Leihbibliothełk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 5 Eduard Otkmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Keſebedingungen. 1 0fensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ angnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens pu Abends 8 Uhr offen. 6 4 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 5 für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf 2 M.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Vücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verkorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛr.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganſer verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſtehen haben. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſteh Pigault⸗Lebrun's Jumoriltiſche Romane. —— Aus dem Franzöſiſchen überſetzt. 13. bis 15. Bändchen. Die heilige Ligue oder der Spion. . 5weiter B and⸗ Leipzig, 1846. Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. Elftes Kapitel. Kataſtrophen über Kataſtrophen. Ich fragte einen Mann, der mir ſehr achtbar zu ſein ſchien, an wen ich mich zu wenden habe, um dem Könige von Navarra vorgeſtellt zu werden. Dieſer Mann lachte mir aber ins Geſicht und drehte mir den Rücken zu. Ich folgte ihm entſchloſſen, Rechenſchaft für ſeine Unverſchämt⸗ heit von ihm zu verlangen.„Aber Colombe!“ ſagte André zu mir. Dieſes einzige Wort hielt mich auf. Ich bemerkte eine Gruppe von fünf bis ſechs Perſonen, welche in der Straße ſpazieren gingen und vertraulich mit einander plauderten; ich redete ſie an. Der Eine von ih⸗ nen hatte ein ſchönes edles Antlitz, welches auf Herzens⸗ güte hindeutete. Ein geheimer unbewußter Antrieb zieht uns immer zu derlei Leuten hin. Ich wiederholte nun ge⸗ gen dieſen die Frage, welche ich an den unverſchämten Lacher von vorhin gerichtet hatte. Er lächelte und nannte ſich mir. Es war der König von Navarra ſelbſt. Mein Biblioth. 326 Boch. 1 2 —— Geſicht verrieth ohne Zweifel einiges Erſtaunen darüber, ihn ſo umdrängt zu ſehen. Er errieth dieſen Gedanken. „O,“ ſagte er zu mir,„an dem Tage einer Schlacht werde ich noch ganz anders gedrängt.“ Ich übergab ihm den Brief, deſſen Ueberbringer ich war, und er las ihn mit lauter Stimme.„Der Hof will den Frieden,“ ſagte er,„und hat uns immer bereitwillig gefunden, denſelben zu ſchließen. Möchte er diesmal we⸗ nigſtens aufrichtig ſein.“ Er richtete einige Fragen über die Stimmung, in der ich die Bevollmächtigten verlaſſen hatte, an mich. Ich konnte ihn von Dingen in Kenntniß ſetzen, von denen Ihre Herrlichkeiten keine Ahnung hatten, daß ich ſie wiſſe. Doch widerſtand ich meiner Neigung den Wichtigen zu ſpielen, und es lag einiges Verdienſt darin, mich ſo zu benehmen, denn man weiß, daß die Beſcheiden⸗ heit nicht meine Lieblingstugend war. Ich ſuchte auswei⸗ chend zu antworten, aber ich hatte es mit einem durchdrin⸗ genden Kopfe zu thun. „Meine Freunde,“ ſagte er,„Catharina will uns dem Herzoge von Guiſe entgegenſtellen; wenn man ſich auf den Anſchein verlaſſen kann, ſo iſt vorauszuſetzen, daß der Friede allerdings ein dauerhafter ſein wird. Indeſſen wer⸗ den die Verhandlungen doch etwas lange dauern, da Condé ſich in la Rochelle befindet.“ Er ſprach über dieſen Gegen⸗ ſtand mit jener Leichtigkeit, mit jener Beredtſamkeit des Herzens, welche überzeugt und mit ſich fortreißt. Er wurde über das traurige Schickſal Frankreichs gerührt, und er ſprach für das zukünftige Glück deſſelben Wünſche aus, die — mir aufrichtig gemeint zu ſein ſchienen. Ich hörie ihm mit einem unausſprechlichen Vergnügen zu, und ich dachte nicht daran, mich von ihm zu entfernen. „Chavagnac,“ ſagte er endlich,„führen Sie den Ca⸗ pitain zu Juſtin, und ſagen Sie ihm, er möge ſich bereit halten, auch die Bevollmächtigten aufzunehmen. Sie wer⸗ den daſelbſt zwar keine ſehr gute Tafel finden, aber ſie werden ſo wie wir ſelbſt leben, und— ventre-saint-gris! ſie können doch nicht mehr verlangen. Rosny, Mornai, ſorgen Sie dafür, daß die Herren Bevollmächtigten mit Artillerieſalven empfangen werden.“ Ich hatte für einen Augenblick vergeſſen, daß Heinrich von Navarra ein Hugenott war. Der Zauber verflog im⸗ mer mehr, je weiter ich mich von ihm entfernte. Bald dachte ich, daß der Satan aus ſeinem Munde rede, um die Katholiken zu ſichheranzuziehen, und ich nahm mir feſt vor, ſeiner Verführung zu widerſtehen. Herr Juſtin war ein Kaufmann von Bergerac, welcher ein Haus von ſehr ſchönem Aeußeren beſaß. Er bat Herrn von Chavagnac, dem Könige zu verſichern, daß er über ihn und Alles, was er beſitze, verfügen könne.„So gehts,“ ſagte ich zu mirz„da bin ich nun bei einem Hugenotten. O mein Schutzpatron, halte mich aufrecht!“ „Sie find jetzt hier der Herr im Hauſe,“ ſagte Herr Juſtin zu mir.„Treffen Sie hier mit Hilfe meiner Bedien⸗ ten alle Anſtalten, welche Ihnen nothwendig oder auch nur angenehm zu ſein ſcheinen werden, während ich gehen will, die Meſſe zu hören.“—„André, dieſer Mann iſt ein Ka⸗ 1— tholik und er liebt den König von Navarraz das ſcheint mir ſich widerſprechend, unerklärlich zu ſein.“—„Mein Herr, wäre es nicht klug, doch erſt zu hören und zu ſehen, ehe man ſich eine Meinung bildet?“—„Ich habe geſehen und gehört, André, und ich fordre Dich auf, mir nicht zu wider⸗ ſprechen.“ Ich hatte nur noch zwei Stunden zu meiner Verfü⸗ gung. Ich beſichtigte das Haus, und während ich die Woh⸗ nungen beſtimmte, kehrte Herr Juſtin zurück. Er näherte ſich mir mit heiterer und freundlicher Miene.„Sie laſſen mir wenig Platz,“ ſagte er zu mir;„aber ich will mich ſehr gern einſchränken, um mir unſern Heinrich zu ver⸗ pflichten.“—„Ihr Heinrich? Sie ſind aber doch Katholit! Beſitzt denn dieſer Fürſt die unglückſelige Kunſt, Alle, die ſich ihm nähern, zu verführen?“—„Er kennt gar nicht, was Kunſt heißt; er iſt offen, redlich, heiter, volksfreund⸗ lich, großmüthig, tapfer und vor Allem gerecht. Johanna von Albret, ſeine Mutter, hatte uns unſere Kirchen weg⸗ genommen, er hat ſie uns wiedergegeben. Er will Gott auf ſeine eigene Art verehren, aber er will auch, daß Jeder⸗ mann derſelben Freiheit genieße.“ „Sie haben ihn mitten unter ſeinem Rathe gefunden. Er hat ſich denſelben aus den aufgeklärteſten, billigſt den⸗ kenden Edelleuten zuſammengeſetzt. Er ſpricht überall von Staatsangelegenheiten, weil er die Liſt nicht kennt; er giebt ſich nicht einmal die Mühe, ſich zu verſtellen. Ver⸗ ſchwendung herrſcht an dem Hofe von Frankreich und an dem des Herzogs von Guiſe. Der König von Navarra iſt — einfach gekleidet, aber er beſitzt gute Waffen und verſteht es, dieſelben zu gebrauchen. Er geht oft allein aus, und die Einwohner von Bergerac umgeben ihn, drängen ſich um ihn, ſegnen ihn und bewachen ihn. Das iſt der Luxus in ſeiner Ari.“ —„Mein Herr, es giebt keinen Katholiken, der ſich nicht glücklich ſchätzen müßte, ſo hervorragende Eigenſchaf⸗ ten in ſich zu vereinigen, aber bei einem Hugenotten ſind es nur falſche Tugenden.“—„Herr Hauptmann, Sie ſind noch ſehr jung, und Ihr Alter iſt das der Begeiſterung, die Zeit und die Erfahrungen werden Sie auf andere Gedan⸗ ken bringen.“—„Herr Juſtin, ich hoffe, daß mein Schutz⸗ heiliger mir die Gnade erweiſen wird, mich in denen zu beſtärken, die ich einmal angenommen habe.“ Ich ſtieg auf die Wälle, und ich ſah in einiger Entfer⸗ nung den Zug, welcher in guter Ordnung näher kam. Der Baron von Rosny hatte die Geſchütze herrichten laſſen und begrüßte die Herren Bevollmächtigten zuerſt mit einer Salve. Ich ſtieg zu Pferde und ritt ihnen entgegen. Ich legte ihnen über Das, was ich gethan hatte, Rechen⸗ ſchaft ab, und ſie bezeigten mir offen ihre Zufriedenheit; der Donner der Kanonen hatte ſie in fröhliche Laune ver⸗ ſetzt. Ich benutzte dieſen Augenblick, um ihnen eine heil⸗ ſame Warnung zu geben:„Meine Herren, ich beſchwöre Sie, mit dem König von Navarra ſo wenig als möglich umzugehen. Er hat mich verführt, mich, der ich die Ehre habe jetzt mit Ihnen zu ſprechen, und wenn Sie ſich nicht ſehr in Acht nehmen, ſo werden auch Sie ſeiner Verfüh⸗ rungskunſt nicht widerſtehen.“ Sie lachten ſehr viel über meine Beſorgniſſe und über meine Art dieſelben auszu⸗ drücken.„Das ſind,“ dachte ich mir,„Menſchen, welche ſich vor Richts fürchten, ihre Anmaßung wird aber beſtraft werden.“ „Die Verhandlungen werden lange dauern,“ hatte der großmüthige Hugenotte geſagt. Ich brannte vor Begierde in Biron zu ſein, und ich beſchwor den Marſchall, mir einen Urlaub zu ertheilen.„Mein Herr,“ ſagte er ſehr trocken zu mir,„Sie beſchäftigen ſich nur immer mit Ihrer Co⸗ lombe. Denken Sie vor Allem an Ihre Pflicht. Sie ſind der einzige Offizier, der ſich in meinem Gefolge befindet, und Sie werden mich nicht verlaſſen.“ Eine zweite Artillerieſalve verkündigte unſern Ein⸗ zug in die Stadt. Die Katholiken und die Hugenotten an einander gedrängt und unter einander vermiſcht, hoben die Hände zum Himmel empor, ſegneten uns und riefen:„Es lebe der Friede!“ Katholiken in ihren Wünſchen mit Huge⸗ notten verbunden! und Niemand dachte daran, den guten Weizen von dem Unkraute zu ſondern. Die Leviten Israels erröcheten nicht, neben den Prieſtern Baals zu ſtehen. O großer Herzog von Guiſe, Du warſt es, der ſeinem Sohne die Lehre gab, niemals mit dem Unglauben zu unterhan⸗ veln; Du warſt es, der, als er durch Vaſſy kam, dieſe Ge⸗ gend von dreihundertundſechzig Hugenotten, die in einer Scheune verſammelt waren, reinigteſt. Die Palme des Märtyrerthums war Deine Belohnung. Ein Anhänger Calvins, Poltrot, hat ſie Dir gereicht. Die Bevollmächtigten beeilten ſich den König von Na⸗ varra zu begrüßen, welcher ſie in ſeiner Wohnung erwar⸗ tete. Ich ſah ihn wieder dieſen furchtbaren Menſchen. Er übte auch auf Ihre Herrlichkeiten den Einfluß aus, dem man ſich faſt unmöglich entziehen kann, ſobald man ſich ihm nur nähert. Dieſe erſte Zuſammenkunft war einzig Ceremonien gewidmet und dauerte nur eine Viertelſtunde. Der König von Navarra ſtand dann auf, näherte ſich den Geſandten Heinrich des Dritten, plauderte vertraulich mit ihnen, und ließ einige von jenen ſo einfachen, ſo natürli⸗ chen geiſtreichen Gedanken fallen, von denen man ſich wun⸗ dert, nicht ſelbſt auf dieſelben gekommen zu ſein. Dann gab er ſich den Gefühlen ſeines Herzens hin, und Thränen ſtanden in Aller Augen.„Heinrich von Navarra iſt kein Menſch,“ dachte ich,„ein Gott oder ein verführender Geiſt der Hölle hat ſeine Geſtalt angenommen, um die Menſchen zu verleiten und zu verderben.“ Ich floh hinweg, denn ich fühlte, daß ich auch auf dem Punkte ſtand, zu weinen. Ich überſchaute im Geiſte Alles, was ich ſeit meiner Ankunft in Bergerac geſehen und gehört hatte, und nur die Erinnerung an Colombe verſcheuchte die finſteren Ge⸗ danken, die mich verfolgten. „Die Unterhandlungen werden lange dauern,“ hatte der König von Navarra geſagt, und der Marſchall hatte mir verboten, mich von ihm zu entfernen.„André, ich bin hier wie auf Nadeln! Ich muß ſie wiederſehen, oder ich verfalle wieder in die Verzweiflung, in der Du nich zu Saurignh getroffen haſt.“—„Verzweifeln, mein Herr! da gilt's, nicht länger zu zaudern, deſertiren Sie, und gehen Sie nach Biron.“—„Nein, mein Freund, ich werde nicht deſertiren. Aber der Marſchall liebt ſeine Ge⸗ mahlin zärtlich. Gehe ab, und eile dieſer Dame zu hin⸗ terbringen, daß wir uns hier längere Zeit aufhalten, und daß Monſeigneur ſich glücklich ſchätzen würde, ſie bei ſich zu ſehen. Ich werde Dir einen Brief an Colombe mit⸗ geben, Du wirſt ihr denſelben vorleſen, und wenn die Marſchallin ſich weigert, Dir hierher zu folgen, ſo wirſt Du ihr von Derjenigen ſprechen, die mir ſo theuer iſt. Du wirſt ſie ſprechen hören, verliere nicht ein Wort von Dem was ſie ſagen wird, nicht Ein Wort, mein lieber André. Gehe, reiſe fort, und möge Deine Rückkehr bald alle meine Wünſche erfüllen.“ Ich gab ihm Geld, er ſtieg zu Pferde und verſchwand. Ich ging bei Herrn Juſtin aus einem Zimmer in das andere, und dachte dabei immer nur an Colombe. Ein junges Mädchen von ungefähr ſiebenzehn bis achtzehn Jahren ging ab und zu, gab ihren Bedienten Befehle, und ſorgte dafür, daß ſie ausgeführt wurden. Sie trug an ihrem Gürtel einen Roſenkranz, welcher meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zog.„Es iſt eine Katholikin,“ dachte ich, und dieſer Gedanke bewog mich, mich ihr zu nähern und ſie anzureden. Es war Fräulein Clotilde, die einzige Tochter des Herrn Juſtin. Sie war lebhaft, ſchelmiſch, ausgelaſſen, und mußte Jedem, der Colombe nicht kannte, reizend erſcheinen. Ein hübſches Geſicht übt immer eine gewiſſe Anziehungskraft aus, und ich fand Vergnügen daran, mit ihr zu plaudern. Wir hatten ſoeben ein zuſammenhängenderes Ge⸗ ſpräch begonnen, als Ihre Herrlichkeiten eintraten. Der Marſchall blieb vor mir ſtehen.„Sie hätten auf uns warten und uns hierher führen ſollen,“ ſagte er zu mir. —„Monſeigneur, der König von Navarra bringt uns nach ſeiner Laune zum Lachen oder zum Weinen: er flößt mir Furcht ein.“—„Sie ſind ein Kind. Laſſen Sie uns unſere Wohnungen beſichtigen.“ Clotilde führte dieſe Herren mit der ihr eigenthüm⸗ lichen Anmuth überall hin. Der Marſchall betrachtete ſie mit ſehr auffallender Aufmerkſamkeit, die folglich auch mir nicht entging. Mehr war nicht nöthig, um mich zu beſtim⸗ men, ſein Benehmen zu beobachten. Während des übrigen Theiles des Tages ergriff er jede Gelegenheit, um ſich ihr zu nähern und einige Worte an ſie zu richten. Am andern Tage ſuchte er ſie förmlich auf. „Nun,“ dachte ich,„iſt der Marſchall, ungeachtet ſeiner funfzig Jahre, verliebt, verliebt in ein junges Mädchen von achtzehn Jahren. Er wird ſeine Zeit und ſeine Liebesbetheuerungen verſchwenden. Durchaus nicht. Die Kleine ſchien ihn aufmuntern zu wollen. Sie lächelt ihn an, wenn ſie ihm begegnet, und ſie hat immer in unſerer Wohnung Etwas nachzuſehen oder zu verrichten. Es war zwar ſicher, daß der Marſchall noch keine ununterbrochene Unterredung mit ihr gehabt, und ihr folglich auch noch kein Geſtändniß —— gemacht hatte; es ſcheint aber, daß die Frauen, ſelbſtdie jüngſten, deſſelben gar nicht bedürfen, und ſich über die Empfindungen, welche ſie einflößen, niemals täuſchen. Aber ein Liebhaber von funfzig Jahren! O, die Frauen haben vielleicht zwei Arten von Liebe: die Liebe des Her⸗ zens und die Liebe der Eitelkeit. Die entſtehenden Falten auf der Stirne des Marſchalls verſchwanden in den Augen Clotildens unter den Lorbeern, die ſie bedeckten. Die erſte Conferenz ſollte bei dem Könige von Na⸗ varra noch an demſelben Tage zur Mittagszeit Statt finden. Die Herren Bevollmächtigten befahlen mir, ſie zu begleiten, und bereit zu ſein, zu ſchreiben, ſobald die Um⸗ ſtände es erheiſchten. 3 Ihre Herrlichkeiten wurden mit der Freundlichkeit auf⸗ genommen, welche den König von Navarra auszeichnete. Man ließ ſich nieder und Rosnh eröffnete die Sitzung mit einer, wie man mir ſagte, durch den Gebrauch vor⸗ geſchriebenen Rede. Allem Anſcheine nach befiehlt der Ge⸗ brauch ebenfalls, daß dieſe Reden beveutungslos ſeien. Denn Rosny ſprach lange Zeit, ohne irgend Etwas zu ſagen. Uebrigens konnten der König und er nachher alle Gedanken, welche ihnen der Augenblick eingab, heraus⸗ ſagen, ohne fürchten zu müſſen, mit ſich ſelbſt in Wider⸗ ſpruch zu gerathen, und das iſt ſchon auch immer Etwas. Herr von Villeroi ergriff das Wort; man weiß, daß er der ſchlaueſte von den drei Geſandten des Königs von Frankreich war. Er ſprach zuerſt von dem Frieden und von dem Bedürfniſſe, welches Frankreich darnach fühle, Die beiden Parteien waren derſelben Meinung, und man ſtellte denſelben alsbald als erſte Grundlage aller Ver⸗ handlungen feſt. Nun begann man die Bedingungen des Vertrages feſtzuſtellen. Herr von Villeroi wollte über die Zugeſtänd⸗ niſſe, welche der Hof zu machen geneigt war, undurch⸗ dringlich bleiben, das war das ſicherſte Mittel, den Hu⸗ genotten ſo wenig als nur immer möglich zuzugeſtehen. Der König von Navarra unterbrach ihn.„Herr von Villeroi, laſſen Sie uns unſere Zeit nicht mit diploma⸗ tiſchen Schlichen verlieren, laſſen Sie uns offen und ehr⸗ lich unterhandeln. Ich will Ihnen ſagen, was Sie zu⸗ geſtehen können.“ Er wiederholte den Bevollmächtigten alles Das, was ſie in ihren geheimen Conferenzen auf dem Wege von Poitiers nach Bergerac vorgeſchlagen und feſtgeſtellt hatten. Der Marſchall wandte ſich gegen mich und ſchleuderte mir einen vernichtenden Blick zu. Was will er nur von mir? Ich habe dem Könige von Navarra Nichts von Dem geſagt, was er ſoeben wiederholt hat. Ihre Herrlichkeiten ſchienen außer Faſſung gebracht zu ſein. Der Bearner lachte.„Da wären denn, meine Herren,“ ſagte er zu ihnen,„ſehr viele Artikel in weniger als einer Stunde in Ordnung gebracht. Ich will einen Eilboten an den Prinzen von Condé abſenden, er ſoll der neberbringer der Bedingungen ſein, die wir ſoeben feſtge⸗ ſtellt haben. Der Prinz wird ſie ohne Zweifel genehmi⸗ gen, und nach der Rückkehr des Eppreſſen wird es nur —— noch einer Sitzung bedürfen, um den Vertrag vollends abzuſchließen. Meine Herren, Sie ſpeiſen zu Mittag mit mir.“ Als wir zu Juſtin zurückgekehrt waren, ſchloſſen ſich die Bevollmächtigten in ihren Conferenzſaal ein. Sie be⸗ riefen mich dahin und machten mir daſelbſt einen furcht⸗ baren Auftritt. Ich wußte nicht, was ich davon halten ſollte; ich war unfähig, auch nur Ein Wort zu meiner Vertheidigung zu finden, und doch glaubte ich mir Richts vorzuwerfen zu haben. Man kann aber doch nicht immer ſchreien. Dieſe Herren begannen endlich verſtändlich für mich zu werden. Sie beſchuldigten mich, dem Könige von Navarra die Ge⸗ heimniſſe des Hofes von Frankreich überliefert zu haben. Sie wußten, daß ich viele Dinge gehört hatte, und daß ich der Einzige war, der zu Bergerac davon hätte ſprechen können, der Schein war gegen mich. Ich vertheidigte mich mit dem Vertrauen und der Kraft, welche die Unſchuld verleiht. Mein Ton, meine Ausdrücke, mein Mienenſpiel trugen einen Stempel von Wahrheit an ſich, den man, beſonders mit zwanzig Jah⸗ ren, nicht nachahmen kann. „Aber wer hat denn dem Könige von Navarra Mit⸗ theilungen machen können?“—„Monſeigneur, er bedarf deren gar nicht; der Teufel hat ſich ſeiner bemächtigt und ſpricht durch ſeinen Mund.“—„O, mein Herr, laſſen Sie den Teufel bei dieſer Sache hier aus dem Spiele. Hat der Prinz Fragen an Sie gerichtet, ſind Sie vor ihm erſchienen?“—„Ja, mein Herr!“—„Was hat er Sie gefragt? Was haben Sie ihm geantwortet?“ Ich erinnerte mich ſehr leicht an das Geſpräch, welches ich am Tage zuvor mit dieſem Prinzen geführt hatte. Ich erzählte es beinghe in denſelben Ausdrücken wieder.„Nun, nun,“ ſagte Herr von Villeroi,„la Moucherie hat nichts Beſtimmtes geſagt; es iſt ſogar leicht zu erkennen, daß er ſich auf allgemeine und folglich ausweichende Antworten zu beſchränken geſucht hat. Aber, er hat es mit einem durchdringenden Kopſe zu thun gehabt. Heinrich hat ge⸗ wiſſe Folgerungen aus Dem, was er geſagt hat, ge⸗ zogen. Dieſer junge Menſch iſt unſchuldig; aber, meine Herren, wir haben ſveben eine Lehre erhalten, die derb genug iſt, um künftighin jede directe Verbindung, mit wem es auch immer ſei, zu vermeiden, wenn wir von Ge⸗ ſchäften ſprechen.“ „La Moucherie,“ nahm der Marſchall wieder das Wort.„Sie werden an dem entgegengeſetzten Ende des Hauſes wohnen; Sie werden ſich dem Flügel, welchen wir bewohnen, nur dann nähern, wenn Sie dahin gerufen ſein werden. Sagen Sie Clotilden, daß ich ſie bitts, für Ihre Bedürfniſſe zu ſorgen.“ So wäre er denn nun beſänftigt, dieſer Sturm, welcher mich zu verderben drohte. Ich muß eingeſtehen, daß ich ſehr glücklich durchgekommen bin, denn im Grunde konnten Ihre Herrlichkeiten mit vollkommener Strafloſig⸗ keit ungerecht ſein, und ſie geruhten doch, mich nicht zu zertreten. Wir müſſen den Großen das Uebel, welches ſie uns nicht zufügen, eben ſo ſehr zum Verdienſte anrechnen, als das Gute, welches ſie uns erweiſen. Ich hatte meinen Philoſophen André nicht dä, und mein Rang erhob mich über die Dienerſchaft. Es genügte mir nicht blos zu denken; es war auch Bedürfniß für mich, mit Jemandem zu ſprechen, der mich verſtehen und mir antworten konnte. Clotilde iſt jung, und jedes junge Frauenzimmer muß mehr oder weniger gefühlvoll ſein. Ihr Zimmer iſt übrigens nicht weit von dem meinigen entfernt, wir müſſen uns öfters begegnen; ſie ſoll meine Vertraute werden. Ich ſprach mit ihr von meiner Liebe, von meinen Ent⸗ behrungen, von meiner Hoffnung mit jener Wärme, welche ſich ſo leicht mittheilt. Clotilde ſeufzte, während ſie mir zuhörte, oft ſchlug ſie die Augen zu Boden, und ſpielte maſchinenmäßig mit ihrem Roſenkranz, dabei antwortete ſie mir aber doch mit einer ſtaunenerregenden Genauig⸗ keit.„Das iſt eine Roſenknospe,“ dachte ich,„welche nur auf einen Sonnenſtrahl wartet, um ſich aufzuſchließen.“ Niemals noch hatte der Marſchall mir ſo viele Dinge zu ſagen gehabt, und er ſagte mir oft deren ſehr unbedeu⸗ tende. Er runzelte ſeine grauen Augenbrauen, wenn er“ mich bei Clotilden fand, und ich verließ dieſelbe wenig. Bald ſuchte er gar nicht mehr nach Vorwänden, um mit ihr zu ſprechen; es ſchien mir im Gegentheile, als paßte er die Augenblicke ab, in welchen ich ausging. Ich hatte einen Gang durch die Stadt gemacht. Die friſche Luft hatte mir die Stirne gekühlt, und ich kam zu Elotilden zurück, um meine neuen Liebesgedanken ihr au⸗ zuvertrauen; ich fand ſie neben dem Marſchallſitzen. Er hielt eine ihrer Hände feſt und ſprach mit Lebhaftigkeit zu ihr. Er erröthete, als er mich ſah. In einem ſolchen Falle erröthen, heißt ſich für ſchuldig bekennen. Und doch liebt er die Marſchallin ſo ſehr. O, ich ſehe wohl ein, was es iſt! Gewiſſe Männer haben auch zwei Arten von Liebe: die Liebe der Pflicht, und die Liebe des Herzens. „Mein Herr,“ ſagte er zu mir,„unſere Pferde und unſere Wagen ſind dem guten Willen unſerer Bedienten überlaſſen; ich übertrage Ihnen die Pflicht dieſelben zu überwachen. Gehen Sie und ſagen Sie meinem Haushof⸗ meiſter, er möge Sie auf eine Art und Weiſe einquar⸗ tieren, welche Ihnen die Erfüllung dieſes Amtes, das ich Ihnen hiermit übertrage, erleichtert.“ Der wahrhafte Grund, welcher den Marſchall beſtimmte, mich zu entfer⸗ nen, war nicht ſchwer zu errathen. Die Rechte der verletzten Gaftfreundſchaft, Mitleid mit einem jungen Mädchen, welches an den Rand des Verderbens geführt wurde, die Achtung, die Dankbarkeit, die Zuneigung, welche ich der Frau Marſchallin ſchuldete, Alles dies ſchrieb mir gebieteriſch vor, den Ereigniſſen, welche ich befürchtete, zuvorzukommen. Ich beſchloß, Juſtin von dem was vorging in Kenntniß zu ſetzen. Ich begegnete ihm auf der Treppe, welche zu dem Zim⸗ mer ſeiner Tochter führte; er hatte eine ſorgenvolle Miene.„Herr Capitain, wo iſt Clotilde?“—„In ihrem Zimmer.“—„Und der Marſchall?“—„Sehen Sie zu, ſuchen Sie ihn ſelbſt, Herr Juftin.“—„Gut,“ dachte ich mir,„er hat ſchon Verdacht; er wird dieſe Dinge in Ord⸗ nung bringen und ich werde doch Richts geplaudert haben; man muß ſich zuweilen damit begnügen, nur eine Neben⸗ rolle zu ſpielen.“ Ich hatte nicht ſehr große Eile mit dem Haushofmeiſter zu ſprechen. Ich hielt mich an dem unteren Ende der Treppe auf. Ich wollte die Entwickelung der Scene er⸗ fahren, welche höchſt wahrſcheinlich oben geſpielt wurde; das war doch ſehr natürlich. Juſtin kam ſchnell wieder herab. Seine Tochter ging vor ihm her; ſie war roth wie eine Kirſche. Indeſſen hatte doch ihr hohes Mieder und die Spitzen, welche daſ⸗ ſelbe umſäumten, Nichts von ihrer Friſche verloren. Uebri⸗ gens glaube ich doch, daß es hohe Zeit war, daß Juſtin anlangte. Er führte ſeine Tochter, ich weiß ſelbſt nicht wohin, und der Marſchall erſchien bald darauf. Er hatte die Ruhe und Würde eines bevollmächtigten Geſandten, und nahm die Maske wieber auf, die er eben abgelegt hatte. „Was machen Sie da, mein Herr?“ ſagte er mir ſo barſch als nur immer möglich. Ein Großer verzeiht es ſeinem Untergebenen nie, ihn ſchwach geſehen zu haben.„Warum ſind Sie nicht in den Ställen? Sie haben die Leidenſchaft Alles zu ſehen und Alles zu hören. Sie hat Ihnen zu Etampes geſchadet, Sie wird Ihnen zu Bergerac verderb⸗ lich werden, wenn Ihnen ein vorlautes Wort entſchlüpft. Gehen Sie, gehorchen Sie und erſcheinen Sie nicht vor — 1— mir, außer wenn ich Sie werde rufen laſſen. Halt, ſchicken Sie mir Quentin.“ Die Verſchwiegenheit, welche mir der Marſchall bei ſo ſchwerer Strafe anbefahl, war mir ein Beweis für ſeine Abſichten auf Clotilde, und daß er ſie in einem Grade liebe, um den Kopf zu verlieren; er hätte unter allen an⸗ dern Umſtänden über einen Zufall geſcherzt, welcher jetzt ſeinen Zorn anfachte, und den er durch eine Miene von Unbefangenheit als ganz und gar bedeutungslos hätte darſtellen können. Mit lächelndem Munde hätte er vor mir erſcheinen müſſen, aber der Menſch überlegt in der Leidenſchaft Nichts. Juſtin beging einen andern Fehler. Er ſchickte ſeine Tochter zu einer Verwandten, welche grenzenlos plauder⸗ haft war. Zwei Stunden ſpäter waren der Marſchall und 1 Clotilde das Stadtgeſpräch. Quentin ſchlich ohne Unterlaß um das Haus herum, welches das junge Mädchen einſchloß. Alle Weilt bemerkte es, und ich meinestheils dachte mir, daß er einer von jenen Dienern ſei, welche eine Hand voll Gold für die Er⸗ niedrigung entſchädigt, welche ihr Herr auf ſie häuft. Ich war verpflichtet über die Pferde zu wachen, und dieſe Beſchäftigung iſt eben keine ſehr angenehme. Ich wurde für mein Mißgeſchick zu meiner größten Zufrieden⸗ heit dadurch entſchädigt, daß ich Alles erfuhr, was vor⸗ ging. Die Bedienten ſind Spione gegen ihre eigenen Herren. Ich erfuhr, daß Montpenſier und Villeroi den WMarſchall neckten, daß der König von Navarra ihm zu Viblioth. 328 Boch. — 18— der Schnelligkeit ſeiner Eroberungen Glück wünſchte; vaß Juſtin in Verzweiflung war, vaß ſeine Tochter weinte, daß ihre alte Verwandte derſelben Predigten hielt; und daß endlich der Marſchall eine ſehr alberne Rolle ſpiele. Welcher Lärm! Welcher Scandal! Und ich konnte in dieſer ganzen Sache Nichts thun! Welche Wendung hätte ſie genommen, wenn ich ſie geleitet hätte. Ich wäre dieſer Treuloſigkeit unfähig geweſen. Ich hatte im Gegentheile dieſes junge Mädchen retten wollen, und alle Umſtände hatten ſich vereinigt, um es zu verderben. Was wird die Entwickelung dieſes Aben⸗ teuers ſein? Es giebt keine Intrigue, die nicht die ihrige hätte. Ich war weit entfernt, diejenige, welche ſich ſchon vorbereitete, und deren erſtes Opfer ich ſein ſollte, vor⸗ herzuſehen. Man kann ſich nicht immer mit den Angelegenheiten Anderer beſchäftigen. Man muß endlich auch wieder an die ſeinen denken; beſonders wenn ſie von höchſtem In⸗ tereſſe find. Drei Tage waren ſchon ſeit André's Abreiſe verfloſſen. Ich begann ſchon die Stunden, die Minuten zu zählen. Ich hätte den Flug der Zeit beſchleunigen wollen. Ach, ſie war nur zu raſch in ihrem Fluge. Ich verließ die Stadt, und ſchlug den Weg gegen Cahors ein. Ich ſah in's Weite hinaus, und entveckte Nichts. Meine ermüdeten Augen ſtrengten ſich vergebens an, die Leere, welche den Geſichtskreis begrenzte, zu durchdringen, und ich kehrte traurig und niedergeſchlagen nach Bergerar zurück. — Ich konnte mein Herz und meinen Kopf nicht mehr länger bemeiſtern. Ich ſprang auf ein Pferd, entſchloſſen, dem Zorn des Marſchalls Trotz zu bieten, und ſchlug in geſtrecktem Carriere den Weg nach Biron ein. Ich bemerkte ſehr bald einen Reiter; ein Wagen folgte ihm unmittelbar nach, und ich ſpornte mein Pferd heftiger als jemals; ich erkannte André. Die Fröhlichkeit war der Grundton ſeines Charakters, und doch drückte ſein Antlitz in dieſem Augenblicke eine tiefe Traurigkeit aus. Ich hielt bei ihm gar nicht an, ſon⸗ dern ritt zu dem Wagen der Frau Marſchallin. Ich ſah in demſelben dieſe Dame mit Clara und Felicitas ſitzen. „Colombe,“ rief ich,„Colombe!“—„Ich weiß nicht, was aus ihr geworden iſt.“ Der Donner tödtet, vernichtet, zermalmt; dieſer furchtbare Schlag aber raubte mir das Leben nicht. André war ſchon von ſeinem Pferde geſtiegen. Er fing mich in ſeinen Armen auf, und trug mich in die Kutſche der Frau Baronin. Dieſe ſprach lange Zeit zu mir, ich hörte aber nichts von Dem, was ſie mir ſagte. Ich litt entſetzlich, und konnte doch nicht ſterben. André wußte Nichts von dem Abenteuer mit Clotilden und er führte die Kutſche vor das Thor des Hauſes, welches Ihre Herrlichkeiten bewohnten; die Frau Baronin ihre Frauen ſtiegen daſelbſt aus; ich ſah Nichts mehr avon. Ich erwachte aus einer Art von todähnlichem Schlafe, und ich fand mich in der Wohnung, welche mir der Haus⸗ — 60— hofmeiſter eingeräumt hatte. André ſtand dicht neben mir und hielt mich bei den Händen. Er verſuchte es nicht, meinen Schmerz durch jene Gemeinplätze zu beſchwichti⸗ gen, durch welche der große Haufe die Betrübten zu tröſten glaubt. Er bemühte ſich, die Hoffnung in meinem geknick⸗ ten Herzen wieder aufleben zu machen. Die Hoffnung facht den Muth wieder an, und ich bedurfie deſſelben in mehr als einer Beziehung. Ich fühlte die Kraft in mir, die Erzählung meines Unglückes anzuhören. Colombe hielt mich für todt und ihr Daſein wurde ihr unerträglich. Die Beſorgniſſe und die Tröſtungen der Frau Marſchallin waren ihr zur Laſt; ſie wollte allein denken und leiden.„Nur Gott,“ rief ſie endlich aus,„kann ihn in meinem Herzen erſetzen.“ Die Frau Baronin konnte Nichts als dieſe Worte aus ihr herausbekommen. Dieſe gute, dieſe achtungswerthe Dame wollte ſie von dieſem Schloſſe von Montbaſon, in welchem ſie der tödtliche Streich getroffen hatte, entſernen. Sie hoffte, daß die freie Luft und der Anblick neuer Gegenſtände ihr einige Zerſtreuung gewähren würden. Sie reiſte an dieſem Tage noch bis nach Preuilly, und das war eine ſtarke Tagereiſe. Sie ließ für die Unglückliche ein Bett in ihrem eigenen Zimmer aufſchlagen, und ſie hörte, wie ſie mehr⸗ mals in der Nacht wiederholte:„Nur Gott kann ihn in meinem Herzen erſetzen.“ Sie ſchien an dem folgenden Tage ruhiger zu werden. Die wahre Frömmigkeit iſt der einzige Balſam, welcher die Wunden der Seele heilen kann. Colombe hatte einen —— unabänderlichen Entſchluß gefaßt und fühlte ſich er⸗ leichtert. Sie kamen in dem Lager des Marſchalls an, und die unglückliche ſagte und that Nichts, was die Baronin hätte beunruhigen können; ſie beſchäftigte ſich nur mit der Aus⸗ führung ihres Planes. Zwei Tage darauf machten ſie zu Saint⸗Junien Halt, und hier war es, wo Colombe verſchwand; die Baronin ließ ſie während des ganzen folgenden Tages durch ihre Frauen und durch ihre Bedienten ſuchen: ſie ſelbſt durcheilte die Stadt, überall nach Aufſchlüſſen forſchend, die ſie nicht er⸗ halten konnte. Endlich entſchloß ſie ſich ihren Weg fort⸗ zuſetzen. So ſtanden die Sachen, als André in Biron anlangte; er ſah den Zuſtand voraus, in den mich dieſe entſetzliche Neuigkeit verſetzen würde.„Gott allein kann ſie Ihrem Herzen erſetzen,“ wiederholte er mir zum zwanzigſten Male.„Es iſt klar, daß ſie ſich in ein Kloſter zu Saint⸗ Junien oder in der Umgegend eingeſchloſſen hat. Wir wer⸗ den ſie aufſuchen, und wir werden ſie finden.“—„Oja! ja, André! das iſt ein günſtiger Augenblick zum Deſertiren, laß uns abreiſen.“—„Sie brauchen nicht zu deſertiren, mein Herrz Sie haben keine Pflichten gegen den Marſchall mehr.“—„Wie ſo das?“ Als der Wagen vor der Thüre von Monſeigneurs Hauſe ſtehen blieb und er die Varonin erkannte, kam er vor Erſtaunen und einer Art von Furcht außer ſich; bald aber wurde er Herr ſeines Aeußeren und umarmte ſeine Gemahlin mit einer aufrichtigen oder erheuchelten Zärt⸗ lichkeit. Er bot ihr den Arm, um ſie in ihre Gemächer zu führen; André folgte ihm, er half den Bedienten das Ge⸗ päcke der Baronin hinaufſchaffen. Der Marſchall fragte ſie, welchem glücklichen Zufall er das Vergnügen, ſie ſo bald wiederzuſehen, verdanke; dieſe Frage ſchien ſie in Er⸗ ſtaunen zu ſetzen und ſie erwiderte, daß ſie ſich ſeinen Be⸗ fehlen gefügt habe. Nach dieſer Antwort war es unmög⸗ lich, eine Erklärung zu vermeiden. Der Marſchall erfuhr, daß ich André mit einer be⸗ ſtimmten Einladung an die Baronin, ſich zu ihrem Ge⸗ mahl zu begeben, nach Biron geſchickt hatte.»Er hofftes, fügte ſie hinzu,»daß ich ihm ſeine Colombe mit zurück⸗ bringen werde. Armer junger Menſch!« Das Geſicht des Marſchalls drückte heftige und einigermaßen verſchieden⸗ artige Gefühle aus. Der Graf von Montpenſier und Herr von Villervi be⸗ eilten ſich herabzukommen; ſie wünſchten der Baronin zu ihrer glücklichen Ankunft Glück, und betrachteten den Mar⸗ ſchall mit einer gewiſſen ironiſchen Miene, welche ſeiner Gemahlin nicht zu entgehen ſchien. Dieſer erſte Eindruck würde ohne Zweifel verwiſcht worden ſein, aber ein un⸗ vorhergeſehener Zufall verdarb Alles. Der troſtloſe, verzweifelte Juſtin erſchien plötzlich; er fiel der Baronin zu Füßen und beſchwor ſie, ſeine Tochter zu retten und ſie gegen den Rang und die Kühnheit des Marſchalls zu beſchützen. Das Aufſehen war nun da, und der Schritt Juſtin's war zum wenigſten unnütz, aber die — 5 Verzweiflung erlaubt uns nicht zu überlegen; alle dieſe Auftritte gingen auf der Treppe vor. Alles war jetzt aufgeklärt, und die Baronin ſchien tief erſchüttert; Villervi machte den Verſuch, die Einigkeit zwi⸗ ſchen beiden Gatten wiederherzuſtellen. Er beſaß Geiſt, und das war der rechte Augenblick es zu beweiſen. Er gab freimüthig zu, daß wenige Gatten, die von ihren Gemahlinnen entfernt find, einer Gelegenheit, die ſich ſelbſt darbietet, widerſtehen; daß aber eine Gattin, welche Schönheit mit hoher Geburt und ſeltener Liebens⸗ würdigkeit in ſich vereinigt, nur zu erſcheinen braucht, um keine Nebenbuhlerinnen mehr fürchten zu dürfen.„Das, was unwiderlegbar dafür ſpricht, Madame, daß die Ver⸗ irrung des Herrn Marſchalls nur die eines Augenblickes war, iſt die lebhafte Theilnahme, die außerordentliche Zärtlichkeit, mit welcher ſich ſeine Augen jetzt auf Sie heften.“ Ein Ehemann, welcher auf friſcher That ertappt wird, ſpielt immer eine alberne Rolle, und der Marſchall ließ ſeinen Vermittler ſprechen. Villervi hatte der Eitel⸗ keit der Frau Baronin geſchmeichelt, und er hatte den Er⸗ folg davon wohl bemerkt; er fügte noch einige für ſie ſchmeichelhafte Redensarten hinzu, und ſie öffnete ihrem Gemahl ihre Arme wieder. Die Frömmigkeit erſtickt bei einer Frau niemals das Zutrauen ganz, welches ſie in ihre Schönheit ſetzt; die Entwickelung war noch nicht vollſtändig. André wollte noch erfahren, was mein Schickſal werden würde; er brauchte nicht lange darauf zu warten. Der Marſchall kam, nachdem er ſeine Gemahlin in ihre Ge⸗ mächer geführt hatte, wieder herab.„Dein Herr,“ ſagte er zu meinem Bedienten,„iſt ein Taugenichts, der die Leidenſchaft hat, ſich in Alles zu miſchen, und den die trau⸗ rigſten Erfahrungen von dieſer abſcheulichen Gewohnheit nicht heilen werden; ich verdanke ihm den höchſt unan⸗ genehmen Auftritt, den ich ſoeben ausgeſtanden habe. Er möge es nicht verſuchen ſich zu rechtfertigen, ſeine Gegen⸗ wart würde Anlaß zu neuen Erklärungen geben, die in dieſem Augenblicke nur gefährlich ſein können; er hat von mir einen Urlaub verlangt, um ſeine Colombe aufſuchen zu gehen, ich will ihm einen auf hundert Jahre ertheilen: da wird er Zeit genug haben ſeine Schöne aufzuſuchen.“ —„Und das, was er von Ihnen hat, Monſeigneur?“— „Möge er behalten, und ich will ihn nicht wiederſehen.“ „Da wäre denn,“ ſagte Andrézu mir,„der verwickeltſte Umſchwung der Dinge, ſo gut es eben gehen mochte, voll⸗ ſtändig zu Ende gebracht; laſſen Sie uns nun einmal Ihre Lage betrachten. Sie beſitzen zehntauſend Livres in klingender Münze, und damit kann man weit kommen. Zu dieſer Hauptſache haben wir noch Nebendinge hinzuzufü⸗ gen, die gar nicht zu verachten ſind; eine vollſtändige ele⸗ gante Garderobe, die Ihnen geſtatten wird ſich überall vor⸗ zuſtellen, ein ziemlich hübſcher Wagen, den man ſich die Mühe genommen hat von Poitiers hierher zu führen, zwei gute Maulthiere und ein ausgezeichnetes Pferd, mit allem Dem kann man bequem reiſen.“—„Wir wollen ſogleich abreiſen, André.“—„Das wollen wir, mein Herrz es iſt auch das Beſte, was wir thun können.“— In weniger als = 55— einer Siunde hatte er alle zu unſerer Abreiſe nothwendi⸗ gen Anſtalten getroffen. Man kann ſich leicht denken, daß wir den Weg nach Saint⸗Junien einſchlugen; ich wurde abwechſelnd von zwei entgegengeſetzten Empfindungen, von der Furcht und von der Hoffnung, bewegt. Die Uebergänge von der einen zu der andern waren ſehr raſch; ich ſprach kein Wort, aber André las Alles, was ich empfand, in meinen Augen und in meinen Geſichtsmuskeln. Er verſuchte es, mich wenig⸗ ſtens für einen Augenblick die Erde und vas vollkommenſte aller Geſchöpfe, welche dieſelbe bewohnen, vergeſſen zu machen. „Mein Herr,“ ſagte er zu mir,„wir ſind beinahe feſt davon überzeugt, daß die Sonne bewohnt iſt.“—„Was kümmert das mich?“—„Aber unſere Sonne iſt nicht die einzige, welche ſich in dem unermeßlichen Raume befindet.“ —„Wo iſt die zweite?“—„Was denken Sie von den Firſternen?“—„André, Du machſt mich ungeduldig!“ —„Dieſe Sterne ſind ebenſoviele Sonnen; daß wir ſie ſo klein ſehen, hat ſeinen Grund in ihrer großen Entfer⸗ nung; aber wenn nicht ein urſprüngliches Licht von ihnen ausſtrömte, ſo könnten ſie nur ein zurückgeworfenes Licht haben, und wir müßten dann die Feuerkugeln, welche ihnen daſſelbe mittheilen, ſehr leicht bemerken können. Und ſo können wir denn unſere Einbildungskraft durch dieſe un⸗ zählbare Menge von Sonnen, welche vielleicht weſentlich von einander verſchieden ſind, ſchweifen laſſen; denn Sie — 6— wiſſen es, mein Herr, Verſchiedenartigkeit iſt der Wahl⸗ ſpruch der Natur.“—„Nein, ich weiß das nicht!“ „Warum ſollte nicht auch jede dieſer Sonnen, wie die unſere, Planeten haben, denen ſie eine rotirende Bewegung mittheilt, die ſie anzieht und welche ihr eigenes Gewicht in dem leeren Raume erhält?“—„Mache ein Ende damit und laß uns lieber an Saint⸗Junien denken.“— „Wir können ſie nicht bemerken, weil ſich ihr geborgtes Licht nothwendig unſerem Auge entzieht; aber wenn Alles in der Natur verſchiedenartig iſt, iſt es dann nicht auch wahrſcheinlich, daß die Bewohner von irgend einem dieſer Planeten nur zur Liebe geſchaffen werden und für dieſelbe leben?“—„Glaubſt Du das, André?“—„Daß ſie ſich an den Gegenſtand ihrer Zärtlichkeit, wie die Rebe an der Ulme hinanranken?“—„Sie würden dadurch nur um ſo unglücklicher ſein.“—„Daß ſie durch keine geſellſchaftliche Einrichtung gehemmt ſeien, daß ihnen ihre Organiſation die Nothwendigkeit auferlege, immer zufrieden zu ſein, daß ihre Kinder ihre Falten durch Blumenkränze verhüllen, und daß ſie endlich in den Armen Derjenigen, welche ihnen das Glück verdanken, nun auch ihrerſeits zu lieben, an dem⸗ ſelben Tage, zu derſelben Stunde, in derſelben Minute verſcheiden, ohne weder Kummer noch Reue gekannt zu haben?“—„André, mein theurer André! das iſt ja der Himmel, den Du mir hier malſt.“—„Mein Herr, das Glück iſt überall, es iſt auch auf unſerer Erde, und Sie haben es einen Augenblick lang genoſſen; es iſt Ihnen ent⸗ flohen, laſſen Sie uns daſſelbe ſuchen und wir werden es — — wiederfinden.“—„Die Hoffnung lebt wieder in meinem Herzen auf.“—„Aber laſſen Sie uns das Glück fröhlich aufſuchen. Ein Auge, welches ſich in Thränen badet, ftreift dicht an demſelben vorüber, weil es daſſelbe nichtbemerken kann; ein Auge, welches lächelt, ſieht Alles, erfaßt Alles. Die Fröhlichkeit feſſelt die Hoffnung, und hoffen heißt ja ſchon genießen.“ André hatte ſich meiner Einbildungskraft bemächtigt; ich befand mich mit Colombe auf dem glücklichen Planeten, wo man nur lebt um ſich zu lieben: wir vermehrten die Anzahl ſeiner glücklichen Bewohner, und wir theilten ihre einfachen und rührenden Freuden.„Aber, André, warum dieſe Falten und dieſe Blumenkränze; ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, Colombe einſt ihre Friſche und ihre Reize verlieren zu ſehen. Laß uns das verführe⸗ riſche Bild, welches Du meinem Herzen zeigteſt, vollkom⸗ men machen; ich will, daß man auf Deinem Planeten an das Ende ſeiner Laufbahn gelange, ohne eine von den Un⸗ annehmlichkeiten des Alters gekannt zu haben.“—„O, meiner Treu, mein Herr, das heißt aber doch auch gar zu viel verlangen! Bald werden Sie gar wollen, daß man in jener Welt nicht ſterbe.“—„André, man müßte ſich dort auch ſo wohl befinden.“ Während wir ſo ſprachen, oder vielmehr faſelten, zogen wir in Saint⸗Junien ein. Zwölftes Kapitel. Anton de Mouchy findet Colombe wieder und verzweifelt. Man weiß, daß der Marſchall ſehr viel auf alles Das hielt, was ſeine Größe ankündigte; die Reitröcke ſeiner Bedienten, die Becken ſeiner Pferde, ſowie die ſeiner Frachtwagen gaben ſeine Wappenbilver der Bewunderung des Publikums Preis. Sie funkelten von Gold auf der Kutſche der Frau Baronin; ſie waren in den Magazinen von la Rochelle ziemlich übel zugerichtet worden, er hatte ſie aber zu Bergerar wieder neu herrichten laſſen. Die Arbeiter ſuchen überall Beſchäſtigung; ſie hatten das Wap⸗ pen Monſeignehrs auch an meinem beſcheidenen Wagen angebracht, von dem man es ihnen gar nicht anbefohlen hatte. Das war mir bis dahin ſehr gleichgiltig geweſen, aber die unbedeutendſten Dinge erhalten zuweilen, unter gewiſſen Umſtänden, eine unerwartete Wichtigkeit. Der Privatmann, welcher die Frau Marſchallin beher⸗ bergt hatte, erkannte dieſe Wappenbilder; er eilte herbei, um uns zu befragen, wie weit die Friedensunterhandlun⸗ gen gediehen ſeien, und er endigte damit, daß er uns ein⸗ lud bei ihm abzuſteigen. Er hatte Eolombe geſehenz er hatte wahrſcheinlich mit ihr geſprochen; ſein Vorſchlag war mir das Angenehmſte, was mir nur immer begegnen konnte. Er ließ uns ein gutes Abendeſſen auftragen, um welches — * — ich mich wenig bekümmerte; aber er theilte es mit uns, und ich richtete eine Menge von Fragen in Bezug auf das Verſchwinden Colombe's an ihn, welche er mir nicht auf eine befriedigende Art zu beantworten vermochte. Er hatte Colombenreizend gefunden: das hatte er mit allen Denen, die ſie ſahen, gemein; ihre Miene hatte Betrübniß ange⸗ kündigt, damit ſagte er mir auch nichts Neues. Sie war gegen Einbruch der Nacht entflohen; die Frau Marſchallin hatte ihren Bedienten befohlen, ſie in der Stadt und in den Umgebungen zu ſuchen. Sie war in eigener Perſon zu dem Präſidenten und zu dem Pfarrer gegangen, und hatte ſie inſtändigſt gebeten, Nachſuchungen anſtellen und die junge Frau, wenn man ſie finden ſollte, nach Biron führen zu laſſen. Die Bedienten waren nicht verliebt; es war ihnen ſehr gleichgiltig, ob Colombe gefunden wurde oder nicht, und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ſie die Nacht im Wirthshauſe mit Kartenſpielen zubrachten. Und wirklich kamen ſie mit Tagesanbruch zu der Frau Baronin, um ihr zu ſagen, daß ſie Nichts geſehen hatten, und konnten kein Wort auf die Fragen antworten, welche unſer Wirth über die Orte, die ſie durchſucht hatten, an ſie richtete. Die Ba⸗ ronin war ſo nachſichtig, ihr Stillſchweigen ihrer Unkennt⸗ niß der Oertlichkeiten zuzuſchreiben, und reiſte ab. Aus dieſem Berichte ging hervor, daß uns noch Alles zu thun übrig war; ich wünſchte mir Glück dazu, weil Nichts bewies, daß Colombe die Stadt verlaſſen habe, und weil ich entſchloſſen war, ſie auch in den verborgenſten Schlupfwinkeln aufzuſuchen.„Mein Herr,“ ſagte Andrézu 2 mir,„Sie find verliebt, ſehr verliebt; das iſt ganz gut, aber das berechtigt Sie noch immer nicht, Hausſuchungen beiden Einwohnern zu halten und ihre Stadt in Feuer und Flam⸗ men zu ſetzen. Mit welchem Rechte wollen Sie von ihnen die Oeffnung ihrer Häuſer verlangen?“—„Mit dem Rechte der Liebe.“—„Mit dem Rechte der Liebe! Dieſes Recht ſcheint uns das erſte von allen zu ſein, wenn man erſt einundzwanzig Jahre alt iſt; aber die guten Bürger von Saint⸗Junien find nicht verliebt, ſie werden ſich über Sie luſtig machen, wenn ſie Sie nicht gar todtſchlagen.“ „Wenn man über Dinge richtig urtheilen will, ſo muß man ſich ſelbſt an die Stelle der Perſonen denken, welche zu durchſchauen man ein Intereſſe hat und ſich fragen, was man in der oder jener Lage thun würde. Denken Sie einen Augenblick, Sie ſeien Colombe, würden Sie ſich zu Einem flüchten, den Sie nicht kennen und der gar keinen Grund hätte, Ihnen Schutz und Obdach zu gewähren? Was wür⸗ den Sie übrigens dort machen, wenn Sie es auch erhalten hätten? Nichts, was Sie nicht auch eben ſo gut bei der Frau Marſchallin hätten thun können. Selbſt bei den am wenigſten überlegten Handlungen hat man immer einen beſtimmten Zweck; laſſen Sie uns den durchſchauen, welchen ſich Colombe vorſetzen konnte, und ich glaube nicht, vaß vas ſo ſchwer iſt. Gott allein, hat ſie geſagt, kann Sie in ihrem Herzen erſetzen; laſſen Sie uns dieſelbe alſo in den Armen Gottes ſuchen. Wo könnte ſie ſich demſelben ganz ausſchließlich weihen? In einem Kloſter. Die Töch⸗ ter des Herren halten ſehr viel auf eine Ausſteuer; ſie hal⸗ ten aber auch ſehr viel auf ein engelhaftes Geſicht, welches eine ſchöne Stimme noch mehr hervorhebt, beſonders wenn man letztere ſo in ſeiner Gewalt hat, wie Madame de la Moucherie.“—„La Moucherie, dieſer Spitzname iſt eine Erfindung des Marſchalls, und ich nehme wieder meinen ehrlichen Namen an.“—„Meiner Treu, mein Herr, ich kenne keinen andern Namen an Ihnen.“—„Du ſollſt mich Mouchy nennen; das iſt der Name meines Vaters und der meiner Ahnen.“—„Nun, meinetwegen!“ „Wir werden alſo hauptſächlich unſere Nachforſchun⸗ gen auf die Nonnenklöſter richten müſſen.“—„Ja, mein Herr, und wir werden morgen damit beginnen; es iſt ſpät, und ich bitte Sie um die Erlaubniß zu Bette zu gehen, und ich lade Sie ein, ein Gleiches zu thun und zu ſchlafen, wenn Sie es können.“ Schlafen! der Schlaf flieht die Unglücklichen. Am andern Morgen war ich mit Tagesanbruch angekleidet, und es ſchien mir, als ob die ganze Welt es ſo wie ich ſein müßte. Ich trat in das Zimmer André's ein; ich näherte mich ſeinem Bette, er ſchlief feſt.„O!“ dachte ich,„ich bedarf ſeiner in einer Stadt nicht, welche ich in einer Vier⸗ telſtunde durchgangen haben werde. Er möge denn ruhen, weil er nun einmal ſo glücklich iſt, es thun zu können.“ Ungeachtet der Richtigkeit der Bemerkungen, die er mir geſtern Abend mitgetheilt hatte, beſchloß ich doch Richts zu verſäumen. Einige Arbeiter begannen eben ihre Buden zu öffnen, und ich fragte ſie um die Wohnung des Präfi⸗ denten; ich klopfte und läutete an ſeiner Thüre in einer Art und Weiſe, welche die Tauben erweckt hätte. Eine alte halbnackte Dienerin ſteckte ihren Kopf zu einem Dachfen⸗ ſter heraus, und fragte mich mit keiſender Stimme, was ich wollte.„Ich will mit dem Herrn Präſidenten ſprechen.“ —„Mit einem Präſidenten um ſechs Uhr des Morgens ſprechen wollen! Sind Sie verrückt?“—„Die Gerech⸗ tigkeit muß immer wachen.“—„Wir brauchen Ihre Sprüchwörternicht, laſſen Sie uns zufrieden.“ Und damit klappte ſie ihr Dachfenſter wieder zu. Ein glücklicher Ge⸗ danke überkam mich; ich begann wieder zu klopfen und zu klingeln. Das Dachfenſter öffnete ſich wieder, und die Alte erſchien wieder, diesmal mit einem Topfe bewaffnet, deſſen Inhalt mich bedrohte; ich ſprang um vier Schritte zurück und rief ihr zu, daß ich mit dem Herrn in dem Namen der Frau Marſchallin von Biron zu ſprechen habe, und daß die Sache dringend ſei.„Im Namen dieſer erlauchten Dame, welche ſo ſchön und ſo gut iſt. O, das iſt etwas Anderes! Die Gattin eines Marſchalls von Frankreich, des bevollmächtigten Geſandten des Königs. Ja, ich kann den Herrn aufwecken; er ſteht zwar nie zeitig auf, ohne die Migräne zu bekommen, aber ich werde ihm Camillen⸗ thee machen.“—„Machen Sie ein Ende mit Ihrem Ge⸗ ſchwätz, und führen Sie mich ein.“—„Geſchwätz, Ge⸗ ſchwätz!“ ſagte ſie, indem ſie mir einen niederen Vorſaal öffnete.„Es ſind bereits ſiebenzehn Jahre, daß ich dem Herrn Präſidenten diene, und noch niemals hat er mir den mindeſten Vorwurf gemacht.“—„So gehen Sie doch ihn aufzuwecken.“—„Ich beſorge ihm allein ſeine ganze — 33— Haushaltung und niemals rechnete er mir nach. Die Par⸗ teien bewerben ſich um meine Fürſprache; ja, mein Herr, um meine Fürſprache.. Nun, nun wo läuft denn dieſer Sauſewind hin? Mein Herr, mein Herr... Ich war die Treppe in vier Sprüngen hinaufgeſtiegen. Ich öffnete alle Zimmer und rief den Präſidenten auf eine Art und Weiſe, die ihn hätte taub machen können. Ich be⸗ merkte ein Bett mit vier Säulen, welche eine Art von Bett⸗ himmel trugen, der mit laubgrüner Sarſche überzogen war. Die hermetiſch geſchloſſenen Vorhänge waren von demſelben Stoffe. Ich ziehe ſie rechts und links auf, die Ringe ſpielen in den eiſernen Klammern und machen eine furchtbare Katzenmufit, über welche ich unter allen anderen Umſtänden hätte lachen müſſen. Endlich unter⸗ ſchied ich eine unförmliche und halb in die Kiſſen vergra⸗ bene Maſſe. Dicke und kurze Arme, ein wackelnder Schnurr⸗ bart, unarticulirte Laute belehren mich, daß dieſe Maſſe nichts Anderes als der Präſident ſelbſt iſt. Die Alte kommt endlich an, keuchend und mit ihrem Krückenſtocke in der Hand.„Margaretha, geh und hole mir Gerichtsdiener. nein, rufe ſie aus dem Fenſter.. ich will nicht mit dieſem Raſenden hier allein bleiben... —„Einen Augenblick, mein Herr.“—„Ich werde ihn in ein Loch des Stadtgrabens einſperren laſſen, und ihn da⸗ ſelbſt ſechs Monate gefangen halten. Es zu wagen, einen Präſidenten, welcher ruhig ſeine Morgenſuppe verdaute, aufzuwecken, und ihn noch dazu durch einen Ueberfall auf⸗ zuwecken; ſo rufe doch, Margaretha.“—„Einen Augen⸗ Biblioth. 328 Boch. 34— blick Geduld, ſage ich Ihnen. Dieſer Herr iſt der vertraute Diener der Frau Marſchallin von Biron.“—„Der Frau Marſchallin von Biron! rücke dem Herrn doch einen Lehn⸗ ſtuhl zurecht.“ Nach einigen fruchtloſen Anſtrengungen gelang es mei⸗ nem dicken Präſidenten, ſich in ſeinem Bette aufrecht zu ſetzen. Margaretha beeilt ſich, ihm Kiſſen unter den Rücken zu ſchieben, um ihn in der Stellung, die er angenommen hat, zu erhalten. Er nimmt mühſam ſeine Mütze von ſchwarzem Sammet ab und neigt ſeinen kahlen Kopf ſoweit vor mir, als es ihm ſein kurzer und dicker Hals erlaubt. Dieſe Ceremonien machten mich troſtlos, brachten mich zur Verzweiflung.„Colombe, Colombe!“ wiederholte ich ohne Unterbrechung.—„Von welcher Colombe ſpricht denn der Geſchäftsträger der Frau Marſchallin von Biron zu mir?“ antwortete mir endlich der Präſident.—„Von der reizenden jungen Frau, welche in dieſer Stadt ver⸗ loren gegangen iſt, und welche aufſuchen zu laſſen die Frau von Biron Sie gebeten hat.“—„Ah! ja richtig! mein Herr, ich erinnere mich, unſere Umgebungen ſfind durch Räuberbanden unſicher. Alle meine Häſcher verfolgen die⸗ ſelben ſeit langer Zeit, aber ſobald ſie zurückkommen wer⸗ den—„O mein Herr, ſie ſind ja aber ſchon ſeit vier Tagen zurück..—„Ich ſage Dir, Margaretha, daß ſie noch nicht zurückgekehrt ſind.“—„Und ich ſage Ihnen, daß ſie es bereits find. Sie wiſſen das übrigens auch recht gut, da Sie ſoeben befahlen, ſie zu rufen...“—„Mar⸗ garetha, Du nimmſt Dir bisweilen Freiheiten heraus, die —— — — 58— mir, wie ich Dir kund machen muß, ſehr mißfallen. Wes⸗ halb bin ich Dein Herr, als um immer recht zu haben? Verſtehft Du mich?“ „Ich ſehe, mein Herr,“ ſagte ich zu ihm,„daß Sie zu jenen Leuten gehören, die Alles verſprechen und Nichts halten. Wiſſen Sie, daß der Kanzler von Birague der vertraute Freund der Frau Marſchallin iſt, und daß er ſichere Mittel beſitzt, um einer ſo niederen Gerichtsperſon wie Sie ſind, Gedächtniß einzuflößen?.—„Mein Herr, ich verſichere Ihnen... ich ſchwöre Ihnen...“ Ich ließ ihn ſeine Redensart zu Ende bringen und ſtieg die Treppe eben ſo ſchnell hinab, als ich ſie heraufgeſtiegen war. Ich lief zu dem Pfarrer. Ich wurde von einer Haus⸗ hälterin empfangen, welche ſich keines Krückenſtockes be⸗ diente, und welche noch weit davon entfernt war, graue Haare zu bekommen. Sie empfing mich mit einer ſehr freundlichen Miene und ſtllte mich ihrem Herrn vor. Ich erklärte ihm den Zweck meiner Reiſe mit ſo wenigen Wor⸗ ten, als nur möglich, denn ich hatte keine Zeit zu verlieren. Der Herr Pfarrer glich in Richts dem Präſidenten; er hatte ein ſehr ſicheres Gedächtniß, beſonders wenn er einer ſo frommen Dame, wie die Frau Marſchallin war, einen Dienſt erweiſen konnte. Die Maßregeln, welche er getroffen hat, haben bis jetzt noch keinen glücklichen Erfolg gehabt, aber das kann noch kommen, wie er mir mit einem honig⸗ ſüßen Tone verſicherte, der ohne Zweifel ſehr geeignet war zu überzeugen. „Laſſen Sie uns zu Ende kommen, HerrPfarrer, ich bitte 3* — 3— Sie darum. Welches ſind die Maßregeln, die Sie ergriffen haben, und von denen Sie ſich befriedigende Wirkungen verſprechen?“—„Mein Herr, ich habe vergangenen Sonntag von meiner Kanzel herab die Dame, an welcher Sie ſo lebhaftes Intereſſe zu nehmen ſcheinen, öffentlich als verloren angekündigt.“—„Sie haben ſie von der Kanzel herab verkündigt? Das iſt ungefähr eben ſo viel, als ob ſie hätten die Trommel rühren laſſen. Glauben Sie, daß eine Frau, welche ſich verbirgt, auf dem Straßenpflaſter gefunden wird, wie eine alte Perrücke oder ein Taſchen⸗ tuch? Sie ſind eben auch nicht dienſtfertiger, als Ihr Prä⸗ ſident.“ Damit wandte ich ihm den Rücken zu. Ich begegnete André, welchem ich Das, was ich ſoeben gethan hatte, erzählte; er lachte mir ins Geſicht.„Die Mehrzahl der Menſchen,“ ſagte er zu mir,„ſchmeicheln den Großen in deren Gegenwart auf eine kriechende Weiſe, und vergeſſen dieſelben, ſobald ſie ſicher ſind, Nichts von ihnen erhalten zu können. Was ſollte die Marſchallin zu Bergerac für einen Präſidenten thun können, der ſich ſchon glücklich ſchätzen muß, ſeine Stelle nur zu behalten, und für einen Pfarrer, welcher Frauen von der Kanzel herab ausruft? Ich, mein Herr, habe unterdeſſen etwas Weſent⸗ liches erfahren. Es giebt zu Saint⸗Junien nurzwei Nonnen⸗ klöſter. Das eine wird von Frauenzimmern bewohnt, die ſich dem Dienſte der Kranken widmen, und deren erſte Pflicht es iſt, Unglücklichen nützlich zu ſein; dann kommt erſt die Frömmigkeit, und in ſolche Häuſer ziehen ſich Diejenigen nicht zurück, welche ſich einem ascetiſchen Leben widmen. —— Ich habe mir nicht einmal die Mühe genommen, in das Spital hineinzugehen. „Das zweite Haus iſt das der Urſulinerinnen, und auch in dieſes habe ich keinen Fuß hineingeſetzt.“—„Wodurch haſt Du denn alſo etwas ſehr Weſentliches erfahren?“— „Durch meine Betrachtungen, mein Herr, und ich glaube, daß Sie dieſelben ſehr vernünftig finden werden. Eine Frau, welche die Flucht ergreift, bleibt nicht in einer klei⸗ nen Stadt, in der man ſie, wie ſie weiß, ſuchen wird. Es iſt wahrſcheinlich, daß Frau von Mouchy die ganze Nacht ihrer Flucht hindurch gegangen, und mit Tagesanbruch in Limoges angekommen ſein wird. Dieſe Stadt iſt nicht weit von dieſer hier entfernt. Dort wird ſie Mittel ſich zu ver⸗ bergen gefunden haben, welche ihr Saint⸗Junien nicht var⸗ bot. Uebrigens hatte ſie kein Geld, und wird daher nicht weiter haben gehen können. „Wir haben geſtern eine Tagereiſe gemacht, als wenn wir unſere drei Thiere zu Schanden reiten wollten. Sie bedürfen der Ruhe. Unſer Wirth iſt gut und gefällig. Laſſen Sie uns ihm dieſelben einſtweilen übergeben und zu Fuße nach Limoges gehen.“—„Das iſt ein herrlicher Ge⸗ danke.“—„Ich müßte mich ſehr täuſchen, oder dieſe Stadt wird das Ziel unſerer Reiſe und unſerer Nachforſchungen ſein.“—„Möge mein Schutzheiliger Dich vernehmen und uns erhören. Wir wollen uns auf den Weg machen, André.“ Ich hatte nicht geſchlafen und doch fühlte ich außer⸗ ordentliche Kraft in mir. Die Bewegungen der Seele wirken unmittelbar auf den Körper ein. Mich trieb mein „ſagen Sie ihr, daß es der zärtlichſte, der leidenſchaftlichſte — Geiſt mächtig nach Limoges und ich flog den ganzen Weg hin. Zuweilen flehte mich André um Gnade an. Ich hörte nicht auf ihn und begann wieder zu traben. Ich dachte an 3 Nichts als an Colombe, ich ſah nur ſie, ich träumte nur von ihr, und André machte vergebliche Verſuche, ein Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen, welches im Stande wäre, mich zu zer⸗ ſtreuen und meine Schritte zu mäßigen. Wir zogen in Limoges ein. Wir brauchten nicht einmal eine Stunde dazu, die beſtimmteſten Aufſchlüſſe zu erhal⸗ ten. Man ſprach in der ganzen Stadt nur von einem jun⸗ gen, hübſchen, frommen und gleich der heiligen Thereſia beredtſamen Mädchen, deren reine, zarte, wohlklingende Stimme einen Begriff von dem Geſange der Engel gab. „Und wo befindet ſie ſich?“—„Bei den Nonnen des hei⸗ ligen Auguſtin.“—„Laß uns hinfliegen, André!“—„Sie werden daſelbſt eines unausſprechlichen Vergnügens ge⸗ nießen, meine Herren. Sie muß um zwei Uhr fingen. Die ganze Stadt wird dort ſein.“ Wir fliegen, wir kommen hin. Ich befrage die Pfört⸗ nerin, ich beſchreibe ihr Colombe. Sie iſt es, gewiß, ſie iſt es, die ich mit ſo viel Feuer und Ausdauer ſuche.„Ich muß ſie ſehen, ehrwürdige Schweſter; ich muß augenblicklich mit ihr ſprechen; ich muß es durchaus.“—„Die Schwe⸗ ſter Sainte⸗Colombe kann Niemanden ohne die Zuſtim⸗ mung der Frau Superiorin empfangen.“—„Eilen Sie, dieſelbe um dieſe Erlaubniß zu bitten,“ antwortete ich, in⸗ dem ich der Pförtnerin ein Goldſtück in die Hand drückte; — 30— Gatte iſt, der vor Begierde brennt, ſie wiederzuſehen.“— „Seit geſtern, mein Herr, hat ſie keinen Gatten mehr als den heiligen Auguſtin.“—„Sie hat das Gelübde abgelegt! Es iſt ungiltig, durchaus ungiltig. Ich werde es zerrei⸗ ßen, ich werde es vernichten.“ André faßte mich mitten um den Leib und trug mich auf die Straße. „Nehmen Sie ſich in Acht, was Sie beginnen wollen, mein Herr. Das iſt kein Kinderſpiel mehr. Ich gebe es zu, Sie befinden ſich in einer grauſamen Lage, aber ſie iſt auch ſchwierig genug, um Sie zu veranlaſſen, nachzudenken, be⸗ vor Sie handeln.“—„Sie iſt es nicht, André; ſie iſt es nicht. Es ſind höchſtens vierzehn Tage her, daß ſie die Marſchallin verlaſſen hat, und die Geſetze ſchreiben ein Noviziat von ſechs Monaten vor.“—„Nun wohl, mein Herr, wenn ſie es nicht iſt, ſo werden wir ſie anderswo ſuchen, aber warten Sie bis um zweilhr.—„War⸗ ten? ich kann es nicht.“—„Die junge Gattin des heili⸗ gen Auguſtin ſoll fingen. Die Gittervorhänge, welche auf die Kirche hinausgehen, werden offen ſein, und unſere Zweifel werden ſich zerſtreuen.“—„Ich will ſie augen⸗ blicklich ſehen; jetzt, augenblicklich. Die Pförtnerin hat ſich geirrt; ſie hat die Perſonen und die Dinge durch einander geworfen. Es iſt nicht Colombe, welche geſtern ihr Gelübde abgelegt hat; das kann nicht ſein... Ich will ſie wieder⸗ ſehen, ſage ich Dir, und ich will Dich nicht mehr hören.“ Eine heftige Anſtrengung riß mich aus den Armen André's los. Er lief mir nach, faßte mich von Neuem und zwar mit einer Kraft, die ich gar nicht an ihm gekannt hatte, und trug mich an das andere Ende der Stadt. Ich ſchrie; ich wurde zornig; ich drohte; er blieb taub. Dieſer außergewöhnliche Auftritt verſammelte um uns eine Zuſchauermaſſe, welche ſich mit jedem Augenblick ver⸗ mehrte.„Es iſt ein Sohn aus guter Familie,“ ſagte An⸗ dré,„welchen ich in das Irrenhaus von Montmorillon führen ſollte. Er iſt mir zu Saint⸗Junien entſprungen.“ —„Nein, ich bin nicht wahnſinnig, ich will meine Frau, die man mir gegen alle Geſetze in dem Nonnenkloſter des heiligen Auguſtin zurückhält. Ich werde die Gitter deſſel⸗ ben zerbrechen und werde ſie entführen.“—„Sie ſehen wohl, meine Herren, daß er außer ſich iſt. Seien Sie doch ſo gütig und leihen Sie mir Beiſtand; ich allein kann ſei⸗ ner nicht länger Herr werden.“ Vier Männer faßten mich und machten es mir unmög⸗ lich, mich nur irgendwie zu bewegen. Der Zorn verwirrte mich; mein Mund bedeckte ſich mit Schaum, abgebrochene Worte entſchlüpften mir und gaben der Erfindung André's einen gewiſſen Schein von Wahrheit.„Er iſt tollwüthend!“ ſagten die Einen,„man muß ſich ſeiner verſichern!“ ſag⸗ ten die Andern.—„Zum größten Glücke, meine Herren,“ erwiderte André,„ſind dieſe heftigen Anfälle ſelten und dauern nicht lange. In einigen Stunden wird er ruhig ſein und mir ganz gelehrig folgen.“ Man trugmich in das Spital von Limoges. „Wie Schade,“ ſagten die guten Schweſtern,„ſo jung, mit einem ſo intereſſanten Geſichte, von einer ſo grauſa⸗ men Krankheit befallen zu ſein! Welch ein Unglück!“ —— Meine Träger legten mich auf einen Tiſch nieder. Ich warf mich zur Erde; ich ftürzte auf die Thüre zu, ſie war mit einem Schlüſſel verſchloſſen. Ich ſtieß mit Füßen und Händen gegen dieſelbe; man bemächtigte ſich meiner wie⸗ ver. André knüpfte mit einer Handbewegung die weißen Stricke ab, welche vorn an den Röcken von fünf bis ſechs Schweſtern hingen, nahm eine Matratze aus dem erſten beſten Bett, warf ſie auf den Tiſch und band mich auf eine Art und Weiſe an denſelben feſt, daß ich auch nicht einmal daran denken konnte, zu entwiſchen. Dann verſchwand er. Ich ſah ein, daß ich von Nichts Etwas zu erwarten hatte, als von der Ueberredung. Ich bemühte mich auf mein Geſicht wenigſtens die Ruhe zurückzuführen, welche Nichts in mein Herz zurückrufen konnte. Ich bemühte mich einem Manne ähnlich zu ſehen, der aus einem peinlichen Traume erwacht. Ich gab meinen Augen und meiner Stimme den Ausdruck der Sanftheit. Die guten Mädchen verloren Nichts von Dem, was ich ihnen ſagte. Sie betrach⸗ teten voll Zufrievenheit die Veränderung, welche mit mir vorging.„So wäre denn der Anfall vorüber,“ ſagten ſie zu einander.—„Ja, meine lieben Schweſtern, und er wird fich während mehrerer Wochen nicht mehr erneuern. Ich muß meine Freiheit verlieren, und während langer lichter Tage fühle ich das ganze Gewicht meines Unglücks.“ Die Frauen ſind zur Liebe geboren, ſie laſſen ſich leicht erwei⸗ chen. Thränen traten den guten Schweſtern in die Augen. Ich beklagte mich über den Schmerz, welchen mir ihre Stricke an den Handgelenken und an den Knieen verurſach⸗ ten, und wirklich waren meine Feſſeln in einer Art und Weiſe zuſammengeſchnürt, die mir Leipen zuzog. Sie ſprachen davon, mich loszubinden. „Haben Sie Mitleid mit mir,“ ſagte ich zu ihnen.— „Aber werden Sie auch ruhig ſein?“—„Ich verſpreche es Ihnen.“—„Werden Sie bei uns bleiben bis Ihr Hüter zurückkommt, um Sie abzuholen?“—„O, das iſt mein beſter, oder es iſt vielmehr mein einziger Freund.“— Die Stricke wurden mir abgenommen, und wieder ihrer urſprünglichen Beſtimmung zurückgegeben. Ich ging in einem weiten Saale mit einer Ruhe auf und nieder, welche auch ſcharfſichtigere Frauen, als meine guten Schweſtern waren, getäuſcht hätte. Indeſſen ging doch eine von ihnen vor mir her, eine zweite folgte mir, eine dritte ging mir zur Rechten, eine vierte zur Linken. Arme Mädchen, was vermochten ſie gegen mich. Ich lächelte ſie an, und das ſchien ihnen Vergnügen zu machen. Ich erzählte ihnen, daß ich der Enkel des berühmten Anton von Mouchy ſei.„O,“ ſagten ſie zu mir,„der Abkömm⸗ ling dieſes großen Mannes iſt unfähig ſein Wort zu brechen.“ Bald drängten ſie ſich minder nahe an mich; eine von ihnen ging fort, um Etwas zum Frühſtücke für mich zu holen. Das wackere Mädchen brachte mir das Beſte, was im ganzen Hauſe aufzutreiben war. Ich hatte noch Nichts zu mir genommen, und ich fühlte bei dem Anblicke dieſer Nahrungsmittel, daß die Liebe manchmal doch nur das zweite unſerer Bedürfniſſe ſein kann. Die guten Schweſtern wählten die köſtlichſten Biſſen für mich aus; ſie ſchenkten mir von einem reinen und wohlthuenden Weine ein. Sie fanden ein außerordent⸗ liches Vergnügen darin, zu ſehen, wie ich der Gabe der chriſtlichen Mildthätigkeit ihr Recht widerfahren ließ. In dem Maßſtabe, als ſich meine durch eine ſchlechte Nacht und die heftigen Auftritte des Morgens erſchöpften Kräfte wiever herſtellten, trat auch das Bild Colombe's mit einer immerſteigenden Macht wieder vor meine Seele. Ich ſtand auf, ich begann meine Spaziergänge durch den Saal wieder und prüfte dabei die Oertlichkeit. Ich befand mich im erſten Stocke, und die Fenſter gingen auf einen Hof hinaus, an deſſen Ende ſich das Eingangsthor befand. Es war offen, wie das immer bei Spitälern der Fall iſt. Das Leben der heiligen Cäcilie kam mir in die Hand; ich ſchlug es auf, und that, als ob ich leſe. Mein Benehmen hatte allen Argwohn verſcheucht. Die Schweſtern gingen an ihre Geſchäfte, und ſchenkten mir nur noch eine oberflächliche Aufmerkſamkeit. Der Saal hatte zwei Thüren, an deren jeder eine von den Schweſtern ſaß, und eine Nadelarbeit verrichtete. Ich fliege auf, öffne das Fenſter, und ſpringe, auf die Gefahr hin mich todtzufallen, in den Hof hinab. Ich ſtehe auf, noch ein wenig betäubt von dem Falle, und Geſchrei ertönt in dem Saale, den ich ſpeben verlaſſen habe. Ein alter Thürhüter triit vor und verſucht es, mir den Weg zu ver⸗ ſtellen. Ich finde mich genöthigt, den guten Mann umzu⸗ rennen, und über ſeinen Körper hinwegzuſpringen. Ich laufe, ich fliege in die Kirche der Auguſtinerinnen⸗ Sie ſingt. ich erkenne ſchon ihre Stimme, bevor ich noch in dem geheiligten Hauſe bin. Ich ſtoße zur Rechten und zur Linken Alles, was ſich meinem Durchgange wider⸗ ſetzt, weg; ich ſpalte das Gedränge. Da bin ich denn hart an vieſem Gitter, welches für mich eine unüberſteigliche Schranke bildet... Meine Hände können ſie nicht er⸗ ſchüttern... Ich ſehe meine Colombe.., ich ſehe ſie, ich betrachte ſie... Es ſcheint mir, als ob die Kutte und der Schleier ſie noch verſchönerten.„Colombe, Colombe,“ rief ich aus. Sie heftet die Augen auf mich; ſie erkennt mich; ſie finkt in Ohnmacht. Der Geſang hört auf, der große Vorhang wird herabgelaſſen; für mich verſchwindet Alles mit ihr; ich befinde mich in einer Wüſte. Die Menge ſchreit Zeter, Gottloſigkeit, Kirchenſchän⸗ dung. Wüthende Männer ſtürzen ſich auf mich, und ſind im Begriffe, mich in Stücke zu zerreißen.„Haltet ein,“ ſchrien zwei oder drei Individuen,„dieſer junge Menſch iſt der Wahnfinnige, den wir dieſen Morgen in das Spital getragen haben.“ Man jagt mich aus dem geheiligten Orte, man ſtößt mich auf die Straße, und ich falle in André's Arme. „Ich möchte eben ſo gern,“ ſagte er zu mir,„mit dem Teufel, als mit Ihnen zu thun haben. Ich muß Sie wohl ſehr lieb haben, um fortzufahren, Ihnen zu dienen. Erröthen Sie denn nicht darüber, ſolche Ausſchweifungen zu verüben? Mit Kaltblütigkeit und Nachdenken gelingt es zuweilen, eine ſchwierige Sache zu ordnen, und Sie — 45— machen Nichts als tolle Streiche. Sie benehmen ſich, als wenn Sie Colombe durchaus für immer verlieren woll⸗ ten.“—„André, was muß ich thun?“—„Mich anhören, und ſich leiten laſſen.“ „Während ich Sie in dem Kloſter in Sicherheit glaubte, habe ich nicht aufgehört, für Sie zu handeln. Es iſt mir gelungen, die Superiorin der Auguſtinerinnen zu ſprechen. Folgendes iſt in wenig Worten Das, was in dem Kloſter ſeit zehn bis zwölf Tagen vorgegangen iſt... Was zum Teufel ſehen Sie denn immer dort nach jener Seite hin? Ihre Züge entſtellen ſich, Ihre Bruſt ſchwillt, Ihre Muskeln ſpannen ſich. Wollen Sie das Kloſter im Sturme nehmen? Bis jetzt iſt noch Richts verloren, aber ich er⸗ kläre Ihnen hiermit, daß ich Sie bei der erſten Unbeſon⸗ nenheit, welche Sie ſich wieder erlauben werden, ohne Widerruf Ihrem Schickſale überlaſſen werde.“ „André, mein lieber André, noch iſt Nichts verloren, ſagſt Du; ich überlaſſe mich Dir ganz. Aber ſprich, ent⸗ reiße mich dieſem ſchrecklichen Zuſtande, in dem Du mich ſiehſt.“—„Wir dienen hier den Leuten zum Schauſpiele, und trotzdem was ich ſagen könnte, würden Sie dieſe Leute da wieder in das Haus, aus dem Sie ſoeben ent⸗ ſchlüpft ſind, einſperren. Gehen Sie wie ein vernünftiger Menſch und folgen Sie mir.“ Man ſah uns gehen, und man ſchien zu gleicher Zeit erſtaunt und befriedigt über meine Gelehrigkeit. André führte mich an einen entlegenen Ort auf dem Walle, und nöthigte mich, mich in das Gras zu ſetzen. Dieſe Stellung 36— behagt einem leivenſchaftlich aufgeregten Menſchen nicht ſehr, aber Der, den man zwingt ſie einzunehmen, beruhigt ſich unmerklich. André ſetzte ſich neben mich. Er ſtützte ſeine Hände derb auf meine Schenkel, und begann ſeine Erzählung. Dreizehntes Kapitel. Fortſetzung der Begegnung mit Colombe. „Colombe kam hier mit dem Anbruche des Tages an, welche auf ihre Flucht von Saint⸗Junien folgte. Sie fand ſich an der Thüre des Auguſtinerinnen⸗Kloſters ein und verlangte mit der Superiorin zu ſprechen. Sie erklärte ihr, daß ſie die Wittwe eines Gatten ſei, den ſie anbetete, daß Gott allein denſelben in ihrem Herzen erſetzen könne, daß ſie ſich Gott widmen wolle, aber daß ſie keine Ausſtat⸗ tung geben könne. Sie fügte hinzu, daß ſie ſich ſehr gut auf alle weiblichen Arbeiten verſtehe, und daß ſie ſo ziem⸗ lich ſingen könne. Die Superivrin ließ ſie in das Innere des Kloſters eintreten, und ſetzte ſogleich ihre Talente auf die Probe.“ „Zur Sache, André, um Gottes willen zur Sache!“ —„Nun, ich komme ja eben dahin, mein Herr.“ „Die gute Dame war entzückt von ihrer Stimme, und ſchlug ihr vor, ſogleich das Novizenkleid anzuziehen. Das war das Ziel ihrer heißeſten Wünſche. Man beſtieg das — Chor, man ſtudirte Enſemble⸗Stücke ein, in welchen man ihr die gländzendſten Solo's übertrug. Man verſuchte ſie vor einer zahlreichen Verſammlung, und die Wirkung war ſtaunenerregend. Die Superiorin ſtellte ihr vor, daß ſich während eines Noviziates von ſechs Monaten ihre Anſichten ändern könnten, daß eine Neugewonnene, die man ohne Ausſtat⸗ tung aufnimmt, nicht umſonſt das Brot des heiligen Au⸗ guſtin eſſen, und dann hingehen und anderswo welches begehren könne. Sie ſchlug ihr vor, ihr Gelübde abzu⸗ legen. Colombe betrachtete dieſen Vorſchlag wie eine un⸗ gemeine Gunſt. Man bat den Biſchof um Dispenſation von der vorgeſchriebenen Noviziatsfriſt, und ſie wurde von dieſem auch ertheilt. Vorgeſtern nun legte Cvlombe den Schwur, der Welt zu entſagen, in die Hände eben dieſes Prälaten ab.“ „André, mein lieber André, ihr Gelübde iſt nichtig, weil ich lebe, und weil ſie ſich mit mir an dem Fuße des Altars verbunden hat.“—„Das iſt eine Bemerkung, die ich auch der Frau Superivrin zu hören gegeben habe.“— „Nun, und was hat ſie darauf geantwortet?“—„Daß dieſe ganze Sache nicht in ihr Bereich gehöre, und einzig und allein Monſeigneur angehe.“—„Laß uns zum Bi⸗ ſchof laufen.“—„Nur einen Augenblick, mein Herr. Ich war ſchon bei ihm, um ihn um eine Audienz zu bitten, und er hat mir dieſelbe um vier Uhr zugeſtanden.“— „Wie viel Uhr iſt es denn jetzt?“—„Ich weiß es nicht genau,“—„Du weißt es nicht, und Du biſt von einer Ruhe, welche mich tödtet. Wenn der Augenblick vorüber⸗ geht, wann werden wir ihn wiederfinden 20—„Wie ſo, wir?“—„Ja, ja! ich werde Dich begleiten. Es iſt doch ganz natürlich, daß ein Gatte, welcher ſeine Frau zurück⸗ verlangt, ſelbſt das Wort führt.“—„Und ſo wie Sie nur wieder irgendwie Schwierigkeiten finden werden, wird Ihnen das Blut ins Geſicht ſteigen, Sie werden neue Thorheiten beginnen, und werden ſo alle Wirkungen mei⸗ ner Bemühungen zerſtören.“— Jetzt ſchlug es an der Thurmuhr der Kathedrale vier Uhr. Ich machte eine heftige Anſtrengung; ich riß mich aus den Händen André's los, ich lief davon; er folgte mir raſch auf vem Fuße.„Um Gottes willen halten Sie doch.“ —„Ich will mit Dir zu dem Biſchof gehen.“—„Nun wohl, ich willige darein, aber trachten Sie, ſich in Ihre Gewalt zu bekommen.“—„Du ſiehſt doch, daß ich mich ſchon in meiner Gewalt habe.“ Ich fühlte in der That die Nothwendigkeit, als Herr meiner ſelbſt zu erſcheinen. Monſeigneur erwartete uns, in ſeinem großen Lehn⸗ ſtuhle ſitzend. Er gab uns ſeinen Segen.„O,“ dachte ich, „das iſt ein heiliger Mann; er wird mir meine Frau wiedergeben.“ Dieſer Gedanke beruhigte mich inſoweit, als es nöthig war, um ruhig zu ſcheinen. Der Prälat fragte uns, was wir von ihm wollten. André erklärte ihm unſere Angelegenheit deutlich und in wenigen Worten. Er ſagte, daß die unglückliche Liebe meine geiſtigen Fähigkeiten angegriffen habe, und daß das einzige Mittel, ſie wiederherzuftellen, darin beſtände, mich — — — den Armen meiner Gattin wiederzugeben. Er fürchtete mit Grund einen Streich der Verzweiflung von meiner Seite, und der Wahnſinn macht Alles entſchuldigen. Ich ergriff nun meinerſeits das Wort; ich ſtellte dem Monſeigneur demüthig vor, daß Colombe nur ein No⸗ viziat von acht Tagen beſtanden hätte, während die Ge⸗ ſetze des Königreiches die Dauer deſſelben auf ſechs Mo⸗ nate mindeſtens beſtimmten.„Sie müſſen wiſſen,“ erwi⸗ derte mir Seine Hochehrwürden,„daß der heilige Vater über die Könige, und folglich auch über die Geſetze, welche von ihnen ausgehen, erhaben iſt. Nun bin ich aber der Stellvertreter Seiner Heiligkeit in meiner Diöceſe, und habe alſo der Superiorin der Auguftinerinnen die Dis⸗ penſation, um welche ſich mich bat, ertheilen können.“ Ich konnte auf einen Beweisgrund von ſolcher Stärke Nichts antworten, aber ich glaubte ein Mittel gefunden zu haben, ihn zu meinen Gunſten zu wenden. „Ohne Zweifel hat unſer heiliger Vater das Recht zu löſen und zu binden, und Monſeigneur, welcher ſeine Stelle vertritt, kann ein Gelübde, welches er empfangen hat, widerrufen laſſen.“—„Ich werde mich wohl hüten, der Welt eine junge Nonne wiederzugeben, deren himm⸗ liſches Antlitz und Geſang täglich Bekehrungen bewirkt. Denken Sie doch ein wenig nach, junger Mann, und Sie werden einſehen, daß das nicht möglich iſt.“ Jetzt begann ſich mein Blut ſchon wieder von Neuem zu erhitzen. „Die Schweſter Colombe,“ fuhr der Prälat fort,„iſt dem Beiſpiele Helviſens gefolgt; nehmen Sie ſich Abä⸗ Biblioth. 328 Boch. 4 lard zum Muſter, wählen Sie ſich ein Männerkloſter, und ich will auch Ihnen die Dispenſation ertheilen, welche den Eintritt Derjenigen in das Kloſter, welche Sie zurückver⸗ langen, erleichtert hat.“ Der Vorſchlag des Biſchofs ſchien mir ein hier ſehr übel angebrachter Scherz zu ſein. Ich hatte Nichts mit Abälard gemein, und durfte wohl hoffen, ihm niemals zu gleichen. Ich beherrſchte mich indeſſen noch und verſuchte die Kraft eines Beweiſes, der mir unwider⸗ legbar ſchien. „Eine frühere, heilige, unwiderrufliche Verpflich⸗ tung,“ ſagte ich zu Seiner Hochehrwürden,„macht noth⸗ wendig eine ſpätere Handlung, welche mit der erſteren in Widerſpruch ſteht, ungiltig. Colombe iſt meine Gattin.“ Ich zog meine Heirathsurkunde aus meiner Geldtaſche. „Eine Heirath, die zu Benon geſchloſſen wurde,“ ſagte er mit Verachtung,„welches nur zwei Meilen von la Ro⸗ chelle, dem Mittelpunkte der abſcheulichſten Ketzereien, ent⸗ fernt iſt. Sehen Sie denn nicht ein, junger Menſch, daß der Prieſter, welcher ſie einzuſegnen glaubte, die Ausdün⸗ ſtungen der Ketzerei einathmete, daß er von ihnen an⸗ geſteckt war, und ſie durch alle ſeine Poren wieder von ſich gab? Uebrigens giebt es keine Heirath ohne früheres öffentliches Aufgebot in der Kirche.“ Ich war ſchon wüthend. Der Biſchof war im Be⸗ griffe, meine Heirathsurkunde zu zerreißen. Ich ftürzte mich auf ihn. André ſchleuderte mich ſeitwärts, und warf mich dann an das andere Ende des Saales; meine Ur⸗ kunde war in Stücken. — Ich wurde zornig, ich drohte, ich fluchte, wie ich glaube zum erſten Male in meinem Leben. Mein Schutzheiliger möge es mir verzeihen. André hielt mich. Der Biſchof läutete, daß alle Klingelſchnüre riſſen; ſechs bis acht junge Geiſtliche liefen herein, und bemächtigten ſich meiner. „Wie haben Sie,“ ſagte der Biſchof zu André,„es wagen können, dieſen Raſenden zu mir zu führen?“— „Monſeigneur, ich habe vergebliche Verſuche gemacht, ihn zurückzuhalten.“—„Wer ſind Sie? Woher kommen Sie?“—„Dieſer junge Menſch iſt der Enkel des großen Anton von Mouchy.“—„Wirklich, in der That?“—„Ja, Monſeigneur. Die unglückliche Liebe hat ſeinen Verſtand erſchüttert, ſo wie ich ſchon die Ehre gehabt habe, Ihnen zu ſagen, und ich führte ihn in das Spital von Montmv⸗ rillon. Wir find geſtern zu Saint⸗Junien angekommen. Er war ruhig und ich ließ ihn in den Umgebungen der Stadt friſche Luft ſchöpfen. Plötzlich bricht ein heftiger Anfall los, er flieht über die Felder; ich will ihn nicht aus dem Geſichte verlieren; es iſt mir folglich unmöglich, um⸗ zukehren, um ſeinen Wagen und ſeine Maulthiere zu holen. Ich bin gezwungen, ihm zu folgen, und er hält nicht eher als in Limoges an. Eure Hochehrwürden weiß das Uebrige.“—„Ich werde Ihnen einen Wagen und ſichere Leute geben, welche Sie bis nach Saint⸗Junien führen werden; aber ich erkläre Ihnen, daß ich Sie, wenn Sie wieder in Limoges erſcheinen ſollten, in die Gefäng⸗ niſſe des heiligen Amtes werde werfen laſſen.“ Eine Viertelſtunde darauf erſchienen Gerichtsdiener, 4* welche mir Eiſen an Hände und Füße legten. André be⸗ hauptete ſeine Rolle, indem er ihnen mit anſcheinendem Eifer half. Ich mußte mir dieſe Demüthigung gefallen laſſen. Bald trug man mich in einen bedeckten Karren, und wir ſchlugen den Weg nach Saint⸗Junien ein. Eine tiefe Niedergeſchlagenheit folgte auf die heftige Aufregung, welche mich faſt während dieſes ganzen trau⸗ rigen Tages bewegt hatte. Es lag nicht in den menſch⸗ lichen Kräften, dieſelbe länger auszuhalten. Sie mußte aufhören, oder der Unglückliche, der derſelben zum Opfer war, das Leben verlieren. Ich ſollte noch leben. Wir kamen zu Saint⸗Junien an, und Andrs ließ den Karren an den Thoren der Stadt anhalten.„Jetzt kann ich für ihn gut ſtehen,“ ſagte er zu meinen Wächtern. Er gab ihnen einige Thaler, ſie nahmen mir meine Eiſen ab, und machten ſich wieder auf den Weg nach Limoges. André faßte mich unter dem Arme, denn ich konnte mich kaum aufrecht erhalten. Wir traten bei unſerem Wirthe ein. Es war Nacht. Mein herrlicher, mein treuer André, mein einziger Freund ließ mich zu Bette gehen. Er brachte eine ſtär⸗ kende Suppe, und bald vergaß ich meine Leiden in den Armen des Schlafes. André rückte ſich einen Lehnſtuhl zu meinem Bette, und wachte bei mir bis zum Morgen. Mein Erwachen gab mich ſogleich der Erinnerung an meine Leiden wieder, aber ich war von einer außerordent⸗ lichen Schwäche, und konnte keine Bewegung machen. André, darüber beruhigt, daß er meiner Herr ſei, ver⸗ ſuchte es, die Hoffnung wieder in meinem Herzen aufleben zu laſſen. Er ſprach mir zuerſt von den dringenden Gefahren, denen ich mich zu Limoges ausgeſetzt hätte; das heilige Amt zu ſtören, das Chorgitter in einem Nonnenkloſter herunterzureißen verſuchen; einen Biſchof in ſeinem eige⸗ nen Palaſt an dem Körper anzufaſſen: das Alles waren Verbrechen, gegen welche, wie er mir ſagte, die göttlichen und menſchlichen Geſetze unfehlbar eingeſchritten wären, wenn er nicht den glücklichen Gedanken gehabt hätte, mich für wahnſinnig auszugeben. Ich fühlte, daß ſeine Klug⸗ heit und ſeine Zuneigung mich allein einem entehrenden Tode entzogen hatten. „Colombe, Colombe,“ ſagte ich mit faſt erſtickter Stimme,„iſt in Limoges geblieben, ſie hat mich erkannt, ſie iſt ohnmächtig geworden; vielleicht hat ſie jetzt ſchon ihr Le⸗ ben ausgehaucht.—„Mein Herr, ein liebendes Weib ſeufzt, weint, aber ſtirbt nicht.“—„Nun aber, wozu ſollen wir denn, ſowohl der Eine als die Andere, leben, wenn wir un⸗ widerruflich getrennt ſind!“—„Unwiderruflich? Warum das, mein Herr? Der Friede wird zu Bergerac geſchloſſen werden, weil der Hof der calviniſtiſchen Fürſten bedarf; Das, was ihnen denſelben vor einigen Tagen dauer⸗ haft zu machen ſchien, wird gerade das Mittel ſein, ihn abzukürzen. Der Herzog von Guiſe hat ein Intereſſe dabei, die Verwirrungen zu nähren, mittels deren er bis zu dem Throne zu gelangen hofft; es iſt wahrſcheinlich, daß er dem Grafen von Montpenſier eingeſchärft hat, den —— Reformirten ſolche Bedingungen zu gewähren, daß er, ſobald er will, die Katholiken gegen ſie zum Aufſtande bringen kann.“—„Nun, und was kümmert mich Krieg oder Friede?“—„Und das ſehen Sie nicht ein?— Sie haben Ihr Ernennungspatent zum Hauptmann behal⸗ ten, Sie bitten um eine Compagnie und erhalten dieſelbe, Sie dringen in die Landſchaft Limouſin ein, Sie verbin⸗ den ſich mit den Soldaten der Ligue, die Ihnen auf Ihrem Wege begegnen, Sie fachen ihre Luſt zum Plündern an, was ſehr leicht iſt, Sie wiſſen auch ſchon davon ein Lied zu fingen, Sie rühmen Ihnen die Reichthümer, welche Li⸗ moges in ſich verſchließt, und beſtimmen den General, in dieſe Stadt, ſei es als Freund oder als Feind, einzurücken. Während man die Stadt plündert, erſtürmen Sie mit Ihrer Compagnie das Kloſter der Auguſtinerinnen.“— „Ich befreie, ich entführe meine Colombe!“—„So iſt es recht!“—„Aber wird ſie mir auch folgen wollen?“— „Ja, weil ihr Herz Ihnen gehört.“—„Aber meine Hei⸗ rathsurkunde iſt zerriſſen.“—„Sie weiß doch, daß dieſe exiſtirt hat.“—„Der Biſchof und die Superiorin werden ihr vorgeſtellt haben, daß ihre erſte Verpflichtung nichtig ſei, weil es der vorhergehenden Formalitäten ermangelte, welche die Kirche vorſchreibt.“—„Sie werden ſie fragen, warum ein gelehrter Biſchof eine Urkunde zerreißen ſollte, von der er glaubt, daß ſie ungiltig ſei.“—„In der That.. André ich begreife.. Alles das kann wirklich ge⸗ ſchehen.“—„Und wird wirklich geſchehen.“ Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um ein gefühlvolles — Herz zu brechen, eine Kleinigkeit führt aber auch wieder den Frieden und die Hoffnung in daſſelbe zurück; ich be⸗ gann wieder in der Zukunft zu leben. Ein Gefühl, welches lange unterdrückt worden iſt, lebt wieder leicht auf, und es iſt geſchickt, es demjenigen enige⸗ genzuſtellen, welches unſer mächtiger Beherrſcher zu ſein ſcheint; das erſtere muß dann nothwendiger Weiſe das zweite mäßigen. „Mein Herr,“ ſagte André zu mir,„Sie haben Ihrer Mutter den Tod ihres Gatten mitgetheilt, aber haben Sie ſich ſeit jener Zeit auch nur einen Augenblick mit Derjeni⸗ gen beſchäftigt, der Sie das Leben verdanken, die Sie mit der größten Zärtlichkeit erzogen und Ihnen jenes Gefühl der Frömmigkeit eingeflößt hat, welches Ihren Kummer mildern und Sie ein beſſeres Leben erwarten laſſen kann, wenn dieſer Kummer ſo lange als ihr irdiſches Leben ſelbſt dauern ſollte? Eine wüthende Liebe hat Sie die Natur und jene ſüßen Empfindungen, welche niemals Unruhe verur⸗ ſachen und niemals Reue zurücklaſſen, vergeſſen gemacht; vielleicht iſt Ihre zärtliche Mutter ſchwach, krank, beinahe im Sterben und ruft Sie in dieſem Augenblicke; vielleicht glaubt ſie Sie in den Geſinnungen, die ſie Ihnen einflößte, geſtorben, und bittet Sie jetzt, ſie den himmliſchen Mäch⸗ ten zu empfehlen... Sie werden gerührt, mein Herr... Ihre Augen füllen ſich mit Thränen... Es iſt wahr, ich habe ſoeben gepredigt wie ein Miſſionär, und in der That, ich glaubte früher gar nicht, daß ich deſſen fähig ſei.“ „André, mein theurer André! ein Mann wie Du iſt — nicht geſchaffen, um mir zu dienen; ſei mein Freund und der uneigennützige Vertraute meiner Freuden und Leiden. Wir wollen mein kleines Vermögen und Das, was ich von der Erbſchaft meines Vaters noch zurückzufordern habe, gemeinſchaftlich genießen!“—„Alſo, mein Herr, wir werden nach Etampes reiſen, wenn Ihre Kräfte wie⸗ derhergeſtellt ſein werden?“—„Ich wollte, André, daß ſie es ſchon wären; wie viel Unrecht habe ich gut zu machen.“ —„Eine Mutter iſt immer geneigt es zu vergeſſen.“— „Ich werde der meinigen zu Füßen fallen.“—„Sie wird Sie an ihr Herz drücken.“—„Ich werde ihre Wangen mit meinen Thränen benetzen.“—„Sie wird ſie mit den ihrigen vermiſchen.“—„Ich werde ihr meine Sorgfalt widmen.“—„Mit welcher Befriedigung wird ſie dieſelbe aufnehmen.“—„Wir werden dann jenes kleine Gut kau⸗ fen, welches der einzige Gegenſtand meines Ehrgeizes iſt.“ —„Und wir werden daſelbſt philoſophiren, bis der Bür⸗ gerkrieg von Neuem entflammt wird.“ „André, ich fühle, daß ich ſchon im Stande bin abzu⸗ reiſen.“—„Mein Herr, ich bitte Sie um zwei Tage Ge⸗ duld.“—„Ich will abreiſen, ſage ich Dir.“— Mein Herr, man ſagt zu ſeinem Freunde nicht: ich will.“—„Du haſt Recht, André! Nun wohl, ich will Dir zwei Tage zuge⸗ ſtehen.“ — 5— Vierzehntes Kapitel. Abreiſe nach Etampes. André macht eine un⸗ vorhergeſehene Begegnung. Wir erfuhren zu Argenton, daß der Friede zu Berge⸗ rac unterzeichnet und von dem Könige zu Poitiers beſtäti⸗ get worden ſei; die Hugenotten von Chateaurour theilten uns die Bedingungen des Vertrages mit. Er beſtätigte die Zugeſtändniſſe, die ſie ſchon durch den Frieden von Sens erhalten hatten, er ſicherte ihnen den Beſitz aller ihrer feſten Plätze zu, und das hieß einen unabhängigen Staat im Staate exiſtiren laſſen. Die Kammern des Parlaments ſollten ohne Unterſchied ſowohl aus Katholiken als aus Reformirten beſtehen; das war ein ſicheres Mittel, um die Katholiken aller Stände aufzureizen. Ein wichtiger Artikel des Vertrags beſtimmte die Aufhebung der Pro⸗ ceſſionen, welche eingeführt worden waren, um die Er⸗ mordung des Prinzen von Condé zu Jarnac, und das Blutbad der Sanct⸗Bartholomäusnacht zu feiern. „Eine einfache Religion genügt dem Volke nicht,“ ſagte André;„es bedarf der Ceremonien, welche zu den Augen ſprechen. Mönche werden den Fanatismus anfachen, und der Hof wird ſich genöthigt ſehen, die Parlamente von den Hugenotten zu reinigen und die Proceſſionen wie⸗ der herzuſtellen; wenn er ſich dem widerſetzt, wird die Li⸗ gue wieder die Waffen ergreifen, wenn er nachgiebt, wer⸗ den die Proteſtanten wieder den Krieg beginnen, und ſo iſt, auf welche Art die Sache auch ausſchlägt, ein naher Bruch unvermeiblich.“ André trug Sorge dafür, Abwechslung in das Ge⸗ ſpräch zu bringen; die Abwechslung verſcheucht die Lange⸗ weile und oft auch die traurigen Betrachtungen. Er wußte Intereſſe zu erwecken, welchen Gegenſtand er auch immer behandeltez der Zufall hatte mir einen Diener verſchafft, mein gutes Glück hatte mir einen Freund gegeben. Wir reiſten gegen Etampes zu, indem wir von Allem ſprachen und Nichts vollkommen ergründeten; gewiſſe Wirthshausbeſitzer begannen ſchon Betten für den Ge⸗ brauch der Reiſenden einzurichten. Man fand zwar bei ihnen noch Richts als Brot und Wein, aber die Märkte wurden in Folge des Friedens wieder beſucht. Jedermann ging dorthin, um zu kaufen, was ihm gefiel, und kam wie⸗ der zurück, um ſeine Vorräthe in dem Wirthshauſe kochen zu laſſen. Das wurde dann gewöhnlich ſehr ſchlecht zube⸗ reitet, aber wenigſtens war man ſicher nicht vor Hunger zu ſterben und nicht auf dem Felde ſchlafen zu müſſen. Wir waren ſoehen in Montargis eingezogen; André beſorgte ſeinen Gang nach dem Markte, und kam bald mit Gemüſen und einer fetten Gans zurück.„Nun wohlan, mein Herr, laſſen Sie uns fröhlich ſein, daraus können wir uns ein gutes Eſſen bereiten, wenn ich heute ſo viel Talent für die Küche beweiſe, als ich bis jetzt wenig davon gezeigt habe. Ich will Ihnen eine Suppe bereiten, in welcher der Löffel aufrecht ſtehen muß; ich werde unſere Gans bralen laſſen. Wir werden die eine Hälfte davon — heute eſſen, die andere werde ich in unſern Wagen legen, und wir werden morgen während des Fahrens und des Plauderns daran knabbern.“ Er findet einen Keſſel unter der Hand, ſowie auch ein wenig Brunnenwaſſer. Das iſt genug, um eine Suppe zu bereiten; eine Hand voll Salz und ein wenig Fett von unſerer Gans wird ſie vortrefflich machen. Er wandelt einen Stock in einen Rührlöffel um, und unſere Küche iſt vollkommen ausgeſtattet. Während er ſo ging und kam, und ſeine Anſtalten traf, erzählte er immer mehr oder weniger ſcherzhafte Geſchicht⸗ chen; der Wirth, die Wirthin und ihre Kinder hörten ihm mit weitgeriſſenem Munde und Augen, ſoweit die Natur ihnen dieſelben geſpalten hatte, zu.„O Herr André,“ rief endlich Meiſter Jacob,„Sie ſind ein ausgezeichneter Koch und ein großer Erzähler! Wenn Sie aus den Dienſten des Herrn Hauptmann in die meinigen übertreten wollten, ſo würden Sie das Glück des Wirthshauſes zum königlichen Holzſchuh machen, und ich würde Ihnen die Hälfte meines Gewinnes geben.“ André erwiderte ihm mit einer ſehr gut erfundenen Lobrede, welche beweiſen ſollte, daß Der⸗ jenige, welcher ſich mit einem Schlaueren als er ſelbſt iſt verbindet, ein Dummkopf ſei. Meiſter Jacob antwortete durch eine tiefe Verbeugung, und die Erzählungen begannen wieder.„Meiner Treu, meine Herren,“ ſagte der Wirth, während wir zu Mittag aßen, zu uns,„Sie ſollten in die Komödie gehen.“— „Man ſpielt zu Montargis Komödie?“—„Gewiß, mein — Herr.“—„Und wo das?“—„In freier Luft! Es iſt ein Bajazzo da, welcher zum Entzücken dumm iſtz ein Scara⸗ muz, welcher ein feiner Schlaukopf iſt, und eine Colom⸗ bine! O, was für eine Colombine! Sie iſt weiß wie Milch, dick wie ein Thurm und tanzt den Eiertanz mit der Leich⸗ tigkeit eines Vogels. Sie hat den Mund voll von zwei⸗ deutigen Wörtern, die uns lachen machen, aber ſo lachen... Gehen Sie hin ſie zu ſehen, meine Herren, Sie werden ſo zufrieden damit ſein, daß Sie ſich nicht enthalten werden können, ein Fläſchchen von ihrem Balſam zu kaufen.“ „Nun wohl, mein Herr, haben Sie jetzt ein wenig ge⸗ geſſen?“—„Sehr gut, mein Freund André.“—„Ein tüchtiger Hunger iſt ein guter Koch; denn ich habe Ihnen in der That keine ſehr große Tafel aufgetragen. Wollen Sie jetzt, daß wir hingehen und den Eiertanz der Colom⸗ bine tanzen ſehen.“—„Ich will es ſehr gern, mein Freund André!“ Auf dem großen Platze von Montargis war ein Thea⸗ ter aufgeſchlagen, welches man ſchon in einer Entfernung von ſechzig Schritten bemerkte; acht leere Fäſſer trugen die zwei größten Tiſche des benachbarten Wirthshauſes. Stricke, welche über Holsſtücke, die in der Erde befeſtigt worden, geſpannt waren, trugen die Decorationen, welche die Sonne, der Wind und der Regen beinahe unkenntlich gemacht hatten. André, ein großer Kenner darin, behaup⸗ tete, daß ſie früher einen Wald vorgeſtellt hätten, und er ſchwur mir, daß er den Schwanz eines Tigers, deſſen Kör⸗ per freilich verſchwunden war, vollkommen genau unter⸗ —— ſcheide.„Auf dieſe Art, mein Herr,“ ſagte er zu mir, „ſpielt die Scene zu gleicher Zeit in Afrika und auf dem Hauptplatze von Montargis.“ Der Vordergrund war mit kleinen Fläſchchen geziert, welche ſehr künſtlich in Trage⸗ körben geordnet waren. Ein Satyriker dieſer Stadt, es giebt deren überall, ſagte zu den lammfrommen Leuten, die ihn umgaben, daß die Aerzte den Verkauf dieſer ſchäd⸗ lichen Pillen und Eſſenzen nur deshalb erlaubten, um die Krankheiten zu vermehren, und dann die Ehre und den Vortheil zu haben, ſie zu heilen.„Aber werden ſie die⸗ ſelben denn auch wirklich heilen?“ fragte ihn André.— „Meiner Treu, mein Herr, zwiſchen einem Empiriker, der ein Diplom hat, und Einem, der keines hat, iſt der Unter⸗ ſchied ſehr gering; und wenn ein Kranker nach allen Re⸗ geln ſtirbt, ſo begräbt man ihn auf dieſelbe Art, und es iſt nicht mehr die Rede von ihm; ſeine Erben lachen oder weinen und fordern ihn niemals zurück.“ Das Schauſpiel begann; Scaramuz hielt eine Rede, in der kein geſunder Menſchenverſtand war. Bajazzo kam dann und ſagte Dummheiten; Colombine lief nun herbei und gab ihm mit einer ganz beſonderen Anmuth fünf bis ſechs Ohrfeigen: dann ergriff ſie das Wort und ſprach.. Sie ſprach in einer Art und Weiſe, welche alle Bewohner von Montargis überreden mußte, ſelbſt noch an dieſem Abende von ihrem Balſam zur Reinigung des Blutes ein⸗ zunehmen. André murmelte Anfangs Etwas zwiſchen ſeinen Zäh⸗ nen.„Mein Herr,“ ſagte er bald zu mir,„ich befinde mich hier nicht wohl, laſſen Sie uns fortgehen.“—„Und der Eiertanz, mein Freund?“—„O! meiner Treu, mein Herr, ſehen Sie ihn doch tanzen, wenn Ihnen das Ver⸗ gnügen macht; ich kehre zu Meiſter Jacob zurück.“ Schon hatte Scaramuz drei Mal mit ſeiner Stentor⸗ ſimme Stillſchweigen geboten, ſchon hatte Colombine mit⸗ ten in ihrer Rede inne gehalten; André entfernte ſich, ſo wie er mir geſagt hatte. Plötzlich ſpringt Colombine fort; ſie wirft durch den Sprung den Tiſch, welcher ihr Vermögen trägt, um; nicht Ein Fläſchchen iſt mehr ganz. Die koſtbare Arzuei tröpfelt auf die Geſichter Derjenigen, welche die Liebe zur Kunſt bis an den Rand des Theaters getrieben hatz ſie ſchneiven Geſichter, vor welchen ſelbſt der Herzog von Guiſe zurück⸗ gewichen wäre. Bajazzo und Scaramuz reißen ſich die Haare aus; Colombine theilt das Gedränge und faßt An⸗ dré bei ſeinem Mantel.„Ich laſſe ihn Dir, Madame Po⸗ tiphar,“ ſagte er zu ihr,„mache Deinem Scaramuz ein Paar Beinkleider daraus!“ und er läuft, als ob funfzig Hugenotten hinter ihm her wären. Ich fange an eine thea⸗ traliſche Erkennungsſcene vorherzuſehen, und ich beeile mich auch meinerſeits, um die Entwickelung nicht zu ver⸗ ſäumen. André war zu Meiſter Jacob zurückgekehrt, und Co⸗ lombine folgte ihm auf dem Fuße; erdurchfliegt das Haus, tritt in den Stall ein, kauert ſich unter unſere Maulthiere und erwartet ſo auf der Streu liegend, was dem Ge⸗ ſchicke gefallen wird über ihn zu verhängen. Eolombine —— = 83= verläßt ihn nicht; ſie iſt die moderne Venus, die auf ihre Beute verſeſſen iſt. »Mein lieber André, mein lieber kleiner Mann! kannſt Du Deine Wilhelmine verkennen, von Dir ſtoßen?«— „Meine Wilhelmine? Wie ſchön ſie jetzt iſt!“—„Schön oder nicht; ich bin Deine Frau.“—„Und die welcher Aller noch, ſeit der Sanct⸗Bartholomäusnacht!“—„O! mein Freund, es iſt eine ſchreckliche Sache um die Noth.“— „Und Du ſagteſt doch ſpeben, daß Du nur aus Liebe zur Menſchheit Pillen verkaufteſt.“—„Das find Lügen, welche die Eigenthümlichkeit haben, Thoren zu täuſchen.“ Sie waren aufgeſtanden, und ſie ſetzten ihr eheliches Geſpräch in einer etwas bequemeren Stellung fort. „Du biſt jetzt wie ein Prinz angezogen, Du biſt alſo reich; kannſt Du es dulden, daß Deine Frau eine Gaukle⸗ rin unter freiem Himmel ſei?“—„Sie möge ſein, was ſie nur immer will.“—„Dieſe Wilhelmine, welche Dein Lager getheilt hat.“—„Das wird nicht mehr geſchehen, beim Teufel! Nein!“—„Mein kleiner André, mein lie⸗ ber André!“—„Meine dicke Dirne, geh zu allen Teu⸗ feln!“—„Iſt das Dein letztes Wort?“—„Mein aller⸗ letztes.“ Mehrere mehr oder minder kräftige Ausrufungen ließen ſich vernehmen, während André, der Eile hatte, dieſe Stadt des Unglücks zu verlaſſen, unſere Maulthiere an den Wa⸗ gen ſpannte.„So, Du willſt Dich alſo von mir entfernen, mich verlaſſen; jetzt, wo mir nicht ein Tropfen von meinem Valſam geblieben iſt! Schändlicher Spitzbube, Ungeheuer, —— ich will Dir die Augen auskratzen!“ Mit einer Handbe⸗ wegung hatte ſie André in den Hintergrund des Stalles geſchleudert.„Eine Frau zu ſchlagen, und noch dazu ſeine eigene! Zu Hilfe, Diebe, Mörder!“ Die Zuſchauer waren ohnedies ſchon zahlreich; das Geſchrei Wilhelminens zog noch die große Maſſe herbei. Dieſer Auftritt mißfiel mir ſehr; nichtsdeſtoweniger blieb ich unthätig, in der Ueberzeugung, daß häuslicher Streit das Publikum Nichts angehe. Die beiden Gerichtsdiener, welche beſonders beauftragt waren, das Schauſpiel zu beſchützen, miſchten ſich in dieſe Angelegenheit; ſie be⸗ gann ſchon verwickelt zu werden, und ich hielt es nicht für geeignet, ſie dadurch noch mehr zu verwickeln, daß ich dieſen beiden Schlingeln da mit meiner Waffe das Geſicht zeichnete. Sie zeigten André'n an, daß er ſie zu dem Herrn Stadtrichter begleiten müſſe, welcher allein in einer ſo zar⸗ ten Angelegenheit Recht ſprechen könne; ich rieth André, ſich nicht gegen die Diener der Gerechtigkeit aufzulehnen. „Ach, zum Teufel!“ ſagte er zu mir,„es iſt für mich ſchon ganz genug, es mit meiner Frau zu thun zu haben.“ In der Mitte unſeres Weges ſchloſſen ſich zwei Ad⸗ vocaten und zwei Anwälte an die Gaiten anz ſie erklär⸗ ten, daß ſie, ein Paar für die Klägerin und ein Paar für den Gatten, Partei ergreifen wollten. Dabei iſt zu be⸗ merken, daß keiner von den Vieren ſchon den eigentlichen Stand der Sache kannte; aber die Männer des Geſetzes ſuchten damals, wie die Raben, überall nach Beute. Der Herr Stadtrichter empfing die Parteien und ihre Vertheidiger mit ſehr vieler Würde; die Anwälte ſetzten ſich, zogen ihre Schreibzeuge aus der Taſche, kritzelten Je⸗ der vier Zeilen in Form eines Geſuches und übergaben ſie demüthig der Gerichtsperſon. Die Advocaten huſteten, ſpuckten aus, wiſchten ſich den Mund ab, bereiteten ſich zum Sprechen vor, und ſie wußten noch nicht einmal, wo⸗ von die Rede war. Der Herr Stadtrichter legte den Parteien die bei Ge⸗ richt gewöhnlichen Fragen vor, und Anwälte und Advoca⸗ ten erfuhren, daß Colombine die geſetzmäßige Frau An⸗ dré's ſei, daß ſie ihren Mann wieder haben, ihr Mann ſie aber nicht wieder nehmen wolle.„Aber,“ ſagte der Stadt⸗ richter zu Letzterem,„Sie haben ihr Schutz verſprochen.“ —„Ja! aber ſie hat ſich von Anderen beſchützen laſſen; übrigens hat ſie mir Treue verſprochen..—„Und ſie hat dieſelbe niemals verletzt,“ rief ihr Advocat.—„Was wiſſen Sie davon, Sie Herr Schreier?“—„Seht dieſe unſchuldige Miene, dieſe niedergeſchlagenen Augen, dieſe beſcheidene Röthe: wenn es wahr iſt, daß das Antlitz der Spiegel der Seele iſt, welche Seele iſt dann reiner als die Colombinens?“ Der Advocat André's wollte antworten:„Ich habe Sie nicht in Anſpruch genommen,“ ſagte mein Philoſoph zu ihm, eben ſo wenig als den Anwalt dort, der ſo eifrig im Schreiben iſt; ich erkläre dem Herrn Stadtrichter, daß ich meine Sache ſelbſt führen will, und Niemand kann mir das Recht dazu ſtreitig machen.“—„Er hat Recht,“ ſagte der Richter. Alſogleich ſteckte der Anwalt André's ſein Biblioth. 326 Boch. 5 — 66— Schreibzeug in ſeine Taſche; ſein Adoveat hob ſeine Robe auf, und Beide zogen ſich zurück, nachdem ſie der Magi⸗ ſtratsperſon eine tiefe Verbeugung gemacht hatten. „Wenn es wahr iſt,“ ſagte André,„daß das Geſicht der Spiegel der Seele ſei, ſo betrachten Sie, mein Herr Stadtrichter, dieſe eine Augenbraue, welche in die Höhe ſteigt, dieſe andere, welche ſich ſenkt; dieſe kupferrothe Hautfarbe, dieſes wüthende Auge, dieſe von Tabakſaft triefende Naſe, und urtheilen Sie ſelbſt, welche Seele unter einer ſolchen Hülle, wie dieſe hier, wohnen müſſe.“ „Herr Stadtrichter,“ erwiderte der Advocat Eolom⸗ binens,„ich geſtehe zu, daß ich die Reize meiner Clientin ein wenig übertrieben habe; aber im Grunde iſt es bei dieſer Angelegenheit gleichgiltig, ob ſie Tabak ſchnupfe, und ob ihre Augenbrauen eine gerade Linie bilden oder 5 nicht; ich könnte ſogar im Gegentheil aus dieſen kleinen Unſchönheiten, welche ihr ein grauſamer Gatte vorwirft, beweiſen, daß eben ſie die Bürgen unverletzter Treue ſind. Und wenn ſie ihre Verpflichtungen gehalten, ſo kann Nichts meine Gegenpartei davon befreien, auch die ihrigen zu halten, und ich verlange, daß ſie einander in die Arme ge⸗ legt werden.“ 5 „Eigenſinniger und hartnäckiger Advocat! ich behaupte, daß Colombine alle Bande, welche ſie an mich feſſelten, zerriſſen, gebrochen, vernichtet hat.“—„Und der Beweis dafür?“—„Nun, zum Teufel! Kann man denn einen Beweis für eine ſolche Sache bringen? Sie war nicht immer ſchlecht gebaut und häßlich; was ſollte ſie ſeit den zwanzig Jahren, die ſie in der Welt umherläuft, gemacht haben?“ „Kinder!“ ſagte Meiſter Jacob. Er nahm Antheil an uns, und während man ſich in Gegenwart des Herrn Stadtrichters zankte, war er gegangen und hatte Erkun⸗ digungen eingezogen. Colombine lebte ganz und gar wie in der Ehe mit Scaramuz, und zwei Kinder wälzten ſich in der Scheune, welche ihnen zur Behauſung diente, herum. „Das ſind Beweiſe, Advocat; was haben Sie denen entgegenzuſtellen? Werden Sie verlangen, daß ich Colom⸗ bine wieder zu mir nehme und für die Söhne des Herrn Scaramuz ſorge? Menelaus legte Troja in Aſche, um ſich ſeine ungetreue Gattin wieder zu erobern; ich wäre im Stande Montargis zu verbrennen, um die meinige wieder los zu werden.“ „Advocat,“ ſagte der Stadtrichter,„Ihre Sache iſt nicht haltbar; ich entlaſſe die Parteien aus dem Gerichts⸗ hofe, und verbiete Colombinen fernerhin die Ruhe des Herrn André zu ſtören.“—„Und meine Koſten, Herr Stadtrichter?“—„Ihre Partei muß ſie bezahlen.“— „So, Herr Richter, Sie veruxtheilen mich in die Koſten, das iſt ſehr leicht; aber mich zum Zahlen zu bringen, beim Teu⸗ fel! das wird ein Kunftſtückſein, denn ich habekeinen Sou.“ André hatte mir oft gute Rathſchläge gegeben, jetzt wurde ich meinerſeits der vernünftige Mann.„Wilhel⸗ mine iſt tief geſunken,“ ſagte ich zu ihm,„aber ſie hat Dich doch auf einige Zeit glücklich gemacht; Du mußt ſie nicht ganz vergeſſen.“—„Wenn dieſer Spitzbube von Bettler nut nicht meinen Reiſeſack geſtohlen hätte, ſo würde ich ſeinen ganzen Inhalt Wilhelminen geben, um Nichts mehr von ihr reden zu hören. Wenn ich nicht meine Börſe, meine letzte Hilfsquelle, in die Schürze meiner Stiefmutter ge⸗ leert hätte...“—„Hier iſt eine volle. Benimm Dich wie ein Ehrenmann⸗“ André führte meinen Vorſchlag mit ſehr vielem An⸗ ſtande aus. Der Richter bezeigte ihm ſeine Zufriedenheit darüber und ließ Wilhelminen ihr Unterſchriftskreuz unter eine Urkunde ſchreiben, kraft welcher ſie, und zwar für im⸗ mer, allen Anſprüchen auf ihren Gemahl entſagte. Der Advocat ſchrie; ich gab ihm zwei Thaler, die er mit dem Aswalt theilen ſollte. Er grüßte uns mit einer ſehr anmuthsvollen Miene und verſchwand. Colombine kehrte zu ihren kleinen Scaramuzen zurück; wir gingen, dem Meiſter Jacob zu vanken und ihn zu bezahlen. Zehn Minuten ſpäter waren wir auf dem Wege nach Nemours; es war Nacht, aber André hatte Montargis nicht früh genug verlaſſen zu können geglaubt. Seine Einbildungskraft war heftig aufgeregt, und er glaubte Colombine jeden Augenblick in unſern Wagen ſpringen und ſich an ſeine Seite ſetzen zu ſehen. Die Ereigniſſe des Abends boten uns einen reichlichen Gegenſtand des Geſpräches dar. Es wäre ein Band dar⸗ aus geworden, wenn man Das aufgeſchrieben hätte, was wir über die Unauflösbarkeit der Ehe ſprachen. André fand dieſes Band in ſchnurgeradem Wiverſpruche mit der — 069— Natur. Ich behauptete, daß es das Glück von Gatten aus⸗ mache, die gut zu einander paſſen.„Sie haben Ihre Gründe, um das ſo zu betrachten, mein Herr, und ich habe auch meine guten Gründe dafür, es anders anzuſehen.“ —„André, wir ſind Alle gleichmäßig organiſirt, und was für die Organiſation des Einen paßt, muß auch für die des Andern paſſen.“—„Einen allgemeinen Grundſatz über unſere moraliſchen Anlagen aufzuſtellen, iſt ein Un⸗ ſinn. Wir haben Alle zwei Arme und zwei Beine, und wir können ſie doch nicht Alle gleich gut gebrauchen. Es giebt Menſchen, welche ſechs Fuß, andere, welche nur vier Fuß hoch ſind, Dummköpfe und Leute von Geiſt. Ich werde, wenn Sie es wollen, zugeben, daß ihre Organifation die nämliche iſt, aber ich werde hinzufügen, daß die Ergebniſſe weſentlich verſchieden find. So verachte ich die Ehe, und Sie vergöttern dieſelbe. Und vielleicht iſt dieſer Gegenſatz unſerer Gedanken in Bezug auf die Ehe doch nur die na⸗ türliche Folge der verſchiedenen Umſtände, in welchen wir beide, Sie und ich, uns befinden. Ich heirathe Wilhelmi⸗ nen jung, hübſch, friſch wie eine Roſenknospe, und ich finde Anfangs meine Lage köſtlich. Ein Jahr, zwei Jahre ver⸗ fließen ohne Wolken, ohne Widerſpruch; aber das köſtlichſte Kleinod wird, wenn man es immer am Finger trägt, zu⸗ letzt nur noch von Denen bemerkt, die es nur vorübergehend ſehen. Die Sanct⸗Bartholomäusnacht kommtz ich verliere mein Kleinod und tröſte mich leicht mit dem Gedanken darüber, daß ich mir doch das Leben gerettet habe. Ich finde Wilhelminen Jahre darauf, häßlich, ſchlecht gebaut, — 60— den Eiertanz tanzend, und Balſam verkaufend wieder. Wer Teufel könnte an meiner Stelle die Ehe ſegnen? „Sie verbinden ſich mit Colomben und man entführt ſie Ihnen, ſo wie Sie aus der Kirche treten. Sie kämpfen, um ſie wieder zu erobern, und ein Mädchenräuber ſtößt Sie in die Seite. Der Prinz von Condes und der Marſchall von Biron ſchlagen ſich, und Sie verlieren Ihre Gattin, die es nur erſt dem Namen nach iſt, wieder. Sie finden ſie zu Luſignan wieder, aber Ihre Wunde beſchränkt Sie auf das bloße Betrachten. Sie werden endlich wirklich ihr Gatte, und acht Tage darauf trennt Sie Frau von Mont⸗ baſon von ihr. Jeder Menſch iſt mehr oder weniger eigen⸗ ſinnig; dieſe vielfachen Hinderniſſe hätten hingereicht, Ih⸗ nen Liebe einzuflößen, wenn Sie nicht ohnedies ſchon zum Sterben verliebt geweſen wären, und ich glaube, mein Herr, daß die Standhaftigkeit eine Tochter des Mißge⸗ ſchickes iſt. Der weſentlichſte Vortheil, den Sie vor mir voraus haben, iſt der, daß Colombe in einem Kloſter iſt, und daſelbſt bleiben wird, bis Sie ſie daraus befreien kön⸗ nen. Wir wollen ſehen, was dann aus Ihrer Liebe wer⸗ den wird.“ Ich proteſtirte ſehr lebhaft gegen die Ungewißheit, welche André überzukünftige Gefühle bezeigte. Ich ſchwur, daß, wer Colomben liebt, ſie ſein ganzes Leben lang lieben müſſe, daß unſere Liebe ein integrirender Theil unſeres Seins geworden iſt, daß ſie nicht allein nicht erlöſchen, ſondern nicht einmal die leiſeſte Anfechtung erfahren könne. „Und wenn ſie erlöſchen würde, mein Herr, was wäre das weiter als etwas ſehr Gewöhnliches?“—„Es iſt un⸗ möglich, André.“—„Wie viele Liebenden haben nicht ſchon dieſelbe Sprache geführt; dieſelben Schwüre gegen einander ausgetauſcht, und damit geendet, daß ſie ſich nicht ausſtehen konnten.“—„André, Du verleumdeſt mein Herz und das von Colomben.“—„Glauben Sie, mein Herr, daß die Natur zwei ganz beſondere Herzen für Sie geſchaffen hat? Iſt übrigens die vollkommenſte Gleich⸗ giltigkeit nicht hundertmal dieſem Fieber, dieſer Raſerei vorzuziehen, welche Sie ſo oft peinigt, und welche Ihnen ſchon zehnmal beinahe das Leben gekoſtet hätte?“— „Heißt denn nicht Lieben auch Leben?“—„Meiner Treu, mein Herr, ich befinde mich ſehr wohl und ich bin nicht verliebt, und ich will auch hoffen, es nie mehr zu werden.“ —„Wernichtliebt, der iſt ein entwürdigtes Weſen, der ve⸗ getirt blos.“—„Ich glaube, mein Herr, es iſt aber doch beſſer, ein Myrthen⸗ oder Orangenbaum zu ſein, als ein Tiger.“—„André, wird der Bürgerkrieg bald wieder beginnen?“ Dieſer Mann, den ich blos in die Klaſſe der Vegetabilien geſtellt hatte, kannte keine Rachſucht und ſprach mit vieler Folgerichtigkeit. Er ſtellte mir vor, daß ich, ehe ich daran denken könne, Colombe zu befreien, erſt hingehen und Das, was mir meine Pflicht gegen meine Mutter vorſchreibe, erfüllen müſſe, daß ich aus ihren Händen Das, was mir noch aus dem Nachlaſſe meines Vaters zukäme, erhalten und dann ein Gütchen und ein Haus kaufen müſſe;„denn am Ende wäre es wohl ſehr ſchön,“ ſagte er zu mir,„Ihre — Gemahlin zu kefreien, aber man muß ſie auch irgendwo einquartieren. Wenn dieſe Voranſtalten getroffen find, wollen wir das Kriegsfeuer anblaſen, wenn anders unbe⸗ deutende Privatleute, wie wir, ihre Hand an den Griff des Blaſebalgs legen können.“ Wir zogen mit den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne in Nemours ein, und Andié machte mich darauf aufmerkſam, daß es Zeit ſei, der Metaphyſik der Liebe zu entſagen, um uns mit materielleren Gegenſtänden zu be⸗ ſchäftigen. Wir hatten Tags zuvor nicht auAbend gegeſſen und es war jetzt Zeit zu frühſtücken. Wir fanden ein etwas weniger ſchlechtes Unterkommen als zu Montargis. Alles vergrößert und verbeſſert ſich in dem Maßſtabe, als man ſich der Hauptſtadt nähert. Wir fanden bei Meiſter Martin ſechs Strohftühle, ſechs Löffel, ſechs eiſerne Gabeln, ſechs Teller, und ein Bett, welches für vier Leute breit genug, und mit allen dazu gehörigen Betttüchern verſehen war. In der That dienten ſie wäh⸗ rend acht Tagen allen Reiſenden, welche bei Meiſter Mar⸗ tin abſtiegen, weil er bis jetzt erſt zwei Paare von denſel⸗ ben hatte; aber dafür ſagte er uns auch, daß es uns frei⸗ ſtehe, uns nicht auszukleiden. Meiſter Martin hatte die glückliche Idee gefaßt, ſelbſt für die Bedürfniſſe der Reiſenden zu ſorgen. Eine gebra⸗ tene Kalbskeule zierte ſeinen Schenktiſch, und zwei Kanin⸗ chen in Gewürzſauce kochten auf einem Ofen. Wie die Be⸗ quemlichkeiten des Lebens mit den neuen Erfindungen Hand in Hand gehen! Wenn dieſer Schurke von Omar nicht die 5— Bibliothek zu Alexandria verbrannt hätte, wer weiß, wie viele verloren gegangene Dinge wir jetzt zur Hand hät⸗ ten.„Vielleicht waren vie großen Heerſtraßen des baby⸗ loniſchen Reiches im Winter wie im Sommer fahrbar.“ —„Es iſt wenigſtens ausgemacht, daß die römiſchen Stra⸗ ßen es waren.“—„Vielleicht fanden die babyloniſchen Reiſenden von Entfernung zu Entfernung bequeme und weiche Wagen und untergelegte Pferde zu ihrer Verfü⸗ gung, die ſie den Raum mitungeheurer Schnelligkeit durch⸗ fliegen ließen.“—„Es iſt gewiß, André, daß dieſe Trans⸗ portmittel den Römern unbekannt waren.“—„Vielleicht gab es in Aſſprien elegante, reichlich mit allen Dingen ver⸗ ſehene Wirthshäuſer, in welchen, gegen Entrichtung einer kleinen Entſchädigung, ein Satrap ſich ſo wohl als in ſei⸗ nem Palaſte befunden hätte.“—„Die römiſche Geſchichte ſpricht nicht von derartigen Wirthſchaften, alſo waren ſie den Römern unbekannt.“ „Worüber brüteſt Du denn, André?“—„Ich über⸗ lege, mein Herr, daß wir ſoeben, ohne daran zu denken, einen neuen Zweig des Gewerbfleißes und des öffentlichen Nutzens entdeckt haben, welcher vielleicht in irgend einem Manuſeript der Bibliothekzu Alexandriaverzeichnet ſtand.“ —„Mein lieber Freund, es iſt dem menſchlichen Geiſte vergönnt, einen ziemlich ausgedehnten, aber doch beſchränk⸗ ten Kreis zu durchlaufen. Wenn der Menſch den Umfang dieſes Kreiſes durchlaufen hat, ſo bleibt er ſtehen, und wenn politiſche oder phyſiſche Revolutionen die bereits er⸗ worbenen Kenntniſſe vernichten, ſo beginnt er ſeinen Kreis⸗ — lauf von Neuem. Und ſo ſind denn vielleicht ſehr viele Entdeckungen, welche in der neuen Zeit angeblich erſt ge⸗ macht wurden, nur Dinge, die in der alten ſchon abgenutzt waren.“—„Sie haben Recht, mein Herr, aber Diejeni⸗ gen, welche ſie wieder aufgefunden, haben nicht weniger Verdienſt als die erſten Entdecker, und wir können uns unter die Zahl jener modernen bevorzugten Weſen ſtellen.“ —„Wie ſo das, André?“—„Haben wir nicht ſoeben erfun⸗ den, daß man Wege herſtellen könne, die im Winter wie im Sommer fahrbar find? Haben wir nicht ſoeben öffent⸗ liche Wagen erfunden, deren Lauf durch untergelegte Pferde beſchleunigt werden ſoll?“—„Und prächtige Wirths⸗ häuſer, in denen die Reiſenden beherbergt werden ſollen... —„Einen Augenblick, mein Herr, jede neue Entdeckung muß mit einem neuen und wohlklingenden Namen ge⸗ ſchmückt werden. Beherbergt, beherbergt... Berherber⸗ gen heißt ſo viel als bei ſich aufnehmen, einquartieren. Un⸗ ſere neuen Wirthſchaften ſollen Herbergen heißen.“— „Gut erfunden, André.“—„NRicht wahr, mein Herr?“— „Aber da wir keine römiſchen Straßen bauen, und öffentliche Wagen, welche Frankreich nach allen Richtungen vurcheilen, eben ſo wie Herbergen von Strecke zu Strecke herſtellen können, ſo werden wir wohl unſere Entdeckung wieder fahren laſſen müſſen.“—„Sie fahren laſſen, mein Herr? niemals. Während Sie Ihre Geſchäfte in Etampes ordnen, ſchreibe ich unſere neuen Gedanken nieder, und ſtelle ſie dabei in dem günſtigſten Lichte dar. Wenn ſie uns auch nicht Vermögen eintragen können, ſo müſſen ſie uns — — wenigſtens Unſterblichkeit verleihen. Ich nenne die großen Straßen Andréaden und die Wagen Mouchetten.“— „Gut, mein lieber André, ſehr gut, vortrefflich.“—„Ich gehe nach Paris, ich laſſe mein Werk drucken und vertheile es mit der Genehmigung der Sorbonne unter das Publicum.“ —„André, ich mache da eine Bemerkung.“—„Nun, und welche, mein Herr?“—„Du biſt ein Ehrſüchtiger.“ —„Wie ſo das?“—„Bevor es Herbergen und öffent⸗ liche Wagen giebt, müſſen die großen Straßen exiſtiren; die großen zu jeder Zeit fahrbaren Straßen find die noth⸗ wendige Grundlage unſeres ganzen Planes, und Du giebſt ihnen ganz großartig Deinen Namen?“—„Weil ich es war, mein Herr, der unter den Ruinen von Babylon die unzerſtörbaren Straßen hervorgegraben hat.“—„Und ich habe an die der Römer erinnert.“—„Das iſt eine Erinnerung, und es iſt ein ungeheurer Unterſchied zwiſchen einer Erinnerung und einer Entdeckung. Unſere prächtigen und unzerſtörbaren Wagen ſollen Mouchetten heißen.“— „Nein, Andréaden.“—„Mouchetten, ſage ich Dir.“ —„Ich werde in einem ſo wichtigen Punkte nicht nach⸗ geben.“—„Sie werden nachgeben, mein Herr.“—„O Sie werden zornig, Sie nennen mich„mein Herr«? Mäßigen Sie ſich, und geben Sie dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt.—„Sie und ein Kaiſer!“—„Alles iſt rela⸗ tiv.—„Ich verſtehe Sie. Sie ſind wohl der Adler und ich der Sperling.“—„Ha, ha, ha!...—„Wie? Sie lachen? ha, ha, ha? Sie ſind ein unverſchämter Menſch.“ Ich ſtehe wüthend auf, ich werfe den Tiſch um. Drei von — 6 den ſechs Tellern Martins und eine Weinkanne ſind zer⸗ brochen, die Ueberreſte von unſerer Gewürzſauce und von unſerem Wein überſtrömen die Dielen. Ein Hund von dem Viehhofe fährt André'n zwiſchen die Beine und wirft ihn dadurch noch dazu auf die Trümmer unſers Frühſtückes hin. „Meiner Treu,“ ſagte er,„da wäre ich denn von Ba⸗ bylon zurück und in eine Lage gekommen, die geeignet iſt, die Rauchwolken der Eitelkeit zu zerſtreuen.“ Ich fing an zu lachen, und der gute André lachte auch. Er zog ſeine Beinkleider aus, und Meiſter Martin übernahm es, ſie wieder in einen brauchbaren Zuſtand zu verſetzen. Wir legten uns zu Bette und bei unſerem Erwachen war nicht mehr weder von Mouchetten, noch von Andréaden die Rede. So verſchwindet oft ein glücklicher Gedanke vor einem Zufall, welcher unſere Aufmerkſamkeit auf einen neuen Gegenſtand heftet, um vielleicht erſt nach Jahrhun⸗ derten wieder aufzutauchen. André hatte mir wiverſpro⸗ chen und ich hatte ihn barſch behandelt. Wir haiten aber Beide Unrecht gehabt und ſuchten nun, es uns gegenſeitig vergeſſen zu machen. Nichts konnte uns beſtimmen die Nacht hindurch zu rei⸗ ſen. Uebrigens war es mir auch ganz recht am hellen Tage in Etampes einzuziehen, ich ſollte ja daſelbſt in einer Equi⸗ page erſcheinen, welche geeignet war, Neid zu erregen. „Noch immer die Sünde des Stolzes,“ ſagte André zu mir.—„Ich geſtehe ſie ein, mein Freund. Mein Schutz⸗ heiliger hat ſie mir aber ſchon ſo oft vergeben, er wird ſie mir auch noch diesmal vergeben.“—„Auf dieſe Art, mein ——5— Herr, zieht man ſich durch Capitulationen mit ſeinem Ge⸗ wiſſen aus der Sache. Ich bemerke, daß die frömmſten Leute oft zu dieſem Hilfsmittel hier ihre Zuflucht nehmen. Es begünſtigt die Leidenſchaften, welche die Frömmigkeit doch niemals ganz erſticken kann.“ Wir hatten beſchloſſen, erſt am folgenden Tage abzureiſen, und man mußte doch den Reſt des Tages auf irgend eine Art und Weiſe ver⸗ bringen. Wir gingen durch die Straßen von Nemours ſpazieren. Man findet überall von jenen glücklichen Ge⸗ ſichtern, welche gefallen, welche anziehen, man weiß ſelbſt nicht warum. Es iſt ausgemacht, daß alle Menſchen im Guten oder im Böſen irgend einen Einfluß auf einander ausüben. Zwei Privatleute, die man noch niemals geſehen hat, ſpielen mit einander Prime oder Trictrac. Man wünſcht, daß der Eine gewinne, man hofft alſo folglich, daß der Andere verliere. Warum geſchieht das?„Mein Herr, ſagte André,„das iſt durchaus nicht unmöglich, zu erklären. Ich habe früher einmal ein altes Buch über die Berührungsheilkunſt geleſen, welches ein alter ſchottiſcher Doctor geſchrieben hat. Er behauptet, daß von uns Atome ausgehen, welche zurückſtoßen oder anziehen, daß ein Arzt, deſſen Ausſtrömungen mit denen eines Kranken in Einklang ſtehen, ihn dadurch, daß er ihn berührt, heilen kann, und mein Doctor citirt Thatſachen.“—„Mein lieber André, das iſt denn doch ein wenig zu ſtark.“—„Es iſt ein Syſtem ſo gut, wie ein anderes, und wie von allen, muß man auch von dieſem Manches glauben und Manches verwerfen.“ Wie dem auch ſei, wir begegneten auf einem kleinen — 38— Spaziergange bei Nemours einem Menſchen, deſſen Mo⸗ lecules in dem vollkommenſten Einklange mit den unſeren ſtehen mußten, denn wir zögerten keinen Augenblick ihn an⸗ zureden. Unſere Eigenſchaft als Fremde war unſer Vor⸗ wand und unſere Entſchuldigung. Ein Geſpräch wurde angeknüpft. Wir hatten von den öffentlichen Angelegenheiten nicht meht ſprechen gehört, ſeitdem wir Argenton verlaſſen, und wenn man auch geradezu Nichts mit den Königen gemein hat, ſo erfährt man doch gern, was ſie machen. Ihre geringſten Hand⸗ lungen haben immer einen Einfluß auf unſer Schickſal, und auf uns arme Fleine ſelbſt. unſer Unbekannter theilte uns mit einer Gefälligkeit, für die wir ihm beſtens Dank wußten, alles Weſentliche mit: „Während man den Frieden unterzeichnete, ſchlug Lesdiguieres die Katholiken in der Dauphiné; einer ſeiner Lieutenants nahm Montpellier; der Herzog von Anjvu dagegen, der Bruder des Königs, entriß den Hugenotten la Charité und Iſſoire. Der Friede war in Aller Mund, aber doch ſteckte Niemand den Degen in die Scheide. „Der König glaubte ſich von dem Joche der Guiſen be⸗ freit, weil er ſich dem Könige von Navarra und dem Prin⸗ zen von Condé genähert hatte. Er war wieder in dieſen Zuſtand von Apathie zurückgefallen, welcher ihn ſchon mehrmals bedeutenden Gefahren ausgeſetzt hatte. Er kannte, um ſich wenigſtens manchmal von demſelben zu befreien, kein anderes Mittel, als Veränderung in ſeinen Vergnügungen. Er hatte deren von jeder Art. —— „Das Elend war außerordentlich. Er verſchwendete an Joyeuſe und d'Epernon den ſchwachen Ertrag der Steuern. Er dachte daran, ſie an die Schweſtern der Königin von Frankreich, Louiſe von Vaudemont zu verheirathen. Sie bedurfte jedoch der Frauen eben ſo wenig als er ſelbſt. „An dem einen Tage gab er einen Ball. Am Morgen darauf zog er an der Spitze eines Faſchingszuges von Büßenden durch die Straßen von Paris, nackt bis zum Gürtel, und geißelte ſich mit ihnen, indem er die Pſalmen ſang. Er glaubte die Anhänger der Ligue dadurch von der Reinheit ſeines Katholicismus zu überzeugen. Eines an⸗ dern Tages ſtiftete er den Heiligen⸗Geiſt⸗Orden. Er nahm in die Statuten deſſelben die Beſtimmung auf, daß alle Ritter die römiſche Religion bekennen müßten. Er hoffte davon, daß die proteſtantiſchen Herren ihren Glau⸗ ben abſchwören würden, um die neue Decoration zu er⸗ halten. Keiner von ihnen hat ſich noch darüber erklärt, und doch iſt der Orden des heiligen Michael ſchon in eine ſolche Verachtung geſunken, daß man ihn nur noch das Holsband für alle Thiere nennt. „Zwei von ſeinen Mignons, Quelus und Maugiron, ſind kürzlich im Zweikampfe gefallen, und er hat ihnen Bildſäulen in der Pfarrkirche des heiligen Paulus er⸗ richten laſſen. Er beweint ſie alle Tage, ſelbſt in den Armen Joyeuſe's und d'Epernons, und zu gleicher Zeit beſchäf⸗ tigt er ſich damit, die italieniſchen Schauſpieler in dem Hotel von Bourgogne einzurichten. So ſehr iſt ſein An⸗ ſehen geſunken, daß das Parlament von Paris es gewagt —— hat, einen Beſchluß zu fällen, welcher dieſe Schauſpieler aus der Hauptſtadt verbannt. Er erhält ſie nur durch offene Gewalt in derſelben. „Der Herzog von Guiſe billigt Gegenſätze und Fehler, durch welche ſich Heinrich noch vollends die allgemeine Verachtung zuzieht. Die Ligue ſteht zu ſeinem Befehle, und er hat nur ein Wort zu ſagen, um den König vom Throne zu ſtoßen, der Augenblick dazu iſt noch nicht gekommen. „Catharina von Medicis ſeufzt insgeheim und unter⸗ hält einen lebhaften Briefwechſel mit den proteſtantiſchen Fürſten. Wenn ſie ſich öffentlich zeigt, trägt ſie eine Heiter⸗ keit zur Schau, welche fie ſchon ſeit langer Zeit geflohen hat. Das, meine Herren, iſt der gegenwärtige Zuſtand Frankreichs.“. „Sie werden wenigſtens zugeben müſſen, mein Herr, daß der König ein ausgezeichneter Katholik iſt,“ ſagte ich zu dem Erzähler,„und daß dieſe Eigenſchaft allein gewiß viele Fehler aufwiegt. Das iſt eine Bemerkung, die ich ſchon ein Mal zu machen Gelegenheit gehabt habe.“— „Mein Herr, ein König, welcher nur dieſe einzige Eigen⸗ ſchaft hat, iſt ſelbſt in Friedenszeiten ſehr wenig, und gar Nichts in Augenblicken der Verwirrung. Sie werden ſich auch bald von Dem, was ich Ihnen jetzt vorausſage, über⸗ zeugen.“ Herr Duport fuhr fort, das Benehmen des Königs zu tadeln; er drückte ſich mit Bitterkeit aus, und ich verthei⸗ digte ihn mit Wärme. Ein Fürſt, welcher täglich neue geiſtliche Orden ſtiftet, und vor welchem ich die Ehre ge⸗ habt habe, bei der Fangbecherproceſſion die Bratſche zu ſpielen. Herr Duport erhitzte ſich, und ich erbitzte mich noch mehr.„Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte André zu mir,„Sie haben einen Tiſch hinter ſich, denken Sie an die Gewürzſauce und die Teller von heute Morgen. Ich fing an zu lachen, André lachte, und da das Lachen anſieckend iſt, ſo lachte Herr Duport auch. Indeſſen wünſcht ein ver⸗ nünftiger Menſch doch auch zu wiſſen, worüber er lacht, und ſo mußten wir denn die ganze Geſchichte von den Andrénden und Mouchetten erzählen. Das laute Gelächter verdoppelte ſich, und Herr Duport lud uns ſchließlich zu ſich zum Abendeſſen ein. Man ſpricht gern von ſeiner Vaterſtadt und es iſt von Nemours nach Etampes nicht ſehr weit. Herr Duport konnte leicht Etwas von Dem, was dort vorging, wiſſen. Ich richtete mehrere Fragen an ihn, während ich einen Wein einſchlürfte, der beſſer war als der des Meiſter Martin. Ich erſuhr, daß kurze Zeit vor der Unterzeich⸗ nung des Friedens die Soldaten der Ligue in Etampes eingezogen waren, und alle Hugenotten niedergemetzeit hatten.„Der Himmel möge ſie belohnen!“ rief ich aus. „Meine Mutter, eine Fe Katholikin, wird Schutz und Sicherheit gefunden haben.“—„Mein Herr,“ erwidert er mir trocken,„es iſt waprſcherlic, daß der Bürgerkrieg ſehr bald wieder entflammt ſein wird, und wenn einſt die Reformirten in Etampes eindringen, was ſoll dann aus Biblioth. 323 Boch. 6 Ihrer Mutter werden?“ Dieſe Bemerkung machte mich ſchaudern. „Was auch immer,“ fuhr Herr Duport fort,„unſere religiöſen Anſichten ſein mögen, ſo ſollen wir doch nie vergeſſen, daß Gott keine blutigen Opfer will, daß wir ihm nur durch die Beherrſchung unſeres leidenſchaftlichen Haſſes gefallen können, und daß eine wohlverſtandene Nächſtenliebe allein in Frankreich einen aufrichtigen und dauerhaften Frieden herſtellen kann.“ Ich bemerkte, daß André ernſthaft war, wenn ich ſprach, und lächelte, wenn unſer Gaſt wieder das Wort ergriff. Seit langer Zeit fand ich ihn ſchon von einer Art von Ketzerei befleckt, aber er war ſo gut, ſo geſcheidt, ſo unterrichtet, daß man ihm wohl Etwas nachſehen mußte. Uebrigens ſah ich auch deutlich ein, daß ich Zwei gegen mich haben und im Nachtheile ſein würde, wenn ich den Streit fortführte. Es begann ſchon ſpät zu werden, und ich wollte am andern Morgen mit Tagesanbruch abreiſen. Ich dankte Herrn Duport von Herzen für ſeine Gefällig⸗ keiten und ich mit André die Herberge des Meiſter Martin. Funfzehntes Kapitel. Ankunft unſeres Helden zu Etampes. Er erſchien endlich dieſer Tag, an welchem die kind⸗ liche Liebe eine achtungswerthe Mutter verherrlichen und ihr ihren Kummer und ihre Entbehrungen vergeſſen machen ſollte. Nur noch einige Stunden, und ich ſollte in ihren Armen liegen. Mein Herz, von den zarteſten Em⸗ pfindungen voll, vergaß ſeine ſtürmiſchen Leidenſchaften, ſelbſt das Bild Colombe's vermochte in dieſem Augen⸗ blicke Nichts über daſſelbe. Schon erkannte ich die Glockenthürme von Etampes, ſchon begann meine Einbildungskraft ſich die Scenen von Glück auszumalen, welche zwiſchen mir und meiner Mutter ſtattfinden ſollten, ſchon genoß ich ihrer Ueberraſchung und ihrer Rührung, der Klang ihrer Stimme ſchlug an mein Ohr, ihre Arme drückten mich an ihren Buſen, ſie ſegnete ihren ehrfurchtsvollen und zärtlichen Sohn. André achtete meine köſtliche Träumerei, er beobachtete das tiefſte Still⸗ ſchweigen.* Ich bemerkte am Rande des Weges vas junge ſo naive und ſo unſchuldige Mädchen, welches mir, als ich aus dem Franciscanerkloſter von Etampes entflohen war, Milch ünd Früchte angeboten hatte. Sie klöppelte Spitzen mit der ganzen Ruhe der Unſchuld. Ich bat meinen Schutzhei⸗ ligen, über ſie zu wachen. Ich erkannte, als ich in die Stadt einzog, alle Straßen, alle Häuſer, und ich ſah ſie mit einem unſäglichen Ver⸗ gnügen wieder. Ich nannte André'n pie Bewohner der⸗ ſelben, als ob er ſie hätte kennen müſſen. Dort wohnte einer meiner Schulcameraden, hier ein Freund meines Vaters, weiter vorn ein Kirchenvorſteher. Ich verneigte mich tief, als ich vor dem Franciscanerkloſter vorbeikam. Wir hielten vor dem Hauſe meiner Mutter an. Ich 6* ſprang aus dem Wagen, und klopfte an die Thüre. Schon öffnete ich meine Arme, um meine herrliche Magdalena zu empfangen... Ein Unbekannter fragt mich, was ich wolle.„Wo iſt meine Mutter?“—„Von wem reden Sie mit mir?“—„Von der Frau Magdalena von Mouchy,“ und ich rief ſie laut, indem ich das Haus durcheilte.— „Einen Augenblick Geduld, Herr, Sie ſind jetzt in meinem Hauſe.“—„So, meine Mutter hat ihr Haus verkauft? und wohin hat ſie ſich zurückgezogen?“—„In das Non⸗ nenkloſter zum geheiligten Herzen Jeſu.“—„André, laß. uns nach ihrem Kloſter eilen.“—„Sie werden ſie nicht zu ſehen bekommen.“—„Warum das nicht.“—„Sie hat bereits ihr Gelübde abgelegt, und die Regel ihres Or⸗ dens verbietet ihr jede Verbindung mit der Außenwelt.“— „Ich ſoll meine Mutter nicht wiederſehen! Sind denn alſo die Klöſter dazu beſtimmt, mir Alles, was mir auf der Welt theuer iſt, zu entreißen?“ „Was hat ſie mit ihrem Vermögen gemacht?“ fragte André.—„O, was ſind das für Fragen! Wenden Sie ſich an die Franciscaner; die werden Ihnen, wenn ſie es anders wollen, alle Aufklärungen geben, die Sie nur wünſchen,“ und der Flegel ſchlug uns die Thüre vor der Naſe zu. „André, ich will meine Mutter wiederſehen. Wenn man mir dieſe Befriedigung verweigert, ſo ſtecke ich das Kloſter in Brand, entführe meine Mutter mitten durch die Flammen, und...“—„Seine Mutter entfüh⸗ ren, das iſt Etwas, was, wie ich glaube, noch nie vorge⸗ kommen iſt.“—„Nun wohl, ſo wird es diesmal zum erſten Male geſchehen.“—„La la la la! Werden Sie denn niemals auf etwas Anderes, als auf gewaltſame Mittel denken?“—„Das ſind die ſchnellſten.“—„Das muß ich zugeben; aber, wenn Sie ſich weigern, vernünf⸗ tigere Gedanken anzunehmen, ſo werde ich Sie auch nicht einen Augenblick verlaſſen, und werde immer mit einer Feuerſpritze unter dem Arme an Ihrer Seite gehen.“ Ich lachte, das war es auch nur, was André wollte. Wenn man lacht, zündet man keine Häuſer an. „Andié, wir müſſen indeſſen doch einen Plan faſſen.“ —„Ohne Zweiſel, mein Herr, aber man muß mit Beſon⸗ nenheit handeln. Wir wollen uns vor der Hand damit be⸗ ſchäftigen, uns und unſere Equipage unterzubringen. Dieſe vorläufige Beſchäftigung wird Ihren Kopf abküh⸗ len, und wir wollen dann ſehen, was weiter zu thun ſein wird.“ Im Wirthshauſe zu wohnen, nachdem ich mein eigenes Haus beſeſſen hatte, das war hart, aber ich mußte mich darein ergeben. Wir ſuchten, und während wir ſo ab und zu gingen, begegnete mir ein alter Schulcamerad, wel⸗ cher es bis zu dem hervorragenden Amte eines Pedells gebracht hatte, und eine Stunde ſpäter ſagte man in der ganzen Stadt, daß Anton la Mouche in dieſelbe zurückge⸗ kehrt ſei, und zwar im Beſitze eines hübſchen Aeußeren, prächtiger Kleider, einer glänzenden Equipage, und hun⸗ derttauſend Livres. Man hatte meine alten Schelmereien vergeſſen, man hislt mich an, man wünſchte mir Glück, und da ein Mann, welcher hunderttauſend Livres beſitzt, eine wichtige Perſon iſt, ſo behandelte man mich mit Ach⸗ tung. Niemand bot mir eine Wohnung an, ohne Zweifel aus Furcht, daß ein ſo reicher Mann ein bürgerliches Hausweſen ſehr bald erſchöpft haben würde; aber man wies uns an das beſte Wirthshaus von ganz Etampes. Dieſe kurzen, aber oft wiederholten Geſpräche hatten mich, ſo wie es André vorhergeſehen hatte, beruhigt. Ich dachte nicht mehr dgran, meine Mutter zu entführen, und ich nahm mir vor, dem Prior der Franciscaner einen Beſuch zu machen. Der Bruder Thürſteher rief den Pater Bonifacius; der Pater Bonifaeius betrachtete mich mit einer Art von Verlegenheit, und beeilte ſich dann, den Prior von meiner Anweſenheit in Kenntniß zu ſetzen. Die Zeit war vor⸗ über, wo man nicht ein Wort an mich richtete, das nicht von Wohlwollen eingegeben zu ſein ſchien, wo man mich durch Liebkoſungen zu dem Scapulier ves heiligen Fran⸗ ciscus locken wollte. Zwei kalte und ſtrenge Geſichter war⸗ teten auf meine Anliegen. Ich fragte, was meine Mutter beſtimmt habe, den Schleier zu nehmen? Der Pater Bonifacius wußte es zum mindeſten eben ſo gut als ſie. Er antwortete mir, daß die göttliche Gnade ſie zu dieſem Stande der Vervollkomm⸗ nung berufen habe. André fragte, was aus ihrem Ver⸗ mögen geworden ſei? Man antwortete ihm, daß ſie dar⸗ über verfügt habe.—„Zu weſſen Gunſten?“—„Sie — hat es zu Werken der Mildthätigkeit verwendet.“—„Ah, ich verſtehe!“ Ich drückte den lebhafteſten Wunſch aus, ſie zu ſpre⸗ chen. Man antwortete mir, daß ihre Ordensregel ihr nicht erlaube, mich zu empfangen.„Laſſen Sie uns von hier fortgehen, mein Herr,“ ſagte André zu mir. „Es ſcheint mir erwieſen,“ fuhr er fort,„als wir auf der Straße waren, daß es dieſen Leuten da geglückt iſt, Ihre Mutter zu berauben, und daß ſie dieſelbe in ein Klo⸗ ſter geſteckt haben, um ſie loszuwerden.“—„O! ſie mögen ihr Vermögen immerhin behalten und für ſie und mich beten.“—„Sie mögen belen, wenn ihnen das Freude macht, aber ſie ſollen das Geld auf Heller und Pfennig wieder erſtatten.“—„Ich will meine Mutter ſehen.“—„Sie werden ſie ſehen.“—„Um dieſen Preis verzichte ich auf Alles.—„Ich meinerſeits verzichte auf Nichts. Die katholiſchen Mitglieder des Parlaments von Paris mögen immerhin die Scheinheiligkeit und die Erb⸗ ſchleicherei begünſtigen, ſie handeln dadurch im Intereſſe des Herzogs von Guiſe, aber ſie haben eine andere Hälfte von Proteſtanten neben ſich, denen daran liegen muß, einen hohen Vegriff von ihrer Gerechtigkeit zu geben, und dieſe werden ſich gegen räuberiſche Mönche erheben.“— „Ich, ich ſollte dieſe heiligen Prieſter, in deren Mitte ich meine erſte Jugend zugebracht habe, angreifen?“— „Mein Herr, das Kleid macht nicht den Mann, und die Kutte des heiligen Franz bedeckt hier Spitzbuben.“— „Aber André.—„Aber mein Herr, Sie bedürfen —— ein kleines Landgut, um Colombe zu ernähren, einen Ueberfluß von Erzeugniſſen, um ihr die Annehmlichkeiten des Lebens zu verſchaffen, ein gemächliches Häuschen, um mit ihr darin zu wohnen, und das Alles kann man nicht für zehntauſend Livres haben; wir wollen gehen und den königlichen Procurator von Etampes aufſuchen.“— 53. laß uns zu dem königlichen Procurator gehen.“ „Wenn er ſeine Pflicht erfüllt, ſo kann dieſe Angele⸗ genheit ohne alles Aufſchen zu Ende gebracht werden. Wenn es ein Dummkopf iſt, ſo reiſe ich nach Paris, wende mich an den Kanzler von Birague, und der wird uns gegen dieſes ganze Pack hier Recht verſchaffen.“ Zur Zeit der Unterzeichnung des Friedens hatie ſich der Hof damit beſchäftigt, die Reformirten gegen die heimlichen und offenen Verfolgungen der Katholiken zu ſchützen. Die gemiſchte Zuſammenſetzung der Parlamente ſicherte die Ruhe der Anhänger beider Religionen, und ver Kanzler hatte dieſe friedlichen Abſichten dadurch be⸗ günſiigt, vaß er die Fanatiker und die Scheinheiligen aus den Tribunalen und Stadtgerichten vertricb. Der königliche Procurator von Etampes war ein Ka⸗ tholik, aber er ſah in jedem Franzoſen einen Mann, der, was auch immer ſeine religiöſen Meinungen ſein mögen, ein Recht auf den Schutz der Gerechtigkeit habe. Er war eine unbeſtechliche Gerichtsperſon, und wollte auch Nichts weiter ſein, als Das. André führte das Wort, und ward mit Aufmerkſam⸗ keit angehört.„Ich gehe,“ ſagte der königliche Procu⸗ — ralor zu mir,„zu den Nonnen vom geheiligten S Herzen und werde mit Ihrer Mutter ſprechen. Kommen Sie in einer Stunde wieder.“ Dieſe Stunde ſchien uns ſehr lang; ſie ſollte über Dinge, welche für mich von großer Wichtigkeit waren, entſcheiden, und der Wartende zählt immer die Minuten. Herr Vernier kehrte endlich zurück, und forderte uns auf, ihn anzuhören. Er halte ſich die Statuten des Ordens und das Haus⸗ reglement vorlegen laſſen.„Die Statuten, welche vom Papſte ausgegangen ſind, ſind ſtrenge, aber keine Laien⸗ hand hat das Recht, dieſelben anzutaſten. Sie befehlen zwar eine völlige Abgeſchloſſenheit, aber berauben dieſe Nonnen doch nicht ganz des Vergnügens, mit Perſonen der Außenwelt zu verkehren. Dieſes Kloſter ſteht unter der Leitung der Pater Franciscaner, und dieſe haben in demſelben ſeit drei Monaten eine Reform eingeführt, welche durch rein zeitweiſe Beweggründe vorgeſchrieben ſein kann. Ich nehme an, daß ſie jede Erklärung zwiſchen Ihrer Mutter und Ihnen verhindern wollen. Sie haben dieſe neuen Verordnungen durch den Diöceſan⸗Biſchof beſtätigen laſſen, aber deshalb ſind ſie doch noch weit davon entfernt, geſetzliche Kraft zu haben. Uebrigens unterſagen ſie den Nonnen nur den Beſuch von Fremden, und ein Sohn kann ſeiner Mutter doch nicht fremd ſein. Ein Ueber⸗ bleibſel von Scham gab es doch nicht zu, Sie namentlich von dem Sprachzimmer auszuſchließen. Man hätte alle und jede Schicktichkeit verletzt, und dieſe guten Mädchen — orbittert, wenn man von Kindern geſprochen hätte, die ſie nicht haben und nicht haben dürfen. Eine Wittwe in dem Nonnengewande iſt eine außerordentliche Erſcheinung, und man hat gehofft, ſie von dem Sprachgitter zu entfernen, indem man ſie mit in ein Verbot einſchloß, weſches man zu einem allgemeinen machen wollte; ich glaube im Ge⸗ gentheile, daß gerade zu Ihren Gunſten eine Ausnahme Statt finden müſſe. Uebrigens ſehe ich es vorher, daß eine heimliche und verbrecheriſche Intrigue gegen Ihre Zärt⸗ lichkeit und gegen Ihr Vermögen geſponnen worden iſt; ich werde die Fäden derſelben aber ſchon auffinden. „Ich habe mit Ihrer Mutter von Ihnen geſprochen, Sie hielt Sie für todt und vergoß Thränen der Rührung, als ſie erfuhr, daß Sie zu Etampes ſeien; ich fragte ſie, ob es ihr wohl Freude machen würde, Sie zu ſehen. Sie war vor dem Sprachgitter auf die Kniee gefallen und küßte meine Hand, welche ich ausſtreckte, um ſie wieder aufzuheben.»Gott möge es mir verzeihen,« ſagte ſie, »noch an dieſer Erde feſtzuhalten, aber ich glaube, ich würde vor Frenden ſterben, wenn ich meinen Anton wie⸗ derſähe.«“ Herr Vernier licß den Schreiber des Gerichtshofes, zwei Zeugen und vier Gerichtsdiener holen, und wir ſchlu⸗ gen Alle zuſammen den Weg nach dem Kloſter ein. Die amtliche Handlung, welche der königliche Proecu⸗ rator vorgenommen, hatte ſich darauf beſchränkt, die Mittheilung der Statuten und Verordnungen zu verlan⸗ gen, und dies hatte ſchon hingereicht, Beſtürzung in dem Kloſter zu verbreiten. Die Superiorin erſchien allein an der innern Seite des Sprachgitters, als wir mit der Schweſter Magdalena zu ſprechen verlangten. Der Pater Bonifacius trat in demſelben Augenblicke in das Sprach⸗ zimmer, in welchem der königliche Procurator befahl, daß meine Mutter hereingeführt werde. Der ehrwürdige Vater ſtellte der Gerichtsperſon mit demüthigem Tone vor, daß die Reinheit der Schweſter Magdalena getrübt ſein würde, ſobald ſie mit ihrem Sohne ein und dieſelbe Luft einathmete.—„Wer kann Sie in den Stand ſetzen zu beurtheilen, ob dieſer junge Menſch ein verdorbenes Geſchöpf ſei?“—„Herr Procu⸗ rator des Königs, er war vier Jahre Novize bei uns ohne für würdig erachtet zu werden, ſein Gelübde abzu⸗ legen. Er floh, wie ein Verbrecher, aus unſerem Hauſe; er iſt nach la Rochelle, dem Mittelpunkte der Ketzerei ge⸗ gangen, um ſich mit einem hugenottiſchen und atheiſtiſchen Vater zu vereinigen.“—„Nehmen Sie ſich in Acht, mein Vater; das, was Sie da ſagen, ſchließt einen Widerſpruch in ſich. Ein Hugenvit iſt ein Chriſt, und ein Chriſt iſt kein Atheiſt; fahren Sie weiter fort.“—„Seit dieſer Zeit haben wir Nichts mehr weder von ihm, noch von ſeinem Vater vernommenz; wir haben ſowohl von dem Einen als von dem Anderen geglaubt, daß ſie als Anhänger der ver⸗ wprflichſten Grundſätze geſtorben ſeien, und wir haben ihrem Andenken geflucht.“—„Ihr ſeid Prieſter, um zu beten und nicht um zu fluchenz aber auf welche Gründe ſtützte ſich Eure Vorausſetzung, daß Jacob und Anton de Mouchy nicht mehr lebten?“—„Auf einen Brief, welchen der Marſchall von Biron an die Schweſter Magdalena ſchrieb.“ Der Schreiber ſchrieb die Fragen und die Ant⸗ worten in ſein Protokoll nieder. „Wo iſt dieſer Brief, welcher den Tod des Vaters und des Sohnes beſtätigt?“—„Ich weiß nicht, ob man ihn noch wird auffinden können, aber hier iſt einer, welcher den Atheismus Jacobs beweift.“—„Wir wollen doch dieſen Brief ſehen.“ Jacob drückte in demſelben den Wunſch aus, ſein Weib und ſein Kind noch ein Mal zu umarmen, bevor er für immer entſchliefe.„Für immer! Herr königlicher Pro⸗ curator, bedeutet unbedingt, daß der Menſch ganz ſterbe.“ —„Dieſe Worte laſſen ſich eben ſo gut auf den Schlaf der Gerechten anwenden, wolche, in Bezug auf dieſe Erde, für immer entſchlafen. Aber wie kommt es, daß Ihr einen nichtsſagenden Brief aufbewahrt habt, und daß derjenige, welcher die Stelle eines Todtenſcheines vertreten könnte, ſich nicht findet?“ André bat um das Wort. „Man kann beweiſen,“ ſagte er,„daß Herr von Mouchy den Herrn Marſchall von Biron bis zu dem Augenblicke der Eröffnung der Friedensunterhandlungen nicht ver⸗ laſſen hat, und niemals hat dieſer General an die Schwe⸗ ſter Magdalena geſchrieben. Mein Freund hier war ſein vertrauter Sceretair, er beſorgte alle ſeine ſchriftlichen Geſchäfte und der Pater Vonifacius wird doch nicht die Abſicht haben, uns glauben zu machen, daß er ſeiner Mut⸗ ter ſeinen eigenen Tod angezeigt haben könne? Er hat ihr allerdings Nachricht von dem Ableben ſeines Vakers gege⸗ ven; dieſer Brief beweiſt die Exiſtenz des Sohnes, und das iſt der Grund, weshalb er ſich nicht mehr vorfindet. Der Marſchall befindet ſich jetzt zu Biron; es iſt von hier weit bis dorthin, aber ich bitte nur um eine Friſt von vierzehn Tagen, und ich will dem Herrn Procurator des Königs die unwiderlegbarſten Beweiſe für die Thatſachen brin⸗ gen, die ich ſoeben behauptet habe. „Folgende Schlüſſe ſind es, die ich aus allem Demziehe: Die Franciscaner konnten dieſen jungen Menſchen mit unter die Zahl der Schlachtopfer unſerer bürgerlichen Kriege zählen, und haben den Vater und den Sohn zu gleicher Zeit beerben wollen. Magdalena kann nicht leſen; man hat ihr ein untergeſchobenes und in treuloſer Abſicht geſchriebenes Papier überreicht und vorgeleſen. Der Herr Proeurator des Königs möge nur dieſen erſten Faden ver⸗ folgen, und er wird ihn ſchon zu der Kenntniß der näheren Umſtände führen.“ „Corporal, geben Sie zwanzig von Ihren Cameraden den Befehl, alle Eingänge des Franciscaner⸗Kloſters zu bewachen und nicht zuzugeben, daß man auch nur die ge⸗ ringſte Sache aus demſelben herausſchaffe. Frau Supe⸗ riorin, treffen Sie Ihre Wahl zwiſchen den beiden Fällen, die Schweſter Magdalena entweder in dieſes Sprachzim⸗ mer hier zu führen, oder mich in das ihrige einzulaſſen; ich will mit dieſer Nonne ohne Zeugen ſprechen. Das iſt ſchon das zweite Mal, daß ich Ihnen den Befehl gebe, ſie erſcheinen zu laſſen; wenn Sie nicht augenblicklich gehor⸗ chen, werde ich die Mittel in Anwendung bringen, welche das Geſetz zu meiner Verfügung ſtellt, um Diejenigen zu beſchützen, welche meine amtliche Hilfe in Anſpruch nehmen. Sie wiſſen wohl, daß ſich vor mir alle Thüren öffnen müſſen.“ Die Superiorin erblaßte und erröthete abwechſelnd, und ſchien nicht zu wiſſen, wozu ſie ſich entſcheiden ſolle; der Procurator des Königs warf ihr einen vernichtenden Blick zu, ſie ging hinaus. Der Pater Bonifacius ſaß in einem Winkel, und ſchien zu Boden geſchmettert; der königliche Procurator ließ ihn in eine nahegelegene Stube führen und übergab ihn ſei⸗ nen Gerichtsdienern zur Bewachung. Die Schweſter Magdalena erſchien endlich, blaß, ab⸗ gemattet, und in einem Zuſtande, der nahe an Blödſinn grenzte. Der Anblick ihres Sohnes fachte das Leben in ihren Augen und in ihrem Herzen wieder an; wir ſtürzten einander ſtürmiſch in die Arme, wir hielten uns lange Zeit aneinander gepreßt, ſüße Thränen floſſen aus unſeren Augen, halbverſtändliche Worte entrangen ſich kaum un⸗ ſeren gepreßten Buſen; dieſe rührende Scene dauerte lange Zeit. „Dieſe Zuſammenkunft wird mich theuer zu ſtehen kom⸗ men,“ ſagte endlich meine Mutter,„aber ich werde wenig⸗ ſtens einen Augenblick des Glückes genoſſen haben, bevor ich wieder lebend in das Grab zurückſteige.“ Der Procu⸗ rator des Königs befragte ſie; man hatte ihr bei den ſchwerſten Strafen verboten, Etwas zu entdecken, und die Strafen, die man in den Klöſtern verhängt, ſind grauſam. „Aber mein Sohn lebt,“ ſagte ſie,„man hat ihn beraubt, und ich war Mutter, bevor ich Nonne war. Ich überlaſſe der Kirche von ganzem Herzen Das, was mir angehört, aber ich beſchwöre den Herrn Procurator des Königs, zu bewirken, daß dem Herrn Anton die Hinterlaſſenſchaft ſei⸗ nes Vaters wieder zurückgegeben werde; ich erfülle eine hei⸗ lige Pflicht, und ich mache mich ſelbſt auf den Tod gefaßt.“ „Sie werden nicht ſterben, Madame!“ rief der Pro⸗ curator des Königs,„ich ſtelle Sie unter meinen Schutz, und er wird nicht ohnmächtig ſein; ich werde Sie ſogar in ein anderes Kloſter verſetzen laſſen, wenn die Umſtände es erheiſchen. Sprechen Sie frei und mit Ruhe.“ Meine Mutter erzählte, daß der Pater Bonifacius ihr einen Brief vorgeleſen habe, welcher ihr den Tod ihres Sohnes ankündigte, daß er ihr vorgeſtellt habe, wie ſie nunmehr durch kein Band mit der Welt zuſammenhänge; daß Erdengüter nur Mittel zur ewigen Verderbniß wären. Er rieth ihr, ſich derſelben zu Gunſten der Franciscaner, welche einen würdigen Gebrauch davon machen würden, zu entäußern, und ſich von nun an nur mit ihrem Seelen⸗ heil zu beſchäftigen; er bat ſie, er drang in ſie, den Schleier zu nehmen. Die Hoffnung, daß die Nachricht von dem Tode ihres Sohnes doch nicht begründet ſein könnte, machte ſie eine Zeit lang widerſtreben; man zeigte ihr den hölliſchen Ab⸗ grund, welcher zu ihren Füßen gähne und bereit ſei, ſie zu verſchlingen. Sie verkaufte ihr Haus und fügte den Er⸗ — trag deſſelben zu den Summen, welche ſie ſchon beſaß; ſie übergab den Geſammtbetrag derſelben dem Pater Boni⸗ facius, und trat in das Kloſter der Nonnen zum geheilig⸗ ten Herzen Jeſn. „Wie viel, Madame, haben Sie dieſem Mönche über⸗ geben?“—„Ungefähr dreißigtauſend Livres.“—„Schrei⸗ ber, ſagen Sie, daß man dieſen Bonifacius wieder herein⸗ treten laſſe. Mein Pater, Sie ſind des Betruges und der Fälſchung angcklagt, und Sie wiſſen, daß Fälſcher gehan⸗ gen werden.“—„Gehangen! ein Mönch, ein Prieſter!“ —„Ich gebe zu, daß es ſchwer fallen dürfte, Sie an den Galgen zu bringen, aber es wird nicht ſo ſchwer werden, Sie Das, was Sie erpreßt haben, wiedererſtatten zu machen. Was haben Sie mit den dreißigtanſend Livres, welche die Schweſter Magdalena Ihnen übergeben hat, angefangen?“—„Wir haben dem Kloſter dreitauſend Livres als ihre Mitgift bezahlt, und das Uebrige haben wir zu milden Werken verwendet.“—„Das iſt nicht möglich; man kann in einer kleinen Stadt, wie Etampes iſt, nicht ſiebenundzwanzigtauſend Livres Almoſen aus⸗ theilen, ohne daß das Publikum Kenntniß davon erlange, ohne daß die Bettelei daſelbſt aufgehoben werde, und man begegnet hier noch auf jedem Schritte Bettlern. „Ihr Kloſter iſt umringt; erſparen Sie mir die Mühe, daſelbſt eine Hausſuchung vorzunehmen. Bringen Sie mir die ſiebenundzwanzigtauſend Livres, die Ihnen zur Austheilung übergeben worden ſind.“—„Herr Procura⸗ tor des Königs!“ rief Andrs aus,„ich will Ihren Wagen vor die Thüre des Franeiscanerkloſters fahren laſſen, und in denſelben das in Maſſe aufnehmen, was man im Ein⸗ zelnen dorthin getragen hat.“ „Aber mein Herr,“ ſagte der Pater Bonifaeius,„Sie wiſſen doch, daß wir das Gelübde der Armuth ablegen.“ —„Wenn ich Nichts bei Ihnen finde, ſo wird Ihre Recht⸗ fertigung um ſo glänzender ſein; aber ich fürchte ſehr, daß ſich daſelbſt noch andere Summen vorfinden, die eben⸗ falls zu frommen Werken beſtimmt ſind. Schnell, entſchei⸗ den Sie ſich!“—„Aber geben Sie mir wenigſtens Ihr Wort, mein Herr, daß dieſe Sache keine weiteren Folgen haben wird.“—„Ich verſpreche es Ihnen, aber ich werde meine Vorſichtsmaßregeln treffen.“ Während dieſes Verhörs ſtand ich an der Seite meiner Mutter, hielt ihre Hände in den meinigen, drückte ſie, küßte ſie und ſie überhäuſte mich mit den zärtlichſten Lieb⸗ koſungen. Wir ſahen indeſſen André und den Pater Boni⸗ facius hinausgehen. Eine Stunde ſpäter waren ſiebenundzwanzig Säcke, jeder mit tauſend Livres gefüllt, auf den Fußboden des Sprechzimmers niedergeſtellt.„Mein Herr,“ ſagte der Proeurator des Königs zu mir,„Ihre Mutter iſt für dieſe Welt geſtorben; dieſes Geld gehört jetzt Ihnen an, machen Sie damit, was Sie wollen. Corporal! gehen Sie und ſchicken Sie die Mannſchaft nach Hauſe, welche Sie zur Bewachung des Franciscanerkloſters aufgeſtellt haben. „Pater Bonifacius, ich ſpüre nicht nach Verbrechern, und ich will daher nicht wiſſen, ob Sie noch mehr übel er⸗ Biblioth. 326 Boch. 76 * worbene Reichthümer befitzen;z ich rathe Ihnen, unter dem Publicum zu verbreiten, daß Sie in Ihrem Kloſter ein Depoſitum gehabt haben, welches am hellen Tage in das Kloſter zum geheiligten Herzen hinübergeſchafft werden mußte, und daß Sie um den Schutz der bewaffneten Macht nachgeſucht hätten, um ſich vor den Leuten zu ſichern, denen man überall begegnet und deren Erwerbszweig in ihren langen Fingern beſteht. Wenn man deshalb Fragen an Sie richtet, ſo werden Sie nicht in Verlegenheit kom⸗ men darauf zu antworten, denn Sie haben eine thätige und fruchtbare Erfindungskraft. „Ich behalte mein Protokoll; ich werde es Niemandem mittheilen, aber es wird zur Grunvlage eines peinlichen Verfahrens dienen, wenn ich durch Ihr ferneres Beneh⸗ men nicht zufrieden geſtelltwerde; jetzt möge man die Su⸗ periorin dieſes Hauſes kommen laſſen... Madame, ich laſſe Ihnen die dreitauſend Livres Mitgift, welche Ihnen die Schweſter Magvalena bezahlt hat, obgleich dieſe Summe diejenige, die man gewöhnlich von Novizen fordert, um Vieles überſteigt; aber ich wünſche, ich will dafür, daß ſie mit Milde, ja ſogar mit einigen Rückfichten behandelt werde. Sie werden ihr erlauben ihren Sohn zu empfangen, ſo oft er ſich einfinden wird; ich werde ſie alle Tage beſuchen, und bei der erſten begründeten Klage, welche ſie an mich richten wird, werde ich ſie in ein Kloſter von Paris ver⸗ ſetzen laſſen, und Sie werden ihr ihre Mitgift zurückgeben.“ „Es lebe der königliche Procurator von Etampes!“ rief André.„Warum gleichen ſie doch nicht alle dieſem!“ — 6 „Mein Herr,“ erwiderte ihm trocken dieſe Gerichtsperſon, „das Recht war auf Ihrer Seite und mußte ſich daher auch zu Ihren Gunſten ausſprechen, aber ich fordere Sie auf, Ihre Vortheile nur mit der äußerſten Zurückhaltung zu benutzen. Die Nonnen und die Mönche gehören zwar nicht eigentlich zu der Religion ſelbft, aber ſie ſtreifen doch ſehr nahe andieſelbe; vergeſſen Sie das nicht. Jetzt wollen wir fortgehen.“ Ich half André'n unſere Geldſäcke in unſeren Wagen tragen, und wir fuhren nach Hauſe und legten dieſelben in einem der Zimmer unſeres Wirthshauſes neben den zehntauſend Livres nieder, welche wir nach Etampes ge⸗ bracht hatten. Ich ſfleckte den Schlüſſel zu demſelben in meine Taſche, nachdem ich zuvor auch noch die Fenſterlä⸗ den geſchloſſen hatte; ich begaun ſchon die Aengſtlichkeit und die Unruhe, in welche uns große Reichthümer ver⸗ ſetzen, zu fühlen. „Nun wohl, mein Herr, hatte ich nicht Recht, als ich Ihnen ſagte, daß wir uns ſchon auf die eine oder andere Weiſe Gerechtigkeit gegen dieſe Schlingel da verſchaffen würden?“—„Anoré, das Franciscanerkloſter war bei⸗ nahe meine Wiege geweſen, und ich hege eine lebhafte Theilnahme für dieſe guten Väter.“—„O dieſe guten Väter, dieſe guten Väter! Gewöhnen Sie ſich doch einmal daran, mein Herr, die Menſchen nach ihrem wirklichen Werthe zu ſchätzen.—„Ich wäre untröfllich darüber, wenn ich ſie um ihren guten Ruf gebracht ſähe.“—„Wenn das geſchehen ſollte, könnten ſie ſich nur ſelbſt um ihren 7.— — guten Ruf bringen, und ſie ſind viel zu geſchickt, um nicht verſchwiegen zu ſein.“—„Aber das Protokoll.— „Herr Vernier iſt unfähig einen Mißbrauch davon zu machen, äber es iſt da; Ihre guten Väter wiſſen das, es wird ſie im Zaumehalten, und ſie werden ſchweigen. Laſſen Sie uns gehen und dem königlichen Proeurator danken.“ Unſere Dankbezeigungen waren eben ſo lebhaft, als der Dienſt, den er uns erwieſen hatte, wichtig geweſen war.„Meine Herren,“ ſagte er zu uns,„ſich bei einem Richter, welcher Nichts als ſeine Pflicht gethan hat, be⸗ danken, heißt ihn beleidigen, wenn er ein ehrlicher Mann iſt. Sie verdanken mir Richts; ich empfehle mich Ihnen.“ Wir ſprachen, als wir fortgingen, von den ſeltenen Eigenſchaften des Herrn Vernier, wir ſprachen noch davon, als wir in unſer Wirthshaus zurückkamen, wir ſprachen noch davon, als wir uns davon verſicherten, daß die Schlöſſer des Zimmers, welches unſere Schätze einſchloß, unberührt geblieben ſeien; wir wollten einen Gang durch die Stadt machen, und wir kamen, ohne auch nur daran zu denken, wie⸗ der zu dem Hauſe zurück, in welchem unſere Schätze nieder⸗ gelegt waren.„André, ich werde nun gar nicht mehr ſchla⸗ fen können.“—„Ich eben ſo wenig, mein Herr; ich fühle, daß ich meine Heiterkeit und meine Philoſophie verliere. Seneca hat mit ſehr viel Grund behauptet, daß der Reich⸗ thum vas Gift der Seele ſei.“ „André, wir wollen ein Abendeſſen begehren.“—„Es iſt noch nicht die Stunde dazu, mein Herr.“—„Wir wollen dieſelbe bei unſeren Geldſäcken erwarten.“—„Mein — — 101— Herr, wir müſſen dieſes Geld hier bald unterbringen, oder es wird machen, daß wir den Kopf verlieren.“ Man trug uns ein ziemlich gutes Abendeſſen auf, aber wir konnten weder der Eine noch der Andere Etwas ge⸗ nießen.„André, geh zu dem Notar der Stadt und frage ihn, ob es hier vielleicht irgend Etwas zu verkaufen gäbe.“ —„Und Sie werden aber indeſſen hier bei Ihrem Gelde bleiben?“—„Ja, und ich habe den Degen an der Seite.“ Auf dem Haufen meiner Geldſäcke ſitzend, ließ ich die Ereigniſſe dieſes Tages und derjenigen, welche demſelben vorhergegangen waren, nochmals im Geiſte an mir vor⸗ überziehen; ich fand in meinem ganzen Benehmen Nichts als Liebe zu Colombe und Zuneigung zu meiner Mutter. Nicht einen Gedanken an meinen Schutzheiligen, nicht ein Stoßgebet an dieſen großen Heiligen, und doch war es einleuchtend, daß er mich an ſeiner Hand zum Glücke ge⸗ führt hatte. Jetzt betete ich mit Eifer zu ihm und beſchwor ihn, mir die Ruhe wiederzugeben; die Ruhe kam nicht. „O!“ dachte ich,„mein Schutzheiliger will mir nicht Alles gewähren; es iſt nöthig mich daran zu erinnern, daß ich nur ein Menſch und ein Sünder ſei.“ Es war ſeit einiger Zeit Nacht, und ich wollte kein Licht verlangen; man hätte es durch die Spalten der Fen⸗ ſterläden bemerken können, und hätte dann nicht verfehlt, die Gründe zu erforſchen zu ſuchen, welche mich bewegen konnten, zu unzuläſfiger Stunde noch Licht zu haben, denn es war ſchon neun Uhr Abends. Uebrigens hätte das Licht auch unſern Wirth bei ſeinen etwaigen Anſchlägen leiten — 102— können; es iſt in einem erleuchteten Zimmer leicht, einem Menſchen eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen, und Leclerc weiß, daß ich Geld, viel Geld habe, er hat geſehen, wie wir es herbrachten. Ich höre Geräuſch unten„. Es ver⸗ doppelt ſich. Ich ſtelle meine Geldſäcke gegen die Thüre und lege mich ſelbſt darauf; man muß erſt über meinen Leichnam gehen, um mich zu beſtehlen. Ich halte meinen gezogenen Degen in der Hand. Der Lärm hört auf, meine Angſt verfliegt, aber André kommt nicht zurück. Wo iſt er? Was macht er? Alles hat ſein Ziel. Meins Aufregung ließ nach, meine Augen⸗ lider wurden ſchwer, ich ſchlief endlich ein. Mein Schlum⸗ mer wurde durch erſchreckende Träume geſtört. Ich wachte auf, indem ich in die Höhe ſprang und„Diebe, Mör⸗ der!“ rief. Bald klopfte man an meine Thüre. Ich ſtand raſch auf, vie Spitze meines Degens gegen die Velagernden ge⸗ richtet.„Wer iſt da?“—„Ich bin es, mein Herr, es iſt Ihr Wirth, es iſt Leclerc. Ich habe in Ihrem Zimmer einen Höllenlärm vollbringen gehört; ich habe geglaubt, daß man in daſſelbe durch eines der Fenſter eingedrungen ſei, und ich eilte herbei, um Sie zu vertheidigen.“ Sollte er mir einen Fallſtrick legen? Sollte er mich nur dahin bringen wollen, ihm meine Thüre zuöffnen?„Ichträumte, mein Freund, und ich habe Nichts nöthig.“—„Nichts? Sie haben nicht zu Abend gegeſſen und Sie bringen eine kalte Nacht auf dem Fußboden zu, während Sie über ein erträgliches Bett verfügen könnten. Ich danke dem heili⸗ gen Nicolaus, daß ich nicht reich bin.“ Damit entfernte er ſich. Die Abweſenheit André's ſchien mir unerklärlich. Die Notare ſetzen doch nicht mitten in der Nacht Urkunden auf. Sollte ihm ein Unglück widerfahren ſein? Ol er iſt mir nach Colomben und meiner Mutter das Theuerſte, was ich auf der Welt habe. Ich fühlte mich zerbrochen, zerſchlagen, und dieſe Nacht ſchien mir kein Ende nehmen zu wollen. Endlich glaubte ich durch einige Spalten im Fenſterladen die ſchwachen Strahlen der wiederaufgehenden Sonne zu bemerken. Ich öffnete einen meiner Fenſterläden halb. Die Sonne begann bereits die Spitzen der Schornſteine zu vergolden. Von welcher unerträglichen Laſt fühlte ich mich befreit. Das Licht verſcheuchte zwar meinen Schrecken, aber es gab mir nicht das Gefühl meiner gewöhnlichen Sicherheit wieder. Ich fühlte mich nahe daran, vor Hunger umzufallen. Ich verſchloß ſorgfältig meine Thüre und ſtieg hinab. Leclerc lag im friedlichſten Schlafe; er hatte keine Schätze zu bewachen. Ich weckte ihn auf und verlangte von ihm Etwas zu eſſen; er beeilte ſich, mir das Beſte, was er beſaß, vorzu⸗ ſetzen. Er betrachtete mich mit einem Ausvrucke von Mit⸗ leid, welcher mich das Lächerliche meines Benehmens füh⸗ len ließ. Ich verſprach mir, für immer dieſen erniedrigen⸗ den Schrecken zu bannen. Uebrigens beruhigte es mich auch⸗ daß es Tag war. Ich fragte den Wirth, ob er mir irgend eine Nachricht von André geben könne. Er war um — 104— acht Uhr Abends gekommen, mein Pferd zu holen, und iſt ſeitdem nicht wieder erſchienen. Wo konnte er hingegan⸗ gen ſein? Ich ging aus, aber ich wandte mich noch oft gegen das beſcheidene Wirthshaus Leclerc's um. Ich ſchwur endlich meinem Schutzheiligen, nicht länger ein reicher Unglückli⸗ cher zu ſein. Ich kehrte immer nach einer hiftigen Aufre⸗ gung zu ihm zurück, und ich befand mich wohl dabei. Ich trat in die Kirche der Nonnen zum geheiligten Her⸗ zen ein; ſie ſangen gerade die Frühmeſſe. Ich vereinigte mich mit ihnen im Geiſte und in der Abſicht, und als der Gottesdienſt vorüber war, verlangte ich meine Mutter zu ſprechen. Sie erſchien an dem Sprachfenſter, ohne einen Widerſtand erfahren zu haben. Nach dem erſten Austauſch von Liebesbezeigungen erzählten wir uns gegenſeitig, was uns ſeit unſerer Trennung widerfahren war. Zwiſchen einer Mutter und ihrem Sohne iſt Alles von Intereſſe. Meine Mutter war glücklich, obgleich ſie Nichts mehr auf der ganzen Welt beſaß; ich meinerſeits war der Spielball der Leidenſchaften. Ich verließ ſie und kehrte zu Leclerc zurid. Es war zehn Uhr Vormittags und Andis erſchien noch immer nicht. Meine Unruhe vermehrte ſich mit jedem Augenblicke. Ich ging aus; ich durchlief die Straßen und die Plätze der Stadt; kehrte zurück; ich verzweifelte; ich ſprach mit Leclerc. Er konnte mir keine befriedigende Zuth geben und ſuchte mich nur zu tröſten. Er erſchien endlich, dieſer André, welcher jetzt der ein⸗ — 105— zige Gegenſtand meiner Thränen war. Er ſtieg vom Pferde, umarmte mich, und begrüßte mich mit dem Titel eines Schloßherrn.„Nun, woher kommſt Du denn, Un⸗ glücklicher? ich habe Dich für verloren gehalten.“—„Mei⸗ ner Treu, mein Herrz ich ſah voraus, daß ich eben ſo we⸗ nig als Sie würde eſſen oder ſchlafen können, und ich wollte wenigſtens meine Zeit gut benutzen.“ Der Notar von Etampes hatte Richts zu verkaufen, und wies ihn an den von Arpajon. Er reiſte ab, war aber dort zu ſpät angekommen, um den Notar noch zu beſuchen; aber er brachte vort wenigſtens eine gute Nacht zu; die peſtilen⸗ zialiſchen Ausvünſtungen unſerer Geldſäcke benebelten ihm nicht mehr das Gehirn. Mit Tagesanbruch hatte er den wohlbeſtallten Notar auſwecken laſſen, und hatte ſich, da er Nichts von Geſchäf⸗ ten verſtand, einzig und allein auf ihn verlaſſen. Hundert Acres ausgezeichneten Ackerlandes unter dem Namen das Lehen des Thurmes, weil in der Mitte derſelben ſich ein großer viereckiger, zu den Zeiten der Kreuzzüge erbauter Thurm erhebt, ein klarer Bach, welcher dieſe Feſte umgiebt, Gehölze, Wieſen und fruchtbares Moorland machen den Geſammtbeſtand jener Beſitzung aus. Sie trägt jährlich geradezweitauſend Livres ein, und der Notar hatte dreißig⸗ tauſend dafür gefordert.„Ich hätte Alles, mein Herr, Alles bis auf Ihren letzten Thaler hingegeben, damit wir nur nicht mehr dieſe häßlichen Geldſäcke vor den Augen haben. Der Notar hat mich einen vorläufigen Vertrag unterzeichnen laſſen, und ich habe ihm verſprochen, daß im — 106— Laufe des heutigen Tages das Geſchäft zu Ende gebracht werden ſolle.“—„Aber, André, haſt Du denn Deinen viereckigen Thurm, Dein Gehölze, Deine Wieſen und Deine Ackerländereien geſehen?“—„Nein, mein Herr; aber alle Notare ſind Leute voll Bildung, voll Rechtlich⸗ keit, voll Ehre und voll Zartgefühl. Das kann ſich viel⸗ leicht mit der Zeit ändern, aber bis dahin muß man ver⸗ trauensvoll mit ihnen umgehen. „Ich will die Maulthiere an ihren Wagen ſpannen, wir wollen Ihre Geldſäcke in denſelben hineinwerfen und hinfahren, um uns derſelben zu entledigen. Das, was uns übrig bleiben wird, wird uns nicht am Schlafen hindern.“ Ich ging, Abſchied von meiner Mutter zu nehmen, wäh⸗ rend André ſeine Anſtalten traf. Wir ſtiegen in den Wa⸗ gen und ſchlugen fröhlich den Weg nach Arpajon ein. „Aber, André, was werden wir aus Deinem großen viereckigen Thurme machen?“—„Ihre Wohnung.“— „Ich werde Colombe nicht in einen großen viereckigen Thurm einquartieren.“—„Warum das nicht, mein Herr? Sie wird in demſelben in Sicherheit gegen Freunde und Feinde ſein, wenn der Bürgerkrieg wieder ausbrechen ſollte. Wenn man eine ſehr hübſche Frau hat, ſo muß man auf Alles bedacht ſein.“—„Beim heiligen Anton, Du haſt Recht.“—„Man wird auf keine andere Art, als durch Kanonenſchüſſe bis zu ihr dringen können, und man wird ſich kein Vergnügen daraus machen, einen einzeln ſtehen⸗ den Thurm, deſſen Mauern vielleicht vier Fuß im Durch⸗ meſſer haben, zu beſchießen.“—„Das hieße das Böſe — einzig und allein um des Böſen ſelbſt willen thun.“— „Und jene Diebe, welche man Eroberer nennt, thun es niemals ohne Grund.“—„Du haſt Recht, Du haſt Recht, Du haſt immer Recht.“—„Nicht wahr, mein Herr?“ Es iſt eine eigenthümliche Sache um das Gefühl des Beſitzes; vielleicht iſt es nur eine Art von Geiz, welche man nicht genug beobachtet hat. Ich hatte gezittert, mein Geld zu verlieren; der Gedanke, jetzt Grundbefitzer zu ſein, berauſchte mich. Dieſe beiden Empfindungen waren ohne Zweifel übertrieben, aber ſowohl die eine als die andere war ausſchließlich eine Folge meiner Eigenliebe. „André, mein Capitainsrang adelt mich. Macht mich der Beſitz eines Lehens, mit dieſem Titel verbunden, nun nicht vollends zum Edelmanne?“—„Meiner Treu, mein Herrz ich weiß Nichts davon, aber ich glaube, daß Sie ſich wenigſtens Monſieur de la Tour nennen können.“—„O dieſer Name da klingt meinen Ohren ſehr angenehm. „Wir ziehen in mein feſtes Schloß über eine Zugbrücke ein.“—„Welche vielleicht ſeit einem Jahrhundert nicht aufgezogen worden iſt.“—„Zu ebener Erde finden wir den alten Wachſaal der Ritter von la Tour vor.“—„Wir trennen ihn in zwei Theile. Auf der einen Seite, mein Herr, wird ſich die Küche befinden, ein ſehr weſentliches Bedürfniß; auf der andern der Speiſeſaal.“—„Im er⸗ ſten Stocke bringen wir heitere und bequeme Wohnzimmer an.“—„Im zweiten wird Ihr Diener, Ihr Gärtner und Ihre Magd für den Hühnerhof wohnen.“—„Von der Plateform aus genieße ich, nachläſſig gegen die Oeffnung einer meiner Schießſcharten gelehnt, einer herrlichen Ausſicht. „Ich laſſe mein kleines Bächlein in meinen Garten lei⸗ ten.“—„Ein Baſſin nimmt ſeine Gewäſſer auf.“—„Ich ſetze Fiſche in denſelben.“—„Das nehme ich über mich, mein Herr, ich liebe die Fiſche ſehr.“—„Und dann iſt es immer auf dem Lande ein Hilfsmittel.— Ich laſſe Alleen durch meine Gehölze brechen.“—„Ich errichte in denſel⸗ ben von Zwiſchenraum zu Zwiſchenraum Raſenbänke.“— „Und dorthin will ich mit Colombe Erfriſchung und Liebe ſuchen gehen.“ Wir gelangten, während wir dieſe Luftſchlöſſer bauten, nach Arpajon. Wir ſtiegen bei dem Notar ab, wir über⸗ gaben ihm unſere Gelder, er ſetzte den Vertrag auf; der gegenwärtige Eigenthümer ward geholt; er unterzeich⸗ nete, und ſo bin ich denn jetzt Monſieur de la Tour. „Komm, Anton, wir wollen Veſitz von meinem Gebiete nehmen.“—„Laſſen Sie uns keinen Augenblick verlieren, mein Herr.“—„Mein Pächter mag ſich beeilen uns ein MWittagsmahl aufzutragen.“—„O! nur etwas Weniges, eine Milchſuppe, friſche Eier, eine Hammelkeule, einen Salat und etwas Früchte.“—„Er möge für Jeden von uns ein gutes Bett auf dem Pachthofe oder in dem Schloſſe herrichten laſſen. Wir bedürfen deſſen ſehr.“—„Wenn wir aufwachen, will ich dann Tagelöhner kommen laſſen...“ —„Biſt Du nicht auch ein wenig ein Ingenieur, André?“ —„Ich bin Aſtronom, mein Herr.“—„O wenn man ſo wie Du den Plan des Mondes zeichnen kann, ſo kommt — 100— man auch nicht in Verlegenheit, wenn es gilt, einige Alleen durchbrechen zu laſſen.“—„O mich bringt Nichts in Ver⸗ legenheit, mein Herr.“—„Gut, Du wirſt alſo die Arbei⸗ ten leiten.“ Bald erkannten wir von Weitem dieſen Thurm, wel⸗ cher meiner Eitelkeit ſo angenehm ſchmeichelte, und wir fanden, daß er einen imponirenden Anblick gewähre. In dem Maße aber, als wir näher kamen, ſchien er uns Etwas von ſeinem Nimbus zu verlieren, und wir ſuchten verge⸗ bens nach jenen Schießſcharten, welche die Sinnbilder mei⸗ ner Macht ſein ſollten. Wir gelangten enblich hin und ein Bauer in Holz⸗ ſchuhen fragte uns, was wir wollten; es war mein Päch⸗ ter. André zeigte ihm unſeren Kaufcontract vor, aber er konnte nicht leſen. Er theilte ihm den Inhalt deſſelben mit und dieſer Dummkopf ſing an zu laufen, als ob wir Vogel⸗ ſcheuchen wären. Er kam bald wieder mit einer alten Vogelflinte und zwei verroſteten Piſtolen zurück. Er brannte ſeine drei Schüſſe in die Luft ab und näberte ſich mir dann, ſeine Wollmütze in der Hand. Er richtete einen ziemlich ungeſchickt verfaßten Glückwunſch an mich, in dem er noch dazu zwei bis drei Mal ſtecken blieb, aber ich ſah mit Vergnügen, daß dieſer Menſch mir gegenüber die ihm gebührende Stellung einnahm. Wir gingen auf den Thurm zu. Eine vermoderte Planke vertrat die Stelle der Zugbrücke; der Wachſaal war in einen Hühnerhof umgewandelt; der erſte Stock vertrat die Stelle einer Scheune, und derzweite war zu einem Tauben⸗ — 110— ſchlag geworden. Der Boden war auf hundert Schritte im Umkreiſe mit den Ueberreſten eines alten Schloſſes und mit den Trümmern, welche nach und nach von der Höhe des Thurmes herabfielen, bedeckt. Ich nahm mir feſt vor, denſelben wiederherſtellen zu laſſen, er war der Beweis und die Sicherſtellung meines Adels. Ich konnte auf meiner Plateform nicht den großen Herrn ſpielen, und ſo beſchloß ich denn, mich herabzulaſſen, und wir traten in den Pachthof ein. Meine Pächterin war vom Scheitel bis zu den Zehen voller Schmutz, vier Kinder wälzten ſich mit einigen Enten im Kothe.„André, es ſcheint mir, daß Dein Notar, ſo voll von Ehre und Zartgefühl, doch ſeine Waare verteufelt herausgeſtrichen hat.“—„Mein Herr, er hat Nichts behauptet, was nicht wahr wäre. Hier iſt der Thurm, die Gehölze, die Wieſen, der Bach, ja ſogar noch ein Pachthof dazu, von dem er nicht einmal ſprach. Hier iſt der Pachtcontract, welcher Ihren Pächter verpflichtet, Ihnen jährlich zweitauſend Livres zu bezahlen. Was wollen Sie mehr?“—„Eine angenehme Wohnung.“—„Die ſollen Sie auch haben. Man kann mit Geld Alles machen, und von den zehntau⸗ ſend Livres, welche Ihnen der Marſchall gab, haben wir nur erſt zwanzig Thaler für Reiſekoſten ausgegeben.“ Ich bat meine Pächterin, uns ein Mittagseſſen zu be⸗ reiten; ſie hatte am Morgen alle ihre Vorräthe auf den Markt von Corbeil getragen. Sie hatte Nichts mehr als alte Hühner, alte Enten, alte Tauben und Eier, welche auf dem Stroh auf den Winter warteten.„Meiner Treu,“ —— — — 111— fagte André zu mir,„es iſt doch noch immer beſſer, Eier zu eſſen, welche nach Stroh riechen, als gar nicht zu eſſen. Liebe Mutter, machen Sie eine Omelette.“—„Mein Herr, es iſt mir aber keine Butter mehr übrig geblieben.“— „Machen Sie ſie mit Oel.“—„Ich habe keins, als das von unſerer Lampe.“—„Pfui! pfui! Es fließt aber doch Waſſer in dem Bach; ſetzen Sie welches über das Feuer und kochen Sie uns harte Eier. Laſſen Sie Ihr Brot ſehen. O wie ſchwarz und wie trocken iſt es.“—„Ich muß morgen wieder backen.“—„O das wird uns jetzt Viel nützen.“ Ich ſchlug André'n vor, unterdeſſen zu gehen, um das Gehölz in Augenſchein zu nehmen, in welchem die Liebe und das Glück ihren Wohnplatz aufſchlagen ſollten. Wir fanden es dermaßen mit Brombeerſtauden und Geſträuch überwachſen, daß ſelbſt ein Igel nicht hätte durchdringen können.„Welch eine Enttäuſchung,“ ſagte ich zu Andrs, „alle meine ſüßen Illuſionen ſind zerſtört.“—„Sie wer⸗ den wieder aufleben, mein Herr.“ Während wir unſere harten Eier aßen, und unſer ſchwarzes Brot in ſchlechten Landwein eintunkten, ſprachen wir vom Schlafengehen. Thomas hatte nur ein ſchlechtes Bett von ſechs Fuß im Quadrat, welches er mit Catharina und ihren vier Rangen theilte.„O mein Freund André, welch ein Erwachen folgt auf den reizenden Traum, wel⸗ chen wir noch vor drei Stunden träumten.“—„O mein Herr, Sie fangen immer damit an, ſich zu betrüben. Ich will Sie wie einen großen Herrn betten. Laſſen Sie uns S in dieſen erſten Stock hinaufſteigen, welchen die alten Ritter von la Tour bewohnten; man muß daſelbſt eine adelige Atmoſphäre einathmen. Ich löſe fünf bis ſechs Bund Stroh auf; ich mache Ihnen aus der Sackleinwand, welche den Ueberreſt Ihres Geldes einſchließt, ein Kopf⸗ kiſſen; wir legen uns nieder; wir ſchlafen prächtig und tief, und morgen wollen wir ſchon weiter Rath ſchaffen.“ Sechszehntes Kapitel. Herr de la Tour unternimmt eine Reiſe nach Paris. In dem Wachſaale gab es eine große Anzahl von Hüh⸗ nern, und wenigſtens fünf bis ſechs Hähne. Sie ſingen ſchon lange Zeit vor Tagesanbruch zukrähen an; aber wir ſchliefen auch ſchon ſeit ſieben Uhr Abends.„Sie ſehen, mein Herr,“ ſagte André zu mir,„daß Sie hier die Vor⸗ theile wiederfinden, deren Ihre erlauchten Vorgänger ge⸗ noſſen. Dieſe Wachen hier ſetzen uns zwar nicht von der Annäherung des Feindes in Kenntniß, aber ſie verkün⸗ digen uns die Rückkehr der Sonne, und das iſt doch ſchon immer Etwas.“ „Nun, laß hören, mein Freund André, was werden wir heute beginnen?“—„Wir müſſen uns vor Allem einquartieren, und uns Mittel zu unſerem Lebensunter⸗ halte verſchaffen.“—„Ohne Zweifel. Unſere Weihrauch⸗ ——— — 113— wolken des Adels ſind ſehr viel für die Eitelkeit, aber ſie ſind nichts Subſtantielles.“—„Wir miethen ein Haus zu Arpajon.“—„Du läßt in demſelben eine gute Küche einrichten.“—„Im Nothfalle mache ich ſelbſt den Koch.“ —„Das geht nicht an, Du biſt mein Freund, mein Stall⸗ meiſter, und ich varf nicht zugeben, daß Du Dich entwür⸗ digeſt.“—„Zum Teufel! da wäre alſo ich meinerfeits auch beinahe adelig. Und überdies giebt es ja auch hier Arbeiten zu leiten, und dieſe Pflicht da betrifft mich. Vor Allem laſſe ich den Thurm einreißen.“—„Und mein Name, Unbeſonnener?“—„Er hat dem Lehen den ſeini⸗ gen gegeben, nach demſelben wird es in allen Urkunden genannt, und es wird ihn behalten.“—„Das ift freilich etwas Anderes.“ „Ich nehme an, daß dieſe ungeheuren Steinmaſſen in⸗ wendig durch eiſerne Klammern mit einander verbunden ſind; alle Fenſter ſind vergittert.“—„Wir werden viel⸗ leicht Bleiröhren finden, welche dazu beſtimmt waren„die Gewäſſer zu leiten...—„Da ſind Sie auf dem rechten Punkte, mein Herr. Mittelſt dieſer Trümmer richten wir einen kleinen Hügel auf...—„Auf deſſen Rücken ſich ein hübſches und bequemes Haus erheben ſoll.— „Von welchem aus Sie den geſammten Umfang Ihres Gebietes beherrſchen können.“—„Wir bauen daſſelbe von einem Theile der vorhandenen Materialien.— „Und verkaufen den Ueberſchuß, um die Baukoſten zu be⸗ zahlen. Bis hierher wäre Alles gut, mein Herr.“ Wir ſtanden mit Sonnenaufgange auf. Wir unter⸗ Biblioth. 323 Boch. 8 — 1— ſuchten den Thurm bis in ſeine kleinſten Einzelheiten, und wir kamen zu dem Ergebniſſe, daß ſechs bis acht Häuſer in dieſen dicken Mauern da ſteckten. Thomas ſchlug uns vor, das Gehölz zu ſäubern, wenn wir ihm das Geſträuch und die Brombeerhecken mit ſammt ihren Wurzeln überlaſſen wollten. Das war für ihn ein ſehr guter Handel, aber es drängte mich, meines Waldes froh zu werden. Uebrigens wollte ich auch mei⸗ nem Pächter einen hohen Begriff von meiner Freigebig⸗ keit beibringen. Ich nahm ſeinen Vorſchlag unter der Be⸗ dingung an, daß dieſe Arbeit in vierzehn Tagen vollendet ſein müſſe. Ich nahm mir vor, dann mitten in dem Ge⸗ hölze eine Kapelle für meinen Schutzheiligen, der mich immer ſo ſichtbar begünſtigt hatte, errichten zu laſſen. Dorthin wollte ich dann mit Colombe beten gehen. Wir kehrten nach Arpajon zurück. Wir nahmen Tho⸗ mas mit uns, damit er meinen Wagen und meine Saum⸗ thiere auf das Lehen zurückführe. Der Pachtbrief verpflich⸗ tete ihn zwar nicht, ſie zu ernähren, aber ein großer Herr hat das unbeſtreitbare Recht, ſeine Vaſallen ein wenig zu bedrücken. Noch vor Ende des Tages hatten wir ein Haus, einige Einrichtungsſtücke und eine hübſche Köchin, welche uns zwei gute Mahlzeiten halten ließ. Ich ſtellte André von daß es für mich nicht nothwendig ſei, eine hübſche Köchin zu haben. Er erwiderte mir, daß ein reizendes Geſicht immer das Auge erfreut, und nicht mehr koſtet als ein häßliches. „André, es giebt nur ein Geſicht, welches mich reizen — 5— kann.“—„Aber ich, mein Herr, ich habe keine Co⸗ lombe.“ Am Morgen darauf ließen wir einen Maurermeiſter kommen. Wir theilten ihm unſere Pläne mit. Er fand ſie leicht auszuführen, und nicht koſiſpielig; man hat niemals Streit mit den Handwerksleuten, außer wenn es ſich darum handelt, ſie zu bezahlen. Er zeichnete uns auf eine Schiefertafel einen Plan zu dem Hauſe, welcher mir ſehr gefiel. Das, was mich vor⸗ züglich entzückte, war, daß ſich von dem plateformartigen Dache ein Thurm von zwölf Fuß Höhe erheben ſollte, deſſen Bauart in Allem der glich, welche in der guten Zeit der Kreuzzüge gebräuchlich war. Auf dem Gipfel ſollten Schießſcharten angebracht werden, in deren Oeffnungen ich mir vornahm hölzerne Kanonen zu ſtellen. Von da aus wollte ich meinem Pächter, mittels eines Sprach⸗ rohres, meine Befehle ertheilen. Die Plateform des Hauſes ſollte mit einem eiſernen Geländer umgeben werden. Da war es, wo ich mich mei⸗ ner Größe entledigen, und mit Colombe friſche Luft ſchö⸗ pfen wollte. Zur Rechten des Hauſes ſollte ſich ein Wagen⸗ ſchuppen und ein Stall befinden, zur Linken meine Holz⸗ kammer und mein Hühnerhof angebracht werden. Endlich wurde beſchloſſen, daß, da es ſich nicht ſchicke, daß die Wohnung eines elenden Landbebauers an die ſeines Ge⸗ bieters ſtoße, der Pachthof, deſſen Mauern von Lehmerde waren, auf hundert Klafter über mein Weichbild hinaus verlegt, und aus gehauenen Steinen neu aufgebaut * — 116— werde; ich wollte auch für meine Nachkommenſchaft ar⸗ beiten laſſen. Nachdem wir unſere Pläne unabänderlich feſtgeſtellt hatten, kam die Rede auf die Bezahlung. Meiſter Dubois ſagte uns, daß er nicht wiſſe, wie viel man aus dem alten Thurme werde herausſchlagen können, und das war auch wahr. Er fügte, wie es gebräuchlich, hinzu, daß er uns gewiſſenhaft behandeln wolle, und daß wir in keinen Streit mit ihm gerathen würden. Ich befahl ihm, ohne Aufſchub Hand an das Werk zu legen. Ich nahm ſchon die bequeme Gewohnheit an, aller Welt Befehle zu ertheilen; ich war von Adel und ich hatte Geld. „Mein Herr,“ ſagte André zu mir,„Sie ſind ungedul⸗ dig und müßig, Sie werden ſich hier ſehr langweilen. Sie würden wohl daran thun, wenn Sie nach Paris gin⸗ gen.“—„Beim heiligen Anton! ich glaube, daß Du Recht haſt.“ Ich kannte die Hauptſtadt noch nicht, und ich verſprach mir ſehr viel Vergnügen davon, dieſelbe zu beſuchen. Uebrigens hatte ich zu Blois mit dem Könige und mit dem Herzoge von Guiſe geſprochen. Sie waren nach Paris zurückgekehrt, und ich nahm mir vor, mich emſig um ihre Gunſt zu bewerben. Ich ließ mein Pferd von la Tour abholen, und ließ ein Felleiſen auf den Rücken deſſelben ſchnallen; ich ſteckte einige Goldſtücke in meine Börſe; ich ließ André'n den Ueberreſt unſerer Gelder zurück; ich ernannte ihn, in Ge⸗ genwart Dubvis', zu meinem Stellvertreter; ich empfahl — 117— ihm, mit der größten Thätigkeit auf das raſche Fortſchrei⸗ ten der Arbeiten zu halten; ich umarmte ihn noch und ritt fort. Was für eine herrliche Stadt, dieſes Paris! Zwei ſteinerne Brücken, um in dieſelbe einzuziehen. Zwei bis drei Stock hohe Häuſer, von venen höchſtens der dritte Theil aus Holz gebaut iſt, faſt zirkelrunde Straßen, welche dem Auge Das, was es im nächſten Momente ſehen wird, zu errathen übrig laſſen, und von denen die Hälfte ge⸗ pflaſtert iſt; dieſe werden noch dazu alle vierzehn Tage ausgekehrt, eine majeſtätiſche Kathedrale, in die man ge⸗ langt, wenn man zehn Stufen hinaufgeſtiegen iſt. Die Gelehrten behaupten, daß man früher deren dreizehn hin⸗ auffteigen mußtez es ſcheint alſo, daß das Erdreich ſich ge⸗ hoben hatz zehn Männer⸗ und Frauenklöſter, von denen eines in der Straße Saint⸗Antoine meinem Schutzheiligen gewidmet iſt; ein Fluß, welcher überall von Rohr und Roſengebüſchen eingefaßt iſt, welche beſonders für Die⸗ jenigen ſehr nützlich ſind, die ſich ihren Lebensunter⸗ halt dadurch verdienen, daß ſie die Körbchen flechten, mit denen die Damen ihre Toilettentiſchchen ſchmücken; an die funfzehn oder zwanzig Schiffe, welche täglich die Stadt mit Lebensmitteln verſehen, und welche man ja niemals, während der bürgerlichen Kriege, zu verbrennen vergeſſen darf, um die Feinde zu verhindern in Paris ein⸗ zuziehen, wenn man ſie daſelbſt nicht empfangen will; Spitzbuben, welche uns in der Nacht ausplündern, was ein Veweis mehr dafür iſt, daß der Gewerbfleiß täglich — 118— Fortſchritte macht, denn man kann Diejenigen, welche Nichts haben, nicht beſtehlen; eine Wache, welche beauf⸗ tragt iſt, für die öffentliche Sicherheit zu ſorgen, was ge⸗ wiß ſehr ſchön iſt, aber was doch vernünftige Leute nicht ab⸗ halten kann, ſich, ſobald es Abend wird, nach Hauſe zu be⸗ geben; endlich Theater, um die Müßigen zu unterhal⸗ ten, ein ohne Zweifel ſehr verdammenswerthes Vergnü⸗ gen, welches uns aber doch zuweilen abhält, noch mehr Böſes zu thun, das iſt im Großen und Ganzen das Ge⸗ mälde von Paris. Der erhabene Plan, welcher unter dem Namen der Andréaden und Mouchetten gefaßt wurde, und welcher einen ſehr lebhaften Wortwechſel zwiſchen mir und mei⸗ nem Stallmeiſter herbeigeführt hatte, begann ſich zu ver⸗ wirklichen. Um in der Nähe meines Schutzheiligen zu bleiben, ſuchte ich eine Wohnung in der Straße Saint⸗ Antoine, und fand auch daſelbſt für funfzehn Sols täglich ein Zimmer mit einem Bette für mich, und einen Platz im Stalle für mein Pferd. Madame Mortier übernahm es, mich gut zu beköſtigen, und ihr Gatte meinen Renner, gegen eine Entſchädigung von zehn Sols für jedes Mahl, zu füttern und zu ver⸗ pflegen. Aber ich mußte wie ein Fürſt beköſtigt werden, und mein Pferd wie Bucephalus. Alles Das war zwar ein wenig theuer, aber man muß leben und leben laſſen. Mortier war für den Hof mit der Lieferung der See⸗ fiſche, die er zwei Mal in der Woche von Dieppe holen ging, beauftragt. Er hatte den glücklichen Gedanken — — 45— gehabt, auf dem Vordertheile ſeines Wagens vrei Plätze für Reiſeliebhaber aufzubewahren, was auch wirklich eine ſehr angenehme Art des Reiſens war, beſonders für Die⸗ jenigen, welche den Geruch des Seewaſſers liebten. Wenn André bei mir geweſen wäre, hätte er mich darauf aufmerkſam gemacht, daß ſchöne Geiſter ſich begeg⸗ nen, und hätte mir ſein Bedauern darüber ausgedrückt, daß Mortier ihm zuvorgekommen ſei. Ich hätte ihm mit der Erklärung den Mund geſchloſſen, daß die mechaniſchen Künſte weit unter der Würde des Herrn de la Tour und ſeines Stallmeiſters ſtünden. Ich kleidete mich mit außerordentlicher Eleganz an, um dem Könige einen Beſuch machen zu gehen. Es gab damals in Paris Leute, welche Euch für zwei Sols, des Abends mit einer Stocklaterne in der Hand, von einem Ende der Stadt zu dem andern führten. Es gab daſelbſt auch an den Thüren des Louvre Dienſtfertige, welche es über ſich nahmen, die Pferde und Maulthiere Derjenigen zu halten, welche kamen, um dem Könige ihre Aufwar⸗ tung zu machen. Zch ſchritt vor, den Kopf hoch, die Bruſt frei, und das Knie ſtraff geſpannt. Ein Beamter befragte mich, was ich wolle.„Ich will dem Könige meine Verbeugung machen.“ Er lachte mir in's Geſicht und kehrte mir den Rücken zu. „O,“ vachte ich,„wenn der König wüßte, daß ich hier bin, ich, den er in ſein Arbeitszimmer zugelaſſen, den er in die Wangen geknippen, und der die Ehre gehabt hat, ihm den Brief des Marſchalls von Biron zu überſetzen; — 120— wenn er wüßte, daß ich vornehm und ſogar ein Edelmann bin, er würde mich durch einen Stallmeiſter abholen laſſen, und ich würde die Ehre haben, mich dem Könige zu nahen, und ihn zu begrüßen. Ein armſeliger Beamter wagt es, mir in's Geſicht zu lachen! Ich wandte meine Schritte nach einer andern Seite, und überall fand ich Wachen, welche mir die Zugänge ver⸗ wehrten. Ich begann ſchon in üble, ja ſogar in ſehr ſchlechte Laune zu gerathen, als die Königin Catharina von Medicis die Treppen herabſtieg, geſtützt auf die Schultern ihres Stallmeiſters Davila. „O, dieſer hier,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„hat mit mir bei dem Signor Zampini ganz freundſchaftlich gelebt. Er hat mich ziemlich leichtfertig verlaſſen, aber er wird mich wieder erkennen, und das iſt mir genug.“ Einige große Herren gruppirten ſich um die Königin Catharina und ihr Stallmeiſter nahm wieder ſeinen Platz an der Spitze ihres Gefolges ein. Ich ging auf ihn zu, und nahm ihn bei der Hand; das ſchien mir ganz einfach und natürlich zu ſein. Er machte ſeine Hand los, betrachtete mich, und trat um einige Schritte zurück.„Wer ſind Sie? Was wollen Sie?. Ja! aber.., daß ich mich erinnere.. Es iſt der kleine Muſikus, welcher zu Blois bei der Fang⸗ becherproceſſion auf der Bratſche geſpielt hat.“—„Ich bin es, welcher den Marſchall von Biron und den Grafen von Montbaſon Ihrer Partei zugeführt hat.“—„Sie haben den Grafen auch der Partei des Herzogs von Guiſe zugeführt. Haben Sie uns vielleicht noch irgend ein — 41— Geſchenk von dieſer Art zu machen?“—„Ich bin jetzt hier weder um zu geben, noch um zu empfangen.“— „Zum Teufel, ſind Sie ſtolz! Was wollen Sie denn alſo hier an dem Hofe machen?“—„Ich komme, um meine Perſon in das Gedächtniß des Königs zurückzurufen.“— „Ha! ha! ha! er iſt ergötzlich, dieſer kleine Bratſchen⸗ ſpieler. Erfahren Sie, mein Freund, daß ſelbſt die größten Herren, mit einziger Ausnahme der Herzoge von Guiſe, von Joyeuſe und d'Epernon, ſich dem Könige nur dann nähern dürfen, wenn Sie gerufen werden. Die Mönche allein haben das Vorrecht, ihn zu jeder Stunde und an jedem Orte zu beſuchen, denn er liebt ſie ſehr. Sie find kein Mönch, gehen Sie alſo nur wieder hin, woher Sie gekommen ſind.“ „Wirſt Du denn alſo immer wieder,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„in dieſe häßliche Sünde des Stolzes zurückver⸗ fallen, welche Dich ſchon ſo oft irre geführt hat! Wer biſt Du, um darauf Anſpruch machen zu können, ohne Grund in die Arbeitsſtube des Königs eingelaſſen zu werden, um es zu wagen, vertraulich die Hand des Stallmeiſters der Königin Catharina zu faſſen? O, wie ſehr verdienſt Du die Demüthigung, die Dir ſoeben widerfahren iſt.“ Augenblicklich zerſtreuten ſich die Rauchwolken der Eitelkeit, die mir zu Kopfe geſtiegen waren. Meine An⸗ maßungen des Adels verſchwanden, und ich beſchloß nichts mehr ſein zu wollen, als der Gatte, der Geliebte Co⸗ lombe's. Das war genug für mein Glück. Ich konnte damals mich nach keinem anderen ſehnen. — 122— Ich ſtieg wieder zu Pferd, und erreichte die Straße Saint⸗Antoine, indem ich an mein beſcheidenes Haus, meinen Fiſchteich und meine Blumenlauben dachte. Der Menſch verliert Alles, wenn er ſich von der Natur ent⸗ fernt. Sie iſt eine gute Mutter, welche ihm ihre Arme öff⸗ net, wenn er klug genug iſt, ſich ihr zu nähern. Ich näherte mich dem Hauſe Mortiers, mir ſelbſt ganz wiedergegeben. Eine Schaar von Reitern nahm die ganze Breite der Straße ein. Ich hielt mich gegen die Mauer, um ſie vorbeireiten zu laſſen. Es war der Herzog von Guiſe, welcher ſoeben eine Abtheilung von Soldaten der Ligue auf dem Baſtillenplatz hatte die Revue paſſiren laſſen. Er erkannte mich, und ritt gerade auf mich zu. „Ich erinnere mich ſehr gut, daß ich Sie vor einigen Monaten zum Capitain ernannt habe, bei welchem Heere der Ligue ſind ſie angeſtellt?“—„Monſeigneur, ich wurde während einiger Tage von dem General Pouſſanville ver⸗ wendet, gegenwärtig bin ich ohne Anſtellung.“—„Mein lieber Freund, ich werde Sie wieder anſtellen. Sie ſind jung, ſtark, tapfer; ich will, daß Sie dienen. Pericard, Sie werden das nicht vergeſſen... Unter Anderem, Sie haben mir von einer jungen und hübſchen Frau erzählt, welche auf dem Wege von la Rochelle nach Luſignan Lieder ſang wie ein kleiner Engel. Was iſt aus ihr geworden?“ Welcher Unterſchied zwiſchen dem Benehmen eines Fürſten, welcher in gerader Linie von den Karolingern ab⸗ ſtammt, wie er es wenigſtens hat ſelbſt drucken laſſen, und dem eines Lumpen von Italiener, welcher nur der ————— ———, —— — 5— Stallmeiſter einer Fremden iſt. Dieſer Fürſt, welcher dem ganzen Frankreich beweiſt, daß die Valois nur Thron⸗ räuber ſind, nennt mich ſeinen lieben Freund; ſeinen lieben Freund! Man könnte verrückt darüber werden. Ich erzählte ihm, wie Colombe mich für todt gehalten, wie ſie ſich vor Verzweifluug darüber in ein Kloſter ge⸗ ſtürzt habe; wie der Biſchof von Limoges ihr die nöthige Dispenſation ertheilt habe, um ihr Gelübde abzulegen, und wie er ſich geweigert habe, ſie mir zurückzugeben. „Folgen Sie mir, mein lieber Freund,“ ſagte der Fürſt zu mir,„ich will dieſe Sache da in Drvnung brin⸗ gen.“ Sein lieber Freund! Ich ritt unmittelbar hinter ihm. Wir begegneten in der Straße Saint⸗Honoré Davila, der beſchäftigt war, neue Pferde zuzureiten. Er ſtellte ſich an das erſte beſte Haus an, und grüßte Herrn von Guiſe auf das Ehrerbie⸗ tigſte. Er betrachtete mich. Ich drückte mir meinen Hut tiefer in die Stirne, und fuhr mit der Hand nach dem Griffe meines Degens. Er erblaßte. Der Herzog ließ mich in ſein Arbeitszimmer eintre⸗ ten; er hatte den Herzog von Mayhenne, ſeinen Bruder, den Grafen von Briſſac, Pericard und Maineville bei ſich. Ich nahm mir feſt vor, die eigenklichen Abſichten dieſer Leute zu erforſchen. Ich bedurfte nur zufällig hingewor⸗ fener Worte, um mir meine Meinung zu bilden. Ich wurde wieder ganz la Mouche. Herr von Guiſe liebt die Abenteuer ſehr. Er ließ mich dieienigen erzählen, welche mir zu Limoges und neuer⸗ — 124— dings zu Etampes begegnet waren. Ich bemerkte, daß er nicht immer auf Das, was ich erzählte, Acht gab. Er lachte häufig, aber von Zeit zu Zeit ſchien er nachzuden⸗ ken.„La Tour,“ ſagte er zu mir,„die Biſchöfe und Mönche ſind Menſchen; ſie können Schwachheiten be⸗ ſitzen, ohne deshalb aufzuhören achtungswerth zu ſein.“— „Monſeigneur, das iſt gerade Das, was ich immer dachte.“ —„Pericard, man muß Vernier von Etampes entfernen.“ —„Monſeigneur, es iſt dieſe Gerichtsperſon, der ich das Glück zu verdanken hatte, meine Mutter zu umarmen.“— „Das iſt ganz gut, man wird ihm auch eine vortheilhafte Stelle an der Univerſität anweiſen.“ Ich ſah ein, daß ein königlicher Prorurator, welcher gegen alle Welt, und ſelbſt gegen die Mönche Gerechtigkeit ausübt, nicht in dem Sinne der Ligue handelt, und daß er für ſie ſo nahe an den Tho⸗ ren von Paris gefährlich ſein kann. Ich war innerlich überzeugt, daß die Bewohner von Etampes, welche vie Demüthigung der Franciscaner zugegeben hatten, nur laue und tolerante Katholiken ſeien, und daß ſie eines könig⸗ lichen Procurators bedürfen, welcher ihren Religionseifer wieder anfache. „Pericard, Sie werden den Biſchof von Limoges für ein Erzbisthum vormerken.“—„Wie, Monſeigneur, Den, der mir meine Frau geraubt hat?“—„Er wird ſie Ihnen wiedergeben.“ Ich ſah ein, daß dieſer Prälat ſeine Diöceſanen in jener glühenden Frömmigkeit, welche allein die Auserwählten —u — 125— macht, erhält und daß ſeine Talente ihn eines größeren Schauplatzes würdig machten. „Ich habe mich über Herrn von Biron zu beklagen; Niemand hat ihn gezwungen, mir einen Brief voll von Dienſtfertigkeit und Hingebung zu ſchreiben, und jetzt hat er die Partei des Königs ergriffen; aber ich habe ſeinen Brief aufbewahrt.“ „Da habe ich's!“ dachte ich.„Der Marſchall iſt ein tapferer Officier und ein großer General; der Herzog von Guiſe wird dem Könige Mißtrauen gegen ihn ein⸗ flößen und wird ihn dadurch, daß er ihm dieſen Brief zu paſſender Zeit überreicht, davon abhalten, denſelben zu verwenden.“ Der Herzog richtete mehrere Fragen an mich über die Kräfte der Ligue in den verſchiedenen Provinzen, die ich durchreiſt hatte, und über die Abſichten, die man bei den Hugenotten vorausſetzen durfte.„Ich verdanke“, ſagte ich zu mir ſelbſt,„den gütigen Empfang, welchen mir dieſer Fürſt zu Theil werden läßt, ſeinem Wunſche geeig⸗ nete Aufſchlüſſe zu erhalten, um danach ſein Benehmen einzurichten; aber was kümmern mich ſeine beſonderen Abſichten, wenn er mir nur Colombe, den Gegenſtand mei⸗ ner heißeſten Wünſche, wiedergiebt.“ Das Geſpräch wurde allgemeiner, und man hörte auf, ſich noch beſonders mit mir zu beſchäftigen; ich hätte den Herzog alſogleich an ſein Verſprechen erinnert, wenn ich nicht gehofft hätte noch Etwas zu erlauſchen. Und in der That glaubte ich mit einiger Beſtimmtheit zu bemerken, — 126— daß man irgend einen entſcheidenden Schlag vorbereite. Vielleicht dachte man daran, den König in ein Kloſter ein⸗ zuſperren; es ſchien mir ausgemacht, daß der Herzog, ungeachtet ſeiner Klugheit und ſeines durchdringenden Verſtandes, von den übrigen Führern ſeiner Partei mit fortgeriſſen war, daß man ihn jeden Tag Maßregeln er⸗ greifen ließ, die nicht mit ſeinem allgemeinen Plane über⸗ einſtimmten, und daß daher die ſcheinbaren Zögerungen ſtammten, welche ihm ſeine oberſten Officiere vorwarfen. Ich benutzte einen Augenblick des Stillſchweigens, um den Namen Colombe's auszuſprechen.„Er hat Recht!“ rief der Herzog.„Pericard, Sie werven morgen bei guter Zeit zu dem päpſtlichen Geſandten gehen, und werden ihm erzählen, was in dem Kloſter der Nonnen des heiligen Au⸗ guſtin zu Limoges vorgegangen iſt. Sie werven ihm ein⸗ leuchtend vorſtellen, daß Derjenige, welcher hier den Papſt in zeitlichen Dingen vertritt, auch ſein Vertreter in geiſt⸗ lichen Angelegenheiten ſein kann. Sie werden ihn bitten, Ihnen ohne Aufſchub eine Bulle, welche das Gelübde Co⸗ lombe's ungültig macht, auszufertigen.“ Ich ſaß in einer Ecke des Arbeitszimmers; mit einem Sprunge fiel ich dem Herzog von Guiſe zu Füßen, und umfing ſeine Kniee mit meinen Armen. „Pericard, wenn der päpſtliche Geſandte Widerſtand leiſten ſollte, werden Sie ihm vorſtellen, daß er in ſeiner Eigenſchaft als Cardinal weit über einen Biſchof erhaben iſt, daß übrigens der von Limoges durchaus keine Klage erheben wird, weil er erfahren wird, daß ich im Begriffe 6 * — 127— ſtehe, ihn für das erſte erledigte Erzbisthum vorzuſchlagen. Sie werden einen Brief in dieſem Sinne ausfertigen, Pe⸗ ricard, und La Tour wird ihm denſelben übergeben. Wenn ſich der Legat allen dieſen Gründen doch nicht gefangen geben ſollte, ſo ſagen Sie ihm endlich mit Einem Worte, daß ich es wolle. „La Tour, Sie werden morgen zur Mittagszeit her⸗ kommen, um Ihre Depeſchen in Empfang zu nehmen. Sie werden auf Ihrem Wege Alles, was irgendwie auf poli⸗ tiſche Angelegenheiten Bezug hat, auf's Sorgfältigſte be⸗ obachten und mir Rechenſchaft darüber ablegen; gehen Sie jetzt.“ Die ſtrenge Frömmigkeit des Königs hatte mich ſeine Mignons, ſeine Fangbecher und ſeine kleinen Hunde über⸗ ſehen laſſen; ich hatte mich unwiderruflich an ihn ange⸗ ſchloſſen: ich glaubte es zumwenigſten. Aber wie hätte ich einem Fürſten widerſtehen ſollen, der mich ſeinen lieben Freund nennt und der mir Colombe wiedergiebt; Colombe, die ich, ohne Hoffnung ſie jemals wiederzuſehen, doch nie aufhörte anzubeten; Colombe, welche über mein Leben einen Strom von Glückſeligkeit ausgießen wird. Ich wurde Anhänger Guiſe's, und ich fühlte, daß ich es für ewig blei⸗ ben werde. „Man giebt ſie mir wieder! man giebt ſie mir wie⸗ der!“ rief ich der Madame Mortier zu, indem ich ihren Kopf mit beiden Händen faßte und ſie aus Leibeskräften abküßte.—„Wen denn, mein Herr?“—„Run, meine Colombe!“—„Wer iſt denn vas, dieſe Colombe?“ Ich — 428— erzählte ihr nun, was ſpeben bei dem Herzog von Guiſe vorgegangen war. Von dieſem Augenblicke an vergaß ich André, den alten Thurm und meinen Adel; ich gehörte ganz der Liebe und der Zukunft an, die ich mir ausmalte. Madame Mor⸗ tier trug mir ein gutes Mittagseſſen auf; ich ſah vaſſelbe kaum an. Ein junger Menſch in meiner Lage hält es gewiß nicht lange an einem Platze aus; ich ſtand auf, ging aus und durchzog auf gut Glück die Stadt. Ich jing bereits an müde zu werden, als ich eine ziem⸗ lich große Anzahl von Perſonen vor einem ziemlich bedeu⸗ tenden Gebäude verſammelt ſah; es war das Rötel de Bourgogne. Es iſt zwei Uhr, und die italieniſche Komödie ſoll ſogleich beginnen; ich dachte, daß es ebenſo gut ſei, daß ich mich hier ausruhe, als anderswo. Man ſagte mir an der Thüre, daß Alles, mit einziger Ausnahme des Par⸗ terres, voll ſei; ich gab meine vier Sous und trat ein. Ich begriff nicht, warum die wohlfeilſten Plätze die am wenigſten beſetzten ſeien; bald aber wußte ich mir dieſe Erſcheinung zu erklären. Pantalon, Harlekin, der Doctor und Argentine langweilten mich entſetzlich: ich verſtand Nichts von ihrem entſetzlichen Kauderwelſch; ich ſah ein, daß das Volk für ſein Geld unterhalten ſein wolle. Ich richtete meine Augen gegen die höheren Regio⸗ nen des Saales; ich bemerkte auf den meiſten Geſichtern einen gewiſſen Ausdruck von Unſicherheit, welcher mich muthmaßen ließ, daß dieſe Leute da kein Wort Italieniſch 8 verſtänden; ich überraſchte ſogar einige beim Gähnen. „Warum kommen ſie alſo hierher,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „was machen ſie hier?... Oljetzt ſehe ich wohl, was es iſt. Dieſes Theater wird von dem Hofe unterhalten, und es gehört zum guten Tone, hierher zu kommen, um ſich daſelbſt zu langweilen.“ Ich war müde, als ich in das Theater eintrat, und ich mußte in demſelben ſtehen; die Ermüdung und der Ekel trieben mich bald wieder hinaus. Nichtsdeſtoweniger mußte ich mir doch mit irgend Et⸗ was den Reſt meines Abends vertreiben; ich ließ mich in das Collége de Boncours führen, wo man„die gefangene Kleopatra“ von Jodelle ſpielte. Ichfürchtete daſelbſt keinen Platz zu bekommen, aber es waren kaum hundert Perſo⸗ nen anweſend und ichkonnte bequem ſitzen; Jodelle iſt ohne Widerrede der bedeutendſte franzöſiſche tragiſche Dichter, und ich bezeigte einem Herrn, neben dem ich ſaß, mein Er⸗ ſtaunen darüber, daß ſeine Meiſterwerke nicht mehr be⸗ ſucht würden.„Alle Welt,“ erwiderte er mir,„kann dieſe ſchönen Dinge auswendig, und man wird doch zuletzt Alles müde; der Franzoſe liebt übrigens das Neue, und er läuft hin um Dummheiten mit anzuſehen, welche der gute Ge⸗ ſchmack verdammt. Die, die Sie hier ſehen, ſind alle lei⸗ denſchaftlich für die ſchöne und echte Literatur eingenom⸗ men. Da, Ihnen gegenüber, ſitzt der alte und berühmte Remi Belleau; er hat Hirtengedichte geſchrieben, welche den Eklogen Virgils würdig zur Seite geſtellt werden können. Seine Ueberſetung des Anakreon wird ebenſo Biblioth. 328 Voch. 9 hoch geſchätzt, als das Original ſelbſt; er iſt Mitglied der franzöſiſchen Pléjade, welches eine Art von Akademie iſt, die aus ſieben Dichtern beſteht und von Ronſard nach dem Muſter derjenigen, welche Karl der Große einführte, ge⸗ ſtiftet worden iſt. Er wohnt immer den Vorftellungen der erhabenen Trauerſpiele Jodelle's bei, für welchen Autor er die größte Verehrung bewahrt hat.“ Man hatte ſoeben den von ſeinen Brüdern verkauften Joſeph zu Ende geſpielt, als ich mich ſetzte; es war folg⸗ lich überflüſſig, meinen Nachbar zu fragen, was er davon halte. Aber ich geſtehe, daß ich in Etwas jenen Leuten glich, welche auf Treu und Glauben bewundern, und welche gewiß ſind, keinen Widerſpruch zu erfahren, weil ſie nur die allgemeine Begeiſterung theilen. Ich hatte nur ſehr unklare Begriffe von Jodelle, und ich leitete demnach das Geſpräch auf dieſen bewunderungswürdigen Dichter und zwar geſchickt genug, um meiner Eigenliebe keine Blößen zu geben. Ich erfuhr, daß Etienne Jodelle, Herr von Limodin, zu Paris im Jahre 1532 geboren wurde; er war der erſte franzöſiſche Dichter, welcher uns ein Trauerſpiel gab. Seine gefangene Kleopatra hatte einen wunderbaren Er⸗ folg, und brachte ihm die Ehre ein, zum Mitgliede der franzöſiſchen Pléjade ernannt zu werden; ſeine Didv und ſeine Komödie Eugen erſchienen dann und hatten denſel⸗ ben Erfolg. Seine Leichtigkeit war ſo groß, daß keines ſeiner Theaterſtücke ihm mehr als zehn Vormittage Arbeit koſtete. — 131— Er ſchrieb Soneite, Lieder, Oden, Elegien; er machte lateiniſche Verſe, welche die Doctoren der Univerſität zu der Zeit, in welcher ich in das Theater ging, um ſeine Kleopatra zu ſehen, noch immer bewunderten. Er genoß während ſeiner Lebzeiten eines ungeheuren Ruhmes, und die Nachwelt hat das Urtheil ſeiner Zeitge⸗ noſſen beſtäliget; Heinrich Il. achtete ihn ſehr, und ſchien geneigt ihm Wohlthaten zu erweiſen, aber es geſchieht ſehr ſelten, daß ein Mann von Genie ſich ſo weit herabläßt, um die Gunſt der Großen zu buhlen. Jodelle lebte herrlich und in Freuden, und ſtarb arm im Jahre 1573; er war damals einundvierzig Jahre alt. Der erſehnte Augenblick kam endlich: das Stück be⸗ gann; ich war ganz Auge und Ohr. Wenn Diejenigen, welche die Rollen übernommen hatten, irgend einen her⸗ vorſtechenden Vers declamirten, ſo ſtieß mich mein Nach⸗ bar mit ſeinem Knie an, um mich auf die Schönheit deſſel⸗ ben aufmerkſam zu machen. Dieſe Vorſicht war ſehr über⸗ flüſſig; ich erkannte, daß ich ſo gut wie er Gemüth und Einbildungskraft habe. Ich ſah mit unausſprechlicher Genugthuung, daß Jo⸗ delle ſich an dem Studium der Alten herangebilvet hatte; jeder ſeiner Acte ſchloß mit einem Chor. Ich bin Muſiker, und ich fand, daß dieſe Chöre ſehr ſchlecht geſungen wur⸗ den, obgleich ſie meinen Nachbar entzückten. Aber die Sän⸗ ger gaben ſich die Mühe ſehr deutlich auszuſprechen, und ich verlor auch nicht Ein Wort; das war auch Alles, was ich wünſchte. — 132— Ich empfand vft eine Begeiſterung, welche ich nicht be⸗ herrſchen konnte, und welche mich hätte lächerlich erſchei⸗ nen laſſen, wenn ſie nicht von Allen, welche die Vorſtellung dieſes Meiſterwerkes genoſſen, getheilt worden wäre. Im fünften Acte, als die Schauſpielerin, welche die Kleopatra ſpielte, folgende Verſe ſprach, ließ mich das Entzücken, das Geſchrei, das Beifallsklatſchen glauben, daß der Saal zuſammenſtürzen werde. Ich habe ſie behalten dieſe Verſe; unglücklich Derjenige, der ſie ein Mal gehört hat, und ſie 6 jemals vergeſſen könnte: 8 „Hier ſind zwei Liebende, die, hochbeglückt im Leben, Ihr Herz der Liebe und der Ehre nur ergebenz Doch ſah man endlich von des unglücks Wogen Das Glück der Liebenden tief in den Schlund gezogen.“ Welche erhabene Idee, die Heldin ihre eigene Grabſchrift auf der Bühne ſchreiben zu laſſen. Sophokles und Euri⸗ pides haben Nichts erfunden, was man mit dieſem Zuge von Genie vergleichen könnte, und Jodelle's Nachfolger werden ihm niemals auch nur von fern gleichkommen. Kleopatra fährt fort: „So nimm, ſo nimm mich hin, eh' Cäſar von mir geht, Auf daß mein Leben eh'r als wie mein Glück verweht; Denn unter allem Leid, das zahllos ich ertragen, Schmert, Qual und Reue, Seufzern, Sorg' und Plagen, Iſt mir das ſchwerſte doch die kleine Spanne Zeit, In welcher Du, Antonius, von mir weit.“ Zu Ende des Stückes wurde die Schauſpielerin von Bei⸗ fallsbezeigungen faſt erdrückt; ſie bezeigte dem Publikum ihre Dankbarkeit dafür, indem ſie von ſelbſt und ohne dazu — 133— aufgefordert worden zu ſein, den berühmten Monolog aus der Dido, einem anderen Meiſterwerke von Jodelle, decla⸗ mirte, welchen man immer mit lautem Geſchrei zur Wie⸗ derholung verlangt, wenn man dieſes Trauerſpiel giebt: „Gott, was hab' ich geahnt! Gott, Gott! und was erfahrenz Was mußte ich ſogar mit eignem Aug' gewahren! Will denn der Treuloſe mit den Verrätherhänden Die Ehre, ſeinen Schwur, mein Glück und meine Spenden Den Winden geben Preis? Ich fühle ſchon vereiſt Mein Blut, mein Herz, und Stimme, Kraft und Geiſt, Was ſoll ich, müd' der Liebe, werden? Welche Schlangen Haben an mein verfehltes Leben ſich gehangen? O trügeriſch, wer einſt den Geiſt mir ſchmeichleriſch geblendet, Und zum Verderben jetzt ſeltſames Gift geſpendet. Zahlt ſo der Himmel ein die Andacht, die wir zollten? und wird das Gute ſo mit Gutem hier vergolten? Hält ſo der Glaube jetzt die Liebe hier in Banden? Vielleicht ſiegt dann die Lieb', wenn Glaubensfeſſeln ſchwanden! O Tag des Schreckens, ſchwache Hoffnung dieſe! Aeneas, Treuloſer! Leichtgläubige Eliſe!“ Ich verließ das Theater, von ſo lebhaften, ſo hin⸗ reißenden Eindrücken durchdrungen, daß ich ſie in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen werde. Ich aß mit großem Appetite zu Abend, und während ich aß, ſagte ich die bewunderungswerthen Verſe von Jo⸗ delle her; ich ſuchte die Beugungen der Stimme der Schauſpielerin, welche alle Zuſchauer mit ſich fortgeriſſen hatte, nachzuahmen. Madame Mortier blieb vor mir ſtehen, und hörte mir mit Entzücken zu; ſo groß iſt die Macht des wahrhaft Schönen, es verführt, es unterjocht — 134— ſogar Diejenigen, welche am wenigſten dazu geſchaffen ſchei⸗ nen, es zu verſtehen. Ja, Jodelle iſt der größte Dichter, der jemals erſchienen iſt und der jemals erſcheinen wird. Ich legte mich zu Bette, indem ich noch immer dieſe herrlichen Verſe wiederholte; ich ſchliefein, indem ich an Colombe, an Kleopatra und an Dido dachte. Als ich aufwachte, fand ich mich wieder ruhig genug, um die Ereigniſſe des geſtrigen Tages im Geiſte durchzu⸗ gehen.„Großer heiliger Anton! verzeihe mir, daß ich Dir in dem ganzen Tage auch nicht Einen Augenblick gewid⸗ met habe; ich habe mich wie ein Götzendiener dem Herzoge von Guiſe zu Füßen geſtürzt, vor Deinem Bilde hätte ich mich niederwerfen ſollen, Dir allein verdanke ich alles Gute, welches mir widerfahren iſt. Du biſt es, der dem Her⸗ zoge von Guiſe den Gedanken eingegeben hat, Colombe's Gelübde aufheben zulaſſen; ſei mir für immer geſegnet!“ Man begreift leicht, daß ich mich mit der größten Pünktlichkeit bei dem Stelldichein, welches mir der Herzog von Guiſe gegeben hatte, einfand. Herr Pericard ließ mich den Befehl leſen, welcher Colomben ihre Freiheit wiedergab; der Brief an Monſeigneur, den Biſchof von Limoges, war auch ſchon zugeſiegelt. Ich nahm die beiden Schriften und rief, während ich fortging, daß ver Herzog von Guiſe der größte Mann ſei, welcher jemals in Frank⸗ reich erſchienen iſt, und daß er der Krone würdig ſei. Pe⸗ ricard lächelte. Ich lief in die Straße Saint Antoine; ich ſprang auf mein Pferd und ich kam, immer Galopp reitend, in Arpa⸗ —— — 135— jon an. Ich fand Niemanden als unſere hübſche Köchin zu Hauſe; André war mit Meiſter Dubois und einem Dutzend Arbeitsleuten bei dem Thurme, ich ſprengte bis dorthin. „Mein Freund,“ rief ich ihm ſchon von Weitem zu,„es iſt nicht mehr die Rede davon, Limoges zu belagern, das Nonnenkloſter zum heiligen Auguſtin zu erſtürmen und Colombe zu entführen; ich habe in meiner Geldtaſche die Bulle des päpſtlichen Legaten, welche ſie von ihrem Ge⸗ lübde entbindet.“—„Mein Herr, wir haben ſchon unter den Trümmern eine Plateform, einen Thurm und die Halle, welche den zweiten Stock begrenzt, gefunden.— „Oljetzt hendelt es ſich freilich um Das.“—„Eiſen und den Anfang von bleiernen Waſſerleitungsröhren.“—„Co⸗ lombe! Colombe!“—„Was Alles zuſammen mir die Hoffnung giebt, daß Ihnen Ihr Lehen nicht theuer zu ſtehen kommen wird.“ Ich ſprang zur Erde und umarmte André'n mit einer Glut, einer Kraft. Er hörte nicht auf mit mir von Eiſen und von Blei zu ſprechen, und ich wurde nicht müde den ſüßen Namen Colombe's zu wiederholen.„Nun zum Teufel, mein Herr, es ſcheint mir doch wohl, daß Sie eine Viertelſtunde Ihren Angelegenheiten widmen könnten.“— „Ich habe deren nur Einez ich kann deren jetzt nicht mehr als Eine haben.“—„Immer, immer in Extremen! Dieſer Kopf da wird alſo ſich niemals abkühlen?“ Ich willigte darein, ihn anzuhören, damit er mich dann auch ſeiner⸗ ſeits anhöre. Er hatte unüberſehbare Speculationen gemacht; er — 136— überzählte ſchon im Geiſte die Zentner Eiſen und Blei, und die Klaftern prächtiger Steine, die man aus dem alten Thurme gewinnen könne. Er berechnete das Geld, welches man daraus ſchlagen könnez er ſah deutlich voraus, daß mich nicht nur die Gebäude, welche jetzt erbaut werden ſollten, Nichts koſten, ſondern daß auch noch zwölf⸗ bis funfzehntauſend Livres in meine Kaſſe fließen würden. Ich gähnte von Zeit zu Zeit, und dann runzelte André die Augenbrauen. „Werde nicht böſe, mein lieber Freund; Du weißt, daß es drei Arten von Gähnen giebt, und es iſt ſchon lange Zeit her, daß ich gefrühſtückt habe.“—„Kehren Sie nach Arpajon zurück; Clara iſt immer gut verſehen, und ſie wird Sie an Nichts Mangel leiden laſſen.“—„Du kommſt nicht mit mir?“—„O ich! ich habe ſo viele Dinge zu thun; ich rechne und ich laſſe alle Materialien, die man von da Oben herunterſchafft, ordnen. Das einzige Mittel, um von ſeinen Arbeitsleuten nicht betrogen zu werden, iſt das, ſie ſelbſt zu überwachen. Meiſter Dubois hat mir für dieſe da gutgeſagt, und ſie ſehen, daß ich Alles, bis auf den kleinſten Nagel ſogar, aufſchreibe; aber das Alles ent⸗ hebt mich voch nicht der Nothwendigkeit, ſie zu überwachen. Sie werden dann zwei bis drei Stunden ausruhen, und während das geſchieht, will ich dann gehen und Sie aufſuchen.“ Clara iſt nicht nur ein hübſches Mädchen, ſondern auch eine kleine Perſon von einer Ordnungsliebe und einer Reinlichkeit, die man ſehr ſelten bei einer Dienſtmagd — 137— antrifft; unſer beſchränktes und ſehr einfaches Haus ge⸗ wann unter ihren Händen das Anſehen von Etwas. Sie trug mir ein leichtes Mahl auf, welches meine hohe Mei⸗ nung, die ich von ihren Talenten in Bezug auf die Küche hegte, nur noch mehr beſtätigte. Sie ging ab und zu, und war voch überall zugleich; ſie ſchien Alles, was ich bedurfte, zu errathen. Ich ſagte nicht ein Wort, und ich wurde doch auf das Pünktlichſte bedient. Clara im Gegentheile ſprach ſehr viel; man wird leicht errathen, mit welchem Gegenſtande ich beſchäftigt war. Das Geſchwätz Clara's konnte mir keine Zer⸗ ſtreuung gewähren, und der ausgezeichnete Empfang, welcher mir von Seiten des Herzogs von Guiſe zu Theil geworden war, hatte alle meine Gedanken an Größe wie⸗ der aufleben gemacht; indeſſen dachte ich mir doch, daß ein Edelmann ſich nicht erniedrige, wenn er mit einem Frauen⸗ zimmer, wer ſie auch immer ſei, ſchwatze, beſonders wenn ſie hübſch iſt. Hat ſich doch ein König von Frankreich ſo weit herabgelaſſen, mit der Stiefmutter André's zu tanzen; ich wollte Clara'n die Unannehmlichkeit, allein ſprechen zu müſſen, erſparen. Uebrigens iſt es nicht Jeder⸗ mann, ſo wie Jodelle, gegeben, ausgezeichnete Monologe zu machen. Ich begann, ſo wie es gebräuchlich iſt, mit ihr von Regen und von ſchönem Wetter zu ſprechen. Sie, fie allein wog alle Aſtronomen und Kalendermacher der Königin Catharina von Medicis auf; ſie ſprach über den Einfluß des Mondes, wie wenn ſie auf demſelben geboren worden wäre. — 138— „O,“ dachte ich mir,„ſollte ihr vielleicht André Vorle⸗ ſungen über die Aſtronomie halten?“ Sie erzählte mir ziemlich weitſchweifig, daß ſie in Pa⸗ ris geboren und jetzt zwanzig Jahre alt ſei, daß ihre Mut⸗ ter eine Fiſchverkäuferin und ihr Vater ein Laſtträger ge⸗ weſen ſei, daß ihr Vater ihre Mutter ſchlug und daß wenige Jahre nach ihrer Geburt ſeine Wuth zum Schla⸗ gen ſich auch bis auf ſie erſtreckt habe; daß ſie eines Tages, als ſie dafür gehalten, daß ihr Herr Vater ſeine Züch⸗ tigung etwas zu weit getrieben, das elterliche Dach ver⸗ laſſen habe; daß ſie die Küche des Herrn Buſſp⸗Leclerc, welcher damals Waffenſchmiedemeiſter war, und heutzu⸗ tage Parlaments⸗Procurator iſt, offen ſtehend gefunden habe. Angelockt durch den reizenden Duft eines Bratens habe ſie ſich neben dem Herde nievergekauert und die Köchin übergab ihr das Amt, den Spieß umzudrehen. Herr Buſſy⸗ Leclerc fand ſie niedlich und nahm ſie unter die Zahl der Tiſchgenoſſen ſeines Hauſes mit auf. Sie wuchs unter ven Augen Jacquelinens, welche ihr alle Geheimniſſe der Koch⸗ kunſt beibrachte, auf. Der alte Buſſp⸗Leclerc, welcher fort⸗ während Zuſammenkünfte mit dem alten Spanier San⸗ chez, einem Wirthshausbeſitzer vom erſten Range hatte, hatte ſich mit demſelben vor drei Tagen Etwas angetrun⸗ ken und es gewagt, zum erſten Male zu Clara zu ſagen, daß er ſie reizend finde; er hatte ſich gewiſſe Freiheiten ge⸗ gen ſie herausgenommen, welche Jacqueline äußerſt übel aufnahm. Sie hatte ſie bei dem Ohre gefaßt und zur Thüre hingusgeworfen. Ihr Päckchen mit Sachen warf ſie ihr 7 5 — 139— durch das Fenſter nach, und rief ihr zu, daß ſie, wenn ſie ihr je wieder in Paris begegnete, ihr Arme und Beine zerſchlagen wollte. Sie war auf gut Glück fortgegangen und endlich hierher nach Arpajon gelangt, wo Herr André ſie in ſeine Dienſte nahm. Während ſie ſo erzählte, drehte ich den Brief des Herrn Herzogs von Guiſe an den Biſchof von Limoges fortwäh⸗ rend in meinen Händen von einer Seite auf die andere herum... Seiner Hochehrwürden von Mellac, Biſchof von Limoges. Ich hatte bemerkt, daß der Herzog Nichts ohne perſönliche Beweggründe that, und einiges Nachden⸗ ken brachte mich bald darauf, die Bezeigungen des Wohl⸗ wollens, die er mir hatte zu Theil werden laſſen, ſehr auf⸗ fallend zu finden. Ich ſah, ungeachtet der ſehr hohen Mei⸗ nung, die ich von meinem Verdienſt hatte, doch ein, daß ſie nur die Wirkung von beſonderen Abſichten hatten ſein können. Was erwartete er von mir? Was ſchrieb er an ſeine Hochehrwürden? Meine Finger juckten mich auf eine ganz eigenthüm⸗ liche Weiſe. Ich unterſuchte dieſen Brief von allen Seiten, aber er war ſo gut verſchloſſen, daß es unmöglich war, auch nur ein Wort von ſeinem Inhalte zu unterſcheiden. Ein ungeheures wächſernes Siegel trug die Wappen des Hauſes von Lorraine, und ich war nicht kühn genug, es zu erbrechen. Wie ſollte ich übrigens auch dann dieſen Brief Herrn von Mellac übergeben, wenn ſein verletztes Siegel meine verbrecheriſche Neugierde unwiderlegbar beweiſen würde? — 140— „Nein, nein!“ ſagte ich zu mir ſelbſt;„ich werde das Vertrauen eines Fürſten, welcher mich ſeinen lieben Freund nennt, nicht hintergehen, und der Brief ſoll unverletzt nach Limoges gelangen.“ Nichtsdeſtoweniger waren meine Augen fortwährend auf dieſes Siegel geheſtet. Seine Dicke flößte mir einen lichtvollen Gedanken ein.„Dieſer Brief,“ dachte ich mir, „ſpricht nur von mir, kann nur von mir ſprechen, und es iſt daher ſehr natürlich, daß ich, bevor ich denſelben ab⸗ gebe, erſt ſeinen Inhalt wiſſen will. Ich ließ die Klinge eines Meſſers ein klein wenig erhitzen und wollte ſie ſoeben an den untern Theil des Siegels anlegen... Meine Hand zitterte. Neugierde und die Furcht, eine ſchlechte Handlung zu begehen, verſetzten mich in eine fieberhafte Aufregung. Endlich ſiegte die Neugierde doch. Ich hob das Siegel mit einer Geſchicklichkeit ab, welche derjenigen Leute würdig geweſen wäre, welche man dazu verwendet, um aufgefangene Brfefe zu öffnen, die man lieſt, welche ſie wieder zufiegeln und die man dann, je nach den Umſtänden, entweder wieder an ihre Beſtimmung ge⸗ langen läßt oder zurückbehält. Der Brief des Herzogs von Guiſe iſt aufgefaltet, er liegt offen vor mir da. Ich fliege ihn zuerſt raſch durch, dann überleſe ich ihn mir noch ein Mal mit Bedachtſamkeit und wiege jedes Wort in demſelben ab. „Mein lieber Mellac Sie haben der Sache der Ligue weſentliche Dienſte geleiſtet, und ich habe bis jetzt noch keine — Gelegenheit finden können, Sie dafür zu belohnen. Ich hoffe, daß ich nicht mehr lange werde darauf warten müſſen. „Der Erzbiſchof von Lyon, d'Espignac, iſt ein Elen⸗ der, welcher ſich durch Ausſchweifungen aller Art zu Grunde gerichtet hat. Das Ooffentliche in ſeiner Liederlichkeit, ſeine Gefräßigkeit, würden unſerer Sache weſentlichen Abbruch thun, wenn das Volk in ihm noch etwas Anderes als den Prieſter ſehen könnte. Es fällt auf die Kniee, um den Se⸗ gen eines Schlingels zu erhalten, welcher vielleicht gerade aus dem Bette ſeiner Schweſter oder ſeiner Schwägerin geſtiegen iſt, und welcher oft über und über von Wein be⸗ goſſen und befleckt iſt. Dieſe Ausſchweifungen werden ihn raſch in das Grab ſtürzen. „Niemand iſt würdiger als Sie, mein lieber Mellac, den erzbiſchöflichen Sitz von Lyon einzunehmen. Sie ha⸗ ben den ganzen Anſchein einer ſtrengen Frömmigkeit, jene Art von Beredtſamkeit, welche dazu geeignet iſt, die Menge zu fanatiſiren, und wenn Sie auch das Vergnügen lieben, ſo ſchließen Sie ſich doch dabei in denjenigen Kreis ein, welchen Ihnen Ihr Stand und die Schicklichkeit vorſchreiben. „Hier ſchicke ich Ihnen einen jungen Menſchen zurück, den Sie für verrückt gehalten haben und der es höchſtens nur aus Liebe und Frömmigkeit iſt. Er iſt eines von jenen blinden und gläubigen Weſen, welche, wenn ſie gut gelei⸗ tet werden, geeignet find, die Leidenſchaften der Ligne in den niederen Volksklaſſen anzufachen. Ste wiſſen ſehr gut, daß man keinen Hebel verſchmähen varf. Ich werde dieſen hier in Paris anwenden. — 142— „Zuerſt muß man ihn von einer Liebe heilen, welche ihm den Kopf verrückt. Geben Sie ihm ſeine Colombe zu⸗ rück. Sie find dazu durch den päpſtlichen Legaten ermäch⸗ tigt. In kurzer Zeit wird la Moucherie, la Tour, in ſeiner Frau Nichts weiter mehr als eine ſehr gewöhnliche Frau ſehen, und dann ganz uns gehören. Leben Sie wohl, Mellac, ich umarme Sie im Geiſte.“ Ich war wüthend, als André zurückkehrte.„Pouſſan⸗ ville hatte wohl Recht,“ rief ich aus,„die Religion und das Volk ſind für die Fürſten nur Werkzeuge.“—„Halten Sie ſich hübſch weit von ihnen entfernt und Sie werden das Werkzeug Niemandes ſein.“—„André, wenn ich nicht bis zur Abgötterei in Colomben verliebt wäre, würde ich Einſiedler werden.“—„Wir würden unſerer Zwei ſein, denn man muß doch Jemanden haben, welcher uns anhört und welcher uns antwortet.“—„Wir würden uns in ein Gehölz zurückziehen, oder auf dem Gipfel eines ſteilen meerumſpülten Felſens.“—„Und wir würden daſelbſt den Reſt unſeres Lebens damit zubringen, den Roſenkranz zu beten—„Und meinen Schutzheiligen um die Be⸗ kehrung des menſchlichen Geſchlechtes anzuflehen.“— „Nichtsdeſtoweniger, mein Herr, könnten wir doch dieſe Lebensart auf die Länge ein wenig einförmig finden, und die Einförmigkeit ermüdet. Glauben Sie mir, es iſt doch beſſer, wenn wir Einſiedler auf la Tour werden und unſere Einſiedelei durch Colombe beleben laſſen.“—„O das, was wir ſoeben ausgeſprochen haben, wird ja nicht in Er⸗ füllung gehen.“—„Ich hoffe es auch, mein Herr.“ — 143— —„Und dieſer Herzog von Guiſe, mit welcher Ver⸗ ächtung er mich behandelt!“—„Seine Ausdrücke find beleidigend, aber er iſt ein ſehr großer Herr.“—„Bin ich nicht auch ein Mann?“—„Beweiſen Sie es.“—„Und auf welche Art?“—„Indem Sie den Rath befolgen, wel⸗ chen Ihnen Herr von Pouſſanville zu la Rochelle gab: »Nimm die Menſchen doch ſo wie ſie ſind.«“ —„Ich will dieſem Herzog von Guiſe ſchon beweiſen, daß ich nicht ſein blinder Hebel bin. Ich will Nichts mehr mit ihm gemein haben.“—„Sie werden wohl daran thun.“—„Ein Mann, welcher es wagt, mein Herz zu verleumden, welcher behauptet, daß Colombe in einiger Zeit Nichts mehr als ein ſehr gewöhnliches Weib für mich ſein wird. Welche Unwürdigkeit!“—„Mein Herr, ſchon mehr als eine hübſche Frau hat ſchnell aufgehört in den Augen ihres Mannes hübſch zu ſein.“—„Herr André, dieſe Frauen da waren keine Colombe's. „Um jede Beziehung zu dem Herzog von Guiſe zu zer⸗ reißen, will ich ihm mein Ernennungspatent zum Capitain zurückſenden.“—„Thun Sie das ja nicht. Es genirt Sie ja nicht in Ihrer Geldtaſche, und Sie könnten vielleicht ſpäter einmal ſehr froh darüber ſein, wenn Sie es in der⸗ ſelben wiederfinden. Wer Teufel kann in der Zukunft leſen? Und dann, wenn der Herzog von Guiſe, über dieſen Ihren Schritt aufgebracht, einen Eilboten, der vor Ihnen an⸗ käme, an Herrn von Mellac abfertigte, und dieſer Prälat Ihre Colombe fortfahren ließe wie ein kleiner Engel in dem Nonnenkloſter zum heiligen Auguſtin zu ſingen? was dann?“—„Du machſt mich zittern.“ „Bringen Sie vor Allem wieder das Siegel des Her⸗ zogs von Guiſe an ſeine gehörige Stelle, wo es früher war.“—„Du haſt Recht.“—„Nun, was machen Sie denn ſchon wieder? Sie werden es gleich mit dem Feuer aus der Küche ſchwarz gemacht haben.“—„Du haſt wie⸗ der Recht, immer Recht.“—„Meine kleine Clara, bringe uns eine Taſſe mit etwas Spiritus darin, und ein ange⸗ zündetes Papier.“ Das Siegel wurde ſchneller und leichter, als es abge⸗ nommen worden war, wieder an ſeine gehörige Stelle gebracht und wir begannen die Projectenmacher zu ſpie⸗ len. Andrs gehörte ganz nur ſeinen Gebäuden und ich ganz nur Limoges. Ich zeigte André'n an, daß wir uns am nächſten Morgen auf den Weg machen und in Eilmär⸗ ſchen reiſen würden.„Mein Herr, Sie werden allein rei⸗ ſen.“—„Und warum das, mein Herr?“—„Nach der Wendung, welche die Dinge jetzt genommen haben, werden Sie keine Gelegenheit finden, tolle Streiche zu begehen, und ich werde Ihnen alſo zu Richts nöthig ſein.“—„Und Dein immer ſo anziehendes und manchmal ſo belehrendes Geſpräch?“—„Mein Geſpräch ift nicht die vier⸗ bis fünf⸗ tauſend Livres werth, um die man uns hier beſtehlen würde, wenn ich jetzt fortginge, und die ich Ihnen, wäh⸗ rend Sie an Nichts als nur an die Liebe denken, erhalten werde.“ Ich entſchloß mich, allein mit meinem Wagen und mei⸗ — 145— nen zwei Maulthieren abzureiſen. Dieſe Art zu reiſen iſt zwar nicht die allerraſcheſte, aber ich wollte auch, daß Co⸗ lombe mit Bequemlichkeit reiſe. Ich ſchlief ein, indem ich ihren Namen ausrief, und André, indem er berechnete, wie viel die Steine, das Blei und das Eiſen werth ſeien, die man ſchon aus dem alten Thurme herausgezogen hatte. Siebenzehntes Kapitel. Zweite Reiſe nach Limoges. Ich ſtieg mit Tagesanbruch in meinen Wagen. Ich hatte Geld genug bei mir, um meine Reiſekoſten zu beſtreiten, und Colomben Anzüge, wie ſie ſich für eine Frau von Stand gebührten, zu kaufen; meinen Degen an der Seite und au⸗ ßerdem noch zwei Piſtolen zu meiner Vertheidigung, über⸗ dies das Bild der Geliebten im Herzen, um die Länge der Reiſe zu verkürzen. Ich hielt in Etampes an, um meine Mutter noch ein Mal zu beſuchen. Sie erwartete mich nicht und ich bereitete ihr auf dieſe Art eine neue genußreiche Ueberraſchung. Ich hatte die größten Verpflichtungen gegen Herrn Vernier und ich wußte, was gegen ihn im Werke war. Ich machte ihm einen Beſuch und ich wiederholte ihm auf das Genaueſte, was ich von dem Herzog von Guiſe in Bezug auf ihn hatte ſagen hören.„Ich habe kein einziges Rittel, Widerſtand zu leiſten,“ erwiderte er mir,„und Biblioth. 328 Boch. 10 — 146— der Kanzler wird ſich nicht mit den Fürſten des Hauſes Lorraine verfeinden wollen, um den königlichen Procura⸗ tor eines kleinen Gerichtshofes in ſeiner Stelle zu erhal⸗ ten. Ich werde geopfert werden. „Ich werde durch irgend einen Fanatiker erſetzt werden, der die Verfolgungen, welche die Franciscaner erneuern werden, unterſtützen wird. Sie haben mir einen guten Dienſt erweiſen wollen, und ich werde Ihnen meine Dankbarkeit dafür dadurch bezeigen, daß ich die Schweſter Magdalena in das Nonnenkloſter zum geheiligten Herzen von Paris werde verſetzen laſſen. Dieſe amtliche Handlung wird zwar meinen Fall beſchleunigen, aber da er einmal unver⸗ meivlich geworden iſt, ſo liegt wenig daran, ob er etwas früher oder ſpäter Statt findet.“ Wir nahmen von einander Abſchied, wie es Männer thun mußten, die ſich gegenſeitig achten und lieben. Ich wünſchte mir Glück dazu, nicht ein Wort von Dem, was der Herzog geſagt, vergeſſen zu haben, und ich nahm mir feſt vor, niemals eine Gelegenheit, Etwas zu ſehen oder zu hören, unbenützt vorübergehen zu laſſen. Ich ſchlug den Weg ein, welcher mich von Saint⸗Junien nach Paris geführt hatte. Ich fand in jeder Stadt den Wirthshausbeſitzer, welcher mich ſchon früher einmal auf⸗ genommen hatte, wieder; ich war frei, wie in meinem eigenen Hauſe und ich kümmerte mich wenig um die Ent⸗ behrungen, welche mir die Rothwendigkeit auferlegte. Während ich ſo fortreiſte, wiederholte ich für mich ſelbft einige von den Liedern Colombe's; ich kannte ſie alle aus⸗ — 147— wendig. Ich ſuchte ihren Ton anzunehmen, die Beugungen ihrer Stimme nachzuahmen und glaubte ſie auf dieſe Art fingen zu hören. Ich dachte mit Entzücken an den Augen⸗ blick unſerer Wiedervereinigung und war glücklich. Eines anderen Tages beſchäftigte ich mich mit frommen nebungen. Ich verfaßte Stoßgebete an meinen Schutz⸗ heiligen, in welchen ich ihn um die Erhaltung Colombe's, und um die Ausrottung der hugenottiſchen Ketzer bat. Ich ſchickte glühende Wünſche zum Himmel auf, daß die Für⸗ ſten zu den Gefühlen der wahren Frömmigkeit, welche alle Franzoſen beſeelen ſollten, und mit denen ſie nur ein ſchamloſes Spiel trieben, zurückkehren möchten. Die Tage verfloſſen für meine Ungeduld viel zu lang⸗ ſam. Indeſſen näherte ich mich doch dieſer Stadt, welche den Gegenſtand meiner zärtlichſten Liebe in ſich verſchloß. Ich gelangte nach Argenton. Den drittfolgenden Tag dar⸗ auf mußte ich in Limoges ſein. Indem ich die Straßen von Argenton durchzog, be⸗ merkte ich eine große Anzahl von bewaffneten Anhängern der Ligue, welche in den verſchiedenen Stadttheilen zer⸗ ſtreut waren. Was machten ſie daſelbſt? Argenton war kein feſter Platz, ſie konnten alſo höchſtens durch dieſe Stadt durchziehen. Wo zogen ſie hin? jetzt, wo noch Nichts den Frieden dieſer Gegenden ſtören zu können ſchien? Ich ſtellte meinen Wagen undmeine Maulthiere in dem Wirthshauſe ein, in welchem ich gewohnt hatte, als ich von Saint⸗Junien nach Etampes ging, und durcheilte die Stadt. Die Soldaten der Ligue befanden ſich im größten 10* — 148— Ueberfluſſe, alſo waren ſie Niemandem gefährlich. Der Soldat iſt, wenn er gut lebt, immer fröhlich, und es iſt leicht, Leute, welche guter Laune ſind, ſchwatzen zu machen. Es waren ihrer dreitauſend. Sie kamen aus dem La⸗ ger, welches der Marſchall von Biron in der Nähe von Poitiers aufgeſchlagen hatte, und ſie wußten nicht, wohin man ſie führe. Ich ſetzte meinen Spaziergang fort, und ich ſah auf einer Art von Platz einen höheren Officier, welcher Befehle zu ertheilen ſchien. Das war ein günſtiger Augenblick, um Etwas zu erlauſchen, und ich trat näher hinzu. „Täuſche ich mich. oder iſt er es wirklich. aber nein. o ja, ja!.. bei meinem Schutzheiligen, er iſt es ſelbſt.“ Ich ſtürzte vor und lag einen Augenblick darauf in den Armen Pouſſanville's. Man wird ſich leicht das Vergnügen vorſtellen können, welches wir Beide über dieſes Wiederſehen empfanden. Unſere Wiedererkennungsſcene wäre der Schilderung ei⸗ nes Jodelle würdig geweſen, aber ſein Genie war in dem finſtern Grabe verſchloſſen. Pouſſanville führte mich in ſeine Wohnung; man erinnert ſich wohl noch, daß er nie⸗ mals an irgend Etwas Mangellitt; wir ſpeiſten Beide ganz allein zu Abend, aber wir ſpeiſten ſehr gut. Wir erzählten uns gegenſeitig, was uns ſeit unſerer Trennung begegnet war, und ſchlürften dazu einen ganz ausgezeichneten Loire⸗ Wein in vollen Zügen ein. Als ich meine Erzählung beendigt hatte, wünſchte er mir zu meinen gegenwärtigen günſtigen Vermögensver⸗ ₰ L —————— — 149— hältniſſen Glück, fügte aber hinzu, daß ich niemals eine bedeutende Rolle ſpielen würde, weil der Ehrgeiz nur eine ſehr vorübergehende Leidenſchaft ſei, wenn er der Liebe untergeordnet iſt. Er ſuchte mir durch Beiſpiele zu bewei⸗ ſen, daß er die herrſchende einzige, und die Liebe blos eine Erholung von den ſchweren Anſtrengungen ſein müſſe, welche zur Berühmtheit führen. Ich begnügte mich ſehr gern damit, Richts als der Geliebte Colombe's zu ſein, und das Schickſal der Helden, die er mir anführte, ſchien mir nicht halb ſo beneidenswerih als das meinige zu ſein. Er erzählte mir dann, auf welche Art er von Poitiers nach Argenton gekommen war. Er empfing häufig Befehle von dem Herzog von Guiſe, welche alle dahin zielten, die Kräfte der Ligue in den weſtlich gelegenen Provinzen genau kennen zu lernen, und ſeinen Emiſſären einen ausführli⸗ chen Bericht darüber zu geben. Es war ihm ausdrücklich aufgetragen, überall die Anſichten des Volkes in Bezug auf Heinrich Ill. zu erforſchen, und ſich alle Mühe zu geben, ihn eben ſo verhaßt zu machen, als er ſchon verachtet war. Auf dieſe Art ſchien nun Pouſſanville auf eigenen Füßen zu ſtehen und auf gut Glück weiter zu marſchiren. Er hatte aber nichtsdeſtoweniger ein feſtbeſtimmtes Ziel. Die Mehrzahl der Emiſſäre des Herzogs waren unbe⸗ deutende Leute, von denen Pouſſanville Richts über die wahre Lage der Dinge erfahren konnte. Es lag nichtsdeſto⸗ weniger in ſeinem perſönlichen Intereſſe, davon unterrich⸗ tet zu ſein. Der Hauptmann Saint⸗Paul, einer der Lieb⸗ — 150— lingsoffiziere des Herzogs, unternahm eine Reiſe nach Bellac, um Privatangelegenheiten in Ordnung zu brin⸗ gen, und es wurde ihm ausdrücklich anbefohlen, auf der Durchreiſe Pouſſanville zu beſuchen. Saint⸗Paul war ziemlich beſchränkt; aber er war eitel, ſehr eitel, faſt in demſelben Grade, wie ſein Gebieter. Um ihn zum Sprechen zu bringen, brauchte mein Freund nur daran zu zweifeln zu ſcheinen, daß erwirklich bei dem Herzog von Guiſe ſo ſehr in Gunſt ſtehe. Saint⸗Paul, dadurch aufgeſtachelt, bewies, daß erwirklich ſo ſehr in Gunſt ſtehe, indem er Alles erzählte, was er wußte und vielleicht auch Manches, wus er nicht wußte. Belgien und Holland hatten ſich gegen den König von Spanien empört. Der belgiſche Adel warf ſich dem Herzog von Anjou, dem Bruder des Königs, in die Arme, und der Herzog von Guiſe willigte darein, daß er an der Spitze von zwölftauſend Proteftanten nach Brüſſel ziehe. Das hieß ja die calviniſtiſche Partei in Frankreich ſchwächen. Der Herzog hatte ſeinen König dermaßen in ſeiner Ge⸗ walt, daß er ihn zwang, von den Hugenotten die Zurück⸗ gabe der feſten Plätze zu verlangen, welche er ihnen durch den Tractat von Bergerac überlaſſen hatte: das hieß ihnen auf indirecte Weiſe den Krieg erklären. Freilich, der Friede paßie ja auch weder zu den Plänen Gregors des Dreizehn⸗ ten, noch zu denen Philipps des Zweiten, noch vor Allem zu denen des Herzogs von Guiſe. Alle Drei von verſchie⸗ denen Intereſſen in Bewegung geſetzt, fühlten ſie doch gleichmäßig, daß ſie ihre Pläne nur mittelſt einer immer — — 451— wieder von Neuem auflebenden Verwirrung erreichen könnten. Die Königin Louiſe von Vaudemont betete ſehr viel und miſchte ſich in NRichts. Der König tanzte, oder geißelte ſeinen Leib. Catharina von Medicis allein erkannte die wahre Lage der Dinge und ſah mit Schrecken die Krone auf dem Haupte ihres Sohnes wanken. Sie ließ dem Könige von Navarra ſagen, er möge ſich wohl hüten, ſeine geſchützten feſten Plätze herzugeben, und ſeine Partei möge ihr einziges Heil von der Macht der Waffen erwarten. Während ich ſo mit Pouſſanville plauderte, langte ein Eilbote an und brachte ihm den Befehl, ſich in Eilmärſchen nach Cahors zu begeben, und ſich in dieſe Feſtung mit ſei⸗ nen Truppen einzuſchließen. Der tapfere Verins befeh⸗ ligte in derſelben, aber es fehlte ihm an Mannſchaft. Der thätige und unerſchrockene Pouſſanville gab mir noch eine letzte Lehre über die Art und Weiſe, auf welche ich mich gegen Diejenigen, deren Frömmigkeit eine blos äußerliche ſei, und namentlich gegen den Biſchof von Li⸗ moges benehmen ſolle. Seine Bemerkungen waren von dem Eigennutze, dem einzigen Maßſtabe ſeines ganzen Handelns, eingeflößt; aber ich ſah ein, daß ich Colombe wiedererlangen müſſe, und ich nahm mir aufrichtig vor, ſeine Rathſchläge zu befolgen. Er umarmte mich, bot mir ſein Bett an und ging fort, um alle Anordnungen zu dem bevorſtehenden Aufbruche zu treffen. Es war um vier Uhr des Morgens, als er wieder zu⸗ — 152— rücktehrte. Er warf ſich ganz angekleidet an meine Seite nieder, ſchlief eine Stunde und ſtand dann auf, um den Generalmarſch ſchlagen zu laſſen. Ich ſtand ebenfalls auf, ließ meine Maulthiere an meinen Wagen anſpannen und wir verließen zu gleicher Zeit Argenton, er, um ſich Ruhm zu erwerben, ich, um hinzufliegen, wohin mich die Liebe rief. Ich kam durch Saint⸗Junien, hielt es aber nicht für nöthig, mich an dieſem Orte aufzuhalten. Ich war vor einiger Zeit zu Fuße in Limoges eingezogen, und hatte dieſe Stadt in einem ſchlechten Karren verlaſſen. Jetzt wollte ich daſelbſt in einer anſtändigen Equipage wieder⸗ erſcheinen. Ein Wagen mit dem Wappen des Marſchall von Biron, zwei Maulthiere und ein Pferd vorangeſpannt, bildeten den Pfeil, welcher auf die Armbruſt gelegt wurde. Welchen Eindruck mußte ich auf die Einwohner von Limo⸗ ges machen. Meine Eitelkeit legte ſogar meiner Liebe, wenigſtens für einen Augenblick, Stillſchweigen auf. Bald aber ſang ich wieder ein Lied meiner theuern Colombe, und wurde wieder mit ihr ganz und gar zu Einem Weſen. Ich zog fingend in Limoges ein, und einige Leute blie⸗ ben ſtehen.„O!“ ſagte der Eine,„das iſt der Nart, wel⸗ cher uns die Schweſter Sainte⸗Colombe entführen wollte.“ —„Er wird von Montmorillon entſprungen ſein,“ be⸗ merkte ein Anderer.—„Er wird dieſe Equipage,“ fügte ein Dritter hinzu,„auf irgend einer Landſtraße gefunden haben, wird in dieſelbe geſprungen ſein und— da iſt er nun.“ Dieſe Reden verſetzlen mich ſehr, und mit jedem Augen⸗ — 153— blicke nahm die Zahl der Gaffenden zu. Sie verſperrten mir den Weg. In einem Anfall von Zorn gab ich meinen Zugthieren ſtarke Peitſchenhiebe auf die Gefahr hin, die⸗ jenigen Leute, welche ſich vor ihnen befanden, zu überfah⸗ ren. Man machte augenblicklich Platz, und ich kam im Galopp vor dem Gitterthore des biſchöflichen Palaſtes an. Ich ſprang in dem Hofe herab, und in weniger als einer Minute war er voll von Leuten. Ich verſchaffte mir heftig, mit dem Degen in der einen Hand, Platz, und mit der anderen hielt ich das Packet des Herzogs von Guiſe hoch in die Luft. Jedermann beeilte ſich, ſich gegen die Mauern zu drücken. Ich rief den Thürſteher, und je mehr ich ſchrie, deſto tiefer verſteckte er ſich in ſeine Loge.„Er iſt verrückt, er iſt verrückt,“ rief man von allen Seiten. Herr von Mellac erſchien an einem Fenſterkreuze, und fragte nach der Ur⸗ ſache dieſes Auflaufes. Er erkannte mich, und befahl, daß man ſich meiner Perſon bemächtige. Mein Degen hielt aber die Unternehmendſten fern. Ich zeigte Seiner Hoch⸗ ehrwürden das Packet, welches ich in der Hand hielt, und ſagte zu ihm, däß ich von dem Herzoge von Guiſe an ihn geſendet ſei. Er lächelte mitleidig, und zuckte die Achſeln. Er ſtand im Begriffe, ſein Kreuzfenſter wieder zuzu⸗ ſchließen. „Ueberlegen Sie wohl, Monſeigneur, was Sie thun wollen. Dieſes Packet iſt von der höchſten Wichtigkeit. Herr Pericard hat es in meiner Gegenwart in dem Ar⸗ beitszimmer des Herzogs von Guiſe geſchrieben.“—„Er — 154— iſt verrückt,“ ſchrie man wieder aus allen Ecken und Win⸗ keln des Hofes. Eine Abtheilung von Häſchern trat in den⸗ ſelben ein, und ich athmete wieder auf; ich war überzeugt, daß dieſe Leute mich nicht fürchten, und mich folglich anhö⸗ ren würden. Ich ſteckte meinen Degen wieder in ſeine Scheide und ging auf den Anführer der Wache zu. Ich er⸗ klärte mich gegen ihn, und erließ ſogleich meine Depeſchen dem Monſeigneur übergeben. „Sie ſehen alſo nicht ein, Commandant, daß NRichts in dieſem Packete iſt...“—„Außer höchſtens den Liedern, die er uns hören ließ, als er in die Stadt einzog.“—„Ent⸗ waffnen Sie ihn doch, Herr Commandant.“— Ich that einen Sprung zurück, und legte meine Hand auf den Griff meines Degens.„Keine Gewaltthätigkeit,“ ſagte ich,„ich werde mir deren auch keine erlauben. Herr Officier, be⸗ fehlen Sie, daß man auf meine Equipage Acht habe, bis ich dieſelbe in Sicherheit bringen kann.“—„Ja, Sicher⸗ heit! Man wird Dich ſchon in Sicherheit bringen.“—„Er iſt verrückt, er iſt toll.“—„Entwaffnen Sie ihn doch, Herr Commandant.“—„Meine Freunde, es wird noch immer Zeit genug ſein, Gewalt anzuwenden; laßt uns erſt erwarten, wie ſich Monſeigneur entſcheiden wird.“ Durch dieſes Geſchrei war mir das Blut in den Kopf geſtiegen.„Lernet, Ihr Geſindel, das Ihr ſeid, daß man einen Infanteriehauptmann, einen Herrn vom Schloſſe de la Tour nicht ſo leicht entwaffnen kann.“—„Er iſt verrückt, er iſt toll““ Zwei Kleriker kamen die Treppe, welche zu den Ge⸗ mächern Monſeigneurs führten, herabgeſtiegen. Sie näher⸗ ten ſich mir mit Zeichen von Hochachtung, welche die Zu⸗ ſchauer ſtarr vor Erſtaunen machten. Einer von ihnen wandte ſich an die verſammelten Bewohner von Limoges. „Omnis homo mendax,“ ſagte er zu ihnen,„was ſo viel heißt, als: jeder Menſch iſt ein Lügner; und Ihr habt gelogen, als Ihr dieſen heiligen jungen Mann für verrückt erklärtet. Aber Ihr habt unfreiwillig gelogen, und errare humanum est, was ſo viel heißt als: es liegt im Weſen des Menſchen, ſich zu täuſchen. Dieſer fromme Katholik iſt mehrere Male durch die Straßen von Limoges gelaufen; aber liefen denn nicht auch die Väter der Wüſte hierhin und dorthin, indem ſie Hymnen ſangen, und ſich in Dor⸗ nengeſträuchen wälzten?“ „Ah, es iſt ein Vater aus der Wüſte,“ ſagte ein weiſer Thebaner unter dem Haufen,„wir wußten das nicht; wir wollen uns entfernen.“ Und alle Bewohner von Limoges zogen bei mir vorbei, indem ſie den Saum meines Man⸗ tels küßten, und wiederholten:„Omnis homo mendas, errare humanum est.“ Ich wurde mit vielen Ceremonien in das Arbeits⸗ zimmer Seiner Hochehrwürden geführt. Er empfing mich in ſeinem Lehnſeſſel mit Ohrpolſtern, und gab mir ein Zeichen, mir einen Lehnſtuhl zu nehmen. „Sie wollen ſich alſo durchaus verheirathen, mein lieber Bruder?“—„Ich war es ſchon, Monſeigneur.“— „Sprechen wir nicht mehr davon. Die Ehe iſt zwar kein ganz reiner Stand, aber man kann ſie durch gute Werke — 3— heiligen. Der heilige Paul hat es bewieſen, und hinter⸗ läßt Ihnen ein großes, nachahmenswerthes Beiſpiel. Wollen Sie daſſelbe befolgen?“—„Ja, Monſeigneur.“ —„So iſt es recht, mein Sohn!“ „Seine unfehlbare Heiligkeit der Papſt befiehlt mir durch die Vermittelung ſeines Legaten, die Schweſter Co⸗ lombe von Ihren Gelübden zu entbinden, und der Herzog von Guiſe bittet mich, dieſelbe mit Ihnen ehelich zu ver⸗ einigen. Willigen Sie ein, ſie zur Frau zu nehmen?“— „Aber, Monſeigneur, ſie iſt ja ſchon meine Frau.“— „Laſſen Sie uns nicht mehr davon ſprechen. Die zu Be⸗ non vollzogene Ehe iſt nach den Geſetzen der Kirche gar keine. Die Heirath muß hier erneuert werden.“—„O, von ganzem Herzen gern, Monſeigneur.“ Ich bin ein Katholik, ja ſogar ein eifriger, glühender, aber die Heuchelei hat mich immer empört, und mein Blut kochte in meinen Adern. Nichtsdeſtoweniger beherrſchte ich mich noch. „Laſſen Sie uns jetzt von anderen Dingen ſprechen.“— „Laſſen Sie uns im Gegentheile nur von dieſer Sache ſprechen, Monſeigneur.“—„Ich ſehe wohl ein, daß wir dieſe Angelegenheit hier zuerſt zu Ende bringen müſſen, um Sie nur einiger Aufmerkſamkeit fähig zu machen. „Ich will plötzlich alle Glocken der ganzen Stadt läuten laſſen. Die Pedelle werden die Stadt durcheilen, um den Gläubigen die große Ceremonie anzukündigen, welche dieſen Abend im Nonnenkloſter zum heiligen Au⸗ M„ guſtin ſlattfinden wird. Sie werden ſich auch vort ein⸗ finden.“—„Ich werde nicht ermangeln, Monſeigneur.“ —„Morgen, Sonntag, wird die erſte öffentliche Verkündi⸗ gung ſtattfinden, von den beiben andern, die eigentlich nothwendig ſind, will ich Euch dispenſiren, und Montag werden Colombe und Sie durch geſetzmäßige Bande ver⸗ bunden ſein.“—„Montag..., aber das iſt ja ſehr ſpät, Monſeigneur.“—„Vergeſſen Sie nicht, junger Mann, daß die Sinnlichkeit der Ehe unwürdig iſt, und daß es der einzige Zweck dieſes Sacramentes ſei, Gott Seelen zu geben.“ Und der Herzog von Guiſe ſchrieb doch an ihn:„Wenn ie auch das Vergnügen lieben, ſo beſchränken Sie ſich doch auf die Kreiſe, welche Ihnen Ihr Stand und die Schicklichkeit vorſchreiben.“ Wie viele Herrſchaft mußte ich über mich ſelbſt erlangt haben, um nicht loszubrechin. Aber Colombe war mir noch nicht zurückgegeben. Herr von Mellac verabſchiedete mich, indem er mich auf vier Uhr des Abends in das Nonnenkloſter zum hei⸗ ligen Auguſtin beſtellte, und indem er mich wiederholt ver⸗ ſicherte, daß er ſeine Befehle ertheilen wolle. Ich hatte mein Gold in meiner Geldtaſche, aber das genügte mir nicht. Ich wollte wiſſen, was aus meiner Equipage geworden war. Sie ſuchen, hieß ja auch gewiſſer⸗ maßen mich mit Colombe beſchäftigen. Ich durchlief die vorzüglichſten Straßen von Limoges. Das niedere Volk machte mir Platz, wiederholte unauf⸗ — 158— hörlich:„Es iſt ein heiliger Vater aus der Wüſte“, und grüßte mich mit Ehrfurcht. Ich erfuhr endlich, daß ein Wirthshausbeſitzer mei⸗ nen Wagen und mein Geſpann aufgenommen habe. Ich lief hin, und ich ſah, daß ſich Beides in ſo gutem Stande befand, als ich nur immer wünſchen konnte. Ich wollte mit dem Wirthe Ambroſius ein Uebereinkommen über den Preis treffen. Er antwortete mir, daß die Equipage eines heiligen Vaters aus der Wüſte ſeinem Hauſe Glück brin⸗ gen würde, und er durchaus Nichts dafür annehmen könne. Bald überzeugte mich der Klang der Glocken davon, daß der Biſchof ſchon begann, ſeine Verſprechungen aus⸗ zuführen; aber es war erſt zwei Uhr, und ich kochte vor Ungeduld. Es ſchien mir, als ob es einigermaßen die Zeit ab⸗ kürzen hieße, wenn ich ſie in der Kloſterkirche abwartete. Alles mußte mir dort von Colomben ſprechen, ja ſogar der Vorhang, welcher jeden ungeweihten Blick hinderte durch das große Gitter zu dringen, welches ihnen die Jungfrauen des Herrn entzog.„Dort iſt ſie,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „von dort aus wird ſie bald meinen Augen erſcheinen, die begierig ſind, ſie wiederzuſehen. Ich war allein in der Kirche, und ſo durcheilte ich ſie denn in allen Richtungen. Meine Aufmerkſamkeit heftete ſich auf ein Bild, welches die heilige Cäcilie darſtellte, und welches mir Anfangs ziemlich ſchlecht zu ſein ſchien. Bald glaubte ich in den Zügen der Heiligen die meiner Colombe zu erkennen, und das Werk ſchien mir mittelmäßig. Ich fuhr fort, es zu — 159— prüfen.. Ol ſe iſt es. ſie iſt es. ich kann mich nicht mehr täuſchen. Das iſt dieſes bezaubernde Mie⸗ nenſpiel, von dem ich nicht begreife, wie irgend Jemand ihm widerſtehen kann; das ſind dieſe ſchmalen Finger, welche ſich wollüſtig über dieſem Pſalterbuche ſchließen. In den mittleren Regionen der Luft erſcheinen Engel, welche im Begriffe ſtehen, eine Krone auf ihre Stirn zu vrücken. O! dieſe Krone iſt ein Myrthenkranz; dieſe Engel ſind Liebesgötter. Dieſes Gemälde iſt eines Leonardo da Vinci würdig.“ Ich fiel auf die Kniee, und bat meinen Schutzheiligen wegen der weltlichen Gedanken, denen ich mich ſoeben in einer Kirche überlaſſen hatte, um Verzeihung. Ich lag vor dem Bildniſſe der heiligen Cäcilie auf den Knieen, und bat ſie noch lebhafter, ſich für mich zu verwenden. War es vielleicht ſie, die ich anrief? Der Klang der Glocken ließ ſich von Neuem hören, und die Kirche füllte ſich augenblicklich mit Leuten. Der Pedell führte mich in die Nähe des Gitters, und wies mir einen mit carmoifinrothem Damaſt überzogenen Bet⸗ ſchemel an, den er für mich dorthin geſtellt hatte. Ich kniete zum zweiten Male nieder. Die Orgeltöne zeigten an, vaß die erhabene Cere⸗ monie beginnen ſolle. Das Herz ſchlug mir mit außer⸗ ordentlicher Heftigkeit. Es war zwiſchen der Liebe zu Gott und derjenigen, welche mir Colombe einflößte, getheilt. Ich bemühte mich, dieſe beiden mit einander zu vereinigen, aber das war ſchwer. Ich ſammelte mich indeſſen doch, und für einen Augenblick wenigſtens gehörte ich ganz meinem Schutzheiligen an. Der große Vorhang wurde endlich aufgezogen. O alle meine frommen Gedanken waren nun mit einem Male verſchwunden. Ich ſuchte; ich fand Colombe, und ich fiel in einen Zuſtand der Bezauberung, welcher an Verzückung grenzte. Sie kniete zwiſchen zwei Nonnen, und die Superiorin ſtand aufrecht hinter ihr. Dieſe hatte ihre beiden Hände auf das Haupt Derjenigen ausgeſtreckt, welche ihr nun bald entfliehen ſollte; ſie ſegnete ſie. Alle vier Perſonen waren gegen den inneren Theil der Kirche zugekehrt. Co⸗ lombe bemerkte mich, und lächelte mir zu. O, welch ein Lächeln! Die Wirkung deſſelben iſt un⸗ möglich zu beſchreiben. Ihr allein könnt ſie begreifen, Ihr, die Ihr nach dem Beſeitigen von Hinderniſſen, die un⸗ überwindlich ſchienen, mit dem Gegenſtande Eurer zärt⸗ lichſten Liebe wieder vereinigt wurdet, oder die Ihr von demſelben nach acht Tagen einer Glückſeligkeit, die erſt im Erblühen war, getrennt wurdet. Der Biſchof erſchien endlich in ſeiner prieſterlichen Kleidung, umgeben von ſeinem Klerus. Er erklärte mit lauter Stimme, daß die unumſchränkte Vollmacht unſeres heiligen Vaters, des Papſtes, Colombe der Welt wieder⸗ gebe, und daß ſie in derſelben zur größtmöglichen Ver⸗ vollkommnung ihrer Seele beſtimmt ſei. Ein Großvicar verlas die Bulle des päpſtlichen Ge⸗ ſandten und alle Aſſiſtirenden antworteten mit Amen. — 161— Der Herr Biſchof richtete dann eine ſehr ſalbungsvolle Rede über die Pflichten der Ehe an uns. Er malte uns den Himmel offen für diejenigen Gatten, welche dieſen Pflichten treu bleiben, und die Hölle für die, welche ſie vernachläſſigen.. Ich erinnerte mich an die Stelle in dem Briefe des Herzogs von Guiſe....„O,“ dachte ich mir,„wie ſehr iſt die Religion ſelbſt den Schwächen ihrer Diener fremd. Colombe kann keinen Unterſchied dazwiſchen machen; ſie iſt glücklicher als ich. Ich will ihre Andacht nachahmen und auch zu einem unbedingten Glauben kommen. Die beiden Nonnen entkleideten ſie unter gewiſſen Ce⸗ remonien der Abzeichen, welche ihr Opfer und ihre frei⸗ willige Gefangenſchaft andeuteten. Ihre langen, blonden Haare fielen wieder in natürlichen Locken auf ihre alaba⸗ ſternen Schultern herab. Die Röthe der Freude und viel⸗ leicht auch zugleich die der Scham bedeckte ihre Wangen mit dem lebhafteſten Incarnat. Man zog ihr wieder das Kleid an, welches ſie trug, als ſie ſich den Nonnen des heiligen Auguſtin vorgeſtellt hatte. Es war das einzige, welches ſie beſaß, nachdem ſie von der Frau Marſchallin geflohen war. Dieſes Kleid be⸗ fand ſich in einem traurigen Zuſtande, aber Colombe war trotzdem nur um ſo ſchöner. Sie verdankte Alles der Natur und ihrer Jugend. Die Häßlichkeit allein ſucht eine ungün⸗ ſtige Aufmerkſamkeit von ſich abzulenken, indem ſie die⸗ ſelbe auf prachtvolle Kleider lenkt. Richtsdeſtoweniger wollte ich doch, daß die Gattin Bivblioth. 32 Boch. 11 eines Mannes, wie ich war, in einem ihrer würdigen Auf⸗ zuge erſcheine, und ich nahm mir vor, den nächſtfolgenden Tag dieſem Gegenſtande zu widmen. Der Biſchof befahl Colomben, auß diejenige Seite des Gitters, auf welcher ich mich befand, herüberzukommen, und dem Kloſterdirector, uns zu verloben. Unſere Hände berührten ſich... Colombe ließ ihr reizendes Haupt auf ihre Bruſt herabſinken.. Ich fühlte einen Vulcan, der mich verzehrte, in meiner Bruſt.. Man war genöthigt, uns Beide aufrecht zu halten. Man führte Colombe in das Innere des Kloſters zu⸗ rück, und Monſeigneur erklärte, vaß ſie daſſelbe nicht ver⸗ lafſen werde, außer um zum Altare zu treten. Ich zog mich zurück, ſo befriedigt und glücklich, als man es nur immer ſein kann, wenn man nochwarten muß. Ambroſius war ein dicker Philiſter, ein eifriger Ka⸗ tholik, bereit, Alles für die Religion zu thun, und Alles fröhlich thuend. Er gab zu, daß Colombe nicht heirathen könne, ohne ein ſchönes und neues Kleid zu haben. Aber es war ſechs Uhr Abends, und der nächſtfolgende Tag war ein Sonntag.„Zum Teufel! zum Teufel!“ ſagte er, in⸗ dem er ſich hinter den Ohren kratzte,„es iſt nicht eine Mi⸗ nute Zeit zu verlieren.“ Wir laufen zu einer, zu zwei, zu drei Rähterinnen. Sie fangen Alle damit an, mir zu bedenken zu geben, wie wenig Zeit ſie zu ihrer Verfügung hätten; ich zeige ihnen Gold. Eine von ihnen läuft ſchnell fort, um Colomben das Maß zu nehmen; die zweite eilt hin, um ſich Gehilfinnen — 163— zu verſchaffen; die dritte führt uns zu einem Kaufmann, welcher Kleiderſtoffe hat. Wir nehmen das Reichſte und Eleganteſte, was wir nur in dem Laden finden können. Eine Stunde ſpäter hatten ſich ſechs Nähterinnen bei Ambroſius eingerichtet. Ich ließ Alles, was an gekochtem Gemüſe vorhanden war, herbeibringen; es war Sonn⸗ abend. Ambroſius trug den Mädchen in einer Ecke des Zimmers, welche wir zur Werkſtätte eingerichtet hatten, auf. Es ſchlug eben acht Uhr, und wir hatten nur noch vier Stunden zu unſerer Verfügung. Nichtsdeſtoweniger mußte man zu Abend eſſen; wir verloren noch funfzehn Minuten, ich zählte ſie genau. Ich ermuthigte, ich drängte meine Arbeiterinnen. Un⸗ geachtet meiner Bemühungen wurden ihre Augenlider ſchwerer; es war ſchon die Stunde gekommen, in welcher ehrbare Leute überall zu Bette gehen. Ich mußte ſie wach erhalten, und ich ließ ihnen alſo Glühwein bringen. Er brachte Anfangs die Wirkung hervor, welche ich von demſelben erwartete, und die Arbeit ging mit einer Schnelligkeit vorwärts, welche mich entzückte. Aber bald wurden die Köpfe erhitzt, und wurden ſpäter immer ver⸗ wirrter, und das Kleid Colombe's fiel aus den Händen der Nähterinnen auf ihre Kniee. Ich fürchtete den unter ähn⸗ lichen Umſtänden gewöhnlichen Zufall; ich hob das Kleid auf und brachte es in Sicherheit; es war hohe Zeit dazu geweſen. Ambroſius lachte; ich meinerſeits war in Ver⸗ zweiflung. Die Nebelwolken des Weines zerſtreuten ſich nach und 11* — 1641— nach, und um zehn Uhr nahmen dieſe Damen die Näh⸗ nadeln wieder in die Hand. Aber ſie bedienten ſich der⸗ ſelben mit einer Langſamkeit, einer Nachläſſigkeit, die mich zur Verzweiflung brachte. Es ſchlug Mitternacht.„Es iſt Sonntag,“ ſchrie Eine von ihnen, und Alle warfen ihre Arbeit mit Abſcheu von ſich. Ich wurde wüthend, aber ich konnte ihre Achtung vor den Geſetzen der Kirche nicht tadeln. „Colombe wird alſo heirathen müſſen, ohne ein neues Kleid zu haben,“ ſagte ich ſeufzend.—„Warum das?“ erwiderte mir Ambrofius;„es ſchlägt am Sonntage eben ſo gut wie am Sonnabende MWitternacht, und dann wer⸗ den wir dieſe Damen wieder an ihre Arbeit ſetzen. Sie werden nicht vor zehn Uhr Morgens heirathen, und in zehn Stunden können ſechs Frauenzimmer ſchon ein gutes Stück Arbeit vor ſich bringen. Laſſen Sie uns nun zu Bette gehen, mein Herr.“ Das war in der That das Beſte, was ich jetzt thun konnte. Mein armer Kopf war von oft ſich widerſprechenden Gedanken beſtürmt, und der Schlummer floh weit von mir. Endlich ſchlief ich doch ein, und es war heller Tag, als ich erwachte. Ich kleidete mich raſch an.„Wohin gehen Sie, mein Herr?“ fragte mich Ambroſius.—„Ich will meinen Tag in der Kirche des Nonnenkloſters zum heiligen Auguſtin zubringen.“—„Mein Herr, die frommen Väter in der Wüſte lebten zwar nur von Wurzeln und Kräutern, aber — 165— ſie aßen voch dieſe. Ich werde nicht zugeben, daß Sie mein Haus verlaſſen, ohne gefrühſtückt zu haben.“ Ich mußte mich in ſeinen Willen fügen, das iſt oft das einzige Mittel einen Ueberläſtigen los zu werden. Ich lief in das Kloſter, und ich fiel vor dem Bildniſſe der heiligen Cäcilie im Gebete nieder. Zwei ſtarke Stunden ſpäter wurde eine Meſſe geleſen, und bei der Erhebung des Allerheiligſten wurde der große Vorhang aufgezogen. Ich flog zu dem Gitter, meine Augen und die Colombe's begegneten ſich. Wir vergaßen die Heiligkeit des Ortes, und die großen Myſterien, die man daſelbſt feierte. Als der Vorhang wieder zugezogen war, fiel ich auf die Kniee, um die heilige Cäcilie wegen meiner ver⸗ brecheriſchen Zerſtreuungen um Vergebung zu bitten. Eine ausgezeichnete, bewunderungswürdige, lichtvolle Idee durchzuckte mich.„Colombe,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, „ſoll das Kloſter nur verlaſſen, um an den Altar zu treten. Das iſt ganz gut, aber man ſoll mich deshalb doch nicht daran hindern, meine Verlobte zu ſehen und mit ihr zu ſprechen.“ Ich konnte nicht mehr im Schritte gehen; ich lief nach der Eingangspforte des Kloſters und verlangte Colombe zu ſprechen. Die Schweſter Pförtnerin erwiderte mir, daß das nicht angehe.„Und warum geht es nicht, meine Schweſter?“—„Alles wurde vorhergeſehen, mein Herr, und man dachte, daß man, wenn Ihr Euch einmal hier beiſammen am Sprachgitter befändet, Euch nicht mehr — 166— von hier würde wegbringen können.“ Ich mußte mich noch ein Mal darein fügen. Ich kehrte in die Kirche zurück; der Kirchendiener kam, um mir anzukündigen, daß er das Gotteshaus bis zur Zeit der Vesper ſchließen müſſe. Was für Förmlichkeiten, was für eine Langſamkeit! Es war jetzt Grund da, um wirklich verrückt zu werden. Ich kehrte zu Ambroſius zurück; ſeine Erzählungen gaben mir wenigſtens in Etwas meine Ruhe wieder. „Wiſſen Sie wohl, mein Herr,“ ſagte er zu mir,„daß Sie bei mir viel von dem Rufe der Heiligkeit, den man in der Stadt über Sie verbreitet hat, verloren haben? Dieſer heilige Vater aus der Wüſte iſt im Grunde nichts Anderes, als ein ſchöner junger Mann, der noch dazu bis zur Raſerei verliebt iſt.“—„Ambroſius, ich geſtehe meine Unwürdigkeit ein, aber ich habe auch Niemanden zu täu⸗ ſchen geſucht.“ Die Neugierde wird in kleinen Städten zu einer Lei⸗ denſchaft; man wollte ſich dieſen jungen Mann in der Nähe beſehen, für welchen man Nonnen von ihren Gelüb⸗ den entband, und welcher für einen Heiligen galt. Die an⸗ geſehenſten Perſonen von Limoges kamen, um mir einen Beſuch zu machen, und ich ſprach mit ihnen von Colombe; einige von ihnen luden mich zum Mittagseſſen ein, und der Name Cvolombe's war die einzige Antwort, welche ſie aus mir herausbringen konnten. Sie verließen mich, in⸗ dem ſie Ambroſius anſahen und ihm mit ſehr bedeutungs⸗ voller Miene zulächelten. — 167— Sie verbreiteten in der Stadt, daß der vorgebliche Heilige nur ein ſehr gewöhnlicher Menſch ſei; das Volk glaubte es ihnen nicht: der Biſchof und ſein Klerus hatten geſprochen, das war ihnen genug. Die vernünftigen Leute hatten mich ohne Zweifel richtig beurtheilt; aber ſie er⸗ fuhren, daß man immer die Vorurtheile des Volkes ſcho⸗ nen müſſe. Wir hörten Beide, Ambroſius und ich, einen großen Lärm auf der Straße; es waren die Fenſtergläſer der Ungläubigen, die man zerſchlug, es waren die Ge⸗ richtsviener, welche ſich Mühe gaben die Ordnung wieder⸗ herzuſtellen. So wie ich auf der Straße erſchien, kam der Anfüh⸗ rer dieſer letzteren auf mich zu und ſagte mir, daß ich allein die Ruhe in die Gemüther wieder zurückführen könne. Die Männer aus dem Volke hoben mich auf ihre Arme und trugen mich wie eine Reliquie herum; ich war nun einmal beſtimmt, in Limoges alle nur möglichen Rollen zu ſpielen, und ich geſtehe ein, daß ich nicht gerade böſe darüber war, eine Gelegenheit zu haben, um daſelbſt auch meine Beredtſamkeit glänzen zu laſſen Von der Höhe einer Art von Piedeſtal herab, auf welches man mich gehoben hatte, redete ich das Volk an, welches begierig war mich zu hören und dem ich auch ſagte, was ich wirklich vachte; ich erklärte, vaß ich zwar nur ein elender Sünder, aber doch voll von Religion und Glauben ſei, und daß ich jetzt einen Beweis davon geben wolle. Ich fügte hinzu, daß unſere heiligen Bücher uns befehlen unſeren Rächſten zu lieben, wohlverſtanden, wenn —— er Katholik iſt, und ihn zu beklagen, wenn er ſich verirrt; daß die göttlichen und menſchlichen Geſetze uns verbieten, uns ſelbſt Recht zu verſchaffen, und daß Exceſſe, was auch immer die Gründe derſelben ſein mögen, ſtets tadelns⸗ werth bleiben. Endlich belobte ich den Eifer, welches dieſes gute Volk für die Religion gezeigt hatte, aber ich bat ſie ihren Muth dafür aufzuſparen, um die Hugenotten zu be⸗ kämpfen und auszurotten. Allgemeines Beifallsgeſchrei erhob ſich; man trug mich im Triumphe wieder in mein Wirthshaus zurück, indem man dabei ausrief:„Tod den Hugenotten! Heil dem heiligen Vater aus der Wüſte!“ Seltſames Volk, welches zwei Monate früher durchaus wollte, daß ich ein Narr ſei, und welches heute durchaus wollte, daß ich ein Heiliger ſei. Es hatte mich, ſeitdem ich das biſchöfliche Palais verlaſſen, vernachläſſigt und einige Worte hatten hingereicht, um ſeine tolle Begeifterung wieder anzufachen. Zweihundert von ihnen liefen auf das Stadtgericht und ließen ſich in die Liſten der heiligen Ligue einſchreiben; Andere ſetzten alle Glaſermeiſter der Stadt in Bewegung und ließen den Schaden, welchen ſie angerichtet hatten, wieder ausbeſſern. Welch' ein Werkzeug iſt voch das Volk in den Händen Derjenigen, welche ſich deſſelben zu bedie⸗ nen wiſſen; möchten es doch der Hof und die Guiſen gut kennen. Das Haus des Ambroſius wurde nicht leer; der Wein floß daſelbſt in Strömen. Geſchrei und Ausrufungen folg⸗ ten ohne Unterlaß auf einander; auf den Tiſchen des Gaſt⸗ —— zimmers ſchliff man verroſtete Degen, alte Partiſanen. Man ſchwur bei dieſen ſchlechten Waffen, die Hugenotten zu behandeln, wie die Amalekiter von den Hebräern be⸗ handelt worden waren. Herr von Mellac ließ mir ſagen, daß ich mich in den biſchöflichen Palaſt begeben möchte; er wünſchte mir zu Dem, was ich eben gethan, und zu dem glänzenden Er⸗ folg, den ich erreicht hatte, Glück. Er verſicherte mir, daß Niemand der Macht der religiöſen Gründe, die ich vor der Menge entwickelt hatte, und der hinreißenden Be⸗ redtſamkeit, mit welcher ich ſie vorgetragen habe, wider⸗ ſtehen könne.„Sie haben,“ fügte er hinzu,„der wahren Religion zweihundert Leute mehr erobert, der Herzog von Guiſe hat Sie richtig beurtheilt. Sprechen Sie mir jetzt von den Beobachtungen, welche Sie angeſtellt, und von den Erkundigungen, welche Sie auf dem Wege von Paris nach Limoges eingezogen haben.“—„Monſeigneur, die Vesperglocke tönt im Kloſter zum heiligen Auguſtin,“ und ich entfernte mich raſchen Schrittes.„O, was für ein Menſch!“ ſagte er, als er mich fortgehen ſah,„Dienſtag wird er ſchon ſprechen.“ Ich trat der Erſte in die Kirche, und verließ ſie zuletzt; der große Vorhang wurde nicht aufgezogen, und ich trö⸗ ſtete mich zu den Füßen der heiligen Cäcilie darüber. Ich kehrte zu Ambroſfius zurückz die Hebräer befanden ſich in dem Zuſtande vollkommenſter Trunkenheit. Das Innere des Hauſes bot ein abſchreckendes Gemälde dar; — aber der Wirthshausbeſitzer hatte zwei Eimer Wein verkauft. Ich ließ mir in meinem Zimmer zum Abendeſſen auf⸗ tragen; ich lief dann durch die Stadt, um meine Nähte⸗ rinnen wieder zu verſammeln. Sie tanzten heimlich zur Ehre der heiligen Magdalena, deren Namensfeſt an dieſem Tage fiel; ich glaubte zu bemerken, daß ſie einige Aehn⸗ lichkeit mit dieſer Heiligen hatten aber vor ihrer Be⸗ kehrung. 5 Sie antworteten auf meine dringenden Bitten, daß es erſt ſechs Uhr ſei, und daß ſie vor Mitternacht die Nadeln nicht wieder in die Hand nehmen könnten; ich erinnerte, daß es nichts Schlimmeres ſei zu nähen als zu tanzen. Eine von ihnen, ohne Zweifel die Gelehrteſte, ſagte mir, daß ihr Pfarrer zwar allerdings den Tanz verbiete, aber daß die Geſetze der Kirche nicht davon ſprächen, ſondern daß ſie im Gegentheile nur die Arbeit an Sonn⸗ und Feiertagen auf's Strengſte unterſagten; darauf wußte ich freilich Nichts zu entgegnen. Ich hatte noch ſechs tödtliche Stunden zu warten; was ſollte ich während dieſer Zeit da beginnen? Seit einiger Zeit war mein Kopf in einer Art von Verwirrung, welche in dem Maße, als der Augenblick meines Glückes ſich nä⸗ herte, zunahm. Mein Kopf ward mir immer dumpfer und ſchwerer; ich fühlte eine gewiſſe Art von Entkräftung in allen meinen Gliedern.„Ich bin nicht von Eiſen,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„und ich verheirathe mich morgenz ich will gehen und mich zur Ruhe legen.“ — 11— Ich ging in der That nach Hauſe, warf mich auf mein Bett und ſchlief dort ſo feſt ein, daß Ambroſius mich um Mitternacht aufwecken mußte; meine Nähterinnen hatten ſich mit der größten Pünktlichkeit bei dem Stelldichein ein⸗ gefunden; aber ſie ſchienen mir ſehr ermüdet, und ich ſah noch einen neuen ungünſtigen Zwiſchenfall voraus. Ich beauftragte Ambroſius damit, Ihnen etwas Leich⸗ tes zum Eſſen zu verſchaffen, wie zum Beiſpiele Backwerk oder ſonſt Etwas dergleichen; ich verbot den Wein auf das Strengſte, aber ich geſtattete etwas mit Waſſer verdünn⸗ ten Honig. Sie gingen wieder an ihre Arbeit; ich hatte ſechs Stun⸗ den geſchlafen, war friſch und munter, verlor ſie auch nicht einen Augenblick aus den Augen und ermunterte ſie durch Verſprechungen und wohlwollende Worte. Die Natur war ſtärker als die Habſucht; ich hörte nicht auf, von Einer zur Andern zu gehen; ich weckte Diejenigen, welche einnickten, auf und ſchwor bei meinem Schutzheiligen, daß Colombe zu ihrer heutigen Hochzeit ein neues Kleid haben müſſe. Es war ſechs Uhr Morgens, und es ſchien mir ſchwer möglich, daß dieſes Kleid ſchon um zehn Uhr fertig ſein ſollte. Ich zitterte vor Wuth, wenn ich an die Menge, welche ſich zu unſerer Hochzeit drängen wird, und daran dachte, wie demüthigend es für mich und für Colombe ſein müßte, wenn ſie an dem Altar in einem Aufzuge, welcher höchſtens einer Dienſtmagd würdig wäre, erſcheinen müßte; ich fluchte ſogar, aber ich bat auch alſogleich den heiligen An⸗ ton deshalb um Verzeihung. — 172— „Mein Herr,“ ſagte Diejenige zu mir, welche auf dem Balle das Wort an mich gerichtet hatte,„Sie haben nur Ein Mittel, um uns vollſtändig aufzuwecken.“—„Nun, und was iſt das für eines? Sprechen Sie ſchnell! Spre⸗ chen Sie!“—„Erlauben Sie uns einen Rundtanz zu machen.“—„Wie? Einen Rundtanz! Wie können Sie daran denken, haben Sie nicht ſchon genug Zeit verloren?“ —„Mein Herr,“ nahm die Jüngſte das Wort,„jede Art von Vergnügen bringt Müdigkeit hervor, und um dieſelbe zu verſcheuchen, giebt es nur Ein Mittel: nämlich, wie die guten gemeinen Leute ſagen, wieder ein Haar von dem Hunde nehmen, welcher uns gebiſſen hat.“—„Tanzen Sie alſo Ihren Rundtanz, aber machen Sie ſchnell!“— Ich hätte noch dazu aufgeſpielt, wenn ich meine Bratſche bei der Hand gehabt hätte. 2 Sie wurden auch in der That munter, und zwar ſo voll⸗ ſtändig, daß die Arbeit während einer Stunde mit einer erſtaunlichen Schnelligkeit von der Hand ging; ſie ſtürz⸗ ten ſich mit eben ſo großer Lebhaftigkeit auf die Erfriſchun⸗ gen, welche ich Ihnen hatte auftragen laſſen.„O Gott,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„ſchon wieder eine halbe Stunde verloren.“ Bald erhob ſich ein Streit zwiſchen ihnen, welcher alle meine Hoffnungen zerſtörte; Eine von ihnen ſagte zu Der⸗ jenigen, welche das Kleid zugeſchnitten hatte, daß ſie ſich geirrt habe und daß, ich weiß nicht wo, irgend eine Spitze fehle: dieſe erwiverte, daß die Spitze da ſein müſſe.„Sie iſt nicht da.“—„Sie iſt da.“—„Ich werde es Ihnen —— zeigen, daß ſie nicht da iſt.“—„Sie werden das nicht an⸗ rühren.“ Sie hielten das Kleid Jedes von ihrer Seite feſt; ſie zogen kräftig daran, und es blieb zur Hälfte in den Händen Perettens, zur Hälfte in denen Margots. Ich war außer mir; ich nahm den Krug mit gewäſſer⸗ tem Honig und goß ihnen denſelben über die Köpfe; ein alter Beſen gerieth mir in die Hand, und ich warf ſie, Eine um die Andere, über die Treppe hinab. „Zum Teufel, was haben Sie da gemacht!“ ſagte Am⸗ broſius zu mir,„der Schaden konnte ausgebeſſert werden.“ —„Ausgebeſſert werden, und es iſt acht Uhr?“—„Sie haben ihn unausbeſſerlich gemacht!“— In der That war das unglückſelige Kleid überall befleckt und durchnäßt. „Was ſoll ich jetzt thun? was ſoll jetzt aus mir wer⸗ den?“—„Das hätten Sie eher fragen ſollen, bevor Sie die Hand an dieſen verfluchten Krug gelegt haben.“— „Colombe wird ohne ein neues Kleid heirathen, aber ſie wird heirathen, und ſollte fie im bloßen Hemde Hochzeit halten.“—„Im bloßen Hemde, im bloßen Hemde! Dieſe jungen Leute ſind doch ſehr überſpannt; ſie verzweifeln ohne Grund und.—„Ohne Grund! Wie und welches Auskunftsmittel haben Sie denn dagegen gefunden?“— „Ich, mein Herr, ich habe keines gefunden; aber es kommt mir guch gar nicht zu eines zu finden, denn ich bin es nicht, der ſich verheirathet ah! ah! welch' ein lichtvoller Ge⸗ danke; o, mein Herr, mein Herr!“—„Sprechen Sie, um Gottes willen, ſprechen Sie!“—„Ich kenne ein junges Mädchen, welches damit beauftragt iſt, das Bildniß der — 174— heiligen Jungfrau aufzuputzen...“—„Nun, und?“— „Nun, faſſen Sie denn meinen Gedanken?— Wir kau⸗ fen bei dem Seidenhändler ein Stück Seidenſtoff, bei dem Nadler tauſend Stück Stecknadeln, bei der Blumenhänd⸗ lerin Blumen, um die Beſätze damit auszuſchmücken... haben Sie es jetzt?“—„Ambroſius, Sie müßten ein⸗ ſehen, daß ich jetzt nicht zum Scherzen aufgelegt bin.“ —„Marion wird Madame Colombe auf türkiſche Art drapiren...—„Ich hab's, ich hab's! Auf griechiſche, auf römiſche Art; das Coſtüm wird vornehm, imponirend und neu ſein. Laſſen Sie uns laufen, mein lieber Ambro⸗ ſius, laſſen Sie uns laufen!“ Um neun Uhr war Marion mit Allem, was nöthig war, um die Königin des Feſtes zu ſchmücken, im Kloſter; es war zwar ein wenig ſpät, aber man kann noch viele Steck⸗ nadeln in einer Stunde feſiſtecken. „O, mein Gott, ich habe eine Sache von großer Wich⸗ tigkeit vergeſſen! Der Heirathscontract iſt noch nicht auf⸗ geſetzt; man kann auch nicht an Alles denken. Ambroſius, holen Sie ſchnell einen Notar hierher; er ſoll ihn ſchreiben, während ich mich anziehen werde.“ Der Contract beſtand nur aus einer einzigen Bedin⸗ gung: Alles ſollte nach meinem Tode Colomben gehören, und Alles mir nach dem Tode Colombe's. Ambroſius ver⸗ trat bei mir die Stelle eines Kammerdieners; der Notar und er wurden zu gleicher Zeit fertig. 5 Alle Glocken läuteten auf's Lauteſte; die glückliche Stunde war gekommen. Ich nahm den Notar unter dem — 175— Arm und machte ihn, vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben, Trab laufen. Der Contract mußte noch vor der Hochzeitsfeierlichkeit unterzeichnet werden; man ließ uns in die Sacriſtei eintreten: Colombe befand ſich ſchon da⸗ ſelbſt, ſchön wie Aspaſia, und beſcheiden wie die Unſchuld. Wir unterzeichneten; man kam, um uns zu benachrichti⸗ gen, daß Monſeigneur im Begriffe ſtehe zum Altar zu ſchreiten. Ich führte meine Colombe dahin; ſo wie wir er⸗ ſchienen, ließ ſich ein allgemeines Beifallsgemurmel ver⸗ nehmen, und in der That fand man auch nicht oft ein ſo ausgezeichnetes Paar. Die Frauen prüften den Anzug Colombe's, und fanden ihn ebenſo elegant als außerge⸗ wöhnlich.„Uebrigens,“ ſagten ſie,„müßte auch bei einer Heirath, wie dieſer, Alles neu und außergewöhnlich ſein.“ Monſeigneur begann damit, uns eine pathetiſche Er⸗ mahnung über die Heiligkeit und die Pflichten der Ehe zu halten; ich erkannte am Tage darauf, daß er nicht ein Wort von allem Dem dachte, was er ſagte. Er ließ uns den Hugenotten einen unverſöhnlichen Haß ſchwören: die ganze Verwendung ſeiner Einkünfte zielte nur auf die Schwächung derſelben hin. Dieſer Haß war in dem Her⸗ zen Colombe's und dem meinigen ein aufrichtiger; wir ſchwuren mit einer Heftigkeit, welche Thränen in die Au⸗ gen der Zuhörer lockte. Endlich ſprach Monſeigneur die bindenden ſacramentaliſchen Worte aus. Wir gingen wieder in die Sacriſteizurück. Seine Hoch⸗ ehrwürden folgte uns dahinz er umarmte die Neuvermählte, was mir nicht eben allzuſehr gefiel, und lud uns auf den folgenden Tag zu Tiſche ein. Meine Predigt vom geſtrigen Tage und die Rolle, welche Monſeigneur in dieſer Angelegenheit geſpielt, hatte die allgemeine Aufmerkſamkeit auf mich gezogen; man um⸗ ringte uns und erklärte, man könne nicht zugeben, daß die ſchöne Neuvermählte im Wirthshauſe wohne.„Welcher Uebergang für eine ſehr junge Frau,“ ſagte man zu uns, „von einem geheiligten Hauſe in einen Aufenthaltsort von Trunkenbolden überzugehen!“ Ich ſah die Richtigkeit dieſer Bemerkung ein, und ſah auch ein, daß ich mit Colomben erſt den Abend ungeſtört würde plaudern können. Immer Schwierigkeiten und Hin⸗ derniſſe! Iſt der Menſch denn nur geboren, um den Um⸗ ſtänden unterthänig zu ſein? Iſt es ihm denn nie geſtattet für ſich ſelbſt zu leben? Es war mir unmöglich, den drin⸗ genden Bitten, welche ſich ſtets wiederholten, zu widerſte⸗ hen; ein Kirchenvorſteher der Kathedrale bat um den Vor⸗ zug, in Berückſichtigung ſeiner directen Verbindung mit dem Prälaten, welcher uns verbunden hatte. Ich geſtand ihm denſelben zu, weil er Junggeſelle und ſechzig Jahre alt war, und uns wahrſcheinlich nicht läſtig fallen wird; er führte uns im Triumphe bis zu ſeiner Thüre. Achtzehntes Kapitel. Ein Biſchof, der Anhängerder Ligue iſt, wird entlarvt. Herr Dupont verſtand es ſehr gut in ſeinem Hauſe die Honneurs zumachenz erführte uns zuerſtin eine abgelegene Wohnung, was ich ſehr paſſend fand. Er lud uns dann ein, ſein Mittagsbrot mit ihm zu theilen; es ſchien mir, daß das nicht ſo dringend ſei, wir mußten uns aber wieder darein fügen. Welch' ein Mittagsmahl! Der Himmel verſchwendet ſeine Güter an Diejenigen, welche ſich ihm, wenn auch nur indirect, weihen; ich ſaß, wie das ganz natürlich war, an Colombe's Seite, und das Tiſchtuch war lang. Mit wel⸗ chem Feuer, mit welcher Zärtlichkeit betrachteten wir uns! Ich konnte es nicht länger mehr aushalten; ich umarmte und küßte ſie, wie man eine Frau umarmt und küßt, die man anbetet, die man einmal verloren und jetzt ſveben wie⸗ dergefunden hat. Ich bat dann den Herrn Kirceuſsher um Erlaubniß dazu. Ich betrachtete Colomben und ihr drapirtes Gewand; ich erſchraküber die Menge von Stecknadeln, welche daſſelbe feſthielten.„O!“ dachte ich mir,„das wird eine Stunde Arbeit geben...“ Während allem Dem ſpeiſten wir weiter, die Befriedigung des Herzens verleiht Appetit. Gegen Ende des Mahls prklärte ich Herrn Dupont, daß ich die Viblioth. 328 Boch. vorhergehende Nacht nicht zu Bette gegangen ſei; Co⸗ 12 — 46— lombe fügte hinzu, daß auch ſie nicht geſchlafen habe, unb wir baten ihn um die Erlaubniß uns zur Ruhe zu begeben. Er lächelte, das hieß genug antworten; wir ſtanden auf. Die Pförtnerin von den Anguſtinerinnen trat ein. Sie brachte das Päckchen Colombe's, es war leicht genug; aber Das, was es enthielt, war von der unumgänglichſten Nothwendigkeit: ich nahm es unter meinen Arm. Dann erſchienen meine Nähterinnen; ſie kamen um ihr Geld zu verlangen. Sie hatten es zwar nicht verdientz ich bezahlte es ihnen, um ſie nur los zuwerden, und ich reichte Colomben meine Hand. Plötzlich öffnen ſich die beiden Thürflügel mit vielem Geräuſch; die Adeligen der Stadt kamen mit ihren Frauen, um mir Glück zu wünſchen.„Der Teufel hole die Glück⸗ wünſchungen und die Glückwünſchenden!“ murmelte ich zwiſchen den Zähnen.„Mein lieber Anton,“ ſagte mir Colombe ganz leiſe,„wir müſſen höflich ſein.“ Dieſe Stimme drang immer zu meinem Herzen; ich blieb. Nach den erſten Begrüßungen näherten ſich die Damen Colomben, und ihr Anzug wurde der Gegenſtand der ge⸗ naueſten Aufmerkſamkeit; ſie lobten die Leichtigkeit und die Anmuth deſſelben, ſie endigten endlich damit, nach dem Namen der Nähterin zu fragen, welche mit ſolcher Voll⸗ kommenheit drapirte. Ich nannte Marivn, aber mit einem ſehr barſchen Tone, den ich mich vergebens zu mildern be⸗ mühte. „Meine Damen,“ ſagte die Baronin von Polainville, „wir erhalten die Moden von Paris, wenn ſie daſelbſt ſchon beinahe abgebraucht ſind; laſſen Sie uns den edlen Ehrgeiz haben, ſelbſt für die Hauptſtadt tonangebend zu werden: wir wollen uns Alle à la Colombe kleiden.“ „A la Colombe! àla Colombe!“ riefen Alle auf einmal. Sie verließen uns eben ſo raſch wieder, als ſie gKommen waren; es wurde mir nicht ſchwer, den weſentlichen Zweck ihres Beſuches zu durchſchauen. Nichtsdeſtoweniger konnte ich doch nicht umhin, es ihnen Dank zu wiſſen, daß ſie ſich Colomben zum Muſter genommen hatten. Ihre Gatten blieben noch hier, was wollen ſie noch da? Ich ſehe nicht ein, was ihnen noch zu ſagen übrig bliebe. Einer von ihnen trat mit ſüßlicher Miene vor, indem er drei oder vier Verbeugungen machte.„Ich glaube nicht,“ ſagte er zu Colombe,„daß Herr de la Tour ſich noch lange in dieſer Stadt aufhalten wird; ſollte uns nicht, Madame, das außerordentliche Vergnügen zu Theil wer⸗ den, noch ein Mal, zum letzten Male, dieſe engelgleiche Stimme zu hören, welche uns ſo oft vor Wolluſt beben ge⸗ macht hat?“—„O, meine Herren, Sie haben Colombe ſo oft vom Chor herab gehört, und jetzt handelt es ſich wirklich nicht um's Singen!“ Sie zog mich zur Seite.„Manüber⸗ häuft uns mit Freundſchaftsbezeigungen,“ ſagte ſie zu mir, „und ein wenig Gefälligkeit koſtet ja ſo wenig.“ Sie er⸗ wartete meine Antwort gar nicht und begann zu ſingen; ſie ſang und entzückte. Das war ein Hingeriſſenſein, ein Geſchrei, ein Beifallsgeklatſche, welches man ſich in der girche nicht hätte erlauben dürfen, und welches jetzt mit 12* — 180— ſolcher Gewalt losbrach, daß ſich über hundert Perſonen vor unſern Fenſtern verſammelten. Ich wurde wüthend, ol es kochte in mir innerlich; zwanzig Mal war ich ver⸗ ſucht, meine Colombe bei der Hand zu nehmen und der Geſellſchaft einen guten Abend zu wünſchen. Aber ich war noch nicht an dem Ziel meiner Qualen. Eine Tafel von funfzig Couverts wurde gedeckt; Herr Dupont hatte uns zwar erlaubt, uns nach dem Mittags⸗ mahle zur Ruhe zu begeben, aber er wollte nicht die Vor⸗ bereitungen zu einem prächtigen Abendmahl umſonſt ge⸗ troffen haben: Colombe las in meinen Augen.„Mein Freund,“ ſagte ſie mir in's Ohr,„willſt Du eine Unge⸗ duld an den Tag legen, welche den Leuten die ſchlechteſte Meinung über mich einflößen würde? beherrſche Dich, mein lieber Anton. Wenn wir uns nun erſt morgen hätten hei⸗ rathen können...—„O, ich kann Nichts annehmen.“ —„Ich bitte Dich darum, ich beſchwöre Dich darum.“— Ich wollte mich zwingen zu lächeln; ich glaube aber, daß ich ein Geſicht ſchnitt. Die Damen kehrten wieder zurück, ganz verrückt hü⸗ pfend, ſie bofanden ſich auf vem Gipſel der Freude; eine Mode war zu Limoges geſchaffen worden. Der Laden des Seidenhändlers war leer; Marion war eine Perſon von der höchſten Wichtigkeit geworden. Sie hatte alle Nähte⸗ rinnen der Stadt unter ihre Befehle verſammelt; über⸗ morgen früh ſollten die erſten Kleider à la Colombe in den Straßen von Limoges erſcheinen. „Ich fordere Sie auf, meine Damen, der Marion an⸗ — 1— zuempfehlen, daß ſie ihren Arbeiterinnen weder Wein noch Honigwaſſer gebe.“ Man fragte mich, man drang in mich zu erklären, was das heißen ſolle. Ich erzählte die Be⸗ gebenheiten der vorhergehenden Racht und ich erzählte ſie ziemlich heiter. Man ſieht, daß ich mich in mein Schickſal ergab, und ich mußte es wohl, denn Colombe wollte es ja ſo. Ein Blick, den ſie mir heimlich zuwarf, bezeigte mir ihre Zufriedenheit darüber und ihre Liebe. Man lachte, man lachte ſehr viel. Ich machte es end⸗ lich eben ſo wie die Andern; ich habe ſchon mehrmals be⸗ merkt, daß die Fröhlichkeit ſich mittheilt. Man ließ ſich weder die Gelegenheit entgehen, einige ſchmeichelhafte Worte an uns zu richten, noch die, ein Witzwort zu ſagen. Man finvet auch in der Provinz zuweilen einige Leute von Geiſt. „O mein Gott! mein Gott!“ ſagte die Baronin,„es ſchlägt ſchon neun Uhr an der Kathedraluhr. O meine Damen, wie ſind wir heute liederlich! Herr Dupont, ha⸗ ben Sie die Güte unſere Leute rufen zu laſſen.“ Alſogleich ſtellten ſich zwanzig Köchinnen in dem Ein⸗ gange des Hauſes in Reihe und Glied auf. Jede von ihnen trug eine Laterne in der Hand, deren Licht durch eine zur Hälfte vergitterte Hornplatte drang. Man wünſchte uns voll Wohlwollen einen guten Abend, wobei freilich ein ſardoniſches Lächeln ein klein wenig durchbrach, und ver⸗ ſchwand. Herr Dupont beſchäftigte ſich damit, ſeinen Hühnerhof ordnen zu laſſen, und wir waren ſomit endlich allein. Ich — 182— ergriff eine Fackel, wir ſtiegen die Treppe in vier Sätzen hinauf und ſperrten unſer Zimmer zweimal hinter uns zu, feſt entſchloſſen, Niemandem zu öffnen, ſelbſt nicht wenn mein Schutzheiliger käme. Ich begann dieſe Unzahl von Stecknadeln herauszu⸗ ziehen. Die Eile, die Ungeduld haben aber ihre ſchlimmen Seitenz ich ſtach mich unaufhörlich in die Finger, aber ich fuhr immer fort. Colombe hielt mich auf.„Mein lieber Freund,“ ſagte ſie zu mir,„wir haben uns ein ſehr tadelnswerthes Benehmen zu Schulden kommen laſſen. Während der acht Tage, welche wir zuſammen zugebracht haben, erhoben wir nicht ein einziges Mal unſere Gedanken zum Himmel. Dieſer verbrecheriſchen Vergeſſenheit haben wir ohne Zwei⸗ fel die Mißgeſchicke zuzuſchreiben, welche uns ohne Unter⸗ laß verfolgt haben. Seitdem der heilige Biſchof von Li⸗ moges uns wiedervereinigt hat, haben wir uns wieder ausſchließlich der Liebe hingegeben, und Dein Schutzheili⸗ ger hat Dich dafür geſtraft: Du haſt alle Finger voll Blut. Laß uns auf die Kniee fallen, mein Freund, und Gott den Herrn preiſen.“ Es bedurfte nur eines Wortes, um mich wieder zu der glühenden und gediegenen Frömmigkeit zurückzuführen, welche ich mit der Milch meiner Mutter eingeſogen hatte. Wir ſangen mit lauter Stimme ein Tedeum und zwar ein ganzes Tedeum.„Bravo, Braviſſimo!“ rief uns Herr Dupont durch das Schlüſſelloch zu, als wir aufgehört hatten zu ſingen. Ich erkannte bald, wie weiſe der Rath war, den mir — 183— Colombe gegeben hatte. Mein Schutzheiliger flößte mir den Gedanken ein, daß es ſehr unangenehm ſei, in der er⸗ ſten Nacht nach der Heirath alle Finger mit Leinwand um⸗ wickelt zu haben. Ich entkleidete daher meine Colombe mit viel mehr Vorſicht. Er flößte mir auch noch den Gedanken ein, daß die Keuſchheit befehle, einen Schleier über jene Freuden zu ziehen. Ich werde nicht davon ſprechen. Am nächſten Morgen waren wir Beide ruhig genug, um uns gegenſeitig zu erzählen, was uns ſeit unſerer Tren⸗ nung begegnet war. Ich will Das nicht wiederholen, was ich ſchon nievergeſchrieben habe. Colombe erzählte mir, daß ſie beinahe vor Schmerz geſtorben wäre, als man ſie bei meiner erſten Reiſe nach Limoges von dem Gitter wegriß; daß ſie mit lautem Ge⸗ ſchrei nach ihrem Gatten verlangt habe; daß ſie gegen ein Gelübde proteſtirt, welches ſchon durch den Umſtand allein, daß ich noch lebe, zu nichte gemacht ſei, und daß man end⸗ lich ihre Aufregung nur dadurch hatte mindern können, daß man zu ihrem Gewiſſen ſprach. Die Superiorin ſtellte ihr vor, daß ihre Heirath zu Benon ungiltig geweſen ſei, und daß ſie demnach ein unauflösliches Bündniß mit dem Himmel habe eingehen können; daß ſie folglich acht Tage in dem Zuſtande des Concubinats mit mir zugebracht habe, und vaß ſie dieſe ungeheure Sünde dadurch abbüßen müſſe, daß ſie den noch übrigen Reſt ihres Lebens heilige. Colombe hatte ſich dann auch, immer wür⸗ dig ihres taubenfrommen Namens, unterworfen⸗ — 184— Wir kamen wieder in eine neue Verlegenheit. Wir hatten zwanzig Ellen eines ſehr reichen Stoffes, aber ich beſaß nicht die Geſchicklichkeit Marions. Wir mußten in⸗ deſſen doch aufſtehen, um Skandal und Geklatſche zu ver⸗ meiden. Colombe war demnach überglücklich, dieſes be⸗ ſcheidene Reiſegewand, welches ich für ihrer unwürdig er⸗ klärt hatte, jetzt hier wiederzufinden. Ich ſtieg hinab. Herr Dupont wollte die in dieſen Fäl⸗ len gebräuchlichen Scherzreden an mich richten. Ich war ſchon auf der Straße; ich trat überall ein und fragte überall nach Nähterinnen; ſie waren alle bei der Baronin von Polainville verſammelt. Da machten ſie unter der Auf⸗ ſicht Marions für die vornehmſten Damen der Stadt Klei⸗ der à la Colombe. Mit etwas Einbildungskraft und Geld zieht man ſich aus jeder Verlegenheit. Ich kehrte zu Am⸗ broſius zurück; ich ließ meine Maulthiere an meinen Wa⸗ gen ſpannen und fuhr, ventre à terre, bis nach Saint⸗ Junien. Da hob ich eine Maſſe Nähterinnen aus und fuhr ſie eben ſo ſchnell nach Limoges zurück. Ich quartierte ſie bei Ambroſius ein, um die Gefälligkeit des Herrn Dupont nicht zu mißbrauchen. Als ſie das Maß genommen hatten, erklärten ſie mir, daß ſie noch niemals Statuen drapirt hätten, und daß Madame ſich damit werde begnügen müſ⸗ ſen, ſo wie die Damen des Hofes gekleidet zu gehen. Wir beſchränkten auch wirklich unſeren Ehrgeiz dahin. Ich hatte an dieſem Tage noch Nichts zu mir genom⸗ men, und ich verdankte mehreren Urſachen einen wüthen⸗ den Hunger. Herr Dupont beeiſte ſich, denſelben zu befrie⸗ — 185— digen. Es war zehn Uhr Vormittags und ich ſollte zu Mittag zu Monſeigneur zur Tafel. Aber das Bedürfniß des Augenblickes trug den Sieg über dieſen Einwurf da⸗ von. Ich brachte die Augenblicke, über welche ich verfügen konnte, mit Colomben zu, und ich fand mich bei dem Bi⸗ ſchofe ein, mehr aufgelegt zu plaudern, als mich zu Tiſche zu ſetzen. Ich konnte mich indeſſen doch nicht davon los machen, dieſes letztere zu thun, und ich genügte allen An⸗ forderungen, welche die Schicklichkeit an mich ſtellte. Ich that, als ob ich äße, und hörte und beobachtete dabei Alles. Unter der Zahl der Tiſchgenoſſen befand ſich auch Herr Dumoutier, der Einnehmer der biſchöflichen Einkünfte, mit ſeiner Frau, einem jungen, brünetten, lebhaften und koketten Weibchen. Monſeigneur hatte ſich zwiſchen ſie und mich geſetzt und nach Verlauf einer Viertelſtunde wußte ich Alles. Ein gewiſſer Schriftſteller ſchrieb einſt:„Wenn ein Liebesverhältniß erſt anfängt geſchürzt zu werden, ſo ver⸗ räth ſich der Liebhaber durch eine unbeſcheidene Zuvorkom⸗ menheit; die Dame, noch Herrin ihrer ſelbſt, trägt eine Zurückhaltung zur Schau, von der ſie glaubt, daß ſie ge⸗ eignet ſei, den Verdacht zu entfernen. Wenn ſie ſich erge⸗ ben hat, ſo führt ſie die Furcht, ihren Geliebten zu verlie⸗ ren, fortwährend zu kleinen unbeſonnenen Schritten, welche Denjenigen, die kein Intereſſe dabei haben, genau zu ſehen, zwar nicht auffallen, welche aber einem Beobachter nie⸗ mals entgehen. Der Liebhaber, welcher Nichts mehr zu wünſchen hat, und den die Eitelkeit überredet, daß man — 1861— ihm nicht untreu werden könne, wird nun ſeinerſeits un⸗ durchdringlich.“ Nach dieſer allgemeinen Regel ſchloß ich, daß Seine Hochehrwürden und Madame Dumoutier ſehr gut mit ein⸗ ander ſtehen müßten. Indeſſen muß ich mit Demüthigung eingeſtehen, daß ich dieſe Entdeckung nicht einzig und allein meinem Scharffinne verdanke. Dieſer Satz in dem Briefe des Herzogs von Guiſe:„Wenn Sie auch das Vergnügen lieben u. ſ. w.,“ war die erſte Urſache derſelben. Als die Tafel aufgehoben war, ließ mich Monſeigneur in ſein Arbeitszimmer eintreten. Er wiederholte mir da⸗ ſelbſt die Fragen, welche er an dem Vorabende meiner Hochzeit an mich gerichtet, und auf welche ich damit geant⸗ wortet hatte, daß ich zu der Vesper bei den Auguſtinerin⸗ nen lief. Ich erzählte ihm Alles, was mir Pouſſanville zu Ar⸗ genton über die politiſchen Angelegenheiten mitgetheilt hatte, und maßte mir alle Ehre dieſer Zuſammenſtellung an. Dieſe Lüge hier war eine ſehr unſchuldige, und wenige Menſchen würden ſich unter ähnlichen Umſtänden anders benommen haben. Monſeigneur bezeigte mir ſeine lebhaf⸗ teſte Zufriedenheit darüber und rief zum zweiten Male aus, daß der Herzog von Guiſe mich richtig beurtheilt habe. Wir waren bis dahin gelangt, als man dem Mon⸗ ſeigneur einen Eilboten ankündigte, welcher von Paris an ihn geſandt ſei. Er ließ ſich die Depeſchen deſſelben brin⸗ gen und las ſie mit der größten Aufmerkſamkeit durch,„La — 187— Tour, Alles, was Sie mir ſoeben geſagt haben, iſt die buchſtäblichſte Wahrheit: das ſind die Folgen davon. „Chätillon, der Sohn Coligny's, hat ſein Lager in den Cevennen aufgeſchlagen, woraus keine Macht ihn vertrei⸗ ben kann. Lesdiguidres hat ſich mit ſeinen Hugenotten der Alpen von Briangon bis Grenoble bemächtigt. Condé hat La Fère in der Picardie überrumpelt. Der König von Na⸗ varra hat Cahors weggenommen, nachdem er ſich während drei Tagen wie ein Verzweifelter in dieſer Stadt geſchla⸗ gen hat. Wir haben in derſelben unſere tapferſten Solda⸗ ten, unter anderen auch den General Pouſſanville verlo⸗ ren... Waos ſehe ich? Thränen in Ihren Augen? Mer⸗ ken Sie ſich, mein Herr, daß ein Hauptmann niemals den Tod eines Generals beweinen und daß er ſich vielmehr dem edlen Ehrgeiz hingeben muß, in ſeine Fußtapfen zu treten. „Sie ſehen, daß die Sache Gottes in Gefahr iſt“— der Heuchler—„und daß Ihre Dienſte unentbehrlicher als jemals geworden ſind. Hören Sie, was mir der Her⸗ zog von Guiſe ſchreibt: „Eine neue Partei bildet ſich hier im Dunkeln und in der Stille. Sie geht nicht in meine Intereſſen ein, da ihre Führer ſich nicht an mich wenden. Ich will ſie kennen ler⸗ nen. Zu dieſem Zwecke bedarf ich eines Mannes, welcher ſich in guten Häuſern Zutritt verſchaffen kann, und doch keinen ſo hohen Rang einnimmt, um dem gemeinen Volke verdächtig zu erſcheinen, wenn erſich mit demſelben irgend⸗ wie einläßt. La Tour gehört zu dieſer Zwitterart, welche ——— —— zu meinen Abſichten paßt, und ich traue ihm auch Geſchick⸗ lichkeit zu. Laſſen Sie ihn angenblicklich abreiſen und ſagen Sie ihm, daß er ſich in Eilmärſchen nach Paris bege⸗ ben ſolle.« „Sie ſehen, mein Herr, wie groß das Vertrauen iſt, welches der Herzog von Guiſe auf Sie ſetzt. Ich zweifle ſehr daran, daß ſie im Stande ſeien, daſſelbe zu rechtferti⸗ gen; aber Sie müſſen wenigſtens alles Mögliche verſuchen, um es mindeſtens theilweiſe zu thun.“—„Und warum, Monſeigneur, ſollte ich es nicht rechtfertigen?“—„Weil ich Sie eher für aufbrauſend, als für geſchickt halte.“— „Ich bin ſowohl das Eine als das Andere, je nach den Um⸗ ſtänden.“—„Sie beſitzen viel Eitelkeit, junger Mann.“ —„Monſeigneur, Jedermann hat ſeinen Theil davon.“ —„Parteihäupter zu entdecken, welchen Alles daran liegen muß, verborgen zu bleiben, da ſie nicht in den Vorder⸗ grund treten wollen, iſt eine Aufgabe, welche mir außer⸗ halb dem Bereich Ihrer Kräfte zu liegen ſcheint.“—„Ich habe hier in Ihrem Palaſte Dinge entdeckt, welche man vaſelbſt ſehr geheim gehalten glaubt, und ich bedurfte dazu nur ein Wort, eine Bewegung, einen Blick.“—„Erklären Sie ſich deutlicher, mein Herr, ich befehle es Ihnen.“— „Ein kleiner Fuß, welcher einen andern ſucht und unge⸗ ſchickter Weiſe die Pfote eines Hundes, der ſich unter dem Tiſche befindet, tritt, Hände, welche ſich jeden Augenblick, wenn ſie nach dem Brote, dem Meſſer, oder der Gabel greifen, begegnen; ein halbvolles Glas, welches wie durch Unachtſamkeit vertauſcht wird, verſtohlene Blicke, welche — 4189— deshalb nur um deſto mehr Ausdruck haben.“—„Genug davon, genug davon! Es ſteht einem ſolchen Erdklumpen, wie Sie ſind, wohl an, das Benehmen der Großen aus⸗ zuſpioniren.“—„Der Erdklos hat noch nicht Alles geſagt, und fürchtet Niemanden, denn man kann ihm den Gegen⸗ ſtand ſeiner heißeſten Wünſche nicht mehr entreißen.“— „Nein, aber man wird ihn bei dem Herzog von Guiſe ver⸗ klagen.“—„Er weiß, wen er bei Herrn Dumvutier ver⸗ klagen wird.“ Ein Stillſchweigen von einigen Minuten folgte auf dieſe Erklärung. Seine Hochehrwürden näherten ihren Stuhl demmeinigen undfaßten mich bei der Hand.„Mein theurer Freund, nicht wahr, Sie werden in einer Stunde abreiſen?“—„Ich werde erſt in drei Tagen abreiſen.“ —„Ich bitte Sie darum.“—„Unnütze Bitte.“—„Sie wiſſen es wohl, alle Menſchen ſind ſchwach.—„Und eine Plauderei von meiner Seite würde beſonders zwei Weſen der Verachtung preisgeben, welche ihre Schwäche mit dem Mantel der Heuchelei bedecken. Seien Sie ruhig ich werde ſchweigen.“ Hier folgte wieder ein Augenblick des Stillſchweigens. „Uebrigens können Sie keinen Beweis für Das, was Sie da behaupten, beibringen, und Sie haben ſchon ein⸗ mal in Limoges für verrückt gegolten.“—„Und dieſes Papier, welches man in die Hand Desjenigen, für den es beſtimmt war, gelangt glaubte, und welches ich aufraffte, als ich vom Tiſche aufſtand?“—„Sie machen mich zittern, geben Sie es mir zurück.“—„Daß ich ein Narr wäre. — 4— Dann hätten Sie wirklich ein Recht, mich für einen unge⸗ ſchickten Tölpel zu halten. Verbieten Sie Ihrer Dame künftighin zu ſchreiben, ſie hat Gelegenheit genug, ihre kleinen Regungen der Eiferſucht mündlich auszudrücken.“ —„Geben Sie mir dieſes Papier zurückz ich bitte, ich be⸗ ſchwöre Sie darum.“—„Ich ſchwöre Ihnen beim heili⸗ gen Anton, daß ich keinen Gebrauch davon machen werde, wenn Sie mich nicht dazu zwingen; und ich halte Sie für zu klug, als daß Sie Aufſehen erregen wollten. Nichts⸗ deſtoweniger werde ich dieſes Papier behalten, es wird mir für Ihr Benehmen gutſtehen.“ Wie niedrig iſt doch ein Schurke, wenn er entlarvt wird. Mellac erſchöpfte ſich in Verſicherungen ſeines Wohl⸗ wollens, in Verſprechungen, in Beſchwörungen, und das Alles in Bezug auf dieſes gefährliche Billet. Ich verließ ihn vollkommen gerächt wegen des Ueblen, welches er mir auf meiner erſten Reiſe nach Limoges zugefügt hatte. Ich war noch kaum auf der Straße, als ich mich auch ſchon dieſer bewunderungswürdigen Worte erinnerte: „Vergieb uns unſere Sünden, wie auch wir Denen ver⸗ geben, die uns beleidiget haben.“ Warum ſtellen wir weiſe und nützliche Betrachtungen immer erſt dann an, wenn wir unſere Leivenſchaften befriedigt haben? „Warum,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„giebt man nicht dieſem in ſeinen Sitten und ſeinem Benehmen ſo einfachen Pfarrer von Benon Bisthümer, warum nicht dem von Saurigny, deſſen mildthätiger Eifer ſich auf Alles, was ihn umgiebt, erſtreckt? Das geſchieht deshalb nicht, weil —— die Intrigue Alles durchſetzt, weil ſie Diejenigen zurück⸗ weiſt, zu deren Gunſten nur verborgene Tugenden ſprechen. Und dieſe Tugenden ſind doch diejenigen, welche das Evan⸗ gelium fordert.“ Man kann ſich leicht denken, daß ich dem Wunſche, die⸗ ſes ſchreckliche Billet zu leſen, nicht lange Zeit widerſtand. Ich ſah zu meiner großen Genugthuung, daß ich den In⸗ halt deſſelben im Ganzen errathen hatte. Schon wieder eine Regung des Stolzes: o Adam, immer der alte Adam! Madame Dumvutier beklagteſich lange und bitter über drei Beſuche, welche Seine Hochehrwürden im Laufe der letztverfloſſenen Woche einer Dame gemacht habe, die ſie zwar nicht nannte, aber auf eine Art und Weiſe bezeich⸗ nete, daß ich die Frau Baronin von Polainville in derſel⸗ ben zu erkennen glaubte. Sie ſchloß mit der Bemerkung, daß die Augenblicke, in welchen ſie ſich ungeſtört ſprechen könnten, zu ſelten und zu koſtbar ſeien, um fie mit Erklä⸗ rungen hinzubringen. Sie hatte zwar nicht unterzeichnet, aber ich war überzeugt, daß ſie ſich zu dieſem Briefe keines Secretärs bedient hatte. Und was war nicht dieſe Schrift für mich für eine Waffe, wenn unvorhergeſehene Umſtände mich zwingen ſollten, mich derſelben zu bevienen. Ich fühlte mich gedemüthigt, im Dienſte von dieſen Spitzbuben da zu ſtehen, denn im Grunde war der Herzog von Guiſe auch nicht viel mehr werth, als ſein Biſchof. Aber ich vervankte ihnen Colombe, und eine Wohlthat hört nie auf eine ſolche zu ſein, was auch immer der Cha⸗ ralter Derjenigen ſei, welchen man ſie verdankt. Uehri⸗ — 192— gens,“ dachte ich,„bildet ſich zu Paris eine Pariei, dereit Anführer nicht auf der Seite der Guiſen ſtehen, alſo ſtehen ſie nothwenvigerweiſe auf der des Königs. Sie entdecken, heißt mich in Bezug auf den Herzog von Guiſe als einen dankbaren Mann benehmen; ſie ermuntern, mich ihnen anſchließen, heißt die Pflichten eines treuen Unterthans er⸗ füllen; ich werde nach Paris gehen.“ Welch eine unerklärliche Maſchine iſt doch der Menſch. Ich war königlichgeſinnt aus Neigung und religiöſen Grundſätzen, die Liebe hatte mich ganz auf die Seite des Herzogs von Guiſe gezogen. Das Leſen des Briefes, wel⸗ chen er mir für Mellac übergeben, hatte mich mehr als je gegen ihn eingenommen, und ich kam wieder auf meine erſten urſprünglichen Geſinnungen gegen den König zu⸗ rück. Ich konnte nicht umhin mich mit einer Wetterfahne zu vergleichen, welche ich auf dem Dache eines Hauſes, das ſich vor mir befand, ſich nach dem Winde drehen ſah. Als ich zu Ambroſius zurückgekehrt war, ſah ich meine Nähterinnen voll Thätigkeit arbeiten; ſie hatten Geſchmack, und brachten an jedem Kleide andere Verzierungen an. Nur auf dieſe Art iſt es möglich, Anderen zu zeigen, daß man mehrere Kleider beſitze; ich kehrte ſpät zu Herrn Du⸗ pont zurück. Colombe und das Glück erwarteten mich daſelbſt. Ich hatte den ganzen folgenden Tag Nichts zu thun und ſo widmete jch ihn denn der Liebe. Der zweitfolgende Tag ſollte Epoche in den Jahrbüchern von Limoges ma⸗ chen. Die Baronin von Polainville hatte für ſich und die — 193— Damen ihrer Bekanntſchaft einen Triumphzug durch die Straßen und Spaziergänge der Stadt veranſtaltet. Die Kleider à la Colombe ſollten zum erſten Male die Augen der ſtaunenden Bewohner von Limoges blenden. Es war bereits elfUhr und noch immer erſchien Nichts. Die Liebhaber, im Voraus davon in Kenntniß geſetzt, hiel⸗ ten ſchon ſeit acht Uhr des Morgens die prächtigen Alleen des öffentlichen Spaziergangs beſetzt. Sogar die Geduld eines Liebhabers hat ihre Grenzen, und ſchon ließ ſich ein eben nicht ſehr galantes Gemurmel vernehmen. Ach, wie viele Menſchen haben in ihrem Leben nur ein Meiſterwerk gemacht und alle ihre übrigen Werke ſind in der Dunkelheit der Jahrhunderte verloren gegangen. So hatte Marion, als ſie Colombe drapirte, erhabene Einge⸗ bungen gehabt, welche ſich nicht wiederholen konnten. Bald verbreitete ſich ein Gerücht in der Stadt, welches durch die Folge beſtätigt wurde. Dieſe Damen hatten gefunden, daß ſie in dieſer Tracht Reisbüſcheln glichen, und hatten ſich nicht ohne Lachen anſehen können. Sie beſchloſſen, lie⸗ ber zwei Tage lang Hausarreſt zu halten, um ſich den ſchlechten Witzen zu entziehen; die arme Marion fiel voll⸗ kommen in Ungnade, und ging, man erfuhr nicht wohin, ihre Schande zu verbergen, ähnlich jenen durchgefallenen Bühnendichtern, welche ſich auch, wie man ſagt, allen Blicken entziehen. Die Garderobe Colombe's war fertigz Nichts hielt uns mehr in Limoges zurück. Ich bezahlte meine Arbeiterin⸗ nen. Ambroſius, welcher ſchon längſt aufgehört hatte, Biblioth. 328 Boch. 13 — einen heiligen Vater aus der Wüſte in mir zu ſehen, nahm ohne beſondere Schwierigkeit die Entſchädigung an, welche ich ihm anbot und welche ich ihm aus ſo vielen Gründen ſchuldig war. Wir ſtiegen in den Wagen, indem uns Herr Dupont noch mit Gefälligkeiten, und wir ihn mit den Ver⸗ ſicherungen unſerer aufrichtigſten Dankbarkeit überhäuften. Wir hatten noch von Nichts geſprochen, als von unſe⸗ rer Liebe, oder was unmittelbaren Bezug darauf hatte. Wie viele Dinge hatten wir uns nicht zu ſagen. Ich weihte dem Andenken Pouſſanville's das lebhafteſte Bedauern; Colombe, welche ihn gleichfalls gekannt hatte, beweinte ihn mit mir.„Er würde noch leben,“ ſagten wir uns,„wenn ihn nicht der Eigennutz von Herrn von Biron, ſeinem Wohlthäter, getrennt hätte; jedes Vergehen trägt ſchon ſeine eigene Strafe in ſich.“ Dann dachte ich an dieſen gu⸗ ten und getreuen André, welchen ich ſeit nur allzu langer Zeit ganz vergeſſen hatte. Ich ſchilderte ihn Colombe, ohne ſeinem Bilde zu ſchmeicheln, und doch machte ich in dieſem beſten aller Herzen den Wunſch entſtehen, ſeine Ge⸗ ſchichte zu kennen. Wir kamen nach Saint⸗Junien und ich hatte ſchon be⸗ merkt, daß es ſehr unangenehm ſei, einen Wagen ſelbſt führen zu müſſen, wenn man an der Seite der ſchönſten und geliebteſten aller Frauen ſitzt. Ich wollte keinen Miß⸗ brauch von der Großmuth des guten Spießbürgers machen, welcher uns, André und mich, bei meiner erſten Reiſe nach Limoges aufgenommen yatte. Uebrigens wollte ich mich auch in Saint⸗Junien nicht aufhalten, denn das hätte einen —— — 195— großen Theil des Tages verlieren geheißen. Ich begnügte mich damit, den guten Mann zu vitten, uns Jemanden zu verſchaffen, der uns bis nach Arpajon führen wolle. Das Fragen ging aber los, ſobald er Colombe in dem Hintergrunde des Wagens bemerkte.„Iſt das dieſe junge Dame, deren Verluſt Sie ſo ungemein betrübt hat? iſt ſie es, die Sie ſo ſehr geſucht, für die Sie ſo vielen Beſchwer⸗ lichkeiten und ſelbſt Gefahren getrotzt haben?“ Colombe erwiderte ihm dadurch, daß ſie mir einen Kuß der Liebe und der Dankbarkeit gab.„O, mein Herr, wie ſehr ver⸗ dient ſie alles Das, was Sie für ſie gethan haben.“ Ein ehrlicher Bauer beſtieg eines unſerer Maulthiere und wir reiſten ab. Ich erzählte Colombe die Geſchichte André's. Sie iſt lang, von Zeit zu Zeit hielt ich damit inne und..„Mein lieber Anton, die Schamhaftigkeit iſt eine für eine junge Frau nothwendige Eigenſchaft. Welche Meinung von mir willſt Du dieſem Menſchen da beibringen?“ Ich war im Begriffe, die vorderen Vor⸗ hänge des Wagens zuzuziehen.„Laſſen Sie das, mein Herr; ich liebe die friſche freie Luft.“ Ich mußte nachge⸗ geben, aber ich nahm mir feſt vor, mich raſch eines unbe⸗ quemen Zeugen zu entledigen. Ich werde wieder ſelbſt die Zügel ergreifen. Freilich ein wenig mehr Mühe, aber da⸗ für auch mehr Glück. Ich theilte Colomben mit, daß ſie die Gattin eines Ca⸗ pitains ſei, daß ſie ein ſchönes Lehngut in der Nähe von Arpajon beſäße, und daß ſie mithin eine Frau von Stande 16 — 196— ſei.„O,“ ſagte ſie zu mir,„wir wollen immer, Du An⸗ ton, und ich Colombe bleiben.“ Der Tag neigte ſich zu Ende und wir mußten bei einem elenden Dorfwirthshauſe anhalten.„Du wirſt Dich hier ſchlecht befinden,“ ſagte ich zu Colombe,„und das thut mir ſehr leid.“—„Werde ich nicht überall, wenn ich nur bei Dir bin, auf einem Roſenbette liegen?“ Am Morgen des nächfffolgenden Tages verabſchiedete ich unſern Kutſcher und ergriff wieder ſelbſt die Zügel. Wie viel Urſache bot ſie mir dar, mir dazu Glück zu wünſchen. Man genießt des wohlthätigen Thaues, welcher Alles erquickt und belebt, und man fragt nicht, woher er kommt. Ich beſaß ein reizendes Weib und ich kannte es noch nicht ganz. Gauz der Liebe, ihren Freuden und ihren Leiden hin⸗ gegeben, hatte ich noch Richts geſehen, Nichts ſehen kön⸗ nen, als Colombe. Sie hatte dem Pfarrer von Benon erklärt, daß ſie eine Waiſe ſei; aber wer waren ihre Eltern geweſen? Das war es, was ich zu wiſſen wünſchte, und worüber ich mich doch fürchtete ſie zu befragen; es iſt ſo grauſam, Diejenige, welche man liebt, erröthen zumachen. Indeſſen...„Was fehlt Dir, mein Anton? Du ſcheinſt mir nachdenklich.“ Ich konnte gegen Colombe nicht lügen, und ſo theilte ich ihr denn die Gedanken, welche ſich meiner bemächtigt hat⸗ ien, mit. Sie lächelte.„Meine Geſchichte iſt nicht lang. Ich bin in dem zu Biron gehörenden Burgflecken unter den Mauern des Schloſſes geboren worden. Dein Vater — — — — war Wundarzt; der meinige Arzt. Ich erinnere mich nicht, ihn je geſehen zu haben, und ich war erſt drei Jahre alt, als ich auch meine Mutter verlor. Ich beſaß Nichts auf der Welt; die Frau Marſchallin hatte Mitleid mit mir und zog mich aufz ich hatte mich bis dahin, als ſie uns aus la Rochelle fortjagte, niemals über ſie zu beklagen ge⸗ habt. Das Uebrige, lieber Anton, weißt Du ja.“ —„Vergiß nicht, mein Engel, daß Du jetzt Madame de la Dour heißeſt.“—„O! laß mich fortfahren, Dich Anton zu nennen, unter dieſem Namen ja war es, daß ich vas Glück hatte, Dich kennen zu lernen.“ Sie hatte Recht, wir fanden überall ein Roſenbette; eine Hütte und Brot, das war ja Alles, was wir bedurften. Wir erfuhren zu Vierzon, daß der Krieg mit Thätig⸗ keit geführt werde. Der Marſchall von Biron war mit einem Heere, welches der König, man erfuhr nicht recht durch welche Mittel, ausgehoben hatte, in die Guienne eingedrungen. Er hatte dieſen Abgeſandten des böſen Geiſtes, dieſen gefährlichen König von Navarra, in ſeinem Siegeslaufe aufgehalten. Der Marſchall de Matignon hatte ſoeben la Fere den Hugenotten, welche dieſe Stadt mit einer hölliſchen Hartnäckigkeit vertheidigt hatten, wie⸗ der weggenommen. Wir baten meinen Schutzheiligen, überall die Katholiken ſiegen zu laſſen. Der Krieg konnte in allen Theilen Frankreichs aus⸗ brechen, und wir wünſchten uns Glück dazu, daß wir uns Paris näherten. Dieſe Stadt war noch niemals der Schau⸗ — 198— platz einer ernſtlichen Verwirrung geweſen. Der Herzog von Guiſe, den ich übrigens eben ſo wenig achtete, als liebte, herrſchte in derſelben und er wurde, wenn die Um⸗ ſtände es erheiſchten, Colomben einen ſichern Zufluchtsort gewähren, denn er bedurfte meiner. Dieſe Betrachtung machte, daß ich wieder die Partei des Königs verließ, und mich auf's Neue dem Herzog von Guiſe weihte. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß ich nicht durch Etampes reiſte, ohne mich um meine Mutter zu beküm⸗ mern. Der königliche Procurator Vernier war nicht mehr in dieſem Orte. Er hatte mich getäuſcht, als er mir ſagte, daß meine gute Magdalena nach Paris verſetzt werden würde. Was hatte ſeine Abſicht dabei ſein können? Er war durch einen Mann erſetzt worden, welcher Nichts kannte, als den Papſt, den Klerus und die Mönche, was an und für ſich gewiß eine ſehr lobenswerthe Stimmung war, die aber hier einen ſehr grauſamen Einfluß auf das Geſchick meiner Mutter haben konnte. Ich erfuhr, daß dieſe Gerichtsperſon ſich nur dann eine heilſame Strenge erlaube, wenn ſie ganz unumgänglich nothwendig gewor⸗ den war. Er zeichnete dieſe fanatiſchen Prediger aus, welche in allen Herzen den Haß gegen die Hugenotten an⸗ fachten und empfahl ſie den Gewalthabern. Aber die Fran⸗ ciscaner hatten mir einmal mein Geld zurückgegeben, und es war nun einmal nicht mehr möglich daran noch Etwas zu ändern. Warum ſollten ſie alſo Diejenige quälen, welche in dieſer Angelegenheit Nichts als ein beinahe paſſives Wertzeug geweſen war? Man machte ihr das Leben ſo — — 199— ziemlich erträglich, und erlaubte mir ohne irgend welche Schwicrigkeiten, ſie zu beſuchen. Ich ſtellte ihr Colombe vor. Sie zitterte, als ſie eine Frau von achtzehn Jahren, ſchön wie alle Cherubims zu⸗ ſammengenommen, und deren Augen die lebhafteſte Zärt⸗ lichkeit ausdrückten, mit ihrem Sohne kommen ſah. Sie lächelte, als ſie erfuhr, daß Colombe die Tochter eines Arztes ſei, und vaß wir durch das geſetzmäßigſte und achtungswertheſte Band verbunden ſeien.„Ich hatte nur Ein Kind,“ ſagte ſie zu mir,„jetzt habe ich deren zwei. Ich werde meine Tochter mit der lebhafteſten Zärklichkeit lieben, und Die, welche ich meinem Anton geweiht habe, wird darum in Richts verlieren. Das Herz einer Mutter gleicht einer Wachskerze, welche ihr Licht über Alles, was ſie umgiebt, ergießt, ohne daß es von ſeiner Intenſität verliert.“ Sie wünſchte uns zu dem gegenwärtigen Zuſtande un⸗ ſeres Vermögens Glück. Sie rieth uns, daſſelbe dadurch zu heiligen, daß wir es mit den Armen theilten. Sie hielt eine rührende Ermahnung über die Pflichten der Ehe, und über die Art der Erziehung, welche es am beſten wäre un⸗ ſeren Kindern zu geben.„Sie möge eine durch und durch katholiſche ſein,“ ſagte ſie zu uns,„man iſt immer gelehrt genug, wenn man nur gegen vie Ketzerei kämpft, und das Seinige zu ihrer endlichen Ausrottung beiträgt.“ Dieſer Beſuch wurde mit ſo zärtlichen Liebkoſungen beſchloſſen, als uns das Gitter, welches uns trennte, nur immer er⸗ laubte. — 200— Wir näherten uns dem Ziele unſerer Reiſe, und Co⸗ lombe ſolſte nun bald alle Annehmlichkeiten des Lebens ge⸗ nießen. Ich erkannte ſchon die Glockenthürme von Arpa⸗ jon, und ich trieb meine Maulthiere an. Clara ſaß auf der Schwelle unſerer Thüre, und ſtieß ein Freuvengeſchrei aus, als ſie mich wiedererkannte. Sie machte Colomben ein Compliment, welches nicht ohne alle Anmuth war, und reichte ihr eine Hand dar, welche wahrſcheinlich ein wenig hart ſein mußte. Meine reizende kleine Frau war ſchon in dem Hauſe. Ich ſprang zur Erde und bewunderte von Neuem die Ordnung und die Reinlichkeit, welche überall herrſchten. „Da wäreſt Du endlich in Deinem Hauſe, mein Engel,“ ſagte ich zu Colomben, indem ich ſie umarmte.„Du wirſt nun nicht mehr die Beſchwerden einer langen Reiſe, und die Gefahren, welchen man auf einer ſolchen fortwährend ausgeſetzt iſt, fürchten müſſen. „Clara, wo iſt mein Freund André?“— Clara war nicht mehr da. Ich ſteckte den Kopf zu einem Fenſter hin⸗ aus, und ſah, wie ſie aus Leibeskräften nach der Richtung des Thurmes lief. Bald bemerkte ich auch Anvré herlau⸗ fen, welcher ſie weit hinter ſich zurückließ, obgleich das noch nicht die Stunde war, in welcher ſich die Arbeiter der Ruhe zu überlaſſen pflegen. Ich ſah dieſen guten André mit einem außerordent⸗ lichen Vergnügen wieder, und ich vrückte ihn lange Zeit an meine Bruſt. Er grüßte Colomben mit einer Hoch⸗ achtung, welche ſie ohne Zweifel verdiente, und welche uns — 201— Beiven ſchmeichelte. Ich las es in ihren Augen, daß mein Freund auch der ihrige werden würde. Während ſich Clara mit den Bedürfniſſen der Rei⸗ ſenden beſchäftigte, zankte mich André aus, und zwar ganz ernſthaft. Nach ſeiner Rechnung mußte ich ſchon ſeit vier Tagen zurückgekehrt ſein, und von Stunde zu Stunde war ſeine Unruhe geſtiegen. Clara war, inſoweit es ihr nur immer ihre Wirthſchaftsgeſchäfte erlaubten, als Schild⸗ wache vor der Thüre aufgeſtellt, und ſollte ihn, wenn wir ankommen würden, davon benachrichtigen. Man hat ge⸗ ſehen, mit welchem Eifer ſie ihre Sendung erfüllt hat. Colombe ergriff das Wort, und erzählte mit jener Naivetät, mit jener Herzensreinheit, welche von ihrer ganzen Art und Weiſe zu ſein und zu fühlen unzertrenn⸗ lich waren, was uns begegnet war. Dieſe Art und Weiſe zu erzählen war für André eine ganz neue, und er empfand den ganzen Reiz derſelben. Clara ſaß in einer Ecke des Saales und verlor auch nicht ein Wort von Allem. Ich ſah mehrmals, wie ſich ihre beiden Hände einander näherten; ſie hatte Luſt Beifall zu klatſchen; die Achtung hielt ſie davon zurück.„O, mein Gott!“ rief fie plötzlich aus, als Colombe aufgehört hatte zu ſprechen, „mein Braten verbrennt!“ und damit verſchwand ſie. Dieſer Braten war eine Gans, die vierte, welche ſie ſeit dem Tage, an welchem André uns erwartete, an den Spieß geſteckt hatte. Mein Pächter Thomas hatte das dop⸗ pelte Vergnügen gehabt, die Gänſe bezahlt zu erhalten, und pie drei erſten noch dazu mit ſeiner Frau und ſeinen — W2— Rangen zu verzehren; dieſe vierte endlich erſchien auf meiner Tafel, in Begleitung einer Paſtete, deren Inhalt ebenfalls von meinem Lehen herrührte, und eine Sauce gab, welche würdig war Kennern vorgeſetzt zu werden. Thomas war beſchäftigt geweſen, unſern Wagen und unſere Maulthiere in ſeinen Stall zu führen; jetzt trat er mit Catharinen ein. Alle Beide hatten ihre Sonntags⸗ kleider angelegt; Jedes von ihnen trug einen Strauß, der ſo groß wie ein Beſen war; und dieſen reichten ſie der Madame de la Tour dar, indem ſie zugleich einen Glück⸗ wunſch an ſie richteten, von dem ſie ebenſo wenig verſtand, als vielleicht die Glückwünſchenden ſelbſt. „Mein lieber Anton,“ ſagte Colombe zu mir,„dieſer Tag iſt ein Feſttag; aber es würde ein unvollſtändiger ſein, wenn dieſe ehrlichen Leute nicht auch daran Theil nehmen würden.“ Ich war zwar ſtolz, aber immer be⸗ müht, Colomben gefällig zu ſein. Und ſo nahm ich denn Catharina und Clara bei der Hand, und ſetzte mich mitten zwiſchen Beide. Dubois, unſer Maurermeiſter, kam auch dazu. Er wollte mir ebenfalls zu dem Erfolge meiner Reiſe Glück wünſchen. Colombe that für ihn und André Das, was ich ſoeben für Catharina und Clara gethan hatte. Die Freude glänzte in Aller Augen.„O,“ dachte ich mir, „wie leicht iſt es doch den Großen, ſich beliebt zu machen; ſie brauchen es nur zu wollen; warum wollen Sie es denn aber nicht?“ Ich hatte noch niemals ein ſo heiteres Mittagsmahl — 203— gehalten, und ich bemerkte, daß unſere Untergebenen ſich nur dann zu überheben ſuchen, wenn wir die lächerliche Abſicht haben, ſie zu demüthigen. Jeder hielt ſich in den ihm gebührenden Grenzen, und ich hörte auch nicht ein Wort, was die ſtrengſte Schicklichkeit nicht hätte vertreten können. André vergaß Nichts. Clara trug uns eine Bowle Krambambuli auf; das iſt das Deſſert großer Herren. Die Fröhlichkeit nahm noch zu, und Dubois ſang uns, ohne dazu aufgefordert worden zu ſein, Lieder vor, welche er ſeit zwanzig Jahren bei allen Hochzeiten, zu denen er eingeladen wurde, hören ließ. André beſchloß das Feſt durch ein Hochzeitsgedicht voll von Feuer und Geſchmack. Dann wollte er mir von ſeinen Arbeiten ſprechen, aber ich bat ihn, ernſthaſte Angelegenheiten bis auf morgen zu verſchieben. Wie wohl befindet man ſich doch zu Hauſe, unabhängig, liebend und geliebt. Welch unüberwindlicher Drang be⸗ ſtimmt voch die Menſchen ein Glück in der Ferne zu ſuchen, welches ſich gleich neben ihnen befindet. Ich ſah in der Zukunft Richts als glückliche Tage voraus, ſie gehörten mir ſicher an, und doch trieb mich eine unbeſtimmte Un⸗ ruhe nach Paris, zu dem Herzoge von Gviſe, deſſen ich nicht im Geringſten bedurfte. Colombe ſchlummerte noch; ich betrachtete ſie, und Alles verſchwand vor ihrem Bilde. Clara kam, und klopfte leiſe an die Thüre unſers Zimmers. André erwartete uns unten mit dem Wagen. Er wollte die Madame de la Tour auf ihr Gebiet fahren, — 204— und mir unterwegs Rechenſchaft von Dem ablegen, was er gethan hatte. Man weiß, auf welche Art man eine Frau aufweckt, die man anbetet. Während Colombe ſich anklei⸗ dete, ging ich hinunter. André theilte mir auch die kleinſten Umſtände mit; er legte ſehr viel Wichtigkeit auf Das, was er gethan haite, und er hatte auch ein Recht dazu. Indem er ſich einzig und allein mit meinen Intereſſen beſchäftigte, hatte erz einen ſeltenen Scharffinn an den Tag gelegt, und meine Beiſtimmung mußte die Belohnung ſeiner Arbeiten wer⸗ den. Ich hörte ihm mit der größten Aufmerkſamkeit zu; es ward mir viel leichter am Morgen, als am Abende auf⸗ merkſam zu ſein. Wir ſtiegen in den Wagen. André erzählte uns, daß er für dreitauſend Livres Eiſen und Blei verkauft habe: man hätte ſonſt leicht auf den Gedanken kommen können, daſſelbe im Namen des Königs, oder in dem des Herzogs von Guiſe in Musketen und in Kugeln zu verwandeln. Große Namen imponiren immer dem gemeinen Haufen, und bedecken oft ſogar Raub⸗ und Mordthaten. André philoſophirte, während er unſere Arbeiter leitete.. Wir kamen in Latour an. Ich beobachtete Colombe, und ich bemerkte ein Lächeln der Zufriedenheit auf ihren Lippen. Sie ſah auf einer Erhöhung ein hübſches und geräumiges Haus, welches ſich wie durch Zauberei erhoben hatte; in paſſender Entfernung davon das Pächterhaus, welches feſt und tüchtig wieder aufgebautworden war, einen ziem⸗ lich tiefen Teich in der Mitte eines Gartens, der ſchon an⸗ — 205— gelegt war, lichte und weite Alleen, die in das Gehölz ge⸗ hauen waren, und den Bach, welcher aus dem Teiche her⸗ vorſprudelte, um ſich in eine Laube zu verlieren, welche im nächſten Frühjahre köſtlich zu werden verſprach. Co⸗ lombe's Arm lag in dem meinigen, ich hielt ihre Hand feſt; ich liebkoſte ſie, und unſere Augen begegneten ſich bei jedem neuen Gegenſtande, der ſich unſeren Blicken darbot. †ch befragte die ihrigen; ſie antworteten mir voll Liebe und Dankbarkeit!„O,“ ſagte ich zu ihr,„Du verdankſt mir Nichts, Dein Glück machen, heißt ja mir das meinige ſichern.“ Meiſter, Freunde und Arbeiter entfernten ſich zur Stunde des Frühſtücks, das unſere erwartete uns zu Hauſe. Dort ſprach ich von der Nothwendigkeit, mich nach Paris zu begeben, und Colombe weinte; von meinem feſten Ent⸗ ſchluſſe, mich in Richts mehr zu miſchen, wenn die Angele⸗ genheit, welche mich dorthin rief, einmal beendigt ſein würde, und Colombe lächelte wieder. Nach dem Frühſtücke begleitete ich André wieder nach Latour. Er betrachtete Alles mit kaltem Blute, und es war mir ſehr lieb, ihn über den Schritt, welchen ich zu thun im Begriffe ſtand, zu Rathe ziehen zu können.„Ich bin weit entfernt,“ ſagte er zu mir,„die blinde Bewun⸗ derung gewiſſer Leute für den Herzog von Guiſe zu thei⸗ len. Man hält ihn für einen großen Mann; aber ſeine fortwährende Unentſchloſſenheit beweiſt, daß es ihm unter vielen Umſtänden an Energie mangele, und dieſe Eigen⸗ befitzen muß. — 206— ſchaſt iſt die wichtigſte von allen, welche ein Thronräuber „Er thut ſich Etwas darauf zu Gute, dem Könige zu widerſprechen und ihm öffentlich zu trotzen. Ein ſolches Benehmen kann zwar ſeiner Eitelkeit ſchmeicheln, aber es führt zu Richts; es müßte ihm im Gegentheile verderb⸗ lich werden, wenn Heinrich Ill. nicht der unbedeutendſte aller Menſchen wäre. Es iſt ſchwer, die Entwickelung eines Drama's vorauszuſehen, welches ſchon ſeit ſo langer Zeit ſpielt; aber was für eine ſie auch immer ſein möge, ſo muß es für einen Privatmann doch immer ſehr gefährlich bleiben, ſich den Herzog von Guiſe zum Feinde zu machen. Ich rathe Ihnen daher, Ihren Plan auszuführen.“ Wir ſprachen dann von dieſer neuen Partei, welche ſich jetzt zu Paris bilde. André ſtimmte mit mir darin überein, daß ſie dem Herzog von Guiſe feindlich geſinnt ſein müſſe, da dieſer Fürſt die Führer derſelben nicht kenne. Aber nichtsdeſtoweniger ſchien es uns auch mehr als zweifelhaft, daß dieſe Partei die Intereſſen des Königs verfechten werde. Um das Volk zu bewegen, muß man entweder Geld beſitzen, oder ihm jenen Enthuſiasmus ein⸗ zuflößen wiſſen, welcher macht, daß es ſeinen Führern* blindlings und unbedingt gehorcht. Der König aber beſitzt kein Geld, und wird allgemein verachtet. Welchen Einfluß fann er durch ſeine perſönlichen Eigenſchaften ausüben? Wer iſt er mit Einem Worte? Der Abſcheu aller Par⸗ teien. Wer beſitzt alſo ſonſt in Paris Schätze, und will ſie — 2— ſeinem Ehrgeize vpfern? So hatte ſich jetzt die Frage ge⸗ ſtellt, aber wir konnten ſie nicht beantworten. Der Herzog von Guiſe mußte mich ſchon mehrere Tage lang erwarten, und man durfte ihn nicht ungeſtraft in üble Laune verſetzen. Colombe überhäufte mich mit Liebkoſungen, als ich davon ſprach, zu Pferde zu ſteigen, und ich vergaß an ihrer Seite meiner ſelbſt. André gab ſich Mühe ihr zu beweiſen, daß die Dauerhaftigkeit unſers Glückes von der Ausführung der Befehle, die ich zu Li⸗ moges erhalten hatte, abhinge. Seine Beweisführung war überzeugend und bündig, aber die Liebe verſteht es ſo wohl nur Das zu hören, was ihr ſchmeichelt. Colombe widerſtand, weinte, bat mich, beſchwor mich. Konnte ich ihr widerſtehen? Der übrige Theil des Tages verfloß in entzückenden Auftritten; man liebt nur um ſo heftiger, wenn man ſich zum erſten Male trennen muß. Neunzehntes Kapitel. Die Partei der Sechszehn. Zweite Reiſe nach Paris. Ich ſchlief wenig, und mit Tagesanbruch verließ ich das eheliche Bett. Ich kleidete mich in der größten Stille an, und meine Augen liebkoſten unaufhörlich das ſüße Weibchen, welches der Schlaf noch zu verſchönern ſchien. ———— — 208— Ich brannte vor Begierde ihr noch einen Abſchiedskuß zu geben; aber ich hätte ſie damit aufgeweckt, und wäre dann ſicher nicht abgereiſt. Ich riß mich aus dieſem Zimmer los, welches der Tempel der glücklichen Liebe war, und in welchem Colombe ſich nun allein befinden ſollte. Das Hausthor war noch verſchloſſen, und ich trat in die Schlafkammer Clara's ein, um mir daſelbſt den Schlüſſel zu demſelben zu holen. Sie befand ſich nicht in ihrer Stube. André hatte gegen mich die Bemerkung ge⸗ macht, daß ein hübſches Geſicht doch immer das Auge er⸗ götze, nicht mehr koſte, als ein anderes, und daß er keine Colombe habe. Es war demnach nicht ſchwer zu errathen, wo ich Clara finden könnte; aber es giebt Dinge, bei denen man ſich den Anſchein geben muß, als bemerke man ſie gar nicht, vorausgeſetzt, daß ſie Niemanden beeinträch⸗ tigen. Die chriſtliche Liebe befiehlt uns übrigens Aergerniß zu vermeiden, und Jeden das Gewicht ſeiner Sünden ſelbſt tragen zu laſſen. Ob ich wohl eben ſo denken würde, wenn der Sünder irgend ein Anderer, als eben André wäre? Ich zweifle ein wenig daran. Was thun?... Nun, zu einem Fenſter des Erdge⸗ ſchoſſes hinausſpringen.. Aber, wird es denn wahr⸗ ſcheinlich erſcheinen, daß ich mich dazu entſchloſſen habe, ohne einen Verſuch gemacht zu haben, mir den Thor⸗ ſchlüſſel zu verſchaffen? Ich werde André von dem Speiſe⸗ ſaale aus rufen, freilich auf die Gefahr hin, Colombe zu erwecken. Der ſchlimmſte Fall war der, noch dieſen Tag bei ihr zubringen zu müſſen, und darein wollte ich mich — 209— ſehr leicht fügen. Man ſchläft während einer Nacht, die einer Trennung vorhergeht, in der Regel wenig, und die Stunde der Ruhe hatte für meine Colombe geſchlagen. Sie hörte Richts. André ließ nicht lange auf ſich warten. Er kam zur Hälfte angekleidet herab. Ich ſagte ihm, daß ich nicht hatte abreiſen wollen, ohne ihm Lebewohl zu ſagen, und ich bat ihn, mir das Thor zu öffnen. Er holte, gleichviel ob aus ſeinem oder aus ihrem Zimmer, den Schlüſſel, 3 und ich ging nach Latour, um mir mein Pferd ſatteln zu laſſen. Ich hielt vor unſerem Hauſe zu Arpajon wieder an. Alles war in demſelben noch verſchloſſen. Ich war zwanzig Mal in Verſuchung abzuſteigen und am Thor zu klopfen. Zum Glücke hatte ich geſunden Menſchenverſtand genug, um einzuſehen, daß ich, je eher ich abreiſte, auch um ſo eher wieder zurückkehren könne. Ich warf Colombe noch einen letzten Kuß zu, ſpornte mein Pferd, und rief wie Cäſar, als er den Rubicon überſchritt:„Der Würfel liegt.“ Ich beeilte mich, mich wieder bei Mortier in der Straße Saint⸗Antoine einzuquartieren. Es hatte mir in dieſem Hauſe gefallen, und ich gewöhne mich ſehr leicht an Etwas. Ich bin ſehr mittheilſam, und das iſt häufig ein Fehler. Aber in einem gegenwärtigen Umſtande ward es mir nützlich. Während ich mich ankleidete, ſprach ich mit Mortier über die neue Partei, welche ſich in Paris bildete. Biblioth. 328 Bdch. 14 — 240— Er wußte Richts davon; aber er war ein Anhänger des Herzogs von Guiſe, vielleicht ohne ſich ſelbſt über die 6 Gründe genaue Rechenſchaft geben zu können. Er beſaß Nichts weiter als geſunden Menſchenverſtand, aber mit dem richtet man oft mehr aus, als mit allem Geiſte und aller Gelehrſamkeit der Mitglieder der franzöſiſchen Plejade. „Ich werde jetzt mit Ihnen gegen mein eigenes In⸗ tereſſe ſprechen,“ ſagte er zu mir;„aber ich würde mich ſehr glücklich ſchätzen, dem Herzoge von Guiſe, wenn auch nurmittelbar, nützlich ſein zu können. Steigen Sie wieder zu Pferde, reiten Sie fort, und ſteigen Sie an der Ecke der Straße de la Mortellerie, gegenüber von Saint⸗ Gervais, ab. Sie werden dort ein ſehr gutes Wirthshaus finden, welches von einem gewiſſen Sanchez, einem alten Spanier, welcher ſich erſt ſeit kurzer Zeit daſelbſt einge⸗ richtet hat, gehalten wird. Man verſichert, daß ſein Haus die ganze Nacht offen ſtehe, und daß daſelbſt geheime und zahlreiche Verſammlungen gehalten werden. Nun zeigen ſich aber die Anhänger des Herzogs von Guiſe mit offener Stirne, und die des Königs ſind auch noch nicht dahin ge⸗ bracht, ſich verbergen zu müſſen. Man argwohnt, daß Philipp Il. directe Abſichten auf die Krone von Frankreich habe. Es iſt möglich, daß ſein Geſandter irgend eine In⸗ trigue hier in Paris ſpinne, und daß Sanchez eines ſeiner untergeordneteren Werkzeuge ſei.“ Andrs mit ſeiner ganzen Schlauheit, und ich mit mei⸗ nem ganzen Scharffinne hätten vielleicht noch in einem — 211— Monate dieſen lichtvollen Gedanken nicht gefaßt; ich be⸗ zahlte Mortier auf vas Großmüthigſte, und ſuchte und fand das Schild zum großen heiligen Lorenz. Sanchez betrachtete mich einige Zeit lang mit großen Augen, welche von langen weißen Wimpern beſchattet wurden; dann fragte er mich endlich, was ich wolle? Ich erwiderte ihm, daß ich aus der Provinz komme und fragte ihn nun meinerſeits, ob man Nachrichten aus Madrid habe. Er betrachtete mich nun noch aufmerkſamer; er dachte eine Weile nach und ſagte mir dann, daß er keinen Correſpondenten in Spanien, außer einem Verwandten, der zu Sevilla wohne, beſitze; ich bat ihn, mir eine Woh⸗ nung einzuräumen, er erwiderte mir, daß er Wein und Branntwein verkaufe, aber Niemanden beherberge. Ich kehrte zu Mortier zurück, feſt überzeugt, daß das Gaſthaus dieſes Sanchez der Schauplatz einer ſpaniſchen Intrigue ſei. Ich war durchaus nicht aufgelegt, mit Mortier die Vor⸗ theile dieſer Entdeckung zu theilen, und doch war er es allein, dem ich ſie verdankte; aber wenn auch eine Ewig⸗ keit voll Ruhm und Glückſeligkeit der einzige Zielpunkt aller unſerer Wünſche ſein muß, ſo iſt es uns doch auch nicht geradezu verboten, einige Blumen während unſerer Wonderſchaft in dieſem irdiſchen Jammerthale zu pflücken. Ich ſagte Mortier nur durchaus unbedeutende Dinge, und begab mich dann zu dem Herzoge von Guiſe; er hatte befohlen, daß man mich, ſobald ich erſcheinen würde, ſo⸗ gleich hineintreten laſſe. Er empfing mich mit Stolz und mit der Miene der 14* —— — 212— größten Unzufriedenheit; ich war darauf gefaßt. Erfragte mich mit ſtrengem Tone, was ich gethan habe, ſeitdem ich Herrn von Mellac verlaſſen habe. Ich erwiderte ihm, daß ich ſchon ſeit vier Tagen in Paris ſei, daß ich mich ihm aber nicht habe vorſtellen wollen, bevor ich ihm nicht eine einigermaßen befriedigende Nachricht hätte geben können. Ich bat meinen Schutzheiligen im Geiſte, mir dieſe Lüge, welche meine Lage unerläßlich gemacht hatte, zu verzeihen. Man muß mit den Großen Nichts halb unternehmen: man verliert ihr Vertrauen, wenn man, in Bezug auf was für einen Gegenſtand es auch immer ſein möge, zau⸗ dert; man gewinnt es durch Kühnheit. Ich zauderte nicht dem Herzoge zu verſichern, daß der König von Spanien zu Paris intriguire, daß Mendoza, ſein Geſandter, ſein hauptſächlichſtes Werkzeug, und der alte Sanchez ein Ver⸗ mittler zwiſchen dem Geſandten und den Parteigängern der unteren Volksklaſſen ſei. Ich gab mich dadurch, daß ich Mendoza nannte, nicht blos; denn er mußte wohl die erſte Rolle in dieſer Angelegenheit ſpielen. Je weiter ich ſprach, deſto mehr nahm das Geſicht des Herzogs wieder jenen Ausdruck des Wohlwollens an, welcher ihm ſo viele Anhänger erwarb, und welchen er für geeignet hielt, um mich wieder zu ermuthigen. Er hatte an Mellac geſchrieben, daß ich das blinde Werkzeug ſeines Willens werden würde, und er hegte keinen Gedan⸗ ken mehr, der mir entging ſo ſicher hatte ich ihn. Ich ſchloß aus einigen ziemlich dunkel gehaltenen Sätzen, daß er einige große Herren damit beauftragt — hatte, den Mendoza auszuſpioniren, und daß dieſe Nichts entdeckt hatten. Das war ganz natürlich: der Geſandte wollte unthätig ſcheinen; er gab den Tag über Tafeln und Bälle, und dieſe Herren konnten nicht die Nächte in ſeinem Palaſte zubringen. Ebenſo wenig geſtattete es ihnen ihr Rang, die äußeren Thore zu überwachen. Der Herzog ſchloß eine Rede, von der er glaubte, daß ſie für mich ſehr ſchmeichelhaft ſei, damit, daß er mir ſeine Zufriedenheit bezeigte und mir anempfahl, das Wirthshaus dieſes Sanchez nicht aus dem Geſichte zu ver⸗ lieren. Ich hatte genug gethan, um den Herzog an meine Thä⸗ tigteit glauben zu machen, und ich konnte ihm nun ſpäter ſagen, daß ich Nichts entveckt habe. Dieſes Geſtändniß hätte allen weiteren Verkehr zwiſchen uns aufgehoben; er hätte einen jungen Menſchen, der ihm nicht mehr nütz⸗ lich war, ſchnell vergeſſen: und ich erwartete, ich wünſchte ja Nichts von ihm. Ich ging wieder vor dem Wirthshauſe Sanchez's vor⸗ bei, und ſah Niemanden in demſelben. Ich war nicht ge⸗ ſonnen, auf dem Straßenpflaſter von Paris Nächte zu ver⸗ lieren, welche ich ſo köſtlich zubringen konnte; nichtsdeſto⸗ weniger war ich aber doch Franzoſe. Es war gewiß, daß der König keine Kinder mehr bekommen werde, und Hein⸗ rich von Navarra, ſein muthmaßlicher Thronerbe, war ein Abſcheu für alle guten Katholiken. Der Herzog von Guiſe war wenigſtens ein naturaliſirter Franzoſe, und Alles wohl erwogen, glaubte ich mich doch in meinem Ge⸗ — 214— wiſſen verpflichtet, ihm die Mittel an die Hand zu ge⸗ ben, die Pläne eines fremden Monarchen zu zerſtören. Philipp II. oder deſſen Tochter Eugenie ſollte auf dem Throne von Frankreich ſitzen! Dieſer Gedanke machte mich ſchaudern; aber Colombe war zu Arpajon. Ich ſtieg zu Pferde und kehrte im Galopp wieder dahin zurück. Nachdem die erſten Entzückungen des Wiederſehens vorüber waren, theilte ich André'n meine letzteren Betrach⸗ tungen über die Gefahr, in welcher Frankreich ſchwebe unter das Joch Spaniens zu gerathen, mit.„Nun, mein Herr,“ ſagte er zu mir,„und was geht das Alles Sie an? Wie auch die Sachen immer ausgehen mögen, ſo werden wir doch immer einen Schäfer haben, und dieſer Schäfer wird immer Hunde haben, um uns in die Waden zuzwicken. Laſſen Sie den Donner grollen, lieben Sie und leben Sie glücklich dabei.“—„Er hat Recht,“ rief Colombe aus.— 4 „Beim heiligen Anton, ich glaube es auch!“erwiderte ich, und ich dachte an Richts mehr als daran, als wohlhaben⸗ der Mann bei meinem reizenden kleinen Weibchen zu wohnen. Am dritten Tage trat ein unbekannter Mann bei uns ein; er war der gſteiie eines Briefes, welcher nur folgende Worte enthielt:„Was machen Sie in Arpajon? — Zittern⸗Sie!“ Ueberbringer war verſchwunden. André hatte mit mir die Depeſchen geleſen, welche der Herzog von Gnuiſe mir für den Biſchof von Limoges über⸗ geben hatte; wir erkannten die Schrift des Erſteren.„Auf welche Art,“ fragten wir uns,„hat er erfahren können, — 215— daß ich zu Arpajon von allen politiſchen Stürmen entfernt lebe2 Ah! ſo wie ich beauftragt war, die Stammgäſte von Sanchez's Wirthshauſe zu beobachten, ſo war es wahr⸗ ſcheinlich auch irgend ein unbekanntes Weſen, mir auf jedem Schritt und Tritt zu folgen. Wer weiß, ob nicht noch ein Dritter den Auftrag erhalten hat, ſich von der Treue des Zweiten zu verſichern.“ „Mein Herr,“ ſagte Andreé zu mir,„dieſes Billet ver⸗ ändert Ihre Lage gänzlich; es handelt ſich jetzt nicht mehr varum, auf die Gunſt des Herzogs von Guiſe zu verzich⸗ ten, ſondern darum, ſeine Verfolgungen zu vermeiden. Ein Waldſtrom ſtürzt Alles um, was ihm Widerſtand lei⸗ ſtet, und bewäſſert die junge ulme, welche ſeine Ufer be⸗ ſchattet; kehren Sie nach Paris zurück.“—„Aber André, die Parteigänger verſammeln ſich bei Sanchez nur zur Nachtzeit, und wie lang und kalt werden die Nächte ſein, welche ich in Paris zubringen werde.“ Colombe drückte mich in ihre Arme, und benetzte meine Wangen mit ihren Thränen. „Madame,“ ſagte André zu ihr,„einige Zuge⸗ ſtändniſſe zu machen, iſt oft der einzige Ausweg, um nicht Alles zu verlieren.“—„Mein Anton, kann uns Mortier nicht ein Zimmer geben?“—„Hier iſt der Schlüſſel zu dem meinigen.“—„Ich werde es mit Dir theilen.“—„Du wirſt daſelbſt genirt ſein; Du wirſt viele Dinge daſelbſt vermiſſen.“—„Habe ich nicht Alles, wenn ich bei Dir bin?“—„Madame hat Recht,“ ergriff André wieder das Wort,„die Liebe findet überall — 15— ihre Altäre; reiſen Sie zuſammen ab, Clara und ich wollen indeſſen pier für Ihre Intereſſen wachen.“ Der Spitzbube! Mortier errieth ſogleich, daß die Dame, welche mich begleitete, dieſe Colombe ſei, von der ich mit mir ſelbſt ſprach, wenn ich Niemanden fand, welcher mich anhören wollte; ich hatte ſie Mortier als die ſchönſte aller Frauen geſchildert, es war alſo unmöglich ſie nicht zu erkennen. Er fügte noch eine Schlafſtube zu meinem Zimmer, und er machte ſich anheiſchig uns wie Fürſten zu behan⸗ deln; auch gab er Colomben eine von ſeinen Töchtern zur Bedienung. Alles ging bis hierher gut, aber ich durfte nur während der Nacht ausgehen, und ich war weder unermüblich noch geduldig. Meine Vielgeliebte erwiderte auf dieſe Bemer⸗ kung, daß ſie am Tage ſchlafen wolle; ſie fügte ſich mit einer engelhaften Sanftmuth und Ergebung in Alles. Der Herzog von Guiſe wollte nicht warten, und ſo be⸗ ſchloß ich denn meine Ausflüge noch an demſelben Abende zu beginnen; Colombe wollte, daß ich mich erſt ausruhe, bevor ich meinen Feldzug eröffne. Ich war immer bereit dieſe Einladung anzunehmen, weil uns, ſeitdem ich ſie wiedergefunden hatte, Alles i war, Ermü⸗ dung, Ruhe und Vergnügen. Mein Auftrag war gefährlich; Sen hatte mich ei⸗ nige Tage früher geſehen und mit mir geſprochen. Wenn er bemerkte, daß ich ſein Haus beobachte, konnte er mir böſe Streiche ſpielen laſſen; ich bat Mortier, mir einen Anzug, der mich unkenntlich machte, zu leihen. Ich ging um — 27— zehn Uhr Abends aus, und trat mit Sicherheit in das Wirthshaus zum großen heiligen Lorenz ein; ich ver⸗ langte daſelbſt Wein. Man trug mir denſelben in einer Art von erſtem Vor⸗ zimmer auf, in welchem einige Männer ſaßen, von denen es mir ſchien, als ſeien ſie einzig und allein um des Ver⸗ gnügens des Trinkens willen daz ihr Geſpräch war heiter und erſtreckte ſich über verſchiedene Gegenftände. Aber im Hintergrunde befand ſich ein Zimmerchen, welches nur durch das matte Licht einer Lampe erleuchtet wurde, und veſſen Thüre ſich ſelten öffnete. Ich bemerkte indeſſen doch einige Perſonen in vemſelben, welche mit ſehr ernſthaften Dingen beſchäftigt zu ſein ſchienen; es ſchien mir, als ob die Flaſchen, welche vor ihnen ſtanden, ihnen nur zum Vorwande dienten. „Aber Sie trinken ja nicht,“ ſagte Sanchez zu mir, „und doch iſt mein Wein gut; Sie werfen Ihre Augen überall hin, und ich liebe das nicht. Warum ſind Sie hier⸗ her gekommen? Was wollen Sie hier?“—„Auf das Wohl des Königs von Spanien und das der Infantin teinken, wenn ich Jemanden finde, der mit mir darauf an⸗ ſoßen will.“—„Dazu bin ich Ihr Mann!“ Er fuhr fort, mit mir, das Glas in der Hand, ein Ver⸗ hör zu unternehmen, welches mich endlich ſehr in Verle⸗ genheit brachte; er fragte mich um die Gründe der Theil⸗ nahme, welche ich für den König von Spanien an den Tag lege, und warum ich ſein Wirthshaus einem anderen vor⸗ ziehe. Ich mußte ihm nun eine Geſchichte vorlügen, und —— — 218— ich war nicht darauf vorbereitet; ich zauderte, ich ſtotterte: er klatſchte in ſeine Hände. Drei von den Trinkern, welche an unſerer Seite ſaßen, ſtanden auf und machten Bewegungen, die mich ihre Ab⸗ ſicht deutlich errathen ließen; ich war ohne Waffen, aber zum größten Glücke verlor ich den Kopf nicht. Eben ſo flink als meine Angreifer warf ich ihnen einige Tiſche, welche ſich in meiner Nähe befanden, zwiſchen die Beine; ich faßte Sanchez bei ſeiner Halskrauſe an, warf ihn auf k ſeine Helfershelfer und ſprang auf die Straße. Dieſe Scene konnte zur Folge haben, daß der Schau⸗ platz dieſer Verſammlungen verändert werde, und daß die Parteigänger Maßregeln ergriffen, welche geeignet waren, auch die feinſten Liſten zu nichte zu machen. Das Ver⸗ trauen mußte alſo wiederhergeſtellt werden; ich lief zu Mortier und ſtudirte ihm ſeine Rolle ein. Er beneidete 3 Sanchez um ſein gutes Auskommen, und befolgte meine Anweiſungen auf das Pünktlichſte. Ich wurde für ſeinen Fiſchträger ausgegeben, welchen der Fußſchlag eines Maulthieres auf die Gehirnſchale das Gehirn verrückt hatte. Es war nun einmal mein Schickſal, bei allen heftigen Wechſelfällen meines Lebens, denen ich mich ausſetzte, für verrückt zu gelten; ich muß zugeben, daß das Verdienſt dieſer Erfindung André'n ganz allein gebührte. Meine Tollheit ſollte die ſein: in alle Wirths⸗ häuſer einzutreten, daſelbſt Wein zu verlangen und ihn nicht zu bezahlen. Es iſt gewiß, daß Sanchez das Geld für den Wein, welchen er mir aufgetragen, nicht erhal⸗ —— — 219— ten hatte; Mortier ſollte mich, um mich nur los zu wer⸗ den, eingeſchloſſen haben: ich war dann gegen Abend ent⸗ ſchlüpft, und er hatte mich in allen Wirthshäuſern des ganzen Viertels vergeblich geſucht. Sanchez erklärte, daß er mich geſehen habe, daß es ſcheine, als ob Mortier mich noch als in ſeinem Dienſte ſtehend betrachte, und daß er, da nach dem bürgerlichen Rechte die Herren für ihre Dienſtleute gut ſtehen müßten, nur gleich den verſchütteten Wein und die zerbrochenen Tiſche und Flaſchen bezahlen möge. Mortier erwiderte, vaß das nicht mehr als billig ſei, er bezahlte Sanchez Das, was er verlangte und ging fort, nachdem er ihm noch ver⸗ ſichert hatte, daß er ſeinen Mann, wenn er ihn wieder⸗ . fände, ſo ſicher einſperren wolle, daß er ihm gewiß nie rieder entkommen ſolle. Die Thüre ſchloß ſich hinter ihm zuz er näherte ſich der⸗ ſelben nach einigen Minuten wieder und horchte durch das Schlüſſelloch. Man brachte wieder Alles in Ordnung, und er hörte den Klang von einigen Säcken Geld, deren Platz man veränderte, und welche bewieſen, daß die Schadlos⸗ haltung, welche Sanchez von ihm verlangte, nur eine reine Formſache geweſen war; und dann verließ Niemand vor vier Uhr Morgens das Haus: man hatte alſo auch nicht den geringſten Verdacht geſchöpft. Ich hatte dieſes Unternehmen begonnen, um mich gegen den Herzog von Guiſe, welchem ich Colombe ver⸗ dankte, dankbar zu beweiſen; ich war nahe daran todtge⸗ ſchlagen zu werden, und dieſer Fürſt hätte mir alſo keinen — 220— Vorwurf machen können, wenn ich die Sache nicht weiter getrieben hätte: aber meine Eitelkeit war verletzt. Ich hatte vor Sanchez und einigen Schlingeln fliehen müſſen, welchen ich allen mit einander, wenn ich nur meinen Degen bei mir gehabt hätte, Furcht eingejagt hätte. Uebrigens konnte ich den Brief, welchen der Herzog von Guiſe an den Biſchof von Limoges geſchrieben hatte, nicht vergeſſen; ihm zu Folge war ich nur ein blindes Werkzeug, es giebt aber keinen Hebel, den man verachten dürfe. Ich wollte ihn die Kraft dieſes Hebels da kennen lehren; ich unterſagte Mor⸗ tier Colomben Etwas von dem Auftritte zu ſagen, welcher † bei Sanchez ſtattgefunden hatte, ſie hätte mich ſonſt alſo⸗ gleich wieder nach Arpajon zurückgeführt. Ich konnte mich in jenem Wirthshauſe nicht mehr ſehen laſſen; es warklar, vaß ich einen andern Weg einſchlagen und einen neuen Plan ausſinnen mußte. 4 Ich ſagte meiner reizenden Gefährtin, daß in der Nacht herumzulaufen und am Tage zu ſchlafen für mich doch eine ſehr unangenehme Lebenart ſei; ſie lächelte und um⸗ armte mich. Ich fügte hinzu, daß wir uns ſehr zeitig zu Bette legen könnten, und ich dann vor Tagesanbruch auf⸗ ſtehen würde, wenn ſie anders dieſen neuen Plan geneh⸗ migte; ſie hatte ſich ihrerſeits auch einen Plan gebildet, der darin beſtand, in Alles einzuwilligen, was ich ihrt vorſchlagen würde. Ich beſchloß, mich täglich um drei Uhr Morgens, mit dem Degen an meiner Seite und den Piſtolen in der Taſche, in die Straße de la Mortellerie zu begeben, den„ —— hervorragendſten Perſonen, welche jenes Haus verlaſſen würden, einer nach der anderen nachzugehen, mir ihre Wohnung wohl zu merken und im Lauſe des Tages ihr Viertel zu beſuchen, um mir Aufſchlüſſe über ihren Namen und ihren Stand zu verſchaffen. Die Ausführung dieſer Maßregeln mußte zwar ziemlich viel Zeit koſten, weil ich jeden Morgen nur einem einzigen Mitgliede von dieſem ſpaniſchen Comité folgen konnte; aber ich war feſt ent⸗ ſchloſſen und waffnete mich mit Geduld. Ich bedurfte deren auch in der That. Zuweilen ver⸗ or ich bei einer Biegung der Straße diejenige Perſon, welche ich ſchon ſeit langer Zeit beobachtete, plötzlich aus dem Geſichte; ein anderes Mal entzogen mir die Laſtkar⸗ ren, welche um dieſe Zeit ſchon in Paris umherzufahren begannen, einen Andern. Ich wurde wüthend, erntete aber doch endlich den Lohn meiner Beharrlichkeit. Nach vierzehn Tagen, die ich mit dieſen mehr oder weniger unfruchtbaren Ausflügen zugebracht hatte, kannte ich La Roche Blond, Bürger von Paris, Jean Prévöt, Pfarrer von Saint⸗ Severin, Jean Boucher, Pfarrer von Saint⸗Benvit, Guillaume Roſe, Biſchof von Senlis, und WMathicu delAunay, Chorherrn von Soiſſons. Alle Abende verſammelten ſich dieſe Herren bald auf die eine, bald auf die andere Art verkleidet bei Sanchez; ohne Zweifel verfaß⸗ ten ſie daſelbſt den Plan der Verſchwörung, und vielleicht auch die Statuten, deren Bevobachtung ſie Diejenigen be⸗ ſchwören laſſen wollten, welche ſich ihrer verbrecheriſchen Geſellſchaft anſchließen würden. — Mortier hatte Geldſäcke klingen gehört, deren Platz man zu verändern geſchienen; das war nur eine Folge der Unordnung, die ich in dem Wirthshauſe verurſacht hatte, denn während meiner vierzehn Tage der Beobach⸗ tung hörte ich nichts Aehnliches. Aber der Bericht Mor⸗ tier's hatte meinen Gedanken mehr Ausdehnung verlie⸗ henz Nichts entging mir, und ich hatte bemerkt, daß die Verſchworenen, wenn ſie das Haus verließen, immer ziem⸗ lich umfangreiche Dinge unter ihrem Mantel mit ſich fort⸗ trugen. Es war wahrſcheinlich, daß das die Dublonen des Königs von Spanien waren, welche Mendoza ihnen durch Sanchez zufließen ließ, und welche die Beſtimmung hatten, ſeinem Gebieter Anhänger zu erkaufen. Ich trat mit meinen Muthmaßungen und dem wenigen Beſtimmten, was ich wußte, vor den Herzog von Guiſe. „Sie haben ſich während einiger Tage ſehr ſchlecht be⸗ nommen,“ ſagte er zu mir,„aber Sie haben Ihre Fehler wieder gut gemachtz ich werde Ihnen meine Zufriedenheit dadurch beweiſen, daß ich Ihnen mein ganzes Wohlwollen zuwende.“ Ich verneigte mich tief vor Monſeigneur, hatte aber die Unklugheit gegen ihn zu äußern, daß der unbe⸗ deutendſte Hebel zuweilen ſchwere Laſten aufhebe. 5 Er dachte einen Augenblick nach.„Dieſer Vergleich da,“ ſagte er zu mir,„iſt nicht ganz neu; es ſcheint mir faſt, daß ich ihn kenne: übrigens haben Sie ihn paſſend angewendet. „Sie haben Alles gethan, was ich von Ihnen erwar⸗ tete, und Alles, was Sie thun konnten; das Uebrige muß ich auf mich nehmen. Sie können jetzt nach Arpajon zü⸗ rückkehren.“ Ich blieb nicht mehr eine Stunde in Paris; Colombe ſprang, vor Freude ſtrahlend, mit mir in unſern Wagen, und wir kehrten wieder zu unſerem beſcheidenen Herde, dem Sitze des Friedens, der Mäßigung und des Glückes, zurück. Zwanzigſtes Kapitel. Ordnung innerer Wirthſchaftsangelegen⸗ heiten. Der glänzende Herzog von Guiſe war, was die Poli⸗ tit betraf, nur ein gewöhnlicher Menſch. Wir erfuhren wenige Tage nach unſerer Rücktehr nach Arpajon, daß er den alten Cardinal von Bourbon aufgefordert habe, ſich zum erſten Prinzen von Geblüt und muthmaßlichen Thron⸗ erben zu erklären; es war gegen alle Wahrſcheinlich⸗ keit, daß der Cardinal jemals einem Jürſten nachfolgen werde, welcher um dreißig Jahre jünger als er war. Der Herzog wollte alſo zuerſt Heinrich den Dritten entthronen, um dann einen alten König zu ſtürzen, der zwar ohne La⸗ ſter, aber auch ohne allen Charakter war, und an welchen ſich die Nation unmöglich anſchließen konnte. Man kann ſeinen Gebieter entthronen wollen, aber dieſen Plan vor⸗ her zu zeigen, iſt das ſicherſte Mittel, um nie zu ſeiner Ausführung zu gelangen. Die fortwährende Unentſchloſſenheit des Herzogs von ——— — 24— Guiſe machte es der Partei der Sechzehn bald möglich, einen Ausbruch herbeizuführen; man nannte dieſe Partei ſo, weil ſie jedem der ſechzehn Viertel, in welche Paris ein⸗ getheilt war, einen Anführer gegeben hatte. Die Anführer gewannen, unterftützt durch ſpaniſches Gold, Philipp dem Zweiten in kurzer Zeit zahlreiche Anhängerz der Anſtoß war gegeben, und es ftand nicht mehr in der Gewalt des Herzogs, die Wirkungen deſſelben aufzuhalten. Die Sechszehn boten ihm zwanzigtauſend Mann an, um ihn bei der Entthronung des Königs zu unterſtützen; er konnte an der Spitze ſeiner Soldaten der Ligue dann das Werkzeug vernichten, welches er auf den Thron geſetzt haben würde. Er glaubte, daß es die Pläne des Königs von Spanien fördern hieße, wenn er ſich auch nur für einen Augenblick mit der Partei der Sechszehn verbände, und er wies die Unterſtützung, die man ihm angeboten hatte, zurück; das hieß einen unverbeſſerlichen Fehler be⸗ gehen. Heinrich ll. kannte nun die wahren Pläne der Guiſen, der Ligue und Philipp des Zweiten; er ſah nur Ein Mittel ſeinen mächtigen Feinden zu entgehen, und dieſes beſtand darin, ſich dem Könige von Navarra in die Arme zu werfen.. Er ließ demſelben vorſchlagen zur katholiſchen Religion überzutreten, und verpflichtete ſich, ihn unter dieſer Bedin⸗ gung als ſeinen Nachfolger anzuerkennen. Heinrich von Navarra konnte durch Ein Wort die Gui⸗ ſen, die Ligue, die Sechszehn und die Hugenotten⸗ Partei ſtürzen; ſeine hölliſche Hartnäckigkeit ließ ihn aber in — 225— Dem verharren, was er die Religion ſeiner Väter nannte. Was iſt das für eine Religion, welche die abſolute Unfehl⸗ barkeit des Papſtes und die heiligen Dogmen, welche die Kirche lehrt, nicht anerkennt? Wir ſeufzten Beide, Colombe und ich, über dieſes uebermaß von Verblendung; André nahm Alles heiter und philoſophiſch auf. Er behauptete, daß der König von Navarra damit, daß er Heinrich dem Dritten ſeinen De⸗ gen und ſeine ganze Macht angeboten habe, um ihn gegen die Ligue zu unterſtützen, Alles gethan habe, was man nur immer von ihm verlangen könne. Ich wiederhole es: André war etwas von der Ketzerei angeſteckt; aber er hatte ſich Colomben und mir angenehm zu machen gewußt, und er hatte uns Beide nachſichtiger gemacht. jedoch, wohl verſtanden, nur gegen ihn. Der Herzog von Guiſe beging dadurch, daß er Paris verließ, einen neuen Fehler. Er wollte den Cardinal von Bourbon, der doch vem Volke kein anderes Gefühl als das der Neugierde einflößte, den Franzoſen ſehen laſſen; der Herzog ließ dadurch ſowohl ſeine Anhänger der Ligue, die er nun nicht mehr leiten konnte, zurück, als auch jene Par⸗ tei der Sechzehn, welche nun Alles unternehmen konnte. Er beſaß eine eigene Armee, die er mit ſpaniſchem Gelde bezahlte und die er auch nicht eine Bewegung machen ließ; ſie bedrohte gleichmäßig ſowohl die Hugenotten als 1 die Katholiken, welche dem Könige treu geblieben waren. 6 Heinrich Ill. bekämpfte ſeine Feinde durch Proclamationen, ber man machte ſich über dieſelben luſtig; er beeilte ſich Piblioth. 328 Boch⸗ 15 — 226— nun, einige Truppen auszuheben, aber er hatte keine Mit⸗ tel, ſie zu bezahlen. Achtzehntauſend Schweizer, welche ihm die Cantone, nur auf einfache Verſprechungen hin, ſandten, wurden von den Soldaten der Ligue, welche Herren der Bourgogne und der Champagne waren, aufgehalten. Der König blieb ohne Vertheidigung. Catharina von Medicis eilte in ihrer Verzweiflung nach Rheims, wo ſich der lächerliche Cardinal von Bourbon, und der ehrgeizige aber unentſchloſſene Herzog von Guiſe befanden. Dieſer Letztere ertheilte nun dem Könige ſeine Befehle in einer Schrift, welche:„Die Bittſchrift der heiligen Ligue“ betitelt war. Er befahl ſeinem Gebieter die feſten* Plätze, welche er den Hugenotten in dem letzten Friedens⸗ ſchluſſe überlaſſen hatte, ihnen wieder mit offener Gewalt zu nehmen; die reformirte Religion durch ein Edict für ewig von dem Boden Frankreichs zu verbannen, und den Fürſten des Hauſes von Lorraine, welche ohnedies ſchon nur zu mächtig waren, noch Gouverneursſtellen zu ver⸗ 3 leihen. Catharina war genöthigt, dieſe Bedingungen im Na⸗ men des Königs zu unterſchreiben. Wenn Guiſe gefordert hätte, daß er ſeine Krone niederlege, ſo hätte er auch ge⸗ horchen müſſen. 3 Alles war zwiſchen mir und dem Herzog von Guiſe zu 7 5 Ende, und ich war wieder auf meine frühere Theilnahme für Heinrich den Dritten zurückgekommen. Wir beweinten Beide, Colombe und ich, das Unglück eines Fürſten, dem — 227— es, was ſein politiſches Benehmen betrifft, wirklich ſchwer war auch nur einige Achtung zu zollen, der aber ein eifri⸗ ger Katholik war und nach unbeſtreitbarem Rechte auf dem Throne ſaß. Ein glückliches Ereigniß tröſtete uns wenig⸗ ſtens für einige Tage. Sirtus der Fünfte ward auf den Stuhl des heiligen Petrus erhoben. Was für ein Menſch war doch dieſer Papſt, der ſich aus dem niedrigſten Stande einzig und allein durch ſeine Tu⸗ genden bis zur erſten Würde der Kirche emporgeſchwungen hatte. Sein erſtes Geſchäft war, die Hugenotten in den Perſonen ihrer Anführer anzugreifen. Er excommunicirte den König von Navarra und den Prinzen von Condé, er nannte ſie in ſeiner Bulle:„die uneheliche und verab⸗ ſcheuungswürdige Nachkommenſchaft des Hauſes Bour⸗ bon.“ Dieſer verehrungswürdige Prieſter lebte nur zu kurze Zeit für das Wohl der Religion und die Erbauung der Gläubigen. Der König von Navarra glaubte das ganze katholiſche Europa ſich gegen ſich erheben zu ſehen. Sein hölliſcher Muth wurde aber dadurch nicht gebrochen. Er verſam⸗ melte ſeine Hugenotten von allen Seiten um ſich. Die Tochter des abſcheulichen Herrſchers, welcher ſein eigenes Seelenheil und das ſeiner Unterthanen ſeinen ſchändlichen Leidenſchaften geopfert hatte, Eliſabeth von England, ſchickte dieſem Heinrich von Navarra das nöthige Geld, um ſeine Truppen zu bezahlen: ſie allein war es auch im Stande, den Altären Baals ihre Unterſtützung zu verleihen. Dieſer Ketzer ſtand ſomit bald an der Spitze eines 15 4 e— — 228— furchtbaren Heeres. Guiſe rückte ins Feld und zwang den Feind des Glaubens auch bald ſeine Kräfte zu theilen. Er ließ den Herzog von Joyeuſe gegen ihn marſchiren, der ihn bis in die Guienne aufſuchen ging. Die beiden Heere ſtanden ſich in den Ebenen von Cou⸗ tras gegenüber. Die Fahnen Joyeuſe's waren von gehei⸗ ligten Händen geweiht worden und doch unterlag die gute Sache. Die Katholiken verloren im Ganzen ſiebentauſend Mann an Todten und Verwundeten. Sie verloren auch noch obendrein ihren General, ſeine Avjutanten, ihre Ar⸗ tillerie und ihr Gepäck. Als wir dieſe ſchreckliche Neuigkeit erfuhren, ſielen wir, Colombe und ich, auf die Kniee, und beteten für die Seelen der Märtyrer, welche ſich an dieſem beklagenswerthen Tage geopfert hatten. André behauptete, daß der König von Navarra an demſelben die Talente des ausgezeichnetſten Feldherrn und die Tapferkeit des unerſchrockenſten Sol⸗ 8 F daten an den Tag gelegt habe.„Ei was!“ rief ich aus, „konnten denn die Katholiken dieſe Schlacht gewinnen, da die Hugenotten vom Satan in eigener Perſon befehligt wurden?“—„Aber,“ erwiderte mir André lächelnd, „Satan commandirte ja auch bei Saint⸗Denis, bei Dreux, bei Montcontour und die Reformirten wurden dort doch beſiegt.“—„Wenigſtens entehrten ſie ſich damals nicht. dadurch, daß ſie ſogleich vom Schlachtfelde fort und ſich einer unerlaubten Liebe hinzugeben eilten, und das hat Dein König von Navarra gethan.“—„Sehr natürlich, mein Herrz denn wenn man beſiegt iſt, denkt man an — 229— Nichts als an die Flucht.“—„Der Bearner und die Grä⸗ fin von Grammont werden übel enden, das ſage ich Dir vorher.“—„Ich glaube Ihnen, mein Herr. Wie ſollte ich auch einem Propheten von einundzwanzig Jahren, der ſchön wie ein Adonis iſt, und den die Grazien begeiſtern, widerſtehen?“—„Man kann mit dieſem Menſchen da nicht vernünftig reden.“ Ich ergriff die Hand Colombe's und führte ſie in unſere Lauben. Wir vergaßen daſelbſt ſowohl meine Prophe⸗ zeihung als auch die ganze übrige Welt. Bald war unſer Haus vollendet und wir beeilten uns, uns in demſelben einzurichten. André, ein in mehr als einer Art wirklich einziger Menſch, hatte an Alles gedacht und wir fanden Alles zur Hand, was wir nur immer wün⸗ ſchen konnten. Jeder Gegenſtand hatte für uns ein eigen⸗ thümliches Anſehen der Zierlichkeit und der Neuheit: An⸗ drs hatte Alles von Paris kommen laſſen. Seine Aufmerkſamkeit hatte ſich vorzüglich auf unſer Schlafzimmer erſtreckt. Wir fanden daſelbſt Alles, ja ſo⸗ gar einen Spiegel von Venedig, welcher, bei meiner Ehre, zwei Fuß im Quadrat enthielt. Colombe blieb einige Mi⸗ nuten lang vor demſelben ſtehen; ſie unterſuchte den Spie⸗ gel, wie ſie ſagte, ſie hatte noch niemals einen von dieſer Schönheit geſehen.. Ob es wohl nur der Spiegel war, den ſie betrachtete? Von der Höhe des neuen Thurmes herab war die Aus⸗ ſicht ſchön und abwechſelnd. Eine Art von... ich weiß ſelbſt eigentlich nicht was, bot uns daſelbſt Schutz gegen — 230— die Sonne und den Regen dar. Vorhänge waren dazu beſtimmt, uns vor unbeſcheidenen Blicken zu ſichern.„Das iſt reizend! das iſt reizend!“ rief Colombe bei jedem Schritte aus, und André freute ſich. Der Beifall Colom⸗ be's war der Lohn für ſeine Bemühungen. Er ſelbſt hatte ſich beſcheiden einquartiert; aber er hatte in ſeinem Zimmer Alles vereinigt, was daſſelbe wohnlich machen konnte. Er hatte Richts vergeſſen, und ſo bemerkte ich zum Beiſpiele eine verſteckte Thüre, welche auf einen Gang hinausführte, an deſſen Ende ſich das Zimmer Cla⸗ ra's befand. Ich fragte ihn um Nichts, und er beeilte ſich, mir eine verſteckte Treppe zu zeigen, welche ſich in der Nähe dieſer Thüre befand, und mittelſt welcher er hinauf⸗ und hinabſteigen könnte, ohne fürchten zu müſſen, uns zu ſtören. Wir hatten alles Dieſes aufführen geſehen, aber das Gefühl des Beſitzes war uns noch unbekannt. Wir began⸗ nen es in dem Augenblicke zu fühlen, in welchem wir Be⸗ ſitz von unſerem Gebiete ergriffen. Dieſes Gefühl da läßt eine Hütte reizend finden, und unſer Haus war ſelbſt eines größeren Herrn, als ich war, würdig. Wir entdeckten auf jedem Schritte neue Genüſſe: Wa⸗ genſchuppen, Stallungen, einen Hühnerhof, welcher durch eine Mauer verborgen wurde, die ſelbſt wieder bald unter einer Hecke von Epheu und Geißblatt, welche ſie zu bedecken begann, verſchwinden wird; einen Vorhof, deſſen Umkreis mit wohlriechenden Blumen beſetzt war; einen Bach vom klarſten Waſſer, der ſich zu unſeren Füßen hinwand und einen Küchengarten bewäſſerte, welcher ſchon in vollſter Blüthe ſtand, dann einen Teich bildete, bereit den leichten Kahn aufzunehmen, in welchem ich Colombe ſpazieren fah⸗ ren wollte, und ſich endlich wieder in ſeine eigene Quelle ergoß, nachdem er köſtliche Lauben in allen Richtungen durchzogen hatte; kurz Alles vereinigte ſich, um unſer Ge⸗ biet zu einem bezaubernden Aufenthalte zu machen. Der Arm Colombe's hing noch in dem meinigen; ich hielt ihre Hand feft; ich fühlte ihren Puls ſchlagen. Die beſchleunigte Bewegung veſſelben, die erhöhte Röthe ihrer pfirſichfarbenen Wangen, Alles drückte die lebhafte Zu⸗ friedenheit aus, welche das reizende Weibchen empfand, und ihr Glück erhöhte noch das meinige. Ich wollte, daß Alles, was uns umgab, daſſeibe theilen ſolle. „Mein Freund André, Clara reichte für uns aus, während wir vas kleine Haus von Arpajon bewohnten. Unſere neue Wohnung wird aber Arbeiten erfordern, die außer dem Bereiche ihrer Kräfte liegen.“—„Mein Herr, vieſe Bemerkung iſt ſehr richtig; ich hatte ſie ſchon längſt gemacht, aber ich wollte Ihnen das Vergnügen laſſen, ſie zuerſt ausgeſprochen zu haben.“—„Wir müſſen ihr eine Magd zur Seite ſtellen, welche die ſchwereren häuslichen Arbeiten über ſich nehmen und ihr unterworfen ſein wird. Du wirſt auch in dem Hühnerhofe ein Mädchen anſtellen, welche ſich auf dieſen Arbeitszweig gut verſteht; und Du wirſt dazu keine von dieſen bübſchen Geſichtern wählen, welche das Auge ergötzen und deshalb doch auch nicht mehr als eine andere koſten. Wir haben an einer von denſelben — 232— genug.“ André hatte Anfangs, als er mich anhörte, ge⸗ lächelt; bei meinen letzten Worten aber nahm er ein ern⸗ ſtes und nachdenkliches Ausſehen an. Bald faßte er ſich wieder. „Mein Herr,“ ſagte erzu mir,„auch dieſe zweiFrauen⸗ zimmer mehr werden nicht ausreichen. Sie bedürfen eines Bedienten, der Ihre Maulthiere, IhrPferd und Ihren Wa⸗ gen in Ordnung hält und Sie fährt, wenn Sie nach Paris oder anderswohin reiſen wollen. Sie können ſich dieſe Aus⸗ gabe wohl erlauben, denn Sie haben jetzt, nachdem alle Rechnungen bezahlt ſind, zweitauſend Livres Einkünfte und andere zwölftauſend Livres in der Kaſſe.“—„Du haſt Recht, mein Freund, ich kann einen Bedienten nicht wohl entbehren, und es iſt mir übrigens auch ſehr lieb, Jemanden zu haben, der meine Livree trage.“—„So, mein Herr, haben Sie denn eine ſolche?“—„Dich bringt Nichts in Verlegenheit, Du wirſt mir eine ausfinnen.“— „Wie können Sie nur varan denken, mein Herr?“—„Ich bin von Adel.“—„Sie ſind kein Edelmann. Ein Rabe hörte die Nachtigall ſingen und wollte fingen, wie ſie. Er krächzte und wurde von allen Vögeln des Waldes ver⸗ höhnt.“—„André, Du haſt mehr geſunden Menſchen⸗ verſtand als ich.“—„Das yabe ich nicht geſagt, mein Herr.“—„Aber ich, ich fühle es. Nun, alſo keine Livree. „Gehe nach Arpajon und trachte Dir die drei Leute zu verſchaffen, deren wir bedürfen.“—„Dieſen Abend noch ſollen Sie ſie haben.“—„O ſage mir doch, André, was werden wir mit den zwölftanſend Livres anfangen, welche — 233— Du noch in der Kaſſe haſt?“—„Mein Herr, es wird nicht lange dauern, und Sie werden die Krankheit bekommen, welcher alle Grundeigenthümer ausgeſetzt ſind: Sie wer⸗ den Ihr Gebiet vergrößern wollen. Einer von Ihren Nach⸗ barn wird Unglück im Primſpiele gehabt haben, oder wird einen Jagdzug haben, oder ſich in Paris die Treue eines Weibes, welche aus dem Grunde, weil man ſie bezahlt, niemals treu iſt, erkaufen wollen. Dann werden wir die Thorheiten dieſes Nachbars benutzen. Dieſen Abend alſo, mein Herr.“ In der That brachte er im Laufe des Tages zwei Mäd⸗ chen von ſehr gewöhnlichem Ausſehen nebſt einem Bedien⸗ ten zurück, der eben auch nicht geeignet war, Clara in Ver⸗ ſuchung zu führen. So wäre denn unſer Haus jetzt voll⸗ ſtändig eingerichtet. Und nun will ich ohne Prahlerei die Erdengüter, welche mein Schutzheiliger mir hat zu Theil werden laſſen, genießen. Das Unglück entwickelt die Urtheilskraft und bildet den Verſtand. In beiden Beziehungen war Colombe für ihr Alter ſehr weit vorgeſchritten.„Mein Anton,“ ſagte ſie eines Tages zu mir,„wir leben in die Stunde, in die Mi⸗ nute hinein; wir fragen uns oft, was wir jetzt beginnen ſollen, und dieſe Lebensweiſe taugt Nichts. Wir müſſen die Anwendung unſerer Zeit unabänderlich feſtſtellen. Laß uns ſowohl in unſeren Arbeiten, als auch in unſeren Ver⸗ gnügungen eine Abwechſelung herflellen, welche die Lange⸗ weile verbannt; denn man langweilt ſich nothwendiger⸗ weiſe, wenn man ſich erſt fragt, was man thun ſoll.“— — 234— „Colombe! ich mich an Deiner Seite langweilen?“— „Ja, mein Freund. Wenn man ſein ganzes Leben zuſam⸗ men zubringt, ſo weiß man ſich nicht immer etwas Neues zu ſagen. Was thut man, wenn das Geſpräch verſtummt iſt, und man ſich nichtbeſchäftiget?“—„Man gähnt,“ er⸗ griff Andté das Wort;„Madame hat Recht. Der Mann, welcher die Ordnung in ſeinem Hauſe aufrecht er⸗ hält, kann auch ein Königreich regieren. Ich weiß es wohl, daß ein Unterſchied zwiſchen Kleinem und Großem beſteht; aber iſt es unmöglich, daß ein guter Miniaturmaler ein großer Geſchichtsmaler werde? Wenn ich ein König wäre und man mir Jemanden vorſchlüge, um einen Miniſter, wie es deren ſo viele giebt, zu erſetzen, ſo würde ich fol⸗ gende Fragen ſtellen: Hat er Scharffinn und Rechtlichkeit? Dieſe beiden Eigenſchaften find für einen öffentlichen Cha⸗ rakter unerläßlich. Wenn man mir bejahend antworten würde, ſo würde ich dann noch fragen, ob ſein Benehmen ein geordnetes ſei, ob ſeine Frau und ſeine Kinder die Pflichten, welche ihre Stellung von ihnen erheiſcht, genau erfüllen? Wie ſollte ein Mann, der nicht einmal ſeine Fa⸗ milie zu regieren verſteht, eine Menge von Beamien zur Erfüllung ihrer Pflicht anhalten können? Schließtich möchte ich mich noch erkundigen, ob ſeine Diener freundlich gegen die Fremden ſind. Wenn ſich Niemand über ſie beklagte, ſo würde ich daraus ſchließen, daß auch ſeine Unterbeamten nicht anmaßend werden würden.“—„Was ſchwatzeſt Du uns da für Dinge vor, André? Du weißt recht gut, daß ich niemals Miniſter werde.“—„Benehmen Sie ſich aber ſo, als ob Sie es werden müßten. Madame hat Ihnen gewiß nicht vorgeſchlagen, die Verwendung Ihrer Zeit zu ordnen, ohne ſchon einen feſten Plan dazu gefaßt zu ha⸗ ben. Bitten Sie ſie, Ihnen denſelben mitzutheilen.“— „Sprich, o meine Colombe. Die Weisheit ſelbſt wird ihre Strenge verlieren, wenn ſie ihre Ausſprüche durch dieſen reizenden Mund verkündigt.“ —„Mein Freund, wir weihen den Augenblick unſeres Erwachens dem Gebete.“—„O gewiß! das iſt eine hei⸗ lige Pflicht.“—„Wir bringen eine Stunde mit einem Spaziergange in unſerem Wäldchen, oder einer Fahrt auf unſerem Teiche zu, wenn nämlich der Nachen für denſelben fertig ſein wird.“—„Ja, die Morgenluft iſt ſehr wohl⸗ thätig.“—„Wir kehren zurückund frühſtücken mit Heiter⸗ keit.“—„Ja, denn man iſt immer guter Laune, wenn man glücklich iſt.“—„Dann begeben wir uns in unſere Gemächer. Du ſchreibſt...—„Ja, ich verfaſſe ein Werk, welches deutlich beweiſt, daß ver Bearner ein An⸗ hänger der Hölle iſt.—„Ich meinerſeits mache Tapiſſerie⸗ arbeit.“—„Vortrefflich; das iſt die Beſchäftigung von großen Damen, und ſogar von Prinzeſſinnen.“— „um zwölf Uhr eſſen wir zu Mittag.“—„O, nicht mehr als billig.“—„Dann machen wir einen zweiten Spazier⸗ gang und dehnen denſelben ein wenig aus.“—„Ja, die Schaukel und das Fangballſpiel erleichtern die Verdauung.“ —„Wir kehren zurück. Ich nehme wieder eine Nadel zur Hand und Du lieſt mir Etwas aus einem Erbauungs⸗ puche vor.“—„Aus dem leitenden Engel«, dem»Züh⸗ — 236— rer des Sünders..«—„Aus den Werken der heili⸗ gen Thereſia. Sie lehrt uns Gott zu lieben, und folglich auch den Menſchen, mit dem er uns verbunden hat.“— „Dann, meine Colombe?“—„Dann? o dann, dann plaudern wir Etwas.“—„Ja! ja! wir plaudern mit Leb⸗ haftigkeit.“—„Oder auch mit Ruhe, aber es ſcheint mir jedenfalls, daß man ſich nach einer Entbehrung von eini⸗ gen Stunden nothwendigerweiſe Etwas zu ſagen haben müſſe.“—„So hätten wir es nun bis ſechs Uhr Abends gebracht.“—„Nun rechneſt Du mit André.“—„O nein, ich werde niemals mit ihm rechnen.“—„Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr! ſich blindlings auf mich verlaſſen, hieße einen Mangel an Ordnung in Ihrem Benehmen an den Tag legen, und ein Miniſter muß ordentlich ſein.“— „Geh und laß mich mit Deinen Neckereien in Ruhe.“ —„Und dann, mein Herr, iſt es auch zu meiner eige⸗ nen Beruhigung nothwendig, daß meine Rechnungen nach⸗ geſehen werden. Ich werde jeden Morgen mit Clara rech⸗ nen.—„Das glaube ich wohl.“—„Und jeden Abend mit Ihnen.“—„Meine Colombe; es wäre nun alſo ſechs Uhr.“—„Du giebſt mir eine Stunde Unterricht im Schrei⸗ ben; ich bedarf deſſen, da ich es noch nicht einmal wagen durfte, dieſe Statuten, welche ich Dir jetzt vorſchlage, nie⸗ derzuſchreiben. Wir eſſen dann zu Abend und gehen dann friſche Luft ſchöpfen und den Mond betrachten, wenn er ſichtbar ſein wird: es iſt das Geſtirn der Liebenden...“ —„Und ich werde immer der Deinige ſein und bleiben.“ — 237— Ein heißer Kuß, den mir Colombe gab, unterbrach hier für einen Augenblick das Geſpräch. „Colombe, nun wäre es ſieben Uhr Abends.“—„Wir treten in das Betzimmer in unſerem Wäldchen, welches dem heiligen Anton geweiht iſt, ein. Wir danken daſelbſt Gott für die glücklichen Tage, die er uns ſchon gewährt hat, und wir bitten ihn, uns noch fernerhin recht viele der⸗ ſelben zu gewähren.“—„Aber, Madame, wird man denn in Latvur gar nicht zu Bette gehen?“—„Um acht Uhr, mein Freund.“—„Und um ſechs Uhr aufſtehen. Dieſer Artikel mag durchgehen.“ Andre und ich brachten den übrigen Theil des Abends damit zu, Abſchriften von dieſer von der Weisheit ſelbſt eingeflößten Hausordnung zu machen, und Colombe tadelte uns, wenn wir uns in Etwas irrten. Wir ſchlugen Ab⸗ ſchriften von derſelben überall an, von dem Keller bis zu den Vodenkammern, wounſere niedere Dienerſchaft wohnte, was freilich eine ſehr nutzloſe Vorſicht war, da ſie nicht leſen konnten. Allein Colombe wollte es nun einmal ſo. Andre wollte der Geſetzgeber des Stalles, des Hühner⸗ hoſes und der Küche werden. Er ſetzte Statuten auf, welche er, was die Stunden der Ruhe betraf, mit denen Colom⸗ be's in Uebereinſtimmung brachte. Die andern Artikel ſtellten feſt, was Jeder vorläuſig zu thun habe, damit es niemals einen Verzug in dem Dienſte gebe. Er verſammelte die ganze Dienerſchaft um ſich, ſtieg auf einen Seſſel und las das Geſetzbuch, welches er ſich ſoeben ausgeſonnen hatte, zwei Mal mit einem unzerſtör⸗ baren Ernſte vor. Am andern Tage ſollte dieſe Hausordnung in Kraft treten. Die beſten Geſetze ſind nicht diejenigen, welche von der Weisheit ſelbſt eingegeben zu ſein ſcheinen, ſondern diejenigen, welche am beſten zu den Sitten, den Neigun⸗ gen und den Gewohnheiten des Volkes, welches ſie beherr⸗ ſchen ſollen, paſſen. Unſer Morgenſpaziergang wurde über die feſtgeſetzte Zeit hinaus verlängert, wir liefen, undwenn die Schönheit vor der Liebe flieht, ſo iſt es immer nur um ſich einholen zu laſſen. Die Glocke hatte uns ſchon zwei Mal zum Frühſtücke gerufen und wir hatten es nicht ge⸗ hört. Es befand ſich zwar eine Sonnenuhr in dem Gar⸗ ten, aber ich konnte dieſelbe doch nicht unter dem Arme mit auf den Spaziergang nehmen. Das Frühſtück war kalt. Clara runzelte die Stirne, André lachte, Colombe dachte nach und ich, ich ſetzte mich zu Tiſche. Es iſt häufig, daß einem da gute Gedanken ein⸗ fallen. Colombe erfand daſelbſt einen Zuſatzartikel, deſſen Nothwendigkeit ſoeben durch die Erfahrung bewieſen wor⸗ den war. Eswurde feſtgeſetzt, daß mein Diener von Stunde zu Stunde kommen und uns ankündigen ſolle, was wir zu thun haben. Wir begaben uns in unſere Gemächer. Ich begann die Einleitung meiner Denkſchrift gegen die Hugenotten und ihren Anführer zu ſchreiben. Colombe ſollte Tapiſſerie⸗ arbeit machen, und es mangelte ihr auch wirklich Nichts dazu, als ein Rahmen, Canevas und Wolle.„Meine theure — 239— Freundin,“ ſagte ich zu ihr,„die Nymphe Egeria dictirte dem Numa Pompilius Geſetze, aber es bedurfte einiger Zeit, um ſie in Ausführung zu bringen.“ Es ward be⸗ ſchloſſen, daß die Ausführung des vierten Artikels auf den „kommenden Tag verſchoben werde. Ich rief André herbei und erzählte ihm unſer Miß⸗ geſchick.„Ich bin nicht glücklicher geweſen, als Madame,“ ſagte er zu mir.„Ich befinde mich auch ſchon im Wider⸗ ſpruch mit mir ſelbſt. Es iſt nicht ſo leicht, Geſetze zu machen, als man es ſich einbildet, und alle Welt will doch Deputirter bei den Generalſtaaten ſein.“ Er ſtieg zu Pferde, um die zu Tapiſſeriearbeiten erfor⸗ derlichen Werkzeuge von Paris zu holen. Paris iſt acht Meilen weit von Arpajon entfernt. Er konnte vor morgen nicht zurückkommen. Colombe war gezwungen, es bis übermorgen aufzuſchieben, ihre Hausordnung in Kraft treten zu laſſen, und ich machte ihr bemerkbar, daß man ſehr leicht der Geſetze entbehren könne, wenn man der Ratur und der Liebe unterworfen iſt. In der That verfloß auch dieſer Tag und ein Theil des darauffolgenden eben ſo ruhig, als diejenigen, welche ihnen vorhergegangen waren. André ritt in den Hof ein, faſt genau zu der Stunde, in welcher wir ihn erwarteten. Clara lief herbei, um ihm den Steigbügel zu halten. Mein Bedienter, dem dieſe Pflicht insbeſondere zukam, kam zu ſpät; aber er hatte auch keinen beſonderen Grund ſich zu beeilen gehabt. Er nahm die Packete herab, welche den vorderen und hinteren — 0— Theil des Sattels überlaſteten. Wie viele Sachen brachte uns André mit! Er ſagte uns, daß es ihm auf Latour gefalle, daß er nicht gern auswärts ſchlafe, wozu er frei⸗ lich ſehr gute Gründe hatte, und daß er ſich Mühe gegeben habe, an Alles zu denken. Er übergab Clara ein Packet, und am nächſten Sonn⸗ tage erſchien dieſe mit einem Leibchen und einem Rocke geſchmückt, welche ich noch nicht an ihr geſehen hatte. Er übergab dem Bedienten einen Sack, welcher mit Gegen⸗ ſtänden zum Gebrauch der Küche angefüllt war, und er 8 ſchaffte Das, was die Ausführung unſerer Hausordnung ſichern ſollte, in unſer Zimmer hinauf. 3 Er entrollte vor unſern Augen ein großes Stück Ca⸗ nevas, auf welches die Hinrichtung der Königin Brunhilde gezeichnet war.„O, mein lieber André, was für einen Stoff haſt Du da ausgeſucht?“—„Sie hätten die Liebes⸗ geſchichten von Mars und der Venus vorgezogen, aber Madame will wirklich arbeiten, und ſo habe ich denn Alles vermeiden müſſen, was Sie hätte zerſtreut machen können.“ —„Das iſt ſehr gut ausgedacht,“ rief Colombe aus.„Die Königin Brunhilde wird Dich von meinem Stickrahmen entfernt halten. Was enthält dieſes Packet da, André?“ —„Madame, Sie haben beſchloſſen, daß Ihnen Ihr Herr Gemahl von zwei bis vier Uhr Etwas aus einem Er⸗ bauungsbuche vorleſen ſolle, und dazu bedarf man der Bücher.“—„O, ich Unbeſonnene! ich habe auch das We⸗ ſentlichſte vergeſſen.“—„Madame, Sie haben das mit ſehr vielen Geſetzgebern gemein. Daher kommen alle jene 6 Amendements, welche die Geſetze ausbeſſern, ſo wie Wä⸗ ſcherinnen Löcher flicken. Man ſieht zwar die Fäden, aber es hält doch immer. „Da iſt der»leitende Engel«, der»Führer des Sün⸗ ders« und die ſämmtlichen Werke der heiligen Thereſia in fünf ſehr dicken und ſehr großen Bänden. Ich habe ein paar Blicke hineingeworfen, und ich glaube, daß Sie, wenn Sie vamit zu Ende ſind, wieder von Vorne anfangen wer⸗ den. Es iſt viel Liebe darin, und noch dazu was für Liebe! Dieſes Buch da wird Ihr Gebetbuch werden. „Sie werden auf Ihren Spaziergängen doch nicht im⸗ mer ſchäkern und ich bringe Ihnen Etwas mit, um die Augenblicke Ihrer Ruhe angenehm damit zu verbringen.“ „Was iſt das?“—„Ronſard, Jodelle und Belleau. Das iſt das Ausgezeichnetſte, was die ganze franzöſiſche Litera⸗ tur aufzuweiſen hat.“—„Es iſt ein prächtiger Menſch,“ rief ich aus.—„Er iſt einzig in ſeiner Art,“ etwiderte Colombe. „Mein guter Anton, morgen werden wir Alles, was die Hausordnung vorſchreibt, buchſtäblich ausführen. Willſt Du das wohl, mein Freund?“—„Kann ich denn einen anderen Willen als den Deinigen haben?“ Und in der That, wir wandten bei der Ausübung unſe⸗ rer Geſetze, ſie den ganzen Eifer eines Geſetzgebers, ich die ganze Gelehrigkeit eines gehorſamen Unterthans an. Alles ging ausgezeichnet bis zu dem Augenblicke, in welchem Colombe ſich zu ihrem Stickrahmen ſetzte. Ich ſetzte mich neben ſie, einen Band der heiligen Thereſig in Viblioth. 326 Boch. 16 —— der Hand. Es war derjenige, welcher„der Weg zur Voll⸗ kommenheit“ betitelt iſt. Die Schriftſtellerin findet denſelben ganz und allein in der Liebe zu Gott. Aber dieſe Liebe iſt mit einem Feuer, das an Raſerei grenzt, ausgedrückt, und mit einer Beredt⸗ ſamkeit und Reinheit des Styles, die mich hinriſſen. Ich fand mein ganzes Herz in jedem Abſchnitte, in jeder Zeile, in jedem Worte wieder. Bald lag meine eine Hand, welche frei ward, auf der Schulter Colombe's.„Nehmen Sie Ihre Hand weg, mein Herr! Sie hindern mich damit an der Arbeit.“ Ich nahm ſie weg; ich legte ſie wieder hin das Buch fiel zu Boden. Colombe, erzürnt, machte eine unge⸗ duldige Bewegung und ſtach ſich in den Finger. Ihr Blut floß; ich wollte es ſtillen; ſie wand ſich los und entfloh. Ich eilte ihren Schritten nach, aber ſie war ſchon weit entfernt. Ich ſuchte ſie an allen Orten. Ich bemerkte ſie endlich in der dichteſten Partie unſeres Gehölzes. Sie machte mir ein Zeichen, daß ich ſchweigen und mich ohne Geräuſch nähern ſolle. Was hat ſie geſehen, was will ſie mich ſehen laſſen? Vielleicht ein Vogelneſt. Es war André, es war Clara, welche uns den Sta⸗ tuten getreu und demgemäß in unſerem Zimmer beſchäf⸗ tigt glaubten. Sie hatten wahrſcheinlich ihr kleines Ge⸗ ſetzbuch für ſich allein, und ſie führten mit Sicherheit den Artikel aus, welcher ihnen einen Spaziergang vorſchrieb, während wir uns in unſerem Zimmer hefinden ſollten⸗ — 243— Dieſer Artikel erlaubte auch gewiſſe Freiheiten, welche zwar nichts Aergerliches an ſich hatten, die aber eine innige Vereinigung ankündigten. Wir ſahen alles Dies durch ein Gebüſch von Lilien hin⸗ durch. Ich ſah vorher, daß dieſe Scene noch lebhafter werden könnte, und ich huſtete daher, um meinen guten André von unſerer Nähe in Kenntniß zu ſetzen. Er ſchlug nun einen Laubgang ein, Clara einen anderen und fie verſchwanden. Das Geſicht Colombe's drückte heftigen Zorn aus. Ich ſuchte ſie zu beruhigen, ſie brach aber nun vollends aus. „Das iſt ſchrecklich, abſcheulich!“—„Ein wenig Milde, meine liebe Freundin! Wir wollen uns nicht über den Splitter in dem Auge unſeres Nebenmenſchen aufhalten.“ —„Mein Herr, es iſt ein Balken, den ich darin ſehe.“— „Mäßige Dich, meine liebe Colombe, und denke doch ein Wenig nach. André, Du weißt es, kann ſein Weib nicht wieder zu ſich nehmen, und er iſt doch auch nicht von Stein.“ —„Für Clara kann es aber keine Entſchuldigung geben.“ —„Sie war vielleicht ohne alle Erfahrung.“—„Ich argwohne, daß ſie deren nur zu viel hat.“ —„Man hat ja auch Magdalenen verziehen.“—„Aber ſie hat ſich bekehrt.“—„Sie war damals ſchon groß⸗ jährig, und wiſſen wir denn, was Clara thun wird, wenn ſie vierzig Jahr alt ſein wird?—„Keine ſchlechten Witze, mein Herr; ich erkläre Ihnen, daß ich dieſe Unordnungen in meinem Hauſe nicht dulden will.“ —„Du könnteſt verlangen, Colombe, daß ich mich von 16* — 244— André trenne, welcher mir die wichtigſten Dienſte geleiſtet hat, welcher mein wahrer Freund iſt, und deſſen Verſtand, Thätigkeit und Eifer Du noch geſtern ſelbſt gelobt haſt?“ —„Es gab eine Zeit, mein Herr, in der Sie, weit ent⸗ fernt meine Wünſche zu bekämpfen, ſich vielmehr beeilten, denſelben zuvorzukommen.“—„Du ſagſt Sie zu mir, Colombe! Es iſt das zum erſten Male der Fall. O, Du weißt nicht, wie wehe Du mir thuſt.“—„So? Und glauben Sie denn, mein Herr, daß ich Nichts von dem Widerſtande leide, welchen Sie mir entgegenſetzen?... O, Du biſt nicht mehr mein Anton.. Die Männer ſind alle unbeſtändig, treulos, grauſam..—„Du weinſt, Colombe 2.. Sie ſollen fort.“ Ich verließ ſie betrübt, troſtlos über Das, was ſie von mir forderte, und beſonders über die Kälte, die ſie mir bezeigt hatte. Ich ging, André aufzuſuchen, undich glaube, daß niemals ein Menſch ſo ſehr in Verlegenheit war, als ich. Ich fand ihn nicht, und ich kam zu Colombe zurück, unzufrieden, und faſt aufgebracht. Ich fühlte, daß es nur eines verletzenden Wortes von ihrer Seite bedurft hätte, um auch mich zum Ausbruche zu bringen. Wir gingen, Eines zu Seite des Anderen, ohne auch nur Ein Wort an einander zu richten. Vielleicht hatten wir Beide gleiche Luſt dazu, das Schwierige war aber nur, zu beginnen. Ich ließ mich auf eine Raſenbank niederfallen; ſie ſetzte ſich neben mich, ſie ergriff meine Hand, und ich zog ſie nicht zurück. Sie ſah mich mit einer Milde, einem Reize an.. ich war nahe daran, ihr zu Füßen zu fallen. Ich ſtand aufz — 245— ſie folgte mir.„Glaubſt Du,“ ſaßte ſie mit halblauter Stimme zu mir,„daß ich die verbrecheriſche Abſicht habe, meinen Mann beherrſchen zu wollen? Ich habe Nichts ge⸗ dacht, Nichts geſagt, Nichts gewollt, was nicht ganz allein darauf hinzielte, die verletzte Religion zu rächen.“— „Erinnere Dich, Colombe, daß wir zu la Rochelle dreimal ſelbſt nahe genug daran geweſen ſind, ſie zu verletzen, und daß der Himmel uns nicht ſein Rächeramt übertragen hat.“ Wir richteten unſere Schritte wieder unſerem Hauſe zu, indem wir das tiefſte Stillſchweigen beobachteten. Es war ſchon die Stunde des Mittagseſſens. Nichts war vorbereitet, um uns zum Eſſen zu empfangen. Die dicke Magd trug uns verbrannte, oder halb gekochte Speiſen auf. Richtsdeſtoweniger mußte man doch eſſen, um ſich den Anſchein zu geben, als thue man Etwas, was uns vom Reden befreie. Als wir von Tiſche aufſtanden, trat ein Mann vor mich hin. Er kam von Arpajon, und über⸗ gab mir einen Brief. Ich erkannte die Schrift André'sz ich las ihn erſt leiſe für mich, und übergab ihn dann Colombe. „Mein Herr! „Ich bin in dem Gehölze auf meinen früheren Stand⸗ punkt zurückgekehrt, und habe Ihr Geſpräch mit Ihrer Frau Gemahlin mit angehört. Ich geſtehe gern ein, daß das Benehmen Clara's, ſo wie das meinige, tadelnswerth iſt, aber wir wurden mit einer Strenge beurtheilt, die mich in Erſtaunen verſetzt hat. Die Klugheit hatte unſere Schritte bis dahin geleitet. Unſer Geheimniß iſt noch Riemandem als Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin bekannt, — 246— und ſie hat den Ausſpruch unſeres Erlöſers, den er in Bezug auf die Ehebrecherin that:»Derjenige unter Euch, der ohne Sünden iſt, werfe den erſten Stein auf ſie,« ver⸗ geſſen.“—„Derjenige unter Euch, der ohne Sünden iſt,“ wiederholte Colombe, dann ſchwieg ſie eine Weile. „Ich habe hundert Piſtolen mit mir genommen, um mich für den Lohn ſchadlos zu halten, welcher zwiſchen uns nicht feſtgeſetzt wurde, und wovon ich niemals Etwas empfangen habe. Wenn Madame dafür hält, daß das zu viel ſei, ſo will ich ſo viel, als ſie befehlen wird, davon zurückſenden. „Wir haben uns in Ihrem Hauſe zu Arpajon einge⸗ richtet, da Ihr Miethrecht auf daſſelbe noch nicht erloſchen iſt. Wir wollen es aber räumen, wenn Madame es be⸗ fehlen ſollte.“—„Warum denn ich? immer ich?“ „Mein Herz iſt gebrochen, aber ich habe den Troſt mit mir genommen, nicht zum Apfel der Zwietracht zwiſchen zwei Gatten geworden zu ſein, welche ſo wohl für ein⸗ ander paſſen. Ich wünſche, daß meine Dienſtleiſtungen Ihnen niemals nothwendig werden mögen. Wenn aber das doch geſchehen ſollte, ſo mögen Sie nur ein Wort ſagen, und ich fliege zu Ihnen hin.“ Colombe brach in Thränen aus. Sie nahm mich bei der Hand, führte mich in unſer Zimmer, und ließ mich neben ſich auf die Kniee fallen.„Mein Freund, laß uns unſere Schutzheiligen bitten, uns zu erleuchten. Was hat Dir ver heilige Anton eingegeben?“—„Daß ich das Herz meines armen André gebrochen habe. Und was hat — 247— Dir die heilige Colombe eingegeben?“—„Sie hat mir die Vorſchrift des Evangeliums wiederholt: Derjenige unter Euch, der ohne Sünden i„Colombe, das heißt uns doch deutlich Nachſicht anempfehlen.“—„Mein Freund, nimm Deinen Wagen, und fahre ſie hierher zu holen.“ Ich ſtürzte mich in ihre Arme; ſie drückte mich an ihr Herz. Unſere Verſöhnung war köſilich, vollſtändig. Ich hatte nicht die Reize einer Verſöhnung vorherſehen kön⸗ nen, aber wie entſetzlich waren die Augenblicke geweſen, welche ihr vorhergegangen waren.„ Colombe, ich be⸗ ſchwöre Dich darum, laß uns nie mehr eine Gelegenheit finden, uns zu verſöhnen.“ Ich flog nach Arpajon; ich umarmte André wie einen geliebten Bruder, den man verloren geglaubt hat, und den man ſoeben wieder gefunden hat. Ich glaube ſogar, daß ich auch Clara umarmte. André wollte ſprechen; ich hörte ihn nicht an. Ich hob ſie Beide in den Wagen; ich ſtieg nach ihnen in denſelben und ich führte ſie in Galopp nach Latour zurück. Colombe erwartete uns daſelbſt ſchon. Sie empfing uns mit einer feierlichen Miene, und führte uns ſtillſchweigend in das Betzimmer des heiligen Anton. Sie ſchloß die Thüre deſſelben hinter uns zu. Ihre Hautfarbe und ihre Augen belebten ſich; ich glaubte ein begeiſtertes Weib, eine zweite heilige Thereſia in ihr zu ſehen. „Sünder, fallet auf die Kniez bittet den Himmel, Eure — 248— vergangenen Verirrungen zu vergeſſen, und möge er Euch verzeihen, ſo wie ich Euch verzeihe. Schwöre bei Gott, lieber André, daß Du die Ehre dieſes Mädchens wieder⸗ herſtellen willſt, ſobald es ihm gefallen ſollte, Deine Frau zu ſich zu rufen, und daß unterdeſſen Eure Liebe eine keuſche ſein ſoll, ſo wie es die unſere war, bevor wir durch geſetzmäßige Bande verbunden waren.“ Dieſer doppelte Schwur wurde mit lauter Stimme geſprochen, und Colombe gab ihnen dann den Kuß des Friedens.„Erinnert Euch immer,“ ſagte ſie, als ſie fort⸗ ging,„daß, wenn Ihr Eure Verſprechungen nicht halten ſolltet, nicht ich es ſein werde, die Ihr betrügt. Ich habe mein Gewiſſen beruhigt, und ich kann nicht mehr als Das thun.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Barrikadentag und andere luſtigere Er⸗ eigniſſe. Die Ordnung, der Friede, die Heiterkeit waren in dem Hauſe wieder hergeſtellt. Colombe undich, wir waren glücklich; ich weiß nicht, ob André und Clara ihre Schwüre hielten. Wenigſtens trübte in dieſer Beziehung kein Wölk⸗ chen die Ruhe Colombe's. Die Hausordnung wurde während einiger Tage auf das Pünktlichſte beobachtet, aber auch die beſten Geſetze fallen in Vergeſſenheit; die von Solon und von Lykurg — 249— ſind ſchon beinahe ganz in der Nacht der Zeiten verloren gegangen. Wir begannen damit, uns gewiſſe kleine Vernachläſſi⸗ gungen zu erlauben, welche keine weiteren Folgen nach ſich zu ziehen ſchienen, aber welche unmerklich zuerſt Verletzungen der vorgeſchriebenen Beſchäftigungen, und in der Folge gänzliche Weglaſſungen derſelben herbeiführ⸗ ten. Eine einzige Sache, welche nicht mit in die Statuten aufgenommen worden war, welche aber ſehr nahe mit der Religion zuſammenhängt, wurde eben aus dieſem letzte⸗ ren Grunde auf das Gewiſſenhafteſte ausgeführt. André hatte ſehr gute Fiſche in den Teich ſetzen laſſen. Am Freitag Morgen ſtanden ich und Colombe ſehr zeitig auf, und gingen an den Teich, um uns Vorräthe für die⸗ ſen und den nächſtfolgenden Tag zu ſiſchen. Wenn der giſchfang nicht glücklich ausfallen wollte, ſo kam André uns zu Hilfe, und dann war bald das Netz gefüllt. Es gab auch einige Krebſe in dem Teiche. Aber nach den Bemerkungen André's beſchloſſen wir, ſie wenigſtens ein Jahr lang ungeſtört zu laſſen. Das war das ſicherſte Mittel, dann deren im Ueberfluſſe zu bekommen. Die Hinrichtung der Königin Brunhilde machte Co⸗ lombe traurig, und vann ſtach ſie ſich auch ziemlich häufig in den Finger, ſelbſt wenn ich nicht neben ihr ſaß. Die heilige Thereſia kannten wir ſchon ganz auswendig. Es fanden ſich von Zeit zu Zeit einige Augenvlicke der Leere in unſerem Tage. gch fand, daß das Gemurmel des Baches jetzt ſchon ————————— — 250— weniger meinem Ohre ſchmeichle. Colombe hatte einen kleinen Schnupfen, welchen ſie der Feuchtigkeit unſeres Wäldchens zuſchrieb. Wir fanden die Ausſicht, welche wir von der Höhe unſeres Thurmes genießen konnten, himm⸗ liſch; aber man mußte erſt dort hinaufſteigen. Wir entdeckten von dort aus das Gebiet des Herrn Richvux. Es war ein wenig weit von dem unſeren ent⸗ fernt; aber die böſe Jahreszeit bringt die Menſchen ein⸗ ander näher, und die Abende ſind im Winter lang. Ich ſchlug Colomben vor, Herrn Richoux einen Beſuch zu machen. „André, welcher Alles weiß,“ ſagte ſie zu mir,„behaup⸗ tet, daß er ein ſehr guter Katholik ſei, und deshalb doch durchaus kein Feind des Vergnügens. Seine Frau ſoll ſehr gut die Prime ſpielen—„Und auf dieſe Art bringt man eine oder zwei Stunden hin.“—„Man verſammelt ſich abwechſelnd ein Mal bei ihnen, das andere Mal bei uns.“—„Der Spieltiſch wird zu dem Kamine gerückt.“ —„Ich meinerſeits brate in demſelben Kaſtanien.“— „André beſorgt uns eine Flaſche guten weißen Wein.“— „Bei beſonderen Gelegenheiten ißt man zuſammen zu Abend.“—„Man kann ſogar am Sonntage tanzen.“— „Aber, lieber Anton, man ſagt ja, daß das eine Sünde ſei.“—„Tanzten die Töchter Zions denn nicht auch vor der Bundeslade zum Klange der Harfe des heiligen Kö⸗ nigs David?“—„Du haſt Recht, mein Freund. Wir wollen Herrn Richour beſuchen gehen.“—„Nun wohl, ſo komm.“ Herr Richvur war ein Mann von funfzig Jahren, und — 251— ſeine Frau eine dicke Landpomeranze von vierzig. Sie hatten zwei Töchter, welche bereits in den Jahren der Heirathsfähigkeit ſtanden, und einen kleinen Jungen von ziemlich hübſchem Ausſehen. Wir wurden von dieſen ehr⸗ lichen Leuten da wie Nachbarn aufgenommen, mit denen man ſchon längſt Bekanntſchaft zu machen gewünſcht hat; aber die Landbewohner haben ſo gut ihre Etikette, als die Städter und die Hofleute. Es war unumgänglich noth⸗ wendig, daß ich Herrn Richoux den erſten Beſuch machte. Wir erkannten bald, daß die Politik die weſentlichſte Beſchäftigung dieſes Mannes war. Sie iſt ziemlich häufig die Lieblingsbeſchäftigung von Grundeigenthümern, welche zwar ihr Gebiet bewohnen, ſich aber doch nur in ſo weit darum bekümmern, daß ſie mit ihrem Pächter Abrechnung halten. Madame Richoux lachte über Alles, ſelbſt über eine Fliege, welche ihr mit ihrem Flügelſchlagen die Na⸗ ſenſpitze kitzelte. Ihre beiden erwachſenen Töchter ſaßen da, unbeweglich und gerade wie klöſterliche Wachskerzen. Der kleine Junge band ein Stückchen Papier an die Spitze des Schweifes ihrer Katze. Wenn man über die erſten Begrüßungen hinweggekom⸗ men iſt, und ſich noch nicht näher kennt, ſo weiß man nicht recht, was man ſagen ſoll. Wir waren bei Herrn Richoux. Ihm kam es alſo zu, das Geſpräch im Gange zu erhal⸗ ten. Er fühlte das auch. Seit langer Zeit hatte ich weder an den König, noch an den Herzog von Guiſe, noch an den Bearner gedacht. Herr Richoux begann damit, uns zu erzählen, daß er in S— Paris einen ſehr wohl unterrichteten Correſpondenten habe, welcher ihm Alles, was die Staatsangelegenheiten betraf, auf das Genaueſte mittheilte. Er ſprach mit Leichtigkeit; er ſprach lange Zeit, und ich hörte ihm mit Intereſſe zu. Er theilte mir Dinge mit, die für mich noch ganz neu waren. Madame Richour wußte, daß ihr Gatte nicht unterbrochen ſein wolle, und halte demnach, ſo wie er nur den Mund zum Erzählen aufgemacht hatte, Colombe, ihren Sohn und die Katze in ein obengelegenes Zimmer geführt. Dort konnte ſie nach Herzensluſt lachen. Die beiden Fräuleins waren in der vollkommenſten Unbeweglichkeit auf ihren Stühlen fitzen geblieben. Die Sorbonne hatte einen Beſchluß veröffentlicht, welcher die Könige, die unfähig ſeien, die Krone zu tra⸗ gen, derſelben für verluſtig erklärte. Die Straßen, die öffentlichen Plätze, die Kanzeln der Kirchen widerhallten von den Lobpreiſungen des Herzogs von Guiſe. Der Be⸗ ſchluß der Sorbonne ſchien einzig und allein zu Gunſten dieſes Fürſten gefaßt worden zu ſein. Die Partei der Sechszehn hatte ſich auch deſſelben bemächtigt, und wollte ihn zu Gunſten des Königs von Spanien auslegen. Die Sorbonne, eine Verſammlung von bloßen Prieſtern wagte es, die Abſetzung eines Königs von Frankreich auszu⸗ ſprechen. Die Fürſten des Hauſes von Lorraine hatten ſich zu Nancy verſammelt. Stark durch die Unterſtützung des hohen und niedern Klerus, und die Abgötterei, welche ein — 258— großer Theil des Volkes mit ihnen trieb, hatten ſie, unter dem Titel einer Bittſchrift, Befehle an den König ergehen laſſen, deren Ausführung das Königreich in Feuer und Flammen ſetzen mußte. Sie forderten von ihm, daß er Diejenigen, deren Arm ihm am nothwendigſten war, von ſeinem Hofe verjage, daß er die Beſchlüſſe des Conciliums von Trient in Kraſt treten laſſe, daß er die Inquiſition wieder herftelle, daß er die Unternehmungen der heiligen Ligue für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ſanctionire; und daß er endlich an den Grenzen der Lor⸗ raine ein Heer aushebe, deſſen Oberbefehl dem Herzog von Guiſe übergeben werden ſolle. Wenn der König ſich Dem, was dieſe Bittſchrift vorſchrieb, unterworfen hätte, ſo hätte er damit ſeine Abdankung unterzeichnet. Bald genügten Ränke und Keckheit dem Herzog von Guiſe nicht mehr. Er hatte Saint⸗Megrin, einen von den Mignons des Königs, ermorden laſſen. Herr Richvux und ich ſtimmten darin überein, daß das kein ſo großes Unglück ſei. Der Bearner hatte zu Nerac einen eifrigen Katho⸗ liken bei dem Verſuche, ihn zu erdolchen, ertappt. Er hatte ihm verziehen, und hatte ihn durch jene Mittel der Verführung, die er im Gebrauche haite, an ſich zu feſſeln gewußt. Wir bedauerten aufrichtig, daß dieſes Unternehmen nicht gelungen ſei. Die Hugenotten wären gleichzeitig mit ihrem Anführer gefallen. Wir beklagten den unbegreif⸗ lichen Einfluß, welchen dieſer Fürſt auf alle Diejenigen, welche ſich ihm näherten, ausübte, und welcher ſogar auch — 254— mich hingeriſſen hatte. Wir erkannten in demſelben deut⸗ lich ein Werk des böſen Feindes. Endlich theilte mir Herr Richvur mit, daß der Prinz von Conds ſoeben zu Saint⸗Jean d'Angely vergiftet worden und geſtorben ſei. Die Stimme des Volkes klagte Charlotte de la Trémouille, ſeine Gattin, dieſer That an. Meine Bruſt hob ſich freudig bei dem Gedanken an den Tod dieſes zweiten Hauptes der Hugenotten, und ich ſegnete im Geiſte die Hand, welche der wahren Religion dieſen Dienſt erwieſen hatte. Der kleine Junge kam herbeigeſprungen, um ſeinen Vater davon zu benachrichtigen, daß das Abendeſſen auf⸗ getragen ſei; Herr Richvur lud uns herzlich ein, es mit ihm zu theilen. Wir nahmen ſeinen Vorſchlag an, aber nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er mit ſeiner ganzen Familie den nächfifolgenden Tag in Latour zu⸗ bringen müſſe. Wir unterhielten uns bei Tiſche weitläufig über die Ereigniſſe, welche Herr Richoux mir mitgetheilt hatte. Er behauptete, daß ſie die Vorboten einer entſetzlichen Reihen⸗ folge von Unglück ſeien. Ich meinerſeits zog aus dem Tode des Prinzen von Condé ein gewiſſes Vorzeichen des Triumphes der guten Sache. Colombe unterdrückte ein Gähnen, Madame Richour lachte über Alles, und zuweilen ſogar über Nichts. Ihre beiden Töchter ſagten nicht Ein Wort und hatten vielleicht auch nicht Einen Gedanken⸗ Der kleine Junge, welcher ſich ſchon ſatt gegeſſen hatte, — 255— iugelte ſich unter dem Tiſche herum, und unterhielt ſich damit, uns in die Waden zu zwicken. „Findeſt Du nicht auch, daß dieſes Haus langweilig iſt,“ fragte mich Colombe, ſo wie wir es verlaſſen hat⸗ ten.—„Meine liebe Freundin, Herr Richour erhält ſehr pünktlich die Tagesneuigkeiten von Paris.“—„Ja, aber ſeine Frau iſt eine Rärrin, ſeine Töchter ſind blöd⸗ finnig, und ſein Sohn iſt ein ſehr läſtiger Schlingel. Ich allein habe die Laſt da auf dem Halſe, während Du mit dem Vater plauderſt.“—„Nun wohl, meine Colombe, ſo werden wir ſie morgen noch mit Freundlichkeit aufneh⸗ men, dann aber nie wieder zu Ihnen zurückkehren.“—„Es wird uns nicht an Vorwänden fehlen, um zu Hauſe zu bleiben.“ Am nächſten Morgen erzählte ich Andre Das, was bei Herrn Richour vorgegangen war.„Das,“ ſagte er zu mir,„ſind wichtige Neuigkeiten, aber Madame hat ſie ein wenig theuer bezahlen müſſen. Unſere Hausordnung iſt ohnedies ſchon beim Teufel, und ich kann von Zeit zu Zeit fortgehen und einen Tag in Paris zubringen. Alle Welt miſcht ſich daſelbſt in die öffentlichen Angelegenheiten, und ich glaube, daß ich leicht mit Jemandem werde Bekannt⸗ ſchaft machen können, welcher kein Enthuſiaſt iſt und ge⸗ ſunden Menſchenverſtand beſitzt.—„Und wo willſt Du einen ſolchen Mann finden?“—„Auf dem Pflaßter. Man ſchließt ſich den Gruppen an, man hört zu, und wenn man ſeinen Mann gefunden hat, führt man ihn in das Wirths⸗ haus.“—„Du wirſt nach Paris reiſen, Andté. Ich ver⸗ — 256— laſſe mich viel mehr auf Deine Auffaſſungsgabe, als auf die des Herrn Richoux.“ Die Nachbarn kamen gerade zu der Zeit an, in wel⸗ cher es die Schicklichkeit geſtattet, ſich in einem anſtändigen Hauſe vorzuſtellen. Colombe war noch kaum vorbereitet, ſie zu empfangen. André zog ſie aus ihrer Verlegenheit. Er führte die Mutter auf den Thurm, und ließ ſie daſelbſt mit einem Vergrößerungsglaſe. Er führte ihre Tochter in den Garten, und lud ſie daſelbſt ein, ſich Sträuße zu pflücken. Er gab dem kleinen Jungen eine Angel in die Hand, und erlaubte ihm im Teiche zu fiſchen. Herr Richvur hatte mich mit einem langen Briefe in der Hand, den er ſoeben von Paris bekommen hatte, an⸗ geredet. Die Ligue und die Partei der Sechszehn hatte dieſe Stadt mit Flugſchriften gegen den König überſchwemmt, und das Volk verlangte mit lautem Geſchrei, daß er ver⸗ haftet und abgeſetzt werde. Der König hatte ſoeben alle Truppen, über welche er verfügen konnte, in die Stadt einrücken laſſen, und ſeine Feinde hatten einen Eilboten an den Herzog von Guiſe abgefertigt, welcher ihm das Ernennungspatent zum Generallieutenant des Königreichs überbrachte, nebſt einem Briefe, in welchem er dringend aufgefordert wurde, ſich ohne Aufſchub in die Hauptſtadt zu verfügen. Der König hatte in demſelben Augenblick zwei andere Eilboten an den Herzog von Guiſe geſchickt, welche demſelben ausvrücklich verbieten mußten, Paris zu — 257— betreten, und zwar bei Strafe als Verbrecher der belei⸗ digten Majeſtät verfolgt zu werden. Der Herzog von Guiſe hatte meine Achtung und meine Zuneigung verloren, ſeitdem ich den Beweis erlangt hatte, daß er keine Religion beſitze, und ſeitdem ich wußte, daß er nur ein Ehrgeiziger ſei, welcher auf ein Verbrechen ſinne, das er doch nicht einmal den Muth hatte auszufüh⸗ ren. Meine beſten Wünſche in dieſem Augenblicke der Entſcheidung galten dem Könige. Herr Richvur theilte meine Meinung nicht.„Mein lieber Nachbar,“ ſagte er zu mir,„ein jeder Grundbeſitzer muß auf die Erhaltung Deſſen, was er hat, bedacht ſein. Es liegt alſo unzweifelhaft in ſeinem Intereſſe, ſich an die ſtärkere Partei anzuſchließen, und die des Herzogs von Guiſe muß unfehlbar triumphiren.“ Ich ließ ihn ſprechen ſo viel er wollte, denn ich wollte mich mit ihm in keinen politiſchen Streit einlaſſen. Faſt immer werden dabei die beiden Streitenden heftig und hitzig, ſie ſagen ſich zuweilen Beleidigungen, und trennen ſich dann, ohne daß weder der Eine noch der Andere Etwas dabei gewonnen hätte. Die Glocke rief uns zum Mittagseſſen. Ich führte Herrn Richvur in den Speiſeſaal; aber ich ſah unſere anderen Gäſte nicht; man mußte ſie ſuchen gehen. Colombe traf Madame Richour auf der Höhe des Thurmes, wie ſie ſich die Seiten hielt und lachte um den Athem zu verlie⸗ ren. Sie hatte geſehen, wie ein Windmühlenflügel einen Eſel durch ſeinen Schwung fortriß und mit ſich herum⸗ Biblioth. 326 Boch. 17 — — ——— — 258— drehte. Der Müller hatte ſeinen Eſel bei dem Schwanze gefaßt, und alles Das drehte ſich nun zuſammen herum. André fand die Fräuleins in dem Wäldchen einge⸗ ſchlafen. Er weckte ſie dadurch auf, daß er auf ihre nichts⸗ ſagenden Geſichter die Roſen, welche ſie gepflückt hatten, entblätterte. Der kleine Junge lief nun auch herzu, von dem Scheitel bis zu den Zehen durchnäßt. Kein Fiſch hatte an ſeiner Angel angebiſſen, und nach dem Gebrauche unglücklicher Fiſcher hatte er jeden Au⸗ genblick ſeinen Standort verändert. Er hatte, als er längs dem Bache hinſchlenderte, einen Krebs geſehen, dann einen zweiten und einen dritten. Er war in das Waſſer geſprungen, hatte mit dem Stocke ſeiner Angel in allen Löchern herumgeſtoßen, und hatte den Schöpfeimer, welcher dazu beſtimmt war, die Setzkarpfen aufzunehmen, mit Krebſen angefüllt. Ich war wüthend, aber ich hütete mich wohl, es zu ſcheinen. Ich ſagte André blos, und das ſo leiſe als nur möglich, er möge hingehen und die Krebſe wieder in den Teich werfen. „Wie, Fifi!“ rief Madame Richour aus,„Du haſt alles Das gefangen? Das liebenswürdige Kind; es weiß, daß ich die Krebſe bis zur Raſerei liebe.“ Nun war es nicht mehr möglich auszuweichen; man mußte ſie jetzt in die Küche ſchicken. Dann mußte André Fifi auskleiden, und er ſteckte ihn darauf ganz in eines ſeiner Beinkleider. Madame Richour fand dieſe Verkleidung ſehr ſpaßhaft, und lachte wenigſtens eine Viertelſtunde lang darüber. Ich gähnte vor Ungeduld, und Colombe bewahrte ihren — 556— unzerſtörbaren Ernſt; das war Alles, was die Höflichkeit von ihr forderte. Wie ſollte man auch nicht in der ſchlechteſten Laune ſein. Es war Ein Uhr, und das Mittagsbrot war um zwölf Uhr aufgetragen worden. Alles war kalt. Man aß nur, indem man Geſichter dazu ſchnitt, und das macht ein Mahl eben auch um Richts fröhlicher. André ſchlug ſich vor die Stirne, um ein Mittel zu erfinnen, das Geſpräch zu beleben; aber ſeine Bemühungen waren fruchtlos. Sogar Madame Richour ſelbſt hörte auf zu lachen; und man verließ den Tiſch beinahe in eben demſelben Zuſtande, in welchem man ſich dazu geſetzt hatte. Es iſt für eine Hausfrau entſetzlich, ihr Mittagsmahl verdorben zu ſehen. Colombe, ſonſt immer ſo liebenswür⸗ dig und ſo mittheilſam, ging jetzt, ohne einen beſtimmten Zweck, auf und ab. Ich ging von Madame zu Herrn Richoux, und ich wußte nicht, was ich ihnen ſagen ſollte. Ich dachte immer nur an meine armen Krebſe. Unſere Gäſte irrten dahin und dorthin. Ich glaube, daß der Abend ihnen eben ſo lang erſchien, als uns. Ich hütete mich wohl, ſie zum Abendeſſen zurückzuhalten. Sie nahmen von uns, ſo wie ſich der Tag zu Ende neigte, Abſchied. Madame Richvur dankte uns, laut lachend, für die Annehmlichkeiten, welche wir ihnen ver⸗ ſchafft hätten, und ſie verließen uns, wahrſcheinlich ebenſo froh darüber, ſich frei zu ſehen, als wir froh waren, ſie los zu ſein. „Mein Freund,“ ſagte Colombe zu mir,„das nennt 17* m— — 260— man alſo ſich unterhalten, ſich zerſtreuen?“—„Meine liebe Freundin, ich habe den ganzen Tag über ſehr ſchlechte Laune gehabt.“—„Das glaube ich wohl,“ ergriff André das Wort.„Die Feldmaus und die Schwalbe ſind nicht geſchaffen, mit einander umzugehen.“ Ich fühlte, daß die Geſellſchaft der Richour nicht für uns paſſe, und ich nahm mir vor, mich von nun an nur an Leute anzuſchließen, die ich genauer kannte; nichtsdeſto⸗ weniger bedauerte ich, die Nachrichten des Herrn Richour zu verlieren. Alles deutete auf nahe bevorſtehende Unru⸗ hen in Paris; wir waren nicht weit genug von dieſer Stadt entfernt, als daß ich über die Zukunft Colombe's und über die meines Beſitzthumes hätte ruhig ſein können. „Mein Herr,“ ſagte André zu mir,„ich werde morgen früh zu Pferde ſteigen; ich werde Alles beobachten, Alles hören, und glaube nicht ungeſchickter zu ſein, als der Cor⸗ reſpondent des Herrn Richoux.“ Er war ſchon ſeit drei Tagen fort, und Colombe und ich wußten nicht, was wir von dieſem langen Ausblei⸗ ben denken ſollten; ich bemerkte, daß Clara träumeriſch und nachdenkend wurde, und daß ſie zwanzig Mal des Ta⸗ ges auf unſer Obſervatorium hinaufſtieg. Bauern, welche auf der großen Heerſtraße vorüberkamen, ſagten uns, daß in Paris Alles in Feuer und Flammen ſtehe; Colombe und ich zitterten, wenn wir varan dachten, daß der Eifer, welchen André an den Tag gelegt hatte ſich mir gefällig zu zeigen, ihm vielleicht das Leben koſten könne; Clara dachte nun nicht mehr daran, uns ihre Befürchtungen zu verbergen. „Da iſt er, da iſt er!“ rief ſie uns plötzlich von der Höhe des Thurmes herab zu. Er war es in der That; er war von Staub bedeckt und ſeine Kleider hingen in Fetzen von ihm herab. Er fühlte das größte Bedürfniß ſich aus⸗ zuruhen, aber er war kein gewöhnlicher Menſch; er ver⸗ gaß ſich ſelbſt, um unſere Ungeduld und Neugierde zu be⸗ friedigen. Trotz dem Verbote des Königs zog Guiſe in Paris ein, und ſo groß war ſeine Verachtung gegen dieſen Fürſten, vaß er ſich nur von ſieben bis acht bewaffneten Männern begleiten ließ; ſo wie er erſchien, umringte ihn eine zahl⸗ loſe Menge und begrüßte ihn mit den ſchmeichelhafteſten Zurufungen. Man nannte ihn den Retter der katholiſchen Religion; Diejenigen, welche ſich ihm nähern konnten, küß⸗ ten ſeine Gewänder und den Harniſch ſeines Pferdes. Die Frauen, welche an den Fenſtern ſaßen, ſtreuten Blumen auf die Straßen, durch die er zog. Der Marſchall von Biron ließ ſechstauſend Schweizer in Paris einrücken, und führte ſie in das Louvre; der Kö⸗ nig wagte es nicht mehr, die Bewachung ſeiner Perſon Franzoſen anzuvertrauen. Der Herzog von Guiſe verſam⸗ melte die Anhänger der Ligue und die Partei der Sechzehn um ſich; in weniger als ſechs Stunden hatte er hundert⸗ tauſend gut bewaffnete Leute unter ſeinem Befehle. Die Märkte, die Plätze, die Thore, die Hauptſtraßen wurden nun durch Eiſenketten oder durch Barricaden — — 262— verſchloſſen, welche man aus Eichenbohlen, aus Tonnen, aus Erde oder aus Dünger errichtete. Dieſe Barricaden reichen bis auf funfzig Schritte vom Louvre, und die Truppen des Königs find ſo von allen Seiten eingeſchloſſen. Die Sturmglocken läuten von allen Kirchthürmen; das Straßenpflaſter iſt aufgeriſſen, und ein ungeheurer Stein⸗ hagel würde auf die königlichen Truppen niederfallen, wenn ſie es wagen ſollten das Louvre zu verlaſſen. Bald wurden ſie genöthigt, ſich in dieſem Polaſt ſelbſt zu befe⸗ ſtigen. Der erſchrockene König ließ dem Herzoge von Guiſe einen Vergleich vorſchlagen; dieſer forderte, daß ſein Titel als General⸗Lieutenant des Königreichs beſtätigt werde, daß der König ein Evict erlaſſe, welches die Bourbons, die nicht dem geiſtlichen Stande angehörten, für unfähig erkläre den Valvis in der Regierung nachzufolgen, daß vieſes Edict ohne Aufſchub in die Acten des Parlaments von Paris eingetragen werde, daß die königlichen Haus⸗ truppen verabſchiedet und den Pariſern Garantieen für die Zukunft geboten werden; endlich, daß noch ſechs feſte Waffenplätze alſogleich der Ligue übergeben würden. Der König beging die Niedrigkeit, ſich dieſen entehren⸗ den Bevingungen zu unterwerfen; aber er floh heimlich aus Paris, und man weiß in dieſer Stadt noch nicht, wo⸗ hin er ſich geflüchtet hat. Der Herzog von Guiſe war in dieſem Augenblicke Herr des Louvre, der BVaſtille, des Arſenals, der beiden Chä⸗ telets, des Temple, des Loͤtel de Ville, dann noch von — 263— Charenton, Saint⸗Clond, Pontviſe, Corbeil und dem ganzen Stromgebiete der Seine. „Nun alſo,“ rief ich aus,„er iſt jetzt in Paris allmäch⸗ tig! Er hat ſeinen Monarchen ſo weit getrieben, die Flucht vor ihm zu ergreifen, und doch wagt er es noch immer nicht ſich zum Könige ernennen zu laſſen. Ol ich habe die⸗ ſen Menſchen richtig beurtheilt; er beſitzt ebenſo wenig Energie als Frömmigkeit. Aber wie kommt es, André, daß ſich Deine Kleider in dieſem traurigen Zuſtande be⸗ finden, da man ſich ja voch nicht geſchlagen hat?“—„Das konnte aber ſehr leicht geſchehen, mein Herr, und Sie wiſſen, daß ich weder Klingen noch Kanonenkugeln liebe; als ich die Sturmglocke läuten hörte, habe ich mich in eine Bodenkammer Mortier's unter altem Holzwerke verkro⸗ chen, und die Nägel und der Staub haben mich in den Zu⸗ ſtand verſetzt, in dem Sie mich jetzt hier ſehen.“ „O, dieſer Herzog von Guiſe! dieſer Herzog von Guiſe! Ehrgeiz, Stolz, Frechheit und Kleinmüthigkeit zugleich laſſen ſich in allen ſeinen Handlungen entdeckem“—„Mein Herr, Sie haben ſich über dieſen Fürſten eine Anſicht ge⸗ bildet, welche viele Leute mit Ihnen theilen werden, die mir aber— erlauben Sie mir es Ihnen zu ſagen— nicht begründet zu ſein ſcheint.“—„Und warum das nicht, André?“—„Mein Herr, ich habe nicht die ganzen drei Tage in der Dachkammer Mortier's zugebracht; ich habe Vieles geſehen, gehört und darüber nachgedacht. Der Her⸗ zog hat den Cardinal von Bourbon zum erſten Prinzen von Geblüt ernannt und ihn zum Thronerben gemachtz f — 261— kann er ſich die Krone vor dem Tode dieſes Prälaten, der ſchon unter der Laſt der Jahre gebeugt iſt, auf das Haupt ſetzen? Ich glaube übrigens auch, daß dieſer Gewaltſtreich, welcher von Niemandem vorhergeſehen wird, ihn den ernſt⸗ hafteſten Gefahren ausſetzen könnte; ich habe bemerkt, daß der Cardinal zwar von den Anhängern der Ligue geliebt wird, aber die Sechzehn bilden eine ſehr mächtige Partei in der Hauptſtadt und Sie ſelbſt, mein Herr, wiſſen beſſer als ich, daß ſie ſich dem Könige von Spanien, deſſen In⸗ tereſſen denen des Herzogs von Guiſe geradezu entgegen⸗ geſetzt ſind, verkauft haben. Endlich hat ſich das Parla⸗ ment von Paris laut und offen gegen den Barricadentag erklärt; der Herzog hat alſo die beſten Gründe noch zu warten, und er wartet auch wirklich.“—„Mein lieber Anton,“ ſagte Colombe zu mir,„man wird ſich alſo nur gegen die Hugenotten ſchlagen, und dieſe halten ſich in dem mittäglichen Frankreich auf. Dieſes Haus mit ſeinen reizenden Umgebungen, welches Du ſo gut warſt zu er⸗ bauen und für mich zu verſchönern, wird fortfahren die Zufluchtsſtätte des Friedens und des Glückes zu ſein. Aber nur keine Nachbarn mehr, mein zärtlicher Freund; was prauchen wir Beide denn auch? Nur Liebe und in unſerem inneren Haushalte Beſchäftigungen, welche uns der Augen⸗ blick eingeben ſoll; man thut das immer mit Vergnügen, was man ſich nicht ſchon Tags zuvor vorgenommen hat. Ich ſehe und geſtehe es demüthig ein, daß meine Statuten eher das Werk meiner Eitelteit als meines Verſtandes waren; verzeihe mir, mein liebet Freund, vaß ich mit — 265— neunzehn Jahren ein Geſetzgeber hatte ſein wollen. Ich werde mich deſſen nur noch erinnern, um in der Zukunft beſcheidener zu ſein und mich varauf zu beſchränken, auch über Dein Leben das Glück zu ergießen, womit Du das meinige verſchönerſt; laß uns die heilige Colombe und den heiligen Anton bitten, den Kriegsſchauplatz von uns ent⸗ fernt zu halten und uns in jener Gemüthsruhe zu beſtär⸗ ken, welche den ſtürmiſchen Genüſſen der Leidenſchaften um ſo Vieles vorzuziehen iſt, über die koſtbare Frucht zu wachen, welche ich unter meinem Herzen zu tragen glaube, und uns endlich die Gnade zu Theil werden zu laſſen, die⸗ ſelbe in der römiſch⸗katholiſch„apoſtvliſchen Religion und in dem Haſſe gegen die Hugenotten zu erziehen.“ Ich war ſtumm vor Erſtaunen, und zugleich trunken vor Freude.„Sollte es wahr ſein, meine Colombe? Eine neue Quelle von Genüſſen ſollte ſich vor uns öffnen? O ſprich, mein Engel, beſtätige das Glück, welches Du mich ſoeben haſt ahnen laſſen!“ Wir ſammelten und verglichen die Bemerkungen, welche ſie gemacht hatte, mit einander; ich ſchloß aus dem Allen, vaß ich auf die Ehre und die Glückſeligkeit Vater zu wer⸗ den Anſpruch machen durfte. Wir hatten an dem Tage unſerer Hochzeit ein Tedeum geſungen; wir ſangen jetzt ein zweites Tedeum, um die grücklichen Folgen derſelben zu feiern... Colombe ſchickte unſern Bedienten nach Arpajon, um die dickſte Wachskerze, welche er daſelbſt finden würde, zu kaufen; ſie machte eine Krone, welche ſie mit dem Koſtbarſten, was ſie beſaß, ver⸗ — 266— zierte, zog ein Sammetkleid an, mit welchem ſie ſich nur an beſonders feierlichen Tagen ſchmückte, und wir eilten zu⸗ ſammen in das Betzimmer des Wäldchens. Wir ſchmückten den heiligen Anton mit der Zierde, welche ſie für ihn beſtimmt hatte; er war gewiß niemals bei ſeinen Lebzeiten ſo ſchön geweſen. Wir zündeten die Wachskerze an, welche ſoeben angekommen war, und wir ſangen fromme Danklieder, welche wir an meinen Schutz⸗ heiligen richteten: ihm verdankte ich ja alles Glück, welches mir widerfahren war, ſeitdem er mich hatte geboren wer⸗ den laſſen, Er iſt es, der mir einen Sohn verleihen wird, den er an ſeiner Hand zur ewigen Glückſeligkeit leiten wird; ſo möge es geſchehen. André folgte allen unſeren Bewegungen; bald lächelte er, bald ſchien er tief nachzudenken.„O,“ ſagte er zu mir, „Das, was das Glück eines Weibes ausmacht, kann einen Andern in eine ſeltſame Verlegenheit verſetzen, und eine Ceremonie mehr oder weniger ſtellt den ganzen Unterſchied feſt, welchen die Geſellſchaft zwiſchen ihnen macht.“— „Eine Ceremonie, André? Sage doch: ein Sacrament.“ —„Es iſt eine furchtbare Sache, mein Herr, um die Ge⸗ walt der Umſtände. Sie wurden zwei Mal verheirathet, und Sie wünſchen ſich Glück dazu; ich ward nur ein Mal getraut, und ich habe alle Urſache es zu bereuen: ein Weib, welches mit dem Herrn Scaramuz Kinder erzeugt.. „O, welch' ein Gedanke durchzuckt mich in dieſem Au⸗ genblicke!... Wie kam es, daß mir derſelbe nicht früher einfiel? Ich habe eine Hugenottin geheirathet, und ich bin — 267— katholiſch. Ein hugenottiſcher Prieſter hat uns zu la Ro⸗ chelle getraut, und dieſe Ehe iſt alſo nichtig, vollkommen nichtig in den Augen der katholiſchen Kirche.“—„Du haſt Recht, André; dieſe Verbindung war nur ein Concubinat.“ —„Der päpſtliche Geſandte, welcher Madame von ihrem Gelübde entbunden hat, könnte mich auch, und zwar mit noch viel mehr Grund, für frei erklären.“ Ich ſah deutlich, wo André hinaus wollte, aber der Erfolg ſeiner Schritte ſchien mir ſehr ungewiß. Der Her⸗ zog von Guiſe hatte mich nöthig gehabt, und er hatte mir deshalb Colomben wiedergeben laſſen; André konnte ihm von gar keinem Rutzen ſein, und was iſt ein nutzloſer Menſch in den Augen eines großen Herrn? „O, mein Herr, ich bedarf des Herzogs von Guiſe nicht; Sie wiſſen, daß Hinderniſſe mich nicht zurückſchrecken, und daß ich ſie zu überſteigen verſtehe.“ André entwarf leicht Etwas, und er führte es eben ſo aus.„Mein Herr,“ ſagte er zu mir,„Sie haben ſpeben Ihre Denkſchrift gegen den Bearner vollendet; Sie iſt mit Beredtfamkeit geſchrieben, und ſehr ſtark in theoretiſchen Begründungen. Ich gehe nach Paris; ich lege ſie der Sor⸗ bonne vor und ich erkläre mich für den Verfaſſer derſelben. Die Sorbonne erklärt mich für eine der Säulen der Kirche; ſie ſtellt mich entweder dem Erzbiſchof, oder einem von ſeinen Großvicaren vor, und das Uebrige geht dann von ſelbſt.“—„Aber André, dieſer Schritt da ſieht ganz und gar einer Intrigue ähnlich.“ „Nun, mein Herr, und find wir denn nicht Alle mehr „ oder weniger Intriguanten? Jeder Menſch ſetzt ſich ſeinen Zweck vor; nun muß er aber doch wohl einen Umweg ein⸗ ſchlagen, wenn er nicht im Stande iſt denſelben aufgeradem Wege zu erreichen. Was haben Sie ſelbſt für Wege ein⸗ geſchlagen, um ihre Frau Gemahlin wieder zu erhalten.“ —„Herr André, ich mache aber da eine andere Be⸗ merkung.“—„Und welche iſt das, mein Herr?“— „Meine Denkſchrift iſt ein Meiſterwerk.“—„Das weiß ich ſehr wohl, mein Herr.“—„Und Du willſt Dir die Ehre, dieſelbe verfaßt zu haben, aneignen?“—„Aber Sie ſehen ja, mein Herr, daß ich nichts Anderes anfangen kann.“—„Ich werde es aber nicht dulden.“—„O, mein Herr!“—„Ich habe ausgezeichnete Werke geſchrieben, wie mir die Franciscaner und die Frau Marſchallin ver⸗ ſichert haben. Sie ſind alle verloren gegangen, nun ſollte dieſes hier wirklich gedruckt werden und ich ſollte nicht einmal meinen Namen darauf ſetzen?“—„Mein Herr, um Gottes Willen!“—„Ich werde Dir nicht meinen Ruhm opfern.“—„O, mein Herr, erinnern Sie ſich voch..—„Herr André, Sie verlangen auch wirklich gar zu viel.“—„Sie haben auch nicht die geringſte Ge⸗ fälligkeit, und doch war ich es.—„Welchen Ton neh⸗ men Sie da gegen mich an, mein Herr?“—„Der Ihrige iſt der Ton eines Mannes, der meiner Dienſte nicht mehr zu bedürfen glaubt.“—„Sie wagen es, mich der Undank⸗ barkeit zu beſchuldigen?“—„Beurtheilen Sie ſich ſelbſt, mein Herr.“ Colombe war gegenwärtig, und ſie war keine Ge⸗ — 269— N. lehrte; ſie ſtellte mir vor, daß ich nicht ſo hartnäckig an zwölf bis funfzehn geſchriebenen Seiten feſthalten müſſe, und daß ich bei meiner Leichtigkeit des Schreibens dieſen Verluſt ſehr leicht wieder gut machen könne.„O, glaubſt Du, meine liebe Freundin, daß man auf das herrliche Ge⸗ fühl, zum erſten Male gevruckt zu werden, verzichten könne, oder ein Schriftſteller immer glückliche Stunden hat?“— „Mein guter Anton, ſchreibe kleine ſehr luſtige, ſehr mo⸗ raliſche und ſehr katholiſche Erzählungen, um unſer Kind zu unterhalten, wenn es wird leſen können; Du wirſt die⸗ ſelben dann drucken laſſen. Deine Denkſchrift gegen den Bearner wird nur von den Theologen geſucht werden; Deine Erzählungen werden den Franzoſen von allen Par⸗ teien nützlich ſein, und es iſt ſo ſchön, der Lehrer der her⸗ anwachſenden Generation zu werden. Erlaube André'n, daß er Deine Denkſchrift nimmt; nicht wahr, Du willſt es ihm erlauben, mein Anton? Thue das mir zu Gefallen, mein lieber Freund.“ Ich antwortete Nichts; Colombe ſtreichelte mir die Wangen und gab mir fünf bis ſechs ſehr zärtliche Küſſe. André wandte auf mein Stillſchweigen den Satz an: Wer ſchweigt, willigt ein. Er nahm mein Manuſcript unter ſeinen Arm, und einen Augenblick ſpäter ſaß er zu Pferde; er ritt im Galopp fort: er fürchtete ohne Zweifel, daß ich ihn zurückrufen möchte. Und in der That, Luft genug dazu hatte ich; aber Colombe war da, und die beſitzt eine ganz eigene Art mich anzuſehen, wenn ſie Etwas will. Schon am andern Morgen war der Fußboden unſeres Schlafzimmers mit Leinwand bedeckt; Colombe, in der einen Hand eine Elle, in der anderen eine Scheere, maß und ſchnitt: ihr ungemeiner Ernſt verkündigte ein wichti⸗ ges Geſchäft.„Was machſt Du denn da, meine Colombe?“ —„Etwas Wickelzeug, mein guter Antonz fange Du im⸗ merhin auch an eine Geſchichte zu ſchreiben.“—„Wie ſoll ich ſie betiteln?“—„Das weiß ich nicht, mein Freund.“ —„O! zum Beiſpiele: Der erſte Schritt der Kindheit auf dem Pfade des Heiles?“—„Richtig! Das iſt ganz gut.“ Wir hatten Zeit zehn Wickelzenge und ebenſo viele Bände Erzählungen zu machen, bevor wir Drei wurden; aber wer hat nicht ſchon den erwünſchten Augenblick dadurch zu beſchleunigen geglaubt, daß er ſich im Voraus damit beſchäftigte? Welcher Geliebte hat nicht ſchon während des Tages, deſſen Ende ihm ſein Glück verſprach, zwanzig Mal auf ſeine Sonnenuhr geſehen? Welches Mädchen iſt nicht ſchon in Verſuchung geweſen, ſich ſchon in der Frühe beim Aufſtehen für einen Ball zu ſchmücken, welcher doch erſt um drei Uhr Nachmittag beginnen ſollte? Welcher Ehr⸗ geizige hat nicht ſchon ganze Tage hindurch ſich die Ver⸗ beugungen einſtudirt, welche er in dem Augenblicke ſeiner erſten Vorſtellung bei Hofe machen ſollte? Alle dieſe klagen die Zeit der Langſamkeit an, und ihre Ungeduld, ihr Mur⸗ ren dagegen beſchleunigt doch nicht den Lauf derſelben. Ich ſchrieb; ich ſchrieb immer fort, und ich brachte nichts Gutes zu Stande. Ich fühlte bald, daß man, wenn man für die Kindheit ſchreiben will, ſich ſelbſt gleichſam wieder zum Kinde verjüngen müſſe, und das ſchien mir ——— m——— ſehr ſchwer zu ſein. Wie viele Schriftſtelle — 21—„ rziehen, wenn ſie zur Feder greifen, eher ihre Eitelkeit oder ihr Intereſſe zu Rathe, als die Anlagen, mit denen die Natur ſie aus⸗ geſtattet hat; übrigens tröſtete ich mich mit dem Gedanken, daß ich mein Werk nachſehen, ausbeſſern und ſelbſt ganz umarbeiten wollte, bevor es nützlich werden konnte. Clara hatte, ſeitdem wir ihr die zwei Mägde zu ihrer Unterſtützung beigegeben hatten, zuweilen müßige Stun⸗ den; ſie erſchien niemals vor uns, wenn André zu Latour war. Aber jetzt fand ſie ſich unbeſchäftigt, und ſo kam ſie mit der ihr eigenthümlichen niedlichen Anmuth, Colombe um die Erlaubniß zu bitten, mit ihr arbeiten zu dürfen. Ich betrachtete ſie, ſah ſie mir ſehr aufmerkſam an, und mein Talent für die Beobachtung war mir auch in vieſem Falle nützlich; ich hielt ſie in ihrem Zuſtande ſchon für weiter vorgerückt als Colombe, und ich entwarf einen Plan zur Verſöhnung, ſobald die Sache an den Tag kom⸗ men würde. Es war klar, daß ihr jetziger Zuſtand ſchon vor dem berühmten Schwur, welcher vor dem Bildniſſe meines Schutzheiligen ausgeſprochen wurde, verurſacht worden war, und daß ſich André jetzt nur deshalb für frei erklären laſſen wollte, um ſich enger und für ewig an ſeine Clara zu knüpfen, ſo daß es alſo dem heiligen Zorn Co⸗ lombe's an Nahrungsſtoff gebrechen mußte, und daß es meinen Vorſtellungen gelingen konnte, meinem Freunde Auftritte zu erſparen, welche für ihn ebenſo unangenehm als für mich wären. Gegen Ende des achten Tages kehrte André freudig und — triumphirend in mein Schloß zurück; ich ſah mit unaus⸗ ſprechlichem Vergnügen, daß er außer den andern guten Eigenſchaften, die ich ſchon an ihm kannte, auch ein ſehr gutes Herz beſaß. Nachdem er einen Augenblick ausgeruht hatte, begann er die Geſchichte ſeiner Reiſe zu erzählen; Clara ließ ihre Nadel fallen und neigte den Kopf vor, um beſſer zu hören: ſie fürchtete, auch nur ein Wort zu verlieren. „Mein erſtes Geſchäft, als ich bei Mortier anlangte, war das, bei der Sorbonne eine Bittſchrift einzureichen, in welcher ich um die Erlaubniß nachſuchte, eine theologiſche Denkſchrift gegen den Bearner drucken laſſen zu dürfen. Dieſer Titel reizte die Neugierde der Herren Doctoren; ſie erwiderten mir augenblicklich, daß die Abſicht des Schriftſtellers zwar lobenswerth ſei, aber daß ſie den Druck des Werkes nicht geſtatten könnten, bevor ſie es nicht ge⸗ hört hätten, und daß ich mich daher am nächſten Tage um acht Uhr Morgens in die Verſammlung der Sorbonne zu begeben hätte. „Ich fand meine Doctoren in langen ſchwarzen Talaren zirkelförmig um einen Tiſch herum ſitzend, vor welchem mich gleichfalls niederzuſetzen der Alterspräſident durch ein Zeichen der Hand einlud. „Man lieſt immer ein Werk, von deſſen Werthe man überzeugt iſt, mit Vertrauen vor, und ich hielt das Ihrige für ein Meiſterwerk.“ Hier glaubte ich den Erzähler durch eine tiefe Verbeugung unterbrechen zu müſſen.„Ich fühlte mich aufgemuntert ſowohl durch Das, was ich las, ſelbſi, — 273— als auch durch die Zufriedenheit, welche ſich auf den alten Geſichtern meiner Doctoren ausdrückte. „Als ich meine Vorleſung beendigt hatte, ließ man mich in ein anſtoßendes Zimmerchen treten, damit meine Thev⸗ logen frei berathen könnten. Ich langweilte mich dort mindeſtens eine Stunde lang, bis ich wieder gerufen wurde, um den Beſchluß der gelehrten Verſammlung zu vernehmen. „Der Dekan erklärte mir, daß man in dem Werke kei⸗ nen übel klingenden und nach Ketzerei riechenden Satz ge⸗ funden habe, daß es mit Reinheit und Zierlichkeit geſchrie⸗ ben und mit einer der Religion ſehr nützlichen Abſicht ent⸗ worfen ſei. Er fragte mich, ob ich der Verfaſſer deſſelben ſei, und ich antwortete bejahend.“ Hier konnte ich nicht umhin die Stirne zu runzeln. „Ich erzählte ihnen dann meine Geſchichte, und die von Madame Scaramuz; ich bat die Verſammlung, bei den kirchlichen Gewalten gütigſt zu meinen Gunſten einſchreiten zu wollen, um mir dieſes Weib da vom Halſe zu ſchaffen. „Das Werk, welches Sie uns ſoeben vorgeleſen haben«, ſagte der Decan mit ſtrengem Tone zu mir,»iſt von einem ausgezeichneten Theologen geſchrieben; wenn Sie der Verfaſſer deſſelben wären, ſo müßten Sie wiſſen, daß Ihre Ehe nichtig, vollkommen nichtig iſt. Sie häben die Ver⸗ ſammlung hintergangen.- Schon glaubte ich meine Sache verdorben zu haben, nichtsdeſtoweniger verzweifelte ich Biblioth. 326 Boch. 18 noch nicht daran, meine Richter durch meine Aufrichtig⸗ keit zu entwaffnen: Sie wiſſen, mein Herr, daß ich nie⸗ mals verzweifele; ich nannte Herrn de la Tour.“ Bei dieſen Worten fühlte ich ein Lächeln der Zufrie⸗ denheit um meine Lippen ſchweben. „Man ſchrieb unter Ihre Denkſchrift eine in den ſchmei⸗ chelhafteſten Ausdrücken abgefaßte Erlaubniß, ſie zu drucken und zu vertheilen; das war ſehr viel für Sie, mein Herr, aber für mich war es noch nicht genug: ich rief Madame Scaramuz wieder in das Gedächtniß der Doctoren zurück. „Wir wollen der ganzen katholiſchen Welt verkündi⸗ gen,« ſagte der Dekan mit Wichtigkeit,»was die erhabene Sorbonne von dieſen Prieſtern Baals denkt, welche es ſich herausnehmen, Söhne Iſraels mit Töchtern der Ma⸗ dianiten zu verbinden. Wir wollen dieſem Manne ein authentiſches und motivirtes Gutachten übergeben, welches ihn für frei, vollkommen frei erklärt; wir wollen alle ka⸗ tholiſchen Prieſter auffordern, ihn als Dies zu betrachten und ihn nach den Geſetzen der Kirche zu trauen, wenn er mit einem Frauenzimmer an den Fuß des Altares tritt, welches, ſo wie er, in unſerer heiligen Religion erzogen worden iſt und nachdem er ſich vorläufig durch das heilige Sacrament der Beichte von dem Verbrechen des Concubi⸗ nats wird gereinigt haben.« „Der alte Doctor ermahnte mich dann, in meiner Beichte auch die Sünde der Lüge nicht zu vergeſſen, welche ich vor der ehrwürdigen Verſammlung begangen hatte; — 275— niemals zu vergeſſen, daß dieſe Sünde in dem Munde eines guten Katholiken eine Unwürdigkeit ſei, daß ein ſolcher, wenn es ſein müßte, lieber für den Glauben ſterben, als ihn durch eine Lüge verrathen wollen müſſe. „Nach allen dieſen Betrachtungen, Empfehlungen und Ermahnungen, welche ich ſehr leicht hätte entbehren kön⸗ nen, nahm ich fröhlich meine Schriften mit mir und lief in die Werkſtätten der Buchdrucker. Der eine hatte gerade ein Manifeſt des Königs gegen Calvin und ſeine Anhänger, ſo wie eine politiſche und anti⸗katholiſche Schrift von Du⸗ pleſſis⸗Mornay unter der Preſſe; ein zweiter zog gerade die Geſchichte von zwanzig oder dreißig neuen Wundern, welche eigens gethan worden waren, um die Ungläubi⸗ gen zu vernichten, und die Gedichte des Ketzers Buchanan ab; ein dritter druckte den Erlaß Monſeigneurs des Erz⸗ viſchofs, durch welchen verboten wird, während der nächſten Faſtenzeit Butter und Eier zu eſſen, was ein ſicheres Mittel für die Katholiken iſt, die Hugenotten zu beſiegen. Neben der Preſſe, welche unter dieſem Erlaſſe ächzte, ſah ich eine andere, mit welcher man ſoeben eine neue Auflage von den Werken Theodors von Beza druckte. Ich ſchloß aus alle Dem, daß die Genehmigung der Sorbonne nur eine reine Formſache ſei, die einzig und allein darauf hinziele, Rechte aufrecht zu erhalten, deren Urſprung ſich in der Nacht der Zeiten verliert und welche ſie vielleicht niemals, außer unter Franz dem Erſten, ohne Widerſpruch ausgeübt hat. Weiter ſchloß ich noch daraus, daß die Buchdrucker Spitz⸗ 18* buben ſeien, immer gleich bereit der guten oder der böſen Sache zu dienen. verſteht ſich für Geld. „Endlich gerieth ich zu einem armen Teufel, welcher eine kranke Frau und vier Kinder hattez es fehlte ihm an Arbeit, obgleich es nur ſieben Buchdrucker in ganz Paris giebt. Die Katholiken machten es ihm zum Vorwurfe, daß er die Pſalmen Marot's vor zehn Jahren wieder neu auf⸗ gelegt habe, und die Hugenotten; daß er ſeine Zeit damit verliere, ſeine kranke Frau zu pflegen. Der Parteigeiſt ſchmiedet ſich aus Allem und Jedem Waffen. „Er fragte mich, ob ich die Probebogen ausbeſſern wolle? Ich erwiderte ihm, daß ich in dieſer Art von Ge⸗ ſchäften nicht geübt ſei, und daß das übrigens ihm zu⸗ kommez ich hatte bei ſeinen Herren Collegen bemerkt, daß die Factoren ſich vorzüglich mit der materiellen Arbeit be⸗ ſchäftigen und damit, am Ende der Woche die Geldge⸗ ſchäfte zu ordnen. Ich hatte aus einigen Worten, welche dieſen Herren entſchlüpften, erfahren, daß ſie ſehr häufig ſchon abzogen, während die Probebogen noch bei den Schriftſtellern waren; ich ſchloß aus alle Dem, daß es ſehr unnütz wäre, wenn ich mich da mit einer Arbeit lang⸗ weilen wollte, von der ich Nichts verſtand. 3 Geſtern Morgen empfing ich meine vollſtändige Aus⸗ gabe; der Ballen iſt hier, aber ich habe ein Exemplar aus demſelben herausgenommen, weil ich das Vergnügen haben wollte, es Ihnen ſelbſt zu überreichen. — 2— „Sehen Sie, mein Herr: Denkſchrift gegen den Vear⸗ ner, von Herrn de Mouchy de la Tour.“ Bei dieſer letzten Ueberraſchung da konnte ich mich nicht länger beherrſchen; ich ſchloß André in meine Arme und küßte ihn von Herzensgrunde. Clara betrachtete ihn mit einem verſtohlenen Blickez ſie ſchien noch Etwas zu erwarten: er verſtand ſie. „Sie wiſſen, mein Herr, daß ich den Werth der Zeit kenne, und daß ich deren nie welche verliere; als ich von Paris zurückkam, hielt ich bei dem Pfarrer von Arpajon an und legte ihm das Gutachten der Sorbonne vor. Er billigte laut den Inhalt deſſelben, und er hat mir auſ's Feierlichſte verſprochen, ſchon am nächſten Sonntage mein erſtes Heirathsaufgebot mit Clara zu verkündigen.“ Clara lächelte; Colombe machte eine Bewegung der Ueberraſchung und der Freude.„Madame hat doch nicht vergeſſen, daß wir in Ihre Hände den Schwur abgelegt haben, uns zu verbinden, ſobald es die Umſtände erlauben würden; ich habe nur den von meinen Schwüren gebro⸗ chen, durch welchen ich der Madame Searamuz Treue verſprochen hatte: aber es war auch nicht möglich den zu halten.“ Colombe wollte wieder ein Tedeum fingen; ich ſtellte ihr vor, daß dazu der Tag ſchon zu weit vorgerückt ſei, und daß das ſehr gut auf morgen verſchoben werden könne. Die Fröhlichkeit glänzte in Aller Augen und wir ſpeiſten Alle zuſammen zu Abend; Colombe erlaubte der — zukünftigen Madame André, ſich zu uns an den Tiſch zu ſetzen, aber natürlich, ohne daß ein Präjudicium für die Zukunft daraus gezogen werde. Wie manchem Gatten wird oft von den Großen geſchmeichelt, deſſen Gattin bei ihnen nicht einmal Zutritt hat. Und was beweiſt das? Es beweiſt, daß die Großen bisweilen ſehr klein ſind. Wie ſoll man aber die Rachgiebigkeit des Gatten nennen?. Niedrigkeit. Ende'des zweiten Bandes. ſ nnſi 8 9 10 1 12 13 14 15 1 16