kann. „Sie werden Deputirter werden,“ ſagte André zu mir, als wir allein waren.„Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht den König tödten, während Sie ihm gegen den Herzog von Guiſe dienen wollen. Erinnern Sie ſich an Caſtor.“ Dieſer Scherz ſchien mir hier ſehr übel ange⸗ bracht zu ſein, und ich wandte meinem Schulmeiſter noch einmal den Rücken zu. Das überhebt außerdem der Mühe zu antworten. Nichtsdeſtoweniger war mir André in meinen müßigen Augenblicken, deren ich leider ſehr viele hatte, nothwendig. Ich näherte mich ihm wieder. Man wird ſich leicht vor⸗ ſtellen können, daß unſer Geſpräch ſich faſt immer auf den Gegenſtand, mit dem ich ausſchließlich beſchäftigt war, bezog. Andrs ſah eine große Kataſtrophe vorher.„Uebri⸗ gens,“ ſagte er,„iſt es nicht zu verwundern, daß die Men⸗ ſchen von politiſchen Revolutionen bewegt und gefoltert werden, da doch auch die Erde, von welcher ſie ausſtrömen, ſchrecklichen Umwälzungen unterworfen iſt.“—„Die Menſchen ſollten von der Erde ausſtrömen 2 Herr André, dieſe Meinung iſt im höchſten Grade materialiſtiſch.“— „Es iſt jedoch höchſt merkwürdig, daß gerade Diejenigen, welche ſich Etwas darauf zu Gute thun, ihrer Religion auf das Strengſte nachzuleben, gerade die erſten Grund⸗ züge derſelben vergeſſen. Erinnern Sie ſich denn nicht, mein Herr, daß der erſte Menſch aus Erde und Lehm ge⸗ bildet worden war?“—„Sehr gut erwidert; wirklich ſehr gut! Du hätteſt, wenn Du es gewollt, eben ſo wohl ein Pater Polycarpus, als ein Theodor von Beza werden können. Aber, welches ſind denn dieſe großen Ka⸗ taſtrophen der Erde, welche die Menſchen im Kleinen nachahmen, wenn es ihnen gefällt, ſich gegenſeitig zu er⸗ würgen?“ „Sie wiſſen, mein Herr, daß große Steinmaſſen ſich niemals auf der Oberfläche des Erdbodens bilden können. Die Erde arbeitet ſie tief innen in ihren Eingeweiden aus, und doch haben wir auf unſeren Reiſen ungeheure Kalk⸗ felſen geſehen, welche, wie durch Zufall, einer auf den an⸗ deren geworfen worden zu ſein ſchienen. Aber das Wort »Zufall« iſt ein Wort, welches allen Sinnes entbehrt. Das zuſammengedrückte und in ſeiner Bewegung ge⸗ hemmte Centralfeuer hat ſich mit einer ungeheuren Hef⸗ tigkeit Luft gemacht, und hat Alles, was ihm Widerſtand entgegenſetzte, in den weiten, freien Raum hinausgeſchleu⸗ dert. Und ſo haben wir denn in dieſen Felſen die Spuren heftiger Bewegungen, welche die Erde bis in ihre Grund⸗ — 2— feſten erſchüttert haben, geſehen; und ſo werfen auch po⸗ litiſche Umwälzungen die Menſchen Einen über den An⸗ dern hin. „Man kann überall die Spuren ausgelöſchter Vulcane erkennen. So hat alſo der Kern des Centralfeuers ftarke Verminderungen erlitten. Die Wärme iſt die einzige Grundbedingung des Lebens. Folglich müſſen alle Thier⸗ gattungen ausarten, und werden auch ſo lange ausarten, bis der Erdboden in dem Maße erkältet iſt, daß er Nichts mehr hervorbringen können wird. Die Sonnenwärme, welche dann Nichts mehr anziehen wird, wird ohne Ein⸗ fluß auf eine träge Maſſe bleiben, und die Menſchen, welche noch übrig ſein werden, werden zu Grunde gehen.— Das wird das Ende der Welt ſein, welches in der heiligen Schrift vorher verkündigt worden iſt. „Die Wahrheiten, welche ich Ihnen ſoeben vorgetragen habe, ſind leicht zu beweiſen. Steigen Sie während der Hitze der Hundstage in einen Brunnen, und Sie werden daſelbſt eine Kälte empfinden, welche Ihnen bald uner⸗ träglich werden wird. Bereiſen Sie die Küſten, welche das Eismeer begrenzen, und Sie werden dort faſt über⸗ all eine unfruchtbare oder erſtorbene Natur finden. Die kleine Anzahl von Menſchen, welche Sie in dieſen Gegen⸗ den hier und da zerſtreut antreffen werden, ſind von klei⸗ nem Wuchſe, und ihre geiſtigen Kräfte find ebenſo be⸗ ſchränkt, als ihre äußere Perſönlichkeit. „Nachdem wir im Vorbeigehen die Verwüſtungen, welche das Feuer angerichtet hat, betrachtet haben, wollen wir uns ein wenig bei dem Unheil, welches das Waſſer verurſacht hat, aufhalten. Das Centralfeuer ſelbſt konnte vielleicht die hauptſächlichſte urſache davon ſein. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß Europa einſt mit Afrika durch eine Landenge, welche die Zeit zerriſſen hat, und an deren Stelle ſich heutzutage der Canal von Gibraltar befin⸗ det, verbunden war. Dieſe Landzunge wurde Jahrhun⸗ verte hindurch von den Wogen unterhöhlt, und ein Erd⸗ beben hat ſie dann wohl vollends auf den Grund des Meeres hinabgeſtürzt. Dann hat ſich der wüthende Ocean in niedrigere Regionen, als ſein eigentliches Bett iſt, er⸗ goſſen. Er hatte Dörfer, Städte, Provinzen und König⸗ reiche verſchlungen, und Das gebildet, was man jetzt, wohl unrichtig genug, das mittelländiſche Meer nennt. Es iſt eigentlich nichts weiter, als der größte der Landſeen, welcher eben ſo wenig als die andern von geringerem Um⸗ fange Fluth und Ebbe hat. „Welche Verzweiflung, welchen Schrecken mußte in den übrigen Theilen der Welt eine ſo furchtbare Kataſtrophe verbreiten, deren Erinnerung ſich in der Nacht der Jahr⸗ hunderte, die entſchwunden ſind, verloren hat. Die Los⸗ trennung Siciliens, welche durch den Veſuv oder den Aetna hervorgebracht wurde, und die Englands, welcher vielleicht dieſelben urſachen zu Grunde lagen, mußten noch den Schrecken vermehren, welcher damals das Men⸗ ſchengeſchlecht heimſuchte. Der Menſch, von Unruhe ver⸗ zehrt, beſtändiger Aufregung preisgegeben, ſetzte nur zitternd noch den Fuß auf dieſe Erde, welche ihm das Leben gegeben hatte, und welche ohne Unterlaß drohte, es ihm wieder zu rauben. Wie viele erſchreckende Traditionen um ſpäter auch ihrerſeits vergeſſen zu werden. Und wir wandeln voll Zutrauens auf dieſen Ruinen umher. Spiel⸗ zeuge, Ehrenßtellen, Orden, Liebſchaften, beſchäftigen uns faſt ganz ausſchließlich, und morgen, dieſen Abend noch, kann unſere letzte Stunde ſchlagen.“—„Laß uns daher trachten, mein lieber Anton, uns immer in dem Zuſtande der Gnade zu befinden.“ „Aber weißt Du denn auch, daß das eine ſehr erha⸗ bene Philoſophie iſt, welche Du da ſoeben vorgetragen haſt?“—„Mein Herr, ich denke ſelten nach, weil mich das ermüdet; aber wiſſen Sie denn, welches das Ender⸗ gebniß meiner Betrachtungen iſt? Es beſteht darin, daß die Leidenſchaften der Menſchen das Aeußere der Erde um⸗ wühlen, ſo wie die Vulkane das Innere, und daß es Alles wohl erwogen nicht der Mühe werth iſt, geboren zu werden. „Laſſen Sie uns dieſe traurigen Gedanken aufgeben, mein Herr; es giebt ebenſo wenig alle Tage Erdbeben als politiſche Umwälzungen. Laſſen Sie uns unſere Frauen und Kinder liebkoſen, wenn wir deren haben werden; laſſen Sie uns Ihren guten Wein trinken, welcher uns zum Frohſinn verhilft, und laſſen wir die Erde und die Menſchen ihren Weg gehen, ſo gut es eben gehen mag.“ — — 36— Meine zweite Mittagstafel war ebenſo glänzend als die erſte: dieſelbe Zuneigung, dieſelbe Hingebung von Seiten meiner Gäſte; auch dieſelbe Fröhlichkeit herrſchte, und dieſelben Lobſprüche wurden an meine Küche und mei⸗ nen Keller verſchwendet. Die Privatleute lebten zu der damaligen Zeit noch ziemlich nüchtern, und ich gab ein Mahl wie für Fürſten; während zwei Tagen ſprach man in dem ganzen Departement nur von meiner Freigebigkeit. Ich glaubte ganz gewiß gewählt zu werden, nichts⸗ deſtoweniger hielt ich es aber doch für paſſend, wieder ganz la Mouche zu werdenz ich beobachtete Alles, was in meiner Umgebung und in Arpajon vorging. Richoux und der Pfarrer machten den Wählern geheime Beſuche und man verbirgt ſich nur dann, wenn man Abſichten hat, deren Er⸗ füllung das öffentliche Bekanntwerden derſelben hindernd in den Weg treten könnte. Man wird ſich erinnern, daß die Beſcheidenheit nie meine vorzüglichſte Tugend warz nichts⸗ deſtoweniger glaubte ich nun auch meinerſeits Schritte thun zu müſſen: ich machte auch Beſuche. Ebenſo laufen, wenn eine Stelle in der franzöſiſchen Plejade erledigt iſt, die Bewerber um dieſelbe nach allen Seiten umher, um ſich Stimmen zu verſchaffen. Ich hatte bemerkt, daß die Frauen ihre Männer und die Kinder ihre Mütter beherrſchen; ich verlor meine Zeit nicht damit, ſchmeichelhafte Redensarten an Bauernlümmel zu richten, von denen der größte Theil gar nicht im Stande war, dieſelben zu verſtehen, ſondern ich ſagte den Damen Schönheiten, ich pries ihre Reize, ſelbſt die Derjenigen, welche deren gar keine beſaßen, die aber nichtsdeſtoweni⸗ ger ſo gütig waren, mir auf das Wort hin zu glauben. Ich fand die Rangen, deren Geſchrei mir die Ohren zerriß, allerliebſt; ich theilte den großen Vorrath von Zuckerwerk, welchen André eigens zu dieſem Behufe von Paris hatte kommen laſſen, unter ſie aus und ich ſtreichelte ſogar das Hündchen, welches gerade in Gunſt ſtand. Ich erforſchte die geheimen Wünſche dieſer Damen; ich verſprach der Einen eine Stelle unter der Dienerſchaft der Königin, der Andern eine Anſtellung bei der Herzogin von Guiſe; ich wechſelte damit ab, je nach der Meinung, welche in dem Hauſe, in dem ich mich gerade befand, herrſchte. Alle dieſe Damen erklärten mich für einen prächtigen Menſchen; einige von ihnen ſchienen von den Schmeicheleien, die ſie mir ſagten, wirklich durchdrungen zu ſein, aber meine Liebe zu Colomben, die Heiligkeit der Ehe und die Furcht vor meinem Schutzheiligen machten mich für dieſe gleichgiltig.. Ich legte André'n von meinen Schritten Rechenſchaft ab.„Wiſſen Sie auch, mein Herr, wie man das auf gut Deutſch nennt?“—„Gewandtheit.“—„Späherei und folglich Niedrigkeit; Sie werden wieder ganz la Mouche.“ —„Ich muß das freilich zugeben, André, aber Du ge⸗ brauchſt da doch ſehr unpaſſende Ausdrücke.“—„Denken Sie ein wenig nach, mein Herr, und beurtheilen Sie ſich dann ſelbſt.“—„Ich denke ich urtheile daß Einem, welcher Deputirter werden will, Alles erlaubt ſein muß.“ Ol dieſes Mal hatte mich aber doch meine Gewandt⸗ heit irre geführt. Die Frauenzimmer vertrauen ſich Das, was ihrer Eitelkeit ſchmeichelt, ſehr leicht an: es iſt dies eine Art von Triumph für Diejenige, welche ſpricht, und Die, welche zuhört, läßt auch keine Gelegenheit vor⸗ übergehen, Gleiches mit Gleichem zu bezahlen. Madame de la Motte war eiferſüchtig auf die Stelle, welche ich der Madame Desmarais verſprochen hatte; Madame Lefort war neidiſch auf das Spielzeug, welches ich der kleinen Tournier gegeben hatte. Die Unzufriedenen verſammelten ſich und nahmen ſich feſt vor, auf ihre Gatten zu Gunſten Richvux's einzuwirken; eine kleine Dienſtmagd, der ich ein ſchönes hohes Mieder geſchenkt hatte, kam und verrieth mir die ganze Verſchwörung. „Geben Sie nur Mittagstafeln,“ ſagte André zu mir, „Mittagstafeln für dreißig Perſonen, von denen die erſte allein Ihnen mehr als vierzig Livres gekoſtet hat; das iſt, wie Sie ſehen, ein ſehr gut angewandtes Geld.“—„Gegen große Uebel muß man große Heilmittel in Anwendung bringen; ich reiſe nach Paris.“—„Was wollen Sie denn aber dort thun?“—„Du ſollſt das nach meiner Rückkehr erfahren.“ Ich ſtieg alſogleich zu Pferde; ich hatte Mühe bis zu Herrn Pericard zu gelangen, aber endlich trat ich in das Arbeitszimmer deſſelben ein. Man wird nicht vergeſſen haben, daß Herr Pericard, der Geheimſecretär, die rechte Hand des Herzogs von Guiſe war; ich theilte ihm die Intriguen mit, welche zu Arpajon geſponnen wurden. Er ſchickte nach Herrn von Maineville.„Haben Sie Miſſio⸗ näre nach Arpajon geſchickt?“—„Ja, mein Herr.“— „Capitän la Tour, haben dieſelben ihre Pflichten erfüllt?“ —„Ja, mein Herr.“—„Und wer ſind denn die Unver⸗ ſchämten, welche es wagen ſollten für einen Bewerber zu ſtimmen, den das Anſehen der Kirche ihnen nicht bezeichnet hat? Maineville! Hundert gut bewaffnete Soldaten der Ligue ſollen ſich nach Arpajon begeben, um dort die Frei⸗ heit der Wahlen aufrecht zu erhalten; Sie verſtehen mich. Sie ſollen bei den Bürgern einquartiert werden und daſelbſt nach ihrem eigenen Ermeſſen leben. Jetzt bitte ich, mich allein zu laſſen.“. Am Vorabende des großen Tages zogen hundert Sol⸗ daten der Ligue, hundert Raſende, hundert Teufel in Ar⸗ pajon ein, die Muskete auf der Schulter, mit klingendem Spiele und wehenden Fahnen. Ich hielt dafür, daß es die Schicklichkeit gebiete, den Capitän einzuladen, bei mir ſein Quartier aufzuſchlagen; ich nannte mich, und er nahm meine Einladung an: nur machte er mich darauf aufmerkſam, daß er ſich zuerſt und vor Allem mit ſeinen Leuten beſchäftigen müſſe.„Nun, und wo wollen Sie dieſelben dennunterbringen?“—„O, ich bin deshalb nicht in Verlegenheit! Sie werden es ſo⸗ gleich ſehen.“ Er ließ ſeinen Trommler einen Wirbel ſchlagen.„Die Sache des Königs,“ ſagte er zu den verſammelten Neu⸗ gierigen,“ befindet ſich jetzt in einem traurigen Zuſtande; aber es giebt hier im Orte gute Königlichgefinnte, welche mich dabei unterſtützen werden, ſeine Macht wiederherzu⸗ ——— tellen. Ich bilde nur die Vorhuth eines Heeres von zwölf⸗ tauſend Mann, welches von dem Marſchall von Biron be⸗ fehligt wird; mag ver Herzog von Guiſe immerhin Herr in Paris ſein, meinethalben: aber die Truppen, welche jetzt vorrücken, werden wenigſtens das flache Land dem rechtmäßigen Herrſcher erhalten. Raſch denn, meine Freunde, es lebe der König!“ „Es lebe der König!“ riefen zwanzig bis dreißig Per⸗ ſonen, deren Aeußeres Wohlhabenheit verrieth und welche von dem Marſchalle, der ſich jetzt in dem Departement Perigord befand, die Erhaltung ihrer Beſitzthümer erwar⸗ teten. „Aha, Canaillen!“ rief der Capitän,„ihr ſeid alſo königlichgeſinntz ich werde euch dieſen Fehler da ſchon auszutreiben wiſſen.“ Alſogleich bemächtigten ſich acht bis zehn Soldaten eines Jeden von den Schreiern, führten dieſelben in ihre Häuſer zurück und warſen ſich in denſelben zu vollkommen unumſchränkten Gebietern aufz ich litt ſehr viel, als ich ſah, daß die getreuen Unterthanen des Königs erkannt, mißhandelt und geplündert wurden. Aber was konnte ich bei dem Allen thun? Nichts als ſchweigen, und das that ich denn auch. Der Capitän hatte meine Einladung nicht vergeſſen; er folgte mir in mein Haus, noch begleitet von zweien ſeiner Soldaten, welche, wie er ſagte, bei ihm die Stelle von Bedienten vertraten.„Kümmern Sie ſich nicht viel darum, mir eine gute Wohnung anzuweiſen, ich kann überall güt ſchlafen; aber ich halte Etwas auf gutes Eſſen und guten Wein. Laſſen Sie uns vor Allem Ihre Speiſe⸗ kammer beſichtigen... O, ol es ſcheint, daß Sie ſehr gut leben, Herr de la Tour, ich werde mich bei Ihnen ſehr wohl befinden.. Teufel, haben Sie da eine hübſche Köchin!“... und er verſetzte Clara fünf bis ſechs Küſſe auf die Wan⸗ gen, und wohin er ſie ſonſt erreichen konnte.„Herr Capi⸗ tän, dieſes Frauenzimmer iſt meine Gattin!“ rief André. —„So gratulire ich Ihnen dazu, mein Freund!“ und er umarmte Clara mit neuer Lebhaftigkeit; ihr Zopf fiel ihr auf den Nacken, und ihr hohes Leibchen von den Schultern herab:„das iſt Nichts, hat gar Richts zu bedeuten, meine Schönſte. Schnell, Hand an's Werk! Dieſe Kalbskeule an den Spieß, dieſe friſchen Schweinscotelettes auf den Roſt, dieſen Karpfen auf den Herd, und dann wollen wir morgen weiter ſehen. Ich hoffe, mein lieber la Tour, daß Sie und Ihre Frau Gemahlin mir die Ehre erweiſen werden, mit mir zu Abend zu eſſen. Sie ſehen, daß ich ohne viele Um⸗ ſtände mit Ihnen umgehe, aber ich bin hier, um die Frei⸗ heit der Wahlen zu beſchützen, und morgen laſſe ich Sie zum Deputirten ernennen.“ O, dachte ich mir, wenn ich es nicht auf die Ehre abgeſehen hätte, einer der Vertreter des franzöſiſchen Volkes zu werden, ſo würde ich Dich ſchon längſt zur Thüre hinausgeworfen haben, oder Du hätteſt ein paar Gänge mit mir ſtoßen müſſen. „Unter Anderem, Freund la Tour, Herr von Maine⸗ ville hat mir geſagt, daß Sie eine ſehr ſchöne Frau haben; ich will hingehen, ihr meine Aufwartung zu machen, wäh⸗ rend dieſes ſchöne Kind hier ſich indeſſen mit unſerem Abendeſſen beſchäftigen wird.“ Und er ſchoß fort wie ein Blitz; ich lief ihm auf Schritt und Tritt nach, ich folgte ihm von Zimmer zu Zimmer, und endlich fanden wir die arme Colombe in einem kleinen ziemlich finſteren Vorzim⸗ merchen, in welchem ſie ſich in Sicherheit glauben mußte, zuſammengekauert. Er ſtand im Begriffe, ſie wie Clara, und vielleicht noch ſchlimmer zu behandeln; ich hielt ihn bei ſeinem Man⸗ tel auf.„Capitän, ich habe mich nur für mich allein ver⸗ heirathet!“—„Ohne Zweifel, aber zwiſchen guten Freun⸗ den iſt Alles gemeinſchaftlich.“—„Ich will nun nicht mehr Deputirter werden.“—„Du wirſt es auch gegen Deinen Willen werden.“—„Wenn Sie meine Gemahlin auch nur mit einer Hand berühren, ſo ſtoße ich Ihnen meinen Degen durch den Leib.“—„Ah! Du biſt alſo ein Eiſen⸗ freſſer, da bin ich auch Dein Mann; en garde.“ Colombe ſtößt ein lautes Geſchrei aus, aber bevor ſie ihr Verſteck noch verlaſſen, hatte der Capitän ſchon einen Degenſtich erhalten, welcher ihm den Schenkel von einer Seite zur andern durchbohrt hatte; er war genöthigt, ſich auf den Fußboden niederzuſetzen, und zwar aus dem ein⸗ fachen Grunde, weil ſich kein Seſſel hinter ihm befand. „Teufel,“ ſagte er zu mir,„Du biſt tapfer, Du verdienſt es der heiligen Ligue anzugehören.“ Ich trug Colomben fort, und ſchaffte ſie in das enifernt gelegenſte Zimmer des Hauſes; ich ſchloß die Thüre deſſel⸗ ben durch zweimaliges Umdrehen des Schlüſſels ab, und ſteckte dann den Schlüſſel in meine Börſe. Ich ſtieg dann in die Küche hinab; Clara und André waren verſchwunden. Die Soldaten, die der Capitän für ſeine Diener ausgege⸗ ben hatte, drehten den Spieß um und erhielten die dicke Küchenmagd mit der Reitpeitſche, welche ſie in der Hand hielten, im Gange. Javotte fluchte; die Soldaten fluchten noch lauter als ſie. Mein Stallknecht, welcher die Ord⸗ nung wiederherſtellen wollte, hatte ein blaues Auge und ein zerbrochenes Naſenbein. Der Fußboden war mit den Trümmern meines Geſchirres bedeckt, und ich erkannte mein eigenes Haus nicht mehr; ich faßte einen Feuerbock an, welcher ſich in dem Hintergrunde des Kamins befand, Bertrand, durch meine Gegenwart ermuthigt, bewaffnete ſich mit dem andern; wir fielen über dieſe beiden Schlingel her und ſandten ſie nach Arpajon zu ihren Kameraden zurück, von welchen die Königlichgeſinnten gewiß eben auch kein ſchönes Lied zu ſingen wußten. Ich ſtieg hinauf, gefolgt von Bertrand, der mich nun nicht mehr verließ.„Du haſt mich verwundet,“ ſagte der Eopitän zumir,„das iſt ganz gut, aber das iſt nicht genug; man muß mich nun auch verbinden.“ Meiner erſten Re⸗ gung zufolge hätte ich ihn beinahe in Gemeinſchaft mit Bertrand gefaßt und zum Fenſter hinausgeworfen, aber die Menſchlichkeit trug den Sieg über die Rachſucht davon; wir ſetzten ihn auf einen Stuhl, der ſich gerade da befand. Ich wußte nicht woher ich Das nehmen ſollte, was zu einem Verbande nothwendig war; André und Clara hatten die Schlüſſel zu Allem.„Bertrand, Du mußt André auf⸗ finden; ſuche ihn, rufe ihn, ſchreie!“ Er hatte ſich mit ſei⸗ ner Frau auf die Plateform, auf den höchſten Punkt des Hauſes geflüchtet, und ſie hatten die Fallthüre hinter ſich verſchloſſen; ſie parlamentirten mit Bertrand durch die Fußdielen hindurch. Als ſie erfuhren, daß der Capitän außer Stand geſetzt ſei ſich zubewegen, und daß ſeine Die⸗ ner in die Flucht geſchlagen ſeien, ſtiegen ſie herab.„Feig⸗ ling,“ rief ich aus,„ſieh, in welcher Verlegenheit Du mich zurückgelaſſen haſt!“—„Mein Herr, ich habe es Ihnen wenigſtens zwanzig Mal in Voraus geſagt, daß Sie unter allen Umſtänden auf mich rechnen können, ausgenommen wenn es eine Schlacht giebt.“ „Donnerwetter! werdet Ihr bald aufhören zu ſchwatzen? Man möge mich verbinden und Du, Kleine, geh' und be⸗ ſorge das Abendeſſen.“—„Man ißt nicht zu Abend, wenn man verwundet iſt.“—„Du haſt mir einen Degenſtoß verſetzt, und willſt mir jetzt auch noch eine Diät vorſchrei⸗ ben? Ich werde zu Abend eſſen, oder das ganze Haus ſoll zum Teufel gehen!“ Clara kehrte in die Küche zurück; André legte Com⸗ preſſen von Branntwein auf die Wunde des Capitäns, und dann legten wir denſelben in ein ziemlich gutes Bett. Etwas zum Abendeſſen! Etwas zum Abendeſſen!„O, ich habe morgen einen wichtigen Auftrag auszuführen, und mit Herrn Pericard läßt ſich durchaus nicht ſcherzen. Sie, Herr Factotum, gehen nach Arpajon, laſſen mir zwei Krücken machen und morgen mit Tagesanbruch mü ſſen dieſelben an dem Kopftiſſen meines Bettes lehnen. Erkun⸗ Biblioth. 358 Poch. 3 — 34— dige Dich in dem Dorfe, ob meine Leute nicht allzuviel Unfug treiben. Ich halte auf gute Mannszucht und weiß ſie aufrecht zu erhalten. Etwas zum Abendeſſen, Etwas zum Abendeſſen!“ André ging fort und der Capitän verſchlang Alles, was man ihm vorſetzte, Gutes ſo wie Schlechtes. Er trank wie ein Schwamm und zwei Stunden ſpäter hatte er das furchtbarſte Fieber. Ich ließ Bertrand bei ihm zurück und ging, um Colomben wieder aufzuſuchen, die ſich noch kaum von dem Schrecken erholt hatte, welchen ihr dieſer merkwürdige Abend verurſacht hatte. André kam wieder zurück und ſagte uns, daß ſich in Arpajon Alles in der größten Verwirrung befinde.„Wiſſen Sie, mein Herr, was das Endergebniß von alle Dem ſein wird? Wenn dieſe Raſenden da fort ſind, werden die Bewohner von Arpajon Ihr Schloß in Brand ſtecken.“ Das war in der That nicht unmöglich, und man kann nicht ſchlafen, wenn der Geiſt ſtark beſchäftigt iſt. Wir ſchloſſen auch nicht ein Auge zu. Gegen die Mitte der Nacht kam Bertrand und rief mir durch das Schlüſſelloch zu, daß der Capitän gleich ſterben werde. Ich ſtand auf, rief Javotte und ließ eine Kanne voll Waſſer für ihn auf das Feuer ſetzen. Der Capitän hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen das Waſſer und weigerte ſich Etwas davon zu trinken. Javotte und Bertrand hielten ihm den Kopf und ich füllte ihn mit Hilfe eines Trichters ganz mit warmen Waſſer voll; bald ſuchte ſich die Natur einen Ausweg. Das warme Waſſer und das — 33— Abendeſſen kamen mit einander heraus und das Fieber ließ nach. O wie müde war ich jetzt meiner zukünftigen Größe, wie ſehr bedauerte ich jetzt das angenehme Leben, welches ich bis dahin geführt hatte. Ich wußte nicht, welchen Ent⸗ ſchluß ich faſſen ſollte. Mit Tagesanbruch ließ ſich der Capitän von Bertrand ankleiden, dann um acht Uhr befahl er ihm, mich herbeizu⸗ holen. Ich fand ihn auf ſeine beiden Krücken geſtützt und Geſichter ſchneidend, welche eines Beſeſſenen würdig wa⸗ ren, aber er beſaß ſeine ganze Beſinnung. Ich ließ die Maulthiere vor meinen Wagen ſpannen; wir ſtiegen in denſelben hinein und ich ſetzte mich an ſeiner Seite nieder. Ich theilte ihm auf dem Wege die traurige Vorherſa⸗ gung André's mit.„Dein Schloß verbrennen, ein Schloß, in welchem ich, einen Degenſtoß abgerechnet, wie ein Fürſt behandelt worden bin! Zum Teufel, ich will ſie ſchon daran verhindern.“ Wir ſtiegen auf dem Hauptplatze von Arpajon ab. Er nahm ſeine Krücken wieder. Sein Antlitz erſchien ruhig und imponirend, und doch litt er viel. Man muß einge⸗ ſtehen, daß er mit einem großen Charakter begabt war. Es gab gleichſam zwei Menſchen in dieſem Taugenichts da. Er ließ den Generalmarſch ſchlagen. Als ſeine Truppe verſammelt war, fragte er, ob Jemand ſich über ſeine Gäſte zu beklagen habe. Ein allgemeines Geſchrei erhob ſich gegen dieſelben. „Oh, oh!“ ſagte er,„ich ſehe wohl, daß die Soldaten 3* — der heiligen Ligue ſich wie Räuber benommen haben. Sie find unwürdig, einer ſo gerechten Sache zu dienen, und ich will ein auffallendes Exempel an ihnen ſtatuiren, wenn wir nach Paris zurückgekehrt ſein werden. Zetzt, meine Herren, wollen wir uns nach dem für die Wahl be⸗ ſtimmten Orte begeben.“ Wir traten in das Stadthaus ein, die Wähler began⸗ nen ſchon ſich daſelbſt zu verſammeln. Der Capitän ſtellte ſeine Soldaten auf allen Zugängen auf; dann trat er in den Saal mit einem Ausdrucke von Würde, welcher nichts Linkiſches an ſich hatte.„Meine Herren, Sie lispeln Einer dem Andern die Frage ins Ohr, warum ich heute an Krücken gehe, ich, der doch geſtern gerade Beine hatte. Als ich eine ziemlich finſtere und ſteile Treppe bei Herrn de la Tour hinaufſtieg, habe ich mir eine Verrenkung zugezogen, das iſt Alles. Laſſen Sie uns jetzt zu unſerem Geſchäfte ſchrei⸗ ten.“ Er nahm einen Lehnſtuhl, und der Stimmenſammler ſetzte ſich an ſein Pult. Die Mehrzahl der Wähler konnte weder leſen noch ſchreiben. Man hatte dieſem Uebelſtande dadurch abgehol⸗ fen, daß man eine große Anzahl von kleinen Kugeln hatte machen laſſen, von welchen auf jeder ein Buchſtabe des Alphabetes eingegraben ſtand. Jeder der Wähler näherte ſich dem Stimmenſammler, ſagte ihm den Namen des Be⸗ werbers, welchen er wählen wollte, ins Ohr und erhielt demgemäß ſeine Kugel. Ich rechnete feſt darauf, gewählt zu werden. Aber bei Eröffnung der Stimmurne fand es ſich, daß Richour zehn —— oder zwölf Stimmen mehr habe, als ich. Ich bemerkte, daß die Wähler mit dem Glaſe in der Hand ſehr viel ver⸗ ſprechen, aber ihre Verſprechungen auch ſehr leicht wieder vergeſſen. Der Stimmenſammler war im Begriffe, Richour für gewählt zu erklären.„Einen Augenblick Geduld!“ rief der Capitain;„Sergeant, laßt fünfundzwanzig Mann in den Saal eintreten. Meine Herren, ich vertrete hier Mon⸗ ſeigneur den Herzog von Guiſe. Ich bin hier, um die Frei⸗ heit der Abſtimmung aufrecht zu erhalten, zugleich aber auch, um jede Art von Betrug zu verhindern. Ich will die Stimmurne unterſuchen„Stimmenſammler, ich habe Sie ſehr ſtark im Verdachte, daß Sie ein Spitzbube ſind, und ich ſollte Sie eigentlich aufhängen laſſen; aber Mon⸗ ſeigneur der Herzog von Guiſe, deſſen Stellvertreter ich bin, hat mir anempfohlen, bei Erfüllung meiner Pflichten mit ſehr viel Milde zu Werke zu gehen. Beruhigen Sie ſich, Stimmenſammler, Sie werden nicht gehangen werden. „Laßt ſehen; wir wollen einmal die Kugeln unterſu⸗ chen; ich finde hier keine anderen Buchſtaben als Rund T. Wähler, habt Ihr allein für die Herren Richoux und la Tour geſtimmt?“—„Ich, ich habe meine Stimme dem Pfarrer gegeben; ich Herrn de la Motte; ich Herrn Des⸗ marais; wir Herrn Lefort; wir Herrn.—„Schon vollkommen genug. Stimmenſammler, Sie ſind des Be⸗ trugs überwieſen, und ich erkläre die Abſtimmung für nich⸗ tig. Ich füge dieſe zwanzig Stimmen zu denen, welche —— Herr de la Tour ſchon erhalten hat, noch hinzu und erkläre ihn ſomit für den Deputirten.“ Einiges Gemurmel der Unzufriedenheit ließ ſich ver⸗ nehmen.„Sergeant! man möge Diejenigen, welche die gute Ordnung ſtören, verhaften.“ Das tiefſte Stillſchwei⸗ gen herrſchte in dem Saale und die Sitzung wurde auf⸗ gehoben. Der Capitän ließ aufdem Hauptplatze einen neuen Trom⸗ melwirbel ſchlagen.„Bewohner von Arpajon! Ihr habt Euch als Freunde der guten Sache gezeigt, indem Ihr Herrn de la Tour aus fretem Antriebe zu Eurem Deputirten ge⸗ wählt habt. Aber es giebt überall Störer der öffentlichen Ordnung; ſpürt Dieſelben ſorgfältig aus und zeigt ſie an, denn wenn dem Eigenthume oder den Perſonen der Ma⸗ dame de la Tour während der Abweſenheit ihres Gemahls auch nur der geringſte Schade zugefügt würde, ſo würde der Herzog von Guiſe in Arpajon keinen Stein auf dem andern laſſen, denn er hält eben ſo viel auf die ſtrengſte Gerechtigkeit, als auf die Freiheit der Abſtimmung.“ Auf dieſe Art wurden damals die meiſten Wahlen vor⸗ genommen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Zweite Generalſtaaten zu Blois. Ermor⸗ dung des Herzogs von Guiſe. Der Capitän war weder im Stande zu gehen, noch ſich auf dem Pferde zu erhalten. Ich ſtand eben im Be⸗ ———— — griffe, ihm meinen Wagen anzubieten, als er mich ſelbſt darum erſuchte. Ich gab ihm, um ihn zu fahren, Bertrand mit, einen großen und ſtarken Bengel, welcher alle Eigen⸗ ſchaften beſaß, die nöthig waren, um ihn zu einem guten Soldaten der Ligue zu machen. Ich glaubte nicht, daß ich ihn wiederſehen würde, und ich dachte auch, daß der Ca⸗ pitän meinen Wagen ſehr Snum finden werde, um da⸗ mit ins Feld zu rücken. Am Morgen des andern Tages kehrte Bertrand mit meiner Equipage wieder in das Schloß zurück. Der Ca⸗ pitän dachte auch nicht einmal daran, die zu Arpajon ver⸗ letzte militäriſche Disciplin zu rächen; aber er ließ mir und Madame de la Tour durch meinen Diener ſehr ver⸗ bindliche Dinge ſagen. Es war ein ganz eigenthümlicher Menſch, dieſer Capitän. Wie vielen Leuten begegnet man übrigens nicht, welche alle Gegenſätze in ſich vereinigen. Bertrand theilte uns mit, daß die größte Bewegung in Paris herrſche. Der Hof, der Herzog von Guiſe und die Deputirten der Hauptſtadt machten ſich fertig, nach Blois zu reiſen. Der Herzog hatte alle Vorbereitungen getroffen, um daſelbſt die größte Pracht zur Schau zu ſtellen. Nach Dieſem traf ich alle Vorkehrungen, um mich auf den Weg zu machen. Colombe wollte, daß ich André mit mir nehmen ſolle. Aber er war der Einzige, mit dem ſie ſich während meiner Abweſenheit angenehm unterhalten konnte, und ſo beſchloß ich denn, allein abzureiſen. Wir trennten uns zum erſten Male, unſer Abſchied war daher herzzerreißend. André verſicherte, daß die General⸗Staaten — ₰ nicht länger als vierzehn Tage dauern würden„weil der Herzog von Guiſe gewiß ſichere Maßregeln getroffen ha⸗ ben werde, um den König zu erdrücken. Man glaubt Das, was man wünſcht, ſo leicht, und Colombe und ich tröſteten uns damit, daß wir an meine Rückkehr dachten. Ich fand Bertrand auf einem meiner Maulthiere rei⸗ tend: das war eine Aufmerkſamkeit von Colomben. Ich ſah ein, wie nützlich er mir auf der Reiſe werden könne, und ich erlaubte ihm, mich zu begleiten. Ich erinnerte mich an die letzten Worte André's. „Nein,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„der Herzog ſoll den König nicht erdrücken, ich gehe nach Blois, um den Letzteren zu retten, und kein Hebel iſt ſo gering, vaß er nicht nützlich ſein könnte.“ Auf der Reiſe von Paris nach Blois begegnete mir nichts Bemerkenswerthes. Ich ſah mit einer Art von Ver⸗ gnügen dieſe Stadt wieder, in welcher ich bei dem Fang⸗ becheraufzuge die Bratſche geſpielt hatte. Seit jenem Zeit⸗ punkte war ich eine Standesperſon geworden. Ich fand ſehr ſchwer eine Wohnung für mich. Alle Häu⸗ ſer waren von Leuten überfüllt, und Bertrand beſaß nicht die Geſchicklichkeit André's. Mich an Zampini wenden, hätte meine Meinungen und meine Abſichten enthüllen ge⸗ heißen und vielleicht hätte er mich nicht einmal aufgenom⸗ men. Ich begnügte mich alſo mit dem erſten beſten Winkel, welchen ich fand. Ich ſtellte den Plan meines Benehmens, das ich anneh⸗ men mußte, feſt. Ich mußte demnach mich zuerſt ganz un⸗ ———————— — 1— durchdringlich machen, Alles ſehen, Alles hören; dann wie⸗ der ganz Lamouche werden, und endlich Vortheil aus den Umſtänden zu ziehen trachten. Ich ging, um Herrn Pericard zu begrüßen. Ich mußte meine Beobachtungen damit anfangen, aufmerkſam auf vas Echo des Herzogs von Guiſe zu horchen. Ich wurde mit einem Wohlwollen aufgenommen, welches mir deut⸗ lich anzeigte, daß man wieder einmal meiner bedurfte. Mehrere Deputirte ſtellten ſich vor und wurden eben ſo günſtig aufgenommen. Ich war überzeugt, daß man ſich darauf vorbereitete, einen entſcheidenden Schlag zu führen. Pericard nahm uns unſere Adreſſen ab und beauftragte mich damit, von Haus zu Haus zu gehen, die Adreſſen der anderen Deputirten einzuſammeln und ſie ihm dann zu⸗ kommen zu laſſen. Das war der vortheilhafteſte Auftrag, den ich mir nur immer wünſchen konnte. Der Abgeſandte Pericards konnte den Creaturen des Herzogs von Guiſe nicht verdächtig ſein, und man ſchreibt ſich nicht die Adreſſe eines Mannes auf, ohne daß man mit ihm ſpricht, und daß er antwortet. Aber ich war ſehr geübt darin, halbe hinge⸗ worfene Worte zu verſtehen.. Pericard machte uns im Voraus darauf aufmerkſam, daß wir jeden Abend eine kleine Note erhalten würden, in welcher uns der Gegenſtand, welcher am folgenden Tage in Berathung gezogen werden ſolle, angezeigt, und das Benehmen, welches wir in Bezug darauf verfolgen müßten, vorgeſchrieben werden würde. Er verabſchiedete uns, nach⸗ —— dem er mich noch eingeladen hatte, ihn öfters zu beſuchen. Wie gut dieſer Mann hier meine Abſichten unterſtützte. Ich brachte zwei Tage damit zu, den Auftrag, welcher mir übergeben worden war, zu erfüllen. Noch vor dem Ende des zweiten Tages wußte ich ſchon, daß die Verſamm⸗ lung nur ſehr unvollſtändig ſein würde; daß man auch nicht einen einzigen Hugenotten in dieſelbe berufen habe, was auf den lobenswerthen Plan hindeutete, die Bour⸗ bons für immer von dem Throne zu entfernen; daß die gewählten Deputirten alle faſt unter denſelben Umſtän⸗ den, wie ich, gewählt worden waren; endlich, daß der König Niemanden unter ihnen hatte, auf welchen er rech⸗ nen gekonnt hätte. Am Vorabende des für die Eröffnung der General⸗ ſtaaten feſtgeſetzten Tages ordnete der König eine allge⸗ meine Proceſſion an, bei welcher er Beweiſe von der rein⸗ ſten Frömmigkeit gab. Einige von meinen Collegen mach⸗ ten mich darauf aufmertſam, daß er den heiligen Geiſt an⸗ rief, während er von den Genoſſen ſeiner Ausſchweifun⸗ gen umgeben war. Dieſer Anblick empörte mich; aber ich dachte, daß ich nicht ſein Richter ſei, und er noch jung ge⸗ nug ſei, um ſich beſſern zu können. Ich bat meinen Schutz⸗ heiligen im Geiſte, dieſes Wunder zu thun. An der Seite des Königs ging der Herzog von Guiſe, den Kopf hochtragend, das Auge ſtolz und drohend. Er verhüllte noch mit dem Namen Gottes ſeine finſteren Pläne. Ich argwohnte, daß die Ausführung derſelben auf nicht mehr lange Zeit verſchoben werden ſolle. Der König hielt, wie es der Gebrauch vorſchreibt, eine Eröffnungsrede, mit der ich ziemlich zufrieden war. Ich fühlte zwar, daß ich ſie beſſer geſchrieben haben würde, aber die Auſſetzung dieſer Art von Actenſtücken gehört von Rechtswegen dem Kanz⸗ ler zu. 4 Der Herzog ließ ſich das Manuſeript übergeben und machte in demſelben die Abänderungen, welche er zur Er⸗ reichung ſeiner Abſichten für nöthig hielt, dann erſt über⸗ gab er es dem Drucke. Es war dem König Heinrich nicht einmal mehr erlaubt, ſeinen Unterthanen Das zu ſagen, was ihm ſein Herz vorſchrieb und was zu dem öffentlichen Wohle beitragen konnte. Die General⸗Staaten begannen damit, Decrete zu er⸗ laſſen, welche es mir erlaubten, in die Zukunft zu ſchauen. Sie zwangen den König, die hugenottiſchen Bourbons und alle Franzoſen dieſes Glaubens ohne Ausnahme zu ächten und jede Verbindung, mit Ausnahme der heiligen Ligue, bei Todesſtrafe zu verbieten. Der erſte Theil dieſes Deeretes ſchien mir den gehei⸗ ligten Grundſätzen der katholiſchen Religivn angemeſſen zu ſein. Aber wie konnte der König ſich vertheidigen, wenn ſeine Feinde allein ſich verſammeln und vereinigen durf⸗ ten? Ich ſah den Fallſtrick, und ich dachte nur noch auf MWittel, um ihn denſelben vermeiden zu machen. Er ſah ein, daß ſein Schickſal ganz in den Händen des Herzogs von Guiſe liege, und der Schrecken bemächtigte ſich aller ſeiner geiftigen Fähigkeiten. Er ſchwur dem Hauſe von Lorraine auf das Allerheiligſte eine unwandelbare — Freundſchaft; er fügte noch hinzu, daß er die Zügel der Regierung ſeiner Mutter und dem Herzoge von Guiſe übergeben, und ſeine Laufbahn in der Zurückgezogenheit und mit religiöſen Uebungen beſchließen wolle. Es war unmöglich, daß der König die Guiſen lieben konnte; ſein Schwur war alſo nichts weiter, als ein Mein⸗ eid, und dieſer Gedanke empörte mich. Doch hielt ich mich an einem Ausweg feſt, welcher mir ſehr einfach zu ſein ſchien: ein innerlicher Vorbehalt konnte Alles ausgleichen. Ich glaubte, dieſe Worte haben nichts weiter bedeuten ſollen, als daß er Alles, was in ſeiner Macht ſtehe, thun wolle, um die Guiſen aufrichtig zu lieben. Der Bearner richtete eine Proteſtation gegen die Un⸗ geſetzlichkeit unſerer Zuͤſammenſetzung, und gegen das Deecret, welches ihn ſeiner Rechte— die Rechte eines Huge⸗ genotten!— verluſtig erklärt hatte, an uns. Die Bank des Klerus berieth ſich allein über dieſe Proteſtation. Ei⸗ nige von unſeren Collegen nannten dieſe Maßregel will⸗ kürlich; ich billigte ſie von ganzem Herzen. Iſt es nicht die Kirche allein, der es zukommt, in politiſchen Angele⸗ genheiten, die mit der Religion in Verbindung ſtehen, Ge⸗ ſetze zu geben? Der Klerus erklärte den Bearner für hals⸗ ſtarrig und abtrünnig. Der Augenblick der großen Entſcheidung nahte heran⸗ Schon verglich man, in der Verſammlung ſelbſt, Heinrich den Dritten mit den letzten merowingiſchen Fürſten, und den Herzog von Guiſe mit Pipin. Der Herzog von Savoyen bemächtigte ſich des Marquiſats von Saluces. 5— Er richtete Depeſchen an uns, in welchen er behauptete, nur die Waffen ergriffen zu haben, um im Einverſtänd⸗ niſſe mit dem Papſte, dem Kaiſer und dem Könige von Spanien die heilige Ligue zu unterſtützen. Man mußte ſich alſo auf einen allgemeinen Einbruch gefaßt machen. Die Gemüther gährten in ganz Frankreich, und ſogar in dem Schvoße der Generalſtaaten ſelbſt. Wir theilten uns in zwei Parteien. Die eine wollte, daß der König ſo⸗ gleich, ohne Aufſchub, Krieg gegen den Herzog von Sa⸗ voyen führe; die andere meinte, daß man den Schimpf, welchen dieſer kleine Herrſcher Frankreich angethan habe, zu überſehen ſcheinen müſſe, bis daß die Hugenotten aus⸗ gerottet ſeien. Ich war der letzteren Anſicht. Und in der That, wie konnte denn auch der König Krieg führen, da wir doch den ausdrücklichen Befehl erhalten hatten, ihm alle Hilfsgelder zu verweigern.“ Es ſchien mir klar, daß der Herzog von Guiſe den Kö⸗ nig mit der doppelten Laſt eines bürgerlichen und eines auswärtigen Krieges belaſten wolle, daß Letzterer, jeder Art von Hilfsquellen beraubt, unfehlbar unterliegen müſſe, daß dann der Herzog die Krone an ſich reißen, mit ſpa⸗ niſchem Golde ſelbſt Truppen ausheben, die Fremden im Zaume halten, und endlich ſchließlich für den Befreier Frankreichs erklärt werden werde. Die Gefahr war ſehr drohend, ich überſah ſie in ihrer ganzen Ausdehnung, aber konnte ich den Sturm beſchwö⸗ ren, ich, der ich nur eine einzige Stimme hatte, und außer⸗ balb der Verſammlung nichts weiter als ein einfacher — 46— Privatmann war? Indeſſen verzweifelte ich noch an Richts; ein unvorhergeſener Umſtand konnte eintreten; ich lauerte auf denſelben, und fühlte dann die nöthigen Eigenſchaften in mir, um ihn zu benützen. Ich ging häufig zu Pericard. Er zählte mich unter die Zahl der Feinde des Königs, und legte ſich in meiner Ge⸗ genwart wenig Zwang an. Die Aufregung nahm fort⸗ während zu, und einige Einwohner von Blois glaubten ſich aus einer Stadt entfernen zu müſſen, wo vielleicht bald Niemand mehr in Sicherheit ſein würde. Der König galt gar Nichts mehr, und ſie kamen zu Pericard, um Päſſe zu erhalten. Ich war gerade damals bei ihm.„Wartet nur noch einige Tage,“ ſagte er zu denſelben;„bald wer⸗ den wir die Rollen tauſchen.“ Ich ſchloß aus dieſen Wor⸗ ten, daß die Abſetzung des Königs, und vielleicht ſein Tod beſchloſſen ſei. Verzweifelt, außer mir, ſuchte ich den übrigen Theil des Tages hindurch nach Mitteln, um ihn dem verhäng⸗ nißvollen Streiche zu entziehen. Ich konnte mich nicht per⸗ ſönlich an ihn wenden, ohne meine wahren Abſichten zu enthüllen; ich entſchloß mich, an ihn zu ſchreiben; aber ich mußte auf jeden Umſtand bedacht ſein. Mein Billet konnte in dem Augenblicke, in dem ich es ihm übergeben wollte, zu Boden, und dadurch in unrechte Hände fallen. Es war alſo nöthig, daß es in einer dunkeln Weiſe abgefaßt, und in einer fremden Sprache geſchrieben werde. Man ſpricht in Polen allgemein die lateiniſche Sprache, und der König mußte daſelbſt dieſe Sprache gelernt haben. Ich kritzelte — alſo folgende Worie auf ein ſehr kleines Stückchen Papier: Mors Coradini, vita Caroli; mors Caroli, vita Co- radini*). Wie ſollte ich aber dieſes Briefchen dem Könige über⸗ geben? Mein Tod konnte vielleicht die Folge der gering⸗ ſten Unvorſichtigkeit ſein. In zwei Monaten ſollte ich Vater werden, und ich hielt mehr als jemals an dem Leben feſt. Indeſſen machte ich mich doch auf den Weg nach dem Schloſſe, feſt entſchloſſen, den König zu retten, wenn ſich irgend eine günſtige Gelegenheit dazu darbiete. Dieſer Fürſt verließ eben gerade ſeine Gemächer, um die Meſſe hören zu gehen. Er ging zwiſchen den Herren Staatsſecretären von Villervi und Villequier. Ich näherte mich ihm zitternd. Herr von Villervi erkannte mich, lächelte mich freundlich an, und richtete einige Worte an mich; der König blieb ſtehen, und erkannte mich auch; er erinnerte ſich, daß ich ihm die Depeſchen des Marſchalls von Biron bei den erſten Generalſtaaten zu Blois über⸗ bracht hatte; er bot mir die Hand zum Kuſſe dar, und ich ſchob mein Papierchen in dieſelbe. Ich zog mich zurück, indem ich mich rings umher um⸗ ſah, aber ich bemerkte Niemanden, welcher mich hätte blosſtellen können. Ich ſtieg raſch die Treppen des Schloſſes * Cayet verſichert im erſten Bande, daß ein dermaßen ver⸗ faßtes Briefchen dem Könige, zwei Tage vor der Ermordung des ſ von Guiſe, von einer unbekannten Hand zugeſteckt wor⸗ en ſei. hinab, und ich begegneie Herrn von Maineville, welcher hinaufſtieg. Er fragte mich barſch, was ich hier mache. „Daſſelbe, was Sie wahrſcheinlich im Begriffe ſtehen hier ſelbſt zu thun. Es war mir ſehr wichtig zu erfahren, was hier vorgehe.“—„Hat Ihnen Herr Pericard dieſen Auf⸗ trag ertheilt?“—„Nein, mein Herr, aber mein Eifer —„Erfahren Sie, la Tour, daß wir nicht wollen, daß man uns errathe, und daß wir uns bei wichtigen Ge⸗ legenheiten niemals untergeordneter Werkzeuge bedienen. Und was haben Sie alſo bemerkt 2—„Der König ſchien mir ſich in der vollkommenſten Sicherheit zu fühlen.“— „Entfernen Sie ſich, und erſcheinen Sie ohne ausdrück⸗ liche Befehle nie wieder hier.“ Ich beeilte mich, mich in mein Zimmer einzuſchließen, und brachte dort den übrigen Theil des Tages damit zu, über die Folgen nachzudenken, welche für mich aus dem Schritte, welchen ich an dieſem Morgen gethan hatte, her⸗ vorgehen konnten. Ich wurde von Unruhe faſt verzehrt, und meine gegenwärtige Lage rief mir mit einem allmäch⸗ tigen Reize die glücklichen Tage ins Gedächtniß zurück, welche ich an Colombe's Seite zugebracht hatte. Ich brannte vor Begierde, nach Latour zurückzukehren, und ich hatte mich unglücklicherweiſe in die öffentlichen Angelegen⸗ heiten geſtürzt, aus welchen man ſich nicht immer, ſobald man es will, losreißen kann. Am folgenden Tage, den 22. December 1588, fand der Herzog von Guiſe unter ſeinem Eßcouvert ein Briefchen, welches ihn davon benachrichtigte, daß der König einen —— Anſchlag gegen ſein Leben gefaßt habe. Er ſchrieb unten auf den Rand des Briefchens:„er wird es niemals wa⸗ gen.“ So groß war ſeine Sicherheit, daß er dieſes Briefchen ſogar offen auf dem Tiſche liegen ließ. An demſelben Tage begab ſich der König in ſeinen Rath, und ſagte, er wolle, daß man am folgenden Tage einige dringende Geſchäfte erledige, damit er ſich wäh⸗ rend des Weihnachtsfeſtes einzig und allein religiöſen nebungen hingeben könne. So bedeckte die Maske der Re⸗ ligion wieder einen Plan, den er unwiverruflich gefaßt hatte, und deſſen erſte Urſache vielleicht ich geweſen war. Am 23., um acht Uhr Morgens, traten der Herzog von Guiſe und der Cardinal, ſein Bruder, in den Raths⸗ ſaal ein; im Augenblicke darauf kam ein Thürſteher aus dem königlichen Zimmer, und ſagte dem Herzoge, daß der König ihm eine wichtige Angelegenheit mitzutheilen habe. Guiſe ſteht auf, grüßt die Mitglieder des Rathes, durch⸗ ſchreitet ohne Furcht den Saal, und tritt in die Arbeits⸗ ſtube des Königs ein. Daöffnet ſich das Schlafzimmer deſſelben, neun Bewaffnete ſtürzen raſch aus demſelben heraus, werfen ſich auf den Herzog, ergreifen ſeinen Degen, und fallen ihn mit Stößen an. Er wehrt ſich, er ſchreit. Der Cardinal eilt hinzu: es iſt zu ſpät; er findet ſeinen Bruder ſchon ohne Leben. Der Marſchall von Aumont verhaftet den Cardinal von Lorraine, und ſchließt ihn in eine Bodenkammer des Schloſſes ein. Man bemächtigte ſich auch der Herzogin von Guiſe, des Prinzen von Joinville ſeines Sohnes, und Biblioth. 353 Boch. 4 — mehrerer Herren, welche dem Hauſe von Guiſe offenkundig ergeben waren. Mayenne entflieht. Er konnte nur durch die Zuneigung der heiligen Ligue gefährlich werden, und es war ſehr zweifelhaft, ob dieſe die Liebe, welche ſie zu ſeinem Bruder gehegt hatte, auch auf ihn übertragen hätte. Bei der erſten Nachricht von dem Tode des Herzogs von Guiſe begaben ſich alle Deputirten in den Saal ihrer Verſammlungen. Richelieu, Prevot des Stadthauſes, trat in denſelben ein, und ließ, eine Liſte in der Hand, eine be⸗ ſtimmte Anzahl von Deputirten verhaften. Mein Geſicht ſtrahlte vor Freude, aber nichtsdeſtoweniger wurde ich mit den des Verbrechens der beleidigten Majeſtät Schuldigen vermiſcht; ich wurde in's Gefängniß geſchleppt. Ich wollte mich gegen Richelien erklären, aber er ſagte mir, daß man meine häufigen Beſuche bei Herrn Pericard bemerkt habe, und er weigerte ſich, mich auch nur an⸗ zuhören. Ich war wie auf Stecknadeln. Die Nothwendigkeit iſt ſehr oft die Mutter der Erfindungskraft. Ich ſchrieb an Herrn von Villeroi, und ich theilte ihm die genaueſten Ein⸗ zelnheiten mit; ich war nicht in vollkommen einſamen ab⸗ geſchloſſenem Gefängniß und mittels eines Goldſtückes beſtimmte ich meinen Kerkermeiſter, meinen Brief zu be⸗ ſorgen. Unter welchen Beängſtigungen brachte ich die Stunde zu, welche meine Haft dauerte. Die Gegenwart ſchien mir unerträglich, und die Zukunft ſchrecklich.„Elen⸗ der Ehrgeiziger,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„welche wahn⸗ ſinnige Wuth hat Dich dazu getrieben, Deinen häuslichen Herd zu verlaſſen? Warſt Du eines friedlichen Glückes müde, deſſen Du nicht würdig warſt? O Colombe, wie vollſtändig biſt Du gerächt!“ Und die Liebe loderte wieder ſo hell in meinem Herzen auf, wie ſie damals flammte, als ich mit ihr la Rochelle verließ; vielleicht ſollte ich ſie nicht wieder ſehen. Nach Verlauf einer Stunde kam Richelieu und ließ ſich die Thüren meines Kerkers aufſchließen Er übergab mir einen Brief von Herrn von Villeroi. Dieſer Miniſter ſchrieb mir, daß der König niemals den Dienſt, welchen ich ihm erwieſen habe, vergeſſen werde, und daß Seine Majeſtät geneigt ſei, mir jede Belohnung, um welche ich anhalten würde, zu gewähren. Es gab für mich deren keine, deren ich mich nicht für würdig hielt. Die Nebelwolken des Stolzes übten wieder ihre alte Herrſchaft über mich aus, und ich dachte nicht mehr daran, nach Latour zurückzukehren. Was für eine traurige und beklagenswerthe Zuſammenſetzung doch ein menſchliches Gehirn iſt! Indem ich die Vorrechte und Vortheile überlegte, welche mit großen Anſtellungen verbunden ſind, dachte ich an den Herzog von Guiſe, deſſen tragiſcher Tod mir jetzt zu der⸗ jenigen, um welche ich mich bewerben würde, verhelfen ſollte. Dieſer Fürſt war der erklärte und unverſöhnliche Feind des Königs. Alle Franzoſen, die Hugenotten aus⸗ genommen, gehörten ſeiner Partei an. Es mußte alſo entweder der König, oder er unterliegen. Aber durfte ſich Heinrich ſeines Nebenbuhlers durch einen Meuchelmord 4* —„ entledigen? Der Marſchall von Aumont hatte ihm ge⸗ rathen, den Herzog und den Cardinal verhaften zu laſſen, und ſie vor den Gerichtshof der Pairskammer zu ſtellen. Aber die größere Anzahl dieſer Herren und der Mitglieder des Parlaments beſtand aus wüthenden Anhängern der heiligen Ligue. Dieſe beiden Körperſchaften hätten alſo die Fürſten des Hauſes von Lorraine freigeſprochen. Uebri⸗ gens gab es auch nicht einen einzigen Hugenotten in Blois; wen hätte man denn alſo damit beauftragen können, ſie zu verhaften? Ich hielt dafür, daß ich zum Anfange in der neuen Laufbahn, welche ſich vor mir eröffnete, beſcheiden auftre⸗ ten müſſe. Ich beſchränkte daher meine Wünſche auf die Stelle eines Unterſtaatsſecretärs. Dieſes Amt würde mir geſtatten, alle Tage mit dem Könige zu ſprechen, und mir ſo die Ausſicht auf die höchſten Ehrenſtellen eröffnen. Ich beſchloß daher am nächſten Morgen Herrn von Villervi meine Aufwartung zu machen, und ihm dabei zugleich meine Wünſche und Abſichten mitzutheilen. Am nächſten Morgen war aber ſowohl für mich als für den Herrſcher Alles verändert. Ich erfuhr, indem ich mich zu Hofe begeben wollte, daß der Cardinal von Lor⸗ raine ſoeben im Schloſſe von Blois ermordet worden ſei. Lognac, Saint⸗Capautet, Alfrenas, Herbelade, lauter arme gascogniſche Edelleute, hatten ihre Hände ohne Be⸗ denken in das Blut des Herzogs von Guiſe getaucht; aber ſie ſchauderten bei dem Gedanken, das eines Prieſters zu vergießen. Der ehrloſe Heinrich III. ließ ihm das Leben ——et — — durch vier Elende, vier Schurken rauben, die ihn mit Hellebardenſtößen tödteten. Einen Prieſter ermorden zu laſſen! Die Wohlthaten eines ſolchen Königs erſchienen mir verabſcheuungswerth. Ich kehrte nach Hauſe zurück; ich befahl Bertrand, meinen Wagen in Stand zu ſetzen, und ich verließ Blois noch vor dem Ende dieſes Tages. Wir erfuhren von Stadt zu Stadt die neuen Ereig⸗ niſſe, welche in Blois und in Paris vorgingen. Der König hatte zwar Maßregeln genommen, um ſich zu rächen, aber durchaus garkeine, um zu regieren. Anſtatt mit allen Truppen, die ihm zu Gebote ſtanden, raſch auf Paris los⸗ zumarſchiren, unterhandelte er mit den Generalſtaaten. Er ließ allen Denjenigen, welche nach dem Tode des Her⸗ zogs von Guiſe verhaftet worden waren, ihre Freiheit wiedergeben. Auf dieſe Art verlor er ſeine koſtbare Zeit. Der Himmel pflegt wirklich die böſen Könige mit Blindheit zu ſchlagen. Heinrich hatte geglaubt, ſich durch einen Act der Milde beliebt zu machen, und er beſtärkte nur die Meinung, welche man ſchon längſt über ſeine Schwäche gefaßt hatte. Die Ermordung des Cardinals machte ihn in den Augen aller Katholiken zu einem Gegenſtande des Abſcheus, ohne auch nur das Mindeſte an ſeiner Lage zu ändern. Sobald das Verbrechen des Königs zu Paris bekannt wurde, rottete ſich das Volk zu offenem Aufſtand zuſam⸗ men. Es läuft zu dem Palaſte der Guiſen; es ſchwört der Wittwe des Herzogs und der Herzogin von Montpen⸗ — 51— ſier, ihrer Schwägerin, den Tod der Fürſten aus dem Hauſe Lorraine zu rächen. Die Prediger nennen Heinrich einen Tyrannen, einen Meuchelmörder, einen Feind der Re⸗ ligion und des Staates. Sie rechnen die Guiſen mit unter die Zahl der heiligen Märtyrer. Sie hatten auch, was den geweihten Cardinal wenigſtens betraf, unbeſtreit⸗ bar Recht. Das Volk ernennt Karl von Lorraine, Herzog von Aumale, zum Statthalter von Paris. Die Sorbonne be⸗ ſtätigt dieſe Ernennung, und erklärt zu gleicher Zeit die Franzoſen des Schwures der Treue und des Gehorſams gegen Heinrich von Valvis für entbunden. Der Klerus als Körperſchaft iſt ja der oberſte Richter der Könige, und die Sorbonne iſt ein wichtiger Theil derſelben. Die Deputirten bei den Generalſtaaten reichten bei dem Parlamente von Paris eine Art von Bittſchrift ein, in welcher ſie verlangten, daß Heinrich von Valois, auf den Grund eines Meuchelmordes hin, den er an den er⸗ lauchteſten Perſonen des Herzogs und Cardinals von Guiſe begangen habe, verurtheilt werde, Kirchenbuße und Abbitte zu thun, und zwar in bloßem Hemde, mit unbe⸗ decktem Haupte und nackten Füßen, einen Strick um den Hals tragend, in der Hand eine brennende Pechfackel tra⸗ gend, und von dem Scharfrichter und ſeinen Knechten ge⸗ führt; daß er gezwungen werde, auf ſeinen Knieen zu er⸗ klären, daß er den beſagten Meuchelmord mit Unrecht und ohne Urſache begangen habe, und daß er die Gerechtigkeit und die Generalſtgaten deshalb um Verzeihung bitte. — 55— Dann möge man ihn der Krone für unwürdig erklären, und ihn in das Kloſter der Hieronymiter bei Vincennes einſperren und ihn daſelbſt den noch übrigen Theil ſeines Lebens bei Waſſer und Brot gefangen halten. Das Par⸗ lament beſaß nicht Stärke genug, um dieſer Bittſchrift Folge zu leiſten. Orleans und Chartres bewaffneten ſich, um die Re⸗ ligion, die in der Perſon des Cardinals verletzt wurde, zu unterſtützen. Jehu, der feige Jehu, zitterte in Sa⸗ maria. Heinrich von Valvis ſchloß ſich in die Feſtung von Blois ein, und als er ſah, daß ſich die Bevölkerung von Orleans und Chartres auf ihn ſtürzte, war er niedrig genug, an den Herzog von Mayenne zu ſchreiben und ihn wegen der Ermordung ſeiner beiden Brüder um Ver⸗ zeihung zu bitten. Mapenne erwiderte wörtlich Folgendes: „Ich werde dieſem Elenden niemals verzeihen!“ Dieſer Fürſt ſtellte ſich an die Spitze der heiligen Union, einer Unterabtheilung der heiligen Ligue, und rückte mit derſelben in Paris ein; er wurde alſogleich zum General⸗ Lieutenant der Krone von Frankreich erklärt. So ſtand die Lage der öffentlichen Angelegenheiten, als ich in Etam⸗ pes anlangte. Ich begab mich ſogleich in das Nonnenkloſter zum geheiligten Herzen Jeſu; meine Mutter hatte in dem⸗ ſelben ihre fromme Erdenlaufbahn auf die erbaulichſte Art und Weiſe beſchloſſen. Ich weihte ihrem Andenken Thrä⸗ nen und bat ſie, ſich für mich bei dem großen heiligen An⸗ ton zu verwenden. Ich kam in Arpajon an; die größte Gährung herrſchte — 56— vaſelbſt. Selbß die ſrüheren Anhänger des Königs ver⸗ abſcheuten Heinrich jetzt, oder ſagten es doch zum wenig⸗ ſten; die bekannten Anhänger des Hauſes von Guiſe ſpra⸗ chen nur noch von gewaltſamen Maßregeln: ſie hatten von mir geglaubt, daß ich ihrer Partei aufrichtig ergeben ſei, und ſahen mich daher jetzt mit Vergnügen zurückkehren. Ich hielt mich aber bei ihnen gar nicht auf; die Größe ekelte mich jetzt an, mein Herz rief mich nach Latour, und ich eilte mich in die Arme Colombe's zu ſtürzen. O! wenn man wüßte, welchen neuen Aufſchwung ſechs Wochen der Abweſenheit der Liebe gewähren, junge Gat⸗ ten würden ſich ſelbſt und freiwillig Entbehrungen aufer⸗ legen, welche das Glück, ſich wiederzufinden, ſo lebhaft machen. Colombe war fortwährend Dieſelbe geblieben, aber ich empfand zum zweiten Male jenes Fieber, jene Trunken⸗ heit, jenes Entzücken, welche dem Menſchen Etwas von der Glückſeligkeit der Engel verleihen; ich ſchwur der reizen⸗ den, der himmliſchen Colombe, mich nicht mehr von ihr zu entfernen. Dieſer Schwur berauſchte ſie nun auch ihrer⸗ ſeits; ihr Antlitz war leuchtend vor Liebe und Vergnügen. Rachdem ich der Liebe den ſo ſüßen Tribut, den ich ihr ſchuldig war, gezahlt hatte, dachte ich auch an die Freund⸗ ſchaft; ich wandte mich zu André und ſeiner Frau, ſie er⸗ warteten geduldig ihre Reihe und ich umarmte ſie zärtlich. Ruhigere Empfindungen erlaubten mir endlich zu er⸗ zählen, was ich geſehen und was ich gethan hatte; wir ſetzten uns in einem Halbkreiſe um ein großes Feuer herum und ich ergriff das Wort. atece =tdegie ech begann damit, Colomben zu verſichern, daß die größte meiner Entbehrungen die geweſen war, daß ich ihr nicht hatte ſchreiben können, und das war auch beinahe ganz wahr; aber es fehlte mir ganz und gar an Gelegen⸗ heit ihr meine Briefe zukommen zu laſſen. Sie ergriff meine Hand, und ihre Augen theilten mir ihre Liebe und Dankbarkeit mit; ſie fuhr fort zu ſprechen. „Ich werde mir niemals erlauben,“ ſagte ſie zu mir, als ich meine Erzählung beendigt hatte,„Dir in Bezug auf Dinge, auf welche Du etwas Weſentliches halten wirſt, zu widerſprechen; aber wenn Du genug Zutrauen zu mir gehabt hätteſt, um mich um Rath zu fragen, ſo hätte ich ich Dir Das, was Dir begegnet iſt, voraus ſagen können. Und wenn wir nun den Fall ſetzen, Deine Pläne wären Dir vollkommen gelungen, was hätte ſich daraus ergeben? Ich glaube, daß man ſich ſehr ſchnell an den Luxus und an die Auszeichnungen gewöhnt, welche eine hohe Anſtellung verſchafft. Und welche Wirkungen bringt eine ſolche ge⸗ wöhnlich hervor 2 Sie trocknet das Herz, die einzige Quelle wahrer Genüſſe, aus; der Inhaber derſelben entfremdet ſich ſeiner Familie, um einzig und allein auf ſein Vorrücken im Amte Bedacht zu nehmen. Er berechtigt vadurch ſeine Frau und ſeine Kinder, ihn auch ihrerſeits zu vernachläſſi⸗ gen: und kann die Liebe denn ausharren, wenn ſie nicht mehr gekheilt wird? Glaube mir, mein lieber Anton, Dein Glück iſt hier, es kann nirgends als hier ſein; höre auf es anderswo zu ſuchen.“ „Mein Herr,“ ergriff André wieder das Wort,„die —— geſunde Vernunft hat ſoeben Ihre Gattin zu ihrem Sprachwerkzeuge erwählt.“—„Und der rofige Mund der letzteren verleiht der erſteren einen unwiderſtehlichen Reiz.“ —„Und in der That, was haben Sie zu Blois erfahren, was haben Sie dort geſehen? Nichts als Wüthende und Beſeſſene von beiden Parteien, die über Verbrechen nach⸗ 1 ſannen und ſie ausführten. Die Umſtände reißen Sie dahin, an denſelben unmittelbar Theil zu nehmen; bittere Vor⸗ würfe folgen auf die Ermordung des Cardinals, die Sie vielleicht ſelbſt vorbereiten geholfen haben; dann eine ver⸗ zehrende Unruhe während einer Stunde der Gefangen⸗ ſchaft, und endlich das freiwillige Aufgeben einer großen Anſtellung, des einzigen Zieles Ihrer Wünſche. Sie keh⸗ ren in Ihr Haus genau in derſelben Lage zurück, in welcher Sie ſich befanden, als Sie daſſelbe verließen; das iſt Ihre ganze Geſchichte: und war Das wohl der Mühe werth, ſich ſelbſt ſo zu quälen? 1„Und glauben Sie, mein Herr, daß das öffentliche 1 Elend dabei ſtehen bleiben wird? Dieſen Verbrechen wer⸗ den andere Verbrechen nachfolgen, Sie werden ſehen, wie ſich ganz Frankreich gegen Heinrich erheben wird; einige Provinzen werden ſich für Mayenne erklären, an⸗ dere für den König von Navarra, noch andere für den von 1 Spanien. Die Franzoſen werden ſich gegenſeitig mit einer raſenden Wuth verfolgen; Katholiken, Reformirte, König⸗ 1 lichgeſinnte und Anhänger der Ligue werden ſich gegenſei⸗ tig erwürgen, ohne den Blutdurſt, welcher ſie verzehren wird, ſtillen zu können, „ 5— „Ein vernünftiger Menſch muß ſich von dieſem Schau⸗ platze des Entſetzens fern halten; er genießt den Frieden des Herzens an der Seite einer hübſchen und guten Frau. Ein fortwährender Austauſch von Aufmerkſamkeiten, Zu⸗ vorkommenheiten, Rückſichten; die Erziehung Ihrer Kin⸗ der, in welchen Sie ſich ſelbſt wiederzufinden gefallen, ſtellen die Ruhe und die Glückſeligkeit Ihres Lebens ſicher. Sprechen Sie ſelbſt, mein Herr, Sie, der Sie ſo gut die Annehmlichkeiten dieſer Lage kennen.“—„André, ich weiß nicht, wie Dein Kopf organiſirt iſt, aber Du haſt Recht, immer Recht; Deine Philoſophie iſt die wahre, ſie iſt die einzige, welche uns zu dem ganzen Glücke führt, für das der Menſch überhaupt empfünglich iſt.“ „Mein Herr, Ihre Ankunft hat uns veranlaßt um zwei Stunden früher zu Abend zu eſſen; es iſt noch nicht ſpät, und wir haben einander noch ſo manche Dinge zu ſagen. Wollen Sie, daß wir dieſen Abend ſo zubringen, wie wir viele mit Ihrer Frau Gemahlin zugebracht haben, indem wir nämlich von Ihnen ſprachen.“—„O, von ganzem Herzen, mein lieber André.“—„Gut, ſo will ich eine Flaſche guten weißen Weines holen gehen; Clara, bringe uns gebratene Kaſtanien, wir wollen ſie abſchälen, wäh⸗ rend wir ſchwatzen.“ Alle meine Abende zu Blois waren traurig, kummer⸗ voll und oft von einem peinlich bewegten Schlafe gefolgt geweſen; hier fand ich das Vertrauen, den Frieden, die Heiterkeit wieder. Wir lachten, wir tollten, wir ſangen; zärtliche Liebkoſungen unterbrachen unſere Spiele. André — 60— und Clara waren unſere Schatten, unſere Echos; das Glück war da mitten in der Runde, die wir ohne Anſprüche, ohne Vorbereitungen tanzten. Es war das ſanfte Licht der Morgenröthe, welches einen Tag ohne Wolken ver⸗ kündigt. Eine herrliche Nacht vervollſtändigte die unſchuldi⸗ gen Vergnügungen des Abends.„Dein Erwachen zu Blois,“ ſagte Colombe zu mir, als ſie die Augen aufſchlug, „rief Dir die unangenehmen Erinnerungen des geſtrigen Tages wieder in's Gedächtniß zurück. Heute iſt Dein ſchö⸗ nes Geſicht von den geſtrigen glücklichen Empfindungen verklärt; ſieh das meinige, mein lieber Anton, und denke daran, um wie viel Dein Glück das Deiner Colombe noch vermehrt. Du wirſt Dieſelbe nicht mehr verlaſſen; nicht wahr, mein lieber Freund?“—„Ich verſpreche es Dir.“ —„In einem Monate werde ich Mutter werden, Du wirſt Dein Kind in die Arme nehmen, Du wirſt ſeinen erſten Schrei hören, und Du wirſt Thränen der Zärtlichkeit ver⸗ gießen, welche mich meine Schmerzen vergeſſen machen werden.“ „Mein Herr, mein Herr!“ rief mir André von dem Hintergrunde ſeines Ganges aus zu,„in einer oder zwei Stunden wird von meiner Seite Alles zu Ende ſein; be⸗ reiten Sie ſich darauf vor, Pathe zu ſtehen.“ Damit eilte er fort nach Arpajon; Colombe kleidete ſich in der Eile an und begab ſich an das Bett Clara's. Sie fand daſelbſt die dicke Javotte, welche derſelben ummhittelbaren Beiſtand lei⸗ ſtete, bis die Wehmutter, welche Andrés von Arpajon holen — 6— gegangen war, ankäme. Colombe wollte, daß Javotte ſich ſogleich entferne.„Fürchten SieNichts, Madame, ich weiß was das zu bedeuten hat, denn ich habe ſchon drei Kinder gehabt.“—„Drei Kinder ohne verheirathet zu ſein? Welche Verbrechen!“—„Nein, Madame, das find nur leichte Fehltritte, denn der Glöckner der Pfarrkirche hat ſie mir gemacht.“ Die Macht dieſes Grundes überzeugte aber Colomben durchaus nicht; ſie verließ zankend das Zimmer Clara's und kam zu mir, um mir Das, was ſie ſoeben erfahren hatte, zu erzählen; ich lachte von ganzem Herzen darüber. —„O mein Freund! Du haſt Deinen Glauben und Deine Frömmigkeit in Blois zurückgelaſſen; Du lachſt jetzt über Dinge, welche, ehe Du dieſe unglückliche Reiſe gemacht haſt, Deine ganze Entrüſtung erregt hätten. Man muß dieſes Mädchen entweder verheirathen oder fortjagen.“— „Wir wollen ſie alſo verheirathen, das wird heiterer ſein.“ Als die Hebamme ankam, war André ſchon Vater eines dicken Jungen.—„Nun, mein Freund, da wäre denn alſo die Fortdauer Deines Namens geſichert.“—„O, mein Herr, darauf lege ich ganz und gar keinen Werth.“— „Aber ich, ich halte auf das Beſtehen des meinigen.“— „Das iſt auch ganz natürlich: ein Capitän, freilich nur einer außer Dienſt; der Beſitzer eines Lehngutes, ein Ex⸗ deputirter bei den General⸗Staaten.. Mein Herr, ich wünſche Ihnen eine Nachkommenſchaft, die ſo zahlreich ſein möge, als die Sterne am Himmelszelt.“—„Geh', laß mich mit Deinen Wünſchen zufrieden; meine Kinder wür⸗ — 62— den dann arme Unglückliche ſein.“—„Warum das, mein Herr? Was waren denn Sie, als Sie in la Rochelle an⸗ kamen? Ein kleiner Novize, welcher aus ſeinem Kloſter durchgegangen war. Ihre Kinder werden es ſo wie Sie machen; ſie werden die Söhne ihrer Werke werden.“— —„Du haſt ſchon wieder Recht; laß uns Kinder haben, André, recht viele Kinder! Das iſt ein hübſches Spiel und wird doch hoffentlich länger dauern, als das Prime⸗Spiel.“ „Nun alſo, mein Herr, Sie werden mir doch ſicher die Ehre erweiſen, der Pathe meines kleinen André zu ſein.“ —„Die Ehre, die Ehre! Dieſes Wort da muß zwiſchen uns verbannt ſein.“—„Es iſt bei Hofe ſehr in der Mode.“ —„Man gebraucht dieſes ſowie andere Worte ſehr oft, um unter herkömmlichen Redensarten, welche im Grunde gar Nichts bedeuten, ſeine Gedankenleere zu verbergen; es iſt falſches Geld, welches in unſerem Lande leider noch Curs hat.“—„Sie haben das in der Nähe geſehen, mein Herr, und Sie können das beurtheilen; Sie fangen an den Vorſchriften des Herrn von Pouſſanville, ihres erſten Lehrers zu folgen.“—„Nimm die Menſchen wie ſie ſind, hat er zu mir geſagt, und ſchließe Dich an keinen feſt an.“ —„André ausgenommen, mein Herr.“—„Ol ſchon ſeit geraumer Zeit ſehe ich in Dir nicht mehr einen gewöhn⸗ lichen Menſchen.“—„Sie find ſehr gütig, mein Herr, Sie werden alſo der Pathe ſein?—„Ja, aber nun wollen wir uns mit Dem, was am dringendſten noth thut, be⸗ ſchäftigen; verſchaffe Dir eine Amme.“—„Eine Amme, wozu das? Die Ratur hat zu den Frauen geſagt; ich habe —— Dir die Kraft gegeben ein Kind zu gebähren; Du mußt alſo auch nothwendigerweiſe die haben, es zu ernähren. Das iſt eine Pflicht, die ich Dir auferlege und die Du nicht ungeſtraft verletzen darfſt, Du würdeſt dieſen Fehler frü⸗ her oder ſpäter durch Krankheiten und vielleicht ſogar durch den Tod büßen; ein Kind muß ganz das Werk ſeines Vaters und ſeiner Mutter ſein. „Ein großer Herr heirathet eine fremde Fürſtin, ſein Sohn iſt daher nur zur Hälfte ein Franzoſe; eine gemie⸗ thete Frau giebt ihm ihre Milch, da iſt ſchon wieder eine zweite Miſchung da. Das Kind hat alſo wirklich von ſei⸗ ner Familie Nichts, als den erſten Keim, dem es ſein Da⸗ ſein verdankt. Die Kleinen beſitzen nicht immer die guten Eigenſchaften, welche gewiſſe große Herren auszeichnen, aber ſie ahmen ſelaviſch die Lächerlichkeiten derſelben nach; das ſoll ihnen doch in irgend Etwas ähnlich ſein heißen. Man nimmt überall Ammen an; gewiſſe Ehegatten befin⸗ den ſich wohl dabei, das muß ich eingeſtehen. Das durch⸗ dringende Geſchrei der Kinder ſtört niemals ihren Schlaf, und Madame bewahrt die Eleganz und Reinheit ihrer Formen; aber das Kind kehrt in das väterliche Haus mit einem ausgeſchlagenen Auge, oder einem verrenkten Gliede, oder verdorbenem Blute, oder— was weiß ich ſelbſt zurück. Mein kleiner André hängt ſchon vergnügt an dem Buſen ſeiner Mutter.“—„Dieſer Menſch hat doch immer Recht; Colombe wird den kleinen de la Tour ſelbſt ſäugen, ſie ift ohnedies dazu geneigt, und ich werde einen Plan unter⸗ ſützen, den ich bis jetzt, ich geßtehe es, aus blos ſinnlichen — 6— Veweggründen immer bekämpft habe. Mein Schutzheili⸗ ger möge es mir verzeihen!“ „Aber halt, ich brauche auch noch eine Pathin! Ich will hingehen und Ihre Frau Gemahlin bitten, dieſes Amt gütigſt zu übernehmen.“—„Du, der Du ſo viele Dinge weißt, haſt aber doch auch nicht die geringſte Kenntniß von theologiſchen Sachen. Du weißt es nicht, daß ein Pathe und eine Pathin eine geiſtige Verwandtſchaft eingehen welche es Ihnen nicht mehr erlaubt ſich ohne Dispenſation zu verheirathen?“—„Nein, mein Herr, ich wußte das in der That nicht.“—„Colombe und ich ſind aber ver⸗ heirathet, und ſogar ſehr verheirathet, und die Kirche er⸗ 6 laubt uns daher nicht noch eine zweite Verbindung einzu⸗ gehen.“—„Nun wohl, mein Herr, ſo will ich nach Arpa⸗ jon gehen eine Pathin zu ſuchen, und ich werde ſie daſelbſt auch finden; wollen Sie ſich in Bezug auf Das ganz auf mich verlaſſen?“—„O, vollkommen!“ Jch begab mich am Abende nach Arpajon; von André geführt kam ich, beladen mit Zuckerwerk und trockenen Früchten, meine Gevatterin abzuhblen: das war das ſicherſte Mittel von der Frau des Pedells gut aufgenom⸗ men zu werden. Wir trugen den kleinen André in die Kirche, und hatten das Glück ihn von der Erbſünde abzu⸗ waſchen; ich weihte ihn dem heiligen Anton, und legte ihm den Namen deſſelben bei. „Mein Herr,“ ſagte der Pfarrer zu mir,„Sie wiſſen, daß ich die Sacramente nicht verkaufe; aber das Sacra⸗ ment der Taufe iſt von einer ſolchen Wichtigkeit, daß es aetetite — 65— wohl Dem, der es ausſpendet, eine kleine Vergütung ein⸗ tragen darf. Sie haben ein ſo edles und großes Beiſpiel an dem Tage der Hochzeit des Herrn André gegeben, und ein Mann wie Sie iſt ganz dazu gemacht, um die Beiſpiele, die es ihm noch zu geben gefallen wird, S allen meinen Pfarrkindern befolgt zu ſehen.“ Ein Mann wie ich! Ich drückte dem guten Pfarrer zwei Thaler in die Hand; ich warf kleines Geld unter die Armen, die doch auch leben müſſen, aus, und ich ſtand im Begriffe, mich von Segenswünſchen überhäuft zurückzu⸗ iehen. „Mein Herr,“ ſagte der Pedell zu mir,„ich habe das Rituale zu dem Taufbecken getragen und in der Sacriſtei die zu dieſer Ceremonie nöthige Wäſche geholt.“ Es ſchien mir einleuchtend, daß der Pedell eine ſehr wichtige Rolle in dieſer Angelegenheit geſpielt hat, und ich ſteckte ihm einen Thaler zu. „Wir wollen uns retten, mein Herr,“ ſagte André zu mir;„da ſehe ich die Chorkinder, welche von der einen Seite, und den Glöckner, welcher von der anderen kommt; ſie werden Ihnen gleich beweiſen wollen, daß Sie ohne ſie Niemanden in die Gemeinſchaft der Chtiſten hätten auf⸗ nehmen laſſen können.“ Und er zog mich mit ſich fort. Während wir nach Latour zurückkehrten, dachte ich an Javotte, an ihre drei Kinder und an die üble Laune, welche Colombe über dieſe Geſchichte gezeigt hatte; ich ſprach mit André davon.„Zum Teufel, mein Herr, hat denn dieſer Glöckner da den Satan im Leibe? Oder hatte Biblioth. 356 Boch. 5 er vielleicht keine andere Wahl als die, entweder Javotten Kinder zu machen oder aufgehangen zu werden?“— „Nichtsdeſtoweniger hat er ihr vorläufig drei gemacht. Colombe behauptete, daß man dieſes Mädchen fortjagen oder es verheirathen müſſe; ich meinerſeits bin für die Heirath.“—„Und ich für das Fortjagen!“—„Aber, was ſoll dann aus dieſem Mädchen werden?“—„Das iſt freilich ihre Sorge; denken Sie doch daran, mein Herrt, daß, wenn Sie ſie verheirathen, Sie ſich nicht nur mit ihr, ſondern auch noch mit dem Glöckner und ſeinen drei Kin⸗ dern belaſten, und dieſe Belaſtung dürfte denn doch zu ſchwer werden. Wenn Sie ſich dazu aufwerfen wollen, alles Unrecht, welches Liebhaber gegen ihre Schönen oder gegen ihre Häßlichen begehen, gut zu machen, ſo prophezeihe ich Ihnen, daß Sie noch vor Verlauf von zwei Jahren zu Grunde gerichtet ſein werden; man ſagt auch, daß dieſe Art von Zufällen in dem heurigen Jahre wirklich ſehr häufig ſei. Und dabei weiß man noch immer Das nicht, was den verheiratheten Frauen begegnet.“—„Es giebt alſo wirklich keine Sittlichkeit mehr, André?“—„Meiner Treu, mein Herr, es iſt wenigſtens ſehr bequem, deren keine zu haben.“—„Das iſt aber die eigentliche Urſache der Uebel, mit welchen der Himmel Frankreich heinſucht. —„Mein Herr, laſſen Sie uns nach Arpajon zurückkeh⸗ ren.“—„Und wozu das?“—„Ich will daſelbſt ein Mädchen miethen, welches die Javotte erſetzen ſoll.“— „Was, wir ſollen ihr ſo plötzlich ihren Abſchied geben?“ —„Sie werden doch nicht daran denken, ſie gegen den — ½7— Willen Ihrer Gemahlin zu behalten; es giebt kleine Opfer, welche man dem Frieden des Haushaltes bringen muß.“ —„Das weiß ich ſehr wohl.“ Wir ließen die Hebamme, welche den kleinen André trug, vorangehen, und wir kehrten in der That nach Ar⸗ pajon zurück. Eine Stunde ſpäter hatte André das Mäd⸗ chen, welches wir bedurften, gefunden. „André, ich weiß, daß Madame de la Tour mir für das Zeichen von Ergebenheit in ihre Wünſche, welches ich ihr geben will, dankbar ſein wird. Aber, was ſoll ich dieſer armen Javotte ſagen?“—„Sie ſollen zu ihr ſagen: »Arme Javotte, Du haſt einen Beweis von Talent gege⸗ ben, indem Du die Entbindung der Madame André er⸗ leichtern halfeſt; gehe, und übe dieſes Talent in einem be⸗ nachbarten Dorfe aus. Hier find zehn Thaler, von wel⸗ chen Du ſo lange leben können wirſt, bis Du Beſchäftigung findeſt.«“—„Das iſt richtig, das iſt ganz richtig. Wie lange man doch oft nach den einfachſten Auswegen ſucht, wie oft ſie ſelbſt unſerm angeſtrengten Nachdenken ent⸗ gehen. Du haſt Geiſt, André...—„O, mein Herr, Sie ſind zu gütig...—„Sehr viel Geiſt, Du ſollteſt Dich zum Schriftſteller heranbilden.“ „Mein Herr, ich habe ſchon daran gedacht. Zch habe ein gut organiſirtes Gehirn. Ich bin erfindungsreich.„ ſo, mein Herr, nun habe ich es: ich nehme die Schriften unſerer älteren dramatiſchen Schriftſteller her, ich redu⸗ eire ihre Stücke von fünf Acten auf drei, und ich werde für einen Schriftſteller, der ſich ausgezeichnet auf das 5* — 53— Bühnengerechtmachen verſteht, erklärt.“—„Das iſt etwas Neues; das iſt ſchon wieder Etwas, auf das ich nicht ver⸗ fallen wäre. Nur muß ich Dir ausdrücklich anempfehlen, Dich nicht an die Werke von Jodelle, dem franzöſiſchen Sophokles, zu wagen.“—„Ich werde mich wohl davor hüten; denn ich würde dadurch alle Mitglieder der fran⸗ zöſiſchen Plejade und alle Liebhaber des Erhabenen gegen mich in Harniſch bringen.“ Ich kehrte in mein Schloß zu⸗ rück. Javotte bereitete ſich ihr gewöhnliches Mittagsmahl zu. Colombe hatte Nichts auf ſich ſelbſt nehmen wollen; aber ſie verſtand es ſo gut, mich dahin zu bringen, wo ſie mich haben wollte. Ich wollte mir alſo wenigſtens die Ehre der Erfindung beilegen; ich nahm ſie daher bei der Hand, führte ſie in die Küche, und ſagte dort Javotte'n . Wort für Wort Das, was mir André eingegeben hatte. Javotte faßte ihren Entſchluß mit einer Leichtigkeit, auf welche ich nicht zu rechnen gewagt hätte. Sie nahm ihr Gnadengeſchenk, ihr Bündel Sachen, und war im Begriffe fortzugehen. Da kommt plötzlich eine alte Frau; ein Kind hängt ſich an jede Seite ihres Rockes; ſie trägt ein drittes auf ihrem Rücken, und ſie ſchleppt ſich ſelbſt, auf einen Stock geſtützt, nur mühſam fort.„Da ſind ſie,“ ſagt ſie zu Javotte,„fange mit den⸗ ſelben an, was Du nur immer willſt; ich habe nicht mehr die Mittel, ſie zu ernähren.“—„Packt Euch, packt Euch,“ ſagte André zu ihnen,„und nehmt dieſe Brut mit Euch fort.“—„Der Herr de la Tour,“ ſagte die Alte,„hat vem Klerus ſo viele Wohlthaten erwieſen; er wird alſo auch die Kinder deſſelben nicht verſtoßen wollen.“—„Was ſpoll das heißen? Die Kinder des Klerus?“—„Herr de la Tour wird gewiß wiſſen, daß ein Glöckner weſentlich zu der Kirche gehört. Er hält zwar die Meſſe nicht ſelbſt; aber Niemand würde in dieſelbe kommen, wenn er nicht dazu läutete.“ Sie wirft ihren Stock weg, richtet ſich auf, und da ſtehe ich nun mitten unter drei Kindern, von denen ich nicht weiß, was ich mit ihnen anfangen ſoll.„Beim heiligen Anton,“ rief ich aus,„ich werde nicht die Sünden des Glöckners auf mich nehmen. André, nimm dieſe drei Bankerte da, und trage ſie, wohin Du nur immer willſt.“ Colombe lachte von ganzem Herzen über meine Lage, über mein Ausſehen, über Das, was ich ſagte, und wenn ſie lacht, widerſpricht ſie mir niemals. Ich fand meinen ganzen Muth wieder, und wir überlegten ruhig, welchen Entſchluß wir unter dieſen eigenthümlichen Umſtänden faſſen müßten. „Mein Herr,“ ſagte André zu mir,„Sie werden morgen früh die beidenälteren Knaben nach Paris führen, und der Capitän, dem Sie Ihre Ernennung zum Deputir⸗ ten verdanken, wird ſie als Pfeifer in ſeiner Compagnie anſtellen. Bertrand hat denſelben nach Paris begleitet; er wird ihn auch leicht wiederfinden; aber das dritte Kind kann noch kaum gehen, und das bringt mich wirklich in Verlegenheit.“—„André, lege es noch dieſe Nacht vor die Thüre des Pfarrers von Arpajon.“—„O, mein lieber Anton, Du könnteſt ſo grauſam ſein, dieſen kleinen unglücklichen Wurm ausſetzen zu laſſen?“ Ich ſpielte ——— —— gegen meine Frau zum Schein den Unerbittlichen; ſie ſollte mir entgegen kommen.„Meine liebe Colombe, es giebt keine öffentlichen Häuſer, um dieſe Art von Kindern hier aufzunehmen. Sind nicht die Pfarrer die natürlichen Väter der Armen?“—„Mein lieber Freund, wenn die Pfarrer ſich aller verlaſſenen Kinder annehmen ſollten, ſo müßten ihre Einkünfte mindeſtens verzehnfacht werden.“— „Aber, was willſt Du denn, daß ich mit dieſem kleinen Schreihals hier anfange?“—„Du ſollſt ihn während einiger Tage behalten, dann werden wir weiter ſehen.“ Jetzt waren wir dort, wohin ich Colombe hatte bringen wollen. „Beim Teufel,“ rief André aus,„ich muß eingeſtehen, daß ich ein großer Dummkopf bin. Statt mich bei dem Ausſehen des Herrn de la Tour, bei dem unauslöſchlichen Gelächter ſeiner Frau Gemahlin aufzuhalten, ſtatt zu ſchwatzen, hätte ich handeln ſollen. Ich hätte dieſen beiden Frauen da nachlaufen, ſie wieder hierher zurückführen, und ſie zwingen ſollen, ihre Bälge wieder mit ſich fortzu⸗ nehmen. Jetzt iſt es gerade an der Zeit, darüber nachzu⸗ denken.“ „Komm hierher, hübſche kleine Brunette. Wie heißeſt Du?“—„Marianne, mein Herr.“—„Haſt Du ſchon bei Jemandem gedient, bevor Du bei uns eingetreten biſt?“—„Bei dem Kirchenvorſteher von Arpajon.“— „Gieb dieſen drei Bälgen hier zu eſſen, bringe ſie, wo es angehen wird, zu Bette, und gehe dann zu Deinem Kirchenvorſteher, und verlange von ihm ein Zeugniß über — Dein gutes Benehmen. Ich will nicht, daß es hier Kinder regne.“—„Meiner Treu, André; jetzt biſt Du wirklich ein Erfinder geworden, und Dein Name wird auf die Nachwelt übergehen.“—„Wie ſo das, mein Ser? „Dir wird man den nützlichen Gebrauch verdanken, nur ſolche Dienſtleute in ſein Haus aufzunehmen, über welche man die genaueſten Erkundigungen eingezogen hat.“— „Beim Teufel, das iſt wahr! Da wäre ich denn nun Staatswirth und Schriftſteller, der ſich ausgezeichnet auf das Bühnengerechtmachen verſteht. Noch eine oder zwei Erfindungen wie dieſe da, und ich werde wirklich berühmt, und zwar nach ver höchſt einfachen Schlußfolgerung, daß viele Kleine, mit einander verbunden, zuſammen nothwen⸗ digerweiſe ein Großes ausmachen. André verließ uns; um ſeine Frau zu beſuchen, und um ſie um Rath zu fragen auf welche Art er es anfangen ſolle, uns ein erträgliches Abendeſſen vorzuſetzen. Die Magd aus dem Hühnerhofe befand ſich bei ihr. Javotte war auf der Flucht. Marianne war zu ihrem Kirchenvor⸗ ſteher gegangen. Sie brachte am Abende von demſelben ein Zeugniß zurück, welches uns beſtimmte, ſie unter die Zahl unſerer Hausgenoſſen aufzunehmen. Aber bis dahin mußte ſich André, wohl oder übel, dazu bequemen, die Küche zu beſorgen. Glücklicherweiſe war der gute André zu Allem tauglich, und Richts ſchien ihm außerhalb des Bereichs ſeiner Kräfte zu liegen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Luſtige, traurige und betrübende Ereig⸗ niſſe. Ein großer Proceß u. ſ. w. Bald hörte ich meinen Philoſophen, meinen Erfinder, wie er nach Bertrand rief, daß die Küchenfenſter zitterten. Ich verließ Colombe und ſtieg hinab. Andrs wollte Ber⸗ trand zeitweilig als Küchenjungen anſtellen, und das war nicht mehr als billig. Dieſer Spitzbube von Bertrand war aber nirgends zu finden.„André, bei dringenden Fällen muß, wie Du weißt, Jedermann Hand an's Werk legen; ich will Dein Küchenjunge ſein.“—„Sie, mein Herr? Rein, das werde ich nicht zugeben; Sie dürfen in Ihrem eigenen Hauſe keine ſo große Nebenrolle ſpielen.“— „Nun, wir wollen es als einen Faftnachtsſcherz betrach⸗ ten.“— Ein Wortwechſel entſpann ſich. Colombe kam herab; aber ſie hatte weder bei der Frau Marſchallin von Biron, noch bei den Nonnen des heiligen Auguſtin die Küche beſorgen gelernt. „Sie ſtören mich nur; Sie flören mich ganz abſon⸗ derlich,“ ſagte André zu uns.„Der einzige Dienſt, den Sie mir leiſten könnten, wäre der, die Pächterin ſuchen zu gehen.“—„Nun wohl, ſo wollen wir Catharina ſuchen gehen.“ Und wir gehen fort, Arm in Arm, hüpfend und ein Liedchen fingend, obgleich die Abende noch ziemlich kalt waren. Wir kamen eben mit Catharina zurück, als wir Ber⸗ trand begegneten. Wir ſtießen die Pächterin in die Küche, —— —————— — 73— und ich wußte von früher, daß Colombe eine entſchiedene Neigung für das Ausfragen beſitze. Sie nahm auch jetzt mit Bertrand ein Verhör in allen Formen Rechtens vor. „Woher kommſt Du?“—„Von Saint⸗Arnoult.“— „Was haſt Du dort zu thun gehabt?“—„Ich bin Javotte und ihrer Mutter dorthin gefolgt.“—„So! aha! Und was haſt Du denn dort erfahren?“ Bertrand drückt ſich eben nicht mit großer Leichtigkeit aus, aber mittelſt einer Reihe von Unterbrechungen, Fragen und Antworten erfuhren wir, daß er in ein Wirthshaus eingetreten ſei und daſelbſt Erkundigungen eingezogen habe; daß die Alte ſich wirklich im Elende befinde, daß ſich Javotte zwei Schwachheiten mit dem Glöckner, welcher zugleich der erſte und geſchickteſte Schuhflicker im Dorfe iſt, und ſich folglich ſehr gut ſteht, habe zu Schulden kommen laſſen; daß dieſer eine gewiſſe Bereitwilligkeit gezeigt habe, ſeinen Kindern ſeinen Namen zu geben; aber daß der erſte Holz⸗ ſchuhmacher im Dorfe ſich die Vaterſchaft zu dem dritten Kinde beimaß, ohne jedoch irgendwie Luſt zu bezeigen, auch die Pflichten dieſer Vaterſchaft zu erfüllen; daß dieſer Zwiſchenfall den Glöckner auf den Gedanken gebracht habe, daß er vielleicht eben ſo wenig der Vater der beiden älte⸗ ren Kinder, als des jüngſten ſein könne; daß er auf ſeinen früheren Plan deshalb verzichtet habe; daß Javotte, die in dem Dorfe verhöhnt wurde, ihre Kinder der Alten zu⸗ rückgelaſſen habe, was durchaus nicht mütterlich gehandelt iſt; und daß ſie endlich ſoeben nach Arpajon gekommen ſei, um ſich daſelbſt einen Dienſt zu ſuchen. ——— —— Alles dieſes ſchien uns eben nicht ſehr beruhigend zu ſein, und riß uns nicht aus unſerer Verlegenheit. Ein Dummkopf, ein Einfältiger könnte ſich nur mit dieſen vor⸗ läufigen Aufſchlüſſen begnügt haben. Bertrand beſaß keine Beredtſamkeit, aber er war boshaft, pfiffig. Er ſchlug uns vor, daß er den Karren des Pächters nehmen, die drei Bälge hineinſetzen, und ſie nach Saint⸗Arnoult führen wolle. Daſelbſt wollte er die beiden Aelteren bei dem Glöckner, und das jüngſte Kind bei dem Holzſchuh⸗ macher abſetzen. Er fügte mit ſehr vielem Scharffinne hinzu, daß ſie ſich wohl der Früchte ihrer Liebe würden an⸗ nehmen müſſen, da ſie die Vaterſchaft zu denſelben öffent⸗ lich eingeſtanden hatten. Dieſer Gedanke ſchien uns ſo ziemlich gut, und die Ausführung deſſelben ward auf den nächſtfolgenden Morgen feſtgeſetzt. Dieſes Abendbrot, welches ſo ſchwierig zu bereiten ge⸗ weſen war, erſchien doch endlich. André machte uns bei demſelben mit einem komiſchen Pathos die Honneurs. „Halten Sie ſich nicht an die gewöhnlichen Gerichte,“ ſagte er zu uns,„koſten Sie dieſen Gang hier, ich bitte Sie darum. Er iſt ganz und gar von meiner Erfindung.“ Es war ein zerhacktes, entſtelltes Kaninchen, welches wir an dem Kopfe allein als ſolches erkennen konnten. Wir fanden das Ragout ausgezeichnet.„O, beim Teufel,“ rief André aus,„das hier wird doch meinen Namen tragen. Niemand wird es doch wagen können, mir die Erfindung dieſes Gerichtes abzuſprechen, oder auch nur ſtreitig zu machen. Ich werde Sie häufig mit einer Andréade — 25— tractiren.“—„Mein lieber André, Chriſtoph Columbus hat Amerika entdeckt, und Amerigo Veſpuccio gab ihm ſeinen Namen. Zwingli ſchuf dieKetzerei zur Verdammniß eines Theiles des menſchlichen Geſchlechtes, und die fran⸗ zöſiſchen Hugenotten nannten ſich Calviniſten. Du ſiehſt,“ fügte ich lachend hinzu,„daß ſich großen Männern immer der Neid an die Ferſen heftet.“ In der That war die Er⸗ findung André's bald weit verbreitet, und das Volk, wel⸗ ches Alles nach ſeinem Kopfe thut, nannte ſie ganz einfach ein Kaninchen⸗Ragout.„Mein Freund,“ ſagte ich nun zu ihm,„laß uns jetzt gemeinſchaftlich das:„Sic vos, non vobis“ von Virgil wiederholen. Ich hatte Beſchäftigung gewünſcht; bald hatte ich deren ſo viel, daß meine Kräfte kaum für dieſelbe ausreichten. Bertrand kehrte Tags darauf gegen Ein Uhr nach Mittag zu Fuße zurück. Seine Haare waren in Unord⸗ nung, ſeine Naſe zerſchlagen, und ſeine Stalljacke hing in Fetzen von ihm herab. Die Kinder, das Pferd, der Kar⸗ renwagen, Alles war in Saint⸗Arnoult geblieben. Unſere erſte Regung war natürlich die, ihn um die Urſachen ſeines Mißgeſchickes zu befragen. Er war triumphirend in das benachbarte Dorf ein⸗ gezogen, und bereitete ſich darauf vor, ſeine Sendung auf die glänzendſte Art und Weiſe zu vollziehen. Er ſteigt, ein Kind an jeder Hand führend, bei dem Glöckner ab, und ſtellt ſie ihrem muthmaßlichen Vater vor. Der Glöckner ſchwört, daß ſie ihm nicht angehören, und jagt ſie mit der⸗ ben Fußſtößen in den Hintern hinaus. Bertrand hält —— dafür, daß ſeine Beredtſamkeit auf einen ſolchen Menſchen keinen Eindruck machen werde, und giebt ihm daher, mit⸗ tels tüchtiger Hiebe mit dem Peitſchenſtiele, Unterricht in den natürlichen Gefühlen. Ohne Zeit zu verlieren, eilt er zu dem Holzſchuh⸗ macher. Dieſer macht ſich über ihn luſtig, und Bertrand iſt eben nicht ſpaßhaft aufgelegt. Er wiederholt hier die Züchtigung, welche er über den Glöckner verhängt hatte. Dieſer letztere kommt nun hinzu, und verbindet ſich mit dem Holzſchuhmacher. Alle Beide fallen jetzt über Bertrand her, und hätten ihn völlig zu Schanden geſchla⸗ gen, wenn ſich die Bewohner des Dorfes nicht ins Mittel gelegt hätten. Die Schreihälſe irren durch das Dorf, ihre kleinen Händchen in die Luft ſtreckend, und rufen weinend aus: Papa! Mama! Mama! Papa! Niemand antwor⸗ tete ihnen. Wie ſollte ſich dieſer Auftritt endigen? Es giebt in jedem Dorfe einen Spaßmacher und einen Redner. Der Spaßmacher nimmt es beſonders auf ſich, die Winter⸗ abende gegen Entgelt von einer Flaſche Landwein zu erhei⸗ tern. Hier fand er Nichts zu ſagen und zu thun. Der Redner ſteigt auf eine leere Tonne, welche unter die große Linde geſtellt wird, und man verſammelt ſich um ihn. Dort ſpricht er über die Tagesneuigkeiten, über wichtige Ereigniſſe, ja er erlaubt ſich ſogar bisweilen am Sonn⸗ tage die Predigt des Pfarrers zu bekritteln. „Zur Linde, zur Linde,“ ſchrie der Redner von Saint⸗ Arnoult. Er begann damit, zu ſagen, daß man ſich nie⸗ — — mals einer That rühmen ſolle, wenn man nicht auch die Folgen derſelben über ſich nehmen will. Nun aber ſei es allbekannt, daß ſowohl der Glöckner als der Holzſchuh⸗ macher ſich öffentlich gerühmt haben, Javotten Kinder ge⸗ macht zu haben, die dieſelbe nicht ernähren könne, weshalb dieſe Pflicht da von den beiden Vätern erfüllt werden müſſe.“—„Bravo, bravo!“ rief die Zuhörerſchaft. „Eine Deputation,“ fuhr der Redner fort,„möge ſich zu den Rabenvätern begeben und ihnen erklären, daß wenn ſie nicht das Blut von ihrem Blute anerkennen wollten, wir uns in Rochefort unſere Ueberſchuhe ausbeſſern laſſen und unſere Holzſchuhe ebendaſelbſt kaufen würden.“— „Bravo, bravo!“ wiederholten die Zuhörer. Alle Menſchen ſind gut, bis auf Das, was ihr Inter⸗ eſſe anlangt, und ein größeres Intereſſe trägt immer über ein kleineres den Sieg davon. Nach der ausdrücklichen Verſicherung, welche den beiden Vätern gegeben wurde, daß ſie die Kundſchaft aller Dorfbewohner behalten ſoll⸗ ten, umarmten ſie ihre Rangen, oder die irgend eines An⸗ dern, und verſprachen feierlich, ihnen Brot und an Sonn⸗ tagen auch Suppe zu geben. Als dieſe Verhandlungen zu Ende waren, berief der Redner von Neuem ſein Publikum unter die Linde und fing ſeine Rede wieder folgendermaßen an:„Ihr habt ein Werk der chriſtlichen Milde ausgeübt, meine Freunde, aber noch iſt nicht Alles zu Ende. Mit welchem Rechte iſt dieſer Menſch da hierher gekommen, um bei uns die Poli⸗ zei zu ſpielen? Sage doch, Herr Soundſo, wo wohnſt Du?“ — 78— —„Bei Herrn de la Tour.“—„Ich bin der Anſicht, daß wir ihn freilaſſen müſſen, weil der Herr für ſeine Diener verantwortlich iſt, aber wir wollen ſeinen Karrenwagen und das Pferd als Pfand für die Bezahlung der Geldbuße, zu welcher Herr de la Tour verurtheilt werden wird, zu⸗ rückbehalten.“—„Ja, ja! und wir werden das Pferd Alle gemeinſchaftlich ernähren, weil wir es auch Alle der Reihe nach benutzen werden.“—„Gut ausgedacht! ſehr gut ausgedacht!“ „Die Geldbuße wird bedeutend ausfallen, weil der ſchuhflickende Glöckner einen blaugedroſchenen Rücken hat, und der Holzſchuhmacher ein halb ausgeſchlagenes Auge.“ —„Und ich, wer wird mir mein zerſchlagenes Naſenbein und meine Stalljacke bezahlen, welche, als ich hierher kam, ganz neu war, und deren ich mich nun nicht mehr bedienen kann?“—„Du? Du wirſt nicht einen Sou bekommen!“ antwortete der Redner unſerem Bertrand.„Man wird Dich daran denken machen, daß die Geſetze zu Etwas auf der Welt find, und daß man ſich nicht ungeſtraft ihrer Vor⸗ rechte anmaßen darf. Wohin ſollten wir kommen, wenn es Jeder wagen dürfte, ſich ſelbſt Recht zu verſchaffen? Ach⸗ tung vor den Geſetzen, das iſt der Wahlſpruch der Bewoh⸗ ner von Saint⸗Arnoutt. „Und weil wir gerade von den Geſetzen ſprechen, meine Freunde: es befindet ſich unter denſelben ein entſetzliches, furchtbares, welches aber nichtsdeſtoweniger aufrecht er⸗ halten werden muß; es wurde erlaſſen, um dem Aerger⸗ niſſe vorzubeugen, und Javotte hat ein großes, ein ſehr — 79— großes Aergerniß im Dorfe gegeben. Sie muß durchaus geopfert werden, unſeren jungen Mädchen zum warnenden Beiſpiele, damit ſie ja nicht auf unrechte Wege kommen; ich bin feſt überzeugt, daß ſie dem Richter von Arpajon keine ihrer Schwangerſchaften angezeigt hat.“—„O, höre einmal, Jerome, Du willſt doch Javotte nicht aufhän⸗ gen laſſen?“—„Und Du ſelbſt, Ambroſius, Du ſiehſt alſo dieſen kleinen Karl nicht, welcher fortwährend um Dein Haus herumſchleicht? Willſt Du denn durchaus, daß es Deiner Deniſe ebenſo wie Javotten gehen ſolle?“—„Die Geſetze, die Geſetze! ich kenne keine Rückſicht, als auf ſie!“ —„Die Geſetze, die Geſetze!“ rief die ganze Zuhörerſchaft. Ich wurde ungeduldig, und in der That kümmerten mich auch die Redensarten der Herren von Saint⸗Arnoult ſehr wenig.„Zur Sache, Bertrand!“—„Mein Herr, dieſe Leute ſtehen im Begriffe mich vor den Richter von Arpajon vorladen zu laſſen. Javotte wird gehangen wer⸗ den, und Sie werden eine Geldbuße zu bezahlen haben; das iſt die ganze Sache.“—„André, biſt Du nicht auch ein Stück von einem Rechtsgelehrten?“—„Ich kenne einige von unſeren Geſetzen; aber ich verſtehe Nichts von denjenigen, welche ſchwangere Mädchen betreffen, aus dem ſehr einfachen Grunde, weil ich ein ſolches niemals gewe⸗ ſen bin und weil ich mir nie den Kopf mit Dingen zer⸗ breche, welche mich unter gar keinen Umſtänden Etwas angehen können. „Es ſcheint mir, daß die Angelegenheit Bertrands mit dem Glöcner und mit dem Holzſchuhmacher ſich auf einige — ausgewechſelte Hiebe beſchränkt, und wenn ſich noch Je⸗ mand zu beklagen haben könnte, ſo wäre es Bertrand, weil er zwei Gegner zu bekämpfen gehabt hat. Er muß ihnen unbedingt zuvorkommen, und ſogleich gehen und Klage gegen ſie erheben; ich habe ſehr häufig bemerkt, daß Der⸗ jenige, welcher zuerſt ſpricht, bei gewiſſen Leuten Recht be⸗ hält, und der Richter von Arpajon wird eben auch kein Phönir ſein. Der Redner von Saint⸗Arnoult hat den ganz richtigen Grundſatz aufgeſtellt, daß man ſich nicht ſelbſt Recht verſchaffen dürfe, und doch hat er einige Dumm⸗ köpfe dazu bewogen, den Karrenwagen und das Pferd Ihres Pächters zurückzubehalten; Stoff zu einer neuen Klage gegen ihn und ſeine Anhänger. Bei alle Dem wird freilich gar Nichts herauskommen, aber laſſen Ste uns doch alle Drei nach Arpajon gehen, das wird uns wenigſtens eine Stunde Zeit vertreiben.“—„Du willſt mich alſo in einen Advocaten umwandeln? Ich bin alſo beſtimmt, alle Erwerbszweige, einen nach dem andern, durchzumachen!“ —„Mein Herr, ich ſehe mehrere Vortheile dabei; für⸗s Erſte werden Sie keinen Advocaten zu bezahlen brauchen, 3 da Sie ſelbſt der Ihrige ſein werden, dann werden Sie Gelegenheit haben Ihre Beredtſamkeit zu entwickeln, und 3 Sie beſitzen deren wirklich ſehr viel, und endlich iſt es auch gut, ſich doch in Allem mindeſtens ein wenig verſucht zu haben.“—„Laß uns nach Arpajon gehen!“ Schon hatten ſich die Kläger von Saint⸗Arnoult in einem Halbkreiſe aufgeſtellt; der Richter befand ſich in dem Hintergrunde des Saales, in ein ſeiner Würde angemeſſe⸗ — nes Koſtüm gekleidet, und ſein ſchreibender Protokolliſt ſaß auf einem beſcheidenen Rohrſtuhle. André ſtieß Ber⸗ trand vorwärts und ſtellte ihn mit dem Glöckner und dem Holzſchuhmacher in eine Linie.„Ah, noch ein Kläger!“ ſagte der Richter.„Herr de la Tour, Sie haben ſich da eine ſehr böſe Sache auf den Hals gezogen.“ Ich trat vor. „Ich bin es, mein Herr, welcher ſich als klagende Partei vorſtellt.“—„Und worüber beklagen Sie ſich denn? Sie ſchicken ja Ihren Stallknecht nach Saint⸗Arnoult, die Leute zu prügeln!“—„Der Beweis dafür, Herr Richter?“— „Steht in dem Protokoll des Herrn Schreibers, und zwar nach der Ausſage von faſt zwanzig Zeugen.“—„Ich richte eine Klage auf falſches Zeugniß gegen ſie Alle.“— „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr, Sie wiſſen, daß falſche Zeugen gehangen werden!“—„Das iſt freilich Ihre Sache.“—„Sie wiſſen ohne Zweifel auch, daß ein Stallknecht, ſein Pferd und ſein Wagen niemals wo anders hingehen, als wo ihr Herr ſie hinſchickt?“—„Das iſt nicht immer wahr.“—„Sie haben Ihr Fuhrwerk nach Saint⸗Arnvult geſchickt?“—„Ich leugne dieſe Behaup⸗ tung.“—„Jeder böſe Fall läßt ſich leugnen! Ihr Stall⸗ knecht hat den Glöckner und den Holzſchuhmacher geſchla⸗ gen, alſo haben Sie ihn deshalb hingeſchickt.“—„Alſo faßt der Herr Richter die Sache nicht aus ihrem wirklichen Geſichtspunkte auf.“—„Maßen Sie ſich etwa an, mein kleiner Herr, mich in meiner Pflicht zu unterrichten?“— „Maßen Sie ſich etwa an, mein großer Herr, Ihre Worte für Drakelſprüche auszugeben?“— Wiſſen Si i 8„Wiſſen 5 denn nicht, daß man zu allen Zeiten behauptet hat, daß die Gerechtig⸗ keit im Stande ſei, deren unbeſtreitbare von ſich zu geben?“ —„Ja, wenn die Einſicht und der Scharfſinn ihrer Werk⸗ zeuge wirklich feſt erwieſen find!“—„Maßen Sie ſich an zu behaupten, mein Herr, daß mir die eine oder die andere dieſer Eigenſchaften mangele?“—„Ich habe Nichts von dem geſagt.“—„Aber Sie denken es vielleicht.“—„Mein Gedanke gehört mir an, er macht einen integrirenden Theil meines Weſens aus, und ich bin Niemandem Rechen⸗ ſchaft über denſelben ſchuldig. Uebrigens verlange ich die Vorleſung des Protokolls.“ „Leſen Sie, Schreiber.“ „Haben ausgeſagt der, der und der, daß der Stall⸗ knecht Bertrand den Glöckner und den Holzſchuhmacher von Saint⸗Arnoultgeprügelthabe, und daß erwahrſcheinlich von ſeinem Herrn zu dieſem Zwecke vorthin geſchickt worden ſei.“ „Ich nehme meine Anklage auf falſches Zeugniß zurück, weil das Wort»wahrſcheinlich«, weit entfernt eine poſitive Behauptung darzuſtellen, im Gegentheile die ganze An⸗ klage hypothetiſch macht.“—„Hypothetiſch, hypothetiſch! Wahrſcheinlich, mein Herr, iſt dies ein Beiwort, welches hierher geſetzt worden iſt, um den Satz abzurunden.“ —„Mein Herr, im Rechtsverfahren handelt es ſich nicht um abgerundete Sätze, ſondern um genaue poſitive Worte.“—„Schreiber, ſtreichen Sie das Wort»wahr⸗ ſcheinliche, da es dieſem Herrn ſo ſehr mißfällt.“— „Schreiber, nehmen Sie ſich davor wohl in Acht, oder wenn Sie es thun, ſtelle ich auch wieder meine Klage auf falſches — 83— Zeugniß auf.“—„Herr Richter,“ ſagte der Redner von Saint⸗Arnoult,„wir haben nicht erklärt, daß wir gewiß wüßten, daß Herr de la Tour ſeinen Stallknecht in unſer Dorf geſchickt habe, um uns zu prügeln, ſondern blos, daß wir Grund hätten, es zu glauben.“—„Was Teufel, das ändert ja aber den ganzen Gang des Pro⸗ ceſſes! Ein Mal ſagt ihr auf dieſe Art und Weiſe aus, und ein Mal auf die andere; man weiß nicht, an was man ſich mit euch halten ſoll. Aber immer bleibt es doch wahr, daß Bertrand den Glöckner und den Holzſchuhmacher geſchla⸗ gen hat, und daß ſein Herr ihnen eine Schadloshaltung ſchuldig iſt.“—„Aber immer bleibt es doch ebenſo wahr,“ erwiderte ich,„daß der Glöckner und der Holzſchuhmacher auch Bertrand geſchlagen haben; ſehen Sie nur ſeine Naſe und ſeine zu Fetzen zerriſſene Stalljacke, welche Beweis⸗ ſtücke für den Proreß find.“—„Sie haben ihn allerdings geſchlagen, aber nur aus dem Grunde der natürlichſten Selbſtvertheidigung.“—„Der Glöckner iſt zu dem Holz⸗ ſchuhmacher gegangen, um ihn dort aufzuſuchen, und ſie ſind alle Zwei über ihn hergefallen.“—„Das iſt ein Pro⸗ ceß, welcher nie zu Ende kommen wird; es iſt zwei Uhr, und um drei Uhr pflege ich ein leichtes Vesperbrot zu mir zu nehmen. Advocat, machen Sie den Schluß!“—„Mein Schluß lautet dahin, daß beide Parteien von dem Gerichts⸗ hof abgewieſen, jedoch zur Exſtattung der Koſten verur⸗ theilt werden ſollen, wenn es deren giebt.“—„Ob es deren giebt! Hat denn mein Schreiber ſeine Protokolle umſonſt aufgenommen? Habe ich denn zwei Stunden hier 6* — 84— einzig und allein zu meinem eigenen Vergnügen zuge⸗ bracht?“—„Ich mache noch den Schluß, daß die Leute von Saint⸗Arnoult verurtheilt werden, fünf Livres Scha⸗. denerſatz ſammt den Intereſſen an meinen Pächter Tho⸗ mas zu bezahlen, weil ſie ihm mit offener Gewalt und un⸗ geſetzlicher Weiſe ſeinen Wagen und ſein Pferd zurückgehal⸗ ten haben.“—„La, la, la! Man ſchweige ſtill im Gerichts⸗ hofe und höre mich anz ich will jetzt das Urtheil fällen. Wir verurtheilen den Herrn de la Tour zu einer Geldbuße von zwanzig Livres als Schadenerſatz für die Handlungen und Geberden ſeines Stallknechtes Bertrand, welche zwan⸗ 1 zig Livres unter den Glöckner und den Holzſchuhmacher, als die verletzten Parteien, getheilt werden ſollen; dann verurtheilen wir den obengenannten Herrn auch noch in die ganzen Koſten des Verfahrens. Wir ermächtigen den Pächter Thomas nach Saint⸗Arnoult zu gehen, um ohne Koſten ſeinen Wagen und ſein Pferd wieder abzuholen.“ „Ich appellire gegen dieſes Urtheil an das Stadtgericht zu Etampes.“—„Ich bin berechtigt bis zum Strafbe⸗ trage von zwanzig Livres ohne Appellation zu richten; das iſt auch der Grund, aus welchem ich die Geldbuße nicht höher geſtellt habe. Ich ſchlage die Koſten auf vierzig Li⸗ vres an, was Alles zuſammengenommen ſeine guten ſech⸗ zig Livres ausmacht, welche der Herr de la Tour binnen jetzt und vierundzwanzig Stunden bezahlen wird, wenn er nicht dazu, und wäre es ſelbſt durch Pfändung oder kör⸗ perliche Haft, gezwungen werden will.“ Ich zog ihn zur Seite:„Herr Richter, kommen Ihnen in einer Wocheöfters — 65— derartige Proceſſe vor?“—„Nun, und wovon ſollte ich ſonſt leben? Wovon ſollte ich meine Tochter ausſtatten, und wovon ſollte ich das Koſtgeld für meine beiden Söhne bezahlen, welche in Paris bei den ehrwürdigen Vätern, den Jeſuiten, in Penſion find und welche ſchon wiſſen, daß man einen König, der nicht den ihm von der Geſellſchaft Zeſu vorgeſchriebenen Weg verfolgt, abſetzen dürfe, ja ſogar abſetzen müſſe? „Herr de la Tour, ich habe durchaus gar keinen per⸗ ſönlichen Haß gegen Sie; ich hätte vielleicht eigentlich den Glöckner und den Holzſchuhmacher verurtheilen müſſen: aber das ſind arme Teufel, von welchen ich niemals auch nur einen Sou zu ſehen bekommen hätte, und ich wieder⸗ hole es Ihnen, ich muß doch auch leben.“—„Zum wenig⸗ ſten, mein Herr, ſind Sie ſehr aufrichtig. „Sie haben da draußen ein armes Mädchen ſtehen, welches wartet.“—„O, das iſt ein ganz anderer Fall! Dieſe da wird aufgehangen werden. Ich habe an ihr Nichts zu gewinnen, und ich will nicht, daß man von mir ſage, ich begünſtige nur ausſchließlich die Armen; ich will Javotte dem königlichen Procurator von Etampes zu⸗ ſchicken, zum größten Glücke für ſie habe ich nicht das Recht, ſie zum Tode zu verurtheilen.“—„Wollten Sie wohl die Güte haben, mir das Geſetz mitzutheilen?“— „O! das iſt beſtimmt genug, ich ſtehe Ihnen dafür.“ Der Herr Richter nahm die Sitzung wieder auf, die er für einen Augenblick ausgeſetzt hatte. „Man laſſe Javotte eintreten. Du paſt drei Kinder — 56— gehabt, und Du haſt mir keine von Deinen Schwanger⸗ ſchaften angezeigt.“—„Nein, mein Herr.“—„Nun 1 wohl, ſo wirſt Du dafür gehangen werden. Schreiber, reichen Sie mir das Geſetzbuch her: Ein jedes Mäd⸗ chen, welches ihre Schwangerſchaft nicht ange⸗ zeigt hat, ſoll aufgehangen werden.“ Die arme Javotte fiel in Ohnmacht. Ich verlangte dieſes Geſetz ſelbſt zu ſehen.„Sind ſie auch der Advocat dieſes Mädchens?“—„Ja, mein Herr, und Sie haben nicht das Recht, mir Das, was ich von Ihnen verlange, zu verweigern.“—„Nun wohl, hier iſt es, dieſes Geſetz!“—„Jedes Mädchen, welches ihre Schwangerſchaft nicht angezeigt haben wird, ſoll gehan⸗ gen werden, wenn ſie nicht im Stande iſt, ſich über ihr Kind auszuweiſen, wenn ſie darum befragt wird. Nun wiſſen Sie ja aber doch ganz genau, daß die drei Kinder Javotte's auf den Straßen von Saint⸗Arnoult herumlaufen.“—„Was macht das aber im Grunde bei dieſer Sache für einen Unterſchied?“ —„Der zweite Theil des Satzes ſichert Javotte vollkom⸗ men vor jeder Art von Verfolgung.“—„Es giebt gar 1 teinen zweiten Theil des Satzes, ſondern nur zwei ein⸗ 1 zelne Sätze.“—„Sie ſind nur durch einen Beiſtrich ge⸗ trennt, der dieſelben folglich nur zu einem einzigen Satze macht.“—„Sie ſind durch einen Punkt getrennt.“— „Durch einen Beiſtrich.“—„Durch einen Punkt, ſage ich Ihnen, ſehen Sie nur genau her.“—„Ich wiederhole Ihnen, daß es ein Beiſtrich iſt.“—„Und ich wiederhole — Ihnen, daß es ein Punkt iſt. Uebrigens iſt das voll⸗ kommen der Einſicht des Richters überlaſſen, darüber zu urtheilen.“—„Alſo ſoll das Leben dieſer Unglücklichen davon abhängen, ob es ein Punkt oder ein Beiſtrich iſt!“ —„Sie haben ja ſoeben das behauptet.“—„Herr Rich⸗ ter, Sie ſind ein Dummkopf oder ein Schurke, vielleicht auch beides zugleich.“—„Eine Gerichtsperſon während ihrer Amtsverrichtungen beſchimpfen! Ich werde auf Eh⸗ renerklärung, Schadloshaltung und Intereſſen gegen Sie klagbar werden.“—„Ich bin Derjenige, welcher Sie beim Worte faßt. Hier ſind Ihre ſechzig Livres. „Ich will Ihr abſcheuliches Betragen in einer Denk⸗ ſchrift, die ich an den königlichen Procurator von Etam⸗ pes richten will, aufvecken; wenn er nicht Rückſicht darauf nimmt, ſo werde ich ſelbſt hingehen und dieſe Schrift dem Parlamente von Paris vorlegen, und ich werde machen, daß Sie abgeſetzt werden. O, über eine Gerichtsperſon, welche eswagt, eine Geldſpeculation aus der Ausübung der Gerechtigkeit zu machen, und welche öffentlich mit dem Leben von Unglücklichen ihr Spiel treibt!“ Ich entfernte mich; er folgte mir nach. „Herr de la Tour, ſcherzen Sie nicht!“—„Ich habe noch niemals weniger Luſt dazu gehabt.“—„Hier ſind vierzig Livres Koſten wieder!“—„Mir liegt Nichts an dem Gelde.“—„Ich will Javotte in Freiheit ſetzen laſſen, indem ich anerkenne, daß es ein Beiſtrich und nicht ein Punkt iſt.“—„Thun Sie, was Ihnen nur immer beliebt, ich mei⸗ nerſeits werde mich benehmen, wie ich mich benehmen muß.“ —— Ich nenne dieſen Richter nicht, blos aus Rückſichten für ſeine Familie, welche ſehr achtungswerth iſt. Der kö⸗ nigliche Procurator muß verſchwiegen ſein, und ich hoffe, daß er es auch ſein wird. „Mein Herr,“ ſagte André zu mir,„Sie haben ge⸗ ſprochen wie Cicero pro Milone. Laſſen Sie ſich als Ad⸗ vocaten anſtellen, und Sie werden der Phönix der fran⸗ zöſiſchen Gerichtsſchranke werden.“—„Duglaubſt es, An⸗ dré?“—„Ich gebe es Ihnen ſchriftlich.“—„Es wäre ſehr leicht möglich, daß das am Ende noch geſchehe. Unterdeſſen will ich dieſen elenden Richter von Arpajon zermalmen.“ Während ich Colomben Das, was vorgefallen war, und Das, was ich zu thun im Begriffe ſtand, erzählte, kam Javotte auf das Schloß, hüpfend, fingend und entzückt darüber, daß fie ſich wieder frei befinde. Sie nannte mich ihren Vertheidiger; ich nannte ſie meine Clientin; ſie ſeg⸗ nete mich; Colombe lächelte mir Beifall; André lobte mich, das war herrlich. Ich ſchloß mich in mein Zimmer ein, und begann zu ſchreiben. Colombe rief mich zum Abendeſſen herab; ich hörte ſie nicht. Meine Entrüſtung und meine Begeiſterung befanden ſich gerade aufihrem Gipfelpunkte, und ich wußte jetzt, daß ein Schriftſteller, wenn er einen großen Eindruck empfindet, ſich denſelben niemals entgehen laſſen darf. Ich ſchrieb mit einer gewiſſen Heftigkeit, und ſetzte dabei doch die Thatſachen mit Klarheit auseinander; mein Styl ſchien mir hinreißend zu ſein; kurz, ich war mit mir ſelbſt zufrieden. Man arbeitet ſchnell und gut, wenn man von ſeinem Gegenſtande ganz erfüllt iſt. Als es zehn Uhr ſchlug, war meine Denkſchrift beendigt; ich hatte auch ſchon zu Abend gegeſſen, und ruhte in den Armen Colombe's aus. André brachte die Nacht damit hin, mein neues Meiſterwerk ab⸗ zuſchreiben, denn ich bedurfte einer Abſchrift für das Par⸗ lament, für den Fall, daß ſich der königliche Procurator nicht ſo benehmen ſollte, wie ich Grund hatte, es zu hoffen. Am andern Tage reiſte ich ſchon am frühen Morgen nach Etampes ab, von meinem treuen André begleitet. Ich war überzeugt, daß ich im Begriffe ſtehe, eine voll⸗ kommene Umwälzung in Bezug auf die erbärmliche Aus⸗ übung der Gerechtigkeit zu beginnen. Andreé theilte meine Meinung. Ich hatte Gelegenheit gehabt, mit dem königlichen Pro⸗ eurator von Etampes zu ſprechen, als ich Colombe meiner Mutter vorgeſtellt hatte. Ich hatte mich nicht über ihn zu beklagen gehabt, und die heilſame Strenge, welche er gegen Alles, was auch nur im Entfernteſten nach Ketzerei roch, anwandte, hatte ihm meine ganze Achtung erworben. Er erkannte mich wieder, und nahm mich freundlich auf. Ich übergab ihm meine Denkſchrift mit der ganzen Zuverſicht, welche mir André eingeflößt hatte, und mit der wichtigthuenden Miene eines Schriftſtellers, welcher mit ſeinem Werke zufrieden iſt. Er las ſie raſch durch. „Was bringen Sie mir da, Herr de la Tour? Ein Gewebe von Verleumdungen. Hier iſt das Protokoll des Richters von Arpajon. Ich finde, daß die Sache Bertrands ſehr gut gerichtet worden iſt, weil es doch einmgl ausge⸗ macht bleibt, daß er der Angreifer geweſen iſt. Der Rich⸗ ter hätte Diejenigen, welche den Wagen und das Pferd Ihres Pächters zurückgehalten haben, zu vierundzwanzig Stunden Gefängniß verurtheilen können. Er hat ge⸗ glaubt, es nicht thun zu müſſen, weil ich ihm immer an⸗ empfohlen habe, ſeine Amtspflichten mit Milde auszuüben. Man muß in ohnedies unruhigen Zeiten die Gemüther nicht noch mehr erbittern. Bis hierher ſehe ich Nichts, was die bitteren Klagen, welche Sie gegen dieſe Gerichtsper⸗ ſon erheben, rechtfertigen könnte. „Was dieſe Javotte anbelangt, über welche Sie ſich, nebenbei geſagt, mit einer ſehr unpaſſenden Wärme aus⸗ vrücken, ſo hat der Richter nicht umhin gekonnt, gegen ein Frauenzimmer, welches angeklagt und vor ſeinen Richter⸗ ſtuhl geführt wurde, ein Verfahren einzuleiten; aber er hat ſie blos erſchrecken wollen, für den Fall, daß ſie ſich noch eine vierte Schwachheit zu Schulden kommen laſſen ſollte, und dieſe Abſicht wird dadurch unwiderleglich be⸗ wieſen, daß ſie ſogleich auf Ihre einfache Verſicherung hin, daß ihre drei Kinder noch lebten, in Freiheit ge⸗ ſetzt wurde. „Glauben Sie mir, Herr de la Tour, laſſen Sie die Dinge ruhig ihren Lauf fortgehen, und wenn Ihnen welche vorkommen, die Ihnen grauſam und tyranniſch erſchei⸗ nen, ſo ziehen Sie zuerſt Ihre Vernunft und Ihre Ur⸗ theilskraft zu Rathe, bevor Sie Ihrem unbeſonnenen Eifer freien Lauf laſſen.“ Er warf bei dieſen Worten meine Denkſchrift in's Feuer. „Mein Herr,“ ſagte André zu mir, als wir Fieder auf der Straße waren,„die Schurken ſind geſchickter als die ehrlichen Leute. Unſer Richter, auf den Schlag, den Sie gegen ihn führen wollten, vorbereitet, iſt Ihnen zuvorgekommen, und man muß geſtehen, daß er die Sache dem königlichen Procurator mit einer Einfachheit und auf eine Art und Weiſe dargeſtellt hat, die ganz ge⸗ eignet ſind, zu überzeugen.“—„André, ich reiſe nach Paris.“—„Und was wollen Sie denn dort machen?“— „Ich werde daſelbſt den königlichen Procurator und den Richter vor dem Parlamente verklagen.“—„Das Par⸗ lament wird eine Unterſuchung anordnen, und das Proto⸗ koll des Richters wird derſelben zur Grundlage dienen. Das Ergebniß derſelben muß dann gegen Sie ausfallen. Es iſt ſchön, die Unterdrückten zu beſchützen; aber es iſt hart, ſelbſt unterdrückt zu werden, und das würde Ihnen unfehlbar begegnen, wenn Sie ſich zu einem neuen Don Quixotte aufwerfen wollten. „Der Menſch, haben Sie eines Tags zu mir geſagt, iſt von Natur aus zum Guten geneigt; aber ſeine Lei⸗ denſchaften entfernen ihn immer von demſelben. Alle Menſchen müſſen alſo leidenſchaftlich ſein, denn es giebt ſehr wenig ehrliche Leute. Die Leidenſchaften der Großen ſind teufelmäßig gefährlich, und vorzüglich mit dieſen da würden Sie zu thun bekommen. Das Volk iſt geſchaffen, um zu dulden. Es möge demnach dieſe ſeine Fehinnnns erfüllen; folgen Sie der Ihrigen.“ Ich wollte dieſe Begründungen André's, die mir durchaus nicht ſehr gründlich ſchienen, bekämpfen. Da ſah ich, wie ſich Gruppen von ſehr beſchäftigten und neugie⸗ rigen Menſchen in allen Straßen bildeten. Man hatte ſo⸗ eben wichtige Neuigkeiten von Paris erhalten. Oberflächliche Leute ſtimmten darin überein, in Sixtus dem Fünften einen geſchickten und kräftigen Herrſcher zu finden; ich wollte in demſelben nichts Anderes, als den größten aller Päpſte ſehen. Er hatte ſoeben den Mörder des geweihten Cardinals beſtraft, indem er ihn mit dem Blitze der Excommunication zerſchmetterte. Unglücklicherweiſe war der Meuchelmörder jetzt nicht ohneHilfsquellen. Heinrich III. hatte die franzöſiſchen, ſo wie die Schweizergarden bei ſich. D'Epernon hatte ihm viertau⸗ ſend Mann Infanterie und achthundert Pferde zugeführt. Das Heer des Rächers der Religion, des Herzogs von Mayenne, war zahlreicher, und wurde ſehr pünktlich mit dem Gelde bezahlt, welches die heilige Ligue in den Pro⸗ vinzen, die ihr unterworfen waren, erhob. Es bereitete ſich darauf vor, den Excommunicirten anzugreifen. Ein Mann, welcher von der Kirche ausgeſtoßen wor⸗ den iſt, kann keine großmüthigen Empfindungen mehr be⸗ halten. Heinrich wurde durch die Verachtung, mit welcher Mayenne ſeine erſten Anerbietungen aufgenommen hatte, nicht zurückgeſchreckt. Er ließ ihm die Gouverneurſtelle der Bourgogne und die freie Ernennung der Comman⸗ —— danten aller feſten Plätze, und aller öffentlichen Beamien in dieſer Provinz antragen. Er bot dem jungen Herzog von Guiſe die Gouverneurſtelle der Champagne; die der Picardie dem Herzog von Aumale; Metz, Toul und Verdun dem Marquis von Pont-à-Mouſſon, dem älteſten Sohne des Herzogs von Lorraine an. Der Gottloſe machte ſich auch noch anheiſchig, feſte Sicherheitsplätze mit dieſen Gou⸗ verneurſtellen zu verbinden. Die Hand des Allerhöchſten hatte ihn mit Blindheit geſchlagen, denn er ſah nicht ein, daß er ja auf dieſe Art ſeine Krone dem Hauſe von Lor⸗ raine in die Hände liefere. Dieſe Fürſten, ohne Religion, einzig und allein durch rein menſchliche Beweggründe geleitet, verdienten nicht über Frankreich zu herrſchen. Mayenne wird die Vor⸗ ſchläge Heinrichs zurückweiſen. Was wird nun der Excommunieirte thun? Wird er ſich unſerem heiligen Vater, dem Papſte, unterwerfen? Wird er denſelben anflehen, ihm eine Buße aufzuerlegen, welche ihn wieder mit der Kirche verſöhnt, deren Macht allein ſeine Feinde entwaffnen kann?— Nein, er wird wieder den Schutz der Hölle aufſuchen; er wird ſich wieder mit dieſem Bearner verbinden, deſſen ſcheinbare Tugenden Alle, die ſich ihm nahen, verführen, deſſen zweiſchneidiger Degen in den hölliſchen Werkſtätten geſchliffen wurde. Dieſe beiden Abtrünnigen treffen ſich zu Tours. Hein⸗ rich II. ſcheint von der Laſt der Excommunication niederge⸗ beugt zu ſein.„Laß uns nur erſt Sieger ſein, ſagt fröhlich ſein Schwagerzu ihm, und wir werden ſchon Abſolution be⸗ — — 94— kommen. André, ein Mann, welcher ſich über derlei Sachen noch luſtig machen kann, iſt ſchon im Voraus ver⸗ dammt.“—„O, mein Herr, wir wollen doch Niemanden verdammen. Laſſen Sie uns unſere Pflichten als Chriſten erfüllen, und uns dann nur um unſere eigenen Angelegen⸗ heiten bekümmern. „Sie wollen weder dem Könige von Frankreich, noch dem Könige von Navarra dienen. Eben ſo wenig werden Sie Philipp dem Zweiten helſen wollen, unſer unglück⸗ liches Vaterland zu verwüſten und zu unterjochen. Laſſen Sie dieſe Raſenden ihre Angelegenheiten ausmachen ſo gut ſie es können werden, und kehren Sie wieder in die Claſſe unbekannter Privatleute zurück, und zwar um die⸗ ſelbe nie mehr zu verlaſſen.“—„Aber André, das iſt ja Egoismus, was Du mir da anräthſt.“—„Nun, mein Herr, und ſind denn Diejenigen, für oder gegen welche Sie ſich ſchlagen würden, etwas Anderes als Egviſten. Uebri⸗ gens ſehe ich auch gar keine Partei, der Sie nützlich ſein könnten; die der Politiker iſt über ganz Frankreich zer⸗ ſtreut. Sie beſteht durchgehends aus ehrlichen Leuten, 6 welche den Frieden wollen, welche unterhandeln, ſich aber nicht ſchlagen. „Man hatuns erzählt, daß die beiden Könige auf Paris losrücken. Sie werden aber nicht in die Hauptſtadt en ziehen können. Mayenne befindet ſich mit ſeinen Truppen in derſelben und ihre Verbindung hat die Wuth des Volkes 3 bis auf den höchſten Grad geſtachelt. Die Pfarrer und die Mönche erklären Heinrich von Valois für den eingefleiſch⸗ ————— S —— teſten Feind der katholiſchen Religion. Von allen Kanzeln herab überhäufen ſie die beiden Könige mit Kirchenflüchen, und endlich befehligt Mahenne eine ungeheure Bevöl⸗ kerung. In dieſer dringenden Gefahr werden ſich auch noch die Partei der Sechzehn und die Anhänger des Königs von Spanien mit ihm vereinigen. „Was kümmern uns die Auftritte, welche in Paris vor ſich gehen werden? Ihr Landgut iſt an die acht Meilen von dieſer Stadt entfernt. Wir werden auf demſelben Nichts zu befürchten haben, als höchſtens einige Nachzügler, deren Annäherung wir leicht werden verhindern können. Wir wollen nach Latour zurückkehren, und uns dort befeſti⸗ gen.“—„Du haſt Recht und immer Recht. Laß uns nach Latour zurückkehren.“ „Durch welche bedauernswerthe Schickſalsnothwen⸗ digkeit werden vernünftige und friedliche Menſchen immer mehr oder weniger gezwungen, an den Schreck⸗ niſſen, welche von einem Bürgerkriege unzertrennlich ſind, Theil zu nehmen? Der Menſch, ſagen Sie, iſt von Natur aus zum Guten geneigt. Worin beſteht nun vorzüglich ſein Wohlbefinden? Gewiß darin, unter guten und richtig angewandten Geſetzen frei zu leben. Der Despot, im Gegentheile, ſtrebt nur immer ſeine Macht zu vermehren; er will nur einen Cultus, in deſſen Namen er ſpricht, oder ſprechen läßt; er ſieht in den Völkern nur verächtliche Heerden, über welche er ſich das Recht anmaßt, ſie nach Luſt und Laune erwürgen zu laſſen; er zerbricht, er zermalmt die Schranken, welche — ſich ſeiner Willkür entgegenſtellen, und um den blinden Gehorſam der Völker zu verewigen, verewigt er ihre Un⸗ wiſſenheit. „Aber gerade das Uebermaß der Unterdrückung läßt die urſprüngliche Freiheit des Menſchen, nur mit gewiſſen feſtbeſtimmten Modificationen, wieder aufleben. Nationen haben, wenn ſie des unerträglichen Joches, welches auf ihnen laſtete, müde wurden, es abgeſchüttelt, es mit Füßen getreten, und haben durch heldenmüthige Thaten ihre Un⸗ terdrücker genöthigt, ihre Unabhängigkeit anzuerkennen. Die Holländer zum Beiſpiel...“—„Sprich mir doch niemals von dieſen Erbärmlichen da, ſie ſind ja Huge⸗ notten.“—„Nun wohl, ſo laſſen Sie uns von den Schweizern ſprechen, deren Befreiung der von Holland vorangegangen iſt. „Mehrere Cantons der Schweiz ſind katholiſch geblie⸗ ben. Der von Appenzell iſt in zwei Theile, in den der Ober⸗, und den der Unter⸗Rhodiſchen Alpen abgetheilt. Die Bewohner des erſteren Theiles haben den römiſchen Cultus in ſeiner ganzen Reinheit bewahrt.“—„O, dieſe 1 braven Leute!“—„Man ſieht ſie auf den Straßen, auf den Gipfeln der Berge, an dem Rande der Abhänge ihren Roſenkranz abbeten; bei ihnen iſt das Gebet die Einlei⸗ tung zu jedem Mahle; ſie fallen bei dem Klange der ¹ Glocke, welche das Angelus verkündigt, auf die Kniee; ſie üben die Gaftfreundſchaft aus, und der Wanderer findet 1 an der Thüre jedes Hauſes ein Becken mit Weihwaſſer, 3 welches ihm anzeigt, daß er im Begriffe ſtehe, in das Haus — eines römiſchen Katholiken einzutreten.“—„O die bra⸗ ven Leute, die braven Leute!“ „— Dieſer Theil des Cantons von Appenzell ſtellt einen weiten Garten vor, in welchem Alles köſtlich und abwech⸗ ſelnd iſt; die verführeriſchſten Ausſichtspunkte ſchmeicheln dem erſtaunten Auge und verſetzen den Beſchauenden in eine ſüße Träumerei. „Die arbeitſamſten Menſchen ſind gewöhnlich auch die mäßigſten und die weiſeſten Leute, und dieſe ſind es auch, welche die guten Bewohner von Appenzell regieren. Es ſind Bauern, aber dieſe Bauern find nicht unter die Laſt des Elends gebeugt, nicht entehrt durch die Knechtſchaft und die Verachtung; es ſind wahrhafte Männer, welche andere Männer regieren.“—„Du zauberſt mir da ein entzückendes, hinreißendes Gemälde vor die Augen; aber woher weißt Du denn das Alles, und wohinaus willſt Du denn mit dem Allen kommen?“—„Mein Herr, alles Das ſteht in den Büchern, welche ich nicht ohne einigen Nutzen geleſen habe; nun hören Sie, wohinaus ich mit dem Allen kommen will. „Sie wiſſen, daß ich nicht ſehr tapfer bin, nichtsdeſto⸗ weniger bin ich unfähig Sie zu verlaſſen; und ich würde mich an Ihrer Seite tödten laſſen, wenn Sie zu irgend einem Kampfe gezwungen würden. Meine letzten Worte würden Ihnen meine Clara und meinen kleinen Anton an⸗ empfehlen, und mein letzter Wunſch würde einer für Ihr Heil ſein.“ Ich umarmte ihn mit der lebhafteſten Zärt⸗ lichkeit. Biblioth. 356 Boch, 7 „Aber, mein Herr, denken Sie an Ihre Colombe und an Ihr Kind; ſetzen Sie dieſelben nicht Stürmen aus, welche uns von allen Seiten bedrohen, und welche gewiß ſehr bald ausbrechen werden.“—„Du machſt mich zit⸗ tern.“—„Laſſen Sie uns in ein freies Land fliehen; das wenige Geld, was wir noch in unſerer Kaſſe haben, wird doch hinreichen, um uns ein Fleckchen Erde, eine Wieſe und eine Heerde zu kaufen. So werden wir dort ohne Ver⸗ ſchwendung, aber mit Bequemlichkeit von der Milch unſe⸗ rer Kühe und unſerer Ziegen, von dem Fleiſche unſerer Schafe und dem Ertrage unſerer Felder leben können. Das Haus, welches wir aus Fichtenſtämmen erbauen werden, wird geräumig genug ſein, um zwei Familien zu beherbergen, zur Aufbewahrung unſerer Ernten zu die⸗ nen und unſeren Heerden während der Winterszeit Schutz gegen die Witterung zu verleihen: unſere Anſiedelung werden wir den Rettungshof nennen. „Dort werden wir frei ohne Herren und ohne Sclaven leben; wir werden uns über Niemanden zu erheben ſuchen, weil auch Riemand über uns ſtehen wird. Die Gerichts⸗ perſon, welche zu uns im Namen des Geſetzes ſprechen wird, wird wieder zu unſeres Gleichen werden, ſobald ſie ihr Amt ausgeübt hat; vort werden wir unſere Kinder in jenen ewigen Grundſätzen der Freiheit erziehen, welche den Menſchen über ſich ſelbſt erheben und welche Helden groß ſäugen. Dort werden ſie lernen, für ihr Vater⸗ land zu leben und zu ſterben, weil ſie wirklich ein ſolches haben werden.“ — „O André, André, Du haſt mich beſiegt, Du haſt mich gewonnen!.. Aber warum uns mit einem Fleckchen Erde begnügen? Wir wollen mein Lehngut veräußern, und uns in der Schweiz ein großes und ſchönes Eigenthum ankau⸗ fen.“—„O, mein Herr, Sie ſind alſo von Ihren Gedan⸗ ken von Größe noch immer nicht zurückgekommen? In jenem Lande würden dieſelben Sie nur zu Grunde rich⸗ ten, Sie würden mit Ihrem Gelde die kleinen Grundbe⸗ ſitzer verblenden, ſie würden Ihnen dann das beſcheidene Erbtheil ihrer Väter theuer verkaufen, ſie würden die Gräber ihrer Ahnen verlaſſen, ſie würden dafür von ihren Landsleuken verachtet werden und Sie, mein Herr, Sie als die einzige Urſache aller dieſer Unordnungen, wür⸗ den von denſelben gehaßt werden; und kann man ſich ir⸗ gendwo wohl befinden, wo man nicht geliebt wird? „Sie ſprechen davon, Latour zu verkaufen; wer wird Ihnen denn aber ein Schloß abkaufen, welches vielleicht in einem Monate oder in ſechs Wochen in Grund und Bo⸗ den gebrannt ſein kann? Alle Capitaliſten werden ihre Reichthümer vergraben, und ſollten ſie dieſelben ſelbſt dann nicht wiederfinden können, wenn dieſe Barbaren müde ſein werden ſich gegenſeitig zu erwürgen und das blutige Schwert ihren Händen entſinken wird.“ „Du haſt wieder Recht, und ich werde nur noch durch eine Bedenklichkeit zurückgehalten, deren Wichtigkeit Du übrigens gewiß einſehen wirſt; ich ſtehe nahe daran, Vater zu werden. Kann ich Colombe in dem Zuſtande, in welchem ſie ſich jetzt befindet, den Beſchwerden und den Gefahren 7 4 — 100— einer langen Reiſe ausſetzen?“—„Wit wollen Marianne und, wenn Sie es wollen, ſogar Javotte mit uns nehmen und Ihre Frau Gemahlin wird dann nirgends ohne Hilfe ſein.“—„Madame de la Tour ſollte mitten auf offener Straße, wie die gemeinſte aller Bäuerinnen, Mutter wer⸗ den?“—„Jetzt iſt es nicht mehr der Mann, an deſſen weiches Gefühl ich mich wandte, der mir antwortet, ſon⸗ dern es iſt der Capitän de la Tour, es iſt der Beſitzer eines Lehngutes, der auf keines ſeiner Vorrechte verzich⸗ ten will. Laſſen Sie uns nicht mehr davon ſprechen; mor⸗ gen werde ich anfangen Ihr Schloß zu befeſtigen.“ Der reizende Monat Mai begann die durch die Win⸗ terkälte erſtarrte Natur wieder aufleben zulaſſen; die krie⸗ geriſche Trompete ſollte bald zur Stunde des Kampfes er⸗ tönen, aber das zarte Grün des Raſens reizte auch zur Liebe, der leichte Vogel ſang ſeine Liebeslieder, indem er ſich um unſere Fenſterkreuze herumſchwang. Sein Geſang tauchte uns, Colombe und mich, in eine ſüße Träumerei; man verlängert ſo gern dieſen Zuſtand, der ſehr ſchwer zu beſchreiben iſt und der zu gleicher Zeit Etwas vom Wachen und vom Schlummer an ſich hat. Schon ſeit einigen Stun⸗ den vergoldete die Sonne unſere Felder, als ich erſt das eheliche Bett verließ. O! mein Ober⸗Ingenieur André war meinem Auf⸗ ſtehen ſchon längſt zuvorgeko mmen, und hatte ſchon zwei Reiſen nach Arpajon gemacht; wir wollen einmal ſehen, was er ſchon gethan hat, und zu errathen ſuchen, was er ſich noch zu thun vorgenommen. Wir hatten uns geſtern — 101— Abends halb und halb mit einander entzweit verlaſſen, und ich hielt ihn nicht für aufgelegt, ſich mit mir in lange Erklärungen einzulaſſen. Dieſer gute André! Er wollte aus mir einen Landmann, einen Hirten machen, und Co⸗ lombe hat mir verſichert, daß ſie gar keinen Geſchmack an dem ländlichen Leben finde; darum will ich mich lieber ſchlagen, wenn ſchon einmal geſchlagen werden muß. Der Karrenwagen des Pächters warmit, ich weiß ſelbſt nicht was, beladen; er hatte ſchon ein Kalb und zwei Schweine hergeſchafft. Es iſt gewiß, daß die erſte Sorge eines Feſtungscommandanten die ſein muß: ſich mit Le⸗ bensmitteln gut zu verſehen. O, was ſteckt denn in dieſem großen Sacke hier? ich werde mir nicht erlauben ihn auf⸗ zumachen; beim Teufel! das wäre ja ein weſentlicher Ver⸗ ſtoß gegen meinen Ober⸗Ingenieur André. Aber ich darf ihn doch mit der Hand anfaſſen. es ift Salz; o gewiß, ich bin überzeugt, daß mein treuer Rathgeber auf Alles ge⸗ dacht haben wird. Er wird mich in den Stand ſetzen, nöthigenfalls eine Belagerung von einem Monate auszu⸗ halten; in der That, ich ſehe ja da unten fünf bis ſechs Keſſel von verſchiedenen Größen und ungeheure irdene Ge⸗ ſchirre. Alles das iſt gewiß dazu beſtimmt, das geſalzene Fleiſch darin aufzubewahren. Ah, jetzt ladet man den Karrenwagen ab! Drei Säcke; ein weißer Staub läßt Gppsmehl oder Mehl errathen. Wir bedürfen kein Gppsmehl, folglich ſoll atſo jetzt die Vackſtube eingerichtet werden; ſechs volle Fäſſer, das iſt für den Keller. Drei Musketen machen mit den zweien, — 102— welche wir ſchon hatten, zuſammen fünf. Ein Fäßchen von mittlerer Größe, hermetiſch feſt zugeſchloſſen, das iſt Pul⸗ ver; ein wohlgefüllter Querſack, aus welchem einige Ku⸗ geln herausrollen, das iſt tüchtige Kriegsmunition. André ſteigt in das Schloß hinauf, kommt aber alſo⸗ gleich wieder herunter.„Die Madame de la Tour iſt ſchon aufgewacht,“ ſagt er,„Jedermann kann beginnen zu arbeiten.“ Wo ſind denn aber dieſe Jedermanns? Ein Mann kommt aus der Küche, die Hemdärmel auf⸗ geſchlagen, eine Schürze umgebunden und ein Schlacht⸗ meſſer in ſeinem Gürtel tragend; es iſt der Fleiſcher der Feſtung. Sechs Frauenzimmer ſchlüpfen aus dem Hühner⸗ hofe hervor und kommen ſich André'n zur Verfügung zu ſtellen; was wird er mit ihnen anfangen wollen? Mein Scharffinn reicht nicht aus das zu errathen, nichtsdeſto⸗ weniger werde ich ihn doch nicht zuerſt anreden, denn meine geſellſchaftliche Stellung verbietet mir das. Ich fuhr mit meinen Beobachtungen in der nächſten umgebung meines Hauſes und in weiterer Entfernung fort. Zwölf bis funfzehn Männer mit Schaufeln und Spa⸗ ten verſehen arbeiteten daran, den Bach abzuleiten; ich ſehe wohl ein, was das werden ſoll: ein tiefer und breiter Graben ſoll die Annäherung zu unſerer Feſtung verhin⸗ dern. In weiterer Entfernung höre ich die Hacke ertönen; Holzſchläger fällen Bäume von zwei Fuß im Umfange, der Graben ſoll wahrſcheinlich durch Palliſaden gedeckt werden. Wo zum Teufel hat André denn das Alles ge⸗ lernt, er, der ſich nie anders als mit zugemachten Augen — geſchlagen hat? Ahl er ſcheint eben im Begriffe zu ſtehen, mich anzureden; ich werde nicht den Grauſamen ſpielen, denn es iſt ſehr nöthig, daß ich ihn anhöre und ihm auch allenfalls antworte. „Mein Herr, wenn Sie Ihren Pächter für würdig halten würden dieſelbe Luft mit Ihnen einzuathmen, ſo würde Ihr Pachthof mit in meine Befeſtigungen einge⸗ ſchloſſen werdenz ſonſt würde derſelbe, wenn man Sie an⸗ griffe, ſogleich verbrannt werden.“—„Nun wohl, mein lieber Anton, dann wirſt Du ihn wieder aufbauen.“— „Das iſt ſehr leicht geſagt; aber meine Anordnungen ₰ machen Ausgaben nöthig, und es wird Ihnen nur noch ſehr wenig von Ihren Erſparniſſen übrig bleiben, wenn ich Alles bezahlt haben werde. Mit dem Gelde, welches die Befeſtigungen des Schloſſes koſten werden, würden Sie ſich ein gewiſſes Wohlſein in dem Canton von Appen⸗ zell verſchafft haben.“—„Du biſt hartnäckig, André.“— „Im Gegentheile, mein Herr, Sie ſehen ja wohl, daß ich Sie in den Stand ſetze, ſich hier zu halten, als ob Sie gar keine andere Hilfsquelle gehabt hätten.“—„Aber wie ſtellſt Du es denn nur an, um immer Recht zu haben?“ —„Ich denke nach bevor ich handle, und ſo manche andere Leute denken erſt nach, wenn ſie gehandelt haben.“— „Ein Epigramm, André!“—„Ich muß mich doch wohl ein wenig wegen des Uebels rächen, das Sie ſich ſelbſt zufügen.“ Am Abende war das Fleiſch in den Salzfäſſern, der Teich war trocken gelegt, die Fiſche waren eingeſalzen und — d1— Alles dies harrte, in den Tiefen meines Kellers aufge⸗ ſchichtet, auf eine Belagerung; dazu hatte André dieſe Frauenzimmer, deren Beſtimmung ich nicht hatte errathen können, angewendet. Er verlor auch nicht einen Augenblick; noch bei der Helle des Mondes ließ er ſeine Mehlſäcke auf meinen Bo⸗ den ſchaffen, und ſeinen Wein auf kleine Flaſchen, von denen jede eine Ration bilden ſollte, abziehen.„Alles das iſt ſehr gut, mein lieber André, aber wo iſt die Garniſon, für welche Du Deine Magazine gefüllt haſt?“—„Ich werde fie ſchon zu finden wiſſen, wenn es Zeit dazu ſein wird.“ Er mußte nun die Tage, die Stunden, die Minuten zu Raihe ziehen. Wir hatten erfahren, daß alle Städte, welche auf dem Wege von Tours nach Paris lagen, ent⸗ weder den beiden Königen ihre Thore geöffnet hatten, oder mit dem Degen in der Hand genommen wurden. Mayenne war zwar herbeigeeilt, um dieſen Erfolgen ein Ziel zu ſtecken; aber zehntauſend Schweizer und zweitauſend deut⸗ ſche Reiter hatten ſich in der Nähe von Pontviſe den könig⸗ lichen Truppen angeſchloſſen. Heinrich IlI. befand ſich jetzt an der Spitze von vierzigtauſend Kämpfern; Mayenne, von den beiden Abtrünnigen gedrängt, hatte ſich eiligſt wieder nach Paris zurückgezogen. Wir hatten nun zwar noch dieſe Stadt zwiſchen dem Kriegsſchauplatze und uns, aber wenn die Belagerung verſelben einmal beſchloſſen wurde, konnten uns die militäriſchen Operationen den größten Gefahren ausſetzen. — Colombe hatte bei der Frau Marſchallin von Biron beſtändig von dem Kriege ſprechen gehört, ſie hatte den Prinzen von Condé und Livarot in der Nähe geſehen, ſie war ruhig, ſie glaubte den Krieg ſchon kennen gelernt zu haben; und doch hatte die arme junge Frau noch niemals weder den Lärm der Kanonen noch den des Musketen⸗ feuers gehört. Ich hütete mich wohl davor, ihre Sicher⸗ heit zu ſtören; eben ſo wohl hütete ich mich auch, André'n meine ſchlimmen Vorahnungen mitzutheilen, denn er hätte mir doch wieder von ſeinem Canton Appenzell und von ſeinem Hirtenleben geſprochen. Nach Verlauf von acht Tagen waren ſeine Anſtalten beendigt; ein Graben von funfzehn Fuß Breite und ſechs Fuß Tiefe umgab mein Haus. Er war nach unſerer Seite zu vollkommen verpalliſadirt, ſo daß die Angreifer, ſelbſt nachdem ſie den Graben überſchritten, doch erſt noch die Palliſaden entweder niederreißen oder erſteigen mußten. Die Mauern meines Schloſſes waren mit Schießſcharten verſehen, und die Bodendielen eines jeden Stockwerkes waren an mehreren Stellen durchbrochen. Wir konnten unſer Feuer beginnen, ſobald der Feind den Uebergang über den Graben verſuchen würde, und es auf die erfolg⸗ reichſte Art von Stock zu Stock fortſetzen, wenn es ihm ge⸗ lingen ſollte, die Thore zu erbrechen. Drei Anhänger der Ligue aus Arpajon, geſchworene Feinde der beiden Könige, waren mit ihren Weibern und neun Kindern in unſere Feſtung eingezogen; ſie ſchwuren, daß ſie ihre Familien retten oder für ſie ſterben wollten. — 106— Es ſchien mir ſomit, daß André auch darin eine ſehr gute Wahl getroffen habe. Thomas und Catharina kamen und beſchworen mich, ihnen eine Zufluchtsſtätte zu gewähren; meinen Pächter ruiniren laſſen, hätte mich ſelbſt ruiniren geheißen. Uebri⸗ gens liebte ich auch dieſe guten Leute; ſie zogen mit ihren Kindern, mit ihren Hausthieren und Allem, was noch in ihren Scheunen geblieben war, bei uns ein. Wie viele un⸗ nütze Mäuler! Clara, Marianne und die Magd aus dem Hühnerhofe vermehrten noch die Zahl derſelben; das Erdgeſchoß meines Hauſes, mein Hühnerhof, die Wagenre⸗ miſen die Stallungen, die Scheunen, Alles war überfüllt. Der Bach, welcher ſich durch unſer Wäldchen ſchlän⸗ gelte und in demſelben eine angenehme Friſche verbreitete, 4 war ausgetrocknet. Unſere Gehölze waren verwüſtet; das Betzimmerchen des heiligen Anton war durch den Sturz der Bäume, welche man in Palliſaden verwandelte, faſt ganz zer⸗ ſchmettert. Schon konnte man in mein Haus nicht mehr eintreten 1 und daſſelbe nicht mehr verlaſſen, außer mit Hilfe jenes Nachens, in welchem wir früher auf dieſem weiten Teiche, der nicht mehr exiſtirte, ſpazieren fuhren. Man hatte den letzteren durch eine gehörige Anzahl von Armen gezwun⸗ gen, ſich in die Gräben der Feſtung zu ergießen. Traurige Wirkungen jener zügelloſen Leivenſchaften, welche die Bür⸗ gerkriege anfachen!! —— — 107— Fünfundzwanzigſtes Kapitel. La Tour empfängt den ſchrecklichſten Schlag, der nur immer gegen ihn geführt werden konnte. Mitten unter dieſer Unordnung und unter dieſen Be⸗ fürchtungen, die ich freilich verhehlte, ſollte ich Vater wer⸗ den; Colombe empfand jene Art von Schmerzen, welche mich unter allen anderen Umſtänden mit Hoffnungen und Freude erfüllt hätten. Unter welchen traurigen Ausſichten ſollte ſie aber nun Mutter werden! O, wenn ich den Rath Andrs's befolgt hätte, ſo würde ſie ſich jetzt in Sicherheit in dem Canton von Appenzell befinden; ſie würde daſelbſt eine freie Luft einathmen, ſie würde daſelbſt alle Freuden der Mutterſchaft genießen können: freilich kamen dieſe Betrachtungen jetzt zu ſpät, und waren folglich unnütz. Ich wollte Niemandem das Geſchäft anvertrauen, mei⸗ ner Colombe die Hilfeleiſtungen, welche ihr jetzt nöthig wurden, zu verſchaffen; ich lief daher ſelbſt nach Arpajon und ſuchte die Hebamme auf, welche Elara einige Tage lang gepflegt hatte. Die Vewohner Arpajons fand ich in die lebhafteſte Beſtürzung verſetzt, und Niemand war im Stande mir auf meine Fragen zu antworten, denn ZJeder beſchäſtigte ſich mit ſich ſelbſt. Die Einen verbarricadir⸗ ten ihre Häuſer; die Andern flohen mit ihren Weibern, Kindern und den koſtbarſten Gegenſtänden, die ſie beſaßen. Die Kindheit ſpielt überall, ſo lange ſich der Hunger — 108— nicht fühlbar macht, ſie ſpielt ſogar mit der Senſe des Todes, welche ihr durchaus keine Furcht einflößt, weil ſie 3 aller Vorausſicht ermangelt. Ein kleiner Knabe raffte die Gegenſtände, welche den Armen der Flüchtlinge entfielen, zuſammen und trug ſie auf einen Haufen, aus welchem er, wie er mir ſagte, ein Luſtfeuerwerk machen wollte; ich be⸗ 13 fragte ihn, und für ein kleines Geldſtück, von welchem er 3 übrigens in einer Ortſchaft, die bald in Flammen aufge⸗ 3 hen ſollte, keinen Gebrauch machen konnte, führte er mich bis an die Thüre der Hebamme: ich fand dieſelbe in einem ihrer Wandſchränke verſteckt. Sie hatte ganz und gar den Kopf verloren; ich ſagte ihr, daß ich ſie in Sicherheit bringen wolle, ſie weigerte ſich dennoch mir zu folgen. Endlich verlor ich die Geduld, nahm ſie in meine Arme und trug ſie davon. Die freie Luft, und die tröſtlichen und beruhigenden Worte, welche ich an ſie richtete, gaben ihr das Bewußt⸗ 1 ſein wieder; ſie nahm mir das Verſprechen ab, daß ich ſie 1 in Latour behalten würde, bis der Sturm, der jetzt das Departement bedrohe, zerſtreut ſein würde, und dann erſt 3 willigte ſie varein, mit mir zu gehen. Ich hatte noch keinen genauern Begriff von den Ge⸗ fahren, welche über unſeren Häuptern ſchwebten; ich drang deshalb mit Fragen in ſie und entnahm bald aus halb ausgeſprochenen und unzuſammenhängenden Wor⸗ ten, daß wir von nichts Anderem als von unſerem Muthe unſer Heil zu erwarten hätten. — ——— — 109— Die beiden Excommunicirten hatten ſich aller Punkte bemächtigt, welche Paris zugänglich machten. Sie be⸗ herrſchten das ganze Stromgebiet der Seine und fingen die Frachtſchiffe auf, welche mit den Lebensmitteln, die für die Bewohner dieſer ungeheuren Stadt beſtimmt wa⸗ ren, beladen waren. Es iſt ſehr leicht, die Wuth des Vol⸗ kes aufzureizen, aber ſie erliſcht auch ſehr ſchnell wieder bei dem unerwarteten Anblicke des Elends und der Züchtigung. Die Niedergeſchlagenheit in Paris war eine allgemeine. Die Truppen Mayenne's deſertirten pelotonweiſe, und gingen zu den Gottloſen über, um von ihnen Brot zu ver⸗ langen. Der Bearner, ſeinem hölliſchen Grundſatze treu, nahm ſie freundlich auf und ernährte fie; er wollte alle Franzoſen zu Hugenotten machen. Die Pariſer, welche ihrer Unbedeutendheit das Leben zu verdanken hofften, ſchrieen laut, daß man ihnen die Thore öffnen möge. Ein Strom von Abenteurern und Räubern, die durch Hunger und Plünderungsluſt auf das Aeußerſte getrieben waren, ergoß ſich über das flache Land. Schon waren Einige von ihnen in Arpajon erſchienen, und hatten daſelbſt Schrecken und Unordnung verbreitet. Ich hatte bis dahin geglaubt, daß die militäriſchen Operationen ſich nur auf die eine Seite, gegen Pontviſe zu, beſchränkten. Die Blokade von Paris hatte nun aber die Gefahr auf alle Punkte ausgedehnt. Wir näherten uns dem Schloſſe de la Tour. Ich wandte mich häufig nach der Seite von Arpajon zu um, und dieſe Vorſicht erwies ſich als durchaus nicht unnütz. — 110— Vier bis fünf Elende hatten uns bemerkt, und verfolgten uns. Sie waren zwar nur ſehr ſchlecht bewaffnet; aber ich ſelbſt war es gar nicht. Ich konnte ihnen gar keinen Widerſtand leiſten.„Ich muß meine Colombe wieder⸗ ſehen,“ rief ich aus. Ich faßte die Hebamme feſt an dem einen Arme; ich ſtieß fie fort; ich ſchleifte ſie fort, und ich lief ſo raſch, als es mir das Gewicht der Frau, welches faſt ganz allein auf mir laſtete, erlaubte. Nichtsdeſtoweniger gewannen dieſe Räuber einen be⸗ trächtlichen Vorſprung über mich. Ich näherte mich dem Graben; aber der Kahn befand ſich auf der anderen Seite deſſelben. Hier war es alſo, wo ich ſterben mußte. Ich nahm einen Stein in jede Hand, feſt entſchloſſen, mein Leben, welches ich nun nicht mehr retten konnte, wenig⸗ ſtens ſo theuer als immer möglich zu verkaufen Ein Musketenſchuß ertönte aus einem der Kreuzfenſter des Schloſſes. Einer dieſer Beuteluſtigen fiel, zu Tode ge⸗ troffen, nieder. Die Anderen blieben bei dieſem Anblicke ſtehen. Sie berathſchlagten ſich einige Seecunden lang, und ergriffen dann die Flucht. Der Kahn wurde heriri gefahren, und nahm uns auf. Ich begab mich nun zu Colomben, und verließ ſie nicht mehr. Die Hebamme erklärte, daß ſie in kurzer Zeit Mutter werden würde, und die Freude kehrte wieder in mein Herz zurück, das noch vor wenigen Minuten hof⸗ nungslos war. Er kam endlich, dieſer ſo lebhaft erſehnte Augenblick. Ich erwartete einen Sohn, erhielt aber eine Tochter. Ihr erſter Schrei ließ mich ein ſo köſtliches Ge⸗ — — 111— fühl empfinden, wie man es wohl nur einmal in ſeinem Leben empfinden kann. Alles war in Bewegung in dem Schloſſe. André hatte Jedem die Arbeit zugetheilt, zu welcher er gerade am geeignetſten war, und hatte überall die größte Ordnung hergeſtellt. Alle waren zufrieden; ſie ſahen, daß für ihren Lebensunterhalt geſorgt ſei, und wur⸗ den mit einer Milde behandelt, an welche die großen Herren ihre Vaſallen eben nicht gewöhnt hatten. Wir waren nicht mehr als fünf kampffähige Männer, aber wir waren voll Muth, und unſere Stellung machte uns faſt unbeſiegbar. Ich brachte den übrigen Theil der Nacht bei Colomben zu. Wir waren jetzt unſerer Drei, und das kleine Weſen, welches wir der Güte unſeres Schutzheiligen verdankten, theilte mit uns die zärtlichſten Liebkoſungen. „Mein Herr,“ ſagte André bei dem Einbruche der Nacht zu mir,„es bleiben uns noch achttauſend Livres übrig, und wir müſſen dieſelben in Sicherheit brin⸗ gen. Die Betſtube des heiligen Anton liegt jetzt in Trüm⸗ mern, und es befindet ſich jetzt Nichts mehr dort, was man rauben könnte. Die Plünderer werden ſich alſo dort gar nicht aufhalten. Unter dieſer Kapelle müſſen wir folglich unſeren kleinen Schatz verbergen. Einen nächtlichen An⸗ griff haben wir kaum zu befürchten; wir wollen uns daher auf den Weg machen.“ Es war gerade eine Stunde her, daß André auf einem alten verroſteten Jagdhorn die Retraite geblaſen hatte. Man hörte durchaus keinen Lärm mehr im Schloſſe. Wir — 112— nahmen unſere Geldſäcke, Hacken und Spaten und über⸗ ſchritten den Graben in der Richtung nach dem verwü⸗ ſteten Wäldchen zu. „Es iſt von Wichtigkeit,“ ſagte André,„daß wir unſer Zwei ſeien. Es iſt möglich, daß nur Einer von uns die be⸗ vorſtehenden Augenblicke der Entſcheidung überlebe, und in dieſem Falle wird doch das Geld wenigſtens nicht ganz verloren ſein.“ Wir gruben in dem Innern der Kapelle, mit Hilfe einer Blendlaterne, ein Loch. Wir verſcharrten unſere Säcke in daſſelbe, und deckten ſie mit Erde und den Trüm⸗ mern des Daches, welche ſich rings um uns befanden, zu. Wir kehrten in das Schloß zurück, und meine erſte Sorge war die, Colombe von Dem, was wir ſoeben gethan hatten, in Kenntniß zu ſetzen. Sie hielt meine Tochter in ihren Armen. Das Kind drückte mit ſeinen purpurnen Lippen und ſeinen kleinen Händchen den reizenden Buſen, welchen ihm ſeine gute Mutter dargeboten hatte. Ich warf mich an der Seite von Mutter und Kind auf eine Ma⸗ tratze nieder. Mit Tagesanbruch ſtieg ich auf die Plateform des Thurmes. Das Feld war mit Plünderern und Flüchtlingen bedeckt. O, Diejenigen, welche nur dem Sporn des Hungers gehorchen, ſind nur für den reichen Mann Räu⸗ ber, der Nichts außer ſich auf der Welt ſieht. Ich beklagte ſie, aber ich konnte ihnen doch nicht die Exiſtenz Co⸗ lombe's, ihrer Tochter, und die meinige opfern. Bald verſammelten ſich funfzig bis ſechszig von dieſen — 113— Unglückſeligen; ſie hatten Feuergewehre. Es war nicht wahrſcheinlich, daß ein befeſtigtes Schloß nicht mit Lebens⸗ mitteln verſehen ſein ſollte. Sie richteten ſich gegen Latour zu, indem ſie ohne Ordnung, und wahrſcheinlich auch ohne Führer, vorrückten. Ich ging, um Colombe, vielleicht zum letzten Male, zu umarmen, ſtieg dann eilig hinunter, und rief:„Zu den Waffen!“ Andrés hatte mir im Voraus geſagt, daß er nicht im Stande ſein werde, ſich zu ſchlagen; aber treu ſeinem Verſprechen hielt er ſich beſtändig an meiner Seite. Ein Mann trennte ſich von dem Trupp, und trat, einen weißen Fetzen in der Hand, bis an den Rand des Grabens vor.„Wir wollen Euch nichts Uebles anthun; wir wollen nur Brot, und Ihr werdet uns gewiß welches geben.“ Thun was dieſe da verlangten, hätte uns nach und nach alle Soldaten der Ligue, welche Paris verlaſſen hatten, auf den Hals ziehen geheißen. Ich antwortete daher mit Feſtigkeit, daß wir ſelbſt nicht mehr hätten, als was uns ganz unumgänglich nöthig ſei. Wir hatten auch in der That nur für einen Monat, höchſtens für ſechs Wochen Le⸗ bensmittel. Der Parlamentär kehrte zu ſeiner Truppe zurück, welche darauf alſogleich vorrückte. Jeder von uns war auf ſei⸗ nem Poſten. Ein allgemeines Feuern ließ uns vermuthen, daß wir lebhaft angegriffen werden würden. Wir waren durch unſere Stellung gegen die Schüſſe gedeckt, und folg⸗ lich wurde Niemand von uns verwundet. Wir erwiderten das Feuer, undlunſere fünf Schüſſe trafen.„Dieſe da ſind Biblioth, 358 Boch. 8 — 114— glücklich,“ riefen die Velagerer, auf die fünf Gefallenen deutend, aus,„ſie brauchen nicht mehr Hunger zu leiden.“ Es iſt unmöglich, Alles vorherzuſehen. Der Nachen hätte mit einer eiſernen Kette an demUferpfoſten befeſtigt ſein ſollen, ſtatt deſſen war er es nur mit einem Stricke. Ein zweites Feuern des Feindes zerriß denſelben. Das Boot wurde von der Strömung des Waſſers mit fort⸗ geriſſen, und die Soldaten der Ligue ſuchten ſich deſſelben zu bemächtigen. Wir waren hinter den Palliſaden aufge⸗ ſtellt, und ich befahl nur auf Diejenigen zu zielen, welche ſich dem Kahne nähern würden. Sie waren durch das Feuer ihrer Gefährten, welches uns hinderte offen hervor⸗ zutreten, einigermaßen unterſtützt; aber wir zielten durch die Zwiſchenräume, welche uns die äſtigen Bäume, die umzuhauen es an Zeit gefehlt hatte, darboten. André war bieich und abgeſpannt, und hatte ſeine ganzen gei⸗ ſtigen Fähigkeiten verloren. Ich nöthigte ihn, ſich nieder⸗ zuſetzen. Bald bemerkten wir, uns zur linken Hand, ein heftiges Feuer. Es war mein Pachthof und die Gebäude Richour's, welche brannten. Ich ſah das Unglück voraus, welches uns, im Falle wir befiegt würden, erwartete. Einige Soldaten der Ligue bemächtigten ſich endlich des Bootes. Die Erſten, welche in daſſelbe eintraten, wur⸗ den durch Musketenſchüſſe getödtet; aber Andere traten an ihre Stelle, indem ſie fortwährend ausriefen:„Brot, Brot!“ Wir konnten unſere Waffen wirklich nicht ſchnell genug laden, um der Gefahr überall zu begegnen. Vier oder fünf Männer gelangten endlich herüber; Andere — 115— folgten ihnen ſchwimmend. Sie fingen an die Palliſaden heraufzuklettern. Ich hatte dieſen Umſtand vorhergeſehen. Alte Degen, Küchenſpieße, ſchwere Hammer und Hacken lagen neben uns auf der Erde aufgeſchichtet, und wurden von uns mit Erfolg auf die Erſten herabgeſchleudert, welche unſer Ver⸗ hau zu erſtürmen verſuchten. Ein unvorhergeſehenes, ſchreckliches Ereigniß unterbrach aber dieſe unſere Anſtren⸗ gungen. Colombe rief mich mit lautem Geſchrei. Sie Jatte lange vergebliche Anſtrengungen gemacht, aus ihrem Bette zu entſpringen. Clara, Marianne und die Heb⸗ amme hatten ſie bis dahin in demſelben zurückgehalten. Ihre Zärtlichkeit, ihre Beſorgniſſe hatten aber ihre Kräfte verdoppelt, verdreifacht. Die Kräfte der Frauen, welche ſie bewachten, waren erſchöpft; ſie entrann. Sie kam, um ſich an meine Seite zu ſtellen, bleich, fieberiſch aufgeregt und faſt nackt.„Was ſoll aus Deiner Tochter werden?“ ſagte ich zu ihr,„wenn wir hier alle Beide zu Grunde gehen.“ Sie erwiderte mir nicht ein Wort. Sie ließ ihren Kopf auf die Bruſt finken, und ent⸗ fernte ſich. Dieſer Augenblick war kurz, ſehr kurz geweſen, aber nichtsdeſtoweniger war die Gefahr in demſelben in einem Beſtürzung erregenden Grade geſtiegen. Sieben Männer hatten die Palliſaden überſtiegen, und hatten ſich auf eine Art und Weiſe aufgeſtellt, die uns den Rückzug nach dem Schloſſe zu abzuſchneiden drohte. Nun mußte man ſich 8* .— 16— Leib an Leib ſchlagen. Bertrand und ich ſtürzten uns auf 1 ſie, er mit einer Eiſenſtange, ich mit meinem Degen. Wir ſtürzten uns den Streichen entgegen, und das war viel⸗ leicht das einzige Mittel, um ihnen auszuweichen. Drei Soldaten der Ligue fielen todt zu unſeren Füßen. Die vier Uebriggebliebenen warfen ihre Waffen weg, und flehten uns um ihr Leben und um ein Stück Brot an. Ich ver⸗ ſprach ihnen ſowohl das Eine als das Andere, und befahl ihnen, ſich in den Hühnerhof zurückzuziehen. Sie mußten daſelbſt Lebensmittel finden, um ihren Hunger zu flillen. Einige Musketenſchüſſe ließen ſich hinter uns verneh⸗ men. Ich kehrte mit meinem tapfern und getreuen Ber⸗ 11 trand zu den Palliſaden zurück. Andere Soldaten der Ligue hatten ſich wieder des Bvotes bemächtigt. Sie wollten herüberkommen, um ihren Cameraden zu Hilfe zu eilen. Alles wäre für uns verloren geweſen, wenn ihnen dieſer Plan gelungen wäre. Unſere drei Waffengefährten hatten noch Zeit gehabt, ihre Musketen zu laden: ihre Schüſſe trafen. Ich und Ber⸗ trand ſchoſſen dann auch unſere Musketen ab; aber was vermochten fünf Flintenkugeln gegen Menſchen, welche auf den äußerſten Grad der Verzweiflung getrieben waren! Die Todten wurden ſogleich durch Andere erſetzt, welche ſich auf das Boot zu ftürzten. Sie überlaſteten aber den Kahn in einem ſolchen Grade, daß er mitten während der Ueberfahrt umſchlug. Einige Wenige gewannen nur das ufer wieder, welches ſie ſoeben verlaſſen hatten, aber die bei Weitem größere Anzahl ging, zum großen Glücke — 117— für uns, entweder durch das Waſſer, oder vurch unſer Feuer zu Grunde. Wir zählten jetzt kaum noch funfzehn Mann auf der feindlichen Seite, und Einige von denſelben waren noch dazu mehr oder minder ſchwer verwundet. Sie zogen ſich außerhalb der Schußweite einer Muskete, zurück, berath⸗ ſchlagten einen Augenblick, und verſchwanden dann. Ich ſuchte jetzt meinen guten André wieder auf. Ich fand ihn dort, wo ich ihn zurückgelaſſen hatte, in Ohnmacht geſunken. Sein rechter Arm triefte von Blut. Ich ſchnitt den Aermel ſeines Wamſes ab. Eine Kugel war, ich weiß ſelbſt nicht in welchem Augenblicke, durch die fleiſchigen Theile ſeines Armes gedrungen.... Wenn er es hätte über ſich gewinnen können, ſich zu ſchlagen, vielleicht wäre er nicht verwundet worden. Die Furcht rettet Denjenigen, welcher von derſelben befangen iſt, niemals; ſie macht im Gegentheile die Gefahr nur um ſo unvermeidlicher. Wir faßten ihn an, Bertrand und ich, und trugen ihn auf ſein Bett. Ich rief Clara und die Hebamme. Sie machten ſogleich Alles zurecht, was zu einem Verbande nöthig war. Die Hebammen verſtehen von Allem ein Wenig, und wir hatten nun einmal keinen Wundarzt. Wir hatten während drei langer Stunden der Ge⸗ fahr auf allen Seiten begegnen müſſen, und wir waren Alle außer uns vor Ermüdung. Ich befahl Bertrand, dop⸗ pelte Rationen unter die Männer auszutheilen, und vor Allen ſich ſelbſt nicht zu vergeſſen, dann ſich aber als Ve⸗ dette auf die Plateform des Thurmes zu ſtellen, und dort — 6— zu wachen bis die Nacht einbräche, um unſere Ruhe da⸗ durch wenigſtens für einige Stunden zu ſichern. Ich ſelbſt trat zu Colombe in's Zimmer. Sie war eingeſchlafen, oder in Ohnmacht geſunken. Die Beängſtigungen, welche fie ſo lebhaft erfaßt hatten, machten die zweite Annahme wahrſcheinlicher. Unſere Kleine ſchlief an der Seite ihrer Mutter. Ich küßte Beide leiſe und mit dem Gefühle einer ſehr natürlichen Befriedi⸗ gung; ich hatte ihnen ja ſoeben das Leben gerettet. Ich ſtieg in die Küche hinab und genoß was mir ge⸗ rade unter die Hände gerieth. Es war für mich ein drin⸗ gendes Bedürfniß, meine phyſiſchen und moraliſchen Kräfte wieder herzuſtellen. Ich hörte den Knall von einigen Musketenſchüſſen. Er ſchien mir vom Hühnerhofe herzukommen, und ich eilte folglich dahin. Welches Schauſpiel bot ſich da meinen Augen dar! Andrs hatte, ſeinen verwundeten Arm in der Binde tragend, ſoeben das Feuer commandirt. Auf Wen war es gerichtet geweſen? Auf die vier Unglücklichen, denen ich das Leben ausdrücklich geſchenkt hatte. Man hatte ſie ſoeben niedergeſchoſſen. Ich empfand eine Re⸗ gung von unausſprechlichem Abſcheu. André hatte die Gewohnheit mir meine Gedanken von dem Geſichte abzuleſen.„Mein Herr,“ ſagte er zu mir,„dieſe Elenden haben ihr Lvos verdient. Sie hatten damit angefangen, ſich zu berauſchen, und hatten ſchließlich dieſe guten Frauen gemißhandelt, welche ſich beeilt hatten, ihren Hunger zu ſtillen. Ihre Gatten, entrüſtet darüber, — 119— kennen Ihre Weichherzigkeit, und ſind gekommen, mich von Dem, was vorgegangen war, in Kenntniß zu ſetzen. Ich bin eilends aufgeſtanden; Sie wiſſen das Uebrige. „Denken Sie übrigens doch ein wenig darüber nach, wie ſehr die Milde, welche Sie in Bezug auf ſie in An⸗ wendung brachten, hier an ihrem unrechten Platze war. Sie konnten hier vier Unbekannte nicht für immer behal⸗ ten; Sie hätten ſie alſo wieder fortſchicken müſſen. Ihre Gefährten hatten ſich nur in der Ueberzeugung zurückge⸗ zogen, daß ſie es mit überlegenen Kräften zu thun gehabt hatten. Dieſe vier Elenden hätten ſich nun zu denſelben geſellt, und ihnen nicht nur unſere Schwäche mitgetheilt, ſondern auch die Hilfsquellen, welche ihnen das Innere des Schloſſes darbot. Ein zweiter Angriff wäre morgen oder übermorgen verſucht worden, und hätten fünf ermü⸗ dete Menſchen denſelben wohl aushalten können? Wiſſen Sie endlich, mit welcher Anzahl Sie es zu thun bekommen hätten? „Ich haſſe und verabſcheue eben ſo ſehr wie Sie die nutzloſe Aufopferung von Menſchenleben, aber dieſe vier Unglücklichen hätten, ſelbſt wenn ſie ſich nüchtern und an⸗ ſtändig benommen hätten, die Opfer ſein müſſen, die wir unſerer gemeinſchaftlichen Sicherheit bringen mußten.“ Ich erwiderte nicht ein Wort, und kehrte wieder zu Co⸗ lomben zurück. Wie groß war aber hier mein Erſtaunen! Meine kleine Tochter hing an dem Buſen Clara's. Ein furchtbarer Ge⸗ danke durchzuckte mich, und ich konnte einen Ausruf des — 120— Schreckens nicht von meinen Lippen zurückdrängen. Co⸗ lombe öffnete wieder die Augen, erkannte mich und lächelte mir zu; ich ſürzte mich in ihre Arme.„Weine nicht, mein Freund, Alles wird noch gut werden; ich hoffe es wenigſtens.“ Ich führte die Hebamme in eine Ecke des Zimmers. „Mit Ihrer Frau Gemahlin,“ ſagte ſie zu mir,„iſt eine furchtbare Umwälzung vorgegangen; ſie hat ihre Milch verloren, aber fie hat bis jetzt noch kein Fieber.“ Raſend, außer mir, ſtürzte ich hinaus und ſtieg an den Rand des Grabens hinab; ich wollte über denſelben fah⸗ ren, aber das Boot wurde gerade gebraucht, um die Leich⸗ name der Erſchoſſenen auf das andere Ufer hinüberzu⸗ ſchaffen. Ich wartete bis es zurückkehrte; ich ſtieg in daſſelbe hinein, André ſetzte ſich ſogleich neben mich hin. „Armer Verwundeter, ſorge für Deine Pflege!“—„O, mein Herr, wer würde dann aber für Sie ſelbſt ſorgen?“ Wir kamen bei den Trümmern der Capelle an; ich er⸗ faßte das verſtümmelte Standbild meines Schutzheiligen. André nahm einige zerbrochene Wachskerzen und wir kehrten im tiefſten Stillſchweigen zu dem Schloſſe zurück. „Was wollen Sie mit allem Dem anfangen?“ ſagte André zu mir, als wir wieder in dem Boote ſaßen.—„Mein Freund, wenn der Menſch ein großes Unglück befürchtet, richtet er ſeine Blicke gegen den Himmel, und ſucht daſelbſt Hoffnung und Troſt; ich will das Bildniß meines Schutz⸗ heiligen neben dem Bette Colombe's aufſtellen, wir wollen dieſe Wachskerzen anzünden und dann wollen wir beten.“ — 121— —„Was wollen Sie thun, mein Herr? Ihrer Frau Ge⸗ mahlin die Ueberzeugung einflößen, daß ſich ihr Leben in Gefahr befinde, und das Uebel der Furcht noch zu denen hinzufügen, die ſie ohnedies ſchon empfindet.“ Ich war nur noch ein Kind;z ich ließ mich vollkommen leiten. André ſtellte in der Stube, welche unter dem Zimmer Colombe's lag, das Bildniß des heiligen Anton auf und zündete die Wachskerzen an.„Sie ſind geweiht,“ ſagte ich zu ihm,„ihre Weihe und ihr Duft wird bis zu ihr empor⸗ ſteigen, und ihr neue Kräfte einflößen.“ Ich ſtürzte mich auf die Kniee nieder und betete. Als ich aufſtand, war André nicht mehr bei mir; ich bedurfte aber, wie ein ſchwaches Reis, einer Stütze. Ich ſuchte meinen treuen Freund auf, er befand ſich in dem Hühnerhofe; er leitete daſelbſt das Zimmern einer Art von Floß, welches über den Graben ſetzen und die Leich⸗ name, die noch in demſelben lagen, weit hinwegführen ſollte, da wir nicht genug Arme hatten, um dieſelben ein⸗ zuſcharren: dieſe kluge Anordnung André's wurde wäh⸗ rend der Nacht ausgeführt. Ich verließ Colombe während des übrigen Theils des Tages nicht mehr, meine Augen waren fortwährend auf dieſes himmliſche Antlitz gerichtet; keine von den Veränderungen in demſelben entging mir, ich bemerkte, daß die Bläſſe deſſelben unter Roſen zu ver⸗ ſchwinden begann, welche bald auf eine auffallende Art und Weiſe hervorbrachen: ſie führten nun eine Art von Beruhigung in meine Seele zurück. Indeſſen fürchtete ich mich doch nur einzig und allein auf mich zu verlaſſenz ich — 1122— beobachtete genau die drei Frauenzimmer, welche ſich in der Stube befanden. Die Geſichter Clara's und der Heb⸗ amme entbehrten alles und jeden Ausdruckes; das Geſicht Mariannens zeigte den der Aengftlichkeit und einer tiefen Niedergeſchlagenheit.„Vielleicht,“ dachte ich mir,„hat ſie Verwandte zu Arpajon zurückgelaſſen, und iſt daher von ſehr natürlichen Beunruhigungen gequält.“ André trat ein und drang heftig in mich, mir ein we⸗ nig Ruhe zu gönnen; ich bedurfte deren auch wirklich im höchſten Grade und warf mich daher in einen Lehnſtuhl, in welchem ich auch ſehr bald einſchlief. Wie konnte ich denn nur ſchlafen? Die Sonne erſchien wieder rein und glänzend am Him⸗ melszelte, als ich erwachte; die Qualen von einigen Un⸗ glücklichen üben keinen Einfluß auf den Gang der Natur aus, ſie folgt den unabänderlichen Geſetzen, welchen das ewige Weſen ſie unterworfen hat. Ich näherte mich dem Bette Colombe's; ein glühen⸗ des Roth brannte auf ihren Wangen, ich faßte ſie bei der Hand und fühlte, wie ihr Puls mit einer außerordentlichen Heftigkeit ſchlug. Ich ſtieg hinab und rief nach Bertrand; André ſtand hinter mir.„Wo gehen Sie hin, was wollen Sie thun?“—„Ich gehe nach Arpajon, einen Arzt zu holen.“—„Da ſtehen Sie aber ja im Begriffe ſich tödten zu laſſen.“—„O! wenn meine Frau unterliegt, muß ich dann nicht auch ſterben?“ André, obgleich verwundet, wollte mich doch nicht ver⸗ laſſen; wir ſetzten alſo alle Drei über den Graben. Ber⸗ — 123— trand und ich hatten eine Muskete über unſere Schultern hängen, Piſtolen im Gürtel ſtecken und den Degen an der Seite; wir hatten meine Wagen und meine Maulthiere nicht aus dem Schloſſe herausſchaffen können, wir mußten alſo zu Fuße gehen, und dieſes Reiſemittel entſprach kei⸗ neswegs meiner Ungeduld. Ungefähr auf der Mitte des Weges von meinem Schloſſe nach Arpajon begegneten wir einem Reiterhau⸗ fen; André erblaßte.„Jetzt naht ſich Ihr letzter Augen⸗ blick,“ ſagte er zu mir,„aber ich werde Sie nicht über⸗ leben!“ Er ging und bot dem Befehlshaber des Reiter⸗ truppes ſeine entblößte Bruſt dar; unſere letzte Stunde hatte aber noch nicht geſchlagen. Dieſer Officier befragte ihn, André hatte ſeinen Kopf nicht mehr auf dem rechten Flecke; er erzählte mühſam und auf eine verworrene Art die Ereigniſſe des geſtrigen Tages, der Officier gab uns ein Zeichen näher heranzutreten.„Wenn die Sachen ſo ſtehen,“ ſagte er zu mir,„wie dieſer Mann ſie mir ſoeben erzählt hat, ſo haben Sie ſich wie Leute von Muth benom⸗ men, und Sie haben nur von dem natürlichen Rechte, welches uns eine geſetzmäßige Vertheidigung erlaubt, Ge⸗ brauch gemacht.“ Dieſe Thatſachen waren denn auch ſehr bald feſtgeſtellt; alle Vorübergehenden legten zu unſeren Gunſten Zeugniß ab. Es waren dies Einwohner von Ar⸗ pajon, welche friedlich zu ihren heimathlichen Herden zu⸗ rückkehrten. Ich begriff ihre Sicherheit nicht; der Befehlshaber er⸗ zählte mir, daß dieſer Wechſel die Folge von dem kürzlich — 124— erfolgten Tode Heinrich des Dritten ſei. Die erſte Sorge Heinrich des Vierten war die geweſen, vie Umgebungen von Paris von den Räuberhorden zu reinigen, welche die⸗ ſelben verwüſteten; der Marſchall von Biron und der Her⸗ zog von Luxemburg hatten dieſe ſeine wohlthätigen Abſich⸗ ten unterſtützt, und hatten Cavallerieſtreifzüge nach allen bedrohten Punkten abgeſendet. Die wohlthätigen Abſichten eines Hugenotten! Ich konnte über die Rechtgläubigkeit des Officiers, welcher mit mir ſprach, urtheilen, und ich entfernte mich von ihm. Uebrigens hatte ich auch nicht einen Augenblick Zeit zu verlieren; André blieb bei dieſem Befehlshaber zurück, er war neugierig und wollte daher die näheren Umſtände bei dem Tode des Königs Heinrich des Dritten erfahren. Wir, Bertrand und ich, gelangten nach Arpajon; wir ſuchten von Haus zu Haus nach einem Arzte, wir fanden aber nur einen einzigen. Dieſer hatte nämlich nicht mit ſeinen Landsleuten fliehen können, weil er die Gicht hatte und gelähmt war; er konnte uns durchaus von keinem Nutzen ſein. Er ging in das Pfarrhaus; der Pfarrer war noch nicht in daſſelbe zurückgekehrt: ich durchlief den einen Theil der Stadt, Bertrand den andern und unſere Bemühungen blieben doch fruchtlos, ich begann ſchon zu verzweifeln. Ein Bewohner der Stadt yatte Mitleid mit dem Schmerze, welcher mich verzehrte; er hatte früher die Wundheilkunſt ausgeübt und ſich dann mit einem beſchei⸗ denen Vermögen nach Arpajon zurückgezogen: er willigte — 125— darein, mir nach Latvur zu folgen, ich ſtürzte zu ſeinen Füßen nieder und küßte ihm den Staub von denſelben weg. Ein Colporteur begegnete uns; er ſchrie das große Zeitereigniß aus und kündigte aller Welt den Tod des Ex⸗ communicirten an, welcher durch den heiligen Jacob Cle⸗ ment, einen frommen Dominicaner und Märtyrer, her⸗ beigeführt worden war. Auf dem Titelblatte dieſes Schrift⸗ chens war das Bildniß dieſes Heiligen, unter welches man folgende Worte geſchrieben hatte:„Heiliger Jacob Cle⸗ ment, bitte für uns!“ Ich kaufte ein Exemplar davon und wir zogen weiter. Wir beſchleunigten unſeren Gang, aber wir hatten noch eine ſtarke halbe Meile zu durcheilen; ich war von Unruhe verzehrt, vor Ungeduld außer mir. Ich verzehrte meine Kräfte und kam doch um Richts weiter; ich hätte Alles, was ich beſaß, darum gegeben, jetzt eine Equipage oder noch lieber ein Reitthier zu haben. André hatte uns eingeholt, ſo wie wir Arpajon ver⸗ laſſen hatten; er näherte ſich mir, faßte meinen Arm unter den ſeinigen und unterſtützte mich im Gehen. Er hätte vielleicht ſelbſt einer Stütze bedurft, denn ſeine Wunde machte ihm viele Schmerzen; aber er vergaß ſich um mich. Er verſuchte es mich zu zerſtreuen und erzählte mir die wichtigen Neuigkeiten, welche er von dem Cavallerieoffi⸗ cier erfahren hatte; ſie waren auch wirklich von einer Art — Weiſe, um mir einige Aufmerkſamkeit abnöthigen zu nnen. Die beiden Könige bereiteten ſich darauf vor, einen allgemeinen Angriff auf die Vorſtädte von Paris zu un⸗ ternehmen; Heinrich der Dritte ſchwur, daß er in demſel⸗ ben keinen Stein auf dem anderen laſſen wolle. Mayenne machte ſich gefaßt, ſeinen Tod in den feinvlichen Reihen ſuchen zu gehen. „Ein junger Dominicanermönch, Namens Jacob Cle⸗ ment.—„Ein Engel!“ rief ich aus..—„beſchloß die katholiſche Religion zu rächen. Die mordbrenneriſchen Predigten.“—„Die heilſamen, willſt Du ſagen,“ ver⸗ beſſerte ich—„von welchen alle Kirchen ertönten, hatten dieſen jungen Menſchen aufgeregt. Sein Prior Bvurgving nährte im Geheimen ſeine unglückſeligen Abſichten.“— „Seinen heiligen Eifer, André, ſeinen heiligen Eifer!“— „Die Herzogin von Montpenſier, die Schweſter des Her⸗ zogs von Guiſe, gab ſich dem Prior Bourgoing, jedoch nur unter der ausdrücklichen Bedingung Preis, daß Heinrich Ml. ermordet werde.“—„Das iſt eine neue, eine zweite Ju⸗ dith. Mein Schutzheiliger möge über ſie wachen!“ „Buſſy Leclere hielt den Grafen von Brienne und den erſten Präſidenten du Harlay in der Baſtille gefangen zurück; Clement machte denſelben einen Beſuch, verſicherte ſie von ſeiner Anhänglichkeit an die Perſon des Königs und von ſeinem Wunſche, den Wiedereinzug dieſes Fürſten in Paris zu erleichtern. Er erſuchte ſie um einen Paß, welcher unumgänglich nothwendig war um bis zu Heinrich zu gelangen; ein Plan zur Unterwerfung war heimlich in Paris erſonnen worden. Die beiden Gefangenen hatten vielleicht Etwas davon gehört; ſie glaubten vielleicht, daß — 127— Clement mit irgend einer wichtigen geheimen Unterhand⸗ lung beauftragt ſei; kurz, ſie ſtellten ihm einen Paß aus. „Er verließ Paris mit dem Einbruche der Nacht, und richtete ſich gegen Saint Cloud, wo ſich das Hauptquartier des Königs befand.“—„Des Excommunicirten willſt Du ſagen.“—„Er wurde von den vorgeſchobenen Poſten auf⸗ gehoben, und vor Jacob von Laguesle geführt, welcher Intendant des königlichen Heeres war.“—„Der ma⸗ dianitiſchen Truppen.“ „Laguesle las ſeinen Paß, und ſagte ihm dann, daß er zu dieſer ſpäten Stunde keine Audienz mehr erlangen könne. Er lud ihn ein, mit ihm in ſeiner Wohnung zu Abend zu eſſen. Clement ſchnitt ſein Brod mit einem breiten Meſſer, welches er in ſeinem Gürtel trug. Er aß, trank, und ſchlief ruhig.“—„Sein Schlummer war der des Gerechten.“ „Acht Tage darauf, am frühen MWorgen, benachrichtigte Laguesle den König, daß ein junger Mönch, welcher erſt geſtern von Paris angekommen ſei, um die Ehre nach⸗ ſuchte, mit ihm zu ſprechen.“—„Um die Ehre! Große Ehre Das!“—„Er befahl, daß der Dominicaner alſo⸗ gleich hereingeführt werde. Er empfand Freude, als er denſelben ſich nahen ſah; ſein Herz erweiterte ſich jedes Mal, ſo oft er einen Mönch ſah.“—„Und er hatte doch einen geweihten Car⸗ dinal ermorden laſſen.“ „Der König führte Clement in die Niſche eines Fenſter⸗ bogens, und nahm von ihm einen Brief in Empfang, wel⸗ — 1— chen der Präſident von Harlay geſchrieben hatte. Wäh⸗ rend der König denſelben las, ſtieß der Dominicaner ihm ſein Meſſer in den Bauch. Heinrich zog ſelbſt wieder das Eiſen aus ſeiner Wunde heraus, und verwundete mit dem⸗ ſelben den Mörder oberhalb des Auges.“—„Den Mör⸗ der, ſagſt Du? Sage lieber den rächenden Engel.“ „Laguesle ſtieß dem Mönche Clement alſogleich den Degen durch den Leib. Die dienſtthuenden Edelleute war⸗ fen den Leichnam zu einem Fenſter hinaus. Die Soldaten zerriſſen ihn in Stücke, verbrannten ihn, und warfen die Aſche, welche von demſelben übrig blieb, in die Seine.“— „Heiliger Jacob Clement, bitte für uns!“ „Der König ſtarb am Tage darauf, und ſein Tod er⸗ hob wieder den Muth der Pariſer. Die Herzoginnen von Montpenſier, die Mutter und die Schwiegertochter, be⸗ ſtiegen prächtige Wagen, durchzogen die Straßen von Pa⸗ ris und ordneten öffentliche Feſtlichkeiten an. Freuden⸗ feuer wurden auf allen öffentlichen Plätzen angezündet. Auf allen Altären der Hauptſtadt ſtand der Name dieſes Jacob Clement in großen Schriftzügen zu leſen, und man machte ſogar den Vorſchlag, ihm eine Ehrenſäule zu errichten.“—„Zu derſelben hätte ich auch gewiß meinen reichlichen Beitrag gegeben.“ Wir waren an dem Rande des Grabens angekommen. Ich betrachtete mit gierigem Auge die Fenſterſcheiben von Colombe's Zimmer; und alle meine politiſchen Gedanken 1 waren verſchwunden. Das Boot kam, umuns einzunehmen. Ichfragte einen —— von unſern Soldaten der Ligue, die es herübergerudert hatten, in welchem Zuſtande ſich die ſo heiß Geliebte be⸗ finde.—„Das Fieber iſt noch immer heftig,“ erwiderte er mir.—„Und ihre Milch?“—„Iſt noch immer nicht wiedergekommen.“ Ich beobachtete meinen alten Wund⸗ arzt auf's Schärfſte. Sein Geſicht war eben ſo undurch⸗ dringlich, wie das von Clara und der Hebamme. Ich konnte nicht einmal ſo lange warten, bis das Boot angelegt worden war. Ich ſprang bis an den Gürtel in's Waſſer; ich lief; ich flog. Welches Schauſpiel bot ſich meinen Blicken dar! Ein ſchrecklicher Wahnſinn hatte ſich Colombe's bemächtigt. Die drei Frauen, welche ſie bewachten, konnten ſie nur mit Mühe in ihrem Bette zurückhalten. Sie rief mit lautem Geſchrei nach mir, und doch erkannte ſie mich nicht mehr. Ich ſtürzte mich auf dieſes Schmerzensbett zu. Man trug mich mit Gewalt an das andere Ende des Zimmers. Der Wundarzt unterſuchte die angebetete Kranke. Er erklärte, daß ein Aderlaß am Fuße den Kopf freier machen könne, und er ließ ihr demnach reichlich zur Ader. Eine Stunde varauf ſchien ſie ein wenig ruhiger zu ſein. Ich hoffte, ich ſchauderte zuſammen; ich hoffte wieder, und verſank wieder in die tiefſte Verzweiftung. Clara benutzte dieſen Augenblick, wo ſie bei der Kran⸗ ken nicht unumgänglich nöthig war, um André zu entklei⸗ den und ihn verbinden zu laſſen, denn er war Tags vor⸗ her nur ſehr ſchlecht verbunden worden, und man hatte den erſten Verband noch immer nicht abgenommen. Der Biblioth. 356 Boch.— — 60— Wundarzt fand die Wunde bedeutend entzündet; aber er wollte für die Folgen gut ſtehen, wenn der Kranke ſich willig in alle ſeine Anorvnungen füge. Alſo nur für André wollte er gut ſtehen! Colombe ſchien in einen Schlummer geſunken zu ſein. Clara ließ die beiden Kinder trinken. Ich lag auf den Knieen vor Colombe's Bett, und flehte alle himmliſchen Mächte an. Eine Stimme ſchien mir zu antworten:„Der Himmel ruft ſie zu ſich zurück.“—„Was ſoll aber aus der Erde werden?“ rief ich aus,„deren ſchönſte Zierde ſie iſt?“— O, dieſes Leben iſt nur eine Reiſe. Glücklich Derjenige, der raſch aus dieſem Leben in das beſſere ge⸗ langt; aber die Ueberlebenden, die Ueberlebenden!. Der übrige Theil des Tages verfloß unter wechſelnden Hoffnungen und Befürchtungen. Die Nacht kam. Die Finſterniß vermehrt noch die Schrecken einer verzweifelten Lage. Da giebt es keinen Augenblick der Zerſtreuung mehr, um zu hoffen. Die lebende Natur ſchlummerte rings um uns. Die Kerzen von gelbem Wachſe verbreiteten ein blaſſes und düſteres Licht über dieſes engelhafte Antlitz. Schon glaubte ich die Senſe des Todes über dieſes Bett hinſauſen zu hören, in welchem mein ganzes Weltall lag. Es war Mitternacht, und ſie war noch immer ſo ruhig. Sie öffnete die Augen, erkannte mich, und ſtreckte die Arme nach mir aus. Ich ftürzte mich in dieſelben. Man hatte die Grauſamkeit, mich ihnen zu entreißen. Der Wundarzt fürchtete heftige Aufregungen bei ihrem Zuſtande, und er hatte auch ganz Recht. Bald aber zeigte ſich eine noch weit heftigere Kriſe, als die erſte geweſen war. Man ließ ihr zum zweiten Male zur Ader; aber jetzt brachte dies gar keine Wirkung mehr hervor. Das Irreſprechen dauerte ohne Unterbrechung bis zum Morgen fort, und war von der erſchreckend⸗ ſten Art. Die reinſte Seele träumte von der Hölle und ihren Qualen; dieſe aber befanden ſich in dem Grunde meines Herzens. André erlaubte es ſich, ſich gegen die Fehlerhaf⸗ tigkeit unſerer erſten Erziehung zu erheben. Ich hatte nicht die Kraft, ihm Stillſchweigen zu gebieten. Dieſer Anfall mußte ſich entweder brechen, oder ſie mußte zu Grunde gehen. Ich fragte in jedem Augenblicke den Wundarzt. Ererin⸗ nerte mich endlich an die Faſſung, welche das Chriſtenthum von uns erheiſcht.„Faſſung!2 Ich habe deren keine. Ich erkenne ungerechte tyranniſche Geſetze nicht an. Ich trotze einer Macht, welche uns mit Uebeln überhäuft, und dann noch mit unſeren Leiden ihr Spiel treibt... O, verzeihe mir, mein Gott..., ich habe es gewagt, Dich zu läſtern, Dich, der Du wollteſt, daß der Streich, mit dem Du mich bedroheſt, mir zum Verdienſte werden ſolle.“ Ich lag auf den Knieen; zwei Thränenſtröme rieſelten über meine Wangen:„Gieb ſie mir wieder, mein Gott; gieb ſie mir wieder!.. Das Fieber ließ mit einem Male nach; aber ihre Kräfte waren erſchöpft. Sie hatte nur noch einen Hauch vom Leben. Sie verlangte mit ſterbender Stimme nach 9* 1— 162— ihrer Tochter; ſie küßte dieſelbe dann zu wiederholten Malen, und gab ſie endlich der Clara zurück, indem ſie ihr dieſelbe anempfahl. Sie machte mir ein Zeichen, näher zu treten. Ich ergriff ihre Hand. Sie betrachtete mich mit einem Blicke, welcher ſchon gewiſſermaßen etwas Himm⸗ liſches an ſich hatte. Sie wollte ſprechen; aber die Worte erſtarben ihr auf den Lippen. Ihre Augen ſchloſſen ſich. Sie ſollten ſich nie wieder öffnen. Ich ſah Nichts mehr; ich hörte auf Niemanden mehr. Mein Blick war ſtarr, meine Muskeln waren geſpannt, meine Bruſt hoch geſchwellt; ich konnte nur mit heftigen Anſtrengungen athmen. Ich erwartete den Tod; ich flehte um denſelben; er kam nicht.„Ich folge Dir, ich folge Dir!“ rief ich mit faſt erſtickter Stimme aus. Ich ſtürzte mich auf ein Fenſterkreuz zu; ich ſtand eben im Begriffe daſſelbe zu öffnen... Der Wundarzt und Bertrand hiel⸗ ten mich mit Gewalt davon ab, und riſſen mich von dem⸗ ſelben fort. André legte mir meine Tochter in meine Arme.„Das iſt Die,“ ſagte er,„für die Sie nun ganz allein zu leben ſchuldig find. Das iſt Diejenige, welche Ihnen jetzt be⸗ ſiehlt, zu leben. Wenn Sie Dieſe zurückſtoßen, ſo iſt die Religion, von welcher Sie ohne Unterlaß ſprechen, für Sie auch nichts mehr als ein leeres Wort, welches Sie gemißbraucht haben, wie es die Tprannen aller Arten miß⸗ brauchen. Hätten Sie wohl jetzt noch den traurigen Muth, mir dieſes Kind zurückzugeben?“—„Es zu verſtoßen? 3 — 133— nimmermehr, nimmermehr! Ja, ich werde für Dich leben; ich ſchwöre es Dir bei dem Andenken an Deine Mutter!“ Alle Diejenigen, welche mich umgaben, brachen in Thränen aus; ſie führten mich von dieſem Orte der Ver⸗ zweiflung hinweg; ſie ſchleppten mich in die entgegen⸗ geſetzte Seite des Hauſes..., ich weiß ſelbſt nicht wohin; vielleicht in das Zimmer André's. Ich blieb daſelbſt ſo lange, als André es wollte; ich that daſelbſt Alles, was André mir vorſchrieb. Er übte dort über mich diejenige Herrſchaft aus, welche immer die liebende Vernunft über einen blinden Wahnfinn erlangt. So oft man heftige Aufregung in meinem Antlitze bemerkte, legte man mir wieder meine Tochter in die Arme. Ich betrachtete ſie, ich küßte ſie, ich weinte, und ich wurde dann ruhiger. Ich weiß ſelbſt nicht, wie viele Tage ich ſo in dieſem Zimmer zuge⸗ bracht habe. „Bringe mich aus dieſem Hauſe fort,“ ſagteich zu An⸗ dré,„ich kann es nicht länger bewohnen, ich kann es in demſelben nicht mehr aushalten.“ Er ſtand im Vegriffe, mir zu gehorchen.„Führe mich in ihr Zimmer, damit ich noch ein Mal ihre lebloſen Reſte ſehe, damit ich dieſelben mit Küſſen und Thränen überhäufe.“ Er ergriff meinen Arm, und wir gingen auf dieſes Zimmer der Liebe und des Schmerzes zu. Es war Nichts von ihr übrig geblie⸗ ben. Sogar die Einrichtung des Zimmers war verändert worden. „Wo iſt ſie, Andrs? wo iſt ſie2. Um Gottes willen ſage es mir.“ Er machte mir mein Hemde auf der Bruſt — 134— auf, und hängte mir eine Art von Kette um den Hals. Dieſelbe war zwar plump gearbeitet, aber ſie war doch von ihren Haaren. Er gab mir ein Geſäß von Erde, oder von Fayence, oder von.., was weiß ich, in die Hand. „Das iſt ihr Herz, mein Herr; dieſes Herz, welches nie⸗ 3 mals anders als für Sie geſchlagen hat.“—„Ich ver⸗ 5 ſtehe Dich,“ erwiderte ich ihm.„Das Grab verzehrt ſchon Alles, ihre Schönheit, ihre Anmuth, ihre Jugend, ihre 3 Liebenswürdigkeit.“ Ich wollte die Vaſe öffnen; ſie war verſiegelt. Ich drückte ſie daher nur mit Liebe und Achtung an meine Lippen. Ich durcheilte das ganze Haus. Ich ſuchte in demſel⸗ ben die Plätzchen auf, auf welchen ſie gern verweilt hatte, den Stuhl, auf welchem ſie geſeſſen hatte..., die Luft, welche ſie eingeathmet hatte. Ich fand einen Lehnſtuhl wieder. man hatte doch nicht Alles fortſchaffen lönnen. Ich legte die Vaſe auf denſelben hin.„Siehſt Du, André, das iſt ein Altar. Er iſt den Thränen und dem ſchmerz⸗ lichen Bedauern geweiht.“—„Kommen Sie, und beſuchen 3 Sie Ihr Töchterchen, mein Herr. Ihre glühende Einbil⸗ dungskraft wird ſich in ihrer Nähe doch etwas beruhigen; ſie heißt Colombe Antoinette.“—„O, Du haſt Alles vor⸗ hergeſehen, Alles gethan. Du haſt ſie Colombe taufen laſſen. Möchte ſie mir ihre Mutter wiedergeben können!“ Er ließ mich ein wenig Nahrung zu mir nehmen, und führte mich dann hinaus, um die friſche Luft einzuathmen. Ich ging maſchinenmäßig; aber ich ſchaute doch rings um mich her. Es befand ſich Niemand mehr auf dem Hühner⸗ — 135— hofe, André hatte die fremden Familien verabſchiedet, nach⸗ dem er ihnen noch auf acht Tage Lebensmittel mitgegeben hatte; ein Theil der Palliſaden warumgeriſſen und in eine dauerhaft gebaute Brücke umgewandelt worden. „Ja, ja, André, ich bin ſehr ſchwach, aber unſer Wagen wird doch über dieſe Brücke fahren können; führe mich an ihr Grab, daß ich daſelbſt weinen kann.“—„Morgen, mein Herr, morgen!“—„Morgen! Wenigſtens ver⸗ ſprichſt Du mir das für gewiß?“—„Ich verſpreche es Ihnen.“ Am nächſtſolgenden Tage fand eine Leichenfeierlichkeit ſtatt, wir ſetzten uns in den Wagen, André, Clara, die beiden Kinder und ich, Marianne und Bertrand folgten uns zu Fuße; nirgenvs ein Flor, nirgends ein ſchwarzes Band; die Trauer lag nur tief in dem Grunde der Herzen. Was kümmerten wir uns um die Lebenden? nicht für ſie geſchah es daß wir weinten. Wir kamen auf dem Kirchhofe an, mit der größten Sammlung traten wir in denſelben ein; André führte mich. Ich fiel vor einem erſt vor Kurzem zugeworfenen Grabe auf die Kniee, ein Leichenſtein beherrſchte daſſelbe; auf dem Gipfel dieſes Leichenſteines ſah ich eine Taube, welche gegen den Himmel zu ihren Flug nimmt, unter der⸗ ſelben las ich:„Das Uebrige ruht hier.“ Ueberall begeg⸗ nete mir André, ſein Verſtand, ſeine Vorherſicht, ſeine Zu⸗ neigung zu mir: was für einen Freund beſitze ich da, und was würde ich ohne ihn ſein? Es war ſchon lange Zeit her, daß ich auf den Knieen — 136— lag; mein Kopf war wüſt, und nichtsdeſtoweniger doch auch erhitzt..„Iſt es eine Täuſchung.. over eine Wirklich⸗ keit?. Siehſt Du, André, ſiehſt Du? Schaue hin, ſchaue hin!“—„Ich ſehe Nichts, mein Herr.“—„Du fſiehſt dieſe Engelſchaaren nicht, welche ſich gruppiren, die hinab und heraufſteigen und über dieſem Grabe ſchweben?.. Es öffnet ſich, André, es öffnet ſich!.. Dieſe lebloſen Ueberreſte gewinnen wieder neues Leben Colombe ſteht auf Sie ſtürzt ſich, leuchtend von Jugend und von Schönheit, den Engeln in die Arme. Sie ruft mich; ſie er⸗ wartet mich.. Ich ſehe Richts mehr; ich ſterbe.. ch fand mich in dem Zimmer André's wieder; ich ſuchte rings um mich her dieſe Bilder, von denen mir noch ver⸗ worrene Erinnerungen übrig geblieben waren.„Ich ſehe ſie nicht mehr, André, ich ſehe ſie nicht mehr!“—„Sie iſt zum Himmel emporgeſtiegen, die Erde war nicht würdig ſie zu beſitzen;z aber ihr Herz bleibt Ihnen ja doch, drücken Sie es an das Ihrige.“—„Es verbrennt mich, André. o nein, nein! laſſe es mir; es wird mein Herz reinigen.. Ich ſchwöre es Dir im Angeſichte des Himmels, von w aus Du auf mich herabſiehſt, von wo aus Du mich hörſt, daß kein anderes Weib Dich je aus dieſem Herzen ver⸗ bannen wird, deſſen erſte Huldigungen Du erhalten haſt; Du wirſt in demſelben bis zu ſeinem letzten Pulsſchlage herrſchen. „André, bin ich lange Zeit krank geweſen?“—„Vier⸗ zehn Tage, mein Herr.“—„Ich bin noch ſehr ſchwach, aber ich bin ruhig und befinde mich beſſer. Wo iſt Co⸗ — 137— lombe Antvinette?“ Clara brachte mir dieſelbe.„Legen Sie ſie neben mich da auf mein Kopfkiſſen her.“ Ich be⸗ trachtete ſie, liebkoſte ſie und kehrte eigentlich erſt an ihrer Seite wieder ganz zum Leben zurück. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Abreiſe nach der Schweiz. Die Gewohnheit ſchwächt die Eindrücke, welche durch die Reize und durch die guten Eigenſchaften des geliebten Gegenſtandes hervorgebracht werden; der Verluſt deſſel⸗ ben ſtellt ſie aber wieder in ihrer ganzen Ausdehnung her. Vor ihnen erliſcht die Erinnerung an einige unbedeutende Mängel und an einige Unannehmlichkeiten, welche die un⸗ ausweichliche Folge derſelben ſind; man ſieht nur noch das ſchöne Ideal von Vollkommenheiten, welche nicht der menſchlichen Natur angehören. Dieſer Gedanke iſt dann der bleibende, weil man ſich darin gefällt ihn zu nähren; zuerſt ſtechend und bitter, weicht er unmerklich der Zeit, welche Alles abnützt, eine ſanfte Traurigkeit folgt darauf und führt dann die vollkommene Ruhe herbei. Ich plauderte unbefangen mit André und übte mit ihm meine wiederauflebenden Kräfte; ich begann mich wieder mit der Zukunft zu beſchäftigen. „Wenn wir angegriffen werden ſollten,“ ſagte ich eines Tages zu André,„wie ſollen wir uns vertheidigen? Du haſt unſere drei Soldaten der Ligue nach Hauſe geſchickt.“ — 138— —„Ich werde ſie wieder hierher rufen.“—„Dieſe Brücke wird den Belagerern freien Zutritt gewähren.“—„So werde ich ſie in die Luft ſprengen laſſen; ſeien Sie übri⸗ gens ruhig, mein Herr, wir haben Richts mehr zu be⸗ fürchten.“ In der That hatte Heinrich der Vierte eine Urkunde, welche ihm von dem Marſchall von Biron, von dem Her⸗ zog von Luxemburg und von den anderen katholiſchen Ge⸗ neralen vorgelegt worden war, unterzeichnet. Er ver⸗ pflichtete ſich durch dieſelbe geradezu, die römiſche Religion aufrecht zu erhalten, dem Klerus die Güter, deren ſich die Reformirten bemächtigt hatten, wiederzugeben, dieſe letz⸗ teren von wichtigen bürgerlichen und militäriſchen Aem⸗ tern auszuſchließen und die Mitſchuldigen an der Ermor⸗ dung Heinrichs des Dritten zu verfolgen. Man wird wohl einſehen, daß es hier Andrs iſt, der ſpricht. Die eifrigſten Katholiken hatten nun den rechtmäßigen Anſprüchen Heinrichs des Vierten Richts weiter mehr ent⸗ gegenzuſetzen, als die Religion, zu welcher erſich bekannte; aber der Parteigeiſt ſchmiedet ſich aus Allem Waffen. Der Herzog von Epernon gebrauchte dieſen Vorwand, um ſich mit ſechstauſend Fußgängern und zwölfhundert Pferden aus dem Staube zu machen. Alles, was nun Heinrich dem Vierten noch an franzöſiſchen Truppen übrig blieb, folgte dieſem gefährlichen Beiſpiele; ſeine Soldaten deſertirten pelotonsweiſe: bald hatte er Nichts mehr als Deutſche und Schweizer, die er nicht einmal bezahlen konnte. Er zog ſich mit ihnen in die Normandie zurück. — 139— Das Heer der Ligue verſtärkte ſich aber im Gegentheile mit jedem Tage; Mayenne hatte ſich des Stromgebietes der Seine bemächtigt, und Paris hatte nun einen Ueber⸗ fluß von Lebensmitteln. Er wollte ſich beliebt machen und ſtellte daher auch die ſtrengſte Mannszucht in der Haupt⸗ ſtadt und den naheliegenden Dörfern her. Es iſt immer leicht, Soldaten, welche an Richts Mangel leiden, im Ge⸗ horſam zu erhalten, und einige Sicherheit begann daher wieder an die Stelle ver Geſetzloſigkeit zu treten; André hatte die Umſtände richtig beurtheilt, und wir hatten in der That Nichts zu fürchten, wenigſtens für den Augen⸗ blick nicht. ch dachte über Das, was mir André ſoeben geſagt hatte, gründlich nach; ich unterſuchte die Lage der großen Perſonen, welche ſich die Fetzen von Frankreich gegenſeitig aus den Händen riſſen, und ich beurtheilte ſie nach ihren betreffenden Intereſſen. Wollt Ihr wiſſen, was ein Menſch in dieſer oder jener Lage wohl thun wird, was er noth⸗ wendig thun muß? Verſetzt Euch in ſeine Lage, identificirt Euch gleichſam mit ihm, und Ihr werdet es errathen. „Der Bearner,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„iſt dazu ge⸗ boren, um Frankreich durch alle Uebel zu betrüben, welche nur immer auf dieſem Lande laſten könnenz ehrgeizig, un⸗ terſtützt durch das Recht ſeiner Geburt, will er herrſchen und wird ſtromweiſe Blut vergießen, um nur zum Throne zu gelangen. Er wird ſich vielleicht ftellen, als ſchwöre er die Irrthümer ſeiner Secte ab;z aber das wird nur ein Fallſtrick ſein, welchen er der öffentlichen Leichtgläubigkeit S— ſtellen wird. Er wird die Franzoſen durch ſcheinbare Tu⸗ genden verführen, und einmal Herr des Königreichs, wird er auf ſeinen Unterthanen einen hölliſchen Scepter laſten laſſen. Dieſer Menſch da ſoll niemals mein König werden. „Der Cardinal von Bourbon, das einzig tugendhafte Mitglied dieſer Familie, hat nur die ohne Zweifel ſehr achtungswerthen Eigenſchaften ſeines Standes; gebeugt unter die Laſt der Jahre, und folglich unfähig vie Laſt der 1 Staatsgeſchäfte zu ertragen oder auch nur ſeine Lage zu 1 beurtheilen, ſieht er nicht ein, daß der Herzog von Guiſe ihn nur vorgeſchoben hat, wie man eine Vogelſcheuche in einem Felde, von welchem man die Raubvögel fern hal⸗ ten will, aufſtellt und ſie, ſobald man ihrer nicht mehr be⸗ darf, ſogleich wieder umſtürzt. Er wird niemals über vie Franzoſen herrſchen. „Mayenne hat die Pläne und die Tapferkeit ſeines Bru⸗ 3 ders geerbt, aber es mangelt ihm an Geiſt, an Gewandt⸗ heit; gleichgiltig im Punkte der Religion, glaubt er ſeinen rechtgläubigen Katholicismus nur durch geheuchelte Worte und Gebräuche beweiſen zu können. Er weiß nicht, daß der Religionseifer ſich nur dann überzeugend ausdrücken läßt, wenn er ſich wirklich tief in dem Grunde des Herzens be⸗ findet, und daß die Heuchelei immer früher oder ſpäter entlarvt wird. Er hat übrigens auch keines von den mili⸗ täriſchen Talenten, welche vorzüglich den Bearner aus⸗ „ zeichnen; er beſitzt Nichts von der Thätigkeit, von der Vor⸗ herſicht, von den Verführungskünſten ſeines Gegners: er wird ihm alſo gewiß unterliegen. — 141— „Philipp ll. iſt Nichts als ein finſterer, ſorgenvoller, mißtrauiſcher und eigenfinniger Intriguant; er will Frank⸗ reich unterjochen, und er hat ſich nicht einmal Holland er⸗ halten können. Die Schätze der neuen Welt ſind bis vor Kurzem nach Paris gefloſſen, und der ſpaniſche Geſandte ſieht nicht ein, daß dieſes Gold nur dazu gedient hat, die verſchiedenen Parteien, welche ſich Frankreich ſtreitig machen, zu unterſtützen. Man muß indeſſen doch die der Sechszehn von denſelben ausnehmen, welche aufrichtiger Weiſe zu Gunſten Philipps zu handeln ſcheint; aber die Sechszehn bilden nur einen Theil der Bewohner von Paris und haben auf den übrigen Theil des Königreiches gar keinen Einfluß. Alſo wird wohl Philipp niemals auch die Krone von Frankreich noch zu denen, welche ohnedies ſchon ſein gebrechliches Haupt überlaſten, hinzufügen; ich will übrigens auch nicht der Unterthan eines Fremdlings ſein, welcher uns keine andere Wohlthat erweiſen könnte, als daß er die heilige Inquiſition in dem Königreiche wieder⸗ herſtellte. Aus allen dieſen einander entgegengeſetzten Ele⸗ menten kann man einen langen und blutigen Krieg vor⸗ herahnen, deſſen Ausgang noch dazu ungewiß iſt. Warum ſollte ich an demſelben Theil nehmen? Meine Begriffe von Größe ſind auf dem Grabe Colombe's verſchwunden; und übrigens habe ich auch keinen Erben für meinen Namen, wenn ich denſelben allenfalls berühmt machen ſollte.“ Eines Tages gab ich mich tiefen Betrachtungen über mein vergangenes Glück, über meine gegenwärtige Lage und über die Zukunft, welche mich bedrohte, hin.„Ich bin . 2 — 142— immer,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„Luftgebilden nachgejagi. André allein hat dieſelben durch ſeine weiſen Ratbſchläge bekämpft, welche mir freilich mein Wahnſinn nicht zu be⸗ folgen erlaubte. O! hätte ich dieſe Rathſchläge befolgt, Colombe würde dann noch leben; ſie würde in der Schweiz glücklich ſein, umgeben von guten Landleuten, die einfach und liebreich ſind wie fie ſelbſt. Meine Verblendung, mein Eigenſinn haben ihren Tod verurſacht; ich bin es eigent⸗ lich, der ſie getödtet hat.“ Dieſe Gedanken waren zum Verzweifeln; ſie verſetzten mich in eine finſtere Melan⸗ cholie, oft machten ſie mich bittere Thränen weinen. Dann vermied ich immer André'n, denn er hätte die Urſache mei⸗ nes Schmerzes kennen lernen wollen; es hätte nicht in meiner Macht geſtanden ſie ihm zu verhehlen, und er hätte mir dann antworten können: Sie haben es ja ſelbſt ſo gewollt. Ich kannte ihn aber noch gar nicht; wie vieler Jahre bedarf es doch, um ſeinen Freund ganz würdigen zu lernen. Intereſſante Neuigkeiten gaben mich wenigſtens für einen Augenblick mir ſelbſt wieder; wir erfuhren, daß die Kanonen der heiligen Engelsburg den Römern die erha⸗ bene Handlung des heiligen Jacob Clement verkündigt haben, daß alle Kirchen der Hauptſtadt der chriſtlichen Welt von ſeinem Lobe ertönten, und daß dieſes Beiſpiel in allen katholiſchen Staaten befolgt worden war; Venedig allein hatte ſich deſſen geweigert, aber das Geld iſt auch die ein⸗ zige Gottheit dieſer Republik. Mein Haus hatte durch den Kampf, welchen ich beſtan⸗ — 143— den hatte, nicht viel gelitten; die Verwüſtung der Gärten konnte durch fleißige und geſchickte Hände ſehr ſchnell gut gemacht werden. Die gefällten Bäume konnten freilich nicht ſo ſchnell wieder emporwachſen, aber ich begann ſchon Das entbehren zu lernen, was ich nicht hatte. André und ich füllten die Leere unſerer Tage damit aus, daß wir den Lauf des Bächleins wiederherſtellten, daß wir es wieder in den Waſſerbehälter leiteten und es ſich durch Das, was noch von unſerem kleinen Gehölze übrig geblieben war, ſchlängeln machten. Bertrand und die Magd des Hühnerhofes, ja ſogar der Pächter ſelbſt, vereinigten ſich mit uns, wenn ihre gewöhnliche Arbeit es ihnen geſtattete; Clara brachte die beiden Kinder zu uns her, ſie gab ihren kleinen Gliedern eine Freiheit, deren man ſie eigentlich nie berauben ſollte. Sie verſuchten ſich jetzt ſchon in Bewegungen, welche auszuführen ſie noch von ihrer Schwäche gehindert wurden; wir ftellten die Ar⸗ beit ein wenig ein, André und ich, um aus der Unterhal⸗ tung mit den Kindern neue Kräfte zu ſchöpfen, dann kam Marianne mit Mundvorräthen beladen zu uns. Die Arbeit erweckt Appetit, der Appetit erzeugt Fröh⸗ lichkeit und die Fröhlichkeit hat einen geſunden Schlaf zur Folge. Wir gehörten uns ganz ſelbſt an, wir lebten nur für uns, wir waren Allem, was uns umgab, ganz und gar entfremdet; ich genoß eines für mich ganz neuen Daſeins, wenn ich es mit dem Lärmen meines vergangenen Lebens verglich, ich begann den Menſchen nicht mehr zu begreifen, welcher, von unruhigen und immer wieder auflebenden — 144— Wünſchen gequält, in die Ferne zieht, um ein Glück zu ſuchen, welches die Natur ihm ſo nahe gelegt hat. In der That, was hatte ich auch auf allen meinen Reiſen gefun⸗ den? Heftige Leidenſchaften, welche gegen einander an⸗ prallen und ſich gegenſeitig abſtoßen; die Ausſchweifungen und die Wuth, welche die natürlichen Folgen derſelben ſind, endlich den Eigennutz, welcher die ohnedies verdorbe⸗ nen Herzen vollends austrocknet. So wühlt der Sturm das Meer bis in ſeine Grundfeſten auf, und der Weiſe, welcher ſich dieſem treuloſen Elemente nicht anvertraut hat, ſieht es mit Gleichgiltigkeit an; ich betrachtete vom Ufer aus die empörten Wogen, aber konnten ſie ſich nicht auch bis zu mir heranwälzen und mich mit ſich fortreißen? Welche Sicherheit bot mir Frankreich dagegen dar? „André, Du ſprichſt mir ja aber nicht mehr von Dei⸗ nem Canton von Appenzell?“—„Mit Ihnen jetzt davon ſprechen, hieße Ihnen einen grauſamen Vorwurf machen, und ich mag Denjenigen, welche ich liebe, über Nichts Vorwürfe machen.“— Welch' ein Menſch!„André, ich habe einen unverbeſſerlichen Fehler begangen; laß uns an denſelben denken, um anderen von der nämlichen Art zu⸗ vorzukommen. Dieſe Kinder haben ein Recht, die Erhal⸗ tung ihres Lebens und glückliche Tage von uns zu heiſchen; wir wollen nach Appenzell reiſen.“ O, dieſes Mal war es André, der mich umarmte und lange Zeit an ſein Herz ge⸗ preßt hielt. Nachdem wir dieſen Plan im Großen und Ganzen ge⸗ faßt hatten, gingen wir natürlich zu den Einzelnheiten — 145— ſeiner Ausführung über. Die erſte Maßregel, welche wir ergreifen mußten, war die, Latour zu verkaufen. André hatte dieſes Geſchäft einige Monate vorher für ſehr ſchwie⸗ rig gehalten, aber die Umſtände hatten ſich gänzlich geän⸗ dert. Paris und ſeine Umgebungen genoſſen eines Au⸗ genblicks der Ruhe.„Ein vorſichtiger Mann,“ ſagte er zu mir,„wird ſich auch freilich noch jetzt nicht ankaufen; aber Frankreich iſt voll von Narren, welche erſt nach ge⸗ ſchehener That über dieſelbe nachdenken. Sie ſehen die gegenwärtige Ruhe, und denken nicht an die Stürme, welche auf diejenigen nachfolgen müſſen, denen ſie kaum erſtentgangen ſind. Wir wollen uns die menſchliche Thor⸗ heit zu Rutze machen. Ich will nach Paris reiſen.“ Drei Tage darauf brachte er mir dieſen Capitän Saint⸗Paul her, von dem ich ſchon geſprochen habe. Dieſer Mann, der dem Hauſe von Guiſe aufrichtig und von ganzem Herzen ergeben war, ſah ſchon im Geiſte den Herzog von Mayenne auf dem Throne, und den Frieden auf unerſchütterliche Grundlagen hergeſtellt. Sein Scharf⸗ ſinn reichte nicht über die Spitze ſeines Degens hinaus. Ich führte ihn herum.„Das iſt hübſch, das iſt hübſch,“ ſagte er bei jedem Schritte; aber Alles iſt hier ſo klein und beſchränkt, und Das, was für einen Capitän paßt, iſt noch nicht eines Marſchalls von Frankreich würdig. Und Sie werden wohl einſehen, mein lieber Herr, daß ich das eines Tages werden muß.“ Er wurde es aber niemals. „Herr Marſchall,“ ſagte André lächelnd zu ihm.„Sie können ſich vergrößern. Die Wohnung unſeres Nachbars Biblioth. 35 Boch. 10 — 146— Richouxiſt niedergebrannt worden, und er iſt in die Unmög⸗ lichkeit verſetzt, ſie ſogleich wieder aufbauen zu laſſen. Er wird alſo ſein Gut unbedingt verkaufen.“—„Ohne Zweifel, ohne Zweifel. Wie viel Joch Ackerland hat denn dieſer Richour?“—„Zweihundert und funfzig.“—„Und die Zweihundert, die ich hier ſehe... Ja, das wird einen hübſchen Park für mich abgeben... Ich werde ihn mit Mauern einſchließen laſſen... Es giebt gewiß Stein⸗ brüche hier in der Nähe herum. Meine Vaſallen ſollen ſich das dann nach ihrer Bequemlichkeit einrichten; ich will ſie nicht drücken und ſchinden. Ich werde noch einen Flügel an jeder Seite des Schloſſes anbauen laſſen, und das wird dann ſo ziemlich erträglich ſein. Ich werde den König Mayenne in das Hauptgebäude einquartieren, wenn er mir die Ehre erweiſen wird, mich zu beſuchen, und ich werde dann mit ihm in meinem Park auf die Jagd gehen. Und ſo wären denn meine Pläne feſtgeſtellt. Laſſen Sie einmal hören, Herr de la Tour, wie viel wollen Sie für das Alles zuſammen?“—„Herr Marſchall,“ erwiderte André,„ein gewöhnlicher Privatmann würde dieſes Gut gewiß mit wenigſtens funfzigtauſend Franken bezahlen müſſen. Aber wir wollen es nicht ſo genau nehmen, da wir es mit einem der ausgezeichnetſten Officiere der hei⸗ ligen Ligue zu thun haben, mit einem Officiere, der ein geſchworener Feind der Hugenvotten iſt, der dieſelben auch wohl ein wenig geplündert hat, und dem jetzt daran ge⸗ legen iſt, die Schätze, die er ſich ſo mühſam erworben hat, vor allen Wechſelfällen des Lehens zu ſichern. Geld kann — 147— geſtohlen werden, aber ein Grundbeſitz muß uns bleiben.“ —„Beim Teufel, er hat Recht,“ rief der Capitän aus⸗ indem er laut auflachte. Der Herzog von Mayenne weiß, daß ich Geld beſitze. Er könnte es ſich leicht von mir aus⸗ leihen, um es mir, Gott allein weiß wann, wiederzugeben. Mein Landgut aber wird er ſich doch nicht ausleihen wollen. Nun raſch, was koſtet das Lehnsgut von Latour? Ich liebe es nicht, daß ſich die Geſchäfte in die Länge ziehen.“—„Herr Marſchall, wir laſſen Ihnen daſſelbe für vierzigtauſend Livres, und das heißt wirklich faſt ge⸗ ſchenkt.“ Mich hatte es freilich nur dreißigtauſend Livres gekoſtet. „Das war alſo eine abgemachte Sache. Auf worgen, um dieſelbe Stunde, bei dem Notar von Arpajon. Aber halt! Nennen Sie mich dort nicht etwa auch Herr Mar⸗ ſchall. Ich bin es noch nicht, und dieſe vorzeitige Benen⸗ nung könnte vielleicht lächerlich erſcheinen... Doch, vox populi, vos Pei. Vielleicht kann dieſer Umſtand die Güte des Herzogs von Mayenne beſchleunigen. Meiner Treu, nennen Sie mich, wie es Ihnen nur immer belieben wird.“ Er ſtieg wieder auf ſein Pferd, und kehrte in ge⸗ ſtrecktem Galopp, ſo wie er gekommen war, wieder zurück. „André, Dein Benehmen gegen dieſen Mann ſcheint mir eben kein ſehr rechtliches zu ſein.“—„O, ſehen Sie denn nicht, mein Herr, daß dieſes Geld nun einmal dazu beſtimmt iſt, eben ſo raſch wieder zu verfliegen, als es er⸗ worben wurde? Es kiſt eben ſo gut, daß wir uns das zu Nutze machen, als ein Anderer. Und übrigens thue ich 10* — 148— mir nur gegen Diejenigen Etwas varauf zu Gute, Zart⸗ gefühl zu zeigen, die ſelbſt welches beſitzen.“ „Nun alſo, auf dieſe Art werden wir bald im Beſitze von vierzigtauſend Livres ſein.“—„Sie werden, mein Herr.„—„Wirwerden. Ich ſage es zum letzten Male: ich will, und befehle es, daß von nun an Alles zwiſchen uns gemeinſchaftlich ſei.“—„Mein Herr, die Geſchenke der Freundſchaft...“—„Und der Dankbarkeit.“—„Die Geſchenke der Freundſchaft und der Dankbarkeit ſind für mich nicht demüthigend, und ich nehme ſie an.“ „Ich bin jetzt zufrieden mit Dir. Aber ſage mir, André, was werden wir in der Schweiz mit dieſen vierzig⸗ tauſend Livres anfangen?“—„Wir werden damit.. wir werden damit..., o, um ſo Etwas kommt man nie in Verlegenheit.“—„Deine letzten Worte über dieſes Appenzell ſind in mein Gedächtniß eingegraben geblie⸗ ben: Sie würden durch Ihr Gold die kleinen Grund⸗ beſitzer verblenden; dieſe würden Ihnen vas beſcheidene Erbtheil ihrer Väter theuer verkaufen; ſie würden die Gräber ihrer Vorfahren verlaſſen; ſie würden dafür von ihren Landsleuten verachtet werden, und Sie würden von denſelben als die einzige Urſache aller dieſer Unordnun⸗ gen gehaßt werden, und kann man ſich dort wohl befinden, wo man nicht geliebt wird?“ „Ich habe das Alles geſagt; ich habe vas Alles geſagt. Zum Teufel; zum Teufel... Nun ja wohl, ich habe das Alles geſagt. Ich wollte Ihnen aber nur die Luſt ver⸗ treiben, in der Schweiz wieder eine glänzende Rolle zu — 149— ſpielen; ich wollte Sie nur auf den Punkt führen, auf welchen Ihre eigene Vernunft allein Sie jetzt geleitet hat; ich wollte Ihnen nur den Wunſch einflößen, in Appenzell ein friedliches Leben zu führen, welches durch die Leidenſchaften niemals getrübt werden kann. Ich bin noch niemals in der Schweiz geweſen, und ich weiß nicht, wie wir uns dort einrichten werden; aber wir werden jedenfalls unſer Geld dorthin mitnehmen. Ja, ich habe früher das Alles geſagt, und ich widerſpreche mir jetzt. Aber ich habe das mit vielen ſehr hochſtehenden Per⸗ ſonen gemein, welche eine Sache heute ſchwarz nennen, und welche morgen ſagen werden, daß ſie weiß ſei. „Mein Herr, wir wollen uns jetzt mit den Vorbereitun⸗ gen zu unſerer Reiſe beſchäftigen. Sie wird eine lange werden. Der Canton von Appenzell zieht ſich an der äußerſten nördlichen und öſtlichen Grenze der Schweiz hin, und ſtößt unmittelbar an Schwaben, einen Bezirk, der in mehrere Fürſtenthümer eingetheilt iſt. Deutſchland ge⸗ nießt gegenwärtig des Friedens, und die Franzoſen werden nicht dorthin kommen, um uns aufzuſuchen; aber wir werden in allen dreizehn Cantonen auch nicht ein einziges Wirthshaus vorfinden, und wir lieben doch einen guten Liſch.“—„Nun wohl, ſo werden wir Mundvorräthe mit⸗ nehmen.“—„Das iſt einleuchtend; aber dazu bedürfen wir Transportmittel. Laſſen Sie einmal hören, aus was wollen wir unſere beiderſeitigen Haushaltungen, welche deren nur Eine ausmachen ſollen, zuſammenſetzen?“ „Aus Dir, Deiner Frau und ihren beiden Säuglin⸗ — 150— gen.“—„Vergeſſen Sie ſich nur ſelbſt nicht, mein Herr.“ —„Sei varüber ganz ruhig. Dann wollen wir noch Ber⸗ trand mitnehmen.“—„Das iſt ein Dummkopf, aber er hat ſich, wie Sie ſagten, gut geſchlagen, und ſo wollen wir ihn denn nicht im Stiche laſſen.“—„Außerdem werden wir Marianne mitnehmen.“—„Ja, ſie fängt an eine ſehr gute Köchin zu werden.“—„Was die Magd von dem Hühnerhofe anlangt...“—„Meiner Treu, die wollen wir dem Herrn Marſchall zurücklaſſen. Er ſoll mit ihr anfangen, was ihm beliebt. „Laſſen Sie uns alſo jetzt das Ganze wiederholen: Herr de la Tour...—„ch nehme meinen Namen Mouchy wieder an.“—„Sie thun wohl daran. Alſo Herr de Mouchp..—„Jch laſſe das de weg.“—„Alſo: HerrMouchp, Herr André, Clara, die beiden Kinder, Ma⸗ rianne und Bertrand, mithin im Ganzen ſieben große und kleine, dicke und dünne Perſonen, welche freilich nicht alle in Ihrem hübſchen Wagen mit dem Wappen des Hauſes von Biron Platz finden werden.“—„So muß man dieſen Wagen verkaufen. Ich kann ohnedies nicht meinen Blick auf denſelben heften, ohne ein peinliches Gefühl zu em⸗ pfinden.“—„Und ihn durch einen anderen erſetzen, der ge⸗ räumig und bequem ift. Zu demſelben will ich noch einen Frachtwagen hinzufügen, in deſſen Innerem ſich unſere Vorrathskammer befinden ſoll. Dazu werden wir freilich vier Maulthiere mehr bedürfen.“—„Ohne Zweifel. Dieſe werden uns auch überdies dazu nützlich ſein, über ſchwierige Stellen duich Reiten hinweg zu kommen.“— — 461— „Und ver Wagen, und der Frachtwagen?“—„H. ja richtig.., der Wagen, der Wagen.. Wir wollen das dann ſehen, wenn wir an die ſchwierigen Stellen ge⸗ langt ſein werden. Wir wollen nur vor Allem die Dublo⸗ nen des Capitäns Saint⸗Paul erheben; das iſt das We⸗ ſentlichſte. Das Uebrige wird ſich dann ſchon von ſelbſt finden.“ Der Capitän ſtellte ſich pünktlich bei dem Rendezvous ein. Wayrſcheinlich brannte er ſchon vor Ungeduld, Grund⸗ beſitzer zu ſein. Uebrigens läßt auch ein alter Soldat in der Regel niemals auf ſich warten. Der Notar von Arpajon machte große Augen, als er die Bedingungen hörte, welche zwiſchen uns feſtgeſtellt worden waren. Er konnte nicht umhin zu ſagen, daß ihm der Preis zu hoch zu ſein ſcheine. Der ehrliche Mann ſtand auf dem Punkte uns zehntauſend Livres verlieren zu machen; aber wir hatten es mit einem Dummkopfe zu thun, welchen André mit vieler Mühe unter allen denen, von welchen Paris wimmelt, herausgeſucht hatte.„Herr Federfuchſer,“ ſagte der Capitän,„meine Gewohnheit iſt es, entweder zu neh⸗ men, oder zu kaufen, Ihr Geſchäft hingegen Urkunden auf⸗ zuſetzen; ſchreiben Sie. Ich weiß ſelbſt, was ich zu thun habe, und ich liebe es nicht, mir Bemerkungen machen zu laſſen.“ Als er unterzeichnet und bezahlt hatte, fragte er uns, wann er ſeinen Beſitz antreten könne.„Schon in dieſem Augenblicke, antwortete ihm André,„wenn Sie es anders wollen.“—„Wie? Wenn ich es will? Ob ich es will? S — 152— Ohne Zweifel.“—„Aber wir verlangen von Ihnen drei Tage Friſt, um unſere Vorbereitungen zur Abreiſe zu treffen.“—„Drei Tage. Das iſt ſehr viel.“—„Und dann, was würden Sie denn auch ganz allein in dieſem weitläufigen Gebäude anfangen?“—„Sie haben Recht. Ich kehre nach Paris zurück, und werde daſelbſt ſchon Mittel finden, mein Schloß zu bevölkern und zu belehen; mein Lieutenant und eine Compagnie meiner Soldaten der Ligue werden dieſen Aufenthalt hier ſehr angenehm 3 machen Unter Anderm, wo iſt denn dieſer Richoux, von dem Sie mir geſprochen haben?“—„Seitdem ſein Haus niedergebrannt worden iſt, irrt er unſtät in dieſem Departement herum.“—„Meiner Treu! er möge nun wiederkommen oder nicht wiederkommen, daran liegt mir verflucht wenig. Ich werde mit meiner Compagnie von ſeinem Gute Beſitz ergreifen, und werde es ihm dann ab⸗ kaufen, wenn es mir ſo gefällig ſein wird.“ „Aber, mein Herr Capitän,“ ergriff der Notar jetzt wieder das Wort,„dieſe Art und Weiſe zu handeln iſt ja nicht geſetzlich.“—„Ich habe es Ihnen ſchon ein Mal geſagt, daß ich es nicht liebe, mir Bemerkungen machen zu laſſen. Mein Geſetz ſteckt in der Scheide meines Degens; ein anderes kenne ich nicht.“—„Aber, Monſeigneur, der Herzog von Mapenne hat ja die militäriſche Mannszucht wieder hergeſtellt.—„Ja, für den Pöbel allerdings; aber er bedarf des Capitäns Saint⸗Paul, und Alles, was dieſer denkt, was dieſer ſagt, und was dieſer thut, iſt daher wohl gedacht, wohl geſagt und wohl gethan.“—„Aber, — 153— mein Herr.—„Ich glaube faſt, daß Dich Dein Buckel juckt. Willſt Du fünfundzwanzig Hiebe mit der flachen Degenklinge haben?“—„Nein, mein Herr.“—„Nun wohl, ſo ſchweige.“ „Nun alſo, la Tour, es iſt heute Montag. Es iſt ab⸗ gemacht, daß ich Mittwoch Abends in mein Schloß mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen einziehe. Wenn Sie ſich noch in demſelben befinden, ſo wollen wir uns zu⸗ ſammen antrinken, und das Lied vom tapferen Roland ſingen. Aber am Tage darauf müſſen Sie mit Sonnenauf⸗ gang aufbrechen. Sie ſehen, daß ich ein guter Teufel bin.“ „Wir wollen keine Zeit verlieren,“ ſagte ich zu André, als der Capitän fortgegangen war.„Ich will Nichts mit dieſem Raſenden da gemein haben. Wir würden nicht zwei Stunden zuſammen ſein können, ohne uns zu ſchlagen, und ich habe mich wirklich nachgerade genug geſchlagen. Laß uns lieber ſobald als nur immer möglich in der Schweiz die Freiheit und die Ruhe ſuchen gehen.“ André reiſte ſogleich mit Bertrand, meinem Wagen, meinen beiden Maulthieren und Geld verſehen, nach Paris ab. Das iſt wirklich eine bewundernswerthe Stadt, dieſes Paris; man verſchafft ſich in derſelben in einem Au⸗ genblicke Alles, was man nur immer will, beſonders wenn man nicht handelt. Am Mittwoch Morgens kehrte André mit ſeinen Equi⸗ pagen und mit ausgewählten Mundvorräthen zurück; dieſe letzteren waren in dem Inneren eines großen Frachtwa⸗ gens aufbewahrt, deſſen Vordertheil mit Bettzeug ausge⸗ 6— füllt werden ſollte, was in einem Lande, in welchem es keine Wirthshäuſer giebt, eine unerläßliche Vorſichtsmaß⸗ regel war. Verborgene Fächer waren an verſchiedenen Orten angebracht. Dieſe waren dazu beſtimmt, unſer Ca⸗ pital, nachdem es in kleine Summen zertheilt worden war, aufzunehmen. Wenn man eine lange Reiſe durch Frankreich unternimmt, muß man es niemals vernach⸗ läſſigen, Vorſichtsmaßregeln gegen die Diebe, das heißt: gegen die Soldaten der Ligue und die Hugenotten, zu . treffen. Man wirft einen Geldſack den Einen, und einen 1 zweiten Geldſack den Andern zu, und zieht ſich dadurch aus der ganzen Sache. Eine ſchöne und geräumige Kutſche, ſehr ſchön lackirt, und, meiner Treu! mit flandriſchem Tuche ausgeſchlagen, ſollte die Herren Reiſenden und ihre Familien aufneh⸗ men. Wir ſtanden im Begriffe in das Land der Freiheit zu ziehen, und wir verachteten Alles, was in dem gering⸗ ſten Bezug zur Feudalherrſchaft ſtand. Es wurde aus⸗ gemacht, daß Marianne mit in die Kutſche aufgenommen werde. Bertrand wurde in einen Kutſcher umgewandelt, aber da er nicht zwei Wagen auf einmal fahren konnte, beſchloß André, daß der Frachtwagen hinter die Kutſche, oder die Kutſche hinter den Frachtwagen angebunden wer⸗ den ſolle. 3 ——„Denn wenig liegt mir d'ran, Ob hinten das Gepäck, ob das Gepäck voran.“ An ſchwierigen Stellen ſollte André oder ich abſteigen, um einen der beiden Wagen zu fahren. Endlich wurde — 155— jeder von ihnen von drei kräftigen Maulthieren gezogen, und das war nicht zu viel auf den Wegen, welche durch die Artilleriemärſche beider Parteien bodenlos geworden waren, und auf welchen man häufig nicht anders, als mit einem Sondirſtock in der Hand vorwärts kommen konnte. Der Capitän ſollte am Abende ankommen, und wir hielten es nicht für paſſend, ihn hier zu erwarten. Wir be⸗ eilten uns, unſere Wagen zu bepacken. Wir ließen ein wohleingerichtetes Bett für Saint⸗Paul, und ein zweites für ſeinen Lieutenant zurück, und ihnen alle mögliche Frei⸗ heit ihre Compagnie ſo gut unterzubringen, als es nur immer gehen wird. Es war wirklich die höchſte Zeit, Frankreich zu ver⸗ laſſen. André erzählte uns, daß bereits Spaltungen zwi⸗ ſchen den Anhängern der Ligue und der Partei der Sechs⸗ zehn, ja ſogar unter den Anhängern der Ligue unterein⸗ ander einzureißen begännen. Mayenne, einer Rolle über⸗ drüſſig, die außerhalb dem Bereiche ſeiner Kräfte lag, unterlag dem Einfluſſe des ſpaniſchen Geſandten. Die Katholiken beobachteten und mistrauten ſich einer den andern gegenſeitig. Schon waren ſie nicht mehr alle von demſelben Geiſte beſeelt; ihre Unternehmungen er⸗ mangelten bald alles Zuſammenhaltens, und grauſame Zwiſtigkeiten mußten die natürliche Folge dieſer Mißver⸗ ſtändniſſe ſein. Dieſen Mittwoch nun, am 15. October 1589, um zwei Uhr Nachmittags, übergaben wir dem Pächter, der 6— 156— troſtlos darüber war, daß er uns verlor, die Schlüſſel, und wir ſtiegen in den Wagen. Ich fühlte mein Herz krampfhaft zuſammengeſchnürt, als ich mich von dieſen Orten, welche Colombe verſchönert hatte, entfernte. André errieth mich, und reichte mir jene koſtbare Vaſe dar. Das war Alles, was mir von der ſo heiß Geliebten übrig geblieben war. Ich preßte ſie an meine Lippen, und überſtrömte ſie noch ein Mal mit mei⸗ nen Thränen. Ich betrachtete Colombe⸗Antvinette, und weinte auch über ſie.„Ich bin ihre zweite Mutter,“ ſagte Clara zu mir,„und ich hoffe, daß ſie bei mir ihre erſte nicht vermiſſen ſoll.“ Und damit umarmte mich die gute Clara. Dieſes Zeichen von Hingebung und Offenherzigkeit that mir ſehr wohl.„Ich übergebe Ihnen mein Kind ganz,“ ſagte ich zu ihr.„Vergeſſen Sie niemals Das, was Sie mir ſoeben verſprochen haben.“ 3 André liebt die ſentimentalen Geſpräche nicht. Er be⸗ hauptet, daß ſie die moraliſchen Eigenſchaften des Mannes, welcher deren doch niemals viele und ſtarke genug haben kann, ſchwächen. Er machte dieſem Geſpräche hier ein Ende, indem er anfing, uns mehr oder weniger ſcherzhafte Erzählungen vorzutragen. Ich fühlte das Bedürfniß, mich zu zerſtreuen, und gab mich daher allen ſeinen Thorheiten hin. Madame André lachte aus vollem Halſe; Marianne, auf das beſcheidene Amt einer Köchin beſchränkt, biß ſich in die Lippen, um nicht auch auszubrechen. Bertrand lachte auf ſeinem Kutſchbocke, weil er hörte, daß alle Welt lachte. — 157— Ich meinerſeits lächelte nur; aber das war für mich ſchon ſehr viel. Wir waren ſpät aufgebrochen, und die Nacht überraſchte uns daher zu Eſſonne; wir brachten ſie daſelbſt zu und wir befanden uns dort für reiſende Philoſophen, welche Nichts weiter als die Bedürfniſſe der Natur kennen wollen, ſehr wohl. Wir ſchliefen die nächſtfolgende Nacht in Me⸗ lun, einer Stadt, welche durch ihre vorzüglichen Aale be⸗ kannt iſt; man bot uns deren zum Verkaufe an, wir kauf⸗ ten auch welche und Marianne verſicherte uns, daß ſie ſich ebenſo geduldig als die von Paris abziehen ließen. Von Aalen, welche ſich abziehen, von Hühnern, welche ſich rupfen und von Schafen, welche ſich ſcheeren laſſen ohne zu ſchreien, hört Ihr gern ſprechen, nicht wahr, Ihr Herren Regierenden? Man reiſt nicht durch Montereau durch, ohne jene be⸗ rüchtigte Brücke zu beſichtigen, auf welcher ein Herzog von Bourgogne, der ſich durch ſeine Verbrechen eine traurige Berühmtheit erworben hatte, ermordet worden iſtz ich be⸗ gann eine Abhandlung über dieſes hochwichtige Ereigniß zu halten.„Beim Teufel!“ ſagte André zu mir,„die Wuth iſt anſteckend, und ſich ernſthaft mit Denjenigen beſchäfti⸗ gen, welche von derſelben ergriffen waren, heißt ſich ſelbſt der Gefahr ausſetzen, von derſelben befallen zu werden; laſſen wir die Verbrechen in Vergeſſenheit ſinken, deren Er⸗ zählung allein ſchon die Einbildungskraft trübt, und laſſen Sie uns Gutes thun ſo oft ſich uns die Gelegenheit dazu — 158— varbieten wird, vas läßt uns dann einen geſunden Schlaf finden.“ Ich wollte überall, wo wir uns auch noch ſo kurze Zeit aufhielten, meine Gelehrſamkeit glänzen laſſen.„O, mein Herr, was iſt denn eigentlich die Geſchichte? Eine lange Reihe von Schandthaten, die man höchſtens in das Feuer werfen ſollte. Es giebt auch nicht den kleinſten Punkt auf dem Erdball, welcher nicht durch irgend ein Verbrechen be⸗ ſudelt worden wäre; es wurden deren ſogar in Städten begangen, die gar nicht mehr exiſtiren, deren Namen ſelbſt verloren gegangen ſind und über deren Trümmer hinweg vielleicht in dieſem Augenblicke unſere ſchweren Wagen rollen. Laſſen Sie uns von Titus ſprechen, von Ludwig dem Zwölften; ſie haben zwar auch ihre Fehler begangen, aber wie viel des Guten haben ſie nicht dem menſchlichen Geſchlechte erwieſen. Wir werden bald in Auxerre ankom⸗ men, und wir werden daſelbſt eine Boutelle Bourgogner Wein mehr auf das Andenken dieſer braven Leute da trin⸗ ten.“—„Topp, André, ich bin dabei!“—„Wir wollen dort auch ihnen zu Ehren ein Lied ſingen.“—„Weißt Du denn eines auf dieſe guten Fürſten?“—„Wir wollen eines auf ſie machen.“—„Es wird aber ſchlecht ausfallen.“— „So wird es Madame André zu Haarwickeln benutzen, wenn wir es werden geſungen haben, wir find keine ehr⸗ geizigen Schriftſteller, welche die Wuth haben allen Leuten mit ihren lyriſchen Ergüſſen die Köpfe heiß zu machen.“ Wir ſaßen rings um einen runden Tiſch herum; das ſind gute Tiſche: man ſieht ſich an denſelben wenigſtens, — 159— wenn man ſich auch nicht berührt.„Meiner Treu,“ ſagte ich zu André,„der Wein von Bourgogne iſt ſo viel werth als die Hippokrene; ich fühle mich ſchon ganz begeiſtert.“ —„uUnd ich ebenfalls.“—„Laß uns alſo ſchreiben.“— „Einen Augenblick Geduld nur; wir wollen zuerſt eine neue Arie auffinden.“—„Du haſt Recht! Wie viele Lie⸗ der verdanken ihren Erfolg nur einzig und allein der Me⸗ lodie, nach welcher ſie geſungen werden.“—„Eine neue Arie„Nun, bei allen Teufeln! zum Beiſpiel:»Erwache, ſchöne Schläferin«, man fingt nichts Anderes als das am Hofe.“—„Laß uns alſo ſchreiben.“—„Ja, wir wollen ſchreiben; la, la, la, la. Ich habe ſchon den erſten Vers gefunden.“—„Nun ſo laß einmal hören, André.— „Titus hat die Welt beglücket.“ —„Das iſt ſehr gut, mein Freund, ein harmoniſcher und gedankenreicher Vers!“—„Machen Sie den zweiten Vers, mein Herr.“—„O, ich? ich will lieber zwanzig erſte Verſe machen als nur einen einzigen zweiten.“—„Aber nein, wir find ja gerade eben darum unſer Zwei.. Ah, da habe ich ihn ſchon: Titus hat die Welt beglücket, Bis den Zoll geheiſcht Natur.“ —„Warte, warte einen Augenblick; ich will ſogleich den dritten auffinden.. Ludwig folgte hochentzücket“ —„Erhaben, mein Herr, wirklich erhaben!»Hochentzücket.« Wie bezeichnend drückt dieſes Wort das beſcheidene und doch ſo ſtolze Selbſtbewußtſein aus, welches das Gute — 160— immer in ſeinem Gefolge und oft zu ſeinem höchſten und einzigen Lohne hat. Jetzt bedarf es nur noch eines einzi⸗ gen Verſes, und wir haben unſere erſte Strophe fertig...“ „Immer dieſer edlen Spur.“ —„Immer iſt hier bewunderungswürdig angebracht; er that das Gute, ohne ſich auch nur auszuruhen, gleichſam ohne friſchen Athem zu ſchöpfen. Unſer Lied beginnt vor⸗ trefflich; aber wenn wir es in dieſem Tone da fortführen, ſo werden wir uns wohl davor hüten müſſen es je zu ver⸗ öffentlichen.“—„Und warum das, Andre?“—„Ein Loblied auf gute Könige iſt ein beißendes Spottgedicht auf ſchlechte, und man muß niemals den gerade herrſchenden Fürſten in ſchlechte Laune bringen.“—„Von welchem Für⸗ ſten ſprichſt Du, von Mayenne, von Philipp oder von dem Bearner? denn wir haben jetzt deren drei.“—„Und ſind voch gerade nicht in dem Fall, um das Sprichwort anzu⸗ wenden, daß der Ueberfluß an Gutem Richts ſchade; laſſen Sie uns ſingen, mein Herr: Titus hat die Welt beglücket, Bis den Zoll geheiſcht Naturs Ludwig ſolgte hochentzücket Immer dieſer edlen Spur. O welche Wirkung, mein Herr! Wenn Sie Ihre Bratſche hier hätten, ſo würden wir damit alle Bewohner von Auxerre gewiß rein verrückt machen können.“—„Du haſt wieder einmal Recht, eine Bratſchenbegleitung würde hier Wunder wirken müſſen.“ — 161— Wir ſangen mit der ganzen Beharrlichkeit von Schrift⸗ ſtellern, welche mit ſich ſelbſt zufrieden find; Clara hatte ein Kind an jeder Seite ihrer Bruſt hangen und ſchlug mit den Kinderklappern, welche gerade in dieſem Augen⸗ blicke unnöthig waren, den Takt dazu. Der Klang dieſer Klappern paßte merkwürdig gut zu dem unſerer Stimmen, und begeiſterte uns dazu, uns an die zweite Strophe zu machen. Bertrand trat herein ſchnell wie ein Blitzſtrahl:„Zu den Waffen, mein Herr, zu den Waffen! Die Stadt iſt voll von Officieren, von Soldaten und von, ich weiß ſelbſt nicht was Allem.“ Ich ſprang auf und griff nach meinen Piſtolen; das letzte Wort der Strophe erſtarb auf den er⸗ blaſſenden Lippen André's. Ich vernahm einen großen Lärm auf den Straßen, aber ich ſah Niemanden und ging deshalb hinaus; das erſte menſchliche Weſen, welches mir begegnete, war der Capitain Saint⸗Paul.„Was machen Sie hier, Capitän?“ —„Nun, und was machen denn Sie ſelbſt hier? könnte ich fragen.“—„Ich reiſe ganz friedlich und zu meinem Vergnügen.“—„Ich reiſe, weil es der Herr von Mapenne wieder einmal ſo haben will.“—„Und wohin ſchickt er Sie denn, wenn ich fragen varf?“—„Er ſchickt mich nir⸗ gends hin, ſondern ich begleite ihn.“—„So, er iſt alſo hier?“—„Mit Pericard, ſeinem Secretär, und zweihun⸗ dert Mann Bewaffneten; Jedermann iſt jetzt damit beſchäf⸗ tigt ſich einzuquartieren, und ich will nun auch thun wie die Andern. Leben Sie wohl!“ Biblioth. 356 Boch. 11 — 162— Alles war ſo ziemlich ruhig, und ſogar bei André erſchien ſchon wieder ein Lächeln auf den Lippen; er begriff ebenſo wenig wie ich, was in aller Welt Mayenne in Auxerre zu thun yaben könne: vas ſollte ſich aber nur zu bald auf⸗ klären. Pericard trat, von einigen Soldaten begleitet, in unſer Wirthshaus ein und befahl uns, daſſelbe zu verlaſſen; auf dieſe Art von Einladung blieb uns wirklich Nichts zu ant⸗ worten übrig. Ich ſagte zu Bertrand, daß er einen Wagen anſpannen möge; Pericard ſah mich an und erkannte mich. „Sie haben alſo nicht mehr,“ ſagte er zu mir,„blos den Ehrentitel Capitän, Sie ſind alſo jetzt in activen Dienſt getreten? Deſto beſſer! Sie werden ſehr bald Gelegenheit finden können ſich auszuzeichnen; unſere Sachen ſtehen ſehr gut, aber wir werden uns bald ſchlagen müſſen. „Der Papſt ebenſo wie alle Parlamente des Königreichs haben ſich gegen Heinrich von Navarra erklärt; er hat die Ungeſchicklichkeit begangen, den Cardinal von Bourbon verhaften zu laſſen, denſelben, den wir unterdeſſen bis auf günſtigere Gelegenheit zum Könige erklärt, und dieſer Maßregel nun verdanken wir die ſtrengen Ausſprüche, welche die ſouveränen Parlamentshöfe gethan haben. Nun reißen aber die Parlamente das Volk mit ſich fort; es iſt gläubig genug, in ihnen die Stütze ſeiner Freiheiten, die gar nicht exiſtiren und die auch niemals exiſtiren werden, zu ſehen. „Indeſſen verzweifelt Heinrich noch immer nicht an ſeinem Glücke; er hat Erfolge in der Normandie, und —— — — 163— nimmt daſelbſt mit einer Hand voll Soldaten unſere wich⸗ tigſten feſten Plätze weg. Monſeigneur de Mayenne will und kann Paris nicht von Mannſchaft entblößen, und hebt daher Truppen in ſeinem Regierungsbezirk von Bourgogne aus; in wenigen Tagen werden wir den Feldzug eröffnen. Der Bearner wird uns nicht Stand halten können, aber dieſe Unternehmung da wird Ihnen ein Regiment eintra⸗ gen, denn es iſt ſchon lange her, daß Sie Capitän ſind, und dann ſind Sie ja auch ein feiner Beobachter und ein ziemlich geſchickter Unterhändler; wir werden Sie auf jede mögliche Art und Weiſe verwenden können. Auf, mein Freund Latour, man muß ſich ſein Glück warm halten!“ Ich war ſehr in Verlegenheit; ich wußte nicht, was ich ſagen ſollte und antwortete daher nur durch tiefe Verbeu⸗ gungen. Das iſt die gewöhnliche Antwort von Dumm⸗ köpfen; zuweilen aber auch die von geiſtreichen Leuten, welche man zu unverſehens überraſcht, „Aber wie kommt es, mein lieber Latour, daß Sie mir ſeit Ihrer Abreiſe von Paris auch nicht einen einzigen Be⸗ ſuch mehr gemacht haben?“—„O, mein Herr, fortwäh⸗ rende Beſchäftigungen von der größten Wichtigkeit... und dann die Sorgfalt, welche ich auf meine Compognie verwenden mußte.“—„Aber es ſcheint mir doch, daß, während Sie für dieſelbe ſorgten, Sie ſich ſelbſt auch nicht eben vergeſſen haben. Zum Teufel! wie ſchön und bequem Sie wohnen, mein lieber Freund, Sie werden doch hoffent⸗ lich NRichts dagegen haben, wenn ich Sie bitte mir Platz 11* — 164— zu machen? ein Capitän ſoll eigentlich gar nicht mehr als einiger Bündel Stroh zum Lager bedürfen.“ Bertrand kam und ſagte zu mir:„Mein Herr, Ihre Wagen ſtehen angeſpannt da und warten nur noch auf Sie und Herrn André.“ Meine Verlegenheit nahm mit jedem Augenblicke zu.„Was ſehe ich,“ rief Pericard aus, „Equipagen, welche eines Generals würdig wären, Frauen und Kinder! Es iſt nicht Alles in Ordnung bei dieſer Ge⸗ ſchichte. Sie wollen deſertiren, Latvur, und Sie ſind auf offener That ertappt. Soldaten!...“ Die Soldaten hatten geglaubt, daß er ſchon einquartiert ſei und waren, Jeder nach einer andern Seite hin, gegangen ſich ein Abendbrot aufzuſuchen. André kam niemals in Verlegen⸗ heit, wenn es nicht Hiebe zu bekommen oder auszutheilen galt, und der erſte Feder⸗Officier des Herzogs von Mayenne war in dieſer Beziehung gerade kein ſehr furcht⸗ barer Mann,„Dieſe Equipagen,“ ſagte André zu Peri⸗ eard,„gehören dem Capitän de la Tour an.“—„Ach was! Latour hat weder Frauen noch Kinder; ich verhafte Euch alle Beide.“—„Mein Herr, alles Dies verlangt geheime Erklärungen, welche wir Ihnen nicht hier mitten auf der Straße geben können; haben Sie die Güte mit uns in dieſes Wirthshaus einzutreten, und Sie ſollen voll⸗ kommen zufrievengeſtellt werden.“ Pericard folgte uns. „Ich bin es, mein Herr,“ ſagte jetzt André zu ihm, „der Sie verhaftet! Herr Mouchy, Bertrand, unterſtützen Sie mich dabei mit den Waffen in der Hand.“ Ich ſah zwar Das, was André dann beginnen wollte, nicht vorher, b — 165— aber ich war gewiß, daß er mich aus dieſer ſchlimmen Lage ziehen werde; Bertrand und ich ſtellten uns ihm alſo mit den geſpannten Piſtolen in der Hand zur Verfügung. Dieſer Auftritt zog auch den Wirthshausbeſitzer und ſeine Frau herbei:„Geht alle Drei mit mir,“ rief ihnen André zu,„wenn Ihr nicht ſogleich eine Kugel durch den Kopf gejagt bekommen wollt!“—„Wohin wird er ſie füh⸗ ren?“ fragte ich mich ſelbſt,„was wird er mit ihnen be⸗ ginnen?„ Er ließ ſie in den Keller hinabſteigen. „Meine Herren,“ ſagte Bertrand zu uns,„ſollen ſie alle Drei auf Flaſchen gezogen werden?“ „— André, hier wären ſie nun in dem Keller, das wäre ganz gut; aber ſie werden gewiß ſchreien.—„Das Luftloch iſt verſtopft, man wird ſie nicht hören.“—„So werden ſie an die Thüre klopfen.“—„Ich will ihnen gleich Beſchäftigung geben.“ Der Keller iſt ſeiner ganzen Länge nach mit Fäſſern beſetzt; auf einem derſelben, welches ſchon angezapft iſt, bemerkt André einen Bohrer und ergreift ihn. Er bohrt damit ein großes Loch in die Seite eines von den Fäſſern und legt dann raſch den Daumen des Wirthshausbeſitzers auf die Oeffnung.„Halte ihn hier feſt, wenn Du nicht willſt, daß Dein Wein auslaufe!“ Er nimmt um ſechs Schritte weiter dieſelbe Operation vor, und diesmal iſt es der Daumen der Frau Wirthin, den er an das Faß bannt;z er geht nun zu Herrn Pericard über, und krir! wieder ein großes Loch in ein Faß gebohrt.„Mein Herr, Sie haben gewiß nicht die Gewohnheit, ſich die Füße in — 166— Wein zu waſchen, und das würde Ihnen doch ganz un⸗ fehlbar widerfahren, wenn Sie den Daumen von dem Punkte, auf welchen ich ihn geſetzt habe, wegnehmen würden. „Nun laßt einmal ſehen, ob der Wirth oder die Wir⸗ thin nicht vielleicht Pfeifchen in ihren Taſchen haben. Nichts dergleichen. „Ergeben Sie ſich darein, den übrigen Theil der Nacht in dieſer Stellung zuzubringen; mit Tagesanbruch wird man Euch rufen, man wird Euch ſuchen, man wird Euch finden, man wird Euch aus dieſer Lage befreien und wir werden bis dahin ſchon weit von hier entfernt ſein.“ Wir ſchloſſen nun die Thüre hinter uns zu und ver⸗ rammelten ſie mit Holzbündeln, Steinen und mit Allem, was uns gerade in die Hände gerieth.„Laſſen Sie uns in den Wagen ſteigen,“ ſagte unſer Anführer zu uns,„wir haben auch nicht einen Augenblick Zeit zu verlieren.“ Wir durchzogen ganz ruhig die Stadt, aber die Ge⸗ fahr war noch lange nicht vorüber; der Officier, welcher an dem Ausgangsthore commandirte, fragte uns, wer wir ſeien und wohin wir wollten. André antwortete mit herr⸗ licher Kaltblütigkeit, daß wir einen Theil der Equipagen des Herzogs von Mayenne führten, welche Monſeigneur nach Sens ſchicke.„Nun, dann ſeid Ihr aber ja nicht auf dem rechten Wege, denn dieſer hier führt nach Dijon.“— „Das wiſſen wir recht gut, aber die Straßen der Stadt find alle ganz überfüllt, und wir wollen daher lieber außen — — 167— um die Stadt herumfahren, wenn wir dieſelbe verlaſſen haben werven.“—„Ihr könnt paſſiren!“ Wir gewannen das freie Feld, ſahen uns aber den leb⸗ hafteſten Beſorgniſſen preisgegeben. Herr Pericard konnte ſich vielleicht doch nicht davor fürchten, ſeine zitronfarbenen Halbſtiefelchen in das vunkle Roth des Weines zu ſetzen, dann hätte er einen Höllenlärm machen können; aber er hatte die Mündung einer Piſtole nahe genug an ſeiner Stirne geſehen, und er war höchſt wahrſcheinlich ebenſo furchtſam als André. Unſere drei Gefangenen brachten die Nacht mit den Daumen auf den von André gebohrten Löchern zu, und der Beweis dafür war der, daß wir nicht verfolgt wurden. Wir reiſten die ganze Nacht mit unſäglicher Mühe vurch; jeden Augenblick mußten wir abſteigen, um die Räder mittelſt Eiſenzangen frei zu machen, und die Fin⸗ ſterniß war wahrhaft erſchreckend: wir und unſere Maul⸗ thiere waren außer uns vor Müdvigkeit. Der Tag erſchien envlich und wir erkannten, daß wir uns auf einen Feldweg verirrt hatten, und das war vielleicht ein Glück für uns. Man konnte nicht ſo leicht auf den Ge⸗ vanken kommen, zwei ſchwere Wagen auf ſolchen Wegen zu ſuchen; wir gewannen endlich ein Gehölz, von welchem Andr glaubte, daß es in der umgegend von Joux⸗la⸗Ville —„wir machten in demſelben Halt und hielten daſelbſt ath. Es wurde nun vor Allem beſchloſſen, daß wir hier die⸗ ſen Tag und die nächſfolgende Nacht zubringen wollten; — 168— unſere Thiere bedurften unumgänglich nothwendig der Ruhe. Während der Nacht ſollten Bertrand und ich ab⸗ wechſelnd über die Wagen wachen und bei der geringſten Veranlaſſung zur Beſorgniß eine Piſtole losſchießen. Es wurde außerdem noch feſgeſtellt, daß wir alle Städte vermeiden wollten, denn es war ſehr wahrſchein⸗ lich, daß Mayenne nach Dijon reiſen werde, und es wäre doch nicht ſehr angenehm geweſen, Herrn Pericard noch ein Mal zu begegnen; endlich beſchloſſen wir noch ſo bald als möglich die Franche⸗Comté, welche zu dem König⸗ reiche Spanien gehört, zu gewinnen. Der Weg war lang, und er mußte auch beſchwerlich werden; aber die Freiheit und ein angenehmes Leben ſoll⸗ ten der Preis unſerer Anſtrengungen werden. Ich ſegnete die Vorſichtigkeit André's; er hatte uns mit Allem verſehen„was einer kleinen wandernden Colo⸗ nie nothwendig iſt; wir reiſten den Tag über, während der Nacht ſchliefen wir in unſerem Packwagen. Unſere Be⸗ ſorgniſſe zerſtreuten ſich nach und nach immer mehr; nach Verlauf von acht Tagen waren wir an unſer irrendes un⸗ ſtätes Leben gewöhnt, und die Sicherheit hatte auch wieder die Freude zurückgebracht. Dijon lag ſchon weit hinter uns, und wir waren noch Niemandem begegnet als einigen vereinzelten Bauern, deren Aufmerkſamkeit allerdings die ſeltſame Form unſe⸗ rer Wagen und die Unordnung unſerer Kleidung auf uns zogz ſie waren unbewaffnet, grüßten uns und gingen vor⸗ bei, und wir ſetzten unſeren Weg ruhig weiter fort, — 169— Wir näherten uns den Grenzen der Franche⸗Comteé, und morgen ſollten wir in Dole einziehen, wo uns viel⸗ leicht neue Gefahren erwarten; weder ich noch André hatten die geringſte Kenntniß von der Art und Weiſe der ſpaniſchen Regierung. Wir verfehlten niemals, uns in die Wälder zu vertiefen, wenn unſer gutes Glück uns ſolche darbot. Ein großer Wald zeigte ſich uns, und wir beſchloſſen zum letzten Male dieſe Nacht in demſelben zu⸗ zubringen. Am folgenden Tage ſollten wir die Städte aufſuchen und die Bequemlichkeiten des Lebens genießen können. Bertrand war an der Reihe, Wache zu halten, und ich ſchlief. Ein Flintenſchuß erweckte mich urplötzlich; ich ſpringe von dem Frachtwagen herab, in jeder Hand eine Piſtole, meinen Degen zwiſchen den Zähnen, und eile auf Ber⸗ trand zu.„Auf Wen haſt Du geſchoſſen?“—„Ich war es nicht, der geſchoſſen hat?“—„Wer denn?“—„Sehen Sie dieſe vier Männer dort weiter unten, zur Linken. Der Mond wirft ſein volles Licht auf ſie.“—„Ich ſehe ſie; nun weiter!“—„Einer von ihnen hat ſoeben einen Schuß gethan; aber er hat nicht auf mich gezielt; ich habe keine Kugel pfeifen gehört.“—„Wer kann denn das wohl ſein?“—„Meiner Treu! davon weiß ich Nichts.“ Beſtürzung hatte ſich auf dem Packwagen verbreitet. Clara ſchrie; Marianne ſeufzte; die beiden Kinder wein⸗ ten, freilich gewiß nicht aus Schrecken. Ich hörte und ſah Nichts von André. Er ſteckte höchſt wahrſcheinlich zwiſchen — 170— zwei Matratzen, vver unter einem der Wagen. Indeſſen trug dieſes Schreien, dieſes Weinen, dieſe Finſterniß, dieſe vier bewaffneten Männer, welche nur hundert Schritte weit von uns entfernt waren, Alles dazu bei, dieſe Scene furchtbar zu machen. Ich fühlte mich auf einen Augenblick erſchüttert; aber ich faßte mich ſogleich wieder. „Laß uns auf ſie zugehen,“ ſagte ich zu Bertrand; „wir wollen ſie fragen, was ſie hier machen.“—„Das, was ſie hier machen, können Sie leicht ſehen. Sie haben ſoeben einen Menſchen getödtet, und decken ihn jetzt mit Zweigen und Laubwerk zu.“—„Laß uns nur auf ſie zu⸗ gehen. So wie uns ihre Abſichten gegen uns auch nur im Mindeſten verdächtig erſcheinen, wollen wir Jeder un⸗ ſern Mann ſicher auf's Korn nehmen; die beiden Uebrigen werden dann nicht mehr ſehr zu fürchten ſein. Wir rückten muthig vor, und wir waren nur noch funfzig Schritte von ihnen entfernt, als ſie uns nun auch ihrerſeits bemerkten. Sie ſtellten ſich ſogleich in eine Linie, und zielten auf uns.„Meine Herren Waldhüter,“ ſagte der Eine von ihnen in dem Dialecte des Landes zu uns, „wir achten Sie ungemein; aber wenn Sie auch nur noch einen einzigen Schritt vorwärts machen, ſo ſind Sie des Todes.“ Ich fing an helllaut zu lachen.„Der Teufel ſoll mich gleich holen,“ ſagte Bertrand,„wenn ich darin irgend etwas Spaßhaftes finde.“—„Dummkopf, ſiehſt Du denn nicht, daß es Wilddiebe ſind? Der Menſch, den ſie, wie Du geſehen haben willſt, getödtet, iſt nichts An⸗ deres als ein Hirſch, oder vielleicht ein Eber geweſen.“ — 171— Ich rief ihnen zu, daß wir verirrte Reiſende ſeien, die gar nicht daran denken könnten, ſie zu beunruhigen. Einer von ihnen trat aus der Linie und kam auf uns zu. Er ſah unſere Wagen; er hörte das Gekreiſche unſerer Frauen. das Zutrauen war bald hergeſtellt, und die Bekanntſchaft war bald geſchloſſen. Es waren dies in der That Wilddiebe aus der Franche⸗ Comté, welche während des Tages an den Grenzen der Bourgogne umhergingen, um das Wild zu belauern, wel⸗ ches ſie in der Nacht, wenn ihre Hunde es wieder auffan⸗ den, tödteten, und es dann ſo lange verſteckten, bis ſie ſich überzeugt hatten, daß ihr Flintenſchuß Niemanden herbei⸗ gerufen habe. Mit Tagesanbruch trugen ſie dann ihre Beute fort, und gingen ſie auf dem Markte von Döle zu verkaufen. Auf dieſe Art ließen ſie ihren Landsleuten ſo manchen guten Biſſen zukommen, füllten ſich ſelbſt ihre Börſen, und hatten Niemanden als die Waldhüer der Bourgogne zu fürchten. Wir hatten Alle dieſe Nacht beinahe ganz ohne Schlaf zugebracht. Der Appetit folgt gewöhnlich auf eine be⸗ ruhigte Angſt nach, und wir hatten ſeit neun Tagen kein friſches Fleiſch mehr gegeſſen. Ich ſchlug unſeren Jägern vor, ſie möchten uns ihr Wildpret verkaufen, und uns bei der Zubereitung deſſelben ein wenig helfen. Es war ein junger Rehbock. Sie nahmen dieſen meinen Vorſchlag an. André, welcher plötzlich wie durch Zauberei wieder zum Vor⸗ ſchein gekommen war, erklärte uns, daß ein gutes Mahl, — — 172— wenn es noch in der Bourgogne eingenommen werde, für ihn durchaus alle Anziehungskraft verliere. Nach dem Be⸗ richt der Wilddiebe waren wir höchſtens noch eine Meile von der Grenze der Franche⸗Comté entfernt, und ihnen ſelbſt lag nicht eben gerade allzuviel daran, ſich noch lange in der Bourgogne aufzuhalten. Ich fürchte eben die Gefahr nicht, aber ich gebe einem vernunftigen Rathe ſehr leicht Gehör. Wir warfen den Rehbock auf den Packwagen, und machten uns, vonunſeren Wildſchützen geführt, wieder auf den Weg. Eine Stunde darauf hatten wir das Gehölz verlaſſen, und zogen in ein Dorf ein, in welchem Alles den Anſtrich des äußerſten Elendes trug. Das find die Wirkungen einer despotiſchen Regierung. Uebermäßige Steuern erdrücken den Gewerb⸗ fleiß, und der Bauer wäre ein Thor, wenn er ein Land mit Fleiß bebaute, deſſen Erträgniß man ihm doch mit Ge⸗ walt entreißt. Alle Männer dieſes Dorfes waren Wild⸗ diebe, und ſie zahlten dem Gouverneur von Döle einen Zoll für das Wild, welches ſie auf den Markt brachten. „Wenigſtens,“ ſagte ich zu ihnen,„braucht Ihr für dieſen Rehbock da keinen Zoll zu bezahlen.“ André behauptet, daß, wenn man einen guten Seeſiſch eſſen wolle, man ihn durch die Fiſchersleute, die ihn ſelbſt gefangen haben, zubereiten laſſen müſſe. Ich machte dieſelbe Bemerkung in Bezug auf das Wild⸗ pret. Es ſchmeckte uns köſtlich, und es blieb auch Nichts davon übrig. In der That hatten ſich auch die Wilddiebe, ihre Frauen und ihre Kinder bei uns zu Gaſte geladen⸗ — 173— André verſchwendete unſeren Wein; die Fröhlichkeit läßt das vergangene Mißgeſchick vergeſſen, und hindert uns, an die Zukunft zu denken. Die Hütten dieſer Bauern waren für uns nicht gut bewohnbar; wir ſtiegen daher wieder in unſere Frachtwagen zurück, und ſchliefen daſelbſt wie Leute, welche weder Mayenne noch Pericard mehrfürchten. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Fortſetzung unſerer Reiſe. Wir kamen, in dem ſchönſten Wetter von der Welt, an den Thoren von Döle an. Ich habe es ſchon einmal ge⸗ ſagt: die Sonne geht immer, ohne Rückſicht auf die Lage der Menſchen, ruhig ihren Weg fort; ſie beleuchtet, ohne Unterſchied, bald ein Verbrechen, bald einen Fehltritt, bald eine große Handlung, bald einen gleichgiltigen Schritt. Was wird ſie nur heute zu beleuchten haben? Ein ſpaniſcher Officier fragte uns, wer wir wären, woher wir kämen und wohin wir gingen.„Franzoſen, aus Frankreich in die Schweiz,“ erwiderte fröhlich André. Ob ſeine Fröhlichkeit wohl lange Zeit dauern wird? Man gab uns einen Corporal und vier Mann Gemeine mit, welche uns mit unſeren Equipagen vor die Thüre des Herrn Gouverneurs führten. Don Pedro de Velasco, de Contados, de Larguillas hielt Philipp den Zweiten für den größten aller Könige, die jemals geboren worden find und noch geboren werden, — 174— deſſen Tochter Eugenia für die ſchönſte und tugendreichſte Prinzeſſin des Weltalls, und mehr bedurfte es in der That nicht, um an dem Hofe von Madrid gut angeſchrieben zu ſtehen. Er wurde auf dieſe Art Gouverneur von Döle. Wir finden ihn in einem großen Lehnſtuhl ſitzend, hinter welchem ſich zwei Alguazils aufgepflanzt haben, von denen Jeder eine Hellebarde in der Hand hält. Der erſte Blick, welchen Seine Herrlichkeit auf uns fallen ließ, drückte die vollſtändigſte Verachtung aus, und ich muß eingeſtehen, daß wir auch bei dem unordentlichen Zuſtande, in welchem ſich unſere Kleider befanden, eben auf nicht ſehr viel Be⸗ achtung Anſpruch machen konnten. Don Pedro de Velasco, de Contados, de Larguillas, war ein Mann von funfzig Jahren, mager wie ein Zünd⸗ hölzchen und ſtolz wie ein Spanier. Er befragte uns mit dem Tone eines Richters, welcher nach Schuldigen ſucht. Sein ſtruppiger Backenbart und ſein langer grauer Schnurbart, welche ihm das halbe Geſicht bedeckten, ver⸗ hinderten mich doch nicht daran, zu errathen, mit was für einem Manne ich es zu thun habe. Ich fühlte mich gleich⸗ ſam wie begeiſtert, und diesmal war ich es, der das Wort ergriff. Ich erklärte Seiner Herrlichkeit, daß ich die Ehre habe, ein Mitglied des geheimen Comite's der Sechszehn zu ſein, welches ſich nur damit beſchäftige, Philipp den Zweiten, oder ſeine unvergleichliche Tochter Eugenia auf den Thron von Frankreich zu ſetzen, und welches ohne Zweifel in ſeinem löblichen Vorhaben einen glücklichen Er⸗ — 175— folg erzielen werde. Ich nannte meine ehrenwerthen Mit⸗ brüder: la Roche⸗Blond, ehrſamen Bürger von Pa⸗ ris, Jean Prevöt, Pfarrer von Saint⸗Severin, Jean Boucher, Pfarrer von Saint⸗Benvit, Guillaume Roſe, Biſchof von Senlis, und Mathieu de Launay, Chorherr von Soiſſons. Bei Nennung eines jeden dieſer erlauchten Namen erlaubte ſich der Herr Gouverneur eine leichte Neigung des Kopfes. Ich fügte noch hinzu, daß wir uns alle Nächte bei dem alten Sanchez verſammelten, wo wir unſere Arbeiten ord⸗ neten, während wir guten ſpaniſchen Wein dazu hin⸗ unterſchlürften, daß ich ferner alle Morgen zu Seiner Herrlichkeit, Bernardin de Mendoza, dem Geſandten des großen Königs Philipp, gegangen ſei, um ihm von unſeren Operationen Rechenſchaft abzulegen. Don Pedro de Ve⸗ lasco, de Contados, de Larguillas, hatte von allen dieſen Perſonen da ſprechen gehört, und bei dem Namen von Mendoza ſtand er nun völlig auf. Ich beklagte mich nun bitterlich über Leberverhärtun⸗ gen, welche mich zwängen, mein Wirken einſtweilen zu un⸗ terbrechen, und gegen welche mir die Aerzte verordnet hatten, die Luft der Schweiz einathmen zu gehen.„Sie beſitzen ohne Zweifel Papiere?“—„Ich hatte veren vor⸗ treffliche. Einen offenen Geleitsbrief von Monſeigneur de Mendoza, viſirt von Monſeigneur, dem Biſchof von Senlis, aber. aber—„Aber was?“ fragte der Gouver⸗ neur, den man gewöhnlich Don de Velasco nennt,„erklä⸗ ten Sie ſich doch enplich.⸗ — 176— Ich erzählte Seiner Herrlichkeit, wie wir in Auxerte mit dem Herzoge von Mapenne in nur zu enge Berüh⸗ rung gekommen ſeien.„Man ſagt in der That, daß derſelbe in der Bourgogne Truppen ausheben ſoll...“ daß ich da natürlich meinen Geleitsbrief, welcher voll⸗ kommen hingereicht haben würde, mich an den Galgen zu bringen, verbrannt habe, daß mich Herr Pericard, un⸗ geachtet dieſer Vorſicht, dennoch verhaftet habe, daß wir ihn endlich in den Keller eines Wirthshauſes eingeſchloſſen hätten, um nur entſchlüpfen zu können. Dieſer letztere Theil meiner Erzählung erklärte auch vollkommen die Unordnung unſeres Aufzuges, von dem man übrigens ſah, daß er einmal glänzend geweſen ſein mußte. Ich erwartete nun, daß Seine Herrlichkeit ſprechen würde. Die Geſchichte, wie Pericard in dem Keller ſteckte, machte ihn ſo lachen, daß ich von ſeinem Geſichte weder die Augen, noch die Naſe mehr ſah. Der Schnurbart und der ganze übrige Bart hatten alle anderen Theile des Ge⸗ ſichtes völlig verſchlungen. Er fand endlich die Sprache wieder, um mich zu fragen, ob ich Edelmann ſei.„Ge⸗ wiß, Ew. Excellenz. Ich bin Capitän in dem Dienſte der Sechszehn, und Beſitzer eines prächtigen Lehngutes, welches in der Nähe von Paris liegt.“—„Ihr Name?“ —„Anton de Mouchh, de la Moucherie, de la Tour.“—. „Zum Teufel! Sie ſind ja adelig wie ein Spanier. Und Ihr Gefährte, iſt er es auch?“—„Wenigſtens eben ſo ſehr als ich. Er iſt der natürliche Sohn des Königs Hein⸗ rich des Zweiten von Frankreich und der ſchönſten Frau — 177— in ganz Angouleme.“ Don Velasco ſtand jetzt zum zweiten Male auf, und machte uns ein ſehr höfliches Compliment. „Seigneur de Mouchy, de la Moucherie, de la Tour, Sie mögen immerhin in die Schweiz reiſen; aber trauen Sie dieſer Luft dort nicht, ſie iſt anſteckend. Dieſe Leute da haben mit Kanonen⸗und Musketenſchüſſen, ſowie mit Partiſanſtößen bewieſen, daß ſie frei ſein wollen, und Sie wiſſen, daß wir Unterthanen bedürfen, welche unterwürfig find und welche niemals räſonniren.“ Wir waren im Begriffe, uns zu entfernen.„O,“ fragte uns der Gouverneur,„wo wollen Sie ſich denn ein⸗ quartieren?“—„Meiner Treu! Monſeigneur, im erſten beſten Wirthshauſe, welches uns aufſtoßen wird.“— „O pfui doch! Zwei Evelleute ſollten mit all dem Bürger⸗ pack zuſammengeworfen werden: das kann ich nicht zu⸗ geben. Uebrigens gebührt einem Mitgliede des Convents der Sechszehn auch ſchon von Rechtswegen eine Wohnung in dem Gouvernementspalaſte.“ Wir hätten dieſe Ehren⸗ bezeigung da ſehr gern entbehren wollen. Man führte uns, Männer, Frauen und Kinder, in einen Winkel des verfallenen Gouvernementspalaſtes. Wir fan⸗ den daſelbſt einen von den Würmern zerfreſſenen Tiſch, einige ſchlechte Stühle, Fetzen von alten Tapeten, welche zu Fußteppichen im Winter dienten, und welche man bei der Rückkehr des Frühlings wieder an die Mauern auf⸗ heftete. Unſere erſte Sorge war, uns anſtändig anzukleiden. Biblioth. 356 Boch. 12 R— Madame André, nicht wiſſend, welche Rolle fie noch im Laufe ves Tages zu ſpielen haben werde, folgte unſerem Beiſpiele. Während wir nun mit unſerer Toilette beſchäftigt waren, wünſchte mir André Glück zu der Fruchtbarkeit meiner Einbildungskraft, zu der Leichtigkeit, mit welcher ich eine ganze ſtarke Viertelſtunde lang gelogen hatte. „Aber,“ fügte er hinzu,„was muß der große, heilige Anton von alle Dem denken?“—„Der große, heilige Anton hat mir Colombe nicht erhalten; übrigens iſt die Lüge auch erlaubt, wenn ſie gerade nützlich iſt.—„Das iſt eine ſchöne Logik; aber Sie fangen an, ſich zu bilven, mein Herr; bald werden Sie nur noch ein ſolcher Gläu⸗ biger ſein, wie wir deren ſchon viele angetroffen haben.“ —„Komm, laß uns gehen, um uns jetzt ſo dem Herrn Gouverneur vorzuſtellen.“ Er trat um zwei Schritte zurück, als er uns ſah. Sein altes Flitterwerk von Kleidern verſchwand vor unſerm reichen, friſchen und eleganten Anzuge. Wir hatten aber auch das Beſte von Allem, was wir beſaßen, ausgewählt. „Welch eine Tournüre!“ rief er aus.„Verzeihung, meine Herren, wenn ich Sie zuerſt für Abenteurer gehalten habe. Ihr Reiſeanzug hat meinen Irrthum verurſacht. Bei dieſem Gange, dieſer Haltung, iſt es ja rein unmög⸗ lich, daß Ihr nicht ſchon ſeit der Zeit der Vertreibung der Mauren durch Ferdinand und Iſabella von Adel ſeid. Wiſſen Sie aber auch, Herr de Mouchy, de la Moucherie, de la Tour, daß Ihrem Ausſehen nach Niemandem ein⸗ fallen würde zu denken, daß Sie an Leberverſtopfungen — 179— leiden; übrigens kann vas gewiß Riemand beſſer als Sie ſelbſt wiſſen. „Sagen Sie mir, meine Herren, ſind Sie verheira⸗ thet?“—„Mein Gefährte, der Marquis André von Va⸗ lois, iſt es.“—„Und er hat alſo die Frau Marquiſin in Frankreich zurückgelaſſen, um Sie zu begleiten?— „Verzeihen Sie mir, Excellenz, wir reiſen Alle mit einan⸗ der in ganz kleinen Tagereiſen, ganz philoſophiſch.— „Die Frau von Valvis iſt da? Sie iſt hier und Sie haben mir dieſelbe noch gar nicht vorgeſtellt; ſie iſt hier und ich weiß es nicht einmal! Gehen Sie ſie zu holen, meine Her⸗ ren, führen Sie ſie her zu mir. Was ſage ich da!... Ich will ſie in eigener Perſon herholen. die ſpaniſche Galanterie gebietet das... Die Frau Gouverneurin wird entzückt ſein Madame von Valois zu empfangen.. Meine Herren, wir ſpeiſen Alle mit einander.“— Der Gouver⸗ neur eilte damit fort; wir folgten ihm. Er bietet der Madame de Valvis mit allen den Um⸗ ſtändlichkeiten und Verdrehungen, welche an dem Hofe Karls des Fünften üblich waren, ſeine Hand dar. Madame de Valvis fügt ſich raſch in die Umſtände; man lieſt ſogar auf ihrem Geſichte das Vergnügen, welches ihr dieſer Schritt des Gouverneurs bereitet. Seine Excellenz führt ſie geraden Wegs in die Zimmer der Frau Gouverneurin, läßt ſie daſelbſt, nachdem den gebräuchlichen Ceremonien Genüge geſchehen war, zurück und führt uns wieder in ſeinen Audienzſagl zurück. André ſchien mir verlegen zu ſein.„Was kann er 12* — 180— fürchten?“ dachte ich mir,„es ſcheint mir doch, daß Alles⸗ vortrefflich ſteht.“—„Excellenz,“ ſagte er,„die ſpaniſche Galanterie, die Lebhaftigkeit und Zuvorkommenheit der⸗ ſelben haben mir noch nicht einmal Zeit gelaſſen, Sie dar⸗ auf aufmerkſam zu machen, daß Madame von Valois von Zeit zu Zeit geiſtesabweſend iſt...“—„Geiſtesabweſend! Was?“—„Ja, ſie ſagt zuweilen Dinge, welche wirklich ſehr merkwürdig ſind... Daran iſt nämlich ihre Milch, welche ihr zu Kopfe ſteigt, Schuld; ich habe ihr noch einen zweiten Säugling zugelegt, um dieſe zu gleicher Zeit ſo koſtbare und ſo gefährliche Flüſſigkeit ableiten zu laſſen. Vergebliche Hoffnung! Ich mußte zu der Facultät meine Zuflucht nehmen. Herr Miron, ehemals erſter Leibarzt des Königs Heinrich des Dritten, hat mir gerathen, ſie in die Schweiz reiſen zu laſſen..—„Herr Miron glaubt alſo, daß die Luft der Schweiz ein ſpecifiſches Heilmittel gegen das Aufſteigen der Milch ſei? Dieſer Arzt da iſt ja ein Dummkopf!“—„Verzeihen Sie mir, mein Herr, es iſt ein Gelehrter.“—„Das Eine ſchließt aber das Andere nicht aus.“—„Ich bitte Ew. Excellenz zu bemerken, daß die Bergluft eine ſehr verdünnte, ſehr ausdehnbare iſt und daß ſie folglich ein niederſchlagendes Mittel ſein muß.“— „Ah! das iſt freilich eine Beweisführung, auf die ich Richts. zu erwidern habe.“ Der Gouverneur zog ſeine Brieftaſche hervor und ſchrieb hinein: Die Luft der Schweiz iſt aus⸗ gezeichnet wirkſam gegen die Verhärtungen der Leber und das Andringen der Milch nach dem Kopfe. Die Frau Gouverneurin trat raſch herein. Sie war — 181— eine hübſche Brünette von achtzehn bis zwanzig Jahren, ſehr aufgeweckt, ſehr lebhaft; eine von jenen Frauen, welche ein Mann von funfzig Jahren nicht immer ungeſtraft hei⸗ rathen kann. Sie lachte aus vollem Halſe; Madame von Valois folgte ihr auf dem Fuße und lachte ebenfalls. Wir haben ſchon ein Mal Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß das Lachen anſteckend ſei. „Du biſt betrogen, mein lieber Velasco, und das zwar mit vollem Rechte; Du biſt auch von einer Leichtgläubig⸗ keit! Uebrigens hat dieſes Abenteuer durchaus nichts Un⸗ paſſendes für uns, und ich finde es ſogar ſehr unterhaltend. Ha, ha, ha! Dieſe Madame von Valvis oder von etwas Anderem hat mir von einem Buſſp⸗Leclerc, Gouverneur der Baſtille, geſprochen, welcher ſie fechten gelehrt hat; dann von einem gewiſſen André, einem ſehr rechtſchaffenen Manne, welcher ſie zwei Monate vor ihrer Niederkunſt geheirathet hat; dann von einem Mouchy, welcher zuerſt Novize bei den Franciscanern von Etampes, dann Capi⸗ tän und Beſitzer eines Schloſſes war kurz was weiß ich von was Allem. Sie erzählt das Alles mit einer Zun⸗ gengeläufigkeit, welche mir kaum erlaubt hat ihr zu folgen, mir, die ich doch eine bedeutende Uebung im Verſtehen und Sprechen der franzöſiſchen Sprache habe. Eine Frau, welche fechten lernt.. ha, ha, ha! welche Kinder be⸗ kommt ohne verheirathet zu ſein... ha, ha, ha! und welche dann hierher kommt, um hier die Frau von Stande zu ſpielen. Das iſt doch wirklich gar zu ſpaßhaft!“ „Madame,“ ſagte ſehr ernfthaft Don Velasco zu ihr, — 182— „wie konnte Ihnen bei dem Scharffinne, den ich an Ihnen kenne, die Urſache aller dieſer Verirrungen entgehen? Sie ſehen alſo nicht, daß die Milch, welche dieſer Dame zu Kopfe geſtiegen iſt, allein daran Schuld iſt? Herr von Valois, was hat der Doctor Miron gegen dieſe Anfälle da einſtweilen, bis ſie die Luft der Schweiz ganz vertrie⸗ ben haben wird, verſchrieben?“—„Er verordnete, die Kranke ſolle bei ſolchen Anfällen ihre Füße in ſehr heißes 1 Waſſer ſtecken.“—„Schnell, ſchnell, Madame! Ihr Kam⸗ mermädchen ſoll Waſſer heiß machen laſſen.“ Clara hatte natürlichen Verſtand genug, einige Winke, die ihr André mit den Augen gab, ließen ſie leicht begrei⸗ fen, daß Ihre Geſchwätzigkeit uns im höchſten Grade com⸗ promittiren gekonnt hätte; ſie wußte aber durchaus nichts Beſtimmtes, und ſo ging ſie denn von einer ſehr gefähr⸗ lichen Geſchwätzigkeit zu dem tiefſten Stillſchweigen über. „Bemerken Sie doch, Madame,“ rief der Gouverneur aus,„dieſen plötzlichen Uebergang von der höchſten Auf⸗ regung zu dertiefſten Niedergeſchlagenheit! Schnell, ſchnell, heißes Waſſer her!“ Während man das Waſſer heiß machte, ließ die Frau Gouverneurin ihre ſchwarzen Augen über mich und André hingleiten. Sie that mir die Ehre an, dieſelben auf meine kleine Perſon feſtzuheften, ſie kam mit ſehr vieler Geſchick⸗ lichkeit von der Meinung, welche ſie zuerſt gegen uns aus⸗ geſprochen hatte, zurück; ſie erwies uns Artigkeiten, an welchen mir ihr Herz ebenſo viel Antheil als ihre Ueber⸗ zeugung zu haben ſchien. André bat um Erlaubniß, Ma⸗ — — 183— dame de Valvis in das Zimmer, welches man ihnen ange⸗ wieſen hatte und wo er das zu einer Fußwaſchung nöthige Leinenzeug zur Hand haben würde, begleiten zu dürfen; ſie gingen fort. Donna Inez ſchlug mir vor, während wir auf das Mittagsmahl warteten, mit ihr einen Fan⸗ dango zu tanzen; ich hatte niemals in meinem Leben getanzt, aber wie ſollte ich einer jungen Frau widerſtehen, deren Augen mir deutlich ſagten: Nun, laſſe Dich nur ganz gehen. Sie nahm ihre Caſtagnetten; ſie ſpielte ein kleines Vor⸗ ſpiel, und zwar ſehr gut. Ich meinerſeits folgte hüpfend allen ihren Bewegungen, das war das Beſte, was ich thun konnte; Inez lachte aus vollem Halſe, während ſie ſich um mich herumdrehte.„Madame,“ ſagte Velasco zu ihr, „man darf ſich über ein Mitglied des Comits der Sechs⸗ zehn zu Paris nicht luſtig machen; mißbrauchen Sie nicht noch längere Zeit die Gefülligkeit des Herrn de Mouchh, de la Moucherie, de la Tour.“ Inez ergriff meine Hand, führte mich auf meinen Platz zurück und machte mir die reizendſte und doch zugleich boshafteſte aller Verbeugungen. Herr und Madame de Valvis kehrten wieder zurück; ich ſah gleich auf den erſten Blick, daß Clara von André Unterricht in ihrer Rolle bekommen und vaß ſie denſelben benutzt hatte. Sie ſtellte ſich ohne Ungeſchicklichkeit und ohne Ziererei vor; ſie ſprach wenig und ſagte nicht ein Wort, welches nicht der Fabel, die wir erfunden und vorgebracht hatten, angemeſſen geweſen wäre. Erfindet immerhin Lügen, aber gebt Euch nur ſelbſt den Anſchein, als glaubtet — 184— Ihr daran, und Ihr werdet auf dieſe Art Eure Freunde überreden und dieſe werden wieder Andere zum Glauben hinreißen. Man kam Seine Excellenz zu benachrichtigen, daß die Tafel aufgetragen ſei; die Milch Clara's war in der That gefallen, oder auch geſtiegen. Don Velasco wurde wenig⸗ ſtens nicht müde, während er ihr die Hand gab, die beiden umfangreichen Quellen derſelben zu betrachten, um welche er wahrſcheinlich die Säuglinge beneidete; Clara war wirklich hübſch. Ich reichte der Frau Gouverneurin meine Fingerſpitze dar; dieſes Zeichen von Hochachtung iſt in Spanien uner⸗ läßlich, wenn man eine Frau von Rang von einem Ge⸗ mache in das andere begleitet. Inez nahm meinen Arm, ließ ihre kleine zarte Hand längs der meinigen hingleiten, öffnete dieſelbe, ſtreichelte meine Fingerſpitzen und ſagte mir mit leiſer Stimme:„Sie tanzen ſchlecht, aber Sie ſind ein hübſcher Junge.“ Wir ſetzten uns zur Tafel; man wird leicht begreifen, daß mir Inez den Platz an ihrer Seite anwies, der Herr Gouverneur ſetzte ſich auch ſeinerſeits ohne alle Umſtände neben die Frau von Valois. Ein ſtarker Knoblauchgeruch verletzte auf's Unangenehmſte unſere Geruchsnerven; die Olla potrida, das Hauptgericht des Mahles, war damit verpeſtet, die beiden Spanier ſchienen das bewunderungs⸗ würdig gut zu finden. Die drei Franzoſen ſahen ruhig ihrem Beginnen zu; André war mit einer ruhigen Vor⸗ ſicht begabt, welche durch Nichts aus dem Gleichgewichte — 185— gebracht werden konnte.„Monſeigneur,“ ſagte er,„wir ſind an die ſpaniſche Küche nicht gewöhnt und wir haben unten in unſerem Frachtwagen herrliche Sachen, welche wir in Paris eingekauft haben. Würden Ew. Excellenz wohl böſe ſein zu erfahren, auf welche Art man in dieſem Lande dort Paſteten bäckt?“—„Wir wollen das franzö⸗ ſiſche Paſtetenbackwerk koſten,“ ſagte Inez.„Wir wollen es koſten,“ wiederholte Don Velasco. Er ging hinaus, kehrte aber ſogleich, von Bertrand, welcher eine prächtige Paſtete von Arpajon trug, gefolgt, zurück; wir hatten ſie dazu aufbewahrt, unſere Befreiung an dem Tage, an welchem wir den Fuß auf das ſchwei⸗ zeriſche Gebiet ſetzen würden, zu feiern. Der Marquis von Valois bat den Monſeigneur fie zu öffnen. „Was ſehe ich!“ rief Velasco aus,„ein Papier, wel⸗ ches gefaltet zwiſchen zwei Schnepfen liegt! Wir wollen einmal ſehen, was das iſt.“—„Monſeigneur,“ ergriff André das Wort,„ich geſtehe ein, daß ich eine kleine Un⸗ terſchlagung begangen habe, und dieſes Papier enthält vielleicht den Beweis davon. Wir haben dieſe Paſtete aus den Händen Seiner Herrlichkeit Bernardins von Men⸗ doza erhalten, welcher ſie eigentlich für Monſeigneur den Gouverneur von Beſangon beſtimmt hatte; aber Ew. Excellenz haben uns mit ſo viel Freundlichkeit und Lie⸗ benswürdigkeit aufgenommen, daß wir ſie lieber hier als in Beſangon zum Beſten geben wollten.“—„Teufel, Teu⸗ fel! wenn ich das hätte vorherſehen können, ſo würde ich die Paftete nicht aufgeſchnitten haben; der Gouverneur — 186— von Beſangon regiert die ganze Provinz, iſt alſo mein Vorgeſetzter. Und dann ſtammt er noch überdies von den Königen von Portugal ab, welche die Spanier ſoeben aus allen ihren Staaten vertrieben haben, und um ihn über dieſes Mißgeſchick zu tröſten, hat ihm der große König Philipp der Zweite die Gouverneurſtelle der Franche⸗ Comté übergeben. Seine Paſtete zu eſſen! Teufel, Teu⸗ fell—„Monſeigneur, ſo will ich ſie denn wieder zu⸗ machen.“—„Herr Marquis, man wird doch immer ſehen, daß ſie ſchon offen geweſen iſt.“—„Das iſt wahr, das iſt ſehr wahr.“—„Laßt einmal ſehen, was dieſes Papier beſagt; wir wollen uns dann nach dieſen Anzeichen be⸗ nehmen.“ Kaum hatte ſich Velasco darüber bergemacht, dieſes Papier, von welchem er noch gar Nichts verſtand, zu ent⸗ ziffern, als Inez ſich auch ſchon einer Schnepfe bemächtigt, ſie in Stücke getheilt und mir den beſten Biſſen vorgeſetzt hatte. Sie ſtopfte dabei, ohne es auch nur zu ahnen, ein ſehr kleines Loch zu, durch welches André das Papier in die Paſtete geſteckt hatte; ſie knüpfte dann ein Geſpräch über die urſprüngliche Beſtimmung der Paſtete an und ſagte, daß es ſehr Schade geweſen wäre, wenn ſie nicht in Döle gegeſſen worden wäre. In der That war ſie auch ſehr gut; Inez begleitete ihre kleinen abgebrochenen Reden mit Blicken, über deren Bedeutung mich zu täuſchen mir wirklich ſchwer gefallen wäre. Bald fühlte ich auch, wie ihr kleiner Fuß zärtlich den meinigen drückte. Ich hatte zwar den Schwur, den ich auf dem Grabe — 187— Colombe's ausgeſprochen hatte, nicht vergeſſen, aber ebenſo wenig hatte ich auch den ſchrecklichen Kummer ver⸗ geſſen, welchen mich die Frau Gräfin von Montbaſon hatte ausſtehen laſſen, und ſo nahm ich mir denn feſt vor, nicht wieder grauſam zu ſein. Der Gouverneur war endlich damit zu Ende gekom⸗ men, das, was auf dieſem Papiere geſchrieben ſtand, zu ſtudiren, und er las es uns nun, ſo gut als es eben gehen mochte, vor. „Mein lieber Gouverneur! Rach all' dem Schönen und Guten, welches ich Ihnen von dem edlen und ehrenwerthen Herrn de Mouchy, de la Moucherie, de la Tour, in dem offenen Geleitsbriefe, welchen ich ihm übergeben, geſchrie⸗ ben habe, werden Sie gewiß nicht ermangeln ihn zu Tiſche zu bitten; ich bin mit ſeinen Dienſtleiſtungen dermaßen zu⸗ frieden, daß ich Sie ermächtige, ihm beim Nachtiſche mit⸗ zutheilen, daß ich zu Madrid für ihn um die Decoration des Ordens des Ordens was Teufel! das Fett hat ja da einen Tintenfleck gebildet— angehalten habe.“ Ich zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß Andreé nicht gewußt hatte, mit welchem Orden er mich decoriren ſollte. „Sehen Sie doch zu, meine Herren, verſuchen Sie doch das da zu leſen.“—„Ich bin es nicht im Stande,“ ſagte André.„Ich ebenſo wenig,“ fügte ich hinzu.—„Es wird aber ohne Zweifel einer der ehrenvollſten Orden Spaniens ſein. Herr de Mouchy, de la Moucherie, de la Tour, ich bringe Ihnen meinen innigſten Glückwunſch dazu dar.. Unterzeichnet von dem Herzog Bernardin von Mendoza mit ſeinem eigenen Namenszuge.“ Ich nahm dieſes Papier wieder in meine Hand; es war ganz fettig, ganz ſchmierig. André hatte ohne Zweifel zur Beihilfe Mariannens ſeine Zuflucht genommen. Der Gouverneur ergriff mit einer ganz vorzüglich be⸗ merkenswerthen Würde wieder das Wort.„Meine Her⸗ ren,“ ſagte er,„dieſe Angelegenheit iſt von der höchſten Wichtigkeit. Eine Paſtete, welche für Seine Herrlichkeit Monſeigneur den Gouverneur von Beſangon beſtimmt war und welche die Frau Gouverneurin in Stücke zer⸗ riſſen hat, das iſt durchaus gar kein Kinderſpiel. Meine Herren, geben Sie mir Ihr Ehrenwort als franzöſiſche Edelleute, mit Niemandem, wer es auch ſei, von dieſem Abenteuer mit der Paſtete zu ſprechen.“ Man wird leicht begreifen, daß wir daſſelbe, und zwar von ganzem Herzen, gaben. „Ich rathe Ihnen jetzt, meine Herren, gar nicht über Beſangon zu reiſen; das iſt übrigens auch der längſte Weg, um nach Genf zu gelangen. Folgen Sie zuerſt der geraden Linie, halten Sie ſich dann rechts und ſchlagen Sie dann den Weg über Saint⸗Claude ein. Sie haben Ihren Geleitsſchein verbrannt; ich werde Ihnen deshalb einen neuen ausſtellen, und zwar einen, mit dem Sie zu⸗ frieden ſein ſollen, denn Sie mögen ihn ſelbſt aufſetzen und ich werde mich darauf beſchränken, ihn zu unterzeichnen. „Das iſt eine Angelegenheit, die mir nun ſehr gut ge⸗ ordnet zu ſein ſcheint; aber, zum Teufel! ſie war auch — 189— nicht wenig ſchwierig. Herr von Valvis, reichen Sie mir doch eine Hälfte von dieſer Schnepfe dort her Ausge⸗ zeichnet, köſtlich! Jacob von Compoſtella, geh' und hole mir dieſe Flaſche Wein von Arbois...—„Welche, Mon⸗ ſeigneur?“—„Die letzte, welche jene Schleichhändler in Dole mit Umgehung der Zollgebühren haben einſchmuggeln wollen; ich könnte ſie wirklich nicht in beſſerer Geſellſchaft trinken, und überdies wollen wir ſie ja auch auf die Ge⸗ ſundheit des Gouverneurs von Beſangon leeren.“ Velasco ſchenkte Clara'n ein; Inez ſchenkte mir ein und vergaß ſich ſelbſt auch nicht dabei. Sie ſang eine Romanze, indem ſie dabei ihr Knie zärtlich an das meine preßte; Ve⸗ lasco war auch ſehr zärtlich geworden und drückte die Marquiſe von Valvis eng an ſich. André war eigentlich nicht eiferſüchtig, aber gleich ſehr vielen Ehemännern konnte er es nicht ausſtehen, wenn man ſeine Frau in ſei⸗ ner Gegenwart liebkoſte; er ſchickte Clara fort, zu ihren beiden Säuglingen, Velasco folgte ihr und auch André ging mit ihnen hinaus. Ich war nun mit Inez und Jacob von Compoſtella allein; ich muß aufrichtig eingeſtehen, daß die kleine Dame mir, und zwar in hohem Grade, zu gefallen anfing. Der — war überflüſſig, ſie ſchickte ihn fort Pfeifen zu olen. Er blieb ziemlich lange Zeit aus, bis er ſie fand, und als er zurückkehrte, hatten ſich die Rebelwolken des Weines von Arbvis ſchon ſo ziemlich zerſtreut. Inez ſteckte eine Pfeife an und reichte ſie mir dar; ich ſagte ihr, daß ich an — 190— Tabak nicht gewöhnt ſei: da nahm ſie die Pfeiſe und rauchte ſie ſelbſt.„Wie, kleine Unſaubere, Du ißt Knob⸗ lauch und Du rauchſt?“ Ich ſtand auf, ſie wollte mich zu⸗ rückhalten, aber der Zauber war nun einmal zerſtört. Don Velasco erſchien wieder, freilich ein wenig ſpät, und hatte dabei eine ſehr üble Laune.„Ihr Marquis von Valvis,“ ſagte er zu mir,„iſt eiferſüchtig wie ein Tiger; ſollten Sie wohl glauben, daß er ſeine Frau unter Schloß und Riegel eingeſperrt hat? Ich ſperre die meinige nie⸗ mals ein; ich, der ich doch ein Spanier bin. Der Mar⸗ quis folgte ihm auf den Ferſen nach, er hielt ein Papier in der einen und eine Feder in ver andern Hand; der Gou⸗ verneur unterzeichnete den Geleitsſchein, er ſetzte ſein Siegel und allen den gebräuchlichen Krimskrams darunter. „Mein Herr,“ ſagte der Marquis zu mir,„ich habe Befehl gegeben die Wagen anzuſpannen, und bitte Sie, ſich bereit zu halten in den Ihrigen zu ſteigen.“—„Was Teu⸗ fel!“ rief der Gouverneur aus,„wir müſſen doch den noch übrigen Theil des Tages miteinander zubringen; Sie können ja morgen früh abreiſen.“—„Das iſt nicht mög⸗ lich,“ erwiderte der Marquis,„wir haben das Höchſte dabei im Spiele: ſo ſchnell als nur immer möglich in die Schweiz zu gelangen. Es iſt erſt zwei Uhr; wir werden bis nach Arbois reiſen und dort ſchlafen.“—„Aber, zum Teufel! Sie werden ja viel zu ſpät dorthin kommen.“— „Es iſt gerade zum Glück Vollmond.“—„Sagen Sie ihm doch, mein Herr, Sie, das ausgezeichnete Mitglied des Comité der Sechszehn, daß Sie erſt morgen abreiſen — 191— wollen.“—„Ich kann das nicht über mich nebmen, Ew. Excellenz; wie ſollte ich mich mit einem Cavalier verfein⸗ den wollen, welcher ſelbſt dem großen Könige Philipp dem Zweiten die Krone von Frankreich ſtreitig machen könnte, wenn ſeine Geburt anerkannt worden wäre.“ Bertrand kam, um uns anzukündigen, daß man nur noch auf uns warte; Inez zog ein kleines weißes Schnupf⸗ tuch hervor und kehrte dann traurig in ihre Gemächer zurück. Der Gouverneur vergaß ſogar ſeinen ſpaniſchen Stolz und begleitete uns bis auf die Straße hinab; er wollte der Frau Marquifin noch ein letztes Lebewohl ſagen. Wir reiſten endlich ab, ſehr befriedigt mit der Ent⸗ wickelung eines Abenteuers, welches auch ſehr ſchlimm hätte ausgehen können; wir waren in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt, wenigſtens bis nach Genf die Standeserhöhungen, welche wir uns angemaßt hatten, beizubehalten, und wir nannten uns ſelbſt untereinander, um es nicht zu ver⸗ geſſen, unter lautem Lachen auch demgemäß. Das hieß freilich Comödie ſpielen; aber ſpielen denn nicht alle Menſchen mehr oder weniger Comödie? Ein Co⸗ mödiant iſt gewöhnlich nur zwei Stunden lang König; aber wer von uns Allen iſt ſicher, morgen noch das zu ſein, was er heute iſt? Wir hatten durchaus keine Luſt, dem Commandanten einer jeden Stadt, welche uns auf unſerem Wege aufſtoßen würde, unſere Geſchichte zu erzählen; das hätte uns einen unerträglichen Zwang auferlegen geheißen, und es iſt lang⸗ weilig, ſich ſelbſt täglich zu wiederholen, das kommt höch⸗ — 192— ſtens nur Dummköpfen zu. Folglich beſchränkten wir uns demgemäß darauf, unſern Geleitsſchein nur an den Tho⸗ ren von den feſten Plätzen vorzuzeigen, von denen die Franche⸗Comté wimmelt. Wir reiſten auf dieſe Art gleich⸗ ſam incognito, befanden uns aber überall ſehr wohl; Dank ſei es den Mundvorräthen und den guten Betten, welche wir mit uns führten. Aber wir konnten es nicht vermeiden, den Geleits⸗ ſchein in Saint⸗Claude vorzuzeigen. Monſeigneur, der Abt, der Herr des Ortes, genoß ſeiner Rechte in ihrem ganzen Umfange, und ließ alle Fremden, welche durch ſeine 1 kleine Stadt kamen, vor ſich führen. Wir kamen, um⸗ ringt von den Garde⸗du⸗Corps und der ganzen Garni⸗ ſon, die unter die Waffen getreten war, in dem Palaſte des Abtes an. Alle zuſammengenommen machten gegen zweihundert Mann aus, welche dazu beſtimmt waren, die etwaigen Unternehmungen der Bewohner von Genf zu unterdrücken, welche letztere übrigens gar nicht daran dach⸗ ten, irgend Jemanden anzugreifen. Die Leibwache hatte ſich der Treppe entlang in zwei Reihen aufgeſtellt, und ein Ehrenpoſten hielt den Audienz⸗ ſaal beſetzt, in welchem Monſeigneur uns empfing. Es ſcheint, daß man in dieſem Lande die großen Lehnſtühle als das Zeichen der höchſten Würde betrachtet. Der Herr Abt nahm wenigſtens einen ſolchen ungeheuern Lehnſtuhl, der noch dazu mit Kiſſen überlaſtet war, ein. Ein junger Kleriker von ſehr hübſchem Ausſehen ſtand an ſeiner Seite und hielt neben Seiner Hochehrwürden den äbt⸗ . — 193— lichen Krummftab in die Höhe. Ich ſah mit einem einzigen raſchen Blicke, daß oben auf demſelben eine kleine pur⸗ purne Krone angebracht war; obgleich Jeſus Chriſtus geſagt hatte: Mein Reich iſt nicht von dieſer Welt. Monſeigneur las unſern Geleitsſchein, und zwar las er ihn mit großer Geläufigkeit. Während er las, dachte ich, daß man es ihm wohl geſtatten könne, eine kleine Krone zu führen, da unſer hochheiliger Vater, der Papſt, deren drei große trage. Uebrigens ſagte ich zu mir ſelbſt: andere Zeiten, andere Sitten.„Sie ſind,“ ſagte der Abt zu uns,„ſehr empfehlenswerthe Leute, und Sie werden daher mit mir zu Mittag ſpeiſen.“ Wir entſchuldigten uns mit der Müdigkeit, welche die Folge unſerer langen Reiſe ſei. Monſeigneur ſchien über die Lauigkeit, mit welcher wir die ehrenvollſte aller Ein⸗ ladungen aufgenommen hatten, ſehr verletzt zu ſein, und beſtand daher auch nicht weiter darauf. „Welches Glück,“ ſagte ich zu André,„während wir uns nun entfernten, welches Glück für dieſe Bürger und Bauern, die Vaſallen dieſes erlauchten und heiligen Mannes zu ſein. Vielleicht aber fühlen ſie daſſelbe nicht einmal in ſeinem ganzen Umfange.“ Wir begegneten ſieben bis acht Unglücklichen, welche die Treppe auf ihren Knieen hinauf⸗ rutſchten.„Das ſind ja ohne Zweifel„ ſagte André zu mir,„wohl einige von den glücklichen Vaſallen Mon⸗ ſeigneurs?“ Wir ſahen in dem Hofe einen Unglücklichen, welcher bis an den Gürtel nackt, und an einen Holzpflock angebun⸗ RBiouoth. 336 Bdch. 13 — 194— den war. Sein Blut ſprang ſchon bei dem erſten Peitſchen⸗ hiebe hervor, und er bekam deren fünfundzwanzig. Sein Geſchrei zerriß uns das Herz; nichtsdeſtoweniger blieben wir aber doch ſtehen. Unerklärlicher Drang der menſch⸗ lichen Natur, Unglückliche zu ſehen. Monſeigneur erſchien an einem der Kreuzfenſter, und machte ein Zeichen mit der Hand, auf welches die Peitſche den Händen des Strafvollziehers entſank. Wir erkundig⸗ ten uns, welches Verbrechen dieſer Mann begangen habe. „Er ſchuldet dem Monſeigneur wöchentlich drei Tage Roboth, und während der letztverfloſſenen Woche hat er ihm deren nur zwei geleiſtet.“ Wir ſahen uns gegenſeitig an, André und ich. Dann erfaßten wir uns gleichzeitig bei den Händen, und zogen uns einander weit weg von dieſer Scene des Schreckens. „O,“ ſagte ich zu ihm,„wenn man ſolche Dinge ſieht, ſo kommt man wirklich in Verſuchung, den Hugenotten zu verzeihen.“—„Ihr Verſtand fängt an, ſich zu mein Herr. Aber laſſen Sie uns ſogleich abreiſen, ohne auch nur eine Minute Zeit zu verlieren. Die Luft, welche man hier einathmet, ſcheint mir verpeſtet zu ſein.“ Drei Stunden darauf waren wir auf dem Gebiete von Genf angelangt. Ein Seufzer der Erleichterung entrang ſich gleichzeitig der Bruſt eines Jeden von uns; mit einet unwillkürlichen Bewegung begrüßten wir das Land der Freiheit, und wir ſtreuten die Stücke unſeres zerriſſenen Geleitsbriefes in alle vier Winde. Die Geſchichte der Ty⸗ rgnnen aller Arten und aller Abſtufungen iſt für die Be⸗ — 1— wohner von Genf Das, was die Erzählungen und Mär⸗ chen von übelthätigen Dämonen, welche ſich durch die Tugend häufig verletzt und gereizt fühlen, für die Kinder in Frankreich find. Die Geſchichte lehrt ſie, ihre Unabhän⸗ gigkeit zu lieben, und dieſelbe ſelbſt um den Preis ihres Blutes und Lebens zu erhalten. Genf verdankt übrigens ſeine Unabhängigkeit nur der geringen Ausdehnung ſeines Gebietes. Es iſt zwiſchen mächtigen Staaten, denen es zur Grenze dient, und die ein Intereſſe dabei haben, es zu beſchützen, eingekeilt. Ach, aber nicht einmal das Weltmeer hat die Spanier aufge⸗ halten; ſie haben eine neue Welt mit Blut überſchwemmt. Ich glaubte jetzt ein vollkommen neues Daſein zu leben. Ich hatte nun keine Untergebenen mehr; aber eben ſo wenig erkannte ich mehr einen Herrn über mir an. Das Geſetz allein ſtand über mir, und die Gerichtsperſonen, welche von dem Volke damit beauftragt waren, demſelben Achtung zu verſchaffen und zu erhalten, waren demſelben eben ſo gut wie der einfachſte Privatmann unterworfen. Ich fühlte mich mächtig gehoben, als ich mich dieſen Ge⸗ danken überließ. Dennoch erklärte ich André'n, daß ich nicht in die Stadt Genf eintreten werde.„Und warum denn nicht, mein Herr?“—„Dieſe Stadt iſt Daſſelbe, was la Rochelle noch vor einigen Jahren war. Es iſt der Hauptmittelpunkt der Hugenotten, nur noch mit dem Un⸗ terſchiede, daß die Bewohner von la Rochelle wenigſtens Niemanden verfolgten, und ſich darauf beſchränkten, ſich zu vertheidigen. Hier hat aber Calvin, der ſich des Pla⸗ — 196— nes und des Namens Zwingli's gewaltſam bemächtigt hatte, den Michael Servet verbrennen laſſen, der kein anderes Verbrechen begangen hatte, als das, anders zu denken als Jener. Der Mann, welcher den Kreislauf des Blutes entdeckt, ſollte doch für Calvin geheiligt geweſen ſein, oder im andern Falle ſollte dieſes Verbrechen den Letzteren bei den Bewohnern von Genf wenigſtens verhaßt gemacht haben. Aber ſein Name wird im Gegentheile noch jetzt in Genf geachtet und geſegnet. Laß uns dieſe Stadt nicht betreten, André; laß uns an dem ufer des Sees ausſteigen. Wir wollen uns mit unſeren Equipagen auf demſelben einſchiffen, und von dem gegenüber liegen⸗ dem Ufer aus in den Canton von Freiburg einziehen.“— „Wir werden aber überall Proteſtanten finden, darauf habe ich Sie ſchon im Voraus aufmerkſam gemacht.“— „Wenigſtens werden das aber keine Verfolgungsſüchtigen ſein.“—„Weil ſie von den Katholiken im Zaune gehalten werden; der Menſch will überall herrſchen. Wenn ſeine Gegner mächtiger ſind, ſo beugt er ſich, bricht aber nicht. Hat ſich der Sturm gelegt, ſo richtet er ſich wieder auf und unterdrückt nun ſeinerſeits. „Noch faſt in unſeren Tagen hat Villegagnon, ein großer Schifffahrer und Maltheſerritter, aber im Innern ſeines Herzens proteſtantiſch geſinnt, mittelſt der Unterſtützung, welche ihm von ſeinen Religionsgenoſſen zu Theil wurde, drei Schiffe ausgerüſtet. Er ſchiffte ſich mit dreihundert Reformirten und gerade ſo vielen Katholiken ein, als durch⸗ au nothwendig war, um keinen Verdacht zu erwecken. — 197— Er landete in der Nähe von Braſilien auf einer unbe⸗ wohnten Inſel, und erbaute daſelbſt eine Feſtung. Bald aber verfolgten und erwürgten die Proteſtanten die Ka⸗ tholiken. Die Portugieſen benützten dieſe Spaltungen und vernichteten die ganze Anſiedelung. „Gehen Sie nach England, Sie werden dort ſehen, daß die Anglicaner die Katholiken verabſcheuen, beſonders die von Irland; Sie werden ſehen, daß die Engländer dieſelben in einem Zuſtande der Erniedrigung erhalten, welcher dieſelben früher oder ſpäter zum Aufſtande treiben wird, Sie werden ſehen, wie ſie...“—„Ich ſehe nach Deinen eigenen Geſtändniſſen ein, daß die ſogenannte re⸗ formirte Religion vernichtet werden muß, und finde es nur unbegreiflich, daß ſich nicht ſchon alle Herrſcher gegen dieſelbe verbündet haben.“ „Mein Herr, mein Herr! es giebt kein Bild, welches nicht ſeine zwei Seiten hätte. Wir haben jetzt nur eine Seite dieſes Gemäldes betrachtet; laſſen Sie uns nun auch einen Augenblick bei der anderen verweilen. Wer hat neuntauſend Bulgaren erwürgen laſſen, welche gekommen waren, und ſich an Dagobert den Erſten ergeben hatten? Wer hat die Albigenſer niedergemetzelt und verbrannt? Wer hat das Feuer der Kreuzzüge angefacht? Wer hat neun Millionen Menſchen in Amerika ausgerottet? Wer hat Frankreich mit Scheiterhaufen bedeckt, und die ſcheuß⸗ lichen Martern auf der Folterbank erfunden? Wer hat die Sanct Bartholomäusnacht veranſtaltet? Sind es die Proteſtanten geweſen? Sie antworten mir nicht, mein — 198— Herr? Soll ich nun ſo wie Sie ſagen, daß die proteſtan⸗ tiſchen Fürſten ſich dazu verbünden ſollten, die katholiſche Religion von dem Erdboden verſchwinden zu machen? .„Die Moral iſt nur eine einzige; ſie iſt für den ge⸗ bildeten Menſchen nothwendig, ja ſogarunerläßlich. Soll⸗ ten wir uns nun gegen dieſelbe erheben, weil ſie nur zu häufig ſchon durch unſere Leidenſchaften entehrt worden iſt? Was hat man denn nicht ſchon mißbraucht? Was wird man nicht noch mißbrauchen? Laſſen Sie uns das Gute mitten aus den Verirrungen, welche uns daſſelbe verbergen, herausfinden; laſſen Sie uns es erfaſſen, und es ausüben. „Wir wollen uns öfters an die Worte Ihres Freundes Pouſſanville erinnern: Nimm die Menſchen, wie ſie eben find. Laſſen Sie uns dieſelben etwas ausführlicher um⸗ ſchreiben: Schone die Meinungen der Anderen, wenn Du willſt, daß man die Deinigen achte; fliehe den Umgang der Böſen, und ſuche den der Guten auf; ſei niemals ſtrenger als das große Weſen, welches die Erſteren gedul⸗ dig erträgt, und der Letzteren harrt; hüte Dich vor Allem in ſeinem Namen zu ſprechen, bis daß Du den Schleier gelüftet haſt, mit welchem es ſeine göttliche Weſenheit ver⸗ hüllt.“—„Meiner Treu! mein Freund André, ich glaube, daß Du ſchon wieder einmal Recht haſt.“ „Wir betreten jetzt ein Land, in welchem Jeder den Meinungen, welche er mit der Muttermilch eingeſaugt hat, gemäß betet, und in welchem Niemand dogmatifirt. Hüten Sie ſich hier, ſich zum Miſſionär aufzuwerfen; — 4199— vergeſſen Sie Ihre Homilien und Ihre unfruchtbaren theologiſchen Streitigkeiten und Controverſen; lachen Sie über alles Das, das iſt das einzige Mittel, um ſich nicht leidenſchaftlich dafür zu begeiſtern.“ „André, laß uns die Stadt Genf doch nicht betreten. Ich fürchte mich ordentlich davor, den Schauplatz der Hin⸗ richtung Michael Servets zu ſehen.“—„Ihr Widerſtreben dagegen iſt lobenswerth, wenn es die Wirkung einer in Ihnen auflebenden toleranteren Gefinnung iſt. Wir wollen die Stadt Genf nicht betreten.“ Wir gelangten an die Ufer des Sees. Zwei Schiffs⸗ leute ſchlummerten in einer großen Barke, welche uns ge⸗ räumig und ſtark genug gebaut ſchien, um uns mit ſammt unſeren Equipagen überſetzen zu können. Wir weckten die beiden Schiffsleute auf, und fanden ſie ſehr dazu ge⸗ neigt, unſer Geld zu verdienen. Wir kamen mit ihnen über einen anſtändigen Lohn überein, für welchen ſie uns an das enigegengeſetzte Ufer des Sees führen ſollten. Sie machten uns die Bemerkung, daß die Ausdehnung des Sees der Länge nach funfzehn Meilen betrage, ſo daß wir, da der Tag ſchon ziemlich weit vorgerückt ſei, entwe⸗ der auf dem linken Ufer zu Coppet, oder auf dem rechten zu Beauregard übernachten mußten. Wir betraten jetzt eine uns ganz unbekannte Welt, und hatten durchaus keine Gründe, die eine Seite der anderen vorzuziehen. So überließen wir uns der Leitung unſerer Bootsmänner, und das war auch unter dieſen Umſtänden das Klügſte, was wir thun konnten. — 200— Ueberall halten die Menſchen viel auf ihr Vaterland, und zwar halten ſie in dem Grade darauf, als es Bemer⸗ kenswerthes darbietet. Unſere Schiffer führten uns, ohne uns um Rath zu fragen, an den Ort, welcher der Ausfluß . der Rhone genannt wird. Dieſer Fluß hat ſeine Quelle in der Umgegend von Oberwald, und wächſt in dem Maßſtabe, als er weiter ſtrömt, bis er ſich endlich in der Nähe von Noville in den 3 See ergießt. Die Schnelligkeit ſeines Laufes verhindert ihn, ſich ſogleich mit dem ruhigen Gewäſſer des Sees zu vermiſchen. Durch eine Felſenbank aufgehalten, ſtürzt er ſich mit Wuth in eine der Oeffnungen, welche bei ihrem Entſtehen eigentlich nur zwei Fuß Breite hat. Seine zu⸗ ſammengepreßten Wogen erheben ſich, rauſchen und ſchäu⸗ men. Dieſes Schauſpiel regt die Einbildungskraft unge⸗ mein an. Bald aber erweitert ſich die Oeffnung, und der Fluß ſtrömt wieder in ſeinem raſchen und majeſtätiſchen Laufe weiter. Er verliert ſich dann weiterhin in einem unge⸗ heuren Haufen von Felſen, und dieſen Ort nun nennt man den Ausfluß der Rhone. Er erſcheint dann ungefähr in einer Entfernung von fünfundſiebenzig Fuß wieder, aber dann fließt er ſtill und ruhig fort, eine Erſcheinung, welche ſich André ungeachtet ſeines großen Scharfſinnes nicht er⸗ klären konnte. Wir dankten unſern Führern für den Genuß, welchen ſie uns bereitet hatten. Sie ſagten uns, daß der See außer⸗ ordentlich fiſchreich ſei, und daß wir zu Coppet ausgezeich⸗ — 201— nete Forellen bekommen würden. Sie ſprachen uns von dieſen Forellen als förmliche Feinſchmecker, und wir waren das nicht weniger als ſie. Ich fragte ſie, ob es Einkehrwirthshäuſer zu Coppet gebe. Meine Frage ſchien ſie ſehr in Erſtaunen zu ver⸗ ſetzen. Ich erklärte ihnen nun, was ein Einkehrwirthshaus ſei; aber ſie ſahen einander an, und fingen an zu lachen. Ich ſchloß daraus, daß die Erfindung André's, welche man in Frankreich ſchon wirklich in's Werk zu ſetzen begonnen hatte, in dieſen Cantonen noch völlig unbekannt ſei. „Nun wohl,“ ſagten wir fröhlich,„ſo werden wir wieder in unſerem Packwagen ſchlafen.“—„Das wird freilich,“ fügte ich hinzu,„der Frau Marquiſe von Valvis nicht ſehr gefallen.“—„Die Frau Marquiſe,“ erwiderte ſie mir,„iſt wieder Clara geworden, und will auch nicht mehr etwas Anderes werden.“ Unſer Boot landete in Coppet, vor der Hütte eines Fiſchers. Dieſer Mann trat ſogleich aus derſelben her⸗ aus, und kam mit lachender Miene auf uns zu.„Wollen dieſe Herren vielleicht Forellen von mir?“—„Ja, mein Freund.“—„Ich bin nur der Freund von ſolchen Leuten, welche ich genau kenne.“—„Verzeihen Sie, mein Herr...“ —„Ich bin auch kein Herr; ich heiße Simon, der Fiſcher.“ —„Nun wohl, Simon, wir wollen Forellen eſſen.“— „So will ich das für Sie in Ordnung bringen.“ Es wäre lächerlich geweſen, in dieſem Lande hier Leute für Etwas zu miethen und zu bezahlen, was wir ſelbſt — 202— thun konnten; André, Bertrand und ich halfen daher un⸗ ſern Schiffsleuten unſere Wagen an das Ufer zu bringen. Das größte und ſchönſte Zimmer Simons diente ihm . zur Küche, und die Abende begannen ſchon kühl zu werden; ein kniſterndes Feuer lockte uns an, Marianne nahm in ihrer Eigenſchaft als Köchin den erſten Platz ein: ſie wollte, wie ſie ſagte, nur ſehen, wie man in Coppet die Forellen zubereite. Das Gericht war ſehr reichlich; André machte mich darauf aufmerkſam, daß in dem Lande der Freiheit alle Menſchen gleich ſeien, ſobald ihnen nicht gerade öffentliche Aemter übertragen worden find. In Folge dieſer ſeiner Anſicht lud er unſere Schiffsleute und Simon den Fiſcher freundlich ein, ſich mit uns zu Tiſche zu ſetzen; ſie ließen ihn dieſe Einladung nicht erſt noch wiederholen. Die Forellen waren ausgezeichnet, und ich machte dem Fiſcher Simon mein Compliment darüber.„Das läßt ſich hören,“ ſagte er zu mir,„aber ich habe vor ungefähr acht Tagen einen engliſchen Milord und fünf bis ſechs ſeiner Bedienten hier aufgenommen; der Herr iſt ein ziemlich guter Mann, aber ſeine Diener ſind unverſchämte Schlin⸗ gels, welche Alles ſchlecht fanden, und welche mir befehlen wollten, als ob ſie mit einem deutſchen Soldaten geſpro⸗ chen hätten. Vergeßt nicht, ſagte ich zu ihnen,»daß ich ein freier Mann bin; wenn Ihr ſo fortfahrt die unver⸗ ſchämten Herren zu ſpielen, ſo werfe ich Euch Alle zur Thüre meines Hauſes hinaus. Da wurden ſie mit einem — 203— Male geſchmeidig wie ein papiſtiſcher Prieſter vor ſeinem Biſchofe. Ich errieth nun alsbald, welche Art von Höflichkeit in der Schweiz gebräuchlich ſei; es iſt dies nämlich die Herz⸗ lichkeit, und dieſe Lection, welche mir der Fiſcher Simon gab, war daher für mich durchaus nicht verloren. Indeſſen war es mir doch unmöglich, ſeinen Wein zu loben.„Er iſt ein wenig ſäuerlich,“ ſagte er zu uns,„aber ich habe kei⸗ nen andern.“ André ging hinaus und kehrte bald darauf mtt zwei Flaſchen von unſerem alten Magon zurück; ich ſchenkte Simon das erſte Glas davon ein, er ſtand auf, nahm ſeine Mütze ab und trank es auf unſere Geſundheit aus.„Teufel!“ ſagte er,„iſt der Wein gut, und ſo danke ich Ihnen denn dafür.“. Wir dachten nun daran, uns zur Ruhe zu begeben; Simon konnte uns nichts Anderes als Stroh anbieten und wir hatten ja doch gute Betten auf unſerem Packwagen. Aber wird es denn nöthig ſein, daß immer Einer von uns der Reihe um wache, wie wir es in der Bourgogne und in der Franche⸗Comté eingeführt hatten, oder konnten wir uns an den Ufern des Genfer⸗Sees für vollkommen in Sicherheit halten? Simon ſagte uns, daß es auf dem Gebiete von Genf ſowie überall ungleiche Vermögensverhältniſſe gebe, weil nicht alle Menſchen gleich betriebſam oder in ihren Unter⸗ nehmungen gleich glücklich ſeien; aber daß es, wenn man es ſtreng nehme, zu Coppet weder Reiche noch Arme, weder Diebe noch Bettler gebe.„Die Bettelei,“ fügte er hinzu, „iſt nur in ſchlecht regierten Staaten gebräuchlich und man ſagt, daß es deren ſehr viele gebe.“—„André, wer kann dieſen Mann ſo Vieles gelehrt haben?“—„Mein Herr, die Obrigkeiten freier Länder fürchten die Aufklärung . nicht; ſie begünſtigen den Unterricht, welcher den Mann erhebt und ihn über ſeine Rechte belehrt.“ „Wir ſtiegen in unſern Packwagen und wünſchten uns gegenſeitig eine gute Nacht; ich küßte noch die beiden Kin⸗ der und verſank dann in den Schlaf eines freien Mannes, der keine Sorgen hat und nicht zu fürchten braucht, daß ein paar Sbirren kämen, um ſeine Ruhe zu ſtören. Meine Reiſegefährten ſchliefen eben ſo ruhig als ich, und erſt das Krähen des Hahnes weckte uns Alle miteinander auf. Dieſer morgendliche Weckruf ftellt überall die Gleichheit her, wer ſich ſelbſt freiwillig in den Bereich begiebt, ihn hören zu können Aber die großen Städte, die Paläſte, die Landſchlöſſer, welche immer entfernt von den Hühner⸗ höfen gelegen ſind dort kräht freilich der Hahn nur für ſeine Hennen. Man iſt ſehr bald aufgeſtanden, wenn man ſich am Abende zuvor nicht entkleidet hat; wir ſchüttelten uns noch Alle miteinander ein wenig die Federn aus den Haaren und ſtiegen dann von unſerem Packwagen herab. Eine Frau, weder jung noch alt, weder ſchön noch häßlich, wedet groß noch klein, wuſch die Hütte Simons auf; ich fragte dieſen braven Mann, wer ſie ſei:„Das iſt meine wackere Hausehre, mein Herr.“—„Wie, Simon, Sie find ver⸗ heirathet und Ihre Frau iſt ja geſtern gar nicht zum Vor⸗ — 205— ſchein gekommen?“—„Mein Herr, die Frauen ſind nicht dazu geboren, um ihre Zeit mit Plaudern zu verderben, ſondern um ihre Wirthſchaft zu beſorgen; die Ehemänner von Genf und von der Schweiz überhaupt ſind von Natur gut und ſanft, aber ſie wollen auch, daß ihre Frauen ſich unterwürfig bezeigen. Den Tag über zeigt ſich keine von ihnen in der Gegenwart von Fremden, es wäre denn, daß man ſie eigens riefe; am Abende legt man ſich zu Bette, der Mann löſcht die Lampe aus und die Gleichheit iſt wiederhergeftellt.“ Darauf ließ ſich freilich Nichts er⸗ widern. Simon fragte uns, ob wir wünſchten, daß er das Früh⸗ ſtück bereiten ſolle, oder ob Mamſell Marianne wieder in ihr früheres Amt eintreten ſolle. Simon hatte keine Forellen mehr und konnte uns daher nur noch Milch, Käſe und ſchwarzes Brot anbieten. Wir baten ihn, es nicht übel zu nehmen, daß Mamſell Marianne wieder für unſere Be⸗ ürfniſſe ſorgen werde. Wir waren zwar ſparſam mit unſeren Vorräthen, aber wir hatten am Abende des geſtrigen Tages Nichts davon angerührt; übrigens kam es uns auch gerade ganz er⸗ wünſcht, dem Fiſcher Simon einen Begriff von der fran⸗ zöſiſchen Küche beibringen zu können.„O,“ ſagte er, „welche Schauſtellung, was für Umſtände ſind das, da man doch von ſo Wenigem leben kannz übrigens ſieht das Alles wirklich ſehr gut aus.“ Wir baten ihn um die Er⸗ laubniß, ſeine Hausehre einzuladen, ſich mit uns zu Tiſche zu ſetzen.„Nein,“ ſagte er,„nein; wir ſelbſt nehmen keine — 206— ſchlechten Gewohnheiten an, wir laſſen aber auch Nieman⸗ den ſolche annehmen, am wenigſten unſere Frauen. Mor⸗ gen würde Claudine ſicher ihr Brot ſchwarz und hart, ihren Käſe ſcharf und beißend und ihren Landwein ſauer finden; ich würde auch denſelben Abſcheu davor empfinden, wenn ich mich mit Ihnen zu Tiſche ſetzen würde. Ich will mit meiner Frau nach meiner Art frühſtücken gehen.“— „Wie, Simon, Sie verlaſſen uns?“—„Durchaus nicht, mein Herr, thun Sie nur einen einzigen Pfiff und ich bin wieder bei Ihnen.“ Man wird leicht begreifen, daß er eher mit ſeinem Frühſtücke fertig war als wir; er ging und kam, drehte ſich um uns herum, ſah uns an und ſchien über Etwas nachzudenken.„Meine Herren, ich habe genug mit meinen eigenen Angelegenheiten zu thun, um mich nicht um die Anderer zu bekümmern; übrigens bin ich auch nicht neugie⸗ rig, aber Sie gefallen mir und zwar ſehr. Ich will, wenn Sie es mir erlauben, einige Fragen an Sie richten. Sie 36 reiſen vielleicht tiefer in die Schweiz hinein?“—„In den Canton von Appenzell.“—„Um ſich daſelbſt wohl 1 bleibend niederzulaſſen?“—„Errathen.“—„O, gan 1 gut! Wir grenzen hier an Savoyen und an die Franch⸗ Comté; man findet noch in Genf einige Spuren von den Gebräuchen dieſer Länder da, aber man ſieht daſelbſt auch nicht mehr das kleine Mäntelchen von Seive, das Wams und das Beinkleid von demſelben Stoffe mit Gold oder Silber geſtickt, und das Sammetbaret mit einer weißen Feder, welche auf das Ohr herabfällt, geſchmückt. Was wollen — — 207— Sie denn in der Schweiz mit allem dieſem Flitter da an⸗ fangen? Unter Anderem, verſtehen Sie denn Deutſch?“ —„Nicht ein Wort.“—„Nun wohl, man wird ſtehen bleiben, um Sie zu betrachten; man wird ſich über Sie luſtig machen und Sie werden nicht einmal eine Ahnung davon haben. Wenn man Sie das Wort Graf oder Mar⸗ quis ausſprechen hören wird, wird man Geſichter gegen Sie ſchneiden; Sie werden ſprechen, aber man wird Ihnen nicht antworten; Sie werden Ihren langen Degen ziehen, und man wird Ihnen in's Geſicht lachen.“—„Was muß ich thun, mein lieber Simon, um alle dieſe Unannehmlich⸗ keiten da zu vermeiden?“—„Mein Herr, Sie müſſen, wenn Sie in der Schweiz reiſen wollen, auch wie die Be⸗ wohner dieſes Landes gekleidet ſein.“—„Das iſt leicht geſagt, aber—„Ein Handwerker fiedelt ſich überall an, wo er ſich ernähren kann.“ Er erzählte uns, daß Meiſter Lucker, ſeines Zeichens ein Schneider, ziemlich ſchlechte Geſchäfte in dem Canton von Freiburg, in welchem er geboren war, gemacht hatte, daß die Plackereien, welche von ſchönen Herren und ſchö⸗ nen Damen, die ſich ſelbſt Leute nach der Mode nannten, gegen ihn ausgeübt worden waren, ſeinen urſprünglichen Lebensplan verändert hatten, und daß er nun nach Coppet gekommen ſei, um hier einen neuen Zweig der Induſtrie zu eröffnen. Er macht Schweizer⸗Anzüge für beide Ge⸗ ſchlechter, und er macht ſie ſehr gut; häufig hat er auch ſogar deren ganz fertige bereit liegen. Er verkauft dieſel⸗ ben an vernünftige Reiſende, welche hierherkommen, um — 208— unſere Berge zu beſichtigen, welche für mich eben nichts ſehr Anziehendes haben; und doch kommen häufig Reiſende hier durch. In dieſem bequemen Aufzuge, einen großen mit Eiſen beſchlagenen Stock in der Hand, klettern dieſe Neugierigen überall hin. Es giebt deren zuweilen auch welche, die in die Tiefe eines Abgrundes hinabſtürzen; aber das iſt dann einzig und allein ihre Sache.“—„André, was ſagſt Du zu dieſem Einfalle da?“—„Daß man ſo⸗ gleich zu Lucker gehen müſſe, man kann da wirklich gar nicht im Zweifel ſein.“ Es ſchien uns faſt, als ob ſeit einiger Zeit Keiner von dieſen Neugierigen, welche ſich die Hälſe brechen, durch⸗ gereiſt ſein könne; die inneren Kriege, welche Frankreich in einen troſtloſen Zuſtand verſetzten, oder der Einfall des Herzogs von Savoypen in die Dauphiné, nahmen ihnen vielleicht die Luſt oder die Mittel in der Welt umherzu⸗ laufen. Wie dem auch ſei, in dem Laden Luckers hingen an den Wänden ringsherum Kleider von allen Größen, von allen Farben und von allen Schnitten. Lucker ſprach ein ſehr verdorbenes Franzöſiſch mit uns, und er ſtammte doch aus dem Canton von Freiburg, welcher an das Gebiet von Genf grenzt.„Was wird das werden, André, wenn wir erſt in den Mittelpunkt der Schweiz gelangt ſein werden? Wir werden ja dann auch nicht Ein Wort verſtehen.“—„Nun, nun, was wird denn das ſchaden, mein Herr?“—„Wie, was das ſchaden wird?“—„Begegnet man einem hübſchen Weibe, wohl, ſo legt man ſeine Hand auf das Herz; ſpürt man ein wenig — 209— Hunger, wohl, ſo öffnet man ſeinen Mund und ſteckt ſeine Fingerſpitzen etwas in denſelben hinein. Dieſe Sprache wird überall verſtanden.“—„Aber die näheren Einzeln⸗ heiten.“—„Aber die Hilfsquellen der Zeichenſprache; und dann verſtehen wir ja auch Lateiniſch zu ſprechen, und die Pfarrer der Schweiz müſſen das auch verſtehen, wenig⸗ ſtens ſo viel davon, als in ihrem Breviere ſteht. Mit einem Worte, wir werden dieſe Sprache ſchon erlernen; wir find doch hoffentlich nicht dümmer als die Bewohner dieſes Landes, und die ſprechen ja alle deutſch.“—„Ja, die haben es aber auch von ihrer Kindheit an gelernt.“— „Wohl, ſo werden wir es denn ſpäter lernen, und das iſt Alles.“ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Eine Umwandlung, eineßiſchfangpartie und andere Ereigniſſe. „Lucker, Sie haben wohl eine Rundreiſe durch die ganze Schweiz gemacht, denn ich ſehe hier bei Ihnen gänz⸗ lich von einander verſchiedene Anzüge.“—„Ja, mein Herr, ich bin ein wenig in der Schweiz herumgereiſt, und ich habe von jeder Gattung einige Anzüge gemacht, weil viele Leute die Abwechslung in der Kleidung der Regel⸗ mäßigkeit weit vorziehen.“—„Er kennt die Menſchen.“ Es giebt gewiſſe Schriftſteller, welche von der Leiden⸗ ſchaft befallen ſind, alle Dialecte verſtehen und ſprechen Biblioth. 356 Boch. 14 — 200— zu wollen. Sie kauen Tage lang an der Feder, um ihre Leſer damit zu langweilen; ich, der ich nicht mit bei dem baby⸗ loniſchen Thurmbau beſchäftigt war, und es auch gar nicht geweſen zu ſein ſcheinen will, gebe die Provinzialismen Luckers ſo wieder, wie mir der Schnabel gewachſen iſt. „Was iſt das für ein Anzug, er iſt gerade nicht eben ſchön; alle Welt äußert ſich gerade ſo darüber, und alle Welt kauft ihn doch. Sehen Sie ſich nur dieſe Lederhoſen und dieſe kupfernen Kniebänder anz ein Reiſender, welcher ſich das Anſehen eines Gemſenjägers geben will, darf ſich nicht davor fürchten, daß ihm der Wind den Hut von dem Kopfe reißt. Wenn er beim Bergſteigen in Verlegenheit geräth, kann er auf den Knieen fortrutſchen und ſchindet ſich dabei ſeine Haut nicht auf; übrigens iſt dieſer Anzug; auch durchaus nicht häßlich. Sehen Sie ſich denſelben nur 3 genau anz; eine geſtreifte Jacke, eine ſchwefelgelbe Hoſe, 2 eine lilafarbene Weſte, das paßt doch ganz gut zuſammen. Betrachten Sie dann auch einmal dieſen großen Brotſack, deſſen ſchwarzer Tragriemen ſcharf gegen das Gelb ab⸗ S ſticht; der Gletſcherbeſteiger bewahrt ſeine kleinen Mund⸗ vorräthe in vemſelben auf, und ſie befinden ſich dort voll⸗ kommen in Sicherheit.“ André bemerkte, daß wir ebenſo gut wie andere Leule 3 in Verſuchung kommen könnten, halsbrecheriſche Bergpa⸗ tien zu unternehmen, und er ließ daher drei Kuhhirten⸗An⸗ züge aus dem Emmenthale bei Seite legen. Lucker fügte zu dieſen Anzügen noch drei dicke, ſehr ſtark mit Eiſen be⸗ ſchlagene Stöcke hinzu, welche für Diejenigen, die auf die — 211— Bärenjagd gehen wollen, wirklich ſehr nützliche Werkzeuge waren. Clara und Marianne hatten ſich die Bemerkungen des Fiſchers Simon über die Zurückhaltung der Schweizer Frauen ſchon zu Nutze gemacht; ſie ſagten kein Wort, aber ſie betrachteten die Anzüge der Schweizer Bäuerinnen, welche dahingen, auf das Genaueſte. Sie werden ſich ohne Zweifel die hübſcheſten ausſuchen, ohne Rückſicht auf die Cantone zu nehmen, denen Lucker ſie entlehnt hat; ſie warteten, um ſich darüber zu erklären, erſt beſcheiden ab, bis wir unſere Wahl getroffen hätten. Wenn zwei Pariſe⸗ rinnen in eine Modewaarenhandlung eintreten, ſo werden ſie wenigſtens zwei Stunden lang von Moden ſprechen; ſie und die Modehändlerin werden ſich endlich gar nicht mehr verſtehen, und häufig werden ſie den Laden verlaſſen, ohne Etwas gekauft zu haben. André behauptet, daß die Pari⸗ ſerinnen ſeit der Regierung Karls des Großen ſo ſeien und auch unter der Regierung Ludwigs KLll. nicht anders ſein werden.„Mein Freund André, Du biſt ein arger Spötter.“ Wir wählten, André und ich, zwei Anzüge aus dem Canton von Luzern; einen großen runden Hut mit niedri⸗ gem Kopfe, ein ſchwarzes Halstuch, eine lange rothe Weſte, eine weite Jacke von grauem Tuch, welche bis unter die Kniebänder herabreichte, Beinkleider von blauem Wollen⸗ zeug, weiße Strümpfe, ſchwarze Knicbänder, welche unter dem Knie zuſammengebunden werden, und an den Schu⸗ hen Patten oder Aufſchläge von rothem Maroquinleder, 14* — 212— welche die Schuhſchnallen bedeckten. Wir wählten dieſe Anzüge für uns Beide vollkommen gleich, zum Zeichen un⸗ ſerer Freundſchaft und ver vollkommenen Gleichheit, welche zwiſchen uns herrſchte. Wir waren jetzt im Begriffe uns mit Bertrand zu be⸗ ſchäftigen, aber Madame André bat um den Vorrang, und das war auch vollkommen in der Ordnung. Wenn es ſich um Toilettengegenſtände handelt, ſo vergeſſen die Frauen gewiß Nichts; Madame André ſtat⸗ tete ſich vollkommen für das Ende dieſes Sommers und ſogar für den nächſtfolgenden Winter aus. Doch um mit dem Anfange zu beginnen: ein großer gelber Strohhut, welcher vorn und rückwärts weit herab⸗† hängt und ſich neckiſch ſchaukelt, rings um den Kopf herum mit einem Kranze von Blumen, wenn es deren gerade giebt, geſchmückt; unter demſelben hervor drängen ſich die Haare des Hinterkopfes in langen Flechten und fallen ihrer ganzen Länge nach den Rücken entlang herunter. Eine Mouſſeline⸗Krauſe erhebt ſich bis zu dem Kinne; der 3 untere Theil fällt nachläſſig auf die Bänder des Leibchens, welches ohne Aermel und in der Mitte halb offen iſt, und ein weites Mieder von abſtechender Farbe ſehen läßt. Die Aermel des Hemdes, welches immer von der blendendſten Weiße ſein muß, endigen ſich unten in kleine Manſchetten die ſich eng an das Handgelenke anſchließen. Ein ſehr kur⸗ zes Röckchen von einer zarten Farbe, eine Schürze von ge⸗ ſtreiftem Seidenzeuge, die elegant auf der einen Seite auf⸗ geſchlagen iſtz ein ſehr weißer Strumpf mit rothen oder — 213— grünen Zwickeln, ein kleiner Schuh mit Aufſchlägen von rothem Maroquinleder, die zu Roſetten geordnet find, das iſt der Anzug der Frauen aus dem Canton von Luzern. Die Wahl der Madame André machte mich glauben, daß ſie ein ſehr gut geformtes Bein haben müſſe; ich nahm mir vor, mich bei nächſter Gelegenheit davon zu überzeugen. Ihren Winteranzug entlehnte ſie von den Frauen der ſogenannten Frei⸗Aemter. Der Kopf iſt mit einem klei⸗ nen weißen oder farbigen Sacktuche verhüllt, über welches noch ein kleiner Hut von ſchwarzem Filz geſtülpt wird; ein 3 Halstuch von derſelben Farbe, ein rothes mit Grün aus⸗ geſticktes Leibchen, ein gelbes, ſehr feſt zugeſchloſſenes Mie⸗ der, über das Mieder ein kleines graues Camiſol mit far⸗ vigen Bändern beſetzt, einen Rock von ſchwarzem Wollen⸗ zeuge, Strümpfe von rother Wolle und eine kleine ſeidene Schürze. Marianne ſah wohl ein, daß ſie nicht ebenſo elegant als Madame André gekleidet gehen dürfe; ſie beſchränkte ſich daher ſowohl für den Sommer als für den Winter auf die Anzüge des Cantons von Luzern und des Cantons von Unterwalden. Sie hatten, trotz ihrer Einfachheit, doch einen gewiſſen Anſtrich von Eleganz. O, die Frauen irren ſich in dieſer Beziehung gewiß niemals! Wir waren über die Verſchiedenartigkeit der Anzüge, welche bei Lucker zum Verkaufe ausgelegt waren, erſtaunt geweſen; es hatte uns Freude gemacht, ſie bis in die klein⸗ ſten Einzelnheiten zu prüfen. Aber Etwas, was nur den — 214— Augen ſchmeichelt, kann Niemanden, die Frauen vielleicht ausgenommen, auf lange Zeit feſſeln. Wir ſagten zu Ber⸗ trand, er möge ſich die für ihn paſſenden Kleider, ſowohl für die Wochentage als auch für die Sonn⸗und Feiertage ausſuchen, und ich ſchließe hier meine Beſchreibungen; wenn der Leſer finden ſollte, daß ich zu zeitig damit auf⸗ gehört habe, ſo möge er nach Coppet reiſen und zu Lucker gehen, wenn derſelbe noch dort iſt, was ich jedoch mehr als zweifelhaft finde. Madame Lucker, eine Frau, welche ſich ſehr gut auf Wohlanſtändigkeit verſtand, ließ Clara und Marianne in eine Art von Vorgewölbe treten; wir verſuchten, Bertrand, André und ich, an demſelben Orte, an welchem wir uns befanden, uns umzukleiden. Unſere Wahl war getroffen † und erklärt, die Preiſe ausgemacht worden; wir dachten, daß wir jetzt ohne Weiteres fortgehen könnten. Wir wur⸗ den alle Fünf durch eine Schwierigkeit aufgehalten, welche übrigens durchaus nicht ſchwer vorauszuſehen geweſen 1 wäre: keins von allen dieſen Kleidern paßte uns recht; jedes einzelne Stück mußte durchaus noch ein Mal durch die Hände des Künſtlers gehen. Madame Lucker verſicherte uns, daß in zwei Stunden gewiß Alles fertig ſein ſolle; ich glaubte zwar nicht ein Wort davon, aber ich hütete mich wohl ſie zu drängen, denn ich hatte meine Nähterinnen und den Glühwein von Limoges noch immer nicht vergeſſen.„Nun, mein lieber Freund André?“—„Nun, mein Herr?“—„Was ſollen wir von jetzt bis Abend anfangen?“—„Geſichter ſchnei⸗ — 21¹5— den.“—„Geſichter ſchneiden! Geſichter ſchneiden! Es iſt kaum zehn Uhr Vormittags und ich habe durchaus keine Luſt bis zu Sonnenuntergang zu ſchmollen und mich zu langweilen.“—„Nun wohl, ſo wollen wir lachen.“— „Ganz gut, aber über was?“—„Fragen Sie Madame Richoux, über was ſie immer lacht.“ Ich dachte an den Eſel, welcher durch den Flügel einer Windmühle fortgeriſſen wurde; an den Müller, welcher ſich an den Schwanz des Thieres feſtklammerte und auf dieſe Art ebenfalls mit dem Thiere fortgeriſſen wurde. Es war mir, als ſei ich ſchon ſehr nahe daran zu lachen, aber ich biß mich heftig in die Unterlippe; es giebt doch Tage im Leben, wo man zu gar Nichts gut iſt. Unſere beiden Frauenzimmer gingen, bald ſich gegenſeitig neckend, bald gähnend auf und ab; Bertrand erwartete Befehle, und be⸗ trachtete ſich inzwiſchen Das, was am Himmel vorging. André, welcher nicht wußte, was er thun ſolle, ſchleuderte ie Kieſelſteine, welche ſich zu ſeinen Füßen fanden, bald ur rechten, bald zur linken Seite. „Meiner Treu,“ ſagte Simon zuuns,„es iſt doch eine ganz entſetzliche Sache darum, müßig zu ſein; wenn Sie erſt in Appenzell ſein werden, dann werden Sie es ſo wie ich machen: das heißt, Sie werden den ganzen Tag über arbeiten, und wenn Sie die Stunden zählen werden, ſo 5 wird es höchſtens darum geſchehen, um ſich zu überzeugen, ob die, welche uns zum Mittagseſſen oder zur Ruhe ruft, auch wirklich ſchon geſchlagen hat. Ich habe auch nicht einen einzigen Fiſch mehr, aber ſeitdem Sie mein Haus — 216— verlaſſen haben, habe ich auch nicht einen Angenblick Zeit verloren; ich habe mein Boot und meine Netze in Stand geſetzt, und will jetzt auf den Fiſchfang gehen. Wollen Sie vielleicht mitkommen?“—„O ſehr gern, Meiſter Si⸗ mon!“—„Sie werden mir ein wenig im Wege ſein, aber ich will nicht, daß Sie einſt ſagen können, man langweile ſich in Coppet.“ Clara wollte zu Hauſe zurückbleiben, um für die Kin⸗ der Sorge zu tragen, und da das Ergebniß des Fiſchfan⸗ ges doch noch ſehr ungewiß war, ſo blieb auch Marianne zurück, um uns ein Mittags⸗ oder ein Abendmahl zu be⸗ reiten; das hieß doch immer ſich beſchäftigen. Wir Män⸗ ner aber, welche Nichts auf der lieben Gotteswelt zu thun hatten, wir beſtiegen das Bvot Simons; er fand hier Mittel uns allen Dreien Beſchäſtigung zu geben, und uns dadurch eine unmittelbare Theilnahme an dem Fiſchfange einzuflößen.„Herr André, greifen Sie hier an... Und Sie, wie heißen Sie denn eigentlich?“—„Anton.“— „Herr Anton, legen Sie dort Hand an; Sie, großer Junge, mögen zu den Rudern greifen und das Boot im Gange erhalten, während ich meine Netze ausbreiten will...O, die Ungeſchickten!... Ein Capitän iſt König auf ſeinem Bord, und wenn Sie ſich nicht beſſer in Acht nehmen, ſo wird der Capitän Simon übel genug mit Ihnen um⸗ ſpringen.“ Die ſchaukelnde Bewegung des Kahnes ſchleuderte mich auf André, André fiel auf Bertrand, Bertrand auf Simon; wir brachen alle Vier in ein lautes Gelächter aus, aber — 217— wir fingen Nichts dabei.„Wartet, wartet nur ein wenig,“ ſagte Simon zu uns,„wenn wir auch keinen Fiſch mit nach Hauſe bringen, ſo ſoll uns doch wenigſtens etwas Wild⸗ pret nicht entgehen.“ In der That flogen auch Vögel, welche wir noch gar nicht kannten, über unſeren Köpfen her; ſie waren ungefähr ſo groß wie eine Henne, und ihr Gefieder war von einem ſilberartigen Weiß.„Das ſind Reiher,“ ſagte Simon zu uns;„man macht aus ihrem Ge⸗ fieder ſehr ſchönen Hutaufputz; ich mache Jagd auf dieſe Vögel, wenn ich deren ſehe, und wenn ich einige derſelben geſchoſſen habe, ſo gehe ich nach Genf, um dort von den ſchönen Damen meine Steuer für die Federn zu erheben. Sie ſind zwar, wie ſie wenigſtens ſagen, frei, werden aber doch von der Koketterie und ver Eitelkeit unterjocht.“ Er griff nun raſch nach ſeiner Muskete, welche in dem, was er ſeine Schießhütte nannte, verſtecktlag; dieſe Schieß⸗ hütte war aber nichts Anderes, als ein kleiner, breterner Verſchlag, welcher ſich oben auf dem Vordertheil des Boo⸗ tes aufgerichtet befand. Er ſchoß und traf auch wirklich zwei Reiherz er griff ſogleich nach den Rudern, und André und ich bemächtigten uns leicht der beiden Vögel, welche noch zuckten und flatterten.„Die ſind mehr werth als zwei große Forellen,“ ſagte er, indem er ſein Gewehr wie⸗ der lud; eine halbe Stunde ſpäter erlegte er noch zwei Reiher. „Dieſer Tag iſt ein glücklicher,“ ſagte er wieder zu uns,„aber trotz alledem möchte ich meine Netze doch auch nicht gern umſonſt ausgeſpannt haben oder gar verlieren. — 218— Ich ſehe die Korkholzſtücke gar nicht mehr, welche dieſelben in der Höhe erhalten müſſen; ſie können aber doch auch nicht bis auf den Grund des Waſſers geſunken ſein, denn hier iſt daſſelbe mehr als zwanzig Klafter tief.“ Man bemerkte nur noch das äußerſte Ende des Strickes, welcher die Netze an das Boot geknüpft hielt; Simon hielt nun den Kahn mittelſt der Ruder an einer und derſelben Stelle feſt, und wir drei Anderen zogen an dem Stricke. Der Widerſtand war ein kräftiger, aber die Netze kamen nichtsdeſtoweniger nach und nach näher; bald fühlten wir heftige Erſchütterungen in denſelben.„Das iſt ein Unge⸗ heuer!“ rief Simon aus;„ziehen Sie, ziehen Sie ſchnell und kräftig!“ Wir brachten wirklich mit vieler Mühe endlich einen ſehr großen Fiſch, deſſen heftiges Umherſchlagen uns Alle erſchreckte, auf den Boden des Kahnes.„Es iſt ein Lachs, es iſt ein Lachs! Bertrand, tödten Sie ihn mit dem Kolben meines Gewehres.“ Bertrand bückt ſich und ſchlägt mit Gewalt auf den Kopf des Ungeheuers; ein furchtbarer Streich mit dem Schweife trifft ihn aber gerade auf den Magen, er verliert das Gleichgewicht und ſtürzt in das Waſſer. André ſinkt beſtürzt auf die Bank zurück, ich ſtoße einen Schrei aus, Simon ſtürzt ſich in's Waſſer nach. Er faßt Bertrand bei einem Arme und bringt ihn wie⸗ der in das Boot zurück; bald iſt der Boden des Kahnes mit dem Waſſer angefüllt, welches von ſeinen und den Kleidern Bertrand's ſtrömt. Der ſterbende Lachs ſchlägt im Todeskampfe in ſeinem Elemente herum und beſpritzt — 219— uns dadurch mit ſchmutzigem Waſſer; Simon giebt ihm endlich den Reſt, und wir ziehen von der Schießhütte aus die noch übrigen Netze ein. Jetzt erſt athmeten wir wieder einmal auf und ſahen uns gegenſeitig an; wir brachen alle Viere auf einmal in ein lautes Gelächter aus. Simon lachte länger und herz⸗ licher, als wir Andern alle, und er hatte auch ſeine ganz guten Gründe dazu; zu dem Anblicke unſerer übelzugerich⸗ teten Kleider und faſt unkenntlichen Geſichter kam für ihn noch der eines Lachſes von dreißig bis vierzig Pfund im Gewicht. Er theilte uns mit, daß dieſer Fiſch da in dieſem See eine ſehr ſeltene Erſcheinung ſei, und daß diejenigen, welche man doch noch in demſelben fange, wahrſcheinlich durch die Rhone dahin gelangen. Dieſe Meinung mochte nun gegründet ſein oder nicht; jedenfalls war das um⸗ fangreiche Thier da, und Simon betrachtete es mit unaus⸗ ſprechlichem Vergnügen.„Wenn die Damen von Genf,“ ſagte er zu uns,„den Putz lieben, ſo ſind die Herren dieſer Stadt auf gute Biſſen verſeſſen; morgen werde ich in die Stadt gehen vorausgeſetzt, meine lieben Freunde, daß Sie nicht Ihren Antheil an einem Fiſchzuge in Anſpruch nehmen wollen, deſſen Erfolg ich Ihnen einzig und allein zu verdanken habe.“ Ich ſchwur ihm, daß der Lachs ganz und unzertheilt auf dem Markte von Genf Parade machen ſolle; dieſe Verſicherung entlockte ihm zum zweiten Male ein fröhliches Gelächter. Er lenkte das Schiff dem Ufer zu, und ſobald er in ge⸗ — 220— höriger Nähe war, um gehört zu werden, rief er mit der vollen Kraft ſeiner Lungen ſeine Frau herbei.„Vier Rei⸗ her und ein Lachs!“—„Vier Reiher und ein Lachs!“ wiederholte ſeine Frau mit dem Ausdrucke des Entzückens und der Bewunderung. Wir traten wieder in Simons Hätte ein, indem wir Jeder unſer Stück Wildpret in der Hand hielten; der Ca⸗ pitän des Hoch⸗Boots trug noch überdies ſeinen Lachs auf der Schulter, und ſchritt trotz alle dem mit der Leich⸗ tigkeit eines Rehes einher. Clara und Marianne lachten nun ihrerſeits, als ſie uns ſahen, und die Heiterkeit wurde eine allgemeinez zum größten Glücke hatten wir, als wir uns einſchifften, die Kleider wieder angezogen, in welchen wir in Döle angekommen waren: dieſe Vorſichtsmaßregel war uns durch die Vorſicht Simons angerathen worden. Wir waren bis auf die Gebeine durchnäßt und mußten uns daher vom Kopf bis zum Fuße umziehen; der Fracht⸗ wagen war unſer Schlafzimmer, unſere Ankleidekammer und bisweilen ſogar auch unſer Empfangsſalon.„Nun wohl, mein Herr,“ ſagte André zu mir,„haben Sie denn ähnliche Tage bei dem Marſchall von Biron, bei dem Her⸗ zoge von Guiſe, oder bei Heinrich dem Dritten genoſſen? Die Sorgen traten mit Ihnen zugleich unter die vergolde⸗ ten Zimmergeſimſe ein, hier haben Sie dagegen Ihr gan⸗ zes volles Daſein genoſſen; ein nachdenkender Menſch kommt immer, früher oder ſpäter, wieder zu der Natur zurück und befindet ſich wohl dabei.“ André hatte ſchon wieder einmal Recht. — 221— Das Geſpräch iſt unerſchöpflich, wenn es auf einen glücklichen oder intereſſanten Gegenſtand gefallen iſt; die Einzelnheiten dieſes Tages wurden während des Abend⸗ eſſens ohne Aufhören wiederholt, wir hatten Alle einander an irgend Etwas zu erinnern, und zuweilen ſprachen wir Alle zu gleicher Zeit. Von Zeit zu Zeit wurde das Ge⸗ ſpräch durch ein unauslöſchliches Gelächter unterbrochen, unſere Schiffsleute allein behielten einen unzerſtörbaren Ernſt bei; ich errieth ſie bald.„Wir waren Schuld daran,“ ſagte ich zu ihnen,„daß Ihr einen ganzen Tag verloren habt, und wir werden Euch denſelben bezahlen.“ Von nun an nahmen ſie unmittelbaren Antheil an dem Geſpräche, und lachten ſo gut wie wir Anderen alle. Wir unterhielten uns auf eine ſo natürliche Art und mit einer ſo wahren Gemüthlichkeit, daß wir weder an Meiſter Lucker noch an ſeine Anzüge mehr dachten; André, der Vorſichtigſte von uns Allen, erinnerte uns daran, daß wir morgen früh ſehr zeitig abreiſen und daher daran den⸗ ken müßten uns zu verſchweizern, bevor wir noch zu Bette gingen. Simon behauptete, daß wir ihm Glück gebracht hätten, und bot alle ihm zu Gebote ſiehenden Mittel auf, um uns zu bewegen noch dazubleiben; André aber ſtand auf, und wir Andern folgten ihm. Es ſcheint, daß die ſchweizer Frauen und vor Allen auch die Männer, nicht viel Zeit mit ihrer Toilette verlie⸗ ren müſſen, denn in weniger als einer Viertelſtunde waren wir Alle vollſtändig umgekleidet; André und ich ſahen ohn⸗ gefähr grundbeſitzenden Bauersleuten und Bertrand dem — 222— Großknechte eines Pachthofes ähnlich. Clara und Ma⸗ rianne o meiner Treu! ſie waren reizend in ihren neuen Anzügen; ich hatte mich auch nicht getäuſcht: Ma⸗ dame André hatte ein ſehr wohlgeformtes Bein. Ich be⸗ merkte jetzt zum erſten Male, daß in dem Geſichte Marian⸗ nens etwas ſehr Angenehmes, ja ſogar etwas Reizendes liege; v, nur zwanzig Jahre und ein vortheilhafter Anzug! Bevor ichLucker bezahlte, fragte ich ihn, ob er uns un⸗ ſere Große⸗Herren⸗Anzüge abkaufen wolle.„Ich würde es mit Vergnügen thun,“ antwortete er mir,„wenn ich den Plan hätte nach Venedig zu reiſen, um mich dort zu eta⸗ bliren; ich würde dieſe Kleider während des Carnevals ebenſo gut an Mönche wie an Höflinge verleihen. In der Schweiz iſt dieſes ganze Zeug hier zu gar Nichts nütze.“ —„O,“ ſagte ich zu André,„er weiß, daß es zu Venedig einen Carneval giebt, und unſere franzöſiſchen Bauern haben nicht einmal eine Ahnung von der Exiſtenz dieſer Stadt.“—„Ich habe es Ihnen ſchon ein Mal geſagt, die Obrigkeiten freier Länder fürchten die Aufklärung nicht; nur tyranniſche Regierungen ſuchen dieſelbe zu unter⸗ drücken, aber ſie wird ihnen zum Trotze doch endlich ein⸗ mal durchbrechen.“ Wir bezahlten, und am andern Morgen machten wir uns mit Tagesanbruch bereit wieder in unſer großes Boot zu ſteigen; Simon drückte uns voll Zuneigung die Hand, als er unſer Geld in Empfang nahm. „Es iſt Ihnen gleichgiltig,“ ſagte er zu uns, als er von uns Abſchied nahm,„ob Sie den einen oder den andern — 223— Weg einſchlagen; laſſen Sie ſich alſo zu Sanct⸗Gingolph ausſchiffen, ziehen Sie in den Canton Wallis ein, fahren Sie dann bis nach Sion und gehen Sie dann hin und be⸗ ſichtigen Sie die Cretins. Sie find Gelehrte; vielleicht wird es Ihnen gelingen das zu erklären, was bis jetzt un⸗ erklärlich geſchienen hat.“ Wir ſtanden eben im Begriffe ihn zu fragen, was denn das eigenklich ſeien, die Cretins; aber das Schiff fuhr ſchon im offenen Fahrwaſſer dahin. Der Tag war herrlich; bald erweiterte ſich der See mit jedem Augenblicke und wir entdeckten Gegenſtände, welche uns in Erſtaunen und Verwunderung verſetzten und deren Erinnerung niemals aus unſerem Gevächtniſſe ver⸗ ſchwinden wird. Wir ſahen dieſen Beherrſcher der Alpen, dieſen berühmten Montblanc, deſſen Gipfel ſich in den Wolken verlieren und deſſen Wurzeln vielleicht bis in die Eingeweide der Erde hinabreichen. Unſere Schiffer, welche ſchon daran gewöhnt waren, dieſe Reiſe zu machen und einzelne Reiſende varüber ſprechen zu hören, ſagten uns, vaß es auf dieſen Bergen ſei, wo ſich die Wolken anhäu⸗ fen, ſich verdichten und ſich dann wieder theilen, um als Schnee zur Erde herabzufallen; daß dieſe finſteren und drohenden Berge die unabänderlichen Quellen der Flüſſe und Seen ſeien, mit denen die Schweiz bedeckt iſt. Zu ge⸗ wiſſen Zeiträumen des Jahres verdichtet ſich auch dieſer Schnee wieder und bildet in den Abgründen von einer ewigen Unfruchtbarkeit Eismeere; dieſes Eis zerbricht nun ſeinerſeits, von ſeinem eigenen Gewichte zur Tiefe gezo⸗ — 224— gen, mit einem entſetzlichen Lärm. Eine milde Wärme löſt es unmerklich auf, und ſein Waſſer ergießt ſich in die Thä⸗ ler, Fruchtbarkeit und Segen bringend. „O! rief ich aus,„die Menſchen, welche dieſes Klima hier bewohnen, müſſen frei ſein; wer könnte ſie denn mit⸗ ten unter dieſen unnahbaren Felſen bezwingen?“ Der ſy⸗ ſtematiſche André ſah in den Alpen nur die Beweiſe für ſeine Anſichten, die er ſchon ein Mal über die Bildung der Gebirge ausgeſprochen hatte.„Wir haben bemerkt,“ ſagte er zu mir,„daß die Steine ſich nicht auf der Oberfläche der Erde bilden; fie entſtehen tief innen in dem Buſen der⸗ ſelben und ſind daſelbſt in horizontale Lagen geordnet. Betrachten Sie nur einmal dieſe Felſenmaſſen, welche das Auge nicht ermeſſen kann; ſie wurden einmal gewiß alle durch eine jener beklagenswerthen Umwälzungen, welche unſern Erdball in ſeinen tiefſten Tiefen aufgewühlt haben, in den freien unermeßlichen Raum hinausgeſchleudert. Dann ſind ſie wieder ganz zufällig herabgeſtürzt und haben ſich nun ohne Ordnung einer über den anderen hin aufge⸗ häuft.“—„Freund André, dieſe Meinung da iſt eben keine ſehr rechtgläubige, wie ich Dir ſchon ein Mal geſagt zu haben glaube.“—„Beim Teufel! mein Herr, ich will ſie ſogleich rechtfertigen. Die ſtrengſten und rechtgläubigſten Theologen leugnen es nicht, daß es in dem Mittelpunkte der Erde einen feurigen Kern gebe; dieſes Feuer iſt eben ſo alt als die Schöpfung, und die Ereigniſſe, welche dar⸗ aus hervorgehen, find die nothwendige Folge des erſten Anſtoßes, welcher durch den Schöpfer aller Weſen gegeben — 225— genheit; ich wiederhole es Dir: Du hätteſt eine große Rolle bei dem Colloquium zu Poiſſy geſpielt, zu welcher Partei Du Dich auch immer gehalten hätteſt. „Wir wollen aber die Entſtehung der Gebirge ſein laſſen und lieber von Dingen ſprechen, die uns weit näher liegen. Die Schweizer find frei, das iſt eine unbeſtreitbare Wahrheit; aber wie ſind ſie es geworden, weißt Du das?“ —Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich ziemlich viel gele⸗ ſen habe und ein gutes Gedächtniß beſitze; während Sie die Alpen betrachten und gute vder ſchlechte Beweisgründe dafür auffinden werden, daß, wie Sie überzeugt ſein wollen, dieſe Gebirge ſeit der Entſtehung der Welt da ſtehen, will ich meine Gedanken über die Befreiung der Schweiz ein wenig ſammeln und ordnen. In Paris wollte ich ein Schriftſteller, der ſich hauptſächlich mit dem In⸗ ſceneſetzen beſchäftiget, werden, auf dem Genfer⸗See hier will ich zum Geſchichtſchreiber werden; ich werde Ihnen freilich weder einen Titus Livius noch einen Tacitus in 3 mir bieten können, aber Sie ſind mein Freund und das Herz wird nicht allzuſtreng über die Leiſtungen des Ver⸗ ſtandes urtheilen.“ ndrs geht und holt aus dem Frachtwagen Alles, was er nothwendiger Weiſe zum Schreiben braucht; er be⸗ dient ſich der Kniee Clara's ſtatt eines Schreibtiſches. Die hübſche Schweizerin Marianne nimmt die Kinder auf ihre Kniee und läßt ſie daſelbſt herumhüpfen, indem ſie ihnen ein kleines Liedchen vorfingt.„„Dieſe armen Kleinen, ſie Biblioth. 356 Boch. 15 worden war.“—„O Dich, Dich bringt Richts in Verle⸗ —— ſehen ſich gegenſeitig an, ſie lächeln ſich zu; ich umarmte ſie alle Beide und ging dann um mit den Schiffsleuten kluge oder vielleicht auch närriſche Anſichten über den Montblanc, über die Jungfrau und über das Wetterhorn aufzuſtellen. Der Geſchichtſchreiber der Schweiz legte ſeine Feder weg, um mit uns zu frühſtücken.„Titus Livius und Taci⸗ tus hatten wahrſcheinlich auch guten Appetit,“ ſagte er zu uns,„und ich gleiche ihnen wenigſtens was dieſen Um⸗ ſtand da betrifft.“ Nach dem Eſſen bewaffnete er ſich mit ſeinem furchtbaren Hefte, und wir reihten uns Alle rings um ihn herum, Alle, ſogar Bertrand, welcher, wie er zu uns ſagte, durchaus nicht böſe darüber ſein würde, die Leute, mit welchen er jetzt leben ſollte, auch ein wenig kennen zu lernen. Unſer Tacitus huſtet, ſpuckt aus, ſchneuzt ſich und läßt dann über ſeine Zuhörerſchaft einen Blick hinſchweifen, welcher durch ſein frohes Lächeln ganz geeig⸗ net iſt, ihm das Wohlwollen derſelben zu erwerben. Dann 3 beginnt er: „Die Helvetier waren zur Zeit des Julius Cäſar von hohem Wuchſe und von außergewöhnlichen Körperkräften, ihr Wort war unverletzlich; dabei kannten ſie aber weder den Handel noch den Ackerbau. Sie ſtürzten bewaffnet aus ihren Bergen hervor, um ſich die Gegenſtände, deren ſie nothwendig zum Leben bedurften, zu verſchaffen, und fie betrachteten das Plündern wie ein Recht, welches die Na⸗ tur dem Armen, dem Reichen gegenüber, verliehen hat. „Als das römiſche Weltreich zuſammenbrach, wurde — 227— ihr Land von den Königen von Burgund erobert; dann wurden ſie Unterthanen Frankreichs, vom Jahre 340 bis zum Jahre 888; ſodann ſielen ſie noch einmal unter das Joch der Könige von Bourgogne zurück und endlich wur⸗ den ihre unfruchtbaren Gebirge dem deutſchen Kaiſerreiche einverleibt. „Die Schweizer ertrugen aber, ähnlich jenen feurigen Rennern, welche in ihre Zügel knirſchen und ſie mit Schaum bedecken, ihr Joch nur mit der äußerſten Unge⸗ duld.“—„André, dieſer Vergleich hier iſt ein ſehr glän⸗ zender!“—„Glänzend oder nicht, laſſen Sie mich doch weiter leſen.“—„Werde nur nicht böſe, mein lieber Freund.“—„Wo war ich denn nur ſtehen geblieben?.. ah, da hab'ich's! „Die Schweizer ertrugen aber ihr Joch nur mit der äußerſten Ungeduld. Der Kaiſer Albert, ein tyranniſcher und grauſamer Mann, ſchickte in die Cantone Schwytz, Uri und Unterwalden drei Landrichter, welche ſich gleich⸗ falls wie Tyrannen benahmen, und den Bewohnern ge⸗ waltſam ihre Frauen raubten. Die Sitten der Schweizer waren rein, und ein ſolches Verbrechen empörte ſie Alle. Noch heutzutage ſieht es Niemand gern, daß man ihm ſeine Frau raubt.“—„André, dieſer Scherz da verträgt ſich nicht mit dem Ernſte der Geſchichte.“—„Mein Herr, es iſt ſehr unhöflich, einen Schriftſteller bei jedem dritten Worte zu unterbrechen.“—„Ich ſchweige ja ſchon!“— „Die beleidigten Ehemänner beklagten ſich laut und bitter, und die Landrichter ließen ſie vafür noch in Gefängniſſe 15* — 228— werfen; ſie zogen zu ihrem Nutzen das Wenige, was dieſe Unglücklichen beſaßen, ein und erhoben von Allen Steuern. Heinrich Melchthal, Werner Stauffacher und Walter Fürſt waren die erſten Verſchworenen, und riefen ihre Mitbür⸗ ger laut zur Freiheit auf; Jeder von ihnen gewann noch drei Andere für ſich, und dieſe zwölf Männer entriſſen dem Hauſe Oeſterreich die Schweiz. „Der Canton von Schwytz war der erſte, welcher auf⸗ ſtand, und ſpäter machten ſich die Bewohner aller dreizehn Cantone eine Ehre daraus, den Namen deſſelben anzuneh⸗ men, welchen wir Schweiz ausſprechen, weil wir die Lei⸗ denſchaft haben, alle Eigennamen unſerem Dialekte ge⸗ mäß umzumodeln.“—„Dieſe Bemerkung iſt wirklich ſehr ſcharfſinnig.“—„Stille doch! „Es giebt kein Volk, welches ſich nicht einen außerge⸗ wöhnlichen, und folglich fabelhaften Urſprung zuſchriebe. Die Schweizer haben aus Wilhelm Tell den Helden ihrer Freiheit gemacht; ihre Enkel haben dieſe Meinung ange⸗ nommen, und ſo iſt ſie die von ganz Europa geworden. Es iſt nach Dem, was ich weiter oben erzählt habe, ausge⸗ macht, daß Tell höchſtens nur der dreizehnte Verſchworene geweſen ſein konnte. Man erzählt ſich Folgendes darüber: Der Landrichter Geßler war über den Canton von Uri geſetzt; er hatte auf dem Marktplatze von Altdorf, dem be⸗ deutendſten Städtchen dieſes Cantons, eine lange Stange aufpflanzen laſſen, auf deren Spitze einer ſeiner Hüte hing. Die Bewohner dieſer Stadt erhielten nun den Befehl, vor dieſem Hute das Haupt zu entblößen und das Knie zu — 229— beugen, wenn ſie über dieſen Platz gehen würden; es iſt wirklich ſchwer, an einen ſo ausſchweifenden Wahnfinn zu glauben, die Sache iſt indeſſen doch nicht ganz unmöglich. „Wilhelm Tell ging vor dieſem Hute vorbei und that, als ſähe er ihn nicht, und grüßte ihn folglich auch nicht; er wurde verhaftet und vor den Landrichter geführt, welcher ihn fragte, warum er es an Achtung und Gehorſam gegen ihn fehlen laſſe. Tell erwiderte ihm mit Stolz, daß er frei geboren ſei und daß ein freier Mann ſich vor Tyrannen nicht beuge. Als man dem Tell dieſe Antwort in den Mund legte, hat man die Abſurdität und Unmöglichkeit derſelben nicht bedacht; Tell war als Unterthan Oeſter⸗ reichs geboren worden, und die Cantone von Schwytz, Urt und Unterwalden, welche ſich zuerſt empörten, hatten es zu dieſer Zeit noch nicht gethan, da ja Geßler noch nicht von Altdorf verjagt war; folglich war Tell durchaus kein freier Mann. „Der Landrichter, wüthend darüber, befahl dem Tell, welcher allgemein für einen ſehr geſchickten Armbruſtſchützen galt, einen Apfel, den er auf den Kopf von Lell's kleinem Sohne legen ließ, mit ſeiner Armbruſt herabzuſchießen; der Pfeil fliegt fort, und der Apfel iſt wirklich getroffen. Tell aber hatte einen zweiten Pfeil unter ſeinem Gewande verborgen gehalten, Geßler fragte ihn, was er damit habe machen wollen.»Ich beſtimmte ihn für Dich, Ungeheuer! wenn ich das Unglück gehabt hätte, meinen Sohn zu töd⸗ ten.. Wenn er aber wirklich entſchloſſen war, den Tyran⸗ nen vor allen ſeinen Kriegsknechten zu erſchießen, im Fall — 230— er ſeinem Sohne das Leben genommen hätte, warum töd⸗ tetf er ihn dann nicht zuerſt? Das wäre ja das ſicherſte und einzige Mittel geweſen, das Leben ſeines Sohnes ſicher zu ſtellen. „Der Thrann, ſchäumend vor Wuth, läßt Tell gefeſſelt und geknebelt in ſein Boot ſchaffen; er wollte ihn mit nach ſeinem Schloſſe führen, um ihn dort eines langſamen und grauſamen Todes ſterben zu laſſen. Aber man ſagt uns nicht, wo ſich dieſes Boot denn befand: War es auf dem Fluſſe Reuß, welcher in dem Luzerner See entſpringt und welcher in der That nahe bei Altdorf vorbei fließt? Aber auf einem Fluſſe erheben ſich keine Stürme, und das Boot befindet ſich ja bald in der größten Gefahr. Es war alſo auf dem See, und man muß daher zugeben, daß die Scene mit dem Apfel ein wenig weit hin von der mit der Stange und dem Hute verlegt werden müſſe. „Ein furchtbarer Sturm erhob ſich bald; die Schiffs⸗ leute, von Schrecken erfaßt, laſſen die Ruder im Stiche. Das Boot, der Heftigkeit der Winde zur Beute überlaſſen, iſt jeden Augenblick in Gefahr an den Felſen zu zerſchellen. Aber Tell vereinigt alle Talente in ſich; er iſt ein eben ſo guter Pilot als geſchickter Armbruſtſchütze. Geßler läßt ihn ſeiner Bande entledigen. Tell ergreift das Steuerruder und manövrirt mit einer ſolchen Geſchicklichkeit, daß er in die Nähe eines Felſens gelangt, auf welchen er ſich hinauf⸗ ſchwingen kann, und dann das Boot mit einem kräftigen Fußſtoß mitten in die Wogen zurückſchleudert. „Die Schiffsleute, welche vor Schrecken zu Eis gewor⸗ *— 231— den ſind, faſſen ſich wieder, obgleich die Gefahr nicht ver⸗ mindert worden zu ſein ſcheint; ſie arbeiten, manövriren und landen endlich. Tell aber hat ſie auch nicht aus dem Geſichte verloren, in dem Augenblicke, in welchem ſich Geß⸗ ler ausſchifft, ſchießt er einen Pfeil auf ihn ab, welcher ihm das Herz durchbohrt; ich frage, da die Geſchichte es nicht mittheilt, wo hatte Tell eine Armbruſt und einen Pfeil her⸗ genommen in dem Augenblicke, in welchem er nur eben ſeiner Feſſeln entledigt worden war? Ich frage, warum die Kriegsknechte Geßler, ihren Gebieter, nicht dadurch rächten, daß ſie Tell augenblicklich erſchoſſen? Freilich, im Intereſſe der Fabel mußte er wohl ſeine unglaublichen Abenteuer überleben; dieſe Fabel iſt in der Schweiz zu einem förmlichen Glaubensartikel geworden. Der einzige nebelſtand, der ſich dabei einſtellt, iſt der, daß die Dänen gleichfalls eine ähnliche Apfelgeſchichte haben, und daß Pe⸗ termann Eterlin, welcher zuerſt von Wilhelm Tell geſpro⸗ en hat, erſt zweihundert Jahre nach dem Zeitpunkte, auf welchen er den Tod ſeines Helden ſetzt, geſchrieben hat. ungefähr auf ähnliche Art mögen die Helden Herkules, Theſeus und Philoktetes erfunden worden ſein. „Von unbeſtreitbarer hiſtoriſcher Wahrheit iſt jedoch der Umſtand, daß der Papſt Johann Xll., welcher damals das Haus Oeſterreich begünſtigte, die Blitze des Vaticans gegen die Schweizer ſchleuderte; die Schweizer trotzten denſelben und ſetzten ſich in Vertheidigungszuſtand. „Leopold zog mit allen ſeinen Streitkräften gegen die⸗ ſelben aus; er glaubte, daß er drei Cantone, welche ihm Armee, welche an verſchiedenen Punkten in Hinterhalt ge⸗ — 232— nicht mehr als dreizehntauſend Mann entgegenſtellen konn⸗ ten, leicht überwältigen werde. Die Kaiſerlichen keilten ſich ſelbſt in die Engpäſſe von Morgarten ein, dreizehn⸗ hundert Schweizer waren auf den Gipfeln der Berge auf⸗ geſtellt und rollten auf ihre Feinde ungeheure Steinblöcke hinunter, welche von Felſen zu Felſen ſprangen und ein entſetzliches Getöſe verurſachten; ganze Compagnien wur⸗ den von denſelben erdrückt. Die Kaiſerlichen flohen in wil⸗ der Unordnung; nun richtete die eigentliche Schweizer⸗ legt geweſen war, ein furchtbares Gemetzel unter den † Flüchtlingen an. Dieſer Sieg koſtete den Schweizern nicht mehr als vierzehn Mann; dieſe Schlacht, welche von der † höchſten Wichtigkeit war, wurde im Jahre 1315 geſchlagen. „Im Jahre 1394 verbanden ſich die Cantone von Zug, von Luzern und von Glarus mit den erſtgenannten drei, welche die Freiheit der Schweiz verkündigt hatten; das hieß ſich freilich ein wenig ſpät erklären„aber dieſe neuen Verbündeten zeigten ſich würdig, die Sache, zu welcher ſie ſich gewandt hatten, auch zu vertheidigen. „Dieſe entſtehende Republik war damals nur erſt durch ihre Armuth, durch ihre einfachen Sitten und durch ihre † Tapferkeit bekannt; die mächtigſten Herrſcher griffen die⸗ ſelbe einer nach dem andern an, und zwar immer ohne Erfolg. Werden denn die Menſchen niemals, ſelbſt nicht auf den unfruchtbarſten Felſen, frei leben und ſterben können, ohne den Despotismus und die gehäſfigen Leiden⸗ — 233— ſchaften, welche ſich immer in dem Gefolge derſelben be⸗ finden, gegen ſich zu bewaffnen? „Im Jahre 1453 zog KarlVII., König von Frankreich, an der Spitze von funfzigtauſend Soldaten gegen die Schweizer; zwölfhundert Mann, welche ſich von dem Heere der Verbündeten verirrt, hatten die Kühnheit, die franzöſi⸗ ſche Avantgarde, die achttauſend Mann ſtark war, anzu⸗ greifen und ſchlugen dieſelbe auch vollſtändig. Die Trüm⸗ mer dieſer Avantgarde warfen ſich auf Mutterz zurück, wo ſie ſich mit zehntauſend Armagnaken vereinigten; die Schweizer bekämpften nun auch dieſe neue Armee und zer⸗ ſprengten ſie: man hat ausgerechnet, daß in dieſer Schlacht jeder einzelne Schweizer achtzehn Feinde zu bekämpfen ge⸗ habt hatte. „Durch dieſe erſten Erfolge begeiſtert, marſchirten ſie, ungeachtet der Warnungen ihrer Officiere, gegen das Hauptcorps des franzöſiſchen Heeres; ſie griffen eine Brücke, welche von achttauſend Mann vertheidigt wurde, mit der äußerſten Wuth an. Gezwungen dieſen abgeſchnit⸗ tenen und daher zum Aeußerſten gebrachten Truppen zu weichen, ſtürzten ſie ſich in den Fluß und gewannen ſchwim⸗ mend eine kleine Inſel; die Franzoſen verfolgten ſie dort⸗ hin, und nach dem hartnäckigſten Widerſtande wurden ſie gezwungen, auch dieſe Inſel aufzugeben. „Nun ſtand es nicht mehr im Bereiche der Möglichkeit zu ſiegen; auf fünfhundert Mann zuſammengeſchmolzen, beſchloſſen ſie ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkau⸗ fen. Sie ſchlagen ſich durch das franzöſiſche Heer hindurch „ — 234— und ziehen ſich gegen die Seite von Baſel zurück, ſie ſtürzen in einen Hinterhalt von achttauſend Feinden, laſſen aber darum den Muth doch nicht ſinken; ſie werfen ſich nun in ein verlaſſenes Kloſter und, Dank ſei es den Mauern, welche daſſelbe umgaben, widerſtehen dort den Anſtren⸗ gungen des ganzen vereinigten Heeres. Da wird das Ge⸗ bäude in Brand gefteckt; auf dieſe Art gezwungen daſſelbe zu verlaſſen, ſtürzen ſie ſich in die feindlichen Reihen, ver⸗ gießen Blut in Strömen und ſterben nach einem Kampfe, welcher zehn Stunden dauerte, Alle mit den Waffen in der Hand, mit einziger Ausnahme von zwölf Mann, welche entflohen. Dieſe Zwölfwurden aus ihrem Vaterlande ver⸗ bannt, weil ſie ein ſchimpfliches Leben einem ehrenvollen. Tode vorgezogen hatten. „Sie kämpften mit einer ſolchen Erbitterung, daß die Verwundeten die Pfeile, welche ſie getroffen hatten, aus ihrem Körper herausriſſen und ſie wieder auf die Feinde zurückſchoſſen; ein franzöſiſcher General durchſchritt dieſen kleinen Raum, welcher der Schauplatz der heldenmüthig⸗ ſten Tapferkeit geweſen war: er rief hier aus, daß das Blut der Schweizer für ihn köſtlicher ſei, als ein Bad von Roſenöl. Ein ſterbender Schweizer nimmt ſeine letzten Kräfte zuſammen; er erhebt ſich, faßt einen Stein und ſchleudert denſelben mit ſo viel Kraft und Geſchicklichkeit, daß er dieſen unmenſchlichen General todt zu Boden ſchmettert. „Karl VIl. ſah ein, daß ſolche Männer ſich nicht unter⸗ werfen laſſen; er verband ſich alſo mit ihnen durch einen — 235— Tractat, welcher noch im Monat November deſſelben Jah⸗ res unterzeichnet wurde. „Im Jahre 1476 hatten ſich die Cantone Freiburg, So⸗ lothurn, Schaffhauſen, Baſel und Appenzell dem Schweizer⸗ Bunde noch nicht angeſchloſſen, und dennoch brachen ſich 3 alle Kräfte Karls des Kühnen, Herzogs von Burgund, an der Tapferkeit der acht verbündeten Cantone. „Dieſer Fürſt beſaß, außer dem Herzogthume von Burgund, auch noch das ganze Artvis, Flandern, Holland, die Franche⸗Comté und die Lorraine, die er ſich ſoeben er⸗ obert hatte; er wollte alle vieſe ſeine Staaten zuſammen⸗ genommen zu einem Königreiche erheben. Ein Theil dieſer ſeiner Beſitzungen grenzte an die Schweiz, und er beſchloß daher ohne Weiteres, ſich dieſelbe zu erobern. „Er rückte in dieſes Land ein, ohne daß er demſelben den Krieg erklärt, und überhaupt einen anderen Beweg⸗ grund, als die Befriedigung des beklagenswertheſten Ehr⸗ geizes gehabt hätte; er zog vor Granſon, eine Stadt, welche in der Nähe des Neufchateler Sees liegt. Sie wurde nur von einer Beſatzung von fünfhundert Mann vertheidigt, dieſe ſchlugen ſich zwar muthig, aber bald ſahen ſie ſich gezwungen,ſich auf Gnade und Ungnade zu er⸗ geben; der Herzog machte von ſeinem Kriegsglücke einen unwürdigen Mißbrauch, er ließ vierhundert Mann auf⸗ hängen und die übrigen hundert in den See werfen. „Bei dieſer Nachricht ſtiegen die Schweizer von ihren Bergen herab, ſie brannten vor Begierde ihre Landsleute zu rächen; die Despoten haben keinen Begriff davon, was — 236— die Liebe zur Freiheit vermag. Karl glaubte es nur mit einer ungeordneten und planloſen Maſſe zu thun zu haben, welche vor ihm wie Spreu zerſtäuben würde; er verließ die Ebene von Granſon, auf welcher er ſeine Cavallerie mit um ſo größerem Vortheile hätte entwickeln können, als die Schweizer gar keine Reiterei beſaßen: er zog in die benachbarten Schluchten. „Dieſe Hirten, welche er ſo ſehr verachtete, beeilten ſich wieder raſch ihre Berge zu erklimmenz ſie erdrückten einen Theil der Burgunder durch Baumſtämme und Fels⸗ blöcke, welche ſie auf dieſelben ſchleuderten. Dann kamen ſie wieder von den Bergen herab, bildeten geſchloſſen Colonnen, und brachen von allen Seiten in die Trümmer des aufgelöſten burgundiſchen Heeres ein; ſie hatten nur noch die Mühe zu tödten. Der Herzog ſah ſich in die Noth⸗ 3 wendigkeit verſetzt zu fliehen, und war überglücklich, als es ihm endlich gelungen war, eine Zufluchtsſtätte zu finden. „Seine Artillerie, ſein Gepäck, ſein Tafelgeſchirr und 3 ein Diamant, welcher auf eine Million und achtmalhun⸗ derttauſend Livres geſchätzt worden war, fielen in die 3 Hände der Sieger; die Unwiſſenheit der Schweizer in ſolchen Dingen war ſo groß, daß Derjenige, welcher den unſchätzbaren Stein gefunden hatte, ihn für einen Gulden † an einen Mann verkaufte, der ihn ſelbſt wieder für drei Livres verkaufte. Sie zerriſſen die glänzenden Zelte von Gold und Silberſtoff, um ſich Kleidungsſtücke daraus zu machen, und hielten das Silberzeug des Herzogs für Zinn. „Karl wollte den ungünſtigen Eindruck, welchen ſeine — 237— Niederlage hervorgebracht hatte, wieder ausgleichen; er rückte noch in demſelben Jahre, nach Blut und Rache trun⸗ ken, in die Schweiz ein und belagerte Murten, die Haupt⸗ ſtadt eines Diſtrictes, welcher zwiſchen dem See deſſelben Namens und dem Ufer der Saone in dem Canton Frei⸗ burg liegt. Murten hatte ebenfalls nur achthundert Mann Beſatzung, ſie hielten drei Stürme aus, welche der Herzog ſeelbſt gegen ſie leitete; unruhig und unentſchloſſen, wie er war, hätte er ſich beinahe zu einem demüthigenden Rück⸗ zuge entſchloſſen, als er vernahm, daß ſich die verbündete Armee der Schweizer ihm in Eilmärſchen nahe. „Die Lage dieſer braven Leute war nicht mehr dieſelbe; er Ehrgeiz des Herzogs hatte ihnen Verbündete verſchafft. Die Städte des Rheins hatten ihnen viertauſend Mann terei zugeſchickt; jetzt konnten ſie alſo auch in der Ebene ämpfen, und die verbündete Armee zählte dreißigtauſend „Der Herzog hatte deren nur fünfundzwanzigtauſend. Gewiß, die Feinde, die er ſich ſelbſt gemacht hatte, in der Ebene zu vernichten, rückte er ihnen entgegen, ohne es der Mühe werth zu finden, ſich über die Anzahl und die Be⸗ ſchaffenheit der Truppen, die er zu bekämpfen im Begriffe ſtand, nähere Aufſchlüſſe zu verſchaffen. 3„Die Schweizer ſchlugen ſich für ihre Freiheit, und waren noch dazu auch an Zahl die Stärkeren; der Sieg konnte daher nicht zweifelhaft ſein, und er kam den Fein⸗ en hoch genug zu ſtehen. Achtzehntauſend Burgunder blieben todt auf dem Schlachtfelde; ihre Gebeine wurden 238 in einer Kapelle, welche in der Nähe von der Stadt Mur⸗ ten ſteht, aufgeſchichtet. Die Schweizer zeigen mit Stolz den Reiſenden dieſe Triumphſäule ihres Ruhmes. „Durch dieſe Rieſenkämpfe nun errichteten ſie das Ge⸗ bäude ihrer Freiheit auf Grundlagen, welche unerſchütter⸗ lich zu ſein ſcheinen; mögen ſie ſich dieſelbe noch recht lange Zeit bewahren. „Durch dieſe großen Beiſpiele mit fortgeriſſen, ver⸗ einigten ſich auch die Cantone, welche lange Zeit ſchwan⸗ kend und unentſchloſſen waren, mit den acht verbündeten; ſie vervollſtändigten auf dieſe Art die Bundesrepubli welche heutzutage aus dreizehn Cantonen beſteht.“ „Mein Freund André, Du haſt mich ſtolz darauf ge⸗ macht, ein Schweizer zu ſein; ich ſehe ſchon, wir werden uns in Appenzell naturaliſiren laſſen müſſen.“—„Aber nur unter der Bedingung, daß ich es nicht nöthig bah mich zu ſchlagen.“ „Aber es ſcheint mir doch, daß Du die Thatſachen en wenig zu allgemein wiedergegeben haſt, und doch haſt Du wenigſtens ſechs Stunden lang geſchrieben.“—„O glau ben Sie denn, mein Herr, daß man Geſchichte eben leicht wie Homilien ſchreiben kann? Mußte ich denn nicht fortwährend in meiner Bibliothek nachſchlagen?“— ½ „Deine Bibliothek, und wo iſt denn die?“—„In meinem Kopfe, mein Herr. War ich denn nicht gezwungen, mich erſt an die Namen der Menſchen und ver Orte zu erinnern, die Thatſachen zu ordnen, und die Zeitabſchnitte feftzu⸗ ſtellen? Man behauptet häuſig, daß die Geſchichtſchreibet — 239— nur Compilatoren ſeien. Man unterrichtet ſich aus ihren Werken, und denkt nicht an die Mühe, welche ſie den Ver⸗ faſſern gekoſtet haben; übrigens habe ich mich ſoeben als wieder mit einem neuen Talente begabt gezeigt, wir wollen nun ein wenig recapituliren, wie viele Talente ich denn eigentlich jetzt ſchon beſitze.“—„Wir wollen gar Nichts recapituliren. Siehſt Du denn nicht, daß wir hier ſchon nach Sanct⸗Gingolph gelangt ſind? An's Land! Ans Land!“ Wir ſprangen an den Strand, und unſere Wagen wur⸗ dden uns auch bald nachgezogen.„Bei Gelegenheit der Geſchichte,“ ſagte André,„es iſt ohne Zweifel recht hübſch ein Schweizer zu ſein; aber um frei zu leben, muß man doch auch eſſen, und unſere Mundvorräthe ſind erſchöpft, oder werden es doch wenigſtens ſehr bald ſein.“— „Warum haſt Du davon nicht im Laufe des Tages ge⸗ ſprochen? Wir hätten dann in irgend einem Marktflecken eeinkaufen können.“—„Und zu Coppet?— Die Anzüge, ie Fiſchzugpartie wenn ich gar Nichts vergäße, ſo würde ich ja ein vollkommener Menſch ſein. Und dann aßen ja die Schweizer, welche Karl den Siebenten ſchlu⸗ gen, welche bei Granſon und bei Murten fochten, auch nur ſchwarzes Brot, Feldfrüchte und Käſe; und eben dieſe ein⸗ fache Nahrung wares, welche ſie ſo unüberwindlich machte. Wir wollen alſo, wenn auch nur auf kurze Zeit und noth⸗ gedrungen, ſo wie ſie leben.“ Indeſſen war Sanct⸗Gingolph doch nicht ſo ganz von allen Hilfsquellen entblößt, und unſere Schiffsleute riethen uns, Alles, was wir nur immer auftreiben könnten, mit uns — 240— zu nehmenz ſie verſicherten uns, daß wir uns ſonſt weiter über Sion hinaus ganz auf die Koſt der ſchweizer Bauern beſchränken müßten. Wir durchſpürten das ganze Dorf wie Jäger, welche ein Gehölz durchſtöbern; wir brachten Alles, was wir Jeder einzeln fanden, gewiſſenhaft zu dem Hauptdepot. Clara hielt ein altes Huhn in der Hand, Marianne ein großes Stück Speck; ich rollte ein kleines Fäßchen vor mir her, welches mit einmarinirten Forellen gefüllt war. Ber⸗ trand trug auf einer Schulter ein Faß mit Wein, ſo wenig ſauer als er überhaupt im Dorfe zu bekommen war, und auf der andern die Hälfte eines jungen Rehbocks. André kam zuletzt an, aber er hatte auch die wichtigſte Entdeckung gemacht; er fuhr auf einem Schubkarren einen großen Sack voll von dem reinſten Hafermehl, einen Topf mit Bulter und einen ziemlichen Vorrath von Salz vor ſich her. Wenn unter Nebenbuhlern in der Betriebſamkeit die Erfolge ſo ziemlich gleich ſind, ſo ſchläft der Neid, weil er gerade nichts Beſſeres zu thun hat;z wir wünſchten uns Glück, wir nahmen uns bei der Hand, wir umarmtenuns, und ich fand bei dieſer Gelegenheit, daß Marianne eine eben ſo zarte als friſche Haut hat. André erzählte uns, daß der Bauer, welcher ihm ſein Mehl verkauft habe, auch bereit ſei uns ſeinen Backofen zu leihen,„und, meine Damen, es iſt die höchſte Zeit Hand an das Werk zu legen, denn wir haben nur noch Brot für dieſes Abendmahl übrig; wir wollen das nun dieſen Abend ganz heiter verzehren, dann darüber ruhig ſchlafen und zu — 244— träumen trachten, daß wir immer nur von Haferbrot ge⸗ lebt haben.“ André ſorgte für Alles und war überall; er ſuchte dem einfachen Leben, welches die Nothwendigkeit uns aufzwang, eine ſcherzhafte Wendung zu geben. Clara und Marianne hatten aus Rückſicht für ihre ſchweizer Anzüge nur ein klei⸗ nes Unterleibchen angezogen, und ſchienen gar nicht zu fürchten, daß der flüchtige Blick des Zuſchauers gezwun⸗ gen werde ſich von ihnen abzuwenden; ich erlaubte mir einige kleine Scherzreden, aber dieſe Damen gaben ſich den Anſchein, als hörten ſie gar nicht und als gehörten ſie nur ganz und gar ihrem Backtroge an. André hielt die beiden Kinder auf ſeinen Armen, und achtete weder auf die Unter⸗ leibchen noch auf ſonſt etwas Anderes, Bertrand zog dem Rehbock die Haut ab und ſalzte ihn ſehr reinlich in einem großen irdenen Gefäße einz ich, ich war wieder ganz la WMouche geworden, ich wurde es nicht müde zu beobachten, obgleich meine Beobachtungen durchaus keinen Einfluß auf die Regierung der Schweiz erlangen ſollten. Dieſe Damen erhoben ſich endlich wieder, und ich ver⸗ lor alle meine Vortheile; Bertrand bewaffnete ſich mit einer langen hölzernen Gabel und ſchob das Brot, welches uns am folgenden Tage den Magen faſt abdrücken ſollte, in den Backofen. Während es nun dort gebacken wurde, ſetzten wir uns zum Abendeſſen; das Brot wurde zu dem paſſenden Zeitpunkte aus dem Ofen genommen, und wir quartierten uns Alle höchſt beſcheiden auf unſeren gewöhn⸗ lichen Plätzen in dem Frachtwagen ein. Wir brachten auch Biblioth. 356 Boch. 16 — 242— noch dieſe Nacht auf dem Ufer, der Walliſer Redlichkeit vertrauend, zu und dieſe rechtfertigte auch vollkommen unſer Vertrauen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Cretins. Der Donnerſchlag. Wir reiſten mit Tagesanbruch von Sanct⸗Gingolph ab, und hatten auch durchaus keine Urſache, uns einen längeren Aufenthalt an dieſem Orte zu wünſchen; wir verwickelten uns, André und ich, in hiſtoriſche, philoſophi⸗ ſche und ſtaatsökonomiſche Dispute, welche freilich eben zu nicht viel führten, aber uns doch die Zeit vertrieben. Es ſcheint in der That, als ob das Daſein den Menſchen er⸗ müdete und als ob er durch alle Mittel, welche ſeine Ein⸗ bildungskraft nur immer zu erſinnen vermag, ſein Leben zu übertäuben ſuchte. Dieſe Betrachtungen führten uns zu † einer ganz einfachen Folgerung, nämlich zu der, daß der Menſch, welcher arbeitet, die Zeit nicht zu lang finde und der Annehmlichkeiten eines Gemeinde⸗Lebens genieße, das freilich für reiche und müßige Leute ohne Anziehungskraft iſt: die Ueberſättigung iſt die erbittertſte Feindin des Ver⸗ gnügens; wir nahmen uns feſt vor, uns jeden Tag durch unſerer Hände Arbeit Vergnügen zu verſchaffen, wenn wir nur erſt in Appenzell ſein würden. Dieſe Art der Unterhaltung mußte für zwei Frauen⸗ zimmer ohne Gelehrſamkeit, und welche ſelbſt ihre eigenen — 243— kleinen Gedanken hatten, nothwendigerweiſe langweilig ſein; Clara und Marianne plauderten, während wir dis⸗ putirten, und da man doch nicht immer ſelbſt ſprechen kann, ſo fingen wir endlich an ihnen zuzuhören. Nichts hatte noch in ihnen jene Feinheit der Empfindung und jenen ficheren Takt, welchen die meiſten Frauen ſchon von der Natur erhalten, erſtickt; ihr Geſpräch war ſehr kunſtlos, ohne Ordnung, ja ſogar ohne Zuſammenhang, aber ein angeborner Geiſt und anſpruchsloſe Witzworte machten daſſelbe ſehr angenehm: ich habe ſcitdem mehrmals Gele⸗ genheit gehabt gelehrte Frauen zu ſprechen, aber ſie hatten mindeſtens ebenſo viel an Liebenswürdigkeit verloren, als ſie an Gelehrſamkeit gewonnen zu haben glaubten. Wir befanden uns auf dem Wege von Aigle, welcher nach Freniere, nach Vetroz und nach Sion führt; ſchon begannen wir die größten, vielleicht unüberwindlichen Schwierigkeiten vorauszuſehen, welche eintreten mußten, ſobald wir mit unſeren großen und ſchweren Wagen in die gebirgigeren Gegenden gelangten.„Pah, pah!“ ſagte André,„wir find ja nicht die Erſten, welche in der Schweiz reiſen, und ſo wollen wir uns denn die Erfahrungen unſe⸗ rer Vorgänger zu Nutze machen; wenn unſere Wagen nicht mehr fortzubringen ſein werden, nun wohl, ſo werden wir ſie zurücklaſſen. Wir haben ſechs gute Maulthiere, dieſe werden wir mit unſeren Mundvorräthen und mit unſeren Betten beladen, unſer Glück mag für das Uebrige ſorgen; wie es ſich auch gegen uns erweiſen mag, ſo wer⸗ den wir doch weder große Herren, noch deren große Va⸗ 16* 3 — 244— ſallen, weder Soldaten der Ligue noch Hugenotten, weder Verwüſtungen noch Mordbrennereien zu fürchten haben. Wenn wir ein Feld beſäet haben werden, ſo wird uns Nie⸗ mand unſere Ernte ſtreitig machen wollen; es lebe die Freiheit und der Canton von Appenzell! „Die Sonne ſteht ſchon hoch, und wir wollen alſo frühſtücken; dieſer Raſen hier ſoll uns als Tiſchtuch dienen. Zu Boden! Zu Boden!“ In einem Augenblicke hatten wir Alle Platz genommen, wir hatten einen Kreis gebildet, in deſſen Mitte ein Ha⸗ ferbrot, nach welchem uns hungerte und welches zu koſten wir uns doch gewiſſermaßen fürchteten, Staat machte. „Es iſt eben nicht ſehr gut,“ ſagte ich, indem ich ein Ge⸗ ſicht ſchnitt.—„Nein,“ ſagte André,„aber ich ziehe es voch dem ſchönſten Weißbrote vor, deſſen Genuß man ſich erſt durch Musketenſchüſſe ſichern muß.“ Die Forellen waren teufelmäßig eingeſalzen, und ich ſchlürfte ein Glas Landwein von Sanct⸗Gingolph hinun⸗ ter, um ſie ſchwimmen zu machen; die Freiheit, auf welche wir nun anſtießen, ließ mich indeſſen den Wein doch nicht weniger ſauer finden.„Sie haben ſich mit ziemlicher Leich⸗ tigkeit daran gewöhnt, der Gefahr getödtet zu werden ausgeſetzt zu ſein; es ſcheint mir doch, daß es noch leichter ſein müßte, ſich daran zu gewöhnen einen ſchlechten Wein zu trinken.“—„Du haſt Recht, André, es lebe die Frei⸗ heit und der Landwein!“ WVir lebten und ſchliefen zu Aigle, zu Frenière, zu Ve⸗ troz ebenſo wie zu Sanct⸗Gingolph und zu Coppet, aber die Wege begannen ſchwer befahrbar zu werden; meh⸗ rere Male hatten wir uns ſchon in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt geſehen, Alle auszuſteigen, um die Laſt unſerer Maul⸗ thiere zu erleichtern. Von Zeit zu Zeit mußten auch wir drei Männer an den Rädern nachſchieben, um den Wagen aus einem Loche herauszuziehen, oder um ihn über einen Steinhaufen hinüberzubringen, der ſich guer durch die Straße zog. André that Alles, und zwar gerade unter den ſchwierigſten Umſtänden mit dem lauteſten Lachen, das iſt das ſicherſte Mittel, auch die Anderen zu ermuthigen; Clara und Marianne gingen um uns herum, thaten Nichts, weil ſie Richts thun konnten, riethen uns und keuchten mit uns im Vereine. Der Schriftſteller, der ſich ſo gut auf das Inſceneſetzen verſtehen wollte, André nämlich, ſchrieb jetzt eine Lobrede an dieſe Damen, welche auch im höchſten Grade verdienſt⸗ voll warz er verglich ſie mit einer Fliege, welche ab und zu fliegt, indem ſie fortwährend einem im Schlamme ſtecken gebliebenen Pferde um die Ohren ſummt, bis dieſes endlich durch die Peitſche des Fuhrmanns herausgetrieben wird. Die ſummende Fliege verfehlt aber nicht, ſich ganz allein die Ehre des Erfolgs beizumeſſen; er verlor dieſe Apologie zwiſchen Vetroz und Sion.„Ein Anderer wird ſie ſich zu Nutze machen,“ ſagte er, und dachte nicht weiter daran. Wir wären in Sion in dem zerfetzteſten und lächerlich⸗ ſten Aufzuge angekommen, wenn wir nicht vondem Schritte an, wo ſich die erſte Schwierigkeit erhob, die Vorſicht ge⸗ — 246— braucht hätten, unſere Anzüge von wohlhabenden Schwei⸗ zern abzulegen, um unſere Coſtüme von Kuhhirten des Emmenthales anzuziehen. Unſere ledernen Beinkleider und Kniebänder waren uns ſehr nützlich, wenn wir mit den Knieen und mit dem Kopfe ſchoben; wir wußten der wei⸗ ſen Vorſicht des Meiſter Lucker tauſend Dank, aber ſobald wir den Glockenthurm von Sion erſchauten, machten wir Halt und ſuchten uns ein beſſeres Ausſehen zu geben. Die Eitelkeit verliert doch niemals ganz ihre Rechte. Sion iſt nahe an der Rhone auf einer Anhöhe gelegen, von welcher die Ausſicht angenehm und abwechſelnd iſt, alle Bewohner dieſer Stadt ſind entweder Prieſter oder Soldaten; die Hauptkirche iſt ſehr ſchön, und die Häuſer der Chorherren ſind vorzüglich bemerkenswerth. Die Bür⸗ ger verſammeln ſich jeden Sonntag, um ſich unter der Leitung eines Hauptmanns, welcher uns der beſte Menſch auf der ganzen Welt zu ſein ſchien, im Schießen zu üben. Die Frauen find im Allgemeinen groß, gut gewachſen, blond und hübſch; ſie beſitzen Anmuth, ohne jedoch affer⸗ tirt zu ſein, ſie ſahen ſehr viel nach unſern kleinen Schwei⸗ zerinnen, deren eleganter Anzug die ihrigen ausſtach. Die Männer betrachteten unſere Wagen mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit; wir glaubten zuerſt, daß unſer Aufwand ſie ver⸗ letze: einer von ihnen ſagte uns, daß er nicht begreife, wie wir es wagen wollten mit Equipagen von ſolchem Umfange durch das Gebirge zu reiſen. Dieſer Mann wies uns auch nach einem ſehr guten Wirthshauſe, wo wir, wie er ſagte, Alles finden würden, die Betten ausgenommen; aber das — 247— war für uns gerade das Weſentlichſte, denn ſeit unſerer Abreiſe von Montereau waren wir nicht aus den Kleidern gekommen, und André war es auch müde, nur den Titel des Mannes ſeiner Frau zu führen. Meiſter Cormier empfing uns ſehr gut, und überließ uns zwei Zimmer und ein Cabinet, welche unmittelbar unter dem Dache des Hauſes lagen, der untere Theil war für die Trinkgäſte aufbewahrt; Cormier ließ uns vollkom⸗ mene Freiheit uns in dieſem Raume einzurichten, wie es uns nur immer beliebte, und man kann ſich leicht denken, daß André ſich des Cabinettes bemächtigte. Bertrand trug die Matratzen herauf, und zum erſten Male ſeit unſerer Abreiſe von Montereau wurden die Betttücher aus der Kiſte, in welcher ſie eingeſchloſſen waren, wieder hervorgezogen; als unſer Wirth unſere Anordnun⸗ gen begriffen hatte, ſchaffte er einige leere Tonnen herauf, mit welchen er den Winkel, welchen Marianne für ſich in Beſchlag genommen hatte, umſtellte: o! es war ein ſehr ſchamhafter Mann, dieſer Meiſter Cormier, mir wäre es mindeſtens ebenſo lieb geweſen, wenn er ſeine Vorſicht nicht ſo weit getrieben hätte. Ich überließ dieſes Zimmer ganz und gar der kleinen Marianne, und quartierte mich mit Bertrand in dem andern ein. Wir bedurften Alle ſehr der Ruhe, Marianne über⸗ trug diesmal ihre täglichen Pflichten dem Meiſter Cormier; er trug uns ein ziemlich gutes Abendeſſen und einen ſehr trinkbaren Wein auf, welchem Beidem wir auch alle Ehre erwieſen, dann ging Jeder von uns ſein Bett aufzuſuchen. — 248— Ich ſchlief ganz ausgezeichnet, wurde indeſſen doch zwei oder drei Mal durch das Geſchrei des kleinen Antons und der kleinen Antvinette geſtört; vielleicht war es André, der dieſelben aus dem Schlafe aufweckte der glückliche Schlingel! Ich erinnerte mich, als ich aufwachte, daß ich ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr gebetet hatte, man ſucht immer Entſchuldigungsgründe für ſein Unrecht auf; ich ſchrieb dieſen meinen Fehler der Heuchelei der Häupter jener Par⸗ teien, welche Frankreich in einen ſo troſtloſen Zuſtand ver⸗ ſetzten, und den mordbrenneriſchen Predigten jener Män⸗ ner zu, welche ihnen ergeben waren und welche alle die Religion entehrten; ich dachte ſo wie André, daß Fanatis⸗ mus und Bigotterie Gott unmöglich wohlgefallen können. Ich betete nun zu ihm und dachte dabei an den Ausſpruch Pouſſanville's: Wenn man mit dem Herrn ſelbſt ſprechen kann, hat man es nicht nöthig ſich an ſeinen Diener zu wenden. Ich beſchloß zwar meine Religion in ihrer gan⸗ zen Reinheit auszuüben, dabei aber mit meinen zukünfti⸗ gen ſchweizer Mitbürgern, was auch immer ihr Glaube ſein möge, in Frieden zu leben. Meiſter Lucker verkaufte Anzüge, und Meiſter Cormier Wagen, wie ſie die Eigenthümlichkeit des Landes erfordert; das find nämlich kleine bedeckte Karren, welche zwei Män⸗ ner auf ihren Armen forttragen können, wenn ſie abgela⸗ den ſind. Wir ſahen auch alſogleich die Vortheile des Tauſches, welchen Cormier uns vorſchlug, ein; zwar ver⸗ langte er ziemlich viel für vier von ſolchen Karren, und — 249— bot uns ſehr wenig für unſere beiden Wagen: er konnte dieſelben, wie er uns ſagte, nur allenfalls an einige ſchwä⸗ biſche Herren verkaufen, welche die Schweiz durchzögen, um an dem Genfer⸗See gute Forellen zu eſſen. Er fügte hinzu, daß dieſe Gelegenheiten ſehr ſelten ſeien, und er konnte auch wohl Recht haben; ausgemacht war es einmal, vaß wir mit der Kutſche und dem Frachtwagen nicht weiter fahren konnten, und Jedermann muß ja doch von ſeinem Vortheile leben. Nach dem Frühſtücke ſprachen wir von den Cretins. Cormier verſtand ſich ſehr gut auf ſein Geſchäft, aber er war nicht ſo unterrichtet wie Simon; Alles, was er uns ſagen konnte, beſtand darin, daß die Cretins ſehr außergewöhn⸗ liche Weſen ſeien, deren Anblick uns aber unangenehm be⸗ rühren werde, und daß wir, um eine nur einigermaßen bedeutende Anzahl derſelben beiſammen zu ſehen, in das benachbarte Dorf Villeneuve reiſen müßten. Unſere Da⸗ men wollten uns dorthin begleiten, denn Alles, was über die Grenzen der gewöhnlichen Naturerſcheinungen hinaus⸗ geht, reizt ihre Neugierde; wir nahmen einen Wegweiſer an, und machten uns mit demſelben auf den Weg. Die Männer und Frauen von Villeneuve waren gerade mit ihren Arbeiten beſchäftigt, als wir in dieſes Dorf ein⸗ zogen; wir fanden ihre Häuſer alle offen, und ſowohl außerhalb als innerhalb derſelben ſaßen unbewegliche Weſen, über welche wir uns gar keine Begriffe bilden konnten. Sie hatten eine gewiſſe Aehnlichkeit mit Men⸗ ſchen, und als wir ſie näher und aufmerkſamer betrachte⸗ — 250— ten, fanden wir, daß es wirklich Menſchen, aber ausgear⸗ tete oder von der Natur ſtiefmütterlich bedachte Menſchen ſeien; ihre durchſchnittliche Größe beträgt vier Fuß, einige von ihnen haben aber nur drei und einen halben, keiner von ihnen iſt jedoch größer als vier und einen halben. Sie haben dichtbebuſchte Augenwimpern, einen blöd⸗ ſinnigen Blick, eine abgeplattete Raſe, dicke und farbloſe Lippen, herabhängende Wangen, eine aſchgraue Geſichts⸗ farbe und einen ungeheuren formloſen Kropf, welcher ihnen oft bis auf die Mitte der Bruſt herabhängt; wir redeten † einige von dieſen Unglücklichen an. Einige derſelben ant⸗ worteten uns durch unarticulirte Laute, Andere antworte⸗ ten uns gar nicht. Sie haben einen ungleichen ſchaukelnden Gang, und gehen nur mit ſichtbarer Mühe, welche für den Zuſchauer peinlich wird; Einige von ihnen leben und ſterben aufder⸗ ſelben Stelle, das find Auſtern, welche an ihren Felſen feſtgeklebt find. Sie find nur einer regelmäßigen Bewe⸗ gung fähig, nämlich der des Eſſens, und es giebt ſogar einige unter ihnen, welche man wie neugeborene Kinder füttern muß; mit einem Worte: ſie ſind häßlich, ekelerre⸗ gend und haben Nichts von jener geiſtigen Ueberlegenheit, welche zuweilen ſogar die Häßlichkeit erträglich macht. Sie kennen übrigens weder körperliche Schmerzen noch moraliſche Leiden, weil ſie durchaus aller Empfindungen beraubt find; ein ſolcher Cretin hat vielleicht ein ruhige⸗ res Daſein, als das war, deſſen Jodelle genoß, und deſſen — 251— Garnier, ſein Nachfolger und ſein Nebenbuhler, zu ge⸗ nießen beginnt. Die Bauern, welche nach und nach von ihren Feldern zurückkamen, erzählten uns, daß ſehr viele von dieſen Cre⸗ tins mit einem Kropfe ſchon auf die Welt kommen, welcher von ihrer Geburt bis zu ihrem Tode faſt immer im Wachs⸗ thume begriffen iſt. Dieſe einfachen Leute haben dieſe Cre⸗ tins oft lieber als ihre übrigen Kinder; ſie nennen ſie gute Seelen Gottes, welche noch rein von Sünden ſind. Slie betrachten ſie wie bevorzugte Weſen, welche ſchon von vornherein zur ewigen Seligkeit beſtimmt ſind; die Frei⸗ heit trägt allerdings zur Verbreitung der Aufklärung bei, aber es bedarf Jahrhunderte, um gewiſſe Vorurtheile zu zerſtören. Das gemeine Volk iſt überall voll von ſolchen Vorurtheilen, und in dieſer Beziehung gehören auch ſehr viele Große zum gemeinen Volke. DDieſes Schauſpiel hatte uns tief⸗innig gerührt, und wir entfernten uns vollkommen zufriedengeſtellt von dieſem Dorfe; wir hatten nicht umhin gekonnt, uns we⸗ nigſtens für einen Augenblick ganz in die Lage dieſer Un⸗ glücklichen zu verſetzen, und es ſchien uns, als ob wir erſt jetzt wieder in dem Maßſtabe, als wir uns von ihnen ent⸗ fernten, zu Menſchen würden. Ich fragte meinen Philoſophen, was ſeine Anſicht über die Urſache dieſer Mißgeſtaltung ſei?„Dieſe Urſache iſt nicht ſchwer herauszufinden,“ antwortete er mir,„die Kröpfe kommen von dem Genuſſe des geſchmolzenen Schnees als Trinkwaſſer.“—„Aber die Kinder, die noch Fötuſſe find, trinken ja daſſelbe nicht.“—„Aber ihre Müt⸗ ter trinken es für ſie.“—„Nun, warum haben denn aber dann eben dieſe Mütter, und überhaupt drei Viertel der Bewohner von Villeneuve keine Kröpfe, da doch Alle daſſelbe Getränke genießen?“—„Dieſe Frage iſt wirklich ein wenig kitzlich, und ich kann es nicht über mich nehmen, ſie zu beantworten; was iſt denn Ihre eigene Anſicht, mein Herr, in Beziehung auf dieſen Punkt?“—„Ich? ich habe deren keine.“—„Da iſt man freilich ſchneller fertig; übri⸗ gens kommt unter gewiſſen Umſtänden eine noch ſchwe⸗ bende und eine ſchon beantwortete Frage beinahe auf eins hinaus: wenn auch jemals ein Gelehrter die Frage d Kröpfe gründlich löſen ſollte, ſo wird er doch nicht im Stande ſein zu bewirken, daß kein Walliſer einen Kropf mehr habe.“ Wir waren zu Fuße von Sion hierhergekommen, und wir kehrten auf dieſelbe Art und Weiſe dorthin zurück, da der Weg eben nicht allzulang war; Clara trug ihren An ton, Marianne meine Antvinette: ich betrachtete ihre fein geformten Waden, die Flechten ihres Haares, welche bis auf den Nacken hinunterhingen, den großen Strohhut, deſſen neckiſches Spiel abwechſelnd zwei hübſche Geſich chen bald verbarg, bald zeigte.. Plötzlich ſtoße ich eine durchdringenden Schrei aus, es ſcheint, daß Fräulein Ma⸗ rianne eine ausgeſprochene Reigung für ſchöne Ausſichten habe; ſie war mit der Leichtigkeit und Anmuth eines Rehes auf einen Felsblock hinaufgeſtiegen auf einmal gleitet einer ihrer Füße aus ſie ſtürzt von einer Höhe —= 235— von zehn bis zwölf Fuß herab, und rollt auf den unebenen Erdboden hin; ich halte mein Kind ſchon für getödtet, fahre fort zu ſchreien und ſtürze auf die Stelle zu.. Bertrand hatte Marianne ſchon aufgehoben, ich nehme meine Tochter in meine Arme, liebkoſe ſie, ſie lächelt mich anz alſo iſt ſie nicht verletzt worden. Marianne weintez in dem Augenblicke, in welchem ſie ſſtürzte, hatte ſie die beiden Arme emporgehalten, um das Kind zu retten, aber die Steintrümmer, über welche ſie iel, hatten ihr eine weite Fleiſchwunde an jedem Ellbogen geriſſen, aus welcher Blut floß: zum größten Glücke noch war ihr Geſicht nicht verletzt worden. Ich wollte ſie zwar auszanken dafür, daß ſie ſich ſo unbeſonnen der Gefahr ausgeſetzt hatte, aber ich dachte daran, daß eine Regung, die ſchneller als das Ueberlegen geweſen ſein mußte, ſie 3 beſtimmt hatte ſich für meine Antoinette zu opfern, und der Vorwurf erſtarb auf meinen Lippenz ich näherte mich ihr, trachtete ihr Blut zu ſtillen, richtete wohlwollende Worte an ſie: mit Einem Worte, ich tröſtete ſie.„Dieſe — Ritzen hier haben Nichts zu bedeuten,“ ſagte ſie zu mir, 1 „da Sie mir verzeihen und nicht böſe ſind.“ Es wäre ſchwer geweſen, mehr in weniger Worten zu ſagen. Als wir nach Sion zurückkehrten, waren ihre beiden Elbogen ganz ſteif; das arme Mädchen konnte ſie ohne Schmerz weder biegen noch ausſtrecken. Andrs durchlief eine ganze Stunde lang die Stadt, endlich kam er mit einem großen, dicken und ſtarken Mädchen aus dem Can⸗ ton Bern zurück, welches ein verdorbenes Franzöſiſch und — 254— vielleicht eben auch kein ſehr reines Deutſch ſprach, aber welches doch immer genug von dieſen beiden Sprachen verſtand, um uns als Dolmetſcher zu dienen; Marianne war, wenigſtens für einige Tage, außer Stand geſetzt, irgend Etwas zu thun. Clara hatte ſie herangebildet, ſie wird auch Gertruden brauchbar machen; das iſt freilich ein Mund mehr, aber wenn wir erſt in Appenzell ſein wer⸗ den, werden wir Ziegen zu melken und junge Hühner aufzuzuziehen finden. Die Beweisſätze André's ſchienen unwiderlegbar; ich war übrigens auch von ſelbſt ſehr dazu geneigt, dieſe Anordnung gutzuheißen; er hatte mich er⸗ rathen. Wir brachten den übrigen Theil des Tages damit zu, unſer Gepäck von den ſchweren Wagen abzuladen, und es auf die leichten zu bringen; ſchmal und klein, wie dieſe letzteren waren, brauchte vor jeden derſelben nur ein Maulthier geſpannt zu werden, und wir hatten deren ſechs. Wir kauften alſo zwei Männer⸗ und zwei Frauen⸗ ſättel, dadurch ward uns die Möglichkeit gegeben, unſere kleinen Karren zu verlaſſen, wenn wir es müde ſein wür⸗ den, in denſelben eingeſchloſſen zu ſein; dadurch konnten wir auch mehr Abwechslung in unſere Vergnügungen bringen, ohne deshalb unſere Reiſe aufzuhalten. Unſere Fuhrwerke hatten jetzt nichts Außergewöhn⸗ liches mehr an ſich, es waren jetzt die wohlhabender ſchweizer Bauern. Wir verließen den Canton Wallis bei Gelten, und zo⸗ — 255— gen in den Canton Bern ein; hier war Alles ächt ſchweize⸗ riſch, und wir begannen hier es ſelbſt zu werden. Wir wurden zuerſt durch für uns ganz neue Gegenden, Sit⸗ ten, Gewohnheiten und Gebräuche in Erſtaunen verſetzt; Berge, nichts als Berge, aber Berge, deren Ausſehen un⸗ endlich verſchiedenartig und daher immer neu iſt: milde, thenden Kampf gefolgt waren, ließen eine lange Reihe von friedlichen Jahren und von glücklichen Generationen vorherſehen; Gewohnheiten, wie ſie die Natur eines Lan⸗ des mit ſich bringt, welches im Ganzen eben nicht ſehr fruchtbar iſt und in welchem die Arbeit und die Ruhe ohne Unterbrechung auf einander folgen; Gebräuche, welche nothwendigerweiſe aus der Lebensweiſe der Bewohner ſich ergaben: das war es, was wir ſo im Ganzen und Großen erfaßten. Nach und nach ſtudirten wir auch die Einzeln⸗ heiten, und lernten ſie kennen. WVir gelangten gegen Mittag nach Boſchenried. Män⸗ ner und Weiber kamen uns in ziemlicher Anzahl entge⸗ gen; Keines von denſelben verſtand ein Wort Franzöſiſch, und Gertrude begann uns von der größten Nützlichkeit zu werden. Man übt in dieſem, ebenſo wie in anderen Can⸗ tonen, die Gaftfreiheit aus, wie ſie zur Zeit der Patriar⸗ hen beſtand; wenn die Reiſenden ſo zahlreich find, daß ſie eine einzige Wirthſchaft überfüllen würden, ſo theilen ſich die Einwohner in dieſelben und geben ihnen Alle, ohne Ausnahme, der Reihe nach Obdach. Die Männer drücken ihnen die Hand; vas iſt überall eine Freundſchafts⸗ einfache und patriarchaliſche Sitten, welche auf den wü⸗ —— bezeigung. Die Frauen tragen ihnen mit Fröhlichkeit und ziemlicher Anmuth das Beſte, was ſie beſitzen, auf: ſchwar⸗ zes Brot, Käſe, Milch, Eier, und in den Gegenden, wo kein Weinbau getrieben wird, Waſſer oder Meth. Friſches Haferſtroh, welches in einen langen Sack von ſehr weißer Leinwand eingeſchüttet iſt, bildet das Bett; die Kleider des Reiſenden müſſen ihm auch zur Decke dienen. Nach dem Abendeſſen öffnet der Familienvater ſeine Bibel, er lieſt ein Kapitel daraus vor; man raucht dazu ſeine Pfeife, wenn man ſich dieſe Gewohnheit angeeignet hat, und dann zieht ſich Jeder in den Winkel zurück, welcher ihm ange⸗ wieſen worden iſt. Unſere kleine Karavane beſtand aus drei Männern und drei Frauen; dieſe guten Leute wollten uns nun zu drei Paaren machen, und zwar in folgender Weiſe: André und Clara, ich und Marianne, Bertrand und Gertrude. Sie waren ſehr erſtaunt, als ſie erfuhren, daß André allein verheirathet ſei; ſie begriffen nicht, wie Mädchen eine ſo lange Reiſe mit zwei Männern machen konnten, die nicht wenigſtens ihre ganz nahen Verwandten ſind. Sie be⸗ griffen, daß von ſechs Perſonen, welche nach ihrer Klei⸗ dung zu ſchließen verſchiedenen ſchweizer Cantonen ange⸗ hörten, kaum eine einzige ein Wort deutſch verſtand. Ger⸗ trude erzählte ihnen nun, daß wir Franzoſen und eben im Begriffe ſeien, uns in dem Canton von Appenzell häuslich niederzulaſſen; ſie antworteten ihr, daß ſie die Untertha⸗ nen der Könige gerade eben nicht liebten, aber vaß alle Menſchen ein Recht auf ihre Hilſe und auf ihren Schutz — 257— hätten: ſie hätten gerade daſſelbe auch dem Marſchall von Biron, wenn er hierhergekommen wäre, geſagt, und hätten ihm ebenfalls ihre Käſeſchnitten und ihren mit Haferſtroh gefüllten Sack angeboten. Wir wurden nach den Geſetzen des ſtrengſten Anſtan⸗ des, Jedes einzeln, einquartiert, André und ſeine Frau na⸗ türlich ausgenommen; wir hätten es vielleicht Alle mitein⸗ ander vorgezogen, in unſern Wagen auf unſern guten Ma⸗ tratzen zu ſchlafen, aber das hätte dieſe guten Leute belei⸗ digen geheißen, und ich erinnerte mich daran, daß der Heller der Wittwe mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Ich hatte eine kleine aufgeweckte Frau zur Wirthin, welche es ſich in den Kopf ſetzte, mich die deutſche Sprache zu lehren, während ich mit der Genügſamkeit eines Spar⸗ ters zu Abend aß; ſie zeigte mir mit ihrem Finger die Ge⸗ genſtände, welche ſich in unſerem Geſichtskreiſe befanden, ſie nannte mir dieſelben und ließ mich die Namen wieder⸗ holen. Ich verſuchte es mit unglaublichen Anſtrengun⸗ gen, dieſe barbariſchen Laute aus dem Grunde meiner Kehle hervorzugurgeln; ich fürchtete, daß ich von allen dieſen Mitlauten Indigeſtionen bekommen würde. Die kleine Frau lachte aus vollem Halſe, als ſie mich ſo die Worte verſtümmeln hörte; ihr Mann dagegen hielt an ſeinem unzerſtörbaren Ernſte feſt und ſaß mit einer Miene von Würde da, welche ihn in Paris lächerlich gemacht hätte. Dieſe Art von Miene iſt mehr oder weniger die aller Schweizer, ſie iſt ihnen angeboren, wie die Kraft und die Biblioth. 356 Boch. 17 — 258— Majeſtät der Eiche*). Sie ſind von dem Werthe eines freien Mannes ganz und gar durchdrungen, und keiner von ihnen würde ſein Loos gegen das eines Fürſten aus⸗ tauſchen. Am Morgen des anderen Tages reichte ich meinem Wirthe Geld dar, und gab ihm durch Zeichen zu verſtehen, er möge ſich davon nehmen ſoviel ihm nur immer beliebe; er antwortete mir durch andere Zeichen, daß er ſeine Gaſt⸗ freundſchaft nicht verkaufe; ich hatte dieſe Antwort er⸗ wartet. Wir verſammelten uns nun Alle; meine Gefährten er⸗ zählten mir, daß ihre Wirthe ebenſo uneigennützig gewe⸗ ſen waren, wie der meinige.„Aber, bei allen Teufeln!“ ſagte André,„man kann auch von Leuten, welche keine Vergütung annehmen wollen, Nichts verlangen, und Ap⸗ penzell liegt an dem äußerſten entgegengeſetzten Ende der Schweiz. Es wäre doch hart, bis dorthin immer nur von Brot und Käſe zu leben, und auf einem Strohſacke zu ſchlafen.“ 3 Wir hielten, ſobald wir nur das Dorf hinter uns hatten, eine große allgemeine Berathung, und zwar in freier Luft, wie die Schweizer ihren Kriegsrath zu halten pflegten; Jedes von uns hatte eine berathende Stimme dabei, ſogar Gertrude, welche viel beſſer als wir wußte, *) Man begreift leicht, daß Herr de Mouchy nur die Schwei⸗ zer ſchildert, welche zu ſeiner Zeit gelebt haben; Je dermann weiß, daß ihre Enkel etwas gus der Art geſchlagen ſind. 3 — 259— was man ſich in der Schweiz erlauben dürfe, und wasman ſich daſelbſt verſagen müſſe. Es wurde feſtgeſetzt und ad perpetuam rei memoriam niedergeſchrieben: 1) Daß wir ſo gut leben wollten, als es die Umſtände nur immer erlaubten, inſofern wir dieſel⸗ ben nämlich benutzen könnten, ohne Jemanden in ſeinen Rechten zu kränken. 2) Daß wir uns, um die Vorräthe unſerer neuen Landsleute, der Schweizer, zu ſchonen, erſt nachdem wir unſere Mahlzeiten zu uns genommen haben, in den Dörfern zeigen wollten. 3) Daß wir wieder in un⸗ ſeren Wagen ſchlafen würden, wie wir von Montereau an bis Sion zu thun gepflegt hatten, und daß der Wohl⸗ anſtand auch fernerhin auf das Gewiſſenhafteſte beobach⸗ tet werden ſolle, wie es bis jetzt geſchehen war. Der zweite Theil dieſes Artikels war von dem Geſetzgeber André ver⸗ faßt. 4) Daß Marianne Gertruden in der franzöſiſchen Kochkunſt unterrichten, und Gertrude ihr die Ehrfurcht er⸗ weiſen ſolle, welche man ſeiner Lehrerin ſchuldig iſt. Dieſe letzte Beſtimmung war mein Machwerk, und entlockte Mariannen ein Lächeln. 5) Endlich, daß wir die großen Städte aufſuchen wollten, wenn unſere Mundvorräthe ſich auf eine Beſorgniſſe erregende Art ihrem Ende zuneigen ſollten; daß Gertrude auf den Markt gehen und dabei ge⸗ wiſſenhaft verfahren ſolle. Sie fragte uns mit einem ſo unſchuldigen Tone, was denn das eigentlich bedeute, daß wir bald überzeugt waren, von ihr Nichts zu fürchten zu haben. Das Wetter hielt ſich dauernd gutz der Weg, ziemlich 17* — 260— 3 fahrbar, war von Bäumen begrenzt und wir zogen eine 3 Strecke vorwärts. Die Wirthinnen meiner Gefährten hatten denſelben ebenfalls Unterricht in der deutſchen Sprache gegeben, den ſich jedoch dieſelben nicht mehr wie ich zu Nutze gemacht hatten. Gertrude bemerkte, daß Fräulein Marianne noch Diejenige ſei, welche am meiſten davon gelernt habe. War das auch wirklich wahr oder wollte die dicke Bernerin ihrer Gebieterin nur eine Schmei⸗ chelei ſagen; ich dachte, daß auch die ungebildetſten Weiber einen gewiſſen angebornen Tact beſitzen, welcher ſie ebenſo ſicher leitet, als der ausgebildete Geiſt der Salondamen. Wie dem auch ſei, ich war Gertruden für ihre Bemerkung ledenfalls ſehr dankbar. Wir ſahen Alle die Nothwendigkeit ein, dieſe Sprache zu erlernen, und wir wurden noch überdies durch den Reiz der Neuheit dazu aufgeſtachelt; wir umringten Gertrude, wir fragten ſie, wie man einen See, einen Baum, einen Berg auf deutſch heiße; wir wiederholten dann dieſe Worte Alle mit einander, und wir machten dann einen Lärm, der geeignet geweſen wäre, eine Proceſſion in die Flucht zu jagen. Die Raben glaubten, daß wir ihre Sprache ſprä⸗ chen; ſie verſammelten ſich auf den Bäumen, welche den Weg einfaßten, ſie kreiſchten mit uns, was ein Conzert ab⸗ gab, wie wir noch niemals eines gehört haben, und wie — meine Leſer auch hoffentlich niemals eines hören werden. Im Laufe des Tages bemerkten wir die erſte Senn⸗ hütte, und wir näherten uns derſelben; dieſe Gebäude ſind für die Schweizer, welche ſich nur auf das unumgänglich — 261— Nothwendige beſchränken, zu gleicher Zeit Werkſtätte, Speiſeſaal, Schlafzimmer, Viehſtall und Milchkammer. Diejenigen, welche einer etwas größeren Wohlhabenheit genießen, bauen ſich unmittelbar neben ihre Sennhütte noch ein kleines Häuschen hin. Dieſe Sennerei war eine nicht ſehr hohe, aber ziemlich geräumige und aus trockenen Steinen erbaute Hütte; man findet in der Schweiz überall, wo man hintritt, dieſe Steine, und hat dann nur die Mühe, ſich einen über den anderen zu legen. Die Dächer beſtehen aus dicken Balken, über welche man Heu ſtreut und welche man durch ſchwere Steine, die man ohne Ordnung und Verhältniß darauf. wirft, befeſtigt. Darunter nun wohnen die Herren, die Hirten und die Heerden; ſie ſind nur durch eine achtzehn Zoll hohe Krippe von einander getrennt. An derſelben werden die Kühe angebunden, und dieſe ſtecken häufig genug ihren Kopf in die Küche hinüber; die Frauenzimmer lieb⸗ koſen ſie und ſetzen ſich, vorzüglich während des Winters, zwiſchen dieſelben, ſchlingen die Arme um ihren Hals und erwärmen ſich an ihrem Athem. Dieſe ſanfte Wärme be⸗ hagt ihnen mehr, als die Glut eines Ofens, welcher den größten Theil des Tages über geheizt iſt; die Sennhütten haben keine Kamine, der Rauch verzieht ſich durch die Zwiſchenräume der Mauern und der Balken, welche das Dach bilden. Ein hölzerner Arm, welcher an einer drehba⸗ ren Krücke von demſelben Stoffe befeſtigt iſt, trägt einen großen Keſſel, welcher abwechſelnd zu Allem dienen muß. Bald kocht man in demſelben Kartoffeln, und zwar in einer — 262— ſo großen Menge, daß ſie hinreicht die ganze Familie zwei Tage lang zu ernähren; bald wird in demſelben harter Käſegemacht, der ſich ſehr lange aufbewahren läßt. Selbſt die warme Molke dient noch den Armen zum Getränke; ſie verwenden dieſelbe auch dazu, das grobe Haferbrot einzuweichen, welches der weſentlichſte Beſtandtheil ihrer Nahrung iſt. Der Beſitzer der Sennhütte weiß genau, was er von ſeinen Hirten und von ſeinen Milchmädchen verlangen darf, und überſchreitet niemals ſeine Rechte; ſeine Diener ihrerſeits kennen auch genau ihre Pflichten und wiſſen pünktlich die Stunde, in welcher dieſe oder jene Sache verrichtet ſein muß: es iſt ein ſehr ſeltener Fall, daß der Herr einmal einen Befehl ertheilen muß. Nach dem Abend⸗ eſſen herrſcht die vollkommenſte Gleichheit und Fröhlich⸗ keit, und kleine Spiele folgen auf die Unterordnung und auf die Arbeit; dann wirft man ſich auf das Stroh und ſchläft bei vollkommen offenen Thüren. Die Sennhütte, welche wir beſuchten, hatte deren gar keine, wenigſtens noch nicht in den erſten Tagen des Septembers. Gertrude ſagte uns, daß in die meiſten dieſer Sennhütten niemals weder Mehl noch Weizen, weder Wein noch Geld hinein⸗ gekommen ſei. Die Bewohner dieſer armſeligen Hütten wohnen in denſelben glücklich, weil ſie darin geboren ſind und weil ſie keine Wünſche empfinden, als höchſtens den, ſich noch im Frühlinge ihres Lebens ein Stückchen eigenes Feld zu er⸗ werben, weil ſie weder gehäſſige Leidenſchaften noch die — 263— Verfolgungen der Großen zu fürchten haben, weil ſie über⸗ haupt von allen Stürmen Nichts als die Donnerſchläge kennen, welche zuweilen in ihren Gebirgen fallen. In Paris findet der unruhige und ehrgeizige Menſch ſelbſt unter vergoldeten Vorhängen nicht immer den Schlummer; Buſſy⸗Leclerc, von ſeinen Schergen gefolgt, erbricht mitten in der finſtern Nacht die Thüren und ſchleppt Den, den ſich die Ligue oder der Rath der Sechszehn zum Opfer auserſah, in die Baſtille. Den Gebräuchen ihres Landes getreu luden uns die guten Leute, bei welchen wir uns befanden, ein, mit ihnen ihr ſchwarzes Brot, ihre Kartoffeln und ihre Molken zu theilen. Wir antworteten ihnen, daß wir ſchon in dem Dorfe, von welchem wir herkamen, zu Mittag gegeſſen hätten; wir hatten auch in der That zu Mittag gegeſſen, aber freilich auf offenem Felde: wir beſtiegen nun wieder unſere kleinen Karren und ſetzten die Reiſe fort. Bertrand trennte ſich von dem Zuge, um ſich in der Nähe umzuſehen, wo er dürre Zweige abſchneiden könnte; Marianne wollte Gertruden eine Unterrichtsſtunde in der Kochkunſt geben, zu welcher Feuer unumgänglich nöthig war. Bertrand zündete auch wirklich mit Hilfe ſeines Stahls und Steines Feuer an... Aber, o Schmerz! dichte Wolken erhoben ſich, ballten ſich zuſammen und drohten alle mit Regen: die ſcharfen Felſenſpitzen, welche die Gipfel der Berge krönten, mußten dieſelben zertheilen und wir waren dann mit einer förmlichen Ueberſchwemmung be⸗ vroht. So ſind aber die eitlen Pläne der Menſchen! Die — 264— kleine Marianne ſeufzte, als ſie den ihrigen aufgeben mußte. Wir hatten keine Zeit zu verlieren, um uns vor dem Sturme, der mit jedem Augenblicke ausbrechen konnte, in Sicherheit zu bringen, und wir hatten jetzt dieſen unge⸗ heuren Frachtwagen nicht mehr, der uns Alle ſo bequem aufnehmen konnte. Einer von unſeren kleinen Karren reichte kaum hin, um unſere Mundvorräthe zu führen; es blieben daher deren nur drei übrig, in welchen ſechs Per⸗ ſonen untergebracht werden mußten. Ich wußte noch nicht, wie wir uns eintheilen ſollten; André aber gab uns ein Beiſpiel, welches wir Alle befolgten: er nahm aus dem Küchenwagen ſo viel als er bedurfte, und ſchloß ſich mit ſeiner Frau und den beiden Kindern in einen der Karren ein. Marianne ſah mich an, ſchlug aber dann ſogleich die Augen nieder; ich glaube, daß ich erröthete. Ich ließ Bertrand vortreten und ſtieg mit ihm in einen der Karren; er war gerade nicht Derjenige, den ich mir zum Geſellſchaf⸗ ter wünſchte, aber ich mußte ein Beiſpiel von guten Sit⸗ ten geben; Marianne und Gertrude richteten ſich, ſo gut als es ging, in dem vierten Karren ein. Bald floß der Regen in Strömen und der Donner grollte mit einem entſetzlichen Lärm; die Donnerſchläge folgten ohne Aufhören einer nach dem andern. Alle drei Frauenzimmer ſchrieen zu gleicher Zeit, die Furcht, welche gewöhnlich zu Eis erſtarren macht, ſchien aber im Gegen⸗ theile ihre Kräfte nur vermehrt zu haben; ſie wollten flie⸗ hen, aber wohin ſollten ſie ſich wenden, um der Gefahr 3 — 265— auszuweichen? André hielt Clara zurück; Marianne und Gertrude aber waren die Herrinnen ihrer Handlungen. Ich hörte, wie ſie von dem Karren auf die Erde herab⸗ ſprangen; da Marianne noch nicht den vollen Gebrauch ihrer Arme wieder hatte, ſo flößte beſonders ſie mir die lebhafteſten Befürchtungen ein; ich ſprang gleichfalls vom Wagen. Der Himmel ſchien in Feuer zu ſtehen, und der Regen fiel mit derſelben Heftigkeit herab; ich ließ die kleine Marianne und Gertrude ſich in meinen Karren ſetzen, ſtieg zu ihnen hinein, und ohne allen Zweifel war der Wohl⸗ anſtand noch immer auf das Genaueſte beobachtet, denn wir waren unſer Vier, aber wir ſaßen Einer auf dem Anderen. Bertrand ſtieg ab, indem er mir ſagte, daß er aus dem Magazin irgend Etwas holen wolle, um damit unſere Maulthiere, welche hinter dem Karren angebunden waren 4 und welche der Sturm gleichfalls ſehr erſchreckte, zuzu⸗ decken und daß er dann den übrigen Theil der Nacht in dem Karren des Fräuleins Marianne zubringen wolle; wir waren jetzt nur noch unſer Drei, aber das war nicht meine Schuld. Ein furchtbarer Donnerſchlag machte mich ſelbſt er⸗ beben. Gertrude rief in ihrem verdorbenen Dialekte aus, daß der Blitz in unſern Karren eingeſchlagen habe; ſie ſtürzte ſich hinaus und kauerte ſich ſogleich unter den Kar⸗ ren hin. Marianne vergaß ihre Verletzungen und ſchlang ihre Arme um mich; wir waren jetzt nur noch unſer Zwei, aber das war nicht meine Schuld. — 266— Am folgenden Morgen war mit Tagesanbruch der Himmel rein, und die Sonne erleuchtete das Innere unſe⸗ rer Karren. André und ſeine Frau waren allein in einem Aufzuge, in welchem ſie ſich zeigen konnten; die Anderen hatten ihre Kleider ganz mit Koth beſpritzt und zerknittert, wir waren wirklich in einem Zuſtande, der Mitleid erre⸗ gen mußte: André leitete den Zug gegen den Marktflecken Abmen zu. Er behauptete, daß alle Kinder hinter uns herlaufen und uns verhöhnen würden, wenn wir uns in einem ſo unordentlichen Aufzuge zeigten; er bat uns inſtändig, un⸗ ſere Wagenvorhänge zugeſchloſſen zu halten, bis wir in ein gaſtliches Haus eingefahren ſein würden. Wir muß⸗ ten alſo verſteckt bleiben; das war wieder nicht meine Schuld. Wir glichen ſo ziemlich jenen wilden Thieren, welche 8 Dieijenigen, die ſie zeigen, auf der Reiſe in großen Käfi⸗ gen, durch welche das Auge der Vorübergehenden nicht vringen kann, mit ſich führen. Endlich fuhren wir in einen weiten Hof ein; man iſt in der Schweiz ebenſo gut neu⸗ gierig, als irgendwo anders: die Bewohner des Hauſes verſammelten ſich rings umher, um zu ſehen, was denn aus dieſen Karren herauskommen werde. Freilich kam weiter Niemand heraus, als ſchlichte Reiſende, die der Sturm arg mitgenommen hatte, und von denen Einige ſehr der Ruhe bedurften. André, welcher vorausging, hatte ein Wirthshaus ge⸗ funden, welches zwar nicht ſo gut war als das zu Sion, = 2— das jedoch nichtsdeſtoweniger eine Oberftube enthielt, die uns Meiſter Waters, und zwar wie es ſchien ziemlich gern, einräumte. André und Clara hatten Beide Nichts an ihren Anzügen zu ändern, aber wir... Ich ſetzte feſt, vaß Marianne und Gertrude ihre Toilette in dieſem Zim⸗ mer da machen ſollten, und daß Bertrand und ich uns irgendwo, ſo gut es gehen würde, behelfen müßten; mein Freund André wünſchte mir lächelnd zu meiner Hochach⸗ tung für die guten Sitten Glück, Marianne warf mir einen zwar verſtohlenen Blick zu, der mir indeſſen doch nicht ent⸗ gehen konnte. Wir trennten uns, und Jeder beſchäftigte ſich mit ſeinen eigenen kleinen Angelegenheiten. Bertrand und ich, wir zogen wieder unſere Kuhhirten⸗ anzüge an, Marianne das niedliche Röckchen von In⸗ dienne, welches ſie zu Latour trug, und Gertrude warf ſich in ihren Sonntagsputz, der ſie aber auch um Richts ſchöner machte. Waters zündete in der Oberſtube ein tüchtiges Feuer an, und breitete auf den Bänken die Klei⸗ der aus, die wir ſoeben ausgezogen hatten; Bertrand trug uns zuerſt ein gutes Frühſtück und dann die Matratzen herauf, auf welche wir uns Alle warfen, nachdem wir früher noch unſere erſchöpften Kräfte ein wenig wieder⸗ hergeſtellt hatten: André und ſeine Frau hatten nicht viel mehr geſchlafen als wir. Bei unſerem Wiedererwachen trat ein ſehr einfach ge⸗ kleideter Mann in unſere Stube; er fragte uns, ob wir an irgend Etwas Mangel litten, und bot uns alle mögliche Hilfsleiſtungen an, welche nur immer in den Kräſten der — 268— Gemeinde ſtünden: es war der Bürgermeiſter. In Frank⸗ reich hätte uns ein königlicher Procurator vor ſich führen laſſen, hätte uns nach unſeren Geleitsſcheinen gefragt und uns, da wir keine ſolchen beſaßen, ſo lange bis er ge⸗ ie Erkundigungen eingezogen, in's Gefängniß werfen laſſen. Gertrude ſpielte unter dieſen wichtigen umſtänden die erſte Rolle; ſie dankte in unſerem Namen dem Herrn Bür⸗ germeiſter für ſeine gefälligen Anerbietungen. Marianne ließ ihn durch unſeren Dolmetſcher bitten, ihr eine ge⸗ ſchickte Nähterin zu verſchaffen; ihr Schweizeranzug war ſehr ſchadhaft geworden und ſie hielt ſehr viel darauf, und das mit Recht, denn er ſtand ihr auch wirklich allerliebſt. Der Bürgermeiſter ſchien es ein wenig ungewöhnlich zu finden, daß man ſich mit einem Mieder und mit einem Röckchen beſchäftigte, während man doch dringendere Be⸗ dürfniſſe haben mußte; Gertrude ſagte, ohne daß es ihr gerade beſonders ſchwer fiel, daß wir Franzoſen ſeien. Er lächelte mit einer Art von Verachtung, aber ſie fügte zum größten Glücke auch hinzu, daß wir den Leidenſchaften, welche Frankreich zerriſſen, entfliehen gewollt hätten und daß wir nach der Schweiz gekommen ſeien, um die Freiheit zu ſuchen. Er nahm uns dann Alle ohne Aus⸗ nahme bei der Hand, ſchüttelte uns dieſelbe derb, grüßte uns noch ein Mal mit vieler Freundlichkeit und zog ſich dann zurück. Bald erſchien die ſo ſehr erſehnte Näherin; Clara und Marianne bemächtigten ſich ſogleich derſelben, ertheilten — 269— derſelben Rathſchläge und verlangten von ihr welche: zwei Franzöfinnen, welche ihre Nähterin haben, werden mit derſelben nicht ſo bald fertig. Unſere Maulthiere waren die ganze Nacht über durchnäßt geworden, und hatten auch noch Nichts zu freſſen bekommen; fie bedurften mithin auch ſehr einer Erholung und Stärkung. Es wurde dem⸗ nach beſchloſſen, dieſen ganzen Tag noch zu Abmen zuzu⸗ bringen; dadurch wurden nämlich Mariannens Abſichten ungemein gefördert. Wir ſchickten Gertruden nach Mundvorräthen aus, und glücklicher Weiſe war es gerade ein Markttag; ſie legte Bertrand zwei Säcke in die Arme, und ſo gingen ſie fried⸗ lich neben einander fort. Sie kamen eine Stunde ſpäter auch wieder mit einander zurück, und mit dem Beſten, was ſie nur immer hatten auftreiben können, beladen. Waters ließ uns einen Rhone⸗Wein koſten, welcher nicht ſchlecht zu ſein ſchien; wir nahmen ein Eimerchen davon in Be⸗ ſchlag und konnten nun lange Zeit reiſen, ohne weder eine Hungersnoth befürchten, noch Jemandem zur Laſt fallen zu müſſen. Am andern Tage früh Morgens rechneten wir mit Waters ab; er ſagte uns, daß wir ihm für Das, was wir bei ihm verzehrt hätten, Richts ſchuldig ſeien, aber daß es, da ſein Wein eigentlich nur in den Gemein en, welche für unſere Bedürfniſſe Sorge tragen mußten, getrunken wer⸗ den durfte, nicht mehr als billig ſei, daß wir ihm denſel⸗ ben bezahlten. Dieſe Gebräuche waren für uns ohne Zwei⸗ ſel ganz neu, aber wir untet warfen uns denſelben ohne — 270— ein Wort der Erwiderung, denn ſie machten dem Volke, welches uns aufnahm, nur alle Ehre;z indeſſen ließ ich doch eine Dublone in die Hand eines Kindes, welches um uns ₰ her ſpielte, gleiten und dann reiſten wir ab. 4 Bald hörten wir hinter unſeren Karren her ein Ge⸗ ſchrei; das war Waters, welcher uns die Dublone zurück⸗ brachte. Er ſagte uns voll von Zorn, daß er, wenn man es in der Gemeinde erführe, er habe Geld von uns ange⸗ nommen, aus derſelben ausgeſtoßen werden würde. In Frankreich laſſen ſich die Leute die geringſte Dienſtleiſtung von Euch bezahlen, und wenn ſie das verdiente Geld er⸗ halten haben, dann verlangen ſie von Euch noch ein paar Kupferdreier als Trinkgeld. Unſere Laſtträger ſollten nach der Schweiz reiſen, um Lebensart zu lernenz ich beruhigte den guten Waters, und ſteckte dann meine Dublone wieder in meine Taſche. Wir wandten uns jetzt dem Canton von Uri zu, und wir brachten nun einige Tage in einer Gleichförmigkeit des Lebens und des Benehmens zu, welche nichts Unter⸗ haltendes an ſich hat; freilich kann es nicht alle Abende Stürme geben. André und ich wir philoſophirten, aber unſere Damen waren durchaus keine Philoſophinnen Clara ſprach mit ihren beiden Säuglingen, welche ihr na⸗ türlich nicht antworteten, die kleine Marianne ftellte Be⸗ trachtungen über den Donner und ſeine unerwarteten Wirkungen an. Dabei warf ſie mir von Zeit zu Zeit einen flüchtigen verſtohlenen Blick zu, welcher jedoch den rein — 271— Himmel nicht umwölken konnte: das war wieder nicht meine Schuld. Wir betrachteten, als wir bei NRießen vorbeikamen, den berühmten Simplon, deſſen finſteres Haupt ganz Wallis zu bedrohen ſcheint; wir hätten ihn ſchon früher ſehen können, aber die Philoſophie, die Säuglinge und die Be⸗ trachtungen über den Donner hatten uns Alle ganz und gar in Beſchlag genommen. Uebrigens wäre es auch er⸗ müdend geworden, immer den Hals ausgeſtreckt zu halten, um rechts und links zu ſchauen; der Anblick dieſes unge⸗ heuren Berges verſetzte uns in ein weit geringeres Er⸗ ſtaunen als der des Montblanc, vielleicht, weil wir ihn aus größerer Entfernung betrachteten, und weil doch, Alles in Allem genommen, die hohen Gipfel der Alpen unter einander eine ungemeine Aehnlichkeit beſitzen. WVir ſahen die erſte Gemſe erſt nachdem wir Gſteig hinter uns hatten, ſie ſtand auf einer ziemlich hohen Fel⸗ ſenſpitze, und es wurde uns äußerſt ſchwer, über ihre Ge⸗ ſtalt und den Umfang ihres Körpers zu urtheilen.„O,“ ſagte ich zu André,„wenn wir nur jenes Vergrößerungs⸗ glas mitgenommen hätten, mittels welches Madame Ri⸗ chour Mühlen, Eſel und Müller berühren zu können glaubte.“—„Ich will Ihnen daſſelbe gleich hervorſuchen, mein Herr, Sie wiſſen ja, daß ich ſelten Etwas vergeſſe, und ich wußte doch, daß es in ver Schweiz Berge giebt... ah! da iſt es, mein Herr.“—„Mein Herr!. WMein Herr!. find wir denn nicht Gleichgeſtellte, Verbündete, und vor Allem Freunde?“—„Aber wie wollen Sie denn, — 272— daß ich Sie nennen ſoll?“—„Nun, zum Teufel! ſo nenne mich doch Anton.“—„Ganz wie Sie befehlen.“—„Aber warum denn noch immer das Sie?“—„Der Bettle den Sie zu Saurigny von der Straße aufgeleſen haben, darf ſich doch das Du nicht erlauben.“—„Ich will es aber, und zum letzten Male, ich befehle es Dir!“—„Nun, meinetwegen, aber was ſoll denn aus meiner Sorgfalt, aus meiner Zuvorkommenheit und meiner Arbeit werden, welche Dinge doch unſer Aller Wohl erheiſcht?“—„Du ſollſt fortfahren, Dich denſelben hinzugeben; wir ernen⸗ nen Dich zum Generalquartiermeiſter und Oberceremo⸗ nienmeiſter unſerer kleinen Karavane: ſo biſt Du denn 61 nun zum erſten Würdenträger unſerer Geſellſchaft vorge⸗ rückt, und es iſt für mich auch nothwendig, daß Du das biſt, denn nun brauche ich mir nicht mehr die Mühe zu geben, mich um irgend Etwas zu bekümmern.“ Wir ſtiegen Alle ab, um die Gemſe zu beſchauen, und wir betrachteten ſie Alle abwechſelnd durch das Vergröße⸗ rungsglas; ſie ſchien uns, was die Größe und die Kraft betrifft, einer großen Ziege noch überlegen zu ſein. Ihre Gewandtheit verſetzte uns in das höchſte Erſtaunen; ſie ſprang mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit von Felſen zu Felſen, und ihre Füße klammerten ſich gerade immer an den einzigen Punkt feſt, welcher ihnen zur Stütze dienen konnte. Ein Gedanke führt immer noch zu anderen; wir befragten uns gegenſeitig um die Gewohnheiten dieſes Thieres, über die Vertheidigungsmittel, mit denen es die Ratur ausgeſtattet hat, über die Gefahren uny Beſchwerden⸗ W— welchen die Jäger, die daſſelbe hartnäckig verfolgen, aus⸗ geſetzt ſind. Wir antworteten uns ein wenig verkehrt, und das war wohl ſehr natürlich; begegnete es doch mir ſelbſt, ntr, der ich doch ein großer Theologe war, zu ſagen, die nntt Eiſen beſchlagenen Stöcke, welche uns Lucker verkauft hatte, müßten zu dieſer Art von Jagd unentbehrlich ſein. WMein Freund und Dutzbruder André lachte mir geradezu in's Geſicht; in der That jagt man auch die Gemſen nicht mit einem mit Eiſen beſchlagenen Stocke in der Hand, ſondern mit einer Jagdflinte, und außerdem muß der Jä⸗ ger einen faſt eben ſo ſicheren Fuß haben, und faſt eben ſo gewandt ſein, als das Thier, welches er verfolgt. Alle Welt lachte über meinen Einfall, welcher aber erſt dann ſpo lächerlich erſchien, als André bewieſen hatte, wie wenig er begründet ſei. Ich lachte aber auch meinerſeits, als mein Lehrmeiſter nun ſagte, daß dieſe Jäger in ihrem Querſacke wahrſcheinlich eine Strickleiter mit ſich führten, um damit die ſteilen Felſen hinaufzuklimmen.„Und wer ſoll ihnen denn dieſe Strickleiter dort oben feſtmachen, mein Herr Kritiker?“—„Das iſt wahr, das iſt wahr, in dem, was ich ſoeben geſagt habe, liegt kein geſunder Wenſchenverſtand.“ Marianne hatte einen unzerſtörbaren Ernſt beibehalten, als ich von den mit Eiſen beſchlagenen Stöcken ſprach, jetzt aber lachte ſie aus vollem Halſe über die Strickleitern; ich erklärte mir leicht dieſen Unterſchied threr Empfindungen, und ich glaube wohl nicht, daß ich ntch darin täuſchte. „Was ſollen wir aus unſerem Geplauder für Schlüſſe Biblioth. 335 Boch. 18 ziehen?“ fragte André;„die, daß wenn wir auch in ge⸗ wiſſen Dingen gelehrter ſind als die Schweizer, dieſelben wieder dafür über ſehr viele andere mehr unterrichtet ſind, als wir. Wir müſſen von ihnen Erklärungen über die Dinge, welche wir nicht wiſſen, verlangen, und wenn ſie über unſere Einfalt lachen ſollten, ſo werden wir mit ihnen von Philoſophie, von Geſchichte und Literatur ſprechen; wir werden ihnen Verſe von Jodelle recitiren.“—„Sie werden uns aber nicht verſtehen.“—„Gewiß nicht, und das iſt ja eben das Schöne dabei; der gemeine Haufe be⸗ wundert Nichts aufrichtiger und glaubt an Nichts aufrich⸗ tiger, als an Dinge, die er nicht verſteht. „Wir werden morgen nach Faulhorn hinüberfahren, und es iſt Sonntag.“—„Nun wohl, ſo wollen wir in die Meſſe gehen.“—„Ganz gewiß! Nach dem Gottes⸗ dienſte werden wir Bekanntſchaft mit dem Pfarrer machen und mit ihm lateiniſch ſprechen; er wird uns antworten und wenn er ſelbſt auch, wie ich faſt glauben möchte, über die Gemſenjagd eben keine großen Kenntniſſe befitzen ſollte, ſo wird er uns doch ſicher irgend Jemanden nachweiſen können, welcher im Stande ſein wird, uns die Aufſchlüſſ welche wir wünſchen, zu ertheilen. Gefällt Ihnen dieſer Plan, mein Herr?“—„Noch immer das Sie und mein Herr?“—„Meiner Treu, ich habe den Namen Anton und das Du ſchon auf meiner Zungenſpitze gehabt, aber es kam mir gerade vor, als ſollte ich dadurch fluchen. Hören Sie mich an: Die Rangunterſchiede find doch keine bloßen Chimären, denn die geſellſchaftliche Ordnung kann 25— hne dieſelben nicht beſtehen. Haben denn die Schweizer, ie ſo frei und ſo ſtolz auf ihre Freiheit ſind, nicht auch Gerichtsperſonen? „Ein König, welcher nicht zu regieren verſteht, oder der ch nicht die Mühe nehmen will zu regieren, hält ſich einen rſten Miniſter, der ihn jedoch nicht duzt; je mehr Achtung ner im Gegentheile ſeinem Herrſcher erweiſt, deſto mehr lanz verleiht er ſeiner eigenen Stellung. Er ſteigt in ben demſelben Maßſtabe, als er ſeinen Herrn emporhebt; ich werde fortfahren, freilich ohne förmlichen Rang, Ihr erſter Miniſter zu ſein. Ich habe doch wohl auch das Recht, was mich ſelbſt betrifft, meinen eigenen Willen zu haben, und ich will, ich befehle es, daß unſere gegenſeitigen Ver⸗ hältniſſe gerade ſo bleiben, wie ſie früher waren. „Ihr Vorſchlag macht Ihrem Herzen alle Ehre; vielleicht haben Sie durch denſelben auch nur Das gethan, was Sie thun mußten; ich thue aber auch nur Das, was ch thun muß, wenn ich es ausſchlage, Sie bis zu mir her⸗ abſteigen zu laſſen.“ Dreißigſtes Kapitel. Die Gemſen. Geſchichte Joſeph's. Wir reiſten bei dem ſchönſten Wetter von der Welt nach Faulhorn ab; lachende Gegenden ſtimmen auch den WMenſchen eben ſo ſehr zur Fröhlichkeit, als ihn ein umne⸗ belter Himmel traurig macht. Rings von der Natur um⸗ 18* — 276— geben, find wir auch fortwährend ihrem Einfluſſe unter⸗ worfen. Wir ſtiegen von unſeren Karren herab, ſprangen im Graſe umher und ſangen dazu. Madame André, welche in der Regel ſehr ernſthaft war, theilte die allgemeine Fröhlichkeit; Marianne, die lebhaft, ja ſogar ausgelaſſen luſtig war, rief dieſelbe hervor; André erhielt ſie durch ſeine Witzworte. Ich meinerſeits hielt meine kleine An⸗ toinette in meinen Armen, ſie lächelte mich an, ich er⸗ widerte ihr bezauberndes Lächeln und ſah ein, wie das Lachen, welches geraden Weges aus dem Herzensgrunde kommt, dem vorzuziehen ſei, welches die Folge ausgelaſſe⸗ ner Luſtigkeit iſt. Bald gelangten wir in eine Art von Schlucht oder Hohlweg, welche durch zwei Berge gebildet war; der Ab⸗ grund, welcher dieſelben trennt, war zu einem zwar ziem⸗ lich unebenen, aber doch noch immer fahrbaren Wege ge⸗. worden: wir dachten nicht daran, wieder in unſere Karren einzuſteigen, denn wir hätten dieſelben dadurch überlaſtet. Wir beſaßen vier Karren und ſechs Maulthiere, zwei von dieſen letzteren ruhten immer abwechſelnd aus und gingen im Handzaum. Gertrude war unermüdlich, dagegen fingen Marianne und Clara ſchon an, ihre Schritte zu mäßigen; ich erinnerte André daran, daß wir ja Frauenſättel bei uns hätten. Man mußte Clara auf ihr Maulthier hinaufheben, Marianne dagegen ſprang mit der Leichtigkeit eines Vo⸗ gels auf das ihrige; Clara hielt ſich an ihrem Sattel feſt, Marianne, die ſehr gut in dem ihrigen ſaß, ſpielte mit — 277— ihren Zügeln, ſie ſah mich mit einer Miene an, welche deutlich ausvrückte: Sie ſehen, daß ich in keiner Beziehung ungeſchickt bin. André und ich trugen die Kinder; Ger⸗ trude und Bertrand warfen mit kleinen Steinchen nach einander: auf dieſe Art fangen nämlich alle Dorflieb⸗ ſchaften an. Bis hierher ging Alles gut, aber wir gelangten bald an den Rand einer Grube, welche der Sturm aufgewühlt hatte; es befand ſich in derſelben noch etwas Waſſer und wir konnten nicht unterſcheiden, was ſich unter demſelben befand. Marianne ritt unerſchrocken hinein, aber ſie be⸗ merkte mehrere Male, daß ihr Maulthier über Steine ſtrauchle. André erinnerte ſich an Das, was uns Meiſter Cormier zu Sion geſagt hatte, und wir beſchloſſen daher unſere Wagen abzuladen. Wir mußten zu dieſem Behufe unſere Kuhhirten⸗Anzüge wieder hervorſuchen, welche uns ſo wenig vortheilhaft ſtanden, aber doch ſo bequem waren; wir beſchloſſen, daß wir dieſelben nicht eher als in Appen⸗ zell wieder ablegen wollten; es war uns unmöglich, die Hinderniſſe, auf welche wir ſtoßen konnten, alle vorherzu⸗ ſeehen, und es iſt eben nicht ſehr angenehm, unter freiem Himmel Kleider zu wechſeln. André band ſeinen kleinen Sohn vorn an den Sattel Clara's feſt und ſagte ihr, ſie möge nur im langſamſten Schritte reiten; dieſer gute Rath war übrigens überflüſſig. Marianne bat mich, ihr Antvinetten zu geben, und ihre er⸗ probte Geſchicklichkeit beſtimmte mich, ihr dieſelbe anzu⸗ vertrauen. — 278— Wir machten uns mit dem ganzen Eifer von Leuten, welche in die Meſſe gehen und dann die Gemſen kennen lernen wollen, an die Arbeit; nichtsdeſtoweniger mußten wir gegen zwei Stunden auf dieſem Platze bleiben, und wir hätten ohne einen Einfall, welcher André'n durch den Kopf ſchoß, den ganzen Tag daſelbſt zubringen müſſen, er hatte aber auch faſt immer gute Einfälle.„Wir wollen,“ ſagte er,„den Wagen, welcher uns zur Vorrathskammer dient, abladen und dann ſehen, wie er leer hinüberkommt.“ Bertrand ſetzte ſich als engliſcher Stallknecht auf eines der vorgeſpannten Maulthiere und kam, einige Stöße abgerechnet, ganz leicht hinüber; André befahl ihm mit ſeinem Wagen wieder herüberzukommen.„Jetzt müſſen wir dieſe ſchwere Laſt auf unſere vier Karren gleichmäßig vertheilen, und dann wird es ſchon gehen.“ Alles kam auch in der That glücklich hinüber, aber un⸗ geachtet unſerer Freiheitsbegeiſterung mußten wir einge⸗ ſtehen, daß die Schweiz dennoch nicht das ſchönſte Land auf der Erde ſei. Clara erwartete uns ruhig auf der andern Seite der Grube, aber ich ſah Mariannen nicht mehr, und ſie trug mein Kind! Der ſehr ſpitze Winkel, den ein ungeheurer Felſen bildete, entzog die weitere Straße meinen Blicken ich lief fort. Ich ſah hinter dem Felſen einen Zaun, welcher mir von Menſenhänden errichtet zu ſein ſchien; er lief zur Seite des Berges hinauf und mußte den Weg nothwendiger⸗ weiſe abkürzen: vielleicht konnte man, wenn man ſich an — 279— venſelben hielt, andere gefährliche Stellen, welche unſere Wagen aufhalten konnten, vermeiden. Ich blickte jetzt vor mich hin; ich überſchaute einen ziemlich weiten Geſichtskreis, aber bemerkte keine Ma⸗ rianne. Unruhig, gequält, ſtieg ich den Zaun entlang wei⸗ ter hinauf;z als ich bis zu einer gewiſſen Höhe gelangt war, erblickte ich den Marktflecken Faulhorn: wir waren nicht mehr weit von demſelben entfernt, aber darum küm⸗ merte ich mich in dieſem Augenblicke durchaus nicht. In einer ziemlich großen Entfernung bemerkte ich jedoch zu meinem Troſte eine Art von Vertiefung oder Grotte, welche von der Natur ausgehöhlt worden war; ich glaubte in derſelben einige Bewegung wahrzunehmen und flog dahin. O, ich zankte Mariannen aus, ich zankte ſie tüchtig aus! Damit fängt man immer an, wenn man üble Laune hat, und ein Recht zu beſitzen glaubt, böſe zu ſein. Die arme Kleine ſagte mir weinend, daß ihr Maulthier ſie gegen ihren Willen hierher getragen habe, und das konnte auch wirklich wahr ſein; ſie hatte das Kind an den Eingang der Höhle, wo es vor den Sonnenſtrahlen geſchützt war, nie⸗ dergelegt. Eine Ziege, von der ſie nicht wußte, wem ſie angehörte, hatte ſich ganz zur gelegenen Zeit, wie die Hirſchkuh der Genovefa von Brabant, da eingefunden, und ſie hatte die kleine Antoinette trinken laſſen; es iſt ge⸗ wriß, daß die Ziege da ganz in der Nähe war. Das Bind ſchlief auf dem Mooſe, höchſt wahrſcheinlich, weil es gerade eben keine Bedürfniſſe hatte; die Ziege weidete — 280— vor dem Eingange der Höhle, das Maulthier riß einige Grashalme aus, welche zwiſchen den Felſenſpalten hervor⸗ keimten. Ich war zornig geworden, und hatte Unrecht dabei ge⸗ habt, offenbares Unrecht. Ich wiſchte Mariannen die Thrä⸗ nen aus den Augen und tröſtete ſie. ja, es gelang mir endlich ſie zu tröſten. Erlaubte ſich dieſe Kleine nicht ſogar, mich»mein lieber Anton« zu nennen? Sie war aber wenigſtens ſicher, daß Niemand es hören konnte. O, es iſt doch ein ſchönes Ding um ein Gewitter oder um eine Höhle. Wir machten uns wieder auf den Weg, als wir uns † durchaus Nichts mehr zu ſagen hatten; traurige Gedanken bemächtigten ſich meiner. Ich verſetzte mich im Geiſte wie⸗ der nach Arpajon zurück; ich erinnerte mich an den feier⸗ lichen Schwur, den ich den Manen Derjenigen geſchwo⸗ ren hatte, deren Namen auszuſprechen ich jetzt nicht mehr wagen durfte. Ich war unzufrieden, ſehr unzufrieden mit mir ſelbſtz;— ich heftete meine Blicke unwillkürlich auf Marianne, ſie lä⸗ chelte mir zu.„Ich habe verſprochen,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„daß kein anderes Weib ſie in meinem Herzen er⸗ ſetzen ſoll, und ganz gewiß werde ich dieſen meinen Schwur nicht verletzen; aber vierundzwanzig Jahre, und die Natur! Ich war beſchämt über die Leichtigkeit, mit nuerbue Kleine die Richtung meiner Gedanken geändert hatte, und die üble Laune gewann von Neuem das Uebergewi — 281— über mich. Ich hatte während des Sturmes meine Beob⸗ achtungen angeſiellt, und hatte jetzt die Grauſamkeit Ma⸗ riannen demüthigen zu wollen; ich theilte ihr daher die⸗ ſelben geradezu mit. Neue Thränen benetzten ihre Wim⸗ pern.„Soll man denn,“ fragte ſie,„ſein Herz für Einen aufheben, den man nicht kennt, und der uns vielleicht gar niemals erſcheinen wird?“ Und ſie war noch kaum zwan⸗ zig Jahre alt. Ich antwortete Richts, trat auf den Rand des Felſens vor und ſah von dort aus unſere Wagen, wie ſie, ohne auf Hinderniſſe zu ſtoßen, ruhig fortfuhren. André und Ber⸗ trand ſahen ſich nach allen Seiten um, ſie waren wahr⸗ ſcheinlich ebenſo unruhig, als ich ſelbſt es früher geweſen war; ich rief ſie an, ſie erkannten mich, und wir vereinig⸗ ten uns jetzt, wo wir nur noch einen Büchſenſchuß weit von Faulhorn entfernt waren, wieder⸗ Clara wollte Antvinetten trinken laſſen, aber das Kind ſchlug die Bruſt aus; dadurch wurde ich gezwungen, we⸗ nigſtens einen Theil von Dem, was dort oben vorgegan⸗ gen war, zu erzählen. André lächelte dazu, dieſer Menſch da erräth mich doch immer. Wir zogen in dem Marktflecken ein und ſtiegen vor einem Wirthshauſe ab, welches uns ebenſo gut als das des Meiſter Waters zu ſein ſchien; der hieſige Bürgermei⸗ ſter benahm ſich gerade ſo wie der von Abmen. Wir be⸗ dankten uns für ſeine Anerbietungen und eilten in die Meſſe; in die Meſſe, und eine Stunde zuvor... Es ſcheint faſt, als ob die Natur in eine und dieſelbe Form ein Ge⸗ — 282— miſch von Tugenden und Laſtern, von Schwächen und großen Eigenſchaften gegoſſen habe; faſſe Jeder daraus, was er erreichen kann. Das Innere der Kirche erſchien mir ſehr ungewöhnlich; nirgends Bilder, nirgends Statuen, nirgends Seitenka⸗ pellen. Ein Tiſch von ſchwarzem Marmor war in einer Vertiefung aufgeſtellt, das ſollte ohne Zweifel der Altar ſein; ein Prieſter war auf die Kanzel geſtiegen, aber er hatte weder Meßgewand noch Chorhemd an: ich verſtand Nichts von allem Dem, was er ſagte, obgleich wir ſchon viele deutſche Worte kennen gelernt hatten, aber wir waren noch nicht bis zu den Phraſen gelangt. André ſah mich an und biß ſich in die Lippen, um nicht laut aufzulachen; envlich fing man an zu ſingen, und zwar ſang man deutſch. Jetzt erſt bemerkte ich, daß ich mich in einem hugenottiſchen Gotteshauſe befand, meine erſte Bewegung war natürlich die, mich zu entfernen; Andreé hielt mich aber zurück.„Dieſer Prieſter des Evangeliums,“ ſagte er ganz leiſe zu mir,„hat keine Vaſallen, wie der Abbé von Saint⸗Claude, und wenn er auch deren hätte, ſo würde er ſie doch gewiß nicht ſo behandeln, wie jener. Erinnern Sie ſich daran, daß Sie ſchon damals in Verſuchung kamen den Hugenotten zu verzeihen, und trachten Sie dieſelben jetzt ſogar zu lieben, da Sie doch einmal mit ihnen leben müſſen.“ Wir gingen mit den anderen Leuten zugleich hinaus, da ſchlug ſich André plötzlich vor die Stirne:„Ich muß eingeſtehen, daß ich ein großer Dummkopf bin. Da find 8 — 283— wir nun doch ſchon einige Zeit lang in der Schweiz, und ich weiß noch immer nicht, ob man rechts oder links an⸗ klopfen muß, um an die rechte Thüre zu kommen; Ger⸗ trude, ſchnell zu mir her!“ Meiſter Sturtt, unſer Wirth, hatte das Verdienſt, ſein Vaterland ziemlich genau zu kennen; das iſt wie⸗ derum ein Vorzug, den die ſchweizer Bauern vor unſeren franzöfiſchen Bauern voraus haben. Nichtsdeſtoweniger waren wir doch erſtaunt über die Gelehrſamkeit des Wirths⸗ hausbeſitzers; wenn unſer Kopf einmal von Etwas einge⸗ nommen iſt, ſo finden wir Alles bewunderungswürdig. Vir erfuhren vor Allem, daß der ganze Canton von Bernproteſtantiſch ſei, und wir lachten über unſere Dumm⸗ heit, welche uns da hatte eine Meſſe ſuchen laſſen, wo wir eine ſolche unmöglich finden konnten. Die Cantone von Luzern, von Uri, von Schwyz, von Unterwalden, von Zug, von Freiburg und von Solothurn ſind katholiſch; die von Zürich, von Bern, von Baſel und von Schaffhauſen ſind proteſtantiſch. Die Bevölkerung von Glarus und von Appenzell beſteht zum Theile aus Proteſtanten und zum Theile aus Katholiken. Und wir hatten unſern Weg durch den Canton von Bern eingeſchlagen, deſſen ungeheure Ausdehnung, ver⸗ bunden mit der von Zürich, von Baſel und von Schaffhau⸗ ſen die traurige Wahrheit beweiſt, daß die Zahl der An⸗ hänger beider Religionsparteien in der Schweiz beinahe eine ganz gleiche ſei; und vielleicht leben ſie gerade des⸗ halb in ſolcher Eintracht. — 284— André, dem Nichts entging, bemerkte, daß Sturtt uns die dreizehn Cantone nicht in der Ordnung genannt hatte, in welcher ſie ſich dem ſchweizer Bunde angeſchloſſen hatten. Aber Sturtt antwortete uns ohne zu zaudern, daß er ſie nach dem Range, welchen ſie heutzutage in den Gene⸗ ral⸗Verſammlungen und bei allen öffentlichen Handlun⸗ gen einnehmen, geordnet habe; unſer Herr Kritiker war entwaffnet, und doch hatte Herr Sturtt ſich über dieſen letzteren Gegenſtand getäuſcht und wir erkannten bald darauf ſeinen Irrthum. Unſere Art und Weiſe uns mit ihm zu unterhalten war etwas langweilig, Gertrud überſetzte Alles äußerſt plump und ſelten mit der gehörigen Deutlichkeit; wir wünſchten ſehr die genaueſten Einzelnheiten über die Gemſen und über die Art und Weiſe zu haben, auf welche man ein Thier jagt, das ebenſo häufig in der Luft als auf den Fel⸗ ſenklippen umherſchwebt. Um zu dieſem Ziele zu gelan⸗ gen, bedurfte es eines zuſammenhängenderen Geſpräches, und André kam auf ſeinen Vorſchlag zurück, hinzugehen und dem Paſtor einen Beſuch zu machenz ich ſträubte mich Anfangs ein wenig dagegen, denn ich hatte auf eine Unter⸗ redung mit einem Pfarrer und nicht mit einem Paſtor ge⸗ rechnet: nichtsdeſtoweniger ließ ich mich doch mit fort⸗ reißen, mein Gewiſſen war ſchon ſehr leicht zur Uebergabe geneigt geworden. Wir fanden Herrn Werner in einer Art von sella eu- rulis, aus Eichenholz, ſitzend; er ſtand auf, ſo wie er uns eintreten ſah. Madame Werner und ihre Fräulein Töchter 8 wir ſprachen vaher mit ihm lateiniſch, und doch hatten — 285— waren mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt; ſie machten uns nur eine halbe Verbeugung, ohne ihre Augen von ihrer Arbeit nach uns aufzuſchlagen. Der Paſtor war ein Mann von ohngefähr funfzig Jah⸗ ren, von ſchöner Geſtalt, edlem und imponirendem Ge⸗ ſichte; ſeine Frau mußte einmal ſchön geweſen ſein, und ſeine Töchter, welche ſechszehn bis achtzehn Jahre alt waren, ſchienen mir hübſch zu ſein, wenigſtens inſoweit ich es aus zwei kleinen Geſichtern, welche beſtändig auf ihre Arbeit niedergebeugt waren, ſchließen konnte. Einfachheit und Beſcheidenheit ſchienen uns die hervorragendſten Ei⸗ genſchaften dieſer Familie zu ſein. Ich war Anfangs ein wenig ergrimmt darüber, einen Prieſter zu ſehen, der verheirathet und Familienvater war. „Aber,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„war denn der heilige Paulus nicht auch verheirathet? Waren es denn die Prie⸗ ſter der urſprünglichen Kirche nicht alle? Man hat dem katholiſchen Klerus ſeine Frauen genommen, der reformirte Klerus hat ſie ſich wiedererobert, und gewiß muß es dem letzteren weit leichter fallen tugendhaft zu bleiben, als dem erſteren. Die reformirten Prieſter haben ihre Stellung im Staate; ihre Eigenſchaft als Familienväter macht ſie zu Bürgern deſſelben und ihr Privatintereſſe knüpft ſie an das allgemeine Intereſſe: das Vaterland aller katholiſchen Prieſter iſt dagegen einzig und allein Rom.“ Man fieht, daß ich anfing mich zu bilden. Herr Werner verſtand auch nicht ein Wort Franzöſiſch; — 286— wir Anfangs einige Mühe uns zu verſtändigen. Die größte Schwierigkeit beſtand in der Verſchiedenheit der Aus⸗ ſprache, und vorzüglich in der des uz als einmal feſt an⸗ genommen worden war, daß er ou und wir ü ausſprachen, belebte ſich das Geſpräch etwas. Als er erfuhr, daß wir Franzoſen ſeien, welche ſich in Appenzell naturaliſiren laſſen wollten, ließ er uns die herzlichſte Aufnahme zu Theil werden und lud uns ein ſein ſchlichtes Mahl mit ihm zu theilen; er fragte uns nicht darum, ob wir Katholiken oder Reformirte ſeien, das war ihm ganz gleichgiltig. Die Proteſtanten glauben, daß man bei beiden Religionen ſelig werdenkann, dann wäre es aber nicht der Mühe werth geweſen, eine zweite aufzubringen. Wir nahmen ſeine Einladung zum Mittagseſſen anz das war ja ein ſicheres Mittel, mit ihm ſo lange, als wir nur irgend Vergnügen daran fanden, zu plaudern. Mein Kritikus ermangelte nicht, auch ihm die Bemerkung mitzutheilen, welche er an Sturtt wegen der Reihenfolge, in der er uns die Cantone genannt, gerichtet hatte; Herr Werner antwortete ihm, daß ſowohl er als Sturtt zur Hälfte Recht, zur Hälfte Unrecht gehabt hätten.„Es iſt ausgemacht, daß man Ihnen dieſelben nicht in der Reihen⸗ folge genannt hat, welche ſie nach den Zeitpunkten ihres Anſchluſſes an den Bund einnehmenmußten; ebenſo gewiß iſt es auch, daß gewiſſe Erlaſſe, die Jahrhunderte und die Gewohnheit dieſe natürliche Ordnung verkehrt haben. Folgendes iſt die Ordnung, in welcher die Vertreter der — 287— vreizehn Cantone in der Generalverſammlung ſitzen und abſtimmen: „Zürich, Bern, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Glarus, Baſel, Freiburg, Solothurn, Schaffhauſen, und Appenzell.“ Alles dieſes war mir ſehr gleichgiltig; ich war Depu⸗ tirter bei den General⸗Staaten von Paris geweſen und hatte mich eben nicht ſehr wohl dabei befunden, ich ſtrebte wenigſtens für den Augenblick durchaus nicht nach der Ehre, den Canton Appenzell auf der ſchweizer Tagſatzung zu vertreten: ich wollte endlich einmal auf die Gemſen kommen, und man ſprach von allen anderen Dingen, nur nicht davon. Ein Prieſter des Evangeliums beſitzt ebenſo gut ſein Theil Eitelkeit, wie ein Mitglied der franzöſiſchen Plejade; Herr Werner ſah, daß André ihm mit vieler Theilnahme zuhörte, und ſo verlängerte er denn ſeine Abhandlung. „Wir wollen annehmen,“ ſagte er,„daß die dreizehn Cantone ein Heer von zehntauſend ſechshundert Mann ausheben wollten, ſo würde die Vertheilung unter dieſel⸗ ben folgendermaßen ausfallen: Zürich wird 1400 Mann liefern müſſen, Bern 3000, Luzern 1200, Uri 400, Schwyz 600, Unterwalden 400, Zug 400, Glarus 400, Baſel 400, Freiburg 800, Solothurn 600, Schaffhauſen 400 und Ap⸗ penzell 600. „Die Bevölkerung des Cantons von Bern iſt 294,500 Seelen ſtark; hier iſt Papier und eine Feder, können Sie mir nun die Anzahl der Bewohner der übrigen Cantone ſagen, wenn Sie annehmen, daß die Anzahl der Weiber, der Kinder und der Greiſe ſich überall im Verhältniſſe ſo ziemlich gleich bleibt, was auch ganz wahr iſt, und wenn Sie nach der Anzahl von Soldaten, welche jeder Canton ſtellen muß, rechnen.“—„Im Verhältniſſe zu den 3000 Mann, welche der Canton von Bern, der 294,500 Bewoh⸗ ner zählt, ſtellen muß; nicht wahr?“—„Ganz richtig!“ André war durch Nichts in Verlegenheit zu bringen; er hatte die Arithmetik, die Algebra und Alles, was da drum und dran hängt, bei den Jeſuiten von Angouléme ſtudirt. Dieſe Gelegenheit kam ihm daher gerade ſehr er⸗ wünſcht, um zu zeigen, daß er kein gewöhnlicher Menſch ſei. Ich meinerſeits fluchte auf die Leidenſchaft, welche unſer Doctor des Evangeliums zu haben ſchien, den Ge⸗ lehrten zu ſpielen; ich näherte mich den jungen Mädchen, welche ſich ſogleich wieder an ihre Arbeit gemacht hatten, und hoffte durch eine Unterhaltung mit ihnen für die Lan⸗ geweile entſchädigt zu werden, die mir mein Angoulémer Euklid einflößte. Aber bei den erſten deutſchen Worten, welche ich an ſie richtete und welche ſie nur ſehr unvollkom⸗ men verſtehen konnten, ſtanden ſie auf und gingen hinaus. Was hatte ich ihnen denn eigentlich geſagt? Sollte ſich Gertrude oder irgend Jemand anders den ſchlechten Witz erlaubt haben, mich zu hintergehen und mir ein franzöſi⸗ ſches Wort, welches Jedermann hören kann, mit einem deutſchen zu überſetzen, welches man vor gewiſſen Perſo⸗ nen nicht ausſprechen darf? Ich war geſpannt auf eine Auf⸗ klärung. Herr Werner riß mich aus meiner Verlegenheit, — 289— indem er zu mir ſagte;„Unſere jungen Mädchen plaudern nur mit ihren Eltern, mit den ganz vertrauten Freunden ihrer Familie, aber niemals mit Fremden, und ich glaube, daß die guten Sitten dabei nur gewinnen können.“ Hier handelte es ſich ja aber gerade um die guten Sitten! Dieſer Mann hat doch die Leidenſchaft von Allem zu ſchwatzen. „Was die jungen Mädchen betrifft,“ fügte er hinzu, „nicht wahr, ſo nennt man dieſelben in Frankreich gewöhnlich Fräuleins?“—„Faſt immer, und beſonders wenn ſie hübſch ſind.“—„Alſo find die Töchter eines Herzogs und Pairs von Frankreich, und ſeines Schuhmachers gleicherweiſe Fräuleins; das iſt ja erbärmlich.“—„Ich weiß das ſehr wohl; aber in Ländern, die in Knechtſchaft verſunken ſind, läuft man Auszeichnungen ſehr nach: und wenn dieſelben einmalfeſtgeſtellt ſind, ſo muß man ſich ihnen unterwerfen. Ich werde davon in Paris ſprechen, wenn ich dorthin zurückgekehrt ſein werde.“ Andrs war fertig geworden, und legte ſeine Berech⸗ nung dem Paſtor vor; dieſer machte die Probe darüber, ſtand auf, ergriff die Hand des Berechners und drückte ſie ihm ſo ſtark, daß er beinahe laut aufſchreien mußte, mit den Worten:„Recte, optime, mirifice!“ Dieſer Menſch hier war wirklich unermüdlich; er wollte uns die Regierungen der verſchiedenen Cantone kennen lehren, welche zwar alle freie ſind, die aber doch in der Art und Weiſe der Verwaltung in gewiſſen Beziehungen von einander abweichen. Aber bei meiner Treu, ich konnte 3 Biblioth. 355 Boch. 19 — 290— vas nicht mehr länger aushalten; ich dankte ihm ſehr höf⸗ lich für ſeine Gefälligkeit, erklärte ihm jedoch, daß meine Geiſteskräfte nicht ſtark genug ſeien, um eine drei Stun⸗ den lange wiſſenſchaftliche Unterhaltung auszuhalten. Ich geſtand ihm ganz beſcheiden ein, daß der hauptſächlichſte Zweck meines heutigen Beſuches der geweſen ſei, ihn um gewiſſe Aufſchlüſſe über die Gemſen und über die ent⸗ ſchloſſenen Männer, welche dieſelben jagen, zu bitten. „Nichts leichter als das,“ meine Herren.„In meiner früheſten Jugend habe ich ſowohl die einen als auch die anderen nahe genug geſehen; ich habe ſelbſt zuweilen den Querſack eines mir befreundeten Jägers getragen, freilich nur bis zu einer Höhe, von welcher herab ein Sturz nicht ſehr gefährlich werden konnte.“ Folgendes iſt die Ueberſicht dieſes letzteren Theiles unſerer Unterhaltung: Man findet in den Alpen zweierlei Arten von Gemſen. Die kleinere Art bewohnt die Alpen der Dauphiné, aber die größere Race hält ſich nur in den hohen Alpen mitten unter den Gletſchern auf;z der Gang dieſer Race iſt edler, der Kopf ſchöner, die Augen lebhafter. Die Gemſe iſt ein wenig größer als die Ziege; ſie hat Hörner ſo wie die letz⸗ tere, aber ſie iſt viel ſtärker und gewandter; der ſtärkſte Mann wäre nicht im Stande, eine nur ſechs Wochen alte Gemſe bei ihren Hinterfüßen im Laufe aufzuhalten. Sie ſetzt mit einem einzigen Sprunge über einen ſtaunener⸗ regenden Raum hinweg, erklimmt die allerſteilſten Gipfel, ſtürzt ſich von den höchſten Felſen hinab, ohne Furcht und ohne ſich auch nur den geringſten Schaden zuzufügen⸗ unp — 291— lebt in Gemeinſchaft mit den ſogenannten Steinböcken und mit den wilden Ziegen. Sie kennt den Menſchen, fürchtet ihn und weicht ihm mit Scharfſinn aus; dieſe Thiere verſammeln ſich ziemlich häufig auf großen freien Plätzen, ermangeln dann aber nie⸗ mals, an jedem Zugange zu denſelben Schildwachen aufzu⸗ ſtellen. Dann weiden ſie in Sicherheit weiter: aber auf ein gegebenes Signal, eine Art von Pfeifen, ergreift die ganze Heerde die Flucht, zerſtreut ſich und verſchwindet. Sie wen⸗ den auch dieſelbe Kriegsliſt an, um den Bären zu entge⸗ hen, welche eben keine Seltenheit in den Alpen ſind. Die Jagd auf die Gemſen, obwohl fie eine ſehr gefähr⸗ liche iſt, beſchäftigt doch eine ziemlich große Anzahl Be⸗ wohner der Schweiz; man muß dem Thiere von Felſen zu Felſen, welche noch dazu faſt alle von Abhängen umgeben find, nachfolgen, und doch entkommt es zuweilen, indem es über Abgründe hinwegſetzt, welche das menſchliche Auge nur mit Entſetzen meſſen kann. Es mißt genau die Entfer⸗ nungen ab, und zuweilen erwartet es ſogar den Zäger, bis es ſieht, daß er bereit ſei zu ſchießen; dann ſpringt es auf ſeinen Jüßen, welche wirklich elaſtiſch zu ſein ſchei⸗ nen, fort und täuſcht durch ſeine Schnelligkeit die Hoffnun⸗ gen ſeines Verfolgers. Der Jäger läßt ſich aber nicht entmuthigen; er folgt dem Thiere langſam und ſucht ihm den Wind abzugewin⸗ nen, damit das Geräuſch, welches er nothwendigerweiſe verurſacht und die Ausdünſtungen, die von ſeinem Körper ausſtrömen, die Gemſe nicht von der Gefahr, von der ſie 19* — 209— bedroht wird, in Kenntniß ſetzen können. Ungeachtet dieſer Vorſichtsmaßregeln trotzt das Thier doch bisweilen dem Jäger, wenn es durch Felſen, welche ſelbſt für daſſelbe durchaus unzugänglich find, aufgehalten wird. Dann bleibt es ſtehen, der Jäger ſchießt, und wenn er ſein Ziel fehlt, ſo trachtet er die Gemſe zu erſchrecken, um ſie zu nöthigen, ſich in den Abgrund hinabzuſtürzen; aber wenn ſie glaubt, daß die Tiefe des Abgrundes ihr jede Hoffnung des Ent⸗ kommens abſchneidet, ſo weigert ſie ſich zu fliehen und ihre Hörner drohen den Jäger ſelbſt hinabzuſtürzen. Man kann Gemſen ſich auf den Menſchen ſtürzen ſehen, um ſich deſſel⸗ ben zu entledigen, ſelbſt auf die Gefahr hin, mit ihm zu Grunde zu gehen. Oft geht der Jäger zu Grunde, indem er die Beute, die ihm entflieht, verfolgt; ein dichter Nebel führt ihn bis auf die Eisgletſcher irre, und er ſtirbt auf denſelben vor Hunger und vor Kälte. Stürme und Regengüſſe machen bisweilen die Oberfläche der Felſen ſo ſchlüpfrig, daß die mit Eiſen beſchlagenen Schuhe der Jäger ſich an denſelben nicht feſtklammern können; der Unglückliche ſieht nun erſt einige Secunden lang den unvermeidlichen Tod vor Augen und erleidet ihn dann. Im Sommer trocknet ihm bisweilen die Hitze das Ge⸗ ſicht und die Hände ſo ſehr aus, daß er, um dieſelben zu † befeuchten, genöthigt wird, ſich ſein eigenes Blut aus den Schenkeln und aus den Füßen abzuzapfen. Eine andere † Gefahr erwartet ihn auf den Eisfeldern, welche er zu † durchſchreiten gezwungen iſt; die Sonne fällt auf dieſe — 293— ungeheuren Spiegel und verwandelt die Menge Spitzen, von welchen ſie bedeckt ſind, in Diamanten: dieſe Flam⸗ mengarben nun fallen dem Jäger in die Augen und be⸗ rauben ihn auf mehrere Tage des Geſichts. Dieſe Jäger ſcheinen auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichtet zu haben, ſie verlaſſen ihre Wohnungen mitten in der Nacht und gelangen mit Tagesanbruch auf die höchſten Weiveplätze, wohin die Gemſe weiden kommt, bevor man die Heerden dorthin treibt. Dort ſieht ſich der Jäger auf das Genaueſte rund um ſich um, und wenn er Nichts bemerkt, ſetzt er ſeinen Weg fort; ein verlorener Tag läßt ihn darum doch die Hoffnung für den nächſtfol⸗ genden nicht aufgeben. Er bleibt in den Gebirgen und lebt dort von Brot und von Waſſer; Abends hüllt er ſich in eine Art von Sack aus Thierfellen ein, um während der Nacht nicht zu erfrieren, und ein hervorſpringendes Fels⸗ ſtück iſt ſein Kopftiſſen. Aber am nächſtfolgenden Morgen, wenn das Glück ihn einmal begünſtigen zu wollen ſcheint, leben ſeine Fröhlich⸗ keit und ſeine Kräfte wieder auf; er hat ſeine Beute be⸗ merkt, kehrt um und macht die unglaublichſten Anſtrengun⸗ gen, um derſelben den Weg abzugewinnen. Sobald er nur die Hörner der Gemſe unterſcheiden kann, iſt er gewiß, daß er ſie in dem Bereiche ſeines Schuſſes hält. Er zielt, ſchießt, und faſt immer durchbohrt ſeine Kugel ſein unſchuldiges Opfer; er läuft dann auf daſſelbe zu und trägt es nach Hauſe, um ſeine Familie damit zu ernähren, beſonders wenn die Gemſe eine junge war. Zuweilen hindern ihn — 294— die Entfernung oder die Schwierigkeiten des Weges daran, ſeine ganze Beute mit ſich fortzubringen; er muß ſich dann, freilich ſehr gegen ſeinen eigenen Willen, damit begnügen, das Fell und die Kopfhörner ſowie die Fußklauen mit ſich zu nehmen; dieſe Gegenſtände kann er nämlich ſehr vor⸗ theilhaft verkaufen. Auf die Art nun bringen dieſe Menſchen den größten Theil ihres Lebens damit zu, von Felſen zu Felſen zu ſprin⸗ gen, an deren Spitzen ſie ſich oft mit ihren blutenden Hän⸗ den anklammern müſſen, bis die Erſchöpfung aller ihrer Kräfte ſie dazu verdammt, loszulaſſen und in den Abgrund hinabzuſtürzen; ſie durchſchreiten oft jene unermeßlichen Schneefelder, ohne zu wiſſen, ob ſie an den jenſeitigen Rand gelangen oder verſchlungen werden. Sie bringen zuweilen mehrere Tage hinter einander in dieſen Wüſte⸗ neien zu, deren Beſuch die Natur dem Menſchen gleichſam unterſagt zu haben ſchienz ihre Frauen und Kinder erwar⸗ ten ſie daheim mit einer Unruhe und Angſt, welche den Schlaf von den Augenlidern derſelben entfernt halten: und wie oft geſchieht es, daß ſie gar nicht mehr zurück⸗ kehren. Ungeachtet aller dieſer Gefahren und Mühſeligkeiten wird doch dieſe Art von Jagd für Den, der ſich derſelben einmal gewidmet hat, zu einer unwiderſtehlichen Leiden⸗ ſchaft; Bitten, Beſchwörungen, Thränen in den Augen Derer, die ihm am theuerſten ſind, können ihn nicht zurück⸗ halten. Was mag denn nur dieſe unbegreifliche Leiden⸗ ſchaft nähren? Die Habgierde? Die ſchönſte Gemſe wird — 295— kaum mit einem Silberthaler bezahlt, und um ſie zu erja⸗ gen, muß der Jäger zwanzig Mal ſein Leben der Gefahr ausſetzen. Sollte dieſe Leidenſchaft nicht vielmehr in der beſtändigen Aufregung der Jagd, in den ſcharfen, ſchnei⸗ denden Gegenſätzen von Furcht und Hoffnung, in der hef⸗ tigen und anhaltenden körperlichen Bewegung ihre Nah⸗ rung finden, ſo daß zuletzt der Jäger in ſeiner Hütte nur noch ein enges Gefängniß ſieht? Iſt es nicht auch das Zu⸗ ſammentreffen aller dieſer Empfindungen, welches den See⸗ fahrer und den Soldaten bildet? Man erkennt ſehr leicht Diejenigen, welche bei dieſer Beſchäftigung alt geworden ſind; aber ihre Zahl iſt freilich keine ſehr große; ihr Gang, ihr ganzes Benehmen iſt wild, die Haut ihres Geſichtes iſt ganz vertrocknet, ihr Auge und Blick unſtät. Junge Leute, welche dies abſchreckende Aeußere von ihnen nicht zurückſtößt, begleiten ſie überall hin, werden ihre Schüler und ſpäter ihre Nebenbuhler. Wenn dieſe Leidenſchaft nicht bald unterdrückt wird, ſo wird die Race der Gemſen binnen Kurzem aus dem Buche des Lebens geſtrichen ſein, wie es ſchon ſo viele Thierar⸗ ten wurden, die der Menſch entweder ſeiner Habſucht oder ſeiner Sicherheit geopfert hat. Die Aufſchlüſſe des Paſtors hatten uns ungemein in⸗ tereſſirt, aber als er zu Ende gekommen war, rief ich aus vollem Herzen aus, daß ich niemals ein Gemſenjäger wer⸗ den würde.„Beim Teufel, ich eben ſo wenig!“ ſagte André. Es war ſchon ſpät, und Herr Werner lud uns ein, — 296— mit ihm zu Abend zu ſpeiſen; er hörte ſich gern ſprechen und hätte nicht ermangelt wieder auf die Regierungen der dreizehn Cantone zurückzukommen, allein ich brach ab, da ich fand, daß wir den Tag ſchon gut genug benutzt hatten. Uebrigens hatte ich auch durchaus keine Luſt, noch länger mitjungen Mädchen beiſammen zu bleiben, von denen man Nichts als die Naſenſpitzen zu ſehen bekam; wir dankten daher dem Paſtor für ſein gütiges Anerbieten und nah⸗ men Abſchied von ihm. 4 WVir lebten hier ebenſo wie zu Abmen, das heißt, wir gaben keinen Pfennig Geld aus. Am nächſtfolgenden Mor⸗ gen reiſten wir ab, feſt entſchloſſen, eine vollſtändige Tage⸗ reiſe zu machen, da wir Niemanden mehr um eine Unter⸗ redung zu bitten hatten; die Wege waren ziemlich gut und Nichts ſchien uns aufhalten zu können, aber der Menſch iſt während ſeines ganzen Lebens der ganz ergebene Diener der Umſtände. Bald vernahmen wir den Klang von Trom⸗ meln und Pfeifen, einen Augenblick darauf bemerkten wir eine zahlreiche Kriegerſchaar, welche gegen uns vorrückte; zum größten Glücke waren wir ſchon aus den Schluchten von Faulhorn herausgekommen und konnten ſo den ſchwei⸗ zeriſchen Helden den gehörigen Raum zum Vorbeimar⸗ ſchiren laſſen. Es waren dreitauſend Schweizer aus den Cantonen von Luzern, von Unterwalden, von Uri, von Zug und von Glarus, welche ſich an den Herzog von Mayenne ver⸗ kauft hatten und welche jetzt im Begriffe waren zu ihm zu — ſtoßen, indem ſie denſelben Weg einſchlugen, welchen wir — 297— verfolgt hatten. Der König von Navarra haite deren auch welche in ſeinen Dienſten; auf dieſe Art ſtanden alſo Män⸗ ner aus demſelben Volke im Begriff, für ein wenig Geld gegen einander zu fechten: dieſer Gedanke ftimmte mich traurig und verminderte in Etwas die große Achtung, welche ich bis jetzt gegen die Schweizer gehegt hatte. Ein Bauer aus einem penachbarten Dorfe hatte uns die Beſtimmung dieſer hier mitgetheilt, als er ſie mit uns hier vorbeiziehen ſah; es verſteht ſich von ſelbſt, daß Ger⸗ trude noch immer unſer Dolmetſcher war, und doch began⸗ nen wir ſchon ohngefähr den Zeitpunkt vorherzuſehen, von welchem an wir derſelben würden entbehren können. Ich ſagte ihr, ſie möge dieſem Manne die Betrachtungen, welche mich bewegten, mittheilen.„Ein großer Theil der Schweiz, erwiderte er uns,„iſt ſehr unfruchtbar, und die Armen erzeugen deshalb doch viele Kinder; ſeit langer Zeit ſtehen ſchon die Ernten nicht mehr in dem richtigen Verhältniſſe zu der Bevölkerung, es müſſen alſo von Zeit zu Zeit Auswanderungen hervorgerufen werden. Welche Art von Auswanderungen iſt nun vortheilhafter für den Staat, die mit großen Koſten Colonien nach Amerika ab⸗ zufertigen, oder die, die Landeskinder, welche er nicht mehr ernähren kann, zu ſeinen Nachbarn in eine tüchtige Kriegs⸗ ſchule zu ſchicken? Die Schweiz iſt nicht reich genug um den erſteren Weg einzuſchlagen, und auf dem zweiten be⸗ zieht ſie ſogar noch Geld. Diejenigen, welche den Gefahren des Krieges entrinnen, kehren früher oder ſpäter zu ihrem heimathlichen Herde zurück und find dann Soldaten ge⸗ — 298— worden, auf welche wir rechnen können, wenn wir ange⸗ griffen werden ſollten.“—„Aber Diejenigen, welche dem feindlichen Schwerte erliegen?“—„Die ſind fröhlich in das Feuer gegangen und haben dann die Fähigkeit, ſich zu beklagen, verloren. Uebrigens, wie viele von den Spa⸗ niern, die man nach Mexico oder nach Peru ſchickt, kom⸗ men denn von dort zurück? Die Stürme, das ungeſunde Klima, die Portugieſen vernichten die bei weitem größte Anzahl derſelben; auf dieſe Art wäre denn Alles ſo ziem⸗ lich aufgewogen.“ Es war ein Bauer aus dem Dorfe Scheidegg, und er wußte ſich ſo auszudrücken. Ich ſagte ihm, daß PhilippII. Portugal mit Krieg überzogen habe. Er antwortete mir: daß die Portugieſen beider Indien ihn noch nicht aner⸗ kannt hätten. Neuer Grund zum Erſtaunen. In welche Schule ſchickten denn nur die ſchweizer Bauern ihre Kin⸗ der, in die der Jeſuiten oder der Franciscaner? Das kann nicht ſein, weil dieſe Mönche hier gar nicht vorhanden find. Einfache Dorfſchulmeiſter unterrichten hier ihre Zöglinge, und entwickeln ihre Vernunft und ihre Urtheilskraft; übri⸗ gens muß man auch nicht glauben, daß ſolche Bauern, wie wir deren einem ſoeben begegnet waren, in der Schweiz zu den alltäglichen Erſcheinungen gehören: die Natur ver⸗ theilt ja ihre Geſchenke ſehr ungleich, und es giebt überall Rieſen und Zwerge. Am vierten Tage endlich zogen wir in den Canton von Uri ein, ohne daß uns wieder ein Donnerwetter überfallen hätte, oder daß wir eine Höhle angetroffen hätten; ich ver⸗ — 299— ſtand ſehr wohl, was mir die Augen der kleinen Marianne ſagten, die meinigen antworteten ihr; was kann ich dabei thun? Wir ſtanden im Begriffe in das Thal von Großſchenen einzuziehen, da bemerkten wir in geringer Entfernung von unſerem Wege eine mit Stroh gedeckte Hütte; eine Ziege befand ſich auf dem Dache derſelben und ſuchte zwiſchen den Strohhalmen irgend Etwas, was ihr zur Nahrung dienen könnte; fünf bis ſechs Hühner hüpften und gacker⸗ ten um die Hütte herum. Ein Greis und ſein Weib ſaßen mit einander vor der Thüre auf einer Bank; der gute Alte hatte einen Arm um ſein Weib geſchlungen und drückte ſie an ſein Herz, die andere Hand hielt ihren auf die Bruſt geneigten Kopf in die Höhe. Die Frau, welche ebenfalls ſchon ſehr alt war, ſchlug nun ihre thränenfeuchten Augen zum Himmel empor; dann heftete ſie dieſelben ſehr häufig auf den Weg, auf welchem wir herankamen, und trotzdem ſah ſie uns nicht einmal. „Sie weint!“ rief Marianne aus, ſie ſprang zur Erde und lief auf die gute Frau zu.„Marianne hat ein ſehr gutes Herz,“ dachte ich,„und dieſe Eigenſchaft kann es wohl entſchuldigen, daß..—„Die Frauen,“ ſagte André, „nehmen ſchon ſehr zeitig die Gewohnheit des Leidens an, und es iſt äußerſt ſelten, daß ein phyſiſcher Schmerz ihnen Thränen entreißt; dieſe guten Leute ſind ohne Zweifel in tiefe Betrübniß verſunken.“ Ich ſtieg ab, Gertrude folgte mir auf Schritt und Tritt nach. „Frage ſie,“ ſagte ich zu dieſer Letzteren,„wie es in . — 300— einem Lande, deſſen Sitten ſo mild ſind, geſchehen kann, daß ſich Niemand findet, der ſie zu tröſten ſuchte, oder der wenigſtens ihren Schmerz theilte.“—„Es giebt Leiden,“ erwiderte Wenta,„über welche Troſtgründe gar keine Macht haben.“ Wir drangen nun in ſie, ſich zu erklären. Es war nun fuͤnfzig Jahre her, daß ſie Makleer ge⸗ heirathet hatte, und niemals hatte ſich noch eine Wolke zwiſchen ihnen erhoben. Eine Tochter war die einzige Frucht ihrer Liebe, und ſie verheiratheten dieſelbe, wie es ihr Herz begehrte; Ludger, der Mann Fauſtinens, war ſtark und muthig.„Ein Bär hatte die Heerden in unſern Bergen angegriffen, zwei Hirten hatten dieſelben vertheidigen wollen und dabei ihr Leben eingebüßt. Von nun an wagte es Niemand mehr die Heerden auf die Weiden hinauszu⸗ führen, und noch weniger wagte man es, das gefräßige Thier zu bekämpfen. „Eines Morgens umarmte Ludger ſeine Frau zärtlicher und länger als gewöhnlich, verließ dann die Hütte, ohne irgend Einem von uns auch nur ein Wort zu ſagen; er drehte ſich mehrmals um, um uns noch ein Mal anzuſehen, dann ging er fort— er hatte ſich geopfert. „Wir glaubten ihn mit ſeiner Tagesarbeit, welcher er auch ſein tägliches Brot verdankte, beſchäftigt; aber die Sonne kündigte ſchon die Stunde des Mahles an und Lud⸗ ger kehrte noch immer nicht zurück. Fauſtine, müde immer nur nach dem Wege auszuſchauen, welchen er gewöhnlich einſchlug, lief nach dem kleinen Felde, das er bebaute; Ludger befand ſich auch dort nicht. — 301— „Sie kehrte ganz verweint zurück und warf ſich mir in die Arme; mein guter Makleer ſah hinter eine Kiſte, wo Ludger gewöhnlich ſeine Flinte aufbewahrte, ſie war nicht mehr da: ohne Zweifel war er am Abende zuvor ausge⸗ gangen, und hatte ſie irgendwo im Geſträuche verſteckt. Wir ſahen uns alle Drei lange Zeit an, Fauſtine und ich weinten; Makleer, deſſen Auge trocken und drohend war, ergriff ſeine Pike.»Setze Dich keiner Gefahr aus, lieber Vaterl« rief Fauſtine aus, nichtsdeſtoweniger ließ ſie ihn aber doch fortgehen; das arme junge Weib! ich meiner⸗ ſeits war allein nicht ſtark genug, um ihn zurückzuhalten. „Der Tag verfloß; nur noch zwei Stunden, und die Nacht kam und raubte uns auch noch unſere letzte Hoff⸗ nung. Wir hatten zuſammen geweint, und es ſchien uns, als ob die Furcht uns unſere Kräfte wiedergegeben habe; wir wollten bis zu den Gletſchern emporſteigen, und doch ſahen wir uns genöthigt, uns ſchon ein paar Schritte vor der Hütte niederzuſetzen, denn wir befanden uns wirklich in einem bemitleidenswerthen Zuſtande. „Wir betrachteten ohne Unterlaß dieſes Gebirge, auf welchem wir vielleicht Alles, was uns an das Leben knüpfte, verloren hatten. Ein Mann wurde in der Ferne ſichtbar, er kam auf uns zu; ſein Schritt war raſch, er ſchwang einen langen Stock im Kreiſe um ſeinen Kopf herum und trug überdies noch eine ſchwere Laſt.„Das iſt Makleer!« riefen wir alle Beide zugleich aus: ver bringt Ludger zu⸗ rück, der Unglückliche iſt verwundet.« „In dem nächſten Augenblicke war et bei uns.»Wir — 302— haben keinen Sohn mehr, ſagte er zu mir;»Du haſt Alles verloren« ſprach er zu Fauſtinen.»Hier iſt das Fell des wilden Thieres; ich habe Ludger gerächt, aber wir werden ihn nie wiederſehen.« „Makleer hatte den Körper des Unglücklichen in Stücke zerriſſen und ſeine Waffe abgeſchoſſen gefunden; er mußte den Bären gefehlt, oder aus zu großer Entfernung ge⸗ ſchoſſen haben: ohne Zweifel war ihm dann nicht mehr Zeit genug geblieben, ſein Gewehr von Neuem zu laden. „Makleer verbarg indeſſen die blutigen Gliedmaßen in einer Felſenhöhle, und eilte dann das Ungethüm aufzu⸗ ſuchen; er brauchte zu dieſem Zwecke eben nicht ſehr weit zu gehen, der Bär kam ihm entgegen mit offenem und flammendem Rachen. Der Zorn raubte Makleer'n indeſſen doch nicht ſeine Beſonnenheit und ſeine Gewandtheit; er erwartete das Thier feſten Fußes und ſtieß ihm ſeinen Speer mit ſolcher Gewandtheit in den Rachen, daß der⸗ ſelbe zu den Flanken wieder herausdrang. „Makleer ließ nun ſeine Waffe im Stich, und über⸗ ließ das Thier ſeinem Todeskampfe; ſeine Vordertatzen zerbrachen zwar jenen Theil des Lanzenſchaftes, welcher zum Rachen herausdrang, aber die Wunde war tödtlich. Warum hatte denn der tapfere Mann nicht ſchon geſtern den Muth gehabt, den Kampf mit dem Bären zu beſtehen? Wenn das geſchehen wäre, ſo würde wohl Ludger heute noch leben; aber Makleer ahnte es nicht, daß ſein Sohn daran dachte, hinzugehen und den Bären anzugreifen. Es find nun zwanzig Jahre her, daß Alles dies geſchehen iſt, — 203— und dieſes Bärenfell hat uns ſeitdem immer als Bett ge⸗ dient; da war es, wo wir jeden Morgen und jeden Abend für unſere armen Kinder beteten. „Fauftine ſollte gerade in die Wochen kommen, als dieſes traurige Ereigniß ſtattfand; alle Bauern der Umgegend waren herbeigeeilt, um ſich bei Makleer zu bedanken und ihm Grütze und Käſe zum Geſchenke anzubieten; ſie nah⸗ men auch das Kind, welches unſere Tochter gebar, in ihre Arme auf: die traurige Mutter folgte ihrem Gatten nach acht Tagen in das Grab. Wir blieben allein mit einem neugeborenen Kinde, welches ich nicht aufſäugen konnte; der Gram verzehrte uns faſt, der Herr Pfarrer beſuchte und flößte uns wieder Hoffnung ein, und richtete unſern Muth wieder auf: er beſtimmte uns dazu, für das hilfloſe Kind zu leben, welches allein uns für die Verluſte, die wir erlitten hatten, tröſten konnte. „Wir hatten eine junge, ſehr weiße und ſehr ſanfte Ziege, dieſe wurde nun die Amme Joſephs; Makleer war erſt funfzig Jahre alt, er arbeitete rüſtig und wir lebten. Joſeph wuchs heran; es ſchien, als würde er ſchön wie ſeine Mutter und ſtark wie ſein Vater werden. Jeder⸗ mann lachte über ſeine kleinen Schwänke und ſagte, daß das Kind vielen Geiſt verrathe; der Herr Pfarrer gefiel ſich varin ihn zuunterrichten, weil er gute Naturanlagen hatte. „Dieſes liebe Kind nun ſah bald ein, daß ſein Großvater immer älter werde und daß er der Hilfe bedürfe; er that paher Alles, was wir von ſeinen ſchwachen Kräften nur — 304— immer erwarten durften, und er war ganz glücklich, wenn er ſeinem Großvater einen Schweißtropfen erſparen konnte: wir lebten nur noch in ihm. „Unſer Nachbar Werdaff, dort ſteht ſeine Hütte, ſehen Sie wohl? unſer Nachbar hat ein hübſches kleines Töch⸗ terchen, wAches gerade um vier Jahre jünger iſt als Joſeph. Dieſe beiden Kinder nun ſchienen ſich niemals aufzuſuchen und begegneten ſich doch immer; ſie liebten einander, ſie ſagten es ſich auch, und wir waren ſehr froh darüber. „Unſer Nachbar hat zwei Kühe, und wir haben deren nur eine; er hat vier Ziegen, und wir nur zwei; er hat eine Wieſe, und wir haben kein Fleckchen Erde, welches wir unſer eigen nennen könnten. Werdaff, einfach und be⸗ ſcheiden ſo wie wir, ſo wie alle guten Schweizer, ſagte, daß tüchtige Arme ſo viel werth ſeien als Reichthümer, und daß unſere Kinder einſt ein ſehr hübſches Paar abge⸗ ben würden. „Sonntags gingen ſie Arm in Arm mit einander in die Kirche; wir folgten ihnen in einer kleinen Entfernung, und wir lachten über die kleine unſchuldige Koketterie, mit der ſie ſich gegen einander benahmen. Nach Beendigung des Gottesdienſtes ließ der Herr Pfarrer die Kinder ſich rings um ihn niederſetzen, und ſie mußten nun ihren Katechismus repetiren; er befragte dabei unſern Joſeph immer zuletzt, weil dieſer ſtets beſſer als alle übrigen antwortete und weil der gute Prieſter die Fähigkeiten ſeines Lieblingsſchülers gern in das hellſte Licht ſetzen wollte. — 305— „Wenn ſie nun aus der Kirche kamen, ſo theilten Jutta und Joſeph die kleinen Spiele der Kinder ihres Alters mit einander; ſie ſpielten das Zirkel⸗ und das Eier⸗ ſpiel auch wirklich ſehr gut. Jutta ſuchte zu gewinnen, nur um Joſephen zu gefallen; Joſeph wollte nur darum der Geſchickteſte von Allen werden, um Jutta's Beifall zu er⸗ ringen. „Die Jahre, welche dieſen Kindern noch fehlten, kamen ebenſo ſchnell heran, wie die, welche wir ſchon zu viel hat⸗ ten, und man ſprach ganz im Ernſte davon, ſie zu verhei⸗ rathen; die Heirathsbedingungen waren ſehr bald feſtge⸗ ſtellt. Wir nahmen uns vor, Alle mit einander zu leben und das Wenige, was wir beſaßen, gemeinſchaftlich zu ge⸗ nießen; noch einen Monat nur, und unſere lieben Kinder ſollten vollkommen glücklich ſein. „Ein Gemsjäger machte Joſeph glauben, daß das Leben, welches er führe, das unſerer Ahnen geweſen ſei, welche auf den Felſen lebten und ſtarben, und welche mit herabgeſchleuderten Felsblöcken ganze Heere der Burgun⸗ der zerſchmetterten.„Würden wohl Diejenigen, die in den Ebenen leben,“ ſagte er zu ihm,„ſolche Thaten ausführen können, wenn wir angegriffen würden?“ Er fügte noch hinzu, daß die Mädchen die jungen Männer, welche Muth zeigen, nur um ſo mehr lieben, und Joſeph folgte ihm. „Werdaff erfuhr es und erklärte uns, daß dadurch jedes Band zerriſſen ſei.»Er wird zu Grunde gehen,« ſagte er zu uns,„Jutta kann in ihrem ledigen Stande Viblioth. 35 Boch. 20 * ganz glücklich fortleben; was ſollte ſie aber anfangen, wenn er ihr zwei oder drei Kinder zurückließe?« „Wir zankten unſern Sohn tüchtig aus, als er zurück⸗ kehrte; er lief raſch zu dem Nachbar und traf Jutta ganz in Thränen. Er verſprach ihnen Beiden, nicht mehr auf die Gemsjagd zu gehen; der Vater ſowohl als die Tochter beruhigten ſich, und der Tag der Hochzeit wurde zum zweiten Male feſtgeſetzt. „Zwei Tage vor derſelben ſagte der Jäger zu ihm, daß eine Gemſe das Hochzeitsmahl ſehr verherrlichen würde; man dürfe nur nicht erfahren, wer ſie geſchoſſen habe, das ſei auch ſehr leicht zu verbergen; kurz, er riß ihn wieder mit ſich fort. „Aber unſer Nachbar hatte ein aufmerkſames Auge auf ihn gehabt; er ſagte ihm, als er zurückkehrte, daß ein bra⸗ ver Schweizer niemals ſein Wort breche, und daß er daher niemals ſein Schwiegerſohn werden würde. Jutta weinte noch immer, Joſeph gerieth in die furchtbarſte Ver⸗ zweiflung; wir wollten ihn tröſten ſo gut es ging, aber kann man einen jungen Menſchen tröſten, welcher ſeine Geliebte verloren hat? Er ſchien zwar endlich etwas ruhi⸗ ger zu werden, aber er täuſchte uns nur. „Dieſen Morgen find dreitauſend Schweizer hier durchgezogen, Sie müſſen denſelben begegnet ſein; Joſeph ſagte zu uns, daß er feſt entſchloſſen ſei, ſich an ſie anzu⸗ ſchließen, und umarmte uns zärtlich. Ich benetzte ſeine Hände, die ich feſt in den meinen hielt, mit Thränen; ſein Großvater gab ſich alle mögliche Mühe, ihn zurückzuhalten — 307— umſonſt, er entſchlüpfte unſeren Armen. Ich habe ſeine Sachen in ein Päckchen zuſammengepackt(in welches ich freilich kein Geld thun konnte, weil ich ſelbſt keines beſaß) und eikte damit dem Undankbaren nach; aber umſonſt, er war ſchon zu weit von uns entfernt. „Ich bin mit dem Tode im Herzen hierher zurück⸗ gekommen; mein guter Mann und ich ſind auf dieſe Bank hier zuſammengeſunken, und ſind regungslos hier ſitzen geblieben. Sehen Sie dieſen weißen Felſen dort unten, weit rechts hin? Hinter demſelben, der weniger hart als ſein Herz iſt, iſt er verſchwunden. „Er verläßt uns, er verläßt uns, und wir ſtehen ja ſchon mit einem Fuß in dem Grabe! Makleer kann nicht mehr arbeiten, wer ſoll uns ernähren während der weni⸗ gen Tage, welche wir noch zu leben haben werden?“ „Ich will es thun!“rief ich aus.„André, mein lieber André, mein Freund und Gefährte, fage mir, was ſollen wir denn nur thun?“—„Nun, beim Teufel! eine Hei⸗ rath ſtiften, was denn ſonſt? Wir beſitzen viel mehr Geld als nöthig iſt, um in der Schweiz für reich zu gelten; laſſen Sie uns Segenswünſche aus dem Canton von Uri mit uns fortnehmen.“ O, wie lebhaft ich ihn umarmte! Marianne küßte ihm mit freudefeuchtem Auge die Hand; das Gute, welches man ſich erſt zu thun vornimmt, ge⸗ währt uns ſchon einen Genuß. Wir nahmen Geld aus unſern Beuteln, ließen ein zweites Maulthier vor einen unſerer Karren anſpannen und eilten ſo der Colonne, welcher wir begegnet waren, 20* — 308— nach. Wir holten ſie bald genug ein; der Commandant derſelben war ein offener und redlicher Schweizer; als wir ihn fragten, welchen Preis er auf die Freilaſſung Joſephs ſetzte, antwortete er uns, daß derſelbe gar nicht auf ſeinen Liſten ſtehe, daß er nur als Freiwilliger diene und daher, ſobald es ihm nur immer beliebe, wieder austreten könne. „Vortrefflich,“ ſagte André,„mit dieſem Gelde da werden wir um ſo mehr Kühe und Ziegen kaufen können.“ Wir baten den Officier, uns Joſeph zu zeigen; ſeine Geſtalt war ſchlank, und ſein Geſicht bezaubernd ſchön. Ich ſagte zu ihm, daß wir die Abſicht hätten, ihn wieder mit uns zurückzuführen. Der junge Eigenſinnige antwortete uns, daß ein Schweizer, welcher einmal ſeinen Entſchluß gefaßt hat, denſelben niemals mehr aufgiebt.„Du weißt nicht, was Du redeſt,“ erwiderte André,„hatteſt Du denn nicht auch den Entſchluß gefaßt, Jutta zu heirathen?“— „Ich war es aber auch nicht, der ſein Wort gebrochen hat.“—„Du ſollſt ſie aber heute heirathen, und dieſen Abend noch ſoll das Bärenfell Euch Beide aufnehmen.“— „O! o! wäre das möglich dürfte ich daran glauben. o! o!“—„Mache einmal ein Ende mit Deinen O's, ſteige in unſern Wagen und komme mit uns zurück.“—„Aber iſt es denn auch wirklich wahr?“— „Wir find eben ſo redlich wie die Schweizer, und wenn wir Dich auch betrügen wollten, wäre es dann nicht noch immer Zeit, Soldat zu werden?“ Er ſtieg ein.„Deine Aufgebote ſind gehalten worden, nicht wahr?“—„Sie wurden es zwei Mal.“—„Das iſt genug, um ſich ein Mal — 309— trauen zu laſſen. Aber höre Du, keine Gemsjagden mehr!“—„Ich verſpreche es.“—„Du wirſt es auf das Evangelium beſchwören müſſen.“—„Von ganzem Her⸗ zen.“—„Du weißt, was Dieienigen erwartet, welche einen auf dieſes heilige Buch geleiſteten Schwur brechen?“ —„Die ewige Verdammung.“—„Nun wohl, ſo richte Dich darnach.“ Wir führlen ihn im Triumphe zurück; als wir uns der Hütte näherten, ſtieß Bertrand mächtig in ſein Jagdhorn und rief auf deutſch aus vollem Halſe:„Da iſt er! da iſt er!“ Es ſcheint faſt, daß Gertrude ihm in dieſer Sprache Privat⸗Unterrichtsſtunden gebe; das kann vielverſprechend werden. Wir ſprangen Alle zur Erde, und fanden Makleer und Wenta noch in derſelben Stellung, in welcher wir ſie ver⸗ laſſen hatten; ein junges Mädchen, ſchön wie die Liebes⸗ göttin ſelbſt, ſaß zwiſchen den beiden Alten und weinte mit ihnen. Alle Drei öffneten Joſephen zugleich ihre Arme, und er ſtürzte ſich in dieſelben hinein; die Thränen trock⸗ neten augenblicklich: Ruhe und Glück thronten nun wie⸗ der auf dieſen Geſichtern, welche der Gram ſchon zu durch⸗ furchen im Begriffe ſtand.„Schau hierher, ſchau hier⸗ her!“ ſagte André zu ihm,„und ſage mir, ob dieſes Mädchen da nicht mehr werth iſt, als alle Gemſen der Alpen zuſammengenommen.“ Man erklärte ſich nun erſt; die gute Alte ſiel uns zu Füßen, der Greis preßte uns in ſeine Arme. Jutta ergriff die Hand Joſephsz ſie ſahen ſich an. nun, ſie ſahen ſich an wie Unglückliche, welche zu einer langwäßrenden Marter verdammt waren, denen man aber ſoeben ihre Begnadi⸗ gung verkündigt hat. Sie umarmten uns nun ihrerſeits. Ol wenn der Herzog von Guife nur den entfernteſten Be⸗ griffvon dem Glücke gehabt hätte, welches wir jetzt empfan⸗ den, ſo würde er Frankreich nicht unglücklich gemacht haben und ſelbſt jetzt noch leben. Jutta entſchlüpfte uns, indem ſie wiederholte:„Er muß auf das Evangelium ſchwören!“ Es warleicht zu errathen, wohin ſie ging. Es war Zeit zum Frühſtücken:„Bertrand, ſorge dafür.“ Ein alter aber reinlicher Tiſch wurde vor das Haus hin⸗ ausgetragen, der Tag war ſo ſchön und lebensvoll; wir wollten den Schöpfer deſſelben nicht aus den Augen ver⸗ lieren, und die Octoberſonne iſt eben auch nicht gerade ſengend. Nichtsdeſtoweniger war ſie doch noch im Stande, ſelbſt auf die beiden Alten einen belebenden Einfluß aus⸗ zuüben. Wir ſetzten uns Alle mit einander zu Tiſche.„Wo iſt denn Joſeph?“—„O!“ ſagte die gute Mutter lachend, „er iſt gewiß da, wo Jutta iſt.“ Sie waren zu Zweien fortgegangen, kehrten aber zu Dreien zurück; der Vater Werdaff grüßte und umarmte uns nun ſeinerſeits, und ſegnete uns dann. Dieſe Huldi⸗ gungen da kommen wirklich aus dem Herzen; ſie ſind für Die, denen ſie dargebracht werden, ſüß, wenn ſie ſie ver⸗ dienen. Wir frühſtückten ſehr fröhlich; die gute Alte hatte den — 311— kleinen Anton und die kleine Antvinette auf den Schooß genommen, damit es ſich Clara und Marianne bequem machen konnten. Sie betrachtete die beiden Kinder mit gerührter Miene:„Sie werden ſchön werden,“ ſagte ſie, „ſo wie Joſeph und Jutta, und ſie werden ein Herz haben ſo wie dieſe.“—„O, mein lieber André, welch' ein licht⸗ voller Gedanke.“—„Ich habe ſchon einmal dieſen Ge⸗ danken da gehabt, mein Herr, aber es wäre nicht paſſend geweſen, wenn ich ihn zuerſt ausgeſprochen hätte.“ Dieſe guten Leute wußten aber noch lange nicht Alles; gegen das Ende des Frühſtücks legte ich dreißig Piſtolen in Gold auf den Tiſch.„Da,“ ſagte ich zu ihnen,„ſind Mittel, um die Wieſe des Vater Werdaff ein wenig abzu⸗ runden und zu bevölkern.“ Dieſe braven Bauern hatten aber noch niemals Gold geſehen; ſie beugten ſich über den Tiſch hin, ſie betrachteten unſere Piſtolen mit ganz er⸗ ſtaunten Mienen, und wagten es nicht ſie anzuſehen. Ich ſteckte funfzehn von denſelben Joſephen, und die funfzehn anderen Jutta in die Hände. Die Alten fanden, daß unſer Rhone⸗Wein ausgezeich⸗ net ſei.„Wir wollen keine Zeit verlieren,“ ſagte André zu ihnen; s iſt ſchon lange Zeit her, daß wir nicht in der Meſſe geweſen ſind, ſo wollen wir denn heute eine Meſſe hören. Jeder möge erſt ſeine Sonntagskleider anziehen, und dann wollen wir hingehen und dem Herrn Pfarrer einen Beſuch machen; Bertrand, laß uns unſere Vorrathswagen abladen, denn unſere vier Karren werden uns nicht zu viel werden, um unſere ganze Geſellſchaft zu — 312— fahren und dem Hochzeitszuge ein gewiſſes Anſehen zu geben.“ Jutta und ihr Vater waren ſchon weit von uns; wir zogen nun unſere Kuhhirtenanzüge aus und m uns in beſſere Kleider. Der Vater und die Tochter kamen ſehr bald zu in der That hatte die Toilette Jutta's eben nicht viel Zeit in Anſpruch genommen: ein weißes Hemd und neue Schuhe waren die bemerkenswertheſten Stücke, welche dieſer Klei⸗ derwechſel darbot, aber dafür war ſie mit ſiebzehn Jahren geſchmückt. Bei den Frauen beſteht das Nothwendige immer auch ein klein wenig mit in dem Ueberflüſſigen; Clara und Ma⸗ rianne hatten ſich einige Ellen Bänder, die ſie von Lucker genommen hatten, aufbewahrt, jetzt entſchlugen ſie ſich der⸗ ſelben auf die freigebigſte Art. Während Elara das ein wenig allzueinfache Mieder Jutta's mit Maſchen verzierte und den Saum ihres Rockes damit bedeckte, ordnete ihr Ma⸗ rianne mit vielem Geſchmack und Anmuth die Haare; die Kleine ſelbſt war ganz entzückt, Joſeph aber verſchlang ſie faſt mitden Augen, denn er hatte ſie noch niemals ſo ſchön ge⸗ ſehen. Bertrand bat um ein Stück Band, es oben an ſeinem Peitſchengriff zu befeſtigen, und um ein zweites, es in ſein Knopfloch zu ſtecken: das war unumgänglich nothwendig. Wir zogen mit einer Pracht in das Dorf ein, welche damals in dem ganzen Lande noch unerhört war. Die Bewohner des Dorfes eilten von allen Seiten herbei und Werdaff rief ihnen zu:„Er muß es auf das Evangelium beſchwören!“ — 313— Wir ſtiegen bei dem Herrn Pfarrer ab; dies war ein einfacher und guter Mann, welcher niemals von Politik ſprach, weil die Prieſter, wie er ſagte, nicht dazu angeſtellt ſeien, um zu regieren, ſondern um zu beten. Er hörte die Büßenden in dem Beichtſtuhle an, fragte ſie aber niemals aus; er miſchte ſich nicht in die häuslichen Streitigkeiten ein, außer vielleicht um uneinige Gatten mit einander zu verſöhnen; er beſuchte die Kranken, tröſtete ſie und gab Allen das Beiſpiel der reinſten Sitten. Der Biſchof von Limoges und noch viele Andere hätten zu dieſem Manne da in die Schule gehen ſollen. Wir erzählten ihm genau Alles, was vorgegangen war, und wir baten ihn, unſere jungen Leute da zu verei⸗ nigen. Unſere Bitte ſchien ihm gerecht zu ſein; wir brachen Alle mit einander auf, um uns in die Kirche zu begeben: ſie war in einem Augenblicke voll von Neugierigen. Der Pfarrer erſchien auch bald in ſeinen prieſterlichen Gewändern; er trug das heilige Buch der Evangelien offen auf ſeinen beiden Händen, ließ nun Joſeph herantre⸗ ten und nahm ihm ſeinen Eid unter den gebräuchlichen Ceremonien ab. Dann richtete er eine kräftige Ermahnung an Diejenigen, welche junge Leute ihren friedlichen und nützlichen Arbeiten entreißen, um ſie mit ſich in die Berge zu führen, wo fortwährend ſich erneuernde Gefahren, ja zuweilen ſogar der Tod ihrer harren. Der Gemsjä⸗ ger war auch gerade in der Kirche; er näherte ſich mit erknirſchter Miene, legte die Hand auf das Evangelium und leiſtete nun auch ſeinerſeits denſelben Eid. Das Antlitz 314 des guten Pfarrers ward nun freudeſtrahlend, denn es waren ihm zwei Bekehrungen zugleich gelungen. Er ſprach das ego vos conjungo, welches von Einigen ſo ſehr herbeigeſehnt, von Anderen ſo ſehr gefürchtet wird, aus und feierte dann das heilige Meßopfer, dem wir in der tiefſten Sammlung beiwohnten. Andrs und ich luden den guten Pfarrer ein, mit ſeiner Gegenwart das Hochzeitsmahl zu beehren; wir baten ihn, ſich nicht an die Aermlichkeit einer Hütte zu ſtoßen, in der Alles nur im beſcheidenſten Maßſtabe zu finden iſt.„Ich muß überall hingehen,“ ſagte er zu uns, „wenn meine Pfarrkinder in Noth und Elend ſind; warum ſollte ich da nicht auch die Freude theilen wollen, welche dieſe Hütte verſchönern ſoll?“ Ende des dritten Bandes. ſſſſſſſſ 5 16 7 8 9 10 11 12 13 14 1